ibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur — von... Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. „ 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. t 6 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bez ahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Biücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr⸗ f. 1 N. 50 Ff 2 Mk.— Pf. 3 5 Auswärtige Abonnent ten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafü r zu ſtehen haben. 6 Leben und Abentener des Herrn Kartin Chuzzlewit, ſeiner Verwandten, Freunde und Feinde. O[.— Herausgegeben von . Boz. Frei nach dem Engliſchen von Erwin von Moosthal. Vierter bis ſechster Theil. —— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1844. Erſtes Kapitel. Worinnen über die rieſige Stadt London und den Gaſthof der Trau Todgers nähere Aufſchlüſſe ertheilt werden. Sicherlich hat wohl niemals irgend ein anderer Flecken, eine Stadt oder ein Dörſchen in der Welt ein ſo eigenthümliches Plätzchen aufzuweiſen gehabt, als die Herberge der guten Frau Todgers. Von jenem Stadt⸗ theile Londons aus zu ſchließen, welcher Todgers's Her⸗ berge von allen Seiten her einengte, einzwängte, quetſchte, ihr ſeine Ellbogen aus Mörtel und Backſteinen gleichſam in die Weichen ſtieß, ihr der Zutritt der Luft und den Genuß des Lichtes abſchnitt und ſte beſtändig ſo zu ſagen wie mit einem Schanzkorb umgab,— von dieſem Stadttheile aus zu ſchließen, ſchien Frau Todgers's Her⸗ berge auch Londons ganz würdig, und dieſe Stadt durch⸗ aus geeignet zu ſeyn, mit ihr und Hunderttauſenden der Mitglieder derſelben ſeltſamen Familie, zu welchen Tod⸗ gers's Herberge gehörte, auf höchſt freundſchaftlichem und blutsverwandtem Fuße zu ſtehen. Die Umgebung der Herberge war durchaus weniger wie irgend eine andere chriſtliche Nachbarſchaft geeignet, zu Spaziergängen zu dienen, indem man ſich auf eine ganze Stunde Weges durch Gäßchen, Nebenwege, Hofräume und Durchgänge taſtend einen Weg hätte ſuchen müſſen, ohne je auf das zu ſtoßen, was man mit Fug und Recht eine Straße hätte nennen können. Eine Art verzweiflungs⸗ voller Reſignation überkam den Fremden, wenn er dieſe unwegſame Irrgänge betrachtete; hier mußte er ſich un⸗ willkürlich verloren geben, wenn er bald heraus, bald hinein, dann wieder herumgehen mußte, und beim Um⸗ biegen der nächſten Ecke ſich wieder von einer Feuer⸗ mauer oder einem eiſernen Gitter aufgehalten ſah, bis er inſtinktmäßig fühlte, daß ſich vielleicht(Alles zu ſei⸗ ner Zeit) Mittel finden würden, aus dieſem Labyrinthe ſich herauszuarbeiten, daß es jedoch vergebens ſeyn würde, dieſe im Voraus zu vermuthen oder aus eigener Kraft zu erfinden. 4. Man hatte Beiſpiele von Leuten, die, als ſie zu einem Mittagsmahle in Todgers's Herberge geladen wa⸗ ren, ſich rings im Kreiſe herum todesmüde liefen, und nie die Schornſteinverzierungen dieſer Herberge aus den Augen verloren, denen es jedoch rein unmöͤglich war, das verzauberte Haus außzufinden, ſo daß ſie, mit eini⸗ ger Wehmuth zwar, allein doch ruhig und ohne Klage ſich unverrichteter Dinge wieder nach Hauſe hatten be⸗ geben müſſen. Wem man die Richtung von Todgers's Herberge nur mündlich beſchrieben hätte, der würde ſie — wäre er auch nur eine Minute weit entfernt geweſen — nichts zu finden vermocht haben. Vorſichtigere Ein⸗ wanderer aus Schottland oder dem nördlichen England ſollen allerdings zu verſchiedenen Malen das beſagte Hans dadurch zu erreichen gewußt haben, daß ſie irgend einen aus der Hauptſtadt gebürtigen Jungen aus einer Armen⸗ ſchule dingten und ſich von ihm führen ließen, oder daß ſie den Poſtbriefträger auf Tritt und Schritt verfolgten — allein dieſe wenigen Fälle waren lediglich unter die Aus⸗ nahmen zu rechnen und dienten nur zum Beweiſe, daß Todgers's Herberge in der That in einem Labyrinthe liege, deſſen Myſterien nur wenigen Auserwählten be⸗ kannt ſeyen. Verſchiedene Obſthöker und Hökerinnen hatten ihre Standquartiere und Marktplätze in der Nähe von Tod⸗ gers's Herberge aufgeſchlagen, und eine der erſten Wahr⸗ nehmungen, welche den Sinnen eines Fremden aufſtießen, war daher der Geruch von Orangen,— von ſchadhaften Orangen nämlich mit grünen und blauen Geſchwüren, 3 e ͤnn n G en SRAR&N¼ 7 die entweder in ihren Kiſten eiterten oder in den Kellern mürbe wurden und vermoderten. Den ganzen Tag über ſtrömte eine Maſſe von Laſtträgern von den⸗Quais der Themſe herbei, die mit einer zum Berſten vollen Kiſte Orangen auf dem Rücken langſam durch die engen Gaſ⸗ ſen hinzogen und dieſe verſperrten, während unter dem Bogengange neben dem Gaſthauſe hart dabei die Trag⸗ körbe und Schlingen derer, welche ſich im Gaſthauſe erquickten oder raſteten, den ganzen Tag über aufgeſchich⸗ tet lagen. Auch ſeltſame Pumpbrunnen waren in der Nachbar⸗ ſchaft von Todgers's Herberge zu erſchauen, die ſich hier meiſt in finſtern Hausgängen verſteckten und den Feuer⸗ leitern Geſellſchaft leiſteten. Die Kirchen waren hier dutzendweiſe zu finden, meiſt von kleinen grauenhaften Kirchhöfen umgeben, welche ſämmtlich jene kümmerliche, aus feuchter Grabeserde und moderndem Schutt empor⸗ ſprießende Vegetation überwucherte. Auf etlichen dieſer ſumpfigen Ruheplätze, welche mit ſonſtigen grün bekleide⸗ ten Kirchhöfen etwa gerade ſo viel Aehnlichkeit hatten, als die irdenen Blumentöpfe vor den Fenſtern der derauf herniederblickenden Nachbarhäuſer mit freien ländlichen Blumengärten,— ſtanden gar Bäume,— hohe große Bäume, die noch von Jahr zu Jahr zwar Blätter trie⸗ ben, ſich aber mit ſolcher Sehnſucht— wenn man anders von ihrem dürftigen verkrüppelten Gezweige und Laubwerk aus ſchließen konnte,— nach ihres gleichen umſahen, als ob ſie Vögeln in einem Käfige ſich gleich achteten. Hier ſtanden ſte Jahr um Jahr wie lahme alte Wächter, die bei Nacht die Leichen der Entſchlafenen hüteten, bis ſie ſich endlich ſelber der tiefſinnenden Bruͤderſchaft anſchloſ⸗ ſen; mit der einzigen Ausnahme, daß ſie hier unter dem Boden etwa einen geſunderen Schlaf ſchliefen, als ſie droben je zuvor kennen gelernt und von einer andern Art von Wachthäuschen umfangen waren, ließ ſich kaum irgend eine weſentliche Veränderung in ihrer Lage nach⸗ weiſen, wenn ſie hier nun ihrerſeits bewacht wurden. Unter den engen Durchfahrten und Thorwegen rings⸗ um brüſtete ſich da und dort eine alte Hausthür— ein gothiſches Portal von zierlich ausgeſchnitztem Eichenholz, aus welchem vor alten Zeiten oft Klänge froher Nacht⸗ gelage und Feſtſchmäuſe erſchallten; nun aber waren jene einſtigen Herrenhäuſer zu Magazinen herabgewürdigt, und düſtere finſtere Behälter für Wolle, Baumwolle und dergleichen— Magazine für ſo ſchwerfällige Waaren, daß ſie dem muntern Echo die Kehle ſtopfen,— und hatten einen Ausdruck fürchterlicher Oede an ſich, der nebſt ihrer Verlaſſenheit und ihrem Schweigen ſie höchſt trau⸗ rig und unheimlich erſcheinen ließ. In gleicher Weiſe befanden ſich auch düſtere Hofräume in dieſer Gegend, wohin ſich höchſtens ein verſpäteter Wandersmann ver⸗ irrte und wo mächtige Säͤcke oder Güterballen, die eben angekommen oder zur Verſendung beſtimmt waren, an hohen Krahnen zwiſchen Himmel und Erde baumelten. In der Umgebung von Todgers's Speiſehauſe ſchienen an und für ſich mehr Schubkärren ſich zu befinden, als in der ganzen City möglicherweiſe nothwendig ſeyn konn⸗ ten; auch waren es keine activen Schubkarren, ſondern ein landſtreicheriſches Geſchlecht, da ſie ſtets nur in den engen Gäßchen vor den Hausthüren ihrer Herrn müßig ſtanden und keine andere Beſtimmung zu haben ſchienen als den Weg zu verſperren, ſo daß wenn etwa eine vor⸗ ſpringende Miethkutſche oder ein polternder Frachtwagen des Weges daher kam, um ihretwillen ein ſolcher Auf⸗ ruhr und Gedränge entſtand, daß die ganze Nachbarſchaft plötzlich ſich zu beleben und ſelbſt die Glocken auf dem nächſten Kirchthurm zu erſchüttern ſchien. In den Kehlen und Rachen der düſtern Höfe in der Umgebung von Todgers's Speiſehauſe beſaßen etliche Weinhändler und Kaufleute, die mit Spezereiwaaren im Großen han⸗ delten, ſo zu ſagen kleine Städte, die ihnen eigen ge⸗ hörten; ja noch tief unter den Fundamenten dieſer Ge⸗ bäude ſelbſt war der ganze Boden unterminirt und zu Ställen ausgehöhlt, wo man Karrengäule von den Rat⸗ 1 ten beunruhigt an ſtillen Sonntagen mit ihren Halftern raſſeln hören konnte, als gehörten ſie zu jenen unruhigen Geiſtern, wie ſie, laut mancher Geſpenſtergeſchichte, ket⸗ tenklirrend in Häuſern ſpuken ſollten, wo es nicht ge⸗ heuer war. Wollte man auch nur von der Hälfte der ſeltſamen alten Schenken reden, die in Todgers's Nähe ein ſchlaf⸗ trunknes geheimnißvolles Daſeyn führten, ſo konnte man wahrlich einen tüchtigen Band damit füllen, waͤhrend ein zweiter, nicht minder umfangreicher Theil einzig nur der Schilderung der verſchiedenen alten Stammgäſte ge⸗ widmet werden könnte, dir ſich in den ſchlecht beleuchte⸗ ten Wirthsſtuben umher trieben. Sie waren im Allge⸗ meinen nur alte Bewohner dieſer Gegend, die hier ge⸗ boren und von Kindesbeinen an hier aufgewachſen waren — Leutchen, die längſt ſchon am Keuchhuſten, Bruſt⸗ beklemmung und kurzem Athem litten, wenn ſie nicht gerade einege Geſchichtchen erzählten, für welchen Fall ſte auch die beſten Lungen beſchämen konnten. Dieſe wackern Leutchen ſchimpften meiſt gewaltig über Dampf und all das neugebackne Weſen, erklärten jeden Luft⸗ ballon für eine Sünde und klagten überlaut über die Entartung der Zeiten; wobei denn ſtets dasjenige Mit⸗ glied eines jeden kleinen Clubbs, das die Schlüſſel der nächſten Kirche zu verwahren pflegte, dieſe gefährliche Erſcheinung von Amtswegen beharrlich dem Einreißen von Sektirerei und Irreligion beimaß, obgleich der größte Theil der Geſellſchaft ſich zu dem Glauben ge⸗ neigt fühlte, daß die Tugend in gleichem Maßſtabe ſeltener werde, wie der Puder, und daß Altenglands Größe in eben demſelben Maßſtabe abnehme, wie die Einträg⸗ lichkeit des Handwerks der Perückenmacher. Was nun Todgers's Speiſehaus ſelbſt anbelangt— wir beſprechen es hier zunächſt nur in ſeiner Eigenſchaft als Haus dieſer Gegend, und gehen nicht auf das We⸗ ſentliche ſeiner Tugenden als Speiſehaus für Herrn vom *¹ Kaufmannsſtande ein,— ſo war es vollkommen würdig, 10 ſeinen gegenwärtigen Platz einzunehmen. Die Treppe hatte nur ein einziges Fenſter und zwar im Erdgeſchoß an der Seite des Hauſes, und eine alte Tradition wußte von ihm zu rühmen, daß es nun wohl ſchon ſeit vier⸗ hundert Jahren kaum mehr geöffnet worden ſey, was auch recht wohl zu glauben war. Das Fenſter öffnete ſich auf ein zu jeder Jahreszeit ſchmieriges Gäßchen und war mit dem Schmutz eines ganzen Jahrhunderts ſo ſehr verdüſtert und bekleidet, daß keine Scheibe heraus⸗ zu fallen vermocht hätte und wäre ſie auch in zwanzig Scherben zerſplittert worden. Das groͤßte Myſterium von Todgers's Speiſehaus beſtand jedoch in den Räumen des Kellers, die nur durch ein kleines Hinterpförtchen und verroſtetes Gitter zugänglich waren. Beſagte Keller⸗ räume hatten ſeit Menſchengedenken in gar keiner Be⸗ ziehung mehr zum Hauſe geſtanden, ſondern waren ſtets das unabhängige zinsfreie Eigenthum irgend eines Un⸗ bekannten geweſen und ſollten der Sage nach voll Reich⸗ thümer ſtecken; allein von welcher Geſtalt dieſe waren, ob ſie in Silber, Kupfer, Gold, Weinfäſſern, oder Ton⸗ nen voll Schießpulver beſtanden— war durchaus nicht zu ermitteln und für Todgers's Speiſehaus und alle ſeine Inſaſſen auch im höchſten Grade gleichgültig. Deer Giebel des Hauſes allein verdient insbeſondere erwähnt zu werden;— oben auf dem Dache befand ſich eine Art von Terraſſe mit Pfoſten und den Bruch⸗ ſtücken vermoderter Leinen, die urſprünglich die Beſtim⸗ mung gehabt hatten, zum Wäſchetrocknen zu dienen; hier hatte man im Freien etliche Theekiſten aufgeſtellt, mit Erde gefüllt und mit ein Paar verwahrlosten Pflan⸗ zen beſteckt, die jetzt wie alte Spazierſtöcke anzuſchauen waren. Wer es immer über ſich gewann zu dieſer Stern⸗ warte hinauf zu klettern, wurde Anfangs in die größte Ueberraſchung verſetzt, weil er beim Hinaustreten am Deckbalken der kleinen Thüre anſtieß, worauf er gewöhn⸗ lich eine Weile dem Erſticken nahe kam, da er beinahe nothgedrungen durch das Küchenkamin hinunterſehen — A8 R NR 0 — ᷣ à&— ᷣᷣ 11 mußte; hatte man indeſſen dieſe beiden Hemmniſſe über⸗ wältigt, ſo eröffnete ſich von dem Gipfel von Todgers's Speiſehauſe aus ein Panorama über eine Maſſe von Gegenſtänden, die man wohl näherer Betrachtung werth nennen konnte. Zunächſt und zuvörderſt ließ ſich an einem hellen Tage weit über die Hausgiebel hin ein langer düſterer Pfad erkennen— der Schatten des Mo⸗ numentes. Drehte ſich der Beſchauer neugierig nach der Urſache jenes Schattens um, ſo erblickte er faſt hart neben ſich das mächtige Original ſelbſt, auf deſſen gold⸗ nem Kopfe ſich alle Haare emporzuſträuben ſchienen, als ob der lange Steinkoloß ſich über das Weſen und Trei⸗ ben der Stadt unter ihm entſetze. Außerdem waren hier noch Kirchthürme, Stadtthore, Thurm⸗Zinnen, Glocken⸗ thürme, blinkende Wetterfahnen und ein ganzer Wald von Schiffsmaſten zu erſchauen— daneben noch Haus⸗ giebel, Dächer, Zinnen, Dachläden und Hohllichter in wirrem Durcheinander, und Rauch und Getöſe ringsum, daß die ganze Welt hätte genug daran haben können. Hatte ſich der Blick einmal an dieſen bunten Wirr⸗ warr gewöhnt, ſo tauchten kleinere Umriſſe mitten aus dieſer Maſſe von Gegenſtänden auf, überragten ohne einen ſcheinbar triftigen Grund die zuſammen geknäulte Maſſe und nahmen unwillkürlich die Aufmerkſamkeit des Beſchauers in Anſpruch. Die wandelbaren Kaminröhren auf dem Schornſtein eines mächtigen Gebänderieſen ſchie⸗ nen ſich nämlich auf dieſe Weiſe von Zeit zu Zeit höchſt bedächtig nach einander umzudrehen und das Reſultat ihrer abgeſonderten Beobachtung deſſen, was unter ihnen vorging, zuzuflüſtern. Andere, eher von buckliger Geſtalt, ſchienen ſich faſt abſichtlich malitiöſerweiſe ſchief zu hal⸗ ten, als wollten ſie gleichſam Todgers zum Hohne ſei⸗ nen Gäſten die Ausſicht verſperren. Der Mann, der jenſeits der Straße an einem Dach⸗ fenſterchen ſich eine Feder ſchnitt, wurde ein Gegenſtand weſentlicher Wichtigkeit in dieſem Bilde und ließ, wenn er ſich vom Fenſter zurückzog, eine Leere in demſelben jungen Freundinnen einen allgemeinen Ueberblick über 12 zurück, die im lächerlichſten Mißverhältniß zu ihrer Ausdehnung ſtand. Die luſtigen Capriolen eines Stücks Tuch auf der Stange eines Färbers hatten für eine Weile weit mehr Intereſſe, als die Maſſe der raſch wech⸗ ſelnden Bewegung des Volksgewühles auf der Gaſſe, ja ſogar ſo lange ſich der Beſchauer ſelbſt darüber är⸗ gerte, daß er dieſem bunten windbewegten Lappen ſo viele Aufmerkſamkeit zuwende, und ſich ſelbſt darüber wunderte, wie dieß nur geſchehe, ſtieg der Tumult un⸗ ten zu einem donnerähnlichen Getöſe; der Knaͤul von Gegenſtänden ſchien ſich zu verdichten und in's Hundert⸗ fache auszudehnen, und hatte der Beſchauer ſich endlich rund umgewandt, und allum ſpähende Blicke hinge⸗ richtet, ſo trat er ganz verdutzt ſchneller wieder in das Haus, als er auf die Terraſſe herausgekommen war, und zehn gegen eins ſteht zu wetten, daß er hintenher Frau Todgers erzählte, er wäre ſicherlich auf dem kürzeſten Wege, nämlich Kopfüber auf die Straße herunterge⸗ ſtuͤrzt, hätte er dieß nicht gethan. Dieß beſtätigten we⸗ nigſtens die beiden Miß Pecksniffs, als ſie ſich von Frau Todgers's Spähplätzchen entfernten, und es dem ju⸗ gendlichen Laufburſchen überließen, die Thüre hinter ihnen zu ſchließen, und ihnen die Treppe herabzufolgen, während der junge Mann, der ſich noch auf jener ju⸗ gendlichen muthwilligen Lebensſtufe befand, wo man mit beſonderem Vergnügen nach Maßgabe des Alters und Geſchlechts jede Möglichkeit betrachtet, ſich ſelbſt in tau⸗ ſend Fetzen zu zerſchmettern, hinter ihnen auf der Ter⸗ raſſe zurückblieb, um gaukelnd auf der Bruſtwehr der⸗ ſelben umher zu ſpazieren.— Es war ſchon der zweite Tag ihres Aufenthaltes in London und die beiden Miß Pecksniffs und Frau Tod⸗ gers waren vorher ſchon auf ſo vertrauten Fuß mitein⸗ andergekommen, daß die letztgenannte Dame ihnen be⸗ reits die nähern Umſtände von drei einſtigen fehlgeſchla⸗ genen Hoffnungen zärtlicher Natur mitgetheilt und ihren . 8ͤ Nn 2 13 das Leben, Betragen und Charakter des Herrn Todgers gegönnt hatte, der allem Anſcheine nach ſeinem ehelichen Leben ein jähes Ende bereitet, indem er gegen alle Klei⸗ der⸗Ordnung ſeinem eigenen Glücke davongelaufen war und ſich in fremden Landen als Junggeſelle niedergelaſſen hatte. „Auch Ihr Papa hat mir einſt auf ſehr ernſte Weiſe den Hof gemacht, meine Lieben,“ ſprach Frau Todgers, „allein das große Glück, Ihre Mutter zu werden, war mir nicht vorbehalten. Sie können vielleicht kaum inne werden, wen dieß einſt vorſtellen ſollte?“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie die Aufmerkſamkeit der beiden jungen Damen auf ein kleines eirundes Miniaturbildchen lenkte, das— einem kleinen Blaſenpflaſter zu vergleichen— gerade über dem Keſſelhaken aufgehängt war, und in welchem ſich nur noch ein höchſt ahnungsvolles unbeſtimmtes Traum⸗ bild ihres eigenen einſtigen Geſichts erkennen ließ. „Du lieber Gott! Das iſt ja zum Sprechen ähn⸗ lich!“ riefen die beiden Miß Pecksniffs. „Es galt wenigſtens früher dafür,“ verſetzte Frau Todgers, indem ſie ſich dabei auf höchſt vornehme Weiſe am Feuer erwärmte;—„ich hätte wahrlich kaum ge⸗ glaubt, mein gutes Herzchen, daß Sie mich darin wieder erkannt haben würden!“ Die jungen Mädchen verſicherten, daß ſie es allent⸗ halben wieder erkannt haben würden; wäre es ihnen auf der Straße begegnet, oder hätten ſie es an einem Schaufenſter ausgeſtellt geſehen,— ſo würden ſie Beide ausgerufen haben: Du lieber Gott! Das iſt ja Frau Todgers!“ „Ach meine lieben Miß Pecksniffs,“ verſetzte Frau Todgers mit einem tiefen Seufzer: Sie können mir's kaum glauben, was das für eine nachtheilige verheerende Wirkung auf die Züge hat, wenn man einer ſolchen Wirthſchaft, hier wie die meinige, vorſtehen muß! Ich kann Ihnen wahrlich mein Ehrenwort geben, daß die Fleiſchbrühe allein hinreicht, einen um volle 20 Jahre älter erſcheinen zu laſſen.“ 14 „Ei, du lieber Himmel!“ riefen die beiden Miß Pecksniffs entſetzt aus, und konnten die Augen nicht genug aufreißen ob maßloſer Verwunderung. „Die Sorge um dieſen einzigen Gegenſtand, meine Lieben,“ hub Frau Todgers auf's Neue an,„hält den Geiſt in unaufhörlicher Spannung; es gibt in der gan⸗ zen Welt keine Leidenſchaft mehr, die an Größe derje⸗ nigen gleichkommt, welche die Herrn vom Handelsſtande für die Fleiſchbrühe empfinden. Wahrhaftig es iſt noch nichts, wenn ich ſagen würde, eine Ochſenkeule würde hinreichen,— behüte, ein ganzer Ochſe wäre erforderlich, um ſo viel Fleiſchbrühe anzuſchaffen, als dieſe Herrn vom Handelsſtande jeden Mittag beim Eſſen verlangen. Was ich deßhalb habe ſchon erleiden müſſen,“ fügte Frau Todgers kopfſchüttelnd hinzu, und ſchlug die Augen zum Himmel auf,„das würde mir kein Menſch glauben.“ „Siehſt Du, Mercy!“ rief Charitas;—„dieſen Herrn geht's gerade wie Herrn Pinch; erinnerſt Du Dich noch, daß wir dieſe gleiche Vorliebe ſtets bei ihm be⸗ merkt haben?“— „Freilich, mein Liebchen!“ kicherte Mercy;—„aber Du weißt ja, daß ihn das Alles doch nichts geholfen hat.“ „Ach, meine lieben Engelchen!“ verſetzte Fran Tod⸗ gers,—„Sie, die nur mit den Zöglingen ihres Herrn Papa zu thun haben, die nicht viel eignen Willen ha⸗ ben dürfen, können Alles durchſetzen und ihrem eigenen Willen ſolgen; in einem Speiſehauſe für Herren vom Handelsſtande jedoch, wo ein jeder Herr an einem be⸗ liebigen Samſtag ſagen kann:„Frau Todgers, heute über acht Tage ziehe ich aus, weil Sie mir in Betreff des Käſe meinen Willen nicht thun,“ iſt es keine Kleinigkeit, fein gutes Einvernehmen zu bewahren. Ihr Papa war heute frühe ſo gütig, ſetzte die gute Dame hinzu,„mich zur Theilnahme zu einer Spazierfahrt einzuladen und ſagte mir, wenn ich mich anders recht erinnere, Sie häͤtten heute im Sinne, bei einer Miß Pinch einen Beſuch zu machen; dieſe iſt vermuthlich eine Verwandte 15 des Herrn, von dem Sie ſo eben noch geſprochen haben, Miß Pecksniſfs?“ „Um's Himmels willen, Frau Todgers, nennen Sie ihn doch keinen Herrn,“ unterbrach ſie die muntere Mercy, —„Herr Pinch ſollte ein Herr ſeyn! welch ein Einfall!“ „Sie boshaftes, ſchelmiſches Kind!“ rief Frau Tod⸗ gers und küßte Miß Mercy mit vieler Liebe;—„auf mein Wort, Sie ſind ein rechter Schelm, beſte Miß Pecks⸗ niff! wie viel Vergnügen muß die Munterkeit Ihrer Schwe⸗ ſter Ihrem lieben Papa bereiten.“ „Ich ſag' Ihnen,“ fuhr Mercy fort;— er iſt die häßlichſte, glotzäugiſchſte Kreatur auf Gottes Erdboden, Frau Todgers! ein wahrer Menſchenfreſſer.— Sie kön⸗ nen ſich kein häßlicheres, linkiſcheres und blöderes We⸗ ſen vorſtellen als ihn. Das Frauenzimmer, das wir beſuchen wollen, iſt ſeine Schweſter, und ich gebe es nun Ihnen anheim, zu beurtheilen, wie ſie erſt ausſehen muß. So viel weiß ich gewiß, daß ich werde laut auflachen müſſen, ſobald ich ſie zu Geſicht bekomme,“ rief das hübſche Mädchen;—„ich weiß zuvor, daß es mir unmöglich ſeyn wird, eine ernſte Miene beizubehalten; ſchon die Muthmaßung, daß eine Miß Pinch möglicher⸗ weiſe exiſtire, iſt ja wahrlich im Stande, Einem den Lachkrampf zu verurſachen!— du allmächtiger Gott! wie muß Einem erſt werden, wenn man ſie zu Geſicht bekommt.“ Frau Todgers brach in unmäßiges Lachen aus, als ſie die gute Laune des lieben Kindes bemerkte und geſtand, daß ſie ſich in der That faſt vor ihr fürchte, weil ſie ein ſogar böſes Mundſtück habe. G „Wer hat ein böſes Maul?“ fragte eine Stimme unter der Thüre;—„das ſoll doch hoffentlich von keinem Gliede unſerer Familie geſagt ſeyn!“— worauf der Herr Pecksniff lächelnd in's Zimmer herein ſchielte und die Frage that:„Darf ich herein kommen, Frau Todgers?“ Frau Todgers brach beinahe in einen Hülferuf aus, denn da die kleine Zwiſchenthüre, welche dieſes Zimmer von dem inneren ſchied, weit offen ſtand, kam die Sopha⸗ 16 Sie hatte indeſſen die Geiſtesgegenwart, bevor man noch die Hand umwandte, dieſe Thüre zu verſchließen und hatte dies nicht ſo bald gethan, als ſie mit einiger Verwirrung erwiderte: 4 „O ja, Herr Pecksniff: treten Sie nur gefälligſt herein.“ „Wie befinden wir uns heute?“ fragte Herr Pecksniff in ſchmerzhaftem Tone,„was haben wir vor? ſind wir be⸗ reits gerüſtet, uns auf den Weg zu machen und Herrn Pinch's Schweſter einen Beſuch abzuſtatten? Ha, ha, der arme Thomas Pinch!“ „Haben wir uns entſchloſſen,“ verſetzte Frau Tod⸗ gers, indem ſie ihm bedeutſam zuwinkte,—„auf Herrn Jinkins's Circulair eine bejahende Antwort zu geben. Das iſt die erſte Frage, Herr Pecksniff.“ „Von welchem Cireulair und von welchem Herrn Jinkins reden Sie, Madame?“ fragte Herr Pecksniff und legte den einen Arm um Merry und den andern um Frau Todgers, die er in momentaner Geiſtesabweſenheit irrthüm⸗ lich für Charity anzuſehen ſchien;—„was wollen Sie mit Ihrem Herrn Jinkins?“ „Je nun,“ meinte Frau Todgers ſpaſſend,„Herr Jinkins hat den erſten Anſtoß dazu gegeben und führt überhaupt ſtets das Wort im Hauſe; deßhalb erinnere ich Sie an ihn, Sir.“ „Jinkins iſt ein Mann von überwiegenden Talenten,“ verſetzte Herr Pecksniff;—„ich habe die größte Hochach⸗ tung für Herrn Jinkins gefaßt; ich nehme Herrn Jin⸗ kins's Wunſch, meinen Töchtern eine artige Aufmerkſam⸗ keit zu erzeigen, als einen Beweis mehr auf, Frau Tod⸗ gers, daß Herr Jinkins nur freundſchaftliche Geſinnungen gegen uns hegt.“ „Je nun,“ verſetzte dieſe dame:„haben Sie ein⸗ mal A geſagt, Herr Pecksniff, ſo müſſen Sie nun auch B ſagen. An Ihrer Stelle würde ich die ganze Sache dieſer jungen Dame anvertrauen.“ Mit dieſen Worten entwand ſie ſich leiſe Herrn Pecksniff's Bettſtatt in ihrer ganzen ungeheueren Unreinlichkeit zu Tage. 17 Umarmung, und drückte ihrer Seits Miß Charity an ihre Bruſt, allein ob ſie ſich hiezu ausſchließlich nur durch die un⸗ widerſtehlichſte Zuneigung veranlaßt fühlte, welche ſie für dieſe junge Dame gefaßt hatte, oder ob der Grund davon nur in einem geringſchätzenden, um nicht geradezu zu ſagen verächt⸗ lichen Ausdrucke lag, der ſich auf ein paar Augenblicke in ihrem Geſicht gezeigt hatte und den ſie vielleicht nur hatte ver⸗ bergen wollen, konnte nie mit Gewißheit ermittelt werden. Sey dem nun, wie ihm wolle, Herr Pecksniff begann alsbald ſeine Töchter über den Hergang und den Endzweck obbemeldeten Cireulärs in Kenntniß zu ſetzen, der mit wenigen Worten darin beſtand, daß die Herren vom Han⸗ delsſtande, die die Summe und Körperſchaft jenes Collec⸗ tivnamens, genannt„Todgers“, bildeten, die jungen Da⸗ men um die Ehre baten, ſie möchten doch während ihres Aufenthalts im Speiſehauſe den allgemeinen Mittagstiſch mit ihrer Gegenwart beehren, und insbeſondere um die Gewogenheit nachſuchten, ihr holdes Antlitz ſchon am naächſten Tage, der zufällig ein Sonntag war, am Wirths⸗ tiſche leuchten laſſen. Er ſetzte noch hinzu, daß er mit dem Einverſtändniſſe der guten Frau Todgers ſeiner Seits nicht übel geneigt ſey, auf beſagte Einladung einzugehen, und verließ ſie nun in der Abſicht, den Herren ſeine huld⸗ volle Zuſtimmung ſchriftlich kund zu thun, während ſie ſich in ihren beſten Putz und ihre ſchönſten Hüte warfen, um der armen Miß Pinch die glorioſeſte Niederlage und Ueberwältigung zu bereiten. Tom Pinch's Schweſter war Erzieherin in einer ſehr hoch⸗ geſtellten Familie, die vielleicht zu den reichſten der Meſſing⸗ und Kupfergießer auf dem ganzen Erdenrunde gehörte. Beſagte Familie wohnte zu Camberwell in einem ſo rieſigen und ſtolzen Hauſe, daß ſchon deſſen Aeußeres wie das eines Rieſenſchloſſes gewöhnliche Geiſter mit Schreck erfuͤllte und den kühnſten Per⸗ ſonen unheimlich machte. An der Hausfronte ſchon befand ſich ein rieſiges Portal mit einer noch größeren Glocke, deren Klingelzug ſchon an und für ſich eine Art Aufru⸗ Boz, Chuzzlewit. II. 2 18 fungszeichen war, und eine große Portierloge, die dem Hauſe ſo nahe ſtand, daß ſie freilich leider die Ausſicht beſchränken, die Einſicht aber jedenfalls ganz entſetzlich machen mußte. An dieſem Einfahrtthore nun ſtand ein rieſiger Thürſteher beſtändig Schildwacht und zog, ſo oft er einem Beſucher gnädige Erlaubniß zum Eintritt gab, eine zweite große Glocke, deren Ton einen großen Lakaien zu gehöriger Zeit unter die Thür der Hausflur rief, um deſſen Schultern ſo große Achſelſchnüre mit mächtigen Quaſten baumelten, daß er ſich beſtändig unter den Stüh⸗ len und Tiſchen zu verwickeln und einzuhäckeln drohte und ein Leben voll Qualen führte, das kaum bedenklicher hätte ſeyn können, wenn er eine ungeheuere Fleiſchfliege in einer Welt voll Spinngeweben geweſen wäre. Auf dieſes Herrenhaus ſteuerte nun Herr Pecksniff in Begleitung ſeiner Töchter und der Frau Todgers in einem einſpännigen Miethwagen tapfer zu. Wie die gehörigen Empfangs⸗ förmlichkeiten fämmtlich vorübergegangen waren, wurden ſie in's Haus eingelaſſen und allmählig in ein kleines, mit Bücherſchränken verſehenes Zimmer geführt, worin Herrn Pinch's Schweſter gerade in dieſem Augenblicke ihrem älte⸗ ſten Zöglinge Unterricht gab, in welch' letzterem wir ein frühreifes kleines Weibsbild von dreizehn Jahren erkennen, das in Folge der Erziehung, des Schnürleibs und mit Fiſchbeinringen verſehenen Reifrocks ſchon auf einen ſol⸗ chen Grad von Bildung gebracht war, daß es zur größ⸗ ten Freude und Erbauung aller ihrer Verwandten und Blutsfreunde durchaus nichts Mädchenhaftes mehr in ſeinem Weſen hatte. „Beſuch für Miß Pinch!“ rief der Lakai, der ein ausnehmend geiſtvoller junger Mann ſeyn mußte, da er es auf höchſt geſchickte Weiſe zu melden wußte, nämlich mit deutlicher Unterſcheidung zwiſchen der kalten Ehrfurcht, womit er Beſuch für die Herrſchaft und der warmen per⸗ ſönlichen Theilnahme, womit er Gäſte des Kochs ange⸗ fündigt haben würde;—„Beſuche für Miß Pinch!“ Miß Pinch ſtand eilfertig auf und legte dabei eine dem ſicht lich ein oft gab, aien um igen üh⸗ und ätte in eſes ung gen igs⸗ den mit rrn lte⸗ 19 ſolche Aufregung an den Tag, daß ſie offen zu erkennen gab, die Anzahl ihrer Bekanntſchaften ſey nicht ſehr zahlreich. Der kleine Zögling richtete ſich zu gleicher Zeit auf faſt drohende Weiſe empor, und ſchickte ſich an, von Allem, was hier gethan oder geſagt werden würde, ſich in Gedanken genaue Notiz zu nehmen. Die Da⸗ me vom Hauſe empfand nämlich eine beſondere Wiß⸗ begierde in Betreff der Naturgeſchichte und Lebensweiſe des Thieres, Erzieherin genannt, und pflegte ihre Töch⸗ ter ſtets anzuhalten, ſich bei entſprechender Gelegenheit ebenfalls danach zu erkundigen, was denn für alle be⸗ treffende Theile hoͤchſt löblich, belehrend und unterhal⸗ tend ſeyn mochte. Es iſt eine traurige Thatſache, die indeß nicht un⸗ erwähnt bleiben darf, daß Herrn Pinch's Schweſter nichts weniger als häßlich war, ſondern im Gegentheile ein recht gutmüthiges, mildes und einnehmendes Geſicht und eine niedliche, kleine Figur beſaß, die zwar ſchlank und kurz, allein wegen ihrer Zierlichkeit und Reinlichkeit höchſt intereſſant war. Sie hatte Manches, ja ſogar recht viel mit ihrem Bruder gemein, nämlich ein gewiſſes ſanftes Benehmen und einen ſchüchternen, Vertrauen erwecken⸗ den Blick; allein ſie war nichts weniger als eine Vo⸗ gelſcheuche, ein Popanz, Kinderſchreck oder ſonſt etwas derartiges, wie die beiden Miß Pecksniffs erklärt hatten, ſo daß dieſe beiden jungen Damen ſie ganz natürlich mit großer Entrüſtung betrachteten, weil ſie fühlten, daß ſie ſich in ihren Erwartungen auf's Bitterſte getäuſcht hatten. Miß Merry, welche den größeren Antheil von Mun⸗ terkeit und jugendlichem Frohſinn für ſich hatte, wußte noch am beſten mit dieſer vereitelten Hoffnung fertig zu werden, indem ſie ſie wenigſtens mit einem Kichern von ſich abwälzte; ihre Schweſter jedoch gab ſich nicht viele Mühe, ihre Verachtung zu verbergen, ſondern legte dieſe vielmehr ziemlich offen in ihrem Benehmen an den Tag. Was Frau Todgers anlangt, ſo lehnte ſie ſich auf Herrn 2* 2o0 Pecksniff's Arm und nahm eine Art vornehmen Ernſtes an, der zu jeder Stimmung paßte, und jeder Art von politiſcher Meinung angemeſſen war. „Laſſen Sie ſich doch ja nicht ſtöxen, Miß Pinch,“ ſagte Herr Pecksniff und nahm mit vieler Herablaſſung die eine Hand des Mädchens in die ſeinige, indem er das liebe Päſchchen mit der andern Hand ſtreichelte;— „ich nehme mir die Freiheit, Sie in Folge eines Ver⸗ ſprechens zu beſuchen, das ich Ihrem Bruder Thomas Pinch gegeben habe, mein Name— ich bitte, bemü⸗ hen Sie ſich nicht, Miß Pinch,— iſt Pecksniff.“ Der wür⸗ dige Mann legte einen ſolchen Nachdruck auf dieſe Worte, als ob er damit hätte ſagen wollen: Meine junge, Per⸗ ſon, Sie ſehen in mir den Wohlthäter Ihres Geſchlechts, den Schutzpatron Ihres Hauſes, den Ernährer Ihres Bruders, ber täglich von meinem Tiſche mit Manna ge⸗ füttert wird, und um deſſentwillen ſchon jetzt in den gro⸗ ßen Conto⸗Corrent⸗Büchern im Himmel eine bedeutende Summe für mich gutgeſchrieben iſt; ich habe indeß gar keinen Stolz, ſondern bin überzeugt, daß ich mir auch ohne denſelben Anerkennung zu verſchaffen weiß.“ Das arme Mädchen nahm Alles für baare Münze als ob es ſo wahr wäre, wie das Evangelium; ihr Bru⸗ der, der in der Fülle ſeines eigenen, treuen, ſchlichten guten Herzens an ſie zu ſchreiben pflegte, hatte ihr dieß oft geſchrieben und ſogar noch unendlich vielmehr! Als Herr Pecksniff zu ſprechen aufhörte, ſenkte ſte ihr Köpf⸗ chen und ließ eine Thräne auf ſeine Hand herabfallen. Ci, ei, Miß Pinch! das iſt ein ſauberes Betragen! dachte ihr ſcharfbeobachtender Zogling augenblicklich; wer wird vor Fremden weinen, als ob Sie nicht mit ihrer Stelle zufrieden wären!— „Tom befindet ſich wohl und ſendet Ihnen ſeinen Gruß und dieſen Brief,“ fuhr Herr Pecksniff fort;— „ich kann freilich von dem armen Jungen nicht rühmen, daß er ſich in unſerem Berufe je beſonders auszeichnen wird, allein er hat doch den guten Willen dies zu thun, ͤG=——,——,—ꝛo—-9 S/—“ 8—— 21 was ja beinahe ſoviel iſt als wenn er auch die Kraft dazu hätte, und wir müſſen deshalb auch Nachſicht mit ihm haben, nicht wahr?“ „Ich weiß, daß er guten Willen hat,“ verſetzte Tom Pinch's Schweſter,„und ich weiß auch, mit welchem Wohlwollen und welcher Nachſicht Sie ihn behandeln, wofür wir Beide Ihnen nicht genug dankbar ſeyn kön⸗ nen, wie wir uns oft auch in unſern Briefen ſchreiben. Ich weiß,“ ſetzte ſie mit einem Blick auf die beiden Miß Pecksniffs hinzu,„wie ſehr wir auch den jungen Damen zu Dank verbunden ſind.“. „Meine lieben Kinder!“ wandte ſich Herr Pecksniff lächelnd an dieſe,„Tom Pinch's Schweſter macht Euch da eben ein Kompliment, wovon Ihr Euch ſicherlich ſehr beehrt fühlen werdet!“. „Wir können uns kein Verdienſt daraus machen, Papa,“ rief Charity, als Beide Tom Pinch's Schwe⸗ ſter mit einer Verbeugung andeuteten, daß dieſe hoffent⸗ lich ſich in gebührender Entfernung halten werde.— „Herr Pinch hat es nur Ihnen allein zu verdanken, daß er ſo gut verſorgt iſt, und wir können nur unſere Freude darüber ausdrücken, wenn wir hören, daß er dafür die gebührende Dankbarkeit an den Tag legt.“ „Schon gut, Miß Pinch,“ dachte ihr kleiner Zög⸗ ling wiederum bei ſich,„man hat alſo einen dankbaren Bruder, der von anderer Leute Mitleiden leben muß.“ „Es war recht ſchön von Ihnen,“ verſetzte Tom Pinch's Schweſter, mit einer Unbefangenheit und einem Lächeln, wie ſie nur Tom eigen waren;—„es war in der That ſehr ſchön von Ihnen, daß Sie ſich ſelbſt hie⸗ her bemühten; Sie pflegen aber ſo wenig Werth auf Wohlthaten, die Sie erwieſen haben, zu legen, daß Sie ſich kaum einen Begriff davon machen können, welch' einen großen Gefallen Sie mir dadurch erwieſen haben, daß Sie unwillkürlich meinen ſtillen Wunſch erfüllten, Sie zu ſehen und Ihnen perſönlich danken zu können.“ „Sehr dankbar— ſehr ſchön, ſehr paſſend!“ flü⸗ ſterte Herr Pecksniff mit einer gnädigen Verbeugung. „Es thut mir in der Seele wohl,“ ſprach Ruth Pinch weiter, welche nun, nachdem ihre erſte Ueberra⸗ ſchung vorüber war, recht anmuthig und lieblich zu plau⸗ dern wußte, und ein ordentliches Vergnügen darin fand, Alles von der beſten Seite anzuſehen, worin ſie das leibhafte Ebenbild ihres Bruders war;—„es thut mir in der Seele wohl, Ihnen jetzt Gelegenheit zu geben, daß Sie ihm ſagen können, in welcher mehr als erwünſch⸗ ten Lage ich mich befinde, und wie unnütze Sorgen er ſich ſtets macht, wenn er ſich darüber graͤmt, daß ich genöthigt bin, mir ſelbſt meinen Unterhalt zu verdienen. — Du lieber Gott!“ fuhr Tom's Schweſter fort,—„ſo lange ich höre, daß er ſich glücklich fühlt, und er weiß, daß dies der Fall bei mir iſt, bin ich überzeugt, daß wir Beide, ohne ein Wörtchen der Ungeduld oder Klage zu äußern, noch weit mehr ertragen könnten, als wir je er⸗ dulden mußten!“— 1 Wenn je auf dieſer gemeinhin ſo doppelzüngigen und falſchen Erde eine Wahrheit geſprochen worden war, ſo war es diesmal gewiß bei Tom Pinch's Schweſter der Fall. „Ach ja!“ rief Herr Pecksniff, deſſen Blick inzwi⸗ ſchen zu dem Zögling hinübergeſchweift war,—„ich glaube das in der That!— Und wie befinden denn Sie ſich, mein liebes, intereſſantes Kind?“ „Recht gut! ich danke Ihnen, Sir!“ verſetzte dieſe froſtige Unſchuld. „Ein recht niedliches Geſichtchen, nicht wahr, meine Liebchen?“ fragte Herr Pecksniff ſeine beiden Töchter; „wahrhaft bezaubernde Manieren!“. Die beiden jungen Damen waren ſchon von Anfang an vor Vergnügen ganz außer ſich geweſen, hier den Sprößling eines reichen Hauſes kennen zu lernen, durch den man vermuthlich auf dem nächſten und kürzeſten Wege auch den Eltern ſich nähern konnte. Frau Todgers ver⸗ 3 23 maß ſich mit theuren Eiden, ſie habe noch niemals ein ſo engelgleiches Weſen geſehen.„Du lieber Gott!“ rief die gute Frau,—„dem lieben Kind fehlen nur noch ein Paar Flügelchen, um ein wahrer junger Syrup zu ſeyn!“— wofür ſie vermuthlich Cherub oder Seraph hatte ſagen wollen. „Wenn Sie die Gefälligkeit haben wollten, dies Ihren hochachtbaren Eltern zu überreichen, meine liebe kleine Freundin,“ ſprach Herr Pecksniff, indem er eine ſeiner Empfehlungskarten zum Vorſchein brachte—„und ihnen mitzutheilen, daß ich und meine Töchter...“ „Und Frau Todgers, Papa,“ fügte Merry hinzu.— „Und Frau Todgers von London,“ fuhr Herr Pecksniff fort—„daß ich und meine Töchter und Frau Todgers von London Ihnen nicht beſchwerlich fallen möchten, da wir einzig nur den Zweck hatten, Miß Pinch einen kurzen Beſuch abzuſtatten, deren Bruder, ein junger Mann, in meinen Dienſten iſt— daß ich aber dieſes Herrenhaus vom reinſten Geſchmacke nicht verlaſſen konnte, ohne als Architekt der Eleganz und Sicherheit im Geſchmack ſeines Eigenthümers meine ehrfurchtsvolle Huldigung darzubrin⸗ gen und ihm für die gerechte Würdigung jener ſchönen Kunſt zu danken, deren Pflege ich mein ganzes Leben ge⸗ widmet, und zu deren Verherrlichung und Verbeſſerung ich ein— ganzes Vermögen zum Opfer gebracht habe— ſo werde ich mich Ihnen zu hohem Danke verpflichtet fühlen.“ „Die gnädige Frau läͤßt ſich Miß Pinch empfehlen und ſich erkundigen, was das gnädige Fräulein eben jetzt lerne!“ rief haſtig eintretend der Lakai in demſelben Tone, wie früher.. „Ei,“ rief Herr Pinch,„da iſt der junge Mann! er könnte ja die Karte in Empfang nehmen. Kommt, liebe Kinder, laßt uns gehen, wir ſtören ſonſt die Studien.“ Frau Todgers veranlaßte für einen Augenblick einige Verwirrung, indem ſie ihr kleines, ſlaches Körbchen auf⸗ ſchloß, und dem jungen Manne haſtig eine ihrer eigenen Karten in die Hand drücken wollte, auf denen, außer einer 24 1 höchſt ausführlichen Belehrung über die Bedingungen, unter welchen man in dieſem Speiſehauſe für Herren vom Handels⸗ ſtande Unterkommen ſinden konnte, Frau M. Todgers in einer nachträglichen Note noch die Gelegenheit wahrnahm, diejenigen Herren, welche ſie mit ihrem Beſuch beehrt hat⸗ ten, unter inſtändigem Danke zu bitten, ſie möchten doch, falls ſie mit Küche und Keller zufrieden geweſen wären, die Güte haben, das Inſtitut auch ihren Freunden zu em⸗ pfehlen; allein Herr Pecksniff wußte mit wunderbarer Gei⸗ ſtesgegenwart ſich dieſes Dokument wieder zu verſchafſen und es in ſeiner Taſche zu verbergen. Er ſagte hierauf zu Miß Pinch und zwar mit weit mehr Herablaſſung und Wohlwollen, da er dem Lakaien und insbeſondere begreiflich machen wollte, daß ſie nicht Freunde, ſondern Gönner von Miß Pinch ſeyen:— „Guten Morgen, meine liebe Miß Pinch! Leben Sie recht wohl! Gott ſey mit Ihnen! Sie dürfen über⸗ zeugt ſeyn, daß wir Ihrem Bruder unſere Freundſchaft und unſern Schutz fortwährend erhalten! beruhigen Sie ſich daher hierüber vollkommen, Miß Pinch!“ „Ich danke Ihnen tauſendfältig,“ verſetzte Tom's Schweſter herzlich. 3 „O nicht doch, meine gute Miß Pinch!“ entgegnete Herr Pecksniff und hätſchelte ſie mit vieler Herablaſſung; —„reden Sie nicht davon, wenn Sie mich nicht damit böſe machen wollen. Mein ſüßes Kind,“ wandte er ſich hierauf an den Zögling,„leben Sie recht wohl! Dieſes freund⸗ liche Feenkind,“ ſprach Herr Pecksniff weiter, indem er ing ſeiner nachdenklichen Weiſe dabei den Lakaien ſcharf anſah, als ob er ihn meine,—„dieſes freundliche Feen⸗ kind hat eine Viſion auf meinen Lebenspfad geworfen, der ſeinem ganzen Weſen nach ſtrahlend und nicht leicht zu vergeſſen iſt.— Nun, meine lieben Kinder, ſeyd Ihr fertig?“— Sie waren noch nicht ganz fertig, da ſie noch immer den Zögling liebkosten; endlich aber riſſen ſte ſich von ihm los, ſegelten mit einem hochmüthigen Kopfnicken und einer Verbeugung, die man füglich eine 25 todtgeborne hätte nennen können, an Miß Pinch vor⸗ über und rauſchten in den Hausflur hinaus. Der junge Mann hatte ziemlich lange zu thun, bis er ihnen den Rückweg aus dem Hauſe gezeigt hatte, denn Herrn Pecksniffs Vergnügen über den ausnehmenden Ge⸗ ſchmack, der dem ganzen Hauſe eigen zu ſeyn ſchien, war von der Art, daß er unwillkührlich oft ſtehen bleiben mußte, zumal als ſie in die Nähe der Thüre des Wohn⸗ zimmers kamen— um ſeinen Gefühlen in ſehr vernehm⸗ lichen Reden und hochgelehrten Phraſen Ausdruck zu ge⸗ ben. Er hielt in der That zwiſchen dem Studirzimmer und dem Hausflur einen ganzen gemeinfaßlichen Vortrag über die ganze Wiſſenſchaft der Baukunſt, ſoweit ſie auf Wohnhäͤuſer anzuwenden war, und hatte ſeine Gabe der Beredtſamkeit noch nicht erſchöpft, als ſie ſchon in dem Garten angelangt waren. 4 „Seht, meine Lieben,“ ſagte Herr Pecksniff, indem er rücklings die Treppe hinunterging, ſeinen Kopf zur Seite neigte und mit halbgeſchloßenen Augen die Haus⸗ fronte anblinzelte, um die äußern Verhältniſſe deſto beſſer beurtheilen zu können;—„ſeht meine Lieben, wenn ihr hier den Karnies betrachtet, der das Dach trägt, und das Zierliche, Luftige, Geſchwungene in ſeiner Konſtruktion näher in’'s Auge faßt, zumal dort, wo es die ſüdliche Ecke des Gebäudes überragt, ſo werdet Ihr mit mir füh⸗ len— Wie befinden Sie ſich, Sir? Sie ſind doch hof⸗ fentlich wohl, Sir!“ Mit dieſen Worten unterbrach er ſich ſelbſt und ver⸗ beugte ſich gegen einen Harrn von mittleren Jahren, der an einem oberen Fenſter lehnte;— er redete indeß den Herrn nicht an, weil dieſer ihn etwa hören konnte, was jedoch keineswegs der Fall war— ſondern nur um auf geeignete Weiſe ſeinen Gruß zu begleiten.—„Ich ver⸗ muthe vielleicht mit Recht, meine lieben Kinder, daß dies der Hausherr iſt,“ ſprach Herr Pecksniff und ſtelite ſich an, als deute er noch immer mit ſeiner Hand auf andere Schönheiten;—„es würde mir ſehr lieb ſeyn, 26 1. könnte ich ſeine Bekanntſchaft machen,— wer weiß, zu was es führen könnte? Blickt er hieher, Charity?“ „Er öffnet gerade das Fenſter, Papa!“ ſagte dieſe. „Das iſt mir lieb,“ flüſterte Herr Pecksniff ver⸗ gnügt;—„er hat gemerkt, daß ich ein Mann vom Fache bin und mich wahrſcheinlich ſchon drinnen reden hören; blickt nicht hinauf! Was die Pilaſter mit Hohl⸗ kehlen im Portikus anbelangt, meine Lieben....“ „Heda!“ rief der vermeintliche Hausherr vom Fenſter herab.—„Ihr Diener, mein Herr,“ verſetzte Herr Pecksniff grinſend und nahm ſeinen Hut ab;—„ich bin in der That ſtolz darauf, Ihre Bekanntſchaft zu machen.“ „Geht augenbl icklich aus dem Graſe heraus, Töl⸗ pel!“ brüllte der Herr im Fenſter. „Ich bitte Sie um Verzeihung, Sir,“ entgegnete Herr Pecksniff und glaubte kaum ſeinen Ohren trauen zu dürfen;—„haben Sie...“ „Aus dem Grasplabzs heraus, ſage ich!“ rief der Herr zornig. „Wir beabſichtigten nichts weniger als Ihnen läſtig zu fallen, Sir!“ begann Herr Pecksniff mit verſöhnen⸗ dem Lächeln; allein der Andere ſiel ihm ſogleich in die Rede: „Ihr fallt mir aber läſtig!“ verſetzte der Andere, „Ihr ſeyd mir unverſchämt überläſtig, ſeyd unbegreiflich zudringlich!— Was habt Ihr hier im Graſe zu ſchaffen? Habt Ihr den Kiesweg nicht geſehen?— Begreift Ihr nicht, wozu er angelegt iſt?— Macht das Thor dort auf und weist das unverſchämte Volk da hinaus!“ rief er dem Portier zu, der ſo eben aus ſeiner Loge heraus⸗- trat, ſchlug dann mit dieſen Worten das Fenſter wieder zu und verſchwand. Herr Pecksniff ſetzte ſeinen Huk auf und ſpazierte i in tie⸗ fem Sinnen und über die Maßen ſchweigſam wieder ſeiner Miethkutſche zu, wobei er unterwegs mit größter Theil⸗ nahme nach den Wolken ſchaute. Nachdem er ſeine Töchter und Frau Todgers mit dem Fuhrwerke untergebracht, blieb er eine Weile gedankenvoll davor ſtehen und blickte es ſinnend „.——,—,— —— ——,— N— O AU — —2 27 an, als könne er nicht mit ſich ins Klare kommen, ob es ein Miethwagen oder ein Tempel ſey; ſobald er je⸗ doch im Geiſte hierüber mit ſich einig geworden war, nahm er ſeinen Platz wieder ein, ſtützte die Hände auf die Kniee und lächelte ſeinen drei Gefährtinnen zu. Seine Töchter jedoch, welche nicht dieſelbe merkwür⸗ dige Gemüthsruhe beſaßen, brachen in einen Strom von zornigen mißbilligenden Worten aus. Das komme daher, meinten ſie, wenn man ſich zu ſolchen Kreaturen, wie die Pinchs, erniedrige, wenn man ſich mit ihnen gemein mache. Dies komme davon her, wenn man ſich ſoweit demüthige, daß es den Anſchein habe, als kenne man ſo freche, kecke, verſchmitzte, abſcheuliche Dirnen wie dieſe. Sie hätten ſich darauf ſchon im Voraus gefaßt gemacht und es, wie Frau Todgers bezeugen könne, ſchon am frühen Morgen gegen dieſe ahnungsvoll geäußert. Sie fügten noch hinzu, daß der Eigenthümer des Hauſes, der ſie wahrſcheinlich für Freundinnen der Miß Pinch ge⸗ halten, ihres Bedünkens ganz in ſeinem Recht geweſen und nicht mehr gethan habe, als unter ſolchen Umſtänden vernünftigerweiſe von ihm zu erwarten geweſen wäre. Später äußerten ſie jedoch, was freilich nicht zu ihrem erſten Urtheil paßte und eine unbedeutende Inconſequenz bedingte, ſich dahin, jener Hausbeſitzer ſey ein Flegel, ein Unmenſch, ein Bär, und brachen in einen Strom von Thränen aus, der alle andern Beiworte hinwegſchwemmte. Miß Pinch war jedoch in dieſer Beziehung gewiß ganz unſchuldig und verdiente keinerlei Vorwurf, ſondern dieſer kam vielmehr dem kleinen Seraph zu, der unmit⸗ telbar nach der Entfernung der Beſucher nach dem Haupt⸗ quartier geeilt war, um daſelbſt eine höchſt getreue und umſtändliche Schilderung der ſtattgehabten Ereigniſſe ab⸗ zugeben, wobei er nicht unterließ, es mit beſonderem Nachdruck zu erzählen, auf welch' unverſchämte Weiſe die Fremden ihr die Beſtellung eines Auftrags zugemu⸗ thet, welchen ſie nachher dem Lakaien zur Beſtellung übergeben hatten. Dieſe Beleidigung in Verbindung 28 mit Herrn Pecksniffs nichts weniger als aufdringlichen Bemerkungen über das ganze Gebäude mochte vermuth⸗ lich den meiſten Grund zu dem unhöflichen Abſchied ge⸗ geben haben, womit man ſie beehrte. Die arme Miß Pinch hatte jedoch leider auf beiden Seiten das Kalb in’s Auge geſchlagen, denn die Mutter des kleinen Se⸗ raphs ſetzte ihr wegen ihren gemeinen Bekanntſchaften ſo ſehr zu, daß ſie ſich genöthigt ſah, ſich weinend in ihr eigenes Zimmer zurückzuziehen, und in einer Schwermuth beharrte, welche weder ihre natürliche Mun⸗ terkeit und Demuth noch das Entzücken über die per⸗ ſönliche Bekanntſchaft des Herrn Pecksniff und über den Empfang eines Briefes von ihrem Bruder aufzuheben vermochten. Was nun Herrn Pecksniff anbetraf, ſo hielt er ſeinen Begleiterinnen im Miethwagen eine Vorleſung des In⸗ haltes, daß eine gute Handlung ſich ſtets ſelbſt belohne;— er gab ihnen zu verſtehen, daß, wenn er in einem ſolchen Falle ſogar mit Fußtritten zum Haus hinaus befördert worden wäre, ihm dieß nur um ſo lieber ge⸗ weſen ſeyn würde. Dieß war indeß kein Troſt für die jungen Damen, die auf dem ganzen Heimweg unausge⸗ ſetzt ſchimpften und zu wiederholten Malen ſogar ein frevles Verlangen an den Tag legten, die dienſtfertige Frau Todgers anzugreifen, auf deren perſönliche Er⸗ ſcheinung und insbeſondere, auf deren beleidigende Karte und Handkörbchen ſie insgeheim die ganze Schuld ihres Mißgeſchicks zu ſchieben geneigt waren.. Todgers's Speiſehaus erlebte an jenem Abend einen ungewöhnlichen Tumult und eine große Geſchäftigkeit ſeiner Inſaſſen, welche zum Theil einigen ungewöhnlichen häuslichen Vorbereitungen auf den nächſten Tag, zum andern Theil aber auch dem ungewöhnlich lebhaften Ver⸗ kehre zuzuſchreiben waren, der in jenem Hauſe unwan⸗ delbar jede Woche in den Abendſtunden des Sonnabends ſtatt fand, weil um beſagte Zeit, jedoch zu verſchie⸗ denen Stunden, die Wäſche der verſchiedenen Herren —.,——.,——— dh———————— ͤ———— — 888 n 29 in abgeſonderten Paketen mit darauf gehefteten Rech⸗ nungen anlangte. In den Nächten vom Sonnabend auf den Sonntag herrſchte in Todgers Speiſehauſe ein ſtetes Fußgetrampel Treppe auf und Treppe ab, bis Mitternacht und darüber; im Hauseingang glänzten häufig verſchiedene geheimnißvolle Lichter, der Pump⸗ brunnen keuchte unaufhörlich und die eiſernen Handgriffe der Waſſereimer wollten ſich gar nicht zu Ruhe geben. Kreiſchender Wortwechſel erhob ſich von Zeit zu Zeit zwiſchen Frau Todgers und unbekannten Weibsleuten in ferne entlegenen Kuͤchen, und zuweilen ließ ſich gar ein Schall vernehmen, der ſprechend genug darauf hinzu⸗ deuten ſchien, daß man dem Laufburſchen kleine Gegen⸗ ſtände des Eiſengeſchirrs oder andere Metallwaaren nachſchleuderte. Es war nämlich eine der löblichen Sonn⸗ abends⸗Gewohnheiten dieſes holden Jünglings, zu ſolchen Stunden die Aermel ſeines Hemdes bis zur Schulter zurückzuſtreifen und in einer Schürze von grünem gro⸗ bem Filz alle Theile des Hauſes zu durchſtöbern, und überdem war er auch an dieſem Tage— natürlich weil es hier am meiſten zu thun gab,— mehr als ſonſt er⸗ picht, verſtohlenerweiſe Ausflüge in die benachbarten Höfe zu machen, ſo oft er durch die Thüre entwiſchen konnte, um daſelbſt mit anderen müſſigen Jungen ſich herum zu tummeln und zu balgen, bis er am Ende ver⸗ folgt und an ſeinem Haar oder den Ohrläppchen wieder heimgebracht wurde— ſo daß er eine höchſt hedeutende Rolle unter den ſeltſamen Vorfällen und Ereigniſſen ſpielte, welche der letzte Tag der Woche in Todgers's Speiſehäauſe gemeinhin mit ſich zu bringen pflegte. So betrug er ſich denn auch insbeſondere gerade gegen das Ende des heutigen Sonnabends, wo er die Miß Pecksniffs mit ganz beſonderer Aufmerkſamkeit be⸗ ehrte; er ging ſelten an der Thüre von Frau Todgers's Privatzimmer vorüber, wo die beiden jungen Damen vor dem Kaminfeuer ſitzend beim Schein einer Kerze arbeiteten, ohne ſeinen Kopf zur Thüre hereinzuſtrecken und ſie mit Complimenten wie:—„Da ſind Sie ja wie⸗ der!“ oder:„Wie hübſch Sie doch ſind?—“ und ähn⸗ lichen launigen Beweiſen ſeiner Aufmerkſamkeit zu be⸗ grüßen. „Laſſen Sie ſich ſagen,“ flüſterte er einmal, als er eben im Vorbeigehen wieder unter der Thüre Halt machte, zur Thürſpalte herein,—„laſſen Sie ſich ſagen, meine jungen Damen, morgen bekommen wir Bouillon! Frau Todgers bereitet ſie eben zu. Sie glauben vielleicht, ſie gieße Waſſer hinzu? Nichts weniger als das!“ Bald darauf klopfte er wieder von Neuem und ſtreckte ſeinen Kopf abermals zur Thüre herein: „Auf ein Wort, meine Damen! es gibt Geflügel Morgen und wahrlich recht fettes.“ Nach kurzer Pauſe flüſterte er wiederum durch's Schlüſſelloch:„Wir ſpeiſen Morgen Fiſch, man hat ihn eben gebracht, aber eſſen Sie ja keinen!“ und mit dieſer geſpenſtigen Warnung verſchwand er wieder. Zu gehöriger Zeit kehrte er wieder zurück, um den Tiſch für das Abendeſſen zu decken, da zwiſchen Frau Todgers und den jungen Damen zum Voraus beſtimmt worden war, daß ſie insgeheim und in beſter Eintracht in dem Stübchen miteinander an Extra⸗Kalbskoteletten ſich gütlich thun wollten. Der Laufburſche amüſirte die jun⸗ gen Damen bei dieſer Gelegenheit dadurch, daß er ver⸗ ſchiedene Kunſtſtücke Preis gab, indem er z. B. das an⸗ gezündete Licht in den Mund nahm und ſein Geſicht da⸗ durch in einen Zuſtand von Durchſichtigkeit verſetzte; nachdem er ihnen dieſes ſeltſame Schauſpiel zum Beſten gegeben, kam er wieder ſeinen Amtspflichten nach, indem er jedes Meſſer, bevor er es auf die Tafel legte, an⸗ hauchte und dann die Klinge an dem obenerwähnten Schurze blank bohnte. Als er dieſe Zubereitungen voll⸗ endet, grinste er die beiden Schweſtern freundlich au, und äußerte die Vermuthung gegen ſie, die Leckerbiſſen des heutigen Abends werden wohl ziemlich gewürzig ſeyn. „Müſſen wir noch lange warten, Bailey?“ fragte Mercy. 31 „Ei behüte,“ gab er zur Antwort;—„es iſt be⸗ reits fertig. Als ich aus der Küche fortging, ſtocherte Frau Todgers eben mit der Gabel unter den zarteſten Biſſen umher und ſpeiste ſie vornweg auf!“ Er hatte kaum die Worte ausgeſprochen, als er ein ſo handgreifliches Compliment an den Schädel erhielt, daß er taumelnd gegen die Wand polterte, und Frau Tod⸗ gers ſich voll Entrüſtung, mit dem Abendeſſen in der Hand, ihm gegenüber ſtellte. „Du verdammter kleiner Spitzbube!“ rief beſagte Dame;—„Du ſchlimmer falſcher Bube Du!“ „Oho!“ rief Bailey, indem er nach der beſten Boxer⸗ manier ſeinen Kopf parirte,„ich bin noch lange nicht ſo ſchlimm wie Sie!— Wetter! kommen Sie mir noch einmal ſo! erfrechen Sie ſich das noch einmal?—“ „So wahr ich lebe,“ ſprach Frau Todgers, indem ſie den Teller auf den Tiſch niederſetzte,—„es iſt der boshafteſte Knabe, mit dem ich je zu thun hatte! Die Herren verderben ihn dermaßen und lehren ihn Dinge, daß ich wahrlich glaube, dem Buben kann nichts mehr helfen als der Galgen.“ „So?“ rief Bailey;„iſt das Ihre Meinung? Warum halten Sie mich denn alsdann ſo knapp in der Koſt und verderben mir meine ganze Konſtitution.“ „Willſt Du Dich gleich packen, Du gottloſer Junge,“ rief Frau Todgers und riß die Thüre auf;—„hörſt Du wohl, Range, packe Dich jetzt!“ Mit ein Paar geſchickten Wendungen ſalvirte er ſich nach der Thüre hin und ging, und ließ ſich den ganzen Abend nur noch ein einzigesmal ſehen, als er ein Paar Becher und heißes Waſſer heraufbrachte, und die beiden Miß Pecksniff durch entſetzliche Grimaſſen hinter dem Rücken der unbewußten Frau Todgers in argen Schreck verſetzte. Nachdem er zur Befriedigung ſeiner tief verletzten Gefuͤhle ſich auf dieſe Weiſe an ſeiner Herrin geräͤcht hatte, begab er ſich willig nach dem Vorkeller zurück, wo er ſich in Geſellſchaft eines Schwarmes ſchwarzer 32 Roßkäfer und einer Küchenlampe mit Stiefelwichſen und Klei⸗ derreinigen amüſirte, bis die Nacht ſchon weit vorgerückt war. Man vermuthete allgemein, der eigentliche Taufname des jungen Lakaien ſey Benjamin, allein der Burſche kur⸗ ſirte unter einer ſolchen Verſchiedenheit von Namen, daß dies höchſt ſchwer zu entſcheiden war. Dieſen Namen Ben⸗ jamin hatte man z. B. verketzert in„Onkel Ben“ und dieſes durch Eliſion des Ben auf das einfache„Onkel“ zurück⸗ geführt, welch' letzteres ſpäter vermittelſt eines leichten Uebergangs in Barnwell verändert worden war, und zwar zu ſtetem Gedächtniß an den berühmten Verwandten des⸗ ſelben Grades, der von ſeinem Neffen Georges in ſeinem Garten zu Camberwell erſchoſſen worden war, als er eben ſtillen Betrachtungen nachhing. Die Gäſte in Tod⸗ gers's Speiſehaus hatten ſodann noch die ſpaßhafte Ge⸗ wohnheit, ihm zeitweilig den Namen irgend eines berüch⸗ tigten Verbrechers oder Miniſters zu verleihen, und pflegten zuweilen ſogar, wenn die Zeitſchriften keiner beſondern Neuigkeiten Erwähnung zu thun wußten, in den Blättern der Geſchichte nach beſonders bezeichnenden Beinamen zu fahnden, wie z. B. Hr. Pitt, Jung Brownrigg u. ſ.w. Zu der Zeit, in welcher unſere Geſchichte ſpielt, war beſagter Laufburſche unter den Herren gemeinhin als Bai⸗ ley junior benannt, welchen Namen man ihm vielleicht im Gegenſatz zu Old⸗Bailey verliehen hatte, und wel⸗ cher zugleich die Erinnerung an eine unglückliche Dame deſſelben Namens in ſich ſchließen ſollte, die in der Blüthe ihrer Jahre Hand an ſich ſelbſt gelegt hatte und durch ein Bänkelſängerlied verherrlicht worden war. Die gewoͤhnliche Zeit, an welcher an Sonntagen in Todgers's Speiſehaus das Mittagsmahl eingenommen wurde, war zwei Uhr;— eine Zeit, die für alle Theile als höchſt paſſend erachtet wurde, da ſie fuͤr Frau Todgers des Bäckers wegen bequem war und den Herren wegen der Vergnügungen, mit welchen ſie den Nachmittag aus⸗ füllen wollten, keinerlei Zwang auferlegte. An dem Sonn⸗ tage jedoch, wo die beiden Miß Pecksniffs auf die um⸗ 33 faſſendſte Weiſe mit Todgers Etabliſſement und ſeinen Inſaſſen bekannt gemacht werden ſollten, war das Mit⸗ tagsmahl bis auf fünf Uhr hinaus verlegt worden, damit Alles ſo vornehm und paſſend erſcheine, als es die gegen⸗ wärtige Veranlaſſung erheiſchte. Als die Stunde heran⸗ nahte, zeigte ſich Bailey junior, der ſich heute gewaltig wichtig machte, in einem vollſtändigen Anzuge von ab⸗ gelegten Kleidern, die ihm um mehrere Grade zu groß waren, ſo daß einer der Herren, der ſich viel auf ſeinen Witz zu gut that, ihm ſeines rieſigen Halskragens wegen alsbald den neuen Beinamen„Vatermörder“ ſchöpfte. Kaum hatte die Glocke drei Viertel auf fünf Uhr geſchlagen, als eine Deputation, aus Hrn. Jinkins und einem andern Herrn, Namens Gander, beſtehend, an der Thüre von Frau Todgers Gemach pochte und, nachdem fie von dem bereits wartenden Papa den beiden Miß Pecksniffs auf die förmlichſte Weiſe vorgeſtellt worden war, ſich die Ehre erbat, die gefeierten Damen, auf welche Aller Augen war⸗ teten, die Treppe hinauf begleiten zu dürfen. Das Staats⸗ zimmer in Todgers Speiſehauſe war von ganz ungewöhn⸗ licher Art und ſo beſchaffen, daß man es ſicher nicht für ein Staatszimmer gehalten haben würde, ohne von einem der Eingeweihten ausdrücklich davon unterrichtet zu werden. Das ganze Zimmer war mit einem Fußteppich belegt, die Decke jedoch, mit Einſchluß des Durhangobahteu in der Mitte, mit Papiertapeten bekleidet. Außer den drei kleinen Fenſtern, in denen Niſchen⸗Sitze angebracht waren und die nur die Ausſicht nach dem gegenüber liegenden Thor⸗ wege geſtatteten, war noch ein anderes Fenſter vorhanden, das ohne alle Umſtände und ungeſcheut den Einblick in Herrn Jinkins's Schlafzimmer gewährte; hoch oben an ziner Seite der Mauer lief längs derſelben ein Streifen ewei Fuß hoher Glasfenſter hin, die der Treppe einiger⸗ maßen Helle geben ſollten. Außerdem waren hier noch die ſeltſamſten Glasſchränke angebracht, die kleine Fenſter hat⸗ Boz, Chuzzlewit. II. ten, wie Achttaguhren, ganz in's Getäfel eingeſenkt waren 3 34 und in ihrer Form große Aehnlichkeit mit einer Treppe verriethen; die Stubenthüre ſelbſt, die ſehr dunkel ange⸗ ſtrichen war, hatte in ihrer oberen Füllung, gleichſam un⸗ ter ihrer Stirne, zwei graße Glasaugen, in deren jedem eine höchſt naſenweiſe grüne Pupille angebracht war. Die Herren waren hier ſämmtlich ſchon verſammelt und Herr Jinkins betrat nicht ſo bald mit Charity am Arm das Zimmer, als ſich ein allgemeiner Ausruf von: Hört! Hört! und: Bravo! Jink! vernehmen ließ, das ſich zu einem wahren Beifallsſturm ſteigerte, als nun gar Herr Gander, mit Miß Merry am Arme, folgte und Herr Pecks⸗ niff mit Frau Todgers den Nachtrab bildete. Alsbald fanden die gegenſeitigen Vorſtellungen ſtatt, die ziemlich lange andauerten und verſchiedene Perſonen umſchloßen, nämlich zuerſt: einen Herrn, der in Angelegen⸗ heiten der Wettrennen für einen großen Kenner galt und den Herausgebern der Sonntagsblaͤtter Fragen über Jockey⸗ Angelegenheiten vorlegte, die, wie ſeine Freunde behaupte⸗ ten, verdammt kitzlich und ſchwer zu löſen waren. So⸗ dann ferner einen andern Herrn, der ein großer Bühnen⸗ freund war, und ſogar einmal ernſte Abſichten gehabt hatte, ſelbſt ſein Heil auf den„Brettern, die die Welt bedeu⸗ ten,“ zu verſuchen, woran ihn jedoch die leidige Bosheit der Menſchen verhindert hatte. Ferner einen Liebhaber von Debatten, der ſich ein gewaltiges Rednertalent zu⸗ traute, und einen andern Herrn, der ſich für einen großen Literaten hielt, beißende Epigramme auf die Uebrigen machte und außer ſeiner eigenen Jedermann’'s ſchwache Seite kannte. Zu ihnen gehörte ferner noch ein Liebhaber von Vokalmuſik und ein großer Verehrer des Rauchtabaks, ſo wie ein dritter Herr, der ſich für einen großen Gaſtro⸗ nomen hielt; etliche der Herren zeichneten ſich durch be⸗ ſondere Vorliebe fuͤr das Whiſtſpiel aus und einem gro⸗ ßen Theile der Uebrigen war eine Vorliebe für Billard und Wetten gemein. Man durfte als gewiß annehmen, daß ſie in Einem Punkte, nämlich in einer Vorliebe für Handelsgeſchäfte ſämmtlich übereinſtimmten, da ſie Alle ppe nge⸗ un⸗ dem nelt am on: ſich derr cks⸗ tatt, onen en⸗ 3 ckey⸗ pte⸗ So⸗ nen⸗ habt deu⸗ gheit aber zu⸗ oßen igen dache aber baks, ſtro⸗ ˖be⸗ gro⸗ llard men, fur Alle . 35 in den verſchiedenen Zweigen des großen Undings, genannt Handel, ihren Unterhalt ſuchten, und ſich nur in ihren verſchiedenen Neigungen, Steckenpferden und Vorlieben weſentlich von einander unterſchieden. Herr Jinkins z. B. war aus beſonderer Neigung ein ausgemachter Stutzer, der an Sonntagen regelmäßig die Parks beſuchte und eine große Anzahl von Equipagen dem Sehen nach kannte. Er pflegte auf höchſt myſteriöſe Weiſe von üppigen Frauen zu reden, und man munkelte allerlei von einem Verhält⸗ niß, das er früher einmal mit einer Gräfin gehabt haben ſollte. Herr Gander hingegen ſuchte eine Ehre darin, für einen beſonders witzigen Kopf zu gelten, und war in der That auch derſelbe Herr, dem man das Wortſpiel wegen der Vatermörder verdankte, welcher glänzende Spaß nun⸗ mehr von Mund zu Munde ging, und unter der Bezeich⸗ nung des„jüngſten Kinds von Gander's Laune“ in allen Theilen des Zimmers mit donnerndem Beifall aufgenom⸗ men wurde. Der hiſtoriſchen Gewiſſenhaftigkeit wegen müſſen wir noch hinzuſetzen, daß Herr Jinkins Altersprä⸗ ſident der Geſellſchaft, Buchhalter bei einem Fiſchhändler und etwa vierzig Jahre alt war; er war zugleich auch der älteſte Stammgaſt und führte, kraft dieſer doppelten Seniorität, wie Frau Todgers bereits erwähnt hatte, auch das große Wort im Hauſe. Die Zubereitung des Mittagsmahls ſchien einen höchſt beträchtlichen Zeitauf⸗ wand in Anſpruch zu nehmen, und die arme Frau Todgers, welche insgeheim manch' vertraulichen Tadel dar⸗ über erfahren mußte, ging wohl zwanzig Mal ab und zu, um darnach zu ſehen; ſie pflegte indeß ſtets bei ihrer jedes⸗ maligen Rückkehr eine Miene anzunehmen, als ob ihr gar nichts fehle und als ob ſie gar nicht drauſſen geweſen wäre, welche angenommene Unbefangenheit ihr jedoch nicht gerade zum Beſten gelingen mochte. Die Unterhaltung erlitt dadurch nichts deſtoweniger keinerlei Stockung, denn einer der Herren, der in Parfümerien„machte,“ wies eine höchſt intereſſante Curioſität in Geſtalt einer neuerfunde⸗ 36 nen Rafirſeife vor, die er neuerdings auf einer ſeiner Rei⸗ ſen in Deutſchland kennen gelernt hatte. Der Literatur⸗ freund dagegen deklamirte— ngtürlich nur auf Verlan⸗ gen— einige ſarkaſtiſche Stanzen, die er kürzlich auf das Eingefrieren der Waſſerkufen hinter dem Hauſe angefertigt hatte. Beſagter Zeitvertreib nun, zuſammt den daraus entſpringenden vermiſchten Geſprächen, kürzte die Zeit ſo unverſehens und auf ſo glänzende Weiſe, daß gar Nie⸗ mand Langeweile empfand, als endlich Bailey junior die Meldung that, daß das Eſſen aufgetragen ſey. 4 Auf dieſe Nachricht begab ſich die ganze Geſellſchaft unverzüglich nach der Banketthalle hinab, wobei einige der aufgeweckteren Köpfe, die den Nachtrab bildeten, Herren am Arme führten, als ob ſie Damen wären, um damit die glücklichen Chapeaux der beiden Miß Pecksniff's nach⸗ zuahmen.„ Herr Pecksniff ſprach ein Gebet, das ſehr kurz und höchſt brünſtig war und den himmliſchen Segen auf den Appetit aller Anweſenden herab rief, alle Perſonen je⸗ doch, die Nichts zu eſſen hatten, der Gnade der Vorſe⸗ hung anempfahl, deren Beruf— wie das Tiſchgebet aus⸗ drücklich ſagte— deren Beruf es offenbar ſey, für ſolche Leute zu ſorgen. Als dies geſchehen war, machten ſich ſämmtliche Anweſende mit weit weniger Umſtändlichkei⸗ ten als Appetit über das Eſſen her. Der Tiſch ächzte unter dem Gewicht der Leckerbiſſen ſowohl, von denen die beiden Miß Pecksniffs ſchon im Voraus Kunde er⸗ halten hatten, als auch mächtiger Schüſſeln mit geſotte⸗ nem Ochſenfleiſch, Kalbsbraten, Schinken, Paſtetchen und einem wahren Ueberfluß jener ſchwerfälligen Vegetabilien, die unſeren Hausfrauen, um ihrer nahrhaften ſättigen⸗ den Eigenſchaften willen längſt rühmlich bekannt ſind. Daneben blinkten in ſchön geſchliffenen Kryſtallflaſchen die würzigſten Getränke: als da ſind Stout(eine Art ſtar⸗ ken Porters oder Doppelbiers,) Ale, verſchiedene Weine und andere einheimiſche und ausländiſche geiſtige Flüſſig⸗ keiten. Dieſes Alles gewährte den beiden Miß Pecks⸗ 37. niffs unausſprechliches Vergnügen, zumal da ihre Eitel⸗ keit nicht wenig Befriedigung darin fand, die gefeierten Heldinnen des Tags zu ſeyn; ſie ſaßen nämlich mitten am Tiſche, zu beiden Seiten des Herrn Jinkins, und mußten ſich gefallen laſſen, jeden Augenblick einem neuen Bewunderer mit einem Glaſe Wein Beſcheid zu thun. Noch nie in ih⸗ rem Leben war ihnen ſo wohl zu Muthe geweſen und hatten ſie ſich ſo entzückt gefühlt als eben jetzt; Mercy war insbeſondere ausnehmend pikant und wußte auf alle Anreden ſo treffend zu antworten, daß man ſie wie ein wahres Wunder anſtaunte; kurzum, die junge Dame ge⸗ ſtand nachher ſelbſt, daß ſie recht wohl gefühlt habe, wie ſie damals und zwar zum Erſtenmal in London geweſen ſey. Ihr junger Freund Bailey ſympathiſirte mit dieſen Empfin⸗ dungen ganz und gar, ließ durchaus nicht in der Gön⸗ nerſchaft, die er ihnen gegenüber an den Tag legte, nach, und ermuthigte ſie auf alle mögliche Art. Er beehrte ſie, wenn die allgemeine Aufmerkſamkeit von ſeinem Thun und Laſſen abgezogen war, mit manchem Kopfnicken und Winken und anderen Zeichen des Einverſtändniſſes, und berührte auch gelegenheitlich ſeine Naſe mit dem Kork⸗ zieher, als wolle er hiemit den bacchanaliſchen Charakter der Verſammlung andeuten. In der That war vielleicht der muntere Witz der beiden Miß Pecksniffs und die hab⸗ ſüchtige Wachſamkeit der Frau Todgers weit weniger be⸗ merkenswerth als das Betragen dieſes intereſſanten Bur⸗ ſchen, der ſich durch nichts aus der Faſſung bringen oder in ſeinem Treiben irre machen ließ. Entfiel irgend ein Stück des Fayencegeſchirrs, eine Schüſſel etwa oder ſonſt etwas derartiges, ſeinen Händen, was zu verſchiedenen Malen geſchah, ſo ließ er es mit der Gleichgültigkeit des wohlerzogenſten Mannes gehen und dachte nicht im min⸗ deſten darauf, die unangenehme Aufregung der Geſell⸗ ſchaft durch Bezeugung ſeines eigenen Beileids zu erhö⸗ hen. So ſehr er auch hin und her rannte, ſtörte er doch die Ruhe der Verſammelten nicht, wie manche ab⸗ gerichtete Diener pflegen, ſondern überließ es im Gegen⸗ . theil in der Ueberzeugung von der Unmöglichkeit, eine ſo zahlreiche Geſellſchaft zu bedienen, den Herren ſelbſt, ſich dasjenige zu verſchaffen, was ſie eben wünſchten und ver⸗ ließ ſelten ſeinen Platz hinter Herrn Jinkins's Stuhl, wo er mit den Händen in den Taſchen und weitausge⸗ ſpreizten Beinen in jedes Gelächter mit einſtimmte, und der Unterhaltung im reichſten Maße genoß. Der Nachtiſch war ausgezeichnet, und ließ ſehr lange auf ſich warten. Die Teller, worauf das ſüße Gemüſe genoſſen worden war, wurden in einem luaſſerkbel des Flurs abgewaſchen, während der Käs ſchon auf dem Ti⸗ ſche ſtund, und kamen zur gehörigen Zeit wieder zurück, wenn gleich noch ein wenig warm und feucht von dem Akt der Reinigung. Die Mandeln kamen ſcheffelweiſe, die Orangen zu Dutzenden, die Trauben in Schiffspfun⸗ den, die Zimmtſterne in Haufen auf den Tiſch, und die Nüſſe waren in ganzen Schüſſeln vorhanden;— es war gar kein Zweifel, Frau Todgers konnte ſchon etwas Gu⸗ tes leiſten, wenn ſie nur wollte. Nach Tiſche kam immer noch mehr Wein, rother und weißer; auch erſchien eine mächtige vorcellanene Schüſſel voll Punſch, den derſelbe Herr, der für einen Gaſtronomen gelten wollte, eigenhändig gebraut hatte, welcher nun auch die Miß Pecksniffs bat, wegen des vor⸗ handenen Quantums gar nicht in Sorgen zu ſeyn, da noch Stoff genug im Hauſe ſey, um ein ganzes Halb⸗ dutzend ähnlicher Schüſſeln von derſelben Größe zu berei⸗ ten. Du lieber Gott! wie die guten Miß Pecksniffs lachten! wie ſie huſten mußten, als ſie davon genippt hatten, weil der Punſch ſogar ſtark war! Und wie ſie wiederum in ein Lachen ausbrachen als einer der Her⸗ ren ſich verſchwor, der Punſch ſey ſo unſchädlich und ſchwach, daß er ihn ohne die verrätheriſche Farbe für friſchgemolkene Milch gehalten haben würde! Welch ein donnerähnliches Nein erſchallte von den Lippen ſämmt⸗ licher Herren, als die beiden Damen Herrn IJinkins in⸗ ſtändig um die Erlaubniß baten, den Punſch mit Waſ⸗ 39 ſer zu verdünnen, und mit welcher Verſchämtheit und Sprodigkeit ſchlürften ſie allmählig ihr ganzes Glas voll bis auf die Hefe aus! Nun kam aber erſt der kritiſche Zeitpunkt: die Sonne, (wie Herr Jinkins zu ſagen pflegte, ein höchſt vollende⸗ ter Weltmann, dieſer Herr Jinkins! weil es ihm nie an einem paſſenden Vergleiche fehlte!) war nun auf dem Punkte das Firmament zu verlaſſen. 4 „Miß Pecksniffs!“ flüſterte Frau Todger herüber, — beliebt Ihnen...“. „Ei behüte! keinen Tropfen mehr, Frau Todgers!“ verſicherten beide. Frau Todgers erhob ſich und die bei⸗ den Miß Pecksniffs folgten ihrem Beiſpiele; Alle erho⸗ ben ſich jetzt, Miß Mercy Pecksniff ſieht ſich nach ihrer Schärpe um! Wo iſt ſie, Du lieber Gott! wo kann ſie dann ſeyn? Das liebe Mädchen! es trägt ja ſeine Schärpe, zwar nicht um ſeinen ſchönen Hals, ſondern leicht um „ihre anmuthige Geſtalt geſchlungen. Ein ganzes Du⸗ tzend geſchäftiger Hände drängt ſich herzu, ihr Beiſtand zu leiſten, da ſie im hoöchſten Grade verwirrt drein blickt. Der jüngſte Herr der Geſellſchaft hegt wahrhaft blutdürſtige Geſinnungen gegen Jinkins, ſie aber hüpft davon und holt ihre Schweſter noch unter der Thüre ein. Miß Charity hat ihren Arm um die Hüfte der Frau Tod⸗ gers geſchlungen, und Miß Mercy legt nun den ihrigen um Charity's ſchlanke Taille. O Diana! was für ein hübſches Bild! Das letzte, was die Zurückbleibenden von den Damen noch zu ſehen bekommen, iſt ein Spitzenkragen und eine leichte tanzende Bewegung. „Meine Herrn! laſſen wir die Damen hoch leben,“ rief der galante Jinkins. Dieſer Denkſpruch wird mit wahrhaft donnerndem Applauſe aufgenommen. Der Herr, der für einen großen Redner gelten will, erhebt ſich plötzlich in der Mitte der Tafel und entwickelt einen Strom von Beredtſamkeit, der Alles vor ihm zu Boden 4⁰0 wirft und mit ſich fortreißt. Er glaubt an einen an⸗ dern Trinkſpruch erinnern zu müſſen, einen Trinkſpruch, worin ſie alle einſtimmen werden; es befindet ſich näm⸗ lich eine Perſon in der Geſellſchaft, die er beſonders im Auge hat und welcher ſie zum innigſten Danke verbunden ſind. Er glaubt es wiederholen zu müſſen, und zwar mit innigſten Danke, ihr rauhes Naturell iſt heute gemildert und verbeſſert worden durch die Geſellſchaft liebenswür⸗ diger Damen; es befindet ſich ein Herr in der Geſell⸗ ſchaft, den zwei tadellos vollendete und entzückende Frauenzimmer mit Ehrfurcht den Urheber ihres Daſeyns nennen,— ja den die beiden Miß Pecksniffs, als ſie noch beinahe in unverſtändlicher Rede nur zu lallen wuß⸗ ten, ſchon mit Inbrunſt Vater nannten. Donnernder Applaus folgt dieſer Einleitung, bis der genannte Herr den Trinkſpruch ausbringt:„Laſſen wir Herrn Pecksniff leben und Gott ſegne ihn!“ Sie drücken Alle Herrn Pecksniff die Hand, wenn ſie ſein Wohl trinken, und dem jüngſten Herrn der Geſellſchaft erbebt dabei das Herz, denn er fühlt, daß ein myſteriöſer Einfluß jenem Manne eigen iſt, der jenes zauberhafte Weſen in der hochrothen Schärpe ſeine Tochter nennen darf. Was ſagt nun Herr Pecksniff als Erwiderung? Wir wollen lieber ſagen: was läßt Herr Pecksniff ſtatt einer Erwiderung ungeſagt? Er verneigt ſich ſtumm, denn ſeine Rührung erlaubt ihm nicht zu reden. Es wird noch mehr Punſch beſtellt, herbeigebracht und getrunken, und der Enthuſtasmus ſteigt immer höher; Jeder zeigt ſich nun in ſeinem eigenen Weſen im Elemente und gewährt einen unverholenen Einblick in ſeinen Charakter. Der Theaterfreund deklamirt, der muſikaliſche Herr gibt ein Lied zum Beſten, Gander läßt ſein Ebenbild bei frühern Feſtlichkeiten meilenweit hinter ſich;— er erhebt ſich endlich, um nun auch einen Trinkſpruch auszubringen, der dem Vater von Todgers gilt, ihrem gemeinſchaftlichen Freunde Jink nämlich, dem alten Jink, wenn er ihn mit dieſer vertraulichen, liebevollen Benennung be⸗ 41 ehren darf. Der jüngſte Herr in der Geſellſchaft ſperrt ſich jedoch offen und mit Händen und Füßen dagegen; er will es nicht zugeben, er darf es nicht leiden— es darf nicht geſchehen, allein die Tiefe ſeines Gefühls wird miß⸗ verſtanden und Niemand kümmert ſich um ihn, da man leider vermuthet, er habe des Guten zu viel gethan. Herr Jinkins dankt ihnen aus Herzensgrunde und ver⸗ ſichert, daß es der ſchönſte Tag ſeines beſcheidenen Da⸗ ſeyns ſey. Wenn er bei gegenwärtiger Veranlaſſung um ſich blickt, ſo fühlt er nur allzuſehr, daß ihm Worts fehlen, um ſeinen Dank auszudrücken. Er erlaubt ſich nur Eins zu äußern: er glaubt nämlich dargethan zu haben, daß Todgers's Speiſehaus ſeinen alten Ruhm be⸗ währen könne, und bei geeigneter Gelegenheit ſeine In⸗ ſaſſen ebenſo innig, ja vielleicht noch inniger zuſammen⸗ halten, als die der benachbarten ähnlichen Etabliſſements; er ruft ihnen unter donnerndem Beifall in's Gedächtniß, daß ſie vor Kurzem von einem ähnlichen Speiſehauſe in Cannon⸗Street gehört und zwar viel Rühmliches davon vernommen hätten; er will keine gehäſſige Vergleichun⸗ gen anſtellen, weit entfernt davon, denn das liege gar nicht in ſeinem Charakter,— allein, wenn jenes Speiſe⸗ haus in Cannon⸗Street ſich rühmen könnte, eine ſolche Combination von Witz und Schönheit an den Tag zu legen, wie ſie heute Todgers's Speiſehaus zu ſchauen ge⸗ geben— wenn es im Stande ſeyn ſollte,(um auch Al⸗ les in Erwägung zu ziehen) ein ſolches Mittagsmahl auf⸗ zuſtellen, wie das eben eingenommene, ſo wird er gern erbötig ſeyn, ihm den Vorzug zu laſſen, den er jedoch bis dahin, meine Herrn! ſtets Todgers zuerkennen wird. Nun wird noch mehr Punſch herbeigeſchafft, ein lebhafterer Enthuſiasmus entwickelt ſich und neue Reden folgen. Man trinkt Jedermanns Geſundheit mit Aus⸗ nahme der des jüngſten Herrn in der Geſellſchaft, der abgeſondert bei Seite ſitzt, ſeinen Ellbogen auf die Lehne eines ledigen Stuhles ſtützt, und Herrn Jinkins verächt⸗ liche Blicke zuſchlendert. Gander bringt in einer Rede 42.. von unwiderſtehlich hinreißendem Humor die Geſundheit Bailey des Jüngern aus— verſchiedene der Herren laſ⸗ ſen ein trunknes Schluchzen hören und ein Glas wird zerbrochen; Herr Jinkins fühlt nun, daß es Zeit ſey, ſich zu den Damen zu begeben, und ſchlägt als dank⸗ bare Schlußrede die Geſundheit der Frau Todgers vor, die heute einer beſondern Erwähnung wohl verdiente. — Höoͤrt nur, hört! So iſt es in der That auch— Nie⸗ mand kann's bezweifeln! zu andern Zeiten findet man alle mögliche Fehler an Frau Todgers, allein heute fühlt ein Jeder, daß er zu Frau Todgers's Vertheidigung in den Tod gehen könnte. Die ganze Geſellſchaft geht nun wieder die Treppe hinauf nach dem großen Staatszimmer, wo ſie nicht ſo frühe erwartet worden ſind, denn Frau Todgers macht ein Schläfchen, Miß Charity flicht ihr Haar und Miß Mercy, die ſich aus einem der Fenſterſitze ein Sopha be⸗ reitet hat, ruht in einer angenehm nachläſſigen Stellung in der Fenſterniſche. Haſtig ſteht ſie auf, obwohl Herr Jinkins ſie im Namen Aller beſchwört, ſich doch ja nicht ſtören zu laſſen, da ſie, wie er bemerkt, allzu anmuthig und liebenswürdig erſcheine, um geſtört zu werden. Sie lacht und gibt nach, ſpielt mit ihrem Fächer, und läßt ihn fallen, daß ein allgemeiner Aufſtand unter den Herren entſteht, die ihn aufheben wollen; da ſie nur gleichſam in Folge allgemeiner Verabredung für die Schönſte der Geſellſchaft gilt, wird ſie grauſam und launenhaft, ſen⸗ det Herren mit Botſchaften an Andere, und hat Alles längſt wieder vergeſſen, bevor jener mit der Antwort zu⸗ rückkehrt; tauſenderlei Qualen und Foltern weiß ſie zu erſinnen, um die Herzen ihrer Bewunderer faſt in Stücken zu zerreißen. Bailey bringt Thee und Kaffee herauf, und auch um Charity ſammelt ſich ein kleines Gefolge von Bewunderern, die indeß nur aus jenen beſtehen, welche der jüngern Schweſter nicht nahe kommen können. Der jüngſte Herr in der Geſellſchaft iſt bleich, aber ge⸗ ſammelt und entſchieden, und hat ſich ganz bei Seite 43 geſetzt, denn ſein Geiſt will jetzt mit ſich ſelbſt zu Rathe gehen und ſeine Seele meidet die lärmenden Genoſſen. Sie ahnt ſeine Gegenwart und iſt ſich ſeiner Anbetung wohl bewußt; ſie ſendet manchmal einen verſtohlenen Blick der Ermuthigung dem Verlaſſenen zu. Nimm Dich in Acht, Jinkins, bevor Du einen Verzweifelten zum Wahnſinn reizeſt! Herr Pecksniff war ſeinen jüngern Freunden die Treppe hinauf gefolgt und hatte ſich neben Frau Todgers in einen Stuhl geworfen. Er hatte ſich eine Taſſe Kaffee über die Beine geſchüttet, und ſchien es gar nicht bemerkt zu haben, wie er ebenfalls anſcheinend nicht wußte, daß ein Stück Theebrod auf ſeinen Knieen lag. „Wie iſt man Ihnen denn drunten begegnet?“ fragte die Wirthin. „Ach, ei, liebe Madame!“ verſetzte Herr Pecksniff gerührt,„das Betragen der Herren war von der Art, daß ich nie ohne Rührung mich deſſelben erinnern oder ohne Thränen davon ſprechen werde. Ach, meine gute Frau Todgers!“ „Du lieber Gott, Sir, was fehlt Ihnen denn? warum ſind Sie denn ſo niedergeſchlagen, ſo entmuthigt?“ „Ich bin ein Mann, meine beſte Madame!“ ſprach Herr Pecksniff unter Thränen und mit höchſt unverſtänd⸗ licher Betonung,—„allein ich bin auch Vater, und bin ſogar Wittwer; meine Gefühle laſſen ſich nicht ſo gut⸗ willig erſticken, Frau Todgers, wie die jungen Kinder im Tower. Sie ſind mir über den Kopf gewachſen, und je mehr ich die Bettdecke auf ſie herabdrücke, deſto mehr blicken ſie unter den Zipfeln hervor.“ Er ſchien ſich nun plötzlich des Semmelbrockens be⸗ wußt zu werden, der auf ſeinen Knieen lag und ſtierte ihn lange an, wobei er in höchſt betrübter und troſtloſer Weiſe den Kopf ſchüttelte, als ſähe er in demſelben ſeinen böſen Genius, den er auf milde Weiſe wegſcheuchen wollte. „Sie war ſchön, Frau Todgers!“ ſprach er und wandte ohne irgend eine vorhergehende Bemerkung ſein 4 44 ſtieres Auge wieder auf ſie,„ſie hatte ein kleines Ver⸗ mögen.“—„Ich hab's vernommen,“ verſetzte Frau Tod⸗ gers mit vielem Mitgefühle. „Das hier ſind ihre Töchter,“ fuhr Herr Pecksniff fort, indem er mit ſteigender Rührung auf die beiden jungen Damen deutete; Frau Todgers zweifelte nicht im Mindeſten daran. „Mercy und Charity!“ ſagte Herr Pecksniff,—„Cha⸗ rity und Mercy! es ſind doch nicht etwa gottloſe Na⸗ men, nicht wahr Frau Todgers?“ „Herr Pecksniff,“ rief Frau Todgers,„warum lächeln Sie denn ſo geiſterhaft, ſind Sie denn krank, beſter Herr?“— Er legte ſeine Hand auf ihren Arm und verſetzte in feierlichem Tone und mit ſchwacher Stimme: „Chroniſch.“—„Kolik?!“ rief Frau Todgers voll Ent⸗ ſetzen.—„Chroniſch,“ wiederholte er mit ziemlich ſchwe⸗ rer Stimme,—„chroniſch— eine chroniſche Krankheit, der ich von Jugend auf zum Opfer geworden bin— ja, die mich noch in's Grab bringen wird.* „Das verhüte der Himmel!“ rief Frau Todgers. „Je nun, es iſt denn doch ſo,“ ſprach Herr Pecks⸗ niff, den ſeine Verzweiflung ganz troſtlos machte;„ich bin im Ganzen faſt froh darüber— Sie ſehen ihr ſo gleich, meine gute Frau Todgers!“ „Ei, ei, Herr Pecksniff!“ flüſterte Frau Todgers mit zärtlichem Vorwurf;„ich bitte, drücken Sie mich nicht ſo, wenn einer der Herren es ſähe...“ „Es geſchieht nur um ihretwillen,“ verſetzte Herr Pecksniff mit lallender Zärtlichkeit;„geſtatten Sie es mir ihrem Andenken zu Ehren. Geſtatten Sie es, um einer Stimme willen, die aus dem Grabe zu uns herübertönt. Es iſt, als wären Sie ihr aus den Augen herausgeſchnitten, Frau Todgers! Ach, was iſt doch das für eine Welt!“ „Ja, leider!“ verſetzte Frau Todgers mit einem tie⸗ fen Seufzer;—„Sie können das mit vollem Recht ſagen.“ „Ich fürchte, es iſt eine eitle hirnloſe Welt, in der 45⁵ wir leben,“ fuhr Herr Pecksniff in überfließender Troſt⸗ loſigkeit fort;—„ſehen Sie nur dieſe jungen Leute um uns her an! o, wie viel Sinn haben ſie für ihre Ver⸗ antwortlichkeiten? gar keinen, nicht wahr? Reichen Sie mir doch auch die andere Hand, Frau Todgers!“ Beſagte Dame ſperrte ſich indeß, weil ſie behaup⸗ tete, es ſchicke ſich nicht.„Macht eine Stimme aus dem Grabe keinen Eindruck auf Sie?“ fragte Herr Pecksniff mit unheimlicher Zärtlichkeit;—„das iſt gottlos, mein theures Weſen!“ „Stille, Stille!“ bat ihn Frau Todgers flüſternd, —„es ſchickt ſich in der That nicht.“ „Ich bin's ja nicht!“ verſetzte Herr Pecksniff;— „meinen Sie ja nicht, daß ich es ſey;— es iſt die Stimme, es iſt ihre Stimme!“ Herrn Pecksniffs ſelige Ehehälfte mußte eine ungewöhnliche ſtarke und heiſere Stimme für eine Dame beſeſſen, und ſogar, um die Wahr⸗ heit zu ſagen, ziemlich geſtottert oder trunken gelallt haben, wenn ihre Stimme derjenigen glich, in welcher Herr Pecksniff gerade jetzt ſprach; eher möchte ich ver⸗ muthen, daß er hiebei in einem Irrthum befangen ge⸗ weſen ſey. „'S war ein Tag der Freude für mich, Frau Tod⸗ gers, allein er iſt auch zu einem Tage der Qual für mich geworden!“ lallte Herr Pecksniff weiter;—„er hat mir in's Gedächtniß zurückgerufen, wie verlaſſen ich auf der Welt daſtehe! was bin ich auch auf der Welt?“ „Ein Ehrenmann von den ſeltenſten Gaben, Herr Pecksniff,“ verſetzte Frau Todgers. „Das gereicht mir noch einigermaßen zum Troſte,“ erwiderte Herr Pecksniff;—„halten Sie mich noch in der That dafür?“ „Ich bin überzeugt,“ verſetzte Frau Todgers,„daß ein beſſerer Mann, als Sie, gar nicht mehr lebt.“ Herr Pecksniff lächelte durch Thränen hindurch und ſchüttelte mit leiſer Wehmuth den Kopf;„Sie ſind ſehr gütig, ich danke Ihnen.— Sehen Sie, Frau Todgers, ich empſinde 46 das huüßgte Glück darin, daß ich junge Leute glücklich mache; das Glück meiner Zoͤgl inge iſt der Hauptzweck meines Lebens, ich liebe ſie über alle Maßen, und zu⸗ weilen— ſind ſie auch für mich ganz begeiſtert.“ „Ich behaupte, das iſt immer und fortwährend der Fall,“ wagte Frau Todgers einzuwenden. „Wenn die Kerle behaupten, ſie hätten bei mir nichts gelernt, Madame,“ flüſterte ihr Herr Pecksniff zu, indem er ſie mit höchſt geheimnißvol ler Miene anblickte und ihr zumuthete, ſie ſolle ihr Ohr etwas näher an ſeinen Mund bringen,—„wenn ſie behaupten, Madame, Daß ſie bei mir nichts gelernt hitken und das Koſtgeld zu hoch ſey, ſo lügen ſie abſcheulich in ihren Hals hinein! „Es wäre mir nicht lieb, wenn die Sache offenbar würde, das dürfen Sie mir glauben, allein Ihnen, als einer alten Freundin, kann ich's wohl ſagen, daß ſie lügen!“ „Es müßten hochſt gemeine Subjekte ſeyn!“ rief Frau Todgers entrüſtet aus.— „Madame,“ verſetzte Herr Pecksniff,„Sis haben Recht, und dieſe Bemerkung erwirbt Ihnen meine Ach⸗ tung. Ein Wörtchen im Vertrauen, Madame:— für Eltern und Vormünder— es bleibt aber doch unter uns, Frau Todgers?“— „Ei, natürlich!“ verſetzte beſagte Dame in allem Ernſte;—„die Katze auf dem Dache ſoll nichts davon erfahren.“ „„Für Eltern und Vormünder,“ wiederholte Herr Pecksniff mit ſalbungsvoller Stimme;—„„es wird hie⸗ mit eine höchſt günſtige Gelegenheit dargeboten, welche die Vorzüge des beſten praktiſchen Unterrichts in der Architektur mit der Behaglichkeit einer Heimath und dem ſteten Umgang mit Perſonen vereinigt, die, wie unſcheinbar und demüthig auch ihre Stellung im Leben und wie beſchränkt auch ihre Fähigkeiten ſeyn mögen— merken Sie wohl auf, Madame— doch ihrer morali⸗ ſchen Verantwortlichkeit ſtets eingedenk ſind.““ Frau Todgers blickte natürlich ziemlich betroffen 47 d'rein und vermochte nicht ſo ſchnell zu begreifen, was das eigentlich bedeuten ſollte, da es, wie der Leſer ſich vielleicht noch erinnern wird, die ſtändge Form war, unter welcher ſich Herr Pecksniff in öffentlichen Blättern gewöhnlich nach einem neuen Zögling umſah, im gegen⸗ wärtigen Augenblick aber durchaus keinen Sinn zu haben ſchien. Herr Pecksniff bedeutete jedoch mit aufgehobenem Finger der Dame, daß ſie ihn nicht unterbrechen ſolle, und fuhr fort:„Kennen Sie viezeicht, meine liebe Frau Todgers, irgend einen Vater oder Vormund, dem ein ſolches Unterkommen für einen jungen Mann gelegen käme? eine Waiſe würde den Vorzug erhalten; iſt Ihnen irgend eine Waiſe bekannt, die drei⸗ bis vierhundert Pfund Vermögen beſitzt?“ Frau Todgers beſann ſich eine Weile, ſchüttelte aber alsdann verneinend den Kopf. „Sollten Sie von einer Waiſe hören, deren Ver⸗ mögen drei⸗ bis vierhundert Pfund betrüge,“ fuhr Herr Pecksniff fort,—„ſo machen Sie die Verwandten und Freunde des lieben verwaisten Jünglings darauf auf⸗ merkſam, ſich in frankirten Briefen an Herrn S. P., poste restante, Salisbury, zu wenden. Ich weiß nicht genau, wer es iſt.— Erſchrecken Sie nicht, liebe Frau Todgers,“ ſetzte Herr Pecksniff mit ſchwerer Zunge hinzu, als er plötzlich hülflos und ſchwerfällig auf ſie nieder⸗ ſank,—„chroniſch, chroniſch!— Wollen Sie mir nicht ein Schlückchen zu trinken geben!“— „Ei du lieber Himmel, Miß Pecksniff!“ rief Frau Todgers laut;„Ihrem guten Papa iſt ganz ſchlimm zu Muthe geworden!“ Da Aller Augen plötzlich auf ihn gerichtet waren, richtete ſich Herr Pecksniff mit wunderbarer Kraft em⸗ por, hielt ſich auf ſeinen Beinen und ließ einen Blick voll unausſprechlicher Weisheit über die Geſellſchaft hinſchwei⸗ fen. Allmählig wich dieſer einem Lächeln, und zwar einem matten, hülfloſen, ſchwermüthigen, faſt gedanken⸗ loſen und krankhaften Lächeln. 48 „Bemitleiden Sie mich, meine Freunde!“ rief Herr Pecksniff zärtlich,—„beweinen Sie mich nicht, es iſt ein chroniſches Uebel!“ Nachdem er noch einen vergeblichen Verſuch gemacht hatte, ſeine Schuhe auszuziehen, ſiel er mit dieſen Wor⸗ ten der ganzen Länge nach in's Kamin des Zimmers hinein. Der jüngſte Herr in der Geſellſchaft hatte ihn bin⸗ nen einer Sekunde wieder herausgeholt; ja bevor ihm noch ein Haar auf dem Kopfe verſengt war, hatte er ihn auf den Schemel vor den Kamin geſetzt— denn er war ja ihr Vater!— Sie vermochte ſich kaum zu faſſen und auch ihre Schweſter ſchien untröſtlich. Herr Jinkins erbarmte ſich über Beide und verſchwendete Troſtgründe aller Art an ſie, wobei ihm die Herren kräftig Beiſtand leiſteten. Je⸗ dermann in der Geſellſchaft wußte etwas zu ſagen— den jüngſten Herrn ausgenommen, der mit großmüthi⸗ ger Selbſtaufopferung die große Aufgabe gelöst und nun Herrn Pecksniff’'s Kopf empor hielt, ohne ſich um einen der übrigen Anweſenden zu kümmern. Alle Herren dräng⸗ ten ſich endlich herzu und beſchloſſen gemeinſchaftlich, den plötzlich erkrankten Herrn Pecksniff die Treppe hinauf und in’s Bett zu bringen. Der jüngſte Herr in der Geſellſchaft mußte noch ſchwere Vorwürfe von Herrn Jinkins hören, weil er durch ſein edles Bemühen Herrn Pecksniſſ's breſthaften Rock zerriſſen hatte. Ha, das war ein abſcheulicher Verrath! aber was lag daran? Sie brachten ihn die Treppe hinauf und ſtießen auf jeder Stufe dem jüngſten Herrn auf's Schienbein oder traten ihn auf die Hühneraugen. Herrn Pecksniff's Schlafzimmer befand ſich oben im Giebel des Hauſes, und der Weg dahin war auch ziemlich weit; allein im Lauf der Zeit brachten ſie ihn doch wohlbehalten dort⸗ hin, obwohl er ſte unterwegs häufig um ein Tröpfchen zu trinken bat. Das mochte wohl eine fire Idee von dem guten Manne ſeyn, und der jüngſte Herr der Ge⸗ ſellſchaft wagte deßhalb, einen Schluck Waſſer hiefür in 49 Vorſchlag zu bringen, für welchen guten Rath ihn Herr Pecksniff mit Schimpfreden aller Art bediente. Jinkins und Gander nahmen das Uebrige auf ſich und legten ihn ſo gemächlich wie möglich auf ſein Bett nieder, räumten auch alsbald das Gemach, als ſie zu bemerken glaubten, daß er ſchlafen wolle. Ehe ſie aber noch den erſten Treppenabſatz erreicht hatten, erſchien die geſpenſtige Erſcheinung des Herrn Pecksniff in ſelt⸗ ſamem Aufzuge und unſicherer, ſchwankender Haltung an der oberſten Bruſtwehr der Treppe, und der gute Mann wollte, wie es ſchien, ſie über ihre Anſichten vom menſch⸗ lichen Leben und Weſen examiniren. „Meine lieben Freunde!“ rief ihnen Herr Pecksniff nach, indem er über die Bruſtwehr herunterblickte,— „laſſen Sie unſern Geiſt uns durch gegenſeitige Prüfung und Beſprechung veredeln! ſprechen wir zunächſt über Moral, laſſen Sie uns zuerſt das Leben in's Auge faſ⸗ ſen!— wo iſt Jinkins?“ „Hier,“ verſetzte dieſer Herr,—„begeben Sie ſich wieder zu Bette!“ „Zu Bette?“ rief Herr Pecksniff voll Entrüſtung— „zu Bette? das iſt die Rede eines Faulenzers, und mir iſt, als höre ich ihn ſich beklagen:„Ihr habt mich zu früh geweckt, ich muß wieder einſchlummern. Wenn ir⸗ gend eine junge Waiſe den Reſt dieſes einfachen Stück⸗ chens aus Herrn Doktor Watts's Sammlung recitiren will, ſo bietet ſich jetzt die beſte Gelegenheit dazu.“ Es zeigte ſich jedoch Niemand hiezu erbötig.„Es iſt ein höchſt beruhigender Umſtand,“ fuhr Herr Pecks⸗ niff nach einer Pauſe fort;—„zumal unter ſolchen Um⸗ ſtänden iſt es höchſt erbaulich; es iſt kühl und erfriſchend, zumal für die Beine! Sehen Sie, meine werthen Freunde, die Beine des menſchlichen Körpers ſind ein ausgezeichnetes, wunderſchönes Kunſtwerk. Vergleichen Sie ſte mit hölzernen Beinen und beobachten Sie den Unterſchied zwiſchen der Anatomie der Natur und der Boz, Chuzzlewit. II. 4 3 50⁰0 Anatomie der Kunſt,— wiſſen Sie wohl?“ fuhr Herr Pecksniff über das Geländer gelehnt fort, und erinnerte ſich dabei ſeltſamerweiſe des vertraulichen Tones, den er zu Hauſe gegen neue Zöglinge anzuſtimmen pflegte, „daß ich höchſt begierig wäre, Frau Todgers Anſichten über ein hölzernes Bein zu hören, wenn ſie ſich dazu, bereit finden ließe?“ Da es rein unmöglich ſchien, nach dieſer Rede von Herrn Pecksniff noch etwas Vernünftiges zu hoffen, begaben ſich Herr Jinkins und Herr Gander wieder die Treppe hinauf und brachten ihn zum zweiten- male zu Bette. Sie hatten indeß auf dem Rückwege kaum das zweite Stockwerk wieder erreicht, ſo war er ſchon wieder auf den Beinen, und eine Wiederholung ihres Verfahrens hatte ebenfalls keinen andern Erfolg, indem er ſchon wieder aufgeſtanden war, als ſie ihm kaum den Rücken gekehrt hatten. Mit einem Wort, ſo oft ſie ihn in ſein eigenes Zimmer brachten und ihn auf ſein Bett legten, ſtürzte er wieder heraus und wußte jedesmal von Neuem irgend eine moraliſche Phraſe an den Tag zu fördern, die er ununterbrochen, mit unend⸗ lichem Wohlgefallen und einem unwiderſtehlichen Drange, den nichts unterdrücken konnte, zur Veredlung ſeiner Mit⸗ menſchen beizutragen, über das Geländer herunter rief. Als ſie ihn etwa zum dreißigſten Male zu Bette gebracht hatten und zwar ſtets unter denſelben Umſtänden, hielt ihn Herr Jinkins feſt, während ſein Begleiter herun⸗ ter kam, um ſich nach Bailey junior umzuſehen, welch' letzteren Gander mit ſich herauf brachte. Beſagter Jüng⸗ ling nun war höchſt aufgeräumt, da ihm über das Amt, welches ihm hier oben übertragen wurde, keinerlei Zwei⸗ fel obwalten konnte— er ſchaffte ſich einen Stuhl, eine brennende Kerze und ſein Nachteſſen herbei, um vor der Thüre des Schlafzimmers Wache zu halten und ſich dabei auf beſt mögliche Weiſe gütlich zu thun. Als er ſeine Vorbereitungen vollendet hatte, wurde Herr Pecks⸗ niff in ſeine Stube eingeſchloſſen und der Schlüſſel von außen im Schloſſe gelaſſen. Man empfahl dem jungen ——————— 51 Pagen noch an, auf Symptome eines Schlaganfalls doch ja ein wachſames Auge zu haben und falls ſich ein derartiger Unfall ergeben ſollte, augenblicklich unten Hülſe zu ſuchen— worauf denn Herr Bailey ganz be⸗ ſcheidentlich erwiderte: „Er wiſſe hoffentlich im Allgemeinen, wie viel Uhr es ſey, und ſchmeichle ſich nicht umſonſt, die Briefe an ſeine Verwandten von Todgers's Speifehaus aus datiren zu können.“ Zweites Kapitel. Das mancherlei ſeltſame Gegenſtände enthält, von denen viele Er⸗ eigniſſe in dieſer Geſchichte ihrer guten oder böſen Wirkung nach 1 abhängen mögen. Herr Pecksniff ſollte ja rein in Geſchäftsſachen nach der Stadt gekommen ſeyn. Hatte er dieß vergeſſen? Wollte er ſtets mit Todgers's luſtigen Inſaſſen ſeinem Vergnügen nachgehen, ohne der ernſten Rückſichten zu gedenken, die, welcher Art-ſie auch ſeyn mochten, eine ruhige bequeme Ueberlegung in Anſpruch nahmen? Kei⸗ neswegs.— 3 Das Sprichwort ſagt: Zeit und Fluth warten auf Niemand, die ganze Menſchheit muß vielmehr auf Zeit und Fluth warten; diejenige Fluth, mit deren Einbruch Seth Pecksniff in den Hafen einlaufen ſollte, war in der Schreibtafel dieſes Mannes vorgemerkt und konnte nun nicht mehr lange auf ſich warten laſſen. Kein mü⸗ ßiger Pecksniff zogerte, der ſchnelle wechſelnden Strö⸗ mung uneingedenk tief im Binnenlande, ſondern der würdige Mann ſtund vielmehr hier an der Küſte bereits bis über die Schuhe im Waſſer und war darauf vorbe⸗ reitet, ſogar im Schlamme fortzuwaten, ſobald er ſich dem Ziele ſeiner Hoffnungen nähern konnte. 4 Das unumſchränkte Zutrauen ſeiner beiden Töchter war in der That höchſt löblich und erhaben; ſte hegten ein ſo feſtes Vertrauen in das Weſen ihres Vaters, daß ſie ſich überzeugt fühlten, er werde in all' ſeinem Thun und Laſſen ſeinen Plan feſt in's Auge faſſen und unwandelbar darauf zuſchreiten. Daß der edle Zweck und Gegenſtand ſeines Strebens nur ſein eigenes Ich war, worin ſie ſelbſt faſt nothgedrungen mit einge⸗ ſchloſſen waren, wußten ſie nur allzugut, und der Ge⸗ horſam dieſer Mädchen war daher tadellos vollkommen. Was ihr kindliches Vertrauen noch rührender er⸗ ſcheinen ließ, war, daß ſie gerade in gegenwärtigem Falle von den eigentlichen Abſichten ihres Vaters gar nichts Beſtimmtes wußten. Das Einzige was ſie von ſeinem Thun und Laſſen erfuhren, war, daß er ſtets am früheſten Morgen nach dem erſten Frühſtück ſich auf's Poſtamt begab und nach Briefen fragte. War dieſem Zwecke entſprochen, ſo war ſein Tagewerk beendigt und er befand ſich nun wieder in unumſchränkter Herrſchaft und Verfügung über ſeine Zeit, bis der Sonnenaufgang eines neuen Tages abermals die Ankunft eines Poſtwa⸗ gens verkündete. Dieß dauerte vier bis fünf Tage an, bis eines Mor⸗ gens Herr Pecksniff in athemloſer Eile zurückkehrte, die an ihm um ſo befremdlicher erſchien, weil er ſonſt ſo ruhig war; er mußte mit ſeinen Töchtern eine ganz beſonders wichtige Verabredung zu treffen haben, da er ſich unmittelbar darauf zwei volle Glockenſtunden mit ihnen einſchloß und eine geheime Conferenz mit ihnen hielt; von allem, was in der Zwiſchenzeit mit ihnen vorgieng, ſind nur folgende Worte aus Herrn Pecksniffs Munde bekannt geworden: „Auf welche Weiſe dieſer plötzliche und bedeutende Wechſel mit ihm vorgegangen iſt— falls ein ſolcher wie ich hoffe, wirklich ſtatt gefunden hat— wollen wir nicht erſt lange zu ermitteln ſuchen. Seht meine lieben Kinder, ich habe bereits meine eigenen Anſichten darüber, 53 allein ich halte es nicht für gerathen, ſie jetzt mitzutheilen; inzwiſchen reicht es hin, wenn wir nicht ſtolz, unnach⸗ giebig, oder unverſöhnlich ſeyn werden; bedarf er un⸗ ſerer Freundſchaft, ſo wollen wir ſie ihm gewähren, denn wir kennen hoffentlich unſere Pflicht.“...... Am Mittag deſſelben Tages ſtieg ein alter Herr vor dem Poſtamte aus einer Miethkutſche, nannte ſeinen Namen und fragte nach einem für ihn beſtimmten Briefe, der poste restante angekommen ſeyn mußte. Er war ſchon mehrere Tage lang hier gelegen und die Adreſſe trug nicht nur Herrn Pecksniffs Hand, ſondern der Brief war noch überdieß mit Herrn Pecksniſf's Siegel verſehen. Das Schreiben war ſehr lakoniſch abgefaßt, indem es in der That nichts Anderes enthielt als eine Adreſſe, welcher Herr Pecksniff die Verſicherung ſeiner ehrerbie⸗ tigen, aufrichtigen und trotz alles Vorangegangenen hoͤchſt wohlwollenden und liebevollen Hochachtung beigefügt hatte. Der alte Herr riß die bezeichnete Adreſſe von dem Briefe ab, händigte ſie dem Kutſcher ein, gab die Fetzen des Briefes dem Winde Preis und hieß jenen, ſo ſchnell wie möglich nach der auf dem Papier bezeich⸗ neten Behauſung hinzufahren. Dieſem Befehle gemäß wurde er nach dem Monument hingebracht, wo er aus⸗ ſtieg, das Fuhrwerk verabſchiedete und ſich vollends zu Fuße nach Todgers's Herberge begab. Wenn auch ſein Antlitz, ſein Aeußeres, ſein Gang und ſelbſt die energiſche Kraft, womit der alte Mann ſich auf ſeinen ſtarken Stock lehnte, auf einen nicht leicht zu erſchütternden Entſchluß und auf eine Conſe⸗ quenz hindeuteten, die in früheren Tagen der Folter Trotz geboten und dieſem ſchimpflichſten Tode friſche Le⸗, benskraft entgegengeſetzt haben würde, ſo lag doch in ſeinem Weſen eine Art von Zaudern und ſein Geiſt ſchien ſich gegen den Gedanken eines ſolchen Stelldichein ſo ſehr zu ſperren, daß er das Haus, welches er auſſuchte, eher zu vermeiden ſchien und auf dem kleinen Kirchhof in der Nähe, der eben jetzt von einem ſchmalen Strei⸗ 7 54 fen Sonnenlicht vergoldet wurde, unſchlüfſig auf und ab⸗ gieng. Der Umſtand, daß dieſe müßigen Haufen Erde ſich mitten unter dem geſchäftigſten Geräuſche des Le⸗ bens befanden, mochte einen Eindruck auf ſein Gemüth machen, der ſein Zaudern noch ſteigerte, denn er ſchritt hier auf und nieder und weckte durch ſeinen Spazier⸗ gang das Echo des Platzes, bis die nahe Kirchthurmuhr, welche ſeit Beginn ſeines Spaziergangs ſchon zum Zwei⸗ tenmal Viertel ſchlug, ihn plötzlich aus ſeinem Nach⸗ denken empor ſchreckte. Er ſchüttelte ſeine Unſchlüſſig⸗ keit von ſich wie der Ton der Glocke die umgebende Luft, ſchritt haſtig auf Todgers's Speiſehaus zu und pochte an der Thüre. Herr Pecksniff ſaß eben in dem kleinen Privatſtübchen der Wirthin und der fremde Gaſt betraf ihn über der Lectüre eines ausgezeichneten theologiſchen Werkes— ein Umſtand, worüber ſich Herr Pecksniff entſchuldigen zu müſſen meinte. Auf einem kleinen Tiſchchen daneben ſtand Wein und Kuchen— aus reinem Zufall, wie Herr Pecksniff zu bedenken gab,— denn er verſicherte, bereits alle Hoffnung auf den Beſuch ſeines Freundes aufgegeben zu haben und eben im Begriff geweſen zu ſeyn, mit ſeinen Kindern dieſe einfache Erfriſchung ein⸗ zunehmen, als der fremde Gaſt an der Thüre pochte. „Ihre Töchter befinden ſich doch wohl?“ hub der alte Martin an und legte Hut und Stock ab. Herr Pecksniff bemühte ſich ſeine väterliche Rührung zu verbergen, als er eine bündige bejahende Beantwor⸗ tung abgab. Sie ſeyen gute Mädchen— äußerſt gute Mädchen.— Er könne es nicht über ſich gewinnen, Herrn Chuzzlewit zu veranlaſſen, daß er ſich des Lehnſtuhls be⸗ diene oder die Zugluft der Thüre vermeide, indem er fürchten müßte, ſich durch einen ſolchen wohl gemeinten Vorſchlag dem ungerechteſten Verdachte auszuſetzen. Er wolle ſich deshalb mit der Andeutung begnügen, daß ſich ein Lehnſtuhl im Zimmer befinde und die Thüre nichts weniger als luftdicht ſey, welch letztere Unvollkommen⸗ 5⁵ heit, wie er hinzuzuſetzen wage, in alten Häuſern ſehr häufig zu finden ſey.— Der alte Mann ließ ſich in dem Lehnſtuhl nieder und hub nach kurzem Stillſchweigen an: „Ich muß mich nun bei Ihnen zunächſt bedanken, daß Sie auf meine Bitte, die Ihnen doch gar keine nähere Erläuterung geben konnte, ſo ſchnell und unbe⸗ dingt nach London kamen, natürlich nur auf meine Koſten, wie ich kaum hinzuzuſetzen brauche.... „Auf Ihre Koſten, beſter Sir!“ rief Herr Pecks⸗ niff im Tone höchſter Ueberraſchung. „Bah!“ ſagte Martin mit einer ungeduldigen Hand⸗ bewegung;—„es iſt nicht meine Gewohnheit, meine— nun ja! meine Verwandten— in perſönliche Unkoſten zu verſetzen, wenn ſie meinen Launen ſich fügen ſollen.“ „Ihren Launen, beſter Sir?“ rief Herr Pecksniff. „Je nun,“ meinte der alte Mann;—„es iſt freilich bei dieſer Gelegenheit kaum das paſſende Wort, wie ich ſelber zugeben muß— Sie mögen diesmal Recht haben.“ Herr Pecksniff fühlte über dieſe Worte aus Gründen, über die er mit ſich ſelbſt nicht klar zu werden wußte, eine höchſt wohlthuende innere Befriedigung. „Sie haben Recht,“ wiederholte Martin;— nes iſt diesmal keine Laune, ſondern auf reifliche Ueberlegung, auf erwieſene Thatſachen und kaltblütige beſonnene Ver⸗ gleichung gebaut, was bei Launen nie der Fall iſt. Zu⸗ dem habe ich mich nie viel mit Launen abgegeben, wie ich Sie wohl verſichern kann.“. „Davon bin ich vollkommen überzeugt,“ verſetzte Herr Pecksniff. „Wie können Sie das ſchon im Voraus wiſſen?“ fragte der Andere raſch;—„Sie ſollen es ja jetzt erſt kennen lernen und können es erſt in Zukunft behaupten und erhärten. Sie und die Ihrigen werden erſt finden, daß ich höchſt conſequent bin und mich nicht ſo leicht von meinem Zweck abbringen laſſe. Hören Sie?“ „Vollkommen,“ entgegnete Herr Pecksniff. „Ich bedaure ſehr,“ ſuhr Martin fort, indem er bei 56 dieſen langſam und wohlerwogen ausgeſprochenen Worten . „Herrn Pecksniff feſt in's Auge ſah;„ich bedaure ſehr, daß je zwiſchen uns Beiden eine Unterredung ſtattfinden mußte, wie diejenige, welche wir bei unſerm letzten Zuſammentreffen pflogen. Es thut mir leid, daß ich Ihnen bei jener Ge⸗ legenheit meine damaligen Anſichten ſo ſchonungslos und offen mittheilte. Was ich Ihnen jetzt mitzutheilen habe, und die Abſichten, welche ich jetzt in Betreff Ihrer Fa⸗ milie hege, ſind von jenen ganz verſchieden; verlaſſen von Allen, in die ich je mein Vertrauen geſetzt habe, getäuſcht und betrogen von Allen, bei denen ich je Hülfe und Un⸗ terſtützung hätte finden ſollen, flüchte ich mich nun zu Ihnen, und bitte um ein Aſyl. Ich hoffe in Ihnen einen Verbündeten zu treffen, ich hoffe Sie mir durch Bande des Intereſſes und verſchiedener Hoffnungen von der Zu⸗ kunft zu verbinden, und“— auf dieſe Worte legte er ganz beſondern Nachdruck, obwohl Herr Pecksniff ihn inſtändig bat, ihrer nicht Erwähnung zu thun,—„und mir zu helfen, die Folgen der allerſchlechteſten Art von Gemein⸗ heit und Heuchelei und Heimtücke an den geeigneten Häuptern heimzuſuchen.... „Mein edler Herr!“ rief Herr Pecksniff und haſchte nach der ausgeſteckten Hand des Andern,—„Sie mit Ihren würdigen grauen Haaren wollten es bereuen, un⸗ würdige Gedanken über mich gehegt zu haben?“ „Neue iſt das Gemeingut und die natürlichſte Eigen⸗ ſchaft grauer Haare,“ rief Martin,— und ich erfreue mich auch mit der ganzen übrigen Menſchheit, endlich meinen Antheil an dieſem allgemeinen Erbgute erhalten zu haben. Genug hievon, ich bedaure, Sie ſo lange von mir geſtoßen zu haben; hätte ich Sie früher kennen gelernt, wäre ich Ihnen fruͤher ſo begegnet, wie Sie es in vollem Maße verdienen, ſo wäre ich wohl ein glücklicherer Menſch ge⸗ weſen.“ Herr Pecksniff ſchlug ſeine Augen zur Decke empor und faltete in einer Art Verzuckung die Hände. „Wie verhäͤlt es ſich mit Ihren Tochtern?“ fuhr Mar⸗ 57 tin nach einer kurzen Pauſe fort;—„leider kenne ich ſie nicht; gleichen ſie vielleicht Ihnen?“ „In der Naſe meiner ältern und dem Kinn meiner jüngern,“ verſetzte der Wittwer,—„ſcheint ihre nächſte und heiligſte Verwandte, d. h. nicht ich, ſondern ihre ſelige Mutter wieder aufzuleben.“ „Ich meine nicht eine perſönliche, ſondern eine moraliſche Aehnlichkeit mit Ihnen!“ verſetzte der alte Mann. „Es ziemt ſich nicht für mich, hierüber ein Urtheil zu fällen,“ entgegnete Herr Pecksniff mit mildem Lächeln; „ſo viel iſt gewiß, Sir, daß ich mein Beſtes an Ihnen gethan habe.“ „Ich möchte doch auch ihre perſönliche Bekannt⸗ ſchaft machen,“ ſagte Martin;—„ſind ſie vielleicht in der Nähe?“ Ja das waren ſie in der That, denn ſie hatten in allem Ernſte vom Beginn der Unterredung an bis auf dieſen Augenblick, wo ſie ſich natürlich eilends zurückziehen mußten, an der Thüre gehorcht. Als Herr Pecksniff die Zeichen ſeiner Schwäche aus den Augen gewiſcht und den Mädchen dadurch Zeit gegönnt hatte, das obere Stock⸗ werk zu erreichen, öffnete Herr Pecksniff die Thüre und rief im mildeſten Tone in den Flur hinaus: „Wo ſeyd Ihr denn, meine lieben guten Herzchen?“ „Hier, beſter Papa!“ erwiederte Charity im folg⸗ ſamſten Tone aus der Entfernung. 1 „Sey ſo gut und komm in's Hinterſtübchen her⸗ über, liebes Kind, und bringe auch Dein liebes Schwe⸗ ſterchen mit Dir!“ rief Herr Pecksniff hinauf. „Schön, beſter Papa!“ rief Mercy und beide kamen, da ſie der leibhaftige kindliche Gehorſam waren, alsbald ſingend die Treppe herab. Die beiden Miß Pecksniffs äußerten ein maßloſes unübertreffliches Erſtaunen, als ſie einen Fremden bei dem lieben Papa fanden; nichts konnte ihre ſtumme Be⸗ troffenheit übertreffen, als der liebe Papa ihnen in dem 58 fremden Herrn den alten Herrn Chuzzlewit vorſtellte, den ſie nun zum erſtenmale als einen entfernten Ver⸗ wandten kennen lernten; als er ihnen aber vollends mittheilte, daß er nun mit Herr Chuzzlewit auf dem beſten Fuße ſtehe und daß ihm Herr Chuzzlewit ſo viel Liebes und Gutes mitgetheilt habe, daß er im innerſten Herzen davon gerührt ſey, da entſtrömte dem Mund der beiden Miß Pecksniffs in einem Athem der Ausruf: „Dem lieben Gott ſey Dank dafür!“ und beide fielen dem alten Mann um den Hals; und als ſie ihn mit ſo inbrünſti⸗ ger Liebe geküßt hatten, daß man ſie füglich gar nicht in Worte faſſen kann, ſtellten ſie ſich nun gar neben ſeinen Stuhl und beugten ſich über ihn hernieder, als gewähre es ihnen eine wahrhaft überirdiſche Freude, ihm alle ſeine Bedürfniſſe und Wünſche an den Augen abzuſehen und ihn für den Abend ſeines Lebens mit all der Liebe zu überhäufen, die ſie von Kindheit an ihr ganzes Leben lang an ihn verſchwendet haben würden, wenn er— der liebe, gute, kurzſichtige Starrkopf!— ſich nur ge⸗ neigt gezeigt haben würde, dieſe koſtbare Opfergabe ſich zu Nutze zu machen! Der alte Herr heftete ſeine Blicke aufmerkſam bald auf die eine, bald auf die andere von ihnen, und blickte dann zu wiederholten Malen prüfend auf Herrn Pecksniff. Der Zufall wollte es, daß ſein Auge gerade dem züchtig und beſcheiden ſich ſenkenden Blicke des Herrn Pecksniff begegnete, das ſeither mit einem frommen Aus⸗ druck gen Himmel geheftet geweſen war und etwas von jenem Zuſtande hatte, den die Poeſte von Jahrhunderten einem gewiſſen Hausvogel zugeſchrieben hat, wenn er mitten unter den Schrecken und der verheerenden Wuth eines Gewitters ſeinen letzten Athemzug aushaucht,— als Herr Martin Chuzzlewit die Frage an ihn that: „Wie heißen denn die beiden Mädchen?“ Herr Pecksniff nannte ihm ihre Namen und ſetzte faſt haſtig— mit einer Art Rückſicht auf beliebige teſta⸗ mentariſche Gedanken, die der alte Martin insgeheim 4 59 hegen mochte, würden Herrn Pecksniffs Verleumder geſagt haben,— hinzu:„Vielleicht würde es gerathener ſeyn, meine lieben Kinder, wenn Ihr für unſern gütigen Freund hier Eure Namen niederſchriebet. Eure demüthigen Autogra⸗ phen haben zwar keinen innern Werth, allein Zuneigung möchte ſie vielleicht zu ſchätzen wiſſen.“ „Meine Zuneigung,“ verſetzte der alte Mann,„ſoll ſich den lebenden Originalien zuwenden. Bemüht Euch nicht, meine guten Mädchen! ich werde Euch nicht ſo bald vergeſſen, daß ich ſolcher Erinnerungsmittel nöthig hätte. Charity und Merey!“ „Vetter!“ rief Herr Chuzzlewit ſeinem Freunde zu. „Sir?“ fragte Herr Pecksniff lebhaft. „Pflegen Sie denn niemals zu ſitzen?“ fragte der alte Martin. 3 „O ja!— doch— zuweilen wohl, Sir,“ verſetzte Herr Pecksniff, der die ganze Zeit über ſtehend verbracht hatte. „Wollen Sie ſich nicht niederlaſſen?“ fuhr Martin fort. „Wie mögen Sie nur fragen, ob ich Etwas thun will, was Sie wünſchen?“ verſetzte Pecksniff und ließ ſich alsbald in einen Stuhl nieder. „Sie hegen viel Zutrauen, und meinen es gewiß gut,“ ſprach Martin;—„allein ich fürchte, Sie wiſſen noch nicht, was es um die Stimmung eines alten Man⸗ nes iſt. Sie wiſſen ſicher noch nicht, was dazu gehört, ihm das, was er wünſcht und was er nicht will, an den Augen abzuleſen, ſich ſeinen Vorurtheilen anzubequemen, — ſeinen Wünſchen, welcher Art ſie auch immer ſeyn mögen, Folge zu leiſten, ſeinen Unmuth und Eiferſucht, ſein Mißtrauen und ſeinen Haß mit Nachſicht zu tragen und doch ſtets einen gewiſſen Eifer und eine Dienſtwil⸗ ligkeit gegen ihn an den Tag zu legen. Wenn ich er⸗ wäge, mit wie manchfachen Fehlern dieſer Art ich be⸗ haftet bin, und in Erinnerung an das Unrecht, das ich Ihnen neulich in Gedanken gethan habe, bedenke, zu welch ungeheurem Frevel ſie ſich zuweilen ſteigern, ſo 60 kann ich es kaum wagen, Ihre Freundſchaft für mich in Anſpruch zu nehmen!“ „Mein beſter, würdiger Herr!“ verſetzte ſein Ver⸗ wandter,„wie mögen Sie nur auf ſo ſchmerzliche Weiſe für mich reden? Was war denn natürlicher, als daß Sie um meinetwillen ein kleines Verſehen begingen, nachdem Sie in jeder andern Beziehung ſo ſehr in Ihrem Rechte waren und ſo betrübende und unläugbare Gründe hatten, von einem Jeden, der in Ihre Nähe kam, nur das Schlimmſte zu denken?“ „Ich muß geſtehen,“ erwiderte der Andere,„daß Sie ſehr viele Nachſicht gegen mich an den Tag legen!“ „Ich und meine Mädchen,“ fuhr Herr Pecksniff mit ſteigender Demuth und Zuvorkommenheit fort,„pflegen ſtets zu ſagen, daß während wir das Gewicht unſeres Unglücks, mit gemeinen Miethlingen verwechſelt zu wer⸗ den, beklagten, wir uns doch darüber nicht wundern könnten;— Ihr erinnert Euch doch noch, liebe Kinder?“ „Ei wohl, noch recht lebhaft! Sie haben es uns ja mehr als tauſendmal wiederholt.“ „Wir ließen nie ein Wort der Klage hören,“ fuhr Herr Pecksniff fort,„nur erkühnten wir uns gelegentlich mit dem Sprichwort uns Troſt einzureden, daß die Wahr⸗ heit am Ende doch noch obſtegen und die Tugend trium⸗ phiren müſſe. Oft geſchah es indeß nicht. Erinnert Ihr Euch noch, liebe Kinder?“ Sie ſollten ſich nicht erinnern, wie mochte er daran nur zweifeln? Beſter Papa, wie ſonderbar und über⸗ flüſſig waren doch ſolche Fragen. „Als ich Ihnen damals,“ fuhr Herr Pecksniff mit noch größerer Demuth fort—„in dem kleinen anſpruchs⸗ loſen Dörflein begegnete, das wir unſern Wohnſitz zu nennen uns erkühnen, ſagte ich Ihnen ja gleich, beſter Sir: Sie irrten ſich in mir, und mehr habe ich, wie ich glaube, nicht zu behaupten gewagt....“ „Nicht doch,“ entgegnete Martin, der eine Weile mit verhüllten Augen dageſeſſen hatte und nun erſt wieder n 61 emporblickte.—„Nicht doch, Sie ſagten noch weit mehr, das im Verein mit andern Umſtänden, die zu meiner Kenntniß gekommen ſind, mir die Augen öffnen mußte. Sie verwandten ſich bei mir aufs uneigennützigſte zu Gunſten eines Gewiſſen— je nun, ich brauche Ihnen nicht namhaft zu machen, Sie wiſſen ſchon, wen ich meine!“ Herrn Pecksniff's Angeſicht drückte die anmuthigſte Verwirrung aus, als er ſeine heißen Hände zuſammen⸗ preßte und voll Demuth erwiderte:„Ich kann Sie verſichern, beſter Sir, daß es in der uneigennützigſten Abſicht geſchah.“ „Ich weiß das,“ verſetzte der alte Martin in ſeiner gewöhnlichen ruhigen Weiſe,„ich bin davon überzeugt und habe mich ſchon mehrfach darüber ausgeſprochen. Es war eben ſo uneigennützig von Ihnen, daß Sie jene Horde von Harpyen mir vom Halſe ſchafften und dadurch beinahe ſelbſt ihr Schlachtopfer wurden. Die Mehrzahl der andern Menſchen würde kaltblütig zugeſehen haben, wie ſie ſich ſelbſt in ihrer ganzen Raubgier gezeigt hätten, um dadurch auf den Zweck hinzuwirken, durch den Gegenſatz in meiner Achtung zu ſteigen. Sie hegten ein Mitgefühl für mich und lenkten jene Rotte von mir ab, wofür ich Ihnen zum höchſten Danke verbunden bin. Wiewohl ich den Ort verließ, habe ich doch, wie Sie ſehen, zu erfahren gewußt, was hinter meinem Rücken vorging.“ „Sie machen mich ganz betroffen, Sir!“ rief Herr Pecksniff, der diesmal wahr redete. „Meine Kenntniß von Ihrem Thun und Laſſen be⸗ ſchränkt ſich nicht einmal auf dieſen Umſtand, ich weiß, daß Sie einen neuen Hausgenoſſen unter Ihrem Dache haben.“ „Allerdings, beſter Herr,“ verſetzte der Architekt ge⸗ ſchmeidig,—„das iſt dermalen der Fall.“ „Er muß es verlaſſen!“ ſagte Martin. „Wollen Sie ihn wieder zu ſich nehmen?“ fragte Herr Pecksniff und gab ſich bei dieſer Frage Mühe, ſeine Stimme von einer gewiſſen Rührung erzittern zu laſſen. „Nicht doch,“ verſetzte der alte Mann,—„er mag 62 anderswo ein Obdach ſuchen, wo man ihm Eins gewäh⸗ ren will. Er hat Sie zu hintergehen gewußt.“ „Ich will nicht hoffen!“ ſprach Herr Pecksniff mit ha⸗ ſtiger Entrüſtung;—„nein, Sir, das kann ich kaum glau⸗ ben. Ich war dem jungen Manne ſo von Herzen gut, daß ich unmöglich den Argwohn hegen kann, er habe ſich durch einen Betrug aller Anſprüche an mein Zu⸗ trauen begeben. Ein Betrug, mein lieber Herr Chuzzle⸗ wit, müßte ohnedies ſeinem Aufenthalt in meinem Hauſe ein Ende machen. Die Wahrheit geht mir über Alles, und ließe ſich der Betrug erweiſen, ſo würde ich mich für verpflichtet erachten, ihn augenblicklich aus meinem Hauſe zu weiſen.“. Der alte Herr blickte vergnügt ſeinen beiden ſchönen Nachbarinnen und vorzugsweiſe der hübſchen Miß Mercy in's Geſicht, für welche er eine größere und innigere Theilnahme an den Tag legte, als er ſeither auf ſeinem Antlitz entfaltet hatte. Sein Auge kehrte wieder zu Herrn Pecksniff zurück, als er mit höchſt ruhigem Tone die Frage that:„Sie wiſſen wohl ſchon, daß der junge Burſche ſich höchſt eigenmächtig verlobt hat?“ „Ei du lieber Gott!“ rief Herr Pecksniff aus und ſtreifte ſich die Haare ſtarr empor und ſtarrte wild auf ſeine Töchter hin,—„das iſt ja ein höchſt frevelhaftes Beginnen!—„Sie wiſſen alſo wohl ſchon um das Faktum?“ fragte Martin weiter. „Ei, ei!“ rief Herr Pecksniff;—„er hat es doch gewiß nicht ohne Zuſtimmung und Beifall ſeines Vaters gethan, Sir?— Ich bitte Sie, beſter Sir, ſagen Sie mir das nicht! Um der Ehre der Menſchennatur willen erhärten Sie nicht durch eine Bejahung, daß Sie dies ſagen wollten!“ 3 „Ich konnte es mir wohl denken, daß er es Ihnen verſchwiegen hat,“ ſagte der alte Mann. Die Entrüſtung, welche Herr Pecksniff bei der fürch⸗ terlichen Entdeckung an den Tag legte, wurde an Hef⸗ 63 tigkeit nur etwa von dem auflodernden Unwillen ſeiner Töch⸗ ter erreicht. Wie, ſie hatten alſo eine Schlange im Bu⸗ ſen groß gezogen, hatten einem verkappten Böſewicht Dach und Fach gegeben, einem Krokodill, das verſtoh⸗ lenerweiſe ſeine Hand verlobt hatte, einem Frevler an der menſchlichen Geſellſchaft, einem bankerutten Jungge⸗ ſellen ohne Eigenthum, der unter falſchen Vorwänden mit der jungfräulichen Welt verkehrte und oh! welch ein entſetzlicher Gedanke, daß er dieſem liebevollen, ehrwür⸗ digen, zärtlichen Herrn, deſſen Namen er trug, dieſem wohlwollenden fürſorglichen Vormund Ungehorſam und Hinterliſt erwieſen!— Ihm, der mehr als Vater— der Mutter gar nicht zu gedenken— an ihm geweſen war, fürchterlich, entſetzlich! Ihn mit Schimpf und Schande aus dem Hauſe zu jagen, wäre noch eine viel zu liebevolle Behandlung geweſen. Gab es ſonſt keine andere Strafe, die man dieſem auferlegen konnte? Hatte er kein Ver⸗ brechen begangen, das ihm geſetzliche Verfolgung und Buße auf, den Hals zog? War es möglich, daß die Ge⸗ ſetze eines Landes mangelhaft genug wären, ſolche Ver⸗ gehen ungeſtraft geſchehen zu laſſen; das Ungeheuer, wie niederträchtig hatte er Sie betrogen!— „Ich freue mich über die Entdeckung, daß Sie ſo warmen Antheil an mir nehmen und meine Anſicht ſo unbebingt theilen,“ ſprach der alte Mann und ſtreckte die Hand aus, um dem Ausbruch ihres Zorns Einhalt zu thun. Ich geſtehe es Ihnen unumwunden, daß es mir Vergnügen macht, Sie ſo in Eifer gerathen zu ſehen; wir wollen inzwiſchen dieſen Punkt für abgethan erachten.“ „Nein, beſter Sir,“ rief Herr Pecksniff in edlem Grimme aus,„das können wir noch nicht, ſo lange ich na nicht mein Haus von dieſem Schandflecke gereinigt a. e.“ „Das ſoll hinterdrein geſchehen, Alles zu ſeiner Zeit,“ ſagte der alte Mann;—„ich betrachte dies als bereits geſchehen.“ 64. „Sie ſind ſehr gütig, Sir,“ verſetzte Herr Pecksniff mit bejahendem Kopfnicken;—„Ihr Urtheil über mich gereicht mir in der That zur Ehre und ich verſichere Sie, daß Sie die Sache als abgethan betrachten können.“ „Wir kommen jetzt auf einen andern Punkt,“ ver⸗ ſetzte Martin, in Beziehung auf welchen Sie ſich hoffent⸗ lich erbötig zeigen werden, mir Ihren Beiſtand angedeihen zu laſſen. Sie erinnern ſich doch noch an Marie, Better?“ „Seht, lieben Kinder, das iſt die junge Dame, deren ich gegen Euch Erwähnung that und von der ich ſagte, ſie habe mir ſo viel Theilnahme abgenöthigt!“ ſprach Herr Pecksniff zu ſeinen Töchtern;—„entſchuldigen Sie, Sir, daß ich Sie unterbrochen habe.“ „Ich habe Ihnen ja ſchon die Geſchichte dieſes Mädchens erzählt,“ verſetzte der Alte. „Ihr erinnert Euch doch noch, meine lieben Kinder, daß ich es Ihnen ebenfalls erzählt habe,“ rief Herr Pecksniff;—„es ſind ſonderbare Mädchen, Herr Chuzz⸗ lewit, ſie waren ganz gerührt davon!“ „Ei, ſeht doch!“ rief Martin augenſcheinlich erfreut darüber;—„ich fürchtete ſchon, in dieſem Falle auf einigen Widerſtand von Ihrer Seite zu ſtoßen und Sie bitten zu müſſen, daß ſte ihr um meinetwillen liebevoll begegnen: nun finde ich auf einmal, daß Sie dem armen Kinde bereits gut ſind, daß Sie keinerlei Eiferſüchtelei gegen ſie hegen;— je nun, Sie haben auch in der That gar keinen Grund dazu. Sehen Sie, meine lieben Kin⸗ der, das Mädchen hat von mir nichts zu erwarten und weiß es wohl!“ Die beiden Miß Pecksniffs zollten dieſer weiſen Einrichtung ſlüſternd ihren Beifall und gaben eine herz⸗ liche Theilnahme für den intereſſanten Gegenſtand der⸗ ſelben zu erkennen. „Hätte ich auch nur im Entfernteſten ahnen können, was zwiſchen uns hier vorgegangen iſt,“ ſagte der alte Mann gedankenvoll;—„nun iſt's freilich zu ſpät daran zu denken.— Sie würden ſie alſo im Nothfalle wohlwol⸗ 65⁵ lend aufnehmen und ihr freundlich begegnen, nicht wahr, meine jungen Damen?“ 1 4 Wo war die Waiſe, welche die beiden Miß Pecks⸗ niffs nicht an. ihrem ſchweſterlichen Buſen verehrt, ge⸗ pflegt und geliebkost haben würden! Wurde aber eine ſolche Waiſe ihrer Sorgfalt erſt durch einen Mann über⸗ antwortet, über welchen die aufgedämmte Liebe vieler Jahre von ihrer Seite ſich ergoß— welch unerſchöpf⸗ lichen Vorrath reiner Liebe wollten ſie dann erſt über ſie ausgießen! Eine Pauſe trat nun ein, während deren Herr Chuzz⸗ lewit in anſcheinender Geiſtesabweſenheit ſtier auf den Boden blickte und kein Wörtchen äußerte; da er nun offenkundig nicht wünſchen konnte, in ſeinem tiefen Nach⸗ denken unterbrochen und geſtört zu werden, beobachteten auch Herr Pecksniff und ſeine Töchter tiefes Stillſchwei⸗ gen. Während des ganzen vorangegangenen Zwieſprachs hatte er ſeinen Theil mit ſo kalter, leidenſchaftsloſer Genauigkeit geäußert, als ob er ihn ſchon hundertmal aus⸗ wendig gelernt und mühſam einſtudirt hätte. Sogar, wenn ſeine Phraſen die wärmſten und ſeine Sprache im höchſten Grade ermuthigend war, behielt er ununterbro⸗ chen und unabläſſig daſſelbe Benehmen bei, nur glühte jetzt ein heller Strahl aus ſeinem Auge und ſeine Stimme wurde ausdrucksvoller, als er aus ſeinen trüben Sinnen erwachend in die Frage ausbrach: „Wiſſen Sie wohl, was man darüber ſagen wird? Haben Sie ſchon darüber nachgedacht?“ „Wovon reden Sie?“ fragte Herr Pecksniff mit der größten Unbefangenheit.. „Von dieſer neuen Verabredung, die wir unter uns getroffen haben,“ gab Herr Chuzzlewit zur Antwort. „Herr Pecksniff blickte höchſt wohlwollend und pfiffig drein, als ſtehe er unerreichbar weit über aller irdiſchen Mißdeutung und verſetzte kopfſchüttelnd, daß vermuthlich gar mancherlei Gerede darüber an den Tag kommen werde. Boz, Chuzzlewit. II. 5 66 „Ja wohl mancherlei!“ verſetzte der alte Mann;— „man wird behaupten, das Alter habe mich zum Narren gemacht, Krankheit habe meine Stärke gebrochen, jede geiſtige Kraft ſey von mir gewichen und ich ſey kindiſch geworden. Können Sie dies ertragen?“ Herr Pecksniff meinte nun, es werde ſua unſäglich hart ſeyn, dies von ſich ſagen zu laſſen, allein er glaube doch beinahe, daß er ſo viel über ſich vermöge, wenn er nur anders den ernſten Willen dazu habe. „Andere werden vollends behaupten— ich ſpreche na⸗ türlich nur von bösartigen Leuten, die in ihren Erwar⸗ tungen und Hoffnungen getäuſcht worden ſind,“ fuhr Herr Chuzzlewit fort;—„Andere werden behaupten, Sie hätten Lug und Trug und Ränke und Schmeicheleien angewandt und ſich auf allerhand krummen Wegen in meine Gunſt eingeſchlichen— hätten ſich ſolche Con⸗ ceſſionen, heimtückiſche Handlungen, Gemeinheiten und Demüthigungen zu Schulden kommen laſſen, daß gar Nichts— und waͤre es auch die Hälfte der Welt, in der wir leben, als Erbgut— eine genügende Entſchädigung dafür gewähren könnte. Können Sie auch das ertragen?“ Herr Pecksniff verſetzte: dies werde freilich ziem⸗ lich ſchwer zu ertragen ſeyn, da es gewiſſermaßen Herrn Chuzzlewit's geſunden Menſchenverſtand in Frage ſtelle; er hege jedoch das beſcheidne Vertrauen in ſich, daß er mit Hülfe ſeines guten Gewiſſens und der Freundſchaft ieſes Herrn ſich über ſolche Schmähungen hinwegſetzen önne. „Bei der großen Maſſe der Schimpfreden und Ver⸗ läumdungen wird es nicht ſtehen bleiben,“ ſagte der alte Martin und lehnte ſich in ſeinen Stuhl zurück;„unſere Feinde werden ein Geſchichtchen erfinden, das, wie ich vor⸗ ausſehe, folgendermaßen lauten wird: Ich hätte um der ganzen Brut, die ich verachte, meine Geringſchätzung recht augenfällig an den Tag zu legen, gerade den Schlimm⸗ ſten unter ihnen auserſehen, ihn mir gehorſam gemacht ———.—:,— 2—2 —— A—————— 67 und ihn auf Koſten aller Uebrigen gehätſchelt und berei⸗ chert. Man wird ſagen, ich hätte, nachdem ich mich ver⸗ gebens nach einer Strafe umgeſehen, welche dieſe Raub⸗ vögel am allermeiſten empören, zu blutigem Haß und gluͤhendem Zorn entflammen könnte, dieſe Liſt zu einer Zeit ausfindig gemacht, wo auch das letzte Glied in der Kette dankbarer Liebe und Pflichtgefühls, das mich noch an meine Verwandſchaft band, jählings und grauſam zerriſſen worden ſey— ja ich darf ſagen grauſam, denn ich liebte ihn in der That, ich hatte ſtets mein Vertrauen in ſeine Liebe geſetzt, und es war grauſam, daß er jene Bande der Liebe zerriß, als er mir gerade am theuerſten war und daß er ſie— helfe mir Gott!— ohne die ge⸗ ringſten Gewiſſensbiſſe abſchütteln konnte, während ich mit ganzer Seele noch an ihm hing! Nun!“ ſagte der alte Mann und hielt in ſeinem leidenſchaftlichen Aus⸗ bruch ebenſo ſchnell inne, als er ſich ihm hingegeben hatte,—„beſitzen Sie noch Feſtigkeit genug, auch dies ebenfalls zu ertragen? Machen Sie ſich darauf gefaßt, daß Sie es allein tragen müſſen, und verlaſſen Sie ſich ja nicht darauf, daß ich je irgend Etwas dazu thun werde, jene höhniſchen Gerüchte zu widerlegen und Ihnen Ge⸗ rechtigkeit widerfahren zu laſſen.“ „Mein lieber Herr Chuzzlewit!“ rief Pecksniff in wah⸗ rer Ertaſe aus,—„für einen ſolchen Mann, wie Sie ſich heute mir gezeigt haben,— für einen Mann, der ſo ſchwer gekränkt, und doch ſo menſchenfreundlich und edel iſt; für einen Mann, der— ich beſinne mich nicht einmal auf einen ge⸗ eigneten Ausdruck, um Ihre Eigenſchaften zu bezeichnen— der doch zu gleicher Zeit ſo merkwürdig iſt— ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen meine wahre Meinung begreiflich machen ſoll— für einen ſolchen Mann, wie ich ihn eben beſchrieben habe— ich hoffe, es iſt keine Anmaßung, wenn ich ſage, daß ich— ich darf wohl mit voller Ueberzeugung hinzuſetzen, daß auch meine Kinder ihn von Herzen lieben, (nicht wahr, meine lieben Kinder, wir ſind hierin vollkom⸗ . 5* 68 men einverſtanden?)— für einen ſolchen Mann würde ich Alles über mich ergehen laſſen.“„Schon gut,“ verſetzte Mar⸗ tin,„Sie können wenigſtens mich nicht für die Folgen ver⸗ antwortlich machen! Wann wollen Sie nach Hauſe zurück⸗ kehren, Pecksniff?“ „So bald Sie es haben wollen, beſter Sir,“ verſetzte Pecksniff gutwillig;—„meinethalben noch heute Nacht, wenn Sie es verlangen.“. „Ich verlange Nichts, was nicht in der Ordnung wäre,“ verſetzte der alte Mann,„und ein ſolches Geſuch von meiner Seite wäre unvernünftig;— wollen Sie ſich erbötig zeigen, zu Ende dieſer Woche nach Hauſe zurück⸗ zukehren?“ Herrn Pecksniff wäre jede Zeit willkommen geweſen, wenn man ihm ſelbſt ſeinen Willen gelaſſen hätte. Seine Töchter aber, denen darum zu thun war, noch möglichſt lange den ungewohnten Reiz ſolcher Triumphe zu genie⸗ ßen, riefen alsbald:„Laſſen Sie uns am Samstag nach Hauſe reiſen, Papa.“ Martin nahm einen zuſammengefalteten Papierſchnitzel aus hünieit Taſchenbuche und reichte ihn Herrn Pecks⸗ niff hin. „Ihre Auslagen, Vetter, überſteigen vielleicht dieſen Betrag,“ ſagte er,—„falls dieß der Fall iſt, ſo laſſen Sie mich die weitere Summe meiner Schuld bei unſerem näch⸗ ſten Zuſammentreffen wiſſen. Es wäre nutzlos, wenn ich Ihnen meinen gegenwärtigen Wohnort angeben würde, denn ich habe in der That kein feſtes Obdach; ſobald ich ein ſolches habe, ſoll es Ihnen mitgetheilt werden. Sie und Ihre Töchter werden mich über kurz oder lang bei ſich ſehen, und ich brauche Ihnen wohl nicht erſt zu ſagen, daß wir über das Vorgefallene inzwiſchen reinen Mund halten. Was Sie unmittelbar nach Ihrer Heimkehr vornehmen werden, haben wir bereits miteinander verabredet; legen Sie mir niemals darüber Rechenſchaft ab, und erwähnen Sie deſſelben nie auf irgend eine Weiſe;— ich verlange 69 das als beſondere Rückſicht von Ihnen. Ich verliere ge⸗ wöhnlich nicht gerne viele Worte, Vettey! und glaube, daß nun Alles beredet iſt, was zwiſchen uns ausgemacht wer⸗ ben Kinder!....“. Die beiden Schweſtern flogen ordentlich, den werthen Verwandten zu bedienen. „Die armen Mädchen!“ fuhr Herr Pecksniff fort!— „Sie werden ihre Aufregung entſchuldigen, beſter Sir, die guten Kinder ſind die leibhaftige Empfindſamkeit. Freilich eine ſchlechte Ausſtattung für Diejenigen, die damit durch die Welt gehen ſollen! Meine jüngſte Tochter iſt faſt ſchon ſo herangereift wie meine ältere, nicht wahr, Sir?“ „Und welche iſt denn die Jüngere?“ fragte der alte Herr theilnehmend. „Merey iſt um fünf Jahre jünger,“ erwiderte Herr Pecksniff;—„wir wagen zuweilen, ſie gewiſſermaßen hübſch⸗ zu finden, Sir. Wenn ich als Künſtler ſprechen ſoll, ſo iſt mir vielleicht die Behauptung erlaubt, daß ihr Aeuße⸗ res anmuthig und tadellos iſt. Ich bin nun natürlicher⸗ weiſe,“ ſetzte Herr Pecksniff hinzu, indem er die Hände mit dem Taſchentuch rieb, und dem Vetter faſt bei jedem Worte ängſtlich in's Geſicht blickte,„ich bin nun natür⸗ licherweiſe ſtolz darauf, wenn ich mir dieſen Ausdruck er⸗ lauben darf, eine Tochter zu beſitzen, die nach dem beſten Modelle konſtruirt iſt.“ „Sie ſcheint ein lebhaftes Temperament zu haben?“ äußerte Martin. „SDu lieber Gott!“ rief Pecksniff;—„wie merkwürdig fügt ſich dies doch! Sie haben ihren Charakter mit einem einzigen Worte ſo richtig definirt, beſter Sir, als hätten Sie ſie von Kindesbeinen an gekannt. Ja, ſie hat in der That ein lebhaftes Temperament, und ich verſichere Sie, 7⁰ beſter Sir, daß ihre Munterkeit in unſerer beſcheidenen Heimath eine wahre Quelle des Vergnügens für uns iſt.“ „Darüber hege ich gar keinen Zweifel,“ erwiderte der alte Herr. 1 „Charity andrer Seits,“ fuhr Herr Pecksniff fort, „zeichnet ſich mehr durch einen offenen Kopf und ein wär⸗ meres Gefühl und tieferes Gemüth aus, wenn die Par⸗ theilichkeit eines Vaters auf Entſchuldigung für dieſe Be⸗ hauptung hoffen darf. Die lieben Kinder haben eine wun⸗ derbare Zuneigung zu einander, beſter Sir!— Vergönnen Sie mir, daß ich Ihre Geſundheit ausbringe— Ihr Wohl⸗ ſeyn!“ 3 „Vor einem Monat,“ erwiderte Martin,—„hätte ich mir noch nicht ahnen laſſen, daß ich mit Ihnen Brod brechen und Wein trinken würde.— Ihre Geſundheit, Herr Pecksniff!“ Herr Pecksniff ließ ſich durch die ungewöhnliche Haſt, mit welcher der alte Chuzzlewit dieſe Worte geſprochen hatte, durchaus nicht kränken, ſondern dankte vielmehr auf's Innigſte. „Nun laßt uns ſcheiden!“ ſagte Martin und ſetzte den Wein nieder, ohne nur recht von dem Glaſe genippt zu haben;—„guten Morgen, meine lieben Freunde!“ Der haſtige Abſchied war jedoch keineswegs zärtlich genug für die gemüthliche Zuneigung der jungen Damen, welche ihn wiederum von ganzem Herzen küßten, und ihre Zuneigung mit beiden Händen an den Tag legten;— wel⸗ chen Abſchiedsliebkoſungen ihr neugefundener Freund ſich indeß weit gutmüthiger unterzog, als ſich von einem Mann hatte erwarten laſſen, der ſich kaum einen Augenblick ſuhor ihres Vaters auf eine ſo barſche Weiſe entledigt hatte. Nach Beendigung dieſer Beweiſe von Zärtlichkeit, nahm der alte Herr einen kurzen Abſchied von Herrn Pecks⸗ niff, und entfernte ſich, mußte ſich indeß von Vater und Töchtern bis zur Thüre begleiten laſſen, wo dieſe ſtehen blieben und ihm Kußhände nachwarfen, und wahrhaft freu⸗ deſtrahlende Geſichter zeigten, bis er verſchwunden war, ——— 71 obwohl er— beiläufig geſagt— ſich nicht einmal nach ihnen umblickte, nachdem er einmal die Schwelle hinter ſich hatte.. Als ſie wieder ins Haus zurückkehrten, und ſich wie⸗ der in Frau Todgers's Stübchen allein befanden, legten die beiden jungen Damen eine ganz beſondere Heiterkeit an den Tag, maßen ſie in die Hände klatſchten und mit lautem Gelächter und mit ſchelmiſchen neckenden Mienen dem Papa in's Geſicht blickten. Dieſes Betragen war ſo gar unbegründet, und aller Rechenſchaft baar, daß Herr Pecksniff, der heute ungewöhnlich ernſt war, nicht umhin konnte, ſie zu fragen, was ſie mit dieſer Aufführung be⸗ zweckten, und ſich in ſeiner bekannten milden Weiſe an⸗ ſchickte, ihnen Vorwürfe über ein ſo leichtfertiges Beneh⸗ men zu machen. „Wenn ich im Stande wäre, auch nur den entfern⸗ teſten Grund für Eure Luſtigkeit zu errathen!“ ſagte er,— „ſo würde ich Euch nicht tadeln; da Ihr indeſſen auch nicht einen einzigen habt, ſo muß ich in der That...“ Dieſer Tadel übte ſo wenig Einfluß auf Mercy, daß ſie ihr Taſchentuch vor die roſigen Lippen halten und ſich ſelbſt in den Stuhl zurücklehnen mußte, wobei ſie eine ausnehmende Luſtigkeit an den Tag legte; dieſer Verſtoß gegen ihre Pflichten beleidigte indeß Herr Pecks⸗ niff dermaßen, daß er ſie in ſehr ernſten Ausdrücken ta⸗ delte und ihr den väterlichen Rath gab, ſich in beſchau⸗ licher Einſamkeit zu beſſern. Dieſe Ermahnung wurde in⸗ deß plötzlich durch den Lärmen ſtreitender Stimmen un⸗ terbrochen, welcher, da er von dem nächſten Zimmer ausging, ihr Ohr nothgedrungen erreichen und ſie mit dem Gegenſtand des Wortwechſels bekannt machen mußte.— 1„Das iſt mir einerlei, Frau Todgers,“ rief der junge Herr, der am Tage des Feſtmahles das jüngſte Glied der Geſellſchaft gebildet hatte;—„um Herrn Jin⸗ kins,“ fuhr er mit den Fingern ſchnippend fort—„küm⸗ 4 mere ich mich nicht ſoviel, Madame, das dürfen Sie mir glauben!“. „Ich bin davon vollkommen überzeugt,“ verſetzte Frau Todgers;—„ich weiß, Sie haben einen allzu unab⸗ hängigen Geiſt, um Jemanden nachzugeben, und thun daran auch ganz Recht. Ich kenne keinen Grund, warum Sie irgend einem Herrn einen Vorzug einräumen ſoll ten, das muß Jedermann in die Augen fallen.“ „Ich bin der Anſicht, daß man dem Kerl nicht mehr Tageslicht zugeſtehen ſollte, als wenn er ein Bullenbeißer wäre!“ rief der junge Herr in ſehr verzweiflungsvol⸗ lem Tone. Frau Todgers hielt ſich nicht lange mit Erörterung der Frage auf, ob nach den Grundſätzen der Logik ir⸗ gend ein Grund dazu vorhanden ſey, daß man ſelbſt ei⸗ nem Bullenbeißer das Tageslicht auf eine andere Weiſe zulaſſe als vermittelſt des natürlichen Canals ſeiner Au⸗ gen; ſie ſchien vielmehr die Hände zu ringen und ſeufzte uͤberlaut. „Er mag ſich vor mir in Acht nehmen,“ fuhr der jüngſte Herr fort;„ich verwarne ihn; Niemand ſoll mich zu hindern vermögen, wenn ich einmal meiner Rache den Lauf laſſe, Ich kenne einen Kollegen“— er gebrauchte die⸗ ſen familiären Ausdruck nur in der Aufregung und ver⸗ beſſerte ſich alsbald, indem er hinzufügte:—„einen vor⸗ nehmen Herrn, wollte ich ſagen, der mit ein paar Pi⸗ ſtolen— ein paar tüchtigen Puffern— ſich häufig im Scheibenſchießen übt. Zwingt man mich erſt, ſie zu bor⸗ gen und einen Freund von mir an Herrn Iinkins ab⸗ zuſenden— ſo ſollen die Zeitungen bald ein Trauerſpiel zu berichten bekommen. Soviel im Allgemeinen!“ Frau Todgers ſtöhnte abermals überlaut. „Ich habe dies lange genug ertragen,“ fuhr der jüngſte Herr fort,—„allein jetzt ſträubt ſich meine Seele dagegen und ich kann es nicht länger mit anſehen. Habe ich doch mein elterliches Haus verlaſſen, weil ich es un⸗ möglich mit meinem Innerſten vereinbaren konnte, mich 2 7³ von einer Schweſter beherrſchen zu laſſen, und glauben Sie nun, ich ſeye geneigt, ihm jetzt ein Vorrecht über mich einzuräumen? keineswegs!“ „Es iſt ſehr unrecht von Herrn Jinkins, ja ich behaupte ſogar, es iſt rein unverzeihlich von ihm, wenn er das wirklich beabſichtigt!“ entgegnete Frau Todgers. „Wenn er es beabſichtigt?“ rief der jüngſte Herr voll Entrüſtung;—„unterbricht er mich nicht ſtets und ſucht er mir nicht bei jeder Gelegenheit zu widerſprechen? Will er ſich nicht ſtets zwiſchen mich und Jedermann oder jedes Ding ſtellen, auf das er mein Streben ge⸗ richtet ſieht? Gibt er ſich nicht immer die Miene, als vergäße er mich abſichtlich, wenn er das Bier einſchenkt? Macht er ſich nicht mit ſeinen Raſirmeſſern groß, und wagt empörende Anſpielungen über Leute, die nicht nöthig hätten, ſich mehr als einmal in der Woche zu raſiren? Er mag ſich jedoch verſehen, ſonſt wird er ſich über kurz oder lang ſelbſt ziemlich kurz raſiren laſſen müſſen, dar⸗ auf gebe ich ihm mein Wort!“ 4 Der junge Herr hatte mit dieſem Schlußſatze in ſo weit unrecht, als er ihn nie Jinkins ſelbſt mittheilte, ſondern ſtets nur Frau Todgers in den Bart warf.„Indeß,“ fügte er hinzu,„ſind ſolche Gegenſtände nicht geeignet, Damen zu Ohren zu kommen; was ich Ihnen jetzt nur noch zu ſagen habe, Frau Todgers, iſt daß ich Ihnen bis nächſten⸗ Samſtag über vierzehn Tage aufkündige, und meine Zeche verlange. Daſſelbe Haus kann nicht länger mich und jenes Ungeheuer beherbergen und Sie mögen ſich glücklich genug preiſen, wenn es bis dahin ohne Blutvergießen mit uns abgeht, was ich ſelbſt noch ſehr bezweifle!“ „Du lieber Gott!“ rief Frau Todgers,—„was würde ich darum geben, könnte ich dies ungeſchehen ma⸗ chen! Wenn ich Sie verliere, Sir, ſo iſt es nicht an⸗ ders, als ob ich die rechte Hand des Hauſes verlöre. Wer iſt ſo beliebt unter den Herrn wie Sie, wen verehrt man ſo allgemein, und wem gibt man ſoviel nach! Ich hoffe, Sie werden ſich noch anders beſinnen, und wenn 74 Sie auch auf Niemand anders Rückſicht nehmen, es doch um meinetwillen nicht thun.“ „Sie haben ja noch Jinkins, Ihren Liebling, Ma⸗ dame!“ verſetzte der jüngſte Herr unmuthig;—„er kann Sie und die andern Herrn tröſten, und büßten Sie auch zwanzig Leute von meinem Schlage ein. Man verſteht mich in dieſem Hauſe nicht, man hat mich noch nie verſtanden.“ 4 „Verlaſſen Sie uns ja nicht in dieſer irrthümlichen Anſicht!“ rief Frau Todgers mit offenkundiger und ge⸗ rechter Entrüſtung;—„ich muß Sie ſehr bitten, ja meiner Anſtalt keine derartige Anklage zur Laſt zu legen. Soweit iſt's noch lange nicht gekommen! Ueber die Her⸗ ren oder über mich können Sie ſagen, was Sie wollen, allein das dürfen Sie nicht ſagen, daß man Sie in un⸗ ſerem Hauſe nicht verſtanden habe!“ „Man behandelt mich nicht mehr wie früher— man begegnet mir nicht, als ob dies der Fall wäre,“ rief der junge Herr. „Da ſind Sie in einem großen Irrthum befangen,“ verſetzte Frau Todgers in demſelben Tone;—„ich hab' es ſchon oft geſagt und viele der Herrn haben mir es be⸗ ſtätigt, daß Sie zu empfindlich ſeyen; hier liegt der Hund begraben. Sie ſind zu reizbarer Natur, allein das liegt einmal in Ihrem Temperament.“ Der junge Herr mußte huſten.„Und was nun Herrn Jinkins betrifft,“ fuhr Frau Todgers fort,„ſo muß ich Sie darauf aufmerkſam machen, wenn wir überhaupt von einander ſcheiden ſollen, daß ich Herrn Jinkins auf keine Weiſe irgend einen Vorſchub leiſte; nichts weniger als das. Es wäre mir vielmehr ſelber willkommen, wenn Herr Jinkins einen gemäßigteren Ton in meinem Hauſe führen wollte und es in Zukunft unterließe, zur Urſache des Streits zwiſchen mir und Herren zu werden, von denen ich mich weit weniger gerne trennen möchte, und die ich mit ſchwererem Herzen ziehen ließe, als ihn. Herr Jin⸗ kins iſt kein ſolcher wilder Teufel, Sir,“ fügte Frau Tod⸗ ——ͤ——.———. 7⁵ gers beſänftigend hinzu,„daß alle Rückſichten meines Pri⸗ vatgefühls und meiner Achtung vor ihm weichen müßten — geradezu das Gegentheil, darauf gebe ich Ihnen mein Wort.“ Der junge Herr ließ ſich durch dieſe und ähnliche Reden von Seiten Frau Todgers ſo ſehr beſänftigen, daß er unvermerkt allmählig ſeine Stellung mit dieſer Dame wechſelte, ſo zwar, daß ſie die beleidigte Parthie wurde und er offenbar als der Beleidiger daſtehen mußte, wobei des ſich freilich nicht um offenbare Beleidigungen, ſondern nur um den Austauſch von Complimenten handeln konnte; da ſein entſchiedenes Auftreten keinem andern Grunde zu⸗ zuſchreiben war, als der Entrüſtung ſeines erhabenen Na⸗ turells. Der junge Herr nahm daher am Ende ſeine Auf⸗ kündigung zurück und verſicherte Frau Todgers ſeiner un⸗ veränderlichen Hochachtung, worauf er ſich leichteren Her⸗ zens an ſein Geſchäft begab. „Ei du lieber Himmel, Miß Pecksniffs!“ rief Dame Todgers, als ſie das Hinterſtübchen betrat und ſich ganz müde in einen Seſſel warf, das Körbchen auf ihre Kniee ſtellte und die Hände darüber faltete;„iſt's nicht eine harte Prüfung unſeres Temperaments, wenn man einem ſolchen Hauſe vorſtehen muß? Sie haben doch hoffentlich gehört, was ſo eben zwiſchen uns vorging? Haben Sie je etwas Aehnliches erlebt?“, „Niemals,“ verſicherten die beiden Miß Pecksniffs. „Von allen lächerlichen Gelbſchnäbeln, mit denen ich je zu thun hatte,“ fuhr Frau Todgers fort,„iſt dieſer der lächerlichſte und dümmſte. Herr Iinkins ſchraubt ihn zu⸗ weilen ein Bischen, aber nicht halb ſo ſehr, als er es immer verdient. Wahrhaftig,'s iſt eine Sünde, einen Ehrenmann, wie Herrn Jinkins, auch nur in demſelben Athem mit ihm zu nennen, und doch iſt er, weiß Gott, ſo eiferſüchtig auf ihn, als ob er ſeinesgleichen wäre!“ Die jungen Damen waren von Frau Todgers Erzählung höch⸗ lich ergötzt, und vergnügten ſich beſonders auch an gewiſ⸗ ſen, für den Charakter des jüngſten Herrn bezeichnenden 76 Anekdoten, welche die Wirthin ihnen fernerhin mittheilte. Herr Pecksniff aber blickte ſehr ſtrenge und zürnend drein und hub, als ſie zu Ende erzählt hatte, mit ſehr ſalbungs⸗ voller Stimme zu fragen an: „Heda! meine gute Frau Todgers, darf ich Sie viel⸗ leicht fragen, wie viel der beſagte junge Herr zur Unter⸗ haltung dieſer Anſtalt wöchentlich beiträgt?“ „Je nun, Sir,“ verſetzte Frau Todgers,„für das, was er bekommt, bezahlt er etwa achtzehn Schillinge wöchentlich!“ „Achtzehn Schillinge wöchentlich!“ widerholte Herr Pecksniff gedankenvoll. „Ja, Sir, wenn ich eine Woche in die andere rechne, mag es etwa ſo viel betragen!“ entgegnete Frau Todgers. Herr Pecksniff erhob ſich von ſeinem Stuhl, ſchlug die Arme hinter dem Rücken übereinander, heftete einen ſehr ernſten Blick auf die Hausfrau und ſchüttelte mißbilligend den Kopf. 1 „Es war alſo wirklich Ihre Abſicht, Madame— es iſt wirklich möglich, Frau Todgers?— daß um eines ſo erbärmlichen Betrages willen, wie achtzehn Schillinge wöchentlich ſind, eine Frau von Ihrem Verſtande ſich ſo weit erniedrigen kann, wenn auch nur für Augenblicke ein doppeltes Geſicht zu zeigen?“ „Ich muß meine Siebenſachen nach Kräften beiſam⸗ men halten, Herr Pecksniff,“ ſtotterte Frau Todgers,„ich muß den Frieden unter meinen Herrn aufrecht erhalten und wo möglich meine Kundſchaft auf guten Fuß mit einander ſtellen. Der Profit iſt dermalen klimperklein.“ „Der Profit?“ rief der würdige Herr Pecksniff und legte beſondern Nachdruck auf das Wort.„Der Profit, meine liebe Frau Todgers! Wahrhaftig, Sie ſetzen mich in Erſtaunen!“ Er nahm hiebei eine ſo ſtrenge Miene an, daß Frau Todgers in Thränen ausbrach. „Der Profit?“— widerholte Herr Pecksniff—„der Proſit der Verſtellung? ei, ei! Wer wird das goldene 77 Kalb des Baal anbeten und zwar für achtzehn Schillinge wöchentlich.“ „Ou lieber Gott!“ rief Frau Todgers, indem ſie ihr Taſchentuch hervorzog,„thun Sie mir doch in Ihrer ge⸗ rechten Aufwallung nicht Unrecht, lieber Herr Pecksniff.“ „O Kalb! Kalb!“ rief Herr Pecksniff in traurigem Tone,„o Baal! Baal!— Et, ei! meine liebe Frau Tod⸗ gers! Wer wird jenes köſtliche Kleinod, die Selbſtach⸗ tung wegwerfen, und ſich vor irgend einem ſterblichen Weſen krümmen, um achtzehn Schillinge wöchentlich zu verdienen.“ Dieſe Betrachtung überwältigte und ergriff ihn ſo ſehr, daß er augenblicklich ſeinen Hut vom Rechen im Hausflur nahm und einen Spaziergang antrat, um ſeine empörten Gefühle zu beruhigen. Wer ihm auch in der Straße begegnen mochte, mußte auf den erſten Blick in ihm einen Gerechten erkennen, denn ſein ganzes Antlitz glänzte vom Bewußtſeyn der eindringlichen Predigt, die er Frau Todgers gehalten hatte. Achtzehn Schillinge wöchent⸗ lich? Dein Zorn iſt gerecht, wie dein Tadel, du unbeug⸗ ſamer, wackerer Pecksniff! Hätte es ſich um ein Ordens⸗ band oder Stern oder den Hoſenband⸗Orden gehandelt; wäre ein Landgut, das Lächeln eines Vornehmen, ein Sitz im Parlament, ein Ritterſchlag damit zu gewinnen gewe⸗ ſen; hätte es ſich um ein Amt, um Gönnerſchaft, um Partheien, um eine einflußreiche Lage gehandelt, wären achtzehntauſend oder meinetwegen auch nur achtzehnhundert Pfund auf dem Spiel geſtanden, ſo hätte man noch ein Auge zudrücken können, allein für achtzehn Schillinge wchmit ih das goldene Kalb anzubeten? Entſetzlich, fürch⸗ erlich!— 78 Drittes Kapitel. Worin ein gewiſſer Herr es ſich beſonders angelegen ſeyn läßt, einer gewiſſen Dame Aufmerkſamkeiten zu erweiſen und mancherlei zukünftige Begebenheiten ahnungsvolle Schatten ſchon zum Voraus zeigen. Es fehlten nur noch zwei bis drei Tage zu dem Zeitpunkte, wo Herrn Pecksniffs Familie Frau Todgers' 6 Gaſthaus verlaſſen ſollte und die verſchiedenen Herrn vom Handelsſtande waren ſämmtlich über die bevorſtehende Trennung höchſt niedergeſchlagen und ganz troſtlos,— als Bailey junior an einem fröhlichen Mittage vor Miß Cha⸗ rity Pecksniff erſchien, welche gerade mit ihrer Schweſter im Speiſeſaale ſaß, wo Mercey ſechs neue Taſchentücher für Herrn Jinkins ſäumte. Der Junge drückte zunächſt den frommen Wunſch aus, er wolle verdammt werden, wenn er nicht die Wahrheit berichte, und gab ſofort in ſeiner ſpaßhaften Weiſe den Damen zu verſtehen, daß ein fremder Gaſt, der ſich in dieſem Augenblick im Staats⸗ zimmer befinde, nach Miß Charity Pecksniff gefragt habe, um dieſer ſeine Aufwartung zu machen. Die Andeutung auf das Staatszimmer bewies vielleicht unter einem weit ſchlagenderen Geſichtspunkte, als durch manche lange Re⸗ den hätte geſchehen können, wie vertrauensvoll und arglos Bailey's Natur war, zumal er in allem Ernſte den Gaſt auf der Matte des Haupteingangs zum letzten Mal ge⸗ ſehen, woſelbſt er ihm mit einem kurzen Winke, daß er wohl am beſten thun würde, wenn er die Treppe hinauf ginge, der Führung ſeiner eigenen Spürkraft überlaſſen hatte. Daraus folgte nun wenigſtens offenbar die Mög⸗ lichkeit, daß der Gaſt entweder bis zum Hausgiebel hinauf⸗ kommen oder ſich vergebens Mühe geben konnte, ſich in einem Labyrinth von Schlafzimmern zurecht zu finden, da Todgers Gaſthaus geradezu zu jener Gattung von Ge⸗ baulichkeiten gehörte, worin ein Fremder ohne Lootſen ſo —— 79 ziemlich überzeugt ſeyn durfte, an einen Ort zu gelangen, wohin er am wenigſten zu kommen erwartet oder gewünſcht hatte. 1 1„Ein Herr wollte zu mir?“ rief Charity und ließ ihre geſchäftigen Hände ruhen.—„Ei du meine Güte!“ „Aha!“ ſagte Bailey,„es iſt Ihre Güte, nicht wahr? mir wären Sie wohl nicht ſo gütig, wenn ich an ſeine Stelle käme?“ Dieſe Bemerkung war ſchon an und für ſich etwas unklar, wie unſere Leſer bereits bemerkt haben werden, da ſie aber von einer Geberde begleitet wurde, die ein treues Paͤrchen, das Arm in Arm nach der Kirche des Sprengels zieht und unter Weges wechſelſeitig Liebes⸗ blicke austauſcht, bedeuten ſollte, ſo gab der junge Bur⸗ ſche damit offenbar ſeine Ueberzeugung kund, daß dem Be⸗ ſuch des fremden Gaſtes eine zärtliche Abſicht zu Grunde liege. Miß Charity wollte eine maßloſe Entrüſtung über eine ſolche unerhörte Freiheit erheucheln, allein ſie konnte ſich doch dabei eines Lächelns nicht erwehren. Der Burſch war ſicherlich ein ſeltſamer Kautz, allein ſeinem thörich⸗ ten Benehmen mochte doch immer eine gewiſſe Wahr⸗ ſcheinlichkeit und Möglichkeit zu Grunde liegen. Das war noch das Beſte daran. „Ich kenne ja aber gar keinen Herrn, Bailey!“ ſagte Miß Pecksniff,„ich bin überzeugt, Ihr habt Euch geirrt?“ Herr Bailey lächelte uͤber die offenbare Ungeräumt⸗ heit einer ſolchen Vermuthung, und maß die beiden jun⸗ gen Damen mit unbeeinträchtigter Leutſeligkeit und Hei⸗ terkeit. „Wer mag es doch ſeyn, liebe Mercy?“ ſagte Cha⸗ rity;—„iſt das nicht ſeltſam? Ich hätte wahrlich gute Luſt, ſeiner Einladung nicht zu folgen. Du mußt doch zugeben, daß das höchſt ſonderbar iſt?“ Die jüngere Schweſter gerieth offenbar auf den Ein⸗ fall, dieſe Appellation an ihre Meinung verdanke ſie nichts Anderem als dem Stolz ihrer Schweſter über den ein⸗ 8⁰ getroffenen Beſuch, und Miß Charity beabſichtige damit nur ihre Ueberlegenheit geltend zu machen, und ſich an ihr dafür zu rächen, daß ſie ihr ſämmtlichen Herren vom Handelsſtande vor der Naſe weggekapert habe. Sie erwiderte daher mit ausgeſuchter Höflichkeit und Zärt⸗ lichkeit, daß es allerdings höchſt ſeltſam ſey, und daß ſie durchaus nicht begreifen könne, was für eine Abſicht die⸗ ſem Verlangen des lächerlichen Unbekannten zu Grunde liegen könne. „Ich mühe mich vergebens ab, es zu errathen,“ verſetzte Charity mit einiger Schärfe;„je nun, liebes Kind, Du brauchſt Dich indeſſen nicht darüber zu ärgern.“ „Schön Dank!“ verſetzte Mercy und ſummte ein Liedchen bei ihrer Nätherei.„Das fällt mir nicht im Schlafe ein, mein Liebchen!“ „Ich fürchte, Dir iſt der Kopf verdreht, Du thö⸗ richte Dirne!“ rief Cherry.„Da kannſt Du Recht haben, liebe Schweſter!“ verſetzte Merey mit unbeſchreiblicher Unbefangenheit,„ich habe das ſelbſt ſchon längſt gearg⸗ wöhnt! Soviel Weihrauch und anderer Rauch, ſoviel Un⸗ ſinn und was noch dazu gehört, vermöchte ja am Ende ſogar auch einem ſtärkeren Geiſte als ich, den Kopf zu verdrehen. Was für ein Troſt muß es für Dich ſeyn, liebes Kind, daß Du Dich in dieſer Hinſicht behaglicher fühlen kannſt, und Dich nicht von dieſen unerträglichen Männern langweilen laſſen mußt? Wie greifſt Du es denn an, daß ſie Dir nicht ſo nahe kommen, Cherry?“ Dieſe unbefangene Frage hätte vermuthlich zu höchſt lebhaften Folgen geführt, wenn nicht Bailey junior die offenkundigſten Beweiſe innigen Vergnügens an den Tag gelegt hätte. Die ſpitzige Wendung nämlich, welche das Geſpräch auf's letzte genommen, hatte ſein innigſtes Er⸗ götzen ſo ſehr erweckt, daß er ſich berufen fühlte, ſich in einer Art Tanz zu ergehen, der ausnehmend ſchwie⸗ rig und nur in einem Augenblick der Extaſe auszufüh⸗ ren war, auch gemeinhin bei Tanzkundigen unter der Bezeichnung des Froſchtanzes bekannt iſt. Eine ſo leb⸗ 81 hafte Manifeſtation rief ihnen augenblicklich jene große, inhaltsſchwere Lehre in’s Gedächtniß, worin ſie aufgezo⸗ gen waren, nämlich:„Meide auch den böſen Schein!“ Sie verſöhnten ſich daher unkrwartet ſchnell, und bedeu⸗ teten einträchtig Herrn Bailey, daß wenn er ſich erfre⸗ che, beſagte Tanzfigur noch einmal in ihrer Gegenwart aufzuführen, ſie augenblicklich Frau Todgers mit der Sache bekannt machen und dieſe Dame angehen würden, eine entſprechende Züchtigung über ihn zu verhängen. Nach⸗ dem der junge Herr die bittere Zerknirſchung, worein ihn dieſer Tadel verſetzte, dadurch ausgedrückt hatte, daß er ſich anſtellte, als wiſche er ſich die heißen Thränen mit der Schürze aus den Augen und ringe alsdann einen ungeheuern Waſſervorrath aus beſagtem Kleidungsſtücke, öffnete er die Thuͤre, um Miß Charity hinaus zu laſſen, und die beſagte, Dame bereitete ſich vor, ihren myſteriö⸗ ſen Anbeter oben zu empfangen. Durch ein ſeltſames Zuſammentreffen günſtiger Um⸗ ſtände war es dem Fremden gelungen, die Thüre ans⸗ findig zu machen, welche zum Staatszimmer führte und ſaß nun in dieſem allein. „Aha Bäschen!“ rief er,„da bin ich nun, wie Sie ſehen! Was gilt's, Sie haben geglaubt, ich ſeye ver⸗ loren gegangen? Je nun, wie iſt's Ihnen in der Zwi⸗ ſchenzeit ergangen?“. Miß Charity verſicherte, ſie befinde ſich recht wohl und reichte Herrn Jonas Chuzzlewit ihre Hand. „Das iſt brav,“ verſetzte Herr Jonas,—„Sie haben ſich hoffentlich wieder von den Strapazen der Reiſe erholt. Ei ſagen Sie, wie ſteht's denn mit der An⸗ dern?“ „Meine Schweſter befindet ſich, glaube ich recht wohl,“ verſetzte die junge Dame;—„ich wüßte wenig⸗ ſtens nicht, daß ſie über Unwohlſeyn geklagt hätte, Sir. Iſt es Ihnen vielleicht gefällig, ſie ſelbſt zu beſuchen, um ſie nach ihrem Befinden zu befragen?“ Boz, Chugzlewit. II. — 4 82 „Nicht doch, Bäschen!“ gab Herr Jonas zur Ant⸗ wort und ſetzte ſich neben Charity in den Fenſterſitz;— „das eilt gar nicht ſo. Sie wiſſen,'s iſt gar keine Ge⸗ legenheit dazu da. Ei, ei, was ſind Sie doch für ein ſprödes Ding!“ 3 „Sie können doch unmöglich wiſſen, ob ich es bin oder nicht?“ erwiderte Charity. „Je nun, Sie mögen Recht haben,“ entgegnete Herr Jonas;—„was ſagt' ich doch gleich?— ach ja, Sie glaubten wohl, ich ſeye verloren gegangen? Sie haben mir noch keine Antwort darauf gegeben.“ 3 3„Je nun,“ verſetzte Charity zögernd,„ich habe überhaupt nicht mehr daran gedacht.“ „Warum nicht gar!“ rief Herr Jonas, den dieſe ſeltſame Antwort nachdenklich machte;—„hat es viel⸗ leicht die Andere gethau 25„ „Ich bin gewiß durchaus nicht im Stande, Ihnen zu ſagen, was unſere Schweſter über einen ſolchen Ge⸗ genſtand gedacht hat oder nicht!“ rief Cherry;—„ſie hat ſich niemals auf irgend eine Weiſe darüber gegen mich geäußert.“ 3 „Hat ſie nie darüber gelacht?“ fragte Jonas. „Mit Nichten,“ verſetzte Charity;—„auch nicht einmal gelacht hat ſie dießmal.“ 4 „Das Lachen macht ſie wahrhaft widerwärtig,“ ſprach Jonas, jedoch in weit tieferem Tone.—, „Je nun, ſie iſt ſehr lebhaft!“ meinte Charity. „Lebhaftigkeit iſt ein recht gutes Ding,— wenn fie kein Geld koſtet, nicht wahr?“ fragte Herr Jonas. „Sie mögen Recht haben,“ verſetzte Cherry mit ſo demüthigem Weſen, daß ſie dadurch ihrer Zuſtimmung einen wahrhaft uneigennützigen Charakter verlieh. „Sie begreifen, daß ich eine Lebhaftigkeit meine, wie die Ihrige!“ meinte Herr Jonas und ſtieß ſie zur Verſtärkung des Nachdrucks ſeiner Verſicherung mit dem Ellbogen an;—„ich wäre ſchon früher zum Beſuch zu Ihnen gekommen, allein ich kannte Ihre Wohnung enn las. ſo ung ine, zur dem ſuch ung 8³ nicht:— wie eilens Sie heute früh’ wieder davon gien⸗ gen, Miß Charity!“. „Ich mußte doch dem Wunſche unſeres Papas ge⸗ horſam ſeyn!“ verſetzte Miß Charity. „Ich wollte, er hätte mir ſeine Adreſſe gegeben,“ verſetzte ihr Vetter,—„dann hätte ich Sie doch ſchon früher ausfindig zu machen gewußt. Denken Sie ſich nur, ich hätte Sie vielleicht auch jetzt noch nicht aus⸗ findig gemacht, wäre ich dem Alten nicht heute früh auf der Straße begegnet. Blittz! er iſt ein glatter ſchlauer Burſche, gerade wie ein Kater— nicht wahr?“ „Ich muß Sie um die Gefälligkeit bitten, in Zu⸗ kunft mit mehr Rückſicht von unſerem Papa zu ſprechen, einen ſolchen Ton darf ich auch nicht einmal im Scherze zugeben,“ verſetzte Charity gekränkt. „Oho! Bäschen!“ rief Jonas,—„Sie dürfen über meinen Vater ſagen, was Sie wollen! ich gebe Ihnen volle Erlaubniß dazu. Ich denke, es kann nur flüſſiges Ungehener ſeyn, was durch ſeine Adern läuft und kein ordentliches Blut. Wie hoch ſchätzen Sie wohl das Alter meines Vaters, Bäschen!“ „Je nun, ſehr alt iſt er wohl immer, aber ein ſchö⸗ ner alter Herr,“ verſetzte Miß Charity. „Ein ſauberer ſchöner alter Herr,“ verſetzte Jonas und ſchlug dabei ärgerlich auf ſeinen Hutkopf;—„Ach! es wäre Zeit, daß er endlich einmal daran dächte, ſich noch ein Bischen ſchöner auszuſtrecken. Denken Sie ſich, er iſt ſchon Achtzig!“— „Warum nicht gar!“ rief Miß Pecksniff. „Blitz noch einmal!“ rief Jonas;—„da er nun einmal unbeeinträchtigt dieſes Alter erreicht hat, ſo ſehe ich keinen Grund ein, warum er nicht auch neunzig oder gar hundert Jahre erreichen ſollte. Nicht wahr, Schätz⸗ „-chen, ein Mann, der nur einigermaßen Gefühl oder geſunden Menſchenverſtand hat, muß ſich ſchämen, nur achtzig Jahre alt zu werden, geſchweige denn noch mehr. ¹*. 6* 84 Ich moͤchte doch wohl fragen, woher er ſeine Religion hat, wenn er auf dieſe Weiſe die Bibel Lügen ſtraft. Siebzig Jahre ſind die Grenze für jeden Mann von Gewiſſen, und wer ein ſolches beſitzen will und einiges Gefühl für das hat, was man von ihm erwartet, hat alsdann keinen Beruf mehr länger zu leben.“ Sollte ſich wohl irgend Jemand wundern, daß Herr Jonas ſich um eines ſolchen Zweckes willen auf ein ſolches Buch bezieht, zweifelte wohl irgend Jemand an der Wahrheit des alten Sprichworts, daß auch der Teufel, der doch gewiß ein Laie iſt, um ſeiner Zwecke willen die Bibel anführt? Wenn ſich Jemand die Mühe geben „ will, ſich in ſeiner Umgebung aufmerkſam umzuſehen, ſo kann er in den Begebenheiten jedes einzelnen Tages eine größere Maſſe von Beſtätigungen für dieſe Thatſachen finden als die Dampfkanone in einer Minute Kugeln ſchleu⸗ dern kann.„Soviel im Allgemeinen von unſerem Vater!“ ſagte Jonas;—„es hilft doch Nichts, wenn man ſich ſei⸗ nethalben in Aerger und Affekt hineinſpricht. Ich kam eigentlich nur hieher, um Sie zu einem Spaziergang einzuladen, Bäschen, und Ihnen einige der Sehenswürdig⸗ keiten zu zeigen; Sie ſollen alsdann mit mir nach Hauſe gehen und ein frugales Mahl genießen helfen, weil Pecksniff verſprochen hat, ſich höchſt wahrſcheinlich bei uns einzufinden, um Sie nach Hauſe zu bringen. Sehen Sie, hier bringe ich ſeine Erlaubniß ſchriftlich, die ich mir heute früh von ihm geben ließ, weil er mir ſagte, daß er ſchwerlich vor mir nach Hauſe kommen würde; nicht wahr, dieß Mal müſſen Sie mir ſchon glauben? Es geht doch nichts über einen ſchriftlichen Beweis! Ha! Ha!— Was wollte ich doch ſagen? Ach ja, Sie müſ⸗ ſen natürlich auch die Andere mitbringen.“ Miß Charity prüfte aufmerkſam die Handſchrift ihres Vaters, deren Inhalt nur folgender war:„Folgt Eurem Vetter! laßt uns einig untereinander ſehn, wann und wo es irgend möglich iſt!—“— Nachdem ſie noch ziemlich gezögert hatte, um ihrer Einwilligung einen beſondern Werth zu verleihen, ent⸗ 8⁵ fernte ſie ſich endlich, um ſich mit ihrer Schweſter für den Ausflug vorzubereiten. Kurz darauf kehrte ſie in der Begleitung der Miß Mercy zurück, die nichts weniger als vergnügt darüber war, die glänzenden Triumphe in Todgers Speiſehauſe mit der Geſellſchaft des Herrn Jo⸗ nas und ſeines achtbaren Herrn Vaters zu vertauſchen. „Aha!“ rief Jonas,„da ſind Sie ja, Bäschen!“ „Allerdings, Vogelſcheuche!“ rief Mercy;—„da bin ich freilich, allein ich kann Sie verſichern, daß ich weit lieber irgend anderswo ſeyn mochte.“ 1 „Bah! das iſt Ihr Ernſt nicht!“ rief Herr Jonas, — nich weiß wohl, das iſt nicht der Fall— das kann unmöglich Ihr Ernſt ſeyn.“ „Sie können eine Meinung hegen, welche Sie nur immer wollen, Vogelſcheuche!“ erwiderte Merey;— „ich bin zufrieden, daß ich bei der meinigen bleiben kann, und die meinige beſteht darin, daß Sie eine höchſt un⸗ angenehme, gehäſſige und widerwärtige Perſon ſind.“ Bei dieſen Worten brach ſie in ein herzliches Lachen aus und ſchien ſich recht viel Spaß gemacht zu haben. „O Sie haben eine böſe Zunge,“ rief Herr Jo⸗ nas;—„ſie iſt eine wahre Kratzbürſte, nicht wahr, Bäschen?“ Miß Charity glaubte hierauf eentgegnen zu müſſen, daß ſie nicht im Stande ſey, die Gewohnheiten und Ei⸗ genſchaften einer wahren Kratzbürſte zu definiren; und daß ſie, wenn ſie auch die nöthige Kenntniß über dieſen Punkt be⸗ ſitzen würde, es doch für ſehr unſchicklich hielte, zuzu⸗ geben, daß ein Weſen mit dieſem höchſt unartigen Namen in ihrer Familie exiſtire— um ſo weniger in der Per⸗ ſon einer geliebten Schweſter;—„wie auch immer,“ fügte Cherry mit einem zürnenden Blicke hinzu,—„wie auch immer ihr eigenes Naturell ſeyn möge!“ „Recht ſo, meine Liebe!“ rief Merey;—„ich habe nur noch die einzige Einwendung zu machen, daß wir jetzt entweder ſtehenden Fußes ausgehen, oder daß ich alsbald meinen Hut abnehme und zu Hauſe bleibe.“ Dieſe Drohung hatte die gewünſchte Wirkung, indem ſte nämlich jede weitere Gegenrede abſchnitt und Herrn⸗ Jonas veranlaßte, einen unverweilten Aufbruch vorzu⸗ ſchlagen, der, da er allgemeinen Beifall fand, ſofort denn auch vollzogen wurde. Auf der Staffel des Hau⸗ ſes reichte Herr Jonas den beiden Damen ſeinen Arm, über welchen Akt der Galanterie Bailey junior, der ihn von einem Dachfenſter aus beobachtet hatte, in einen lauten und heftigen Huſten ausbrach, welcher Paroxis⸗ mus ihn ſo lange quälte, bis das Kleeblatt um die Ecke war. Jonas fragte nun ſeine Begleiterinnen zunächſt, ob ſte gut zu Fuße wären, und unterwarf auf ihre beja⸗ hende Antwort ihre Spazierhölzer einer ſehr ſchweren Probe, denn er zeigte ihnen an dieſem einzigen Vor⸗ mittage ſo viele Sehenswürdigkeiten in der Geſtalt von Brücken, Kirchen, Straßen, dem Aeußern von Theatern und andern unentgeldlichen Schauſpielen, als die meiſten Leute in einem ganzen Jahr nicht ſehen können. Es verdient beſonderer Erwähnung, daß dieſer Herr einen unüberwindlichen Abſcheu gegen das Innere von Gebäu⸗ den hatte, und daß er mit dem Werthe aller Merkwür⸗ digkeiten, die nur gegen ein Eintrittsgeld zugänglich waren, vollkommen vertraut erſchien, indem er Alles, was zu dieſem Schlage gehörte, für abſcheulich und nichts weniger als ſehenswerth erklärte. Er war von dieſer Anſicht ſo total durchdrungen, daß er, als Miß Charity zufällig des Umſtands erwähnte, mit Herrn Jinkins und der übrigen Geſellſchaft von Herrn Todgers ſchon zu verſchiedenen Malen im Theater geweſen zu ſeyn, auf die unbefangenſte Weiſe die Frage that: „Woher ſie denn die Billets bekommen hätten?“ Als er gar hörte, daß Herr Iinkins in die Geſell⸗ ſchaft das Eintrittsgeld bezahlt habe, ſchien er über alle Maßen luſtig zu werden, und wagte die Bemerkung: „Das müſſen doch wahrhaftig rechte Dummköpfe ſeyn,“ — und noch im Verlauf des Spaziergangs erregte die aus⸗- 4 87 nehmende Thorheit dieſer Herren und vermuthlich auch das Bewußtſeyn ſeiner eigenen erhabenen Weisheit ein wahr⸗ haft konvulſiviſches Gelächter in ihm. Nachdem ſie ein paar Stunden ſpazieren gegangen und todesmüde geworden waren, brach die Dämmerung ein, und Herr Jonas theilte ihnen nun mit, daß er ihnen einen der beſten Späſſe zeigen wollo, mit denen er nur immer bekannt ſey. Beſagter muthwilliger Streich war rein praktiſcher Art, und ſein Humor lag darin, daß er bis zu den äußerſten Grenzen der Möglichkeit eine Mieth⸗ kutſche für einen Schilling nahm; glücklicherweiſe er⸗ reichten ſie in dieſem Wagen den Platz, wo Herr Jonas wohnte, denn ſonſt wäre ihnen ſicherlich die Spitze und das Salz des Witzes entgangen. Die uralte Firma von Anton Chuzzlewit und Sohn, die in Mancheſterwaaren u. ſ. w. Geſchäfte„machten,“ hatte ihr Geſchäftslokal in einer ſehr ſchmalen Seiten⸗ gaſſe, ohnweit des Poſtamts, an einem Platze, wo jedes Haus am ſonnenhellſten Sommermorgen noch in düſtere Nacht verſenkt blieb und eilfertige Laufburſchen in den Hundstagen das Pflaſter je vor den Geſchäftslokalen ihrer Brodherrn in höchſt phantaſtiſchen Zeichnungen mit Waſ⸗ ſer begoſſen, und wo man fein geſchniegelte Herren mit den Händen in den Taſchen ihrer ſymmetriſchen Beinklei⸗ der bei warmem Wetter ſtets unter ſtaubigen Magazin⸗ Einfahrten ſtehen und ihre tadelloſen Stiefeln betrachten ſehen konnte, was offenbar die ſchwerſte Arbeit war, die ſie verrichteten— ausgenommen, daß ſie zuweilen Federn hinter die Ohren ſteckten. Das Etabliſſement der Herren Chuzzlewit war ein ſo trübes, ſchmutziges, räucheriges, ſchiefſtehendes, morſches, altes Haus, als nur irgend Jemand zu ſehen wünſchen mochte; allein die alte Firma der Herren Anton Chuzzlewit und Sohn lag in ihm nichts deſto weniger ſowohl den Geſchäften, als dem Vergnugen ob, denn weder der junge Herr, noch der alte Mann hatten noch eine andere Wohnung, oder kümmer⸗ 88 ten ſich überhaupt um irgend etwas, was jenſeits ihres engen Wirkungskreiſes lag. Handelsgeſchäfte waren, wie man ſich leicht denken kann, die Hauptſache bei dieſem Etabliſſement, und zwar in ſolcher Ausdehnung, daß jeder behaglichere Lebens⸗ genuß ſtets aus den Hallen dieſes Hauſes verbannt blieb, und daß jene Handelsgeſchäfte auch die häuslichen Ein⸗ richtungen allenthalben beeinträchtigten. In den elenden Schlafzimmern waren auf dieſe Weiſe lange Schnüre voll wurmſtichiger Briefe an den Wänden aufgehangen, und Leinwandrollen, Fetzen von alten Muſterkarten und die ſeltſamſten und verſchiedenſten verdorbenen Güter lagen auf dem Boden umher, während die elenden Bett⸗ ſtellen, Waſchtiſche und Fetzen von Fußteppichen, als Gegenſtände untergeordneten Werthes, in buntem Durch⸗ einander in Ecken verdrängt waren, als betrachte man ſie nur als nothwendige Uebel, die keinen Profit gewähr⸗ ten, und daher dem großen Hauptzweck des Lebens bloßen Eintrag thaten. Das einzige und beſte Wohnzimmer war, dem gleichen Grundſatze gemäß, ein Chaos von Kiſten und alten Papieren, und enthielt mehr Comtoir⸗ ſtühle, als Seſſel— eines mächtigen Ungeheuers von Schreibpult gar nicht zu gedenken, der bis mitten in die Stube herein reichte, ſo wie einer eiſernen Geldkaſſe, die hart über dem Kamin in die Wand eingemauert war. Das einſame Tiſchchen zum Zweck der Erholung und geſelliger Genüſſe ſtand in einem eben ſo ſchönen Ver⸗ hältniß zu dem Schreibpult und andern Geſchäftsgegen⸗ ſtänden, als die anmuthigen und harmloſen Erholungen des Lebens bei dem alten Mann und ſeinem Sohne zu ihrem Jagen nach Geld und Reichthum paßten. Beſag⸗ tes Tiſchchen nun war dermalen ärmlich genug zu einem Mittagmahle gedeckt, und in einem Stuhle vor dem Feuer ſaß Anton ſelbſt, der ſich bei der Ankunft der Damen erhob, um ſeinen Sohn und deſſen hübſche Couſinen bei ihrem Eintritt zu grüßen.. Ein altes Sprichwort warnt uns vor der Hoffnung, 89 alte Köpfe auf jungen Schultern zu finden, und man könnte füglich noch hinzuſetzen, daß wir ſelten einer ſo unnatürlichen Vereinigung begegnen, ohne aus angeerbter Vorliebe füͤr die entſprechende naturgemäße Lage der Dinge ein gewaltſames Verlangen zu fühlen, einen ſol⸗ chen Schädel abzuſchlagen. Es iſt gar nicht unwahr⸗ ſcheinlich, daß manche Leute, die von Natur aus keines⸗ wegs choleriſch waren, unwillkührlich einen ſolchen Im⸗ puls in ſich empfanden, wenn ſie zum erſtenmale die Bekanntſchaft des Herrn Jonas machten; hätten ſie ihn erſt in ſeinem eigenen Hausweſen näher kennen gelernt, waͤren ſie erſt einmal mit ihm zu Tiſche geſeſſen, ſo hätte jener Wunſch ſicherlich jede andere Rückſicht uͤberwältigt und wäre unfehlbar zur Ausführung gekommen.“ „Heda, Geſpenſt!“ rief Herr Jonas voll kindlicher Liebe und Chrerbietung ſeinem Vater zu;—„iſt das Eſſen bald fertig?“ „Ich ſollte beinahe meinen,“ verſetzte der alte Mann. „Was ſoll denn das heißen?“ rief der Sohn un⸗ willig;—„wie mögt Ihr mir nur eine ſolche Antwort geben?— ich möchte Gewißheit haben.“ „Die hab' ich ſelber nicht,“ verſetzte Anton. „Das iſt Gottes Wahrheit,“ verſetzte der Sohn mit leiſerer Stimme;—„hier iſt freilich nichts mehr gewiß —'der Teufel ſoll mich holen, wenn's nicht wahr iſt. Gebt mir einmal Eure Kerze her, ich brauche ſie für die Mädchen.“ Anton händigte ihm einen zerſchlagenen alten Comp⸗ toirleuchter ein, womit Herr Jonas den Damen zum nächſten Schlafgemach voran ſchritt, um ſie dort ihre Hüte und Halstücher ablegen zu laſſen. Bei der Rück⸗ kehr beſchäftigte er ſich damit, eine Flaſche Wein zu ent⸗ korken, das Tranchirmeſſer zu ſchärfen und ſeinen Vater mit allerhand Complimenten zu begrüßen, bis die Mäd⸗ chen zu gleicher Zeit mit dem Eſſen wieder in's Zimmer zurückkehrten. Das Mahl beſtand aus der heißen Vor⸗ derkeule eines Hammels nebſt Gemüſe und Kartoffel, und 90⁰ nachdem das ſchlumpige Weibsbild, welches das Amt einer Küchen⸗Hebe bekleidete, die Gerichte auf den Tiſch„ geſtellt hatte, blieben ſte ſämmtlich wieder ſich ſelbſt über⸗ laſſen, um je nach ihrer Weiſe ſich der theuren Gottes⸗ gaben zu erfreuen. „Sie begreifen wohl, Bäschen, wir führen Jung⸗ geſellenwirthſchaft,“ ſagte Jonas zu Charity;„ich will's prophezeien, die Andere bekommt nun wieder etwas zu lachen, wenn ſie nach Hauſe kommt— nicht wahr? Kom⸗ men Sie, Bäschen, Sie müſſen mir zur Rechten ſitzen und die andere ſoll zu meiner Linken Platz nehmen. Heda! wie, Andere, wollen Sie hieher kommen?“ „Obo,“ verſetzte Merey,„Sie ſind zwar eine ſolche Vo⸗ gelſcheuche, daß ich ſchon im Voraus weiß, wie mir der Appetit vergehen wird, wenn ich ſo nahe bei Ihnen ſitze, allein ich denke, ich muß heut gute Miene zum böſen Spiel, machen.“ „Iſt ſie nicht lebhaft?“ flüſterte Herr Jonas der ältern Schweſter zu und gab ſeiner Frage durch einen Stoß mit dem Ellbogen den gewöhnlichen Nachdruck. „Ich weiß es in der That nicht!“ verſetzte Miß 1 Pecksniff gereizt;—„langweilen Sie mich doch nicht länger mit ſolchen thörichten lächerlichen Fragen.“ „Wo bleibt denn mein koſtbarer alter Vater jetzt?“ fragte Herr Jonas, als er ſah, daß ſein Vater im Zimmer umhertrippelte, anſtatt ſeinen Platz am Tiſche einzunehmen.—„Wornach ſeht Ihr Euch denn um?“ „Ich habe meine Brille verloren, Jonas,“ verſetzte der alte Anton. „So ſetze Dich ohne Deine Brille zu Tiſche, das wirſt Du doch wohl können,“ verſetzte der Sohn;— „man ißt und trinkt ja nicht mit der Brille!— Wo ſteckt denn der alte Chuffey, die Schlafhaube?— Heda, Dummkopf! Geht Ihr denn nicht mehr auf Euren Namen?“ Es ſchien beinahe, als ob dies nicht der Fall ſey, denn er kam nicht, bis der Vater ihn rief. Als dieſer endlich ſprach, öffnete ſich die Thüre eines 91 kleinen Nebenverſchlages, der durch Glasfenſter vom Reſt des Zimmers abgetheilt war, langſam, und ein altes triefäugiges Männchen mit wackelndem Kopfe kam langſam heraus. Er war altväteriſch gekleidet, wozu auch ſeine Manieren paßten, und trug einen ſchäbigen ſchwarzen Anzug, der ſo ſtaubig war, wie die übrigen Meubeln; ſeine Bein⸗ kleider waren an den Knieen mit roſtigen Bandſchnallen befeſtigt, und der untere Theil ſeiner ſpindeldürren Beine ſteckte in ſchmutzigen Strümpfen von derſelben Farbe: er blickte drein, als ſey er, nachdem ein halbes Jahr⸗ hundert lang vergeſſen in einer Rumpelkammer ge⸗ ſteckt, kaum erſt wieder aufgefunden worden; langſam kroch er in dieſem Aufzug auf den Tiſch zu, bis er ſich endlich auf einem leeren Stuhle niederließ, von dem er ſich jedoch, ſobald ſein trübes Augenlicht ihm die An⸗ weſenheit von Fremden und namentlich von fremden Damen inne werden ließ, offenbar in der Abſicht erhob, eine Verbeugung zu machen. Er mußte ſich indeſſen wie⸗ der niederſetzen, ohne dem Wunſche genügen zu können, wärmte durch Anhauchen ſeine ausgedörrten Hände und ſtierte mit ſeiner armen blauen Naſe unbeweglich auf ſeinen Teller hernieder, wobei ſeine blöden Augen durchaus keinen Affekt verriethen und in ſeinem Geſicht ſich auch nicht das Mindeſte ausſprach. Wer ihn in dieſem Zu⸗ ſtande ſah, konnte ihn für nichts anderes halten, als für die Verkörperung eines Nichts. „Es iſt unſer Commis, der alte Chuffey!“ ſprach Herr Jonas in ſeiner Eigenſchaft als Wirth und Cere⸗ monienmeiſter. „Iſt er denn taub?“ fragte eine der beiden jungen Damen. „Nicht daß ich es wüßte!“ verſetzte Jonas;— „nicht wahr, Vater, er iſt nicht taub?“ „Gegen mich hat er wenigſtens noch nie behauptet, daß er es ſey!“ war die Antwort. „Oder iſt er vielleicht blind?“ fragten die jungen Damen, 92 „Auch nicht,“ verſetzte Jonas gleichgültig,„ich habe nie gehört, daß er blind ſey.— Glaubt Ihr es etwa, Vater?“ 3 „Keineswegs,“ verſetzte Anton. „Was iſt er denn?“ fragte Miß Charity. „Ich will Ihnen ſagen, was er iſt,“ flüſterte Jonas halblaut den jungen Damen zu;—„zum Erſten iſt er über die Maßen alt; das gefällt mir am wenigſten an ihm, denn ich denke, er muß meinen Vater damit an⸗ geſteckt haben. Zum Andern iſt er ein ſeltſamer alter Kauz, der kaum Jemand Andern verſteht, als ihn,“ ſetzte er mit lauterer Stimme hinzu, und deutete dabei mit ſeiner Tranchirgabel auf ſeinen verehrten Vater, um ihnen dadurch anzudeuten, wen er meine. „ECi, ei, wie ſeltſam!“ riefen die beiden Schweſtern. „Je nun,“ fuhr Herr Jonas fort,„Sie ſehen, daß er ſein ganzes Leben lang ſein altes Gehirn mit Ziffern und Buchhalten ruinirt hat. Es mögen etwa zwanzig Jahre oder darüber ſeyn, daß er ein Fieber gelöst hat; die ganze Zeit über— d. h. volle drei Wochen lang— war er von Sinnen und addirte unaufhörlich, und brachte es endlich auf ſo viele Millionen, daß ich faſt behaupten möchte, er ſey ſeither nie wieder recht zu ſich ſelbſt ge⸗ kommen. Unſer Geſchäft geht gegenwärtig ein wenig flau und darum behalten wir ihn noch bei, da er im Ganzen kein ſchlechter Commis iſt.“ „Er iſt vielmehr ein ſehr vorzüglicher,“ wandte Anton ein. „Je nun,“ meinte Jonas,„er kommt uns jedenfalls nicht hoch zu ſtehen, und verdient das Brod, was er an unſerem Tiſche ißt, und das iſt einſtweilen genug für uns. Ich habe Ihnen ja bereits geſagt, daß er fgſt Niemand verſteht, als meinen Vater, mit dem er ſich auf's Beſte zu vertragen weiß, und der ihn ſtets auf wunderbar gute Weiſe aus ſeiner Träumerei aufzuwecken weiß. Mein ‚Altere iſt, wie Sie ſehen, längſt ſchon an ſeine Manieren gewöhnt, und ich habe geſehen, wie er gemeinſchaftlich mit meinem Vater Whiſt ſpielte und einen guten Robber dabei machte, ohne daß er dabei mehr wußte, gegen was für Leute er ſpiele, als ſie. „Hat er keinen Appetit?“ fragte Mercy. „O ja,“ verſetzte Jonas, indem er mit Meſſer und Gabel tüchtig zugriff,—„er ißt, ſobald man ihm dabei an die Hand geht, allein ſo lange der Vater hier iſt, kümmert er ſich nicht drum, ob er eine Minute oder Stunde warten muß; wenn ich aber einmal tüchtig Ap⸗ petit habe wie heute, ſo komme ich nicht früher an ihn, als bis ich erſt meinen eigenen Hunger geſtillt habe! Holla! Chuffey, alter Dummkopf, ſeyd Ihr fertig?“ Chuffey rührte ſich nicht. 3 „Er war von jeher ein kurioſer alter Queerkopf,“ ſagte Herr Jonas und bediente ſich kaltblütig mit einem andern Biſſen Fleiſch;—„fragt ihn doch, Vater!“ „Seyd Ihr jetzt zum Eſſen bereit, Chuffey?“ wandte ſich der alte Mann an ihn. „O ja,“ verſetzte Chuffey, der bei dem erſten Tone dieſer Stimme ſich in ein lebendes menſchliches Weſen verwandelte, daß es einen ebenſo merkwürdigen als er⸗ greifenden Anblick gewährte, ihn zu beobachten;—„ja, ja Sir, ganz fertig, Herr Chuzzlewit! ganz bereit, Sir, ganz fertig, ganz bereit.“ Mit dieſen Worten hielt er lächelnd inne und lauſchte auf eine weitere Anrede; da er indeß nicht weiter be⸗ rückſichtigt wurde, verſchwand das aufglimmende Licht des Bewußtſeyns allmälig von ſeinem Antlitz, bis die⸗ ſes wieder in das alte Nichts zurückverſank. „Geben Sie nur Acht, er iſt ein unangenehmer Tiſchgenoſſe!“ ſagte Herr Jonas zu ſeinem Bäschen, als eer die Portion des alten Mannes ſeinem Vater zuſchob; —„Alles was nicht gerade Fleiſchbrühe iſt, ſcheint ihm im Halſe ſtecken zu bleiben. Beobachten Sie ihn jetzt nur näher! haben Sie je ein Pferd geſehen, das ſo ſtier dreinblickte, wie er jetzt? Wäre es nicht um des Spaſſes willen geweſen, den er uns verſchaffen ſoll, ſo hätte ich — 94 1 ihn wahrlich heute nicht in's Zimmer gelaſſen, allein ich hoffte, er würde Ihnen einige Unterhaltung gewähren.“ Der arme alte Gegenſtand dieſer menſchenfreundlichen 2 Rede beſaß glücklicherweiſe eben ſo wenig ein Bewußt⸗ ſeyn für ihren Inhalt, als für alle andern Bemerkun⸗ gen, die in ſeiner Gegenwart gemacht worden war. Weil indeß das Hammelfleiſch zähe und ſein Zahnfleiſch höchſt gebrechlich war, bewährte er nur allzubald Herrn Jonas Gh Behauptung hinſichtlich ſeiner Geneigtheit zum Erſticken und litt in ſeinem Verſuche, ſich der Speiſen zu bedienen ſoviel, daß Herr Jonas ein unbeſchreibliches Vergnügen empfand und behauptete, er habe ſich all ſein Leben lang ſelten in kurzweiligerer Geſellſchaft befunden, als eben jetzt, und in der That ordentlich an ſich halten mußte, um nicht vor Lachen zu berſten. Er ließ ſich in der That die Schweſtern behauptete, er halte in dieſer Beziehung Chuffey ſeinem Vater noch weit überlegen, was doch, wie er bedeutſam genug hinzufügte, eine ſtarke Behaup⸗ tung ſey.. 3— Es war ſeltſam genug, daß Anton Chuzzlewit trotz ſeines eigenen Alters ein Vergnügen über dieſe Hohnre⸗ I den äußerte, welche ſein achtbarer Sohn auf Koſten des armen Schattens am Tiſche zum Beſten gab. Dies that er dann aber auch offenbar, wenn auch freilich— um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen,— nicht ſo ſehr auf Koſten des armen Mannes, als vielmehr in ſeiner Her⸗ zensfreude über den ſcharfen Witz ſeines Sohnes Jonas. Aus demſelben Grunde ſchienen ihm ſogar die unge⸗ ſchlachten Anſpielungen des jungen Mannes auf ſeine eigene Perſönlichkeit ein verſtohlenes Vergnügen zu be⸗ reiten, und veranlaßten ihn mit fröͤhlichem Händereiben und heimlichem Kichern vor ſich hin zu lächeln, als ob I er dabei in's Fäuſtchen lache und ſage: ‚„Das hat er von mir gelernt! das iſt meine Erziehung! er iſt der Erbe deſſen, was ich ihm beigebracht habe! Schlau, heim⸗ tückiſch und voll Habſucht wird er mein Geld nicht ver⸗ 8 von ſeinem Vergnügen ſoweit hinreißen, daß er gegen 6 NOnSSAN 292 ͤͤ—— od&n 9⁵ ſchleudern; wofür hätte ich denn ſonſt gearbeitet, da nur der Reichthum das größte Ziel und der Endzweck meines ganzen Lebens war?⸗ „Wahrhaftig, war es ein edler Endzweck, ſich im Be⸗ wußtſeyn, ein ſolches Ziel erreicht zu haben, zu ergehen! Es gibt jedoch gewiſſe Menſchen, die ſich Götzen nach ihrer eigenen Weiſe fabriciren, und hernach, wenn ſie dieſe gemacht haben, es doch unterlaſſen, ſie anzubeten, weil ihre Häßlichkeit Klage über den Frevel, welche die Schöpfer derſelben an der Natur begangen, erhebt. Zu dieſen gehörte Herr Anton Chuzzlewit nicht, und hatte daher auf jeden Fall noch einen großen Vorzug vor ihnen. Chuffey zögerte ſo lange über ſeinem Teller, daß Herr Jonas am Ende die Geduld verlor, es ihm eigen⸗ händig vor der Naſe weg nahm, und zugleich ſeinem Vater bedeutete, er möge der verehrten Perſon zu ver⸗ ſtehen geben, daß er ſich wieder zu ſeinem Berufe drücke — welcher Bitte denn auch Anton alsbald willfahrte. „Jä, ja!“ rief der alte Mann, deſſen Geſicht wie⸗ der wie zuvor aufglänzte, als ihm Herrn Jonas Zu⸗ muthung noch in demſelben Athem von ſeinem Vater mitgetheilt worden war;—„er hat Recht, ganz Recht; er iſt auf ein Haar hin Ihr Sohn, Herr Chuzzlewit! Gottlob, daß er ein ſo böſes Mundſtück hat, Gottlob! Gottlob!“ Herr Jonas hielt dies für ſo ausnehmend kindiſch, und vielleicht nicht mit Unrecht, daß er nur um ſo mehr lachte nnd ſagte, er werde ſich noch einmal an einem ſchönen Tage über den alten Chuffey zu Tode lachen. Das Tiſchtuch wurde weggenommen und die Weinſlaſche auf den Tiſch geſetzt, aus welcher Herr Jonas die Glä⸗ ſer der jungen Damen füllte, indem er ſie aufforderte, doch ja nicht ſpröde damit zu thun, da ſie überzeugt ſeyn dürſten, dieſe Flaſche habe noch mehr Kameraden an dem Orte, von wo ſie herbei gebracht worden war. Er ſchien jedoch dieſen Witz bald zu bereuen, denn er ſetzte mit einiger Haſt hinzu: er habe damit nur Scherz ge⸗ 96 trieben und ſie dürften überzeugt ſeyn, daß er Ihnen ge⸗ wiß nicht zumuthe, ſich der häßlichen Gewohnheit des Trinkens zu ergeben. „Ich will nun Pecksniff's Geſundheit ausbringen!“ ſagte Anton;—„Cuer Vater ſoll leben, meine lieben Kinder! ein tüchtiger Mann, dieſer Pecksniff! Ein Schlau⸗ kopf! Und dabei auch ein Heuchler, nicht wahr? ein Heuchler, Ihr Mädchen?— Ha, Ha! Ha! In der That, das iſt er; je nun, meine Kinder, es bleibt ja unter uns!— Er iſt's aber doch, ich denke deßhalb um kein Härchen ſchlimmer über ihn, wenn er es nur nicht über⸗ treibt. Man kann Alles zu weit treiben, mein Herz⸗ chen!— Man kann ſogar die Heuchelei übertreiben. Fragt nur Jonas!“ „Euch wird's Niemand übelnehmen, Vater, wenn Ihr es auch übertreibt, ein Bischen Acht auf Euer kopf⸗ loſes Geſchwätz zu geben!“ rief der hoffnungsvolle junge Herr mit vollem Munde.—„Höoört Ihr's, mein Schätz⸗ chen,“ rief der alte Anton ganz entzückt. Die helle Weisheit— nichts als Weisheit! Ja, ja, mein Jonas macht eine rühmliche Ausnahme. Es iſt wahrlich nicht leicht, es hierin zu weit zu treiben!“ „Ausgenommen,“ flüſterte Herr Jonas ſeinem Lieb⸗ lingsbäschen zu;—„ausgenommen, wenn Einer zu lange lebt, ha, ha; theilen Sie das auch der An⸗ dern mit!“ „Du lieber Himmel!“ rief Charity ſchmollend;— nich dächte, Sie könnten ihr das ſelbſt ſagen, wenn ſie es wiſſen ſoll— nicht wahr?“ „Sie hat Einen ſo gerne zum Beſten,“ verſetzte Herr Jonas. „Was brauchen Sie ſich alsdann überhaupt um ſie zu kümmern,“ verſetzte Charity;„ich hin überzeugt, ſie ſcheert ſich nicht halb ſo viel um Sie.“ „Iſt das wahr?“ fragte Jonas.— „Du lieber Gott,“ rief die junge Dame;—„muß ich. das Ihnen erſt beſtätigen?“— d 97 Herr Jonas gab keine vernehmbare Antwort, warf aber einen ſo ſeltſamen Blick auf Mercy, daß man un⸗ verkennbar darin leſen konnte, er wolle nichts Anderes ſagen, als ſie dürfe ſich darauf verlaſſen, daß er ſich deßhalb auch nicht zu Tode gräme. Er blickte hierauf auf Charity mit noch offenkundigerer Zärtlichkeit als zuvor, und bat ſie in ſeiner gewöhnlichen höflichen Weiſe, ein wenig näher zu rücken. „Es gibt noch etwas Anderes, Vater, was man nicht leicht übertreiben kann!“ hub Jonas nach einer neuen Pauſe an. „Uand was wäre das?“ fragte der Vater, deſſen Geſicht ſich ſchon zum Voraus zu einem freudigen Grin⸗ ſen verzog. „Der Profit bei einem Handel,“ verſetzte der Sohn;— „die erſte Regel für unſern Stand iſt die: ‚Schnüre an⸗ dere Leute, wie ſie Dich ſchnüren möchten!— Das iſt der achte Wahlſpruch für Geſchäftsmänner, alles Andere iſt ſo gut wie Trugſchluß!“ Der entzückte Vater zollte dieſer Bemerkung donnern⸗ den Beifall und ſchien davon ſo angenehm überraſcht, daß er ſich noch die Mühe nahm, des Sohnes Aeußerung ſei⸗ nem alten Commis mitzutheilen, der ſich vergnügt die Hände rieb, mit dem blöden Kopfe wackelte, mit ſeinen Triefaugen blinzelte, und mit ſeiner gewöhnlichen gellenden Stimme ausrief: ‚Bravo! ganz ſchön! Ihr leibhaftiger Sohn, Herr Chuzzlewit!“ und jede ſchwache Beifallsbezeu⸗ gung an den Tag legte, deren er fähig war. Der Enthu⸗ ſiasmus des alten Mannes hatte inzwiſchen die verſöh⸗ nende Eigenſchaft, von dem einzigen Weſen getheilt zu werden, an das er durch Bande langjähriger Verbindung und ſeines gegenwärtigen hülfloſen Zuſtandes gekettet war. äre irgend Jemand geduldig genug geweſen, ſich die Mühe einer ernſteren Ueberlegung zu nehmen, ſo hätte er vielleicht ſogar durch dieſes zwar höchſt trübſelige Medium die Hefe einer beſſeren Natur ausfindig gemacht, die uner⸗ Boz, Chuzzlewit. II. 7 weckt auf dem Boden des zertrümmerten Faſſes, Chuffey genannt, verblieben war. 4 Sie wie jetzt die Sachen ſtanden, erlaubte ſich indeß Niemand etwas mehr über dieſen Gegenſtand zu ſagen oder zu denken, und Chuffey lehnte ſich deshalb in jene dunkle Ecke neben dem Kamin zurück, wo er ſtets ſeine Abende zubrachte, und ließ nichts mehr von ſich ſehen oder hören, bis man ihm eine Taſſe Thee reichte, in welcher er mechaniſch ſein Brod aufweichte; es war kein Grund zur Vermuthung vorhanden, daß er in ſolchen Stunden zu ſchlafen pflegte, aber eben ſo wenig konnte man die Be⸗ hauptung wagen, daß er dabei höre, ſehe, fühle oder denke. Er blieb gleichſam eingefroren,— wenn irgend ein Aus⸗ druck, der einen ſo kräftigen Prozeß andeutet, auf ihn an⸗ gewandt werden kann— bis er durch ein Wort oder eine Be⸗ rührung ſeines alten Brodherrn Anton auf einen Augen⸗ blick wieder aufgethaut wurde. Miß Charity goß auf Herrn Jonas Wunſch den Thee ein und erſchien dabei ſo ſehr wie die Dame vom Hauſe, daß ſie ſelbſt darüber in die anmuthigſte Verwir⸗ rung gerieth, die ſich nur denken laͤßt, um ſo mehr, als Herr Jonas hart neben ihr ſaß und ihr in allerhand wunder⸗ baren Phraſen ſeine Anbetung und Bewunderung in's Ohr flüſterte. Miß Mercy ihrer Seits fühlte inſtinkt⸗ mäßig, daß die Unterhaltung des ganzen Abends ſo offen⸗ bar und ausſchließlich dieſen Beiden überlaſſen werden müſſe, daß ſie nicht umhin konnte, in ſtummer Betrübniß in Gedanken die Herren vom Handelsſtande zu beklagen, die vermuthlich in dieſem Augenblick ſich ſehr nach ihrer Rückkehr ſehnten, und über einer alten Zeitung zu gähnen. Was nun Herrn Anton Chuzzlewit anbelangt, ſo genoß er ohne viele Umſtände ein Schläfchen, ſo daß Jonas und Charity, ſo lange ſie nur immer wollten, freies Spiel für ſich hatten. Als auch das Theebrett weggenommen war, wie natürlich endlich geſchehen mußte, holte Herr Jonas ein ſchmutziges Kartenſpiel herbei und ergötzte die Schwe⸗ ſtern mit diverſen Taſchenſpielerſtückchen, deren Hauptzweck — — 99 2 jedesmal nur der ſeyn ſollte, Jemanden zu einer Wette zu veranlaſſen, daß man dies oder jenes nicht bezwecken könne, wobei er natürlich alsbald gewinnen konnte und das Geld einſtreichen durfte. Herr Jonas theilte ihnen mit, daß ſolche Kunſtgriffe auch in den vornehmſten Kreiſen gerne getrieben würden und bedeutende Summen auf ſolchen Zufall hin beſtändig ihre Herren wechſelten. Wir dürfen hier nicht unerwähnt laſſen, daß er dies ſelber mit einer wahren Bibelfeſtigkeit glaubte, denn es gibt eben ſo ſehr eine Einfalt in der Spitzbüberei, als eine Beſchränktheit in der Unſchuld, und Herr Jonas war einer der leichtgläubigſten Menſchen in allen Dingen, wo zum Fundament des Glaubens eine lebhafte Ueberzeugung von Gemeinheit und Spitzbüberei erforderlich war. Seine Un⸗ wiſſenheit, die durch ihre ungeheuere Größe förmlich über⸗ raſchte, möge der Leſer gefälligſt noch ganz beſonders in Erwägung ziehen. Beſagter junge Mann beſaß alle Neigung, ein Schuft und Bruder Liederlich vom erſten Rang zu werden; nur fehlte ihm der einzige gute Zug in dem gemeinen Katalog der Laſter eines Wollüſtlings, Freigebigkeit und Verſchwen⸗ dungsſucht nämlich, um ein Hauptlump zu werden. Sein Geiz und ſeine habſüchtigen Gewohnheiten legten ſich aber hierin in's Mittel, und da Ein Gift bisweilen das andere neutraliſirt, wenn andere Heilmittel keine Wir⸗ kung mehr haben, ſo wurde auch er von einer ſchlimmen Leidenſchaft abgehalten, das volle Maaß des Laſters einzu⸗ ſaugen, zumal die Tugend ihn vergebens davon abzuhalten geſucht haben würde. Inzwiſchen hatte er bald alle Taſchenſpielerkünſte mit Karten, die er kannte, entwickelt, und da es ſchon ſpät Abends geworden und Herr Pecksniff noch nicht eingetrof⸗ fen war, ſprachen die jungen Damen den Wunſch aus, nach Hauſe zurückzukehren. Herr Jonas wollte in ſeiner Galanterie dies jedoch keineswegs erlauben, bevor ſie nicht noch etwas Brod, Käſe und Porter genoſſen hätten, und —* 7 10⁰ ſelbſt dann war er noch nichts weniger als geneigt, ſo gutwillig auf eine Trennung von ihnen einzugehen, ſon⸗ dern drang vielmehr noch oft in Miß Charity, ihnen ein Bischen näher zu rücken oder noch etwas laͤnger zu ver⸗ weilen, oder brachte in ſeiner gewöhnlichen gaſtfreundlichen und ernſtgemeinten Weiſe noch manche andere ſchmeichel⸗ hafte Bitten dieſer Art zum Vorſchein. Als jedoch alle ſeine Bemühungen, die Damen noch länger aufzuhalten, ſich erfolglos erwieſen, verſah er ſich mit Hut und Ueber⸗ rock, um ſie zu Todgers zurück zu begleiten, wobei er in⸗ deß die Bemerkung vorausſchickte: er wiſſe wohl, daß ſie den Weg lieber zu Fuß als zu Wagen zurücklegten, und er für ſeinen Theil ſey hierin ebenfalls ganz ihrer Meinung. „Gute Nacht,“ ſagte Anton,—„gute Nacht, grüßen Sie mir Pecksniff— ha, ha, ha! Nehmt Euch ja vor Eu⸗ rem Vetter in Acht, gute Kinder! hütet Euch vor Jonas, er iſt ein gefährlicher Burſche! Jedenfalls müßt Ihr Euch nicht um ſeinetwillen zanken.“— „O wie dumm!“ rief Mercy;„was iſt das für ein Einfall, daß wir uns um ſeinetwillen zanken ſoll⸗ ten. Du darfſt ihn ganz für Dich behalten, liebe Cherry, ich mache Dir meinen Antheil von ihm zum Präſent.“ „Wie!?“ rief Jonas;—„bin ich etwa eine ſaure Traube für Sie, Bäschen?“ Miß Charity ſchien ſich über dieſe Erwiderung mehr zu ergötzen, als man in Anbetracht des hohen Alters und der Einfachheit dieſer Redeformel wohl hätte vermuthen ſollen; in reiner ſchweſterlicher Zuneigung ſetzte ſie indeß Herrn Jonas hart zu, weil er ſich ſo ſehr auf ein zerbroche⸗ nes Nohr ſtützte, und verſicherte ihr, daß er nicht mehr ſo grauſam gegen die arme Merey ſeyn dürfe, wenn er nicht ſie(Charity) entſchieden nöthigen wolle, ihn zu haſſen. Merry hatte in der That eine ſo reiche Ausſtattung an munterer Laune, daß ſie nur mit einem Lachen darauf erwiderte, und ſie wanderten daher zuſammen, ohne irgend einen zornigen Wortwechſel unter Wegs, nach Hauſe. Da Herr Jonas in der Mitte ging und an jedem Arme eine 101 ſeiner Couſinen hatte, begegnete es ihm zuweilen, daß er die falſche und zwar ſo ſchmerzhaft drückte, daß dieſe nichts weniger als erbaut davon war; weil er jedoch dis ganze Zeit über Charity angelegentlich in's Ohr flüſterte und die größte Aufmerkſamkeit für ſie an den Tag legte, mochte dies in der That wohl nur ein zufälliger Umſtand ſeyn. Als ſie in Todgers Gaſthaus ankamen und ihnen die Thüre geöffnet wurde, eilte Merey haſtig von ihnen hinweg und rannte die Treppe hinauf; Charity und Jonas aber ver⸗ weilten noch mehr als fünf Minuten in angelegentlichem Geplauder an der Hausſtaffel, ſo daß Frau Todgers am andern Morgen, vielleicht nicht mit Unrecht, gegen eine dritte Perſon bemerkte: es ſey ziemlich klar geweſen, was hier vorgegangen ſey, und ſie freue ſich ordentlich darüber, ſintemalen es hohe Zeit ſey, daß Miß Charity Pecksniff einmal an's Heirathen denke. Endlich kam der Tag heran, an welchem die ſtrah⸗ lende Erſcheinung, welche Todgers Horizont ſo ſehr ver⸗ ſchönt hatte, ſo plötzlich daran aufgezogen war, und in Jinkins's düſtere Bruſt heitern Sonnenſchein geſenkt hatte, auf immer verſchwinden ſollte— wo dieſes glän⸗ zende Geſtirn gleich einem Packetchen in Packpapier, oder einem Fiſchtönnchen, oder einem Auſternkorbe, oder einem fetten Herrn oder irgend einem andern alltäglichen Gegen⸗ ſtande des Lebens in eine Poſtkutſche gebracht und wieder auf’s Land hinausgeführt werden ſollte. „Ach, meine lieben Miß Pecksniff's,“ ſprach Frau Todgers, als die jungen Damen in der letzten Nacht ihres Aufenthalts ſich zu Bett begeben wollten,—„niemals habe ich ein Speiſehaus geſehen, in dem es all ſein Leben lang ſo viele gebrochene Herzen gab, als in dem gegenwärtigen Augenblick in dem unſrigen! Ich glaube nicht, daß die „Herren Wochen lang wieder dieſelben ſeyn werden, die ſie zuvor geweſen oder ſonſt etwas Derartiges— ja wahr⸗ lich! Sie haben alle Beide eine ſchwere Verantwortung auf ſich.“ 9— Die beiden Damen läugneten beſcheidentlich, aus eige⸗ 1⁰² nem Willen und Antrieb zu dieſemt ungünſtigen Zuſtand der Dinge beigetragen zu haben und verſicherten, daß es ihnen ungemein leid thue. „Ach, lieber Gott!“ rief Frau Todgers,—„wie ſchmerzlich werden wir erſt Ihren frommen Papa ver⸗ miſſen? Das iſt ein Verluſt, meine lieben Miß Pecksniffs. Ihr Papa iſt ein wahrer Miſſionnär des Friedens und der Liebe.“. Die Damen hegten eine Ungewißheit in Betreff der beſonderen Art von Liebe, die in Herrn Pecksniff's Miſſion begriffen ſeyn ſollte, und nahmen deshalb dieſes Kompli⸗ ment ziemlich kalt entgegen. „Wenn ich es wagen dürfte, eine vertrauliche Mit⸗ theilung zu verletzen, die mir gemacht worden iſt!“ fuhr Frau Todgers fort, welcher der geringe Erfolg ihres Kom⸗ pliments nicht entgangen war,—„wenn ich Ihnen ſagen dürfte, warum ich Sie bitten muß, heute Nacht die kleine Thuüͤr zwiſchen ihrem Zimmerchen und dem meinigen offen zu laſſen, würden Sie ſicherlich großen Antheil daran neh⸗ men. Ich darf dies indeß nicht, da ich Herr Jinkins feier⸗ lich verſprechen mußte, ſo ſtumm wie das Grab zu ſeyn.“ „Beſte Frau Todgers!“ fragten die beiden Mädchen, —„was können Sie damit meinen?“ „Je nun, meine ſüßen Miß Pecksniffs,“ ſagte die Dame des Hauſes;—„meine lieben guten Schätzchen, erlauben Sie mir, daß ich mir heute die Freiheit nehme, als am Vorabende unſerer Trennung, Sie ſo zu nen⸗ nen.— Herr Iinkins und die anderen Herren haben eine kleine Muſikbande unter ſich gebildet, und beabſich⸗ tigen, Ihnen heute Nacht, wenn Alles ſtill und ruhig geworden iſt, eine Serenade auf der Staffel vor der Hausthüre zu bringen. Ich kann Ihnen freilich meinen ſtillen Wunſch nicht vorenthalten,“ ſetzte Frau Todgers mit ihrer gewöhnlichen Behutſamkeit hinzu,—„daß es mir lieber geweſen wäre, wenn die Nachtmuſik ein Paar Stunden früher ſtattfände! Wenn nämlich Herren ſpät aufbleiben, pflegen ſie zu trinken, und wenn ſie trinken, 1⁰³ ſind ſie vielleicht nicht ſo muſikaliſch, als wenn ſie nuͤch⸗ tern bleiben. Nun iſt aber Zeit und Stunde ſchon be⸗ ſtimmt und die ganze Sache abgemacht, und ich bin überzeugt, daß ſie, meine lieben Miß Pecksniffs, über ei⸗ nen ſolchen Beweis von Aufmerkſamkeit höchſt erfreut ſeyn werden!“ Dieſe Kunde wirkte anfangs ſo aufregend auf die beiden jungen Mädchen ein, daß ſie hoch und theuer ver⸗ ſicherten, ſie könnten unmöglich an ein Schlafengehen denken, bevor die Nachtmuſik vorüber wäre. Allein eine halbe Stunde ruhigen Wartens ſtimmte ihre Anſichten dermaßen um, daß ſie nicht nur zu Bette gingen, ſon⸗ dern auch in äußerſt geſunden Schlaf verfielen, und nichts weniger als enthuſiaſtiſch bezaubert wurden, als ſie bald darauf durch gewiſſe ſüße Toͤne aus dem Schlaf geſchreckt wurden, die die hehre Stille der kalten Nacht unter⸗ brachen. Das Concert war über die Maßen ſchön; ſelbſt der kitzlichſte Geſchmack hätte ſich nichts Unheimlicheres wün⸗ ſchen können. Der Herr, welcher ein ſo enthuſiaſtiſcher Verehrer der Vokalmuſik war, bildete den Hauptſtummen oder Oberleidtragenden; Jinkins übernahm den Baß und die Andern übernahmen, was ſie gerade erhaſchen konn⸗ ten. Der jüngſte Herr der Geſellſchaft hauchte ſeine Schwermuth in die Flöte hinein; er konnte zwar nicht viel aus ihr herausblaſen, allein das war vielleicht um ſo beſſer. Wären die beiden Miß Pecksniffs und Frau Todgers an Selbſtverbrennung umgekommen, und die Nachtmuſik ihrer Aſche zu Ehren gebracht worden, ſo hätte man unmöglich die unausſprechliche Verzweiflung in Tönen höher treiben können, in welcher ein gewiſſer Nundgeſang: „Ziehe hin, wohin Dein Ruhm Dich ruft!“ geſungen wurde. Es war ein Requiem, ein Leichen⸗ geſang, ein Stöhnen, ein Geheul, ein Weheruf, eine La⸗ mentation— es war mit einem Wort eine Vereinigung von Allem, was nur Kuminervolles und Entſetzliches in 104 Thränen ſich ausdrücken läßt. Die Flöte des jüngſten Herrn war beſonders wild und tremulirend, ſie äußerte ſich nur ſtoßweiſe wie der Wind, und verſtummte am Ende für eine lange Zeit ganz und gar, weshalb auch Frau Todgers und die jungen Damen es für ausge⸗ macht hielten, daß der empfindſame Dilettant von ſeinen Gefühlen uͤberwältigt, ſich in Thränen zurückgezogen habe, bis er plötzlich ganz unerwartet und faſt athemlos wieder in den höchſten Fiſteltönen einfiel. Er war ein gräßli⸗ cher Virtuoſe, dem das Ohr gar nicht zu folgen vermochte, denn wenn man kaum dachte, er leiſte eben jetzt gar nichts, ließ er auf einmal wieder ein Stückchen hören, das aufs Höchſte überraſchen mußte. Es kamen miehrere Muſtikſtücke nach einander, viel⸗ leicht zwei bis drei zu viel, allein Frau Todgers meinte, das ſey ein Irrthum, den man nur günſtig auslegen könne; allein ſelbſt jetzt in dieſem feierlichen Augenblick, wo ſeine gellenden Toͤne vermuthlich bis in die innerſten Tiefen ſeines Weſens eingedrungen ſeyn mochten, wenn er überhaupt nur noch Tiefen beſaß, konnte es Herr Jin⸗ kins nicht über ſich gewinnen, den jüngſten Herrn unge⸗ hänſelt zu laſſen; bevor nämlich das zweite Lied begann, bat er ihn insbeſondere, und in der Eigenſchaft einer rein perſönlichen Gunſt— daraus war wohl am Beſten ſeine ſpitzbübiſche Abſicht zu erkennen,— er ſolle doch ja nicht blaſen. Ja, er ſolle nicht blaſen! das muthete er ihm zu. Das Schnauben des jüngſten Herrn war ſogar noch durch das Schlüſſelloch der Hausthüre zu vernehmen, und dennoch blies er nicht. Wie konnte auch eine Flöͤte den Leidenſchaften Luft machen, die ſeine Bruſt anſchwellten? ſogar eine Baßpoſaune wäre noch um eine ganze Welt zu ſchwach dazu geweſen.— Die Serenade näherte ſich dem Schluß, und nun kam der Glanzpunkt derſelben.— Derjenige unter den Herren, der den Literaturfreund ſpielte, hatte ein Gedicht auf die Abreiſe der Damen gefertigt, und es einer alten Melodie angepaßt. Dieſes Lied wurde von der ganzen 1⁰⁵ Geſellſchaft mit Ausnahme ihres jüngſten Mitgliedes ge⸗ ſungen, welch letzteres aus den oben berührten Gründen ein fürchterliches Schweigen beobachtete. Das Gedicht, ſeinem Inhalte nach zur klaſſiſchen Schule gehörig, rief Apoll's Orakel an, und verlangte von ihm zu wiſſen, was aus Todgers's Hallen werden würde, wenn einmal Charity und Merey denſelben entſchwebt wären. Das Orakel that indeß keinen Ausſpruch, der beſonderer Er⸗ wähnung werth geweſen wäre, wie dies vom grauen Al⸗ terthum herab bis auf die gegenwärtige Zeit bei Ora⸗ keln ziemlich häufig vorkommen ſoll. In Ermanglung einer genügenden Aufflärung über dieſen Gegenſtand ver⸗ rückte das Gedicht einigermaßen ſeinen Standpunkt, und verſuchte einen Beweis zu liefern, daß die beiden Miß Pecksniffs mit dem Rule Britania ſehr nahe verwandt ſeyen, und daß, wenn Großbritanien keine Inſel gewe⸗ ſen wäre, wohl auch nie von den Miß Pecksniffs die Rede hätte ſeyn können. Da nun das Gedicht einmal Gegenſtände der Schifffahrt auf's Tapet gebracht hatte, ſchloß es mit folgendem Verſe:— Viel Glück für das Schifflein von Pecksniff dem Herrn! Ihn ſegne Neptun, wie er kann! In ihm bewundern Tritonen gar gern Den Vater, den Künſtler, den Mann. Nachdem die Herren dieſes allerliebſte Gemälde voll poetiſcher äſthetiſcher Erhabenheit der Einbildungskraft vorgeführt hatten, zogen ſie ſich allmählig in ihre Schlaf⸗ kammern zurück, um der Muſik auch die Wirkung der Entſernung ⸗zu gönnen, und ſo erſtarb dieſe wirklich, und die frühere hehre Ruhe zog wieder in die Hallen von Todgers's Speiſehauſe ein. Herr Bailey junior behielt ſich ſeine muſikaliſche Opfergabe bis zum Morgen vor; als nämlich die jun⸗ gen Damen vor ihren Koffern auf den Knieen lagen, und ſich mit dem Packen derſelben beſchäftigten, ſtreckte er den Kopf zur Thüre herein, und gab ihnen die Nach⸗ ahmung der Stimme eines jungen Hundes in widerwär⸗ 106 tigen Umſtänden zum Beſten, wenn z. B. dieſes Thier — wie Perſonen von lebhafter Einbildungskraft ſich etwa denken möchten,— ſeinen Gefühlen dadurch Luft zu machen unternähme, daß es Tinte und Feder verlangte. „Nun, meine jungen Damen!“ hub der Burſche an;—„Sie reiſen alſo jetzt nach Hauſe, nicht wahr?— das iſt ſehr fatal.“ 4 „Ja, Bailey, wir rüſten uns zur Heimreiſe,“ ver⸗ ſetzte Mercy. „Und Sie wollen keinem der Herren eine Locke von Ihrem Haare zurücklaſſen?“ forſchte er weiter;—„ich hoffe doch, daß Sie natürliches Haar tragen?“ Sie lachten über dieſen Einfall, und verſicherten ihn begreiflicherweiſe, daß dies ſich von ſelbſt verſtehe. „Je nun,“ meinte Bailey,„ſo ganz verſteht es ſich denn doch nicht von ſelbſt; ich weiß auch Fälle vom Ge⸗ gentheil.— Unſere Alte z. B. trägt kein natürliches Haar und mehr als einmal ſchon habe ich geſehen, daß ihre Locken droben am Fenſter an einem Näͤgelchen hin⸗ gen. Zudem trete ich zuweilen beim Eſſen hinter ſie und zauſe ſie ein wenig, und ſie merkt's nicht einmal. Sehen Sie, meine jungen Damen, ich ſtehe auch im Be⸗ griff, meinen Abſchied zu nehmen— ich mag nicht län⸗ ger hier bleiben, um mich von ihr ausſchimpfen zu laſſen“ Miß Mercy fragte ihn, was er denn für Pläne für die Zukunft gemacht habe, worauf ihr Herr Bailey die vertrauliche Mittheilung machte, daß er im Sinne habe, entweder in Kappenſtiefeln einherzugehen(Reit⸗ knecht zu werden) oder in die Armee zu treten. „In die Armee?“ riefen die beiden Damen und lachten unmäßig über dem Gedanken, Bailey junior in einer rothen Uniform zu ſehen. „und warum denn nicht?“ fragte Bailey;—„im Tower drüben gibt es viele Trommler, von denen ich verſchiedene kenne. Denken Sie ſich nur, das Vaterland umgibt die Burſchen ja mit einem Wall, nicht wahr?“ 107 „Ihr wollt Euch alſo todtſchießen laſſen, wie ich ſehe,“ bemerkte Mercy. „Je nun, was liegt daran, wenn ich's thue?“ rief Herr Bailey;—„es macht mir einmal Spaß, meine jungen Damen! Glauben Sie mir's,'s iſt mir am Ende lieber, wenn mich eine Kanonenkugel trifft als ein Nu⸗ delholz, und die Alte hat doch immer etwas derartiges bei der Hand, womit ſie nach mir wirft, wenn die Herrn zu viel Appetit zeigen. Iſt's denn meine Schuld?“ fuhr Herr Balley fort und erbitterte ſich nicht wenig bei der Erinnerung an das erlittene Unrecht,—„iſt's denn meine Schuld, wenn die Herren die vorhandenen Lebensmittel aufzehren? Sagen Sie ſelbſt, kann ich etwas dafür?“ „ DDas wird auch keinem Menſchen zu behaupten ein⸗ fallen!“ verſetzte Mercy. „Ja,“ rief der Burſche,—„vernünftig iſt's freilich nicht, wenn die Leute das thun, aber ich kenne doch Je⸗ manden, der es thut; ich kann es nun und nimmermehr mit anſehen, daß ich dafür büßen muß, wenn die But⸗ ter und die Fiſche im Preiſe ſteigen. Ich will mich nicht dafür zu Tode plagen laſſen, daß die Marktpreiſe hoch ſind. Ich bleibe nicht länger hier,“ fuhr Herr Bailey fort und verzog dabei den Mund zu einem erwartungs⸗ vollen Lächeln,„und deshalb werden Sie wohl am beſten daran thun, wenn Sie mir das, was Sie mir zugedacht haben, auf einmal geben wollen, weil ich gewiß nicht mehr hier bin, wenn Sie wieder hieher kommen, und was den andern Jungen anbelangt, der mich erſetzen ſoll, ſo weiß ich ganz gewiß, daß der nichts von Ihnen verdient hat.“ Die jungen Damen machten ſich dieſen vernünftigen Rath zu Nutze, gaben ſowohl in ihrem eigenen Namen als auch für Herrn Pecksniff ein Trinkgeld und fügten in Berückſichtigung ihrer beſondern Freundſchaft für Herr Bailey noch ein ſo freigebiges Geſchenk hinzu, daß er ihnen gar nicht genug ſeine Dankbarkeit an den Tag legen konnte, die nur ein unvollkommenes Aeuße⸗ rungsmittel darin fand, daß er den Reſt des Tages hin⸗ 1⁰8 durch zu verſchiedenen Malen heimlich ſehr bezeichnend auf ſeine Taſchen klopfte und ähnliche poſſierliche Pan⸗ tomimen machte. Der Ausbruch ſeiner Herzensfreude beſchränkte ſich indeß nicht allein hierauf, denn außerdem, daß er eine Hutſchachtel mit einem Hute zerdrückte, that er Herrn Pecksniffs Gepäcke noch ſehr beträchtlichen Scha⸗ den, als er es voll glühenden Eifers vom Hausgiebel herunter ſchaffte. Mit einem Wort, er legte auf jede mög⸗ liche Weiſe ein höchſt lebhaftes Gefühl für die beſondere Gunſt an den Tag, deren er ſich von dieſem Herrn und ſeiner Familie zu erfreuen gehabt hatte. Herr Pecksniff und Herr Jinkins kamen zur Tiſch⸗ zeit Arm in Arm nach Hauſe, denn der letztere hatte ausdrücklich in dieſer Abſicht einen halben Feiertag ge⸗ macht, und dadurch natürlich einen ungeheueren Sieg über den jüngſten Herrn und die übrigen Hausgenoſſen erlangt, deren Zeit zu Aller größtem Leidweſen bis zum Abend in Anſpruch genommen war. Herr Pecksniff ver⸗ ſüßte den Abſchied noch mit einer Flaſche Wein und die beiden Herren waren ſehr geſellig, obwohl es natürlich nicht ohne manchfache Wehklagen über die Nothwendig⸗ keit des Abſchiedes abgehen konnte. Während ſie noch im beſten Einvernehmen bei einander ſaßen, wurde der alte Anton nebſt ſeinem Sohne gemeldet und zwar eben ſo ſehr zur Ueberraſchung des Herrn Pecksniff, als zum Aerger des Herrn Iinkins. „Wir kommen, um Lebewohl zu ſagen, wie Sie ſehen!“ flüſterte Anton Herrn Pecksniff zu, als ſie ſich an ein Eckchen des Tiſchchens ſetzten, während die Uebri⸗ gen mit einander plauderten;—„wozu ſollte es auch füh⸗ ren, wenn eine Spaltung zwiſchen uns beiden herrſchte? Sind wir von einander getrennt, Pecksniff, ſo bilden wir gleichſam nur die beiden Hälften einer Scheere; halten wir aber zuſammen, ſo ſind wir ſchon etwas, nicht wahr?“ „Eintracht, mein lieber Sir, iſt ſtets ein anmuthiges Ding,“ gab Herr Pecksniff zur Antwort. „Davon weiß ich nicht viel zu ſagen,“ verſetzte der * 7 1⁰9 Alte,„denn es gibt Leute, mit denen ich lieber im Hader lebte, als daß ich mit ihnen in gutem Einvernehmen ſtünde; doch Sie wiſſen ja, wie ich von Ihnen denke!“ Herr Pecksniff hatte das ſchmeichelhafte Prädi⸗ kat„Heuchler“ noch nicht vergeſſen und erwiderte daher nur durch eine Bewegung des Kopfes, die weder eine bejahende Verbeugung noch ein verneinendes Kopfſchüt⸗ teln war. „Ich denke nur günſtig von Ihnen,“ ſagte Anton, „abſolut nur günſtig, auf mein Wort; es war ſelbſt da⸗ mals nur ein unwillkürlicher Tribut, den ich Ihren Fä⸗ higkeiten brachte, und die Zeit war keinesfalls paſſend, mit einander Komplimente auszutauſchen. Sie erinnern ſich ja noch, daß wir uns in der Kutſche mit einander ausſöhnten und nun uns vollkommen verſtehen.“ „Ei freilich! ganz und gar!“ verſetzte Herr Pecks⸗ niff auf eine Weiſe, welche darthat, daß er ſelbſt auf's Grauſamſte mißverſtanden werde, es aber verſchmähe, ſich zu beklagen. Anton ſchielte nach ſeinem Sohne hin, der ſich neben Miß Charity geſetzt hatte, und dann zu verſchiedenen Malen auf Herrn Pecksniff und dann wie⸗ der auf ſeinen Sohn zurück. Es war ein reiner Zufall, daß Herrn Pecksniff's Blicke eine ähnliche Richtung ein⸗ ſchlugen; wie er jedoch dies inne wurde, ſchlug er ſeine Augen nieder und ſchloß ſie ſodann ganz und gar, als ob er entſchloſſen wäre, daß der alte Mann nichts darin leſen ſollte. „Jonas iſt ein ſehr verſchmitzter Burſche,“ hub der alte Chuzzlewit an. „O ja,“ verſetzte Herr Pecksniff in der unbefangen⸗ ſten Weiſe,—„er ſcheint wenigſtens ſehr verſchlagen zu ſeyn.“— „Und ſparſam,“ fuhr der alte Mann fort. .„Ich zweifle gar nicht, daß er auch ſparſam iſt,“ verſetzte Herr Pecksniff. 5 „Sehen Sie nur hin,“ flüſterte ihm Anton in's . 110 Ohr;—„mir dünkt, der Burſch iſt in ihre Tochter verliebt.“. „Stille, guter Sir!“ entgegnete Herr Pecksniff noch immer mit geſchloſſenen Augen;—„es ſind junge Leute— junge Leute— zudem noch einigermaßen mit einander verwandt— gewiß, Sir, darauf beſchränkt ſich die ganze Verliebtheit.“ „Bah!“ verſetzte Anton,„Sie wiſſen aus eigener Erfahrung, daß bei der Verwandtſchaft nicht eigentlich viele Verliebtheit iſt. Sollte hier nicht ein Bischen mehr im Werke ſeyn?“ 3 „Das vermag ich unmöglich zu ſagen!“ erwiederte Herr Pecksniff,—„rein unmöglich! Sie machen mich wahrhaft überraſcht, Sir!?“ „Ja, ja, ich kenne das,“ verſetzte der alte Mann trocken;—„es mag von Dauer ſeyn,— die Verliebtheit nämlich, nicht das Erſtaunen— es mag aber auch bald⸗ wieder aufhören. Setzen wir übrigens einmal den Fall, die Sache wäre von Dauer— Sie haben ſich in Ihrem Neſtchen ſo ziemlich weich gebettet und ich kann das Näm⸗ liche von mir ſagen— hätten wir alsdann nicht vielleicht ein gegenſeitiges Intereſſe bei der Sache?“ Herr Pecksniff lächelte ein Wenig und ſchickte ſich eben zu einer Antwort an, allein Anton nahm ihm das Wort vor dem Munde weg. 3„Ich weiß ſchon, was Sie ſagen wollten,“ erwiderte er;—„es iſt indeß ganz unnöthig; Sie haben noch keinen Augenblick daran gedacht und konnten in einem Punkte, der das Glück Ihres ſchönen Kindes ſo nahe angeht, als ein zärtlicher Vater bis jetzt noch keine Mei⸗ nung äußern, und was dergleichen mehr iſt. Nun ja, Sie haben Recht und handeln nur wie Sie handeln ſollen! Allein mir däucht, mein beſter Pecksniff,“ ſetzte Anton hinzu und legte ſeine Hand auf des Andern Arm,—„es könnte Einer von uns möglicherweiſe ſehr benachtheiligt werden, wenn wir uns Beide den Spaß machten, von der ganzen Sache nichts merken zu wollen. Da ich nun —.—„ ScdS+2,— ,9ͤ== SE . 111 um keinen Preis gerade ſelber Derjenige ſeyn möchte, werden Sie mich entſchuldigen, wenn ich mir die Freiheit nehme, die Sache ſobald wie möglich über allen Zweifel zu erheben und es ein⸗ für allemal als angenommen be⸗ trachte, daß wir es bemerkt haben und darum wiſſen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerkſamkeit; wir ſtehen nun Beide auf gleichem Fuße, und ich bin überzeugt, daß dies nur für uns Beide angenehm ſeyn kann!“ Mit dieſen Worten erhob er ſich, nickte Herrn Pecks⸗ niff bedeutſam zu und verließ ihn, um zu den jungen Leutchen hinzutreten. Der gute Pecksniff war freilich durch dieſes unumwundene Benehmen etwas verdutzt und aus der Faſſung gebracht worden, und fühlte ſich nicht ganz frei von einem gewiſſen Aerger, daß er diesmal auf dem fahlen Pferde ertappt und mit ſeinen eigenen Waffen geſchlagen worden ſey.— Die Poſtkutſche indeß, welche heute Abend abfuhr, durfte ſich beſonderer Pünktlichkeit rühmen, und es war daher Zeit ſich nach dem Poſtamte zu begeben, das ſo nahe bei der Hand war, daß man bereits das ganze Gepäck dorthin geſandt hatte und nun füglich im Stande war, ſich zum Abgange zu rüſten. Die ganze Geſellſchaft begab ſich nun nach dem Poſtamte, ohne ſich mehr Ver⸗ zug zu vergönnen, als die beiden Miß Pecksniffs und Frau Todgers zur Beſorgung ihrer Toilette brauchten. Sie fanden den Wagen bereits reiſefertig und die Pferde eingeſpannt, ſo wie ſie auch hier mit dem größten Theil der Herren vom Handelsſtande zuſammentrafen— den jüngſten Herrn der Geſellſchaft natürlich nicht zu ver⸗ geſſen, der augenſcheinlich ſehr aufgeregt und in einem Zuſtande tiefer geiſtiger Niedergeſchlagenheit war. Wo nehme ich Worte her, um den unnennbaren Schmerz der Frau Todgers auszudrücken, als ſie ſich von den jungen Damen verabſchiedete, und die innige Rührung zu ſchildern, womit ſie Herrn Pecksniff Lebewohl ſagte. Gewiß war nie ein Taſchentuch ſo oft aus einem flachen Ridikul genommen worden, als das der Frau Todgers, 3 112 wie ſie nun nebeem Kutſchenſchlage auf dem Pflaſter ſtund und ſich unter beiden Armen von Einem der Herren vom Handelsſtande unterſtützen ließ; die würdige Dame warf bei dem Lichtſchein der Wagenlampen ſo viele kurze und verſtohlene Blicke nach dem Antlitz des guten Mannes, als das beſtändige Dazwiſchentreten des Herrn Jinkins nur immer erlauben mochte. Herr Jinkins nämlich, der bis zum letzten Augenblick im Leben des jungen Herrn ein Stein des Anſtoßens ſeyn wollte, ſtand auf dem Kut⸗ ſchentritte und plauderte mit den Damen. Auf dem jen⸗ ſeitigen Kutſchentritte hingegen ſtand Herr Jonas, der kraft ſeiner Vetterſchaft dieſe Stellung behauptete, ſo daß der jüngſte Herr, der gleichwohl der erſte auf dem Platze geweſen war, tief im Einſchreibebureau unter den ſchwarz und rothen Anſchlagzetteln und den Portraits von Poſt⸗ kutſchen und Eilwagen ſtehen mußte, wo er auf's Schimpf⸗ lichſte von den Poſtpackern mißhandelt und in ſtetem Kampf und Streit mit ſchwerem Gepäck erhalten wurde. Dieſe falſche Stellung, ſammt ſeiner nervöſen Stim⸗ mung, ſteigerte ſein Elend auf den höchſten Gipfel und zur Kataſtrophe, ſo daß, als er im Augenblick der Ab⸗ fahrt eine Blume— zudem noch ein Treibhausgewächs, das Geld gekoſtet hatte— nach Mercy's ſchöner Hand werfen wollte, er an ihrer Stelle den Kutſcher auf dem Bock damit traf, der ihm freundlich dafür dankte und das niedliche Angebinde in's Knopfloch ſteckte. Nun waren ſie auf und davon, und Todgers Hallen waren wieder öde und verlaſſen. Die beiden jungen Da⸗ men lehnten ſich je in die Wagenecken zurück und über⸗ ließen ſich ergebungsvoll und entſagend ihren eigenen un⸗ willigen Gedanken. Herr Pecksniff aber entſchlug ſich aller ephemeren Rückſichten für ſociales Vergnügen und Erholung und concentrirte ſeine Gedanken auf den ein⸗ zigen großen tugendhaften Zweck, den er vor ſich hatte— den naͤmlich: jenen undankbaren Betrüger aus der Thüre zu jagen, deſſen Anweſenheit noch immer die Ruhe ſeines 113 häuslichen Heerdes ſtörte, und ein unheiliges gottesläſter⸗ liches Feuer auf dem Altare ſeiner Hausgötter entflammte. Drittes Kapitel. Woraus hervorgehen wird, daß es über kurz oder lang Herrn Pinch und Conſorten ſehr nahe angeht; worin Herr Pecksniff fer⸗ ner die Würde der gekränkten Tugend vertritt, der junge Martin Chuzzlewit aber einen höchſt verzweifelten Entſchluß faßt. Herr Pinch und Martin ahnten wohl inzwiſchen nicht das Mindeſte von dem Ungewitter, das ſie bedrohte, machten ſich es einſtweilen in den Pecksniff'ſchen Hallen höchſt behaglich und kamen jeden Tag auf vertrautern Fuß zu einander zu ſtehen. Da Martin eine merkwürdige Leichtigkeit, ſowohl in Erfindung als Ausführung, an den Tag legte, machte die lateiniſche Schule namhafte Fort⸗ ſchritte und noͤthigte Tom wiederholt die Erklärung ab, ſein Freund müſſe, wenn es in menſchlichen Angelegenheiten auch nur leidliche Gewißheit oder bei menſchlichen Richtern auch nur einige Unpartheilichkeit gebe, durch dieſe neue höͤchſt verdienſtliche Zeichnung jedenfalls den erſten Preis erlangen, ſobald die Zeit der Bewerbung eintrete. Ohne gerade ſanguiniſche Hoffnungen zu hegen, erſehnte Martin ebenfalls im Voraus einen ähnlichen Erfolg, und dies diente nur dazu, ihn in dem Eifer zu ermuntern und zu beſtärken, womit er ſeinen Zweck verfolgte. „Wenn ich ein großer Baukünſtler werden ſollte, Tom,“ ſprach der neue Zögling eines Tages, als er ein Paar Schritte von ſeiner Zeichnung zurücktrat und ſie ſelbſt mit beifälligem Blicke betrachtete,—„ſoll ich Ihnen wohl ſagen, was ich alsdann zuerſt gründen würde?“ „Ei!“ rief Tom;—„und was denn?“ „Ihr Glück, lieber Pinch!“ verſetzte Martin. Boz, Chuzzlewit. II. 1 8 114 „Warum nicht gar!“ rief Tom Pinch und ſchien ſo ſeelenvergnügt, als wäre der Plan ſeines Freundes bereits in Erfüllung gegangen;—„das würden Sie alſo wirklich thun? Wie gütig Sie doch ſind, ſich ſo mit mir zu beſchäftigen!“ „Ja, lieber Tom,“ verſetzte Martin,—„Ihr Glück wäre es, was ich erbaute, und zwar auf eine ſo ſtarke Grundlage, daß es nicht nur Ihr ganzes Leben lang andauern, ſondern ſogar noch auf Ihre Kinder und Kin⸗ des⸗Kinder ſich erſtrecken ſollte. Ich würde Ihr Gönner werden, Tom, ich würde Sie unter meinen beſondern Schutz nehmen und möchte den Mann ſehen, der es wagen ſollte, gegen einen meiner Günſtlinge unbarm⸗ herzig zu ſeyn, wenn ich das Ziel meiner Wünſche er⸗ reicht hätte, Tom.“ „Auf mein Wort!“ rief Pinch, ich glaube kaum, daß ich mich je über etwas ſo ſehr gefreut habe, als über das, was Sie mir da eben ſagen;— fürwahr, ſo tief hat mich noch Nichts gerührt.“ „O, ich weiß was ich ſagen will, und es iſt mir Ernſt damit!“ verſetzte Martin mit einer ſo freimüthigen und in ihrer Herablaſſung, um nicht zu ſagen: in Ihrem Mitleid für den Andern, ſo gewinnenden Weiſe, als ob er bereits erſter Hofarchitekt aller gekrönten Häupter von Europa wäre;—„wahrlich, Tom, das würde ich thun, ich würde für Sie ſorgen.“ „Nicht doch!“ verſetzte Tom kopfſchuͤttelnd;—„ich fürchte faſt, daß ich zu blöde ſeyn möchte, um einer ſolchen Fürſprache mich würdig zu machen.“ „Bah!“ verſetzte Martin;—„glauben Sie das ja nicht! Hätte ich mir es einmal in den Kopf geſetzt zu ſagen, Pinch iſt ein geſchickter Burſche, ich kann ihn mit dem beſten Gewiſſen loben; ſo möchte ich wohl den Mann kennen lernen, i derſprechen. außerdem noch Hand gehen.“ der es wagen würde, mir zu wi⸗ Alle Wetter, Tom! Sie könnten mir ja auf hunderterlei Weiſe nützlich an die — 2 S— , 5 Se SSESn O . 115 „Wenn ich Ihnen nur auf die eine oder andere Weiſe von Nutzen ſeyn könnte, ſo ſollte mich wahrlich die Mühe nicht verdrießen, den Verſuch zu machen,“ ſagte Tom. „Sehen Sie,“ fuhr Martin nach kurzem Nachden⸗ ken fort;—„könnte ich zum Beiſpiel eine geeignetere Perſon finden, die dafür Sorge tragen würde, daß meine Ideen entſprechend ausgeführt würden, und die die Arbeiten ſo lange leitete, bis ſie zu dem Grade ge⸗ diehen wären, wo ſie auch für mich intereſſant werden müßten?— kurzum eine Perſon, welche die alltäglichen Handreichungen und Zurichtungen für mich unternähme? Dabei wären Sie auch ganz die geeignete Perſon, die Leute in meinem Studirzimmer umherzuführen, und ihnen etwas von Kunſt vorzuſchwadroniren, wenn ich mich nicht ſelbſt mit ihnen abgeben möchte, und derglei⸗ chen mehr; wahrhaftig, Tom, es wäre mir von unſäg⸗ lichem Nutzen(ich gebe Ihnen mein Wort; daß dieß mein voller Ernſt iſt), wenn ich ſtatt eines gewöhnlichen Tölpels einen Mann von Ihren Kenntniſſen um mich hätte. Glauben Sie mir, ich würde Sie ſchon auszu⸗ beuten wiſſen und Sie ſollten mir von nicht geringem Nutzen ſeyn.“ Wollten wir behaupten, Tom Pinch habe nicht im Entfernteſten daran gedacht, in irgend einem ſocialen Orcheſter die erſte Violine zu ſpielen, ſondern habe ſich ſtets vollkommen begnügt, die hundertundfünfzigſte oder darüber auszufüllen, ſo würden wir ſeine Beſchei⸗ denheit-in ſehr unzweckmäßigen Ausdrücken bezeichnen. So viel iſt indeß gewiß, daß er uͤber dieſe Bemerkungen und Pläne höchſt erfreut war. „Bis dahin müßte ich natürlich ſie zur Frau haben!“ ſagte Martin. Weas,that auf einmal dem hohen Anfluge von Tom Pinchs Froͤhlichkeit ſo plötzlich Eintrag? was trieb ihm ſo ſchnell das Blut in die ehrlichen Wangen und träu⸗ felte ein bitteres Gefühl in ſein ehrliches Herz, als ob 8* 116 er ſo huldvoller Rückſichten von Seiten ſeines Freundes unwürdig wäre? „Ich wäre alsdann mit ihr verheirathet,“ fuhr Martin fort und ſah lächelnd nach dem Licht auf;„hof⸗ fentlich würden uns auch ein Paar Kinderchen umſpielen, die alle ein recht inniges Zutrauen zu Ihnen haben ſoll⸗ ten, Herr Pinch!“ 2 Herr Pinch ſprach kein Wörtchen, denn das Wenige, was er geäußert haben würde, erſtarrte ihm auf den Lippen und fand ein weit geiſtigeres Leben in den Ge⸗ danken der Entſagung, die er hegte. 4 „Alle Kinder der Umgegend lieben Sie, Tom, und die meinigen wären Ihnen natürlich auch recht von Her⸗ zen gut!“ ſprach Martin weiter.—„Eines davon würde ich vielleicht nach Ihnen benennen, Tom, nicht wahr? Je nun, ich glaube, Tom iſt kein übler Mann; Thomas Pinch Chuzzlewit: T. P. C., auf ſeinem Schürzchen möchte ſich nicht ſo übel ausnehmen, wie mich bedünkt.“ Tom räuſperte ſich und lächelte milde. „Ich bin überzeugt, auch ſie würde Ihnen gut ſeyn, Tom!“ fuhr Martin fort. „Warum nicht gar!“ rief Tom und ein ſchwacher Strahl von Freude überflog ſein ehrliches Geſicht. „Ich kann Ihnen ganz genau ſagen, was ſie von Ihnen denken würde!“ ſprach Martin, das Kinn in die Hand geſtützt und blickte durch die Fenſterſcheibe, als leſe er dort, was er ſagen wollte;—„ich kenne ſie ja ſo gut. Sie würde zwar manchmal lächeln, Tom, wenn Sie ſie anredeten oder wenn Marxie auf ſie blickte,— und ich kann Ihnen gar nicht ſagen, wie heiter und lieblich ſie lächeln kann— allein das würden Sie ſicher nicht übel nehmen. Sie haben ſicher kein ſchöneres anmuthigeres Lächeln geſehen.“ „Ei behüte,“ verſetzte Tom,—„es fiele mir ge⸗ wiß nicht ein, es übel zu nehmen.“ „Sie würde ſo zärtlich mit Ihnen umgehen, als ob Sie ſelbſt ein Kind waͤren,“ fuhr Martin fort,„und 117 hätte ſie erſt vollſtändig entdeckt, was für ein wackerer Junge Sie wären— was ihr ſicherlich nicht lange ver⸗ borgen bleiben könnte,— ſo würde ſie Ihnen gewiß gerne mancherlei kleine Aufträge geben und kleine Dienſtlei⸗ ſtungen von Ihnen begehren, welche Sie ſicherlich mit dem glühendſten Eifer zu vollführen ſuchen würden, bis Sie zu der Ueberzeugung gelangten, daß gerade, wenn Sie am vergnügteſten wären, auch Marie das größte Vergnügen haben würde. Wahrlich ſie wäre Ihnen ge⸗ wiß ganz ungewöhnlich gut, Tom, und würde weit zar⸗ ter mit Ihnen umgehen, als dieß je bei mir der Fall ſeyn wird; ich bin überzeugt, ſie würde Ihnen oft das Zeugniß geben, daß Sie ein höchſt harmloſer artiger, gutmüthiger und dienſtfertiger Junge ſind!“ Tom Pinch lächelte für ſich hin, ließ aber keinen Laut hören, denn das Gemälde, welches ihm Martin vorführte, hatte ihn ſo weich gemacht, daß er unmög⸗ lich Worte finden konnte. „Sehen Sie,“ fuhr Martin fort,—„der alten Zeit zu liebe und weil ſie Sie einſt in jener dumpfen kleinen feuchten Kirche drunten die Orgel ſpielen hörte (und obendrein noch gratis), müßten wir auch eine Orgel 9 in unſerem Hauſe haben. Ich werde nach einem eigenen Plane alsdann einen großen architektoniſchen Muſikſaal bauen laſſen und die Orgel ſollte auf die vernünftigſte Weiſe in einer Niſche an der einen Ecke des Gemachs angebracht werden. Dort ſollten Sie alsdann ſpielen dür⸗ fen, Tom, ſo lange es Ihnen Freude macht, und da Sie ſich dabei gern im Dunkeln aufhalten, ſoll das Gemach auch dunkel ſeyn, und an manchem Sommerabend würde ich mich alsdann mit ihr in jenen Saal ſetzen und Ihnen zuhoren,— darauf dürfen Sie ſich verlaſſen.“ Es mochte von Tom's Seite wohl eine gewaltſamere Anſtrengung erfordert haben, den Stuhl zu verlaſſen, auf dem er eben ſaß und mit einem von Heiterkeit und Dank⸗ gefühl widerſtrahlenden Antlitz ſeinem Freund beide Hände zu ſchütteln— es mochte ihn mehr Mühe gekoſtet haben, 118 dieſen einfachen Akt mit reinem Herzen zu vollziehen, als manche ſogenannte Großthat zu vollbringen, von der Fama's zweideutige Trompete luſtig und überlaut wider⸗ klang;— ich ſage zweideutig, weil ſie ſich lange über Scenen von Gewaltthat aufhält, wo der Rauch der Brand⸗ ſtatt und der Hauch des Todes die Klappen des tapfern Inſtruments zum Roſten gebracht haben, weßhalb auch ſeine Töne nicht immer wahr und melodiſch ſeyn können. „Es iſt ein Beweis von dem Wohlwollen der menſch⸗ lichen Natur,“ ſprach Tom, der ſich diesmal charakteriſtiſch genug bei der ganzen Angelegenheit ſelbſt außer Acht ließ; —„daß Jedermann, der hieher kommt, gleich Ihnen liebe⸗ voller und rückſichtsvoller gegen mich iſt, als ich je zu hoffen berechtigt wäre, und wäre ich auch das ſanguiniſcheſte Weſen der Welt, oder als ich auszudrücken vermöchte, wenn mir auch die größte Beredſamkeit eigen wäre. Es über⸗ wältigt mich in der That, allein glauben Sie mir,“ ſetzte Tom hinzu,„daß ich nicht undankbar bin, daß ich es nie vergeſſe und ſtets erbötig ſeyn werde, Ihnen die Aufrich⸗ tigkeit meiner Verſicherung zu beweiſen, wenn ich in den Fall komme.“ „Schon recht,“ entgegnete Martin, der mit den Hän⸗ den in den Taſchen ſich in den Stuhl zurücklehnte und fürchterlich gäͤhnte;—„wir hatten recht hübſch mit ein⸗ ander geplaudert, allein mir fällt plötzlich ein, daß ich für jetzt bei Pecksniff bin und mich in dieſem Augenblick wohl eine Meile oder drüber von der Heerſtraße des Glücks abſeits befinde;— Sie haben alſo heute früh wieder etwas von Ihrem Freunde gehört, dem— nun wie heißt er doch gleich?“..... „Wer mag das wohl ſeyn?“ fragte Tom, der in Betreff der Wurde einer abweſenden Perſon einen milden Proteſt einzulegen ſchien. „Sie kennen ihn ja,“ verſetzte Martin;—„wie heißt er doch gleich? Northkey?“ „Ach, Sie mieinen Weſtlock?“ verſetzte Tom in lau⸗ terem Tone als ſonſt. 119 „Ach ja— Weſtlock heißt er!“ verſetzte Martin;— „ich erinnerte mich noch ſo ungefähr, daß dabei irgend ein Punkt des Compaſſes und eine Thüre in's Spiel kam.*) Wohlan denn, was ſpricht denn Ihr Freund Weſtlock?“ „Ei, er hat jetzt ſein Vermögen angetreten,“ gab Tom kopfſchüttelnd zur Antwort und lächelte ſeelenver⸗ nügt. 3 8,gin glücklicher Junge,“ rief Martin;„ich beneide ihn faſt und möchte wünſchen, daß ich das ebenfalls von mir ſagen könnte.— Iſt denn dieß das ganze Geheimniß, in welches Sie mich einweihen wollten?“ „Ei behüte!“ verſetzte Tom,—„noch lange nicht!“ „Was ſoll ich ſonſt noch hören?“ fragte Martin. „Was das anbelangt,“ fuhr Tom fort,—„ſo iſt's gerade kein Geheimniß, und hat wahrſcheinlich auch kein beſonderes Intereſſe für Sie; allein mir gewährt es un⸗ nennbares Vergnügen. Wie John noch hier lebte, pflegte er zuweilen zu ſagen:„Warte, Tom, wenn meines Va⸗ ters Teſtaments⸗Vollſtrecker mir erſt einmal Moſen und die Propheten in die Hand geben“— er hatte nämlich eine ganz eigene Weiſe, ſich hie und da auszudrücken, und da war ihm denn jedes Wort willkommen.“... „Ei!“ rief Martin,—„WMoſes und die Propheten““ iſt ein guter Ausdruck, zumal wenn man ſich bewußt iſt, daß man ſie ſelber in der Taſche hat!— Je nun, was noch mehr?— Ihr ſeyd ein ſchrecklich langweiliger Burſche, Pinch!“ 3 „Ich weiß es leider wohl!“ verſetzte Tom,—„allein, wenn Sie mir dazu rathen, will ich mich raſch beſſern; ich fürchte, Sie haben mich ſchon ein wenig verwirrt ge⸗ macht, denn ich weiß gar nicht mehr, was ich vorhin ſa⸗ gen wollte.“ „Wenn die Teſtamentsvollſtrecker von John's Vater ) Westlock heißt Weſtſchloß,— Northkey hingegen Nord⸗ ſchüſſel; ſolche Wortſpiele verlieren durch Ueberſetzung oder Subſti⸗ tuirung, und wir ziehen es vor, es auf dißſe Weiſr zu bezeichnen. nm. d. Ueberſ. — 120 ihm Moſen und die Propheten einhändigten,“ ſagte Martin ungeduldig. „Ach ja! das war's,“ rief Tom;—„ja, ja.— Alsdann,“ pflegte Tom zu ſagen, ‚will ich Dir ein Eſſen geben, John, und eigens zu dieſem Zwecke nach Salisbury zu Dir herunter kommen.“— Als nun John neulich an mich ſchrieb— es war an demſelben Tage, wo Herr Pecksniff ſich auf die Reiſe begeben hatte, wie Sie ſich noch erinnern werden— gab er mir Nachricht, ſeine Sachen ſtänden nun der Vollendung nahe und da er als⸗ dann baares Geld in die Hände bekommen werde, ſo ver⸗ langte er von mir zu wiſſen, zu welcher Zeit und an wel⸗ chem Tage ich nach Salisbury kommen könnte?— Ich gab ihm zur Antwort, daß mir jeder Tag der laufenden Woche genehm ſey und erwähnte nebenbei, wir hätten einen neuen Zögling hier, der ein wunderſchöner Burſche ſey und mit dem ich ſchon auf dem freundſchaftlichen Fuße ſtehe. John ſchrieb mir darauf augenblicklich dieſen Brief’— Tom zog ihn hervor und reichte ihn ſeinem Freunde hin—„worin er mir den morgenden Tag zu unſrer Zuſammenkunft anberaumt, ſich ihnen empfehlen läßt und Sie bittet, ihm das Vergnügen zu machen, daß wir alle Drei miteinander ſpeiſen möchten— und zwar nicht in dem gewöhnlichen Gaſthofe, wo wir Beide uns damals getroffen haben, ſondern geradezu im erſten Hotel der Stadt. Da, leſen Sie nur ſelbſt, was er ſchreibt!“ „Recht ſchön,“ verſetzte Martin in ſeiner gewöhnlichen Kaltblütigkeit, nachdem er einen flüchtigen Blick auf den Brief geworfen,—„ich bin ihm ſehr verbunden und nehme ſeine Einladung mit Dank an.“ Tom hätte ſich allerdings vermuthlich gewünſcht, daß ſein Freund über ein ſo großes Ereigniß etwas mehr Er⸗ ſtaunen oder Vergnügen, oder überhaupt auf die eine oder andere Weiſe mehr Intereſſe dafür an den Tag gelegt hätte. Martin aber beobachtete ungemein viel Selbſtbe⸗ herrſchung, pfiff ſich ſeine Lieblingsarie und nahm dann — 121 von Neuem ſeine lateiniſche Schule vor, als ob ſich auch nicht das Mindeſte ereignet hätte. Herrn Pecksniff's lahmer Gaul war für Tom von einer Art Glorie umgeben; er galt für ihn für eine Art geheiligtes Thier, womit nur der Oberprieſter dieſes Tem⸗ pels ſelbſt zu fahren beſugt ſey oder den er höchſtens einer zu dieſem hohen Amte ganz beſonders ernannten Perſon zeitweilig anvertraute;— deshalb kamen die bei⸗ den jungen Leute überein, den Weg nach Salisbury zu Fuß zurück zu legen, und bedienten ſich, als die geeignete Zeit gekommen war, ſofort auch ihrer Beine, was im Ganzen ſicherlich doch auch eine überwiegend zweckmäßigere Reiſemethode iſt, als das Fahren in einem einſpännigen Gig, zumal das Wetter ſehr ſchön, kalt und trocken war. Zweckmaͤßiger nannten wir dieſe Reiſemethode? Aller⸗ dings! ein ſeltener, anſtrengender, herzlicher, heilſamer Spa⸗ ziergang von vier Meilen in der Stunde iſt doch offenbar dem Gerumpel, Gehumpel, Gepolter, Schütteln, Rütteln, Krachen und Knarren in einem breſthaften alten Gig vorzuziehen? Wir ſind überzeugt, dieſe beiden Gegenſtände laſſen gar keine Vergleichung zu. Es iſt eine wahre Be⸗ leidigung für eine Fußwanderung, wenn man ſie der an⸗ dern Reiſemethode auch nur gegenüber ſtellt. Wo iſt ein Beiſpiel, daß ein Gig je das Blut eines Mannes in ra⸗ ſchern Umlauf ſetzte, wenn es nicht dadurch geſchah, daß er, der Gefahr ausgeſetzt, ſeinen Hals zu brechen, in ſeinen Adern und Ohren und längs des Rückgrats eine prickelnde Hitze verſpürte, die weit eigenthümlicherer als angenehmer Natur war? Wann ſchärfte ein Gig jemals Jemandes Witz und Energie, wenn nicht gerade dadurch, daß das Pferd Reißaus nahm, wie wahnſinnig einen ſteilen Hügel hinab und gegen eine ſteinerne Mauer anrannte und der einzige Herr drinnen ſeinen verzweifelnden Umſtänden irgend eine neue und noch nie erhörte Art, aus dem Wagen zu ſpringen, verdankte? Eine Fußwanderung war alſo jedenfalls Zweckmäßiger als ein Gig. Die Luft war kalt, Tom, das 122 konnte kein Skeptiker läugnen; wäre ſie indeß in einem Gig wohl milder geweſen? Das Feuer des Schmieds loderte hoch auf und ſprühte prächtige Funken, als ob es ſich in den Kopf ge⸗ ſetzt habe, die armen Menſchen warm zu halten; wäͤre es indeß weniger verführeriſch geweſen, wenn man es von den ſchmie⸗ rigen Kiſſen eines Gigs aus geſehen hätte? Der Wind blies ſcharf und ſchnitt den kühnen Fußgänger, der ſeines Weges hinzog, in's Geſicht; er blendete ihn mit ſeinem eigenen Haar, wenn er ſo viel davon hatte, im andern Fall aber mit dem winterlichen Staube, er verſetzte ihm den Athem, als ob er plötzlich in ein kaltes Bad getaucht würde; er blies ihm die umhüllenden Gewänder davon und pfiff ihm bis in's Mark ſeiner Knochen; allein er würde dies Alles einem Manne in einem Gig noch hun⸗ dertmal kräftiger gethan haben— nicht wahr? Zum Henker mit den Gigs! Allerdings war eine Fußwanderung zweckmäßiger als ein Gig! Wann hat man je Reiſende zu Wagen oder zu Pferde mit ſolch friſch gerötheten Wangen ge⸗ ſehen, wie die Fußwanderer? wann blieſen Jene in ſo guter Laune und ungetrübter Munterkeit die Wangen auf? Wann klang ihr Lachen ſo fröhlich in die Luft, wenn ſie ſich raſch umdrehten, ſo oft die ſtärkeren Wind⸗ ſtöße herbeifegten, und wieder ihrer Naſe nachgingen, ſobald der Windſtoß nachgelaſſen hatte, und mit einer ſolchen Gluth blühender Geſundheit ihres Weges weiter ſchritten, daß gar nichts mit ihnen Schritt halten konnte, als die muntere Laune, deren ſie ſich erfreuten!— Ja, wohl iſt ein Spaziergang beſſer als eine Spazierfahrt. Ei! ſeht nur jenen Mann an, der eben in einem Gig⸗ des Weges daher kommt! Seht nur, wie er ſeine Peitſche in die linke Hand nimmt und die erſtarrten Finger der Rechten auf dem ſchlafenden Bein reibt, und ſeine zum Marmor gewordenen Zehen gegen das Fußbrett anſtößt, ha, ha, ha! Wer würde dieſe kräftige eilende Bewegung des Blutes gegen jenfs ſtagnixende Elend vertauſchen, 1 123 könnte er auch zwanzig Meilen in einer Stunde damit zurücklegen?. . Wahrhaftig, der Gebrauch der Spazierhölzer iſt zweckmäßiger als ein Gig; wer fahren würde, könnte keine ſolche rege Theilnahme für die Meilenſteine an den Tag legen. Wer fahren würde, könnte nicht ſehen, nicht fühlen, nicht denken, wie diejenigen, die munter ihre Beine brauchen. Seht nur, wie der Wind weht! ſeht nur, wie der Duft über jene bereiften Niederungen hinſtreicht und ſeinen eilenden Zug im dunkleren Gekräuſel auf dem Graſe mit den ſanfteſten Schatten über die Berge hin beſchreibt. Seht Euch einmal um auf der nackten, kah⸗ len bleichen Ebene, und bemerket, wie ſchön ſelbſt hier an einem Wintertage die Schatten ſind! Ach, es liegt ja in ihrer Natur, ſich ſo zu zeigen! Die lieblichſten Gegenſtände des Lebens ſind nur Schatten, lieber Tom; ſie kommen und gehen, wechſeln und verſchwinden ſo ſchnell, wie dieſe hier! Noch eine Meile, und es beginnt zu ſchneien; eine glänzend weiße Decke überzieht die ganze Landſchaft und macht die Krähe, die hart über dem Bo⸗ den hinſtreicht, um dem Winde auszuweichen, zu einem winzigen Dintenklecks auf der Landſchaft! Allein wiewohl ihnen der Wind den Schnee in's Geſicht treibt, während ſie ſo ihre Straße dahinziehen, obwohl er ihre Rock⸗ ſchöße erſtarrt und ihnen die kalten Flocken in die Augen jagt, würden ſie doch nicht wünſchen, daß es ſparſamer ſchneie— auch um keine Flocke weniger— und hätten ſie noch zwanzig Meilen weit zu gehen! Seht nur dort⸗ hin! gerade jetzt tauchen die Thürme der alten Kathedrale vor ihren Augen auf, die Seiten der Straßen umgürten ſich allmählig mit Hecken und Gärten, und der weiße Teppich, der über der Landſchaft lagert, erweckt eine ſon⸗ derbare Ruhe. Dort winkt das Wirthshaus, auf das ſie zuſteuren; ſie bieten dem kaltblütigen Kellner ſo hoch⸗ geroͤthete glühende Geſichter hin, und ſind von ſo rüh⸗ riger Kraft geſchüttelt, daß er ihre Anweſenheit ihnen faſt übel nimmt, denn ſein bleiches Geſicht, das vom 6 124 ſtrahlenden Feuer der Schenkſtube noch friſch oder viel⸗ mehr bleich iſt, zieht offenbar bei dieſem Vergleiche den Kürzern, da er ihnen auch nicht die Idee von einem Färbchen entgegenzuſetzen hat.. Ein trefflicher Gaſthof! der Hausflur iſt ein wahrer Hain, wo todtes Wildpret und appetitliche Hammels⸗ keulen an ihren Schnüren baumeln, und in einer Ecke deſſelben befindet ſich eine glorreiche Speiſekammer mit Glasthüren, die kaltes Geflügel und edle Keulen und kleine Torten zeigt, in denen der Himbeerſchaum ſich ſo ſchüchtern, als dies für ein ſo köſtliches Weſen paßt, hinter das Gitterwerk einer Paſtete zurückzieht. Seht nur dorthin! im erſten Stocke, gerade dort, wo die Eck⸗ fenſter des Hauſes in den Hof herniederſchauen— dort lacht ein behagliches Stübchen, deſſen Vorhänge ſämmt⸗ lich niedergelaſſen ſind, wo thurmhoch ein Scheiterhaufen im Kamine lodert, vor welchem Teller zum Wärmen bereit ſtehen;— Wachslichter glänzen allenthalben und ein Tiſch iſt für drei Perſonen gedeckt, und zeigt ſoviel Silberzeug und Glaswerk, als für ihrer dreißig genügen könnten!— Dort ſitzt John Weſtlock, der nicht mehr der alte John iſt, wie er in Herrn Pecksniffs Hauſe ge⸗ weſen, ſondern ganz zu einem Gentleman ſich umgewan⸗ delt hat, und dem das Bewußtſeyn, ſein eigener Herr zu ſeyn und Geld in der Bank zu haben, das Ausſehen einer ganz andern höhern Perſon gibt— der aber doch wie⸗ der gewiſſermaßen der alte John iſt, da er Tom Pinch bei beiden Händen erfaßt, ſobald dieſer eintritt, und ihn mit ſeinem herzlichen Willkommen beinahe erſtickt. „Dieſer Herr hier iſt alſo Herr Chuzzlewit,“ faͤyrt John fort;—„ich bin ſehr erfreut, ſeine Bekanntſchaft zu machen!“ 4 John hat ganz eigenthümlich freimüthige Manieren, deshalb drücken ſie einander ſogleich mit Wärme die Hände, und fühlen in einem Augenblicke, daß ſie recht gute Freunde ſind. „Bleibe nur einen Augenblick ſtehen, Tom!“ rief SUARKR —— 8— 8— N ½— 8— —— 8+— N — 12⁵ Herr Pecksniff's einſtiger Zögling, indem er auf jede Schulter des Herrn Pinch eine ſeiner Hände legt, und ihn auf Armslänge von ſich entfernt hielt;—„komm,, alter Knabe, laß Dir in's Geſicht blicken!— Ja, Du biſt noch ganz derſelbe, haſt Dich nicht im Geringſten ver⸗ ändert!“ 5 „Je nun,“ meinte Tom;—„es iſt ja am Ende auch nicht ſo lange her, daß wir von einander geſchie⸗ den ſind.“ „Mir däucht, es iſt ein Menſchenalter!“ verſetzte John,—„und ſo ſollte es Dir auch erſcheinen, Du Schelm!“— mit dieſen Worten drückte er Tom in den be⸗ quemſten Lehnſtuhl, klopfte ihn ſo herzhaft auf den Rücken und geberdete ſich noch immer ganz ſo, wie er einſt in ihrem frühern Schlafkämmerchen im Hauſe des Herrn Pecksniff gethan, daß Tom Pineh mit ſich ſelbſt im Zweifel ſtund, ob er lieber lachen oder weinen ſollte. Das Lachen obſiegte indeß endlich, und alle drei lachten recht herzlich zuſammen. „Ich habe den Speiſezettel für unſer Mittagsmahl mit allen jenen Leckerbiſſen verſehen laſſen, nach denen wir uns einſt ſo ſehr ſehnten,“ ſagte John Weſtlock. „Warum nicht gar!“ verſetzte Tom Pinch,— iſt das Dein Ernſt?“ „Allerdings,“ entgegnete der Andere;—„aber lache ja nicht vor den Kellnern, Tom, wenn es Dir irgend möglich iſt; ich konnte nicht lachen, als ich den Küchen⸗ zettel machte; mir iſt, als wäre ich in einem Traume befangen.“ Darin mochte John nun wohl Unrecht haben, weit ſich gewiß Niemand je eine ſolche Suppe hatte träumen laſſen, wie die, welche hinterher auf den Tiſch geſetzt wurde, noch auch einen ſolchen Fiſch oder ſolche Zwiſchen⸗ gerichte, oder ſolches Fleiſch und Gemüſe— noch auch eine ſolche lange Reihe von Geflügel und Süßigkeiten, oder überhaupt Alles das, was der Wirklichkeit des Mah⸗ es nahe kam, das ja nur zehn Schillinge und ſechs d 3 126 Pence per Kopf mit Ausſchluß des Weines koſtete. Was ſie anbelangt, ſo waren ſie der Anſicht, daß ein Mann, der ſich einen ſolchen Champagner im Eiskübel, dieſen Claret(Portwein) oder Sherry erträumen konnte, lieber zu Bett gehen und daſſelbe gar nicht mehr verlaſſen ſollte. Die lieblichſte Erfahrung bei dem Gaſtmahle war gewiß, daß keiner der Gäſte ſich von Allem ſo ſehr ent⸗ zücken ließ, als John ſelber, der im höchſten Entzücken beſtändig in lautes Gelächter ausbrach und ſich dann wieder Mühe gab, übernatürlich ernſthaft zu erſcheinen, damit die Kellner nicht denken ſollten, er ſey an ſolches Traktament nicht gewöhnt. Verſchiedene von den Ge⸗ richten, die ſie ihm zum Zerlegen brachten, waren ſo praktiſche Späße, daß es ihm rein unmöglich wurde dabei ernſt zu bleiben; und als Tom Pinch endlich trotz der demüthigen Belehrung eines der Aufwärter darauf be⸗ ſtand, die äußere Mauer einer hochaufgethürmten Paſtete nicht nur mit dem Vorleglöffel zu durchbrechen, ſondern dieſe Hülle auch nachher ſogar zu verkoſten, verlor John alle Würde und ſaß hinter dem blendenden Tiſchgeräthe oben am Tiſche in dem Stuhl zurückgelehnt, hielt ſich die Seiten und ⸗brüllte in übermäßiger Luſtigkeit ſo laut hinaus, daß man ihn ſogar noch in der Küche unten hören konnte. Auch ſperrte er ſich gar nicht, über ſich ſelbſt zu lachen, als er hinterher, wie ſie ſich an das Feuer ver⸗ ſammelt hatten und das Deſſert des Tiſches verzehrten, ſelbſt einen dummen Streich beging. Um dieſe Zeit näm⸗ lich fragte der Oberkellner mit höchſt ehrerbietiger Für⸗ ſorge unſern Freund John, ob der Portwein, den er als Tiſchwein getrunken habe und der ein ſehr leichtes röth⸗ liches Weinchen geweſen war, ſeinem Geſchmacke zuſage oder ob er lieber einen ſchwereren Portwein mit mehr Körper befehle, worauf denn John mit vielem Ernſte antwortete, daß er ſich gerne mit dem vorhandenen be⸗ gnüge, den er, ſo zu ſagen, für ein recht hübſches reifes Weinchen halte, welches Kompliment der Kellner dan⸗ 127 kend hinnahm und ſich entfernte. Nun aber eröffnete John ſeinen Freunden mit mächtigem Gelächter, er muthmaße zwar, daß er dem Oberkellner auf eine entſpre⸗ chende Weiſe geantwortet, wiſſe es indeß ſelbſt nicht gewiß, und brach über die Möglichkeit, einen dummen Streich begangen zu haben, ſelber in ein tobendes Ge⸗ lächter aus. Sie waren die ganze Zeit über voll Luſt und Fröh⸗ lichkeit; allein der uͤberwiegend vergnügteſte Theil des Feſtes war es doch, als alle Drei um's Feuer bei einander ſaßen, Nüße knackten, Wein tranken und ein anmuthiges unbefangenes Geplauder miteinander führten. Tom Pinch hatte zufälligerweiſe mit ſeinem Freund, dem Aſſiſtenten des Organiſten, etwas zu verhandeln und verließ daher, daß es nicht zu ſpät wäre, ſein warmes trauliches Eckchen am Kamin und ließ die beiden andern jungen Männer indeſſen allein beiſammen. .Sie tranken natürlich in ſeiner Abweſenheit ſeine Geſundheit und John Weſtlock nahm dieſe Gelegenheit wahr, zu geſtehen, daß er während voller fünf Jahre, die er in Herrn Pecksniff’s Hauſe zugebracht habe, auch nicht ein einziges Mahl Gelegenheit gehabt habe, ſei⸗ nem Freunde Pinch auch nur mit einem unfreundlichen Worte zu begegnen. Dies brachte ihn natürlich zu einer näheren Erör⸗ terung von Tom's Charakter und auf die Andeutung, daß Herr Pecksniff ſich auf dieſen recht gut verſtehe. Er ſpielte indeß hierauf nur aus der Entfernung an, da er wohl wußte, wie unangenehm es für Tom Pinch war, wenn man über jenen Ehrenmann ſchmähe, und er es für das Gerathenſte hielt, es dem neuen Zögling anheim zu ſtellen, daß auch er ſeine Erfahrungen an Herrn Pecks⸗ niff ſelbſt mache. .„Ja,“ ſagte Martin;—„man kann unmöglich Herrn Pinch lieber gewonnen haben, als ich, oder ſeinen guten Eigenſchaften mehr Gerechtigkeit widerfahren laſſen. 128 Er iſt der dienſtfertigſte Burſche, den ich je kennen ge⸗ lernt habe.“ „Leider nur zu dienſtfertig!“ verſetzte John, der raſch inne wurde, daß der neue Zogling Herrn Peckniffs auch nicht beſonders grün ſey;—„es iſt an ihm beinahe ein Fehler.“ 5 „Sie haben Recht, das iſt's auch in der That,„ver⸗ ſetzte Martin;—„Sehen Sie, ich will Ihnen gleich ein Beiſpiel davon an die Hand geben; da kam vor etwa acht Tagen ein Schuft zu uns, ein gewiſſer Herr Tigg, der dem Jungen alles Geld abborgte, das er eben beſaß, und ihm dafür das Verſprechen gab, es ihm binnen we⸗ nigen Tagen zurückzubezahlen. Es war freilich bloß ein halber Sovereign, allein es iſt vielleicht gut, daß es nicht mehr war, denn er bekommt ihn doch wahrſchein⸗ lich ſein Lebenlang nicht wieder zu Geſicht.“ „Der arme Junge!“ rief John Weſtlock, der ſich dieſe Worte beſonders gemerkt zu haben ſchien;—„viel⸗ leicht hatten Sie noch nicht einmal die Gelegenheit zu bemerken, daß Tom in ſeinen eigenen Geldangelegenheiten ſehr ſtolz iſt.“.. „Warum nicht gar!“ rief Martin;— nich habe noch nichts davon bemerkt. Was meinen Sie damit? Borgt er nicht gerne?“ John Weſtlock ſchüttelte den Kopf. 3 „Das iſt doch ſeltſam,“ fuhr Martin fort, indem er ſein leeres Glas niederſetzte,—„er iſt in der That ein Verein der ſeltſamſten Beſtandtheile.“ „Ich glaube, er würde eher ſterben, als ein Ge⸗ ſchenk an Geld annehmen!“ verſetzte John Weſtlock. „Er iſt die leibhaftige Einfalt,“ ſagte Martin;— „darf ich Ihr Glas füllen?“— „Sie indeß,“ fuhr John fort, indem er ſein Glas auffüllte und ſeinen Gaſt mit einiger Neugier anblickte, —„Sie, der Sie älter ſind als die Mehrzahl von Herrn ecksniff's Zöglingen, und daher auch augenſcheinlich mehr i 7 129 Erfahrung haben, werden ihn wahrſcheinlich verſtehen und ſehen, wie leicht er ſich hintergehen läßt.“ „Natürlich!“ verſetzte Martin, indem er ſeine Beine von ſich ſtreckte und das Weinglas nach dem Lichte hin vor das Auge hielt;—„Herr Pecksniff weiß dies eben⸗ falls und ſeine Töchter nicht minder— nicht wahr?“ John Weſtlock lächelte bedeutſam, gab indeß keine be⸗ ſtimmte Antwort.—„Nebenbei,“ fuhr Martin fort,— „erinnert mich das an etwas Anderes; was denken Sie von Pecksniff? Wie vertrugen Sie ſich mit ihm? Was hal⸗ ten Sie jetzt von ihm?— Sie können ihn jetzt mit mehr Kälte beurtheilen, da Sie ſeiner los ſind!“ „Fragen Sie nur Pinch!“ verſetzte der frühere Zög⸗ ling;—„er weiß, was für Anſichten und Gefühle ich über dieſen Gegenſtand zu hegen pflegte, und ich kann Sie nur verſichern, daß dieſe ſich nicht im Geringſten verändert haben.“ 5 „Nicht doch,“ ſagte Martin,„ich möchte das lieber von Ihnen ſelbſt hören.“ „Pinch meint, ich beurtheile ihn ungerecht,“ wandte John mit einem Lächeln ein. „Wohlan denn,“ rief Martin;—„dann weiß ich zum Voraus, von welcher Art Sie ſind, und Sie brau⸗ chen ſich deshalb keinen Zwang aufzuerlegen, offen mit mir zu verkehren; ich bitte Sie, verhehlen Sie ſich mir nicht, denn ich bekenne Ihnen offen, daß ich nichts we⸗ niger als ſein Verehrer bin. Daß ich mich in ſeinem Hauſe befinde, iſt nur Folge beſonderer Umſtände, welche beſonders in meinen Kram paſſen. Ich darf mir, glaube ich, einigen Beruf für die Baukunſt zuſchreiben, und wenn eine Verbindlichkeit dabei ſeyn ſollte, ſo dürfte ſie eher auf ſeine Seite, als auf die meinige fallen. Im ſchlimmſten Falle ſteht die Wage gleich und jede Ver⸗ bindlichkeit zwiſchen uns Beiden iſt dadurch aufgehoben; Sie können ſich daher gegen mich über ihn äußern, als ob ich ihm ganz fremd ſtünde.“ Boz, Chuzzlewit. II. 9 7 „Wenn Sie denn um jeden Preis meine unumwun⸗ dene Meinung wiſſen wollen“...... verſetzte Weſtlock. „Das will ich allerdings und Sie werden mich da⸗ durch ſehr verbinden!“ ſiel ihm Martin ins Wort. „So muß ich Ihnen geradezu erklären,“ fuhr der andere fort,„daß Pecksniff der abgefeimteſte Spitzbube auf Gottes Erdboden iſt!“. „Oho! das iſt etwas ſtark!“ rief Martin ſo kalt⸗ blütig wie je. „Es iſt nicht ſtärker als er es verdient,“ verſetzte John;— und ich würde es ihm ohne die geringſte Mil⸗ derung in denſelben Ausdrücken in's Geſicht behaupten, wenn er es von mir verlangte. Die Behandlung, die er Pinch widerfahren läßt, wäre an und für ſich ſchon hinreichend, meine Anſicht zu rechtfertigen, allein, wenn ich auf die letzten fünf Jahre zurückblicke, die ich in ſeinem Hauſe verlebt habe, wenn ich der Heuchelei, Niederträchtigkeit, Gemeinheit, der falſchen Vorſpiegelungen, der Doppel⸗ zungigkeit des Burſchen in der Art und Weiſe gedenke, wie er die allerſchlimmſten und niederträchtigſten Zwecke mit einem frömmelnden Anſchein zu umgeben weiß,— wenn ich mir in's Gedächtniß zuürckrufe, wie oft ich Zeuge von all dem war und wie oft ich ſelbſt gewiſſer⸗ maßen Antheil daran nahm, indem ich mich als Schüler in ſeinem Hauſe befand, ſo muß ich es Ihnen zuſchwö⸗ ren, daß ich mich beinahe ſelbſt verachten möchte.“ Martin leerte ſein Glas vollends und ſtierte in's Feuer. 4 „Ich will damit nicht behaupten, daß ich mit dieſem Gefühle Recht habe,“ fuhr John Weſtlock fort;—„da es natürlicherweiſe nicht meine Schuld war, allein ich be⸗ greife dabei recht gut, wie zum Beiſpiel auch Sie, nach⸗ dem Sie ihn ſogar durchſchaut haben würden, durch die Umſtände genöthigt werden könnten, dennoch bei ihm zu bleiben. Ich bekenne Ihnen offen und einfach, was ich von ihm denke und denken muß, zudem noch jetzt, wo ich, wie Sie ſagten, ſeiner entledigt bin, und die Be⸗ 131 ruhigung habe, zu wiſſen, daß er mich von jeher haßte, daß wir einander ſtets in den Haaren lagen und daß ich ihm immer unumwunden meine Anſichten über ihn zu erkennen gab. Sehen Sie, noch jetzt bereue ich beinahe, einem innern Drang, der mich als Knabe oft beſeelte, nicht nachgegeben zu haben und von ihm entlaufen zu ſeyn, um in's Ausland zu gehen.“ „Und warum gerade in's Ausland?“ fragte Martin und faßte jetzt erſt den Sprecher in's Auge. „Um mir dort einen Lebensunterhalt zu ſuchen, den ich in der Heimath vergebens erſtrebt haben würde!“ entgegnete John Weſtlock mit Achſelzucken;—„es wäre doch wenigſtens etwas Muthiges, Keckes darin gelegen; doch kommen Sie— füllen Sie Ihr Glas und laſſen Sie uns den Burſchen vergeſſen.“ „Je eher, deſto beſſer,“ verſetzte Martin;—„was mich ſelbſt und meine Stellung ihm gegenüber anbe⸗ langt, ſo kann ich nur auf meine frühere Erklärung zu⸗ rückkommen. Ich bin ſeither ſtets auf meine eigene Weiſe mit ihm verfahren und werde es hinfort um ſo eher thun. Aufrichtig geſprochen, glaube ich, daß er von mir nur Unterſtützung für das erwartet, was ihm ſelber fehlt, und daß es ein harter Verluſt für ihn wäre, wenn ich ihn verließe. Mir ahnte das ſchon, als als ich das Erſtemal mit ihm verkehrte; Ihre Geſundheit!“ „Ich danke Ihnen,“ verſetzte der junge Weſtlock;— „Ihr Wohl! Mögen Sie in dem neuen Zöglinge Ihre Hoffnungen und Erwartungen gerechtfertigt finden.“ „Welchen neuen Zögling meinen Sie?“ fragte Mar⸗ tin betroffen. 4 „Den glücklichen Jüngling,“ verſetzte John Weſt⸗ lock lachend,—„der unter einem ſo günſtigen Stern geboren iſt, daß ſeine Eltern oder Vormünder ſich durch Pecksniffs neue Anzeige angeln zu laſſen beſtimmt ſind. Wie? Sie wiſſen alſo noch nicht, daß er von Neuem einen Platz in ſeinem Hauſe ausgeboten hat?“ 1 39 „Mit Nichten,“ verſetzte Martin. „Ja, ja, es iſt mein Ernſt,“— entgegnete John Weſtlock;—„Ich las das Anerbieten noch kurz vor Tiſche in der geſtrigen Zeitung, und erkannte es ſogleich als von ihm ausgehend, da ich noch Grund genug habe, mich ſeines Styls zu erinnern. Doch ſtille! da kommt Pinch!— Sagen Sie ſelbſt, iſt es nicht ſonderbar, daß man den guten Tom um ſo mehr lieben muß, je mehr er Pecksniff verehrt, wenn er ihn überhaupt noch in hö⸗ herem Maße lieben kann? Nun kein Wörtchen mehr, ſonſt verlieren wir unſer ganzes Vergnügen.“ Tom trat gerade bei dieſen Worten in's Zimmer, und ein ſtrahlendes Lächeln verklärte ſein gutmüthiges Geſicht; mehr aus einem Gefühle innigen Vergnügens, als in Folge einer Empfindung von Froſt(Tom hatte ſich nämlich aus lauter Eile warm gelaufen), rieb er ſich die Hände, ließ ſich wieder in ſein warmes, trau⸗ liches Eckchen nieder, und war ſo vergnügt, ſo glücklich, als nur— immer Tom Pinch ſeyn konnte. Ich wüßte kein anderes Gleichniß, das feinen Gemüthszuſtand beſſer bezeichnen könnte. „Und ſo,“ hub er an, als er ſeinen Freund Weſt⸗ lock wieder eine Zeitlang mit ſtummem Entzücken ange⸗ blickt hatte,„ſo biſt Du denn in der, That jetzt ein Gentleman geworden, John! Wahrhaftig, das biſt Du jetzt. 44⁴ „Ich verſuche es wenigſtens zu ſeyn, Tom, ich ver⸗ ſuche es!“ entgegnete Weſtlock in gutmüthiger Laune;— „für jeßt läßt ſich noch nichts ſagen, was ſeiner Zeit aus mir werden wird.“ „Jetzt würdeſt Du wohl Deinen Koffer nicht mehr ſelbſt nach der Poſt ſchaffen, denke ich?“ fragte Tom Pinch lächelnd;—„obwohl Du ihn damals nur deß⸗ halb verloren haſt, daß Du Dich nicht ſelbſt dazu be⸗ quemteſt.“ „Glaubſt Du?“ fragte John;—„das iſt nur Deine Meinung, Pinch, es müßte wahrlich ein ſehr f 133 ſchwerer Koffer ſeyn, den ich nicht recht gerne tragen n würde, um nur von Pecksniff loszukommen, Tom.“ or„Da haben wir's!“ rief Pinch, zu Martin gewen⸗ ch det;—„was habe ich Ihnen zuvor geſagt? es iſt ſein e, einziger leidiger Fehler, daß er Herrn Pecksniff ſtets Un⸗ . recht thut. Sie müſſen übrigens kein Wörtchen von dem glauben, was er in dieſer Beziehung äußert; er hegt r hierin das ſeltſamſte Vorurtheil!“ -„Je nun,“ verſetzte John Weſtlock mit herzlichem r, Lachen, indem er Herrn Pinch auf die Schulter klopfte, „Sie wiſſen ja, wie höchſt wunderbar es iſt, daß der r, gute Tom auch nicht das geringſte Vorurtheil hegt. 8 1 Wenn je ein Mann eine tiefe Kenntniß von dem Cha⸗ 3, rakter eines Andern beſaß, und ihn in ſeinem wahren te Lichte und in der geeigneten Beleuchtung ſah, ſo läßt er dies von Toms Bekanntſchaft mit Herrn Pecksniff . agen.“ 5, 3„Ei das iſt auch ganz natürlich!“ rief Tom,„das te iſt ganz daſſelbe, was ich Dir ſchon ſo oft geſagt habe. er Siehſt Du, John, wenn Du ihn nur ſo gut kennen wür⸗ deſt, wie ich— ich gäbe wahrlich all' mein Hab und Gut — darum, dies erzwecken zu können— ſo würdeſt Du ihm 2 mit eben ſo viel Hochachtung und Bewunderung begeg⸗ in nen. Du würdeſt es unwillkürlich thun. Du lieber Gott! du wie tief haſt Du ihn in ſeinem innerſten Gefühl verletzt, als Du damals von ihm ſchiedeſt.“ r.„Hätte ich irgend gewußt,“ fuhr John Weſtlock — fort,„wo ſeine verwundbarſte Stelle lag, ſo darfſt Du it mir glauben, Tom, daß ich mein Moͤglichſtes gethan „ haben würde, ihm in dieſer Beziehung recht wehe zu hr thun. Da ich ihn aber nicht an Etwas verletzen konnte, m was er nicht beſitzt oder wovon er nichts weiß, es wäre ⸗ denn in ſeiner Fähigkeit, andern Leuten zu beweiſen, daß e⸗ er ein ganz anderer ſey, als der er eigentlich iſt, ſo thut mir's leid, daß ich keinen Anſpruch auf Dein Kom⸗ ur pliment haben kann.“— Herr Pinch war keineswegs geſonnen, eine Unter⸗ redung noch mehr in die Länge zu ziehen, die möglicher⸗ weiſe auf Martin einen unangenehmen Eindruck machen konnte, unterließ es, John Weſtlocks Zumuthungen zu beantworten; dieſer jedoch hätte ſich, wenn es ſich um Herrn Pecksniffs Verdienſte handelte, nur durch einen eiſernen Zapfen den Mund ſtopfen laſſen, und fuhr da⸗ her ziemlich rückſichtslos fort: „Seine Gefühle? ach ja er iſt ein Mann von Rfäußerſt zartem Herzen!— Seine Gefühle! natürlich er iſt ein hoöͤchſt überlegter, bedächtiger, gegen ſich ſelbſt gerechter, mit vollem Bewußtſeyn handelnder frömmeln⸗ der Gaudieb! Nicht wahr? Seine Gefühle! O!— Heda, Tom was haſt Du denn?“ Herr Pinch war unterdeſſen emporgeſprungen und ſtellte ſich vor das Kamin, indem er ſeinen Rock raſch zuknöpfte, „Es iſt zuviel für mich!“ rief Tom kopfſchüttelnd, „gewiß, ich kann es nicht länger aushalten.“ „Du mußſt mich entſchuldigen, John,“ entgegnete Tom Pinch,—„ich achte und liebe Dich über alle Maßen, bin Dein aufrichtigſter Freund, und war heute vollkom⸗ men vergnügt und überraſcht, in Dir den alten lieben Kameraden wieder zu finden, allein ſolche Reden kann ich nicht mit anhören.“ „Je nun, Tom,“ verſetzte Weſtlock bittend;—„Du weißt ja, das iſt meine alte Weiſe und Du ſagſt ja ſelbſt, es freue Dich, mich unveraͤndert zu finden? „O gerade in dieſer Beziehung iſt dies nicht bei mir der Fall,“ verſetzte Tom Pinch,„Du mußt mich entſchuldigen, John, ich kann in der That nicht und will auch nicht länger bleiben. Du haſt ſehr Unrecht und ſollteſt mit Deinen Aeußerungen mehr auf der Hut ſeyn;. es war ſchon ſchiimm genug, als wir beide noch unter vier Augen darüber ſprachen, allein unter den vorliegen⸗ den Umſtänden kann ich es in der That nicht länger aus⸗ halten, nein! ich kann es in der That nicht.“ „Du haſt wahrlich recht,“ rief der Andere und warf Martin einen ſehr bedeutſamen Blick zu, ich habe ſehr —— —— 35 unrecht gethan, Tom, und weiß in der That nicht, wie Teufels es kam, daß wir auf dieſes unglückſelige Thema geriethen. Ich bitte Dich von ganzem Herzen um Ver⸗ zeihung.“ „Ich weiß,“ fuhr Tom fort,„daß Du ein freies offenherziges mannhaftes Weſen haſt, und es kränkt mich deßhalb um ſo mehr, daß Du gerade in dieſem einzigen Falle ſo viel Edelmuth zeigſt. Ich bin es indeß nicht, deſſen Verzeihung Du nachſuchen mußt, John, da Du mir ſtets mit wohlwollender Freundlichkeit begegneteſt.“ „Wohlan denn!“ rief der junge Weſtlock;—„ſo will ich Pecksniff um Verzeihung gebeten haben, ſiehſt Du, Tom, ich willige ja in Alles, was Du nur ver⸗ langſt. Herr Pecksniff ſoll mir vergeben— genügt Dir das? Komm her und laß uns auf Herrn Pecksniffs Wohl⸗ ſeyn trinken!“ „Ich danke Dir,“ rief Tom, indem er ihm freudig die Hand drückte und ſich ein Glas füllte, ich danke Dir John und trinke von Herzen gerne mit. Herrn Pecks⸗ niffs Wohl! möge er noch lange glücklich ſeyn!“ John Weſtlock ſtimmte von Herzen in dieſe Em⸗ pfindung mit ein, oder that wenigſtens ſo, denn er trank Herrn Pecksniffs Geſundheit und murmelte im Stillen auch einen Wunſch für ihn, den er indeß nicht laut wer⸗ den ließ. Da nun hiedurch das beſte Einvernehmen wieder vollſtändig hergeſtellt war, rückten ſie ſämmtlich ihre Stühle an's Feuer und planderten in vollkommener Eintracht auf die gemüthlichſte und fröhlichſte Weiſe mit⸗ einander, bis es Zeit zum Schlafengehen war. Kein Umſtand, wie unbedeutend er auch an und für ſich geweſen, hätte vielleicht die Verſchiedenheit des Charakters zwiſchen Weſtlock und Martin Chuzzlewit auf ſprechendere Weiſe an den Tag legen können, als der Geſichtspunkt, von welchem aus jeder der beiden jungen Leute, nach dem eben geſchilderten kleinen Zwiſte, den guten Tom Pinch beurtheilte. In beider Blicken lag al⸗ lerdings eine gewiſſe frohſinnige Heiterkeit, allein darauf 136 beſchraͤnkte ſich auch die ganze Aehnlichkeit. Herr Pecks⸗ niff's ehmaliger Zögling ſchien gar nicht Mittel genug zu finden, Tom zu beweiſen, wie innig er ihm gewogen war, und ſein freundlicher Blick ſchien ernſter und ge⸗ dankenvoller, allein auch wohlwollender zu ſeyn, als zu⸗ vor. Der neue hingegen ſchien kein anderes Motiv zu haben, als die ausnehmende Thorheit und Abgeſchmackt⸗ heit Tom's innerlich zu verlachen, und in ſeine Hei⸗ terkeit ſchien ſich eine gewiſſe Geringſchätzung und Ver⸗ achtung zu miſchen, durch welche er anſcheinend ſeine Meinung kund gab, daß Herr Pinch doch in ſeiner Ein⸗ falt zu weit gegangen ſey, um hinfort auf ernſte und billige Weiſe Anſprüche auf die Freundſchaft irgend ei⸗ nes vernünftigen Mannes zu haben. John Weſtlock, der wo möglich nichts halb that, hatte für ſeine beiden Gäſte Betten im Gaſthofe beſtellt, welche ſie nun nach einem luſtig verbrachten Abende aufſuchten. Herr Pinch ſaß noch lange mit aufgelöster Halsbinde und in den Strümpfen neben ſeinem Bette und rief ſich ſinnend die manchfachen guten Eigenſchaften ſeines Freundes in's Gedächtniß, als er plötzlich durch ein leiſes Pochen an ſeiner Kammerthüre aus dieſem Nachdenken aufgeſtört wurde, und die Stimme ſeines Freundes vernahm. „Schläfſt Du ſchon, Tom?“ rief John Weſtlock draußen. 8 „Gottlob noch nicht!“ verſetzte Tom und ellte nach der Thüre, um dieſe zu öffnen;—„ich dachte eben an Dich, Freund!— Komm herein!“ „Ich will Dich nicht lange aufhalten,“ ſprach John; —„ich vergaß nur, den ganzen Abend über einen klei⸗ nen Auftrag an Dich zu beſtellen, dem ich mich unter⸗ zogen hatte, und ich fürchte ihn zu vergeſſen, wenn ich mich ſeiner nicht alsbald entledige; Du kennſt einen ge⸗ wiſſen Herrn Tigg, nicht wahr, Tom?“ 3 „Tigg?“ rief Tom;—„Tigg! Das iſt wohl der Herr, der Geld von mir geborgt hat?“— „Allerdings,“ gab Weſtlock zur Antwort,„der iſt's, . S— 1SNR SS 8 NN AN N DᷣW —— G S. „ 137 er bat mich, Dich zu grüßen und Dir Dein Anlehen mit großem Danke zurück zu erſtatten. Hier iſt es; das Geldſtück iſt hoffentlich gut, der Herr aber, von dem es kommt, gehört einer ſehr zweideutigen Menſchenklaſſe an.“ Herr Pinch empfing das kleine Goldſtück mit einer Miene, deren glänzende Freundlichkeit die des Goldſtücks beſchämt haben würde, und meinte, er hege darüber auch nicht die entfernteſte Sorge. Er fühle ſich hoch erfreut, ſetzte er hinzu, zu finden, daß Herr Tigg ſeinen Ver⸗ bindlichkeiten zeitig und ſo ehrenvoll nachkomme.“ „Ich will Dich indeß nur verwarnt haben, Tom,“ fügte John Weſtlock hinzu,„daß dies nicht immer bei ihm der Fall iſt; wenn ich Dir rathen darf, ſo weiche ihm ſo gut wie möglich aus, falls Euch der Zufall wie⸗ der zuſammenführen ſollte. Merke es Dir vor Allem, Tom, denn es iſt meine ernſte Meinung, daß Du ihm unter keinen Umſtänden mehr Geld leihen ſollſt.“ „Ei, ei! warum nicht gar?“ ſprach Tom nicht we⸗ nig erſtaunt und ſperrte Mund und Naſe auf. „Er iſt nichts weniger als eine Bekanntſchaft, die Einem Ehre macht,“ fuhr der junge Weſtlock fort,„und je näher Du ihm dies legſt, deſto beſſer wird es für Dich ſeyn!“ „Ei ei, Tom,“ ſprach Herr Pinch mit mißbilligen⸗ dem Kopfſchütteln und machte plötzlich wieder ein ernſtes Geſicht;„ich will doch nicht hoffen, daß Du in ſchlechte Geſellſchaft gerathen biſt.“ „O nein!“ verſetzte dieſer lachend;—„hierüber brauchſt Du Dir keine Sorge zu machen.“ „Je nun,“ meinte Tom;’—„es iſt mir doch nicht- wohl bei der Sache und ich muß dieſe Befürchtung un⸗ willkührlich hegen, wenn ich Dich ſo reden höre. Wenn Herr Tigg ſo iſt, wie Du ihn mir ſchilderſt, ſo ſollteſt Du Dich nicht herbeilaſſen, mit ihm umzugehen; Du lachſt zwar, allein ich verſichere Dich, daß mir die Sache keineswegs lächerlich erſcheint.“ „Nein, nein!“ verſetzte ſein Freund mit plötzlich 138 verdüſtertem Geſicht;—„Du haſt ganz Recht, Tom, die Sache iſt nichts weniger als lächerlich⸗ „Sieh, lieber Tom,“ fuhr Herr Pinch fort,„ich weiß, daß eben Deine Gutmüthigkeit und Dein Wohlwollen Dich leichtfinnig machen, allein gerade in dieſer Bezie⸗ hung kann man nie ſorgfältig genug ſeyn. Auf mein Wort, es würde mich auf's höchſte betrüben, wenn ich annehmen müßte, Du ſeyeſt in ſchlechte Geſellſchaft ge⸗ rathen, denn ich weiß, wie ſchwer es iſt, ſich einer ſol⸗ chen wieder zu entledigen. Sieh, lieber John, ich wollte⸗ 3 3) lieber dieſes Geld verloren haben, als es unter ſolchen Umſtänden wieder zurück zu erhalten.“ „Ich verſichere Dich, mein guter alter lieber Junge,“ rief ſein Freund, indem er ihn mit beiden Händen ſchüttelte und ihm ſo heiter in's Geſicht lächelte, daß ſelbſt ein argwöhniſcheres Gemüth, als das des armen Tom, ſich hätte überzeugen laſſen;—„ich verſichere Dich, es iſt keine Gefahr vorhanden.“ „Recht ſo!“ ſagte Tom,—„das höre ich gern, es freut mich über die Maßen, dies zu vernehmen. Ich glaube es Dir auf Dein Wort, nachdem Du mich auf ſolche Weiſe verſtchert haſt. Du wirſt mir doch nicht übel nehmen, John, daß ich auf ſolche Weiſe mit Dir verkehrte?“ „Uebel nehmen?“ rief der Andere und drückte dem guten Tom die Hand herzlich;—„wofür hältſt Du mich denn? Herr Tigg und ich ſtehen nicht auf ſo vertrautem Fuße, daß Du meinetwegen bekümmert zu ſeyn brauch⸗ teſt, das verſichere ich Dir feierlich, Tom. Biſt Du nun wieder zufrieden?“ „Ganz und gar,“ verſetzte Tom. „Dann noch einmal gute Nacht, lieber Junge!“ rief John Weſtlock. 1 „Gute Nacht! John,“ ſagte Tom;—„ich wünſche Dir ſo angenehme Träume als den Schlaf des beſten Menſchen auf der Welt verſchönern mögen!“. „Pecksniff ausgenommen!“ rief ſein Freund zurück, ——— der unter der Thür noch einmal umkehrte und ſchelmiſch in's Zimmer hereinblickte. „Natürlich Pecksniff ausgenommen,“ gab Tom in allem Ernſte zur Antwort. Mit dieſen Worten verabſchiedeten ſie ſich für die Nacht, John Weſtlock voll Leichtſinn und munterer Laune und der arme Tom Pinch ebenfalls höchſt befriedigt, ob⸗ wohl er noch, als er ſich in ſeinem Bett auf die Seite warf, für ſich hin murmelte: ich wünſchte dennoch in allem Ernſt, daß John nicht mit Herrn Tigg bekannt wäre!“ Am andern Morgen in aller Frühe frühſtückten ſie alle drei zuſammen, denn die beiden jungen Männer wünſchten bei guter Zeit wieder zu Hauſe zu ſeyn, und John Weſtlock beabſichtigte ebenfalls, noch an demſelben Tage mit der Poſtkutſche nach Lodon zurückzukehren. Da er noch einige Stunden bis dorthin übrig hatte, beglei⸗ tete er ſeine Freunde ein paar Meilen weit auf ihrem Wege und nahm erſt von ihnen Abſchied, als er unmög⸗ lich weiter gehen konnte. Der Abſchied war ungemein. herzlich, und John trennte ſich eben ſo ungern von Tom Pinch als von Martin, der in dem einſtigen Zögling eine ganz andere Perſon gefunden hatte, als das Milchſup⸗ pengeſicht, das er zu treffen gerechnet hatte. Der junge Weſtlock hielt auf einer kleinen Anhöhe ſtill und ſah ſich nach ſeinen Gäſten um, als dieſe noch nicht weit von ihm weg waren; dort ſpazierten ſie ra⸗ ſchen Schrittes hin und Tom ſchien in allem Ernſte mit ſeinem Freunde zu reden. Martin hatte ſeinen Ueber⸗ rock ausgezogen, weil ſie jetzt den Wind im Rücken hat⸗ ten, und trug ihn am Arme. Gerade als John ſich um⸗ blickte, ſah er, wie Tom nach ſchwachem Widerſtande von Seiten des Andern ſich Martin's Rock bemaäͤchtigte, ihn über ſeinen eigenen auf die Schulter warf und ſich nun ſelbſt mit dem Gewicht von beiden belaſtete. Dieſer unbedeu⸗ tende Umſtand-machte ſo mächtigen Eindruck auf den frühern Zögling, daß er hier ſtehen blieb und ihnen nach⸗ blickte, bis ſie ihm aus dem Geſicht eentſchwunden waren; 140 er ſchuͤttelte hierauf den Kopf, als wolle er ſich eines unangenehmen Gedankens entledigen, und eilte gedanken⸗ voll auf dem Wege nach Salisbury dahin. Tom und Martin verfolgten inzwiſchen raſtlos ihren Weg bis ſie wohlbehalten an Hexrrn Pecksniffs Hauſe hielten, wo ein kurzes Brieſchen des genannten jungen Herrn an Herrn Pinch dieſen davon in Kenntniß ſetzte, daß die ganze Familie mit dem heutigen Abendpoſtwagen zurückkehren werde. Da der Wagen Morgens ſechs Uhr an der Ecke des Feldweges vorüberkommen mußte, bat Herr Pecksniff ſein Factotum, ihn mit dem Gig und einem Karren für das Gepäcke um die anberaumte Zeit bei dem Wegwei⸗ ſer zu erwarten. In der Abſicht nun, Herrn Pecksniff einen deſto ehrenvollern verbindlichern Empfang zu be⸗ reiten, verabredeten ſich die jungen Männer recht frühe außzuſtehen und ſich ſelbſt an bezeichnetem Orte einzufinden. Es war der letzte vergnügte Tag geweſen, den ſie zuſammen verbrachten; Martin war nämlich ſehr übler Laune und höchſt gereizt, und ergriff jede Gelegenheit ſeine eigene Lage und ſeine Ausſicht für die Zukunft mit denen des jungen Weſtlock zu vergleichen, wäͤs ſich denn ſtets zu ſeinem Nachtheil herausſtellte. Dieſe ſeine Stim⸗ mung machte auch Tom ſehr niedergeſchlagen, und weder der Morgenausflug, noch die Erinnerung an das geſtrige Mittagmahl vermochten die Sache zu verbeſſern. So zog dann die Zeit ziemlich ſchwerfällig und träge an ih⸗ nen vorüber, und ſie waren beide froh, recht früh zu Bett gehen zu können. Vs war ihnen nicht halb ſo angenehm, ſchon mor⸗ gens halb fünf Uhr in der unbehaglichen Kälte einer dunkeln Winterfrühe aufſtehen zu müſſen; allein ſie erhoben ſich dennoch pünktlich, und befanden ſich ſchon eine volle halbe Stunde vor der anberaumten Zeit an dem Wegweiſer. Der Morgen war nichts weniger als lebhaft und anmuthig, denn düſtere ſchwarze Wolken bedeckten den Himmel und ſandten einen tüchtigen Regen hernieder. Martin meinte jedoch, es liege eine gewiſſe 1 ——,—— -— 8 N —' 141 Befriedigung darin, zu ſehen, daß dieſes vermaledeite Vieh von einem Pferde— wobei er natürlich Herrn Pecks⸗ niffs Araberſtute meinte— tüchtig naß werde, und er freue ſich deßhalb, daß es wie mit Kübeln niedergieße. Daraus mag man nun den Schluß ziehen, daß Mar⸗ tin’s Laune ſich noch nicht gebeſſert hatte, wie es auch wirklich der Fall war, denn während er und Herr Pinch zuſammen unter einer Hecke ſtunden und wartend dem Regen, dem Gig, dem Karren und deſſen ſchmachtendem Führer zuſahen, erging er in ſich in ununterbrochenem Murren und Grollen. Ja, wäre es nicht zu einem Streit unumgänglich nothwendig geweſen, daß zwei Par⸗ theien ſich Hiefuͤr erklärten, ſo hätte er ſicherlich auch mit Herrn Pinch einen Zwiſt vom Zaune gebrochen. Endlich ließ ſich aus der Entfernung ein undeutliches Geräuſch von Rädern vernehmen, und kurz darauf platſchte der Wagen durch Koth und Schlamm heran, auf deſſen Verdeck ſich nur ein einziger bedauernswürdiger Paſſagier unter einem wohlgeſättigten Regenſchirm in das naſſe Stroh zuſammenkauerte, und der Poſtillon, der Schirr⸗ meiſter und die Pferde im erbärinlichſten Zuſtande um die Wette trieften. Kaum hielt der Wagen ſtille, ſo ließ Herr Pecksniff das Fenſter nieder und rief Tom Pinch an. „Du lieber Gott, Herr Pinch!“ ſagte er,„iſt es mög⸗ lich, daß Sie ſich in dieſem unbarmherzigen Morgen ſelbſt aufgemacht haben?“ 3 „Allerdings, Sir,“ rief Tom, der eiligſt herzutrat, —„Herr Chuzzlewit und ich, Sir...“ „Ci, ei!“ rief Herr Pecksniff, indem er nicht ſo⸗ wohl nach Martin, als nach der Stelle hinſah, wo die⸗ ſer ſtund;—„ei, ei! iſt es möglich?— Thun Sie mir doch den Gefallen, nach den Koffern zu ſehen, Herr Pinch, wenn Sie die Güte haben wollen.“ Herr Pecksniff ſtieg hierauf aus dem Wagen und half auch ſeinen ſchönen Töchtern heraus, allein weder er noch die jungen Damen nahmen auch nur im Ge⸗ 142 ringſten Notiz von Martin, der ebenfalls herzugetreten war, um ſeinen Beiſtand anzubieten, allein von Herrn Pecksniff daran verhindert wurde, indem dieſer Herr ihm plötzlich den Rücken zukehrte und ihm den Weg ver⸗ trat. Auf dieſelbe Weiſe und im tiefſten Schweigen be⸗ förderte Herr Pecksniff ſeine Töchter in das Gig, folgte ihnen hierauf ſelbſt, nahm die Zügel in die Hand und fuhr nach Hauſe. In Erſtaunen verloren ſtierte Martin zuerſt die Kutſche und— als dieſe weiter gefahren war— Herrn Pecksniff und das Gepäcke an, bis auch der Karren fort⸗ fuhr, und fragte dann Tom: „Nun, mein Freund! wollen Sie die Güte haben, mir zu erläutern, was dies Alles bedeutet?“ „Und was denn?“ fragte Tom. „Das Betragen dieſes Kerls— des Herrn Pecksniffs, wollte ich ſagen!“ verſetzte Martin;—„Sie haben es doch geſehen?“ „Nein, in der That, ich bemerkte nichts,“ verſetzte Tom,—„ich hatte ja mit den Koffern zu thun!“ „Es liegt auch nichts daran,“ ſagte Martin;„kom⸗ men Sie nur, laſſen Sie uns nach Hauſe eilen!“ Und ohne ein weiteres Wort zu reven, eilte er ſo raſch auf und davon, daß es für Tom faſt unmöglich war, gleichen Schritt mit ihm zu halten. Martin ſchien es gleichgiltig zu ſeyn, wo und wo⸗ hin er gieng, denn er watete durch kleine Haufen von Koth und kleine Waſſerpfützen mit ausnehmender Gleich⸗ gültigkeit, ſtierte ſtets gerade aus und lachte zuweilen auf höchſt ſeltſame Weiſe vor ſich hin. Tom fühlte inſtinkt⸗ mäßig, daß er nichts ſagen konnte, wenn er ſeinen Freund nicht noch hartnäckiger und erboster machen wollte, und hegte das Vertrauen, Herrn Pecksniff's Benehmen werde zu Hauſe ſchon den irrigen Eindruck wieder aufheben, unter welchem der im ganzen Hauſe ſo allgemein beliebte Zögling offenbar leiden mußte. Tom konnte indeß ſelbſt ein beträchtliches Staunen nicht unterdrücken, als ſie zu 3 82 Aõðà—-———— 8— ◻ ————— — 143 Hauſe anlangten und das Wohnſtübchen erreichten, wo Herr Pecksniff allein vor dem Feuer ſaß und heißen Thee trank, und anſtatt von ſeinem Verwandten günſtige Notiz zu nehmen und ihn Tom Pinch im Hintergrunde zu hal⸗ ten, gerade das Gegentheil davon that, und ſo viele Rückſichten und Aufmerkſamkeiten an ihn verſchwendete, daß Tom vollkommen in Verlegenheit gerieth. „Kommen Sie, Herr Pinch, trinken Sie eine Taſſe Thee!“ rief Herr Pecksniff, der das Feuer aufſchürte, „Sie müſſen mit mir Thee trinken, denn Sie ſind offen⸗ bar halb erfroren und tüchtig eingeweicht worden. Ich bitte Sie, trinken Sie Thee mit mir und ſetzen Sie ſich zu mir an's Feuer, Herr Pinch!“ Tom ſah, daß Martin auf Herrn Pecksniff blickte, als ob er ohne viele Mühe ihm in ſeinem Herzen ein noch wärmeres Plätzchen gegönnt haben würde; blieb indeß ganz ruhig ſtehen, und blickte dem Hausherrn über den Tiſch hinüber ſtumm in's Geſicht. „Nehmen Sie ſich einen Stuhl, Herr Pinch!“ hub Pecksniff auf's Neue an,„ſetzen Sie ſich doch gefälligſt zu mir. Was hat ſich in unſerer Abweſenheit Neues zugetragen, Herr Pinch?“ „Sie— werden mit der lateiniſchen Schule ſehr zu⸗ frieden ſeyn,“ ſtotterte Tom,—„ſie iſt nun nahezu vollendet.“ Herr Pecksniff ſchüttelte verneinend den Kopf, winkte ſeinem Faktotum mit der Hand ſchweigend zu, und lä⸗ chelte.—„Wir wollen einſtweilen Alles unerwähnt laſ⸗* ſen, was mit dieſer Angelegenheit in Verbindung ſteht,“ ſagte er;—„was haben denn Sie inzwiſchen getrieben, Herr Pinch?“ Herr Pinch blickte vom Herrn auf den Zögling und vom Zögling wieder auf den Meiſter zurück und war da⸗ bei ſo verwirrt und verlegen, daß er ſich nicht die nö⸗ tthige Geiſtesgegenwart zutraute, um dieſe Frage zu be⸗ antworten. Während dieſer unheimlichen Zwiſchenzeit ſtörte Herr Pecksniff, dem es nicht entgehen konnte, wie ſcharf ihn Martin anblickte, obwohl er ihm noch keinen 144 einzigen Blick zugeworfen hatte, emſig im Feuer umher und trank, als auch dies nicht mehr gehen wollte, ange⸗ legentlich ſeinen Thee. „Ei, Herr Pecksniff!“ ſagte Martin endlich in ziemlich ruhigem Tone;—„wenn Sie ſich hinlänglich erquickt und erholt haben, wird es mir ſehr lieb ſeyn, zu erfahren, was ich von Ihrem Benehmen gegen mich halten ſoll!“ Herr Pecksniff heftete ſeine Augen hart auf Tom Pinch und fragte, wiewohl weit milder, und herablaſſen⸗ der als zuvor: 2 „Ei, Thomas, ſagen Sie mir doch, was Sie in der Zwiſchenzeit getrieben haben?“ Als er dieſe Frage wie⸗ derholt hatte, blickte er an den Wänden des Zimmers umher, als ſey er ſehr geſpannt zu erfähren, ob auch noch alle Nägel wie früher hier vorhanden ſeyen. Tom war über alle Maßen betroffen, wußte gar nicht, was er zu dem Betragen der Beiden ſagen ſoll⸗ te, und war ſchon im Begriff, durch einen Wink Herrn Pecksniff's Aufmerkſamkeit auf ſeinen Verwandten zu lei⸗ ten, als Martin ihm zuvorkam, indem er, um ihm die fer⸗ nere Mühe zu erſparen, dies ſelbſt that. „Herr Pecksniff!“ ſprach er und trat dieſem um ein Paar Schritte näher, ſo daß er ihn nöthigenfalls mit der Hand erreichen konnte, und ſchlug ein Paarmal leicht mit der Hand auf den Tiſch.—„Herr Pecksniff, Sie hörten, was ich eben zu Ihnen ſagte! Thun Sie mir jetzt den Gefallen, mir Antwort zu geben. Ich frage Sie nochmals,“ fuhr er mit lauterer Stimme fort,„wie ich mir Ihr Betragen deuten ſoll?“ .„ Ich werde bald auf Sie zu ſprechen kommen, Sir,“ entgegnete ihm Herr Pecksniff in barſchen Tone, als er ihn zum Erſtenmale anblickte. „Sie ſind ſehr gütig,“ entgegnete Martin;—„al⸗ lein mit einem Bald laß ich mich nicht abſpeiſen; ich muß Sie dringend bitten, mir ſpgleich die verlangte Auskunft zu geben.“ —-—— * 145 Herr Pecksniff ſtellte ſich an, als ſey ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf ſeine Brieftaſche concentrirt, allein dieſe zitterte in ſeinen Händen, ſo ſehr war der würdige Herr angegriffen. „Heda!“ rief Martin, und ſchlug von Neuem auf den Tiſch;—„jetzt müſſen Sie mit mir reden, jetzt gleich,— mit einem Bald laſſe ich mich nicht abſpeiſen.“ „Wie? Sie wollen mir drohen, Sir?“ rief Herr Pecksniff. 3 4 Martin gab ihm keine Antwort, blickte ihn aber auf⸗ merkſam an, und ein genauerer Beobachter hätte leicht ein verhängnißvolles Zucken ſeines Mundes und ein unwill⸗ kürliches Zuſammenziehen ſeiner rechten Hand in der Rich⸗ tung von Herrn Pecksniffs Halsbinde, bemerken können. „Es thut mir leid, Ihnen ſagen zu müſſen;“ fuhr Herr Pecksniff nach einer Weile ſort,„daß es ganz im Einklang mit Ihrem Charakter ſtehen würde, wenn Sie mich bedrohen wollten! Sie haben mich getäuſcht und Ihr ſchnödes Spiel und feinen Trug mit einer Natur getrie⸗ ben, die Sie als vertrauensvoll und arglos kannten. Sie haben ſich,“ fuhr Herr Pecksniff fort, indem er plötzlich aufſtand,—„durch lügenhafte Angaben und falſche Vor⸗ wände Aufnahme in dieſes Haus zu verſchaffen gewußt.“ „Scheert Euch zum Teufel!“ rief Martin mit ver⸗ ächtlichem Lächeln;—„jetzt begreife ich Euch.— Was wollt Ihr noch mehr?“ 1 „Soviel will ich noch mehr!“ rief Herr Pecksniff, der vom Kopf bis zu den Füßen zitterte, und ſeine Hände zu reiben ſuchte, als ob ſein Zittern nur von der Kälte herrühre,—„hören Sie mich nur weiter, wenn Sie mich denn in allem Ernſte nöthigen wollen, Ihre Schmach vor einer dritten Perſon zu veröffentlichen, was ich ei⸗ gentlich nicht zu thun geneigt und geſonnen war. Dies beſcheidne Dach, Sir, darf nicht mehr durch die Anwe⸗ ſenheit eines Menſchen geſchändet werden, der einen edel⸗ müthigen, ehrenhaften, hochachtbaren und verehrtern Herrn Boz, Chuzzlewit. II. 10 V1 146 ſo grauſam hintergangen hat, und der dieſen Betrug weislich vor mir zu verſchweigen wußte, als er bei mir Schutz und Obdach ſuchte, weil er wohl wußte, daß, ſo de⸗ müthig auch meine Lage iſt, ich doch ein ehrlicher Mann bin, der in dieſer fleiſchlichen Welt allen ſeinen Pflichten nachzukommen und Bosheit und Laſter ſtets die Spitze zu bieten ſucht. Ich beweine Ihre Verworfenheit, Sir,“ ſagte Herr Pecksniff,„ich beklage Ihren tiefen ſittlichen Fall, und bemitleide Sie, daß Sie ſich freiwillig von den blu⸗ menreichen Pfaden des Friedens und der Sittſamkeit ent⸗ fernt hatten.“ Bei dieſen Worten ſchlug er ſich ſelbſt Hauf die Bruſt oder ſeinen moraliſchen Garten.—„Allein ich kann unmöglich einen Ausſätzigen, eine Schlange zum Hausgenoſſen haben. Entfernt Euch, junger Mann,“ ſetzte Herr Pecksniff mit ausgeſtreckter Rechte hinzu;— „entfernt Euch! auch ich muß meine Hand von Euch ab⸗ ziehen, wie Alle, die Euch kennen!“ In welcher Abſicht Martin plötzlich bei dieſen Wor⸗ ten vorwärtsſprang, läßt ſich unmöglich behaupten. Es genügt indeß, zu wiſſen, daß Tom Pinch ihm plöͤtzlich in die Arme fiel, und daß im ſelben Augenblick Herr Pecksniff ſo haſtig zurücktaumelte, daß er vom Schemel hinunterglitt, über einen Stuhl ſtolperte und in ſitzender Stellung auf den Boden niederpurzelte, allwo er ſeinen Kopf in ein Eckchen drückte, das er vielleicht für das ſicherſte Verſteck für denſelben halten mochte, und ohne einen ferneren Verſuch, aufzuſtehen, hier ſitzen blieb. „Laſſen Sie mich, Pinch!“ rief Martin, indem er ihn abſchüttelte;—„warum wollen Sie mich halten? Glauben Sie denn, daß ihn ein Fauſtſchlag zu einem verworfeneren Weſen macht, als er bereits iſt; denken Sie, ich könnte ihn vielleicht noch zu einer tieferen Stufe erniedrigen, als die iſt, auf welcher er bereits ſteht, wenn ich ihn auch anſpuckte? Blickt ihn nur an, Pinch! Seht nur!“ Herr Pineh folgte unwillkührlich dieſem Winke. Herr 4 ——9— 2 ——+½ 1—+——,—— . — ———— ,—————.,—— 147 Pecksniff ſaß, wie bereits erwähnt, auf dem Fußteppich, hatte den Kopf in eine ſcharfe Ecke des Getäfers ge⸗ drückt, und legte in ſeiner ganzen Erſcheinung die Spuren einer höchſt unbehaglichen Reiſe an den Tag; in dieſem Zuſtande war er ſicherlich nichts weniger als ein Mo⸗ dell deſſen, was wir an einem Mann einnehmend und würdevoll nennen; allein noch immer war er Pecksniff, und es war unmöglich, ihn in Tom's Augen dieſes haupt⸗ ſächlichen überwiegenden Vorrechts zu berauben. Zudem blickte er Tom mit einer Miene an, als ob er hätte ſagen wollen: Ja, ja, Herr Pinch! blicken Sie mich nur an! Da ſitze ich nun; Sie wiſſen ja, was der Dichter von einem ehrlichen Manne ſagt, und ein rechtſchaffener Mann iſt eines jener wenigen ſeltenen Kunſtwerke, die man umſonſt ſehen kann! Blicken Sie mich nur an! „Glauben Sie mir,“ rief Martin;—„der Kerl da, wie er hier vor uns liegt, iſt ein ſchamloſes, elendes, erfauftes, abgefeimtes Geſchöpf!— Ein Fetzen für ſchmie⸗ rige Hände, eine Matte für ſchmutzige Füße, ein lügen⸗ hafter, heimtückiſcher, kriechender Hund!— Er gehört unter das ſchlechteſte, elendeſte Gezüchte der Welt! Glau⸗ ben Sie mir, Tom Pinch! Der ⸗Tag wird noch einmal kommen— er fühlt es ſelbſt, und Sie können es auf ſei⸗ nem Geſichte leſen, während ich noch ſpreche— der Tag wird noch kommen, wo auch Sie ſeine Falſchheit durch⸗ ſchauen und ihn von derſelben Seite kennen lernen wer⸗ den, wie ich ihn kenne und wie er ſich ſelbſt kennt!— Er will ſeine Hand von mir abziehen, der Schurke! Heften Sie Ihre Augen auf dieſen entrüſteten Heiligen, Pinch, und erinnern Sie ſich einſt meiner, wenn der Tag nact ſt an welchem meine Prophezeihung in Erfüllung geht.“. „Err deutete bei dieſen Worten mit unausſprechlicher Verachtung auf Pecksniff, ſtürzte ſich alsdann den Hut auf den Kopf und verließ unverweilt Haus und Hof. Er ſchritt ſo eilends von dannen, daß er das Dorfchen ſchon 8 10* 8 8 148 im Rücken hatte, als er hörte, wie Tom Pinch athemlos aus der Entfernung ſeinen Namen rief. „Nun was gibts?“ fragte er, als Tom ihn ein⸗ geholt hatte. „Du lieber Gott!“ rief Tom;—„iſt es denn wahr? Sie wollen alſo fort?d“ „Ja, ich gehe fort, weit fort!“ verſetzte der Jüng⸗ ling mit verbiſſener Wuth. „Ei,“ ſagte Tom;—„ich meine nicht ſowohl dies, als daß Sie jetzt bei dieſem furchtbaren Unwetter gehen — daß Sie uns zu Fuße verlaſſen, ohne Ihre Kleider, ohne Geld mitzunehmen!“ „Gleichviel,“ verſetzte Martin Chuzzlewit hartnäckig, „ich gehe dennoch.“ „Und wohin denn?“ fragte Tom. „Das weiß ich ſelbſt noch nicht,“ entgegnete der Andere;—„doch ja— ich werde nach Amerika gehen.“ „Nicht doch!“ rief Tom mit tiefem und ſehr auf⸗ richtigem Schmerze;—„gehen Sie ja nicht dorthin! Ich bitte Sie, thun Sie es nicht! Ueberlegen Sie ſich's beſſer! Handeln Sie doch ja nicht ſo fürchterlich rück⸗ ſichtslos gegen ſich ſelbſt, gehen Sie nicht nach Amerika!“ „Mein Plan ſteht feſt,“ erwiderte Chuzzlewit feſt; —„Ihr Freund hatte Recht,— ich gehe nach Amerika! Gott ſey mit Ihnen, Pinch!“ „Nehmen Sie wenigſtens dies!“ rief Tom und drückte ihm in großer Aufregung ein Buch in die Hand;— ich muß nun raſch zurückeilen und kann Ihnen nicht Alles ſagen, was ich Ihnen gerne mittheilen möchte. Der Himmel ſey mit Ihnen! Vergeſſen Sie ja das Blatt nicht, das ich eingebogen habe. Leben Sie nun wohl, Gott behüte Sie!“. Der ſchlichte Burſche drückte ihm mit Thränen in den Augen die Hand, und ſie gingen nach kurzem Ab⸗ ſchiede eilends in verſchiedenen Richtungen davon. 1 —* 1 149 .. Viertes Kapitel⸗ Worinnen dargethan wird, was aus Martin und ſeinem verzweif⸗ lungsvollen Plane wurde, nachdem er Herrn Pecksniff's Haus ver⸗ laſſen hatte, mit was für Perſonen er zuſammentraf, was für Wechſelfälle ihm begegneten und was für Nachrichten er erfuhr. Martin trug faſt unbewußt Tom Pinch's Buch unter dem Arme und knöpfte nicht einmal ſeinen Ueberrock als Schutzmittel gegen den ſtarken Regen zu, ſondern eilte blindlings mit demſelben raſchen Schritte vorwärts, bis er den Wegweiſer erreicht hatte und ſich auf der Land⸗ ſtraße nach London befand. Allein auch hier ließ er nur wenig in ſeiner Eile nach, nur begann er wenigſtens über ſein Geſchick nachzudenken, ſich umzuſehen und ſeine Sinne von dem Drucke der zornigen Affekte zu befreien, deren Opfer ſie ſeither geweſen waren. Es iſt nicht zu läugnen, daß er in dieſem Augenblicke weder für ſeine geiſtigen noch ſeine phyſiſchen Kräfte irgend eine from⸗ mende Beſchäftigung wußte. Der Tag dämmerte eben in einem ſchmalen Streifen wäſſerigen Lichtes im Oſten und jagte ein Paar langweilige Wolken vor ſich her, die in einem dicken, feuchten Nebel ihren naſſen Inhalt her⸗ niederſandten. Von jedem Zweig und Schooß der Hecken rieſelte ein kleiner Strom hernieder, daß kleine Schleußen ſich auf dem Seitenpfade bildeten und in hundert Ka⸗ nälen ſich auf die Heerſtraße herabgoſſen, und unzählige Ringe ſich auf der Oberfläche jedes Dümpfels und jeder Goſſe zeigten; der Regen fiel mit zähem platſchendem Tone in's Gras hernieder und ſchuf jede Furche im friſch gepflügten Feld zu einem ſchlammigen Kanale um. Weit und breit war kein lebendes Weſen zu erblicken. Die ganze Ausſicht hätte kaum öder ſeyn können, wenn die belebte Natur ſich ganz und gar zu Waſſer aufgelöst und Kir hrer Grſtalt auf die Erde hernieder ergoſſen haben würde. 150 Die inneren Ausſichten des einſamen Wanderers und die Gedanken, denen er nachhing, waren ebenſo troſtlos als die äußere Umgebung. Ohne Freunde und Geld, bis auf's Aeußerſte empört, in ſeinem Stolz und ſeiner Eigen⸗ liebe tief gekränkt, voll von Plänen künftiger Unabhän⸗ gigkeit und doch aller Mittel beraubt, dieſe zu realiſiren — befand ſich Martin in einer Lage, die ſelbſt ſeinem , unverſöhnlichſten Feinde hart genug hätte erſcheinen müſ⸗ ſen. Zum Uebermaß ſeines uͤbrigen Elends war er in⸗ zwiſchen inne geworden, daß er bis auf die Haut durch⸗ näßt und bis in's innerſte Mark von der Kälte erſtarrt war. In dieſem erbärmlichen Zuſtande fiel ihm Herr Pinch's Buch wieder in's Gedächtniß, und zwar mehr, weil es ihm Mühe machte, dies zu tragen, als weil er hoffte, aus dieſem Angedenken irgend einen reellen Nutzen zu ziehen. Als er auf den ſtaubigen Rücktitel des Buchs blickte und fand, daß es irgend ein Theil des„Bacca⸗ laureus von Salamanca“ in franzöſiſcher Sprache war, verwünſchte er Tom Pineh's Thorheit tauſendmal, und war in ſeiner üblen Laune und Bekümmerniß bereits im Begriff, es wegzuwerfen, als er ſich plötzlich beſann, daß Tom ihn auf ein eingebogenes Blatt aufmerkſam gemacht habe; er öffnete das Buch an der bezeichneten Stelle, um we⸗ nigſtens einen Grund mehr zur Klage gegen Tom zu haben, weil dieſer annehmen mochte, daß irgend ein küh⸗ ler Fetzen von der Weisheit des Baccalaureus ihm unter ſolchen Umſtänden zur Erbauung dienen konnte, fand aber zu ſeinem Vergnügen... Nun, was denn?. Nicht viel, aber Toms ganzes Hab' und Gut— den halben Sovereign. Tom hatte ihn haſtig in ein Stück Pa⸗ pier gewickelt und mit einer Stecknadel des Papiers ge⸗ ſteckt; auf die innere Seite des Couverts waren mit Blei⸗ ſtift flüchtig folgende Worte geſchrieben: „Ich brauche ihn wahrlich nicht und wüßte nicht, was ich damit thun ſollte, wenn er in meinen Händen wäre.“ Es gibt gewiſſe Lügen, Tom, auf welchen die „—————,—-—,&— 151 Menſchen wie auf ſtrahlenden Schwingen gen Himmel em⸗ porſchweben; es gibt aber auch gewiſſe Wahrheiten, ſchmach⸗ volle, kalte, bittere Wahrheiten, die unſern weltlichen Ge⸗ lehrten ganz gäng und gäbe ſind und welche die Menſchen gleichſam mit bleiernen Ketten zur Erde niederdrücken. Wer möchte nicht lieber in ſeinem letzten Stündlein ſich mit dem Flaum einer Lüge, wie die Deinige, fächeln, als alle Kühle beſitzen, die je ſeit Anbeginn der Welt aus dem Rücken jenes ſcharfen Stachelſchweins, der tadelhaften Wahrheit, ausge⸗ rauft worden ſind? Martin fühlte ſich ſelbſt wieder kräfti⸗ ger, und Tom's gute That gereichte ihm nicht zu geringer Ermuthigung. Nach ein paar Minuten empfand er die gute Wirkung derſelben in allmähliger Aufbeſſerung ſei⸗ ner Laune, indem er ſich erinnerte, daß er noch nicht von Allem entblößt ſey, da er noch verſchiedene gute Anzüge bei Pecksniff zurückgelaſſen und eine goldene Re⸗ petiruhr in der Taſche habe. Zudem fand er einen merk⸗ würdigen Troſt in dem Gedanken, daß er doch ein äußerſt einnehmender Menſch ſeyn müſſe, um einen ſolchen Ein⸗ druck auf Tom Pinch gemacht zu haben, und in dem Bewußtſeyn, Tom in ijeder Beziehung überlegen zu ſeyn, ſo wie in der Wahrſcheinlichkeit, daß er ſich vermöge dieſer Eigenſchaften dennoch einen Weg durch die Welt werde bahnen können. 4 Von dieſen Gedanken erhoben und in ſeinem Plane beſtärkt, ſein Glück in einem andern Lande ſich zu grün⸗ den, beſchloß er, auf beſtmöglichſte Weiſe und dem kür⸗ zeſten Wege London als nächſtes Hauptquartier zu be⸗ trachten, von wo er ſein kleines Vermögen nach dem Ausland überſiedeln wollte. Er war ſchon volle zehn Meilen von dem Dörſchen entfernt, das als Wohnplatz des Herrn Pecksniff einen gewiſſen Ruhm erlangt hatte, als er des Frühſtücks we⸗ gen in einem kleinen Bierhauſe an der Landſtraße ein⸗ kehrte; hier warf er ſich zunächſt vor dem Feuer in einen alten Stuhl mit hoher Lehne, entledigte ſich ſeines Ueber⸗ rocks, und hing ihn zum Trocknen vor der luſtig ſprü⸗ * 15²2 henden Gluth auf. Der Ort war freilich himmelweit verſchieden von dem hohen Gaſthauſe, worin er von Weſtlock regalirt worden war, in dem er keiner größern Bequemlichkeiten ſich rühmen konnte, als der Backſtein⸗ boden der Küche gewährte. Allein der Geiſt aecommodirte⸗ ſich ſo bald den Anforderungen des Körpers, daß dieſes Häuschen, worin nur arme Fuhrleute einkehrten und von dem er ſich vielleicht geſtern noch mit hochmüthiger Verach⸗ tung abgewandt haben würde, in ſeinen Augen nun zu einem auserleſenen Gaſthofe wurde, während ſein Früh⸗ ſtück von Eiern und Schinken und einem Kruge voll Bier ihm nun keineswegs als ſo ungenießbare Koſt erſchien, wie er vermuthet hatte, ſondern vollkommen die In⸗ ſchrift auf dem Fenſterladen bewährte, kraft deren ſolche Gerichte„gute Koſt“ für Reiſende ſeyn ſollten. Als er ſeinen Hunger geſättigt, ſchob er ſeinen leeren Teller von ſich, ſtellte einen zweiten Krug vor ſich auf den, Herd und ſtierte gedankenvoll in's Feuer, bis ihm die Augen wehe thaten. Er blickte hierauf nach den grell be⸗ malten bibliſchen Bildern empor, die in kleinen, ſchwarzen Rahmen, wie gemeine Raſirſpiegel, an der Wand prang⸗ ten, und ſah, wie die drei Weiſen aus dem Morgenland (ie eine ſtarke Familien⸗Aehnlichkeit unter ſich hatten) das Jeſuskindlein in der hochrothen Krippe anbeteten, und wie der verlorene Sohn in ziegelrothen Lumpen zu ſeinem Vater im Purpurmantel zurückkehrte und ſeinen Appetit ſchon in Gedanken an einem ſeegrünen Kalb ſtillte; dann blickte er wieder durch's Fenſter nach dem niederrieſelnden Regen, der ſchief über das Wirthsſchild her gegen das Haus anſchlug und den Pferdetrog zum Ueberlaufen brachte, ſtierte alsdann wieder in's Feuer und ſchien darin ein doppelt weit entferntes London zu entdecken, das ſich unter die Trümmer des brennenden Holzes zurückzog. 3 Er hatte dieſen Prozeß in derſelben Rethe ſchon manchmal wiederholt, wie wenn er dies nothwendig hätte thun müſſen, als das Geknarre von Rädern ihn plötz⸗ 15³ lich in ſeinem regelmäßigen Gedankengange ſtörte und ſeine Aufmerkſamkeit nach dem Fenſter lenkte, jenſeits deſſen er eine Art leichten Korbwagens erblickte, der von vier Pferden gezogen und, ſo viel er ſehen konnte, mit Korn und Stroh beladen war. Der einzige Fuhrmann deſſelben hielt vor der Thüre des Bierhauſes, um ſein Geſpann zu tränken, und kam alsbald, aus Hut und Nock die Regenfeuchte ſtampfend und ſchuttelnd, in die Stube herein, wo Martin ſaß. Es war ein vierſchrötiger, junger Burſch, mit ro⸗ then Wangen und gutmüthigem Antlitz, der in ſeiner Weiſe recht ſchmuck herausgeputzt war. Als er auf's Feuer zuſchritt, berührte er zum Gruße ſeine glänzende Stirn mit dem Zeigfinger ſeines ſteifledernen Handſchuh's und meinte, was freilich ziemlich unnöthig war, es ſey ſehr feuchtes Wetter. „Ein ſehr naſſer Tag,“ bemerkte Martin. „Ich wüßte nicht, daß ich je ein ſolches Wetter er⸗ lebt hätte,“ verſetzte der Burſche. „Und ich habe nie ein ähnliches empfunden,“ ſprach Martin, 8 Der Fuhrmann blickte auf Martin's beſchmutzte Klei⸗ dung und ſeine feuchten Hemdärmel und den Hut, den er zum Trocknen aufgehängt hatte, und ſagte nach einer Pauſe, da er eben ſeine Hände wärmte:„Sie ſcheinen auch davon befallen worden zu ſeyn, Sir?“ „Allerdings,“ war die kurze Antwort. „Sind wohl geritten, Sir?“ fuhr der Fuhrmann fort. „dO ja, ich wäre es, wenn ich ein Pferd gehabt batee verſetzte Martin;—„dies war aber nicht der Fall.“ 4 „Das iſt ſchlimm genug!“ bemerkte der Fuhrmann. „Es könnte noch ſchlimmer ſeyn,“ ſprach Martin einſylbig. 1 Das, Schlimmgenug“ des Fuhrmanns hatte ſich nicht ſowohl auf den Umſtand bezogen, daß Martin kein Pferd hatte, ſondern vielmehr darauf, daß dieſer es mit all' 8 154 der unruhigen Verzweiflung ſeiner Stimmung und Um⸗ ſtände zugeſtanden, und dadurch gleichſam Veranlaſſung zu noch manchen andern Muthmaßungen gegeben hatte. Als Martin dem Fuhrmann die erwähnte Antwort ge⸗ geben, ſteckte er die Hände in die Taſchen ſeiner Bein⸗ kleider und begann zu pfeifen, um ihm dadurch zu ver⸗ ſtehen zu geben, daß er ſich nicht im Mindeſten um die Ungunſt Fortuna's bekümnere, und es verſchmähe, für ihren Günſtling gelten zu wollen, wenn dies nicht der Fall war, und daß er vielmehr dem Fuhrmann und der ganzen Welt hiemit ein Schnippchen ſchlage. Der Fuhrmann ſchielte ihn eine Weile hehlings an und pfiff ebenfalls in den Pauſen, während er ſeine Hände wärmte. Endlich deutete er mit dem Daumen rückwärts nach der Straße hinaus und fragte:„Gehen Sie hinauf oder hinunter?“ „Was iſt hinauf?“ fragte Martin. „Je nun, London, wie ſich von ſelbſt verſteht.“ „Dann gehe ich hinauf,“ ſagte Martin und nickte darauf ſo unbefangen mit dem Kopfe, als wolle er da⸗ mit ſagen: ‚Nun weißt Du genug! ſtreckte darauf ſeine Hände noch tiefer in die Taſchen, pfiff eine andere Me⸗ lodie, und zwar wo möglich noch lauter. „Gehe auch aufwärts,“ ſagte der Fuhrmann;— „und zwar nach Hounslow, zehn Meilen herwärts von London.“ 3 „Wirklich?“ fragte Martin und hielt nun plötzlich mit Pfeifen inne, um dem Burſchen in's Geſicht zu blicken.— Der Fuhrmann ſchwang ſeinen naſſen Hut gegen das Feuer, daß die Tropfen hoch aufziſchten und verſetzte: „Ja Herr! das thue ich.“ „Nun denn,“ ſagte Martin,„ich will einmal offen mit Euch reden; Ihr denkt vielleicht, wenn Ihr meine Kleidung anſeht, ich habe Geld übrig, allein dem iſt nicht ſo; die höchſte Summe, die ich für Fuhrlohn ausgeben kann, iſt eine Krone, da ich nur ihrer zwei habe. Wenn Ihr mich hiefür und um meine Weſte oder dieſes ſeidene A A 15⁵ Taſchentuch hier mitnehmen könnt, ſo möchte ich wohl mitfahren. Koͤnnt Ihr aber nicht, ſo laßt's in Gottes⸗ namen gehen.“ „Kurz und gut!“ meinte der Fuhrmann.— „Ihr wollt alſo mehr?“ verſetzte Martin,„dann ſind wir gleich fertig, ich habe nicht mehr und kann nicht mehr bekommen.“ Damit begann er von Neuem zu pfeifen. „Hab' ich denn mehr verlangt?“ fragte der Fuhr⸗ mann und ſchien beinahe entrüſtet. „Ihr ſagtet aber auch nicht, daß ich Euch genug geboten!“ verſetzte Martin. 1„Wie köonnte ich es denn, da Sie mir nicht einmal Zeit dazu ließen?“ verſetzte der Fuhrmann;—„was nun die Weſte anlangt, ſo möchte ich um keinen Preis mir die Weſte eines gemeinen Mannes, geſchweige die eines vornehmen Herrn aneignen; mit dem ſeidenen Taſchen⸗ tuche iſt's freilich etwas Anderes, und ich habe Nichts dagegen, wenn Sie mir es zum Geſchenk geben, falls Sie mit mir zufrieden ſind, wenn wir zuſammen in Hounslow ankommen.“ „So ſind wir alſo Handels eins?“ fragte Martin. „Allerdings, es gilt!“ verſetzte der Andere. „So trinkt denn dies Bier aus,“ indem er ihm den Krug hinreichte und mit beſonderer Haſt in ſeinen Rock ſchlüpfte;—„wir können nun aufbrechen, ſobald es Euch gut däucht.“ Zwei Minuten ſpäter hatte Martin ſeine Zeche be⸗ zahlt, die einen Schilling betrug und lag der ganzen Länge nach hoch und trocken oben unter der Bleiche auf einem Bund Stroh und hielt das Tuch gefliſſentlich vorn ein wenig offen, um mit ſeinem neuen Freunde deſto be⸗ quemer plaudern zu können; der Wagen ſetzte ſich ſodann in Bewegung und rollte mit höchſt befriedigender und ermuthigender Eile in der geeigneten Richtung davon. Der Name des Fuhrmanns war, wie er Martin bald mittheilte, William Simmons, gemeinhin unter dem 1 156 Namen Bill bekannt, und ſein flotter Aufzug erklärte ſich hinreichend dadurch, daß er in einer ziemlich bedeutenden Poſtanſtalt in Hounslow diente, wohin er eben jetzt ſeine Ladung von einem Pachthofe aus führte, der noch inner⸗ halb des Weichbildes von Wiltſhire lag. Er fuhr, wie er ſagte, in ſolchen Aufträgen oft auf dieſem Wege hin und her und war noch insbeſondere mit der Pflege der kranken und invaliden Pferde vertraut, von welch letzte⸗ ren Thieren er beſonders viel und auf die weitſchweifigſte Weiſe zu erzählen wußte. Sein ſehnlichſtes Ziel war das Amt eines regelmäßigen Poſtillons und es ſollte ihm auch bei der nächſten Erledigung eine derartige Anſtellung bevorſtehen. Bei alle dem war er noch muſikaliſch und führte ein kleines Klappenhorn in der Taſche, worauf er, ſo oft die Unterhaltung nachließ, den Anfang einer großen Anzahl von Melodien blies, bei denen er jedoch jedes⸗ mal in der Mitte ſtecken blieb. „Ach!“ hub Bill mit einem Seußzer an, als er mit der äußern Handfläche ſeine Lippen abwiſchte und das Inſtrument wieder in die Taſche ſteckte, von dem er das Mundſtück abgeſchraubt hatte, um es von der Feuchtig⸗ keit zu befreien;—„da fällt mir immer Lummy Ned von dem leichten Salisbury⸗Eilwagen ein— der ſuchte ſeinen Mann wegen ſeines muſtkaliſchen Talents. Er war Schirrmeiſter, und ein Burſche ſo flink und fixr, daß man ihn füglich den erſten Schirrmeiſter auf der ganzen Welt nennen konnte.“ „Iſt er geſtorben?“ fragte Martin.. „Geſtorben?“ rief der Andere mit ſehr nachdrück⸗ licher Geringſchätzung;—„nichts weniger als das, ich denke den Ned erwiſcht der Tod nicht ſo leicht; ei behüte, der ſchlägt ihm noch lange ein Schnippchen!“ „Ihr ſpracht von ihm in der vergangenen Zeit,“ wandte Martin ein,„und darum vermuthete ich, der Burſche ſey nicht mehr am Leben.“ 1. „Er iſt nicht mehr in England,“ verſetzte Bill;— 1⁵7 „das kömmt beinahe auf Eins heraus.— Er iſt in die vereinigten Staaten ausgewandert.“ „Warum nicht gar?“ fragte Martin, deſſen Jutereſſe plötzlich rege geworden war;—„wann that er denn dies?“ „Es mögen wohl etwa fünf Jahre her ſeyn,“ gab Bill zur Antwort;—„er hatte ſich hier in der Nach⸗ barſchaft ein kleines Wirthshaus gekauft, konnte aber ſeinen Verbindlichkeiten nicht! gerecht werden und kniff darum eines Morgens nach Liverpool aus, ohne zuvor ein Wörtchen davon verlauten zu laſſen, und ſchiffte ſich von dort nach den vereinigten Staaten ein.“. „Und was weiter?“ fragte Martin. „Was weiter?“ wiederholte Bill;—„je nun, ob⸗ wohl er bei ſeiner Landung drüben keinen Penny hatte, um das Kreuz damit zu ſchlagen, waren die Leute drüben doch froh, ihn bei ſich in den vereinigten Staaten zu haben.“ „Was meint Ihr denn damit?“ fragte Martin mit ziemlicher Geringſchätzung. „Was ich damit meine?“ ſagte Bill;—„je nun nichts Anderes als das: in den vereinigten Staaten ſind alle Menſchen einander gleich, nicht wahr? Es macht vort keinen Unterſchied, ob Einer tauſend Pfund oder gar nichts hat— fürnämlich in New⸗York, wo Ned landete, hab ich mir ſagen laſſen.“ 8 „In New⸗York ſagt Ihr?“ fragte Martin ſeinen Fuhrmann gedankenvoll. „Freilich in New⸗York,“ gab Bill zur Antwort;— „ich weiß das daher, weil Ned es nach Hauſe ſchrieb, daß ihn das neue York gar lebhaft an unſer altes York erinnert habe, zu dem es in jeder Beziehung ſo gar keine Aehnlichkeit haben ſoll. Ich weiß nicht, was Ned zu treiben im Sinne hatte, als er drüben ankam; allein in ſeinen Briefen ſtand buchſtäblich zu leſen, daß er und ſeine Freunde ſtets ſängen:„Heil dir Columbia!“ und: „Hängt den Präſidenten auf!“ und darum vermuthe ich, 1⁵⁸ daß er ſich entweder wieder auf die Wirthſchaft oder auf die freien Künſte verlegt hat.— Wie dem nun auch ſey, er hat ſich wenigſtens ein hübſches Vermögen zuſammen gemacht.“— „Iſt das möglich?“ rief Martin. „Ja, das hat er in der That,“ verſetzte Bill,„ich weiß das daher, weil er es ein paar Tage ſpäter wieder bei Heller und Pfennig verlor, als ſechsundzwanzig Ban⸗ ken auf einmal fallirten. Er packte eine huͤbſche Anzahl von den Banknoten zuſammen, als er Gewißheit erlangt hatte, daß ſie nicht mehr eingelöst würden und ſchickte ſte mit einem gar freundlichen Briefe über's Waſſer her⸗ über an ſeinen Vater. Ich weiß das daher, daß man ſie drunten in unſerem Hofe zum Benefiz des alten Herrn um Geld zeigte, damit er ſich im Armenhauſe wenigſtens mit Taback gütlich thun konnte. 3 „Der Burſche muß doch ein Duminkopf geweſen ſeyn, daß er nicht beſſer Sorge für ſein Geld trug, als er es noch in Händen hatte!“ ſagte Martin voll Entrüſtung. „Da mögen Sie wohl Recht haben!“ entgegnete Bill;—„inſonderheit weil Alles in Papier war und er ſo gar leicht auf ſeiner Hut hätte ſeyn können, wenn er es z. B. in ein kleines Päckchen zuſammengethan hätte.“ Martin erwiderte darauf Nichts, ſondern ſchlief eine Weile ſpäter ein und verblieb ein paar Stunden oder drüber in dieſem Zuſtande. Als er wieder erwachte, fand er, daß es zu regnen aufgehört hatte, ſetzte ſich deshalb wieder zum Fuhrmann und richtete mehrere Fra⸗ gen an ihn, z. B. wie lange der glückliche Schirrmeiſter des Salisbury⸗Eilwagens zur Ueberfahrt über den atlan⸗ tiſchen Ocean gebraucht; zu welcher Jahreszeit er zu Schiffe gegangen ſey, wie der Name des Schiffes ge⸗ ſen, in dem er die Reiſe gemacht, wie viel er für die Ueberfahrt bezahlt, ob er ſehr an der Seekrankheit ge⸗ litten habe und ſo weiter. Ueber alle dieſe Nebenpunkte beſaß ſein Freund entweder wenig oder gar keine Kennt⸗ niß und antwortete entweder augenſcheinlich aufs Gera⸗ / —— f „ n 8☛—n’ͤͤ— u—— 159 thewohl oder geſtand zu, daß er es nie gehört oder ver⸗ geſſen habe. Obwohl Martin oft genug ſeine Nachfor⸗ ſchungen wiederholte, konnte er dennoch keine nutzlichen Nachrichten über dieſe weſentlichen Punkte erfahren. Sie fuhren den ganzen Tag über und machten un⸗ endlich oft Halt, bald um ſich ſelbſt zu erfriſchen, bald um friſche Pferde vorzulegen, dann wieder, um einen Theil des Geſchirrs zu wechſeln oder in Ordnung zu bringen, und dann wieder aus andern Gründen, die mit dem Poſtverkehr auf dieſer Straße in Beziehung ſtanden und ſo weiter,— daß es Mitternacht wurde, bevor ſie noch Hounslow erreichten. In kurzer Entfernung von den Ställen, die das Reiſeziel des Korbwagens waren, ſtieg Martin ab, bezahlte ſeinen ehrlichen Freund mit der verſprochenen Krone und nöthigte ihm noch ſein ſeidenes Taſchentuch auf, trotz der wiederholten Prote⸗ ſtation des jungen Burſchen, daß er ihn nicht um daſ⸗ ſelbe bringen wolle, welche freilich von ſeinen ſehnſüch⸗ tigen Blicken ſo ziemlich Lügen geſtraft wurde. Als dies geſchehen war, ſchieden ſie von einander; der Wagen fuhr in den Hof hinein und die Thore wurden geſchloſſen, ſo daß Martin in der dunkeln Straße ſtehen blieb und nun auf einmal ſo ziemlich zum Bewußtſeyn kam, daß er verlaſſen und ausgeſchloſſen in dieſer traurigen Welt ſtehe und den hauptſächlichſten Schlüſſel, ſie zu öffnen, entbehre. Allein in dieſem Augenblick der Troſtloſigkeit und noch oft ſpäterhin wirkte die Erinnerung an Pecksniff herzſtärkend auf ihn ein und rief in ſeiner Bruſt eine Entrüſtung hervor, die ihn, auf die heilſamſte Weiſe zur hartnäckigſten Beharrlichkeit kräftigte. Unter dem Ein⸗ fluſſe dieſes kräftigen Stärkungsmittels machte er ſich ohne viele Umſtaͤnde auf den Weg nach London, wo er mitten in der Nacht ankam und, da er nicht wußte, wo er eine Herberge offen finden ſollte, ſich leider genöthigt ſah, bis zum Morgen auf den Straßen und den Markt⸗ plätzen umherzuwandern. Etwa eine Stunde vor Tages⸗ anbruch befand er ſich in der beſcheidenen Umgebung des 8 „gff„ 160 Adelphi⸗Theaters. Hier wandte er ſich an einen Mann in einer Pelzmütze, der gerade an einem obſeuren Wirths⸗ hauſe die Fenſterlaͤden öffnete, geſtand dieſem, daß er ein Fremder ſey und fragte ihn, ob er hier ein Bett haben könne. Es ereignete ſich glücklicherweiſe, daß dieſes der Fall war; und obwohl das Bett keineswegs prächtig, ſondern höchſtens leidlich rein war, fühlte Martin doch ſich ſeelenvergnügt und höchſt dankbar, als er in daſſelbe ſtieg, und hier Wärme, Ruhe und Vergeſſenheit fand. Es war ſpät am Nachmittag, als er erwachte und bis er ſich gewaſchen, angekleidet und gefrühſtückt hatte, war die Dämmerung bereits wieder eingebrochen; dies war ihm um ſo lieber, denn er ſah ſich jetzt in die un⸗ abwendbare Nothwendigkeit verſetzt, ſeine goldene Uhr irgend einem gefälligen Pfandverleiher abzutreten, und wurde für dieſen Zweck jedenfalls bis zum Einbruch der Dämmerung gewartet haben, wäre es auch der längſte Tag im Jahr geweſen und hätte er denſelben auch ohne die mindeſte Nahrung verbringen müſſen. Er kam an mehr„goldenen Bällen“ vorüber, als ſämmtliche Taſchenſpieler Europa's ſeit dem Beginn ihres ganzen Handwerks wohl zu ihren Geſchäften gebraucht haben mochten, bevor er ſich zu Gunſten irgend eines dieſer Etabliſſements entſcheiden konnte, wo derartige Symbole aufgehängt waren. Am Ende kehrte er zu einem der erſten zurück, die er auf ſeiner Wanderung geſehen hatte, und betrat es durch ein Seitenpförtchen im Hofe, über welchem die drei Bälle mit der Inſchrift„Geldver⸗ leihungs⸗Anſtalt“ in einem geſpenſtigen Transparent wieder⸗ holt ausgeſteckt waren, und ſchlüpfte in eine Reihe kleiner Verſchläge oder Privatlogen, die zur Bequemlichkeit der verſchämteren oder minder vertrauten Kunden errichtet waren. Als er ſich in einem derſelben eingeriegelt, zog er ſeine Uhr heraus und legte ſte auf den Zahltiſch. „So wahr ich lebe,“ ſprach eine leiſe Stimme in der nächſten Loge zu dem Eigenthümer des Etabliſſe⸗ ments, der eben mit ihm verkehrte;—„ſo wahr ich —— — d 8& 1l ARS — 2— BSS — U—A&ℳ 0 RSN AGR ———N d— — 161 lebe, Sie müſſen die Anleihe erhöhen, Sie müſſen eine Kleinigkeit mehr zulegen! diesmal müſſen Sie unfehlbar ein halb Viertel einer Unze zulegen, wenn Sie mir Ihr Pfund Fleiſch auswaͤgen, mein hoͤchſt verehrter Freund; diesmal müſſen Sie mir zwei Schillinge und ſechs Pence geben.“ Martin ſchrack unwillkührlich zuſammen, da er dieſe Stimme plötzlich erkannte. „Sie bringen mir nur immer die Spreu von Ihren Sachen,“ verſetzte der Unternehmer, rollte den zu verpfän⸗ denden Artikel, der wie ein Hemd ausſah, zuſammen, als ob ſich dies von ſelbſt verſtehe, und probirte ſeine Feder auf dem Zahltiſche. „Ich werde Ihnen nie den Weizen bringen, ſo lange ich hieher komme,“ ſprach Herr Tigg, denn er war der Fremde;—„ha, ha, ha! das wäre nicht ſo übel Geben Sie wenigſtens nur diesmal zwei Schillinge und ſechs Pence, wertheſter Freund! nur für dies Einemal! Eine halbe Krone iſt eine prächtige Münze, geradezu zwei⸗ Schillinge und ſechs Pence, und kommt nie aus dem Cours. Wahrhaftig es iſt das letzte Mal, daß ich es Ihnen zu zwei Schillingen und ſechs Pence zu nehmen anſinne.“ „Bah!“ verſetzte der Pfandverleiher,„es wird nicht eher zum letzten Mal hieherkommen, als bis es ganz ab⸗ getragen iſt; es iſt ſchon jetzt im Dienſte ganz ergraut, wie Sie ſehen.“ „Sein Herr iſt ja auch im Dienſte ergraut, wenn Sie ſo meinen, mein Freund,“ verſetzte Herr Tigg;— „im aufopfernden Dienſte für ein undankbares Vaterland. Sie geben mir alſo wohl diesmal zwei Schillinge und ſechs Pence, nicht wahr?“ „Ich gebe nicht mehr, als ich ſtets dafür bezahlt habe— zwei Schillinge,“ gab der Eigenthümer des Leih⸗ hauſes zur Antwort;„ich werde es vermuthlich wieder unter demſelben Namen einſchreiben ſollen wie gewöhnlich?“ Boz, Chuzzlewit. II. 11 162 „Allerdings, noch immer die alte Adreſſe,“ verſetzte Herr Tigg;—„meine Anſprüche an die dereinſtige Pair⸗ würde ſind vom Hauſe der Lords noch nicht gut ge⸗ heißen worden.“ „Soll ich Ihre frühere Wohnung hinzuſetzen?“ fragte der Pfandverleiher weiter. „Ei behüte,“ entgegnete Herr Tigg,„ich habe meine ſtädtiſche Reſidenz von Mayfair, Numero Achtunddreißig nach Park Lane Numero Fünfzehnhundert und zweiund⸗ vierzig verlegt.“ „Gehen Sie doch!“ rief der Pfandverleiher lachend; —„Sie wiſſen wohl, daß ich kein Narr ſeyn werde, dies niederzuſchreiben.“ „So ſchreiben Sie denn in Gottes Namen hin, was Ihnen beliebt!“ rief Herr Tigg;—„die Hauptſache bleibt doch immer dieſelbe. Die Wohnungen für den Untertafeldecker und den fünften Lakaien waren in Numero Achtunddreißig zu Mayfair von ſo hölliſch ſchlechter und gemeiner Art, daß ich genöthigt wurde, in Anerkennung des Zartgefühls meiner Dienerſchaft, das ihr ſo viele Ehre macht, das elegante und bequeme Familienherrenhaus Numero Fünf⸗ zehnhundert und zweiundvierzig in Park⸗Lane auf eine Friſt von ſieben, vierzehn oder einundzwanzig Jahren, die je nach dem Wunſche des Vermiethers wieder zu erneuern iſt, zu miethen. Geben Sie mir zwei Schillinge und ſechs Pence, und beſuchen Sie mich einmal in meinem neuen Patmos.“ Der Eigenthümer des Leihhauſes war von dieſem humoriſtiſchen Einfalle ſo entzückt, daß auch Herr Tigg ſelbſt einige Freude darüber nicht unterdrücken konnte. Dies ſtachelte ihn theilweiſe zu dem Wunſche, ſich zu überzeugen, welchen Eindruck ſein Spaß auf den Herrn in der nächſten Loge gemacht habe, zu welchem Zwecke er denn um die Scheidewand herumblickte und in der Be⸗ — leuchtung des Gaslichts Martin alsbald erkannte. „So wahr ich lebe!“ ſprach Herr Tigg und ſtreckte ſeinen Köorper ſoweit vor, daß ſein Kopf faſt eben ſo ſehr ————— 163 in Martin's kleiner Zelle ſteckte als deſſen eigener;—„ſo wahr ich lebe: Das iſt eine der überraſchendſten Begeg⸗ nungen in alter und neuer Geſchichte! Wie befinden Sie ſich? Was bringen Sie für Nachrichten aus den Feld⸗ baudiſtrikten? wie befinden ſich unſere Freunde, die Pecks⸗ niffs? Ha, ha, ha! David, ſchenken Sie alsbald dieſem Herrn, als einem meiner beſten Freunde, beſondere Auf⸗ merkſamkeit, wenn ich bitten darf.“ „Hier! belieben Sie mir ſo viel wie möglich auf dies ſen Gegenſtand zu geben,“ ſagte Martin und händigte dem Pfandverleiher ſeine Uhr ein.„Ich bin in dringender Geld⸗ verlegenheit.“ „Hören Sie es, David!“ rief Herr Tigg mit unge⸗ wöhnlich warmer Theilnahme;—„er braucht ſein Geld dringend nöthig! David, Sie werden die Güte haben, Ihr Möglichſtes für meinen Freund zu thun, der in drin⸗ gender Geldverlegenheit iſt; ich hoffe, Sie werden meinen Freund behandeln, als ob ich's ſelbſt wäre. Eine goldene Repetiruhr mit einem Cylinderwerk in vier koſtbaren Stei⸗ nen gehend, mit einem Echappement, horizontalem Hebel und von garantirt ſicherem Gange— ich verbürge mich dafür mit meinem Ehrenworte, da ich das Werk unter den dringendſten Umſtänden Jahre lang in der Nähe be⸗ obachtet habe.“ Hier warf er Martin einen bedeutſamen Blick zu, als wolle er hiedurch zu erkennen geben, als werde dieſe Empfehlung einen ungeheuern Eindruck auf den Pfandverleiher machen.„Wie wollen Sie meinen Freund halten, David? Laſſen Sie ſich's ja angelegen ſeyn, meine Kundſchaft und Empfehlung zu verdienen.“ „Ich kann Ihnen drei Pfund darauf leihen, wenn Sie damit zufrieoen ſind,“ ſagte der Pfandverleiher in vertraulichem Tone zu Martin;—„die Uhr iſt etwas alt⸗ väteriſch, deßhalb kann ich nicht mehr bieten!“ „Allein dabei verteufelt huͤbſch!“ rief Herr Tigg;— „zwei Pfund zwölf Schillinge ſechs Pence für die Uhr und ſieben Schillinge und ſechs Penee aus„perſönlicher 11 Rückſicht. Ich bin ganz zufrieden geſtellt; es mag eine Feigheit von mir ſeyn, allein ich bin zufrieden, drei Pfund genügen, wir wollen ſte annehmen.— Mein Freund heißt ivey— Chicken Smivey von Holborn, Nro. 26 ¾ B. Miethsmann.“ 2 Hiebei winkte er Martin von Neuem zu, um ihn davon in Kenntniß zu ſetzen, daß jetzt alle geſetzlichen For⸗ men und Vorſchriften erfüllt ſeyen und ihm nichts An⸗ deres zu thun übrig bleibe, als ſich das Geld auszahlen zu laſſen. Es ergab ſich in der That auch, daß dem ſo war, denn Martin, der ohne längere Wahl nehmen mußte, was man ihm bot, gab durch ein Kopfnicken ſeine Zu⸗ ſtimmung zu erkennen, und erhielt ſogleich das Geld in Baarem ausbezahlt. Im Hausflur holte ihn Herr Tigg ein, begrüßte ihn von Neuem mit der freundſchaftlichſten Wärme, als er ihn unter den Arm nahm und auf die Straße hinausbegleitete, und wünſchte ihm zum günſtigen Ausgange ſeines Geſchäfts Glück. „Was meinen Antheil daran anbelangt,“ ſprach Herr Tigg,„ſo bitte ich deſſen gar nicht zu gedenken; machen Sie mir nur keine lange Dankſagung darüber, denn das iſt mir von vornherein unausſtehlich.“ „Ich glaube Sie verſichern zu dürfen, daß ich dieſe nicht im Entfernteſten beabſichtige!“ rief Martin und blieb dabei zugleich ſtehen, um ſeinen Arm von dem ſeines Freundes zu befreien.— „Ich danke Ihnen,“ verſetzte Herr Tigg.„Sie ver⸗ pflichten mich dadurch ſehr zum Dank.“ „Wohlan, Sir!“ verſetzte Martin und biß ſich zornig auf die Lippen,—„wir befinden uns in einer großen Stadt und können leicht verſchiedene Wege darinnen aus⸗ findig machen; falls Sie mir angeben wollen, wohin Ihr Weg Sie führt, will ich gerne einen andern einſchlagen.“ Herr Tigg wollte hierauf etwas entgegnen, allein Martin ließ ihn nicht zum Worte kommen. „Nach dem, was Sie vorhin geſehen haben,“ fuhr er fort,—„brauche ich Ihnen nicht erſt zu ſagen, daß i ( 165 ich keineswegs im Stande bin, etwas für Ihren Freund, Herrn Chevy Slyme, zu thun. Auch däucht es mir eben ſo unnöthig, Ihnen erſt zu erklären, daß ich nicht um die Ehre Ihrer Geſellſchaft geize.“ 8 „Halt!“ rief Herr Tigg mit ausgeſtreckter Hand;— „halt! es gibt ein äußerſt merkwürdiges, langköpfiges, bocksbärtiges und patriarchaliſches Sprichwort, das da be⸗ ſagt, es ſey die Pflicht jedes Menſchen, erſt gerecht, und dann erſt großmüthig zu ſeyn. Seyen Sie jetzt gerecht, damit Sie ſpäter auch edelmüthig ſeyn können! Zunächſt ſtellen Sie mich nicht in Eine Kategorie mit dem Men⸗ ſchen Slyme. Thun Sie dem Menſchen Slyme nicht ſo viele Ehre an, als ob Sie glaubten, er ſey mein Freund, denn er iſt nichts weniger als das. Ich bin genöthigt ge⸗ weſen, die Partei im Stiche zu laſſen, die Sie Slyme nennen; ich weiß durchaus nicht das Mindeſte mehr, was Sie Slyme nennen, ich bin, Sir,“ fuhr Herr Tigg mit Nach⸗ druck fort, indem er ſich auf die Bruſt ſchlug;—„ich bin eine Preistulpe, und nach Wuchs und Kultur weſent⸗ lich verſchieden von dem Kohlſtrunk Slyme!“ „Das verſchlägt nichts für mich,“ erwiderte Martin kalt;—„mir kann es gleichgültig ſeyn, ob Sie ſich jetzt auf eigene Rechnung als Vagabunden aufgethan haben, oder Ihre Spitzbübereien noch im Namen des Herrn Slyme verüben; ich wünſche ein⸗ für allemal, in keinem Verkehr mit Ihnen zu ſtehen— in's Teufels Namen, Menſch!“ fügte Martin hinzu und konnte, trotz ſeiner Entrüſtung, kaum ein Lächeln unterdrücken, als er Herrn Tigg mit dem Rücken gegen den Laden eines Schaufenſters gelehnt mit großer Gemuthsruhe ſein Haar zurecht richten ſah,—„wollen Sie ſich bald auf dem einen oder andern Wege entfernen?“ „Erlauben Sie mir, Sie daran zu erinnern,“ ſprach Herr Tigg, und nahm plötzlich eine ſehr ernſte und würdige Miene an,„daß Sie— nicht ich— daß Sie, ich wie⸗ derhole es mit beſonderem Nachdruck— daß Sie den Ver⸗ kehr des heutigen Tages in eine kalte, gleichgültige Ge⸗ ſchäftsſache umänderten, als ich geneigt war, dieſelbe für einen gerne geleiſteten Freundſchaftsdienſt zu betrachten. Da Sie es nun zur Geſchäftsſache gemacht haben, erlauben Sie mir die Erklärung, daß ich eine Kleinigkeit, die ich für irgend einen milden Zweck verwenden will, als Ent⸗ ſchädigung für die geringen Dienſte erwarte, welche ich Ihnen in dem Geldgeſchaft des heutigen Abends geleiſtet habe. Nach den Ausdrücken, mit denen Sie mich belehrt haben,“ ſchloß Herr Tigg,„werden Sie mich nicht ferner kränken wollen, indem Sie mir weniger als eine halbe Krone geben.“ Martin zog ein ſolches Geldſtück aus der Taſche und ſchleuderte es ihm zu, Herr Tigg erhaſchte es, muſterte es genau, um ſich von ſeiner Güte zu überzeugen, ließ es alsdann wie einen Ball in der Luft tanzen und ſteckte es in die Taſche. Schließlich lüftete er noch mit mili⸗ täriſcher Miene ſeinen Hut ein Paar Zoll vom Kopfe, ſtand einen Augenblick in gravitätiſchem Nachdenken ſtill, als wolle er ſich erſt beſinnen, welche Richtung er ein⸗ ſchlagen und welchem Großen oder Marquis unter ſeinen Freunden er den Vorzug bei ſeinem nächſten Beſuche ge⸗ ben wolle, vergrub ſeine Hände in den Taſchen der Rock⸗ ſchöße und ſchwenkte um die Ecke. Martin aber ſchlug die entgegengeſetzte Richtung ein und wurde auf dieſe Weiſe zu ſeiner großen Zufriedenheit ſeiner Geſellſchaft los. 3 Mit einem bittern Gefühl der Demüthigung ver⸗ fluchte er oft das Mißgeſchick, das ihn in dem Bureau des Leihhauſes mit dieſem Manne zuſammengeführt habe. Sein einziger Troſt beſtand noch in der Erinnerung, daß Herr Tigg ja freiwillig die Trennung der Verbindung zwiſchen ihm und Slyme zugeſtanden habe, wodurch we⸗ nigſtens(wie Martin meinte) verhindert wurde, daß ſeine Umſtände irgend einem Mitglied der Familie bekannt werden konnten, weil ſchon der Gedanke an eine ſolche Möglichkeit ihn mit Schaam und verletztem Stolze er⸗ füllte. Abgeſehen davon, war vielleicht noch mehr Grund vorhanden, zu vermuthen, daß dieſe Erklärung Herrn =———— auf eigene Rechnung begonnen, deſ 167 Tigg's falſch ſey, als ihr auch nur im mindeſten Glau⸗ ben zu ſchenken. Je mehr ſich aber Martin an den Fuß erinnerte, auf welchem der vertraute Umgang dieſes Herrn mit ſeinem Buſenfreunde geſtanden hatte, und der ſehr ſtarken Wahrſcheinlichkeit gedachte, daß Herr Tigg nun, unabhängig von ſeinem Freunde Slyme, ein Geſchäftchen ſto begründeter und wahrſcheinlicher ſchien ihm dieſe Anſicht; er hoffte es wenigſtens auf jeden Fall und verlor die Sache bald ganz aus dem Sinn. 4 Der erſte Schritt, den er nun that, als er für die nächſten und dringendſten Bedürfniſſe ſich hinlänglich mit baarem Gelde verſehen, war, daß er ſein Bett im Wirths⸗ haus zurückbehielt bis auf weitere Kündigung, und ein förmliches Sendſchreiben an Tom Pineh erließ(da er wohl wußte, daß Herr Pecksniff es leſen würde), und ſeinen Freund bat, ihm mit dem nächſten Poſtwagen ſeine Klei⸗ der nach London zu ſchicken und auf der Adreſſe anzu⸗ geben, daß man ſie vom Poſtamte abholen würde. Als er dieſe Maaßregeln getroffen hatte, verbrachte er die Zwiſchenzeit bis zur Ankunft des Koffers— drei Tage — damit, daß er in den Bureaur der verſchiedenen Schiffsagenten in der City nach amerikaniſchen Schiffen ſich erkundigte und in der Nähe der Docks und Quais ſich aufhielt, in der Hoffnung, als Schiffsſchreiber, Su⸗ perkargo oder ſonſtiger Aufſeher über Dinge oder Per⸗ ſonen irgend eine Anſtellung zu finden, welche ihn in den Stand ſetzen würde, ſeine Ueberfahrt frei zu be⸗ werkſtelligen. Er mußte indeß bald finden, daß dieſe Art von Beamtungen nicht ſo leicht zu erhalten waren, und ſetzte, da er die Folgen einer Verzoͤgerung fürchtete, ſeine Wünſche und Bedürfniſſe in einer kurzen Anzeige auseinander, die er in die beliebteſten Zeitungen ein⸗ rücken ließ. In Erwartung des Empfangs der zwanzig bis dreißig verſchiedenen Antworten, denen er entgegen ſah, redueirte er ſeine Gardeobe auf die engſten Grenzen, die ſich mit dem Begriff eines anſtändigen Auftretens 168 vertrugen, und brachte die Ueberzahl zu verſchiedenen Zeiten zu dem Pfandverleiher, ꝛan ſie hier in baares Geld zu verkehren. Es war in der That ſehr befrem⸗ dend und für ihn ſelbſt ſehr auffallend, zu finden, in wie raſchen und doch faſt unfaßlichen Abſtufungen er ſein Zartgefühl und die Selbſtachtung verlor, und allmählig dazu gelangte, dasjenige, was ihm noch vor wenigen Tagen die tiefſte Bitterkeit und den herbſten Schmerz der Demüthigung bereitet hatte, nunmehr ohne die min⸗ deſte Anfechtung thun zu können, als ob es eine höchſt natürliche und ſich von ſelbſt verſtehende Sache wäre. Als er das Erſtemal das Leihhaus aufſuchte, war ihm unter Weges nicht anders zu Muthe, als ob alle Vor⸗ übergehenden einen Argwohn hegten, wohin er gehe, und auf ſeinem Rückwege wollte es ihn nicht anders bedün⸗ ken, als ob die ganze Menſchenfluth, durch die er ſich durcharbeiten mußte, ihm am Geſicht anſähe, woher er eben komme. Was kümmerte er ſich aber jetzt darum, wofür ihn die Leute anſehen mochten! Bei ſeinen erſten Wanderungen in den belebteren Straßen ahmte er den Gang eines Menſchen nach, der haſtig und eilfertig ſei⸗ nem Berufe nachgeht, allein kurz darauf gewöhnte er ſich den ſchlendernden nachläſſigen Gang eines ſorgloſen leicht⸗ ſinnigen Müßiggängers an, der an den Straßenecken herumlungert, einen zertretenen verloren gegangenen Stroh⸗ halm aufhebt und zernagt, und mit der ärmlichſten Gleich⸗ gültigkeit wohl fünfzigmal des Tages auf demſelben Platze herumſchleudert und in dieſelben Ladenfenſter blickt. Anfänglich verließ er ſeine Wohnung mit einem unbe⸗ haglichen Gefühle oder Bewußtſeyn, beobachtet zu wer⸗ den— und zwar ſelbſt von denjenigen Vorübergehenden, die er nie zuvor geſehen hatte, und von denen hundert gegen eins zu wetten ſtand, daß er ſie auch nicht wieder ſehen würde— beobachtet zu werden, ſage ich, daß er ſchon am frühen Morgen aus einem Wirthshauſe trat; nunmehr aber kehrte er ſich nicht mehr daran, ſondern war vielmehr ſoweit gekommen, bei ſeinen Aus⸗ und Ein⸗ —)/ñ/————eN NN N 3 t r r ; 1 169 gängen müſſig unter der Thüre zu weilen, oder ſich in leichtfertiger Gedankenloſigkeit an das hölzerne Geſtell zu lehnen, das von Kopf bis zu Füßen mit hölzernen Zapfen verſehen war, woran ſich die zinnernen Bierkrüge ſchau⸗ kelten, wie ebenſoviele Zweige und Büſche an einem zinn⸗ tragenden Baume;— und doch erforderte es nicht mehr als fünf Wochen, bis er die unterſte Stufe dieſer langen Leiter erreicht hatte! O ihr Moraliſten, die ihr euch weit verbreitet in euren Abhandlungen über Glück und Selbſtachtung, das jeder Lebensſphäre angeboren ſeyn ſoll, und auf jedes Sandkörnchen in der großen Heerſtraße des Herrn Licht zu werfen unternehmt, auf jedes Atom von Staub, das ihr unter euren Wagenrädern gar nicht bemerkt, obwohl es dem Tritt des nackten Fußes ſchwere Pein verurſacht! — erwäget doch ſelber, wenn ihr auf einen Menſchen herniederblickt, der aus dem Zuſtande höchſter Selbſt⸗ achtung raſch geſunken iſt, daß es noch viele Tauſende von Weſen gibt, die im Schweiße ihres Angeſichts ihr Brod eſſen und doch in dieſer hohen Selbſtachtung nie gelebt haben, noch je werden leben können! Gehet hin, ihr Alle, die ihr ſo wohlgefällig an den heiligen Barden appellirt, der da ſagt: Auch er ſey jung geweſen und alt geworden, und habe nie geſehen, daß der Gerechte verlaſſen ſey, noch ſein Same Brod bettle;— geht hin, ihr Lehrer, die ihr ſtets von Zufriedenheit und ehren⸗ haftem Stolze redet, beſuchet die Bergwerke, die Fabriken, die Eiſenhämmer, die ſchmutzigen Tiefen der tiefſten Un⸗ wiſſenheit und den äußerſten Abgrund menſchlicher Ver⸗ wahrloſung, und ſagt mir, ob irgend eine hoffnungsvolle Pflanze in dieſer Luft gedeihen kann, die ſo faul iſt, daß ſie auch das glänzendſte Licht des Geiſtes beinahe in ihrem Anzünden auslöſcht!? Und ihr, Phariſäer aus dem neunzehnten Jahrhundert ehriſtlicher Lehre! die ihr in ſo hochtönenden Phraſen an die menſchliche Natur appellirt, bemüht euch, zunächſt menſchlich und menſchen⸗ freundlich zu werden; tragt Sorge, daß die menſchliche 170 Natur auch des Menſchen würdig werde! Gebt Acht, daß ſte ſich nicht während eures Schlummers und des Schlafes von ganzen Menſchenaltern in die Natur wil⸗ der Thiere umgeſtaltet hat! Fünf lange Wochen vergingen! Von all' den zwanzig oder dreißig Nachfragen, welchen Martin entgegen geſehen hatte, war auch nicht eine einzige eingetroffen. Sein Geld, und dabei natür⸗ lich auch der neue Zuſchuß, den er durch das Verſetzen ſeiner überflüſſigen Kleider erhoben hatte—(es war freilich nicht viel, denn ſo theuer wir auch dem Schnei⸗ der unſere Kleider bezahlen, ſo wenig erhalten wir ver⸗ hältnißmäßig im Leihhauſe dafür—) verſchwand mit raſender Eile. 4 Was konnte er jetzt thun? Wie ſollte er ſich ferner helfen? Es bemächtigte ſich ſeiner zuweilen ein Schmerz, der ihn ungeſtüm mit ſich fortriß, wenn er kaum erſt ſeine Behauſung wieder betreten hatte, und ihn zum zwanzigſten Mal wieder nach demſelben Platze zurück⸗ trieb, den er zuvor ſchon ſo oft vergebens beſucht hatte, um von Neuem erfolglos ſeinen Zweck erreichen zu ſu⸗ chen. Für einen Cajütenjungen war er bei weitem zu alt, und auf der andern Seite bei weitem zu unerfah⸗ ren, um als gemeiner Matroſe angenommen zu werden. Seine Kleidung und Manieren ſtanden überdies ihm ſelber auf die verhängnißvollſte Weiſe im Wege, wenn er ſich je um einen ſolchen Platz hätte bewerben wollen, und doch mußte er dies am Ende thun, denn wenn er auch nicht darum bekümmert geweſen wäre, ohne einen Heller Geld den amerikaniſchen Boden zu betreten, ſo beſaß er doch im gegenwärtigen Augenblicke nicht einmal ſoviel, um auch nur die Koſten als Verdeckspaſſagier und die armſeligſten nothdürftigſten Nahrungsmittel zu be⸗ ſtreiten. Es iſt eine längſt erwieſene Thatſache und ſehr bezeichnend für die vorherrſchenden Eigenſchaften ſeines Charakters, daß Martin inzwiſchen durchaus keinen Zwei⸗ fel hegte, ſondern ſo zu ſagen beinahe feſt überzeugt =F O oSeEV rnn 8uB:———*—,— 171 war, die neue Welt mit Großthaten aller Art erfüllen zu koͤnnen, falls er nur dorthin gelangen würde. In demſelben Maßſtabe, als ihn ſeine gegenwärtigen Ver⸗ hältniſſe mehr und mehr kleinmüthig machten, und ihm die Mittel, nach Amerika zu gelangen, unter den Hän⸗ den entwichen, klammerte er ſich deſto hartnäckiger ſelbſt an der Ueberzeugung feſt, daß jener Welttheil der einzige Platz ſey, wo er ein höheres Ziel zu erreichen hoffen könnte und er quälte ſich daher fortwährend mit dem Gedanken, es könnten inzwiſchen Leute hinübergelangen, und ihm gerade in der Erreichung derjenigen Zwecke und der Ausführung ſolcher Pläne, die ſeinem Herzen am theuerſten waren, zuvorkommen. Oft dachte er an John Weſtlock, ſah ſich zu allen Zeiten und bei jeder Gelegenheit nach ihm um und ſpazierte drei Tage nach einander in der ausdrücklichen Abſicht in London umher, mit ſeinen Freunden zuſammen zu treffen. Wiewohl ihm dies nun mißlang und er ſich kein Gewiſſen daraus gemacht haben würde, von Weſtlock Geld zu borgen, und ob⸗ wohl er glaubte, daß John ſich dazu erbötig zeigen möchte, konnte er es dennoch nicht über ſich gewinnen, an Pinch zu ſchreiben, um ſich von ihm Weſtlock's Adreſſe zu verſchaffen. Obwohl er nämlich, wie wir geſehen ha⸗ ben, Tom auf ſeine eigene Weiſe lieb gewonnen hatte, „(vermochte er doch nicht den Gedanken zu ertragen, weil er ſich in jeder Beziehung dem armen Tom überlegen fühlte) ihn zur Staffel zu ſeinem Glücke zu machen oder für ihn etwas mehr zu ſeyn, als ſein Goͤnner, und ſein Stolz empörte ſich ſo ſehr gegen dieſen Gedanken, daß er ihn ſogar in ſeinen jetzigen Umſtänden von ſich wies. Er würde indeß doch noch einmal nachgegeben ha⸗ ben und zwar unzweifelhaft ſehr bald, wenn nicht ein höchſt ſeltſames und unerwartetes Ereigniß eingetre⸗ ten wäre. Fünf volle Wochen waren ſchon an ihm vorüberge⸗ zogen und er befand ſich in einer wahrhaft verzweifelten Lage, als er eines Abends, da er bei der Rückkehr in ſeine 17² ärmliche Wohnung gerade ſein Licht an der Gaslampe des Schenkſtübchens anzünden wollte, um mißmuthig ſich nach ſeinem Stübchen hinaufzuſchleichen, von dem Wirthe bei ſeinem Namen angerufen wurde. Weil er nun ſeinen Namen gefliſſentlich ſtets verheimlicht und beſonders dem Wirthe nie genannt hatte, war er hierüber nicht wenig betroffen und legte ſeine Verwirrung ſo offen an den Tag, daß der Wirth, um ihn zu beruhigen, ihm er⸗ klärte, es handle ſich nur um einen Brief, der für ihn angekommen ſey. „Ein Brief!“ rief Martin überraſcht. „An Herrn Martin Chuzzlewit,“ erwiderte der Wirth, indem er die Adreſſe eines ſolchen ablas, den er eben in der Hand hielt;—„Nachmittag, Hauptpoſt⸗ amt, Franko.“ 8 Martin nahm ihm denſelben aus den Händen, be⸗ dankte ſich und ging die Treppe hinauf. Der Brief war nicht geſiegelt, ſondern nur mit einer Oblate verklebt und die Handſchrift der Adreſſe ihm total unbekannt; als er ihn öffnete, fand er darin ohne irgend einen Na⸗ men, Adreſſe oder andern Inhalt und Erläuterung ir⸗ gend einer Art als Einſchluß eine Note der engliſchen Bank im Werthe von zwanzig Pfunden. Es hieße dem Leſer zu viel Gemeinplätze aufbürden, wenn wir uns hier in einer zweckloſen Beſchreibung des Zuſtandes von Martin ergehen und ſagen wollten, daß er vor Verwunderung und Vergnügen vollkommen erſtarrt geweſen, daß er oft und viel die Adreſſe und die Banknote in der Hand umwandte, daß er haſtig hinunter rannte, um ſich zu überzeugen, daß die Note auch gut ſey, und dann zeilends wieder in ſein Stübchen zurückkehrte, um ſich ſelbſt um fünfzigſten Mal zu überzeugen, ob er nicht irgend eine Notiz auf dem Couvert ſähe, daß er ſich mit Conjunctu⸗ ren ſelbſt ermüdete und erſchöpfte, und doch keine andere Gewißheit erheben konnte, als daß die Note nun einmal in ſeinem Beſitz und er plötzlich dadurch ein reicher Mann geworden ſey. Das Reſultat ſeiner Aufregung und Ge⸗ — ——— H—S e — u————*— ð 2— — N 2—, N N——=88 ⏑ OO= do—— 173. ſchäftigkeit war am Ende der Entſchluß, ſich endlich einmal mit einem beſcheidenen, aber genügenden Mahle auf ſeinem Stübchen gütlich zu thun, weßhalb er alsbald ein Feuer im Kamin anzünden ließ und ſich auf den Weg begab, die nöthigen Erforderniſſe zu ſeinem Mahle einzukaufen. Er verſchaffte ſich zunächſt etwas kaltes Ochſen⸗ fleiſch, Schinken, feines Tiſchbrod und Butter, und kehrte mit ſchwerbeladenen Taſchen wieder nach Hauſe zurück. Was ſeine Freude einigermaßen dämpfte, war der Umſtand, daß er ſein Stübchen voll Rauch fand, den er zweierlei Urſachen zuſchreiben mußte: einmal, daß die Abzugsröhre des Kamins urſprünglich fehlerhaft conſtruirt und zum Rauch geneigt war, und dann zum Andern, daß man beim Anzünden des Feuers vergeſſen hatte, ein paar Säcke und andere Kleinigkeiten hin⸗ wegzunehmen, womit man, um den Regen abzuhalten, das Kamin verſtopft hatte. Dies Verſehen war indeß bereits wieder gut gemacht worden, indem man das Schiebfenſter durch ein dazwiſchengeſpanntes Bündel Feuerholz offen gehalten, ſo daß das Zimmer bereits wieder ziemlich behaglich geworden war, und hoöchſtens einen geringen entzündlichen Einfluß auf die Augen und einen ſehr erſtickenden auf die Lungen ausübte. Martin war keineswegs geneigt, hierüber zu ſchmäh⸗ len, ſelbſt wenn es noch unerträglicher geweſen wäre, zumal als eine hellglänzende Flaſche Porter auf den Tiſch geſetzt worden war, und die Aufwärterin ſich mit dem beſondern Auftrage entfernte, ihn beim erſten Klingel⸗ zuge mit einem gewiſſen heißen Getränke zu verſehen. Da das kalte Fleiſch in einen Theaterzettel eingewickelt geweſen war, bediente ſich Martin deſſelben als eines Tiſchtuches, indem er ihn mit der bedruckten Seite nach unten über das runde Tiſchchen breitete, und die ganze Beſcheerung auf demſelben aufſtellte. Die Fußſtatt der Bettlade, welche hart am Feuer ſtand, diente anſtatt ei⸗ nes Nebentiſches, und dieſe Vorbereitungen waren nicht ſo bald getroffen, als er einen alten Lehnſtuhl in das 474 wärmſte Eckchen rückte und ſich darin niederließ, um ſich ſelbſt gütlich zu thun. Er hatte mit großem Appetit zu eſſen angefangen und blickte ſich eben inzwiſchen mit triumphirender Ahnung im Zimmer um, das er am mor⸗ genden Tage für immer verlaſſen wollte, als ſeine Auf⸗ merkſamkeit plötzlich durch leiſe Fußtritte auf der Treppe in Anſpruch genommen wurde und ein Pochen an der Thüre ſich hören ließ, das, ſo beſcheiden es auch war, dem Holzbündel unter dem Fenſter doch einen ſolchen Schreck einflößte, daß er plötzlich zum Fenſter hinaus und auf die Straße hinunterpolterte. Das Mädchen wird vermuthlich noch mehr Kohlen bringen, dachte Martin, und rief deshalb laut genug: „Herein!“ „Ich ſtöre doch nicht, Sir, obwohl es faſt ſo ſcheinen möchte,“ verſetzte eine Männerſtimme;—„Ihr Diener Sir, Sie befinden ſich doch hoffentlich wohl, Sir?“ Martin ſtierte dem Unbekannten in's Geſicht, der grü⸗ ßend auf der Schwelle ſtehen blieb. Er erinnerte ſich der Züge und des Geſichts noch vollkommen, konnte ſich aber unmöglich beſinnen, wem ſie angehörten. „Ich bin Tapley,“ verſetzte der Beſucher;—„der⸗ ſelbe, der früher im Drachen angeſtellt war, und ihn ver⸗ laſſen mußte, weil es ihm daſeldſt nicht heiter genug her⸗ ging, Sir.“ „Ah, ſo? jetzt erkenne ich Sie allerdings!“ rief Mar⸗ tin;— ⸗„allein wie kommen Sie denn hieher?“ „Gerade über den Flur und die Treppe herauf!“ ver⸗ ſetzte Mark.. „Ich meine, wie Sie mich ausfindig gemacht haben?“ fragte Martin. „Je nun, Sir,“ verſetzte Mark;„wenn ich mich nicht irre, ſind Sie ein Paar Mal auf der Straße an mir vor⸗ über gegangen, und vorhin, als ich mit ſo hungrigen Bli⸗ cken, als nur immer darauf berechnet ſeyn mögen, einen Mann luſtig zu machen, in den Fleiſcherladen hineinblickte, wo Sie ſich das da kauften, Sir, erkannte ich Sie wieder.“ 125 ich Martin erröthete, als der Burſche auf den Tiſch wies zu und fragte faſt etwas barſch: nit„Je nun, und was ſteht Euch jetzt zu Befehl?“ or⸗„Je nun, Sir,“ verſetzte Mark;—„Ich nahm mir uf⸗ ddie Freiheit, Ihnen nachzugehen und die Leute drunten lie⸗ ppe ßen mich herauf, wie ich ihnen ſagte, daß Sie mich er⸗ ire warteten.“ em„Habt Ihr vielleicht irgend einen Auftrag an mich ack auszurichten, daß Ihr vorgeben mochtet: ich erwarte Euch?!“ uf fragte Martin. „Nicht daß ich wüßte!“ erwiderte Mark;—„es war len nur, was man ſo im gemeinen Leben ſo eine verzeihliche g: Nothlüge nennt.“. Martin warf einen faſt zürnenden Blick auf ihn, al⸗ ten lein in dem muntern Geſicht des Burſchen und in ſeiner rer Manier lag etwas, das trotz aller Freundlichkeit nichts weniger als zudringlich oder vertraulich war, und Mar⸗ ü⸗ tin's Zorn alsbald entwaffnete. Er hatte ſeither wochen⸗ der lang ein höchſt einſames, verlaſſenes Leben geführt, und ſo der kam es denn, daß ihm die Anrede des Burſchen beinahe Vergnügen machte. 3 8„Ich will unumwunden mit Euch reden, Tapley!“ ſagte er;—„ſoweit ich es ſelbſt beurtheilen kann, und ſoweit ich Euch durch Herrn Pinch vom Hörenſagen kenne, kann ich annehmen, daß Ihr nicht der Burſche ſeyd, den unver⸗ r⸗ ſchämte Neugier oder irgend ein anderer beleidigender Be⸗ weggrund hieher führt. Setzt Euch, es freut mich, Euch r⸗ wohl zu ſehen!“ „Ich danke Ihnen, Sir!“ verſetzte Mark;—„ich will ,9„ lieber ſtehen bleiben.“ 3 1 „Wenn Ihr Euch nicht ſogleich niederſetzt, rede ich ht kein Wörtchen mehr mit Euch!“ entgegnete Martin. ⸗„Sind ſehr gütig, Sir!“ meinte Mark mit einer lin⸗. li⸗ kiſchen Verbeugung.„Ihr Wille iſt mir Geſetz, Sir. Da en ſitze ich nun,“ ſprach er und nahm bei dieſen Worten auf e, dem Bette Platz. 176 „Bedient Euch, Mark,“ ſagte Martin, und bot ihm das einzige Meſſer hin. „Ich danke Ihnen, Sir! ich will warten, bis Sie fertig ſind!“ entgegnete Mark. „Wenn Ihr nicht ſogleich zugreift, ſollt Ihr gar nichts bekommen,“ ſagte Martin. „Sie ſind ſehr gütig, Sir!“ gab Tapley zur Ant⸗ wort;—„wenn Sie es einmal nicht anders haben wol⸗ len, meinetwegen!“ Mit dieſer Antwort griff er in allem Ernſte ſelber zu, und ſpeiste weidlich darauf los. Martin folgte eine Weile ſchweigend ſeinem Beiſpiele, und fragte dann plötzlich: „Was macht Ihr in London, Mark?“ „Gar nichts, Sir!“ gab dieſer zur Antwort. „Wie ſoll ich das verſtehen?“ fragte Martin. „Ich ſuche mir einen Platz,“ ſprach Mark,— allein Martin fiel ihm plötzlich in die Rede. „Das thut mir leid für Euch!“ ſagte er. „Wo ich einen ledigen Herrn bedienen könnte,“ fuhr Mark fort;—„reiste er in's Ausland, ſo wäre mir der Platz nur um ſo erwünſchter; je weiter es fortgeht, und je mehr es zu thun giebt, deſto lieber iſt mir's; am Lohn liegt mir gar nichts.“ Er ſagte dieſes mit ſo vieler Beziehung, daß Martin plötzlich mit Eſſen inne hielt und ſagte: „Falls Ihr mich meinen ſolltet?...“ „Ja, Sir! diesmal haben Sie's errathen!“ fiel ihm Mark in's Wort. „Dann mögt Ihr aus meiner hieſigen Lebensweiſe beurtheilen, ob ich im Stande bin, mir einen Diener zu halten,“ fuhr der junge Chuzzlewit fort;—„überdem bin ich im Begriff, nach Amerika zu gehen.“ „Wohlan denn, Sir!“ verſetzte Mark, der ſich durch dieſe Einwendung gar nicht irre machen ließ,„nach Allem, was ich je davon gehört habe, moͤchte ich faſt 8 177. ſchließen, daß Amerika gerade der rechte Platz iſt, wo es einem Burſchen wie mir wohl zu Muthe ſeyn kann.“ Martin blickte ihn von Neuem zornig an, und ſein Verdruß ſchmolz abermals faſt unwillkührlich dahin. „Du lieber Gott, Sir!“ fuhr Mark fort,„wozu ſoll's auch nützen, daß wir lange Umwege miteinander machen und Verſteckens ſpielen, wenn es mit ſechs Worten offen an den Tag gelegt werden kann? Ich habe in den letzten vierzehn Tagen Sie nicht aus dem Geſichte verloren, und deutlich gemeerkt, daß in Ihren Angelegenheiten irgendwo eine Schraube los geworden iſt. Auch dachte ich mir's ſchon das erſte Mal, als ich Sie im Drachen kennen lernte, daß das über kurz oder lang eintreffen müſſe. Nun, Sir! da bin ich jetzt, und habe zwar keine Stelle, brauche aber für das nächſtkünftige Jahr auch keinen Lohn, denn ich habe mir, faſt wider meinen Willen, im Drachen ein Sümm⸗ chen erſpart;— da bin ich nun, und hätte die größte Luſt für irgend eine Beſchäftigung, wobei es abenteuerlich zu⸗ gienge, und eine ganz beſondere Vorliebe für Sie, und ei⸗ nen Wunſch, meine Kraft unter Verhältniſſen zu ſtählen, in welchen andere Leute an ſich ſelber verzweifeln würden, und darum rund heraus mit der Frage: wollen Sie mich in Ihren Dienſt nehmen oder wieder fort ſchicken?“ „Wie kann ich Euch in Dienſt nehmen?“ rief Martin. „Wenn ich ſage: nehmen, ſo verſtehe ich darunter, ob Sie mich nicht mitgehen laſſen wollten?“ verſetzte Mark;—„und wenn ich mit Ihnen gehen möchte, ſo müſſen Sie vornweg verſtehen, daß ich Ihnen überallhin folge, denn das ſteht gewiß, daß ich nicht länger hier bleibe und mich auf die eine oder andere Weiſe von hier ent⸗ ferne. Da Sie mir einmal von Amerika geſprochen ha⸗ ben, ſo merke ich nun wohl, daß das der rechte Platz wäre, wo es einem Burſchen wie mir wohl zu Muthe werden könnte. Wenn ich deshalb das Geld für die Ueberfahrt in dem Schiffe, in welchem Sie abreiſen, nicht erſchwingen kann, ſo ſuche ich mir in einem andern ein Unterkom⸗ Boz, Chuzzlewit. II. 12 178 men. Das aber ſage ich Ihnen, wenn ich allein gehen muß, ſo ſoll es, um meinen Grundſätzen getreu zu blei⸗ ben, in dem elendeſten, verfaulteſten, leckſten Schiff geſche⸗ hen, worin man nur für Geld und gute Worte unter⸗ kommen kann; wenn ich daher unter Wegs zu Grunde gehe, Sir! haben Sie meinen Tod auf dem Gewiſſen und dürfen ſich darauf verlaſſen, daß ſtets ein ertrunkener Bur⸗ ſche vor Ihrer Thüre ſtehen, und ohne Unterlaß mit Dop⸗ pelſchlägen daran pochen wird.“ „Bah!“ ſagte Martin,„das iſt ja die helle Thorheit.“ „Deſto beſſer, Sir!“ verſetzte Tapley.—„Es freut mich, dies zu hören, denn wenn Sie nicht geſonnen ſind, mich mitzunehmen, ſo dient es Ihnen vielleicht nur um ſo mehr zur Beruhigung, wenn Sie auf die⸗ ſer Anſicht beharren. Ich widerſpreche zwar keinem vornehmen Herrn, allein ſoviel erkläre ich hiermit, daß, wenn ich in dieſem Falle nicht in der elendeſten, älteſten Nußſchaale, die je aus einem Hafen ausgelaufen iſt, eben⸗ falls nach Amerika auswandere, ich mit Leib und Seele auf Ewigkeit verd..“ „Ihr wißt wahrhaftig nicht, was ihr ſagen wollt,“ rief Martin. „Doch, Sir! ich weiß es,“ rief Mark. „Glaubt mir, ich kenne Euch beſſer!“ verſetzte Martin. „Meinetwegen, Sir!“ erwiederte Tapley mit eben ſo zufriedener Miene;— vlaſſen wir Alles, wie es jetzt ſteht, und warten wir nur, wie es ſpäter lauten wird. Du liebe Zeit! der einzige Zweifel, der mir dabei auf⸗ ſtößt, iſt der, ob auch ein Verdienſt dabei ſey, wenn man mit einem Herrn wie Sie geht, der ſich dort ſo ſicher nach ſeinem Ziele durcharbeiten wird, als ein Bohrer durch eine Diele von weichem Holz.“ Dies faßte Martin an ſeiner ſchwachen Seite und gab Tapley einen mächtigen Vorſprung in Martins Gunſt. Er dachte unwillkührlich darüber nach, daß dieſer Mark denn doch ein recht kecker munterer Burſche ſey, und be⸗ reits eine weſentliche Veränderung in die Atmoſphäre des unheimlichen kleinen Stübchens gebracht habe. „Nun ja, freilich, Mark!“ verſetzte er,„wenn ich nicht gegründete Hoffnung hätte, es dort beſſer zu be⸗ kommen, würde ich nicht auswandern. Ich habe vielleicht die nöthigen Eigenſchaften, um dort mein Glück zu be⸗ gründen.“ „Das liegt klar am Tage, Sir, und Jedermann weiß es auch,“ verſetzte Mark Tapley. „Seht Ihr,“ fuhr Martin fort, indem er das Kinn auf die Hand ſtützte und in das Feuer ſtierte,„der or⸗ namentale Theil der Architektur, wenn man ihn auf häusliche Zwecke anwendet, muß unmaßgeblich in jenem Lande ſehr geſucht ſeyn, da die Leute dort beſtändig ihren Wohnſitz verändern und weiter ziehen und es doch ganz natürlich iſt, daß ſie hierzu auch Wohnhäuſer haben müſſen.“* „Ich mochte faſt ſagen, Sir!“ wandte Mark ein, „daß der Zuſtand der Dinge dort von der Art iſt, um für die Kunſt, Wohnhäuſer zu erbauen, die allergünſtigſten Ausſichten zu bieten.“ Martin warf ihm einen haſtigen Blick zu, weil er ſich des Argwohns nicht erwehren konnte, als ob in dieſer Bemerkung ein gewiſſer Zweifel an dem günſtigen Er⸗ folge ſeiner Plane liege. Herr Tapley aber verſpeiste ſo guten Muthes und mit ſo erwieſener Argloſigkeit in ſeiner Miene das Ochſenfleiſch und Brod, daß ſich Mar⸗ tin leicht zufrieden geben konnte. Als dieſer eine Zweifel verſchwunden war, erhob ſich indeß bald wieder ein an⸗ derer bei ihm. Er zog den Briefumſchlag hervor, worin ihm die Banknote zugekommen war, reichte ſte Mark hin, indem er ihn mit ſtarren Blicken anſah, und ſagte: „Nun geſteht mir die Wahrheit! wißt Ihr irgend etwas hievon?“ Mark drehte das Papier hin und her, hielt es hart vor die Augen, brachte es alsdann auf Armslänge weit 12* 180 von ſeinem Geſichte hinweg, hielt bald die Aufſchrift empor und drehte ſie bald wieder nach unten, ſchüttelte aber ſtets den Kopf mit einer ſo unbefangenen natürli⸗ chen Miene des Erſtaunens über dieſe Frage, daß Mar⸗ tin ihm das Papier wieder abnahm und ſagte: „Nun ja, ich ſehe, Ihr ſeyd unſchuldig! wie ſolltet Ihr auch etwas davon wiſſen, obwohl dies kaum be⸗ fremdlicher wäre als der Umſtand, wie dieſes Blatt hie⸗ her kommt? kommt, Tapley,“ ſetzte er nach kurzem Nach⸗ ſinnen hinzu, ich will Euch meine Geſchichte anvertrauen und Ihr ſollt dann ſelbſt noch klarer einſehen lernen, an was für eine Art von Glück Ihr Euch anſchließt, wenn Ihr mit mir geht.“ Ich bitte um Vergebung, Sir!“ verſetzte Mark, „allein, ehe ich Sie Ihre Geſchichte beginnen laſſe, muß ich Sie nochmals fragen, ob Sie mich mitnehmen wollen, wenn ich mich dazu erbötig zeige? Wollen Sie mich abweiſen— den armen Mark Tapley, der früher im blauen Drachen war, und von Herrn Pinch auf's Beſte empfohlen werden kann, und gerade einen Herrn von Ihrer Seelenſtärke und Thatkraft zu ſeinem Vorbild nöthig hat? oder ſoll ich Ihnen, wenn Sie erſt die Lei⸗ ter, deren Gipfel Sie ſo ſicherlich zu erreichen erwarten dürfen, erklimmen, auf recht anſtändiger, reſpektvoller Entfernung folgen dürfen? Sehen Sie, Sir!“ fuhr Mark fort;—„das eben iſt ja die größte Schwierigkeit, daß ich wohl weiß, wie unendlich wenig Ihnen daran liegt, während ich gerade das höchſte Intereſſe dabei habe. Wollten Sie wohl die Güte haben, dies in Erwägung zu ziehen?“ Falls dies eine zweite Appellation an Martin's ſchwache Seite war, und ſich darauf bezog, daß Herr Tapley ſich die Wirkung des erſten derartigen Verſuchs wohl gemerkt hatte, war dieſem in der That eine ſcharfe und ver⸗ ſchmitzte Beobachtungsgabe zuzuſchreiben. Genug, ob der Schuß unabſichtlich oder zufällig gethan worden war, er traf ſein Ziel nach Wunſche, denn Martin ließ ſich — 181 mehr und mehr gewinnen, und entgegnete endlich mit einer Herablaſſung, die ihm nach den demüthigenden Um⸗ ſtänden der letzteren Zeit um ſo ſüßer ſeyn mußte: „Wir wollen ſehen, was ſich thun läßt, Tapley; Ihr ſollt mir morgen ſagen, ob Ihr Euch noch in der⸗ ſelben Stimmung und auf derſelben Abſicht findet.“ „Recht ſo! Sir!“ verſetzte Mark und rieb ſich fröh⸗ lich die Hände,—„in dieſem Falle ſind wir Handels einig; jetzt beginnen Sie nur, Sir! wenn's beliebt, ich bin ganz Ohr.“. Martin warf ſich in ſeinen Lehnſtuhl zurück, ſtierte in's Feuer und warf nur hie und da einen Blick auf Mark, der alsdann jedesmal durch das verbindlichſte Kopf⸗ nicken ſein Einverſtändniß zu erkennen gab und ſeine in⸗ nige Theilnahme und Aufmerkſamkeit an den Tag legte — und erzählte nun in gedrängter Kürze die Hauptfakta ſeiner Geſchichte in derſelben Abſicht, wie er ſte mehrere Wochen zuvor Herrn Pinch mitgetheilt hatte. Diesmal paßte er ſie jedoch nach ſeinem beſten Wiſſen und Gut⸗ dünken Herrn Tapley's Faſſungsgabe an, ging deßhalb ſo leicht wie möglich über ſeine Liebesgeſchichte hinweg und erwähnte ihrer nur mit wenigen Worten. Allein hier hatte er die Rechnung ohne den Wirth gemacht, denn Mark legte gerade bei dieſer Veranlaſſung das größte Intereſſe an den Tag, und richtete deßhalb mancherlei neugierige Fragen über dieſen Gegenſtand an Martin, indem er zu ſeiner Entſchuldigung anführte, er glaube ſich hiezu einigermaßen durch den Umſtand berechtigt, daß er die junge Dame im blauen Drachen geſehen habe, wie aus Martin's Erzählung hervorgehe. „Meiner Treu!“ rief Mark mit wahrer Begeiſte⸗ rung, als Martin zu ſprechen aufgehört hatte;—„ich behaupte, daß gar keine junge Dame mehr lebt, über deren Liebe ein junger Herr von vornehmem Stande ſtolzer ſeyn dürfte, als gerade Sie!“ „Ei,“ verſetzte Martin, indem er wieder in's Feuer ſtierte,—„Ihr habt ſie erſt geſehen, als ſie nicht glück⸗ 182 lich war, hättet Ihr ſie erſt in früherer Zeit kennen ge⸗ lernt, wahrhaftig....“ „Ja, ſie war freilich etwas niedergeſchlagen und ſo zu ſagen etwas bläſſer von Geſicht als ich wohl ge⸗ wünſcht haben würde,“ entgegnete Mark;— allein ich bemerkte, daß ihr das nicht ſo gerade übel ſtand. Doch denke ich, Sir! daß ſie wieder bei weitem beſſer aus⸗ ſieht, ſeit ſie in London iſt!“ 3 Martin erhob ſeine Augen plötzlich vom Feuer und ſtierte Mark in's Geſicht, als fürchte er, der Burſche ſey plötzlich von Sinnen gekommen, und fragte ihn dann, was er damit meine. „Gewiß, Sir! ich wollte Sie damit nicht beleidi⸗ gen!“ verſetzte Mark verlegen;—„ich wollte damit nicht ſagen, ſie ſehe jetzt um ſo beſſer aus, weil ſie ſich nicht mehr um Sie befinde;— ich meinte nur, ihre Farbe habe ſich wieder einigermaßen gebeſſert, Sir.“ „Wie!“ rief Martin plötzlich emporſpringend und ſtieß ſeinen Stuhl zurück;—„Ihr wollt wohl damit ſagen, daß ſie in London geweſen ſey?“ 8 „Freilich will ich das,“ verſetzte Mark, indem er ebenfalls haſtig und in großer Ueberraſchung vom Bette aufſprang. 3 „Ihr behauptet alſo wirklich, daß ſie ſich noch jetzt in London aufhält?“ rief Martin. „Höchſt wahrſcheinlich, Sir,“ entgegnete Tapley;— nich wollte damit ſagen, daß ſie wenigſtens noch vor acht Tagen hier war.“ „Und Ihr wißt wohl auch Ihre Wohnung, Mark?“ fuhr Martin fort. „Freilich,“ rief Herr Tapley.—„Wie, iſt ſie Ihnen etwa unbekannt geblieben?“ „Guter, trefflicher Burſche!“ rief Martin, indem er Mark bei beiden Armen ſchüttelte;—„ich habe nichts mehr von ihr geſehen noch gehört, ſeit ich meines Groß⸗ vaters Haus verließ.“ „Je nun,“ rief Mark und ſchlug dabei mit der ge⸗ —————————— 18³3 ballten Fauſt ſo heftig auf das Tiſchchen, daß die Schnit⸗ ten des Schinkens und des übrigen Fleiſches darauf herumtanzten, während alle ſeine Geſichtszüge ſich vor Entzücken nach der Stirne hinauf ſich zu ziehen ſchienen, als wollten ſie nie wieder herunterkommen;—„wenn ich nicht ihr natürlicher geborener Diener und vom Schickſal eigens für Sie auserſehen bin, ſo gibt es auf der gan⸗ zen Welt kein Ding mehr, wie der blaue Drache!— Mordelement! als ich auf einem alten Kirchhof in der City ſpazieren ging, um mir ſelbſt ein Bischen muntere Laune zu verſchaffen, habe ich da nicht Ihrem Groß⸗ vater ſelbſt faſt eine ganze volle tödtliche lange Schre⸗ ckensſtunde auf⸗ und niederwackeln ſehen? Habe ich ihm nicht aufgelauert, als er in Todgers's Speiſehaus für Herren vom Handelsſtande ging? paßte ich ihm nicht ab, bis er wieder herauskam, und folgte ich ihm nicht von weitem nach Hauſe bis zu ſeinem Gaſthof, um ihm nachzugehen und zu ſagen, daß ich ihm für mein gutes Geld eigens nachgereist ſey, um in ſeinen Dienſt zu treten, wie ich ſchon im Voraus geſagt, ehe ich aus dem Drachen weglief? Saß nicht die junge Dame bei ihm, und brach ſie nicht über mein Erſcheinen und mei⸗ ne Reden in ein Gelächter aus, das ihr wunderniedlich zu Geſichte ſtand? Sagte mir Ihr Großvater nicht, ich ſollte über acht Tage wiederkommen? Und als ich her⸗ nach zu ihm ging,— ſchickte er mich nicht wieder mit der Antwort von dannen: Es wäre zwiſchen uns Beiden nichts zu machen, ſintemalen er es nicht über ſich ge⸗ winnen könne, von ſeinem Grundſatze— Niemanden mehr zu vertrauen— abzuweichen?! Hat er mich darum nicht alsbald wieder fortgeſchickt, nachdem er mir von einem Getränke eingeſchenkt, das vor ihm ſtund und prächtig ſchmeckte!— Nicht wahr?“ rief Herr Tapley mit einem komiſchen Gemiſch von Kummer und innigem Vergnügen —„was bringt es Einem für Chre, wenn er unter ſol⸗ chen Umſtänden vergnügt iſt? Iſt's aber anders möglich, wenn die Sachen ſo ſtehen?!“ 6 184 Martin blickte ihn eine Weile ſtier an, als ob er ſich ſelber und ſeinen Sinnen mißtraue und nicht glau⸗ ben könne, daß Mark Tapley leibhaftig vor ihm ſtebe. Endlich aber erholte er ſich wieder ſo weit, daß er ihn fragte: ob er, falls die junge Dame ſich noch in London befinde, ſich getraue, Mittel zu finden, um dem lieben Weſen einen Brief zuzuſtellen?“ „Ob ich mir's getraue?“ rief Mark Tapley faſt ge⸗ kränkt durch ſolchen Argwohn;—„getraue?— Gleich ſetzen Sie ſich an den Tiſch, Sir! ſchreiben Sie unver⸗ weilt den Brief, Sir!“ Mit dieſen Worten räumte er den Tiſch ſummariſch dadurch ab, daß er Alles zuſammen auf die Herdplatte des Kamins warf, holte eilends von dem Bücherbrett des Kaminmantels Schreibmaterialien herbei, ſetzte Mar⸗ tin's Stuhl zurecht, nöthigte dieſen darauf Platz zu neh⸗ men, tauchte die Feder ein und gab ſie ihm in die Hand. „Nur raſch an's Werk, Sir!“ rief Mark;—„ſchrei⸗ ben Sie nur recht dringend, Sir! und nur raſch drauf los. Ob ich mir's getraue, Sir? Nun ja, Sir! ich getraue mir's, drum machen Sie nur raſch vorwärts!“ Für Martin bedurfte es keiner weiteren Ermahnung, ſondern er machte ſich mit großer Haſt und Eifer an's Werk, während Mark Tapley ohne Weiteres ſich den Funktionen eines Kammerdieners und Haushofmeiſters unterzog, ſeinen Rock ablegte, den Kamin ſäuberte, und das Zimmer aufräumte, wobei er ſich mit halblautem Selbſtgeſpräch begleitete. „Ein luſtiger Käſig von einer Wohnung!“ rief er, indem er ſeine Naſe mit dem Knopf der Kohlenſchaufel rieb und ſich im ärmlichen Stübchen rund umſah;—„eine ſaubere Behaglichkeit! hier ſpült ſich der Regen bis vom Dach herunter,— das iſt nicht ſo übel! Ich will des Hen⸗ kers ſeyn, wenn die alte Bettſtelie nicht ganz lebendig iſt, — vermuthlich von ganzen Schaaren von Vampyren be⸗ völkert!— Hellauf! dabei kann Unſer Eins wieder fröhlich werden!— Ein ſchöner Lumpen von einer Nachtmütze! — — 185⁵ Ein gutes Zeichen für mich! Nun bin ich am rechten Fleck, wie ich ſehe!— Heda, Hanne, mein Liebchen!“ rief er laut die Treppe hinunter,—„bringt gefälligſt den Becher Warmbier herauf, den Ihr vorhin, als ich kam, mit Euren ſchönen Händen zubereitet habt!— Recht ſo, Sir!“ ſprach er ſodann zu Martin,—„thun Sie, als ob's Ihnen recht wäre! Nur ja recht zärtlich, Sir! wenn ich bitten darf! den Weibern kann man's darin nie zu arg machen!“ Fünftes Kapitel. Worin Martin Chuzzlewit von der Dame ſeines Herzens Abſchied nimmt und einem obſeuren Individuum, deſſen Glück er zu grün⸗ den beabſichtigt, die Ehre anthut, ſie ſeinem Schutze anzuempfehlen. Als der Brief gehörig unterzeichnet, geſiegelt und über⸗ ſchrieben war, wurde er Herrn Mark Tapley zu möglichſt eiliger Beſtellung überantwortet, deſſen Bemühungen in ſeiner Botſchaftsreiſe ſo gut gelangen, daß er in den Stand geſetzt wurde, noch in derſelben Nacht zurückzukeh⸗ ren, kurz bevor das Haus geſchloſſen wurde. Er brachte die willkommene Nachricht mit, daß er das Schreiben ſei⸗ nes Herrn der jungen Dame hinauf geſandt und zuvor in einen Umſchlag von ſeiner eigenen Hand eingewickelt habe, der ihm den Anſchein geben ſollte, als handle es ſich lediglich nur um eine weitere Bittſchrift von ſeiner Seite, worin er um Aufnahme in den Dienſt des alten Herrn Chuzz⸗ lewit nachſuche. Tapley's Erzählung zur Folge war die junge Dame ſelbſt heruntergekommen, und hatte ihm in großer Eile und Aufregung anvertraut, ſie wolle ſeinem Herrn des andern Morgens um acht Uhr ein Stelldichein in St. James'’s Park geben. Der neue Herr und der neue Diener verabredeten ſich nun, Mark ſolle frühzeitig in der Nähe des Hotels des alten Chuzzlewit warten, um. die junge Dame nach dem Platz des Stelldichein zu geleiten. Als ſie ſich nach dieſer Verabredung für die nächſte Nacht getrennt hatten, griff Martin von neuem zur Feder, und . 186 ſchrieb noch, bevor er zu Bette gieng, einen andern Brief, auf den wir ſpäter zurückkommen werden. Vor Tagesanbruch war er ſchon auf den Beinen und fand ſich mit dem erſten Morgengrauen im Park ein, der ſich in den unfreundlichſten Anzug von all' den dreihun⸗ dert fünf und ſechzig in ſeiner Jahresgarderobe gekleidet hatte. Das Wetter war rauh, naß, düſter und unheimlich, die Wol⸗ ken erſchienen ſo ſchmutzig, wie der Boden, und die kurze Perſpektive der verſchiedenen Straßen und Alleen war vom Nebel, wie von einem filzigen, ſchmierigen Vorhang, ver⸗ ſchloſſen. 3 „Meiner Seele! ein ſauberes Wetter!“ murrte Mar⸗ tin im bitterſten Tone vor ſich hin;—„ein prächtiges Wetter! um hier wie ein Dieb auf⸗ und abzuſpazieren! Wahrlich, ein prächtiges Wetter für ein Stelldichein zweier Liebenden, unter freiem Himmel und auf einem öffent⸗ lichen Spaziergang!— Jetzt muß ich mich in aller Eile nach einem andern Lande aufmachen, denn ich fühle wohl, daß es faſt zu weit mit mir gekommen iſt.“ Er hätte vielleicht noch fernere Betrachtungen darüber angeſtellt, daß von allen Morgen im Jahre dieſer viel⸗ leicht der ungeeignetſte war, an welchem eine Dame einen ſolchen Ausgang wagen könnte; allein ſein Gedankenzug ward plötzlich angehalten und unterbrochen, falls je ſeine Gedanken dieſe Bahn eingeſchlagen hatten, weil in einer kurzen Entfernung die erwartete junge Dame ſich zeigte, und er ihr natürlicherweiſe entgegen eilen mußte, um ſie zu begrüßen. 1 Ihr Chapeau, Herr Tapley, hielt ſich zu gleicher Zeit diskreterweiſe im Hintergrunde und betrachtete die Nebel⸗ Wolken über ſeinem Haupte anſcheinend mit Intereſſe. „Lieber Martin!“ rief Marie. „Meine theure gute Marie!“ erwiderte Martin: und verliebte Leute ſind ein ſo ſeltſamer Menſchenſchlag, daß dies Alles war, was ſie ſich zu ſagen hatten, obwohl Mar⸗ tin ſie in den Arm nahm und ihre Hand erfaßte, worauf ſie denn einen kleinen Nebenweg aufſuchten, der der Beob⸗ 187 achtung am wenigſten ausgeſetzt war, und in demſelben ein halbes Dutzendmal auf und nieder ſchritten. „Wenn Du Dich ſeit unſerer Trennung überhaupt nur verändert haſt, liebes Kind!“ hub Martin an, als er ihr mit ſtolzem Entzücken in ihr liebes Auge blickte;— „ſo iſt es nur zu Deinem Vortheil geſchehen, indem Du weit ſchöner geworden biſt.“ Wäre Marie von dem gemeinen Metall liebeskranker junger Damen geweſen, ſo hätte ſie dies auf die intereſ⸗ ſanteſte Weiſe verläugnet und ihm dagegen geſagt, ſie wiſſe wohl, daß ſie eine vollkommene Vogelſcheuche geworden ſey, oder hätte vorgegeben, der Gram und der Kummer hätte ſie ganz abgezehrt oder die Befürchtung geäußert, ſie welke allmählig einem frühen Grabe zu, oder vorgegeben, ihre geiſtigen Leiden ſeyen unausſprechlich, mit einem Worte, ſie würde entweder mit Thränen oder Worten, oder auch mit einem Gemiſch von Beiden, ihn mit irgend einer an⸗ deren Aufklärung dieſer Art verſehen und dadurch ſo un⸗ glücklich, wie möglich, gemacht haben. Sie hatte jedoch eine ernſtere Schule durchlaufen, als die der meiſten jungen Mädchen zu ſeyn pflegt; die Hand rauher Duldung und der Noth hatte ihr Weſen gekräftigt; ſie war aus ſteten Verſuchungen ihrer Jugend voll Selbſtverläugnung, ſitt⸗ lichen Ernſtes und liebevoller Aufopferung hervorgegangen; ſie hatte, ſchon in ihrem jungfräulichen Alter— ob jedoch zum Glück für ſie oder für ihn, brauchen wir hier in un⸗ ſerer gegenwärtigen Geſchichte nicht zu unterſuchen— eine von jenen edleren Eigenſchaften ſeltener Gemüther gewon⸗ nen, die ſich oft nur in dem Kummer und den Kämpfen der ſpäteren Jahre, oft aber auch nur in der Lehre der⸗ ſelben ſelbſt entwickelt. Unverdorben und unverwöhnt, in Freud und Leid mit freimüthiger, energiſcher und tiefer Neigung für den Gegenſtand ihrer erſten Liebe begabt, ſah ſie in ihm nur einen Mann, der um ihretwillen von Haus und Habe und Heimath vertrieben worden war, und ſie ließ ſich dabei eben ſo wenig einfallen, dieſe ihre Liebe zu ihm in andern als liebevollen aufmunternden Worten voll ho⸗ 188 her Hoffnung und dankbaren Vertrauens an den Tag zu legen, als ſie ſich je hätte beikommen laſſen, auch nur durch den leiſeſten Gedanken oder die unbedeutendſte Hand⸗ lung irgend einer Art um einer gemeinen Verſuchung willen, die die Welt über ſie verhängen konnte, ſich dieſer Liebe unwürdig zu machen. „Ach Martin! welch' ein Wechſel iſt mit Dir vor⸗ gegangen!“ verſetzte ſie mit Thränen in den Augen;„denn dies betrifft mich ja doch am nächſten. Dein Ausſehen iſt ernſter und gedankenvoller, als je zuvor.“ „Was das anbetrifft, mein liebes Kind!“ ſagte Mar⸗ tin und legte ſeinen Arm um ihre Hüfte, wobei er ſich zu⸗ erſt rundum ſah, ob keine Beobachter in der Nähe ſeyen, und nur Mark Tapley erblickte, der mit unverminderter Aufmerkſamkeit und faſt noch geſpannter als zuvor nach dem Nebelzelte des Himmels hinaufſtierte;—„was das anbelangt, mein liebes Kind! ſo iſt dies ſo natürlich, daß es befremden würde, wenn dies nicht der Fall wäre, denn mein Leben iſt, zumal in der letzten Zeit, ein höchſt har⸗ tes, kümmerliches geweſen.“ „Das mußte es natürlich ſeyn!“ gab ſie zur Antwort; „wie oft habe ich daran gedacht und mich Deiner nur mit Schmerzen erinnert.“ „Hoffentlich haſt Du es nicht oft gethan,“ verſetzte Martin;—„ich bin überzeugt, daß es nicht oft geſchah, denn ich habe einiges Recht, dies zu erwarten, Marie, da ich vielen Verdruß und manche Entbehrung erleiden mußte, und nun natürlich, wie Du Dir wohl denken kannſt, auch einigen Lohn dafür erwarte.“ „Ach! es iſt ein geringer, unbedeutender Lohn, den ich Dir zu gewähren vermag,“ verſetzte ſie mit ſchmerz⸗ lichem Lächeln;—„allein er ſoll Dir werden, er ſoll Dir niemals entſtehen. Du haſt einen hohen Preis für ein armes, geringes Herz bezahlt, Martin, allein es iſt jetzt ganz Dein eigen und hängt mit treuer, ächter Liebe an Dir.“ 3 „Davon bin ich auf's innigſte überzeugt, ſonſt hätte 189 ich mich wahrſcheinlich nicht in meine gegenwärtige Lage geſtürzt! Nenne jedoch Dein Herz kein armes, denn ich weiß, daß es unendlich reich iſt; ſiehe, ich ſtehe nun im Begriff, Dir, meinem theuerſten Beſitzthum, einen Entſchluß mitzutheilen, der Dich zwar anfangs auf's Höchſte betrof⸗ fen machen wird, den ich jedoch nur zu Deinem Beſten gefaßt habe. Ich bin nun im Begriff,“ ſetzte er langſam und mit einem tiefen Blick in die Wundertiefe ihrer glän⸗ zenden ſchwarzen Augen hinzu,— ſich ſtehe im Begriff, in's Ausland zu gehen.“ „Du willſt nun außer Landes, Martin?“ fragte ſie ihn, und ihre Beſtürzung erlaubte nicht, noch mehr hin⸗ zuzufügen. „Nur nach Amerika!“ entgegnete Martin;—„da ſteh' nun mein Kind! wo bleibt denn Deine Feſtigkeit, wenn Du mit einem Male ſo zuſammenbrichſt?“ „Wenn dies geſchieht, oder ich darf hoffentlich ſagen, wenn dies geſchähe,“ gab ſie zur Antwort, als ſie nach kurzer Pauſe ihr feines Köpfchen wieder erhob und ihm noch einmal in's Geſicht blickte,—„ſo war es nur, weil ich mit Kummer bedachte, wie viel Du um meinet⸗ willen zu erdulden entſchloſſen biſt. Ich könnte nicht wa⸗ gen, Dir davon abzurathen, Martin, allein es iſt eine weite, weite Entfernung, und Du mußt über einen un⸗ abſehbaren Ocean ſetzen. Krankheit und Elend ſind überall traurige Unfälle, allein wahrhaft entſetzlich, wenn ſie Einen in fremden Landen überraſchen. Ich bitte Dich, Martin, ſprich, haſt Du Dir dies auch Alles genau überlegt?“ „Ueberlegt?“ rief Martin, der trotz ſeiner Liebe zu ihr, die gewiß recht innig war— doch kaum ein Jota von ſeinem gewöhnlichen ungeſtümen Weſen ablegte.— „Was bleibt mir zu thun übrig; es iſt raſch geſagt: haſt Du Dir's überlegt? Liebes Kind! Du ſollteſt mich eher in demſelben Athemzug auch fragen, ob ich mir's überlegt habe, in der Heimath Hungers zu ſterben, ob ich mich entſchloſſen habe, als Laſtträger meines Lebens Unterhalt zu verdienen, ob ich gewillt ſey, Pferde in der Straße zu 190 halten, um mir mein tägliches Brod zu verdienen; doch komm', liebes Kind,„fügte er in zärtlicherem Tone hinzu, Du brauchſt Dein Köpſchen nicht hängen zu laſſen, denn gerade im gegenwärtigen Augenblicke bedarf ich ſehr dieſer Ermuthigung, die ich nur aus Deinem ſüßen Antlitz ſchöpfen kann. Sieh'! ſo iſt's recht, nun biſt Du wieder kühn und gefaßt. „Ich verſuüche es wenigſtens zu ſeyn!“ gab ſie zur Antwort, indem ſie durch Thränen lächelte.— „Dir Mühe zu geben, etwas Gutes zu ſeyn und es auch zu werden, iſt bei Dir ſtets einerlei!“ rief Martin fröhlich; —„weiß ich dies nicht ſchon ſeit langer Zeit? Recht ſo! nun bin ich zufrieden, nun kann ich Dir alle meine Pläne ſo heiter und unbefangen mittheilen, als wäreſt Du bereits mein liebes Weibchen, Marie!“ Sie ſchloß ſich noch enger an ihn an, legte ihren Arm um ſeinen Nacken, blickte ihm mit milder Heiterkeit in's Antlitz und bat ihn, ſich weiter auszuſprechen. „Siehſt Du,“ ſagte Martin und ſpielte mit ihrer kleinen Hand auf ſeinem Handgelenke;—„alle meine Ver⸗ ſuche, in meiner Heimath vorwärts zu kommen und mir ein beſcheidenes, doch geſichertes Loos für die Zukunft zu erwerben, ſind vereitelt und gewiſſermaßen ſchon in der Geburt erſtickt worden. Ich will nicht ſagen durch Wen, Marie, denn das würde uns Beiden nur neuen Schmerz verurſachen; es iſt nun einmal ſo. Hörteſt Du nicht, Marie, daß er in der letzten Zeit irgend eines entfernten Verwand⸗ ten von ihm, Namens Pecksniff, Erwähnung that? Ant⸗ worte mir nur zunächſt auf meine Fragen und nicht mehr.“ „Ich hörte ihn nur ſagen,“ verſetzte Marie,—„und zwar zu meiner größten Ueberraſchung, daß Pecksniff doch weit beſſer ſey, als er früher vermuthet habe.“ „Dacht' ich mir's doch gleich!“ rief Martin unwillig. „Und daß es ſehr wahrſcheinlich wäre,“ fuhr Marie fort,„daß wir ihn demnächſt näher kennen lernen, wenn nicht gar ihn beſuchen und bei ihm und— wenn ich R — ———=õ A— ꝙꝑ . 191 mich anders recht erinnere— ſeinen Töchtern eine Zeitlang unſern Aufenthalt nehmen würden. Pecksniff hat doch Töchter, nicht wahr, mein Lieber.“ „Ein ganzes Paar,“ gab Martin zur Antwort;— „ein koſtbares Paar, Edelſteine vom ſchönſten Waſſer!“ „Ei Du ſcherzeſt wohl,“ ſagte Marie. „O ja!“ entgegnete Martin;— pes iſt eine Art Spaß, der ſehr ernſt gemeint iſt und ziemlich viel ernſt⸗ liche Entrüſtung in ſich ſchließt. Ich ſcherze über dieſen Herrn Pecksniff mit voller Ueberzeugung, da ich ihn kenne, indem ich als ſein Gehülfe in ſeinem Hauſe gewohnt und Schmach und Beleidigung von ihm erfahren habe. Auf welche Weiſe übrigens oder wie eng Du auch in Berührung mit jener Familie gebracht werden magſt, vergiß es ja nie, Marie, und laß es keinen Augenblick aus den Augen, wenn auch der Anſchein meiner Be⸗ hauptung zu widerſprechen ſchiene, daß ich Dir hier mit vollſter Ueberzeugung die Verſicherung geben kann: dieſer Pecksniff iſt ein Schurke!“ „Warum nicht gar!“ rief Marie. „In Allem, was er denkt und thut, nach ſeinem ganzen Weſen und ſeiner Ueberzeugung iſt dieſer Pecks⸗ niff ein Schurke von der oberſten Haarſpitze ſeines Kopfes, bis zum unterſten Atom ſeines Fußes!“ rief Martin in ſeinem ernſten Tone;—„von ſeinen Töchtern will ich nur ſagen, daß ich ſie nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen für ſehr folgſame junge Damen halte, die ihrem Vater in jeder Beziehung ähnlich zu werden ſtreben. Dies iſt zwar eine Abſchweifung vom Hauptpunkte, allein es führt mich doch auf das, was ich zu ſagen im Begriffe war.“ Er hielt hiemit inne, um ihr wieder in's Auge zu blicken, und nützte dieſe Gelegenheit, als er durch einen Blick über ihre Schulter hinweg ſich überzeugt hatte, daß Niemand in der Nähe ſey, und daß Mark noch im⸗ mer aufmerkſam nach dem Nebel empor ſtiere, um ihr nicht nur auf ihre Lippen zu blicken, ſondern ihr ſogar auch einen Kuß auf dieſelben zu drücken.„Ja, mein 19² Kind!“ fuhr er fort;—„ich gehe jetzt nach Amerika, und habe die beſten Ausſichten, daß es mir daſelbſt beſſer ergehe, und daß ich vermuthlich bald wieder nach Hauſe zurückkehren kann. Gelingt mir mein Plan, ſo führe ich Dich in wenigen Jahren ebenfalls dorthin und werde dann auf jeden Fall meine Anſprüche an Dich dadurch erhärten, daß ich Dich zu meinem Weibchen mache, was ich nach ſolchen Prüfungen wohl werde thun können, ohne fürchten zu müſſen, daß Du es noch immer für Deine Pflicht halteſt, Dich an Den anzuſchließen, der mir wo möglich nicht einmal erlauben will— wie ſich's in der That bewährt hat— in meinem eigenen Vater⸗ lande zu leben. Wie lange ich abweſend ſeyn werde, weiß ich natürlich ſelbſt noch nicht, allein jedenfalls ſoll es nicht lange ſeyn, darauf darfſt Du Dich verlaſſen...“ „Und inzwiſchen, lieber Martin“.... fiel ihm Marie in's Wort. Allein er ließ ſie nicht ausreden. „Das iſt's eben, auf was ich jetzt komme,“ ſagte er;—„in der Zwiſchenzeit werde ich Dich ununter⸗ brochen über alle meine Erlebniſſe, über mein Thun und Laſſen auf dem Laufenden erhalten— das verſpreche ich Dir.“ Er hielt bei dieſen Worten inne, um einen Brief aus der Taſche zu ziehen, welchen er über Nacht ge⸗ ſchrieben hatte, und fuhr dann von Neuem fort. „Merke wohl, Marie! im Hauſe dieſes Kerls und in ſeinen Dienſten— unter dem Kerl verſtehe ich natürlich nur Pecksniff— befindet ſich eine gewiſſe Perſon, Na⸗ mens Pinch,— vergiß ihn ja nicht— ein armer, ſchlich⸗ ter, ſeltſamer Burſche, der manche ſonderbare Eigen⸗ ſchaften an ſich hat, dabei aber die leibhafteſte Ehrlich⸗ keit und Aufrichtigkeit iſt, voll Eifer und mir mit der treueſten Liebe zugethan, was ich ihm eines Tages wieder dadurch zu lohnen gedenke, daß ich mir angelegen ſeyn laſſe, ihm auf die eine oder andere Weiſe zu ſeinem Fortkommen zu verhelfen.“ 193 „Du biſt noch immer das alte gütige wohlwollende Gemüth, Martin!“ rief Marie entzuckt. „Laß das, mein liebes Kind! es iſt nicht der Rede werth!“ entgegnete Martin;—„der gute Pinch iſt, wie geſagt, ſehr dankbar und vor Allem dienſtfertig gegen mich, und ſo bin ich mehr als hinlänglich durch ihn ſelbſt belohnt. Eines Abends nun theilte ich dieſem Pinch meine ganze Geſchichte und das ganze Verhältniß zwi⸗ ſchen mir und Dir mit, wofür er nicht wenig Theil⸗ nahme an den Tag legte, wie ich Dich wohl verſichern kann, da er Dich bereits genau kennt!— Ja, ja!... blicke nur recht erſtaunt drein, und je länger, deſto beſſer, denn es ſteht Dir ausnehmend gut— Du haſt ihn ein⸗ mal vor Zeiten in der Kirche ſeines kleinen Dörfleins Orgel ſpielen hören; er ſah, wie Du auf ſeine Muſik lauſchteſt, und von da an hatte er eine wahre Begei⸗ ſterung für Dich erfaßt.“ „War er der Orgelſpieler?“ rief Marie;—„o, dann danke ich ihm von Herzen!“. „Er war es allerdings,“ verſetzte Martin;—„und iſt es noch, und wird doch nicht einmal dafür bezahlt. Ein ſo harmloſer, treuer Burſche, wie er, hat noch nie gelebt;, er iſt ein wahres Kind, allein ein Weſen vom beſten Schlage, glaube mir's.“: „Ich bin davon überzeugt,“ verſetzte ſie mit innigem Ernſte:—„er muß wohl ſo ſeyn!“ „O ja, Niemand kann's bezweifeln,“ fuhr Martin in ſeiner gewöhnlichen gleichgültigen Weiſe fort;—„das iſt er auch. Wohlan denn, da fiel mir plötzlich ein— doch halt! es wird Dir Alles von ſelbſt klar werden, wenn ich Dir den Brief vorleſe, den ich an ihn geſchrie⸗ ben habe, und den ich ihm heute Abend zur Poſt zu⸗ ſenden will.— ‚Mein lieber Tom Pinch!— Das iſt vielleicht etwas zu vertraulich,“ fügte Martin hinzu, als ihm plötzlich beiſiel, daß er bei ihrem letzten Zuſammen⸗ treffen ſehr ſtolz geweſen war;—„ich nenne ihn nur Boz, Chuzzlewit. II. 13 „ 194 meinen lieben Tom Pinch, weil es ihm Freude macht, und er mir dafür um ſo dankbarer iſt.“ 4 „Das iſt ganz recht und ſehr gütig von Dir ge⸗ handelt,“ wandte Marir ein. „Allerdings!“ ſagte Martin;—„es bringt einem jedenfalls keinen Schaden, wenn man freundlich iſt, was nur immer der Fall ſeyn kann, und er iſt in der That, wie ich Dir bereits geſagt, ein ausgezeichneter herzlieber Burſche.— ‚Mein lieber Tom Pinch!— Ich adreſſire dieſen Brief unter Couvert an Frau Lupin im blauen Drachen und habe ſie in wenigen Zeilen gebeten, den⸗ ſelben Ihnen einzuhändigen, ohne etwas davon gegen irgend Wen verlauten zu laſſen, ſowie ſie auch in Zukunft mit allen Briefen, die ſie von mir erhält, auf gleiche Weiſe verfahren möge. Der Grund, warum ich dies thue, wird Ihnen ſehr begreiflich ſeyn.“— Beiläufig geſagt, möchte ich beinahe glauben, daß dies nicht der Fall ſeyn wird;“ unterbrach ſich Martin plötzlich;—„der arme Junge hat nicht gerade eine allzuraſche Faſſungsgabe, allein mit der Zeit wird es ihm wohl von ſelbſt ein⸗ leuchten. Die Gründe, die mich leiten, beſtehen einfach darin, daß ich nicht haben möchte, daß andere Leute, und zumal jener Schurke, den er für einen Engel hält, meine Briefe leſen ſollen.“ „Du meinſt abermals Herrn Pecksniff?“ fragte Marie. „Allerdings,“ verſetzte Martin und las alsdann wei⸗ ter:—„wird Ihnen ſehr begreiflich ſeyn. Ich habe alle Anſtalten getroffen, um nach Amerika zu gehen, und Sie werden ſich wundern, wenn Sie hören, daß Mark Tapley mich begleitet, mit dem ich auf die ſeltſamſte Weiſe in London zuſammengetroffen bin, und der nun dringend darauf beſteht, ſich ſelbſt unter meinen Schutz zu ſtellen.“— Hiemit meine ich natürlich,“ ſetzte Martin mit abermaliger Unterbrechung des Briefes hinzu;— „den guten Freund, der uns dort im Rücken ſteht, meine Liebe!“ Marie ſchien ſehr erfreut, dies zu hören, und warf 2 5——, e— 3 195 einen wohlwollenden Blick auf Mark, der dieſen veran⸗ laßte, ſein Auge auf einen Augenblick vom Nebel her⸗ niederzuſenken, um ihn mit unnennbarem Wohlgefallen zu erwidern; ſie ſagte ferner, daß er es wohl hören konnte: ſie halte ihn für ein treues Gemüth und fröhliche Natur, und ſey überzeugt, daß er auch treu ſeyn werde, welche Lobſprüche von ſolchen Lippen Herr Tapley auch vollkommen zu verdienen gelobte, und ſollte er dafür ſterben müſſen. 2 „⸗Und nun, mein lieber Pinch,“ las Martin in ſei⸗ nem Briefe weiter,„will ich mein innigſtes, ungemeſſenes Vertrauen in Sie ſetzen, weil ich weiß, daß ich mich auf Ihre Ehre und Verſchwiegenheit unbedingt verlaſſen kann, und im Aungenblick keinen andern Menſchen habe, dem ich ſo vertrauen dürfte.“ 3 „Ich dächte, das ſollteſt Du nicht ſagen,“ wandt Marie faſt vorwurfsvoll ein. „Meinſt Du? Je nun, ſo will ich's ausſtreichen, wenn es gleichwohl vollkommen wahr iſt.“ „Es könnte doch vielleicht einen unangenehmen Ein⸗ druck machen!“ meinte Marie. „Bah! ich kehre mich nicht an Pinch,“ verſetzte Martin;—„ich habe keinen Grund, ihm ſo viele Um⸗ ſtände zu machen. Indeſſen will ich es doch auf Deinen Wunſch ausſtreichen, und den Satz bei„vertrauen dürfte“ ſchließen. Wohlan denn— zich werde nicht alleine— ſo fährt nämlich der Brief fork!“... „Ich verſtehe,“ erwiederte Marie. „„Ich werde nicht allein meine Briefe an die junge Dame, von der ich Ihnen bereits erzählt habe, Ihnen beiſchließen, damit ſie auf das Verlangen derſelben dieſe ihr zuſenden, ſondern ich empfehle Ihnen und Ihrer rückſichtsvollen Fürſorge auch die junge Dame ſelbſt auf's Angelegentlichſte, falls Sie während meiner Abweſenheit mit ihr zuſammentreffen ſollten. Ich vermuthe mit al⸗ lem Grunde, daß die Wahrſcheinlichkeit, Euch gegenſeitig 13* öfter zu ſehen, ſehr nahe liegt, und wie wohl ich über⸗ zeugt bin, daß Ihnen Ihre gegenwärtige Lage keine Möglichkeit an die Hand gibt, das Loos dieſes guten Weſens einigermaßen zu erleichtern, ſo vertraue ich Ih⸗ nen doch unbedingt ſoweit, daß Sie Ihr Möglichſtes thun, und ſich ſo das Vertrauen verdienen werden, wel⸗ ches ich in Sie geſetzt habe.“— Du ſiehſt nun, liebe Marie,“ ſetzte Martin hinzu,—„daß es auch Dir zu nicht geringem Troſte gereichen wird, Jemanden zu ha⸗ ben, der, wie einfach er auch ſey, im Stande iſt, ſich mit Dir über mich zu unterhalten; gib Acht, ſchon in Deinem erſten Geſpräche mit Pinch wirſt Du unwillkühr⸗ lich fühlen, daß Du ihm gegenüber ſo wenig verlegen und ſchüchtern zu ſeyn brauchſt, als ob er ein altes Frauenzimmer wäre.“. „Wie dem auch ſeyn mag, ſo iſt er ja Dein Freund, und das genügt mir,“ verſetzte ſie. „O ja, er iſt allerdings mein Freund,“ gab Mar⸗ tin zur Antwort;—„und ich habe ihn oft ſchon und mit vielen Worten verſichert, daß wir uns ſtets ſeiner erinnern, auf ihn Rückſicht nehmen und ihm gewogen bleiben werden, und es iſt nicht der ſchlimmſte Zug in ſeinem Charakter, daß er dankbar, ja ſogar ſehr dank⸗ bar iſt. Ich weiß, mein liebes Kind, daß er Dir ganz beſonders gefallen wird; Du wirſt zwar Manches an ihm bemerken, was höchſt lächerlich und altväteriſch iſt, allein Du brauchſt keinen Anſtand zu nehmen, über ihn zu lachen, denn er nimmt es nicht nur nicht übel, ſon⸗ dern freut ſich in der That ſogar darüber.“ „Ich habe nicht im Sinne, ihn auf die Probe zu ſtellen, Martin,“ entgegnete Marie. „Gib Acht, Du wirſt es unwillkührlich thun müſ⸗ ſen, liebes Kind,“ entgegnete Martin,„denn ich bin feſt überzeugt, daß Du kaum Deinen Ernſt wirſt bewahren können. Allein das Hin⸗ und Hergerede hilft doch nichts, und wir wollen lieber auf den Brief zurückkommen, der folgendermaßen ſchließt:— Ich weiß wohl, daß ich mich 4 19 3 nicht erſt über die Natur und Ausdehnung meines Ver⸗ trauens in Sie näher erklären muß, indem ich bereits von Ihnen und Ihrer wohlmeinenden Freundſchaft längſt überzeugt bin, ſondern ich beſchränke mich nur noch dar⸗ auf, Ihnen Lebewohl zu ſagen, und Sie zu verſichern, daß ich bis zu unſerm nächſten Zuſammentreffen, welches hoffentlich nicht ſehr lange anſtehen wird, mich aufrichtig damit beſchäftigen werde, für Ihr Glück und Fortkom⸗ men Sorge zu tragen, als ob es mich ſelbſt anbeträfe. Darauf mögen Sie ſich verlaſſen, und mir glauben, daß ich ſtets, mein lieber Tom Pinch, verbleiben werde Ihr treuer Freund Martin Chuzzlewit. N. S. ich ſchließe Ihnen hier den Betrag bei, den Sie mir ſo gütig ꝛc.— Je nun!“ ſetzte Martin hinzu, indem er mit Leſen plötz⸗ lich inne hielt und den Brief wieder zuſammenfaltete,— „das ſind Bagatellen, die nicht hieher gehöoren.“ Gerade bei dieſem kritiſchen Punkte näherte ſich Mark Tapley dem Paare und bemerkte mit einer Ent⸗ ſchuldigung, daß die Glocke auf der Kaſerne der Garde zu Pferd ſo eben neun Uhr geſchlagen habe. „Ich hätte ſicherlich dieſe Bemerkung nicht gewagt,“ ſetzte Mark hinzu, wenn mich die junge Dame nicht ge⸗ beten hätte, eigens darauf Acht⸗zu geben, und es ihr mitzutheilen!“ „Er hat Recht,“ ſagte Marie;—„ich danke Ih⸗ nen, Herr Tapley; Sie haben Recht daran gethan. In wenigen Minuten werde ich zur Rückkehr bereit ſeyn. Es bleibt uns nur noch eine kurze Strecke Zeit übrig, lieber Martin, und wiewohl ich Dir noch ſo viel zu ſagen hätte, muß es doch unerwähnt bleiben, bis wir unter glücklichern Umſtänden wieder zuſammentreffen.“ „Der Himmel möge es fügen, daß dies bald und zu unſerm Heile geſchehen möge; doch darüber hege ich gar keine Befürchtungen,“ rief Martin.„Wer ſollte auch ſolche hegen? Was ſind ein paar Monate, was iſt ein ganzes Jahr? Kehre ich einſt wieder froh zurück, nachdem ich mir eine Bahn durch's Le⸗ ben eröffnet habe, dann mag uns unſre jetzige Trennung bei einem möglichen Rückblicke allerdings etwas unheimlich vorkommen; allein jetzt, ich ſchwöre Dir, ich würde mir ſelbſt keine glücklichern Auſpicien wünſchen, wenn das möglich wäre, denn ich würde in dieſem Falle weniger geneigt ſeyn zu gehen, und mich weniger von der Noth dazu drängen laſſen.“ „Du magſt Recht haben,“ entgegnete Marie;— „ich fühle das beinahe ebenfalls. Wann willſt Du denn abreiſen?“. „Heute Nacht,“ entgegnete er;—„noch heute Nacht reiſen wir nach Liverpool ab, von wo, wie ich höre, binnen drei Tagen ein Fahrzeug nach Amerika in See geht. Binnen eines Monats oder vielleicht binnen noch geringerer Zeit können wir dorthin abreiſen. Je nun, was iſt auch ein Monat! wie viele ſind ſchon vor⸗ über gezogen ſeit unſrer letzten Trennung!“ „O ja!“ verſetzte Marie, indem ſein munterer lie⸗ bevoller Ton bei ihr ein Echo fand;—„ſie erſcheinen uns nur lang, wenn wir darauf zurückblicken, allein wie kurz in ihrem Verlaufe.“ „Unſäglich kurz!“ rief Martin;—„ich werde nach anderen Gegenden, nach anderen Lebensverhältniſſen ver⸗ ſetzt werden, ich werde andere Menſchen, andere Sitten kennen lernen, werde neue Sorgen, neue Hoffnungen haben! Die Zeit wird in der That Schwingen für mich bekommen, und ich kann Alles ertragen, wenn nur die Handlungen und Bedürfniſſe des Menſchen raſch auf mich einſtürmen.“ Dachte er einzig nur an ihren Kummer um ihn, als er ſich ſo wenig um ihren Antheil an der Trennung, an ihre ruhige ſtumme Ausdauer und ihren ſchleppenden Gram, der ſie von Tag zu Tag verfolgte, kümmerte? Lag nicht etwas Schneidendes, Unwillen Erregendes ſelbſt in dem Tone, womit er ſie ermuthigte, da trotz ſeiner Höhe doch nur immer der eine Ton ſeines Selbſt ſich hö⸗ ren ließ?— Für ihre Ohren freilich war er kaum hör⸗ ——— ——-——-———2— — ——,—,—————9—., 199 3 bar; es wäre ſonſt vielleicht beſſer geweſen, allein es war nun einmal ſo. Sie hörte denſelben kühnen Geiſt, der um ihretwillen Vermögen und Beqguemlichkeit als eine eitle Bürde von ſich geſchleudert und ſich nur Ge⸗ fahr und Entbehrung als leichte Troſtgründe erwählt hatte, mittelſt deren er ſie ruhig und glücklich machen wollte;— mehr hörte ſie nicht. Das Herz, worin Selbſtſucht keinen Platz gefunden und keinen Thron ſich erbaut hat, erkennt die Anweſenheit derſelben in andern Menſchen nicht ſo leicht, ſelbſt wenn es in aller ihrer Häßlichkeit auf ſie herabblickt. Wie ein vom böſen Geiſt Beſeſſener in frühern Zeiten allein für fähig gehalten wurde, den lauernden Dämon im Herzen Anderer zu er⸗ kennen, ſo wiſſen ſich verwandte Laſter alltäglich in ih⸗ rem Verſtecke aufzuſinden, wenn die Tugend leichtgläu⸗ big und blind iſt. „Es hat ein Viertel geſchlagen!“ rief Herrn Tap⸗ ley in ermahnendem Tong. „Wir köͤnnen bald aufbrechen,“ gab ihm Marie zur Antwort;—„nur noch Eins muß ich Dir an's Herz legen, guter Martin; Du haſt mich zwar vor einer kur⸗ zen Weile gebeten, Dir in Betreff eines einzigen Punk⸗ tes nur darauf zu antworten, was Du mich über ihn fragen würdeſt, allein Du ſollſt und mußt— wenn Dir anders meine Ruhe lieb iſt,— noch etwas erfahren; dies nämlich, daß er ſeit jener Trennung, wozu ich Unſelige Veranlaſſung gegeben, auch nicht ein einziges Mal Dei⸗ nen Namen genannt und ihn oder auch nur eine An⸗ ſpielung auf Dich in Lob oder Tadel jemals geäußert hat; ich muß Dir ferner noch die Zuſicherung geben, daß ſein Wohlwollen gegen mich nicht im Geringſten nachgelaſſen hat!“ „„Jür den letztern Grund bin ich ihm von Herzen dankbar— ſonſt aber auch für Nichts!“ verſetzte Mar⸗ tin;—„ich dürfte ihm vielleicht auch für ſein übriges Betragen einigen Dank zollen, da ich weder wünſchte noch erwartete, daß er je meines Namens wieder Er⸗ 2⁰⁰ wähnung thue, Leider fürchte ich faſt, daß er in ſeinem Teſtament vielleicht— jedoch alsdann nur mit Haß— meines Namens gedenken wird. Laſſe ihm ſeinen Wil⸗ len! Bis dahin, wo ich die erſte Nachricht davon be⸗ komme, wird er ſchon unter dem Boden liegen— eine Satyre auf ſeinen eigenen Zorn,— Gott helfe ihm!“ „Lieber Martin!“ ſprach Marie mit bewegter Stim⸗ me;—„weun Du Dich nur zuweilen in irgend einer ruhigen Stunde neben dem winterlichen Kamin, in der warmen Sommerluft, beim Anhören einer ſanſten liebli⸗ chen Muſik, beim Andenken an Deinen Tod, Deine Hei⸗ math oder Kindheit— wenn Du je unter ſolchen Um⸗ ſtänden Dich entſchließen könnteſt, auch nur einmal im Monat oder nur ein einzigesmal im Jahr ſeiner oder irgend eines andern Menſchen zu gedenken, von dem Du Unbill erduldet haſt, ſo bin ich überzeugt, daß Du ihm von Herzen vergeben würdeſt!“ „Wenn ich es ſelbſt für möglich hielte, daß dies geſchehe,“ verſetzte Martin,„ſo wäre ich feſt entſchloſ⸗ ſen, ihn bei einer ſolchen Veranlaſſung ganz aus meinem Gedächtniß zu verbannen, weil ich mir ſelbſt die Schande einer ſolchen Schwäche vorenthalten möchte. Ich war nicht dazu geboren, das Spielzeug und die Puppe irgend eines Menſchen zu werden, geſchweige denn die Seinige; ſeinem Vergnügen und ſeinen Launen wußte ich ohnedies in Anerkennung des wenigen Guten, das er mir erwies, meine ganze Jugend zum Opfer bringen. Es beſtand zwi⸗ ſchen uns Beiden nur ein Vertragsverhältniß, ein wech⸗ ſelſeitiger Austauſch, nicht mehr— und ich wußte nicht, ob er ein ſolches Uebergewicht gegen mich geltend machen kann, daß ich eine feige, ungereimte Vergebung in die Wagſchaale legen müßte, um ſie zu meinen Gunſten aufzuwiegen. Weiß ich nicht, daß er Dir auf's Strengſte verboten hat, meiner jemals Erwähnung zu thun?“ ſetzte er unmuthig hinzu;—„mußſt Du nicht ſelbſt zugeben, daß er das gethan hat?“ „Es geſchah vor langer Zeit;— er that es unmit⸗ 201 telbar nach Eurem Zanke, und ehe Du noch ſein Haus verlaſſen hatteſt; ſeither hat er mir nie dieſes Verbot wiederholt.“ „Er hat es nur unterlaſſen, weil er keine Gelegenheit dazu hatte!“ rief Martin;—„allein das kommt hier auf keine Weiſe in Betracht. Unterlaſſe es auch in Zukunft, auf jede Verſöhnung zwiſchen mir und ihm anzuſpielen, und thue mir den Gefallen, gutes Mädchen,“ ſetzte er hinzu, indem er ſie raſch an ſich drückte, da es nun die höchſte Zeit geworden war, Abſchied zu nehmen;—„thue mir auch den Gefallen, in dem erſten Briefe, den Du poste restante New⸗York an mich ſchreibſt, ſo wie in allen andern, welche Herr Pinch für Dich beſorgen wird, Dich zu erinnern, daß er für uns gar nicht mehr exiſtirt, ſon⸗ dern ſo gut wie todt iſt, und nun Gott befohlen, liebes Kind! Der Herr ſegne Dich. Es iſt ein ſeltſamer Ort für ein ſolches Zuſammentreffen wie für einen ſolchen Abſchied; allein unſer nächſtes Stelldichein ſoll an ei⸗ nem weit beſſern, und unſer nächſter und letzter Abſchied an einem noch ſchlimmern Orte ſtattfinden.“ „Ich muß noch eine andere Frage an Dich richten, Martin!“ fragte ſie ihn mik liebevoller Beſorgniß;— „haſt Du Dich auch für Deine Reiſe gehörig mit Geld verſehen?“ „Welche Frage!“ rief Martin, ſey es nun aus Stolz oder weil er den Wunſch hegte, ſie hiedurch ihrer Beſorgniß zu entledigen;—„ob ich mich mit Geld ver⸗ ſehen habe? Ei, eil ziemt ſich eine ſolche Frage auch für die Gattin eines Auswanderers! Kann man denn ohne Geld zu Waſſer oder Land weiter kommen, Liebchen?“ „Je nun, ich meinte, ob Du hinreichend mit Geld verſehen biſt?“ ſagte Marie. „Ei freilich!“ verſetzte er;—„ich habe mehr als genug, zwanzigmal mehr, als ich bedarf! Ich habe alle Taſchen voll! Mark und ich ſind, was die Hauptſache iſt, ſo wohl mit Mitteln verſehen, als ob wir Fortunat's örſe in der Taſche hätten.“ 202 „Eben ſchlägt’s halb zehn!“ rief Mark Tapley von ſeinem Poſten herüber. „Nun tauſendmal Lebewohl! Gott ſey mit Dir!“ rief Marie mit bebender Stimme. 3 Wie kühl iſt doch der Troſt, der in einem Lebewohl liegt! Mark Tapley wußte das wohl; vielleicht kannte er es vom Leſen, vielleicht aus eigener Erfahrung, und möglicherweiſe wohl auch aus innerer Ahnung. Wie er dazu kam, es zu wiſſen, läßt ſich ſchwer ermitteln; allein ſoviel iſt gewiß, daß er es wußte, und daß ſeine Bekanntſchaft damit ihm inſtinktmäßig die zweckmäßigſte Maßregel an die Hand gab, welche ein Mann unter ſolchen Umſtänden hätte befolgen können. Er wurde nämlich von einem ſo heftigen Anfall von Nieſen be⸗ troffen, daß er unwillkührlich den Kopf abwenden mußte, durch welche Handlungsweiſe er die Liebenden gleichſam ganz allein und ſie ſich ſelber überließ. Eine kurze Pauſe trat ein, allein Mark hatte eine inſtinktmäßige Ahnung, daß ſie in ihrer Weiſe doch be⸗⸗ friedigend geweſen ſeyn möge, denn Marie eilte alsbald mit niedergelaſſenem Schleier hurtigen Schrittes an ihm vorüber, und bat ihn um ſeine Begleitung. Ehe ſie um die Ecke bog, ſtand ſie noch einmal ſtill, blickte zurück und winkte Martin mit der Hand zu. Er richtete ſich haſtig empor und machte Miene ihr zu folgen, als ob er ihr noch ein paar weitere Worte zum Abſchied zu ſagen habe, allein ſie eilte nur deſto raſcher davon und Herr Tapley folgte ihr pflichtmäßig. Als er wieder in Martin's Stübchen zu dieſem trat, fand er ſeinen jetzigen Herrn in trübem Sinnen vor dem ſtaubigen Kamin ſitzen, wo dieſer beide Füße auf das Kamingitter, die Ellbogen auf die Kniee geſtützt hatte und ſein Kinn in einer nichts weniger als ornamentalen Stellung auf ſeinen Hautflä⸗ chen ruhen ließ.— 7. „Nun, Mark?“ rief er dieſem zu. „Ci Sir!“ verſetzte Mark mit einem tiefen Athem⸗ zuge;—„ich habe die junge Dame mit heiler Haut — 208 nach Hauſe gebracht und fühle mich recht erbaut davon. Sie gab mir auch eine Maſſe der freundlichſten Grüße mit und dies da!“ ſetzte er hinzu, indem er ihm einen Ring übergab,„als ein Andenken zum Abſchiede.“ 3 „Diamanten?“ rief Martin und küßte den Ring,— allein um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, nicht um des Ringes willen, ſondern Mariens wegen— und ſteckte ihn an ſeinen kleinen Finger;—„präͤchtige Dia⸗ manten! Mein Großvater iſt doch ein ſeltſamer Kauz, Mark; vermuthlich hat ſie den Ring von ihm erhalten.“ Mark Tapley wußte freilich eben ſo gut, daß ſie ihn ihn der Abſicht gekauft habe, dem unbewußten Ge⸗ liebten dadurch einen Gegenſtand von Werth für irgend einen dringenden Nothfall mit auf den Weg zu geben, als er wußte, daß es Tag und nicht Nacht war.— Obwohl er nun ſelbſt nicht mehr zu ſagen wußte, wie er mit der Geſchichte des blinkenden Kleinods an Mar⸗ tins ausgeſtrecktem Finger bekannt geworden war, als Martin ſelbſt, hegte er doch eine ſo innige Ueberzeu⸗ gung, daß ſie auf deſſen Ankauf ihren ganzen Vorrath von erſpartem Gelde verwendet habe, als hätte er das Geld Stück für Stück ausbezahlt werden ſehen. Die befremdliche Stumpfheit und Kälte ihres Liebhabers in Beziehung auf dieſen kleinen Umſtand eröffnete Mark's Verſtändniß augenblicklich die wahre Urſache und Wur⸗ zel, und von dieſem Augenblick an hatte er den klarſten und vollkommenſten Einblick in den einzigen und aus⸗ ſchließlichen Grundzug von Martin's Charakter gethan. „Ja, ſie iſt der Opfer werth, die ich ihr gebracht habe!“ rief Martin mit verſchränkten Armen und ſtierte von Neuem in die Aſche des Kamins, als ob er nur etliche frühere Gedanken wieder aufnehme;„ſie iſt ihrer vollkommen würdig. Keine Reichthümer der ganzen Welt,“ fuhr er langſamer fort, indem er ſich in tiefem Sinnen das Kinn ſtreichelte—„vermöchten mich für den Verluſt eines ſolchen Weſens ſchadlos zu halten, ohne des großen Vorzuges zu gedenken, daß ich dem Zuge 4 7 204 meiner eigenen Wünſche folgte, als ich mir ihre Liebe erwarb und die ſelbſtſüchtigen Pläne Anderer vereitelte, die gar kein Recht zu deren Entwerfung hatten. Ja, ſie iſt der Opfer, die ich ihr gebracht habe, würdig, ſie hat ſie in der That mehr als reichlich verdient— wer möchte mir das läugnen!“— Ob nun dieſe ſtillen Betrach⸗ tungen abſichtlich geäußert wurden, Mark Tapley's Ohr zu erreichen oder nicht, da ſie weder an ihn gerichtet waren, noch auch in allzulauter Stimme geäußert wur⸗ den— laſſen wir ununterſucht; ſoviel iſt wenigſtens gewiß, daß er dabei ſtund und Martin mit einem un⸗ beſchreiblichen und höchſt vielſagenden Ausdruck ſeines Geſichts betrachtete, bis der junge Mann plötzlich ſelbſt aus ſeinem Nachdenken emporſchreckte, und ſich nach ihm umſah. Er wandte ſich hierauf haſtig bei Seite, als beſinne er ſich plötzlich noch auf mancherlei Vorbereitun⸗ gen zur Reiſe, ließ keinen artikulirten Laut mehr hören, ſondern lächelte nur auf höͤchſt überraſchende geſpenſtige Weiſe und ſchien ſich durch ein Zucken ſeiner Geſichts⸗ züge und eine ſchweigende Bewegung ſeiner Lippen in⸗ nerlich ſelbſt des Ausrufes zu entledigen: „Glück auf!“ Sechstes Kapitel. Deſſen Endreim lautet: Heil dir Columbia! Es war eine düſtere, ſchauerliche Nacht! Die Leute hüllen ſich tief in ihre Betten oder ſchaa⸗ ren ſich noch ſpät um das Feuer; Elend und Mangel, kälter als das Mitleid, ſchauern an den Straßenecken; die Kirchthürme ſummen in ohnmächtiger Vibration ihrer eigenen Zungen, die kaum erſt den geſpenſtigen Ruf: Ein Uhr in die Welt hinaus gedröhnt haben. Die Erde iſt mit einem düſtern Leichentuche bedeckt, als ob man ſo eben den geſtrigen Tag zu Grabe getragen; die Gruppen ſchwar⸗ zer, düſterer Bäume ſchütteln ihr dunkles Gefieder, und laſſen unheimlich ihre rieſigen Trauerfederbüſche in der 1 —xÿxx 2⁰5 Luft wallen— Alles iſt ſtill, mäuschenſtill, Alles geräuſch⸗ los und in tiefſter Ruhe, und nur die raſchen Wolken, die vor dem Monde hinſtreichen, und der behutſame Wind regen ſich noch, welch letzterer, ſich gleichſam vor jenen auf den Boden hinſchmiegend, Halt zu machen ſcheint, um zu horchen, dann haſtig und rauſchend weiter zieht, wiederum anhält und dann ſeiner Straße abermals folgt, wie der Wilde der Färthe ſeines Feindes. Wohin zieht ihr ſo raſch, ihr Wolken und Winde? Wohin eilt ihr gleich ſchuldbewußten Geiſtern, die ſich zu irgend einem verſteckten Schlupfwinkel begaben, um eine fürchterliche Zuſammenkunft mit Kräften ihres gleichen zu halten? In welcher wilden Region halten die Elemente jetzt Kriegsrath, oder wo ſpaßen ſie jetzt in fürchterlichen Scherzen? 4 Hier! frei von jenem engen Gefängniß, Erde genannt, draußen auf der unabſehbaren Wüſte der Gewäſſer, hier brüllen und toben, hier heulen und ſtöhnen ſie die ganze Nacht hindurch! Hieher kommen die ſtöhnenden Stimmen aus den Höhlen an der Küſte jenes kleinen Eilandes, das tauſend Meilen weiter ſo ruhig im Schooße der zürnenden Wogen ſchläft!— Und hieher rauſchen, hieher ziehen zu furchtbarer Zuſammenkunft die Stürme aus den unbekann⸗ ten Wüſten der Welt! Hier ergehen ſie ſich in dem Muth⸗ willen ihrer unbeeinträchtigten Freiheit, hier toben und raufen ſie ſich, bis die See, zu ähnlichem Zorne gepeitſcht, noch in ein mächtigeres Toben ausbricht, als ſie und das ganze Schauſpiel ſich in kreifenden wirbelnden Wahnſinn umgeſtaltet! Weiter und immer weiter über zahlloſe Meilen einer. zürnenden Bahn hin rollen die langen, ſchwerfälligen, em⸗ pörten Wogen. Berge und Höhlen bilden ſich hier und verſchwinden wieder, denn was erſt eine Kluft war, thürmt ſich im Augenblick zum ſteilen Berg an und zerrinnt wie⸗ der, um nunr eine ziſchende, kochende Maſſe brauſenden Waſſers zu werden. Verfolgung und Flucht und tolle Rückkehr von Welle auf Welle zeigen ſich rings umher, 266 und ein wilder Kampf beginnt, der in hoch aufwallendem Schaum endet, und die düſtere ſchwarze Nacht dadurch erhellt; Raum und Geſtalt und Farbe ſind im ſteten Wechſel begriffen, in Nichts iſt Beſtändigkeit, ſondern überall nur ewiger Kampf, er allein nur dauert an.— Immer weiter rollt es fort und düſterer wird die Nacht und die Winde heulen lauter und drohender, und ungeſtümer wer⸗ den die Millionen Stimmen der See, wenn auf wildem Sturmes⸗Fittig ihr Ruf weiter fliegt:„Ein Schiff!“ Hier rauſcht es daher im wackern Kampfe mit den Elementen; die hohen ſchlanken Maſſen erzittern, und von der Anſtrengung ächzt das Gebälke. Dort rauſcht es dahin, bald hoch auf den kreiſenden Wogen, bald tief un⸗ ten in den Klüften der See, als wolle es ſich einen Au⸗ genblick vor ihrer Wuth verbergen— und alle Stimmen des Sturmes in den Lüften und dem Waſſer brüllen noch- lauter und drohender:„Ein Schiff!“ In ſtetem Kampfe rauſcht es daher! ob ſeiner Kühn⸗ heit, ob ſeinem herausfordernden, weitſchallenden Rufe er⸗ heben ſich die zürnenden Wogen, ſich gegenſeitig über die grauſen, ungeſtüm ſich ſchüttelnden Koͤpfe zu blicken! Rund um das Schiff, ſoweit des Seemanns Blick vom Deck aus durch das Düſter der Nacht dringen kann, drän⸗ gen ſie ſich heran, ſtürzen einander über die Köpfe, drü⸗ cken einander hernieder und rauſchen wieder empor, und rauſchen aus weiter, weiter Ferne heran, von fürchterlicher Neugierde getrieben! Hoch über den Spitzen der Maſte brechen ſie ſich, ſtürzen zuſammen, rund umher iſt nur Wogengebrülle und Donnergetöſe, und Welle an Welle weicht mit Stöhnen, und zerſtiebt voll raſenden Zorns in tauſend Millionen von Fragmenten!— Und dennoch rauſcht das Schiff rüſtig daher! Und obwohl die zürnende Menge ſich die ganze Nacht hindurch um das Schiff ſchaart, ziſcht und wüthet, und das erſte. Morgengrauen die unermüd⸗ liche Meute noch immer auf der Fährte des Schiffes fin⸗ det, die es über die endloſe Fläche des empörten Meeres hinzieht,— rauſcht dennoch das Schiff heran, und duͤſtere 4 —.————,—, ———„ 207 Lichter brennen darauf, und die Leute ſchlafen, als ob kein tödtliches Element an jeder Fuge und Naht hereinblicke, und keines ertrunkenen Seemannes Grab, von dem ſie nur durch eine Planke getrennt wären, in unergründliche Tiefe unter ihnen gähnte. Unter dieſen ſchlafenden Reiſenden befanden ſich auch Martin und Mark Tapley, die durch die ungewöhnte Be⸗ wegung in ſchwerfällige Schläfrigkeit gewiegt, für die dum⸗ pfe Luft, worin ſie lagen, eben ſo unempfindlich ſchienen, als für den Aufruhr draußen. Es war ſchon ſonnenheller Tag, als Mark Tapley erwachte und eine undeutliche Er⸗ innerung an einen Traum hatte, als ob er ſich in einer Himmelbettlade ſchlafen gelegt und im Laufe der Nacht das Unterſte zu Oberſt gekehrt worden ſey. Darin war frei⸗ lich nicht mehr Vernunft als im Röſten der Eier; denn das erſte, was Tapley erblickte, als er erwachte, waren ſeine eigenen Ferſen, die, wie er nachher bemerkte, aus ei⸗ ner faſt ſenkrechten Höhe auf ihn herniederblickten. „Ei, ei!“ meinte Mark, als er ſich nach verſchiedenen vergeblichen Kämpfen mit der vollendeten Bewegung des Schiffs allmählig in eine ſitzende Lage emporgerichtet hatte, „das iſt wahrhaftig das erſte Mal in meinem Leben, daß ich eine ganze Nacht hindurch auf dem Kopf ſtand.“ „Ihr ſolltet beim Schlafengehen darauf Acht haben, daß Ihr Euren Kopf nicht leewärts legt, guter Freund!“ ſprach ein Mann in einer der Kojen. „Wohin ſoll ich meinen Kopf nicht legen?“ fragte Martin. 4 8 Mann wiederholte wohlmeinend ſeinen vorigen Rath. „ Ja, ja,“ ſagte Mark,„ich will Eurem guten Rath folgen, guter Mann, wenn ich erſt erfahren habe, auf wel⸗ chem Fleck in der Landkarte jenes Land„Leewärts“ oder wie Ihr's nennt, liegt. Inzwiſchen kann ich Euch einen beſſern Rath geben: ich ſag' Euch, legt Ihr und alle Eure Freunde und Alle, mit denen ich's wohl meine, in Zukunft ja nicht mehr den Kopf auf einem Schiffe ſchlafen.“ 208 Der Mann murmelte eine unzufriedene Zuſtimmung, drehte ſich in ſeiner Koje herum und zog die Bettdecke über den Kopf.— —„Denn,“ fuhr Herr Tapley halblaut, und in ei⸗ ner Art Selbſtgeſpräches in dem einmal begonnenen The⸗ ma fort,—„die See iſt ein ſo unſinniges Ding, wie man nur irgend wo immer eins finden kann; ſie weiß gar nie, was ſie ſich für eine Handthierung machen ſoll, hat gar keine Beſchäftigung für ihren Geiſt und iſt ſtets in einem Zuſtand ungeheurer Leere! ſie macht's gerade wie die Po⸗ larbären in der Menagerie, und wackelt ebenfalls immer mit dem Kopf von der einen Seite zur andern, und kann gar nie ruhig ſeyn; das iſt denn doch ganz gewiß nur ihrer unausſtehlichen ungewöhnlichen Dummheit zuzuſchreiben.“ „Seyd Ihr es, Mark?“ fragte eine ſchwache Stimme aus einer andern Koje. „s' iſt wenigſtens ſoviel von mir, Sir, als nach vierzehntägiger harter Strapatze von mir noch übrig geblie⸗ ben iſt, Sir,“ verſetzte Mark Tapley,„und was unſer Eins noch ſeyn kann, wenn er ein ſolches Fliegenleben führt, wie ich, ſeitdem ich an Bord bin, da ich mich beſtändig habe an irgend etwas anhalten müſſen, um nicht das Unterſte zu Oberſt gekehrt zu werden; was das anbelangt, Sir, und den Umſtand, daß ich ſo wenig zu mir nehmen kann und auf verſchiedenen Wegen ſoviel von mir geben muß, ſo kann ich allerdings darauf ſchwören, daß nicht mehr zu viel von mir übrig iſt. Wie befinden denn Sie ſich, Sir, heute früh?“ „Sehr elend!“ verſetzte Martin mit einem ärgerlichen Stöhnen.—„O weh! das iſt in der That ein miſerabler Zuſtand, und doch ehrenvoll,“ murmelte Mark, indem er eine Hand gegen ſeinen ſchmerzenden Kopf drückte und ſich mit kläglichem Grinſen umſah;—„das iſt noch der einzige Troſt, daß dabei iſt noch etwas Ehre zu erholen iſt, wenn einer unter ſolchen Umſtänden den Muth nicht verliert. Die Tugend trägt ihren Lohn in ſich ſelber, und die Fröhlichkeit ebenfalls!“ Mark hatte in ſoweit Recht, als unbezweifelt Alle, die unter den Bequemlichkeiten der Vorkajüte in die⸗ 209 ſem edlen ſchnellſegelnden Paquetboote,„die Schraube,“ ihre Heiterkeit beibehalten hatten, dafür nur ſeinem Vor⸗ rathe an derſelben zu Dank verpflichtet waren, und ein Jeder von ihnen ſeinen guten Humor gerade wie ſeine Mundvorräthe mit an Bord gebracht haben mußte, weil die Schiffseigner ſich durchaus nicht darauf einließen, davon irgend einen Vorrath oder eine Beiſteuer abzu⸗ laſſen. Eine finſtere, niedrige, körpereinzwingende Ka⸗ jüte, rings von Kojen umgeben, die ſämmtlich bis zum Ueberfließen mit Männern und Weibern und Kindern in verſchiedenen Stadien der Seekrankheit und des Elendes angefüllt ſind, iſt zu keiner Zeit ein ſonderlich belebender und liebenswürdiger Aufenthalt; iſt ſie aber erſt wie dies mit der Vorkajüte„der Schraube,“ jedesmal der Fall war, wenn ſie in See ſtach, ſo überfüllt, daß zur Be⸗ einträchtigung jeder, auch der mindeſten Behaglichkeit, Reinlichkeit und Schicklichkeit, Matratzen und Betten auf dem Boden umher aufgeſchichtet liegen, ſo muß nicht nur eine unüberſteigliche Schranke gegen jede heitere Stimmung vorhanden ſeyn, ſondern auch eine entſchie⸗ dene Ermuthigung von Selbſtſucht und übler Laune ſich in derſelben heranbilden. Mark fühlte dies, als er ſich hier umſah, und ſeine eigene gute Laune wurde dadurch nur noch verhältnißmäßig geſteigert. Da waren Englän⸗ der, Irländer, Walliſer und Schotten je mit ihren Vor⸗ räthen von derber Koſt und ſchäbiger Kleidung, und bei weitem der Mehrzahl nach auch mit ſehr zahlreichen Fa⸗ milien und Nachkommen. Da waren Kinder von jedem Alter vorhanden, vom Säugling an bis zum hochauf⸗ geſchoſſenen Mädchen, die faſt ebenſo zum Weibe heran⸗ gereift war als ihre Mutter;— jede Art häuslicher Leiden, die Armuth, Krankheit, Verbannung und Kummer und lange Reiſe bei ſchlechtem Wetter mit ſich bringen, war in dem kleinen Raume zuſammen gezwängt und doch gab es hier in der ungeſunden Arche unendlich weniger Zank und Hader und unendlich mehr gegenſeitigen Beiſtand Boz, Chuzzlewit. II.. 14 210⁰ und allgemeine Geſelligkeit und gegenſeitiges Wohlwollen als in manchen prunkenden Ballgemächern. Mark ſchaute ſich pfiffig um, und je länger er ſich umblickte, deſto heiterer wurde ſein Geſicht. Da beugte ſich hier ein altes Großmütterchen über das kranke Kind, das ſie in den Armen wiegte, die faſt ſo abgemagert wa⸗ ren, wie des Kindleins jüngere Glieder; dort beſſerte ein armes Weib mit einem Kind auf dem Schooß die Kleid⸗ chen eines anderen aus, und wies ein drittes zur Ruhe, das von dem dürftigen Bett auf dem Boden zu ihr herankroch. Hier beſchäftigten ſich alte Männer linkiſch genug mit allerhand keinen Haushaltungsſorgen, worin ſte ſich lächerlich gemacht haben würden, hätten ſie da⸗ durch nicht ihren guten Willen und ihre wohlwollenden Abſichten an den Tag gelegt und hier erwieſen ſchwärz⸗ liche Bürſchchen, wahre Rieſen in ihrer Art, ihrer Um⸗ gebung allerhand kleine Dienſtfertigkeiten mit ſo gutem Willen, als wären ſie die gutmthigſten Zwerge geweſen; ſogar der Blödſinnige in der Ecke, der den ganzen Tag über dort ſeine Geſichter ſchnitt, fühlte ſein Nachahmungs⸗ vermögen durch das, was um ihn her vorgieng, geweckt, und ſchnippte mit den Fingern, um ein weinendes Kind zu unterhalten. „Heda!“ rief Mark, indem er einem Weib zuwinkte, das in kleiner Entfernung von ihm ihre drei Kleinen anzog, und das Grinſen auf ſeinem Angeſicht verbreitete ſich inzwiſchen von einem Ohre bis zum andern,—„heda, Frau ſchen: gebt mir einmal wie gewoͤhnlich Einen von Euern Jungen herüber! 4 „Ich wünſchte, Ihr holtet das Frühſlück herbei, Mark, anſtatt Euch mit Leuten abzugeben, die Euch nichts an⸗ gehen!“ vief Martin ärgerlich. „Schon recht!“ verſetzte Mark,—„das kann ſie beſorgen; ich waſche ihre Kleinen, und ſie bereitet uns den Thee, Sir! Mit dem Theebereiten habe ich nie gut umgehen können, allein ſo einen kleinen Rangen kann nöthigenfall s Jeder waſchen.“ 211 Die Frau, die ſehr zart gebaut und krank war, fühlte und begriff ſeine wohlwollende Abſicht um ſo mehr, als er ſte jede Nacht mit ſeinem Ueberrock zudeckte und zu ſeinem eigenen Bett nichts anderes beſaß als die blanken Bretter und einen Teppich. Allein Martin, der ſelten aufſtand oder ſich in ſeiner Umgebung umſah, fühlte ſich von der Thorheit ſeiner Rede vollkommen gekränkt, und drückte durch ein ungeduldiges Aechzen ſeine Mißbilligung aus. „Ja, ſo iſt's auch in der That!“ ſagte Martin und bürſtete dem Kind ſo kaltblütig das Haar aus, als ob er zum Barbier erzogen und gebildet worden wäre. „Von was plaudert Ihr jetzt?“ rief ihm Martin zu. „Von dem, was Sie geſagt haben,“ verſetzte Mark, „oder was Sie meinten, als Sie Ihren Gefuͤhlen auf ſo ungeduldige Weiſe Luft machten. Ich bin ganz Ih⸗ rer Meinung, Sir, s'iſt ein hartes Loos für die gute Frau.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte Martin. „Je nun, daß ſie die Reiſe ganz allein machen muß und dabei noch dieſe jungen Hinderniſſe alle um ſich hat, und zu ſolcher Jahreszeit einen ſo fürchterlichen Weg zu⸗ rücklegen ſoll, um ſich mit ihrem Manne zu vereinigen. — Wenn Du nicht von der gelben Seife in Deinem Auge bis zum Wahuſinn getrieben werden willſt, junger Menſch!“ ſprach Mark Tapley zu dem zweiten Jungen; der inzwiſchen am Becken ſich unter ſeinen Händen be⸗ fand,—„ſo wirſt Du beſſer daran thun, wenn Du die Augen zumachſt.“ „Wo ſoll ſie denn mit ihrem Manne zuſammen⸗ treffen?“ fragte Martin Fihned. „Ich fürchte faſt, ſie weiß das ſelbſt noch nicht,“ verſetzte Herr Tapley in leiſerem Tone,„ich möchte wün⸗ ſchen, daß ſie ihn nicht verfehlt; ſie ſandte ihm jedoch ihren letzten Brief durch eine Gelegenheit zu, und da ſcheint's denn, daß die Leute ſich nicht beſonders pünkt⸗ 14* — 212 lich verabredet haben, und wenn ſie ihn daher nicht in New⸗York mit wehendem Taſchentuche am Ufer winken ſieht, wie auf den Bildern in den Liederbüchern, ſo denke ich in meinem Sinn, daß es ihr wahrlich das Herz bre⸗ chen wird.“ 4 „Aber ſagt mir doch in aller Narren Namen, wie kommt es denn, daß das Weib wegen eines ſolchen höchſt bedenklichen Abenteuers ſich an Bord eines Schiffes be⸗ geben hat?“ rief Martin. Herr Tapley ſtierte einen Augenblick nach ihm hin, wie er dort ſo ruhig in ſeiner Koje ausgeſtreckt lag und verſetzte dann im ruhigſten Tone: „Du lieber Gott! wie das zugeht, weiß ich mir nicht auszulegen. Es ſind zwei Jahre her, daß er von ihr fortgegangen iſt; das arme Weib war in ihrem ei⸗ genen Vaterlande ganz verlaſſen und einſam, und ſah ſich ſtets nach einer Gelegenheit um, wieder mit ihm zu⸗ ſammenzutreffen.'S iſt freilich ſonderbar, daß ſie gerade hier iſt, ja es iſt ganz erſtaunlich und vielleicht ein Bis⸗ chen toll, ich kann mir's wenigſtens auf keine andere Art erklären.“ Die Seekrankheit hatte Martin zu ſehr herabge⸗ ſtimmt, als daß er irgend eine Erwiederung auf dieſe Worte thun oder ſie auch nur beachten ſollte, als ſie ausgeſprochen worden waren. Da inzwiſchen auch der Gegenſtand ihrer Unterhaltung in dieſem kritiſchen Mo⸗ mente mit etwas heißem Thee zurückkam, wurde hiedurch ohnedies jeder Wiederaufnahme des Geſpräches vorge⸗ beugt, welches Herr Tapley eingeleitet hatte und dieſer begab ſich nun, als das Mahl vorüber und Martins Bett in Ordnung gebracht war, auf das Verdeck, um das Frühſtücksgeräthe zu waſchen, das aus zwei zinner⸗ nen Krügen von je einer halben Pinte und einer Raſir⸗ ſchüſſel von gleichem Metall beſtand. Von Mark Tapley müſſen wir nebenbei gerechterweiſe noch erwähnen, daß er von der Seekrankheit mindeſtens eben ſo ſehr litt als irgend ein Mann, Weib oder Kind an Bord, und daß er ————————— —, SOSA=OA* „—————,—,——-— 213 eine ganz beſondere Fähigkeit beſaß, bei dem geringſten Anlaß ſelber zu Boden zu ſtürzen oder bei jedem Schlin⸗ gern des Schiffs das Gleichgewicht zu verlieren. Da er ſich aber einmal vorgenommen hatte, auch unter den allerungünſtigſten Umſtänden„gute Miene zum böſen Spiel zu machen,“ wie er ſelbſt zu ſagen pflegte, ſo war er für die Vorkajüte gleichſam Leib und Seele, und machte ſich nicht mehr daraus, daß er mitten in der lu⸗ ſtigſten Unterhaltung bei Seite gehen und ſich in einem Anfall von Uebelkeit alles überflüſſigen Inhalts entledi⸗ gen mußte, um hernach wieder zurückzukehren und in der allerheiterſten Stimmung das Geſpräch wieder aufzu⸗ nehmen, als ob ein ſolches Verfahren ſich gewiſſermaßen von ſelbſt verſtünde und in der ganzen Welt gäng und gäbe wäre. 3 Es läßt ſich nicht gerade behaupten, daß mit dem Zu⸗ nehmen ſeiner Krankheit auch ſeine Heiterkeit und ſein guter Humor ſich ſteigerten, weil dieſe kaum eine Ver⸗ größerung zuließen; dagegen machte er ſich in demſelben Grade auch unter der Geſellſchaft ſeiner Reiſegefährten deſto nützlicher, und zeigte ſich zu jeder Tagszeit ſund allen Umſtänden dienſtfertig. Leuchtete auch nur der kleinſte Sonnenſtrahl am Firmament auf, ſo humpelte Mark eilends in die Kajüte hinunter und kehrte ſpäter wieder mit einer Frau in den Armen oder einem halben Dutzend Kindern oder einem Manne, einem Bett, einer Pfanne, oder ſonſt irgend einem belebten oder unbelebten Gegenſtande aufs Verdeck zurück, denen er überhaupt die friſche Luft für zuträglicher hielt. Erſchien etwa um Mittag ein mehrſtündiges ſchönes Wetter und lud auch diejenigen, die zu andern Zeiten oder nie aufs Verdeck kamen, ein, ſich hier zu ergehen oder in das Langboot zu kriechen oder ſich auf den Reſerveſpieren niederzuſtrecken und ihren Appetit an irgend etwas zu verſuchen, ſo be⸗ fand ſich Herr Tapley ganz gewiß mitten in der Truppe, um Pöckelfleiſch und Biscuit umherzubieten, Grog zu vertheilen und mit ſeinem Taſchenmeſſer zur größern 214 Bequemlichkeit der kleinen Kinder dieſen ihre Portionen vorzulegen oder laut aus einer altehrwürdigen Zeitung vorzuleſen, oder auch in irgend einer Geſellſchaft aus⸗ gewählter Freunde irgend ein altes Liedchen zu ſingen, oder ſolchen, die nicht ſchreiben konnten, den Anfang ihrer Briefe in die Heimath zu ſchreiben, oder Späße mit der Mannſchaft zu machen, oder ſich beinahe über das Schiff hinunterwehen zu laſſen, oder um zuweilen halb ertränkt von einer Sturzwelle wieder unter's Deck zu tauchen oder irgendwo hülfreiche Hand anzulegen— je⸗ denfalls aber, um irgend etwas zum allgemeinen From⸗ men oder zur Unterhaltung der übrigen beizutragen. Abends erſt, wenn das Kochfeuer auf dem Decke ange⸗ zündet war und die ſprühenden Funken, die durchs Tackel⸗ werk zogen und die hohen Wolken von Segeln das Schiff mit ſicherer Vernichtung durch Feuer zu bedrohen ſchie⸗ nen, falls es der Zerſtörung durch die Elemente des Waſſers und der Luft entginge, war wiederum Herr Tapley hier zu ſehen, der ohne Rock, mit über die Ell⸗ bogen aufgeſtreiften Hemdärmeln ſich allen möglichen Arten von Küchendienſt unterzog, die ſeltſamſten Gerichte braute, bei Jedermann als ausgemachte Autorität galt und allen Parteien behülflich war Etwas zu Wege zu bringen, das ſie, ſich ſelbſt überlaſſen, nicht nur nicht be⸗ reitet haben würden, ſondern wovon ſie gar keine Ah⸗ nung gehabt hätten. Kurzum, es läßt ſich gar kein all⸗ gemein beliebterer populärerer Charakter denken, als der, welchen Mark Tapley an Bord des alten und ſchnell ſegelnden Packetboots„die, Schraube“ erlangte, woſelbſt er am Ende einen ſolchen Gipfel allgemeiner Bewunde⸗ rung erreichte, daß er ernſte Zweifel zu hegen begann, ob ein Mann irgend mit Grund Anſpruch auf Ehre habe, wenn er unter ſo ermunternden Umſtänden luſtig ſey. „Wenn das bis zu Ende fortginge,“ ſprach Herr Tapley,—„ſo wäre melnes Erachtens kein großer Un⸗ terſchied zwiſchen der Schraube und dem Drachen zu be⸗ merken. Ich glaube, ich ſoll nie einige Ehre davon tra⸗ — 8&ũ- —— 89 E T 215 gen, und beginne bereits zu fürchten, daß das Fatum entſchloſſen iſt, mir leider das Leben ſo angenehm wie möglich zu machen. „He da, Mark!“ rief ihm Martin zu, weil er ſich in der Nähe von deſſen Koje beſagten halblauten Be⸗ trachtungen überlaſſen hatte,—„wann wird denn dieſes Hundeleben endlich vorüber ſeyn?“ „In zehn Tagen etwa, Sir!“ verſetzte Mark;— „die Leute meinen, wir werden zu Ende der nächſten Woche wahrſcheinlich in den Hafen einlaufen. Das Schiff geht gerade im jetzigen Augenblick ſo ruhig und geſcheidt ſeinen Weg, als ein Schiff nur immer kann, obwohl ich glaube, daß dies nicht eben ein beſonders hohes Lob iſt.“ „Dieſe Meinung theile ich in der That auch,“ murrte Martin aus ſeiner Koje hervor. „Ei, Sir,“ meinte Mark,„ich dächte, Sie würden ſich weit beſſer befinden, wenn Sie ein Bischen aufſtün⸗ den und auf das Verdeck gingen!“ „Damit mich all die Herren und Damen vom Hin⸗ terdecke ſehen?“ erwiderte Martin und legte einen zür⸗ nenden verächtlichen Nachdruck auf dieſe Worte,—„daß ſie mich mit dem Bettelvolke hier verwechſeln, mit dem ich leider in dieſem abſcheulichen Loche zuſammengeſtaut bin? Ja, wahrlich! das könnte mir eine ordentliche Erleichterung gewähren.“. 3 „Ich danke meinem Schöpfer, daß ich nicht aus eigner Erfahrung ſagen kann, was die Gefühle eines Herrn von Stande unter ſolchen Umſtänden ſeyn mögen!“ rief Mark,—„allein doch wäre ich der Anſicht, Sir! daß einem Herrn von Stande hierunten doch weit un⸗ behaglicher ſeyn muß, als droben in der friſchen Luft, beſonders, wenn die Herrn auf der Hinterkajüte kein Haar mehr von ihm wiſſen, als er von ihnen, und ſich vermuthlich ſeinethalben auch nicht mehr die Köpfe zer⸗ brechen, als er ihrethalben!— Das wäre in der That meine unumwundene Meinung.“ 4 „So laßt Euch ſagen,“ verſetzte Martin,—„daß 216 Ihr hierin auf dem Holzwege ſeyd und unſer Einer das beſſer verſtehen muß.“ „Je nun, Sir, das iſt ſehr wahrſcheinlich!“ verſetzte Mark mit nnverwüſtlicher guter Laune,„das paſſirt mir haͤuftg.“ „Glaubt Ihr denn?“ rief Martin, der ſich jetzt emporrichtete und mit einem ärgerlichen Blick auf ſeinen Begleiter ſich auf den Ellbogen ſtützte,—„glaubt Ihr denn, ich finde ein beſonderes Vergnügen darin, auf dieſe Weiſe hier unten zu liegen?“ 1 „Bah!“ verſetzte Herr Tapley,—„alle Narren⸗ häuſer in der Welt wären nicht im Stande, einen ſol⸗ chen Narren hervorzubringen, wie der Mann ſeyn muß, der etwas Derartiges behaupten könnte.“ „Je nun, warum quält und drängt Ihr mich als⸗ dann immer, daß ich aufſtehe?“ fragte Martin.„Ich liege bloß hierunten, weil es mir nicht lieb wäre, daß in den einſtigen beſſeren Tagen, denen ich ent⸗ gegenſehe, irgend einer der geldſtolzen Philiſter mich für Denjenigen erkennte, der unter den Zwiſchendecks⸗ paſſagieren die Ueberfahrt auf dem Schiffe mit ihm machte. Ich liege hier, weil ich mich ſelbſt und meine Umſtände zu verhehlen wünſche, und in der neuen Welt nicht an⸗ kommen möchte, um durch den Anſchein eines blutarmen Menſchen mich demüthigen und beleidigen laſſen zu müſ⸗ ſen; wäre es mir möglich geweſen, das Geld zu der Ueberfahrt in der Hinterkajüte zu erſchwingen, ſo würde ich den Kopf eben ſo hoch tragen als die Uebrigen; da ich es aber nicht kann, verberge ich mich lieber.“ „Es thut mir recht leid, Sir!“ verſetzte Mark,— „ich hätte nicht gedacht, daß Sie ſich das ſo zu Herzen nähmen.“ „Das konntet Ihr Euch auch nicht denken,“ verſetzte ſein Herr;—„wie wolltet Ihr es denn wiſſen, wenn ich Euch es nicht ſagte? Euch, Mark, muß es natürlich leicht fallen, ſich behaglich zu fühlen und mit dem Schwall der Leute zu verkehren. Es iſt eben ſo natürlich, daß Ihr ———— ◻ 217 es unter gegenwärtigen Umſtänden thut, als es begreiflich iſt, daß ich es bleiben laſſe. Sagt mir, Mark, haltet Ihr es denn irgend für möglich, daß es noch Ein leben⸗ des Weſen an Bord des Schiffes gibt, das hier nur halb ſo viel zu erdulden hat, als ich?“ ſetzte er fragend hinzu, indem er ſich in ſeiner Koje vollends aufrichtete und mit dem Ausdruck großen Ernſtes, in den ſich auch einige Verwunderung miſchte, auf Mark blickte. Mark verzerrte ſein Geſicht zu einem dichten Knoten, legte den Kopf gar ſcharf auf eine Seite und erwog dieſe Frage mit ſo ernſter Bedächtigkeit, als ob es ihm ſchwer falle, hierauf eine Antwort zu geben; er wurde jedoch aus dieſer Verlegenheit von Martin ſelbſt befreit, der ſich wieder der ganzen Länge nach ausſtreckte, ein Buch, worin er geleſen hatte, wiederum öffnete und mürriſch anhob: „Wozu ſoll es führen, daß ich Euch einen ſolchen Fall vorlege, wenn das, was ich geſagt habe, dem we⸗ ſentlichen Inhalte nach von der Art iſt, daß Ihr es mög⸗ licherweiſe gar nicht verſtehen könnt! Bereitet mir jetzt ein Bißchen Grog— er muß kalt und ſehr ſchwach ſeyn — reicht mir einen Zwieback und ſagt Eurer Freundin, die für uns eine nähere Nachbarin iſt, als uns lieb ſeyn kann, ſie möge doch in der kommenden Nacht ihre Kinder ſtillen und ruhiger erhalten, als in der vergangenen, wenn wir gut Freund bleiben ſollen.“ Herr Tapley ließ ſich angelegen ſeyn, dieſen Befehlen auf's Raſcheſte nachzukommen, und es iſt Grund vor⸗ handen zu denken, daß während ihrer Ausführung ſein ſchlaftrunkener Witz und ſeine Munterkeit ſich plötzlich wie⸗ der belebten, ſintemalen er zu verſchiedenen Zeiten ganz insgeheim bemerkte, die„Schraube“ habe unſtreitig einige entſchiedene Vorzüge vor dem Drachen, in Betreff des Einfluſſes, den ſie auf irgend Jemanden ausübe, ſeine Munterkeit und Luſtigkeit ſich zum Verdienſt anrechnen zu dürfen. Er machte ferner die Wahrnehmung, daß der Gedanke, er dürfe ihren Hauptvorzug mit ſich an's Land nehmen und unter allen Umſtäͤnden und auf allen Wegen 218 beſtändig mit ſich führen, ihm die höchſte Freude bereite; allein er ließ ſich nicht herbei, näher zu erklären, was er unter dieſen tröſtlichen Gedanken eigentlich verſtehe. Eine eigentliche Aufregung herrſchte nun nachgerade an Bord und man äußerte unumwunden verſchiedene Prophezei⸗ hungen in Betreff des Tages und ſelbſt der Stunde, zu wel⸗ cher man in New⸗York einlaufen würde. Auf dem Ver⸗ deck war von nun an unendlich mehr Gedränge zu bemer⸗ ken, und mehr als ſonſt blickten die Paſſagiere vom Schiffs⸗ bord aus von allen Seiten ſich nach Land um; es ward in der That zu einer Art epidemiſcher Wuth, jeden Mor⸗ gen alles Mögliche einzupacken, was man alsdann Abends wieder auspacken mußte. Wer Empfehlungsbriefe abzu⸗ geben hatte oder Freunde zu treffen hoffte, oder irgend entſchiebene Abſichten hatte, ein gewiſſes Ziel zu erreichen, oder eine beſtimmte Handlung vorzunehmen, beſprach ſich wohl hundertmal des Tages über ſolche Ausſichten. Da aber dieſe Klaſſe der Paſſagiere ſehr klein und die Zahl derjenigen, die gar keine Ausſichten irgend einer Art hat⸗ ten, überſchwenglich groß war, gab es natürlich überwie⸗ gend mehr Zuhörer, als Sprecher. Wer die ganze Reiſe über krank geweſen war, genas nun plötzlich, und ſelbſt diejenigen, welche ſich auf der Reiſe wohlbefunden hatten, fühlten ſich beſſer zu Muthe. Ein Amerikaner von Stande in der Hinterkajüte, der die ganze Ueberfahrt hindurch in Pelzwerk und Wachstuch gehüllt war, erſchien nun höchſt unerwartet in einem großen, ſehr glänzenden, ſchwarzen Hute und muſterte fortwährend ein kleines Felleiſen von hellem Leder, das ſeine Kleider, Wäſche, Bürſten, Raſir⸗ zeug, Bücher, Kleinodien und anderes Gepäcke enthielt. Er ſteckte ebenfalls die Hände tief in die Taſchen und ſpa⸗ zierte mit weit geöffneten Nüſtern auf dem Verdeck um⸗ her, als wolle er ſchon jetzt die Luft der Freiheit einath⸗ men, die allen Tyrannen Tod bringt und(unter den intereſſanteſten Umſtänden) nie von Sklaven eingeathmet werden kann. Ein Englaͤnder von Stande, der ſtark im Verdacht ſtund, irgend einer Bank davon gelaufen zu ſeyn „—— N — ꝗ R N——6—- 8ExKAANANU Ae 219 und irgend Etwas davon mitgenommen zu haben, das eben ſo wenig als der Schlüſſel der Kaſſe ihm gehörte, hielt ſehr beredte Vorträge über Menſchenrechte und ſummte beſtändig die Melodie der Marſeillaiſe. Mit einem Wort, eine einzige große Aufregung herrſchte durch das Fahrzeug, und Amerika's freier Boden lag dicht vor den Reiſenden, am Ende ſo dicht, daß ſie in einer gewiſſen ſternhellen Nacht einen Lootſen an Bord nahmen, ein paar Stunden ſpäter bis zum Morgen beilegten, und die Ankunft eines Dampf⸗ bootes erwarteten, das ſämmtliche Paſſagiere an's Land bringen ſollte. Am andern Morgen, kurz nach Tagesanbruch langte das Dampfboot endlich an, blieb eine Stunde etwa an der Langſeite der„Schraube“ liegen— während welcher Zeit ſogar die Heizer des Dampfboots Gegenſtände von kaum geringerem Intereſſe und Werthe abgaben, als wenn ſie eben ſo viele gute oder böſe Engel geweſen wären— und nahmen die geſammte lebendige Fracht der Schraube an Bord. Unter dieſen befand ſich natürlich auch Mark, der abermals ſeine Freundin und ihre drei Kinder unter ſeinen beſonderen Schutz genommen, und Martin, der ſich wieder in ſeine gewöhnlichen ſchmucken Kleider geworfen, aber einen beſchmutzten alten Mantel über ſeinem beſſern An⸗ zuge trug, bis die Zeit da wäre, wo er ſich für immer von ſeinen Reiſegefährten trennen ſollte., Das Dampfboot, das mit ſeiner Maſchine auf dem Verdeck irgend einem in's Ungeheure vergrößerten Inſekt oder einem antidiluvianiſchen Ungeheuer gleichſah, das nun mit ſeinen langen dünnen Beinen ſich vorwärts bewegte, arbeitete ſich mit großer Eile eine prächtige Meerbucht hin⸗ auf, an deren Rande bald etliche Anhöhen und Inſeln, und eine lange flache, weithin gebreitete Stadt zum Vor⸗ ſchein kamen. „Dies alſo!“ rief Herr Tapley, der über das Vor⸗ dertheil des Schiffes hinweg vor ſich hin in die Ferne ſtierte,—„dies alſo iſt das Land der Freiheit, nicht 220 wahr?— Je nun, das freut mich, nach ſo viel Waſſer iſt mir am Ende jedes Land willkommen.“ Siebentes Kapitel. Worin Martin ſich von dem edlen und ſchnellſegelnden Paketboote, die„Schraube,“ ausſchifft, und im Hafen von New⸗York den Boden der vereinigten Staaten von Amerika zum erſtenmal betritt. Er macht verſchiedene Bekanntſchaften, und ſpeist in einem Gaſthauſe; — die näheren Umſtände dieſer verſchiedenen Unternehmungen. Etliche unbedeutende Aufregung herrſchte am Nande und Saume dieſes Landes der Freiheit. Am Tage zuvor war nämlich ein Alderman gewählt worden, und da bei einer ſo verlockenden Verlegenheit der Parteigeiſt natürlich einen regeren Anlauf nehmen mußte, hatten die Anhänger des unglücklichen Kandidaten es für nöthig erachtet, die erha⸗ benen Grundſätze unumſchränkter Meinungsfreiheit und parteiloſer Wahl dadurch an den Tag zu legen, daß ſie verſchiedenen Leuten Arme und Beine zerſchlugen, und uͤber⸗ dem noch einen höchſt unſchädlichen Mann von Stande durch die Straßen verfolgten, dem ſie die Naſe aufzu⸗ ſchlitzen beabſichtigten. Dieſe gutmüthigen kleinen Aus⸗ brüche einer allgemeinen Volkslaune waren an und für ſich noch nicht merkwürdig genug, nach Verlauf einer ganzen Nacht irgend ein ſonderliches Aufſehen zu machen, ſondern ſie fanden vielmehr friſches Leben und neue Bedeutung im Munde der Zeitungsausträger, welche ſie mit gellendem Geſchrei nicht nur auf allen Haupt⸗ und Nebenſtraßen der Stadt, auf den Quais und unter den Schiffen verkündig⸗ ten, ſondern damit ſogar auf's Dampfboot kamen und ſie hier auf dem Deck und in den Kajüten des Dampf⸗ boots zum Beſten gaben, das, noch ehe es das Ufer er⸗ reicht hatte, von einer ganzen Legion dieſer jungen Bürger geentert und beſtürmt wurde. „Hier iſt der New⸗Yorker Kloak von heute Früh!“ rief einer von ihnen;—„hier iſt der heutige New⸗Yorker Erdolcher!— Hier iſt der New⸗Yorker ———,18— O&—,=ͤ— 2—=9 2=ͤObSͤ kͤͤSEEE S=VES —. A eͤ—— An 221 Familienſpion!— Hier iſt der New⸗Yorker Pri⸗ vatlauſcher!— Hier iſt der New⸗Yorker Gucker! — Hier iſt der New⸗Yorker Plauderer!— Hier iſt der New⸗Yorker Schlüſſelloch⸗Beobachter!— Hier iſt das New⸗Yorker Scandalblatt!— Hier ſind alle New⸗Yorker Zeitungen!— Hier find die ge⸗ naueſten Berichte über die geſtrige patriotiſche Loco⸗ focobewegung, worin die Whigs ſo koſtbar aus dem Felde geſchlagen wurden!— Hier iſt ein Bericht über die letzten Raufhändel in Alabama, worin einem die Augen ausgeſchnellt wurden!— Hier iſt zu leſen die intereſſante Schilderung des letzten Duells in Arkanſas auf Bowiemeſſer!— Hier finden Sie alle politiſchen und Handelsneuig⸗ keiten ſammt Modeberichten!— Hier ſind ſie! SHier ſind ſie!— Hier ſind die Zeitungen, wer kauft ſie? „Hier iſt der Kloak!“ rief ein Anderer;—„hier iſt der New⸗Yorker Kloak! Hier ſind einige Exemplare von dem zwölften Tauſend des heutigen Kloak, darinnen die beſten Schilderungen über den Markt und alle Schiffs⸗ neuigkeiten enthalten ſind, ſowie auch vier ganze Spal⸗ ten vaterländiſche Korreſpondenz und eine getreue Schil⸗ derung des Balls bei Frau White in vergangener Nacht, wo die ganze elegante und ſchöne Welt von New⸗York verſammelt war!— der Kloak gibt noch ganz beſondere Anmerkungen und genaue Notizen über das Privatleben ſämmtlich anweſender Damen!— Hier iſt der Kloak! hier ſind Exemplare von dem zwoͤlften Tauſend des New⸗ Yorker Kloak; es iſt darin enthalten die ausführliche Schilderung der verfluchten Rotte im Wall⸗Street(der City, d. h. dem belebteſten kommerziellen Theile von New⸗York), welche durch den Kloak an den Pranger ge⸗ ſtellt wird!— Hier ſtellt der Kloak ferner die Rotte von Washington an den Pranger! Hier gibt der Kloak fer⸗ ner einen ganz beſondern Bericht von einer abſcheulichen in flagranti entdeckten Schandthat, die der Staats⸗ ſekretär begangen, als er acht Jahre alt war, und die nun 222 gegen großen Erſatz von ſeiner eigenen Amme mitgetheilt worden iſt! Hier iſt der Kloak, hier iſt der New⸗Yorker Kloak! vom zwölften Tauſend, worin eine ganze Spalte von New⸗Yorker Bürgern mit ganz ausgeſchriebenen Namen anfgeführt wird, die demnächſt näher beleuchtet werden ſollen!— Hier iſt der Artikel des Kloak über den Nichter, welcher ihn vorgeſtern wegen Schmähung beſtraſte, und der Tribut des Kloaks an die unabhängige Jury, die ihn nicht verurtheilte, und die Schilderung des Kloaks von demjenigen, was ſie von ihm zu erwarten gehabt hätten, falls ſie gewagt haben würden, ihn zu verurtheilen! Hier iſt der Kloak!— Hier iſt der rege wachſame thätige Kloak, das einflußreichſte Journal der vereinigten Staaten, das ſtets auf der Lauer liegt, und nun in ſeinem zwölften Tauſend gedruckt wird, und noch immer nicht genug Auflage hat, um dem allgemeinen Bedürfniß zu genuͤgen,— hier iſt der New⸗Yorker Kloak!“— „Sehen Sie, durch ſolche erleuchtete Mittel ver⸗ ſchaffen ſich die aufwallenden Leidenſchaften meines Vater⸗ landes Luft!“ ſprach eine Stimme faſt in Martin's Ohr. Martin drehte ſich unwillkührlich um und ſah hart neben ſich einen bleichen Herrn mit eingefallenen Wangen, ſchwarzem Haar, kleinen blinzelnden Angen und einem eigenthümlichen Ausdruck um dieſen Theil ſeines Geſichts, der weder Hohn, noch Zorn andeutete und doch auf den erſten Blick für eines von Beiden gelten konnte. Es wäre in der That auch ſehr ſchwer geweſen, ſelbſt bei weit näherer Bekanntſchaft es auf irgend eine bezeich⸗ nendere Weiſe zu beſchreiben, als dadurch daß man dieſe Miene für einen Ausdruck gemeiner Abgefeimtheit, mit Heimtücke und Dünkel vermiſcht, erklärte. Zur Vermeh⸗ rung der Weisheit und des Anſehens ſeiner Erſcheinung trug beſagter Herr einen breitrandigen Hut, und ſtand nun mit verſchränkten Armen da, um ſeiner Stellung mehr Ausdruck und gebietende Hoheit zu geben. Er war etwas ſchäbig in einen alten blauen Ueberrock gekleidet, — ——9— 223 der ihm faſt bis zu den Knöcheln herabging, trug kurze weite Beinkleider von derſelben Farbe und eine verſchoſ⸗ ſene gelbe Weſte, zwiſchen der ſich ein ſchmutziger Jabot gewaltſam bemerklich zu machen ſuchte, als wolle auch er eine Gleichheit ſeiner bürgerlichen Rechte mit den übrigen Beſtandtheilen der Kleidung in Anſpruch nehmen, und auf eigene Rechnung und Gefahr eine Erklärung ſeiner Unabhängigkeit an den Tag legen. Die Füße des beſagten Burſchen waren von ungewöhnlich großem Maaße und nachläſſig übereinander geſchlagen, als er ſo halb lehnend, halb ſitzend ſeinen Rücken gegen die Bruſtwehr des Dampfbootes ſtemmte. Ein dickes ſpaniſches Rohr mit plumper eiſerner Zwinge und einem ſchweren Me⸗ tallknopfe hing an einem mit Quaſten verſehenen leinenen Bande von ſeinem Handgelenke herab. In dieſem Auf⸗ zuge, mit dem ſichtlichſten Beſtreben, ſich dadurch ein Anſehen der höchſten Würde und Wichtigkeit zu geben, verzerrte beſagter Herr den rechten Mundwinkel und das rechte Auge zugleich, und wiederholte abermals: „Sehen Sie, durch ſolche erleuchtete Mittel ver⸗ ſchaffen ſich die Leidenſchaften meines Vaterlandes einen Abzugskanal!“. Weil er hiebei Martin in's Geſicht blickte und ſonſt Niemand in der Nähe war, neigte ihm Martin den Kopf zu und fragte: 3 „Wie meinen Sie, Sir?“ „Ich meine das Palladium vernünftiger Freiheit in unſerem Vaterlande, Sir! und den Popanz für fremde Unterdrückung im Auslande!“ verſetzte der Herr, indem er mit ſeinem Stoſk auf einen ungewöhnlich ſchmutzigen und einäugigen Zeitungsknaben wies;—„ich meine den Gegenſtand des Neides, Sir, für die ganze Welt und die Heimath des Volks, das an der Spitze der menſchlichen Civiliſation ſteht. Darf ich Sie fragen, Sir?“ fügte er hinzu, indem er die eiſerne Zwinge ſeines Stocks nachdruͤcklich auf das Verdeck ſtieß und die Miene eines 224 Mannes annahm, der nicht mit ſich ſpaßen läßt;— „darf ich fragen, wie Ihnen mein Vaterland gefällt?“ „Ich bin kaum im Stande, dieſe Frage ſchon jetzt zu beantworten, da ich noch nicht einmal am Lande ge⸗ weſen bin!“ gab Martin zur Antwort. „Nun ja, Sir!“ verſetzte der fremde Herr;—„ich konnte mir denken, daß Sie nicht darauf vorbereitet waren, ſolche Beweiſe von Nationalwohlſtand zu ſehen, wie dieſe um uns her ſind!“ Er deutete dabei mit ſeinem Stocke auf die vor den Löſchungsplätzen liegenden Schiffe, und ſchwang ihn dann leicht und unbeſtimmt ringsumher, als wolle er im All⸗ gemeinen Luft und Waſſer in dieſer Bemerkung ebenfalls mit inbegriffen wiſſen.— „Ich weiß in der That nicht,“ verſetzte Martin,„ob ich das bejahen darf; doch ja— meinetwegen— ich denke, ich war nicht darauf vorbereitet.“ Der Herr warf ihm einen ſehr bedeutſamen Blick zu, und verſicherte ihm, daß ihm ſeine Politik gefalle. Es ſey ſehr natürlich, meinte er, und er gefalle ſich als Philoſoph darin, die Vorurtheile der menſchlichen Natur zu beobachten. „Sie haben, wie ich ſehe, Sir,“ ſprach er weiter indem er ſich plötzlich nach Martin umdrehte und ihn, mit dem Kinn auf den Stockknopf geſtützt, anblickte,— „die gewöhnliche Summe von Elend und Armuth und Unwiſſenheit und Verbrechen herüber gebracht, um ſie am Buſen der großen Republik niederzulegen;— je nun, Sir, mögen auch ganze Schiffsladungen voll aus der alten Welt zu uns herüber kommen, das Sprichwort ſagt: Wenn Schiffe verſinken wollen, ſo machen ſich die Ratten davon; mir däucht es liegt eine unlängbare Wahr⸗ heit in dieſer Bemerkung.“ „Das alte Schiff wird vielleicht noch ein Paar Jähr⸗ chen länger flott bleiben,“ verſetzte Martin lächelnd, denn er war zum Theil durch die Rede dieſes Herrn und theils auch durch die höchſt ſonderbare Weiſe, worin er ſie zum 4* 2 —— ↄ 8 I N 7 225 Beſten gab, zum Lachen gebracht worden, denn der Fremde legte einen ganz beſondern Nachdruck auf die kleinen Worte und Sylben ſeiner Rede und kümmerte ſich um die andern faſt gar nicht, als dächte er, die größern Rede⸗ theile werden ſich ſchon allein begreifen und nur die klei⸗ neren bedürften einer beſondern Pflege und Aufſicht. „Der Dichter,“ fuhr der Fremde fort;—„nennt die Hoffnung vielleicht mit Recht die Amme junger Wünſche, Sir!“ Martin bedeutete ihm, bereits gehört zu haben, daß die betreffende Cardinaltugend zuweilen ſich ſolchen häus⸗ lichen Verrichtungen unterziehe. „Geben Sie Acht!“ verſetzte ihm der Herr,„Sie werden im gegenwärtigen Falle finden, daß ſie ihren Säugling nicht groß ziehen wird.“ „Die Zeit wird's lehren,“ verſetzte Martin. Der Fremde nickte höchſt bedächtig mit dem Kopfe und fragte:„Wie heißen Sie, Sir?“ Martin nannte ſich ihm. „Wie alt ſind Sie, Sir?“ fuhr Jener fort. Auch hierüber ſtand Martin ihm Rede. „Welches Gewerbe betreiben Sie, Sir?“ fragte Jener weiter. Martin gab ihm ebenfalls Auskunft. „Welchen Lebensplan verfolgen Sie, Sir?“ fragte der Herr ſchließlich. „In der That,“ verſetzte Martin Aachend,—„hier⸗ über kann ich Ihnen die verlangte Auskunft nicht geben, da Sie mehr zu wiſſen verlangen, als ich vor der Hand nooch ſelbſt weiß.“ „Iſt's möglich?“ fragte der Fremde. „Allerdings!“ gab ihm Martin zur Antwort. Der Fremde nahm ſeinen Stock unter den linken Arm und fixirte Martin mit noch frecherem und ent⸗ ſchiedenerem Weſen als er ſeither gethan hatte. Wie endlich beſagte Muſterung zu Ende war, ſtreckte er Mar⸗ Boz, Chuzzlewit. II. 15 226 tin ſeine Hand entgegen, drückte ſie ihm tüchtig und ſagte: „Mein Name iſt Oberſt Diver, Sir; ich bin Re⸗ dakteur und Herausgeber des New⸗Yorker Skandalblattes.“ Martin nahm dieſe Mittheilung mit jenem Grade von Ehrerbietung entgegen, die ihm eine ſo ausgezeichnete Ankündigung zu erheiſchen ſchien. „Das New⸗Yorker Skandalblatt,“ fuhr der Oberſt fort,—„iſt das Organ der Ariſtokratie in unſerer Stadt, wie Sie hoffentlich bereits wiſſen werden.“ „Es gibt alſo auch hier eine Ariſtokratie?“ fragte Martin;—„und aus was beſteht ſie denn, wenn ich bitten darf?“ „Aus dem Verſtande, Sir,“ gab der Oberſt zur Antwort;—„aus dem Verſtande und der Tugend und aus der nothwendigen Folge Beider, aus dem Gelde nämlich.“ Martin ſchien hierüber hoch erfreut zu ſeyn, da er ſich überzeugt fühlte, daß wenn Verſtand und Tugend im gemeinen Lauf der Dinge zum Erwerb von Dollars führ⸗ ten, er bald ein großer Kapitaliſt werden müßte. Er war eben im Begriff, das Entzücken auszudrücken, das ihm derartige Neuigkeiten bereiten mußten, als ihn der Kapitän des Schiffes unterbrach, der in dieſem Augen⸗ blick heraufgekommen war, um dem Oberſt die Hand zu drücken, und der nun, als er einen wohlgekleideten Frem⸗ den auf dem Deck ſah— Martin hatte indeſſen nämlich ſeinen Mantel abgelegt— auch dieſem die Hand drückte. Dies war für Martin ein unausſprechlicher Troſt, da er doch trotz der überwiegenden anerkannten Supre⸗ matie von Verſtand und Tugend in dieſem glückſeligen Lande höchſt erbost geweſen wäre, hätte er vor Oberſt Diver in der ärmlichen Eigenſchaft eines Zwiſchendecks⸗ paſſagiers erſcheinen müſſen. „Guten Tag, Kapitän!“ rief der Oberſt. „Gleichfalls, Oberſt!“ rief der Kapitän;—„Sie ſehen ungewöhnlich ſchmuck aus, Sir, und ich kann mich . 148——,—, ͤ 0⸗ — 8 N=—ꝗNͤ— XA SͤA&ᷣ R 227 kaum überzeugen, daß Sie es ſind, obwohl ich es fuͤr eine handgreifliche Thatſache halten muß.“ „Gute Fahrt gehabt, Kapitän?“ fragte der Oberſt, indem er ihn bei Seite nahm. 3 „Paſſabel! Es war eine ziemlich günſtige Fahrt, Sir, was das Wetter anbelangt!“ ſprach oder ſang viel⸗ mehr der Kapitän, der ein ächter und eingefleiſchter Neu⸗ engländer war. „Wirklich?“ fragte der Oberſt. „O ja, Sir! das war's in der That,“ entgegnete der Kapitän,„ich habe ſo eben die Paſſagierliſte durch einen Jungen auf Ihr Bureau geſandt, Oberſt!“ „Sie haben vermuthlich einen andern Schiffsjungen übrig behalten, Kapitän?“ verſetzte der Oberſt in einem Ton, der faſt an Strenge grenzte. „Ich denke, es ſind ihrer wohl ein Dutzend da, Oberſt, falls ſie eines derſelben benöthigt ſeyn ſollten!“ gab der Kapitän zur Antwort. „Nun ja,“ verſetzte der Oberſt nachdenklich,„einer von den Rangen, wenn er auch nur ein Halbwüchſiger wäre, könnte vielleicht ein Dutzend Flaſchen Champagner nach meinem Bureau bringen?— Sie nannten ja, wenn ich nicht irre, Ihre Fahrt eine recht günſtige?“ „Das war ſie in der That auch,“ gab der Kapitän zur Antwort. „Sie wiſſen ja, es iſt nicht weit hin,“ fuhr der Oberſt fort;—„mich freut's, daß Ihre Fahrt günſtig war, Kapitän! Sie brauchen mir nicht gerade Maaß⸗ flaſchen zu ſchicken, wenn Sie nicht hinreichend mit den⸗ „ſelben verſehen ſind; der Junge darf mir ebenſowohl vierundzwanzig Pinten bringen und kann den Auftrag eben ſo gut auf zwei Gängen beſorgen, als auf Einem.— Die Fahrt war alſo ſehr günſtig, Kapitän, nicht wahr?“ „Wahrhaft himmliſch günſtig,“ verſetzte der Schiffs⸗ herr. „Ich freue mich und bewundere Ihr gutes Glück, 15ö Kapitän,“ fuhr der Oberſt fort.—„Sie könnten mir zugleich auch einen Korkzieher und ein halb Dutzend Gläſer gefälligſt borgen; wie tückiſch auch die Elemente ſich gegen die„Schraube,“ meines Vaterlandes edelſtes Paquetboot, verſchwören mögen, Sir!“ fuhr er fort, in⸗ dem er ſich zu Martin wandte und ſeinen Stock ſchwin⸗ gend über das Deck hindeutete,„darf man doch überzeugt ſeyn, daß es auf der Hinfahrt wie auf der Herfahrt ſtets eine günſtige Fahrt macht.“ Der Kapitän, der in dieſem Augenblick dem Redak⸗ teur des„Kloaks“ gerade unten in einer Kajüte ein koſt⸗ bares Gabelfrühſtück gab, während der liebenswürdige „Erdolcher“ ſich in einer andern toll und voll ſoff, nahm einen herzlichen Abſchied von ſeinem Freunde und Gön⸗ ner, dem Oberſten, und eilte hinweg, um den Cham⸗ pagner fortzuſchicken, da er, wie ſich's nachher heraus⸗ ſtellte, bereits wußte, daß er den Herausgeber des Skan⸗ dalblattes ſich geneigt machen mußte, wenn er nicht Ge⸗ fahr laufen wollte, daß beſagter Potentat ihn und ſein Fahrzeug mit lauter großen Buchſtaben an den Pran⸗ ger ſtellen würde, ehe er noch um einen Tag älter war, und daß er vermuthlich dabei auch ſeiner Mutter nicht ſchonen dürfte, die ſchon ſeit mehr als zwanzig Jahren das Zeitliche geſegnet hatte. Der Oberſt befand ſich nun wieder mit Martin allein, hielt dieſen zurück, als er ſich entfernen wollte, und erbot ſich gegen ihn, in Anbetracht deſſen, daß er ein Engländer ſey, ſeinen Wegweiſer in der Stadt zu bilden, und ihn, falls dies ſein Wunſch wäre, nach einem anſtändigen Speiſehauſe zu bringen. Er meinte jedoch, bevor ſie ſich zu einem ſolchen Unter⸗ nehmen anſchickten, würde er es ſich ſehr zur Ehre rech⸗ nen, wenn Martin ihm im Bureau des Skandalblattes das Vergnügen göoönnen wollte, eine Flaſche des auf ſo ſinnreiche Weiſe von ihm eingeführten Champagners mit ihm zu leeren. All dies war ſo ausnehmend freundlich und gaſt⸗ lich, daß Martin bereitwillig ſeine Zuſtimmung gab, ob⸗ 229 wohl es noch ziemlich früh Morgens war. Er gab da⸗ her Mark den Auftrag,— Mark war nänlich bereits wieder angelegentlich mit ſeiner Freundin und ihren drei Kindern beſchäͤftigt,— wenn er dieſer Frau den noͤthi⸗ gen Beiſtand geleiſtet und das Gepäck an's Land ge⸗ ſchafft habe, im Bureau des Skandalblattes weiterer Ver⸗ haltungsmaßregeln gewärtig zu ſeyn, und folgte ſodann ſeinem neuen Freunde an's Land. Sie bahnten ſich ſo gut wie möglich ihren Weg durch den traurigen, erbarmenswerthen Haufen der Aus⸗ wanderer auf dem Quai,— die armen Lutchen, die jetzt um ihre Betten und Koffer auf kahlem Erdboden und unter freiem Himmel ſich zuſammengedrängt hatten, wuß⸗ ten eben ſo wenig von dem neuen Lande, das ſie betre⸗ ten hatten, als ob ſie ſo eben erſt von einem ganz an⸗ dern Planeten herabgefallen wären— und ſpazierten nun eine Weile eine geſchäftige Straße entlang, die auf ei⸗ ner Seite durch die Quais und vor Anker liegende Schiffe, auf der andern aber durch eine lange Reihe großmächtiger Waarenhäuſer und Geſchäftslokale aus rothen Backſteinen begrenzt war, an welch letzteren mehr ſchwarze Schilde mit weißen Buchſtaben und weiße Schilde mit ſchwarzen Buchſtaben als Verzierung hiengen, als Martin je zuvor auf einem fünfzigmal größeren Raume geſehen hatte; bald darauf bogen ſie in ein ſchmales Gäßchen ein, das wieder auf andere ſchmale Gaſſen mün⸗ dete, bis ſie endlich an einem Hauſe anhielten, woran mit großen Buchſtaben die Inſchrift angemalt war: „Skandalblatt.“ Der Oberſt, der den ganzen Weg über die eine Hand in der Bruſt getragen, ſeinen Hut auf's Ohr ge⸗ drückt und den Kopf von Zeit zu Zeit von einer Seite zur andern gewiegt hatte, wie ein Mann, den das Be⸗ wußtſeyn ſeiner eigenen Größe bis zur Unbehaglichkeit plagt, führte über eine düſtere, ſchmutzige Treppe ſei⸗ nen Gaſt in ein Zimmer von ähnlichem Charakter, deſ⸗ ſen Boden mit allen moͤglichen Fetzen und Enden von Zeitungen und andern zerknitterten Fragmenten von Druck⸗ ſchriften ſowohl als Manufkripten uͤberſät war; hinter ei⸗ nem armen, wurmſtichigen Schreibtiſche in dieſem Ge⸗ mach ſaß eine Geſtalt mit einem Federſtumpf im Munde und einer großen Scheere in der Rechten, die an einem Stoß Skandalblätter herumzwickte und beſchnitt, und eine ſo lächerliche Figur abgab, daß Martin nur mit Mühe ſeinen Ernſt bewahren konnte, obwohl er überzeugt war, daß Oberſt Diver ihn auf's Genaueſte beobachtete. Das Individuum, das, wie vorhin bemerkt, beſag⸗ ten Stoß der Skandalblätter beſchnitt, war ein junger Herr von höchſt unvergohrenem Ausſehen und einem Ge⸗ ſicht von ſchwindſüchtiger Bläſſe, das theilweiſe vielleicht von ſeinem tiefen Nachdenken, noch wahrſcheinlicher aber theilweiſe von dem überreichen Gebrauch des Ta⸗ backs herrührte, womit er ſich in dieſem Augenblick ge⸗ rade den ganzen Mund voll geſtopft hatte. Er hatte ſeinen Hemdkragen über einen ſchmalen Streifen Hals⸗ tuch heraus gelegt, und ſein dünnes Haar, einer höchſt zerbrechlichen Perücke ähnlich, war nicht allein von der Stirn aus glatt nach hinten geſtrichen, damit ja nichts von dem poetiſchen Werthe ſeines Anblicks verloren ging, ſondern war auch da und dort ſammt der Wurzel ausgerottet worden, woraus ſich denn das Vorhanden⸗ ſeyn einer bedeutenden Anzahl von Sommerſproſſen in ihrer höchſten Entwicklung leicht erklären ließ. Seine Naſe gehörte derjenigen Gattung an, die der Neid des Menſchengeſchlechts mit der Benennung„Stumpfnaſen“ beehrt hat, und war beſonders an ihrer Spitze ſehr in die Höhe gebogen, als ob eine erhabene Entrüſtung ſie in dieſe abnorme Lage verſetzt. Auf der Oberlippe des jungen Herrn ließen ſich die erſten Sprößlinge eines fah⸗ len Flaumes bemerken, die jedoch ſo äußerſt ſpärlich und weich waren, daß ſie, obwohl auf die beſtmögliche Weiſe ermuthigt, eher der Spur eines friſchgenoſſenen Pfeffer⸗ kuchens ähnlich ſahen, als dem vielverſprechenden Keime —2—— CfnwAanN u(* —— 231 eines Schnurrbarts, welche erſtere Vermuthung das an⸗ ſcheinend noch zarte Alter des Herrn um ſo mehr zu be⸗ kräftigen ſchien; er war ſehr emſig in ſeinem Werk be⸗ griffen, und begleitete jedes Zuſammendrücken ſeiner Scheere mit einem entſprechenden Zuſammenſchlagen ſei⸗ ner Kinnladen, wodurch er ein wahrhaft ſchreckliches Aus⸗ ſehen erhielt. 3 Martin hatte ſich binnen Kurzem in ſeinem Innern ausgedacht, daß dies der Sohn des Oberſten Diver ſeyn müſſe— der hoffnungsvolle Sproß der Familie und zu⸗ künftige Hauptquell und Hebel des Skandalblattes. Er ſtund in der That bereits im Begriff, die Vermuthung zu äußern, daß dies des Oberſten jüngerer Sohn ſey, und daß es ihm nicht wenig Freude gewähre, zu ſehen, wie der Kleine in aller Unbefangenheit der Jugend den Her⸗ ausgeber ſpiele, als ihm der Oberſt auf einmal voll Stolz in die Rede fiel und ſagte: „Ich habe die Ehre, Ihnen hier meinen Kriegskorre⸗ ſpondenten, Herrn Jefferſon Brick, vorzuſtellen.“ Martin erſtaunte ganz unwillkührlich über dieſe un⸗ erwartete Entdeckung und das Bewußtſeyn des unwieder⸗ bringlich beleidigenden Irrthums, den er beinahe ge⸗ macht haben würde. Herr Brick ſchien über die Senſation, welche er auf den Fremden ausübte, höchlich erfreut, drückte ihm mit wahrer Gönnermiene, wodurch er ihn vermuthlich be⸗ ruhigen und ihn wiſſen laſſen wollte, daß er ſich vor ihm, Brick, nicht zu fürchten brauche, da er durchaus keine menſchenfreſſeriſchen Abſichten gegen ihn hege, die Hand. 3 „Sie haben, wie ich ſehe, ſchon von Jefferſon Brick gehört, Herr,“ ſprach der Oberſt lächelnd,—„Englaud hat alſo auch ſchon von Jefferſon Brick vernommen und Europa hat ſeine beredte Stimme gehört. Laſſen Sie ſehen— wann ſind Sie von England abgereist, Sir?—“ „Vor fünf Wochen, Sir!“ entgegnete Martin. „Vor fünf Wochen,“ wiederholte der Oberſt ge⸗ * der Oberſt in's Wort; 232 dankenvoll, indem er ſich auf den Tiſch hinaufſchwang, und hier ſitzend ſeine Beine ſchlenkerte;—„erlauben Sie mir die Frage, Sir, welcher von Herrn Brick's Aufſätzen damals dem britiſchen Parlament und dem Cabinette von St. James den tödtlichſten Stoß verſetzt hat?“ „Auf mein Wort!“ ſagte Martin;—„ich...“ „Ich habe allen Grund zu glauben, Sir,“ ſiel ihm ;—„daß die ariſtokratiſchen Kreiſe Ihres Landes vor dem Namen unſeres Jefferſon Brick erbeben und ich möchte wohl von Ihren Lippen erfah⸗ ren, Sir, welche von ſeinen Anſichten den tödtlichſten Streich auf...“ 5 e hundertköpfige Hydra des Verderbens und der Beſtechung geführt hat, die ſich nun unter dem Speere der Vernunft im Staube krümmt und zu dem ewigen Him⸗ melsdome über uns ihren blutigen und blutdürſtigen Gei⸗ fer emporſpritzt!“ ergänzte Herr Brick mit einem Citate aus ſeinem letzten Artikel, und drückte ſich dabei eine kleine blaue Tuchmütze mit einem Lederſchilde gar verwo⸗ gen auf's Haupt. „Die Libation der Freiheit, Brick.....“ hub der Oberſt an, allein ſein Gehülfe unterbrach ihn. „Muß bisweilen in Blut getrunken werden!“ er⸗ gänzte Herr Brick und ſchnappte bei dem Worte Blut plötzlich mit ſeiner großen Scheere zuſammen, als ob auch ſie für Blut ſtimme und ganz ſeiner Anſicht wäre. Beide ſtierten hierauf Martin an und harrten ge⸗ ſpannt auf ſeine Erwiderung. „So wahr ich lebe,“ hub Martin an, der inzwiſchen ſeine gewöhnliche Kaltblütigkeit wieder gewonnen hatte, gich kann Ihnen auch hierüber nicht die mindeſte genügende Auskunft geben, denn ich muß mich leider auf die That⸗ ſache berufen, daß ich...“ „Gemach!“ rief der Oberſt und warf ſeinem Kriegs⸗ correſpondenten einen grimmigen Blick zu, als er jeden ſeiner Sätze mit einem mißbilligenden Kopfſchütteln be⸗ gleitete,„daß Sie nie von Jefferſon Brick gehört, daß 23³ Sie nie eine Zeile von Jefferſon Brick geleſen haben? daß Sie nie das Skandalblatt zu Geſicht bekommen, Sir? daß Sie ſtets in Unwiſſenbeit blieben, Sir, über ſeinen mächtigen Einfluß auf die Kabinette von Europa — wollten Sie das damit ſagen?“ „Allerdings,“ verſetzte Martin;—„Sie haben er⸗ rathen, was ich zu ſagen im Begriff ſtund. 3 „Bleiben Sie kaltblütig, Jefferſon!“ ſprach der Oberſt ernſt und mit bedächtiger Würde;—„macht Euch nur nicht mauſig, ihr Europäer!— Kommen Sie her, Sir, wir wollen jetzt ein Glas Wein darauf trinken.“ Mit dieſen Worten ſprang er vom Tiſche herab und holte aus einem Korbe vor der Thüre eine Flaſche Chaͤm⸗ pagner und drei Gläſer; der Oberſt füllte Martin's Glas und ſein eigenes, und ſchob ſodann die Flaſche ſeinem Mitarbeiter zu.„Herr Jefferſon Brick ſoll uns jetzt ſeine Anſicht zum Beſten geben, Sir!“ ſagte er. „Wohlan denn, Sir!“ rief der Kriegscorreſpondent; —„da Sie nun beide gemeinſchaftlich mich aufgefordert haben, meine Meinung zu äußern, ſo füge ich mich in Ihren Wunſch, ich trinke Ihr Wohl, Sir; das Skan⸗ dalblatt und alle ſeine Brüder ſollen leben! der Urquell der Wahrheit, deſſen Fluthen zwar ſchwarz, weil ſie aus Buchdruckerſchwärze beſtehen, allein doch klar genug ſind, daß mein Baterland den Schatten ſeiner Beſtimmung darin erkenne, der ſich in ihnen wiederſpiegelt, ſoll leben!“ „Hört! hört!“ risf der Oberſt mit großem Wohl⸗ gefallen,„ſagen Sie ſelbſt, Sir! liegt nicht eine ganz beſonders blumenreiche Beredtſamkeit in dem Style mei⸗ nes Freundes?“ „Sie haben in der That Recht!“ ſagte Martin. „Hier iſt das heutige Skandalblatt, Sir,“ fuhr der Oberſt fort, und bot Martin ein Papier hin.—„Sie werden Jefferſon wieder auf ſeinem gewöhnlichen Poſten unter der Avantgarde menſchlicher Civiliſation und ſitt⸗ licher Reinheit finden!“ 3 Der Oberſt hatte ſich inzwiſchen wieder auf den 234 Schreibtiſch hinaufgeſchwungen; Herr Brick nahm nun ebenfalls eine Stellung auf demſelben Mobel ein und ſie begannen tüchtig zu zechen. Sie unterließen es indeſſen nicht, häufig einen Blick auf Martin zu werfen, der das Journal las, und ſich ſelber nun gegenſeitig bedeutſam zuzuwinken; als Martin das Blatt endlich bei Seite legte, was erſt geſchah, als ſte mit einer zweiten Flaſche fertig geworden waren, fragte ihn der Oberſt mit leb⸗ hafter Neugierde, was er wohl davon denke. „Je nun, das Blatt iſt ja erſchrecklich perſönlich!“ gab Martin zur Antwort.— Der Oberſt ſchien durch dieſe Bemerkung ſich auf's höchſte geſchmeichelt zu fühlen und meinte, er habe gehofft, daß Martin dem Blatt dieſe Eigenſchaft zuerkennen müſſe. „Wir ſind hier unabhängig, Sir,“ ſetzte Herr Jeffer⸗ ſon Brick hinzu;—„Wir handeln, wie es uns beliebt.“ „Wenn ich von dieſem Beiſpiele aus urtheilen darf,“ verſetzte Martin;—„ſo müſſen ein paar Tauſende von hier eher das Gegentheil von unabhängig ſeyn, indem ſie thun müſſen, was ihnen nicht gefällt.“ „Nun ja, Sir!“ verſetzte der Oberſt,„ſte müſſen ſich in den mächtigen Willen und Geiſt des Volkslehrers ergeben;— zuweilen empören ſie ſich freilich und ſträu⸗ ben ſich dagegen, allein im Allgemeinen halten wir un⸗ ſere Mitbürger ſowohl im oͤffentlichen als im Privatleben unter unſern Daumen, was ebenſo ſehr eine der veredeln⸗ den Einrichtungen unſres glücklichen Landes iſt, als...“ „Als die Negerſelaverei ſelbſt,“ ergänzte Herr Brick. „Ja— ganz ſo!“ verſetzte der Oberſt. „Wollen Sie mir erlauben?“ fragte Martin nach einigem Zögern,—„daß ich in Beziehung auf einen Fall, den ich hier in Ihrer Zeitſchrift entdeckte, die Frage wage, ob ſich der große Volkslehrer zuweilen— ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken ſoll, ohne Sie dadurch zu verletzen— mit Fälſchung abgiebt?... Mit verfälſchten Briefen z. B.,“ fuhr er fort, als er bemerkte, daß der Oberſt dabei vollkommen ruhig blieb, und ſich 235 nicht aus ſeiner Behaglichkeit aufſchrecken ließ,—„mit verfälſchten Briefen z. B., von denen man auf's Feier⸗ lichſte behauptet, ſie ſeyen in neueſter Zeit von lebenden Perſonen geſchrieben worden?“ „O ja, Sir!“ erwiederte der Oberſt,„es geſchieht hie und da.“ 4 „Und das belehrte Volk?“ fragte Martin;—„wie benimmt ſich dies dabei?“ „Es kauft ſie,“ verſetzte der Oberſt. Herr Jefferſon Brick warf ſich mächtig in die Bruſt und brach in ein unmäßiges, allein hoͤchſt beifälliges Gelächter aus. „Es kauft ſie zu Hunderttauſenden!“ fuhr der Oberſt fort;—„wir ſind ein beißendes Volk hier und wiſſen Satyre und ſcharfen Witz zu ſchätzen.“ „Heißt man in Amerika Betrug und Fälſchung Sa⸗ tyre und ſcharfen Witz?“ fragte Martin. „Je nun,“ ſagte der Oberſt;—„ich bin der An⸗ ſicht, daß dieſe Worte hier in Amerika noch für manches andere gebraucht werden, was Ihr in Europa mit andern Namen benennt. Ihr in Europa könnt Euch freilich nicht ſelber helfen, allein wir können es.“ „Und thut es zuweilen auch,“ dachte Martin,„Ihr helft Euch wahrlich ohne viele Umſtände!“ „Auf jeden Fall, welchen Namen wir dafür auch immer wählen mögen,“ fuhr der Oberſt fort und beugte ſich hernieder, um die dritte leere Flaſche hinter den beiden andern her in eine Ecke zu rollen;—„die Kunſt der Fälſchung und des Betrugs iſt vermuthlich nicht hier erfunden worden, Sir?“ „Ich dächte nicht,“ ſagte Martin. „Noch ſonſt irgend eine Art von beißendem Witze, dächte ich?“ ſetzte der Oberſt hinzu. „Erfunden?“ rief Martin;—„nein wahrlich! das moͤchte ich nicht behaupten!“ „Wohlan denn,“ ſagte der Oberſt;—„dann haben wir Alles aus der alten Welt bekommen, und der Tadel dafür trifft auch dieſe und nicht die neue;— das iſt der 236 Fall und damit hat aller Einwand ein Ende. Wenn nun Herr Jefferſon Brick und Sie die Güte haben wol⸗ len, das Zimmer zu verlaſſen, ſo will ich Ihnen folgen und die Thüre abſchließen.“ Da Martin dies ganz mit Recht als das Signal für ihren Abzug betrachtete, ging er hinter dem Kriegs⸗ Korreſpondenten die Treppe hinab, der ihm in großer Majeſtät voranſchritt. Als ihnen nun der Oberſt vollends gefolgt war, verließen ſie das Bureau des Scandalblatts und traten auf die Straße hinaus, wobei Martin freilich mit ſich ſelbſt im Zweifel war, ob er den Oberſten nicht lieber mit Fußtritten hätte bedienen ſollen, weil dieſer fich erdreiſtet hatte, ihn anzureden, und ob es überhaupt noch mit den Grenzen der Möglichkeit vereinbar ſey, daß er ſammt ſeinem Inſtitut zu den geprieſenen Vorzügen die⸗ ſes jungen wiedergeborenen Landes gehöre. Es lag klar am Tage, daß Oberſt Diver in der Sicherheit ſeiner Stellung und in ſeiner vertrauten Be⸗⸗ kanntſchaft mit der öffentlichen Meinung ſich ſehr wenig darum kümmerte, was Martin oder ſonſt Jemand von ihm denke. Seine hochgewürzten Waaren waren zum Verkauf angefertigt und fanden Liebhaber, und ſeine Tau⸗ ſende von Leſern konnten daher mit demſelben Grunde ihr Vergnügen an Unflath auf ihn wälzen, als ein Freſſer die Verantwortlichkeit für ſeine viehiſchen Ausſchweifun⸗ gen ſeinem Koch zur Laſt legen kann. Nichts würde den Oberſt mehr entzückt haben, als wenn ihm Jemand den Vorwurf gemacht haben würde, daß kein Mann von ſeinem Schlage ſo prahleriſch in den Straßen irgend eines andern Lands der Welt umherſpazieren dürfte, denn das wäre für ihn nur eine logiſche Zuſicherung des Er⸗ folges geweſen, womit er ſeine Arbeiten dem herrſchenden Geſchmack angepaßt, und wodurch er geradezu und auf die eigenthümlichſte Weiſe ein ächt nationaler Zug im amerikaniſchen Leben gewoͤrden ſey. Sie ſpazierten eine Meile oder drüber eine hübſche Straße entlang, die nach der Verſicherung des Oberſten 237 Broad Way heißen ſollte, und die laut Herrn Jefferſon Brick's Aeußerung„das ganze Univerſum zu Schanden machte.“ Endlich bogen ſie in eine der zahlreichen Straßen ein, die von dieſer Hauptſtraße ausbogen und hielten vor⸗ einem nichts weniger als prachtvoll ausſehenden Hauſe, das grüne bewegliche Jalouſten an jedem Fenſter, eine breite Staffel vor der grünen Hausthüre und auf dem Geländer zu beiden Seiten ein glänzend weißes Orna⸗ ment einer verſteinerten und polirten Ananas ähnlich hatte. Hart über dem Thürklopfer befand ſich eine kleine längliche Platte von dem gleichen Metall, wo der Name „Pawkins“ eingravirt war, und aus der Area blickten zu⸗ fällig vier Schweine hernieder. Der Oberſt pochte an der Hausthür mit der Miene eines Mannes, der hier zu Hauſe war, und ein iriſches Mädchen ſtreckte alsbald aus einem der Giebelfenſter ſei⸗ nen Kopf herunter, um zu ſehen, wer hierunten ſey. Bis ſie den Weg über die Treppe bis zur Hausthüre g 3 zurückgelegt hatte, waren die Schweine mit ein Paar andern Freunden zuſammengetroffen und ſtreckten ſich gemächlich in der Gaſſe nieder. „Iſt der Major zu Hauſe?“ fragte der Oberſt, als er eintrat. „Sie meinen wohl den Herrn, Sir?“ verſetzte das Mäͤdchen mit einem Zaudern, das unwillkührlich zu ver⸗ künden ſchien, daß in dieſer Anſtalt an Majoren ſo zu ſagen ein Ueberfluß vorhanden ſey. „Den Herrn?“ rief Oberſt Diver und blieb plötzlich ſtehen, indem er ſich umdrehte und ſeinem Kriegs⸗Kor⸗ reſpondenten in's Geſicht ſtierte.— „Aha, da haben wir wieder die verwünſchten Inſtitu⸗ tionen dieſes britiſchen Reiches,“ rief Jefferſon Brick;— „Herrn, Herrn!“ „Waͤrum mißfällt denn Ihnen dieſes Wort ſo ſehr?“ fragte Martin. „Ich wünſchte, daß es in unſerem Lande nie gehört würde— das iſt ſo meine Meinung,“ verſetzte Jefferſon Brick;—„ich laſſe es nur in dem Falle gelten, wenn es von einer unwurdigen Magd gebraucht wird, der die Segnungen unſerer Regierungsform noch ſo unbegreiflich ſind, wie dieſer Hausgehuülfin hier; wir kennen hier in Amerika keine Herrn.“ „Sie haben hier wohl nur Eigenthümer?“ fragte Martin. Herr Jefferſon Brick verſchmähte es, hierauf eine Antwort zu geben und folgte dem Redakteur des Sean⸗ dalblattes auf dem Fuße; Martin ſchlug denſelben Weg ein und bedachte unter Weges noch, daß vielleicht die freien und unabhängigen Bürger, die in ihrer ſittlichen Erhabenheit den Oberſten für ihren Herrn erklärten, der Göttin Freiheit zweckmäßiger opfern würden, wenn ſie in nächtlichen Träumen auf dem Ofen eines ruſſiſchen Leib⸗ eigenen ſich wiegten. Der Oberſt ſchritt ſeinem Begleiter zu einem Hin⸗ terſtübchen des Erdgeſchoſſes voran, das zwar hell und von hübſcher Ausdehnung, allein über die Maßen unbe⸗ haglich war, indem es nichts enthielt, als die vier kalten weißen Wände nebſt der Decke, einen ſchlechten Fuß⸗ teppich, ein fürchterliches Ungethüm von einem Speiſe⸗ tiſche, der von einem Ende bis zum andern reichte und eine kunterbunte Sammlung von Rohrſtühlen. In der hintern Region dieſes Speiſeſaales ſtand ein Ofen, zu deſſen beiden Seiten meſſingene Spucknäpfe angebracht waren, welche mit jenem drei kleinen eiſernen Tönnchen ähnlich ſahen, die man in einer Verzäunung auf die Köpfe geſtellt und nach Maßgabe der Siameſiſchen Zwil⸗ linge mit einander verbunden hatte; vor dem Feuer ſchaukelte ſich in einem Rollſtuhle ein großer Herr müßig und mit dem Hut auf dem Kopfe, und ergötzte ſich ab⸗ wechslungsweiſe, bald in den Spucknapf zur Rechten, bald in den zur Linken zu ſpucken, und dann die Reihe von Neuem umzukehren. Ein Negerknabe in einer ſchmie⸗ rigen weißen Jacke war eben beſchäftigt, zwei lange Reihen von Meſſern und Gabeln auf dem Tiſche anzu⸗ 239 bringen, die jeweilig in Zwiſchenräumen von Waſſerkrü⸗ gen abgelöst wurden. Als er endlich mit ſeiner Arbeit das untere Ende der Tafel erreicht hatte, zerrte er mit ſchmutzigen Händen das noch ſchmutzigere tiefliegende Tiſchtuch zu Recht, das ſeit dem Fruͤhſtück nicht vom Tiſche abgenommen worden war. Die Atmoſphäre dieſes Zimmers war mittelſt des Ofens ausnehmend heiß und erſtickend gemacht worden, und ſein Duft wurde noch erhöht durch einen verdorbenen Geruch der Suppe aus der Küche her, ſowie durch die entfernteren Ausdünſtun⸗ gen des Tabacks und Tabackſaftes, der aus den obener⸗ wähnten Meſſingbehältern aufſtieg und für die ungewohn⸗ ten Sinne eines Fremden faſt unerträglich war. Der Herr in dem Schaukelſtuhle kehrte den eintretenden Herren ſeinen Rücken zu und war ſo ſehr von ſeinem intellectuellen Zeitvertreib in Anſpruch genommen, daß er ihrer An⸗ weſenheit gar nicht inne wurde, bis der Oberſt auf den Ofen zuſchritt, und dem Vorrath in dem Spucknapſe zur Rechten auch ſein Scherflein hinzufügte, als der Major, denn er war es, ſich eben zu einem ähnlichen Geſchäfte auf ihn herniederbeugte. Major Pawkins behielt deshalb ſeine Ladung für ſich, blickte auf, und hub mit einem eigen⸗ thümlichen Ausdrucke ruhiger Erſchlaffung, einem Manne gleich, der die ganze Nacht aufgeweſen war— daſſelbe Aeußere, das Martin bereits an dem Oberſten und Herrn Jefferſon bemerkt haben wollte— zu fragen an: „Nun, Oberſt, wie ſteht's?“ „Hier iſt ein Herr aus England, Major!“ gab der Oberſt zur Antwort,„der geſonnen ſcheint, ſeine Woh⸗ nung bei Ihnen zu nehmen, wenn er ſich mit Ihnen uber die Bedingungen vereinigen kann und Sie ihm keine zu ſtarke Zeche machen.“ „Es freut mich Sie zu ſehen, Sir!“ verſetzte der Major, als er Martin die Hand drückte und dabei keine Muskel ſeines Geſichts verzog;„es geht Ihnen hoffent⸗ lich nach Wunſche?“ „Allerdings,“ verſetzte Martin. 240 „Sie werden ſich nirgendwo und niemals wieder beſſer gefallen,“ verſetzte der Major,„Sie werden ſehen, daß nur hier die Sonne ſcheint.“ „Mir däucht,“ verſetzte Markin lächelnd,„ich erin⸗ nere mich, daß ich ſie auch ſchon in meiner Heimath zuweilen ſcheinen ſah.“ „Das glaube ich kaum!“ verſetzte der Major. Er ſprach dies freilich mit einem ſtoiſchen Gleich⸗ muthe, allein dabei doch mit ſo beſtimmtem Tone, daß dieſer keinen ſerneren Streit über dieſen Punkt zuließ. Nachdem er die Frage ſolchermaßen beigelegt hatte, rückte er den Hut ein wenig mehr zur Seite, um ſich deſto beſſer am Kopfe kratzen zu können und begrüßte Herrn. Jefferſon Brick mit einem ſchläfrigen Kopfnicken. Major Pawkins, ein Herr von pennſylvaniſcher Ab⸗ kunft, zeichnete ſich insbeſondere durch einen ſehr breiten Schädel und eine rieſige gelbe Stirne aus, welche Be⸗ ſitzthümer ihn in Schenken und andern ähnlichen Erho⸗ lungsorten ziemlich allgemein in den Ruf brachten, als ob er ein Mann von ungeheurem Scharfſinne ſey. Man wußte ferner noch von ihm zu rühmen, daß er ein höchſt kurzes Geſicht und ein langwieriges träges Weſen be⸗ ſitze, ſo daß er deshalb, um mich einer Vergleichung zu bedienen, für einen Mann von dem Schlage galt, der ſehr vielen Raum brauchte, um ſich darin bewegen zu können. Wenn es ubrigens galt, mit ſeinem Pfund Weisheit wuchern, befolgte er ſtets und unfehlbar den Grund⸗ atz, alle ſeine inneren Güter und noch mehr gleichſam unter den Schaufenſtern auszuſtellen, was auf ſeine Be⸗ wunderer den günſtigſten Eindruck machte. Zu dieſen mochte gewiſſermaßen auch Herr Jefferſon Brick gehören, der die Gelegenheit wahrnahm, Martin in's Ohr zu flüſtern:— „Sie ſehen hier einen der merkwürdigſten Männer unſeres Landes.“ Man glaube indeß ja nicht, daß der Major dadurch allein, daß er ſein, ganzes Pfund an Weisheit aller Art 241 beſtändig ſo zu ſagen auf dem Markte ausbot, einigen Anſpruch auf die ausgedehnteſte Sympathie und Unter⸗ ſtützung geltend machen konnte. Erwar nämlich auch ein großer Politiker, und einer ſeiner hauptſächlichſten Glaubensartikel hinſichtlich aller öffentlichen Verpflich⸗ tungen, welche Treu und Glauben und Integrität ſeines Vaterlandes in ſich faßten, war: Man müſſe mit einer eingetauchten Feder jede eingegangene Verbindlichkeit ver⸗ nichten, und die alte Weiſe doloſer Verſprechungen ſtets wieder von vornen beginnen. Dadurch galt er für einen der ausgezeichnetſten Patrioten. In Handelsgeſchäften war er ein kühner Spekulant, was man auf deutliche WVieeiſe mittelſt einer Umſchreibung auch ſo auslegen konnte: er hatte ein ausgezeichnetes Genie für jede Art von Be⸗ trug, konnte eine Bank errichten, ein Anlehen nego⸗ ziren oder eine Actiengeſellſchaft zu Stande zu bringen, die auf den Verkauf von urbar zu machenden Ländereien ſpekulirte(und Elend, Peſt und Tod über Hunderte von Familien verhängte), und konnte es in dieſer Beziehung mit dem geſchickteſten Burſchen der Union aufnehmen. Dadurch galt er zugleich für einen ausgezeichneten Ge⸗ ſchäftsmann. Er konnte ſich tagelang in einer Schenke herumtreiben und zwölf Stunden unausgeſetzt über die Staatsgeſchäfte der Nation ſich verbreiten,— war dabei im Stande, in dieſer Zeit auch der unerträglichſten Lange⸗ weile Trotz zu bieten, mehr Taback zu kauen und zu rau⸗ chen, mehr Rumtoddy, Pfeffermünzgeiſt, Ginpunſch und Hahnenſchwanz(eine Art Getränk von Branntwein) zu trinken, als irgend ein Privatmann aus ſeiner Bekannt⸗ ſchaft. Dadurch galt er für einen Redner und einen Mann des Volks; mit einem Wort, der Major war ein Mann der Bewegung, ein Parteihaupt, ein populärer Charak⸗ ter und auf dem beſten Wege, von der herrſchenden Volks⸗ partei entweder unter die Repräſentanten des Staates New⸗York, wo nicht gar in den Congreß ſelbſt gewählt zu werden. Da jedoch der Privatwohlſtand eines Mannes nicht immer gleichen Schritt hält mit ſeiner patriotiſchen Boz, Chuzzlewit. II. 16 242 Devotion für offentliche Angelegenheiten, und da auch betrügeriſche Unternehmungen ihre Chancen haben, ſo befand ſich der Major gerade im gegenwärtigen Momente im Pech, weshalb denn z. B. Fran Pawkins dermalen gelegentlich ein Speiſehaus hielt und Major Pawkins faſt unwillkürlich ſeine ganze Zeit mit Müßiggang und in Un⸗ thätigkeit um das Wohl des Vaterlandes zubringen mußte. „Ihr Beſuch in unſerem Vaterlande fällt gerade in die Zeit einer großen kommerciellen Kriſis,“ hub der Major an. 4 „In eine höchſt unruhige Kriſis,“ ſetzte der Oberſt hinzu. „In eine Periode béiſpielloſer Stagnation,“ er⸗ gänzte Herr Jefferſon Brick. „Es thut mir leid, dies hören zu müſſen,“ verſetzte Martin;—„ich hoffe jedoch, daß dies nicht lange an⸗ halten wird!“ Martin kannte die amerikaniſchen Verhältniſſe noch nicht, ſonſt hätte es ihm nicht entgehen können, daß, wenn man den einzelnen Bürgern Mann für Mann Glau⸗ ben ſchenken wollte, eine ſteté Stockung vorhanden, eine beunruhigende Kriſis und ein bedrückter Zuſtand unaufhör⸗ lich da wäre, und dieſer Zuſtand von Anbeginn ſchon angedauert habe; hörte man ſie jedoch, wenn ſie als Koͤrperſchaft auftraten, ſo waren ſie Mann für Mann er⸗ bötig, zu jeder Stunde des Tages oder der Nacht mit den theuerſten Eiden und auf alle Evangeliſten zu ſchwö⸗ ren, daß ihr Vaterland das glücklichſte und geprieſenſte aller Länder auf dem bewohnten Erdenrunde ſey. „Ich hoffe jedoch, daß dieſe Kriſis nicht lange an⸗ dauern wird,“ ſagte Martin. „Je nun,“ entgegnete der Maſor,„ich hoffe, wir werden auf irgend eine Weiſe durchkommen und uns am Ende noch zurecht finden.“ 5 „Wir ſind ein elaſtiſches Land!“ ließ ſich der Re⸗ dakteur des Skandalblattes vernehmen. 3„Wir ſind ein junger Löwe!“ brüllte Herr Jeffer⸗ ſon Brick mit Nachdruck. „Wir tragen Prinzipien der Kraft und Wiederbele⸗ bung in uns ſelbſt!“ bemerkte der Major;—„wollen wir vor Tiſch noch einen Bittern trinken, Oberſt?“ Da der Oberſt mit großer Bereitwilligkeit dieſem Vorſchlag ſeine Zuſtimmung gab, ſchlug Major Paw⸗ kins einen allgemeinen Aufbruch nach einer benachbarten Schenke vor, die, wie er bemerkte, nur im nächſten „Block“ lag. Er verwies ſodann Martin wegen aller nähern Nachrichten um Bedingungen hinſichtlich der Koſt und Wohnung an Frau Pawkins und belehrte ihn, er werde das Vergnügen haben, beſagte Dame bei Tiſch zu ſehen, was wohl nicht mehr lange anſtehen werde, da die Tiſchzeit auf zwei Uhr beſtimmt und alſo kaum noch eine Viertelſtunde entfernt wäre. Dies gemahnte ihn plötzlich, daß, wenn der Bittere überhaupt eingenom⸗ men werden ſollte, keine Zeit mehr zu verlieren ſey, und er ſchritt deshalb ohne viele Umſtände zur Thüre hin⸗ aus und ſtellte es den Anderen anheim, ihm zu folgen, wenn ſie Luſt dazu hätten. Als der Major von ſeinem Schaukelſtuhle vor dem Ofen ſich erhob und auf dieſe Weiſe die heiße Luft und die balſamiſchen Suppendünſte, die ihre Stirne fächelten, in Bewegung brachte, wurde der Geruch des alten verdorbenen Tabacks ſo beizend und ſo entſchieden vorherſchend, daß kein Zweifel mehr übrig bleiben konnte, daß beſagter Duft hauptſächlich von den Kleidern dieſes Herrn ausgehe. Martin konnte ſich auch in der That des Gedankens nicht erwehren, als er be⸗ ſagten Herren nach der Branntweinſchenke folgte, der mäch⸗ tige, vierſchrötige Major in ſeiner Unbehilflichkeit und Schlaffheit habe ſelbſt die größte Aehnlichkeit mit einer Tabackspflanze, die zum Beſten der übrigen Pflanzen und zur Mehrung ihres künftigen Wuchſes aus irgend einem öffentlichen Garten ausgerodet und auf irgend einen an⸗ ſtändigen Düngerhaufen geworfen worden wäre. In der Branntweinſchenke trafen ſie noch auf meh⸗ rere Pflanzen derſelben Art, von denen etliche lauter eben ſo ſchmutzige Seelen als durſtige Kehlen waren, und es fand ſich auch ein Herr, welcher, wie Martin aus der 16 244 Unterhaltung während des Schnapſens erfuhr, noch am ſelben Nachmittage ſich auf eine ſechsmonatliche Ge⸗ ſchäftsreiſe nach dem fernen Weſten begab; ſeine Aus⸗ ſtattung und Cquipirung zu dieſer Reiſe beſtand jetzt in einem ebenſo glänzenden Hut, in einem ebenſo kleinen Kofferchen von hellem Leder, wie dasjenige, das die Ba⸗ gage des Herrn gebildet hatte, der in der„Schraube“ von England herüber kam. Sie ſchlugen ganz gemächlich den Heimweg wieder ein, und Martin gieng mit Herrn Jefferſon Brick am Arme, während der Major und der Oberſt vor ihnen herſchritten, als plötzlich, wie ſie ſich nur bis auf wenige Häauſer der Wohnung des Majors genähert hatten, eine Glocke ertönte, die laut und ungeſtüm etliche Sekunden lang läutete; ſobald dieſer Ton an ihre Ohren ſchlug, eilten der Oberſt und der Major davon, ſtürzten wie Beſeſſene die Staffel hinauf, und zu der weitgeöffneten Hausthüre hinein, während zugleich auch Herr Jeſſerſon Brick ſeinen Arm aus Martin's Arme losriß, haſtig die Richtung ſeiner Vorgänger einſchlug, und alsbald ver⸗ ſchwand. 4 Du lieber Gott! dachte Martin; das ganze Etab⸗ liſſement ſteht in Flammen, es war ſicherlich die Lärm⸗ glocke. Allein weder Rauch noch Flammen waren zu ſe⸗ hen, noch auch irgend der mindeſte Brandgeruch zu ver⸗ ſpüren. Während noch Martin zögernd auf der Straße ſtille ſtund, ſtürzten drei weitere Herren, auf deren Ge⸗ ſſichtern ſich Entſetzen und Betroffenheit unverkennbar ab⸗ malten, um die Ecke herum, an ihm vorüber, ſchoben ſich gegenſeitig die Treppe hinauf, balgten ſich eine Zeitlang um den Vortritt, und rauſchten dann,— ein wirrer Haufen von Armen und Beinen— eilends in's Haus hin⸗ ein. Martin vermochte es unmöglich länger zu vertra⸗ gen, und folgte ihnen haſtig; allein trotz ſeines raſchen Laufens wurde er doch von zwei andern Herren faſt nie⸗ dergerannt, zur Seite geſchoben und überholt, welche die wilde Aufregung faſt wahnſinnig gemacht hatte. —2.—-— 2 o=——6 ⏑ d —.— 245 „Wo iſt es?“ rief Martin athemlos einem Neger zu, den er auf dem Hausflur traf.— „Im Speiszimmer, Sar!“ verſetzte der Schwarze; „Oberſt ſagen, er einen Sitz aufgehoben haben für Sar, neben ſich.“ „Einen Sitz?“ ſagte Martin mit unwillkürlichem Erſtaunen. „Ja, Sar! wegen Eſſen,“ gab der Schwarze zur Antwort. Martin ſtierte ihm einen Augenblick in's Ge⸗ ſicht, und brach dann in ein herzliches Gelächter aus, in welches der Neger aus natürlicher Gutmüthigkeit und dem Fremden zu Liebe ſo herzlich einſtimmte, daß ſeine Zähne wie ein Lichtſtrahl glänzten. „Du biſt der unterhaltendſte Burſche, den ich je ge⸗ ſehen habe!“ rief Martin, und klopfte ihm auf den Rü⸗ cken;—„Dein Witz macht mir einen beſſern Appetit, als der bittere Schnaps.“ Mit dieſen Worten betrat er das Speiſezimmer und ſetzte ſich auf einen Stuhl neben dem Oberſt, welchen dieſer Herr, der inzwiſchen bereits beinahe mit ſeiner Mahlzeit fertig geworden war, um ſeinetwillen zurück⸗ behalten, indem er die Lehne deſſelben gegen den Tiſch gekehrt hatte.. Die Geſellſchaft war ſehr zahlreich, vielleicht ihrer achtzehn bis zwanzig Köpfe, unter welchen ſich auch fünf bis ſechs Damen befanden, welche ſich unter einander zu einer kleinen Phalanx zuſammengeſchaart und bei Seite geſetzt hatten. Alle Meſſer und Gabeln waren mit einer wahrhaft beunruhigenden Haſt thätig; von einem Tiſch⸗ geſpräch war ſo gut wie gar nicht die Rede, und Jeder⸗ mann ſchien zu ſeiner Selbſtvertheidigung ſo viel wie mög⸗ lich zu eſſen, als ob noch vor dem kommenden Frühſtück eine Hungersnoth zu erwarten ſtehe und es hohe Zeit ge⸗ worden ſey, das erſte aller Naturgeſetze in ſeine Würde einzuſetzen. Das Geflügel, das man vielleicht für den Hauptbeſtandtheil des Mahles hätte halten können— es befand ſich nämlich ein Truthahn am obern Ende, ein Paar Enten am untern Ende des Tiſches, und ein Paar 246 Hühnchen in der Mitte des Tiſches— verſchwand ſo ſchnell, als ob ein jeder der aufgetragenen Vögel ſich ſei⸗ ner Schwingen bedient hätte, um voll Verzweiflung die menſchlichen Kehlen hinunterzufliegen. Die gekochten und eingemachten Auſtern hüpften von ihren großen und ge⸗ räumigen Behältern hinweg und ſchlüpften ſchockweiſe in den Mund der Verſammlung, die ſchärfſten Pfeffergurken und ungeheure ganze Salzgurken und Kukummern ver⸗ ſchwanden auf einmal wie eingemachte Pflaumen, und nicht einer der Gäſte wagte auch nur von ſeinem Teller aufzu⸗ ſehen. Große Haufen der unverdaulichſten Stoffe ſchmol⸗ zen dahin, wie Eis vor der Sonne; es war ein erhabenes, ehrfurchtgebietendes, feierliches Schauſpiel. Perſonen, die ſich über ſchwache Verdauung beklagten, trieben die Spei⸗ ſen ungekaut und in Keilen in ſich hinein und fütterten dadurch nicht ſowohl ſich ſelbſt, ſondern vielmehr ganze Geſchlechter von Alpdrücken(Nightmares), die ihnen be⸗ ſtändig in Livree ihre Aufwartung machten. Dürre Männ⸗ chen mit magern Backenknochen und ſchlotternden Backen⸗ taſchen gingen bei der allgemeinen Zerſtörung ſchwerfälliger Gerichte ziemlich unbefriedigt aus und ſtierten gierig und lauernd nach den Paſteten. Was Frau Pawkins jeden Tag zur Tiſchzeit fühlte, iſt jeder menſchlichen Kenntniß verborgen geblieben;— doch hatte ſie wenigſtens einigen Troſt— die Tiſchzeit war wenigſtens raſch vorüber. So⸗ bald der Oberſt mit ſeinem Mahle fertig war— welche Be⸗ gebenheit ſchon zufäͤlligerweiſe ſtattfand, als Martin ſei⸗ nen Teller fortgeſchickt hatte, um ſich einen Biſſen vom Truthahn zu verſchaffen, und daher noch wartete, um das ſeinige beginnen zu können— fragte er ſeinen jungen Günſtling: was er von den verſchiedenen Gäſten halte, die aus allen Theilen der Union hier zuſammengeſtrömt waren, und ob es ihm vielleicht nicht erwünſcht wäre, etwas Näheres über ſie zu erfahren. „O ja,“ verſetzte Martin;—„wollten Sie mir nicht ſagen, wer jenes kleine kränkliche Mädchen mit den großen runden Augen iſt, das mir beinahe gegenüber ſitzt? Ich ſehe Niemanden hier, den ich für ihre Mutter halten . ———— V u A S AIñn.n 8 — 247 könnte, oder der uͤberhaupt eine Aufſicht über ſie zu füh⸗ ren ſchiene.“ „Meinen Sie die alte Frau im blauen Kleide, Sir?“ fragte der Oberſt ausdrücklich;—„das iſt Frau Jefferſon Brick, Sir!“ „Nicht doch,“ verſetzte Martin;—„ich meine das kleine Mädchen, dieſe Art von Puppe, die mir gerade ge⸗ genüber ſitzt.“: „Nun ja, Sir!“ gab der Oberſt zur Antwort;— „das iſt ja eben Frau Jefferſon Brick.“ Martin ſtierte dem Oberſt in's Geſicht, allein deſſen ernſte Miene verkündete unmaßgeblich, daß er die Wahr⸗ heit geſprochen.— „Du lieber Gott!“ rief Martin;—„da wird wohl ein junger Brick nicht lange mehr auf ſich warten laſſen.“ „Es ſind bereits zwei junge Bricks vorhanden,“ ver⸗ ſetzte der Oberſt. Die Matrone ſah ſelbſt noch einem Kinde ſo unge⸗ mein ähnlich, daß Martin ſich nicht enthalten konnte, dieſe Bemerkung ſeinem Nachbar mitzutheilen. „Sie mögen Recht haben, Sir!“ erwiederte der Oberſt; —„allein gewiſſe Staatseinrichtungen beſchleunigen die Entwicklung der menſchlichen Natur, und andere verhin⸗ dern ſie. Jefferſon Brick iſt einer der merkwürdigſten Männer in unſerem Lande!“ bemerkte er nach einer kurzen Pauſe zu Gunſten ſeines Mitarbeiters. Er hatte freilich dieſe Mittheilungen faſt flüſternd gemacht, denn der be⸗ ſagte junge Mann, von dem die Rede war, ſaß auf Mar⸗ tin’s anderer Seite.. „Ich bitte Sie, Herr Brick,“ wandte ſich Martin an ihn und wollte ihn, mehr im Intereſſe der Unterhal⸗ tung, als aus Intereſſe für den Gegenſtand, mit einer Frage beehren;„ich bitte Sie, mir zu ſagen, wer jener,“ er wollte ſagen ſehr junge, hielt es jedoch für gerathen. das Wort zu unterdrücken,„wer jener ſehr kleine Herr dort drüben mit der rothen Naſe iſt.“ 4 „Das iſt Profeſſor Mullit,“ entgegnete Herr Jeffer⸗ ſon Brick mit einiger Bedeutung. 248 „Darf ich fragen, was er lehrt?“ fuhr Martin fort. „Die Erziehung, Sir,“ verſetzte Brick. „Eine Art Schulmeiſter alſo?“ wagte Martin ein⸗ zuwenden und blickte ſeinen Nachbar ſcharf an, um die Wirkung zu erproben, welche dieſe Aeußerung machen mußte. „Er iſt ein Mann von den ſchönſten ſittlichen Ele⸗ menten, Sir, und ganz ungewöhnlichen Gaben;“ verſetzte der Kriegskorreſpondent.„Bei der letzten Präſidentenwahl erachtete er es für nöthig, ſeinen Vater zu ſchmälen und zu denunciren, weil derſelbe auf der unrechten Seite ſtimmte. Inzwiſchen hat er einige höchſt wirkſame Pamphlete unter dem Namen„Suturb“ geſchrieben, was umgekehrt ja Brutus lautet. Ich verſichere Sie, er iſt einer der merk⸗ würdigſten Männer unſeres Landes, Sir.“ „Ihr Vaterland ſcheint an ſolchen Männern Ueber⸗ fluß zu haben,“ dachte Martin. Durch fortgeſetztes Fragen kam Martin am Ende auf die Ueberzeugung, daß ſich an dem Tiſche nicht weniger als zwei Oberſten, vier Majors, ein General und ein Kapitän befanden, ſo daß er unwillkürlich darüber nach⸗ dachte, wie unendlich reich die amerikaniſche Miliz mit Of⸗ fizieren verſehen ſeyn müßte, und mit Verwunderung bei ſich erwog, ob denn die Offiziere ſich ſelbſt unter ein⸗ ander kommandirten oder wo in aller Welt, falls dies nicht der Fall war, die Gemeinen Alle herkommen ſollten. Unter allen Anweſenden befand ſich auch nicht Einer, der keinen Titel hatte, denn diejenigen, die keine militäriſchen Ehren beſaßen, waren entweder Doktoren, Profeſſoren oder Hochwürden. Drei Herren mit ſehr ungeſchlachten, widerlichen Geſichtern befanden ſich als Bevollmächtigte der benachbarten Staaten hier. Ein Anderer hatte Geld⸗ geſchäfte hier zu beſorgen, ein Zweiter ging einem politi⸗ ſchen Berufe nach und ein Dritter war gar Miſſionnär einer Sekte. Unter den Damen befand ſich Frau Pawkins, ein langes, dürres, knöchernes und verſchloſſenes Frauenzim⸗ mer, und ein altes Dämchen mit ſcharf markirken Zügen, das höchſt entſchiedene Anſichten über die Rechte der Frauen laut werden ließ, und ſich üͤber denſelben Gegenſtand ſchon — 249 in öffentlichen Reden und Vorträgen ausgelaſſen hatte. Die Uebrigen entbehrten ganz und gar aller individuellen Charakterzüge, in ſo fern man füglich ihre Verſtandes⸗ kräfte unter einander ausgetauſcht haben möchte, ohne den⸗ ſelben auf die Spur zu kommen. Sie waren, beiläufig geſagt, die einzigen Mitglieder der Geſellſchaft, die nicht zu den äußerſt merkwürdigen Perſonen dieſes Landes ge⸗ hörten. Einige der Herren erhoben ſich nach einander und entfernten ſich, ſobald ſie ihren letzten Biſſen verſchluckt hatten, wobei ſie indeß gewöhnlich eine Weile am Ofen inne hielten, um ſich noch für eine Minute oder drüber an den meſſingenen Spucknäpfen zu erleichtern. Nur etliche wenige Perſonen von geſetztem Alter blieben noch eine volle Viertelſtunde bei Tiſch und er⸗ hoben ſich nicht eher, als bis auch die Damen aufſtan⸗ den und die ganze Geſellſchaft ſich erhob. „Wohin gehen ſie jetzt?“ flüſterte Martin fragend Herrn Jefferſon Brick in's Ohr. „In ihre Schlafzimmer,“ war die Antwort. „Haben Sie denn hier zu Lande kein Deſſert oder irgend eine andere Gelegenheit zur Unterhaltung?“ fragte Martin, der ſich gerne nach ſeiner langen Reiſe einiger⸗ maßen gütlichngethan hätte. „Wir ſind ein geſchäftiges Volk hier zu Lande, Sir, und haben hiezu keine Zeit!“ verſetzte Brick. Die Damen zogen nun in einer langen Reihe ab und Herr Jefferſon Brick und die übrigen verheiratheten Herren, welche noch zurückblieben, beurkundeten ihren Abſchied mit einem leichten Kopfnicken, womit übrigens die ganze Geſchichte ein Ende hatte. Martin ſah hierin nur eine höchſt unbehagliche Gewohnheit, behielt indeſſen ſeine Anſicht wohlweislich blos für ſich und war ſehr geſpannt, die Unterhaltung der geſchäftigen Herren mit anzuhören und ſich daran zu erbauen, wie ſie jetzt um den Ofen herumlungerten, als ob durch die Entfernung vom ſchönen Geſchlecht eine mächtige Bürde von ihrem Herzen genommen worden wäre, und nun den überſchweng⸗ 25⁵⁰ lichſten Gebrauch von den Spucknäpfen und ihren Zahn⸗ ſtochern machten. 3 Die Wahrheit zu ſagen, entbehrte die Unterhaltung ſo ziemlich allen Intereſſes, und der größte Theil der⸗ ſelben kann mit einem einzigen Worte„Geld“ ausge⸗ ſprochen werden. Alle ihre Sorgen, ihr Dichten und Trachten, ihre Hoffnungen und Freuden, ihre Neigungen und Tugenden, ihre Verbrüderungen wie ihr Zwiſt ſchien ſämmtlich in Dollars aufgegangen zu ſeyn. Was für einen Beitrag auch immer der Zufall in den trägen Keſſel ihres Geplauders warf, ſie verdickten die Grütze ſtets mit Dollars. Die Menſchen wogen ſie nach Dol⸗ lars ab, die Maße wurden nach ihren Dollars geeicht, das Leben wurde nach Dollars geſchätzt, geprieſen, ge⸗ lobt und verworfen. Was ſie zunächſt ſo zu ſagen in den gleichen Werth mit Dollars ſtellten, war irgend ein Aben⸗ teuer, das die Erringung deſſelben zum Zwecke hatte. Je mehr einer von dieſem werthloſen Ballaſt, genannt Ehre und Rechtſchaffenheit, vom Schiffe ſeines guten Namens und ſei⸗ ner ehrbaren Handlungsweiſe aus über Bord warf, deſto mehr wurde daſelbſt der Raum für die Dollars. Machet den Verkehr zu einer einzigen groben Lüge und einem augenfälligen Diebſtahl,— zerreißet das Banner der Nation um eines elenden Fetzens willen beſchmutzt es an jedem ſeiner Sterne, trennet Streifen um Streifen davon ab, wie von dem Aermel eines degradirten Sol⸗ daten, thut Alles nur um Dollars,— was nützt denn ihnen auch eine Flagge! Wer mit Gefahr des Lebens und eines geſunden Leibes auf einer Fuchsjagd mitreitet, wird lieber auch bei einem zweckloſen Ritte meiſt Hals und Leben wagen. So ging es auch bei dieſen Herren.— In ihren Augen war nur derjenige der größte Patriot, der den Mund am vollſten nahm und Zucht und Sitte am frechſten Hohn ſprach; nur derjenige war ihr Kämpe, ihr poli⸗ tiſcher Heiland, der in der brutalen Wuth ſeiner eige⸗ nen Zwecke ihnen um ihrer erwieſenen Erbärmlichkeit 251 willen kein Brandmahl mehr aufdrücken konnte. In dem kurzen Geſpräche am Ofen, das mit wechſelſeitigem Eifer geführt wurde, lernte der aufmerkſam zuhorchende Mar⸗ tin in den erſten fünf Minuten, daß es für glorreiche Thaten gelte, wenn einer Piſtolen oder Stockdegen und andere derartige friedliche Werkzeuge mit ſich in le⸗ gislative Verſammlungen nehme— wenn er ſeine Gegner an der Kehle erfaßte, wie Ratten und Hunde zu thun pflegen, wenn er den Bramarbas, und durch perſönliche Angriffe aller Art den Kollerhahn ſpiele. Hierin ſah Niemand Verletzungen und Dolchſtöße für die Freiheit, welche tiefer in ihren Lebensquell ſchlugen, als ein Sultansſäbel zu dringen vermöchte, ſondern Alles galt nur für koſtbaren Weihrauch auf ihren Altären, der ihre patriotiſchen Naſen mit gar füßem Wohlgeruch kitzelte und in hehren Ringeln bis zum ſiebenten Himmel des Ruhmes emporſtieg.. Etlichemal als das Geſpräch eine Pauſe erlitt, rich⸗ tete Martin an verſchiedene Herren Fragen von der Art, die für ihn als Fremden von beſonderem Intereſſe waren, z. B. über Nationaldichter, über Gegenſtände des Thea⸗ ters, der Literatur und Künſte. Die Belehrung jedoch, welche ihm dieſe Herren über ſolche Objekte zu geben vermochten, erhoben ſich keineswegs über die Ergüſſe, welche ihm ſolche Heldengeiſter der Zeit, wie Oberſt Di⸗ ver, Herr Jefferſon Brick und Andere zu geben vermoch⸗ ten, die, wie es ſchien, wegen ihrer ausgezeichneten Gaben in Handhabung des eigenthümlich groben Ge⸗ ſchützes ihrer Dialektik unter der ehrenvollen Bezeichnung von„Schreiern bekannt“ waren. „Wir ſind ein geſchäftiges Volk hier zu Lande,“ ſagte einer der Kapitäns, der aus dem Weſten ſtammte;„wir haben keine Zeit, uns mit dem Leſen von ſolchen Auf⸗ ſätzen abzugeben. Wir kümmern uns nicht einmal um dieſelben, wenn ſie uns in Zeitſchriften neben allmächtig ſtrengem Stoff von anderer Sorte zukommen— geſchweige denn, daß wir gar die thörichten Bücher leſen.“ Der General, der ſchon über dem puren Gedanken, 25² als ob er etwas Anderes leſen ſollte, als was nicht kauf⸗ männiſche oder politiſche Intereſſen behandelte, und in keiner Zeitſchrift enthalten war, ohnmächtig werden zu wollen ſchien, that jetzt die Frage: ob nicht einige der Herren Etwas zu trinken beabſichtigen. Die Mehrzahl der Ge⸗ ſellſchaft ſah hierin einen höchſt klugen und zeitgemäßen Gedanken, und ſtahl ſich deßhalb einzeln und nacheinan⸗ der nach einer Schenke im nächſten Häuſerquadrate fort. Von hier aus begaben ſie ſich wahrſcheinlich nach ihren Magazinen und Geſchäftslokalen, und von dort wiederum zu ihrer Schenke, um abermals von Dollars zu reden und ihren Geiſt mit dem herkömmlichen Salbadern der Wirthshausſchreier zu bereichern, und kehrten von hier aus vermuthlich in den Buſen ihrer eigenen Familie zurück, um ſich hier durch geſundes Schnarchen auf die fernere Fortſetzung dieſer Lebensweiſe vorzubereiten. „Das wird wohl,“ ſagte Martin, als er ſich wieder allein befand, und ſeinem eigenen Gedankenzuge freien Spielraum ließ,—„das wird wohl allem Anſchein nach die hauptſächlichſte Erholung ſeyn, die ſie ſich insgemein gönnen!“ Mit dieſen Worten verftel er auf's Neue in tiefes Nachdenken über Dollars, Demagogen und Schenkſtuben, und ging innerlich mit ſich ſelbſt zu Rathe, ob geſchäf⸗ tige Leute dieſer Art in der That auch wirklich ſo ge⸗ ſchäftig ſeyen, als ſie zu ſeyn vorgaben, oder ob ihnen nur ein totales Ungeſchick oder Unkenntniß für geſelliges und häusliches Vergnügen eigen ſey. Dieſe Frage war ſehr ſchwer zu löſen und ſchon die Thatſache, daß ſie durch Alles, was er geſehen und ge⸗ hört hatte, ſeinem Geiſt beſtändig vorſchweben mußte, war nichts weniger als ermuthigend. Er ließ ſich an dem öden Speiſetiſche nieder und ſein Muth ſank immer mehr, bis der Gedanke an alle die ungewiſſen und ſchwie⸗ rigen Verhältniſſe ſeiner gegenwärtigen unſicheren Lage ihm ſchwere Seufzer abnöthigte. Am Speiſetiſche war nun ebenfalls ein Mann von mittleren Jahren mit dunklem Auge und ſonnverbrann⸗ 253 tem Geſichte anweſend geweſen, der namentlich dadurch Martin's Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen hatte, daß in ſeinen Geſichtszügen etwas äußerſt Einladendes und un⸗ verkennbar Rechtſchaffenes lag. Keiner ſeiner Nachbarn hatte ihm über dieſen Mann Auskunft zu geben vermocht und alle ſchienen auf ihn hernieder zu blicken, als ver⸗ diene er nicht im Mindeſten ihre Beachtung. Der fremde Herr hatte weder an der Unterhaltung um den Ofen her Antheil genommen, noch auch ſich mit den Uebrigen entfernt. Da er nun Martin zum dritten⸗ oder vierten⸗ mal ſeufzen hörte, unterbrach er ihn durch irgend eine gleichgültige Bemerkung, mittelſt deren er gleichſam den Wunſch an den Tag legen wollte, eine freundliche Unter⸗ haltung mit ihm anzuknüpfen, ohne ſich ihm ſelbſt auf unbeſcheidne Weiſe aufzudringen. Seine Motive gaben ſich ſo augenſcheinlich und mit ſolchem Zartgefühle kund, daß ihm Martin recht eigentlich Dank wußte und dies auch durch die Art an den Tag legte, womit er ihm darauf erwiderte. „Ich will Sie nicht fragen, wie Ihnen mein Va⸗ terland gefällt, denn ich kann mir ſchon zum Voraus denken, von welcher Art Ihre wahren Gefühle über dieſen Punkt ſeyn müſſen,“ ſagte der Herr lächelnd, indem er aufſtand und auf Martin zutraͤt;—„da ich jedoch ein Amerikaner bin und deshalb auch die Pflicht habe, mit einer Frage zu beginnen, will ich Sie nur fragen, wie Ihnen der Oberſt gefällt?“ „Sie ſprechen mich auf ſo freimüthige Weiſe an,“ verſetzte Martin,„daß ich gar kein Bedenken trage, Ihnen zu geſtehen, wie ſehr ich dieſem Menſchen abge⸗ neigt bin. Indeſſen muß ich freilich noch hinzufügen, daß ich ihm ſchon durch die Gefälligkeit zu Dank verpflichtet bin, womit er mich hieher brachte und mich unter ſehr billigen Bedingungen für die Dauer meines Anfenthalts hier unterzubringen wußte,“ fügte er hinzu, als ihm plötzlich einſiel, daß ihm der Oberſt vor ſeinem Scheiden in dieſer Beziehung Einiges zugeflüſtert hatte. „Ihre Verpflichtung gegen ihn iſt keineswegs von 254 ſo großer Bedeutung,“ entgegnete der Fremde trocken; —„ich habe mir ſagen laſſen, daß der Oberſt gelegent⸗ lich Paketſchiffe entere, um Nachrichten für ſein Journal zu erſchnappen. Ich glaube, er bringt alsdann gelegent⸗ lich auch fremde Gäſte hieher, weil er für ſolche Gefäl⸗ ligkeiten einen kleinen Nutzen von der Wirthin erhält, welche ihm dieſe von dem Betrag ſeiner Wochenrechnung in Abzug bringt. Ich habe Sie hoffentlich doch nicht beleidigt,“ fügte er hinzu, als er inne wurde, daß Mar⸗ tin erröthete. „Beſter Sir!“ rief Martin und drückte dem Frem⸗ den mit Wärme die Hand;—„ſagen Sie mir nur, wie dies möglich iſt? Die Hand aufs Herz, ich bin— ich kann gar nicht—...“ 8 „Nun ja, Sir, ich begreife,“ verſetzte der fremde Herr, als er ſich neben ſeinem Stuhle niederließ. „Ich weiß kaum mir zu erklären, wenn ich denn endlich einmal offen ſprechen ſoll,“ ſagte Martin, der ſeines Zögerns und ſeiner Befangenheit nun leicht Herr wurde,—„wie es kommt, daß dieſer Oberſt ſo unge⸗ ſtraft den Schlägen entgeht.“ 1 „Nun ja, er hat ſchon mehrmals Schläge bekom⸗ men,“ entgegnete der fremde Herr ruhig,„er gehört zu jener Menſchenklaſſe, deren Gefährlichkeit und Schmach für das Vaterland unſer trefflicher Franklin ſchon zehn Jahre vor dem Schluß des letzten Jahrhunderts voraus⸗ ſah. Sie wiſſen vielleicht nicht, daß Franklin in ſehr ent⸗ ſchiedenen Ausdrücken ſeine Meinung dahin kund that, daß diejenigen, welche durch Schufte wie dieſe Oberſt geſchmäht würden, aus dem einfachen Grunde, weil ihnen die Ge⸗ ſetzgebung dieſes Landes oder das Schicklichkeitsgefühl und die Billigkeit des Volkes ſelbſt keine hinlängliche Ge⸗ nugthuung geben, in einem ſolchen Falle berechtigt wären, ſolche öffentliche Angriffe mittelſt eines tüchtigen Knittels zu rügen?“. „Davon wußte ich Nichts,“ ſagte Martin,—„allein es macht mir Freude, dies zu hören und ich halte es des Gedächtniſſes des großen Mannes würdig; um ſo mehr...“ 25⁵ Hier zauderte er ploͤtzlich und wagte nicht zu vol⸗ lenden, allein der Andere lächelte, als ob er bereits wiſſe, was er mit den Worten ſagen wolle, welche Martin in der Kehle ſtecken geblieben waren, und munterte ihn auf, nur offen weiter zu reden. „Um ſo mehr,“ fuhr Martin fort,„als ich bereits begreifen kann, daß es ſelbſt zu ſeiner Zeit großen Muth erfordert haben mag, ſich über irgend eine Frage oder Angelegenheit, die nicht Parteiſache war, ſich in dieſem ſehr freien Lande hier in Schrift und Rede auszuſprechen.“ „Muth gehörte jedenfalls dazu,“ verſetzte ſein neuer Freund,„glauben Sie wohl, daß dieſer auch heut zu Tage entbehrlich ſey?“— „Im Gegentheil,“ verſetzte Martin,„ich bin viel⸗ mehr überzeugt, daß es hier zu Lande großen Muths von Seiten eines Mannes bedarf, wenn er ſich unum⸗ wunden ausſprechen will.“ „Sie haben Recht,“ verſetzte der Fremde;—„Sie haben ſo ſehr Recht, daß ich glaube, kein Satyriker ver⸗ möchte unſere Luft zu athmen; wenn morgen ein neuer Juvenal oder Swift unter uns ſich erhöbe, würde er in der That geſteinigt werden. Wenn Sie einige Kenntniß unſerer Literatur haben und mir den Namen irgend eines Mannes nennen können, der, Amerikaner von Geburt oder Erziehung, unſere Thorheit als Volk auseinander hat und dabei nicht nur dieſe oder jene Partei geißelte, wenn er dabei dem heilloſeſten und brutalſten Gelächter, dem eingewurzeltſten Haſſe und der unerträglichſten Ver⸗ folgung entging— ſo durfen Sie mir glauben, daß Sie meinem Ohr einen ganz neuen Namen nennen. Ich könnte Ihnen freilich in den verſchiedenſten Fällen Bei⸗ ſpiele anführen, wo ein einheimiſcher Schriftſteller es gewagt hat, auf die harmloſeſte und gutmüthigſte Weiſe unſere Laſter oder Schattenſeiten aufzudecken, allein ſtets haben dieſe Leute es für nöthig erachten müſſen, anzu⸗ kündigen, daß in einer zweiten Auflage die Stelle un⸗ terdruͤckt, erläutert und in Lob umgewandelt worden ſey.“ . 2⁵6⁶ „Und wie iſt denn das Alles zugegangen?“ fragte Martin mit dem unwillkürlichſten Entſetzen. „Erinnern Sie ſich nur an das, was Sie heute ge⸗ ſehen und gehört haben! Beginnen Sie mit dem Ober⸗ ſten und fragen Sie ſich alsdann ſelbſt!“ verſetzte ſein neuer Freund;—„wie dieſe Leute empor kamen und ſich an die Spitze des politiſchen Lebens ſtellten, iſt eine andere Frage. Der Himmel verhüte, daß ſie die Muſter und Beiſpiele der Intelligenz und Tugend von Amerika ſeyn ſollten, allein ſie wiſſen ſich geltend zu machen, bil⸗ den die überwiegende Mehrzahl der Staatsbürger und vertreten dieſe ſehr häufig. Wollen wir vielleicht einen kleinen Spaziergang zuſammen machen?“ In dem Betragen dieſes Mannes lag eine ſo herz⸗ liche Unbefangenheit, eine ſo einladende Zuverſicht, daß jene nicht mißbraucht werden würde, ein männliches Be⸗ tragen von ſeiner Seite und ein ſchlichtes Vertrauen auf die Ehrenhaftigkeit eines Fremden, wie Martin ſie nie zuvor geſehen hatte; er legte deßhalb ſeinen Arm gern in den des Amerikaners und ſie verließen mit ein⸗ ander das Speiſehaus.— Es mögen vielleicht Männer ge⸗ weſen ſeyn, wie dieſer neue Gefährte Martin's, auf welche ein Reiſender von geachtetem Namen, der vor nahezu vierzig Jahren dieſe Küſten betrat und auf demſelben Boden, wie ſeither ſo manche Andere ſchon gethan, über den Flecken und Schandmälern in den hochgeſpannten Erwartungen erwachte, die er in dem ſtrahlenden Glanze ſeiner fernen Träume zuvor nicht entdeckt hatte, ſich be⸗ zog, als er folgende Worte an ſie richtete: Kolumbia's Tage ſind für ſolche längſt dahin, Die ohne Reife rankten, im Schatten wucherten; Von außen roh, wurmſtichig bis in's Mark, Wird fallen ihre Frucht, bevor der Lenz iſt dal Ende des zweiten Bandes. —-