Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und ICeſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für Wachentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: .—ã————————xV—— auf 1 Monat: 4 Mr.— Pf. 1 Wcr. 50 Pf. 2 Wr.— Pf. „ 3.*„„ 3„=„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ der Leſer zum Erſatz des Gan en verpflichtet. . 4 4 auf 14 Ta 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt —— Leben und Abenteuer des Herrn Martin Chuzzlewit, V ſeiner Verwandten, Freunde und Feinde. Herausgegeben von Boz. Frei nach dem Engliſchen 1 von Erwin von Moosthal. Siebenter bis neunter Theil. Stuttgart. Verlag der Franckheſchen Buchhandlung. . 1844. Erſtes Kapitel. Martin erweiterte den Kreis ſeiner Bekanntſchaften, vermehrt ſein Quantum Lebensphiloſophie und hat die trefflichſte Gelegenheit, ſeine eigenen Erfahrungen mit denen des L...... vom Salis⸗ bury⸗Eilwagen zu vergleichen, wie ſie ihm von ſeinem Freunde Williams Simon mitgetheilt waren. Es war ein charakteriſtiſcher Zug bei Martin, daß eer während dieſer Unterhaltung entweder Mark Tapley ſo vollſtändig vergeſſen hatte, als ob nie eine ſolche Perſon exiſtirt hätte, oder daß er jedesmal, wenn die Geſtalt dieſes Herrn vor ſeinem geiſtigen Auge auf⸗ tauchte, ſolche wiederum entlaſſen hatte als ein Ding, das keineswegs dringende Eile hatte, ſondern vielmehr gelegentlich abgemacht werden und ſeine volle Muße er⸗ warten könnte. Als er ſich jetzt wiederum auf der Straße ſah, fiel es ihm plötzlich bei, Mark Tapley könnte doch möglicher⸗ weiſe im Verlauf der Zeit des langen Wartens auf der Schwelle von dem Bureau des Scandalblattes müde ge⸗ worden ſeyn, und darum richtete er jetzt an ſeinen neuen. Freund die Frage: Ob er nicht, was ihm ſehr viel Vergnügen machen würde, den gemeinſchaftlichen Spa⸗ ziergang nach jener Rich„z einſchlagen wollte, damit er wenigſtens dieſes leidige Geſchäft ſich einigermaßen aus dem Sinne ſchlagen könne. Boz, Chuzzlewit. III. 1 2 „Und da wir eben von Geſchäften ſprechen,“ hub Martin an,—„darf ich Sie nun fragen, um auch meinerſeits nicht mit Erkundigungen hinter dem Berge zu halten, ob Geſchäfte Sie an dieſe Stadt feſſeln, oder ob Sie, wie ich, nur zum Vergnügen und zum Beſuche hier ſind?“ „Nur das Letztere iſt bei mir der Fall!“ erwiederte ſein Freund;„ich bin im Staate Maſaachuſetts erzogen worden und wohne noch dort. Ich bin in einem ſtillen Landſtädtchen anſäßig und beſuche nur ſelten dieſe Han⸗ delsplätze, denn meine Neigung, ſie zu beſuchen, mehrt ſich nicht in demſelben Grade, als ich ſie näher kennen lerne, das dürfen Sie mir glauben.“ „Sie ſind wohl auch im Auslande geweſen?“ fragte Martin. „Allerdings, Sir,“ war die Antwort. „Und da haben Sie wohl,“ fuhr Martin fort, in⸗ dem er ihn ſcharf und neugierig in's Auge faßte,— „wie die meiſten Leute, welche Reiſen machen, dadurch nur deſto mehr Anhänglichkeit und Vorliebe für Ihre Heimath und Ihr Vaterland gewonnen?“ „Zu meiner Heimath— allerdings,“ verſetzte ſein Freund,—„zu meinem Vaterlande, ſoferne es meine Heimath iſt— auch dazu kann ich ja ſagen.“ „Mir däucht, Sie beabſichtigen immer noch einen Rückhalt zu machen,“ ſagte Martin. „Nun ja,“ verſetzte ſein neuer Freund,„wenn Sie mich fragen, ob ich mit deſto größerer Nachſicht für die Fehler meines Vaterlandes, und mit deſto innigerem Vergnügen an Ihnen zurückgekommen ſey, ob ich die⸗ jenigen deſto mehr liebe, die gegen eine Vergütung von ſo und ſo viel Dollars täglich ſeine Freunde zu ſeyn behaupten— ob ich mit kühlerem Gleichmuthe der Zu⸗ name von Grundſätzen in Beziehung auf öffentliche An⸗ gelegenheiten und ſocialen Verkehr unter uns zuſehe, welche zu vertheidigen außerhalb der faulen Atmosphäre eines Criminalprozeſſes ſelbſt ihre alten Advokaten von 3 Old⸗Bailey mit Schimpf und Schande bedecken würde — wenn Sie das mit Ihren Fragen meinen, dann ant⸗ worte ich Ihnen unumwunden mit Nein.“ „Ei!“ rief Martin und traf ſo genau den Ton, in welchem ſein Freund das Wort Nein ausgeſprochen hatte, daß es faſt wie ein Echo klang. „Wenn Sie mich fragen,“ fuhr ſein Gefährte fort, —„ob ich bei der Rückkunft von meinen Reiſen mit einem Zuſtand der Dinge mehr befriedigt war, der die menſchliche Geſellſchaft in zwei Klaſſen aus einander reißt, von denen die eine größere Hälfte eine trügeriſche ungeſetzliche Unabhängigkeit in Anſpruch nimmt und doch um ihrer ärmlichen Exiſtenz willen elendiglich nur von völliger Mißachtung und Verhöhnung aller veredelnden Conventionen im geſelligen Verkehre abhängt, ſo daß je ungeſchlachter und gröber ein Mann iſt, er deſto ent⸗ ſchiedeneren Anſpruch auf Geſchmack hat; während die andere Hälfte der Geſellſchaft voll Abſcheu über die ge⸗ meine Standarte, welche die andere Hälfte gegen ſie erhoben und allem möglichen angepaßt hat, ihre Zuflucht zu allen Annehmlichkeiten und Verſchönerungen nimmt, die nur das Privatleben immer zu verleihen vermag, und die Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten lediglich demjenigen Stern überläßt, der ſich im Ge⸗ dränge und Aufruhr einer ſo allgemeinen Gährung ſei⸗ ner erbarmen mag— dann antworte ich abermals: nein.“ Martin ließ abermals in demſelben ſeltſamen Tone wie zuvor ſein„ei, ei!“ vernehmen, denn er fühlte ſich verwirrt und einigermaßen beengt, und zwar, um die Wahrheit zu geſtehen, nicht ſowohl um der öffentlichen Zuſtände dieſes Landes willen, als vielmehr wegen des raſchen Untergangs, den ſeine ſchnell erbleichenden Aus⸗ ſichten auf künftigen Verdienſt als Architekt gefunden. „Mit einem Worte,“ fuhr der Andere fort,„ich kann mich nicht überzeugen und nicht glauben, und werde es deßhalb auch nicht zugeben, daß wir ein Muſter von 1* 4 2 Weisheit, ein Vorbild für die Welt und das vervoll⸗ kommnetſte und ausgebildetſte Beiſpiel menſchlichen Ver⸗ ſtandes ſind. Man kann eine Maſſe ähnliche Lobhude⸗ leien zu demſelben Zweck täglich und ſtündlich hören, einfach nur, weil wir unſer politiſches Leben unter zwei unberechenbaren Vortheilen begonnen haben.“ „Und welche ſind dieſe?“ fragte Martin. „Der eine iſt, daß unſere Geſchichte in einer ſo ſpäten Periode beginnt, daß wir den Zeitaltern des Blut⸗ vergießens entgehen konnten, welche erſt an anderen Na⸗ tionen vorüberziehen mußten, und daß wir daher das ganze Licht ihrer Erfahrungen genoſſen, ohne die Schat⸗ tenſeiten miterleben zu müſſen. Der andere iſt, daß wir ein ausgedehntes Territorium haben, das, wenigſtens vor der Hand, noch nicht übervölkert iſt, zieht man dieſe Thatſachen zum Voraus in Erwägung, ſo haben wir, denke ich, wenig genug gethan.“ „Und wie ſteht es denn mit der Erziehung?“ ſragte Martin ziemlich ſchüchtern. „Der Hauptſache nach ziemlich gut,“ verſetzte der Andere mit Achſelzucken,—„allein noch dürfen wir den Mund nicht beſonders voll nehmen, denn die Länder der alten Welt, ſämmtliche von Deſpoten regiert, haben ebenſo viel, wenn nicht noch mehr gethan, und kein ſolches Geſchrei davon gemacht. Im Vergleich mit England iſt der Schein allerdings uns günſtiger, allein England befindet ſich auch im äußerſten Falle. Sie nehmen mir's doch nicht übel,“ ſetzte er lächelnd hinzu, —„Sie haben mir ja zuvor ein Kompliment über meine Freimüthigkeit gemacht, wie Sie wiſſen.“ „Ei,“ verſetzte Martin,—„ich wundere mich gar nicht darüber, daß Sie ſich ſo offen ausſprechen, wenn es ſich um mein Vaterland handelt, allein, daß Sie die Mängel des Ihrigen ſo unumwunden rügen, befremdet mich weit mehr.“ 3 „ Sie durfen freilich überzeugt ſeyn, daß dieſe Eigen⸗ ſchaft hier zu Lande nicht ſehr verbreitet iſt, ausgenom⸗ 5 men bei Männern wie Oberſt Diver, Herrn Tafferſon Brick, Major Pawkins und andern,“ verſetzte der Fremde, „die beſten von uns gleichen gewiſſermaßen dem Bedien⸗ ten in Goldſmitts Comödie, der es durchaus nicht zu⸗ geben will, daß jemals ein Anderer als er ſelbſt ſeinen Herrn betrüge. Kommen Sie, laſſen Sie von etwas Anderem reden,“ ſetzte er hinzu,„ich vermuthe, daß Sie in der Abſicht hieher gekommen ſind, auf irgend eine Art Ihr Glück zu machen, und follte mir leid thun, Ihnen Ihre Hoffnungen gleich von vornen herein abzuſchneiden, indeß bin ich um ein paar Jahre älter als Sie, und vermöchte Ihnen wenigſtens in etlichen unbedeutenden Punkten mit Rath an die Hand zu gehen.“ In der Art und Weiſe, in welcher dieſes Anerbieten geſchah, war auch nicht die geringſte Neugier oder Zu⸗ dringlichfeit zu erkennen, ſondern es geſchah vielmehr offenherzig, ungeziert und in der gutmüthigſten Abſicht; da es faſt unmöglich war, einem ſo einnehmenden wohl⸗ wollenden Betragen nicht mit gleichem Vertrauen zu begegnen, ſetzte Martin nur einfach auseinander, was für Gründe ihn zu ſeiner Auswanderung nach Amerika beſtimmt hätten und ging ſogar ſo weit, dem Fremden das peinigende Geſtändniß ſeiner Armuth zu machen. Er ſagte freilich nicht, wie arm er ſey, ſondern wir müſſen vielmehr anführen, daß er dieſe Erklärung eher mit einer Miene that, daraus man geſchloſſen haben würde, ſein Geld reiche bei weitem zu einem ſechsmonat⸗ lichen Aufenthalt, anſtatt kaum zu einem von ſechs Wo⸗ chen; allein er geſtand wenigſtens ſeine Armuth zu und ſagte: er werde für jeden Rath dankbar ſeyn, womit ihm ſein Freund an die Hand gehen wolle. Es würde für Niemanden ſchwierig geweſen ſeyn, die Entdeckung zu mäͤchen, für Martin aber, deſſen Scharf⸗ blick durch ſeine Umſtände beſonders geſchärft worden war, war es beſonders leicht zu unterſcheiden— daß das Geſicht des Fremden in demſelben Maßſtabe unend⸗ 4 6 lich länger wurde, in welchem er mit ſeinen Bauprojekten mehr herausrückte. 4 Obwohl ſich der neue Gönner alle Mühe gab, ſo ermuthigend wie möglich drein zu blicken, konnte er ſich doch nicht erwehren, ſeinen Kopf mehrmals unwillkührlich zu ſchütteln, als müſſe er nothgedrungen und aus innerem Antrieb ihm bedeuten, daß er von einem ſolchen Pro⸗ jekte nichts erwarten könne. Er plauderte übrigens im liebreichſten Tone mit Martin und geſtand, daß er, ob⸗ wohl Martin vermuthlich nicht die gewünſchte Beſchäfti⸗ gung in dieſer Stadt finden würde, es doch zum beſon⸗ dern Gegenſtand der Erwägung und Nachforſchung machen wolle, wo denn am wahrſcheinlichſten ſolche Ausſichten ſich böten. Er machte ferner Martin noch mit ſeinem Namen bekannt, der Bevan laute und ſagte ihm, daß er eigentlich Arzt ſey, allein nur ſelten oder nie praktizire, und weihte ihn auch in ſeine übrigen Umſtände und Familienverhältniſſe ein, ſo daß Martin unverſehens die Zeit verging, bis ſie das Bureau des Seandalblatts erreichten. 2 Herr Tapley ſchien ſich's auf dem Treppenabſatze des erſten Stockwerks bequem gemacht zu haben, denn noch ehe ſie das Haus erreichten, ſchlugen Töne an ihr Ohr, als ob irgend ein Gentleman ſich in jener Rich⸗ tung niedergelaſſen habe, der jetzt aus Leibeskräften ſein Rule Brittania pfiff. Als ſie den Ort erreichten, von wo die Muſik ausging, fanden ſie ihn in der Mitte einer Fortifikation von Gepäck liegend, wo er ſeine National⸗ hymne, augenſcheinlich einem grauhärigen Schwarzen zu Gefallen, Preis gab, der auf einem der Außenwerfe auf einem Mantelſacke ſaß und aufmerkſam Mark in's Geſicht ſtierte, während Mark, den Kopf in die Hand geſtützt, in tiefes Sinnen verloren, das Kompliment erwiederte und unaufhörlich fortpfiff, er ſchien kaum erſt ſein Mahl geendet zu haben, denn ſein Meſſer, eine eingeflochtene Feldflaſche und etliche Speiſereſte auf einem Taſchentuche, die in ſeiner Nähe lagen, deuteten darauf hin. Er hattr £☛— dun e * 7 einen Theil ſeiner Mußezeit auf die Verzierung der Thüre des Skandalblattbureaus verwendet, woſelbſt jetzt die Anfangsbuchſtaben ſeines Namens in Lettern von beinahe einem halben Fuß Länge, und der Monatstag in kleine⸗ rer Schrift zu ſchauen war. Das Ganze umgab ein höchſt zierlicher Reif und die Inſchrift ſah recht kühn und friſch drein. „Ich fürchtete beinahe, Sie ſeyen verloren gegangen, Sir,“ rief Mark plötzlich aufſpringend, und unterbrach ſein Liedchen gerade an derjenigen Stelle, wo man den Britten gewöhnlich zur Laſt legt, ſie erklärten, wenn ſie es pfiffen, daß Sie nimmer, nimmer....“ „Es iſt Ihnen doch hoffentlich kein Unglück, Sir?“ verſetzte der Burſche ernſter als gewöhnlich. „Mit Nichten, Mark,“ gab Martin zur Antwort; —„wo iſt denn Eure Freundin?“ „Das tolle Weibsbild, Sir?“ fragte Herr Tapley; — nije nun, die iſt wohl aufgehoben.“ „Hat ſte ihren Gatten wieder aufgefunden?“ fuhr Mariin fort. „O ja, Sir,“ war die Antwort;—„ſie fand we⸗ nigſtens von ihm noch ſo viel, als von ihm übrig ge⸗ blieben war,“ ſprach Mark, ſich ſelbſt corrigirend. „Der Mann iſt doch hoffentlich nicht todt?“ fragte Martin Chuzzlewit theilnehmend. „Je nun, todt iſt er gerade nicht, Sir,“ verſetzte Mark,„allein der arme Teufel hat mehr Fieber und Schmerzen ertragen müſſen, als ſich mit menſchlicher Natur eigentlich verträgt. Ich denke, ſie wäre ſelbſt ge⸗ ſtorben, wenn ſie bei ihrer Ankunft ihn nicht auf ſich wartend getroffen hätte.“ 3 „Er war alſo nicht hier?“ fragte Martin. „Nein,“ verſetzte Herr Tapley,—„er war's nicht, es war vielmehr nur ein alter gebrechlicher ſchwächlicher Schatten, der endlich auf ſie herzu kroch und die neue Geſtalt glich ſo wenig derjenigen, die ſie früher gekannt hatte, als ſie ihren Schatten für ſich ausgeben köͤnnen, wenn ihn die Sonne am ſchönſten und längſten aus⸗ geſtreckt hat. Es war nur noch eine Ruine von ihm, das iſt ganz gewiß. Das arme Weſen bewillkommnete ihn aber ſo freudig, als ob er noch ganz der Alte ge⸗ weſen wäre.“ „Harte er Land gekauft?“ fragte Herr Devan. „Ja das hatte'er,“ verſetzte Mark kopfſchüttelnd, „und bezahlt hat er es noch obendrein. Die Agenten behaupteten, die Ländereien hätten alle Arten von natür⸗ lichen Vortheilen für ſich und einer war wenigſtens ganz uneingeſchränkt vorhanden— ein endloſer Waſſer⸗ vorrath.“ „Das iſt ein Ding, das er nicht hätte entbehren können, denke ich,“ verſetzte Martin mürriſch. „SDa mögen Sie wohl Recht haben, Sir!“ verſetzte Mark Tapley;—„was half alles Schelten, es war nun einmal da, konnte nach Belieben angewandt werden und durfte nicht einmal Waſſerzins geben. Unabhängig von verſchiedenen ſchlammigen Flüſſen, die ganz in der Nähe waren, wechſelte es in der trockenen Jahreszeit auf dem ganzen Gute von vier bis ſechs Fuß Tiefe; wie tief es erſt zur Regenzeit war, konnte er gar nicht er⸗ mitteln, da er nie Etwas gehabt hatte, das lang genug geweſen wäre, den Boden damit zu ergründen.“ „Sollte das wahr ſeyn?“ fragte Martin ſeinen Gefährten. 3 „Höchſt wahrſcheinlich,“ gab dieſer zur Antwort;— „es waren vermuthlich Grundſtücke am Miſſiſippi oder Miſſouri.“ „Ueberdieß,“ fuhr Mark ſort,„mag die Gegenwart des Mannes auf ſeinem Gute nicht immer ſo ſtreng erforderlich ſeyn, denn er kam, der Teufel weiß woher, nach New⸗York herunter, um Weib und Kinder abzu⸗ holen und ſie brachen heute Nachmittag ſammt und ſonders auf einem Dampfboote ſo luſtig auf, als führte ſie ihr Weg geradezu in den Himmel. Je nun, wenn 9 man von dem Ausſehen des armen Mannes aus ſchließen darf, ſo mag ihr Weg ſie ſchnurſtracks dorthin führen.“ „Wollt Ihr mir ſagen, wer dieſer Herr hier iſt?⸗ fragte Martin den luſtigen Mark Tapley, indem er bei⸗ nahe mit ſichtlichem Mißvergnügen von ihm auf den Neger dentete;„vermuthlich iſt's ein anderer neuer Freund von Euch?“— „Je nun, Sir!“ verſetzte Mark, indem er ihn bei Seite nahm und ihm vertraulich in’s Ohr flüſterte,„er iſt ein farbiger Mann, Sir!“ „Haltet Ihr mich denn für blind?“ verſetzte Martin faſt ungeduldig,„daß Ihr es für nöthig haltet, mir das zu ſagen, wenn ſein Geſicht das ſchwärzeſte iſt, das ich je geſehen habe?“ „Nicht doch, Sir, Sie verſtehen mich nicht recht,“ verſetzte Mark,„wenn ich ihn einen Farbigen nenne, ſo will ich damit ſagen, daß er zu denjenigen gehört, die man oft in Bildern an den Ladenfenſtern aufhängt. Sie wiſſen, Sir,“ ſetzte Herr Tapley hinzu, indem er ſeinen Herrn mit einer bezeichnenden Pantomime an die Figur erinnerte, die man ſonſt auf Traktätchen und wohl⸗ feilen Flugſchriften abgebildet ſteht,„er iſt ein Menſch und ein Bruder.“ „Ein Sklave,“ flüſterte ihm Martin warnend zu. „Ja, ja!“" verſetzte Mark in demſelben Tone,„er iſt ein Sklave, nichts mehr und nichts weniger, ſehen Sie, als dieſer Mann da noch jung war— blicken Sie ja nicht nach ihm hin, ſo lange ich ſeine Geſchichte erzähle— war er in's Bein geſchoſſen, in den Arm gehauen, an lebendigem Leibe wie ein Schwein gebrand⸗ markt worden— da hatte man ihn über alle Maßen gepeitſcht, hatte ihm den Nacken mit einem eiſernen Halsbande gelähmt und ihm eiſerne Ringe um Fuß⸗ knöchel und Handgelenke gelegt. Noch heut zu Tage trägt er die Spuren davon am Leibe und zeigte ſie mir vorhin, als ich eben mein Eſſen einnahm, indem er ſeinen 8 10 Rock ablegte,— er hat mir den ganzen Appetit damit verdorben.“ „Iſt dieß ebenfalls wahr?“ fragte Martin ſeinen Freund, der neben ihm ſtund. „Ich wüßte nicht, warum ich es bezweifeln ſollte?“ gab dieſer zur Antwort und blickte dabei kopfſchuttelnd zu Boden.—„Derartige Vorfälle ſind bei uns ſehr häufig.“ „Du lieber Gott!“ ſagte Mark,—„es iſt leider nur zu wahr, denn er hat mir ſeine ganze Geſchichte erzählt. Jener Herr von ihm ſtarb und das war auch bei ſeinem zweiten Herrn der Fall, indem ein Sklave dieſem mit der Hacke den Kopf ſpaltete, um dann hin⸗ zugehen und ſich ſelbſt zu erſäufen. Mein Schwarzer da bekam nun einen beſſern Herrn, erſparte ſich im Laufe der Jahre ein kleines Sümmchen und erkaufte ſeine Freilaſſung, die er am Ende recht billig bekam, weil's mit ſeiner Kraft nahezu zu Ende und er häufig kränklich war. Später kam er hieher und nun ſcharrt und kargt er von Neuem zuſammen, um ſich vor ſeinem Tode noch einmal von Neuem mit einem kleinen Kaufe gütlich zu thun— ˙s iſt freilich nicht der Rede werth, er will blos ſeine Tochter freikaufen!“ rief Herr Tapley und wurde plötzlich ſehr aufgeregt;—„Freiheit für immer! Hurrah!“ „Stille!“ rief Martin und legte ihm die Hand auf den Mund,„zeigt Euch wenigſtens nicht als Dumm⸗ kopf!— Was macht denn der Alte hier. Er wartet auf uns, um unſer Gepäck auf einem Schubkarren fort⸗ zuführen,“ verſetzte Mark,„er hätte es gelegentlich mit⸗ genommen, allein ich veranlaßte ihn, gegen einen höchſt mäßigen Preis— natürlich aus meiner eigenen Taſche — ſich hier zu mir zu ſetzen, um mich heiter zu machen. Ich bin nun in der That auch ganz ſeelenvergnügt ge⸗ worden; wenn ich reich genug wäre, einen Vertrag mit ihm abzuſchließen, daß er mir täglich einmal ſeine Auf⸗ wartung mache und ſich anſehen laſſe, hätte ich jeden Tag, den Gott gibt, Ehre und Vergnügen in Menge.“ — 11 Die Thatſache mochte freilich Marks Wahrheitsliebe auf die feierlichſte Weiſe Lügen ſtrafen, allein man muß nichts deſto weniger zugeben, daß in dieſem Augenblick in ſeinem Antlitz und ſeinen Manieren etwas lag, das auf's ſtärkſte gegen die nachdrückliche Erklärung, die er über ſeinen Gemüthszuſtand gegeben, ankämpfte. „Du lieber Gott, Sir,“ ſetzte Mark hinzu,„die Leute hier zu Lande haben ihre Freiheit ſo lieb, daß ſie gar mit ihr Handel treiben und ſie zu Markte bringen. Sie ſind ſo beſeſſen auf ihre Freiheit, daß man ſich unwillkührlich Freiheiten mit ihnen erlauben muß. Daher mag's wohl rühren...“ „Schon gut,“ verſetzte Martin, ihn unterbrechend, weil er das Thema des Geſprächs zu ändern wünſchte;— „da wir nun einmal zu dieſem Entſchluſſe gekommen ſind, Mark, ſo wollet Ihr vielleicht ſo gut ſeyn, mich endlich auch einmal zu Wort kommen zu laſſen, der Ort, wohin unſer Gepäck gebracht werden ſoll, ſteht hier auf dieſer Karte gedruckt: Frau Pawkins' Gaſthaus.“ „Aha! Frau Pawkins' Gaſthaus, verſtanden Licero!“ „Heißt der Schwarze hier ſo?“ fragte Martin. „Allerdings, Sir, das iſt ſein Name,“ verſetzte Mark. Der Neger grinste bejahend unter einem ledernen Mantelſacke hervor, der noch nicht halb ſo ſchwarz war als ſein eignes Geſicht und ſtolperte mit ſeiner Portion von Martin Chuzzlewit's weltlichen Gütern die Treppe hinab, wohin ihm Mark Tapley mit ſeinem Antheile bereits vorangegangen war. Martin und ſein Freund folgten ihm bis zur Haus⸗ thüre und wollten eben ihren Spaziergang wieder fort⸗ ſetzen, als der Letztere plötzlich ſtehen blieb und nach einigem Zaudern fragte: Ob man ſich auf den jungen Mann auch vollkommen verlaſſen könne? „Auf Mark?“ fragte Martin Chuzzlewit;—„ei, ganz gewiß und in jeder Beziehung.“ „Sie verſtehen mich nicht recht,“ verſetzte Herr Bevan;—„ich denke, es wäre beſſer, der Burſche ginge mit uns, er däucht mir gar zu ehrlich und trägt ſein Herz faſt allzu offen auf der Zunge.“ „Je nun,“ meinte Martin lächelnd,„der ganze Grund davon liegt darin, daß er dies von unſrer Heimath her noch gewohnt iſt, weil er noch nie zuvor in einer freien Republik gelebt hat, wo Niemand ſeine Zunge ſpazieren gehen laſſen darf.“ „Ich denke, es iſt beſſer, wenn er mit uns geht,“ verſetzte der Andere;—„er möͤchte ſonſt leicht in Unan⸗ nehmlichkeiten gerathen, wir beſinden uns zwar nicht in einem Sklavenſtaate, allein ich muß mit Beſchämung eingeſtehen, daß überall in dieſen Breiten der Geiſt der Toleranz lange nicht ſo gewöhnlich iſt, als die Form da⸗ von. Weiſe Mäßigung in Meinungsunterſchieden kann uns auch unſer Todfeind nicht zur Laſt legen, wenn wir Landsleute unter einander verkehren, geſchweige denn, wenn erſt Fremde in's Spiel kommen!— Nein, nein! ich bin in der That der Anſicht, es wäre beſſer, wenn der Burſche mit uns ginge.“ Martin gab daher Mark Tapley den Auftrag, ſich ſeiner Geſellſchaft anzuſchließen, und ſo ging Licero mit den Koffern den einen Weg, und die drei Männer ſchlugen zuſammen eine andere Straße ein. Sie wanderten etwa zwei bis drei Stunden lang in der Stadt umher, betrachteten ſie von den beſten Ge⸗ ſichtspunkten aus, ſtanden in den Hauptſtraßen oder vor merkwürdigen öffentlichen Gebäuden ſtill, auf welche Herr Bevan ſeinen Begleiter beſonders aufmerkſam machte. Da nun allmählig die Nacht einbrach, that Martin ſeinem Gönner den Vorſchlag, nach Frau Pawkins' Koſthauſe zu gehen, und dort eine Taſſe Kaffee zu trinken. Er wurde jedoch hierin von ſeinem neuen Bekannten wankend gemacht, der es ſich in den Kopf geſetzt zu haben ſchien, ihn, wenn auch nur für eine Stunde, nach dem Hauſe eines Freundes mitzunehmen, der ganz in der Nähe wohnte. So müde und abgeneigt Martin auch hiezu war, — 13 fühlte er doch, daß es ſehr unartig und noch weniger dankhar ſeyn würde, einen ſolchen Vorſchlag abzulehnen, wenn ſein offenherziger Gönner ihn bei irgend Jemanden einführen wolle, und ſo opferte denn, vielleicht zum Erſtenmale in ſeinem Leben, Martin ſeinen eigenen Willen dem Gutdünken und Wünſchen eines Andern auf und gab ſeine Zuſtimmung mit Dank zu erkennen. Das Reiſen hatte ihn alſo wenigſtens in ſo weit abgeſchliffen. Herr Bevan pochte an der Thüre eines ſehr hübſchen Hauſes von mäßiger Größe, wo aus den Fenſtern des Wohnzimmers die Lichter hell auf die inzwiſchen dunkel gewordene Straße herabſchienen. Alsbald wurde die Thüre durch einen Mann geöffnet, der ein ſo ausnehmend iriſches Geſicht beſaß, daß es nicht anders ſchien, als müſſe man ihm nach Recht und Billigkeit Lumpen ſtatt der Kleidung wünſchen und als habe er durchaus keine Anſprüche darauf, vor Jemanden in einer vollſtändigen angemeſſenen Kieidung ſich zu zeigen. Mark wurde der Obhut dieſes Phönomens entzogen, denn für ein ſolches erſchien dieſer Mann in Martins Augen— und Herr Bevan ſchritt ſeinem Freunde nach dem Zimmer voran, das einen lieblichen Schein auf die Straße hinuntergeworfen und führte Herrn Chuzzlewit bei den Bewohnern als einen jungen Herrn von Stande aus England ein, deſſen Bekanntſchaft er ganz neuerdings zu machen das Vergnügen gehabt habe. Sein Gruß und Willkommen wurde mit aller Höflichkeit und Anmuth entgegengenommen und erwiedert, und ehe fünf Minuten vergangen waren, ſaß Martin auf das Behaglichſte in traulichem Geplauder neben den Leutchen am Kamin und wurde mit der ganzen Familie aufs Genaueſte bekannt. Es waren zwei junge Damen im Hauſe, die eine acht⸗ zehn, die andere zwanzig Jahre alt— beide ſehr ſchlank, aber auch ſehr huͤbſch; ferner noch ihre Mutter, die, wie Martin dachte, weit älter und verblühter ausſah, als man eigentlich hätte erwarten können; und endlich die Großmutter der jungen Mädchen, eine kleine, lebhafte Matrone mit ſcharfen kleinen Augen, die über die Blüthe⸗ zeit der Weiblichkeit längſt hinweg war und nun erſt wieder behaglich zu werden ſchien. Außer ihnen war noch der Vater der jungen Damen und einer ihrer Brü⸗ der vorhanden— der Erſte ein Kaufmann von Bedeutung und Gewicht, der Letztere ein Student an einem der Kollegien der Stadt, beide aber Männer von herzlich gutmüthig offenem Weſen, wie ihr Freund, der auch in den Geſichtszügen einige Aehnlichkeit mit ihnen hatte, was freilich kein großes Wunder war, da ſich bald darauf ergab, daß er ſehr nahe mit ihnen verwandt war. Martin mußte unwillkührlich den Familienſtammbaum von den beiden Damen aus verfolgen, weil er ſich für ſie beſon⸗ ders intereſſirte, nicht allein weil ſie beſonders hübſch waren, wie ich ſchon oben bemerkt, ſondern auch, weil ſie wunderbar kleine Schuhe und die allerdünnſten ſeidnen Strümpfe trugen, die ſie in ihren Schaukelſtühlen auf eine Weiſe zeigten, die der Aufmerkſamkeit deſſen, der ſich mit ihnen unterhielt, weſentlichen Eintrag thun mußte. „Es iſt über allen Zweifel erhaben, daß es ein Zu⸗ ſtand von ungemeiner Behaglichkeit war, hier in einem niedlichen, huͤbſch möblirten Zimmer zu ſitzen, ſich von einem luſtig flackernden Feuer wärmen zu laſſen und deſſen verſchiedene Verzierungen zu betrachten, unter denen auch vier kleine Schuhe und eine gleiche Summe von ſeidenen Strümpfen und— warum ſollte ich es nicht geſtehen— die davon umſchloſſenen Füßchen und Beine begriffen waren. Es waltet überdieß nicht der geringſte Zweifel ob, daß Martin ausnehmend wohl geneigt war, nach ſeinen neueſten Erfahrungen an Bord der„Schraube“ und in Frau Pawkins' Speiſehauſe, ſeinen Zuſtand von dieſem Geſichtspunkte aus zu betrach⸗ ten.— Die Folge davon war, daß er es ſich ſelbſt ſo bequem wie möglich machte und ſich in der fröhlichſten Stimmung befand, als inzwiſchen Thee und Kaffee mit verzuckerten Früchten und allerliebſten Theekuchen in 1⁵ ihrem Gefolge herbeigebracht wurden und die ganze Familie ihm mit der liebenswürdigſten Achtung und feinſten Verbindlichkeit begegnete. Noch ehe die erſte Taſſe Thee getrunken war, ergab ſich für Martin noch eine andere Gelegenheit zu unver⸗ hehltem Entzücken— die ganze Familie war nämlich ſchon in England geweſen. Es war gewiß ein recht erfreulicher Umſtand, allein Martin fühlte ſich doch nach⸗ gerade nicht halb ſo vergnügt darüber, als er fand, daß ſie alle die großen Herzoge, Lords, Viscountes, Marquis, Herzoginnen, Ritter und Barone ganz genau kannten und gerade in letzterer Beziehung natürlich über alle Maßen neugierig waren, ſpeziellere Nachrichten über ihre Freunde zu empfangen. Indeß half ſich Martin damit, daß er auf verſchiedene Fragen nach dem Befinden des Trägers der einen oder andern Grafenkrone oder irgend eines Herzogshuts einfach zur Antwort gab: „Ja, o jal er befindet ſich im beſten Wohlſeyn; es war ihm nie beſſer zu Muthe, als jetzt.“ Und fragte man ihn gar, ob die Mutter Seiner Lordſchaft, die Frau Her⸗ zogin, ſich viel verändert habe? meinte Martin einfach: er könne ihnen ſein Wort geben, daß ſie ſie augenblick⸗ lich wieder erkennen würden, falls ſte ſie morgen wieder ſähen und zog ſich auf dieſe Weiſe ziemlich leidlich aus der Schlinge. Ebenſo verfuhr er, wenn die jungen Damen ihn in Betreff des Goldfiſchchens in der grie⸗ chiſchen Fontaine, welche dieſer oder jener Edelmann in ſeinem Conſervatorium habe, befragten und wiſſen wollten, ob noch immer ſo viele dort ſeyen wie damals; auf ſolche Fragen erwiederte er dann gewöhnlich nach reif⸗ licher Ueberlegung und in vollem Ernſte, beſagte Gold⸗ fiſchchen haben ſich inzwiſchen wohl um das Doppelte vermehrt. Was gar die erotiſchen Pflanzen anbelangte, wurde ihm die Antwort noch weit leichter, indem er einfach verſicherte, von ſolchen Dingen laſſe ſich gar nicht reden, zumal man ſie geſehen haben müſſe, um daran zu glauben;— welcher verbeſſerte Zuſtand der 16 Dinge die Familie plötzlich an den Prunk jener glänzen⸗ den Feſtlichkeit erinnerte, zu der ſie, obwohl ſie die ganze Pairswürde von England und ſämmtliche Hoſchargen um⸗ faßte, ebenfalls eingeladen geweſen waren, da man das Feſt zum Theil ihnen zu Liebe gegeben hatte. Dieſe Veranlaſſung eröffnete alsdann den Strom der Erinne⸗ rungen, da man, was Herr Norris, der Vater, mit dem Herrn Marquis geſprochen, und worüber ſich die Frau⸗ Norris, die Mutter, mit der Marcquiſin unterhalten, und was der Marquis und die Marguiſin beide geſprochen, als ſie bei ihrem Ehrenworte verſicherten, ſie wünſchten nichts ſehnlicher, als daß Herr Norris, der Vater, und Frau Norris, die Mutter, und die Fräulein Norris, die Töchter, und Herr Norris junior, der Sohn, doch ihren ſteten Aufenthalt in England nehmen und ihnen das Vergnügen ihrer fortwährenden Freundſchaft gewährten, worüber denn eine beträchtliche Zeit dahinging. Martin hielt es für ſehr ſeltſam und gewiſſermaßen mit ameri⸗ kaniſchen Grundſätzen unvereinbar, daß während ihrer ganzen Erzählung und in der Mittagshöhe ihrer Freude daruͤber Herr Norris, der Vater, und Herr Norris junior, der Sohn, die mit jedem Poſttage mit vier Mitgliedern des britiſchen Oberhauſes correſpondirten, ſich gleichwohl über den unſchätzbaren Vortheil verbreiteten, daß in ihrem erleuchteten Vaterlande keine ſolche willkührlichen Unter⸗ ſcheidungen und Grenzſcheiden unter den Menſchen ſtatt⸗ fänden, ſintemalen es hier keinen andern Adel gebe, als den der Natur und die ganze Geſellſchaft auf die eine große Grundlage brüderlicher Liebe und natürlicher Gleich⸗ heit gebaut ſey. In der That verbreitete ſich Herr Norris, der Vater, allmählig über dieſes überreiche Thema in eine Rede voll tödtlicher Langweile, bis zufällig Herr Bevan ſeinen Gedankenzug unterbrach, indem er ſich aufs Gleich⸗ gültigſte nach dem Beſitzer des nächſten Hauſes erkun⸗ digte, worauf derſelbe Herr Norris, der Vater, bemerkte: Er habe nicht die Ehre, beſagten Herrn zu kennen, da dieſer religiöſen Anſichten zugethan ſey, die er nicht bil⸗ ———— S E S ☛₰ ²—— 8 17 ligen könne.— Frau Norris, die Mutter, fügte ebenfalls noch einen Grund hinzu, der gleichen Zweck hatte, und nur dem Wortlaute nach davon verſchieden war, ſie glaubten nämlich, wie ſie ſagten, die Leute ſeyen gut genug in ihrer Art, allein nichts weniger als„genteel.“ Es kam auch ein anderer Zug ihres Charakters zum Vorſchein, der einen weſentlichen Eindruck auf Martin machte. Herr Bevan erzählte ihnen nämlich von Mark und dem Neger, und es ſtellte ſich dadurch heraus, daß die ganze Familie Norris die Anſichten der Abolitianiſten theilte. Dieß war für Martin ein ziem⸗ licher Troſt und er ließ ſich durch den Umſtand, ſich in ſolcher Geſellſchaft zu befinden, ſoweit hinreißen, daß er ſein Mitgefühl mit den unterdrückten unglücklichen Schwarzen an den Tag legte. Eine der jungen Damen — gerade die hübſcheſte und lieblichſte— ſchien ſich im höchſten Grade über den Ernſt zu beluſtigen, mit dem er ſprach und als er ſie endlich um den Grund davon befragte, war ſie eine Zeit lang ganz unfähig, vor Lachen davon zu reden. Sobald es ihr indeß möglich war, ihm eine Antwort zu geben, ſagte ſie ihm, die Neger ſeyen ein ſo ſonderbares komiſches Volk, in ihrem Betragen und Aufzug ſo poſſterlich und lächerlich, daß es für alle Diejenigen, welche näher mit ihnen bekannt ſeyen, eine reine Unmöglichkeit ſey, mit einem ſo ab⸗ ſurden Theile der Schöpfung irgend einen vernünftigen Gedanken in Verbindung zu bringen. Herr Norris, der Vater, Frau Norris, die Mutter, Miß Norris, die Schweſter, und Herr Norris junior, der Bruder, ja ſelbſt Frau Norris senior, die Großmutter, theilten ſämmtlich dieſe Meinung und wollten ſie als abſolute Thatſache angenommen wiſſen— als ob in dem em⸗ pörenden Leiden, in der raſenden Unmenſchlichkeit, welche die Sklaverei und der Sklavenhandel mit ſich führen, nicht Grund genug läge, irgend einen ernſteren feierli⸗ cheren Schein auf ein menſchliches Geſchöpf zu werfen, Boz, Chuzzlewit, III. 2 18 ſelbſt, wenn man den Fall annehme, daß das phyſiſche un ſo lächerlich und häßlich, wie der kroteskeſte Affe wäre, ſaſ oder geiſtig der wildeſte Nimrod unter den buſchklep⸗ un pernden Republikanern glühe! in „Kurzum,“ verſetzte Herr Norris, der Vater, der put die Frage, mit einem Worte, auf behagliche Weiſe bei⸗ ſo legen wollte,„es beſteht einmal eine natürliche Anti⸗ ſie — pathie zwiſchen den beiden Racen.“ fün „Und ſie erſtreckt ſich,“ ſetzte Martins Freund mit gla leiſer Stimme hinzu,—„auf die grauſamſten aller Da Qualen in den Handel und Wandel mit noch ungebo⸗ von renen Generationen.“ Herr Norris, der Sohn, ſagte nichts, allein er und zog ein ſchiefes Maul und ſchnippte ſeine Finger ab, zu wie ungefähr Hamlet gethan haben würde, nachdem er ben Strick und Schädel aus der Hand gelegt, oder als ob was der ſoeben einen Neger angerufen und etwas von der alsl ſchwarzen Farbe des Burſchen ſich etwas an ſeine Fin⸗ aus ger geſetzt haben würde. lich Damit ihre Unterredung nicht wieder den vorigen ſche, unangenehmen Kanal einſchlage, ließ Martin den Ge⸗ Sch genſtand des Geſpräches fallen und hegte den gegrün⸗ kein deten Argwohn, daß es auch unter den beſten Umſtänden men höchſt gefährlich ſeyn würde, um ſolches Thema wieder Hinf aufs Tapet zu bringen. Er wandte ſich deshalb wieder den von neuem an die jungen Damen, die ſehr prachtvol gem⸗ in die ſchönſten Farben gekleidet waren und an ihren fein ganzen Anzuge allenthalben denſelben Maßſtab von Pracht und Aufwand an den Tag legten, wie bei ihren Frät kleinen Schuhen und den dünnen ſeidenen Strümpfen gekon Dieß brachte ihn auf die Vermuthung, ſie müßten in Geh den franzöſiſchen Moden bedeutende Fortſchritte gemacht man haben, worin er auch alsbald vollkommen Beſtätigung und erhielt, denn ihre Kenntniß darin war, wenn auch keim Burſ der neueſten, doch jedenfalls ſehr umfangreich. Die Stin ältere Schweſter insbeſondere, die ſich durch ein Talent für Metaphyſik, die Geſetze des hydrauliſchen Druckes ſiſche väre, klep⸗ der bei⸗ Anti⸗ mit aller gebo⸗ n er ab, i er ob de Fin⸗ —₰ igen Ge⸗ rün⸗ iden eder eder voll rem von rren fen. in acht ung ine Die lent ces 19 und die Rechte des Menſchengeſchlechts auszeichnete, be⸗ ſaß eine ganz neue Methode, ihre Kenntniſſe zu entfalten und ihre beſonderen Vorzüge mit anderen Gegenſtänden in Verbindung zu bringen, ſo daß ſte z. B. den Damen⸗ putz mit dem tauſendjährigen Reich paarte, und dadurch ſo belehrend und merkwürdig wurde, daß Fremde, welche ſie zum erſten Mal anhörten, gewöhnlich in den erſten fünf Minuten ihren Ohren nicht trauen zu können glaubten und der Anſicht waren, entweder die junge Dame oder ſie ſelbſt müßten plötzlich von einem Anfall von Wahnſinn ergriffen worden ſeyn. Auch Martin wußte nicht, wo ihm der Kopf ſtand, und kannte kein anderes Mittel, ſich ſelbſt einigermaßen zu retten, als daß er, weil er ein Piano im Zimmer bemerkte, der jüngeren Dame die Bitte ſtellte, ihm et⸗ was zu ſingen. Willig gewährte ſie dieſe Bitte, und alsbald begann ein von den beiden Fräulein Norris ausgeführtes Bravour⸗Konzert. Sie ſang in allen mög⸗ lichen Sprachen, nur in ihrer Mutterſprache nicht! Deut⸗ ſche, Franzöſtſche, Italieniſche, Spaniſche, Portugieſiſche, Schweizeriſche Lieder wechſelten mit einander ab, aber kein vaterländiſches, kein heimathliches war zu verneh⸗ men,— das einheimiſche war zu gemein. In dieſer Hinſicht gleichen die Sprachen vielen anderen Reiſen⸗ den— zu Hauſe ſind ſie gewöhnlich, alltäglich und gemein genug, allein im Auslande werden ſie beſonders fein gebildet und genteel. Ich möchte es nicht verſchwören, daß die beiden Fräulein Norris nicht am Ende gar noch an's Hebräiſche gekommen wären, wenn nicht die Meldung eines iriſchen Gehülfen(denn in den Vereinigten Staaten hat man keine Diener und Mägde, ſondern nur Gehülfen und Gehülftnnen) ſie unterbrochen hätte, indem beſagter Burſch nämlich die Thüre weit aufſtieß und mit lauter Stimme rief: „General Fladdock!“ „Du lieber Gott!“ riefen die Schweſtern einmüthig, und hielten natürlich alsbald mit Singen inne,—„der General iſt zurückgekehrt!“ Bei dieſem Ausruſe trat ber General, in feiner Uniform zu einem Ball gerüſtet, plötzlich in's Zimmer herein, und zwar in ſo eilendem Schuſſe, daß ſich der Abſatz ſeiner mächtigen Steifſtiefel in dem Teppich ver⸗ ſtrickten, ſein tapferes Schwert ihm zwiſchen die Beine gerieth, und er auf dieſe Weiſe kopfüber den Boden küßte, und den Augen der erſtaunten Verſammlung ein höchſt ſeltſames kahles Fleckchen auf ſeinem Scheite preis gab. Das war jedoch bei Weitem noch nicht das Schönſte: der General war ſo korpulent und unbehulf⸗ lich, daß er, wenn er einmal am Boden lag, ſich nicht leicht wieder emporraffen konnte, um ſo mehr als ihn die knappe Uniform von allen Seiten einzwängte, umd ſo blieb er denn zappelnd am Boden liegen und mühte ſich auf eine Weiſe in ſeinen Stiefeln ab, wie es in der ganzen Militär⸗Geſchichte kein zweites Beiſpiel gibt Natürlich mühten ſich ſogleich alle Anweſende, ihn zu Hülfe zu eilen, und der General wurde eilends von Boden emporgerafft, allein ſeine Uniform war ſo eng ſetzlich und wunderbar angefertigt, daß er ganz ſtei und ungelenk, wie ein todter Hanswurſt, in die Höht kam, und nicht eher wieder über ſich ſelber Herr zu werden wußte, als bis er wieder ganz flach auf ſeine eigenen Füßen ſtand. Nun war er plötzlich wie durt ein Wunder belebt, bewegte ſich mit der einen Schultet voran, der Quere nach, um deſto weniger Raum ein zunehmen, auch weniger in Gefahr zu kommen, die goldenen Troddeln und Franſen ſeiner Epaulette irgendwo anzuſtoßen, und ſchritt mit lächelndem Geſicht vorwärts, die Dame vom Hauſe zu begrüßen. Es wäre der Familie in der That unmöglich e weſen, mehr Entzücken und Vergnügen zu äußern, ah womit ſie das unvermuthete Erſcheinen des Generals Flch dock begrüßten! Der General wurde von ihnen mit an, in's bun um rend letzt Aus weit Ma⸗ Bar jene nera mich getr mitg leſen und den mehr ſeltſe licher thig, „der einer amer der ver⸗ Zeine oden g ein jeitel das huͤlf⸗ nicht 3 ihn un rühte 8 4 gibt ihn von ent ſtei Hoh er z1 einen durt ulte ein 21 angelegentlicher Wärme empfangen, als ob New⸗York im Belagerungszuſtand verſetzt, und weder für Geld noch für gute Worte ein anderer General zu erhalten geweſen wäre! Dreimal machte er bei ſämmtlichen Gliedern der Familie die Runde, um einem Jeden die Hand zu drücken, muſterte ſie ſodann aus geringer Ent⸗ fernung mit der kundigen Miene eines tapferen Gene⸗ rals, und ſchlug ſeinen weiten Mantel über die rechte Schulter und zog ihn auf dieſe Weiſe von der lin⸗ ken zurück, um ſeine männlich wehrhafte Bruſt zu enthüllen „Soll ich denn wieder einmal,“ hub der General an,—„den auserwählteſten Geiſtern meines Vaterlandes in's Geſicht blicken!!“ „Ja, Sir!“ ſprach Norris, der Vater, mit Sal⸗ bung;—„hier ſind wir ſammt und ſonders, General!“ Und nun drängte ſich die ganze Familie Norris um den General, um ihn zu befragen, wie er ſich wäh⸗ rend ſeiner Abweſenheit beſunden, wo er ſich ſeit ſeinem letzten Briefe herum getrieben, wie er ſich ſelber im Auslande amüſirt und inſonderheit und vor Allem: wie weit er mit den großen Herzogen, Lords, Viscounts, Marquis, Herzoginnen, Marquiſinnen, Richtern und Baronen bekannt geworden ſey, in welchen die Leute jener ungeachteten Länder noch ſehr viele Fteude fänden. „Ei, fragen Sie mich nicht ſo viel!“ rief der Ge⸗ neral, mit ausgeſtreckter Rechte abwehrend;—„ich habe mich die ganze Zeit über unter ſolchen Menſchen herum⸗ getrieben, und habe in meinem Koffer öffentliche Blätter mitgebracht, worin Sie meinen Namen ſchwarz auf weiß leſen können“— dieß ſagte er mit heiſerer Stimme und ſehr eindringlichem nachdrücklichem Tone,—„unter den Nachrichten aus der faſhionablen Welt, können Sie ₰o mehr erwahnt ſehen.— Aber wehe, wehe über die ſeltſamen Conventionen und die Etikette dieſes abſcheu⸗ lichen Europa!“ „Ja wohl!“ rief Herr Norris, der Vater, mit me⸗ lancholiſchem Kopfſchütteln und blickte dabei Martin an, als wolle er ſagen:„Beſter Sir, ſehen Sie, es thut mir leid, allein ich kann's nicht laugnen. Ich würde es, wenn ich es könnte.“ „Die geringe und beſchränkte Verbreitung ſittlichen Geſühls in jenen Ländern!“ rief der General,—„der Mangel jeglicher ſittlichen Würde im Menſchen!“ „Ja wohl!“ ſeufzte die ganze Familie Norris, von Kleinmuth und Betrübniß überwältigt, zuſammen. „Ich hätte mich niemals davon überzeugen laſſen,“ verſetzte der General,„wenn ich nicht felbſt an Ort und Stelle davon Kenntniß und Einſicht genommen haben würde. Norris, Ihre Phantaſie iſt die eines ſtarken Mannes, allein Sie hätten es wahrlich ebenſo wenig zu glauben vermocht, wenn Sie, nicht ebenfalls an Ort und Stelle geweſen wären.“ „Ich hätte es wahrlich niemals vermocht!“ beſtä⸗ tigte Norris. „Die Ausſchließlichkeit, der Stolz, die Förmlichkeit, das ceremoniöſe Weſen,“ rief der General aus, der jedes einzelne Prädikat mit noch gröberem Nachdrucke betonte;—„die künſtlichen Schranken, welche den Men⸗ ſchen vom Menſchen ſcheiden; die ſchnöde Schéidung des Menſchengeſchlechts in Karten mit Bildern und in ſimple gemeine Karten von jeder Art, und bezeichnet— in Kreuz, Eckſtein, Picke— kurzum alles Mögliche, nur nicht in Herzen!“.... „Ja wohl,“ beſtätigte die ganze Familie,—„das iſt leider nur allzu wahr, General!“”“ „Halt! Sir!“ rief Norris, der Vater, indem er den General am Arme nahm und auf Martin zu⸗ führte,—„Sie haben vermuthlich Ihre Ueberfahrt auf der„Schraube“ bewerkſtelligt?“ „Allerdings! das habe ich!“ verſetzte der humane Kriegsheld. 3. „Ei ei! iſt's möglich?“ riefen die beiden jungen Damen;—„wer hätte das gedacht?“ 23 Der General wußte gar nicht, wie der Umſtand, daß er an Bord der„Schraube“ herübergekommen war, Veranlaſſung zu ſo gewaltiger Senſation geben könne, und ſchien noch weniger Licht hierüber durch den wei⸗ teren Umſtand zu erhalten, ſo ihn Herr Norris ſeinem Gaſte Martin mit den Worten vorſtellte: „So treffen Sie hier wahrſcheinlich einen Reiſege⸗ fährten, General.“ „Einen Reiſegefährten von mir? Keineswegs!“ erſetzte der General. Er hatte Martin nie zu Geſicht bekommen, obwohl Martin ihn oft geſehen und ihn nun, wo er ihm Stirn gegen Stirne gegenüber ſtand, alsbald für den Herrn erkannt hatte, der heute frühe mit den Händen in der Taſche und gegen das Ende der Reiſe ſtets mit weit geöffneten Nüſtern auf dem Verdeck auf⸗ und ab⸗ ſpaziert war. Jedermann blickte erwartungsvoll auf Martin, der jetzt keinen Ausweg mehr wußte, und mit der harten Wahrheit herausrücken mußte. „Ich machte die Reiſe allerdings in demſelben Fahrzeuge mit dem General,“ entgegnete Martin nicht ohne tiefes Erglühen,„allein wir waren nicht in einer und derſelben Kaͤjüte. Da ich nothgedrungen hübſch ökonomiſch zu Werke gehen mußte, machte ich die Ueber⸗ fahrt als Zwiſchendeckspaſſagier.“ Hätte man den General in dieſem Augenblick leib⸗ haftig vor eine geladene Kanone geführt und ihm be⸗ fohlen, ſie ſelber abzufeuern, er hätte kaum in größere Conſternation gerathen oder entſetzter zurückprallen kön⸗ nen, als jetzt, da er dieſe Worte hörte!— Er, Ftad⸗ dec— Fladdeck, in voller militäriſcher Uniform, Flad⸗ deck, der General, Fladdeck den die Blüthe des Adels im Auslande gehätſchelt und geliebkost— Er ſollte jetzt in den Fall kommen, daß man ihm zumuthe, einen Burſchen zu kennen, der im Zwiſchendeck eines Packet⸗ boots für vier Pfund zehn Schillinge(50 Gulden Rhei⸗ 24 niſch) herübergefahren war?! Er mußte jetzt dieſen Herrn im Heiligthume der vornehmen faſhionablen Welt von New⸗York treffen, mußte ſehen, daß dieſer freche Aben⸗ teurer ſich im Buſen der New⸗Yorker Ariſtokratie ein⸗ geniſtet habe!— Huh! faſt hätte er zum Schwerte gegriffen.“ Eine todtenähnliche Stille bemächtigte ſich der ganzen Familie Norris. Wenn dieſer Vorfall unter die Leute kam, hatte ihnen der Vetter vom Lande für immer ein unauslöſchliches Brandmahl aufgedrückt. Sie waren die einzelnſtehenden glänzenden Stämme der erhabenſten Sphäre New⸗Yorks. Es gab zwar noch andere faſhionable Kreiſe über und andere ähnliche Kreiſe unter ihnen, allein keiner von den Sternen in irgend einer von dieſen Sphären konnte den Sternen irgend einer andern Sphäre etwas nachſagen. Allein durch alle Sphären konnte es nun mit Einem Male ver⸗ lauten, daß die Familie Norris von ſeinem Benehmen und Ausſehen ſich ſo weit habe täuſchen laſſen, und ihrer erhabenen Stellung vergeſſend, einen unbemittelten fremden„Lump' zu empfangen.“ O Schutzgeiſt, o be⸗ hütender Aar und Hort der reinen Republik, hatten ſie dieß erleben müſſen?.... „Erlauben Sie mir gütigſt, Ihr Haus zu verlaſſen!“ hub Martin nach einer entſetzlichen Pauſe an.—„Ich fühle, daß der Anlaß zur Verlegenheit, welchen ich hier gegeben habe, mindeſtens ebenſo groß iſt, als die Ver⸗ legenheit, worin ich mich ſelbſt befunden. Ich ſehe mich jedoch verpflichtet, bevor ich mich aus Ihrem Kreiſe entferne, dieſen Ehrenmann hier jeglicher Schuld zu entlaſſen, da ich Sie verſichern kann, daß er, als er mich hier in ſolch feiner Geſellſchaft einführte, ſelbſt dicht di mindeſte Ahnung von meiner Unwürdigkeit atte!“ Mit dieſen Worten verbeugte er ſich gegen die ganze Familie, ſchritt wie ein Schneemann aus dem —eE— S,-ſ- 25 Zimmer, von Außen eiſig kalt und ſtarr, im Innern aber ein kochend heißer, gährender Vulkan. „Kommt, meine Lieben!“ ſagte Herr Norris mit bleichen Wangen zu dem verſammelten Cirkel, als Martin die Thüre geſchloſſen hatte,—„der junge Mann hat heute Abend wenigſtens eine Verfeinerung des geſelligen Weſens und einen wohlhabenden Prunk von ſoeialer Dekoration geſehen, denen er in ſeinem eigenen Vater⸗ lande fremd bleiben muß. Wir wollen hoffen, daß dieß ein moraliſches Gefühl in ihm erwecke!“ Wenn dieſe ausſchließlich transatlantiſche Eigen⸗ ſchaft, das moraliſche Gefühl— wenn man nämlich eingeborenen Staatsmännern, Rednern, Zeitungsſchrei⸗ bern und anderen politiſchen Tagesſchriftſtellern glauben darf, hat Amerika ein ausſchließliches Monopol für dieſen Vorzug— wenn jener ganz beſonders transatlantiſche Artikel eine wohlwollende Liebe für das ganze Men⸗ ſchengeſchlecht in ſich ſchließen ſoll, ſo würde Martin in dieſem Augenblicke allerdings gerade jetzt ein ziem⸗ liches Quantum vom Gegentheile in ſich getragen haben; denn während er ſo— mit Mark auf der Ferſe— die Straßen entlang eilte, befand ſich ſein unmorali ſches Gefühl in lebendiger Thätigkeit und veranlaßte ihn zur Aeußerung gewiſſer faſt ſanquiniſcher Bemerkungen, die zum Glück für ihn Niemand hörte. Er hatte ſich inzwiſchen bald ſo weit abgekühlt, ſo daß er bei der Erin⸗ nerung an dieſe Begebenheit bereits wieder zu lachen vermochte, als er Fußtritte hinter ſich hörte, und beim Umwenden ſeinen Freund Bevan erkannte, der athemlos „Wie meinen Sie das?“ fragte Martin. „Sie glauben mir hoffentlich auf’s Wort, daß ich 26 das Ende, welches unſer Beſuch genommen, nicht beab⸗ ſichtigt habe, noch voraus ſehen konnte?“ ſagte Herr Bevan,—„ich brauche Sie darum wohl kaum erſt zu fragen.“ „Auf mein Wort, das iſt kaum nöthig,“ verſetzte Martin;—„ich muß Ihnen ja nur um ſo mehr zu Danke verpflichtet ſeyn, je mehr ich bei mir überlege und inne werde, aus was für Stoff die guten Bürger hier geſchaffen ſind!“ „Ich denke,“ verſetzte ſein Freund,—„Sie ſind ſo ziemlich aus demſelben Teige geknetetet wie andere Leute, wenn Sie es nur geſtehen und keine ungerechten Anſprüche machen wollten.“ „Das iſt in der That wahr,“ ſagte Martin. „Ich darf wohl behaupten,“ ſprach Herr Bevan weiter,—„daß Sie eine ſolche Scene wie dieſe in einer engliſchen Komödie ſehen können, ohne eine be⸗ ſonders plumpe Unwahrſcheinlichkeit oder Anomalie darin zu entdecken.“ „Das muß ich in der That zugeben,“ entgegnete Martin. „Ohne Zweifel mag ein ſolcher Vorfall hier weit lächerlicher erſcheinen als anderswo,“ fuhr ſetn Ge⸗ fährte fort,—„allein der Vorwurf dafür trifft weit mehr unſer überlautes Schreien und Brammarbaſiren mit unſerer Freiheit. Was mich anbelangt, ſo darf ich Ihnen die Verſicherung geben, daß ich ſchon vor Anbe⸗ ginn mit Beſtimmtheit wußte, daß Sie in der Vorkajüte herüber gekommen ſind, indem ich die Liſte der eigent⸗ lichen Paſſagiere geleſen und Ihren Namen nicht darin gefunden hatte.“ „Alsdann bin ich Ihnen nur noch mehr verpflichtet als zuvor,“ ſagte Martin. „Norris iſt in ſeiner Weiſe ein recht gutmüthiger Menſch,“ bemerkte Herr Bevan weiter. „Wirklich?“ fragte Martin trocken. —— 27 „Allerdings!“ fuhr jener fort;—„es liegen hun⸗ derterlei gute Punkte in ſeinen Weſen. Wenn Sie oder ſonſt Jemand ſich als eine andere Art von Weſen an ihn gewendet, und in forma pauperis angeſprochen haben würden, wäre er gewiß voll Wohlwollen und Rückſicht für Sie geweſen!“ „Ich hätte nicht nöthig gehabt, 3000 Meilen von Hauſe weit wegzugehen, um einen Charakter wie den Meinigen außzufinden,“ verſetzte Martin. Von nun au äußerte weder er noch fein Freund auf dem ganzen Rückweg etwas mehr und beide ſchienen hinreichende Beſchäftigung in ihren eigenen Gedanken zu finden. Der Thee oder das Nachteſſen oder wie man ſonſt die abendliche Mahlzeit nennen wollte, war bereits vorüber, als ſie das Haus des Majors erreichten; nur das Tiſchtuch, auf welchem einige weitere Schmutzflecken und ſonſtige ornamentale Figuren zu bemerken waren, lag noch auf dem he. Am einen Ende des Tiſches ſaßen Mißtreß, Jafferſon, Brick und zwei andere Damen beim Thee, und nahmen offenbar ihre Abenderfriſchung ein, da ſie noch ihre Hüte und Shawls anhatten und kaum erſt nach Hauſe gekommen zu ſeyn ſchienen. Bei dem Lichte dreier flatternden Kerzen auf ebenſo vielen Leuchtern von verſchiedener Form zeigte ſich das Gemach faſt unter ebenſo ungünſtigen Verhältniſſen als am hellen Tag. Dieſe Damen hatten ziemlich laut mit einander geſprochen, als Martin mit ſeinem Freunde eintrat, ſo⸗ bald ſie jedoch dieſe Herren erblickten, hielten ſie plötz⸗ lich inne, und wurden ausnehmend vornehm, um nicht zu ſagen, kalt. Wie ſie nun noch einige wenige Bemer⸗ kungen flüſternd austauſchten, mußte ſogar das Waſſer im Theetopfe noch um zwanzig Grad unter die Tempa⸗ ratur ihrer gegenwärtigen erſtarrenden Kälte gefallen ſeyn. „Waren Sie wieder in der Verſammlung Mrs. 28 Brick?“ fragte Martins Freund, und winkte ihm dabei mit etwas ſchelmiſchem Blinzeln zu. „Nicht doch, Sir! ich war in der Vorleſung,“ war die Antwort. „Ach ja! Verzeihen Sie mir,“ fuhr Herr Bevan fort,—„ich glaube, ich vergaß mich;— Sie pflegen ja nicht in die Verſammlungen zu gehen?“ G g Die Dame zur Rechten der Mrs. Brick ließ ein frommes Hüſteln vernehmen, das wohl eben ſo viel hei⸗ ßen ſollte, als: ich gehe dorthin; wie ſie denn auch in der That jede Woche ſolche Verſammlungen zu beſuchen pflegte. „Wie geſiel Ihnen die Predigt, war ſie gut?“ fragte Herr Bevan dieſe Dame. Die Dame ſchlug in frommer Verzückung ihre Au⸗ gen gen Himmel auf, und verſetzte mit ja, ſie war ſehr getröſtet worden durch etliche gute, heilſame, ſtrenge und wohlgepfefferte Lehren, worin man zu ihrem größten Vergnügen allen ihren Freundinnen und Bekannten ge⸗ hörig die Meinung geſagt hatte, wie noch ſelten zuvor geſchehen war. Ihr Hut hatte ebenfalls an Glanz und Schönheit jeden Andern in der Verſammlung hinter ſich gelaſſen, und ſo war es denn ganz natürlich, daß ſie mit ihrem heutigen Tagewerke vollkommen zufrieden war. 4 „Welchen Kurſus von Vorleſungen beſuchen Sie gegenwärtig, Madame?“ fragte Martins Freund aufs Neue Mrs. Brick. „Die Philoſophie der Seele an den Mittwochen,“ gab Sie zur Antwort. „Und Montags?“ fragte Herr Bevan. „Die Philoſophie des Verbrechens;“ verſetzte die Dame. „Und an Freitagen?“ fragte Bevan weiter. „Die Philoſophie des Pflanzenreichs;“ verſetzte die Dame. „Sie vergaßen den Donnerstag, meine Liebe!“ fiel — — — —,————],——————,————— —— X+— 29 ihr die dritte Drame ins Wort,„wo wir die Philoſophle der Regierung hören.“ „Nein,“ verſetzte Mad. Brick;—„dieſe wird ja an Dienſtagen geleſen.“ 3 „Ach ja, Sie haben Recht,“ entgegnete die dritte Dame;—„freilich! am Donnerstag hoͤren wir ja Phi⸗ loſophie der Materie.“ „Sie, Herr Chuzzlewit,“ ſagte Bevan,—„unſere Damen ſind ſo ſehr in Anſpruch genommen, daß ihnen kein freier Augenblick mehr bleibt.“ „Sie haben in der That Grund zu der Behaup⸗ tung.“ verſetzte Martin,—„zwiſchen dieſen höchſt ern⸗ ſten Studien außer dem Hauſe, und den höchſt häus⸗ lichen Sorgen im Kreiſe der Familie, muß Ihnen wahr⸗ lich manchmal die Zeit mangeln.“ Martin hielt hier inne, denn es entging ihm nicht, daß die Damen ihm keineswegs günſtige Blicke zuwar⸗ fen, obwohl er ſich vergeblich abmühte, zu ergründen, was er denn eigentlich gethan habe, um den verächt⸗ lichen Ausdruck zu verdienen, den ſie auf ihren Geſich⸗ tern offen an den Tag legten. Als ſie ſich entfernten, um nach ihren Schlafgemächern aufzubrechen, was bald darauf geſchah, theilte ihm Herr Bevan mit, daß die Plackerei mit häuslichen Sorgen unendlich weit unter der erhabenen Sphäre dieſer Philoſophinnen liege, und daher hundert gegen eins zu wetten ſey, daß keine von allen dreien auch nur die leichteſte weibliche Arbeit ſelbſt anfertigen oder auch nur das einfachſte Kleidungsſtück für eines ihrer Kinder zu fertigen wiſſe. „Es iſt freilich eine andere Frage,“ ſetzte Herr Be⸗ van hinzu;—„ob es nicht gerathener ſeyn möchte, daß unſere Damen ſich lieber mit ſo einfachen Werkzeugen wie Stricknadeln, als mit dieſen ſchneidenden Inſtru⸗ menten abgeben; für Eines kann ich wenigſtens bürgen — daß ſie ſich nämlich nicht oft ſelbſt damit ſchneiden. Andachtsſtunden und Vorleſungen gelten bei uns anſtatt der Bälle und Konzerte. Unſere Damen beſuchen dieſe 30 Orte, um der⸗Langenweile zu entgehen; muſtern gegen⸗ ſeitig ihren Putz und ihre Kleidung, und kehren alsdann wieder nach Hauſe zurück.“ „So wollen Sie alſo damit ſagen, daß in einer Anſtalt, wie dieſe hier, die Damen ſich gleichſam zu Hauſe fühlen?“ fragte Martin. „Allerdings, dies geſchieht ſehr häufig,“ verſetzte Bevan;—„allein ich ſehe, Sie ſind bis zum Tode erzürnt, und darum wünſche ich Ihnen jetzt von Her⸗ zen gute Nacht. Wir wollen über Ihre Pläne morgen fruh weiter reden, da es Ihnen ſchon jetzt nicht ent⸗ gangen ſeyn kann, wie nutzlos es wäre, länger hier zu bleiben, wenn Sie keine Hoffnung haben, dieſelben ver⸗ ſolgen zu koͤnnen. Sie müſſen Ihren Stock weiter ſetzen.“ „Um wo moͤglich noch ſchlechter zu fahren,“ er⸗ gänzte Martin, dem das alte Sprüchwort beiſtel. „Je nun, wir wollen nicht hoffen,“ verſetzte ſein Freund;—„doch genug für heute, wie Sie wiſſen, gute Nacht!“ Beide drückten ſich noch herzlich die Hand und ſchieden hierauf. Sobald Martin ſich wieder ſelbſt überlaſſen war, entſchwand auch die Aufregung der Neuheit und Ver⸗ änderung, welche ihn unter allen Strapatzen des Tages aufrecht erhalten hatte, und er fühlte ſich dermaßen er⸗ ſchöpft und entmuthigt, daß es ihm beinahe ſogar an der Kraft gebrach, die Treppe hinauf nach ſeinem Schlaf⸗ gemach zu wanken. Was für eine große Beränderung war im Verlauf von zwölf bis füunfzehn Stunden mit ſeinen Hoffnungen und ſanguiniſchen Plänen vor ſich gegangen! Fremd und unbekannt mit dem Boden, auf dem er ſtund, und mit der Luft, die er athmete, konnte er, wenn er ſich Alles wieder ins Gedächtniß rief, was an dieſem einzigen Tage auf ihn eingeſtürmt war, nicht umhin, eine trüb⸗ ſelige, aber deſto beſtimmtere Ahnung zu hegen, daß ſein —9,—————,———— —.— 8 8△xÆᷣ =5) m 31 ganzes Unternehmen fehl ſchlagen müſſe. So vorwitzig und übereilt es ihm an Bord des Schiffes auch manch⸗ mal vorgekommen ſeyn mochte, hatte er ſich doch nie träumen laſſen, daß es ihm am Lande eben ſo ergehen würde, und nun hatte er auf einmal einen ſo unheim⸗ lichen Anſchein, daß er ſich ſelbſt darüber entſetzte. Was für Gedanken er auch immer zu Hülfe rufen mochte, er⸗ ſchienen ſie ihm doch immer unter ſo entmuthigenden und kummernäͤhrenden Geſtalten, daß er keinen Troſt in ihnen finden konnte. Selbſt die Diamanten an ſeinem Finger blinkten eher mit dem Glanze der Thränen, und kein Strahl von Hoffnung funkelte aus all ihrem ſtrah⸗ lenden Prunke hervor. Er blieb noch länger in düſte⸗ rem Hinbrüten vor dem Ofen ſitzen— ohne ſich um die übrigen Gäſte zu kümmern, die nun, einer um den an⸗ dern von ihren Magazinen und Komptoirs oder aus den benachbarten Schenken zurückkehrten, erſt lange Züge auz einem großen, weißen Waſſerkruge thaten, der auf dem Seitentiſche ſtand, dann wie von häßlichem Zauber ge⸗ bannt, in der Nähe der meſſingenen Spucknäpfe ver⸗ weilten, und endlich phlegmatiſch ihr Bett ſuchten, bis am Ende Mark Tapley auf ihn zutrat und in der Ver⸗ muthung, daß er ſchlafe, ihn am Arme ſchüttelte. „Mark! was wollt Ihr?“ rief er emporſpringend. „Nicht viel, Sir!“ verſetzte der heitere Diener, und putzte das Licht, das er trug, mit den Fingern;— „das Bett iſt nicht ſonderlich groß, das man Ihnen an⸗ gewieſen hat, und ein Mann braucht nicht eben durſtig zu ſeyn, um noch vor dem Frühſtück all das Waſſer aus⸗ zutrinken, das man Ihnen zum Waſchen hinaufgeſtellt hat und das Handtuch noch hinterdrein aufzueſſen. Ich denke indeß, Sie werden heute Nacht ungeſungen ein⸗ ſchlafen, Sir.“ „Mir iſt, als ſtünde das Haus auf der See,“ ſprach Martin, und ſtolperte unwillkuhrlich, als er ſich erhob. „Mir iſt im hoͤchſten Grade ſchlecht zu Muthe.“ „Und ich, Sir, bin luſtig, wie ein Sandbube!⸗ rief 32 Mark;—„Du lieber Gott! ich habe auch allen Grund dazu, ich hätte eigentlich hier zur Welt kommen ſollen.“— „Das iſt meine Meinung!— Geben Sie acht! wo Sie hintreten,“ ſetzte er hinzu, weil ſte in dieſem Augenblick die Treppe hinaufſtiegen;—„Sie erinnern ſich doch wohl noch des Herrn an Bord„der Schraube“ der den winzig kleinen Koffer hatte?“ „Des Herrn mit dem Felleiſen?“ fragte Martin; „o ja!“ „Nun ja, Sir! den eben meine ich,“ verſetzte Mark; —„der Herr hat heute Abend ſeine Wäſche wieder von der Wäſcherin zurückerhalten, und jetzt hängt die ganze Beſcherung an der Thüre ſeines Schlafzimmers, geben Sie nur Acht, wenn wir nachher die Treppe hinaufkom⸗ men, wie unendlich wenig Hemden, und wie entſetzlich viele Vorhemdchen darunter ſind, dann werden Sie auf einmal erkennen, worin das Geheimniß ſeines Packens beſteht.“ Martin war jedoch zu müde und niedergeſchlagen, um auf irgend etwas acht zu geben, und deßhalb inter⸗ eſſirte ihn auch dieſe Entdeckung gar nicht. Herr Tap⸗ ley wurde durch ſeinen Gleichmuth keineswegs verletzt, ſondern führte ihn vielmehr in den Hausgiebel hinauf, nach dem für ihn hergerichteten Schlafzimmer, das ein ſehr ſchmales Stübchen, mit einem halben Fenſter darin, war; das ganze Emeublement beſtand in einer Bett⸗ ſtelle, die einem Pult ohne Deckel glich, aus zwei Stüh⸗ len, einem Fetzen Fußteppich, wie er gewöhnlich nur irgend einem leidlich eingerichteten Speiſehauſe Eng⸗ lands zur Reinigung der Schuhſohlen vor jeder Haus⸗ thüre liegt, einem kleinen an die Wand befeſtigten Spie⸗ gel und einem Waſchtiſche mit Krug und Waſchbecken, die man gar leicht u einer Rahmkanne und einem Spühlnapf hätte verwechſeln können. „Wahrhaftig, mir ſcheint, die Leute hier haben alle einen Anfall von Waſſerſcheu,“ meinte Mark Tapley; 33 —„ſie reiben ſich vermuthlich hier zu Lande mit einem trockenen Tuche den Schmutz ab.“ „Es wäre mir lieb, wenn Ihr mir die Stiefel aus⸗ ziehen würdet,“ ſagte Martin, als er in einem der Stühle zuſammengeſunken war;—„ich bin ganz und gar ermüdet, meine Glieder ſind wie abgeſtorben, Mark!“ „Das werden Sie morgen früh ſicherlich nicht ſa⸗ gen, Sir!“ verſetzte Mark Tapley;—„ja Sie hätten's heute noch nicht geſagt, wenn Sie nur einen tüchtigen Schluck aus dieſem Kruge da genommen hätten.“ Mit dieſen Worten brachte er einen ſehr geräumi⸗ gen Humpen zum Vorſcheine, der bis zum Nande mit kleinen Stückchen hellen, durchſichtigen Eiſes angefüllt war, zwiſchen denen ein paar dünne Limonenſcheiben in eine goldene Flüſſigkeit von höchſt appetitlichem Ausſehen aus den ſtillen Tiefen darunter dem gierigen Auge des Beſchauers entgegen blinkten. 4 „Wie nennt man dieſe Flüſſigkeit?“ fragte Martin. Herr Tapley gab jedoch keine Antwort, ſondern rührte nur mit einem Schilfrohre die Miſchung um, wo⸗ durch eine angenehm kreiſende Bewegung unter den Eis⸗ ſtückchen ſtatt fand, und bedeutete durch eine ausdrucks⸗ volle Gebärde, daß der entzückte Trinker die Fluſſigkeit mittelſt dieſes Inſtrumentes heraufſaugen müſſe. Martin blickte höchſt verwundert drein, als er das Glas nahm und das Schilfrohr an die Lippen ſetzte. Kaum hatte er den erſten Zug gethan, ſo ſchlug er in höchſter Extaſe die Augen zur Decke auf und hielt nicht mehr inne, als bis der Becher auch bis auf den letzten Tropfen geleert war. „Recht ſo, Sir!“ rief Mark, und nahm mit ſeelen⸗ vergnügtem, triumphirenden Blick ſeinem Herrn das Glas aus der Hand;—„ſollten Sie je einmal zufäl⸗ ligerweiſe wiederum vor Müdigkeit halb todt ſeyn und mich nicht gerade in der Nähe haben, ſo brauchen Sie Boz, Chuzzlewit. III. 3— 34 nur den nächſten beſten Mann fortzuſchicken, und einen Schuhflicker holen zu laſſen.“ „Einen Schuhflicker holen laſſen?“ erwiederte Mar⸗ tin verwundert. „Ja, Sir! einen Schuhflicker und hätſchelte zärtlich das leere Glas;—„dieſe wundervolle Erfindung wird nämlich ein Schuhflicker genannt;— Sherry⸗Schuh⸗ flicker, wenn Sie den langen Namen haben wollen, oder Schuhflicker kurzweg, wenn Ihnen der andere zu lang iſt. Nicht wahr, Sir, nun ſind Sie wieder im Stande, die Stiefel auszuziehen, und ſind, was ganz beſondere Erwähnung verdient, in jeder Hinſicht wieder ein ganz anderer Mann!?“ 1 Nachdem er dieſe feierliche Vorrede zum Beſten ge⸗ geben, brachte er gutmüthig den Stiefelzieher herbei. „Denkt Euch, Mark!“ ſagte Martin,„ich bin nicht geſonnen, in meinen Angelegenheiten den Krebsgang zu gehen, allein du lieber Gott! was ſollte aus uns wer⸗ den, wenn wir in irgend einem wüſten, öden Theile die⸗ ſes Landes ohne Geld und Gut zu bleiben gezwungen wären?“ „Nun ja, Sir!“ verſetzte der unverwüſtliche Tap⸗ ley,—„was läge am Ende auch daran, aus dem, was ich bis jetzt hier geſehen habe, ob wir unter dieſen Um⸗ ſtänden uns in einem wilden öden Lande nicht beſſer be⸗ finden dürften, als hier in dieſem zahmen.“ „O, Tom Pinch, Tom Pinch!“ rief Martin, höchſt gedankenvoll,„was wollte ich nicht darum geben, wenn ich wieder bei Dir und im Stande ſeyn könnte, Deine Stimme zu hören, und wär's auch nur in unſerem alten Schlafkämmerchen in Pecksniffs Hauſe!“ „O ‚Drache! Drache!“ rief Mark als luſtiges Echo hinterdrein;—„laͤg nicht ſoviel Waſſer zwiſchen uns beiden, und würde es nicht für ziemlich memmenhaft gel⸗ ten, wenn ich wieder zu Dir zurückkehrte, ſo weiß ich kaum, ob ich nicht daſſelbe ſagen würde. Sieh, Drache! Da bin ich nun hier, in Neu⸗York in Amerika, und Du einen Mar⸗ rtlich wird huh⸗ oder lang ande, idere ganz ge⸗ nicht g zu wer⸗ die⸗ ngen Tap⸗ was Um⸗ be⸗ üchſt denn eine rem 35 biſt drüben, in Europa, in der Grafſchaft Wildſhire. Hier kann man ſich ein Vermögen erwerben, Drache! um damit eine hübſche junge Dame zu gewinnen; und wenn Du je hingehen ſollteſt, Drache, um das Monu⸗ ment zu ſehen, ſo mußt Du nicht ſchon auf der Staffel vor der Thüre den Muth verlieren, ſonſt wirſt Du nie den Gipfel erreichen.“ „Das heiße ich vernünftig geſprochen,“ rief Mar⸗ tin;—„wir müſſen nur vorwärts blicken.“ „In all' den Mährchenbüchern, Sir, die ich je ge⸗ ſehen habe, wurden die Leute, die ſich umblickten, in Stein verwandelt;— und ich war daher immer der An⸗ ſicht, die Leutchen haben ſich dadurch ſelbſt in's Ungluͤck geſtürzt und es ſey ihnen damit Recht geſchehen. Für jetzt wünſche ich Ihnen gute Nacht! Sir! und recht an⸗ genehme Träume.“ „Dann müſſen ſie aus der Heimath kommen, um das zu ſeyn,“ verſetzte Martin, und ſprang ins Bett. „Das iſt auch meine Meinung,“ flüſterte Mark Tapley;— als er ſich außer der Hörweite ſeines Herrn auf ſeinem eigenen Stübchen befand;„wenn nicht bald, noch bevor wir uns aus dieſer Klemme heraus⸗ gearbeitet haben, noch eine Zeit kommt, wo es Einem ein bischen mehr Ehre bringen kann, guten Muth zum ſchlimmen Markte zu machen, ſo will ich wahrhaftig ein Bürger der vereinigten Staaten werden.“ Wir wollen unſere beiden Freunde nun verlaſſen, damit ſie in ihrem Schlafe ſich von dem Schatten weit entfernter Gegenſtände blenden und einlullen laſſen, wenn ſie phantaſtiſche Geſtalten an der Wand im trüben Lichte der unbewachten Denkkraft annehmen, und es inzwiſchen zum Zweck dieſer geringfügigen Geſchichte zu machen, als ein Traum im Traume eben ſo raſch die Scene zu wechſeln und über den Ocean hinweg uns nach Alt⸗ englands Küſten zu verſetzen. 3* Zweites Kapitel. Handelt von dem Hauſe der Herren Anton Chuzzlewit und Sohn, aus welchem ſich einer der Compagnions ganz unerwartet ſchnell zurückzieht. Wechſel bedingt den Wechſel und nichts pflanzt ſich ſo ſchnell fort. Wenn ein Mann, der an einen engen Kreis von Vergnügungen und Sorgen gewöhnt iſt, den er ſelten überſchreitet, dieſen auch nur für eine noch ſo kurze Strecke verläßt, muß ſein Abweichen von dem ein⸗ tönigen Schauplatze, auf welchem er eine ſo wichtige Rolle geſpielt hat, anſcheinend augenblicklich das Signal für eine allgemeine Verwirrung geben, es iſt nicht an⸗ ders, als ob in die leere Fuge, welche er zurückgelaſſen hat, der Keul des Wechſels bis zum Kopfe eingetrieben wurde, der die ganze ſolide Maſſe in tauſend Fragmente zerſprengte; ſo ſcheinen auch die Dinge, die der Brauch langer Jahre zuſammengekittet und gehalten hat, plötz⸗ lich in eben ſo vielen Wochen auseinander zu berſten. Die Miene, mit welcher die Zeit die Verhältniſſe einer Familie langſam unterwühlt hat, fliegt nun in einem Augenblicke auf, und zu Staub und Sand wird nun, was zuvor ein mächtiger Felſen war. Die meiſten Menſchen haben dieß zu einer oder der andern Zeit ihres Lebens einigermaßen bewährt gefunden. Nachfolgende Seiten ſollen getreulich die Ausdehnung ſchildern, bis zu welcher die natürlichen Geſetze des Wechſels ihre Supremathie in der beſchränkten Sphäre des Lebens und der Handlungsweiſe, welche Martin ver⸗ laſſen hatte, geltend machten. „Wie kalt doch der heurige Frühling iſt,“ jammerte der alte Anton Chuzzlewit, indem er dem abendlichen Kaminfeuer näher rückte;—„wahrhaftig, das Wetter muß wärmer geweſen ſeyn, als ich noch jung war.“ „Wie dem auch ſey, ſo braucht Ihr doch nicht Eure 37 Kleider zu Lumpen zu verbrennen;“ verſetzte der liebens⸗ würdige Jonas, als er über dieſer Aeußerung ſeines Vaters die Augen von einer geſtrigen Zeitung erhob;— „das Tuch iſt nicht ſo wohlfeil, daß Ihr ſo darauf los⸗ hauſen dürftet.“ „Ein trefflicher Junge!“ rief der Vater und hauchte in ſeine kalten Hände, als er ſie ſchwach gegeneinander⸗ rieb;—„ein kluger Junge! Er hat ſich nie in ſeinem Leben dem Tand der Eitelkeit und dem Kleiderprunke hingegeben!“ „Ich weiß das gerade nicht,“ verſetzte der Sohn, indem er die Zeitung wieder zur Hand nahm,„doch dächt ich faſt, ich würde es thun, wenn es umſonſt zu haben wäre.“ „Aha!“ rief der alte Mann kichernd;—„ja, ja! freilich, wenn?— Aber es iſt entſetzlich kalt!“ „Laß das Feuer in Ruhe!“ rief Herr Jonas und nahm ſeinem geehrten Vater den Schürhaken aus der Hand, mit dem er eben im Feuer ſtierte;—„wollt Ihr Euch denn noch in Euren alten Tagen noch um Hab und Gut bringen, daß Ihr auf einmal ſo zu ver⸗ ſchwenden ſtrebt?“ „Dazu iſt keine Zeit mehr, Jonas,“ erwiederte der alte Mann lachend. „ Wozu iſt keine Zeit mehr?“ maulte ſein Erbe. „Daß ich mich noch um Hab und Gut bringe,“ verſetzte Herr Anton. „Ich wünſchte indeß, es wäre der Fall.“ „Ihr ſeyd noch immer ein ſo ſelbſtſüchtiger alter Kumpan, als ich mir nur einen denken kann,“ brummte Jonas mit zorniger Miene und ſo leiſe vor ſich hin, daß es der Andere nicht hören konnte, obwohl er ihn dabei feſt in's Auge faßte;—„Ihr handelt ſtets nur nach Eurem Charakter; mir wollt Ihr glauben machen, daß Euch nichts daran läge, wenn Ihr um Hab und Gut kommt? Ich möchte behaupten, das wäre Euch einerlei; was würdet Ihr Euch auch am Ende darum 38 kümmern, wenn Euer eignes Fleiſch und Blut dadurch an den Bettelſtab käme! Ihr ſeyd mir ein ſauberer Kerl, nicht anders, als wärt Ihr aus Feuerſtein ge⸗ macht!“ Nach dieſer Anrede voll Pietät griff er nach ſeiner Theetaſſe, denn ſie ſaßen eben beim Thee und ergötzten ſich ſammtlich, der Vater, der Sohn und Chuffey an dieſem edlen Kraute. Er heftete hierauf einen feſten ſtieren Blick auf ſeinen Vater, hielt nur hie und da inne, um einen Löffel voll Thee an die Lippen zu füh⸗ ren und ſprach im ſelben Tone folgendermaßen weiter: „Hab und Gut zu verlieren— ja wahrlich, das habt Ihr nöthig! Ihr ſeyd mir ein ſauberer Alter, daß Ihr bei ſolcher Tageszeit davon ſprecht, an den Bettelſtab zu kommen. So, ſo— nun beginnt Ihr erſt, mir da von Mangel und Vermögenszerrüttung vorzuſchwatzen? Nun ja, ich muß ſagen, das iſt die rechte Zeit dazu. Nein!— meiner Seele! ſo weit ſoll's nicht kommen! Ich kenne Euch und weiß wohl, daß Ihr wo möglich noch ein paar hundert Jahre leben möchtet und damit noch nicht zufrieden wäret! ja, ja — ich kenne Euch!“ Der Greis ſeufzte und kauerte nach wie zuvor wortlos vor dem Feuer. Herr Jonas drohte ihm mit ſeinem Theelöffel aus Neuſilber und nahm wo möglich noch eine hochmüthigere Haltung an, als er fortfuhr, denſelben Punkt mit Gründen der erhabenſten Moral zu beleuchten.. 1 „Wenn das Euer Ernſt iſt,“ fuhr er murrend, allein noch immer in demſelben kindlich gehorſamen Tone fort,—„wenn das Euer Ernſt iſt, warum bringt Ihr alsdann nicht Euer Vermögen in Ordnung? Kauft Euch eine billige Jahresrente bei einer Lebensverſiche⸗ rungsbank und macht Euer Leben nutzbringend für Euch ſelbſt und Jedermann, den eine ſolche Spekulation an⸗ geht. Aber nein, das wäre nicht nach Eurem Wunſche! das wäre noch ein natürliches Betragen gegenuͤber von 39 Eurem Sohn, und Ihr habt es Euch einmal in den Kopf geſetzt, unnatürlich gegen ihn zu ſeyn und ihm ſein gutes Recht vorzuenthalten. Meiner Treu! wenn ich an Eurer Stelle wäre, würde ich mich vor mir ſelber ſchämen und lieber meinen Kopf, Gott weiß wo, verſtecken.“ Unter dieſem letztgenannten Gemeinplatze verſtand vermuthlich Herr Jonas die Gruft oder das Grab, den Kirchhof, ein Grabgewölbe oder Mauſoleum oder irgend einen andern Ort, den er aus kindlicher Zärtlichkeit zu nennen Bedenken trug. Er verfolgte dieſen Gegen⸗ ſtand indeß nicht weiter, denn Chuffey mochte von ſei⸗ nem alten Eckchen am Kamin aus auf irgend eine Weiſe entdeckt haben, daß Anton den Horcher ſpielte, während Jonas offenbar die Rolle des Sprechenden über⸗ nommen und er brach daher, wie von einer plötzlichen Begeiſterung durchglüht, in den Ruf aus: „Er iſt Ihr Sohn, Herr Chuzzlewit, Ihr leibhaf⸗ tiger Sohn, Sir!“ Dem alten Chuffey ahnte wohl nicht im mindeſten, welch' tiefe Bedeutung in dieſen Worten lag oder daß ſie überhaupt mittelſt der bittern Satyre, welche in ihnen lag, tief in's innerſte Herz des alten Mannes dringen mußte, wenn er hätte ahnen können, was für Worte von den Lippen des Sohnes fielen oder was für Gedanken dem alten Manne durch den Kopf zogen. Die Stimme ſtörte jedoch den Gedankenzug des alten Jonas und weckte ihn aus ſeinem ſtillen Hinbrüten auf. „Ja, ja, Chuffey! Jonas iſt ein Splitter von dem alten Block, und der Block iſt leider jetzt ſehr alt, Chuffey,“ verſetzte der Alte mit einem ſeltſamen Blicke der Betrübniß. „Von koſtbarem Alter,“ ſetzte Jonas hinzu. „Nein, nein, nein— Herr Chuzzlewit!“ rief Chuf⸗ ſey;—„er iſt bei weitem noch nicht ſo alt, Sir!“ „O! Ihr wißt, daß er jetzt ſchlimmer als je iſt,“ rief Jonas ſehr entrüſtet;—„meiner Seele! Vater, 4⁰ der alte Kerl wird von Tag zu Tag ſchlimmer! Haltet Euer Maul, Alter! wollt Ihr?“ „Er meint, Ihr hättet Unrecht,“ rief Anton dem alten Commis zu. „Gemach, gemach!“ verſetzte Chuffey;—„ich weiß es beſſer. Ich behaupte, er hat Unrecht— ja, ja, er hat Unrecht, er iſt ein Knabe, glaubt mir's. Auch Sie, Herr Chuzzlewit, ſind gewiſſermaßen ein Knabe. Ha, ha, ha, Sie ſind in der That noch ein Knabe gegenüber von Vielen, die ich kenne, z. B. ge⸗ genüber von mir. Ja, ein Knabe ſind Sie gegenüber von Hunderten meines Gleichen, kümmern Sie ſich nicht um ihn.“ Nach dieſer außerordentlichen Rede— für Chuffey nämlich war dies ein Ausbruch von Beredtſamkeit ohne Gleichen— zog der arme alte Schatten die Hand ſei⸗ nes Gebieters unter ſeinen zitternden Arm und hielt ſie hier feſt, indem er ſeine eigene Hand darauf legte, als ob er ihn vertheidigen wollte. „Meine Taubheit nimmt von Tag zu Tage zu, Chuffey,“ verſetzte Anton mit ſo ſanftem Weſen oder — um es beſſer auszudrücken— mit ſo wenig Härte und Schroffheit, als ihm nur immer möglich war. „Nein, nein!“ rief Chuffey,—„das iſt nicht der Fall, und was läge am Ende daran, wenn dem ſo wäre, ich bin ſchon ſeit zwanzig Jahren taub.“ „Ich werde zugleich auch von Tag zu Tag blinder,“ verſetzte der alte Mann kopfſchüttelnd. „Das iſt ein gutes Zeichen!“ rief Chuffey;— „ha, ha, ha! Das beſte Zeichen von der Welt, Sie haben früher nur zu gut und zu viel geſehen.“ Er liebkoste Antons Kopf mit der Hand, wie man etwa einem Kinde hätſchelt, zog den Arm des alten Mannes noch enger unter den ſeinigen und drohte mit der zitternden Hand nach dem Orte hin, wo Jonas ſaß, als wolle er zürnend dieſem wehren. Anton aber blieb noch immer ſtill und ruhig, ſo daß der alte Chuf⸗ 41 fey allmählig ſeinen Arm losließ und wieder in ſeine gewöhnliche Ecke zurückſchlupfte, von wo aus er nur hie und da in Zwiſchenräumen ſeine Hand hervorſtreckte, und den Rock ſeines Brodherrn leicht damit berührte, als wolle er ſich dadurch überzeugen, daß er noch im⸗ mer in ſeiner Nähe ſey. Herr Jonas war über dieſes Verfahren ſo ſehr be⸗ troffen, daß er unwillkührlich die beiden Alten anſtieren mußte, bis Chuffey wieder in ſeinen gewöhnlichen Zu⸗ ſtand verfallen und der alte Anton in einen leichten Schlummer verſunken war; er machte hierauf ſeiner Aufregung dadurch Luft, daß er hart auf die erſtge⸗ nannte Perſon herzutrat und mit ſeiner Hand eine Bewegung beſchrieb, als wolle er, um uns volksthüm⸗ lich auszudrücken, dem Alten Einiges hinter die Ohren ſtecken. „Dieß Spiel treiben ſte ſchon ſeit mehreren Wo⸗ chen,“ dachte Jonas in düſterem Unmuthe;—„nie ſah ich, daß mein Vater dieſem alten Kerl ſo viele Auf⸗ merkſamkeit ſchenkte, als gerade in dieſer letzten Zeit. Wie! Herr Chuffey, ſeyd Ihr denn gar am Ende ein Erbſchleicher geworden? alter Sünder?“ Herr Chuffey aber wußte ſo wenig um die Ge⸗ danken des Herrn Jonas, als um die körperliche An⸗ näherung ſeiner geballten Fauſt, die ihm lieblich um die Ohren ſchweifte. Als Jonas nach Herzensluſt ſeinen Groll über den Alten ergoſſen, nahm er die Kerze vom Tiſche, ging durch die Glasthüre in das durch einen Verſchlag gebildete Comptoir nebenan und zog einen Schlüſſelbund aus der Taſche, um mit einem der daran befeſtigten Schlüſſelchen eine geheime Schublade im Pulte zu öffnen, wobei er manchmal verſtohlen hinaus⸗ lugte, um ſich zu überzeugen, daß die beiden Alten noch immer vor dem Feuer ſaßen. zus iſt Alles noch wie zuvor,“ murmelte Jonas vor ſich hin, indem er mit der Stirne den Deckel des Pultes offen erhielt, und ein Papier auseinanderfaltet e, 3 42² „hier iſt das Teſtament, Herr Chuffey! Dreißig Pfund jährlich für Deinen Unterhalt, alter Knabe! und alles Uebrige ſeinem einzigen Sohne Jonas. Du brauchſt Dich nicht zu bemühen, um allzu zaͤrtlich zu ſeyn, denn es bringt Dir doch nichts ein.— Was iſt denn das?“ „Ach ja!— das konnte Einem freilich einen Schreck in den Leib jagen. Auf der andern Seite des Glasverſchlages blickte ein Antlitz neugierig herein und zwar nicht auf ihn, ſondern auf das Papier in ſeiner Hand, denn die Augen des Fremden waren aufmerkſam auf die Handſchrift gerichtet und blickten raſch empor. Als Jonas in den Ausruf ausbrach, wie Beider Blick einander traf, ergab's ſich wirklich, daß es die Augen des Herrn Pecksniff waren. Jonas ließ zwar den Deckel des Pultes mit lau⸗ tem Geräuſche fallen, vergaß aber nicht, es abzuſchlie⸗ ßen und ſtierte erbleicht und athemlos das Geſpenſt an. Plötzlich regte ſich dieſes, öffnete die Thüre und ſpa⸗ zierte in den Verſchlag herein. „Was wollen Sie hier?“ rief Jonas zurückpral⸗ lend;—„wer iſt's? wo kommen Sie her? Was ha⸗ ben Sie hier zu ſchaffen?“ „Zu ſchaffen?“ rief Herrn Pecksniffs Stimme und Herr Pecksniff lächelte leibhaftig in ſeiner gewinnend⸗ ſten Weiſe zugleich herab.„Zu ſchaffen, Herr Jonas?“ „Wie kommen Sie dazu?“ fragte Jonas zürnend; —„daß Sie ſich hier eindrängen und hier herum ſpio⸗ niren? Was ſoll das überhaupt heißen? daß Sie auf dieſe Weiſe nach London herauf kommen und Einen ſo unverſehens überrumpeln? Es iſt doch verteufelt ko⸗ miſch, daß man nicht einmal auf ſeinem eigenen Comp⸗ toir ein— eine Zeitung leſen kann, ohne von Leuten über die Maßen erſchreckt zu werden, die nur ſo ohne alle Umſtände in's Zimmer hereintreten! Warum ha⸗ ben Sie nicht zuvor angepocht?“ „Auf mein Wort! Herr Jonas,“ verſetzte Herr Pecksniff;—„ich habe das in der That gethan, allein 43 Niemand hörte mich. Ich war nur neugierig,“ ſetzte er in ſeiner milden Weiſe hinzu, indem er ſeine Hand dem jungen Manne auf die Schulter legte,—„ich war nur neugierig zu ſehen, was für ein Theil der Zeitung Sie ſo ſehr in ereſſire— leider aber war das Glas zu trübe und ſchmutzig.“ Jonas blickte haſtig auf die Glasfenſter des Ver⸗ ſchlages und fand zu ſeinem Vergnügen, daß Pecksniff in ſo weit Recht hatte, als die Scheiben in der That keineswegs ſehr rein gehalten waren. „Haben Sie die Gedichte geleſen?“ fragte Herr Pecksniffs weiter, indem er den Zeigfinger ſeiner rech⸗ ten Hand mit einer Art gutmüthigen Scherzes drohend ſchüttelte;„waren Sie in die politiſchen Nachrichten vertieft? Sahen Sie vielleicht nach dem Stand der Staatspapiere? Ich vermuthe, Sie haben ſich nach dem großen Looſe umgeſehen, Jonas? Nicht wahr, das große Loos ſteckt Ihnen im Kopfe?“ „Sie haben es beinahe errathen?“ entgegnete Jo⸗ nas, der ſich inzwiſchen wieder gefaßt hatte und das Licht ſchneuzte;—„aber wie zum Teufel geht es denn zu, daß Sie ſchon wieder nach London kommen? Alle Wetter, man muß doch wohl erſchrecken, wenn man ſich ſo plötzlich einem Menſchen gegenüber ſieht, den man ſechzig bis ſiebenzig Meilen weit entfernt vermuthet.“ „Das mag wohl ſeyn,“ verſetzte Herr Pecksniff; —„ich zweifle gar nicht daran, mein beſter Herr Jo⸗ nas, ſintemalen das menſchliche Gemüth ſo beſchaffen iſt, wie es dermalen iſt.“ „Zum Teufel mit Ihrem menſchlichen Gemüth!“ fuhr ihm Jonas ungeduldig in's Wort;—„was war denn der Zweck Ihrer Reiſe hieher?“ „Eine kleine Geſchäftsſache, zu der ich ganz uner⸗ wartet aufgefordert wurde,“ verſetzte Herr Pecksniff ge⸗ ſchmeidig. „Ach! ſo iſt das Alles?“ rief Jonas—„wohlan denn, der Vater iſt im Nebenzimmer; Heda! Vater, 44 8 hört Ihr wohl? da iſt Pecksniff!— der Alte wird mit jedem Tage tölpiſcher und kopfloſer, denke ich,“ mur⸗ melte Herr Jonas, indem er ſeinen verehrten Vater tüchtig herumſchüttelte;—„hört Ihr denn nicht, daß Pecksniff hier iſt, Dummkopf!“ Die vereinte Wirkung des Schüttelns und dieſe liebevolle Anrede machte den alten Mann binnen kurzem munter, und er begrüßte nun Herr Pecksniff mit einem kichernden Willkommen, welches theilweiſe ſeiner Freude über den Anblick dieſes Herrn und andern Theils dem unvergänglichen Vergnügen zuzuſchreiben war, das der Alte in der Erinnerung empfand, Pecksniff einmal einen Heuchler genannt zu haben. Da Pecksniff noch keinen Thee getrunken, indem er erſt vor einer Stunde in Lon⸗ don angekommen war, wurden die Ueberreſte des letzten Mahles nebſt einer Schinkenſchnitte zum Imbiß für ihn aufgetragen; da Herr Jonas noch in Geſchäftsſachen einen Ausgang in die nächſte Straße zu machen hatte, nahm er jetzt Hut und Stock, um ſich deſſelben zu ent⸗ ledigen, und verſprach wieder zurück zu ſeyn, bevor noch Herr Pecksniff ſeinen Körper genugſam erquickt habe. „Und nun, mein beſter Sir!“ hub Herr Pecksniff zu Anton gewendet an,„da wir nunmehr hier allein ſind, belieben Sie mir gefälligſt mitzutheilen, was ich für Sie thun kann? Ich ſage allein, weil ich der Anſicht bin, daß unſer werther Freund, Herr Chuffay hier, ein— metaphyſiſch geſprochen, ein Strohmann iſt, wenn ich ſo ſagen darf!“ ſetzte Herr Pecksniff mit zur Seite geneigtem Kopfe und ſeinem gewinnendſten Lä⸗ cheln hinzu.. „Vor ihm brauchen wir kein Hehl zu haben,“ ent⸗ gegnete Anton,—„er hört und ſieht Nichts von uns.“ „Nun denn,“ verſetzte Herr Pecksniff,„ſo will ich mir die Freiheit nehmen, mit der größtmöglichen Theil⸗ nahme für ſeinen betrübten Zuſtand und der aufrichtig⸗ ſten Bewunderung für die verſchiedenen ausgezeichneten — Eigenſchaften, die ſeinem Kopfe ebenſo ſehr zur Chre gereichen als ſeinem Herzen, zu behaupten, daß er wirk⸗ lich das iſt, was man ſpaßhafterweiſe einen Strohmann nennen kann. Sie wollten mir eine Mittheilung machen, beſter Sir!...“ „Ich wüßte nicht, daß ich dies geäußert hätte,“ verſetzte der alte Mann. „Sie mißverſtehen mich,“ verſetzte Pecksniff milde; —„ich wollte Ihnen Etwas mittheilen.“ „Ach, ſo,— Sie? und worin beſtünde denn das?“ fragte Anton. „Ich wollte Ihnen nur ſagen,“ verſetzte Herr Pecks⸗ niff und ſtand eilends auf, um ſich zuvörderſt zu über⸗ zeugen, ob die Thüre abgeſchloſſen ſey, worauf er bei ſeiner Rückkunft ſeinen Stuhl ſo ſtellte, daß die Thüre auch keinen Zoll weit geöffnet werden konnte, ohne daß er es alsbald inne wurde.„Ich wollte Ihnen nur ſa⸗ gen, daß ich in meinem ganzen Leben niemals ſo be⸗ troffen war, als am geſtrigen Abende, als mir Ihr Brief zu Händen kam. Es ſetzte mich in der That in Er⸗ ſtaunen, daß Sie mich mit dem Wunſche beehrten, Ihnen in irgend einer Beziehung mit Rath an die Hand zu gehen; daß Sie jedoch den Wunſch hegten, dies ſogar ohne Herr Jonas Vorwiſſen zu thun, galt mir als ein ſo inniges Vertrauen in eine Perſon, der Sie einſt ver⸗ baliter— aber auch nur verbaliter, denn Sie beeilten ſich ja, es alsbald wieder gut zu machen— ſchreiendes Unrecht zugefügt hatten, daß ich davon natürlicherweiſe höchſt erfreut, aufs Tiefſte gerüͤhrt und eigentlich über⸗ wältigt ſeyn mußte.“ Pecksniff war ſtets wegen ſeiner glatten Zunge be⸗ kannt geweſen, allein diesmal hatte er ſich auf beſonders platte Weiſe beſagter kurzen Anrede entledigt, obwohl er nicht geringe Mühe gehabt hatte, ſie auf dem Verdeck der Poſtkutſche auf dem Herwege zu componiren. Obwohl er ſchweigend einer Antwort entgegenſah, und behauptete, nur auf Antons Bitte hieher gekommen zu ſeyn, blickte der alte Mann doch in tiefem Still⸗ 46 ſchweigen und mit vollkommen nichtsſagendem Geſichte vor ſich hin. Er ſchien auch in der That nicht das mindeſte Verlangen noch einen Antrieb zu haben, die Unterhaltung fortzuſetzen, obwohl Herr Pecksniff ſtets gegen die Thüre blickte, zu wiederholtenmalen ſeine Uhre herauszog und ihm noch manche andere Weiſe einen Wink gab, daß ihre Zeit ſehr kurz gemeſſen und Herr Jonas, falls er ſein Wort hielte, bald wieder zurück ſeyn müſſe. Der ſeltſamſte Fall aber bei all' dieſem ſeltſamen Benehmen war, daß plötzlich— in einem ein⸗ zigen Augenblicke, ſo raſch, daß man ſich unmöglich das Wie erklären, oder den Prozeß der Veränderung auch nur einigermaßen wahrnehmen konnte— ſeine Züge ihren alten Ausdruck aunahmen und er mit der Hand leidenſchaftlich auf den Tiſch ſchlug, und als ob gar keine Pauſe ſtattgefunden habe, in den Ruf ausbrach: „Wollen Sie wohl bald das Maul halten, Sir, und mich zum Worte kommen laſſen?“ Herr Pecksniff fügte ſich mit einem geſchmeidigen Bückling in dieſen Wunſch, und murmelte leiſe vor ſich hin: 1 „Ich wußte ja, daß es ſchon ſo weit mit ihm ſey; es entging mir nicht, daß ſich ſeine Handſchrift geändert hatte und alle Buchſtaben zitternd waren. Ich habe es ſchon geſtern prophezeiht. Je nun Du lieber Gott!“ „Jonas iſt in Ihre Tochter vernarrt, Pecksniff!“ ſprach der alte Mann in ſeinem gewöhnlichen Tone. „Wir ſprachen darüber, wenn Sie ſich gefälligſt erin⸗ nern wollen, ſchon früher einmal in Herrn Todgers Speiſehauſe,“ verſetzte der höfliche Baukünſtler. „Ihr braucht gar nicht ſo laut zu ſprechen,“ murrte Anton barſch;—„ich bin noch lange nicht ſo taub.“ Herr Pecksniff hatte allerdings mit ziemlich lauter Stimme geſprochen, allein weniger, weil er Anton für taub hielt, als vielmehr, weil er der Anſicht war, daß ſeine Geiſteskräfte in einem unwillkürlichen Nachlaſſe be⸗ griffen ſeyen; allein dieſe raſche Rüge ſeines rückſichts⸗ —9— entſetzlich, daß Herr Pecksniff in der T 47 vollen Benehmens brachte ihn einigermaßen aus der Faſſung und da er nicht wußte, wie er es nur zunächſt angreifen ſollte, um den alten Mann wieder auf den rechten Weg zu bringen, hielt er es für das gerathenſte, nur noch eine andere Verbeugung mit dem Kopfe, und zwar noch unterthäniger als die vorige zu machen. „Ich ſagte vorhin,“ hub der alte Mann von Neuem an,—„daß mein Sohn Jonas ein Auge auf Eure Tochter geworfen hat.“ „Ein reizendes Mädchen, Sir,“ murmelte Herr Pecksniff, als er ſah, daß der Alte auf eine Antwort wartete;„ein liebes gutes Mädchen, Herr Chuzzlewitt, obwohl es mir nicht zukommt, ihr dies Lob zu geben.“ „Sie wiſſen das beſſer,“ rief der alte Mann, aus ſeinem Stuhle auffahrend, um dadurch ſein hageres Ge⸗ ſicht mindeſtens um eine Elle vorwärts ſtrecken zu kön⸗ nen;—„Sie lügen, wie? Wollen Sie auch jetzt noch den Heuchler ſpielen?“— „Beſter Sir!“ begann Herr Pecksniff. „Nennen Sie mich nicht ſo,“ unterbrach ihn Anton raſch,„und glauben Sie noch weniger, daß ich ſelbſt Sie ſo nenne. Wenn Ihre Tochter ſo wäre, wie Sie mir glauben machen wollten, würde ſie gar nicht für Jonas paſſen, ſo aber wie ſie jetzt iſt, mögen ſie Beide recht gut zuſammentangen. Jonas könnte ſich von einem Weibe täuſchen laſſen.— Sie könnte ein ausſchweifendes Leben führen, Schulden machen und ſein Eigenthum ver⸗ geuten. Wenn ich nun einmal todt bin...“ Sein Geſicht verzerrte ſich bei dieſen Worten ſo hat faſt genoͤthigt wurde, bei Seite zu blicken. „So wäre es weit ſchlimmer für mich,“ fuhr der Alte nach einer Pauſe fort,„wenn ich eine derartige Lebensweiſe fürchten müßte, als wenn ich noch am Leben wäre. Es wäre für mich eine unerträgliche Qual, da⸗ für verdammt zu werden, daß⸗ ich dasjenige zuſammen⸗ ſcharrte und zuſammenraffte, was eben jetzt auf die 48 Straße geworfen werden würde, während ich noch für ſeine Erwerbung büßen müßte. Nein!“ fuhr der alte Mann mit heiſerem dumpfen Grolle fort,„das will ich wenigſtens nicht erleben, wenn mir ſo viel verloren geht, ſoll doch wenigſtens noch Etwas dazu gewonnen oder das Ganze mindeſtens beiſammen erhalten werden!“ „Mein lieber Herr Chuzzlewitt,“ verſetzte Herr Pecks⸗ niff;—„das ſind ſehr angeeignete, ſchädliche Gedanken, krankhafte Grillen, ganz unnöthig, Sir, und wahrlich auch ſehr unberufen, ſo viel iſt gewiß, Sir, daß er ſich nicht wohl befindet.“ 4 „Doch reicht's noch lange nicht zum Sterben,“ rief Anton in einem Tone, der dem Knurren eines wilden Thieres glich,„ſo weit iſt's Gottlob noch nicht; ich habe noch Jahre langes Leben in mir. Dort ſeht Euch ein⸗ mal jenen an,“ ſetzte er, auf ſeinen altersſchwachen Buchhalter deutend, hinzu;„der Tod hat kein Recht, ihn ſtehen zu laſſen und mich niederzumähen, Sir.“ 5 Herr Pecksniff erſchrack dermaßen über den alten Mann, und war ſo vollkommen verblüfft von dem Zu⸗ ſtande, worin er ihn fand, daß er nicht einmal Geiſtes⸗ gegenwart genug beſaß, einen Brocken Moral aus dem großen Magazine in ſeiner Bruſt heraufzuholen. Er ſtotterte daher nur in ungefähren Redensarten, es ſey allerdings höchſt billig und ſchicklich, daß die Reihe zu ſterben zuerſt an Herrn Chuffey komme und daß er nach Allem, was er von Herrn Chuffey gehört, und vermöge ſeiner kurzen perſönlichen Bekanntſchaft von dieſem Herrn zu wiſſen das Vergnügen habe, die innige Ueberzeugung hege, daß es ſchicklich ſeyn würde, wenn Chuffey ſuban wie möglich das Zeitliche geſegne. „Kommen Sie hieher!“ rief der Alte und bedeutete ihm zugleich, näher zu rücken;—„Jonas wird mein ganzes Vermögen erben, das ſehr beträchtlich iſt, und er wird daher ein guter Fang für Sie ſeyn. Sie wiſſen, daß mein Jonas ein Auge auf Ihre Tochter hat.“ 49 „Ich weiß das ebenfalls,“ dachte Herr Pecksniff; ndenn ich habe es nachgerade oft genug gehört.“ „Er könnte vielleicht eine reichere Heirath treffen,“ fuhr der alte Mann fort,„allein ſie würde ihm helfen, ihr beiderſeitiges Beſitzthum zuſammen zu erhalten. Sie iſt nicht zu jung, noch zu leichtſinnig, und ſtammt aus einem guten zähen Geſchlecht, das das Seinige tüchtig beiſammen zu halten weiß. Doch hütet Euch ja, ein zu feines Spiel mit ihm zu ſpielen; ſie hält ihn nur an einem einzigen Fädchen, und wenn Ihr dieſes zu ſtraff anzieht, muß es unfehlbar reißen, denn ich kenne ſein Tempera⸗ ment. Bindet ihn, wenn er ſich dazu geneigt zeigt, bin⸗ den Sie ihn. Sie ſind zu tief für ihn, Pecksniff, auf dieſe Weiſe, wie Sie jetzt mit ihm verfahren, werden ſte ihn meilenweit hinter ſich laſſen.“ „Bah! Sie ölglatter Mann! Glauben Sie denn, ich habe keine Augen, um zu ſehen, wie Sie ihn von „Mich ſoll nur wundern, ob das Alles iſt, was er mir zu ſagen hat,“ dachte Pecksniff, indem er mit pfiffi⸗ ger Miene nach ihm hinblickte, der alte Anton rieb ſeine Hände und murmelte Etwas vor ſich hin; alsdann be⸗ kiagte er ſich wieder, daß er friere, zog ſein Stuhl zum Feuer, kehrte Herrn Pecksniff den Rücken zu, ſenkte das Minute ganz vergeſſen zu haben, daß noch Jemand außer ihm hier war. So barſch und unbefriedigend auch dieſe kurze Unterredung geweſen war, hatte ſie Herr Pecksniff doch einen Wink geliefert, der ihn für den möglichen Fall, daß er ſogar nicht mehr erfahre, für die Hin⸗ und Herreiſe bezahlt machte. Der gute Herr hatte nämlich in Ermanglung einer ſchicklichen Gelegenheit niemals in die Tiefe von Herrn Jonas Charakter einzudringen ver⸗ mocht und jedes Recept, einen ſolchen Schwiegerſohn zu erſchnappen— um wie viel mehr ein ſolches, das auf einem Blatt aus ſeines Vaters eigenem Buche geſchrieben Boz, Chuzzlewit. III.* 4 50 ſtand, vergalt die Mühe der Erwerbung reichlich. In der Abſicht, keine Gelegenheit zu verlieren, ſich eine ſolche günſtige Wendung zu Nutze zu machen, indem er Anton einſchlafen ließ, bevor er ihm alle ſeine Wünſche und Anliegen mitgetheilt hatte, nahm Herr Pecksniff wäh⸗ rend des Genuſſes der Erfriſchungen auf dem Tiſche, eine Arbeit, die er ſich jetzt ſehr ernſtlich angelegen ſeyn ließ — zu mancherlei ſinnreichen Hülfsmitteln ſeine Zuflucht, die Aufmerkſamkeit des Alten auf ſich zu ziehen, indem er bald huſtete oder ſich ſchneuzte, bald mit den Thee⸗ taſſen klapperte, die Meſſer ſchärfte, den Brodlaib auf den Tiſch fallen ließ u. ſ. w., allein Alles war vergebens, denn Herr Jonas kehrte ſchon wieder zurück, bevor Anton noch ein Wörtchen mehr geäußert hatte. „Wie! mein Vater! ſchläft ſchon wieder?“ rief Jonas, als er ſeinen Hut aufhängte und zufällig nach dem Vater herüberblickte;—„ja wahrhaftig, er ſchnarcht ſchon, hört nur einmal!“ „Er liegt im tiefſten Schnarchen,“ verſetzte Herr Pecksniff. „Ja wohl iſt es ein tiefes Schnarchen,“ wiederholte Jonas;—„doch laßt ihn nur gewähren; das iſt ſo ſeine Art, er pflegt für ſechs auf einmal zu ſchnarchen.“ „Wiſſen Sie auch, Herr Jonas?“ fragte Herr Pecks⸗ niff ſehr vorſichtig,„daß es mich bedünken will, als ob es mit Ihrem Vater— aber erſchrecken Sie ja nicht, zu Ende gehen wolle.“ 3 „O, das iſt ein Irrthum,“ verſetzte Jonas und ſchüttelte den Kopf, um damit an den Tag zu legen, mit welch' kindlicher Liebe er den Alten zu beobachten i 1 n el zi 3 S ſe u di ji ur ſte G ich faf zu im der als pflege,„beim Wetter! Sie wiſſen nicht, wie zähe er it Re ſel ihm fällt es noch lange nicht ein.“ „Es hat mich befremdet, daß er ſich in ſeinem Be⸗ tragen wie in ſeinem Ausſehen gleich ſehr verändert hat,“ bemerkte Herr Pecksniff. „Iſt das Alles, was Sie von ihm wiſſen?⸗ verſetzte Jonas und ſetzte ſich faſt mit einer Art Unmuth in einen: ſie bei Art 51 Stuhl;—„er hat ſich nie beſſer befunden, als gerade im jetzigen Augenblick.“ „Was machen Ihre Leute zu Hauſe, wie geht es mit Charity?“ „Sie befindet ſich im blühendſten Wohlergehen, Herr Jonas,“ verſetzte der Vater. 3 „Und die Andere, wie ſteht's mit ihr?“ „Das ſchwindelköpfige Käͤtzchen?“ verſetzte Herr Pecks⸗ niff mit liebevollem Nachdenken;—„ſie befindet ſich ebenfalls wohl, ganz wohl. Sie ſchwärmt im Wohn⸗ zimmer und Schlafgemach umher wie eine Biene, Herr Jonas, ſie flattert vom Pfoſten zum Pfeiler wie ein Schmetterling, ſie taucht ihr feines Schnäbelchen in un⸗ ſern Johannisbeerwein wie ein Colibri, ach daß ſie nur um ein Kleines weniger leichtſinnig wäre, als ſie iſt, und die gediegenen Eigenſchaften Charitys beſäße, mein lieber junger Freund!“ „Iſt ſie denn ſo gar leichtfertig?“ fragte Jonas. „Je nun,“ meinte Herr Pecksniff mit recht warmem Gefühl;—„ich darf nicht zu hart über mein Kind urtheilen; gegenüber von ihrer Schweſter Cherry erſcheint ſie freilich ſo. Was iſt denn das für ein ſonderbares Geräuſch, Herr Jonas?, „Es iſt vielleicht der Uhr etwas zugeſtoßen, denke ich,“ verſetzte Jonas, indem er dieſe genau in's Auge faßte;—„die Andere ſcheint nicht gerade Ihr Liebling zu ſeyn, nicht wahr?“ Der liebevolle Vater war eben im Begriff zu antworten, und hatte gerade eine Miene der tiefſten Empfindſamkeit auf ſein Geſicht gezaubert, als das eben erwähnte Geräuſch ſich plötzlich wiederholte. „Auf mein Wort! Herr Jonas! das iſt eine höchſt * E ſeltſame Uhr,“ meinte Pecksniff. Das wäre auch allerdings der Fall geweſen, wenn ſie die Veranlaſſung zu dem Geräuſch gebildet hätte, das beide erſchreckt hatte; diesmal war es jedoch eine andere Art von Zeitmeſſer, der raſch abgelaufen war und jenes 4* 5² Geräuſch verurſacht hatte. Ein Schrei von Chuffey, den ſeine ſonſtigen ſchweigſamen Gewohnheiten noch hundert⸗ mal lauter und entſetzlicher erſcheinen ließ, durchbebte das Haus vom Dachboden bis zum Keller, und als die beiden Männer ſich umſahen, erblickten ſie Anton Chuzz⸗ lewitt, welcher der ganzen Länge nach auf dem Boden lag, und neben dem jetzt der alte Buchhalter kniete und! über ihn herabgebeugt die Züge des Ohnmächtigen muſterte. Der alte Chuzzlewit war in einem Schlaganfalle von ſeinem Stuhl herabgefallen und lag nun, nach Luft ſchnappend; am Boden und jede ſeiner eingeſchrumpften Adern und Sehnen drängte ſich plötzlich hervor, als ſollte ſie Zeugniß geben von ſeinem Alter und bei der Natur gegen jede Wiedergeneſung des Streites ſtrengen Proteſt einlegen. Es war ein fürchterlicher Anblick, zu ſehen, wie das Prinzip des Lebens, in einem ſo morſchen Raume eingeſchloſſen, gleich einem wilden, böſen Geiſte ſich emporraffte und nach Erlöſung rang, daß ſein altes Gefängniß beinahe daran zertrümmert wurde. Ein junger Mann, der in der Fülle ſeiner Kraft und mit der Gewalt der Verzweiflung auf dieſe Weiſe gegen die Vernichtung angekämpft hätte, wäre ſchon an und für ſich ein unheim⸗ licher Anblick geweſen, allein ein alter, zuſammenge⸗ ſchrumpfter Körper mit widernatürlicher Kraft begabt, bei dem jede Bewegung ſeiner Glieder die gewaltige An⸗ ſtrengung Lügen ſtrafte, war in der That ein höchſt gräßlicher Anblick. Man erhob ihn ſchnell vom Boden und holte eilig einen Wundarzt herbei, der dem Kranken eine Ader ſchlug und verſchiedene Heilmittel anwendete, allein der Schlaganfall wirkte noch ſo lange nach, daß, es längſt Mitternacht vorüber war, als er endlich, zwar ganz ruhig, aber im höchſten Grade erſchöpft und bewußt⸗ los, zu Bette gebracht wurde. 5 „Gehen Sie nicht,“ flüſterte Jonas über das Beit herüber Pecksniff in's Ohr und ſeine fahlen Lippen ver⸗ liehen ſeinem widerlichen Geſichte noch einen häßlicheren Ausdruck;—„es war mir ſehr lieb, daß Sie anweſend —,— 0 waren, als er erkrankte, man hätte ſonſt leicht mich be⸗ ſchuldigen mögen, daß ich die Veranlaſſung davon gewe⸗ ſen ſey.“ 3 „Warum denn gerade Sie?“ fragte Herr Pecksniff. „Ich weiß es nicht, allein es wäre doch möglich geweſen,“ verſetzte er und wiſchte den Schweiß aus ſeinem blaſſen Geſicht.„Die Leute behaupten manchmal ſolches Zeug. Wie ſteht es denn jetzt mit ihm?“ Herr Pecksniff ſchüttelte den Kopf. „Sie wiſſen,“ fuhr Jonas fort;—„daß ich zuweilen zu ſpaßen pflege; allein ich— ich wüͤnſchte nie im Ernſte ſeinen Tod.— Glauben Sie denn, daß es wirklich Ge⸗ fahr mit ihm habe?“ „Der Doktor behauptete es wenigſtens, wie Sie ſelbſt hörten,“ verſetzte Herr Pecksniff. „Bah,“ ſagte Jonas;—„das hat er vermuthlich nur gethan, um uns nachher deſto mehr Geld abzu⸗ zwacken, wenn es bei dem Alten wieder beſſer ginge.“ „Sie dürfen nicht fortgehen, Pecksniff,“ fuhr er nach einer Weile fort,„wenn es mit ihm ſo weit gekom⸗ men iſt, möchte ich nicht um tauſend Pfund ohne einen Zeugen ſeyn.“ Chuffey ſagte kein Wörtchen und hörte vielleicht eben ſo wenig, er hatte ſich neben dem Bette in einen Stuhl geſetzt und verharrte hier regungslos, nur daß er zuweilen ſeinen Kopf über das Kiſſen neigte und zu horchen ſchien. Von dieſem Beginnen ließ er nicht ab, obwohl Herr Pecksniff in der darauf folgenden fürchter⸗ lichen Nacht einmal aus dem Schlafe erwachte und eine verwirrte Ahnung hatte, als ob er ihn beten hörte, wo⸗ bei der Alte jedoch ſeltſamer Weiſe Zahlen und Summen in ſein kurioſes Stoßgebet miſchte. „Jonas ſaß ebenfalls die ganze Nacht hier, aber freilich ſo, daß ihn ſein Vater, falls er je zur Beſinnung zurückkehrte, nicht hätte ſehen können; er hatte ſich viel⸗ mehr, ſo zu ſagen, hinter dem Bett verſteckt und las die Nachrichten über ſeinen Zuſtand nur aus Herrn Pecksniffs 54 Augen. Er, der ungeſchlachte, rohe Sohn, der ſo lange das ganze Haus beherrſcht hatte, glich jetzt einem feigen knurrenden Kater, der ſich nicht zu rühren wagte, und zitterte jetzt ſo ſehr, daß ſogar ſein Schatten an der Wand erbebte! 3 Es war ein heller, freundlicher, geſchäftiger Tag, als ſie, dem alten Buchhalter die Pflege des Kranken überlaſſend, zum Frühſtück hinunter gingen, die Leute eilten die Straßen auf und ab, Fenſter und Thüren wurden geöffnet, Diebe und Bettler bezogen ihre gewöhn⸗ lichen Poſten, die Arbeiter machten ſich nach ihren Werk⸗ ſtätten auf den Weg, Kaufleute und Krämer öffneten ihre Läden, Gerichtsdiener und Konſtabler ſtellten ſich auf die Lauer und alle Arten menſchlicher Weſen mühten ſich auf verſchiedene Weiſe eben ſo ſehr um ihr Leben ab, als der arme, alte, kranke Mann droben, der um jedes Sand⸗ korn ſeiner ſchnell ſich entleerenden Sanduhr ſo hart⸗ näckig kämpfte, als wäre es ein ganzes. Kaiſerthum. „Wenn ſich irgend ein Unglück zuträgt, Pecksniff,“ ſagte Jonas,„ſo müſſen Sie mir verſprechen, hier zu bleiben, bis Alles vorüber iſt. Sie ſollen ſehen, daß ich nichts unterlaſſe, was meine Schuldigkeit iſt!“ „Ich weiß im Voraus, daß Sie allen Ihren Pflichten nachkommen werden,“ erwiederte Herr Pecksniff. „Nun ja doch, allein ich möchte keinen Zweifel in mir aufkommen laſſen,“ gab Jonas zur Antwort.„Nie⸗ mand ſoll im Stande ſeyn, mir auch nur mit einer Sylbe einen Vorwurf zu machen. Ich weiß, wie die Leute reden werden.— Sie werden thun, als ob er nicht ſo alt geweſen wäre, oder als ob ich das Geheimniß! beſeſſen hätte, ihn beim Leben zu erhalten.“ Herr Pecksniff verſprach hier zu bleiben, falls die Umſtände es der Meinung ſeines verehrten Freundes gemäß wünſchenswerth machen ſollten. Sie wollten eben ſchweigend das Frühſtück vollends zu Ende bringen, als plötzlich eine Erſcheinung vor ihnen ſtand, ſo ſchauderhaſt und geſpenſtig anzuſchauen, daß Jonas einen lauten Schrei ange eigen und der Tag, 1 inken Leute üren öhn⸗ Jerk⸗ ihre die auf als and⸗ art⸗ ff, zu daß hten in Nie⸗ ner die er niß die des ben als aft rei 5⁵ ausſtieß und Beide erſchrocken zurückprallten. Der alte Anton ſtand nämlich in ſeiner gewöhnlichen Kleidung mitten im Zimmer neben dem Tiſche. Er ſtützte ſich auf die Schultern ſeines einzigen einſamen Freundes und auf ſeinem bleichen Antlitz, auf ſeinen ſchwieligen Händen und in den gläſernen Augen und ſogar in den Schweiß⸗ tropfen auf ſeiner Stirne war wie durch einen ewigen Finger das einzige Wort aufgezeichnet: Tod. Er redete ſie an und ſie erkannten in ſeiner Rede zwar ſeine Stimme, allein dieſe war ſchlaff und hohl geworden, wie das Antlitz eines Todten. Gott weiß, was er ſagen wollte, denn die Worte, die er zu äußern ſchien, waren von der Art, wie ſie nie zuvor ein Menſch gehört hatte, der fürchterliche Umſtand von Allen aber war, daß ſie ihn hier ſtehen ſehen und in überirdiſcher Zunge ſtammeln hören mußten. „Nun befindet er ſich wieder beſſer,“ ſagte Chuffey;— „'s iſt beſſer mit ihm geworden. Laßt ihn vor in ſeinen alten Stuhl ſetzen und er wird ſich bald erholen; ich ſagte ihm, er ſolle ſich nicht davon anfechten laſſen, ich hab' es ihm ſchon geſtern prophezeit.“ Sie ſetzten ihn in ſeinen Lehnſtuhl und rollten ihn in die Nähe des Fenſters; alsdann öffneten ſie die Thüre und ſetzten ihn der freien Strömung der Morgenluft aus. Allein die ganze Luft auf Erden noch auch alle Winde, die je zwiſchen Himmel und Erde wehten, hätten ihm neues Leben zu bringen vermocht, hätte man ihn bis an den Hals in Goldſtücke begraben, ſeine unge⸗ lenken Finger wären nun nicht mehr im Stande geweſen, auch nur ein einziges Stück zu erfaſſen. 56 Drittes Kapitel. Worinnen dem Leſer Leute aus verſchiedenen Ständen vorgeführt werden, und eine Thräne vergoſſen wird über die kindliche Liebe und Pietät des guten Herrn Jonas. Herr Pecksniff hatte ſich ein Kabriolet gemiethet, um ſeine verſchiedenen Ausgänge in Herrn Jonas Inte⸗ reſſe zu beſorgen; denn dieſer hatte ihm ja aufgetragen, keinerlei Koſten zu ſparen. Das Menſchengeſchlecht iſt in ſeinen Gedanken und in ſeinen Grundelementen höchſt bosartig und Herr Jonas war entſchloſſen, ihm keinen Zoll zu bieten, der ſich ihm gegenüber in eine Elle aus⸗ ſtrecken laſſe. Man ſollte eines Vaters Sohn niemals den Vorwurf machen, daß er das Geld zum Begräbniß für ſeinen Vater geſpart habe, weßhalb denn auch Jonas bis zur Beendigung der Obſequien das Motto erkürt hatte, gebet aus und ſparet nicht. Herr Pecksniff war bei dem Leichenunternehmer geweſen, und befand ſich nun unterwegs, um eine andere dienſtfertige Perſon, die mit dem Beerdigungswerke zu ſchaffen hatte, aufzuſuchen— eine Weibsperſon nämlich, welche Hebamme, Kinderfrau und Krankenwärterin zu⸗ gleich war und zahl⸗ und namenloſe Dienſte an den Perſonen von Verſtorbenen verrichtete. Der Leichenbe⸗ ſtatter hatte ihm die Frau anempfohlen, deren Name, wie Herr Pecksniff aus einem Papierſtreifen in ſeiner Hand erfuhr, Frau Gamb war, und die ihre Reſidenz in Kingesketſtreet, Higk Holborn hatte. Herr Pecksniff alſo rumpelte, wie geſagt, in einer Miethkutſche über das Pflaſter von Holborn und ſuchte Frau Gamb auf. Beſagte Dame wohnte bei einem Vogelabrichter nur zwei Thüren weit von dem Paſtetenbäcker entfernt, der die berühmten Hammelfleiſchpaſteten bereitete und dem andern berüchtigten Laden gegenüber, wo ächtes Pferde⸗ fleiſch und anderer Abtrag vom Schindanger für die — OAn AR +— N ——— 88 u— 57 Katzen verkauft wurde, und merkwürdige und berühmte Eigenſchaften in prunkenden Schildern an den reſpektiven Häuſerfronten gebührend zu leſen waren. Sie wohnte in einem kleinen Hauſe, was freilich zu ihrem dermaligen Berufe um ſo paſſender war, da Frau Gamb auf ihrer höchſten Kunſtſtufe als Kindbettwärterin oder, wie ihr Aushängeſchild kühnlich verkündete, als„Hebamme“ funk⸗ tionirte und da ſie im erſten Stocke nach der Straße heraus wohnte, bei Nacht durch Kieſelſteine, Spazier⸗ ſtöcke oder Tabakspfeifentrümmer füglich herausgetrom⸗ melt werden konnte: welche Hülfsmittel ſämmtlich weit wirkſamer waren, als der Klopfer an der Hausthüre, da dieſer leider die Eigenſchaft hatte, eher die ganze Straße aufzuwecken und ſogar Feuerlärm in Holborn zu verbrei⸗ ten, als auch nur den geringſten Eindruck auf diejenige zu machen, für die er eigentlich beſtimmt war. Bei dieſer beſondern Gelegenheit begab ſich's nun, daß Frau Gamb die ganze vorige Nacht auf den Beinen geweſen war, um einer Ceremonie beizuwohnen, welcher der ge⸗ meine Sprachgebrauch der Gevattern jenen Namen ver⸗ liehen hatte, der mit drei Sylben den über Adam aus⸗ geſprochenen Fluch ausdrückt. Es begab ſich ferner, daß Frau Gamb zu beſagter Niederkunft nicht regelmäßig aufgeboten, ſondern nur in Folge ihres großen Rufes bei einer Kriſis herbeigerufen ward, um einer andern Dame mit ihrem Rathe an die Hand zu gehen, ſo begab es ſich ferner, daß, als alle einſchlagenden Punkte des Falles glucklich vorüber waren, Frau Gamb wieder zu ihrem Vogelabrichter nach Hauſe und zu Bette gegangen war, ſo daß, als Herr Pecksniff mit ſeinem Miethwagen vor beſagtem Hauſe anfuhr, Frau Gambs Vorhänge dicht geſchloſſen, und Frau Gamb ſelbſt hinter ihnen in tiefem Schlafe begriffen war. Wäre der Vogelabrichter zu Hauſe geweſen, wie er eigentlich hätte ſeyn ſollen, ſo hätte ſich darüber eigent⸗ lich nicht viel ſagen laſſen; allein diesmal war er aus⸗ gegangen und ſein Laden daher geſchloſſen. Die Läden 58 der Schaufenſter waren freilich nicht herabgelaſſen und hinter jeder Glasſcheibe ſtand wenigſtens ein einziges winziges Vögelchen in einem kleinen Käfig, hüpfte zwitſchernd mit verzweifelten Balletſprüngen darin um⸗ her und ſtieß den Kopf gegen das Dach an, während ein unglücklicher Stieglitz, der vor der Fronte einer rothen Villa mit ſeinem Stamm über der Thürs wohnte und ſein Trinkwaſſer ſelber heraufziehen mußte, ſtumm an den nächſten beſten wackern Mann appellirte, er möge doch für einen Heller Gift darein miſchen. Die Haus⸗ thüre war indeß geſchloſſen, Herr Pecksniff drückte auf die Klinke und ruttelte daran, ſetzte ſogar eine höchſt gebrechliche Klingelſchnur in Bewegung und verurſachte dadurch im Innern des Hauſes ein höchſt melancholiſches Geläute, allein nichtsdeſtoweniger erſchien Niemand. Der Vogelabrichter übte zu gleicher Zeit auch gelegentlich die Kunſt eines Barbiers und eines modernen Haar⸗ kräuslers aus und war vielleicht in dieſem Augenblick expreß nach dem weſtlichen Ende der Stadt beſchieden worden, um einem Lord die Haare zu ſchneiden oder eine Lady zu friſiren; wie dem übrigens auch ſeyn mochte, ſo viel war gewiß, daß er ſich nicht in ſeinen eigenen vier Pfählen befand, und auch keine andere deutliche Spur von ſich zurückgelaſſen hatte, um der Einbildungs⸗ kraft eines Fragenden zu Hülfe zu kommen, als den bei ſeinem Handwerke beliebten allgemein bekannten Holz⸗ ſchnitt oder das Emblem ſeines Berufs, auf welchem ein Haarkräusler von höchſt eleganten Manieren eine Dame von höchſtem Range in Gegenwart eines patentirten prachtvollen aufrechtſtehenden Piano friſirt. Als Herr Pecksniff ſich von dieſer Lage der Dinge überzeugt hatte, bediente er ſich in der Unbefangenheit und Unſchuld ſeines Herzens des Klopfers an der Thüre, allein bei dem erſten Doppelſchlage des Inſtruments wurden ſämmtlich an allen Fenſtern der Straße Phalanken von Weiberköpfen lebendig und ehe er noch den gedachten Streich wiederholen konnte, traten Schaaren von verhei⸗ 59 ratheten Damen, unter welchen etliche offenbar in der Lage waren, Frau Gamb ſelbſt binnen Kurzem in An⸗ ſpruch nehmen zu müſſen, auf die Staffeln des Hauſes gerannt und riefen aus einem Athem und mit unge⸗ meinem Intereſſe: „Pochen Sie am Fenſter, Sir! Pochen Sie am Fenſter! Du lieber Gott, Sir! verlieren Sie gar nicht mehr Zeit, als Ihnen durchaus nöthig iſt! Pochen Sie lieber am Fenſter!“ Herr Pecksniff folgte dieſem Rathe, borgte zu beſag⸗ tem Zwecke die Peitſche des Kutſchers, richtete bald eine ziemliche Verheerung unter den Blumentöpfen vor den Fenſtern des erſten Stockwerks an und erweckte dadurch Frau Gamb, deren Stimme zur großen Freude ſämmt⸗ licher Matronen ſich alsbald in dem Ruf vernehmen ließ: ich komme, ich komme! „Er iſt ſo bleich wie eine Semmel,“ ſprach eine der Damen auf Herrn Pecksniff anſpielend. 4 „Das muß er auch wohl ſeyn, wenn er auch nur ein Fünkchen menſchlichen Gefühls im Leibe hat,“ be⸗ merkte eine Andere. Eine Dritte, die mit verſchlungenen Armen daſtund, äußerte den Wunſch, der fremde Herr möchte eine an⸗ dere Zeit gewählt haben, um Frau Gamb abzuholen; allein es pflege hier ſtets zu geſchehen, daß dieſes Un⸗ glück gerade ſie treffen müſſe. Herr Pecksniff fühlte ſich ſehr unbehaglich, als er aus dieſen Bemerkungen wahrnahm, daß man vermuthe, er wolle Frau Gamb in einer ganz andern Abſicht, die nicht den Tod eines Menſchen, ſondern das Gegentheil davon betreffe, abholen. Frau Gamb ſelbſt mochte die⸗ ſelbe Anſicht theilen, da ſie haſtig das Fenſter aufſtieß, und während ſie ſich ankleidete, hinter den Vorhängen herunterrief: „Soll ich zu Frau Perkins kommen?“ 1 37 Nein,“ verſetzte Herr Pecksniff;„nichts Derar⸗ ge.74 6⁰ „Wie, Herr Whilks, ſind Sie's?“ rief Frau Gamb. — die arme Kreatur, Frau Whilks hat ſicherlich nicht einmal ein Nadelkiſſen fertig. Nicht wahr, Sie ſind es, Herr Whilks?“ 3 „Nein, ich bin nicht Whilks,“ verſetzte Herr Pecks⸗ niff,„ich kenne den Mann gar nicht, ein Herr iſt ge⸗ ſtorben, und da nun eine Perſon zum Wachen nöthig iſt, hat Herr Mould, der Leichenbeſtatter, mir Sie an⸗ empfohlen.“ Frau Gamb hatte ſich inzwiſchen in einen Zuſtand verſetzt, der ihr zu erſcheinen erlaubte, und da ſie für jede Gelegenheit ein beſonderes Geſicht hatte, blickte ſie demgemäß mit ihrer Leichenphyſiognomie zum Fenſter her⸗ aus, und meinte, ſie werde ſogleich drunten erſcheinen. Die verheiratheten Frauen nahmen es indeß ſehr ekel, daß Herrn Pecksniffs Miſſion nur einen ſo unweſent⸗ lichen Fall betraff, und die Dame mit den verſchränk⸗ ten Armen ſchimpfte unumwunden auf ihn, und bedeu⸗ tete ihm, ſie möchte doch wiſſen, wie er dazu komme, mit ſeiner Leiche zartfühlende Frauen zu erſchrecken, wo⸗ bei ſie ihm noch obendrein zu erkennen gab, daß er häß⸗ lich genug ſey, um ein Bischen Verſtand mehr zu be⸗ ſitzen, auch die andern Damen verhehlten keineswegs ähnliche Empfindungen zu erkennen zu geben, und die Kinder, von denen ſich inzwiſchen mehrere Dutzende hier verſammelt hatten, verhöhnten und ſchimpften Herrn Pecksniff auf die roheſte Weiſe, ſo daß, als endlich Frau Gamb zum Vorſchein kam, beſagter harmloſe Herr heil⸗ froh war, ſie ohne viele Umſtände in das Kapriolet zu packen, und von den Verwünſchungen der Menge beglei⸗ tet mit ihr von hinnen zu fahren. Frau Gamb führte einen tüchtigen Pack, ein paar Filzüberſchuhe und einen rieſigen Regenſchirm mit ſich. Letzteres Inſtrument glich an Farbe einem verblichenen Laube, bis auf einen himmelblauen Fleck am oberen Ende, der hier in runder Geſtalt ſehr geſchickt eingenäht war. Die Eile, mit der ſie ſich für ihre Wanderung 681 vorbereitet, hatte ſie ſo beſtürzt gemacht, daß ſte mit den irrthümlichſten Anſichten über Miethkutſchen kämpfte, die ſie mit Eilwägen oder Poſtkutſchen zu verwechſeln ſchien, indem ſie nämlich auf der erſten halben Meile des Wegs ihr Gepäcke ſtets durch das kleine Wagenfenſter hinaus⸗ zudrängen ſuchte, und den Kutſcher bat, es in den Fuß⸗ korb zu legen. Als ſie endlich über dieſen Irrthum auf⸗ geklärt war, konzentrirte ſich ihr ganzes Weſen, und eine ungeheuere Angſt in Betreff ihrer Filzüberſchuhe, mit welchen ſie unſelige Male auf Herrn Pecksniffs Beinen Ball ſpielte. Die Miethkutſche hatte beinahe ſchon das Trauerhaus erreicht, als ſie Faſſung genug gewonnen hatte, zu der Bemerkung: „So iſt alſo der Chrenmann wirklich geſtorben, Sir, ach! das iſt ja wahrlich ſchade!(ſie kannte nicht einmal den Namen des Herrn, um den es ſich hier han⸗ delte) Du lieber Gott! dem Tode kann keines von uns entlaufen; es ſteht uns ſo gewiß bevor, als das Gebo⸗ renwerden, nur mit dem Unterſchiede, daß wir dabei un⸗ ſere Berechnungen nicht ſo ſicher machen können. Ach, der gute, arme Herr!“ 3 Frau Gamb war ein kugelrundes altes Weibchen, mit heiſerer Stimme und einem Triefauge, das ſie mit ſo merkwürdiger Gewalt emporzuſchlagen wußte, daß man nur das Weiße ſah; da ſie mit dem Halſe ſo ziemlich kurz gekommen war, koſtete es ſie nicht geringe Mühe, über ſich ſelbſt hinweg nach denjenigen zu bli⸗ cken, mit denen ſie eben ſprach. Sie trug ein ſchwarzes Kleid, das ſtark ins Röthliche ſtach, und durch das Ta⸗ bakſchnupfen der Dame nicht beſonders viel gewoönnen hatte, ſo wie ein demſelben entſprechendes Halstuch und einen Hut. Betreffende morſche und unſcheinbare Klei⸗ dungsſtucke pflegte ſie ſeit unvordenklichen Zeiten bei Ge⸗ legenheiten, wie die vorliegende, aus Grundſatz anzule⸗ gen, weil ſie dadurch zugleich das gebührende Maß von Hochachtung für die Verſtorbenen ausſprach, und zu⸗ gleich die nächſten Verwandten einlud, ihr beſſere Trauer⸗ 62 kleider zu verehren— welche Appellation auch ſo häufig von günſtigem Erfolge gekrönt war, daß man das leib⸗ haftige Geſpenſt der guten Frau Gamb mit Hut und allem zu jeder Stunde des Tages in mindeſtens einem Dutzend der verſchiedenſten Trödlerläden von Holborn zu erblicken vermochte. Frau Gamb's Antlitz, und in Sonderheit ihre Naſe, waren etwas roth und geſchwol⸗ len, und es hielt ziemlich ſchwer, ſich in ihrer Geſell⸗ ſchaft zu ergehen ohne eines gewiſſen Branntweinduftes bewußt zu werden. Wie die meiſten Perſonen, die in ih⸗ rem Berufe einen gewiſſen Ruhm erlangt haben, hing ſie mit Leib und Seele an dem ihrigen, ſo daß ſie auf ihre natürlichen Befähigungen und Neigungen als Weib, ſo ziemlich Verzicht leiſtete, und mit gleichem Eifer und Vergnügen einer Niederkunft, wie einem Todtenbette ent⸗ gegenging. 1 „Ach!“ wiederholte Frau Gamb, weil dieſer Ausruf in Trauerfällen ſtets ſehr viel zu ſagen wußte, ach, lie⸗ ber Gott, als mein Gamb zu ſeiner langen Heimath vorgeladen wurde,— ich meine, ich ſehe ihn noch vor mir, wie er in Guy's Hoſpital dalag mit einer Kupfer⸗ münze auf jedem Auge und einem hölzernen Bein unter dem linken Arme, da war mir nicht anders zu Muthe, als ich müßte ſogleich ohnmächtig niederfallen, allein dennoch ertrug ich's und hielt mich aufrecht.“ Wenn man gewiſſen Gerüchten glauben dürfte, das in dem Zirkel von Kings⸗Gade⸗Street im Schwange war, ſo hatte ſte ſich in der That auf eine überraſchende Weiſe zu faſſen gewußt, und ſolch ungewöhnliche Seelen⸗ ſtärke an den Tag gelegt, daß ſie ſogar zu Nutz und Frommen der Wiſſenſchaft über Herrn Gamb's ſterbliche Reſte verfügte; der Wahrheit zu liebe darf indeß nicht unerwähnt bleiben, daß dies freilich zwanzig Jahre frü⸗ her geſchah, und daß das Gamb'ſche Ehepaar längere Zeit getrennt gelebt hatte, weil ſich, wenn beide getrun⸗ ken hatten, ihr Temperament ſich nicht zuſammen zu vertragen wußte. 4 έ ——— N N N 63 „Seither ſind Sie vermuthlich etwas gleichgiltiger geworden?“ ſagte Herr Pecksniff;—„Gewohnheit iſt ja eine andere Natur, Frau Gamb.“ 4 „Sie können's wohl eine zweite Natur nennen, Sir,“ verſetzte die Dame;—„das Erſte, was man da⸗ bei zu thun hat, iſt, in ſolchen Dingen nur den Prüf⸗ ſtein für das Gefühl zu finden, und ſo wird es Einem bald zur immerwährenden Gewohnheit. Bekäme ich nicht vom kleinſten Schlückchen Branntwein ſo abſcheu⸗ lich Kopfweh und Nervenleiden(ich hab's nie über mich gewinnen können, mehr als ein Schlückchen davon zu vertragen) und brauchte ich ihn nicht gleichſam nur als Heilmittel, ſo wäre ich wahrlich außer Standes, das durchzumachen, was mein Beruf manchmal mit ſich bringt.— ‚Frau Harris!⸗ ſagte ich in dem allerletzten Fall, bei dem ich mitwirkte, und der nur eine ganz junge Perſon betraf;„Frau Harris,“ ſagte ich, ‚laſſen Sie die Flaſche nur auf dem Kaminſims ſtehen, und nöthigen Sie mich nicht zum Trinken; überlaſſen Sie es lieber mir, die Lippen zu netzen, wenn ich Luſt dazu habe, dann will ich meine Pflicht ſo getreulich erfüllen, als es ſich nur immer mit meinem beſten Wiſſen und Gewiſſen verträgt!— „Frau Gamb!“ gab ſie mir zur Antwort, ‚wenn es je eine nüchterne Perſon gab, welche Handwerksleute für achtzehn Pence täglich, und vornehmeren Leuten für drei Schillinge ſechs Pence,— Nachtwachen natürlich erxtra bezahlt!“— fügte Frau Gamb mit beſonderem Nachdrucke hinzu,— ‚bedient, ſo ſind Sie dieſe unſchätz⸗ bare Perſon!—„Frau Harris,“ ſage ich zu ihr, ‚reden Sie mir nur nicht von meinem Lohn, denn wenn ich im Stande wäre, meinen armen Mitmenſchen meine Dienſte umſonſt anzubieten, würde ich es mit Vergnügen thun, ſo groß iſt die Liebe, die ich für ſie fühle! Das aber pflege ich ſtets zu allen denen zu ſagen, die ſich um die Sache annehmen, Frau Harris!«“— Bei dieſen Worten heftete ſte einen feſten Blick auf Herrn Peckeniff;— 64 „gleichviel, ob ſte Herren oder Frauenzimmer ſind, das iſt: fragt mich ja nicht, ob ich etwaz genießen will, oder nicht, und nöthigt mich nur nicht zum Trinken, ſondern laßt nur die Flaſche auf dem Kaminſims, und daßt mich die Lippen damit netzen, ſo oft ich Luſt dazu habe! 41.— Der Schluß dieſer höchſt ergreifenden Erzählung brachte ſie hart vor das Trauerhaus. Im Hausflur ſtießen ſie auf Herrn Mould, den Leichenbeſtatter, einen kleinen aͤltlichen Mann mit einem Glatzkopfe, und in ſchwarzer Kleidung, der ein Taſchentuch in der Hand hatte, eine ſchwere Uhrkette von maſſivem Gold aus der Uhrtaſche ſeiner Beinkleider baumeln ließ, und ein Ge⸗ ſicht aufzuweiſen hatte, worin ein komiſcher Hang zur Schwermuth aufs Seltſamſte mit einem Schmunzeln in⸗ nerer Befriedigung ſtritt, ſo daß er ganz einem Manne gleich ſah, der, wenn er die Lippen über auserleſenem altem Weine ſchmatzt, die Leute glauben zu machen ſucht, es ſey bittere Arznei geweſen. 4 „Ach! da iſt ja Frau Gamb! Wie geht es Ihnen denn, Frau Gamb?“ hub der beſagte Ehrenmann in einem Tone an, der ſo leiſe war, wie ſein Schritt. „Je nun, ſo leidlich, ich danke Ihnen, Sir!“ ver⸗ ſetzte Frau Gamb mit einem ungelenken Knire. „Legen Sie diesmal doch beſondere Sorgfalt an den Tag, Frau Gamb!“ ſprach der Leichenbeſtatter und ſchüttelte mit höchſt feierlicher Miene den Kopf;—„es iſt ein ganz ungewöhnlicher Fall, Frau Gamp! Tragen Sie doch ja gefälligſt Sorge, daß Alles recht hübſch und zierlich werde.“ 8 3 4 „Verlaſſen Sie ſich darauf, Sir!“ entgegnete ſie mit abermaligem Knix,„Sie kennen mich ja hoffentlich ſchon lange genug.“ 4 „Hoffentlich, Frau Gamb!“ ſagte der Leichenbeſtat⸗ ter;„ich hoffe, Sie werden meiner Empfehlung keine Schande machen!“— Frau Gamb machte von Neuem eine Verbeugung.—„Es iſt einer der ergreiflichſten To⸗ 65 desfälle, die mir in meiner langjährigen Praxis vorge⸗ kommen ſind!“ wandte ſich ſodann der Leichenbeſtatter an Herrn Pecksniff. „Sie mögen Recht haben, Herr Mould!“ verſetzte dieſer Ehrenmann. „Eine ſo liebevolle Trauer iſt mir nie vorgekom⸗ men, Sir,“ fuhr Herr Mould fort, und ſtellte ſich da⸗ bei mit weitgeöffneten Augen auf die Zehen;—„es ſind mir im Koſtenpunkte gar keine Grenzen, durchaus keine Grenzen geſteckt. Ich habe den Auftrag, Sir, meinen ganzen Vorrath von Stummen aufzubieten, und Stum⸗ me kommen ſehr hoch zu ſtehen, Herr Pecksniff! des Trunkes gar nicht zu gedenken, den man ihnen reichen muß. Man muß fir ſilberplattirte Handhaben beſter Qualität, mit den koſtbarſten Engelsköpfen verziert, Sorge tragen; an Federn muß ein wahrer Ueberfluß ſeyn, kurzum, Sir! ich muß Alles abſolut aufs Prachtvollſte herrichten. Mein Freund, Herr Jonas, iſt ein ausge⸗ zeichneter Mann,“ ſagte Herr Pecksniff. „Ich habe, während meiner langen Laufbahn, viele kindliche Liebe kennen gelernt,“ verſetzte Herr Mould,— „und Niemand kann mehr Erfahrungen von unkindlichem Betragen gemacht haben, als ich, Sir— das iſt nun einmal unſer Loos. Wir kommen hinter alle ſolche Ge⸗ heimniſſe, aber eine ſo auffallende Kindlichkeit, wie die vorliegende— ein Betragen, das für die menſchliche Natur ſo ehrenvoll und ſo ſehr darauf berechnet iſt, uns Alle mit der Welt zu verſöhnen, in der wir leben, iſt mir mein' Lebtage noch nicht vorgekommen. Es beweist nur, Sir! was der viel beweinte Theaterdichter, der zu Stratford begraben liegt, ſo wunderſchön äußert— daß nämlich in Allem etwas Gutes läge.“ —„Es gereicht mir ſehr zum Vergnügen, dies von Ihnen anerkannt zu hören, Herr Mould,“ verſetzte Herr Pecksniff. „Sie ſind ſehr gütig,“ entgegnete dieſer;—„ach Boz, Chuzzlewit. IIf 3e 56 5 66 und was dieſer Herr Chuzzlewit für ein Mann war, Sir! Ach! was er für ein Mann war, da mag man mir immerhin vor den Lordmajors,“ rief Mould, in⸗ dem er dabei das Publikum im Allgemeinen mit der Hand bedrohte,„vor den Sheriffs, vor Rathsherrn, Ma⸗ giſtratsperſonen und dem ganzen Lumpenpack erröthen; man zeige mir aber nur einen Mann in dieſer Stadt der würdig wäre, in den Schuhen des ſeligen Herrn Chuzzlewits zu wandeln.“ „Nein, nein!“ rief Mould mit bitterem Sarkasmus; —„hängt ſie auf, hängt ſie auf! Laßt neue Sohlen und Hinterflecke darauf machen, bewahret ſie für ſeinen Sohn auf, bis er alt genug iſt, ſie zu tragen! Aber probiere ja Keiner ſie ſelber am Fuße zu tragen, denn ſte werden Niemanden paſſen. Wir kannten ihn,“ fuhr Mould unbewußt in derſelben ſatyriſchen Ader fort, als er ſein Notizbuch in die Taſche ſteckte,—„wir kannten ihn und laſſen uns nicht mit Spreu fangen. Guten Morgen, Sir! guten Morgen, Herr Pecksniff!“ Herr Pecksniff erwiederte dieſes Kompliment und Mould wollte, in dem Bewußtſeyn, ſich diesmal auf die unverkennbarſte Weiſe ausgezeichnet zu haben, eben mit einem heitern Lächeln hinweg gehen, als ihm glücklicher⸗ weiſe die traurige Veranlaſſung wiederum aufs Gewiſſen fiel. Eilends legte er ſein Geſicht wiederum in die ent⸗ ſprechenden kummervollen Falten, ſeufzte überlaut, ſtierte in die Krone ſeines Hutes, als wollte er dort Troſt ſuchen, ſetzte ihn aber wieder auf, als er hier keinen gefunden, und entfernte ſich langſamen Schrittes. 3 Ddie zartfühlende Frau Gamp und Herr Pecksniff ſtiegen nun mit einander die Treppe empor, und man wies der erſteren das Zimmer an, worin die ſterblichen Ueberreſte des alten Anton Chuzzlewit unter einem Bett⸗ tuche verhüllt lagen, und nur ein treues liebevolles Herz ihnen zur Seite geblieben war, die nun hier aushielten, um es zu betrauern. Die Frau ſtellte es auf dieſe Weiſe Herrn Pecksniff frei, das verdüſterte Zimmer unten zu 67 betreten und Herrn Jonas wieder aufzuſuchen, von dem er ſchon ſeit nahezu zwei Stunden abweſend geweſen war. Er fand dieſes Muſterbild für habgierige Söhne, dieſes exemplariſche Beiſpiel für alle, die in den Fall kommen, Leichenbegängniſſe anrichten zu müſſen, im Comp⸗ toir ſitzend, wie er, über einem Fetzen Schreibpapier auf ſeinem Pulte hinbrütete, mit der Feder allerhand Ziffern und Zahlen darauf hinkritzelte; der Stuhl und Hut und Spazierſtock des alten Mannes waren von ihren ge⸗ woͤhnlichen Plätzen entfernt und bei Seite geſchafft wor⸗ den; die Fenſtervorhänge, ſo gelb wie ein November⸗ nebel, waren dicht vorgezogen, und Jonas ſelbſt war ſo erſchüttert, daß man ihn kaum reden hörte, und nur noch gedankenvoll im Zimmer auf⸗ und abwandeln ſah. „Herr Pecksniff,“ redete er dieſen flüſternd an;— „vergeſſen Sie ja nicht, daß ich Ihnen die Anordnung des Ganzen übertragen habe, Sie ſollen dadurch in den Stand geſetzt werden, Jedermann, der davon ſpricht, zu belehren, daß Alles recht und geziemend gethan worden iſt. Fällt Ihnen Niemand bei, den man möglicherweiſe einladen könnte, daß er dem Leichenbegängniß anwohne?“ „Wahrlich, Herr Jonas!“ verſetzte Pecksniff;— „ich wüßte Niemanden!“ 3 „Wenn Sie noch Jemand wüßten,“ erwiederte Jo⸗ nas,—„müßte man ihn natürlich zur Begleitung einladen; wir brauchen ja kein Geheimniß daraus zu machen!“ „Allerdings,“ verſetzte Herr Pecksniff nach kurzem Nachdenken;—„ich bin Ihnen in dieſer Beziehung we⸗ gen Ihrer freigebigen Gaſtfreundlichkeit zu noch innigerem Danke verbunden, Herr Jonas, allein mir fällt in der That Niemand bei, den ich Ihnen für dieſen Zweck vor⸗ zuſchlagen wüßte.“ „Dann iſt mir's auch recht,“ verſetzte Jonas;— „Sie und ich, nebſt Chuffey und dem Doktor werden gerade eine Kutſche füllen. Den Doktor müſſen wir da⸗ 5* 68 bei haben, Pecksniff, weil er weiß, wie die Sache ging und daß es nicht meine Schuld war, daß er ſtarb.“ „Wo iſt denn unſer lieber Freund, Herr Chuffey?“ fragte Pecksniff, indem er ſich im Zimmer umſah und mit beiden Augen zugleich blinzelte, ſintemalen ihn ſein Gefühl übermannte. Hier wurde er indeſſen von Frau Gamp unterbrochen, die ſich ihres Hutes und Halstuches entledigt hatte und Holter⸗Polter ins Zimmer hereinſtürzte, und mit ziem⸗ licher Beſtimmtheit und nicht ohne Aerger eine Unter⸗ redung vor der Thüre mit Herrn Pecksniff zu begehren. „Was Sie mir zu ſagen haben, könnten Sie auch hier äußern, Frau Gamp!“ ſprach der beſagte Herr mit einem höchſt ſchwermüthigen Kopfſchütteln. „Ich darf freilich nicht viel ſagen, wenn die Leute um die Todten und Hingeſchiedenen trauern,“ ſprach Frau Gamp;—„was ich aber jetzt zu ſagen habe, iſt gewiß nicht böſe gemeint und darf deßhalb auch nicht näher in Erwägung gezogen werden. Ich bin meiner Zeit an vielen Orten geweſen, meine Herren, und kenne hoffent⸗ lich meine Pflicht und weiß auch, wie ich ihr nachkom⸗ men muß; wenn ich es daher jetzt nicht wüßte, müßte es ja höchſt ſonderbar erſcheinen, und einem ſolchen Herrn wie Herrn Mould, der die höchſten Familien im Lande beſtattet und zur höͤchſten Zufriedenheit bedient hat, zum Vorwurf gereichen, mich ſo zu empfehlen, wie er thut. Ich habe ſelbſt ziemlich viel Mühe und Noth erlebt,“ ſprach Frau Gamp und legte ſteigenden Nachdruck auf ihre Worte,„denn ich weiß nur allzu gut, wie Einem unter ſolchen Umſtänden zu Muthe iſt, ich bin kein Reuße und kein Preuße, allein ich kann's nicht ertragen, daß man Spione über mich ſetzt.“ Bevor es noch möglich war, der höchlich entrüſteten Frau Gamp eine Antwort auf ihre Vorſtellung zu ge⸗ ben, fuhr ſte mit immer röther werdendem Antlitz fort: „Ich verſichere Sie, meine Herren! es iſt keine leichte Sache für eine Wittfrau, ſich durch's Leben zu —„es iſt ſogar nur im Intereſſe ſolcher Leute, und ge⸗ 69 ſchlagen,— zumal, wenn Einen manchmal die Gefühle ſo ſehr überwältigen, daß man nur ſeinen baaren Ver⸗ luſt dabei hat, und gar keinen Erſatz mehr dafür be⸗ kommt. Allein auf welche Weiſe man auch immer ſein Brod verdienen mag, hat doch Jedermann ſeine eigen⸗ thümliche Regeln und Gewohnheiten, die nicht übertreten werden dürfen. Manche Leute,“ fuhr Frau Gamp fort, indem ſie ſich dabei abermals hinter ihr Hauptbollwerk verrammelte, als ob dieſes durch menſchlichen Scharfſtun durchaus nicht angegriffen werden könnte,—„andere wieder mögen Reußen, andere Preußen ſeyn,— je nun, ſte ſind einmal ſo geboren und gefallen ſich darin; die⸗ jenigen Leute aber, die eine andere Natur haben, müſſen auf ganz verſchiedene Weiſe denken.“ „Wenn ich die gute Frau recht verſtehe,“ ſagte Herr Pecksniff zu Jonas,—„ſo genirt ſie der alte Herr Chuffey; ſoll ich ihn nicht lieber herunterbringen?“ „Allerdings, wenn Sie die Güte haben wollen,“ beeſedie Jonas;„ich war eben im Begriff, Ihnen zu ſagen, daß er droben ſey, als die gute Frau hier herein⸗ trat, ich würde ſelbſt hinaufgehen und ihn herunterholen, allein— es wäre mir doch lieber, wenn Sie die Güte hätten, hinaufzugehen und mir die Mühe abnähmen.“ Herr Pecksniff entfernte ſich alsbald, in Begleitung der Frau Gamp, die ſich plötzlich beſchwichtigte, als ſie ſah, daß Pecksniff eine Flaſche und ein Glas vom Wand⸗ ſchranke herabnahm und mit hinauftrug. „Ich bin überzeugt,“ ſagte ſte,—„daß, wenn es nicht um ſeines eigenen Glücks willen wäre, mir nichts mehr daran läge, daß er anweſend ſey, als ob er eine Fliege wäre, allein Leute, die daran nicht gewöhnt ſind, müſſen hinterdrein ſtets ſo viel darüber nachdenken, daß es ein wahrer Gefallen für ſie iſt, wenn man ihnen nicht ihren Willen laͤßt. Es iſt ſogar,“ ſetzte Frau Gamp vermuthlich in Beziehung auf verſchiedene Redeblumen, mit denen ſie Herrn Chuffey bereits beſtreut hatte, hinzu; 70 ſchieht nur, um ſie aufzuwecken, wenn man mit ihnen ſchimpft.“ So viel iſt indeß gewiß, daß, was für Prädikate ſie auch immer dem alten Commis ertheilt hatte, es ihr nicht gelungen war, ihn aus ſeinem Sinnen aufzurütteln. Er ſaß neben dem Bett noch immer in demſelben Stuhle, den er die vorige Nacht über eingenommen hatte, die Hände vor der Bruſt gefaltet und ſein Haupt darüber herabgebeugt. Als ſie eintraten, blickte er weder auf, noch gab er überhaupt irgend ein Zeichen von Bewußt⸗ ſeyn von ſich, bis ihn Herr Pecksniff beim Arme nahm und rüttelte, worauf er wehmuthig aufſtand. „Siebenzig Jahre!“ murmelte Chuffey;—„ſteben⸗ zig Jahre und ſchon ſterben zu müſſen!— Manche Leute ſind ſo ſtark, daß ſie achtzig Jahre und drüber erleben. Ach! ach! warum erlebte er nicht auch, ſeine achtzig Jahre und drüber!—“ „Du lieber Gott! Der Kummer macht den armen Menſchen noch ganz närriſch,“ rief Frau Gamp, indem 'ſte ſich die Flaſche und das Glas zu Gemüth ährte „Warum mußte er vor ſeinem alten gebrechlichen Diener in die Grube fahren,“ fuhr Chuffey fort und ſchlug mit kummervollem Blicke die Hände über dem Kopfe zuſammen;—„was ſoll aus mir werden, wenn man auch ihn von mir wegnimmt?“ „Sie haben ja noch Herrn Jonas, mein lieber Herr! Mein guter Freund, Herr Jonas, bleibt Ihnen ja noch.“ „Ich liebte ihn,“ rief der alte Mann weinend;— „er wollte mir ſtets von Herzen wohl, wir lernten Tara und Rabatt mit einander in der Schule, und ich über⸗ holte ihn einmal im Rechnen um ſechs Knaben, Gott verzeihe mir's, daß ich das Herz hatte, ihn hinunterzu⸗ ſtechen!“ „Kommen Sie, Herr Chuffey, kommen Sie mit mir! bieten Sie Ihre Kraft auf, Herr Chuffey!“ rief Pecks⸗ niff und erfaßte den Alten beim Arme. 71 „Ja, ich will mitgehen,“ verſetzte der alte Mann; —„ja, ja, ich will meine Kräft aufbieten. Ach, Herr Chuzzlewit und Sohn, Ihr leibhaftiger Sohn, Herr Chuzzlewit, Ihr leibhaftiger Sohn, Sir!“ Er ergab ſich in die Führung des Herrn Pecksniff, und ließ ſich, nachdem er wieder in ſeine gewöhnliche Unthätigkeit verfallen war, ruhig hinwegbringen, Frau Gamp aber ſetzte ſich auf einen Stuhl, nahm die Flaſche auf das eine Knie und das Glas aufs andere, und ſchüt⸗ telte längere Zeit den Kopf, bis ſie endlich, vermuthlich nur in einem Moment der Gedankenloſigkeit, ein Glas voll Brantwein einſchenkte und an ihre Lippen ſetzte. Dieſem folgte ſogleich ein zweites, ſogar auch noch ein drittes, und ſie ſchlug hierauf ihre Augen— ſey es nun aus Betrübniß über die Betrachtungen über Leben und Tod, denen ſie ſich hingab, oder aus Bewunderung über die Qualität des Brantweins, ihre Augen dermaßen empor, daß nur noch das Weiße von ihnen ſichtbar wurde, nichts deſto weniger ſchüttelte ſie aber nach wie zuvor ihren Kopf. 3 Der arme Chuffey wurde nach ſeinem gewohnten Eckchen geführt, und verblieb hier ſtumm und ruhig, nur daß er in langen Zwiſchenräumen hie und da wieder aufſtand, im Zimmer umherwankte und die Hände rang oder plötzlich einen lauten ſeltſamen Weheruf ausſtieß. Eine ganze Woche lang blieben ſie alle drei um den Herd verſammelt ſitzen, und verließen niemals, auch nur für einen Augenblick, das Haus. Herr Pecksniff wäre gerne manchmal Abends ausgegangen, allein Jo⸗ nas drang ſo ſehr in ihn, er ſolle ihn nicht allein laſſen, daß er dieſen Gedanken aufgab, und ſo ſaßen ſie denn von Morgen bis in die Nacht, ohne irgend eine Erho⸗ lung oder Beſchäftigung, in dem dunkeln Zimmer bei⸗ ſammen und brüteten über den Tod des Alten. Das Gewicht deſſen, der in dem fürchterlichen Leichen⸗ gemach droben ſteif und ſtarr auf ſeinem letzten Ruhe⸗ bette lag, drückte ſo mächtig auf Jonas hernieder, daß 72 er unter dieſer Laſt beinahe zuſammenbrach. Während der ganzen langen Friſt jener ſieben Tage und ſieben Nächte bedrängte und ängſtigte ihn ſtets das fürchterliche Bewußtſeyn ſeiner Anweſenheit im Hauſez wenn die Thüre knarrte, ſtierte er mit bleichen Wangen und ent⸗ ſetztem Auge nach ihr hin, als ob er in allem Ernſte glaube, daß geſpenſterhafte Finger die Thuürklinke beweg⸗ ten. Machte irgend ein Luftzug das Feuer kniſtern, ſo ſchielte er voll Entfſetzen über ſeine Schulter, als fürchte er beinahe, irgend ein verhülltes Geſpenſt zu erſchauen, das in ſeinem fürchterlichen Gewande das Feuer fächle. Das mindeſte Geräuſch jagte ihm jähen Schauder ein und als er einmal in der Nacht Fußtritte ober ſich hörte, rief er überlaut: der todte Greis trample jetzt Trab! Trab! um ſeinen Sarg her. Die Nacht verbrachte er gewöhnlich auf einer Matratze, die man im Wohnzimmer auf den Fußboden gelegt hatte, da man ſein eigenes Schlafzimmerchen Frau Gamp angewieſen und auch Herrn Pecksniff auf gleiche Weiſe untergebracht hatte. Das Geheul eines Hundes vor dem Hauſe erfüllte ihn mit einem Entſetzen, das er nicht zu verhehlen vermochte. Er vermied es, dem Wider⸗ ſchein des Lichtes, das droben in der Todtenkammer brannte, auf den Fenſtern des gegenüberliegenden Hauſes zu begegnen, nicht anders, als wäre es ein zürnendes Todesauge geweſen. In jeder Nacht erwachte er mehr⸗ mals aus ſeinem unruhigen Schlummer und blickte ſich ſehnſüchtig nach der Morgendämmerung um; alle Auf⸗ träge und Vorbereitungen, ja ſelbſt die Anordnung des täglichen Speiſezettels uͤberließ er Herrn Pecksniff. Dieſer ausgezeichnete Herr mochte wohl die Anſicht hegen, daß ein Leidtragender ganz beſondern Troſt und ausnehmende Behaglichkeit bedurfe, und daß man ihm durch eine ordentliche, wohlbeſetzte Tafel den wichtigſten Dienſt leiſte, weßhalb er ſich denn auch dieſe Gelegenheit zu Nutz machte, um die ganze Zeit über die Tafel mit lauter Leckerbiſſen zu verſehen. Zuckerbrod, Nierenbraten, 73 Auſtern und andere leichte Nahrungsmittel bildeten jedes⸗ mal das Abendeſſen, wobei denn natürlich, zumal wenn apetitliche und reinliche Näpfe voll heißen Punſches die Collation begleiteten, Herr Pecksniff ſolche moraliſche Reflexionen und Troſtgründe für das Gemüth zum Beſten gab, daß ſie ſogar einen Heiden hätten bekehren müſſen, zumal wenn ihnen die engliſche Sprache nicht recht geläu⸗ fig geweſen wäre. 5 Herr Pecksniff erging ſich aber nicht allein während dieſer trübſeligen Zeit in derartigen fleiſchlichen Genüſſen, denn es ergab ſich, daß auch Frau Gamp hinſichtlich der Koſt ſehr lecker war und ein Hammelsragout mit Ver⸗ achtung abwies. Was das Trinken anbelangt, ſo war ſie ebenfalls ſehr pünktlich und empfindlich und verlangte nicht nur eine Pinte milden Porter zum Gabelfrühſtück, eine Pinte über Tiſch, eine andere halbe Pinte als eine Art von Stärkung oder Vesper zwiſchen dem Mittageſſen und dem Thee und bei der Abendmahlzeit eine Pinte vom ſtärkſten Ale, ſondern man mußte ihr auch noch die Flaſche auf den Kaminſims ſtellen und zeitweilig ſo zahl⸗ reiche Einladungen an ſie ergehen laſſen, ſich mit ein paar Gläschen Wein zu erquicken, als dies nur immer gute Lebensart ihrem dermaligen Brodherrn einzugeben vermochte; auf dieſe Weiſe erachteten es auch Herrn Moulds Leute für nöthig, ihren Kummer wie ein junges Kätzchen am Morgen ihres Daſeyns zu erſäufen und ſie benebelten ſich aus dieſem Grunde gewöhnlich, ehe ſie an irgend eine Arbeit gingen, damit ſie eher ihre Faſ⸗ ſung ſich erhielten und die Eraltation, in welche ſie ver⸗ ſetzt wurden, nicht zu nachtheilig auf ihre Geſundheit einwirke, kurzum— dieſe ganze außerordentliche Woche war eine ſtete Reihe unheimlicher Luſtigkeit und betrüb⸗ ten Genuſſes und Jedermann, mit Ausnahme des alten Chuffey, der in den Bereich des Schattens von Anton Chuzzlewits Grabe kam, that ſich gütlich wie ein Ghule. Endlich kam der Tag des Begräbniſſes mit all ſeinen frommen, kindlich treuen und aufrichtigen Ceremonien 74 heran.— Herr Mould lehnte ſich an den Schreibpult in dem kleinen Glasverſchlage neben dem Wohnzimmer, hielt mit der einen Hand ein Glas edlen Portweins liebäugelnd gegen das Licht und in der müßigen Linken ſeine goldne Uhr, während er ſich mit Frau Gamp unterhielt; zwei Stumme waren an der Hausthüre auf⸗ geſtellt und blickten ſo trübe und traurig drein, als ſich nur immer vernünftigerweiſe von Leuten erwarten ließ, die ein ſo profitables Geſchäftchen zu machen im Begriffe waren. Saͤmmtliches Perſonal von Herrn Moulds Inſti⸗ tute war in dem Hanſe oder vor demſelben aufgeboten und hatte ſeinen Dienſt bezogen; Federbüſche wallten und wogten, Roſſe ſchnaubten, Sammt und Seide flat⸗ terten;„es war,“ wie Herr Mould mit beſonderem Nachdrucke bemerkte,„Alles aufgeboten, was nur immer für Geld zu haben war.“ „Was kann denn einer mehr thun, Frau Gamp!“ rief der Leichenbeſtatter, als er ſein Glas geleert hatte, und die Lippen darnach ſchmatzte. „Wahrhaftig!“ verſetzte ſie,—„es könnte unmög⸗ lich mehr geſchehen.“ „Sie haben Recht, Frau Gamp! es könnte unmög⸗ lich mehr geſchehen,“ wiederholte Herr Mould;—„ſagen Sie mir aber doch, Frau Gamp,“ fuhr er fort, indem er von Neuem ſein Glas füllte,„warum die Leute mehr Geld auf einen Todesfall als auf eine Kindtaufe ver⸗ wenden? Das ſchlägt ja in Ihr Fach, Sie müſſen's alſo wiſſen. Wie wollen Sie mir das erklären?“ „Es geſchieht vielleicht, weil das Geld, das man dem Leichenbeſtatter bezahlt, ſich beſſer verintereſſirt, als das, welches man der Amme geben muß, Sir,“ verſetzte Frau Gamp klichernd und glättete wohlgefällig mit beiden Händen die Falten ihres neuen ſchwarzen Anzugs. „Ha, ha, ha!“ lachte Herr Mould;—„man merkt doch, Frau Gamp, daß Sie heute Morgen auf Unrechts⸗ koſten gefrühſtückt haben!“ Da er jedoch mittelſt eines kleinen Raſirſpiegels, 1 b 75 der ihm gegenüber an der Wand hing, die Wahrnehmung machte, daß er ebenfalls ſehr heiter dreinblickte, legte er alsbald wieder ſein Geſicht in ernſte Falten und blickte kummervoll drein. „Es iſt mir ſchon manch liebes Mal paſſirt, daß ich nicht mehr auf eigene Koſten gefrühſtückt habe, ſeit Sie mir Ihre gütige Empfehlung angedeihen ließen,“ verſetzte Frau Gamp mit einem entſchuldigenden Bück⸗ ling;—„und ſo Gott will, ſoll dieſe Gelegenheit noch oft für mich wiederkehren.“ „Es ſey drum, wenn der liebe Gott will!“ verſetzte Herr Mould;—„Sehen Sie, Frau Gamp, ich will Ihnen das Räͤthſel löſen, das ich Ihnen vorhin aufge⸗ geben habe, es geſchieht einfach nur darum, daß der Geldaufwand bei einem wohlgeordneten Inſtitute, wo Alles im beſten Maßſtabe verbracht und vollzogen wird, dem gebrochenen Herzen Troſt gewährt und Balſam in die verwundete Seele gießt. Wenn aber Leute ſterben, brauchen die Herzen gewiſſermaßen einen Verband und die Seelen bedürfen des Balſams, was bei der Geburt eines Menſchen nicht der Fall iſt. Faſſen Sie einmal den Herrn in's Auge, mit dem wir heute zu thun haben— Laſſen Sie uns ihn betrachten.“ „Ein höchſt freigebiger Herr!“ rief Frau Gamp mit einem wahren Enthuſiasmus. „Nicht doch, nicht doch!“ verſetzte der Leichenbe⸗ ſtatter;—„das meine ich nicht, er war im Allgemeinen nichts weniger als freigebig. Darin thun. Sie ihm ſchreiendes Unrecht, aber ein ſehr betrübter Herr iſt er, ein liebevoller Herr, der ſich darauf verſteht, was man mit Geld ausrichten kann, indem er ſich damit Troſt gewährt und ſeine Liebe und Hochachtung für den Seligen dadurch an den Tag legt. Mit Geld,“ fuhr Herr Mould fort, indem er ſeine Uhrkette langſam im Kreiſe ſchwenkte, ſo daß er bei jedem Artikel ſeiner Rede einen Zirkel be⸗ ſchrieb,„mit Geld kann er ſich vier Pferde an jeden Wagen verſchaffen, kann ſich ſammtne Bahrtücher beſtel⸗ 76 len, kann ſich Kutſcher in Tuchmänteln und Stulpen⸗ ſtiefeln beſorgen, kann ſich Federbüſche von ſchwarz ge⸗ färbten Straußenfedern verſchaffen, kann ſich eine Anzahl fußgehender Diener, ſämmtlich nach der neuſten Mode, bei Leichenbegängniſſen bekleidet und mit Ebenſtäben in den Händen beſtellen, kann ſich ein ſchönes Grabmal er⸗ kaufen, ja, kann ſich ſogar einen Platz in der Weſtmünſter⸗ abtei ſelber verſchaffen, wenn er das Geld zu einem ſolchen Kaufe nicht ſpart.— Ja, meine liebe Frau Gamp! laſſen Sie ſich ja nicht glauben machen, daß Gold nur eine Chymäre ſey, wenn man ſich derartige Dinge damit erkaufen kann.“ „Du lieber Gott, Sir!“ rief Frau Gamb,„was für ein Segen iſt's, daß es Leute gibt, wie Sie, die alle dieſe Sachen für Geld herbeiſchaffen oder vermiethen.“ „O ja, Frau Gamp! Sie mögen Recht haben,“ er⸗ wiederte Herr Mould;—„man ſollte unſern Beruf beſonders verehren, denn wir thun insgeheim Gutes und erröthen, wenn wir es in unſern kleinen Rechnungen aufzählen müſſen. Wie groß mag nur der Troſt ſeyn, den ich— ich darf wohl ſagen ich!“ rief Herr Mould wahrhaft begeiſtert,—„ſchon unter meinen Mitmenſchen mittelſt meiner vier langſchwänzigen Rappen verbreitet habe, die ich nie unter zehn Pfund, zehn Schillinge ein⸗ ſpannen laſſe.“ Frau Gamp war eben im Begriff, eine entſprechende Antwort zu geben, als ſie durch das Erſcheinen eines der Gehülfen des Herrn Mould— ſeines Hauptleid⸗ tragenden und Leichenzugführers— unterbrochen wurde; eines fetten, unterſetzten Kerls, deſſen Weſte in innigerem Zuſammenhange mit ſeinen Beinen ſtund, als ſich mit den einmal beſtehenden Begriffen von Anmuth füglicher⸗ weiſe vereinbaren läßt und deſſen Geſichtszüge mit einem Vorſprunge von jener Gattung geſchmückt waren, die man ſinnbildlicherweiſe eine Kupfernaſe nennt und von der ſich, wie von dem Focus eines Brennſpiegels, dunkel⸗ glühende Finnen ſtrahlenweiſe über das ganze Geſicht — A · N — ½ — ₰ — 8— K g 5 N — S8— — D 8N — N8 77 hin ausbreiteten. Vor Zeiten war beſagter Mann ein⸗ mal ein zartes Pflänzchen geweſen, allein der ſtete Aufent⸗ halt in der fetten Atmoſphäre der Leichenbegängniſſe war Schuld daran geworden, daß er jetzt in Samen geſchoſ⸗ ſen war.“ „Nun Tacker!“ rief Herr Mould;—„iſt drunten Alles in Bereitſchaft?“ „Es gibt ein herrliches Schauſpiel,“ verſetzte Tacker; „die Pferde gebärden ſich friſcher und muthiger als ich, ſie je geſehen habe und ſchütteln wahrlich die Köpfe, als ob ſie wüßten, wie viel ihre Federn koſten. Eins, zwei, drei, vier,“ fuhr Herr Tacker, indem er beſagte rirzahl ſchwarzer Tuchmäntel auf ſeinen linken Arm egte. 3 „Iſt Tom ſchon mit dem Kuchen und dem Weine da?“ fragte Herr Mould weiter. „Er wartet nur auf den Wink, hereinkommen zu dürfen,“ entgegnete Tacker. „Nun denn,“ verſetzte Herr Mould, indem er ſeine Uhr einſteckte und mittelſt ſeines kleinen Raſirſpiegels noch einmal ſein eigenes Geſicht muſterte, um ſich zu überzeugen, daß ſein Geſicht den rechten Ausdruck habe; „ich dächte nun, wir gingen an's Geſchäft. Gebt mir das Papier mit den Handſchuhen, Tacker!— Ach, was für ein Mann war er doch! Ach Tacker, Tacker! was war das für ein Mann!“ Heerr Tacker war in Folge ſeiner großen Erfahrung, die er bei der Ausführung von Leichenbegängniſſen ge⸗ ſammelt hatte, ſo weit gekommen, daß er einen ausge⸗ zeichneten Schauſpieler für die Pantomimen abgegeben hätte. Er blinzelte jetzt Frau Gamp zu, ohne dem Ernſt ſeines Geſichts dadurch auch nur im mindeſten Ein⸗ trag zu thun und folgte ſeinem Brodherrn in's nächſte Zimmer. Es war für Herrn Mould ein Hauptanliegen und kein unbeträchtlicher Theil ſeines gewerbsmäßigen Taktes, daß er ſich das Anſehen gab, als kenne er den Arzt nicht, 8* 78 obwohl ſie in der That die nächſten Nachbarn waren und ſehr oft, wie in gegenwärtigem Falle, einander in die Hände arbeiteten. Er trat deßhalb mit ſo unbefan⸗ gener Miene auf ihn zu, um ihm ſeine ſchwarzen Glace⸗ handſchuhe einzuhändigen, als ob er ihn in ſeinem ganzen Leben niemals geſehen habe, während der Doktor ſeiner Seits ſo wildfremd und unerfahren dreinblickte, als ob er wohl von Leichenbeſtattern gehört und geleſen habe, auch wohl ſchon an ihren Läden vorüber gekommen ſey, allein in ſeinem ganzen Leben nie zuvor mit einem dieſer Herren in Berührung gekommen ſey. „Ah! ſo Handſchuhe?“ ſagte der Doktor—„bitte, Herr Pecksniff, wählen Sie zuerſt.“ „Ei behüte,“ verſetzte Herr Pecksniff,—„das würde ſich gar nicht ſchicken, Sie ſind ſehr gütig,“ und las ſich ein Paar aus—„nun ja, Sir, wo blieb ich doch gleich ſtehen?— Ach, ja! ich wurde alſo um halb zwei Uhr Nachts aus dem Bette gerufen, um dieſen Fall zu be⸗ handeln.— Ah ſo! Kuchen und Wein? Welches davon iſt Portwein? Ich danke Ihnen.“ Herr Pecksniff griff ebenfalls zu. „Um halb zwei Uhr Morgens alſo,“ fuhr der Doktor fort,—„wurde ich aus dem Bett geklopft, um dieſen Fall zu behandeln: beim erſten Ton der Nachtglocke ſprang ich aus dem Bette, ſtieß das Fenſter auf und ſteckte den Kopf hinaus.— Ah ſo! den Mantel? Bin⸗ den Sie ihn nur nicht zu feſt, ſo, ſo! das wird recht ſeyn.“ Als Herr Pecksniff gleicherweiſe in ein ähnliches Kleidungsſtück gekrochen war, nahm der Doktor von Neuem ſeine Erzählung auf. „Ich ſtreckte meinen Kopf zum Fenſter hinaus.— Ah ſo den Hut? Heda! guter Freund, das iſt nicht der meinige. Herr Pecksniff, ich bitte tauſendmal um Vergebung, allein ich denke, wir haben auf die unab: ſichtlichſte Weiſe unſern Hut verwechſelt. Ich danke n—O————BSlS—S—lylt t/¼. „ 79 Ihnen, Sir. Nun ja, Sir, ich wollte Ihnen alſo ſagen.... „Nun ſind wir ganz fertig,“ unterbrach ihn Mould mit gedämpfter Stimme. „Ah, ſo! wir ſind fertig,“ ſagte der Doktor;— „ſchon recht, Herr Pecksniff; ich werde mir erlauben, Ihnen den Reſt meiner Erzählung im Wagen zu erzählen. Auf mein Wort, ein höchſt intereſſanter Fall! Wir ſind alſo fertig, nicht wahr? Wir haben doch hoffentlich keinen Regen zu befürchten?“ „Das ſchönſte Wetter, Sir!“ verſetzte Mould. „Ich fürchtete beinahe, der Boden werde recht feucht ſeyn,“ fuhr der Doktor fort,„mein Wetterglas fiel geſtern bedeutend. Wir dürfen uns gratuliren, daß wir ſo viel Glück haben.“ Als er bei dieſen Worten inne wurde, daß Herr Jonas und Chuffey gerade aus der Thüre traten, hielt er ein weißes Taſchentuch vor's Geſicht, als ob ein plötz⸗ licher Ausbruch des Kummers ihn überwältige; und folgte ihnen an Herrn Pecksniffs Seite die Treppe hinab, Herr Mould und ſeine Leute hatten in der That keine über⸗ triebene Schilderung von der Großartigkeit der Zurüſtun⸗ gen gemacht, denn ſie waren über die Maßen prächtig. Die Pferde von dem Viergeſpann des Leichenwagens ſchnaubten und bäumten ſich in der That ganz ausneh⸗ mend und zeigten die höchſte Aufregung, als ob ſie wüßten, daß jetzt ein Menſch wieder geſtorben ſey, und als ob ſie darüber triumphirten. Sie dreſſiren uns, ſie ſpannen uns in den Wagen, ſie reiten uns— ſie mißhandeln und quälen und verſtümmeln uns zu ihrem Vergnügen, allein ſie ſterben, ſie ſterben— Hurrah! ſie ſterben. So ging Anton Chuzzlewit's Leichenzug durch die engen Straßen und gewundenen Gäßchen der City und Herr Jonas ſchielte hie und da verſtohlen zum Kutſchenfenſter hinaus, um ſich von dem Effekt zu uberzeugen, den der entfaltete Pomp auf die verſammelte Menge ausübe. Herr Mould aber horchte unterwegs mit kühlem Stolze auf den Beifallsruf der ſtehenbleibenden Zuſchauer; der Doktor flüſterte ſeine Erzählung Herrn Pecksniff zu, ohne anſcheinend dem Ende derſelben näher zu kommen und der alte Chuffey ſchluchzte vergeſſen in ſeiner Ecke. In einem frühern Stadium der Leichenfeierlichkeit hatte er Herrn Mould nicht wenig damit geärgert, daß er ſein Taſchentuch gegen alle Kleiderordnung im Hute trug und die Augen mit den Handknöcheln abwiſchte. Sein Betragen hatte Herrn Mould ſo ungeziemend und einer ſolchen Gelegenheit unwürdig erſcheinen wollen, daß er die Aeußerung nicht unterdrücken konnte, man hätte den alten Hausnarren gar nicht mitnehmen ſollen. Aber da war er nun einmal und blieb auch auf dem Kirchhofe anweſend, wo er ſich auf eine nichtemin⸗ der ungebührliche Weiſe aufführte, indem er ſich auf Herrn Tacker ſtützte, der ihm unumwunden geſtand, daß er, Chuffey, für nichts Anderes paſſe als für eine fuß⸗ gehende Leiche; allein Chuffey— Gott helfe ihm— hörte keinen anderen Ton, als die in ſeinem eigenen Herzen wiederhallenden Echos, einer Stimme, die für immer verſtummt war.. „Ich liebte ihn,“ rief der alte Mann und ſank auf das Grab hernieder, als Alles vorüber war;„er war ſtets ſo wohlwollend gegen mich— o mein guter, lieber alter Freund und Brodherr!“ „Kommen Sie, kommen Sie! Herr Chuffey!“ ſprach⸗ der Doktor,„das ſchickt ſich nicht Herr Chuffey, der Bo⸗ den enthält viel Thonerde. Kommen Sie, Herr Chuffey, Sie müſſen das in der That unterlaſſen. Wenn wir den allergewöhnlichſten Leichenzug gehabt hätten, meine Herrn, und Herr Chuffey wäre einer der Sargträger geweſen, könne er ſich nicht ſchlimmer aufführen als jetzt,“ ſprach Herr Mould und warf einen flehentlichen Blick auf die Umſtehenden, als er ihnen Beiſtand leiſtete, den alten Mann vom Grabe empor zu ziehen. „Ermannen Sie ſich, Herr Chuffey!“ rief Herr Pecksniff. 81 „Zeigen Sie ſich als Mann von Stande!“ flüſterte Herr Mould. „Auf mein Wort, beſter Freund!“ murmelte der Doktor in einem Tone ſehr ernſten Tadels, als er an die Seite des alten Mannes trat;—„das iſt ſchlimmer als eine Ohnmacht, Herr Chuffey, es iſt höchſt unge⸗ ziemend, ſelbſtfüchtig und unrecht, Herr Chuffey! Sie ſollten ſich an Andern ein Beiſpiel nehmen, guter Sir! Sie vergeſſen, daß Sie auch durch Bande des Blutes mit unſerem ſeligen Freunde verwandt waren, und daß er einen ſehr nahen und ſehr theuren Verwandten be⸗ ſaß, Herr Chuffey.“ 4 „Ja, ja, ſeinen Sohn,“ rief der alte Mann, und ſchlug die Hände mit ausnehmender Wehmuth zuſam⸗ men;—„ſeinen einzigen, eigenen, leiblichen Sohn.“ „Sie wiſſen, es iſt bei ihm nicht recht im Kopfe,“ rief Jonas erbleichend;—„Sie werden doch keinen Werth auf das legen, was er ſchwatzt, denn mich ſollte nicht wundern, wenn er irgend einen unbegreiflichen Unſinn zum Beſten gebe. Kümmern Sie ſich doch nicht um ihn, meine Herrn, ich thue es ja auch nicht. Mein Vater überantwortete ihn meiner Pflege und das iſt genug; was er auch thun oder ſagen mag, werde ich mich doch ſeiner annehmen.“ Ein Murmeln der Bewunderung erhob ſich unter der ſämmtlichen Leichenbegleitung(Herrn Mould und ſeine luſtigen Leute mit eingeſchloſſen) über dieſes neue Beiſpiel von Großmuth, Edelſinn und kindlichem Ge⸗ horſam, von Seiten des Herrn Jonas. Herr Chuffey ſetzte ſie indeß nicht ferner auf die Probe, äußerte kein Wörtchen mehr und ſchlich, nachdem man ihn eine Weile ſich ſelbſt überlaſſen hatte, wieder nach der Kut⸗ e zurück. 1 Wir haben bereits angeführt, daß Herr Jonas er⸗ blaßte, als das Betragen des alten Commis die allge⸗ meine Aufmerkſamkeit auf ſich lenkte; ſein Schreck war Boz, Chuzzlewit. III, 6 82 indeß nur augenblicklich und er erholte ſich bald wieder davon, dies warjedoch nicht die einzige Veränderung, welche an dieſem merkwürdigen Tage an ihm bemerkbar wurde. Herrn Pecksniſſs neugieriger Blick hatte be⸗ merkt, daß es mit Jonas ſchon beſſer zu⸗ en begann, ſobald ſie das Trauerhaus im Rückengal es war ihm ferner nicht entgangen, daß er in den Maßſtabe wie die verſchiedenen Ceremonien allmählig abgewickelt wurden, auch ſeiner alten Stimmung wieder Herr wurde, ſein altes Ausſehen, ſein altes Betragen, ſeine früheren charakteriſtiſchen Annehmlichkeiten in e nieren wieder erlangte, und ſich wieder in ſein früheres angenehmes à Und nun, wo ſie wieder auf dem He r Kutſche ſaßen und noch mehr als ſie erſt d t anlangten und die Fenſter offen fanden, damit Licht und Luft freien Zutritt habe, und alle Spuren des letzten verhängniß⸗ vollen Unfalles verwiſcht ſahen, war Herr Pecksniff auf einmal ſo vollſtändig überzeugt, daß Jonas wieder der alte Jonas, wie er ihn eine Woche früher gekannt und nicht mehr der Jonas aus der Zwiſchenzeit war, daß er freiwillig und ohne einen weiteren Verſuch, ſie ferner auszuüben, die ihm jüngſt übertragene Würde aufgab und mit einem Mal wieder in ſeine frühere Lage und Stellung als beſcheidener demüthiger Gaſt zurücktrat. Frau Gamp kehrte noch am ſelben Abende zu ihrem Vogelabrichter nach Hauſe zurück und wurde in der Nacht darauf wiederum herausgepocht, um der Ge⸗ burt eines Zwillingspaares anzuwohnen. Herr Mould nahm ein frohes Mahl im Schoße ſeiner Familie 28 und verbrachte den Abend luſtig in ſeinem Klubb. Nac dem der Leichenwagen längere Zeit vor der Thür eines lärmenden Wirthshauſes gewartet hatte, kehrte er mir den Federn in ſeinem Innern und zwölf Leichenbeſtat⸗ tersgehülfen mit verſoffenen Geſichtern auf dem Dache* in ſeine Remiſe zurück und jeder dieſer Burſchen mußte ſich unterwegs an einem der ſchmutzigen Pflöcke halten — 83 woran bei prunkhaften Gelegenheiten die wallenden Federbüſche befeſtigt wurden. Die verſchiedenen Ge⸗ wäͤnder und Traperien des Kummers wurden ſorgfältig in Schränke und Preſſen gelegt, bis eine neue Gele⸗ genheit zu ihrer Vermiethung ſich ergab. Die feurigen Stuten wurden zur Tränke geführt und dann höchſt be⸗ ruhigt in ihre Ställe zurück gebracht. Der Doktor begab ſich zu einem luſtigen Hochzeitſchmauſe und er⸗ tränkte die Erinnerung an ſeine Geſchichte, die er nie zu Ende zu bringen vermocht hätte, in Wein und der prächtige Pomp, der wenige Stunden zuvor entfaltet worden war, ſtand nirgends ſo ausführlich und leſerlich aufgezeichnet, als in den Büchern des Leichenbeſtatters. Auch nicht auf dem Kirchhofe? Nein, auch hier nicht, das Gitterthor wurde ver⸗ ſchloſſen, die Nacht war feucht und düſter und ein leiſer Regen rieſelte ſtill auf die hier wuchernden Binſen und Neſſeln hernieder. Nur ein neuer Grabhügel war hier, der wenigſtens in der letzten Nacht hier nicht vorhanden geweſen war. Die Zeit, die wie ein Maulwurf unter dem Boden fortgewühlt, hatte ihre Spur dadurch be⸗ zeichnet, daß ſie von Neuem ein Häuflein Erde empor⸗ geſtoßen hatte, das war aber auch Alles. Viertes Kapitel. Enthält eine Liebesgeſchichte. .„Pecksniff!“ ſprach Jonas;— als er zu Hauſe ſhun ut abnahm, um zu ſehen, ob das Band von ſch gem Krepp um denſelben in Ordnung ſey und ihn wohlgefällig wieder aufſetzte, als er ſich davon über⸗ zeugt hatte—„Pecksniff, wie viel gedenken Sie jeder Ihrer Töch ter zur Mitgift zu geben, wenn Sie ſie ein Mal verheirathen?“ it zn d 2 6* „Beſter Herr Jonas! wie kommen Sie zu dieſer höchſt ſonderbaren Frage?“ verſetzte dieſer liebevolle Vater mit einem bedeutſamen Lächlen. „Je nun, kümmern Sie ſich nicht darum, ob die Frage ſonderbar oder überflüſſig ſey,“ verſetzte Jonas und blickte nicht mit beſonderem Beifall auf Herrn Pecksniff;—„geben Sie mir Antwort darauf oder laſſen Sie es bleiben, das Eine oder das Andere!“ „Je unn, mein lieber Freund!“ rief Herr Pecksniff und legte ſeine Hand dabei herzlich auf die Stirne ſeines Verwandten,—„dieſe Frage enthält unwillkühr⸗ lich mancherlei Rückſichten: Wie viel ich jedem von den Mädchen zur Mitgift gebe, meinen Sie?“ 4 „Ja,“ verſetzte Jonas,„wie viel Sie einer Jeden geben wollen?“ 1 „Je nun,“ entgegnete Herr Pecksniff,„das würde natürlich zum größten Theile von dem Schlage von Männern abhängen, die ſie ſich zum Ehegatten wählen würden, mein lieber junger Freund!“ Herr Jonas war augenſcheinlich aus der Faſſung gebracht und wußte nicht, wie er fortfahren ſollte. Die Antwort war höchſt paſſend und ſchien auch ſehr inhalt⸗ ſchwer zu ſeyn, allein das liegt ja nun ein Mal im Weſen der Weisheit eines ſchlichten Gemüths. Meine Anſprüche an die guten Eigenſchaften, die ich von einem Tochtermanne verlange, ſind ſehr hoch, fuhr Herr Pecks⸗ niff nach kurzer Pauſe fort;—„verzeihen Sie mir, mein lieber Herr Jonas,“ ſetzte er mit tiefer Rührung hinzu,„wenn ich Ihnen geſtehe, daß Sie mich verwöhnt, daß Sie mich gedankenvoll gemacht haben, und daß meine Anſprüche deshalb höchſt phantaſtiſch, ja, wenn ich ſo ſagen darf, prismatiſch gefärbt ſind.“ „Was wollen Sie denn damit ſagen?“ murrte Jonas und blickte ſeinen zukünftigen Schwiegerpapa mit ſtets geſteigertem Mißfallen an. In der That, mein lieber Freund!“ verſetzte Herr Pecksniff,„Sie thun wohl daran, mich zu befragen, das Herz iſt nicht immer eine ◻ᷣ königliche Münzſtatt die ſein Metall in 8⁵ mit patentirtem Maſchinengepräge, landesübliche Währung umwandelt. Manchmal wirft das Herz ſein Metall in ſeltſamen Ge⸗ ſtalten aus, die man nicht ſo leicht als Münze aner⸗ kennen würde; allein dennoch iſt es gediegenes Gold und hat wenigſtens noch dieſen einzigen Vortheil— es iſt gediegenes Gold, ſage ich.“ „Warum nicht ungläubigem Kopfſch gar!“ murrte Jonas mit höchſt ütteln.— „Ja, ja! ſo iſt's,“ fuhr Herr Pecksniff fort, den der Gegenſtand ihrer Unterredung allmählig wärmer machte;—„um un numwunden mit Ihnen zu reden, Herr Jonas, wenn ich zwei ſolcher Schwiegerſöhne finden könnte, wie Sie, ode r wie Sie eines Tages irgend einem demüthigen verdienſtlichen Mann, der eine Natur wie die Ihrige zu ſchätzen im Stande wäre, werden würden, würde ich ohne Rückſicht auf mich ſelbſt meinen Töchtern eine Mitgift zubereiten, die die äußerſte Grenze meiner Mittel erreichte.“ Dieſe Sprache war höchſt inhaltsſchwer und kräftig und mit geziemenden Ernſte vorgetragen, allein wer vermöchte ſich auch darüber verwundern, daß ein Mann, wie Herr Pecksniff, Jonas gehört hatte, Sprache über ein Th Lippen von Leichenbeſtattern mit ſamkeit bezaubert hatte! Herr Jonas ließ gedankenvoll in die in dieſem Augenblick verdecks und machten nach Allem, was er von Herrn eine ſolche kräftige und ernſte ema führte, das ſogar die profanen dem Honig der Bered⸗ kein Wörtchen verlauten und ſtierte Landſchaft hinaus, denn ſie ſaßen auf dem Rückſitz eines Poſtwagen⸗ einen Ausflug ines Land hernieder. Jonas begleitete nämlich Herrn Pecksniff in ſeine Hei⸗ math, um ſich nach ſeinen jüngſten Heimſuchungen durch eine Luftveränderung erholen. 5 „Je nun,“ ſagt und die Aufregung der Reiſe zu e er endlich mit ſo gewöhnlicher einnehmender Derbheit,„laſſen Sie uns ein Mal den 86 Fall ſetzen, Sie würden einen Mann von meinem Schlage zum Schwiegerſohne bekommen— was wären Sie als⸗ dann zu thun geſonnen?“ Herr Pecksniff betrachtete ihn zuerſt mit unaus⸗ ſprechlicher Ueberraſchung, brach aber alsdann nach und nach in eine Art melancholiſcher Lebhaftigkeit aus und verſetzte: „In dieſem Falle wüßte ich ſchon, weſſen Gatte er werden würde.“ 3 „Nun? und weſſen dann?“ fragte Jonas trocken. „Der Gatte meiner älteſten Tochter, Herr Jonas,“ verſetzte Herr Pecksniff mit feuchten Augen,„der Mann meiner lieben Cherry, meines Stabs, meiner Stütze, meines Horts, meines Augapfels, Herr Jonas; es wäre eine harte Probe für mich, allein es liegt in der Natur der Dinge. Ich weiß, daß ich ſie eines Tags ihrem künftigen Gatten abtreten muß; ich weiß es, mein lieber Freund! ich bin ſchon im Voraus darauf ge⸗ richtet.“ „Alle Wetter! ich denke, Sie könnten ſchon lange genug darauf vorbereitet ſeyn!“ ſagte Jonas. „Schon Viele haben verſucht, Sie mir zu entfrem⸗ den, aber Allen iſt es mißglückt;— ich werde nie meine Hand verſagen, Papa(das ſind ihre eigenen Worte), wenn nicht mein Herz gewonnen iſt.— Sie iſt in der letzten Zeit bei weitem nicht ſo glücklich und zufrieden geweſen, als ſie ſonſt zu ſeyn pflegte; ich kann mir den Grund davon gar nicht erklären.“ Herr Jonas ſtierte wiederum in die Landſchaft hinaus, blickte dann den Kutſcher an, muſterte das Ge⸗ päcke auf dem Verdeck des Wagens und ſttierte endlich auch Herrn Pecksniff an.. „Ich denke, Sie werden ſich nun über kurz oder lang auch von der Andern trennen müſſen,“ meinte er,— als ihre beiden Augen ſich begegneten. „Sehr wahrſcheinlich!“ verſetzte der liebevolle Va⸗ ter;—„die Jahre werden die Wildheit meines tho⸗ 87 richten Vögeleins bändigen, damit man es deſto eher in ſeinen Bauer einſperren kann. Aber Cherry, Herr Jonas, Cherry....“ 3 „Ja, ja,“ unterbrach ihn Jonas,„die Jahre haben ſie freilich bereits ſchon ruhiger gemacht, das kann Nie⸗ mand bezweifeln. Sie haben mir aber auf meine Frage noch nicht geantwortet! Sie wiſſen wohl, daß ich ſie natürlich nicht dazu zwingen kann, wenn Sie wollen, allein Sie müſſen das ſelbſt am beſten beurtheilen können.“ In dem Tone, womit Jonas dieſe Worte geſprochen, lag ſo viel mürriſcher warnender Trotz, daß Herr Pecks⸗ niff alsbald davon ermahnt wurde, ſein Freund laſſe hierin nicht mit ſich ſpaßen oder an der Naſe herum führen, und er ſehe ſich deshalb genöthigt, ihm ent⸗ weder eine unumwundene Antwort zu geben, oder ihm offen zu erklären, daß er nicht geneigt ſey, ihm über das betreffende Thema die verlangte Auskunft zu geben. In dieſem fatalen Dilemma erinnerte er ſich plötzlich der Warnung, welche ihm der alte Anton ſo zu ſagen mit ſeinem letzten Athemzug gegeben hatte, und er be⸗ ſchloß nun ſich über dieſen Punkt unumwunden auszu⸗ ſprechen. Nachdem er ſich daher dahin geäußert, daß er dieſe Mittheilung als einen Beweis ſeiner innigſten Anhänglichkeit und ſeines unbedingteſten Vertrauens betrachten müſſe, theilte Herr Pecksniff Jonas mit, daß in dem betreffenden Falle, nämlich wenn ein Mann, wie er, ſich um die Hand ſeiner Töchter bewürbe, er ſie mit einer Mitgift von 4000 Pfund ausſtatten würde. „Ich müßte mir freilich argen Zwang anthun und mich ſehr einſchränken, um dieſe Summe zuſammen zu bringen,“ war Herrn Peckniffs liebevolle Aeußerung;„al⸗ lein das würde einmal meine Pflicht ſeyn und ich würde den Lohn dafür in meinem Gewiſſen tragen. Mein Gewiſſen iſt nämlich meine Bank, worin ich meine Er⸗ ſparniſſe aufgehäuft habe, die freilich nur eine Kleinig⸗ keit betragen— eine pure Kleinigkeit, Herr Jonas— Weiſe einſchränken,“ wiederholte Herr Pecksniff,„allein 88 allein Sie dürfen mir glauben, daß ich darin einen Schatz von unnennbarem Werthe ſehe.“ Die Feinde des guten Mannes wären über dieſe Frage höchſt wahrſcheinlich in zwei Partheien zerfallen, die eine davon hätte ohne Gewiſſensbiſſe verſichert, daß, wenn Herrn Peckniffs Gewiſſen ſeine Bank ſey und er daſelbſt genaue Buchhaltung führe, das Maas ſeines „Soll“ alle menſchliche Mittel der Ausgleichung über⸗ bieten müſſe. Die andern würden ſich vermuthlich be⸗ gnügt haben, zu behaupten, daß dieſe Aeußerung des Herrn Pecksniff eine bloße Redeform ſey, ein Buch mit lauter leeren Seiten oder ein ſolches, worin alle Poſten mit einer ganz eigenen Art unſichtbarer Dinte einge⸗ tragen würde, die erſt in unbeſtimmter Zeitform lesbar würden; weßhalb er ſich damit auch nicht eben beſonde⸗ rer Genauigkeit befleißige.„Ich müßte mir wahrlich or⸗ dentlich Zwang anthun und mich auf alle mögliche 1 die Vorſehung, und ich dürfte vielleicht ſagen, eine ganz beſondere Vorſehung hat meine Bemühungen ge⸗ ſegnet und ich duͤrſte dafür bürgen, daß ich das Opfer bringen würde.“ Hierin ſteht nun freilich eine philoſophiſche Frage, ob Herr Pecksniff auch wirklich Grund genug hatte, zu ſagen, daß er in ſeinen Unternehmungen von der Vor⸗ ſehung beſonders patroniſtrt und ermuthigt werde; ſein ganzes Leben lang hatte er nämlich alle ſchmalen Gäß⸗ lein und Seitendlaͤtze des Lebens durchwandert, einen Hacken in der einen und eine Krücke in der⸗ andern Hand, um alle Arten von werthvollen Kleinigkeiten in 1 ſeine Taſchen zu fegen. Wenn nun der Fall eines Sperlings ſchon ein beſonderes Werk der Vorſehung iſt, ſo muß daraus folgen, wie Herr Pecksniff viell bicht geſchloſſen haben würde, daß auch eine beſondere Vor⸗ ſehung den Stein oder Knüpel oder jede andere Suk⸗ ſtanz führe, die nach dem Sperling geſchleudert wurde. Und da Herrn Pecksniffs Hacken und Krücke den Spert: — 89 ling gewöhnlich unfehlbar auf den Kopf zu treffen und zu erlegen pflegte, mag beſagter Herr auch auf die Muthmaßung geführt worden ſeyn, ſich für beſonders berechtigt zu erachten, Sperlinge und alle Arten andere Vögel, die er nur immer erhaſchen und erlegen konnte, einzuſacken und ſich anzueignen. Es liegt für Jeder⸗ mann klar am Tage, daß mancherlei Unternehmungen, ſowohl nationale als individuelle, inſonderheit aber die erſtern— dafür gelten, daß ſie nur durch ſpeeielle Kräfte zu einem rühmlichen und erfolgreichen Ausgang gebracht werden konnten, der durch keinen andern ver⸗ nünſtigerweiſe denkbaren Prozeß hätte erzweckt werden können. Aus den Vorderſätzen möchte daher anſcheinend hervorgehen, daß Herr Pecksniff gute Beweisgründe für ſeine Behauptung hatte und daher auch ſo ſagen durfte, ohne für anmaßend, eitel oder hochmüthig zu gelten, ſondern daß er dadurch vielmehr einen Beweis der höchſten Glaubensinnigkeit und einer großen Weisheit darin ablegte, die alles Lob verdienen. Herr Jonas pflegte indeß ſeinen Geiſt nicht gerne mit Theorien dieſer Art zu verwirren und enthielt ſich daher jeder Aeußerung über dieſen Gegenſtand, ſo daß er die Mittheilung ſeines Gefährten weder im guten noch im böſen oder gleichgültigen Sinne auch nur mit einer einzigen Sylbe berührte. Er verharrte minde⸗ ſtens eine Viertelſtunde in dieſer Schweigſamkeit und ſchien in der Zwiſchenzeit innerlich emſig beſchäftigt, eine gewiſſe gegebene Summe allen möglichen Arten der Rechnungsweiſe zu unterwerfen. Das Reſultat die⸗ ſer Bemühnng ſchien ſo befriedigend für ihn auszufal⸗ len, daß er ſich, als er endlich das Schweigen unter⸗ brach, gerade gebärdete wie einer, der zu einem be⸗ ſtimmten ſpezifiſchen Reſultate gelangt iſt und ſich ſelbſt von einem Zuſtande ſpannender Ungewißheit be⸗ freit hat. e „Holla! alter Pecksniff!“ rief er am Ende der Station dieſem Herrn in ſeiner munterſten Laune zu 9⁰ und klopfte ihm dabei vertraulich auf den Rücken; „wir wollen hier einkehren und uns erfriſchen.“ „Von Herzen gerne,“ verſetzte Herr Pecksniff. „Wir wollen auch den Kutſcher regaliren!“ rief Jonas.. „Wenn Sie der Anſicht ſind, daß wir dadurch den Mann nicht beleidigen oder ihn mit ſeiner Lage unzu⸗ frieden machen— warum denn nicht?“ ſtottterte Herr Pecksniff. Jonas brach ſtatt aller Antwort in ein lautes Ge⸗ lächter aus, kletterte vom Verdeck der Poſtkutſche her⸗ nieder und ſprang mit einer Art ſchwerfälliger Kapriole auf die Straße herab. Hierauf trat er geradeswegs in das Wirthshaus und verlangte hier eine ſolche Maſſe geiſtiger Getränke, daß Herr Pecksniff alles Ernſtes mit ſich in Zweifel gerieth, ob es denn auch noch mit Jonas Verſtande ſeine Richtigkeit habe, bis ihn endlich dieſer, als die Poſtkutſche nicht länger warten konnte, durch die Worte beruhigte: „Dießmal bezahlen Sie, Herr Pecksniff, denn ich habe eine ganze Woche und drüber die halbe Welt re⸗ galiren und es geſchehen laſſen müſſen, daß Sie ſich ule Leckerbiſſe der Jahreszeit auf meine Koſten ſchmecken ießen.“ Damit war es ihm auch ganz ernſt, obwohl Herr Pecksniff anfangs daran gezweifelt hatte, denn er klet⸗ terte ohne viele Umſtände an der Kutſche hinauf und überließ es ſeinem geehrten Schlachtopfer, die Zeche zu berichtigen. Herr Pecksniff war freilich ein Mann von ruhi⸗ gem, ausdauerndem und vertraulichem Charakter und Herr Jonas war ſein Freund. Ueberdem war ſeine Rück⸗ ſicht für beſagten Herrn, wie wir ſchon wiſſen, auf pure Hochachtung und vertraute Bekanntſchaft auf ſeinen vor⸗ trefflichen Charakter begründet, er verließ daher die Schenke mit lächelndem Antlitz und ging ſogar ſoweit, beſagtes Traktament in einem minder koſtſpieligen Maß⸗ — X RK ——-³8g A —— 8½— 8 8N g X*¼* N 91 ſtabe ſchon im nächſten Bierhauſe zu wiederholen. Herr Jonas war heute gewiſſermaßen in einer wilden muth⸗ willigen Stimmung, die ſonſt nicht in ſeinem Charakter lag und ließ ſich nicht nur nicht durch genannte Mittel beſchwichtigen, ſondern blieb ſogar für den Reſt der Fahrt ſo ausgelaſſen, ja man möchte faſt ſagen ſo über⸗ müthig lärmend, daß es Herrn Pecksniff einige Mühe koſtete, gleichen Schritt mit ihm zu halten. Zu Hauſe wurden ſie gar nicht erwartet, das weiß der liebe Gott, Herr Pecksniff hatte in London den Vorſchlag gemacht, ſeinen Töchtern eine Ueberraſchung zu bereiten und geſagt, er würde um keinen Preis ſie mit einem Wörtchen davon in Kenntniß ſetzen, damit er und Herr Jonas ſie unverſehens überraſchen und ſich davon überzeugen könnten, was die Mädchen auch thun und treiben würden, wenn ſie den Vater mehr als fünf⸗ zig Meilen weit entfernt glaubten. In Folge dieſes ſchelmiſchen Anſchlages trafen ſie daher natürlich Nie⸗ manden am Wegzeiger, woran ihnen im Grunde auch nicht viel lag, da ſie in dem Tageilwagen herab ge⸗ kommen waren und Herrn Pecksniffs Gepäcke nur aus einer Reiſetaſche, das des Herrn Jonas aber aus einem Mantelſacke beſtund. Sie packten nun Beide den Man⸗ telſack an jeder Handhabe, legten die Reiſetaſche darauf und ſpazierten ohne Aufenthalt den Feldweg entlang, wobei Herr Pecksniff bereits auf den Zehen ging, damit er ja nicht durch ſeine Unvorſichtigkeit die lieben Kin⸗ der, von denen er noch ein paar Meilen weit entfernt war, vermöge einer Ahnung ihres kindlichen Gefühls, von ſeiner Ankunft in Kenntniß ſetze. 4 Es war ein lieblicher Abend in der Frühlingszeit des Jahres und in der ſanften Stille des Zwielichts erſchien die ganze Natur ringsum äußerſt ruhig und lieblich. Der Tag war ſonnig und warm geweſen, al⸗ lein mit dem Anbruch der Nacht wurde die Luft kühl und in der duftigen Ferne erhob ſich der Rauch in an⸗ muthigen Wölkchen aus den Kaminen der dörflichen 92 4 Hütten, tauſenderlei liebliche Düfte von jungen Blät⸗ tern und friſchen Knospen durchwogten die Luft; der Kukuf hatte den ganzen Tag über geſungen und war nun ſeit kurzem ſtumm in ſein Neſtchen geflüchtet; der Geruch der neu aufgewühlten Erde— der erſte Athem⸗ zug der Hoffnung für den Landmann, deſſen Gefilde ſo lange öde gelegen— durchzog duftend die Abendluft; es war eine Zeit, wo die meiſten Menſchen gute Vor⸗ ſätze faſſen und Kummer hegen über die verlorene Zeit, die nun hinter ihnen liegt— wo die meiſten Menſchen im Hinblick auf die Schatten, die ſich um ſie her ſam⸗ meln, jenes Abends ſich erinnern, der Alles abſchließt, und an jenen Morgen gemahnt werden, jenſeits deſſen nichts mehr liegt. 3 „Ausnehmend langweilig,“ ſprach Herr Jonas, als er ſich nach allen Seiten umſah;—„das iſt wahr⸗ lich hinreichend, um Einen vor lauter Melancholie wahnſinnig zu machen.“ „Wir werden bald Lichter und ein Feuer haben,“ verſetzte Herr Pecksniff. „Ich denke, wir werden beides nöthig haben, wenn wir erſt zu Hauſe ſind,— alle Wetter! warum plau⸗ dern Sie denn nicht mehr, woran denken Sie denn?“ „Offen geſtanden, Herr Jonas,“ verſetzte Herr Pecks⸗ niff mit großer Feierlichkeit,—„mein Geiſt verweilte in dieſem Augenblicke bei unſerm lieben ſeligen Freund, Ihrem in Gott entſchlafenen Vater.“ Herr Jonas ließ unverweilt ſeine Bürde fallen und rief, indem er ihm mit der Hand drohte:„Laſſen Sie das fallen, Pecksniff!“ Herr Pecksniff wußte nicht genau, ob beſagte Wei⸗ ſung ſich auf den Mantelſack beziehe und ſtierte ſeinen Freund in ungeheuchelter Ueberraſchung an. „Laſſen Sie es fallen!“ rief Jonas zornig;—„hö⸗ ren Sie es? Sie müſſen es ein für allemal fallen laſſen. Sie würden beſſer daran thun, ſich von mir warnen zu laſſen.“ ——— —— NX 93 3 „Es war nur ein Irrthum,“ rief Herr Pecksniff, dem bei dieſer Drohung und den Gebärden des Herrn Jonas nicht wohl zu Muthe war;„ich muß freilich zu⸗ geben, daß es ſehr thöricht von meiner Seite war, denn ich häͤtte ja wiſſen können, daß es für Sie eine ſehr zarte Saite iſt.“ „Sprechen Sie mir nicht von zarten Saiten,“ ver⸗ ſetzte Jonas und wiſchte ſich die Stirne mit ſeinem Aermel ab,„ich habe gar nicht Luſt, mich von Ihnen verhöhnen zu laſſen, weil mir die Geſellſchaft von Todten nicht anſtändig iſt.“ Herr Pecksniff hatte ſtatt aller Antwort die Worte ausgeſtoßen:„Verſöhnen, Herr Jonas?“ als der junge Mann ihm mit höchſt finſterer Miene abermals wieder in's Wort fiel: „Merken Sie ſich's,“ agte er;—„ich kann das nicht leiden. Ich rathe Ihnen einfach, dieſen Gegen⸗ ſtand nicht wieder auf's Tapet zu bringen und ein für allemal und gegen Jedermann darüber zu ſchweigen. Ich denke, wenn Sie haben wollen, daß wir gute Freunde bleiben, wird der Wink bei Ihnen ſo gut an⸗ gelegt ſeyn, als bei andern Leuten. Doch genug davon — laſſen Sie uns weiter gehen.“ Mit dieſen Worten nahm er ſeinen Antheil an der Ladung wieder auf und ſchritt ſo haſtig von dannen, daß Herr Pecksniff, der das andere Ende des Mantel⸗ ſacks in der Hand hatte, auf höchſt unpaſſende und un⸗ angenehme Weiſe fortgeſchleppt wurde.— Zum großen Schaden deſſen, was phantaſtiſche Herrn„die Rinde über ihre Schienbeine“ nennen, welche auf die unbarm⸗ herzigſte Weiſe an dem harten Leder und den eiſernen chnallen abgerieben wurde. Herr Jonas mäßigte in⸗ deß ſchon nach Verlauf einiger Minuten ſeine Eile und ließ ſeinen Begleiter nachkommen, wodurch der Man⸗ telſack wieder eine leidlich gerade Richtung erhielt. s lag klar am Tage, daß Jonas jetzt den letzten Ausbruch ſeines Zorns bereute und einiges Mißtrauen 94 uber die Wirkung deſſelben auf Herrn Pecksniff hegte, denn ſo oft der letztere Ehrenmann auf Herrn Jonas blickte, ſah er deſſen Augen auf ſich gerichtet und be⸗ reitete ihm dadurch ſtets nur eine neue Verlegenheit. Allein dieſe dauerte nicht lange an, denn Herr Jonas begann bald darauf zu pfeifen, worauf ihm Herr Pecks⸗ niff die gleiche Melodie ſummend accompagnirte. „Wir können nicht mehr weit nach Hauſe haben, nicht wahr?“ ſagte Jonas plötzlich, als obige Unter⸗ haltung eine Zeitlang angedauert hatte. „Wir ſind ganz in der Nähe, mein lieber Freund!“ verſetzte Herr Pecksniff geſchmeidig. „Was werden die Mädchen ihrer Anſicht nach wohl jetzt thun?“ fragte Jonas. „Das kann ich Ihnen unmöglich ſagen,“ erwiederte Herr Pecksniff;—„es ſind leichtfertige Herchen, der Himmel weiß, wo ſie jetzt wieder herumſpucken! Sie ſind vielleicht jetzt gar nicht zu Hauſe. Ich wollte— hi, hi, hi!— ich wollte Ihnen eben den Vorſchlag machen, Herr Jonas, den hintern Weg einzuſchlagen und ſie dadurch wie ein Donnerſtreich zu überraſchen, Herr Jonas.“ Es wäre vermuthlich nicht leicht zu entſcheiden geweſen, in wie fern und in Rückſicht auf welche ihrer mannigfachen Eigenſchaften und Beſitzthümer Herr Jo⸗ nas, Herr Pecksniff, die Reiſetaſche und der Mantelſack mit einem Donnerſtreiche verglichen werden konnte; als aber Herr Jonas ſeine Zuſtimmung zu beſagtem Vor⸗ ſchlag gegeben hatte, ſchlichen ſie ſich nach dem Hinter⸗ hofe und gingen ſachte auf das Küchenfenſter zu, durch welches der Glaſt des Feuers und das Licht der Kerze in die dunkelnde Nacht herausdrangen. Fürwahr, Herr Pecksniff iſt mit ſeinen Kindern ge⸗ ſegnet, jedenfalls wenigſtens mit einem derſelben. Die kluge ſinnige Cherry— der Stab, die Stütze, der Hord und Augapfel ihres liebevollen Vaters— ſitzt hier vor dem Küchenkamin an einem kleinen Tiſchchen ſo weiß wie 95 gefallener Schnee, und bringt ihre Rechnungen in Ord⸗ nung! Seht nur die hübſche Jungfrau, wie ſie mit der Feder in der Hand gedankenvoll zur Decke emporblickt, und die Summe ihrer Ausgaben im Kopf addirt, wie ſie mit dem Schlüſſelbunde in ihrem kleinen Körbchen neben ſich die Ausgaben des kleinen Hausweſens pünkt⸗ lich notirt vom Glaäͤtteiſen der Tiſchglocke und der Wärm⸗ flaſche, von Topf und Keſſel, vom Dreifuß wie vom meſ⸗ ſingenen Küchenleuchter und dem friſch geſchwärzten Kamin Strahlen und Blicke beifällig auf ſie hernieder fallen, ſogar die Zwiebeln, die am Balken des Kaminmantels ſich ſchaukeln, lächeln wie Engelsköpfchen zu ihr herab. Etwas von der Wirkung dieſer Vegetabilien ſenkt ſich ſogar in Herrn Pecksniffs Weſen herab, denn er weint, freilich geſchieht dieß nur für einen Augenblick, und ſucht es der Beobachtung ſeines Freunbes zu entziehen, und zwar auf höchſt ſorgfältige Weiſe durch einen ſchlau be⸗ rechneten Gebrauch ſeines Taſchentuchs, denn er möchte um alle Welt nicht haben, daß ſein Freund Zeuge ſeiner Schwäche ſey. „Das iſt angenehm, höchſt angenehm für die Ge⸗ fühle eines Vaters! Das gute liebe Mädchen! Sollten wir ihr nicht wiſſen laſſen, daß wir hier ſind, Herr Jonas?“ „Ei was!“ verſetzte dieſer,„ich denke, Sie werden doch nicht der Anſicht ſeyn, daß wir die heutige Nacht im Stall oder der Scheuer verbringen ſollen?“ 3 „Nein, das will ich in der That nicht!“ rief Herr Pecksniff, und drückte ihm mit Wärme die Hand,— „das wäre eine Gaſtlichkeit, wie ich Sie Ihnen um keinen Preis zeigen möchte, mein Freund!“ „Er holte hierauf tief Athem, pochte an das Fenſter, rief mit einer wahren Stentorſtimme: „Hollahoh!“ Cherry ließ vor Schreck ihre Feder fallen und ſchrie laut auf, allein die Unſchuld iſt immer kühn, oder ſollte es wenigſtens ſeyn. Als die beiden Männer die Thüre 96 öffneten, rief das muthige Mädchen mit feſter Stimme und einer Geiſtesgegenwart, die ſie ſelbſt in dieſem ge⸗ fährlichen Augenblicke nicht verließ: „Wer ſind Sie? Was wollen Sie hier? Reden Sie ſogleich, oder ich rufe meinem Papa!“ Herr Pecksniff breitete beide Arme aus— nun er⸗ kannte ſie ihn plötzlich und flog in ſeine liebevolle Um⸗ armung. „Es war etwas übereilt von uns, Herr Jonas! es war ſehr leichtſinnig gehandelt““ rief Herr Pecksniff, und glättete das Haar ſeiner Tochter mit der Hand;„ſiehſt Du jetzt, mein Schätzchen, daß ich nicht allein bin?“ Nein, wahrlich, ſie hatte bis jetzt noch nichts als ihren Vater geſehen; nun aber erblickte ſie doch auch Herrn Jonas, erröthete und ſenkte ihr niedliches Köpfchen, als ſie ihn willkommen hieß; allein wo ſteckte denn Merry?— Als Herr Pecksniff ſich nach ihr erkundigte, geſchah„ es nicht mit dem Tone des Tadels, ſondern vielmehr mit einer gewiſſen Milde, in die ſich ein leiſer Gram miſchte. Sie ſaß droben auf dem Sopha des Wohn⸗ zimmers und las. Ach für ſie hatten die Bagatellen einer Haushaltung keinen Reiz. „Hole ſie doch herunter, liebes Kind!“ ſprach Herr Pecksniff mit ruhiger Ergebung.„Rufe ſie herab, meine Liebe!“’ Man rief ſie nun, und ſie kam— ihre Wangen waren geröthet, ihre Kleider zerknittert von der liegenden Stellung, die ſie auf dem Sopha eingenommen hatte; allein darum ſah ſie nicht ſchlimmer aus, nein, wahr⸗ à lich nicht— eher noch etwas beſſer. „Ei Du lieber Himmel!“ rief das ſchelmiſche Kind und wandte ſich an ihren Vetter, als ſie dem Papa beide Wangen geküßt und in der Heiterkeit ihres luſtigen We⸗ ſens ihm noch einen überzähligen Gruß auf die Naſen⸗ ſpitze gedrückt hatte;—„Sie ſind auch hier, Vogel⸗ ſcheuche? Nun ja, ich werde Ihnen ſehr zum Dank ver⸗ 97 bunden ſeyn, wenn Sie mich wo moglich ungeſchoren laſſen!“ „Alle Wetter!“ rief Jonas;—„Sie ſind noch immer ſo lebhaft wie früher, denke ich! Wahrhaftig, Sie ſind ein recht gottloſes Mädchen!“ „Ei, ſo laſſen Sie mich doch ungeſchoren,“ verſetzte Merry und ſtieß ihn von ſich,„ich weiß wahrhaftig nicht, was aus mir werden ſoll, wenn ich Sie lange um mich ſehen muß. Um's Himmelswillen! packen Sie ſich doch!“ Herr Pecksniff, ſchlug ſich hier in's Mittel und bat Herrn Jonas, doch unmittelbar die Treppe hinauf⸗ zugehen, wozu ihn auch die junge Dame abermals auf⸗ forderte. Allein obwohl er die ſchöne Cherry am Arme hatte, mußte er doch unwillkührlich auf ihre Schweſter zurückblicken und konnte ſich nicht erwehren, den Wort⸗ wechſel auf dieſe ſchelmiſche Weiſe mit ihr fortzuſpinnen, während ſie alle vier zuſammen die Treppe hinaufſtiegen und das Wohnzimmer betraten wo— da die jungen Damen durch einen glückſeligen Zufall heute Abend etwas ſpäter in der Zeit waren als ſonſt— in dieſem Augen⸗ blick gerade der Theetiſch gedeckt wurde. Perr Pinch war nicht zu Hauſe und ſo blieben ſie ſich ganz ſelbſt überlaſſen, und konnten nach Herzensluſt auf's Behaglichſte plaudern, als Jonas zwiſchen den beiden Schweſtern ſaß und ſeine ganze Galanterie auf die ihm eigenthümlich gewinnende Weiſe entfaltete. Als der Thee getrunken und der Tiſch mehr abge⸗ räumt war, meinte Herr Pecksniff, es ſey für ihn eine harte Sache, eine ſo traurige kleine Geſellſchaft zu ver⸗ laſſen, allein er müßte bitten, daß man ihn fuͤr eine halbe Stunde entſchuldige, da er auf ſeinem Privatzim⸗ mer intereſſant höchſt wichtige Briefe und Papiere zu muſtern habe. Mit dieſer Entſchuldigung entfernte er ſich wieder, und ſummte unterwegs höchſt unbefangen ein munteres Liedchen. Er war noch keine zehn Minuten lang aus dem Zimmer, als Merry, die abſeits von Boz, Chuzzlewit, III. 7 98 Herrn Jonas und ihrer Schweſter am Fenſter geſeſſen hatte, in ein halb unterdrücktes Kichern ausbrach und nach der Thüre zuhüpfte. „Halloh!“ rief Jonas,„Sie brauchen nicht zu gehen.“ „O, Sie werden mir doch nicht befehlen wollen,“ verſetzte Merry, indem ſie ſich unter der Thüre noch ein⸗ mal umdrehte;—„nicht wahr, Vogelſcheuche, Sie werden mir wohl noch recht böſe werden, wenn ich länger hier bleibe?“ „Allerdings,“ verſetzte Jonas, das werde ich auch, ich muß noch mit Ihnen reden.“ Als ſie aber nichts deſtoweniger das Zimmer ver⸗ ließ, eilte er hinter ihr her und brachte ſie nach einem kurzen Ringen in der Hausflur, worüber ſich Miß Cherry gar ſehr ärgerte, in's Zimmer zurück. „Auf mein Wort, Merry, ich muß mich über Dich wundern,“ tadelte die beſagte junge Dame ihre Schweſter; —„auch die Thorheit hat ihre Grenzen.“ „Ich danke Dir, liebe Schweſter,“ verſetzte Merry, und warf ihren roſtgen Mund auf;—„ich bin Dir ſehr für dieſen guten Rath verbunden.— Jetzt laſſen Sie mich gleich aus dem Spiele, Sie Ungeheuer, wollen Sie gleich, Sie Vogelſcheuche!“ Dieſe koſenden Worte wurden ihr durch einen neuen Angriff von Seiten des Herrn Jonas entrungen, der ſie, ſo athemlos ſie auch war, neben ſich in's Sopha hernie⸗ derzerrte und mit dem andern Arme zugleich Miß Cherry, die auf ſeiner rechten Seite ſaß, umſchlang. „Seht doch!“ rief Jonas, indem er beide Mädchen um die Hüfte faßte;—„jetzt habe ich beide Arme voll bekommen, nicht wahr? „Der eine davon wird morgen grün und blau ſeyn, wenn Sie mich nicht gleich fahren laſſen,“ rief die ſchel⸗ miſche Cherry. „Oho!“ grinste Jonas,„um Ihr Kneifen und Zwicken bekümmere ich mich nicht viel.“ „Ich bitte Dich, Cherry, zwicke ihn auch für mich 99 ten ein Bischen,“ rief Merry,„ich gebe Dir mein Wort, nd daß ich in meinem Leben noch kein Weſen ſo ſehr haßte, „ wie dieſe Vogelſcheuche da!“ 4„Nicht doch, das muſſen Sie nicht ſagen,“ verſetzte . Jonas;—„Sie müſſen mich auch nicht mehr zwicken, n⸗ weil ich jetzt in allem Ernſte mit Ihnen reden muß. Ich en will nämlich— hören Sie auch auf mich, Bäschen er Charity?...“ „Nun ja! was wollen Sie denn?“ fragte dieſe h, mit ſpitzigem Tone. „Ich muß ganz nüchtern mit Ihnen reden,“ ver⸗ r⸗ ſetzte Jonas;—„bedenken Sie zunächſt, daß ich jedem u Mißverſtändniß vorbeugen und Alles auf den Fuß eines ryj angenehmen friedlich gegenſeitigen Einverſtändniſſes ſetzen 5 muß. Dieß iſt wünſchenswerth und geeignet?“ 1 Keine von den beiden Schweſtern ließ ein Wörtchen 1; zur Antwort hören, ehe daß Herr Jonas inne hielt und ſich räuſperte, da ihm ſeine Kehle ziemlich trocken war. v⸗„Sie wird mir ſicher nicht glauben, was ich ihr jetzt ir ſagen will, Bäschen, nicht wahr?“ ſagte Jonas, indem ei er dabei Miß Cherity leiſe und ſchüchtern anſtieß. n„In der That, Herr Jonas, darauf kann ich Ihnen unmöglich eine Antwort geben, bevor ich nicht weiß, en was Sie damit ſagen wollen!“ entgegnete Charity. e.,„⸗un ja, ſehen Sie,“ ſtammelte Jonas;—„es iſt nun einmal ihre Art, alle Leute zum Geſpötte zu „ machen und zu hänſeln, und ſo weiß ich denn ſchon zum Voraus, daß ſie darüber lachen oder wenigſtens 3 dergleichen thun wird. Ich weiß das ſchon zum Voraus. 1— Allein, Sie können ſie verſichern, daß es mir Ernſt iſt, Bäschen, nicht wahr? Sie können doch geſtehen, 3 daß ſie es wiſſen, nicht wahr? Ich bin überzeugt, Sie 5 handelte darin ehrlich gegen mich!“ fügte er überre⸗ 1 dend bei. Er erhielt indeß keine Antwort. Seine Kehle ſchien 7* 10⁰ immer trockener zu werden, und ſchwieriger zu handhaben zu ſeyn.. „Sehen Sie, Bäschen!“ fuhr Jonas fort:—„Nie⸗ mand kann mir ſo gut erzählen, als ſie, wie viele Mühe ich mir gab, mit ihr zuſammen zu kommen, als ihr beide in dem Speiſehauſe in der Litz waret, denn Sie 4 wiſſen ja, daß es Niemand ſo gut bemerkt hat, wie Sie. Niemand vermochte ihr beſſer zu ſagen, wie ſehr ich mir Mühe gab, mit Ihnen eine nähere Bekanntſchaft anzu⸗ knüpfen, damit ich Ihre Schweſter deſto beſſer kennen lerne, ohne daß es den Anſchein dazu habe,— nicht wahr? Ich erkundigte mich ſtets bei Ihnen nach ihr und wollte wiſſen, wohin ſie gegangen war und wenn ſie wieder kommen würde, und ob ſie ſtets ſo lebhaft ſey und dergleichen mehr;— habe ich das nicht gethan, Bäschen? Ich weiß, Sie werden es ihr jetzt erzählen, wenn Sie es nicht gethan haben, und— ich darf hof⸗ fen, Sie haben es bereits gethan, denn ich bin hierin von Ihrer Ehrenhaftigkeit überzeugt, nicht wahr?—“ Wiederum erſcholl kein Wörtchen der Antwort. Herrn Jonas rechter Arm,— die ältere Schweſter ſaß ihm nämlich zur Rechten, hätte ein unruhiges Pochen em⸗ pfinden können, das nicht von ſeinem eigenen Pulſe aus⸗ ging, allein ſonſt deutete auch nicht das Mindeſte darauf hin, daß ſeine Worte die geringſte Wirkung gehabt hätten. „Selbſt wenn Sie es für ſich behalten und ihr nicht mitgetheilt hätten,“ fuhr Jonas fort;—„ſo liegt Nichts daran, weil Sie jetzt ein ehrliches Zeugniß ablegen kön⸗ nen, nicht wahr? Wir ſind von Anfang an gute Freunde geweſen, nicht wahr? Und werden wir nun auch in Zu⸗ kunft gute Freunde bleiben, und darum mache ich mir auch gar nichts daraus, in Ihrer Gegenwart zu ſprechen. Bäschen Merry, Sie haben gehört, was ich eben ge⸗ ſagt habe. Sie kann es Ihnen Wort für Wort beſtär⸗ ken, ſie muß es ſogar:— Wollen Sie mich zum Manne haben, Bäschen?“ Als er bei dieſen Worten Charity aus ſeinen Armen 101 losließ, um ſeine Frage mit deſto beſſerer Wirkung an⸗ zubringen, ſprang dieſe empor und eilte auf ihr Zimmer, wobei ſie ihren ganzen Weg gleichſam mit einer Färthe von ſo leidenſchaftlichen, unzuſammenhängenden Tönen bezeichnete, als nur immer ein gekränktes, verſchmähtes Weib in ihrem Groll hervorzubringen im Stande iſt. „Laſſen Sie mich gehen— laſſen Sie mich ihr folgen!“ rief Merry, indem ſie ihn von ſich ſtieß, und ihm die Wahrheit zu ſagen— mehr als eine lautklat⸗ ſchende Maulſchelle auf ſein vorgeſtrecktes Geſicht gab. „Ich laſſe Sie nicht, bis Sie Ja geſagt haben,“ rief Jonas;—„Sie haben mir noch gar keine Antwort gegeben;— wollen Sie mich zum Manne haben?“ rief Jonas. „Nein, ich will nicht, ich kann Ihren Anblick gar nicht ertragen!“ rief Merry;“—„ich kann Ihren An⸗ blick gar nicht ertragen, und habe Ihnen das ſchon hun⸗ dertmal geſagt, Sie ſind eine Vogelſcheuche, überdem war ich von jeher der Anſicht, Sie zögen mir meine Schweſter vor. Wir waren Alle dieſer Anſicht.“ —„Das war ja aber nicht meine Schuld,“ verſetzte Jonas. „Und doch war es ſo,“ rief Merry;—„Sie wiſ⸗ ſen, daß es ſo war.“ „In der Liebe iſt jeder Kniff erlaubt!“ rief Jonas; —„ſte mag vielleicht der Anſicht ſeyn, daß ich ein Auge auf Sie gehabt habe, allein Sie haben es ſicherlich nie deglaubt⸗ Bäschen, Sie waren vom Gegentheil über⸗ zeugt.“ „Nicht im Geringſten,“ verſicherte Merry. „Ich weiß gewiß, Sie waren es,“ ſagte Jonas; —„Sie konnten gar in der Anſicht geweſen ſeyn, daß ich es auf Charity abgeſehen habe, ſo lange Sie dabei waren.“ .„Ueber den Geſchmack läßt ſich nicht ſtreiten,“ rief Mercy;—„wenigſtens möchte ich mir hierein kein Ur⸗ 1⁰² theil herausnehmen, ich weiß in der That nicht, was ich dazu ſagen ſoll, laſſen Sie mich zu Charity gehen.“ „Sage nur Ja, Bäschen, dann laſſe ich Dich los,“ drängte Jonas. „Wenn ich es je über mich gewinnen könnte, das zu ſagen,“ meinte Merry;—„ſo geſchehe es nur darum, um Sie mein ganzes Leben lang haſſen und quälen zu können.“ „Das iſt eben ſo gut, als ob Du geradezu Ja ge⸗ ſagt hätteſt, Bäschen!“ rief Jonas;—„der Handel iſt richtig, Bäschen, und wir ſind jetzt ein Paar ſo gut, wie Eines.“ Auf dieſe galante Rede folgte ein verwirrtes Ge⸗ räuſch von ſchmatzenden Küſſen und ſchallenden Ohrfei⸗ gen, bis ſch die Schöne, aber ausnehmend zerzauste Merry von Herrn Jonas losriß und ihrer Schweſter auf dem Fuße folgte. Ob nun Herr Pecksniff hinter der Thüre gehorcht hatte, was bei einem Manne von ſeinem Charakter ganz unmöglich erſcheint— oder ob er gleichſam durch innere Inſpiration geahnt hatte, wie jetzt die Sache ſtand— was bei einem Mann von ſeinem Scharfſinn weit wahr⸗ ſcheinlicher iſt— oder ob er zufällig durch gutes Glück ſich ſelbſt gerade am rechten Platze fand und die rechte Zeit getroffen hatte— was bei dem beſondern Hord der Vorſehung, unter welcher Pecksniff ſtand, vernünftiger⸗ weiſe ſehr leicht hätte geſchehen können, wollen wir nicht näher unterſuchen, ſo viel iſt wenigſtens gewiß, daß er in demſelben Augenblicke, wo die Schweſtern in ihrem eigenen Zimmer zuſammentrafen, zufälligerweiſe ebenfalls an der Zimmerthüre erſchien. Beider Anblick gewährte einen höchſt merkwürdigen Contraſt.— Die beiden Mäd⸗ chen waren ſo erhitzt, ſo leidenſchaftlich und lärmend, ihr Vater aber ſo ruhig, ſo voll Selbſtbeherrſchung, ſo kaltblütig und ſo voll Frieden, daß ſich kein Härchen auf ſeinem Haupte rührte. „Kinder!“ rief Herr Pecksniff, indem er voll Ver⸗ NER NR — —n ASenn —— 1⁰³ wunderung beide Hände ausbreitete, doch nicht ohne zuvor die Thüre verriegelt und ſich ſelbſt mit dem Rücken da⸗ gegen gelehnt zu haben;—„Mädchen! Töchter! was iſt das?“ „Der Schurke! Der Apoſtel! Der falſche, gemeine niederträchtige Böſewicht! Er hat vor meinen Augen um Merrys Hand angehalten,“ verſetzte ſeine ältere Tochter in leidenſchaftlicher Aufregung. „Wer hat um Merrys Hand angehalten?“ fragte Herr Pecksniff. „Wer?“ rief Charity;—„Er hat es gethan, Er! — Jene Creatur— Vetter Jonas drunten!“ „Jonas hat um Merrys Hand angehalten?“ fragte Herr Pecksniff;—„Ci, eil ſollte das wahr ſeyn?“ „Wiſſen Sie ſonſt nichts zu ſagen?“ rief Charity; —„wollen Sie mich denn von Sinnen bringen, Papa? vcu Merrys Hand hat er angehalten und nicht um mich.“ „Pfui! pfui! ſchäme Dich,“ rief Herr Pecksniff ſehr ernſt. „Kann der Triumph einer Schweſter Dich veran⸗ laſſen, Dich ſo fürchterlich zu gebärden, mein liebes Kind? Pfuil ſchäme Dich, das iſt in der That ſehr be⸗ trübt! das bekümmert mich ſehr, ich bin ganz überraſcht und es thut mir ebenſo leid als wehe, daß ich Dich von dieſer Seite kennen lernen muß, Merry, mein Mädchen, Gott ſegne Dich, ſteh nach ihr. Ach! Neid! Neid! welch' eine häßliche grimmige Leidenſchaft biſt du doch!“ Mit dieſem Ausrufe im Tone des tiefſten Schmer⸗ zes und der ernſtlichſten Wehklage verließ Herr Pecksniff das Gemach, trug jedoch Sorge, die Thür deſſelben hin⸗ ter ſich abzuſchließen, und ging die Treppe hinab in's Wohnzimmer. Hier fand er ſeinen präſumptiven Schwie⸗ gerſohn, und erfaßte ihn alsbald bei beiden Händen. „Jonas!“ rief Herr Pecksniff,—„lieber Jonas! der ſehnlichſte Wunſch meines Herzens iſt nun erfüllt!“ „Recht ſchön, freut mich, das zu hoͤren,“ verſetzte Jonas;—„iſt mir auch recht!— da es aber die An⸗ dere iſt, die nicht gerade Ihr Augapfel iſt, müſſen Sie mit einem andern Tauſend Pfund nachrücken, Sie müſſen fünftauſend Pfund zur Mitgift geben. Sie wiſſen, daß es ſchon der Mühe werth iſt, wenn Sie dafür Ihren Schatz bei ſich behalten dürfen, Sie kommen ohnedies auf dieſe Weiſe noch immer billig davon, und brauchen ſich kein Opfer aufzuerlegen.“ Das Grinſen, womit er dieſe Worte begleitete, ſetzte auch ſeine übrigen anziehenden Eigenſchaften in ein ſo unausſprechlich vortheilhaftes Licht, daß ſelbſt Herr Pecksniff für einen Augenblick ſeine Geiſtesgegenwart verlor und auf den jungen Mann blickte, als ob er vor Betroffenheit und Bewunderung ganz erſtarrt ſey. Er gewann indeß raſch wieder ſeine Faſſung, und wollte eben dem Geſpräch eine andere Wendung geben, als von draußen haſtige Fußtritte erſchollen und Tom Pinch in einem Zuſtand großer Aufregung in's Zimmer trat. Als Tom Pinch einen Fremden bei ſeinem Brod⸗ herrn gewahrte, der augenſcheinlich in einer geheimen Unterredung mit Herrn Pecksniff begriffen war, ſtand er auf einmal ganz verblüfft, obwohl er in ſeinem Ausſehen noch immer unverkennbar an den Tag legte, daß er noch Etwas von großer Wichtigkeit mitzutheilen habe, worin er eine hinreichende Entſchuldigung für ſein unbeſchei⸗ denes Eindringen erblicke. „Herr Pinch!“ rief Pecksniff in ſtrengem Tone,— „das iſt nichts weniger als ſchicklich!“ „Sie werden mich entſchuldigen, wenn ich Ihnen ſage, daß mir Ihr Betragen kaum anſtändiger ſcheint, Herr Pinch!“ „Ich bitte um Vergebung, Sir, daß ich nicht erſt anpochte,“ verſetzte Tom. „Bitten Sie lieber dieſen Herrn um Vergebung, Herr Pinch,“ verſetzte Pecksniff;—„ich kenne Sie ja bereits, allein er kennt Sie nicht, mein junger Gehülfe, Herr Jonas!“ — 10⁵ Der zukünftige Schwiegerſohn des Herrn Pecksniff nickte leicht mit dem Kopfe— nicht gerade mit offen⸗ barer Geringſchätzung und Verachtung, ſondern nur gleichgültig, denn er befand ſich eben in beſter Laune. „Könnt ich nicht ein Wörtchen mit Ihnen ſprechen, Sir? Wenn's gefällig wäre?“ fragte Tom;—„es iſt eine Angelegenheit von Wichtigkeit, die noch obendrein Eile erheiſcht.“ 3 „Sie muß ſehr wichtig und dringend ſeyn, um Ihr ſonderbares Benehmen zu rechtfertigen, Herr Pinch!“ verſetzte ſein Herr;—„entſchuldigen Sie mich nur einen Augenblick, mein lieber Freund! und nun, Tom, laſſen Sie mich den Grund Ihrer beleidigenden Zudringlichkeit vernehmen!“ „Es thut mir in der That ſehr leid, Sir!“ ver⸗ ſetzte Tom, der mit der Mütze in der Hand im Hausflur vor ſeinem Brodherrn ſtand;—„ich begreife nun, daß es ſehr unartig und zudringlich erſchienen ſeyn muß.“ „Das war es auch in der That, Herr Pinch!“ ver⸗ ſetzte Herr Pecksniff. „Ach ja! ich fühle es ſelbſt, Sir!“ verſetzte Tom demüthig,„allein es kommt nur daher, daß ich auf’s Höchſte überraſcht war, die beiden Leutchen zu ſehen, und die Anſicht hegte, es würde auch bei Ihnen der Fall ſeyn, daß ich in That ſo raſch wie möglich nach Hauſe eilte und wirklich nicht einmal ſo viel Selbſtbeherrſchung beſaß, um zu wiſſen, was ich denn eigentlich thue.— Ich war nämlich vorhin in der Kirche und ſpielte zu meinem Vergnügen wieder Orgel, als ich bei zufälligem Umblicken einen Herrn und eine Dame im Querſchiff der Kirche ſtehen ſah, und mir aufmerkſam zuhörten, ſie ſchienen mir Fremde zu ſeyn, Sir, ſo viel ich wenigſtens in der Dämmerung zu entdecken vermochte, und ich ver⸗ muthete nicht, daß ich ſie ſo genau kennen würde. Deß⸗ halb hörte ich augenblicklich auf und ließ an die beiden Leute die Einladung ergehen, ob ſie nicht nach der Em⸗ porkirche der Orgel heraufkommen oder ſich in einen der 1⁰⁶ Kirchenſtühle ſetzen wollten. Sie lehnten es indeß ab, weil ſie keine Zeit dazu hätten, dankten mir aber für die Muſik, die ſie gehört hätten— in der That,“ ſetzte Tom erröthend hinzu,„ſie ſagten gar, es ſey eine köſt⸗ liche Muſik; wenigſtens ſie ſagte ſo, und ich bin über⸗ zeugt, daß dies für mich eine größere Freude und Ehre war, als irgend ein Kompliment, das man mir hätte machen können. Ich— ich bitte ſte um Verzeihung,“ ſtammelte Tom, indem er am ganzen Leib bebte und ſchon zum zweiten Male den Hut fallen ließ;—„allein ich— ich bin zu ſehr aufgeregt und fürchte faſt, daß ich von der Hauptſache einigermaßen abgewichen bin.“ „Es ſoll mir ſehr lieb ſeyn, wenn Sie bald wieder darauf zurückkommen werden,“ verſetzte Pecksniff. „Sogleich, Sir, es ſoll ſogleich geſchehen,“ verſetzte Tom;—„vor dem Kirchenportale ſtand eine Poſtkutſche, Sir! die auf die Leutchen wartete, und ſie ſagten mir, ſie hätten nur angehalten, um die Orgel zu hören, ſag⸗ ten ſie— und dann ſagten ſie— ſie wenigſtens ſagte ſo, Sir:— Ich glaube Sie wohnen bei Herrn Pecks⸗ niff, Sir?— Ich verſicherte ſie, daß ich die Ehre habe und nahm mir die Freiheit, Sir,“ ſetzte Tom hinzu, in⸗ dem er die Augen zum Antlitz ſeines Wohlthäters empor ſchlug,„zu ſagen, wie ich ſtets will und muß— nichts für ungut, Herr Pecksniff, daß ich Ihnen zum innigſten Danke verpflichtet ſey, und meine diesfallſigen Empfin⸗ dungen nie lebhaft und entſprechend genug auszudrücken vermöchte.“ „Daran thaten ſie ſehr unrecht,“ meinte Herr Pecks⸗ niff;„Sie müſſen in Zukunft die Zeit dazu beſſer wählen, Herr Pinch.“ „Ich danke Ihnen, Sir,“ entgegnete Thomas;— „ſie fragten mich hierauf, ſie nämlich fragte mich,— ob es nicht noch einen andern Fahrweg nach Herrn Pecksniffs Hauſe hin gäbe....“ Herrn Pecksniffs Intereſſe an der Erzählung wuchs nun mit einem Male ins Ungeheure. EÆNNAUAA 41——— AV=S 1⁰⁷ „Ohne daß man am Drachen vorüber gehen müſſe,“ ergänzte Thomas;—„als ich dies beſtätigte und die beiden Leutchen verſicherte, wie ſehr ich mir es zum Glück anrechnen würde, ihnen dieſen Weg zu zeigen, ſandten ſie den Wagen auf der Landſtraße fort und ka⸗ men mit mir den Weg über die Wieſen. Am Schlag⸗ baume drüben verließ ich ſie, um ihnen vorauszueilen, und Sie davon in Kenntniß zu ſetzen, daß die Leutchen hieher kämen und hier ſeyn könnten, bevor eine Minute vergehe— ja daß ſie vielleicht ſchon am Hauſe ſind,“ ſetzte Tom hinzu, als ihm vom raſchen Sprechen beinahe der Athem ausgegangen war. „Ei, ei!“ ſprach Herr Pecksniff nachdrücklich;— „wer mögen denn wohl dieſe Leute ſeyn?—“ „Du lieber Gott, Sir!“ rief Tom,—„ich glaubte, ich habe Ihnen das gleich von Anfang geſagt.— Der Tauſend! daß ich das auch vergeſſen konnte. Ich kannte ſte, die Dame wenigſtens, auf den erſten Blick. Die Leutchen, Sir, ſind keine Andere, als der Herr, der letz⸗ ten Winter im Drachen krank lag und die junge Dame, die ihn begleitete.“ Dem armen Tom klapperten die Zähne im Munde, und er ſtotterte in allem Ernſte vor Entſetzen, als er den außerordentlichen Eindruck wahrnahm, den ſeine ſchlichte Mittheilung auf Herrn Pecksniff ausübte. Die Furcht, die Gunſt des alten Mannes zu verlieren, ſobald er hier einträfe und des unbedeutenden Umſtandes, daß Herr Jonas hier im Hauſe war, inne würde,— die Unmög⸗ lichkeit, Herrn Jonas fortzuſchicken oder einzuſperren, oder ihn an Händen und Füßen gebunden im Kohlenkeller zu verſtecken, ohne ihn über die Maßen zu beleidigen— die entſetzliche Zwietracht, welche in dieſem Augenblicke in ſeinem Hausweſen vorherrſchte, und die Unmoͤgligkeit, es in eine anſtändige Harmonie umzuwandeln, ſo lange Charity in offenbaren Krämpfen lag, Merry den Kopf ganz verloren hatte, Jonas in der Wohnſtube ſaß und der alte Martin Chuzzlewit mit ſeiner jungen Beglei⸗ terin bereits auf der Hausſtaffel hielt— die Ueber⸗ zeugung von der totalen Unmöglichkeit, dieſen Zuſtand offenbarer Verwirrung zu verhehlen oder auf eine wahr⸗ ſcheinliche glaubliche Weiſe motiviren zu können. Der Umſtand, daß über ſeinem frommen Haupte ſich plötzlich die complicirteſte Verwicklung, Verwirrung und Ver⸗ legenheit anhäufte, deren Enthüllung und Beilegung er von der Zeit ſeinem eigenen Glück, dem Zufall und ſei⸗ ner Gewandtheit in derartigen Intriguen erwartet hatte, Alles das erfüllte den in ſeiner eigenen Schlinge ge⸗ fangenen Baukünſtler mit ſolcher Verwirrung, daß er und Tom ſich nicht mit größerer Beſtürzung und offenkundi⸗ gerem Entſetzen hätten anblicken können, wären auch in dieſem Augenblicke Gorgonen⸗Häupter auf ihre beiden Schultern geſetzt worden. „Ach du lieber Himmel! was habe ich angerichtet!“ rief Tom;—„ich hoffte, Ihnen dadurch eine angenehme Ueberraſchung zu bereiten; ich hoffte und meinte, Sie werden meine Nachricht mit Vergnügen aufnehmen.“ Herr Pecksniff konnte jedoch nichts darauf erwiedern, da im ſelben Augenblicke an der Hausthüre draußen ein lautes Pochen erſchallte. Fünftes Kapitel. Enthält fernere amerikaniſche Erfahrungen. Martin nimmt einen Aſſocie an und macht einen Kauf. Einige nähere Nachrichten über Eden, wie es auf dem Papier erſchien, ſo wie über den britiſchen Löwen. Verſchiedene Notizen über die Art der Sympathie, zu welcher ſich die Waſſertoaſtaſſociation der vereinigten Sympatheſtrer auf profeſſionelle Weiſe bekennt. 4 So laut und vernehmlich auch jenes Pochen an Herrn Pecksniffs Hauſe geweſen, hatte es doch auch nicht die entfernteſte Aehnlichkeit mit dem Lärmen, welchen ein amerikaniſcher Eiſenbahnzug im höchſten Stadium ſeiner 4½ ———— 4* 3— 1⁰9 Geſchwindigkeit verurſacht. Es däucht uns am gerathen⸗ ſten, gegenwärtiges Kapitel mit dieſem offenherzigen Zugeſtändniſſe zu beginnen, damit der Leſer nicht etwa auf den Einfall gerathe, die Töne, welche nun die Ohren dieſer Geſchichte betäuben, ſtänden in irgend einer Ver⸗ bindung mit dem Thürklopfer an Herrn Pecksniffs Hauſe, oder mit dem mächtigen Grade von Aufregung, der ſich ſo ziemlich zu gleichen Theilen zwiſchen beſagtem wür⸗ digen Manne und Herrn Pinch kund gab, deſſen pflicht⸗ getreue Dienſtfertigkeit im Grunde allein die Veranlaſſung dazu gegeben hatte. Herrn Pecksniffs Haus iſt mehr als tauſend Meilen weit entfernt und dieſe glückliche Chronik ſchreitet aber⸗ mals in der erhabenen Begleitung von Freiheit und moraliſchem Gefühl vorwärts. Abermals athmet ſie geſegnete Luft der Unabhängigkeit, abermals betrachtet ſie mit frommer Ehrfurcht jenes moraliſche Gefühl, das dem Kaiſer nicht gibt, was des Kaiſers iſt; abermals ſaugt ſie jene heilige Atmosphäre ein, die das Lebens⸗ element deſſen iſt, der— o! über den hochherzigen Pa⸗ trioten und ſeine mannigfachen Nachahmer!— in der Umarmung einer Sklavin von Freiheit träumt und bei ſeinem Erwachen ſie und ihr gemeinſchaftliches Kind auf öffentlichem Markte verkauft!— Wie die Räder knarren und raſſeln und der Schienen⸗ weg zittert, als der Bahnzug darüber hineilt! und nun Geld, die Maſchine, als würde ſie gepeitſcht und gequält wie ein lebendiger Tagelöhner und krümmte ſich in fürchterlichem Todeskampfe!— Ein armſeliges Bild! Stahl und Eiſen ſind ja in dieſem Staashaushalte von unendlich größerem Belang, als Fleiſch und Blut. 3 Wird das ſinnreiche Produkt der Menſchenhand über die Kraft ſeiner Ausdauer geſteigert, ſo hat ſie ja in ſich ſelbſt die Elemente ihrer Rache, wogegen der un⸗ glückliche Mechanismus der göttlichen Schöpferhand mit keiner derartigen gefährlichen Eigenſchaft begabt iſt, ſon⸗ dern nach des Zwingherrn oder Treibers Belieben ſich 110 mißhandeln, abhetzen, niederſchmettern und zertrümmern läßt! Spricht ein Mann dem Geſetze Hohn, indem er im Uebermuth jener fühlloſen Metallmaſſe Schaden zu⸗ fügt, ſo büßt das Geſetz im Prozeßwege einen ſolchen Frevel mit weit mehr Dollars, als wenn er zwanzig menſchlichen Weſen das Leben nimmt, ſo blinken die Sterne über ihren blutigen Streifen, und die Freiheit zieht ihre Mütze tief in die Augen und wählt ſich Unterdrückung in ihrer gehäſſigſten Geſtalt zu ihrer Schweſter. Der Maſchiniſt des Zuges, deſſen Lärmen uns zu dem vorliegenden Kapitel weckte, ließ ſich ſicherlich nicht durch ſolche Betrachtungen den Kopf verwirren; auch iſt es keineswegs wahrſcheinlich, daß er ſich überhaupt nur durch Reflexionen ſeine höhere Gemüthsruhe trübte. Mit verſchränkten Armen und gekreuzten Beinen lehnte er ſich rauchend an die eine Seite des Wagens, drückte nur hie und da durch ein Grunzen, das ſo kurz war wie ſeine Pfeife, ſeinen Beifall darüber aus, daß ſein Kollege, der Heizer, ſein Ziel auf beſonders geſchickte Weiſe zu treffen wußte; welch Letzterer ſeine Mußezeit damit aus⸗ füllte, daß er Holzblöcke vom Tender nach den einzelnen Stücken Vieh ſchleuderte, die zu beiden Seiten der Bahn weideten,— und erhielt ſich einen ſo unbeweglichen Gleichmuth und eine ſo vollſtändige Gemüthsruhe und Gleichgültigkeit, daß er den Verrichtungen der Lokomo⸗ tive kaum weniger Aufmerkſamkeit hätte ſchenken können, wenn dieſe ein Spanferkel geweſen wäre. Trotz des ruhigen Zuſtandes und des ungeſtörten Seelenfriedens dieſes öffentlichen Dieners, eilte der Wagenzug doch mit ziemlicher Geſchwindigkeit vorwärts, und die Stöße und Puffe, welche die Wagen in ihrem Fortſchreiten auf den ſchlechtgelegten Schienen erfuhren, waren deßhalb um kein Haar ſtärker oder zahlreicher.. Der Lokomotive waren drei große Caravanen von verſchiedenen Wagen angehängt: der Wagen für die Da⸗ men, der Wagen für die Herren und der für die Neger; letzterer war ſchwarz bemalt als geeignetes Kompliment 4* ¹ 111 für die Menſchenklaſſe, für welche er beſtimmt war. er Martin und Mark Tapley ſaßen in der Wagenklaſſe, da 1 dieſe die bequemſte war, und weil noch Raum genug t⸗ übrig war, außerdem auch noch andere Herren aufnahm, 1 die gleich ihnen nicht mit der Geſellſchaft ihrer Frauen 16 geſegnet waren. ¹ Unſere beiden Bekannten ſaßen hart neben einander re und waren in eine ſehr ernſte Unterhaltung verwickelt. g„Ihr ſeyd alſo froh, Mark, daß wir nun New⸗York weit hinter uns haben?“ fragte Martin ſeinen Begleiter, 1 indem er einen ernſten Blick auf ihn warf und ſeinen wahren Gemüthszuſtand zu ergründen ſich bemühte. „Allerdings, Sir! das bin ich auch,“ verſetzte Mark; 5—„ich bin von Herzen froh!“ „Seyd Ihr denn dort nicht ‚luſtig“ geweſen, Mark?“ 1 fragte Martin. „Im Gegentheil, Sir,“ gab Mark zur Antwort; 4—„die luſtigſte Woche, die ich in meinem ganzen Leben „ verbracht habe, war diejenige, welche wir in Bawkins' 1 Speiſehauſe verlebten.“ 3„Was haltet Ihr von unſeren Ausſichten?“ fuhr n Martin fort, und ſeine Miene offenbarte dabei deutlich, 1 4 aßt er gerne die Frage noch für einige Zeit vermieden atte. d„Sie dünken mich ausnehmend glänzend, Sir,“ ver⸗ 5 ſetzte Mark;—„'s iſt ja rein unmöglich, daß ein Platz 3 einen beſſeren Namen haben kann, als das Thal Eden, 3 Sir! Wem köͤnnte es auch einfallen, ſich an einem ge⸗ 6 eigneteren Platze zu niederlaſſen, als dem Thal Eden!— So viel ich gehört habe,“ ſetzte Mark nach einer Pauſe 3 5 hinzu,„ſoll es dort auch eine Unzahl von Schlangen 1 geben, ſo daß wir mit der beſten Manier nur Ehre da⸗ von tragen.“ Weit entfernt bei der Erwähnung dieſer höchſt anmuthigen und erfreulichen Nachricht auch nur das mindeſte Unbehagen an den Tag zu legen, wurde Marks Antlitz vielmehr ganz ſtrahlend, als er ſich daſ⸗ ſelbe im Geiſte vergegenwärtigte— ſo ſtrahlend ſogar, —— u 11² daß ein Fremder zu dem Glauben berechtigt geweſen wäre, er habe ſein ganzes Leben lang ſich nach der Ge⸗ ſellſchaft von Schlangen geſehnt, und begrüße nun mit Jubelruf die näher kommende Erfüllung ſeiner ſüßeſten Wünſche.. „Wer hat Euch das geſagt?“ fragte Martin ernſt. „Ein Offizier von der Militz,“ gab Mark Tapley zur Antwort. „Zum Teufel! mit dieſem lächerlichen Burſchen!“ rief Martin, mußte aber trotz dem unwillkührlich in ein herzliches Gelächter ausbrechen.—„Was Milizofftzier, Ihr wißt ja, ſolches Pack wächst hier zu Lande wuchernd auf jedem Feld....“ 3 „Ja, ja! ſo zahlreich als bei uns in England die Vogelſcheuchen, Sir,“ fiel ihm Mark Tapley lachend in's Wort;—„die Vogelſcheuchen ſind bei uns ſchon an und für ſich eine Art Militz, da ſie nur aus Rock und Weſte und einem Stock darunter beſtehen. Ha, ha, ha!“ „Nichts für ungut, Sir, das iſt nun zuweilen meine Weiſe. Ich muß unwillkührlich luſtig ſeyn!— Zudem war's einer von jenen Prahlhänſen und erobernden Maul⸗ helden bei Pawkins, von dem ich die Nachricht wegen der Schlangen habe.— ‚Wenn ich recht belehrt bin,“ ſagte er,— nicht gerade durch die Naſe, ſondern viel⸗ mehr in einem Tone, als ob er weit oben in ſeinem Geſichtsvorſprung einen Stopfer ſtecken habe,— ‚ſo ſeyd Ihr ja im Begriff nach dem Thal Eden zu gehen?⸗— „Ich hörte auch ſchon davon munkeln!“ gab ich zur Ant⸗ wort. ‚Oho,“ ſagte er, ‚wenn Ihr etwa dort einmal Euch zu Bette legt,— was wohl der Fall ſeyn kann,“ meinte er, ‚wenn die Civiliſation einmal auch bis dort⸗ hin vordringt, ſo vergeßt ja nicht, eine Art mit Euch zu Bette zu nehmen!“— Ich ſtierte ihm natürlich da⸗ bei ziemlich verblüfft in's Geſicht;— ‚Flöhe? ſagte ich. —„Noch ein Bischen mehr,“ gab er zur Antwort.— „Bampyre?“ frate ich weiter.— ‚Immer höher,“ gibt er zur Antwort.— ‚Mouskitos vielleicht? ſage ich.—— 113 „Noch mehr,“ ſagt er.— ‚Und was denn mehr?e frage ich.— ‚Was mehr?: ſagt er;„bloß ein paar Schlan⸗ gen; Klapperſchlangen ſchock⸗ und mandelweiſe! In gewiſſer Beziehung habt Ihr auch Recht, Fremdling, denn es gibt ein paar kleinere Arten von Catawampus⸗ kauern von der kleineren Gattung dort, die nach Men⸗ ſchenfleiſch ziemlich luſtern ſind, allein um dieſe braucht Ihr Euch nicht viel zu kümmern— es ſind harmloſe— Thiere. Die Schlangen aber,“ ſagte er, ‚werden Euch am meiſten zu ſchaffen machen, und wenn Ihr je einmal aufwacht und eine davon in aufrechter Stellung auf Eurem Bette ſehet,“ ſagte er, ‚die wie ein Korkzieher ohne Handgriff auf ihrem Grundringe ſitzt, ſo ſchlagt ſie ja zu Boden, denn ſie bedeutet Gift.““ „Warum habt Ihr mir das nicht ſchon zuvor ge⸗ ſagt!“ rief Martin mit einer Miene, welche eine düſtere Folie zu Marks Heiterkeit bildete. „Ich dachte nie wieder daran,“ ſagte Mark;—„es ging mir zum einen Ohre hinein und zum andern wie⸗ der hinaus. Du lieber Gott! ich denke, er gehört zu einer andern Compagnie und band mir das Mährchen nur auf, damit wir nach ſeinem Eden gingen und nicht von dem der Gegenparthie.“ „Es liegt einige Wahrſcheinlichkeit darin,“ meinte Martin;—„und ich muß redlich geſtehen, daß mir dies von Herzen erwünſcht wäre.“ „Ich zweifle nun gar nicht mehr daran,“ verſetzte Mark, der über dem aufheiternden Einfluß, welchen die Anekdote auf ihn ſelbſt ausübte, einen Augenblick ganz der Wirkung vergeſſen hatte, welche ſie muthmaßlicher⸗ weiſe auf ſeinen Freund und Begleiter ausüben mußte. —„Sie wiſſen ja, Sir, irgendwo wenigſtens müſſen wir leben.“ „Leben?“ rief Martin;—„ja das iſt bald geſagt, allein, wenn wir zufällig nicht aufwachen ſollten, wenn die Klapperſchlangen wie Korkzieher auf unſern Betten Boz, Chuzzlewit. III..· 8 . 8 114 herumtanzen, moͤchte es wahrlich nicht ſobald gethau ſeyn.“ „Das iſt Gottes Wahrheit,“ ſprach eine Stimme ſo hart hinter ihm, daß der Hauch von ihr Martins Ohr kitzelte.„Es iſt eine entſetzensvolle Wahrheit.“ Martin blickte ſich um und fand, daß ein Herr auf dem Rückſitze ſeinen Kopf zwiſchen ihn und Mark ge⸗ ſteckt hatte und ſein Kinn auf die Rücklehne ihrer kleinen Bank ſtützte, um ſich ſo ſelbſt bei ihrer Unterhaltung zu betheiligen. Beſagter Herr ſah ſo erſchlafft, unbehag⸗ lig und verdroſſen aus, wie die meiſten der Herren, die ſte ſeither geſehen hatten; ſeine Wangen waren ſo hohl, daß es beinahe ſchien, als ob er dieſelbe ſtets ſelbſt ein⸗ ſauge, auch hatte die Sonne ihn ganz verbrannt, doch nicht ſo, daß ſein Geſicht jene geſunde rothe oder braune Farbe hatte, ſondern vielmehr ein ſchmutziges Gelb an den Tag legte. Seine ſtechenden dunkeln Augen hielt er halb geſchloſſen, und ſchielte nur ganz hehlings und als⸗ dann nur mit einem Blick aus den Augenwinkeln her⸗ vor, der zu ſagen ſchien: nein, mich überliſtet ihr nicht; ihr möchtet es wohl, allein es ſoll euch nicht gelingen. Seine Arme ruhten nachläſſig auf den Knieen, während ſein Leib ſich vorwärts beugte; in der Handfläche ſeiner Linken hielt er ein Stück Kautaback wie etwa ein eng⸗ liſcher Bauer ſein Stück Käſe gehalten haben würde, und in der Rechten führte er ein Federmeſſer. Er miſchte ſich ſo unbefangen und rückhaltslos in die Unterhaltung, als wäre er ſchon im Voraus ſpeziell berufen worden, die Beweisgründe von beiden Seiten anzuhören und ſeine Meinung darüber abzugeben, und an die Möglichkeit, daß die Andern kein Verlangen nach der Ehre ſeiner Bekanntſchaft, oder an der Einmiſchung in ihre Privat⸗ angelegenheiten trugen, kümmerte er ſich um ein Haar mehr, als ob er ein Bär oder Büffel geweſen wäre. „'s iſt eine ſchaudervolle Wahrheit,“ wiederholte er, und nickte Martin voll Herablaſſung zu, als ob dieſer 113 der aàußerſte Barbar oder Fremdling geweſen wäre. „Zum Teufel mit aller Art Ungeziefer!“ Martin mußte unwillkührlich für einen Augenblick die Stirne runzeln, als ob er gar nicht abgeneigt wäre, dieſem Herrn ſich zu inſtnuiren, daß er ſich damit un⸗ bewußt ſelbſt zum Teufel gewünſcht habe; allein er erin⸗ nerte ſich noch zeitig genug des weiſen Sprüchleins, daß man unter den Woͤlfen heulen müſſe, und lächelte mit dem angenehmſten Ausdruck, der ihm in ſo kurzer Zeit zu Gebote ſtand. Ihr neuer Freund erwiederte nichts mehr darauf, weil er in dieſem Augenblick eifrig beſchäftigt war, un⸗ ter leiſem Pfeifen einen Mundvoll von ſeinem Kautaback abzuſchneiden. Als er dieſen in eine beliebige paſſende Geſtalt gebracht hatte, nahm er den alten Pfropf aus dem Munde und legte ihn zwiſchen Mark und Martin auf den Rückſitz, um ihn in ſeinen hohlen Wangen durch den neuen zu erſetzen, wo dieſer wie eine große Wall⸗ nuß oder ein leidlicher Apfel ausſah. Als er dieſem Bedürfniſſe zu ſeiner Zufriedenheit entſprochen, ſtieß er die Spitze ſeines Meſſers in den alten Tabacksknollen, hielt ihn den beiden Leuten auf dem Vorderſitz in die Augen und bemerkte mit der Miene eines Mannes, der nicht umſonſt gelebt haben will, daß er„beträchtlich abgenützt ſey. 4 Er ſchleuderte ihn hierauf über Bord, ſteckte das Meſſer in die eine Taſche und den Taback in die andere, lehnte dann ſein Kinn von Neuem wieder auf die Rück⸗ lehne der Vorderbank, lobte das Deſſein von Martins Weſte und reckte ſogar die Hand aus, um das Gewebe dieſes Kleidungsſtücks zu betaſten. „Wie nennt man den Stoff jetzt?“ fragte er. „Das weiß ich auf Ehre ſelbſt nicht,“ entgegnete Martin. „Die Elle muß einen Dollar oder drüber koſten, denke ich,“ fuhr der Fremde fort. „Das weiß ich in der That nicht,“ verſetzte Chuzzlewit. 8* 1186 „Bei mir zu Hauſe weiß Jedermann, was unſere Produkte koſten,“ verſetzte der andere. Martin wollte über dieſe Frage nicht mit ihm rech⸗ ten, und ſo trat denn natürlich eine Pauſe ein. „ECi,“ hub ihr neuer Freund nach einer Weile wie⸗ der an, nachdem er ſie die ganze Pauſe hindurch auf⸗ merkſam angeſtiert hatte,—„wie ſteht es denn mit der unnatürlichen alten Mutter dermalen?“ Herr Tapley betrachtete dieſe Frage als eine andere Verſton der bekannten engliſchen Grobheit:„Wie ſteht's mit dieſer Mutter ꝛc.,“ und hätte vermuthlich augen⸗ blicklich die vermeintliche Beleidigung gerügt, wenn ihm nicht Martin raſch in's Wort gefallen ware. „Sie meinen das alte Mutterland der nordameri⸗ kaniſchen Freiſtaaten, nicht wahr?“ fragte er. „Freilich,“ war die Antwort;„wie ſteht's mit ihm? Ich denke, es geht mit ihm wieder den Krebsgang wie gewöhnlich, nun ja, das wiſſen wir ſchon. Wie ſteht es mit der Königin Viktoria?“ „Ich glaube, ſie befindet ſich im erwünſchteſten Zu⸗ ſtande;“ verſetzte Martin.. „Wird Königin Viktoria nicht in ihren königlichen Schuhen erbeben, wenn man ſie an die Zukunft erin⸗ nert?“ fragte der Fremde. „Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft geben,“ verſetzte Martin;—„warum ſollte ſie es auch thun?“ „Wird es ſie nicht mit einem kalten Schauer durch⸗ rieſeln, wenn ſie erfährt, was in dieſen Schachten zu Wege gebracht wird?“ fragte der Fremde weiter. „Mit Nichten,“ verſetzte Martin,—„ich glaube, daß ich darauf einen Eid ſchwören könnte.“ Der fremde Herr blickte ihn an, als ob er ihn we⸗ gen ſeiner Unwiſſenheit oder Vorurtheile beneide, und agte: 4„Nun ja, Sir! ſo laſſen Sie ſich ſagen— es gibt in des allmächtigen Gottes freien vereinigten Staaten keine Dampfmaſchine mit geborſtenem Keſſel, die auf ſo — 117 überirdiſche Weiſe gehechelt, zerzaust, und vor Zorn zum Berſten gebracht wird, als dieſes junge Weibsbild in ihrer üppigen Wohnung im Tower von London erbost werden wird, wenn ſie die nächſte Extra⸗Doppelnumer der Waſſertoaſt⸗Zeitung liest.“ Während des vorſtehenden Zwiegeſprächs hatten noch etliche andere Herren ihre Sitze verlaſſen und ſich um die Sprechenden her verſammelt. Dieſe Rede entzückte ſie im höchſten Grade, und ein mächtig dürrer Herr in lockerem zerknittertem weißem Halstuche, einer langen weißen Weſte und einem ſchwarzen Ueberrock, der ge⸗ wiſſermaßen eine Autorität unter den Uebrigen zu ſeyn ſchien, fühlte ſich gedrungen, den Geſinnungen ihres Lands⸗ manns eine billigende Anerkennung nicht zu verſagen. „Ei ſeht doch! Herr Lafayette Kettle!“ ſprach er und nahm dabei ſeinen Hut ab. Ein allgemeinrs beifälliges Gemurmel folgte dieſer Anrede, und Alle geboten ſehr ernſt Stillſchweigen. „Herr Lafayette Kettle, Sir!“ wandte ſich der Dürre an Martin, als wolle er ihm damit den Herrn vorſtellen, mit dem er vorhin geſprochen, Herr Kettle verbeugte ſich. „Im Namen dieſer Geſellſchaft, Sir, und im Na⸗ men unſeres gemeinſchaftlichen Vaterlandes und im Namen gerechter Sache heiliger Sympathie, für die wir zuſammen getreten ſind, danke ich Ihnen! Ich danke Ihnen, Sir! im Namen der Waſſertoaſt⸗Sympathiſirer und ich danke Ihnen, Sir! um der Waſſertoaſtzeitung willen, und ich danke Ihnen, Sir! im Namen des ſternverzierten Banners der großen vereinigten Staaten, für Ihre beredte und kategoriſche Auseinanderſetzung, und wenn ich, Sir!“ fuhr der Sprecher fort, indem er dabei Martin mit dem Handgriff ſeines Regenſchirms anſtieß. da ſich dieſer gerade Etwas von Mark in's Ohr flüſtern ließ, als wolle er ihn damit auffordern, auf ſeine Rede aufmerkſam zu ſeyn,—„wenn ich es nun wagen dürfte, Sir! an jenem derartigen Orte und- 118 unter ſolchen Umſtänden mit einer Empfindung, zu ſchließen, die— wenn auch nur auf ſchlandintikulärem Wege auf gegenwärtigen Zwieſprach Einfluß hat, fo möchte ich ſagen, Sir: Möge der hehre Schnabel des amerikaniſchen Adlers dem brittiſchen Löwen ſeine Tatzen aushacken, damit er belehrt werde, auf der iriſchen Harfe und der ſchottiſchen Fidel jene Muſik zu ſpielen, welche der Wind aus jeder leeren Muſchel lockt, die an den Küſten des grünen Columbia liegt!“ Mit dieſen Worten ſetzte ſich der dürre Herr unter donnerndem Applauſe wieder nieder und die ſämmt⸗ lichen Herrn im Wagen blickten höchſt gravitätiſch drein. „General Gloke,“ verſetzte Herr Lafayette Kettle, „Sie erwärmen mir das Herz— auf Ehre, Sir, Sie erwärmen mir das Herz. Allein auch der brittiſche Löwe iſt hier nicht ohne Vertreter und es ſollte mir Vergnügen machen, zu hören, was er auf ſolche Be⸗ merkungen zu erwiedern wüßte.“ „Meiner Treu!“ verſetzte Martin lachend;— „wenn Sie mir die Ehre anthun, mich für einen Ver⸗ treter meines Vaterlandes zu halten, ſo weiß ich darauf nur zu erwiedern, daß ich nie gehört habe, daß Königin Viktoria Eure vertrakte Zeitung leſe und ich halte es auch nicht für wahrſcheinlich, daß dieß der Fall iſt.“ General Gloke lächelte den Uebrigen zu und ver⸗ ſetzte im Tone geduldiger gutmüthiger Belehrung: „Sie wird ihr zugeſendet, Sir!— Sie wird ihr zugeſendet, und zwar zur Poſt.“ „Sollte die Zeitſchrift ihr unter der Adreſſe des Tower von London zugeſandt werden, meine Herrn,“ verſetzte Martin;—„ſo fürchte ich beinahe, daß ſie ihr kaum zu Händen kommt, weil ſie nicht dort wohnt.“ „Die Königin von England, meine Herrn!“ ent⸗ gegnete ihnen Herr Tapley anſcheinend mit der größten Artigkeit und blickte ſie dabei mit unveränderlichem Ge⸗ ſichte an;—„pflegt gewöhnlich in der Münze zu woh⸗ nen, nm Aufſicht über das Geld zu führen. Sie hat es Amtes auch eine Wohnung beim Lordmajor im Manſton⸗Houſe, pflegt ſie jedoch nur ſehr ſelten zu beziehen, weil das Kamin im Wohnzimmer raucht.“ „Mark,“ verſetzte Martin;—„ich würde Euch ſehr zum Dank vrrpflichtet ſeyn, wenn Ihr die Güte haben wolltet, Eure vorwitzigen Angaben für Euch zu behalten, wie ſcherzhaft ſie auch immer ſeyn mögen. Ich wollte Ihnen nur bemerklich machen, meine Herrn!— obwohl es ein Punkt von ſehr geringer Bedeutung iſt— daß die Königin von England zufälligerweiſe nicht im Tower von London wohnt.“ „General!“ rief Herr Lafayette Kettle;—„hören Sie es wohl, hören Sie es!“ „General!“ riefen nun auch einige Andere gleich⸗ ſam als Echo;—„General!“— „Ich bitte, meine Herrn, ſchweigen Sie und laſſen Sie mich zu Worte kommen,“ hub General Gloke an, indem er die Hand empor hielt und mit ſo geduldigem ſelbſtgefälligem Wohlwollen ſprach, daß es wahrhaft rührend anzuſchauen war;„ich hatte ſtets wahrgenom⸗ men, daß es ein höchſt ſeltſamer Umſtand iſt, den ich nur der Natur der brittiſchen Inſtitutionen und ihrer Tendenz der Wißbegierde und den Drang nach Beleh⸗ rung im Volke zu unterdrücken, die ſelbſt bis in die pfadloſen Wälder dieſes ungeheueren Kontinents, im weſtlichen Ozean weit verbreitet ſind,— daß die Be⸗ kanntſchaft der Britten ſelbſt mit ſolchen Punkten gar nicht in Vergleich kommen kann, mit derjenigen, welche unſere intelligenten und regſamen Staatsbürger beſitzen. Vorliegender Fall nun iſt wiederum eine höchſt inte⸗ reſſante Erſcheinung und dient nur dazu, meine Be⸗ hauptung zu beſtätigen. Wenn Sie behaußten, Sir!“ fuhr er zu Martin gewendet fort,„daß Ihre Königin nicht im Tower von London reſidire, ſo verfallen Sie in einen Irrthum, der unter Ihren Landsleuten nicht ungewöhnlich iſt, ſelbſt wenn Ihre Fähigkeiten und mo⸗ 119 nun zwar kraft ihr 120 raliſchen Elemente von der Art ſind, daß Sie Hoch⸗ achtung erheiſchen. Allein ich verſichere Sie, Sir, Sie ſind hier ſehr im Irrthum. Die Königin wohnt im Tower... „So lange ſie ſich wenigſtens am Hof von St. James aufhält,“ ſiel ihm Kettle in's Wort. „Natürlich ſo lange ſie ſich am Hofe von St. Ja⸗ mes aufhaͤlt,“ verſetzte der General im ſelben gutmü⸗ thigen Tone;—„denn wenn ſie ihre Wohnung zu⸗ fälligerweiſe im Wintſor⸗Pavillon hätte, könnte ſie ſich nicht zu gleicher Zeit in London aufhalten. Ihr Lon⸗ doner Tower, Sir,“ fuhr der General fort, und lächelte Martin im milden Bewußtſeyn ſeiner Ueberlegenheit mitleidig an;—„iſt natürlicherweiſe eure königliche Reſidenz, da er in der unmittelbaren Nachbarſchaft eurer Parks, eurer Spaziergänge, eurer Triumphbogen, eurer ober und eurer königlichen Almacks liegt, ſo ver⸗ ſteht es ſich von ſelbſt, daß es der geeignetſte Platz für eine üppige und leichtſinnige Hofhaltung iſt. Aus dieſen Gründen,“ ſetzte der General mit Nachdruck hinzu;— „aus dieſen Gründen befindet ſich auch die Hofſtatt hier.“ „Sind Sie ſchon in England geweſen?“ fragte Martin. „Auf dem Papiere— allerdings, Sir,“ verſetzte der General,„allein noch nicht perſönlich oder auf irgend eine andere Weiſe. Wir ſind ein leſeluſtiges Volk hier zu Lande, Sire! und Sie werden auf eine Gelehrſam⸗ keit unter uns ſtoßen, die Sie vollkommen in Erſtaunen ſetzen wird, Sir!“ „Hieran zweifle ich nicht im Mindeſten,“ verſetzte Martin innerlich lachend; er wurde indeß bei dieſen Worten von Herrn Lafayette Kettle unterbrochen, der ihn anſtieß und ihm in's Ohr flüſterte: „Sie kennen wohl den General Choke?“ 3 „Mit Nichten,“ verſetzte Martin auf dieſelbe Weiſe. „Sie wiſſen aber doch, in welchem Anſehen er —Aͤ de 121 unter uns ſteht, er iſt einer der ausgezeichnetſten Män⸗ ner des Landes,“ verſetzte Martin auf's Gerathewohl. „Das iſt Gottes Wahrheit!“ verſetzte Kettle;— „ich war überzeugt, daß Sie von ihm gehört haben müßten.“ 3 „Ich glaube,“ ſprach Martin und wandte ſich dabei wieder an den General,„daß ich das Vergnügen habe, der Ueberbringer eines Empfehlungsſchreibens an Sie zu ſeyn, Sir! Es kommt vom Herrn Baron aus dem Maſſachuſſets,“ ſetzte er hinzu, indem er ihm daſſelbe überreichte. Der General nahm es und las es aufmerkſam, wobei er zuweilen inne hielt, um die beiden Fremden anzublicken. Als er es endlich zu Ende geleſen hatte, kam er zu Martin, ſetzte ſich neben ihm und drückte ihm die Hand. „Ei,“ ſprach er,„Sie ſind alſo geſonnen, ſich in Eden niederzulaſſen?“ „O ja,“ verſetzte Martin,„für den Fall, daß Ihre Umſicht und die des Agenten mich zu der Unternehmung ermuthigten. Man hat mich allgemein verſichert, daß in den alten Städten und Staaten für mich nichts mehr zu machen ſey.“ „Ich kann Sie dem Agenten vorſtellen,“ verſetzte der General,„er gehört zu meinen Bekannten, denn ich gehöre in der That ſelbſt als Mitglied zu der Urbar⸗ machungsgeſellſchaft von Eden.“ Dieſe Nachricht war für Martin nichts weniger als angenehm, zumal ſein Freund Bevan großen Nach⸗ druck und Werth darauf gelegt hatte, daß der General, ſo viel er wiſſe, mitlkeiner Urbarmachungsgeſellſchaft und Landkorporation in Verbindung ſtehe und darum wohl der geeignetſte Mann ſey, um ihm einen uneigennützigen Rath zu ertheilen. Der General erläuterte dieſes zu⸗ fällige Fehlſchlagen von Martins Erwartungen durch die Erklärung, daß er erſt vor wenigen Wochen der Kor⸗ — 12² poration beigetreten ſey und in der Zwiſchenzeit keinerlei Verkehr mehr mit Herrn Bevan gehabt habe. „Wir können nur ſehr wenig dran ſetzen,“ ſprach Martin ängſtlich,„nur ein Paar Pfunde, allein es iſt unſer ganzes Hab und Gut. Glauben Sie nun, daß für einen Mann von meinem Berufe dieſe Spekulation tauglich und mit einiger Ausſicht auf Gewinn und Ge⸗ lingen verſehen ſey?“ „O ja,“ verſetzte der General ſehr gravitätiſch,— „denn wenn keine Hoffnung oder Ausſicht auf Gewinn bei der Spekulation wäre, ſo würde ich, denke ich, meine Dollars dabei aus dem Spiele gelaſſen haben.“ „Daß die Spekulation für die Verkäufer Nutzen gewährt,“ ſagte Martin,„das bezweifle ich gar nicht;— wie aber wird ſie ſich für die Kaͤufer geſtalten?“ „Für die Käufer, Sir,“ erwiederte der General in höchſt nachdrücklichem Tone,„nun ja, man merkt, daß Sie aus dem alten Lande kommen, Sir, aus einem Lande, Sir, das ſeine goldene Kälber ſo hoch aufgehäuft hat, wie der Thurm zu Babel, und ihnen Jahrhunderte lang Götzendienſt gezollt hat. Wir ſind hier in einem neuen Lande, Sir, wo der Menſch mehr in ſeinem ur⸗ ſprünglichen Zuſtande lebt; wir haben nicht die Aus⸗ rede, Sir, daß wir im langſamen Verlauf der Zeit in entartete verbrecheriſche Praktiken verfallen ſind, wir haben hier keine falſche Götter, Sir, der Menſch, Sir, iſt hier Menſch in aller ſeiner Würde. Was hatte uns unſer ganzer Kampf gefruchtet, wenn wir dieß nicht errungen hätten, hier ſtehe ich nun, Sir,“ fuhr der Ge⸗ neral fort und ſtellte ſeinen Regenſchirm, der zudem höchſt verkümmert ausſah, als Repräſentanten vor ſich auf— einen ſehr elenden Rechenpfennig, anſtatt der gediegenen Münze ſeines Wohlwollens;—„hier ſtehe ich nun, Sir, mit meinen grauen Haaren, Sir, und einem innern, wahren, ſittlichen Gefühl. Würde ich bei meinen Grundſätzen mein Kapital in einer ſolchen Spe⸗ kulation anlegen, wenn ich dabei nicht denken dürfte, 4 — 123 daß ſte auch meinen Nebenmenſchen und Mitbrüdern eine Fülle von Hoffnungen und Ausſichten gewähren?“ Martin gab ſich Mühe, recht überzeugt drein zu blicken, allein es geſchah ihm ſehr ſauer, wenn er ſich dabei an New⸗York erinnerte,„wozu wären denn die großen vereinigten Staaten da, Sir,“ ſprach der Ge⸗ neral weiter,„wenn man ihnen nicht die Regeneration des Menſchengeſchlechts überließe? Es iſt indeß ſehr begreiflich, daß Sie eine ſolche Frage ſtellen, da Sie aus England kommen und mein Vaterland nicht kennen!“ „Sie ſind alſo der Anſicht,“ fragte Martin,—„daß wir bei alle den Mühen und Strapatzen, die wir zu beſtehen gerüſtet ſind, nun entſprechende und vernünftige Ausſicht auf Erfolg— der Himmel weiß, daß unſere Anſprüche beſcheiden ſind, die an jenem Platze für uns zu erwarten ſtehen?“ „Entſprechende Ausſichten in Eden, Sir?“ fragte der General höchſt verwundert,„Sie müſſen den Agenten beſuchen, müſſen ſich mit ihm unterhalten, die Charten und Pläne ſehen, und erſt aus der Natur der Anſiede⸗ lung den Schluß ziehen, ob Sie gehen oder verweilen wollen. Eden hat noch lange nicht nöthig, betteln gehen zu müſſen, Sir!“ „Es iſt in der That ein entſetzlich lieblicher Platz und ebenfalls ſcheußlich geſund,“ rief Herr Kettle, der ſich jetzt in ihr Geſpräch miſchte, als ob ſich dieß von ſelbſt verſtehe. Martin fühlte inſtinktmäßig, daß es ſehr unſchicklich und eines Mannes von Stande unwürdig ſeyn würde, ſein Zeugniß aus ſolchem Munde anzufechten, ſo lange man keinen anderen Grund habe, es in Zweifel zu zie⸗ hen, als einen geheimen Argwohn, hinſichtlich der Wahrheit der verſchiedenen Angaben. Er dankte daher dem General für ſein Verſprechen, ihn in perſönliche Berührung mit dem Agenten zu bringen und ſchloß mit der Erklärung, den gedachten Beamten ſchon am fol⸗ genden Morgen beſuchen zu wollen. Er bat ſodann 124 den General um Aufkflärung über den Zweck und das Weſen der Waſſertoaſtſympathiſirer, deren er in ſeiner Anrede an Herrn Lafayette Kettle Erwähnung gethan und über die ſpeziellen Mängel und Leiden des Men⸗ ſchengeſchlechts, für welche ſte ihre Sympathie an den Tag legten. Der General blickte ſehr ernſt drein und erwiederte ihm, daß er ſich ſchon morgenden Tages durch eigene Anſchauung über dieſe Punkte belehren könne, wenn er einer großen allgemeinen Verſammlung der Körperſchaft anwohne, die in der Stadt abgehalten werden ſollte, nach der ſie eben reisten und wobei, Sir,“ ſetzte der General hinzu,—„ich auf das allge⸗ meine Erſuchen meiner Mitbürger den Vorſitz führen werde.“ Am ſpäten Abend erreichten ſie endlich das Ziel ihrer Reiſe, hart an der Eiſenbahn befand ſich ein un⸗ geheueres weißes Gebaude, einem häßlichen Hoſpitale ähnlich, deſſen Firma die Auſſchrift trug: National⸗Hotel. Um die Fronte des Hauſes war eine hölzerne Gal⸗ lerie oder Veranda angebracht, auf welcher, als der Eiſenbahnzug endlich Halt machte, ſeltſamerweiſe nur eine große Menge Stiefel und Schuhe und der Rauch einer noch größeren Menge Cigarren, allein ſonſt nichts zu erſehen war, was auf eine menſchliche Wohnung deuten konnte; allmählig kamen jedoch einige Köpfe und Schultern zum Vorſchein, die ſich mit den Stiefeln und Schuhen in gewiſſe Beziehung ſetzten und zu der Entdeckung führten, daß gewiſſe Koſtherrn dieſes Eta⸗ bliſſements eine Art Liebhaberei dafür hatten, ihre Ferſen dahin zu ſtellen, wo die Herrn Gäſte anderer Länder die Köpfe außuſtützen pflegen und ſich nun auf ihre Weiſe am Genuß der abendlichen Kühle labten, das Hotel beſaß ein großes allgemeines Schenkzimmer und einen ebenſo großen Speiſeſaal, worin in dieſem Augen⸗ blick Table d'Hôte für das Nachteſſen gedeckt wurde. 5 ———e—— AU — 12⁵ Außerdem befanden ſich in dieſem Hauſe eine Maſſe unbezeichneter weißgetünchter Treppen, langer weißer Gallerien in allen Stockwerken, kleine weißgetünchte Schlafkämmerchen ſchockweiſe und in jedem Stockwerk des Hauſes eine viereckige Veranda, die ein großes Viereck von Backſteinen bildete, mit einem höchſt unbe⸗ haglichen Hofraum in der Mitte, wo Wäſche zum Trock⸗ nen aufgehängt war. Hier und da ſah man einige gähnende Herrn mit den Händen in der Taſche müßig auf und nieder ſpazieren; allein innerhalb des Hauſes ſowohl als vor demſelben, wo nur immer ein Halbdutzend Leute beiſammen ſaßen, befanden ſich abermals und immer wieder nach Ausſehen, Kleidung, Moral, Ma⸗ nieren, Gewohnheiten, Verſtand und Unterhaltung, die gebrauchten Abbilder des Herrn Tefferſohn Brick, Ober⸗ ſten Diver, Major Bawkins, General Choke und Herrn Lafayette Kettle. Sie thaten daſſelbe, ſprachen daſſelbe, beurtheilten ſämmtliche Gegenſtände auf dieſelbe Weiſe und führten jeden Gegenſtand wieder auf den nämlichen Begriff zurück. Martin, der ſchon lange bemerkt hatte, wie ſie lebten und wie ſie ſich ſtets in ihrem bezau⸗ bernden Umgange gegenſeitig betrugen, begann nun auf ein Mal zu begreifen, auf welche Weiſe ſie die geſelligen, heiteren, gewinnenden, gemüthlichen und harmloſen Leute ſeyn mußten, als welche ſie ſich im Umgang zeigten. Bei dem Klang einer unheimlichen großen Glocke ſtürmte dieſe liebenswürdige Geſellſchaft truppweiſe aus allen Theilen des Hauſes zum Speiſeſaale hernieder, während von den benachbarten Magazinen und Kauf⸗ häuſern andere Gäſte in Haufen hereinſtrömten, denn die halbe Stadt, ſowohl Familien als ledige Perſonen, wohnten im Nationalhotel. Thee, Kaffee, Rauchfleiſch, Zunge, Schinken, Pöckelfleiſch, Pfeffergurken, Kuchen, Toaſts(geröſtete Semmelſcheiben), Eingemachtes und Butterbrod wurden mit gewöhnlicher verheerender Eile verſchlungen, worauf ſich die Geſellſchaft wieder wie 126 zuvor allmahlig zerſtreute, um wieder nach dem Schreib⸗ pulte, dem Comptoir oder der Schenkſtube ſich zu ver⸗ fügen. Die Damen hatten eine Table d'hôte für ſich, wozu nur ihre Gatten und Brüder Zutritt erhielten, wenn ſie dieß wünſchten, und ſie vertrieben ſich die Zeit und die Langeweile, ſowie den Hunger ganz auf dieſelbe Weiſe, wie in Herrn Pawkins Hauſe. „Nun, Mark, mein guter Burſche,“ ſprach Martin, als er die Thüre ſeines eigenen kleinen Stübchens hin⸗ ter ſich verriegelte,—„wir müſſen jetzt feierlichen Kriegsrath mit einander halten, denn morgen früh ſchon ſoll unſer Schickſal für immer entſchieden werden. Seyd Ihr noch immer entſchloſſen, Eure Erſparniſſe bei dem gemeinſchaftlichen Schatze anzulegen?“ „Wenn es nicht meine Abſicht geweſen wäre, dieß auf's Gerathewohl hin zu thun,“ verſetzte Herr Tapley, —„ſo wäre ich wahrlich nicht mit gegangen.“ „Wie hoch iſt der Betrag der Summe, die Ihrer Angabe zu Folge in dieſer Börſe ſeyn ſoll?“ fragte ihn Martin und hielt ihm einen kleinen ledernen Beutel hin. „Sieben und dreißig Pfund, ſechs Schillinge und ſechs Pence,“ verſetzte Tapley;—„die Leute auf der Sparbank ſagten wenigſtens ſo, ich habe es nie gezählt, allein dort müſſen ſie es ja bei Gott genau wiſſen,“ ſetzte Mark hinzu und deutete durch ſein Kopfſchütteln an, daß er zu der Weisheit und Rechenkunſt beſagter Inſtitute ein unumſchränktes Vertrauen hege. „Das Geld, das wir mitbrachten,“ verſetzte Mar⸗ tin,„iſt auf die ungefähre Summe von acht Pfunden zuſammengeſchmolzen.“ 3 Herr Tapley lächelte und ſah verlegen nach allen Seiten umher, um ja nicht in den Verdacht zu kom⸗e men, als lege er irgend eine Bedeutung auf die Thatſache. W „Auf den Ring— auf ihren Ring, Mark,“ fuhr Martin fort und blickte faſt reuevoll und wehmüthig 1 127 auf ſeinen leeren Finger, allein Mark Tapley unter⸗ brach ihn alsbald. „Ach Gott!“ rief er mit einem tiefen Seufzer,— „ich bitte Sie um Vergebung, Sir!“ „Erheben wir nach engliſcher Währung vierzehn Pfund,“ fuhr Herr Chuzzlewit fort,„ſo daß, ſelbſt wenn ich dieß Geld noch hinzurechne, Euer Antheil am ge⸗ meinſchaftlichen Betriebskapital überwiegend der größere iſt, wie Ihr ſeht.— Nun, Mark,“ fuhr Martin in ſeiner alten Weiſe und ganz in demſelben Tone fort, wie er etwa mit Tom Pinch geſprochen haben würde, —„ich habe mir ein Mittel ausgedacht, dieſen Unter⸗ ſchied Euch gegenüber auszugleichen— ja vielleicht ſogar mehr als auszugleichen, wie ich hoffe— und Ihrer zukünftigen Stellung im Leben eine weſentliche Veränderung zu geben.“ „Ei! reden Sie mir doch nicht davon, Sir,“ ent⸗ gegnete Mark,—„Sie wiſſen ja, wie wenig mir an ſeiner Verbeſſerung liegt, was mich anbetrifft, Sir, ſo wünſche ich mir vor der Hand gar keine beſſere Lage.“ „Nein,“ ſprach Martin,—„Ihr müßt mich we⸗ nigſtens anhören, weil dies nicht minder wichtig für Euch iſt, als zu meiner eignen Beruhigung gereicht. Wiſſen Sie was, Mark, Sie ſollen mein Compagnon bei dem künftigen Geſchäfte ſeyn und zwar, wie billig, zu gleichen Theilen mit mir, den Unterſchied der Ka⸗ pitaleinlage will ich dadurch auszugleichen ſuchen, daß ich meine Geſchaftserfahrung und Geſchicklichkeit in meinem Fache mit einlege, ſo lange das Geſchäft dauert, ſoll die Hälfte des jährlichen Ertrages Euch gehören.“ Armer Martin! willſt Du immer Luftſchlöſſer bauen, willſt Du in Deiner Selbſtſucht für immer Alles ver⸗ geſſen, nur nicht Deine eigenen, kühnen Hoffnungen und ſanguiniſche Plane?— Ergehſt Du Dich nicht in dieſem Augenblick in dem lohnenden Bewußtſeyn, Marks Gönner zu ſeyn und ihn auf das erhabenſte und frei⸗ gebigſte belohnt zu haben? „Ich weiß nicht, Sir, was ich darauf ſagen kann, um Sie von meiner Dankbarkeit zu überzeugen,“ erwie⸗ derte Mark mit weit wehmüthigerem Tone, als ihm ſonſt eigen war, wiewohl ſein Grund hiezu ein ganz anderer war, als Martin vermuthet hatte;— nich werde bei Ihnen bleiben, Ihnen nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen an die Hand gehen und Sie bis zum äußerſten Augenblicke nicht verlaſſen; das iſt Alles, was ich hierauf zu ſagen weiß.“ 5 „Wir verſtehen einander vollkommen, mein lieber Freund,“ verſetzte Martin mit ſteigender Selbſtzufrie⸗ denheit und Herablaſſung;—„wir ſtehen uns nicht länger als Herr und Diener gegenüber, ſondern als Freunde und Compagnons neben einander, was nur zu unſerm gegenſeitigen Vergnügen gereichen kann. Falls wir uns für Eden entſcheiden, ſoll das Geſchäft alsbald beginnen, ſo bald wir dort anlangen und zwar,“ fügte Martin hinzu, der bei einer Idee das Eiſen ſtets zu ſchmieden pflegte, ſo lange es noch gluͤhend heiß war —„und zwar unter der Firma Chuzzlewit und Tapley.“ „Da ſey Gott vor!“ rief Mark;—„laſſen Sie ja meinen Namen dabei aus dem Spiel! Ich verſtehe mich nicht auf Geſchäftsſachen und Sie dürfen mich dabei nur als Compagnon aufführen: etwa alſo unter der Firma: Chuzzlewit und Comp. Ich habe mir oft gewünſcht,“ ſetzte er mit leiſerer Stimme hinzu,„ich möchte nur auch einmal einen Herrn Compagnon ken⸗ nen lernen, allein ich hätte es mir nie träumen laſſen, daß ich es ſelbſt noch erleben würde, Herr Compagnon zu werden.“ „Je nun, Mark,“ meinte Chuzzlewit,—„wenn dir nicht anders wollt, ſo mögt Ihr Euren Willen aben.“ „Ich danke Ihnen, Sir!“ verſetzte Mark,—„ſehen Sie, wenn irgend ein Herr vom Lande in der Nachbar⸗ —., 7——— ⁸——— 2 —===——— —, — „—— ͤͤ—,—— ——— 129 ſchaft, halte er nun ein Wirthshaus oder nicht, eine Kegelbahn zu erbauen wünſchte, er könnte wahrlich keinen beſſern Sachverſtändigen finden, als mich, Sir!“ „Das glaube ich,“ entgegnete Martin,„Ihr möch⸗ tet es darin gewiß mit jedem Architekten in den ver⸗ einigten Staaten aufnehmen.— Und nun, Mark, ſchafft einmal ein paar Glaſer Sherry⸗Lobbler herbei, damit wir der künftigen Firma ein fröhliches Glück auf zu⸗ trinken.“ 1 Ob nun Mariin bereits— wie ſpäter öfter ge⸗ ſchah— vergeſſen hatte, daß ſie nicht länger Herr und Diener waren, oder ob er der Anſicht war, dieſe Art von Dienſtreichung gehöre zu den legitimen Funktionen ſeines Compagnon, wollen wir nicht näher unterſuchen. Genug, Mark gehorchte mit ſeiner gewöhnlichen Be⸗ hendigkeit und ſie kamen noch vor Schlafengehen mit einander überein, am andern Morgen zuſammen zu dem Agenten zu gehen, wobei es jedoch Mark überlaſ⸗ ſen bleiben ſollte, nach ſeinem eigenen geſunden Urtheil die Edenfrage zu entſcheidem Mark rechnete ſich dieſe Conceſſion ſelbſt in ſeiner dermaligen Heiterkeit nicht zum Verdienſte an, ſondern war vielmehr vollkommen überzeugt, daß die Sache am Ende doch auf irgend eine Weiſe auf denſelben Erfolg hinauslaufen würde. Der General fand ſich am andern Morgen unter der Geſellſchaft an der Table d'hôte ein und that als⸗ bald nach dem Frühſtücke Martin den Vorſchlag, ohne Zeitverluſt dem Agenten der Urbarmachungsgeſellſchaft von Eden, die beſprochene Aufwartung zu machen. Da die beiden Compagnons nichts ſehnlicher wünſch⸗ ten, als. dieſe Angelegenheit ſo ſchnell wie mög⸗ lich erledigt zu ſehen, begaben ſie ſich in Begleitung des Generals nach dem Bureau der Niederlaſſung von Eden, das nur etwa eine Büchſenſchußweite von dem Nationalhotel entfernt war. Es war ein kleines Häuschen— der Wohnung Boz, Chuzzlewit. III. 9 1 13⁰ eines Wegegeldeinnehmers an einem Schlagbaume nicht unähnlich. Allein welch ein ungeheurer Laͤnderſtrich geht nicht in einen Würfelbecher und warum ſollte man auch nicht über eine ganze Provinz in einem Schuppen einen Handel abſchließen können? Zudem war ja vas Bureau nur ein proviſoriſches, denn Beſitzer von Eden waren ja im Begriffe, ein prächtiges Etabliſſement zur künftigen Verhandlung ihrer Geſchäftsſachen zu gründen und hatten ja bereits das ganze Gebäude ſeinen Umriſſen nach ausgeſteckt, was in Amerika ſchon kein unbedeutender Fortſchritt iſt. Die Thüre des Bureau war weit geöffnet und hart auf der Schwelle trafen ſie ſchon auf den Agenten, der allem Anſcheine nach ein fürchterlicher Burſche im Geſchäftsverkehr ſeyn mußte, da er gar kein Perſonal für ſein Geſchäft brauchte, ſondern ſich in dieſem Augenblick eben auf ſeinem Schau⸗ kelſtuhle hin und her bewegte, das eine ſeiner Beine hoch oben am Thürpfoſten feſtgebannt und das andere zuſammen gekrümmt unter ſeinem Leib unterſchlagen hatte, als ob er ſeinen Fuß ausbrüten wollte. Es war ein langer dürrer Kerl in einem unge⸗ heuren Strohhute und einem Nock von grünem Wol⸗ lenzeug; da der Tag heiß war, trug er keine Halsbinde, ſondern den Hemdkragen weit offen, ſo daß man, ſo ofk er ſprach, jedesmal etwas in ſeiner Kehle auf und abzucken und ſich bewegen ſehen konnte, wie die kleinen Hämmer in einem Klavier, wenn die Töne angeſchla⸗ gen werden. Es rührte vielleicht von dem Umſtande her, daß die Wahrheit ſich einige vergebliche Mühe gab, nach ſeinen Lippen empor zu hüpfen. In dieſem Falle vermochte ſie aber ſicher nicht, ſie zu erreichen. Zwei ſtechende graue Aeuglein lauerten tief im Kopfe des Agenten, allein eines von ihnen, das der Sehkraft entbehrte, ſtand ſtockſtill; mit dieſer Seite ſeines Ge⸗ ſichts ſchien er völlig das zu belauſchen, was die andere Seite that; ſo hatte jedes Profil einen deutlichen be⸗ ſtimmten Ausdruck und die bewegliche Seite des Ge⸗ 131 ſichts war gewöhnlich im höchſten Zuſtande ihrer Thä⸗ tigkeit, während die ſtarre in der kaltblütigſten geſpann⸗ teſten Hut⸗ und Wachſamkeit verblieb. Es war gleich⸗ ſam, als ob man das Innere dieſes Menſchen heraus⸗ gekehrt hätte, wenn man dieſe Anſicht ſeiner Züge in ihrer lebhafteſten Stimmung mit dem Gegentheile ver⸗ glich und ſich überzeugte, wie berechnend und lauernd ſie waren. Ein jedes der langen ſchwarzen Haare auf ſeinem Kopfe hing ſo ſtraff hernieder, wie die Schnur eines Senkloths, während die Augbraunen über den kurzen Bogen ſeiner Augen wirren Büſchen glichen, als ob die Krähe, deren Fuß den Augenwinkeln tief eingedrückt war, ſie zerzaußt und zerriſſen hätte, als ſie in ihrer wilden Eigenſchaft die verwandte Natur eines Raub⸗ vogels erkannt hatte. So beſchaffen war der Mann, dem ſie ſich jetzt näherten und den der General mit dem Namen Scadder begrüßte. „Guten Tag! General!“ verſetzte er auf deſſen Anrede,—„nun wie ſteht's bei Ihnen?“ „Rüſtig und munter, Sir, im Dienſte des Vater⸗ lands und der ſympathetiſchen Sache,“ verſetzte der General;—„ich bringe Ihnen zwei Herrn, Herr Scadder, welche in Geſchäftsangelegenheiten mit Ihnen verkehren wollen.“ Herr Scadder drückte Beiden die Hände, denn in Amerika geht nichts ohne Händedruck ab— und ſchau⸗ kelte ſich dann behaglich weiter. „ Ich glaube zu wiſſen, welcher Art das Geſchäft iſt, das dieſe Herren mit mir in Berührung bringt, General,“ ſprach Herr Scadder, ohne ſich zu bequemen, den Mund auch nur leidlich zu öffnen. „Ich denke wohl, daß Sie es wiſſen können,“ ent⸗ gegnete der General. „Sie ſind eine zungenfertige Perſon, General, 13² denn Sie ſprechen zu viel, das iſt gewiß wahr,“ ver⸗ ſetzte Herr Scadder;—„Sie führen eine fürchterlich beredte Sprache in öffentlichen Angelegenheiten, allein in Privatſachen ſollten Sie nicht ſo raſch zu Werke „gehen. Nun, was ſteht Ihnen zu Dienſt?" 3 „Wenn ich weiß, was Sie eigentlich damit ſagen wollen, ſo ſoll ein ganzer Dampfwagenzug über mich gehen,“ verſetzte der General nach einer Pauſe reif⸗ lichen Nachdenkens. —„Je nun,“ verſetzte Herr Scadder,—„Sie wiſſen ja, daß wir unſere Grundſtücke nicht ſo geradezu jedem Lumpen an den Hals werfen wollen, der Luſt dazu hat, ſondern daß wir überein gekommen ſind, ſie für wahr⸗ haft edle Gemüther aufzuheben,— nicht wahr?“ „Da bringe ich Ihnen wahre Ariſtokraten der Na⸗ tur, Sir!“ verſetzte der General,—„da ſind fie, Sir!“ „Wenn ſie da ſind, ſo genügt mir das?“ verſetzte der Agent in vorwurfsvollem Tone;—„allein ich muß Ihnen ſagen, General, daß Sie mich mit Ihrer Für⸗ ſprache hätten ungeſchoren laſſen können.“ Der General fluſterte Martin zu, Scadder ſey der rechtſchaffenſte Burſche in der Welt, und er möchte nicht tauſend Pfund dafür nehmen, wenn er ihn abſichtlich beleidigen ſollte.— „Ich thue meine Schuldigkeit, und laſſe meine Für⸗ ſprache zu Gunſten derjenigen meiner Mitmenſchen er⸗ ſchallen, denen ich dienſtfertig zu ſeyn wünſche,„verſetzte Scadder in ſehr leiſem Tone, wobei er auf die Straße hinunterblickte, und ſich noch immer fortſchaukelte;„man wirthſchaftet aber ſchlecht, wie ſehr ich mich dagegen ſperre, daß man Eden zu wohlfeil verkaufe, doch das liegt einmal in der menſchlichen Natur, und es mag deshalb auch darum ſeyn.“ 4 „Herr Scadder!“ erwiederte der General, und nahm dabei ſeine gewöhnliche imponirende Rednermiene an, —„hier iſt meine Hand, Sir, und hier mein Herz! ich achte Sie, und bitte Sie um Vergebung. Dieſe Herrn 1 133 hier ſind meine Freunde, ſonſt würde ich ſie nicht hieher gebracht haben, Sir, weil ich vollkommen überzeugt bin, daß die Grundſtücke gegenwärtig offenbar zu billig verkauft werden; allein es ſind meine Freunde, Sir,— meine ganz beſondern Freunde!“ Herr Scadder ließ ſich mit dieſer Erklärung ſo ge⸗ nügen, und war ſo erfreut darüber, daß er dem General mit Wärme die Hand ſchüttelte, und ſogar zu dieſem Zweck von ſeinem Schaukelſtuhl herabſprang. Hierauf lud er des Generals beſondere Freunde ein, ihn in das Bureau zu begleiten. Was den General anbetraf, ſo bemerkte dieſer mit ſeinem gewöhnlichen Wohlwollen, daß er als Mitglied der Geſellſchaft es nicht über ſich gewinnen könne, irgend einen Antheil an der Verhand⸗ lung zu nehmen, ſondern nahm vielmehr den Schaukel⸗ ſtuhl ſelbſt in Beſitz, und ergötzte ſich an der Ausſicht wie ein guter Samariter, der auf einen Reiſenden wartet. „Alle Wetter! was iſt denn das?“ rief Martin, als ſein Blick auf ſeinen großen Plan ſiel, der die ganze eine Seite des Bureaus einnahm. Das Bureau enthielt freilich ſonſt nicht viel, indem nur einige geologiſche und botaniſche Curioſitäten ein Paar alte verbrauchte Haupt⸗ bücher, ein beſcheidener Schreibepult und ein Stuhl das ganze Emmöblement bildeten.— „Alle Wetter! was iſt denn das?“ „Das iſt Eden,“ verſetzte Scadder und ſtocherte da⸗ bei mit einer Art jugendlichem Bajonetts in den Zähnen, das aus ſeinem Meſſer hervorgeſprungen war, als er auf eine Feder gedrückt hatte. „Wahrhaftig, ich hätte mir nicht im Mindeſten träumen laſſen, daß Eden eine Stadt ſey,“ meinte Martin. „Und warum denn nicht?“ rief Scadder,—„o, es iſt freilich eine Stadt!“ „Und dazu noch eine recht blühende Stadt! eine Stadt, die ſehr viele ſchöne Architektur aufzuweiſen hat. Da gab es Banken, Kirchen, Kathedralen, Marktplätze, Faktoreien, Hotels, Magazine, Herrenhäuſer, Quals, — 5 134 eine Borſe, ein Theater; öffentliche Gebaͤude aller Art, bis hernieder zu den Bureaus des„Cdenſtachels“, eines Tageblattes, und alle waren getreulich im Aufriſſe nach auf dem Papier vor ihnen aufgezeichnet.“ „Du lieber Gott!“ rief Martin, ſich umwendend; —„es iſt ja in der That ein höchſt bedeutender Platz!“ „Allerdings! es iſt ein Platz von weſentlicher Be⸗ deutung,“ verſetzte der Agent.“ „Allein, da fürchte ich faſt!“ rief Martin, und blickte wieder auf die öffentlichen Gebäude hin,„daß hier für mich zu thun nichts übrig bleibt.“ 9 „Nicht doch,“ verſetzte der Agent,„die Stadt iſt ja noch nicht ausgebaut, noch lange nicht.“ Das war ein großer Troſt. „Nehmen wir einmal z. B. den Marktplatz an,“ ſagte Martin,„iſt dieſer ſchon ausgebaut?“ „Dieſer hier?“ fragte der Agent, und ſtieß ſeinen Zahnſtecher in den Wetterhahn auf dem Hausgiebel,„wir wollen ſehen, nein, er iſt noch gar nicht gebaut.“ „Das wäre ein gutes Geſchäft zum Anfang, nicht wahr, Mark,“ flüſterte Martin dieſem zu, und ſtieß ihn mit dem Ellbogen an. 3 Martin hatte mit einem höchſt dummen Geſichte wechslungsweiſe bald den Agenten, bald den Plan ge⸗ muſtert, und antwortete jetzt nur durch ein ziemlich klein⸗ lautes:„Freilich!“— Eine Todtenſtille folgte hierauf; Herr Scadder pfiff in einigen kurzen Pauſen oder Ruhepunkten ſeines Zahn⸗ ſtochers etliche Strophen des bekannten„Ganke⸗Doodle“ und blies den Staub von dem Dache des Theaters. „Ich vermuthe,“ ſprach Martin, und gab ſich dabei den Anſchein, als faſſe er den Plan genauer in's Auge, verrieth aber dabei durch den bebenden Ton ſeiner Stimme, 5 wie wichtig und entſcheidend die Antwort für ihn ſey; —„ich vermuthe, daß ſchon— mehrere Architekten an Ort und Stelle ſind.“ „Ei behüte,“ verſetzte Scadder,—„ich kann Ih⸗ 135 nen die Verſicherung geben, daß noch kein einziger da⸗ ſeltſt vorhanden iſt.“ „Hört Ihr's, Mark!“ flüſterte Martin dieſem zu, und zupfte ihn dabei am Aermel;—„allein ſagen Sie mir doch, weſſen Werk iſt denn das Alles, was wir hier vor uns ſehen?“ fragte er den Agenten laut. „Da der Boden ſo fruchtbar iſt, wachſen die öffent⸗ lichen Gebäude vielleicht von ſelbſt darauf,“ meinte Mark Tapley, er ſtand auf der dunkeln Seite des Agenten, als er dieſe Bemerkung that, allein Herr Scadder wech⸗ ſelte ſogleich ſeine Stellung und richtete ſein ſehendes Auge auf ihn. „Fühlen Sie meine Hände an, junger Mann,“ ſprach er in ſehr ernſtem Tone zu Mark Tapley. „Zu welchem Zweck, Sir?“ verſetzte Mark Tapley ablehnend. 4 „Sagen Sie, ſind ſie ſchmutzig oder rein, Sir?“ rief Scadder, und ſtreckte ſie ihm dabei von Neuem hin. Vom phyſiſchen Standpunkte aus waren ſie ent⸗ ſchieden und unzweifelhaft ſchmutzig, allein es lag klar am Tage, daß Herr Scadder ſie nur im figürlichen Sinne einer nähern Prüfung ausſetzte— gleichſam als Sinn⸗ bilder ſeines moraliſchen Charakters, und darum beeilte ſich Martin, das Urtheil abzugeben, ſie ſeyen ſo rein wie friſchgefallener Schnee. „Ich muß Euch bitten, Mark,“ ſprach er in ei⸗ niger Aufregung zu dieſem,„daß Ihr uns nicht mehr mit Bemerkungen dieſer Art in die Rede fallet, die— ſo harmlos und wohlgemeint ſie auch ſeyn mögen, doch durchaus nicht am Platze ſind, und Fremden unmöglich angenehm ſeyn können. Ihr ſetzt mich wahrlich in Er⸗ ſtaunen.“ „Da hat der Compagnon ſoeben die Hände verbrannt,“ dachte Mark,„er muß ein ſtillſchweigender Aſſocie ſeyn — ein ſchlafender, gleichſam, der recht tief ſchnarcht— ich ſehe Herr Compagnon, welche Stellung man Ihnen anweist.“ — 136 Herr Scadder erwiederte nichts, ſondern lehnte ſich nur mit dem Rücken gegen den Plan und ſtieß ſeinen Zahnſtocher etliche zwanzig Male in das Pult, wobei er Mark anblickte, als wolle er ihn in effigie erdolchen. „Sie haben mir noch gar keine Auskunft darüber gegeben, weſſen Werk dieſer Plan iſt,“ wagte Martin endlich zu bemerken, und legte eine leiſe Ungeduld in dem Tone ſeiner Rede an den Tag.— „Je nun, was liegt auch daran, weſſen Werk dieſer Plan iſt, oder wie er überhaupt entſtand,“ verſetzte der Agent verdrießlich und barſch;„was liegt überhaupt daran, wie es zu Stande kam? Vielleicht hat ſich der Kerl mit einem ganzen Haufen Dollars aus dem Staube gemacht, vielleicht war er auch nicht einen Heller werth, vielleicht war er ein zerlumpter Landſtreicher, vielleicht ein doppelzüngiger marktſchreieriſcher Hallunke, was mei⸗ nen Sie?“ „Seht, Mark! Das muß ich um Euretwillen an⸗ hören,“ ſagte Martin. „Vielleicht wächst kein grüner Halm auf Edens Boden,“ fuhr der Agent fort;—„nicht wahr? Viel⸗ leicht iſt dieſes Pult und dieſer Stuhl hier nicht aus Zimmerholz von Eden gemacht, gelt? Vielleicht iſt keine Menge von Sqauaters dahin gezogen, nicht wahr? Viel⸗ leicht gibt es üͤberhaupt gar keinen ſolchen Ort auf dem ganzen Gebiet der großen vereinigten Staaten, nicht wahr?— O, ſagen Sie nur immerhin nein!“ „Ihr ſeyd nun hoffentlich über den Erfolg ihres Scherzes zufrieden geſtellt?“ ſagte Martin. Hier legte ſich zu recht gelegener und günſtiger Zeit der General in's Mittel, und forderte von der Thür⸗ ſchwelle aus Herrn Scadder auf, ſeine Freunde mit näheren Details über die kleine Niederlaſſung von fünfzig Morgen Landes mit dem Hauſe darauf mitzutheilen, welche früher ſchon einmal der Geſellſchaft gehört hatte, und erſt kürzlich wieder in ihren Beſitz übergegangen war. „Sie ſind viel zu freigebig, General,“ gab Herr N —— 8& 8 137 Scadder zur Antwort,„es iſt ein Gut, das in allem Ernſte noch bei weitem im Preiſe ſteigen ſollte;“ nichts deſtoweniger ſchlug er indeß doch murrend ſeine Bücher auf, wobei er ſtets ſeine leichte Seite Mark zuwandte, wie unbequem dieß auch immer für ihn ſeyn mochte— und legte endlich das betreffende Blatt den beiden zur Einſicht vor. Martin las es aufmerkſam und haſtig, und fragte ſodann: „Können Sie mir nicht zugleich beſtimmt angeben, auf welchem Theile des Plans dieſes Grundſtück ſich be⸗ findet?“ „Auf welchem Theile des Planes?“ fragte Scadder. Martin bejahte. Herr Scadder drehte ſich nun wieder dem Plane zu, und verſank in ein kurzes Nachdenken, als ob er, da es ſich nun einmal von Geſchäftsſachen handelte, feſt ent⸗ ſchloſſen ſey, dieſe Details auch bis auf die mindeſte Haarbreite der Wahrheit gemäß anzugeben. Nachdem er ſeinen Zahnſtocher ein paarmal langſam in der Luft geſchwungen hatte, als ob er eine Brieftaube wäre, die man eben abſenden wolle, ſchleuderte er plötz⸗ lich das ſpitzige Inſtrument nach der Zeichnung und ſtieß es gerade im Mittelpunkt des Hauptquais in das Pa⸗ pier, daß dieſes vollkommen an die Wand genagelt wurde. „Hier!“ ſprach er, und ließ das Meſſer zitternd in der Wand ſtecken,—„hier iſt die betreffende Stelle!“ Martin blickte mit freudeſtrahlenden Augen auf ſei⸗ nen Compagnon, und Herr Compagnon merkte nun auf einmal, daß der ganze Handel jetzt erledigt ſey. Der Handel wurde übrigens nicht ſo leicht geſchloſ⸗ ſen, als man gleichwohl hätte erwarten ſollen, denn Herr Scadder war ſehr kauſtiſch und ſchlechter Laune, und wußte den Käufern noch alierhand Einwendungen und Ränke in den Weg zu legen. Bald forderte er ſie auf, ſich die Sache noch einmal zu überlegen, und in acht oder vierzehn Tagen wiederum vorzuſprechen; dann prophezeite er ihnen wieder, ſie werden ſich auf ihrer · 13⁸ Niederlaſſung gar nicht gefallen; er machte ihnen ferner ſogar das Anerbieten, den ganzen Handel rückgängig zu machen und ſich gar nicht weiter mit ihnen einzulaſſen, wobei er gar unglimpfliche Verwünſchungen über die Thorheit und den Vorwitz des Generals ausſtieß. Indeß wurde am Ende doch der Betrag der überraſchend ge⸗ ringen Totalſumme des Kaufſchillings— ſie betrug nur einhundert und fünfzig Dollars, oder etwas mehr als dreißig Pfund von dem Kapital, welche der Compagnon in das architektoniſche Geſchäft eingelegt hatte— baar bezahlt und Martins Kopf wuchs noch um zwei Zoll näher an das Dach des kleinen. hölzernen Bureaus, als er das Bewußtſeyn mit ſich nahm, jetzt ein Grundei⸗ genthümer in der gedeihenden Stadt Eden zu ſeyn. „Wenn Sie ſich zufällig auf Ihrer Niederlaſſung nicht gefallen ſollten, ſo durfen Sie mir, wenigſtens keinen Vorwurf darüber machen,“ entgegnete Scadder, als er Martin die nöthigen Beglaubigungen über den Empfang des Geldes einhändigte. „Nicht doch, nicht doch!“ verſetzte dieſer heiter;— „wir werden Ihnen nicht den mindeſten Vorwurf ma⸗ chen, Sir!— Wollen wir jetzt gehen, General?“ „Ich ſtehe zu Dienſten, Sir, und wünſche nun von Herzen, daß Sie ſich Ihres Beſitzthumes erfreuen mögen,“ erwiederte der General, indem er ihm mit würdevoller Herzlichkeit die Hand drückte;—„Sie ſind nun ein Bürger des mächtigſten und civiliſtrteſten Regierungsver⸗ bandes, der je die Welt beglückt hat,— eine Staats⸗ geſellſchaft, Sir, wo der Menſch an den Menſchen ge⸗ wieſen iſt durch ein einziges ungeheures Band gleicher Liebe und Treue. Ich wünſche nichts ſehnlicher, Sir, als daß Sie ſich Ihrer neuen Heimath würdig machen!“ Martin dankte ihm und nahm von Herrn Scadder Abſchied, der unmittelbar, nachdem der General davon aufgeſtanden war, ſeinen Poſten in dem Schaukelſtuhle wieder eingenommen hatte, und ſich abermals hin und her wiegte, als wäre gar nichts vorgefallen. Martin ⁸½ ‧-— NNUA=—* r 1 3 5 1 139 blickte ſich noch ein paarmal nach ihm um, als ſie die Straße nach dem Nationalhotel hinuntereilten, allein nun war ihnen nur die geblendete Seite des Geſichts dieſes Herrn zugekehrt, worunter dermalen nichts Ande⸗ res zu leſen war, als aufmerkſames Nachdenken. Wie ſeltſam contraſtirte dieſe Seite mit der andern ſeines Geſichts! Der Burſche war keineswegs beſonders zum Lachen geneigt, und pflegte niemals hellauf zu lachen, allein jede Linie der Geſtalt ſeines Krähenfußes und jedes klein gewundene Aederchen ſeines Kopfes verzog ſich zu einem Grinſen! die zuſammengeſetzte Figur in der Gruppe des Todes und der Dame am Kopfe jener alten Ballade war nicht genauer unterſchieden und ſtachen nicht halb ſo auffallend gegen einander ab, als die beiden Profile des Herrn Sephanias Scadder. Der General eilte mit athemloſer Haſt vorwärts, denn es war nur noch wenige Minuten vom Glocken⸗ ſchlag zwölf Uhr, und präͤcis um dieſe Stunde ſollte die große Verſammlung der Waſſertoaſtſympatheſirer im Speiſeſaal des Nationalhotels abgehalten werden. Da Mariin ſehr neugierig war, beſagter Demonſtration au⸗ zuwohnen, um zu erfahren, was es denn eigentlich um eine ſolche Verſammlung ſey, hielt er ſich hart auf der Ferſe des Generals, zumal als ſie miteinander die Halle betraten, welchem Umſtand er es zu verdanken hatte, daß er eine klare Plattform von Tiſchen am obern Ende des Saales erreichte, wo ſelbſt ein Armſtuhl für den General bereit ſtund, und Herr Lafayette Kettle eine Maſſe der ſeltſamſten Papiere entfaltete, die vermuthlich in lauter Bittſchriften beſtunden. „Nun, Sir,“ hub der Letztere an, als er Martin freundlich die Hand drückte,„ich denke, Sie werden nun einem Schauſpiele anwohnen, das ganz darauf berechnet iſt, den brittiſchen Löwen zu veranlaſſen, daß er den Schweif zwiſchen die Beine nimmt, und vor Angſt über⸗ laut heult.“ Martin mochte freilich der Anſicht ſeyn, daß der 140 brittiſche Löwe in diefer Arche nichts weniger als in ſei⸗ nem Elemente wäre, allein er erachtete es für das Ge⸗ rathenſte, dieſe Meinung für ſich zu behalten. Der Ge⸗ neral wurde nun auf den Präſidentenſtuhl berufen, auf den Antrag eines bleichen jungen Burſchen aus der Schule des Herrn Jefferſon Brick, der nun alsbald in einer hochgewürzten Rede ſich erging, worin ſehr viel von Heerd und Heimath und vom Zerreißen der Ketten der Tyrannei die Rede war. Ach, ja! es war eine fürchterliche Verlegenheit für den britiſchen Löwen, das konnte kein Menſch beſtreiten, die Entrüſtung des jungen Columbiers kannte gar keine Grenzen. Wenn man ſeinen Worten glauben durfte, ſo wäre er nichts lieber geweſen, als einer ſeiner Vorväter, um dieſen Löwen recht tüchtig gepfeffert zu haben, um ihm mittelſt einer Drahtpeitſche ein anderer Thierzähmer geweſen zu ſeyn und eine Lehre geben zu können, die er nicht leicht hätte vergeſſen ſollen.„Welch ein Löwe!“ rief der junge Columbier,„wo iſt er? wer iſt er? was iſt er? zeigt ihn mir? Ich möchte ihn hier haben— hier!“ rief der junge Columbier und ſchlug mit beiden geballten Fäuſten auf den Tiſch,„hier auf dieſem gehei⸗ ligten Altar! hier!“ fuhr er fort,— und idealifirte dadurch den Eßtiſch über der Aſche unſerer Vorväter, die zuſammengekittet iſt mit dem glorreichen Blute, das wir wie Waſſer über unſere heimathlichen Ebenen von Chickhabiddy Lick ergoſſen haben.„Bringt ihn her, die⸗ ſen Löwen,“ brüllte der junge Columbier von Neuem, „heran mit ihm, ich trotze ihm, ich allein, ein einziger Mann, ich verhöhne dieſen Löwen, ich prophezeie ihm, daß, wenn die Hand der Freiheit ſich einmal in ſeine Mähne verwickelt hat, er als Leichnam vor mir hinrollt und die Adler der großen Republik lachen, ha, ha, ha!“ Als es ſich aber herausſtellte, daß der Löwe nicht kam, ſondern ihm wohlweislich aus dem Wege blieb, daß der junge Columbier mit gekreuzten Armen einzeln, von ſeiner Glorie umfloſſen, hier ſtund, und daß daher auch n N —— 5—— Au—&—— — 141 unzweifelhaft die Adler wild auf ihren Berggipfeln lachten— erhob ſich ein ſolches Freudengeſchrei, daß darüber beinahe die Zeiger auf der Laſorne der Horſe⸗ Guards ſich hätten verrücken und den Hauptzeitmeſſer von Englands Hauptſtadt zu irriger Weiſung hätten ver⸗ leiten können. „Wer iſt dieſer Herr, der die erſchütternde Rede hält?“ gab Martin dem Herrn Lafayette Kettle duxch Zeichen zu verſtehen; der Sekretär ſchrieb höchſt gravi⸗ tätiſch etwas auf ein Stückchen Papier und ließ es ihm von Hand zu Hand zugehen. Es war nur eine Umſchrei⸗ bung der alten Redeweiſe:„vielleicht einer der merk⸗ würdigſten Männer unſeres Landes.“ Auf dieſen jungen Columbier folgte ein Anderer, der ebenſo beredt war als jener und abermals Stürme von Beifall erndtete, allein beide merkwürdige Jünglinge ver⸗ gaßen in ihrer erhabenen Aufregung— denn die wahre Poeſie kann ſich nie mit Nebenumſtänden beſchäftigen— eine nähere Erläuterung darüber zu geben, mit wem oder womit die Waſſertoaſtſympathiſirer ſympathiſirten und ebenſo, aus welchen Gründen und zu welchen Zwecken ſte ſympathetiſch waren. 4 Auf dieſe Art blieb Martin noch lange Zeit ſo voͤllig im Dunkeln, wie ſeither, bis ihm endlich ein Licht auf⸗ ging, als der Sekretär durch Vorleſung der Protokolle ihrer früheren Sitzungen die Sache einigermaßen auf⸗ hellte. Aus den Details dieſer Protokolle erfuhr nun Martin, daß die Waſſertoaſtaſſociation mit einem gewiſſen berühmten Mann und öffentlichen Charakter in Irland ſympathifirte, der über gewiſſe Punkte mit England im Streite lag. Ihre Sympathie rührte keinesfalls daher, daß ſie Irland beſonders liebten, ſondern hatte ihren Grund hauptſächlich nur darin, daß ſie gegen England erbittert waren; ſämmtliche Anweſende ſchienen im Gegen⸗ theile höchſt eiferfüchtig und mißtrauiſch gegen das iriſche Volk und übten nur darum einige Toleranz gegen das⸗ ſelbe aus, weil es tüchtig zu arbeiten und ſich darum 14² für ſte nutzbar zu machen wußte, denn auf der Hand⸗ arbeit kann in der ganzen Welt keine tiefere Schmach laſten, als gerade in dieſer ſchlichten, patriarchaliſchen Republik. Dieſe Umſtände machten Martin begierig, zu erfahren, welche Gründe die Waſſertoaſtaſſociation für ihre Sympathie an den Tag legen würde, und blieb darüber nicht lange im Unklaren, denn der General erhob ſich bald daranf, um einen Brief an den berühmten Mann und öfentlichen Charakter zu verleſen, den er eigenhändig an ihn geſchrieben hatte. „Meine verehrten Freunde und Mitbürger!“ rief der General,„das Schreiben, das ich an ihn abgehen laſſen werde, lautet folgendermaßen: „Sir! „Ich nehme mir die Freiheit, mich im Namen „der Waſſertoaſtaſſociation der vereinigten Sym⸗ „patheſtrer an Sie zu wenden. Dieſe Verbindung, „Sir, wurde in der großen Republik von Nord⸗ „amerika begründet und hielt nun ihren Athem „an und ſchwellte nun die blauen Adern auf ihrer „Stirne faſt zum Berſten an, während ſie mit „fieberiſcher Spannung und ſympathetiſcher Brunſt „ihre edlen Bemühungen für die Sache der Frei⸗ „heit verfolgt.“ Bei dem Namen der Freiheit und bei jeder künftigen Wiederholung dieſes Wortes brachen ſämmtliche Sym⸗ patheſirer in ein lautes Gebrüll aus und brachten neun Mal neun und abermals neun Hurrahs zu ihren Gunſten aus. „Im Namen der Freiheit, Sir, der heiligen „Freiheit wende ich mich an Sie. Im Namen „der Freiheit ſende ich Ihnen hiemit einen Bei⸗ „trag zu den Mitteln Ihrer Geſellſchaft. Im „Namen der Freiheit, Sir! blicke ich mit Grimm „und Entrüſtung auf jenes verfluchte Thier, mit- „dem blutgeifernden Barte, deſſen empörende Grau⸗ „ſamkeit und wilde Lüſternheit von jeher eine —— f 1 t . r t B . 4 143 „Peitſche und eine Folter für die ganze Welt war. „Die nackten Kanibalen auf Robiſon Cruſoe's „Inſel, Sir, die fliegenden Weiber des Peter „Wilkins, die obſtbeſchmierten Kinder in den ver⸗ „worrenen Büſchen, ja ſelbſt die Männer von „mächtiger Natur, die von Alters in den Minen⸗ „diſtrikten von Cornwallis heran wuchſen, legen „ſämmtlich gleichermaßen Zeugniß ab von des „Thieres wilder Natur. Wo ſind die Cormorans, „Sir, die— Blounderborns, die Feſofuns, deren „die Geſchichte Erwähnung thut. Alle, alle ſind „vertilgt durch ſeine zerſtörende Hand. Sie wer⸗ „den merken, Sir, daß ich hiemit auf den briti⸗ „ſchen Löwen anſpiele. Mit Geiſt und Körper, „mit Herz und Seele der Freiheit geweiht, Sir, „der Freiheit, der geſegneten Schnecke an der „Kellerthüre. Der Auſter in ihrem Perlenbette, „der ſtillen Milbe in ihrer traulichen Klauſe von „Käſe, ſelbſt dem Wurme der Korallen ihres „Landes in ſeinem Lager von Muſchelkalk— „widmen wir Ihnen in ihrem unbefleckten Namen „unſere Sympathie, Sir, in dieſer unſerer gelieb⸗ „ten und glücklichen Heimath, im wahren Lande „der Freiheit lodern ihre Feuer hell und klar und „ohne Rauch; werden ſie einmal in dem Ihrigen „angezündet, ſo wird der Löwe ganz und gar „geröſtet werden. Ich verbleibe, Sir, im Namen „der Freiheit Ihr aufrichtiger Freund und Sym⸗ „pathiſirer. 4 Cyrus Choke, General im Dienſte der vereinigten Staaten.“ &E&ᷣ—,—— 8—— Ein Zufall wollte es, daß gerade in dem Augenblick, woo der General ſeinen Brief zu leſen begann, der Eiſen⸗ bahnzug anlangte, und das neueſte Poſtpaket aus Eng⸗ land brachte; dem Sekretär war ein kleines Päckchen ein⸗ gehändigt worden, das er während der Lektuͤre des Briefes 144 unter mehrfachem Jubelrufe zur Ehre der Freiheit eröffnet hatte. Der Inhalt der Botſchaft ſchien ihn ſehr zu be⸗ unruhigen, denn der General hatte ſich nicht ſo bald niedergeſetzt, als der Sekretär zu ihm eilte und ihm einen Brief und mehrere gedruckte Auszüge aus engliſchen Zeitungen in die Hand gab, auf welche er in ausneh⸗ mender Aufregung und mit einer gewiſſen Dreiſtigkeit die Aufmerkſamkeit des Präſidenten lenkte. Der General, der ſich ſchon durch ſein eigenes Mach⸗ werk ſehr erhitzt hatte, war nun ganz im geeigneten Zuſtande, jeden zündbaren Stoff in ſich aufzunehmen; er hatte jedoch nicht ſo bald ſich über den Inhalt jener Dokumente belehrt, als ſeine Miene einen Wechſel erlitt, und auf einen ſo ungeheuren Affekt von Zorn und Leiden⸗ ſchaft deutete, daß der Lärm der Menge in einem Augen⸗ blick verſtummte und aller Augen voll Verwunderung und Spannung auf ihn gerichtet waren. „Meine Freunde!“ rief der General und erhob ſich bei dieſen Worten plötzlich,—„meine Freunde und Mit⸗ bürger, wir haben uns in dieſem Manne entſetzlich geirrt.“ „In welchem Manne?“ riefen Alle durcheinander. „In dieſem!“ brüllte der General und hielt den Brief in die Höhe, den er kaum ein paar Minuten zuvor geleſen hatte;—„ich finde nun auf einmal, daß er von jeher und noch jetzt der Negeremanzipation auf die be⸗ harrlichſte und begeiſterndſte Weiſe das Wort geredet hat!“ Wenn ſich über irgend ein Ding unter dem Himmel ein wahrſcheinlicher und muthmaßlicher Schluß faſſen läßt, ſo möchten wir alles Ernſtes behaupten, daß dieſe Söhne der Freiheit beſagten Mann auf die memmen⸗ hafteſte und meuchelmörderiſchſte Weiſe erſchoſſen, erdolcht und ſonſt auf irgend eine Weiſe erſchlagen haben würden, wenn er in dieſem Augenblicke unter ihnen geſtanden wäre. Wahrhaftig in dieſem Falle würden auch die ver⸗ trauensvollſten ihrer Landsleute für das Leben dieſes Menſchen keinen Düngerhaufen Stroh gegeben haben. Sie zerriſſen den Brief, zerſtreuten die Fetzen davon in ——— O u— N RM=— N —— N N ͤ— ———u—— Q N —- 14⁵ die Luft, traten ſie mit Füßen, als ſie wieder herunter⸗ gefallen waren und brüllten, kreiſchten, ziſchten und ſchrieen Zeter, bis ihnen der Athem ausging. „Ich trage darauf an,“ rief der General, als er ſich endlich wieder hörbar machen konnte,„daß ſich die Waſſeraſſociation der vereinigten Sympathiſirer auf der Stelle auflöſe!“ „Nieder mit ihr! fort mit ihr! wir wollen nichts mehr von ihr hören, verbrennt die Protokolle! reißt das Zimmer nieder! Löſcht ſie aus aus dem Gedächtniß der Menſchen!“ „Aber meine Mitbürger!“ rief der General,„wir haben noch Geldmittel, wir baben Beiträge, die wir bei⸗ geſchoſſen haben. Was ſoll denn mit den Fonds ge⸗ ſchehen?“ Man beſchloß in aller Eile, einem gewiſſen conſtitu⸗ tionellen Richter, der von der Gerichtsbank herab den edlen Grundſatz ausgeſprochen hatte, daß es einem Pöbel⸗ haufen von Weißen erlaubt ſey, einen ſchwarzen Mann zu ermorden— ein ſilbernes Gefäß zum Geſchenk zu machen. Ein ähnliches ſilbernes Geräthe von gleichem Werthe ſollte einem gewiſſen Patrioten zum Präſent gemacht werden, der von ſeinem erhabenen Platze in der geſetzgebenden Verſammlung der vereinigten Staaten die Erklärung abgegeben hatte, daß er und ſeine Freunde ohne Bedenken und Urtheil jeden Abolitioniſten hängen würden, der je ihnen einen Beſuch abſtattete. Wegen des Ueberſchuſſes kam man überein, ihn zur Bekräftigung und Unterſtützung jener Geſetze der Freiheit und Gerech⸗ tigkeit zu verwenden, welche es zu einem unberechenbar größern Verbrechen gegen Staat und gemeine Wohlfahrt machen, wenn man einen Neger leſen und ſchreiben lehrt, als wenn man ihn auf offener Straße bei leben⸗ digem Leibe röſte. Als dieſe Punkte erledigt waren, löste ſich die Verſammlung in großer Unordnung auf, und die Waſſertoaſtaſſociation hatte plötzlich ihr Ende gefunden. Boz, Chuzzlewit. III. 1⁰ 146 Als Martin nach ſeinem Schlafkämmerchen hinauf⸗ ſtieg, fiel ſein Auge auf das Banner der Republik, das zur Ehre gedachter Veranlaſſung auf dem Giebel des Hauſes aufgehißt worden war und nun vor einem der Fenſter, woran er vorübergehen mußte, flatterte. Bei Gott! ſprach Martin für ſich hin, aus der Ent⸗ fernung geſehen biſt du eine recht luſtige Flagge;— kommt aber ein Mann dir nahe genug, um deine Kehr⸗ ſeite erblicken und dich durchſchauen zu können, ſo biſt du wahrlich nur ein elender Fetzen Tuch. Sechstes Kapitel. Woraus erhellt, daß Martin ein Löwe auf eigene Rechnung wurde, und zugleich der Grund erſehen werden kann, warum dieß geſchah. So bald es im Nationalhotel allgemein bekannt worden war, daß Herr Chuzzlewit, der junge Englän⸗ der, eine Anſiedlung in dem Thale Eden ſich erworben habe und geſonnen ſey, ſich mit dem nächſten Dampf⸗ boote nach jenem irdiſchen Paradieſe zu begeben, wurde er mit einemmale ein volksthümlicher Charakter. Aus welchen Gründen dieß geſchah oder wie es überhaupt damit zuging, wußte Martin eben ſo wenig zu erklären, als es etwa Frau Gamp aus Kingsgate⸗Street, High⸗ Holborn, zu thun vermocht hätte. Daß er jedoch einſt⸗ weilen durch volksthümliche Wahl der geſammten Waſ⸗ ſertoaſtgemeinſchaft der Löwe des Ortes wurde und daß ſeine Geſellſchaft auf eine für ihn faſt unbequeme Weiſe nachgeſucht wurde, darüber konnte auch nicht der min⸗ deſte Zweifel obwalten. Die erſtmalige Ueberzeugung, die er von dieſem Wechſel in ſeiner Stellung erhielt, kam ihm aus nach⸗ folgender Epiſtel zu, die in dünner geläufiger Hand⸗ ſchrift und hie und da zerſtreuten dickeren Buchſtaben, die vermuthlich den Totaleindruck deſto überraſchender 1 An — Aðò 147 machen ſollten, auf ein blau linirtes Stück Papier ge⸗ ſchrieben war. 3 Der Brief lautete: National⸗Hotel. Montag Morgen. „Verehrter Sir! „Als ich vorgeſtern das Privilegium genoß, ihr „Reiſegefährte auf der Eiſenbahn zu ſeyn, ließen „Sie einige Bemerkungen hinſichtlich des Towers „von Sandan fallen, welche ich, und vermuthlich „auch die Mehrzahl meiner Mitbürger im All⸗ „gemeinen vor einem öffentlichen Auditorium zu „hören wünſchte. Als Sekretär der Waſſertoaſt⸗ „aſſociation der jungen Männer dieſer Stadt „bin ich angegangen worden, Ihnen mitzuthei⸗ „len, daß die Geſellſchaft ſtolz darauf ſeyn würde, „ihrer Vorleſung über den Tower von Sandan „anwohnen zu können und Ihnen deßhalb auf „morgen Abend ſieben Uhr ihr Lokal anbietet, „da ein namhafter Abſatz von Billeten zu einem „Vierteldollar zu erwarten ſtünde, würde man „es als beſondere Gefälligkeit betrachten, wenn „Sie Ihre Antwort und Zuſtimmung durch Ueber⸗ „bringer dieſes gefälligſt mittheilen würden. „Ich verbleibe beſter Sir Ihr ergebenſter Lafayette Kettle.“ Dem ehrenwerthen Herrn Martin Chuzzlewit. Nachſchrift: „Die Geſellſchaft würde nicht gerade verlangen, „daß Sie ſich auf den Tower von Sandan be⸗ „ſchränkten, erlauben Sie mir den Wink zu „ geben, daß etliche raiſonnirende Bemerkungen „über die Geologie, oder falls Sie es vorzögen, „über die Schriften Ihres talentvollen und witzi⸗ 10* 148 „gen Landsmannes, des ehrenwerthen Mr. Mit⸗ „ler, mit Dank angenommen werden würden.“ Martin erſchrack recht eigentlich über eine ſolche Einladung und lehnte ſie in unverweilter Antwort artig Kaum hatte ex dieß gethan, ſo empfing er bereits wieder einen andern Brief folgenden Inhalts: Nr. 47. Bunker⸗Hill⸗Straße. Montag Morgen. Privatim. „Sir! „Ich wurde in jenen unendlichen Einöden ge⸗ „boren und erzogen, wo unſer mächtiger Miſſi⸗ „ſippi(oder Vater der Gewäſſer) ſeine unge⸗ „ſtümen, trüben Fluthen hinrollt. „Ich bin jung und glühend, denn es liegt neine tiefe Poeſte in der Wildniß und jeder⸗ „Alligator, der ſich im Schlamme wälzt, iſt an „und für ſich betrachtet ſchon ein Epos. Ich „ſtrebe nach Ruhm und es iſt mein Durſt und „mein Sehnen. „Sind Sie, mein Herr! nicht mit irgend „einem Mitglied des Kongreſſes in England be⸗ „kannt, das ſich bewogen finden würde, meine „Ueberfahrt nach jenem Lande zu decken, und „mir für etwa ſechs Monate den nöthigen Le⸗ „bensunterhalt zu verſchaffen.“ „Ich trage das Bewußtſeyn in mir und eine „glühende Ueberzeugung, daß dieſe erleuchtete „Gönnerſchaft nicht weggeworfen ſeyn würde. „In Literatur oder Kunſt, vor den Schranken „des Gerichts, auf der Kanzel oder Bühne— „in einem oder dem andern, wo nicht gar in „allen dieſen Zweigen, bin ich eines ſichern Er⸗ „folges gewiß.“ „Sollten Sie zu ſehr beſchäftigt ſeyn, um „ſelbſt an einen ſolchen Mann ſchreiben zu kön⸗ „nen, ſo wollen Sie mir gefälligſt nur eine 149 „Liſte von drei oder vier Männern der Art an⸗ „fertigen, die am erſten geneigt wären, hierauf „einzugehen und ich werde mich alsdann durch „das Poſtamt an ſie wenden. Dürfte ich ſie „nicht ebenſo bitten, mich mit einer der kriti⸗ „ſchen Beobachtungen zu beehren, die ſich ihrem „nachdenkenden Geiſte in Betreff von„Kain ein „Myſterium“, von dem höchſt ehrenwerthen Lord „Byror dargeboten haben. „Ich verbleibe, Sir, Ihr (entſchuldigen Sie, wenn ich hinzufüge) Hochſtrebender Putnam Smif.“ Nachſchrift: „Adduſſiren Sie gefälligſt Ihre Antwort an „Amerike junior, Meſſrs. Zancock und Floby, „Getreid⸗Magazin, in obgenannter Straße.“ Dieſe beider Briefe nun wurden, der löblichen lan⸗ desüblichen Gewohnheit gemäß, ſammt Martins Antwort darauf in der nichſten Nummer der Waſeertoaſtzeitung publizirt, um dirch beſagten Brauch das allgemeine Gefühl des Anſtaides und ſocialen Vertrauens nach be⸗ ſten Kräften zu fudern. Er hatte kam dieſe Korreſpondenz beſeitigt, als Kapitän Kedgick, der Wirth des Nationalhotels, voll Artigkeit zu ihm erauf kam, um ſich nach ſeinem Be⸗ finden zu erkundiga. Bevor der Kapitän noch das Wort nahm, ſetzte er ſic auf Martins Bettſtelle nieder und vertauſchte dieſe ſoar, als er ſie faſt zu hart fand, mit dem Kopfkiſſen deſſeben. „Nun, Sir!“ vrach der Kapitän und rückte ſeinen Hut noch etwas mhr zur Seite, da er ihm in der Krone um ein Beträhtliches zu eng war;—„Sie ſind nunmehr, denke ich, eine Art öffentlicher Charakter ge⸗ worden.“* „Es ſcheint wenigſtens ſo,“ gab Martin zur Ant⸗ wort, der ziemlich ermüdet war. „Unſere Landsleute, Sir l“ fuhr der Kapitän fort, —„beabſichtigen ihre Hochachtung für Sie an den Tag zu legen. Sie werden eine Art von Lever zu halten haben, ſo lange Sie ſich hier aufhalten, Sir!“ „Allmächtiger Himmel!“ rief Martin,—„das iſt mir rein unmöglich, beſter Freund!“ „So viel ich weiß, müſſen Sie vohl,“ verſetzte der Kapitän.. „Müſſen iſt kein angenehmes Wort, Kapitän,“ ver⸗ ſetzte Martin. „Meinetwegen,“ verſetzte der Kafitän kaltblütig; —„ich habe ja nicht die Mutterſprache gegründet und fixirt, und darf mir deßhalb auch keine Aenderungen mit ihr erlauben, ſonſt würde ich ſie wohl freundlich umge⸗ ſtaltet haben. Sie müſſen die Leute bä ſich empfangen — dieß iſt meine Anſicht von der Sage.“ „Warum ſollte ich denn Leute be⸗ mir empfangen, die ſich eben ſo wenig um mich kümmen, als mir an ihnen liegt?“ 3„Iſt mir all eins,“ verſetzte der Wirth des Natio⸗ nalhotels,—„Sie müſſen nun einmd, weil ich drunten in der Schenkſtube ein Muniment augeſtellt habe.“ „Wie meinen Sie 2 fragte Matin. „Ein Muniment habe ich angeſcllagen,“ entgegnete der Kapitän.. 1 Martin blickte voll Verzweiflug auf Mark, der ihn belehrte, der Kapitän verſtehe darunter einen ge⸗ ſchriebenen Anſchlagzettel des Inhals, daß Herr Chuzz⸗ lewit von heute Nachmittag zwei Ur an die Mitglieder der Waſſertoaſtgeſellſchaft empfange Beſagter Anſchlag hänge in der Schenkſtube drunten wie Herr Mark in der That aus eigener Anſchauung bezeugen könne. „Ich weiß, Sie möchten chre Volksthümlichkeit nicht verlieren,“ fuhr der Kapitänfort, indem er an den Nägeln ſchabte;—„ich kann Se jedoch verſichern, daß 151 unſere Bürger nicht lang mit ſich ſpaßen laſſen und un⸗ ſere Zeitung dürfte Ihnen im andern Falle das Fell über die Ohren ziehen, wie einer wilden Katze.“ Martin wollte eben in haſtigen Jähzorn ausbrechen, als er ſich glücklicherweiſe noch eines beſſern beſann und ſeufzend in den Ruf ausbrach: „So laſſen Sie ſie denn in's Himmels Namen kommen— Sie mögen mir ihre Aufwartung machen.“ „Ja, ſie werden auch kommen,“ erwiederte der Ka⸗ pitän;—„ich habe deßhalb auch abſichtlich zu dieſem Zweck unter meinen eigenen Augen das große Zimmer herrichten laſſen.“ „Ich bitte Sie nur um Eins!“ rief Martin, als er den Kapitän im Begriff ſah, ſich zu entfernen,— —„erklären Sie mir wenigſtens nur den Grund, warum dieſe Leute mich beſuchen wollen? Was habe ich denn gethan? Welchem Zufall verdanke ich es, daß man ein ſo plötzliches und unbegreifliches Intereſſe an mir nimmt?“ Kapitän Kedgick legte den Daumen und drei Fin⸗ ger an jede Seite der Krämpe ſeines Huts, lüftete ihn ein wenig vom Kopfe, ſetzte ihn dann ſorgfältig wieder auf, fuhr mit der einen Hand von der Stirne an bis zum Kinn über das ganze Geſicht herunter, blickte auf Martin, dann wieder auf Mark und abermals auf Mar⸗ tin zurück, blinzelte mit den Augen und ſchritt dann zur Thüre hinaus. „So wahr ich lebe!“ rief Martin und ſchmetterte dabei die Fauſt derb auf den Tiſch nieder,—„ein ſo vollkommen unerklärlicher Kerl wie ‚dieſer iſt mir noch gar nicht vorgekommen. Was ſagſt Du zu dieſem Al⸗ lem, Mark?“ „Je nun, Sir,“ verſetzte ſein Aſſocie,—„meine Anſicht geht dahin, daß wir endlich die allermerk⸗ würdigſten Leute im Lande geworden ſeyn müſſen. 85 uns iſt hoffentlich der ganze Stamm ausgeſtorben, ir!* Wiewohl Martin herzlich darüber lachen mußte, 152 konnte er ſich doch nicht des Gedankens an das Lever um zwei Uhr Nachmittags entſchlagen. Pünktlich mit dem Glockenſchlage kehrte Kapitän Kedgick zurück, um ihn bei der Hand in's Staatszimmer zu führen, wohin er ihn kaum mit heiler Haut gebracht hatte, als er ſei⸗ nen Mitbürgern drunten mit lauter Stimme die Mel⸗ dung machte, daß Herr Chuzzlewit„nun zum Empfange bereit ſey.“ Im Sturmſchritte eilte die Menge herauf und im⸗ mer und immer ſtrömte es fort, bis das ganze Zimmer gefüllt war, und durch die geöffnete Thüre eine unheim⸗ liche Perſpektive auf weitere Neugierige ſich zeigte, die ſich noch auf der Treppe zuſammendrängte, bis die Reihe an ſie kam. Einer um den Andern, Mann auf Mann, Duzend auf Duzend, Schock auf Schock, mehr und im⸗ mer mehr kamen herauf und drückten einer um den an⸗ dern Herrn Chuzzlewit die Hand. Solche Spielarten von Händen, dicke und dünne, kurze und lange, fette und magere, plumpe und feine, welcher Unterſchied in der Temperatur, heiße und kalte, trockene und fauchte, laue und ſchlaffe!— Welche Verſchiedenheit im Hände⸗ druck, bald feſt, bald loſe, bald kurz andauernd, bald lang ausharrend!— Herauf und immer herauf, mehr und immer mehr, und ſtets ertönte von Neuem des Ka⸗ pitäns Stimme durch das Gedränge: Es ſind noch mehr Herren unten, es ſind noch mehr Herren da und nun, Gentlemen, haben Sie doch die Güte, das Zimmer zu räumen, wenn Sie die Ehre gehabt haben, Herrn Chuzz⸗ lewit vorgeſtellt worden zu ſeyn, räumen Sie das Zim⸗ mer, wollen Sie wohl das Zimmer räumen! Gentlemen, wollen Sie wohl die Güte haben, das Zimmer zu räu⸗ men, damit auch die andern Herren herauf kommen können? 8— 9 1 Die Herrn blieben jedoch taub gegen des Kapitäns Bitten und räumten nicht nur das Zimmer nicht, ſon⸗ dern ſtanden wie Bleiklötze und ſperrten Mund und Augen auf. Zwei Mitarbeiter an der Waſſertoaſtzeitung ¶ N AG—y,—— ᷣ — ◻ — R SR* — — N NR K NK* 8& à xN 1⁵³ waren expreß gekommen, um Materialien zu einem Ar⸗ tikel über Martin zu ſammeln. Sie waren übereinge⸗ kommen, die Arbeit unter ſich zu theilen, ſo daß der eine ſich den Oberleib Martins, der andere ſich den Theil unterhalb der Weſte vorbehalten hatte. Dieſe beiden Herrn ſtanden ganz vorn und überwachten mit zur Seite geneigtem Kopfe auf's Aufmerkſamſte und Gefiiſſentlichſte ſein ganzes Benehmen. Wenn Martin einen Fuß vor den andern ſetzte, ſo zeichnete es der mit dem Unterleib betraute Herr alsbald auf; wenn er ein Bläschen an der Naſe kratzte, ſo trug es der Aufſeher ſeines Oberleibs alsbald ein; öffnete Chuzzlewit den Mund zum Sprechen, ſo ließ ſich derſelbe Herr auf ein Knie vor ihm nieder und ſah ihm mit der geſpannten Aufmerkſamkeit eines Zahnarztes in den Mund. Verehrer der Phyſiognomik, Phrenologie und Diletanten in dieſen Wiſſenſchaften beobachteten und umlagerten ihn mit aufmerkſamen Augen und zuckenden Fingern, und zuweilen that einer der Verwegenſten einen tollen Griff nach dem Hinterkopfe des armen Martin und verſchwand dann raſch wieder im Gedränge. Sie beobachteten ihn von allen möglichen Geſichtspunkten aus, von vornen, im Profile von hinten und in einem Dreiviertelproftle. Die weniger wiſſenſchaftlich gebildeten Männer vom Fache waren, tauſchten hörbar genug ihre Anſichten über ſein Aeußeres aus. Martin hörte ganz neue Erfahrungen und Anſichten über ſeine Naſe kennen und die wider⸗ ſprechendſten Gerüchte eirkulirten über ſein Haar.— Noch immer hörte man die Stimme des Kapitäns aus dem Gewühle, die inzwiſchen ſo heiſer geworden war, daß es nicht anders ſchien, als ſpreche er unter einem Feder⸗ bette hervor; er rief noch immer unaufhörlich: „Gentlemen! machen Sie doch Platz! Sie ſind ja Herrn Chuzzlewit bereits vorgeſtellt worden; wollen Sie bald das Zimmer räumen?“ Und ſelbſt als das Zimmer ſich allmählig zu lichten begann, wurde es noch nicht beſſer, denn nun ſtrömte eine lange Reihe von 154 Herren herein, deren jeder an beiden Armen eine Dame führte(gerade wie der Chor in der Nationalhynine, wenn die königliche Majeſtät in der ganzen Würde ihres Standes auf der Bühne erſcheint);— jede neue Gruppe. war friſcher als die vorige und ſchien es eigens darauf angelegt zu haben, bis zum letzten Augenblick zu ver⸗ weilen. Wenn ſie ihn anredeten, was glücklicherweiſe nicht oft geſchah, richteten ſie alle faſt die gleichen Fra⸗ gen an ihn und thaten ſie faſt in demſelben Tone; wo⸗ bei ſie natürlich nicht mehr Anſtandsgefühl, Zartſinn oder Rückſicht beobachteten, als wäre er eine ſteinerne Geſtalt geweſen, die man eigens mit ſchwerem Geld erkauft und zu ihrer Aller Beluſtigung hier aufgeſtellt hätte. Ja, ſelbſt als im langſamen Verlaufe der Zeit auch dieſe ſich entfernten, wurde es um kein Haar beſſer, ſondern eher noch ſchlimmer, denn nun faßten ſich auch die Knaben ein Herz, kamen auf eigene Rechnung und Gefahr herein und ahmten in jeder Beziehung das Be⸗ tragen der Erwachſenen nach. Auch allerhand unheim⸗ liche plumpe Nachzügler kamen jetzt zum Vorſchein, Männer von geſpenſtiger Art, die, wenn ſie ein Mal im Zimmer waren, nicht mehr wußten, wie ſie wieder hinauskommen ſollten, ſo daß z. B. ein ſtummer Herr mit ſtieren fiſchartigen Augen und einem einzigen Knopf an ſeiner Weſte(der zudem noch ein ſehr großer von Metall war und gar wunderſam blinkte) hinter die Thüre zu ſtehen kam und wie eine Wanduhr hier blieb, als längſt ſchon alle Andern fort waren. Aus lauter Ermüdung, Hitze und Aerger war es Martin nicht anders zu Muthe, als ſollte er an Ort und Stelle niederfallen und freiwillig hier liegen blei⸗ ben, wenn ſie ihm nicht den Gefallen thun wollten, ihn allein zu laſſen. Da jedoch noch außerdem eine Anzahl Briefe und Botſchaften mit der Drohung kamen, Martin in öffentlichen Blättern an den Pranger zu ſtellen, wenn er ihre Abſender nicht beſuche,— da außerdem noch mehr Neugierige kamen, während er auf ſeinem eigenen 15⁵⁵ Stübchen den Kaffee einnahm und Mark trotz all ſeiner Wachſamkeit nicht im Stande war, ſie von der Thüre abzuhalten, beſchloß er endlich zu Bett zu gehen— nicht etwa in der Ueberzeugung, auch im Bette noch hinreichenden Schutz zu finden, ſondern nur, um we⸗ nigſtens auch eine höchſt problematiſche Hoffnung nicht unverſucht zu laſſen. Er hatte eben Mark dieſe ſeine Abſicht mitgetheilt und ſtand im Begriff zu entwiſchen, als die Thüre aber⸗ mals mit großer Eile aufgeſtoßen wurde und ein ält⸗ licher Herr eintrat und eine Dame mithrachte; die füg⸗ lich nicht mehr für jung gelten konnte— das war aus⸗ gemacht,— und vermuthlich auch nicht leicht für hübſch gehalten wurde— worüber freilich die Anſichten ge⸗ theilt ſind, da dieß lediglich Sache des Geſchmacks iſt. Sie war ungeheuer groß, höchſt ſteif und weder in Ge⸗ ſtalt noch im Geſichte lebhaft und beveglich zu nennen. Als Kopfbedeckung trug ſie einen großen Strohhut mit einem Beſatz von ähnlichem Stoffe geziert, der ihr ge⸗ rade ſo zu Geſicht ſtand, als ob irgeid ein ungeſchickter Tagelöhner ihr ein Dach aufgeſetzt habe und in der Hand hielt ſte einen rieſigen Fächer „Herr Chuzzlewit, wenn ich mic nicht irre,“ ſprach der ältliche Herr. „Das iſt mein Name,“ verſette Martin. „Entſchuldigen Sie, Sir,“ fihr der fremde Herr fort;—„meine Zeit iſt koſtbar.“ „Gott ſey Dank!“ dachte Mirtin. „Ich reiſe mit dem nächſtm Eilwagenzuge, der ſogleich aufbrechen wird, in neine Heimath zurück,“ fuhr der fremde Herr fort;— aufbrechen iſt, glaube ich, ein Wort, das Sie in Ihre Heimath nicht zu ge⸗ brauchen pflegen.“ 4 „Wir verbinden damit dei gleichen Begriff, wie Sie hier zu Lande,“ entgegnee Martin. „Sie irren ſich ſicherlich, Sir!“ verſetzte der fremde Herr mit vieler Entſchiedenhät,„wir wollen indeß über 1⁵⁶ dieſen Gegenſtand abbrechen, damit ich keines Ihrer Vorurtheile kränke oder aufwecke. Ich erlaube mir, Sir, Ihnen hier Mrs. Hominy vorzuſtellen.“— Martin verbeugte ſich. „Mrs. Hominy, Sir,“ fuhr der fremde Herr fort, „iſt die Gattin des Majors Hominy, eines unſerer aus⸗ gezeichnetſten Geiſter und gehört einer unſerer edelſten ariſtokratiſchen Familien an. Sie kennen vielleicht Mrs. Hominy aus ihren Schriften, Sir?“ Martin konnte dieß nicht bejahen. „Dann miüſſen Sie noch viel lernen und manche Genüſſe entbehren,“ verſetzte der fremde Herr;— „Mrs. Hominy wird bis zum Ende des Herbſtes bei threr neuverheitatheten Tochter in der Niederlaſſung von Neu⸗Thermepyle, drei Tagereiſen dieſſeits von Eden, ſich aufhalten. Jede Aufmerkſamkeit, die Sie unter Weges unſerer vetehrten Mrs. Hominy erweiſen können, wird Ihnen den Major und unſere ſämmtlichen Mit⸗ bürger zu Danke verpflichten. Ich wünſche Ihnen gute Nacht, Mrs. Honiny, mögen Sie viel Vergnügen auf Ihrer Reiſe haben Madame.“ Martin konnt kaum ſeinen Augen und Ohren trauen, allein es var dennoch ſo; der Herr hatte ſich wieder entfernt un, Mrs. Hominy erquickte ſich ohne viele Umſtände mit der Milch, die man ihm zum Kaffee gebracht hatte. „Auf Ehre, ich bin ganz todesmüde,“ bemerkte ſie;—„das Stoßen und Rumpeln in den Karren iſt faſt ebenſo ſchlecht, all wenn die Eiſenbahn voll Knorren und Sägern*) wäre.“ „Knorren und Siger, Madame?“ fragte Martin. „Allerdings, Sir“ verſetzte Mrs. Hominy;— nich vermuthe, daß Si kaum verſtehen, was ich damit *) Snags und Sawyers; ſo heißen nämlich die feſtgeſtauten Stämme von Treibholz im Btte der amerikaniſchen Flüſſe, welche beſonders der Schifffahrt ſehr ſefährlich werden. —— —.— Xᷣ—4,——S—ꝛ,'——S—- —— — n— 1⁵⁷ ſagen will? Du lieber Gott! welche Ignoranz! reden Sie doch nur.“ „Es ſchien jedoch nicht, als ob dieſe Bemerkungen, obwohl ſie mit einer dringenden Aufforderung zu ſchlie⸗ ßen ſchienen, irgend einer Antwort bedürften, denn Mrs. Hominy löst die Bänder ihres Hutes auf und gab ihm zu erkennen, ſie wolle ſich nur auf einen Augenblick ent⸗ fernen, um dieſes Kleidungsſtück bei Seite zu legen, dann aber alsbald wieder zurückkommen. „Mark!“ rief Martin,—„rührt mich doch ein Mal an!? Sagt mir, wache ich doch wirklich?“ „Frau Hominy, Sir, wacht allerdings,“ verſetzte ſein Compagnon;—„ſie gehört zu jener Sorte von Weibsleuten, Sir, die man zu jeder Stunde des Tags oder der Nacht mit weit geöffneten Augen und für das Wohl ihres Landes beſchäftigt finden könnte.“ Sie konnten ſich nicht weiter austauſchen, denn Frau Hominy ſtürzte im Augenblick wieder in's Zimmer herein, ſehr aufrecht, als ein Beweis ihrer ariſtokra⸗ tiſchen Abkunft, ein rothes baumwollenes Taſchentuch in ihren gefalteten Händen— vielleicht ein Andenken, das ihr der Major kraft ſeines ſeltenen Geiſtes beim Abſchied überreicht hatte. Sie hatte ihren Hut abge⸗ legt und erſchien nun in einer höchſt ariſtokratiſchen oder klaſſiſchen Haube, die ihr bis unter's Kinn herabreichte, ein Kopfputz, der ſo ausnehmend zu ihrem Antlitz paßte, daß der ſelige Grimaldi keinen vollſtändigeren Succeß hätte erringen können, wenn er in Haube und Hut der berühmten Mrs. Syddons aufgetreten wäre. Nartin führte ſie zu ſeinem Stuhle, allein ihre erſten Worte hielten ihn noch auf dem Fleck, bevor er ſich wieder in ſeinen Stuhl werfen konnte. „Darf ich Sie fragen, Sir,“ hub nämlich Mrs. Hominy an;—„von wo Sie ausgelaufen ſind?“ „ Ich fürchte faſt, meine Faſſungsgabe iſt nicht mehr im beſten Zuſtande, da ich ganz todesmüde bin, allein auf mein Wort, ich verſtehe Sie nicht recht.“ 4 158 Mrs. Hominy ſchüttelte den Kopf mit jenem me⸗ lancholiſchen Lächeln, das ziemlich beſtimmt ſagen wollte, du, lieber Gott!„ſogar unſere Sprache verderben ſie in der neuen Welt!“ Um jedoch ſeinen Capacitaͤten ein Paar Schritte näher zu kommen, fügte ſie noch hinzu: „Ich wollte Sie fragen, Sir, wo Sie eigentlich erzogen worden ſeyen?“ „Ach, ſo!“ erwiederte Martin;—„je nun, ich bin aus der Grafſchaft Kent gebürtig.“ „Und wie gefällt Ihnen denn unſer Vaterland, Sir?“ fragte Frau Hominy weiter. „O recht gut, Madame!“ verſetzte Martin halb ſchlaftrunken,„wenigſtens— nämlich— ziemlich gut, Madame!“ „Die meiſten Ausländer und insbeſondere die Brit⸗ ten— ſind höchſt überraſcht von dem, was ſie in den vereinigten Staaten ſehen,“ bemerkte Mrs. Hominy. „Sie haben auch den beſten Grund, es zu ſeyn,“ erwiederte Martin;—„in meinem ganzen Leben wurde ich nie auf ähnliche Weiſe überraſcht.“ „Der kurzſichtigſte Mann könnte das mit nacktem Auge auf Einen Blick ſehen,“ gab Martin zur Antwort. Mrs. Hominy war eine Philoſophin und Schrift⸗ ſtellerin und beſaß daher eine ziemlich ſtarke Ver⸗ dauungskraft, allein dieſe plumpe unſchickliche Frage ging doch beinahe über ihre Kraͤfte. Pfui! welch einen Mangel an Zartgefühl ließ ſich ein Herr zu Schulden kommen, der, obwohl bei geöffneter Thüre— mit einer Dame allein im Zimmer ſitzend— von nackten Augen zu ſprechen wagte. Eine lange Pauſe verging, bevor ſelbſt ſie, die doch gewiß eine Dame von äußerſt männlichem und erhabenem Geiſte war, Kraft genug aufzubieten vermochte, um die Unterhaltung fortſetzen zu können. Allein Mrs. Homiuy war eine Reiſende— Mrs. Hominy war ferner Mit⸗ arbeiterin an den berühmteſten periodiſchen Zeitſchriften CO ☛—, 0e GO,„ 159 und Verfaſſerin von analytiſchen Unterſuchungen. Mrs. Hominy hatte ihre Briefe aus dem Ausland, welche mit den Worten„mein allertheuerſter N. N.“ begannen und als„die Mutter der modernen Gracchen“ unter⸗ zeichnet waren,(worunter ſie freilich nur ihre verhei⸗ rathete Tochter verſtehen konnte) regelmäßig in einem öffentlichen Blatte abdrucken laſſen, worin ſie natürlich ihre ganze Entrüſtung in großen Buchſtaben und ihren Sarkasmus in Curſioſchrift auszudrücken pflegte. Mrs. Hominy betrachtete das geſammte Ausland vom Ge⸗ ſichtspunkte einer vollſtändigen Republikanerin aus, wie ſie eben glühend heiß aus dem Modellofen kommt— und Mrs. Hominy war im Stande, darüber Stunden lang unausgeſetzt zu ſprechen oder zu ſchreiben. Auf dieſe Weiſe war Mrs. Hdminy denn auch in den Stand geſetzt, das ganze grobe Geſchütz ihrer Dialektik gegen Martin aufzufahren und ſpielen zu laſſen, der, da er im höchſten Grade ſchlaftrunken war, ohne Widerſtand Alles über ſich ergehen ließ und ſich geduldig darein fügte, daß ſie ſich nach Herzensluſt über ihn hermachte. Es verlohnt ſich freilich nicht der Mühe zu wieder⸗ holen, was Mrs. Hominy gegen Martin behauptete und wir wollen daher nur anführen, daß ihr Schwadroniren nichts Anderes war, als die papageyenartige Wiederkäuerei des Gewäſches jener beſonderen und zwar höchſt zahl⸗ reichen Klaſſe ihrer Landsleute, die bei jeder Veranlaſſung offen geſtehen, daß ſie gegen die hohen Grundſätze, welche Amerika ihre Entſtehung als Nation zu verdanken hatte, ebenſo fühllos und gleichgültig ſey, als irgend jede Orſon ihrer geſetzgebenden Verſammlung. Sie war eine getreue Nachbeterin derjenigen, die ihres wahren Gefühls ebenſo unfähig, oder falls ſie Gefühl beſitzen, dagegen ſo gleichgültig ſind, daß ſie, indem ſie ihr Vaterland der ganzen Fluth der Verachtung jedes ehrlichen Mannes ausſetzen, die Rechte noch ungeborener Nationen und den ganzen Fortſchritt des menſchlichen Geiſtes ebenſo gleich⸗ 16⁰0 gültig aufs Spiel ſetzen, als die Schweine, die ſich auf ihren Straßen wälzen. Sie bekannte ſich ganz offen zur Meinung derer, die da meinen, der Ausruf, welchen ſie ſtets gegen An⸗ dere in ihrer Ungerechtigkelt alt gewordner Nationen im Munde führen:„Wir ſind nicht ſchlimmer als Ihr!“ (wohlgemerkt: nicht ſchlimmer!) ſchon Grund genug zu Schutz und Trutz für dieſe Republik ſey, die man erſt geſtern in ihre Laufbahn hat eintreten laſſen, die aber heute ſchon ſo lahm und verſtümmelt, ſo voll von Beu⸗ len und Geſchwüren, ſo widerlich für das Auge und faſt hoffnungslos für das Gefühl iſt, daß ſich auch ihre beſte Freunde voll Ekel von dieſer gehäſſigen Kreatur abwen⸗ den. Mrs. Hominy ließ es ſich angelegen ſeyn, die Anſichten jener Schwärmer wiederzukäuen, die, während ihre Vorfahren ihre Unabhängigkeit nur dadurch erklärt und gewonnen haben, weil ſie vor gewiſſen öffentlichen Laſtern und Verworfenheiten die Kniee nicht beugen— und der Wahrheit keinen Abbruch thun wollten, um Freude am Böſen ſuchen und dem Guten den Rücken wenden;— die ſich zufrieden mit der niederträchtigen Prahlerei ſchlafen legen, daß anderer Tempel ebenfalls von Glas ſeyen und Steine, die man auf die ihrigen geſchleudert, auf den Werfenden zurückprallen könnten, die ſich aber hiedurch allein ſchon als ſolche erweiſen, die unermeßlich weit hinter dem Werthe des ihnen an⸗ vertrauten Gutes zurück und ebenſo unwürdig ſind, es zu beſitzen, als ob die ganze verworfene Spitzbuberei all' ihrer kleinen Gouvernement,— deren jedes der Verdor⸗ benheit nach ein Königthum im Kleinen iſt, zum Be⸗ weiſe gegen ſie in einen einzigen Haufen aufgethürmt wäͤre. 4 Martin erwachte allmälig wieder ſoweit, daß er ſich eines fürchterlichen geiſtigen Drucks bewußt wurde, daß ihn ein dunkler Traum verfolgte, als ob er einen Buſen⸗ freund ermordet habe, und des Leichnams ſich nicht ent⸗ ſchlagen könnte. Als er nämlich die Augen wieder öff⸗ ———— 8 8—*—8 — 3 n . 161 nete, ſchien ihm der Leichnam gerade in's Geſicht zu ſtieren, es war die ſchreckliche Mrs. Hominy, welche die tiefſten Wahrheiten in melodiſchem Schnauben aus⸗ ſprach, und ihre geiſtigen Fähigkeiten in ſolchem Maße an den Tag legte, daß des Majors bitterſter Todfeind, wenn er ſie gehört hätte, dem armen Gatten ganz ge⸗ wiß von Herzen vergeben haben würde.— Martin hätte ſicherlich am Ende noch ſeinen verzweifelten Schritt ge⸗ wagt, hätte nicht das Geläute der Glocke in dieſem Au⸗ genblick zum Nachteſſen geladen; dießmal kamen ihm die mächtigen Töne ganz gelegen— er brachte haſtig Mrs. Hominy zu ſeinem Sitz am obern Ende der Tafel und fluchtete ſich alsdann ſelbſt nach dem untern Ende der⸗ ſelben, von wo er denn nach haſtig eingenommener Mahl⸗ zeit ſich hehlings entfernte, während die Dame noch mit geräuchertem Ochſenfleiſche und einem ganzen Teller voll der ſchärfſten Pfeffergurken beſchäftigt war. Es wäre eine ſchwere Aufgabe, ſeine entſprechende Idee von der körperlichen und geiſtigen Friſche zu geben, welche Mrs. Hominy am andern Morgen an den Tag legte, oder gar von dem neuen Eifer, womit ſie ſich beim Frühſtuͤcke kopfüber in ſeine Abhandlung über Moralphiloſophie ſtürzte. In ihren Zügen war vielleicht noch etwas mehr Schärfe zu entdecken, allein ſicherlich nicht mehr, als die Pfeffergurken natürlicherweiſe her⸗ vorbringen mußten. Den ganzen Tag über hielt ſie ſich unaufhöͤrlich an Martin, blieb ihm zur Seite, während er ſeine Freunde empfing,— es fand nämlich abermals ein Lever bei ihm ſtatt, das wo möglich noch zahlreicher beſucht wurde, als das erſte— entwickelte die verſchie⸗ denſten Theorien und beantwortete Einwürfe aller Art, ſo daß Martin in der That zu glauben begann, er müſſe jetzt im Traume liegen und für zwei ſprechen; ſie warf mit endloſen Citaten aus gewiſſen, eigenhändigen Auf⸗ ſätzen uͤber Regierung und Staatsweſen um ſich, bediente ſich des rothkattunenen Handtuchs des Majors, als ob Boz, Chuzzlewit. III. 11 das Schnauben eine temporäre Krankheit wäre, deren ſie ſich um jeden Preis zu entledigen gedachte, und ge⸗ bärdete ſich mit einem Worte als eine ſolch merkwür⸗ dige Gefärthin, daß Martin mit ſeinem Gewiſſen bald darüber einig wurde, es ſeye um des allgemeinen Frie⸗ dens und der Eintracht der menſchlichen Geſellſchaft wil⸗ len unabweisbare Nothwendigkeit, eine ſolche Perſon in jeder neuen Anſtedlung ſogleich todtzuſchlagen. Mark war inzwiſchen vom frühen Morgen bis in die ſpäte Nacht damit beſchäftigt, diejenigen Vorräthe, Werkzeuge und andere Bedürfniſſe an Bord des Dampf⸗ boots zu ſchaffen, deren Erwerbung und Beiſchaffung ihm von Anderen das räthlich und nothwendig bezeichnet worden waren. Der Ankauf dieſer Gegenſtände und die Bereinigung ihrer Zeche im Nationalhotel brachte ihre Finanzen am Ende ſo ſehr in die Klemme, daß, wenn der Kapitän die Abfahrt noch länger verzögert haben würde, ſie ſicherlich in dieſe Verlegenheit gerathen wären, wie die unglückſeligen ärmeren Auswanderer, welche ſich durch eine feierliche Aufforderung und Ankündigung von Seiten des Dampfbootbureaus ſchon vor einer Woche hatten verleiten laſſen, das Zwiſchendeck zu beziehen, und die nun gewiſſermaßen ſchon vor dem Beginn ihrer Reiſe die Mundvorräthe aufzuzehren genöthigt waren. Da waren nun die armen Leute in der Nähe der Ma⸗ ſchine und des Heizapparates auf einen Haufen zuſam⸗ mengedrängt; da waren Landleute, die nie einen Pflug geſehen, Holzhauer, die nie eine Axt geführt, Bau⸗ meiſter, die keine Schachtel conſtruiren konnten— ſammt⸗ lich ausgeſtoßen aus dem Heimathland ohne eine hülf⸗ reiche Hand, die ſich ihrer erbarmte, neulich erſt ange⸗ kommen in jener Welt, die ihnen ganz unbekannt war. Kinder an Hulfloſigkeit allein den Bedürfniſſen nach Männer mit jüngern Kindern im Hintergrunde, deren Leben und Tod nun nur rein noch vom Zuſall abhing. Der Morgen kam und am Mittag ſollte das Dampf⸗ boot abfahren. Der Mittag kam, und die Abreiſe wurde —— R& r SͤSE ͤA S=SSSA 2 ᷣ 163 en auf die Nacht verſchoben. Nichts hienieden währt ja ⸗ ewig, ſelbſt nicht die Verzögerung und der Aufſchub ei⸗ ir⸗ naes amerikaniſchen Schiffes, und mit Einbruch der Nacht ld war endlich Alles zur Abfahrt bereit. Bis zum Aeußer⸗ le⸗ ſten entmuthigt und ermüdet, allein als größerer Löwe il⸗ denn je,(er hatte nämlich den ganzen Nachmittag damit in verbracht, Briefe von Fremden zu beantworten, die zum Theil gar nichts, zum Theil aber auch Geldanlehen ent⸗ hielten, und ſämmtliche auf unverzügliche Beantwortung drangen) ſchritt Martin zum Quai des Fluſſes hinab, brach ſich mit Mrs. Hominy am Arme durch ein furcht⸗ bares Menſchengewühl Bahn, und gelangte endlich an Bord. Mark hatte von ihm den Auftrag bekommen, das Räthſel ſeines Löwenthums wo möglich zu löſen und eilte dann, nicht ohne Gefahr, zurückgelaſſen zu werden, nach dem Hotel zurück. Kapitän Kedgick ſaß unter der Colonnade, eine Zi⸗ garre im Munde und ſeinen Kühltrank in der auf den Knieen ruhenden Hand. Sein Auge begegnete Martins Blick und alsbald brach er in die träge läſſige Frage aus: „Heda, guter Freund! Was in's Himmelsnamen bringt Sie denn hieher?“ „Das will ich Ihnen ohne Hehl mittheilen,“ ver⸗ ſetzte Mark;—„ich wünſchte nämlich nichts Anderes, als eine Frage an Sie zu richten.“ „Das Fragen kann man Niemanden verwehren,“ verſetzte Kedgick in einem Tone, der genugſam andeutete, daß dem Befragten ebenſo gut das Recht zuſtehe, nichts zu antworten, als dem Neugierigen eine ſolche Frage zu thun. „Sagen Sie mir, Kapitän?“ fragte Mark ſchlau, „warum haben denn die Leute ſo viel Aufhebens von ihm gemacht? Können Sie mir nicht Auskunft darüber geben?“ „Unſer Volk liebt die Aufregung,“ erwiederte Kedgick und ſchmauchte gemächlich ſeine Zigarre fort. „Wie konnte aber Herr Chuzzlewit dieſe Leute auf⸗ regen?“ fragte Mark. 3 11* Der Kapitan blickte ihn an, als waͤre er halb und halb geneigt, ſich einen Kapitalſpaß zu machen. „Ihr ſeyd alſo wohl beide ſchon im Begriff, abzu⸗ reiſen?“ fragte er. „Allerdings!“ rief Mark,—„wir gehen, und ieder Augenblick iſt uns koſtbar.“ „Unſer Volk liebt die Aufregung,“ verſetzte der Ka⸗ pitän flüſternd;—„er glich nicht dem gemeinen Troß der Auswanderer, und hat die Leute während ſeines ganzen hieſigen Aufenthalts in ſteter Aufregung erhalten;“ er blinzelte bei dieſen Worten mit den Augen und brach in ein halb unterdrücktes Gelächter aus;—„ja wahr⸗ lich! das hat er während ſeines ganzen Aufenthalts ge⸗ than. Scadder iſt ein Blitzkerl, und— noch keiner, der je nach Eden ging, iſt lebendig wiedergekehrt!“ Das Quai war hart daneben, und Mark konnte von hier aus hören, wie man ſeinen Namen rief, und wie Martin ihn aufforderte, ſich zu tummeln, wenn er nicht zurückbleiben wolle. Es war zu ſpät, der Sache eine andere Wendung zu geben, und ſo blieb nichts mehr übrig, als gute Miene zum böſen Spiele zu machen; er gab daher dem Kapitän zum Abſchied noch ein Paar Segensworte zu vernehmen, und ſprengte dann mit der Eile eines Wettrennpferdes davon. „Mark! Mark!“ rief Martin. „Hier bin ich, Sir!“ rief Mark, und erſchien nun plötzlich am Rande des Quais, um mit einem einzigen Satze an Bord zu ſpringen;„in meinem Leben war ich nie auch nur halb ſo vergnügt, Sir!'s iſt alles in Ord⸗ nung, den Anker auf! und nun raſch vorwärts.“ Die Funken von der Holzfeuerung ſprühten aus den beiden Schornſteinen empor, als ob das Fahrzeug ein eben angezündetes Feuerwerk wäre, und rauſchte dann plötzlich wie auf Sturmesſittig über die dunkle Waſſer⸗ fläche dahin. —9 ͤSe 165 Siebentes Kapitel. Martin und ſein Geſchäftsgenoſſe nehmen Beſitz von ihrem Land⸗ gute, und die erfreuliche Gelegenheit veranlaßt noch einige weitere Schilderungen von Eden. Es begab ſich, daß an Bord des Dampfbootes noch mehrere Reiſende deſſelben Schlages ſich befanden, wie Herr Bevon, Martins Freund aus New⸗York, in deren Geſellſchaft er ſich ſehr vergnügt und glücklich fühlte; ſie enthoben ihn nach Kräften der intellektuellen Um⸗ krallungen und Verſchlingungen der Mrs. Hominy, und legten in all' ihrem Denken und Thun ſo viel Gutmü⸗ thigkeit, geſunden Menſchenverſtand und warmes Gefühl an den Tag, daß er ſie nicht genug zu ſchätzen wußte. „Wäre dieß eine Republik des Verſtandes und wah⸗ rer Menſchenwürde, anſtatt leeren Dunſtes und Prelle⸗ rei,“ pflegte er zu ſagen,„ſo müßten ſie unfehlbar die Hebel ſeyn, welche die Staatsmaſchine im Gang halten würde.“ „Wenn man gute Werkzeuge hat, und ſich ſchlechter bedient,“ verſetzte Herr Tabley,„ſo wird es nicht an⸗ ders ausſehen, als ob der Tiſchler nicht eben der ge⸗ ſchickteſte in ſeinem Handwerk ſey, nicht wahr?“ Martin bejahte kopfnickend.„Als ob ſeine Arbeit über ſein Wiſſen und Kennen gehe, Mark!“ ſetzte er hinzu,„und als ob ſie es daher verpfuſchten.“ „Das Beſte davon iſt,“ ſagte Mark,—„daß, wenn ſie ja zufälligerweiſe ein ordentliches Stück Arbeit zu Wege bringen, wie es beſſere Arbeiter ohne ſolch' gün⸗ ſtige Gelegenheiten ihrer Lebtage fertigen, ohne ſovie! Aufhebens damit zu machen, ſie einen ungeheuern Lär⸗ men davon erheben. Merken Sie ja auf meine Worte, Sir: Wenn je der betrügliche Theil dieſes Landes hier ſeine Schulden bezahlt— denn nach gerade müſſen Sie doch finden, daß das Nichtbezahlen derſelben vom com⸗ 166 merziellen Geſichtspunkte aus nicht rathſam iſt und höchſt unbequeme Folgen mit ſich bringt— ſo werden ſie da⸗ von einen ſolchen Lärmen erheben und ſolch' prahleriſche Reden halten, daß man ſchier glauben ſollte, geborgtes Geld ſey ſeit Beginn der Welt nie zuvor zurückbezahlt worden. Auf dieſe Weiſe prellen ſie ſich untereinander ſelbſt und täuſchen ſich mit und ohne Abſicht. Weiß Gott, Sir! ich kenne dieſe Burſchen jetzt— glauben Sie mir ja!“ „Ihr ſcheint ja nach gerade unendlich viel Scharf⸗ ſinn zu entwickeln,“ rief Martin lachend. „Wer weiß,“ dachte Mark,—„ob's nicht daher kommt, weil ich jetzt eine Tagereiſe näher an Eden bin, und es allmäͤlig lichter wird, je näher mir der Tod rückt? Bis wir das Ziel unſerer Reiſe erreichen, bin ich vielleicht ſchon ein Prophet geworden.“ Er faßte zwar dieſe Empfindungen nicht in Worte, allein die ausnehmende Jovialität, welche ſie in ihm rege machten, und die Luſtigkeit, welche ſie auf ſein glänzendes Geſicht zauberten, waren hinreichend für Mar⸗ tin, wiewohl dieſer ſich zuweilen zu überreden verſuchte, er kümmere ſich nichts um die unerſchöpfliche Munterkeit ſeines Compagnons und ihn zuweilen, wie in dem Falle Lephania Scadders für einen allzu ſcherzhaften Lammen⸗ tator erklären mußte, wurde ſich doch ſtets ſelbſt bewußt, daß die Wirkung ſeines Beiſpiels auch ihn wiederum ermuthige und neue Hoffnung in ihm rege mache. Ob er gerade in der Stimmung war, Nutzen daraus zu ziehen oder nicht, könnte kaum in Betracht fommen; Marks Luſtigkeit wirkte einmal anſteckend und er erlag unwillkührlich der anſteckenden Gewalt derſelben. In der erſten Zeit fand einiger Wechſel der Paſſa⸗ giere an Bord ſtatt, indem bald dort einer das Dampf⸗ boot verließ, und durch neue Ankömmlinge erſetzt wurde; allein allmälig verſchwanden die Städte zu beiden Seiten des Weges und wurden dünner geſät, und manche Stun⸗ den nacheinander bekamen ſie keine andern Wohnungen — — —— 8 22 ——————— ——ÿℳB8E KgE3 —‿ — NSUN 167— zu Geſicht als die Hütten der Holzfäller, an denen das Fahrzeug anhielt, um neuen Brennſtoff einzunehmen. Den ganzen lieben langen Tag ſahen ſie nichts anderes, als Himmel und Waſſer, und eine Sonnengluth brannte auf ſie nieder, die Alles, was ſie berührte, mit Ofen⸗ hitze verſetzte. Weiter und weiter ging ihr Lauf zwiſchen großen Einöden hin, wo die Bäume auf den Stromesufern zu wirrem Dickicht ſich verengten, und aus den Tiefen der Gewäſſer verſchrumpfte Arme emporreckten, und vom Uferrand? in das Waſſerboot herniedergleiteten, da ſie noch halb grünten, und halb im ſchlammigen Waſſer moderten. Weiter und weiter gings den langweiligen Tag und die melancholiſche Nacht hindurch in glühender Sonnenhitze wie im abendlichen Dunſt und Nebel— weiter und weiter ging es, bis die Rückkehr unmöglich ſchien, und das Wiederſehen der Heimath zu einem pei⸗ nigenden wüſten Traume wurde. Sie hatten nur noch wenige Leute an Bord, und auch dieſe wurden ſo flau, langweilig und ſiechend wie die Vegetation, die ihre Augen allſeitig umgab; kein Ton der Freude und Hoff⸗ nung ließ ſich hören, kein harmloſes Geplauder kürzte die träge Schwinge der Zeit, keine kleine Gruppe machte gemeinſchaftliche Sache gegen den langweiligen trüben und bedrückenden Eindruck der Ausſicht. Hätten dieſe Leute nicht zu beſtimmten Tageszeiten aus einem ge⸗ meinſchaftlichen Troge ihre Nahrung eingenommen, man hätte ſie füglich für ſchwermüthige Schatten gehalten, die des alten Charons⸗Boot den ewigen Richtern ent⸗ gegenführte. Endlich erreichten ſie die Nachbarſchaft von New⸗ Thermopyle, wo ſich Mrs. Hominy noch am ſelben Abende ausſchiffen wollte, ein Strahl des Troſtes ſenkte ſich in Martins Seele hernieder, als ſie ihm dieſe Nach⸗ richt mittheilte, und auch Mark, der freilich keines Troſtes bedurfte, ſchien darüber nicht mißvergnügt zu werden. Es war faſt Nacht, als man endlich am Landungs⸗ 168 platze anlegte— einer ſteilen Uferbank mit einem Hotel in Geſtalt einer Scheune auf dem Gipfel derſelben, das von etlichen Blockhäuſern und wenigen zerſtreuten Schup⸗ pen umgeben war. 3 „Sie wollen alſo heute hier übernachten und ver⸗ muthlich am Morgen weiter reiſen, Madame?“ fragte Martin ſeine Begleiterin.. „Wohin ſollte ich denn noch gehen?“ fragte die Mutter der modernen Gracchen. „Je nun! nach New⸗Thermopyle,“ verſetzte Martin. „Du lieber Gott! Da ſind wir ja ſchon,“ verſetzte Mrs. Hominy. Martin ſah ſich in der dunkelwerdenden Umgebung ringsum, vermochte aber keine Spur von einer Stadt zu entdecken, und gab dieß auch ſeiner Gefährtin zu er⸗ kennen. „Ei, ſehen Sie, dort liegt's ja!“ rief Mrs. Ho⸗ miny, und deutete auf die vorerwähnten Schuppen. „Jenes dort?“ rief Martin.* „Allerdings, jenes dort iſt's,“ verſetzte Mrs. Ho⸗ miny mit ſehr bezeichnendem Kopfnicken,—„ſagen Sie mir darüber was Sie wollen, Ihr Eden kann ſich doch nicht damit meſſen.“ Die verheirathete Mrs. Hominy, die mit ihrem Gatten an Bord gekommen war, lieferte den ſprechend⸗ ſten Beweis für dieſe Angabe und unterſtützte auch ſammt ihrem Gemahl die Behauptung ihrer Mutter in Bezie⸗ hung auf Eden. Martin lehnte eine Einladung, wäh⸗ rend des halbſtündigen Aufenthalts des Dampfbootes an dieſem Landungsplatz einen Imbiß in ihrem Hauſe ein⸗ zunehmen, mit Dank ab und kehrte, als er Mrs. Ho⸗ miny und ihr rothes Taſchentuch, das noch immer in activem Dienſte war, wohlbehalten bis zur Schifftreppe geleitet hatte, in höchſt gedankenvoller Stimmung nach Hauſe zurück, um den Auswanderern zuzuſehen, die jetzt ihr Gepäcke an's Land ſchafften. Mark ſtund ihm eine zeitlang zur Seite, und blickte 169 ihm hie und da forſchend in's Geſicht, um zu leſen, welche Wirkung dieſe Unterredung auf ihn gehabt habe; es ſchien ihm gar nicht unwillkommen zu ſeyn, daß Martins Hoffnungen noch zu Grabe getragen wurden, ehe ſie noch das Ziel ihrer Hoffnungen erreichte, damit der gefürchtete Schlag gleichſam noch in ſeinem Falle gebrochen wurde. Er erhielt jedoch wenig Aufſchluß über das, was in Martins Geiſte vorging, ausgenom⸗ men, daß er zuweilen bemerkte, wie ſein Compagnon hehlings und nicht in der beſten Laune auf, die armſe⸗ ligen Gebäude jenes Hügels blickte, bis das Fahrzeug ſeine Weiterreiſe angetreten hatte. „Mark,“ hub Martin alsdann an,—„iſt ſonſt Niemand hier an Bord, der mit uns die Reiſe nach Eden macht?“ „Niemand außer uns, Sir!“ gab Mark zur Ant⸗ wort;—„die meiſten von den Leuten ſind ja, wie Sie wiſſen, längſt davon gegangen und die wenigen, die zurückgeblieben ſind, gehen theilweiſe noch weiter, aber was liegt auch daran, deſto mehr Platz bleibt daſelbſt für uns.“ „Je nun, freilich,“ erwiederte Martin,—„allein ich dachte...“ hier hielt er plötzlich inne. „Ja, Sir! was dachten Sie denn?“ wollte Mark wiſſen. „Wie ſeltſam es doch ſey,“ fuhr Martin fort,„daß Leute den Verſuch machen ſollten, ihr Glück in einem verdammten Loche, wie dieß hier z. B., zu verſuchen, wenn es noch weit günſtigere und gelegenere Plätze in der Nähe gäbe, wie man ſagen möchte.“ Der Ton, worin er dies ſagte, war verſchieden von ſeinem gewöhnlichen Vertrauen und enthielt eine ſo augenſcheinliche Furcht vor Marks Erwiederung, daß der gute Burſche mit ſeinem Herrn das entſchiedendſte Mit⸗ leiden fühlte. „Nun Sie wiſſen ja, Sir!“ ſagte Mark ſo artig, als er nur immer dieſe Bemerkung wagen konnte, daß 170 wir uns vor allzu ſanguiniſchen Hoffnungen hüten müſſen. Wir haben auch wahrlich gar keine Gelegenheit dazu, weil wir doch einmal entſchloſſen ſind, zu jeglichem die beſte Miene zu machen, nachdem wir das Schlimmſte davon in vollem Maße erſchöpft haben, nicht wahr, Sir?“ Martin blickte zwar ſeinen Gefährten an, gab jedoch keinen Laut zur Antwort. „Sie wiſſen ja auch, Eden iſt noch nicht einmal ganz ausgebaut,“ fuhr Mark endlich fort. „Um's Himmels willen, Menſch!“ rief Martin zür⸗ nend,—„ſprecht mir doch nicht von Eden in einem Athem mit dieſem Platze. Seyd Ihr denn toll? Hier— Gott verzeihe mir's— nun nehmt mir nur meine Ent⸗ rüſtung nicht übel.“ Mit dieſen Worten wandte er ſich abſeits und ſpa⸗ zierte zwei volle Stunden auf dem Verdeck auf und ab, ein kühles„Gutenacht“ ausgenommen, ſprach er auch bis zum andern Tage kein Sterbeswörtchen mehr und ließ auch alsdann dieſen Gegenſtand ganz aus dem Spiele und ſprach nur über gleichgültige und ſolche Gegenſtände, die mit ſeinen Planen nichts zu ſchaffen hatten. Im ſelben Maße, wie ſie ſich dem Ziel ihrer Reiſe näherten oder dieſe fortſetzten, nahm die Gegend an ein⸗ töniger Oede zu und zwar dermaßen, daß ſie dem Auge auch gar keinen verſohnenden Zug mehr bot und man füglich behaupten konnte, ſie hätten leibhaftig das gräß⸗ liche Gebiet der Rieſin, Verzweiflung, betreten. Ein flacher Moraſt, überſät mit geſtürzten modernden Bäu⸗ men, ein Marſchland, auf welches der geſunde Wuchg der Erde ausgerottet und verworfen worden zu ſeyn ſchien, damit aus ſeiner modernden Aſche nur Unkraut und Giftgewächſe emporkeimten, woſelbſt die Bäume nur das Anſehen rieſigen Unkrautes hatten, beſchmutzt von dem Schlamme, dem ſie entſprungen, vertrocknet von der heißen Sonne, die ſie aufzehrte, wo tödtliche Krank⸗ heiten umher wanderten und ſich nach Menſchen umſahen, 171 die ſie befallen könnten, wo ſie in nebelartigen Schatten nächtlicher Weile ihr Verſteck verließen und über das Waſſer hinſchwebten und Geſpenſtern ähnlich darüber hinſpukten, bis das Tageslicht wieder erſchien, woſelbſt die geſegnete Sonne zum Schreckbild wurde, weil ſie ihren milden Strahl auf die faulenden Elemente der Verderbniß und der Krankheit hernieder ſandte— dieß war das Reich der Hoffnung, das ſie jetzt durchſchritten. Endlich machte das Dampfboot Halt und zwar vor Eden ſelbſt. Die Gewäſſer der Sündfluth ſchienen es erſt vor einer Woche verlaſſen zu haben, ſo erſtickt von Schlamm und verworrenem Unkraut war der gräßliche Moraſt, der in bitterer Ironie den Namen Eden trug; da hart am Ufer kein Fahrwaſſer für das Dampfboot war, wurden ſie mittelſt des Boots vom Dampſſchiff ge⸗ landet und ihre Habe ihnen nachgeſandt. Unter den düſteren Bäumen wurden ein Paar Blockhäuſer ſicht⸗ bar— das beſte von dieſen war kaum einem Schuppen für Kühe oder einem rohen Stall ähnlich; von einem Marktplatze, von öffentlichen Gebäuden, von Quais und Löſchungsplätzen war auch nicht die entfernteſte Spur vorhanden..... „Da kommt ein Bewohner von Eden,“ rief Mark,— „er ſoll uns helfen, unſere Siebenſachen vollends land⸗ einwärts zu bringen, faſſen Sie Muth, Sir! Halloh! Landsmann!“ In der allmählig ſich verdüſternden Nacht wankte langſam und auf einen Stock gelehnt ein Mann auf ſie zu; als er ihnen näher gekommen war, bemerkten ſie, daß er bleich und abgezehrt war und ſeine hohlen miß⸗ muthigen Augen tief in ihren Höhlen eingeſunken lagen. Ein Kittel von ſelbſtgeſponnener blauer Leinwand hing lumpig um ſeine Schultern und ſeine Füße und ſein Kopf waren bloß; auf halbem Wege ließ er ſich auf einem Baumſtumpfe nieder und bat ſie heranzukommen; als ſie ihm willfahrten, drückte er die Hand in die Hüften wie 172² vor Schmerz und ſtierte ſie verwundert an, während er tiefen Athem holte.. „Fremde?“ rief er aus, ſobald er wieder zu ſprechen vermochte. „Allerdings,“ verſetzte Mark,„wie befinden Sie ſich, Sir?“*. „Das Fieber hat mir arg mitgeſpielt,“ entgegnete er mit ſchwacher Stimme;—„ich habe ſeit vielen Wo⸗ chen das Bett kaum mehr verlaſſen können. Ihr habt hier Euer Hab und Gut bei Euch?“ ſetzte er hinzu, indem er auf ihr Gepäcke deutete, das auf dem Boden umher lag. „Ja, Sir, ſo iſt's,“ ſagte Mark;—„Ihr könntet uns wohl Jemanden empfehlen, der uns hülfreiche Hand böte, um uns die Sachen nach der Stadt hinaufſchaffen zu helfen? Nicht wahr, Sir, Ihr thut uns den Ge⸗ fallen?“ „Mein älteſter Sohn würde es gerne thun, wenn er nur könnte,“ verſetzte der Mann,—„allein gerade heute iſt er wieder vom Fieber heimgeſucht und liegt bis über die Ohren im Bette; mein jüngſter Sohn ſtarb vor etwa einer Woche.“ „Ihr thut mir von ganzer Seele leid, alter Gon⸗ verneur!“ rief Mark und ſchüttelte dem Alten die Hand;— „kümmert Euch nicht weiter um uns! Kommt mit uns und laßt Euch von mir führen. Die Güter hier ſtiehlt uns kein Menſch, Sir!“ ſetzte er zu Martin gewandt hinzu,„es ſind nicht gerade viele Leute hier herum, welche Abſichten darauf haben könnten und das iſt wahr⸗ lich kein geringer Troſt für uns.“ 3„Ja wahrlich!“ verſetzte der Mann,—„wenn Ihr Leute finden wollt, ſo müßt Ihr ſie hier im Boden unter unſeren Füßen oder dort drüben im Gehölz gegen Norden ſuchen. Die Meiſten von ihnen haben wir mit eigenen Händen begraben, die Uebrigen haben ſich aus dem Staube gemacht und die Wenigen, die noch hier zuruͤckgeblieben ſind, ſetzen bei Nacht keinen Fuß aus dem Hauſe.“ 173 „Die Nachtluft iſt alſo nicht beſonders geſund,“ ſagte Mark. „Sie iſt tödtliches Gift,“ gab der Anſiedler zur Antwort. Mark nahm dieſe Nachricht ſo gleichmüthig hin, als ob man ſie ihm für Ambroſia ausgegeben hätte, reichte dem Manne ſeinen Arm und gab ihm unter Wegs näheren Aufſchluß über die Umſtände ihres Kaufes, in⸗ dem er ihn beiläufig über die Lage ihres künftigen Land⸗ ſitzes befragte. Der Anſiedler erwiederte ihm, daß be⸗ ſagter Platz ſo nahe bei ſeinem eigenen Blockhauſe liege, daß er ihre Wohnung ſeither als Magazin und Speicher für ſeinen Mais benutzt habe; ſie ſollten ihn daher für heute Nacht entſchuldigen und darauf rechnen, daß er wo möglich unfehlbar des anderen Tages das Blockhaus räumen würde; er gab ihnen nebenbei als Einleitung zu mancherlei anderen Lokalnachrichten zu verſtehen, daß er den letzten Eigenthümer des Gutes eigenhändig begraben habe— eine Nachricht, durch welche ſich Mark ebenſo wenig auch nur im Mindeſten in ſeinem Gleichmuthe ſtören ließ. 1 Mit einem Worte, er geleitete ſie zu einer elenden noch aus Baumſtämmen erbauten Hütte, deren Thüre entweder längſt zerfallen oder weggeführt worden war und die daher für die kalte Nachtluft ebenſo zugänglich, als zum Genuß des Anblicks der reizenden Landſchaft zweckdienlich war. Den oben erwähnten kleinen Korn⸗ vorrath ausgenommen, entbehrte das ganze Hausweſen aller Möbel, ſie hatten jedoch eine große Kiſte am Lan⸗ dungsplatze zurück gelaſſen und erhielten von dem Anſtiedler eine rohe Fackel anſtatt einer Kerze, welche letztere Mark mit der Erklärung auf dem Herde aufpflanzte, daß die Behauſung jetzt ganz„behaglich“ ausſehe, worauf er dann hinter Martin hereilte, um beim Herbeiſchaffen der Kiſte hülfreiche Hand anzulegen. Auf dem ganzen Wege zum Ufer hin und wieder zuruͤck plauderte Mark unaufhör⸗ iich, als wolle er dadurch ſeinem Compagnon irgend einen 8 174 entfernten Glauben einflößen, daß ſie unter den heiterſten und günſtigſten Auſpizien am Ziele ihrer Beſtimmung angelangt ſeyen. Allein mancher Mann, der auf den Trümmern eines zerſtörten Herdes⸗ und Hausweſens ſtark in ſeinem Zorn und ſeinen Racheplänen dageſtanden haben würde, mußte die Feſtigkeit ſeiner Natur durch den Einſturz eines Luft⸗ ſchloſſes erſchüttert und untergraben ſehen. So erging es auch Martin, der, als er das Blockhaus zum zweiten Mal erreichte, ſich zu Boden warf und in lautes Weinen ausbrach. „Gott ſey mit Ihnen, Sir!“ rief Mark Tapley voll Entſetzen;—„thun Sie doch das nicht, Sir! thun Sie das nicht! Laſſen Sie es doch unter allen Um⸗ ſtänden ſeyn!— Es hat noch niemals einem Mann oder Weib oder Kinde auch nur über den niedrigſten Zaun geholfen, Sir, und wird es auch nie im Stande ſeyn. Außerdem hilft es Ihnen ja doch Nichts und iſt mehr als unnütz für mich, denn der leiſeſte Laut davon muß auch mich zu Boden werfen. Glauben Sie, lieber Sir, das geht über meine Kräfte, ſo ſehr ich mich auch zuſammennehme und darum bitte ich Sie, Sir, thun Sie mir nur dieſe Schmach nicht an.“ Es iſt gar kein Zweifel, daß er hierin die Wahrheit redete, denn die ungewöhnliche Aufregung und Beſorgniß, womit er auf Martin blickte, als er, mit Ausräumen beſchäftigt vor der Kiſte auf den Knien lag und dieſe Worte ſprach, beſtätigten nur allzu deutlich, daß es ihm mit ſeiner Bitte Ernſt ſey. „Ich bitte Euch tauſendmal um Vergebung, mein lieber guter Junge!“ ſprach Martin,„ich mußte unwill⸗ kührlich meiner Schwermuth nachgeben und wäre auch Todesſtrafe darauf geſtanden.“ „Wie, Sie bitten mich um Vergebung?“ rief Mark mit ſeiner gewohnten Luſtigkeit, indem er fortfuhr die Kiſte auszupacken;—„der Hauptcompagnon bittet den ſtillen Aſſocie um Vergebung? Ei, eil wenn das ge⸗ — 175 ſchieht, muß ſicherlich eine Schraube an der Firma los geworden ſeyn. Ich muß ſogleich die Bücher inſpiciren und die Rechnungen prüfen laſſen.— Da wären wir nun. Alles iſt an ſeinem geeigneten Platze, hier iſt das eingeſalzene Schweinefleiſch, hier der Zwieback, hier der Whiskey— er hat überdies noch einen höchſt appetit⸗ lichen Geruch, hier iſt der Zinnkrug— dieſer Zinnkrug iſt ſchon an und für ſich ein kleines Vermögen. Hier ſind die Bettdecken. Hier iſt die Holzart. Wer mochte nun behaupten, wir ſeyen nicht auf das Beſte und Paſ⸗ ſendſte ausgerüſtet? Mir iſt, als wäre ich ein Cadett, der nach Indien ausgezogen und deſſen edler Vater der⸗ malen Präſident im Verwaltungsrathe der oſtindiſchen Compagnie wäre. Wenn ich nun noch etwas Waſſer aus dem Fluß vor der Thüre geholt und den Grog ge⸗ miſcht habe,“ fuhr Mark fort und rannte haſtig hinaus, um den beſprochenen Plan in Vollziehung zu ſetzen,„ſo iſt ein Nachteſſen fertig, das alle Leckerbiſſen der Jah⸗ reszeit umfaßt. Hier ſind wir nun, Sir! Alles iſt in guter Ordnung— guter Gott für Deine Gaben und was wir ſonſt empfangen haben Etcetra, Eteetra! Wohl bekomms Ihnen, Sir,'s iſt nicht Anders, als führten wir ein Zigeunerleben!“ Es war unmöglich, ſich in der Geſellſchaft eines ſolchen Burſchen kein Herz zu faſſen: Martin ſetzte ſich daher neben der Kiſte auf den Boden nieder, zog ſein Meſſer aus der Taſche und that bei Speiſe und Trank ſein Möglichſtes. „Sehen Sie nun,“ ſprach Mark, als ſie ſich an den aufgetiſchten Mundvorräthen nach Herzensluſt erquickt hatten,„ich nehme jetzt Ihr Meſſer und das meinige und hefte damit dieſe Bettdecke gerade vor die Thüre, oder dahin wo im Zuſtande höherer Civiliſation die Thüre ſeyn ſoll. Es ſieht nun recht niedlich aus. Jetzt ver⸗ ſtopfe ich die Oeffnung von unten dadurch, daß ich die Kiſte davor rücke. Auch das ſieht nicht ſo übel aus!— Hier iſt nun Ihre Bettdecke, Sir, denn die Meinige 176 hängt da oben und was kann uns jetzt hindern, eine recht gute Nacht zu verbringen.“ Trootz all ſeines munteren Geplauders und der Leicht⸗ fertigkeit, womit er ſich ſelbſt zu tröſten ſchien, verging doch eine lange Zeit, bevor er einſchlafen konnte. Er wickelte ſich in eine der Reſervedecken, nahm die Art ſchlagfertig zur Hand und legte ſich quer vor die Thür⸗ ſchwelle, allein er war zu beſorgt und zu wachſam, um jetzt ſchon einſchlafen zu können. Die Neuheit in ihrer betrübten Lage, die Furcht vor reißenden Raubthieren oder menſchlichen Feinden, die fürchterliche Ungewißheit hinſichtlich ihrer Subſiſtenzmittel, die Furcht vor dem Tode, der ungeheuere Zwiſchenraum und die Menge von Schwierigkeiten, welche ſie von England trennten, waren in der tiefen Stille der Nacht ergiebige Quellen der Unruhe für ſie. Obwohl Martin gewünſcht hätte, ſeinen Begleiter eines Andern zu belehren und ſich vor ihm ſchlafen zu ſtellen, fühlte doch Mark, daß er ebenfalls wache und eine Beute derſelben trübſeligen Betrachtungen ſey. Dieß war faſt ſchlimmer als alles Uebrige, denn wenn er ein Mal begann, über ihr Elend zu brüten, an⸗ ſtatt den Verſuch zu machen, demſelben die Spitze zu bieten, unterlag es wohl keinem Zweifel, daß ein ſolcher Gemüthszuſtand dem Einfluß des peſtilenzialiſchen Klimas mächtig Vorſchub leiſten mußte. Nie hatte er das Licht des Tages halb ſo freudig begrüßt als jetzt, wo Mark aus einem unruhigen Schlummer erwachend, es durch die Decke unter der Thüre hereinſchimmern ſah. Leiſe ſchlich er ſich hinaus, während ſein Begleiter noch ſchlief, erfriſchte ſich durch ein Bad im Fluſſe, der vor der Thüre vorüberſtrömte und nahm ſich die An⸗ ſiedelung im Allgemeinen flüchtig in Augenſchein. Es waren kaum mehr als zwanzig Hütten im Ganzen und die Hälfte davon ſchien obendrein unbewohnt, alle aber waren von Fäulniß zerfreſſen und dem Zerfalle nahe die baufälligſte, ödeſte und elendeſte unter ihnen hieß recht geeignet die Bank und das Bureau des National⸗ ☛— &————— n 177 Kredit⸗Vere ins. Es war zwar von etlichen ſchwarzen Stützen umgeben, ſaß aber unrettbar verloren tief im Sande. Da und dort hatte man den Verſuch gemacht, das Land zu lichten und urbar zu machen und es war ſogar eine Art Feld ausgeſteckt, wo unter den Stümpfen und der Aſche niedergebrannter Bäume eine ſpärliche Erndte von Mais wuchs. An einigen Theilen hatte man be⸗ gonnen, einen ſchlangenförmigen oder im Zickzack ge⸗ führten Zaun zu errichten, allein nirgends war er voll⸗ endet worden und die umgeſtürzten, halb im Boden vergrabenen Pflöcke mußten vollends vermodern. Etliche hagere, vernachläſſigte und vom Hunger gequälte Hunde, ſammt etlichen langbeinigen Schweinen, wanderten eben in den Wald hinaus, um ſich dort ihre Nahrung zu ſuchen und bildeten nebſt etlichen halbnakten Kindern, die ihn von den Hütten aus anſtierten, die einzigen lebenden Weſen, die er ſah. Ein ſtinkender Dunſt erhob ſich heiß und krankhaft, wie die Atmosphäre eines Ofens aus der Erde empor und lagerte ſich über die ganze Umgebung und wo ſein Fuß in den ſumpfigen Boden einſank, drang eine ſchwarze Jauche aus dem Marſch⸗ land hervor, um die Fußtapfen auszuwiſchen. Ihr eigenes Land war purer Urwald; die Bäume darauf ſtanden ſo dick und ſo hart auf einander, daß ſie ſich gegenſeitig gleichſam mit ihren Schultern aus dem Platze verdrängten und die ſchwächſten davon in ſeltſam gewundene und verdrehte Formen gezwängt, wie Krüppel dahin ſiechten; die beſten waren von dem Druck und dem Mangel an Raum einigermaßen verkümmert und um alle ihre Stämme her wucherte hoch hinauf- langes hartes Gras, ſchlanke Binſen, zähes Unkraut und ver⸗ worrenes Meterholz, das nicht ein Mal nach den ver⸗ ſchiedenen Gattungen zu unterſcheiden, ſondern Alles zuſammen auf einen einzigen Haufen gedrängt und ver⸗ filzt war. Das Ganze bildete eine ſtiefe, unheimliche Boz, Chuzzlewit. III. 4 12 178 Dſchungel, die weder Erde noch Waſſer zum Boden hatte, ſondern eine zähe, ſchleimige Maſſe, aus dem breiigen Abfall dieſer beiden und ihrer gegenſeitigen Fäulniß be⸗ ſtehend.. Er begab ſich nach dem Landungsplatze hinunter, wo ſie in der vergangenen Nacht ihr Gepäcke zurück⸗ gelaſſen hatten, und fand hier ein halb Dutzend Leute, die ſämmtlich verkümmert und faſt eckelhaft ausſahen, allein doch erbötig waren, ihm Beiſtand zu leiſten, und ihm auch wirklich das Gepäͤcke nach dem Blockhauſe ſchaf⸗ fen halfen. Sie ſchüttelten die Köpfe, als ſie von der Anſiedlung ſprachen, und wußten ihm keinerlei Troſt zu geben; wer irgend noch die Mittel beſeſſen hatte, ſich aus dem Staube zu machen, hatte Alles im Stich ge⸗ laſſen. Die zurückgeblieben waren, hatten hier ihre Weiber, Kinder, Freunde und Brüder verloren, und hat⸗ ten ſelbſt ſehr viel zu leiden. Die Meiſten von ihnen waren gerade jetzt ſelbſt krank, und keiner von Allen war verſchiedenen Fieberanfällen entgangen. Sie erboten ſich ihm offen und gutmuͤthig zu Rath und That, verließen ihn ſodann und ſuchten ſchwermüthig und mißmüthig ihre eigenen verſchiedenen Arbeiten auf. Martin war inzwiſchen wach geworden, allein ſchon dieſe eine Nacht war im Stande geweſen, eine große Veränderung in ihm hervorzubringen. Er ſah ſehr bleich und angegriffen aus, ſprach von Schmerzen und Schwäche in den Gliedern und beklagte ſich über trübes Geſicht und eine ſchwache ſchmerzhafte Stimme. Mark, deſſen Heiterkeit und Muth in demſelben Maße wuchs, als die Ausſichten düſterer und unheimlicher wurden, brachte von einem der verlaſſenen Häuſer eine Thüre herbei und paßte ſie ihrer eigenen Wohnung an, worauf er alsbald wieder umkehrte und eine rohe Bank im Triumph zurück⸗ brachte, die er in einem andern Hauſe bemerkt hatte. Nachdem er dieſes Stück Möbel außen vor dem Hauſe angebracht hatte, ſtellte er den merkwürdigen Zinnkrug und andere bewegliche Gegenſtände auf derſelben zurecht, — ͤ,ͤ+———+½ N G ꝗæ—6——— ☛ damit ſie eine Art Schenktiſch repräſentire. Dieſe Ein⸗ richtung ſchien ihn ſehr zufrieden zu ſtellen, und er rollte nun zunächſt die Mehltonne in's Haus herein und ſtellte ſie in einer Ecke auf den Kopf, damit ſich hier einſt⸗ weilen ein Nebentiſch bilde; zum Speiſetiſche paßte nichts beſſer, als die Beſte, welche er hinfort feierlich dieſem nützlichen Dienſte weihte. Ihre Kleider, Kitt⸗ decken und dergleichen hing er dagegen an Plöcke und Nägel auf, und brachte am Ende ſogar einen großen Aushängeſchild zum Vorſchein, den Martin ſchon zum Voraus in ſeiner Herzensfreude im Nationalhotel ange⸗ fertigt hatte, und der die Inſchrift trug;. Chuzzlewit& Comp. Architekten und Feldmeſſer. Beſagten Schild nun hängte er am weithin ſichtbarſten Theil ihrer Wohnung auf, und gebärdete ſich dab t io ernſt und gravitätiſch, als ob die blühende Stadt Sden bereits ſchon in der Wirklichkeit exiſtire und ſie erwarten dürften, mit Aufträgen überhäuft zu werden.„Dieſe Werkzeuge hier,“ hub Mark an, indem er Martins In⸗ ſtrumentenkäſtchen hervorzog und den Zirkel aufrecht in einen Baumſtumpf vor der Thüre ſteckte.„Dieſe In⸗ ſtrumente hier wollen wir unter freiem Himmel zur Schau ſtellen, damit die Leute ſehen, daß wir mit allem Nöthigen verſehen ſind. Sollte nun irgend ein Herr Verlangen tragen, ſich von uns ein Haus erbauen zu laſſen, ſo wird er recht wohl daran thun, wenn er ſich in Bälde bei uns meldet, bevor wir anderweitig in An⸗ ſpruch genommen werden.“ In Anbetracht des ausnehmend heißen Wetters war dies ein tüchtiges Stück Arbeit für dieſen Morgen, allein Mark ſprang, auch nur ohne einen Augenblick ſtille zu ſtehen, alsbald wieder in's Haus zurück, und erſchien hierauf wieder mit einer Art, augenſcheinlich in der Ab⸗ 12 180 ſicht, mit dieſem Werkzeuge irgend etwas Unmögliches zu vollbringen. „Hier ſteht uns ein häßlicher alter Baum im Wege, Sir, der wahrlich füglicher am Boden läge,“ rief Mark. „Den Ofen können wir heute Nachmittag erbauen, denn kein Ort in der Welt kann ſo reich an Thon und Lehm ſeyn, als⸗Eden, das iſt doch wenigſtens Eine Bequem⸗ lichkeit.“ Martin gab ihm jedoch keine Antwort, ſondern ſaß die ganze Zeit über, den Kopf in die Hände geſtützt, da und ſtierte in den Strom, der eilends vorüberrollte, wo⸗ bei er vielleicht daran dachte, wie weit derſelbe noch zu gehen habe bis zur offenen See, der Heerſtraße nach der Heimath, die er nie wiederſehen ſollte. Selbſt nicht die kräftigen Streiche, mit welchen Mark dem Baume zuſetzte, vermochten ihn aus ſeinem ſchwermüthigen Nachdenken aufzuwecken. Als Mark fand, daß alle ſeine Bemühungen ihn zu zerſtreuen nichts hal⸗ fen, hielt er mit ſeiner Arbeit inne und trat auf ihn zu. „Hängen Sie Ihrem trüben Muthe nicht länger nach, Sir,“ ſprach er mit gutmüthiger Theilnahme. „O Mark,“ verſetzte ſein Freund;—„was habe ich denn je in meinem Leben verſchuldet, um dieſes ſchwere Loos zu verdienen?“ „Je nun, Sir!“ entgegnete Mark;—„was das anbelangt, ſo könnte Jedermann, der hieher kommt, das Gleiche von ſich ſagen, und Mancher von den Andern vielleicht mit mehr Grund, als wir Beide. Nur Muth gefaßt, Sir! Legen Sie irgendwie Hand an's Werk! Was meinen Sie, könnten Sie nicht Ihr Gemüth er⸗ leichtern, indem Sie in irgend einem Briefe an Seadder etliche perſönliche Bemerkungen machten?“.. „Nein,“ verſetzte Mark mit ſchwermüthigem Kopf⸗ ſchütteln,„dies liegt längſt hinter mir.“ „Je nun,“ meinte Mark,—„wenn das ſchon hin⸗ ter Ihnen liegt, ſo müſſen Sie wahrlich krank ſeyn und ich muß auf Ihre Verpflegung denken.“ 181 „Kehrt Euch nicht an mich,“ entgegnete Martin;— „thut, was Ihr könnt, nur für Euch ſelbſt, denn Ihr werdet bald allein für Euch zu ſorgen haben. Der liebe Gott laſſe Euch bald glücklich wieder nach Hauſe ge⸗ langen und vergebe mir die verwünſchte Grille, die mich veranlaßte, Euch hieher zu bringen! Ich bin wahrlich beſtimmt, hier mein Grab zu ſinden; ich ahnte es in dem Augenblicke, wo ich meinen Fuß anu's Ufer ſetzte. Seht, Mark! wachend und im Schlafe habe ich die ganze vergangene Nacht davon geträumt.“ „Ja, jal ich ſagte es— Sie müßten krank ſeyn, und nun bin ich davon überzeugt,“ verſetzte Mark zärt⸗ lich;—„ich wette, Sie haben einen Anfall von Wechſel⸗ fieber, den Sie ſich auf dieſen Flüſſen geholt haben, aber Gott ſey Dank! das iſt eine Kleinigkeit. Es iſt nur das Klimaſieber, und wir müſſen uns Alle auf die eine oder andere Weiſe an das Klima gewöhnen. Sie wiſſen ja, das gebietet ſchon die Religion,“ ſetzte Mark hinzu. Martin gab gar keine Antwort, ſondern ſeufzte nur und ſchüttelte den Kopf. „Warten Sie nur einen Augenblick!“ rief Mark luſtig;—„ich will zu einem unſerer Nachbarn bhinüber⸗ eilen und fragen, was ſich hier wohl am beſten thun läßt; vielleicht kann er mir auch etwas Medizin borgen, die Sie einnehmen und durch welche Sie bis Morgen wieder ſo gut erkräftigen, als Sie je waren. Verlaſſen Sie ſich drauf, ich bleibe keine Minute aus! Hängen Sie ja nicht Ihren ſchwermüthigen Gedanken nach, ſo lange ich fort bin, was Sie auch immer thun mögen!“ Er warf bei dieſen Worten ſeine Art auf die Seite und eilte unverweilt von dannen; er war jedoch noch nicht weit gekommen, als er plötzlich ſtehen blieb, ſich umwandte und von Neuem davon eilte. „Und nun, Herr Tapley,“ murmelte Mark vor ſich hin, indem er zum Behuf der Ermuthigung ſich ſelbſt einen tüchtigen Hieb auf die Bruſt verſetzte,—„nun mußt Du genau aufpaſſen, was ich Dir zu ſagen habe. Die Lage der Dinge iſt beinahe ſo ſchlecht, als ſie nur immer ſeyn kann, junger Mann. Du lhaſt wohl keine andere ähnliche Gelegenheit mehr, Dein luſtiges Tem⸗ perament zu zeigen, mein guter Junge, und wenn Du auch Methuſalems Alter erreichſt, und darum, Mark Tapley, iſt nun die Zeit da, wo Du ſtark werden kannſt — jetzt oder nie!—“ Achtes Kapitel. Darinnen die Fortſchritte in gewiſſen häuslichen Angelegenheiten der Liebe, des Haſſes, der Eiferſucht und der Rache gemeldet werden. „Holla, Pecksniff!“ rief Jonas vom Wohnzimmer aus;—„iſt denn Niemand da, um Ihre abſcheuliche alte Hausthüre zu öffnen?“ 4 „Gleich, Herr Jonas, gleich!“ verſetzte Herr Pecks⸗ niff, wie der Kellner in Shakſpeares Heinrich IV;— „potz Blitz!“ murmelte der verwaiste Sohn;—„'s iſt nachgerade auch die höchſte Zeit dazu, wer es auch ſeyn mag, er hat dreimal angepocht und jedesmal laut genug, um die(er empfand einen ſolchen Widerwillen gegen den Gedanken an das Auferwecken der Todten, daß er die⸗ ſes Wort, welches ihm ſchon auf der Zunge gelegen hatte, wieder hinunterſchluckte und ſtatt deſſen ſagte:) um die Siebenſchläfer ſelbſt aufzuwecken.“ „Gleich, Herr Jonas, gleich!“ wiederholte Pecksniff; —„Thomas Pinch!“— Er konnte in ſeiner nach⸗ haltigen Aufregung nicht mit ſich daruber einig werden, ob er Tom ſeinen theuren Freund, oder lieber einen Spitzbuben nennen ſollte, weßhalb er ihm ſtatt deſſen nur mit der Fauſt drohte;—„Thomas Pinch, verfügen Sie ſich hinauf in das Zimmer meiner Töchter, und ſagen Sie ihnen, wer hier iſt. Empfehlen Sie ihnen Stillſchweigen an— wohlverſtanden, Sir! Stillſchweigen! — Begreifen Sie mich, Sir?“ — „ —&—9 ðᷣ N — B8XK8 VBR en 18³ „Ei freilich, Sir!“ rief Tom und eilte von dannen, um in einem Zuſtande höchlicher Ueberraſchung ſeinen Auftrag zu vollziehen. „Sie müſſen mich— ha, ha, ha!— Sie müſſen mich entſchuldigen, Herr Jonas, wenn ich für einen Augenblick dieſe Thür hier verſchließe,“ ſprach Herr Pecksniff;—„es könnte ein Beſuch in Geſchäftsſachen ſeyn, ja ich bin ſogar ſo ziemlich gewiß, daß dies der Fall iſt; ich danke Ihnen.“ Herr Pecksniff ſetzte hierauf ſeinen Gartenhut auf, nahm einen Spaden in die Hand und öffnete auf die unbefangenſte Weiſe, eine ländliche Melodie vor ſich hin⸗ trällernd, die Hausthüre; ruhig erſchien er auf der Schwelle, daß man hätte denken ſollen, er habe von ſeinem Gar⸗ ten aus ein beſcheidenes Pochen an der Thüre zu hören vermeint, wolle ſich aber erſt überzeugen, ob er ſich auch nicht getäuſcht. Als er jedoch einen Herrn und eine Dame vor ſich ſah, fuhr er ſo betroffen und verwirrt zurück, als ein rechtſchaffener Mann mit einem kryſtallreinen Gewiſſen unter ſolchen Umſtänden der Ueberraſchung nur immer ſeyn konnte. Schon im nächſten Augenblick ſchien er ſich jedoch wieder zu faſſen, den Fremden zu erkennen und brach in den Ruf aus: „Wie, Herr Chuzzlewit! Darf ich meinen Augen trauen, mein beſter Sir, mein lieber Sir! Welch' eine heitere Stunde! Ja, in der That eine glückliche Stunde bL Ich bitte Sie, beſter Sir! ſpazieren Sie herein; Sie finden mich zwar in meinem Gartengewande, allein ich bin überzeugt, Sie werden mich entſchuldigen;— Gar⸗ tenkunſt iſt ſchon eine alte Beſchäftigung— ſchreibt ſich ſchon von Olimszeiten her, beſter Sir! denn wenn ich nicht irre, hat ſchon Adam dieſen Beruf ausgeübt. Meine Eva frellich iſt leider längſt nicht mehr, allein, Sir!—“ Hier deutete er auf ſeinen Spaden und ſchüt⸗ telte den Kopf, als ob ihn ſeine Heiterkeit einige An⸗ ſtrengung koſtete—„allein ich, Sir! bin noch immer ſo 184 ein Stückchen vom alten Adam.“ Er hatte ſie inzwiſchen in das beſſere Wohnzimmer geführt, wo ſein Portrait von Spiller und die Büſte von Spoger ſich befanden.— „Meine Töchter,“ ſprach Herr Pecksniff,„werden über die Maßen erfreut ſeyn. Wenn mich je ein ſolches Thema müde machen könnte, wäre ich ſchon lange ganz ſchachmatt geworden, beſter Sir! weil die Mädchen mich beſtändig mit Ahnungen und Präſumtionen über dieſes Glück unterhalten, und wiederholt auf unſerem Zuſammen⸗ treffen im Gaſthauſe der Frau Todgers anſpielen. Zu⸗ mal ihre junge ſchöne Freundin hier, nach deren Be⸗ kanntſchaft und ſchweſterliche Liebe ſie ſich ſo ſehr ſehnen — und in der That ſie kennen zu lernen, heißt ja auch ſchon ſie lieben zu müſſen— hoffe ich in erwünſchtem Wohlſeyn bei mir zu ſehen. Ich hoffe, daß mein trau⸗ liches Willkommen unter meinem beſcheidenen Dache ein Echo in ihren eigenen Empfindungen finde. Wenn man je von Geſichtszugen aus auf das Herz ſchließen darf, ſo hege ich diesfalls gar keine Furcht, eine ausnehmend gewinnende Miene liegt in dieſem Antlitz, Herr Chuzz⸗ lewit, mein beſter Sir!— finden Sie das nicht auch?“ „Marie!“ ſprach der alte Mann,—„Herr Pecks⸗ niff ſchmeichelt Ihnen, allein eine Schmeichelei von ihm läßt ſich füglich hinnehmen, er iſt nicht freigebig damit und es kommt ihm wahrlich von Herzen. Wir glaubten, Herr— wie hieß er doch gleich?...“ „Pinch,“ ergänzte Marie. „Herr Pinch ſey ſchon vor uns angekommen, Pecks⸗ niff?“ verſetzte der alte Chuzzlewit. „Das war allerdings der Fall, beſter Sir!“ gab Herr Pecksniff zur Antwort, und ſprach dabei ſo laut wie möglich, damit Tom, der ſich noch im oberen Stock⸗ werke befand, ſich danach zu richten wiſſe.—„Er war ſogar eben im Begriff, mir Ihre Ankunft zu verkünden, als ich ihn noch bat, zuerſt an der Thür vor dem Stüb⸗ chen meiner Toͤchter zu pochen und ſich nach dem Be⸗ finden von Charity, meinem lieben Kinde zu erkundigen, u—A— 185 die ſich nicht ſo wohl befindet, als ich gerade im jetzigen Augenblicke wünſchen möchte. Ja,“ ſprach Herr Pecks⸗ niff und erwiederte damit die fragenden Blicke der Beiden, „es thut mir leid, ſagen zu müſſen, daß das Mädchen einigermaßen unwohl iſt;'s iſt freilich nur hyſteriſcher Anfall, ſonſt nichts, und ich bin deßhalb auch durchaus nicht in Sorge. Herr Pinch! Thomas!“ rief Herr Pecks⸗ niff im liebevollſten Tone, der ihm zu Gebot ſtand;— „ich bitte, kommen Sie herein; Sie wiſſen ja, daß Sie mir kein Fremdling ſind.— Sie müſſen wiſſen, Herr Chuzzlewit, Thomas iſt von Alters her ein Freund un⸗ ſeres Hauſes.“ „Ich danke, Sir!“ verſetzte Thomas;—„Gott vergelte Ihnen die wohlwollende Weiſe, in der Sie mich bei dieſem Herrn einführen, und die Ausdrücke, in denen Sie mich ihm ſchildern, und auf die ich wahrlich nur ſtolz ſeyn kann.“ „Alter Thomas!“ rief ſein Brodherr vergnügt;— „der liebe Gott ſegne Sie!“ Tom berichtete nun, die jungen Damen würden ſo⸗ gleich erſcheinen, und ſeyen im jetzigen Augenblicke nur damit beſchaftigt, die beſten Erfriſchungen, welche das ganze Hausweſen aufzubieten vermöge, eigenhändig zu bereiten. Waͤhrend er ſo ſprach, blickte ihn der alte Mann aufmerkſam an, und zwar mit weit weniger Schroffheit, als er gewöhnlich an den Tag zu legen pflegte, auch ſchien ihm die wechſelſeitige Verlegenheit Toms und der jungen Dame, deren Grund er freilich nicht zu vermit⸗ teln vermochte, durchaus nicht zu entgehen. 1 „Pecksniff,“ ſprach er nach einer Pauſe und erhob ſich dabei, um den Hausherrn in eine finſtere Niſche zu ziehen;—„die Nachricht von dem Tode meines Bru⸗ ders hat mich gewaltig erſchüttert. Wir waren uns viele Jahre lang fremd geblieben, und mein einziger Troſt iſt nur, daß er als glücklicherer und beſſerer Mann gelebt haben muß, weil er ſich keine Hoffnungen und Pläne in — 186 Beziehung auf mich machen konnte. Friede ſey ſeinem Andenken! Einſt waren wir Spielgenoſſen, und es wäre wahrlich für uns Beide beſſer geweſen, wenn wir ſchon damals geſtorben wären.“ Als ihn Herr Pecksniff in dieſem zugänglichen Ge⸗— müthszuſtande ſah, eröffnete ſich ihm allmählig ein an⸗ deres Mittel, ſich aus ſeiner Verlegenheit herauszuarbei⸗ ten, ohne Herrn Jonas über Bord werfen zu müſſen. „Sie dürfen mir's nicht verdenken, beſter Sir!“ verſetzte er,„wenn ich es bezweiſeln ſollte, daß irgend Jemand möglicherweiſe darum glücklicher leben könne, daß er Sie nicht kennt oder Ihres Umgangs ſich nicht erfreut. Daß aber Herr Anton am Abend ſeines Lebens in der kindlichen Liebe und aufrichtigen Zuneigung ſeines vortrefflichen Sohnes— der, ich verſichere Sie, beſter Sir! ein wahres Muſterbild für alle Söhne iſt— und in der Pflege eines entfernten Verwandten, der, wie un⸗ ſcheinbar auch die Mittel ſeiner Dienſtfertigkeit ſeyn mögen, doch keine Grenze für ſeine Zuneigung kennt, glücklich war und ſich erfreute,— davon kann ich Sie aus eigener Anſchauung verſichern.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte der alte Herr;—„er hatte Ihnen ja doch kein Vermächtniß ausgeſetzt?“ „Keineswegs, Sir,“ entgegnete Herr Pecksniff und drückte ihm melancholiſch die Hand;—„ich finde, Sir, daß Sie mein Naturell noch nicht ganz verſtehen. Nein, Sir, ich bin kein Erbe, ich bin vielmehr ſtolz darauf, ſagen zu koͤnnen, daß er mich mit keinem Vermächtniß bedacht hat; es gereicht mir ebenſo ſehr zum Vergnügen, ſagen zu können, daß keines meiner Kinder in ſeinem Teſtamente ſteht, nur auf ſein eigenes Verlangen reiste ich zu ihm und verweilte an ſeinem Krankenlager; Er verſtand mich etwas beſſer, Sir, er ſagte mir in ſeinem Briefe:„ich bin krank, es geht mit mir zu Ende— kommen Sie zu mir!“ Alsbald machte ich mich auf den Weg zu ihm, ſaß neben ſeinem Bette und ſtand ſo⸗ k Aa AͤR — 8⏑———-= Gℛ 187 gar noch an ſeinem Grabe. Ja, Sir! ſogar auf die Gefahr hin, Ihnen dadurch zu mißfallen, habe ich das gethan. Wenn auch dieſes Geſtändniß unſere augen⸗ blickliche Trennung herbeiführen und jene zarten Bande zerreißen ſollte, die wir erſt vor Kurzem zwiſchen uns angeknüpft haben, muß ich Ihnen doch geſtehen, Sir, daß dies der Fall war, allein ich ſtehe nicht in ſeinem Teſtamente,“ ſetzte Herr Pecksniff hinzu, und lächelte da⸗ bei ganz ohne Groll;—„ich bin kein Erbe von ihm nnd erwartete nie es zu werden, denn ich kannte ihn eſſer.“. „Sein Sohn ein Muſterbild?“ rief der alte Mar⸗ tin;—„wie mögen Sie mir dies ſagen? Mein Bru⸗ der fand in ſeinem Reichthum nur den gewöhnlichen Fluch des Geldes und die Wurzel alles Elends. Wohin er auch gehen mochte, trug er überall ſeinen verderblichen Einfluß mit ſich umher und verbreitete ihn rings um ſich— ſogar an ſeinem eigenen Herde. Er erzog ſein eigenes Kind zu einem gierigen, erwartungsvollen Ad⸗ ſpiranten, der Tag und Stunde maß, die die Entfernung ſeines Vaters vom Grabe verminderten, und auf deſſen langſames Fortſchreiten auf dieſem unheimlichen Wege offen fluchte.“ „Nein!“ rief Herr Pecksniff kühn;—„nein! Sir! das iſt nicht der Fall.“ „Ich ſah doch jenen Schatten in ſeinem Hauſe,“ ſprach Martin Chuzzlewit,„als wir das Letztemal zu⸗ ſammentrafen, und warnte ihn vor ſeiner Anweſenheit. Sie wiſſen doch, daß ich, der ich ſo viele Jahre lang von den gleichen Geſpenſtern umſpuckt wurde, mich nach⸗ gerade darauf verſtehen muß, nicht wahr?“ „Ich muß es verneinen,“ verſetzte Herr Pecksniff warm,—„ich muß es ganz und gar verneinen. Jener junge Mann, den ein ſo ſchwerer Verluſt befallen, be⸗ findet ſich nun unter meinem Dache, Sir, und ſucht in jener Luftveränderung und jenem Ortswechſel den Seelen⸗ frieden, den er verloren hat. Sollte ich darin zurück⸗ 188 bleiben, jenem jungen Manne Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, wenn ſelbſt Leichenbeſtatter und Sargmacher durch den Leichenzug gerührt wurden, den er veranſtaltet hatte, wenn ſelbſt Stumme zu ſeinem Lob geſprochen haben und der Hausarzt in dem aufgeregten Zuſtand ſeiner Gefühle nicht wußte, wie er ſich anſtellen ſollte?! Es exiſtirt noch eine gewiſſe Perſon, Namens Gamp, Sir!— Eine gewiſſe Fraun Gamp, Sir!— erkundigen Sie ſich nur bei ihr, ſie ſah Herrn Jonas in jener Zeit der Prüfung. Fragen Sie nur ſie, Sir; es iſt eine achtbare, gemüthliche, allein nichts weniger als ſenti⸗ mentale Perſon, und kann dieſe Thatſache bezeugen. Ein paar Zeilen unter der Adreſſe dieſer Frau Gamp, in dem Vogelladen, Knigsſkade⸗Street Higk Holborn, Lon⸗ don, wird ohne Zweifel aufs Aufmerkſamſte beantwortet werden. Laſſen Sie nur dieſe Frau darüber vernehmen, beſter Sir! Führen Sie Ihren Streich, aber hören Sie, zuerſt wagen Sie den Sprung, Herr Chuzzlewit, aber ſehen Sie ſich erſt vor! Vergeben Sie mir, beſter Sir!“ ſetzte Herr Pecksniff hinzu, indem er den alten Herrn bei beiden Händen erfaßte,—„vergeben Sie mir, wenn ich zu warm werde, allein ich muß als rechtſchaffener Mann Gott die Ehre geben und die Wahrheit reden.“ Als Beweis für den Charakter, den er ſich ſelbſt beilegte, ließ es Herr Pecksniff geſchehen, daß ein paar Thränen ſeiner Rechtſchaffenheit aus ſeinen Augen ent⸗ ſtrömten. Der alte Mann ſtierte ihn eine Weile mit höchſt verwundertem Blicke an, und wiederholte dann leiſe vor ſich hin: „Wie, er iſt jetzt hier? in dieſem Hauſe?“ aber bald war er ſeiner Ueberraſchung Meiſter, und ſprach nach einer Pauſe:—„ſtellen Sie ihn mir vor.“ „ SSie ſind ihm doch hoffentlich nicht mehr böſe?“ fragte Herr Pecksniff;—„vergeben Sie mir, Sir, wenn ich dieſe Frage wage, allein er ſteht in dieſem Augen⸗ blick im Genuß meiner beſcheidenen Gaſtfreundſchaft.“ „Ich bat Sie, ihn mir vorzuſtellen,“ gab der alte A — ͤ—— ε 8—R gP— 189 Mann zur Antwort;—„hegte ich ſeinethalben andere als freundſchaftliche Geſinnungen, ſo würde ich Sie vielmehr gebeten haben, uns um jeden Preis aus ein⸗ ander zu halten!“ „Ich bin überzeugt, Sir, Sie hätten das gethan!“ entgegnete Herr Pecksniff;—„ich weiß, Sie ſind die Freimüthigkeit ſelbſt.— Wenn Sie mich für einen Augen⸗ blick gütigſt entſchuldigen wollen,“ ſetzte Herr Pecksniff hinzu, indem er das Zimmer räumte,„ſo will ich ihn allmählig auf das Glück vorbereiten.“ Er mußte jedoch den Weg zu der Nachricht, welche er Herrn Jonas mittheilen wollte, ſo allmählig und von weitem bahnen, daß eine gute Viertelſtunde verging, be⸗ vor er mit Herrn Jonas zurückkehrte. Die jungen Da⸗ men hatten ſich inzwiſchen eingeſtellt und den Tiſch mit allerhand Erfriſchungen beladen. 4 Wie eindringlich nun auch Herr Pecksniff, kraft ſei⸗ ner ſittlichen Würde, Herrn Jonas die Lehre beigebracht, eines ergebenen kindlichen Betragens gegenüber von dem Oheim ſich zu befleißigen, und wie geübt ſonſt auch Herr Jonas, kraft der Argliſt und Verſchmitztheit ſeines We⸗ ſens, in der Verſtellung war, begab es ſich doch, daß das Benehmen des jungen Mannes, als er dem Bruder ſeines ſeligen Vaters vorgeſtellt wurde, nichts weniger als mannhaft oder gewinnend war. In der That war vielleicht nie eine ſo eigenthümliche Miſchung von her⸗ ausforderndem Trotz und Hundsdemuth, von Furcht und Frechheit, von närriſchem Weſen, Bosheit und einem Verſuch zu Kriecherei und Verſöhnlichkeit in irgend einer menſchlichen Geſtalt ausgedrückt geweſen, als in Jonas Antlitz, als er ſeine niedergeſchlagenen Augen zu Mar⸗ tins Angeſicht erhob, um ſogleich den Blick wieder zu ſenken, ſeine Hände ohne Unterlaß bald öffnete, bald ſchloß, und mit den Schultern ſchaukelnd auf die Anrede ſeines Oheims wartete. „Ich habe gehoͤrt, Neffe, daß Sie ſich als ein pflichttreuer Sohn betragen haben,“ ſagte der alte Mann. 190 „So pflichttreu wie Söhne im Allgemeinen ſind,“ verſetzte Jonas und blickte auf, um ſeine Augen ſogleich wieder zu Boden zu ſchlagen;—„ich ſetzte keinen be⸗ ſondern Ruhm darein, beſſer zu ſeyn, als andere Söhne, allein ich kann mir wenigſtens das Zeugniß geben, daß ich auch nicht ſchlechter geweſen bin.“ „Man hat mir geſagt, Sie ſeyen ein Muſterbild für alle Söhne geweſen,“ ſprach der alte Mann weiter und heftete dabei einen feſten Seitenblick auf Pecksniff. „Potz Blitz!“ rief Jonas und blickte abermals in die Höhe, um ſogleich wieder zu Boden zu ſehen,—„ich war ein ebenſo guter Sohn für ihn, als Sie ein Bru⸗ der für ihn waren; wenn es darauf ankommt, haben wir einander nichts vorzuwerfen.“ „Das Uebermaß Ihres Schmerzes laͤßt Sie bitter ſprechen,“ ſagte Martin nach einer Pauſe;„reichen Sie mir Ihre Hand, Neffe.“ Jonas that wie ihm befohlen und fühlte ſich da⸗ durch alsbald erleichtert.„Pecksniff,“ flüſterte er dieſem zu, als ſie ſich Stühle zum Tiſche rückten;—„nicht wahr, ich habe ihn ſchön mit ſeinen eigenen Waffen ge⸗ ſchlagen. Er thäte wahrlich beſſer daran, wenn er den Balken in ſeinem eigenen Auge ſähe, bevor er Andere die Splitter ausziehen wollte, dächte ich.“ Herr Pecksniff antwortete ihm hierauf nur mit einem Stoße durch den Ellbogen, der ſich ebenſo gut für einen Tadel voll Entrüſtung, als für eine herzliche Beiſtim⸗ mung auslegen ließ— der aber auf jeden Fall für ſei⸗ nen erwählten Schwiegerſohn eine nachdrückliche Er⸗ mahnung war, ſich fortan rein paſſiv und ſchweigend zu verhalten. Herr Pecksniff fuhr hierauf fort, die Honneur des Hauſes mit ſeiner gewohnten Leichtigkeit und Liebens⸗ würdigkeit zu machen. Allein nicht einmal Herrn Pecks⸗ niffs argloſe Luſtigkeit vermochte eine ſolche Geſellſchaft behaglich zu ſtimmen, oder ſo ausnehmend widerſtrebende und im Streit begriffene Elemente zu verſöhnen, wie diejenigen waren, mit denen er es jetzt zu thun hatte. —&—+—————,———— — EVS e,=eeSͤn=An See—— 191 Die unausſprechliche Eiferſucht und Gehaͤſſigkeit, mit welcher die Erklärung des heutigen Tages Charitys Bruſt erfüllt hatte, war nicht ſo leicht zu verbergen und zeigte ſich mehr als einmal mit ſolcher Kraft, daß es den An⸗ ſchein gewinnen wollte, als ſey eine vollſtändige Ent⸗ hüllung der ganzen Sachlage unmöglich länger zu ver⸗ meiden. Die ſchöne Merry insbeſondere wußte, von der Glorie ihrer neuen Eroberung noch ganz umſtrahlt, die gallenbittere Enttäuſchung ihrer Schweſter durch ihr launenhaftes Benehmen und tauſenderlei kleine Verſuche, die ſie mit Herrn Jonas Gehorſam und Gefügigkeit an⸗ ſtellte, ſo ſehr auf die Probe zu ſetzen und anzufeuern, daß ſie Charity faſt bis zum Wahnſinn ſteigerte und ſie nöthigte, den Tiſch in einem Ausbruch von Jorn zu ver⸗ laſſen, der kaum weniger heftig war, als derjenige, dem ſie ſich in der erſten Aufwallung ihres Unwillens und Grolls überlaſſen hatte. Der Zwang, welcher ſich die ganze Familie wegen der erſtmaligen Gegenwart von Marie Graham(denn unter dieſem Namen hatte ſie der alte Martin Chuzzlewit ſeinen Verwandten vorgeſtellt) auferlegen mußte, beſſerte dieſen Zuſtand der Dinge keines⸗ wegs, ſo ſanft und ruhig auch die Manieren dieſes Mäd⸗ chens waren. Herrn Pecksniffs Lage war ganz beſonders peinigend, denn es läßt ſich gar nicht denken, wie viel es ihm zu ſchaffen machte, daß er beſtändig den Frieden zwiſchen ſeinen Töchtern aufrecht erhalten, ein hinläng⸗ liches Schaugepränge von Liebe und Einigkeit in ſeinem Hausweſen erzwecken, daß er die zunehmende Behaglich⸗ keit und Luſtigkeit des Herrn Jonas zügeln mußte, der ſich in verſchiedenen offenkundigen Unverſchämtheiten ge⸗ gen Herrn Pinch, und einer unbeſchreiblichen Flegel⸗ haftigkeit des Betragens gegen Marien erging, da ſtie gewiſſermaßen nur ein paar Dienſtboten waren; wir wollen es gar nicht weiter ausführen, wie viel es ihm zu ſchaffen machte, daß er beſtändig ſeinen reichen alten Verwandten verſöhnen und beſänftigen, und eine von den zehntauſend ſchlimmen Zeichen und den Combina⸗ 19² tionen des ſchlimmſten Anſcheins, von denen ſie an die⸗ ſem unglücklichen Abend umgeben waren, zu entfernen oder näher zu erläutern;— was er hiemit zu thun hatte und wie unendlich ſchwer es ihm war, ohne die mindeſte Hülfe oder Troſt von irgend Jemanden, dies Alles über ſich zu nehmen, mag dem Leſer leicht einen Begriff hievon geben, daß Herrn Pecksniffs Vergnügen diesmal mehr als jenen gewöhnlichen Antheil von Le⸗ girung hatte, womit auch die beſten menſchlichen Ver⸗ gnügungen verſetzt ſind. Er hatte vielleicht in ſeinem ganzen Leben ſich nie ſo behaglich und getröſtet gefühlt, als in dem Augenblick, wo der alte Martin Chuzzlewit mit ſeinem Blick auf ſeine Uhr die Erklärung abgab, daß es nun Zeit ſey, zu gehen. „Wir haben,“ ſprach der alte Chuzzlewit,—„uns einſtweilen ein paar Zimmer im Drachen geben laſſen. Sonſt habe ich eine beſondere Vorliebe für Abendſpazier⸗ gänge, allein die Nächte ſind dermalen ſehr dunkel, und Herr Pinch hat vielleicht die Güte, uns nach Hauſe zu leuchten?“ „Beſter Sir!“ rief Pecksniff,—„überlaſſen Sie das mir, ich werde mir ein Vergnügen daraus machen. Merry, mein liebes Kind! bring' die Laterne!“ „Ja, geben Sie uns gefälligſt die Laterne her, lie⸗ bes Kind!“ ſprach der alte Martin,„allein ich möchte es nicht über mich gewinnen, Ihren Vater noch heute Abend zu einem Ausgange zu veranlaſſen und mit einem Worte— ich will es auch nicht haben.“ Herr Pecksniff hatte bereits ſeinen Hut zur Hand genommen, allein der alte Martin äußerte dieſen Wunſch mit ſo viel Nachdruck, daß er den Hut wieder nieder⸗ legte und inne hielt. „Ich nehme entweder Herrn Pinch mit oder gehe allein,“ erklärte Martin;—„welches von Beiden ziehen Sie nun vor?“ „Wenn Sie denn ein für allemal ſo entſchloſſen ſind, Sir! ſo mag es immerhin Tom ſeyn,“ verſetzte 193 Pecksniff;—„Thomas, lieber Freund! ich bitte Sie, geben Sie mir doch ja recht Achtung!“ Tom bedurfte dieſer Ermahnung wohl einigermaßen, denn er fühlte ſich ſo aufgeregt und zitterte ſolchergeſtalt, daß er nur mit Mühe die Laterne zu halten vermochte. Um wie viel mühſamer wurde ihm dieß erſt, als Marie auf das Geheiß des alten Mannes ihren Arm in den ſeinigen, Tom Pinchs Arm, legen mußte!— „Nun, Herr Pinch!“ ſprach Martin unterwegs,— „Sie haben, wie ich höre, eine recht behagliche Stel⸗ lung hier, nicht wahr?“ Thomas verſetzte mit mehr als gewöhnlichem En⸗ thuſiasmus: er fühle ſich gegen Herrn Pecksniff auf eine Weiſe verpflichtet, die er durch die Dankbarkeit ſeines ganzen Lebens nur unvollſtändig zu erſtatten vermöchte. „Wie lange haben Sie meinen Neffen gekannt?“ fragte Martin weiter. „Ihren Neffen, Sir?“ ſtotterte Tom. „Herrn Jonas Chuzzlewit,“ flüſterte ihm Marie zu. „Ach ja!“ rief Tom ſichtlich erleichtert, denn er hatte insgeheim dabei an Martin gedacht;—„freilich, freilich, Sir! Vor dem heutigen Abende habe ich ihn nie zu Geſichte bekommen.“ „Vielleicht wird eine halbe Lebenszeit hinreichen, die Art ſeines Wohlwollens kennen zu lernen und anzu⸗ erkennen,“" bemerkte der alte Mann. Tom fühlte, daß dieſe Anſpielung auf ihn gemünzt ſey und ahnte wohl auch inſtinktmäßig, daß ſie beiher auch ſeinem Brodherrn gelten ſollte, weßhalb er denn auf einmal ſtille wurde; Marie bemerkte alsbald, daß Herr Pinch ſich keiner beſondern Geiſtesgegenwart rüh⸗ men durfte und daß er unter den gegenwärtigen Ver⸗ hältniſſen nicht zu wenig ſagen konnte, darum war auch ſie ſtille. Der alte Mann empfand einen Ekel über das, was er ſeinem argwöhniſchen Weſen gemäß als einen ſcham⸗ Boz, Chuzzlewit. III. 13 194 loſen und argliſtigen Kniff und elende Aufſchneiderei des Herrn Pecksniffs betrachtete und argwöhnte, auch Tom ſpiele mit unter der Decke und wolle darin beharren, weßhalb er ein für allemal in Tom Pinch einen heuch⸗ leriſchen, kriechenden, verächtlichen Augendiener erkennen wollte, und darum ebenfalls beharrlich ſchwieg. Wenn gleich allen miteinander recht ordentlich unbehaglich zu Muthe war, ſo müſſen wir doch ehrlich bekennen, daß Martin vielleicht am meiſten darunter zu leiden hatte, da er anfangs ein gewiſſes Wohlwollen für Tom em⸗ pfunden und in Folge von ſeiner anſcheinenden Einfach⸗ heit, einiges Intereſſe für ihn gehegt hatte. Du gleichſt den Andern auf ein Haar, dachte er, als er dem argloſen Tom voll in's Geſicht blickte, Du hätteſt mich nahezu getäuſcht, aber, nun haſt Du Deine Mühe verloren; Du biſt ein allzu eifriger Speichellecker und verräthſt Dich dadurch nur ſelbſt, mein lieber Pinch! Auf dem Reſt des Weges wurde kein Wörtchen weiter zwiſchen den Dreien geſprochen und das erſte Beiſammenſeyn und Zuſammentreffen, nach welchem Tom ſchon ſo lange mit klopfendem Herzen geſehnt hatte, war nun durch Verlegenheit und Verwirrung denkwürdig. An der Thüre des Drachen mußten ſie endlich ſcheiden; Tom blies ſeufzend das Endchen Kerze in der Laterne aus und ſchlug den Rückweg über die düſtern Felder ein. Als er ſich dem erſten Schlagbaume näherte, der an einer einſamen Stelle ſtand, die durch eine Anpflan⸗ zung von jungen Föhren noch mehr verdunkelt wurde, huſchte ein Mann an ihm vorüber und überholte ihn. Als der Fremde den Schlagbaum erreicht hatte, ſtand er ſtille und ſetzte ſich auf ihm nieder; Tom war ziemlich verblufft, und blieb ebenfalls auf einen Augenblick ſtehen, ſetzte aber alsbald ſeinen Marſch wieder ſort und trat hart auf den Fremden zu. Es war Jonas, der auf der Schranke ſitzend ſeine Füße hin und her ſchaukelte, am Knopfe eines Stocks ₰½ XN RN ſaugte und mit einem höhniſchen Lachen Tom in's Ge⸗ ſicht ſtierte. 3 „Helf' uns Gott!“ ief Tom:—„wer hätte ſich träumen laſſen, daß Sie es wären? Sie ſind uns alſo nachgefolgt?“ „Was geht das Euch an,“ rief Jonas;—„geht zum Teufel.“ .„Sie könnten auch etwas höflicher ſeyn, denke ich 36 verſetzte Tom. „Bin höflich genug für Euch!“ verſetzte Jonas. „Wer ſeyd Ihr denn?“ „Ein Mann, der eben ſo gut ein Recht hat auf alltägliche Artigkeit und Rückſicht als irgend ein Ande⸗ rer,“ entgegnete Thomas mild. „Ein Lügner ſeyd Ihr!“ rief Jonas;—„Ihr habt keinerlei Recht auf irgend eine Rückſicht“— „Ihr dürft auf gar nichts Anſpruch machen. Mei⸗ ner Seele! Ihr ſeyd mir ein ſauberer Kerl! daß Ihr von Euren Rechten ſprechen wollt! ha, ha, ha! Will ſo ein Burſch auch noch Anſprüche machen!“ „Wenn Sie in dieſem Tone fortfahren,“ verſetzte Tom erröthend,—„ſo werden Sie mich verbinden, wenn Sie lieber von meinem Unrecht reden; ich hoffe jedoch, daß Sie Ihren Spaf fortan unterlaſſen!“ „Ja, ja! das iſt ſo die Weiſe von ſolch em Lumpen⸗ pack!“ rief Herr Jonas;—„wenn Ihr erſt wißt, daß ein Menſch mit vollem Ernſte mit Euch redet, ſo ſtellt Ihr Euch an, als achtet Ihr ſeine Worte für Scherz, um Euch aus der Verlegenheit zu ziehen; damit dringt Ihr jedoch bei mir nicht durch, der Witz iſt zu altbacken! Schenken Sie mir nur noch eine Weile Gehör, Herr Pinch, oder Winſch, oder Menſch, oder wie Sie heißen mögen!“ „Mein Name iſt Pinch,“ verſetzte Tom;—„thun Sie mir den Gefallen, mir meinen rechten Namen zu ggeben!“ 4 13* 196 „Wie?“ rief Jonas,—„Sie werden doch nicht etwa böſe werden wollen, daß ich Ihren Namen einiger⸗ maßen verketzert habe? Ich glaube gar, die Lehrlinge aus der Armenſchule tragen jetzt ihre Naſe gar hoch, potz Blitz! wir in der Stadt wiſſen ſie beſſer unter dem Daumen zu halten!“ „Was Sie in der Stadt thun, geht mich nichts an,“ entgegnete Tom;—„was haben Sie mir ſönſt noch zu ſagen?“ „Nichts Anderes als dieß, Meiſter Pinch!“ verſetzte Jonas und brachte ſein Geſicht dem des Lehrlings ſo nahe, daß Tom ſich genöthigt ſah, um einen Schritt zurück zu weichen,—„ich rathe Euch in Güte, Cuer eigenes Urtheil für Euch zu behalten, alles müßige Ge⸗ wäſch zu vermeiden und Euch nicht in Sachen zu drän⸗ gen, wo man Euch nicht für nöthig ſindet. Ich habe Verſchiedenes von Euch gehört, guter Freund, und von Eurer hündiſch kriechenden Weiſe und will Euch daher nur anempfehlen, Eure Wohldienerei zu vermeiden und zu vergeſſen, bis ich an eine von Pecksniffs Mädchen ver⸗ heirathet bin, und nicht unter meinen Verwandten um Gunſt zu buhlen, ſondern mir den Weg rein zu laſſen. Ihr wißt ja, wenn ein kleffender Hund nicht aus dem Wege gehen will, peiſcht man ihn davon; das iſt ein freundlicher Rath von mir, den Ihr Euch zu Herzen nehmen könnt; habt Ihr mich verſtanden? He? Alle Wetter! wer ſeyd Ihr denn?“ rief Jonas in noch ver⸗ ächtlicherem Tone,—„daß Ihr Euch unterſteht, mit ihnen nach Hauſe zu gehen, wenn nicht etwa hinter ihnen her, wie irgend ein anderer Diener ohne Livree?“ „Kommen Sie her!“ rief Tom;—„ich ſehe nun, daß Sie beſſer daran thun würden, vom Schlagbaum herunter zu gehen und mich meinen Heimweg fortſetzen zu laſſen! Machen Sie mir gefälligſt Platz!“ „Oho! nur gemach!“ rief Jonas;—„daran iſt nicht zu denken, bevor ich nicht ſelbſt will und füͤr jetzt habe ich gar keine Luſt dazu. ge Ihr fürchtet wohl ——. ᷣ ☚— 8 wWuu Aa. — von mir jetzt eine Maulſchelle auf Euern doppelzüngigen Mund zu bekommen, Schlange?“ „Ich fürchte mich hoffentlich vor mancherlei Dingen noch nicht,“ verſetzte Tom,—„und ganz gewiß am allerwenigſten vor irgend einem Leide, das Sie mir an⸗ thun würden! Ich bin kein Zwiſchenträger und verachte alle Niederträchtigkeit, Sie verkennen mich ganz und gar. Alle Wetter!“ rief Tom voll Entrüſtung;—„iſt das auch mannhaft von einem Menſchen in Ihrer Lage, daß Sie ſich auf dieſe Weiſe Einem in der meinigen gegen⸗ über ſtellen; ein für allemal, machen Sie mir jetzt den Paß frei, daß ich meines Wegs weiter gehen kann— je weniger ich reden muß, deſto beſſer iſt's.“ „Je weniger Ihr redet,“ verſetzte Jonas und ſpreizte ſeine Beine noch mehr, ohne auf Toms Bitte Rückſicht zu nehmen;—„Ihr ſagt in der That recht wenig, nicht wahr? Alle Wetter, ich möchte doch wiſſen, was zwiſchen Euch und einem landſtreicheriſchen Mitglied meiner Familie vorgeht;— nicht wahr? das iſt wohl auch nur eine Kleinigkeit?“ „Ich kenne kein landſtreicheriſches Mitglied Ihrer Familie,“ verſetzte Thomas ſehr entſchieden. „Ich behaupte das Gegentheil!“ rief Jonas. „So haben Sie Unrecht,“ verſetzte Tom;—„wenn Sie den wackern, jungen Mann meinen, der Ihres Oheims Namen führt, ſo muß ich Ihnen nur ſagen, daß er kein Landſtreicher iſt. Jede Vergleichung zwiſchen Ihnen und ihm— Tom ſchnippte die Finger gegen ihn, denn ſein Zorn wallte mächtig auf— muß ſehr zu Ihrem Nachtheile ausfallen!“ „Wahrhaftig!“ rief Jonas höhnend;—„und was haltet Ihr von ſeiner theuren— ſeiner bettelhaften Hin⸗ terlaſſenſchaft? He! Meiſter Pinch! was ſagt Ihr hiezu?“ „Ich bin gar nicht geſonnen, noch ein Woͤrtchen weiter zu ſagen, oder noch einen Augenblick länger hier zu verweilen,“ entgegnete Tom. „Ihr ſeyd ein Lügner,“ verſetzte Jonas ſehr kalt⸗ blütig;—„Ihr müßt nun einmal hier bleiben, bis ich Euch erlaube, weiter zu gehen. Wollt Ihr wohl bleiben, wo Ihr jetzt ſeyd oder nicht?“ fragte er ihn und ſtellte ſich damit drohend vor Tom. Als dieſer keine Furcht äußerte, ſchwang er ſeinen Stock über Toms Kopf, allein in einem Moment wir⸗ belte der Stock harmlos in der Luft und Jonas ſelbſt lag zappelnd im Graſe. In dem kurzen Ringen um den Stock hatte Tom ihn in eine allzu gewaltſame Be⸗ rührung mit der Stirne ſeines Gegners gebracht und das Blut quoll nun reichlich aus einer tiefen Wunde von Jonas Schläfe. Tom bemerkte dieß erſt, als er ſah, daß Jonas ſein Taſchentuch herauszog, auf den verwundeten Theil drückte und vor Betäubung beim Aufſtehen wankte. „Sind Sie verwundet?“ fragte Tom,—„das thut mir ſehr leid; lehnen Sie ſich nur einen Augenblick auf mich, denn das können Sie thun, ohne mir zu verzeihen, falls Sie mir noch irgend böſe ſeyn ſollten. Ich wußte freilich nicht warum, denn ich habe Sie ja nie beleidigt, ehe wir an dieſem Ort zuſammen trafen.“ Jonas gab ihm gar keine Antwort und ſchien ihn anfangs gar nicht zu verſtehen oder auch nur zu wiſſen, daß er verwundet war, obwohl er zu verſchiedenenmalen ſein Taſchentuch von der Wunde wegzog und gedanken⸗ los das Blut auf demſelben anſtierte. Als er dieſe Un⸗ terſuchungen endlich genug wiederholt hatte, blickte er endlich auf Tom und zwar mit einer Miene, welche ge⸗ nugſam darlegte, daß er ſich nun des Vorfalls genau erinnere und ſich auch angelegen ſeyn laſſe, denſelben ja nicht ſo bald zu vergeſſen.“ Sie gingen nun mit einander nach Hauſe, ohne daß irgend etwas mehr vorgefallen wäre; Jonas ging wenige Schritte voran und Tom Pinch folgte ihm mit betrübtem Herzen, denn er erwog in Gedanken den Kummer, wel⸗ chen die Nachricht von dieſem Vorfalle bei Herrn Pecks⸗ niff hervorrufen mußte. Als Jonas endlich an der Haus⸗ ₰‿ ——— 199 thüre pochte, ſchlug Toms Herz noch höher, es pochte noch lauter, als Miß Merry von innen Antwort gab, und beim Anblick ihres verwundeten Liebhabers einen lauten Schrei ausſtieß; ſein Herz pochte noch höher, als er hinter den Beiden in die große Familienſtube trat und am allerhöchſten endlich, als Jonas zu ſprechen anhub. „Macht nicht ſo viel Aufhebens davon!“ ſagte er; —„es iſt kaum der Rede werth. Ich kannte den Weg nicht, die Nacht war ſehr dunkel, und als ich mit Herrn Pinch wieder auf dem Heimwege war,“— er wandte bei dieſen Worten zwar ſein Geſicht, jedoch nicht ſeine Augen auf Tom—„rannte ich gegen einen Baum an. Bah!'s iſt ja kaum die Haut geritzt!“ „Merry, mein Kind! bring' kaltes Waſſer!“ rief Herr Pecksniff;—„Löſchpapier und eine Scheere herbei, ein Stück alte Leinwand her. Charity, meine Liebe, mach' doch eine Bandage zurecht. Du lieber Gott! Herr Jonas!“ „Ei, zum Teufel! mit Ihrem Unſinn,“ verſetzte der erwählte anmuthige Schwiegerſohn;—„legen Sie mit Hand an, wenn Sie können— wo nicht, ſo packen Sie ſich hinaus!“ Obwohl Charity insbeſondere aufgefordert war, hülfreiche Hand anzulegen, blieb ſie doch aufrecht und mit lächelndem Antlitz in einer Ecke ſitzen und rührte keinen Finger. Obwohl Merry) eigenhändig die Wunde auswuſch, obwohl Herr Pecksniff den Kopf des Patien⸗ ten mit beiden Händen hielt, als ob dieſer ohne ſeine Beihülfe unvermeidlich berſten müſſe— obwohl Tom Pinch in der Aufregung ſeines Schuldbewußtſeyns vor lauter Zittern eine Flaſche mit holländiſchen Tropfen in der einen Hand ſchüttelte, bis ſie nur noch engliſcher Schaum war und in ſeiner andern Hand ein fürchter⸗ liches Tranchirmeſſer hielt, das in Wahrheit nur zum Eindrücken der Geſchwulſt verwendet werden ſollte, allein ganz den Anſchein hatte, als wolle er damit dem Pa⸗ 200 tienten ſogleich auf's Grauſamſte eine andere Wunde erſetzen, ſobald die erſte verbunden war— obwohl dieß Alles nun in Charitys Gegenwart vorſtel, leiſtete ſie doch nicht den geringſten Beiſtand und ließ auch nicht ein Wörtchen vernehmen. Als jedoch Herrn Jonas Kopf verbunden war und er ſich zu Bette begeben hatte, und Jedermann ſich ſchlafen gelegt hatte und das ganze Haus ruhig und ſtill war, ſaß Herr Pinch noch in trü⸗ bem Nachſinnen auf ſeiner Bettſtelle, als er auf einmal ein leiſes Pochen an ſeiner Thüre hörte und, als er ſie offnete, zu ſeiner größten Ueberraſchung Charity, mit dem Finger auf dem Munde vor ſich ſtehen ſah. „Herr Pinch!“ flüſterte ſie,—„beſter Herr Pinch! ſagen Sie mir die Wahrheit! Nicht wahr, Sie haben es gethan? Sie haben den Schlag auf Jonas geführt? Ihr habt Euch gewiß gegenſeitig gezankt und er hat dabei einen Schlag bekommen? Ich bin überzeugt davon, und Sie dürfen es nicht länger läugnen.“ Es war das erſtemal in all' den langen Jahren, welche Tom Pinch im Hauſe ihres Vaters verbracht hatte, daß ſie in wohlwollendem Tone mit Tom ſprach, vnd es war deßhalb gar nicht zu verwundern, wenn er uoll Ueberraſchung ganz wortlos geworden war. „Iſt das nicht der Fall geweſen?“ fragte ſie ihn drängend und hoͤchſt geſpannt. „Er hat mich recht eigentlich herausgefordert,“— erwiederte Tom ſchüchtern. „So hatte ich alſo doch recht!“ rief Charity mit freudeſtrahlenden Augen. „O ja!“ verſetzte Tom Pinch verlegen,—„wir kamen wegen des Weges mit einander in Zank und wur⸗ den handgemein, allein es war durchaus nicht meine Ab⸗ ſicht, ihm ſo wehe zu thun.“ „So wehe?“ wiederholte ſie, und ballte zu Toms größter Verwunderung die Fauſt und ſtampfte mit den Füßen,—„ſagen Sie dieß ja nicht! Es war ſehr ſchön und wacker von Ihnen, und ich habe Sie wahrlich da⸗ .——— 201 rum liebgewonnen. Sollte er je wieder mit Ihnen Streit beginnen, ſo ſchonen Sie ihn ja nicht, ſondern ſchlagen Sie ihn lieber zu Boden und ſetzen Sie den Fuß auf ihn. Ich bitte Sie, laſſen Sie ja kein Wörtchen hievon gegen irgend wen verlauten, beſter Herr Pinch! Denn ich bin von heute Abend an Ihre Freundin und werde mich von nun an ſtets als ſolche erweiſen.“ Sie drehte bei dieſen Worten ihr erröthendes Ge⸗ ſicht Tom Pinch zu, um gleichſam ihre Behauptung durch die zornglühende Miene deſſelben zu erhärten, er⸗ griff dann ſeine rechte Hand, druͤckte ſie an ihre Bruſt und küßte ſie. Es lag hierin ſo wenig Perſönliches, das einen hätte in Verlegenheit bringen können, daß ſelbſt Tom, der ſich doch keineswegs durch ſcharfe Beobach⸗ tungsgabe auszeichnete, aus dem Eifer und der Energie, womit ſie dieß that, zu der Ueberzeugung kam, Charity würde eine jede Hand, wie beſchmutzt und ketſchig ſie auch geweſen wäre, auf dieſe Weiſe geliebkost haben, wenn dieſe nur Herrn Jonas Chuzzlewit den Schädel ein⸗ geſchlagen haben würde. Tomas begab ſich nun wieder auf ſein Stübchen zurück, und legte ſich ſchlafen, allein die unbehaglichſten Gedanken quälten ihn; wer hätte auch einſchlafen kön⸗ nen, wenn er von allerhand Reflexionen von ſo tiefem Ernſte und peinlicher Art gequält wurde, als diejenigen waren, welche die Vorfälle jenes Abends in ihm wach rufen mußten; es lag klar am Tage, daß eine fürchter⸗ liche Spaltung in der Familie eingetreten ſeyn mußte, um Charity Pecksniff zu ſeiner Freundin umzuwandeln, allein den Grund davon, nämlich den wahren und ei⸗ gentlichen ſuchte er ſich vergebens zu erklären. Daß Jonas, der ihn mit ſo unbegreiflicher Flegelhaftigkeit angegriffen hatte, großmüthig genug geweſen ſeyn ſollte, die Urſache ihres Streites zu verhehlen und daß irgend eine Verkettung von Umſtänden ihn, Tom Pinch ſelbſt veranlaßt haben ſollte, einen Anfall von Mord⸗ und Todtſchlag auf einen Mann zu begehen, der ſich ſelbſt 8 20² einen Freund von Pecksniff nannte, war für ihn Grund zu ſo ernſten Grübeleien, daß er kein Auge ſchließen konnte. Insbeſondere war es Toms eigene Gewaltthä⸗ tigkeit, welche ihm ſo ſchwer auf ſein edles Herz ſiel, daß er in der That, zumal, wenn er es mit mancherlei ähnlichen Veranlaſſungen verglich, an denen er ebenfalls Herrn Pecksniff Kummer und Schmerz verurſacht hatte, (Beranlaſſungen, die ihm beſagter Herr oft genug in's Gedächtniß zurückrief), in ſeinem eigenen Ich dem von geheimen Mächten beſtimmten böſen Genius und Haus⸗ dämon ſeines Brodherrn zu ſehen begann. Endlich ver⸗ ftel er aber doch in Schlummer und träumte— eine neue Quelle der Unbehaglichkeit nach ſeinem Erwachen — er habe das ihm geſchenkte Vertrauen verrathen und ſey mit Marie Graham davon gegangen. Man muß freilich anerkennen, daß bei wachem Sin⸗ nen oder im Schlafe Toms Stellung dieſer Dame ge⸗ genüber eine höchſt unbehagliche war. Je öfter er ſie ſah, deſto inniger bewunderte er ihre Schoͤnheit, ihren Verſtand und die liebenswürdigen Eigenſchaften, die ſo⸗ gar über die Familienſpaltungen in Pecksniffs Hauſe den Sieg davon trugen, und binnen wenigen Tagen ſchon jedenfalls den Anſchein von Harmonie und Wohlwollen zwiſchen den ergrimmten Schweſtern herſtellte. Oeffnete ſte den Mund, ſo hielt Tom den Athem an, ſo emſig lauſchte er; wenn ſie ſang, ſaß er da wie ein Verzuͤckter. Sie ſpielte ſogar einmal auf ſeiner Orgel und von die⸗ ſem herrlichen Zeitpunkte an gewann ſogar dieſe alte Gefährtin ſeine glücklichſten Stunden, die für ihn ſeither unendlich erhaben geweſen war, für ihn ein neues ver⸗ göttertes Daſeyn. Gott vergelte Dir Deine Geduld, Tom! Wer hätte, wenn er Dich drei lange Sommerwochen die Haͤlfte jener tödtlich langweiligen Nächte hindurch über der klirrenden Anatomie jenes unerforſchlichen alten Klaviers im Hin⸗ terſtübchen erblickt hätte, über die Geheimniſſe Deines Herzens länger in Zweifel ſeyn können, obwohl ſie Dir —— 88NR ͤ—— 203 ſelbſt nur trübe bekannt waren! Wer hätte, wenn er das Erglühen auf dieſer Wange geſehen, ſo oft Du Dich nach ſtundenlanger Arbeit darüber niederbeugteſt, um auf den Ton einer einzigen unverbeſſerlichen Note zu lauſchen, wenn Du endlich erführſt, daß ſie wenigſtens eine Stimme und entfernte Verwandtſchaft mit dem habe, was ſie eigentlich hätte ſeyn ſollen— wer hätte damals nicht alsbald erfahren, daß dieſes Klavier für kein ge⸗ wöhnliches Spiel beſtimmt, ſondern einer Hand gewidmet war, die, obwohl ſo zart wie eine Engelshand, die tiefſten Saiten dieſer Bruſt mit erklingen ließ? Und wenn je ein freundlicher Blick, ja wenn auch nur ein ſo harmloſer, Dein als eigener, guter Tom!— durch das Zwielicht eines ſolchen Abends hätte dringen können, als ſie in einer, zu Zeit und Stunde paſſenden gedämpf⸗ ten Stimme melancholiſch ſüß und leiſe und doch hoff⸗ nungsvoll das erſtemal zu dem verbeſſerten Inſtrumente ſang, und ſich üͤber die mit demſelben vorgegangene Ver⸗ änderung wunderte, wobei Du guter Tom, abſeits unter dem offenen Fenſter ſaßeſt, und mit fröhlich wallendem Herzen ein ſeliges Schweigen beobachteteſt, müßte nicht ein ſolcher Blick mit Gewalt die Dämmerung einer Ge⸗ ſchichte in Dir geleſen haben, Tom, die freilich um Dei⸗ netwillen lieber nie begonnen hätte. Tom Pinchs Lage wurde durch die Thatſache, daß zwiſchen ihm und dem jungen Mädchen nie eine Sylbe über Martin gewechſelt wurde, um kein Haar weniger gefährlich oder ſchwierig. In ehrenhaftem Andenken an das Verſprechen, das er geleiſtet, bewies ihr Tom Auf⸗ merkſamkeiten aller Art, und gab ihr mannigfache Ge⸗ legenheit; früh und ſpät war er in der Kirche, auf ihren Lieblingsſpaziergängen, im Dörſchen, auf den Wieſen, und an allen dieſen Orten hätte er ſie freimüthig an⸗ reden können, allein keineswegs; ſie pflegte ihm zu ſol⸗ chen Zeiten ſorgſam auszuweichen, oder kam ihm nie ohne Begleitung in den Weg. Es geſchah gewiß nicht darum, daß ſie ihn nicht leiden mochte, oder ihm miß⸗ 20⁰4 traute, denn ſie wußte ihn in der Gegenwart von An⸗ dern durch tauſenderlei zarte Mittel auszuzeichnen, die zu unbedeutend waren, als daß irgend Jemand außer ihm ſie hätte bemerken ſollen, und bewies ihm ſtets das unumſchränkteſte Wohlwollen. War es nun möglich, daß ſte mit Martin gebrochen oder ſeine Liebe nie erwiedert hatte, als in ſeiner eigenen, kühnen oder geſteigerten Phantaſie? Toms Wangen erglühten vor lauter Vorwurf gegen ſich ſelbſt, als er ſich dieſes Gedankens wieder entſchlug. Die ganze Zeit über führte der alte Martin ein Leben nach ſeinem eigenen Wunſche, kam und ging, wie's ihm beliebte, zog ſich von den Uebrigen auf ſich ſelbſt zurück, und verkehrte ſo wenig wie möglich mit irgend Jemand. Obwohl er höchſt ungeſellig war, erwies er ſich doch in andern Dingen weder eigenſinnig noch zank⸗ ſüchtig, oder mürriſch; nichts ſchien ihm beſſer zu ge⸗ fallen, als wenn man ihn ganz unbeachtet bei ſeinem Buche ließ, ohne Rückſicht auf ihn in ſeiner Anweſenheit ſeinen eigenen Vergnügungen und Erholungen nachging; man vermochte nicht zu unterſcheiden, für wen er ſich beſonders intereſſire, oder ob er überhaupt an irgend Jemanden Antheil nehme, und wenn man nicht gerade an ihn ſelbſt das Wort richtete, that er nie, als ob er Augen oder Ohren für irgend etwas habe, was um ihn her vorging. Die lebhafte Merry ſaß eines Abends mit nieder⸗ geſchlagenen Augen unter einem ſchattigen Baume des Kirchhofs, wohin ſie ſich zurückgezogen hatte, nachdem ſie ſich ſelbſt durch Vollziehung verſchiedener peinigender Prüfungen von Herrn Jonas Temperament ermüdet, als ſie auf einmal inne wurde, daß ein anderer Schatten zwiſchen ſie und die Sonne trat; in der Erwartung, ih⸗ ren Verlobten zu ſehen, ſchlug ſte die Augen empor, war jedoch nicht wenig überraſcht, anſtatt ſeiner den alten Martin zu erblicken, und ihre Ueberraſchung wuchs im 1 205 Gegentheile noch, als er ſich neben ihr im Raſen nie⸗ derließ, und ein Geſpräch mit folgender Frage eröffnete: „Wann machen Sie Hochzeit? „Ei, Du lieber Gott! beſter Herr Chuzzlewit,“ er⸗ wiederte ſie, das„weiß ich wahrhaftig ſelbſt noch nicht — jedenfalls hoffentlich noch nicht ſo bald.“ „Hoffentlich?“ wiederholte der Alte. Der Ton, worin er dieß ſagte, war ſehr ernſt, al⸗ lein ſie nahm es für Spaß und kicherte ausnehmend. „Ei, ei!“ fuhr der alte Mann fort und legte ein ganz ungewöhnliches Wohlwollen in ſeinen Ton,— „Sie ſind noch ein junges, hübſches Mädchen, und ver⸗ muthlich auch gutmüthig! Leichtfertig ſind Sie freilich auch, und gefallen ſich ſogar darin, allein Sie müſſen doch noch einiges Herz haben.“ „Ich kann Sie verſichern, daß ich es noch nicht ganz weggeſchenkt habe,“ verſetzte Merry mit ſchlauem Kopf⸗ nicken und riß verlegen ein paar Grashalme ab. „Sie haben alſo nur einen Theil davon verſchenkt?“ fragte der alte Martin Chuzzlewit. 4 Sie ſtreute das Gras umher und blickte bei Seite, ohne ein Wörtchen zu entgegnen. Martin wiederholte ſeine Frage. „Du lieber Gott, beſter Herr Chuzzlewit!“ rief ſie, —„Sie dürfen mir es wahrlich nicht übel nehmen, aber Sie ſind doch ein recht ſonderbarer Kauz.“ „Wenn es ſonderbar von mir iſt, daß ich zu wiſſen wünſche, ob Sie den jungen Mann lieben, den Sie hei⸗ rathen ſollen, wie ich höre, ſo haben Sie allerdings das Recht, mich einen ſonderbaren Kauz zu nennen,“ verſetzte Martin,„denn dieß zu erfahren, iſt in der That mein Wunſch.“ „Sie wiſſen ja, er iſt ein wahres Ungethüm,“ ver⸗ ſetzte Merry ſchmollend. „Sie lieben ihn alſo nicht?“ verſetzte der Alte;— „wollen Sie das damit ſagen? „Je nun, beſter Herr Chuzzlewit, ich darf wohl 206 ſagen, daß ich ihm ſchon hundertmal geſtanden habe, wie ſehr ich ihn haſſe,“ gab ſie ihm zur Antwort;—„Sie müſſen es ſelbſt ſchon gehört haben, wenn ich es ihm ſagte.“ „Das habe ich allerdings ſchon zu verſchiedenenmalen gehört,“ entgegnete Martin „Und es iſt mein Ernſt!“ rief Merry,—„es iſt mein voller Ernſt!“ „Und dennoch könnten Sie ſich bewogen fühlen, ihn zu heirathen?“ fragte der Alte. „O ja,“ erwiederte Merry,—„aber ich ſagte ja dem abſcheulichen Menſchen— beſter Herr Chuzzlewit, ich ſagte es ihm ſchon damals rathen, es von meiner Seite nur in der Abſicht geſchehen ſollte, um ihn mein ganzes Leben lang zu haſſen und zu plagen.“ Sie hegte einen ziemlich beſtimmten Argwohn, daß der alte Mann ſeinem Neffen Jonas nichts beſonders hold ſey, und war daher der Anſicht, mit dieſen Aeuße⸗ rungen ihm ausnehmend wohl zu gefallen, es ſchien jedoch durchaus nicht, als ob er ihre Reden von dieſem Geſichtspunkte aufnehme, denn als er auf's Neue zu reden anhub, lag eine gewiſſe barſche Stimme in ſei⸗ nem Ton. „Sehen Sie ſich einmal um,“ ſprach er, auf die Gräber deutend, und erwägen Sie wohl, daß von der Stunde Ihrer Trauung an, bis zu dem Tage, wo man ſich hier unter dem kühlen Raſen bettet, ihm gegenüber kein Widerruf mehr möglich iſt. Bedenken Sie dieß und 207 „Nein,“ verſetzte Merry achſelzuckend;—„ich wüßte nicht, daß dies der Fall wäre!“ „Sie wüßten es nicht?“ wiederholte Martin Chuzz⸗ lewit;—„Darf ich Ihnen auch glauben?“ „Allerdings,“ erwiederte Merry;—„man hat mir nie in dieſer Beziehung zugeſetzt und ich könnte das von Niemanden behaupten; hätte irgend Jemand mich zwin⸗ gen wollen, ihn zu nehmen, ſo hätte ich ihn nur um ſo beſtimmter ausgeſchlagen.“ „Man glaubte doch anfangs, wie ich höre, daß er es eigentlich auf Ihre Schweſter abgeſehen habe?“ fragte Martin. „Du lieber Himmel! beſter Herr Chuzzlewit,“ rief Merry lachend;—„obwohl er ganz gewiß ein wahres Ungethüm iſt, wäre es doch ungerecht, wenn man ihn für anderer Leute Eitelkeit veranwortlich machen wollte! — die arme gute Charry iſt überdem in der That das eitelſte Geſchöpf!“ „ So war alſo ſie ſelbſt Schuld an dem Irrthum?“ fragte der alte Martin. „Das will ich doch hoffen,“ rief Merry,—„allein ſeither iſt das gute Kind ſo fürchterlich eiferſüchtig und ſo böſe auf mich geweſen, daß es auf mein Ehrenwort rein unmöglich iſt, ſie zu verſöhnen, und ich daher auch gar keinen Verſuch mehr mache.“ „Man hat ſie alſo weder gezwungen noch überredet, noch ſonſt bewogen!“ murmelte Martin gedankenvoll vor ſich hin;—„ich ſehe nun ſelbſt, daß es wahr iſt. In⸗ deß bleibt noch ein anderer Fall denkbar, ſie könnten im hellen Leichtſinn und in jugendlichem Uebermuth dieſe Ver⸗ lobung eingegangen haben. Es könnte nur die unbe⸗ dachte Folge ihres Leichtſinns geweſen ſeyn,— iſt dies der Fall?“ „Ach, beſter Herr Chuzzlewit!“ verſetzte Merry mit geziertem Lächeln,—„was den Leichtſinn anlangt, ſo mag freilich keine Feder ſo leicht ſeyn, als mein Köpfchen. 208 Ich verſichere Sie, es iſt ein wahrer Luftballon! Das iſt wohl nie bei Ihnen der Fall geweſen, nicht wahr?“ Martin ließ ſie ruhig zu Ende ſprechen und ver⸗ ſetzte dann, feſt und langſam, allein mit ſehr milder Stimme, als wollte er ſie noch immer einladen, ſich ihm ohne Rückhalt anzuvertrauen: „Hegen Sie vielleicht irgend einen Wunſch, oder bemerken Sie irgend eine Stimme in Ihrer Bruſt, die Ihnen den Rath zuflüſtert, in Stunden ruhigeren Nach⸗ denkens einen ſolchen Wunſch zu thun— ſich dieſer Ver⸗ pflichtung wieder zu entledigen?“ Miß Merry ſchmollte abermals, blickte zu Boden, pflückte das Gras ab und zuckte die Achſel. Sie mußte verneinen, denn ſie war ſich keines ſolchen Wunſches be⸗ wußt; ſie war ſo ziemlich überzeugt, ja ſogar voll⸗ kommen der Anſicht, daß ſie keinen derartigen Wunſch hege;— es lag ihr überhaupt nichts daran. „Iſt Ihnen noch nie der Gedanke gekommen?“ fragte Martin weiter,—„daß Ihr eheliches Leben vielleicht elend, voll Bitterkeit und hochſt unglücklich ſeyn könnte?“ Merry blickte abermals zu Boden und raufte dies⸗ mal das Gras ſammt den Wurzeln aus. „Warum dieſe fürchterlichen Worte, beſter Herr Chuzz⸗ lewit?“ fragte ſie faſt mit ihrem gewöhnlichen leicht⸗ fertigen Tone;—„ich werde mich natuürlich mit ihm zanken, wie ich es mit jedem Manne thun würde. Ich glaube, daß Verheirathete ſtets etwas zu zanken und zu ſtreiten haben müſſen. Was aber das Elendſeyn und die Bitterkeiten und alle dieſe fürchterlichen Dinge anbe⸗ langt, ſo will ich Ihnen nur ſagen, daß das bei mir ganz gewiß nicht der Fall ſeyn würde, wenn er nicht beſtändig die Oberhand hätte, allein ich bin feſt ent⸗ ſchloſſen, ſelbſt das Hausregiment zu führen. Ich halte das ſchon jetzt ſo,“ rief Merry kopfſchüttelnd und mit übermäßigem leichtſinnigem Lachen,„denn ich mache die Creatur zu meinem vollkommenen Sklaven.“ „Wir wollen davon abbrechen,“ ſprach Martin auf⸗ — A—sGNmUA 209 ſtehend,—„ſo viel im Allgemeinen! Ich wollte nur Ihre Geſinnungen kennen lernen, mein liebes Kind! Und Sie haben mir jetzt Ihr ganzes Gemüth entfaltet, ich wünſche Ihnen Glück! viel Glück!“ wiederholte er, ſah ihr dabei ſtarr in's Geſicht und deutete auf das kleine Seitenpförtchen der Umzäunung, durch welches Jonas in dieſem Augenblick eintrat; ohne ſeinen Neffen zu erwar⸗ ten, ging er hierauf nach einer andern Thure des Kirch⸗ hofs und entfernte ſich. „O Du entſetzlicher alter Brummbart!“ murmelte die leichtſinnige Merry vor ſich hin;—„welch' ein aus⸗ nehmend häßliches Ungeheuer iſt doch dieſer Alte, daß er bei hellem Tageslicht auf Kirchhöfen umherwandert und die Leute ſo erſchreckt, daß ſie ſchier den Verſtand verlieren!— Komm ja nicht hieher! du Vogel Greif! oder ich entferne mich augenblicklich!“ Unter dem Greif verſtand ſie nämlich Herrn Jonas, der trotz ihrer Warnung ſich neben ihr auf dem Gras⸗ boben niederwarf, und mit barſchem mürriſchem Tone ragte: „Wovon hat mein Oheim ſo eben geſprochen?“ „Von Dir!“ verſetzte Merry;—„er meint, ich ſey bei weitem zu gut für Dich.“ „Nun ja, meinetwegen! Wir wiſſen das Alle ſchon,“ verſetzte Herr Jonas;—„er gedenkt hoffentlich, Dir ein Geſchenk zu machen, das ſich der Mühe verlohnt; hat er nichts verlauten laſſen, das darauf hindeutete?“ „Nicht das Mindeſte,“ entgegnete Merry in ſehr entſchiedenem Tone. „Er iſt ein filziger alter Hund,“ rief Jonas;— „Nun Mädchen?“ „Greif!“ rief Miß Merry mit ſehr künſtleriſcher Betroffenheit;—„was machſt Du denn da, Vogel Greif?“ „Ich will Dich nur ein Bischen drücken,“ verſetzte Boz, Chuzzlewit. III. 14 210 Jonas, der dadurch vollkommen in die Flucht geſchlagen wurde,—„ich dächte, darin läge doch nichts Unrechtes?“ „Es iſt ſchon ein großes Unrecht, wenn es mir nicht angenehm iſt,“ entgegnete ſein Bäschen;—„packe Dich, Vogel Greif! Mach' mich nicht ärgerlich!“ Herr Jonas zog ſeinen Arm zurück und ſchaute ihr einen Augenblick, mehr mit der Miene eines Mörders, als mit der eines Liebenden, in's Geſicht; ſeine Stirne hellte ſich jedoch allmählig auf, und er brach das Schwei⸗ gen mit der Frage: „Darf ich Dich fragen, Schätzchen?...“ „Was willſt Du fragen, Du gemeines Subjekt?— Du roher Kannibale!“ rief ſeine ſchöne Verlobte. „Wann die Hochzeit ſtattfinden ſoll?“ verſetzte er; —„ich kann es nicht über mich gewinnen, mein hal⸗ bes Leben hier ſo müßig zu vertändeln,— das brauche ich Dir nicht erſt zu ſagen! Zudem meint Pecksniff, es liege wenig oder nichts daran, daß mein Vater erſt vor Kurzem geſtorben; wir können ja hier ſo ſtille, wie wir nur immer wollen, Hochzeit machen, und meine einſame verlaſſene Lage muß ja für die Nachbarn zu Hauſe ein genügender Grund ſeyn, daß ich ſobald ſchon ein Weib nehme, zumal Eines, das er ſchon gekannt hat. Was aber den alten Eiſenfreſſer anbelangt— meinen Oheim Martin, meine ich— ſo bin ich im Voraus überzeugt, daß er uns kein Hinderniß in den Weg legt, wenn wir Hochzeit machen wollen, denn er ſagte erſt heute früh noch zu Pecksniff: er habe gar nichts dagegen einzuwen⸗ den, wenn es Dir recht angenehm ſey,— und darum, Liebchen!“ ſetzte er hinzu, indem er eine abermalige Um⸗ armung wagte,—„wann ſoll die Hochzeit ſeyn?“ „Auf mein Wort!“.... rief Merry. „Meiner Seele! wenn Du's lieber willſt!“ ſiel ihr Jonas in's Wort;—„was hältſt Du davon, wenn wir etwa nächſte Woche Hochzeit machen würden?“ „Nächſte Woche?!“ rief ſie höchlich entrüſtet;— „hätteſt Du geſagt: zim nächſten Vierteljahr,“ ſo würde 211 ich mich noch über Deine Unverſchämtheit gewundert haben!“ „Ich ſagte aber nicht: nächſtes Vierteljahr, ſondern vielmehr: nächſte Woche!“ gab er ihr zur Antwort. „Alsdann ſage ich ganz beſtimmt nein! Vogel Greif!“ rief Miß Merry emporſpringend, und ſtieß ihren Ver⸗ lobten von ſich;—„nein, es ſoll nicht nächſte Woche ſeyn, es ſoll nicht eher ſtattfinden, als bis ich es haben will, und ich habe noch vor Monaten nicht die mindeſte Luſt zu heirathen. Verſtanden?“ Er blickte raſch vom Boden empor und ihr in's Geſicht, und zwar mit ſo düſterer Miene, als ob er mit Tom Pinch zu thun hätte, hielt jedoch noch immer ge⸗ waltſam an ſich. „So eine Vogelſcheuche von einem Greif mit einem Pflaſter über dem Auge ſoll mir keine Befehle vor⸗ ſchreiben, überhaupt keine Stimme in der Sache haben,“ rief Merry;—„Verſtanden?“ Herr Jonas verhielt ſich noch immer ruhig. „Wenn die Heirath nächſten Monat ſtattfinden ſoll, ſo kommt ſie mir noch immer frühe genug,“ fuhr Merry fort;—„vor morgen ſetze ich jedoch noch gar keinen Termin, und wenn Dir's nicht ſo gefällt, ſo mag meinet⸗ wegen aus der ganzen Sache nichts werden. Wenn Du mir aber gar vollends auf Schritt und Tritt nachgehſt und mich keinen Augenblick allein laſſen willſt, ſo wird noch weniger Etwas daraus; verſtanden? Und wenn Du nicht Alles thuſt, was ich Dich zu thun heiße, ſo ſoll ebenfalls nichts daraus werden. Jetzt bleib hier und hänge Dich nicht an meine Ferſe; verſtanden, Greif?“ Mit dieſen Worten hüpfte ſie hinweg und verſchwand unter den Bäumen. „Potz Blitz! meine ſchöne Dame!“ rief Jonas, ihr nachblickend, und kaute einen Strohhalm beinahe zu Staub zuſammen,—„das ſoll Dir heimgegeben werden, wenn wir erſt verheirathet ſind; einſtweilen iſt mir's 14 212 ſchon recht— es erhält Einen mit guter Manier auf⸗ recht und das weißt Du— allein Du ſollſt mir ſeiner Zeit bei Heller und Pfenning dafür büßen müſſen. Das iſt ein infam langweiliger Ort für einen Mann, der hier ganz allein ſitzen ſoll,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich ringsum blickte;—„ſo ein widerduftender alter Friedhof war nie meine beſondere Liebhaberei.“ Als er in die Allee einbog, blickte Miß Merry, die ſchon weit voran war, ſich zufälligerweiſe um. „Aha!“ rief Jonas mit einem plötzlichen Lächeln und einem Kopfnicken, das nicht ihr galt;—„ſchmiede nur das Eiſen, ſo lange es noch heiß iſt! Bringe das Heu herein, ſo lange die Sonne noch ſcheint! Geh nur Deinen eigenen Weg, ſo lange es noch in Deiner Macht ſteht, junges Dämchen.“ Neuntes Kapitel. Ift theilweiſe rein profeſſionell und verſieht den Leſer mit einigen nutzbaren Winken hinſichtlich der Beſorgung eines Krankenbetts. Herr Mould war von ſeinen Hausgöttern umgeben, er genoß die Annehmlichkeiten häuslicher Ruhe, und blickte mit friedlichem Entzücken darauf nieder. Da der Tag ſchwül und das Fenſter geöffnet war, lagen Herrn Moulds Beine auf der Fenſterbank und ſein Rücken ſtützte ſich auf den von innen verſchloſſenen Laden, über ſeinen kahlen Schädel war ein Taſchentuch hereingezogen, um ſeine Glatze vor den Fliegen zu ſchützen. Der Duft von Punſch wogte anmuthig durch das Gemach, und ein mächtiger Humpen von dieſem wohlſchmeckenden Gebräu ſtand hart zur Hand, auf einem runden Tiſchchen neben Herrn Mould; beſagtes Getränke war ſo kunſtfertig ge⸗ miſcht, daß wenn ſein Auge in die kühle, durchſcheinende Flüſſigkeit herniederblickte, ein anderes Auge, welches 8 ,O ASOOnGSdrͤ=Sͤ———&— S——9— ◻ ͤ=ͤen + E en 213 hellglänzend hinter der friſchen Citronenſcheibe hervorſah, zu ihm emporblickte und wie ein Stern funkelte. Tief in der City, noch innerhalb des Weichbildes und Sprengels von Cheap, ſtand Herrn Moulds Etabliſſe⸗ ment. Sein Harem, oder um uns deutlicher auszudrücken, das gewöhnliche Wohnzimmer der Frau Mould und Fa⸗ milie ging nach hinten hinaus und befand ſich gerade über dem kleinen Comptoir hinter dem Laden— einem kleinen ſchattigen Kirchhofe ſo nahe gegenüber liegend, daß die beiderſeitigen Grenzmarke zuſammenſtießen. In die⸗ ſem traulichen Stübchen ſaß nun Herr Mould, und blickte behaglich und mit der Miene eines Mannes, der an ſich ſelbſt ein ausnehmendes Wohlgefallen hat, auf ſein Stübchen ſowohl als auf ſeinen Punſch. Wenn er für einen Augenblick zuweilen eine größere Fernſicht ſuchte, von wo er mit erneutem Eifer zu den Genüſſen der Heimath zurückkehrte, wanderte ſein feuchter Blick wie ein Sonnenſtrahl durch einen ländlichen Vorhang von rothen Schnepfen und Grametsvögeln, die an Schnüren aufgereiht vor den Fenſtern hingen, oder blickte mit dem Auge eines Kunſtverſtändigen auf die Gräber zu ſeinen Füßen hernieder. Die theure Ehehälfte des Herrn Mould und ein Zwillingspaar von Toͤchtern leiſteten ihm dermalen Ge⸗ ſellſchaft. Jede der Miß Mould war ſo fett und quab⸗ bich, wie ein Rebhuhn, und Frau Mould war wo möglich noch runder und droller, als beide zuſammen. Ihre ſchönen Proportionen waren ſo rund und wohlbeleibt, daß man füglich hätte glauben können, ihre Körper hät⸗ ten weiland den pansbäckigen Engelsköpfchen im Laden drunten angehört, die nun großgewachſen und mit andern Köpfen verſehen worden ſeyen, um ſie ſterblich zu machen. Selbſt ihre pfirſichgleichen Wangen waren ſo aufgeblaſen und angeſchwollen, als ob ſie rechtsgültige Anſprüche hätten, dereinſt im Himmel droben unter den Poſaunen⸗ Engelchen verwandt zu werden. Die körperloſen Putti oder Cherubs im Laden, die dem Gemälde zu Folge be⸗ 214 ſagte Inſtrumente immer und ewig ohne Lungen blieſen, ſpielten vermuthlich rein nur nach dem Gehoͤr. Herr Mould blickte liebevoll auf Frau Mould, die hart neben ihm ſaß, und wie Freud und Leid, ſo nun auch den Punſch mit ihm theilte. Die beiden ſeraph⸗ ähnlichen Töchter erquickten ſich ebenfalls mit ihrem An⸗ theil an ſeiner natürlichen Fürſorge, und lächelten ihm dankend dafür entgegen. Herr Moulds Beſitzungen wa⸗ ren ſo unermeßlich, und die Effekten, welche ſein Ge⸗ ſchäftsbetrieb bildeten, ſo reichlich vorhanden, daß ſelbſt hier in dem Allerheiligſten ſeines Hausweſens ein ge⸗ räumiger Schrank ſtand, deſſen Wanſt von Mahagoniholz ganz mit Leichentüchern, Sargdecken und anderes Zubehör von Leichenbegängniſſen angefüllt war. Obwohl jedoch die beiden Miß Moulds ſo zu ſagen unter den Augen dieſes Schrankes erzogen worden waren, hatte er doch keinen Schatten auf ihre ſchüchterne Kindheit oder blü⸗ hende Jugend geworfen; da ſie von der Wiege an mit Scenen des Todes und Begräbniſſen gleichſam nur ſpiel⸗ ten, verſtanden ſie ſich jetzt weit beſſer darauf, als andere Leute. Hutbänder waren für ſie nur ſo und ſo viele Ellen Seide oder Krepp, und das Sterbehemd nur eine beſtimmte Quantität Leinwand. Die beiden Miß Moulds konnten den Anzug eines Schauſpielers, den Unterrock einer Hofdame, oder ſogar eine Parlamentsakte ideali⸗ ſtren, allein nur keine Barttücher, welche ſie bisweilen ſelbſt verfertigten. Herrn Moulds Eigenthum lag entfernt von dem Be⸗ reiche des geräuſchvollen Lärmens in den großen Haupt⸗ ſtraßen, und niſtete in einer friedlichen Ecke, wo der Streit und Lärmen der Stadt nur wie ſchlaftrunkenes Geſumm erſchien, das bald ſtieg, bald ſiel, zuweilen aber auch ganz inne hielt, woraus irgend ein tiefer Denker auf eine totale Stockung in Cheapſide hätte ſchließen können. Das Licht drang glänzend durch die rothfüßigen Schnepfen herein, als ob der Friedhof drüben Herrn Monld freundlich zuzuwinken und zu ſagen ſchiene, wir — — K KERENRSES — K — eenA*An RK¼ 215 kennen einander ja; und von der entfernten Werfkſtatt tönte der angenehme Laut des Sargmachens mit leiſem melodiſchem Gehämmer herüber, rat⸗tat⸗tat⸗tat, ebenſo förderlich für den Schlummer, wie für die Verdanung. „Ganz wie das Geſumme von Inſekten,“ ſprach Herr Mould und ſchloß voll inniger Wolluſt die Au⸗ gen;—„es erinnert Einen recht lebhaft an den Laut der belebten Natur in den ackerbautreibenden Bezirken, es gleicht auf ein Haar dem Picken des Spechts.“ „Das Picken des Spechts an dem hohlen Ulm⸗ baum,“ bemerkte Frau Mould, und paßte die Worte eines Volksliedes auf jene Gattung von Holz an, das ihr Ge⸗ mahl gewöhnlich zu ſeinem Berufe verbrauchte. „Ha, ha, ha!“ lachte Herr Mould;—„gar nicht ſo übel, mein lieber Schatz. Es ſoll mich freuen, noch mehr von Ihnen zu hören, meine liebe Frau Hohler Ulmenbaum! Nicht wahr? Ha, ha, ha! In der That recht gut. Ich habe ſchon ſchlechteres als das in den Sonntagsblättern geleſen, mein lieber Schatz!“ Frau Mould wurde hiervon ſo ermuthigt, daß ſie abermals ein Gläschen von dem Punſch zu ſich nahm und den Reſt ihren Töchtern einhändigte, welche pflicht⸗ ſchuldigſt dem Beiſpiel ihrer Muttee folgten. „Hohler Ulmenbaum! ei, ei!“ rief Herr Mould und machte in ſeiner Freude über dieſen Scherz ver⸗ ſchiedene Pantominen mit ſeinen Beinen;—„in dem Lied iſt von jener Buche die Rede, Ulme, ei, ei! Ja wahrhaftig! Natürlich, Ulme. Ha, ha, ha! Meiner Seele, Weibchen! das ſollte man Jemanden zuſchicken, der es zu benutzen verſtünde.'S iſt eine der famoſeſten Strophen, die ich je gehört habe. Hohler Ulmen⸗ baum— ha, ha, ha! Natürlich recht hohl,— ha, ha, ha!“ In dieſem Augenblick hörte man gerade an der Thüre pochen. „Ich weiß, das iſt Jacker!“ rief Frau Mould;— nich kenne ihn an dem Schnauben, das er ſtets hoͤren 216 hoͤren läßt, wenn er die Treppe heraufkommt;— meiner Treu! wer ihn ſo hörte, könnte kaum glauben, er habe je Wind genug im Leibe gehabt, den Federhut auf den Kopf zu tragen.“ „Herein! Tacker!“ „Ich bitte um Verzeihung, Madame!“ rief Tacker D und ſchielte nur durch die Thürſpalte in die Stube herein;—„ich dachte, unſer Gouverneur ſey drinnen.“ z „Allerdings, ſo iſt's auch!“ rief Herr Mould. 8 „Verzeihung! Herr Patron! ich ſah Sie vorhin 6 nicht;“ verſetzte Tacker und ſtreckte nun den Kopf etwas 8 weiter in's Zimmer herein;—„Sie werden vermuth⸗ lich nicht geneigt ſeyn, eine fußgehende Leiche mit nur zwei Begleitern anzunehmen, wozu wir gewöͤhnlich Holz mit Blechbeſchläg nehmen ſollen?“ „Nein! meiner Treu nicht!“ verſetzte Herr Mould: — piſt mir viel zu gemein,— iſt gar keiner Antwort werth!“ „Ich habe den Leuten auch geſagt;, es ſey faſt zu gering,“ meinte Herr Tacker. „Sagen Sie den Leuten, ſie ſollen ſich anders— wohin wenden— wir betreiben die Geſchäfte nicht auf dieſem Fuße!“ rief Herr Mould;—„der Teufel hole ſchon die Unverſchämtheit, daß ſie mir nur einen ſolchen Vorſchlag machen!“ „Je nun,“ verſetzte Tacker zögernd,—„da liegt eben der Haſe im Pfeffer!'s iſt des Büttels Schwie⸗ gerſohn.“ „Des Büttels Schwiegerſohn; ſo, ſo,“ ſprach Mould:—„nun ja, ich will es meinethalben überneh⸗ men, wenn der Büttel in ſeinem dreieckigen Hute hinter⸗ drein gehen will. In dieſer Weiſe können wir dem Ganzen ein Anſehen geben, als ob wir's nur von Amts⸗. wegen thäͤten, allein es wird bei alle dem gemein genug ausfallen! Der dreieckige Hut muß aber dabei ſeyn,— verſtanden?“ „Ich will ſchon dafür Sorge tragen, Sir!“ erwie⸗ — ᷓnUnmn— 217 derte Tacker dienſteifrig,—„außerdem iſt auch Frau Gamp drunten und wünſcht mit Ihnen zu ſprechen!“ „So ſagt Frau Gamp, ſie möge nur heraufſpa⸗ zieren!“ ſprach Mould;—„nun beſte Frau Gamp! was für Neuigkeiten bringen Sie mit?“ Die fragliche Dame war nämlich inzwiſchen auf die Schwelle getreten und verbeugte ſich vor Frau Mould, zu gleicher Zeit trug der Wind einen eigenthumlichen Wohlgeruch in's Zimmer herein, nicht anders, als ob eine Frau, die zuvor in einem Weinkeller geweſen, im Vorüberfliegen hätte ſchluchzen müſſen. Frau Gamp gab Herrn Mould keine Antwort, ſon⸗ dern verbeugte ſich abermals gegen Frau Mould und ſchlug Hände und Augen empor, als wollte ſie dem lieben Gott aufs andächtigſte danken, daß die Dame des Hauſes ſo gut ausſehe. Sie war heute reinlich, aber nicht be⸗ ſonders ſorgfältig in demſelben Anzug gekleidet, den ſie getragen hatte, als Herr Pecksniff das Vergnügen ge⸗ habt, ihre Bekanntſchaft zu machen, nur daß das Kleid inzwiſchen vielleicht noch um einen Grad ſchäbiger ge⸗ worden und noch mehr mit Schnupftaback beſudelt war. „Es gibt einige glückliche Geſchöpfe,“ hub Frau Gamp an,—„bei denen die Zeit rückwärts geht, und zu dieſen gehören auch Sie, Frau Mould; ich bin über⸗ zeugt, die Zeit kann Ihnen auch in den künftigen Jahren nicht halb ſo ſehr mitſpielen, denn Sie ſind noch jung und werden es auch bleiben. Ich ſagte erſt neulich zu Frau Harris,“ fuhr Frau Gamp fort;„erſt am Montag vor vierzehn Tagen, an einem ſo ſchönen Tage, als je Einer auf unſeren irdiſchen Pilgerlauf heruntergeguckt hat,“— ſagte ich zu Frau Harris, als ſie zu mir ſagte: „die Jahre und unſere Erlebniſſe, Frau Gamp, drücken uns Allen ihren Stempel auf!“—„Sagen Sie nur das nicht, Frau Harris,“ ſagte ich,„wenn wir gut Freund mit einander bleiben ſollen; Frau Mould,“ ſagte ich, und war ſo frei, dabei ſogar den Namen zu nennen, (bei dieſen Worten machte ſie abermals eine Verbeu⸗ 218 gung)—„Frau Mould,“ ſagte ich,„iſt eine von den⸗ jenigen Frauen, bei denen das Sprichwort gar nicht Recht hat; und das dürfen Sie mir glauben, Frau Har⸗ ris, das will ich behaupten und nicht davon abweichen, ſo lange ich nur noch ein Bißchen athmen kann.— Ich bitte um Verzeihung, Madame,“ ſagte Frau Har⸗ ris,—„ich will gern zugeben, daß Sie Recht haben, denn wenn es je eine Frau geben könnte, die ihre Mit⸗ geſchöpfe mit der ſchweren Noth befallen ſehen könnte, um ihren Freunden damit zu dienen, ſo wüßte ich wohl, daß dieſes Frauenzimmer Sarah Gamp hieße!“ Bei dieſer glänzenden Tirade mußte ſie es indeß bewenden laſſen, weil ihr der Athem ausgegangen war, und wir wollen uns daher dieſen Umſtand zu Nutze ma⸗ chen, um unſere Leſer davon in Kenneaiß zu ſetzen, daß über der Eriſtenz der beſagten Dame Harris ein fürch⸗ terliches, miſteribſes Dunkel lag, da Niemand aus dem engeren Freundeskreiſe der Frau Gamp ſie jemals ge⸗ ſehen hatte, noch auch ein menſchliches Weſen im Stande war, ihren Wohnort anzugeben, wenn gleich Frau Gamp ſich den Anſchein gab, als ſtehe ſie in ununterbrochenem Umgang mit ihr. Ueber dieſen Gegenſtand waren die widerſprechendſten Gerüchte im Umlauf, obwohl die vor⸗ herrſchende Meinung dahin lief, daß beſagte Dame nur ein Hirngeſpinnſt von Frau Gamp's Phantaſie ſey— (den ſiktionären Herren Hans oder Kunz mit der Ju⸗ riſtenſprache zu vergleichen)— das ſie ſich ausdrücklich in der Abſicht geſchaffen habe, um viſionäre Geſpräche über alle Arten von Gegenſtänden mit ihr zu halten und jedes derſelben unabänderlich mit einer Anſpielung auf die Vorzüge ihres eigenen Charakters zu ſchließen. „Und was iſt das nur für ein Vergnügen!“ fuhr Frau Gamp fort, indem ſie ſich mit einem wehmüthigen Lächeln an die beiden Töchter wandte;—„was iſt nur Das für ein Vergnügen, dieſe beiden jungen Damen hier zu ſehen, die ich ſchon gekannt habe, bevor ſie noch ein Zähnchen in ihren hübſchen Mündchen hatten, und denen ☛———— SAS ——— +=D SSSm e ͤ DS 219 ich— du lieber Gott! was waren es für herzige We⸗ ſen!— manch' liebes Mal zugeſehen habe, wie ſie drunten im Laden„Begrabenes“ ſpielten, und dem gro⸗ ßen Hauptbuche zu ſeiner langen Heimath in der eiſernen Geldkiſte folgten!— Aber das iſt nun Alles dahin und vergangen, Herr Mould!“ ſetzte ſie hinzu, als ſie ſol⸗ chermaßen nach einer wohlgeregelten Noutine ſich an beſagten Herrn wandte und den Kopf recht ſchalkhaft ſchüttelte;—„das iſt nun Alles dahin und vergangen, Sir! nicht wahr?“ „Veränderung, Frau Gamp! nur Veränderung!“ verſetzte der Leichenbeſtatter. „Und es ſtehen uns noch mehr Veränderungen bevor, ehe es mit dem Aendern zu Ende geht, Sir!“ ſprach Frau Gamp und nickte ihm noch ſchalkhafter zu, als zuvor;—„junge Damen mit ſolchen Geſichtern denken auch an etwas Anderes eher, als an's Begraben; nicht wahr, Sir?“ „Das weiß ich in der That nicht, Frau Gamp!“ entgegnete Herr Mould lachend;—„nicht übel von Frau Gamp,— nicht wahr, liebes Weibchen?“ „Ach ja, Sir! das wiſſen Sie wohl!“ verſetzte Frau Gamp,—„und auch Ihre theure Ehehälfte, Frau Mould, weiß es, Sir. Weiß ich es ja doch, obwohl mir der Segen einer Tochter verſagt war, was am Ende recht gut iſt, denn wenn ich eine Tochter gehabt hätte, würde ihr wahrhaftig, Gamp, ihre kleinen Schuhe von den Fü⸗ ßen hinweg verſoffen haben, wie er es hernach mit un⸗ ſeren wackeren, guten Knaben that! Du lieber Gott! hat er ja doch manchmal das arme Kind weggeſchickt, damit es ſein hoͤlzernes Bein in der Geſtalt von Schwefelhöl⸗ zern verkaufe und den Erlös davon als Branntwein nach Hauſe bringe, was auch der liebe Knabe über die Maßen gut gemacht hat, indem er das ganze Geld bis auf den letzten Pfennig beim Steineſpiel verlor und in Nieren⸗ braten vernaſchte, und hinterdrein ganz keck nach Hauſe kam, um uns die Nachricht mitzutheilen und ſich zu er⸗ 220 bieten, er wolle ſich ſelbſt erſäufen, wenn das ſeine wer⸗ then Verwandten zufrieden ſtellen würde!— Ach ja, Sir! Sie wiſſen es ja!“ ſprach Frau Gamp, indem ſie die Augen mit ihrem Halstuche abwiſchte und den Faden ihrer Unterhaltung wieder aufnahm,—„Sie wiſſen ja, Herr Mould, es ſteht noch etwas Anderes in der Zei⸗ tung als Geburts⸗Nachrichten und Todesfälle;— nicht wahr?“ Herr Mould winkte ſeiner Gemahlin zu, die er inzwiſchen auf ſeine Kniee gezogen hatte, und verſetzte: „Allerdings! noch weit mehr, Frau Gamp! Auf mein Wort, lieber Schatz! Frau Gamp iſt gar nicht verſteckt!“ „Es gibt auch Hochzeiten; nicht wahr, Sir!“ rief Frau Gamp, während die beiden Töchter errötheten und zuſammen kicherten;—„Gott ſegne die lieben Herz⸗ chen, die es ja doch auch ein Mal wiſſen müſſen! Als Sie in Ihrem Alter ſtunden, Sir, wußten Sie es ja auch, und Frau Mould gleichfalls! Ich denke aber ſo in meinem Sinn: das Alter macht darin eigentlich gar nichts aus, denn wenn Sie und Frau Mould, Sir, erſt ein Mal Enkelchen haben....“ „O pfui, pfui! Unſinn, Frau Gamp!“ verſetzte Herr Mould;—„der Witz iſt indeß doch verdammt gut! kapital!“ flüſterte er ſeiner Gattin zu;—„lieber Schatz,“ fuhr er laut fort,„ich denke, Frau Gamp könnte ſchon ein Gläschen Rum trinken, ſetzen Sie ſich doch, Frau Gamp! ſetzen Sie ſich!“ 3 Frau Gamp ließ ſich in der That auch auf dem Stuhl nieder, der zunächſt an der Thüre ſtund, ſchlug ihre Augen zur Decke empor und ſtellte ſich an, als denke ſie nicht im Geringſten an die Thatſache, daß man für ſie ein Glas Rum herbei ſchaffe, und legte endlich, als es ihr von einer der jungen Damen ſervirt wurde, die größte Ueberraſchung an den Tag. „Du lieber Himmel!“ rief ſte,—„ein ſolcher Ge⸗ nuß kommt ſelten an mich, Frau Mould, ausgenommen, ,—-„.ͤ—,. —᷑ęN—˖.,—— ——— 221 wenn ich etwa unwohl bin und finde, daß eine halbe Pinte Porter mir Bruſtbeſchwerden verurſacht! Frau Harris pflegt oftmals zu mir zu ſagen:„Sarah Gamp,“ ſagt ſie,„Sie bringen mich wahrhaft in Erſtaunen!“— „Und warum denn, Frau Harris?“ ſage ich zu ihr; „ich bitte Sie, ſagen Sie's mir offen..“—„Die Wahr⸗ heit zu ſagen, Madame!“ ſagt Frau Harris darauf,— „und zur Schande für Den, welchen ich Ihnen gar nicht nennen will, glaubte ich bis auf den Augenblick, wo ich Sie kennen lernte, niemals, daß eine Frau Kranken⸗ und Wochenbettwärterin ſeyn könne, ohne mehr zu trin⸗ ken, als Sie zu ſich zu nehmen pflegen!“—„Frau Harris,“ ſage ich zu ihr,—„keins von uns weiß, was es zu thun vermag, bevor es nicht den Verſuch gemacht hat, und ehedem, als ich noch mit Gamp zuſammen hauste, dachte ich eben ſo. Aber jetzt,“ ſage ich,„iſt mir eine halbe Pinte Porter vollkommen hinreichend, vorausgeſetzt nämlich, Frau Harris, daß er gehörig ge⸗ gohren hat und mild gebraut iſt. Ob ich nun Kranke verpflege oder junge Mütter abwarte, Madame! ſo thue ich doch hoffentlich meine Schuldigkeit, ich bin aber nur ein armes Weibsbild und muß mein täglich Brod ſauer genug verdienen, deshalb mache ich gar kein Hehl daraus, daß ich ein Getränk verlange, das gehörig gegohren hat und mild gebraut iſt!“ „In welcher genauerer Verbindung die Beobachtun⸗ gen zu beſagtem Glas Rum ſtehen mochten, ließ ſich nicht ſo deutlich wahrnehmen; denn als Frau Gamp den Trinkſpruch ausbrachte;„ihrer aller gutes Wohlergehen!“ leerte ſie den Branntwein in wahrhaft wiſſenſchaftlichen Zügen, ohne weitere Bemerkungen darüber zum Beſten zu geben. „Und was bringen Sie mir für Neuigkeiten, Frau Gamp?“ fragte Mould abermals, während die Dame ihren Mund mit dem Halstuche abwiſchte und an dem Ende eines weichen Zwiebacks nagte, den ſie als Mund⸗ vorrath für die ihr gebührenden ſtarken Getränke in der 2²22 Taſche zu führen ſchien,—„wie ſteht’s mit Herrn Chuffey?“ „Mit Herrn Chuffey ſteht's noch beim Alten, Sir!“ entgegnete ſie;—„er iſt weder beſſer noch ſchlimmer geworden; es war ſehr artig von dem Ehrenmanne, daß er an Sie ſchrieb und ſagte, laſſen Sie ihn von Frau Gamp verpflegen, bis ich heim komme. Allein Alles, was er thut, iſt ja lauter Artigkeit und Wohlwollen. Wie ſchade, daß es nicht viele ſolcher Leute giebt, wie d enn alsdann brauchten wir wahrlich keine Kirchen mehr.“ „Was für ein Anliegen haben Sie denn eigentlich an mich, Frau Gamp?“ fragte Herr Mould, indem er auf den eigentlichen Zweck ihres Hierſeyns überging. „Einfach nur dieß, Sir!“ verſetzte Frau Gamp; —„erſt meinen Dank für Ihre gütige Empfehlung. Im ‚goldnen Ochſen“, Sir, zu Holborn liegt ein Herr, der krank geworden iſt und ſich nun äußerſt übel daran be⸗ findet. Man hat ihm eine Tagwächterin gegeben, die von Bartholomew empfohlen worden war, und ich kenne ſie recht gut, Herr Mould;— ſie heißt Frau Prig und iſt ein äußerſt artiges, gutes Geſchöpf! Bei Nacht nun hat ſie anderwärts zu thun, und da braucht man denn eine Wächterin für die Nacht. Da wir nun ſchon ſeit zwanzig Jahren gut Freund mit einander ſind, ſagt ſie alſo:„Die nüchternſte Perſon auf Erden und ein wah⸗ rer Segen für ein Krankenzimmer iſt Frau Gamp; ſen⸗ den Sie nur einen Burſchen nach Kingsgate⸗Street’, ſagt ſie, zund dingen Sie ſie um jeden Preis, denn Frau Gamp iſt wahrlich nicht mit goldenen Guineen aufzu⸗ wiegen!:— Mein Hauswirth bringt mir die Botſchaft herunter und ſagt: ‚Da Sie ja dermalen einen leichten Platz haben und die neue Kommiſſion ziemlich viel Geld verſpricht, könnten Sie, dächt' ich, die beiden mit einan⸗ der verbinden?— ‚Nein, Sir!“ ſage ich; ‚ich thue nichts, ohne daß es Herr Mould weiß, und darum iſt vor der Hand gar nicht daran zu denken! Indeß will =— 255—— 223 ich doch einmal zu Herrn Mould hingehen,“ ſage ich, ‚und ihn befragen, weil Sie's einmal ſo wünſchen.“ „Sie ſchielte bei dieſen Worten ſeitwärts nach dem Leichenbeſtatter hin und hielt in ihrer Erzählung inne. „Sie wollen alſo die Nachtwache übernehmen?“ fragte Herr Mould und kratzte ſich dabei am Kinn. „Von acht Uhr Abends bis acht Uhr Morgens, Sir! Ich will Sie nicht täuſchen!“ verſetzte Frau Gamp. „Und dann könnten Sie wieder wegkommen und zu dem Andern zurückkehren, nicht wahr?“ fragte Herr Mould. „Allerdings, Sir!“ verſetzte Frau Gamp;—„ich wäre alsdann ganz frei, Sir! und könnte Herr Chuffey wieder abwarten. Da ſeine Krankheit ziemlich ruhig und ſein letztes Stündlein wohl auch nicht mehr weit iſt, würde er faſt die ganze Zeit über zu Bette ſeyn, Sir! Ich will's gar nicht läugnen, Sir,“ ſetzte Frau Gamp höchſt demüthig hinzu,„daß ich nur ein armes Weibs ild bin, das dieſen Verdienſt wohl brauchen könnte; allein damit ſoll gar nicht geſagt ſeyn, daß Sie ſich daran zu kehren haͤtten, Sir! Nicht weniger als das, Herr Mould! Reiche Leute können auf Kameelen rei⸗ ten, allein es wird ntcht ſo leicht für ſie ſeyn, durch ein Nadeloͤhr zu blicken, das iſt mein Troſt, Sir, und ich hoffe, daß ihn mir Niemand nehmen wird.“ „Je nun, Frau Gamp,“ verſetzte Mould;—„ich hätte eigentlich nichts dagegen, wenn Sie unter ſolchen Umſtänden ſich auf ehrliche Weiſe einen Pfennig verdie⸗ nen könnten. Ich denke, es bliebe unter uns, Frau Gampl ich würde es z. B. gegen Herrn Chuzzlewit nicht erwähnen, wenn es nicht gerade nothwendig wäre oder er ſie offen darüber befragte!“ „Das wollte ich eben ſagen, Sir!“ entgegnete Frau Gamp;—„geſetzten Falls, der Herr würde ſterben, ſo dürfte ich mir doch hoffentlich die Freiheit nehmen, zu ſagen: ‚Ich kenne einen gewiſſen Ehrenmann, der ſich 224 mit Leichenbeſtatten abgibt!’, ohne daß Sie ſich da⸗ durch für beleidigt halten würden.“ „Nein, gewiß nicht,“ verſetzte Herr Mould mit vie⸗ ler Herablaſſung;—„Sie könnten in einem ſolchen Falle gelegentlich darauf aufmerkſam machen, daß wir das Geſchäft recht gerne und in einer großen Mannigfaltig⸗ keit von Stylen beſorgen und daß wir allgemein in dem Ruf ſtehen, das Geſchäft auf eine Weiſe zu betreiben, die es für die Gefühle der Ueberlebenden nur angenehm macht!— Gehen Sie indeß ja nicht aufdringlich zu Werke— vermeiden Sie alle Zudringlichkeit! Nur ge⸗ mach, gemach!— Höre, lieber Schatz! wollteſt Du nicht Frau Gamp ein Paar von unſern Empfehlungs⸗ karten geben?“ Frau Gamp empfing dieſe und ſſtand nun, da ſie keinen Rum mehr zu erwarten hatte, weil die Flaſche inzwiſchen wieder eingeſchloſſen worden war, raſch auf, um ſich zu entfernen. „Ich wünſche der ganzen glücklichen Familie von Herzen alles mögliche Glück und Wohlergehen!“ ſprach Frau Gamp;—„vergnügten Abend, Mrs. Mould!— Wenn ich an Herrn Moulds Stelle wäre, würde ich wahrhaftig eiferſüchtig auf Sie ſeyn, Madame, und wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich wahrlich auf Herrn Mould nicht minder eiferſüchtig werden!“ „Bah, bah! gehen Sie doch, Frau Gamp!“ rief der Leichenbeſtatter, der ſich von dieſen Komplimenten höchlich geſchmeichelt fühlte. „Was die jungen Damen anbelangt,“ fuhr Frauf Gamp fort, indem ſie von Neuem einen anmuthigen Knix wagte;—„du lieber Gott! wie lieblich und fein die guten Herzchen drein blicken!— ſo können ſie es wahrlich am jüngſten Tage nicht verantworten, daß ſte bei ſo jungen Eltern ſchon ſo groß geworden ſind, und den guten Papa hoffentlich wohl bald mit lieben Enkel⸗ chen beſchenken werden.“ 3 225 „Unſtun! Unſinn!“ rief Herr Mould,—„ich bitte Sie, hören Sie auf, Frau Gamp!“ Das Kompliment der Alten that ihm jedoch ſo von Herzen wohl, daß er ſeine Frau vor lauter Freuden bei dieſen Worten tüchtig in den Arm klemmte. „Ich verſichere Dich, lieber Schatz!“ ſprach er zu ſeiner theuern Ehehälfte, als Frau Gamp endlich den Rücken gewandt hatte;—„dieſe Frau hier iſt ein recht geſcheidtes Weib; dieſe Frau hat einen Verſtand, der ihrer Stellung im Leben bei weitem überlegen iſt! Die Bemerkungen und Betrachtungen dieſer Frau ſind ganz ungewöhnlich gut, und ſie gehört in der That zu denjenigen Frauenzimmern,“ ſetzte Herr Mould hinzu, während er ſein ſeidenes Taſchentuch wieder über die Glatze zog und ſich zu ſeinem Schläſchen vorbereitete,— „ſte gehört zu denjenigen Frauenzimmern, die man vor lauter Liebe faſt umſonſt und zwar noch auf recht augen⸗ fällige Weiſe begraben möchte.“ Frau Mould und ihre Töchter waren hierin unbe⸗ dingt der Anſicht ihres würdigen Vaters. Der Gegen⸗ ſtand bemeldeter Betrachtungen hatte inzwiſchen die Straße erreicht, wo die Luft einen ſo üblen Einfluß auf ſie ausübte, daß ſie genöthigt war, eine Zeit lang unter einem Thorwege unterzuſtehen, um ſich wieder zu erholen. Selbſt nach dieſer Vorſichtsmaßregel war ihr Gang noch ſo unſteter Natur, daß ſie die theilnehmenden Blicke ver⸗ ſchiedener gutmüthiger Gaſſenjungen auf ſich zog, die das lebhafteſte Intereſſe an ihrem Unwohlſeyn nahmen und ihr in ihrer einfachen Sprache die Bitte zugehen ließen, gutes Muths zu ſeyn, da ſie ja im Ganzen doch nicht zu viel geladen habe. Wie ihr nun auch zu Muthe ſeyn mochte oder welchen Namen nur immer die mediciniſche Terminologie ihrem Zuſtande geben mochte, ſo war doch ſo viel ge⸗ wiß, daß Frau Gamp trotzdem den Heimweg recht gut zu finden wußte, noch bei guter Zeit das Haus von An⸗ Boz, Chuzzlewit. III. 15 ton Chuzzlewit und Sohn erreichte und ſich hier zur Ruhe niederlegte. Sie verblieb hier bis ſteben Uhr Abends, veranlaßte ſodann den armen alten Chuffey, ſich zu Bette zu legen und ging nun fort, um ihr neues Amt anzu⸗ treten. Erſt begab ſie ſich nach ihrer eigenen Wohnung in Kingsgade⸗Street, um ein Bündel Kleider und andere Schutzmittel zu holen, womit ſie ſich für die Nacht be⸗ haglich machen wollte und begab ſich ſodann nach dem „goldnen Ochſen“ in Holborn, den ſie juſt mit dem ach⸗ ten Glockenſchlage erreichte. Als ſie in den Hof eintrat, machte ſie Halt, denn der Wirth, die Wirthin und die erſte Stubenmagd ſtan⸗ den ſämmtlich auf der Schwelle des Hauſes und unter⸗ hielten ſich mit einem jungen Herrn von Stande, der eben erſt angekommen oder im Weggehen begriffen ge⸗ weſen zu ſeyn ſchien. Die erſten Worte, die an Frau Gamps Ohr ſchlugen, bezogen ſich offenbar auf den Kranken, und da es nur von Intereſſe ſeyn konnte, daß jede gewiſſenhafte Wärterin ſo viel als möglich über den Fall in's Klare geſetzt wurde, der ihre Geſchicklichkeit erheiſchte, ließ ſich's Frau Gramp natürlich nicht neh⸗ men, hier gewiſſermaßen aus Amtspflichten die Horchende zu ſpielen. „So iſt's alſo noch immer nicht beſſer?“ fragte der fremde Herr. „Im Gegentheil ſchlechter,“ verſetzte der Wirth. „Ja, ſogar weit ſchlimmer,“ ſetzte die Wirthin hinzu. „O, es ſteht bei Weitem ſchlimmer mit ihm,“ rief das Stubenmädchen aus dem Hintergrund, indem ſie dabei die Augen weit aufriß und den Kopf ſchüttelte. „Der arme Junge!“ ſprach der fremde Herr;— „es thut mir leid, keine beſſere Kunde von ihm hören zu können. Das Schlimmſte davon iſt jedenfalls, daß ich nicht im Geringſten weiß, wer ſeine Verwandten und Freunde ſind, oder wo ſie wohnen, und daß ich nur — 227 das als ausgemachte Sache weiß, daß ſie ſicherlich nicht in London zu finden ſind.“ Der Wirth ſah die Wirthin an, die Wirthin blickte wiederum auf den Wirth und die Stubenmagd äußerte faſt mit hyſteriſchen Anfällen, daß von allen unbeſtimmten Nachrichten, die ſie je gehört und geſehen und an denen ihr Leben, als in einem Gaſthofe verbracht, doch reich ſeyn müſſe, dieß doch bei weitem die unbeſtimmteſte ſey. „Die Hauptſache iſt, wie Sie ſehen,“ fuhr der Fremde fort,—„daß ich nur wenig Gewiſſes über ihn weiß, wie ich Ihnen ſchon geſtern ſagte, als Sie nach mir ſandten, wir waren zwar Schulkameraden, allein ſeit jener Zeit habe ich ihn nur zwei Mal wieder geſehen. Beide Male befand ich mich in den Ferien in London, wohin ich vor ein Paar Wochen von Wiltſhire gekom⸗ men war, und verlor ihn jedes Mal bald wieder aus den Augen. Der Brief unter meinem Namen und Adreſſe, den Sie auf meinem Tiſche fanden und der Sie bewog, ſich an mich zu wenden, iſt, wie Sie ſehen können, eine Antwort auf jenen andern, welchen er mir an demſelben Tage, wo er erkrankte, von dem Hauſe aus ſchrieb, um mich um ein Stelldichein zu bitten. Hier iſt ſein Brief, wenn Sie ihn zu leſen wünſchen!“. Der Wirth las ihn— die Wirthin blickte ihm dabei über die Schulter und auch die Stubenmagd im Hintergrunde entzifferte ſo viel davon, als ihr nur im⸗ mer möglich waxr, und ergänzte das Uebrige aus eigener Erfindung, obwohl ſie das Ganze fortan für ein wahr⸗ haft poſitives Dokument betrachtete. „Er hat alſo ſehr wenig Gepäcke bei ſich, wie Sie ſagen?“ fragte der Herr von Stande, der kein anderer war, als unſer alter Freund John Weſtlock. „Er führt nur einen Mantelſack bei ſich, der nicht beſonders gefüllt iſt,“ verſetzte der Wirth. „Doch hat er vermuthlich ein paar Pfund in der Borſe?“ fragte John Weſtlock weiter.. 1⁵ „Allerdings,“ verſetzte der Wirth,—„ich habe das Geld verſtegelt und in meine Kaſſe gelegt, und eine Urkunde über den Betrag aufgenommen, die Ihnen ſtets zur Einſicht offen ſteht.“ „Schön,“ ſagte John;—„da der Arzt behauptet, man müſſe dem Fieber ſeinen Lauf laſſen und könne vorerſt nichts Anderes thun, als ihm ſein Trinken regel⸗ mäßig geben und ihm eine ſorgfältige Pflege zukommen laſſen, ſo wüßte ich weiter nichts über ihn zu ſagen, als daß man geduldig zuwarten muß, bis er ſelbſt im Stande iſt, uns weitere Nachrichten über ſich zu geben. Haben Sie mir ſonſt noch Etwas mitzutheilen?“ „Nein,“ verſetzte der Wirth zögernd,—„außer etwa das, daß ich....“ „Daß Sie gerne wiſſen mochten, wer für die Be⸗ zahlung einſteht,“ fiel ihm John in's Wort. „Nun ja,“ meinte der Wirth,—„das wollte ich etwa ſagen.“ „Ja, das möchten wir wiſſen,“ verſetzte die Wirthin. „Und daß das Trinkgeld für die Dienſtboten dabei nicht vergeſſen wird,“ wagte das Stubenmädchen mit ſcheuem Flüſtern einzuwenden. „Das iſt freilich eine ſehr vernünftige Frage,“ ver⸗ ſetzte John Weſtlock;—„Sie haben ja einſtweilen auf jeden Fall ſo viel in Händen, daß Sie für Ihre Forde⸗ rungen gedeckt ſind, und ich mache mich verbindlich, den Arzt und die Krankenwärterinnen zu bezahlen.“ „Ah!“ rief Frau Gamp,—„das iſt in der That ein rechter Herr von Stande!“ Sie ließ ihre Bewunderung mit einem ſo vernehm⸗ lichen Seufzer erſchallen, daß die ſämmtlichen unter der Hausthüre verſammelten Leute ſich umwandten und Frau Gamp demgemäß die Nothwendigkeit fühlte, mit ihrem Bündel in der Hand vorzutreten und ſich ſelbſt der Ge⸗ ſellſchaft vorzuſtellen. „Ich bin die Krankenwärterin für die Nacht aus N N 229 Kingsgade⸗Street,“ äußerte ſie;—„eine gute Freundin von Frau Prig, der andern Krankenwärterin, die den Tag über hier und das wackerſte von unſern Herrgotts Geſchöpfen iſt. Wie geht es denn dem lieben armen Herrn heute Abend. Sollte er bis jetzt doch noch nicht beſſer ſeyn, ſo iſt das doch eine Sache, auf die man ge⸗ rüſtet und vorbereitet ſeyn mußte.'s iſt wahrhaftig gar nicht zu zählen, Madame,“ ſetzte ſie mit einer Verbeugung gegen die Wirthin hinzu,„wie oft ich ſchon wechſelsweiſe mit Frau Prig Kranfke verpflegt habe, die Eine bei Tag, die Andere bei Nacht und umgekehrt; wir kennen gegen⸗ ſeitig unſere Behandlungsweiſe und verſchaffen manchem Patienten Erleichterung, wenn alles Andere fehl ſchlägt. Unſer Gehalt iſt ganz gering, Sir!“ wandte ſich Frau Gamp an John ſelbſt,—„zumal wenn man die Natur unſrer mühevollen Obliegenheit in Erwägung zieht, wenn's unſere Verhältniſſe ertrügen, daß wir ganz ſo handeln könnten, wie wir es wünſchten, ſo wären wir leicht bezahlt.“ Frau Gamp mochte nun der Anſicht ſeyn, in dem Geſagten eine höchſt treffliche Inaugurationsrede ent⸗ wickelt zu haben, weßhalb ſe denn gegen jeden der An⸗ weſenden ſich beſonders verbeugte und ſodann den Wunſch laut werden ließ, nach dem Schauplatz ihrer Berufs⸗ thätigkeit geführt zu werden. Die Stubenmagd führte ſie durch eine Mannigfaltigkeit der verwickeltſten Gänge und Paſſagen nach dem Giebel des Hauſes, deutete end⸗ lich auf eine einſame Thür am äußerſten Ende eines Ganges, und belehrte ſie, daß ſie dort ihren Patienten finden werde; ſobald dies geſchehen war, eilte ſie wieder ſo raſch wie möglich von dannen. Frau Gamp durchmaß den Gang ſehr eilfertig, denn das Nachſchleppen ihres großen Buündels über ſo viele Treppen hatte ſie ziemlich erhitzt, und pochte an die Thüre, welche alsbald von Frau Prig eröffnet wurde, die in Hut und Halstuch ungeduldig des Moments war⸗ tete, wo ſie endlich gehen konnte. Frau Prig glich dem Wuchſe nach ſo ziemlich Frau Gamp, nur daß ſie nicht ſo fett war, eine tiefere, faſt männliche Stimme hatte, und ſich ſogar ſchmeicheln konnte, einen Bart zu beſitzen. „Ich dachte nachgerade ſchon, Sie würden gar nicht kommen,“ entgegnete Frau Prig einigermaßen mißvergnügt. „Ich will mein Verſäumniß morgen Abend ehrlich wieder gut machen,“ verſetzte Frau Gamp;—„ich mußte zuvor nach Hauſe gehen und meine Sachen herbeiholen.“ Sie hatte ſich bereits mittelſt einer Zeichenſprache über den Zuſtand des Patienten und die Möglichkeit zu erkundigen begonnen, daß er ſie hören köoͤnne— ſein Schlafzimmerchen war nämlich nur durch einen Vorhang von dem äußern Zimmerchen geſchieden, als Frau Prig über dieſen Punkt leicht hinwegging. „O!“ ſagte ſte laut,—„er iſt ganz ruhig, aber nicht bei Beſinnung, und darum liegt im Ganzen auch nichts daran, was Sie ſagen mögen.“ „Haben Sie mir ſonſt noch etwas zu ſagen, bevor Sie gehen, gute Frau?“ fragte Frau Gamp, nachdem ſie ihr Bündel im Zimmer abgelegt, und blickte ihre Collegin dabei wohlwollend an. „Der geräucherte Lachs iſt ganz vorzüglich,“ ver⸗ ſetzte Frau Prig;—„ich kann Ihnen denſelben ganz beſonders empfehlen; zum kalten Fleiſch würde ich Ihnen indeß nicht rathen, da es nach dem Stalle ſchmeckt. Das Getränke iſt durchweg gut.“ Dieſe Nachrichten machte ſich Frau Gamp insbeſon⸗ dere zu Nutzen, und ſchien ſehr erbaut davon. „Die Arznei und die andern Sachen ſtehen auf der Commode und dem Kaminſims!“ verſetzte Frau Prig beiläufig;—„um Sieben hat er zum letztenmal ſeinen Schleimtrank eingenommen. Der Lehnſtuhl iſt nicht be⸗ ſonders weich, und es wird deßhalb gut ſeyn, wenn Sie ein Kopfkiſſen von ihm nehmen!“ Frau Gamp bedankte ſich für dieſe freundſchaftlichen 231 Winke, wünſchte ihrer Freundin wohlwollend gute Nacht und ließ die Thür offen, bis ſie am andern Ende der Gallerie verſchwunden war; nachdem ſie ſolchermaßen die gaſtfreundſchaftliche Pflicht geübt, ſte wohlbehalten ſchei⸗ den zu ſehen, ſchlug ſie die Thüre zu, verſchloß ſie von innen, nahm ihr Bündel wieder auf, ſpazierte hinter den Vorhang, und machte ſich nun an ihren Beruf in Be⸗ treff der Krankenſtube. „Ein Bischen langweilig, aber lange nicht ſo arg, als es ſeyn könnte,“ bemerkte Frau Gamp;—„es freut mich nur, daß eine Bruſtwehr für den möglichen Fall einer Feuersgefahr hier iſt, und eine ſolche Unzahl von Dächern und Schornſteinmündungen, um darauf fortgehen zu können!“ 4 Aus dieſen Bemerkungen der Frau Gamp wird nunmehr Jedermann klar ſeyn, daß ſie aus dem Fenſter blickte. Als ſie die Ausſicht nach Genüge genoſſen, ver⸗ ſuchte ſie den Lehnſtuhl und erklärte voll Entrüſtung, er ſey härter als ein Backſteinboden. Nächſt dem ſetzte ſie nun ihre Nachforſchungen unter den Arzneitaſſen Glä⸗ ſern, Krügen und Theetaſſen fort, bis ſie ihre Neugier an all' dieſen Gegenſtänden vollkommen befriedigt hatte, löste ſie die Bänder ihres Hutes und trat an das Bett des Patienten, um ſich durch eigene Anſchauung über ſein Befinden zu belehren. Es war ein junger Mann mit dunklen Haaren und nicht unangenehmen Zügen, mit langem ſchwarzem Haar, das auf den weißen Betttüchern deſto ſchwärzer erſchien, der hier im Bette lag, ſeine Augen waren weit geöffnet und er rollte unaufhörlich ſeinen Kopf auf dem Kiſſen von einer Seite zur andern, während ſein Körper eine ganz ruhige Lage behielt. Er äußerte kein Wörtchen, allein zuweilen machte er doch einem Ausruf der Un⸗ geduld oder Ermüdung, zuweilen auch des Erſtaunens Luft, wobei ſich ſein unruhiger Kopf unausgeſetzt viele, viele Stunden lang in ſteter Bewegung erhielt. Frau Gamp erquickte ſich nun zunächſt mit einer Priſe Schnupftaback und beugte ſich ſchauend, mit ſeit⸗ wärtsgeneigtem Kopfe, über ihn herab, wie etwa ein Kunſtkenner ein zweifelhaftes Kunſtwerk betrachtet haben würde. Allmählig ſchien ſie jedoch von einer entſetzlichen Erinnerung an einen Zweig ihres Berufs ganz erfüllt zu werden; ſie beugte ſich nämlich über den Patienten hernieder, drückte ſeine unſteten, irren Arme an ſeine Hüften und wollte ſich gewiſſermaßen überzeugen, wie ſich der Kranke wohl als Leiche ausnehmen würde. So abſcheulich es auch erſcheinen mag, ſo iſt es doch nicht minder wahr, daß es ſie wahrhaft in den Fingern juckte, ſeinen Gliedern jene letzte marmorartige Stellung zu geben. „Ja wahrhaftig,“ ſprach Frau Gamp, als ſie von dem Bette wegſchritt,„er würde wahrlich eine prächtige Leiche geben.“ Sie fuhr nun fort, ihr Bündel auszupacken, zündete mit Hülfe eines Feuerzeugs, der auf der Kommode ſtand, eine Kerze an, fullte einen kleinen Keſſel als einſtweilige Zurüſtung, um ſich im Lauf der Nacht an einer Taſſe Thee zu laben, machte zu demſelben philantropiſchen Zwecke ein„klein wenig“ Feuer an, wie ſie's nannte, rückte ein kleines Theetiſchchen herbei und deckte daſſelbe, damit ihr für die kommende Nacht ja nichts zu einem behaglichen Lebensgenuſſe fehle. Die Vorbereitungen nahmen ſie ſo lange in Anſpruch, daß fle nach Beendigung derſelben es für die höchſte Zeit erachtete, an's Nachteſſen zu den⸗ ken, weßhalb ſie die Klingel zog und ihre Beſtellungen machte. „Ich dächte, Jungferchen,“ ſprach Frau Gamp in einem Tone, der auf höchſte Erſchöpfung ſchließen laſſen ſollte, zu der Unterſtubenmagd,—„ich dächte, ich könnte jetzt ein Bischen geräucherten Lachs mit etwas Fenchel und einer Meſſerſpitze voll weißen Pfeffer zu mir neh⸗ men. Ich pflege nur neugebackenes Brod zu eſſen, mein 23³ liebes Kind, und zwar ſtets nur mit etwas friſcher But⸗ ter und einem Stückchen Käſe darauf. Sollte es unge⸗ fähr Gukummern im Hauſe geben, ſo könnten Sie mir auch den Gefallen thun, etliche zu bringen, denn ich habe eine beſondere Vorliebe für ſie, weil ſie in einer Krankenſtube ganz beſonders gute Dienſte thun. Falls man mir gutes Ale zapft, ſo moͤchte ich das zum Schlaf⸗ trunk haben, liebes Kind! weil die Aerzte behaupten, es halte einen wach. Wie Sie es auch immer mit mir meinen mögen, Jungferchen, bringen Sie mir ja nicht mehr als für einen Schilling Gin(Wachholderbranntwein) und warmes Waſſer, wenn ich zum zweitenmal die Klin⸗ gel ziehe, denn dies iſt mein gewöhnlicher Schlaftrunk, und ich pflege nie einen Tropfen mehr zu trinken.“ Als Frau Gamp dieſe mäßigen Forderungen ge⸗ ſtellt hatte, bemerkte ſie noch insbeſondere, ſie wolle in⸗ zwiſchen an der Thüre warten, bis ihr Auftrag vollzogen ſey, damit der Patient nicht durch ein abermaliges Oeff⸗ nen der Thüre aus dem Schlafe geſtört werde, und ſie werde es daher dem Jungferchen ganz beſonders danken, wenn ſie ſich einigermaßen tummeln wolle. Bald dar⸗ auf brachte das Stubenmädchen auf einem Theebrett Alles, was Frau Gamp ſich gewünſcht hatte, und ſogar noch die ſcharfen Pfeffergurken, und die Krankenwärterin ſetzte ſich demgemäß nieder, um ſich in ihrer beſten Laune über das Eſſen und Getränke herzumachen. Die Menge des Eſſigs, den ſie conſumirte, und die Behaglichkeit, mit der ſie dieſes erfriſchende Fluidum vermittelſt der Meſſerklinge auflegte, laſſen ſich kaum beſchreiben. „Ach!“ ſeufzte Frau Gamp, als ſie über der Schil⸗ lingsportion Grog in nachdenklicher Stellung daſaß,„was für ein hoher Segen iſt es doch, wenn ein Menſch wäh⸗ rend ſeiner Erdenlaufbahn mit ſich ſelbſt zufrieden iſt! Was für ein geſegnetes Ding iſt es doch, um den Be⸗ ruf, in welchem man kranke Leute in ihren Betten glück⸗ lich macht, und ſich um ſich ſelber gar nicht kümmert, 234 ſo lange man irgend noch Dienſte leiſten kann! Ich glaube kaum, daß je eine ſchönere Gukummer gewachſen iſt, ich weiß wenigſtens gewiß, daß ich ſelber nie eine ſchönere geſehen habe.“ In dieſer Weiſe moraliſirte ſie fort, bis ihr Glas leer geworden war, und verabreichte alsdann dem Pa⸗ tienten ſeine Medizin vermittelſt des einfachen Prozeſſes, daß ſie ihm die Kehle ſo lange zuſammendrückte, bis er den Mund aufſperrte, worauf ſte ihm dann die ganze Beſcheeruung den Hals hinab goß. „Ei, eil faſt hätte ich das Kiſſen vergeſſen!“ rief Frau Gamp, indem ſie es dem Patienten unter dem Kopfe hinwegzog;—„ſo, nun hat er es ſo bequem, als es nur immer möglich iſt, und ich will mir es nun auch angelegen ſeyn laſſen, es mir ſelbſt ſo bequem wie möglich zu machen.“ In dieſer Abſicht machte ſte ſich alsbald daran, ſich ein extemporirtes Bett in dem Lehnſtuhl zu bereiten, in⸗ dem ſie den andern Armſtuhl dieſem gegenüber ruückte, um ſich ſeiner füur ihre Füße zu bedienen. Nachdem ſie auf dieſe Weiſe ſich nach Maßgabe der Umſtände das beſtmöglichſte Lager bereitet hatte, holte ſie aus ihrem Bundel eine gelbe Nachtkappe von rieſiger Größe, welche der Geſtalt nach Aehnlichkeit mit einem Kohlkopfe hatte; beſagtes Kleidungsſtuck nun befeſtigte und band ſie als⸗ bald mit beſonderer Sorgfalt auf den Kopf nachdem ſie ſich zuvor einer Garnitur alter kahler Locken entledigt hatte, die man kaum falſch nennen konnte, da ſie ſo un⸗ ſchuldiger Natur waren, daß ſie allem eher ähnlich ſahen, als einem Verſuche zur Täuſchung. Daſſelbe Bundel lieferte auch noch eine Nachtjacke, die ſie ebenfalis an⸗ legte, und brachte ſchließlich noch einen Nachtwächter⸗ überrock zum Vorſchein, den ſte mittelſt der Aermel um den Hals band, ſo daß ſie die Geſtalt von zwei Perſonen bekam und von hinten aus geſehen ganz den Anſchein hatte, als ob ſie eben von einem der alten Schaarwache umarmt werde. 23⁵ Sobald dieſe Vorbereitungen getroffen waren, zun⸗ dete ſie das Nachtlicht an, kauerte ſich auf ihrem provi⸗ ſoriſchen Bette zuſammen, und überließ ſich dem Schlafe. Das Zimmer wurde nun auf einmal geſpenſterhaft und düſter, und öde Schatten ſchienen es in geiſterhaftem Schweigen zu durchziehen. Das entfernte Geräuſch der Straßen verſtummte allmälig, das Haus wurde öde wie ein Grab und die kalte ſtarre Leiche der Nacht legte ſich in der Stadt wie in einem Sarge zum Schlafe. O traurige, unheimlich duͤſtere Stunde! O ver⸗ welkter Geiſt, der Du unſicher durch die Vergangenheit hinkriechſt und die jämmerliche Gegenwart nicht abzu⸗ ſchütteln vermagſt— der Du ihre ſchwere Kette von Sorge durch phantaſtiſche Feſte, Gaſtſchmäuße und Sce⸗ nen voll ehrfurchtgebietendem Pompe hinſchleppſt— der Du nur augenblickliche Ruhe unter den längſt vergeſſenen Lieblingsplätzen dieſer Kindheit und den Freuden der Vergangenheit ſuchſt und leider überall nur das düſtere Bild der Furcht und des Entſetzens findeſt! O trübe, unheimliche Stunde! Was waren Kains irre Wanderun⸗ gen gegen die Deinigen! Noch immer warf ſich ohne eine augenblickliche Pauſe der fieberglühende Kopf auf den Kiſſen umher;— noch immer machte ſich von Zeit zu Zeit Erſchöpfung, Ungeduld, Schmerz und Ueberra⸗ ſchung auf dieſem Marterlager laut genug Luft, wenn ſie auch nicht gerade ſich deutlicher Worte dazu bediente. In der feierlichen Stunde der Mitternacht endlich begann der Kranfe zu ſprechen, heiſchte bisweilen bange Ant⸗ wort, als ob unſichtbare Gefährten ſein Bette umga⸗ ben, auf deren Fragen er zu antworten und die er hin⸗ wiederum zu befragen ſchien. Frau Gamp erwachte endlich und richtete ſich in ih⸗ rem Bette empor, daß ſie an der Mauer den Schatten eines gigantiſchen Nachtwächters vorſtellte, der mit einem Gefangenen kämpft. „Heda, haltet Euer Maul!“ rief ſie im Tone bit⸗ 236 tern Tadels;—„macht doch in's Teufels Namen keinen ſolchen Lärm hier.“ Dieſe Ermahnung erzweckte jedoch keine Aenderung in dem Geſicht oder in der unaufhörlichen Regſamkeit des Kopfes des Patienten, ſondern erplauderte noch im⸗ mer verwirrt weiter. „Ach!“ ſprach Frau Gamp und arbeitete ſich mit unbehaglichem Schauder aus ihrem Stuhle empor;— „mir war ſchon im Voraus, als ſchliefe ich zu gut, um lange ſchlafen zu dürfen! Ich fürchte faſt, heute Nacht i*ſt der Teufel los, ſo entſetzlich kalt und froſtig iſt's ge⸗ worden!“ „Trinkt, trinket nicht ſo viel!“ rief der Kranke; „Ihr werdet uns Alle in's Verderben ſtürzen, ſeht Ihr denn nicht, wie der Brunnen ſchon abnimmt, blickt nur auf die Grenze, wo das funkelnde Waſſer noch ſo eben und.“ „Ja wahrlich, es hat ſich was von Waſſer zu fun⸗ keln!“ rief Frau Gamp lachend,—„ich dächte, ich will mir jetzt ein Täſſchen funkelnden Thee bereiten! Ich wollte nur, Du hielteſt jetzt Dein Maul mit dem ewigen Lär⸗ men!—“ Er brach in ein Gelächter aus, das, als es lange angedauert hatte, am Ende ſich in ein unheimliches Winſeln umſtimmte. Plötzlich hielt er indeß mit wildem Unmuthe inne und begann laut und raſch zu zählen: „Eins— zwei— drei— vier— fünf— ſechs...“ „Eins— zwei— der Schuh iſt entzwei!“ rief Frau Gamp, die nun auf den Knieen lag, um das Feuer an⸗ zuzünden;—„drei— vier— ſchließ mir die Thür!— Ich wollte, Dir wäre Dein Maul geſtopft, junger Burſche!— Fünf— ſechs— ruf mir die Hex!— Ja, wenn ich nur hexen könnte, ſo ſollte mein Keſſel bald im Sieden ſeyn.“ In Erwartung dieſes wünſchenswerthen Zweckes ſetzte ſie ſich einſtweilen ſo nahe zum Kamingitter, das 5 237 ziemlich hoch war, daß ihre Naſe darauf aufruhte und ergötzte ſich eine Zeitlang in ihrer Schlaftrunkenheit da⸗ mit, daß dieſer Geſichtstheil auf der oberen Meſſingleiſte des Gitters lange hin⸗ und herrieb, ohne dabei ihre Lage zu verändern; in der ganzen Zwiſchenzeit hielt ſie natürlich einen fortlaufenden Comentar zu dem Irrereden des Mannes im Bette. „Jetzt ſind es ihrer fünfhundert und einundzwanzig Mann!“ rief der Kranke im Bette ängſtlich;—„ſie ſind alle ganz gleich gekleidet, und verzerren ihr Geſicht auf dieſelbe Weiſe— zum Fenſter ſind ſie hereingekommen, durch die Thüre gehen ſie wieder hinaus!— Seht nur, ſeht! Fünfhundert zweiundzwanzig— dreiundzwanzig— vierundzwanzig!— ſeht Ihr ſie jetzt?“ „Ja, jal ich ſehe ſie,“ ſprach Frau Gamp,„die ganze Sippſchaft iſt numerirt, wie die Miethkutſchen, nicht wahr?“ „Rühr' mich an!“ rief der Kranke,—„gieb mir Gewißheit davon! Rühr' mich an!“— „Ja, ja,“ brummte die Alte vor ſich hin,—„wenn ich erſt den Keſſel zum Sieden gebracht habe, dann be⸗ kommſt Du dieſe Arznei wieder und ſollſt auch angerührt werden, verlaß Dich darauf, wenn Du jetzt nicht bald das Maul hältſt, oder hernach die Arznei nicht ruhig nimmſt, ſo will ich Dich auf jene Weiſ⸗ anrühren, daß Dir Hören und Sehen vergeht.“ „Fünfhundert achtundzwanzig— fünfhundert neun⸗ undzwanzig— fünfhundertdreiſig!“— rief der Kranke weiter;—„da, blickt nur ſelber hin!“ „Was gibt's ſchon wieder?“ fragte Frau Gamp. „Jetzt kommen ſie vier Mann hoch, und jeder hat ſeinen Arm in den des Nachbars verſchlungen und legt die Hand auf ſeine Schulter,“ ſprach der Fiebernde;— „was iſt denn das, was jeder von ihnen auf dem Arme und auf der Flagge hat?“ „Vielleicht Spinnengewebe,“ verſetzte Frau Gamp. 238 „Krepp, ſchwarzer Krepp!“ rief der Kranke;— „Du lieber Gott! warum tragen ſie denn ihn außen?“ „Willſt Du denn haben, daß ſie den ſchwarzen Krepp im Leib tragen ſollen,“ verſetzte Frau Gamp;—„jetzt ſchweigt einmal! Haltet endlich Euer Maul!“ Inzwiſchen hatte das Feuer begonnen, eine ange⸗ nehme Wärme auszuſtrahlen, weßhalb Frau Gamp ver⸗ ſtummte, ihre Naſe allmälig langſamer und immer lang⸗ ſamer auf der obern Leiſte des obern Kamingitters rieb und in einen ſchwerfälligen Schlaf verfiel. Als ſie er⸗ wachte, däuchte es ihr, wie ſie ſich einbildete, als ob ein wohlbekannter Name durch's Zimmer dröhne,„Chuzz⸗ lewit!“ Der Laut war ſo beſtimmt und wirklich, und klang ganz ſo wie eine im Todeskampfe hervorgebrachte Bitte, daß Frau Gamp entſetzt emporſprang, und nach der Thüre eilte. Sie erwartete den Gang mit Leuten ge⸗ füllt zu ſehen, die ihr ſagen wollten, daß das beſagte Haus in der City in Feuer aufgegangen ſey. Allein die Hausflur war leer, keine Seele war hier zu erblicken, ſie öffnete das Fenſter und blickte hinaus. Ringsum war nichts zu erblicken, als düſtere, langweilige, ſchmutzige und öde Hausgiebel, und verräucherte Schornſteine. Sie kehrte wieder zu ihrem Lager zurück, ſie ſah nach dem Kranken: er war noch immer wie zuvor nur ſchweigend. Frau Gamp wurde es jetzt ſo warm, daß ſie ihren Wachtmantel ablegen und ſich Kühlung zufächeln mußte. „Mir war, als ob ſogar die Flaſchen davon wiederklän⸗ gen,“ rief ſie;—„wovon mag ich doch geträumt haben? Ich wette, es war dieſer verdammte Chuffey!“ Dieſe Vermuthung war wahrſcheinlich genug, allein auf jeden Fall erholte ſich Frau Gamp mittelſt einer Priſe Schnupftabak und an dem angenehmen Singſang des dampfenden Theekeſſels von beſagter Erſchütterung ihrer Nerven, die nichts weniger als ſchwach waren. Sie braute ſich ihren Thee, ſtrich ſich etliche Butterbrode, .——— —————— und ſaß, mit dem Geſicht gegen das Feuer gekehrt, vor dem Theetiſchchen nieder. Auf einmal erklangen in noch ſchrecklicherem Tone als diejenigen, welche ihr zuvor in ihr ſchlummerndes Ohr gedröhnt hatten, die Worte: „Chuzzlewit! Jonas! Nein!“ Frau Gamp hatte eben die Taſſe an die Lippen führen wollen, allein ſie ſetzte ſie jetzt plötzlich nieder und kehrte ſich mit einem ſolchen Entſetzen um, daß ſie damit beinahe den kleinen Theetiſch umſtieß. Der fürch⸗ terliche Ruf war von dem Bette ausgegangen. Es war ein ſonnenheller Morgen, als Frau Gamp abermals aus dem Fenſter blickte, und die Sonne erhob ſich in heiterer Majeſtät am Himmel. Heller und immer heller ward das Firmament, die Straßen belebten ſich und der Rauch der friſch angemachten Feuer wirbelte hoch in die Luft empor, bis der geſchäftige Tag ganz erwacht war. Frau Prig kam zur beſtimmten Stunde pünktlich zur Ablöſung, da ſie bei ihrem andern Patienten eine gute Nacht gehabt hatte. Auch Herr Weſtlock erſchien zur ſelben Zeit, wurde jedoch nicht vorgelaſſen, da die Krankheit anſteckend ſeyn ſollte. Der Doktor kam eben⸗ falls, beſichtigte den Patienten und ſchüttelte nur den Kopf;— das war ſo ziemlich Alles, was er unter den obwaltenden Umſtänden thun konnte, und er entledigte ſich ſeiner Verpflichtung ziemlich gut. „Wie hat er die Nacht verbracht, Wärterin?“ fragte er hergebrachtermaßen dieſe. „Unruhig, Sir?“ verſetzte Frau Gamp. „Er hat wohl viel geſprochen?“ „So ziemlich, Sir,“ verſetzte Frau Gamp. „Vermuthlich nichts, das irgend einen Sinn hatte, denke ich?“ forſchte der Arzt weiter. „Nein, weiß Gott, kein Wörtchen, Sir! Nur ver⸗ wirrtes Geplapper,“ war die Antwort. „Je nun,“ meinte der Doktor,—„man muß ihm Ruhe goͤnnen. Halten Sie das Zimmer kühl, geben Sie ihm ſeine Arznei und den Trank regelmäßig, und tragen Sie Sorge, daß er gut verpflegt wird, mehr läßt ſich vor der Hand nicht thun!“ „Ei,“ meinte Frau Gamp,—„ſo lange Frau Prig und ich ihm abwarten, brauchen Sie ſich hierüber keine Sorge zu machen.“. Als die beiden Waͤrterinnen den Doktor mit Bück⸗ lingen bis zur Thüre begleitet hatten, meinte Frau Prig: „Ich denke, es gibt nichts Neues?“ „Gar nichts, meine liebe Frau,“ entgegnete Frau Gamp;—„der Kerl langweilt Einen furchtbar mit ſei⸗ nem Geſchwätz, und bringt eine Menge Namen auf's Tapet, allein ſonſt braucht man ſich gar nicht an ihn zu kehren.“ „Ei, ich kümmere mich nicht um ihn; ich hab' an andere Sachen zu denken,“ entgegnete Frau Prig. „Sie wiſſen, liebe Frau, daß ich heute Abend meine Schuld abtrage,“ verſetzte Frau Gamp;— nich rathe Ihnen nur noch, Frau Betſy⸗Prig,“ ſetzte ſie mit vieler Empfindung hinzu, und legte ihre Hand auf ihren Arm, —„ich rathe Ihnen nur noch, verſuchen Sie die Gurken! Gott behüte Sie!“ Ende des dritten Bandes. ———————