3 174 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, 1 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 7 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:— für wpchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Ein Tag, der feſtlich begangen wird und an dem man ſich gütlich thut. Die Feier eines Geburtstages in der Familie. Es iſt nicht Mr. Bagnet's Geburtstag. Mr. Bag⸗ net zeichnet dieſe Epoche in dem Inſtrumentengeſchäft bloß dadurch aus, daß er die Kinder vor dem Frühſtücke mit einem Extrakuſſe bedenkt, nach dem Mittageſſen eine Ertrapfeife raucht, und ſich gegen Abend fragt, was ſeine arme alte Mutter wohl darüber denken mag,— ein Ge⸗ genſtand endloſer Speculation, da dieſe ſeine Mutter nun ſchon ſeit zwanzig Jahren heimgegangen iſt in die Woh⸗ nungen des Friedens. Gewiſſe Menſchen denken ſelten an ihren Vater, ſon⸗ dern ſcheinen in den Bankbüchern ihrer Erinnerung all“ ihr Capital kindlicher Liebe auf den Namen ihrer Mutter übergetragen zu haben. Mr. Bagnet iſt einer von die⸗ ſen. Vielleicht iſt die hohe Meinung, die er von den Verdienſten des alten Mädels hat, auch Schuld, daß er ein gewiſſes Subſtantivum, das Güte ausdrückt, zu einem Femininum macht*) *) Das Wort Goodneß. Bleak Houſer IV. 1 — 2 Es iſt nicht der Geburtstag von einem der drei Kin⸗ der. Es gehen zwar ſolche Gelegenheiten nicht wie ge⸗ wöhnliche Tage vorüber; indeſſen geht es dabei ſelten über die Grenzen eines Glückwunſches und eines Pud⸗ dings hinaus. Am letzen Geburtstage des jungen Wool⸗ wich ließ ſich zwar Mr. Bagnet, nachdem er über ſein Wachſen und allgemeines Fortſchreiten Bemerkungen ge⸗ macht, in einem Augenblicke tiefen Nachdenkens über die durch die Zeit herbeigeführten Veränderungen beigehen, ihn im Katechismus zu examiniren, wobei er die Frage Numero eins und zwei:„Wie heißeſt Du?“ und„Wer hat Dir dieſen Namen gegeben?“ mit außerordentlicher Genanigkeit ausführte; indeſſen wurde ihm das Gedäch⸗ niß bald untreu, ſo daß er, ſtatt der Frage Numero drei, die Numer„und wie gefällt Dir dieſer Name?“ vornahm,— eine Frage, die er mit einem ſo erbauli⸗ chen Gefühle von ihrer Wichtigkeit ſtellte, daß er ihr dadurch ein ganz orthodoxes Ausſehen verlieh. Indeſſen war dieß an jenem beſonderen Geburtstage eine Specia⸗ lität, nicht aber eine generiſche Feierlichkeit. Es iſt heute des alten Mädels Geburtstag; und dieß iſt der höchſte Feiertag in Mr. Bagnet's Kalender und ſteht dort in rötheren Buchſtaben, als jeder andere. Das glückliche Ereigniß wird immer nach gewiſſen For⸗ men gefeiert, die ſchon ſeit einigen Jahren von Mr. Bagnet beſtimmt und vorgeſchrieben worden ſind. Da Mr. Bagnet von der tiefſten Ueberzeugung durchdrungen iſt, daß es der höchſte Gipfel königlichen Luxus ſei, ein Paar Hühner zum Mittageſſen zu haben, ſo geht er an dieſem Tage immer Morgens in aller Frühe aus, um ein ſolches Paar zu kaufen; und immer wird er bei dieſer Gele⸗ genheit von dem Hühnerverkäufer angeführt, und in den Beſitz der älteſten Bewohner irgend eines Hühnerſtalls in Europa geſetzt. Mit dieſen Triumphen von Zähigkeit geht er dann wieder nach Hauſe, wobei zu bemerken iſt, daß er dieſelben 3 ſtets in einem ſaubern blau und weiß geſtreiften baum⸗ wollenen Taſchentuche zuſammengebunden hält. Nach Hauſe zurückgekommen, fordert er Mrs. Bag⸗ net beim Frühſtücke ganz zufällig auf, ſie möge erklären, was ſie heute am Liebſten zum Mittageſſen hätte. Da Mrs. Bagnet in Folge eines überaus glücklichen Zu⸗ ſammentreffens von Umſtänden dann unabänderlich erklärt, es ſeien ihr Hühner das Liebſte, ſo zieht Mr. Bagnet auf der Stelle ſein Päckchen aus einem Verſtecke hervor, zum großen Staunen und Entzücken der Anweſenden. Ferner verlangt er, es ſolle das alte Mädel während des ganzen Tages nichts Anderes thun, als in ihrem al⸗ lerbeſten Auzuge müßig hinſitzen und ſich von ihm und dem jungen Volke bedienen laſſen. Da er aber nicht eben als Koch glänzt, ſo kann man ſich leicht denken, daß dieß für das alte Mädel mehr eine Sache des Staats, als ein Genuß iſt; gleichwohl führt ſie an dieſem Tage ihren Staat mit aller nur erdenklichen Heiterkeit. Der jetzigen Gedenkfeier hat nun Mr. Bagnet die gewöhnlichen Präliminarien vorangehen laſſen. Er hat zwei Specimina von Geflügel gekauft, die, wenn in Sprüchwörtern überhaupt einige Wahrheit liegt, gewiß nicht mit Spreu gefangen worden ſind, um für den Brat⸗ ſpieß zubereitet zu werden; er hat durch ihre unvorher⸗ geſehene Hervorziehung die Familie in Staunen und in Entzücken verſetzt. Er ſelbſt beauffichtigt und leitet das Braten des Geflügels; und Mrs. Bagnet ſitzt, während die geſunden braunen Finger ihr jucken, indem ſie gerne da einſchreiten möchte, wo ſie Etwas ſchief gehen ſieht, als geehrter Gaſt in ihrem Staatsanzuge da. Quebec und Malta decken den Tiſch, während Wool⸗ wich, der wie es ihm ziemt, unter ſeinem Vater dient, die Hühner ſich fleißig drehen läßt. Dieſem jungen Kü⸗ chenperſonale läßt Mrs. Bagnet gelegentlich einen Wink, ein Kopfſchütteln, oder ein ſchiefes Geſicht zukommen, wenn ſich daſſelbe Böcke zu Schulden kommen läßt. 4 „Um halb zwei Uhr,“ ſpricht Mr. Bagnet,„auf die Minute hin, werden ſie fertig ſein.“ Mrs. Bagnet ſieht, mit angſtbeklommener Bruſt eines von den Hühnern ſich vor dem Feuer nicht mehr drehen, und fieht wie daſſelbe anbrennt. „Du ſollſt heute aber ein Mittageſſen bekommen, altes Mädel!“ ſpricht Mr. Bagnet.„Ein Mittageſſen, woran ſich keine Königin ſchämen dürfte.“ Mrs. Bagnet zeigt zwar recht heiter ihre weißen Zähne, verräth aber, ſo daß es ſelbſt ihr Sohn merkt, ſo viel Geiſtesunruhe, daß er durch ſeine kindliche Liebe veranläßt wird, ſie mit den Augen zu fragen, was es denn gäbe. Er ſteht mit weit aufgeriſſenen Augen da, vergißt die Hühner noch mehr, als zuvor, und gewährt auch nicht die geringſte Hoffnung, daß er ſobald wieder daran denken werde. Zum Glücke bemerkt ſeine ältere Schweſter die Ur⸗ ſache der Unrnhe in Mrs. Bagnet's Bruſt und bringt ihn durch einen mahnenden Stoß wieder zu ſich. Nun drehen ſich wieder die eine Zeit lang in ihrem Laufe aufgehaltenen Hühner, und Mrs. Bagnet ſchließt die Augen in der Intenſität ihrer Erleichterung. „George wird kommen,“ ſpricht Mr. Bagnet. „Um halb fünf Uhr. Auf den Augenblick hin. Wie viele Jahre, altes Mädel. Iſt George zu uns gekom⸗ men. An dieſem Nachmittag?“ „Ah, Lignum, Lignum, ſo viele, daß dabei aus einem jungen Frauenzimmer ein altes Weib wird, fange ich an, zu denken. Gewiß, gewiß, Lignnm,“ verſetzt Mrs. Bagnet lachend und kopfſchüttelnd. „Altes Mädel,“ ſpricht Mr. Bagnet.„Laß Dir da⸗ rüber keine grauen Haare wachſen. Du biſt ſo jung, als nur je. Wenn Du nicht unterdeſſen jünger geworden biſt. Was nur die Wahrheit iſt. Wie Jedermann weiß.“ Quebec und Malta rufen hier, vor Freude die Hände zuſamenſchlagend, aus, es werde Bluffy Mutter gewiß 5 Etwas bringen, und fangen an, ſich in Speculationen zu ergehen, was das wohl ſein werde. „Weißt du auch, Lignum,“ ſpricht Mrs. Bagnet, ei⸗ nen Blick auf das Tiſchtuch werfend, und mit dem rech⸗ ten Auge„Salz!“ Malta zuwinkend, und mit dem Kopfe den Pfeffer von Quebec wegſchüttelnd;„ich fange an, zu glauben, George ergibt ſich wieder dem Herumſtrei⸗ chen.“ „George,“ verſetzt Mr. Bagnet,„wird nie deſer⸗ tiren. Und ſeinen alten Kameraden in der Patſche ſitzen laſſen. Sei Du deßhalb unbeſorgt!“ „Lignum, ich ſage nicht, daß er uns in der Patſche ſitzen läßt. Nein, nein, das ſage ich nicht. Ich glaube nicht, daß er das thut. Ich glaube nur, daß er davon gehen würde, wenn er die Geldgeſchichte vom Halſe hätte.“ Mr. Bagnet fragt, warum? „Nun,“ verſetzt ſeine Frau, ſich eine Weile beſin⸗ nend,„George ſcheint mir eben ziemlich ungeduldig und unruhig zu werden. Ich ſage nicht, er ſei nicht mehr ſo frei, wie früher. Er muß natürlich frei ſein, ſonſt wäre er kein George mehr; aber trotz alle und alle dem bleibt es wahr, daß ihn Etwas drückt und daß er verſtimmt ſcheint.“ „Er wird extra gedrillt,“ ſpricht Mr. Bagnet. „Von einem Advocaten. Der den Teufel ſelbſt verſtim⸗ men könnte.“ „Es iſt Etwas daran,“ ſtimmt ſeine Frau bei;„aber ſo iſt es, Lignum.“ Weitere Unterhaltung wird für den Augenblick durch den Umſtand unmöglich gemacht, daß Mr. Bagnet die ganze Kraft ſeines Geiſtes auf das Mittageſſen concen⸗ triren muß, das nicht wenig gefährdet iſt durch die Saft⸗ loſigkeit der Hühner, ſowie ferner dadurch, daß die erhal⸗ tene Sauce gar keinen Geſchmack bekommen will und dabei kein anderes, als ein flachsfarbenes Ausſehen be⸗ 6 kommen kann. Nicht minder verkehrt und eigenſinnig ſind die Kartoffeln, die während des Schälungsproceſſes von den Gabeln herunterbröckeln, und in jeder Richtung von ihren Mittelpunkten ſich losmachen und herunterpur⸗ zeln, wie wenn fie Erdbeben unterworfen wären. Auch ſind die Füße der Hühner länger, als wünſchenswerth wäre, und ungemein ſchuppig. Indeſſen überwindet Mr. Bagnet alle dieſe Schwie⸗ rigkeiten, ſo gut er kann; das Eſſen wird endlich auf⸗ getragen, worauf ſich Alles zu Tiſch begibt. Mrs. Bagnet nimmt dabei zu ſeiner Rechten den Platz eines Gaſtes ein. Wohl dem alten Mädel, daß es jährlich nur einen ſolchen Geburtstag feiern darf, denn zwei ſolche Hoch⸗ genüſſe möchten der Geſundheit verderblich werden. Jede Art zarterer Sehnen und Ligamente, ſo man beim Ge⸗ flügel zu fiuden berechtigt iſt, iſt bei dieſen Specimina's in der ſonderbaren Form von Guttarreſaiten entwickelt. Ihre Glieder ſcheinen in ihre Bruſt und ihren Körper hinein Wurzeln getrieben zu haben, wie alte Bäume Wurzeln in die Erde hineintreiben. Ihre Füße ſind ſo hart, daß ſie zu dem Gedanken ermuthigen, es müſſen die⸗ ſelben den größten Theil ihres langen und harten Lebens zu Fußtouren und zu Wettläufen benützt haben. Mr. Bagnet läßt ſich aber von dieſen kleinen Män⸗ geln Nichts träumen, ſondern ſetzt es ſich in den Kopf, daß Mrs. Bagnet ein möglichſt großes Quantum von den ihr vorgeſetzten Delicateſſen eſſen müſſe. Und da das gute alte Mädel ihm um keinen Preis auch nur einen Augenblick in Etwas zuwiderhandeln möchte, am allerwenigſten aber an einem ſolchen Tage, ſo muthet ſie ihrer Verdauungskraft entſetzlich viel zu, und faſt zu viel. Wie der junge Woolwich die Trommelſchlägel ſäubert, ohne gerade von einem Straußen abzuſtammen, das vermag ſeine ängſtliche Mutter nicht zu begreifen. Das alte Mädel muß ſich, als das Mahl vorüber —— 7 iſt, noch einer weitern Prüfung unterwerfen, indem ſie, in ihrem Staate daſitzend, zuſchauen muß, wie abgetra⸗ gen, der Herd gefegt, und Teller, Schüſſeln, Löffel, Gabeln, Meſſer u. ſ. w. im hintern Hofe gewaſchen und geſcheuert werden. Die große Freude und Energie, womit die zwei jungen Damen ſich dieſen Pflichten widmen, wobei ſie in Nachahmung ihrer Mutter den Rock hinaufſchlagen, und auf kleinen Gerüſten von Holzſchuhen herein und hinaus⸗ ſchleifen, flößen zwar für die Zukunft die höchſten Hoff⸗ nungen, für die Gegenwart jedoch einige Beſorgniſſe ein. Die gleichen Urſachen führen zu einer Sprachverwir⸗ rung, zu einem Geraſſel von Töpferwaaren und zinner⸗ nen Kannen, zu Beſenbewegungen und zu einem Ver⸗ brauch von Waſſer, Alles im Uebermaß; während die Durchnäſſung der jungen Damen ſelbſt für Mrs. Bag⸗ net ein faſt zu rührendes Schauſpiel iſt, als daß ſie daſſelbe mit der ihrer Stellung angemeſſenen Ruhe anzuſehen vermöchte. Endlich ſind die verſchiedenen Säuberungsproceſſe fiegreich beendigt; Quebec und Malta erſcheinen in fri⸗ ſchem Anzuge, lächelnd und trocken; es kommen Pfeifen, Tabak, und Etwas zum Trinken auf den Tiſch; und jetzt erſt erfreut ſich das alte Mädel der Gemüthsruhe, die an dem Tage dieſes ſplendiden Mahls immer über ſie kommt. Als Mr. Bagnet den gewohnten Sitz einnimmt, ſtehen die Zeiger der Uhr faſt genau auf halb fünf; und als ſie gerade darauf ſtehen. kündigt Mr. Bagnet an: „George! Militäriſche Zeit.“ Es iſt George; und er hat herzliche Glückwünſche für das alte Mädel(dem er bei dieſer feierlichen Gele⸗ geuheit einen Kuß gibt), und für die Kinder, und Mr. Bagnet. 3 „Möge dieſer Tag für uns Alle recht oft und recht glücklich wiederkehren!“ ſpricht Mr. George. „Aber George, Sie alter Mann!“ ruft Mrs. Bag⸗ 8 net, ihn ſeltſam anſchauend.„Was iſt denn Ihnen paſ⸗ firt?“ „Mir paſſirt?“ „Ah! Sie ſind ſo weiß, George, für eine Perſon, wie Sie— und ſehen ſo angegriffen, ſo betroffen aus. Sag ein Mal Lignum, iſt es nicht ſo?“ „George,“ ſpricht Mr. Bagnet,„ſag doch dem al⸗ ten Mädel, was Dir iſt.“ „Ich wußte nicht, daß ich weiß ausſehe,“ ſpricht der Troupier, mit der Hand über die Stirn hinfahrend „und ich wußte nicht, daß ich angegriffen und betroffen aus⸗ ſehe, und es thut mir leid, wenn dem ſo iſt. Die Wahrheit iſt, daß der junge Burſche, der zu mir gebracht wurde, geſtern Nachmittag geſtorben iſt, und daß mich dieß etwas angegriffen hat.“ „Armes Geſchöpf!“ ſpricht Mrs. Bagnet mit dem Mitleiden einer Mutter.„Iſt er todt? O Himmel, o Himmel!“ „Ich wollte der Sache keine Erwähnung thun, denn es iſt das kein Geburtstagsgeſpräch; aber Sie haben die Sache aus mir herausgebracht, wie Sie ſehen, noch ehe ich mich ſetze. Ich hätte mich in einer Minute wohl wieder ermannt,“ ſpricht der Troupier, indem er ſich ſelbſt nöthigt, in einem luſtigen Tone zu ſprechen,„aber Sie ſind ſo raſch, Mrs. Bagnet.“ „Du haſt Recht! Das alte Mädel,“ ſpricht Mr. Bagnet,„iſt ſo raſch. Wie Pulver.“ „Und was noch mehr iſt, ſie iſt der Gegenſtand der Feier dieſes Tages, und wir wollen uns an ſie halten,“ ruft Mr. George aus.„Schauen Sie her, ich habe eine kleine Broche mitgebracht. Es iſt dieß zwar etwas Aerm⸗ liches, wiſſen Sie, aber es iſt ein Andenken. Das iſt all' das Gute daran, Mrs. Bagnet.“ Mr. George zieht ſein Geſchenk hervor, das von der jungen Familie mit bewunderungerfüllten Springen 9 und Händeklatſchen, von Mrs. Bagnet aber mit einer Art ehrerbietiger Bewunderung begrüßt wird. „Altes Mädel!“ ſpricht Mr. Bagnet.„Sag ihm, was ich davon halte!“ „Ei, es iſt ein wahres Wunderwerk, George!“ ruft Mrs. Bagnet aus.„Es iſt das allerſchönſte Ding, das man je geſehen hat!“ „Gut!“ ſpricht Mr. Bagnet.„Ganz meine Mei⸗ nung.“ „Es iſt ſo hübſch, George,“ ruft Mrs. Bagnet, es nach allen Seiten umdrehend und es mit geſtrecktem Arme hinhaltend,„daß ich glaube, es iſt zu gut für mich.“ „Schlecht!“ ſpricht Mr. Bagnet.„Nicht meine Mei⸗ nung.“ „Wie es aber immer ſein mag, ich danke Ihnen hunderttauſend Mal dafür, alter Burſche,“ ſpricht Mrs. Bagnet, und es funkeln dabei ihre Angen vor Freude, und es iſt ihre Hand zu ihm hingeſtreckt;„und obwohl ich zuweilen ein rauhhaariges Soldatenweib gegen Sie ge⸗ weſen bin, George, ſo ſind wir doch in Wahrheit gewiß ſo gute Freunde, als es nur ſein kann. Und nun ſol⸗ len Sie mir das Ding ſelbſt anſtecken, damit es mir Glück bringt,— wenn Sie anders wollen, George.“ Die Kinder drängen ſich heran, um zu ſehen, wie das zugeht, und Mr. Bagnet ſchaut über den Kopf des jungen Woolwich weg, um zu ſehen, wie das zugeht, mit einem Intereſſe, das ſo recht hölzern, dabei aber ſo nett kindlich iſt, daß Mrs. Bagnet ſich nicht enthalten kann, in ihrer heitern Weiſe zu lachen und zu ſagen: „O, Lignum, Lignum, welch' prächtiger alter Burſche biſt Du!“ Allein es gelingt dem Troupier nicht, die Broche anzuſtecken. Es zittert ihm die Hand, er iſt aufgeregt und es fällt die Broche herunter. „Würde wohl Jemand dieß glauben?“ ſpricht er, 10 indem er die Broche beim Herabfallen mit der Hand auf⸗ fängt und dabei herumſchaut.„Ich bin ſo verdrießlich, daß ich nicht einmal zu einem ſo leichien Geſchäft geſchickt bin!“ Mrs. Bagnet ſchließt, daß für einen ſolchen Fall es kein beſſeres Mittel gebe, als eine Pfeife; ſofort befeſtigt ſie ſelbſt die Broche in einem Nu, läßt den Troupier ſich an ſein gewöhnliches bequemes Plätzchen ſitzen, und die Pfeifen ihre Thätigkeit beginnen. „Wenn das Sie nicht wieder zurecht bringt, George,“ ſpricht ſie,„ſo werfen Sie nur dann und wann ein Auge zu ihrem Geſchenke herüber, und ich ſtehe ihnen dafür, die beiden Dinge zuſammen müſſen wirken.“ „Sie ſollten ſchon allein das bewirken,“ antwortet George;„ich weiß das recht gut, Mrs. Bagnet. Ich will Ihnen ſagen, wie der Mißmuth meiner Herr gewor⸗ den iſt. Da war der arme Burſche. Es war nicht gar erfreulich, ihn ſterben zu ſehen, wie er ſtarb, und ihm doch nicht helfen zu können.“ „Was wollen Sie damit ſagen, George. Sie hal⸗ fen ihm ja! Sie haben ihn ja unter ihrem Dache beher⸗ bergt.“ „So weit half ich ihm allerdings; aber es iſt das nur wenig. Ich meine, Mr. Bagnet, da lag er ſo und ſtarb, ohne daß früher Jemand ihn Etwas mehr ge⸗ lehrt, als die rechte Hand von der linken zu unterſchei⸗ den. Und er hatte ſchon zu ſehr abgeſponnen, als daß man ihm hätte helfen können.“ „Ach, das arme Geſchöpf!“ ſpricht Mrs. Bagnet. „Und dann hat dieß,“ ſpricht der Troupier, ſeine Pfeife noch nicht anzündend, und mit ſeiner ſchweren Hand über die Stirn fahrend,„einen Mann wieder an Gridley erinnert. Auch ſein Umſtand war ein ſchlimmer, nur in anderer Art. Dann verbanden ſich die Beiden in eines Mannes Geiſt mit einem kieſelherzigen, alten Schufte, der mit Beiden zu ſchaffen hatte. Und wenn — ◻☛ —„—— 11 mau an dieſen roſtigen Karabiner, Schaft und Lauf, dachte, wie derſelbe in ſeinem Winkel, hart, gleichgültig, und Alles ſo gleichmüthig hinnehmend, daſtand,— ſo juckte und juckte es Einen in allen Gliedern, ich kann es Ihnen verſichern.“ „Was ich Ihnen rathe,“ verſetzt Mrs. Bagnet, „iſt, daß Sie Ihre Pfeife anzünden und das Uebrige ſein laſſen. Es iſt geſünder und behaglicher, und für die Geſundheit überhaupt beſſer.“ „Sie haben Recht,“ ſpricht der Troupier,„und ich will es thun!“ Und ſo thut er es denn, wenn auch immer noch mit einer entrüſteten Gravität, die auf die jungen Bagnets Eindruck macht und ſelbſt Mr. Bagnet veranlaßt, Mrs. Bagnets Geſundheit noch nicht auszubringen, ſondern dieſe Ceremonie noch hinauszuſchieben; wobei wir bemer⸗ ken müſſen, daß er bei ſolchen Gelegenheiten dieſe Ge⸗ ſundheit immer in einer Rede ausbringt, die als ein Mu⸗ ſter von Gefeiltheit angeſehen werden kann. Nachdem aber die jungen Damen das zuſammen⸗ geſetzt haben, was Mr. Bagnet„die Miſchung“ zu nen⸗ nen gewohnt iſt, und da George's Pfeife jetzt glüht, ſo hält es Mr. Bagnet für ſeine Pflicht, zum abendlichen Toaſte überzugehen. Er redet die verſammelte Geſell⸗ ſchaft in folgenden Ausdrücken an: „George, Woolwich. Quebec. Malta. Dieß iſt ihr Geburtstag. Marſchiret einen ganzen Tag. Und Ihr werdet keine wie ſie finden. Dieß Glas auf ihre Geſundheit!“ Nachdem die Geſundheit mit Begeiſterung getrun⸗ ken iſt, ſpricht Mrs. Bagnet in einer zierlichen Anrede von entſprechender Kürze ihren Dank aus. Dieſes Mu⸗ ſter von einer Compoſition beſchränkt ſich auf die Worte: „Und ich trinke Eure Geſundheit!“ was das alte Mädel auch thut, indem ſie Jedem der Reihe nach zunickt, und der Miſchung gehörig zuſpricht, 12 Heute läßt ſie jedoch dem Zuge, den ſie gethan, den völlig unerwarteten Ausruf folgen: „Da ſteht ein Mann!“ Ja, da ſteht ein Mann, zur großen Verwunderung der kleinen Geſellſchaft. Es ſieht derſelbe zur Stuben⸗ thüre herein. Es iſt ein Mann mit ſcharfem Auge— ein Mann, dem Nichts entgeht— und es nimmt der⸗ ſelbe auf der Stelle, individuell und collectiv, Aller Blicke in ſich auf, in einer Weiſe, die ihn zu einem bemerkens⸗ werthen Mann ſtempelt. „George,“ ſpricht der Mann nickend,„wie befinden Sie ſich?“ „Ci, es iſt ja Bucket!“ ruft Mr. George. „Ja,“ ſpricht der Mann hereinkommend und die Thüre zumachend.„Ich ging eben hier die Straße bin⸗ ab, da blieb ich zufällig ſtehen, und ſchaute die muſika⸗ liſchen Inſtrumente an, die am Ladenfenſter aufgeſtellt ſind— ein Freund von mir braucht ein altes Violon⸗ cell, das einen guten Ton haben muß— und da ſah ich eine luſtige Geſellſchaft, und dachte, ich ſehe Sie in der Ecke ſitzen; ich dachte, ich könne mich nicht täuſchen. Wie geht es bei Ihnen, George in dieſem Augenblick? Recht gut? Und bei Ihnen, Ma'am? Und bei Ihnen, werther Herr? Und, o Gott!“ ſpricht Mr. Bucket, die Arme öffnend,„da ſind ja auch Kinder! Man kann mit mir Alles anfangen, ſobald man mich Kinder ſehen läßt. Gebt mir einen Kuß, ihr lieben Kleinen! Brauche nicht erſt zu fragen, wer Euer Vater und Eure Mutter iſt. Sah in meinem Leben nie eine ſolche Aehnlichkeit!“ Mr. Bucket hat ſich, nicht ganz unwillkommen, neben George geſetzt, und hat Queber und Malta auf die Knie genommen. „Ihr lieben hübſchen Kleinen,“ ſpricht Bucket wei⸗ ter,„gebt mir noch einen Kuß; es iſt dieß das Einzige, worin ich unerſättlich bin. Ei, du Himmel, wie geſund ſehet Ihr nicht aus! Und wie alt mögen wohl die Bei⸗ 13 den ſein, Ma'am? Ich meinerſeits würde ihr Alter etwa mit der, Zahl acht und zehn ausdrücken.“ „Sie ſind nicht weit davon, Sir,“ ſpricht Mrs. Bagnet. „Ich bin in der Regel nicht weit davon,“ verſetzt Mr. Bucket,„da ich Kinder ſo gerne habe. Ein Freund von mir hat neunzehn ſolche Kinder gehabt, Ma'am, alle von einer Mutter, und es iſt dieſe immer noch ſo friſch und roſig, wie der Morgen. Zwar nicht ganz ſo wie Sie, aber meiner Seel'! ſie kommt Ihnen nahe. Und wie heißen denn dieſe Dinge, liebe Kleine?“ fährt Mr. Bucket, Malta in die Wange kneipend, fort.„Es ſind das Pfirſiche, ja, das ſind es. O, Du Engel! Und was denkſt Du von Vater? Denkſt Du wohl, es könnte Vater eine alte Violine von gutem Tone für Mr. Buckets Freund empfehlen, meine Liebe? Mein Name iſt Bucket. Iſt das nicht ein drolliger Name?“ Dieſe Liebkoſungen und dieſes freundliche Weſen ha⸗ ben ihm die Herzen der ganzen Familie gewonnen. Mrs. Bagnet vergißt den Tag bis zu dem Grade, daß ſie für Mr. Bucket eine Pfeife und ein Glas füllt und ihm da⸗ mit in gaſtfreundſchaftlicher Weiſe aufwartet. Es würde ſie ſchon unter allen Umſtänden freuen, einen ſo ange⸗ nehmen, luſtigen Mann bei ſich zu ſehen, aber ſie ſagt zu ihm, es freue ſie, da er ein Freund von George ſei, ganz beſonders, ihn in dieſem Abende zu ſehen, da Geor⸗ ge's Stimmung nicht die gewöhnliche ſei. „George's Stimmung nicht die gewöhnliche?“ ruft Mr. Bucket.„Was Sie da nicht ſagen! Ei, noch nie habe ich von ſo Etwas gehört! Was iſt Ihnen, George? Sie werden mir doch nicht ſagen wollen, Sie ſeien ver⸗ ſtimmt geweſen! Was könnte Sie denn auch verſtimmen? Sie haben ja Nichts auf dem Herzen, wiſſen Sie.“ „O, nichts Beſonderes!“ verſetzt der Troupier.“ „Das ſollte ich auch meinen,“ erwiedert Mr. Bucket. „Was konnten Sie auch auf dem Herzen haben, wiſſen 14 Sie! Und haben denn dieſe lieben Kleinen Etwas auf dem Herzen, he? Nein, gewiß nicht; aber ſie werden eines ſchönen Tages dieſem oder jenem von den jungen Leuten gar ſehr am Herzen liegen, und dieſelben recht niedergeſchlagen machen. Ich bin zwar kein großer Pro⸗ phet, kann Ihnen aber das wohl Aaden, Ma'am.“ Die völlig bezanberte Mrs. Bagnet hofft, es habe Mr. Bucket auch Familie. „Oh, Ma'am!“ ſpricht Mr. Bucket. Würden Sie mir wohl glauben? Nein, ich habe keine. Meine Frau und eine Miethfrau machen meine ganze Familie aus. Mrs. Bucket iſt in Kinder eben ſo ſehr vernarrt, wie ich, und wünſcht eben ſo ſehr, ſolche zu bekommen; aber nein. So iſt es. Die Güter dieſer Welt ſind nun einmal un⸗ gleich vertheilt, und man darf ſich darüber nicht grämen. Welch' überaus netter Hinterhof, Ma'am! Führt wohl auch ein Weg aus dieſem Hofe hinaus 2“ Es führt kein Weg aus dieſem Hofe hinaus. „Wirklich?“ ſpricht Mr. Bucket.„Ich hätte gedacht, es ſei ein ſolcher Weg da. Meiner Seel'! Ich weiß nicht, ob ich ſchon einen Hinterhof geſehen, der mir mehr gefallen hat. Würden Sie mir wohl erlauben, daß ich denſelben ein Bischen anſehe? Ich danke Ihnen. Nein, ich ſehe, daß kein Weg aus demſelben hinausſührt. Aber welch' gut proportionirter Hof das iſt!“ Nachdem Mr. Bucket ſein ſcharfes Auge im ganzen Hofe hat herumſchweifen laſſen, kehrt er zu ſeinem Freund, Mr. George zurück, und ſchlägt dieſem, ſich ſetzend, in freundſchaftlicher Weiſe auf die Schulter. „Nun, wie iſt man jetzt geſtimmt, George?“ „Alles in Ordnung jetzt,“ verſetzt der Troupier. „Das ſieht Ihnen wieder einmal gleich!“ ſpricht Mr. Bucket.„Warum hätten Sie auch einmal verſttmmt ſein ſollen? Ein Mann von Ihrer ſchönen Geſtalt und Conſtitution hat kein Recht, verſtimmt zu ſein. In ſol⸗ cher Bruſt hat keine Verſtimmung Platz, nicht wahr, S — 15⁵ Ma'am? Und Sie haben ja Nichts auf dem Herzen, wiſſen Sie, George. Was könnte Sie denn auch drücken!“ Mr. Bucket verweilt bei dieſer Phraſe etwas lange, wenn man die Ausdehnung und Mannigfaltigkeit ſeines Uaterhaltungtalents in Erwägung zieht, und wiederholt dieſelbe zwei oder drei Mal der Pfeife, die er anzündet, und mit einem lauſchenden Geſichte, das nur ihm gehört. Aber die Sonne ſeiner Geſelligkeit tritt bald wieder aus dieſer kurzen Verfinſterung, um auf's Neue zu ſcheinen. „Und das iſt Bruder, nicht wahr, meine Lieben?“ ſpricht Mr. Bucket, ſich in Betreff des jungen Woolwich an Quebec und Malta wendend, um über denſelben Aus⸗ kunft zu erhalten.„Und ein netter Bruder iſt er dazu — Halbbruder, will ich ſagen, denn er iſt zu alt, als daß er Ihr Sohn ſein könnte, Ma'am.“ „O, was das betrifft, ſo kann ich es kühn bezeugen, daß er ſonſt Niemand gehört,“ erwiedert Mrs. Bagnet lachend. „„Ci, ei, was Sie da nicht ſagen! Sie ſetzen mich in Erſtaunen! Aber halt, er iſt Ihnen ähnlich, es läßt ſich das nicht ableugnen. Ei, Himmel! Wie wunderbar er Ihnen gleicht. Was Sie aber die Stirn nennen wogen⸗ ſo ſchaut ſein Vater daraus hervor, wiſſen ie ⸗ Mr. Bucket vergleicht die Geſichter mit einander und hält dabei ein Auge zu, währeud Mr. Bagnet mit thörichter Befriedigung fortdampft. Dieß gibt Mrs Bagnet Gelegenheit, Mr. Bucket zu ſagen, daß George des Knaben Pathe iſt. „Was, George iſt ſein Pathe?“ verſetzt Mr Bucket mit äußerſter Herzlichkeit.„Da muß ich ja dem jungen Burſchen noch ein Mal die Hand ſchütteln. Es machen die Beiden einander Ehre. Und was wollen Sie denn aus dem Kleinen machen? zeigt er ſchon einiges Talent für ein mufikaliſches Inſtrument?“ Mr Bagnet fällt urplötzlich ein: 16 „Bläſt die Querpfeife wunderſchön.“ „Würden Sie wohl glauben, verehrter Herr,“ ſpricht Mr. Bucket, dem dieſes Zuſammentreffen auffällt,„daß ich als ein Knabe ſelbſt die Querpfeife bließ? Zwar nicht in wiſſenſchaftlicher Weiſe, wie er wohl thut, ſon⸗ dern nur nach dem Ohre. Gott ſteh' mir bei!„Britiſche Grenadieree— das iſt eine Melodie, die einen Eng⸗ länder erwärmen kann! Könnten Sie uns wohl ‚briti⸗ ſche Grenadiere’ zum Beſten gebeu, mein feiner Burſche?“ Nichts könnte dem kleinen Kreiſe wohl angenehmer ſein, und erwünſchter kommen, als dieſe an den jungen Woolwich ergangene Aufforderung, der alsbald ſeine erſeife herbei holt, und die aufregende Melodie äſt. Während ſo der junge Woolwich ſich dieſer ſeiner Aufgabe entledigt, ſchlägt der nicht wenig lebendig ge⸗ wordene Mr. Bucket den Takt, und verfehlt nie in den Refrain ‚brit—iſche Gre—e—e— enadiere“ ſcharf mit ein⸗ zufallen. Kurz und gut, Mr. Bucket zeigt ſo viel muſikaliſchen Geſchmack, daß Mr. Bagnet wirklich ſeine Pfeife von den Lippen wegnimmt, um ſeine Ueberzeugung auszu⸗ drücken, daß er ein Sänger ſei. Mr. Bucket nimmt die harmoniſche Anklage ſo be⸗ ſcheiden auf,— geſteht, wie er einſt ein Bischen ge⸗ ſungen habe, um die Gefühle in ſeiner Bruſt auszyudrü⸗ cken, und ohne daß er den dünkelhaften Gedanken gehabt, ſeine Freunde damit zu unterhalten, bis man ihn auf⸗ fordert, zu ſingen; um nun zur Unterhaltung das Sei⸗ nige gleichfalls beizutragen, und um ſich nicht minder geſellig zu zeigen, willigt er ein, und gibt ihnen das Lied„Glaube mir, wenn all' die theuren, jungen Reize“ zum Beſten. Von dieſer Ballade glaubt er, wie er Mrs. Bagnet ſagt, daß ſie ſein mächtigſter Alliirter geweſen ſei, als es gegolten habe, das Herz von Mrs. Bucket, 17 als dieſelbe noch eine Jungfrau geweſen, zu rühren und dieſelbe an den Altar heranzubringen. Dieſer lebensluſtige Fremde iſt an dieſem Abend eine ſo neue und angenehme Erſcheinung, daß Mr. Ge⸗ orge, der bei ſeinem Eintritte eben nicht ſonderlich erfreut ausſah, wider ſeinen Willeu anfängt, ſtolz auf ihn zu ſein. Er iſt ſo freundſchaftlich, iſt ein Mann von ſo vielen Reſſourcen, und ſo umgänglich, daß es etwas heißt, die Familie mit ihm bekannt gemacht zu haben. Mr. Bagnet iſt, nachdem er eine weitere Pfeife ge⸗ raucht, von dem Werth ſeines neuen Bekannten ſo über⸗ zeugt, daß er ſich die Ehre ſeiner Geſellſchaft an dem kommenden Geburtstag des alten Mädels ausbittet. Kann Etwas die Achtung, womit die Familie Mr. Bucket ſchon erfüllt, noch enger kitten und noch mehr befeſtigen, ſo iſt es die Entdeckung, warum man heute ſo beiſammen iſt. Er trinkt auf das Wohl von Mrs. Bagnet mit einer Wärme, die an Entzücken grenzt, ver⸗ pflichtet ſich in mehr als dankbarer Weiſe, heute über ein Jahr zu kommen, notirt ſich dieſen Tag in einem großen ſchwarzen Taſchenbuche, das mit einem kleinen Gurte verſehen iſt, und drückt die Hoffnung aus, es werden Mrs. Bucket und Mrs. Bagnet wohl noch vor⸗ her gewiſſermaſſen einander Schweſtern werden. Er ſelbſt ſagt ja, was iſt das öffentliche Leben ohne private Bande. Er iſt zwar in ſeiner beſcheidenen Sphäre ein öffentlicher Mann, aber er findet das Glück nicht in dieſer Spbäre. Nein, es muß daſſelbe innerhalb der Grenzen häuslicher Glückſeligkeit geſucht werden. Unter ſolchen Umſtänden iſt es natürlich, daß auch er ſich des Freundes erinnert, dem er eine ſo viel ver⸗ ſprechende neue Bekanntſchaft verdankt. Auch thut er das. Er weicht ihm nicht von der Seite. Wovon immer geſprochen werden mag, er hält immer ein zärtliches Ange auf ihn geheſtet. Er bleibt ſo lange, um mit ihm heim⸗ Bleak Houſe. IV. 2 18 ſpazieren zu können. Er intereſſirt ſich ſogar für Ge⸗ orge’s Stiefeln und beobachtet dieſelben aufmerkſam, während Letzterer rauchend und mit übergeſchlagenen Beinen in der Kaminecke ſitzt. Endlich ſteht Mr. George auf, um wegzugehen. In demſelben Angenblicke erhebt ſich auch Mr. Bucket mit der geheimen Sympathie der Freundſchaft. Seine Liebe zu den Kindern hält bis auf den letzten Augenblick Stand und er erinnert ſich des Auftrags, der ihm von einem abweſenden Freunde geworden. „Was das alte Violoncell betrifft, verehrter Herr — könnten Sie mir vielleicht ein ſolches Ding em⸗ pfehlen?“ „Dutzende,“ ſpricht Mr. Bagnet. „Ich bin Ihnen verbunden,“ antwortet Mr. Bucket, ſe ine Hand preſſend.„Sie ſind ein Freund in der Noth. Ein guter Ton, vergeſſen Sie's nicht! Mein Freund iſt ein Kapitalgeiger. Meiner Treu! Er ſtreicht den Mo⸗ zart und Händel und wie all' die übrigen großen Per⸗ rücken heißen mögen, mit vollendeter Meiſterſchaft her⸗ unter. Auch brauchen Sie,“ ſetzt Mr. Bucket mit be⸗ dächtiger und leiſer Stimme hinzu,„auch brauchen Sie, was den Preis betrifft, nicht zu nieder zu greifen, ver⸗ ehrter Herr. Ich mag zwar für meinen Freund keinen zu hohen Preis bezahlen, indeſſen ſollen Sie doch auch Etwas dabei verdienen und für Ihren Zeitverluſt entſchä⸗ digt werden. Es iſt das nur billig; leben und leben laſſen iſt alle Zeit mein Grundſatz geweſen.“ Mr. Bagnet ſchüttelt den Kopf nach dem alten Mä⸗ del hin, um ihr zu bedeuten, daß ſie ein koſtbares Ju⸗ wel gefunden. „Wenn ich morgen früh vorſpräche, ſagen wir um halb elf, wie wäre es? Vielleicht könnten Sie mir dann die Preiſe von ein paar Violoncellen mit gutem Ton an⸗ geben?“ ſpricht Mr. Bucket. „Nichts leichter.“ Mr. und Mrs. Bagnet machen 19 ſich Beide anheiſchig, um die genannte Stunde die ver⸗ langte Mittheilung für ihn parat zu halten, und geben einander ſogar zu verſtehen, daß es gerathen ſein dürfte, bis dahin einen kleinen Vorrath parat zu halten, damit der neue Frennd nur ſogleich eine auswählen könne. „Ich danke Ihnen,“ ſpricht Mr. Bucket,—„danke Ihnen. Gute Nacht, Ma'am. Gute Nacht, verehrter Herr. Gute Nacht, Ihr lieben Kleinen. Ich bin Euch Allen ſehr zu Dank verpflichtet für einen der angenehm⸗ ſten Abende, die ich je in meinem Leben verbracht.“ Sie dagegen ſind ihm unendlich zu Dank verpflichtet, für das Vergnügen, das er ihnen durch ſeine Geſellſchaft gemacht; und ſo trennt man ſich dann beiderſeits, unter vielen Ausdrücken des Wohlwollens und der Freundſchaft. „Und nun, George, alter Burſche,“ ſpricht Mr. Bucket, an der Ladenthüre ſeinen Arm nehmend,„kommen Sie mit!“ Während ſie die Gaſſe hinuntergehen, und die Bag⸗ nets ihnen einen Augenblick nachſchauen, bemerkt Mrs. Bagnet gegen Lignum, ihre würdige Ehehälfte, daß Mr. Bucket„ſich an George feſt wie eine Klette hänge, und denſelben wirklich recht gerne zu haben ſcheine.“ Da die benachbarten Gaſſen eng und ſchlecht ge⸗ pflaſtert ſind, ſo iſt es ein Bischen unbequem, dort zwei Mann hoch und Arm in Arm fortzugehen. Mr. George rückt daher bald mit dem Vorſchlag heraus, daß Jeder allein gehen ſolle. Aber Mr. Bucket, der ſich nicht entſchließen kann, den Arm ſeines Freundes fahren zu laſſen, erwiedert: „Warten Sie ein Bischen, George! Ich möchte erſt ein Wörtchen mit Ihnen ſprechen.“ Gleich darauf weiß er ihn in ein Wirthshaus und in eine Stube hineinzuziehen, wo er ſich ihm gerade ge⸗ önidrr ſtellt, und ſich mit dem Rücken gegen die Thüre ehnt. „Und nun, George,“ ſpricht Mr. Bucket.„Pflicht 20 iſt Pflicht, und Freundſchaft iſt Freundſchaft. Es dürfen mir die beiden nie mit einander in Colliſton kommen, wenn ich es machen kann. Ich habe mich heute Abend bemüht, es Ihnen ſo ſüß, wie nur möglich einzugeben, und ich frage Sie ſelbſt, ob man es manierlicher thun könnte. Sie müſſen ſich als verhaftet betrachten, George!“ „Verhaftet? Und warum denn?“ verſetzt der Trou⸗ pier wie vom Donner gerührt. „Nun, George,“ ſpricht Mr. Bucket, mit ſeinem fetten Zeigefinger ihm die Sache noch verſtändlicher zu machen ſuchend,„Pflicht iſt, wie Sie recht wohl wiſſen, Eines, und Converſation etwas Anderes. Es iſt meine Pflicht, Ihnen zu fagen, daß alle Bemerkungen, die Sie etwa machen, gegen Sie gebraucht werden können. Und darum ſeien Sie auf Ihrer Hut, George! Sie haben zu⸗ fällig von keinem Mord gehört?“ „Von einem Mord!“ „Nun, George,“ ſagt Mr. Bucket, ſeinen Zeigefinger in einem Zuſtande eindringlicher Thätigkeit erhaltend, „vergeſſen Sie nicht das, was ich Ihnen geſagt. JIch frage Sie Nichts. Sie ſind heute Nachmittag niederge⸗ ſchlagen geweſen. Ich ſage, Sie haben zufällig von keinem Morde gehört.“ „Nein. Wo iſt denn ein Mord vorgekommen?“ „Nun, George,“ ſpricht Mr. Bucket,„laſſen Sie es ſich ja nicht beigehen, ſich zu eompromitiren. Ich will Ihnen ſagen, wozu ich Sie brauche. Es hat ein Mord Statt gefunden in Lincoln's Inn Fields— Gentleman Namens Tulkinghorn. Er iſt vergangene Nacht erſchoſſen worden. Und darum brauche ich Sie.“ Der Troupier ſinkt auf einen hinter ihm ſtehenden Stuhl nieder, und dicke Tropfen dringen aus ſeiner Stiru hervor, und eine Todtenbläſſe breitet ſich über ſein Ge⸗ ſicht aus. „Bucket! Sie werden doch mich nicht im Verdacht 21 haben, wenn Mr. Tulkinghorn ermordet worden iſt? Mr. Tulkinghorn kann doch aber nicht ermordet worden ein?“ 4„George,“ verſetzt Mr. Bucket, ſeinen Zeigefinger fortwährend in Thätigkeit erhaltend,„es iſt freilich mög⸗ lich, weil es der Fall iſt. Es iſt dieſe That vergangene Nacht um zehn Uhr verübt worden. Nun aber wiſſen Sie, wo Sie vergangene Nacht um zehn Uhr waren, und Sie werden ohne Zweifel im Stande ſein, es zu beweiſen.“ „Vergangene Nacht? Vergangene Nacht?“ wieder⸗ holt der Troupier nachdenklich. Dann wird es mit einem Male hell vor den Augen ſeines Geiſtes, und er antwortet: „Ci, du großer Himmel, ich war vergangene Nacht dort!“ „So habe ich gehört, George,“ entgegnet Mr. Bucket mit vieler Bedächtigkeit.„So habe ich gehört. Sie ſind außerdem oft dort geweſen. Man hat Sie dort oft herumſtreichen ſehen, auch hat man Sie mehr denn ein Mal mit ihm ſtreiten hören, und es iſt möglich— ich ſage nicht, es ſei wirklich ſo, merken Sie ſich das, ſondern bloß, es ſei möglich,— daß man gehört hat, wie er Sie einen gefährlichen, ſtets Drohworte im Munde führenden, mit Mordgedanken umgehenden Burſchen nannte.“ Der Tronpier ſchnappt und keucht, als ob er Alles zugeben wollte, wenn er zu ſprechen vermöchte. „Nun George,“ fährt Mr. Bucket fort, und legt ſeinen Hut auf den Tiſch mit einer Geſchäftsmiene, die mehr die eines Tapeziers, als eines andern Menſchen iſt, nes iſt mein Wunſch, jetzt noch, wie ſchon während des ganzen Abends keinen Spektakel zu machen. Ich ſage Ihnen mit ſchlichten Worten, es iſt von Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, ein Preis von hundert Guineen ans⸗ geſetzt. Wir zwei haben einander zwar immer recht gut leiden können, aber ich habe nun ein Mal eine Pflicht 22 zu erfüllen; und wenn dieſe hundert Guineen zu verdie⸗ nen ſind, ſo kann ich ſie ja eben ſo gnt verdienen, wie ein Anderer. Aus allen dieſen Gründen ſollte es Ihnen hoffentlich nun klar ſein, daß ich Sie haben muß, und daß ich verdammt ſein will, wenn ich Sie entſchlüpfen laſſe. Soll ich Hilfe herbeirufen, oder wollen Sie ſich gutwillig darein ergeben?“ Mr. George hat ſich nun wieder gefaßt und richtet ſich kerzengerade auf, nach Art eines Soldaten. „Kommen Sie!“ ſpricht er.„Ich bin bereit.“ „George,“ fährt Mr. Bucket fort,„warten Sie ein Bischen!“ In ſeiner Tapeziersweiſe zieht er, wie wenn der Troupier ein herauszuputzendes Fenſter wäre, ein Paar Handſchellen aus der Taſche heraus, und ſetzt hinzu: „Es iſt dieß eine ſchwere Beſchuldigung, George, und ſo will es meine Pflicht.“ Eine geringe Röthe überfliegt das Geſicht des Trou⸗ pier, und es iſt derſelbe einen Augenblick unſchlüſſig; dann aber ſtreckt er ſeine beiden gefalteten Hände hin, und ſpricht: „Da! Legen Sie ſie an!“ Mr. Bucket braucht zu dieſem Geſchäfte nur einen Augenblick, und fragt den Verhafteten: „Wie finden Sie ſie? Sind ſie bequem? Wo nicht, ſo ſagen Sie es nur, denn ich möchte ſo ſanft verfahren, als es mit meiner Pflicht vereinbar iſt, und habe ein weiteres Paar in der Taſche.“. Dieſe Bemerkung iſt im Tone eines recht reſpectab⸗ len Gewerbsmanns geſprochen, dem es daran liegt, eine Beſtellung nett und zur vollkommenen Zufriedenheit eines Kunden anszuführen. „Sie werden recht ſein, ſo wie ſie ſind?“ hebt dann der Policiſt wieder an.„Ganz gut! Nun ſehen Sie, George“(er zieht aus einem Winkel einen Mantel her⸗ vor, und fängt an, denſelben dem Troupier umzulegen), 23 „daß ich, als ich herkam, darauf bedacht war, Ihre Ge⸗ fühle nicht zu verletzen, und daß ich das abſichtlich mit⸗ brachte. Da! Wer weiß jetzt mehr?“ „Nur ich,“ verſetzt der Troupier;„erweiſen Sie mir aber, da die Sache ſich ſo verhält, einen weiteren Freundſchaftsdienſt, und ziehen Sie mir den Hut über die Augen herein!“ „Ei, ei! Wollen Sie es wirklich haben? Iſt es nicht Schade? Es ſieht ſo aus!“ „Ich kann Menſchen, die mir begegnen nicht ins Geſicht ſchauen, ſo lange ich dieſes Zeug da anhabe,“ verſetzt Mr. George haſtig. Um Gotteswillen, ziehen Sie mir doch den Hut in das Geſicht herein!“ „Ddieſer dringenden Bitte vermag Mr. Bucket nicht länger zu wiederſtehen; dann ſetzt er ſelbſt den Hut auf und führt ſeine Beute in die Straßen hinaus. Der Troupier tritt dabei ſo feſt wie gewöhnlich auf, wenn er auch den Kopf nicht mehr ſo gerade hält; Mr. Bucket aber ſteuert ihn mit dem Elbogen über Kreuzwege hin, und um die Ecken herum. Fünßzigſtes Kapitel. Eſther’s Erzählung. Es geſchah, daß, als ich von Deal wieder nach Hauſe kam, ich von Caddy Jellyby(wie wir ſie immer noch nannten) ein Billet vorfand, das mich benachrichtigte, daß ihre Geſundheit, die ſchon ſeit einiger Zeit nicht die veſte geweſen, noch ſchlechter geworden, und daß es ſie 24 mehr, als ſie mir auszudrücken vermöchte, freuen würde, wenn ich ſie beſuchen wollte. Es war ein kurzes Billet von ein paar Zeilen und war von ihrem Krankenbette aus geſchrieben; darin lag ein anderes von ihrem Manne, das ihre Bitte ſehr warm unterſtützte. Caddy war jetzt die Mutter und ich die Pathe eines ſo kleinen armen Kindes,— eines ſo winzigen, alt aus⸗ ſehenden Würmcbens mit einem Geſichte, das kaum etwas Anderes, als eine Hanbenbordüre zu ſein ſchien, und mit einem kleinen, magern, langfingerigen Händchen, das es immer unter dem Kinn geballt hielt. So lag es den lieben langen Tag da, hielt die hellen Aeuglein offen, und fragte ſich(wie ich mir einzubilden pflegte), wie es komme, daß es ſo gar klein und ſchwach ſei. So oft man es aus ſeiner Lage brachte, weinte es; zu jeder andern Zeit aber war es ſo geduldig, daß es der allei⸗ nige Wunſch ſeines Lebens zu ſein ſchien, recht ruhig da⸗ zuliegen und nachzudenken. Es hatte ſonderbare dunkle Aederchen im Geſichte, und ſonderbare dunkle kleine Zei⸗ chen unter den Augen, ſo daß man ſich einbilden konnte, es ſeien ſchwache Erinnerungen an die dintigen Tage der armen Caddy; und ſo war es denn für die, welche dieſes Anblicks nicht gewöhnt waren, ein recht kümmerliches kleines Ding. Aber für Caddy war es vollkommen genug, daß fie an dieſen Anblick gewöhnt war. Die Projekte, womit ſie ſich in ihrer Krankheit die Zeit verkürzte, und Pro⸗ jecte, welche die Erziehung der kleinen Eſther, und die Heirath der kleinen Eſther, und ihr eigenes Alter wenn ſie ein Mal Großmutter von der kleinen Eſther ſein würde, zum Gegenſtande hatten, drückten ihre Hingebung für dieſen Stolz ihres Lebens ſo hübſch aus, daß ich verſucht ſein könnte, einige derſelben hier anzuführen, wenn mir nicht noch zu rechter Zeit einſiele, daß ich ſo wieder in meine alte Unregelmäßigkeit verfalle. Und auf den Vrief zurückzukommen, muß ich hier — 2⁵ bemerken, daß Caddy in Beziehung auf mich ſich von einem gewiſſen Aberglauben beherrſchen ließ, der ſich bei ihr immer geſteigert hatte, ſeit jener ſchon längſt verfloſ⸗ ſenen Nacht, wo ſie, mit dem Kopf in meinem Schooße, geſchlafen hatte. Sie glaubte faſt— wie mich bedünkt, ſo muß ich ſagen, ſie glaubte vollkommen, daß ich ihr Glück brächte, ſo oft ich in ihrer Nähe wäre. Obwohl nun dieß von Seite des liebevollen Mädchens ſo ein Ein⸗ fall war, den zu erwähnen ich mich faſt ſchäme, ſo konnte derſelbe doch all' die Kraft eines Factums haben, wenn ſie wirklich krank war. Ich eilte daher mit der Zuſtim⸗ mung meines Vormunds alsbald zu Caddy, und ſie und Prince überhäuften mich mit ſo vielen Beweiſen der Liebe und Achtung, daß man gewiß nie etwas Aehnliches ge⸗ ſehen hat. An dem darauf folgenden Tage ging ich abermals nach London, um um ſie ſein zu können, und ebenſo wieder einen Tag ſpäter. Es war eine Reiſe, die man gar leicht machen konnte; denn ich brauchte Morgens nur ein Bischen früher aufzuſtehen, und bevor ich weg⸗ ging, meine Rechnungen ins Reine zu bringen, und die nöthigen Haushaltungsgeſchäfte zu beſorgen. Als ich aber dieſe drei Beſuche gemacht hatte, ſprach mein Vormund, wie ich Abends zurückkam, alſo zu mir: „Kleines Weibchen, kleines Weibchen, es geht dieß nun ein Mal nicht an. Ein ewiges Herunterfallen von Tropfen höhlt einen Stein aus, und ein ewiges Hin⸗ und Herfahren muß anch eine Dame Durden umbringen. Wir wollen auf einige Zeit nach London gehen und dort unſere alte Wohnung beziehen.“ „Doch nicht um meinetwillen, mein lieber Vormund?“ ſprach ich.„Ich fühle mich nie müde.“ Auch war dieß buchſtäblich wahr. Ich fühlte mich nur zu glücklich mich ſo geſucht zu wiſſen. „Alſo um meinetwillen,“ erwiederte mein Vormund; „oder um Ada, oder um unſer Beider willen. Wie ich glaube, ſo iſt morgen Jemands Geburtstag.“ „Ich glaube es wirklich,“ ſprach ich, mein liebes Mädchen küſſend, das an dem darauf folgenden Tage ein: w undzwanzig wurde.. „Wohlan,“ bemerkte mein Vormund, halb luſtig, halb ernſt,„es iſt dieß ein wichtiger Tag, und es wird meine ſchöne Couſine jetzt einige nothwendige Geſchäfte ſa abzumachen haben, um ihre Unabhängigkeit zu behaupten, 1 für uns Alle aber wird London ſo ein paſſenderer Aufent⸗ 1 haltsort werden. Wir wollen daher nach London gehen. Nachdem dieß nun abgethan, muß ich noch fragen, wie ſich Caddy befindet.“ „Nicht zum Beſten, Vormund. Ich fürchte, es wird noch einige Zeit anſtehen, ehe ſie ihre Geſundheit und 9 Stärke wieder erlangt.“ li „Nun, was nennſt Dn denn einige Zeit?“ fragte ie mein Vormund gedankenvoll. GC „Einige Wochen, fürchte ich.“ 4 „Ah!“ Er fing an, mit den Händen in den Taſchen im Zimmer auf und ab zu gehen und zeigte, daß er ein Gleiches gedacht.„Nun, was ſagſt Du von ihrem Arzte? Iſt er ein guter Arzt, meine Liebe?“ Ich konnte nicht umhin, zu geſtehen, daß mir nichts Gegentheiliges bekannt wäre; daß aber Prince und ich erſt noch an dieſem Abende mit einander übereingekom⸗ men wären, die Abſicht deſſelben noch von Jemand anders beſtätigen zu laſſen. u „Nun, Du weißt ja, daß Woodcourt da iſt!“ ver⸗ ſetzte mein Vormund ſchnell. ih Ich hatte das nicht gerade gemeint, und war etwas zu überraſcht. Einen Augenblick ſchien Alles, was in meinem 6 Geiſte mit Mr. Woodcourt in Verbindung geſtanden war, gl wiederzukehren und mich zu verwirren. „Du haſt doch Nichts gegen ihn, kleines Weibchen? 3 . — 27 „Ob ich Etwas gegen ihn habe, Vormund? Ach, nein!“ „Und Du glaubſt auch nicht, daß die Patientin Et⸗ was gegen ihn hätte?“ Ich war ſo weit entfernt, dieß zu glauben, daß ich im Gegentheil keinen Augenblick zweifelte, daß ſie großes Vertrauen zu ihm und ihn recht gerne haben würde. Ich ſagte, daß er ihr perſönlich keine fremde Perſon ſei, in⸗ dem ſie ihn oft bei Miß Flite geſehen, die er in ſo freund⸗ licher Weiſe in Behandlung genommen. „Ganz gut,“ ſprach mein Vormund.„Er iſt heute hier geweſen, meine Liebe, und ich will morgen mit ihm über die Sache ſprechen.“ Während dieſer kurzen Unterhaltung fühlte ich— obgleich ich nicht wußte, wie, denn ſie verhielt ſich ſo ruhig, auch tauſchten wir keinen Blick aus— daß mein liebes Mädchen ſich noch gar gut erinnerte, wie luſtig ſie mich um den Leib gefaßt, als keine andern, denn Caddy's Hände mir das kleine Andenken gebracht, wo⸗ mit er mich bei ſeinem Weggehen erfreut. Dieß weckte in mir das Gefühl, daß es meine Pflicht wäre, ihr, ſowie auch Caddy zu ſagen, wie ich bald Her⸗ rin von Bleak Houſe werden würde; und daß, wenn ich mit dieſer Enthüllung noch länger zurückhielte, ich in meinen eigenen Augen der Liebe der Herren von Bleak Houſe wieder würdig werden würde. Als wir daher die Treppe mit einander hinaufgingen, und noch ſo lange aufgeblieben waren, bis es auf der Uhr Zwölf ſchlug, nur damit ich die Erſte ſein könnte, um meinem Liebling meine heißeſten Glückwünſche zu ihrem Geburtstage darzubringen, und ſie an mein Herz zu drücken, ſetzte ich ihr, wie früher mir ſelbſt, all' die Güte und Chrenhaftigkeit ihres Couſins John, ſowie das glückliche Leben aus einander, das meiner wartete. Hatte mein liebes Mädchen mich während der ganzen Zeit unſeres Umganges überhaupt ein Mal lieber, als 28 ein anderes, ſo hatte ſie mich gewiß in dieſer Nacht am Liebſten. Und ich war ſo hoch erfreut, das zu wiſſen, und durch das Gefühl, recht gehandelt zu haben, indem ich dieſen letzten unnöthigen Rückhalt von mir geworfen, ſo getröſtet, daß ich zehn Mal glücklicher war, als vor⸗ her. Ein paar Stunden vorher hätte ich es kaum als einen Rückhalt angeſehen; nun ich aber deſſelben mich entledigt hatte, war es mir, als ob ich deſſen Beſchaffen⸗ heit beſſer verſtünde. 4 An dem darauf folgenden Tage gingen wir nach London. Wir fanden unſere alte Wohnung leer, und nach Verfluß von einer halben Stunde waren wir dort ſo ruhig eingerichtet, wie wenn wir die Wohnung nie ver⸗ laſſen hätten. Mr. Woodcourt ſpeiſte mit uns, um den Geburts⸗ tag meines Lieblings mitzufeiern; und wir waren ſo luſtig, als wir nur ſein konnten, wenn wir bei ſolchen Anlaͤſſen an die Abweſenheit Richard's dachten. Nach dieſem Tage war er einige Wochen lang,— ſo viel ich mich erinnere, waren es acht oder neun Wo⸗ chen— viel bei Caddy; und ſo geſchah es denn, daß ich um dieſe Zeit Ada weniger ſah, als ſeit dem wir ein⸗ ander kennen gelernt, wenn ich die Zeit meiner Krank⸗ heit ausnahm. Sie kam zwar oft zu Caddy; indeſſen beſtand dort unſere Aufgabe darin, daß wir ſie amüſirten und aufheiterten, und wir ſprachen dort nicht in der gewohnten vertrauten Weiſe mit einander. So oft ich Abends nach Hauſe kam, waren wir zwar bei einander; da aber Caddy's Ruhe oft durch Schmerzen unterbrochen war, ſo blieb ich oft bei ihr, um ſie zu pflegen. Was für ein gutes Geſchöpf war nicht Caddy, wäh⸗ rend ſie ihren Mann und ihr armes Würmchen von einem Kinde lieben und ſich um ihr weltliches Fortkommen be⸗ kümmern konnte! Sie war ſo voller Selbſtverläugnung, beklagte ſich ſo wenig, ließ ſich das zeitliche Wohl der Ihrigen ſo angelegen ſein, fürchtete ſo ſehr, Andern Mühe 29 zu machen, und dachte, ſo viel an die Mühen ihres nun jeder Hilfe beraubten Mannes und an die Beguemlichkeiten des alten Mr. Turveydrop, daß ich bei mir ſelbſt wohl ſagen konnte, ich habe ihre beſten Eigenſchaften erſt jetzt kennen gelernt; auch ſchien es ſo ſeltſam, daß ihr blaſſes Geſicht und ihre hilfloſe Geſtalt Tag um Tag daliegen ſollte, wo Tanzen das Lebeusgeſchäft war; wo die Stock⸗ fiedel und die Lehrlinge jeden Morgen in aller Frühe im Ballſaal anfingen, und wo der unſaubere kleine Knabe den lieben langen Nachmittag in der Küche allein walzte. Auf Caddy's Verlangen übernahm ich in ihrem Zimmer die oberſte Leitung, putzte daſſelbe heraus, und ſchob ſie ſammt ihrem Bette in einen helleren, luftigeren und freundlicheren Winkel, als der war, ſo ſie noch eingenommen. Dann pflegte ich jeden Tag, wenn wir ganz ſauber herausgeputzt waren, meine kleine, kleine Namensſchweſter ihr in die Arme zu legen, mich neben ſie hinzuſetzen und zu plaudern, oder zu arbeiten, oder ihr vorzuleſen. In einem der erſten von dieſen ruhigen Augenblicken erzählte ich Caddy über Bleak Houſe das, was der Le⸗ ſer bereits weiß. Es kamen außer Ada noch andere Be⸗ ſuche. Unter allen muß zuerſt genannt werden Prince, der, ſo oft ihm ſein Unterricht einen freien Augenblick ließ, leiſe hereinkam und ſich eben ſo leiſe ſetzte, wobei ſein Geſicht liebevolle Beſorgniß um Caddy und das ein⸗ zige Kind ausdrückte. Welcher Art immer Caddy's Zu⸗ ſtand in Wahrheit ſein mochte, nie ermangelte ſie, Prince zu erklären, daß ſie faſt ganz wohl ſei,— was ich, der Himmel möge mir verzeihen! nie zu beſtätigen erman⸗ gelte. Dieß pflegte Prince dann in eine ſo gute Stim⸗ mung zu verſetzen, daß er zuweilen ſeine Stockfiedel aus der Taſche hervorzog, um das kleine Würmchen in Stau⸗ nen zu verſetzen,— was, ſo viel ich weiß, ihm aber nie auch nur entfernt gelang, aus dem einfachen Grunde, weil mein winziges Namensſchweſterchen gar keine Notiz davon nahm. Und dann kam auch Mrs. Jellyby gelegentlich. Ge⸗ wöhnlich hatte ſie das alte zerſtreute Weſen, ſaß rubig da, und blickte meilenweit über ihre Enkelin hinaus, wie wenn ihre Aufmerkſamkeit von einem jungen Borrioboo⸗ laner an ſeinem heimiſchen Ufer ganz in Anſpruch ge⸗ nommen wäre. So helläugig, ſo ruhig und ſo unſau⸗ ber, wie immer, pflegte ſie zu ſagen:„Wohlan, Caddy, mein Kind, und wie iſt es Dir heute?“ Und dann blieb ſie ſitzen und lächelte liebenswürdig und nahm von der Antwort lediglich keine Notiz, wenn ſie nicht in an⸗ genehmer Weiſe zu einer Berechnung der Anzahl von Briefen überging, die ſie in neueſter Zeit bekommen und beantwortet, oder wenn ſie nicht über die kaffeeprodu⸗ cirende Kraft von Borrioboola Gha ſich in Speculationen erging. Dieß that fie immer mit einer ruhigen Verachtung für unſeren beſchränkten Wirkungskreis; auch machte ſie aus dieſer ihrer Verachtung gar kein Hehl. Ferner muß ich unter den Beſuchenden den alten Mr. Turveydrop nennen, der vom Morgen bis an den Abend und vom Abend bis an den Morgen ein Gegen⸗ ſtand unzähliger Vorſichtsmaßregeln war. Weinte das Kind, ſo erſtickte man es beinahe, damit das Geräuſch ihm nicht unbequem wurde. Mußte das Feuer während der Nacht geſchürt werden, ſo geſchah es ganz verſtoh⸗ len, damit ſeine Ruhe nicht unterbrochen wurde. Bedurfte Caddy dieſer oder jener Bequemlichkeit, welche das Haus enthielt, ſo erörterte ſie zuerſt ſorgfältig die Frage, ob er vielleicht derſelben nicht auch bedürfe. Für alle dieſe Rückſichten zeigte er ſich nur dadurch erkenntlich, daß er jeden Tag einmal in das Zimmer hereinkam, und das⸗ ſelbe mit ſeiner huldvollen, hochſchulterigen Gegenwart erheiterte, wobei er eine Herablaſſung, eine Protectors⸗ miene und einen Anſtand entwickelte, daß ich, wäre ich nicht beſſer unterrichtet geweſen, hätte auf den Glauben weSe=o Ssn See See — —— △ᷣ 31 kommen können, er ſei Caddy's Wohlthäter geweſen, ſeit⸗ dem dieſelbe das Licht der Welt erblickt. „Karoline,“ pflegte er zu ſagen, indem er, ſoweit dieß anging, ſich über ſie zu beugen verſuchte,„ſagen Sie mir doch, daß es heute beſſer bei Ihnen geht!“ „Oh, weit beſſer, ich danke ihnen, Mr. Turvey⸗ drop,“ antwortete dann Caddy.. „Entzückt! Bezaubert! Und unſere liebe Miß Sum⸗ merſon. Sie iſt nicht ganz erſchöpft, nicht ganz abge⸗ mattet?“ Hier pflegte er die Augenbrauen hinaufzubie⸗ gen und die Finger gegen mich zu küſſen, obgleich ich zu meiner Freude ſagen kann, daß er, ſeitdem die be⸗ kannte Veränderung mit mir vorgegangen, aufgehört hatte, beſondere Aufmerkſamkeit gegen mich an den Tag zu legen. 4 „Ganz und gar nicht,“ verſicherte ich ihn dann. „Charmant! Wir müſſen unſere liebe Karoline recht pflegen, Miß Summerſon. Wir dürfen Nichts ſparen, was ſie wiederherſtellen kann. Wir dürfen ſie nicht Hun⸗ ger leiden laſſen,— dürfen ihr Nichts abgehen laſſen. Meine liebe Karoline,“ pflegte er dann, zu ſeiner Schwie⸗ gertochter mit unendlicher Großmuth und ächter Protec⸗ torsmiene gewandt, zu ſagen:„Laſſen Sie ſich ja Nichts abgehen, meine Liebe! Befriedigen Sie jeden Ihrer Wünſche, liebe Tochter! Alles, was dieſes Haus ent⸗ hält, Alles, was mein Zimmer enthält, ſteht Ihnen jeden Augenblick zu Dienſten, meine Liebe. Nehmen Sie nicht einmal,“ pflegte er zuweilen in einem plötzlichen Aus⸗ bruche von Anſtand hinzuzuſetzen,„Rückſicht auf meine einfachen Bedürfniſſe, wenn dieſelben zu irgend einer Zeit mit den Ihrigen in Conflict kommen ſellten, Karo⸗ line! Ihre Bedürfniſſe ſind größer, als die meinigen.“ Er hatte ſchon ſeit ſo langer Zeit ein wohlerwor⸗ benes Recht anf dieſen Anſtand— das einzige Erbe, das ſein Sohn von ſeiner Mutter bekommen— geltend zu machen gewußt, daß ich zu unterſchiedlichen Malen Zeuge 32 war, wie ſowohl Caddy, als ihr Gatte, durch dieſe liebevolle Selbſtaufopferung bis zu Thränen gerührt wurde. „Nein, mein Leben,“ demonſtrirte er dann; und wenn ich Caddy's dünnen Arm um ſeinen fetten Nacken geſchlungen fah, während er dieß ſprach, war auch ich gerührt, wenn auch der Proceß bei mir ein anderer war; „nein, nein! Ich habe Euch verſprochen, daß ich Euch nie verlaſſen wolle. Seid gehorſam und liebevoll gegen mich, ſo verlange ich keine weitere Vergeltung. Und nun ſchütze Sie der Himmel! Ich gehe nach dem Park.“ Es ſtand nicht mehr lange an, bis er dahin ging, um friſche Luft zu ſchöpfen und ſich einen guten Appetit für das Diner zu holen, das ſeiner im Gaſthauſe war⸗ tete. Hoffentlich thue ich dem alten Mr. Turveydrop nicht Unrecht; aber nie ſah ich beſſere Züge an ihm, als die, welche ich getreulich berichte, es ſei denn, daß er zu Peepy Zuneigung faßte, und bei etlichen Gelegenheiten das Kind immer mit großem Pomp ſpazieren führte; ehe er ſelbſt dann ſein Mittagsmahl einnahm, ſchickte er den Kleinen wieder nach Hauſe, und ſteckte ihm zu⸗ weilen einen halben Penny in die Taſche. Aber ſelbſt dieſe Uneigennützigkeit war, ſo viel ich weiß, von einer nicht unbedeutenden Ausgabe begleitet; denn ehe Peepy genügend decorirt war, um mit dem Anſtandsprofeſſor Hand in Hand ſpazieren gehen zu können, mußte er von Kopf zu Fuß neu gekleidet werden, natürlich auf Koſten Caddy's und ihres Mannes. Der letzte unſerer Beſucher war Mr. Jellyby. Kam er Abends herein, und fragte er Caddy in dem gewohn⸗ ten ſanftmüthigen Tone, wie ſie ſich befände, und ſetzte er ſich dann, und lehnte er den Kopf gegen die Wand, und machte er keinen Verſuch, ein weiteres Wort zu ſprechen, ſo gefiel er mir wirklich recht gut. Sah er mich, wenn ich geſchäftig war, und dieſe oder jene Kleinig⸗ keit that, ſo zog er zuweilen ſeinen Rock zur Hälfte aus, 33 wie wenn er die Abſicht hätte, mir mit Aufbietung aller ſeiner Kräfte zu helfen; aber nie brachte er es weiter. Sein einziges Geſchäft war, den Kopf gegen die Wand zu lehnen, und, ſo daſitzend, das gedankenvolle kleine Kind recht ſcharf anzublicken; und ich konnte mich bei ſolchen Gelegenheiten nicht ganz des Gedankens entſchlagen, daß die Beiden einander verſtehen müßten. Ich habe Mr. Woodcourt darum nicht unter unſere Beſucher gezählt, weil er nun regelmäßig als Arzt zu Caddy kam. Bald fing ſie an, ſich unter feinen Händen zu beſſern; aber er war auch ſo ſanft, ſo geſchickt, ſo unermüdlich in ſeinen Bemühungen, daß man ſich gewiß nicht darüber wundern darf. Ich ſah während dieſer Zeit Mr. Woodcourt viel, wenn auch nicht ſo viel, als man vermutheu könnte; denn da ich wußte, daß Caddy in guten Händen war, wenn Mr. Woodcourt um ſie war, ſo ging ich oft ein wenig nach Hauſe um die Zeit, wo er erwartet wurde. Nichts deſto weniger trafen wir einander oft. Ich war jetzt ganz mit mir ſelbſt ausgeſöhnt; aber es freute mich dabei doch immer noch der Gedanke, daß es ihm leid um mich thue; auch glaubte ich, es thue ihm immer noch leid um mich. Er fungirte unterdeſſen als Mr. Badger's Gehilfe, da dieſer ſehr viel zu thun hatte. Was die Zukunft betraf, ſo wußte ich, daß er noch keine beſtimmten Pläne hatte. Als Caddy anfing, ſich wieder zu erholen, fing ich an, an meinem lieben Mädchen eine Veränderung zu bemerken. Ich kann nicht ſagen, wie ſich dieſelbe mir zuerſt darſtellte, da ich ſie in vielen kleinen Dingen be⸗ merkte, die an und für ſich Nichts waren, und nur dann Etwas wurden, wenn man ſie zuſammenſtellte. Aber indem ich dieſelben ſo zuſammenſtellte, fand ich heraus, daß Ada bei mir nicht mehr ſo entſchieden heiter und aufgeweckt war, als ſie geweſen. Ihre Zärtlichkeit mir gegenüber war zwar immer noch ſo liebevoll und wahr Bleak Houſe. IV. 3 34 wie je,— ich zweifle keinen Augenblick daran; aber es nagte ein ſtiller Kummer an ihrem Herzen, den ſie mir nicht anvertraute, und worin ich eine verſteckte Reue, ein verſtecktes Bedauern fand. Nun aber konnte ich dieß nicht verſtehen; und das Glück meines Lieblings lag mir ſo ſehr am Herzen, daß der beregte Umſtand mir oft einige Unruhe verurſachte, und mich oft bald an dieſes, bald an jenes denken ließ. Am Ende ſetzte ich mir, als ich gewiß war, daß Ada mir dieſes Etwas verheimliche, damit es nicht auch mich unglücklich machen ſolle, in den Kopf, daß ſie ſich ein Bischen gräme— um meinetwillen— über das, was ich ihr von Bleak Houſe geſagt. Wie ich mich ſelbſt überredete, daß dieß wahrſchein⸗ lich ſei, weiß ich nicht. Ich hatte keinen Gedanken, daß ich, alſo handelnd, ſelbſtſüchtige Zwecke verfolge. Ich grämte mich nicht um meinetwillen, ſondern war recht zufrieden und recht glücklich. Wenn gleichwohl Ada für mich— obgleich ich alle ſolche Gedanken aufgegeben hatte— an das dachte, was einſt war, jetzt aber ganz anders war, ſo ſchien dieß ſo glaublich, daß ich es wirk⸗ lich glaubte. Was konnte ich thun, um meinen Liebling wieder zu beruhigen(dachte ich damals) und ihm zu zeigen, daß ich keine ſolche Gefühle habe! Wohlan! Ich konnte bloß möglichſt fröhlich und geſchäftig ſein; und dieß hatte ich immer verſucht zu ſein. Da indeſſen Caddy's Krankheit der Erfüllung meiner Hauspflichten gewiß mehr oder minder Eintrag gethan hatte— obgleich ich Morgens mich immer in unſerer Wohnung einfand, um das Früh⸗ ſtück meines Vormunds zu bereiten, und er hundert Mal lachte und ſagte, es müſſe ein Mal zwei kleine Weibchen geben, da ſein kleines Weibchen nie fehle, ſo beſchloß ich, doppelt fleißig und fröhlich zu ſein. Und ſo ging ich denn im Hauſe hin und her und ſummte alle Melodien, die ich kannte, und ſaß da und arbeitete in verzweifelter u ————-* 3⁵ Weiſe darauf los und ſprach in einem fort Morgens, Mittags und Nachts. Gleichwohl wich der Schatten, der zwiſchen mich und meinen Liebling getreten war, nicht. „Dame Trot,“ bemerkte mein Vormund, indem er eines Abends ſein Buch zumachte, als wir alle drei bei⸗ ſammen waren,„es hat alſo Woodcourt Caddy Jellyby vollkommen wieder hergeſtellt?“ „Ja,“ ſprach ich;„und durch ſolche Dankbarkeit, wie die ihrige, belohnt werden, heißt reich werden, Vor⸗ mund.“ „Ich wünſche von ganzem Herzen, daß Letzteres der Fall wäre,“ verſetzt er. So ging es mir in dieſem Stücke auch. Ich ſagte es. „Ja! Wir würden ihn ſteinreich machen, wenn wir nur wüßten, wie. Würden wir es nicht thun, kleines Weib⸗ chen? Ich lachte, während ich arbeitete, und antwortete, daß ich in dieſer Beziehung meiner Sache nicht gewiß wäre, indem großer Reichthum ihn verderben, und er da⸗ durch aufhören könnte, den Vielen, die ihn ſo ſehr ver⸗ miſſen würden, nützlich zu ſein. So z. B. könnte er für Miß Flite, für Caddy ſelbſt, und noch für viele Andere verloren gehen. „Wahr!“ ſprach mein Vormund.„Das hatte ich vergeſſen. Aber wir würden mit einander ihn vermuthlich ſo reich machen, daß er ohne Sorge leben könnte? So reich, daß er mit erträglicher Ruhe arbeiten könnte? So reich, daß er ſeinen eigenen glücklichen Herd, ſeine eigenen Hausgötter— und vielleicht auch ſeine eigene Hausgöttin hätte?“ Das ſei etwas ganz Anderes, erwiderte ich. In dieſem Stücke müßten wir Alle übereinſtimmen. „Gewiß,“ ſagte mein Vormund.„Wir alle. Ich ſchätze und achte Woodcourt ungemein hoch, und habe 36 ihn in Betreff ſeiner Pläne in zarter Weiſe ſondirt. Es iſt eine ſchwierige Sache, einem unabhängigen Manne, der jene gerechte Art von Stolz beſitzt, die man an ihm bemerkt, Hilfe anzubieten. Und doch würde ich das gerne thun, wenn ich es dürfte, oder wenn ich wüßte, wie ich die Sache anzugreifen habe. Er ſcheint halb und halb geneigt zu ſein, eine andere Seereiſe anzutreten. Aber es kommt dieß heraus, als ob ein ſolcher Mann wegge⸗ worfen werden ſolle. „Es könnte ihm eine neue Welt eröffnen,“ ſprach ich. „Ja, es könnte dieß der Fall ſein, kleines Weibchen,“ ſtimmte mein Vormund bei.„Ich zweifle ſehr, ob er von der alten Welt viel erwartet. Weißt Du auch, ich habe ſo gedacht, daß es ihm zuweilen ſei, als ob ihm in der⸗ ſelben ein beſonderes Unglück oder eine beſondere Wider⸗ wärtigkeit zugeſtoßen? Haſt Du vielleicht nie von etwas Derartigem gehört?“ Ich ſchüttelte den Kopf. „Hm!“ ſagte mein Vormund.„Dann täuſche ich mich ohne Zweifel.“. Da hier eine kleine Pauſe eintrat, von der ich glaubte, daß es beſſer wäre, wenn ſie zu größerer Zufriedenheit meines lieben Mädchens ausgefüllt würde, ſo ſummte ich, während ich arbeitete, eine Melodie, von der ich wußte, daß mein Vormund ſie beſonders liebte. „Und glauben Sie wirklich, es werde Mr. Woodcourt eine zweite Seereiſe unternehmen?“ fragte ich ihn, als ich die Melodie ruhig ganz hergeſummt hatte. „Ich weiß nicht ſo ganz, was ich denken ſoll, meine Liebe, aber ich möchte ſagen, es ſei jetzt wahrſcheinlich, daß er ſich jetzt längere Zeit in einem andern Laude um⸗ ſehen werde.“ „Er wird gewiß, wohin er auch gehen mag, unſere herzlichſten Glückwünſche mitnehmen,“ ſprach ich;„und obgleich dieſelben keine Reichthümer ſind, ſo wird er da⸗ rum doch nie ärmer ſein, Vormund.“ 3 2 ee———2ꝗꝙ 8 Oo n/—— uS n ☛ 37 „Nie, kleines Weibchen,“ erwiederte er.. Ich ſaß an meinem gewöhnlichen Platze, der jetzt neben dem Stuhle meines Vormunds war. Vor dem Briefe war dieß nie mein gewöhnlicher Platz geweſen, jetzt aber war er es. Ich ſchaute zu Ada auf, die gerade gegenüberſaß; und da ſah ich deun, als ſie mich anſchaute, daß ihre Augen mit Thränen gefüllt waren, und daß Thränen über ihre Wangen herunterrollten. Ich fühlte, daß ich bloß gelaſſen und luſtig zu ſein brauche, um mein liebes Mäd⸗ chen ein für alle Mal zu enttäuſchen, und ihr liebevolles Herz zu beruhigen. Auch war ich es wirklich, und ich hatte nichts Anderes zu thun, als mir gleich zu bleiben. Ich ließ daher mein holdes Mädchen ſich auf meine Schulter ſtützen— wie wenig dachte ich an das, was ſie wirklich drückte!— und ſagte, ſie ſei nicht ganz wohl und umſchlang ſie mit meinem Arm, und brachte ſie die Treppe hinauf. Als wir auf unſerem Zimmer waren, und ſie mir vielleicht geſagt hätte, was ich ſo wenig vor⸗ bereitet war, zu hören, munterte ich ſie in keinerlei Weiſe auf, daß ſie ihr Vertrauen auf mich ſetzen ſolle; ich dachte nie, daß ſie eine ſolche Ermuthigung bedürfte. „O, meine liebe gute Eſther,“ ſprach Ada,„könnte ich mich doch entſchließen, mit Dir und mit meinem Vet⸗ ter John zu ſprechen, wenn Ihr beiſammen feid!“ „Ei, ei, meine Liebe!“ remonſtrirte ich.„Ada! Warum ſollteſt Du nicht mit uns ſprechen?“ Ada ließ bloß den Kopf ſinken, und drückte mich noch feſter an ihr Herz. „Du vergiſſeſt gewiß nicht, meine Schöne,“ ſprach ich lächelnd,„welch' ruhige altmodiſche Leute wir ſind, und wie ich zu der discreteſten der Damen geworden? Du vergiſſeſt nicht, wie glücklich und friedlich das Leben vor mir liegt, und von wem dieſer Plan herrührt? Ich bin gewiß, Du vergiſſeſt nie, welch edlem Charakter der⸗ ſelbe ſeine Entſtehung verdankt, Ada. Es kann dieß nie ſein.“ „Nein, nie, Eſther.“ „Ei, dann kann ja aber, meine Liebe,“ ſprach ich, „Nichts ſchief ſtehen— und warum ſollteſt Du denn Nichts mit uns ſprechen?“ „Nichts ſchief ſtehen, Eſther?“ verſetzte Ada.„Oh, wenn ich an alle dieſe Jahre denke, und an ſeine väter⸗ liche Sorgfalt und Liebe, und an die alten Beziehungen zwiſchen uns, und an Dich, was ſoll ich da thun, was ſoll ich da thun!“ Ich blickte mein Kind etwas verwundert an, hielt es aber für beſſer, nicht anders darauf zu antworten, als indem ich ſie aufheiterte; und ſo ging ich dann zu vieler⸗ lei kleinen Erinnerungen aus unſerem gemeinſchaftlichen Leben über, und verhinderte ſie, mehr zu ſagen. Als ſie zu Bette ging, aber nicht vorher, kehrte ich zu meinem Vormund zurück, um ihm eine gute Nacht zu wünſchen; und dann ging ich wieder zu Ada hinein und blieb eine kleine Weile neben ihr ſitzen. Sie ſchlief bereits, und es wollte mich bedünken, während ich ſie ſo anſchaute, daß ſie ein Bischen verän⸗ dert ſei. Ich hatte dieß in der neueſten Zeit mehr, denn 4 ein Mal gedacht. Indeſſen konnte ich, ſelbſt jetzt, als ich ſie anſchaute, und ſie bewußtlos dalag, nicht entſchei⸗ den, ob und inwiefern ſie verändert war. Nur ſo viel war gewiß, daß in der wohlbekanrten Schönheit ihres Geſichts mir Etwas verändert ſchien. Die alten Hoffuungen meines Vormunds in Beziehung auf ſie und Richard ſtiegen in kummervoller Weiſe in meinem Geiſte auf, und ich ſagte bei mir ſelbſt,„ſie iſt eben wegen ſeiner in Sorge ge⸗ weſen,“ und fragte mich, wie dieſe Liebe noch werden würde. Wenn ich, ſo lange Caddy noch krank war, nach Hauſe kam, hatte ich Ada oft bei ihrer Arbeit angetroffen, und ſie hatte dieſe immer weggelegt, ohne daß ich den en ne in, nn ils ei⸗ ar öts des in gte ge⸗ den ach eu, den 39 Grund gewußt hätte. Ein Theil dieſer Arbeiten lag jetzt neben ihr in einer Schublade, die nicht ganz geſchloſſen war. Ich zog die Schublade nicht heraus; aber dennoch fragte ich mich einigermaßen verwundert, welcher Art wohl dieſe Arbeit ſein moͤchte, da es offenbar Nichts für ſie ſelbſt war. Und während ich mein liebes Mädchen küßte, gewahrte ich, daß eine ihrer Hände unter dem Kopfkiſſen lag, ſo daß man dieſelbe nicht ſehen konnte. Ich muß wohl auch nicht entfernt ſo freundlich und liebenswürdig geweſen ſein, als ſie glanbten, und muß auch nicht entfernt ſo freundlich und liebenswürdig gewe⸗ ſen ſein, als ich ſelbſt glaubte, daß mich meine eigene Heiterkeit und Zufriedenbeit in ſolchem Grade beſchäftigte, daß ich glaubte, es hange bloß von mir ab, meinem lieben Mädchen zurecht zu helfen, und ihr ihre Seelen⸗ ruhe zurückzugeben. Aber ich legte mich, mich ſelbſt täuſchend, in dieſem Glauben nieder. Und ich erwachte in demſelben an dem darauf folgenden Tage, um zu finden, daß immer noch der gleiche Schatten zwiſchen mir und meinem Liebling ege. Einundfünfzigſtes Kapitel. Aufklärung. Als Mr. Woodcourt in London ankam, begab er ſich noch an demſelben Tage zu Mr. Vholes in Symond's Inn. Denn von dem Augenblicke an, wo ich ihn bat, er möchte Richard ein Freund ſein, vergaß oder vernach⸗ läſſigte er ſein Verſprechen auch nicht ein Mal. Er hatte mir geſagt, daß er die ihm gewordene Auflage als eine heilige anſehe, und in dieſer Geſinnung verharrte er immer. Er traf Mr. Vholes auf ſeinem Büreau, und ſagte dem Juriſten, wie er Richard verſprochen, daß er vorſpre⸗ chen wollte, um ſeine— Richard'sAdreſſe zu erfahren. „Ganz ſo,“ ſprach Mr. Vholes.„Mr. Carſtone's Adreſſe iſt keine hundert Meilen von hier, Sir,— Mr. Carſtone's Adreſſe iſt keine hundert Meilen von hier. Wollten Sie nicht Platz nehmen, Sir 2“ Mr. Woodcourt dankte Mr. Vholes und ſagte, er habe bei ihm nichts Anderes zu ſchaffen, als was er be⸗ reits erwähnt. „Ganz ſo, Sir. Ich glaube Sir,“ ſprach Mr. Vholes, immer noch in aller Ruhe darauf dringend, daß Mr. Woodcourt ſich ſetzen ſolle, indem er ihm die Adreſſe nicht gab,„Sie haben bei Mr. Carſtone Einfluß. Ich ſehe in der That, daß Sie ſolchen Einfluß haben.“ „Ich ſelbſt wußte es nicht,“ entgegnete Mr. Wood⸗ court;„indeſſen bin ich geneigt, zu glauben, daß Sie es am Beſten wiſſen.“ „Sir,“ verſetzte Mr. Vholes, der wie gewöhnlich ſich in Stimme und allem Uebrigen beherrſchte,„es iſt ein Theil meiner Berufspflicht, die Sachen am Beſten zu wiſſen. Es iſt ein Theil meiner Berufspflicht, einen Herrn, der ſeine Intereſſen mir auvertraut, zu ſtudiren und kennen zu lernen. Gegen meine Berufspflicht werde ich mich mit Wiſſen nicht verfehlen, Sir. Mit den beſteu Abſichten kann ich aber mich wider Wiſſen dagegen ver⸗ fehlen; aber nicht mit Wiſſen.“ Mr. Woodcourt that der Adreſſe abermals Erwäh⸗ nung. „Hören Sie mich einen Augenblick an, Sir!“ ſprach Mr. Vholes.„Schenken Sie mir einen Augenblick ein 41 nachſichtiges Ohr! Sir, Mr. Carſtone ſpielt um einen bedeutenden Einſatz und kann nicht ſpielen ohne— brauche ich wohl zu ſagen, was?“ „Geld vermuthlich?“ „Sir,“ ſprach Mr. Vholes,„um gegen Sie ehrlich zu ſein(Ehrlichkeit iſt meine goldene Regel, ob ich nun dabei gewinne oder verliere, und ich finde, daß ich ſo ziemlich dabei in Verluſt komme), darf ich Ibnen nicht verhehlen, daß Geld das rechte Wort iſt. Nun aber drücke ich, Sir, keine Meinung, keine Meinung über die Chancen von Mr. Carſtone's Spiel gegen Sie aus. Es könnte von Seiten Mr. Carſtone's höchſt unpolitiſch ſein, das Spiel aufzugeben, nachdem er ſo lange, und ſo hoch geſpielt; es könnte aber auch das Umgekehrte das Richtigere ſein. Ich ſage Nichts. Nein, Sir,“ en⸗ digte Mr. Vholes, in poſitiver Weiſe die Hand flach auf das Pult fallen laſſend.„Nichts.“ „Sie ſcheinen zu vergeſſen,“ entgegnete Mr. Wood⸗ court,„daß ich von Ihnen lediglich Nichts in Beziehung auf dieſes Spiel wiſſen will, und daß ich für das, was Sie ſagen, lediglich kein Intereſſe habe.“ „Verzeihen Sie mir, Sir,“ gab Mr. Vholes zurück, „Sie begehen gegen ſich ſelbſt eine Ungerechtigkeit. Nein, Sir! Verzeihen Sie mir! Sie ſollen— Sie ſollen auf meinem Büreau mit meinem Wiſſen— keine Ungerechtigkeit gegen ſich ſelbſt begehen. Sie intereſſiren ſich für Alles und Jedes, was Ihren Freund augeht. Ich kenne die menſchliche Natur viel beſſer, Sir, als daß ich auch nur einen Augenblick annehmen möchte, es intereſſire ſich ein Gentleman, wie Sie, nicht für Alles, was ſeinen Freund angeht.“ „Gut,“ verſetzte Mr. Woodcourt,„es mag das ſein: für jetzt intereſſire ich mich ganz beſonders für ſeine Adreſſe.“ „(Die Nummer, Sir,)“ ſprach Mr. Vholes paren⸗ thetiſch,„(habe ich, wie ich glaube, bereits geſagt). Soll 42 Mr. Carſtone fortfahren, um dieſen bedeutenden Einſatz zu ſpielen, ſo muß er Fonds haben. Verſtehen Sie mich 3 recht! Es ſind dermalen Fonds da. Ich verlange Nichts; es ſind Fonds da. Was aber das fernere Spiel betrifft,( ſo muß noch für weitere Fonds geſorgt werden; es ſei 1 denn, daß Mr. Carſtone das wegwerfen will, was er be⸗ reits auf's Spiel geſetzt, was ich natürlich ganz und gar ſeinem eigenen Ermeſſen anheimſtelle. Ich ergreife dieſe Gelegenheit, Sir, um Ihnen, als dem Freunde Mr. G Carſtone's, den wahren Sachverhalt ohne Rückhalt dar⸗ ulegen. Ohne Fonds ſoll es mich ſtets freuen, wenn ich ſ ſür Mr. Carſtone erſcheinen und handeln kann, ſoweit r alle ſolche Koſten aus dem Vermögen ſelbſt bezahlt wer⸗ e den. Darüber hinaus aber kann ich nicht gehen. Ich h könnte ſchon darum nicht darüber hinausgehen, Sir, weil 1 ich dadurch an Andern ein Unrecht beginge. Entweder müßte ich meine drei lieben Mädchen, oder meinen ehr⸗ würdigen Vater, der ganz und gar von mir abhängt, und im Thale von Taunton lebt, oder ſonſt Jemand ſchädigen. Und doch ſteht, Sir, bei mir der Entſchluß (nennen Sie es Schwäche oder Thorheit, wenn Sie wol⸗ len) feſt, Niemand zu ſchädigen.“ Mr. Woodcourt verſetzte etwas ſtrenge, daß es ihn freue, ſolches zu vernehmen. „Ich wünſche, Sir,“ ſprach Mr. Vholes,„einen guten Namen zu hinterlaſſen. Darum ergreife ich jede Gelegenheit, einem Freunde Mr. Carſtone's die Lage Mr. Carſtone's ohne allen Rückhalt aus einander zu ſetzen. Was mich ſelbſt betrifft, ſo iſt jeder Arbeiter ſei⸗ nes Lohnes werth. Unternehme ich es, die Schulter ans Rad zu legen, ſo thue ich es alles Ernſtes und verdiene, was ich bekomme. Ich bin zu dieſem Zwecke hier. Mein„ Name ſteht zu dieſem Zwecke draußen an der Thüre.“ „Und Mr. Carſtone's Adreſſe, Mr. Vholes?“ „Sir,“ entgegnete Mr. Vholes,„wie ich glaube, ſo habe ich bereits erwähnt, daß Mr. Carſtone nebenan„ 4³ wohnt. Im zweiten Stocke werden Sie Mr. Carſtone's Wohnung finden. Mr. Carſtone wünſcht in der Nähe ſeines Rechtsfreundes zu ſein, und ich bin weit entfernt, Etwas dagegen zu haben, denn es iſt mir lieb, wenn man ein ſcharfes Auge auf mich hat.“ Darauf wünſchte Mr. Woodcourt dem Rechtsfreunde Vholes einen guten Tag, und ſuchte Richard auf, deſſen verändertes Ausſehen er jetzt nur zu gut zu verſtehen anfing. Er fand ihn in einem trübſeligen, nicht auf's Fri⸗ ſcheſte möblirten Zimmer, etwa ſo, wie ich ihn kurz zu⸗ vor auf ſeinem Kaſernenzimmer gefunden hatte, nur daß er jetzt nicht ſchrieb, ſondern ein Buch vor ſich liegen hatte, von dem aber ſeine Augen und Gedanken gar weit weg waren. Da die Thüre zufällig offen ſtand, ſo konnte Mr. Woodcourt ihn einige Augenblicke ſehen, ohne ſelbſt be⸗ merkt zu werden; und er ſagte mir, er könne nie die Verſtörtheit und Graßheit ſeines Geſichtes, ſowie die Niedergeſchlagenheit, die ſich in ſeinem ganzen Weſen be⸗ merklich gemacht habe, ehe er aus ſeinem Traume geweckt worden, vergeſſen. „Woodcourt, mein lieber Burſche!“ rief Richard mit ausgeſtreckten Händen auffahrend.„Sie erſcheinen mir wie ein Geiſt!“ „Als ein guter,“ erwiederte er,„— als ein Geiſt, der blos darauf wartet, daß man ihn anredet, wie Gei⸗ ſter es halten ſollen. Wie geht es auf dieſer vergäng⸗ lichen Welt?“ Sie hatten ſich jetzt nahe zu einander hingeſetzt. „Schlecht genug und langſam genug,“ ſprach Richard; „wenn ich wenigſtens von meinem Theil ſpreche.“ „Und was für ein Theil iſt denn das?“ „Der Karzleigerichtstheil.“ „Ich habe,“ verſetzte Mr. Woodcourt kopfſchüttelnd, „noch nie gehört,„daß es dort gut gehe.“ 44 „Auch ich nicht,“ ſprach Richard ſchwermüthig.„Wer hätte ſolches je auch gehört?“ In einem Augenblicke heiterte er ſich wieder auf und ſprach mit ſeiner natürlichen Offenheit: „Woodcourt, es ſollte mir leid thun, von Ihnen mißverſtanden zu werden, ſelbſt wenn ich in Ihrer Ach⸗ tung dadurch gewänne. Sie müſſen wiſſen, daß ich wäh⸗ rend dieſer langen Zeit nicht viel Gutes geſchafft habe. Es iſt nicht meine Abſicht geweſen, viel Unheil anzurich⸗ ten, aber es ſcheint mir, daß ich ſonſt Nichts habe thun können. Möglich, daß es beſſer geweſen wäre, wenn ich nicht in das Netz gegangen wäre, in das mich mein Schickſal hineingezogen hat; aber ich glaube es nicht, ob⸗ gleich Sie wohl bald eine ganz verſchiedene Meinung hören werden, wenn Sie ſolche nicht bereits gehört ha⸗ ben. Ich will Ihnen, um die lange Geſchichte kurz ab⸗ zumachen, nur ſagen, daß ich, wie ich fürchte, Etwas zu thun bekommen wollte; aber nun habe ich dieſes Etwas — oder vielmehr hat dieſes Etwas mich— und es iſt zu ſpät, ſich darüber in Erörterungen einzulaſſen. Neh⸗ men Sie mich ſo, wie ich bin, und ſuchen Sie mir die beſte Seite abzugewinnen.“ „Topp! Ich gehe den Handel ein,“ ſprach Mr. Woodcourt.„Halten Sie es mit mir gerade ſo!“ „Oh! Sie,“ verſetzte Richard,„können Ihrer Kunſt um ihrer ſelbſt willen obliegen, und können die Hand an den Pflug legen, ohne daß Sie ſich umzuwenden brau⸗ chen,— und können in Allem einen Zweck finden. Wir ſind gar verſchiedene Geſchöpfe, Sie und ich.“ Er ſprach, wie wenn er mit Bedauern erfüllt wäre, und verſank auf einen Augenblick wieder in ſeinen mat⸗ ten Zuſtand. „Wohlan, wohlan!“ rief er, dieſe Mattigkeit ab⸗ ſchüttelnd,„es hat Alles ein Ende. Wir werden ſehen! Sie wollen mich alſo nehmen, ſo wie ich bin, und wol⸗ len mir die beſte Seite abzugewinnen ſuchen?“ 4 8 1 4 4⁵ „Ja, das will ich.“ Darauf ſchüttelten ſie einander lachend, obwohl es ihnen ſehr Ernſt dabei war, die Hand. Ich kann für einen von ihnen mit ganzer Seele bürgen. „Sie kommen, wie wenn ſie mir von Gott geſendet wären,“ ſprach Richard,„denn ich habe außer Vholes hier noch Niemand geſehen. Woodcourt, ich möchte gleich im Anfange, nachdem wir den Pact gemacht, Ihnen ein für alle Mal von einer gewiſſen Sache ſprechen. Sie können, wenn ich das nicht thue, mir wohl ſchwerlich die beſte Seite abgewinnen. Sie wiſſen wohl, daß ich in einem zarten Verhältniſſe zu meiner Couſine Ada ſtehe?“ Mr. Woodcourt erwiederte, daß ich ihm durch einige Andeutungen dieß geſagt. „Ich bitte Sie nun,“ fuhr Richard fort,„mich nicht für einen Haufen von Selbſtſucht anſehen zu wollen. Bilden Sie ſich nicht ein, ich zerbreche mir den Kopf, und es breche mir halb das Herz, über dieſem elenden Proceſſe vor dem Kanzleigerichte, bloß um meiner ei⸗ genen Rechte und Intereſſen willen. Ada's Intereſſen ſind an die meinigen gekettet; es können dieſelben nicht getrennt werden; Vholes arbeitet für uns Beide, ver⸗ geſſen Sie das nie!“ Es lag ihm ſo viel an dieſem Punkte, daß Mr. Woodcourt ihm die ſtärkſten Verſicherungen gab, daß er ihm nicht Unrecht thue. „Sie ſehen,“ ſprach Richard, und während er ſo bei dieſem Punkte verweilte, lag in ſeinem Benehmen etwas Pathetiſches, obwohl es völlig unſtudirt und vom Augen⸗ blicke eingegeben war,„es iſt mir der Gedanke unerträg⸗ lich, ſelbſtſüchtig und niederträchtig zu erſcheinen einem geraden, aufrichtigen Burſchen, wie Sie ſind,— einem Burſchen, der ein ſo freundſchaftliches Geſicht zu mir bringt, wie Sie. Ich möchte, Woodcourt, Ada in ihr volles Recht eingeſetzt ſehen, ſo gut wie mich ſelbſt; ich will mein Aeußerſtes thun, um ihr ebenſo gut, als mir 46 ſelbſt Recht zu verſchaffen; ich ſetze Alles, was ich zuſam⸗ menſcharren kann, auf's Spiel, um ſie eben ſo gut, als mich ſelbſt herauszuwickeln. Vergeſſen Sie das nicht, ich bitte Sie inſtändigſt darum!“ Später, als Mr. Woodcourt über das Vorgefallene nachdachte, war er von Richard's ängſtlichem Verlangen in dieſem Stücke ſo lebhaft impreſſionirt, daß er, als er mir ganz allgemein von ſeinem erſten Beſuche in Sy⸗ mond'’s Inn erzählte, ganz beſonders dabei verweilte. Es weckte dieß bei mir wieder die Befürchtung, daß das kleine Vermögen meines lieben Mädchens von Mr. Vholes auf⸗ gezehrt worden, und daß Richard's Rechtfertigung gegen⸗ iber von ſich ſelbſt in ganz aufrichtiger Weiſe dieſe ſein würde. Dieſe Unterredung fand gerade damals ſtatt, als ich anfing, Caddy zu pflegen; und ich kehre nun zu der Zeit zurück, wo Caddy ſich wieder erholt hatte, und der bekannte Schatten immer noch zwiſchen ihr und meinem Liebling lag. Ich ſchlug an jenem Morgen Ada vor, daß wir Richard beſuchen wollten. Es überraſchte mich ein wenig, als ich fand, daß ſie zögerte, und nicht ganz ſo freudig bereit war, als ich erwartet hatte. „Meine Liebe,“ ſprach ich,„Du haſt doch wohl kei⸗ nen Streit gehabt mit Richard, ſeitdem ich ſo viel ab: weſend war?“ „Nein, Ehſter.“ „Haſt vielleicht auch Nichts von ihm gehört?“ ſagter ich weiter. „Doch, ich habe von ihm gehört,“ entgegnete Ada. Solche Thränen in ihren Augen und ſolche Liebe in ihrem Geſichte! Ich konnte aus meinem Liebling nicht klug werden. Ich fragte, ob ich allein zu Richard gehen ſollte. Nein, meinte Ada; es wäre beſſer, wenn ich nicht allein ginge. Ob ſie dann mit mir gehen wollte? Ja, dachte 47 Ada; es wäre wohl das Beſte, wenn ſie mit mir ginge. Ob wir jetzt gleich gehen ſollten? Ja, wir wollten jetzt gleich gehen. Wohlan, ich konnte mein liebes Mädchen ſchlechter⸗ dings nicht verſtehen, während ſie ſo Thränen in den Augen hatte und in ihrem Geſichte ſo viele Liebe aus⸗ gedrückt lag. Wir waren bald mit dem Ankleiden fertig und gin⸗ gen aus. Es war ein düſterer Tag, und es fielen von Zeit zu Zeit Tropfen kalten Regens herab. Es war einer jener farbloſen Tage, wo Alles ſchwermüthig, träge und verdrießlich erſcheint. Die Häuſer ſahen uns ſauer an, der Staub erhob ſich gegen uns, der Rauch ſtürzte auf uns herab, Nichts zeigte ſich in einem ſanfteren, milderen Lichte. Ich dachte, es ſei mein ſchönes Mäd⸗ chen gar nicht an ihrem Platze auf den rauhen, unfreund⸗ lichen Straßen; auch däuchte es mir, es bewegten ſich mehr Leichenzüge das trübſelige Pflaſter entlang, als ich je zuvor geſehen. Vor Allem galt es, Symond's Inn ausfindig zu machen. Schon waren wir im Begriffe, uns in einem Laden zu erkundigen, da ſagte Ada, ſie glaube, es ſei unweit von Chancery Lane. „Wir werden dann wohl nicht ſehr fehl gehen, meine Liebe, wenn wir in dieſer Richtung fortgehen,“ ſprach ich. Und ſo gingen wir denn nach Chancery Lane hin; und da ſahen wir wirklich angeſchrieben„Symond's Inn.“ Nun hatten wir die Hausnummer ausfindig zu machen. „Mr. Vholes' Burean genügt uns,“ meinte ich, „denn Mr. Vholes' Bureau befindet ſich im nächſten Hauſe.“ Darauf ſagte Ada, es ſei Mr. Vholes' Burean vielleicht in dem Winkel dort. Und wirklich war es ſo. 48 Dann kam die Frage, welches von den beiden neben⸗ anſtehenden Häuſern es wäre? Ich meinte, wir müßten in das eine gehen, während mein Liebling ſich für das andere entſchied; und abermals hatte ſich mein Liebling nicht geirrt. Und ſo gingen wir in den zweiten Stock hinauf, wo wir Richards Namen in großen, weißen Buchſtaben auf einer bahrenartigen Panele laſen. Ich würde angeklopft haben, allein Ada ſagte, wir würden vielleicht beſſer daran thun, wenn wir ohne Wei⸗ teres die Thüre aufmachten und hineingingen. Und ſo kamen wir denn zu Richard, der über ſtaubbedeckten Bündeln von Papieren brütete, die mir wie ſtaubige, ſein eigenes Gemüth refletirende Spiegel erſchienen. Er ſaß an einem Tiſche, und wohin ich auch ſehen mochte, erblickte ich immer wieder die ominöſen Worte, wovon ſein Gemüth erfüllt war:„Jarndyce und Jarndyce.“ Er empfing uns in äußerſt liebevoller Weiſe, und wir ſetzten uns. „Wäret Ihr ein Bischen früher gekommen,“ hob er an,„ſo hättet Ihr Woodcourt hier angetroffen. Es hat noch nie einen ſo guten Burſchen gegeben, wie Wood⸗ court iſt. Er findet immer ſo viel Zeit, mir einen kurzen Beſuch zu machen, während ſonſt Jedermann, der auch nur halb ſo viel zu thun hätte, wie er, es für un⸗ möglich halten würde, zu kommen. Auch iſt er ſo fröh⸗ lich, ſo friſch, ſo verſtändig, ſo eifrig, ſo— Alles und Jedes, was ich nicht bin, daß, wenn er kommt, ſich Alles um mich her erheitert, und wenn er wieder geht, ſich wieder verdüſtert.“ „Möge Gott ihn lohnen dafür, daß er mir Wort gehalten!“ dachte ich. „Er iſt, Ada,“ fuhr Richard, ſeinen niedergeſchlage⸗ nen Blick über die Papierbündel hinwerfend, fort,„nicht ſo ſanguiniſch, als Vholes und ich es gewöhnlich ſind; aber er iſt, weißt Du, nicht in die Myſterien der Sache 49 eingeweiht, ſondern kennt dieſe bloß oberflächlich. Wir ſind der Sache auf den Grund gegangen, er aber nicht. Man darf daber auch nicht erwarten, daß er ein ſolches Labyrinth allzu gut kenne.“ Während ſein Blick abermals über die Papiere hin⸗ ſchweifte und er mit beiden Händen über den Kopf hin⸗ fuhr, bemerkte ich, wie eingefallen und groß ſeine Augen ausſahen, wie trocken ſeine Lippen, und wie ſeine Finger⸗ nägel alle abgebiſſen waren. „Glaubſt Du wohl, Richard, es ſei dieß ein geſun⸗ der Ort, daß Du hier wohnſt“ fragte ich. „Ei, meine liebe Minerva,“ antwortete Richard mit ſeinem alten heiteren Lachen,„es iſt weder ein ärmlicher, noch auch ein luſtiger Ort; und wenn die Sonne hier⸗ her kommt, ſo kannſt Du ſo ziemlich wetten, was Du willſt, daß dieſelbe an einem offenen Orte hell ſcheine. Aber der Ort iſt für den Augenblick gut genug. Ich bin nahe bei dem Kanzleigerichtshof und bei Vholes.“ „Vielleicht,“ meinte ich,„wäre ein Logiswechſel, wo Du von beiden recht weit wegkämeſt—“ „— Gut für mich!“ ſprach Richard, ein Lachen er⸗ zwingend, indem er den Satz endigte.„Es ſollte mich nicht Wunder nehmen! Aber es kann dieſer Logiswechſel jetzt bloß noch in einer Weiſe kommen— in einer von zwei Weiſen, ſollte ich eher ſagen. Entweder muß es mit dem Prozeſſe ausgehen, Eſther, oder mit dem Prozeß⸗ führenden. Aber es ſoll mit dem Prozeß ausgehen, mit dem Prozeß, mein liebes Mädchen!“ Dieſe letzteren Worte waren an Ada gerichtet, die ihm zunächſt ſaß. Da ihr Geſicht nach ihm hin und von mir abgewandt war, ſo konnte ich es nicht ſehen. „Es geht Alles recht gut,“ fuhr Richard fort. „Vholes wird Dir das ſagen. Es geht wirklich vor⸗ wärts. Frag nur Vholes! Wir laſſen ihnen keine Ruhe. Vholes kennt alle ihre Schleichwege, und wir ſind ihnen Bleak Houſe. IV. 4 überall auf den Ferſen. Schon haben wir ihr Staunen erregt. Wir werden dieſes Neſt von Schläfern ſchon aufwecken, merk' auf meine Worte!“ Sein hoffnungsvolles Weſen war ſchon lange pein⸗ licher für mich geweſen, als ſeine Hoffnungsloſigkeit; es hatte daſſelbe ſo wenig wahrhaft Hoffnungsvolles an ſich, hatte in dem Entſchluſſe, es zu ſein, etwas ſo Wildes an ſich, war ſo heißhungrig und gierig, und dabei doch ſelbſt ſeiner Erzwungenheit und Unhaltbarkeit ſo ſehr be⸗ wußt, daß es mir ſchon lange im Herzen weh gethan hatte. Aber der Commentar dazu, der jetzt in unaus⸗ löſchlichen Zügen in ſeinem ſchönen Geſichte geſchrieben ſtand, machte es mir jetzt noch unendlich peinlicher. Ich ſage in unauslöſchlichen Zügen; denn ich war überzeugt, daß, wenn der unſelige Proceß noch in derſelben Stunde, ſeinen ſchimmerndſten Illuſionen zu Folge, hätte ein für alle Mal zu Ende gehen können, die Spuren der früh⸗ zeitigen Bangigkeit, der Vorwürfe, die er ſich ſelbſt ge⸗ macht, und der Enttäuſchungen, die der Proceß ihm ſchon bereitet, ſeinen Zügen bis an ſeine Todesſtunde aufge⸗ drückt geblieben wäre. „Der Anblick unſeres lieben kleinen Weibchens,“ ſprach Richard, indem Ada ſich immer noch ſchweigſam und ruhig verhielt,„iſt für mich ein ſo natürlicher, und es iſt ihr mitleidsvolles Geſicht ſo ganz das alte—“ 7 12 Nein, nein!“ Ich lächelte und ſchüttelte den Kopf. „Iſt ſo ganz das alte,“ ſagte Richard in ſeinem herzlichen Tone und meine Hand mit jener brüderlichen Liebe erfaſſend, die ſich ſtets gleich blieb,„daß ich ihr Nichts vorſpiegeln kann, was nicht iſt. Ich ſchwanke ein Bischen, das iſt die Wahrheit. Zuweilen gebe ich der Hoffnung Raum, meine Liebe, und ein anders Mal will ich wieder— zwar nicht ganz, aber doch faſt verzweifeln. Ich werde,“ endigte Richard, meine Hand ſanft fahren laſſend, und über das Zimmer hingehend,„ſo müde!“ 51 Er ging einige Male auf und ab, und ſank auf das Sopha hin. „Ich werde,“ wiederholte er düſter,„ſo müde. Es iſt ein ſo ermüdendes, ſo unendlich ermüdendes Geſchäft.“ Er ſtützte ſich auf einen Arm, während er dieſe Worte nachdenklich ſprach und auf den Boden nieder⸗ ſchaute. Da ſtand mein Liebling auf, nahm den Hut ab, kniete neben ihn hin und ließ ihr goldenes Haar wie Sonnenlicht auf ſein Haupt niederwallen, ſchlang beide Arme um ſeinen Nacken, und wandte das Geſicht mir zu. O welch liebevolles, hingebungsvolles Geſicht ſah ich da! „Liebe Eſther,“ ſprach ſie ganz ruhig,„ich gehe nun nicht mehr heim.“ Mit einem Male war mir Alles klar. „Nie mehr. Ich bleibe nun bei meinem theuren Gatten. Wir ſind nun ſeit zwei Monden verheirathet. ehrtobit mich heim, liebe Eſther; ich gehe nicht mehr heim!“ Mit dieſen Worten zog mein Liebling ſeinen Kopf auf ihre Bruſt herab, und hielt ihn dort feſt. Und wenn ich je in meinem Leben eine Liebe ſah, in der nur der Tod eine Veränderung herbeiführen konnte, ſo ſah ich ſie jetzt vor mir. „Sprich mit Eſther, meine Herzallerliebſte!“ ſprach Richard, nach einer Weile das Schweigen brechend. „Sag ihr, wie es zugegangen!“ Ich ging ihr entgegen, ehe ſie zu mir herkommen konnte, und ſchloß ſie in meine Arme. Es ſprach keine von uns Beiden; aber jetzt, wo ihre Wange an der mei⸗ nigen lag, wollte ich Nichts hören. „Mein Liebling!“ ſprach ich.„Meine Liebe, mein armes, armes Mädchen!“ „ Ich bemitleidete ſie ſo unendlich. Ich hatte zwar Richard ſehr gerne; das vorherrſchende Gefühl bei mir aber war jetzt das Mitleid, das ſie mir in ſo hohem Grade einflößte. „Eſther, kannſt Du mir vergeben? Wird mein Vetter John mir vergeben?“ „Meine Liebe,“ ſprach ich,„auch nur einen Augen⸗ blick daran zweifeln, heißt ihm großes Unrecht thun. Und was mich betrifft“— je nun, was mich betrifft, was hatte ich denn zu vergeben? Ich trocknete die Augen meines ſchluchzenden Lieb⸗ lings, und ſetzte mich neben ſie auf das Sopha, während Richard an einer andern Seite Platz nahm; und während ich an jene ſo verſchiedene Nacht erinnert ward, wo ſie mich zum erſten Mal ins Vertrauen gezogen, und in ihrer ungeſtümen glücklichen Wei ſortgemacht hatten, ſagten ſie mir,— Eines löste dabei das Andere ab,—„wie die Sache zugegangen war.“ „Alles, was ich hatte, gehörte Richard,“ ſprach Ada, „und Richard wollte es nicht annehmen, Eſther, und was konnte ich da anders thun, als ſeine Frau werden, wenn ich ihn wirklich liebte!“ „Und Du wareſt ſo ſehr und in ſo freundlicher Weiſe beſchäftigt, treffliche Dame Durden,“ ſprach Ri⸗ chard,„daß wir es unmöglich fanden, zu einer ſolchen Zeit mit Dir zu ſprechen! Auch war es ein Schritt, der ſchon lange von uns beabſichtigt war. Wir gingen eines Morgens aus und— ließen uns copuliren.“ „Und als es geſchehen war, Eſther,“ ſprach mein Liebling,„zerbrach ich mir immer den Kopf, wie ich es am Beſten angreifen könnte, um es Dir zu ſagen, und was ich thun ſollte. Und bisweilen glaubte ich, daß Du es alsbald wiſſen müßteſt; ein anderes Mal dachte ich wieder, Du dürfeſt es nicht wiſſen, und es müſſe meinem Vetter John verheimlicht bleiben, und ich konnte nicht ſagen, was ich thun ſollte, und ich grämte mich gar ſehr.“ Wie ſelbſtſüchtig muß ich geweſen ſein, daß ich nicht zuvor an dieß gedacht! Ich weiß nicht, was ich jetzt 8„.„„ „ 53 ſagte. Es that mir ſo leid, nnd doch hatte ich ſie wie⸗ der ſo gerne, und doch war ich wieder ſo erfreut, daß ſie mich gern hatten; ich bemitleidete ſie ſo ſehr und doch fühlte ich eine Art Stolz, daß ſie einander ſo lieb⸗ ten; nie hatte ich zu gleicher Zeit eine ſo peinliche und wieder eine ſo wonnige Gemüthsbewegung gekannt; und ich wußte nicht, welche in meinem Herzen vorherrſchte. Aber ich war nicht da, um ihren Lebensweg zu verdü⸗ ſtern; ich that es nicht. Als ich minder albern und gefaßter war, zog Ada ihren Trauring aus dem Buſen hervor, küßte denſelben und ſteckte ihn an. Dann erinnerte ich mich der vergan⸗ genen Nacht, und ſagte Richard, daß ſie dieſen Ring ſeit dem Tage ihrer Tranung ſtets Nachts getragen, wo ihn Niemand habe ſehen können. Darauf fragte mich Ada erröthend, wie ich denn das wuͤßte! Und dann ſagte ich Ada, wie ich ihre Hand unter ihrem Kopfkiſſen verſteckt geſehen und wohl kaum an ſo Etwas gedacht. Dann fingen ſie wieder ganz von vorn an, um mir zu erzählen, wie Alles zugegangen; ich aber fing aber⸗ mals an, betrübt, und dann wieder froh, und dann wieder albern zu ſein, und mein häßliches, altes Ge⸗ ſicht ſo viel wie möglich zu verbergen, um ſie nicht muth⸗ los zu machen. So verſtrich die Zeit, bis ich endlich daran denken mußte, nach Hauſe zurückzukehren. Als dieſer Augen⸗ blick heran kam, da ging die Noth erſt an, denn nun brach mein Liebling vollkommen zuſammen. Sie um⸗ ſchlang meinen Hals, gab mir jeden lieben Namen, der ihr nur einfallen mochte, und ſagte, was ſie ohne mich anfangen ſolle! Auch ging es Richard nicht viel beſſer; und was mich betrifft, ſo würde es mir wohl am Schlimmſten ergangen ſein, wenn ich nicht in ſtrengem Tone zu mir ſelbſt geſagt hätte:„Nun, Eſther, wenn Du Dir das zu Schulden kommen läſſeſt, ſo ſpreche ich gewiß nicht mehr mit Dir!“ „Je nun,“ ſagte ich,„ich erkläre hiemit, daß ich nie eine ſolche Frau geſehen. Ich glaube, ſie liebt ihren Mann gar nicht. Da, Richard, nimm doch ums Him⸗ mels willen mein Kind!“ Aber ich ließ ſie während dieſer ganzen Zeit nicht los, und hätte, ich weiß nicht wie lange, über ſie wei⸗ nen können. „Ich benachrichtige dieſes junge Ehepaar hiemit,“ ſprach ich,„daß ich jetzt bloß weggehe, um morgen wie⸗ der zu kommen; und daß ich an Einem fort hin und hergehen werde, bis endlich Symond’s Inn es müde iſt, mich zu ſehen. Ich ſage Dir alſo nicht Lebewohl, Ri⸗ chard. Denn wozu das, weißt Du, da ich ja ſo bald wieder komme!“ Ich hatte ihm nun meinen Liebling gegeben und wollte mich entfernen, aber ich verweilte immer noch, um das holde, theure Geſicht noch ein Mal zu ſchauen — das Geſicht, von dem ich mich nicht abwenden zu können glaubte, ohne daß es mir das Herz ſpaltete. Ich ſagte alſo(in luſtiger, unruhig geſchäftiger Weiſe), daß ich, wenn ſie mich nicht in irgend einer Art zum Wiederkommen ermuthigten, nicht gewiß wäre, ob ich mir dieſe Freiheit nehmen könnte; worauf mein liebes Mädchen aufſchaute, ſchwach durch ihre Thränen hin⸗ durchlächelte, und ich ihr holdes Geſicht zwiſchen meine Hände nahm, und demſelben einen letzten Kuß aufdrückte, und lachte, und mich eiligſt entfernte. Und als ich die Treppe hinunter kam, o wie weinte ich da! Es kam mir faſt ſo vor, als ob ich meine Ada für immer verloren hätte. Ich fühlte mich ſo ein⸗ ſam, und es war für mich das Leben ſo öde ohne ſie, und es war ein ſo trauriger Gedanke, nach Hauſe zu gehen, ohne alle und jede Hoffnung, ſie dort zu ſehen, daß ich mich eine Weile ſchlechterdings nicht tröſten —... ͤͤ...ͤ 5⁵ konnte, während ich in einem düſtern Winkel ſchluchzend und weinend auf und abging. Allmälig wurde ich wieder ruhiger, nachdem ich mich ein Bischen gezankt; ich nahm dann eine Kutſche, um nach Hauſe zu fahren. Der arme Burſche, den ich zu Saint⸗Albans gefunden, war kurz vorher wieder zum Vorſchein gekommen, und ſah jetzt jeden Augenblick ſei⸗ ner Auflöſung entgegen; ja, er war jetzt ſchon todt, ob ich gleich es noch nicht wußte. Mein Vormund war ausgegangen, um ſich nach ſeinem Befinden zu erkundi⸗ gen und kam nicht zum Diner heim. Da ich ſo ganz allein war, weinte ich wieder ein Bischen, obgleich ich, im Ganzen genommen, nicht glaube, daß ich mich ſo gar ſchlecht benahm. Es war ganz natürlich, daß ich mich an den Ver⸗ luſt meines Lieblings noch nicht ganz gewöhnt hatte. Nach jahrelangem Beiſammenſein waren drei oder vier Stunden keine lange Zeit. Aber es verweilte mein Geiſt ſo viel bei der traurigen Scene,— bei dem unpaſſen⸗ den Orte, wo ich ſie gelaſſen, und ich malte mir ihre Zukunft als eine ſo düſtere, unfreundliche aus, und es verlangte mich ſo ſehr, um ſie zu ſein, und in irgend einer Weiſe für ſie zu ſorgen, daß ich beſchloß, im Laufe des Abends dahin zurückzukehren, bloß um zu ihren Fenſtern hinauſzuſchauen. Es war wohl recht albern; aber es kam mir da⸗ mals gar nicht ſo vor, und es kommt mir ſelbſt jetzt nicht ganz ſo vor. Ich zog Charley in's Vertrauen, und wir gingen bei eingetretener Dämmerung mit ein⸗ ander aus. Es war ſchon finſter, als wir bei dem neuen, ſeltſamen Hauſe meines lieben Mädchens anlangten, und es brannte ein Licht hinter den gelben Gardinen. Wir gingen drei oder vier Mal vorſichtig vorüber, und ſchauten hinauf, und wären um ein Haar Mr. Vholes in die Hände gelaufen, der aus ſeinem Büreau heraus⸗ kam, während wir dort ſtanden, und, ehe er nach 56 Hauſe ging, den Kopf emporrichtete, um gleichfalls hin⸗ aufzuſchauen. Der Anblick ſeiner ſchmächtigen, ſchwarzen Geſtalt und das einſame Ausſehen dieſes Winkels in der Finſter⸗ niß waren günſtig für den Zuſtand meines Gemüths. Ich dachte an die Jugend, und Liebe, und Schönheit meines lieben Mädchens, die an einem ſo unpaſſenden Zufluchtsorte eingeſchloſſen worden, und es kam mir faſt vor, als ſei derſelbe ein recht grauſamer Ort Es ſah dieſe Zufluchtsſtätte recht einſam und trüb⸗ ſelig ans, und ich zweifelte nicht, daß ich in aller Si⸗ cherheit die Treppe hinaufſchleichen könnte. Ich ließ Charley unten ſtehen und ging leichten Fußes hinauf, ohne daß mich auf meinem Wege ein Schimmer von den ſöhioah brennenden Oellaternen in Verlegenheit gebracht ätte. Ich horchte einige Augenblicke, und glaubte in der dumpfigen, moderichten Stille des Hauſes das Murmeln ihrer jungen Stimmen hören zu können. Ich drückte, als einen Kuß für meinen Liebling, die Lippen an die bahrenartige Thürenpanele, und kam wieder in aller Stille herab, mir vornehmend, ihnen an einem der kommenden Tage zu geſtehen, daß ich wieder dage⸗ weſen. Und wirklich fühlte ich mich erleichtert; denn ob⸗ gleich außer Charley und mir keine Seele darum wußte, ſo war es mir doch, als ob dieſer Beſuch die Trennung zwiſchen Ada und mir vermindert und uns für dieſe Augenblicke wieder mit einander vereinigt hätte. Ich ging nach Hauſe zurück, zwar noch nicht ganz an die eingetretene Veränderung gewöhnt, aber dennoch dadurch erleichtert, daß ich meinen Liebling umſchwebt. Unterdeſſen war mein Vormund heimgekommen und ſtand nachdenklich an den finſtern Fenſtern. Als ich hin⸗ eintrat, heiterte ſich ſein Geſicht auf. Er ſetzte ſich auf 57 ſeinen Stuhl, las aber auf meinem Geſichte, während das Licht darauf fiel und ich mich ſetzte. „Kleines Weibchen,“ ſprach er.„Du haſt ge⸗ weint.“ „Ei, ja, Vormund,“ ſprach ich.„Ich fürchte, ich habe ein Bischen geweint. Ada iſt ſo bekümmert ge⸗ weſen, und es iſt ihr ſo unendlich leid, Vormund.“ Ich legte den Arm auf die Rücklehne ſeines Stuhls, und ich ſah aus ſeinem Blicke, daß meine Worte und der Blick, den ich auf ihren leeren Platz geworfen, ihn vor⸗ bereitet hatten. „Iſt ſie copulirt, meine Liebe?“ Ich erzählte ihm Alles, und ſagte ihm, wie ihre erſten Bitten ſich auf ſeine Verzeihung bezogen hätten. „Sie bedarf derſelben nicht,“ ſprach er.„Der Himmel ſegne Sie und ihren Gatten!“ Aber gerade wie bei mir der erſte Impuls ein Gefühl des Mitleids geweſen war, ſo wußte auch er unwillkürlich einem ſol⸗ chen Ranm geben.„Armes Mädchen, armes Mädchen! Armer Rick! Arme Ada!“ Dann ſprach Keines von uns mehr, bis er mit ei⸗ nem Seußzer endlich ſagte: „Wohlan, wohlan, meine Liebe! Bleak Houſe lichtet ſich raſch. „Aber die Gebieterin von Bleak Houſe bleibt da, Vormund. Obgleich ich dieß nur etwas furchtſam ſagte, ſo wollte ich es doch ſagen wegen des kummervollen Toues, in dem er geſprochen hatte.„Sie wird Alles thun, was ſie kann, um es zu einem glücklichen Hanſe zu machen,“ ſprach ich. „Und es wird ihr gelingen!“ Der Brief hatte zwiſchen uns keinen Unterſchied gemacht, wenn ich den Umſtand ausnehme, daß der Platz an ſeiner Seite mir zugefallen war, und er machte auch jetzt keinen. Er heftete ſeinen alten, freundlichen, väterlichen 58 Blick auf mich, legte in alt gewohnter Weiſe ſeine Hand auf die meinige, und ſprach abermals: „Es wird Dir gelingen, meine Liebe. Gleichwohl lichtet ſich Bleak Houſe raſch, o Weibchen!“ Es war mir bald leid, daß dieß Alles war, was wir darüber ſagten. Ich fand mich in meiner Erwar⸗ tung etwas getäuſcht. Ich fürchtete, daß ich ſeit dem Briefe und der Antwort vielleicht nicht ganz Alles das geweſen, was ich hatte ſein wollen. Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Eigenſinn. Es war nur ein weiterer Tag dazwiſchen gekom⸗ men, als Mr. Woodcourt Morgens in aller Frühe, als wir eben frühſtücken wollten, eiligſt mit der wahr⸗ haft betäubenden Nachricht hereintrat, es ſei ein furcht⸗ barer Mord vorgefallen, wegen deſſen Mr. George ver⸗ haftet und eingekerkert worden ſei. Als er uns ſagte, es ſei von Sir Leiceſter Dedlock auf die Entdeckung des Mörders eine große Prämie ausgeſetzt worden, begriff ich ia meiner erſten Beſtürzung nicht, warum dieß ge⸗ ſchehen; aber ein paar weitere Worte erklärten mir, daß die gemordete Perſon Sir Leiceſters Advocat geweſen ſei; und alsbald fiel mir die Furcht ein, welche er mei⸗ ner Mutter eingeflößt hatte. Dieſer unvorhergeſehene und gewaltſame Tod eines Mannes, den ſie ſchon ſeit langer Zeit äugſtlich beobach⸗ tet, und dem ſie ſchon lange mißtraut, und der ſchon lange ſie gleichfalls beobachtet und ihr mißtraut hatte, — der Tod dieſes Mannes, gegen den ſie nur wenig freundlich geſinnt ſein konnte, indem ſie in ihm ſtets einen gefährlichen und geheimen Feind gefürchtet, erſchien als ſo furchtbar, daß meine erſten Gedanken ſich ihr zuwand⸗ ten. Wie gräßlich, von einem ſolchen Tode zu hören und doch kein Mitleid fühlen zu können! Wie furchtbar, vielleicht denken zu müſſen, daß ſie zuweilen ſelbſt den Tod des alten Mannes herbeigewünſcht, der ſo plötzlich dieſer Welt hatte Lebewohl ſagen müſſen! Solcherlei Reflexionen, die in Maſſe auf mich ein⸗ ſtürmten, und bei mir die Noth und Furcht vermehrten, die ich ſtets gefühlt, wenn des Namens Erwähnung ge⸗ than wurde, regten mich dermaßen auf, daß ich meinen Platz am Tiſche kaum zu behaupten vermochte. Ich war ganz außer Stand, der Unterhaltung zu folgen, bis ich Zeit gehabt, mich wieder zu erholen. Als ich aber wie⸗ der zu mir ſelbſt kam und ſah, welch' höchſt unangeneh⸗ men Eindruck die Nachricht auf meinen Vormund gemacht; und als ich fand, daß ſie eifrig über den verdächtigen Mann ſprachen und auf jeden günſtigen Eindruck zurück⸗ kamen, den er durch ſeine guten Eigenſchaften, ſoweit wir dieſe kannten, auf uns gemacht, waren meine Theilnahme und meine Befürchtungen in Betreff ſeiner ſo mächtig rege, daß ich mich wieder ganz aufrichtete. „Vormund, Sie halten es wohl nicht für möglich, daß er mit Recht beſchuldigt werde?“ „Meine Liebe, ich kann das nicht für möglich hal⸗ ten. Der Mann, den wir ſo offenherzig und mitleids⸗ voll geſehen; der mit der Kraft eines Rieſen die Sanft⸗ heit eines Kindes verbindet; der ſo tapfer ausſieht, als es nur je einen Menſchen gegeben, und der dabei ſo ein⸗ fach und ruhig iſt:— der Mann ſoll eines ſolchen Ver⸗ brechens mit Recht beſchuldigt ſein? Nimmermehr kann ich das glauben. Nicht daß ich es eben nicht glaube, 60 oder nicht glauben mag,— nein: ich kann es nicht glauben!“ „Und auch ich kann es nicht,“ ſprach Mr. Wood⸗ court.„Indeſſen werden wir, was wir auch von ihm glauben, oder von ihm wiſſen mögen, beſſer daran thun, wenn wir nicht vergeſſen, daß der Schein einigermaßen gegen ihn ſpricht. Er legte eine gewiſſe Animoſität gegen den Verſtorbenen an den Tag. Er hat dieß an vielen Orten offen erklärt, und hat es kein Hehl gehabt. Es heißt, er habe ſich heftig über ihn ausgedrückt, und ſo viel ich weiß, hat er es gewiß gethan. Er gibt zu, daß er an dem Orte, wo der Mord verübt worden, allein geweſen, und zwar ein paar Minnten, nachdem derſelbe verübt worden. Ich glaube aufrichtig, daß er von jeder Mitſchuld ſo frei iſt, als ich ſelbſt es ſein kann; aber Alles dieß ſind Verdachtsgründe, die auf ihn fallen.“ „Ganz richtig,“ ſprach mein Vormund, und ſetzte dann, zu mir gewandt, hinzu: „Wir würden ihm einen ſehr ſchlimmen Dienſt er⸗ weiſen, wenn wir in irgend einer dieſer Beziehungen unſere Augen der Wahrheit verſchließen wollten.“ Ich fühlte natürlich, daß wir nicht allein gegen uns ſelbſt, ſondern auch gegen Andere die volle Kraft der gegen ihn ſprechenden Umſtände zugeben mußten. Und doch wußte ich dabei(konnte ich nicht umhin zu ſa⸗ gen), daß deren Gewicht uns nicht veranlaſſen durfte, ihn in der Noth zu verlaſſen. „Da ſei Gott vor!“ verſetzte mein Vormund.„Wir wollen zu ihm ſtehen, gleichwie er ſelbſt zu den zwei ar⸗ men Geſchöpfen geſtanden iſt, die heimgegangen ſind.“ Er meinte damit Mr. Gridley und den jungen Bur⸗ ſchen, welche Beide Mr. George unter ſeinem Dache be⸗ herbergt hatte. Mr. Woodcourt berichtete uns dann, daß der Ge⸗ hilfe des Troupier ſchon vor Tag bei ihm geweſen, nach⸗ dem derſelbe wie ein Verrückter die ganze Nacht in den — — 61 Straßen herumgegangen. Eine der hauptſächlichſten Be⸗ ſorgniſſe des Tronpier ſei die, daß wir ihn vielleicht für ſchuldig hielten. Er habe dieſen ſeinen Boten beauftragt, uns aufs Feierlichſte ſeiner vollkommenen Unſchuld zu verſichern. Mr. Woodcourt habe den Mann nur dadurch beruhigen können, daß er ihm verſprochen, ſogleich, in aller Frühe, zu uns zu gehen, und uns Alles dieſes mitzutheilen. Er endigte damit, daß er ſagte, er ſei jetzt ſelbſt auf dem Wege, den Gefangenen zu beſuchen. Mein Vormund ſagte auf der Stelle, er wolle gleich⸗ falls hingehen. Nun aber nahm ich, abgeſehen davon, daß der alte Soldat mir ſehr gefiel und daß derſelbe auch mich gern hatte, an dem Vorfall jenes geheime In⸗ tereſſe, das nur meinem Vormund bekannt war. Es war mir, als ob ich mich für die Sache ganz beſonders intereſſiren müßte, und als ob dieſelbe mich beſonders nahe angehe. Es ſchien für mich perſönlich wichtig zu werden, daß die Wahrheit an den Tag komme und daß auf keine unſchuldigen Leute ein Verdacht falle: denn ſchlug ein Mal der Verdacht eine abenteuerliche Bahn ein, ſo konnte er ja recht wohl eine noch abenteuerlichere einſchlagen. 4 Mit einem Worte, es war mir, als ob ich ſchuldig und verbunden wäre, mit ihnen zu gehen. Mein Vor⸗ mund ſuchte mir nicht abzureden und ich ging daher mit. Es war ein großes Gefängniß mit vielen Höfen und Gängen, die einander ſo ähnlich und ſo gleichförmig ge⸗ pflaſtert waren, daß ich, während ich dieſelben entlang ging, glaubte, jetzt erſt begreife ich die Liebe, welche ein Unkrant, oder ein vereinzelter Grashalm bei einſamen Gefangenen, die von Jahr zu Jahr innerhalb derſelben nackten, ſtarrblickenden Mauern eingeſchloſſen geblieben, erzeugt, wie ich geleſen. In einem gewölbten Zimmer, das einem über der Treppe befindlichen Keller glich,— in einem Zimmer, deſſen Wände ſo grell weiß waren, 62 daß ſie den maſſiven, eiſernen Gitterſtangen am Fenſter, ſowie der mit Eiſen beſchlagenen Thüre, ſogar ein noch tieferes Schwarz verliehen, als ihnen in Wirklichkeit zu⸗ kam, fanden wir den Troupier allein. Er ſtand in einer Ecke, war aber dort auf einer Bank geſeſſen und dann aufgeſtanden, als er Schlöſſer und Riegel ſich bewe⸗ gen hörte. Sobald er uns erblickte, machte er, in gewohnter Weiſe ſchwer auftretend, einen Schritt vorwärts, blieb⸗ dann ſtehen und verbeugte ſich leicht. Als ich aber immer noch auf ihn zuging und ihm die Hand hinſtreckte, da verſtand er uns augenblicklich. „Nun iſt eine Laſt von meiner Seele abgewälzt, ich verſichere Sie, mein Fräulein und Sie, meine Herren,“ ſprach er, uns mit vieler Herzlichkeit grüßend und tief Athem holend.„Und nun liegt mir nicht ſo ſehr viel daran, wie die Sache ausgeht.“ Er ſchien kaum der Gefangene zu ſein. Bei ſeiner Kaltblütigkeit und ſeiner ſoldatenmäßigen Haltung ſahr er weit mehr wie ein Gefangenwärter aus. „Es iſt dieß ſogar ein noch unfreundlicherer Ort, als meine Gallerie, und es iſt derſelbe wohl ſchwerlich geeignet zum Empfang einer Dame,“ ſprach Mr. George, „indeſſen weiß ich, daß Miß Summerſon demſelben die beſte Seite abgewinnen wird.“ Er führte mich zu der Bank hin, auf der er ge⸗ ſeſſen war, und ich ſetzte mich, was ihn nicht wenig zu befriedigen ſchien. „Ich danke Ihnen, Miß,“ ſprach er. „Nun, George,“ bemerkte mein Vormund,„gleich⸗ wie wir keiner neuen Verſicherungen von Ihrer Seite bedürfen, ebenſo glaube ich auch, daß wir Ihnen keine ſolchen zu geben brauchen.“ „Nein, dieſer bedarf es nicht, Sir. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen. Wäre ich nicht unſchuldig an dieſem Verbrechen, ſo vermöchte ich jetzt, da Sie ſo 63 gütig ſind, mich mit Ihrem Beſuche zu beehren, Sie nicht anzublicken und mein Geheimniß für mich zu be⸗ halten. Dieſer Beſuch erfüllt mein Herz mit innigſter Dankbarkeit. Ich gehöre zwar nicht zu den Beredten, aber ich fühle, ich fühle die Ehre dieſes Beſuchs tief, Miß Summerſon und meine Herren!“ Er legte einen Augenblick die Hand auf ſeine breite Bruſt, und beugte den Kopf nach uns hin. Obgleich er alsbald wieder aufrecht daſtand, ſo drückte er doch durch dieſe einfache Mittel viel natürliche Rührung aus. „Und nun laſſen Sie mich zuerſt fragen,“ ſprach mein Vormund:„Können wir für Ihre perſönliche Be⸗ quemlichkeit Etwas thun, George?“ „Für was, Sir?“ fragte er, ſeinen Hals frei machend. „Für Ihre perſönliche Bequemlichkeit. Gibt es Etwas, deſſen Sie bedürfen und das die Beſchwerlich⸗ keiten dieſer Einkerkerung vermindern könnte?“ „Wohlan, Sir,“ erwiederte Mr. George, nachdem er eine Weile nachgedacht,„ich bin Ihnen jedenfalls ver⸗ bunden; da aber Tabak gegen die Gefängnißregeln iſt, ſo kann ich nicht ſagen, daß in dieſer Beziehung Etwas für mich zu thun wäre.“ „Es werden Ihnen vielleicht ſpäter manche kleine Sachen einfallen. Sie brauchen, wenn dieß der Fall iſt, es uns nur wiſſen zu laſſen, George.“ „Ich danke Ihnen, Sir. Gleichwohl,“ bemerkte Mr. George mit einem ſonnverbrannten Lächeln,„weiß ſich ein Mann, der ſo lange, wie ich, ſich als eine Art Vagabund hat in der Welt herumſtoßen laſſen müſſen, an einem Orte, wie dieſer iſt, zu behelfen, und macht, was die Bequemlichkeiten betrifft, keine allzugroßen An⸗ ſprüche.“ „Kommen wir nun zu Ihrem Falle!“ bemerkte mein Vormund. „Iſt mir ganz erwünſcht, Sir!“ verſetzte Mr. George, 64 die Arme mit vollkommener Ruhe und dabei mit einiger Neugierde über die Bruſt faltend. „Wie ſtehen die Sachen da?“ „Je uun, Sir, es iſt eine Entſcheidung noch nicht erfolgt. Bucket gibt zu verſtehen, daß er von Zeit zu Zeit wahrſcheinlich darauf antragen werde, mit der Ent⸗ ſcheidung noch ſo lange zu zögern, bis mehr Thatſachen beigebracht ſeien. Wie dieß geſchehen ſoll, vermag ich ſelbſt nicht einzuſehen; aber es wird Bucket ohne Zwei⸗ fel doch gelingen.“ „Ei, Gott ſtehe uns bei, Mann!“ rief mein Vor⸗ mund, der ſich zu ſeiner alten Seltſamkeit und Heftigkeit hinreißen ließ, aus, Sie ſprechen ja von ſich ſelbſt ge⸗ rade ſo, wie wenn Sie Jemand anders wären!“ „Nehmen Sie es nicht übel, Sir,“ verſetzte Mr. George.„Ich fühle zwar Ihre Güte und Freundlichkeit gar tief. Aber ich vermag nicht einzuſehen, wie ein un⸗ ſchuldiger Mann dieſe Geſchichte hinnehmen kann, ohne fich den Kopf an der Wand einzurennen,— wenn er ſie nicht ſo auffaßt.“ „Es iſt dieß bis zu einem gewiſſen Grade wahr genug,“ erwiederte mein Vormund ſanfter.„Aber, guter Burſche, ſogar ein Unſchuldiger muß die gewöhnlichen Vorſichtsmaßregeln ergreifen, um ſich zu vertheidigen.“ „Ganz gewiß, Sir. Auch habe ich das gethan. Ich habe zu den Magiſtraten geſagt: ‚Meine Herren, ich bin in dieſer Sache ſo unſchuldig, wie Sie ſelbſt; die Thatſachen, die gegen mich angeführt worden find, ſind vollkommen wahr, mehr aber weiß ich nicht von der Sache. Und das habe ich im Sinne, fortwährend zu erklären, Sir. Was kann ich weiter thun? Es iſt die Wahrheit.“ „Aber die bloße Wahrheit genügt nicht,“ entgegnete mein Vormund. „Wirklich? Genügt ſie nicht, Sir? Schlimme Aſpec⸗ ten füe mich!“ bemerkte Mr. George gutlaunig. 65 „Sie müſſen einen Advocaten haben,“ fuhr mein Vormund fort.„Wir müſſen einen guten für Sie an⸗ nehmen.“ „Ich bitte Sie um Verzeihung, Sir,“ ſprach Mr. George, einen Schritt zurücktretend.„Ich bin Ihnen unendlich verbunden, muß Sie aber entſchieden bitten, mir nichts Derartiges zu octroiren.“ „Wie, Sie wollen keinen Advocaten?“ „Nein, Sir.“ Mr. George ſchüttelte den Kopf in nachdrücklichſter Weiſe und ſetzte hinzu: „Ich danke Ihnen deſſen ungeachtet, Sir, aber— nur keinen Advocaten!“ „Und warum denn nicht?“ „Die Race gefällt mir nun ein Mal nicht,“ ſprach Mr. George.„Gridley hielt es ebenſo. Und— wenn Sie mich wegen dieſer meiner Freiheit entſchuldigen wollen— ich hätte kaum geglaubt, daß Sie ſelbſt für dieſe Race ſehr eingenommen wären, Sir.“ „Ah, ich habe es mit einem Billigkeitsgericht zu thun,“ erklärte mein Vormund etwas verlegen;,,— mit einem Billigkeitsgericht, George.“ „So, Sir!“ verſetzte der Troupier in ſeiner un⸗ ſtudirten Weiſe.„Ich ſelbſt bin mit dieſen Namen⸗ Rüancen nicht bekannt, kann aber im Allgemeinen die Race nun ein Mal nicht leiden.“ Die Arme entfaltend und ſeine Stellung verändernd, ſtand er, eine maſſive Hand auf dem Tiſche und die an⸗ dere an der Hüfte, da, ein ſo vollſtändiges Bild eines Mannes, der ſich von einem feſten Entſchluſſe nicht mehr abbringen läßt, als ich nur je eines geſehen. Vergebens ſprachen wir ihm Alle zu, und ſuchten ihn zu überreden; er hörte uns mit jener Artigkeit an, die zu ſeiner ſtolzen, trotzigen Haltung ſo gut ſtand, ward aber offenbar durch unſere Vorſtellungen ebenſo wenig wankend gemacht, als ſein Kerker. Bleak Houſe. IV. 5 66 „Denken Sie doch ein Mal darüber nach!“ ſprach ich.„Haben Sie keinen Wunſch in Beziehung auf Ihren Fall?“ „Ich könnte allerdings wünſchen, daß ich recht bald vor ein Kriegsgericht geſtellt werden möchte, Miß,“ ent⸗ gegnete er;„aber es kaun davon keine Frage ſein, wie ich wohl ſehe. Wenn Sie ſo gut ſein und mir ein paar Minuten lang, nicht länger, Ihre Aufmerkſamkeit ſchenken wollen, Miß, ſo will ich es verſuchen, mich ſo klar wie möglich auszudrücken.“ Er ſchaute uns Drei nach der Reihe an, ſchüttelte den Kopf ein Bischen, wie wenn er denſelben in der Halsbinde und dem Kragen einer engen Uniform in die rechte Stellung bringen wollte, und fuhr dann, nachdem er noch einen Augenblick nachgedacht, alſo fort: „Sie ſehen, Miß, es ſind mir Handſchellen angelegt worden, worauf man mich ins Gefängniß und hierher gebracht hat. Ich bin ein entehrter Mann, auf den Jedermann mit dem Finger deutet, und hier bin ich. Meiue Schießbahn wird von Bucket oben und unten durchwühlt; das Eigenthum, das ich habe— und es iſt daſſelbe klein genug— wird dahin und dorthin gewor⸗ fen, bis es ſich ſelbſt nicht mehr kennt; und, wie ſchon geſagt, hier bin ich! Ich beklage mich nicht beſonders über Letzteres. Obgleich ich durch keinen unmittelbar vorangegangenen, mir zur Laſt fallenden Fehler in mein dermaliges Quartier geführt worden bin, ſo begreife ich doch recht wohl, daß Alles dieß nicht geſchehen ſein würde, wenn ich in meiner Jugend kein Vagabundenleben geführt hätte. Aber es iſt nun ein Mal geſchehen. Es entſteht alſo die Frage, wie ich dieſem Unglücke begegnen ſoll.“ Hier rieb er ſich einen Augenblick die ſchwarzbraune Stirne mit einem gutlaunigen Blicke, und ſagte, wie wenn er ſich entſchuldigen wollte: Ich bin ein ſo kurzathmiger Sprecher, daß ich ein Bischen nachdenken muß.“ 67 Nachdem er ſo eine Weile nachgedacht, ſchaute er wieder auf und fuhr alſo fort: Wie ich dieſem Unglücke begegnen ſoll. Nun aber war der unglückliche Verſtorbene ſelbſt Advokat, und hielt mich ziemlich feſt. Ich mag nun zwar ſeine Aſche nicht aufrühren, aber er hielt mich verteufelt feſt ſo würde ich ſagen, wenn er noch am Leben wäre. Seine Zuuft ge⸗ fällt mir darum nicht beſſer. Hätte ich mich von ſeiner Zunft fern gehalten, ſo wäre ich nicht an dieſen Ort ge⸗ tommen. Aber das iſt es nicht, was ich meine. Nehmen wir nun an, ich habe ihn umgebracht. Nehmen wir nun an, ich habe wirklich eine von den friſch abgefeuerten Piſtolen, die Bucket auf meiner Schießbahn gefunden, und die er, Du lieber Gott! ſchon ſeit dem ich dort bin, hätte jeden Tag finden können, auf ihn abgefeuert und ihm die Kugel in den Leib gejagt, was würde ich in dieſem Fall gethan haben, ſo bald ich hier hinter Glas und Rahmen geſeſſen wäre? Ich hätte einen Advocaten angenommen.“ Hier hielt er inne, als er Jemand an den Schlöſſern drehen und die Riegel in Bewegung ſetzen hörte, und fuhr nicht eher wieder fort, als bis die Thüre wieder aufgeſchloſſen und wieder zugeſchloſſen war. Warum die⸗ ſelbe aufgeſchloſſen worden, will ich in einem Augenblick berichten. „Ja, ich hätte einen Advocaten angenommen, und dieſer würde, wie ich oft in den Zeitungen geleſen, ge⸗ ſagt haben: Mein Client ſagt Nichts, mein Client be⸗ hält ſich ſeine Vertheidigung vor— mein Client thut dieſes oder jenes.: Wohlan! dieſe Advocatenrace iſt, nach meiner Meinung, nicht gewohnt, gerade auszugehen, oder zu glauben, daß Andere gerade ausgehen. Nehmen wir einmal an, ich ſei unſchuldig und nehme einen Advocaten an. Es wäre ebenſo wahrſcheinlich, daß dieſer Advocat mich für ſchuldig, als daß er mich für nicht ſchuldig hielte; vielleicht würde er mich eher für ſchuldig halten. 68 Was würde er nun thun, möchte ich nun ſchuldig oder unſchuldig ſein? Er würde gerade ſo handeln, wie wenn ich ſchuldig wäre;— würde mir den Mund ſchließen, würde mir ſagen, ich ſolle mich nicht compromittiren, würde gewiſſe Umſtände verſchweigen, würde die Zeugen⸗ ausſagen bekriteln, würde ſpitzfindeln, und mich vielleicht loskriegen! Aber, Miß Summerſon, möchte ich wohl in ſolcher Weiſe los werden; oder möchte ich lieber auf meine Weiſe gehängt werden— wenn Sie entſchuldigen wollen, daß ich gegen eine Dame einer ſo unangenehmen Sache überhaupt Erwähnung thue?“ Er war jetzt warm geworden und brauchte jetzt nicht mehr ein Bischen zu warten. „Ja, ich möchte lieber auf meine Weiſe gehängt werden. Und das iſt mein Ernſt! Ich will nun nicht gerade ſagen,“ hier ſchaute er uns an, ſtemmte ſeine ge⸗ waltigen Arme in die Seite und richtete ſeine ſchwarzen Augenbrauen in die Höhe, daß ich für das Hängen mehr eingenommen bin, als ein Anderer. Was ich aber ſage, iſt, ich muß mit allen Ehren abziehen, oder gar nicht. Darum ſage ich, wenn ich gegen mich Dinge vorbringen höre, die wahr ſind, es iſt wahr; und wenn ſie zu mir ſagen: ‚Was Sie jetzt ſagen, wird gegen Sie gebraucht werden,“ ſo ſage ich ihnen, es iſt mir das gleichgültig; es ſoll ja gebraucht werden,— ich will es nicht anders haben. Können Sie mich nicht vermittelſt der ganzen Wahrheit für unſchuldig erklären, ſo iſt es nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß Sie es mit etwas Wenigerem oder mit irgend etwas Anderem thun können. Und wenn Sie mich nicht ſo frei ſprechen können, ſo iſt die Freiheit für mich keine Bohne werth.“ Ein paar Schritte über den ſteinernen Fußboden hinmachend, kam er an den Tiſch zurück und ſagte vol⸗ lends, was er zu ſagen hatte. „Ich danke Ihnen, mein Fräulein, und Ihr beiden Herren, viel Mal für Ihre Aufmerkſamkeit und noch weit 69 mehr für Ihre Theilnahme. Dieß iſt die Sachlage in ihrer ganzen Einfachheit und wie ſie ſich einem ſchlichten Troupier, der von Fineſſen Nichts verſteht, ſondern immer gerade ausgeht, darſtellt. Es iſt mir im Leben nie ſon⸗ derlich gut gegangen, und ich habe auch außer meiner Pflicht als Soldat nicht viel Rühmliches gethan; und kommt am Ende das Schlimmſte, ſo werde ich eben ſo ziemlich nur das ernten, was ich geſäet habe. Als ein Mal der erſte Schlag wegen meiner Verhaftung als Mörder verwunden war— ein Vagabund, der in der Welt ſo viel herumgeſtoßen worden iſt, wie ich, braucht nicht ſo gar lange, um ſich von einem Schlage zu er⸗ holen— war ich wieder bald der Mann, den Sie jetzt hier finden. Und der werde ich bleiben. Es werden keine Verwandte durch mich entehrt und wegen meiner unglücklich gemacht werden, und— und das iſt Alles, was ich zu ſagen habe.“ Es war die Thüre aufgegangen, um einen andern ſoldatiſch ausſehenden Mann, der auf den erſten Blick ein minder einnehmendes Ausſehen hatte, und eine wetter⸗ gebräunte, helläugige, geſund ausſehende Frau mit einem Korbe einzulaſſen. Letztere hatte ſeit ihrem Eintritte Alles, was Mr. George geſagt, äußerſt anfmerkſam angehört. Mr. George hatte Beide mit einem vertraulichen Kopfnicken und einem freundſchaftlichen Blicke empfangen, hatte aber, während er ſprach, keinen andern Gruß für ſie gehabt. Jetzt ſchüttelte er ihnen in herzlicher Weiſe die Hand und ſprach: „Miß Summerſon und meine Herren, es iſt dieß ein alter Kamerad von mir, Joſeph Bagnet. Und dieß iſt ſeine Frau, Mrs. Bagnet.“ Mr. Bagnet machte uns eine ſteife militäriſche Ver⸗ beugung, Mrs. Bagnet aber einen Knicks. „Es ſind dieß wahre gute Freunde von mir,“ ſprach Mr. George,„in ihrem Hauſe wurde ich gefaßt.“ 70 „Mit einem alten Violoncell,“ ſiel Mr. Bagnet, ſich zornig am Kopfe zupfend, ein.„Von gutem Tone. Für einen Freund, wo man nicht ſo genan auf den Preis ſah.“ „Mat,“ ſagte Mr. George,„Du haſt ſo ziemlich Alles gehört, was ich zu dieſer Dame und zu dieſen beiden Herren geſagt. Ich weiß, daß es Deine Billi⸗ gung findet.“ Nachdem Mr. Bagnet ſich eine Weile beſonnen, ſagte er, die Entſcheidung dieſes Punkts ſeiner Frau anheimſtellend: „Altes Mädel. Sag' ihm. Ob es. Meine Billi⸗ gung findet. Oder nicht.“ „Ei, George,“ rief Mrs. Bagnet aus, die unter⸗ deſſen ihren Korb ausgepackt hatte, worin ein Stück kaltes eingepökeltes Schweinfleiſch, ein wenig Thee und Zucker, und ein Laib Schwarzbrod ſich befanden.„Sie ſollten doch wiſſen, daß es dieſe Billigung nicht findet. Sie ſollten doch wiſſen, daß Ihr Geſchwätz eine Perſon, die zuhört, närriſch machen könnte. Sie wollen ſo nicht los werden, und wollen ſo nicht los werden— was wollen Sie denn mit ſolchem Wählen und Federleſen? Es iſt Narretei, dummes Zeug, George.“ „Seien Sie in meinem Ünglück nicht ſtreng gegen mich, Mrs. Bagnet!“ ſprach der Troupier leichtfertig. „Oh! Zum Henker mit Ihrem Unglück,“ rief Mrs. Bagnet aus,„wenn daſſelbe Sie nicht geſcheidter machen kann! Noch nie in meinem Leben habe ich mich ſo ge⸗ ſchämt, einen Mann närriſches Zeug ſchwatzen zu hören, als eben jetzt, wo Sie mit der hier auweſenden Geſell⸗ ſchaft ſprechen. Advocaten? Ei, was ſollte Sie abhal⸗ ten, ein Dutzend Advocaten zu nehmen, wenn der Herr dieſelben Ihnen empfähle? Nur die Rückſicht könnte Sie meines Erachtens abhalten, daß viele Köche die Suppe verderben.“ „Es iſt dieß eine recht verſtändige Frau,“ ſprach 71 mein Vormund.„Hoffentlich wird es Ihnen gelingen, ihn zu überreden, Mrs. Bagnet.“ „Ihn zu überreden, Sir? verſetzte ſie.„Ach. Du lieber Himmel, nein.„Da kennen Sie eben George nicht. Nun da!“ Mrs. Bagnet ließ hier ihren Korb fahren, um mit ihren beiden nackten, ſchwarzen Händen auf ihn zu deuten.„Da ſteht er! Ein Mann, ſo eigen⸗ ſinnig und verkehrter Weiſe entſchloſſen, als nur je einer ein anderes, menſchliches Geſchöpf unter Gottes Himmel ungeduldig gemacht hat! Sie könnten ebenſo leicht mit eigener Kraft einen Achtundvierzigpfünder in die Hand nehmen und denſelben ſchultern, als dieſen Mann auf eine andere Geſinnung bringen, wenn er ſich ein Mal Etwas in den Kopf geſetzt hat. Ei, kenne ich ihn nicht?“ rief Mr. Bagnet. Kenne ich Sie nicht, George? Sie werden mir hoffentlich doch nicht nach all dieſen Jahren in einer neuen Rolle erſcheinen wollen?“ Ihre freundſchaftliche Entrüſtung hatte eine exem⸗ plariſche Wirkung auf ihren Mann, der mehrmals den Kopf über den Troupier ſchüttelte, was eine ſtille Mah⸗ nung zum Nachgeben ſein ſollte. Zuweilen ſchaute Mrs. Bagnet mich an, und aus dem Spiel ihrer Augen erſah ich, daß ich Etwas thun ſollte, obgleich ich nicht wußte, was. Aber ich habe ſeit Jahren und Jahren den Gedan⸗ ken aufgegeben, an Sie Etwas hiuzubringen, alter Burſche? ſprach Mrs. Bagnet, indem ſie von dem ein⸗ gepökelten Schweinfleiſch ein Bischen Staub abblies und mich wiederholt anſchaute;„und wenn Damen und Herren Sie ein Mal ſo gut kennen, wie ich, ſo werden ſie ebenfalls Nichts mehr an Sie hinbringen wollen. Wenn Sie nicht zu eigenſinnig ſind, um Etwas zum Eſ⸗ ſen anzunehmen, ſo ſteht es hier.“ „Ich nehme es mit vielem Danke an,“ verſetzte der Troupier. „Ah! Sie thun das wirklich?“ ſprach Mr. Bagnet, in gutlauniger Weiſe zu brummen fortfahrend.„Es überraſcht mich dieß wahrlich. Ich wundere mich wirk⸗ lich, daß Sie nicht auch auf Ihre Weiſe Hunger leiden wollen. Es würde Ihnen nur gleich ſehen. Vielleicht, daß Sie bald auch darauf verfallen.“ Hier blickte ſie mich abermals an, und ich nahm nun aus ihren, bald der Thüre, bald mir zugewandten Blicken ab, daß es ihr erwünſcht wäre, wenn wir uns nun zurückzögen und wenn wir vor dem Gefängniß auf ſie warteten. Ich theilte dieß durch ähnliche Mittel meinem Vor⸗ mund und Mr. Woodcourt mit, und ſtand auf. „Hoffentlich überlegen Sie die Sache reiflicher, Mr. George,“ ſprach ich;„wir werden Sie bald wieder be⸗ ſuchen und hoffen Sie dann vernünftiger zu finden.“ „Dankbarer, Miß Summerſon, können Sie mich nicht finden,“ entgegnete er. „Hoffentlich aber der Ueberredung zugänglicher,“ ſagte ich.„Und dann erwägen Sie gefälligſt, daß die Aufhellung dieſes Myſteriums und die Entdeckung des wahren Verbrechers noch für Andere von höchſter Wich⸗ tigkeit ſein kann. Er hörte mich ehrerbietig an, ohne aber die Worte viel zu beachten, die ich ein Bischen von ihm abgewandt, und ſchon auf dem Wege nach der Thüre hin ſprach. Er beobachtete(es wurde mir dieß ſpäter geſagt) meine Größe und Geſtalt, die mit einem Male ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit zu feſſeln ſchienen. „Es iſt ſonderbar,“ ſprach er.„Und doch kam es mir zur Zeit ſo vor!“ Mein Vormund fragte ihn, was er damit meine. „Je nun, Sir,“ antwortete er,„als mein unglück⸗ licher Stern mich an den Abende des Mordes an die Treppe des Verſtorbenen führte, da ſah ich in der Fin⸗ ſterniß eine Geſtalt, ſo ähnlich der von Miß Summer⸗ 73 ſon, an mir vorübergehen, daß ich halb und halb Luſt hatte, dieſelbe anzureden.“ Einen Augenblick fühlte ich ein Schaudern, wie ich nie zuvor, noch ſeitdem eines gefühlt, und wie ich hoffent⸗ lich nie wieder eines fühlen werde. „Es kam die Geſtalt die Treppe herunter, während ich hinaufging,“ ſprach der Troupier,„und es war die⸗ ſelbe, als ſie an dem mondhellen Fenſter vorüberging, mit einem weiten, ſchwarzen Mantel bekleidet; ich be⸗ merkte ſogar eine breite Franſe daran. Indeſſen hat dieß mit der gegenwärtigen Sache Nichts zu ſchaffen, nur ſah Miß Summerſon in dem Aungenblicke der Ge⸗ ſtalt ſo ähnlich, daß es mir unwillkürlich einfiel.“ Ich kann die Gefühle, die jetzt in mir aufſtiegen, nicht von einander trennen und dieſelben genau beſtim⸗ men: es wird genug ſein, wenn ich ſage, daß die vage Pflicht und Schuldigkeit, der Sache auf den Grund zu kommen, die ſich gleich Anfangs mir aufgedrängt, ſich verſtärkt hatte, ohne daß ich genau zu fragen wagte, warum; und daß ich voller Indignation verſichert war, es ſei keine Möglichkeit von einem Grunde da, daß ich in Furcht ſchwebe. Wir drei gingen aus dem Gefängniſſe hinaus, und gingen in kurzer Entfernung vor dem Thore auf und ab, das ſich an einem abgelegenen Orte befand. Wir hatten noch nicht lange gewartet, als Mr. und Mrs Bagnet gleichfalls heraus und raſch zu uns herkamen. In jedem von Mrs. Bagnet's Auge ſtand eine Thräne, und es war ihr Geſicht geröthet, und hatte etwas Haſtiges. 1 „Ich ließ George nicht ſehen, was ich von der Sache dächte, wiſſen Sie, Miß,“ lautete ihre erſte Be⸗ merkung, als ſie zu uns her kam;„aber er ſteckt in bö⸗ ſen Schuhen, der arme alte Burſche!“ „ Er braucht bloß vorſichtig und klug zu ſein, und 74 gute Hilfe nicht verſchmähen, ſo hat er Nichts zu fürch⸗ ten,“ entgegnete mein Vormund. „Ein Herr wie Sie muß das am Beſten wiſſen, Sir,“ ſprach Mrs. Bagnet, indem ſie ſich in haſtiger Weiſe die Augen an dem Saum ihres grauen Mantels abwiſchte;„aber ich bin in Unruhe wegen ſeiner. Er iſt ſo ſorglos und unbekümmert geweſen, und hat ſo viel geſagt, was er nie meinte. Die Herren von der Jury könnten ihn leicht nicht ſo gut verſtehen, wie Lignum und ich ihn verſtehe. Und dann ſprachen ſo viele Um⸗ ſtände gegen ihn, und dann werden ſo viele Leute als Zeugeu gegen ihn beigebracht werden, und daun iſt Bucket ſo verſchlagen.“ „Mit einem alten Violoncell. Und hat geſagt. Er habe. Die Querpfeife geblaſen. Als Knabe—“ ſetzte Mr. Bagnet mit vieler Feierlichkeit hinzu. „Und nun will ich Ihnen'was ſagen, Miß,“ ſprach Mrs. Bagnet,„und wenn ich Miß ſage, ſo meine ich Alles! Kommen Sie mit mir ein Bischen in die Mauerecke dort, ſo will ich es Ihnen ſagen!“ Mrs. Bagnet eilte mit uns an einen noch einſame⸗ ren Ort und war anfänglich zu ſehr außer Athem, als daß ſie hätte fortfahren können; was Mr. Bagnet ver⸗ anlaßte, zu ſagen: „Altes Mädel, ſag' es ihnen!“ „Ei, nun, Miß⸗“ fuhr das alte Mädel fort, indem ſie die Bänder ihres Hutes aufband, um mehr Luft zu haben,„Sie könnten ebenſo leicht Dover Caſtle bewegen, als George in dieſem Stück, es ſei denn, daß Sie eine neue Kraft beſitzen, womit ſie ihn bewegen können. Und ich habe eine ſolche Kraft!“ „Sie ſind ja ein Juwel von einer Frau!“ ſprach mein Vormund.„Fahren Sie fort!“ „Ich will Ihnen nur ſagen, Miß,“ fuhr ſie fort, und ſchlug in ihrer Haſt und Aufregung die Hände bei jedem Satze wohl ein Dutzeud Mal zuſammen,„daß es 75 lauter Fiſſimatenten ſind, wenn er ſagt, er habe keine Verwandten. Seine Verwandten wiſſen zwar Nichts von ihm, aber er weiß Etwas von ihnen. Er hat mir zu unterſchiedlichen Malen mehr als irgend Jemand da⸗ von geſagt, und es war nicht umſonſt, daß er ein Mal mit meinem jungen Woolwich von Menſchen geſprochen, die das Haupt ihrer Mutter grau machen und mit Run⸗ zeln bedecken. Ich will fünfzig Pfund darauf wetten, er hatte an jenem Tage ſeine Mutter geſehen, Sie lebt und mußt bald möglichſt hierher gebracht werden!“ Alsbald nahm Mrs. Bagnet etliche Stecknadeln in den Mund und fing an, ihren Rock rings herum auf⸗ zuſchürzen, und zwar ein Bischen höher, als ihr grauer Mantel hinunterreichte,— was ſie mit erſtaunlicher Ge⸗ wandtheit und Geſchwindigkeit verrichtete. „Lignum,“ ſprach Mres. Bagnet,„gib Du auf die Kinder Acht, alter Mann, und gib mir den Regenſchirm her! Ich gehe nach Lincolnſhire, um die alte Dame heraufzubringen.“ „Aber, Gott ſegne die Frau!“ rief mein Vor⸗ mund, die Hand in der Taſche,„wie geht ſie denn? Hat ſie auch Geld?“ Mrs. Bagnet's Hände machten ſich abermals mit dem aufgeſchürzten Rocke zu ſchaffen, und brachten eine lederne Börſe zum Vorſchein. Die Fran zählte in aller Eile ein paar Schillinge, die darin lagen, und verwahrte dieſe dann wieder mit vollkommener Befriedigung. „Machen Sie ſich keine Sorge wegen meiner, Miß! Ich bin ein Soldatenweib, und bin es gewohnt, auf meine eigene Weiſe zu reiſen. Lignum, alter Knabe,“ ihn küſſend,„einen für Dich; drei für die Kinder. Und nun nehme ich den Weg unter die Füße, und gehe ge⸗ raden Wegs nach Lincolnſhire, um Georges Mutter herzuholen!“ Und wirklich entfernte ſie ſich, während wir Drei daſtanden und in Staunen verloren waren. Und wirk⸗ 76 lich zog ſie in ihrem grauen Mantel ab, bog feſten, friſchen Trittes um die Ecke, und verſchwand. „Mr Bagnet,“ ſprach mein Vormund.„Wollen Sie ſie ſo gehen laſſen?“ 4 „Kann Nichts dagegen thun,“ gab er zurück. „Schon ein Mal heimgegangen. Aus einem andern Welttheil. Mit dem nämlichen grauen Mantel. Und dem nämlichen Regenſchirm. Was immer das alte Mä⸗ del ſagt, ich thue es. Thut Sie es.“ „Dann iſt ſie ſo ehrlich und wahr, als ſie ausſieht,“ verſetzte mein Vormund,„und mehr kann man unmöglich zu ihren Gunſten ſagen.“ „Sie iſt Fahnen⸗Sergeant beim Nonpareil⸗Batail⸗ lon,“ ſprach Mr. Bagnet, uns über die Schultern weg anſchauend, als er gleichfalls ſeines Wegs ging.„Und es gibt keine mehr wie ſie. Aber ich geſtehe es nie — vor ihr. Es muß die Disciplin aufrecht erhalten bleiben.“ Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Die Spur. Mr. Bucket und ſeine fetten Zeigefinger halten un⸗ ter den obwaltenden Umſtänden viele Conferenzen. So bald Mr. Bucket eine Sache von ſo dringlichem Intereſſe vorliegen hat, ſcheint der fette Zeigefinger ſich zu der Würde eines vertrauten Dämons zu erheben. Er legt denſelben an die Ohren, und derſelbe flüſtert ihm Neuigkei⸗ ten zu. Er legt ihn an die Lippen, und der Finger legt ihm Verſchwiegenheit auf; er reibt ihn über die Naſe her, hen Uen ück. ern Ind Nä⸗ t,“ lich nil⸗ veg Ind nie 1.““ 77 und der Finger ſchärft ſein Geruchsorgan; er ſchüttelt ihn vor einem Schuldigen, und der Finger bezaubert dieſen, ſo daß er in die Falle geht. Die Augurn vom Tempel der Sicherheitspolizei wahrſagen beſtändig, daß, ſobald Mr. Bucket und der genannte Finger viel mit einander conferiren, man eheſtens von einem furchtbaren Rächer hören werde. Sonſt die menſchliche Natur als milder Beobachter ſtudirend, im Ganzen genommen ein wohlwollender Philo⸗ ſoph, der keine Luſt hat, gegen die Thorheiten des Men⸗ ſchengeſchlechts allzuſtreng zu ſein, dringt Mr. Bucket in eine große Menge von Häuſern ein, und ſchlendert in unzähligen Straßen umher, äußerlich träge und ſchläfrig, weil er Nichts zu thun hat. Er ſteht mit ſeiner Gattung auf dem freundſchaftlichſten Fuße, und trinkt gern mit den Meiſten ein Gläschen. Mit ſeinem Geld iſt er frei⸗ gebig, in ſeinen Manieren leutſelig, in ſeinem Geſpräche unſchuldig,— aber durch den Strom ſeines Lebens gleitet eine Unterſtrömung, und dieſe wird durch ſeinen Zeigefinger repräſentirt. Weder Zeit noch Ort vermag Mr. Bucket zu binden. Gleich dem abſtract genommenen Menſchen iſt er heute hier und morgen wieder fort. Aber, dem Menſchen in der That recht unähnlich, iſt er am nächſten Tage wieder da. Heute Abend ſchaut er gelegentlich in die eiſernen Lichtdämpfer an der Thüre von Sir Leiceſter Dedlock's Stadtwohnung hinein, und ſpaziert morgen früh auf dem Bleidache zu Chesney Wold umher, wo einſt der alte Mann umherging, deſſen Geiſt durch hundert Guineen verſöhnt worden iſt. Kommoden, Pulte, Taſchen, kurz Alles, was ihm gehört hat, unterſucht Mr. Bucket. Ein paar Stunden darauf ſind er und der Römer allein beiſammen, und vergleichen Zeigefinger mit ein⸗ ander. Es iſt wahrſcheinlich, daß dieſe Beſchäftigungen mit häuslichen Freuden und Genüſſen unvereinbar ſind, aber es iſt gewiß, daß Mr. Bucket jetzt nicht nach Hauſe geht. Obgleich er im Allgemeinen die Geſellſchaft von Mrs. Bucket ſehr hoch ſchätzt— Mrs. Bucket iſt eine Dame von viel natürlichem Spürtalent, das, wenn es Gelegen⸗ heit gehabt hätte, ſich berufsmäßig zu üben und auszu⸗ bilden, große Dinge hätte vollführen können, aber auf der Höhe eines geſchickten Liebhabers ſtehen geblieben iſt ſo hält er ſich doch jetzt von dieſem Seelentroſte fern. Mrs. Bucket muß ſich jetzt eben an die Geſellſchaft und die Unterhaltung ihrer Miethfran halten(die glücklicher — Weiſe eine liebenswürdige Dame iſt, für welche ſie ſich intereſſirt). An dem Tage des Begräbniſſes verſammelt ſich eine große Menſchenmenge in Lincoln's Inn Fields. Sir Leiceſter Dedlock wohnt der Ceremonie in höchſt eigener Perſon an. Genau geſprochen ſind nur noch drei weitere menſchliche Begleiter da, das heißt, Lord Doodle, Wil⸗ liam Buffy, und der(als Zugabe beigefügte) abgeſchwächte Couſin; die Anzahl untroſtlicher Wagen dagegen iſt un⸗ ermeßlich. Die Pairie liefert mehr vierrädige Betrüb⸗ niß, als man je in dieſer Nachbarſchaft geſehen. So ge⸗ waltig iſt die Maſſe der Wappenſchilde auf den Kutſchen⸗ panelen, daß man glauben könnte, das Wappencollegium habe durch einen Schlag Vater und Mntter verloren. Der Herzog von Foodle ſchickt eine prächtige Maſſe von Staub und Aſche, mit ſilbernen Radbüchſen, Patentachſen, all, den neueſten Verbeſſerungen und drei trauernden Würmern, die, ſechs Fuß hoch, ſich hinten feſt halten, und eine vor Schmerz ſchier zergehende Gruppe bilden. Sämmtliche vornehme Kutſcher, welche London aufzu⸗ weiſen hat, ſcheinen in tiefe Trauer verſunken; und wenn der todte alte Mann in dem mattfarbigen Anzug Pferde⸗ fleiſch nicht ganz und gar verſchmäht(was unmöglich ſcheint), ſo muß er an dieſem Tage als Liebhaber ſich höchlich befriedigt finden. Ganz ruhig inmitten der Leichenbeſorger und Equi⸗ 79 pagen und der Wagen ſo vieler, in tiefen Kummer ver⸗ ſenkten Beine, ſitzt Mr Bucket da, in einem der untröſt⸗ lichen Wagen verborgen, und muſtert ganz behaglich die Menſchenmenge durch die Kutſchenvorhänge durch. Er hat ein ſcharfes Auge für eine große Menſchenmeuge (für was hat er ein ſolches nicht?), und ſchaut dahin und dorthin bald von dieſer Seite des Wagens, bald von der andern aus, bald zu den Hausfenſtern hinaus, bald an den Köpfen der Leute hin: Nichts entgeht ihm. „Und da biſt Du alſo, meine Ehehälfte, he?“ ſpricht Mr. Bucket bei ſich ſelbſt, Mrs. Bucket apoſtrophirend, die ſich auf die Staffel des Hauſes des Verſtorbenen hat ſtellen dürfen, weil ihr Herr Gemahl es ſo gewollt hat. „Und da biſt Du alſo! Und da biſt Du alſo! Und Du ſiehſt in der That recht nett aus, Mrs. Bucket.“ Der Zug hat ſich noch nicht in Bewegung geſetzt, ſondern wartet noch, bis die Urſache, welche dieſe Men⸗ ſchenmenge hier verſammelt hat, herausgebracht wird. Mr. Bucket, der in dem vorderſten blaſonirten Wagen ſitzt, bedient ſich ſeiner zwei fetten Zeigefinger, um den Vorhang am Kutſchenfenſter ein Haar breit wegzuſchieben, während er hinausſchaut. Und es zeugt nicht wenig für ſeine Anhänglichkeit als Gatte, daß er ſich immer noch mit Mrs. Bucket beſchäftigt. „Da biſt Du alſo, Ehehälfte, he?“ wiederholt er mur⸗ melnd.„Und unſere Miethfrau bei Dir. Ich nehme Notiz von Dir, Mrs. Bucket; hoffentlich ſteht es mit Deiner Geſundheit gut, meine Liebe!“ Mr. Bucket ſagt auch nicht ein weiteres Wort, ſon⸗ dern ſitzt mit äußerſt aufmerkſamen Augen da, bis die Hülle des Mannes, dem ſo viele vornehme Geheimniſſe anvertraut werden, heruntergebracht wird— Wo ſind nun alle dieſe Geheimniſſe? Bewahrt er ſie noch jetzt? Sind dieſelben bei der plötzlichen Reiſe mit ihm entflogen? — und bis der Zug ſich in Bewegung ſetzt, und Mr. Bucket's Ausſicht eine andere wird. Nun ſchickt er ſich zu einer 80 behaglichen Fahrt an, und merkt ſich die Tapazierarbeiten in dem Wagen, für den Fall, daß ein ſolches Wiſſen ihm einſt nützlich werden ſollte. Contraſt genug zwiſchen dem in ſeinem ſchwarzen Wagen eingeſchloſſenen Mr. Tulkinghorn, und zwiſchen dem in dem ſeinigen eingeſchloſſenen Mr. Bucket⸗ Zwi⸗ ſchen dem unermeßlichen Raume, der jenſeits der kleinen Wunde liegt, welche den Einen in den tiefen Schlaf verſenkt hat, der ſo fchwer über die Straßenſteine hin voltert, und zwiſchen der kleinen Blutſpur, welche den Andern in dem wachſamen Zuſtande erhält, der ſich in jedem Haare ſeines Hauptes ausdrückt! Aber es iſt Bei⸗ den ganz gleichgiltig; weder der Eine noch der Andere macht ſich darüber viele Sorgen. Mr. Bucket bleibt in ſeiner eigenthümlichen, behag⸗ lichen Weiſe während der ganzen Zeit bei dem Zuge, und entſchlüpft aus dem Wagen, ſobald der Augenblick gekommen iſt, den er vorher beſtimmt. Er geht nach dem Hauſe von Sir Leiceſter Dedlock, das für ihm jetzt eine Art Heimath iſt, wo er zu jeder Stunde, wie es ihm be⸗ liebt, ein und ausgeht, wo er ſtets willkommen und hoch⸗ geſchätzt iſt, wo er Jedermann kennt und in einer Ath⸗ moſphäre myſteriöſer Größe wandelt. Mr. Bucket braucht nicht anzuklopfen oder anzuläu⸗ ten. Er hat ſich einen Hausſchlüſſel geben laſſen, und kaun hineingehen, wenn es ihm beliebt. Während er über die Vorhalle hinſchreitet, ſpricht Merkur zu ihm: „Da iſt wieder ein Brief an Sie, Mr. Bucket; die Poſt hat ihn gebracht,“ und überreicht ihm denſelben. „Wieder einer? So?“ ſpricht Mr. Bucket. Sollte Merkur zufällig in Betreff der Briefe Mr. Bucket's von Neugierde geplagt ſein, und bei ihm bleiben wollen, um Etwas aus ihm herauszulocken, ſo iſt die eben erwähnte ſchlaue Perſon nicht der Mann, dieſe Neu⸗ gierde zu befriedigen. Mr. Bucket ſchaut ihn an, wie 81 wenn ſein Geſicht eine Ausſicht von etlichen Meilen Länge darböte, und wie wenn er dieſelbe ganz gemächlich betrachtete. „Haben Sie zufällig eine Doſe bei ſich?“ ſpricht Mr. Bucket. Zum Unglücke ſchnupft Merkur nicht. „Könnten Sie mir eine Priſe verſchaffen 2 fährt Mr. Bucket fort.„Danke Ihnen. Es liegt nicht viel daran, welcher Art dieſelbe iſt; es iſt mir jede gut ge⸗ nug. Danke Ihnen!“ Nachdem er aus ſeiner blechernen Büchſe, die drun⸗ ten zu dieſem Zwecke von Jemand entlehnt worden iſt, mit aller Gemächlichkeit eine ſolche Priſe genommen, und dieſelbe zuerſt mit einer Seite ſeiner Naſe und dann mit der andern gekoſtet hat, was mit einer gewiſſen Um⸗ ſtändlichkeit geſchieht, erklärt Mr. Bucket mit vieler Be⸗ dächtlichkeit, es ſei der Tabak von der rechten Sorte, und geht, mit dem Briefe in der Hand, weiter. Obwohl nun Mr. Bucket in das kleine Bibliothek⸗ zimmer, das neben dem großen liegt, mit der Miene eines Mannes hinaufgeht, der jeden Tag Dutzende von Briefen bekommt, ſo will es doch der Zuſall, daß ſeine Zeit nicht allzuviel vom Brieſſchreiben in Anſpruch ge⸗ nommen wird. Er iſt kein großer Schreiber, indem er die Feder ſo ziemlich wie den Taſchenſtab führt, den er immer bei ſich hat, und ſtets in ſeinem Bereich weiß, und entmuthigt, was die Correſpondenz mit ihm betrifft, auch Andere, indem ihm dieſelbe eine gar zu ungekünſtelte und directe Art iſt, delicate Geſchäfte abzumachen. Und dann hat er auch oft Gelegenheit zu ſehen, welch ver⸗ derbliche Wirkung gewiſſe Briefe vor dem Richter haben können, und ſo zu denken, es ſei recht ungeſcheidt, ſolche Briefe zu ſchreiben. 8 Aus allen dieſen Gründen hat er als Abſchicker und als Empfänger von Briefen nur ſehr wenig mit ſolchen Bleak Houſe. IV. 6 zu thun. Und doch hat er innerhalb der letzten vierund⸗ zwauzig Stunden ein ganzes halbes Dutzend bekommen. „Und dieß,“ ſpricht Mr. Bucket, den Brief auf dem Tiſche entfaltend,„iſt dieſelbe Hand, und beſteht aus den⸗ ſelben zwei Worten.— Welchen zwei Worten? Er dreht den Schlüſſel in der Thüre um, macht ſein ſchwarzes Taſchenbuch(für viele ein verhängnißvolles Buch) auf, legt einen andern Brief daneben und lieſt die in jedem der Briefe mit kühner Hand geſchriebenen Worte:„Lady Dedlock.“ „Ja, ja,“ ſagt Mr. Bucket.„Aber ich hätte das Geld ohne dieſe auonyme Nachricht machen können.“ Nachdem er die Briefe in ſein Schickſalsbuch gelegt, und dieſes wieder zugemacht, ſchließt er die Thüre auf, gerade zu der Zeit, wo er weiß, daß ſein Eſſen kommen muß. Und dieſes wird ſofort auf einem ſtattlichen Speiſe⸗ brett, worauf eine Flaſche mit Sherry ſteht, herrein⸗ gebracht. Mr Bucket bemerkt in freunſchaftlichen Zirkeln, wo man ſich keinen Zwang aufzuerlegen braucht, häufig, daß ihm ein Zahn voll von dem feinen, alten, brauuen, oſtindiſchen Sherry lieber iſt, als alles Andere, das man ihm anbieten kann. Er füllt und leert daher ſein Glas und ſchmatzt dabei mit den Lippen, und fährt fort, ſich zu reſtauriren, bis ihm mit einem Male ein Gedanken kommt. Mr. Bucket öffnet ſachte die Verbindungsthüre zwi⸗ ſchen dieſem und dem anſtoßenden Zimmer, und ſchaut in letzteres hinein. Das Bibliothekzimmer iſt verödet und das Feuer am Ausgehen. Nachdem Mr. Bucket's Auge das Zimmer im Fluge gemuſtert, läßt er ſich auf einem Tiſche nieder, auf den Briefe, wie ſie kommen, gewöhn⸗ lich gelegt werden. Es liegen verſchiedene Briefe an Sir Leiceſter darauf. Mr. Bucket geht noch näher hin und muſtert die Adreſſen. SSSSSS S 83 „Nein,“ ſpricht er,„keiner zeigt die Handſchrift. Man hat nur an mich geſchrieben. Ich kann es mor⸗ gen Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, ſagen.“ 3 Sofort kehrt er nach dem andern Zimmer zurück, um ſein Mahl vollends mit gutem Appetit zu verzehren. Er macht ein Schläfchen und wird dann nach dem Ge⸗ ſellſchaftszimmer entboten. Sir Leiceſter hat ihn dort ſchon einige Abende em⸗ pfangen, um zu erfahren, ob er ihm etwas Neues zu berichten hat. Der abgeſchwächte(durch das Leichenbe⸗ gängniß unendllch erſchöpfte) Couſin und Volumnia ſind gleichfalls anweſend. Mr. Bucket macht drei gar verſchiedene Verbeugun⸗ gen gegen dieſe drei Perſonen, eine Verbeugung der Hul⸗ digung gegen Sir Leiceſter, eine Verbeugung der Galan⸗ terie gegen Volumnia, und eine Verbeugung der Er⸗ kennung gegen den abgeſchwächten Couſin, zudem er in mun⸗ terer Weiſe ſagt:„Sie ſind einer unſerer feinen Mode⸗ herren nnd kennen mich und ich kenne Sie.“ Nachdem Mr. Bucket dieſe kleinen Proben ſeines Takts ausgetheilt, reibt er ſich die Hände. „Haben ſie mir etwas Neues mitzutheilen, Herr Agent?“ fragt Sir Leiceſtor.„Wünſchen Sie mit mir unter vier Augen zu ſprechen?“ „Nicht gerade— nicht gerade heute Abend, Sir Leiceſter Dedlock Baronet.“ „Denn ſehen Sie,“ fährt Sir Leiceſter fort,„Sie können über meine Zeit ohne Weiteres verfügen, wenn es gilt, die ſchmählich verletzte Majeſtät des Geſetzes zu wehren.“ Mr. Bucket huſtet und ſchaut die geſchmückte und mit ihrer Halsſchnur gezierte Volumnia an, wie wenn er reſpectvoll bemerken wollte: „Ich verſichere Sie, ſie ſind ein hübſches Geſchöpf. Ich habe viele hundert Perſonen von Ihrem Alter geſe⸗ 14s 84 ber⸗ die nicht ſo gut ausgeſehen haben,— ja, das habe 74 Die ſchöne Volumnia, die ſich des humaniſtrenden Einfluſſes ihrer Reize vielleicht nicht unbewußt iſt, hält im Schreiben von dreieckigen Billets inne und legt nach⸗ denkſam die Perlenſchnur an ihrem Halſe zurecht. Mr. Bucket ſchätzt in Gedanken den Werth dieſes Halsſchmuckes, und hält es für eben ſo wahrſcheinlich, als nicht, daß Volumnia nie Verſe ſchreibe. „Wenn ich,“ fährt Sir Leiceſter in höchſt empha⸗ tiſcher Weiſe fort,„Sie nicht beſchworen habe, Herr Agent, bei dieſem gräßlichem Falle all' Ihre Geſchicklich⸗ keit aufzubieten, ſo wünſche ich ganz beſonders die ſich jetzt mir darbietende Gelegenheit zu ergreifen, um eine Unterlaſſung, die ich mir vielleicht habe zu Schulden kom⸗ men laſſen, wieder gut zu machen. Auf die Koſten, die daraus entſteheu mögen, kommt es nicht an. Ich bin be⸗ reit, Alles zu bezahlen. Sie können in der Sache, wo⸗ mit Sie ſich befaßt haben, keine Koſten machen, die ich zu tragen auch nur einen Augenblick Anſtand nehmen werde.“ Mr. Bucket macht abermals ſeine Sir Leieceſter's Verbeugung als Antwort anf dieſe Freigebigkeit. „Mein Gemüth,“ fährt Sir Leiceſter mit voller Wärme fort,„hat, wie ſich leicht denken läßt, ſeit dem neu⸗ lichen teufliſchen Vorfall nicht wieder ſeinen früheren Ton bekommen. Auch iſt es nicht wahrſcheinlich, daß es je wie⸗ der ſeinen Ton bekommen wird. Wohl aber iſt es vol⸗ ler Judignation heute Abend, nachdem es die Ordalie durchgemacht, die Ueberreſte eines freien, eifrigen, erge⸗ benen Dieners dem Grabe zu überliefern.“ Sir Leiceſters Stimme zittert, und es kommen die grauen Haare auf feinem Kopfe in Unruhe. Es ſtehen ihm Thränen in den Augen; es iſt der beſte Theil ſeiner Natur geweckt. „Ich erkläre,“ ſpricht er,„ich erkläre hiemit auf's Feierlichſte, daß es, ſo lange dieſes Verbrechen nicht ent⸗ 8⁵ deckt und gerichtlich beſtraft iſt, mir faſt iſt, als ob ein Flecken au meinem Namen haftete. Ein Gentleman, der einen großen Theil ſeines Lebens mir gewidmet,— ein Gentleman, der den letzten Tag ſeines Lebens mir gewidmet,— eine Gentleman, der beſtändig an meinem Tiſche geſeſſen, und unter meinem Dache geſchlafen hat, geht aus meinem Hauſe fort, um heimzugehen, und wird eine Stunde, nachdem er mein Haus verlaſſen, gemeuchelt. Es kann ihm Jemand aus meinem Hauſe nachgefolgt ſein und kann ihn in meinem Hauſe beobachtet, ja ſogar dort zuerſt ihn ſich zum Opfer erkoren haben wegen ſei⸗ ner Verbindung mit meinem Hauſe— die Jemand hat auf den Gedanken bringen können, er beſitze größern Reichthum, und ſei überhaupt ein bedeutenderer Mann als ſein eingezogenes Weſen wohl hatte anzeigen mögen. Kann ich nicht mit meinen Mitteln, und mit meinem Einfluſſe, und mit meiner Stellung alle Mitſchuldigen an’s Tageslicht bringen, ſo zeige ich nicht die gehörige Achtung gegen das Andenken des Verſtorbenen, noch die gehörige Treue gegen einen Mann, der mir immer treu geweſen.“ Während er dieſe von großer Aufregung begleitete Betheurung hören läßt, und im Zimmer umherſchaut, als ob er eine Verſammlung anredete, blickt Mr. Bucket ihn mit beobachtender Gravität an,— mit einer Gravität, worin, wenn ein ſolcher Gedanke nicht allzu kühn wäre, ein Anflug von Mitleid liegt. „Die heutige Feierlichkeit,“ fährt Sir Leiceſter fort, „zeigte in ſchlagender Weiſe, in welch' hoher Achtung mein verſtorbener Freund ſtand;“ er legt auf das Wort „Freund“ den Nachdruck, denn der Tod verwiſcht alle Unterſchiede;„die Elite des Landes hat derſelben ange⸗ wohnt, und es iſt, ich kann es wohl ſagen, der Schlag, den mir dieſes überaus abſcheuliche und freche Verbre⸗ chen verurſacht hat, durch dieſen Umſtand noch ſchwerer geworden. Hätte auch mein Brnder dieſes Verbrechen begangen, ich würde ihn nicht verſchonen.“. Mr. Bucket ſieht ungemein ernſt aus. Volumnia bemerkt über den Verſtorbenen, er ſei die zuverläßigſte Perſon geweſen! „Sie müſſen, Miß, es als eine große Lücke fühlen, daß er nicht mehr um Sie iſt,“ erwidert Mr. Bucket beſänftigend,„ohne Zweifel. Er war, ich bin es über⸗ zeugt, ein Mann, deſſen Tod eine Lücke bilden mußte.“ Volumuia giebt, als Antwort darauf, Mr. Bucket zu verſtehen, ihr zartes Gemüth ſei feſt entſchloſſen, ſich von dieſem Schlage nie wieder zu erheben, ſo lange ſie lebe; es ſeien und bleiben ihre Nerven auf immer erſchüt⸗ tert, und ſie habe auch nicht die geringſte Hoffnung, je wieder lachen zu können. Unterdeſſen legt ſie einen Drei⸗ ſpitz für den furchbaren alten General zu Bath zuſam⸗ men, welcher Dreiſpitz ihren traurigen Zuſtand ſchildert. „Es erſchüttert ein zartfühlendes Frauenzimmer,“ ſpricht Mr. Bucket voller Mitgefühl;„indeſſen wird es vorübergehen.“ Volumnia wünſcht vor Allem zu wiſſen, was geſchieht; ob man deu abſcheulichen Soldaten überführen werde, oder wie man das Ding heiße; ob er Mitſchuldige habe, oder wie man das Ding in der Rechtsſprache nenne. Und noch vieles Andere, was zur Sache gehört, und ohne dabei etwas Arges zu denken. „Je nun, Miß,“ verſetzt Mr. Bucket, den Finger in überzeugende Thätigkeit ſetzend,— und ſo groß iſt ſeine natürliche Galanterie, daß er um ein Haar geſagt hätte,„meine Liebe“—„je nun, Miß, ſchauen Sie, es iſt nicht leicht, in dieſem Augenblicke ſolche Fragen zu beantworten. Nicht in dieſem Augenblicke. Ich habe, Sir Leiceſter Dedlock, Baronet,“ den Mr. Bucket in An⸗ betracht ſeiner Wichtigkeit ins Geſpräch zieht,„mich die⸗ ſer Sache gewidmet. Morgens, Mittags und Abends. Hätte ich nicht zuweilen ein paar Gläſer Sherry getrun⸗ 87 ken, ſo glaube ich nicht, daß ich meinem Geiſt hätte ſo viel zumuthen können, als ich ihm habe zumuthen müſſen. Ich könnte Ihre Fragen beantworten, Miß, allein die Pflicht verbietet mir es. Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, wird bald Alles erfahren, was herausgebracht worden iſt. Uud hoffentlich wird er,“— hier ſieht Mr. Bucket wieder ernſt aus—„damit zufrieden ſein.“ Der abgeſchwächte Couſin hofft bloß, es werde ſo ein Kerl hingerichtet werden. Man müſſe ein Exempel ſtatuiren. Glaubt, es ſei jetzt ſchwerer, einen Mann an den Galgen zu bringen, als ein Amt von zehn tauſend Pfund per Jahr zu bekommen. Zweifelt gar nicht daran — ein Exempel ſtatuiren— weit beſſer, unrechter Weiſe zu hängen als gar nicht zu bängen. Sie kennen das Leben, Sie kennen es Sir,“ ſpricht Mr. Bucket mit einem becomplimentirenden Zwinkern und den bekannten Zeigefinger krümmend,„und Sie können beſtätigen, was ich dieſer Dame geſagt. Ihnen brauche ich nicht erſt zu ſagen, daß ich unter Zugrundlegung von Nachrichten, die mir geworden, zu Werke gegangen bin. Sie verſtehen, was man bei einer Dame nicht als be⸗ kannt vorausſetzen kann. Ach Gott! Insbeſondere in Ihrer hohen Geſellſchaftsſphäre, Miß,“ ſpricht Mr. Bucket, der ganz roth wird, indem ihm um ein Haar abermals die Worte„meine Liebe“ entſchlüpft wären. „Der Agent, Volumnia,“ bemerkt Sir Leiceſter, „kommt damit nur ſeiner Pflicht nach, und hat ganz Recht.“ Mr. Bucket murmelt: „Freut mich, die Ehre Ihrer Billigung zu haben, Sir Leiceſter Dedlock, Baronet.“ „Sie geben in der That, Volumnia,“ fährt Sir Leiceſter fort,„den Leuten kein gutes Beilpiel dadurch, daß ſie an den Agenten ſolche Fragen ſtellen. Er iſt in Betreff ſeiner Verantwortlichkeit der beſte Richter; er iſt verantwortlich für das, was er thut. Und es ziemt uns, 88 die wir die Geſetze machen helfen, nicht, denjenigen Hin⸗ derniſſe irgend einer Art zu bereiten, welche dieſelben zu vollziehen haben. Oder,“ ſpricht Sir Leiceſter etwas ſtrenger, da Volumnia ſchon einfallen wollte, ehe er noch ſeine Phraſe abgerundet,„oder welche deren verletzte Majeſtät zu wahren ſuchen.“ Volumnia erklärt in aller Demuth, daß ſie hier nicht bloß den Einwand der Neugierde machen könne(wie die unbeſonnene Jugend ihres Geſchlechts überhaupt), ſon⸗ dern daß ſie im eigentlichen Sinne des Worts ſterbe vor lauter Theilnahme an dem bedauernswerthen Schickſal des allerliebſten Manns, deſſen Verluſt fie Alle beweinen. „Recht gut, Volumnia,“ entgegnet Sir Leieeſter, „dann können Sie aber nicht zu vorſichtig und zu ver⸗ ſchwiegen ſein.“ Mr. Bucket benützt eine Pauſe, die hier eintritt, um ſich abermals vernehmen zu laſſeu. „Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, ich kann mit Ihrer Erlaubniß, unter uns, dieſer Dame wohl ſagen, daß ich den Fall, was die erhobenen Thatſachen betrifft, als ziemlich vollſtändig anſehe. Es iſt ein wunderſchöner Fall— ein wunderſchöner Fall, und das Wenige, was noch fehlt, um ihn zu vervollſtändigen, hoffe ich in ein paar Stun⸗ den beibringen zu können.“ „Es freut mich wirklich recht, das zu hören,“ ſpricht Sir Leiceſter.„Macht Ihnen alle Ehre.“ „Sir Leiceſter Dedlock, Baronet,“ verſetzt Mr. Bucket überaus ernſt,„ich hoffe, daß es zugleich mir Ehre macht, und ſich für Alle als befriedigend erweiſt. Wenn ich ſage, es ſei ein wunderſchöner Fall, ſo meine ich es, ſehen Sie, Miß,“ fährt Mr. Bucket fort, und blickt dabei gravitätiſch auf Sir Leiceſter,„von meinem Standpunkte aus. Vom andern Standpunkte aus be⸗ trachtet, ſchließen ſolche Fälle ſtets des Unangenehmen mehr oder weniger in ſich. Es kommen recht ſeltſame Dinge zu unſerer Kenntniß,— Dinge, die in Familien 89 vorgehen. Du mein Gott, Dinge, die Sie ſo recht für Phänomene halten würden!“ Volumnia meint mit ihrem unſchuldigen kleinen Schrei, Mr. Bucket könne Recht haben. „Ja, und ſogar in ge—bildeten Familien, in vor⸗ nehmen Familien, in hohen Familien,“ ſpricht Mr. Bucket, Sir Leiceſter abermals ernſt von der Seite be⸗ äugelnd.„Ich habe die Ehre gehabt, ſchon früher in hohen Familien verwendet zu werden; und Sie haben gar keinen Begriff— kommen Sie, ich gehe ſo weit, daß ich ſage, nicht einmal Sie haben einen Begriff, Sir“(dieß gilt dem abgeſchwächten Conſin),„welche Dinge dort vorgehen!“ Der Couſin, der, von der Langweile völlig dar⸗ niedergedrückt, ſich unterdeſſen Sophakiſſen auf den Kopf geworfen hat, gähnt die Worte heraus: „Re—e— e—echt wah'ſcheinlich!“ Sir Leiceſter erachtet es hier für angemeſſen, den Agenten zu entlaſſen, und fällt in majeſtätiſcher Weiſe mit den Worten ein:„Recht gut. Danke Ihnen!“ Zugleich macht er eine Handbewegung, woraus nicht allein abzunehmen iſt, daß das Geſpräch unbeendigt ſei, ſondern auch daß, wenn hohe Familien in gemeine Gewohnheiten fallen, dieſelben die Folgen tragen müſſen. Dann ſetzt er noch herablaſſend hinzu: „Sie werden nicht vergeſſen, Herr Agent, daß ich ſtets zu Ihrer Verfügung ſtehe.“ Mr. Bucket fragt, immer noch ernſt, ob Sir Lei⸗ ceſter ihn morgen früh empfangen wolle, im Falle es ihm gelinge, in der Sache ſo weit vorwärts zu kommen, als er erwarte. Sir Leiceſter antwortet: „Jede Zeit iſt mir gleich.“ Mr. Bucket macht ſeine drei verſchiedenen Verbeu⸗ gungen und zieht ſich ſchon zurück, als ihm ein Punkt einfällt, den er vergeſſen. „Dürfte ich,“ ſpricht er mit leiſer Stimme, indem er vorſichtig zurückkommt,„beiläufig fragen, wer an der Treppe den Prämienzettel angeſchlagen hat?“ „Ich bin es, der ihn dort anheften ließ,“ erwidert Sir Leiceſter. 3 „Würde es mir nicht übel gedeutet werden, Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, wenn ich Sie fragte, warum Sie das haben thun laſſen.“ „Keineswegs. Ich habe dieſen Ort des Hauſes dazu gewählt, damit Jedermann den Zettel ſehen kann. Ich glaube, daß meinem ganzen Haushalte der Fall nicht zu ſehr vor Augen gehalten werden kann. Meine Leute ſollen ſehen, wie gräßlich das Verbrechen iſt, wie feſt bei mir der Entſchluß ſteht, daſſelbe beſtrafen zu laſſen, und wie wenig Hoffuung vorhandeu iſt, daß der Verbrecher ſeinem verdienten Schickſale entgeht. Indeſſen, Herr Agent, muß ich hinzuſetzen, daß, wenn Sie, der Sie die Sache genauer kennen, einen triftigen Einwand da⸗ gegen haben—“ Mr. Bucket hat jetzt keinen Einwand geltend zu machen; da der Zettel ein Mal angeheftet worden, ſo ſei es beſſer, wenn derſelbe angeheftet bleibe. Er wie⸗ derholt nun ſeine drei Verbeugungen, und zieht ſich zu⸗ rück, und ſchließt die Thüre in dem Augenblicke, wo Vo⸗ lumnia ihren kleinen Schrei hören läßt, der eine Präli⸗ minarie zu ihrer Bemerkung iſt, daß dieſe entzückend gräßliche Perſon ein wahrer Blue Chamber ſei. In ſeiner Liebe zur Geſellſchaft und bei der ihm innewohnenden Fähigkeit, ſich in allen geſellſchaftlichen Stufen zurecht zu finden, ſteht Mr. Bucket einige Augen⸗ blicke daranf vor dem Feuer in der Vorhalle, das an dem frühen Winterabende hell brennt und eine wohlthuende Wärme verbreitet— und bewundert da Merkur. „Ei, Sie ſind vermuthlich ſechs Fuß zwei?“ ſpricht Mr. Bucket. „Drei,“ ſpricht Merkur. 91 „Sind Sie wirklich drei, aber dann, ſchauen Sie, ſind Sie eben verhältnißmäßig breit, und ſehen nicht ſo groß aus. Sie ſind keiner von den Schwachbeinigen, nein. Sind Sie auch ſchon modellirt worden?“ fragt Mr. Bucket, den Ausdruck eines Künſtlers in die Bewe⸗ gung ſeines Auges und Kopfes legend. Merkur iſt nie modellirt worden. „Dann ſollten Sie ſobald wie möglich modellirt werden, wiſſen Sie,“ ſpricht Mr. Bucket;„und ein Freund von mir, von dem Sie eines Tags als einem Bildhauer der Königlichen Akademie hören werden, würde es ſich ein ſchönes Stück Geld koſten laſſen, Ihre Pro⸗ portion für den Marmor zu ſkizziren. My Lady iſt aus? Nicht wahr?“ „Aus, bei einem Diner.“ „Sie geht ſo ziemlich jeden Tag aus, nicht wahr?“ „Ja.“ „Das iſt nicht zu verwundern!“ verſetzt Mr. Bucket. „Eine ſo ſchöne Frau, wie ſie, eine Frau, ſo hübſch und ſo graziös, und ſo elegant, iſt wie eine friſche Citrone auf einem Speiſetiſch, iſt überall, wo ſie ſich zeigt, eine Zierde. Gehörte Ihr Vater demſelben Lebenskreiſe an, wie Sie?“ Verneinende Antwort. „Aber der meine gehörte Ihrem Lebenskreiſe an,“ ſpricht Mr. Bucket.„Mein Vater war zuerſt Page, ſo⸗ dann Lakei, ſodann Tafeldecker, ſodann Haushofmeiſter, und am Ende Gaſtwirth. War, ſo lange er lebte, all⸗ gemein geachtet, und ſtarb betrauert. Sagte noch in ſeinen letzten Augenblicken, er ſehe den Dienſt als den ehrenhafteſten Theil ſeiner Laufbahn an. Und ſo war es auch. Ich habe einen Bruder, der gleichfalls Be⸗ dienter iſt, und einen Schwager. My Lady— ein gutes Temperament?“ Merkur erwidert: „Ein ſo gutes, als man nur erwarten kann.“ „Ah!“ ſagt Mr. Bucket,„ein Bischen verderbt, ein Bischen capriciös. Mein Gott! Was kann man erwar⸗ ten, wenn ſie ſo hübſch ſind? Und ſie gefallen uns darum nur noch mehr, nicht wahr?“ Merkur ſtreckt, während er die Hände in den Taſchen ſeiner ſuperben pfirſichblüthfarbenen Kniehoſen ſtecken hat, ſeine ſymmetriſchen ſeidenen Beine mit der Miene eines galanten Mannes aus, und kann esnicht in Abrede ziehen. Hier läßt ſich ein Rollen von Rädern, ſowie ein heftiges Läuten an der Hausglocke hören. „Da ſpreche man von den Engeln!“ ſagt Mr. Bucket.„Hier iſt ſie!“ Es öffnen ſich die Thüren, und ſie kommt durch die Vorhalle. Immer noch ſehr blaß, iſt ſie in Trauer ge⸗ kleidet und trägt zwei wunderſchöne Bracelets. Ent⸗ weder iſt dieß die Schönheit der letzteren, oder iſt es die Schönheit ihrer Arme,— aber ſo viel iſt gewiß, daß auf Mr. Bucket eine ganz beſondere Anziehungskraft ein⸗ wirkt. Er ſieht— die Bracelets oder die Arme— mit gierigen Augen an, und klappert mit Etwas in der Taſche— vielleicht mit halben Pence. Sie gewahrt ihn in der Entfernung und wirft einen fragenden Blick auf den andern Merkur, der ſie wieder uach Hauſe gebracht hat. „Mr. Bucket, my Lady.“ Mr. Bucket macht einen Kratzfuß, tritt vor und führt ſeinen vertrauten Dämon über die Mundgegend hin. „Möchten Sie mit Sir Leiceſter ſprechen?“ „Nein, my Lady, ich habe ſchon mit ihm ge⸗ ſprochen!“ „Haben Sie vielleicht mir Etwas zu ſagen?“ „Nicht gerade in dieſem Augenblick, my Lady.“ „Haben Sie neue Entdeckungen gemacht?“ „O, ſo einige, my Lady.“ Dieß wird bloß im Vorübergehen geſprochen. Sie bleibt kaum ſtehen und ſchwebt allein die Treppe hinauf. 93 Mr. Bucket geht nach dem Fuße der Treppe hin, und beobachtet ſie, wie ſie die Stufen hinanſteigt, die der alte Mann herunterkam, um in ſein Grab zu ſtei⸗ gen; wie ſie an den mörderiſchen Bildſänlengruppen vorüber kommt, die mit ihren düſteren Waffen ſich an der Wand wiederholen; wie ſie an dem gedruckten An⸗ ſchlagzettel vorüberſchwebt, den ſie im Vorbeigehen an⸗ ſchaut; bis ſie ſeinen Augen verſchwindet. „Sie iſt ein anmuthiges Frauenzimmer, ja, das iſt ſie— gewiß iſt ſie das,“ ſpricht Mr. George, zum Merkur zurückkommend.„Indeſſen ſieht ſie doch nicht ganz geſund aus.“ Iſt nicht geſund, ſagt ihm Merkur. Leidet viel an Kopfweh. Wirklich? Das iſt doch Schade! Mr. Bucket möchte vieles Gehen anempfehlen. „Gut, ſie ſucht ſich Bewegung zu machen,“ verſetzt Merkur.„Geht bisweilen ein paar Stunden, wenn ſie arg daran leidet. Und ſogar bei Nacht.“ „Wiſſen Sie auch ganz gewiß, daß Sie ſechs Fuß drei ſind? fragt Mr. Bucket.„Ich bitte Sie um Ver⸗ zeihung, daß ich Sie einen Augenblick unterbreche.“ Darüber kann kein Zweifel obwalten. „Denn, ſchauen Sie, Sie ſind ſo wohl zuſammen⸗ gefügt, daß ich es nicht geglaubt hätte. Aber die Haus⸗ truppen ſind, obgleich man ſie für ſchöne Leute hält, in ihrem Bau ſo zerfahren.— Macht ſich bei Nacht Be⸗ wegung.— Thut ſie das? Doch wohl nur dann, wenn der Mond ſcheint?“ O ja. Wenn der Mond ſcheint! Natürlich. O natürlich! Darüber iſt man beiderſeits einverſtanden. „Vermuthlich haben Sie ſelbſt nicht die Gewohnheit, ſich Bewegung zu machen?“ ſpricht Mr. Bucket.„Haben wohl nicht viel Zeit dazu?“ Ja, auch liebt Merkur ſolche Bewegung nicht und zieht die Bewegung anf der Kutſche vor. 94 „Gewiß, gewiß,“ erwiedert Mr. Bucket.„Das macht einen Unterſchied. Ah, jetzt fällt es mir ein,“ ſpricht Mr. Bucket weiter, indem er ſich die Hände wärmt, und luſtig das lodernde Feuer anſchaut,„— ſie ging gerade an dem Abende, wo dieſe Geſchichte vorfiel, ſpazieren.“ „Ei freilich! Ich ſchloß ihr den Garten auf, ge⸗ rade über.“ „Und haben ſie dort allein gelaſſen. Das haben Sie gewiß gethan. Ich habe geſehen, wie Sie es gethan.“ „Ich habe Sie ja aber nicht geſehen,“ ſpricht Merkur. „Ich hatte Eile,“ gibt Mr. Bucket zurück,„denn ich wollte eine Tante von mir beſuchen, die zu Chelſea — zwei Thüren von dem alten, urſprünglichen Bun Houße weg— wohnt; iſt neunzig Jahr alt, die alte Dame, unverheirathet, und hat ein kleines Vermögen. Ja, ich ging damals gerade vorüber. Laſſen Sie ein Mal ſehen! Wie viel Uhr mochte es ſein? Es war zehn?“ „Halb zehn.“ „Ganz richtig. So viel war's. Und wenn ich mich nicht täuſche, ſo war my Lady in einen weiten ſchwar⸗ zen Mantel gehüllt, woran eine breite Franſe war?“ „Natürlich.“ Natürlich. Mr. Bucket muß zu einem kleinen Geſchäft zurückkehren, das er droben weiter zu verfolgen hat; indeſſen muß er dem Merkur die Hand ſchütteln, zum Dank für ſeine angenehme Unterhaltung, und fragt ihn — es iſt dieß Alles, was er fragt,— ob er wohl, wenn er ein Mal eine freie halbe Stunde habe, dieſelbe zum Vortheil beider Theile dem Bildhauer von der königlichen Akademie ſchenken wolle. 9⁵ Vierundfün fzigſtes Kapitel. Sprengung einer Mine. Durch Schlaf erfriſcht, ſteht Mr. Bucket am andern Morgen früh auf und rüſtet ſich zu einem Muſterungs⸗ tage. Herausgeputzt vermittelſt eines friſchen Hemdes und einer naſſen Haarbürſte, mit welch' letzterem Werk⸗ zeuge er bei feierlichen Anläſſen die dünnen Locken glät⸗ tet, die ihm nach einem angeſtrengten, Studien gewid⸗ meten Leben geblieben ſind, legt Mr. Bucket ein Früh⸗ ſtück von zwei Hammelscoteletten, als eine Grundlage, worauf fortgearbeitet werden ſoll, ſammt Thee, Eiern, Roſtbrod und Marmelade in eniſprechendem Maßſtabe ein. Nachdem er ſich dieſe ſtärkenden Dinge zu Gemüth geführt, und mit ſeinem vertrauten Dämon eine recht ſcharfſinnige Unterredung gepflogen, weiſt er ganz im Vertrauen Merkur an: „Sagen Sie Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, in aller Ruhe, daß ich jeden Augenblick parat für ihn bin, wenn er für mich parat iſt.“ Es kommt eine gnädige Botſchaft zurück, des In⸗ halts, daß Sir Leiceſter ſich vollends raſch ankleiden, und in zehn Minnten bei Mr. Bucket im Bihliothekzimmer ſein werde. Sofort begibt ſich Mr. Bucket in das ge⸗ nannte Zimmer, ſtellt ſich, den Finger am Kinn, vor das Feuer hin und ſchaut die hell lodernden Kohlen an. Mr. Bucket iſt heute nachdenkſam, wie man wohl bei einem Manne erwarten darf, der ein hochwichtiges Geſchäft zu verrichten hat; indeſſen iſt er gefaßt, ſeiner Sache gewiß. Nach dem Ausdrucke ſeines Geſichtes zu urtheilen, könnte er ein berühmter Whiſtſpieler ſein, der 96 um einen großen Einſatz— wir wollen ſagen volle hundert Gnineen— ſpielt, und das Spiel in der Hand, aber einen hohen Ruf zu wahren hat, und daher darauf bedacht ſein muß, bis auf die letzte Karte hinaus meiſter⸗ haft zu ſpielen. Mr. Bucket iſt, als Sir Leiceſter erſcheint, nicht im Mindeſten ängſtlich oder verwirrt; indeſſen muſtert er den Baronet, während dieſer langſam auf ſeinen Ruhe⸗ ſeſſel zugeht, von der Seite mit der beobachtenden Gra⸗ vität von geſtern, worin geſtern, wenn dieſer Gedanke nicht gar zu kühn wäre, vielleicht ein Anflug von Mit⸗ leid lag.. „Es thut mir leid, daß ich Sie habe warten laſſen, Herr Agent; aber ich habe mich heute morgen etwas verſpätet. Es iſt mir nicht wohl. Die Aufregung und die Entrüſtung, die mir in neueſter Zeit zugeſetzt, ſind mir zu ſtark geweſen. Ich leide an— Podagra;“— Sir Leiceſter wollte ſagen Unwohlſein, und hätte es wohl auch zu jedem Andern geſagt, aber Mr. Bucket kennt ja offenbar die ganze Geſchichte;„und neuliche Vorfälle haben es herbeigezogen.“ Während er mit einiger Schwierigkeit und mit einer Miene des Schmerzens ſeinen Sitz einnimmt, rückt Mr. Bucket ein wenig näher und ſtellt eine ſeiner großen Hände auf den im Bibliothekzimmer ſtehenden Tiſche auf. „Ich weiß nicht, Herr Agent,“ bemerkt Sir Leiceſter, die Augen zu ſeinem Geſichte emporhebend,„ob Sie mit mir allein ſein wollen, oder nicht; allein Sie können das ganz ſo halten, wie Sie wollen. Wollen Sie mit mir unter vier Augen ſprechen, wohlan, dann iſt es mir recht. Wo nicht, ſo würde es Miß Dedlock ſehr intereſſiren—“ „Schauen Sie, Sir Leiceſter Dedlock, Baronet,“ fällt Mr. Bucket ein, und es iſt ſein Kopf in überredender Weiſe auf eine Seite geneigt, während ſein Zeigefinger, einem Ohrringe ähnlich, an einem Ohre hängt,„wir können, eben jetzt, nicht zu ſehr allein ſein. Sie werden — uUdd u n &— nt e 97 ſogleich ſehen, daß wir nicht zu ſehr allein ſein können. Eine Dame kann mir zwar unter allen Umſtänden und insbeſondere dann, wenn dieſelbe einer ſo hohen Geſell⸗ ſchaftsſphäre angehört, wie Miß Dedlock, nur angenehm ſein; indeſſen muß ich mir doch,— ich ſpreche ohne alle und jede Rückſicht auf mich ſelbſt— die Freiheit nehmen, Sie zu verſichern, daß wir, nach meinem beſten Wiſſen, nicht zu ſehr allein ſein können.“ „Es genügt dieß.“ „Und zwar müſſen wir ſo ſehr allein ſein, Sir Leiceſter Dedlock, Baronet,“ fährt Mr. Bucket fort,„daß ich auf dem Punkte war, mit Ihrer Erlaubniß den Schlüſſel in der Thüre umzudrehen.“ „In alle Wege.“ Mr. Bucket nimmt in gewandter und geräuſchloſer Weiſe dieſe Vorſichtsmaßregel; dabei läßt er ſich,— es iſt dieß bei ihm bloße Angewohnheit,— einen Augen⸗ blick auf ein Knie nieder, um den Schlüſſel in dem Schloſſe in eine ſolche Lage zu bringen, daß Niemand von draußen hereingucken kann. „Sir Leiceſter Dedlock, Baronet’, ich habe geſtern Abend geſagt, daß ich nur noch weniger Thatſachen be⸗ dürfe, um dieſen Fall zu vervollſtändigen. Ich habe ihn nun vervollſtändigt und habe Beweiſe geſammelt gegen die Perſon, welche ſich des Verbrechens ſchuldig ge⸗ macht hat.“ „Henen den Soldaten?“ „Nein, Sir Leiceſter Dedlock;„es iſt nicht de Soldat.“ 3 nicht der Sir Leiceſter ſieht verblüfft aus und fragt „Sitzt der Mann hinter Schloß und Riegel?“ Mr. Bucket ſagt ihm nach einer Pauſe: „Die ſchuldige Perſon iſt ein— Weib.“ „Sir Leiceſter lehnt ſich in ſeinem Seſſel zurück und ſtößt athemlos die Worte aus: Bleak Houſe. IV. 7 98 „Gütiger Himmel!“ „Und nun, Sir Leiceſter Dedlock, Baronet,“ hebt MNr. Bucket an, und ſteht, während eine ſeiner Hände auf dem Tiſche des Bibliothekzimmers ausgebreitet, und der Zeigefinger der andern Hand in ausdrucksvoller Weiſe thätig iſt, ihm gegenüber,„iſt es meine Pflicht, Sie auf eine Reihe von Umſtänden vorzubereiten, die Sie viel⸗ leicht höchſt unangenehm berühren werden,— ja, ich gehe noch weiter und ſage, es werden dieſelben Sie höchſt unangenehm berühren. Aber, Sir Leiceſter Ded⸗ lock, Baronet, Sie ſind ein Gentleman; und ich weiß, was ein Gentleman iſt, und weſſen ein Gentleman fähig iſt. Ein Gentlemann kann einen Schlag, wenn derſelbe ein Mal kommen muß, unerſchrocken und ſtandhaft er⸗ tragen. Ein Gentleman kann ſich entſchließen, faſt jedem Schlage die Spitze zu bieten. Ei, nehmen Sie nur ſich ſelbſt, Sir Leiceſter Dedlock, Baronet! Soll ein Schlag Sie treffen, ſo denken Sie natürlich an Ihre Familie. Sie fragen ſich, wie all dieſe Ihre Ahnen bis zu Julius Cäſar hinauf— um für jetzt nicht über Letzteren hinaus⸗ zugehen— einen ſolchen Schlag ertragen haben würden; Sie erinnern ſich vieler Dutzende von ihnen, die den⸗ ſelben ſtandhaft ertragen hätten; und Sie tragen ihn ſtandhaft um Ihretwillen und um das Anſehen der Fa⸗ milie aufrecht zu erhalten. So denken Sie und ſo han⸗ deln Sie, Sir Leiceſter Dedlock, Baronet,— ich weiß es.“ Sir Leiceſter ſitzt, in ſeinem Stuhle ſich zurück⸗ lehnend und die Elbogen erfaſſend, da und ſchaut ihn mit verſteinertem Geſichte an. .„Wenn ich Sie nun ſo, Sir Leiceſter Dedlock,“ fährt Mr. Bucket fort,„vorbereite, ſo muß ich Sie bitten, auch nicht einen Augenblick wegen deſſen in Unruhe zu ſein, was zu meiner Kenntniß gelangt iſt. Ich weiß ſo viel über ſo viele hoch und nieder ſtehende Per⸗ ſonen, daß es keinen Strohhalm zu bedeuten hat, ob ich ein Bischen mehr oder weniger weiß. Ich glaube nicht, 99 daß es auf dem Schachbrette auch nur einen Zug gibt, der mich überraſchen würde; und was die Frage betrifft, ob dieſer oder jener Zug Statt gefunden,— ei! ſo iſt nicht erſt zu wetten, ob ich es weiß, indem jeder nur mögliche Zug(vorausgeſetzt, daß derſelbe in der unrech⸗ ten Richtung erfolgt) meiner Erfahrung zu Folge ein wahrſcheinlicher iſt. Was ich daher Ihnen, Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, ſage, iſt: Verlieren Sie ja Ihre Ge⸗ müthsruhe nicht, weil ich Etwas von Ihren Familien⸗ angelegenheiten weiß.“ „Ich danke Ihnen für Ihre Vorbereitung,“ verſetzte Sir Leiceſter nach einem Schweigen, ohne Hand oder Fuß zu bewegen oder eine Miene zu verziehen, die hoffent⸗ lich nicht nothwendig iſt, obgleich ich gerne glaube, daß dieſelbe in guter Abſicht erfolgt iſt. Seien Sie ſo gut und fahren Sie fort. Und ferner“(Sir Leiceſter ſcheint im Schatten ſeiner Geſtalt zuſammenzuſchrumpfen und dennoch einige Bangigkeit zu verſpüren)„und ferner neh⸗ men Sie einen Stuhl, wenn Sie Nichts dagegen ein⸗ zuwenden haben.“ Mr. Bucket hat gar Nichts dagegen einzuwenden. Er bringt einen Stuhl herbei und vermindert ſeinen Schatten. „Und nun, Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, komme ich nach dieſer kurzen Vorrede zur Sache. Lady Ded⸗ lock— Hier richtet ſich Sir Leiceſter in ſeinem Seſſel auf und ſtarrt ihn grimmig an. Als Linderungsmittel ſetzt Mr. Bucket den bekann⸗ ten Finger in Thätigkeit.— „Sie ſehen, es wird Lady Dedlock allgemein be⸗ wundert. Ja, ſchauen Sie, ſo verhält es ſich: Ihre Ladyſchaft wird allgemein bewundert,“ ſpricht Mr. Bucket. „Es wäre mir ſehr lieb, Herr Agent,“ verſetzt Sir Leiceſter ſteif,„wenn my Lady's Name aus dieſer Erör⸗ terung ganz wegbliebe.“ 100 „Auch mir wäre es„lieb, Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, aber es iſt ganz und gar unmöglich. Was ich zu ſagen habe, geht Ihre Ladyſchaft ſehr nahe an. Sie iſt die Angel, um die ſich Alles dreht.“ „Herr Agent,“ verſetzt Sir Leiceſter mit feurigem Auge und zuckender Lippe,„Sie kennen Ihre Pflicht. Erfüllen Sie Ihre Pflicht, aber hüten Sie ſich wohl, dieſelbe zu überſchreiten, denn ich würde ſolches nie dul⸗ den. Ja, ich würde ſolches nie ertragen. Sie mengen my Lady's Namen in dieſe Ihre Mittheilung auf Ihre Verantwortung, auf Ihre Verantwortung. My Lady's Name iſt kein Name, womit ordinäre Menſchen ſpielen dürfen!“ „Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, ich ſage, was ich ſagen muß und nicht weiter.“ „Ich hoffe, daß es ſich ſo herausſtellt. Recht gut. Fahren Sie fort! Fahren Sie fort, mein Herr!“ Die zornigen Augen, die ihm jetzt ausweichen, und die zornige, vom Kopf bis zu den Füßen zitternde und doch nach Ruhe ſtrebende Geſtalt anſchauend, gebraucht Mr. Bucket ſeinen Zeigefinger als einen Fühler, um nicht fehl zu gehen, und fährt mit leiſer Stimme alſo fort: „Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, meine Pflicht er⸗ heiſcht es, Ihnen zu ſagen, daß der ſelige Mr. Tulking⸗ horn Lady Dedlock ſchon ſeit langer Zeit mißtraute und Verdacht gegen ſie hegte.“ „Hätte er ſich unterſtanden, ſolches Mißtrauen und ſolchen Verdacht bei mir laut werden zu laſſen— was er aber nie that— ſo würde ich ſelbſt ihn auf der Stelle umgebracht haben, mein Herr!“ ruft Sir Leice⸗ ſter, mit der Hand auf den Tiſch ſchlagend, aus. Aber mitten in der Hitze und Wuth dieſes Acts hält er plötzlich inne, von den ſchlauen Augen Mr. Bucket's fixirt, deſſen Zeigefinger ſich langſam bewegt, und der -.„ —,— 101 mit einer Miſchung von Zuverſicht und Geduld den Kopf üttelt. ſ9„Sir Leiceſter Dedlock, der ſelige Mr. Tulkinghorn war ſchlau und verſchwiegen, und was er gleich Anfangs wirklich beabſichtigte, vermag ich nicht ſo ganz zu ſagen. Aber ich habe aus ſeinem Munde gehört, wie er ſchon ſeit langer Zeit Lady Dedlock im Verdacht gehabt, daß ſie durch den Anblick einer Handſchrift— in dieſem Hauſe, und während Sie ſelbſt, Sir Leiceſter Dedlock, anweſend waren— die Exiſtenz einer gewiſſen, in größ⸗ ter Armuth lebenden Perſon entdeckt, die einſt, ehe Sie um ſie warben, ihr Liebhaber geweſen war, und hatte ihr Gatte werden ſollen;“— Mr. Bucket hält hier inne und wiederholt bedächtig:„hatte ihr Gatte werden ſollen, es läßt ſich das nicht bezweifeln. Ich habe aus ſeinem Munde gehört, wie er, als die fragliche Perſon bald darauf ſtarb, Lady Dedlock im Verdacht hatte, daß ſie die armſelige Wohnung und das noch armſeligere Grab des Mannes allein und im Geheimen beſucht. „Ich weiß durch die Nachforſchungen, die ich ſelbſt angeſtellt,— ich weiß durch meine eigenen Augen und Ohren, daß Lady Dedlock in der Kleidung ihrer Kammer⸗ fran einen ſolchen Beſuch wirklich gemacht hat; denn der ſelige Mr. Tulkinghorn gebrauchte mich, um Ihrer Lady⸗ ſchaft nachzuſpüren— Sie werden mich entſchuldigen, daß ich mich dieſes Ausdrucks bediene, es iſt derſelbe bei uns gäng und gäbe— und es gelang mir auch, ſie ſo weit vollſtändig aufzuſpüren. Ich confrontirte die Kammerfran auf dem Bureau in Lincoln's Inn Fields mit einem Zeugen, der Lady Dedlock's Führer geweſen war; und es konnte auch nicht ein Schatten von einem Zweifel übrig bleiben, daß ſie die Kleidung des Kammer⸗ mädchens angehabt, ohne daß Letztere darum gewußt. „Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, ich verſuchte es geſtern, was dieſe unangenehmen Enthüllungen betrifft, den Weg ein Bischen zu bahnen, indem ich ſagte, es kämen zuweilen ſelbſt in hohen Familien gar ſeltſame Dinge vor. Alles dieß und noch mehr hat ſich in Ihrer Familie zugetragen, iſt Ihrer Gattin und durch Ihre Gattin vorgekommen. „Ich glaube, daß der ſelige Mr. Tulkinghorn dieſe Nachforſchungen bis zur Stunde ſeines Todes fortſetzte; und daß ſogar an dem Abende, an dem der Mord Statt fand, zwiſchen ihm und Lady Dedlock eine heftige Er⸗ örterung über die Sache Statt gehabt. Halten Sie nun das Alles Lady Dedlock ſelbſt vor, Sir Leieeſter Dedlock, Baronet; und fragen Sie Ihre Ladyſchaft, ob ſie nicht, nachdem er Ihr Haus verlaſſen, nicht noch auf ſein Bureau gegangen, in der Abſicht, ihm noch etwas Weiteres zu ſagen, und ob ſie da nicht einen weiten, ſchwarzen Mantel mit breiter Franſe angehabt.“ Sir Leiceſter Dedlock ſitzt wie eine Bildſäule da und ſtarrt den grauſamen Finger an, der das Lebensblut ſeines Herzens wie mit einer Sonde unterſucht. „Halten Sie das Ihrer Ladyſchaft vor, Sir Lei⸗ ceſter Dedlock, Baronet, und ſagen Sie, Sie haben es von mir, Inſpector Bucket von der Sicherheitspolizei. Will Ihre Ladyſchaft es nicht zugeben, und macht ſie Schwierigkeiten, ſo ſagen Sie ihr nur, es nütze das Nichts; Inſpector Bucket wiſſe es ganz genau, und wiſſe, daß ſie an dem Soldaten vorbeigekommen, wie Sie ihn genannt(obgleich er jetzt nicht bei der Armee iſt), und wiſſe, daß ſie ſelbſt wiſſe, daß ſie auf der Treppe an ihm vorübergekommen. Und nun, Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, warum erzähle ich Alles dieſes?“ ü Sir Leiceſter, der ſich mit den Händen das Geſicht bedeckt und nur ein Mal geächzt hat, erſucht ihn, einen Augenblick inne zu halten. Allmälig zieht er die Hände wieder weg und bewahrt ſeine Würde und ſeine äußere Ruhe, obwohl auf ſeinem Geſichte ebenſo wenig Farbe zu erblicken iſt, als in ſeinem weißen Haare, dergeſtalt, daß Mr. Bucket ein gewiſſes Gefühl der Ehrfurcht be⸗ 103 ſchleicht. Es liegt in ſeinem Benehmem etwas Eiliges und Fixes neben und außer ſeiner gewohnten hochmüthi⸗ gen Außenſeite; und bald entdeckt Mr. Bucket in ſeiner Sprache eine ungewöhnliche Langſamkeit, die ſich beſon⸗ ders auch dadurch charakteriſirt, daß Sir Leiceſter zu⸗ weilen es merkwürdig ſchwer findet, anzufangen,— ein Umſtand, der zur Folge hat, daß er unartikulirte Laute hervorbringt. Mit ſolchen Lauten nun bricht der Baronet ſein Schweigen; indeſſen beherrſcht er ſich bald ſo weit, daß er ſagt, er begreife nicht, warum ein ſo treuer und eif⸗ riger Mann, wie der ſelige Mr. Tulkinghorn, ihm gar keine Mittheilung gemacht von dieſer unglücklichen, dieſer peinlichen, dieſer qualvollen, dieſer unvorhergeſehenen, dieſer erſchütternden, dieſer unglaublichen Nachricht. „Ich muß Ihnen abermals ſagen, Sir Leiceſter Dedlock, Baronet,“ verſetzte Mr. Bucket,„halten Sie das Ihrer Ladyſchaft vor, damit ſich Alles aufklärt. Halten Sie es Ihrer Ladyſchaft vor und ſagen Sie, wenn Sie es für angemeſſen erachten, Sie haben es von Bucket, Inſpector der Sicherheitspolizei. Sie werden finden, oder ich müßte mich ſehr irren, daß der ſelige Mr. Tulkinghorn die Abſicht hatte, das Ganze, ſobald er es als reif erachtete, Ihnen mitzutheilen; ſowie ferner, daß er Ihrer Ladyſchaft dieß zu verſtehen gegeben. Ei, er hätte es ja gerade an dem Morgen, wo ich den Leich⸗ nam unterſuchte, enthüllen können! Sie wiſſen nicht, was ich in fünf Minuten, von jetzt an gerechnet, ſagen und thun werde, Sir Leiceſter Dedlock, Baronet; und nehmen wir an, ich werde jetzt zweggeputzt,“ ſo könnten Sie ſich wundern, warum ich es nicht gethan. Sehen Sie nicht?“ Ganz richtig. Sir Leiceſter ſagt, mit einiger Mühe dieſe aufdringlichen Laute vermeidend: „Ganz richtig.“ 104 In dieſem Augenblick läßt ſich ein ſtarkes Geräuſch von Stimmen in der Vorhalle bören. Nachdem Mr. Bucket eine Weile gehorcht hat, geht er an die Thüre des Bibliothekzimmers hin, dreht den Schlüſſel leiſe um, macht auf und horcht abermals. Dann zieht er den Kopf herein und flüſtert eilig, aber ruhig: „Sir Leiceſter Dedlock, Barouet, es iſt dieſe unglück⸗ liche Familiengeſchichte ruchtbar geworden, wie ich gleich Anfangs befürchtete, da der ſelige Mr. Tulkinghorn ſo plötzlich aus dieſer Welt hinausbefördert worden. Die einzige Chance, die Sache zu vertuſchen, iſt, daß man dieſe Leute hereinläßt, die mit Ihren Lakaien ſich jetzt zanken. Könnten Sie wohl, aus Rückſicht für die Fa⸗ milie, ſtill ſitzen, während ich die Lente heraufbringe? Und würden Sie wohl nur ſo ein Kopfnicken einwerfen, wenn ich Sie darum zu bitten ſcheine?“ Sir Leiceſter antwortet undeutlich: „Herr Agent! Thun Sie Alles, was Sie für paſ⸗ ſend, für das Beſte halten.“ Und Mr. Bucket gleitet, mit einem Kopfnicken und den Zeigefinger ſcharfſinnig krümmend, in die Vorhalle hinab, wo die Stimmen mit einem Male erſterben. Es ſteht nicht lange an, ſo kommt er zurück; einige Schritte dem Merkur und einer collegialiſchen, gleichfalls bepuderten und in pfirſichblüthfarbenen Kniehoſen ſtecken⸗ den Gottheit voraus, die zuſammen einen Stuhl tragen, worin ein altersſchwacher Mann ſitzt. Ein weiterer Mann und zwei Frauenzimmer kommen hinten drein. Mr. Bucket befiehlt in leutſeliger und ruhiger Weiſe den beiden Merkuren, ſie ſollen den Stuhl auf den Bo⸗ den hinſtellen, entläßt ſie ſodann, und verſchließt die Thüre wieder. Was Sir Leieeſter betrifft, ſo ſchaut er dieſe In⸗ vaſion des geheiligten Hausraums mit einem eifigen Starren an. 4 10⁵ „Vielleicht kennen Sie mich nun, meine Damen und Herren,“ ſpricht Mr. Bucket in zutraulicher Weiſe.„Ich bin Inſpector Bucket von der Sicherheitspolizei,— ja, das bin ich, und dieß,“—(hier zieht er die Spitze ſeines bequemen Stäbchens aus der Bruſttaſche hervor) —„iſt meine Autorität. Nun, Sie wollten Sir Leice⸗ ſter Dedlock, Baronet, ſehen. Wohlan! Sie ſehen ihn jetzt; und vergeſſen Sie nicht, daß nicht Jedermann ſolche Ehre zu Theil wird. Ihr Name, alter Herr, iſt Small⸗ weed; ja, ja, das iſt Ihr Name; ich weiß wohl.“ „Gut, und Sie werden nie etwas Nachtheiliges über denſelben gehört haben!“ ruft Mr. Smallweed mit lau⸗ ter, ſchriller Stimme. „Sie wiſſen wohl nicht, warum Sie das Schwein ſchlachteten, he?“ erwiedert Mr. Bucket mit feſtem Blicke, jedoch ohne die Geduld zu verlieren. „Nein!“ „So will ich es Ihnen denn ſagen! Man hat es geſchlachtet,“ ſpricht Mr. Bucket,„weil es ſich ſogar lärmend aufgeführt hat. Machen Sie, daß Sie nicht in dieſelbe Lage kommen, weil es Ihrer unwürdig iſt. Sie ſind nicht gewohnt, mit einer tauben Perſon zu ſprechen, oder?“ „Doch, doch,“ knurrt Mr. Smallweed,„meine Fran iſt taub.“ „Es erklärt dieß, warum Sie Ihre Stimme ſo hoch ſchrauben. Da dieſelbe aber zufällig nicht hier iſt, ſo ſchrauben Sie Ihre Stimme nur um ein Paar Oktaven herunter, und nicht nur werde ich Ihnen zu Dank ver⸗ pflichtet ſein, ſondern es wird Ihnen auch mehr Ehre machen,“ ſpricht Mr. Bucket.„Der andere Herr iſt wohl vom Predigerfach?“ „Sein Name iſt Chadband?“ wirft Mr. Smaal⸗ weed ein, der von nun an in weit tieferem Tone ſpricht. „Hatte ein Mal einen Freund und Kameraden von gleicheu Namen,“ ſpricht Mr. Bucket, die Hand hinbie⸗ 106 tend.„Es war derſelbe Sergeant, wie ich, und darum gefällt mir Ihr Name. Mrs. Chadband, ohne Zweifel?“ „Und Mrs. Snagsby,“ erwiederte Mr. Smallweed, ſie damit vorſtellend. „Mann ein Schreibmaterialienhändler und Freund von mir,“ ſpricht Mr. Bucket.„Habe ihn ſo gern, wie einen Bruder!— Nun, was iſt los?“ „Meinen Sie damit, welches Geſchäft uns hierher⸗ führt?“ fragt Mr. Smallweed, durch die Plötzlichkeit dieſer Wendung ein Bischen verblüfft. „Ah! Sie wiſſen wohl, was ich meine. Laſſen Sie ein Mal vor Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, ſehen, um was es ſich handelt! Kommen Sie!“ Mr. Smallweed winkt Mr. Chadband und beräth ſich einen Augenblick flüſternd mit ihm. Mr. Chadband drückt eine bedentende Maſſe Oel aus den Poren ſeiner Stirn, ſowie aus den Palmen ſeiner Hände heraus, ſagt laut:„Ja. Sie zuerſt!“ und zieht ſich an ſeinen alten Platz zurück. „Ich war ein Client und Freund von Mr. Tulking⸗ horn!“ pfeift nun Großvater Smallweed hervor;„ich machte Geſchäfte mit ihm. Ich war ihm nützlich, und er war mir nützlich. Der verſtorbene und heimgegangene Krook aber war mein Schwager. Er war ein lieblicher Bruder von einer Schwefel⸗Elſter:— die Leute nennen dieſelbe Mrs. Smallweed. Ich nehme als rechtmäßiger Erbe Krook's Vermögen in Anſpruch. Ich unterſuchte alle ſeine Papiere und alle ſeine Effecten. Es wurden alle vor meinen Augen herausgegraben. Da fand ſich nun auch ein Paket Briefe vor, die einem verſtorbenen und heimgegangenen Miethmanne gehört hatten. Es waren dieſelben hinten auf einem Brette, neben Lady Jane's Bett,— dem Bett ſeiner Katze,— verſteckt. Er ſteckte allerlei Sachen überall hin. Mr. Tulkinghorn wollte ſie haben, und bekam ſie auch; aber ich ſah ſie zuerſt durch. Ich bin ein Geſchäftsmann und guckte ſie nur ———— ———OB————— G u 107 ſo ein Bischen an. Es waren Briefe von der Gelieb⸗ ten des Miethmanns und mit ‚Honoria“ unterzeichnet. Du lieber Himmel, es iſt dieß kein gewöhnlicher Name, Honoria,— nicht wahr. Es iſt in dieſem Hauſe keine Dame, die ſich mit ‚Honoria“ unterzeichnet, oder? Ach nein, ich glaube nicht, daß eine ſolche hier iſt! Ach nein, ich glaube es nicht! Und nicht in derſelben Handſchriſt, vielleicht? O nein, ich glaube das nicht!“ Hier bricht Mr. Smallweed, der inmitten ſeines Triumphes einen Anfall von Huſten bekommt, ab, um die Worte auszuſtoßen: „O lieber Himmel, o Gott! Ich bin ganz ‚hin“!“ „Nun, wenn Sie bereit ſind,“ ſpricht Mr. Bucket, nachdem er ſo lange gewartet, bis der Alte ſich wieder erholt hat,„zu Etwas zu kommen, das Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, angeht, ſo ſitzt der Gentleman hier, wiſſen Sie.“ „Bin ich denn noch nicht dazu gekommen, Mr. Bucket? ruft Großvater Smallweed.„Geht es denn den Gentleman noch nicht an? Gehen denn Capitän Hawdon, und ſeine treu liebende Honoria, und ihr Kind noch dazu den Gentleman Nichts an? Kommen Sie, kommen Sie, ich möchte alſo wiſſen, wo die Briefe ſind. Das geht mich an, wenn es nicht Sir Leiceſter Dedlock angeht. Ich will wiſſen, wo die Briefe ſind. Es dür⸗ fen mir dieſelben nicht ſo mir Nichts— Dir Nichts ver⸗ ſchwinden. Ich habe ſie meinem Freunde und Advocaten, Mr. Tulkinghorn, übergeben,— und ſonſt Niemand.“ „Ei, er hat Sie dafür bezahlt, wiſſen Sie, und zwar gut,“ ſpricht Mr. Bucket. „Das iſt mir all' eins. Ich will nun ein Mal wiſ⸗ ſeu, wer die Briefe in Händen hat. Und ich will Ihnen ſagen, was wir wollen— was wir Alle hier wollen. Wir wollen, daß man dieſem Morde genauer nachforſche. Wir wiſſen, wo ein Intereſſe und Beweggründe vorlagen, und Sie haben in der Sache nicht genug gethan. War 108 George, der vagabundirende Dragoner, bei der Sache betheiligt, ſo war er bloß ein Mitſchuldiger, gedungen, dazu angeſtiftet. Sie wiſſen, was ich meine, ſo gut, wie nur ein Menſch.“ „Ich will Ihnen nun'was ſagen,“ verſetzt Mr. Bucket, augenblicklich ſein Benehmen ändernd, hart an ihn hin⸗ tretend, und dem Zeigefinger eine außerordentliche Zauber⸗ kraft mittheilend:„ich will verdammt ſein, wenn ich mir meinen Fall verderben laſſe, oder wenn ich dulde, daß mir Jemand in die Karten ſchaut, oder wenn ich mir dabei durch irgend ein lebendes menſchliches Weſen auch nur um eine halbe Zeitſecunde vorgreifen laſſe. Ah, Sie wollen, daß mau der Sache enauer nachforſche? Ei, ei, das wollen Sie? Sehen Sie dieſe Hand, und glauben Sie, ich kenne nicht die Zeit, wo ich dieſelbe ausſtrecken und auf den Arm legen muß, der die Kugel entſendet hat?“ So groß iſt die gefürchtete Macht des Mannes, und ſo fürchterlich offenbar iſt es, daß er ſich hier keine eitle Prahlerei zu Schulden kommen läßt, daß Mr. Small⸗ weed anfängt, ſich zu entſchuldigen. Mr. Bucket unterdrückt neihen plötzlichen Zorn und thut Mr. Smallweed Einhalt. „Der Rath, den ich Ihnen gebe, geht, merken Sie wohl auf! dahin: zerbrechen ſie ſich den Kopf nicht wegen des Mords! Das iſt meine Sache. Sie verlieren die Zeitungen nicht ganz aus dem Auge,— brauchen nur ein halbes Auge geöffnet zu halten, und es ſollte mich wundern, wenn Sie nicht in kurzer Zeit Etwas zu leſen bekommen. Dürfen dann nur ſcharf hinſchauen. Ich kenne mein Geſchäft, und es iſt das Alles, was ich Ihnen über dieſe Sache zu ſagen habe. Und nun zu den Briefen! Sie wollen wiſſen, wer dieſelben in Hän⸗ den habe? Wohlan! ich will es Ihnen ſagen: es kommt mir nicht darauf an. Ich habe ſie. Iſt das das Packet?“ 109 Mr. Smallweed ſchaut mit gierigen Augen den Pack an, den Mr. Bucket aus einem myſteriöſen Theile des Rockes hervorzieht, und erkennt ihn für den näm⸗ lichen. „Was haben Sie ferner zu ſagen?“ fragt Mr. Bucket.„Sperren Sie mir aber dabei den Mund ja nicht zu weit auf, denn, ſchauen Sie, Sie ſehen gar nicht hübſch aus, wenn Sie das thun.“ „Ich muß fünfhundert Pfund haben.“ „Nein, ſo viel wollen Sie nicht; Sie meinen bloß fünfzig,“ ſpricht Mr. Bucket humoriſtiſch. Indeſſen kommt es heraus, daß Mr. Smallweed wirk⸗ lich fünfhundert meint. „Das heißt, ich bin von Sir Leiceſter Dedlock, Ba⸗ ronet, aufgeſtellt, um(ohne daß ich dabei Etwas zu⸗ gebe oder verſpreche) dieſes Stück Geſchäft in Erwägung zu ziehen,“ ſpricht Mr. Bucket; Sir Leiceſter verneigt mechaniſch den Kopf;„und Sie verlangen von mir, ich ſolle einen Vorſchlag von fünfhundert Pfund in Erwägung ziehen. Ei, es iſt das ein unvernünftiger Vorſchlag! Zwei Fünfzig⸗Pfund Noten wären ſchon ſchlimm genug, aber doch beſſer als das. Wäre es nicht beſſer, wenn Sie zwei Fünfzig⸗Pfund⸗Notent ſagten.“ Mr. Smallweed iſt ſich vollkommen klar, daß es beſſer iſt, wenn er das nicht thut. „So wollen wir denn,“ ſpricht Mr. Bucket,„Mr. Chadband anhören. Du meine Güte! Gar oft habe ich meinen alten Kameraden und Sergeanten, der den gleichen Namen führte, gehört; und ein gemäßigter Mann war er in jeder Hinſicht, ſo gemäßigt, als mir nur je einer in den Weg gekommen.“ Alſo aufgefordert, tritt Mr. Chadband vor, um ſich, nachdem er ein wenig ſanft gelächelt und mit den Palmen ſeiner Hände ein bischen Oel gemahlen, auszudrücken, wie folgt: „Meine Freunde, wir ſind dermalen— Rachael, meine Frau, und ich— in den Behauſungen der Reichen und Großen. Warum ſind wir dermalen in den Behau⸗ ſungen der Reichen und Großen, meine Freunde? Etwa darum, weil wir eingeladen worden ſind? Darum, weil man uns aufgefordert hat, mit ihnen zu zechen und zu ſchmauſen,— weil man uns geladen hat, damit wir uns mit ihnen freuen,— weil man uns hieher beſtellt, da⸗ mit wir auf der Laute mit ihnen ſpielen,— weil wir geladen ſind, um mit ihnen zu tanzen? Nein. Warum find wir dann aber hier, meine Freunde? Sind wir im Beſitz eines ſündigen Geheimniſſes, und verlangen wir Korn, und Wein, und Oel— oder was ſo ziemlich das Gleiche iſt— Geld— damit wir daſſelbe bewahren. Wahrſcheinlich verhält ſich die Sache ſo, meine Freunde.“ „Sie ſind ein Geſchäftsmann, ja, das ſind Sie,“ verſetzt Mr. Bucket höchſt aufmerkſam;„mithin wollen Sie ſagen, welcher Art Ihr Geheimniß iſt. Sie haben Recht. Sie könnten nicht Beſſeres thun.“ „So laſſen Sie uns denn, mein Bruder, im Geiſte der Liebe dazu ſchreiten,“ ſpricht Mr. Chadband mit ſchlauem Auge.„Rachael, meine Frau, tritt vor!“ Mrs. Chadband iſt ſchon mehr als parat, tritt ſo vor, daß ſie ihren Mann in den Hintergrund ſtößt, und pflanzt ſich Mr. Bucket gegenüber mit einem harten, ſanen Lä⸗ cheln auf. „Da Sie nun ein Mal wiſſen wollen, was wir wiſ⸗ ſen,“ hebt ſie an,„ſo will ich es Ihnen ſagen. Ich bin es, die Miß Hawdon, Ihrer Ladyſchaft Tochter, aufziehen half. Ich ſtand in Dienſten bei Ihrer Ladyſchaft Schweſter, welche die Schande, ſo Ihre Ladyſchaft über ſie brachte, ſehr lebhaft fühlte, und ſogar gegen Ihre Ladyſchaft be⸗ hauptete, es ſei das Kind geſtorben— und wirklich war es auch faſt todt— als daſſelbe auf die Welt gekommen. Aber das Kind lebt und ich kenne es.“ Mit dieſen Worten und einem Lachen, und einen bitteren Nachdruck auf das Wort„Ladyſchaft“ legend, 12ͤ=— ͤ———* 111 faltet Mr. Chadband die Arme und ſchaut Mr. Bucket unverſöhnlich an. „Vermuthlich,“ verſetzt der genannte Agent,„er⸗ warten Sie nun eine Zwanzig⸗Pfund⸗Note oder ein Ge⸗ ſchenk von annäherndem Betrag?“ Mr. Chadband lacht bloß und ſagt in verächtlichem Tone zu ihm, er könne ihr ebenſo gut zwanzig Pence anbieten.— „Meines Freunds, des Schreibmaterialienhändlers treffliche Frau, dort,“ ſpricht Mr. Bucket, Mrs. Snagsby mit dem Finger hervorlockend.„Was mag wohl Ihr Spiel ſein, Ma'am?“ Mrs. Snagsby iſt anfänglich durch Thränen und Wehklagen verhindert, die Natur ihres Spiels anzugeben; allmählig aber kommt es, obwohl verworren genug, an den Tag, daß ſie eine Frau iſt, gegen die man ſich zahl⸗ loſe Ungerechtigkeiten hat zu Schulden kommen, die Mr. Snagsby gewöhnlich hinter das Licht geführt, verlaſſen, und die er nicht hat klar ſehen laſſen wollen, und deren hauptſächlichſter Troſt in ihren Trübſalen und Nöthen die Sympathie des ſeligen Mr. Tulkinghorn geweſen, welcher ſich ſo mitleidig gegen ſie erwies, als er ein Mal durch ſeine Berufsgeſchäfte während der Abweſenheit ihres pflichtvergeſſenen Mannes nach Coorks Court gerufen wurde, daß ſie in der letzten Zeit die Gewohnheit gehabt hat, ihm alle ihre Leiden zuzutragen. Wie es ſich heraus⸗ ſtellt, ſo hat, die anweſende Geſellſchaft ausgenommen, ſich Jedermann gegen Mrs. Snagsby's Ruhe verſchworen. Da iſt Mr. Guppy, Gehilfe bei Kenge und Carboy, der zuerſt ſo offen war, wie die Sonne um Mittag, der aber plötzlich ſo verſchwiegen und geheimnißvoll geworden, wie die Mitternacht, ohne Zweifel unter dem Einfluſſe von Mr. Snagsby's Verführungskünſten und Intrignen. Da iſt Mr. Weeyle ein Freund von Mr. Guppy, der, Dank denſelben zuſammenhängenden Urſachen, in myſteriöſer Weiſe in einem Hofe wohnte. Da war Krook, der Ver⸗ 11² ſtorbene; da war Nimrod, der Verſtorbene; und da war Jo, der Verſtorbene; und ſie alle„hatten die Hand mit im Spiel.“ In welchem Spiel, ſagt Mrs. Snagsby nicht gerade; indeſſen weiß ſie, daß Jo Mr. Snagsby'’s Sohn war,„ſo gut, wie wenn eine Trompete es geſpro⸗ chen hätte;“ auch iſt ſie Mr. Snagsby nachgegangen, als er den jungen Burſchen zum letzten Mal beſuchte, — und wenn derſelbe nicht ſein Sohn war, warum ging er dann hin? Das einzige Geſchäft ihres Lebens hat ſeit einiger Zeit darin beſtanden, daß ſie Mr. Snagsby überall hin gefolgt iſt, und daß ſie verdächtige Umſtände an einander gereiht hat,— und jeder Umſtand, der zu ihrer Kenntniß gekommen, iſt höchſt verdächtig geweſen; und in ſolcher Weiſe hat ſie bei Tag und bei Nacht ih⸗ ren Zweck verfolgt,— den Zweck nämlich, hinter die Schliche ihres untreuen Mannes zu kommen und den⸗ ſelben zu beſchämen. So iſt es gekommen, daß ſie die Chadband'ſchen und Mr. Tulkinghorn mit einander be⸗ kannt gemacht, und daß ſie mit Mr. Tulkinghorn über die im Benehmen Mr. Guppy's eingetretene Veränderung conferirt, und die Umſtände, wobei die anweſende Ge⸗ ſellſchaft betheiligt iſt, ganz zufällig und nebenbei an's⸗ Tageslicht bringen und aufhellen half. Sie ſelbſt aber iſt immer noch und bleibt hinfür auf der großen Heer⸗ ſtraße, die in Mr. Snagsby’s vollſtändige Bloßſtellung und eine Eheſcheidung auslaufen wird. Alles dieſes will Mrs. Snagsby, als eine Frau, an der ſchwer geſündigt worden, und als die Freundin von Mrs. Chadband, und eine Anhäugerin von Mr. Chadband, und als eine Perſon, die das Loos des ſeligen Mr. Tulkinghorn beklagt, hier bezeugen unter dem Siegel des Vertrauens, mit jeder nur möglichen Verwirrung und allen nur möglichen und unmöglichen weiteren Folgerungen; ſie ſelbſt hat ledig⸗ lich keinen pekuntären Beweggrund, hat keinen Plan, kein Project, außer dem einen bereits erwähnten, und bringt hieher und nimmt überall hin mit ihre dichte Atmoſphäre — 2—-O S= S 113 von Staub, der aus dem unaufhörlichen Arbeiten ihrer Eiferſuchtsmühle entſteht. Während dieſe Einleitung in der Arbeit iſt,— und es erfordert einige Zeit, bis dieſelbe zu Stande kommt — conferirt Mr. Bucket, der mit einem Blicke die Durch⸗ ſichtigkeit von Mrs. Snagsby's Eſſig durchſchaut hat, mit ſeinem vertrauten Dämon und verwendet ſeine ſcharfſichtige Aufmerkſamkeit auf die Chadband'ſchen und auf Mr. Small⸗ weed. Sir Leiceſter Dedlockbleibt unbeweglich und behält die gleiche eiſige Außenſeite bei; nur daß er ein paar Mal nach Mr. Bucket hinblickt, und dadurch zu verſtehen gibt, er verlaſſe ſich jetzt allein noch auf dieſen Agenten. „Ganz gut,“ ſagt Mr. Bucket.„Nun verſtehe ich euch, wiſſet ihr; und da ich von Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, aufgeſtellt bin, um dieſe Bagatellſache zu unter⸗ ſuchen,“ Sir Leiceſter verneigt ſich abermals mechaniſch, um das Geſagte zu beſtätigen,„ſo kann ich derſelben meine ganze ungetheilte Aufmerkſamkeit ſchenken. Ich will nun nicht darauf anſpielen, daß man ſich verſchworen, um Geld zu erpreſſen, noch will ich irgend etwas Der⸗ artiges ſagen, weil wir hier Männer und Frauen von Welt ſind, und weil es unſere Abſicht iſt, Alles in Güte und in Ordnung abzumachen, ſo daß Jedermann dabei zu⸗ frieden iſt. Aber ich ſage euch, daß ich mich über Etwas wundere: ich bin erſtaunt darüber, daß ihr es euch ein⸗ fallen ließet, drunten in der Vorhalle Spectakel zu ma⸗ chen. Es war das euren Intereſſen ſo entgegen. Das habe ich im Auge.“ „Wir wollten herein,“ macht Mr. Smallweed gel⸗ end. Ei natürlich, ihr wolltet herein,“ ſtimmt Mr Bu⸗ cket mit Freuden bei;„aber daß ein alter Herr wie Sie — ein alter Herr, der ſo recht ehrwürdig ausſieht, mer⸗ ken Sie auf das, was ich ſage!— daß ein alter Herr, deſſen Verſtand, wie ich nicht zweifle, durch den Verluſt Bleak Houſe. IV. 8 114 des Gebrauchs ſeiner Beine geſchärft iſt, der zur Folge hat, daß bei ihm alles Leben in den Kopf ſteigt— daß der nicht bedenkt, daß wenn er eine Sache, wie die vor⸗ liegende, nicht ſo viel wie möglich geheim hält, dieſelbe für ihn keinen Pfifferling werth ſein kann, iſt ſo merk⸗ würdig! Sie ſehen, ſie baben ſich von Ibrer Ungeduld bemeiſtern laſſen; und da haben Sie nun Boden verlo⸗ ren,“ beweist dem Alten Mr. Bucket in freundſchaftlicher Weiſe. „Ich ſagte bloß, daß ich nicht gehen würde, wenn nicht einer von den Bedienten zu Sir Leiceſter Dedlock hinaufginge,“ entgegnet Mr. Smallweed. „Das iſt's! Da haben Sie ſich von Ihrer Unge⸗ duld bemeiſtern laſſen. Ein anderes Mal ſeien Sie ſo geſcheidt, und bemeiſtern Sie dieſelbe,— und Sie wer⸗ den Geld damit machen. Soll ich den Bedienten klin⸗ geln, daß man Sie wieder hinunterbringt?“ „Wann werden wir Weiteres über die Sache hören?“ fragt Mrs. Chadband ernſt. „Meiner Seel', es ſpricht Ihr Geſchlecht recht aus Ihnen! Immer neugierig iſt Ihr bezauberndes Ge⸗ ſchlecht!“ verſetzt Mr. Bucket galant.„Ich werde das Vergnügen haben, morgen oder übermorgen bei Ihnen anzurufen— ohne dabei Mr. Smallweed und ſeinen Vorſchlag von zwei Fünfzig⸗Pfund Noten zu vergeſſen.“ „Fünfhundert, fünfhundert!“ ruft Mr. Smallweed aus. „Schon recht! Nominell fünfhundert;“ Mr. Buckets Hand liegt an der Klingelſchnur;„ſoll ich Ihnen für mich ſelbſt und für den Herrn dieſes Hauſes für jetzt Anen guten Tag wünſcheu?“ fragt er in inſinnirendem one. Da Niemand ſo frech iſt, dagegen Etwas einzuwen⸗ den, ſo klingelt er. Sofort zieht ſich die Geſellſchaft zurück, wie ſie her⸗ aufgekommen. Mr. Bucket geht mit bis an die Haus⸗ thüre, und ſagt, zurückkommend, mit ernſter Geſchäfts⸗ miene: „Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, an Ihnen iſt es, zu erwägen, ob wir dieſe Leute mit Geld zum Schwei⸗ gen bringen ſollen oder nicht. Was mich betrifft, ſo möchte ich, im Ganzen genommen, rathen, den Leuten den Mund zu ſtopfen; auch glaube ich, daß nicht allzu viel Geld dazu erforderlich iſt. Sie ſehen, die kleine ein⸗ gemachte Gurke von einer Mrs. Snagsby iſt von allen bei dieſer Speculation Betheiligten benutzt worden, und hat durch ihre Geſchäftigkeit weit mehr Unheil angeſtiftet, als wenn ſie daſſelbe wirklich beabſichtigt hätte. Mr. Tulkinghorn, der Verſtorbene, hielt alle dieſe Mähren in der Hand, und hätte dieſelben, ich zweifle keinen Augen⸗ blick daran, dahintreiben können, wohin er gewollt hätte; aber er purzelte kopfüber von dem Kutſchbocke herab, und nun haben die Mähren die Füße in den Strängen und ziehen und zerren, dieſe dahin, jene dorthin. So iſt es, und ſo iſt das Leben. Iſt die Katze hinaus, ſo ſpielen die Mäuſe; geht das Eis auf, ſo fließt das Waſſer wie⸗ der luſtig dahin. Und nun wollen wir zu der Perſon kommen, die feſtgenommen werden muß!“ Sir Leiceſter ſcheint, obwohl ſeine Augen unterdeſſen weit geöffnet geweſen, hier aufzuwachen; und ſchaut Mr. Bucket aufmerkſam an, während Mr. Bucket ſeine Uhr befragt. „Die Perſon, die verhaftet werden muß, befindet ſich jetzt in dieſem Hauſe,“ fährt Mr. Bucket, ſeine Uhr mit feſter Hand einſteckend, und mit ſteigender Lebhaftigkeit fort,„und ich bin im Begriffe, dieſelbe in Ihrer Gegen⸗ wart ins Gefängniß abzuführen. Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, ſagen Sie kein Wort und rühren Sie ſich nicht. Es wird gar keinen Lärm geben, und es ſoll gar kein Aufſehen gemacht werden. Ich werde im Laufe des Abends, wenn es Ihnen genehm iſt, wieder kommen, und Ihren Wünſchen in Betreff dieſer unglücklichen Familiengeſchichte 116 und der paſſendſten Art, dieſelbe nicht weiter ruchtbar werden zu laſſen, entgegenzukommen ſuchen. Und nun, Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, ſeien Sie nicht unruhig darüber, daß die Verhaftung jetzt ſtattfindet. Sie ſollen in der ganzen Sache klar ſehen, von Anfang bis zu ude.“ Mr. Bucket klingelt, geht nach der Thüre hin, flü⸗ ſtert Merkur ein Paar Worte zu, ſchließt die Thüre wie⸗ ea und bleibt mit gefalteten Armen hinter derſelben ſehen. Nach ein paar Minuten geht die Thüre langſam auf, und es tritt eine Franzöſin herein. Mademoiſelle Hortenſe. Sobald ſie im Zimmer iſt, ſchlägt Mr. Bucket die Thüre zu, und ſtellt ſich mit dem Rücken gegen dieſelbe. Die Plötzlichkeit des Geräuſches hat zur Folge, daß die Eingetretene ſich umwendet, und nun erſt ſieht ſie Sir Leiceſter Dedlock in ſeinem Ruheſeſſel. „Ich bitte Sie um Verzeihung,“ murmelt ſie eilig. „Drunten ſagen ſie mir, es ſei Niemand hier.“ Ihr Schritt nach der Thüre hin führt ſie Mr. Bucket gerade gegenüber. Mit einem Male fährt ein Krampf üͤber ihr Geſicht hin; ſie wird todtenblaß. „Dieß iſt meine Miethfrau, Sir Leiceſter Dedlock,“ ſpricht Mr. Bucket, ihr zunickend.„Dieſe junge Aus⸗ länderin hat ſeit einigen Wochen bei mir gewohnt.“ „Was glauben Sie wohl, daß Sir Leiceſter ſich darum kümmere, mein Engel?“ entgegnet Mademoiſelle in ſcherzhaftem Tone. „Ei nun, mein Engel, wir werden das ſchon ſehen,“ erwidert Mr. Bucket. Mademoiſelle Hortenſe ſchaut ihn an, und ihre ſtraf⸗ fen Geſichtszüge haben hier einen finſtern Ausdruck, der allmälig in ein verächtliches Lächeln übergeht.„Sie ſind recht myſterieuſe. Sind Sie betrunken 2* 117 „Erträglich nüchtern, mein Engel,“ entgegnete Mr. Bucket. 11. 1 „Ich bin ſo eben mit Ihrer Frau in dieſem ſo garſti⸗ gen, ſo abſcheulichen Hauſe angekommen. Ihre Frau hat mich ſeit einigen Minuten verlaſſen. Drunten ſagen ſie mir, Ihre Frau ſei hier. Ich komme hierher, und Ihre Frau iſt nicht hier. Was ſollen dieſe Narretheien, ſagen Sie an?“ fragt Mademoiſelle, während ſie die Arme ruhig gekreuzt hält, zugleich aber Etwas in ihrer dunklen Wange wie eine Schlaguhr pocht. 1 Mr. Bucket ſchüttelt bloß den Finger nach ihr hin. „Ach, mein Gott, Sie ſind ein unglücklicher Idiot!“ ruft Mademoiſelle, wirft dabei den Kopf hin und her, und lacht.—„Laſſen Sie mich die Treppe hinunter, Sie großes Schwein!“ Hier ein Stoß mit dem Fuße und eine Drohung. „Und nun, Mademoiſelle,“ ſpricht Mr. Bucket in kühler, entſchloſſener Weiſe,„gehen Sie zu dem Sopha dort hin und ſetzen Sie ſich darauf!“ „Ich mag mich auf Nichts ſetzen,“ erwiedert ſie, un⸗ zählige Male mit dem Kopfe nickend. „Und nun, Mademoiſelle,“ wiederholt Mr. Bucket, keine Demonſtration, es ſei denn mit dem Finger, ma⸗ chend,„werden Sie ſich auf das Sopha dort ſetzen.“ „Ja, und warum denn?“ „Weil ich Sie verhafte, als eines Mordes verdäch⸗ tig, und ich brauche es Ihnen nicht erſt zu ſagen. Und nun will ich gegen eine Perſon von Ihrem Geſchlechte, und die dazu noch eine Ausländerin iſt, höflich ſein, wenn es mir möglich iſt. Iſt es mir nicht möglich, ſo muß ich eben unſanft zu Werke gehen; und es gibt Leute, die unſanfter ausſehen. Es hängt ganz von Ihnen ab, wel⸗ ches von beiden ich unn ſein werde. Ich rathe Ihnen daher als Freund, gehen Sie zu dem Sopha dort hin und ſetzen Sie ſich darauf, ehe noch ein anderer halber Augenblick über Ihrem Haupte hinweggegangen iſt!“ — 118 Mademoiſelle thut, wie ihr befohlen worden, und ſagt, während jenes Etwas in ihrer Wange geſchwind und heftig ſchlägt, mit concentrirter Stimme: „Sie ſind ein Teufel!“ „Nun haben Sie's, ſchauen Sie,“ fährt Mr. Bucket billigend fort,„bequem, und führen Sie ſich ſo auf, wie ich von einer jungen Ausländerin von Ihrem Verſtande es erwarten würde. Ich will Ihnen daher ein Stück guten Rath geben, und es geht dieſer dahin: Sprechen Sie nicht ſo viel. Sie brauchen hier gar Nichts zu ſagen und können der Zunge in Ihrem Kopf nicht allzu viele Ruhe gebieten. Kurz und gut, je weniger Sie parliren, um ſo beſſer iſt es, wiſſen Sie.“ Mr. Bucket gefällt ſich bei dieſer franzöſiſchen Er⸗ klärung offenbar nicht wenig. Mademoiſelle ſitzt mit der ihr eigenthümlichen, tiger⸗ artigen Mundausdehnung, und während aus ihren ſchwar⸗ zen Augen Feuer gegen ihn ſprüht, aufrecht auf dem Sopha in einem an Starrheit grenzenden Zuſtande, mit geballten Fäuſten, ja, man könnte ſogar glauben, mit ge⸗ ballten Füßen, und murmelt die Worte: „Oh, Sie Bucket, Sie ſind ein Teufel!“ „Schauen Sie nun, Sir Leiceſter Dedlock, Baronet,“ ſpricht Mr. Bucket, und von nun an findet der Finger keine Ruhe mehr,„dieſes junge Frauenzimmer, die bei mir logirt hat, war Ihrer Ladyſchaft Kammermädchen zu der Zeit, von der ich Ihnen geſprochen; und dieſes junge Frauenzimmer war nicht allein außerordentlich heftig und leidenſchaftlich gegen Ihre Ladyſchaft, nachdem ſie ihren Abſchied bekommen—“ „Lüge!“ ruft Mademoiſelle.„Ich habe mir ſelbſt den Abſchied gegeben.“ „Nun, nun, warum befolgen Sie meinen guten Rath nicht?“ erwiedert Mr. Bucket in eindringlichem, ja, faſt flehendem Tone.„Ich bin erſtaunt über die Unklugheit, die Sie begehen. Sie werden Etwas ſagen, das gegen .ꝙ-———— 9— u 119 Sie gebraucht werden wird, ſchauen Sie. Gewiß kommt es dazu. Kümmern Sie ſich gar nicht um das, was ich ſage, ſo lange es nicht als beſchworene Zeugenausſage kommt. Es iſt nicht an Sie gerichtet.“ „Was, noch dazu verabſchiedet worden,— von Ihrer Ladyſchaft,“ ruft Mademoiſelle wüthend.„Meiner Treu, eine hübſche Ladyſchaft! Ei, ich r—r— r— ruinire meinen Charakter, wenn ich bei ſo infamer Ladyſchaft bleibe!“ „Meiner Seele, ich muß mich über Sie wundern!“ remonſtrirt Mr. Bucket.„Ich glaubte, die Franzoſen ſeien ein höfliches Volk,— ja, das glaubte ich wirklich. Und doch muß ich nun ein Frauenzimmer ſo fortmachen hören vor Sir Leiceſter Dedlock, Baronet!“ „Oh, er iſt ein armer Tropf, den man hinters Licht führt!“ ruft Mademoiſelle.„Ich ſpeie auf ſein Haus, auf ſeinen Namen, auf ſeine Imbecillität,“ welche Dinge alle ſie den Teppich vorſtellen läßt.„Oh, der iſt ein großer Mann! O ja, ſuperb! O Himmel! Bah!“ „Wohlan, Sir Leiceſter Dedlock,“ fährt Mr. Bucket fort,„dieſe leidenſchaftliche Ausländerin ſetzte ſich gleich⸗ falls zoruiger Weiſe in den Kopf, daß ſie ſich bei Mr. Tulkinghorn, dem Verſtorbenen, rechtmäßige Anſprüche erworben, indem ſie bei der Gelegenheit, von der ich Ihnen geſprochen, auf ſeinem Büreau ſich einfand; ob⸗ gleich ſie für ihre Zeit und Bemühnng recht ſchön be⸗ zahlt wurde.“ „Lüge!“ ſchreit Mademoiſelle.„Ich habe ſein Geld ganz ver—r—r- weigert.“ („Weun Sie parliren wollen, wiſſen Sie,“ ſpricht Mr. Bucket parenthetiſch,„ſo müſſen Sie auch die Fol⸗ gen tragen.) Ob Sie nun ſich bei mir einlogirte, Sir Leiceſter Dedlock, mit dem Vorbedacht und in der Ab⸗ ſicht, dieſes Verbrechen zu begehen und mich zu verblen⸗ den,— darüber erlaube ich mir keine Anſicht; aber ſie wohnte in der genannten Eigenſchaft in meinem Hauſe H 12⁰0 zu der Zeit, wo ſie das Büreau des verſtorbenen Tulking⸗ horn umſchwebte in der Abſicht, Streit mit ihm anzu⸗ fangen, und wo ſie in ähnlicher Weiſe einem unglück⸗ lichen Schreibmaterialienhändler keine Ruhe ließ und ihn halb zu Tod erſchreckte.“ „Lüge!“ ſchreit Mademoiſelle.„Lanter Lüge!“ „Der Mord wurde verübt, Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, und Sie wiſſen, unter welchen Umſtänden. Folgen Sie mir nun, ich bitte Sie darum, ein paar * Minuten mit aller möglichen Aufmerkſamkeit. Es wurde nach mir geſchickt und der Fall mir anvertraut. Ich unterſuchte den Ort, und den Leichnam, und die Papiere, und Alles. Zufolge einer mir gewordenen Nachricht(es kam mir dieſelbe von einem Gehilfen in demſelben Hauſe zu) verhaftete ich George, da man ihn in der Nacht und an dem Abende, und ſo ziemlich auch um die Zeit des Verbrechens dort hatte herumlungern ſehen; und ferner hatte man gehört, wie er ſchon bei früheren Anläſſen mit dem Verſtorbenen Streit gehabt hatte— ja denſelben ſogar bedrohte, wie der Zeuge bewies. Fragen Sie mich nun, Sir Leiceſter Dedlock, ob ich ſchon Anfangs ge⸗ glaubt, es ſei George der Mörder, ſo antworte ich Ihnen aufrichtig mit Nein; nichts deſto weniger konnte er es aber auch ſein; und es lag ſo viel gegen ihn vor, daß es meine Pflicht war, ihn zu faſſen und nicht ſobald wie⸗ der loszulaſſen, und nun merken Sie auf!“ Während Mr. Bucket etwas aufgeregt(für eine Perſon, wie er iſt) ſich vorwärts beugt, und das, was er zu ſagen im Begriffe iſt, mit einem geiſterhaften Schlage ſeines Zeigefingers in die Luft einführt, heftet Mademoiſelle Hortenſe ihre ſchwarzen Augen mit einem finſteren Blicke auf ihn, und preßt ihre trockenen Lippen feſt und dicht zuſammen. „Ich kam, Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, Abends nach Hauſe und fand dieſes junge Frauenzimmer bei meiner Frau, Mrs. Bucket, mit der ſie zu Nacht ſpeiſte. —, a n 2* SUo——"² ᷣ 8— 8S8ᷣ* ARn 121 Schon von dem erſten Augenblicke an, wo ſie ſich bei uns einlogiren wollte, war ſie gewaltig freigebig mit ihren Liebesbezeigungen, Mrs. Bucket gegenüber; an jenem Abend aber war ſie damit noch viel freigebiger, als je— ja,— ja, ſie übermachte es. Ebenfalls legte ſie mir gar zu viele Achtung und ſo fort für das Andenken des unglücklichen verſtorbenen Mr. Tulkinghorn an den Tag. So wahr Gott lebt, es ſchoß mir, als ich am Tiſche ihr gegenüber ſaß, und ſie mit einem Meſſer in der Hand ſah, der Gedanke durch den Kopf, ſie habe das Verbrechen begangen!“ Mademoiſelle iſt kaum hörbar, indem ſie durch ihre Zähne und Lippen hindurch preßt: „Sie ſind ein Teufel!“ „Wo war ſie nun,“ fährt Mr. Bucket fort,„an dem Abende des Mords geweſen? Im Theater.(Auch war ſie, wie ich ſeitdem ausfindig gemacht, wirklich dort, ſowohl vor, als nach der That.) Ich wußte, daß ich es mit einer ſchlauen Perſon zu thun hatte, und daß es ſehr ſchwer ſein würde, die nöthigen Beweiſe beizubrin⸗ gen; und ich ſtellte ihr eine Falle,— eine Falle, wie ich noch nie eine geſtellt; und die Sache iſt mir geglückt, wie noch nie eine. „Ich dachte den ganzen Plan aus, während ich beim Abendeſſen mit ihr ſprach. Als ich die Treppe hinauf⸗ ging, um mich zu Bette zu legen, ſtopfte ich, da unſer Haus klein, und die Ohren dieſes Frauenzimmers fein ſind, das Betttuch Mrs. Bucket in den Mund, damit ſie kein Wort der Ueberraſchung hören laſſen ſollte, und er⸗ zählte ihr dann die ganze Geſchichte— meine Liebe, laſſen Sie ſich das nicht mehr einfallen, ſonſt kette ich Ihre Füße an den Knöcheln zuſammen!“ Mr. Bucket iſt, plötzlich abbrechend, geräuſchlos über Mademoiſelle gekommen und hat ſeine ſchwere Hand auf ihre Schulter gelegt. „Nun, was haben Sie jetzt?“ fragt ſie ihn. 1²² „Laſſen Sie ſich ja nicht mehr einfallen,“ eutgegnet Mr. Bucket mit mahnendem Finger,„ſich aus dem Fenſter hinausſtürzen zu wollen. Schauen Sie, das habe ich. Kom⸗ men Sie! Nehmen Sie meinen Arm ein Bischen! Sie brauchen deßhalb nicht aufzuſtehen; ich werde mich neben Sie ſetzen. Nun, ſo nehmen Sie doch meinen Arm! Wollen Sie? Ich bin ja, wie Sie wiſſen, geheirathet. Sie kennen ja meine Frau. Nehmen Sie meinen Arm ein Bischen!“ Sich vergebens bemühend, ihre trockenen Lippen zu befeuchten, wobei ſie einen peinlichen Ton hören läßt, kämpft ſie mit ſich ſelbſt und fügt ſich. „Und nun iſt Alles wieder in Ordnung. Sir Lei⸗ ceſter Dedlock, Baronet, dieſer Fall hätte nie der Fall wer⸗ den können, der er iſt, wäre nicht Mrs. Bucket geweſen, der es unter fünfzigtauſend, ja, unter hundertfünzigtau⸗ ſend Frauen kaum eine gleich thut! Um dieſes lunge Frauenzimmer etwas unbehutſam zu machen, habe ich ſeitdem unſer Haus mit keinem Fuße mehr betreten, ob⸗ gleich ich mit Mrs. Bucket in den Brodlaiben des Bäckers, ſowie in der Milch communizirt habe, ſo oft es erfor⸗ derlich war. „Die Worte, die ich Mrs. Bucket zuflüſterte, als ſie das Betttuch im Munde hatte, waren dieſe: ‚Meine Liebe, kannſt Du ſie immer ſicherer machen, indem Du ihr in ganz natürlicher Weiſe von dem Verdacht, den mir George einflöße, ſowie von dieſem und jenem ſprichſt? Kannſt Du aller Ruhe entſagen und ſie Tag und Nacht bewachen? Getraueſt Du Dir, zu ſagen: ſie ſoll Nichts thun ohne mein Wiſſen, ſie ſoll meine Gefangene ſein, ohne es zu ahnen,— ſie ſoll mir ebenſo wenig entgehen, als dem Tode,— und es ſoll ihr Leben mein Leben, und ihre Seele meine Seele ſein, bis ich ſie gefangen habe, wenn ſie dieſen Mord begangen? Mrs. Bucket aber ſagte zu mir, ſo gut ſie eben mit dem Betttuch im Munde —,—— &ᷣ S Sͤ SSe 0— 123 ſprechen konnte:„Bucket, ja, ich kann es!“ und ſie hat die Sache herrlich durchgeführt!“ „Lügen!“ fällt Mademoiſelle ein.„Lügen, Nichts als Lügen, mein Freund!“ 1 „Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, wie bewährten ſich meine Berechnungen unter dieſen Umſtänden? Als ich calculirte, daß dieſes leidenſchaftliche junge Frauenzimmer es in neuen Richtungen übermachen würde, hatte ich da Recht oder Unrecht? Ich hatte Recht. Was verſuchte ſie zu thun? ſie ſuchte,— laſſen Sie ſich dadurch nicht be⸗ irren!— den Mord auf Ihre Ladyſchaft zu werfen.“ Sir Leiceſter ſteht hier unwillkürlich auf und taumelt wieder in ſeinen Ruheſeſſel zurück. 1 „Und ſie wurde darin ermuthigt dadurch, daß ſie hörte, ich ſei beſtändig hier— was abſichtlich geſchah. Und nun machen Sie dieſes mein Taſchenbuch auf, Sir Leiceſter Dedlock, wenn ich ſo frei ſein darf, es Ihnen zuzuwerfen, und ſchauen Sie die Briefe an, die mir zu⸗ geſchickt worden ſind, und von denen jeder die zwei Worte enthält: ‚Lady Dedlock.“ Machen Sie den an Sie ſelbſt adreſſirten Brief auf, den ich noch heute Morgen aufgefangen, und leſen Sie die darin enthaltenen drei Worte: ‚Lady Dedlock, Mörderin.“ Es hat ſolche Briefe geregnet; es ſind dieſelben hageldicht gekommen. Was ſagen Sie nun dazu, daß Mrs. Bucket von ihrem Spionirplätzchen aus beobachtete, wie dieſes junge Frauen⸗ zimmer dieſe Briefe alle ſchrieb? Was ſagen Sie dazu, daß Mrs. Bücket in der letzten halben Stunde die Dinte und das Papier, die zur Correſpondenz gedient haben, die übrig gebliebenen halben Papierbogen, und ich weiß nicht, was noch, in Sicherheit gebracht hat? Was ſagen Sie dazu, Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, daß Mrs. Bucket beobachtete, wie dieſes junge Frauenzimmer jeden dieſer Briefe in die Brieflade warf?“ fragt Mr. Bucket, in der Bewunderung, die ihm das Genie ſeiner Frau einflößt, triumphirend, 124 Zwei Dinge machen ſich beſonders bemerkbar, wäh⸗ rend Mr Bucket zum Schluſſe eilt. Das erſte iſt, daß er unmerklich ein furchtbares Eigenthumsrecht auf Ma⸗ demoiſelle geltend zu machen ſcheint. Das zweite iſt, daß ſogar die Atmoſphäre, die ſie einathmet, ſo eng und un⸗ behaglich um ſie her zu ſein ſcheint, wie wenn ein enges Netz oder ein Leichentuch immer feſter um ihre athem⸗ loſe Geſtalt gezogen würde. S „Es unterliegt keinem Zweifel, daß Ihre Ladyſchaft um die verhängnißvolle Zeit an Ort und Stelle war,“ ſpricht Mr. Bucket;„und meine ausländiſche Freundin hier ſah ſie, wie ich glaube, von dem obern Theil der Treppe aus. Ihre Ladyſchaft, und George, und meine ausländiſche Freundin waren alle ſo ziemlich einander auf den Ferſen. Aber es hat das nun Nichts mehr zu be⸗ deuten; ſomit will ich mich auch nicht darauf einlaſſen. „Ich fand den Pfropf des Piſtols, womit der ver⸗ ſtorbene Mr. Tulkinghorn erſchoſſen worden. Es war ein Stück von der gedruckten Beſchreibung Ihres Hauſes zu Chesney Wold. Es habe das nicht ſonderlich viel zu bedeuten, werden Sie ſagen, Sir Leiceſter Dedlock, Baronet. Nein, es hat das auch nicht gar viel zu be⸗ deuten. Wenn aber meine ausländiſche Freundin hier ſo gar unbehutſam iſt, daß ſie es für gerathen hält, den Reſt dieſes Blatts zu zerreißen, und wenn Mr. Bucket die Stücke zuſammenlegt und findet, daß das Stück, woraus der Pfropf gemacht worden, fehlt, ſo fängt die Sache denn doch an, etwas ſonderbar auszuſehen.“ „Das ſind ellenlange Lügen,“ fällt Mademoiſelle ein.„Sie ſchwatzen viel dummes, langweiliges Zeug. Sind Sie bald fertig, oder wollen Sie ewig fort⸗ ſchwatzen?“ „Sir Leiceſter Dedlock, Baronet,“ fährt Mr. Bucket fort, der gern Jedem ſeinen vollen Titel gibt, und ſich ſelbſt Gewalt anthut, wenn er einen Theil deſ⸗ ſelben wegläßt,„der letzte Punkt in dem Falle, deſſen NRᷣNRNR — 12⁵ ich nun Erwähnung thun werde, zeigt die Nothwendig⸗ keit der Geduld in unſerem Geſchäfte, und zeigt, daß man ſich nie bei Etwas übereilen muß. Ich beobachtete ge⸗ ſtern dieſes junge Frauenzimmer, ohne daß ſie es wußte, als ſie dem Leichenbegängniſſe in der Geſellſchaft meiner Frau zuſah, die auf den Gedanken kam, ſie dorthin zu bringen, und ich hatte ſo viel Zeit, um ſie zu überfüh⸗ ren, und ich ſah auf ihrem Geſichte einen ſolchen Aus⸗ druck, und ich war ſo empört über ihre Bosheit gegen Ihre Ladyſchaft, und es war die Zeit ſo ganz die Zeit, das Geſetz eine rächende Hand gegen ſie ausſtrecken zu laſſen, daß ich, wäre ich jünger und unerfahrener geweſen, ſie gefaßt haben würde,— ja, gewiß. Und als am vergangenen Abende Ihre Ladyſchaft, die, ich bin es gewiß, ſo allgemein dewundert wird, heimkam, und dieſelbe— ei, du Gott! man wäre faſt verſucht, zu ſagen, wie eine dem Ocean entſteigende Venus aus⸗ ah,— da war es ſo unangenehm und ſo unconſequent, zu denken, daß ſie eines Mords beſchuldigt ſei, an dem ſie doch unſchuldig war, daß es mir war, es müſſe der Sache nun ein Ende gemacht werden. „Was würde ich verloren haben? Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, ich würde die Waffen verloren haben. Meine Gefangene hier machte, nachdem ſich der Leichenzug ent⸗ fernt hatte, Mrs. Bucket den Vorſchlag, eine kleine Landpartie zu machen und in einem recht anſtändigen Gaſthauſe den Thee zu trinken. Nun aber befindet ſich neben dieſem Gaſthauſe ein kleines Baſſin. Beim Thee ſtand meine Gefangene auf, um ihr Taſchentuch vom Schlafzimmer herunterzuholen, wo die Hüte lagen; ſie kisbgein Bischen lange aus und kam etwas außer Athem zurück. „Sobald ſie wieder heimkamen, wurde mir dieß von Mrs. Bucket ſammt ihren Bemerkungen und Ver⸗ dachtsgründen berichtet. Ich aber ließ im Beiſein von etlichen unſerer Leute das Baſſin beim Mondſchein durch⸗ 126 ſuchen, und noch ehe ein halb Dutzend Stunden ver⸗ floſſen waren, wurde das Taſchenpiſtol heraufgebracht. Und nun, meine Liebe, ſtecken Sie Ihren Arm etwas mehr unter dem meinigen hindurch, und halten Sie den⸗ ſelben feſt: ich thue Ihnen Nichts!“ In einem Nu hat Mr. Bucket eine Handſchelle um ihr Handgelenk befeſtigt. „Numero eins!“ ſpricht Mr. Bucket.„Und die au⸗ dere Hand her, Schätzchen, Numero zwei, und es iſt dann Alles aus!“ Er ſteht auf; ſie gleichfalls. „Wo,“ fragt ſie ihn, und es verdunkeln ſich ihre großen Augen, bis ihre ſich ſenkenden Lider ſie faſt ver⸗ bergen— und doch ſtarren ſie noch,„wo iſt Ihr fal⸗ ſches, Ihres verrätheriſches, Ihr verfluchtes Weib?“ „Sie iſt auf das Polizeibureau gegangen,“ ent⸗ gegnet Mr. Bucket.„Dort koͤnnen Sie ſie ſehen, meine Liebe.“ „Ich möchte ſie küſſen!“ ruft Mademoiſelle Hortenſe, wie eine Tiegerin keuchend. „Sie möͤchten ſie vermuthlich beißen,“ ſpricht Mr. Bucket. „Ja das möchte ich,— ja, das würde ich thun!“ dabei reißt ſie die Augen weit auf.„Ich möͤchte ſie Glied um Glied zerreißen. „Liebes Schätzchen,“ ſpricht Mr. Bucket mit größ⸗ ter Ruhe,„der Himmel ſegne Sie! Ich bin gar nicht erſtaunt, das zu hören. Euer Geſchlecht hat eine ſo erſtaunliche gegenſeitige Animoſität, wenn ihr mit einan⸗ der uneins werdet und nicht ganz der gleichen Anſicht ſeid. Es liegt Ihnen wohl nicht halb ſo viel an mir, nicht wahr?“ „Nein, obwohl Sie immer noch ein Teufel ſind.“ „Bald Engel, bald Teufel, he?“ ruft Mr. Bucket. „Aber Sie müſſen bedenken, daß ich nur thue, was meines Amtes iſt. Erlauben Sie mir, daß ich Ihren 127 Shawl ordne, damit Sie ein Bischen ſauber ausſehen. Ich habe ſchon gar vielen als Kammerfrau gedient. Iſt der Hut in Ordnung? An der Thüre iſt ein Fiaker.“ Mademoiſelle Hortenſe wirft einen unwilligen Blick auf den Spiegel, ſchüttelt ſich mit einer einzigen Bewe⸗ gung zurecht, und ſieht— dieſe Gerechtigkeit müſſen wir ihr widerfahren laſſen,— ungewöhnlich nett und ſauber aus. „So horchen Sie deun, mein Engel!“ ſpricht ſie, nachdem ſie mehrmals in ſarkaſtiſcher Weiſe mit dem Kopfe genickt.„Sie ſind recht geiſtreich. Können Sie Ihm aber wieder das Leben ge— ben?“ Mr. Bucket antwortet: „Das nicht gerade.“ „Das iſt doch drollig. Horchen Sie noch ein Bis⸗ chen! Sie ſind ſehr geiſtreich. Können Sie eine ehren⸗ hafte Dame aus Ihr machen?“ „Seien Sie nicht ſo maliziös!“ ſpricht Mr. Bucket. „Oder einen ſtolzen Gentleman aus ihm?“ ruft Mademoiſelle mit unausſprechlicher Verachtung, zu Sir Leiceſter hingewandt.„Ei! Betrachten Sie ihn voch! das arme Kindlein! Ha ha ha!“ „Kommen Sie, kommen Sie! Dieß Parliren iſt noch ſchlimmer, als das andere,“ ſpricht Mr. Bucket. „Kommen Sie mit!“ „Sie können das nicht thun? Wohlan, ſo können Sie mit mir verfahren, wie Sie wollen. Es iſt bloß der Tod; es iſt all eins. Wir wollen gehen, mein Engel. Leben Sie wohl, Sie alter graner Mann! Ich bemit⸗ leide Sie, und verachte Sie!“ Mitt dieſen letzten Worten ſchlägt ſie die Zähne gegen einander, wie wenn ſich ihr Mund vermittelſt einer Fe⸗ der ſchlöße. Es iſt unmöglich, die Art und Weiſe zu beſchreiben, wie Mr. Bucket ſie hinausbringt. Aber er vollführt die⸗ ſes Heldenſtück in einer ihm eigenthümlichen Weiſe: er umgibt und durchdriugt ſie wie eine Wolke und ſchwebt mit ihr davon, wie wenn er ein ſchlichter Jupiter und ſie der Gegenſtand ſeiner Liebe wäre. Der allein zurückgebliebene Sir Leiceſter verharrt in derſelben Stellung, wie wenn er noch immer horchte, und wie wenn ſeine Aufmerkſamkeit noch immer beſchäf⸗ tigt wäre. Endlich ſchaut er in dem leeren Zimmer um⸗ her, und ſtellt ſich, als er daſſelbe verödet findet, un⸗ ſicher auf die Füße, ſchiebt ſeinen Seſſel zurück, und macht ein paar Schritte, wobei er ſich am Tiſche hält. Dann bleibt er wieder ſtehen, hebt mit einigen weiteren von jenen unartikulirten Lauten die Augen in die Höhe, und ſcheint Etwas anzuſtarren. Der Himmel weiß, was er gewahrt. Den grünen Wald von Chesney Wold, das herrliche Schloß, die Porträts ſeiner Ahnen, fremde Leute, welche dieſelben ſchänden, Polizeiagenten, die in roher Weiſe mit ſeinen koſtbarſten Erbſtücken umgehen, Tauſende von Fingern, die auf ihn deuten, Tauſende von Geſichtern, die ihn höhniſch anlächeln. Wenn aber auch ſolche Schatten zu ſeiner Verwirrung vor ihm hinfliegen, ſo iſt doch noch ein anderer Schatten da, den er ſelbſt jetzt noch mit einiger Deutlichkeit nennen kann, und an den er allein die Zerraufung ſeines weißen Haares und ſeine ausge⸗ ſtreckten Arme richtet. Sie iſt es, mit der er nie einen ſelbſtſüchtigen Ge⸗ danken verbunden hat, wenn man den Umſtand abrech⸗ net, daß ſie ſeit Jahren ein Hauptfiber an der Wurzel ſeiner Würde und ſeines Stolzes geweſen iſt. Sie iſt es, die, im Herzen all' der gezwungenen Formalitäten und Convenienzen ſeines Lebens, ein Quell lebendiger Zärtlichkeit und Liebe geweſen war, der, wie ſonſt Nichts, von der Qual, die er fühlt, berührt werden kann. Er ſieht nur ſie, und vergißt ſich faſt ſelbſt dabei; er kann es nicht verwinden, daß ſie von der hohen Stellung 129. heruntergeſtürzt ſein ſoll, der ſie ſo viele Ehre ge⸗ macht. Und wenn er auch auf den Boden hinſinkt und ſein Leiden vergißt, kann er doch immer noch ihren Namen mit einiger Deutlichkeit ausſprechen, inmitten dieſer zu⸗ dringlichen, überläſtigen Laute, und mehr in einem Tone der Klage und des Mitleids, als in dem des Vor⸗ wurſs. fünfundfünfzigſtes Kapitel. Flucht. Inſpector Bucket von der Sicherheitspolizei hat den großen, ſo eben verzeichneten Schlag noch nicht geführt, ſondern erquickt ſich noch durch einen geſunden Schlaf, wodurch er die nöthige Kraft für den Schlachttag bekom⸗ men ſoll: da fährt durch die Nacht hin und die gefrie⸗ renden, winterlich ausſehenden Wege entlang ein mit zwei Pſerdeu beſpannter Wagen aus Lincolnſhire nach London herauf. Bald werden Eiſenbahnen dieſes ganze Land durch⸗ ſchneiden und bald werden Locomotive und Zug, raſſelnd und feuerſprühend, gleich einem Meteor über die weite Nachtlandſchaft hinſchießen und den Mond noch bläſſer machen, für jetzt noch aber exiſtiren ſolche Dinge in die⸗ ſem Theile des Landes noch nicht, obgleich ſie nicht ganz unerwartet ſind. Es ſind Vorbereitungen im Gange, es werden Meſſungen vorgenommen, es wird der Boden Bleak Houſe IV. 9 130 abgepfählt. Es werden Brücken angefangen, und ihre noch nicht mit einander vereinigten Pfeiler ſchauen über Wege und Ströme hin einander traurig an, wie Backſtein⸗ und Mörtel⸗Paare, deren Verbindung ſich ein Hinderniß ent⸗ gegenſetzt; es werden Stücke von Dämmen aufgeworfen und als Abgründe gelaſſen, über welche wilde Ströme von alten Karren und Schubkarren hinunterſtürzen; Dreifuße von hohen Stangen zeigen ſich auf Bergſpitzen, wo Tunnels durchkommen ſollen; Alles ſiebt chaotiſch aus und ſcheint grauſamer Hoffnungsloſigkeit anheimgegeben. Die gefrierenden Wege entlang und durch die Nacht hin fährt die Poſtkutſche, ohne an eine Eiſenbahn zu denken. Mrs. Rouncewell, ſeit ſo vielen Jahren Haushäl⸗ terin auf Schloß Chesney Wold, ſitzt in der Kutſche; neben ihr ſitzt Mrs. Bagnet mit ihrem grauen Mantel und ihrem Regenſchirm. Das alte Mädel würde die Barre vorn an der Kutſche vorziehen, da dieſelbe dem Wetter ausgeſetzt und eine primitive Art von einer Hüh⸗ nerſtange iſt, welche mit ihrer gewöhnlichen Art, zu reiſen, mehr im Einklang ſteht. Aber Mrs. Rouncewell iſt zu ſehr auf die Bequemlichkeit ihrer Begleiterin be⸗ dacht, als daß ſie dieſelbe dieſen Vorſchlag auch nur machen ließe. Die alte Frau kann das alte Mädel nicht hoch genug ſchätzen und ſie lieb genug haben. Sie ſitzt in ihrer ſtattlichen Weiſe da, hält ihre Hand feſt, und bringt dieſelbe, ohne auf ihre Rauhigkeit zu achten, ein Mal um das andere an ihre Lippen.„Sie ſind Mutter, meine liebe Seele,“ ſpricht ſie gar oft,„und haben die Mutter meines George ausfindig gemacht!“ „Ei, George,“ verſetzt Mrs. Bagnet,„war ſtets offen gegen mich und genirte ſich bei mir nicht, Ma'am, und als er in unſerem Hauſe zu meinem Woolwich ſagte, daß meinem Woolwich, wenn er ein Mal groß wäre, kein Gedanke ſo viele Freude machen würde, als der, daß er nie eine Linie des Kummers auf das Geſicht ſei⸗ ner Mutter gebracht, oder daß er nie ein Haar auf ihrem hälterin eine kleine Weil 131 Haupte grau gemacht,— da zeigte mir ſein ganzes Be⸗ nehmen, daß etwas Neues ihm ſeine Mutter wieder in's Gedächtniß gerufen. Ich hatte in vergangenen Zeiten ihn oft zu mir ſagen bören, daß er ſich ſchlecht gegen ſie benommen.“ „Nie, meine Liebe, nie!“ verſetzt Mrs. Rouncewell, in Thränen ausbrechend.„Nie, nie! Möge mein Segen auf ihm ruhen! Er hatte mich immer gern, und war immer liebevoll gegen mich,— ja, ja! Aber mein George hatte einen kühnen Geiſt, und wurde ein Bischen ausgelaſſen, und ließ ſich anwerben. Und ich weiß, daß er anfäng⸗ lich mit dem Schreiben warten wollte, bis er zum Offi⸗ zier avancirt wäre; und als er eben nicht avancirte, da glaubte er, ich weiß es gewiß, er ſei für uns zu niedrig, und wollte uns keine Schande machen. Denn er hatte ein Löwenherz, ja, das hatte mein George— immer— von Kindesbeinen an.“ Die Hände der alten Frau irren, wie in früheren Jahren, um ſie her, während ſie zitternd ſich daran er⸗ innert, was für ein hübſcher Burſche, was für ein feiner Burſche, was für ein luſtiger, gutlauniger, geſcheidter Burſche er geweſen; wie drunten zu Chesney Wold ſie Alle ibn liebgewonnen; wie Sir Leiceſter Zuneigung zu ihm faßte, als derſelbe noch ein junger Gentleman war; wie die Hunde ihn gern hatten; wie ſelbſt die Leute, die böſe auf ihn geweſen waren, ihm verziehen, ſobald er fort war— der arme Burſche. Und nun ihn nach ſo langer Zeit, und zwar in einem Kerker wiederſehen! Und der breite Bruſtlatz hebt ſich, und die ſchmucke, aufrechte, altmodiſche Geſtalt beugt ſich unter der Laſt liebevoller Pein, die ſie drückt. rs. Bagnet überlä ſchichre ßt mit der inſtinktmäßigen Ge⸗ icklichkei eines guten, warmen Herzens die alte Haus⸗ e ihren Gemüthsbewegungen,— jedoch nicht, ohne mit dem Rücken ihrer Hand über ihre 13² eigenen mütterlichen Augen hinzufabren, und zirpt bald wieder in ihrer fröhlichen Weiſe, wie folgt: „Ich ſage alſo zu George, als ich ihn zum Thee hereinrufe(er gab vor, er rauche draußen ſeine Pfeife): „Was ums Himmelswillen fehlt Ihnen denn heute Nach⸗ mittag, George? Ich habe Sie doch ſo ziemlich oft zur rechten Zeit und zur Unzeit, in der Fremde und in der Heimath geſehen, nie aber habe ich Sie ſo melancholiſch reumüthig geſehen. 4 „Je nun, Mrs. Bagnet, ſpricht George, iich ſehe ſo aus, ſchauen Sie, weil ich eben heute Nachmittag nicht allein melancholiſch, ſondern auch reumüthig bin.“ „Was haben Sie denn angeſtellt, alter Burſche?“ ſage ich.“ „Schauen Sie, Mrs. Bagnet,“ fpricht George kopf⸗ ſchüttelnd, ‚was ich gethan, iſt ſchon ſeit vielen Jahren gethan worden, und es iſt wohl das Beſte, wenn ich es nicht verſuche, es jetzt ungeſchehen zu machen. Komme ich je in den Himmel, ſo komme ich nicht darum hinein, weil ich einer verwittweten Mutter ein guter Sohn ge⸗ weſen; weiter ſage ich nicht.: „Als nun, Ma'am, George mir ſagt, es ſei am Beſten, wenn er es nicht verſuche, das Geſchehene unge⸗ ſchehen zu machen, habe ich ſo, wie früher ſchon oft, meine Gedanken, und locke aus George heraus, wie es denn kommt, daß er dieſen Nachmittag ſich mit ſolchen Dingen plagt. Dann ſagt mir George, daß er auf dem Bureau des Advocaten eine feine alte Frau geſehen, die ihm wie ſeine leibhaftige Mutter erſchienen; und dann macht er von dieſer alten Frau fort, bis er ſich ganz ver⸗ gißt, und mir ihr Porträt malt, wie ſie vor vielen, vielen Jahren geweſen. „Ich ſage alſo zu George, als er fertig geworden iſt, wer denn die alte Dame ſei, die er geſehen? Und George ſagte mir, es ſei Mrs. Rouncewell, ſeit mehr denn einem halben Jahrhunderte Haushälterin bei der 133 Dedlock'ſchen Familie drunten in Chesney Wold in Lin⸗ colnſhire. George aber hat mir ſchon früher geſagt, daß er aus Lincolnſhire ſei, und ich ſage an jenem Abende zu meinem alten Lignum: Lignum, das iſt ſeine Mutter, ich wette fünfundvierzig Pfund!““ Alles dieſes erzählt Mrs. Bagnet jetzt wohl zum zwanzigſten Male innerhalb der letzten vier Stunden. Sie trillert es heraus, wie eine Art Vogel, in ziemlich hohem Tone, damit es für die alte Dame bei dem Ge⸗ ſumme, das die Räder machen, hörbar iſt. „Gott ſegne Sie, und nehmen Sie meinen Dank hin!“ ſpricht Mrs. Rouncewell.„Gott ſegne Sie, und nehmen Sie meinen Dank hin, liebe treue Seele!“ „Liebes Herz!“ rief Mrs. Bagnet in der natürlich⸗ lichſten Weiſe.„Mir brauchen Sie wahrlich nicht zu danken. Ihnen muß ich danken, Ma'am, daß Sie ſo bereitwillig Ihren Dank abſtatten! Und ich muß Ihnen abermals fagen, Ma'am, das Beſte, was Sie thun können, wenn Sie in Mr. George Ihren Sohn wieder finden, iſt, daß Sie ihn— um Ihretwillen— jede Art Hilfe annehmen laſſen, damit er wieder zurecht kommt, und ſich von einer Beſchuldigung reinigt, die ihn mit Recht ſo wenig treffen kann, als Sie oder mich. Es genügt nicht, daß er die Wahrheit und Gerechtigkeit auf ſeiner Seite hat. Er muß auch das Geſetz und die Ad⸗ vocaten für ſich haben,“ ruft das alte Mädel aus, die offenbar überzeugt iſt, daß die Letzteren ein beſonderes Ctabliſſement bilden, und ſich für immer von der Wahr⸗ heit und Gerechtigkeit getrennt haben. „Er ſoll,“ ſpricht Mrs. Rouncewell haben, die nur auf der Welt zu haben iſt, meine Liebe. Ich will Alles aufwenden, was ich habe, und noch dazu mit Dank, um ihm dieſelbe zu verſchaffen. Sir Leiceſter wird Alles anfbieten— die ganze Familie wird thun, was in ihren Kräften ſteht. Ich— ich weiß Etwas, meine Liebe, und will auf meine Weiſe bitten als ſeine „„all die Hilfe 13⁴ Mutter, die ſeit ſo vielen Jahren ihn nicht mehr geſehen, und ihn endlich wieder in einem Kerker findet.“ Die außerordentliche Unruhe in dem Benehmen der alten Haushälterin, während ſie dieſe Worte ſpricht, ihre abgebrochenen Worte und ihr Händeringen machen auf Mrs. Bagnet einen mächtigen Eindruck und würden dieſelbe in Erſtaunen ſetzen, wenn ſie nicht Alles das auf den Kum⸗ mer der alten Frau wegen der Lage ihres Sohnes be⸗ zöge. Und doch fragt ſich auch Mrs. Bagnet verwun⸗ dert, warum Mrs. Rouncewell wohl ſo verwirrt und ſo oft die Worte murmelt:„My Lady, my Lady, my Lady!“ Die kalte Nacht verſtreicht allmälig, und es bricht der Tag an, und es rollt die Poſtkutſche durch den frühen Nebel hin, wie der Geiſt einer abgeſchiedenen Chaiſe. Sie hat eine gar große geſpenſterhafte Geſell⸗ ſchaft in Geiſtern von Bäumen und Hecken, die langſam verſchwinden und den Wirklichkeiten des Tages Platz machen. Man erreicht London, und es ſteigen die Reiſenden aus; die alte Haushälterin in großer Noth und Ver⸗ wirrung; Mrs. Bagnet ganz friſch und gefaßt, wie ſie ſein würde, wenn ihr nächſtes Reiſeziel, und zwar ohne neue Equipage und Ausrüſtung, das Cap der guten Hoffnung, die Himmelfahrtsinſel, Hong⸗Kong oder irgend eine andere militäriſche Station wäre. Als ſie aber ſich aufmachen, um nach dem Gefäng⸗ niſſe hinzugehen, wo der Troupier hinter Schloß und Riegel ſitzt, hat die alte Frau mit ihrem lavendelfarbi⸗ gen Anzuge auch viel von der nüchternen Ruhe anzuneh⸗ men gewußt, welche deſſen gewöhnliche Begleiterin iſt. Sie ſieht aus, wie ein wunderbar ernſtes, geziertes, und hübſches Stück alten Porzellans, obgleich ihr Herz ge⸗ ſchwind ſchlägt, und ihr Bruſtlatz ſich unruhig hebt, un⸗ ruhiger, als ſelbſt die Erinnerung an dieſen verkehrten Sohn ihn ſeit ſo vielen Jahren gehoben hat. 13⁵ Sie nähern ſich der Zelle und finden, daß die Thüre aufgeht und ein Wächter im Begriffe iſt, herauszukommen. Das alte Mädel gibt ihm durch ein bittendes Zeichen zu verſtehen, daß er Nichts ſagen ſolle; worauf er, mit dem Kopfe nickend, ſeine Znſtimmung zu erkennen gibt, und ſie, während er die Thüre ſchließt, eintreten läßt. George, der eben an ſeinem Tiſche mit Schreiben beſchäftigt iſt, glaubt alſo, er ſei allein geblieben, und hebt die Augen nicht auf, ſondern bleibt in Gedanken verſunken. Die alte Haushälterin ſchaut ihn an, und ihre umherirrenden Hände ſind für Mrs. Bagnet der Be⸗ ſtätigung genug; ſelbſt wenn ſie, wiſſend, was ſie weiß, die Mutter und den Sohn beiſammen ſehen und an deren Verwandtſchaft noch zweifeln könnte. Die Haushälterin verräth ſich auch nicht durch ein NRauſchen ihres Kleides, auch nicht durch eine Geberde, auch nicht durch ein Wort. Sie ſteht da und ſchaut ihn, während er, ohne an etwas Weiteres zu denken, fortſchreibt, an, und nur ihre unruhig hin und her gehen⸗ den Hände leihen ihren Gemüthsbewegungen einen Aus⸗ druck. Aber es ſind dieſelben recht beredt,— recht, recht beredt. Mrs. Bagnet verſteht ſie. Es ſprechen dieſelben von Dankbarkeit, von Freude, von Kummer, von Hoff⸗ nung; von unanslöſchlicher Liebe, der kein Erſatz gewor⸗ den, ſeitdem dieſer handfeſte Mann ein junger Burſche geweſen; von einem beſſeren Sobn, der weniger geliebt, und von dieſem Sohne, der ſo zärtlich und ſo ſtolz ge⸗ liebt wird; und das ſprechen dieſelben in einer ſo rüh⸗ renden Sprache, daß Mrs. Bagnet's Angen ſich mit Thränen füllen, und daß letztere glitzernd über ihr ſonn⸗ gebräuntes Geſicht herabrollen. „George Rouncewell! O, mein liebes Kind, wende Dich um und ſieh mich an!“ Der Troupier fährt auf, fällt ſeiner Mutter um den Hals, und fällt dann vor ihr auf die Knie nieder. Ob in ſpäter Reue, ob in der erſten Wärme ſeiner kindlichen Gefühle, wollen wir unentſchieden laſſen; ſo viel iſt ge⸗ wiß, daß er die Hände faltet, wie ein Kind, wenn es betet, und daß er dieſelben zu ihrer Bruſt aufhebt, daß er den Kopf neigt, und weint. „Mein George, mein theuerſter Sohn! Stets mein Liebling und immer noch mein Liebling, wo biſt Du ſeit ſa vielen grauſamen Jahren und Jahren geweſen? Du biſt unterdeſſen ſo groß geworden,— biſt ein ſo ſchöner, ſtarker Mann geworden. Biſt ſo ganz geworden, wie ich wußte, daß er werden mußte, wenn es Gott gefiel, ihn am Leben zu erhalten!“ Sie kann fragen, und er kann antworten,— aber für den Augeublick nichts Zuſammenhangendes. Wäh⸗ rend dieſer ganzen Zeit ſtützt das alte Mädel, das ſich weggewandt, einen Arm gegen die getünchte Mauer, ſtützt auf denſelben ihre ehrliche Stirn, trocknet ſich die Augen mit ihrem grauen, zu Allem guten Mantel ab, und freut ſich ſo recht, wie das beſte alte Mädel, das ſie iſt. „Mutter,“ ſpricht der Troupier, als Beide gefaßter ſind,„vergeben Sie mir vor Allem, dern ich weiß, daß ich Ihrer Vergebung bedarf.“ Ihm vergeben! Sie thut es von ganzem Herzen und von ganzer Seele. Sie hat es immer gethan. Sie ſagt ihm, wie ſie ſchon ſeit ſo vielen Jahren in ihr Te⸗ ſtament hat aufnehmen laſſen, daß er ſtets ibr geliebter Sohn George geweſen. Nie hat ſie übel von ihm ge⸗ dacht, nie. Wäre ſie geſtorben, ohne daß ihr dieſes Glück zu Theil geworden wäre, und ſie iſt jetzt eine alte Frau und kann wohl nicht mehr ſehr lange leben— ſo würde ſie ihn mit ihrem letzten Athemzuge als ihren geliebten Sohn George geſegnet haben, wenn ſie bei vollem Verſtande geweſen wäre. „Mutter, ich habe Ihnen gar vielen Kummer und gar viele Sorge gemacht, und es iſt mir dafür der ver⸗ diente Lohn geworden; aber in den letzten Jahren iſt auch in mir eine Art Vorſatz aufgedämmert. Als ich 13³7 von Hauſe wegging, Mutter, machte es mir— wie ich fürchte— nicht allzu vielen Kummer, Sie zu verlaſſen; und ich ging fort und ließ mich mir Nichts, Dir Nichts anwerben, und wollte mich überreden, ich kümmere mich um Niemand, ja um Niemand, und es kümmere ſich Niemand um mich.“ Der Troupier hat ſich die Augen abgetrockuet und ſein Taſchentuch entfernt; aber es liegt ein ungeheurer Contraſt zwiſchen ſeiner gewöhnlichen Art, ſich auszu⸗ drücken und ſich zu benehmen, und zwiſchen dem ſanf⸗ teren Tone, in dem er ſpricht, gelegentlich durch einen halb unterdrückten Schluchzer unterbrochen. „Ich ſchrieb alſo ein paar Zeilen nach Hauſe, wie Sie nur zu gut wiſſen, um zu ſagen, daß ich mich un⸗ ter einem andern Namen habe anwerben laſſen und ginge ins Ausland. Als ich ein Mal fort war, dachte ich ſo, daß ich das nächſte Jahr ſchreiben wollte, wenn es mir beſſer ginge; und als dieſes Jahr um war, dachte ich wieder, daß ich das nächſte Jahr nach Hauſe ſchreiben wollte, wenn es mir beſſer ginge; und als auch dieſes Jahr wieder um war, da dachte ich vielleicht nicht mehr viel daran. Und ſo ging es fort, von Jahr zu Jahr, bis ich endlich zehn Jahre gedient hatte und anfing, älter zu werden und mich zu fragen, warum ich überhaupt noch ſchreiben ſollte.“ „Ich will Dich deßhalb nicht tadeln, Kind;— aber warum denn auch nicht eine Zeile, um mich zu beruhi⸗ gen, George? Warum denn auch nicht ein Wort für Deine liebeerfüllte Mutter, die ebenfalls älter wurde?“ . Dieß vernichtet den Troupier faſt wieder von Neuem; indeſſen richtet er ſich doch wieder auf und läßt ein ſtar⸗ kes, rauhes, lautes Räuſpern hören. „Der Himmel verzeihe mir, Mutter, aber ich dachte, es würde da der Troſt für Sie nur klein ſein, wenn Sie Etwas von mir hörten. Da waren Sie, geachtet und geſchätzt. Da war mein Brnder, wie ich dann und 138 wann in nordländiſchen Zeitungen las, die mir zufällig in die Hände fielen,— mein Bruder, der zu Reichthum gelangte und ſich einen Namen machte. Und da war ich, ein Dragoner, unſtät in der Welt umherirrend, nicht, wie er, durch mich ſelbſt Etwas geworden, ſondern durch mich ſelbſt Nichts geworden. Da war ich, als ein Menſch, der alle ſeine früheren Vortheile leichtfertig weggeworfen, der all' das Wenige, das er gelernt, vergeſſen, und ſich Nichts angeeignet hatte, als was ihn faſt zu Allem, woran er denken mochte, untauglich machte. Was brauchte ich Sie wiſſen zu laſſen, wo ich war? Nachdem ich dieſe ganze Zeit hatte hingehen laſſen, konnte da etwas Gutes daraus entſtehen? Das Schlimmſte hatten Sie überſtanden, Mutter. Da wußte ich(ich war ein Mann geworden), wie Sie um mich getrauert, wie Sie um mich geweint, wie Sie um mich gebetet, und es war der Schmerz vorüber oder gelindert, und ſo war es denn das Beſte, wenn das Verhältniß ſo blieb, wie es war.“ Die alte Frau ſchüttelt den Kopf kummervoll, nimmt eine ſeiner gewaltigen Hände und legt dieſelbe liebevoll auf ihre Schulter. „Nein, ich ſage nicht, daß es ſo war, Mutter, ſondern daß es mir ſo ſchien. Ich habe ſo eben geſagt, was konnte Gutes daraus entſtehen? Wohlan, liebe Mutter, es hätte für mich ſelbſt etwas Gutes daraus entſtehen können,— und darin eben lag die Niederträch⸗ tigkeit. Sie hätten mich aufgeſucht; Sie hätten mich losgekauft; Sie hätten mich nach Chesney Wold hinun⸗ tergenommen; Sie hätten mich mit meinem Bruder und mit der Familie meines Bruders zuſammengebracht; ihr Alle würdet ängſtlich in Erwägung gezogen haben, wie ihr Etwas für mich thun und mich als reſpectablen Ci⸗ viliſten etabliren könntet. Aber wie konntet ihr meiner ver⸗ ſichert ſein, wenn ich nicht einmal meiner ſelbſt verſichert ſein konnte? Wie konntet ihr umhin, als eine Laſt und —- 139 Unehre für euch einen müßigen Dragonerburſchen anzu⸗ ſehen, der für ſich ſelbſt eine Laſt und eine Unehre, und das vielleicht nur unter der Diſciplin nicht, war? Wie konnte ich meines Bruders Kindern in das Geſicht ſchauen und denſelben als Beiſpiel dienen wollen,— ich der vagabundirende Burſche, der von Hauſe fortgelaufen und der Kummer und das Unglück des Lebens meiner Mutter geweſen?„Nein, George,“ das waren meine Worte, Mutter, als ich Alles dieſes Muſterung paſſiren ließ: ‚Du haſt Dich gebettet, und nun lieg' auch, wie Du es verdienſt.“ Mrs. Ronncewell richtet ihre ſtattliche Geſtalt auf und ſchüttelt nach dem alten Mädel hin den Kopf mit ſteigendem Stolz, wie wenn ſie ſagen wollte:„Ich habe es Ihnen ja geſagt!“ Das alte Mädel kommt ihren Gefühlen zu Hülfe und bezeigt ihr Intereſſe au der Unterhaltung dadurch, daß ſie dem Troupier mit ihrem Regenſchirm einen tüch⸗ tigen Stoß zwiſchen die Schultern gibt. Dieſe Handlung wiederholt ſie ſpäter von Zeit zu Zeit in einer Art liebe⸗ vollen Wahnſinns, indem ſie, ſo oft ſie ihm einen ſolchen Verweis adminiſtrirt, nie ermangelt, zu der getünchten Wand nund dem grauen Mantel wieder ihre Zuflucht zu nehmen. „So kam ich, Mutter, auf den Gedanken, daß die beſte Genugthuung, die ich geben könnte, die wäre, daß ich mich auf das Bett, das ich mir gemacht, hinlegte und darauf ſtürbe. Auch hätte ich dieß gethan(obgleich ich mehr denn ein Mal zu Chesney Wold drunten geweſen bin, um Sie zu ſehen und Sie da mich wohl nicht ſo nahe glaubten), wäre nicht die Frau meines alten Ka⸗ meraden geweſen, die, wie ich ſehe, ſchlauer geweſen iſt, denn ich. Aber doch danke ich ihr dafür. Ich danke Ihnen dafür, Mrs. Bagnet, von ganzem Herzen,— ja, von ganzem Herzen.“ rs. Bagnet antwortet darauf mit zwei Stößen. 140 Und nun prägt die alte Frau ihrem Sohne George, ihrem lieben, wiedergefundenen Sohne, ihrem Freunde und ihrem Stolze, dem Licht ihrer Augen, dem glück⸗ lichen Schluſſe ihres Lebens und wie die zärtlichen Namen alle noch heißen mögen, welche ſie ihm gibt, ein, daß er ſich von dem beſten Rathe leiten laſſen müſſe, der mit Geld und Einfluß zu erlangen ſei; daß er ſeine Sache dem größten Aevohaten übergeben müſſe, den man bekommen könne; daß er in dieſer ernſten Sache handeln müſſe, wie man ihm rathen werde, zu handeln; und daß er, wie ſehr er auch Recht haben möge, nicht eigenſinnig ſein dürfe, ſondern verſprechen müſſe, bis er wieder frei ſei, nur an die Angſt und die Noth ſeiner armen, alten Mutter zu denken, ſonſt werde er ſie unter den Boden bringen. „Mutter, es iſt das wenig genug, wozu ich meine Zuſtimmung geben ſoll,“ verſetzt der Troupier, ihr mit einem Kuſſe Einhalt thuend;„ſagen Sie mir, was ich thun ſoll, ſo mache ich einen ſpäten Anfang und thue es. Mrs. Bagnet, Sie werden ſich meiner Mutter annehmen, ich weiß es.“ Ein überaus heftiger Stoß von des alten Mädels Regenſchirm. „Wenn Sie ſie mit Mr. Jarndyce und Miß Sum⸗ merſon bekannt machen wollen, ſo wird ſie finden, daß dieſelben ganz wie ſie denken, und es werden ihr dieſel⸗ ben den beſten Rath und die beſte Hülfe angedeihen laſſen.“ „Und George,“ ſpricht die alte Frau,„wir müſſen in aller Eile Deinen Bruder kommen laſſen. Sie ſagen mir, er ſei ein recht verſtändiger Mann— draußen in der Welt, weit von Chesney Wold weg, mein Lieber, obgleich ich ſelbſt nicht viel davon weiß— und er wird von großem Nutzen ſein.“ „Mutter,“ erwidert der Troupier,„iſt es wohl zu bald, wenn ich Sie um eine Gunſt bitte?“ 141 „Gewiß nicht, mein Lieber.“ „So gewähren Sie mir denn dieſe eine große Gunſt: ſagen Sie meinem Bruder Nichts.“ „Was ſoll ich nicht ſagen, mein Lieber?“ „Sie ſollen ihm Nichts von mir ſagen. Ich kann das in der That nicht ertragen, Mutter; ich kann mich nicht dazu entſchließen. Er iſt ein ſo ganz anderer Menſch geweſen, als ich, und hat ſo viel gethan, um ſich em⸗ por zu arbeiten, während ich als Soldat in der Welt herumgezogen bin, daß ich in meiner Compoſition nicht Erz genug habe, um an dieſem Orte und unter dem Ge⸗ wicht dieſer Beſchuldigung ihn zu ſehen. Wie könnte man wohl von einem Manne, wie er iſt, erwarten, daß er an einer ſolchen Entdeckung Freude haben ſolle? Es iſt das unmöglich. Nein, enthalten Sie ihm mein Geheim⸗ niß vor, Mutter; erweiſen Sie mir eine größere Freund⸗ ſchaft, als ich verdiene, und enthalten Sie vor allen an⸗ dern Menſchen meinem Beuder mein Geheimniß vor.“ „Aber doch nicht immer, lieber George?“ „Je nun, Mutter, vielleicht nicht ein für alle Mal — obgleich es möglich iſt, daß ich Sie auch darum bitte, — aber enthalten Sie es ihm wenigſtens jetzt vor, ich bitte Sie inſtändigſt. Wenn er je wiſſen ſoll, daß ſein unglücklicher Bruder wieder zum Vorſchein gekommen iſt, ſo könnte ich wünſchen,“ ſpricht der Troupier, den Kopf voller Zweifel ſchüttelnd,„es ihm ſelbſt ſagen, und was das Vorwärts⸗ oder Rückwärtsgehen betrifft, mich von der Art und Weiſe beſtimmen laſſen zu dürfen, wie er es aufzunehmen ſcheint.“ Da er in dieſem Stücke offenbar ein tief wurzeln⸗ des Gefühl hat, und da ſich die Tiefe deſſelben aus Mrs. Bagnet's Geſicht ermeſſen läßt, ſo gibt ſeine Mutter ihre unbedingte Zuſtimmung zu dem, um was er bittet. Dafür dankt er ihr freundlich. „„In jeder andern Hinſicht, liebe Mutter, will ich ſo gefügig und gehorſam ſein, als Sie nur wünſchen mö⸗ 142 gen; was dieſen einzigen Punkt betrifft, ſo muß ich auf meinem Kopfe beſtehen. So bin ich denn nun ſogar für die Advocaten parat. Ich habe,“ hier blickt er auf das auf dem Tiſche liegenden Papier,„einen genauen Bericht über mein Verhältniß zu dem Verſtorbenen auf⸗ geſetzt, und habe darin geſagt, wie ich in dieſe unglück⸗ ſelige Geſchichte verwickelt worden bin. Es iſt Alles ſchlicht und regelmäßig eingetragen, wie in einem Be⸗ fehlbuch; es iſt nicht ein überflüſſiges Wort darin, ſon⸗ dern die bloßrn Thatſachen. Ich wollte es gerade von Anfang bis zu Ende vorleſen, ſobald ich aufgefordert werden würde, Etwas zu meiner Vertheidigung zu ſa⸗ gen. Hoffentlich erlaubt man mir immer noch, es zu thun; indeſſen habe ich in dieſer Sache nicht länger meinen eigenen Willen, und was man immer ſagen oder thun mag,— ich verſpreche hiemit, keinen eigenen Willen mehr zu haben.“ Nachdem die Sachen in dieſem ſo weit befriedigen⸗ den Studium angelangt find, und da die Zeit zu ſchwin⸗ den beginnt, ſo ſchlägt Mrs. Bagnet vor, daß ſie weg⸗ gehen wolle. Aber und abermals hängt die alte Frau am Halſe ihres Sohnes, und aber und abermals drückt der Troupier ſie an ſeine breite Bruſt. „Wohin wollen Sie meine Mutter führen, Mrs. Bagnet?“ „Ich gehe nach der Stadtwohnung, mein Lieber, nach dem Familienhauſe. Ich habe dort einige Ge⸗ ſchäfte, die auf der Stelle beſorgt werden müſſen,“ ant⸗ wortet Mrs. Rouncewell. „Wollen Sie wohl meine Mutter in einem Wagen dahin bringen, damit ihr Nichts geſchieht, Mrs. Bagnet? Aber Sie werden es natürlich thun, ich weiß es. Warum frage ich erſt noch!“ „ Ja, warnm?“ drückt Mrs. Bagnet mit dem Re⸗ genſchirm aus. „Nehmen Sie ſie mit, meine alte Freundin, und +—&———— 143 nehmen Sie zugleich meinen Dank mit! Küſſe für Quebec und Malta, herzliche Grüße an meine Pathen, einen herz⸗ lichen Händedruck für Lignum und dieß für Sie ſelbſt, und wobei ich nur wünſche, daß es zehn tauſend Pfund in Gold ſein möchten, meine Liebe!“ Alſo ſprechend, drückt der Troupier die Lippen auf die lohfarbene Stirn des alten Mädels: es ſchließt ſich die Thür, und er ſieht ſich in ſeiner Zelle wieder allein. Keine Bitten von Seiten der guten alten Haushäl⸗ terin können Mrs. Bagnet bewegen, ſich in der Kutſche nach Hauſe fahren zu laſſen. Vor der Thüre des Ded⸗ lock'ſchen Palaſtes fröhlich aus dem Wagen herausſpringend, und Mrs. Rouncewell die Staffel hinaufhelfend, ſchuttelt das alte Mädel ihr die Hand, und trollt ſich fort. Bald darauf befindet ſie ſich wieder im Schooße der Bagnetz⸗ ſchen Familie und hebt an, das Gemüſe zu waſchen, wie wenn gar Nichts vorgefallen wäre. My Lady befindet ſich in dem Zimmer, wo ſie ihre letzte Conferenz mit dem ermordeten Manne gehalten, und ſitzt da, wo ſie an jenem Abende ſaß, und ſchaut auf den Fleck hin, wo er auf dem Eſtrich ſtand, und ſie ſo ganz nach Muße ſtudirte:— da läßt ſich ein Klopfen an der Thüre hören. Wer iſt es? Mrs. Rouncewell. Was hat Mrs. Rouncewell ſo unerwartet nach der Stadt geführt? „Unglück, my Lady. Schweres Unglück. O my Lady, darf ich wohl ein Wort mit Ihnen ſprechen?“ Welch' neuer Vorfall macht dieſe ruhige alte Frau ſo zittern* Warum ſcottert ſie alſo, die doch ſo unend⸗ lich glücklicher iſt, als ihre Gebieterin, wie Letztere oft 3 144 gedacht, und warum ſchaut ſie ſie mit ſo ſonderbarem Mißtrauen an? „Was iſt Ihnen?“ Setzen ſie ſich doch und kommen Sie zu Athem!“ „O my Lady, my Lady. Ich habe meinen Sohn wieder gefunden— meinen jüngſten, der ſich vor ſo langen Jahren hat anwerben laſſen. Und er ſitzt ge⸗ fangen.“ „Wegen Schulden?“ „O nein, my Lady; ich würde jede Schuld bezahlt haben und mit Freuden.“ „Weßhalb iſt er dann im Gefängniß?“ „Man beſchuldigt ihn eines Mordes, my Lady, an dem er doch ſo unſchuldig iſt, wie— wie— ich ſelbſt. Man beſchuldigt ihn, Mr. Tulkinghorn ermordet zu haben?“ Was meint ſie mit dieſem Blicke und dieſer flehen⸗ den Geſte? Warum kommt ſie ſo nahe her? Was iſt das für ein Brief, den ſie in der Hand hält? „Lady Dedlock, meine liebe Lady, meine gute Lady, meine gnädige Lady! Sie müſſen ein Herz haben, um für mich zu fühlen, Sie müſſen ein Herz haben, um mir zu verzeihen. Ich war in dieſer Familie, noch ehe Sie geboren waren. Ich bin ihr ergeben. Aber denken Sie nur an meinen lieben Sohn, den man ſo ungerechter Weiſe anklagt!“ „Ich klage ihn nicht an.“ „Nein, my Lady, nein. Aber Andere thun es und er iſt im Gefängniſſe und in Gefahr. O Lady Dedlock, wenn Sie nur mit einem Worte zu ſeiner Losſprechung beitragen können, ſo ſprechen Sie daſſelbe!“ Was für ein Irrthum mag das wohl ſein? Welche Macht vermuthet ſie wohl bei der Perſon, die ſie ſo bit⸗ tet, daß ſie von ihr verlangt, ſie ſolle dieſen ungerechten Verdacht abwenden, wenn derſelbe ungerecht ſei? —.—- n PUeERSASSSSSenAe= 145 Die ſchönen Augen ihrer Gebieterin ſehen ſie mit Stannen, ja, faſt mit Furcht an. „My Lady, ich bin in vergangener Nacht von Ches⸗ ney Wold weggegangen, um meinen Sohn in meinen alten Tagen wieder zu finden, und es war der Tritt auf dem Geiſterwege ſo beſtändig und ſo feterlich, daß ich in all dieſen Jahren nichts Aehnliches gehört habe. Eine Nacht um die Andere, wenn es Dunkel wurde, echoete der Schall durch Ihre Zimmer hin, aber in letzt vergan⸗ gener Nacht war er am Furchtbarſten. Und als es am letzt vergangenen Abende dunkel wurde, my Lady, bekam ich dieſen Brief.“ „Was für ein Brief iſt es?“ „St! St!“ Die Haushälterin ſchaut umher und antwortet mit erſchrockenem Flüſtern: „My Lady, ich habe keine Silbe davon geſagt,— ich glaube nicht, was darin ſteht,— ich weiß, es kann nicht wahr ſein,— ich bin verſichert und gewiß, daß es nicht wahr iſt. Aber mein Sohn iſt in Gefahr, und Sie müſ⸗ ſen ein Herz haben, um mich zu bemitleiden. Wiſſen Sie von Etwas, was Andern nicht bekannt iſt, haben Sie irgend einen Verdacht, haben Sie irgend einen Schlüſſel, und haben Sie irgend einen Grund, es in Ihrer Bruſt zu bewahren, ſo denken Sie, o theure Lady, an mich und überwinden Sie dieſen Grund und laſſen ie es bekannt werden! Dieß iſt Alles, was ich für möglich halte. Ich weiß, Sie ſind keine hartherzige ame; aber Sie gehen immer Ihren eigenen Weg, ohne fremde Hilfe, und ſind mit Ihren Freunden nicht vertraut. Und Alle, die Sie bewundern— und Alle thun es— Alle, die Sie als eine ſchöne und elegante Dame bewundern, wiſſen, daß Sie ihnen fern ſtehen, daß man Ihnen nicht ſo nahe kommen kann. My Lady. Sie mögen Gründe des Stolzes oder des Zornes haben, daß Sie es ver⸗ ſchmähen, Etwas zu ſagen, was Sie wiſſen; wenn dem Bleak Houſe Iv. 10 146 ſo iſt, oh, ſo denken Sie doch, ich bitte, bitte Sie in⸗ ſtändigſt darum, an eine treue Dienerin, deren ganzes Leben in dieſer Familie verſtrichen iſt, die Sie zärtlich liebt, und laſſen Sie ſich erweichen, und tragen Sie zur Freiſprechung meines Sohnes bei! My Lady, meine gütige Gebieterin,“ endigt die alte Haushälterin mit un⸗- gekünſtelter Einfalt,„es iſt meine Stellung eine ſo nie⸗ drige, und Sie ſtehen von Natur ſo hoch, und mir ſo fern, daß Sie vielleicht nicht denken können, was ich für mein Kind fühle; aber ich fühle ſo viel, daß ich hierher gekommen bin, um mich zu erdreiſten, Sie inſtändigſt zu bitten, daß Sie uns nicht ungnädig anſeheu und uns verachten mögen, wenn Sie in dieſer furchtbaren Zeit dazu beitragen können, daß uns Recht und Gerechtigkeit widerfährt!“ Lady Dedlock hebt ſie ohne ein Wort auf, bis ſie den Brief aus ihrer Hand nimmt. „Soll ich dieß leſen?“ „Nicht eher, als bis ich fort bin, my Lady, wenn es Ihnen gefällig iſt; und dann erinnern Sie ſich an das, was ich für möglich halte.“ „Ich weiß von Nichts, das ich thun könnte. Ich weiß von Nichts, das Ihren Sohn anginge und das ich für mich behielte. Ich habe ihn nie beſchuldigt.“ My Lady, vielleicht bemitleiden Sie den fälſchlich Angeklagten nur um ſo mehr, wenn Sie den Brief gele⸗ ſen haben.“ Die alte Haushälterin verläßt ſte, die den Brief in der Hand hält. In Wahrheit iſt ſie von Natur keine hartherzige Frau; und es iſt ein Mal eine Zeit geweſen, wo der Anblick der ehrwürdigen, ſo angelegentlich bitten⸗ den Geſtalt ihr Mitleid in hohem Grad erregt haben würde. Aber ſo lange gewohnt, ihre Gemüthsbewegungen zu unterdrücken und die Wirklichkeit darnieder zu halten; ſo lange für ihre eigenen Zwecke in jener deſtructiven Schule erzogen, welche die natürlichen Gefühle des Her⸗ 8 147 zens einſchließt wie Fliegen in Bernſtein, und einen gleichförmigen und trübſeligen Firniß über die Guten und die Böſen, die Gefühlvollen und die Gefühlloſen, die Verſtändigen und Unverſtändigen ausbreitet,— hat ſie is daher ſogar ihre Verwunderung niedergekämpft. Sie macht den Brief auf. Auf dem Papiere aus⸗ gebreitet liegt ein gedruckter Bericht über die Auffindung des Leichnams, wie derſelbe, durch das Herz geſchoſſen, mit dem Geſichte auf dem Boden lag; darunter ſteht ihr eigener Name geſchrieben, und neben dieſem Namen ſteht noch ein Work, das Wort„Mörderin.“ Es fällt ihr der Brief aus der Hand. Wie lange derſelbe auf dem Boden gelegen haben mag, weiß ſie nicht; aber er liegt noch auf der Stelle, auf die er fiel, als ſie einen Domeſtiken vor ſich ſtehen ſieht, der den jungen ann Namens Guppy anmeldet. Es ſind die Worte wahrſcheinlich mehrere Male wie⸗ derholt worden; denn ſie gellen in ihrem Kopfe, ehe ſie anfängt, ſie zu verſtehen. Er tritt ein. Den Brief in der Hand haltend, den cht ſie ſich zu ſammeln. In den Augen Mr. Guppy's iſt ſie die nämliche ſich nie überraſchen laſſende, ſtolze, kalte Lady Dedlock. „Ew. Ladyſchaft mag anfänglich nicht geneigt ſein, dyſchaft nie recht willkommen gewe ich mich nicht beklage, denn ich mi Ew. Ladyſchaft, wenn ich meine Beweggründe angebe, mich nicht tadeln „Ich danke, Ew. Ladyſchaft. Zuerſt muß ich Ew. Ladyſchaft auseinanderſetzen,“— Mr. Guppy ſitzt auf dem Rande eines Stuhls und ſtellt ſeinen Hut auf den Boden zu ſeinen Füßen,„daß Miß Summerſon, deren Bild, wie ich gegen Ew. Ladyſchaft früher erwähnte, zu einer gewiſſen Zeit meines Lebens in mein Herz ge⸗ graben war, bis es wieder durch Umſtände verwiſcht wurde, über die ich nicht zu gebieten vermochte, mir, nach⸗ dem ich das letzte Mal das Vergnügen gehabt hatte, Ew. Ladyſchaft meine Aufwartung zu machen, mittheilte, daß ſie mich ganz beſonders erſuche, gar keine Schritte mehr zu thun in einer Sache, die ſich auf ſie beziehe. Und da Miß Summerſon's Wünſche für mich ein Geſetz ſind(es ſei denn, daß ſie mit Umſtänden in Verbindung ſtehen, worüber ich nicht zu gebieten vermag), ſo erwar⸗ tete ich folglich nie, daß ich die hohe Ehre haben würde, Ew. Ladyſchaft abermals meine Aufwartung zu machen.“ Und doch iſt er jetzt da, wie Lady Dedlock ihn mür⸗ riſch erinnert. „Und doch bin ich jetzt hier,“ gibt Mr. Guppy zu. „Ich will nun alſo Ew. Ladyſchaft unter dem Siegel der Verſchwiegenheit mittheilen, warum ich hier bin.“ Er könne das nicht zu einfach und zu kurz thun, ſagt ſie zu ihm. „Auch kann ich,“ erwidert Mr. Guppy, ſich beleidigt fühlend,„Ew. Ladyſchaft nicht zu ſehr bitten, ganz be⸗ ſonders darauf zu merken, daß das, was mich hierher führt, keineswegs eine mich perſönlich angehende Sache iſt. Ich brauche, indem ich hierher komme, keinen eigen⸗ nützigen Abſichten zu dienen. Hätte ich nicht Miß Sum⸗ merſon das Verſprechen gegeben, und wollte ich daſſelbe nicht heilig halten,— ſo würde ich gewiß nie dieſe Thüren wieder verdunkelt haben, ſondern würde denſelben ferne geblieben ſein.“ Mr. Guppy erachtet dieß als einen günſtigen Augen: blick, ſich die Haare mit beiden Händen hinaufzuſtreichen. „Ew. Ladyſchaft wird ſich, wenn ich des Factums Erwähnung thue, noch erinnern, daß ich, als ich das letzte Mal hier war, gegen eine in unſerm Berufe ſehr 149 hochſtehende Perſon anſtieß,— gegen eine Perſon, deren Verluſt wir Alle beweinen. Dieſer Mann ließ es ſich von jener Zeit an gewiß angelegen ſein, ſich gegen mich recht aufſätzig zu zeigen, und machte es mir bei jeder Gelegen⸗ heit äußerſt ſchwer, gewiß zu ſein, daß ich nicht aus Verſehen in irgend einer Weiſe gegen Miß Summerſon's Wünſche gehandelt. Selbſtlob iſt keine Empfehlung; in⸗ deſſen kann ich doch, was mich betrifft, ſo viel ſagen, daß auch ich kein ſo ſchlechter Geſchäftsmann bin.“ Lady Dedlock ſchaut ihn ernſt prüfend an. Mr. Guppy zieht augenblicklich die Augen von ihrem Geſichte ab, und ſchaut irgend anders wohin. „Es wurde mir in der That ſo ſchwer gemacht,“ fährt er fort, einen klaren Begriff von dem zu bekom⸗ men, was die fragliche Perſon in Gemeinſchaft mit An⸗ dern vorhatte, daß ich bis zu der Zeit des Verluſtes, den wir Alle beweinen, gar nicht mehr wußte, was ich thun ſollte. Auch wurde Small— ein Name, mit wel⸗ chem ich mich auf eine andere Perſon, einen Freund von mir beziehe, den Ew. Ladyſchaft nicht kennt— ſo ver⸗ ſchwiegen und falſch, daß es zu Zeiten nicht leicht war, ihn nicht zu beohrfeigen. Aufbietung meiner geringen Fähigkeiten, theils mit Hilfe eines gegenſeitigen Freundes Namens Mr. Tony Weevle (der ein bochariſtokratiſches Weſen und Ew. Ladyſchaft Porträt immer in ſeinem Zimmer hangen hat) heraus⸗ gebracht, daß Gründe zu einer gewiſſen Befürchtung da ſind, wegen welcher ich hierhergekommen bin, damit Ew. Ladyſchaft auf der Hut iſt. Für's Erſte will Ew. Lady⸗ ſchaft mir erlauben, Sie zu fragen, ob Sie heute Morgen keine ſeltſamen Beſuche bekommen haben? Ich meine keine faſhionablen Beſuche, ſondern ſolche, wie, zum Bei⸗ ſpiel, Miß Barbary's alte Dienerin, oder, wie ei ſon, die ſich ihrer untern Extremitäten nicht mehr bedie⸗ nen kann, und wie ein Guy die Treppe hinaufgetra en wurde?“ enr hinaufgekrog 1⁵⁰ „Nein!“ „So verſichere ich denn Ew. Ladyſchaft, daß ſolche Beſucher hier geweſen und hier empfangen wordeu ſind. Und zwar glaube ich dieß, weil ich ſie an der Hausthüre ſah, und an der Ecke des Square wartete, bis ſie heraus kamen, und dann eine hulbe Stunde ſpazieren ging, um ihnen auszuweichen.“ „Was habe ich, oder was haben Sie damit zu ſchaffen? Ich verſtehe Sie nicht. Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ew. Ladyſchaft, ſeien Sie auf Ihrer Hut: ich bin hierher gekommen, um Sie zu warnen. Vielleicht iſt das nicht nöthig. Recht gut. Dann habe ich bloß mein Mög⸗ lichſtes gethan, um das Verſprechen zu halten, das ich Miß Summerſon gegeben. Ich vermuthe ſtark(nach dem, was Small hat fallen laſſen, und was wir aus ihm herausgebracht haben) daß die Briefe, die ich hatte Ew. Ladyſchaft bringen ſollen, nicht vernichtet worden, wie ich glaubte. Daß, wenn Etwas zu beſchmeiſſen war, daſ⸗ ſelbe beſchmiſſen iſt. Daß, die Beſucher, auf die ich an⸗ geſpielt, heute Morgen hier geweſen ſind, um Geld dar⸗ aus zu machen. Und daß das Geld gemacht iſt oder gemacht wird.“ Mr. Guppy nimmt ſeinen Hut vom Boden weg und ſteht auf. „Ew. Ladyſchaft, Sie wiſſen am Beſten, ob Etwas an dem iſt, was ich ſage, oder ob Nichts daran iſt. Mag nun Etwas oder Nichts daran ſein, immerhin habe ich nach Miß Summerſon’s Wünſchen gehandelt, indem ich mich um Nichts mehr kümmerte, und ſoviel wie möglich das wieder ungeſchehen machte, was ich zu thun ange⸗ fangen hatte; und dieß genügt mir. Falls ich mir eine allzugroße Freibeit herausnehmen ſollte, indem ich Ew. Ladyſchaft warne und Ihnen ſage, Sie ſollen auf Ihrer Hut ſein, während dieß doch nicht nothwendig iſt, wer⸗ den Sie, ſo ſollte ich hoffen, verſuchen, meine Vermeſ⸗ n A n u 151 ſenbeit zu überleben, während ich verſuchen werde, Ihr Mißfallen zu überleben. Und nun ſage ich Ew. Lady⸗ ſchaft Lebewohl, und verſichere Sie, daß Sie nicht län⸗ ger in Gefahr ſind, von mir je wieder durch einen Be⸗ ſuch beläſtigt zu werden.“ Sie dankt für dieſe Abſchiedsworte kaum durch ei⸗ nen Blick, klingelt aber nach einer kleinen Weile, als er zum Hauſe hinausgegangen. „Wo iſt Sir Leiceſter?“ Merkur meldet, es ſei derſelbe in dieſem Augenblicke allein im Bibliothekzimmer, und zwar habe er ſich einge⸗ ſchloſſen. „Hat Jemand Sir Leiceſter heute Morgen beſucht?“ Verſchiedene Perſonen, in Geſchäftsſachen. Merkur geht zu einer Beſchreibung dieſer Perſonen über,— ei⸗ ner Beſchreibung, die von Mr. Guppy bereits gegeben worden. Geuug; er kann gehen. So! Alles iſt darniedergebrochen. Ihr Name iſt in dieſen vielen Mäulern, ihr Gatte kennt das Unrecht, das ſie ſich gegen ihn bat zu Schulden kommen laſſen, ihre Schande wird öffentlich— verbreitet ſich vielleicht ſchon jetzt, während ſie daran denkt— und neben dem Don⸗ nerſchlag, den ſie ſo lange vorausgeſehen und den er ſo wenig geahnt, wird ſie von einem unſichtbaren Ankläger der Ermordung ihres Feindes beſchuldigt. Ihr Feind war er, und ſie hat oft— oft— oft ihm den Tod gewünſcht. Ihr Feind iſt er ſelbſt noch in ſeinem Grabe. Dieſe furchtbare Anklage kommt über ſie wie eine neue Qual von ſeiner lebloſen Hand. Und als ſie ſich erinnert, wie ſie an jenem Abende ingeheim an ſeiner Thüre geweſen, und wie man von ihr ſagen könne, ſie habe ſo kurz zuvor ihr Lieblingsmädchen weg⸗ geſchickt, einzig und allein um ſich von aller Beobachtung zu befreien, da ſchaudert es ſie, wie wenn die Hände des Henkers ſchon an ihrem Halſe wären. Sie hat ſich auf den Boden hingeworfen, und liegt 15² mit wild aufgelöſten Haaren da und es iſt ihr Geſicht in den Kiſſen eines Ruhebettes begraben. Sie ſteht auf, rennt hin und her, wirft ſich wieder hin, und ſchüttelt ſich, und wehklagt. Das Grauſen, das ſich ihrer be⸗ mächtigt hat iſt unausſprechlich. Wäre ſie wirklich die Mörderin, ſo könnte es in dieſem Augenblick ſchwerlich heftiger ſein. Denn wie ihre mörderiſche Perſpective vor der Verübung der That, wie ſchlau immer die Vor⸗ ſichtsmaßregeln bei deren Verübung ſein mochten, durch eine gigantiſche Ausdehnung der verhaßten Geſtalt ver⸗ ſperrt und ſie ſo verhindert worden wäre, irgend eine Folge jenſeits derſelben zu ſehen; und gleichwie dieſe Folgen in ungeahnter Menge hereingeſtrömt wären, ſo⸗ bald die Geſtalt kalt dalag— was immer geſchieht, wenn ein Mord verübt worden iſt; ſo ſieht ſie jetzt, daß, wenn er in ihrer Gegenwart ſie zu beobachten, ſie aber zu denken pflegte,„könnte doch nur ein tödtlicher Streich auf dieſen alten Mann niederfallen, und ihn von mei⸗ nem Wege entfernen!“— ſie bloß wünſchte, es möchte Alles, was er gegen ſie in Händen hatte, nach allen Winden hin zerſtreut werden, ſo daß man es nicht mehr zuſammenleſen könnte. Ebenſo verhält es ſich mit der gottloſen Erleichterung, die ſie bei ſeinem Tode fühlte. Was war ſein Tod Anderes, als die Entfernung des Schlußſteins an einem düſteren Bogen, und nun beginnt dieſer Bogen in tauſend Stücke zu zerfallen, von denen jedes Einen zu Staub zerdrückt und zerſchmettert! So beſchleicht und umdüſtert ſie ein furchtbarer Gedanke, daß ſie dieſem Verfolger nur durch den Tod entgehen kann,— ob derſelbe nun lebte oder todt war, ob derſelbe in ſeiner wohlbekannten Geſtalt hartnäckig und leidenſchaftlos vor ihr ſtand, oder ob er nicht hart⸗ näckiger und leidenſchaftloſer in ſeinem Sargbette lag. Wie ein wildes Thier gejagt, flieht ſie. Das Gewirr ibrer Schande, ihrer Furcht, ihrer Reue, und ihres Elends drückt ſie zu Boden, als es ſeinen Höhepunkt er⸗ 6 153 reicht hat; und ſogar ihr ſtarkes Selbſtvertrauen wird über den Haufen geworfen und fortgewirbelt, wie ein Blatt, das von einem gewaltigen Winde dahingejagt wird. Sie ſchreibt in der Eile folgendes Billet an ihren Gatten, ſiegelt es, und läßt es auf ihrem Tiſche liegen: „Sucht man mich wegen dieſes Mordes oder klagt man mich deſſelben an, ſo glaube nur, daß ich ganz und gar unſchuldig daran bin. Glaube ſonſt nichts Gu⸗ tes von mir; denn ich bin ſonſt an Nichts unſchuldig, das Du mir haſt zur Laſt legen hören oder das Du mir noch zur Laſt legen hören wirſt. Er bereitete mich an jenem verhängnißvollen Abende darauf vor, daß er Dir meine Schuld enthüllen würde. Nachdem er mich verlaſſen hatte, ging ich aus, unter dem Vor⸗ wand, ich wolle im Garten mich ergehen, wo ich zu⸗ weilen ſpazieren gehe, in der That aber, um ihm zu folgen, und ihn zum letzten Mal zu bitten, daß er doch die furchtbare Ungewißheit nicht verlängern möchte, in der er mich, Du weißt nicht wie lange, erhalten, ſondern daß er meinen Folterqualen endlich ein Ende machen und in ſeiner Gnade am nächſten Morgen den Schlag führen möchte. „Ich fand ſein Haus finſter und in Schweigen be⸗ graben. Ich läutete an ſeiner Thüre zwei Mal an; aber es antwortete mir Niemand und ſo ging ich dem wieder nach Hauſe. „Es bleibt mir keine Heimath. Ich will Dir nicht mehr läſtig fallen. Mögeſt Du in Deinem gerechten Zorne im Stande ſein, das unwürdige Weib zu ver⸗ geſſen, an welche Du die edelmüthigſte Hingebung verſchwendet, die Dich meidet mit einer Scham, welche nur größer iſt, als die, womit ſie vor ſich ſelbſt flieht— und die Dir dieſes letzte Lebewohl ſchreibt!“ Siee kleidet ſich raſch an, verſchleiert ſich, läßt alle ihre Juwelen und all' ihr Geld zurück, horcht, geht die Treppe hinunter, in einem Augenblicke, wo die Vorhalle leer iſt, öffnet und ſchließt die Hausthüre, und verſchwin⸗ det in dem ſchrillen, froſtigen Winde. Sechsundfünfzigſtes Kapitel. Verfolgung. Impaſſibel, wie es ſeiner feinen Bildung zukommt, ſtarrt der Dedlock'ſche Stadtpalaſt die andern Häuſer in der Straße trauriger Pracht an, und verräth durch kein äußeres Zeichen, daß drinnen Etwas ſchief geht. Es raſ⸗ ſeln Wagen, es werden Thüren erſchüttert, es werden von der Welt Beſuche ausgetauſcht; alte Zauberinnen mit gerippartigen Hälſen, und pfirſichblüthfarbenen Wan⸗ gen, die, wenn man ſie bei Tageslicht ſieht, eine etwas gräßliche Blüthe zeigen.— bei Tageslicht, wo dieſe be⸗ zaubernden Geſchopfe wirklich ausſehen, wie wenn ſie mit dem Tode verſchmolzen wären, blenden die Augen der Leute. Aus den kalten Ställen hervor kommen in wei⸗ chen Federn hängende Kutſchen, geführt von kurzbei⸗ nigen Phaetonen in flächſenen Perrücken,— von Phae⸗ tonen, die tief in weichen Decken ſtecken; und hinten auf ſteigen üppig ausſehende Merkure, die Staatsſtäbe in der Hand halten und dreieckige Hüte nach der Breite tragen: ein Schauſpiel für Engel. Der Dedlock ſche Stadtpalaſt verändert ſich äußer⸗ lich nicht, und es vergehen Stuunden, bevor ſeine hohe Langweiligkeit drinnen geſtört wird. Aber Volumnia, 1⁵⁵ die Schöne, die dem herrſchenden Leiden der Langweilig⸗ keit unterworfen iſt und findet, daß dieſe Krankheit ihrer Stimmung etwas heftig zuſetzt, kommt endlich auf den Einfall, ſich nach dem Bibliothekzimmer zu begeben, um die Scene zu wechſeln. Da ihr leiſes Pochen gegen die Thüre keine Antwort hervorruft, ſo öffnet ſie dieſelbe, und guckt hinein; da ſie Niemand dort ſieht, ſo nimmt ſie von dem Zimmer Beſitz. Die lebhafte Dedlock gilt in jener mit Gras über⸗ wachſenen Stadt der Alten, Bath, für eine Perſon, die von einer heftigen Neugierde geplagt wird,— von einer Neugierde, die ſie bei allen paſſenden und unpaſ⸗ ſenden Gelegenheiten antreibt, mit einem goldenen Glaſe am Auge herumzuwackeln und in Alles, was es immer ſein mag, hineinzugucken. So viel iſt gewiß, daß ſie die ſich ihr jetzt darbietende Gelegenheit nützt und wie ein Vogel über den Briefen und Papieren ihres Verwandten ſchwebt; daß ſie in dieſes Dokument ein Bischen hineinſchaut, und daß ſie, den Kopf auf einer Seite, jenes Document anblinzt, und daß ſie, das Glas am Auge, in forſchender und unruhiger Weiſe von einem Tiſche zum andern hüpft. Im Laufe dieſer Unter⸗ ſuchungen ſtolpert ſie über Etwas; ſie richtet ihr Augen⸗ glas darauf und ſieht ihren Verwandten wie einen ge⸗ fällten Baum auf dem Boden liegen. Volumnia's kleiner Lieblingsſchrei erlangt durch dieſe Ueberraſchung einen bedeutend höhern Grad von Wirklichkeit, und es ſteht nicht lange an, ſo iſt das ganze Haus auf den Beinen. Domeſtiken rennen Trep⸗ pen auf und ab; man hört heftig klingeln, man ſchickt nach Aerzten, und man ſucht Lady Dedlock in allen Richtungen, findet ſie jedoch nicht. Niemand hat, ſeit⸗ dem ſie zum letzten Mal geklingelt, Etwas von ihr ge⸗ ſehen oder gehört. Ihr Brief an Sir Leiceſter wird auf ihrem Tiſche entdeckt;— aber es iſt noch zweifelhaft, ob er nicht ein anderes Miſſiv aus einer andern Welt 156 bekommen, das perſönlich beantwortet ſein will; und alle lebenden und todten Sprachen laſſen ihn kalt. Man legt ihn auf ſein Bett, und reibt, und er⸗ wärmt, und fächelt ihn, und legt Eis auf ſeinen Kopf und verſucht, mit einem Worte jedes Mittel, um ihn wieder zu ſich zu bringen. Indeſſen iſt der Tag dahin geſchwunden, und iſt es Nacht in ſeinem Zimmer, ehe ſein röchelndes Athmen nachläßt, und ſeine ſtarren An⸗ gen von dem Lichte affizirt werden, das man gelegent⸗ lich an ihm vorüber bewegt. Als aber dieſe Verände⸗ rung beginnt, ſchreitet ſie fort; und nach und nach nickt er mit dem Kopfe oder bewegt er die Augen oder ſogar eine Hand zum Zeichen, daß er hört und verſteht, was geſprochen wird. Heute Morgen fiel er, ein hübſcher, ſtattlicher Gent⸗ leman, auf den Boden nieder; zwar etwas gebrechlich, aber von feinem Ausſehen und mit vollem Geſichte. Jetzt liegt er auf ſeinem Bette, ein alter Mann mit einge⸗ fallenen Wangen, der abgelebte Schatten ſeiner ſelbſt. Seine Stimme war voll und ſanft; und er war ſo lange ſo ganz davon überzeugt geweſen, es ſei jedes Wort, das er ſpreche, für das ganze Menſchengeſchlecht von Gewicht and Bedentung, daß ſeine Worte nach und nach wirklich ſo geklungen hatten, als ob Etwas an denſel⸗ ben wäre. Nun aber kann er nur noch flüſtern; und was er flüſtert, klingt wie das, was es iſt,— wie bloßer Wirrwarr, wie bloßes Kauderwelſch. An ſeinem Bette ſteht die treue Haushälterin, der er ganz beſonders zugethan iſt. Es iſt dieß die erſte That⸗ ſache, die er bemerkt, und augenſcheinlich gewährt ihm dieſelbe Freude. Nachdem er es vergebens verſucht, ſich durch Worte verſtändlich zu machen, gibt er durch Zei⸗ chen zu verſtehen, daß man ihm einen Bleiſtift geben ſolle. So undeutlich, daß die Leute ihn anfänglich nicht verſtehen können; ſeine alte Haushälterin iſt es, die erräth, was er will, und ihm eine Schiefertafel bringt. 157 Nachdem er einige Zeit gewartet, kritzelt er lang⸗ fam in einer Handſchrift, die nicht die ſeinige iſt, die Worte hin:„Chesney Wold?“ Nein, ſagt ſie zu ihm, er ſei in London. Er ſei heute Morgen im Bibliothekzimmer krank geworden. Sie iſt recht froh, daß ſie zufällig nach London gekommen, und daß ſie ihn pflegen kann. „Es iſt keine Krankheit, die viel auf ſich hat, Sir Leiceſter. Schon morgen werden Sie ſich viel beſſer be⸗ finden, Sir Leiceſter; all' die Herren ſagen ſo.“ Dieß ſpricht ſie, während ihr Thränen über das hübſche alte Geſicht herunterrollen. Nachdem er das Zimmer gemuſtert und mit beſon⸗ derer Aufmerkſamkeit ganz um das Bett hergeſchaut, wo die Aerzte ſtehen, ſchreibt er!„My Lady.“ „My Lady iſt ausgegangen, ehe Sie krank wurden, Si Leiceſter, und weiß noch Nichts von Ihrer Krank⸗ eit,“ Er deutet abermals mit großer Unruhe auf die bei⸗ den Worte hin. Sie Alle verſuchen es, ihn zu beruhi⸗ gen; aber er deutet immer wieder und zwar mit zuneh⸗ mender Aufgeregtheit darauf hin.. Als ſie einander anſehen und nicht wiſſen, was ſie ſagen ſollen, nimmt er abermals die Schiefertafel und ſchreibt:„My Lady. Um Gottes willen, wo?“ und läßt ein flehendes Winſeln hören. Man erachtet es für das Beſte, ihm durch ſeine alte Haushälterin Lady Dedlock's Brief überreichen zu laſſen, deſſen Inhalt Niemand kennt, oder auch nur muth⸗ maßen kann. Sie erbricht ihm den Brief, und entfaltet ihn, da⸗ mit er ihn leſen kann. Nachdem er ihn dann, obwohl nur mit großer Mühe, zwei Mal geleſen, ſchlägt er ihn ſo um, daß ihn Niemand ſeben ſoll, und liegt ächzend da. Er hat eine Art Rückfall oder bekommt eine Ohumacht, und es ſteht eine ganze Stunde an, bevor er, auf den Arm ſeiner treuen und ergebenen alten Dienerin geſtützt, die Augen wieder öffnet. Die Aerzte wiſſen, daß es am Beſten iſt, wenn man ſie um ihn läßt, und halten ſich fern, wenn ſie nicht um ihn her beſchäftigt ſind. Abermals wird die Schiefertafel verlangt; aber er kann ſich des Wortes nicht entſinnen, das er ſchreiben will, ſeine Angſt, ſein eifriges Verlangen, und ſeine Noth ſind in dieſem Augenblicke gar jämmerlich anzu⸗ ſehen. Es ſcheint, als ob er wahunſinnig werden müſſe in der Nothwendigkeit der Eile, von der er durchdrungen iſt, und in ſeiner Unfähigkeit, das auszudrücken, was gethan, oder wer herbeigeholt werden ſolle. Er hat den Buchſtaben B. hingeſchrieben und dann inne gehalten. Plötzlich, als ſeine Noth die höchſte Stufe erreicht, ſetzt er Mr. davor. Die alte Haushälterin fragt, ob er Mr.„Bucket“ ſchreiben wolle. Dem Himmel ſei gedankt! Ja, das will er ſchreiben. Es ſtellt fich heraus, daß Mr. Bucket drunten war⸗ tet, indem er auf dieſen Abend beſtellt worden. Soll er heraufkommen? Es läßt ſich das brennende Verlangen Sir Leice⸗ ſter's, ihn zu ſehen, oder deſſen Wunſch, nur die Haushälterin im Zimmer zu wiſſen, ſchlechterdings nicht mißdeuten. Was er verlangt, geſchieht alsbald; und es erſcheint Mr. Bucket. Sir Leiceſter ſcheint von ſeiner Höhe her⸗ abgeſtürzt, um ſein einziges Vertrauen und ſeine ein⸗ zige Hoffnung nur noch auf dieſen Mann zu ſetzen. „Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, es thut mir wirk⸗ lich leid, Sie ſo zu finden. Hoffentlich werden Sie ſich wieder aufheitern. Ja, das werden Sie gewiß thun, um des Anſehens der Familie willen.“ Sir Leiceſter gibt ihm ihren Brief in die Hand, und ſchaut ihm aufmerkſam ins Geſicht, während er den⸗ 15⁰ ſelben lieſt. Mr. Bucket's Auge verräth, daß ihm, während er weiter lieſt, plötzlich ein Licht aufgeht; mit einer Krümmung ſeines Fingers zeigt er, während die⸗ ſes Auge immer noch auf die Worte hinblickt, an:„Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, ich verſtehe Sie.“ Sir Leiceſter ſchreibt auf die Schiefertafel:„Volle Vergebung. Finden—“ Mr. Bucket thut ſeiner Hand Einhalt. „Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, ich finde ſie. Aber meine Nachforſchungen müſſen alsbald beginnen. Es darf auch nicht eine Minute verloren werden.“ Mit der Schnelligkeit des Gedankens folgt er Sir Leiceſter Dedlock's Blick nach einer kleinen auf dem Tiſch ſtehenden Schatulle hin. „Sie dorthin bringen, Sir Leiceſter Dedlock, Ba⸗ ronet? Ja, ja. Sie mit einem dieſer Schlüſſel da aufmachen? Ja, ja. Mit dem kleinſten Schlüſſel? Ja, ja. Die Banknoten herausnehmen. Ja, das will ich thun. Sie zählen? Das iſt bald geſchehen. Zwanzig und dreißig macht fünfzig, und zwanzig macht ſiebzig, und fünfzig macht hundert zwanzig, und vierzig macht hundert und ſechzig. Dieſe Banknoten nehmen zur Be⸗ ſtreitung der Unkoſten? Das will ich thun; ſpäter lege ich natürlich Rechenſchaft darüber ab. Kein Geld ſpa⸗ ren? Nein, es ſoll keines geſpart werden.“ Die Geſchwindigkeit und Gewißheit von Mr. Bucket's Dolmetſchung in allen dieſen Stücken grenzt beinahe au's Wunderbare. Mrs. Rouncewell, die das Licht hält, wird es ganz ſchwindelig von der Geſchwin⸗ nigie ſeiner Augen und Hände, als er reiſefertig auf⸗ ährt. „Sie find George's Mutter, alte Frau; ja, ſo Etwas ſind Sie, nicht wahr?“ ſpicht Mr. Bucket beiſeit, während er ſchon den Hut aufhat und ſeinen Rock zuknöpft. „Ja, mein Herr, ich bin ſeine unglückliche Mutter.“ 160 „So dachte ich, nach dem, was er ſo eben zu mir geſagt. Wohlan denn, ſo will ich Ihnen Etwas ſagen! Sie brauchen ſich keinen Kummer mehr zu machen. Bei Ihrem Sohn ſteht Alles gut. Nun, nun, fangen Sie nicht zu weinen an; denn das, was Sie zu thun ha⸗ ben, iſt, daß Sie Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, pfle⸗ gen, und das können Sie nicht durch Weinen thun. Was Ihren Sohn betrifft, ſo ſteht, ich wiederhole es, Alles gut bei ihm; und er läßt Sie viel Mal herzlich grüßen, und hofft, daß auch bei Ihnen alles gut ſtehe. Er iſt mit allen Ehren freigeſprochen; ja, das iſt er; und es haftet an ſeinem Charakter ebenſo wenig ein Fleck, als an dem Ihrigen, und der Ihrige iſt ſauber; ich möchte ein Pfund darauf wetten. Sie können mir glauben, denn ich bin es, der Ihren Sohn arretirt hat. Auch hat ſich derſelbe bei dieſer Gelegenheit ganz famos benommen; und er iſt ein fein gebauter Mann, und Sie ſind eine fein gebaute alte Frau, und ihr ſeid, als Mutter und Sohn, ein Paar, wie man es in einer Caravane als Muſter zeigen könnte. Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, was Sie mir anvertraut, werde ich durchführen. Befürchten Sie ja nicht, ich werde zur Rechten oder zur Linken von meinem Wege abweichen, oder ſchlafen, oder mich waſchen, oder mich raſiren, ſo lange ich nicht das gefunden, was ich nun ſuchen will. Soll von Ihrer Seite Alles ſagen, was lieb und gut iſt; ſoll ſagen, Sie gewähren volle Verzeihung? Ja, das will ich, Sir Leiceſter Dedlock, Baronet. Und ich wünſche Ihnen eine baldige Beſſerung, und daß dieſe Familiengeſchichten fein zugedeckt werden mögen— gleich wie, Du lieber Gott! ſchon ſo viele andere Fami⸗ tienangelegenheiten zugedeckt worden ſind und in alle Ewig⸗ keit werden zugedeckt werden.“ Mit dieſer Peroratton ſpaziert der zugeknöpfte Mr. Bucket ruhig zum Zimmer hinaus, und ſchaut beharrlich 161 vor ſich hin, wie wenn er, die Flüchtige ſuchend, die Nacht ſchon durchdränge. Sein erſter Schritt iſt, daß er ſich in die Zimmer von Lady Dedlock begibt, und dort Alles genau muſtert, um zu ſehen, ob keine, wenn auch noch ſo kleine Anzei⸗ gen da ſind, die ihn bei ſeinen Nachforſchungen untex⸗ ſtützen könnten. Es ſind die Zimmer jetzt in Dunkelheit gehüllt; und könnte man ſo ſehen, wie Mr. Bucket ein Wachslicht in der Hand hat, daſſelbe über ſeinem Kopfe hält und ſich genau die vielen feinen Gegenſtände merkt, die in ſo merkwürdigem Contraſt zu ihm ſelbſt ſtehen, ſo würde man ein intereſſantes Schauſpiel gewahren, — ein Schauſpiel, das aber Niemand gewahrt, da er Sorge trägt, ſich einzuſchließen. „Ein Bondoir, das ſich gewaſchen hat, das!“ ſpricht Mr. Bucket, der ſich in ſeinem Franzöſiſch durch den heute Morgen geführten Schlag gewiſſer Maßen aufgeſtutzt fühlt.„Muß eine Laſt Geld gekoſtet haben. Schöne Gegenſtände das; ſie muß hart gedrängt geweſen ſein, daß ſie ſich von dieſen hat trennen können!“ Tiſchſchubladen aufmachend und wieder ſchließend, und in Schmuck⸗ und Juwelenkäſtchen hineinſchauend, ſieht er ſich in verſchiedenen Spiegeln reflektirt, und ſtellt dann moraliſche Betrachtungen darüber an. „Man könnte glauben, ich bewege mich in den faſhio⸗ nablen Cirkeln, und putze mich heraus, um nach Almacks zu gehen,“ ſpricht Mr. Bucket.„Ich glaube bald, ich muß ein Elegant von der Garde ſein, ohne es zu wiſſen.“ Immer und überall herumſchauend, hat er eine nette kleine Schatulle in einer inneren Schublade geöffnet. Seine große Hand kommt, indem ſie Handſchuhe umkehrt, die ſie kaum fühlen kann, da dieſelben ſo leicht und ſo weich darin ruhen, auf ein weißes Taſchentuch. „Hm! Wollen dich ein Mal ein Bischen anſchauen,“ ſpricht Mr. Bucket, das Licht hinſtellend.„Warum hat Bleak Houſe. IV. 11 162 man dich ſo ganz allein gehalten? Was iſt dein Be⸗ weggrund? Gehörſt du Ihrer Ladyſchaft oder aber ge⸗ hörſt du ſonſt Jemand? Vermuthlich haſt du irgendwo ein Zeichen an dir?“ Und während er ſo ſpricht, findet er daſſelbe— „Eſther Summerſon.“ „Oh!“ ſagt Mr. Bucket, innehaltend und den Fin⸗ ger am Ohre.„Komm,, ſpazier' heraus, ich will dich nehmen.“ Er vervollſtändigt ſeine Beobachtungen ſo ruhig und ſorgfältig, als er ſie augeſtellt, läßt Alles genau in dem Zuſtande zurück, in dem er es gefunden, huſcht hinweg, nachdem er im Ganzen etliche fünf Minuten dageweſen, und tritt auf die Straße hinaus. Ein Blick nach den düſter erleuchteten Fenſtern von Sir Leiceſter's Zimmern empor richtend, eilt er nach der nächſten Fiakerſtation, wählt ſich ein Pferd für ſein Geld aus, und läßt ſich nach der Schießbahn fahren. Mr. Bucket gibt ſich keineswegs für einen wiſſenſchaftlichen Pferdekenner aus; aber er weiß ſo ziemlich, welches Pferd gut läuft, da er oft Gelegenheit hat, ein Bischen Geld für Cabriolets anszugeben. Seine Wiſſenſchaft läßt ihn im vorliegenden Falle nicht im Stiche. Mit halsbrechender Geſchwindigkeit über die Steine hinraſſelnd und dabei doch gedankenvoll ſeine ſcharfen Augen auf jedes dahinſchleichende Weſen, an dem er in den mitternächtlichen Straßen vorüberkommt, ja ſo⸗ gar auf die Lichter in oberen Fenſtern, wo die Leute eben zu Bette gehen, oder zu Bette gegangen ſind, auf alle Straßenecken, an denen er vorbeiraſſelt, ſowie auch auf den ſchweren Himmel und auf die Erde heftend, auf der ein dünner Schnee liegt— denn er kann überall Etwas ſehen, das ihn bei ſeinen Nachforſchungen unter⸗ ſtützt,— eilt er ſeinem Beſtimmungsorte mit ſolcher Schnelligkeit zu, daß das Pferd, als er anhalten läßt, ihn in einer Dunſtwolke halb erſtickt. ——., 28o SO5— 163 „Können es bequem ſtehen und ein Bischen aus⸗ ſchnaufen laſſen; in einer Minute bin ich wieder da.“ Er läuft den langen hölzernen Eingang hinan und findet den Troupier, wie er ſeine Pfeife raucht. „Ich dachte mir es, daß ich Sie ſo finden würde, George, nach Allem, was Sie durchgemacht, mein Burſche. Ich habe keine Zeit, um auch nur ein Wort zu verlieren. Und nun, Euer Ehren! Alles um ein Weib zu retten. Miß Summerſon, die hier war, als Gridley ſtarb— es war dieſelbe, ich weiß es— ganz richtig!— wo wohnt ſie 2 Der Tronpier kommt gerade dort her, und gibt ihm die Adreſſe, die ihn in die Nähe von Oxford Street füh⸗ ren muß. „Sie werden es nicht bereuen, George. Und nun gute Nacht!“ Er macht ſich wieder davon mit dem Eindrucke, als habe er Phil neben dem kalten Feuer ſitzen und mit weit geöffnetem Munde ihn anſtarren ſehen; und galop⸗ pirt wieder die Straßen entlang, und ſteigt wieder in einer Dunſtwolke aus. Mr. Jarndyce, die einzige Perſon im Hauſe, die noch auf iſt, will eben jetzt zu Bette gehen; er ſteht vom Tiſche auf, wo er in einem Buche liest, als er das raſche Klingeln hört, und kommt im Schlafrocke an die Haus⸗ thüre herab. „Seien Sie nicht in Unruhe, Sir!“ In einem Augenblicke iſt der Beſuchende in der Vorhalle ganz ver⸗ traut mit ihm; es hat derſelbe die Thüre geſchloſſen, und ſteht, die Hand auf dem Schloſſe, da.„Ich habe ſchon früher das Vergnügen gehabt, Sie zu ſehen. In⸗ ſpektor Bucket. Schauen Sie ein Mal dieſes Taſchentuch an, Sir! Gehört Miß Eſther Summerſon. Habe es ſelbſt vor einer Viertelſtunde gefunden, in einer Schub⸗ lade Lady Dedlocks verſteckt. Kein Augenblick zu ver⸗ 164 lieren. Handelt ſich um Leben oder Tod. Sie kennen doch Lady Dedlock?“ „Ja.“ „Man hat heute eine Entdeckung gemacht,— heute. Es ſind Familiengeſchichten herausgekommen. Sir Lei⸗ ceſter Dedlock, Baronet, hat einen Anfall bekommen,— Schlaganfall oder Lungenlähmung— und konnte nicht zu ſich gebracht werden, und iſt eine koſtbare Zeit ver⸗ loren gegangen. Lady Dedlock iſt heute Nachmittag ver⸗ ſchwunden und hat einen Brief an ihn zurückgelaſſen, der fatal ausſchaut. Leſen Sie ihn flüchtig durch. Hier iſt er!⸗ Nachdem Mr. Jarndyce den Brief geleſen, fragt er ihn, was er von der Sache halte? „Ich weiß es ſelbſt nicht. Es ſchaut wie Selbſtmord aus. Auf jeden Fall aber ſteigert ſich mit jeder Minute die Gefahr, daß es zu dem kommen werde. Ich würde hundert Pfund für jede Stunde geben, wenn ich nicht ſo ſpät daran wäre. Nun, Mr. Jarndyce, ich will Ih⸗ nen nur ſagen, daß Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, mich beauftragt hat, ihr nachzuſetzen, und ſie aufzufinden,— ſie wo möglich noch zu retten, und ſie ſeiner Verzeihung zu verſichern. Ich habe Geld und Vollmacht, aber ich brauche noch Etwas. Ich brauche Miß Summerſon.“ Mr. Jarndyce wiederholt in einem Tone, der von Unruhe zeugt: „Miß Summerſon?“ „Schauen Sie, Mr. Jarndyce;“— Mr. Bucket hat während der ganzen Zeit in ſeinem Geſicht mit der größten Aufmerkſamkeit geleſen;—„ich ſpreche mit Ih⸗ nen als mit einem menſchlich fühlenden Gentleman, und unter ſo dringlichen Umſtänden, wie ſie nicht oft vorkom⸗ men. Wenn je ein Verzug gefährlich war, ſo iſt er es jetzt; und wenn Sie je ſpäter ſich nicht verzeihen konn⸗ ten, Schuld daram geweſen zu ſein, ſo trifft das jetzt zu. Acht bis zehn Stunden, von denen jede wenigſtens nen 165 hundert Pfund werth iſt, wie ich Ihnen ſage, ſind ſeit dem Verſchwinden Lady Dedlock's verloren gegangen. Ich habe den Auftrag, ſie aufzufinden. Ich bin Inſpector Bucket. Neben allem Uebrigen, das fie drückt, glaubt ſie noch, ſie ſei des Mords verdächtig. Folge ich allein ihr nach, ſo kann ſie, da ſie nicht weiß, was Sir Lei⸗ ceſter Dedlock, Baronet, mir mitgetheilt, zur Verzweiflung getrieben werden. Folge ich ihr aber in Geſellſchaft einer jungen Dame nach, die der Beſchreibung einer jungen Dame entſpricht, für die ſie eine gewiſſe Zärtlich⸗ keit hegt— ich will Nichts fragen und ſage Nichts wei⸗ ter— ſo wird ſie in mir einen Freund erblicken. Kann ich ſie erreichen und habe ich an dieſer jungen Dame eine Handhabe, um ſie zu faſſen, ſo rette ich ſie, und gewänne es bei ihr, wenn ſie Uoch am Leben iſt. Kaun ich ſie allein einholen— eine ſchwierigere Sache — ſo thue ich mein Beſtes; aber ich ſtehe nicht gut da⸗ für, was das Beſte ſein mag. Es flieht die Zeit; es geht bereits auf ein Uhr. Schlägt es eins, ſo iſt ſchon wieder eine Stunde dahin; und jetzt iſt eine ſolche Stunde tauſend ſtatt hundert Pfund werth.“ Es iſt dieß Alles wahr genug, und es kann die Dringlichkeit des Falls nicht in Frage geſtellt werden. Mr. Jarndyce erſucht ihn, zu warten, bis er mit Diiß Summerſon geſprochen. Mr. Bucket ſagt, er wolle das thun, thut es aber nicht, da er ſeinem gewöhnlichen Grundſatze getreu bleibt, — die Treppe hinangeht, und ſeinen Mann keinen Au⸗ genblick aus dem Auge verliert. So bleibt er in dem Dunkel der Treppe verborgen, während die Beiden mit einander rathſchlagen. Es ſteht eine kleine Weile an, und Mr. Jarndyce kommt wieder herunter und ſagt ihm, es werde Miß Summerſon in einem Augenblicke erſcheinen und ſich unter ſeinen Schutz ſtellen, um ihn überall hin zu begleiten. Mr. Bucket iſt befriedigt und drückt ſeinen vollkom⸗ 166 menſten Beifall aus, und wartet auf ſie an der Haus⸗ thüre. Dort beſteigt er im Geiſte einen hohen Thurm und ſchaut hinaus, weit und breit. Gar viele einſame Ge⸗ ſtalten gewahrt er, die durch die Straße hinkriechen; gar viele einſame Geſtalten gewahrt er draußen auf Hai⸗ den, und auf Straßen und unter Heuſchobern. Aber die Geſtalt, die er ſucht, befindet ſich nicht darunter. Andere einſame Geſtalten gewahrt er, indem er darüber hinblickt, in Ecken von Brücken, und an dunkeln Orten drunten am Fluſſe; und ein dunkler, dunkler, unförmlicher Gegenſtand, der dem Strom folgt und einſamer iſt, denn alle andern, klammert ſich mit der Hartnäckigkeit eines Ertrinkenden an ſeine Aufmerkſamkeit an. Wo iſt ſie nun? Lebend oder todt. Wo iſt ſie? Könnte das Taſchentuch, während er es zuſammenlegt und ſorgfältig aufbewahrt, durch eine ihm inwohnende 2 Zauberkraft im Stande ſein, ihm den Ort zu zeigen, wo ſie es gefunden, und die Nachtlandſchaft unweit der Hütte, wo es das kleine Kind bedeckte, würde er ſie dort erſpähen? Auf der Einnöde, wo die Ziegelöfen blaß⸗ blau glimmen; wo die Strohdächer der armſeligen Hüt⸗ ten, in denen die Ziegel und Backſteine gemacht werden, von dem Winde faſt mit fortgenommen werden, wo Lehm und Waſſer hart gefroren ſind, und die Mühle, in der das abgemagerte blinde Pferd den lieben langen Tag ſich dreht, wie ein Werkzeug menſchlicher Tortur aus⸗ ſieht:— dort kann man eine einſame Geſtalt ſehen; es ſchreitet dieſelbe über dieſen wüſten, öden Fleck Landes hin, mit ſich ſelbſt zerfallen, vom Schnee getroffen, vom Winde getrieben, und, wie es ſcheinen möchte, von aller menſchlichen Geſellſchaft ausgeſchloſſen. Auch iſt es die Geſtalt eines Weibes, nur iſt ihr Anzug ein überaus ärmlicher, und noch nie kamen ſolche Kleider durch die Vorhalle und aus der großen Hausthüre des Dedlock'ſchen Palaſtes. 167 Siebenundfünßzigſtts Kapitel. Eſther's Erzählung. Ich war ſchon zu Bette gegangen und eingeſchlafen, als mein Vormund an die Thüre meines Zimmers klopfte und mich alsbald aufſtehen hieß. Als ich mich beeilte, mit ihm zu ſprechen, um zu erfahren, was vorgefallen, theilte er mir nach ein Paar vorbereitenden Worten mit, daß man bei Sir Leiceſter Dedlock eine Entdeckung ge⸗ macht. Es ſei meine Mutter entflohen; es ſtehe jetzt an unſerer Thür eine Perſon, die beauftragt ſei, ſie der liebevollſten Verzeibung und des liebevollſten Schutzes zu verſichern für den Fall, daß man ſie auffinden könne; ich aber ſolle den mit ihrer Auffindung Beauftragten beglei⸗ ten, indem wohl meine Bitten Etwas bei ihr vermöchten, wenn die ſeinigen nicht anſchlügen. So viel etwa begriff ich: indeſſen waren die Unruhe, die Eile und der Kummer bei mir ſo groß, daß trotz aller Anſtrengungen, die ich machen konnte, um meine Aufregung niederzukämpfen, ich erſt, nachdem eine Stunde verfloſſen, wieder ganz zu Siunen kommen zu können glaubte. Aber ich kleidete mich raſch an und hüllte mich ein, ohne Charley oder ſonſt Jemand zu wecken, und ging zu Mr. Bucket hinab, der die Perſon war, der das Geheim⸗ niß anvertraut worden. Mein Vormund ſagte mir dieß, als er mich zu ihm hinführte und erklärte auch, wie es gekommen, daß der⸗ ſelbe an mich gedacht und mich aufgeſucht. Mr. Bucket las mir mit leiſer Stimme, beim Schein von meines Vor⸗ munds Lichte, in der Vorhalle einen Brief vor, den 168 meine Mutter auf ihrem Tiſche zurückgelaſſen; und ich glaube, daß ich zehn Minnten, nachdem ich ſo geweckt worden, ſchon neben ihm ſaß, und in raſchem Galopp durch die Straßen hinrollte. Sein Benehmen hatte etwas ſehr Eifriges, und doch wieder Umſichtiges und Ruhiges, als er mir erklärte, wie gar viel davon abhangen dürfte, daß ich ohne Verwir⸗ rung auf ein Paar Fragen antwortete, die er an mich ſtellen wollte. Dieſe Fragen ſeien hauptſächlich folgende: ob ich mit meiner Mutter viel verkehrt(er nannte ſie indeſſen bloß Lady Dedlock); ob und wo ich zum letzten Male mit ihr geſprochen; und wo ſie in den Beſitz mei⸗ nes Taſchentuchs gelangt. Als ich ihn in allen dieſen Stücken zufrieden geſtellt, bat er mich, ganz beſonders darüber nachzudenken— ich ſolle mir nun Zeit dabei laſſen,— ob mit meinem Wiſ⸗ ſen es eine Perſon gäbe,— wo dieſelbe ſich immer be⸗ finden möge,— von der man annehmen könne, daß ſie in der höchſten Noth ſich ihr anvertrauen werde. Es wollte mir zuerſt Niemand einfallen, als mein Vormund. Nach einer Weile aber that ich Mr. Boy⸗ thorn’s Erwähnung. Dieſer fiel mir ein, weil ich mich der alten, ritterlichen Weiſe erinnerte, in der er des Na⸗ mens meiner Mutter erwähnt, und weil mein Vormund mir mitgetheilt, daß er mit ihrer Schweſter verlobt ge⸗ weſen, und ohne es ſelbſt zu wiſſen, in ihre unglückliche Geſchichte verwickelt worden. Mein Begleiter hatte anhalten laſſen, während wir dieſes Geſpräch pflogen, damit wir einander beſſer ver⸗ ſtehen möchten. Jetzt ſagte er dem Kutſcher, er ſolle weiter fahren, und ſetzte, zu mir gewandt, nachdem er einige Augen⸗ blicke mit ſich darüber zu Rath gegangen, hinzu, daß er nun wiſſe, wie er handeln müſſe. Er war gerne bereit, mir ſeinen Plan mitzutheilen; indeſſen fühlte ich, daß mein Bewußtſein noch nicht klar genug war, um denſelben zu verſtehen. =S—,————¶H 2.R8 2 2sͤ ₰ — E ε N — n 169 Wir waren noch nicht ſehr weit von unſerer Woh⸗ nung, als wir in einer Nebengaſſe an einem Orte an⸗ hielten, der mit Gas erleuchtet war, und wie ein öffent⸗ licher Ort ausſah. Mr. Bucket führte mich hinein und ſetzte mich in einen Armſeſſel neben ein luſtiges Feuer. Es war jetzt ein Uhr vorüber, wie ich an der an der Wand hängenden Uhr ſah. Zwei Polizeiagenten, die in ihrer durchaus ſaubern Uniform gar nicht ausſahen, wie Leute, welche die ganze Nacht aufblieben, ſchrieben ruhig an einem Pulte; und es ſchien überhaupt der Ort ganz ſtill, wenn man ein gewiſſes Klopfen und Herausrufen an fernen unterirdiſchen Thüren auenahm, worauf aber Nie⸗ mand achtete. Ein dritter Mann in Uniform, den Mr. Bucket her⸗ beirief, und dem er ſeine Verhaltungsbefehle zuflüſterte, ging hinaus; und dann rathſchlagten die beiden Andern mit einander, während einer nachſchrieb, was Mr. Bucket mit gedämpfter Stimme dictirte. Es war ein Signale⸗ ment meiner Mutter, das ſie beſchäftigte; denn Mr. Bucket brachte es, als es fertig war, mir her, und las es mir flüſternd vor. Es war wirklich ſehr genau. Der zweite Agent, der genau aufgemerkt hatte, co⸗ pirte es dann und rief einen andern Mann in Uniform herein(es befanden ſich mehrere in einem äußeren Zim⸗ mer), der es nahm und damit wegging. Alles dieß geſchah in größter Eile, und ohne daß dabei auch nur ein Augenblick verloren wurde; und doch wurde Niemand übereilt. Sobald das Papier fort war, um ſeine mancherlei Reiſen anzutreten, fingen die beiden Agenten ihre frühere ruhige Arbeit wieder an, und fuhren fort, ſauber und ſorg⸗ fältig zu ſchreiben. Mr. Bucket kam nachdenklich her und wärmte am Feuer die Sohlen ſeiner Stiefeln, zuerſt die eine und dann die andere „Sind Sie auch recht eingehüllt, Miß Summerſon?“ fragte er mich, als ſeine Augen den meinigen begegneten. 170 „Es iſt für eine junge Dame, wie Sie, heute Nacht ver⸗ zweifelt kühl.“ Ich ſagte ihm, daß mir das Wetter gleichgiltig und daß ich warm angezogen wäre. „Es dauert die Sache vielleicht ein Bischen lange,“ bemerkte er;„indeſſen thut es Nichts, Miß, wenn nur das Ende gut iſt.“ „Ich flehe zum Himmel, daß Alles gut ablaufen möge!“ ſprach ich. Er nickte tröſtend mit dem Kopfe, und ſprach: „Schauen Sie, Sie müſſen eben ruhig zu bleiben fuchen. Bleiben Sie kalt, und ſeien Sie Allem gewachſen, was auch geſchehen mag; es wird ſo am Beſten ſein für Sie, und für mich, für Lady Dedlock, und für Sir Lei⸗ ceſter Dedlock, Baronet.“ Er war wirklich recht freundlich und artigz und. während er vor dem Feuer ſtand, ſeine Stiefeln wärmte, und ſich das Geſicht mit dem Zeigefinger rieb, fühlte ich zu ſeinem Scharfſinn ein Vertrauen, das mich wieder beruhigte. Es war noch nicht Viertel auf Zwei, als ich Pferdegetrappel und ein Geräuſch von Rädern vor dem Hauſe hörte. „Und nun, Miß Summerſon“, ſprach er,„wollen wir gehen, wenn es Ihnen recht iſt!“ Er gab mir den Arm und bie beiden Agenten be⸗ gleiteten mich unter höflichen Bücklingen bis an die Thüre, wo wir einen Phaeton oder eine Barutſche mit Poſtillon 3 und Poſtpferden fanden. Mr. Bucket half mir einſteigen und nahm ſelbſt auf dem Kutſchbocke Platz. Der Mann in Uniform, durch den er dieſes Gefährt hatte herbei⸗ holen laſſen, reichte ihm dann auf ſein Verlangeu eine Blendlaterne hinauf, und nachdem dem Poſtillion einige Verhaltungsbefehle gegeben waren, raſſelten wir fort. Ich war gar nicht gewiß, ob ich nicht träumte. Wir raſſelten mit großer Schnelligkeit durch ein ſolches Labyrinth von Straßen hin, daß ich bald gar nicht mehr 171 wußte, wo wir waren; nur ſo viel war mir klar, daß wir aber und abermals über den Fluß gefahren waren, und immer noch eine niedrig, am Waſſer liegende, dichte Nachbarſchaft von ſchmalen Durchgängen durchfuhren, die durch Docks und Baſſins, hohe Waarenmagazine, Dreh⸗ brücken und Schiffsmaſten etwas ſehr Mannigfaltiges er⸗ bielt. Endlich hielten wir an einer kleinen ſchlammigen Straßenecke an, die der von dem Fluſſe heraufkommende Wind nicht desinficirte; und ich ſah, wie mein Begleiter beim Licht ſeiner Laterne mit verſchiedenen Männern con⸗ ferirte, die wie eine Miſchung von Polizei und Matroſen ausſahen. An der zerfallenen Mauer, neben der ſie ſtan⸗ den, war ein Zettel angeheftet, worauf ich die Worte unterſcheiden konnte„wurde im Waſſer und ertrunken ge⸗ funden;“ dieß und gewiſſe Worte über Kratzhamen be⸗ ſtärkten mich in dem entſetzlichen Verdacht, der durch un⸗ ſern Beſuch an dieſem Orte erweckt worden war. Ich brauchte mich nicht daran zu erinnern, daß ich nicht da ſei, um, indem ich meinen Gefühlen freien Lauf laſſe, die Schwierigkeit der Nachſuchung zu vermehren, oder deren Hoffnungen zu vermindern, oder deren Ver⸗ zögerungen zu verlängern. Ich blieb ruhig; was ich aber an dieſem gräßlichen Orte litt, kann ich nie ver⸗ geſſen. Und doch war es wie das Grauen eines Trau⸗ mes. Ein noch dunkler und ſchlammig ausſehender Mann, in langen, aufgedunſenen Stiefeln und einem ſolchen Hute wurde aus einem Boote herausgerufen, und flüſterte eine Weile mit Mr. Bucket, der einige ſchlüpfrige Stu⸗ fen mit hinunterging, wie wenn er Etwas Geheimes an⸗ ſchauen wollte, das derſelbe ihm zu zeigen hätte. Sie kamen zurück und wiſchten ſich die Hände an ihren Stöcken ab, nachdem ſie etwas Naſſes umgekehrt hatten; aber es war, Gottlob! nicht das, was ich fürchtete! Nachdem man ſich noch weiter beſprochen, ging Mr. Bucket(den Jedermann zu kennen und gegen den Jeder⸗ mann willfährig zu ſein ſchien) mit den Andern zu einer 172 Thüre hinein und ließ mich im Wagen zurück, während der Poſtillon neben ſeinen Pferden auf und abging, um ſich zu erwärmen. Es trat die Fluth ein, wie ich nach dem Geräuſch, das dieſelbe machte, urtheilte; auch konnte ich hören, wie ſie ſich am Ende des Gäßchens, ein wenig nach mir her dringend, brach. Nie aber geſchah dieß— und ich glaubte, es ſei wenigſtens hundert Mal in Zeit von höchſtens einer Viertelſtunde— und vielleicht war es nicht einmal eine Viertelſtunde— geſchehen, ohne daß mich der Gedanke durchſchauerte, es könne die Fluth meine Mutter vor die Füße der Pferde hinwerfen. Mr. Bucket kam wieder heraus, hieß die Andern wachſam ſein, verfinſterte ſeine Laterne, und nahm aber⸗ mals ſeinen Sitz auf dem Kutſchbocke ein. „Seien Sie, Miß Summerſon, nicht unruhig dar⸗ über, daß wir hierher kommen,“ ſprach er, zu mir ge⸗ wandt.„Ich möchte nur Alles in Gang bringen und wiſſen, daß es im Gang iſt. Darum ſehe ich ſelbſt nach. Und nun fort, mein Burſche!“ Wir ſchienen den Weg wieder einzuſchlagen, auf dem wir gekommen waren. Nicht daß ich in dem verwirrten Zuſtande meines Geiſtes mir dieſen oder jenen Gegen⸗ ſtand beſonders gemerkt hätte, nein; aber ich ſchloß dieß aus dem allgemeinen Ausſehen der Straßen. Wir riefen eine Minute lang an einem andern Bü⸗ reau oder einer andern Station an, und fuhren abermals über den Fluß. Während dieſer ganzen Zeit, ſowie während der ganzen Nachforſchung ermattete die Wachſamkeit meines auf dem Kutſchbocke eingemummt ſitzenden Begleiters auch nicht einen einzigen Augenblick; als wir aber über die Brücke fuhren, ſchien er wo möglich noch aufmerkſamer, als zuvor. Er ſtand auf, um über die Bruſtwehr hinüber⸗ zuſchauen; er ſtieg ab und ging einer dunklen, weiblichen Geſtalt nach, die an uns vorüberſchwebte; und er blickte in den tiefen, ſchwarzen Waſſerpfuhl mit einem Geſichte, 173 das das Herz in mir erſterben machte. Der Fluß ſah gräßlich gennug aus. Er hatte etwas ſo Dunkles und Geheimes, und kroch ſo geſchwind zwiſchen den zwei nied⸗ rigen, flachen Ufern hin; es lagen auf ihm ſo viele un⸗ beſtimmte und furchtbare Geſtalten, die theils etwas Weſentliches hatten, theils bloße Schatten waren; er war ſo todtenähnlich, ſo myſteriös. Ich habe ihn ſeitdem gar oft bei Sonnen⸗ und bei Mondſchein geſehen, aber nie frei von den Eindrücken dieſer Reiſe. In meinem Ge⸗ dächtniſſe brennen die Lichter auf der Brücke immer dü⸗ ſter; der ſchneidende Wind kreist um das obdachloſe Weib her, an dem wir vorüberkommen; die monotonen Räder drehen ſich und eilen weiter; und das zurückgeworfene Licht der Kutſchenlaterne blickt blaß zu mir herein— ein Geſicht, das aus dem gefürchteten Waſſer aufſteigt. Durch die leeren Straßen immer weiter raſſelnd, kamen wir endlich von dem Pflaſter weg auf finſtere, ſanfte Wege, und fingen an, die Häuſer hinter uns zu laſſen. Nach einer Weile erkannte ich den mir wohl be⸗ kannten nach Saint Albans führenden Weg. Zu Barnet ſtanden friſche Pferde für uns parat; und nach dem Pferde⸗ wechſel ging es wieder weiter. Es war in der That recht kalt; und es war das offene Land ganz weiß von Schnee, obgleich im Augenblicke keiner fiel. „Ein alter Bekannter von Ihnen, dieſer Weg, Miß Summerſon,“ ſprach Mr. Bucket in fröhlichem Tone. „Ja,“ verſetzte ich.„Haben Sie Etwas erfahren?“ „Nichts, worauf man ſich bis jetzt ganz verlaſſen kaunte antwortete er;„aber es iſt noch frühe an der ei, 4— Er war in jedes Wirthshaus hineingegangen, wo man noch oder wo man ſchon auf war, und wo ein Licht brannte(ſolcher Gaſthäuſer waren es dazumal nicht we⸗ nige, da der Weg von Viehhändlern ſtark benützt wurde), und war abgeſtiegen, um mit den Chauſſeegeldeinnehmern 174 zu ſprechen. Ich hatte gehört, wie er überall ſich Etwas zu trinken geben ließ, mit Geld klapperte, und ſich überall angenehm machte und guter Dinge war; kaum aber hatte er dann ſeinen Sitz auf dem Kutſchbocke wieder einge⸗ nommen, ſo nahm ſein Geſicht jenen wachſamen Ausdruck wieder an, den es bis daher nie verloren, und ſo ſagte er zu dem Poſtillon in demſelben Geſchäftstone immer: „Zugefahren, mein Burſche!“ In Folge dieſes vielen Anhaltens war es ſchon zwi⸗ ſchen fünf und ſechs Uhr, als wir noch ein paar Meilen von Saint Albans entfernt waren, und er aus einem dieſer Gaſthäuſer herauskam und mir eine Taſſe Thee überreichte. „Trinken Sie, Miß Summerſon, es wird Ihnen gut bekommen. Sie fangen jetzt an, etwas gefaßter zu ſein, nicht wahr?“ Ich dankte ihm und ſagte, daß ich es hoffte. „Sie waren anfänglich, was man ſo nennen kann, betäubt,“ verſetzte er;„auch darf das, du lieber Gott! gar nicht Wunder nehmen. Sprechen Sie nicht laut, meine Liebe! Es iſt Alles in Ordnung. Sie iſt vor⸗ aus.“ Ich weiß nicht, welch' freudiger Ausruf mir entfuhr, oder mir entfahren wollte; aber er hob den Finger auf; und ich hielt ein. „Hier durch gekommen, zu Fuß, heute Abend etwa um acht oder neun. Zum erſten Male hörte ich von ihr bei der Zollbnde am Bogengang, bei Highgate drüben, konnte aber keine rechte Gewißheit erlangen, verfolgte ihre Spur auf dem ganzen Wege hierher, auf der Straße und abſeits derſelben. Fand ſie an einem Orte, und verlor fie wieder an einem andern; nun aber iſt ſie ſicher und wohlbehalten vor uns. Nehmen Sie dieſe Ober⸗ und Untertaſſe, Hausknecht! Und nun paſſen Sie, wenn Sie nicht zum Butterhandel erzogen worden, auf und ſchauen Sie, ob Sie mit der andern Hand eine halbe Krone auf⸗ d Bcee ee 8nͤͤ— 175⁵ fangen können! Eins, zwei, drei,— haben Sie's nnn? Und nun, mein Burſche, ſchlagen wir ein Mal einen tüch⸗ tigen Galopp an!“ Bald waren wir in Saint Albans, und ſtiegen ein Bischen vor Tag aus, als ich gerade anfing, die Vor⸗ fälle der Nacht zu begreifen und mir zurechtzulegen, und wirklich zu glauben, daß dieſelben kein Traum wären. Wir ließen den Wagen am Poſthauſe ſtehen und beſtellten friſche Pferde, worauf mein Begleiter mir den Arm gab und mit mir nach meiner lieben Heimath zu⸗ ging. „Da dieß ihr regelmäßiger Aufenthaltsort iſt, Miß Summerſon,“ bemerkte er,„ſo möchte ich, ſchauen Sie, gerne wiſſen, ob eine fremde Perſon, die unſerem Sig⸗ nalement entſpricht, nach Ihnen oder nach Mr. Jarndyce gefragt hat. Ich mache mir zwar nicht viel Rechnung darauf, aber es könnte dennoch ſein.“ „Indem wir den Hügel hinanſtiegen, blickte er mit ſcharfem Auge umher— der Tag brach eben an— und erinnerte mich, daß ich einſt in der Nacht, wie ich mich wohl noch erinnern werde, mit meinem kleinen Kammer⸗ mädchen und dem armen Jo heruntergekommen,— mit dem armen Jo, den er Toughey nannte. Ich fragte ihn verwundert, wie er das wiſſen könne. „Sie kamen, gerade dort, an einem Mann auf dem Weg vorüber, wiſſen Sie,“ ſprach Mr. Bucket. Ja, ich erinnerte mich deſſen auch unr zu gut. „Ich war der Mann,“ ſprach Mr. Bucket. Als er meine Ueberraſchung gewahrte, fuhr er fort: „Ich fuhr an jenem Nachmittage in einem Gig hier⸗ her, um nach dem Burſchen zu ſchauen. Sie hätten meine Räder hören können, als ich herauskam, um ſelbſt nach ihm zu ſchauen, denn ich ſah, wie Sie und Ihr kleines Kammermädchen hinaufgingen, während ich drunten das Pferd im Schritte gehen ließ. Als ich mich in der Stadt ein Bischen nach ihm erkundigte, da hörte ich bald, in 176 welcher Geſellſchaft er war, und kam auf die Ziegelfelder, um nach ihm zu ſchauen; und da ſah ich denn, wie Sie ihn mit nach Hauſe nahmen.“ „Hatte er denn Etwas verbrochen?“ fragte ich⸗ „Es wurde ihm gerade kein Verbrechen zur Laſt ge⸗ legt,“ ſprach Mr. Bucket, kaltblütig den Hut lüftend; „indeſſen vermuthe ich, daß er es in dieſem Stücke ſo genau nicht nahm. Wenn ich ihn haben wollte, ſo hatte ich dabei die Abſicht, dieſe nämliche Geſchichte von Lady Dedlock nicht allzu ruchbar werden zu laſſen. Er hatte von ſeiner Zunge mehr Gebrauch gemacht, als Einem lieb war, in Betreff eines kleinen gelegentlichen Dienſtes, wofür er von dem ſeligen Mr. Tulkinghorn bezahlt wor⸗ den war; und es ging ſchlechterdings nicht an, daß er ſolche Spiele ſpielte. Nachdem ich ihn aus London hatte fortgehen heißen, wandte ich einen Nachmittag dazu an, um ihm zu bedeuten, daß er jetzt, wo er fort ſei, auch fort bleiben, und noch weiter fort gehen und wohl auf⸗ ſchauen müſſe, daß ich ihn nicht wieder ertappe.“ „Armes Geſchöpf!“ ſagte ich. „Arm genug,“ ſtimmte Mr. Bucket bei,„und Mühe genug, und wohl von London weg, und irgend anderswo. Ich war ſo recht umgangen, als ich ihn von Ihrem Hauſe aufgenommen fand, ich verſichere Sie.“ Ich fragte ihn, warum das? „Ei, ſchauen Sie, meine Liebe!“ gab Mr. Bucket zurück.„Nun hatte die Zunge bei ihm natürlich gar kein Ende mehr. Er hätte ebenſo gut geboren werden können mit einer Zunge von anderthalb Ellen und noch ein Bis⸗ chen darüber.“ Obwohl ich mich dieſes Geſprächs jetzt erinnere, ſo war mein Kopf damals doch ganz verwirrt; kaum daß die Kraft der Aufmerkſamkeit bei mir hinreichte, um mir begreiflich zu machen, daß er in dieſe Einzelheiten bloß einging, um mich zu zerſtreuen. Offenbar in derſelben freundlichen Abſicht ſprach er mir oft von gleichgiltigen —=* 177 Dingen, während ſein Geſicht mit dem einen Gegenſtand beſchäftigt war, der uns hierher geführt. Er verfolgte immer noch dieſen Gegenſtand, als wir ſchon zu der Gartenthüre hineingingen. „Ah!“ ſprach Mr. Bucket.„Hier wären wir nun, und es iſt wirklich ein recht netter abgelegener Ort. Er⸗ innert Einen an das Landhaus in dem Woodpecker⸗Tap⸗ ping, welches man an dem ſich ſo graziös kräuſelnden Rauche erkannte. Das Küchenfeuer brennt hier ſchon früh, und es deutet dieß anf gute Dienſtboten. Worauf Sie aber bei Dienſtboten ſtets ein beſonderes Auge haben müſſen, iſt, von wem ſie beſucht werden. Nie wiſſen Sie, was ſie im Schilde führen und treiben, wenn Sie das nicht wiſſen. Und noch Etwas, meine Liebe. So oft Sie einen jungen Mann hinter der Küchenthür finden, laſſen Sie dieſen jungen Mann ohne Weiteres einſtecken als eines ungeſetzlichen Vorhabens verdächtig.“ Wir befanden uns jetzt gerade vor dem Hauſe. Er ſchaute, bevor er die Augen zu den Fenſtern emporhob, den Kies aufmerkſam und ſcharf an, um zu ſehen, ob ſich keine Fußſpuren darin zeigten. „Geben Sie dem ältlichen jungen Herrn gewöhnlich daſſelbe Zimmer, wenn er auf Beſuch hierher kommt, Miß Summerſon?“ fragte er, zu Mr. Skimpole's gewöhn⸗ lichem Zimmer aufblickend. „Wie! Sie kennen Mr. Skimpole!“ ſagte ich. „Wie, wie nennen Sie ihn?“ verſetzte Mr. Bucket, das Ohr herunterbeugend.„Skimpole, ſagen Sie? Ah, ah, Skimpole, ganz recht, ganz recht: hätte ſchon längſt gerne ſeinen Namen wiſſen mögen. Ah, ah, Skimpole— ganz recht. Nicht John, ſollte ich meinen,— und auch nicht Jakob?“ „Harold,“ ſagte ich. „Harold. Ja, ja. Ein wunderlicher Vogel dieſer Harold,“ ſprach Mr. Bucket, mich höchſt ausdrucksvoll muſternd. „Bleak Houſe. WV. 12 178 „Er iſt ein ſonderbarer Charakter,“ ſprach ich. „Keinen Begriff von Geld,“ bemerkte Mr. Bucket. —„ und doch nimmt er es!“ Ich erwiderte ganz unwillkürlich, ich ſehe, daß Mr. Bucket ihn kenne. „Je nun, ſo will ich es Ihnen denn ſagen, Miß Summerſon,“ entgegnete er.„Ihre Gemüthsſtimmung wird dadurch gewinnen, daß Sie ſich nicht immer und ewig mit einem einzigen Gegenſtande beſchäftigen, und ich will Ihnen der Abwechslung wegen weiter erzählen. Er war es, der mir angab, wo Toughey ſich befand. Ich entſchloß mich, an jenem Abende an die Thüre zu ommen und nöthigenfalls bloß nach Toughey zu fragen; da ich aber erſt noch ein paar Züge probiren wollte, wenn überhaupt ein ſolcher auf dem Schachbrette zu machen war, ſo warf ich nur ſo ein Stück Kies nach dem Fenſter hinauf, wo ich einen Schatten bemerkte. Sobald Harold daſſelbe öffnet, und ich ihn mit den Augen erſpähet habe, da denke ich, Du biſt mir der rechte Mann. Ich legte mich daher ein Bischen aufs Schmeicheln, ſagte, ich wolle die Familie nicht ſtören, nachdem ſie ein Mal zu Bette gegaugen, und es ſei zu bedauern, daß mildthätige junge Damen Vagabunden beherbergen; und dann ſetzte ich, als ich ſeine Wege ziemlich kennen gelernt, hinzu, daß ich eine Fünfpfundnote als recht gut angewandt erachten würde, wenn ich das Haus von Toughey befreien könnte, ohne einen Lärm oder weitere Umſtände zu verurſachen. Darauf ſagt er, die Augenbrauen in der fröhlichſten Weiſe emporrichtend:„Es nützt Nichts, daß Sie mir von einer Fünſpfundnote ſprechen, mein Freund, da ich in dieſen Dingen ein pures Kind bin und keinen Begriff vom Gel habe.“ Natürlich verſtand ich, was es zu bedeuten hatte, daß er die Sache ſo leicht nahm; und da ich nun ganz gewiß war, den rechten Mann gefunden zu haben, wickelte ich die Fünfpfundnote um ein Steinchen und warf ihm ſo dieſelbe hinauf. Gut! er lacht und ſtrahlt, und ſchaut 179 ſo unſchuldig aus, als Sie nur wollen, und ſpricht: ‚Aber ich kenne ja den Werth dieſer Dinge nicht! Was ſoll ich denn damit thun?— Sie ſollen es verbrauchen, ſollen es ausgeben, Sir!“ ſpreche ich.— ‚Aber ſie werden mich über's Ohr hauen,“ ſagt er: ‚ſie geben mir nicht recht heraus; ich werde darum kommen,— das Geld iſt für mich nutzlos. Du lieber Gott! Nie haben Sie in Ih⸗ rem Leben ein Geſicht geſehen, wie das, womit er dieß ertrug. Natürlich ſagte er mir, wo ich Toughey finden konnte. Und ſo fand ich dann denſelben.“ Es kam mir dieß von Seiten Mr. Skimpole's als recht verrätheriſch gegen meinen Vormund und als die gewöhnlichen Grenzen ſeiner kindlichen Unſchuld über⸗ ſchreitend vor. „Grenzen, meine Liebe?“ verſetzte Mr. Bucket. „Grenzen? Schauen Sie, Miß Summerſon, ich will Ihnen ein Stück guten Raths geben, das Ihr Mann recht nützlich finden wird, wenn Sie ein Mal glücklich verheirathet ſind, und Familie haben. So oft eine Per⸗ ſon Ihnen ſagt, ſie ſei höchſt unſchuldig in Allem, was das Geld betreffe, haben Sie ja recht auf Ihr Geld Acht, denn die Perſon, die alſo ſpricht, ſucht daſſelbe ſich wo möglich in die Taſche zu praktiziren. So oft eine Perſon in feierlicher Weiſe zu Ihnen ſagt: In welt⸗ lichen Dingen bin ich ein Kind,“ können Sie ſicher glau⸗ ben, daß dieſe Perſon nur jede Verantwortlichkeit von ſich abwälzen will: das iſt Numero ſicher. Ich ſelbſt bin nun zwar kein poetiſcher Menſch, es ſei denn, wenn es gilt, in einer luſtigen Geſellſchaft auch ſo ein Liedchen zu ſingen; aber ich bin ein praktiſcher Menſch, und das iſt meine Erfahrung. Darauf können Sie zählen. Es ſei Einer in einem Ding unzuverläſſig und ſchlaudrig, und er iſt es in allen. Noch nie habe ich geſehen, daß dieſe Regel trügt. Und ebenſo wenig werden Sie fin⸗ den, daß ſie truͤgt. Und ebenſo wenig wird irgend Je⸗ mand finden, daß ſie trügt. Und mit dieſer Warnung 180 für die Unvorſichtigen, meine Liebe, nehme ich mir die Freiheit, hier anzuläuten und ſo zu unſerer Geſellſchaft zurückzukommen.“ Ich glaube, daß dieſes Geſchäft ihm auch nicht einen Augenblick aus dem Sinn oder aus dem Geſicht gekom⸗ men war; daß es mir nicht aus dem Sinn gekommen war, brauche ich wohl nicht erſt zu erwähnen. Die ganze Dienerſchaft war höchlich erſtaunt, mich ſo unerwartet um dieſe Stunde des Morgens und in ſolcher Begleitung zu ſehen; auch ward ihr Erſtaunen durch meine Fragen keineswegs vermindert. Es war indeſſen Niemand da⸗ geweſen. Es war an der Wahrheit dieſer Ausſage nicht zu zweifeln. „Wir können nun, Miß Summerſon,“ ſprach mein Begleiter,„nicht zu bald bei der Hütte ſein, wo dieſe Ziegelſtreicher zu finden ſind. Die meiſten Fragen will ich Ihnen ſelbſt dort überlaſſen, wenn Sie ſo gut ſein wollen, dieſe Fragen zu ſtellen, der natürlichſte Weg iſt auch der beſte, und der natürlichſte Weg iſt der Ihrige.“ Wir gingen alsbald wieder weg. Als wir bei der Hütte ankamen, fanden wir dieſelbe geſchloſſen und dem Anſchein nach verlaſſen; einer von den Nachbarn aber, der mich kannte, und der herauskam, als ich den Verſuch machte, meine Stimme bis an Jemands Ohr dringen zu laſſen, benachrichtigte mich, daß die beiden Weiber und ihre Männer nun mit einander in einem andern Hauſe wohnten, das aus loſen rohen Backſteinen gemacht wäre, und an dem Rande des Stücks Bodens ſtände, wo die Ziegelöfen wären, und wo die langen Reihen von Back⸗ ſteinen trockneten. Wir verloren keinen Augenblick, um uns nach dem angezeigten Orte zu verfügen, der nur einige hundert Schritte eutfernt war; und da die Thüre nur angelehnt war, ſo ſtieß ich dieſelbe vollends auf. Es ſaßen blos drei Leute beim Frühſtück; das Kind ſchlief auf einem Bette in der Ecke. Jenny, die Mutter 181 des verſtorbenen Kindes, fehlte. Das andere Weib ſtand auf, als ſie mich erblickte; und was die Männer betrifft, ſo nickte mir jeder, obgleich ſie wie gewöhnlich trotzig waren und ſchwiegen, in mürriſcher Weiſe mit dem Kopfe zu. Es wurde zwiſchen ihnen ein Blick gewechſelt, als Mr. Bucket mir nachfolgte, und ich war erſtaunt, zu ſehen, wie das Weib ihn offenbar kannte. Ich hatte natürlich um Erlaubniß gebeten, eintreten zu dürfen. Liz(der einzige Name, unter dem ich ſie kannte) erhob ſich, um mir ihren Stuhl zu geben; aber ich ſetzte mich auf einen Schemel neben das Feuer, und Mr. Bucket nahm eine Ecke der Bettſtett ein. Jetzt, wo ich ſprechen ſollte, und wo ich mich unter Leuten fand, mit denen ich nicht vertraut war, wurde ich mir bewußt, daß es mir an der nöthigen Ruhe und Be⸗ ſonnenheit fehlte. Es war äußerſt ſchwer, anzufangen, und ich konnte nicht umhin, in Thränen auszubrechen. „Liz,“ ſprach ich, ich habe heute Nacht einen wei⸗ ten Weg gemacht und bin im Schnee hierher gekommen, um mich nach einer Dame zu erkundigen—“ „Die hier geweſen iſt, wiſſen Sie,“ fiel Mr. Bucket ein, die ganze Gruppe mit ruhigem, verſöhnendem Ge⸗ fichte anſchauend;„das iſt die Dame, welche die junge Dame hier meint. Die Dame war hier heute Nacht, wiſſen Sie.“ „Und wer hat Ihnen denn geſagt, daß Jemand hier geweſen?“ fragte Jeuny's Mann, der im Eſſen hier verdrießlich inne hielt, um zu horchen, und ihn jetzt mit dem Auge maß. „Eine Perſon, Namens Michael Jackſon, in einer blauen Sammtweſte mit einer doppelten Reihe Perl⸗ mutterknöpfe,“ antwortete Mr. Bucket auf der Stelle. „Der thäte wohl daran, wenn er ſich um ſeine Sachen bekümmerte, er mag nun ſein, wer er will,“ brummte der Mann. „Er iſt arbeitslos, wie ich glaube,“ ſprach Mr. 182 Bucket, Michael Jackſon entſchuldigend,„kommt ſo ins Schwatzen hinein.“ Das Weib nahm ihren Stuhl nicht wieder ein, ſondern ſtand, die Hand auf der zerbrochenen Lehne, da, ſchaute mich an, und wußte nicht, was ſie ſagen ſollte. Ich glaubte, daß dieſelbe mit mir allein geſprochen haben würde, wenn ſie es gewagt hätte. Sie ſtand immer noch ſo unſchlüſſig da, als ihr Mann, der, ein Stück Brod und Speck in einer Hand, und ſein Taſchenmeſſer in der audern, aß, das Heft ſeines Meſſers heftig auf den Tiſch ſtieß, und ihr mit einem Fluche ſagte, ſie ſolle ſich auf jeden Fall um ihre Sachen kümmern nnd ſich ſetzen. „Es wäre mir recht lieb geweſen, wenn ich Jenny hätte ſprechen können,“ ſprach ich,„denn ich weiß ge⸗ wiß, daß ſie mir Alles, was ſie über dieſe Dame gewußt, geſagt hätte, die ich um jeden Preis— Sie können mir glauben, um jeden Preis— einholen möchte und ein⸗ holen muß. Wird Jenny bald hier ſein? Wo iſt ſie?“n Das Weib hatte ein großes Verlangen, zu ant⸗ worten; aber der Mann ſtieß ſie, mit einem andern Fluch, ungeſcheut mit ſelnem ſchweren Stiefel an den Fuß. Er überließ es Jenny's Mann, zu ſagen, was ihm gut däuchte; und nach einem mürriſchen Schweigen wandte der Letztere ſeinen zottigen Kopf nach mir hin. „Ich ſehe es nicht gar zu gern, wenn vornehme Leute zu mir hereinkommen, wie Sie mich, glanbe ich, ſchon früher haben ſagen hören, Miß. Ich halte mich von ihnen fern, und es iſt wahrlich merkwürdig, daß ſie ſich nicht von mir fern halten können. Es würde ein gewaltiger Spectakel entſtehen, wenn es mir einfiele, ſie zu beſuchen, denke ich. Indeſſen beklage ich mich nicht ſo ſehr über Sie, als uͤber etliche Andere; ich will Ihnen eine höfliche Antwort geben, obgleich ich Ihnen im Voraus ſagen will, daß ich mich nicht nur ſo aus⸗ holen und wie ein Dachs ausmachen laſſe. Wird Jenny —,—BW—⸗ĩ S 8O8—8* 183 bald hier ſein? Nein. Wo iſt ſie? Sie iſt nach Lun⸗ unn*) hinaufgegangen.“ „Iſt ſie heute Nacht hinaufgegangen?“ fragte ich. „Iſt ſie heute Nacht hinaufgegangen? Ah! Sie iſt heute Nacht hinaufgegangen,“ antwortete er, den Kopf mürriſch nach einer andern Seite hinwerfend. Aber war ſie hier, als die Dame kam? Und was ſagte die Dame zu ihr? Und wohin iſt die Dame ge⸗ gangen? Ich bitte Sie inſtändigſt, ſeien Sie ſo gütig und ſagen Sie mir es,“ ſprach ich,„denn ich bin in großer Noth und möchte es wiſſen.“ „Wenn mein Mann mich ſprechen laſſen, und nicht grob ſein wollte—“ hob das Weib furchtſam an. „Dein Mann,“ ſprach derſelbe, mit langſamer Emphaſe eine Verwünſchung murmelnd,„bricht Dir den Hals, wenn Du Dich in Sachen miſcheſt, die Dich Nichts angehen.“ Nach einem weiteren Schweigen wandte ſich der Mann des abweſenden Weibes abermals zu mir, und antwortete mir mit der gewohnten, brummenden Un⸗ willigkeit „War Jenny hier, wie die Dame kam? Ja, ſie war hier, als die Dame kam. Was ſagte die Dame zu ihr? Gut, ich will Ihnen ſagen, was die Dame zu ihr ſagte. Sie ſagte: ‚Sie erinnern ſich wohl noch meiner, wie ich ein Mal hierher gekommen bin, um mit Ihnen über die junge Dame zu ſprechen, die Sie beſucht hatte? Sie erinnern ſich wohl noch meiner als der Perſon, die Ihnen ein hübſches Präſent für ein Taſchentuch gegeben hat, welches dieſelbe hier hatte liegen laſſen? Ah, ſie erinnerte ſich. Und ebenſo konnten wir Alle uns noch erinnern. Gut alſo: ſie fragte weiter, ob dieſe junge Dame jetzt droben im Hauſe ſei? Nein, ſagten wir, 8 *) London. 184 ſei jetzt nicht droben im Hauſe. Und nun ſchauen Sie hierher! Die Dame war ganz allein auf der Reiſe, ſo ſeltſam uns auch die Sache vorkam, und fragte, ob ſie nicht ſo eine Stunde da ausruhen könne, wo Sie jetzt ſitzen. Ja, ſagten wir, ſie könne das, und ſo that ſie es denn. Und dann ging ſie wieder— es mochte zwan⸗ zig Minuten nach elf ſein, und ebenſo gut konnte es auch zwanzig Minuten nach zwölf Uhr ſein; wir haben hier keine Taſchenuhren, noch auch Wanduhren, wo wir ſehen könnten, wie viel Uhr es iſt. Wo iſt ſie alſo hingegan⸗ gen? Ich weiß nicht, wo ſie hingegangen iſt. Sie ging dahin, und Jenny dorthin; eine ging gerade nach Lun⸗ num, und die andere kam gerade daher. Das iſt die ganze Geſchichte. Fragen Sie ein Mal den Mann da! Er hat Alles gehört und hat Alles geſehen. Er weiß es.“ Der andere Mann wiederholte: „Das iſt die ganze Geſchichte.“ „Weinte die Dame?“ fragte ich. „Nicht ein Bischen,“ verſetzte der erſte Mann. „Ihre Schuhe ſahen zwar fatal aus, und ihre Kleider ſahen auch fatal ans, aber von Weinen ſah ich Nichts.“ Das Weib ſaß mit gekreuzten Armen und mit auf den Bodeu gehefteten Augen da. Ihr Mann hatte ſei⸗ nen Stuhl ein Bischen herumgedreht, ſo daß er ihr ge⸗ rade gegenüber ſaß; zugleich hielt er ſeine hammer⸗ artige Hand auf dem Tiſche, wie wenn dieſelbe bereit wäre, ſeine Drohung auszuführen, für den Fall, daß ſie ihm nicht gehorchte. „Hoffentlich werden Sie Nichts dawider haben, wenn ich Ihre Fran frage, wie die Dame ausſah?“ ſagte ich. „So ſchwätz ein Mal!“ ſchrie er ſie barſch an. zds börſt, was ſie ſagt. Mach' es kurz und ſag' es ihr!“ „Schlecht,“ erwiderte das Weib.„Bleich und er⸗ ſchöpft. Recht ſchlecht.“ — —V——[ — 185⁵ „Hat ſie viel geſprochen?“ 1 „Nein, nicht viel; aber ihre Stimme war heiſer.“ Sie antwortete und ſchaute während der ganzen Zeit ihren Mann an, um zu ſehen, ob es ihm auch recht wäre. „War es ihr ſchwach?“ ſprach ich.„Hat ſie hier gegeſſen oder getrunken?“ „Mach fort!“ ſprach der Mann, als Antwort auf ihren Blick.„Sag' es ihr und mach es kurz!“ „Sie trank ein Bischen Waſſer, Miß, und Jenny holte ihr etwas Brod und Thee. Aber ſie rührte es kaum an.“ „Und als ſie von hier fortging,“ fuhr ich fort, da unterbrach mich Jenny's Mann unwirſch, und im Tone des Verweiſes. „Als ſie von hier weg ging, ging ſie gerade nord⸗ wärts, auf der Chauſſee fort. Fragen Sie auf der Chauſſee nach, wenn Sie mir nicht glauben wollen und fragen Sie dort nach, ob es nicht ſo iſt. Und nun wiſſen wir Nichts mehr. Das iſt die ganze Geſchichte.“ Ich blickte meinen Begleiter an, und da ich fand, daß er bereits aufgeſtanden und bereit war, wieder weg⸗ zugehen, ſo dankte ich ihnen für das, was ſie mir ge⸗ ſagt, und verabſchiedete mich. Das Weib ſchaute Mr. Bucket, als er hinausging, mit großen Augen an, und er that ein Gleiches. „Und nun, Miß Summerſon,“ ſagte er zu mir, während wir raſch uns entfernten.„Die Leute haben die Uhr Ihrer Ladyſchaft. Das i*ſt ein poſitives Factnm.“ „Haben Sie ſie denn geſehen, die Uhr?“ rief ich aus. „So gut, wie geſehen,“ erwiderte er.„Warum hätte denn ſonſt der Kerl von ſeinen„zwanzig Minuten über elf oder zwölf“ geſprochen, und warum hätte er ſonſt geſagt, er habe keine Uhr, um die Zeit darnach zu beſtimmen? Zwanzig Minuten! Der ſchneidet ſeine Zeit gewöhnlich nicht ſo fein zu. Wenn es bei ihm zu hal⸗ 186 ben Stunden kommt, ſo iſt es Alles. Und nun ſchauen Sie, entweder hat Ihre Ladyſchaft ihm dieſe Uhr gege⸗ ben, oder aber hat er dieſelbe genommen. Ich glaube, ſie hat ihm dieſelbe gegeben. Warum hätte ſie ihm nun aber die Uhr geben ſollen? Ja, warum hätte ſie ihm die Uhr geben ſollen? das frage ich mich.“ Er wiederholte dieſe Frage unterſchiedliche Male für ſich, während wir forteilten, und ſchien zwiſchen einer Menge von Antworten zu ſchwanken, die in ſeinem Geiſte aufſtiegen „Hätten wir mehr Zeit vor uns,“ ſprach Mr. Bucket, „und die Zeit iſt uns in dieſem Falle ſo entſetzlich knapp zugemeſſen— ſo könnte ich es vielleicht aus dem Weibe herausbringen; aber es iſt dieß eine zu zweifelhafte Chance, als daß wir unter den dermaligen Umſtänden eine Hoffnung darauf bauen könnten. Sie haben ein ſcharfes Auge auf das Weib und jeder Narr weiß, daß ein armes Geſchöpf wie ſie,— daß ein Geſchöpf, das den lieben langen Tag geſchlagen und geſtoßen wird, und von Kopf bis zu den Füßen mit Narben und Mä⸗ lern bedeckt iſt, durch dick und dünn zu dem Mann ſteht, der ſie mißhandelt. Die Leute haben uns Etwas ver⸗ ſchwiegen. Es iſt Schade, daß wir das andere Weib nicht gefunden haben.“ Ich bedauerte das ungemein, denn ſie war ſehr dankbar und würde, ich war deſſen gewiß, einer von mir kommenden Bitte nicht widerſtanden haben. „Es iſt möglich, Miß Summerſon,“ ſprach Mr. Bucket weiter, darüber nachgrübelnd,„daß Ihre Lady⸗ ſchaft ſie nach London hinaufgeſchickt hat, um Ihnen Etwas ſagen zu laſſen; und es iſt möglich, daß ihr Mann die Uhr bekommen hat, damit er ſie hat gehen laſſen. Es iſt mir das zwar noch nicht ganz ſo klar, daß es mir gefiele, aber es iſt auf den Karten. Nun aber werfe ich das Geld von Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, nicht gern an dieſe rohen Kerls weg; auch — 8½— n 187 ſehe ich vor der Hand noch nicht recht, daß es Etwas nützen könnte. Nein! Vor der Hand liegt der Weg, Miß Summerſon, gerade vor uns— und müſſen wir alles Aufſehen vermeiden!“ Wir gingen noch ein Mal nach meines Vormunds Hauſe hinauf, um in der Eile ein paar Zeilen an ihn zu ſchreiben; und dann eilten wir nach dem Orte zurück, wo wir den Wagen gelaſſen. Sobald man uns kommen ſah, wurden die Pferde heraus gebracht, und nach ein paar Minuten waren wir wieder auf dem Wege. Es hatte mit Tagesanbruch zu ſchneien angefangen, und nun fiel der Schnee in dichten Flocken. Die Luft war durch den umwölkten Himmel und den ſtark fallen⸗ den Schnee ſo verdüſtert, daß wir in jeder Richtung nur eine ſehr lleine Strecke weit ſehen konnten. Obgleich es äußerſt kalt war, ſo war der Schnee doch nur theil⸗ weiſe gefroren, und es verwandelte ſich derſelbe— mit einem Geräuſche, wie wenn wir auf einem Ufer voll klei⸗ ner Muſcheln dahin rollten, unter den Hufen der Pferde in Moraſt und Waſſer. Die armen Thiere glitten zuweilen aus, und zappel⸗ ten ſich eine Meile Wegs mit einander ab, bis wir nns ge⸗ nöthigt ſahen, anzuhalten, um ſie ausruhen zu laſſen. Ein Pferd ſtürzte auf dieſer erſten Station nicht weni⸗ ger als drei Mal, und es zitterte daſſelbe dermaßen, und war ſo erſchüttert, daß der Poſtillon vom Sattel herab⸗ ſteigen und es am Ende an der Hand führen mußte. Ich konnte Nichts eſſen und konnte auch nicht ſchla⸗ fen, und wurde über dieſe Verzögerungen und die Lang⸗ ſamkeit, womit wir weiter kamen, ſo nervös, daß ich den unvernünftigen Wunſch ausſprach, mein Begleiter möchte mich ausſteigen und zu Fuß weiter gehen laſſen. deſin ließ ich mich doch überreden, zu bleiben, wo war. Während dieſer ganzen Zeit ſtieg Mr. Bucket, durch 188 eine gewiſſe Freude an dem Geſchäft, das ihm jetzt ob⸗ lag, friſch und munter erhalten, an jedem Hauſe auf und ab, an dem wir vorüber kamen; redete Leute, die er in ſeinem Leben noch nie mit einem Auge geſehen, als alte Bekannte an; lief hinein, um ſich an jedem Feuer zu wärmen, das er ſah; ſprach und trank und ſchüttelte den Leuten die Hand in jeder Kneipe und an jedem Schenkſtübchen; war freundlich mit jedem Fuhr⸗ mann, Wagner, Grobſchmied und Zolleinnehmer und ſchien doch nie Zeit zu verlieren, und ſtieg immer wieder auf den Kutſchbock mit ſeinem wachſamen und dabei doch ruhigen Geſichte, und ſeinem geſchäftsmäßigen„Zuge⸗ fahren, mein Burſche!“ Als wir das nächſte Mal die Pferde wechſelten, kam er aus dem Stallhofe herans, und ſprach— der naſſe Schnee bildete auf ſeinen Kleidern eine Kruſte und fiel von ihm herab; dabei patſchte er bis an die naſſen Knie herauf in dem knirrenden Schnee, wie er gar oft gethan, ſeitdem wir Saint Albans verlaſſen— mit mir an der Seite des Wagens. „Nur den Muth nicht ſinken laſſen. Es iſt wirk⸗ lich wahr, daß ſie hier vorüber gekommen iſt, Miß Sum⸗ merſon. Es läßt ſich jetzt an der Kleidung gar nicht mehr zweifeln, und die Kleidung iſt hier geſehen worden.“ „Immer noch zu Fuß?“ fragte ich. „Immer noch zu Fuß. Ich glaube, der Herr, deſſen Sie Erwähnung gethan, muß der Zielpunkt ihrer Reiſe ſein; und doch iſt es mir auch nicht lieb, daß er drun⸗ ten, in ihrem Theil des Landes, wohnt.“ „Ich weiß ſo wenig,“ ſprach ich.„Es iſt möglich, daß Jemand anders, von dem ich nie gehört, mehr in der Nähe iſt.“ „Das iſt wahr. Was Sie aber immer thun mögen, fangen Sie mir nicht zu weinen an, meine Liebe; und grämen Sie ſich mir nicht mehr ab, als nöthig iſt. Zu⸗ gefahren, mein Burſche!“ 189 Dieſen ganzen Tag graupelte es unaufhörlich; dann kam bald ein dicker Nebel, und es hob oder lichtete ſich derſelbe keinen Augenblick. Solche Wege hatte ich noch nie in meinem Leben geſehen. Zuweilen befürchtete ich, wir möchten vom rechten Wege abgekommen und in die gepflügten Felder oder die Sümpfe hineingerathen ſein. Dachte ich ein Mal an die Zeit, die ich nun draußen war, ſo ſtellte ſie ſich mir als eine unbeſtimmte Periode von langer Dauer dar; und es däuchte mir ſeltſamer Weiſe, ich ſei nie von der Bangigkeit frei geweſen, die mich damals zu Boden drückte. Während wir ſo fortfuhren, fing ich an, zu ahnen, daß mein Begleiter ſein Vertrauen verliere. Er war zwar immer noch derſelbe gegenüber von den Leuten, die an der Chauſſee wohnten; indeſſen ſah er doch ern⸗ ſter aus, wenn er allein auf dem Kutſchbock ſaß. Ich gewahrte, wie ſein Finger unbehaglich immer wieder quer über den Mund hinging, während einer ganzen, lan⸗ gen, langweiligen Station. Ich hörte zufällig, daß er Kutſcher und Fuhrleute, die gegen uns kamen, zu fragen anfing, welche Paſſagiere ſie in andern Kutſchen und Gefährten geſehen, die uns voraus wären. Ihre Ant⸗ worten ermuthigten ihn aber nicht. Er gab mir zwar immer einen beruhigenden Wink mit ſeinem Finger und mit ſeinem ſich emporhebenden Augenlide, wenn er den Kutſchbock wieder beſtieg; aber er ſchien jetzt verlegen, wenn er ſagte:„Zugefahren, mein Burſche!“ Endlich, als wir wieder ein Mal die Pferde wechſel⸗ ten, ſagte er zu mir: er habe die Spur des Kleides ſo lange verloren, daß er anfange, überraſcht zu ſein. Es habe, ſagte er, Nichts zu bedeuten, wenn man eine Zeit lang eine ſolche Spur verliere, dieſelbe wieder eine Zeit lang finde und ſo fort; indeſſen ſei dieſelbe in unerklär⸗ licher Weiſe verſchwunden und habe ſich ſeitdem nicht mehr gezeigt. Dieß beſtärkte die Befürchtungen, die in mir aufgeſtiegen waren, als er anfing, die Wegzeiger anzuſchauen und den Wagen zuweilen eine Viertelſtunde 190 lang auf Kreuzwegen ſtehen zu laſſen, während er letztere unterſuchte. Indeſſen ſagte er mir, ich dürfe den Muth nicht ſinken laſſen, da es eben ſo wahrſcheinlich ſei, als nicht, daß die nächſte Station uns wieder auf die Spur bringen könne. Die nächſte Station endigte aber wieder gerade ſo, wie die frühere; wir fanden keinen neuen Faden. Es war ein geräumiges Gaſthaus da,— ein einſames, aber comfortables, ſtattliches Gebäude, und als wir, noch ehe ich es wußte, unter einem großen Thorwege einfuh⸗ ren, wo eine Fran mit ihren hübſchen Töchtern au den Kutſchenſchlag kam, mit der Bitte, daß ich abſteigen und Etwas zu mir uehmen möchte, bis die Pferde parat wären, glaubte ich, daß es gar zu unfreundlich wäre, wenn ich ihnen eine abſchlägige Antwort gäbe. Sie führten mich in ein warmes Zimmer hinauf und ließen mich dort. Es befand ſich daſſelbe in einer Ecke des Hauſes, wie ich mich noch gut erinnere, und ging auf zwei ver⸗ ſchiedene Seiten hinaus. Auf einer Seite auf einen Stallhof, von dem man auf einen Nebenweg gelangen konnte: dort waren die Stallknechte damit beſchäftigt, die beſpritzten und jämmerlich müden Pferde von dem ſchmutzi⸗ gen Wagen abzuſpannen; auf der andern, auf ein Ge⸗ hölz von dunklen Fichtenbäumen. Ihre Aeſte waren ſchwer mit Schnee beladen, und es fiel derſelbe ſtill in naſſen Haufen herunter, während ich an dem Fenſter and. Es brach die Nacht herein, und es ward deren Un⸗ freundlichkeit noch erhöht durch den Contraſt des luſtig brennenden Feuers, das ſich ſchimmernd und glühend in den Fenſterſcheiben ſpiegelte. Während ich unter den Baumſtämmen herumſah und die entfärbten Spuren im Schnee verfolgte, wo der Thau ſich einſenkte und denſelben unterhöhlte, dachte ich an das mütterliche Geſicht, das ſo ſchön von Töchtern hervorge⸗ 191 hoben worden, die mich ſo eben bewillkommt hatten, und an meine Mutter, die jetzt wahrſcheinlich in einem ſol⸗ chen Holze liege, um da zu ſterben. Ich erſchrak, als ich fand, daß ſie Alle mich um⸗ ſtanden; indeſſen erinnere ich mich, daß ich, bevor ich ohnmächtig wurde, Alles aufbot, um dieß zu verhindern; und es war dieß wenigſtens ein kleiner Troſt. Sie um⸗ gaben mich mit Kiſſen auf einem großen, neben dem Feuer ſtehenden Sopha; und dann ſagte die artige Wir⸗ thin zu mir, daß ich dieſe Nacht nicht weiter reiſen dürfe, ſondern zu Bette gehen müſſe. Dieß aber verſetzte mich in ſolches Zittern und in ſolche Bangigkeit, da ich glaubte, ſie wollten mich hier um jeden Preis zurückhalten, daß ſie bald ihre Worte wieder zurücknahm, und es zwiſchen uns zu einem Compromiß kam, wornach ich nur eine halbe Stunde ausruhen ſollte. Die Frau war ein recht gutes liebevolles Geſchöpf. Sie und ihre hübſchen drei Töchter waren ſo geſchäftig umher. Ich ſollte heiße Suppe und ein Stück von einem gebratenen Huhne zu mir nehmen, während Mr. Bucket ſich trocknete und anderswo ſpeiste; aber ich konnte es ſchlechterdings nicht thun, als ein recht bequemer, ein⸗ ladender, runder Tiſch bald darauf neben dem Kamin gedeckt wurde, obgleich ich den beſten Willen hatte, ihre Erwartung nicht zu täuſchen. Indeſſen konnte ich doch etwas geröſtetes Brod und warmen Negus*) zu mir nehmen; und da ich mir dieſe Erfriſchung wirklich ſchme⸗ cken ließ, ſo bildete ſie einigen Erſatz. Als die halbe Stunde zu Ende war, rumpelte der Wagen wieder pünktlich unter dem Thorwege durch, und man brachte mich erwärmt, erfriſcht, durch liebevolle Behandlung geſtärkt, und— wie ich ihnen auf das Be⸗ *) Ein Getränk aus Wa ſſer oder Wein, Citronenſaft, Muskate, und Zucker. ſ 4 i 192 ſtimmteſte ſagte— ſicher vor jeder neuen Ohnmacht, hinunter. Nachdem ich eingeſtiegen war, und ihnen allen ein dankbares Lebewohl geſagt, ſtieg die jüngſte Tochter — ein blühendes neunzehnjähriges Mädchen, das, wie ſie mir geſagt hatte, ſich zuerſt heirathen ſollte— auf den Kutſchentritt, ſtreckte den Kopf zu mir herein und küßte mich. Ich habe ſie zwar ſeit jener Stunde nie wie⸗ der geſehen, gleichwohl ſehe ich ſie noch bis auf dieſen Augenblick als meine Freundin an. Bald waren die transparenten Fenſter mit dem Feuer und Licht, die ſo freundlich und warm ausſahen, wenn man ſie von der kalten Finſterniß aus betrachtete, die draußen herrſchte, verſchwunden; und nun arbeiteten wir uns wieder mit Mühe in dem lockeren Schnee fort, der unter den Hufen unſerer Pferde und unter unſeren Rä⸗ dern ſich in eine breiartige Maſſe verwandelte. Wir ar⸗ beiteten uns zwar nur mühſam weiter; indeſſen waren die trübſeligen Wege doch nicht viel ſchlechter, als ſie bis daher geweſen, und dann war es auch nur eine Station von neun Meilen. Mein Begleiter rauchte auf dem Kutſchbocke— es war mir in dem letzten Gaſthauſe eingefallen, ihn zu bitten, daß er ſich doch nicht geniren möchte, als ich ihn vor einem großen Feuer ſtehen und in eine comfortable Tabaksrauchwolke gehüllt ſah— und war ſo wachſam wie nur je, und eben ſo geſchwind unten und wieder oben, wenn wir an einer menſchlichen Wohnung oder an einem menſchlichen Geſchöpfe vorüberkamen. Er hatte ſeine kleine Blendlaterne angezündet, die bei ihm in be⸗ ſonderer Gnade ſtehen, denn wir hatten an unſerem Wa⸗ gen Laternen; und von Zeit zu Zeit wandte er dieſe ſeine Blendlaterne nach mir her, um ſich zu vergewiſſern, da mir Nichts fehle. Es befand ſich vorn an⸗ der Kutſche ein gebrochenes Fenſter, indeſſen machte ich daſſelbe nie zu, denn es ſchien mir, als ſchließe ich dadurch die Hoff⸗ nung hinaus. 193 Wir kamen am Ende der Station an, und immer noch war die verlorene Spur noch nicht wiedergefunden. Ich blickte ihn ängſtlich an, als wir anhielten, um die Pferde zu wechſeln; allein aus ſeinem noch ernſteren Geſichte, während er ſo daſtand und die Stallknechte beobachtete, erſah ich, daß er Nichts gehört. Faſt einen Augenblick darauf, währeud ich mich auf meinem Sitze zurücklehnte, ſchaute er, ſeine brennende Laterne in der Hand, herein. Er war ganz aufgeregt, und jetzt ein ganz anderer Mann. „Was gidt es?“ ſprach ich, zuſammenfahrend.„Iſt ſie hier?“ „Nein, nein. Täuſchen Sie ſich nicht, meine Liebe! Es iſt Niemand hier. Aber endlich habe ich es!“ Deer kryſtalliſirte Schnee lag auf ſeinen Augenbrauen, in ſeinen Haaren, und in ganzen Streifen auf ſeinen Kleidern. Er mußte denſelben erſt ſich aus dem Geſichte ſchütteln und wieder zu Athem kommen, ehe er mit mir ſprach. „Und nun, Miß Summerſon,“ ſprach er, den Finger auf das Spritzleder ſchlagend,„halten Sie ſich nicht über das auf, was ich jetzt thun werde. Sie kennen mich. Ich bin Inſpektor Bucket, und Sie können ſich auf mich verlaſſen. Wir haben einen weiten Weg gemacht; thut aber Nichts. Vier Pferde heraus für die nächſte Station hinauf! Geſchwind!“ 3 Es herrſchte in dem Stallhofe eine gewiſſe Aufre⸗ und e m ein Mann aus dem Stalle heraus, nar r hinunter meine?“ e ich, hinauf! Iſt das nicht engliſch? uf?“ ſprach ich erſtaunt.„Nach London! en wir denn zurück?“ „Miß Summerſon,“ antwortete er,„zurück. Schunr⸗ gerade zurück. Sie kennen mich. Haben Sie keine Furcht! Ich will der Andern nachgehen, bei Gott!“ Bleak Houſe, IV. 13 194 „Der Andern?“ wiederholte ich.„Wem denn?“ „Sie nannten ſie Jenny, nicht wahr? Ich will ihr nachgehen. Bringt dieſen Zug heraus,— der Mann bekommt eine Krone. He da, aufgemacht!“ „Sie werden doch die Dame nicht verlaſſen, die wir ſuchen; Sie werden ſie doch nicht in einer ſolchen Nacht und in dem Gemüthszuſtande verlaſſen, in dem ſie ſich be⸗ finden muß!“ ſprach ich, von Seelenangſt gefoltert und ſeine Hand erfaſſend. „Sie haben Recht, ich thue das nicht. Aber ich will der Andern nachgehen. He da! Kommen die Pferde bald? Schickt einen Reiter auf die nächſte Station vor⸗ aus, und dort ſoll wieder ein ſolcher abgehen und vier Pferde beſtellen, hinauf, gerade durch. Meine Liebe, ha⸗ ben Sie nur keine Furcht!“ Dieſe Befehle, und die Art und Weiſe, in der er, während er dieſelben gab, im Hofe herum rannte, ver⸗ urſachten eine allgemeine Aufregung, die für mich kaum minder verwirrend war als der plötzliche Wechſel. Als aber die Verwirrung ihren Höhepunkt erreicht hatte, ga⸗ loppirte ein berittener Mann hinweg, um die Relaispferde zu beſtellen;z und unſere Pferde wurden ſofort eiligſt an⸗ geſpannt. „Meine Liebe,“ ſprach Mr. Bucket, auf ſeinen Sitz heraufſpringend und wieder zu mir hereinſchauend— „Sie werden mich entſchuldigen, wenn ich zu vertraulich bin— grämen und ängſtigen Sie ſich ja nicht mehr, als nöthig iſt. Weiter ſage ich für den Au enblick Nichts; aber Sie kennen mich, meine Lie Ich verſuchte, zu ſagen, daß er w eher als ich im Stande, über das zu e wir zu thun hätten; ob er denn aber aue ſo gewiß wäre? Ob ich nicht allein weiter fähren — hier erfaßte ich in meiner Noth abermals ſeine Hand und flüſterte ihm die folgenden Worte zu— meine Mutter aufſuchen könnte?“ 5 195 „Meine Liebe,“ antwortete er,„ich weiß es, ich weiß es, und glauben Sie wohl, daß ich Sie irre führen wärdes Inſpektor Bucket. Sie kennen mich nun, nicht wahr?“ „Was konnte ich anders ſagen, als ja!“ „So laſſen Sie denn den Muth nicht ſinken, und behalten Sie davon, ſo viel Sie können, und verlaſſen Sie ſich auf mich; ich ſtehe Ihnen nicht minder bei, als Sit Leiceſter Dedlock, Baronet. Nun, Alles in Ordnung ort 2“ „Alles in Ordnung, Sir!“ „Fort alſo! Zugefahren, Burſche!“ Und abermals befanden wir uns auf dem traurigen Wege, auf dem wir hergekommen waren,— die mora⸗ ſtigen Graupeln und den thauenden Schnee aufreißend, wie wenn ein Waſſerrad ſie aufgeriſſen hätte. Achtundfünfzigſtes Kapitel. Ein Wintertag und eine Winternacht. Immer noch impaſſibel, wie es ſeiner feinen Bildung zukommt, gebart ſich der Dedlock'ſche Stadtpalaſt ganz wie gewöhnlich gegenüber der Straße trauriger Pracht. Von Zeit zu Zeit laſſen ſich bepuderte Köpfe an den kleinen Fenſtern der Vorhalle blicken, die zu dem unbe⸗ ſteuerten Puder hinaufſchauen, der den ganzen Tag über vom Himmel herunterfällt; und in demſelben Gewächs⸗ haus dringen Pfirſichblüthen von dem froſtigen Wetter draußen exotiſch zum großen Vorhallenfeuer herein. Es 196 heißt, my Lady ſei nach Lincolnſhire hinuntergegangen, werde aber bald wieder zurückerwartet. Die übergeſchäftige Fama aber will nicht nach Lin⸗ colnſhire hinuntergehen. Sie fliegt und ſchwatzt beharr⸗ lich in der Stadt umher. Sie weiß, daß dem armen un⸗ glücklichen Manne, Sir Leiceſter genannt, gar übel mit⸗ geſpielt worden. Sie hört, mein liebes Kind, allerlei entſetzliche Dinge. Sie macht in einem Umkreiſe von fünf Meilen die Welt ganz luſtig. Nicht wiſſen, daß bei den Dedlocks Etwas ſchief ſteht, heißt, ſich ſelbſt als einen un⸗ bekannten Menſchen denunziren. Eine von den pfirſich⸗ blüthwangigen Zauberinnen mit den ſkelettartigen Hälſen weiß ſchon alle Hauptumſtände, die vor dem Lords an das Tageslicht kommen werden, wenn Sir Leiceſter um einen Scheidebrief einkommt. Bei Blaze und Sparkle, den Iuwelieren, und bei Sheen und Gloß, den Seidenhändlern, iſt und bildet es mehrere Stunden lang das intereſſanteſte Factum des ganzen Zeitalters, den Hauptzug des ganzen Jahrhun⸗ derts. Da die Gönnerinnen dieſes Etabliſſements, ob⸗ gleich ſo vornehm und ſtolz unerforſchlich, dort ebenſo pünktlich gewogen und gemeſſen werden, wie jeder andere Artikel des Handelsfonds, ſo verſteht auch die unerfah⸗ reuſte Hand hinter dem Zahltiſche ſie durchaus in dieſer neuen Facon. „Unſere Leute, Mr. Jones,“ ſagten Blaze und Sparkle zu der fraglichen Hand, als ſie dieſelbe engagir⸗ ten,„unſere Leute, Herr, ſind Schafe— bloße Schafe. Kommen ein Mal zwei oder drei gezeichnete, ſo laufen denſelben die andern alle nach. Behalten Sie dieſe zwei oder drei Schafe im Auge, Mr. Jones,— ſo haben Sie die ganze Heerde.“ In gleicher Weiſe ſprechen Sheen und Gloß mit ihren Jones, um ihnen zu ſagen, wo ſie die faſhionablen Leute herbekommen müſſen; und wie ſie es anzugreifen u——.— u 882U En n RE— * A ⁵ 197 haben, um Alles in die Mode zu bringen, was ihnen — Sheen und Gloß— einfällt. Nach den gleichen unfehlbaren Principien gibt Mr. Sladdery, der Buchhändler, der in Wahrheit als der große Pächter angeſehen werden kann, bei dem die prachtvollſten Schafe zu ſehen ſind, an dieſem ſelben Tage zu: „Ei ja, mein Herr, gewiß gehen Gerüchte um über Lady Dedlock,— ja, es gehen ſolche Sagen ſehr ſtark um unter meinen hohen Gönnern und Gönnerinnen, mein Herr. Sie ſehen, mein Herr, meine hohen Gön⸗ ner und Gönnerinnen müſſen doch von irgend Etwas ſprechen; und ich brauche Etwas bei ein paar Damen, die ich nennen könnte, nur in die Mode zu bringen, wenn die übrigen Alle es annehmen ſollen. Gerade das, was ich in Beziehung auf dieſe Damen gethan haben würde, mein Herr, wenn ich oon ihnen den Auftrag ge⸗ habt hätte, irgend eine Novität in die Mode zu bringen, das haben ſie in dieſem Falle von ſelbſt gethan, weil ſie Lady Dedlock kannten, und weil ſie vielleicht auch in etwas unſchuldiger Weiſe eiferſüchtig auf ſie waren, mein Herr. Sie werden finden, mein Herr, daß dieſe Geſchichte unter meinen hohen Gönnern und Gönnerin⸗ nen recht populär werden wird. Wäre es eine Specu⸗ lation geweſen, mein Herr, ſo wäre damit ſchwer Geld zu verdienen geweſen. Und wenn ich alſo ſpreche, ſo dürfen Sie keck glauben, daß ich mich nicht irre, mein Herr; denn ich habe es zu meinem Geſchäft gemacht, meine hohen Gönnerſchaften zu ſtudiren, ſo daß ich ſie wie eine Uhr aufziehen kann, mein Herr.“ Und ſo treibt ſich die Fama recht gedeihlich in der Hauptſtadt herum und will nicht nach Lincolnſhire hin⸗ untergehen. Um halb ſechs Uhr Nachmittags, der Horſe⸗ Guards⸗Zeit, hat ſie ſogar dem ehrenwerthen Mr. Sta⸗ bles eine neue Bemerkung entlockt,— eine Bemerkung, 198 welche allem Anſchein nach ſelbſt die alte überſtrahlen wird, worauf ſein colloquialer Ruf ſo lange beruht hat. Dieſer glänzende Witzfunke geht dahin, daß er, obgleich er ſtets gewußt, daß ſie das beſtgeſchirrte Weib im Marſtalle wäre, doch keinen Begriff gehabt, daß ſie auch vorſpränge. Dieſes Dictum wird mit unendlichem Beifall in den Zirkelu aufgenommen, wo man der edlen Pferderennkunſt ſich befleißt. Ebenſo geht es bei Feſten und Gaſtmählern: an Firmamenten, die ſie oft durch ihre Grazie verſchönert, und unter Conſtellationen, die ſie noch geſtern überſtrahlt hat, bildet ſie immer noch denjenigen Gegenſtand, der alles Andere dominirt. Was iſt es? Wer iſt es? Wann war es? Wo war es? Wie war es? Sie wird von ihren lieben Freunden und Freundinnen diskutirt mit dem fein⸗ ſten Klang, der gerade in der Mode iſt, mit dem aller⸗ neueſten Worte, mit der allerneueſten Manier, mit dem allerneueſten Wortgedehn, und mit der Vollendung höflicher Gleichgültigkeit. Ein ſehr bemerkeuswerther Zug des Thema iſt der Umſtand, daß es die Leute ſo inſpirirt, daß unterſchiedliche Leute, denen dieß zuvor nie paſfirte, jetzt mit Witzworten herausrücken,— ja, mit Witzworten! William Buffy trägt eines ſolcher Worte von dem Orte, wo er dinirt, hinunter nach dem Hauſe, wo der Einpeitſcher ſeiner Parthei daſſelbe mit ſeiner Tabaksdoſe herumreicht, um Leute beiſammenzu⸗ halten, die gern davon laufen möchten; und zwar thut er dieß mit ſolcher Wirkung, daß der Sprecher, dem man es ingeheim, unter der Ecke ſeines Perrücke, in's Ohr geflüſtert, drei Mal, und ohne daß es Etwas nützt, rufen muß:„Ordnung an den Schranken!“ Und nicht der mindeſt erſtaunliche Umſtand in Ver⸗ bindung mit dem Stadtgeſpräch, das ſie nun in vager Weiſe gewordeu, iſt das, daß Leute, die an den Gren⸗ zen von Mr. Sladdery's hohen Göunerſchaften herum⸗ ſchweben,— daß Leute, die von Nichts wiſſen und nie —,—-=—=——-.. , Eæ VO——, x 199 Etwas von ihr gewußt haben, es als ſehr weſentlich für ihren Ruf erachten, zu behaupten, daß ſie auch bei ihnen den Hauptgegenſtand des Geſprächs bilde; und ſie aus zweiter Hand mit dem allerneueſten Wort, und der aller⸗ neueſten Manier, und dem allerneneſten Wortgedehn, und der allerneueſten höfllichen Gleichgültigkeit und ſo fort im Detail zu verkaufen; denn wenn auch Alles dieß ſchon alt iſt und aus zweiter Hand kommt, ſo gilt es doch in untergeordneteren Syſtemen und unter bläſſeren Sternen für ſo gut wie neu. Wenn unter dieſen kleinen Detaillanten ſich ein Literat, ein Mann der Kunſt oder Wiſſenſchaft, befindet, wie edel iſt es dann von ihm, daß er die ſchwachen Schweſtern auf ſo majeſtätiſchen Krücken aufrecht hält! Soverſtreicht der Wintertag außerhalb des Dedlockſchen Stadpalaſtes. Wie verſtreicht er aber den Leuten drinnen? Sir Leiceſter liegt in ſeinem Bette und kann ein Bischen, wenn auch nur mit vieler Mühe und undeut⸗ lich ſprechen. Man hat ihm Schweigen und Ruhe auf⸗ erlegt; auch hat man ihm ein Opiat gegeben, um ſei⸗ nen Schmerz einzulullen, denn ſein alter Feind ſetzt ihm wieder mächtig zu. Er ſchläft nie, obgleich es zuweilen ſcheint, als verſinke er in einen trägen Schlummer bei offenen Augen. Er hat ſeine Bettſtätte näher an das Fenſter hinbringen laſſen, ſobald er gehört hat, daß das Wetter ſo unfreundlich ſei; auch hat er ſich den Kopf ſo hinlegen laſſen, daß er den Schnee und die Graupeln, die in der Luft wirbeln, ſehen kann. Er ſieht während des ganzen Wintertags dem Schnee zu, wie er herunterfällt. Sobald ſich im Hauſe, wo die größte Stille anbe⸗ fohlen iſt, ſich das geringſte Geräuſch hören läßt, greift ſeine Hand nach dem Griffel. Die alte Haushälterin, die neben ihm ſitzt, weißt, was er gern ſchreiben möchte, und flüſtert:„Nein, er iſt noch nicht zurück, Sir Lei⸗ ceſter. Es war vergangene Nacht ſchon ſpät, als er wegging. Es iſt noch nicht lange, daß er weggegangen iſt.“ 200 Nun zieht er die Hand zurück und fängt abermals an, den Graupeln und dem Schnee zuzuſehen, bis die⸗ ſelben in Folge dieſes ſeines langen Anſchanens ſo dicht und raſch herunterzufallen ſcheinen, daß er eine Minute lang die Augen ſchließen muß vor dem ſchwindelverurſachen⸗ den, tollen Wirbeln weißer Flocken und kleiner zerflie⸗ ßenden Eisſtücke. Er hat, ſobald es Tag geworden, angefangen, nach denſelben hinauszublicken. Der Tag iſt noch nicht weit vorgerückt, als er es für nöthig erachtet, in ihren Zim⸗ mern alle Anſtalten zu ihrer Aufnahme treffen zu laſſen. Es iſt ſo kalt und naß. Man zünde dort gute Feuer an. Man ſage den Leuten, daß man ſie jeden Augenblick erwarte. Schauen Sie gefälligſt ſelbſt nach. Er ſchreibt dieß auf ſeine Schiefertafel, und es gehorcht Mrs. Roun⸗ cewell mit ſchwerem Herzen. „Denn ich befürchte, George,“ ſpricht die alte Frau zu ihrem Sohne, der drunten wartet, um ihr Geſell⸗ ſchaft zu leiſten, wenn ſie ein Bischen freie Zeit hat; wich fürchte, mein Lieber, es wird my Lady nie mehr deu Fuß in dieſes Haus ſetzen.“ „Es iſt dieß keine gute Ahnung, Mutter.“ „Als ich my Lady geſtern ſah, George ſah ſie mir aus,— und ich kann wohl ſagen, ſchaute ſie mich auch an— wie wenn der Tritt auf dem Geiſterwege ſie faſt zu Boden getreten hätte.“ „Kommen Sie, kommen Sie! Sie beunruhigen ſich ſelbſt mit Befürchtungen, wie ſie etwa in Ammenmähr⸗ chen vorkommen mögen, Mutter.“ „Nein, nein, mein Lieber. Nein, das thue ich nicht. Es ſind nun bald ſechzig Jahre, daß ich in die⸗ ſer Familie bin, und nie, nie zuvor hatte ich ſolche Befürchtungen. Aber, mein lieber Sohn, es geht mit ihr zu Ende,— ja, ja mit der großen alten Dedlock'⸗ ſchen Familie geht es zu Ende.“ „Hoffentlich wird das nicht eintreffen, Mutter.“ 201 „Ich bin dankbar dafür, daß ich lange genug ge⸗ lebt, um in dieſer Krankheit und Noth um Sir Leiceſter zu ſein, denn ich weiß, ich bin nicht ſo alt, noch ſo un⸗ nütz, als daß er mich hier nicht gerne ſehen möchte, als irgend Jemand. Aber der Tritt auf dem Geiſter⸗ wege bedeutet für my Lady nichts Gutes, George; lange iſt derſelbe hinter ihr hergeweſen;— jetzt wird er an ihr vorüber und weiter gehen.“ „Wohlan, liebe Mutter, ich ſage abermals, hof⸗ fentlich wird das nicht eintreffen.“ „Ah, auch ich hoffe das, George,“ entgegnet die alte Frau, den Kopf ſchüttelnd und ihre gefalteten Hände trennend.„Wenn aber meine Befürchtungen ſich beſtätigen, und er es erfahren ſollte,— wer wird es ihm da ſagen!“ „Sind dieß ihre Zimmer?“ „Ja, es ſind dieß my Lady's Zimmer,— ganz ſo, wie ſie dieſelben verlaſſen.“ „Ei,“ ſpricht der Troupier, ſich umſchauend, und mit leiſerer Stimme ſprechend,„ich fange nun an, zu begreifen, wie Sie auf ſolche Gedanken kommen, Mut⸗ ter. Es nehmen Zimmer ein furchtbares Ausſehen an, wenn ſie, wie dieſe, für eine Perſon möblirt ſind„ die man dort zu ſehen gewohnt, und wenn dieſe Perſon in unheimlicher Weiſe fort iſt, Gott weiß wo.“ Er hat nicht ſehr fehl geſchoſſen. Gleich wie jedes Weggehen das große letzte Weggehen vorandeutet,— ſo wispern leere Zimmer, die einer wohlbekannten Gegen⸗ wart beraubt ſind, in trauriger Weiſe, was Dein und mein Zimmer eines Tages werden muß. My Lady'’s Staat hat, ſo düſter und verlaſſen, ein hohles Aus⸗ ſehen; und in dem inneren Appartement, wo Mr. Bucket in vergangener Nacht eine geheime Durchſuchung ange⸗ ſtellt, haben die Spuren ihrer Kleider und Schmuckſa⸗ chen, ſogar die Spiegel, welche dieſelben zurückzuwerfen pflegten, als ſie noch einen Theil von ihr bildeten, etwas 202 Oedes, Trauriges und Leeres. So trübe und kalt der Wintertag auch iſt, ſo iſt er doch in dieſen verödeten Zimmern noch trüber und kälter, als in mancher Hütte, die bloß und nur zur Noth das ſchlechte Wetter aus⸗ ſchließen kann; und obgleich die Domeſtiken in den Ka⸗ minen Feuer aufhäufen, und die Ruhebetten und Seſſel in die Nähe der warmen Glasſchirme ſtellen, die das röthliche Licht des Feuers bis in die entfernteſten Ecken dringen laſſen, ſo ſchwebt doch über den Zimmern eine ſchwere Wolke, die kein Licht zu zerſtreuen im Stande iſt. Die alte Haushälterin und ihr Sohn bleiben bei⸗ ſammen, bis die Zurüſtungen vollſtändig ſind, und geht dann wieder die Treppe hinauf. Volumnia hat unter⸗ deſſen Mrs. Rouncewell's Platz eingenommen, obgleich Perlenhalsbänder und Schminktöpfe, wie ſehr dieſelben immer auf die Verſchönerung von Bath berechnet ſein mögen, unter den dermaligen Umſtänden für den Kran⸗ ken eben kein beſonderer Troſt ſein mögen. Da man von Volumnia nicht vorausſetzt, daß ſie den wahren Sach⸗ verhalt wiſſe(und in der That weiß ſie denſelben nicht), ſo hat ſie es als eine häkelige Aufgabe erfunden, paſ⸗ ſende Bemerkungen an den Mann zu bringen; und da⸗ rum hat ſie dieſelbe durch ein Streicheln der Bettücher, das Einen in Verzweiflung bringen könnte, durch ſtudirte Locomotion, wobei ſie ſich bloß der Zehenſpitze bedient, durch ein wachſames Gucken nach den Augen ihres Ver⸗ wandten hin, und durch ein erbitterndes Gewisper„er ſchläft,“— Worte, die ſie vor ſich hinflüſtert, erſetzt. Um dieſe unnöthige Bemerkung zu widerlegen, hat Sir Leiceſter unwillig auf die Schiefertafel die Worte ge⸗ ſchrieben:„Nein, ich ſchlafe nicht.“— Volumnia tritt alſo den an dem Bette ſtehenden Stuhl an die ſchmucke, alte Haushälterin ab, und ſetzt ſich, voller Mitgefühl ſeufzend, an einen etwas entfern⸗ teren Tiſch. Sir Leiceſter ſieht den Graupeln und dem Schnee zu, horcht, ob er die Tritte, die er erwartet, — O˖—ÿ—ÿ— 203 nicht zurückkommen hört. In den Ohren ſeiner alten Dienerin, die gerade ſo ausſieht, als wenn ſie aus einem alten Gemälderahmen herausgetreten wäre, um einen von hinnen geforderten Dedlock nach einer andern Welt zu begleiten, iſt die Stille mit den Echos ihrer eigenen Worte:„Wer wird es ihm ſagen!“ erfüllt. Sir Leiceſter iſt an dieſem Morgen unter den Hän⸗ den ſeines Kammerdieners geweſen, um ſich präſentabel machen zu laſſen; und er iſt ſo ſchön herausgeputzt, als es die Umſtände eben erlauben. Er iſt durch Pfühle ge⸗ ſtützt, ſeine grauen Haare ſind in der gewöhnlichen Weiſe gebürſtet, ſein Leinenzeug iſt ganz nett geordnet, und dann iſt er noch in einen prächtigen, warmen Schlafrock gehüllt. Sein Angenglas und ſeine Uhr befinden ſich im Bereiche ſeiner Hand. Es iſt nothwendig— jetzt vielleicht weniger für ſeine eigene Würde, als um my Lady's willen,— daß er ſo wenig verſtört und ſo na⸗ türlich wie möglich ausſieht. Frauenzimmer ſchwatzen gerne, und Volumnia, obwohl ſie eine Dedlock, bildet in dieſer Hinſicht keine Ausnahme. Sie muß, es läßt ſich dieß wohl nur wenig bezweifeln, hier bleiben, damit ſie nicht anderswo ſchwatzt. Er iſt zwar ſehr krank, leiſtet aber nichtsdeſtoweniger ſeinen geiſtigen und körper⸗ lichen Schmerzen für jetzt muthigen Widerſtand. Da die ſchöne Volumnia eine jener lebhaften Jung⸗ frauen iſt, die nicht lange Zeit ſchweigen können, ohne in Gefahr zu gerathen, von dem Drachen Langweile erfaßt zu werden, ſo zeigt ſie die Annäherung des eben ge⸗ nannten Ungeheuers durch fortgeſetztes, unverfehlbares Gähnen an. Es unmöglich findend, dieſes Gähnen durch einen andern Proceß, als das Sprechen zu unterdrücken, becomplimentirt ſie Mrs. Rouncewell wegen ihres Soh⸗ nes, und erklärt, es ſei derſelbe wirklich eine der ſchön⸗ ſten Geſtalten, die ſie noch geſehen, und es ſchaue der⸗ ſelbe ſo ſoldatenmäßig aus, wie der— wie er doch nur gleich heiße— wie ihr Lieblingsleibgardiſt,— wie der 2⁰4 Manu, den ſie ſo ſchwärmeriſch liebe— wie das theuerſte aller Geſchöpfe— wie der Mann, der zu Waterloo das Leben gelaſſen. Sir Leiceſter hört dieſen Tribut mit ſo großem Staunen und ſchaut in ſo verwirrter Weiſe umher, daß Mrs. Ronncewell eine Erklärung nothwendig findet. „Miß Dedlock ſpricht jetzt nicht von meinem älteſten Sohne, Sir Leiceſter, wohl aber von meinem jüngſten. Ich habe ihn wieder gefunden. Er iſt nun wieder heim⸗ gekommen.“„ Sir Leiceſter bricht das Schweigen mit einem har⸗ ſchen Schrei: „George? Ihr Sohn George heimgekommen, Mrs. Rouncewell?“ Die alte Haushälterin wiſcht ſich die Augen ab, und antwortet: „Gott ſei gedankt! Ja, Sir Leiceſter.“ Gilt dieſe Auffindung eines Verlornen, dieſe Wie⸗ derkehr eines Menſchen, der ſchon ſo lange fortgeweſen, ihm als eine ſtarke Beſtätigung ſeiner Hoffnungen? Denkt er:„Werde ich mit der Hilfe, die ich habe, ſie wieder wohlbehalten hierher zurückbringen; da es in ihrem Falle weniger Stunden ſind, als in ſeinem Falle Jahre?“ Es nützt Nichts, ihn jetzt mit Bitten zu beſtürmen; er will nun ein Mal ſprechen, und er thut es auch. In einem Schwall von Lauten, aber doch deutlich genug,⸗ um ſich verſtändlich zu machen. „Warum haben Sie mir denn dus nicht geſagt, Mrs. Rouncewell?“ „Die Sache hat ſich erſt geſtern ereignet, Sir Lei⸗ ceſter, und ich zweifelte, ob Sie wohl genug wären, um mit ſolchen Dingen behelligt zu werden.“; Zudem erinnert ſich nun die unbeſonnene Volumnia mit ihrem kleinen Schrei, daß Niemand hatte wiſſen ſollen, daß er Mrs. Rouncewel''s Sohn wäre, und daß 20⁵ ſie es gewiß nicht geſagt hätte. Mrs. Rouncewell aber betheuert mit ſo vieler Wärme, daß ihr Bruſtlatz ſchwillt, ſie würde es natürlich Sir Leiceſter geſagt haben, ſo⸗ bald es mit ihm beſſer geſtanden wäre. „Wo iſt jetzt ihr Sohn, Mrs. Rouncewell?“ fragt Sir Leiceſter. Mrs. Ronncewell, die nicht wenig unruhig darüber iſt, daß er die Vorſchriften des Arztes ſo mißachtet, ant⸗ wortet, er befinde ſich in London. „Wo in London?“ Mrs. Rouncewell muß zugeben, daß derſelbe im Hauſe ſei. „Bringen Sie ihn in mein Zimmer! Bringen Sie ihn auf der Stelle hierher!“ Die alte Frau kann unter dieſen Umſtänden nichts Anderes thun, als ihn aufſuchen. Sir Leiceſter ordnet ſich mit der ihm übrig gebliebenen Bewegungskraft ein Bischen, um ihn zu empfangen. Als er dieß gethan, ſchaut er wieder den Graupeln und dem Schnee zu, die draußen immer noch herabfallen, und horcht abermals, ob er die wiederkehrenden Tritte nicht hört. Es iſt eine Maſſe Stroh auf die Straße geſtreut worden, um alle Geräuſche dort möglichſt zu dämpfen, und es wäre da⸗ her möglich, daß ſie an das Haus herangefahren käme, ohne daß er die Räder hörte. So liegt er da, dem Anſchein nach ſeiner neueren und geringeren Ueberraſchung vergeſſend, als die Haus⸗ hälterin, von ihrem Sohn, dem Troupier, begleitet, zu⸗ rückkommt. Mr. George geht ſachte zu dem Bette hin, macht dort ſeine Verbeugung, entfaltet ſeine ganze Bruſt, und ſteht da mit geröthetem Geſichte und ſich recht herzlich ſchämend. „Gütiger Himmel, und iſt dieß wirklich George Rouncewell?“ ruft Sir Leiceſter aus.„Erinnern Sie ſich meiner noch, George?“ 206 Der Troupier muß ihn erſt anſchauen und dieſen Laut von jenem trennen, ehe er weiß, was der Kranke geſagt hat; da er dieß aber thut, und da ſeine Mutter ihm ein Bischen dabei hilft, ſo antwortet er: „Ich müßte in der That ein recht ſchlechtes Ge⸗ dächtnis haben, wenn ich mich ihrer nicht erinnern könnte.“. „Wenn ich Sie anſchaue, George Rouncewell,“ be⸗ merkt Sir Leiceſter mit Mühe,„ſo ſehe ich Etwas von einem Knaben, der einſt zu Chesney Wold geweſen— ich erinnere mich noch wohl— noch recht wohl.“ Er ſieht den Troupier an, bis ihm Thränen in die Augen kommen, und dann ſchaut er wieder nach den Graupeln und nach dem Schnee hinaus. „Ich bitte Sie um Verzeihung, Sir Leiceſter,“ ſpricht der Troupier,„aber möchten Sie nicht meine Arme annehmen, um ſich aufheben zu laſſen? Sie wür⸗ den bequemer liegen, Sir Leiceſter, wenn Sie mir er⸗ lauben wollten, Sie anders zu legen.“ „Wie es Ihnen gefällig iſt, George Rouncewell; wenn Sie ſo gut ſein wollen.“ Der Troupier nimmt ihn wie ein Kind in die Arme, hebt ihn leicht auf, und dreht ihn mit dem Geſichte mehr nach dem Fenſter hin. „Ich danke Ihnen. Sie haben Ihrer Mutter Sauft⸗ heit,“ bemerkt Sir Leiceſter,„und eine Stärke, die nur Ihnen eigen iſt. Ich danke Ihnen.“ Er bedeutet ihm durch ein Zeichen mit der Hand, daß er doch nicht weggehen ſolle. George bleibt ruhig neben dem Bette und wartet, bis man ihn anredet. „Warum wollten Sie denn verborgen bleiben?“ Sir Leiceſter braucht einige Zeit, um ihn dieſes zu ragen. fra„Ich bin in Wahrheit kein Menſch, deſſen man ſich viel rühmen könnte, Sir Leiceſter, und ich— ich würde ——„ —— 2,— 2—, 207 immer noch, Sir Leiceſter, wenn Sie nicht ſo unwohl wären— was hoffentlich nicht lange dauern wird,— ich würde immer noch auf die Gunſt hoffen, daß man mich überhaupt unbekannt bleiben ließe. Es ſchließt die Sache Erklärungen in ſich, die ſich wohl errathen laſſen, hier nicht ſehr am Platze und für mich ſelbſt nicht gar ehrenvoll ſind. Wie ſehr anch in einer Menge von Punkten die Meinungen aus einander gehen mögen, ſo ſollte ich doch glauben, Sir Leiceſter, es müßte allgemein zuge⸗ geben werden, daß ich kein Menſch bin, deſſen man ſich viel rühmen kann.“ „Sie ſind Soldat geweſen,“ bemerkt Sir Leiceſter, und zwar ein braver.“ George macht hier ſeine militäriſche Verbeugung. „Was das betrifft, Sir Leiceſter, ſo habe ich unter der Disciplin meine Pflicht gethan, und es war dieß das Wenigſte, was ich thun konnte.“ „Sie finden mich,“ ſpricht Sir Leiceſter, deſſen Au⸗ gen ſich ſtark zu ihm hingezogen fühlen,„gar nicht wohl, George Rouncewell.“ „Es thut mir unendlich leid, das zu hören und zu ſehen, Sir Leiceſter.“ „Ich bin deſſen gewiß. Nein. Zu meiner alten Krankheit hin habe ich einen plötzlichen und fatalen An⸗ fall gehabt. Etwas, das lähmt—“ hier macht er einen Verſuch, eine Hand an einer Seite hinabzubewegen,— wund verwirrt—“ hier berührt er ſeine Lippen. George macht mit einem Blicke der Zuſtimmung und Sympathie eine andere Verbeugung, und andere eiten, wo ſie Beide junge Männer waren(und zwar der Troupier bei Weitem der jüngere von den Zweien) und drunten zu Chesney Wold einander anſchauten, eeigen vor ihnen Beiden auf und ſtimmen Beide weich. Sir Leiceſter, bei dem offenbar der Entſchluß feſt⸗ ſteht, bevor er wieder in ſein Schweigen verſinkt, in ſei⸗ ner eigenen Weiſe Etwas zu ſagen, das ihm auf dem 208 Herzen liegt, verſucht es, ſich unter ſeinen Pfühlen noch ein wenig mehr aufzurichten. George, der dieß ſieht, nimmt ihn abermals in die Arme, und ſetzt ihn ſo, wie er zu ſitzen wünſcht. „Ich danke Ihnen, George,“ ſpricht der Baronet. „Sie ſind mir ein anderes Ich. Sie haben drunten zu Chesney Wold mir oft meine Reſerveflinte getragen, George. Sie ſind für mich unter dieſen ſeltſamen Um⸗ ſtänden eine vertraute Erſcheinung,— eine recht ver⸗ traute Erſcheinung.“ George hat Sir Leiceſter's, geſünderen Arm ſich über die Schultern gelegt, während er ihn ſo aufrichtet, und Sir Leiceſter zieht denſelben nur langſam wieder weg⸗ indem er dieſe Worte ſpricht. „Ich wollte hinzuſetzen,“ fährt er nach einer kleinen Weile fort,„ich wollte, was dieſen Aufall betrifft, hin⸗ zuſetzen, daß derſelbe unglücklicher Weiſe zuſammenſiel mit einem kleinen Mißverſtändniſſe zwiſchen my Lady) und mir. Ich meine damit nicht, es habe zwiſchen uns ein Streit ſtatt gefunden(denn zu einem ſolchen iſt es zwiſchen uns nie gekommen), ſondern, es iſt ein Miß⸗ verſtändniß in Betreff gewiſſer Umſtände eingetreten, die bloß für uns von Wichtigkeit ſind; und dieſes Mißver⸗ ſtändniß beraubt mich einen Augenblick der Geſellſchaft von my Lady. Sie hat es für nöthig erachtet, eine Reiſe zu machen,— und wird hoffentlich bald zurückkom⸗ men. Volumnia, mache ich mich auch verſtändlich? Ich kann über die Worte nicht ſo ganz gebieten, was die Ausſprache betrifft.“ 1 Volumnia verſteht ihn vollkommen; auch drückt er ſich in Wahrheit mit weit größerer Deutlichkeit aus, als man es noch vor einer Minute für möglich gehalten ha⸗ ben würde. Die Anſtrengung, die das ihm koſtet, ſteht in dem ängſtlichen und peinlich arbeitenden Ausdrucke ſeines Geſichtes geſchrieben. Es iſt die ganze Energie 209 ſeines Willens erforderlich, um ihn zu dieſer Kraftäuße⸗ rung zu befähigen. „Darum, Volumnia, wünſchte ich in Ihrer Gegen⸗ wart zu ſagen— und in Gegenwart meiner alten Dienerin und Freundin, Mrs. Rouncewell, deren Bieder⸗ keit und Treue Niemand in Frage ſtellen kann— und in Gegenwart Ihres Sohnes George, der wiederkehrt, wie eine vertraute Erinnerung meiner Jugend im Hauſe meiner Ahnen zu Chesney Wold— im Falle ich einen Rückfall bekommen ſollte,— im Falle ich nicht wieder aufkommen ſollte,— im Falle ich ſowohl die Sprache, als die Fähigkeit zu ſchreiben verlieren ſollte, obwohl ich Beſſeres hoffe—“ Die alte Haushälterin weint ſtill; Volumnia befindet ſich in der größten Aufregung und es zeigen ihre Wan⸗ gen die friſcheſte Blüthe; der Troupier merkt, mit gefal⸗ teten Armen und den Kopf ein wenig gebeugt haltend, ehrerbietig auf.— „Darum wünſche ich zu ſagen, und Euch Alle zu Zeugen zu nehmen,— wobei ich feierlichſt bei Ihnen ſelbſt anfange, Volumnia— daß mein Verhältniß zu Lady Dedlock durchaus noch das gleiche iſt. Daß ich lediglich Nichts an ihr auszuſetzen habe, und ihr ledig⸗ lich Nichts zur Laſt lege. Daß ich ſtets die ſtärkſte Zu⸗ neigung für ſie hatte, und daß meine Liebe zur Stunde noch unverändert iſt. Sagen Sie dieß ihr, ſowie Jeder⸗ mann. Sagen Sie je weniger als das, ſo machen Sie ſich abſichtlicher Falſchheit gegen mich ſchuldig!“ Volumnia betheuert zitternd, ſie werde ſeine Befehle buchſtäblich beobachten. „My Lady iſt zu hoch geſtellt, iſt zu ſchön, iſt von zu hoher Bildung, iſt in den meiſten Beziehungen den beſten und vornehmſten von denen, in deren Geſellſchaft ſie lebt, zu ſehr überlegen, als daß ſie nicht ihre Feinde und Verläumder haben ſollte. Mögen dieſe erfahren, wie Bleak Houſe. IV. 14 210 ich euch, die ihr hier anweſend ſeid, kund thue, daß ich jetzt, wo ich bei geſundem Verſtande und Gedächtniſſe bin, keine Verfügung widerrufe, die ich zu ihren Gun⸗ ſten getroffen. Ich ſchmälere Nichts, was ich ihr ein Mal gegeben und zugeſichert. Mein Verhältniß zu ihr iſt immer noch das alte, und ich widerrufe— obwohl ich die volle Macht hätte, es zu thun, wenn es mein Wille wäre, wie ihr Alle ſeht,— keinen Akt, der von meiner Seite zu ihrem Vortheil und zu ihrem Glück ge⸗ ſchehen.“ Die etwas affectirte Wortſtellung hätte vielleicht zu jeder andern Zeit, wie es auch oft der Fall geweſen, et⸗ was Lächerliches an ſich gehabt; in dieſem Augenblicke aber hat dieſelbe etwas Ernſtes und Rührendes. Sein edler Eifer, ſeine Treue, die tapfere und galante Art, wie er ſie vertheidigt, der Edelmuth, womit er das ihm angethane Unrecht und ſeinen Stolz um ihretwillen ver⸗ gißt, ſind bloß ehrenhaft, mannhaft und wahr. Nichts adelt an dem gemeinſten Handwerker alles Uebrige ſo ſehr, als der Glanz ſolcher Eigenſchaften; durch Nichts erſcheint auch der höchſt geborne Gentleman in einem würdigeren Lichte. Und in einem ſolchen Lichte heben ſich Beide in gleicher Weiſe, glänzen beide Kinder des Staubes gleich ſehr. Durch dieſe Anſtrengungen erſchöpft, legt er den Kopf auf ſeine Pfühle zurück und ſchließt die Augen, wenn auch nur auf eine Minute; denn nun hebt er wieder an, auf das Wetter zu achten und auf die ge⸗ dämpften Töne zu hören. Durch ſolche kleine Dienſtlei⸗ ſtungen und durch die Art, wie dieſelben angenommen werden, ſteht ſich der Troupier in ein ihm nothwendiges Weſen verwandelt. Es iſt zwar Nichts geſagt worden, aber es verſteht ſich, ſo zu ſagen, von ſelbſt. Er tritt ein paar Schritte zurück, um nicht immer geſehen zu werden, und bezieht ein Bischen hinter dem Stuhl ſeiner Mutter die Wache. —— 211 Es fängt der Tag nun an, zu ſchwinden. Der Nebel und die Graupeln, in die ſich der Schnee ganz aufgelöst hat, ſind dunkler, und es fängt das lodernde Feuer an, ſich lebhafter auf die Wände und die Mö⸗ beln des Zimmers zu zeichnen. Es nimmt die Düſterniß zu; es erſcheint mit einem Male das helle Gas auf den Straßen; und es blinken die hartnäckigen Oellampen, die, während ihre Lebensquelle halb gefroren und halb aufgethaut iſt, dort immer noch ihren Grund und Boden behaupten, keuchend und nach Luft ſchnappend, wie feu⸗ rige Fiſche außerhalb des Waſſers— die ſie ſind. Die Welt, die über das Stroh hingerumpelt iſt, und an der Glocke gezerrt hat,„um nachzufragen,“ fängt an, nach Hauſe zu gehen, fängt an, ſich in ihren Staat zu wer⸗ fen, zu diniren, über ihren theuren Freund und ihre theure Freundin zu ſprechen und zwar in der allerneu⸗ eſten Weiſe, wie bereits erwähnt worden. Jetzt geht es bei Sir Leiceſter ſchlimmer; er iſt unruhig, fühlt ſich unbehaglich und gar ſehr in Sorgen. Volumnia zündet ein Licht an(mit prädeſtinirter Ge⸗ ſchicklichkeit, etwas Unliebſames zu thun); aber es wird ihr befohlen, daſſelbe wieder auszulöſchen, da es noch nicht finſter genug iſt, und doch iſt es ſchon recht finſter, — ſo finſter, als es heute Nacht nur werden kann. Nach einiger Zeit verſucht ſie es abermals. Nein! das Licht muß wieder ausgelöſcht werden. Es iſt noch nicht finſter genug. Seine alte Haushälterin iſt die erſte, die verſteht, daß er bei ſich die Fiction aufrecht zu erhalten ſucht, es ſei noch nicht ſpät. „Lieber Sir Leiceſter, mein geehrteſter Herr und Gebieter,“ flüſtert ſie leiſe,„ich muß um Ihret⸗ und um meiner Pflicht willen mir die Freiheit nehmen, Sie in⸗ ſtändigſt zu bitten, daß Sie doch nicht in dieſer öden Finſterniß ſo hier liegen, und warten und aufmerken, und die Zeit ſo hinſchleppen. Erlauben Sie mir, daß 212 4 ich die Vorhänge vorziehe, die Lichter anzünde und um Sie her Alles bequemer mache. Die Kirchenuhren wer⸗ den ſo wie ſo die Stunden verkünden, Sir Leiceſter, und es wird die Nacht ſo wie ſo verſtreichen. Es wird my Lady ſo wie ſo wieder kommen.“ „Ich weiß es, Mrs. Rouncewell, aber ich bin ſchwach, — und er iſt ſchon lange fort.“ „Nicht ſo gar lange, Sir Leiceſter. Noch keine vier und zwanzig Stunden.“ „Aber es iſt das eine lange Zeit. O, es iſt das eine lange Zeit!“ Er ſagt dieß mit einem Stöhnen, das ihr in der Seele weh thut. 3 Sie weiß, daß es jetzt nicht der rechte Augenblick iſt, das rohe Licht über ihn zu bringen; ſie hält ſeine Thränen für zu heilig, als daß ſie von Jemand, auch von ihr, geſehen werden dürften. Sie bleibt deßhalb noch eine Weile in der Finſterniß ſitzen, ohne ein Wort zu ſprechen; dann fängt ſie ſachte an, da und dort hin zu gehen; bald ſchürt ſie das Feuer, bald ſtellt ſie ſich in das dunkle Fenſter und ſchaut hinaus. Endlich ſagt er mit wieder erlangter Selbſtbeherr⸗ ſchung zu ihr: „Wie Sie ſagen, Mrs. Rouncewell, es ſteht die Sache darum nicht ſchlimmer, wenn man ſich dieſelbe geſteht. Es wird ſpät, und ſie ſind noch nicht da. Zün⸗ den Sie die Lichter an!“ Nachdem dieſe angezündet ſind und das Wetter hin⸗ ausgeſchloſſen iſt, bleibt ihm Nichts mehr. übrig, als zu horchen. Aber man findet, daß er, ſo niedergeſchlagen und krank er auch iſt, ſich wieder aufheitert, wenn man in ruhiger Weiſe vorgibt, man wolle nach den Feuern in ihren Zimmern ſchauen und ſich verſichern, ob Alles zu ihrem Empfange parat ſei. So armſelig auch dieſer ———— 213 * Vorwandiſt, ſo erhalten doch dieſe Anſpielungen, daß man ſie erwarte, die Hoffnung bei ihm aufrecht. Mitternacht kommt heran, und mit ihr die nämliche Oede und Leere. Der Wagen in den Straßen ſind es nur wenige und andere ſpäte Geräuſche gibt es in die⸗ ſer Nachbarſchaft keine, wenn man den Umſtand abrech⸗ net, daß ein Mann, der ſo ganz nomadiſch betrunken iſt, daß er ſich in die kalte Zone hinein verirrt, das Pflaſter entlang brüllt und krakeelet. Es iſt in dieſer Winternacht ſo ſtill, daß, wenn man der lautloſen Stille zuhört, es iſt, wie wenn man tiefe Dunkelheit anſchaut. Läßt ſich in dieſem Falle ein fernes Geräuſch hören, ſo dringt es durch die Finſterniß, wie ein ſchwaches Licht in jener, und Alles iſt dann ſchwerer und drückender, als zuvor. Die Körperſchaft der Domeſtiken darf zu Bette gehen(auch thun ſie das nicht ungern, da ſie die ganze vergangene Nacht haben aufbleiben müſſen) und nur Mrs. Rouncewell und George wachen in Sir Leiceſters Zimmer. Während die Nacht langſam fortſchleicht— oder vielmehr, als dieſelbe zwiſchen drei und vier Uhr ſtill zu ſtehen ſcheint— finden ſie ihn von einem unruhigen Verlangen beſeelt, noch mehr über das Wetter zu wiſſen jetzt, da er es nicht ſehen kann. George patrollirt alſo regelmäßig jede halbe Stunde nach den Zimmern hin, um die man ſich ſo viel kümmert, dehnt ſeinen Marſch bis auf die Vorhallenthüre aus, ſchaut umher und bringt über die fatalſte der Nächte den beſtmöglichen Bericht zurück, indem es immer noch graupelt und ſogar die ſteinernen Trottoirs knöcheltief in eiſigem Schlamme liegen. Volumnia, in ihrem Zimmer droben bei einem ein⸗ ſamen Treppenabſatz— der zweiten Krümmung nach dem Ende der Schnitzarbeiten und Vergoldungen— ei⸗ nem Couſinenzimmer, das eine entſetzliche Fehlgeburt von einem wegen ſeiner Verbrechen verbannten Porträt Sir Leiceſters enthält und bei Tage einen feierlichen Hof 214 beherrſcht, welcher mit ausgetrockneten, wie antediluvia⸗ niſche Proben ſchwarzen Thees ausſehenden Geſträuchen bepflanzt iſt— iſt ein Raub von gar mancherlei Grauen. Nicht unter den letzten, noch den geringſten dieſer Grauen befindet ſich das, was wohl aus ihrem kleinen Einkom⸗ men werde, für den Fall, daß, wie ſie es ausdrückt, Sir Leiceſter„Etwas paſſire.“ Etwas, in dieſem Sinne, bedeutet bloß Eines, und zwar das Letzte, das dem Be⸗ ußßiſein eines Baronets in der bekannten Welt paſſiren ann. Eine Wirkung dieſer Grauen iſt, daß Volumnia fin⸗ det, ſie könne in ihrem Zimmer nicht zu Bette gehen, oder in ihrem Zimmer neben das Feuer ſitzen, ſonderu müſſe ihr ſchöͤnes Haupt in eine Shawlmaſſe hüllen und ihre ſchöne Geſtalt mit Draperien umgeben, und wie ein Geiſt im Palaſt paradiren und insbeſondere die warmen und üppig ausgeſtatteten Zimmer beſuchen, die eine Per⸗ ſon empfangen ſollen, die immer noch nicht zurückkommt. Da unter ſolchen Umſtänden an Einſamkeit nicht zu den⸗ ken iſt, ſo läßt ſich Volumnia von ihrem Kammermädchen begleiten, die, zu dieſem Zwecke gepreßt und aus ihrem Bette herbeſchieden, es außerordentlich friert, die unge⸗ mein ſchläfrig, die überhaupt übel daran iſt, da ſie durch die Umſtände dazu verurtheilt iſt, bei einer Couſine zu dienen, während ſie doch bei ſich beſchloſſen hatte, nur bei zehntauſend Pfund per Jahr Kammerjungfer zu ſein, und die aus allen dieſen Gründen nicht allzu freundlich ausſieht. Die periodiſchen Beſuche des patrollirenden Trou⸗ pier in dieſen Zimmern haben indeſſen ſowohl für die Herrin als für die Kammerjungfer etwas Schützendes und Geſellſchaftliches, was ſie in den erſten Frühſtunden recht angenehm macht. So oft ſie ihn herbeikommen hören, treffen ſie Beide einige decorative Anſtalten, um ihn zu empfangen; zu andern Zeiten theilen ſie ihre Wachen in kurze Stücke Vergeſſenheit und Dialoge ein, 215 die nicht ganz frei von Herbigkeit ſind, wie zum Beiſpiel, wenn es ſich darum handelt, ob die mit den Füßen auf der Kaminſtülpe ruhende Miß Dedlock ins Feuer fallen wollte oder nicht, als ſie(zu ihrem großen Mißvergnü⸗ gen) von ihrem Schutzengel, der Kammerjungfer, ge⸗ rettet wurde. „Wie geht es jetzt Sir Leiceſter, Mr. George?“ fragt Volumnia, ihre Kapuze über ihrem Kopfe ordnend. „Je nun, bei Sir Leiceſter geht es ſo ziemlich gleich, Miß. Er iſt ſehr niedergeſchlagen und krank; bisweilen phantaſirt er ſogar ein Bischen.“ „Hat er nach mir gefragt?“ fragt Volumnia zärtlich. „Nicht daß ich wüßte, Miß, das heißt, nicht daß ich es gehört hätte.“ „Es iſt dieß eine recht traurige Zeit, Mr. George.“ „Ja, es iſt ſo, Miß. Thäten Sie nicht beſſer dar⸗ an, wenn ſie zu Bette gingen?“ „Es wäre unendlich beſſer, wenn Sie zu Bette gingen, Miß Dedlock,“ ſagt die Kammerjungfer ſpitzig. Aber Volumuia antwortet: Nein! nein! Man kann ſie verlangen, man kann ſie jeden Augenblick zu ſprechen wünſchen. Nie würde ſie es ſich ſelbſt verzeihen,„wenn Etwas paſſirte,“ und ſie nicht auf dem Platze wäre. Sie mag gar nicht auf die von der Kammerjungfer aufgewor⸗ fene Frage eingehen, wie es denn komme, daß ihr Platz da, und nicht in ihrem eigenen Zimmer(das näher bei Sir Leiceſter iſt) ſein ſolle; ſondern erklärt ſtandhaft, ſie wolle nun einmal auf dem Platze bleiben. Volumnia rechnet es ſich ferner zum Verdienſte an, daß ſie„kein Auge zugemacht“— wie wenn ſie zwanzig oder dreißig hätte, obgleich es etwas ſchwer iſt, dieſe Angabe mit dem Umſtand zu vereinigen, daß ſie ohne allen Zweifel während der letzten fünf Minuten zwei geöffnet hat. Als es aber allmälig vier Uhr wird, und immer noch dieſelbe Oede und Leere herrſcht, da fängt Volum⸗ nia's Standhaftigkeit an zu wanken, oder, richtiger ge⸗ 216 ſprochen, zu erſterben; denn nun iſt ſie der Anſicht, es ſei ihre Pflicht, ſich für den raſch herbeikommenden Mor⸗ gen parat zu halten, wo man vielleicht viel von ihr er⸗ warte; und es ſei, ſo gerne ſie auch auf dem Platze blei⸗ ben möchte, vielleicht nothwendig, daß ſie ſich ſelbſt opfere, und den Platz auf einen Augenblick verlaſſe. Als da⸗ her der Troupier mit ſeinem„Thäten Sie nicht beſſer daran, wenn Sie zu Bette gingen, Miß?“ wieder kommt, und die Kammerjungfer noch ſpitziger, denn zuvor, pro⸗ teſtirt:„Es wäre unendlich beſſer, wenn Sie zu Bette gingen, Miß Dedlock!“ da erhebt ſie ſich recht ſanft⸗ und demüthig, und ſpricht:„Thut mit mir, was ihr für das Beſte haltet!“ Mr. George hält es unzweifelhaft für das Beſte, ſie an ſeinem Arme nach der Thüre ihres Couſinenzim⸗ mers zu eskortiren, und die Kammerjungfer hält es eben ſo unzweifelhaft für das Beſte, ſie ohne viele Umſtände und ſo geſchwind wie möglich zu Bette zu bringen. Es werden demgemäß dieſe Schritte gethan; und uunn hat der Troupier bei ſeinen Runden das Haus für ſich allein. Das Wetter will ſich immer noch nicht beſſern. Von der Säulenhalle, von den Dachrinnen, von der Bruſtwehr, von jeder Leiſte und Pfoſte und Säule tropft der auf⸗ gethaute Schnee herunter. Es iſt derſelbe ſogar, wie wenn er Schutz ſuchen wollte, und den Sturz der Haus⸗ thüre,— und unter dieſelbe, in die Ecken der Fenſter, in jeden Riß und in jede Spalte gedrungen, die er hat finden können, um ſich dort zu verlieren und zu ſterben. Immer noch fällt er herunter,— auf das Dach, auf das Dachfenſter, ja ſogar durch das Dachfenſter hindurch, und tropft, tropft, tropft mit der Regelmäßigkeit des Geiſter⸗ wegs auf den ſteinernen Boden herunter. Der Troupier, deſſen alte Erinnerungen durch die einſame Pracht eines großen Hanſes— einſt nichts Neues für ihn zu Chesney Wold— wieder wach gerufen wer⸗ den, geht immer wieder die Treppe hinauf und durch —— 2— u&D&nu—— nu— 217 die vornehmſten Zimmer hin, und hält dabei das Licht auf Armslänge hinaus. Er denkt an ſeine mancherlei Schickſale inner der letzten paar Wochen, und an ſeine auf dem Lande verlebte Jugendzeit, und an die zwei Perioden ſeines Lebens, die über den weiten dazwiſchen⸗ liegenden Raum hinweg in ſo ſeltſamer Weiſe zuſammen⸗ gebracht werden; er denkt an den ermordeten Mann, deſſen Bild in ſeinem Geiſte noch ſo friſch iſt; er denkt an die Lady, die aus eben dieſen Zimmern verſchwun⸗ den, und an die hier Alles noch ſo lebhaft erinnert; er denkt an den droben im Bette liegenden Herrn des Hau⸗ ſes, und an das ahnungsvolle„Wer wird es ihm ſagen!“ und ſchaut dahin und dorthin, und denkt ſo, wie er jetzt Etwas ſehe, und wie einiger Muth erforderlich ſei, um darauf zuzugehen, es anzufaſſen und es als ein Hirn⸗ geſpenſt zu erkennen. Aber es iſt Alles öde und leer; ſo öde und leer wie die Finſterniß droben, während er wieder die große Treppe hinaufgeht, ſo öde und leer, wie die drückende Stille. „Es iſt wohl immer noch Alles parat, George Rouncewell?“ „Alles in beſter Ordnung, Sir Leiceſter.“ „Noch keine Nachricht irgend einer Art?“ Der Troupier ſchüttelt den Kopf. „Kein Brief, den man möglicher Weiſe überſehen?“ Aber er weiß, daß keine ſolche Hoffnung da iſt, und legt den Kopf wieder hin, ohne auch nur auf eine Ant⸗ wort zu warten. George Rouncewell, den er, wie er ſelbſt vor eini⸗ gen Stunden geſagt, ſo gut kennt, legt und ſetzt ihn während des langen Reſtes der öden Winternacht beque⸗ mer, und löſcht, in gleicher Weiſe mit ſeinem unaus⸗ gedrückten Wunſche vertraut, beim erſten ſpäten Grauen des Tages das Licht aus und zieht die Vorhänge zurück. Es kommt der Tag wie ein Phantom. Kalt, farb⸗ los und unbeſtimmt, ſchickt derſelbe einen mahnenden 218 Streifen von todtenähnlicher Farbe voraus, wie wenn er ausriefe:„Schaut zu, was ich euch bringe, ihr, die ihr da wachet! Wer wird es ihm doch ſagen!“ Neunundfünfzigſtes Kapitel. Eſther's Erzählung. Es war drei Uhr Morgens, als die Häuſer außer⸗ halb Londons endlich anfingen, das Land aus⸗ und uns mit Straßen einzuſchließen. Wir hatten unſere Reiſe auf Straßen fortgeſetzt, die in unendlich ſchlechterem Zuſtande waren, als da, wo wir ſie bei hellem Tage paſſirt hat⸗ ten, indem ſeit dieſer Zeit der Schneefall und das Thauen immer angedauert hatten; doch war die Energie meines Begleiters nie ermattet. Es war dieſelbe nur, wie ich dachte, bei unſerem Weiterkommen minder behilflich ge⸗ weſen als die Pferde, und hatte dieſelbe oft unterſtützt. Letztere hatten, wenn es Hügel hinanging, auf halbem Wege erſchöpft angehalten, waren durch Ströme trüben Waſſers getrieben worden, waren heruntergeglitten, und hatten ſich in dem Geſchirr verwickelt; aber er und ſeine kleine Laterne waren ſtets bereit geweſen, und wenn das kleine Unglück wieder gut gemacht war, hatte ich nie eine Veränderung gehört in ſeinem kaltblütigen„Zugefah⸗ ren, Burſche!“ Die Feſtigkeit und das Vertrauen, womit er unſere Rückreiſe geordnet und geleitet hatte, konnte ich mir nicht erklären. Nie unſchlüſſig, hielt er ſogar nicht eher an, um Erkundigungen einzuziehen, als bis wir nur noch 55 r 219 einige Meilen von London entfernt waren. Aber auch jetzt genügten ihm hie und da ein paar Worte; und ſo kamen wir denn zwiſchen drei und vier Uhr Morgens nach Islington herein. Ich will nicht bei den Zweifeln und der Angſt ver⸗ weilen, womit ich während dieſer ganzen Zeit darüber nachdachte, daß wir mit jeder Minnte meine Mutter weiter und weiter hinter uns ließen. Ich glaube, ich war von einer ſtarken Hoffnung beſeelt, daß er Recht haben müſſe, und bei der Verfolgung dieſes Weibes nur einen befrie⸗ digenden Zweck verfolgen könne; aber ich quälte mich da⸗ mit, daß ich während der ganzen Zeit dieß in Frage ſtellte und zum Gegenſtande meiner Erörterung machte. Was erfolgen ſollte, wenn wir ſie fänden, und was für unſern Zeitverluſt uns entſchädigen könnte,— das waren ebenfalls Fragen, die ich unmöglich von mir weiſen konnte; und ſo war denn mein Geiſt durch das lange Verweilen bei ſolchen Gedanken ganz gefoltert, als wir anhielten. Wir hielten an einer Hochſtraße an, wo ſich eine Wagenſtation befand. Mein Begleiter bezahlte unſere zwei Kutſcher, die mit Schmutz ſo vollkommen überdeckt waren, wie wenn ſie gleich der Kutſche die Straße ent⸗ lang fortgeſchleppt worden wären; ſodann gab er ihnen einige kurze Weiſungen, wohin ſie dieſelbe bringen ſoll⸗ ten, hob mich heraus und in einen Fiaker hinein, den er unter den übrigen ausgewählt hatte. „Ei, meine Liebe!“ ſprach er, indem er dieß that. „Wie naß ſind Sie doch!“ Ich ſelbſt hatte es nicht gewußt, aber der geſchmol⸗ zene Schnee hatte ſeinen Weg in den Wagen hinein ge⸗ funden; auch war ich zwei oder drei Mal ausgeſtiegen, wenn ein geſtürztes Pferd nicht mehe von ſelbſt auf die ſeine kommen konnte, und wieder aufgerichtet werden mußte; und ſo hatte denn die Näſſe mein Kleid durch⸗ drungen. Ich verſicherte ihm, daß es Nichts zu be⸗ 220 deuten hätte; aber der Kutſcher, der ihn kannte, wollte ſich von mir nicht abhalten laſſen, die Straße hinunter, nach ſeinem Stalle zu laufen, von wo er einen Arm voll reines, trockenes Stroh brachte. Sie ſchüttelten dieſes aus und ſtreuten es ſorgfältig um mich her, und ich fand es warm und behaglich. „Und nun, meine Liebe,“ ſprach Mr. Bucket, den Kopf zum Fenſter hereinſtreckend, als ich im Wagen ein⸗ geſchloſſen war,„wollen wir dieſe Perſon finden. Es erfordert vielleicht ein bischen Zeit, aber es macht Ihnen das ja Nichts aus. Sie ſind ſo ziemlich gewiß, daß ich einen Grund dazu habe. Nicht wahr?“ Ich dachte nur wenig, was es wäre,— dachte nur wenig, in welch' kurzer Zeit ich es beſſer verſtehen würde; verſicherte ihn aber, daß ich Vertrauen zu ihm hätte. „Und das dürfen Sie auch haben, meine Liebe,“ verſetzte er.„Und ich will Ihnen was ſagen. Wenn Sie bloß halb ſo viel Vertrauen in mich ſetzen, als ich in Sie, nach Allem, was ich von Ihnen geſehen und gehört, ſo wird das genügen. Mein Gott! Sie machen Einem gar keine Mühe. Noch nie habe ich ein junges Mädchen aus irgend einem Stande— und ich habe doch auch viele von den höchſten Ständen geſehen— gekannt, das ſich ſo benahm, wie Sie ſich benommen haben, ſeit⸗ dem Sie aus dem Bette geholt wurden. Sie ſind ein wahres Muſter, wiſſen Sie,— ja, das ſind Sie,“ ſprach Mr. Bucket warm;„Sie ſind ein wahres Muſter!“ Ich ſagte ihm, es freue mich unendlich— und wirklich war es auch ſo— daß ich ihn nicht gehindert hätte, und ich hoffe, daß ich auch jetzt für ihn kein Hin⸗ derniß ſein würde. „Meine Liebe,“ erwiderte er,„wenn eine junge Dame ebenſo ſanft, als muthvoll, und ebenſo muthvoll, als ſanft iſt, ſo iſt das Alles, was ich verlange, und 221 noch mehr, als ich erwarte. Dann wird aus ihr eine Königin, und das iſt ſo ziemlich, was Sie ſelbſt ſind.“ Mit dieſen ermuthigenden Worten— und es waren dieſelben unter dieſen traurigen, analihe Pnänden für mich wirklich ermuthigend— ſchwang er auf den Kutſchbock und wir rollten abermals davon. Wohin wir fuhren, wußte ich weder dazumal, noch habe ich es ſeitdem erfahren; nur ſo viel weiß ich, daß wir die eng⸗ ſten und ſchlechteſten Straßen Londons aufzuſuchen ſchie⸗ nen. So oft ich ihn dem Kutſcher Weiſungen geben ſah, war ich darauf gefaßt, daß wir in eine noch tiefere Verwicklung ſolcher Straßen hinein gerathen würden, und wirklich trügte mich auch nie meine Ahnung. Zuweilen kamen wir auf eine weitere Durchfahrt heraus, oder aber kamen wir zu einem größeren Gebäude, als die übrigen waren,— zu einem Gebäude, das zu⸗ gleich gut erleuchtet war. Dann hielten wir bei Büreaus an, ähnlich denen, die wir beim Beginn unſerer Reiſe Keſdäht hatten, und dann ſah ich ihn ſich mit Andern be⸗ rathen. Zuweilen ſtieg er in einem Bogengange oder an einer Straßenecke ab, und zeigte in myſteriöſer Weiſe das Licht ſeiner kleinen Laterne. Dieß zog dann aus unterſchiedlichen dunklen Stadttheilen ähnliche Lichter, wie ebenſo viele Inſecten, herbei, und dann kam es zu einer neuen Berathſchlagung. Allmälig ſchienen wir unſere Nachforſchungen in en⸗ gere und leichtere Grenzen einzuſchließen. Vereinzelte Polizeiagenten, die ihre Runde machten, konnten jetzt M. Bucket ſagen, was er zu wiſſen wünſchte, und ihm angeben, wohin er zu gehen hatte. Endlich hielten wir wieder an, und es fand nun zwiſchen ihm und einem dieſer Leute eine ziemlich lange Unterredung Statt, die nach der Art und Weiſe zu ſchließen, wie er von Zeit zu Zeit mit dem Kopfe nickte, befriedigend ſein mußte, 222 Als dieſe Unterredung zu Ende war, kam er zu mir her und ſah ungemein geſchäftig und aufmerkſam aus. „Und nun, Miß Summerſon,“ ſagte er zu mir, „werden Sie nicht erſchrecken, was auch kommen mag, ich weiß das. Ich habe nicht nöthig, Sie weiter vorzu⸗ bereiten; es wird genügen, wenn ich Ihnen ſage, daß wir dieſe Perſon endlich gefunden, und daß Sie mir vielleicht nützlich ſein können, ehe ich es ſelbſt noch weiß. Ich verlange nicht gern ſo Etwas, meine Liebe, aber möchten Sie wohl ein Bischen zu Fuß gehen?“ Ich ſtieg natürlich auf der Stelle aus und nahm ſeinen Arm. „Es iſt nicht ſo leicht, ſich feſt auf den Füßen zu halten,“ ſprach Mr. Bucket;„aber nehmen Sie ſich Zeit.“ Opvwohl ich mich nur verwirrt und eilig umſchaute, während wir über eine Straße hinſchritten, ſo glaubte ich doch den Ort zu kennen. „Sind wir in Holborn?“ fragte ich ihn. „Ja,“ gab Mr. Bucket zurück.„Kennen Sie dieſe Straßenecke?“ „Es ſieht wie Chancery Lane aus.“ „Und ſo iſt der Ort auch getauft worden,“ ſprach Mr. Bucket. Wir gingen die Gaſſe hinunter; und während wir mit kurzen Schritten durch die Graupeln hin fortgingen, hörte ich die Uhren halb ſechs Uhr ſchlagen. Wir gingen ſchweigend und ſo raſch weiter, als es uns bei dieſem Zuſtand der Straßen möglich war. Da kam auf dem ſchmalen Pflaſter Jemand gegen uns: es war eine in einen Mantel gehüllte Perſon, und es blieb dieſelbe ſtehen, und wich mir aus, um mich vor⸗ übergehen zu laſſen. In demſelben Augenblicke hörte ich einen Ausruf der Verwunderung, ſowie meinen Namen. Und dieſe Stimme konnte nur die Mr. Woodcourtss ſein; ich kannte dieſelbe recht gut. 223 Dieſes Zuſammentreffen war ſo unerwartet, und— ich weiß nicht, wie ich es nennen ſoll— ſo wohlthuend oder ſchmerzlich nach meiner fieberhaften Irrfahrt und inmitten der Nacht, daß ſich meine Augen unwillürlich füllten. Es war mir, wie wenn ich ſeine Stimme in einem wildfremden Lande hörte.. „Meine liebe Miß Summerſon, was machen denn Sie zu ſolcher Stunde und bei ſolchem Wetter hier?“ Er hatte von meinem Vormunde gehört, daß mich ein ganz ungewöhnliches Geſchäft hinweggerufen, und ſagte nur ſo, um keine Erklärung geben zu müſſen. Ich ſagte ihm, daß wir ſo eben aus einer Kutſche geſtiegen, und jetzt im Begriffe wären— aber da mußte ich meinen Begleiter erſt anblicken. „Ei ſchauen Sie, Mr. Woodcourt,“— er hatte den Namen von mir gehört,—„wir ſind jetzt im Begriffe, in die nächſte Straße hineinzugehen.— Inſpector Bucket.“ Mr. Woodcourt hatte, meine Einwendungen miß⸗ achtend, in aller Eile den Mantel von ſeinen Schultern genommen, und war eben daran, mir denſelben um⸗ zulegen. „Auch das iſt recht brav,“ ſprach Mr. Bucket hel⸗ fend,„recht brav und vernünftig.“ „Darf ich mitgehen?“ ſagte Mr. Woodcourt. Ich weiß nicht, ob zu mir oder zu meinem Begleiter. „Ach Du mein Gott!“ rief Mr. Bucket, es auf ſich nehmend, die Frage zu beantworten.„Natürlich dürfen Sie mitgehen.“ Es dauerte dieß Alles nur einen Angenblick, und dann nahmen ſie mich, die ich in den Mantel gehüllt war, in die Mitte. „Ich habe ſo eben Richard verlaſſen,“ ſprach Mr. Woodcourt.„Ich bin heute Nacht ſeit zehn Uhr bei ihm geweſen.“ „Ach Du gütiger Himmel, er iſt alſo krank?“ 224 „Nein, nein, glauben Sie mir; er iſt nicht krank, aber nicht ganz wohl. Er war bei gedrückter Stimmung, und es war ihm ſchwach— Sie wiſſen ja, er quält ſich manchmal ſo ſehr ab, und wird manchmal ſo müde— und Ada ſchickte wie natürlich zu mir; und als ich nach Hauſe kam, fand ich ihr Billet, und kam geraden Wegs hierher. Wohlan! Nach einer kleinen Weile lebte Richard wieder ſo ſehr auf, und es war Ada ſo glücklich und ſo lebhaft überzeugt, daß es mein Werk ſei, obgleich ich, Gott weiß es, wenig genug dazu gethan, daß ich bei ihm blieb, bis er ſchon ſeit einigen Stunden faſt einge⸗ ſchlafen war. So feſt eingeſchlafen, als er hoffentlich es noch jetzt iſt!“ Seine freundſchaftliche und vertrauliche Weiſe, von ihnen zu ſprechen, ſeine ungekünſtelte Hingebung für ſie, das dankbare Zutrauen, das er, wie ich wußte, meiner Heldin eingeflößt, und der Troſt, der er ihr war:— konnte ich Alles dieß von dem Verſprechen trennen, das er mir gegeben? Wie undankbar müßte ich geweſen ſein, wenn das mich nicht an die Worte erinnert hätte, die er zu mir ſagte, als die Veränderung in meinem Ausſehen einen ſo gewaltigen Eindruck auf ihn ge⸗ macht hatte,— an die Worte:„Ich will ihn als ein mir anvertrantes Gut annehmen, und es ſoll daſſelbe mir heilig ſein!“ Wir betraten jetzt eine andere ſchmale Gaſſe. „Mr. Woodcourt,“ ſagte Mr. Bucket, der ihn wäh⸗ rend unſeres Weitergehens ſcharf gemuſtert hatte,„un⸗ ſer Geſchäft führt uns in das Haus eines Schreibmate⸗ rialienhändlers— in das Haus eines gewiſſen Snagsby. Wie! Sie kennen ihn? Wirklich?“ Sein Blick war ſo ſcharf, daß er dieß in einem Augenblicke ſah. „Ja ich kenne ihn ein Bischen, und ich habe ihn hier ſchon beſucht.“ „Wirklich, mein Herr²“ verſetzte Mr. Bucket. 225 „Wollen Sie dann ſo gut ſein, und mir erlauben, daß ich Miß Summerſon einen Augenblick bei Ihnen laſſe, während ich hineingehe und bloß ein paar Worte mit ihm ſpreche?“ Der letzte Polizeiagent, mit dem er geſprochen hatte, ſtand ſchweigend hinter uns. Ich wußte es nicht eher, als bis er auf meine Bemerkung, daß ich Jemand weinen hörte, erwiederte: „Seien Sie deßwegen nicht in Unruhe, Miß! Es iſt Snagsby’s Dienſtmädchen. „Schauen Sie,“ ſprach Mr. Bucket ſeinerſeits, „das Mädchen hat ſo Anfälle, und heute Nacht hat ſie ſie beſonders ſtark gehabt. Es iſt das recht widerwär⸗ tig, da dieſes Mädchen mir gewiſſe Mittheilungen machen und ſie in irgend einer Weiſe zur Vernunft gebracht werden muß.“ „Auf jeden Fall wären ſie noch nicht auf, wenn das bei ihr nicht vorgefallen wäre, Mr. Bucket,“ ſprach der andere Mann.„Sie hat es die ganze Nacht ziemlich arg gemacht, Sir.“ „Ja, das iſt wahr,“ entgegnete er.„Mein Licht iſt abgebrannt. Zeigen Sie einen Augenblick das Ihrige!“ Alles dieß wurde ein paar Thüren von dem Hauſe weg gewispert, wo ich nur ſchwach weinen und ſtöhnen hören konnte. In dem kleinen Lichtkreiſe, der zu dieſem Zwecke hervorgerufen wurde, ging Mr. Bucket auf die Thüre zu und klopfte an. Nachdem er zwei Mal angeklopft, öffnete ſich die Thüre, und er ging hinein und ließ uns draußen auf der Straße ſtehen. „Miß Summerſon,“ ſprach Mr. Woodcourt,„wenn ich bei Ihnen bleiben kann, ohne mich Ihnen aufzudrin⸗ gen, ſo möchte ich Sie bitten, mich hier bleiben zu laſſen.“ Bleak Houſe. IV. 15 226 „Sie ſind wirklich recht gütig,“ antwortete ich,„ich brauche Ihnen keines meiner Geheimniſſe vorzuenthalten; bewahre ich ein ſolches Geheimniß, ſo iſt es das eines Andern.“ „Verſtehe vollkommen. Vertrauen Sie mir, ich werde nur ſo lange in Ihrer Nähe bleiben, als ich daſſelbe vollkommen reſpectiren kann.“ „Ich vertraue Ihnen unbedingt,“ ſagte ich.„Ich weſß und fühle tief, wie heilig Sie Ihr Verſprechen halten.“ 9 3 kurzer Zeit kam der kleine Lichtkreis wieder herauft und es trat darin Mr. Bucket mit ſeinem eifer⸗ erfüllten Geſichte auf uns zu. „Treten Sie doch gefälligſt herein, Miß Summer⸗ ſon,“ ſprach er,„und ſetzen Sie ſich ein Bischen an das Feuer! Wie ich höre, Mr. Woodeourt, ſo ſind Sie ein Arzt. Wollten Sie wohl nach dem Mädchen ſchauen und ſehen, ob Etwas gethan werden kann, das ſie wie⸗ der zurechtbrächte? Sie hat irgendwo einen Brief, den ich gerne haben möchte. Es iſt derſelbe nicht in ihrer Kiſte, und ich glaube, daß ſie ihn bei ſich trägt; aber ſie iſt ſo in einander geſchlungen und ſo zuſammengeknäuelt, daß es ſchwer iſt, mit ihr Etwas anzufangen, ohne ihr wehe zu thun.“ 3 uUnd nun gingen wir alle Drei mit einander in das Haus hinein; und obgleich es draußen kalt und unfreund⸗ lich war, ſo roch es darin doch wieder etwas ſchwül, da man im Hauſe die ganze Nacht auf geweſen war. Im Gange hinter der Thüre ſtand ein verſcheucht und kum⸗ mervoll ausſehendes Männchen in grauem Rocke,— ein Männchen, das von Natur höflich zu ſein ſchien und überaus ſanftmüthig ſprach. „Drunten, wenn es Ihnen gefällig iſt, Mr. Bucket,“ ſagte er.„Die Dame wird die Vorderküche entſchuldi⸗ gen. Wir benützen dieſelbe als Wohnzimmer an den 227 Werktagen. Hinten befindet ſich Guſter's Schlafzimmer, und dort treibt ſie, das arme Ding, es arg!“ Wir gitgen, gefolgt von Mr. Suagsby, als welcher ſich das kleine Männchen bald herausſtellte, die Treppe hinunter. In der Vorderküche ſaß neben dem Feuer Mrs. Snagsby mit ungemein rothen Augen und einem ungemein ſtrengen Ausdrucke im Geſichte. „ Weibchen,“ ſprach Mr. Snagsby, hinter uns ein⸗ tretend,„wir wollen,— um die Sache beim rechten Namen zu nennen, meine Liebe— im Laufe dieſer an⸗ gen Nacht die Feindſeligkeiten für einen einzigen Augen⸗ blick einſtellen, hier iſt Inſpector Bucket, Mr. Woodcourt und eine Dame.“ Sie ſah ungemein erſtaunt aus, wozu ſie allen Grund hatte, und fixirte mich beſonders ſcharf. „Weibchen,“ fuhr Mr. Snagsby fort, in der ent⸗ fernteſten Ecke neben der Thüre Platz nehmend, wie wenn er ſich eine Freiheit herausnehme,„es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß Du mich fragſt, warum zu dieſer Stunde Inſpector Bucket, Mr. Woodcourt, und eine Dame uns in Cook'’s Court, Curſitor Street, beſuchen. Ich weiß es ſelbſt nicht. Ich habe auch nicht eine Ah⸗ nung davon. Wollte man mir es ſagen, ſo würde ich daran verzweifeln, es je zu verſtehen, und es iſt mir deß⸗ halb lieber, wenn man mir es nicht ſagt.“ Er ſah ſo jämmerlich aus, während er, den Kopf auf die Hand geſtützt, ſo da ſaß, und ich ſchien ein ſo unwillkommener Gaſt zu ſein, daß ich ſchon mich ent⸗ ſuidigen wollte, als Mr. Bucket die Sache auf ſich nahm. „Und nun hören Sie, Mr. Snagsby!“ ſprach er. „Das Beſte, was Sie thun können, iſt, daß Sie mit Mr. Woodcourt fortgehen, um nach Ihrer Guſter zu ſchanen—“ „Nach meiner Guſter, Mr. Bucket!“ rief Mr. Snagsby.„Fahren Sie fort, Sir, fahren Sie fort! 228 Es wird mir das ſchon auch das nächſte Mal vorgerupft nj werden.“ 3 ei „Und um das Licht zu halten,“ fuhr Mr. Bucket, ohne ſich zu verbeſſern, fort,„oder um ſie zu halten, ei oder, um ſich überhaupt ſo nützlich zu machen, wie man 81 es von Ihnen verlangt,— was wohl kein lebender Mann bereiter iſt, zu thun; denn Sie ſind ein gebildeter, höflicher, n lieber Mann, wiſſen Sie, und haben ein Herz, das für ſp Andere fühlen kann.(Mr. Woodcourt, wollten Sie wohl— ſo gut ſein und nach ihr ſchauen, und wenn Sie den ſe Brief von ihr herausbekommen können, mir ihn ſo bald m wie möglich einhändigen?)“ 5 Während die Beiden hinausgingen, hieß Mr. S Bucket mich in eine Ecke neben das Kamin ſitzen und T meine naſſen Schuhe ausziehen, die er alsbald umwandte, um ſie auf der Kaminſtülpe zu trocknen. Während dieſer de ganzen Zeit fuhr er fort zu ſprechen. 1 „Laſſen Sie ſich, Miß, gar nicht irre machen da⸗ durch, daß Mrs. Snagsby dort auch nicht einen gaſt⸗ ne freundlichen Blick für Sie hat, denn es befindet ſich die⸗ ſelbe eben ganz im Irrthum. Sie wird das bald aus⸗ I findig machen,— bälder, als es einer Dame von ihrer fre im Allgemeinen ſo richtigen Denkweiſe angenehm ſein I wird, da ich es ihr erklären werde.“ ko S. Hier wandte er ſich, mit ſeinem naſſen Hut, und zim den Shawls in der Hand, auf der Herdplatte ſtehend, Ki und ſelbſt eine Maſſe Feuchtigkeit darſtellend, zu Mre. ga Snagsby, und fuhr alſo fort: no „Und nun ſchauen Sie, das Erſte, was ich Ihnen in zu ſagen habe, als einer verheiratheten Frau, die das re beſitzt, was man ſo Reize nennen kann, wiſſen Sie „Glaub' mir, wenn all' die theuren et ceterer’e— Sie ſte kennen das Lied wohl, denn es hilft Ihnen Nichts, wenn Sie mir ſagen, Sie und die gute Geſellſchaft ſeien ein- anu ander fremd— ſo Reize— ſo anziehende Eigenſchaften, Il 229 merken Sie wohl auf, die Ihnen Vertrauen zu ſich ſelbſt einflößen ſollten— iſt, daß Sie es gethan.“ Mrs. Suagsby ſah hier etwas unruhig aus, nahm eine etwas minder ſaure Miene an, und ſtotterte die Worte heraus,„was denn Mr. Bucket damit meine?“ „Was Mr. Bucket damit meint?“ wiederholte er; und aus ſeinem Geſichte erſah ich, daß er, ſo lange er ſprach, horchte, ob der Brief noch nicht gefunden worden, — und zwar zu meiner großen Unruhe, muß ich hinzu⸗ ſetzen, denn ich wußte nun, wie wichtig derſelbe ſein mußte;„ich will Ihnen ſagen, was er damit meint, Ma'am. Gehen Sie hin und ſehen Sie ein gewiſſes Schauſpiel, deſſen Titel Othello iſt! Das iſt die rechte Tragödie für Sie.“ Mrs. Snagsby weiß, was er ſagen will, fragt aber dennoch: „Und warum denn?“ „Und warum denn?“ ſagt Mr. Bucket.„Weil Sie noch dazu kommen werden, wenn Sie nicht auf Ihrer Hut ſind. Ei, ſogar in dieſem Augenblicke, wo ich mit Ihnen ſpreche, weiß ich, wovon Ihr Geiſt nicht ganz frei iſt in Beziehung auf dieſe junge Dame. Soll ich Ihnen aber ſagen, wer dieſe junge Dame iſt? Nun⸗ kommen Sie, Sie ſind, was ich ein intelligentes Frauen⸗ zimmer nenne— haben eine Seele, zu groß für Ihren Körper, wenn Sie dazu kommen, und erhitzen denſelben gar zu ſehr,— und Sie kennen mich, und erinnern ſich noch, wo Sie zum letzten Male mich geſehen, und was in jenem Kreiſe geſprochen worden, nicht wahr? Ja! recht gut. Dieſe junge Dame iſt jene junge Dame.“ Mrs. Snagsby ſchien dieſe Beziehung beſſer zu ver⸗ ſtehen, als ich ſie im Augenblicke verſtand. „Und Toughey— der, den Sie Jo nennen— war auch in die Sache verwickelt, und in keine andere; und der Ihnen bekannte Advocatenſchreiber war in die gleiche ache verwickelt, und in keine andere; und Ihr Mann 23⁰ war, ohne mehr davon zu wiſſen, als Ihr Urgroßvater, war(durch den ſeligen Mr. Tulkinghorn, ſeinen beſten Kunden) in die gleiche Sache verwickelt worden, und in keine andere; und all die übrigen Leute waren in die gleiche Sache verwickelt, und in keine andere. Und doch läßt ſich eine verheirathete Frau, die Ihre Reize beſitzt, beigehen, die Augen(und es funkeln dieſelben dabei noch wunderſchön) zu verſchließen und mit ihrem feingebildeten Kopf gegen die Wand zu rennen. Ei, wiſſen Sie auch, daß ich mich Ihrer ſchäme!(Ich dachte, Mr. Woodcourt hätte um dieſe Zeit den Brief heraus bekommen können.)“ Mrs. Snagsby ſchüttelte den Kopf und fuhr mit dem Taſchentuche nach den Augen hin. „Iſt das Alles?“ ſprach Mr. Bucket aufgeregt. „Nein, ſehen Sie ein Mal, was geſchieht! Eine andere Perſon, die in die gleiche Sache und in keine andere verwickelt iſt, eine Perſon in jammervollem Zuſtande kommt heute Nacht hierher, und ſpricht mit Ihrem Dienſt⸗ mädchen,— wie man geſehen hat; und zwiſchen ihr und Ihrem Dienſtmädchen circulirt ein Papier, wofür ich auf der Stelle hundert Pfund gebe. Was thun Sie! Sie verbergen ſich und paſſen ihnen auf, und fallen über das arme Dienſtmädchen her— trotz dem, daß Sie wiſſen, welchen Aufällen ſie unterworfen iſt, und wie wenig es braucht, um dieſelben herbeizuführen— und fallen über ſie her in ſolch erſtaunlicher Weiſe und mit ſolcher Strenge, daß ſie, bei Gott! fortgeht und ſich fern hält, während doch vielleicht ein Leben von den Worten dieſes Mädchens abhängt!“ Es war ihm bei dem, was er jetzt ſagte, ſo ernſt, daß ich ganz unwillkürlich die Hände zuſammenſchlug und fühlte, wie Alles mit mir herumging. Aber das Zimmer blieb ſtehen. Mr. Woodcourt kam herein, legte ein Papier in ſeine Hand und entfernte ſich dann wieder. „Und nun, Mrs. Snagsby, die einzige Genug⸗ thuung, die Sie geben können,“ ſprach Mr. Bucket, das 231 Papier raſch anſchauend,„iſt, daß Sie mich ein Wort mit dieſer jungen Dame hier unter vier Augen ſprechen laſſen. Wenn Sie wiſſen, daß Sie dem Herrn in der anſtoßenden Küche irgend welche Hilfe leiſten, oder wenn Sie an irgend Etwas denken können, was das Mädchen wieder geſchwinder zurecht bringen könnte, ſo ſputen Sie ſich und thun Sie Ihr Beſtes!“ In einem Augenblicke war ſie verſchwunden und hatte er die Thüre hinter ihr geſchloſſen.„Uad nun, meine Liebe, ſind Sie ſtandhaft und Ihrer ſelbſt wirklich ganz gewiß?“ „Ganz,“ ſprach ich. „Weſſen Handſchrift iſt das?“ Es war die Handſchrift meiner Mutter. Die Worte waren mit Bleiſtift auf ein zerdrücktes und zerriſſenes, durch die Näſſe beflecktes Stüͤck Papier geſchrieben. In roher Weiſe briefartig gefaltet, war es an mich, mit der Adreſſe meines Vormunds, gerichtet. „Sie kennen die Handſchrift,“ ſprach er weiter; „und wenn Sie feſt genug ſind, um das Billet mir vor⸗ zuleſen, ſo thun Sie es! Nehmen Sie aber jedes Wort in Acht!“ Es war das Billet ſtückweiſe, zu verſchiedenen Zei⸗ ten geſchrieben worden. Ich las, wie folgt: „Ich kam zu der Hütte in zweierlei Abſicht. Erſtens wollte ich das liebe Kind wo möglich noch ein Mal ſehen— aber nur es ſehen— nicht mit ihm ſprechen, oder es wiſſen laſſen, daß ich in der Nähe wäre. Meine zweite Abſicht war, der Verfolgung zu entgehen und zu verſchwinden. Tadle die Mutter nicht wegen ihres Antheils. Die Hilfe, die ſie mir lieh, lieh ſie mir nur gegen die beſtimmteſte Verſicherung, daß es zum Beſten des lieben Kindes wäre. Du er⸗ innerſt Dich noch ihres kleinen todten Kinds. Die Zu⸗ ſtimmung der Männer erkaufte ich, ihre Hilfe aber ward freiwillig geleiſtet.“ „„Ich kam.“ Dieß iſt geſchrieben worden,“ ſprach 232 mein Begleiter,„als ſie dort ausruhete. Es beſtätigt dieß meine Vermuthungen. Ich hatte Recht.“ Das Folgende war zu einer andern Zeit geſchrieben worden. „Ich bin viele Stunden lang und weit umher geirrt, und weiß, daß ich bald ſterben muß. Dieſe Straßen! Ich habe keinen andern Zweck mehr, als zu ſterben. Als ich von Hauſe wegging, hatte ich einen ſchlimmern; aber glücklicher Weiſe brauche ich nun dieſe Sünde nicht zu den andern hinzuzufügen. Kälte, Näſſe und Müdigkeit ſind hinreichende Urſachen, daß man mich todt findet; aber ich werde an andern ſter⸗ ben, obgleich ich unter dieſen leide. Es war ganz recht, daß Alles, das mich aufrecht gehalten, plötzlich un⸗ ter mir zuſammenbrach, und daß ich vor Schrecken und vor lauter Gewiſſensbiſſen ſtarb.“ „Nuth gefaßt!“ ſagte Mr. Bucket.„Es kommen jetzt nur noch ein paar Worte.“ Auch dieſe waren zu einer andern Zeit geſchrieben wor⸗ den, allem Anſchein nach faſt in der Finſterniß. „Ich habe Alles gethan, was ich konnte, um zu verſchwinden. Bald werde ich ſo vergeſſen ſein, und ſo werde ich ihm am wenigſten Unehre machen. Ich habe auf meinem Körper Nichts, woran ich erkannt werden könnte. Dieſes Papier gebe ich jetzt von mir Der Ort, wo ich mich hinlegen werde, wenn ich noch ſoweit kommen kann, hat meinem Geiſte oft vorge⸗ ſchwebt. Lebe wohl! verzeih' mir!“ Mr. Bucket ließ, mich mit ſeinem Arme ſtützend, mich ſanft auf meinen Stuhl niederſinken.„Muth ge⸗ faßt. Muth gefaßt! Glauben Sie nicht, ich ſei hart gegen Sie, meine Liebe! Aber ſobald Sie ſich der Sache ge⸗ wmachſen fühlen, ziehen Sie die Schuhe an, und machen Siee ſich parat!“ Ich that, wie er gewünſcht; indeſſen mußte ich noch lange ————— — ⏑ u—0 — à8 S8 A 233 dableiben, und während dieſer Zeit betete ich für meine unglückliche Mutter. Sie waren Alle mit dem armen Mädchen beſchäftigt, und ich hörte, wie Mr. Woodcourt ihnen verſchiedene Weiſungen ertheilte und mit ihr oft ach. Endlich trat er mit Mr. Bucket herein und ſagte, daß, da es von Wichtigkeit ſei, mit ihr ſanft zu ſprechen, er es für das Beſte halte, daß ich ſie um all' die Aus⸗ kunft bitte, die man zu erhalten wünſche. Es unterliege keinem Zweifel, daß ſie nun auf Fragen antworten könne, wenn man ſie beſänftige und nicht erſchrecke. Die Fragen aber, ſagte Mr. Bucket, ſeien: wie ſie zu dem Briefe gekommen,— was zwiſchen ihr und der Perſon vorgefallen, ſo ihr den Brief gegeben, und wohin die Perſon gegangen. Dieſe Punkte ſo feſt wie möglich im Auge behaltend, trat ich denn mit ihnen in das nächſte Zimmer. Mr. Woodcourt würde draußen geblieben ſein, trat aber auf mein Erſuchen mit uns gleichfalls hinein. Das arme Mädchen ſaß auf dem Boden, wo man ſie hingelegt hatte. Sie ſtellten ſich um ſie her, obgleich in einiger Entfernung, damit ſie weniger beengt wäre. Sie war nicht hübſch und ſah ſchwach und arm aus, hatte aber in ihrem Geſichte etwas Klagendes, und Gutes, ob⸗ gleich daſſelbe immer noch ein Bischen wild ausſah. Ich kniete neben ſie hin auf den Boden, und legte ihren armen Kopf auf meine Schulter, worauf ſie den Arm um meinen Nacken ſchlang und in Thränen ausbrach. „Armes Mädchen,“ ſprach ich mein Geſicht an ihre Stirne legend, denn auch ich weinte und zitterte,„es ſcheint grauſam, Sie jetzt zu beunruhigen, aber es hängt davon, daß wir über dieſen Brief etwas Näheres erfah⸗ ren, mehr ab, als ich Ihnen in einer ganzen Stunde ſagen könnte.“ Sie begann damit, daß ſie in kläglicher Weiſe er⸗ 234 klärte, ſie habe nichts Arges im Sinne, ſie habe nichts Arges im Sinne, Mrs. Sunagsby!“ „Wir Alle ſind deſſen gewiß,“ ſprach ich.„Aber ſagen Sie mir doch, wie Sie zu dem Briefe gekommen ſind!“ „Ja, liebe Dame, ich will Ihnen ſagen,— will Ihnen die ganze Wahrheit ſagen. Ja, ich will die ganze Wahrheit ſagen, Mrs. Snagsby.“ „Ich bin deſſen gewiß,“ ſprach ich.„Aber wie ging die Sache zu?“ „Ich war ausgeſchickt worden, theure Dame, um Et⸗ was zu beſorgen, lange nachdem es dunkel geworden war — ganz ſpät; und als ich heim kam, fand ich eine ge⸗ mein ausſehende Perſon, die ganz naß und ſchmutzig war und an unſerem Hauſe hinauf ſchaute. Als ſie mich zur Thüre hinein gehen ſah, rief ſie mich zurück und fragte, ob ich da wohnte; und ich ſagte ja; und ſie ſagte, ſie kenne nur ein paar Orte in dieſer Gegend, habe aber ſich verirrt, und könne dieſelben nicht finden. Oh, was ſoll ich thun, was ſoll ich thun! Man will mir nicht glauben! Sie ſagte mir nichts Unrechtes, und ich ſagte ihr nichts Unrechtes, Mrs. Snagsby,— Sie können mir glauben!“ Ihre Herrin mußte ſie hier tröſten, was dieſelbe, ich muß es ſagen, mit vieler Zerknirſchung that, ehe das Mädchen über dieſen Punkt hinaus gebracht werden konnte. „Sie konnte alſo dieſe Orte nicht finden,“ hob ich wieder an. „Nein!“ rief das Mädchen kopfſchüttelnd.„Nein! konnte ſie nicht finden. Und ſie war ſo ſchwach, und lahm, und elend, oh, ſo armſelig! daß wenn Sie ſie ge⸗ ſehen hätten, Mr. Snagsby, Sie ihr eine halbe Krone gegeben haben würden, ich weiß es!“ „Wohlan, liebe Guſter,“ ſprach er, anfänglich nicht wiſſend, was er ſagen ſollte.„Ich denke ſchon, daß ich ihr eine gegeben hätte.“ „Und doch ſprach ſie dabei ſo fein,“ ſagte das Mäd⸗ 28⁵ chen, mich mit weit geöffneten Augen anſchauend,„daß es Einem das Herz bluten machte. Und ſo ſagte ſie dann zu mir, ob ich den Weg nach dem Kirchhofe wüßte. Und ich fragte ſie, welchen Kirchhof ſie meinte. Und ſie ſagte, den Kirchhof, wo die Armen hinkämen. Und ſo ſagte ich ihr dann, ich ſelbſt ſei ein armes Kind geweſen, und es komme immer auf das Kirchſpiel an. Sie aber ſagte, ſie meine einen Kirchhof für Arme, der nicht ſehr weit von hier ſei, wo ſich ein Bogengang befinde, und eine Staffel, und ein eiſernes Gitter.“ Während ich ihr Geſicht beobachtete und ſie be⸗ ſänftigte, um ſie zu weiterem Sprechen zu veranlaſſen, ſah ich, daß Mr. Bucket dieſe Worte mit einem Blicke aufnahm, den ich von einem Blicke der Unruhe nicht trennen konnte. „Ach Du lieber Gott, Du lieber Gott!“ rief das Mädchen, ihre Haare mit den Händen zurückpreſſend, „was ſoll ich thun, was ſoll ich thun! Sie meinte den Kirchhof, wo der Mann begraben worden iſt, der die Schlafarznei nahm— wovon Sie uns erzählten, als Sie nach Hauſe kamen, Mr. Snagsby— und was mich ſo erſchreckte, Mrs. Snagsby. Oh, ich bin vor Schrecken wieder ganz außer mir. Haltet mich!“ „Es iſt jetzt ja viel beſſer bei Ihnen,“ ſprach ich. „So ſagen Sie mir doch noch mehr!“ „Ja, das will ich; ja, das will ich! Aber ſeien Sie nicht böſe mit mir, daß ich ſo krank geweſen bin, und ſeien Sie eine liebe Dame!“ „Böſe mit ihr, die arme Seele!“ „Da! Nun will ich es Ihnen ſagen,— ja, nun will ich es Ihnen ſagen. Sie ſagte alſo ſo, ob ich ihr nicht ſagen könne, wo der Kirchhof ſei; und ich ſagte ja, und ſagte es ihr; und ſie ſchaute mich an mit Augen, wie wenn ſie faſt blind wäre, und wankte dabei ganz rückwärts. Und ſo zog ſie dann den Brief heraus und zeigte ihn mir und ſagte, wenn ſie das in eine Brieflade lege, ſo werde es ausgewiſcht und nicht beachtet, und nie abgeſchickt werden; und ob ich es nicht von ihr nehmen und hinſchicken wolle; und es werde der Bote im Hauſe bezahlt werden. Und ſo ſagte ich ja, wenn nichts Un⸗ rechtes dahinter ſei, und ſie ſagte, nein, es ſei nichts Unrechtes dahinter. Und ſo nahm ich den Brief von ihr und ſie ſagte, ſie könne mir Nichts geben, und ich ſagte, ich ſei ſelbſt arm und wolle daher Nichts haben. Und ſo ſagte ſie dann ‚Gott lohne Ihnen dafür!“ und ging fort.“ „Und ging ſie—“. „Ja,“ rief das Mädchen, die Frage anticipirend, „ja! ſie ging den Weg, den ich ihr gezeigt hatte. Dann kam ich herein, und Mrs. Snagsby kam irgendwo her hinter mir herein und packte mich, und ich erſchrak.“ Mr. Woodcourt nahm ſie freundlich von mir. Mr. Bucket hüllte mich ein, und einen Augenblick darauf waren wir auf der Straße. Mr. Woodcourt wußte nicht, was er thun ſollte; ich aber ſagte:„Verlaſſen Sie mich jetzt nicht!“ und Mr. Bucket ſetzte hinzu:„Es iſt beſſer, wenn Sie bei uns bleiben,— wir haben Sie vielleicht nöthig; ver⸗ lieren Sie keine Zeit!“ Es ſind mir von dieſem Gange nur höchſt verwirrte Eindrücke geblieben. So viel weiß ich, daß es weder Nacht noch Tag war, daß der Morgen ſchon grauete, die Straßenlaternen aber noch nicht ausgelöſcht waren, daß es immer noch graupelte, und daß alle Wege mit tiefem Schnee belegt waren. Ich erinnere mich noch einiger vor Kälte ſchnatternden Leute, die ich in der Straße vorübergehen ſah. Ich erinnere mich der naſſen Hausgiebel, der angefüllten und berſtenden Dachrinnen und Waſſerröhren, der Hügel ſchwärzlichen Eiſes und Schnees, worüber wir kamen, der Enge der Höfe, durch die wir kamen. Zu gleicher Zeit erinnere ich mich, daß es mir däuchte, als erzähle das arme Mädchen ihre Geſchichte immer noch ſo deutlich und hörbar, daß ich es höre; daß ich 237 4 fühlen konnte, wie ſie auf meinem Arm ruhte; daß die befleckten Hausfaçaden menſchliche Geſtalten annahmen und mich anſchauten; daß in meinem Kopfe oder in der Luft große Maſſen Schleuſen ſich zu öffnen und zu ſchließen ſchienen; und daß die unwirklichen Dinge ſub⸗ ſtanzieller waren, als die wirklichen. 4 Endlich ſtanden wir unter einem dunkeln und ärm⸗ lichen bedeckten Weg, wo bloß eine Laterne über einem eiſernen Gitter brannte, und wo der Morgen ſich ſchwach hineinkämpfte. Das Thor war geſchloſſen. Jenſeits deſſelben befand ſich ein Kirchhof,— ein gräßlicher Ort, wo die Nacht ganz langſam aufbrach, wo ich aber, nur ganz trübe, Haufen entehrter Gräber und Steine ſehen konnte, die von ſchmutzigen Häuſern eingeſchloſſen waren, an deren Fenſtern ein paar trübſelige Lichter brannten, und an deren Wänden eine dicke Feuchtigkeit, wie eine Krankheit ausbrach. Auf der Staffel an dem Gitterthor ſah ich mit einem Schrei des Mitleids und des Entſetzens ein Weib liegen, das von der entſetzlichen Feuchtigkeit eines ſolchen Ortes, die von überall her herunterträufelte und herunterſpritzte, ganz durchnäßt war:— es war Jenny, die Mutter des todten Kindes. Ich lief hin, aber ich fühlte mich aufgehalten, und Mr. Woodcourt bat mich angelegentlichſt, ja ſogar mit Thränen in den Augen, ich möchte doch, bevor ich zu der Geſtalt hinginge, einen Augenblick auf das hören, was Mr. Bucket ſagte. Ich that es, wie ich glaube. Ich that es, wie ich überzeugt bin. „Miß Summerſon, Sie werden mich verſtehen, wenn Sie einen Augenblick nachdenken. Sie haben in der Hütte die Kleider gegenſeitig ausgewechſelt.“ Sie haben in der Hütte die Kleider gegenſeitig aus⸗ gewechſelt! Ich konnte dieſe Worte im Geiſte wieder⸗ 238 holen, und wußte, was dieſelben an und für ſich bedeu⸗ teten; aber ich verband ſonſt keine Bedeutung damit. „Und eine iſt wieder heimgegangen,“ fuhr Mr. Bucket fort,„und eine iſt weiter gegangen. Und die, welche weiter ging, ging bloß auf einem gewiſſen verab⸗ redeten Wege weiter, um auf eine falſche Spur zu füh⸗ ren und ging dann über das Feld hin wieder nach Hauſe. Denken Sie einen Augenblick nach!“ Auch dieß konnte ich im Geiſte wiederholen, hatte aber nicht den geringſten Begriff von dem, was es bedeutete. Vor mir ſah ich die Mutter des todten Kindes auf der Staffel liegen. Da lag ſie, eine Stange des eiſernen Gitters mit einem Arme umſchlungen haltend, und dieſe zu umarmen ſcheinend. Da lag ſie, die noch vor kurzer Zeit mit meiner Mutter geſprochen. Da lag ſie, ein unglückliches, obdachloſes, aller Empfindung beraubtes Geſchöpf. Sie, die meiner Mutter Brief gebracht, die mir allein Aufſchluß über den Anfenthaltsort meiner Mutter geben konnte; ſie, die uns führen ſollte, um die vom Untergang zu retten, welche wir in ſo weiter Ferne geſucht hatten,— die in dieſen Zuſtand in irgend einer Weiſe verſetzt worden war, durch ihre Verbindung mit meiner Mutter,— in einer Weiſe, die ich nicht verfol⸗ gen konnte, ſo daß in dieſem Augenblicke vielleicht jede Hilfe für immer unmöglich gemacht wurde; ſie lag da und man ließ mich nicht zu ihr hingehen!“ Ich ſah zwar, verſtand aber nicht den feierlichen und mitleidsvollen Blick in Mr. Woodcourt'’s Geſicht. Ich ſah zwar, wie er den Andern auf der Bruſt berührte, um ihn zurückzuhalten, begriff aber nicht, warum er es that. Ich ſah ihn in der kalten, ſchneidenden Luft, mit entblößtem Haupte, und von Ehrfurcht für Etwas erfüllt, daſtehen. Aber ich hatte für all dieß kein Verſtändniß mehr. Ich hörte ſogar, wie ſie zu einander ſagten: „Soll ſie hingehen?“ „Es iſt beſſer, wenn ſie hingeht. Ihre Hände —————— 239 ſollen die erſten ſein, die ſie anrühren. Es haben die⸗ ſelben ein beſſeres, höheres Recht, als die unſrigen.“ Ich ging zu dem Gitter hin, und beugte mich nie⸗ der. Ich hob den ſchweren Kopf auf, ſchlug das lange, feuchte Haar zurück, und drehte das Geſicht. Und es war meine Mutter,— meine kalte, lebloſe Mutter. Sechzigſtes Kapitel. Perſpektive. Ich gehe nun zu andern Partien meiner Erzählung über. Aus der Güte aller der Perſonen, die mich umga⸗ ben, entnahm ich des Troſtes ſo viel, daß ich nie ohne Rührung daran zu denken vermag. Ich habe bereits ſo viel von mir ſelbſt geſprochen, und es iſt immer noch ſo viel zu ſagen übrig, daß ich bei meinem Kummer nicht länger verweilen will. Ich bekam eine Krankheit, aber es war dieſelbe keine lange; und ich würde nicht einmal dieſes Umſtandes Erwähnung thun, wenn ich es ſo ganz über mich gewinnen könnte, der Sympathie der mich umgebenden Perſonen mich zu erinnern. 8 Ich gehe nun zu andern Perſonen meiner Erzählung über. Während der Zeit meiner Krankheit waren wir im⸗ mer noch in London, wo Mrs. Woodcourt auf die Ein⸗ ladung meines Vormunds hin ſich mit uns vereinigt hatte. Als mein Vormund mich luſtig und wohl genug glaubte, 240 um in der alten Weiſe mit ihm ſprechen zu können— obgleich ich das hätte bälder thun können, wenn er mir Glauben geſchenkt hätte,— fing ich wieder an, zu ar⸗ beiten, und ſetzte ich mich wieder neben ihn. Er ſelbſt hatte die Zeit feſtgeſetzt, und wir waren allein. „Dame Trot,“ ſprach er, mich mit einem Kuſſe empfangend,„ſei mir in dem Brummſtübchen wieder willkommen, meine Liebe! Ich habe einen Plan zu ent⸗ wickeln, kleines Weibchen. Ich habe die Abſicht, längere Zeit hier zu bleiben,— vielleicht ein halbes Jahr, viel⸗ leicht noch länger,— wie es ſich eben fügen mag. Kurz und gut, ich habe im Sinne, eine Zeit lang hier zu bleiben.“ „Und unterdeſſen Bleak Houſe zu verlaſſen?“ ſprach ich. „Ja, meine Liebe! Bleak Houſe,“ verſetzte er, „muß nun ſelbſt für ſich ſorgen lernen.“ Ich glaubte, der Ton ſeiner Stimme klinge kum⸗ mervoll; als ich ihn aber anſchaute, ſah ich ſein gütiges Geſicht durch ſein wohlthuendſtes Lächeln erleuchtet. „Ja, Bleak Houſe,“ wiederholte er, und ich fand, daß ſeine Stimme nicht kummervoll klang,„muß ſelbſt für ſich ſorgen lernen. Es iſt weit von Ada entfernt, meine Liebe, und Ada bedarf Deiner.“ „Es ſieht Ihnen gleich, mein lieber Vormund,“ ſprach ich,„daß Sie dieß berückſichtigt haben, um uns Beiden eine glückliche Ueberraſchung zu bereiten.“ „Du mußt mich nicht für ſo ganz uneigennützig hal⸗ ten, meine Liebe, wenn Du mich wegen dieſer Tugend preiſen willſt, da Du, wenn Du ſo oft auf dem Wege wäreſt, doch nur ſelten um mich ſein könnteſt. Und dann möchte ich auch von Ada ſo viel und ſo oft, wie nur möglich, hören, da der arme Rick mir nun ein Mal ſo entfremdet iſt. Und nicht von ihr allein, ſondern auch von ihm, dem armen Burſchen.“ 241 „Haben Sie heute Morgen Mr. Woodcourt geſehen, Vormund!“ „Ich ſehe Mr. Woodcourt jeden Morgen, Dame Durden.“ „Sagt er von Richard immer noch das Näm⸗ liche?“ „Immer noch das Nämliche. Er weiß von keiner direkten körperlichen Krankheit, womit derſelbe behaftet wäre; im Gegentheil, er glaubt, daß er keine habe. Und doch iſt er wegen ſeiner nicht ganz ruhig; wer könnte das auch ſein?“ Mein liebes Mädchen hatte uns in neueſter Zeit tag⸗ täglich beſucht; zuweilen war ſie ſogar zwei Mal an einem und demſelben Tage gekommen. Wir hatten immer vor⸗ ausgeſeheu, daß dieß bloß ſo lange dauern würde, his ich wieder ganz hergeſtellt wäre. Wir wußten gar wohl, daß ihr von Liebe brennendes Herz immer noch von der⸗ ſelben Dankbarkeit und Freundſchaft gegen ihren Vetter John erfüllt war, und wir ſprachen Richard frei, daß er ihr auempfahl, recht lange fortzubleiben; aber ande⸗ rerſeits wußten wir auch, daß ſie es als einen Theil ih⸗ rer Pflicht gegen ihn erkannte, mit ihren Beſuchen in unſerem Hauſe ſparſam zu ſein. Die Delicateſſe meines Vormunds hatte dieß gar bald erkannt, und hatte ihr venweiſich zu machen geſucht, daß er glaubte, ſie hätte echt. „SDer liebe, unglückliche, betrogene Richard!“ ſprach ich. Wann wird er wohl aus ſeiner Selbſttäuſchung er⸗ wachen!“ „Er iſt jetzt nicht auf dem Wege, zu erwachen, meine Liebe,“ verſetzte mein Vormund.„Je mehr er leidet, um ſo abgeneigter wird er mir ſein; denn Du mußt bedenken, daß er mich nun ein Mal zum Hauptre⸗ briſentanten der großen Urſache ſeines Leidens gemacht at.“ Bleak Houſe. IV. 16 242 Ich konnte nicht umhin, hinzuzuſetzen: „In ſo unvernünftiger Weiſe!“ „Ah, Dame Trot, Dame Trot!“ verſetzte mein Vormund.„Was werden wir in Jarndyce und Jarn⸗ dyce Vernünftiges finden! Vernunft und Ungerechtigkeit oben, Unvernunft und Ungerechtigkeit mitten und unten. Unvernunft und Ungerechtigkeit von Anfang bis zu Ende,— wenn die Geſchichte überhaupt ein Ende hat. Wie ſollte da der arme Rick, der immer und ewig da⸗ von umgarnt iſt, Vernunft herausklanben? Es iſt ihm ebenſo wenig, wie älteren Leuten in alten Zeiten, ver⸗ gönnt, von Dornen Trauben oder von Diſteln Feigen zu ſammeln.“ Seine Sanftmuth und die Rückſichten, die er für Richard an den Tag legte, ſo oft wir von dieſem ſpra⸗ chen, rührten mich dermaßen, daß ich immer gar bald über dieſen Gegenſtand ſchwieg. „Vermuthlich würden der Lordkanzler, und die Vicekanzler, und die ganze Batterie des großen Kanzlei⸗ gerichtsgeſchützes unendlich erſtaunen über ſolche Unver⸗ nunft und Ungerechtigkeit bei einer Perſon, die bei ihnen Recht ſucht,“ fuhr mein Vormund fort.„So bald ein Mal dieſe gelehrten Herren anfangen, aus dem Puder, den ſie in ihre Perrücken ſäen, Moosroſen zu ziehen, werde ich anfangen, ebenfalls zu erſtaunen!“ Hier hörte er auf, nach dem Fenſter hin zu blicken, und nach der Richtung des Windes zu ſehen, und ſtützte ſich anſtatt deſſen auf die Lehne meines Stuhles. „Wohlan, wohlan, kleines Weibchen! Wir wollen fortmachen, meine Liebe. Dieſen Felſen müſſen wir der Zeit, dem Zufall, und hoffnungsloſen Umſtänden überlaſ⸗ ſen. Wir dürfen Ada darauf nicht Schiffbruch leiden laſſen. Sie kann nicht, und er kann nicht auch nur die geringſte Chance einer abermaligen Trennung von einem Freunde ertragen. Darum habe ich Woodcourt ganz be⸗ ſonders gebeten und darum bitte ich nun Dich, meine 243 Liebe, ganz beſonders, dieſen Gegenſtand bei Rick doch ja nicht zur Sprache zu bringen. Laß die Sache ruhen! Nächſte Woche, nächſten Monat, nächſtes Jahr, früher oder ſpäter, wird er mit helleren Augen mich ſehen. Ich kann warten.“ Aber ich geſtand, daß ich die Sache mit ihm bereits erörtert; auch meinte ich, daß von Seiten Mr. Wood⸗ court's ein Gleiches geſchehen. „So ſagt er mir,“ verſetzte mein Vormund.„Recht gut. Er hat Proteſt eingelegt, und Dame Durden hat Proteſt eingelegt, und es iſt nun Nichts weiter über die Sache zu ſagen. Nun komme ich zu Mrs. Woodcourt. Wie gefällt ſie Dir, meine Liebe?“ In Beantwortung dieſer Frage, die wunderſam plötzlich kam, ſagte ich, daß ſie mir recht gefiele, und daß ich glaubte, ſie ſei jetzt angenehmer, als früher. „Auch ich glaube das,“ ſprach mein Vormund. „Nicht ſo viel Stammbaum? Nicht ſo viel von Morgan⸗ ap— wie heißt er doch nur gleich?“ Ich gab zu, daß ich das gerade auch meine; ob⸗ gleich er eine ganz harmloſe Perſon geweſen, ſelbſt zu der Zeit, wo wir ihn öfter gehabt. „Und dennoch iſt es, im Ganzen genommen, ebenſo gut, daß er nun in ſeinen heimathlichen Bergen bleibt,“ ſprach mein Vormund.„Ich ſtimme mit Dir ganz über⸗ ein. Kann ich alſo, kleines Weibchen, eine Zeit lang etwas Beſſeres thun, als Mrs. Woodcourt hier zurück⸗ halten?“ „Nein. Und doch—“ Miein Vormund ſchaute mich an, deſſen harrend, was ich wohl zu ſagen hätte. Ich hatte aber Nichts zu ſagen. Oder ich hatte wenigſtens Nichts auf dem Herzen, das ich hätte ſagen können. Ich hatte ſo einen unbeſtimmten Eindruck, daß es vielleicht beſſer geweſen wäre, wenn wir Jemand au⸗ ders bei unſerem Hauſe gehabt hätten; indeſſen hätte ich 244 mir ſelbſt wohl ſchwerlich einen Grund dafür angeben können. Oder wenn ich denſelben mir ſelbſt hätte auch angeben koͤnnen, ſo hätte ich ihn gewiß ſonſt Niemand Anders angeben können. „Du ſiehſt,“ ſprach mein Vormund,„daß wir ganz in Woodcourt's Nähe wohnen, und daß er ſie hier ſoſoft, als er nur mag, beſuchen kann, was für Beide ange⸗ nehm iſt; ſie aber ſteht mit uns auf einem vertrauten Fuße und hat Dich gern.“ Ja. Das war unbeſtreitbar. Ich hatte Nichts da⸗ gegen zu ſagen. Ich hätte kein beſſeres Arrangement an⸗ eben können; aber doch war es mir innerlich nicht ganz wohl. Eſther, Eſther, warum denn nicht? Eſther, denk! doch ein Bischen darüber nach! „Es iſt wirklich ein recht guter Plan, lieber Vor⸗ mund, und wir könnten nichts Beſſeres thun.“ „Wirklich, kleines Weibchen?“ Ganz gewiß. Ich hatte einen Augenblick Zeit gehabt, über die Sache nachzudenken, ſeitdem ich dieſe Pflicht mir aufgelegt, und war meiner Sache ganz gewiß. „Gut,“ ſagte mein Vormund.„Es ſoll geſchehen. Einſtimmig durchgegangen.“ „Einſtimmig durchgegangen,“ wiederholte ich, in meiner Arbeit fortfahrend. Es war eine Decke für ſei⸗ nen Büchertiſch, die ich zufällig mit allerlei Zierrathen verſah. Es war dieſelbe an dem Abende weggelegt wor⸗ den, der meiner traurigen Reiſe voranging, und ich hatte ſie ſeitdem nie wieder in die Hand genommen. Ich zeigte ſie ihm nun, und er bewunderte ſie ungemein. Nachdem ich ihm das Muſter, ſowcß all die großen Effecte erklärt hatte, die allmälig zu Tage kommeu ſoll⸗ ten, meinte ich, ich müſſe auf das letzte Thema zurück⸗ kommen. „Lieber Vormund, als wir, bevor Ada uns verließ⸗ von Mr. Woodtourt ſprachen, da ſagten Sie, er werde 245 ſich lange Zeit in einem andern Lande umſchauen. Ha⸗ ben Sie ihm ſeitdem einen guten Rath gegeben?“ „Ja, kleines Weibchen; ziemlich oft.“ „Hat er ſich zu dieſer langen Reiſe entſchieden?“ „Ich glaube nicht.“ „Es haben ſich ihm alſo vielleicht andere Ausſichten eröffnet?“ ſprach ich. „Je nun— ja— vielleicht,“ verſetzte mein Vor⸗ mund, ſeine Antwort in recht bedächtiger Weiſe anfan⸗ gend.„Etwa in einem halben Jahr wird an einem ge⸗ wiſſen Orte in Yorkſhire ein Armenarzt angeſtellt. Es iſt ein wohlhabeuder, recht angenehm gelegener Ort; Bäche und Straßen, Stadt und Land, Mühle und Moor; und ſcheint für einen ſolchen Mann ſo ganz zu paſſen. Ich meine für einen Mann, deſſen Hoffnungen und Be⸗ ſtrebungen vielleicht zuweilen etwas kühn ſind, über das gewöhnliche Niveau hinaus liegen(— wie es wohl bei den meiſten Männern bisweilen der Fall iſt—), für den aber das gewöhnliche Niveau am Ende denn doch hoch genug iſt, wenn ſich daſſelbe als ein Mittel herausſtellt, Andern ſich nützlich zu machen und gute Dienſte zu lei⸗ ſten, ohne dabei zu Höherem zu führen. Alle edlen Gei⸗ ſter ſind wohl ehrgeizig; aber der Ehrgeiz, der ſich ruhig einem ſolchen Wege anvertraut, anſtatt krampfhafte Verſuche zu machen, darüber hinwegzukommen, gehört dnder Art, die mir gefällt. Und es iſt dieß Woodcourt's rt.⸗ „Und wird er denn auch dieſe Stelle erhalten?“ fragte ich. „Ei, kleines Weibchen,“ verſetzte mein Vormund lächelnd,„ich bin kein Orakel und kann es Dir daher auch nicht mit Gewißheit ſagen; aber ich denke ſchon, daß er ſie bekommen wird. Sein Ruf iſt wohl begrün⸗ det; es waren Leute von dem fraglichen Theile des Landes unter den Schiffbrüchigen; und ſeltſamer Weiſe glaube ich eben, der beſte Menſch habe auch die beſte 246 Chance. Du mußt ja nicht glauben, es ſei eine fette Stelle. Es iſt im Gegentheil eine recht, recht gewöhn⸗ liche Sache, meine Liebe; eine Stelle, die viel Fleiß er⸗ heiſcht und mit einem gar kleinen Gehalte verbunden iſt; aber es ſteht wohl zu hoffen, daß ſich dieſelbe mit der Zeit verbeſſern wird.“ „Die Armen jenes Ortes werden alle Urſache ha⸗ ben, mit der Wahl höchlich zufrieden zu ſein, wenn ſie auf Mr. Woodcourt fällt.“ „Du haſt Recht, kleines Weibchen; ja, ſie werden gewiß damit zufrieden ſein.“— Wir ſprachen nicht weiter darüber; auch ſagte er kein weiteres Wort über die Zukunft von Bleak Houſe. Aber es war das erſte Mal, daß ich in meinem Trauer⸗ gewande mich neben ihn geſetzt hatte, und dieß erklärte es nach meiner Meinung. Ich fing jetzt an, mein liebes Mädchen alle Tage in dem trübſeligen, finſtern Winkel zu beſuchen, wo ſie lebte. Meine gewöhnliche Zeit war die Morgenzeit; ſo oft ich aber eine freie Stunde hatte, ſetzte ich den Hut auf und ging geſchäftig nach Chancery Lane hin. Es freute ſie Beide ſo ſehr, mich zu jeder Stunde zu ſehen, und ſie heiterten ſich gewöhulich, wenn ſie mich die Thüre öffnen und hereinkommen hörten(da ich bei ihnen ganz zu Hauſe war, ſo klopfte ich nie an), ſo ſehr auf, daß ich nie fürchtete, gerade jetzt läſtig zu werden. Bei ſolchen Gelegenheiten fand ich Richard häufig abweſend. Zu andern Zeiten ſchrieb er oder las er Papiere, die den Proceß betrafen, an ſeinem Tiſche, der ſo mit Papieren bedeckt war und nie in Unordnung ge⸗ bracht werden durfte. Bisweilen überraſchte ich ihn an der Thüre von Mr. Vholes' Büreau. Zuweilen fand ich ihn in der Nachbarſchaft, wo er herumlungerte und an den Nägeln kauete. Oft traf ich ihn, wie er in Lincolns⸗ Inn, in der Nähe des Ortes herumwandelte, wo ich —— —————— —-—,———.—,, 247 ihn zum erſten Male geſehen, aber, ach! wie ganz an⸗ ders, wie ganz anders! Daß das Geld, das Ada ihm zugebracht, mit den Lichtern wegſchmolz, die ich in Mr. Vholes' Büreau bren⸗ nen ſah, ſobald es dunkel geworden war, wußte ich gar wohl. Es war ſchon im Anfange keine große Summe; er hatte ſich, mit Schulden belaſtet, verheirathet; und ich konnte jetzt nicht umhin, zu begreifen, was damit gemeint war, wenn es hieß, daß Mr. Vholes die Schul⸗ ter am Rade habe— wie ich immer noch zu hören be⸗ kam. Mein Liebling war zwar die beſte der Haushäl⸗ terinnen und ſparte nur, wo ſie konnte; dennoch wußte ich, daß ſie mit jedem Tage ärmer wurden. Sie glänzte in dem ärmlichen Winkel wie ein wun⸗ derſchöner Stern. Sie zierte denſelben ſo, und verlieh ihm ſolche Grazie, daß ein ganz anderer Ort daraus wurde. Bläſſer, als ſie daheim geweſen war, und ein Bischen ruhiger, als ich es natürlich gefunden, zu einer Zeit, wo ſie noch ſo luſtig und ſo hoffnungsreich war, war ihr Geſicht ſo ſchattenlos, daß ich halb und halb glaubte, ſie werde durch ihre Liebe zu Richard gegen ſeine ruinöſe Laufbahn geblendet. Ich ſpeiſte ein Mal mit ihnen, während ich noch unter dem Einfluſſe dieſes Eindrucks ſtand. In dem Augenblicke, wo ich ihn in Symonds Inn traf, traf ich die kleine Ms. Flite, die eben herauskam. Sie hatte den Mündeln in Jarndyce und Jarndyce, wie ſie die⸗ ſelben immer noch nannte, einen Beſuch in beſter Form gemacht, und es hatte dieſe Ceremonie ſie mit der höch⸗ ſten Befriedigung erfüllt. Ada hatte mir bereits geſagt, daß ſie jeden Montag um fünf Uhr käme, mit einer klei⸗ nen, weißen Extra⸗Bandſchleife an ihrem Hute, die ſich dort zu keiner andern Zeit zeigte, ſowie mit ihrem größten Documenten⸗Reticüle am Arme. „Meine Liebe!“ hob ſie an.„So entzückt! Wie gehl es Ihnen! So froh, Sie zu ſehen! Und Sie wol⸗ 248 len unſere intereſſanten Mündel in Jarndyce und Jarn⸗ dyce beſuchen? Ei freilich, ei freilich! Unſere Schöne iſt daheim, meine Liebe, und es wird ſie unendlich freuen, Sie zu ſehen.“ „Richard iſt alſo noch nicht heimgekommen?“ ſprach ich.„Es freut mich das, denn ſchon fürchtete ich, mich ein Bischen verſpätet zu haben.“ MNein, er iſt noch nicht heimgekommen,“ entgegnete Miß Flite.„Die Sitzung im Kanzleigerichtshofe hat heute lange gedauert. Ich habe ihn dort gelaſſen; Vholes iſt bei ihm. Sie haben hoffentlich Vholes doch nicht gern? Habe Vholes nicht gern. Ge—fährlicher Mann!“ „Ich befürchte, Sie ſehen Richard jetzt öfter denn je?“ ſprach ich. „Meine Liebſte,“ verſetzte Miß Flite,„täglich und ſtündlich. Sie wiſſen, was ich Ihnen ein Mal geſagt über die von dem Tiſche des Kanzlers ausgehende An⸗ ziehungskraft? Meine Liebe, nach mir iſt er diejenige Perſon, die am Fleißigſten im Sitzungsſaale erſcheint. Er fängt ſchon ganz an, unſere kleine Geſellſchaft zu amüſiren. Eine r-—echt liebe kleine Geſellſchaft,— ſind wir das nicht?“ Es war etwas recht Jämmerliches, dieſe Worte von ihren armen, vom Wahnſinn bewegten Lippen kommen zu hören, obgleich dieſelben mich nicht überraſchen konnten. „Kurz und gut, geſchätzte Freundin,“ fuhr Miß Flite fort, und näherte mit einer eben ſo begönnernden, als myſteriöſen Miene die Lippen meinem Ohre,„ich muß Ihnen ein Geheimniß ſagen. Ich habe ihn zu meinem Teſtamentsvollſtrecker gemacht. Habe ihn dazu ernannt, habe ihn beſtellt. In meinem Teſtament. J— a.“ „Wirklich?“ ſprach ich. „J— a,“ wiederholte Miß Flite in ihren ſaufteſten Tönen,„ich habe ihn zu meinem Teſtamentsvollſtrecker, zu meinem Adminiſtrator, zu meinem Bevollmächtigten ernannt.(Es ſind dieß unſere Kanzleigerichtsphraſen, 249 meine Liebe.) Ich habe ſo gedacht, daß, im Fall ich darüber wegſterben ſollte, er dieſes Urtheil abwarten könne. Er findet ſich ſo gar regelmäßig im Kanzleige⸗ richtshofe ein.“ Es entlockte mir einen Seufzer, als ich hier an ihn dachte. „Ich hatte ein Mal im Sinne,“ ſprach Miß Flite, den Seufzer echoend,„den armen Gridley dazu zu er⸗ nennen und zu beſtallen. Fand ſich auch gar regelmäßig ein, mein bezauberndes Mädchen. Ich verſichere Sie, war ein höchſt muſterhafter Litigant! Aber er ſiechte da⸗ hin, der arme Mann, und ſo habe ich denn ihm einen Nachfolger beſtellt. Sagen Sie aber ja Nichts davon! Es iſt dieß ganz im Vertrauen geſprochen.“ Sie machte ganz behntſam ihren Reticül ein Bis⸗ chen auf und ließ mich darin ein zuſammengelegtes Stück Papier ſehen, das die Vollmacht ſein ſollte, wo⸗ von ſie ſprach. „Noch ein Geheimniß, meine Liebe. Ich habe meine Vögelſammlung vermehrt.“ „Wirklich, Miß Flite?“ ſprach ich, da ich wußte, wie ſehr es ihr gefiel, wenn man ihre vertraulichen Mit⸗ theiingen mit einem Anſchein von Intereſſe entgegen⸗ nahm. Sie nickte ein npaar Mal mit dem Kopfe, und es umwölkte und verdüſterte ſich ihr Geſicht. Dann fuhr ſie fort: „Noch zwei. Ich nenne ſie die Mündel in Jarndyce. Sie ſind mit allen übrigen in einem Käfige eingeſperrt. Mit Hoffnung, Freude, Jugend, Friede, Ruhe, Leben, Staub, Aſche, Vergeudung, Mangel, Ruin, Verzweiflung, Wahnfinn, Tod, Liſt, Thorheit, Worte, Perrücken, Lum⸗ pen, Schaffell, Raub, Präcedens, Kauderwelſch, Betrug und Spinat.“ Die arme Seele küßte mich mit der verſtörteſten Miene, die ich je an ihr gewahrt und ging dann ihres 250 Weges. Die Art und Weiſe, wie ſie die Namen ihrer Vögel herſagte, wie wenn es ſie mit Furcht erfüllte, ſie durch ihre eigenen Lippen ausſprechen zu hören, hatte auf mich einen wahrhaft erſtarrenden Einfluß. Es war dieß keine ſehr erheiternde Vorbereitung auf meinen Beſuch, und ich hätte gar wohl ohne Mr. Vholes ſein können, als Richard(der ein paar Minuten nach mir erſchien) ihn mitbrachte, damit er unſer Mittags⸗ mahl theile. Obgleich nun dieſes Mahl ſehr einfach war, ſo giu⸗ gen doch Ada und Richard auf einige Minuten mit ein⸗ ander zum Zimmer hinaus, um das, was wir eſſen und trinken ſollten, fertig machen und herbeiſchaffen zu helfen. Mr. Vholes ergriff dieſe Gelegenheit, ſich mit leiſer Stimme in ein kleines Geſpräch mit mir einzulaſſen. Er kam zu dem Fenſter her, wo ich ſaß, und fing mit Sy⸗ mond's Inn an. „Ein recht trübſeliger Ort, Miß Summerſon, für ein Leben, das nicht gerade ein geſchäftliches iſt,“ ſprach Mr. Vholes, mit ſeinem ſchwarzen Handſchuhe das Glas beſchmierend, um es für mich heller zu machen. „Es iſt hier nicht viel zu ſehen,“ ſprach ich. „Und nicht viel zu hören, Miß,“ entgegnete Mr. Vholes.„Von Zeit zu Zeit verirrt ſich zwar ein Bis⸗ chen Muſik hieher; aber wir Advokaten ſind nicht ſehr muſikaliſch und ſchaffen dieſelbe bald wieder hinaus. Hoffentlich befindet ſich Mr. Jarndyce ſo wohl, als ſeine Freunde immer wünſchen können?“ Ich dankte Mr. Vholes und ſagte, daß ſich derſelbe ganz wohl befände. „Ich ſelbſt habe nicht das Vergnügen, zu ſeinen Freunden gezählt zu werden,“ ſprach Mr. Vholes;„auch iſt mir nicht unbekannt, daß Herren von unſerem Stande an ſolchen Orten zuweilen mit ungünſtigem Auge ange⸗ ſehen werden. Unſer Weg aber,— der uns vorgezeich⸗ nete Weg aber iſt, daß Alles offen vor ſich geht, mag ——— — A unu 2ᷣ— ᷣ —+— 8 8*— ⁸² 251 man nun Gutes oder Schlimmes von uns denken, und mag man uns noch ſo unbillig beurtheilen(wir ſind nun einmal das Opfer des Vorurtheils). Wie finden Sie, daß Mr. Carſtone ausſieht, Miß Summerſon?“ 3„Er ſieht recht übel aus. Entſetzlich unruhig und ange.“ AeGjanz richtig,“ ſprach Mr. Vholes. Er ſtand hinter mir, und es reichte ſeine lange, ſchwarze Geſtalt faſt bis an die Decke des niederen Zim⸗ mers; dabei betaſtete er die Finnen in ſeinem Geſichte, wie wenn dieſelben ebenſo viele Zierden wären, und ſprach in ſich hinein und ſo gleichförmig, wie wenn auch nicht eine menſchliche Leidenſchaft oder Emotion in ſeiner Natur ſtäke. „Mr. Woodcourt kommt, wie ich glaube, zu Mr. Carſtone?“ hob er wieder an. „Mr. Woodcourt iſt ſein uneigennütziger Freund,“ antwortete ich. „Aber ich meine, als Arzt.“ „Es kann dieß einem unglücklichen Gemüthe nur wenig Linderung verſchaffen,“ ſprach ich. „Ganz richtig,“ gab Mr. Vholes zurück. So langſam, ſo gierig, ſo blutlos und ſo dürr, daß es mir war, als ob Richard unter den Augen dieſes Rath⸗ gebers dahin ſieche, und als ob etwas Vampyrartiges an ihm ſei. „Miß Summerſon,“ ſprach Mr. Vholes, ſich über⸗ aus langſam die behandſchuheten Hände reibend, wie wenn dieſelben für ſeinen kalten Taſtſinn in ſchwarzem Bockleder oder außerhalb deſſelben ſo ziemlich das Gleiche wären,„es war dieß eine recht unbedachte Sache— dieſe Heirath, die Mr. Carſtone geſchloſſen.“ Ich erſuchte ihn, daß er mich entſchuldigen möchte, wenn ich nicht näher auf die Sache einginge. Ich ſagte etwas unwillig zu ihm, ſie hätten ſich mit einander ver⸗ verſprochen, als ſie Beide noch ſehr jung geweſen, und 2⁵² als ſie Beide noch weit beſſere und glänzendere Ausſichten gehabt. Zu einer Zeit, wo Richard ſich noch nicht dem unglückſeligen Einfluſſe anheimgegeben, der nun ſein Le⸗ ben verdüſterte. „Ganz richtig,“ ſtimmte Mr. Vholes abermals bei. „Indeſſen will ich, damit Sie ſehen, daß Alles offen zu⸗ geht, mit Ihrer Erlaubniß, Miß Summerſon, Ihnen be⸗ merken, daß ich dieſe Heirath wirklich für einen recht un⸗ bedachten Streich halte. Ich bin dieſe Meinung nicht allein Mr. Carſtone's Verwandten, gegen die ich mich natürlich zu ſchützen wünſchen muß, ſondern auch meinem eigenen guten Rufe ſchuldig,— der mir theuer iſt, als einem Manne, der in ſeiner geſchäftlichen Stellung feine Achtbarkeit zu erhalten ſucht; der für meine drei Mäd⸗ chen daheim, für die ich eine etwas unabhängige Stellung zu ſichern ſuchte, theuer iſt; der ſogar meinem hochbetag⸗ ten Vater theuer, welchen es mir vergönnt iſt, zu un⸗ terſtützen.“ „Es würde eine gar verſchiedene Heirath werden, eine viel glücklichere und beſſere Heirath, überhaupt eine ganz andere Heirath, Mr. Vholes,“ ſprach ich,„wenn man Richard bewöge, dem jammerſeligen Prozeſſe den Rücken zu kehren, worein Sie ſammt ihm verwickelt ſind.“ Mr. Vholes verneigte ſich, mit einem geräuſchloſen Huſten— oder, richtiger geſagt, Keuchen— in einen ſei⸗ ner ſchwarzen Handſchuhe hinein, wie wenn er ſelbſt das nicht ganz beſtritte. „Miß Summerſon,“ ſprach er,„es mag dem ſo ſein; und ich gebe gerne zu, daß die junge Dame, die in ſo unbedachter Weiſe Mr. Carſtone’s Namen angenom⸗ men hat,— Sie werden mir gewiß nicht böſe ſein, daß ich dieſe Bemerkung wieder hinwerfe, als eine Pflicht, die ich Mr. Carſtone's Verwandten ſchulde,— eine recht feine junge Dame iſt. Es haben mich zwar meine vielen Geſchäfte verhindert, mit den Menſchen im Allgemeinen anders, denn als Geſchäftsmann viel zu verkehren; den 8 a—— 253 noch glaube ich, von ihr ſagen zu können, daß ſie eine recht feine junge Dame iſt. Was die Schönheit betrifft, ſo bin ich ſelbſt kein competenter Richter in dieſem Stücke, und habe auch ſchon als Knabe nie viel darauf geachtet; dennoch glaube ich ſagen zu können, daß die junge Dame, auch aus dieſem Geſichtspuukte betrachtet, gleich annehm⸗ bar iſt. Die Gehülfen in der Inn ſind dieſer Anſicht, wie ich gehört habe, und ſie ſind hier beſſere Richter als ich. Was den Punkt betrifft, daß Mr. Carſtone ſeine Jutereſſen verfolgt—“ „Oh! Seine Intereſſen, Mr. Vholes!“ „Verzeihen Sie,“ entgegnete Mr. Vholes, genau in derſelben leidenſchaftsloſen und innerlichen Weiſe fortfah⸗ ren,„Mr. Carſtone verſicht im Prozeſſe gewiſſe Intereſſen nach gewiſſen beſtrittenen Teſtamenten. Es iſt dieß ein Aus⸗ druck, deſſen wir uns bedienen. Was den Punkt betrifft, daß Mr. Carſtone ſeine Intereſſen verfolgt, ſo erwähnte ich gegen Sie, Miß Summerſon, als ich zum erſten Male das Vergnügen hatte, Sie zu ſehen, und da ich von dem Wunſche beſeelt bin, daß Alles offen zugehen ſolle— ich bediente mich dieſer Worte, denn ich notirte ſie ſpäter zufällig in meinem Tagebuche, das zu jeder Zeit eingeſehen werden kann— ſo erwähnte ich gegen Sie, daß Mr. Carſtone von dem Grundſatze ausginge, ſeine Intereſſen ſelbſt zu überwachen; ſowie daß, wenn einer meiner Clienten von einem Grundſatze, der an und für ſich nicht unmoraliſch, das heißt, nicht ungeſetzlich wäre, die Pflicht es mir vorſchriebe, nach demſelben zu handeln. Ich habe darnach gehandelt, und ich handle darnach. Aber ich mag um keinen Preis bei einem Ver⸗ wandten Mr. Carſtone's als Bemäntler und Beſchöniger auftreten. So offen ich gegen Mr. Jarndyce geweſen, ſo offen bin ich gegen Sie. Ich halte es für eine ge⸗ ſchäftliche Pflicht, offen zu ſein, obgleich man dieß Nie⸗ mand befehlen kann. So unangenehm es auch klingen mag, ſo ſage ich doch offen und ohne Rückhalt, daß mir 254 4* 4 Mr. Carſtoue's Angelegenheiten gar nicht gefallen, daß mir Mr. Carſtone ſelbſt gar nicht gefällt,— und daß mir insbeſondere dieſe Heirath durchaus nicht gefällt, in⸗ dem ich dieſelbe als einen überaus unbedachten Streich anſehe.— Ob ich hier bin, Sir? Ja, ich danke Ihnen; ich bin hier, Mr. Carſtone, und habe das Vergnügen, mit Miß Summerſon mich angenehm zu unterhalten,— ein Vergnügen, wofür ich Ihnen recht ſehr zu Dank ver⸗ pflichtet bin, Sir!“ Er brach ſo ab, um Richard zu antworten, der ihn, als er ins Zimmer hereintrat, anredete. Ich begriff nun Mr. Vholes' ſcrupulöſe Weiſe, ſich und ſeine Re⸗ ſpectabilität zu wahren, zu gut, als daß ich nicht gefühlt hätte, daß unſere ſchlimmſten Befürchtungen in Beziehung auf ſeinen Clienten nur allzu begründet wären. Wir ſetzten uns zum Eſſen, und ich hatte Gelegen⸗ heit, Richard zu beobachten, und zwar in recht ängſtlicher Weiſe. Ich wurde durch Mr. Vholes(der dieſes Mal die Handſchuhe auszog, als es galt, zu eſſen) nicht ge⸗ ſtört, obgleich er an dem Tiſchchen mir gegenüber ſaß; denn ich zweifle, ob er, wenn er überhaupt auſſchaute, auch nur ein Mal die Augen von dem Geſichte ſeines Wirths abwandte. Ich fand Richard mager und matt, nachläßig ge⸗ kleidet, im Benehmen zerſtreut, dann und wann ſich zur Heiterkeit zwingend, und dann wieder in düſteres Nach⸗ denken verſinkend. Um ſeine großen, klaren Augen her, die einſt ſo heiter geweſen waren, lag eine Bläſſe und Unruhe verbreitet, welche dieſelben zu ganz andern mach⸗ ten. Ich kann mich nicht des Ausdrucks bedienen, daß er alt ausgeſehen habe. Es gibt für die Jugend einen Ver⸗ fall, der dem hohen Alter nicht gleich ſieht; und ein ſol⸗ cher Verfall war an Richards Jugend und jugendlicher Schönheit zu bemerken. Er aß nur wenig, und es ſchien ihm gleichgiltig zu ſein, was er aß; auch zeigte er ſich weit ungeduldiger⸗ 25⁵ als früher, und zeigte ſelbſt Ada gegenüber eine gewiſſe Lebhaftigkeit. Anfänglich glaubte ich, daß ſein altes fröhliches Weſen ganz verſchwunden wäre; gleichwohl kam es von Zeit zu Zeit wieder zum Vorſchein, wie auch mir ge⸗ legentlich mein altes Geſicht wieder ein Bischen aus dem Spiegel hervor entgegengetreten war. Auch ſein Lachen hatte ihn nicht ganz verlaſſen; indeſſen war daſſelbe doch nur wie das Echo eines fröhlichen Klanges, und ein ſol⸗ ches ahnt ſtets etwas Trauriges. Indeſſen war er in ſeiner alten liebevollen Weiſe ſo froh, wie nur je, daß er mich in ſeiner Nähe ſah; und wir ſprachen in recht angenehmer Weiſe über die alten Zeiten. Es ſchienen dieſe für Mr. Vholes nicht beſonders in⸗ tereſſant zu ſein, obgleich er gelegentlich ein Keuchen hören ließ, das, wie ich glaube, ſein Lächeln war. Bald nach dem Eſſen ſtand er auf und ſagte, daß er ſich nun mit der Erlaubniß der Damen auf ſein Büreau zurückziehen wolle. „Eben immer nur den Geſchäften lebend, Vholes!“ rief Richard. „Ja, Mr. Carſtone,“ verſetzte er,„die Intereſſen der Clienten dürfen nie hintangeſetzt werden, Sir. Dieſe Intereſſen gehen bei einem Geſchäftsmanne, wie ich einer bin, eben Allem vor,— bei einem Geſchäftsmanne, der, wie ich, einen guten Namen bei ſeinen Collegen und bei den Menſchen überhaupt zu wahren ſtrebt. Daß ich mir das Vergnügen der jetzigen angenehmen Unterhaltung verſage, mag ſeinen Grund zum Theil darin haben, daß ich über Ihre Intereſſen wachen will, Mr. Carſtone.“ Richard drückte ſich dahin aus, daß er deſſen ganz gewiß ſei, und leuchtete Mr. Vholes hinaus. Bei ſeinem Wiederhereintreten ſagte er uns mehr denn ein Mal, daß Vholes ein guter Kerl, ein zuverläßiger Kerl, ein Mann ſei, der wirklich thue, was er zu thun vorgebe,— ja, ein recht guter Kerl! 25⁶ Es zeigte ſich in dieſem Stücke etwas ſo Mißtraui⸗ ſches, daß es mir auffiel, daß er angefangen, an Mr. Vholes zu zweifeln. Dann warf er ſich ganz erſchöpft auf das Sopha; Ada und ich aber brachten Alles wieder in Ordnung, denn das junge Ehepaar hatte anſtatt aller Dienerſchaft nur eine Aufwärterin. Mein liebes Mädchen hatte ein Wandpianoforte, und ſetzte ſich nun ganz ruhig, um einige von Richard's Lieb⸗ lingsliedern zu ſingen. Zuvor aber hatte die Lampe in das anſtoßende Zimmer gebracht werden müſſen, da er ſich über das Licht beklagte, das, wie er ſagte, ſeinen Augen wehe that. Ich ſaß zwiſchen ihnen neben meinem lieben Mäd⸗ chen, und es war meine Stimmung eine recht melancho⸗ liſche, während ich ſo ihrer holden Stimme horchte. Ich glaube, daß ein Gleiches bei Richard der Fall war; ich glaube, daß er aus dieſem Grunde die Lampe hatte aus dem Zimmer entfernen laſſen. Sie hatte ſo einige Zeit geſungen, und war dann und wann aufgeſtanden, um ſich über ihn hinzuneigen und mit ihm zu ſprechen; da trat Mr. Woodcourt ein. Er nahm neben Richard Platz, und brachte halb ſcherz⸗ haft, halb im Ernſte, aber in durchaus natürlicher und ungezwungener Weiſe heraus, wie es ihm war, und wo er den ganzen Tag geweſen. Nach einer Weile machte er ihm den Vorſchlag, er ſolle mit ihm einen kleinen Spaziergang auf eine der Brücken hinaus machen, da es eine mondhelle, heitere Nacht ſei. Richard war ganz damit einverſtanden, und ſo gingen ſie denn mit einander aus. Sie ließen mein liebes Mädchen am Pianoforte und mich neben ihr ſitzen. Als ſie aber hinaus gegangen waren, ſchlang ich meinen Arm um ihren Leib. Sie ihrerſeits legte die linke Hand in die meinige(ich ſaß auf dieſer Seite), ließ aber die rechte Hand auf den 2⁵⁷ Taſten liegen, und fuhr mit derſelben über letztere hin, ohne ſie indeſſen anzuſchlagen. „Liebſte Eſther,“ ſprach ſie, das Schweigen brecheud, „Richard iſt nie ſo wohl, und ich bin ſeinetwegen nie ſo ruhig, als wenn Allan Woodcourt um ihn iſt. Das ha⸗ ben wir Dir zu danken.“ Ich ſuchte meinem Liebling zu beweiſen, daß dieß doch wohl kaum möglich wäre, daß Mr. Woodcourt in das Haus ihres Vetters John gekommen und uns Alle dort kennen gelernt hätte, und da er Richard und Ri⸗ chard ihn immer gern gehabt und— und ſo weiter. „Ganz wahr,“ ſprach Ada;„aber daß er uns ein ſo hingebungsvoller Freund iſt, das verdanken wir Dir.“ Ich erachtete es als das Beſte, meinem lieben Mäd⸗ chen in dieſem Stücke nachzugeben und Nichts weiter darüber zu ſagen. Ich ſagte alſo ein Gleiches. Ich ſagte es nur ganz flüchtig, da ich fühlte, wie ſie zitterte. „Liebſte Eſther, ich möchte eine gute Frau, ja, eine recht, recht gute Frau werden. Du ſollſt mir zeigen, wie ich es anzugreifen habe.“ Ich es ihr zeigen! Ich ſagte keine Silbe weiter; denn ich gewahrte die Hand, die unruhig über die Taſten hinſchwebte, und wußte, daß es jetzt nicht mehr an mir bi zu ſprechen; daß ſie es ſei, die mir Etwas zu ſagen abe. „Als ich Richard heirathete, da war mir ſeine Lage nicht unbekannt. Ich war lange Zeit in Deiner Nähe vollkommen glücklich geweſen, und hatte, alſo geliebt und beachtet, nie Noth oder Angſt gekannt; aber ich begriff die Gefahr, worin er ſchwebte, liebe Eſther.“ „Ich weiß es, ich weiß es, liebe Ada.“ „Als wir uns heiratheten, da gab ich noch ein we⸗ nig der Hoffnung Raum, daß es mir gelingen würde, ihn von ſeinem Irrthum zu überzeugen; daß er als mein Gatte vielleicht dahin kommen würde, die Sache in ei⸗ Bleak Houſe. IV. 17 2⁵58 nem neuen Lichte zu betrachten, und daß er dieſelbe um meinetwillen nicht noch verzweifelter verfolgen würde,— wie dieß jetzt der Fall iſt. Hätte ich aber auch ſolcher Hoffnung nicht Raum gegeben, ſo hätte ich ihn dennoch geheirathet, Eſther, ja, ich hätte ihn dennoch geheirathet!“ In der augenblicklichen Feſtigkeit der Hand, die nie ruhig blieb,— einer Feſtigkeit, die durch die letzten ge⸗ ſprochenen Worte eingeflößt wurde, und mit denſelben wieder erſtarb— erblickte ich die Beſtätigung ihrer von ſo vielen Eifer zengenden Töne. „Du mußt nicht glauben, liebſte Eſther, ich ſehe das nicht, was Du ſiehſt, und befürchte das nicht, was Du befürchteſt. Niemand kann ihn beſſer verſtehen, als ich. Die größte Weisheit, die je auf der Welt lebte, könnte Richard wohl kaum beſſer kennen, als meine Liebe ihn kennt.“ Sie ſprach ſo beſcheiden, und ſo ſittſam, und ſo ſanft, und es drückte ihre zitternde Hand ſo große Un⸗ ruhe aus, während ſich dieſelbe über die ſchweigſamen Faſen hin und her bewegte! Mein liebes, liebes Mäd⸗ en! „Ich ſehe gar wohl, wie ſein Zuſtand ſich Tag für Tag verſchlimmert. Ich beobachte ihn in ſeinem Schlafe. Ich kenne jede Veränderung ſeines Geſichtes. Als ich aber Richard heirathete, Eſther, da hatte ich den feſten Entſchluß gefaßt, mit Gottes Hilfe ihm nie zu zeigen, daß mir ſein Thun Kummer bereite, indem ich ihn ja nur noch unglücklicher machen mußte, wenn ich Letzteres that. Er darf, wenn er nach Hauſe kommt, auf meinem Geſichte ſchlechterdings keinen Kummer, keine Unruhe le⸗ ſen; er ſoll, wenn er mich anſchaut, ſehen, was er an mir liebte. Ich heirathete ihn, um das zu thun, und das hält mich aufrecht.“ Ich fühlte, wie ſie noch heftiger zitterte. Ich harrte deſſen, das da noch kommen ſollte, und glaubte nun, ich fange an, zu wiſſen, was es ſei. 4 259 „Und dann hält mich noch Etwas aufrecht.“ Sie hielt eine Minute lang inne. Hielt bloß im Sprechen inne, denn ihre Hand war immer noch in Be⸗ wegung. „Ich will noch eine kleine Weile zuſehen, und wer weiß, welch' große Hilfe mir dann wird! Wenn dann Richard die Augen auf mich richtet, kann an meiner Bruſt Etwas liegen, das beredter iſt, als ich geweſen bin,— das größere Macht beſitzt, als ich, ihm ſeinen wahren Lebensweg vorzuzeichnen und ihn zurückzubringen.“ Ihre Hand war jetzt ruhig geworden. Sie umſchlang mich mit den Armen und ich ſchloß ſie in die meinigen. „Und ſollte auch das kleine Geſchöpf eine ſolche Aen⸗ derung nicht herbeizuführen im Stande ſein, Eſther, ſo will ich doch immer noch zuſehen. Ich will noch lange, will noch Jahre lang zuſehen, und denken, und glauben, es könne dann, wenn ich ſchon alt geworden, oder wenn ich vielleicht ſchon todt bin, ein ſchönes, glücklich verhei⸗ rathetes Weib, ſeine Tochter, ſtolz auf ihn ſein und ihm zum Segen gereichen. Oder es könne ein edelherziger, wackerer Mann, ſo ſchön, wie er einſt geweſen, ſo hoff⸗ nungsvoll und noch unendlich glücklicher, mit ihm im Sonnenſchein ſich ergehen, ſein graues Haupt ehren, und bei ſich ſelbſt ſagen: Ich danke Gott, daß dieß mein Vater iſt! Mein Vater, der durch eine unheilvolle Erb⸗ ſchaft zu Grunde gerichtet, und durch mich wieder zu neuem Leben geweckt worden!““ O holdes Mädchen,— was für ein Herz war das, das ſo geſchwind und ſo heftig an dem meinigen pochte! „Dieſe Hoffnungen halten mich aufrecht, liebe Eſther, und ich weiß, daß ſie das auch in Zukunft thun wer⸗ den. Obgleich auch ſie mir zuweilen entſchwinden vor einer Furcht, die in mir aufſteigt, wenn ich Richard ſo anſchaue.“ Ich ſuchte meine liebe Ada aufzuheitern und ihr 260 neuen Muth zu machen, und fragte ſie daher, was dieß ſei? Schluchzend und weinend antwortete ſie: „Vor der Furcht, daß er vielleicht nicht mehr ſo lange lebt, um ſein Kind noch zu ſehen!“ Einundſechzigſtes Kapitel. Eine Entdeckung. Die Tage, an deuen ich den armſeligen Winkel be⸗ ſuchte, den mein liebes Mädchen durch ihre Gegenwart veredelte und erheiterte, können in meiner Erinnerung ſich nie verwiſchen. Ich ſehe ihn jetzt nie und wünſche ihn auch nie zu ſehen; ich bin ſeitdem nur ein Mal dort geweſen; aber in meiner Erinnerung umſchwebt den Ort eine traurige Glorie,— eine Glorie, die ewig glänzen wird. Es verging natürlich kein Tag, daß ich nicht hin⸗ ging. Anfänglich traf ich ein paar Mal Mr. Skimpole dork: es ſpielte derſelbe nachläßig anf dem Pianoſorte und ſprach in der gewohnten lebhaften Weiſe. Nun aber war es mir neben dem, daß es mir ſehr wahrſcheinlich war, daß er wohl nicht da ſein könne, ohne Richard ärmer zu machen,— nun aber, ſage ich, war es mir, als ob in ſeiner ſorgloſen Luſtigkeit Etwas liege, das ſich zu wenig mit dem vertrage, was mir von den Tie⸗ fen von Ada's Leben bekannt war. Auch gewahrte ich deutlich, daß Ada meine Gefühle theilte. Ich beſchloß daher, nachdem ich lange über die 261 Sache nachgedacht, Mr. Skimpole ganz allein zu beſu⸗ chen und mich in zarter Weiſe zu erklären zu ſuchen. Das Wohl meines lieben Mädchens verlieh mir den nö⸗ thigen Muth zu dieſem Unternehmen. Eines Morgens alſo machte ich, nur von Charley begleitet, mich auf den Weg, um nach Somers Town zu gehen. Je näher ich zu dem Hauſe hin kam, um ſo mehr verſpürte ich Luſt, wieder umzukehren, da ich fühlte, welch verzweifeltes Beginnen es wäre, auf Mr. Skimpole einen bleibenden Eindruck machen zu wollen, und wie höchſt wahrſcheinlich es wäre, daß ich mit Schmach ab⸗ ziehen müſſe. Gleichwohl dachte ich, ich wolle, da ich nun ein Mal da ſei, die Sache durchführen. Mit zitternder Hand klopfte ich an Mr. Skimpole's Thür.— im buchſtäblichen Sinne des Worts, mit einer Hand, da kein Thürklopfer mehr da war— und wurde, nach langem Parlamentiren, endlich von einer Irländerin eingelaſſen, die, als ich anklopfte, in der Hausflur ſtand, und mit einem Schüreiſen den Deckel eines Waſſerfaſſes zerbrach, um damit ein Feuer anzuzünden. Mr. Skimpole lag in ſeinem Zimmer auf dem Sopha, ſpielte ein Bischen Flöte und zeigte ſich hoch erfreut, mich zu ſehen. Er fragte mich, wer mich empfangen ſollte? er mir als Ceremonienmeiſterin am Genehmſten wäre? Ob ſeine Komöͤdientochter, ſeine Schönheitstochter, oder ſeine Gefühlstochter mir am Liebſten wäre? Oder aber, ob ich alle ſeine Töchter zugleich in einem vollkommenen Blumenſtrauß haben wollte? Ich antwortete, ſchon halb und halb aus dem Felde geſchlagen, daß ich mit ihm allein zu ſprechen wünſchte, wenn es ihm genehm wäre. „Meine liebe Miß Summerſon, herzlich gern, herz⸗ lich gern! Natürlich,“ ſprach er, ſeinen Stuhl zu dem die meinigen herbringend, und in ſein bezauberndes Lächeln V 262 verfallend,„natürlich iſt es nichts Geſchäftliches. Wenn es aber das nicht iſt, ſo iſt es pures Vergnügen!“ Ich ſagte, daß ich allerdings nicht in Geſchäften zu ihm käme, daß aber dennoch der Gegenſtand, worüber ich mit ihm zu ſprechen hätte, nicht der angenehmſte wäre. „Wenn das iſt, meine liebe Miß Summerſon,“ ſprach er mit der herzlichſten Luſtigkeit,„ſo bitte ich Sie, auch nicht einmal darauf anzuſpielen. Warum ſollten Sie auch auf Etwas anſpielen wollen, das nichts Ange⸗ nebmes iſt? Ich meines Theils thue nie ſo Etwas. Und Sie ſind ein unendlich angenehmeres Geſchöpf, als ich, — in jeder Hinſicht. Sie ſind vollkommen angenehm, ich bin es nur unvollkommen; wenn daher ich nie auf etwas Unangenehmes anſpiele, um wie viel weniger ſoll⸗ ten Sie es dann thun! Und nachdem alſo das abgethan iſt, wollen wir von etwas Anderem ſprechen.“ Obgleich ich etwas verlegen war, ſo faßte ich doch ſo viel Muth, um anzudeuten, daß ich immer noch den Gegenſtand weiter zu verfolgen wünſchte. „Ich würde das für einen Mißgriff halten,“ ſprach Mr. Skimpole mit ſeinem luſtigen Lachen,„wenn i Miß Summerſon eines ſolchen fähig glaubte. Aber ich glaube ſie eines ſolchen nicht fähig!“ „Mr. Skimpole,“ ſprach ich, die Augen zu den ſei⸗ nigen erhebend,„ich habe Sie oft ſagen hören, Sie ſeien mit den gemeinen Angelegenheiten des Lebens unbe⸗ kaunt—“ „Sie meinen unſere drei Bankhausfreunde, Sar und wer iſt denn der jüngſte Aſſocié? D? ſprach Mi. Skimpole heiter.„Habe keinen Begriff von ihnen!“ „— daß Sie vielleicht,“ fuhr ich fort,„meine Frei⸗ heit in dieſem Stücke entſchuldigen werden. Ich meine, Sie ſollten doch recht wohl wiſſen, daß Richard ärmer iſt, als früher.“ „Ach, du guter Gott!“ autwortete Mr. Skimpole 2 eine, rmer pole 263 fan den gleichen Schuhen ſtecke ich, wie mir die Leute agen.“ „Und daß ſich derſelbe in einer recht peinlichen Lage befindet, was das Geld betrifft.“ „Ein ganz paralleler Fall!“ gab Mr. Skimpole mit entzückter Miene zurück. „Es verurſacht dieß dermalen Ada natürlich viel geheimen Kummer; und da ich glaube, daß ſie minder bekümmert iſt, wenn ihr Geldbeutel nicht von Beſuchern in Anſpruch genommen wird, und da Richard ſeinerſeits immer nur Eines im Kopfe herum geht, ſo hat es mir geſchienen, ich könne mir wohl die Freiheit herausnehmen, zu ſagen, daß— wenn Sie— nicht wollten—“ Mit vieler Mühe war ich endlich bei dem Punkte angelangt; da ergriff er meine beiden Hände und kam mit ſtrahlendem Geſichte und in lebendigſter Weiſe mir zuvor, ſagend: „Wenn ich nicht hingehen wollte? O, gewiß nicht, gewiß nicht; was das betrifft, ſo hat es gar keinen An⸗ ſtand, meine liebe Miß Summerſon. Warum ſollte ich denn auch hingehen? Wenn ich wohin gehe, ſo gehe ich um des Vergnügens willen hin. Ich gehe uirgends um des Kummers willen hin, denn ich bin für das Ver⸗ gnügen geſchaffen. Kummer und Schmerz kommen ſchon zu mir, wenn ſie mich brauchen. Nun aber kann ich Ihnen wohl ſagen, daß ich in der jüngſten Zeit im Hauſe uunſeres lieben Richard's nur wenig Vergnügen gehabt habe, und Ihr praktiſcher Scharfſinn beweiſt Ihnen, warum dem ſo iſt. Unſere jungen Freunde ver⸗ lieren allmälig die jugendliche Poeſie, die an ihnen einſt ſo einnehmend war, und fangen an, zu denken: ‚Es iſt dieß ein Mann, der Pfunde braucht.“ Und das iſt auch ganz wahr: ich brauche ſtets Pfunde; zwar nicht für mich ſelbſt, ſondern weil Kaufleute und ſo weiter ſolche immer von mir haben wollen. Und dann fangen unſere jungen Freunde, da ſie auf's Geld ſchauen, an, zu denken: ‚Es 264 iſt dieß der Mann, der Pfunde hatte,— der ſolche ent⸗ lehnte; und es hat auch dieß ſeine Richtigkeit. Ich entlehne immer Pfunde. So werden alſo unſere jungen Freunde allmälig recht langweilig(was ungemein zu be⸗ dauern iſt) und arten in ihrer Kraft, mir Vergnügen zu verſchaffen, aus. Warum ſollte ich alſo ſie beſuchen? Abſurd!“ Durch das ſtrahlende Lächeln, womit er, während er alſo raiſonnirte, mich anſchaute, brach jetzt ein wahr⸗ baſt⸗ erſtaunlicher Blick uneigennützigen Wohlwollens hin⸗ durch. „Und zudem,“ ſagte er, in dem bisherigen Tone leichtherziger Ueberzeugung fortfahrend,„wenn ich um des Kummers willen nirgends hingehe— was ja einer Verkehrung der Intention meines Daſeins, und über⸗ haupt etwas Monſtröſes wäre— warum ſollte ich irgend⸗ wo hingehen, um eine Urſache des Kummers zu werden? Wollte ich unſere jungen Freunde bei ihrer dermaligen Gemüthsſtimmung beſuchen, ſo würde ich ihnen ja nur Pein verurſachen. Der Verkehr mit mir müßte unange⸗ nehm ſein. Sie könnten ſagen: ‚Es iſt dieß der Mann, der Pfunde hatte und der keine Pfunde zahlen kann,“— was ich natürlich nicht kann; Nichts könnte mehr außer Frage ſein! Die Menſchenfreundlichkeit erheiſcht daher, daß ich ihnen nicht nahe komme— und ich thue ſolches daher auch nicht.“ Er endigte damit, daß er mir in fröhlicher Weiſe die Hand küßte und mir dankte. Nichts, als Miß Summerſons feiner Takt, ſprach er, hätte dieß für ihn ausfindig machen können. Ich war ganz aus der Faſſung gebracht, dachte aber, daß, ſo bald der Hauptpunkt gewonnen wäre, wenig daran läge, wenn er Alles, was dazu führte, auch noch ſo ſeltſam verkehrte. Gleichwohl hatte ich beſchloſſen, noch eines andern Gegenſtandes Erwähnung zu thun, 265 und ich glaubte, daß es ihm hier nicht gelingen würde, mich nur ſo abzuſpeiſen. „Mr. Skimpole,“ ſprach ich,„ich muß, bevor ich meinen Beſuch beendige, mir die Freiheit nehmen, zu ſagen, daß ich vor einiger Zeit nicht wenig überraſcht war, aus beſter Hand zu hören, daß Sie gewußt, mit wem der arme Knabe Bleak Houſe verlaſſen, und daß Sie bei jener Gelegenheit ein Geſchenk angenommen. Ich habe mit meinem Vormunde nicht darüber geſprochen, weil ich fürchtete, es könnte das ihm unnöthiger Weiſe wehe thun; Ihnen aber kann ich wohl ſagen, daß ich recht überraſcht war.“ „Ei, ei! Wirklich überraſcht, meine liebe Miß Summerſon?“ verſetzte er fragend, indem er ſeine lieb⸗ lichen Augenbrauen emporhob. „Recht ſehr überraſcht.“ Er dachte mit einem höchſt angenehmen und wun⸗ derſamen Geſichtsausdrucke eine kleine Weile darüber nach; dann aber verzichtete er plötzlich auf alles Nach⸗ denken, und ſprach in ſeiner gewinnendſten Weiſe: „Sie wiſſen, was für ein Kind ich bin. Warum alſo überraſcht?“ Ich mochte auf dieſe Frage nun nicht eingehen; da er mich aber bat, daß ich es dennoch thun möchte, da er wirklich neugierig war, und hören wollte, was ich zu ſagen hatte, ſo ſuchte ich ihm in ſo zarter Weiſe, wie nur möglich, begreiflich zu machen, daß ſein Betragen eine Mißachtung verſchiedener ſittlichen Pflichten in ſich zu ſchließen ſcheine. Es ergötzte und intereſſirte dieß ihn, als er es hörte, nicht wenig, und er ſprach mit ungeheuchelter Einfalt: „Glauben Sie das wirklich? Aber ſehen Sie, ich habe mich nie für einen Menſchen ausgegeben, den man für Etwas verantwortlich machen könnte: Sie wiſſen das. Nie konnte es mir in den Sinn kommen, mich für einen ſolchen Menſchen auszugeben. Verantwortlichkeit iſt ein 266 Ding, das mir immer zu hoch— oder zu niedrig ge⸗ weſen iſt,— ich weiß nicht einmal, welches hier das paſſendere Wort iſt,“ ſprach Mr. Skimpole;„da ich aber höre, welche Wendung meine liebe Miß Summerſon (die ſich eben immer durch ihren praktiſchen, hellen Ver⸗ ſtand auszeichnet) dieſer Sache gibt, ſo ſollte ich meinen, es ſei für mich vor Allem eine Geldfrage geweſen, wiſſen Sie.“ Unvorſichtiger Weiſe ſtimmte ich dieſem unbedingt bei. „Ah! dann ſehen Sie,“ ſprach Mr. Skimpole kopf⸗ ſchüttelnd,„daß ſchlechterdings keine Hoffnung da iſt, daß ich die Sache je verſtehen werde.“ Während ich aufſtand, um wegzugehen, meinte ich noch, es ſei doch nicht recht, das Vertrauen meines Vormunds um Geld zu verrathen. „Meine liebe Miß Summerſon,“ verſetzte er mit einer aufrichtigen Heiterkeit, die nur ihm gehörte.„Ich kann nicht beſtochen werden.“ „Auch nicht durch Mr. Bucket?“ ſprach ich. „Nein,“ gab er zurück.„Durch Niemand von der Welt. Ich lege auf das Geld lediglich keinen Werth. Es liegt mir Nichts daran,— weiß Nichts davon,— ich behalte es nicht,— es verläßt mich alsbald wieder. Wis kann ich alſo beſtochen werden? Sagen Sie mir as!“ Ich gab ihm zu erkennen, daß ich in dieſem Stücke ſeine Meinung nicht theilte, obgleich mir die Fähigkeit abging, mit ihm über dieſen Punkt zu diſputiren. „Im Gegentheil,“ ſprach Mr. Skimpole,„ich bin gerade der Mann, der in einem ſolchen Falle eine höhere Stellung einnimmt. In einem ſolchen Falle bin ich über die übrigen Menſchenkinder erhaben. In einem ſolchen Falle kann ich als Philoſoph handeln. Vorur⸗ theile geben mir hier keine ſchiefe Richtung, wie Bandagen einem italieniſchen Kinde. Ich bin ſo frei wie die Luft. —— 267 Ich fühle mich über allen Verdacht ſo erhaben, wie Cäſars Gemablin.“ Gewiß wurde noch an Niemand Etwas geſeben, das der Leichtigkeit ſeines Benehmens und der ſcherz⸗ haften Unparteilichkeit geglichen hätte, womit er ſich ſelbſt zu überzeugen ſchien, während er die Sache hin und her überlegte! „Sehen Sie ſich ein Mal den Fall recht an, meine liebe Miß Summerſon. Da wird ein junger Burſche in das Haus hereingenommen und zu Bette gebracht, in einem Zuſtande, wogegen ich ſtarke Einwendungen mache. Nachdem der Knabe zu Bette gebracht worden, kommt unverſehens ein Mann, und dieſer Mann verlangt den Knaben, den man in das Haus herein genommen und zu Bette gebracht hat, in einem Zuſtande, wogegen ich ſtarke Einwendungen mache. Da wird eine Banknote producirt von dem Manne, der den Knaben verlangt, der in das Haus hereingenommen und zu Bette gebracht worden iſt, in einem Zuſtande, wogegen ich ſtarke Ein⸗ wendungen mache. Da iſt der Skimpole, der die Bank⸗ note annimmt, welche der Mann prodnzirt, der den Knaben verlangt, der in das Haus hereingenommen und zu Bette gebracht worden iſt, in einem Zuſtande, wogegen ich ſtarke Einwendungen mache. „Dieß ſind die Facta. Recht gut. Hätte nun der Skimpole ſich weigern ſollen, die Banknote anzunehmen? Warum hätte auch der Skimpole ſich weigern ſollen die Banknote anzunehmen. Skimpole proteſtirt zwar im Anfange und ſagt zu Bucket: ‚Wozu das? Ich verſtehe es nicht; mir nützt es Nichts; nehmen Sie es nur wie⸗ der! Bucket aber bittet Skimpole immer wieder, er ſolle das Papier doch annehmen. Sind Gründe da, aus denen Skimpole, deſſen Geiſt nicht durch Vorurtheile getrübt iſt, es nicht annehmen ſollte? Ja. Skimpole ſieht dieſelben ein. Welcher Art ſind ſie? Skimpole raiſonnirt ſo bei ſich ſelbſt: Es iſt dieß ein gezähmter 268 Luchs, ein thätiger Polizeiagent, ein intelligenter Mann, ein Mann, deſſen Energie eine ganz eigene Richtung hat, ein Mann, der, ſowohl was Auffaſſung, als Aus⸗ führung betrifft, große Feinheit und Schlauheit beſitzt, ein Mann, der für uns unſere Freunde und Feinde aus⸗ findig macht, wenn ſie zum Teufel gehen, der für uns unſer Eigenthum wieder beibringt, wenn wir beraubt und beſtohlen werden, der uns behaglich rächt, wenn man uns ermordet. Dieſer thätige Polizeiagent und intelligente Mann hat in der Ausübung ſeiner Kunſt einen ſtarken Glauben an das Geld erlangt; er findet das für ſich ſelbſt recht nützlich und macht es auch für die Geſellſchaft recht nützlich. Soll ich nun bei Bucket dieſen Glauben erſchüttern, weil er mir ſelbſt abgeht; ſoll ich mit Vorbedacht eine von Bucket's Waffen ab⸗ ſtumpfen; ſoll ich möglicher Weiſe Bucket bei ſeiner näch⸗ ſten Spür⸗Operation lähmen? „Und dann noch: Iſt es an Skimpole zu tadeln, daß er die Banknote annimmt, ſo iſt es auch an Bucket zu tadeln, daß er die Banknote anbietet,— ja, es iſt dieß an Bucket noch weit mehr zu tadeln, da ja er der ſchlaue Mann iſt, der Alles weiß. Nun aber wünſcht Skimpole von Bucket eine gute Meinung zu haben Skimpole hält es, obgleich es im Grunde nicht viel zu bedeuten hat, für weſentlich nothwendig zum allgemeinen Zuſammenhalt der Dinge, daß er eine gute Meinung von Bucket hat. Der Staat verlangt ausdrücklich von ihm, er ſolle dem Bucket vertrauen. Und ſo thut er es denn auch. Und das iſt Alles, was er thut!“ Gegen dieſe Auseinanderſetzung hatte ich Nichts vorzubringen, und ſo verabſchiedete ich mich denn. Mr. Skimpole aber, der bei vortrefflicher Stimmung war, wollte ſchlechterdings Nichts davon hören, daß ich nur mit der„kleinen Coavinſes“ heimgehen ſolle, und be⸗ gleitete mich ſelbſt. Auf dem Wege unterhielt er mich mit einer Menge ergötzlicher Geſchichten und verſicherte 269 mich, als wir uns trennten, daß er nie den feinen Takt vergeſſen würde, womit ich für ihn ausfindig gemacht, was er gegenüber von unſern jungen Freunden zu thun hätte. Da es ſich ſo fügte, daß ich Mr. Skimpole nicht mehr zu Geſicht bekam, ſo kann ich auch alsbald vollends erzählen, was ich von ſeiner Geſchichte weiß. Es trat zwiſchen ihm und meinem Vormund eine gewiſſe Kälte ein, die hauptſächlich aus den oben erwähnten Gründen ſowie daraus entſprang, daß er in recht herzloſer Weiſe (wie wir ſpäter von Ada erfuhren) die Bitten meines Vormundes in Betreff Richards mißachtet hatte. Daß er meinem Vormund nicht wenig ſchuldete, hatte mit ihrer Trennung Nichts zu ſchaffen. Er ſtarb etwa fünf Jahre darauf und hinterließ ein Tagebuch, ſammt Brie⸗ fen und andern Materialien, die auf ſein Leben Bezug hatten. Es wurden dieſe Papiere veröffentlicht, und es war daraus zu erſehen, daß er das Opfer eines Com⸗ plotts von Seiten des Menſchengeſchlechts gegen ein liebenswürdiges Kind geworden. Man hielt das Buch für eine recht angenehme Lectürez ich ſelbſt aber las nicht mehr, als den Satz, der mir zufällig aufſtieß, als ich das Buch aufſchlug. Es lautete derſelbe, wie folgt: „Jarndyce iſt wie die meiſten andern Menſchen, die ich gekannt, die Incarnation der Selbſtſucht.“ Und nun komme ich zu einem Theil meiner Ge⸗ ſchichte, der mich wirklich recht nahe berührt, und wor⸗ auf ich gar nicht vorbereitet war, als ſich der Umſtand ereignete. Hatte ich dann und wann anch mit einigem Bedanern über mein armes altes Geſicht nachgedacht, ſo 270 hatte ich die Sache doch immer als Etwas, das ein Mal dahingeſchwunden,— das, wie meine Kindheit, ver⸗ gangen und nie wiederkehren könne, angeſehen. Ich habe keine meiner vielen Schwächen in dieſem Stücke unter⸗ drückt, ſondern habe dieſelben ſo treu verzeichnet, als mein Gedächtniß ſie bewahrte. Und ein Gleiches hoffe ich zu thun, und will ich thun bis zu den letzten Worten dieſes Buchs, die ich jetzt nicht mehr ſo fern vor mir liegen ſehe. Raſch ſchwanden die Monde dahin; und mein liebes Mädchen war, durch die Hoffnungen aufrecht gehalten, worüber ſie mit mir im Vertrauen geſprochen, in dem ärmlichen Winkel immer noch derſelbe wunderſchöne Stern. Richard, der mit jedem Tage mehr abzehrte, und an Lebenskraft verlor, beſuchte den Kanzleigerichts⸗ hof Tag für Tag; dort ſaß er verdroſſen den lieben lan⸗ gen Tag, wenn er auch wußte, daß des Prozeſſes nicht einmal erwähnt werden würde; und ſo wurde er denn, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, einer der treueſten Stammgäſte des Polizeigerichtshofs. Ich möchte wohl wiſſen, ob einer von dieſen Herren ſich noch erinnerte, wie Richard war, als er zum erſten Male hinkam. Seine fixe Idee beſchäftigte ihn dermaßen, daß er in ſeinen fröhlicheren Augenblicken geſtand, er würde jetzt nie daran gedacht haben, ein Bischen friſche Luft zu ſchöpfen,„wenn Woodcourt nicht geweſen wäre.“ Nur Woodcourt allein war im Stande, ſeine Aufmerkſamkeit gelegentlich immer für einige Stunden auf andere Ge⸗ genſtände zu richten, und ihn ſelbſt dann wieder aufzu⸗ wecken, wenn er in eine geiſtige und körperliche Lethargie verſank, die uns große Unruhe einflößte, und die mit jedem Monat häufiger wiederkehrte. Mein liebes Mädchen hatte vollkommen Recht, wenn ſie ſagte, daß er ſeine Irrthümer um ihretwillen nur noch verzweifelter verfolge. Ich zweifle gar nicht, daß der Wunſch, das Verlorne wieder zu erlangen, bei ihm 271 nur noch heftiger wurde durch den Kummer, den ihm ſeine junge Frau einflößte,— daß ſich derſelbe bei ihm bis zum Wahnſinn des Spielers ſteigerte. Wie bereits erwähnt, war ich zu allen Stunden dort. War ich Nachts dort, ſo ging ich gewöhnlich in einem Wagen mit Charley nach Hauſe; bisweilen war⸗ tete mein Vormund in der Nachbarſchaft auf mich, und dann gingen wir mit einander heim. Eines Abends hatte mein Vormund, wie zwiſchen uns verabredet worden, um acht Uhr ſich einfinden ſollen. Ich konnte in dieſem Augenblicke aber nicht ſogleich ab⸗ kommen, denn ich arbeitete für mein liebes Mädchen und hatte noch ein paar Stiche zu machen, um die angefan⸗ gene Arbeit zu vollenden; indeſſen war es nur wenige Minuten über die Zeit, als ich zuſammenpackte und mein Arbeitskörbchen ordnete, meinem Liebling den letzten Kuß für dieſen Abend gab, und die Treppe hinuntereilte. Mr. Woodcourt begleitete mich, da es ſchon ziemlich finſter war. Als wir an dem gewöhnlichen Zuſammenkunftsorte anlangten— es war derſelbe ganz in der Nähe, und es hatte mich Mr. Woodcourt früher ſchon oft dahin begleitet— war mein Vormund nicht da. Wir warteten eine halbe Stunde und ſpazierten auf und ab; aber nirgends war auch nur eine Spur von ihm zu ſehen. Wir kamen zu dem Schluͤſſe, daß er ent⸗ weder am Kommen verhindert worden, oder daß er ge⸗ kommen und wieder gegangen; und Mr. Woodcourt machte mir daher den Vorſchlag, mich nach Hauſe zu begleiten. Es war der erſte Spaziergang, den wir mit ein⸗ ander gemacht, wenn man den ſehr kleinen abrechnete, der uns an den gewöhnlichen Zuſammenkunftsort zu führen pflegte. Auf dem ganzen Wege ſprachen wir von Richard und Ada. Ich dankte ihm nicht mit Worten für das, was er gethan— das, was er ſchon gethan, wußte ich ſo gut zu würdigen, daß Worte nicht mehr genügten— hoffte aber, daß er einiger Maßen verſtehen würde, was ich ſo ſtark fühlte. Als wir zu Hauſe anlangten und die Treppe hin⸗ aufkamen, fanden wir, daß mein Vormund, ſowie auch Mrs. Woodcourt ausgegangen waren. Wir befanden uns in demſelben Zimmer, in das ich mein erröthendes Mädchen gebracht hatte, als ihr jugendlicher Liebhaber, nun ihr ſo veränderter Gatte, die Wahl ihres jungen Herzens war; wir befanden uns in demſelben Zimmer, aus dem mein Vormund und ich ſie in der friſchen Blüthe ihrer Hoffnung und viel verſprechenden Ingend hatten durch das Sonnenlicht hin hinausſchreiten ſehen. Wir ſtanden an dem offenen Fenſter, das auf die Straße hinausging, als Mr. Woodcourt mit mir ſprach. In einem Nu erſah ich, daß er mich liebte. In einem Nu erſah ich, daß mein vernarbtes Geſicht für ihn noch ganz das alte war. In ſeiinem Nu erſah ich, daß das, was mir als Mitleid und Bedauern erſchienen, Nichts als hingebungsvolle, edelherzige, treue Liebe war. Oh, zu ſpät, daß ich das jetzt ſah,— zu ſpät, zu ſpät. Dieß war der erſte undankbare Gedanke, der in mir aufſtieg. Zu ſpät. „Als ich zurückkam,“ ſprach er,„als ich zurückkam, um keinen Pfennig reicher, als ich fortgegangen war, und als ich Sie erſt vor Kurzem vom Krankenbett aufge⸗ ſtanden, und dabei doch ſo von holden Rückſichten gegen Andere erfüllt, und von jedem ſelbſtiſchen Gedanken ſo frei fand—“ „Oh, Mr. Woodcourt, laſſen Sie doch das, laſſen Sie doch das!“ bat ich ihn.„Ich verdiene Ihr hohes Lob nicht. Ich hatte um jene Zeit gar viele ſelbſtiſche Gedanken,— ja, gar viele!“ „Der Himmel weiß es, Geliebte meines Lebens,“ verſetzte er,„mein Lob iſt nicht das Lob eines Liebhabers, ſondern die Wahrheit. Sie wiſſen nicht, was Ihre ganze 84 =SSNSSU=ES= 273 Umgebung an Eſther Summerſon ſieht,— Sie wiſſen nicht, wie viele Herzen ſie rührt und weckt,— Sie wiſſen nicht, welch' heilige Bewunderung ſie erregt und welche Liebe ſie weckt.“ „Oh, Mr. Woodcourt,“ rief ich,„es iſt etwas Großes, Liebe zu wecken, ja, es iſt etwas Großes, Liebe zu erwecken! Ich bin ſtolz darauf und fühle mich da⸗ durch geehrt; und indem ich dieß höre, muß ich dieſe Thränen der Freude und des Kummers vergießen— der Freude, daß ich dieſe Liebe erweckt, des Kummers, daß ich ſie nicht beſſer verdient. Aber ich darf nicht an die Ihrige denken.“ Ich ſagte das mit ſtärkerem Herzen; denn als er mich ſo lobte, und als ich ſo hörte, wie ſeine Stimme bebte, als er ſeinen Glauben ausſprach, daß das, was er ſage, wahr ſei, da faßte ich den Entſchluß, mich dieſer Liebe noch würdiger zu machen. Es war noch nicht zu ſpät dazu. Wenn ich auch dieſe unvorhergeſehene Seite in meinem Leben heute Abend ſchlöße, ſo könnte ich doch mein ganzes Leben hindurch derſelben würdiger ſein. Und es war ein Troſt für mich und ein Antrieb, und ich fühlte in mir ein Ge⸗ fühl der Würde aufſteigen, das von ihm herkam, als ich ſo nachdachte. Er brach das Schweigen. „Ich würde in gar ärmlicher Weiſe das Vertrauen zeigen, das ich zu dem theuren Weſen habe, das hiefür mir immer ſo theuer ſein wird, wie jetzt,“ und der tiefe Crnſt und der Eifer, womit er dieß ſagte, ſtärkten mich und machten mich zugleich wieder weinen,„wenn ich nach der gegebenen Verſicherung, daß man nicht an meine Liebe denken dürfe, dieſelbe weiter geltend machen wollte. Liebe Eſther, laſſen Sie mich bloß Ihnen ſagen, daß die liebevolle Idee, die ich von Ihnen in die Ferne nahm, ſich bis zum Himmel erhob, als ich wieder kam. Bleak Houſe, IV. 18 274 dürfen. Stets habe ich befürchtet, Ich verurſache Ihnen Pein. dem Engel glich, f wünſchte ihm in ſeiner Noth zu helfen, an den Tag legte. wünſche— nie werde ich— aber— Liebe und ſeines Kummers würdiger fortfahren konnte. „— Ich bin durchdrungen, und ich werde die E zu meiner Sterbeſtunde ſorgfältigſt bew recht gut, wie ſehr ich mich veränderte, Er bedeckte ſich die Augen mit de den Kopf weg. Wie konnte ich je dig ſein? Stets habe ich gehofft, ſchon in der erſten Stunde, wo mir das Glück zu lächeln ſchien, Ihnen dieß ſagen zu daß ich es Ihnen vergebens ſagen würde. Meine Hoffnungen meine Befürchtungen gehen hente Abend in Erfüllung. Ich habe genng geſagt.“ Es ſchien Etwas an meine Stelle zu treten, d ür den er mich hielt, und ich fühlte mich ſo bekümmert ob dem Verluſt, den er erlitten. wie ich zu thun gewünſcht hatte, als er jenes erſte Mitle „Lieber Mr. Woodcourt,“ ſprach ich,„ehe wir heute Abend von einander ſcheiden, habe ich noch Etwas zu ſagen. Nie vermöchte ich es ſo zu ſagen, wie ich es 44 Ich mußte abermals darauf denken, mich ſeiner zu machen, ehe ich vom Gefühle Ihrer Edelherzigkeit tief rinnerung davon bis ahren. Ich weiß — ich weiß, daß Sie mit meiner Geſchichte nicht unvertrau weiß, welch edle Liebe die iſt, die ſo treu ſein kann. Was Sie mir geſagt, hätte mir nie ſo ſehr zu Herzen gehen können, wenn es von andern Lippen gekommen wäre; denn es gibt keine, die dem, was einen ſo hohen Werth für mich zu geben vermöchte. ſoll nicht verloren ſein. Es ſoll mich be and und wandte lcher Thränen wür⸗ „Wenn in unſerem künftigen unveränderten Verkehr — wenn, indem Sie Richard und Ada pflegen, und wenn, hoffentlich auch in reichen glücklicheren Lebensum⸗ 2 275* e ſtänden, Sie je an mir Etwas finden, was Sie in ehr⸗ licher Weiſe für beſſer halten können, als es zu ſein pflegte, ſo glauben Sie nur, daß es aus unſerem Ge⸗ ſpräch von heute Abend entſprungen, und daß ich es Ihnen verdanke. Und glauben Sie mir, theurer, theurer Mr. Woodcourt,— glauben Sie mir, daß ich dieſe Nacht vergeſſen werde, oder daß, ſo lange mein Herz ſchlägt, es unempfindlich ſein könne gegen den Stolz und die Freude, von Ihnen geliebt worden zu ſein.“ Er erfaßte meine Hand und küßte ſie. Er war wie⸗ der der Alte geworden, und ich fühlte mich noch mehr ermuthigt. „Aus dem, was Sie ſo eben geſagt,“ ſprach ich, „darf ich wohl ſchließen, daß Ihnen Ihr Vorhaben ge⸗ lungen?“ „Ja, es iſt mir gelungen,“ antwortete er.„Es iſt mir gelungen, mit der Hilfe, die mir von Seiten Mr. Jarndyce's geworden,— mit der Hilfe, die mir von Seiten des Mannes geworden, den Sie ſo gut kennen, — mit der Hilfe, die man, wie Sie wiſſen, von einem ſolchen Manne erwarten kann.“ „Möge ihm der Himmel ſeinen Segen dafür ſchen⸗ ken!“ ſprach ich, ihm die Hand gebend.„Und möge der Himmel Ihnen in Allem, was Sie unternehmen Gedeihen ſchenken!“ „Ihr Wunſch ſoll mir ein Sporn ſein, meinen Pflich⸗ ten noch beſſer nachzukommen,“ antwortete er;„er wird Arſache ſein, daß ich meine neue Stellung als ein wei⸗ teres heiliges Pfand anſehe, das ich aus Ihren Händen erhalten.“ „Ah, aber Richard!“ rief ich unwillkürlich aus. aha⸗ wird aus ihm werden, wenn Sie nicht mehr da find!“ „Man hat mich noch nicht aufgefordert, fortzugehen; und auch wenn man mich aufforderte, möchte ich ihn nicht verlaſſen, liebe Miß Summerſon.“ 276 Ich fühlte, daß es nothwendig wäre, noch Etwas zu berühren, ehe er mich verließe. Ich wußte, daß ich der Liebe, die ich nicht annehmen konnte, nicht würdiger ſein würde, wenn ich dieſen Punkt für mich behielte. „Mr. Woodcourt,“ hob ich wieder an,„es wird Ihnen Freude machen, bevor ich Ihnen eine gute Nacht wünſche, aus meinem Munde zu hören, daß in der Zu⸗ kunft, die klar und ſchön vor mir liegt, ich überaus glück⸗ lich, ja überaus glücklich bin, ich Nichts vermiſſen kann, oder zu wünſchen habe.“ S Er antwortete, daß es ihn freue, dieſes zu hören. „Von meiner früheſten Iugend an,“ ſagte ich wei⸗ ter,„bin ich der Gegenſtand der unermüdlichen Güte, des Beſten aller menſchlichen Weſen geweſen, an das ich durch jedes Band der Liebe, Freundſchaft und Dankbarkeit ſo ſtark gebunden bin, daß ich im Laufe eines ganzen Lebens nicht einmal die Gefühle eines einzigen Tags auszudrücken vermöchte.“ „Ich theile dieſe Gefühle,“ entgegnete er;„Sie ſpre⸗ chen von Mr. Jarndyce.“ Seine Tugenden ſind Ihnen gar wohl bekannt,“ fuhr ich fort;„gleichwohl konnen nur wenige die Größe ſeines Charakters ſo gut kennen, als ich ſie kenne. Die höchſten und beſten Eigenſchaften deſſelben aber haben ſich mir in Nichts glänzender enthüllt, als in der Geſtaltung der Zukunft, die mich ſo glücklich macht. Und wenn Ihre höchſte Achtung und Ihre höchſten Huldigungen nicht be⸗ reits ihm gegolten hätten— was, wie ich weiß, der Fa iſt— ſo würden Sie, glaube ich, ihm durch dieſe Ver⸗ ſicherung, ſowie in dem Gefühl, das dieſelbe bei Ihnen ihm gegenüber um meinetwillen erweckt hätte, erworben worden ſein.“ Er antwortete voller Rührung, daß dieß wirklich der Fall geweſen ſein würde. Ich reichte ihm abermals die Hand. „Gute Nacht!“ ſprach ich dann;„leben Sie wohl.“ 277 „Erſteres, bis wir uns morgen wieder ſehen; das zweite vielleicht als ein ewiges Lebewohl zwiſchen uns für dieſes Thema?“ „Ja.“ „Gute Nacht; leben Sie wohl!“ Er ging weg, und ich ſtand dann am dunkeln Fenſter und ſah auf die Straße hinunter. Seine Liebe, in all' ihrer Beſtändigkeit und in all' ihrem Edelmuth, hatte mich ſo mit einem Male überraſcht, daß er noch keine Minute weggegangen war, als meine Stärke mich wieder verließ, und die Straße durch meine ſtrömenden Thränen verwiſcht ward. Aber es waren dieß keine Thränen des Bedauerns und des Kummers. Nein. Er hatte mich die Geliebte ſeines Lebens genannt, und hatte geſagt, daß ich ihm für immer ſo theuer ſein würde, als ich ihm jetzt wäre, und es war mir, als wenn mein Herz dem Triumphe nicht gewachſen wäre, daß ich dieſe Worte gehört. Mein erſter unordentlicher Gedanke war dahin ge⸗ ſchwunden. Es war nicht zu ſpät, dieſe Worte zu hören, denn es war nicht zu ſpät, ſich durch dieſelben ermuthigen zu laſſen, gut, wahr, dankbar und zufrieden zu ſein. Wie leicht war mein Pfad;— wie unendlich leichter, als der ſeinige! 278 Zweiundſechzigſtes Kapitel. Eine weitere Entdeckung. Ich hatte nicht ſo viel Muth, an jenem Abende Je⸗ mand zu ſehen. Ich hatte nicht ein Mal ſo viel Muth, mich ſelbſt anzuſehen; denn ich fürchtete, daß meine Thrä⸗ nen mir ein Bischen Vorwürfe machen möchten. Ich ging im Dunkel in mein Zimmer hinauf und betete in der Dunkelheit zu Gott, und legte mich in der Dunkelheit nieder, um zu ſchlafen. Ich brauchte kein Licht, um da⸗ bei den Brief meines Vormunds zu leſen, denn ich wußte denſelben auswendig. Ich nahm ihn von dem Orte, wo ich ihn aufbewahrte, und wiederholte mir deſſen Inhalt bei dem ihm eigenen hellen Lichte der Rechtſchaffenheit und Liebe, und ſchlief damit auf meinem Kopfkiſſen ein. An dem darauf folgenden Morgen ſtand ich in aller Frühe auf und rief Charley, da ſie mit mir ausgehen ſollte. Wir kauften Blumen zur Verzierung des Früh⸗ ſtücktiſches, und kamen zurück und ordneten dieſelben und waren ſo geſchäftig, wie nur möglich. Wir waren ſo frühe daran, daß mir immer noch Zeit genug übrig blieb, um Charley noch vor dem Früh⸗ ſtück ihre Lection zu geben. Charley aber, die ſich in dem alten, mangelhaften grammaticaliſchen Punkte nicht im Mindeſten gebeſſert hatte, verdiente an dieſem Morgen mein ganzes Lob; und überhaupt hielten wir Beide uns recht brav. Als mein Vormund erſchien, ſagte er:„Ei, ei⸗ kleines Weibchen, Du ſiehſt ja friſcher aus, als Deine Blumen!“ und Mrs. Woodcourt wiederholte und über⸗ E=nes 279 ſetzte eine Stelle aus dem Mewliawillinwold, die beſagte, ih ſei, wie ein von der Sonne beſchienener Berg. Alles dieß war ſo angenehm, daß ich glaube, es mahte mich dem Berge immer noch ähnlicher, als ich zu⸗ vor ſchon geweſen. Nach dem Frühſtück erſpähete ich eine geſchickte Ge⸗ legenheit, und guckte ein Bischen herum, bis ich meinen Vormund allein in ſeinem Zimmer ſah,— in dem Zim⸗ mer vom vergangenen Abende. Dann nahm ich meine Schlüſſel, um wenigſtens einen Vorwand zu haben, ging hinein, und ſchloß die Thüre hinter mir. „Wohlan, Dame Durden?“ fragte mein Vormund, die Poſt hatte mehrere Briefe für ihn gebracht, und er har eben mit Schreiben beſchäftigt.„Du brauchſt wohl eld?“ „Nein, nein, ich habe genug.“ „ Noch nie hat es eine ſolche Dame Durden gegeben, die mit dem Gelde ſo weit reichte,“ ſprach mein Vor⸗ mund. Er hatte die Feder weggelegt und ſchaute mich, ſich in ſeinem Stuhle zurücklehnend, an. Ich habe zwar ſchon oft von ſeinem freundlichen Geſichte geſprochen, aber doch glaubte ich, daß mir daſſelbe nie ſo freundlich und gütig erſchienen. Es lag ein hohes Gefühl der Wonne darüber verbreitet, das mich auf den Gedanken brachte:„Gewiß hat er heute Morgen ein recht gutes Werk gethan.“ „Noch nie hat es eine ſolche Dame Durden gegeben,“ ſprach mein Vormund nachſinnend, während er mich an⸗ lächelte,—„noch nie hat es eine ſolche Dame Durden gegeben, die mit dem Gelde ſo weit reichte.“ Er hatte bis daher noch nie in ſeinem alten Weſen eine Veränderung eintreten laſſen. Ich liebte es und ihn ſo ſehr, daß, als ich jetzt zu ihm hinging und meinen gewöhnlichen Stuhl einnahm, der immer neben dem ſei⸗ nigen ſtand— denn bisweilen las ich ihm vor, zuweilen 280 ſprach ich mit ihm, und zuweilen arbeitete ich ſchweigend neben ihm— ich es kaum ſtören mochte, indem ich mein⸗ Hand auf ſeine Bruſt legte. Aber ich fand, daß ich es gar nicht ſtörte. „Lieber Vormund,“ ſprach ich,„ich möchte gern mit Ihnen ſprechen. Bin ich in irgend einem Stücke rach⸗ läſſig geweſen?“ 4„In irgend einem Stücke nachläſſig geweſen, meine Liebe!“ „Bin ich nicht geweſen, was ich ſein wollte, ſeit⸗ dem— ich die Antwort auf Ihren Brief gebracht, Vor⸗ mund?“ „Du biſt Alles geweſen, was ich nur wünſchen konnte, meine Liebe.“ „Es freut mich wahrhaftig unendlich dieß zu hören,“ entgegnete ich.„Sie wiſſen, daß Sie zu mir ſagten, ob dieß die Gebieterin von Bleak Houſe ſei. Und ich ſagte, a. 6„Ja,“ antwortete mein Vormund, mit dem Kopfe nickend. Er hatte den Arm um mich geſchlungen, wie wenn Etwas vorhanden wäre, wogegen er mich ſchützen müſſe, und ſah mir lächelnd ins Geſicht. „Seit jenem Angenblicke,“ fuhr ich fort,„haben wir nur noch ein Mal über die Sache geſprochen.“ „Und dann ſagte ich,“ gab er zurück,„es leere ſich Bleak Houſe raſch; und dem war auch ſo, meine Liebe.“ „Und ich antwortete,“ erinnerte ich ihn ſchüchtern, „es bleiben auf jeden Fall deſſen Gebieterin zurück.“ Er hielt mich immer noch in derſelben beſchützenden Weiſe, und mit derſelben wohlthuenden Güte und Freund⸗ lichkeit im Geſichte. „Lieber Vormund,“ ſprach ich,„ich weiß, wie Sie Alles gefühlt, was vorgegangen, und wie rückſichtsvoll und umſichtig Sie geweſen. Da nun ſchon ſo viel Zeit verſtrichen, und de Sie erſt noch heute Morgen davon ————,—— 281 geſprochen, daß ich wieder ſo geſund ausſehe, ſo erwar⸗ ten Sie vielleicht von mir, daß ich die Sache wieder zur Sprache bringen werde. Vielleicht muß ich das auch thun. Ich will die Gebieterin von Bleak Hounſe ſein, ſo bald Sie nur wollen.“ „Schau doch,“ verſetzte er luſtig,„welche Sympa⸗ thie muß zwiſchen uns ſein! Es ging mir ſonſt Nichts im Kopfe herum, als der arme Rick— allerdings keine kleine Ausnahme. Als Du hereinkameſt, erfüllte mich dieſer Gedanke ganz und gar. Wann werden wir aber Bleak Houſe ſeine Gebieterin geben, kleines Weibchen?“ „So bald Sie nur wollen.“ „Nächſten Monat?“ „Ja, nächſten Monat, lieber Vormund.“ „Der Tag, an dem ich den glücklichſten und beſten Schritt meines Lebens thue,— der Tag, an dem ich ein Menſch ſein werde, frohlockender und beneidenswer⸗ ther, als irgend einer auf dieſer Welt— der Tag, an dem ich Bleak Houſe ſeine kleine Gebieterin gebe— ſoll alſo in den nächſten Monat fallen,“ ſprach mein Vor⸗ mund. Ich ſchlang beide Arme um ſeinen Nacken und küßte ihn gerade ſo, wie ich an dem Tag gethan, an dem ich meine Antwort gebracht. Ein Diener kam an die Thüre her, um Mr. Bucket anzumelden, was ganz und gar unnöthig war, da der genannte Mr. Bucket bereits über die Schulter des Dieners weg hereinſah. „Mr. Jarndyce und Miß Summerſen,“ ſprach er, etwas außer Athem,„wollen Sie entſchuldigen, daß ich ſo ohne Weiteres mich eindränge, und mir erlauben, daß ich eine Perſon heraufkommen laſſe, die unten auf der Treppe iſt, und dort nicht allein bleiben mag, für den Fall, daß ſie während ihrer Abweſenheit zum Ge⸗ genſtande von Bemerkungen gemacht wird? Ich danke 282 Ihnen. Man trage das Glied dort hierher!“ befahl Mr. Bucket, über das Treppengeländer hinwinkend. Dieſer ſonderbare Befehl hatte die Wirkung, daß ein alter Mann in einem ſchwarzen Käppſel zum Vor⸗ ſchein kam. Es konnte derſelbe nicht gehen, ſondern wurde durch zwei Träger heraufgebracht und in dem Zim⸗ mer neben der Thüre niedergelaſſen. Mr. Bucket entledigte ſich alsbald der Träger, ſchloß in myſteriöſer Weiſe die Thüre und verriegelte dieſelbe. „Schauen Sie nun, Mr. Jarndyce,“ hob er als⸗ dann an, indem er ſeinen Hut niederlegte, und, ſeinen wohl bekannten Finger hin und herſchwenkend, zu ſeinem Thema überging,„Sie kennen mich und ebenſo kennt mich Miß Summerſen. Dieſer Herr kennt mich gleichfalls, und es iſt ſein Name Smallweed. Sein Hauptgeſchäft iſt das Escomptiren, und er iſt ſo das, was Sie einen Wechſelkäufer nennen können. Das iſt ſo etwa, was Sie ſind, wiſſen Sie,— nicht wahr?“ ſprach Mr. Bucket, ſich ein Bischen bückend, um den fraglichen Herrn anzu⸗ reden, der ihm nur gar wenig zu trauen ſchien. Er ſchien den ihm gegebenen Charakter beſtreiten zu wollen, als er einen heftigen Huſtenanfall bekam. „Nun ſehen Sie, Mann!“ ſprach Mr. Bucket, aus dem Vorfall Nutzen ziehend.„Widerſprechen Sie nicht, wenn keine Urſache dazu vorhanden, ſo bekommen Sie keinen ſolchen Anfall. Und nun, Mr. Jarndyce, wende ich mich an Sie. Ich habe mit dieſem Herrn in Sachen Sir Leiceſter Dedlock's, Baronets, unterhandelt; und ſo iſt es denn gekommen, daß ich viel in ſeinem Hauſe aus⸗ und eingegangen, und in deſſen Nähe geweſen bin. Sein Haus iſt das, welches früher Krook inne hatte, ein Mann, der mit Schiffsbedürfniſſen handelte: es war derſelbe ein Verwandter von dieſem Herrn, und Sie haben denſelben, wenn ich mich nicht irre, früher, als er noch lebte, geſehen?“ Mein Vormund bejahte die Frage. ———,— n— 283 „Gut! Sie müſſen nun wiſſen,“ ſprach Mr. Bucket, „daß der Herr da als Erbe von Krooks Vermögen auf⸗ tritt,— und wirklich war da auch viel elſterartiges Vermögen: ungeheure Maſſen Makulatur unter Anderem. Gott weiß es, ob es Jemand was nützen kann!“ Die Schlauheit von Mr. Bucket's Auge und die meiſterhafte Weiſe, in der es ihm auch ohne einen Blick, oder ein Wort, wogegen ſein aufmerkſamer Zuhörer hätte proteſtiren können, gelang, uns mitzutheilen, daß er die Sache zufolge vorangegangener Verabredung darſtelle und über Mr. Smallweed weit mehr ſagen könne, wenn er es für räthlich erachte, beraubte uns alles und jeden Verdienſtes, wenn wir ihn ganz verſtan⸗ den. Seine Schwierigkeit wurde noch vermehrt durch den Umſtand, daß Mr. Smallweed ſowohl taub, als argwöhniſch war, und ſein Geſicht mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit betrachtete. „In dieſem Haufen alter Papiere fängt nun der Herr da natürlich an, herumzuſtöbern, ſobald er ſich zur Erbſchaft berufen ſieht,— ſehen Sie nicht?“ ſprach Mr. Bucket. „Fängt er an, was zu thun? Sagen Sie das doch noch ein Mal!“ rief Mr. Smallweed mit ſchriller, durch⸗ dringender Stimme.“ „Herumzuſtöbern,“ wiederholte Mr. Bucket.„Da Sie ein kluger, vorſichtiger Mann ſind, und die Ge⸗ wohnheit haben, nach Ihren Sachen zu ſchauen, ſo fan⸗ gen Sie an, in den Papieren herumzuſtöbern, die Sie geerbt: nicht wahr?“ „Ei natürlich,“ rief Mr. Smallweed. „Natürlich thun Sie das,“ ſagte Mr. Bucket zu⸗ thulich,„und recht ſehr zu tadeln wären Sie, wenn Sie das nicht thäten. Und ſo finden Sie denn ganz zufällig, wiſſen Sie,“ fuhr Mr. Bucket fort, indem er ſich mit einer Miene luſtigen Spottes, worauf Mr. Smallweed ihm in keiner Weiſe diente, über ihn neigte,—„und ſo 284 finden Sie denn ganz zufällig, wiſſen Sie, ein Papier mit der Unterſchrift ‚Jarndyce’. Nicht wahr?“ Mr. Smallweed blickte uns mit unruhigem, Angſt ausdrückendem Auge an und gab, wenn auch nur ungern, ſeine Zuſtimmung durch Nicken kund. „Und als Sie ſo das Papier recht behaglich und nach Muße anſchauen,— ohne ſich dabei unnöthig zu beeilen, denn Sie ſind nicht von der Neugierde geplagt, es zu leſen, und warum ſollten Sie das auch ſein!— was finden Sie da? Nichts, als daß es ein Teſtament iſt, ſehen Sie. Das iſt das Drollige bei der Sache,“ ſagt Mr. Bucket, der mit derſelbigen luſtigen Miene wieder einen Scherz vorbringt, damit Mr. Smallweed auch Etwas hat, woran er ſich freuen kann,— Mr. Smallweed, der immer noch ſo niedergeſchlagen ausſieht, und dem die Sache gar keinen Spaß zu machen ſcheint; was finden Sie da? Nichts, als daß es ein Teſtament iſt.“ „Ich weiß nicht, ob es auch ein rechtskräftiges Teſtament oder anderes Document iſt,“ knurrte Mr. Smallweed.* Mr. Bucket ſchaute den alten Mann einen Augen⸗ blick an— er war auf ſeinem Stuhle heruntergeglitten und zu einem bloßen Bündel zuſammengeſchrumpft— wie wenn er große Luſt hätte, über ihn herzufallen. Nichts deſto weniger fuhr er fort, mit der gleichen luſti⸗ gen Miene ſich über ihn zu neigen und den Winkel eines ſeiner Augen auf uns haften zu laſſen. „Nichts deſto weniger,“ erwiderte Mr. Bucket,„be⸗ kommen Sie ſo einige kleine Zweifel, und werden ein Bischen unruhig wegen der Sache, da Sie ein ſo zar⸗ tes Gewiſſen haben.“ „He! Was ſagen Sie da, daß ich habe?“ fragte Mr. Smallweed, mit einer Hand am Ohre. „Ein ſo zartes Gewiſſen.“ dedot So fahren Sie denn fort!“ ſprach Mr. Small⸗ weed. 28⁵ „Und da Sie haben viel ſprechen hören von einem berühmten Proceß, der vor dem Kanzleigerichtshofe ſchwebt, Teſtamente zum Gegenſtande hat, und denſelben Namen führt; und da Sie wiſſen, welche Sucht Krook hatte, allerlei alte Möbeln, Bücher und Papiere, und ich weiß nicht, was noch, zuſammen zu kaufen, und ſich nie mehr davon zu trennen und ſich immer ſelbſt leſen lehren zu wollen, ſo fingen Sie an, zu denken— und nie hatten Sie einen geſcheidteren Gedanken, ſo lange Sie leben—: ‚Meiner Sechs, wenn ich nicht recht Acht gebe, ſo kann ich durch dieſes Teſtament in Schwullitäten kommen?”“ „Nun, nur die Sache nicht anders hingeſtellt, Bucket!“ rief der alte Mann ängſtlich, eine Hand am Ohre.„Sprechen Sie frei heraus; keines von ihren verſchwefelten Kunſtſtücken! Heben Sie mich auf; ich möchte beſſer hören können! Ach, Du mein Gott, ich bin zu lauter Stücken zuſammengeſchüttelt!“ Mr. Bucket hatte ihn allerdings pfeilſchnell aufge⸗ hoben. Sobald er indeſſen durch Mr. Smallweeds Huſten und deſſen bösartiges Geſchrei hiedurch— der Alte ſchrie in einem fort:„O, meine Beine! Ach, Du lieber Gott! Ich habe keinen Athem mehr im Leibe! Ich bin übler daran, als die plaudernde, ſchnarrende, verſchwefelte Sau zu Hauſe!“— ſich Gehör verſchaffen konnte, fuhr er in derſelben luſtigen und gemüthlichen Weiſe, wie zuvor, fort. „Da ich alſo zufällig die Gewohnheit habe, in und um Ihr Haus zu kommen, ſo ziehen Sie mich ins Vertrauen,— nicht wahr?“ Ich glaube, daß es wohl kaum möglich wäre, Etwas ungerner zuzugeben, als hier der Fall war; und es ward aus dem ganzen Benehmen Mr. Smallweeds vollkommen klar, daß er wohl Mr. Bucket am Allerletzten ins Vertrauen gezogen haben würde, wenn er eine 286 Möglichkeit geſehen, ihn von ſeinem Vertrauen auszu⸗ ſchließen. „Und ich gehe das Ding mit Ihnen durch,— und es iſt uns dabei recht wohl; und ich bekräftige Sie in Ihren wohlbegründeten Befürchtungen, daß— Sie— in— eine— recht— angenehme— Lage— kommen —, wenn Sie das Teſtament da nicht produziren,“ ſagte Mr. Bucket emphatiſch;„und Sie machen daher mit mir aus, es ſolle ohne alle und jede Bedingung Mr. Jarn⸗ dyce hier ausgeliefert werden. Sollte es ſich als werth⸗ voll erweiſen, ſo wollen Sie es ihm anheimſtellen, welche Belohnung er Ihnen geben will; das iſt ſo etwa, was wir miteinander ausmachten, nicht wahr?“ „Ja, das iſt ausgemacht worden,“ ſtimmte Mr. Smallweed, immer gleich ungern, bei. „In Folge deſſen,“ ſprach Mr. Bucket, urplötzlich ſeiner angenehmen, luſtigen Weiſe den Abſchied gebend und einen ſtrengen Geſchäftston anſchlagend,„haben Sie in dieſem Augenblicke das Teſtament bei ſich; und das Einzige, was Ihnen nun zu thun übrig bleibt, iſt, daß Sie es ohne Weiteres herausgeben!“ Nachdem er aus dem wachſamen Winkel ſeines Auges uns einen Blick zugeworfen und ſich die Naſe in triumphirender Weiſe mit dem Zeigefinger gerieben, ſtand Mr. Bucket da, und ließ die Augen auf ſeinem vertrauten Freunde haften, während er die Hand aus⸗ ſtreckte, um das Papier in Empfang zu nehmen und daſſelbe meinem Vormund zu überreichen. Es wurde daſſelbe nicht ohne großes Widerſtreben und ohne eine Menge Erklärungen von Seiten Mr. Smallweeds, daß er ein armer, fleißiger Mann ſei, und daß er es Mr. Jarndyce's Ehre überlaſſen wolle, ihn, Smallweed, durch ſeine Ehrlichkeit nicht zu Schaden kommen zu laſſen, produzirt. Allmälig zog er aus einer Bruſttaſche überaus langſam ein farbiges Papier hervor, das aber ſchon ziem⸗ ——,4,——— ——— Ao A——,——„»O, ———,—— ↄ ——— 287 lich verſchoſſen, auf der Außenſeite ziemlich verſengt und an den Rändern ein Bischen verbrannt war, wie wenn es ſchon vor vielen Jahren in ein Feuer geworfen und dann raſch wieder aus demſelben herausgezogen worden wäre. Mr. Bucket verlor keine Zeit, ſondern reichte das Papier mit der Gewandtheit eines Taſchenſpielers von Mr. Smallweed zu Mr. Jarndyce hin. Während er es meinem Vormund übergab, flüſterte er hinter den Fin⸗ gern hervor: „Waren nicht einig geworden, was ſie dafür fordern ſollten. Stritten ſich darüber und meinten dieß und je⸗ nes. Ich habe zwanzig Pfund bei der Sache ausgelegt. Zuerſt fielen die geizit Enkel über ihn her, weil er ſo unvernünftig lange lebe, und dann fielen die wieder über einander her. Du, mein Gott! Es iſt in der ganzen Familie auch nicht eines, das nicht das andere um ein paar Pfund verkaufen möchte, die alte Frau allein aus⸗ genommen— und die bildet nur darum eine Ausnahme, weil ſie zu geiſtesſchwach iſt, um einen Handel abzuſchließen.“ „Mr. Bucket,“ ſprach mein Vormund laut,„welchen Werth immer dieſes Papier für Jemand haben mag,— ich bin Ihnen unendlich verpflichtet; und iſt es wirklich von Werth, ſo halte ich mich für verpflichtet, Mr. Small⸗ weed eine angemeſſene Belohnung zu Theil werden zu laſſen.“ „ine Belohnung, die ſich nicht nach Ihrem Ver⸗ dienſte richten wird, wiſſen Sie,“ ſprach Mr. Bucket, Mr. Smallweed die Sache freundſchaftlich erklärend. „Seien Sie deßhalb ohne Furcht! Eine Belohnung, die ſich nach dem Werthe des Papiers richten wird.“ „Ja, ja, ſo meine ich es,“ ſprach mein Vormund. „Sie können ſehen, Mr. Bucket, daß ich ſelbſt mich der Prüfung dieſes Papiers mich enthalte. Die ungeſchminkte Wahrheit iſt, daß ich nun ſchon ſeit vielen Jahren es verſchworen habe, mich je wieder mit der Sache zu be⸗ 288 faſſen; es iſt mir dieſelbe in der Seele zuwider. Miß Summerſon und ich werden alsbald das Papier meinem Sachwalter zuſtellen, und es ſoll deſſen Vorhandenſein allen übrigen betheiligten Parteien zu wiſſen gethau werden.“ „Mr. Jarndyce kann nicht ehrlicher zu Werke gehen, hören Sie,“ bemerkte Mr. Bucket gegen den andern Be⸗ ſuchenden.„Und da es Ihnen nun klar ſein muß, daß Niemand geſchädigt wird und zu kurz kommt— was Ih⸗ nen eine große Erleichterung ſein muß— ſo können wir nun zu der Ceremonie, Sie wieder nach Hauſe tragen zu laſſen, ſchreiten.“ Er riegelte die Thüre wieder auf, rief die Träger herein, wünſchte uns einen guten Tag, und entfernte ſich mit einem bedeutungsvollen Blicke und einer Finger⸗ Krümmung. Auch wir gingen aus, und zwar begaben wir uns ſo geſchwind wie nur möglich nach Lincolns Inn. Mr. Kenge war zufällig frei; und wir fanden ihn an ſeinem Tiſche in ſeinem ſtaubigen Zimmer mit den ausdruckslos ausſehenden Büchern und den Papierſtößen. Nachdem Mr. Guppy uns Stübhle hingeſtellt hatte, drückte Mr. Keuge ſeine Ueberraſchung und Befriedigung über das ungewohnte Erſcheinen Mr. Jarndyce's auf ſei⸗ nem Bureau aus. Er wendete, während er ſprach, ſein doppeltes Augenglas um, und war mehr denn je der Converſations⸗Kenge. „Hoffentlich,“ ſprach Mr. Kenge,„hat der wohl⸗ thuende Einfluß von Miß Summerſon,“— hier ver⸗ beugte er ſich gegen mich,—„Mr. Jarndyce“— hier verbeugte er ſich gegen ihn,—„veranlaßt, ſeiner Ani⸗ moſität gegen den Prozeß und gegen einen Gerichtshof ein wenig zu entſagen, die— ſoll ich ſo ſagen— zu der ſtattlichen Ausſicht gehören, welche die Pfeiler un⸗ ſeres Standes darbieten?“ „Ich bin geneigt, zu glauben,“ verſetzte mein Vor⸗ 289 mund, daß Miß Summerſon von den Wirkungen des Gerichtshofes und des Prozeſſes ſchon zu viel geſehen, als daß ſie ihren Einfluß zu deren Gunſten aufbieten möchte. Gleichwohl haben dieſelben zum Theil dazu An⸗ laß gegeben, daß ich hier bin. Mr. Kenge, erlanben Sie mir, bevor ich dieſes Schriftſtück auf Ihr Pult lege, um mich dann Nichts mehr darum zu kümmern, daß ich Ih⸗ nen ſage, wie daſſelbe in meine Hände gekommen.“ Er erzählte dieß kurz und deutlich. „Die Sache hätte,“ antwortete Mr. Kenge,„nicht deutlicher und zweckdienlicher auseinander geſetzt werden können, wenn ſie ein Rechtsfall geweſen wäre.“ „Iſt Ihnen je bekannt geweſen, daß Recht oder Billigkeit in England deutlich nnd zweckdienlich iſt?“ fragte mein Vormund. „O pfui!“ antwortete Mr. Kenge. Anfänglich hatte es nicht den Anſchein gehabt, als ob er dem Papier eine große Bedeutung zuſchriebe; als er es aber näher anſah, ſchien er ſich mehr dafür zu in⸗ tereſſiren, und als er es aufgemacht und durch ſein Au⸗ genglas hindurch ein Bischen darin geleſen hatte, wurde er in Staunen verſetzt. „Mr. Jarndyce,“ ſprach er, von dem Papier auf⸗ ſchanend,„Sie haben dieß doch wohl geleſen?“ „Ich? Nein!“ verſetzte mein Vormund. „Aber mein lieber Herr,“ ſprach Mr. Kenge,„es iſt dieß ein Teſtament von ſpäterem Datum als irgend eines in dem ganzen Prozeſſe. Es ſcheint ganz vom Te⸗ ſtator ſelbſt geſchrieben zu ſeiu. Es iſt in beſter Form abgefaßt und beglaubigt. Und hätte es auch wieder un⸗ giltig gemacht werden ſollen, wie ſich vielleicht aus dieſen Feuerſpuren abnehmen ließe, ſo iſt es doch nicht ungil⸗ tig geworden. Es iſt in jeder Beziehung ein untadel⸗ haftes Inſtrument!“— „Gut!“ ſprach mein Vormund.„Was verſchlägt das mir?“ Bleak Houſe. IV. 19 290 „Mr. Guppy!“ rief Kenge, die Stimme crhebend. „Ich bet⸗ Sie um Verzeihung, Mr. Jarndyce.“ „Sir.“ „Mr. Vholes von Symond's Inn. Mein Compli⸗ ment. Jarndyce und Jarndyce. Möchte mit ihm ſprechen.“ Mr. Guppy verſchwand. „Sie fragen mich, Mr. Jarndyce, was es Ihnen verſchlage? Hätten Sie dieſes Document durchgeleſen, ſo würden Sie geſehen haben, daß es Ihren Antheil be⸗ deutend ſchmälert, obgleich derſelbe immer noch ein hüb⸗ ſcher bleibt, ja, immer noch ein recht hübſcher bleibt,“ ſagte Mr. Kenge, die Hand in überzeugender und ſanfter Weiſe ſchwenkend.„Sie würden ferner daraus erſehen haben, daß die Intereſſen Mr. Richard Carſtone's und Miß Ada Clare's, nun Mrs. Richard Carſtone, ſehr weſentlich dadurch gefördert werden.“ „Kenge,“ erwiederte mein Vormund,„könnte all' der blühende Reichthum, den der Prozeß in dieſen nieder⸗ trächtigen Kanzleigerichtshof gebracht, meinen zwei jungen Verwandten zufallen, ſo wäre ich recht zufrieden. Mu⸗ then Sie mir aber zu, zu glauben, es ſolle aus Jarn⸗ dyce und Jarndyce etwas Gutes kommen?“ „O, Mr. Jarndyce, Sie machen's doch gar zu arg! Vorurtheile, lauter Vorurtheile! Mein lieber Herr, es iſt dieß ein recht großes Land, ja ein recht großes Land. Sein Billigkeitsſyſtem iſt ein recht großes Syſtem, ja, ein recht großes Syſtem. Ja, ja!“ 3 Mein Vormund ſagte nnn Nichts mehr, und bald erſchien Mr. Vholes. Mr. Kenge's höhere Stellung als Juriſt drückte ſich dadurch aus, daß ſie Erſterem einigen Reſpeet einflößte. 1 „Wie befinden Sie ſich, Mr. Vholes? Wollen Sie wohl ſo gut ſein und ſich zu mir her ſetzen, und dieſes Schriftſtück durchleſen?“ Mr. Vholes that, wie man ihn gebeten, und ſchien jedes Wort zu buchſtabiren. Er wurde dadurch zwar 291 nicht aufgeregt, aber es war ja bekannt, daß er ſich durch Nichts aufregen ließ. Nachdem er das Papier gehörig geprüft, zog er ſich mit Mr. Kenge in eine Fenſtervertiefung zurück, und ſprach, ſich den Mund mit ſeinem ſchwarzen Handſchuhe beſchattend, ziemlich lange mit ihm. Es überraſchte mich nicht, zu ſehen, daß Mr. Kenge das, was er ſagte, und zwar, ehe er noch viel geſagt, zu beſtreiten geneigt war, deun ich wußte, daß es nie zwei Leute gab, die in Jarn⸗ dyce und Jarndyce in dieſem oder jenem Punkte mit ein⸗ ander übereinſtimmten. Gleichwohl ſchien er über Mr. Kenge an einem Geſpräche den Sieg davon zu tragen, das da klang, wie wenn es faſt nur aus den Worten „Obereinnehmer,“„Generalbuchhalter,“„Relation,“ „Vermögen,“ und„Koſten“ beſtünde. Als ſie fertig waren, kamen ſie wieder zu Mr. Ken⸗ ge's Tiſch her und ſprachen laut. „Gut! Aber es iſt dieß ein recht bemerkenswerthes Document, Mr. Vholes,“ ſprach Mr. Kenge. Mr. Vholes antwortete: „Ein recht bemerkenswerthes Document.“ „Und ein recht wichtiges Document, Mr. Vholes?“ fragte Mr. Kenge weiter. Und abermals antwortete Mr. Vholes: „Ein recht wichtiges Document.“ „Und wie Sie ſagen, Mr. Vholes, ſo wird dieſes Document, wenn der Prozeß während des nächſten Ter⸗ mins wieder vorkommt, einen unerwarteten und intereſ⸗ ſanten Zug darin bilden,“ ſprach Mr. Kenge, meinen Vormund vornehm anſehend. Mr. Vholes als ein Juriſt von minder großer Praxis, der ſich beſtrebte, achtungswerth zu bleiben, ließ ſich in jeder Anſicht, die er haben mochte, durch eine ſolche Autorität gern beſtärken. „Und wann,“ fragte mein Vormund, ſich nach einer Pauſe erhebend, während welcher Mr. Kenge mit ſeinem 292 Geld geklappert, Mr. Vholes aber an ſeinen Blätterchen gezupft hatte,„wann iſt denn der nächſte Termin?“ „Der nächſte Termin, Mr. Jarndyce, iſt im näch⸗ ſten Monat,“ antwortete Mr. Kenge.„Wir werden natürlich in Betreff dieſes Documents alsbald das Nö⸗ thige thun, und den nöthigen Zeugenbeweis beibringen; und natürlich werden wir Ihnen wie gewöhnlich es zu wiſſen thun, wenn die Sache vorkommt.“ „Worauf ich der Sache natürlich die gewohnte Auf⸗ merkſamkeit ſchenken werde.“ „Alſo immer noch darauf erpicht, mein lieber Herr,“ ſprach Mr. Kenge, uns durch das äußere Büreau nach der Thüre hin begleitend,„alſo immer noch Ihrer Bil⸗ dung zum Trotze darauf erpicht, einem beim Volke im Schwange gehenden Vorurtheile als Echo zu dienen? Wir ſind ein in gedeihlichen Umſtänden befindliches Ge⸗ meinweſen, Mr. Jarndyce, ja, ein in recht gedeihlichen Umſtänden befindliches Gemeinweſen. Wir ſind ein großes Land, ja,— wir ſind ein recht großes Land. Es iſt dieß ein großes Syſtem, Mr. Jarndyce, und möchten Sie wohl, daß ein großes Land ein kleines Syſtem habe? Das können Sie doch unmöglich wollen 4˙4 Er ſprach dieß oben auf der Treppe und machte mit der rechten Hand eine ſanfte Bewegung, wie wenn die⸗ ſelbe eine ſilberne Kelle wäre, womit er den Kitt ſeiner Worte über den Bau des Gebäudes ausbreiten und ſo daſſelbe auf tauſend und tauſend Jahre hinein befeſtigen wollte. 0 86A VY—, 8— 293 Dreiundſechzigſtes Kapitel. Stahl und Eiſen. George's Schießbahn iſt zu vermiethen, und es wird ſämmtliches Material verkauft, und es iſt George ſelbſt nun zu Chesney Wold, wo er Sir Leiceſter auf ſeinen Spazierritten begleitet, und ganz an dem Zügel des Letz⸗ teren reitet, weil dieſer ſein Pferd nur mit ungewiſſer Hand lenkt. Heute aber iſt George nicht in ſolcher Weiſe beſchäftigt. Heute reist er in die Eiſengegend, weiter nördlich, um ſich umzuſchauen. Je mehr er ſich der Eiſengegend nähert, und je wei⸗ ter nördlich er kommt, um ſo mehr verſchwinden ſolch' friſch ausſehende und grüne Waldungen, wie die zu Ches⸗ ney Wold, und es werden Kohlengruben und Aſchen⸗ haufen, hohe Schornſteine und rothe Backſteine, ein arm⸗ ſeliges Grün, verſengende Feuer, und ſchwere, nie leichter werdende Rauchwolken die Hauptzüge der Scenerie. Unter ſolchen Gegenſtänden reitet der Troupier fort und ſchaut ſich um, und ſchaut immer und ewig nach Etwas, das er finden will. Endlich, an der ſchwarzen Kanalbrücke einer geſchäf⸗ tigen Stadt, aus der es ihm wie Eiſen entgegen klingt, und wo mehr Feuer und Rauch zu ſehen ſind, als er bis jeßt erblickt, hält der Troupier, der von dem Staube der Köhlenwägen ganz dunkelbraun ausſieht, ſein Pferd an, und fragt einen Arbeiter, ob ihm der Name Rouncewell bekannt ſei?“ „Ei, Herr,“ fragt der Arbeiter,„iſt mir mein eige⸗ ner Name bekannt?“ 294 „Es iſt derſelbe alſo hier zu Land ſo wohl bekannt, Kamerad, he?“ fragt der Troupier. „Rouncewell's? Ah, Sie haben Recht.“ „Und wo mag es gleich ſein?“ fragt der Troupier, einen Blick vor ſich hinwerfend. „Die Bank, die Fabrik, oder das Haus?“ will der Arbeiter wiſſen. „Hm! Es ſcheint, Rouncewell's iſt ſo groß,“ mur⸗ melt der Troupier, und ſtreichelt ſich dabei das Kinu, „daß ich große Luſt hätte, wieder umzukehren. Ei, ich weiß ſelbſt nicht, was ich will. Glauben Sie wohl, daß ich Mr. Rouncewell in der Fabrik finden würde?“ „Es iſt nicht leicht zu ſagen, wo Sie ihn finden können;— un dieſe Zeit des Tages können Sie ent⸗ weder ihn oder ſeinen Sohn dort finden, wenn er nicht verreist iſt; aber ſeine Contracte führen ihn bald da, bald dorthin.“. Und welches iſt denn die Fabrik? Ei, er ſieht die Schornſteine dort— die höchſten, ja, er ſieht dieſelben. Wohlan! Er möge das Auge auf dieſe Schornſteine ge⸗ richtet halten und ſo gerade wie nur möglich fortreiten, und bald wird er ſie drunten an einer Straßenkrümmung zur linken Hand ſehen, umſchloſſen von einer großen, back⸗ ſteinernen Mauer, die eine Seite der Straße bildet. Das iſt Ronncewell's. Der Tronpier dankt für dieſe Mittheilung und reitet, immer umherſchauend langſam weiter. Er kehrt nicht um, ſondern ſtellt ſein Pferd(das er auch große Luſt hat, zu verpflegen) in einem Gaſthauſe ein, wo etliche von Rouncewell's Händen zu Mittag eſſen, wie der Stall⸗ knecht ihm ſagt. Etliche von Rouncewell's Händen ſind eben aus der Fabrik ausgerückt, um ihr Mittageſſen einzunehmen und ſcheinen die ganze Stadt zu überfallen. Es ſind dieſelben recht ſehnig und ſtark, ja, das ſind Ronncewell's Hände; — auch ein Bischen rußig ſind ſie. —=———— 29⁵ Der Troupier langt bei einem Thore an der back⸗ ſteinernen Mauer an, ſchaut hinein und ſieht große, ver⸗ worrene Eiſenmaſſen in allen nur möglichen Verarbei⸗ tungsſtadien und in gewaltig vielen Geſtalten herum⸗ liegen; da liegt Eiſen in Form von Stangen, Klumpen, Platten und Tafeln, Waſſerbehältern, Keſſeln, Axen, Rä⸗ dern, Zähne für Räder, Kurbeln, Eiſenbahnſchienen; dort liegt wieder Eiſen zu excentriſchen und recht ver⸗ kehrten Formen verdreht und gekrümmt, es ſind dieß ver⸗ ſchiedene Maſchinentheile; ganze Berge von Eiſen liegen zerbrochen da und zeigen durch Roſt ihr Alter an; unter⸗ ſchiedliche Schmelzöfen zeigen es glühend und von Jugend⸗ feuer ſprühend; prächtige Feuerwerke von Eiſen werden dort in Form eines Regens unter den Streichen des Dampfhammers erzeugt; dort iſt roth glühendes Eiſen, dort weiß glühendes Eiſen, dort kaltſchwarzes Eiſen zu ſchauen; ein Eiſengeſchmack, ein Eiſengeruch, und ein Ba⸗ bel von Eiſentönen macht ſich überall bemerklich. „Es iſt dieß fürwahr ein Ort, wo man Kopfweh bekommen muß!“ ſpricht der Troupier, ſich nach dem Comptoir umſchauend.„Wer kommt da? Es ſieht die⸗ ſer Menſch ſo ganz aus wie ich, ehe ich in die weite Welt hinaus ging. Es muß dieß mein Neffe ſein, wenn es Familienähnlichkeiten gibt. Ihr Diener, Herr!“ „Der Ihrige, Herr. Wollen Sie mit Jemand ſprechen?“ „Entſchuldigen Sie! Sie ſind wohl der junge Mr. Rouncewell?“ „Ja.“ „Ich wollte Ihren Vater ſprechen, Herr. Ich möchte ein paar Worte mit ihm reden.“ Der junge Mann, der ihm ſagt, er ſei in der Wahl der Zeit glücklich, da ſein Vater da ſei, führt ihn nach dem Bürean hin, wo der ältere Mr. Rouncewell zu fin⸗ den iſt. „So ganz wie ich, ehe ich in die weite Welt hin⸗ 296 aus gegangen bin— mir teufelmäßig ähnlich!“ denkt der Troupier, während er ihm nachfolgt. Bald kommen Sie zu einem im Hof ſtehenden Ge⸗ bäude, das in einem höheren Stocke ein Büreau enthält. Als Mr. George des Herrn auf dem Büreau an⸗ ſichtig wird, wird er feuerroth. „Welchen Namen darf ich meinem Vater melden?“ fragt der junge Mann. George, der an gar nichts Anderes denkt, als an Eiſen, antwortet in der Verzweiflung„Stahl“*) und ſieht ſich unter dieſem Namen vorgeſtellt. Er wird mit dem Herrn auf dem Büreau allein ge⸗ laſſen,— mit dem Herrn, der an einem Tiſche ſitzt, und vor dem Rechnungsbücher und verſchiedene Papierbogen liegen, die mit einem Heer von Zahlen und wunderlichen Zeichnungen bedeckt ſind. Das Bürean ſelbſt ſieht recht nackt aus; die Fenſter entbehren der Vorhänge, und man gewahrt, wenn man hinausſieht, Nichts als Eiſen und Eiſen. Auf dem Tiſche herum liegen etliche Stücke Eiſen, die abſichtlich zerbro⸗ chen worden ſind, damit man in verſchiedenen Perioden ihres Dienſtes ſie nach ihren verſchiedenen Eigenſchaften probirt. Ueber alles liegt Eiſenſtaub verbreitet; und durch die Fenſter hindurch ſieht man, wie der Rauch ſich ſchwer aus den hohen Schornſteinen heraus wälzt, um ſich mit dem Staube zu vermiſchen, der einem dunſtigen Babel anderer Schornſteine entſteigt. 1 „Ich ſtehe Ihnen zu Dienſten, Herr Stabl,“ ſpricht der Herr, nachdem der Beſuchende auf einem roſtig aus⸗ ſehenden Stuhle Platz genommen hat. „Wohlan, Mr. Rouncewell,“ erwidert George, mit dem linken Arm auf dem Knie und den Hunt in der Hand ſich vorwärts beugend, und das Auge ſeines Bruders ſo *) Engl. Steel. & 297 viel wie möglich zu vermeiden ſuchend;„ich denke ſo, ich werde bei meinem dermaligen Beſuche eher keck als willkommen ſein. Ich habe einmal unter den Dragonern gedient, und einer meiner Kameraden, den ich ziemlich gut leiden konnte, war, wenn ich mich nicht täuſche, ein Bruder von Ihnen. Wie ich glaube, ſo hatten Sie einen Bruder, der ſeiner Familie einige Sorge verurſachte, und davon lief, und nie etwas Vernünftiges that, als indem er fort blieb?“ „Sind Sie ſo ganz gewiß, daß Sie wirklich Stahl heißen?“ antwortet der Eiſenwerkbeſitzer mit veränderter Stimme. Der Troupier ſtottert und ſchaut ihn an. Sein Bru⸗ der aber fährt auf, nennt ihn bei ſeinem Namen und er⸗ faßt ihn mit beiden Händen. „Du biſt mir zu ſcharfſichtig!“ ruft der Troupier, und es ſtürzen ihm die Thränen aus den Augen.„Wie geht es Dir, lieber alter Burſche? Nie hätte ich mir einbilden können, daß Du auch nur halb ſo froh wäreſt, mich wieder zu ſehen. Wie geht es Dir, lieber alter Burſche, wie geht es Dir?“ Sie ſchütteln einander wiederholt die Hand und küſſen einander aber und abermals. Dabei paart der Troupier immer noch ſein„Wie geht es Dir, lieber alter Burſche?“ mit der Proteſtation, daß er nie geglaubt hätte, es würde ſein Bruder auch nur halb ſo froh ſein, ihn wieder zu ſehen. „Ich glaubte das ſo wenig,“ erklärt er, nachdem er Alles erzählt, was ſeiner Ankunft vorangegangen,„daß ich anfänglich mich gar nicht zu erkennen geben und gar Nichts von mir hören laſſen wollte. Ich dachte ſo, ich könnte, wenn Du gegen meinen Namen Nachſicht üben wollteſt, allmälig es über mich gewinnen, einen Brief zu ſchreiben. Aber es hätte mich nicht überraſcht, Bruder, wenn es Dir ſehr wieder willkommen geweſen wäre, von mir zu hören.“ 298 „Wir wollen Dir zeigen, wie wir Deine Wiederkehr aufnehmen, George,“ entgegnet ſein Bruder.„Es iſt der heutige Tag für unſer Haus ein feſtlicher, und Du, broncirter, alter Soldat, hätteſt keinen beſſern auswählen können. Heute mache ich mit meinem Sohne Watt aus, daß er heute über ein Jahr ein Mädchen heirathen darf, ſo hübſch und gut, als Du nur je eines auf allen Dei⸗ nen Reiſen geſehen. Sie geht morgen nach Deutſchland mit einer Deiner Nichten, um ihrer Erziehung noch eine kleine Politur zu geben. Wir machen aus dieſem Ereigniſſe ein Feſt, und Du ſollſt der Held des Tages ſein.“ Mr. George findet ſich anfänglich durch dieſe Aus⸗ ſicht ſo vollkommen überwältigt, daß er ſich gegen die ihm zugedachte Ehre mit allem Ernſte ſträubt. Er muß ſich indeſſen von ſeinem Bruder und ſeinem Neffen über⸗ winden laſſen— gegen Letzteren erneuert er ſeine Pro⸗ teſtation, daß er nie hätte glauben können, daß man auch nur halb ſo froh ſein würde, ihn zu ſehen— und wird in ein elegantes Haus geführt, in deſſen Anord⸗ nungen allen eine wohlthuende Miſchung der urſprünglich ſchlichten Gewohnheiten des Vaters und der Mutter mit ſolchen zu gewahren iſt, die zu ihrer veränderten ſocialen Stellung und zu der ihrer Kinder paſſen. Hier erſchrickt Mr. George nicht wenig über die Grazie und Talente ſeiner Nichte, über die Schönheit Roſa's, ſeiner zukünftigen Nichte, und die freundſchaft⸗ lichen Begrüßungen dieſer jungen Dame, die er in einer Art Traum entgegen nimmt. Auch drückt ihn nicht wenig das ehrerbietige Benehmen ſeines Neffen, und das jäm⸗ merliche Bewußtſein, daß er ſelbſt nur ein Taugenichts ſei. Indeſſen geht es recht luſtig her, und Alles iſt voller Freude und Jubel; Mr. George ſelbſt benimmt ſich in der ganze Sache recht brav und martialiſch, und es wird ſein Verſprechen, daß er ſich bei der Heirath einfinden und die Braut weggeben wolle, mit allgemeinem Beifall —— — 4 299 aufgenommen. An dieſem Abende geht mit Mr. George Alles herum, als er ſich in das Gaſtbett im Hauſe ſeines Bruders niederlegt, und an alles dieſes denkt, und die Geſtalten ſeiner Nichten(die in ihren weißen Mouſſelin⸗ gewändern den ganzen Abend für ihn etwas Erſchreck⸗ liches gehabt haben) nach dentſcher Weiſe über ſeiner geſteppten Bettdecke walzen ſieht. An dem darauf folgenden Morgen ſind die beiden Brüder im Zimmer des Eiſenwerkbeſitzers eingeſchloſſen, und es fängt da der ältere in ſeiner klaren verſtändigen Weiſe an, zu zeigen, wie er George in ſeinem Geſchäfte am Beſten verwenden zu können glaubt. Da drückt George ihm die Hand und thut ihm Einhalt. „Bruder, ich danke Dir Millionen Mal für Deinen mehr als brüderlichen Willkomm, und Millionen Mal weiter für Deine mehr als brüderlichen Abſichten. Aber meine Pläne ſind ſchon gemacht. Ehe ich ein Wort dar⸗ über ſage, möchte ich Dich über eine Familienſache zu Rathe ziehen. Wie,“ ſpricht der Troupier, die Arme kreuzend und ſeinen Bruder mit unbezähmbarer Feſtigkeit anſchauend,„wie iſt wohl meine Mutter dahin zu bringen, daß Sie mich auskratzt?“ „Ich verſtehe Dich wahrlich nicht, George,“ ant⸗ wortet der Eiſenwerkbeſitzer. „Ich ſage, Bruder, wie iſt wohl meine Mutter da⸗ hin zu bringen, daß ſie mich auskratzt? Sie muß in irgend einer Weiſe dahin gebracht werden.“ „Du willſt wohl ſagen, daß ſie Dich aus ihrem Teſtamente auskratzt?“ „Ci natürlich meine ich das. Kurz und gut,“ ſpricht der Troupier, die Arme noch entſchloſſener kreuzend,„ich meine,— daß ſie mich auskratzt.“ „Lieber George,“ verſetzt ſein Bruder,„iſt es denn ſo unumgänglich nothwendig, daß man Dich dieſem Pro⸗ zeſſe unterwirft?⸗ „Durchaus nothwendig, ſchlechterdings nothwendig! 300 Ich möchte mich nicht der Gemeinheit ſchuldig machen, zurückzukommen, ohne dieſen Zweck erreicht zu haben. Ich könnte ſonſt nie dafür ſtehen, daß ich nicht wieder davon liefe. Ich habe mich nicht wieder heimgeſchlichen, um Deine Kinder, wenn nicht Dich ſelbſt, Bruder, deſſen zu berauben, was Euch gehört, Ich habe ja meine Rechte ſchon längſt verſcherzt. Soll ich da bleiben und den Kopf hoch tragen können, ſo muß ich ein für alle Mal ausgekratzt werden. Komm! Du biſt ein Mann von berühmtem Scharffinn und Verſtand und kannſt mir ſagen, wie das zu bewerkſtelligen iſt.“ „Ich kann Dir ſagen, George,“ verſetzt der Eiſen⸗ werkbeſitzer bedächtig,„wie es nicht zu bewerkſtelligen iſt, was den Zweck hoffentlich ebenſo gut erfüllen wird. Schau unſere Mutter an, Denk an ſie, ruf Dir ihre Aufregung zurück, als ſie Dich wiederfand! Glaubſt Du wohl, es gebe auf dieſer Welt irgend eine Rückſicht, die ſte bewegen könnte, einen ſolchen Schritt gegen ihren Lieblingsſohn zu thun? Glaubſt Du wohl, ſie werde je ihre Zuſtimmung dazu geben? und es ſei überhaupt eine Chance dazu da, um die Schmach aufzuwiegen, denn als eine ſolche würde ſie(die liebevolle, theure alte Frau!) dieſen Vorſchlag anſehen? Sollteſt Du ſolches glauben, ſo irrſt Du Dich. Nein, George, Du mußt Dich eben dazu entſchließen, unausgekratzt zu bleiben. Indeſſen glaube ich,—“ es liegt ein luſtiges Lächeln auf dem Geſichte des Eiſenwerkbeſitzers, während er ſei⸗ nen Bruder beobachtet, der ausſieht, wie wenn er ſich gewaltig verrechnet hätte und über Etwas nachgrübelte, „daß ſich die Sache dennoch machen läßt, ſo daß es faſt auf das Gleiche herauskommt.“ „Wie denn, Bruder?“ „Wenn Du nun ein Mal es nicht anders thun willſt, ſo kannſt Du, weißt Du, in jeder beliebigen Weiſe teſtamentariſch über das verfügen, was Du ſo unglücklich biſt, zu erben.“ 301 „Das iſt wahr!“ ſpricht der Troupier abermals nachgrübelnd. Dann fragt er, während er eine Hand auf die ſei⸗ nes Bruders legt, ernſthaft. „Bruder, möchteſt Du wohl das Deiner Frau und Familie ſagen?“ „Habe gar Nichts dagegen“ „Ich danke Dir. Vielleicht hätteſt Du Nichts dagegen zu ſagen, daß, obwohl ohne allen Zweifel ein Vagabund, ich doch kein ſo ganz gemeiner, ſondern nur ein unbeſon⸗ nener Vagabund ſei?“ Der Eiſenwerkbeſitzer unterdrückt ſein luſtiges Lächeln und gibt ſeine Zuſtimmung zu erkennen. „Ich danke Dir, danke Dir. Nun iſt mir eine Laſt vom Halſe,“ ſpricht der Tronpier, und es hebt ſich ſeine Bruſt, während er die Arme entkreuzt und eine Hand auf jedes Bein legt;„obgleich ich mit dem feſten Vorſatz gekommen war, meine Auskratzung zu bewirken!“ Die beiden Brüder gleichen, während ſie ſo, Geſicht gegen Geſicht, einander gegenüber ſitzen, einander unge⸗ mein; indeſſen macht ſich der Troupier dabei durch eine gewiſſe maſſive Einfachheit und eine gewiſſe Unkenntniß der Bräuche und Sitten der Welt bemerklich. „Und nun,“ fährt er zufriedener und ſich in ſein Schickſal ergebend, fort,„wollen wir zu meinen Plänen übergehen. Du biſt ſo brüderlich geweſen und haſt mir den Vorſchlag gemacht, ich ſolle hieher kommen, und ſolle meinen Platz unter den Früchten Deiner Beharrlichkeit und Deines Verſtandes einnehmen. Ich dankte Dir herz⸗ lich. Es iſt, wie ich ſchon zuvor geſagt, mehr als brü⸗ derlich; und ich danke Dir herzlich dafür,“(hier ſchüttelt er ihm lange die Hand).„Aber die Wahrheit iſt, Bru⸗ der, daß ich eine— daß ich eine Art Unkraut bin, und daß es zu ſpät iſt, mich in einen regelrecht angelegten Garten zu verpflanzen.“ „Mein lieber George,“ entgegnet der Aeltere, indem 3⁰² er ſeine ſtarke, ruhige Stirn auf ihn concentrirt und ver⸗ traulich lächelt;„überlaß das mir und laß mich einen kleinen Verſuch machen!“ George ſchüttelt den Kopf und ſpricht: „Ich zweifle gar nicht, daß Du es thun könnteſt, wenn Jemand es könnte; aber es läßt ſich nun ein Mal nicht thun. Es geht nun ein Mal nicht an, Bruder! Auf der andern Seite fügt es ſich ſo, daß ich Sir Lei⸗ ceſter Dedlock von einigem Nutzen ſein kann ſeit ſeiner Krankheit, die durch Familienkummer herbeigeführt wor⸗ den, und daß er dieſe Hilfe lieber von dem Sohne un⸗ ſerer Mutter annimmt, als von Jemand Anderem.“ „Wohlan, lieber George,“ verſetzt der Andere, und ſein offenes Geſicht uͤberfliegt ein, wenn auch uur ſehr leichter Schatten,„wenn Du es vorziehſt, in Sir Lei⸗ ceſter Dedlock's Haus⸗Brigade Dienſte zu nehmen,—“ „Da haben wir es, Bruder!“ ruft der Troupier, ihm Einhalt thuend, und die Hand abermals auf ein Knie ſtützend:„Da haben wir es! Es gefällt Dir dieſe Sache nicht, wie ich ſehe; aber es kümmert mich das nicht. Du biſt nicht gewohnt, Dich commandiren zu laſſen; ich aber bin es. Bei Dir iſt Alles in vollkommener Ord⸗ nung und Disciplin; ich aber muß dazu angehalten wer⸗ den. Wir ſind nicht gewohnt, die Sachen auf die gleiche Weiſe anzugreifen, oder dieſelben aus dem gleichen Ge⸗ ſichtspunkte anzuſehen. Ich mag nicht viel über meine Garniſonsſitten ſagen, da ich mich in vergangener Nacht ziemlich behaglich gefühlt habe, und es würden dieſelben in die Länge hier wohl kaum bemerkt werden. Aber mir behagt es dennoch beſſer zu Chesney Wold— wo für ein Unkraut mehr Platz iſt, als hier; auch wird ſich ſo die liebe alte Frau glücklicher fühlen. Darum nehme ich Sir Leiceſter Dedlock's Anträge an. Komme ich näch⸗ ſtes Jahr her, um die Braut wegzugeben, oder komme ich ein anderes Mal, ſo werde ich ſo verſtändig ſein, die Hausbrigade in einen Hinterhalt zu legen, und ſie nicht —++H—S—,—— —. ́ S e — 303 auf Deinem Grund und Boden manövriren zu laſſen. Ich danke Dir abermal herzlichſt und bin von Stolz er⸗ füllt, weun ich an die Rouncewell's denke, wie Du ſie gründeſt.“ „Du kennſt Dich ſelbſt, George,“ ſpricht der ältere Bruder, ſein Handſchütteln erwiedernd, und vielleicht kennſt Du Dich beſſer, als ich ſelbſt mich kenne. Thu', wie Dir beliebt! Thu', wie Dir beliebt, nur greif' es ſo an, daß wir uns einander nicht wieder ſo ganz aus dem Ge⸗ ſichte verlieren!“ „Kannſt in dieſer Beziehung ruhig ſein!“ verſetzt der Troupier.„Und nun, ehe ich wieder wegreite, Bru⸗ der, will ich Dich bitten, daß Du— wenn Du ſo gut ſein willſt— einen Brief für mich durchleſen mögeſt. Ich habe ihn mitgebracht, um ihn von hier wegzuſchicken, da Chesney Wold für die Perſon, an die er geſchrieben iſt, gerade jetzt ein peinlicher Name ſein dürfte. Ich ſelbſt bin au's Correſpondiren nur wenig gewöhnt, und möchte, daß dieſer Brief recht herauskäme, da derſelbe ſo⸗ wohl gerade und aufrichtig, als zart ſein ſoll.“ Mit dieſen Worten reicht er einen Brief, der mit etwas blaſſer Dinte, aber mit netter runder Hand eng Pelhrſeben iſt, dem Eiſenwerkbeſitzer hin, der liest, wie olgt: Miß Eſther Summerſon, „Da Inſpector Bucket mir mitgetheilt hat, daß man unter den Papieren einer gewiſſen Perſon einen Brief mit meiner Adreſſe gefunden, ſo nehme ich mir die Freiheit, Ihnen kund zu thun, daß derſelbe bloß vom Auslande kam und ein paar Zeilen enthielt, um mir zu ſagen, wann, wo, und wie ich einen beigeſchloſ⸗ ſenen Brief an eine junge und ſchöne Dame überma⸗ chen ſolle, die damals noch unverheirathet in England 304 lebte. Ich kam der an mich ergangenen Weiſung pflicht⸗ ſchuldigſt nach. „Ich nehme mir ferner die Freiheit, Ihnen kund zu thun, daß man dieſen Brief bloß als eine Hand⸗ ſchriftprobe von mir herausbekam, und daß ich ſonſt ihn um keinen Preis hergegeben haben würde; lieber hätte ich mir vorher eine Kugel durch das Herz ſchießen laſſen. Aber dieſes Schriftſtück erſchien mir als das unſchuldigſte von allen, die ich beſaß. „Ich nehme mir ferner die Freiheit, zu ſagen, daß wenn ich hätte vermuthen koͤnnen, es wäre ein gewiſſer unglücklicher Herr noch am Leben, ich nie eher geruht hätte, und nie eher hätte ruhen können, als bis ich ſeinen Aufenthaltsort ausfindig gemacht hätte; und ich würde meinen letzten Pfennig mit ihm getheilt haben, wie Pflicht und Neigung mir in gleichem Grade be⸗ fohlen haben würden. Aber man ſagte ihn offiziell todt; er war, wie man allgemein annahm ertrunken, und fiel Nachts in einem iriſchen Hafen auf einem Transportſchiffe über Bord, einige Stunden, nachdem daſſelbe aus Weſtindien angekommen war, wie ich ſelbſt von Offizieren und Soldaten, die an Bord geweſen waren, gehört,— ein Gerücht, das, wie ich weiß⸗ (offiziell) beſtätigt worden. „Ich nehme mir ferner die Freiheit, Ihnen zu be⸗ merken, daß ich in meiner beſcheidenen Eigenſchaft, als einer von den Unteroffizieren und Gemeinen, bin und immer ſein werde Ihr ergebenſter und von Bewunde⸗ rung erfüllter Diener, ſowie daß ich die Eigenſchaften, die Sie vor allen Andern beſitzen, weit mehr zu ſchätzen weiß, als die Grenzen gegenwärtiger Depeſche mir zu ſagen erlauben. „Ich habe die Chre zu ſein, „George.“ 30⁵ „Ein Bischen ſteif,“ bemerkt der ältere Bruder, das Papier mit etwas verlegenem Geſichte wieder zuſammen⸗ legend. „Hoffentlich aber Nichts, das nicht an eine muſter⸗ hafte junge Dame geſchickt werden könnte?“ fragt der Jüngere. „Durchaus Nichts.“ Der Brief wird daher geſiegelt und ſoll mit der Ei⸗ ſencorreſpondenz des Tages auf die Poſt gegeben werden. Nachdem dieß geſchehen iſt, ſagt Mr. George der ganzen Familie ein herzliches Lebewohl und ſchickt ſich an, ſein Pferd zu ſatteln und aufzuſitzen. Sein Bruder aber will ſich nicht ſobald wieder von thm trennen und macht ihm den Vorſchlag in einer leich⸗ ten, offenen Chaiſe mit ihm bis an den Ort zu fahren, wo er ſein Nachtlager nehmen will, und dort bis zum nächſten Morgen bei ihm zu bleiben; ein Diener aber ſoll bis an den fraglichen Ort den alten Vollblutgrau⸗ ſchimmel reiten, auf dem George von Chesney Wold her⸗ gekommen iſt. Das Anerbieten wird gerne angenommen und iſt von einer angenehmen Fahrt, einem angenehmen Diener, und einem angenehmen Frübſtück gefolgt, wobei die beiden Brüder immer beiſammen ſind. Dann ſchütteln ſie ein⸗ ander noch ein Mal lange und herzlich die Hand, und ſcheiden von einander, und es wendet der Eiſenwerkbe⸗ ſitzer das Geſicht nach dem Rauch und den Feuern, der Troupier aber nach dem grünen Lande hin. Es iſt ſchou ſpät Nachmittags, als das gedämpfte Geräuſch ſeines ſchweren militäriſchen Trabes ſich auf dem Raſen in der Avenüe hören läßt, und er unter den alten Ulmbäumen hinreitet, begleitet von dem eingebildeten Geraſſel und Geklirr ſeiner Armatur. Bleak Houſe. IV. Vierundſechzigſtes Kapitel. Eſther's Erzählung. Bald nachdem ich das früher erwähnte Geſpräch mit meinem Vormunde gehabt hatte, legte er mir eines Mor⸗ gens ein geſiegeltes Papier in die Hand mit den Worten: „Es iſt dieß für den nächſten Monat, meine Liebe!“ Ich fand darin zweihundert Pfund. Ich begann jetzt in aller Ruhe ſolche Vorbereitungen zu treffen, die mir als nothwendig erſchienen. Meine Einkäufe nach dem Geſchmack meines Vormunds, den ich natürlich gar wohl kannte, einrichtend, befragte ich in der Wahl meiner Garderobe ſo viel wie möglich ſeine Lieb⸗ habereien, und hoffte, daß ich dabei das Rechte getroffen. Ich nahm Alles ſo ruhig vor, weil ich immer noch nicht ganz frei von meiner alten Befürchtung war, daß Ada die Sache nicht ganz gefallen möchte, und weil mein Vormund ſelbſt ſo ruhig war. Ich zweifelte gar nicht, daß wir unter allen Umſtändeu ſo einfach und ſo geheim wie möglich uns heirathen würden. Vielleicht würde ich, meinte ich, zu Ada bloß zu ſagen brauchen:„Möchteſt Du vielleicht, meine Liebe, morgen bei meiner Hochzeit ſein 2“ Vielleicht war unſere Hochzeit ebenſo anſpruchs⸗ los, wie ihre eigene, und vielleicht fand ich es nicht ein⸗ mal für nothwendig, eher Etwas davon zu ſagen, als bis dieſelbe eine vollendete Thatſache war. Ich meinte, daß mir letzterer Plan am Meiſten gefallen würde, wenn ich die Wahl hätte. Die einzige Ausnahme, die ich machte, war Mrs. Woodcourt. Ich ſagte ihr, daß ich nächſtens meinen Vor⸗ 307 mund heirathete, und daß wir ſchon ſeit einiger Zeit mit einander verſprochen wären. Sie billigte die Sache vollkommen. Sie konnte nie genug für mich thun, und zog jetzt weit gelindere Saiten auf, als früher, wo ich ſie zum erſten Male geſehen. Da gab es keine Mühe, der ſie ſich nicht gerne unterzo⸗ gen hätte, um mir einen Dienſt zu erweiſen; aber ich brauche wohl kaum zu ſagen, daß ich ihre Güte nur ſo weit in Anſpruch nahm, als ich glanbte, daß ich ihr ſelbſt dadurch einen Gefallen erweiſen würde, und vermied es ſorgfältig, ihr läſtig zu fallen. Natürlich durfte ich jetzt meinen Vormund nicht ver⸗ nachläſſigen, und natürlich durfte ich eben ſo wenig da⸗ ran denken, jetzt meinen Liebling zu vernachläſſigen. Und ſo hatte ich denn Arbeit genug— worüber ich recht froh war; und was Charley betrifft, ſo konnte man ſie ſchlech⸗ terdings nicht mehr ſehen, vor lanter Näharbeit. Sich mit großen Haufen von Arbeit— ganzen Körben⸗ und Tiſchenvoll— zu umgeben, und ein Biechen zu arbeiten und viel Zeit damit hinzubringen, daß ſie mit ihren run⸗ den Augen das anſchaute, was zu thun war, und ſich ſelbſt zu überreden, daß ſie alle Arbeit verrichten wolle, das war Charley's hohes Amt und hohe Wonne. Unterdeſſen konnte ich, ich muß es ſagen, in Betreff des Teſtaments die Anſicht meines Vormunds nicht theilen, und Jarndyce und Jarndyce erfüllte mich gewiſſermaßen mit ſanguiniſchen Hoffnungen. Wer von uns Beiden Recht hatte, wird ſich bald zei⸗ gen. So viel aber iſt gewiß, daß ich Hoffnungen er⸗ muthigte. Bei Richard gab die Entdeckung Anlaß zu einer plötzlichen Geſchäftigkeit und Aufregung, die ihn einen Augenblick wieder flott erhielt; indeſſen hatte er nun ſchon ſogar die Elaſticität der Hoffnung verloren, und ſchien mir bloß noch deren fieberiſche Bangigkeit be⸗ halten zu haben. Aus einigen Worten, die mein Vormund eines Ta⸗ 308 ges ſprach, als wir hierüber redeten, entnahm ich, daß meine Hochzeit erſt nach dem Termin ſtattfinden würde, auf den man nuns vertröſtet hatte; und ich glaubte, daß meine Freude nur um ſo größer werden würde, wenn meine Hochzeit zu einer Zeit Statt fände, wo es Richard und Ada ein Bischen beſſer ginge. Der Termin war ſchon ſehr nahe, als mein Vor⸗ mund aus der Stadt weggerufen wurde, und in Sachen Mr. Woodcourt's nach Yorkſhire ging. Er hatte mir ſchon früher geſagt, daß ſeine Anweſenheit dort nothwendig ſein würde. Ich war eines Abends eben von einem Beſuche, den ich bei meinem lieben Mädchen gemacht, wieder heimge⸗ kommen, nnd ſaß inmitten aller meiner neuen Kleider, und ſchaute dieſelben alle an, und dachte über dieſes und jenes nach, als ein Brief, der von meinem Vormund kam, mir gebracht wurde. Ich wurde darin gebeten, zu ihm aufs Land zu kommen; auch war darin erwähnt, auf welchem Eilwagen mein Platz ſchon beſtellt wäre, und um welche Stunde des Morgens ich die Stadt verlaſſen ſollte. In einer Nachſchrift war dann noch geſagt, daß ich nur wenige Stunden von Ada getrennt ſein würde. Ich erwartete zwar um dieſe Zeit vielleicht Nichts weniger, als eine Reiſe, gleichwohl war ich ſchon nach einer halben Stunde ganz parat dazu, und ging daher an dem darauffolgenden Morgen in aller Frühe, wie mir angegeben worden, von London weg. Ich reiſte den ganzen Tag durch, und fragte mich den ganzen Tag über verwundert, wozu man mich wohl in ſolcher Entfernung nöthig haben könnte;— bald meinte ich zu dieſem, bald zu jenem; aber nie, nie, nie kam ich der Wahrheit nahe. Es war ſchon Nacht, als ich am Zielpunkte meiner Reiſe anlangte. Ich fand meinen Vormund, der auf mich wartete. Es war dieß für mich eine große Erleichterung, denn 3⁰9 gegen Abend hatte ich angefangen(und zwar um ſo mehr, als ſein Brief überaus kurz war) der Befürchtung Raum zu geben, er möchte unwohl ſein. Da war er aber ſo geſund, wie nur möglich und als ich ſein freundliches Ge⸗ ſicht wieder ſah, ſtrahlend von Wonne nnd Güte, da ſagte ich bei mir ſelbſt, daß er wieder ein Mal eine recht gute That verrichtet. Nicht als ob es eines großen Scharfſinns bedurft hätte, um das zu ſagen, wußte ich ja doch, daß es ein Akt der Güte von ſeiner Seite war, wenn er überhaupt da war. Das Nachteſſen ſtand im Hotel parat, und als wir mit einander allein bei Tiſche ſaßen, ſprach er: „Ohne Zweifel voller Neugierde, kleines Weibchen, — möchteſt ohne Zweifel gerne wiſſen, warum ich Dich habe hieher kommen laſſen.“ „Ei, Vormund,“ ſprach ich,„ohne daß ich mich ge⸗ rade für eine Fatime oder Sie für einen Blaubart halte, muß ich geſtehen, daß meine Neugierde einigermaßen rege iſt,“ „Damit Du alſo heute Nacht ſchlafen kannſt, meine Liebe,“ erwiderte er in fröhlichem Tone,„will ich nicht bis morgen warten, um Dir es zu ſagen. Ich habe gar ſehr gewünſcht, Woodcourt in irgend einer Weiſe die Ge⸗ fühle meines Dankes für die Menſchenliebe, die er gegen den armen unglücklichen Jo an den Tag gelegt, ſowie für die unſchätzbaren Dienſte kund zu geben, die er mei⸗ nen jungen Verwandten geleiſtet, und ihm einigermaßen zu zeigen, wie ſehr wir ihn alle ſchätzen, und wie werth er uns Allen iſt. Als beſchloſſen wurde, daß er ſich hier niederlaſſen ſollte, da fiel mir ein, daß ich ihn vielleicht bitten könnte, ein anſpruchloſes und paſſendes Häuschen anzunehmen, wo er ſein Haupt niederlegen könnte. J ließ daher eine ſolche Gelegenheit auskundſchaften, und es fand ſich auch dieſelbe unter ſehr billigen Bedingungen; und dann habe ich das kleine Haus herausputzen und etwas wohnlicher machen laſſen. Als ich indeſſen vor⸗ 310. geſtern es einſah, und man mir ſagte, daß es parat ſei, da fand ich, daß ich mich auf das Haushaltungsweſen nicht genug verſtehe, um zu wiſſen, ob Alles auch ſo iſt, wie es ſein ſoll. Uud darum habe ich die beſte kleine Haushälterin kommen laſſen, die es nur geben konnte; ſie ſoll mir mit ihrem guten Rath an die Hand gehen, und ſagen, was etwa noch fehlt. Und da iſt ſie nun, und lacht und weint zu gleicher Zeit,“ endigte mein Vor⸗ mund. Ich aber lachte und weinte, weil er ſo lieb, ſo gut, ſo bewundernswürdig war. Ich verſuchte es, ihm zu ſagen, was ich von ihm dachte, konnte aber auch nicht ein Wort artikuliren. „Stille, Stille!“ ſprach mein Vormund.„Du machſt gar zu viel Aufhebens von der Sache, kleines Weibchen. Ei, ei, wie Du ſchluchzeſt, Dame Durden,— wie Du ſchluchzeſt!“ „Ich ſchluchze vor lauter Freude, vor lauter Wonne, Vormund,— mein Herz iſt ſo dankerfüllt!“ „Laſſen wir das gut ſein!“ ſprach er.„Es freut mich, daß Du damit einverſtanden biſt. Ich dachte, daß es ſo ſein würde. Es ſollte eine angenehme Ueberraſchung für die kleine Gebieterin von Bleak Houſe ſein.“ Ich küßte ihn und wiſchte die Augen ab. „Jetzt weiß ich es!“ ſprach ich.„Ich habe dieß ſchon lange auf Ihrem Geſichte geleſen.“ „Was Du da nicht ſagſt! Haſt Du das wirklich, meine Liebe?“ ſprach er.„Man ſehe ein Mal, wie ge⸗ ſchickt unſere Dame Durden auf den Geſichtern zu leſen weiß!“ 4 16r war ſo eigenthümlich luſtig, daß ich es bald auch ſein mußte, und daß ich mich faſt ſchämte, überhaupt an⸗ ders als luſtig geweſen zu ſein. Als ich zu Bette ging, weinte ich. Ich muß beken⸗ nen, daß ich weinte; aber hoffentlich weinte ich vor lauter Freude, obgleich ich in dieſem Stücke meiner Sache nicht 311 ſo ganz gewiß bin. Ich wiederholte mir zwei Mal jedes Wort ſeines Briefes. Es folgte ein wunderſchöner Sommermorgen. Nach eingenommenem Frühſtücke gingen wir Arm in Arm aus, um das Haus einzuſehen, worüber ich als Haushälterin meine gewichtige Meinung abgeben ſollte. Wir traten in einen Blumengarten durch eine in einer Seitenmauer angebrachte Thüre, wozu er die Schlüſſel beſaß. Das Erſte, was ich ſah, war, daß die Beete und Blumen ganz, wie meine Beete und Blumen daheim angelegt und geordnet waren. „Du ſiehſt, meine Liebe,“ bemerkte meine Vormund, mit vergnügtem Geſichte ſtehen bleibend, um meine Miene zu beobachten,„ich entlehnte Deinen Plan, da mir kein beſſerer bekannt war.“ Wir gingen dann durch einen hübſchen kleinen Obſt⸗ garten fort, wo ſich die Kirſchen ſchon unter dem grünen Laube zeigten, und die Schatten der Apfelbäume ſich auf dem Graſe vergnügten, bis wir zu dem Hauſe ſelbſt kamen,— zu einem kleinen Landhanſe, das recht viel von einem Puppenkaſten hatte; aber der Ort war ſo anmuthig, ſo ſtill und ſo ſchön, und umgeben von einer ſo reichen und lachenden Gegend; in der Ferne funkelte Waſſer, hier war daſſelbe von Sommerpflanzen über⸗ hangen, dort krümmte es ſich um eine ſummende Mühle; zunächſt bei uns glänzte es, indem es ſich durch eine Wieſe in der Nähe der heiteren Stadt hinwand, wo Thorball⸗ ſpieler in freundlichen, heiteren Gruppen beiſammen waren, und eine Fahne von einem weißen Zelte herabwehte, das von dem lieblichen Weſtwinde gekräuſelt wurde. Und als wir dann durch die hübſchen Zimmer hingingen, und aus den kleinen ländlichen Veranda⸗Thüren, und unter die kleinen hölzernen Colonnadeu traten, die von Gaisblatt, Jasmin und Waldwinden umſchlungen waren, da ſah ich in den Tapeten an den Wänden, in den Farben der Möbeln, in der Anordnung all der vielen 2 312 hübſchen Sachen, meine kleinen Phantaſien und Lieb⸗ habereien, meine kleinen Methoden und Erfindungen, wo⸗ rüber man zu lachen pflegte, während man ſie pries, — mit einem Worte, da ſah ich meine wunderlichen Weiſen überall. Ich konnte nicht genug meine Bewunderung aus⸗ drücken über Alles, was ſo wunderſchön war; indeſſen ſtieg doch ein geheimer Zweifel in meinem Geiſt auf, als ich dieß ſah. Ich dachte:„Ach! Wird er auch ſich dadurch glücklicher fühlen! Wäre es um ſeines Seelen⸗ friedens willen nicht beſſer geweſen, wenn man mich nicht ſo vor ihn geſtellt hätte?“ Deun obwohl ich nicht das war, wofür er mich hielt, ſo liebte er mich immer noch überaus zärtlich, und es konnte ihn Alles das in recht peinlicher Weiſe an das erinnern, was er glaubte, das er verloren. Zwar wünſchte ich nicht, daß er mich vergeſſen möchte,— und vielleicht bätte er das auch nicht gethan, ſelbſt wenn ſein Gedächtniß nicht ſo unterſtützt worden wäre,— aber mein Weg war nun ein Mal leichter, als der ſeinige, und ich hätte mich ſelbſt damit ausſöhnen können, wenn er nur dadurch glücklicher geweſen wäre. „Und nun, kleines Weibchen,“ ſprach mein Vor⸗ mund, den ich noch nie ſo ſtolz und fröhlich geſehen hatte, als während er mir alle dieſe Dinge zeigte, und ulich beobachtete, um zu ſehen, wie ich dieſelben würdigte, „und nun wollen wir noch nach dem Namen dieſes Hanſes ſehen!“ „Wie heißt es, lieber Vormund?“ „Mein Kind,“ ſprach er,„komm' und ſieh!“ Er führte mich an die Vorhalle, die er bis dahin vermieden und ſagte, indem er, ehe wir hinaustraten, ſtehen blieb: „Liebes Kind, erräthſt Du den Namen nicht?“ „Nein!“ ſprach ich. Wir gingen zur Vorhalle hinaus, und er zeigte mir die darüber angebrachten Worte: Bleak Houſe. 313 Er führte mich zu einem Sitze hin, der ſich unter dem Laube, ganz in der Nähe, befand. Sodann ſetzte er ſich zu mir hin, nahm meine Hand in die ſeinige und ſprach alſo zu mir: „Mein liebes Mädchen, ich habe hoffentlich in allen unſern gegenſeitigen Beziehnngen gezeigt, daß mir Dein Glück wirklich am Herzen liegt. Als ich Dir den Brief ſchrieb, worauf Du die Antwort ſelbſt brachteſt“(hier lächelte er),„da hatte ich mein eigenes Glück allzuſehr vor Augen; indeſſen dachte ich auch an das Deinige. Ob ich unter andern Umſtänden je den alten Traum er⸗ neuert haben würde, den ich zuweilen träumte, als Du noch blutjung warſt,— den Traum, aus Dir einſt mein Weib zu machen, das brauche ich mich nicht zu fragen. Ich erneuerte ihn aber, ſo viel iſt gewiß, und ſchrieb einen Brief und Du brachteſt mir die Antwort darauf. Du merkſt doch auf, mein Kind?“ Es überlief mich ganz kalt, und ich zitterte heftig, verlor aber keines ſeiner Worte. Und während ich ſo da ſaß, und meine Blicke auf ihn heftete, und die Strah⸗ len der Sonne, die durch das Laub hindurch ſanft ſchimmerten, auf ſein kahles Haupt herunterſanken, da war es mir, als müſſe ſein verklärtes Antlitz das eines Engels ſein. 4 „Hör' mich an, meine Liebe, ſprich aber nicht! Es iſt nnu an mir, zu ſprechen. Wann ich anfing, zu zweifeln, ob ich Dich wahrhaſt glücklich gemacht haben würde, iſt gleichgiltig. Woodcourt kam ins Vaterland zurück und bald blieb mir kein Zweifel mehr übrig.“ Ich umſchlang ſeinen Hals, ließ das Haupt auf ſeiner Bruſt ruhen und weinte. „Bleib', mein Kind nur ruhig und ohne Sorge da liegen!“ ſprach er, mich ſanft gegen ſich drückend. „Ich bin nur Dein Vormund und Vater. Bleib' nur ruhig und vertrauensvoll da liegen!“ 314 Wohlthuend, wie das ſanfte Rauſchen der Blätter; und heiter, wie das reifende Wetter; und ſtrahlend und milde, wie Sonnenſchein, fuhr er fort: „Verſteh mich recht, mein liebes Kind! Ich zweifle keinen Augenblick, daß Du bei mir zufrieden und glück⸗ lich ſein würdeſt, da Du ſo gehorſam und hingebungs⸗ voll biſt; aber ich ſah, mit wem Du noch glücklicher ſein mußteſt. Daß ich ſein Geheimniß durchſchaute, während Dame Durden dafür blind war, iſt gar nicht zu verwundern; denn ich konnte das Gute, das ſich an ihr nie verändern konnte, weit beſſer, als ſie. Wohlan! Ich bin lange Allan Woodcourts Vertrauter geweſen, obgleich ich ihm erſt geſtern, ein paar Stunden vor Deiner Ankunft, mein Geheimniß geſagt. Aber ich⸗ wollte das ſchöne Beiſpiel meiner Eſther nicht verloren gehen laſſen; ich wollte auch nicht ein Jeta von den Tugenden meines lieben Mädchens unbemerkt und unge⸗ ehrt laſſen; ich wollte nicht zugeben, daß ſie bloß als eine Geduldete in die Familie Morgan ap Kerrigs ein⸗ trat: nein, ich hätte das nicht gethan, und wenn man mir alle Berge in Wales dem Gewicht nach in Gold ge⸗ geben hätte!“ Hier hielt er inne, um mich auf die Stirn zu küſſen, und ich ſchluchzte und weinte von Neuem. Denn es war mir als ob ich die peinliche Wonne ſeines Lobes nicht ertragen koͤnne. „Stille, ſtille, kleines Weibchen! Weine nicht, es ſoll dieß ein Tag der Freude ſein. Schon ſeit Monaten und Monaten habe ich mich darauf gefreut!“ ſprach er frohlockend.„Noch ein paar Worte, Dame Trot, und ich bin zu Ende. Da ich entſchloſſen war, auch nicht ein Atom von dem Werth meiner Eſther wegzuwerfen, ſo zog ich Mrs. Woodcourt beſonders in’s Vertrauen. „Ich ſehe nun, Madame, ſprach ich, ‚deutlich,— ja, ich weiß ſogar,— daß Ihr Sohn meine Mündel liebt. Und ferner weiß ich ganz gewiß, daß meine Mündel 31⁵ Ihren Sohn liebt, ihre Liebe aber einem Gefühle der Pflicht und der Freundſchaft opfern, und zwar ſo voll⸗ ſtändig, ſo ganz und gar, ſo gewiſſenhaft opfern will, daß Sie dieſelbe nie auch nur muthmaßen können, wenn Sie ſie auch Tag und Nacht beobachten wollten.: „Dann erzählte ich ihr unſere ganze Geſchichte— die unſrige— die Deinige und die meinige. ‚Und nun, Madame, kommen Sie,“ ſprach ich, ‚und wohnen Sie, dieß wiſſend, bei uns! Kommen Sie und beobachten Sie mein Kind in jeder Stunde; legen Sie das, was Sie ſehen, in die Wagſchaale gegen ihren Stammbaum, der dieſer und dieſer iſte— denn ich verachtete es, die Sache zu beſchönigen— ‚und ſagen Sie mir, was die wahre Legitimität iſt, wenn Sie in Beziebung auf dieſen Ge⸗ genſtand ein Mal zu einem Entſchluß gekommen ſind.⸗ „Ei, allen Reſpect vor ihrem alten walliſiſchen Blut, meine Liebe!“ rief mein Vormund enthuſiaſtiſch, „aber ich glaube, es ſchlägt das Herz, das es belebt, für Dame Durden nicht minder warm, nicht minder be⸗ wunderungerfüllt, nicht minder liebevoll, als mein eigenes!“ Er bob meinen Kopf zärtlich empor und küßte mich, während ich mich an ihn anſchmiegte, in ſeiner alten väter⸗ lichen Weiſe aber und abermals. Welches Licht war nun über das beſchützende Weſen verbreitet, worüber ich hin und her gedacht hatte! 3 „Nun, noch ein Wort! Als Allan Woodcourt mit Dir ſprach, meine Liebe, da ſprach er mit meinem Wiſſen und mit meiner Zuſtimmung; aber ich ermuthigte ihn durchaus nicht, nein, das that ich nicht, denn dieſe Ueberraſchungen waren mein großer Lohn, und ich geizte damit zu ſehr, als daß ich auch nur auf ein Bruch⸗ theilchen deſſelben hätte verzichten mögen. Er ſollte zu mir kommen und mir Alles ſagen, was vorgefallen; und er that es. Und nun habe ich Nichts mehr zu ſagen. Liebſtes Kind, Allan Woodcourt ſtand neben Deinem 316 Vater, als er todt da lag,— Allan Woodcourt ſtand neben Deiner Mutter. Das iſt Bleak Houſe. Heute gebe ich dieſem Hauſe ſeine kleine Gebieterin; und ich rufe Gott zum Zengen an, es iſt dieß der ſchönſte Tag meines ganzen Lebens!“ Er ſtand auf und zog mich mit ſich in die Höbe. Wir waren nicht länger allein. Mein Gatte— ich nenne ihn nun ſchon ſo ſeit vollen ſieben glücklichen Jahren— ſtand neben mir. „Allan,“ ſprach mein Vormund,„nehmen Sie, als ein freiwilliges Geſchenk von mir, das beſte Weib hin, das je einem Manne zu Theil geworden. Was kann ich Ihnen mehr ſagen, als, ich weiß, daß Sie ſie verdienen! Nehmen Sie mit ihr zugleich den kleinen heimathlichen Herd an, den Sie Ihnen bringt. Sie wiſſen, was ſie daraus machen wird, Allan; Sie wiſſen, was ſie aus einem andern Hauſe gemacht, das den gleichen Namen führt. Laſſen Sie mich zuweilen deſſen Glück theilen,— und was opfere ich? Nichts, Nichts.“ Er küßte mich noch ein Mal; und nun ſtanden ihm die Thränen in den Augen, während er in ſanftem Tone ſprach: „Liebſte Eſther, nach ſo vielen Jahren liegt auch hierin eine Art Trennung. Ich weiß, daß mein Irr⸗ thum Dir einige Pein verurſacht hat. Vergib Deinem alten Vormund, und ſetz' ihn wieder in das alte Plätz⸗ chen ein, das er in Deinem Herzen einſt einnahm; und denk' nicht mehr daran. Allan, nimm mein liebes Kind hin!“ Er verließ das grüne Laubdach, trat in die Sonne hinans, und ſagte, in heiterer Weiſe zu uns hingewandt: „Ihr werdet mich hier herum finden. Der Wind bläſt aus Weſten, kleines Weibchen, ja, direct aus Weſten! Niemand danke mir weiter, denn ich nehme nun wieder meine Junggeſellen⸗Gewohnheit an, und ſobald +½—&☛ ⁸8⏑̈ 8 8⁸ 8 — 317 Jemand ſich beigehen läßt, dieſe Mahnung zu miß⸗ achten, ſo laufe ich geradezu davon, um nie wiederzu⸗ kehren!“ Wie groß war nicht an jeuem Tage unſer Glück, wie groß die Freude, wie groß die Ruhe, wie groß die Hoffnung, wie groß die Dankbarkeit, wie groß die Wonne! Wir ſollten noch vor Ende des Monats copulirt werden; jedoch ſollte es von Richard und Ada abhangen, wann wir von unſerem Hauſe Beſitz nehmen würden. An dem darauf folgenden Tage gingen wir alle drei mit einander wieder heim. Sobald wir in der Stadt wieder angekommen waren, galt Allan's erſter Ausgang unſerem Richard, dem er die frohe Botſchaft mittheilen ſollte. So ſpät es auch ſchon war, ſo wollte doch auch ich Ada auf einige Minu⸗ ten beſuchen, bevor ich zu Beite ging; zuerſt aber ging ich mit meinem Vormunde nach Hauſe, um ihm ſeinen Thee zu bereiten, und den alten Stuhl an ſeiner Seite einzunehmen; denn es gefiel mir der Gedanke keineswegs, daß er ſchon ſo bald leer werden ſollte. Als wir nach Hauſe kamen, fanden wir, daß ein junger Mann im Laufe dieſes Tages drei Mal vorgeſpro⸗ chen und mich zu ſehen verlangt, ſowie daß derſelbe, als man ihn bei ſeinem dritten Beſuche geſagt, daß man mich nicht vor zehn Uhr Abends erwartete, hinterlaſſen hatte,„daß er etwa um dieſe Zeit wieder vorſprechen würde.“ Er hatte ſeine Viſitenkarte drei Mal da gelaſ⸗ ſen: Mr. Guppy. Da ich über die Urſache dieſer Beſuche natürlich allerlei Vermuthungen anſtellte, und da ich mit dem Be⸗ 8 318 ſuchenden immer irgend etwas Lächerliches verband, ſo kam es, daß ich, während ich über Mr. Guppy lachte, mit meinem Vormunde über ſeinen alten Heirathsantrag, ſowie über die ſpätere Zurücknahme deſſelben von ſeiner Seite ſprach. „Da dem alſo iſt,“ ſprach mein Vormund,„ſo wol⸗ len wir dieſen Helden auch empfangen.“ Es wurde alſo der Dienerſchaft die Weiſung gegeben, daß man Mr. Guppy hereinführen ſollte, wenn er wie⸗ der käme; und kaum war dieſer Befehl gegeben, als er wieder erſchien. Er war verlegen, als er meinen Vormund bei mir fand; indeſſen faßte er ſich wieder und ſprach; „Wie befinden Sie ſich, Sir?“ „Wie befinden Sie ſich, Sir?“ verſetzte mein Vor⸗ mund. „Ich danke Ihnen, Sir, ich befinde mich erträglich wohl,“ erwiederte Mr. Guppy.„Wollen Sie mir erlau⸗ ben, daß ich Ihnen meine Mutter, Mrs. Guppy von Old Street Road, ſowie meinen intimen Freund, Mr. Weevle, vorſtelle? Das heißt, mein Freund iſt unter dem Namen Weevle bekannt geweſen. Sein wahrer, wirk⸗ licher Name aber iſt Jobling.“ Mein Vormund bat ſie, Platz zu nehmen, worauf ſich alle ſetzten. „Tony,“ ſprach Mr. Guppy nach einem etwas un⸗ behilflichen Schweigen zu ſeinem Freunde.„Willſt Du den Fall aus einander ſetzen?“ „Ei, thu das ſelbſt!“ verſetzte der Freund etwas barſch. „Wohlan, Mr. Jarndyce, Sir,“ hob Mr. Guppy, nachdem er einen Augenblick nachgedacht, an, zur großen Beluſtigung ſeiner Mutter,— welche Beluſtigung ſie dadurch an den Tag legte, daß ſie Mr. Jobling mit dem Elbogen ſtieß und mir in äußerſt bemerkenswerther Weiſe zuwinkte;„ich dachte ſo, daß ich Miß Summerſon allein ſehen würde, und war auf Ihre geſchätzte Gegenwart 319 nicht ganz vorbereitet. Aber Miß Summerſon hat viel⸗ leicht gegen Sie erwähnt, daß bei früheren Gelegeu⸗ heiten Etwas zwiſchen uns Beiden vorgegangen iſt?“ „Miß Summerſon,“ entgegnete mein Vormund lä⸗ chelnd,„hat mir in der That von ſo Etwas geſagt.“ „Es macht dieß,“ ſagte Mr. Guppy,„die Sache bedeutend leichter. Sir, meine Lehrzeit bei Kenge und Carboy iſt unn zu Ende, und wie ich glaube, zur Zu⸗ friedenheit aller Theile. Ich bin nun, nachdem ich eine Prüfung erſtanden, die einen verſtändigen Menſchen zur Verzweiflung bringen könnte wegen der Maſſe Unſinn, die er nicht zu wiſſen braucht, als Rechtsanwalt einge⸗ ſchrieben, und habe mir ein Certificat darüber geben laſ⸗ ſen. Sollte es Ihnen erwünſcht ſein, daſſelbe zu ſehen, ſo bin ich bereit, es vorzuzeigen.“ „Ich danke Ihnen, Mr. Guppy,“ verſetzte mein Vormund.„Ich bin ganz geneigt, das Certificat zuzu⸗ geben— ich glaube, daß ich mich da eines juridiſchen Ausdrucks bediene. Mr. Guppy verzichtete daher darauf, Etwas aus der Taſche herauszuziehen, und fuhr ohne daſſelbe alſo t. rt. „Ich ſelbſt beſitze zwar kein Capital, meine Mutter aber hat ein kleines Vermögen, das die Form einer Rente annimmt;“ hier warf Mr. Guppy's Mutter den Kopf in einer Weiſe umher, daß man hätte glauben kön⸗ nen, ſie könne ſich über die Bemerkung gar nicht genug freuen; auch drückte ſie ihr Taſchentuch an den Mund und blinzte mir abermals zu;„und an ein paar Pfund zur Beſtreitung von Auslagen bei der Führung von Ge⸗ ſchäften wird es nie fehlen; und zwar brauche ich kein Intereſſe dafür zu bezahlen. Was ein Vortheil iſt, wie Sie wiſſen,“ ſagte Mr. Guppy gefühlvoll. „Allerdings ein Vortheil.“ „Ich habe einige Verbindungen,“ fuhr Mr. Guppy fort,„und es liegen dieſelben in der Richtung von Wal⸗ 320 cote Square, Lambeth. Ich habe daher in der genann⸗ ten Localität ein Haus gemiethet, um einen Preis, der nach der Meinung meiner Freunde eigentlich gar keiner iſt(Taxen lächerlich gering und Gebrauch der wand⸗, band⸗, niet⸗ und nagelfeſten Gegenſtände in der Miethe mit inbegriffen), und will mich dort nun unverzüglich als Rechtsanwalt niederlaſſen.“ Hier verfiel Mr. Guppy's Mutter in ein außer⸗ ordentlich leidenſchaftliches Hin⸗ und Herwerfen des Ko⸗ pfes. Zugleich lächelte ſie Jedermann, der ſie anſehen mochte, ſchalkhaft an. „Das Haus hat ſechs Zimmer außer den Küchen,“ fuhr Mr. Guppy fort,„und iſt nach der Anſicht meiner Freunde überaus bequem eingerichtet. Wenn ich ſage, ‚meine Freunde,“ ſo meine ich hauptſächlich meinen Freund Jobling, der mich, wie ich glaube, ſchon von Kindes⸗ beinen au gekannt hat.“ Hier ſah Mr. Guppy ihn mit einer ſentimentalen Miene an. Mr. Jobling beſtätigte dieß mit einer gleitenden Beinbewegung. „Mein Freund Jobling wird mich in der Eigen⸗ ſchaft eines Gehilfen unterſtützen, und wird im Hauſe wohnen,“ ſprach Mr. Guppy.„Meine Mutter wird gleichfalls in dem Hauſe wohnen, ſobald ihr jetziges Quartal in Old Street Road zu Ende iſt; mithin wird zes auch nicht an Geſellſchaft fehlen. Mein Freund Job⸗ ling hat von Natur etwas ariſtokratiſche Neigungen; und da er außerdem mit den Vorgängen in den höheren Zir⸗ keln vertraut iſt, ſo unterſtützt er mich beſtens in den Abſichten, die ich nun entwickle.“ Mr. Jobling antwortete:„Gewiß.“ und zog ſich ein Bischen von dem Elbogen von Mr. Guppy’s Mutter urück. 1„Ich brauche Ihnen nun wohl nicht erſt zu ſagen, Sir, da Miß Summerſon Sie in'’s Vertrauen gezogen 321 hat,“ ſprach Mr. Guppy weiter,„(Mutter, ich wollte, Sie wären ſo gut und blieben ruhig), daß Miß Summer⸗ ſon's Bild ſich früher meinem Herzen eingeprägt hatte, und daß ich ihr Heirathsanträge machte.“ „So habe ich gehört,“ verſetzte mein Vormund. „Umſtände,“ fuhr Mr. Guppy fort,„worüber ich auch nicht entfernt zu gebieten vermochte, ſchwächten den Eindruck dieſes Bildes für einige Zeit. Zu dieſer Zeit aber war Miß Summerſon’s Betragen überaus fein, ja, ich kann ſogar hiuzuſetzen, großmüthig.“ Mein Vormund täſchelte mich auf die Schultern und ſchien höchlich beluſtigt. „Und nun, Sir,“ ſagte Mr. Guppy,„befinde ich mich ſelbſt in einem ſolchen Gemüthszuſtande, daß ich mich ordentlich darnach ſehne, dieſes großmüthige Beneh⸗ men erwidern zu können. Es muß eine Reciprocität ſtattfinden. Ich möchte Miß Summerſon zeigen, daß ich mich zu einer Höhe erheben kann, der ſie mich vielleicht ſchwerlich für fähig gehalten hätte. Ich finde, daß das Bild, von dem ich geglaubt hatte, daß es in meinem Herzen vertilgt wäre, nicht vertilgt iſt. Sein Einfluß auf mich iſt immer noch ein ganz entſetzlicher; und dem⸗ ſelben weichend, bin ich geneigt, die Umſtände zu über⸗ ſehen, über die Niemand von uns zu gebieten vermocht hat, und bei Miß Summerſon jene Anträge zu erneuern, welche ich die Ehre hatte, zu einer früheren Zeit zu ma⸗ chen. Ich bitte um Erlaubni„ das Haus in Walcote Square, das Geſchäft, und mich ſelbſt zu Miß Summer⸗ ſon's Füßen niederlegen zu dürfen, und erſuche ſie, für jetzt eben damit für lieb zu nehmen.“ „Sehr großmüthig in der That, Sir,“ bemerkte mein Vormund. „Schauen Sie, Sir,“ verſetzte Mr. Guppy offen⸗ berzig,„ich will mich großmüthig zeigen. Zwar glaube ich keineswegs, daß ich, indem ich Miß Summerſon die⸗ Bleak Houſe IV.⸗ 21 322 ſen Antrag mache, mich wegwerfe; es iſt das auch nicht die Meinung meiner Freunde. Deſſen ungeachtet liegen Umſtände vor, die ich in Betracht zu ziehen bitte, als Ausgleichungsmittel gegenüber von ſolchen kleinen Nach⸗ theilen, die mit meiner Perſon verbunden ſein mögen; und ſo wird ſich wohl eine ehrliche und billige Bilanz ziehen laſſen.“ „Ich nehme es auf mich, Sir,“ ſprach mein Vor⸗ mund lachend, während er an der Klingelſchnur zog, „für Miß Summerſon auf Ihre Anträge zu antworten. Sie iſt recht dankbar für Ihre ſchönen Abſichten, und wünſcht Ihnen einen guten Abend und wünſcht Ihnen alles Wohlergehen.“ „Oh!“ ſprach Mr. Guppy mit einer Miene, die Verblüffung ausdrückte.„Soll das heißen, Sir, daß mein Antrag angenommen oder verworfen iſt, oder in Betrachtung gezogen wird?“ „Daß er entſchieden verworfen iſt, wenn Sie erlau⸗ ben,“ erwiderte mein Vormund. Mr. Guppy blickte ſeinen Freund, ſowie ſeine Mut⸗ ter, die mit einem Male recht zornig wurde, und deu Boden, und die Zimmerdecke ungläubig an. „Wirklich?“ ſagte er.„In dieſem Falle ſollte ich glauben, Jobling, Du würdeſt, wenn Du der Freund wäreſt, wofür Du Dich ausgibſt, meine Mutter hinaus⸗ bringen, anſtatt ſie an einem Orte bleiben zu laſſen, wo man ſie nicht braucht.“ Mrs. Guppy aber weigerte ſich beharrlich, ſich hinausbringen zu laſſen. Sie wollte Nichts davon hören. „Ei, ſo gehen Sie doch,“ ſagte ſie zu meinem Vor⸗ mund,„was meinen Sie denn? Iſt mein Sohn Ihnen nicht gut genug? Sie ſollten ſich vor ſich ſelbſt ſchämen. Machen Sie, daß Sie hinaus kommen!“ „Meine gute Frau,“ verſetzte mein Vormund, nes iſt doch wohl kaum vernünftig, daß Sie mich aus mei⸗ nem eigenen Zimmer hinausgehen heißen.“ 323 „Das iſt mir gleichgiltig,“ antwortete Mrs. Guppy. „Machen Sie, daß Sie fortkommen! Wenn wir Ihnen nicht gut genug find, dann gehen Sie und ſuchen Sie Jemand, der gut genug iſt! Gehen Sie und ſuchen Sie eine ſolche Perſon!“ Ich war ſchlechterdings nicht vorbereitet auf die Raſchheit, womit Mrs. Guppy's Vermögen, über Alles zu lachen, in das Vermögen umſchlug, ſich für tödtlich be⸗ leidigt zu halten. „Gehen Sie und finden Sie Jemand, der Ihnen gut genug iſt!“ wiederholte Mrs. Guppy.„Machen Sie, daß Sie fortkommen!“ Nichts ſchien Mr. Guppy's Mut⸗ ter in ſolches Staunen zu verſetzen und ſie ſo zu empö⸗ ren, als der Umſtand, daß wir nicht hinausgingen. „Warum gehen Sie denn nicht hinaus?“ ſprach Mrs. Guppy weiter.„Warum bleiben Sie noch hier?“ „Mutter,“ fiel ihr Sohn ein, der ſich immer vor ſie hinſtellte und ſie mit einer Schulter zurückſchob, wäh⸗ rend ſie zu meinem Vormund hinwackelte,„wollen Sie das Maul halten?“ „Nein, William,“ erwiderte ſie;„ich halte es nicht! Nein, ich halte es nicht, es ſei denn, daß er hinaus⸗ geht!“ Indeſſen bemächtigten ſich Mr. Guppy und Mr. Jobling miteinander der Mutter Mr. Guppy's(die weid⸗ lich zu ſchimpfen angefangen hatte), und brachten ſie, ganz wider ihren Willen, die Treppe hinunter. Dabei drang ihre Stimme immer eine Treppe höher hinauf, wenn ihre Geſtalt eine Treppe weiter hinunterkam, und man konnte beharrlich die Worte hören, daß wir alsbald gehen und Jemand finden ſollten, der uns gut genug wäre, und vor Allem, daß wir uns packen ſollten. Fünfund ſechzigſtes Kapitel. Wie man in die Welt tritt, und wieder von vorn anfängt. Es hatte der Termin begonnen, und es fand mein Vormund eine Notiz von Mr. Kenge vor, daß die Sache in zwei Tagen vorkommen würde. Da das Teſtament mir ſo viele Hoffnung einflößte, daß ich in Betreff deſſelben aufgeregt war, ſo machte ich mit Allan aus, daß wir an dem fraglichen Morgen uns in dem Sitzungsſaale des Kanzleigerichtshofes einfinden wollten. Richard war ſo ungemein aufgeregt und dabei, obwohl ſeine Krankheit immer nur eine Gemüthskrank⸗ heit war, ſo ſchwach und niedergeſchlagen, daß mein lie⸗ bes Mädchen einer Stütze gar ſehr bedurfte. Aber ſie baute ihre Hoffnung auf die nun ſo nahe Hilfe und ließ den Muth nicht ſinken. Es ſollte die Sache in Weſtminſter vorkommen. Zwar war ſie dort wohl ſchon hundert Mal vorgekom⸗ men, aber ich konnte mich des Gedankens nicht ent⸗ ſchlagen, daß es nun doch am Ende zu irgend einem Reſultat kommen könnte. Gleich nach dem Frühſtück gingen wir von Hauſe weg, um in Weſtminſter Hall etwas früh einzutreffen, und ſpazierten mit einander— ſo glücklich und ſo ſelt⸗ ſam ſchien es!— durch die lebhaften Straßen hin. Während wir ſo mit einander fortgingen und allerlei Pläne ſchmiedeten, wie wir für Richard und Ada Etwas thun könnten, hörte ich Jemand rufen:„Eſther! Liebe Eſther! Eſther!“ Und wen ſah ich da? Caddy Jellyby, die den Kopf ——ℳ————— m. 32⁵ aus dem Fenſter eines kleinen Wagens herausſtreckte, welchen Sie jetzt miethete, um zu ihren Schülerinnen zu gehen(ſie hatte deren ſo viele!). Sie ſchien in einer Entfernung von ein paar hundert Schritten mich umar⸗ men und küſſen zu wollen. Ich hatte ihr ein Billet ge⸗ ſchrieben, um ſie von Allem zu benachrichtigen, was mein Vormund gethan, hatte aber auch nicht einen Augenblick gefunden, um ſie aufzuſuchen. Natürlich kehrten wir um, und die liebevolle junge Frau war ſo entzückt und ſo erfreut, über den Abend ſprechen zu können, wo ſie mir die Blumen gebracht, war ſo feſt entſchloſſen, mein Geſicht(ſammt Hut ꝛc.) zwiſchen ihren Händen zu zer⸗ quetſchen und ſo in überaus ſtürmiſcher Weiſe fortzufah⸗ reu, mir alle Arten köſtlicher Nameu zu geben, und Allan zu ſagen, ich hätte, ich weiß nicht was, für ſie ge⸗ than, daß ich nicht umhin konnte, in den kleinen Wagen hineinzugehen und ſie zu beruhigen, indem ich ſie Alles ſagen und thun ließ, was ihr nur einfiel. Allan, der an dem Kutſchfenſter ſtand, war nicht weniger erfreut, als Caddy; ich meinerſeits war ſo er⸗ freut, wie nur Eines von ihnen; und ich wundere mich mehr, daß ich überhaupt, als daß ich lachend, und roth, und etwas zerzaust loskam. Nachdem ich aber ein Mal glücklich wieder losgekommen war, ſchaute ich noch ein Zeit lang Caddy nach, die ihrerſeits uns aus ihrem Kutſchfenſter heraus nachſchaute, ſo lauge ſie uns ſehen onnte. Dieſer Umſtand war Schuld, daß wir eine Viertel⸗ ſtunde ſpäter ankamen; und als wir Weſtminſter Hall erreichten, fanden wir, daß die Sitzung bereits eröffnet war. Unglücklicher Weiſe fanden wir außerdem noch den Sitzungsſaal des Kanzleigerichtshofs von einer unge⸗ wöhnlichen Menſchenmenge vollgepfropft, die alle Näume bis zur Thüre anfüllte; und ſo konnten wir denn das, was drinnen vorging, weder ſehen noch hören. Es ſchien etwas Drolliges zu ſein; denn es ließ 326 ſich gelegentlich ein Gelächter und der Ruf„Stille!“ hören. Es ſchien etwas Intereſſantes zu ſein, denn Jeder drückte den Andern und ſuchte näher zu kommen. Es ſchien Etwas zu ſein, was die Herren Juriſten unge⸗ mein beluſtigte, denn außerhalb der Menge ſtanden un⸗ terſchiedliche junge Rechtsconſulenten mit Perrücken und Backenbärten, und als einer von ihnen den andern eine gewiſſe Nachricht mittheilte, ſteckten ſie die Hände in die Taſchen, und wollten vor Lachen ſchier berſten, und gin⸗ gen ſtampfend auf dem Pflaſter der Halle herum. Wir fragten einen Herrn, der neben uns ſtand, ob er nicht wüßte, welche Sache eben verhandelt würde? Er ſagte uns, daß Jarndyce und Jarndyce an der Reihe wären. Wir fragten ihn dann weiter, ob er wüßte, wie die Sachen ſtünden? Er ſagte, daß er es nicht wüßte, und daß über⸗ haupt Niemand es je gewußt; ſo viel er aber erſehen könnte, wäre der Prozeß nun aus. „Für dieſen Tag?“ fragten wir ihn. „Nein,“ ſprach er;„ein für alle Mal aus.“ Ein für alle Mal aus! Als wir dieſe unerklärliche Antwort hörten, ſchauten wir, ganz in Staunen verloren, einander an. War es möglich, daß das Teſtament endlich Alles in Ordnung gebracht und daß Richard und Ada nun reich geworden? Es ſchien dieſe Nachricht zu gut zu ſein, um als wahr angenommen werden zu können. Und leider war dem ſo! Wir ſollten nicht lange in Zweifel ſein, denn bald zertheilte ſich die Menge, und es ſtrömten die Leute heraus und brachten ein Quantum ſchlechter Luft mit; dabei ſahen ſie roth und erhitzt aus. Intereſſant war es zu gleicher Zeit, die ungemeine Luſtigkeit all' der Leute zu gewahren, deun ſie ſahen mehr wie Leute aus, die ſo eben eine Farce oder einige Taſchenſpielerſtückchen geſe⸗ hen, als wie Leute, die einer Gerichtsſitzung angewohnt. —=——,,———-——— 2 S 2⸗ — U8— ——— G UUE S 327 Wir ſtellten uns beiſeit und ſuchten ein uns bekann⸗ tes Geſicht zu erſpähen; und es ſtand nicht lange an, ſo fing man an, gewaltige Actenſtöße herauszutragen— Acten, die in Säcke gepackt, Actenſtöße, die zu groß waren, als daß ſie ſich hätten in Säcke packen laſſen, ungeheure Papiermaſſen, die alle nur mögliche Formen und gar keine Formen hatten,— Papiermaſſen, unter deren Laſt die Träger wankten und taumelten,— Papier⸗ maſſen, welche ſie jedenfalls für den Augenblick auf das Pflaſter der Halle hinwarfen, um wieder hineinzugehen, und noch weitere Papiermaſſen herauszuſchleppen. Selbſt dieſe Advocatengehilfen lachten lant. Wir ſchauten die Papiere an und fragten, da wir Jarndyce und Jarndyce überall darauf geſchrieben ſahen, eine Perſon, die wie ein Gerichtsdiener ausſah und in⸗ mitten dieſer Papiermaſſen ſtand, ob der Prozeß nun aus wäre. „Ja,“ antwortete er;„endlich, endlich iſt er aus!“ Und er brach ebenfalls in ein Gelächter aus.. In dieſem Augenblicke ſahen wir Mr. Kenge aus dem Sitzungsſaale herauskommen. Es lag eine leutſelige Würde auf ſeinem Geſichte, und er hörte Mr. Vholes an, der eine ehrerbietige Haltung beobachtete, und ſeinen eigenen Actenſack trug. Mr. Vholes war der erſte, der uns erblickte. „Da iſt Miß Summerſon, Sir,“ ſprach er.„Und Mr. Woodcourt.“ „Ci, ei! Ja, wahrhaftig!“ ſprach Mr. Kenge, mit feiner Höflichkeit den Hut vor mir lüftend.„Wie be⸗ finden Sie ſich? Freut mich, Sie zu ſehen. Mr. Jarndyce nicht hier?“— Nein. Er komme nie hierher, erinnerte ich ihn. „Es iſt,“ erwiderte Mr. Kenge,„wahrhaftig ebenſo gut, daß er heute nicht hier iſt, denn ſeine— ſoll ich in der Abweſenheit meines guten Freundes ſo ſagen?— denn ſeine eigenthümliche Anſicht, die er ſich ſo wenig 328 nehmen laſſen will, wäre vielleicht beſtärkt worden; zwar nicht vernünftiger Weiſe, aber doch wäre ſie vielleicht beſtärkt worden.“ „Sagen Sie uns doch, was heute gethan worden?“ fragte Allan. „Ich bitte um Verzeihung, wie ſagen Sie?“ ſagte Mr. Kenge mit ungemeiner Höflichkeit. „Was iſt heute gethan worden?“— „Ah, was heute gethan worden?“ wiederholte Mr. Keuge.„Recht, recht. Ja. Je nun, es iſt nicht gerade viel gethan worden; nicht viel. Schon ſtanden wir,— ſoll ich ſo ſagen?— auf der Schwelle,— ja, ſchon ſtanden wir auf der Schwelle,— da iſt uns— iſt uns plötzlich Etwas in den Weg getreten,— da hat man vns plötzlich den Weg verrannt, ſo daß wir nicht weiter önnen.“ „Wird dieſes Teſtament als ein ächtes Document angeſehen, Sir?“ ſprach Allan.„Wollen Sie uns das ſagen?“ „Ganz gewiß, wenn ich könnte,“ ſprach Mr. Kenge; „aber wir ſind nicht ſo weit gekommen.“ „Nein, wir ſind nicht ſo weit gekommen,“ wieder⸗ holte Mr. Vholes, wie wenn ſeine leiſf innerliche Stimme ein Echo wäre. „Sie müſſen bedenken, Mr. Woodcourt,“ bemerkte Mr. Kenge, ſich ſeiner ſilbernen Kelle in überzeugender und beſänftigender Weiſe bedienend,„daß dieß ein großer Prozeß geweſen,— daß dieß ein langer Prozeß geweſen, — daß dieß ein complicirter Prozeß geweſen. Jarndyce und Jarndyce iſt nicht unpaſſend ein Monument von Kanzleigerichtspraxis genannt worden.“ „Und lange hat die Geduld darauf geſeſſen,“ ſprach Allan. „Ja, ja, Sir. Ja, Sie haben ganz Recht,“ ver⸗ ſetzte Mr. Kenge mit einem gewiſſen ihm eigenthümlichen herablaſſenden Lachen.„Ja, ja, Sie haben ganz Recht! 329 Und ferner müſſen Sie bedenken, Mr. Woodcourt,“(hier wurde er würdevoll bis zur Strenge),„daß die vielen Schwie⸗ rigkeiten, Zufälligkeiten, meiſterhaften Fictionen und Pro⸗ zedurformen in dieſem großen Prozeſſe Studium, Ge⸗ ſchicklichkeit, Beredſamkeit, Wiſſen, Verſtand, Mr. Wood⸗ court, ja, hohen Verſtand erfordert haben. Während einer langen Reihe von Jahren ſind die— a— ich wollte ſagen, die Blüthe des Advokatenſtandes, und die — a— möchte ich hinzuſetzen, die gereiften Herbſtfrüchte des Wollſacks an Jarndyce und Jarndyce verſchwendet worden. Wenn dem Publikum dieſe Wohlthat zu Theil werden, und wenn das Land ſolche Zierden haben ſoll, ſo muß es eben dafür zahlen, in Geld oder Geldes⸗ werth.“ „Mr. Kenge,“ ſprach Allan, dem mit einem Male ein Licht aufzugehen ſchien.„Entſchuldigen Sie, wir haben nicht viel Zeit zu verlieren. Soll ich hieraus ab⸗ nehmen, daß es ſich herausſtelle, wie das ganze Vermö⸗ gen rein in Koſten aufgegangen?“ „Mein Herr, ich glaube ſo,“ verſetzte Mr. Kenge. „Mr. Vholes, was ſagen Sie?“ „Ich glaube auch ſo,“ ſprach Mr. Vholes. „Und daß der Prozeß ſo in ſich zerfällt?“ „Wahrſcheinlich,“ verſetzte Mr. Kenge.„Mr. Vholes?“ „Wahrſcheinlich,“ ſprach Mr. Vholes. „Theuerſte Eſther,“ flüſterte Allan,„es wird dieß Richard das Herz brechen!“ Sein Geſicht drückte hier ſolch' lebhafte Beſorgniß aus, und er kannte Richard ſo gut, und auch ich hatte von ſeinem allmäligen Hinſchwinden ſo viel gewahrt, daß das, was die liebe Ada in der Fülle ihrer ahnenden Liebe zu mir geſagt, in meinen Ohren wie der Schall einer Todtenglocke wiederklang. „Für den Fall, daß Sie Mr. C. zu ſprechen wün⸗ ſchen ſollten, Sir,“ ſprach Mr. Vholes, hinter uns her⸗ kommend,„will ich Ihnen ſagen, daß ſie ihn im Sitzungs⸗ 330 ſaale finden können. Ich ließ ihn dort, da er ein Bis⸗ chen ausruhen wollte. Guten Tag, Sir; guten Tag, Miß Summerſon!“ Indem er mir jenen eigenthümlichen, langſam ver⸗ zehrenden Blick zuwarf, während er die Schnüre ſeines Sackes zuſammendrehte, bevor er damit dem Converſa⸗ tions⸗Kenge nacheilte, deſſen wohlthuenden Schatten er um keinen Preis verlieren zu wollen ſchien, ließ er ein Keuchen und Schnappen hören, wie wenn er das letzte Stück von ſeinem Clienten verſchluckt hätte; und dann ſchlüpfte ſeine ſchwarze, zugeknöpfte, ungeſunde Geſtalt nach der niederen Thüre am Ende der Halle hin. „Meine Liebe,“ ſprach Allan,„überlaß mir auf eine kleine Weile das Gut, das Du mir anvertraut. Geh’ mit mleer Nachricht nach Hauſe, und komm' ſpäter zu Ada!“. Ich wollte ihm nicht erlauben, daß er mich bis an den Wagen begleite, ſondern bat ihn, alsbald Richard aufzuſuchen und mich die Commiſſion beſorgen zu laſ⸗ ſen, die er mir gegeben. Ich eilte nach Hauſe, traf meinen Vormund an, und ſagte ihm nach und nach, mit welcher Nachricht ich zurückgekommen. „Kleines Mädchen,“ ſprach er,—(was ihn ſelbſt betraf, ganz gleichgiltig),„daß der Prozeß endlich aus iſt,— um jeden Preis ausgegangen iſt, iſt ein größe⸗ res Glück, als ich erwartet hatte. Aber meine armen jungen Verwandten!“ Wir ſprachen den ganzen Morgen von ihnen und erörterten, was für ſie zu thun wäre. Im Laufe des Nachmittags ging mein Vormund mit mir nach Sy⸗ mond'’s Inn hin, und verließ mich an der Hausthüre, Ich aber ging die Treppe hinauf. Als die liebe Ada meine Fußtritte hörte, kam ſie in den kleinen Gang heraus und umſchlang meinen Nacken mit ihren Armen. Bald aber faßte ſie ſich wieder und ſagte, daß Richard zu unterſchiedlichen Malen nach mir & N——— —e—— ahen— ð ——— u—nn —y 331 gefragt. Allan hatte ihn in einem Winkel des Sitzungs⸗ ſaales gefunden, wo er, ſagte ſie mir, wie verſteinert ge⸗ ſeſſen ſei. Als man ihn aus ſeiner Betäubung geweckt, habe er ſich plötzlich aufgerafft, und ſei er weggerannt, und habe er gethan, als wenn er in zornigem Tone mit dem Richter ſprechen wollte. Allein er ſei daran verhin⸗ dert worden, indem ſein Mund voller Blut geweſen und dann habe ihn Allan nach Hauſe gebracht. Er lag, als ich in das Zimmer trat, mit geſchloſſe⸗ nen Augen auf dem Sopha. Auf dem Tiſche befanden ſich verſchiedene ſtärkende Mittel;z im Zimmer war es ſo luftig, wie nur möglich; auch hatte man daſſelbe ver⸗ dunkelt und hatte für Ordnung und Ruhe geſorgt. Allan ſtand hinter Richard und beobachtete ihn mit ernſter Miene. Sein Geſicht ſchien mir ganz farblos zu ſein, und jetzt, wo ich ihn ſah, ohne daß er mich ſah, gewahrte ich zum erſten Mal, wie abgezehrt er war. Dennoch ſah er ſchöner aus, als ſeit langer Zeit. Ich ſetzte mich ſchweigend zu ihm hin. Allmälig öffnete er die Augen und ſagte mit ſchwacher Stimme, aber mit ſeinem alten Lächeln: „Dame Durden, küß mich, meine Liebe!“ Es war ein großer Troſt und eine große Ueberra⸗ ſchung für mich, daß ich ihn in dieſem ſchwachen Zuſtande doch heiter fand, und daß er ſich noch mit der Zukunft beſchäftigte. Er ſei, ſagte er, über unſere beabſichtigte Heirath mehr erfreut, als er mir mit Worten ſagen könne. Mein Bräutigam ſei ihm und Ada ein Schutz⸗ engel geweſen, und er ſegne uns Beide, und wünſche uns alle Freude und alles Glück, ſo das Leben gewäh⸗ ren könne. Es war mir faſt, als ob mir ſelbſt das Herz brechen wollte, als ich ſah, wie er die Hand meines Verlobten ergriff und dieſelbe gegen die Bruſt drückte. Wir ſprachen ſo viel wie möglich von der Zukunft 332 und er fagte zu unterſchiedlichen Malen, daß er unſerer Hochzeit anwohnen müſſe, wenn er ſich nur auf den Bei⸗ nen halten könne. Ada werde, ſagte er, ſchon ein Mit⸗ tel ausfindig machen, ihn hinzubringen. „Ja, gewiß, liebſter Richard!“ Während aber mein Liebling ihm ſo voller Hoff⸗ nung antwortete,— ſo ſchön und ſo heiter geſtimmt durch die Hilfe, die ihr ſo nahe war,— da wußte ich, — da wußte ich..... Er durfte jetzt nicht zu viel ſprechen, und ſo oft er ſchwieg, ſchwiegen auch wir. Während ich ſo neben ihm ſaß, arbeitete ich ein Bischen für meinen Liebling, da er immer die Gewohn⸗ heit gehabt hatte, über meine ewige Geſchäftigkeit zu ſpaſſen. Ada lehute ſich auf ſein Kopfkiſſen und ließ ſeinen Kopf auf ihrem Arme ruhen. Er ſchlummerte oft, und wenn er aufwachte, ohne ihn zu ſehen, ſagte er immer zuerſt:„Wo iſt Woodcourk?“ Es war der Abend ſchon herangekommen, als ich meine Augen aufſchlug und meinen Vormund in dem klei⸗ nen Vorſaale ſtehen ſah. „Wer iſt das, Dame Durden?“ fragte mich Richard. Es war die Thüre hinter ihm, aber er hatte auf meinem Geſichte bemerkt, daß Jemand da ſei. Ich blickte Allan an, um mir ſeinen guten Rath zu erbitten, und da er bejahend nickte, ſo beugte ich mich über Richard hin und ſagte es ihm. Mein Vormund ſah, was vorging, kam nach einem Augenblicke leiſe zu mir her, und legte ſeine Hand auf die Richard's. „Oh, Sir,“ ſprach Richard,„Sie ſind ein guter Meuſch, ja, Sie ſind ein guter Menſch!“ und brach zum erſten Male in Thränen aus. Mein Vormund, das leibhaftige Bild eines guten 3³3³ Menſchen, ſetzte ſich auf meinen Platz und ließ ſeine Hand auf der Richard's ruhen. „Lieber Rick,“ ſprach er,„die Wolken haben ſich zerſtreut, und es iſt nun ſchönes Wetter. Wir haben nun beſſere Ausſichten. Wir Alle waren mehr oder minder verwirrt, lieber Rick. Was thut es aber! Und wie geht es Dir denn, lieber Junge?“ „Ich bin ſehr ſchwach, Sir, aber ich hoffe, daß ich wieder mehr zu Kräften komme. Ich muß nun eben wieder von vorn anfangen.“ „Ja, ja; ganz gut geſagt,“ rief mein Vormund. „Und nun will ich die Sache nicht mehr auf die alte Weiſe angreifen,“ ſprach Richard mit einem traurigen Lächeln.„Ich weiß nun Etwas, Sir. Die Lection iſt zwar eine harte geweſen; aber Sie ſollen ſehen, daß ich Etwas gelernt habe.“ „Laß es gut ſein!“ ſprach mein Vormund ihn trö⸗ ſtend.„Laß' es doch gut ſein, laß' es doch gut ſein, lieber Junge!“ „Ich dachte ſo, Sir,“ hob Richard wieder an,„daß ich auf dieſer Erde Nichts ſo gern ſehen möchte, als Ihr Haus— dann Durden's und Woodcourt's Haus. Koͤnnte man mich hinbringen, wenn ich wieder ein Bischen zu Kräften komme, ſo glaube ich, daß ich dort bälder als ſonſt irgend wo wieder geſunden würde.“ „Ei, Rick, auch ich habe ſo gedacht,“ verſetzte mein Vormund;„und auch unſer kleines Weibchen hat ſo ge⸗ dacht; wir haben, ſie und ich, erſt heute davon geſpro⸗ chen. Ihr Gatte wird wohl Nichts dagegen einzuwen⸗ den haben. Was meinſt Du?“ Richard lächelte, und hob den Arm in die Höhe, um ihn zu berühren, während er hinter dem Obertheil ſeines Ruhebettes ſtand. „Ueber Ada ſage ich Nichts,“ ſprach Richard,„aber ich denke an ſie und habe gar viel an ſie gedacht. Sehen Sie ſie an! Sehen Sie, Sir, wie ſie ſich über dieſes 334 Kiſſen beugt, während ſie ſelbſt doch ſo nöthig hätte, darauf auszuruhen, meine liebe arme Frau!“ Er umfing ſie mit den Armen, und es ſprach keines von uns. Allmälig ließ er ſie wieder los; und ſie ſchaute uns an, und ſah zum Himmel auf, und bewegte die Lippen. „Wenn ich nach Bleak Houſe hinunter komme,“ ſprach Richard weiter,„werde ich Ihnen viel zu ſagen haben, und Sie werden mir viel zu zeigen haben, Sir. Sie gehen doch hin?“ „Ohne Zweifel, lieber Rick.“ „Ich danke Ihnen; es ſieht das Ihnen gleich,— es ſieht das Ihnen gleich,“ verſetzte Richard.„Aber es ſieht das Ihnen ganz gleich. Man hat mir berichtet, wie Sie Alles ausgedacht, und wie Sie alle Liebhabe⸗ reien und Weiſen unſerer Eſther berückſichtigt. Es wird ganz ſo ſein, wie wenn man wieder nach dem alten Bleak Houſe käme.“ „Und Du ſollſt auch dahin kommen,— ich hoffe es, Rick. Ich bin, weißt Du, nun ein in der Welt ganz allein daſtehender Mann, und es wird ein Act der Men⸗ ſchenliebe ſein, wenn man zu mir kommt. Ja, es wird ein Act der Menſchenliebe ſein, wenn Du zu mir kommſt, meine Liebe,“ wiederholte er gegen Ada, indem er ſanft mit einer Hand über ihr goldenes Haar hinfuhr und eine Locke deſſelben gegen ſeine Lippen preßte.(Ich glaube, er gelobte bei ſich ſelbſt, daß er ſich, wenn ſie Wittwe würde, ihrer liebevoll annehmen wolle.) „Es war Alles ein unruhiger Traum?“ ſprach diſhadd, beide Hände meines Vormunds ungeſtüm er⸗ aſſend. „Sonſt Nichts, Rick; ſonſt Nichts.“ „Und Sie, der Sie ein guter Meuſch ſind, können die Sache als einen ſolchen hingehen laſſen, und dem Träumer verzeihen, und ihn bemitleiden, und Nachſicht gegen ihn zeigen, und ihn aufmuntern, wenn er wacht?“ ͤ—* Æ8 0 S —— 335 „Ja, das kann ich wirklich. Was bin ich anders, als auch ein Träumer, Rick?“ „Ich will wieder von vorn anfangen,“ ſprach Ri⸗ chard, in deſſen Augen ein eigenthümliches Licht glänzte. Mein Bräutigam kam etwas näher zu Ada her, und ich ſah, wie er in feierlicher Weiſe die Hand empor hob, um meinen Vormund auf Etwas aufmerkſam zu machen. „Wann werde ich dieſen Ort verlaſſen, um die an⸗ muthige Gegend aufzuſuchen, wo die alten Zeiten wieder aufleben,— wo ich ſo viel Kraft haben werde, zu ſagen, was Ada mir geweſen,— wo ich im Stande ſein werde, mich an meine vielen Fehler und Verblendungen zu erin⸗ nern,— wo ich mich daraufvorbereiten werde, meinem noch ungebornen Kinde ein würdiger Führer zu ſein?“ ſprach Richard.„Wann ſoll ich gehen?“ „Lieber Rick, ſobald Du ſtark genug biſt,“ erwiderte mein Vormund. „Liebe Ada!“ 7 Er ſuchte ſich ein Bischen aufzurichten. Allan richtete ihn auf, ſo daß ſie ihn an ihrer Bruſt liegen laſſen konnte, — was er geſucht hatte. „Ich habe mich großen Unrechts gegen Dich ſchuldig gemacht, liebe Ada. Ich bin wie ein armer, dürrer Schat⸗ ten auf Deinen Weg gefallen,— ich habe Dich mit Ar⸗ muth und Noth verbunden,— ich habe Deine Mittel ſchmählich vergeudet. Willſt Du mir All' dieſes verzeihen, Ada, ehe ich wieder von vorn aufange?“ Ein Lächeln verklärte ſein Geſicht, während ſie ſich über ihn beugte, um ihn zu küſſen. Er legte das Geſicht langſam auf ihre Bruſt nieder, ſchlang die Arme enger um ihren Hals, und fing mit einem letzten Seufzer von vorn au. Aber nicht in dieſer Welt,— o nein, nicht in dieſer Welt! ſondern in jener beſſeren Welt, welche die Ungerechtigkeſten und Unvollkommenheiten dieſer Welt aus⸗ gleicht.— Als zu einer ſpäten Stunde ſchon Alles ſtill war, 336 kam die arme, verrückte Miß Flite weinend zu mir und ſagte mir, daß ſie ihren Vögeln nun die Freiheit ge⸗ ſchenkt. 4 Sechsundſechzigſtes Kapitel. Drunten in Linecolnſhire. In dieſen Tagen, wo ſo Vieles anders geworden, liegt über Chesney Wold eine gewiſſe Stille verbreitet; ein Gleiches läßt ſich von einem Theile der Familienge⸗ ſchichte ſagen. Es geht die Sage, es habe Sir Leiceſter gewiſſe Leute, die hätten ſprechen können, für ihr Schwei⸗ gen bezahlt; aber es iſt dieß eine lahme Geſchichte, die nur ſchwach herumflüſtert und herumkriecht, und jeder glänzendere Lebensfunke, den ſie zeigt, erſtirbt bald. Ge⸗ wiß weiß man ſo viel, daß die ſchöne Lady Dedlock in dem Mauſoleum im Park liegt, wo ſich über dem Haupte die Bäume dunkel wölben, und wo man Nachts die Waldungen von dem Geſchrei der Eule erſchallen hört. Von wo ſie aber hinuntergebracht worden, um unter den Echo's des einſamen Ortes zu ruhen, oder wie ſie ge⸗ ſtorben, das iſt eitel Geheimniß. Einige von ihren alten Freundinnen, die insbeſondere unter den Zauberinnen mit den pfirſichfarbenen Wangen und den ſkelettartigen Hälſen zu finden ſind, ſagten ein Mal gelegentlich, als ſie in geiſterhafter Weiſe mit großen Fächern ſpielten— wie Zauberinnen, die ſich darauf beſchränkt ſehen, mit dem graſſen Tode zu liebeln, nachdem ſie ihre andern ſtutzerhaften Liebhaber alle verloren haben— ſagten alſo d 337 ein Mal gelegentlich, als die Welt bei einander war, wie ſie ſich wunderten, daß die Aſche der in dem Mauſoleum liegenden Dedlocks ſich nie gegen die Profanation ſolcher Geſellſchaft erhöbe. Aber die in Staub und Aſche ver⸗ wandelten Dedlocks nehmen die Sache ganz ruhig hin, und nie hat man erfahren, daß ſie gegen ſolche Nähe Etwas einzuwenden gewußt. Von dem Farnkraute im Loche und auf dem Reit⸗ wege zwiſchen den Bäumen hindurch kommt zuweilen das Geräuſch von Pferdehufen zu dieſem einſamen Orte her⸗ auf. Dann kann man Sir Leiceſter ſehen, der, gebrechlich, gebückt, und faſt blind, aber immer noch würdevoll aus⸗ ſehend, herangeritten kommt, und hart neben ihm einen handfeſten Mann. Letzterer weicht nie von ihm. Sobald ſie auf einem gewiſſen Flecke vor der Thüre des Mau⸗ ſoleums anlangen, bleibt Sir Leiceſter's Pferd, das an dieſe Beſuche ſchon gewöhnt iſt, von ſelbſt ſtehen; und dann zieht Sir Leiceſter den Hut ab, und hält einige Augenblicke ruhig an, bis ſie endlich wieder wegreiten. Es wüthet immer noch der mit dem frechen Boythorn angefangene Krieg, wenn auch zu unbeſtimmten Zeiten, und bald mehr, bald minder heiß; es flackert derſelbe wie ein unſtetes Feuer. Die Wahrheit ſoll ſein, daß, als Sir Leiceſter für immer nach Lincolnſhire herunter kam, Mr. Boythorn ein deutliches Verlangen gezeigt habe, auf ſein Wegrecht Verzicht zu leiſten, und Alles zu thun, was Sir Leiceſter angenehm ſein könnte; Sir Leiceſter aber habe, darin eine ſeiner Krankheit oder ſeinem Un⸗ glücke geltende Conceſſion erblickend, es ſo übel vermerkt, und habe ſich dadurch in ſo magnifiker Weiſe gekränkt gefühlt, daß Mr. Boythorn nichts Anderes übrig geblie⸗ ben, als ſich einen flagranten Eingriff in die Rechte ſei⸗ nes Nachbars zu Schulden kommen zu laſſen, nur um dieſen wieder einigermaßen zu ſich zu bringen. In glei⸗ cher Weiſe fährt Mr. Boythorn fort, furchtbare Placate Bleak Houſe. WV. 22 338 auf dem ſtreitigen Durchgang anzukleben, und(ſeine Vögelchen auf dem Kopfe) in dem Heiligthum ſeines Hauſes ganz entſetzlich gegen Sir Leiceſter zu donnern; in gleicher Weiſe bietet er ihm auch, wie früher, in dem Kirchlein Trotz, indem er in ſeiner ſanften Weiſe ſich ſtellt, als wiſſe er gar nicht, daß Sir Leiceſter nur exi⸗ ſtire. Aber man flüſtert ſich zu, daß er, wenn er gegen ſeinen alten Feind am Grimmigſten wirklich am Rück⸗ ſichtsvollſten ſei, und daß Sir Leiceſter in dem würde⸗ vollen Bewußtſein ſeiner Unverſöhnlichkeit ſich nur wenig träumen laſſe, wie ſehr man ihm zu Gefallen lebe. Eben⸗ ſo wenig läßt er ſich einfallen, wie nahe bei einander er und ſein Feind durch die Schickſale der beiden Schwe⸗ ſtern gelitten haben; und ſein Feind, der es nun weiß, iſt nicht der Mann, es ihm zu ſagen. Und ſo dauert denn der Streit fort, zu beider Befriedigung. In einem der Parkhäuschen,— in jenem Häuschen, das man vom Schloſſe aus gewahrt, und wo, wenn es drunten, in Lincolnſhire, in Strömen herabgoß, my Lady dann und wann das Kind des Parkwächters aufzuſuchen pflegte, iſt der handfeſte Mann, der frühere Troupier, untergebracht. Einige Reliquien von ſeinem alten Berufe hangen an den Wänden herum, und dieſelben immer ſpie⸗ gelblank zu erhalten, iſt die Lieblingserholung eines klei⸗ nen lahmen Männchens, der ſich im Stallhofe zu ſchaffen macht. Er iſt immer noch ein geſchäftiges kleines Männ⸗ chen im Blankmachen der Thüren der Geſchirrkammern, von Steigbügeln, Gebiſſen, Kinnketten, Geſchirrnägeln, und über⸗ haupt von Allem, was zu einem Stall gehört und blank gemacht werden kann: ſein Leben iſt ein ewiges Reiben. Es iſt ein zottiges, kleines, viel beſchädigtes Männchen, nicht nnähnlich einem alten Blendling, der ſchon viel in der Welt herumgeſtoßen worden. Er geht auf den Ruf„Phil.“ Es iſt ein wohlthuender Anblick, die ſtattliche alte Haushälterin,(die jetzt übelhöriger geworden) am Arme u— u——- 8c 339 ihres Sohnes nach der Kirche gehen zu ſehen, und— was aber nur Wenige thun, da jetzt nicht viel Geſellſchaft im Schloſſe mehr iſt— die Beziehungen beider zu Sir Leiceſter und Sir Leiceſter's zu ihnen zu beobachten. Im Hochſommer bekommen ſie Beſuch, und dann ſieht man aus dem Laube einen grauen Mantel und einen Regen⸗ ſchirm hervortauchen, die zu andern Zeiten zu Chesney Wold unbekannt waren; dann findet man gelegentlich zwei junge Damen, die in einſamen Sägegruben und ähnlichen Winkeln, welche der Part darbietet, ihre Sprünge machen und ſich vergnügen; und dann ſteigt, aus der Thüre des Troupiers hervor, der Rauch zweier Pfeifen in Schlangenwindungen in die ſüß duftende Abendluft empor. Dann hört man in dem Parkhäuschen eine Quer⸗ pfeife ertönen nach der begeiſternden Melodie der„briti⸗ ſchen Grenadire;“ und wenn endlich die Dunkelheit hereinbricht, hört man eine barſche unbeugſame Stimme, während zwei Männer mit einander auf und abſchreiten, ſagen:„Aber ich geſtehe es nie vor dem alten Mädel. Es muß die Disciplin aufrecht erhalten werden.“ Der größere Theil des Schloſſes iſt geſchloſſen, und es iſt nun nicht länger ein Paradehaus; deſſen ungeach⸗ tet produzirt Sir Leiceſter immer noch ſeinen zuſammen⸗ geſchrumpften Staat und ſeine Hoheit, die unterdeſſen Etwas Noth gelitten, in dem langen Salon, und ruht an ſeinem alten Platze vor my Ladys Porträt aus. Nachts durch breite Schirme eingeſchloſſen, und bloß in dieſem Theile glänzend, ſcheint das Licht des Salons allmälig zuſammenzuſchrumpfen und zu ſchwinden, bis es nicht mehr iſt. Noch ein Bischen mehr, es verliſcht wirklich für Sir Leiceſter ganz, und es öffnet ſich ihm und nimmt ihn auf die feuchte Thüre in dem Mauſoleum, die ſo feſt ſchließt, und ſo verſteckt ausſieht. Volumnia, auf die der Flug der Zeit die Wirkung hat, daß das Roth in ihrem Geſichte immer fleiſchfarbiger und das Weiß immer gelber wird, lieſt an den langen 340 Abenden Sir Leiceſter vor, und ſieht ſich zu unterſchied⸗ lichen Kunſtgriffen gezwungen, um ihr häufiges Gähnen zu verbergen; der wirkſamſte und Hauptkunſtgriff iſt da⸗ bei, daß ſie das Perlenhalsband zwiſchen ihre roſigen Lippen bringt. Langathmige Abhandlungen über die Buf⸗ fy⸗ und Boodle⸗Frage, worin gezeigt iſt, wie unbefleckt Buffy und wie niederträchtig Boodle iſt, und wie das Land zu Grunde geht dadurch, daß nur Boodle Etwas gilt und Buffy gar Nichts, oder wie daſſelbe gerettet wird dadurch, daß nur Buffy Etwas gilt und Boodle gar Nichts(einer von dieſen Beiden muß nun ein Mal am Ruder ſein; einen andern Ausweg gibt es nicht), bilden den Grundſtock ihrer Lectüre. Sir Leiceſter ſelbſt iſt es ziemlich gleich, was ſie ihm vorlieſt, und es ſcheint derſelbe nicht ſehr fleißig dem, was ſie vorlieſt, zu folgen; nur wenn Volumnia ſich beigehen läßt, aufzuhören, wird er immer ganz wach, und fragt, ihr letztes Wort mit ſo⸗ norer Stimme wiederholend, etwas mißvergnügt, ob ſie ſich ermüdet fühle? Indeſſen iſt Volumnia, während ſie ſo regelartig an Papieren herum gehüpft iſt und dieſelben bepickt hat, auf eine Notiz geſtoßen, die ſie ſelbſt betrifft. Es bietet dieſelbe für den Fall, daß ihrem Verwandten„Etwas zuſtößt,“ einen ſchönen Erſatz für auch noch ſo langes und beharrliches Leſen, und vermag ſelbſt den Drachen der Langweile im Schach zu halten. Die Vettern meiden im Allgemeinen Chesney Wold in ſeiner Trübſeligkeit ſo ziemlich, kommen aber ein Bis⸗ chen zur Jagdzeit, wo man in den Culturen Flintenſchüſſe hört, und ein paar zerſtreute Treiber und Parkwächter auf ein paar traurige Vettern an den alten Sammel⸗ plätzen warten. Der abgeſchwächte Couſin, der durch die Trübſeligkeit des Orts noch mehr abgeſchwächt wird, ge⸗ räth in einen entſetzlich niedergeſchlagenen Zuſtand, ächzt in ſeinen gewehrloſen Stunden unter den Bußkiſſen des —r 341 Sopha, und erklärt, daß ſolche infernaliſche alte Kerker Einen auf immer deſperat machen könnten. Während drunten in Lincolnſhire ſich in ſolcher Weiſe Alles verändert hat, ſind die einzigen großen Ge⸗ legenheiten für Volumnia jene ſeltenen und durch große Zwiſchenräume von einander getrennten Anläße, wo für die Grafſchaft oder das Land Etwas gethan werden ſoll, dadurch daß ſie einem öffentlichen Ball durch ihre Grazie weiteren Reiz verleiht. Alsdann kommt allerdings die mit einem Halsſtreifen gezierte Sylphide in Feengeſtalt zum Vorſchein und begibt ſich, escortirt, von ihren Cou⸗ ſins, mit Freuden nach dem vollen vierzehn Meilen ent⸗ fernten, erſchöpften, alten Aſſembleezimmer, das während dreihundertvierundſechzig Tagen und Nächten jedes ge⸗ wöhnlichen Jahres eine Art antipodiſcher Rumpelkammer voll alter Stühle und Tiſche iſt, wo das Oberſte zu un⸗ terſt liegt. Dann nimmt ſie wirklich alle Herzen durch ihre Herablaſſung, durch ihre mädchenhafte Lebendigkeit, ſowie dadurch ein, daß ſie herumhüpft wie in den Tagen, wo der abſcheulich häßliche, alte General mit dem an Zähnen überreichen Munde noch keinen Zahn à zwei Guineen bekommen hatte. Dann dreht ſie ſich und windet ſie ſich, eine paſtorale Nymphe von guter Familie, durch die Labyrinthe des Tanzes hin. Dann erſcheinen die Schäfer mit Thee, mit Limonade, mit Sandwiches, mit Huldigungen. Dann iſt ſie freundlich und grauſam, cere⸗ moniös und anſpruchslos, verſchiedenartig, wunderſchön eigenſinnig. Dann gibt es noch eine ſonderbare Art von Parallele zwiſchen ihr und den kleinen gläſernen Arm⸗ leuchtern aus einem andern Zeitalter, welche das fragliche Aſſembleezimmer verſchönern; denn es ſcheinen dieſelben lauter Volumnias mit ihren magern Stöcken, ihren ſpär⸗ lichen, kleinen Tropfen, ihren täuſchenden Knöpfen, woran keine Tropfen ſich befinden, ihren nackten, kleinen Armen, wovon ſowohl Knöpfe als Tropfen verſchwunden ſind, ſowie mit ihrem kleinen, ſchwachen, prismatiſchen Blinken. 342 Im Uebrigen löſt ſich für Volumnia das Lincoln⸗ ſhirer Leben in eine unendliche Oede auf in dem über⸗ großen Hauſe, das auf Bäume hinausſchaut, welche ſeuf⸗ zen, die Hände ringen, die Köpfe verneigen, und in monotoner Niedergeſchlagenheit ihre Thränen auf die Fenſterſcheiben werfen. Ein Labyrinth ſtolzer Größe, we⸗ niger das Eigenthum einer Familie menſchlicher Weſen und ihrer geiſterhaften Abbilder, als einer alten Familie von Echos und Donnern, die bei jedem Geräuſche aus ihren hundert Gräbern auffahren und durch das Gebäude hinhallen. Eine Einöde unbetretener Gänge und Treppen, wo die Perſon, die Nachts einen Kamm auf dem Boden des Schlafzimmers fallen läßt, verſtohlene Tritte durch das Haus hinſendet, um irgend eine Botſchaft auszurich⸗ ten. Ein Ort, wo nur wenige Leute gern allein herum⸗ gehen; wo ein Dienſtmädchen laut aufſchreit, wenn vom Feuer ein Bischen Aſche niederfällt, zu allen Zeiten, und vorn und hinten im Jahr, zu weinen anfängt, das Opfer einer tiefen Niedergeſchlagenheit wird, aufkündet und fortgeht. So Chesney Wold. So iſt es der Dunkelheit und Oede verfallen; ſo wenig Abwechſelung kennt es im Glanze des Sommers und wenn der Winter dräut; ſo düſter und bewegungslos iſt es nun immer; jetzt flattert bei Tage keine Fahne, jetzt funkeln bei Nacht keine Reihen von Lichtern; es kommen und gehen keine Familien; keine Beſuche ſind mehr die Seelen bleicher, kalter Geſtalten von Zimmern; der Odem des Lebens zeigt ſich darin nicht mehr;— Leidenſchaft und Stolz ſind ſelbſt für das Auge des Fremden von dem Orte in Lincolnſhire geſchwunden und haben ihn trübſeliger Ruhe überantwortet. — 9 S2L= S-õ-- ⏑ —— 8&☛ 8—— 343 Siebenundſechzigſtes Kapitel. Das Ende von Eſther's Erzählung. Volle ſieben glückliche Jahre bin ich nun die Gebie⸗ terin von Bleak Houſe. Die wenigen Worte, die ich noch zu dem, was ich bereits geſchrieben, hinzuzufügen habe, ſind bald verzeichnet; dann ſcheiden ich und der unbe⸗ kannte Freund oder die unbekannte Freundin, an die ich ſchreibe, auf immer von einander. Nicht ohne viele theure Erinnerungen von meiner Seite. Und hoffentlich nicht einige von ſeiner oder ihrer Seite. Man übergab meinen Liebling meinen Armen, und viele Wochen lang verließ ich ſie nie. Das kleine Kind, das ſo viel hatte bewirken ſollen, ward geboren, noch ehe der Raſen auf das Grab ſeines Vaters gepflanzt war. Es war ein Knabe, und ich, mein Gatte, und mein Vormund gaben ihm ſeines Vaters Namen. Die Hilfe, worauf meine liebe Ada zählte, ward ihr wirklich, obgleich dieſelbe nach dem Rathſchluſſe der ewi⸗ gen Weisheit zu einem andern Zwecke kam. Obgleich die⸗ ſes Kind die Miſſion hatte, ſeine Mutter und nicht ſei⸗ nen Vater zu ſegnen und wieder herzuſtellen, ſo erwies ſich doch dieſe ſeine Kraft als ungemein groß. Als ich die Stärke ſeines ſchwachen Händchens ſah, und als ich gewahrte, wie deſſen Berührung das Herz meines Lieb⸗ lings heilen, und in ihr wieder Hoffnungen erwecken konnte, da fühlte ich mich von der Güte und Liebe Got⸗ tes auf's Neue durchdrungen. Sie gediehen; und allmälig ſah ich meine liebe Ada in meinen ländlichen Garten hinausgehen und dort, mit ihrem Kinde auf den Armen, ſich ergehen. Ich war nun 344 verheirathet. Ich war die glücklichſte unter den Glück⸗ lichen. Um dieſe Zeit kam mein Vormund zu uns und fragte Ada, wann fie heimkommen wollte 2 „Es ſind zwar beide Häuſer Deine Heimath, meine Liebe,“ ſprach er;„gleichwohl macht das ältere Bleak Houſe Anſpruch auf Priorität. Sobald Ihr Beide, Du und mein Knabe, ſtark genug ſeid, um es zu thun, ſo kommet und nehmet von Eurer Heimath Beſitz.“ Ada nannte ihn„ihren theuerſten Vetter John.“ Aber er ſprach:„Nein, der Vetter muß jetzt Vormund heißen.“ Und ſo war er denn von nun an ihr und des Kna⸗ ben Vormund; und es trat für ihn mit dem Namen eine alte Ideenaſſociation ein. So nannte ſie ihn denn Vor⸗ mund, und hat ihn ſeitdem immer ſo genannt. Die Kinder kennen ihn unter keinem andern Namen. — Ich ſage, die Kinder, denn ich habe zwei kleine Töchter. Es iſt ſchwer, zu glauben, daß Charley(die immer noch rundäugige, aber gar nicht nach den Regeln der Grammatik ſprechende) an einen Müller in unſerer Nach⸗ barſchaft verheirathet iſt; und doch iſt dem alſo. Sogar jetzt, wo ich von meinem Pulte aufſchaue, an dem ich ſchreibe,— jetzt, in früher Morgenſtunde, an meinem Sommerfenſter, ſehe ich, wie das Mühlrad anfängt, herum zu gehen. Hoffentlich wird der Müller Charley nicht ver⸗ derben; aber er liebt ſie ſehr, und Charley iſt auf eine ſolche Partie ziemlich eitel,— denn er iſt wohlhabend, und hatte die Wahl unter vielen Mädchen. So fern es ſich von meinem kleinen Kammermädchen handelt, könnte ich glauben, daß die Zeit ſieben Jahre lang ebenſo ſtill geſtanden, wie das Mühlrad vor einer halben Stunde, da die kleine Ema, Charley's Schweſter, gerade ſo iſt, wie Charley zu ſein pflegte. Was Tom, Charley's Bruder betrifft, ſo ſcheue ich 345 mich wirklich, zu ſagen, welche Heldenthaten er in ſeiner Schule beim Rechnen verrichtete; aber ich glaube, es wa⸗ ren Decimalbrüche. Was es aber immer ſein mochte, ſo viel kann ich beſtimmt ſagen, daß er bei dem Müller in der Lehre iſt; dabei iſt er ein guter, verſchämter Burſche, der ſich immer in Jemand verliebt, und ſich dann der Sache ſchämt. Caddy Jellyby brachte ihre allerletzte Vacanz bei uns zu, und war ein lieberes Geſchöpf, als nur je; ſie tanzte immer und ewig mit den Kindern zum Hauſe hinaus und herein, wie wenn ſie in in ihrem ganzen Le⸗ ben noch nie eine Tanzſtunde gegeben hätte. Caddy braucht jetzt keinen Wagen mehr zu miethen, ſondern hat jetzt ſelbſt ein kleines Gefährt, und wohnt volle zwei Meilen weſtlicher, als Newman Street. Sie arbeitet angeſtrengt, da ihr Gatte(ein trefflicher Mann) lahm iſt, und nur ſehr wenig thun kann. Trotz dem iſt ſie mehr, denn zu⸗ frieden, und thut Alles, was ſie zu thun hat, von Herzen gern. Mr. Jellyby bringt ſeine Abende in ihrem neuen Hauſe zu und lehnt dabei den Kopf gegen die Wand, wie er in ihrem alten Hauſe zu thun pflegte. Es iſt mir zu Ohren gekommen, daß Mrs. Jellyby viel Aerger habe ausſtehen müſſen wegen der ignoblen Heirath und dem unedlen Berufe ihrer Tochter; indeſſen hoffe ich, daß ſie denſelben mit der Zeit verwand. Ihr Borrioboola⸗Gha⸗Plan iſt ſchmählich vereitelt worden, da der König von Borrioboola Jedermann, der dem Kli⸗ ma nicht unterlag um Rum verkanfen wollte; dafür aber beſchäftigt ſie fich nun mit dem Plane, das Recht der Weiber, im Parlament zu ſitzen, zur Anerkennung zu bringen, und Caddy ſagt mir, es ſei dieß eine Miſſion, die 8 noch größere Correſpondenz nach ſich ziehe, als ie alte. Um ein Haar hätte ich Caddy's armes kleines Mäd⸗ chen vergeſſen. Es iſt daſſelbe jetzt kein ſo winziges Würm⸗ chen mehr; wohl aber iſt es taubſtumm. Ich glaube, es 346 lebte nie eine beſſere Mutter, als Caddy, denn es lernt dieſelbe in ihren wenigen freien Augenblicken unzählige Taubſtummenzeichen, um ihr Kind minder unglücklich zu machen. Gleich als ſollte ich mit Caddy gar nicht mehr fer⸗ tig werden, fallen mir hier Peepy und der alte Mr. Turveydrop ein. Peepy iſt beim Zollamt angeſtellt, und es geht ihm außerordentlich gut. Der alte Mr. Turvey⸗ drop iſt zwar ungemein apoplektiſch, trägt aber dennoch ſeinen Anſtand in der Stadt herum zur Schau; er ver⸗ gnügt ſich immer noch in der alten Weiſe, und man glaubt immer noch in der alten Weiſe an ihn. Er begoͤnnert Peepy beharrlich, und wie ich höre, ſo hat er demſelben eine franzöſiſche Schlaguhr, die ihm beſonders gefällt, und die in ſeinem Ankleidecabinet ſteht— aber nicht ſein Eigenthum iſt— vermacht. Das erſte Geld, das wir in unſerer Haushaltung erſparten, wurde dazu verwendet, daß wir unſerem hüb⸗ ſchen Hauſe ein kleines, für meinen Vormund beſtimmtes Brummſtübchen beifügten. Es wurde daſſelbe mit großem Glanze eingeweiht, als er das nächſte Mal wieder zu uns kam. Ich ſuche Alles dieß ganz leicht hinzuſchreiben, weil mein Herz ganz voll iſt, indem ich an's Ende komme; wenn ich aber von ihm ſchreibe, laſſen meine Thränen ſich nicht mehr Halt gebieten. Nie ſehe ich ihn an, ohne daß mir die Worte unſers armen Richard's in die Ohren klingen:„Sie ſind ein guter Menſch.“ Ada und ihrem hübſchen Knaben iſt er der zärtlichſte Vater; mir iſt er, was er immer geweſen, und welche Namen kann ich dem geben! ——-———— 347 Er iſt meines Vaters beſter und theuerſter Freund, — er iſt unſerer Kinder Liebling,— er iſt der Gegen⸗ ſtand unſerer innigſten Liebe und Verehrung. Und doch bin ich, während er mir als ein höheres Weſen erſcheint, ſo vertraut und ungenirt mit ihm, daß ich mich faſt über mich ſelbſt wundere. Ich habe meinen alten Namen nie verloren; ebenſo wenig hat er den ſeinigen verloren; auch ſitze ich, wenn er bei uns iſt, nie an einem andern Platze, als auf meinem alten Stuhle neben ihm.„Dame Trot,“„Dame Durden,“„kleines Weibchen!“— immer nach, wie früher; und ich antworte;... Ja, lieber Vormund!“— gerade wie in früheren Zeiten. Nie iſt mir ſeit dem Tage, wo er mich an die Vor⸗ halle führte, um mich den Namen leſen zu laſſen, be⸗ kannt geworden, daß der Wind auch nur einen Augen⸗ blick aus Oſten blies. Ich bemerkte ein Mal gegen ihn, daß der Wind jetzt nie mehr aus Oſten zu blaſen ſcheine; und er ſagte, es ſei derſelbe gerade an jenem Tage ein für alle Mal aus jener Himmelsgegend gewichen. Meine Liebe Ada kommt mir ſchöner, als je, vor. Der Kummer, der auf ihrem Geſichte gelegen,— denn er iſt nun daraus verſchwunden,— ſcheint ſogar deſſen un⸗ ſchuldigen Ausdruck geläutert und demſelben etwas Gött⸗ licheres verliehen zu haben. Bisweilen, wenn ich die Augen aufſchlage und ſehe, wie ſie in dem ſchwarzen Gewande, das ſie immer noch trägt, meinen Richard unterrichtet, iſt es mir— es iſt dieß ſchwer auszudrü⸗ cken— als ſei es ſo gut, zu wiſſen, daß ſie ſich ihrer lieben Eſther bei ihrem Gebete erinuert. Ich nenne ihn meinen Richard. Aber er ſagt, er habe zwei Mamma's, und ich ſei eine davon. 348 Wir haben zwar keine großen Reichthümer auf der Bank liegen, indeſſen iſt es uns immer gut gegangen und wir haben, ſo viel wir brauchen. Ich gehe nie mit meinem Manne aus, ohne daß ich die Leute ihn ſegnen höre. Nie gehe ich in ein hohes oder niederes Haus hinein, ohne daß ich ſein Lob höre, oder daſſelbe in dank⸗ baren Augen ſehe. Nie lege ich mich Abends nieder, ohne daß ich weiß, daß er im Laufe dieſes Tages Schmerzen geſtillt hat und irgend einem Mitgeſchöpf in der Zeit der Noth beigeſprungen iſt. Ich weiß, daß von den Betten derer, die nicht mehr zu retten waren, oft, oft in der letzten Stunde Dankgebete zum Himmel emporgeſtiegen ſind für ſeine geduldige Hilfleiſtung Heißt das nicht reich ſein? Die Leute loben ſogar mich als die Doctors⸗Frau. Die Leute haben ſogar mich gern, wenn ich fo herumgehe, und machen von meiner Perſon ſo viel Aufhebens, daß ich ganz beſchämt bin. Alles das verdanke ich ihm, ihm, der meine Liebe, mein Stolz iſt! Sie lieben mich um ſeinetwillen, wie ich Alles, was ich in dieſem Leben thue, um feinetwillen thue. Vor ein paar Tagen ſaß ich Abends, nachdem ich in geſchäftiger Weiſe für meinen Liebling, meinen Vor⸗ mund, und den kleinen Richard, die morgen kommen ſollen, das Nöthige zugerüſtet hatte, draußen in der Vor⸗ halle,— in einer mir ewig in theurer Erinnerung blei⸗ benden Vorhalle, als Allan nach Hauſe kam. „Da ſagte er:„mein Liebes Weibchen, was machſt du hier?“ Und ich ſprach:„Es ſcheint der Mond ſo ſchön, —————,——— ———u———————*2 — 349 Allan, und es iſt die Nacht eine ſo wonnevolle, daß ich mich hierhergeſetzt um mich meinen Gedanken zu über⸗ laſſen.“ ĩ„Ja, und an was haſt du denn gedacht, meine Liebe?“ fragte Allan weiter. „Schau, wie neugierig du biſt!“ antwortete ich. „Faſt ſchäme ich mich, Dir es zu ſagen; dennoch aber will ich dir es nicht vorenthalten. Ich habe an mein altes Geſicht gedacht,— an mein Geſicht, wie es einſt war.⸗ „Ja, und was find denn dabei deine Gedanken ge⸗ weſen, geſchäftige Biene?“ ſagte Allan. „Ich habe ſo gedacht, ich denke, es ſei unmöglich, daß Du mich hätteſt inniger lieben können, ſelbſt wenn ich mein altes Geſicht behalten hätte.“ „— Wie es einſt war?“ ſprach Allan lachend. „Natürlich, wie es einſt war.“ „Liebe Dame Durden,“ erwiderte Allan, meinen Arm durch den ſeinigen ziehend,„ſieheſt Du auch in den Spiegel?“ 1„Du weißt, daß ich es thue; Du ſieheſt mich es hun.“ „Und weißt Dunicht, daß Du hübſcher, denn je, biſt?“ Ich wußte nun das zwar nicht; auch bin ich nicht gewiß, ob ich es jetzt weiß. Aber ſo viel weiß ich, daß meine lieben Kinderchen gar hübſch ſind, und daß mein Liebling wunderſchoͤn iſt, und daß mein Mann überaus ſchön iſt, und daß mein Vormund das frenndlichſte, wohl⸗ wollendſte, ſchönſte Geſicht hat, das je geſehen worden, und daß ſie gar wohl leben können, ohne daß ich gerade ſo ſchön zu ſein brauche— ſelbſt wenn man annehmen wollte— Ende. Uachwort. Vor ein paar Monaten hatte, bei einem öffent⸗ lichen Anlaſſe, ein dem Kaxzleigerichtshofe angehö⸗ riger Richter die Güte, mir, als einem Gliede ei⸗ ner Geſellſchaft von etlichen hundert und fünfzig Herren und Damen. die nicht eben des Wahn⸗ ſinns verdächtig ſein konnten, zu ſagen, daß der Kanz⸗ leigerichtshof, obgleich derſelbe der hervorragende Gegenſtand ſo vieler Volksvorurtheile(wobei, ich meinte, das Auge des Richters ſchiele nach mir her), faſt unbefleckt ſei. Zwar gab er zu, daß hie und da etwas langſam gearbeitet werde, aber es werde dieß ungemein übertrieben und rühre einzig und allein von„der Sparſamkeit des Publicums“ her; welch' ſchuldbeladenes Publicum, wie es ſchien, bis auf die neueſte Zeit ſich beharrlich dagegen geſträubt, die Zahl der beim Kanzleigerichtshofe angeſtellten Richter zu vermehren, ſo daß das Per⸗ ſonal auf die, wie ich glaube, von Richard II.— indeſſen jeder andere König iſt hier ebenſo gut— feſtgeſetzte Zahl beſchränkt geblieben. Es ſchien mir dieß ein gar zu arger Spaß, ———— 12— — 3⁵¹ als daß ich ihn dieſem Buche hätte einverleiben mögen, ſonſt hätte ich denſelben dem Converſations⸗ Kenge oder Mr. Vholes wieder zugeſtellt, von denen einer denſelben wie ich glaube, ausgeheckt haben muß. In ſolchem Munde hätte ich ihn mit einem paſſenden Citat aus einem von Shakeſpeare's Sonnetten paaren können.. „Es hat gewöhnt ſich die Natur bei mir „An das, worin ſie arbeitet, wie die Hand beim Färber: „So habet Mitleid denn mit mir und wünſcht, ich wär erneuert! Da es aber heilſam iſt, daß das ſparſame Publi⸗ cum erfährt, was in dieſer Richtung gethan wor⸗ den und immer noch gethan wird, ſo will ich hier erwähnen, daß Alles, was auf den voranſtehenden Seiten über den Kanzleigerichtshof geſagt worden iſt, ſubſtantiell wahr und der Wahrheit gemäß iſt. Der Gridley'ſche Fall iſt in allen weſentlichen Punk⸗ ten hiſtoriſch wahr, und es liegt demſelben ein Vor⸗ fall zu Grunde, der von einer uneigennützigen Per⸗ ſon veröffentlicht worden, welche als Rechtsanwalt mit all' dem monſtröſen Unrecht von Anfang bis zu Ende bekannt war. — Noch in dieſem Augenblicke ſchwebt vor dem Kanzleigerichtshofe ein Proceß, der vor nun faſt zwanzig Jahren angefangen hat. Es iſt dieß ein Pro⸗ zeß, in dem bekannter Maßen dreißig bis vierzig Rechts⸗ anwälte zu gleicher Zeit erſchienen, indem die Ko⸗ ſten bereits auf ſiebzig tauſend Pfund angelaufen 3⁵² ſind. Und es iſt dieß noch ein freundſchaftli⸗ cher Proceßz; und wie man mich verſichert, ſo iſt derſelbe ſeinem Ende in dieſem Augenblicke um kein Haar breit näher gerückt, als zu der Zeit, wo er anfing. Noch ein anderer wohlbekannter Proceß ſchwebt dermalen vor dem Kanzleigerichtshof. Es hat der⸗ ſelbe ſchon vor dem Ende des verfloſſenen Jahr⸗ hunderts angefangen, und es ſind darin für Koſten bis jetzt mehr als ein hundert vierzig tauſend Pfund darauf gegangen. Bedürfte ich noch weiterer Auto⸗ ritäten füj Jarndyce und Jarndyce, ſo könnte ich ſolche auf dieſe Blätter niederregnen laſ⸗ ſen zur großen Schande— eines ſparſamen Pub⸗ lieums. Es iſt nun nur noch ein Punkt übrig, wor⸗ über ich einige Worte bemerken muß. Die Mög⸗ lichkeit einer ſogenannten ſpontanen Verbrennung iſt ſeit dem Tode Mr. Krook's in Abrede geſtellt worden; und mein guter Freund Mr. Lewes (der, wie er bald ausfindig machte, ſich darin ganz getäuſcht hatte, daß er geglaubt, es wäre ein ſolches Ding von allen Autoritäten aufgegeben worden) veröffentlichte zu der Zeit, wo dieſes Ereig⸗ niß verzeichnet ward, einige recht ſcharfſinnige Briefe, die an mich gerichtet waren, und worin bewieſen werden ſollte, daß es eine ſpontane Selbſt⸗ verbrennung gar nicht geben könne. Ich brauche wohl nicht erſt zu bemerken, daß —— 353 ich meine Leſer nicht abſichtlich oder aus Fahr⸗ läſſigkeit irre führe, und daß ich, bevor ich die fragliche Beſchreibung gab, mich die Mühe nicht verdrießen ließ, der Sache auf den Grund zu gehen. Es ſind etwa dreißig Fälle verzeichnet, von denen der berühmteſte, der der Gräfin Cornelia de Bandi Ceſenate, auf's Genaueſte unterſucht und beſchrieben wurde von Giuſeppe Bianchini, ei⸗ nem Veroneſer Stiftsherrn, der auch ſonſt noch als Schriftſteller bekannt iſt, und im Jahre 1731 zu Verona einen Bericht darüber veröffentlicht hat, den er ſpäter zu Rom abermals drucken ließ. Die Erſcheinungen, die in dieſem Falle beob⸗ achtet wurden, und worüber kein vernünftiger Zwei⸗ fel abwalten kann, ſind gerade die Erſcheinungen, die in Mr. Krook's Fall beobachtet worden ſind. Der zweite überaus berühmte Fall kam ſechs Jahre früher zu Rheims vor; und es iſt der Geſchicht⸗ ſchreiber hier Le Cat, einer der bekannteſten Chirurgen, die Frankreich bis jetzt gehabt. Hier bil⸗ dete den Gegenſtand eine Frau, deren Mann aus Unwiſſenheit als ihr Mörder verurtheilt wurde; er appellirte indeſſen in feierlicher Weiſe an einen hö⸗ heren Gerichtshof und wurde jetzt freigeſprochen, weil bewieſen wurde, daß ſie desjenigen Todes ge⸗ ſtorben, den man ſpontane Verbrennung nennt. Ich erachte es nicht als nothwendig, dieſen merk⸗ merkwürdigen Thatſachen, ſowie den im Laufe dieſer Bleak Hyuſe IV. 23 354 Geſchichte erwähnten Anſichten und Erfahrungen ausgezeichneter franzöſtſcher, engliſcher und ſchotti⸗ ſcher Mediciner aus neuerer Zeit Etwas beizufügen, und begnüge mich mit der Bemerkung, daß ich nicht eher aufhören werde, mich an die Thatſachen zu halten, als bis eine bedeutende ſpontane Verbren⸗ nung der Zeugniſſe eintritt, auf welche hin menſch⸗ liche Vorfälle gewöhnlich Glauben finden. In Bleak Houſe habe ich abſichtlich bei der ro⸗ mantiſchen Seite allbekannter Dinge verweilt. Wie ich glaube, ſo habe ich noch nie ſo viele Leſer ge⸗ funden, wie bei dieſem Buche. Auf baldiges fro⸗ hes Wiederſehen! London Auguſt 1853. —