— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Seſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe dinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für aghentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Me— Pf. „„— ¹ A—. 1—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, di das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „ Bleak Houſe. Von Charles Dickens. Aus dem Eugliſchen von Dr. Chr. Fr. Grieb. Elftes bis achzehntes Bändchen. Stuttgart. Franckh' ſche Verlagshandlung. 1853. —ee—-G ⏑———-9—ee—-—————— Schnellpreſſendruck der J. G. Sprandel'ſchen Buchdruckerei. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Scharfſchützen. Der mit ſchläfrigen Augen und blaßgelbem Geſichte auf die Nachbarſchaft von Leiceſter Square herabblickende Wintermorgen findet deren Bewohner nur wenig ge⸗ neigt, das Bett zu verlaſſen. Viele von dieſen ſtehen auch beim ſchönſten Wetter und zur ſchönſten Jahres⸗ zeit nie früh auf, indem dieſelben Nachtvögel ſind, die aufſitzen, wenn die Sonne ſchon hoch ſteht, und voll⸗ kommen wach ſind und auf den Raub ausgehen, wenn die Sterne am Himmel glänzen. Hinter ſchmutziger Jalouſie und ditto Vorhang, in einem obern Stockwerke und in einer Dachkammer, mehr oder weniger unter falſchen Namen, falſchen Haaren, falſchen Titeln, falſcher Bijouterie, und falſchen Geſchichten ſchleichend und ſich ver⸗ ſteckend liegt eine Colonie von Räubern im erſten Schlafe. Herren vom grünen Boy⸗Wege, die aus perſönlicher Er⸗ fahrung von ausländiſchen Galeeren und einheimiſchen Tretmühlen ſprechen könnten; Spione ſtarker Regierun⸗ gen, die immer und ewig zittern vor Schwäche und jaͤmmer⸗ licher Furcht; zu Grunde gerichtete Verräther, Feiglinge, Renommiſten, Spieler, Ränkeſchmiede, Schwindler, und falſche Zeugen, einige nicht ungezeichnet von dem Brand⸗ eiſen unter ihren ſchmutzigen Haarflechten; Alle unendlich Bleak Houſe. III. 1 2 grauſamer, als ſelbſt Nero, und laſterhafter und ver⸗ brecheriſcher, als irgend ein Seele in Newgate; denn ſo ſchlecht auch der Teufel ſein kann, in Barchent oder im Kittel(— und er kann in beiden recht ſchlecht ſein—), ſo iſt er doch ein ſchlauerer, verhärteterer, unerträglicherer Teufel, wenn er eine Stecknadel an ſein Vorhemdchen ſteckt, ſich einen Gentleman nennt, auf eine Karte oder Farbe hält, ein Paar Partien Billard ſpielt, und Etwas von Wechſeln und Handſchuldſcheinen weiß, als in jeder andern Geſtalt, die er annimmt. Und in ſolcher Geſtalt kann Mr. Bucket ihn finden, ſobald er nur will, in den auf Leiceſter Square ausmündenden Kanälen. Aber der Wintermorgen bedarf ſeiner nicht und weckt ihn nicht. Er weckt aber Mr. George von der Schieß⸗ bahn, und ſeinen dienſtbaren Geiſt. Sie ſtehen auf, rollen ihre Matratzen zuſammen, und bringen dieſelben an den für ſie beſtimmten Ort. Nachdem Mr. George ſich vor einem kleinen Spie⸗ gelchen raſirt hat, geht er baarhäuptig und baarbrüſtig an die Pumpe im Höfchen hinaus, und kommt bald wie⸗ der zurück, glänzend von gelber Seife, vom Reiben, und von nngemein kaltem Waſſer triefend. Während er ſich an einer großen Rollquehle reibt, und dabei bläst, wie eine Art militäriſchen Tauchers, der eben aus dem Waſſer hervorgekommen, und ſein krauſes Haar ſich, je mehr er es reibt, an ſeinen ſonn⸗ verbrannten Schläfen immer feſter und feſter kräuſelt, ſo daß es ausſieht, als ob es nie durch ein minder gewalt⸗ thätiges Werkzeug, als einen eiſernen Rechen oder einen Pferdeſtriegel wieder aufgelöst werden könne,— und während er alſo ſo reibt, und bläst, und putzt, und keucht, und den Kopf bald nach dieſer, bald nach jener Seite hinwendet, um ſeine Gurgel um ſo bequemer ſchinden zu können, und während er mit gehörig nach vorn gebogenem Körper daſteht, um die Näſſe von ſeinen martialiſchen Beinen abzuhalten,— ſchaut Phil, ———— 8—— ᷣ⏑ 3 der auf den Knien ein Feuer angezündet, umher, wie wenn er ſich genugſam waſche, wenn er Alles das, was geſchieht, ſehe, und wie wenn er für einen Tag hinläng⸗ lich erneuert werde, wenn er die überflüſſige Geſundheit, deren ſein Herr ſich entledigt, für ſich nehme. Nachdem Mr. George trocken geworden, fängt er an, ſich den Kopf mit zwei harten Bürſten zu gleicher Zeit zu bürſten, und zwar bis zu jenem unbarmherzigen Grade, daß Phil, indem er ſich die Schießbahn entlang drückt, um dieſe zu fegen, vor lauter Mitgefühl mit den Augen blinkt. Nachdem auch dieſe Scheuerarbeit vorüber, iſt der ornamentale Theil von Mr. George's Toilette bald zu Ende. Er ſtopft ſeine Pfeife, zündet ſie an, und geht nach ſeiner Gewohnheit rauchend auf und ab, während Phil einen gewaltigen Geruch von heißen Brödchen und Kaffee entwickelt und das Frühſtück bereitet. Der Beſitzer der Schießbahn raucht heute ernſt und geht langſam hin und her, vielleicht gilt dieſe Morgen⸗ pfeife dem Andenken Gridley's,— des in ſeinem Grabe liegenden Gridley. „Und ſo haben Sie denn, Phil,“ ſpricht George von der Schießbahn, nachdem er einige Male ſchweigend auf und ab gegangen,„vergangene Nacht vom Lande geträumt?“ Beiläufig geſagt, hatte das Phil in einem Tone des Staunens gemeldet, als er aus dem Bette herauskroch. „Ja, Herr!“ „Wie ſah es aus?“ „Ich weiß kaum, wie es ausſah, Herr,“ ſagt Phil nachdenkend. „Wie wußten Sie denn aber, daß es das Land war 2“ „He, wegen des Graſes, denke ich. Und wegen der Schwanen, die darauf waren,“ ſagt Phil, nachdem er ſich die Sache abermals überlegt. „Und was thaten denn die Schwäne auf dem Graſe?“ „Sie fraßen wohl davon, denke ich,“ ſagt Phil. Der Herr fängt nun wieder an, auf und ab zu gehen, und der Diener fährt mit der Bereitung des Frühſtückes fort. Es nimmt dieſelbe nicht nothwendig längere Zeit in Anſpruch, indem ſie ſich darauf beſchränkt, für zwei Perſonen höchſt einfache Frühſtückserforderniſſe herzuſtellen, und an dem Feuer auf dem verroſteten Roſte eine Schnitte Speck zu braten; da aber Phil viele Zeit braucht, um, ſo oft es nöthig iſt, einen Theil der Schieß⸗ bahn entlang zu wackeln, und da er, ſo oft er Etwas zu holen hat, nie zwei Dinge auf ein Mal mitbringt, ſo dauert ſie unter den obwaltenden Umſtänden eine ge⸗ raume Zeit. Endlich iſt das Frühſtück fertig. Phil benachrichtigt hievon Mr. George, und dieſer klopft auf dem Rücken des Kamins die Aſche aus ſeiner Pfeife, ſtellt letztere in die Kaminecke, und ſetzt ſich, um zu eſſen. Nachdem er ſich mit dem Erforderlichen verſehen, bekennt Phil Farbe. Letzterer ſitzt dabei an dem äußer⸗ ſten Ende des kleinen oblongen Tiſches, und nimmt ſeinen Teller auf die Knie,— ſei es nun aus Demuth, oder um ſeine geſchwärzten Hände zu verbergen, oder weil dieß überhaupt ſeine natürliche Art iſt, zu eſſen. „Das Land!“ ſagt Mr. George, mit Meſſer und Gabel arbeitend.„Ei, ich glaube wahrhaftig, daß Sie das Land nie, noch mit keinem Auge geſehen, Phil.“ „Ich habe ein Mal die Sümpfe geſehen,“ ſagt Phil, ſich ſein Frühſtück ſchmecken laſſend. „Was für Sümpfe?“ „Die Sümpfe, Herr,“ entgegnet Phil. „Wo ſind ſie?“ „Ich weiß nicht, wo ſie ſind,“ verſetzt Phil.„Aber ich ſah ſie, Herr. Sie waren eben. Und nebelig.“ „Ich bin auf dem Lande geboren, Phil.“ „Wirklich, Herr?“ „Ja. Und bin dort auch erzogen worden.“ Phil richtet ſeine eine Augenbraue in die Höhe, und ſchluckt, nachdem er ſeinen Herrn ehrerbietig ange⸗ ſtarrt, um ſein Intereſſe auszudrücken, ein gehöriges Quantum Kaffee hinunter, und ſtarrt ihn immer noch an. „Es gibt keinen Vogelgeſang, den ich nicht kenne,“ hebt Mr. George wieder an.„Nicht viele engliſche Blätter oder Beeren, denen ich nicht ihren Namen geben könnte. Nicht viele Bäume, die ich nicht jetzt noch er⸗ klettern könnte, wenn es nöthig wäre. Ich war einſt ein rechter Landjunge. Meine gute Mutter lebte auf dem Lande.“ „Sie muß eine feine alte Dame geweſen ſein, Herr,“ bemerkt Phil. „Ja freilich! Und auch nicht ſo alt, vor fünf und dreißig Jahren,“ ſagt Mr. George.»Aber ich eehe eine Wette ein, daß ſie in einem Alter von neunzig faſt noch ſo gerade wäre, wie ich, und über die Schultern her faſt han biein 1 „Iſt ſie in einem Alter von neunzig Jahren ge⸗ ſtorben, Herr?“ fragt Phil. dig aß 8 „Nein, laſſen Sie ſie im Frieden ruhen, Gott ſegne ſie!“ ſpricht der alte Soldat.„Doch was hat mich auf Landjungen, und Landläufer, und Taugenichtſe ge⸗ bracht? Sie, ganz gewiß! Und ſo haben Sie denn nie das Land geſehen,— Sümpfe und Träume ausgenom⸗ men: he?“ Phil ſchüttelte den Kopf. „Wollen Sie es ſehen?“ „N-ein, hab' eben kein beſonderes Verlangen dar⸗ nach,“ antwortet Phil. „Die Stadt iſt Ihnen alſo genug, he?“ „Ei, ſehen Sie, Herr,“ ſpricht Phil,„ich kenne ſonſt keine Seele, und zweifle, ob ich nicht zu alt werde, um an Neuem Geſchmack zu finden.“ „Und wie alt ſind Sie denn, Phil?“ fragt der alte Soldat, im Begriffe, ſeine dampfende Untertaſſe an die Lippen zu führen, und dabei innehaltend. „Es iſt Etwas von acht darin,“ ſpricht Phil. „Achtzig kann es nicht ſein. Auch nicht achtzehn. So zwiſchen achtzehn und achtzig.“ Mr. George ſtellt ſeine Untertaſſe, ohne deren In⸗ halt zu koſten, langſam hin, und fängt lachend an:— „Ei, was der Teufel, Phil?“— da hält er inne, als er ſieht, daß Phil an ſeinen ſchmutzigen Fingern zählt. „Ich war gerade acht,“ ſagt Phil,„nach der Rech⸗ nung des Kirchſpiels, als ich zu dem Keſſelflicker kam. Ich wurde ausgeſchickt, um Etwas zu beſorgen, und kann ihn noch ſehen, wie er unter einem alten Hauſe ſaß, recht behaglich, und ein Feuer für ſich ganz allein hatte. Da ſagt er: ‚Möchteſt Du vielleicht mit mir kommen, Männ⸗ chen? Ich ſage: ‚Ja:, und er, und ich, und das Feuer geht mit einander heim nach Clerkenwell. Es war am erſten April, wo man die Leute zu Narren macht. Ich konnte bis auf zehn zählen; und als der Aprilnarrentag wieder kam, ſagte ich bei mir ſelbſt: ‚Nun biſt Du, alter Kerl, acht und eins dazu.: Den Aprilnarrentag darauf ſage ich: ‚Nun, alter Burſche, biſt Du acht und zwei.“ So komme ich denn im Laufe der Zeit bis auf acht und zehn; auf acht und zwei Mal zehn. Als das aber ſo hoch angewachſen war, gewann es die Oberhand über mich; aber ſo weiß ich eben immer, daß Etwas von acht darin iſt.“ „Ah!“ ſpricht Mr. George, ſich wieder an ſein Früh⸗ ſtück machend.„Und was iſt aus dem Keſſelflicker ge⸗ worden?“ „Das Trinken hat ihn in den Spital gebracht, Herr, und der Spital hat ihn— in einen Glaskaſten gebracht, habe ich gehört,“ antwortet Phil in geheimniß⸗ voller Weiſe. „Und auf die Art erlangten Sie Beförderung? Bekamen Sie das Geſchäft, Phil?“ 3 1 „Ja, Herr, ich übernahm das Geſchäft. So wie es war. Der Bezirk war nicht gar groß— um Saffron Hill, Hatton Garden, Clerkenwell, Smiffeld her und ſo in jener— armen Nachbarſchaft, wo die Leute immer die Keſſel ſo lange brauchen, bis man ſie nimmer flicken kann. Die meiſten von den herumſtreichenden Keſſel⸗ flickern pflegten ſo in unſer Haus zu kommen und dort zu wohnen, und es bildete dieß den ſchönſten und größ⸗ ten Theil vom Verdienſte meines Herrn. Aber zu mir kamen ſie eben nicht. Ich war nicht wie er. Er konnte ihnen ein hübſches Lied ſingen. Ich konnte das nicht! Er konnte auf irgend einem Topfe, wenn derſelbe nur von Eiſen oder Blockzinn war, ein Stückchen ſpielen. Ich konnte mit einem Topfe nie etwas Anderes anfangen, als ihn flicken, oder ihn zum Kochen bringen,— hatte nie auch nur einen Gedanken von Muſik in mir. Und zudem ſah ich zu ſchlecht aus, und es beklagten ihre Weiber ſich über mich.“ „Da waren ſie gewaltig difficil! Sie könnten unter Vielen Revue paſſiren, Phil!“ ſpricht der Troupier mit einem angenehmen Lächeln. „Nein, Herr!“ entgegnet Phil kopfſchüttelnd.„Ach nein, ich könnte es nicht. Ich ſah ordentlich genug aus, als ich zu dem Keſſelflicker kam, obgleich ich auch damals ſchon mich nicht viel zu rühmen brauchte; aber dadurch, daß ich mit dem Maul das Feuer ſo oft angeblaſen, als ich noch jung war, und daß ich meine Geſichtsfarbe verderbte, und mein Haar abſengte, und den Rauch verſchluckte; und dadurch, daß ich natürlich unglücklich war im Brennen an heißem Metall, und daß ich mich noch durch andere ſolche Mittel zeichnete, und daß ich, als ich älter wurde, mich mit dem Keſſelflicker rieb, faſt ſo oft er zu tief in das Gläschen geguckt,— was faſt immer der Fall war, — ſtand es ſogar ſchon um jene Zeit gar ſchief mit 83 meiner Schönheit. Und was mein ſeitheriges Leben be⸗ trifft, ſo habe ich an die zwölf Jahre in einer dunkeln Schmiede zugebracht, wo die Leute dem Schabernacken ergeben waren, und bin in einer Gasfabrik zufällig ein Mal halb verbrannt, und bei der Feuerwerksgeſchichte, während ich mit dem Füllen der Hülſen beſchäftigt war, in die Luft zum Fenſter hinaus geſprengt worden, und bin nun viel zu häßlich, als daß man mich zum Gegen⸗ ſtande eines Schaugepränges machen könnte!“ Phil ergibt ſich in dieſe Lage mit vollkommenem Gleichmuth und bittet ſich noch eine Taſſe Kaffee aus. Während er trinkt, ſagt er:— „Als ich beim Füllen der Hülſen ſo in die Luft geſprengt worden war, ſah ich Sie zum erſten Male, Herr. Erinnern Sie ſich noch?“ „Ja, ich erinnere mich deſſen noch wohl, Phil. Sie ergingen ſich allein in der Sonne.“ „Ich kroch, wollten Sie ſagen, Herr, an einer Mauer fort.“ „Ganz richtig, Phil,— Sie ſchulterten ſich fort.“ „In einer Nachtmütze!“ ruft Phil aufgeregt aus. „In einer Nachtmütze—“ „Und hinkte an ein Paar Stecken!“ ruft Phil noch aufgeregter. „An ein Paar Stecken. Da—“ „Blieben Sie ſtehen, wiſſen Sie,“ ruft Phil, Taſſe und Obertaſſe hinſtellend, und ſeinen Teller raſch von ſeinen Knien entfernend,„und ſagten zu mir: ‚Wie, Kamerad! Sie ſind im Kriege geweſen!“ Ich ſagte da⸗ mals nicht viel zu Ihnen, Herr, denn es überraſchte mich, daß eine Perſon, ſo ſtark, und ſo geſund, und ſo kühn, wie Sie waren, ſtehen blieb, um mit einem ſolchen hinkenden Haufen von Beinen zu ſprechen, wie ich war. Aber Sie ſagten zu mir, ja das ſagten Sie, und es kam aus Ihrer Bruſt ſo herzlich, wie nur mög⸗ lich, ſo daß es wie ein Gläschen von etwas Heißem a SG=——₰— i war: ‚„Was iſt denn Ihnen zugeſtoßen? Sie ſind übel zugerichtet. Wo feblt's, alter Knabe? Kommen Sie, werden Sie ein Bischen munter, und erzählen Sie uns zwas davon! Werden Sie ein Bischen munter!: Ei, ich war ſchon munter! Ich ſage das Ihnen, Sie ſagen mehr zu mir, ich ſage mehr zu Ihnen, Sie ſagen dann noch mehr zu mir, und ſo bin ich nun da, Herr! Da bin ich nun, Herr!“ ruft Phil, der von ſeinem Stuhl aufgeſprungen iſt, und in unerklärlicher Weiſe angefangen hat, ſich von der Seite fortzumachen.„Fehlt es nun an einer Scheibe, oder kann damit die Sache verbeſſert werden, ſo laſſen Sie nur die Kunden nach mir zielen. An meiner Schönheit können die Nichts mehr verder⸗ ben. Nur drauf und brav zugeſchoſſen! Wollen ſie Je⸗ mand haben, an dem ſie ihre Fäuſte probiren wollen, ſo mögen ſie mich dazu nehmen, ſie mögen mir den Kopf nur recht mitnehmen. Es iſt mir eins! Brauchen ſie in Cornwallis, Devonſhire, oder Lancaſhire ein Mal ein unter zwölf Stein wiegendes Ding, um ſich im Schmeißen zu üben, ſo mögen ſie mich fortſchmeißen. Mir thun ſie keinen Schaden. Ich bin mein Leben lang in jeder nur erdenklichen Weiſe herumgeſchmiſſen worden.“ Mit dieſer unerwarteten Rede, die recht energiſch herauskam, und von den Geberden begleitet war, welche die verſchiedenen Uebungen vorſtellten, worauf angeſpielt worden, drückt ſich Phil Squod an drei Seiten der Schießbahn herum, bis er endlich, bei ſeinem Herrn an⸗ gelangt, plötzlich umlegt, mit dem Kopf nach Letzterem hinſtößt, zum Zeichen, daß er ihm mit Leib und Seele ergeben. Dann fängt er an, das Frühſtück wegzuräumen. Mr. George lacht fröhlich, klopft ihm auf die Schul⸗ ter, unterſtützt ihn bei dieſen Anordnungen, und hilft ihm die Schießbahn in die geſchäftsmäßige Ordnung brin⸗ gen. Nachdem dieß geſchehen iſt, macht er ſich mit den Motionsgewichten zu ſchaffen; darauf wiegt er ſich und hebt, indem er der Meinung iſt, er werde gar zu„ſtark,“ 10 gar zu„fett“, an, ſich mit vielem Ernſte im Hauen mit einem großen Säbel zu üben, wobei er keinen Gegner hat. Unterdeſſen hat Phil angefangen, an ſeinem ge⸗ wöhnlichen Tiſche zu arbeiten, wo er zuſchraubt und auf⸗ ſchranbt, und putzt, und feilt, und in kleine Löcher hineinbläst, und ſich immer ſchwärzer macht, und Alles zu thun und aufzumachen ſcheint, was an einem Schieß⸗ gewehre zu thun und aufzumachen iſt. Der Herr und der Diener werden endlich durch Fußtritte geſtört, die ſich im Gang hören laſſen, wo ſie einen ungewohnten Lärm verurſachen, und auf die An⸗ kunft einer ungewohnten Geſellſchaft hindeuten. Dieſe Tritte kommen immer näher zu der Schieß⸗ bahn her, und führen in dieſelbe eine Gruppe ein, die auf den erſten Blick ſich kaum mit einem andern Tage des Jahres in Einklang bringen läßt, als mit dem fünften November. Es beſteht dieſe Gruppe aus einer ſchwachen und häßlichen Geſtalt, die von zwei Männern in einem Seſſel herbeigetragen wird, und von einem hagern, ſchmächti⸗ gen Frauenzimmer begleitet iſt, das ein Geſicht hat, wie eine zuſammengekniffene Maske, und von dem ſich er⸗ warten ließe, daß es alsbald die volksthümlichen Verſe herſagte, die an die Zeit erinnern, wo man den Verſuch machte, Alt⸗England lebendig in die Luft zu ſprengen, wenn es nicht die Lippen feſt und trotzig geſchloſſen hielte, während der Seſſel auf den Boden hingeſtellt wird. In dieſem Augenblicke keucht die Figur, die ſich in letzterem befindet, die Worte hervor:„O Gott! O güti⸗ ger Himmel! Ich werde ſo entſetzlich geſchüttelt!“— und ſetzt dann noch die Worte hinzu:„Wie geht es Ihnen, mein lieber Freund,— wie geht es Ihnen?“ Erſt jetzt erkennt Mr. George in der Prozeſſion den ehrwürdigen Mr. Smallweed, der ſich hat ſpazieren fahren laſſen, und neben ihm, als ſeine Leibwächterin, ſeine Enkelin Judy. 11 „Mr. George, mein lieber Freund,“ ſagt Großvater Smallweed, den rechten Arm von dem Nacken eines ſeiner Träger entfernend, den er auf dem Herwege faſt erwürgt hat,„wie geht es Ihnen? Nicht wahr, es überraſcht Sie, mich zu ſehen, mein lieber Freund?“ „Es würde mich kaum mehr überraſcht haben, wenn ich Ihren Freund von der City zu Geſicht bekommen hätte,“ entgegnet Mr. George. „Ich gehe eben ſo ſelten aus,“ keucht Mr. Small⸗ weed hervor.„Es ſind ſchon viele Monate, daß ich nicht mehr aus dem Hauſe gekommen bin. Es geht das nicht an, iſt mit zu vielen Umſtänden verknüpft, bekommt mir nicht gut,— und kommt etwas theuer zu ſtehen. Aber es verlangte mich ſo ſehr, Sie zu ſehen, mein lieber Mr. George. Wie befinden Sie ſich, mein Herr?“ „Oh, ich befinde mich ziemlich wohl,“ antwortet Mr. George.„Hoffentlich können Sie ein Gleiches ſagen?“ „Sie können ſich nie zu wohl befinden, mein lieber Freund.“ Hier ergreift Mr. Smallweed die beiden Hände ſeines Freundes, und ſetzt hinzu: „Ich habe meine Enkelin Judy hierhergebracht. Sie wollte ſich nicht zurückhalten laſſen. Sie wollte Sie ſchlechterdings ſehen; ſie hatte ein wahres Verlangen nach Ihnen.“ „Hm! ihr Geſicht ſagt nicht viel davon!“ murmelt Mr. George. „Wir nahmen alſo ein Miethcabriolet, ſtellten einen Seſſel darein, und an der Ecke haben Sie mich dann aus dem Cabriolet herausgehoben, in den Seſſel geſetzt, und mich hierher getragen, damit ich meinen lieben Freund in ſeinem Etabliſſement ſehen möchte! Dieß,“ fährt Großvater Smallweed fort, auf den Träger deutend, der Gefahr gelaufen hat, erwürgt zu werden, und ſich zurückzieht, indem er ſeine Luftröhre wieder in Ordnung bringt,„iſt der Cabrioletkutſcher. Er hat Nichts extra. 12 Es iſt nach Uebereinkommen in ſeinem Fahrgeld mitbe⸗ griffen. Dieſe Perſon,“— auf den andern Träger deutend,—„nahmen wir draußen auf der Straße für eine Pinte Bier, was zwei Pence macht. Judy, gib doch dem Mann zwei Pence! Ich wußte nicht, daß Sie einen eigenen Arbeiter hier haben, mein lieber Freund, ſonſt würden wir uns dieſer Perſon bedient haben.“ Großvater Smallweed meint damit Phil, dem er einen Blick voller Schrecken zuwirft,— einen Blick, wo⸗ mit er die in halbgedämpftem Tone geſprochenen Worte verbindet:„O Gott! O gütiger Himmel!“ Auch iſt dieſe ſeine Furcht, wenn man die Dinge oberflächlich betrachtet, nicht ohne allen Grund, denn Phil, der die Erſcheinung in der ſchwarzen Sammtmütze noch nie zuvor geſehen, hat, ein Schießgewehr in der Hand, ſeine Arbeit plötzlich unterbrochen, und ſieht dabei ſo ziemlich wie ein verzweifelt guter Schütze aus, der im Begriffe iſt, Mr. Smallweed als einen häßlichen alten Vogel vom Krähengeſchlechte auf's Korn zu nehmen. „Judy, mein Kind,“„fährt Großvater Smallweed fort,„gib doch dem Mann ſeine zwei Pence! Es iſt mächtig Viel für das, was er gethan.“ Die Perſon, die zu jenen außerordentlichen Arten menſchlicher Schwämme gehört, die in den weſtlichen Straßen von London von ſelbſt entſtehen, eine alte rothe Jacke trägt, und die„Miſſion“ hat, Pferde zu halten und Wagen herbeizurufen, empfängt ſeine zwei Pence mit jedem andern Gefühle, nur nicht mit dem des Ent⸗ zückens, wirft das Geldſtück in die Höhe, fängt es mit dem Obertheil der Hand wieder auf, und zieht ſich zurück. „Mein lieber Mr. George,“ ſpricht Großvater Smallweed,„wären Sie wohl ſo gefällig und hälfen mich zum Feuer hin tragen? Ich bin an ein Feuer ge⸗ wöhnt, und bin ein alter Mann, den es bald friert. O gütiger Himmel!“ Der letzte Ausruf wird aus dem ehrwürdigen Herrn 13 durch die Plötzlichkeit, womit Mr. Squod geniusartig ihn ſammt ſeinem Seſſel erfaßt, und auf den Stein vor dem Kamin hinſtellt, herausgerüttelt. „O Gott!“ ſpricht Mr. Smallweed keuchend.„O du gütiger Himmel! Ach, Du Schöpfer! Mein lieber Freund, Ihr Arbeiter iſt recht ſtark— und recht ge⸗ ſchwind. O Gott, er iſt recht geſchwind! Judy, zieh mich doch ein Bischen zurück, ich brenne ſchon an den Beinen!“ Und dieß wurde auch den Naſen ſämmtlicher An⸗ weſenden offenbar durch den Geruch, den ſeine wollenen Strümpfe von ſich gaben. Nachdem die artige Judy ihren Großvater ein Bis⸗ chen von dem Feuer weggezogen, und ihn wie gewöhn⸗ lich aufgeſchüttelt, und ſein überſchattetes Auge von ſei⸗ nem ſchwarzſammtenen Löſchhorn befreit hat, ſpricht Mr. Smallweed wieder: „O du güiiger Himmel! Ach Gott!“ Und indem er herumſieht, und Mr. George's Blick begegnet, ſtreckt er abermals beide Hände hin. „Mein lieber Freund! Freut mich ſo unendlich, Sie zu treffen,— Sie wieder ein Mal zu ſehen! Und das iſt alſo Ihr Etabliſſement? Es iſt ja ein herrlicher Ort. Iſt ja ſo ſchön, wie gemalt! Sie finden hoffent⸗ lich doch nie, daß hier aus Zufall Etwas losgeht; oder ſollte es anders ſein, mein lieber Freund?“ ſetzt Großvater Smallweed, ſich recht unbehaglich fühlend, hinzu. „Nein, nein. Brauchen in der Beziehung Nichts zu fürchten!“ „Und Ihr Arbeiter? Der— ach, du gütiger Him⸗ mel!— der wird doch nie Etwas loslaſſen, ohne es zu wollen; oder iſt es anders, mein lieber Freund?“ „Er hat noch nie Jemand verletzt, außer ſich ſelbſt,“ ſpricht Mr. George lächelnd. „Aber es könnte ihm doch ein Mal ſo'was paſſiren, wiſſen Sie. Er ſcheint ſich ſchon gar oft verletzt zu ha⸗ 14 ben, und am Ende könnte er auch ein Mal Jemand an⸗ ders verletzen,“ verſetzt der alte Herr.„Es könnte ihm das paſſiren, ohne es zu wollen,— ja, es könnte ihm das ein Mal mit ſeinem Wiſſen und Willen paſſiren. Mr. George, wollen Sie ihm befehlen, dieſe hölliſchen Feuerwaffen ſtehen zu laſſen, und ſich zu ſchieben?“ Phil zieht ſich, einem Kopfnicken des Troupier ge⸗ horchend, mit leeren Händen an das andere Ende der Schießbahn zurück. Mr. Smallweed findet ſich nun mehr beruhigt und hebt an, an den Beinen zu reiben. „Und es geht Ihnen gut, Mr. George?“ ſagt er zu dem Troupier, der vierſchrötig, einen Säbel in der Hand, ihm mit dem Geſichte gegenüber ſteht.„Sie kommen vorwärts, mit Gottes Hilfe?“ Mr. George antwortet mit einem kalten Kopfnicken und ſetzt hinzu: „Fahren Sie fort! Ich weiß, Sie ſind nicht hier⸗ her gekommen, um nur das zu ſagen.“ „Sie ſind ſo luſtig, Mr. George,“ entgegnet der Fhrnardage Großvater.„Sie ſind ein ſo guter Geſell⸗ ſchafter.“ „Ha, ha! Doch fahren Sie fort!“ ſpricht Mr. George. „Mein lieber Freund!— Aber dieſer Säbel ſieht entſetzlich glänzend und ſcharf aus. Es könnte derſelbe zufällig Jemand ſchneiden. Es ſchaudert mich, wenn ich ihn nur anſehe, Mr. George.— Zum Teufel mit ihm!“ ſagt der treffliche alte Herr beiſeit zu Judy⸗ während der Troupier ſich ein paar Schritte entfernt, um den Säbel wegzulegen.„Er iſt mir Geld ſchuldig, und es könnte ihm einfallen, an dieſem Mordplatze ſeine ganze Schuld zu tilgen. Ich wollte, Deine Schwefel⸗Groß⸗ mutter wäre hier, und er raſirte ihren Kopf weg!“ Mr. George kommt zurück, faltet die Arme, blickt auf den alten Mann herab, der in ſeinem Seſſel immer tiefer heruntergleitet, und ſagt ganz ruhig: „Und nun heraus damit!“ „Ho!“ ruft Mr. Smallweed, ſich die Hände reibend und ſchlau kichernd.„Ja. Nun heraus damit. Nun heraus mit was, mein lieber Freund?“ „Mit der Pfeife,“ ſpricht Mr. George, der mit großer Ruhe ſeinen Stuhl in die Kaminecke ſtellt, ſeine Pfeife von dem Feuerroſte wegnimmt, ſie ſtopft, anzün⸗ det und anfängt, in ruhigſter Weiſe zu rauchen. Dieß behagt aber Mr. Smallweed nicht, der es ſo ſchwer findet, auf ſeinen Gegenſtand, welcher Art der⸗ ſelbe nun ſein mag, zu kommen, daß er ganz böſe wird, und ingeheim die Luft voll unmächtiger Rachgier mit ſeinen Krallen erfaßt, wodurch er ſein heftiges Verlan⸗ gen, das Geſicht Mr. George's zu zerreißen und zu zer⸗ zerren, zu erkennen gibt. Da die Nägel des trefflichen alten Herrn lang und bleiern, und ſeine Hände ſchmächtig und aderig, und ſeine Augen grün und wäſſerig ſind; und da neben All dieſem er, während er ſo die Luft zuſammenkrallt, fortfährt, in ſeinem Seſſel herunterzugleiten, und zu einem geſtaltloſen Bündel zuſammenzuſinken, ſo wird er zu einem ſo geſpenſterhaften Schauſpiele, ſelbſt in den an ſolche Dinge gewöhnten Augen Iudy's, daß das eben genannte Mädchen oder die eben genannte Jungfrau, wie man will, mit etwas mehr, denn dem Eifer der Liebe, über ihn herfährt, und ihn dermaßen aufſchüttelt, und ihn an verſchiedenen Theilen ſeines Körpers, insbe⸗ ſondere aber in der Gegend des Halſes, dermaßen patſcht, und ſtoßt, und rüttelt, daß er in ſeiner jämmerlichen Noth Töne hören läßt, ähnlich denen der Handramme eines Steinſetzers. Nachdem Judy ihn vermittelſt dieſer Handgriffe aber⸗ mals in ſeinem Seſſel aufrecht hingeſetzt, ſtreckt ſie,— der Alte zeigt ein ſchneeweißes Geſicht und eine kalte 16 Naſe, krallt aber immer noch die Luft feſt,— ihren dünnen Zeigefinger aus und gibt Mr. George einen zim kleinen Stoß in den Rücken. Der Troupier richtet den Mr Kopf auf, ſie aber gibt nun ihrem verehrten Großvater nve auch einen Stoß, und ſtarrt, nachdem ſie ſo Beide zu⸗ ſammengebracht, beharrlich das Feuer an. me „Ach, ach! Ho, ho! Hu, hu!“ plappert Großvater alte Smallweed, ſeine Wuth verſchluckend.„Mein lieber ger Freund!“(immer noch Luft feſtkrallend). tra⸗ „Ich will Ihnen was ſagen,“ ſpricht Mr. George. ren „Wenn Sie mit mir ſprechen wollen, ſo müſſen Sie den ſcha Mund aufthun. Ich verſtehe mich nicht auf Umwege: then bei mir muß man mit der Farbe herausrücken. Ich ver⸗ ſtehe nichts Anderes. Verſtehe es nicht, wie die Katze hen um den heißen Brei zu gehen. Bin nicht pfiffig, nicht ge„S ſcheidt genug dazu. Behagt mir nicht. Gehen Sie ſo immer um mich herum,“ endigt der Troupier, ſeine Sch Pfeife abermals zwiſchen die Lippen bringend,„ſo wiill ich verdammt ſein, wenn es mir nicht iſt, als ob ich er⸗ leid ſtickt werden ſollte!“ Und dabei bläst er ſeine breite Bruſt ſo weit auf, als er nur kann, wie wenn er ſich davon verſichern wollte, fäh⸗ daß er noch nicht erſtickt iſt. „Wenn Sie hierher gekommen ſind, um einen freund⸗“»vean ſchaftlichen Beſuch bei mir zu machen,“ fährt Mr. George Alle fort,„ſo bin ich Ihnen verbunden; wie befinden Sie ſich? Sind Sie hierher gekommen, um nachzuſehen, ob ben ſich hier Eigenthum von einigem Werth befindet, ſo Sti ſchauen Sie umher; brauchen ſich nicht zu geniren. Drückt Sie Etwas,— haben Sie Etwas auf dem Herzen, Ihn dann ſprechen Sie: heraus damit!“ Die blühende Judy gibt hier, ohne ihr Auge von ſchä dem Feuer abzuwenden, ihrem Großvater einen geiſter⸗ mit haften Stoß. nich „Sie ſehen es! Es iſt auch ihre Meinung. Und, terli in des Teufels Namen! warum dieſes junge Frauen⸗ 17 zimmer ſich nicht gleich einer Chriſtin ſetzen will,“ ſpricht Mr. George, die Augen nachdenkſam auf Judy geheftet, „vermag ich nicht zu begreifen.“ 1— „Sie hält ſich in meiner Nähe, um mich zu pflegen, mein Herr,“ ſagt Großvater Smallweed.„Ich bin ein alter Mann, mein lieber Mr. George, und bedarf eini⸗ ger aufmerkſamen Pflege. Ich kann zwar meine Jahre tragen. Ich bin kein ſo Schwefel⸗Papagei“(— knur⸗ rend und ohne es zu wiſſen, ſich nach dem Kiſſen um⸗ ſchauend—),„aber doch bedarf ich der Pflege, mein theurer Freund.“ „Nun!“ entgegnete der Troupier, ſeinen Stuhl dre⸗ hend, um den alten Mann gerade vor ſich zu haben. „So ſprechen Sie denn!“ „Mein Freund in der City hat mit einem Ihrer Schüler ein Geſchäftchen gemacht, Mr. George.“ „Hat er das?“ ſagt Mr. George.„Es thut mir leid, das hören zu müſſen.“ „Ja, Herr.“ Großvater Smallweed reibt ſich die Hände und fährt fort: „Er iſt nun ein feiner junger Soldat, Mr. George, amens Carſtone. Es zeigten ſich Freunde und zahlten Alles ehrenhaft.“ „Thaten ſie das?“ verſetzt Mr. George.„Glau⸗ ben Sie wohl, Ihrem Freunde in der City wäre ein Stück guten Raths angenehm?“ „Ich glaube ja, mein lieber Freund. Wenn er von Ihnen kommt.“ „So rathe ich ihm denn, in der Gegend keine Ge⸗ 8 ſchäfte mehr zu machen. Es läßt ſich Nichts mehr da⸗ mit gewinnen. So viel ich weiß, kann der junge Herr ehe mehr vorwärts, noch rückwärts: er ſteckt fürch⸗ erlich.“ „Ach, nein, nein, mein lieber Freund! Ach, nein, Bleak Houſe. III. 2 18 nein, Mr. George! Ach, nein, nein, nein, Herr!“ remon⸗ ſirirt Großvater Smallweed ſchlau, an ſeinen ſchmächtigen Beinen reibend.„Steckt noch nicht ſo arg, wie ich glaube. Er hat gute Freunde, und hat ſeine Gage, und hat ſein Patent zu verkaufen, und kann einen Prozeß gewinnen, und kann eine reiche Frau bekommen, und— oh, wiſ⸗ ſen Sie auch, Mr. George, ich glaube, daß mein Freund noch andere gute Eigenſchaften an dem jungen Herrn wahrnehmen und ſchätzen dürfte!“ ſagt Großvater Small⸗ weed, ſeine Sammtmütze hinaufſchiebend, und ſich nach Art eines Affen das Ohr kratzend. Mr. George, der ſeine Pfeife weggelegt hat, und, einen Arm auf ſeine Stuhllehne geſtützt, daſitzt, ſchlägt mit dem rechten Fuße auf dem Boden den Zapfenſtreich, wie wenn er nicht beſonders zufrieden wäre mit der Wendung, welche das Geſpräch genommen. „Um nun aber von einem Gegenſtande zu einem andern zu kommen,“ hebt Mr. Smallweed wieder an. „Um, wie ein Spaßvogel ſich ausdrücken würde, der Unterhaltung aufzuhelfen. Um, Mr. George, vom Fähndrich zu dem Capitän zu kommen.“ „Nun, was iſt jetzt los 2“ fragt Mr. George, ſtirn⸗ runzelnd innehaltend im Streichen deſſen, was einſt ſein Schnurrbart geweſen, nun aber nur noch eine Erinner⸗ ung iſt.„Was für einen Capitän meinen Sie denn?“ „Oh, ich meine eben unſern Capitän. Den Capi⸗ tän, den wir Beide kennen. Capitän Hawdon.“ t „Oh, das iſt es alſo? Ei, ei!“ ſagt Mr. George mit einem leiſen Pfeifen, als Großvater und Enkelin ihn ſcharf anſchauen.„Ah! das geht Ihnen alſo im Kopfe herum? Ja, und was weiter? Kommen Sie, ch mag mich nun nicht länger erſticken laſſen. Sprechen ie!“ 94 „Mein lieber Freund,“ verſetzt der Alte,„man hat ſich geſtern— Judy, ſchüttle mich doch ein Bischen auf! — an mich gewendet in Sachen des Capitäns; und ie non⸗ igen ube. ſein nen, wiſ⸗ rund errn nall⸗ nach und, lägt eich, der iuem an. der vom ſtirn⸗ ſein mer⸗ nn?“ Lapi⸗ eorge rkelin o im Sie, echen n hat auf! d ich 19 meine dann eben immer noch, der Capitän könne nicht geſtorben ſein.“ „Ta ta!“ bemerkt Mr. George. „Was haben Sie da bemerkt, mein lieber Freund?“ fragt der Alte, die Hand nach dem Ohre hinbewegend. „Ta ta!“ „Ho!“ ſpricht Großvater Smallweed.„Mr. George, Sie können ſelbſt über meine Meinung urtheilen nach den Fragen, die an mich geſtellt worden, ſowie nach den Gründen, die man dafür angegeben. Was glau⸗ ben Sie nun, daß der Advocat, von dem die Anfrage ausgeht, ſucht?“ „Was wird er ſuchen? Ein fettes Geſchäft,“ ſpricht Mr. George. „Nichts Derartiges!“ „Dann kann es eben kein Advocat ſein,“ ſpricht Mr. George, die Arme mit einer Miene voller Entſchloſſen⸗ heit faltend. „Nein, mein lieber Freund, es iſt ein Advocat und zwar ein ſehr berühmter. Er will nur einen Fetzen von Capitän Hawdon's Handſchrift haben. Er will die Handſchrift nicht behalten. Er will ſie bloß ſehen, nd ſie mit einer andern vergleichen, die in ſeinem Be⸗ itze iſt.“ „Und dann?“ „Ich will es Ihnen alſo nur ſagen, Mr. George. Er erinnerte ſich zufällig der Zeitungsanzeige in Betreff Capitän Hawdon's, wodurch Jedermann aufgefordert wurde, Nachricht über ihn zu geben, ſuchte ſie auf, und kam zu mir,— gerade wie Sie zu mir kamen, mein lieber Freund. Wollen Sie mir die Hand geben? Freut mich ſo, daß Sie an jenem Tage kamen! Wäre um eine ſolche Freundſchaft ärmer geweſen, wenn Sie nicht gekommen wären!“ „Weiter, Mr. Smallweed!“ ſpricht Mr. George 20 abermals, nachdem er die Ceremonie etwas ſteif durch⸗ gemacht. „Ich hatte aber Nichts der Art. Ich habe Nichts, als ſeine Unterſchrift Peſtilenz und Hungersnoth, Mord und jäher Tod über ihn!“ ſpricht der Alte, einen Fluch aus einer ſeiner wenigen Erinnerungen an ein Gebet machend, und ſeine Sammtmütze zwiſchen ſeinen zornigen Händen zuſammenpreſſend.„Ich glaube, ich habe eine Million von ſeinen Unterſchriften! Sie aber,“ athemlos ſeine ſanfte Sprache wieder erlangend, wäh⸗ rend Judy die Mütze auf ſeiner Kegelkugel von einem Kopfe wieder zurechtſetzt,—„Sie, mein lieber Mr. George, haben wahrſcheinlich, müſſen irgend einen Brief, oder irgend ein Papier haben, deſſen man ſich zu dem bewußten Zwecke bedienen kann. Irgend Etwas, das von ſeiner Hand geſchrieben wäre, wäre recht.“ „Etwas, das von ſeiner Hand geſchrieben wäre!“ ſpricht der Troupier nachdenkſam.„Vielleicht, daß ich ſo Etwas habe.“— „Mein theuerſter Freund!“ „Vielleicht auch, daß ich nichts Derartiges habe.“ „Ho!“ ſpricht Großvater Smallweed muthlos. „Hätte ich aber auch ganze Scheffelſäcke voll von ſolchen Schriften, ſo würde ich doch nie ſo viel davon zeigen, daß man eine Kartätſche daraus machen könnte, wenn ich nicht wüßte, warum.“ „Mein Herr, ich habe Ihnen geſagt, warum. Mein lieber Mr. George, ich habe Ihnen geſagt, warum.“ „Nicht genug,“ ſpricht der Troupier kopfſchüttelnd. „Ich muß mehr wiſſen, und dann muß es mir auch recht ſein.“. „Wollen Sie alſo zu dem Advocaten kommen! Mein lieber Freund, wollen Sie den Gentlman ſpre⸗ chen?“ ſpricht Großvater Smallweed in eindringlichem Tone, und zieht zu gleicher Zeit eine magere, alte, ſilberne Uhr heraus, die Zeiger hat, welche den Beinen eines Ske lich ihm mit Nicl Ihn Wei uns meß liege als ber fähr „We ber verſf Ort Etw Hut nehm er la er la Mr. end egſch agſs Etwa ſamm Mr. rch⸗ hts, oth, inen ein inen ich er,“ väh⸗ nem Mr. rief, dem das re!“ ch ſo e.“ von avon unte, Mein „ elnd. auch nen? ſpre⸗ ichem berne eines 21 Skeletts ähnlich ſind.„Ich ſagte ihm, es ſei wahrſchein⸗ lich, daß ich heute Vormittag zwiſchen zehn und elf zu ihm komme; und es iſt nun halb elf Uhr. Wollen Sie mitgehen und den Gentleman ſprechen, Mr. George?“ „Hm!“ ſpricht er in ernſtem Tone.„Es liegt mir Nichts daran. Obgleich ich nicht einſehe, warum dieß Ihnen ſo ſehr am Herzen liegen ſollte.“ „Alles liegt mir am Herzen, was in irgend einer Weiſe einiges Licht über ihn verbreiten kann. Hat er uns nicht Alle angeführt? Iſt er uns nicht Allein uner⸗ meßliche Summen ſchuldig geblieben? Mir am Herzen liegen? Wem kann das wohl mehr am Herzen liegen, als mir? Nicht als ob ich ihn haben wollte, mein lie⸗ ber Freund, daß Sie irgend Etwas verrathen ſollten,“ fährt Großvater Smallw eed in gedämpfterem Tone fort. „Weit entfernt. Wollen Sie alſo mitkommen, mein lie⸗ ber Freund?“ „Ja! Ich komme in einem Augenblick. Indeſſen verſpreche ich Nichts, wiſſen Sie.“ „Nein, mein lieber Mr. George; nein.“ „Und Sie wollen ſagen, daß Sie mich an dieſen Ort bringen wollen, wo derſelbe immer ſein mag, ohne Etwas dafür zu fordern?“ fragt Mr. George, ſeinen Hut, ſowie ſeine dicken, waſchledernen Handſchuhe nehmend. Dieſer Scherz kitzelt Mr. Smallweed dermaßen, daß er lange und leiſe vor dem Feuer lacht. Aber ſo lange er lacht, blickt er über ſeine gelähmte Schulter weg nach Mr. George hin, und beobachtet denſelben genau, wäh⸗ rend er an dem fernen Ende der Schießbahn das Vor⸗ legſchloß eines gemeinen Schranks aufſchließt, da und dort auf den höheren Brettern herumſchaut, endlich Etwas herauszieht, das wie Papier raſchelt, daſſelbe zu⸗ ſammenlegt und in ſeinen Buſen ſteckt. Da gibt Judy Mr. Smallweed einen Stoß, und Mr. Smallweed gibt Judy einen. 22 ch bin parat,“ ſpricht der Troupier zurückkom⸗ mend.„Phil, Sie können dieſen alten Herrn nach ſei⸗ nem Wagen bringen und brauchen Nichts von ihm zu nehmen.“ „Ach, du gütiger Himmel! O Gott! Warten Sie doch einen Augenblick!“ ſpricht Mr. Smallweed.„Er iſt ſo raſch! Können Sie es ja auch recht behutſam thun, mein guter Mann?2“ hil antwortet keine Silbe, ſondern ergreift den Seſſel und deſſen Laſt, wackelt davon, von dem nun ſprachloſen Mr. Smallweed eng umſchloſſen, und ſchießt den Gang entlang, wie wenn er etwa den angenehmen Auf⸗ trag hätte, den alten Herrn nach dem nächſten Vulkan zu bringen. Da ſein Auftrag aber für jetzt an dem Ca⸗ briolet ein Ende hat, ſo läßt er ihn dort nieder; die hübſche Judy nimmt neben ihm Platz; der Seſſel aber verſchönert das Verdeck des Cabriolets und Mr. George nimmt den leeren Sitz auf dem Bocke ein. Mr. George iſt ganz verwirrt von dem Schauſpiele, das er von Zeit zu Zeit ſieht, wenn er durch das hin⸗ ter ihm befindliche Fenſter in das Cabriolet guckt, wo die mürriſche Judy immer unbeweglich daſitzt, und der alte Herr, die Kappe über einem Auge, immer von dem Sitze in das Stroh herabgleitet, und aus ſeinem andern Auge nach ihm aufſchaut mit der hilfloſen Miene eines Mannes, der jämmerlich herumgeſchmiſſen und herumgerüt⸗ telt wird. G. „₰ 23 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Mehr denn ein alter Soldat. Mr. George braucht auf dem Kutſchbocke nicht weit mit übereinander gelegten Armen zu fahren, denn ihr eſtimmungsort iſt Lincoln's Inn Fields. Sobald der Kutſcher anhält, ſteigt Mr. George ab, ſchaut zum Kutſchfenſter hinein, und ſpricht: „Wie, Mr. Tulkinghorn iſt alſo Ihr Mann, he?“ „Ja, mein lieber Freund. Sie kennen ihn alſo, Mr. George?“ „Je nun, ich habe ſchon von ihm gehört,— auch habe ich, wie ich glaube, ihn ſchon geſehen. Indeſſen kenne ich ihn nicht, und er kennt mich nicht.“ Sofort wird Mr. Smallweed die Treppe hinaufge⸗ tragen, was mit dem Beiſtand des Troupier recht gut von Statten geht. Er wird in Mr. Tulkinghorn's großes Zimmer hineingetra gen, und auf der türkiſchen Kamin⸗ vorlage niedergelaſſen. Mr. Tulkinghorn iſt in die aber unverweilt zurückkommen. Der Menſch in dem Kirchſtuhle im Vorſaal ſchürt, nachdem er dieß geſagt, das Feuer, und verläßt das Triumvirat, damit es ſich wärme. Mr. George iſt gewaltig neugierig in Beziehung auf das Zimmer. Er ſchaut zu der gemalten Decke auf, ſchaut nach den alten juridiſchen Büchern herum, betrach⸗ tet die Portraits der großen Clienten, liest laut die Na⸗ men auf den Fächern und Behältniſſen. „Sir Leiceſter Dedlock, Baronet,“ liest Mr. ſem Augenblick nicht da, wird George gedankenvoll.„Hal ‚Schloß Chesney Wold.: H 12* 2 Mr. George ſchaut dieſe Behältniſſe lange an, wie wenn ſie Gemälde wären,— kommt zum Feuer zurück, und wiederholt die Worte: „Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, und Schloß Ches⸗ ney Wold, he?“ „Mächtig reich, Mr. George!“ flüſtert Großvater Smallweed, ſich die Beine reibend,„gewaltig reich!“ „Wen meinen Sie denn? Dieſen alten Herrn oder den Baronet?“ „Dieſen Herrn, dieſen Herrn.“ „Ich habe ein Gleiches gehört; auch weiß er ein paar Sachen, ich möchte darauf wetten. Auch kein ſo ſchlechtes Quartier,“ ſagt Mr. George, ſich abermals anſchauend.„Sehen Sie einmal die Geldkaſſe dort!“ Die Antwort wird durch Mr. Tulkinghorn'’s Eintritt abgeſchnitten. Natürlich hat ſich an ihm Nichts verän⸗ dert. Altmodiſch gekleidet, die Brille in der Hand, und ſogar das Futteral der letzteren abgenützt. In ſeinem Benehmen verſchloſſen und trocken. In ſeiner Stimme heiſer und leiſe. Im Geſichte, hinter einer Augenblende ſcharf beobachtend; gewohnlich nicht untadelſüchtig und vielleicht Andere gern⸗ verachtend. Die Pairie möchte am Ende wärmere Verehrer und treuere Gläubige haben, als Mr. Tulkinghorn, wenn man Alles wüßte. „Guten Morgen, Mr. Smallweed, guten Morgen!“ ſpricht er hereintretend.„Wie ich ſehe, ſo haben Sie den Sergeanten mitgebracht. Setzen Sie ſich doch, Herr Sergeant!“ Während Mr. Tulkinghorn die Handſchuhe aus⸗ ieht, und dieſelben in ſeinen Hut legt, ſieht er mit halb⸗ geſchloſſenen Augen über das Zimmer hin na dem Orte, wo der Troupier ſteht, und ſagt vielleicht bei ſich ſelbſt:„Sie ſind mein Mann, Freund!“ 3 „Setzen Sie ſich doch, Herr Sergeant!“ wiederholt 25 er, indem er zu ſeinem Tiſche hin geht, der auf einer Seite des Feuers ſteht, und indem er ſeinen Lehnſtuhl einnimmt.„Kalt und unfreundlich— heute Morgen, kalt und unfreundlich!“ Mr. Tulkinghorn wärmt vor dem Eiſengitter bald die Fläche, bald die Knöchel ſeiner Hände und ſchaut (— hinter der Blende hervor, die immer geſenkt iſt—) dan Trio an, das in einem kleinen Halbkreiſe vor ihm aſitzt. „Nun kann ich fühlen, woran ich bin!“(was viel⸗ leicht in gedoppeltem Sinne wahr iſt)„Mr. Smallweed!“ Der alte Herr wird von Judy aufs Neue aufge⸗ ſchüttelt, um gleichfalls zu der Unterhaltung beizutragen. „Sie haben Ihren guten Freund, den Sergeanten, mitgebracht, wie ich ſehe,“ ſprach Mr. Tulkinghorn weiter. „Ja, mein Herr,“ erwidert Mr. Smallweed, ganz ſervil gegenüber dem Einfluſſe und dem Reichthum des Advokaten. „Und was ſagt der Sergeant über dieſe Geſchichte?“ „Mr. George,“ ſagt Großvater Smallweed, mit einer zitternden Bewegung ſeiner gerunzelten Hand,„das iſt der Gentleman, Herr!“ Mr. George grüßt den Gentleman, ſitzt ſonſt aber kerzengerade und durchaus ſchweigſam da— ganz vorn auf ſeinem Stuhl, wie wenn ſämmtliche an einem Muſterungstage erforderliche Ausrüͤſtungsgegenſtände an ihm herumhingen. Mr. Tulkinghorn fährt alſo fort: „Nun gut, George!— Ich glaube, Sie heißen George?“ „So iſt es, Sir.“ „Was ſagen Sie, George?“ „Ich bitte Sie um Verzeihung, Sir,“ verſetzte der Troupier,„aber ich möchte erſt wiſſen, was Sie ſagen.“ „Meinen Sie in Betreff der Belohnung?“ „Ich meine in Betreff jedes Dings, Sir. Dieß ſetzt Mr. Smallweed's Langmuth auf eine ſo harte Probe, daß er plötzlich in die Worte ausbricht: „Schwefel⸗Beſtie!“ und ebenſo geſchwind Mr. Tulking⸗ horn um Verzeihung bittet. Wegen dieſes ſeines Ver⸗ ſehens entſchuldigt er ſich damit, daß er zu Judy ſagt: „Ich dachte an Deine Großmutter, meine Liebe.“ „Ich dachte, Herr Sergeant,“ hebt Mr. Tulkinghorn wieder an, während er ſich auf eine Seite ſeines Seſ⸗ ſels lehnt und die Beine kreuzt,„daß Mr. Smallweed Ihnen die Sache genugſam erklärt hätte. Es läßt ſich dieſelbe indeſſen ganz kurz faſſen. Sie dienten einſt unter Capitän Hawdon, pflegten ihn in ſeiner Krankheit, er⸗ wieſen ihm viele kleine Dienſte, und beſaßen ſo ziemlich ſein Vertrauen: ſo höre ich. Dem iſt ſo, nicht wahr?“ „Ja, Sir, dem iſt ſo,“ ſpricht Mr. George mit militäriſcher Kürze. „Es wäre daher wohl möglich, daß Sie irgend ein Schriftſtück, welcher Art daſſelbe auch ſein mag— Rech⸗ nungen, Inſtructionen, Befehle, einen Brief, kurz, irgend Etwas beſäßen, was von Capitän Hawdon eigen⸗ händig geſchrieben worden. Ich möchte ſeine Handſchrift mit einigen andern, die ich habe, vergleichen. Koͤnnen Sie mir dieſe Gelegenheit verſchaffen, ſo ſollen Sie für Ihre Mühe belohnt werden. Drei, vier, fünf Guineen würden Sie wohl als eine hübſche Belohnung anſehen.“ „Eine noble Belohnung, mein theurer Freund!“ ruft Großvater Smallweed, die Augen aufſchraubend. „Wenn Ihnen das noch nicht genügt, ſo ſagen Sie gewiſſenhaft, als Soldat, wie viel mehr Sie verlangen können. Sie brauchen das Schriftſtück nicht herzugeben, wenn es Ihnen nicht lieb iſt, obgleich ich es behalten möchte.“ Mr. George ſitzt immer noch in derſelben Attitüde da, ſchaut auf den Boden, ſchaut die gemalte Zimmer⸗ decke an, und ſpricht keine Silbe. 27 euf Der zornmüthige Mr. Smallweed zerkrallt die uft. „Die erſte Frage iſt nun,“ ſpricht Mr. Tulkinghorn in ſeiner methodiſchen, ruhigen und intereſſirten Weiſe, „ob Sie überhaupt Schriftſtücke beſitzen, die von Capi⸗ tän Hawdon herrühren?“ „Die erſte Frage iſt nun, ob ich überhaupt Schrift⸗ ſtücke beſitze, die von Capitän Hawdon herrühren, Sir,“ wiederholt Mr. George. „Die zweite Frage iſt, was Sie dafür verlangen, daß Sie ein ſolches Schriftſtück vorzeigen?“ „Die zweite Frage iſt, was ich dafür verlange, daß ich ein ſolches Schriftſtück vorzeige, Sir,“ wiederholt Mr. George. „Drittens können Sie ſelbſt urtheilen, ob die Hand⸗ ſchrift überhaupt wie dieſe iſt,“ ſpricht Mr. Tulkinghorn, ihm plötzlich einige zuſammengebundene Blätter beſchrie⸗ benen Papiers hinreichend. 4 „Ob die Handſchrift überhaupt wie dieſe iſt, Sir. Ganz richtig,“ wiederholt Mr. George. Alle drei Wiederholungen ſpricht Mr. George in mechaniſcher Weiſe, und ſieht dabei Mr. Tulkinghorn ge⸗ rade an; auch wirft er nicht einmal einen Blick auf die beſchworne Ausſage in Jarndyce und Jarndyce, die ihm überreicht worden iſt, damit er ſie anſehe(obgleich er das Papier immer noch in der Hand hält), ſondern fährt fort, den Juriſten mit einer Miene unrnhigen Nachden⸗ kens anzuſchauen. Si„Nun ²“ ſpricht Mr. Tulkinghorn.„Was ſagen e 2“ „Wohlan, Sir,“ erwidert Mr. George, ſich kerzen⸗ gerade erhebend und unermeßlich lang ausſehend,„ich möchte, wenn Sie gütigſt entſchuldigen, mit dieſer Sache lieber Nichts zu ſchaffen haben.“ Mr. Tulkinghorn fragt, äußerlich ganz ruhig: „Warum denn nicht?“ 24 28 „Das will ich Ihnen ſagen, Sir!“ entgegnet der Troupier.„Ich bin kein Geſchäftsmann, und verſtehe mich auf Nichts, als auf militäriſche Dinge: ich kenne nur die Disciplin. Unter Civiliſten bin ich, was man in Schottland ſo einen Taugenichts nennt. Für Papiere habe ich keinen Kopf, Sir. Ich kann jedes andere Feuer beſſer aushalten, als ein Feuer von Kreuz⸗ und Quer⸗ fragen. Ich habe erſt vor einer Stunde oder ſo ge⸗ gen Mr. Smallweed erwähnt, daß, wenn ich in Dinge dieſer Art hineinkomme, es mir iſt, wie wenn ich erſtickt werden ſollte. Und das iſt es, was ich in dieſem Augen⸗ blick empfinde,“ ſpricht Mr. George, nach der Geſellſchaft herumſchauend. Mit dieſen Worten macht er drei große Schritte vorwärts, um die Papiere wieder auf den Tiſch des Advokaten zu legen, und drei Schritte rückwärts, um wieder an ſeinen vorigen Ort zu kommen, wo er kerzen⸗ gerade ſtehen bleibt, und bald den Boden, bald die ge⸗ malte Zimmerdecke anſchaut, mit auf den Rücken geleg⸗ ten Händen, wie wenn er ſich ſelbſt verhindern wollte, ein zweites Dokument anzunehmen, welcher Art daſſelbe immer ſein möchte. Dieß ärgert natürlich Mr. Smallweed, und ſein Lieblingsausdruck, wenn er ſeine Geringſchätzung gegen Jemand an den Tag legen will, liegt ihm ſo ganz auf der Zunge, daß er die Worte:„Mein lieber Freund“ mit dem einſylbigen Worte„Brim*)“ beginnt, und ſo das beſitzende Fuͤrwort in Brimmy verwandelt, und die Sache ſo herauskommt, als ob er eine ſchwere Zunge hätte. Nachdem aber dieſe Schwierigkeit einmal über⸗ wunden iſt, mahnt er ſeinen theuerſten Freund in zärt⸗ licher Weiſe, er ſolle doch ja nicht unbeſonnen handeln, ſondern thun, was ein ſo ausgezeichneter Gentleman ver⸗ *) Statt: Brimſtone, Schwefel; hier= Teufel. 29 lange, und zwar ſolle er es gern thun in dem Vertrauen, daß es ſowohl untadelhaft, als profitabel ſein müſſe. Mr. Tulkinghorn läßt bloß gelegentlich eine abge⸗ riſſene Phraſe hören, wie:„Sie ſind der beſte Richter in Beziehung auf Ihr eigenes Intereſſe, Sergeant.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie dadurch Nie⸗ mand ſchädigen.“„Handeln Sie ganz, wie es Ihnen gefällt, ganz, wie es Ihnen gefällt!“„Wenn Sie wiſ⸗ ſen, was Sie wollen, ſo iſt es genug.“ Dieß ſpricht der Juriſt mit einer Miene, die voll⸗ kommene Gleichgültigkeit ausdrückt, während er die auf ſeinem Tiſche liegenden Papiere muſtert, und ſich an⸗ ſchickt, einen Brief zu ſchreiben. Mr. George ſieht mißtrauiſch von der gemalten Zimmerdecke auf den Boden, vom Boden auf Mr. Small⸗ weed, von Mr. Smallweed auf Mr. Tulkinghorn, und von Mr. Tulkinghorn dann wieder auf die gemalte Zimmerdecke. Dabei wechſelt er in ſeiner Verlegenheit oft das Bein, auf dem er rubt. „Ich verſichere Sie, Sir,“ ſpricht Mr. George, „daß ich— ich will Sie damit nicht beleidigen— zwi⸗ ſchen Ihnen und Mr. Smallweed hier wirklich in Ge⸗ fahr laufe, fünfzig Mal erſtickt zu werden. Ja, Sir, es iſt dem ſo. Ich bin Euch Herren nicht gewachſen. Wol⸗ len Sie mir erlauben, Sie zu fragen, warum Sie etwas vom Capitän Geſchriebenes ſehen wollen,— für den Fall, daß ich ein ſolches Schriftſtück aufzufinden ver⸗ möchte?“ Mr. Tulkinghorn ſchüttelt ruhig den Kopf und ſpricht: „Nein. Wären Sie ein Geſchäftsmanu, Sergeant, ſo würde man Ihnen nicht erſt zu ſagen brauchen, daß es in dem Stande, dem ich angehöre, gar oft confiden⸗ tielle Gründe gibt, die an und für ſich durchaus arglos find. Sollten Sie aber befürchten, Sie könnten Capi⸗ 30 tän Hawdon in irgend welcher Weiſe ſchaden, ſo können Sie deßhalb vollkommen beruhigt ſein.“ „Ach, er iſt ja todt, Sir!“ „Iſt er das?“ ſagt Mr. Tulkinghorn und ſetzt ſich ruhig hin, um zu ſchreiben. „Wohlan, Sir,“ ſpricht der Troupier, nach einer abermaligen verlegenen Pauſe in ſeinen Hut hinein⸗ ſchauend,„es thut mir leid, daß ich Sie habe nicht mehr befriedigen können. Wenn es Jemand befriedigen könnte, daß ich in meinem Urtheil, wornach ich mit die⸗ ſer Geſchichte lieber gar Nichts zu ſchaffen haben möchte, von einem meiner Freunde beſtärkt würde, der für Ge⸗ ſchäfte einen beſſern Kopf, als ich, hat, und ein alter Soldat iſt, ſo bin ich bereit, ihn zu Rathe zu ziehen. Ich— ich ſelbſt bin in dieſem Augenblicke ſo durchaus confus,“ ſpricht Mr. George, mit der Hand hoffnungs⸗ los über die Stirn hinfahrend,„daß ich nicht weiß, ob es nicht eine Befriedigung für mich wäre.“ Als Mr. Smallweed hört, daß dieſe Autorität ein alter Soldat iſt, ſo legt er dem Troupier die Zweckmä⸗ ßigkeit, ihn zu Rathe zu ziehen, und ihn insbeſondere wiſſen zu laſſen, daß es ſich um fünf Guineen oder mehr handle, dergeſtalt an's Herz, daß Mr. George die Ver⸗ bindlichkeit übernimmt, denſelben aufzuſuchen. Mr. Tul⸗ kinghorn räth weder zu, noch ab. „Ich will alſo mit Ihrer Erlaubniß, Sir, meinen Freund zu Rathe ziehen,“ ſpricht der Troupier,„und werde mir die Freiheit nehmen, im Laufe des Tages wieder vorzuſprechen, um eine entſcheidende Antwort zu geben. Mr. Smallweed, wenn Sie hinuntergetragen ſein wollen—“. „In einem Augenblick, mein lieber Freund, in einem Augenblick. Wollen Sie mich zuerſt mit dieſem Gentle⸗ man ein halbes Wort unter vier Augen ſprechen laſſen?“ „Gewiß, Sir. Uebereilen Sie ſich wegen meiner nicht!“ ́—'-———S——= 31 Der Troupier zieht ſich in einen entfernten Theil des Zimmers zurück, und fängt wieder an, die Behält⸗ niſſe, die Geldkaſſe und ſ. w. neugierig zu muſtern. „Wäre ich nicht ſo ſchwach, wie ein Schwefelkind, Sir,“ flüſterte Großvater Smallweed, den Advocaten an ſeinem Rockzipfel zu ſich herziehend, und halb gelöſch⸗ tes grünes Feuer aus ſeinen zornigen Augen hervorſchie⸗ ßend,„ſo würde ich ihm das Schriftſtück geradezu ent⸗ reißen. Er hat es auf der Bruſt, eingeknöpft. Ich habe geſehen, wie er es dorthin gethan. Auch Judy hat ge⸗ ſehen, wie er es dorthin gethan. So ſprich doch, Du ſauerſichtiges Ding, das als Schild an einen Spazier⸗ ſtockladen paßte, und ſag’, daß Du geſehen, wie er es dorthin gethan!“ Dieſe heftige Beſchwörung begleitet der alte Herr mit einem ſolchen nach ſeiner Enkelin geführten Stoße, daß derſelbe für ſeine Stärke zu viel iſt, und daß er aus ſeinem Seſſel herausgleitet, und Mr. Tulkinghorn nach ſich zieht, bis er von Judy aufgehalten und wieder gehörig aufgeſchüttelt wird. „Gewalt darf ich nicht anwenden, mein Freund,“ bemerkt Mr. Tulkinghorn darauf kalt. „Ich weiß es, ich weiß es, Sir. Aber es i*ſt ärger⸗ lich, ärgerlich, ſo daß ſich die Galle in Einem umkehren möchte— es i Deine ſchnat⸗ ternde, plappernde Elſter von einer Großmutter,“ ſagt Mr. Smallweed zu der gleichmüthigen Judy, die blo das Feuer anſieht,„wenn man bedenkt, daß 4 was man haben will i mag. Was? Er es nicht hergeben! Er! bund! Laſſen Si Sir, laſſen Sie's nur gehen! Seine Freude wird au lange dauern. Ich habe ihn von Ze Schraubſtock. Ich will i 3² ſoll er!— Uud nun, mein lieber Mr. George,“ endigt Großvater Smallweed, den Advocaten ſcheußlich anblin⸗ zend, während er ihn losläßt,„bin ich parat, wenn Sie ſo gütig ſein wollen, mir Ihre Hilfe angedeihen zu laſ⸗ ſen,— mein trefflicher Freund!“ Mr. Tulkinghorn ſteht, offenbar etwas beluſtigt, trotz dem daß ſeine Selbſtbeherrſchung ihn nur wenig verläßt, auf der Kaminvorlage, den Rücken dem Feuer zugewandt, ſieht Mr. Smallweed verſchwinden, und er⸗ kennt die Abſchiedsſalutation des Troupier mit einer ein⸗ zigen leichten Kopfverbeugung an. Mr. George findet, daß es ſchwieriger iſt, den alten Herrn los zu werden, als ihn die Treppe hinuntertragen zu helfen; denn als Letzterer ſchon wieder in ſeinem Ge⸗ ſährte ſitzt, iſt er ſo geſchwätzig in Betreff der Guineen und hält Mr. George's Knopf ſo liebevoll feſt— da er in Wahrheit ein geheimes Verlangen hat, ſeinen Nock aufzureißen und ihn zu berauben— daß von Seiten des Troupier ein gewiſſer Grad von Stärke nothwendig iſt, um die Trennung zu bewerkſtelligen. Endlich iſt die⸗ ſelbe aber doch vollendet, und nun macht er ſich davon, um ſeinen Rathgeber aufzuſuchen. Ueber dem klöſterlichen Temple und über White⸗ friars(dort nicht ohne einen Blick auf Hanging⸗Sword Alley,*) das ihm einiger Maßen im Wege zu ſtehen ſcheint), und über Blackfriars⸗Brücke und Blackfriars⸗ Straße hin ſchreitet Mr. George ruhig nach einer Straße von kleinen Buden, die irgendwo in jenem Straßenkno⸗ ten von Kent und Surrey und von den Londoner Brücken liegt, und ihren Mittelpunkt in dem weltberühm⸗ ten Elephanten hat, der ſeinen aus tauſend vierſpännigen Kutſchen beſtehenden Thurm an ein gewaltiges eiſernes Monſtrum verloren hat, das bereit iſt, ihn, ſobald er muckst, zu lauter Hachis zu machen. *) Hängeſchwert⸗Gäßchen. 33 „Nach einer der kleinen Buden in dieſer Straße, die zufällig ein Muſikladen iſt, am Schaufenſter einige Gei⸗ gen, einige Panspfeifen, ein Tambourin, einen Trian⸗ gel und gewiſſe länglichte Muſikhefte zeigt, richtet Mr. George ſeinen maſſiven Schritt. 3 Er hält in der Entfernung von einigen Schritten, als er ein ſoldatenartig ausſehendes Weib, mit aufge⸗ ſchlagenem Rocke, mit einem kleinen hölzernen Kübel herauskommen, und darin am Rande des Pflaſters ein Plantſchen, und Schwenken und Putzen anfangen ſieht, ſo daß Mr. George bei ſich ſelbſt ſagt: „Sie wäſcht, wie gewöhnlich, die Gemüſe. Nie habe ich ſie, es ſei denn auf einem Bagagewagen, geſe⸗ hen, wo ſie nicht Gemüſe gewaſchen hätte!“. Der Gegenſtand dieſer Reflexion iſt jedenfalls jetzt dergeſtalt mit dem Waſchen von Gemüſen beſchäftigt, daß derſelbe Mr. George's Annäherung nicht im Min⸗ deſten ahnt. Endlich ſteht die Frau mit ihrem Kübel auf, nach⸗ dem ſie das Waſſer in die Goſſe geſchüttet, und ſieht ihn neben ſich ſtehen. Der Empfang, den ſie ihm zu Theil werden läßt, iſt Nichts weniger, als ſchmeichelhaft. „George, ich ſehe Sie nie, ohne daß ich wünſchte, Sie möchten hundert Meilen weit von mir ſein!“ Ohne von dieſem Willkomm Notiz zu nehmen, fol der Troupier ihr in den Muſikladen nach, wo die den Kübel mit dem Gemüſe auf das Comptoir ſtellt, und nachdem ſie ihm die Hand geſchüttelt, ihre Arme auf dem Kübel ruhen läßt. „Nie,“ ſpricht ſie,„iſt in meinen Augen, George, Matthew Bagnet auch nur eine Minute ſicher, wenn Sie in ſeiner Nähe ſind. Sie ſind jener unruhige und ewig herumſchwärmende—“ „Ja! Ich weiß, daß ich das bin, Mrs. Bagnet. Ich weiß das.“ Bleak Houſe. III. gt Frau 3 „Ah, Sie wiſſen es! zu nützt das? Warum „Es iſt entgegnete der Trupier g 34 ¹ ſpricht Mrs. Bagnet.„Wo⸗ ſind Sie ſo?“ t vermuthlich eben die Natur des Thieres ſo,“ utlaunig. Ah!“ ruft Mrs. Bagnet etwas ſchrill,„aber welche Befriedigung wird mir d ren, wenn das Thier me Geſchäfte weg und nach lockt haben wird!“ Mrs. Bagnet ſieht etwas grobbeinig, ein Sonne und Wind, big gemacht haben, etwa ſund, friſch ausſehend, und helläugig. ſchäftige, thätige, ehrlich ausſehende Sauber, reinlich, ſubſtantiell) gekleidet, daß der ein⸗ vierzig bis fünfzig. bkonomiſch(obgleich zige Schmuckgegenſtand, Trauring zu ſein ſcheint dem der Ring an dieſen ieſe Natur des Thieres gewäh⸗ inen Mat von dem mnſikaliſchen Neuſeeland oder Auſtralien ge⸗ gar nicht ſo übel aus. Zwar Bischen rauhhaarig, und von die ihr Haar auf der Stirn lohfar⸗ s mitgenommen, aber dabei ge⸗ Eine ſtarke, ge⸗ Frau von fünf und rüſtig, und ſo der in ihrem Beſitze iſt, ihr „um welchen her ihr Finger, ſeit⸗ geſteckt worden, ſo groß gewor⸗ den iſt, daß er nicht mehr herausgehen wird, bis er ſich endlich mit Mrs. Bagnet's Staub vermiſcht. „Mrs. Bagnet,“ Ihnen nur mein Ehrenwort geben. mich nicht zu Schaden kommen. mir trauen.“ „Je nun, ich glau Troupier,„ich kann Mat wird durch Soweit dürfen Sie ſpricht der ube, daß ich das kann. Aber ſchon Ihr Ausſehen hat etwas Unſtätes,“ erwidert Mrs. Bagnet. „Ah, George, George! Hätten Sie nur einen feſten Be⸗ ruf gewählt derſelbe in „Es war das gew net der Troupier halb und Joe Pouch's Wittwe geheirathet, als Nordamerika ſtarb. Haare gekämmt haben.“ Die würde Ihnen die iß eine Chance für mich,“ entgeg⸗ lachend, halb ernſt,„aber es wird jetzt ſchon kein reſpectabler Mann mehr aus mir. Joe Pouch's Wittwe hätte für mich gut ſein koönnen— und ſchon 3⁵ es war Etwas an ihr— und Etwas bei ihr— aber ich konnte mich nun ein Mal nicht dazu entſchließen. Hätte ich nur das Glück gehabt, eine ſolche Frau zu finden, wie unſer Mat ſie gefunden!“ Mrs. Bagnet, die bei einem ſo gutartigen Burſchen ſich nur wenig Zwang anzuthun ſcheint— jedoch in allen Chren, und die ſich nicht minder gutartig zeigen will, nimmt dieſes Compliment in der Weiſe entgegen, daß ſie Mr. George mit einem Kopf Sellerie oder dergleichen ſanft in's Geſicht ſchlägt, und ihren Kübel in das Zimmerchen hinter der Bude hineinnimmt. „Schau, ſchan, Quebec, h George, auf eine an ihn ergangene Einladung in das ſo eben genannte Zimmer nachfolgend.„Und auch die kleine Malta! Kommt her, und küſſet Euern Bluffy.“ Dieſe jungen Damen,— die wohl in der Taufe nicht gerade die Nan Hauſe immer orte, das heißt der Kaſerne, die jüngere(etliche fünf oder ſechs Jahre alte) damit, icht gibt, und mit vielem Fleiße näht. Beide begrüßen Mr. Ge en Freund, und pflanzen, nach einigem Küſſen und Dahlen, ihre Stühle neben i „Nun und wie geht es dem jungen Woolwich?“ fragt Mr. George. „Ah! Iſt eben recht, daß Sie von ihm ſprechen,“ ruft Mrs. Bagnet, ſich mit feuerrothem Geſicht von ihren Kaſſerolen wegwendend(denn ſie macht das Mit⸗ tageſſen fertig).„Würden Sie es glauben? Hat im Theater mit ſeinem Vater eine Anſtellung bekommen, um in einem Soldatenſtuͤcke die Q nerpfeife zu ſpielen. 36 „Bravo, mein Pathchen!“ ruft Mr. George, ſich auf den Schenkel ſchlagend. „Ich glaube es Ihnen!“ ſpricht Mrs. Bagnet.„Der iſt ein Brite. Das iſt Woolwich. Ja, ein Brite.“ „Und Mat bläst auf ſeinem Fagott darauf los, und Ihr ſeid insgeſammt ehrenwerthe Civiliſten,“ ſagt Mr. George.„Familienleben, Kinder, die groß werden. Mat's alte Mutter in Schottland und Ihr alter Vater ſonſt wo, mit denen man correſpondirt, und denen man ein Bischen hilft; und— gut, gut! Ich weiß fürwahr nicht, warum man mich nicht hundert Meilen weit von hier weg wünſchen ſollte, da ich mit All' dieſen nicht viel zu thun habe!“ Mr. George wird nachdenklich; er ſitzt vor dem Feuer in dem geweißten Zimmer, das einen mit Sand beſtreuten Boden, und einen Kaſernengeruch hat, und nichts Ueberflüſſiges enthält, und keinen ſichtbaren Schmutz⸗ oder Staubflecken aufzuweiſen hat, von den Geſichtern Quebec's und Malta's bis zu den glänzenden zinnernen Töpfen und Pfännchen auf den Brettern, neben dem Anrichttiſche; Mr. George wird alſo nach⸗ denklich, und ſitzt da⸗ während Mrs. Bagnet geſchäftig iſt: da kommen Mr. Bagnet und der junge Woolwie gerade recht nach Hauſe. Nr. Bagnet iſt ein Er⸗Artilleriſt, ſchlank und gerade, mit buſchigen Augenbrauen und einem Backenbarte, ähn⸗ lich den Faſern einer Cocosnuß; auf dem Kopfe hat er auch nicht ein Haar, und ſein Geſicht ſieht ordentlich gedörrt aus. Seine kurze, tiefe, und laute Stimme iſt den Töuen des Inſtruments gar nicht unähnlich, dem er gewidmet hat. Im Allgemeinen läßt ſich in der That an ihm etwas Unbiegſames, Unnachgiebiges, Ehernes bemerken, wie wenn er ſelbſt das Fagott des menſch⸗ lichen Orcheſters wäre. Der junge Woolwich dagegen iſt der Typus und das Muſter eines jungen Trommlers⸗ Vater und Sohn grüßen den Troupier herzlich⸗ gegen mlers. h. 37 Nachdem Letzterer zu gehöriger Zeit geſagt hat, daß er gekommen, um Mr. Bagnet über eine gewiſſe Sache zu Rathe zu ziehen, erklärt Mr. Bagnet in gaſtfreund⸗ licher Weiſe, daß er nicht eher von Geſchäften hören wolle, als bis das Mittageſſen vorüber ſei, ſowie daß ſein Freund keinen guten Rath von ihm bekommen ſolle, wenn er nicht zuerſt von dem gekochten Schweinfleiſch und dem Gemüſe gegeſſen. Da der Troupier die Einladung annimmt, ſo ent⸗ fernen er und Mr. Bagnet ſich, um die häuslichen Vor⸗ bereitungen und Zurüſtungen nicht zu ſtören, und gehen in der kleinen Gaſſe auf und ab, mit abgemeſſenen Schritten und gekreuzten Armen, wie wenn dieſelbe ein Wall wäre. „George,“ ſagt Mr. Bagnet.„Du kennſt mich. Bei mir ſchafft mein altes Mädel Rath. Sie hat den Kopf. Aber ich geſtehe es nie vor ihr. Es muß die Disciplin aufrecht erhalten bleiben. Warte, bis ihr das Gemüſe aus dem Kopfe iſt. Dann wollen wir mit ein⸗ ander rathſchlagen. Was immer das alte Mädel ſagt — das thu!“ „Und das will ich auch, Mat,“ verſetzt der Andere. „Ihre Anſicht iſt mir lieber, als die eines Collegiums.“ „Collegiums?“ erwidert Mr. Baguet kurz, fagott⸗ artig.„Was für ein Collegium konnteſt Du in einem andern Theile der Welt zurücklaſſen,— mit Nichts, als einem grauen Mantel und einem Regenſchirme— damit es ſeinen Weg nach Europa zurückfinde? Das alte Mä⸗ del würde das morgen noch thun. Hat es ſchon ein Mal gethan!“ „Du haſt Recht,“ ſpricht Mr. George. „Was für ein Collegium,“ fährt Bagnet fort, „könnteſt Du etabliren— mit weißem Kalk im Werth von zwei Pence,— mit Walkererde für einen Penny, — mit Sand für einen halben Penny,— und mit dem Reſt von einem gewechſelten Sixpence⸗Stück als baarem 38 Kapital? Und ſo viel hatte das alte Mädel, und mit dem hat ſie angefangen. Im jetzigen Geſchäft.“ „Es freut mich, zu hören, daß es gedeiht, Mat.“ „Das alte Mädel,“ ſpricht Mr. Bagnet zuſtimmend, „ſpart zuſammen. Hat irgendwo einen Strumpf. Mit Geld darin. Ich hab' ihn nie geſehen. Aber ich weiß, daß ſie einen ſolchen hat. Wart' nur ſo lange, bis das Gemüſe ihr aus dem Kopfe iſt. Dann hilft ſie Dir, und ſagt Dir, was Du zu thun haſt.“ „Sie iſt ein Schatz!“ ruft Mr. George. „Sie iſt noch mehr. Aber ich geſtehe es nie vor ihr. Es muß die Disciplin aufrecht erhalten bleiben. Das alte Mädel war es, das meine muſtkaliſchen Fähig⸗ keiten ausfindig machte. Ich wäre noch zu dieſer Stunde bei der Artillerie, wenn das alte Mädel nicht geweſen wäre. Sechs Jahre lang habe ich mich an der Geige abgearbeitet. Zehn an der Flöte. Das alte Mädel ſagte, daß das Nichts ſei; Abſicht gut, aber Mangel an Geſchmeidigkeit; probir' ein Mal das Fagott. Das alte Mädel entlehnte ein Fagott von dem Kapellmeiſter des Schützenregiments. Ich übte mich in den Laufgräben. Machte Fortſchritte, verſchaffte mir ein anderes, verdiene damit meinen Lebensunterhalt recht nett!“ George bemerkt, daß ſie ſo friſch wie eine Roſe, und ſo geſund wie ein Apfel ausſehe. „Das alte Mädel,“ erwidert Mr. Bagnet,„iſt ein durchaus feines Frauenzimmer. Folglich iſt ſie wie ein durchaus feiner Tag. Wird immer feiner, je älter ſie wird. Habe nie Etwas geſehen, was dem alten Mädel gleich kam. Aber geſtehe es nie vor ihr. Es muß die Disciplin aufrecht erhalten bleiben!“ Sodann gehen ſie zu gleichgiltigen Gegenſtänden über, und gehen, Schritt und Takt haltend, die kleine Gaſſe auf und ab, bis ſie durch Quebec und Malta auf⸗ gefordert werden, dem Schweinfleiſch und dem Gemüſe gerecht zu werden, worauf Mrs. Bagnet, nach Art eines —— —— —— 8 +— 39 Feldcaplans, durch ein kurzes Tiſchgebet den Segen des Himmels herabfleht.. Bei der Vertheilung der Gerichte entwickelt Mrs. Bagnet, wie bei jeder andern häuslichen Pflicht, ein ge⸗ naues Syſtem; ſie ſitzt da und hat jeden Teller vor ſich; jeder Portion Schweinfleiſch gibt ſie die gehörige Portion Brühe, die gehörige Portion Küchenkräuter, Kartoffeln und ſogar Senf bei, und ſervirt aus dem Topfe Alles, auf ein Mal. Nachdem ſie in gleicher Weiſe aus einer Kanne das Bier ſervirt, und ſo die Eſſenden mit allem Erforderlichen verſehen hat, ſchickt ſich Mrs. Bagnet endlich an, ihren eigenen Hunger zu befriedigen, der ſich in einem geſunden Zuſtande befindet. Das Tiſchgeräth beſteht hauptſächlich aus Utenſilien von Horn und von Zinn, die in verſchiedenen Theilen der Welt ſchon Dienſt gethan haben. Insbeſondere heißt es, das Meſſer des jungen Woolwich, das etwas auſter⸗ artig iſt, und dabei noch das Eigenthümliche hat, daß es durch eine ſtarke, zuſchlagende Bewegung häuſig den Appetit des genannten jungen Muſikers neckt, habe in verſchiedenen Händen, ich weiß nicht, wie viele Capitu⸗ lationen, und zwar immer außerhalb Englands gedient, und es ſei ſo in der ganzen Welt herumgekommen. Endlich iſt das Eſſen vorüber, und Mrs. Bagnet macht, unterſtützt von den jüngeren Zweigen der Familie (die ihre eigenen Becher, Teller, Meſſer, und Gabeln putzen), ſämmtliches Tiſchgeräthe wieder ſo glänzend, wie zuvor, und ſtellt Alles an ſeinen Ort; zuerſt aber kehrt ſie vor dem Herde, damit Mr. Bagnet und der Gaſt ſogleich ihre Pfeife rauchen können. Alle dieſe häuslichen Pflichten erfordern viel Hin⸗ und Herlaufen im Hinterhof, und den ziemlich ſtarken Gebrauch eines Eimers, der endlich ſo glücklich iſt, bei den Abwaſchungen von Mrs. Bagnet ſelbſt behülflich zu ſein. Allmälig erſcheint auch dieſes alte Mädel wieder, und zwar ganz friſch; ſie ſetzt ſich, um zu nähen, und 40 jetzt, erſt jetzt— da man glaubt, es ſei ihr das Gemüſe erſt jetzt ganz aus dem Kopfe— fordert Mr. Bagnet den Troupier auf, ſein Anliegen vorzutragen. Dieß thut nun Mr. George mit vieler Beſonnenheit, indem er ſich den Anſchein gibt, als ſpreche er bloß mit Mr. Bagnet, in Wahrheit aber während der ganzen Zeit nur auf das alte Mädel ſchaut, wie Bagnet ſelbſt thut. Sie beſchäftigt ſich in gleich verſtändiger Weiſe mit ihrer Näharbeit. Nachdem die ganze Sache vorgetragen iſt, nimmt Mr. Bagnet zu ſeinem muſtergiltigen Kunſtgriffe, der die Aufrechterhaltung der Disciplin zum Zwecke hat, ſeine Zuflucht. „Iſt das auch Alles, George?“ ſpricht er. „Ja, das iſt Alles.“ „Du willſt thun, wie ich Dir ſage?“ „Ich werde mich ganz von Deiner Anſicht leiten laſſen,“ erwidert George. „So theil' ihm denn meine Anſicht mit, altes Mä⸗ del!“ ſpricht Mr. Bagnet.„Du kennſt ſie. Sag ihm, welcher Art dieſelbe iſt.“ Dieſe Anſicht aber geht dahin, daß er nie zu wenig zu thun haben könne mit Leuten, die für ihn zu ſchlau, und daß er ſich nie genugſam hüten könne, ſich mit Dingen zu befaſſen, die er nicht verſtehe; daß die ein⸗ fache Regel ſei und ſein müſſe, Nichts im Dunkeln zu thun, ſich in keine Ränke verflechten zu laſſen, mit Nichts zu ſchaffen zu haben, wo nicht Alles klar ſei, und nie den Fuß auf eine Stelle zu ſetzen, wo man nicht den Boden ſeben könne. Dieß iſt in der That Mr. Bagnet's Anſicht, wie ſie durch den Mund des alten Mädels ſich kund gibt; und es wird dadurch Mr. George, indem ſo ſeine eigene Anſicht beſtätigt und ſeine Zweifel ver⸗ bannt werden, eine ſolche Laſt vom Herzen gewälzt, daß er ſich herbeiläßt, bei dieſer exceptionellen Gelegenheit eine zweite Pfeife zu rauchen und mit der ganzen 41„ Bagnet'ſchen Familie, je nach dem Grade der Erfahrung der einzelnen Glieder, über die alten Zeiten zu ſprechen. Alles dieſes hat zur Folge, daß Mr. George ſich in dieſer Stube nicht eher wieder nach ſeiner ganzen Höhe aufrichtet, als bis die Zeit herannaht, wo das agott und die Querpfeife im Theater von einem briti⸗ ſchen Publicum erwartet werden; und da ſelbſt jetzt Mr. George, in ſeinem häuslichen Charakter als Bluffy, Zeit braucht, um Quebec und Malta zu verlaſſen, und dem jungen Muſiker einen Pathenſhilling in die Taſche zu ſchieben, demſelben zu ſeiner neuen Laufbahn alles Gluͤck zu wünſchen, ſo iſt es ſchon ſpät, als Mr. George das Geſicht wieder nach Lincoln's Inn Fields hinwendet. „Ein häuslicher Herd,“ grübelte er, während er ſo fortgeht,„läßt, wie klein es auch dort hergehen mag, einen Mann, wie ich einer bin, als einſam und verlaſſen erſcheinen. Aber es iſt gut, daß ich dieſe Ehe-Evolution nie gemacht habe. Ich hätte nicht dazu gepaßt. Ich bin ſelbſt zu dieſer Stunde noch ein ſolcher Vagabund, daß ich es nicht einmal einen Monat auf der Schießbahn aushalten könnte, wenn dieß Geſchäft ein regelmäßiger Beruf wäre, oder wenn ich dort nicht nach Zigeuner⸗Art campirte. Komm'! Ich entehre Niemand und falle Nie⸗ manden läſtig: das iſt ſchon Etwas. Ich habe das ſeit vielen, langen Jahren nicht gethan!“ So pfeift er ſich die Mucken aus dem Kopfe und geht weiter. In Lincoln's Inn Fields angekommen und Mr. Tulkinghorn's Treppe hinanſteigend, findet er die äußere Thüre zu und die Gemächer verſchloſſen; da aber der roupier nicht gar viel von äußeren Thüren weiß, und es auf der Treppe zudem dunkel iſt, ſo taſtet und greift er noch herum, in der Hoffnung, den Griff einer Klingel zu finden, oder eine unverſchloſſene Thüre zu finden. Da kommt Mr. Tulkinghorn(natürlich ganz ruhig) die Treppe herauf und fragt zornig: 42 „Wer iſt das? Was haben Sie da zu ſchaffen?“ „Ich bitte Sie um Verzeihung, Sir. Es iſt George. Der Sergeant.“ „Und konnte George, der Sergeant, denn nicht ſehen, daß meine Thüre geſchloſſen iſt?“ „Nein, Sir, ich konnte es nicht ſehen. Auf jeden Fall ſah ich es nicht,“ ſpricht der Troupier etwas er⸗ bittert. „Sind Sie zu einer andern Anſicht gekommen? Oder ſind Sie immer noch der nämlichen Anſicht?“ fragt Mr. Tulkinghorn. Aber ein Blick hat das ihm ſchon recht gut geſagt. „Ich bin immer noch der nämlichen Anſicht, Sir.“ „Ich dachte mir es. Ich brauche weiter Nichts. Sie koͤnnen gehen. Sie ſind alſo der Mann,“ fährt Mr. Tulkinghorn, ſeine Thüre mit dem Schlüſſel öffnend, fort,„bei dem Mr. Gridley verſteckt gefunden wurde ²“ „ Ja, ich bin der Mann,“ ſpricht der Troupier, zwei oder drei Stufen hinabgehend.„Und was dann, Sir 2 „Was dann? Ich liebe Ihre Genoſſen nicht. Sie hätten heute Morgen mein Zimmer gewiß nicht betreten⸗ wenn ich gedacht hätte, daß Sie der Mann wären. Grid⸗ ley? Ein immer nur Drohworte im Munde führender, mordſüchtiger, gefährlicher Kerl.“ Mit dieſen Worten, die in einem außerordentlich heftigen Tone geſprochen ſind, wenn man die ſonſtigen Gewohnheiten Mr. Tulkinghorn's in Anſchlag bringt, geht der Advocat in ſeine Zimmer hinein, und ſchließt die Thüre mit donnerndem Geräuſch. Mr. George iſt über dieſe Verabſchiedung nicht wenig erbost, und zwar iſt er um ſo mehr erbost, da ein eben die Treppe heraufkommender Gehilfe die allerletzten Worte gehört hat, und dieſelben offenbar auf ihn anwendet. „Ein hübſches Prädicat— das!“ brummt der Troupier mit einem derben Fluche, der ihm entfährt, während er die Treppe hinunterſchreitet.„Ein immer 8 6 d C n 5 G ei 43 Drohworte im Munde führender, mordſüchtiger, gefähr⸗ licher Kerl!“ Und er ſieht, während er hinaufſchaut, wie der Gehilfe nach ihm herunter ſiebt und ſich ihn merkt, während er an einer Lampe vorübergeht. Dieß ſteigert ſeinen Unwillen dermaßen, daß er fünf Minuten lang bei übler Laune iſt. Aber er pfeift ſich auch das, wie a dem Kopf, und geht nach Hauſe, lles Andere, aus bahn zurück. — geht nach der Schieß⸗ Achtundzwanzigſtes Kapitel. Der Eiſenwerkbeſitzer. Sir Leiceſter Dedlock iſt einſtweilen wieder uͤber die Familiengicht Herr geworden, und iſt, in buchſtäblichem Sinn nicht minder, als in figürlichem, abermals auf den Beinen. Er befindet ſi auf ſeinem Gute in Lin⸗ colnſhire; abe mals überſch ch ſo gut vertheidigte, ringen ſogar in Sir Leiceſter's Beine ein. Die Holz⸗ und Kohlenfeuer— Dedlock ſches Holz und ald— die auf den breiten, weiten Herden luſtig lodern, der Dämmerung die düſter ausſehenden Waldungen aublinzen, welche ganz verdrießlich ſ ſſen, wie täglich Bäume geopfert Feind nicht aus. Die Warmwaſ⸗ ſerröhren, die ſich über das ganze Haus hinziehen, die mit Kiſſen verſehenen Thüren und Fenſter, die Schirme 44 und Vorhänge vermögen die Mängel der Feuer nicht zu erſetzen und Sir Leiceſter's Bedürfniß zu befriedigen. Und ſo kommt es denn, daß die faſhionable Fama eines Morgens der horchenden Erde verkündet, daß Lady Ded⸗ lock auf einige Wochen bald wieder nach der Stadt kom⸗ men werde. Es iſt eine traurige Wahrheit, daß ſelbſt große Männer ihre armen Verwandten haben. Und in der That haben oft große Männer mehr, als ihren billigen Theil armer Verwandten, inſofern ſehr rothes Blut von der feineren Qualität gleich geringerem Blut, wenn es un⸗ gerecht vergoſſen wird, laut ſchreit, und ſich Gehör ver⸗ ſchafft. Sir Leiceſter's Couſin und Couſinen bis zum entfernteſten Grade ſind ebenſo viele Morde, in der Hin⸗ ſicht nämlich, daß ſie an's Licht kommen wollen. Unter ihnen ſind Verwandte, die ſo arm ſind, daß man faſt auf den Gedanken kommen möchte, es wäre für ſie beſſer ge⸗ weſen, wenn ſie nie plattirte Glieder auf der Dedlock'ſchen Goldkette, ſondern gleich anfangs aus gewöhnlichem Eiſen dinech geweſen wären, und niedere Dienſte verrichtet ätten. Dienſte aber(mit wenigen Ausnahmen, die ſich auf feine, wohlanſtändige, aber nicht einträgliche Arbeiten be⸗ ſchränken) dürfen ſie nicht verrichten, da ſie ja zu der vornehmen Dedlock'ſchen Familie gehören. Sie beſuchen daher ihre reicheren Verwandten, und ſtecken ſich in Schul⸗ den, wenn ſie können, und leben nur ärmlich, wenn ſie Letzteres nicht können, und finden— die Frauenzimmer keine Männer, und die Männer keine Frauen—, und fahren in geborgten Wagen, und laſſen ſich bei Gaſtmäh⸗ lern nieder, die ſie nie ſelbſt veranſtalten, und kommen ſo in der vornehmen Welt herum. Die reiche Familienſumme iſt durch ſo viele und ſo viele Zahlen dividirt worden, und ſie ſind nun der ungerade Reſt, von dem Niemand weiß, was er damit anfangen ſoll. 1 Es möchte ſcheinen, es ſei Jedermann mehr oder 4⁵ minder Sir Leiceſter Dedlock's Couſin, der ſich auf die Seite der Frage ſtellt, welche der Baronet einnimmt, und der deſſen Geſinnungsweiſe theilt. Von my Lord Boodle, durch den Herzog von Foodle, bis zu Noodle breitet Sir Leiceſter, gleich einer glorioſen Spinne, die Fäden ſeiner Verwandtſchaft aus. Während er aber in der Couſinſchaft der Jedermanns herrlich und vornehm iſt, iſt er, nach ſeiner würdevollen Weiſe, gütig und edel⸗ müthig in der Couſinſchaft der Niemands. In dieſem Augenblicke hält er, der Feuchtigkeit zum Trotz, mit der Standhaftigkeit eines Märtyrers, den Beſuch mehrerer ſolcher Verwandten auf Schloß Chesney Wold aus. Obenan unter dieſen ſteht Volumnia Dedlock, eine junge Lady(von ſechzig Jahren), die in doppelter Hin⸗ ſicht hohe Verwandte hat: ſie hat nämlich die Ehre, von ihrer Mutter her eine arme Verwandte einer andern großen Familie zu ſein. Miß Volumnia hat in ihrer Jugendzeit ein hübſches Talent im Ausſchneiden von allerlei Ornamenten aus gefärbtem Papier entwickelt, auch hat ſie in ſpaniſcher Sprache zur Guitarre geſungen, und hat auf Landſitzen franzöſiſche Wortſpiele und Räthſel zum Löſen aufgegeben, und ſo in ziemlich angenehmer Weiſe diejenigen zwanzig Jahre ihres Lebens zugebracht, welche zwiſchen zwanzig und vierzig lagen. Dann iſt ſie aus der Mode gekommen, und da ihre Nächſten dafür gehalten haben, daß ſie durch ihr Singen in ſpaniſcher Sprache nur gelangweilt werden, ſo hat ſie ſich nach Bath zurückgezogen, wo ſie ziemlich kümmerlich von einem jährlichen Geſchenke Sir Leiceſter Dedlock's lebt, und von wo ſie gelegentlich Ausflüge nach den Landſitzen ihrer Verwandten macht, um zu zeigen, daß ſie noch nicht ganz geſtorben. Sie hat zu Bath viele Bekannte unter ent⸗ ſetzlich alten Herren mit dünnen Beinen und Nanking⸗ hoſen, und wird in der ebengenannten trübſeligen Stadt als eine ganz vornehme Perſon angeſehen. Aber ander⸗ wärts wird ſie ein Bischen gefürchtet in Folge einer un⸗ 46 beſonnenen Verſchwendung im Punkte der Schminke und in Folge ihrer hartnäckigen Anhänglichkeit an ein ver⸗ altetes Perlenhalsband, das einem Roſenkranze von kleinen Vogeleiern gleich ſieht. In jedem Lande, deſſen Zuſtand ein geſunder wäre, würde nun Volumnia auf der Penſionsliſte figuriren. Auch hat man es an Anſtrengungen nicht fehlen laſſen, ſie auf dieſe Liſte zu bringen; und als William Buffy in's Amt kam, wurde zuverſichtlich erwartet, daß ihr Name für ein paar hundert jährliche Pfund darauf geſetzt würde. Aber William Buffy fand, aller Erwartung zu⸗ wider, ich weiß nicht wie und warum, daß es jetzt nicht gerathen wäre, ſolches zu thun; und dieß war für Sir Leiceſter Dedlock das erſte deutliche Anzeichen, daß das Vaterland im Sinken begriffen ſei, und in Trüm⸗ mer gehe. Da iſt auch das ehrenwerthe Bob Stables, der mit der Geſchicklichkeit eines Vieharztes warmes Mengfutter zu machen verſteht, und ein beſſerer Schütze iſt, als die meiſten Forſtaufſeher. Schon ſeit langer Zeit iſt es ſein ganz beſonderer Wunſch geweſen, ſeinem Vaterlande auf einem gut bezahlten Poſten zu dienen, der zugleich mit keiner Mühe oder Verantwortlichkeit verbunden wäre. In einem wohlregulirten Staate nun würde dieſer ſo natürliche Wunſch eines geiſtreichen, lebendigen, jungen Gentlemans von ſo guter Familie plötzlich in Erfüllung gehen; aber ich weiß nicht, wie es kam, daß William Buffy, als er in's Amt kam, auch hier wieder fand, daß dieß jetzt nicht die Zeit ſei, wo er dieſe kleine Angelegen⸗ heit in Ordnung bringen könne. Und es war dieß für Sir Leiceſter Dedlock das zweite ſichere, untrügliche An⸗ zeichen, daß das Vaterland im Sinken begriffen ſei, und in Trümmer gehe. Der Reſt der Verwandten beſteht aus Damen und Herren von verſchiedenem Alter und verſchiedenen Fähig⸗ keiten; die meiſten ſind liebenswürdig und verſtändig, — 47 und würden wohl recht gut durch's Leben gekommen ſein, wenn nicht ihre Couſinſchaft ſich wie ein Bleigewicht an ihre Füße gehängt hätte. So wie die Sachen jetzt ſtehen, kommen ſie bei dieſer hohen Verwandtſchaft entſchieden zu kurz: ſie ſchleudern zwecklos und träge durch das Le⸗ ben hin und ſcheinen ebenſo wenig zu wiſſen, was ſie mit ſich ſelbſt anfangen ſollen, als irgend Jemand anders wiſſen kann, was er mit ihnen anfangen ſolle. In dieſer Geſellſchaft— und wo denn nicht?— führt my Lady Dedlock die Oberherrſchaft. Schön, ele⸗ gant, gebildet, und mächtig in ihrer kleinen Welt(denn die Welt der Faſhion erſtreckt ſich nicht ganz von einem Pole bis zum andern), muß ihr Einfluß in Sir Lei⸗ ceſter's Haus,— wie ſtolz und gleichgiltig auch ihr Be⸗ nehmen,— deſſen Veredlung und Verfeinerung bedeutend fördern. Die Verwandten ſelbſt jene älteren Verwandten, die einen wahren Schlag bekamen, als Sir Leiceſter ſich mit ihr vermählte, bringen gleich Lehnsleuten ihr ihre Huldigungen dar; und der ehrenwerthe Bob Stables wiederholt, zwiſchen dem erſten und zweiten Frühſtück, täglich gegen irgend eine auserwählte Perſon ſeine ori⸗ ginelle Lieblingsbemerkung, daß ſie das feinſte, beſt ge⸗ pflegte Frauenzimmer im ganzen Marſtall ſei. Dieß ſind an dieſem trübſeligen Abende die Gäſte in dem langen Salon zu Chesney Wold, und es könnten die Tritte auf dem Geiſterwege(die hier indeſſen nicht gehört werden) die eines abgeſchiedenen, bei dem kalten Wetter hinausgeſchloſſenen Verwandten ſein. Es iſt nun bald Zeit, zu Bette zu gehen. In dem ganzen Hauſe brennen in den Schlafzimmern luſtige Feuer, und zaubern an Wände und Decken Geſpenſter oder grimme Möbeln hin. Schlafzimmerleuchter ſtehen auf dem fernen Tiſche neben der Thüre, und Couſins und Cou⸗ ſinen gähnen auf Ottomanen. Couſins und Couſinen am Pianoforte, Couſins und Coufinen au dem Speiſebrett auf dem das Sodawaſſer ſteht, Couſins und Couſinen⸗ 48 die vom Spieltiſche aufſtehen, Couſins und Couſinen, die ſich um das Kamin her geſammelt haben. Auf einer Seite ſeines beſonderen Feuers(denn es ſind zwei im Zimmer) ſteht Sir Leiceſter. Auf der an⸗ dern Seite des breiten Herdes ſitzt my Lady an ihrem Tiſche. Volumnia, als eine der privilegirteren Couſinen, in einem prächtigen Stuhl zwiſchen ihnen. Sir Leiceſter ſchaut mit magnifikem Mißvergnügen auf die Schminke und das Perlenhalsband. „Ich begegne hier gelegentlich auf meiner Treppe,“ ſagt Volumnia, deren Gedanken, nach einem langen Abende voll unbedeutenden Geſchwätzes, vielleicht ſich ſchon zu dem Bette aufſchwingen, in ſchleppendem Tone, „einem der hübſcheſten Mädchen, das ich, ſo viel ich mich erinnern kann, in meinem Leben noch geſehen.“ „Es iſt eine protégée von my Lady,“ bemerkt Sir Leiceſter. „Ich dachte mir es. Ich hielt mich überzeugt, daß ein ungewöhnliches Auge dieſes Mädchen ausfindig ge⸗ macht haben müſſe. Es iſt dieſelbe wirklich ein Wunder von Schönheit. Vielleicht eine puppenhafte Art von Schönheit,“ ſagt Miß Volumnia, ihre eigene Art für ſich behaltend,„aber in ihrer Art vollkommen; ſolch' jugendliche Blüthe habe ich noch nie geſehen!“. Sir Leiceſter ſcheint, mit ſeinem magnifiken Blicke des Mißvergnügens nach der Schminke, ein Gleiches zu agen. 3„Iſt,“ bemerkt my Lady in ſchmachtendem Tone, „ein ungewöhnliches Auge hier im Spiele, ſo iſt es das der Mrs. Rouncewell, und nicht das meinige. Roſa iſt ihre Entdeckung.“ „Ihr Kammermädchen vermuthlich?“— „Nein. Mein Alles— Liebling— Secretär— Bote— ich weiß nicht was.“ „Sie haben ſie gerne um ſich, wie Sie eine Blume, oder einen Vogel, oder ein Gemälde, oder einen Pudel — 9G2 8 49 — doch nein, keinen Pudel,— doch, doch— oder ir⸗ gend etwas Anderes, das gleich hübſch wäre, gern in Ihrer Nähe haben würden?“ ſpricht Volumnia mitfüh⸗ lend.„Ja, wie charmant jetzt! Und wie gut die liebe alte Seele von einer Mrs. Rouncewell ausſieht. Sie muß unendlich alt ſein, und iſt doch immer noch ſo thä⸗ tig und hübſch!— Sie iſt die theuerſte Freundin, die ich habe, fürwahr!“ Sir Leiceſter findet es paſſend und ganz in der Ordnung, daß die Haushälterin von Chesney⸗Wold et⸗ was Außerordentliches iſt. Davon abgeſehen, ſchätzt und achtet er Mrs. Rouncewell wirklich, und hört ſie daher auch gern loben. Er ſagt daher:„Sie haben Recht, Volumnia,“ was olumnia gar gern hört. „Sie ſelbſt hat keine Tochter, nicht wahr?“ „Mrs. Rouncewell? Nein, Volumnia. Sie hat aber einen Sohn. Ja, ſie hatte in Wirklichkeit zwei.“ My Lady, deren chroniſches Langweiligkeitsleiden heute Abend durch Volumnia gar ſehr verſchlimmert wor⸗ den iſt, blickt müde nach den Leuchtern hin und ſtößt einen geräuſchloſen Seufzer aus. „Und es iſt ein bemerkenswerthes Beiſpiel von der Verwirrung, welcher dieſes Zeitalter anheimgefallen,— von der Oeffnung der Schleuſen und von der Vertilgung aller Auszeichnungen und Unterſchiede,“ ſpricht Sir Lei⸗ ceſter mit majeſtätiſcher Melancholie,„daß ich durch Mr. Tulkinghorn benachrichtigt worden bin, es ſei an Mrs. Rouncewell's Sohn die Aufforderung ergangen, ſich ins Parlament wählen zu laſſen.“ Miß Volumnia läßt einen kleinen durchdringenden Schrei hören. „Ja, ja,“ wiederholt Sir Leiceſter.„Ins Parla⸗ ment,— ins Parlament, ſage ich." „Noch nie in meinem Leben habe ich von ſo Etwas Bleak Houſe. III, 4 50 gehört! Gütiger Gott, und was iſt denn der Mann?“ ruft Volumnia aus. „Man nennt ihn, wie ich glaube,— einen— einen Eiſenwerkbeſitzer.“ Sir Leiceſter ſpricht das langſam und in ernſtem, zweifelndem Tone, wie wenn er nicht ganz gewiß wüßte, ob der Mann nicht den Namen einer Bleihüttenbeſitzerin führte, oder ob nicht das rechte Wort irgend eine andere Verwandtſchaft mit irgend einem andern Metall aus⸗ drückte. Volumnia läßt einen zweiten kleinen Schrei hören. „Er hat indeſſen den Antrag von ſich gewieſen, wenn anders Mr. Tulkinghorn mich recht berichtet hat, wie ich übrigens nicht zweifle, da Mr. Tulkinghorn im⸗ mer genau unterrichtet iſt. Allein es vermindert das,“ fährt Sir Leiceſter fort,„die Anomalie nicht, die zu ſelt⸗ ſamen Erwägungen— zu einer Menge beunruhigender Erwägungen Anlaß gibt, wie mir ſcheint.“ Da Miß Volumnia, mit einem Blicke nach den Leuchtern hin, aufſteht, ſo macht Sir Leiceſter in artiger Weiſe die große Salon⸗Tour, bringt einen Leuchter her, und zündet deſſen Licht an my Lady's mit einem Schirm verſehener Lampe an. „Ich muß Sie bitten, my Lady,“ ſpricht er, wäh⸗ rend er dieß thut,„noch einige Augenblicke da bleiben zu wollen; denn das Individuum, von dem ich ſpreche, iſt heute Abend kurz vor dem Diner angekommen, und hat— in einem recht paſſenden Billet“(Sir Leiceſter legt mit ſeiner gewöhnlichen Wahrheitsliebe einigen Nach⸗ druck darauf),„ich muß ſagen, in einem recht paſſenden und recht ordentlich geſchriebenen Billet um die Gnade gebeten, mit Ihnen und mit mir über dieſes junge Mäd⸗ chen einige Augenblicke ſprechen zu dürfen. Da es ſchien, daß er noch heute Abend wegreiſen wolle, ſo antwortete ich ihm, daß wir ihn empfangen würden, bevor wir zu ke Bette gingen.“ 51 Miß Volumnia ergreift hier mit einem dritten klei⸗ nen Schrei die Flucht; und wünſcht dem Hauswirthe und deſſen Gemahlin— o Himmell glückliche Befreiung von— von was?— von dem Eiſenwerkbeſitzer! Bald zerſtreuen ſich auch die anderen Couſins und Couſinen bis auf den letzten Couſin, der zurückbleibt. Sir Leiceſter klingelt.„Melden Sie Mr. Rouncewell, der ſich bei der Haushälterin aufhält, mein Compliment, und agen Sie ihm, ich könne ihn nun empfangen!“ y Lady, die Alles dieſes anſcheinend unaufmerk⸗ ſam angehört hat, blickt nach Mr. Rouncewell hin, als er eintritt. Es iſt derſelbe vielleicht ein Bischen über fünfzig, und iſt, wie ſeine Mutter, von guter Geſtalt; auch hat er eine helle Stimme, eine breite Stirn, von der ſein dunkles Haar ſich zurückgezogen hat, und ein verſchlagenes, obgleich offenes Geſicht. Er iſt in Schwarz gekleidet, und ſieht aus, wie ein Mann, der über Vieles geſetzt iſt; iſt ziemlich ſtattlich, aber ſtark, und lebhaft, und gewandt. Hat ein durchaus natürliches und unge⸗ zwungenes Ausſehen, und wird nicht im Mindeſten ver⸗ legen gemacht durch den Anblick der hohen Perſonen, zu denen er herantritt. „Sir Leiceſter und Lady Dedlock, ich kann, da ich mich bereits wegen meiner Zudringlichkeit entſchuldigt habe, jetzt nichts Beſſeres thun, als daß ich mich ſo kurz wie möglich faſſe. Ich danke Ihnen, Sir Leiceſter.“ Das Haupt der Dedlocks hat nach ei zwiſchen ihm ſelbſt und my Lady hingedeutet. Mr. Rouncewell nimmt dort ruhig Platz. „In dieſen geſchäftigen Zeiten, wo ſo viele große Unternehmungen in Ausführung begriffen ſind, haben Leute, wie ich, ſo viele Arbeiten an ſo vielen Orten, daß wir immer und ewig auf der Flucht begriffen ſind.“ Sir Leiceſter freut es, den Eiſenwerkbeſitzer fühlen laſſen zu können, daß auf Schloß Chesney Wold von keinem ſolchen Rennen und Jagen die Rede ſein kann, 52 — daß davon nicht die Rede ſein kann auf dem alten Schloſſe, das in dem ſtillen Parke wurzelt, wo der Epheu und das Moos Zeit zur Reife gehabt haben, und die knorrigen und warzigen Ulmen und die ſchattigen Eichen tief in huntertjährigem Farn und Laube ſtehen, und wo die Sonnenuhr auf der Terraſſe Jahrhunderte lang in ſtummer Weiſe die Zeit angegeben hat, welche ſo gut das Eigenthum jedes Dedlock's— ſo lange er lebte — war, als das Schloß und die Ländereien. Sir Lei⸗ ceſter läßt ſich in einen Lehnſeſſel nieder, und ſetzt ſeine und Chesney Wolds Ruhe der unruhigen Flucht von Eiſenwerkbeſitzern entgegen. „Lady Dedlock hat die Güte gehabt,“ fährt Mr. Rouncewell, mit einem ehrerbietigen Blicke und einer Verbeugung nach jener Seite hin, fort,„und hat eine junge Schönheit, die den Namen Roſa führt, zu ſich ge⸗ nommen. Nun aber hat ſich mein Sohn in dieſe Roſa verliebt; und es hat derſelbe gebeten, ihr die Ehe an⸗ tragen und ſich mit ihr verloben zu dürfen für den Fall, daß ſie ihn nehmen wolle— woznu ſie ſich, wie ich denke, herbeilaſſen wird. Ich habe zwar Roſa heute zum erſten Male geſehen, indeſſen babe ich einiges Vertrauen zu dem Verſtand meines Sohnes, ſelbſt in Sachen der Liebe. Ich finde ſie ſo, wie er ſie darſtellt, ſo viel ich zu urthei⸗ len vermag; meine Mutter ſelbſt aber kann ſie nicht genug loben. „Und ſie verdient das in aller und jeder Hinſicht,“ ſprach my Lady. „Es freut mich, Lady Dedlock, daß Sie das ſagen; und ich brauche wohl nicht erſt zu bemerken, welchen Werth für mich die gute Meinung hat, die Sie von ihr egen.“ hes„Es iſt dieß wohl,“ bemerkt Sir Leiceſter mit un⸗ ausſprechlicher Würde, da er den Eiſenwerkbeſitzer für etwas zu vorlaut hält,„total unnöthig.“ „Total unnöthig, Sir Leiceſter. Nun aber iſt mein 53 Sohn ein noch ſehr junger Mann und Roſa ein noch ſehr junges Frauenzimmer. Wie ich mich emporgearbeitet, ſo ſoll auch mein Sohn ſich emporarbeiten; und es kann für den Augenblick von einer Heirath die Rede nicht ſein. Wir wollen nun aber annehmen, ich gebe meine Zuſtim⸗ mung zu ſeiner Verlobung mit dieſem hübſchen Mädchen, wenn dieſes hübſche Mädchen ſelbſt ihn haben will; in dieſem Falle glaube ich es von der Ehrlichkeit geboten, alsbald zu ſagen— Sie werden mich ohne Zweifel ver⸗ ſtehen und entſchuldigen, wenn ich alſo ſpreche, Sir Lei⸗ ceſter und Lady Dedlock— daß ich eine kleine Beding⸗ ung machen würde,— die Bedingung nämlich, daß ſie nicht länger auf Schloß Chesney Wold bleiben dürfte. Bevor ich daher mit meinem Sohn weiter über die Sache ſpreche, nehme ich mir die Freiheit, zu ſagen, daß ich, wenn ſich der Entfernung des Mädchens irgend ein Hin⸗ derniß in den Weg ſtellen ſollte, die Sache vor der Hand gehen laſſe, wie ſie iſt: die Zeit wird dann das Wei⸗ tere lehren.“ Nicht zu Chesney Wold laſſen! Aus ihrer Eutfern⸗ ung eine Bedingung machen! Alle alten Ahnungen in Betreff Wat Tyler's und der Leute in den eiſenerzeu⸗ genden Diſtrikten, die Nichts thun, als daß ſie bei Fackel⸗ ſchein ausrücken, kommen maſſenhaft auf Sir Leiceſter eingeſtürmt: die feinen grauen Haare ſeines Kopfes und ſeines Backenbarts bewegen und ſträuben ſich in der That vor lauter Entrüſtung. „Soll ich hieraus abnehmen, Sir,“ ſpricht Sir Lei⸗ ceſter,„und ſoll my Lady hieraus abnehmen,“— er führt Letztere ſo ſpeziell ein, erſtlich, weil er galant ſein will, und zweitens, weil er es als der Klugheit angemeſ⸗ ſen erachtet, da er große Stücke auf ihren Verſtand hält, —„ſoll ich hieraus abnehmen, Mr. Rouncewell, und ſoll my Lady hieraus abnehmen, Sir, daß Sie dieſes junge Frauenzimmer als zu gut für Chesney Wold 54 erachten, oder daß Sie glauben, es könne dieſelbe Scha⸗ den nehmen, indem ſie länger hier bleibe?“ „Gewiß nicht, Sir Leieeſter.“ „Es freut mich, das von Ihnen zu hören.“ Sir Leiceſter ſpricht das in recht vornehmem Tone. „Erklären Sie mir doch, Mr. Rouncewell,“ ſagt my Lady, Sir Leiceſter mit der leichteſten Geberde ihrer hübſchen Hand wegſcheuchend, wie wenn er eine Fliege wäre,„was Sie ſagen wollen!“ „Recht gern, Lady Dedlock. Es iſt Nichts, was ich mehr wünſchen könnte.“ Zu ihrem ruhigen Geſicht hingewandt, deſſen Intel⸗ ligenz aber zu lebhaft und thätig iſt, um durch eine ſtudirte, wenn auch noch ſo angewöhnte Fühlloſigkeit dem kräftigen ſächſiſchen Geſichte des Beſuchenden, einem Bild von Entſchloſſenheit und Beharrlichkeit, verborgen zu bleiben, hebt der Eiſenwerkbeſitzer an, und my Lady horcht dabei aufmerkſam zu, und neigt bisweilen leicht den Kopf: „Ich bin der Sohn Ihrer Haushälterin, Lady Dedlock, wie Sie wiſſen, und habe die Jahre meiner Kindheit hier verlebt. Meine Mutter iſt nun ſchon ein halbes Jahrhundert hier, und wird hier auch ohne Zwei⸗ fel ihr Leben beſchließen. Sie iſt eines jener Muſter— vielleicht ein ſo gutes, wie es nur eines gibt— von Liebe, und Anhänglichkeit, und Treue in ihrem Stande, worauf England mit Recht ſtolz ſein kann, wovon aber kein beſonderer Stand den ganzen Stolz oder das ganze Verdienſt für ſich in Anſpruch nehmen kann, weil ein? ſolches Beiſpiel von hoher Vortrefflichkeit auf zwei Sei⸗ ten zeugt,— auf der hohen Seite, unzweifelhaft, auf der niedern, nicht minder unzweifelhaft. Es ſchnaubt zwar Sir Leiceſter ein Bischen, daß er das Geſetz in ſolcher Weiſe ausſprechen hört, aber als ehrenwerther und wahrheitsliebender Mann gibt er ———-—.. — V — 5⁵ gern, wenn auch ſchweigend, die Richtigkeit des vom Ei⸗ ſenwerkbeſitzer ausgeſprochenen Satzes zu. 2 „Verzeihen Sie mir, daß ich Etwas ſage, was ſich eigentlich ſo von ſelbſt verſteht; aber ich möchte Niemand vorſchnell annehmen laſſen,“— hier wandte er die Augen ein klein wenig nach Sir Leiceſter hin,—„daß ich mich der Stellung ſchäme, die meine Mutter hier einnimmt, oder daß ich der nöthigen Achtung für Ches⸗ ney Wold und die Familie ermangele. Ich mag allerdings ſchon gewünſcht haben— und ich habe es gewünſcht, Lady Dedlock— daß meine Mutter ſich nach ſo vielen Jahren zurückziehen und ihre Tage bei mir beſchließen möge. Da ich aber gefunden habe, daß die Löſung die⸗ ſes ſtarken Bandes ihr zuverläßig das Herz brechen würde, ſo habe ich ſchon längſt dieſen Gedanken aufgegeben.“ ir Leiceſter abermals ungeheuer magnifik bei dem Gedanken, daß Mrs. Rouncewell ihrer natürlichen Hei⸗ math entführt werden könne, um ihre Tage bei einem Eiſenwerkbeſitzer zu beſchließen. „Ich bin,“ fährt der Beſuchende in beſcheidener kla⸗ rer Weiſe fort,„Lehrling und Arbeiter geweſen. Ich habe Jahre lang von meinem Arbeitslohne gelebt, und mußte, von einem gewiſſen Punkte an, mich ſelbſt bilden. Meine Frau war die Tochter eines Werkführers, und hatte eine einfache Erziehung genoſſen. Wir haben noch drei Töchter außer dem Sohne, von dem ich bereits ge⸗ ſprochen; und da wir glücklicher Weiſe im Stande ge⸗ weſen ſind, ihnen größere Vortheile zu gewähren, als wir ſelbſt einſt hatten, ſo haben wir ihnen eine gute, recht gute Erziehung geben laſſen: es iſt eine unſerer erſten Sorgen und Freuden geweſen, ſie jedes Standes würdig zu machen.“ Hier etwas Prahleriſches in ſeinem väterlichen Tone, wie wenn er in ſeinem Herzen hinzuſetzte,„ſelbſt des Chesney⸗Wold⸗Standes.“ Sir Leiceſter darum nicht minder magniſik, wie vorher. 56 „Alles dieß kommt da, wo ich lebe, und unter der Menſchenklaſſe, zu der ich gehöre, ſo häufig vor, Lady Dedlock, daß das, was man im Allgemeinen ungleiche Heirathen nennen würde, bei uns nicht ſo ſelten iſt, wie anderswo. Ein Sohn theilt zuweilen bei uns ſei⸗ nem Vater mit, daß er ſich verliebt habe, zum Beiſpiel, in ein junges Frauenzimmer in der Fabrik. Der Vater, der einſt ſelbſt in einer Fabrik gearbeitet, zeigt ſich an⸗ fänglich ein Bischen ärgerlich,— recht möglich. Vielleicht hatte er andere Abſichten mit ſeinem Sohne. Das Wahr⸗ ſcheinlichſte indeſſen iſt, daß er, nachdem er ſich davon vergewiſſert, daß das junge Frauenzimmer unbeſcholten iſt, zu ſeinem Sohne in folgender Weiſe ſpricht: „Ich muß durchaus die Ueberzeugung haben, daß es Dir in dieſer Sache Ernſt iſt. Es iſt dieß eine ernſte Angelegenheit für Euch Beide. Deßhalb will ich dieſes Maͤdchen zwei Jahre lang erziehen laſſene— oder aber kann er ſagen— ‚ich will dieſes Mädchen ſo und ſo lange in eine und dieſelbe Erziehungsanſtalt mit Deiner Schweſter thun, und während dieſer ganzen Zeit wirſt Du mir Dein Wort und Deine Ehre verpfänden, daß Du ſie nur ſo und ſo oft ſehen willſt. Seid ihr Beide nun nach Verfluß dieſer Zeit, wenn ſie ihre Vortheile in ſo weit genützt hat, daß Ihr Beide ſo ziemlich auf gleichem Fuße ſtehet, immer noch derſelben Anſicht, ſo will ich das Meinige thun, um Euch glücklich zu machen. — Ich weiß mehrere ſolche Fälle, my Lady, und glaube, daß dieſelben mir nun angeben, wie ich zu verfahren habe.“ Sir Leiceſter's magnifikes Weſen kommt hier zum Ausbruch. Nuhig, aber furchtbar. „Mr. Rouncewell,“ ſpricht Sir Leiceſter, mit der rechten Hand in der Bruſt ſeines blauen Rockes— die Staatsattitüde, in der er in der Gallerie abconterfeit iſt:„Ziehen Sie eine Parallele zwiſchen Chesney Wold und einer—“ hier will er erſticken, widerſteht aber doch glücklich dem Anfall—„einer Fabrik?“ — ,,—————— 57 „Ich brauche wohl kaum zu erwidern, Sir Leice⸗ ſter, daß die beiden Orte gar ſehr von einander ver⸗ ſchieden ſind; indeſſen glaube ich, daß ſich eine Parallele recht gut zwiſchen denſelben ziehen läßt, um den vorlie⸗ genden Fall anſchaulicher zu machen.“ Sir Leiceſter läßt ſeinen majeſtätiſchen Blick an einer Seite des langen Salons hinab und an der andern wieder hinaufſchweifen, bevor er glauben kann, daß er wirklich wache. 1 „Wiſſen Sie auch, Sir, daß dieſes junge Frauen⸗ zimmer, das my Lady— my Lady zu ſich genommen hat, in der Dorfſchule vor dem Thore draußen erzogen worden iſt?“ „Sir Leiceſter, ich weiß das recht wohl. Es iſt eine recht gute Schule, und es wird dieſelbe von dieſer Familie freigebigſt unterſtützt.“ „Dann iſt mir aber, Mr. Rouncewell,“ entgegnete Sir Leiceſter,„die Anwendung deſſen, was Sie geſagt haben, völlig unbegreiflich.“ „Wird die Sache Ihnen begreiflicher ſein, Sir Lei⸗ ceſter,— hier wird der Eiſenwerkbeſitzer ein Bischen roth—„wenn ich ſage, daß nach meiner Anſicht in der Dorfſchule nicht Alles gelehrt wird, was die Frau mei⸗ nes Sohnes wiſſen ſollte?“ In einem Nu ſpringt der Dedlock'ſche Geiſt von der Dorfſchule von Chesney Wold, unverſehrt wie letz⸗ teres in dieſem Augenblicke iſt, zu dem ganzen geſell⸗ ſchaftlichen Gerüſte,— von dem ganzen geſellſchaftlichen Gerüſte zu der Betrachtung über, daß das genannte Ge⸗ rüſte furchtbare Riſſe bekommen müſſe, wenn die Leute (Eiſenwerkbeſitzer, Bleihüttenbeſitzerinnen und ich weiß nicht was noch) ſich nicht mehr um ihren Katechismus bekümmern, und nicht mehr in dem Stande bleiben, wo⸗ zu ſie berufen worden— was nothwendig und für immer, nach Sir Leiceſter's raſcher Logik, der erſte Stand iſt, in dem ſie ſich zufällig befinden. Und von 58 dieſer Betrachtung wird er zu der andern geführt, daß ſolche Leute Andere wieder nicht ihrem Stande gemäß erziehen, und ſo die Landmarken verwiſchen, die Schleuſen öffnen, und ſo weiter, und ſo weiter, und ſo weiter. „My Lady, ich bitte Sie um Verzeihung. Erlau⸗ ben Sie mir, daß ich einen Augenblick ſpreche!“— My Lady hat nämlich ein ſchwaches Zeichen von ſich gegeben, daß ſie ſprechen wolle.—„Mr. Rouncewell, unſere Anſichten über Pflicht, und unſere Anſichten über Stand, und unſere Anſichten über Erziehung, und unſere Anſich⸗ ten über— kurz und gut, alle unſere Anſichten— ſind einander ſo diametral entgegengeſetzt, daß es Ihren, ſowie meinen eigenen Gefühlen widerſtreben muß, dieſe Erörterung verlängert zu ſehen. Es wird dieſes junge Frauenzimmer durch die Beachtung und die Gunſt von my Lady beehrt. Will nun das Mädchen ſich von dieſer Beachtung und Gunſt zurückziehen, oder findet ſie es an⸗ gemeſſen, ſich unter den Einfluß irgend einer Perſon zu ſtellen, die, von ihren eigenthümlichen Anſichten aus⸗ gehend,— Sie werden mir erlauben, zu ſagen: von ihren eigenthümlich en Anſichten, obgleich ich gerne zu⸗ gebe, daß die Perſon mir keine Rechenſchaft darüber ſchuldig iſt— die, von ihren eigenthümlichen Anſichten ausgehend, ſie dieſer Beachtung entzieht, ſo kann das Mädchen dieß jeden Augenblick thun. „Wir ſind Ihnen verbunden für die Offenheit und Geradheit, womit Sie geſprochen haben. Es wird die⸗ ſer Umſtand an und für ſich auf die Stellung des jun⸗ gen Frauenzimmers in dieſem Hauſe durchaus keinen Einfluß haben. Weitere Conceſſionen vermögen wir nicht zu machen; und hier müſſen wir Sie bitten, den Ge⸗ genſtand zu verlaſſen,— wenn Sie ſo gefällig ſein wollen.“ Der Beſuchende wartete einen Augenblick, um my Lady Gelegenheit zum Sprechen zu geben; allein es ſchweigt dieſelbe. Dann ſteht er auf und antwortet: 6 59 „Sir Leiceſter und Lady Dedlock, erlauben Sie mir, Ihnen für Ihre Aufmerkſamkeit zu danken und nur noch zu bemerken, daß ich meinem Sohne ernſtlich anempfehlen werde, ſeine dermaligen Neigungen zu überwinden. Und nun gute Nacht!“ „Mr. Rouncewell,“ ſpricht Sir Leiceſter, und es zeigt ſich hier das ganze Weſen eines Gentlemans bei ihm,„es iſt ſchon ſpät, und es ſind die Wege finſter. Ich hoffe, es iſt Ihre Zeit nicht ſo koſtbar, daß Sie my Lady und mir ſelbſt nicht geſtatten, Ihnen wenigſtens für heute Nacht die Gaſtfreundſchaft von Chesney Wold anzubieten.“ „Ich hoffe das,“ ſetzt my Lady hinzu. „Ich bin Ihnen ſehr verbunden, muß aber die ganze Nacht durch reiſen, um einen entfernten Theil des Landes genau zur verabredeten Stunde morgen früh zu erreichen.“ Hiemit verabſchiedet ſich der Eiſenwerkbeſitzer; Sir Leiceſter klingelt, und my Lady ſteht auf, während er das Zimmer verläßt. Als my Lady in ihrem Boudoir ankommt, ſetzt ſie ſich gedankenvoll neben das Feuer, und ſieht, ohne auf den Geiſterweg zu achten, Roſa an, die in einem inneren Zimmer ſchreibt. Es ſteht nicht lange an, ſo wird Letztere von my Lady herbeigerufen. „Kommen Sie her zu mir, Kind! Sagen Sie mir die Wahrheit! Sind Sie verliebt?“ „Oh! My Lady!“ My Lady ſchaut das geſenkte und erröthende Ge⸗ ſicht an, und ſpricht lächelnd: „Wer iſt es? Iſt es Mrs. Rouncewell's Enkel?“ „Ja, wenn Sie erlauben, my Lady. Aber ich wüßte nicht, daß ich— ſchon jetzt— in ihn verliebt wäre.“ 1 „Schon jetzt,— Sie albernes kleines Ding? Wiſſen Sie auch, daß er Sie ſchon jetzt liebt?“ „Ich glaube, daß er mich ein Bischen gern hat.“ Und Roſa bricht in Thränen aus. Iſt das Lady Dedlock— iſt's wirklich die Perſon, die neben der Dorfſchönen ſteht, ihr dunkles Haar mit dieſer mütterlichen Berührung glättet, und ſie mit Augen betrachtet, die ſo viele und gedankenvolle Theilnahme verrathen? Ja, ſie iſt es wirklich! „Hören Sie mich an, Kind! Sie ſind noch jung und offenherzig, und ich glaube, daß Sie einige An⸗ hänglichkeit für mich haben.“ „Ja, das habe ich, my Lady. Es iſt in der That Nichts auf dieſer Welt, was ich nicht thun möchte, um Ihnen zeigen zu können, wie anhänglich ich an Ihre Perſon bin.“ „Und ich glaube wohl kaum, daß Sie mich jetzt ſchon verlaſſen möchten, Roſa, und wäre es auch, um einem Liebhaber zu folgen.“ „Nein, my Lady! O nein!“ Roſa blickt zum erſten Male auf; und iſt bei die⸗ ſem Gedanken ganz erſchrocken. „Vertrauen Sie auf mich, mein Kind! Haben Sie keine Furcht vor mir! Ich will Ihr Glück, und will Sie glücklich machen— wenn es mir vergönnt iſt, auf dieſer Welt Jemand glücklich zu machen. Unter neuen Thränen kniet Roſa vor ſie hin und küßt ihre Hand. My Lady nimmt die Hand, womit das Mädchen die ihrige erfaßt hat, und ſchiebt ſie, wäh⸗ rend ihre Augen auf das Feuer geheftet blieben, zwi⸗ ſchen ihren beiden Händen hin und her, und läßt ſie allmälig fallen. Als Roſa ſie ſo in Gedanken vertieft ſieht, zieht ſie ſich leiſe zurück; aber immer noch ſind my Lady's Augen auf das Feuer geheftet. Um was zu ſuchen? Um eine Hand zu ſuchen, die nicht mehr iſt,— eine Hand, die nie exiſtirte,— eine 61 Berührung, die ihr Leben in magiſcher Weiſe hätte um⸗ geſtalten können? Oder horcht ſie dem Geiſterweg und denkt ſie vielleicht darüber nach, welchem Tritt der Geiſtertritt am Aehnlichſten iſt? Dem Tritte eines Man⸗ nes? Eines Weibes? Dem Trappeln eines kleinen Kin⸗ derfüßchens, das immer fort ſich nähert— ſich nähert— ſich nähert? So viel iſt gewiß, daß irgend ein melan⸗ choliſcher Einfluß über ihr waltet; warum würde ſonſt eine ſo ſtolze Dame die Thüren ſchließen, und allein an dem ſo verödeten Herde ſitzen?“ Volumnia geht an dem darauf folgenden Tage fort, und noch vor dem Diner haben ſich alle Couſins und Couſinen nach den vier Winden hin zerſtreut. Unter dieſer ganzen Kluppe von Verwandten iſt auch nicht eine Perſon, die nicht beim Frühſtücke mit Erſtaunen von der Verwiſchung der Landmarken, von der Oeffnung der Schleuſen, und dem Krachen des ganzen geſellſchaftlichen Gerüſtes, wie ſich Alles dieſes durch Mrs. Ronncewell's Sohn offenbart, ſprechen hört. Sir Leiceſter hat ſie mit der ganzen Geſchichte regalirt. Auch nicht ein Couſin, auch nicht eine Couſine von der ganzen Kluppe vermag ſeiner wirklichen Empörung Herr zu werden. Jedes bringt den Umſtand mit der Schwäche von William Buffy, als derſelbe im Amte geweſen, in Verbindung, nnd fühlt ſich in Folge von Betrug und Unrecht geſchädigt, ſei es, daß man vergeſſen, ihn oder ſie auf die Penſionsliſte zu ſetzen, oder daß ſich das Land irgend einer andern Unbill gegen ihn oder gegen ſie ſchuldig gemacht. Was Volumnia betrifft, ſo wird ſie von Sir Lei⸗ ceſter die große Treppe hinabgeführt, und es verbreitet ſich der Baronet in ſo beredter Weiſe über das Thema, wie wenn im Norden von England bereits ein allge⸗ meiner Aufſtand wäre, um ihren Schminktopf und ihr Perlenhalsband ſich zuzueignen. Und ſo zerſtreuen ſich unter dem Geraſſel und Ge⸗ ſchnatter von Kammerjungfern und Bedienten— denn 62 ein Zubehör ihrer Couſinſchaft iſt das, daß ſie Kammer⸗ jungfern und Diener halten müſſen, wie ſchwer ſie es immer finden mögen, ſich ſelbſt zu unterhalten— die Couſins und die Couſinen nach den vier Winden des Himmels; und der eine winterliche Wind, der heute weht, ſchüttelt von den Bäumen neben dem verödeten Hauſe ſolch dichte Maſſen herab, wie wenn alle Couſins und Coufinen in Laub verwandelt worden wären. Ueunundzwanzigſtes Kapitel. Der junge Mann. Chesney Wold iſt zugeſchloſſen; es ſind die Teppiche zu großen runden Maſſen zuſammengerollt und liegen in den Ecken comfortloſer Zimmer; es thut der glänzende Damaſt Buße in brauner, holländiſcher Glanzleinwand; Schnitzereien und Vergoldungen kaſteien ſich, und die Dedlockſchen Ahnen ziehen ſich wieder aus dem Lichte des Tages zurück. Rund um das Schloß her fällt das Laub dicht— aber nicht ſchnell, denn es kommt daſſelbe mit einer todten Leichtigkeit, die düſter und langſam iſt, herabgewirbelt. Mag der Gärtner den Raſen auch noch ſo oft kehren, und mag er das Laub in ſeinen Schub⸗ karren preſſen, und ganze Ladungen davon wegführen, — immer liegt es noch knöcheltief da. Es heult der ſchrille Wind um Chesney Wold her, es ſchlägt der ſcharfe Regen gegen das Haus, es raſſeln die Fenſter, und es knurren die Schornſteinröhren. Nebel verbergen die Avenüen, verſchleiern die Ausſicht, und bewegen ſich ͤͤ— 63 geſpenſterhaft und leichenartig über die Anhöhen hin. Im ganzen Hauſe herrſcht ein kalter, öder, unheimlicher Geruch, ähnlich dem Geruche in dem Kirchlein, wenn er auch etwas trockener iſt: es mahnt derſelbe daran, daß die todten und begrabenen Dedlocks ſich in den langen Nächten hier ergehen, und ihren Grabgeruch zurücklaſſen. Aber die Stadtwohnung, die ſelten zu gleicher Zeit mit Chesney Wold gleichen Sinnes iſt, ſich ſelten freut, wenn letzteres ſich freut, oder trauert, wenn letzteres trauert, es müßte denn eben ſein, daß ein Dedlock ſtärbe, — die Stadtwohnung alſo iſt wach und zeigt ſich in ihrem ganzen Glanze. So warm und glänzend, als ein ſolcher Zuſtand nur ſein kann, ſo voll angenehmer, feiner, keine Spur vom Winter an ſich tragender Ge⸗ rüche, als bei Blumen aus Treibhäuſern dieß möglich iſt; leiſe und ſtill, ſo daß das Ticktacken der Uhren und das luſtige Lodern der Feuer die in den Zimmern herrſchende Ruhe allein ſtören; es ſcheint dieſe Sir Leiceſter's durchkältete Knochen in regenbogenfarbige Wolle zu hüllen, und Sir Leiceſter iſt froh, daß er in würde⸗ voller Zufriedenheit vor dem großen Feuer im Biblothek⸗ zimmer ausruhen, in herablaſſender Weiſe die Rücken ſeiner Bücher anſehen, oder die ſchönen Künſte mit einem Blicke des Beifalls beehren kann. Denn er hat ſeine Gemälde, alte und moderne. Einige von der Masken⸗ ballſchule, worin die Kunſt ſich gelegentlich herabläßt, zur Meiſterin zu werden, und welche wohl am Beſten katalogiſirt würden, wie die unterſchiedlichen Artikel bei einer Verſteigernng. Wie zum Beiſpiel„Drei hochleh⸗ nige Seſſel, Tiſch und Teppich, langhalſige Flaſche(mit Wein,, eine umflochtene Flaſche, ein ſpaniſches Frauen⸗ zimmer⸗Coſtüm, Dreiviertelgeſichts⸗Porträt von Miß Jogg, dem Modell, und eine vollſtändige Rüſtung, den Don Quixote enthaltend.“— Oder„eine ſteinerne Terraſſe(zerſprungen), eine Gondel in der Entfernung, ein vollſtändiger venetianiſcher Senatorenanzug, ein 64 reich geſticktes, weißes Atlaßcoſtüm mit dem Profilporträt von Miß Jogg, dem Modell, ein krummer Säbel, präch⸗ tig vergoldet, mit juwelenbeſetztem Griffe, kunſtreich ge⸗ arbeiteter Mohren⸗Anzug(ſehr ſelten), und Othello.“ Mr. Tulkinghorn kommt und geht ziemlich oft, in⸗ dem Vermögensſachen zu ordnen, Pachte zu erneuern ſind und ſo fort, auch ſieht er my Lady ziemlich oft; nnd er und ſie ſind ſo ruhig, und ſo gleichgiltig, und nehmen von einander ſo wenig Notiz, wie nur je. Und doch fürchtet vielleicht my Lady dieſen Mr. Tulkinghorn, und vielleicht weiß er das. Möglich, daß er ſie eigenſinnig und beharrlich verfolgt, ohne eine Idee von Mitleid, Gewiſſensbiſſen, oder Reue. Möglich, daß ihre Schönheit und all' die Herrlichkeit, und all' der Glanz, die ſie umgeben, ihm nur noch mehr Luſt machen nach dem, worauf er erpicht iſt, und ihn ſein Ziel nur um ſo beharrlicher verfolgen laſſen. Mag er nun kalt und grauſam,— mag er unerſchütterlich in dem ſein, was er ein Mal ſich zur Pflicht gemacht,— mag er von ſeiner Liebe zur Gewalt verzehrt werden,— mag er ent⸗ ſchloſſen ſein, daß ihm Nichts verborgen bleiben ſolle auf einem Grund und Boden, wo er ſein Leben lang unter Geheimniſſen herumgeſtört hat,— mag er in ſeinem Herzen den Glanz verachten, wovon er ein ferner Strahl iſt,— mag er immer Vernachläßigungen und Beleidi⸗ gungen in der Leutſeligkeit ſeiner vornehmen, reichen Clienten ſich notiren und aufbewahren,— mag er eines von dieſem oder Alles ſein, immerhin dürfte es wohl für my Lady beſſer ſein, wenn fünftauſend faſhionable Augen⸗ paare in mißtrauiſcher Wachſamkeit auf ſie geheftet wären, als die zwei Augen dieſes altmodiſchen Advocaten, mit ſeinem Wiſch von einem Halstuch und ſeinen mattfarbigen, ſchwarzen, mit Bändern an den Knien zuſammengehal⸗ tenen Beinkleidern. Sir Leiceſter ſitzt— ganz beſonders ſelbſtgefällig ——⁸—- Sdͤ——n——S—,———— — in my Ladys Zimmer,— in jenem Zimmer, wo ——— 65 Mr. Tulkinghorn die beſchworene Zeugenausſage in Jarn⸗ dyce und Jarndyce geleſen hat. Es ſitzt my Lady— wie an jenem Tage— vor dem Feuer, ihren Feuerſchirm in der Hand. Sir Leiceſter iſt deßwegen ſo beſonders ſelbſtgefällig, weil er in ſeiner Zeitung einige Bemerkungen gefunden hat, die ſo recht in ſeinen Kram paſſen, und ſich gerade auf die Schleuſen und das geſellſchaftliche Gerüſt be⸗ ziehen. Sie laſſen ſich ſo glücklich auf den neulichen Fall anwenden, daß Sir Leiceſter eigens aus dem Bibliothek⸗ zimmer in my Lady's Zimmer herübergekommen iſt, um dieſelben ihr vorzuleſen. „Der Mann, der dieſen Artikel geſchrieben,“ bemerkt er einleitend und mit dem Kopfe nach dem Feuer hin⸗ nickend, wie wenn er von einem Berge herab dem Manne zunickte,„hat einen gut geregelten Geiſt,— einen Geiſt, der ſo ganz im Gleichgewicht mit ſich ſelbſt iſt.“ Der Geiſt des Manns iſt aber nicht ſo gut geregelt, nicht ſo ganz im Gleichgewicht mit ſich ſelbſt, daß derſelbe my Lady nicht langweilte; denn es wird dieſe nach einer matten Anſtrengung, die ſie macht, um zu horchen, oder vielmehr nachdem ſie ſich matt darein ergeben, ſich zu ſtellen, als höre ſie zu, zerſtreut, und verſenkt ſich in das Anſchauen des Feuers, wie wenn es ihr Feuer zu Chesney Wold wäre, und ſie daſſelbe nie verlaſſen hätte. Sir Leiceſter, der von All' dieſem Nichts bemerkt, fährt, ſich dabei ſeines doppelten Augenglaſes bedienend, im Leſen fort, und hält gelegentlich inne, um ſein Glas zu entfernen und ſeine Billigung auszudrücken, wie zum Beiſpiel,„wirklich recht wahr,“„recht paſſend geſagt,“ zich ſelbſt habe dieſe Bemerkung oft gemacht;“ nach jeder ſolchen Bemerkung verliert er unfehlbar ſeine Stelle und darhlinſt die ganze Columne, um dieſelbe wieder aufzu⸗ nden. Sir Leiceſter liest unendlich ernſt und würdevoll, als Zleak Houſe. II. 5 66 die Thüre aufgeht, und der bepuderte Merkur folgende ſeltſame Anmeldung hören läßt: „Der junge Mann Namens Guppy, my Lady.“ Sir Leiceſter hält hier inne, ſtarrt, und wiederholt mit vernichtender Stimme: „Der junge Mann Namens Guppy?“ Und in dem Augenblicke, wo er herumſieht, erblickt er den jungen Mann Namens Guppy. Letzterer iſt, wie hier bemerkt werden muß, ganz verblüfft, und bietet in ſeinem Benehmen und in ſeiner Erſcheinung kein ſehr ein⸗ dringliches Empfehlungsſchreiben dar. „Was in aller Welt ſoll es bedeuten,“ ſpricht Sir Leiceſter zu dem Merkur,„daß Sie ſo ohne alles Weitere einen jungen Mann Namens Guppy anmelden?“ „Ich bitte Sie um Verzeihung, Sir Leiceſter, aber my Lady hat geſagt, ſie wolle den jungen Mann ſpre⸗ chen, ſobald er hieher komme. Ich wußte nicht, daß Sie hier ſind, Sir Leiceſter.“ Mit dieſer Entſchuldigung richtete Merkur einen trotzigen und zornigen Blick auf den jungen Mann Na⸗ mens Guppy,— einen Zlick, der deutlich ſagt:„Was thun Sie hier, und warum bringen Sie mich in Ver⸗ legenheit?“ „Es iſt ganz richtig. Ich habe ihm dieſe Weiſung gegeben,“ ſpricht my Lady.„Der junge Mann ſoll ſich einen Augenblick gedulden.“ „Mit nichten, my Lady. Da Sie ein Mal Befehl gegeben haben, ihn vorzulaſſen, ſo will ich Sie nicht unterbrechen.“ Und Sir Leiceſter zieht ſich in ſeiner galanten Weiſe zurück, und verſchmäht es, von dem jungen Manne beim Hinausgehen eine Verbeugung anzunehmen, indem er in ſeiner majeſtätiſchen Weiſe annimmt, es ſei derſelbe irgend ein Schuhmacher von aufdringlichem Ausſehen. 3 Lady Dedlock ſieht ihren Beſuch gebieteriſch an, nach⸗ dem der Bediente das Zimmer verlaſſen hat, und muſtert 67 ihn vom Kopf bis zu den Füßen. Sie iſt ſo gütig, ihn an der Thüre ſtehen zu laſſen, und fragt ihn, was er wolle. „Ich möchte Ew. Ladyſchaft bitten, daß Sie die Güte hätten, mir einige Augenblicke zu widmen, indem ich Einiges vorzubringen habe,“ entgegnet Mr. Guppy verlegen. 1 „Sie ſind natürlich die Perſon, die mir ſo viele Briefe geſchrieben hat?“ „Unterſchiedliche, Ew. Ladyſchaft. Unterſchiedliche, 95 Ew. Ladyſchaft geruhete, mich mit einer Antwort zu erfreuen.“ „Und konnten Sie denn nicht ſich deſſelben Mittels bedienen, um mündlichen Verkehr unnöthig zu machen? Können Sie das nicht noch jetzt thun?“ Mr. Guppy ſchraubt den Mund zu einem ſtillen „Nein“ zuſammen, und ſchüttelt den Kopf. „Sie ſind ſeltſam zudringlich geweſen. Sollte es ſich am Ende herausſtellen, daß das, was Sie zu ſagen haben, mich nicht angeht— und ich weiß nicht, wie es mich angehen kann, und denke auch nicht, daß es mich angeht,— ſo werden Sie mir erlauben, wenn ich ohne Weiteres Ihnen Schweigen auferlege, und von der Sache Nichts weiter hören will. Sagen Sie gefälligſt, was Sie zu ſagen haben!“ My Lady wendet ſich, ihren Handſchirm nachläſſig ſchüttelnd, wieder nach dem Feuer hin, ſo daß ſie dem jungen Mann Namens Guppy faſt den Rücken zukehrt. „Mit Ew. Ladyſchaft Erlaubniß,“ ſpricht der junge Mann,„will ich nun alſo mit meiner Sache beginnen. Hm! Mein Fach iſt, wie ich Ew. Ladyſchaft in meinem erſten Briefe ſchon geſagt, das Jus. Und da nun das Jus mein Fach i*ſt, ſo habe ich die Gewohnheit gelernt, mich durch nichts Schriftliches zu compromittiren, und deßhalb theilte ich Ew. Ladyſchaft nicht den Namen der Firma mit, mit der ich in Verbindung ſtehe, und bei 68 der ich mich eines ziemlich guten Anſehens,— und wie ich hinzufügen darf, eines ziemlich netten Einkommens erfreue. Und nun kann ich Ew. Ladyſchaft im Vertrauen ſagen, daß der Name dieſer Firma kein anderer iſt, als Kenge und Carboy, von Lincoln's Inn, die Ew. Lady⸗ ſchaft vielleicht nicht ganz unbekannt iſt, inſofern ſie mit dem vor dem Kanzleigerichtshofe ſchwebenden Proceſſe Jarndyce und Jarndyce zu ſchaffen hat.“ My Ladys Geſicht fängt au, einige Aufmerkſamkeit auszudrücken. Sie hat aufgehört, ihren Handſchirm zu ſchütteln, und hält denſelben, wie wenn ſie horchte. „Ich kann nun Ew. Ladyſchaft ohne weitere Um⸗ ſchweife ſagen,“ ſpricht Mr. Guppy, ein wenig kühn ge⸗ macht,„daß ich nicht wegen einer den Prozeß Jarndyce und Jarndyce angehenden Sache ein ſo großes Verlangen bezeigt habe, mit Ew. Ladyſchaft zu ſprechen,— ein Benehmen, das ohne Zweifel als aufdringlich erſchien, und als aufdringlich, ja, in Wirklichkeit faſt roh und un⸗ gebildet erſcheint.“ Nachdem Mr. Guppy einen Augenblick gewartet, um einige Worte zu hören, die ihn vom Gegentheil ver⸗ ſichern, und als er dieſe nicht hört, fährt er alſo fort: „Hätte die Sache Jarndyce und Jarndyce betroffen, ſo wäre ich ohne Weileres zu Ew. Ladyſchaft Solicitor, Mr. Tulkinghorn von Lincoln's Inn Fields, gegangen. Ich habe das Vergnügen, Mr. Tulkinghorn zu kennen, — wir rücken wenigſtens den Hut, wenn wir einander begegnen— und wenn es überhaupt ein Geſchäft von der Art geweſen wäre, ſo würde ich geraden Wegs zu ihm gegangen ſein.“ My Lady wendet ſich ein Bischen um und ſpricht: „Sie würden beſſer thun, wenn Sie ſich ſetzten.“ „Danke Ew. Ladyſchaft.“ Mr. Guppy ſetzt ſich. „Und nun, Ew. Ladyſchaft;“— Mr. Guppy zieht hier einen kleinen Papierſtreifen hervor, auf dem er Verſchie⸗ denes notirt hat, und der ihn in die dickſte Finſterniß 69 zu begraben ſcheint, ſo oft er ihn anblickt;„ich— o ja! ich gebe mich ganz in Ew. Ladyſchaft Hände. Sollte Ew. Ladyſchaft bei Kenge und Carboy oder bei Mr. Tulkinghorn über meinen jetzigen Beſuch Klage führen, ſo würde ich in eine recht unangenehme Lage verſetzt. Ich gebe das ohne Weiteres zu. Ich verlaſſe mich daher auf Ew. Ladyſchaft Ehre.“ My Lady verſichert ihn mit einer verächtlichen Be⸗ wegung der Hand, die den Schirm hält, daß er keiner Klage von ihrer Seite würdig iſt. „Ich danke Ew. Ladyſchaft,“ ſpricht Mr. Guppy, „ganz befriedigend. Nun— ich— vermaledeit!— Ich muß Ihnen ſagen, daß ich hier ein paar Hauptpunkte notirt habe, die ich berühren wollte, und da alles abbrevirt iſt, ſo— ſo kann ich nicht gleich finden, was ſie bedeu⸗ ten. Wenn Ew. Ladyſchaft mir erlauben will, daß ich mit meinem Papier während eines halben Augenblicks an das Fenſter trete, ſo kann ich—“ Mr. Guppy geht nach dem Fenſter hin und geräth unter ein Paar Vögel, welche my Lady ſich zum Zeit⸗ vertreib hält, und ſagt zu denſelben in ſeiner Verwirr⸗ ung:„Bitte unendlich um Verzeihung.“ Es trägt dieß nicht eben zur größeren Leſerlichkeit ſeiner Notizen bei. Er murmelt, er wird roth, es wird ihm warm, er hält den Papierſtreifen bald nahe an die Augen hin, bald weit weg.„C.§. Was ſoll dieſes C. 8, Oh! ‚E. S.! Oh, nun weiß ich's! Ja, ge⸗ wiß!“ Und er kommt ganz erleuchtet zurück. „Ich weiß nicht,“ ſagt Mr. Guppy, auf halbem Wege zwiſchen my Lady und ſeinem Stuhle ſtehen bleibend,„ob Ew. Ladyſchaft zufällig ſchon von einer jungen Dame, Namens Miß Eſther Summerſon, Etwas gehört oder geſehen hat.“ My Lady's Augen ſehen ihn voll an. „Ich ſah vor noch nicht langer Zeit eine junge 70 Züne⸗ welche dieſen Namen führte. Letztverfloſſenen er 4 „Fiel Ew. Ladyſchaft da nicht Etwas auf? Hatte ſte mit Niemand Aehnlichkeit?“ fragt Mr. Guppy, die Arme krenzend, den Kopf auf eine Seite geneigt, und den Winkel ſeines Mundes mit ſeinem Papierſtreifen kratzend. My Lady verwendet kein Auge mehr von ihm. „Nein.“ „Hatte ſie keine Aehnlichkeit mit Ew. Ladyſchaft Familie?“ „Nein.“ „Ich glaube, Ew. Ladyſchaft kann ſich des Geſich⸗ tes von Miß Summerſon kaum noch erinnern?“ ſagt Mr. Guppy. „Ich erinnere mich der jungen Dame noch ſehr wohl. Aber was geht mich das an?“ „Ew. Ladyſchaft, ich verſichere Sie, ich fand, da Miß Summerſon's Bild meinem Herzen aufgedrückt war— was ich ganz im Vertrauen bemerkt haben will — als ich die Ehre hatte, auf einem kleinen Ausfluge, den ich mit einem Freunde in die Grafſchaft Lin⸗ colnſhire machte, Ew. Ladyſchaft Schloß Chesney Wold zu ſehen, eine ſolche Aehnlichkeit zwiſchen Miß Eſther Summerſon und dem Porträt Ew. Ladyſchaft, daß ich davon ganz weg war,— und zwar ſo ſehr, daß ich in dem Augenblicke nicht einmal wußte, was auf mich eine ſolche Wirkung hervorbrachte. Und jetzt, wo ich die Ehre habe, Ew. Ladyſchaft in der Nähe zu ſehen (ich habe mir ſeit jener Zeit oft die Freiheit genommen, Ew. Ladyſchaft in Ihrem Wagen im Parke anzuſchauen, wenn Sie mich wohl kaum bemerkten; aber nie ſah ich Ew. Ladyſchaft ſo nahe), iſt die Aehnlichkeit wirklich noch überraſchender, als ich je gedacht.“ Junger Mann Namens Guppy! Es hat Zeiten gegeben, wo Damen auf feſten Schlöſſern lebten, und neu tte die nd 71 Leute um ſich hatten, die ſie jeden Augenblick rufen konnten, und die mit andern Menſchen wenig Federleſens machten,— wo Dein armes Leben wohl nicht werth geweſen wäre, daß man es auch nur auf eine Minute gekauft hätte, ſo lange dieſe ſchönen Augen Dich ſo an⸗ blickten, wie ſie Dich in dieſem Augenblicke anſchauten. My Lady gebraucht ihren kleinen Handſchirm lang⸗ ſam, wie einen Fächer und fragt ihn abermals, was er wohl glaube, daß ſeine Liebhaberei für Aehnlichkeiten ſie angehe. „Ew. Ladyſchaft,“ erwidert Mr. Guppy, aber⸗ mals ſeinen Papierſtreifen zu Rathe ziehend,„ich komme ſchon dazu. Zum Henker, mit dieſen Notizen! Verma⸗ ledeit! Oh! Jetzt hab' ichs! ‚Mrs. Chadband.: Ja.“ Mr. Guppy zieht ſeinen Stuhl ein Bischen vor⸗ wärts, und ſetzt ſich wieder. My Lady lehnt ſich in ihrem Stuhle ganz ruhig rückwärts, obgleich man vielleicht finden könnte, daß ihre graziöſe Behaglichkeit nicht ſo ganz die gewöhnliche iſt; indeſſen ſchaut ſie den jungen Mann fortwährend feſt an.. „Ah— doch halt ein wenig!“ ſagt Mr. Guppy, und ſieht abermals auf ſein Papier hin.„E. S.“ zwei Mal? O ja! Ja, ich finde mich nun ganz zurecht.“ Mr. Guppy rollt ſeinen Papierſtreifen zuſammen, um ſich deſſelben wie eines Werkzeuges zu bedienen, wo⸗ mit er ſeine Worte richten kann, und fährt alſo fort: „Ew. Ladyſchaft, es iſt über die Geburt und die Erziehung von Miß Eſther Summerſon ein gewiſſes Dunkel verbreitet. Ich kenne dieſes Factum, weil— ich ſage das ganz im Vertrauen— ich es in meiner Eigenſchaft als Gehilfe der Herren Kenge und Carboy kenne. Nun aber iſt, wie ich Ew. Ladyſchaft bereits bemerkt, Miß Summerſon's Bild meinem Herzen auf⸗ gedrückt. Könnte ich nun dieſes Dunkel entfernen, oder könnte ich beweiſen, daß ſie von guter Familie iſt, oder ausfindig machen, daß ſie, wenn ſie die Ehre hätte, 72 ein entfernter Zweig von Ew. Ladyſchaft Familie zu ſein, auch ein Recht hätte, in Jarndyce und Jarndyce Intereſſentin zu ſein, ſo könnte ich von Miß Summer⸗ ſou vielleicht eher verlangen, daß ſie meine Anträge mit günſtigeren Augen anſähe, als bis jetzt der Fall gewe⸗ ſen. Denn ſoll ich die Wahrheit geſtehen, ſo hat ſie die⸗ ſelben bis daher gar nicht begünſtigt.“ Eine Art zornigen Lächelns dämmert in dieſem Au⸗ genblicke in my Ladys Geſicht auf. „Es hat nun der Zufall es recht ſonderbar ſo ge⸗ fügt, Ew. Ladyſchaft,“ fährt Mr. Guppy fort,— „obgleich es einer jener Zufälle iſt, die uns Juriſten vom Fach bisweilen vorkommen— ich zähle mich den Juriſten vom Fach bei, denn obgleich ich noch nicht zugelaſ⸗ ſen bin, ſo haben doch Kenge und Carboy mich unent⸗ geltlich ausſchreiben laſſen, als meine Mutter aus dem Kapital ihres kleinen Einkommens das Geld für den theuren Stempel vorſchoß— daß ich mit der Perſon zu⸗ ſammengetroffen bin, die als Dienerin bei der Dame lebte, welche Miß Summerſon aufzog, ehe Mr. Jarn⸗ dyce ſich Letzterer annahm. Dieſe Dame war eine Miß Barbary, my Lady.“ Wird die Todtenfarbe auf my Lady's Geſicht von dem Schirme zurückgeworfen, der einen grünſeidenen Grund hat, und den ſie in ihrer emporgehobenen Hand hält, wie wenn ſie ihn vergeſſen hätte; oder aber iſt es eine furchtbare, gräßliche Bläſſe, die über ſie gekom⸗ men iſt? „Haben Ew. Ladyſchaft,“ ſpricht Mr. Guppy wei⸗ ter,„zufällig ſchon von Miß Barbary gehört?“ „Ich weiß es nicht. Ich glaube ja. Ja.“ „War Miß Barbary uͤberhaupt mit Ew. Ladyſchaft Familie verwandt?“— Es bewegen ſich my Lady's Lippen, ohne daß ſie Ndeſen einen Laut hören laſſen. Sie ſchüttelt den opf. — 73 „Wie? Nicht verwandt?“ ſagt Mr. Guppy⸗„Oh! Vielleicht nicht mit Wiſſen Ew. Ladyſchaft? Ah!— Könnte aber doch ſein? Ja.“. Nach jeder dieſen Fragen hat ſie den Kopf geneigt. „Recht gut!“ fährt Mr. Guppy fort.„Nun aber war dieſe Miß Barbary außerordentlich verſchloſſen— es ſcheint dieſelbe für ein Frauenzimmer außergewöhn⸗ lich verſchloſſen geweſen zu ſein, denn Weiber ſind im Allgemeinen(wenigſtens im gemeinen Leben) ſo ziemlich dem Schwatzen ergeben,— und meine Zeugin hatte nie eine Idee, ob dieſe Miß Barbary auch nur einen einzi⸗ gen Verwandten habe. Bei einer einzigen Gelegenheit⸗ nur bei einer einzigen ſcheint ſie gegen meine Zeugin vertraulich geweſen zu ſein,— in Betreff eines einzigen Punktes; und da ſagte ſie ihr dann, daß der wahre Name des kleinen Mädchens nicht Eſther Summerſon, ſondern Eſther Hawdon ſei.“ „Mein Gott!“ Mr. Guppy ſtarrt hier. Lady Dedlock ſitzt vor ihm da, ſchant ihn durch und durch, mit demſelben finſtern Schatten im Geſicht, in derſelben Attitüde bis auf das Halten des Handſchirms hinaus, mit Lippen, die ein Bischen geöffnet ſind, mit ein wenig zuſammengezo⸗ gener Stirn, aber, für den Augenblick, todt. Er ſieht, wie ſie wieder zu ſich kommt— ſieht, wie ein Beben durch ihren Körper hingeht, nicht unähnlich den kleinen Wellen, die über das Waſſer hin ſpielen,— fieht, wie ihre Lippen zittern,— ſieht, wie ſie mit vieler Mühe dieſelben wieder zur Ruhe bringt,— ſieht, wie ſie ſich zwingt, ſich ſeiner Anweſenheit und deſſen, was er ge⸗ ſagt, wieder bewußt zu werden. Alles dieß iſt ſo raſch, daß ihr Ausruf und ihr todter Zuſtand vorübergegangen und verſchwunden zu ſein ſchienen, wie die Züͤge jener lang aufbewahrten Todtenkörper, die bisweilen in Grä⸗ bern aufgefunden worden, und, von der Luft blitzartig berührt, in einem Nu verſchwinden. 74 „Ew. Ladyſchaft kennt den Namen Hawdon?“ „Ich habe denſelben früher ſchon gehört.⸗ „Der Name eines collateralen oder entfernten Zwei⸗ ges von Ew. Ladyſchaft Familie?“ „Nein.“ „Und nun komme ich, Ew. Ladyſchaft,“ ſpricht Mr. Guppy,„zu dem letzten Punkte, ſo weit ich die Sache kenne. Im Uebrigen werde ich dieſe je mehr und mehr verfolgen. Ew. Ladyſchaft müſſen wiſſen— wenn Ew. Ladyſchaft zufällig dieß nicht ſchon wiſſen ſollten— daß vor einiger Zeit im Hauſe eines gewiſſen Krook in der Nähe von Chancery Lane ein Advoeatenſchreiber todt gefunden worden iſt, der in großer Armuth gelebt hatte. Dieſer Advocatenſchreiber wurde der Gegenſtand einer Coroner’s Inqueſt, da dieſer Advocatenſchreiber ein anonymer Character und ſein Name durchaus unbekannt war. Aber, Ew. Ladyſchaft, ich habe erſt ſeit ganz kurzer Zeit entdeckt, daß der bewußte Advocatenſchreiber ſich einſt Hawdon genannt hatte.“ „Und was geht denn das mich an?“ „Ja, ſehen Sie, my Lady, das eben iſt die Frage! Nun ereignete ſich, Ew. Ladyſchaft, etwas gar Seltſames nach dem Tode dieſes Mannes. Plötzlich er⸗ ſchien eine Lady,— eine verkleidete Lady, Ew. Lady⸗ ſchaft, welche die Oertlichkeiten beſichtigte und ſich das Grab des Mannes zeigen ließ. Sie nahm dazu einen Knaben, der ſein Brod mit Gaſſenkehren auf einem Kreuzwege verdient. Sollte nun Ew. Ladyſchaft es erwünſcht ſein, dieſen Knaben zu ſehen, der Ihnen Alles, was ich ſo eben geſagt, bekräftigen könnte, ſo iſt Nichts leichter, indem ich jeden Augenblick ihn finden kann.“ 3 Der arme Knabe geht my Lady natürlich Nichts an; auch wünſcht ſie ihn nicht zu ſehen. „Oh, ich verſichere Ew. Ladyſchaft, daß das eine gar ſeltſame Geſchichte iſt,“ ſpricht Mr. Guppy.„Könn⸗ 75 ten Sie hören, was er von den Ringen erzählt, die* i⸗ 8s ———— 8 an den Fingern der Dame funkelten, als ſie ihren Handſchuh auszog, ſo würde Ihnen die Geſchichte ganz romantiſch vorkommen.“ An der Hand, die den Schirm hält, glitzern Dia⸗ manten. My Lady ſpielt mit dem Schirme, und macht dieſelben noch mehr glitzern,— und zwar wieder mit jenem Ausdrucke, der zu andern Zeiten für den jungen Mann Namens Guppy hätte ſo gefährlich werden können. „Man vermuthete anfänglich, Ew. Ladyſchaft, es habe der Mann keinen Lappen, keinen Fetzen Papier hinterlaſſen, aus deſſen Hilfe man möglicher Weiſe über ſeine Perſönlichkeit hätte Aufſchluß erhalten können. Aber er hat ſolche dennoch hinterlaſſen. Es iſt ein Pack alter Briefe da.“ Der Handſchirm bewegt ſich immer noch, wie zu⸗ vor. Während dieſer ganzen Zeit laſſen ihre Augen ihn auch nicht einen Augenblick los. „Es wurden dieſelben auf die Seite gebracht. Und morgen Abend werden ſie in meine Hände kommen, Ew. Ladyſchaft.“ „Immer noch muß ich Sie fragen, was geht es mich an?“ „Mit dem will ich den Schluß machen.“ Mr. Guppy ſteht auf.„Wenn Sie nun glauben, es liege in dieſer Kette vereinigter Umſtände,— in dieſer un⸗ zweifelhaften großen Aehnlichkeit dieſer jungen Dame mit Ew. Ladyſchaft, die für eine Jury ein poſitives Fac⸗ tum iſt,— in dem Umſtand, daß die junge Dame von Miß Barbary erzogen worden,— in dem Umſtande, daß Miß Barbary angegeben, Miß Summerſon's wah⸗ rer Name ſei Hawdon,— in dem Umſtande, daß Ew. Ladyſchaft dieſe zwei Namen recht wohl kennt,— und in dem Umſtand, daß Hawdon ſo ſtarb, wie er ſtarb, genug, um bei Ew. Ladyſchaft ein Familieninte⸗ reſſe zu erwecken, und Sie zu veranlaſſen, der Sache 76 noch mehr auf den Grund zu gehen, ſo bin ich bereit, dieſe Papiere herbeizubringen. „Ich weiß nun zwar nicht, welcher Art dieſe Papiere ſind,— nur ſo viel iſt mir bekannt, daß es alte Briefe ſind, bis jetzt habe ich dieſelben noch nicht in Händen gehabt. Dieſe Papiere nun will ich hierher bringen, ſobald ich ſie bekomme, und will ſie zum erſten Male mit Ew. Ladyſchaft durchſehen. „Ich habe Ew. Ladyſchaft nun geſagt, was mich hierher geführt. Ich habe Ew. Ladyſchaft ferner geſagt, daß ich in eine recht widerwärtige Lage käme, wenn eine Klage gegen mich einliefe; und ich will daher Alles nur unter dem Sigel größter Verſchwiegenheit Ihnen mitge⸗ theilt haben.“ Iſt dieß auch Alles, was der junge Mann Namens Guppy will, oder hat er noch andere Abſichten? Ent⸗ hüllen ſeine Worte die Länge, Breite, Tiefe ſeines Ge⸗ genſtandes und Verdachts, indem er hierher kommt; oder, wenn nicht, was ſteckt dahinter? Hier iſt er my Lady gewachſen. Sie mag ihn anſchauen, ſo ſcharf und ſo lange ſie will,— er kann den Tiſch anſchauen, und ſein Zeugenlogengeſicht verhindern, Etwas zu verrathen. „Sie können die Briefe herbringen, wenn Sie es für paſſend erachten,“ ſagt my Lady. „Ew. Ladyſchaft ermuthigt Einen nicht gar ſehr, auf Ehre!“ ſpricht Mr. Guppy, ein Bischen beleidigt. „Sie können die Briefe herbringen, wenn— es Ihnen— gefällig iſt,“ wiederholt ſie in demſelben Tone. „Es ſoll geſchehen. Ich wünſche Ew. Ladyſchaft einen guten Tag.“ Auf einem Tiſche ſteht neben ihr ein reich verzier⸗ tes Käſtchen, das hinter ſeinen Metallſtangen und Schlöſſern einer alten wohlverwahrten Geldlade gleicht. Sie ſieht ihn immer noch an, ieht das Käſtchen zu ſich her, und ſchließt daſſelbe au 3 . 77 „Oh! Ich verſichere Ew. Ladyſchaft, daß derartige Beweggründe auf mich von keinem Einfluß ſind,“ ſpricht Mr. Guppy;„und ich könnte ſo Etwas nicht annehmen. Ich wünſche Ew. Ladyſchaft einen guten Tag, und bin Ihnen gleichwohl ſehr verbunden.“ So macht denn der junge Mann Namens Guppy ſeine Verbeugung und geht die Treppe hinab, wo der hochmüthige Merkur es nicht für angemeſſen erachtet, ſeinen Olymp neben dem Feuer in der Vorhalle zu ver⸗ laſſen, und den jungen Mann hinauszulaſſen. Während Sir Leiceſter ſich in ſeinem Bibliothek⸗ zimmer wärmt, und über ſeiner Zeitung einſchlummert, läßt ſich da im Hauſe ein Einfluß verſpüren, der ihn plötzlich aufſchreckt,— um nicht zu ſagen, der ſelbſt die Bäume zu Chesney Wold ihre knorrigen Arme in die Höhe werfen, ſelbſt die Porträts die Stirn run⸗ zeln, ſelbſt die alten Rüſtungen zuſammenſchlagen macht? Nein. Worte, Schluchzer, und Schreie ſind bloß Luft; und die Luft iſt in der Stadtwohnung ſo durchaus ein⸗ und ausgeſchloſſen, daß my Lady auf ihrem Zimmer die Stimme einer Trompete haben müßte, um bis zu Sir Leiceſter's Ohren einige ſchwache Vibrationen ge⸗ langen zu laſſen; und doch iſt dieſes Schreien im Hauſe, und es geht daſſelbe von einer auf den Knien daliegen⸗ den, halb wahnſinnigen Geſtalt aus. „Oh, mein Kind, mein Kind! Alſo nicht todt in den erſten Stunden ſeines Lebens, wie meine granſame Schweſter mir geſagt, ſondern grauſamer Weiſe von ihr aufgezogen, nachdem ſie mich und meinen Namen auf immer verläugnet! Oh, mein Kind! Oh, mein Kind!“ 78 Dreißigſtes Kapitel. Eſther's Erzählung. Richard war ſeit einiger Zeit weggegangen, als wir einen Beſuch bekamen. Es war eine ältliche Dame, die einige Tage bei uns zubringen wollte. Es war Mrs. Woodcourt, die von Wales gekommen war, um bei Mrs. Bayham Badger einige Zeit zu bleiben, an meinen Oheim„im Auftrage ihres Sohnes Allan geſchrieben, um ihm zu berichten, daß ſie von ihm gehört, und daß er ſich wohlbefände,“ an uns Alle freundliche Grüße von ihm ausgerichtet hatte, und von meinem Vormunde ein⸗ geladen worden war, in Bleak Houſe einen Beſuch zu machen. Sie blieb faſt drei Wochen bei uns. Sie benahm ſich recht freundlich gegen mich und war ungemein ver⸗ traulich bis zu einem ſolchen Grade, daß es mir dadurch bisweilen unbehaglich wurde. Ich hatte, ich wußte es recht wohl, kein Recht, mich unbehaglich zu fühlen, weil ſie mich mit ihrem Vertrauen beehrte, und ich fühlte, daß es nicht unvernünftig ſei; und dennoch konnte ich, ich mochte thun, was ich wollte, mich dieſes Gefühls nicht ganz erwehren. 3 Sie war eine ſo verſchlagene kleine Frau, und pflegte, wenn ſie mit in einander gelegten Haͤnden ſo da⸗ ſaß, ſo wachſam und aufmerkſam auszuſehen, während ſie mit mir ſprach, daß ich dieß vielleicht etwas läſtig fand. Oder vielleicht war es der Umſtand, daß ſie ſo gerade und herausgeputzt war, obgleich ich nicht glaube, daß es dieß war, weil ich es für eigenthümlich lieblich hielt. Auch kann es nicht der allgemeine Ausdruck ihres Geſichtes geweſen ſein, der für eine alte Dame recht lebhaft 1—— „„„—,—⸗,— 2 8 79 und hübſch war. Ich weiß nicht, was er war. Oder wenn ich es jetzt weiß, ſo dachte ich wenigſtens damals, ich weiß es nicht. Oder wenigſtens— doch es liegt Nichts daran. Abends, wenn ich die Treppe hinaufging, um zu Bette zu gehen, pflegte ſie mich öfters in ihr Zimmer hereinzurufen, wo ſie in einem großen Seſſel vor dem Feuer ſaß; und da erzählte ſie mir dann, gütiger Gott! ſo lange und ſo viel von Morgan ap Kerrig, bis ich mich ganz niedergeſchlagen fühlte. Bisweilen recitirte ſie ein paar Verſe aus Crumlinwallinwer und dem Mew⸗ linwillinwodd(wenn dieß die rechten Namen ſind, was ich keineswegs verbürgen mag), und wurde ganz feurig von den Geſinnungen und Gefühlen, die ſie ausdrückten. Obgleich ich nie wußte, welcher Art dieſe waren(da ſie in walliſiſcher Sprache ausgedrückt waren); nur ſo viel iſt mir bekannt, daß das Geſchlecht Morgan ap Kerrig hochgeprieſen war. „Sie ſehen nun, Miß Summerſon,“ pflegte ſie in ſtolzem, triumphirendem Tone zu mir zu ſagen,„dieß iſt das Vermögen, das mein Sohn geerbt hat. Wohin immer mein Sohn gehen mag, er kann ſich ſeiner Ab⸗ kunft von ap Kerrig rühmen. Er mag des Geldes ent⸗ behren, aber immer hat er das, was viel beſſer iſt— Familie, meine Liebe.“ Ich hatte ſo meinen Zweifel darüber, ob ſich die Leute in Indien und China um Morgan ap Kerrig gar ſo viel bekümmern würden; natürlich erlaubte ich mir nie, meine Zweifel in ihrer Gegenwart laut werden zu laſſen. Ich pflegte zu ſagen, es ſei viel werth, von ſo gutem Geſchlechte abzuſtammen. „Ja, das iſt es, meine Liebe,— ja, das iſt viel werth, das kann nicht angezweifelt werden,“ pflegte dann Mrs. Woodcourt zu entgegnen.„Eine ſolche Herkunft hat aber ihre Nachtheile, ſo wird zum Beiſpiel dadurch für meinen Sohn die Wahl einer Frau ſehr beſchränkt; 80 indeſſen müſſen wir uns eben damit tröſten, daß etwa in gleicher Weiſe auch die Wahl der königlichen Familie in Eheſachen beſchränkt iſt.“ Dann pflegte ſie mich auf den Arm zu tätſcheln und mein Kleid glatt zu ſtreichen, wie wenn ſie mich da⸗ durch verſichern wollte, daß ſie, trotz der großen Diſtanz zwiſchen uns, eine gute Meinung von mir habe. „Der arme Mr. Woodcourt, meine Liebe,“ pflegte ſie weiter zu ſagen, und zwar mit einer gewiſſen Rüh⸗ rung, denn trotz ihres erhabenen Stammbaumes hatte ſie ein ſehr liebevolles Herz,„ſtammte von einer großen hochländiſchen Familie ab,— von den Mac Coorts von Mac Coort. Er diente ſeinem Könige und Vaterlande als Offizier bei den Königlichen Hochländern, und ſtarb auf dem Felde der Ehre. Mein Sohn iſt einer der älteſten Repräſentanten zweier alter Familien. Mit dem Beiſtande des Himmels wird er ſie wieder aufrichten und ſie mit einer andern alten Familie vereinigen.“ Vergebens verſuchte ich es, zu einem andern Thema überzugehen,— nur um der Neuheit willen,— oder vielleicht weil— aber ich brauche in keine ſolche Einzel⸗ heiten einzugehen. Mrs. Woodcourt wollte mich nie von etwas Anderem ſprechen laſſen. „Meine Liebe,“ ſagte ſie eines Abends,„Sie haben ſo viel geſunden Verſtand und ſehen die Welt in ſo ruhiger, für eine Perſon Ihres Alters ſo vernünftiger Weiſe an, daß es mir ein Troſt iſt, mit Ihnen über dieſe meine Familienangelegenheiten zu ſprechen. Sie wiſſen nicht viel von meinem Sohne, meine Liebe, doch wiſſen Sie wohl genug von ihm, um ſich ſeiner noch zu erinnern?“ „Ja, Ma'am. Ich erinnere mich ſeiner noch.“ „a, meine Liebe. Nun aber glanbe ich, meine Liebe, daß Sie einen Charakter zu beurtheilen vermögen, und es wäre mir daher lieb, zu erfahren, was Sie von ihm halten.“ 2 d 3 1 3 —— 81 „Oh, Mrs. Woodcourt!“ ſprach ich,„das iſt ſo ſchwer.“ „Warum iſt es denn ſo ſchwer, meine Liebe?“ er⸗ widerte ſie.„Ich meinestheils vermag das nicht einzu⸗ ſehen.“ „Eine Meinung abzugeben—“ „Ueber Jemand, den man noch ſo wenig kennt, meine Liebe. Das iſt wahr.“ „Ich meinte das nicht, weil Mr. Woodcourt wirk⸗ lich viel in unſerem Hauſe geweſen, und mit meinem Vormund ganz vertraut geworden war. Ich ſagte das, und ſetzte hinzu, daß er in ſeinem Berufe recht geſchickt zu ſein ſcheine— ſo dächten wir— und daß ſeine Freundlichkeit und Artigkeit gegen Miß Flite über alles Lob erhaben wäre.“ „Sie laſſen ihm Gerechtigkeit widerfahren!“ ſprach Mrs. Woodcourt, meine Hand drückend.„Sie ſchildern ihn ganz richtig, ganz genau, ſo wie er iſt. Allan iſt ein lieber Junge, und in ſeinem Berufe tadellos. Ich ſage es, obgleich ich ſeine Mutter bin. Und dennoch muß ich bekennen, daß auch er nicht ohne ſeine Fehler iſt, mein liebes Kind.“ „Niemand von uns iſt frei von Fehlern,“ ſagte ich. „Ah! Aber ſeine Fehler ſind wirklich von der Art, daß er ſie verbeſſern könnte, und auch verbeſſern ſollte,“ gab die ſchlaue, alte Dame, den Kopf ſchlau ſchüttelnd, zurück.„Ich bin ſo anhänglich an Sie, daß ich Ihnen, meine Liebe, als einer dritten durchaus unparteiiſchen Perſon wohl im Vertrauen ſagen kann, daß er die Un⸗ beſtändigkeit ſelbſt iſt.“ „Ich ſagte, wie ich geglaubt hätte, daß es kaum möglich wäre, daß er ſeinem Berufe anders als treu ſein, und demſelben anders, als eifrig obliegen könnte, we ich nach dem Rufe urtheilen dürfte, den er ſich ge⸗ macht. „Da haben Sie abermals Recht, meine Liebe,“ er⸗ Bleak Houſe. III. 6 3 82 widerte die alte Dame;„aber ich meine hier nicht ſeinen Beruf, ſchauen Sie.“ „Oh!“ ſagte ich. „Nein,“ ſagte ſie.„Ich meine, meine Liebe, ſein geſellſchaftliches Benehmen. Er iſt für junge Damen immer voll trivialer Aufmerkſamkeiten, und iſt ſeit dem Alter von ſechszehn Jahren ſtets ſo geweſen. Nun aber hat er ſich, meine Liebe, nie ernſtlich um eine derſelben bekümmert; auch hat er, indem er ſo handelte, nie Je⸗ mand ſchädigen, oder etwas Anderes, als ſeine Höf⸗ lichkeit und Gutmüthigkeit an den Tag legen wollen. Und doch iſt das nicht recht, wiſſen Sie: nicht wahr?“ „Nein,“ ſprach ich, da ſie auf eine Antwort zu warten ſchien. „Und es könnte zu irrigen Anſichten führen, ſehen Sie, meine Liebe.“ Ich meinte, daß das wohl möglich wäre. „Darum habe ich ihm gar oft geſagt, daß er ſich wirklich mehr in Acht nehmen ſollte, ſowohl um ſich, als auch um Andern gerecht zu ſein. Und ſtets hat er geſagt:„Mutter, ich will es thun; aber Sie kennen mich beſſer, als irgend Jemand, und wiſſen, daß ich nichts Arges im Schilde führe— kurz, daß ich gar keine Abſichten habe.“ Alles das iſt nun zwar durchaus wahr, meine Liebe,— iſt aber keine Rechtfertigung. Indeſſen können wir dieß als vergangen anſehen, da er jetzt ſo weit und auf unbeſtimmte Zeit fort iſt, und da er viele gute Gelegenheiten und Empfehlungen haben wird. Und Sie, meine Liebe,“ endigte die alte Dame, die jetzt lauter Lächeln und Nicken war, wie ſteht es mit Ihnen, mein Schatz?“ „Mit mir, Mrs. Woodcourt?“ „Um nicht gar zu ſelbſtſüchtig zu ſein, und nicht immer und ewig von meinem Sohne zu ſprechen, der nun fort iſt, um ſein Glück zu machen, und ſich eine Frau zu ſuchen,— wann gedenken Sie, Ihr Glück zu 83 machen, und einen Mann zu ſuchen, Miß Summerſon? Ei, ſchauen Sie! Nun erröthen Sie!“. Ich glaube nicht, daß ich erröthete— jedenfalls hatte es Nichts zu bedeuten, wenn ich erröthete,— und ich ſagte, meine dermalige Lage befriedige mich vollkommen, und ich wünſche durchaus nicht, dieſelbe zu verändern. „Soll ich Ihnen ſagen, was ich immer von Ihnen und dem Schickſal denke, das Ihnen noch vorbehalten iſt, meine Liebe?“ ſprach Mrs. Woodcourt. „Wenn Sie glauben, Sie ſeien eine gute Prophetin,“ verſetzte ich. 1 „So will ich Ihnen denn ſagen, daß Sie einen recht reichen und rechtſchaffenen Mann heirathen wer⸗ den,— einen Mann, der viel älter— vielleicht fünf und zwanzig Jabre älter iſt, als Sie.„Und Sie wer⸗ den eine vortreffliche Frau werden, und viel geliebt und recht glücklich ſein“ „Das nenne ich wirklich Glück,“ ſprach ich.„Wa⸗ rum aber ſoll mir dieſes Loos zufallen?“ „Mein liebes Kind,“ entgegnete ſie,„es iſt recht paſſend— Sie ſind ſo fleißig, und ſo ſauber, und überhaupt in einer ſo beſonderen Lage, daß es recht paſ⸗ ſend iſt, und auch geſchehen wird. Und Niemand, meine Liebe, wird Ihnen zu einer ſolchen Heirath aufrichtiger Glück wünſchen, als ich.“ Es war ſeltſam, daß dieſe Worte mich unbehaglich machten; aber ich glaube, daß dem ſo war. Ich weiß, daß dem ſo war. Ich fühlte mich während eines Theils dieſer Nacht recht unbehaglich. Ich ſchämte mich meiner Albernheit dermaßen, daß ich ſie nicht einmal Ada be⸗ kennen mochte; und das machte mich noch unbehaglicher. Ich hätte Alles darum gegeben, wenn die muntere alte Dame mich nicht bis zu ſolchem Grade ihres Vertrauens gewürdigt hätte, und wenn es mir möglich geweſen wäre, mich deſſen zu erwehren. 84 Ich bekam dadurch die unvereinbarſten Anſichten von ihr. Bald glaubte ich, ſie ſei eine Schwätzerin, die nur Mährchen auskrame, bald, ſie ſei das non plus ultra der Wahrheitsliebe. Bald vermuthete ich, ſie ſei überaus liſtig; einen Augenblick darauf meinte ich dann wieder, ihr ehrliches walliſiſches Herz ſei vollkommen un⸗ ſchuldig und arglos. Und was ging das am Ende mich an, und warum ging es mich an? Warum konnte ich nicht, wenn ich mit meinem Schlüſſelkörbchen zu Bette gehen wollte, einen Augenblick mich an ihr Feuer ſetzen, und mich in ſie ſchicken, ſo weit wenigſtens, wie ich mich in Jemand anders zu ſchicken vermochte,— ohne mich wegen der harmloſen Dinge zu grämen, die ſie zu mir ſagte? Zu ihr hingezogen, wie ich mich fühlte— denn es lag mir ſehr daran, daß ſie mich lieben ſollte, und ich war ſehr froh, daß ſie mich wirklich lieb gewann— warum ſollte ich dann darauf, unter wirklicher Pein und Qual, über jedes Wort nachdenken, ſo ſie ſagte, und daſſelbe in zwanzig Wagſchalen abwägen und wieder abwägen? Warum war es ſo qualvoll für mich, ſie in unſerem Hauſe zu haben, und ſie jeden Abend ſo vertraulich zu ſehen, wenn ich doch, ich weiß nicht warum, fühlte, daß es beſſer und gerathener, wenn ſie hier, als anders⸗ wo wäre? Es waren dieß Verlegenheiten und Widerſprüche, die ich mir nicht zu erklären vermochte. Wenigſtens, wenn ich es konnte— indeſſen werde ich bald zu All' dieſem kommen, und es iſt durchaus unnütz, ſchon jetzt davon zu ſprechen. Als daher Mrs. Woodcourt uns verließ, verlor ich ſie nur ungern; indeſſen fühlte ich mich doch auch erleich⸗ tert. Und dann kam auch Caddy Jellyby zu uns; Caddy brachte uns ſo viele häusliche Nachrichten, daß wir da⸗ durch vollauf beſchäftigt waren. Zuerſt erklärte Caddy(und anfangs wollte ſie nichts 8⁵ Anderes erklären), daß ich die beſte Rathgeberin ſei, ſo es je gegeben. 4 Mein Liebling meinte, es ſei dieß gar nichts Neues; und ich ſagte dann natürlich, es ſei dies Unſinn. Sodann theilte uns Caddy mit, daß ſie ſich in einem Monate verheirathen würde, und daß ſie das glücklicſſe Mädchen von der Welt wäre, wenn Ada und ich ihre Brautjungfern werden wollten. Dieß war allerdings etwas Neues; und ich glaubte, daß wir mit der Beſprechung dieſes Thema's gar nicht mehr fertig werden würden, indem wir Caddy, und Caddy uns ſo viel zu ſagen hatte. Wie es ſchien, ſo war Caddy's unglücklicher Vater über ſeinen Gant hinweggekommen—„durch die Zei⸗ tung gekommen,“ ſo lautete der von Caddy gebrauchte Ausdruck, wie wenn dieſelbe ein Tunnel wäre— und von ſeinen Gläubigern ſo ziemlich bemitleidet und gnä⸗ dig behandelt worden; er braucht ſich nun nicht länger mit ſeinen Angelegenheiten zu befaſſen, die er nie ſo recht hatte verſtehen können, und hatte Alles, was er beſaß(meines Erachtens Dinge von keinem großen Werthe, wenn man nach dem Zuſtand des Hausgeräthes urtheilen wollte), an ſeine Glänbiger abgetreten, und jeden Betheiligten davon überzeugt, daß es ihm nicht möglich wäre, mehr zu thun, der arme Mann. Und ſo durfte er denn wieder als Ehrenmann auf „ſein Bureau“ gehen, um wieder von vorne anzufangen. Was er auf dem Bureau that, das erfuhr ich nie: Caddy ſagte mir bloß, er ſei ein„Zollhaus⸗ und Ge⸗ neralagent,“ und Alles, was ich von dieſem Geſchäfte verſtand, beſchränkte ſich darauf, daß er, ſo oft er außergewöhnlich viel Geld brauchte, nach der Docks ging, um darnach zu ſchauen, und daß er dort ſolches faſt nie fand.. Sobald ihr Papa, nachdem er ein ſo geſchorenes Lamm geworden, ſich darüber wieder beruhigt hatte, und 86 ſie in eine möblirte Wohnung in Hatton Garden gezo⸗ gen waren(wo ich, als ich ſpäter hinkam, die Kinder damit beſchäftigt fand, daß ſie die Roßhaare aus den Sitzen der Stühle herausſchnitten und ſich damit erſtick⸗ ten), hatte Caddy ihn mit dem alten Mr. Turveydrop bekannt gemacht; und der arme Mr. Jellyby, der gar demüthig und ſanftmüthig war, hatte ſich von Mr. Turveydrop's Anſtand ſo gutwillig unterjochen laſſen, daß ſie die beſten Freunde geworden waren. Allmälig hatte der alte Mr. Turveydrop, ſo mit dem Gedanken von der Heirath ſeines Sohnes vertraut geworden, ſeine väterlichen Gefühle bis zu der Höhe hinaufgeſchraubt, daß er dieſes Ereigniß als nahe bevor⸗ ſtehend anſah, und daß er ſeine gnädige Zuſtimmung da⸗ zu gegeben, daß das junge Paar in der Academie in Newman Street ſich häuslich niederlaſſen könnte, ſobald es Luſt hätte. „Und Ihr Papa, Caddy: was ſagte denn der?“ „Oh, der arme Pa,“ ſprach Caddy,„der meinte blos und ſagte, er hoffe, daß es uns beſſer gehen, und wir beſſer mit einander leben werden, als er und Ma. Er ſagte das nicht in Prince's Gegenwart; das ſagte er nur mir. Und er ſagte auch noch: ‚Mein armes Mädchen, Du haſt nicht ſo recht gelernt, wie Du es anzugreifen haſt, um Deinem Gatten das häusliche Le⸗ ben angenehm zu machen; haſt Du aber nicht im Sinne, ernſtlichſt dieſen Zweck zu verfolgen, ſo wäre es beſſer, Du ermordeteſt ihn, als daß Du ihn heiratheteſt,— wenn Du ihn wirklich liebſt.““ „Und wie beruhigten Sie ihn dann in dieſer Hin⸗ ſicht, Caddy 20 3 „Nun ſehen Sie, es war überaus peinlich, Pa ſo niedergeſchlagen zu ſehen, und ihn ſo furchtbare Sa⸗ chen ſagen zu hören; und ich ſelbſt konnte mich des Wei⸗ nens nicht enthalten. Aber ich ſagte ihm, daß ich mir es ernſtlichſt würde angelegen ſein laſſen, dieſen Zweck 4 87 zu verfolgen und zu erreichen, und daß ich hoffte, es würde unſer Haus ein Ort ſein, wohin er Abends kom⸗ men und wo er einigen Comfort finden könne; und daß ich hoffte und dächte, ich könnte dort gegen ihn mich als beſſere Tochter erweiſen, als zu Hauſe. Dann erwähnte ich noch, daß Peepy zu uns kommen und bei uns blei⸗ ben würde, und dann fing Pa an, wieder zu weinen, und ſagte, es ſeien die Kinder wahre Indianer.“ „Indianer, Caddy?“ „Ja,“ antwortete Caddy.„Wilde Indianer. Und Pa ſagte noch“—(hier fing das arme Mädchen zu ſchluchzen an, und zwar in einer Weiſe, die durchaus nicht davon zeugte, daß ſie das glücklichſte Mädchen von der Welt war)—,„er ſehe ein, daß es wohl am Beſten wäre, wenn ſie alle getomahawkt würden.“. Ada meinte, es ſei nur gut, daß man wiſſe, daß es Mr. Jellyby mit dieſen zerſtörenden Geſinnungen nicht ernſt ſei. „Natürlich iſt es ihm nicht Ernſt damit, und ich weiß, daß es Papa nicht erwünſcht wäre, die Seinigen ſich in ihrem Blute wälzen zu ſehen,“ ſagte Caddy; „aber er will damit ſagen, daß ſie recht unglücklich ſeien, indem ſie Ma's Kinder, und daß er recht unglücklich, indem er Ma's Gattin ſei; und er hat hierin gewiß Recht, obgleich es unnatürlich ſcheint, dieß zu ſagen.“ Ich fragte Caddy, ob Mrs. Jellyby wüßte, daß ihr — Caddy’s— Hochzeittag feſtgeſetzt ſei. „Oh! Sie wiſſen, wie Ma iſt, Eſther,“ verſetzte ſie. „Es iſt unmöglich zu ſagen, ob ſie es weiß, oder ob ſie es nicht weiß. Man hat es ihr oft genug geſagt; und wenn man es ihr ſagt, ſo wirft ſie mir bloß einen wil⸗ den Blick zu, wie wenn ich, ich weiß nicht was wäre— etwa ein Kirchthum in der Ferne,“ ſprach Caddy, der dieſer Gedanke plötzlich gekommen war;„und dann ſchüttelt ſie den Kopf und ſpricht: ‚O Caddy, Caddy, 88 wie Du doch Einen quälen magſt!“ und fährt fort, ſich mit den Borrioboola⸗Briefen zu beſchäftigen.“ „Und mit Ihrer Ausſteuer, Caddy, wie ſteht es da?“ ſprach ich. Denn ſie brauchte ſich bei uns nicht zu geniren. „Was das betrifft, meine liebe Eſther,“ entgegnete ſie, indem ſie ſich die Augen abtrocknete, ſo muß ich mich begnügen mit dem, was ich habe, und thun, ſo viel ich kann, und zu meinem lieben Prince eben vertrauen, daß er nie in ungütiger Weiſe ſich erinnern werde, daß ich ſo mager ausgeſtattet zu ihm gekommen. Würde es ſich um eine Ausrüſtung für Borrioboola handeln, ſo würde Ma Alles haarklein wiſſen und ganz aufgeregt ſein. Da es ſich aber bloß um meine Ausſteuer handelt, ſo weiß ſie weder Etwas davon, noch kümmert ſie ſich auch darum.“. Caddy fehlte es gar nicht an natürlicher Liebe zu ihrer Mutter, führte dieß aber unter Thränen als ein unbeſtreitbares Factum an, und es hatte die Sache, wie ich fürchte, ihre Richtigkeit. Es that uns ſo leid um das arme liebe Mädchen, und wir fanden an der guten Gemüthsart, der ſo un⸗ günſtige Verhältniſſe keinen Eintrag zu thun vermocht hatten, ſoviel zu bewundern, daß wir Beide(ich meine Ada und mich) zu gleicher Zeit einen kleinen Plan mach⸗ ten, der die arme Caddy mit Freude erfüllte. Es be⸗ ſtand derſelbe darin, daß ſie drei Wochen bei uns blei⸗ ben, und daß ich dann eine Woche bei ihr zubringen ſollte; wir alle drei aber ſollten unterdeſſen hin und her denken, und zuſchneiden, und ausbeſſern, und nähen, und ſparen, und das, was ſie hatte, beſtmöglich verwenden, um ſo viel wie nur irgend möglich daraus zu machen. Da meinem Vormunde der Gedanke nicht minder gefiel, als Caddy ſelbſt, ſo gingen wir mit ihr an dem darauf folgenden Tage heim, um die Sache zu ordnen, und brachten ſie wieder im Triumphe mit ihren Schach⸗ — ᷣð————* — — 89 teln, und all den Siebenſachen, die ſich hatten mit einer Zehnpfundnote kaufen laſſen, welche Mr. Jelly by ver⸗ muthlich in den Docks gefunden, die er ihr aber jeden⸗ falls gegeben hatte.„ Was mein Vormund ihr nicht gegeben haben würde, wenn wir ihm zugeſprochen hätten, ließe ſich wohl ſchwer ſagen; aber wir hielten es für paſſend, nur wegen ihres Hochzeitkleides und ihres Hochzeithutes zu accordiren. Er ließ ſich dieſen Vergleich gefallen; und war Caddy je ein Mal in ihrem Leben glücklich geweſen, ſo war ſie es jetzt, als wir uns an die Arbeit machten. Sie war in der Handhabnng ihrer Nadel ungeſchickt genug, und es ſtach ſich das arme Mädchen ſo viel in die Finger, als ſie dieſelben einſt mit Dinte zu beſudeln gewohnt geweſen war. Dann und wann konnte ſie auch nicht umhin, ein Bischen zu erröthen, theils weil es ihr Schmerzen verurſachte, theils weil ſie ſich darüber ärgerte, daß ſie nicht beſſer arbeiten konnte; bald aber hatte ſie das überwunden und fing an, raſche Fortſchritte zu machen. So arbeiteten denn wir— ſie, und mein Lieb⸗ ling, und mein kleines Kammermädchen Charley, und eine Putzmacherin aus der Stadt, und ich— Tag für Tag ſo fleißig und ſo heiter, wie nur möglich. Neben dem wollte Caddy noch, wie ſie ſagte,„die Haushaltungskunſt lernen.“ Nun aber war, Gott ſei uns gnädig! dieſer ihr Gedanke, die Haushaltungskunſt von einer ſo ungeheuer erfahrenen Perſon, wie ich war, zu erlernen, ſo ſpaßhaft, daß ich lachte, und roth wurde, und in eine komiſche Verwirrung gerieth, als ſie mit ihrer Bitte herausrückte. Gleichwohl ſagte ich:„Caddy, ich bin bereit, Sie Alles zu lehren, was ich Sie zu lehren vermag, meine Liebe,“ und zeigte ihr alle meine Bücher und Methoden, ſowie alle meine unruhigen übergeſchäftigen Weiſen. Man hätte, nach ihrem eifrigen Studium zu ſchließen, auf den Gedanken kommen können, ich habe ſie mit eini⸗ 90 gen wunderbaren Erfindungen bekannt gemacht, und hätte man ſehen können, wie ſie, ſo oft ich meine Schlüſſel erklirren ließ, aufſtand und mich begleitete, ſo wäre man gewiß auf den Gedanken gekommen, es habe nie eine größere Betrügerin gelebt, als ich, und nie eine blindere Anhängerin, als Caddy Jellyby. Und ſo verſtrichen denn, während ich ſo arbeitete, der Haushaltung vorſtand, Charley Unterricht gab, Abends mit meinem Vormunde Tricktrack ſpielte, und mit Ada Duette ſang, die drei Wochen ziemlich raſch. Dann ging ich mit Caddy heim, um zu ſehen, was dort gethan werden könnte; Ada und Charley aber blie⸗ ben zurück, um meinen Vormund nicht allein zu laſſen. Wenn ich ſage, daß ich mit Caddy heimgegangen, ſo meine ich die möblirte Wohnung in Hatton Garden. Zwei oder drei Mal gingen wir auch nach Newman Street, wo ebenfalls Vorbereitungen getroffen wurden; wie ich bemerkte, ſo hatten die meiſten den Zweck, es dem alten Mr. Turveydrop noch behaglicher zu machen, die wenig⸗ ſten aber, es dem jungen Paare bequem zu machen, das ganz oben im Hauſe wohlfeil untergebracht werden ſollte. Die Hauptſache für uns war aber, die möblirte Woh⸗ nnng für das Hochzeitmahl anſtändig herzurichten, und Mrs. Jellyby zuvor einen kleinen Begriff von der Sache beizubringen. Das letztere war auch das ſchwierigere, da Mrs. Jel⸗ lyby und ein ungeſunder Knabe das vordere Wohnzim⸗ mer einnahmen(das hintere war bloß ein Cabinetchen), und daſſelbe mit alten Papieren borriobooliſchen Docu⸗ menten ſo überſäet war, wie nur ein unſauberer Stall mit Stroh überſtreut ſein kann. Da ſaß Mrs. Jellyby den lieben langen Tag, trank ſtarken Kaffee, dictirte und veranſtaltete Zuſammenkünfte, deren Gegenſtand Borrioboola war. Der ungeſunde Knabe, der mir an der Auszehrung zu leiden ſchien, aß außer dem Hauſe. Kam Mr. Jellyby 91 heim, ſo ächzte er nur in der Regel, und ging dann in die Küche hinunter. Dort bekam er Etwas zu eſſen, wenn die Magd ihm gerade Etwas geben wollte, und dann ging er, da er ſah, daß er nur hinderte, wieder aus, um ſich in der Näſſe um Hatton Garden her zu ergehen. Die armen Kinder aber kletterten überall im Hauſe herum, und purzelten herunter, wie ſie von jeher zu thun gewohnt geweſen waren. Da es nun ein Ding der Unmöglichkeit war, dieſe ergebenen kleinen Opfer binnen einer Woche in einen präſentablen Zuſtand zu verſetzen, ſo machte ich Caddy den Vorſchlag, daß wir dieſelben am Hochzeitmorgen in der Dachſtube, wo ſie alle ſchliefen, möglichſt glücklich machen, und unſere hauptſächlichſten Anſtrengungen auf ihre Mama, auf das Zimmer ihrer Mama, ſowie auf ein reinliches Frühſtück beſchränken ſollten. Und wirklich erforderte auch Mrs. Jellyby viele Aufmerkſamkeit, in⸗ dem das Gitterwerk an ihrem Rücken herauf ſich bedeu⸗ tend erweitert hatte, ſeitdem ich ſie zum erſten Male ge⸗ ſehen, und indem ihr Haar wie die Mähne eines Karren⸗ gauls ausſah. Da ich dachte, daß die Auslegung von Caddy’s Garderobe das beſte Mittel wäre, dem Gegenſtande nahe zu kommen, ſo bat ich Mrs. Jellyby, dieſelbe anzuſehen, als ſie auf Caddy's Bett ausgebreitet lag. Es war dieß Abends, nachdem der ungeſunde Knabe wegge⸗ gangen war. „Meine liebe Miß Summerſon,“ ſprach ſie mit der gewohnten Huld von ihrem Pulte aufſtehend,„es ſind dieß wirklich lächerliche Vorbereitungen, obgleich Sie einen Beweis von Ihrer Freundlichkeit geben, indem Sie dabei hilfreiche Hand leiſten. Es liegt für mich in dem Ge⸗ danken, daß Caddy ſich verheirathen will, etwas ſo un⸗ ausſprechlich Abgeſchmacktes! Oh, Caddy, du albernes, albernes, albernes Ding!“ Nichts deſto weniger ging ſie mit uns die Treppe 92 hinauf und ſah die Kleider in der gewohnten Weiſe an, das heißt, wie wenn dieſelben weit abliegende Gegen⸗ ſtände geweſen wären. Bei Mrs. Jellyby erweckten dieſe Gegenſtände wenig⸗ ſtens einen beſtimmten Gedanken, denn ſie ſagte mit ihrem ſanften Lächeln und kopfſchüttelnd: „Meine gute Miß Summerſon, es hätte dieſes ſchwache Kind mit dem halben Aufwand für Afrika aus⸗ gerüſtet werden können!“ Als wir wieder die Treppe hinuntergingen, fragte mich Mrs. Jellyby, ob dieſes läſtige verdrießliche Ge⸗ ſchäft am nächſten Mittwoch wirklich vorgenommen wer⸗ den ſolle. Und als ich ihre Frage bejahte, ſagte ſie: „Iſt mein Zimmer dazu erforderlich: meine liebe Miß Summerſon? Denn es iſt durchaus ein Ding der Unmöglichkeit, daß ich meine Papiere wegſchaffe.“ Ich nehme mir die Freiheit zu bemerken, daß man das Zimmer allerdings brauchen würde, und daß ich dächte, wir müßten die Papiere anderswohin bringen. „Wohlan, meine liebe Miß Summerſon,“ verſetzte Miß Jellyby,„Sie wiſſen das wohl am Beſten. Indem aber Caddy mich nöthigte, einen Knaben zum Schreiben zu nehmen, hat ſie mich, da ich mit Geſchäften, welche das allgemeine Wohl zum Zwecke haben, ſo fürchterlich über⸗ häuft bin, dermaßen in Verlegenheit gebracht, daß ich in der That nicht weiß, was ich thun ſoll. Auch haben wir Mittwoch Nachmittag eine Ramifſicationszuſammen⸗ kunft, und es iſt daher die Ungelegenheit ſehr ernſter Art.“ „Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß ſich dieſelbe erneuert,“ ſprach ich lächelnd.„Wahrſcheinlich wird Caddy ſich nur ein Mal verheirathen.“ „Das iſt wahr,“ entgegnete Mrs. Jellyby,„das iſt wahr. Ich glaube, daß wir uns nun einmal darein ſchicken müſſen!“ n, 93 Die nächſte Frage war, wie Mrs. Jellyby ſich bei dieſer Gelegenheit kleiden ſollte. Mir däuchte es ſehr ſonderbar, als ich ſie, während Caddy und ich die Sache mit einander beſprachen, von ihrem Schreibtiſche aus ganz ruhig zuſehen ſah, und als ſie gelegentlich mit einem halb vorwurfsvollen Lächeln den Kopf über uns ſchüttelte nach Art eines höheren Weſens, das unſere Poſſen kaum zu ertragen vermochte. Der Zuſtand, worin ſich ihre Kleider befanden, und die außerordentliche Unordnung, die ſie auch hierin beob⸗ achtete, vermehrte unſere Schwierigkeit nicht wenig; end⸗ lich aber kamen wir auf Etwas, das ſich bei einer ſol⸗ chen Gelegenheit nöthigenfalls von einer ganz gewöhn⸗ lichen Mutter tragen laſſen konnte. Die zerſtreute Art und Weiſe, womit Mrs. Jellyby es geſchehen ließ, daß die Kleidermacherin ihr dieſen Anzug anprobirte, und die Huld, womit ſie dann gegen mich bemerkte, wie ſehr es ihr leid thue, daß ich meine Gedanken nicht Afrika zuge⸗ wandt, harmonirten durchaus mit ihrem übrigen Benehmen. Das Gelaß war zwar in Beziehung auf den Raum etwas beſchränkt, aber es däuchte mir, daß, wenn Mrs. Jellyby mit ihrer Haushaltung ganz allein in der St. Paul's oder in der St. Peterskirche inſtallirt worden wäre, der einzige Vortheil, den ſie in der Größe des Gebäudes gefunden, wohl darin beſtanden hätte, daß das letztere für die Unſauberkeit und den Schmutz mehr Raum dargeboten haben würde. Ich glaube, Nichts, was der Familie gehörte, und überhaupt hatte zerbrochen werden können, war zu der Zeit, wo dieſe Vorbereitungen zu Cad⸗ dy's Heirath gemacht worden, unzerbrochen; Nichts, was in irgend einer Weiſe hatte verderbt werden können, war unverderbt geblieben; und kein zu Hauſe gehörender Gegenſtand, der überhaupt einer Anſammlung von Schmutz fähig war, von dem Knie eines lieben Kindes bis zu dem Thürſchilde, war ohne ſo viel Schmutz, als wohl ſich darauf anhäufen konnte. Der arme Mr. Jellyby, der nur äußerſt ſelten Etwas ſagte, und wenn er zu Hauſe war, faſt immer mit gegen die Wand gelehntem Kopfe daſaß, bekam eini⸗ ges Intereſſe für die Sache, als er ſah, daß Caddy und ich den Verſuch machten, in dieſe Verwüſtung und Rui⸗ nen wieder einige Ordnung zu bringen; er zog ſeinen Rock aus, um uns zu helfen. Aber als die Cabinette aufgemacht wurden, kamen ſo wunderbare Dinge heraus⸗ gerumpelt— Reſte von ſchimmeligen Paſteten, ſäuerlich riechende Flaſchen, Mrs. Jellyby's Hauben, Briefe, Thee, Gabeln, einzelne Stiefeln und Schuhe für Kinder, Brenn⸗ holz, Oblaten, Deckel zu Kaſſerolen, feuchter Zucker in halbzerriſſenen Papierdüten, Fußſchemel, Borſtenbinſel zum Anſtreichen, Brod, Mrs. Jellyby's Hüte, Bücher, an deren Einband Butter klebte, abgelaufene Lichtſtümpfe, die dadurch ausgelöſcht worden waren, daß man ſie ver⸗ kehrt in zerbrochene Leuchter geſteckt hatte, Nußſchalen, Köpfe und Schwänze von Garnelen, Schüſſelringe und allerlei aus Stroh⸗ und Binſen geflochtene Tiſchplättchen, Handſchuhe, Kaffeeſatz, Regenſchirme,— daß er ganz er⸗ ſchrocken ausſah und die Arbeit wieder liegen ließ. Aber er kam regelmäßig jeden Abend herein, und ſetzte ſich mit ausgezogenem Rocke hin, den Kopf gegen die Wand gelehnt, als ob er uns hätte helfen wollen, wenn er ge⸗ wußt hätte, wie. „Der arme Pa!“ ſagte Caddy an dem Abende vor dem großen Tage, als es uns wirklich gelungen war, die Sache ein Bischen in Ordnung zu bringen, zu mir.„Es ſcheint unzart, ihn zu verlaſſen, Eſther. Aber was könnte ich thun, wenn ich hier bleibe! Seitdem ich Sie zum erſten Male geſehen, habe ich geputzt und immer wieder geputzt, aber es iſt rein unnütz. In einem Nu bringen Ma und Afrika das ganze Haus wieder in Unordnung. Nie haben wir ein Dienſtmädchen, das nicht dem Trunke Aheben wäre. Ma iſt für Jedermann und für Alles der nin.“ &G&ᷓ — au u—— SSSͤAn 4— D— Aà— SG X= ☛τ 8 9⁵ Mr. Jellyby konnte nicht hören, was ſie ſagte, aber es ſchien derſelbe wirklich ſehr niedergeſchlagen, und er vergoß, wie mir däuchte, Thränen. „Das Herz blutet mir wegen ſeiner; ja, ja, das thut es!“ ſchluchzte Caddy.„Ich kann heute Abend nicht umhin, darüber nachzudenken, Eſther, wie glücklich ich mit Prince zu werden hoffe, und wie ſehr wohl auch Pa gehofft hatte, mit Ma glücklich zu werden. Aber welche Enttäuſchung, welch' elendes Leben!“ „Meine liebe Caddy!“ ſprach Mr. Jellyby, langſam von der Wand herumblickend. Es war dieß, wie ich glaube, das erſte Mal, daß ich ihn drei Worte hinter einander ausſprechen hörte. „Ja, Pa!“ rief Caddy zu ihm hingehend und ihn liebevoll küſſend. „Meine liebe Caddy!“ ſprach Mr. Jellyby.„Habe nie—“ „Meinen Sie, ich ſoll Prince nicht nehmen, Pa?“ ſtammelte Caddy.„Soll Prince nicht nehmen?“ „Nein, meine Liebe, den ſollſt Du haben!“ ſprach Mr. Jellyby.„Habe aber nie—“ Ich erwähnte in dem Berichte, den ich vor unſerem erſten Beſuche in Tavies Inn gegeben, daß Richard Mr. Jellyby als eine Perſon beſchrieben, die nach dem Eſſen oft den Mund geöffnet, ohne Etwas zu ſagen. Es war das ſo eine Gewohnheit von ihm. Er öffnete jetzt zu wiederholten Malen den Mund, und ſchüttelte den Kopf in melancholiſcher Weiſe. „Was ſoll ich nicht haben? Was wollen Sie, daß ich nicht haben ſolle, theurer Pa?“ fragte Caddy, ihn, während ſie ſeinen Nacken mit ihren Armen umſchlungen hielt, liebkoſend. „Habe nie eine Miſſion, mein liebes Kind!“ Mr. Jellyby ächzte und legte den Kopf wieder an die Wand; und es war dieß das erſte und letzte Mal, daß ich ihn einen Verſuch machen hörte, ſeine Anſicht 96 über die borriobooliſche Frage auszudrücken. Vermuthlich war er einſt geſprächiger und lebendiger geweſen; aber er ſchien ſchon lange, bevor ich ſeine Bekanntſchaft machte, vollſtändig erſchöpft geweſen zu ſein. Ich glaubte, daß Mr. Jellyby an dem fraglichen Abende gar nicht mehr aufhören wollte, ſo ganz ruhig ihre Papiere durchzugehen und Kaffee zu trinken. Es war bereits Mitternacht, ehe wir über das Zimmer ver⸗ fügen konnten; und die Säuberung, deren es da be⸗ durfte, war ſo entmuthigend, daß Caddy, die faſt ganz erſchöpft war, ſich mitten in den Staub und Unrath ſetzte und laut weinte. Bald aber faßte ſie neuen Muth, und noch ehe wir zu Meile gingen, ſah das Zimmer ſich gar nicht mehr gleich. An dem darauffolgenden Morgen bekam es ſogar ein ganz heiteres Ausſehen mit Hülfe von ein paar Blu⸗ men und von einem ziemlichen Quantum Seife und Waſſer, ſowie von einigen ſonſtigen Anordnungen. Das einfache Frühſtück ſah ſehr einladend aus, und Caddy war wirklich bezaubernd. Als aber mein Liebling kam, glaubte ich— und glaube ich noch zu dieſer Stunde— daß ich nie in meinem Leben ein ſo liebes Geſicht ge⸗ ſehen, als das meines ſchönen lieben Kindes⸗ Wir bereiteten droben für die Kinder ein kleines Feſtmahl, und ſetzten Peepy oben an den Tiſch, und zeigten ihnen Caddy im Hochzeitkleide und die Kleinen klatſchten in die Hände und hurraheten, und Caddy weinte bei dem Gedanken, daß ſie nun von ihnen ginge, und herzte ſie immer wieder von Neuem, bis wir endlich Prince heraufholten, um mit ihr wegzugehen,— bei welcher Gelegenheit, wie ich zu meinem Leidweſen be⸗ richten muß, Peepy ihn biß. Drunten war der alte Mr. Turveydrop in der gan⸗ zen unbeſchreiblichen Würde ſeines Anſtandes; er gab Caddy in wohlwollender Weiſe ſeinen Segen, und gah — 2 88 ESeSS—.— 97 meinem Vormunde zu verſtehen, daß das Glück ſeines Sohnes ſein eigenes väterliches Werk ſei, und daß er perſönliche Rückſichten opfere, um daſſelbe zu ſichern. „Mein lieber Herr,“ ſprach Mr. Turveydrop:„es werden dieſe jungen Leute bei mir wohnen; mein Haus iſt groß genug, um ſie bequem beherbergen zu können, und der Schutz meines Daches ſoll ihnen nicht entſtehen. Ich hätte zwar— Sie werden die Anſpielung verſtehen, Mr. Jarndyce, denn Sie erinnern ſich noch meines er⸗ habenen Gönners, des Prinz⸗Regenten— ich hätte zwar wünſchen können, ſage ich, daß mein Sohn in eine Fa⸗. milie hineingeheirathet hätte, wo mehr Anſtand geweſen wäre; aber es geſchehe der Wille des Himmels!“ Mr. und Mrs. Pardiggle waren gleichfalls an⸗ weſend— Mr. Pardiggle, ein eigenſinnig ausſehender Mann mit großer Weſte und ſtoppelartigem Haar, der mit lauter Baßſtimme immer und ewig über ſein Scherf⸗ lein oder über das Scherflein von Mrs. Pardiggle, oder über die Scherflein ſeiner fünf Knaben ſprach. Mr. Guſher, mit ſeinem wie gewöhnlich zurückgebürſteten Haare, und ſeinen überaus glänzenden Schläfenknoten, machte ſich gleichfalls bemerklich, nicht in der Eigenſchaft eines Lieb⸗ habers, der ſeine Hoffnungen vereitelt ſieht, ſondern als der autoriſirte Freier einer jungen— wenigſtens unver⸗ heiratheten— Dame, einer Miß Wisk, die ebenfalls da war. Miß Wisk's Miſſion war, wie mein Vormund ſagte, der Welt zu zeigen, daß die Miſſion des Weibes die Miſſion des Mannes, und daß die einzige wahre Miſſion ſowohl des Mannes, als des Weibes die ſei, bei öffentlichen Verſammlungen ſtets deklaratoriſche Re⸗ ſolutionen über Alles und Jedes zu beantragen. Der Gäſte waren es zwar nur wenige, aber alle waren, wie man im Hauſe von Mrs. Jellyby nicht an⸗ ders erwarten konnte, bloß für öffentliche Zwecke ein⸗ genommen. Bleak Houſe. III. 7 b 98 Außer denen, deren ich bereits Erwähnung gethan, bemerkte ich noch eine ungemein ſchmutzige Dame, deren Hut ganz ſchief ſaß, und an deren Kleid noch die den Preis anzeigende Etikette des Kaufmanns hing,— eine Dame, deren vernachläßigtes Haus, wie Caddy mir ſagte, einer ſchmutzigen Wüſtenei glich, deren Kirche aber einem Armenbazar ähnlich war. Ein ungemein ſtreitſüchtiger Herr, welcher ſagte, es ſei ſeine Miſſion, Jedermanns Bruder zu ſein, jedoch mit ſeiner ganzen großen Familie nicht eben auf dem beſten Fuße zu ſtehen ſchien, vervoll⸗ ſtändigte die Geſellſchaft. Es hätte wohl mit Aufwendung alles nur erdenk⸗ lichen Scharfſinns keine Geſellſchaft zuſammengebracht werden können, die mit einem ſolchen Anlaß weniger har⸗ monirt hätte. Eine ſo gemeine Miſſion, wie die häus⸗ liche, war das Allerletzte, was unter dieſen Leuten gedul⸗ det wurde; auch ſagte Miß Wisk uns, bevor wir uns zum Frühſtücke niederſetzten, mit großer Entrüſtung, daß der Gedanke, es liege die Miſſion des Weibes haupt⸗ ſächlich in dem engen Kreiſe des Hauſes, eine ſchmähliche Varliumdung von Seiten ihres Tyrannen, des Man⸗ nes, ſei.— Eine andere Sonderbarkeit war, daß Niemand, der eine Miſſion hatte— Mr. Guſher allein ausgenommen, deſſen Miſſion, wie ich bereits früher bemerkt zu haben glaube, eben darin beſtand, daß er über Jedermanns Miſſion in Entzücken gerieth,— ſich auch nur im Ge⸗ ringſten um die Miſſion des Andern kümmerte. Mrs. Pardiggle war es vollkommen klar, daß der einzige un⸗ trügliche Weg der ihrige ſei,— jener Weg, der in nichts Anderem beſtand, als darin, daß ſie über die Armen herfiel, und ſie mit ihrem Wohlwollen wie mit einer Zwangsjacke bedachte; Miß Wisk dagegen meinte, das einzige praktiſche Ding ſei, daß die Welt das Weib von der Knechtſchaft befreie, worin ihr Tyrann, der Mann, ſie halte. Mrs. Jellyby ihrerſeits ſaß während der gan⸗ ———=, —+₰½— ͤS eee ee— 12 SSUU ZB — an, ren den eine gte, nem ger nns ilie oll⸗ enk⸗ acht dar⸗ us⸗ dul⸗ uns daß pt⸗ iche an⸗ der ten, ben uns Ge⸗ ers. un⸗„ hts nen ner das von nn, an⸗ 99 zen Zeit ruhig da und lächelte über die beſchränkten An⸗ ſichten, für die es etwas⸗Anderes geben konnte, als Borrioboola⸗Gha. Aber ich anticipire jetzt den Inhalt unſerer Unter⸗ haltung beim Nachhauſekommen, anſtatt Caddy vorher zu verheirathen. Wir Alle gingen nach der Kirche, und r. Jellyby fungirte wie natürlich als Brautvater. Ueber die Miene, womit der alte Mr. Turveydrop, mit dem Hute unter dem linken Arme(das Innere war kanonen⸗ artig dem Geiſtlichen zugekehrt), und mit bis in die Perrücke hinein verlängerten Augen, ſteif und hochſchul⸗ terig während der Ceremonie hinter uns Braut daſtand und nachher uns grüßte, könnte agen, um ihr in vollem Maße gerecht zu Miß Wisk, die ich leider ihrem Aeußern nach nicht als ſehr einnehmend ſchildern kann, und de etwas Verdrießliches hatte, horchte mit Ve drückendem Geſichte zu, indem ſie die Cop bar wieder als ein am Weibe begangenes Unrecht anſah. Mrs. Jellyby, mit i d i glänzenden Augen, ſah unter allen Anweſenden gewiß am Gleichgültigſten aus. Endlich kamen wir zurück, um zu frühſtücken, und es ſetzte ſich Mrs. Jellyby oben, Mr. Jellyby aber unten an den Tiſch. Vorher hatte ſich Caddy noch die Treppe hinaufge⸗ ſchlichen, um die Kinder abermals zu herzen und ihnen zu ſagen, daß ſie nun Turveydrop heiße t nur nicht eine „ſondern es hatte dieſelbe zur Folge, daß er ſich auf den Boden hinwarf und in ſei⸗ nem Schmerze ſo wüthend ſtrampfte, daß, als man nach ich nichts Anderes thun konnte, als dem Vorſchlage beiſtimmen, daß man ihn an die große Tafel, um welche die Geſellſchaft verſammelt war, zulaſſen ſolle. So kam vn der Kleine herunter und ſetzte ſich auf mei⸗ 100 Mrs. Jellyby ſagte darauf, ſich auf den Zuſtand ſeines Vorſtecklatzes beziehend:„O, du unartiger Peepy, welch' abſcheuliches kleines Schwein biſt du nicht!“ blieb aber dabei ganz ruhig. Der Kleine führte ſich auch recht gut auf, nur hatte er den Noah mit heruntergebracht (aus einer Arche, die ich ihm geſchenkt, ehe wir nach der Kirche gingen), und wollte ihn ſchlechterdings zuerſt mit dem Kopfe in die Weingläſer tauchen, und dann in den Mund ſtecken. Bei ſeinem freundlichen Weſen, ſeinem Scharfblicke und ſeinem liebenswürdigen Geſichte gelang es meinem Vormunde, ſelbſt aus dieſer unerfreulichen Geſellſchaft etwas Erfreuliches zu machen. Niemand ſchien von et⸗ was Anderem ſprechen zu können, als von ſeinem allei⸗ nigen Gegenſtand, und Niemand ſchien ſogar darüber als einen Theil von einer Welt, wo noch was Anderes wäre, ſprechen zu können; aber mein Vormund machte Alles zur heiteren Ermuthigung Caddy's und zur Chre des Tages ausſchlagen, und es gelang ihm ſo, uns recht ordentlich über das Frühſtück hinwegzubringen. Was wir ohne ihn angefangen haben würden, daran mag ich nicht einmal denken; denn da die ganze Geſellſchaft die Braut und den Bräutigam, ſowie den alten Anſtandsprofeſſor Turveydrop verachtete— und der alte Mr. Turveydrop hielt ſich ſeinerſeits vermöge ſeines Anſtands für unend⸗ lich beſſer, als die ganze Geſellſchaft—, ſo war der Fall ein ziemlich undankbarer. Endlich kam der Augenblick heran, wo die arme Caddy hinweggehen ſollte, und wo ihre ganze Habe auf die Miethkutſche gepackt wurde, welche ſie ſammt ihrem Gatten nach Gravesend bringen ſollte. Es ſtimmte uns weich, als wir ſahen, wie Caddy ſich kaum von ihrem kläglichen elterlichen Hauſe losma⸗ chen konnte, und wie ſie mit der größten Zärtlichkeit am Halſe ihrer Mutter hing. „Es thut mir unendlich leid, daß ich nicht länger 101 dictirt ſchreiben konnte, Ma,“ ſchluchzte Caddy.„Hoffent⸗ lich verzeihen Sie mir nun?“ „O, Caddy, Caddy!“ ſprach Mrs. Jellyby.„Ich habe Dir doch ſchon hundert und hundert Mal geſagt, daß ich einen Knaben angenommen, und damit baſta!“ „Sind Sie aber gewiß gar nicht böſe auf mich, Mä⸗ Bejahen Sie doch dieſe Frage, ehe ich weggehe, ala „O du närriſche Caddy!“ verſetzte Mrs. Jellyby. „Sehe ich denn böſe aus, oder habe ich Luſt, böſe zu ſein, oder habe ich Zeit, böſe zu ſein? Wie magſt Du Dir doch nur Solches einfallen laſſen!“ „Sorgen Sie auch ein Bischen für Pa, während ich fort bin, Ma!“ Mrs. Jellyby lachte geradezu über dieſen Einfall. „O, Du romantiſches Kind!“ ſagte ſie, Caddy leicht auf den Rücken tätſchelnd.„Geh' Du nur! Ich ſtehe mit Dir auf dem allerfreundſchaftlichſten Fuße. Und nun, Caddy, lebe wohl und ſei recht glücklich!“ Sodann hängte ſich Caddy an ihren Vater, und preßte ſeine Wange gegen die ihrige, wie wenn er ein armes betrübtes Kind wäre, dem Etwas fehlte. Alles dieſes fand in dem Ehrn Statt. Ihr Vater ließ ſie los, zog ſein Taſchentuch heraus, und ſetzte ſich, den Kopf gegen die Wand legend, auf der Treppe. Hoffentlich fand er an den Wänden einigen Troſt. Ja, ich glaube faſt, daß dieß der Fall war. Und dann legte Prince ihren Arm in den ſeinigen, und wandte ſich mit vieler Rührung und Ehrerbietung nach ſeinem Vater hin, deſſen Anſtand in dieſem Augen⸗ blicke wahrhaft überwältigend war. „Ich danke Ihnen tauſend Mal, Vater!“ ſprach Prince, ſeine Hand küſſend.„Ich bin ungemein dankbar für all' Ihre Güte und Rückſichten in Betreff unſerer krie und ebenſo denkt Caddy, ich kann es Ihnen ver⸗ ſichern.“ 10² 3„Ja,“ ſchluchzte Caddy.„Ich bin r— e—cht dank⸗ ar!“ „Mein lieber Sohn,“ ſprach Mr. Turveydrop,„und meine liebe Tochter, ich habe meine Pflicht gethan. Wenn der Geiſt einer Heiligen in dieſem Augenblick über uns ſchwebt und auf uns herabblickt, ſo wird das neben Eurer treuen Liebe mein Lohn ſein. Ich glaube, mein Sohn und meine Tochter, daß Ihr nie Cure Pflicht aus den Augen verlieren werdet.“ „Nie, theurer Vater, nie!“ rief Prince. „Nie, nie, theurer Mr. Turveydrop!“ ſprach Caddy. „So muß es ſein,— ſo iſt es recht,, verſetzte Mr. Turveydrop.„Meine Kinder, mein Haus gehört Euch, — mein Herz gehört Euch,— Alles, was ich habe, ge⸗ hört Euch. Nie werde ich mich von Euch trennen; Nichts als der Tod ſoll uns ſcheiden. Mein lieber Sohn, Du bait, ie ich glaube, im Sinne, eine Woche lang fortzu⸗ eiben?“ „Eine Woche lang, theurer Vater. Heute über acht Tage kommen wir zurück.“ „Mein liebes Kind,“ fuhr Mr. Turveydrop fort, verlaube mir, daß ich Dir ſelbſt unter den jetzigen excep⸗ tionellen Umſtänden ſtricte Pünktlichkeit anempfehle. Es iſt von der höchſten Wichtigkeit, daß die Connexion bei⸗ ſammen gehalten wird; und Schulen ſehen es nicht gern, wenn man ſie vernachläßigt.“ „Heute über acht Tage, Vater, kommen wir gewiß zum Diner zurück.“ „Gut!“ ſagte Mr. Turveydrop.„Ihr werdet, meine theure Caroline, Euer Zimmer geheizt und das Diner in meiner Wohnung ſervirt finden. Ja, ja, Prince!“ eine von Selbſtverläugnung zeugende Einwendung von Seiten ſeines Sohnes mit vornehmer Miene anticipirend. „Es würde ſeltſam herauskommen, wenn Du mit unſerer Caroline an jenem Tage oben im Hauſe ſpeiſen wollteſt, 103 und Ihr werdet daher dann auf meinem Zimmer eſſen. Und nun möge der Segen Gottes auf Euch ruhen!“ Sie fuhren weg; und ob ich mich mebr über Mrs. Jellyby oder über Mrs. Turveydrop verwunderte, wußte ich nicht. Ada und mein Vormund befanden ſich in der⸗ ſelben Lage, als wir von der Sache mit einander ſprachen. Bevor aber auch wir wegfuhren, bekam ich von Mr. Jellyby ein höchſt unerwartetes und beredtes Compliment. Er kam im Ehrn zu mir her, erfaßte meine beiden Hände, drückte ſie heftig und öffnete den Mund zwei Mal. Ich war deſſen, was er ſagen wollte, ſo gewiß, daß ich ganz verwirrt in die Worte ausbrach: 3 „Ach, es iſt ja gern geſchehen, Sir. Sprechen Sie doch nicht davon!“ „Hoffentlich iſt dieſe Heirath keine unglückliche, Vor⸗ mund?“ ſprach ich, als wir Drei nach Hauſe fuhren. „Ich hoffe es, Weibchen. Geduld. Es wird ſich bald eigen.“ 1„Bläst der Wind heute aus Oſten?“ unterſtand ich mich, ihn zu fragen. Er lachte herzlich und antwortete: „Nein.“ „Aber er muß doch heute Morgen daher geblaſen haben?“ ſprach ich. Er verneinte dieſe Frage abermals, und dieß Mal antwortete auch mein liebes Mädchen zuverſichtlich mit Nein und ſchüttelte den anmuthigen Kopf, der mit den Blumen in dem goldenen Haare, wie der leibhaftige Frühling ausſah. „Du weißt viel von Oſtwinden, mein häßlicher Lieb⸗ ling.“ ſprach ich, ſie in meiner Bewunderung küſſend,— ich konnte mir das Vergnügen nicht verſagen. Gut! Es war bloß ihre Liebe zu mir, ich weiß es recht wohl, und es iſt ſchon lange her. Ich muß es nie⸗ derſchreiben, ſelbſt wenn ich es wieder auswiſche, weil es mir ſo viel Freude macht. Sie ſagten, es könne kein 104 Oſtwind ſein da, wo Jemand ſei; ſie ſagten, es ſei Sonnenſchein und Sommerluft überall, wo Dame Dur⸗ den ſich zeige, Einunddreißigſtes Kapitel. Wärterin und Patientin. Ich war erſt einige Tage zu Hauſe geweſen, als ich eines Abends in mein Zimmer hinaufging, um über Charley's Schulter weg zu ſehen, wie ſie im Schreiben fortſchritte. Das Schreiben kam der armen Charley gar hart an, die keine natürliche Gewalt über eine Feder zu beſitzen ſchien, ſondern in deren Hand jede Feder bos⸗ haft lebendig zu werden, krumm und verkehrt zu gehen, und ſtehen zu bleiben, und zu ſpritzen, und in Ecken hineinzuwackeln ſchien, gleich einem Satteleſel. Es war gar wunderlich mit anzuſehen, welch' alte Buchſtaben Charley's junge Hand machte; jene ſo runzelig, ſo ein⸗ geſchrumpft, ſo wackelig; dieſe, ſo fett und rund. Und doch war Charley in andern Sachen ungemein geſchickt und hatte ſo flinke Fingerchen, als ich nur je ſah. „Wohlan, Charley,“ ſprach ich, über eine Seite hin⸗ ſehend, auf der lauter O ſtanden, die als viereckig, drei⸗ eckig, birnförmig, und in jeder nur erdenklichen Weiſe zuſammengefallen dargeſtellt waren,„wir machen Fort⸗ ſchritte. Wenn es uns nnr gelingt, ſie rund zu machen, ſo wird Nichts mehr daran fehlen, Charley.“— Dann machte ich ein O und Charley eines; aber d ſ ſei ur⸗ 10⁵ die Feder wollte das von Charley nicht nett ſchließen, ſondern drehete es zu einem Knoten zuſammen. „Thut Nichts, Charley. Es wird uns ſchon noch ge⸗ lingen.“ Charley legte die Feder weg, indem die Seite voll geſchrieben war; machte ihr krämpfiges Händchen auf und zu; ſah die Seite halb ſtolz, halb zweifelnd an; und ſtand auf, und machte mir einen Knix. „Ich danke Ihnen, Miß. Erlauben Sie, Miß, ha⸗ ben Sie nicht eine arme Perſon Namens Jenny ge⸗ annt?“ „Die Frau eines Ziegelſtreichers, Charley? Ja.“ „Sie kam, als ich vor einer Weile draußen war, zu mir her, und ſprach mit mir, und ſagte, ſie kenne Sie, Miß. Sie fragte mich, ob ich nicht das kleine Kammermädchen der jungen Lady ſei— womit ſie Sie meinte, Miß— und ich ſagte ja, Miß.“ „Ich dachte, ſie hätte dieſe Nachbarſchaft ſchon ver⸗ laſſen, Charley.“ „Das hatte ſie auch, Miß, aber ſie iſt wieder an den Ort gekommen, wo ſie zu wohnen pflegte— ſie und Liz. Haben Sie noch eine andere arme Perſon Namens Liz gekannt, Miß?“ „Ich glaube ja, Charley, obgleich ich ihren Namen nicht gewußt habe.“ „Das hat ſie auch geſagt!“ verſetzte Charley.„Es ſind Beide zurückgekommen, Miß, nachdem ſie überall herunzehden waren.“ „Ueberall herumgezogen, Charley?“ „Ja, Miß.“ geic hatlen Hätte Charley nur die Buchſtaben in ihrem Schreib⸗ heft ſo rund machen können, wie die Augen waren, wo⸗ mit ſie mir in's Geſicht ſchaute, ſo würden dieſe Buch⸗ ſtaben Nichts zu wünſchen übrig gelaſſen haben. „Und dieſe arme Perſon iſt vor drei oder vier Ta⸗ gen in die Nähe des Hauſes gekommen, da ſie hoffte, 106 daß ſie Sie zu ſehen bekäme, Miß— weiter verlangte ſie nicht, wie ſie ſagte— aber Sie waren fort. Bei dieſer Gelegenheit ſah ſie mich. Sie ſah mich herumge⸗ hen, Miß,“ ſagte Charley mit einem kurzen Lachen, welches das größte Entzücken und den höchſten Stolz verrieth,„und glaubte, ich ſehe ſo wie Ihr Kammer⸗ mädchen aus!“ „Hat ſie das wirklich geglaubt, Charley?“ „Ja, Miß,“ ſprach Charley,„das hat ſie wirklich geglaubt, ſo wahr ich da bin.“ Und Charley ründete mit einem zweiten kurzen La⸗ chen voll der reinſten Luſt ihre Augen abermals, und ſah ſo ernſthaft aus, wie es meinem Kammermädchen ziemte. Ich wurde es nie müde, Charley im Vollgenuſſe dieſer hohen Würde, ſie mit ihrem jugendlichen Geſichte und ihrer jugendlichen Geſtalt vor mir ſtehen, und ihr feſtes Weſen, ſowie ihre kindiſche Freude dann und wann in der anmuthigſten Weiſe durchbrechen zu ſehen. „Und wo haſt Du ſie denn geſehen, Charley?“ Das Geſicht meines kleinen Kammermädchens nahm ei⸗ nen ſchwermüthigen Ausdruck an, als ſie antwortete:„Un⸗ weit des Apothekerladens, Miß,“ denn Charley trug noch ihren ſchwarzen Rock.. Ich fragte, ob die Frau des Ziegelſtreichers krank ſei, aber Charley verneinte es. Es ſei, ſagte ſie, Jemand anders. Es ſei Jemand in ihrem Häuschen, der nach Sanct Alban's hinuntergegangen, und überall, er wiſſe ſelbſt nicht wo, herumziehe. Ein armer Knabe, ſagte Charley, kein Vater, keine Mutter, gar Niemand.„Wie es Tom wohl gegangen wäre, Miß, wenn Emma und ich nach dem Vater geſtorben wären,“ ſetzte Charley binnn während ihre runden Augen ſich mit Thränen üllten. „Und ſie holte alſo Arznei für ihn, Charley?“ 8 —— ρ 88& RR — 107 „Sie ſagte, Miß,“ gab Charley zurück,„daß er ihr ein Mal den gleichen Dienſt erwieſen.“ 1 Das Geſicht meines kleinen Kammermädchens drückte ſolchen Eifer aus, und es waren ihre ruhigen Hände ſo feſt in einander gefaltet, während ſie ſo daſtand und mich anſchaute, daß ich nicht viele Mühe hatte, ihre Gedan⸗ ken zu leſen. 3. „Wohlan, Charley,“ ſprach ich,„es ſcheint mir, daß wir Beide nichts Beſſeres thun können, als daß wir zu Jenny hinübergehen und nachſehen.“ Die Geſchwindigkeit, womit Charley meinen Hut und Schleier herbeibrachte, und womit ſie ſich, nachdem ſie mich angekleidet, recht eigenthümlich in ihren warmen Shawl hüllte, und dieſen mit Stecknadeln zuſammenbeftete, ſo daß ſie wie ein kleines altes Weibchen ausſah, zeigte ihre Bereitwilligkeit zur Genüge an. Und ſo gingen wir dann, Charley und ich, aus, ohne Jemand ein Wort davon zu ſagen. Es war eine kalte, ſtürmiſche Nacht, und es ſchauer⸗ ten die Bäume im Winde. Den ganzen Tag über, ja ſogar, mit wenigen Unterbrechungen, viele Tage lang, war der Regen dicht und ſchwer heruntergefallen. In⸗ deſſen fiel gerade jetzt keiner. Der Himmel hatte ſich zum Theil aufgehellt, war aber immer noch ſehr düſter — ſogar über unſerem Haupte, wo ein paar Sterne glänzten. Im Norden und Nordweſten, wo die Sonne drei Stunden vorher untergegangen war, zeigte ſich ein leichenblaſſes Licht, das ſchoͤn und furchtbar zugleich war; und lange, düſtere Wolkenlinien wogten in daſſelbe hinein, gleich einer See, die während des Schwellens plötzlich unbeweglich wird. Nach London hin lag ein blaßgrauer Schimmer über die ganze Himmelswüſte verbreitet: und der Contraſt zwiſchen dieſen beiden Lichtern und der Ge⸗ danke, den das röthere Licht erweckte, daß man da ein unnatürliches Feuer ſehe, das über alle die ungeſehenen Ge⸗ bäude der Stadt und über alle Geſichter von deſſen vielen 108 tauſend mit Verwunderung erfüllten Einwohner ſeinen Schimmer verbreite, waren ſo feierlich wie nur möglich. An jenem Abende dachte ich nicht— gewiß nicht im Enifernteſten— an das, was mir bald zuſtoßen ſollte. Aber es iſt mir ſeitdem immer in der Erinnerung ge⸗ weſen, daß, als wir an der Gartenthüre ſtehen geblieben waren, um nach dem Himmel aufzuſchauen, und als wir unſern Weg fortſetzten, ich ſo einen Augenblick einen unerklärlichen Eiudruck hatte, als ſei ich etwas Anderes, als was ich damals war. Ich weiß, daß ich dieſen Eindruck damals und dort hatte. Ich habe ſeitdem immer das Gefühl mit jenem Orte und jener Zeit und Allem, was ſich an jenen Ort und jene Zeit knüpfte, in Verbindung gebracht, bis zu den fernen Stimmen in der Stadt, bis zu dem Bel⸗ len eines Hundes, und dem Geräuſch von Rädern, die den moraſtigen Hügel herunter kamen. Es war Samſtag Abend, und es tranken die mei⸗ ſten von den Leuten, welche dem Orte angehörten, wo⸗ hin wir gingen, auswärts. Wir fanden den Ort ruhiger, als ich ihn früher ge⸗ ſehen, obgleich es dort nicht mehr ganz ſo elend ausſah. Es brannten die Ziegelöfen, und ein erſtickender Dunſt kam mit einem blaßblauen Schimmer gegen uns her. Wir langten an dem Häuschen an, wo an dem ge⸗ flickten Fenſter ein ſchwaches Licht brannte. Wir klopften an die Thüre und traten hinein. Die Mutter des kleinen Kindes, das geſtorben war, ſaß auf einem Stuhle, auf einer Seite des armſeligen Feuers, neben dem Bette; ihr gegenüber befand ſich ein jämmerlich ausſehender Knabe, der, auf das Kaminſtück geſtützt, auf dem Boden kauerte. Unter dem Arme hatte er, gleich einem kleinen Bündel, ein Stück von einer Pelzkappe; und während er es verſuchte, ſich zu wärmen, zitterte er dermaßen, daß die in jämmerlichem Znſtande 109 befindliche Thüre und das Fenſter gleichfalls zitterten. Es war in der Stube ſchwüler, als zuvor, und es machte fich darin ein ungeſunder, recht eigenthümlicher Geruch bemerkbar. Ich hatte meinen Schleier nicht zurückgeſchlagen, als ich zum erſten Male mit der Frau ſprach, was in dem Augenblick geſchah, wo wir hinein traten. Der Knabe aber taumelte alsbald auf, und ſtarrte mich mit einem merkwürdigen Ausdrucke des Staunens und des Schreckens an. Es war Letzteres ſo geſchwind geſchehen und es war ſo offenbar, daß ich die Urſache davon ſein mußte, daß ich ſtehen blieb, anſtatt näher zu kommen. „Ich mag nicht mehr auf den Kirchhof gehen,“ brummte der Knabe;„ich gehe nicht hin, ich ſag' es Ihnen!“ Ich lüftete meinen Schleier und ſprach mit der Frau. Sie ſagte zu mir in leiſem Tone: „Achten Sie nicht auf das, was er ſagt, Ma'am. Er wird bald wieder zu ſich kommen.“ Darauf zu dem Jungen: „Jo, Jo, was iſt Dir?“ „Ich weiß nicht, was ſie hier thut!“ rief der Knabe. „Wer denn?“ „Die Lady dort. Sie iſt hergekommen, damit ich mit ihr auf den Kirchhof gehe. Ich mag nicht auf den Kirchhof gehen. Ich kann nicht einmal den Namen aus⸗ ſtehen. Sie könnte mich begraben.“ Hier ſchüttelte es ihn wieder, und indem er ſich gegen die Wand lehnte, machte er das ganze Loch er⸗ zittern. „Er hat den lieben langen Tag ſolches Zeug ge⸗ ſchwatzt, Ma'am,“ ſprach Jenny ſanft.„Ei, was ſtierſt Du denn ſo! Es iſt dieß meine Lady, Jo.“ „Iſt ſie's?“ verſetzte der Knabe in zweifelndem Tone, und mich muſternd, während er einen Arm über ſeine brennenden Augen hinſtreckte.„Sie ſieht mir aus, als ob ſie die andere wäre. Es iſt nicht der Hut, auch iſt es nicht der Rock, aber doch ſieht ſie mir aus, wie die andere.“ Meine kleine Charley hatte bei der frühzeitigen Bekanntſchaft, die ſie mit Noth und Krankheit gemacht, Hut und Shawl abgelegt, und ging jetzt ruhig mit einem Stuhl zu ihm hin, und ſetzte, nach Art einer alten Krankenwärterin, ihn darein. Nur war hier der Unterſchied, daß keine ſolche Wärterin ihm Charley's ju⸗ gendliches Geſicht hätte zeigen können, das ſein Ver⸗ trauen erwecken zu müſſen ſchien. „Hör' ein Mal!“ ſprach der Knabe.„Sag' Du mir's! Iſt die Lady nicht die andere Lady?“ Charley ſchüttelte den Kopf, während ſie methodiſch ſeine Lumpen über ihn herzog, und ihn beſtmöglich zu erwärmen ſuchte. „Oh!“ murmelte der Knabe.„Dann iſt ſie's ver⸗ muthlich nicht.“ „Ich bin hierher gekommen, um zu ſehen, ob ich Nichts für Dich thun kann,“ ſagte ich.„Was fehlt Dir denn?“ „Es friert mich,“ verſetzte der Knabe heiſer, wäh⸗ rend ſein graſſer, verſtörter Blick an allen Theilen meiner Perſon herumkam,„und dann brennt es mich, und dann friert es mich wieder, und dann brennt es mich wieder, und ſo hundert Mal in einer Stunde, und mein Kopf iſt ganz ſchläfrig und wüſt, und es geht ſo Alles mit mir herum— und ich bin ſo durſtig— und es ſind meine Knochen nicht halb ſo viel Knochen, als Schmerz.“ „Wann iſt er hierher gekommen?“ fragte ich die Frau. „Heute Morgen, Ma'am. Ich habe ihn an der Ecke der Stadt gefunden. Ich hatte ihn ſchon in Lon⸗ don drinnen gekannt. Nicht wahr, Jo?“ „Tom⸗All⸗Alone's,“ verſetzte der Knabe. So oft er ſeine Aufmerkſamkeit oder ſeine Augen vie gen nit ner lu⸗ er⸗ en 111 auf Etwas heſtete, geſchah es immer nur auf ſehr kurze Zeit. Bald fing er an, den Kopf wieder hangen zu laſſen, denſelben ſchwerfällig zu drehen und zu ſprechen, wie wenn er halb wach wäre. „Wann iſt er von London hierher gekommen?“ fragte ich. „Ich bin geſtern von London hergekommen,“ ſprach der Kuabe ſelbſt, der jetzt ganz roth und heiß war. „Ich gehe wohin.“ „Und wohin geht er denn?“ fragte ich. „Wohin,“ wiederholte der Knabe in lauterem Tone. „Man hat mich weiter gehen heißen und immer weiter gehen heißen, mehr als je vorher, ſeitdem die Andere mir den Souveraind'or gegeben hat. Mrs. Sangsby, die paßt mir immer auf und treibt mich fort— und was habe ich ihr gethan?— Und ſie Alle paſſen mir auf und treiben mich fort. Sie thun das Alle, Jeder von ihnen, von der Zeit an, wo ich nicht aufſtehe, bis zu der Zeit, wo ich nicht zu Bette gehe. Und ich gehe wohin,— dahin gehe ich. Sie ſagte mir drunten in Tom⸗ All⸗Alone's, ſie komme von Stolbuns, und ſo habe ich den Stolbunſer Weg eingeſchlagen. Es iſt ein Weg ſo gut wie ein anderer.“ Er endigte damit, daß er ſich an Charley wandte. „Was iſt aber mit ihm anzufangen?“ ſprach ich, die Frau beiſeit nehmend.„Er könnte in dieſem Zu⸗ ſtande nicht weiter reiſen, ſelbſt wenn er einen beſtimm⸗ ten Zweck verfolgte, und wenn er wüßte, wohin er gehen ſoll!“ „Ich weiß nicht mehr, als die Todten, Ma'am,“ antwortete ſie, ihn mitleidig anblickend.„Vielleicht wüßten die Todten es beſſer, wenn ſie es uns nur ſagen könnten. Ich habe ihn aus Mitleid den ganzen Tag bier behalten, und habe ihm Brühe und Arznei ge⸗ geben, und Liz iſt fortgegangen, um zu ſehen, ob ihn Niemand beherbergen will(hier liegt mein hübſches Kind im Bett— ihr Kind, aber ich heiße es das mei⸗ nige), aber ich kann ihn nicht mehr lange behalten, denn wenn mein Mann nach Hauſe käme und ihn hier fände, T ſo würde er recht grob gegen ihn ſein, und ihn zur m Thüre hinausſchmeißen, ja, er könnte ihm wehe thun. tj Horchen Sie! Da kommt Liz zurück!“ m Und während ſie noch ſo ſprach, kam die andere f Frau hereingeſtürzt, und es raffte ſich der Kuabe auf, halb und halb mit dem Bewußtſein, daß er nun fort⸗ 1 gehen müſſe. 2 Wann das kleine Kind aufwachte, und wann und li wie Charley zu demſelben hinkam, es aus dem Bette h herausnahm, und anfing, es zu ſchweigen und herumzu⸗ tragen, vermag ich nicht zu ſagen. Aber da war ſie nun ein Mal und that Alles dieß in ruhiger, mütterlicher t Weiſe, wie wenn ſie wieder in Mrs. Blinder's Dach⸗ 14 ſtube bei Tom und Emma wäre. Es war die Freundin da und dort geweſen, und war von Pontius zu Pilatus geſchickt worden, und ge⸗ 6 rade ſo wieder gekommen, wie ſie fortgegangen war. 4 Zuerſt war es zu früh für die Aufnahme des Knaben in das geeignete Aſyl, und zuletzt war es zu ſpät. Ein B Offiziant ſchickte ſie zu einem andern, und der andere 1r ſchickte ſie zum erſten zurück, und ſo rückwärts und vor⸗ in wärts, bis es mir endlich ſchien, es müßten Beide wegen n ihrer Geſchicklichkeit, ihren Pflichten auszuweichen, anſtatt dieſelben zu erfüllen, angeſtellt worden ſein. „Und nun ſagte ſie, ſchnell athmend, da ſie raſch 3 gelaufen und auch von Schrecken befallen war, am Ende: a „Jenny, Dein Mann kommt eben heim, und der de meinige nicht weit hinter ihm, und Gott ſtehe dem Kna⸗ u. ben bei, denn wir können nicht mehr für ihn thun!“ Sie legten ein Paar halbe Penny⸗Stücke zuſam⸗ da men, drückten ſie ihm eilig in die Hand, worauf er zum Hauſe hinauslatſchte, ohne recht zu wiſſen, wie ihm ge⸗ ſchah, halb dankbar, halb fühllos.. nei⸗ enn de, zur un. ere uf, rt⸗ 113 „Gib mir das Kind, meine Liebe!“ ſagte deſſen Mutter zu Charley,„und nimm meinen freundlichſten Dank hin! Liebe Jenny, gute Nacht! Junge Lady, wenn mein Mann mit mir keine Händel anfängt, ſo will ich in einer Weile nach dem Knaben beim Ziegelofen ſchauen, wo er höchſt wahrſcheinlich ſein wird; und dann morgen früh wieder!⸗ Sie eilte davon, und es ſtand nicht lange an, ſo ſahen wir beim Vorübergehen ſie ihr Kind an ihrer Thüre ſchweigen; auch ſang ſie dazu und ſchaute ängſt⸗ lich den Weg entlang, ob ihr beſoffener Mann nicht herankäme. Ich wollte nun nicht länger bleiben, um mit der einen oder der andern dieſer Frauen zu ſprechen, fürch⸗ tend, ich möchte ſie in Verlegenheit bringen. Aber ich ſagte zu Charley, daß wir den Knaben nicht ſterben laſſen dürften. Charley, welche weit beſſer als ich wußte, was zu thun war, und deren Raſchheit ihrer Geiſtesgegenwart gleichkam, lief vor mir hin, und nach einer Weile holten wir Joe, gerade vor dem Ziegelofen, ein. Ich glaubte, er müſſe ſeine Reiſe mit einem kleinen Bündel unter dem Arme begonnen, und das, was er trug, geſtohlen, oder davon verloren haben, denn er trug immer noch ſein jämmerliches Bruchſtück von einer Pelz⸗ mütze nach Art eines Bündels, obgleich er baarhäuptig danc ne Regen hinging, der jetzt geſchwind und icht fiel. Er blieb, als wir ihm zuriefen, ſtehen, und legte abermals Furcht an den Tag, als ich zu ihm hinkam; dabei waren ſeine glänzenden Augen auf mich geheftet, und ſein Fieberſchauer hörte ſogar plötzlich auf. Ich ſagte ihm, er ſolle mit uns kommen, indem wir dafür ſorgen würden, daß er für die Nacht ein Obdach bekäme. Bleak Houſe. III. 8 114 „Oh, brauche kein Obdach,“ ſprach er;„kann mich unter die warmen Ziegel legen.“ „Weißt Du denn aber nicht, daß Leute dort ſterben?“ verſetzte Charley. „Die ſterben überall,“ ſprach der Knabe.„Die ſterben in ihren Wohnungen— ſie weiß wo; ich habe es ihr gezeigt— und ſie ſterben drunten in Tom⸗All⸗ Alone's in ganzen Haufen. Sie ſterben mehr, als daß ſie leben, wie ich ſehe.“ Dann flüſterte er Charley heiſer zu: „Wenn ſie nicht die Andere iſt, ſo iſt ſie die Aus⸗ länderin. Sind es denn ihrer Drei?“ Charley blickte mich etwas erſchrocken an. Und ich ſelbſt bekam halb und halb Furcht vor mir, wenn der Knabe mich ſo anglotzte. Aber er kehrte um und folgte uns, als ich ihm zu⸗ winkte; und als ich fand, daß ich wenigſtens ſo viel Ein⸗ fluß auf ihn gewonnen, ging ich voraus und geradezu nach Hauſe. Unſere Wohnung war nicht weit entfernt;— nur auf der Spitze des Hügels. Wir kamen an einem ein⸗ zigen Manne vorüber. Ich zweifle, ob wir allein und ohne Hilfe nach Hauſe gekommen ſein würden; des Kna⸗ ben Schritte waren ſo ungewiß und zitternd. Indeſſen beklagte er ſich nicht, und war wunderbar unbekümmert um ſich ſelbſt, wenn ich etwas ſo Seltſames ſagen darf. Ich ließ ihn einen Augenblick in der Vorhalle, wo er ſich in einer Ecke der Fenſterbrüſtung zuſammenkauerte, und mit einer Gleichgiltigkeit, die kaum Verwunderung genannt werden konnte, den Comfort, den Glanz, und die Reinlichkeit anſtarrte, die ihn umgaben, und ging in den Salon hinein, um mit meinem Vormunde zu ſprechen. Dort fand ich Mr. Skimpole, der, wie er oft that, mit der Poſtkutſche heraus gekommen war, ohne uns vorher von ſeiner Ankunft zu benachrichtigen, und ohne wieder Kleider und Wäſche mitzubringen, indem es ſeine löbliche 115⁵ Gewohnheit war, ſtets Alles, was er brauchte, zu ent⸗ lehnen. 4 Sie kamen auf der Stelle mit mir heraus, um den Knaben anzuſchauen. Auch die Dienerſchaft hatte ſich unterdeſſen in der Vorhalle verſammelt; und der arme Burſche ſchauerte an dem Fenſterſtocke, wo Charley neben ihm ſtand, wie ein verwundetes Thier, das in einem Graben gefunden worden. „Es iſt das ein peinlicher Fall,“ ſprach mein Vor⸗ mund, nachdem er ein Paar Fragen an ihn gerichtet, ihn berührt, und ſeine Augen unterſucht hatte.„Was ſagen Sie, Harold?“ „Es wäre am Beſten, wenn Sie ihn aus dem Hauſe ſchafften,“ ſprach Mr. Skimpole. „Was meinen Sie damit?“ fragte mein Vormund faſt ſtrenge. „Mein lieber Jarndyce,“ verſetzte Monſieur Skim⸗ pole,„Sie wiſſen, was ich bin: ich bin eben ein Kind. Seien Sie böſe mit mir, wenn ich es verdiene. Aber ich habe einen angebornen Widerwillen gegen ſo Etwas. Ich hatte den immer, noch als ich Mediciner war. Es iſt nicht gut um ihn zu ſein, wiſſen Sie. Er hat eine recht böſe Art von Fieber.“ Mr. Skimpole hatte ſich aus der Vorhalle wieder in den Salon zurückgezogen, und ſagte dieß in ſeiner leichtſinnigen, luſtigen Weiſe, auf dem Clavierſtuhle ſitzend, während wir daneben ſtanden. „Sie werden ſagen, es ſei dieß kindiſch,“ bemerkte Mr. Skimpole, uns fröhlich anblickend.„Wohlan, es mag dieß ſo ſein: aber ich bin eben ein Kind, und will nie mehr ſein. Schaffen Sie ihn auf die Straße hinaus, ſo bringen Sie ihn nur wieder dahin, wo er ſchon war. Er wird dann nicht ſchlimmer daran ſein, als er war, wiſſen Sie. Ja, Sie können machen, daß er beſſer daran iſt, wenn Sie wollen, geben Sie ihm ein Sir⸗ penceſtück oder fünf Shillinge oder fünf Pfund zehn— 116 Sie ſind in der Arithmetik bewandert, ich nicht— und machen Sie, daß Sie ihn vom Halſe bekommen!“ „Aber was ſoll er dann anfangen?“ fragte mein Vormund. „Auf Ehre,“ ſprach Mr. Skimpole, mit ſeinem ein⸗ nehmenden Lächeln die Achſeln zuckend,„ich habe auch nicht den geringſten Begriff von dem, was er dann anfangen ſoll; ich kann mir es nicht denken. Aber ich zweifle gar nicht, daß er Etwas anfangen wird.“ „Iſt es nun nicht ein entſetzlicher Gedanke,“ ſprach mein Vormund, dem ich in aller Eile die vergeblichen Bemühungen der beiden Frauen auseinandergeſetzt hatte, „— iſt es nun nicht ein entſetzlicher Gedanke“(dabei ging er auf und ab und warf ſein Haar durcheinander), „daß, wenn dieſes unglückliche Geſchöpf ein verurtheilter Verbrecher wäre, ein Spital ſich ihm weit öffnen, und es dann ſo ſorgfältig verpflegt würde, wie nur ein kranker Knabe im Königreich verpflegt werden kann?“ „Mein lieber Jarndyce,“ entgegnete Mr. Skimpole, „Sie werden die einfältige Frage entſchuldigen, da ſie von einem Geſchöpfe kommt, das in weltlichen Dingen durchaus einfältig iſt— aber warum iſt er denn nicht in einem Gefängniſſe? Warum hat er es denn nicht wenigſtens ſo weit gebracht?“ Mein Vormund blieb hier ſtehen und ſchaute ihn, mit einer wunderlichen Miſchung von Beluſtigung und Entrüſtung im Geſichte, an. „Ich ſollte meinen, daß wir unſern jungen Freund nicht im Verdacht allzugroßen Zartgefühls haben dürfen,“ ſprach Mr. Skimpole, ohne im Geringſten verlegen zu ſein, und in gewohnter aufrichtiger Weiſe.„Es ſcheint mir, es wäre nicht nur klüger, ſondern in gewiſſer Hinſicht reſpectabler, wenn er wenigſtens einige Energie, wenn auch in falſcher Richtung, zeigte, die ihn ins Gefängniß brächte. Es würde dann mehr abenteuerlicher Geiſt und 117 mithin auch mehr von einer gewiſſen Art Poeſie darin liegen.“ 4„Ich glaube wahrlich,“ entgegnete mein Vormund, indem er wieder unruhig auf und ab ging, daß es auf der ganzen und weiten Welt kein ſolches Kind mehr gibt, wie Sie ſind.“ 3 „Glauben Sie das wirklich?“ ſagte Mr. Skimpole. „Ich glaube es bisweilen ſelbſt auch! Aber ich geſtehe, daß ich nicht einzuſehen vermag, warum unſer junger Freund nicht, ſoviel an ihm liegt, verſuchen ſollte, ſich mit ſolcher Poeſte zu umgeben, die ihm zu Dienſte ſteht. Ohne Zweifel iſt er mit einem Appetit geboren— wahr⸗ ſcheinlich hat er, wenn er ſich in beſſeren Geſundheits⸗ umſtänden befindet, einen ganz vortrefflichen Appetit. Ganz wohl. Zu der natürlichen Eſſenszeit unſers jungen Freundes— höchſt wahrſcheinlich um die Mittagsſtunde — ſagt unſer junger Freund in Wirklichkeit zur Geſell⸗ ſchaft: Ich bin hungrig: willſt Du ſo gut ſein, und Deinen Löffel hervorziehen und mich füttern? Die Ge⸗ ſellſchaft aber, die doch die allgemeine Ordnung des ganzen Syſtems von Löffeln auf ſich genommen hat, und vorgibt, ſie habe einen Löffel auch für unſern jungen Freund, zieht dieſen Löffel nicht hervor; und unſer junger Freund ſagt deßhalb: ‚Du mußt mich wirklich entſchul⸗ digen, wenn ich den Löffel mit Gewalt nehme.⸗ Dieß erſcheint mir nun als ein Fall von Energie in falſcher Richtung,— von Energie, die bis zu einem gewiſſen Grad etwas Vernünftiges und Romantiſches an ſich hat; und ich weiß nicht, ob ich mich nicht für unſern jungen Freund unter ſolchen Umſtänden mehr intereſſiren würde, als wenn er ein einfacher, armer Vagabund bleibt— was ja Jedermann ſein kann.“ 8)„Unterdeſſen aber wird er immer kränker,“ warf ich ein. „Unterdeſſen aber,“ ſagte Mr. Skimpole fröhlich, „wird er immer kränker, wie Miß Summerſon mit ihrem 118 praktiſchen Verſtande bemerkt. Ich empfehle Ihnen daher an, daß Sie ihn ohne Weiteres hinausſchaffen, ehe er noch kränker wird.“ Ich glaube, ich werde das liebenswürdige Geſicht nie vergeſſen, womit er dieſe Worte ſprach. „Ich kann natürlich, Weibchen,“ bemerkte mein Vor⸗ mund, zu mir gewandt,„ſeine Aufnahme an dem geeig⸗ neten Orte dadurch bewirken, daß ich einfach hingehe, um dieſelbe zu erzwingen, obgleich es ein fataler Zuſtand der Dinge iſt, wenn in ſeiner Lage dieß nothwendig wird. Aber es wird ſpät, und es iſt die Nacht gar un⸗ freundlich, und es iſt der Knabe bereits abgemattet. Es ſteht ein Bett in der geſunden Bodenkammer neben dem Stall; wir thäten beſſer daran, wenn wir ihn dort bis morgen behielten; dann kann man ihn gut einhüllen und fortbringen. Das wollen wir thun!“ „Oh!“ ſprach Mr. Skimpole, mit den Händen auf den Taſten des Pianofortes, wäbrend wir uns entfernten. „Gehen Sie wieder zu unſerem jungen Freunde?“ „Ja,“ ſprach mein Vormund. „Wie ich Sie um ihre Conſtitution beneide, Jarn⸗ dyce!“ verſetzte Mr. Skimpole mit ſcherzhafter Bewun⸗ derung.„Sie machen ſich aus ſolchen Dingen Nichts, und ebenſo wenig macht ſich Miß Summerſon Etwas daraus. Sie ſind zu jeder Zeit parat, irgend wohin zu gehen und irgend Etwas zu thun. So ſtark iſt der Wille! Ich habe gar keinen Willen— und kein Will⸗nicht— ſondern einfach ein Kann⸗ nicht.“ „Sie können vermuthlich Nichts angeben, was für den Knaben gut wäre?“ ſagte mein Vormund, über die Schulter weg halb zornig zurückblickend; ich ſage nur halb zornig, denn er ſchien Mr. Skimpole nie als ein zurechnungsfähiges Weſen anzuſehen. „Mein lieber Jarndyce, ich habe in ſeiner Taſche ein Fläſchchen mit kühlender Arznei bemerkt, und er kann unmöglich etwas Beſſeres thun, als dieſe trinken. Sie 119 können den Leuten ſagen, ſie ſollen ein Bischen Eſſig an dem Orte herumſpritzen, wo er ſchläft, und ſollen die Kammer mäßig kühl, ihn aber mäßig warm erhalten. Aber es iſt durchaus unpaſſend von mir, überhaupt Et⸗ was anzuempfehlen und anzuordnen. Miß Summerſon hat eine ſolche Detail⸗ Kenntniß, und ſolche Fähigkeit in der Adminiſtration von Details, daß ſie alles Nöthige ſchon weiß.“ Wir gingen nun wieder in die Vorhalle hinaus und erklärten Joe, was wir zu thun beabſichtigten, was Charley ihm wieder erklärte, und er mit der matten Gleichgiltigkeit hinnahm, die ich bereits bemerkt hatte, indem er ganz müde dem, was geſchah, zuſah, wie wenn es Jemand anders anging. Da die Dienerſchaft ſeinen jämmerlichen Zuſtand bemitleidete, und vor Verlangen brannte, hilfreiche Hand zu leiſten, ſo gelang es uns bald, die Bodenkammer her⸗ zurichten; und dann trugen ihn, nachdem er ſorgfältig eingehüllt worden, einige von den Dienern über den naſſen Hof hin. Es that Einem wohl, zu bemerken, wie freundlich ſie gegen ihn waren, und wie ſie allgemein zu glauben ſchienen, daß ſie ihm vielleicht wieder Muth machen würden, wenn ſie ihn recht oft einen„alten Bur⸗ ſchen“ hießen. Charley leitete die Operation und lief mit ſolchen Reizmitteln und zu ſeiner Stärkung und Behaglichkeit dienenden Gegenſtänden, die wir ihm zu reichen für paſſend unchſeten zwiſchen der Bodenkammer und dem Hauſe hin und her. Mein Vormund ſelbſt beſuchte ihn, ehe man ihn für die Dauer der Nacht ſich ſelbſt überließ, und berichtete mir, als er in das Brummſtübchen zurückkam, um wegen des Knaben einen Brief zu ſchreiben, den ein Bote mit Tagesanbruch an den betreffenden Ort bringen ſollte, daß der arme Burſche ruhiger zu ſein und ſchlafen zu wollen ſcheine. Man hätte, ſagte er weiter, die Thuͤre außen feſt gemacht, im Falle ſein Zuſtand in ein Delirium über⸗ ginge; indeſſen hätte man es ſo eingerichtet, daß er kein Geräuſch machen könnte, ohne daß daſſelbe gehört würde. Da Ada den Schnupfen hatte, und in unſerem Zim⸗ mer zurückgeblieben war, ſo war Mr. Skimpole während dieſer ganzen Zeit allein bei ihr geblieben, und hatte ſich damit unterhalten, daß er Bruchſtücke von pathetiſchen Arien ſpielte, und bisweilen auch(wie wir in der Ent⸗ fernung hörten) mit vielem Ausdruck und Gefühl dazu ſang. Als wir in den Salon zurückkamen, ſagte er, er wolle uns eine kleine Ballade zum Beſten geben, die ihm bei dieſer Gelegenheit in den Kopf gekommen; und er ſang in überaus köſtlicher Weiſe eine ſolche über einen Bauernjungen, der „Hinausgeſtoßen in die Welt, „Ohn’ Eltern, Freunde, Heimath, „Fortwandern muß von früh bis ſpat, „Den Himmel hat allein zum Zelt.“ Es ſei dieß ein Lied, das ihn ſtets zum Weinen bringe, ſagte er uns. Er war den ganzen übrigen Abend außerordentlich luſtig,„denn er zirpe abſolut,“— dieß waren die Worte, die er in ſeinem Entzücken fand,„wenn er daran denke, von welch' glücklichem Geſchäftstalent er umgeben ſei.“ Er trank, ſein Glas Negus*) leerend, auf„die beſſere Ge⸗ ſundheit unſers jungen Freundes,“ und nahm den Fall an, es ſei derſelbe noch, gleich Whittington, beſtimmt, Lord Mayor von London zu werden. In ſolchem Falle würde derſelbe, fuhr Mr. Skimpole heiter fort, ohne Zweifel die Jarndyce'ſche Inſtitution und die Summerſon’ſchen Almoſenhäuſer, ſowie eine kleine jährliche Corporations⸗ *) Ein Getränk aus Wein, Waſſer, Citronenſaft, Mus⸗ kate, und Zucker: erfunden von einem Oberſten Negus. ——— ge, lich te, ke, i.⸗* Be⸗ an, örd rde fel gen 1s⸗ s⸗ us. 121 pilgerreiſe nach St. Alban's ſtiften. Er zweifle gar nicht daran, daß unſer junger Freund in ſeiner Weiſe ein recht guter Knabe ſei, aber ſeine Weiſe ſei eben nicht die Harold Skimpole'ſche Weiſe; was Harold Skim⸗ pole ſei, habe Harold Skimpole ſelbſt zu ſeiner großen Ueberraſchung gefunden, als er zum erſten Male ſeine eigene Bekanntſchaft gemacht; er habe ſich mit allen ſeinen Fehlern und Mängeln angenommen, und habe es für eine geſunde Philoſophie gehalten, ſo viel Nutzen wie möglich aus dem Handel zu ziehen; und er hoffe, daß wir ein Gleiches thun würden. Charley's letzter Bericht lautete dahin, daß der Knabe ruhig ſei. Ich ſelbſt konnte von meinem Fenſter aus ſehen, daß die Laterne, die ſie bei ihm gelaſſen, ruhig brannte; und ich ging daher zu Bette, ganz glücklich in dend Gedanken, daß er nun wenigſtens ein Obdach ge⸗ unden. Es fand kurz vor Tagesanbruch eine größere Bewe⸗ gung denn ſonſt Statt, und es wurde außergewöhnlich viel geſprochen, ſo daß ich dadurch aufgeweckt wurde. Während ich mich ankleidete, ſah ich zu meinem Fenſter hinaus und fragte einen unſerer Leute, der an dem ver⸗ gangenen Abende ſich ebenfalls durch ſein lebhaftes Mit⸗ gefühl ausgezeichnet hatte, ob im Haus oder in der Nähe deſſelben Etwas vorgefallen, was nicht in der Ord⸗ nung wäre. Die Laterne brannte immer noch am Fenſter der Bodenkammer. „Es iſt der Knabe, Miß,“ ſprach er. „Steht es ſchlimmer mit ihm?“ fragte ich. „Weg, Miß.“ „Todt!“ „Todt, Miß? Nein, weggegan n, d 3 ſchwunden. 6 ggegangen, geradezu ver Um welche Stunde der Nacht, oder wie, oder warum er weggegangen— dieß zu errathen, ſchien ein hoffnungs⸗ loſes Beginnen zu ſein. Da die Thüre unverſehrt ge⸗ 122 blieben war, und die Laterne immer noch am Fenſter ſtand, ſo konnte man nur annehmen, daß er durch eine Fallthüre auf dem Boden entkommen, welche mit einem leeren Karrenſchuppen unten in Verbindung ſtand. War das aber wirklich der Fall geweſen, ſo hatte er dieſe Thüre wieder geſchloſſen; und dabei ſah ſie aus, wie wenn ſie gar nicht aufgezogen worden wäre. Auch fehlte gar Nichts. Nachdem man ſich hievon vergewiſſert, ſo daß in dieſer Hinſicht gar kein Zweifel übrig bleiben konnte, gaben wir uns Alle dem peinlichen Glauben hin, daß während der Nacht ein Delirium über ihn gekommen, und daß er, durch irgend einen imaginären Gegenſtand angelockt, oder von irgend einem imaginären Schrecken verfolgt, in die⸗ ſem überaus hilfloſen Zuſtande hinweggegangen ſei. Wenn ich ſage, wir Alle, ſo nehme ich Mr. Skim⸗ pole aus, der in gewohnter, ruhiger, leichtfertiger Weiſe zu wiederholten Malen die Vermuthung ausdrückte, es ſei unſerem jungen Freunde eingefallen, daß er kein guter Gaſt ſei, indem er ein fatales Fieber habe; und ſo habe er ſich denn mit großer natürlicher Höflichkeit aus dem Staube gemacht. Es wurden alle nur erdenklichen Nachforſchungen angeſtellt, und jeder Ort durchſucht. Es wurden die beiden Ziegelöfen ſammt den Hütten durchſucht; es wur⸗ den die beiden Frauen ganz beſonders gefragt, aber ſie wußten Nichts von ihm, und Niemand konnte daran zweifeln, daß ihre Verwunderung eine ungekünſtelte war. Es war ſeit einiger Zeit zu feuchtes Wetter geweſen, und es hatte während der Nacht ſelbſt zu ſtark geregnet, als daß man hätte daran denken können, Fußſtapfen zu ver⸗ folgen. Hecken, und Gräben, und Mauern, und Heu⸗ und Getreideſchober wurden von unſeren Leuten weit und breit durchſucht, indem man von der Anſicht ausging, es könne der Knabe gefühllos oder todt an einem ſolchen Orte liegen; aber es wurde Nichts bemerkt, was ange⸗ 123 zeigt hätte, daß er je in der Nähe geweſen. Von der Zeit an, wo er in der Bodenkammer gelaſſen wurde, verſchwand er. Die Nachforſchungen dauerten fünf Tage lang fort. Ich will damit nicht ſagen, daß ſie auch jetzt aufhörten, ſondern daß meine Aufmerkſamkeit dann nach einer Rich⸗ tung hingelenkt wurde, die für mich ungemein denkwür⸗ dig geworden iſt. 1 Als Charley Abends wieder auf meinem Zimmer mit Schreiben beſchäftigt war, und ich, mit meiner Ar⸗ beit in der Hand, ihr gegenüber ſaß, fühlte ich, wie der Tiſch zitterte. Ich ſchaute auf, und ſah mein kleines Kammer⸗ mädchen vom Kopf bis zu den Füßen zittern. „Charley,“ ſprach ich,„friert es Dich denn ſo?“ „Ich glaube ja, Miß,“ erwiederte ſie.„Ich weiß nicht, was es iſt. Ich kann nicht ruhig bleiben. Es war mir ſchon geſtern ſo; etwa um die nämliche Zeit, Miß. Seien Sie aber nicht unruhig; ich glaube, ich bin ein Bischen unwohl.“ Ich hörte Ada's Stimme draußen, und ich eilte nach der Thüre hin, welche mein Zimmer und unſer hübſches Wohnzimmer mit einander verband, und ſchloß dieſelbe. Gerade noch zu rechter Zeit; denn ſie klopfte an, wäh⸗ rend meine Hand noch auf dem Schlüſſel ruhte. Ada rief, ich ſolle ſie hineinlaſſen; aber ich ſprach: „Nicht jetzt, meine Liebe. Geh' nur wieder. Die Sache h Nichts zu bedeuten; ich bin in einer Weile ei Dir.⸗ Ach! Es dauerte lange, lange Zeit, bis mein Lieb⸗ ling und ich wieder bei einander ſein konnten. Es wurde Charley krank. Binnen zwölf Stunden wurde ſie ſehr krank. Ich brachte ſie auf mein Zimmer, und legte ſie in mein Bett, und ſetzte mich ruhig hin, um ſie zu pflegen. Ich ſagte meinem Vormund Alles haarklein, und 124 warum ich glaubte, daß ich mich von den Uebrigen ab⸗ ſondern müßte, und vor Allem meinen Liebling nicht mehr ſehen könnte: Anfänglich kam die liebe Ada ſehr oft an die Thüre, und rief mir, und machte mir ſogar unter Schluchzern und Thränen Vorwürfe; aber ich ſchrieb ihr einen lan⸗ gen Brief, worin ich ihr ſagte, daß ſie mich ängſtlich und unglücklich mache, und ſie bat, ſie möchte doch, wenn ſie mich liebte und mich ruhig wiſſen wollte, nur bis zum Garten herkommen. Nun kam ſie unter das Fenſter, ſogar noch öfter, als ſie ſrüher an die Thüre gekommen war; und wenn ich früher, wo wir faſt immer beiſam⸗ men waren, ihre theure, holde Stimme lieben gelernt hatte, wie lernte ich ſie jetzt lieben, wenn ich hinter dem Fenſtervorhange ſtand, ſie anhörte und ihr antwortete, aber nicht einmal hinausſchaute! Wie lernte ich ſie ſpäter lieben, als noch ſchwerere Augenblicke kamen! Man ſchlug in unſerem Wohnzimmer ein Bett für mich auf; und indem ich die Thüre weit offen ſtehen ließ, verwandelte ich die beiden Zimmer in ein einziges, jetzt da Ada dieſen Theil des Hauſes geräumt hatte, und ſorgte beſtändig für friſche und geſunde Luft. Es war ſowohl in dem Hauſe, als in der Nähe deſſelben kein Dienſtbote, der nicht ſo gut geweſen wäre, daß er nicht zu jeder Stunde des Tages oder der Nacht, ohne die geringſte Furcht oder Unwilligkeit, herzlich gern zu mir gekommen ſein würde: aber ich hielt es für das Paſſendſte, eine würdige Frau zu wählen, welche nie Ada ſehen durfte, und von der ich mit allem Vertrauen erwarten konnte, daß ſie immer nur mit der größten Vor⸗ ſicht kommen und gehen würde. So konnte ich denn mich mit meinem Vormunde im Freien ergehen, wenn ich nicht befürchten mußte, daß ich mit Ada zuſammentreffen würde; was die Aufwartung, Pflege, und ſo weiter betrifft, ſo blieb mir Nichts zu wünſchen übrig. Und ſo wurde denn die arme Charley krank, und es 125 wurde immer ſchlimmer mit ihr, und ſie lag viele lange Tage und Nächte ſchwer krank und in Todesgefahr da. Sie war aber ſo geduldig, beklagte ſich ſo wenig, und war von einer ſo holden Seelenſtärke beſeelt, daß ich ſehr oft, wenn ich ſo bei ihr ſaß, und ihren Kopf in meinen Armen hielt,— ſo konnte ſie ausruhen, wenn die Ruhe bei ihr in keiner andern Lage kommen wollte — ein ſtilles Gebet zu unſerem himmliſchen Vater em⸗ porſandte, er möge mich die Lehre nicht vergeſſen laſſen, welche dieſe kleine Schweſter mir gebe. Es war ein ſehr trauriger Gedanke, daß Charley's hübſches Geſicht, ſelbſt wenn ſie wieder aufkäme, ver⸗ ändert und entſtellt werden würde— ſie war ſo ein Kind, mit den Grübchen in ihrem Geſichte— aber dieſer Gedanke wurde zum größten Theile durch ihre größere Gefahr wieder in den Hintergrund gedrängt. Als ihre Krankheit den höchſten Grad erreicht hatte, und ihr Geiſt ſich wieder mit ihrem ſchwer kranken Vater und mit den kleinen Kindern beſchäftigte, kannte ſie mich doch immer noch ſo weit, daß ſie in meinen Armen ruhig war, wenn ſie ſonſt nirgends ruhig liegen konnte, und daß ſie ihre Fieberphantaſien minder ruhelos hermurmelte. In dieſen Augenblicken pflegte ich darüber nachzu⸗ denken, wie ich es je angreifen ſollte, den beiden noch übrigen Kindern zu ſagen, es ſei das Kind todt, dem ſein treues Herz geſagt, ihnen in ihrer Noth eine Mutter zu ſein! Es gab auch andere Augenblicke, wo Charley mich ganz gut erkannte, und mit mir ſprach, und mir unter Anderem ſagte, ſie laſſe Tom und Emma grüßen, und ſei überzeugt, daß aus Tom ein rechtſchaffener Mann werden würde. In ſolchen Augenblicken erzählte Charley mir, wie und was ſie ihrem Vater, ſo gut ſie gekonnt, vorgeleſen, um ihn zu tröſten,— erzählte ſie mir von dem jungen Manne, der habe begraben werden ſollen, und der einzige Sohn ſeiner Mutter, einer Wittwe, ge⸗ 126 weſen ſei;— von der Tochter des Oberſten der Schulen, die auf ihrem Todtenbette von der allgnädigen Hand emporgerichtet worden ſei. Und Charley ſagte mir, daß ſie, als ihr Vater geſtorben, niedergekniet ſei, und in ihrem erſten Schmerze gebetet habe, daß er in gleicher Weiſe emporgerichtet und ſeinen armen Kindern wieder⸗ gegeben werden möchte; und daß, wenn es mit ihr nicht mehr beſſer gehen und ſie ebenfalls ſterben würde, ſie dächte, es wäre wahrſcheinlich, daß es Tom einfallen würde, in gleicher Weiſe für ſie zu beten; dann würde ich Tom zeigen, wie jene Leute in alten Zeiten nur darum auf Erden zu neuem Leben erwachten, damit wir wiſſen möchten, daß wir unſere Hoffnung auf den Himmel ſetzen ollten! Aber in all' den verſchiedenen Perioden von Charley's Krankheit verlor das Kind nie die lieben Eigenſchaften, von denen ich geſprochen. Und es waren derſelben gar viele, wenn ich des Nachts über den letzten hohen Glau⸗ ben an den Schutzengel, und das letzte höhere Gott⸗ vertrauen von Seiten ihres armen verachteten Vaters nachdachte. Und Charley ſtarb nicht. Bange und langſam kam ſie um den gefährlichen Punkt herum, nachdem ſie dort lange feſtgehalten worden war, und dann fing es an, mit ihr beſſer zu werden. Bald fing auch die Hoffnung, die man anfänglich nicht hatte hegen dürfen— die Hoff⸗ nung, Charley in ihrer äußeren Erſcheinung die alte Charley bleiben zu ſehen, an, ermuthigt zu werden; und auch in dieſem Stücke ging Alles gut, und bald ſah ich auch wieder immer mehr ihr altes Kindesgeſicht ſich ausbilden. Es war ein großer Morgen, als ich Ada Alles dieſes ſagen konnte, während ſie draußen im Garten ſtand; und es war ein großer Abend, als Charley und ich end⸗ lich in dem anſtoßenden Zimmer wieder den Thee mit einander tranken. 127 Aber noch an demſelben Abend fühlte ich plötzlich Fieberfroſt. Zum Glücke für uns Beide fing ich erſt dann, als Charley wieder in ihrem Bette lag und ruhig ſchlief, an, zu denken, daß ich von ihr angeſteckt worden. Es war mir zur Theezeit leicht möglich geweſen, das, was ich gefühlt hatte, zu verheimlichen, aber jetzt war ich bereits über dieſen Punkt hinüber; und ich wußte, daß ich immer mehr in Charley's Fußſtapfen trat. Indeſſen fühlte ich mich an dem folgenden Morgen noch ſo wohl, daß ich früh aufſtehen, den fröhlichen Morgengruß, den mein Liebling mir vom Garten herauf⸗ ſchickte, erwidern, und ſo lange wie ſonſt mit ihm ſprechen konnte. Aber es war mir doch ſo halb und halb, als ſei ich während der Nacht ein Bischen verwirrt, obwohl wiſſend, wo ich mich befand, in den beiden Zimmern hin und her gegangen; und zeitenweiſe waren meine Gedanken unklar, wozu ein merkwürdiges Gefühl des Vollſeins kam, wie wenn ich zu dick würde. Am Abende hatte ſich mein Zuſtand bereits ſo ver⸗ ſchlimmert, daß ich beſchloß, Charley darauf vorzu⸗ bereiten. In dieſer Abſicht ſprach ich zu ihr: „Du wirſt jetzt recht ſtark, Charley?“ „O, recht ſtark!“ ſprach Charley. „Wohl ſtark genug, daß man Dir ein Geheimniß ſagen kann?“ „O, ſtark genug zu dem, Miß!“ rief Charley. Aber auf dem Gipfel des Entzückens verdüſterte ſich plötzlich Charley's Geſicht, denn ſie las das Geheimniß in meinem Geſichte. Sie kam aus dem großen Lehnſeſſel heraus, ſank an meinen Buſen, und ſprach:„O, Miß, es iſt meine Schuld! Es iſt meine Schuld!“ und noch vieles Andere, das aus der Fülle ihres dankbaren Herzens floß. „Sollte ich nun, Charley,“ ſprach ich, nachdem ich 128 ſie eine kleine Weile hatte gewähren laſſen,„krank wer⸗ den, ſo ſetze ich, menſchlich geſprochen, meine vornehmſte Hoffnung auf Dich. Und ſo lange Du nicht ſo ruhig und gefaßt in Betreff meiner biſt, wie Du es ſtets in Betreff Deiner warſt, kannſt Du nie meinem Verlangen entſpre⸗ chen, Charley.“ „Laſſen Sie mich nur noch ein Bischen länger wei⸗ nen!“ ſprach Charley.„O Himmel! o Himmel! Laſſen Sie mich doch nur noch ein Bischen länger weinen! O Himmel!“— in welch' liebe⸗ und hingebungsvollem Tone ſie dieſe Worte ſprach, während ſie an meinem Halſe hing, daran kann ich nie ohne Thränen denken—„ich will ja recht gut ſein.“ Und ſo ließ ich den Charley ein Bischen länger weinen, und es war dieß für uns Beide gut. „Und nun verlaſſen Sie ſich gefälligſt auf mich, Miß!“ ſprach Charley ruhig.„Ich höre auf Alles, was Sie ſagen.“ „Vor der Hand beſchränkt ſich das auf ſehr wenig, Charley. Ich will heute Abend Deinem Doctor ſagen, daß ich nicht glaube, ich ſei geſund, und daß Du mich verpflegen werdeſt.“ Das arme Kind dankte mir von ganzem Herzen dafür. „Und ſollte ich morgen, wenn Du Miß Ada im Garten hörſt, nicht ganz im Stande ſein, wie ſonſt an den Fenſtervorhang hinzugehen, ſo gehe dann Du hin, Charley, und ſage, ich ſchlafe— ich ſei ein Bischen müde und ſchlafe. Immer aber halt' das Zimmer ſo ſorgfältig verſchloſſen, wie ich gethan, Charley, und laß ja Nie⸗ mand herein kommen!“ Charley verſprach mir das, und nun legte ich mich nieder, da ich mich ſehr ermattet fühlte. An jenem Abende ſah ich den Doctor, der mir auf meinen Wunſch hin verſprechen mußte, daß er vor der Hand im Hauſe noch Nichts über meine Krankheit ſagen 129 wolle. Wie jene Nacht in Tag und jener Tag wieder in Nacht verſchmolz, davon habe ich nur noch eine ſehr un⸗ beſtimmte Erinnerung; indeſſen war ich doch am erſten Morgen gerade noch im Stande, an das Fenſter hinzu⸗ gehen und mit meinem Liebling zu ſprechen. An dem zweiten Morgen hörte ich draußen die liebe Stimme Ada's— oh, wie theuer war ſie mir nun! Und ich hieß Charley(wenn auch mit einiger Mühe, da es mir nun ſchon ſchwer wurde, zu ſprechen), hingehen und ſagen, daß ich ſchliefe. Und ich hörte Ada leiſe antworten: „Wecke ſie nicht auf, Charley,— um Alles in der Welt nicht!“ „Und wie ſieht denn die liebe Ada aus, Charley?“ fragte ich. „Etwas verdrießlich, Miß,“ ſprach Charley, durch den Vorhang hindurchguckend. „Aber ich weiß, daß ſie heute Morgen recht ſchön iſt.“ „Ja das iſt ſie wirklich, Miß,“ antwortete Charley, wieder guckend.„Sie ſieht immer noch zum Fenſter herauf.“ Mit ihren klaren blauen Augen, die, Gott ſegne ſie! immer am Anmuthigſten waren, wenn ſie ſich ſo emporhoben. Ich rief Charley zu mir her, und band ihr noch Etwas auf die Seele. „Wenn ſie nun weiß, Charley, daß ich krank bin, ſo wird ſie alles Mögliche verſuchen, um in dieſes Zim⸗ mer zu dringen. Laß ſie aber um keinen Preis herein, — halt' ſie fern, wenn Du mich wahrhaft liebſt! Char⸗ ley, wenn Du ſie auch nur ein Mal hereinläſſeſt, um mich auch nur einen Augenblick anzuſchauen, während ich ſo daliege, ſo werde ich ſterben.“ „Nie will ich ſie herein laſſen! Nie will ich das thun!“ verſprach ſie mir. Bleak Honſe. II, 9 13⁰0 „Ich glaube es, meine liebe Charley. Und nun komm', und ſetz' Dich eine kleine Weile zu mir her, und berühre mich mit Deiner Hand; denn ich kann Dich nicht ſehen, Charley; ich bin blind!“ Zweiunddreißigſtes Kapitel. Die verabredete Zeit. Es iſt Nacht in Lincoln's Inn— jenem verworre⸗ nen und unruhigen Thale der Schatten des Jus, wo Proceſſirende im Allgemeinen ſo wenig Licht finden— und ſette Lichter werden in Büreaus ausgeputzt, und Ad⸗ vocatengehilfen ſind die gebrechlichen, hölzernen Treppen hinabgeraſſelt und haben ſich zerſtreut. Die um neun Uhr läutende Glocke läßt ihre zweck⸗ und zielloſen Klagetöne nicht länger hören; es ſind die Thore geſchloſſen und der Nacht Portier, ein feierlich ausſehender Wächter mit gewaltiger Schlafkraft, hält in ſeiner Loge Wache. Von Reihen von Treppenfenſtern her blinzen ver⸗ ſtopfte Lampen,— ähnlich den Augen der Billigkeit,— jenes triefäugigen Argus, bei dem auf jedes Auge eine bodenloſe Taſche kommt, und der auf jede ein Auge ge⸗ heftet hält,— die Sterne trübe an. An ſchmutzigen obern Fenſtern verkünden, da und dort, neblige kleine Lichtſtreifen, wo ein weiſer Concipiſt, oder ein Abtretungs⸗ urkunden ausfertigender Notar ſich noch abmüht, Grund⸗ eigenthum in Maſchen von Schafleder zu verſtricken, wo⸗ bei etwa durchſchnittlich ein Dutzend Schafe auf einen Morgen Landes kommen. ——————,— SO ZzAͤAͤSO——OS — — ᷣ 131 Dieſer mit wahrem Bienenfleiß betriebene Induſtrie⸗ zweig beſchäftigt ſolche Wohlthäter ihres Geſchlechts jetzt noch, obgleich die Kanzleiſtunden vorüber ſind, damit ſie am Ende von jedem Tage gute Rechenſchaft ablegen können. In dem benachbarten Hofe, wo der Lordkanzler vom Lumpen⸗ und Flaſchenladen wohnt, macht ſich ein all⸗ gemeines Streben nach Bier und Abendeſſen bemerklich. Mrs. Piper und Mrs. Perkins, deren reſpective Söhne, mit einem Kreiſe von Bekannten beim Verſteck⸗ ſpiele betheiligt, ſchon ſeit einigen Stunden um die Nebenwege von Chancery Lane her auf der Lauer ge⸗ legen ſind, und die Ebene des benannten Kreuzwegs zum großen Aerger der Vorübergehenden durchflogen haben — Mrs. Piper und Mrs. Perkins alſo haben darüber, daß die Kinder nun endlich glücklich im Bette liegen, Glück⸗ wünſche ausgetauſcht, und verweilen noch einige Augen⸗ blicke auf der Thürſchwelle, um ſich zum Abſchied einige weitere Worte zu ſagen. Mr. Krook und ſein neuer Miethmann, und das Factum, daß Mr. Krook„immer und ewig beſoffen und gar nie nüchtern wird,“ und die teſtamentariſchen Ausſich⸗ ten des jungen Mannes bilden wie gewöhnlich den Stoff ihrer Unterhaltung. Aber ſie haben auch über die har⸗ moniſche Verſammlung im Gaſthauſe zu den Sol's Arms Etwas zu ſagen, wo das Geklingel des Klaviers durch die theilweiſe geöffneten Fenſter hindurch in den Hof hinaus dringt, und wo man den kleinen Swills, nachdem er, gleich einem leibhaftigen Yorick, die Liebhaber der Harmonie in fortwährenden Aufruhr verſetzt und bei nie enden wollendem Gebrüll erhalten hat, jetzt hören kann, wie er bei einem Concertſtücke die Brummſtimme zu über⸗ nehmen ſich anſchickt, und in ſentimentaler Weiſe ſeine Freunde und Gönner beſchwört:„Hören Sie, hören Sie, Faben Sie doch, meine Herren, es kommt nun der Waſſer⸗ all! 132 Mrs. Perkins und Mrs. Piper vergleichen ihre Meinungen in Betreff der jungen, in ihrem Fache be⸗ rühmten Dame, die den harmoniſchen Verſammlungen anwohnt, und die in der geſchriebenen Ankündigung, die am Fenſter ſteckt, einen eigenen Raum einnimmt. Mrs. Perkins will wiſſen, daß dieſelbe, obwohl als Miß M. Melvilleſon, die berühmte Sirene, ankündigt, nun ſchon ſeit anderthalb Jahren verheirathet ſei, und daß ihr Kind jeden Abend heimlich nach den Sol's Arms gebracht werde, um während der geſelligen Unterhaltungen ſeine natürliche Nahrung zu bekommen.„Lieber,“ ſagt Mrs. Perkins,„möchte ich meinen Lebensunterhalt mit dem Verkaufe von Zündhölzchen verdienen.“ Mrs. Piper theilt pflichtgemäß dieſe Meinung, iſt der Anſicht, daß ein Beruf, wo man für ſich allein ſein kann, unendlich beſſer iſt, als aller öffentliche Beifall, und dankt dem Himmel für ihre eigene(und folgerungs⸗ weiſe auch für Mrs. Perkins's) Reſpectabilität. Unterdeſſen iſt der Aufwärter von den Sol's Arms mit der Pinte gehörig ſchaumigen Bieres erſchienen, womit Mrs. Piper ihr Abendeſſen würzt, und die ſo eben genannte Dame nimmt die Kanne entgegen und zieht ſich in ihr Haus zurück, nachdem ſie Mrs. Perkins eine recht gute Nacht gewünſcht,— Mrs. Perkins, die ihre eigene Pinte immer in der Hand gehalten hat ſeit dem Augenblicke, wo dieſelbe aus demſelben Gaſthauſe von dem jungen Perkins geholt worden war, bevor der⸗ ſelbe zu Bett gehen mußte. Und nun läßt ſich im Hofe ein Geräuſch von La⸗ denklappen hören, die ſich ſchließen, und es macht ſich ein Geruch bemerklich, wie wenn Tabak aus Pfeifen geraucht würde; und an obern Fenſtern zeigen ſich Stern⸗ ſchnuppen, die gleichfalls anzeigen, daß man ſich zur Ruhe begibt. Jetzt fängt auch der Polizeidiener an, an die Thüren zu ſtoßen, nachzuſehen, ob Alles gut ge⸗ ſchloſſen iſt, Bündel mit argwöhniſchen Augen anzu⸗ 4† * 133 ſchauen und ſeinen Bezirk unter Zugrundlegung der Hypotheſe zu adminiſtriren, daß Jedermann entweder ſtiehlt oder im Begriffe iſt, beſtohlen zu werden. 1 Es iſt eine trübe, dumpfige Nacht, obgleich die naſſe Kälte auch wieder empfindlich iſt, und es liegt ein träger Nebel in geringer Höhe in der Luft. Es iſt eine feine dunſtende Nacht, um die Schlachthäuſer, die unge⸗ ſunden Gewerbe, die Grundabläſſe, ſchlechtes Waſſer und Kirchhöfe gewinnbringend zu machen, und dem Mann, der die Todesfälle zu regiſtriren hat, eine Ertraarbeit zu geben. Es mag Etwas in der Luft ſein— ja, es iſt viel darin— oder es mag an ihm ſelbſt Etwas ſein, das nicht recht in Ordnung iſt; aber ſoviel iſt ge⸗ wiß, das Mr. Weevle, ſonſt Jobling genannt, ſich recht unbehaglich fühlt. Er kommt und geht wohl zwanzig Mal in einer Stunde von ſeiner Stube nach der offenen Hausthüre herab und umgekehrt. Er hat das, ſeitdem es finſter geworden, gethan. Seitdem der Kanzler ſeinen Laden geſchloſſen, was er heute Abend ſehr früh ge⸗ than, iſt Mr. Weevle, öfter als vorher, hinauf und hinab, und hinab und hinauf gegangen(wobei er eine wohlfeile, dicht anliegende, ſammtene Hausmütze auf dem Kopfe hat, die ſeinem Backenbarte ein ganz ungewöhn⸗ liches Ausſehen gibt). Es iſt nicht zu verwundern, daß auch Mr. Snagsby ſich unbehaglich fühlt, denn er fühlt ſich, mehr oder minder, immer ſo unter dem erdrückenden Einfluſſe des Geheimniſſes, das auf ihm laſtet. Von dem Myſterium getrieben, bei dem er betheiligt iſt, und wovon er doch eigentlich Nichts weiß, ſucht Mr. Snagsby deſſen an⸗ ſcheinenden Urquell— den Lumpen⸗ und Flaſchenladen im Hofe— oft auf. Es hat derſelbe für ihn eine unwiderſtehliche An⸗ ziehungskraft. Selbſt jetzt erſcheint Mr. Snagsby wie⸗ der, indem er an dem Gaſthauſe zu den Sol's Arms herum kommt, in der Abſicht, den Hof hinab und am Ende 134 von Chancery Lane wieder hinaus zu gehen, und ſo ſeine zu⸗ fällige abendliche, zehn Minuten dauernde Promenade von ſeinem Hauſe her und wieder bis zu demſelben zurück zu beendigen. „Wie, Mr. Weevle ²“ ſpricht der Schreibmateria⸗ lienhändler, der ſtehen bleibt, um zu plaudern. „Sie hier?“. „Ja!“ ſpricht Weevle.„Hier bin ich, Mr. Snagsby.“ „Um, gleich mir, ein Bischen friſche Luft zu ſchöpfen, ehe Sie zu Bette gehen?“ fragt der Schreibmaterialien⸗ händler. „Ich könnte nicht ſagen, daß hier viel Luft zu ſchöpfen iſt; und die, welche man hier hat, iſt nicht ſehr erfriſchend,“ antwortet Weevle, den Hof hinauf und hinunter blickend. „Ganuz richtig, Sir! Bemerken Sie nicht auch,“ ſpricht Mr. Snagsby, ein Bischen inne haltend, um ein Bischen Luft in die Naſe zu ſchnüffeln, und dieſelbe zu verſuchen:„bemerken Sie nicht auch, Mr. Weevle, daß— um nicht allzu viele Floskeln zu machen— es ein etwas fettiger Geruch iſt, Sir?“ „Ich ſelbſt habe bemerkt, daß heute Abend ein ſonderbarer Geruch an dieſem Orte verbreitet iſt, ver⸗ ſetzt Mr. Weevle.„Vermuthlich ſind's Coteletten in den Sol's Arms.“ „Coteletten, glauben Sie? Oh!— Coteletten, he?“ Und Mr. Snagsby ſchnüffelt und verſucht abermals. „Wohlan, Sir, ich glaube, Sie haben Recht. Aber ich möchte ſagen, die Köchin im Sol hat es nothwendig, daß man ein Bischen nach ihr ſchaut. Sie hat die Coteletten verbrannt, Sir! Ja, das ſage ich. Und ich glaube nicht,“— Mr. Snagsby ſchnüffelt und verſucht abermals, und ſpeit dann aus, und wiſcht ſich den Mund ab,— ich glaube nicht— um nicht allzu viele Floskeln zu machen— daß die Coteletten ganz friſch waren, als ſie auf den Bratroſt gelegt wurden.“ „Es iſt das recht wahrſcheinlich. Das Wetter iſt von der Art, daß die Sachen gerne verderben.“ „Ja, es iſt ein Wetter, wobei die Sachen verder⸗ ben,“ ſpricht Snagsby;„auch finde ich, daß es mir in allen Nerven ſitzt; ich bin ganz niedergeſchlagen.“— „Bei Sanct Georg! Und ich finde, daß es bei mir Grauſen erweckt,“ entgegnet Mr. Weevle. „Sie leben freilich gar einſam, ſchauen Sie, und in einer einſamen Stube, über der unheimliche Umſtände ſchweben,“ ſpricht Mr. Snagsby, über die Schulter des Andern weg in den finſtern Gang hineinſchauend und dann einen Schritt zurückweichend, um an dem Hauſe hinaufzublicken. „Ich könnte nicht wie Sie in dieſer Stube allein leben, Sir. Es würde mir bisweilen Abends dort ſo unheimlich werden, und ich würde dort zuweilen ſo un⸗ ruhig ſein, daß es mich treiben würde, lieber an die Hausthüre herabzukommen, und hier zu ſtehen, als dort oben zu ſitzen. Aber ich muß auch ſagen, daß Sie in Ihrer Stube nicht geſehen haben, was ich dort geſehen. Das iſt ein kleiner Unterſchied.“ „Oh, ich weiß genug darüber!“ erwidert Tony. „Es iſt das nicht allzu angenehm, nicht wahr?“ fährt Mr. Snagsby fort, ſeinen ſanft überzeugenden Huſten hinter ſeiner Hand huſtend.„Mr. Krook ſollte das in der Hausmiethe berückſichtigen. Hoffentlich thut er das.“ „Hoffentlich thut er es,“ ſpricht Tony.„Aber ich bezweifle es!“ „Sie finden die Hausmiethe wohl hoch, Sir?“ ent⸗ gegnet der Schreibmaterialienhändler.„Die Hausmie⸗ then hier herum ſind hoch. Ich weiß nicht, wie ſich die Sache gerade verhält, aber es ſcheint mir, daß das Jus die Preiſe der Dinge in die Höhe treibt. Nicht als ob ich,“ ſetzt Mr. Snagsby mit ſeinem apologeti⸗ ſchen Huſten hinzu,„auch nur ein Wort gegen den Stand ſagen wollie, durch den ich mein Brod verdiene.“ 136 Mr. Weevle ſchaut abermals den Hof hinauf und hinab, und blickt dann den Schreibmaterialienhändler an. Mr. Snagsby, der gerade dem Auge des jungen Menſchen begegnet, ſchaut nach einem Stern oder ſo Etwas in die Höhe, und läßt einen Huſten hören, der ziemlich deutlich anzeigt, daß er nicht ſo recht einſehe, wie er aus dieſem Geſpräche wieder hinaus kommen könne. „Es iſt ein merkwürdiges Faktum, Sir,“ bemerkte er, ſich langſam die Hände reibend,„daß er—“ „Wer iſt der er?“ unterbricht Mr. Weevle. „Der Verſtorbene, wiſſen Sie,“ ſpricht Mr. Snagsby, den Kopf und die rechte Augenbraue nach der Treppe hin kehrend, und ſeinen Bekannten leicht auf den Knopf ſchlagend. „Ah ſo!“ erwidert der Andere, wie wenn er den Gegenſtand nicht allzu ſehr liebte.„Ich glaubte, wir ſeien mit ihm fertig⸗⸗ „Ich wollte bloß ſagen, es ſei ein merkwürdiges Faktum, Sir, daß er hierher gekommen und hier ge⸗ wohnt und einer meiner Schreiber geweſen, und daß dann Sie hierher kommen und hier wohnen, und auch einer von meinen Schreibern ſind. Ich will damit die⸗ ſes Geſchäft gar nicht herunterſetzen, im Gegentheil,“ ſpricht Mr. Snagsby, plötzlich abbrechend, indem es ihm iſt, als habe er in unhöflicher Weiſe eine Art Ei⸗ genthumsrecht an Mr. Weevle's Perſon geltend machen wollen;„denn ich habe Schreiber gekannt, die Brauereien übernommen und ſich in der That recht gut ge⸗ ſtellt haben. Ja, außerordentlich gut, Sir,“ ſetzt Mr. Snagsby hinzu, der ſo halb und halb ahnt, daß er die Sache keineswegs gebeſſert. „Es iſt wirklich ein merkwürdiges Zuſammentreffen, wie Sie ſagen,“ antwortet Weevle, abermals den Ho hinauf und hinunter ſchauend. 137 „Scheint, das Fatum treibe hier ſein Spiel, nicht wahr?“ meint der Schreibmaterialienhändler. „So iſt es.“. „Ja, ja, ſo iſt es,“ bemerkt der Schreibmaterialien⸗ händler mit ſeinem bekräftigenden Huſten.„Ja, ja, das Fatum treibt hier ſein Spiel. Ja, das Fatum treibt hier ſein Spiel. Wohlan, Mr. Weevle, ich fürchte, ich muß Ihnen nun eine gute Nacht wünſchen:“— Mr. Sunagsby ſpricht in einem Tone, wie wenn es ihm un⸗ endlich leid thue, gehen zu müſſen, obgleich er ſeit dem Augenblicke, wo er im Sprechen inne gehalten, auf Wege und Mittel geſonnen hat, wie er wegkommen könnte; „ſonſt ſchaut mein Weibchen nach mir. Und nun gute Nacht, Sir!“ Wenn Mr. Snagsby nach Hauſe eilt, um ſeinem Weibchen die Mühe zu erſparen, nach ihm zu ſchauen, ſo könnte er deßhalb ganz ruhig ſein. Sein Weibchen hat während dieſer ganzen Zeit, um die Sol's Arms herum, kein Auge von ihm verwendet, und ſchleicht ihm nun, den Kopf in ein Taſchentuch gehüllt, nach. Während ſie vorübergeht, beehrt ſie Mr. Weevle und den Eingang ſeines Hauſes mit einem recht forſchenden Blicke. „Das nächſte Mal werden Sie mich auf jeden Fall kennen, Ma'am,“ ſpricht Mr. Weevle bei ſich;„und ich kann Ihnen kein Compliment machen, was Ihre Erſchei⸗ nung betrifft, wer Sie immer ſein mögen, die Sie den Kopf zu einem Bündel zuſammen gebunden tragen. Kommt denn dieſer Kerl gar nie!“ Dieſer Kerl nähert ſich, während Weevle ſo ſpricht. Mr. Weevle hält ſeinen Finger langſam in die Höhe, zieht ihn ſelbſt in den Gang herein, und ſchließt die Hausthür. Dann gehen ſie miteinander die Treppe hinauf. Mr. Weevle ſchwerfällig und Mr. Guppy(denn der iſt es) ſehr leiſe. 138 Nachdem ſie ſich in dem Hinterzimmer eingeſchloſſen haben, ſprechen ſie leiſe. „Ich glaubte ſchon, Du wäreſt wenigſtens nach Jericho gegangen, anſtatt hieher zu kommen,“ ſpricht Tony. „Ei, ich ſagte ja gegen Zehn!“ „Du ſagteſt gegen Zehn,“ wiederholt Tony.„Ja⸗ Du ſagteſt ſo gegen Zehn. Nach meiner Rechnung aber iſt es zehnmal zehn— iſt es hundert Uhr. Noch nie in meinem Leben habe ich eine ſolche Nacht gehabt!“ „Was hat es denn gegeben?“ „Da haben wir's!“ ſpricht Tony.„Nichts hat es gegeben. Aber hier habe ich in dieſem luſtigen alten Hauſe geſchmort und gedämpft, bis das Grauen mich hageldicht überfiel. Da ſteht ein allerliebſt ausſehendes Licht!“ ſpricht Tony, auf das träge brennende Licht auf ſeinem Tiſche mit dem großen Kohlkopfe und dem langen Grabtuche deutend. „Es läßt ſich das leicht anders machen,“ bemerkt Mr. Guppy, indem er die Lichtputze in die Hand nimmt. „Meinſt Du?“ erwidert ſein Freund.„Nicht ſo leicht, als Du glaubſt. Es hat ſo fort geſchmehlt, ſeit dem es angezündet worden iſt.“ „Ei, was iſt Dir denn, Tony?“ fragt Mr. Guppy, ihn mit der Lichtputze in der Hand anſchauend, während er ſich, den Elbogen auf den Tiſch geſtützt, niederſetzt. „William Guppy,“ verſetzte der Andere.„Es iſt mir ſchlecht, ganz ſchlecht. Es iſt dieſe unerträglich dumpfe, zum Selbſtmord treibende Stube und der alte Teufel drunten, wie ich vermuthe.“ Mr. Weevle ſtößt grämlich die Lichtputzenſchale mit dem Elbogen von ſich weg, ſtützt den Kopf auf eine Hand, ſtellt die Füße auf die Kaminſtülpe und ſchaut das Feuer an. Mr. Guppy beobachtet ihn, ſchüttelt den Kopf ein 139 wenig und ſetzt ſich in behaglicher Haltung auf die andere Seite des Tiſches. „War das nicht Snagsby, der mit Dir geſprochen, Tony?“ „Ja, und zum— ja, es war Snagsby,“ ſpricht Mr. Weevle, die Conſtruction ſeiner Phraſe ändernd. „In Geſchäften?“ „Nein, keine Geſchäfte. Er ſchlenderte nur vorbei, und blieb ſtehen, um einen Augenblick zu plaudern.“ „Ich dachte doch, es müſſe Snagsby ſein,“ ſpricht Mr. Guppy,—„und dachte, es ſei eben ſo gut, wenn er mich nicht ſehe; ich wartete daher, bis er fort war.“ „‚Da haben wir's wieder, William G.!“ ruft Tony einen Augenblick aufſchauend.„So myſteriös und zu⸗ rückhaltend! Bei Sanct Georg! Wären wir gerade im Begriffe, einen Mord zu begehen, ſo könnten wir nicht myſteriöſer thun.“ Mr. Guppy ſtellt ſich, als lächle er, und ſchaut in der Abſicht, dem Geſpräche eine andere Richtung zu geben, mit wirklicher oder verſtellter Bewunderung, die Milch⸗ ſtraßengallerie britiſcher Schönheit an, womit die Stube verziert iſt; er endigt ſeine Muſterung mit dem Porträt von Lady Dedlock uͤber dem Kaminſimſe, wo ſie auf einer Terraſſe, mit einem Fußgeſtell auf der Terraſſe, und einer Vaſe auf dem Fußgeſtell, und ihren Shawl auf der Vaſe, und einem ungeheuren Stücke Pelz auf dem Shawl, und einen Arm auf dem ungeheuren Stücke Pelz, und einem Bracelet am Arme, dargeſtellt iſt. „Es ſieht das Lady Dedlock ſehr ähnlich,“ ſpricht Mr. Gnppy.„Es iſt ſprechend ähnlich.“ „ Ich wollte, es wäre dem ſo,“ brummt Tony, ohne ſeine Stellung zu verändern.„Dann hätte ich wenigſtens einige faſhionable Unterhaltung hier.“ Als Mr. Guppy jetzt findet, daß ſein Freund auf dieſe Weiſe ſchlechterdings nicht umgänglicher werden will, 140 ſo greift er zu einem andern Mittel, und verweist ihm ſein ungeſelliges Weſen. „Tony,“ ſpricht er,„ich kann Niedergeſchlagenheit unter gewiſſen Umſtänden entſchuldigen, denn Niemand weiß beſſer, als ich, wie ſchwer dieſelbe auf Einem laſten kann; und Niemand hat vielleicht ein beſſeres Recht, das zu wiſſen, als ein Mann, der eine nicht ganz glückliche Liebſchaft hat. Aber es hat Alles ſeine Grenzen, und insbeſondere hier, wo eine ganz unſchuldige Perſon in Frage iſt, und ich will Dir nur hiemit ſagen, Tony, wie ich nicht glaube, daß Dein Benehmen bei dieſer Ge⸗ legenheit gaſtfreundſchaftlich oder ganz gentlemänniſch iſt.“ „Es iſt das eine ſtarke Sprache, fürwahr, William Guppy,“ entgegnet Mr. Weevle. „Sir, es mag das ſein,“ verſetzt Mr. William Guppy, „aber ich fühle lebhaft, wenn ich dieſelbe führe.“ Mr. Weevle gibt zu, daß er Unrecht gehabt, und bittet Mr. William Guppy, nicht weiter daran zu denken. Mr. William Guppy aber, der ſo in Vortheil gekommen, kann den Gegenſtand nicht ſo ohne Weiteres ruhen laſſen, ohne noch durch einige verweiſende Worte zu zeigen, wie ſehr er gekränkt worden. „Nein! Weg damit, Tony,“ ſagt der letztgenannte Herr,„Du ſollteſt wirklich Dich mehr in Acht nehmen, die Gefühle eines Mannes zu verwunden, der eine nicht ganz glückliche Liebſchaft hat,— der nicht ganz glücklich in denjenigen Saiten iſt, welche bei den zarteſten Ge⸗ müthsbewegungen vibriren. Du, Tony, beſitzeſt in Dir ſelbſt Alles das, was das Auge bezaubern und den Ge⸗ ſchmack ködern kann. Es iſt nicht— vielleicht zum Glücke für Dich, und ich wünſche vielleicht, daß ich ein Gleiches ſagen könnte— es iſt nicht Deine Rolle, um eine ein⸗ zige Blume her zu ſchweben; der ganze Garten ſteht Dir offen, und Deine leichten Schwingen tragen Dich über denſelben hin. Und doch, Tony, ſei es fern, fern von mir, ſelbſt Deine Gefühle ohne Urſache zu verwunden 14* 4 9 1 2 4 141 Tony bittet abermals, daß der Gegenſtand nicht weiter verfolgt werden möchte, und ſagt emphatiſch: „William Guppy, laß das nun gehen!“ Mr. Guppy willigt ein mit der Antwort: „Nie würde ich, Tony, von ſelbſt dieſen Gegenſtand zur Sprache gebracht haben.“ „Und nun,“ ſpricht Tony, das Feuer ſchürend, „wollen wir über den bewußten Pack Briefe ſprechen. Iſt es nicht recht ſeltſam von Krook, daß er die Mitter⸗ nachtsſtunde von heute bezeichnet hat, um dieſelben mir zu übergeben?“ „Recht ſeltſam. Warum hat er das gethan?“ „Warum thut er überhaupt Etwas? Er weiß es nicht. Sagte, es ſei heute ſein Geburtstag, und er wolle ſie mir heute Nacht um zwölf Uhr einhändigen. Bis dahin wird er ſich blind geſoffen haben. Er hat den ganzen Tag darauf losgetrunken.“ „Hoffentlich wird er doch nicht vergeſſen haben, daß er Dich beſtellt?“ „Er— vergeſſen? Was das betrifft, kannſt Du ruhig ſein. Er vergißt nie Etwas. Ich habe ihn heute Abend gegen acht Uhr geſehen— habe ihm ſeinen Laden ſchließen helfen— und da hatte er ſchon die Briefe in ſeiner haarigen Kappe. Er nahm dieſe ab, und zeigte mir die Briefe. Als der Laden geſchloſſen war, nahm er ſie aus ſeiner Kappe heraus, hing dieſe an die Stuhl⸗ lehne, ſtellte ſich vor das Feuer hin, und beſah die Briefe von allen Seiten. Eine kleine Weile darauf hörte ich ihn, durch dieſen Boden hindurch, nach Art des Windes das einzige Lied ſummen, das er weiß— ein Lied, von Bibo, und dem alten Charon, und wie Bibo betrunken geweſen, als er geſtorben, oder ſo Etwas. Seit dieſem Augenblicke iſt er ſo ſtill geweſen, wie eine alte Ratze, die in ihrem Loche ſchläft.“ „Und Du ſollſt alſo um zwölf Uhr hinuntergehen?“ 8* 5 14² „Um zwölf Uhr. Und wie ich Dir ſchon geſagt, als Du kamſt, es ſchien mir hundert Uhr zu ſein.“ „Tony,“ ſpricht Mr. Guppy, nachdem er mit ge⸗ kreuzten Beinen ein Bischen nachgedacht hat,„er kann noch nicht leſen, oder?“ „Leſen! Der kommt nicht mehr bis zum Leſen. Er kann zwar alle Buchſtaben einzeln machen, auch kennt er die meiſten von denſelben einzeln, wenn er ſie ſieht. So viel hat er bei mir profitirt; aber kann ſie nicht zuſam⸗ menſetzen. Er iſt zu alt, um das jetzt lernen zu können — und auch dem Trunke zu ſehr ergeben.“ „Tony,“ ſpricht Mr. Guppy die Beine entkreuzend und dann wieder kreuzend;„wie glaubſt Du wohl, daß er den Namen Hawdon buchſtabirt habe?“ „Er hat denſelben nie buchſtabirt. Du weißt, welch' merkwürdiges Auge er hat, und wie er ſich darin geübt hat, Sachen bloß anzuſehen und dann zu copiren. Er hat ihn nachgeahmt— offenbar nach der Adreſſe eines Briefes und dann hat er mich gefragt, was das Wort bedeute.“ „Tony,“ ſpricht Mr. Guppy, die Beine abermals entkreuzend und wieder kreuzend;„meinſt Du, es ſei das Original die Handſchrift eines Mannes oder die eines Frauenzimmers geweſen?“ „Die eines Frauenzimmers. Fünfzig gegen eines, die einer Lady— bedeutend ſchräg, und das Ende des Buchſtabens ne, lang und haſtig.“ Mr. Guppy hat während dieſes Zwiegeſprächs an ſienem Daumennagel gekaut, und dabei in der Regel den Daumen gewechſelt, wenn er das gekreuzte Bein ge⸗ wechſelt. Gerade in dem Augenblicke, wo er im Begriffe iſt, dieß wieder zu thun, fällt ſein Blick zufällig auf ſeinen Rockärmel. Es feſſelt derſelbe ſeine Aufmerkſ keit. Er ſtarrt ihn erſchrocken, leichenblaß an. „Ei, Tony, was in alter Welt geht heute Abend in 143 dieſem Hauſe vor? Brennt es denn in einem Schorn⸗ ein?“ 3„Brennt es in einem Schornſtein!“ „Ah!“ verſetzt Mr. Guppy.„Sieh doch, wie der Ruß herunter fällt! Sieh her, auf meinen Arm! Und ſieh doch dort auf den Tiſch hin! Zum Teufel mit dem Zeug, es läßt ſich nicht wegblaſen,— es klebt an, wie ſchwarze Schmiere! Sie blicken einander an, und Tony geht horchend nach der Thüre hin, und ein Bischen die Treppe hinauf, und ein Bischen die Treppe hinunter. Er kommt zurück und meldet, es ſei Alles in Ordnung und Alles ruhig und erwähnt der Bemerkung, die er heute Abend gegen Mr. Snagsby gemacht hat,— der Bemerkung, daß man in den Sol’s Arms Coteletten koche. „Und dann,“ fährt Mr. Guppy fort, indem er mit merkwürdigem Abſcheu ſeinen Rockärmel immer noch an⸗ ſchaut, während ſie ihr Geſpräch vor dem Feuer fortſetzen und auf entgegengeſetzte Seiten des Tiſches ſich ſtützen, ſo daß ihre Köpfe ganz nahe bei einander ſind,—„hat er Dir alſo geſagt, daß er den Pack Briefe aus dem Koffer ſeines Miethmanns genommen?“ „Ja, da war es, Sir,“ antwortet Tony, ſeinen Backenbart ein Bischen ordnend.„Darauf ſchrieb ich ein Paar Zeilen an meinen lieben jungen Burſchen, den ehrenwerthen William Guppy, benachrichtigte ihn von der heute Nacht Statt habenden Zuſammenkunft, und rieth ihm, nicht früher hieher zu kommen, indem Boguey*) ein ſchlauer Kamerad ſei.“ Der leichte, lebhafte Ton faſhionablen Lebens, wo⸗ durch Mr. Weevle ſich gewöhnlich bemerklich macht, ſteht ihm heute Abend ſo übel an, daß er ihn und ſeinen Backenbart zugleich aufgibt; und nachdem er über die *) Boguey= Teufel; hier für Krook. 144 Schulter weggeſehen, ſcheint er wieder ganz von Grauen erfaßt zu ſein. „Du ſollſt die Briefe bekommen, um ſie auf Deinem Zimmer zu leſen und zu vergleichen, ſo daß Du im Stande biſt, ihm Alles in Betreff derſelben zu ſagen. Das iſt ausgemacht worden, nicht wahr, Tony?“ fragt Mr. Guppy unruhig an ſeinem Daumennagel kauend. „Du kannſt nicht zu leiſe ſprechen. Ja, das iſt zwiſchen uns verabredet worden.“ „Ich will Dir was ſagen, Tony—“ „Du kannſt nicht zu leiſe ſprechen,“ ſpricht Tony abermals. Mr. Guppy nickt mit ſeinem klugen Kopfe, ſtreckt denſelben noch näher, und verfällt in ein Flüſtern. „Ich will Dir was ſagen. Das Erſte, was Du zu thun haſt, iſt, daß Du ein anderes Packet machſt, ähnlich dem ächten, ſo daß Du ihm das unächte vorweiſen kannſt, im Fall er das ächte zu ſehen verlangen ſollte, ſo lange es in meinem Beſitze iſt.“. „Wenn er aber nun die Unächtheit des andern ent⸗ deckt, ſobald er es ſieht,— was bei ſeiner ſcharfpacken⸗ den Schraube von einem Auge wohl fünfhundert Mal wahrſcheinlicher iſt, als nicht,— was iſt dann zu machen?“ fragt Tony. „Wohlan, dann fechten wir eben die Sache kühn aus. Sie gehören ihm nicht, und haben ihm nie gehört. Du haſt das ausfindig gemacht, und Du haſt ſie mir zugeſtellt— mir, einem Deiner rechtsverſtändigen Freunde, — um ſie in Sicherheit zu bringen. Zwingt er uns da⸗ zu, ſo kann man ſie vorweiſen, nicht wahr?“ „J— a,“ gibt Mr. Weevle etwas ungern zu. „Ei, Tony,“ remonſtrirt ſein Freund,„wie Du ausſiehſt! Du zweifelſt doch nicht an William Guppy? Du ſetzeſt doch kein Mißtrauen in ihn, und argwöhnſt doch nicht, es könne irgend ein Nachtheil daraus ent⸗ ſtehen?“ ☛ n—& ʃ5☛ 145 „Ich argwöhne nicht mehr, als ich weiß, William,“ verſetzt der Andere ernſt. „Und was weißt Du denn?“ ſpricht Mr. Guppy, und erhebt dabei die Stimme ein Bischen; als aber ſein Freund ihn wiederholt warnt:„Ich ſage Dir, Du kaunſt nicht zu leiſe ſprechen,“ wiederholt er ſeine Frage, ohne allen und jeden Laut, ſondern bildet nur mit den Lippen die Worte:„Was weißt Du denn?“ „Ich weiß Dreierlei. Erſtlich weiß ich, daß wir, ein Verſchwörerpaar, heimlich mit einander flüſtern.“ „Gut!“ ſpricht Mr. Guppy,„und es iſt beſſer, wenn wir das, als wenn wir ein Paar Einfaltspinſel ſind, wozu wir uns machen würden, wenn wir etwas Anderes thäten; denn es iſt dieß der einzige Weg, das zu thun, was wir thun wollen. Und nun zweitens?“ „Zweitens iſt es für mich noch nicht gewiß, wie die Sache am Ende für uns von Nutzen ſein kann.“. Mr. Guppy hebt die Augen zu dem Portrait von Lady Dedlock über dem Kaminſimſe empor, und er⸗ wiedert: „Tony, ich muß Dich erſuchen, dieß der Ehren⸗ haftigkeit Deines Freundes zu überlaſſen. Zudem ſoll damit Deinem Freunde in denjenigen Saiten des meuſch⸗ lichen Herzens gedient werden, die— die bei dieſer Ge⸗ legenheit nicht in peinliche Vibration geſetzt zu werden brauchen,— glaube mir, es iſt Dein Freund kein Thor. Doch horch! Wie viel ſchlägt's da?“ „Es ſchlägt auf der St. Paulskirche elf. Horch, und Du wirſt in einem Augenblicke alle Glocken in der City unharmoniſch genug ertönen hören.“ Es ſitzen Beide da und hören den rohen und fernen Metallſtimmen zu, die von Thürmen von verſchiedener Höhe und in Tönen erklingen, die noch mannigfaltiger ſind, als ihre gegenſeitige Lage. Nachdem endlich dieſe Stimmen wieder verſtummt Bleak Houſe. III. 10 4 146 ſind, ſcheint Alles noch myſteriöſer und ruhiger, denn zu⸗ vor. Ein unangenehmes Reſultat des Flüſterns iſt der Umſtand, daß es eine Atmoſphäre der Stille hervorzu⸗ rufen ſcheint, worin die Geiſter des Schalles ſpuken— ein ſeltſames Krachen und Ticken, das Raſcheln von Kleidern, die nichts Subſtanzielles an ſich haben, und der Tritt Schrecken erregender Füße, die auf dem See⸗ ſande oder in dem Winterſchnee keine Spur zurücklaſſen würden. Es ſind die beiden Freunde zufällig ſo empfindſam, daß die Luft ihnen voll von dieſen Phantomen iſt; und es blicken die Beiden, wie in Folge einer Verabredung, über die Schultern weg, um zu ſehen, ob die Thüre auch wirklich geſchloſſen iſt. „Ja, Tony?“ ſagt Mr. Guppy, näher zu dem Feuer hinrückend, und an ſeinem unſtäten Daumennagel kauend.„Du wollteſt ſagen, drittens?“ „Es iſt ganz und gar nicht angenehm, in Betreff eines Todten gerade in dem Zimmer zu complottiren, wo derſelbe geſtorben iſt,— und es iſt dieß beſonders unangenehm, wenn man zufällig dieſes Zimmer be⸗ wohnt.“ „Aber wir complottiren ja nicht gegen ihn, Tony.“ „Das mag ſein, aber dennoch thue ich es nicht gerne. Wohn ein Mal hier allein, und ſieh dann, wie Dir die Sache gefällt!“ „Was Todte betrifft, Tony,“ fährt Mr. Guppy, dieſem Vorſchlage ausweichend, fort,„ſo hat es wohl in faſt allen Zimmern ſchon ſolche gegeben.“ „Ich weiß das nicht; aber in faſt allen Zimmern läßt man ſie gehen, und dann laſſen ſie Einen auch gehen,“ verſetzt Tony. Es ſehen die Beiden einander wieder an. Mr. Guppy bemerkt in der Eile, wie es möglich ſei, daß ſie dem Verſtorbenen einen Dienſt erweiſen, ja, wie er das ſogar glaube und hoffe. — 147 Hier tritt eine peinliche Pauſe ein, bis der plötzlich das Feuer ſchürende Mr. Weevle Mr. Guppy zuſammen⸗ fahren macht, wie wenn, anſtatt des Feuers, ſein Herz geſchürt worden wäre. „Pfui! Da hängt noch mehr von dieſem abſcheu⸗ lichen Ruß herum!“ ſpricht er.„Wir wollen das Fen⸗ ſter ein Bischen aufmachen, und einen Mund voll friſche ußt zu bekommen ſuchen. Es iſt hier zu dumpfig, zu ſchwül.“ Er hebt das Schiebfenſter empor, und Beide ruhen auf der Fenſterbank, halb und halb außer dem Zimmer. Die benachbarten Häuſer ſind zu nahe, als daß die beiden Freunde Etwas vom Himmel ſehen könnten, ohne die Hälſe ſchwanenartig zu verlängern und in die Höhe zu ſchauen; aber die Lichter, die da und dort an trüben Fenſtern erſcheinen, und das Rollen ferner Wagen, und der neue Ausdruck, den die Bewegung und das Treiben deh Menſchen annimmt, haben für ſie etwas Behag⸗ iches. Mr. Guppy ſchlägt ganz ſanft auf die Fenſterbank, und fängt ganz in leichtem Komöͤdientone ſein Geflüſter wieder an. „Beiläufig bemerkt, Tony, vergiß den alten Small⸗ weed nicht!“— er meint damit Smallweed den Jün⸗ gern.—„Ich habe ihn, weißt Du, in dieſes Geheimniß nicht eingeweiht. Sein Großvater iſt mir viel zu pfiffig. Es ſteckt dieß bei ihnen ſo im Geblüt.“ „Ich weiß es wohl,“ ſpricht Tony.„Ich habe das Alles los.“ „Und was nun Krook betrifft!“ hebt Mr. Guppy wieder an.„Glaubſt Du, er beſitze wirklich noch andere wichtige Papiere, wie er ſich gegen Dich gerühmt, ſeit⸗ dem ihr ſolche Verbündete geweſen?“ Tony ſchüttelt den Kopf und ſagt: „Ich weiß es nicht. Kann mir es nicht denken. Führen wir dieſe Geſchichte durch, ohne ſeinen Argwohn 148 zu erregen, ſo werde ich ohne Zweifel beſſer unterrichtet ſein. Wie kann ich, ohne die Papiere vorher zu ſehen, es wiſſen, da er ſelbſt es nicht weiß? Er buchſtabirt immer Worte daraus, und kreidet ſie auf den Tiſch und an die Ladenwand, und fragt, was Dieß und was Jenes ſei; aber ſein ganzer Vorrath kann, von Anfang bis zu Ende, gar leicht das Maculatur ſein, wofür er die Pa⸗ piere gekauft. Etwas Poſitives kann ich Dir darüber nicht ſagen. Nur ſo viel iſt gewiß, daß es bei ihm zur Monomanie geworden iſt, zu glauben, er ſei im Beſitze von Documenten. Nach dem, was er mir geſagt, wäre ich verſucht, zu glauben, daß er ſeit dem letzten Viertel⸗ jahrhunderte ſich es hat angelegen ſein laſſen, dieſelben leſen zu lernen.“ „Wie iſt er aber wohl zuerſt auf dieſe Idee ge⸗ kommen? Das iſt die Frage,“ ſagt Mr. Guppy nach einigem torenſiſchen Nachdenken, während eines ſeiner Augen geſchloſſen iſt.„Er kann Papiere gefunden haben in Etwas, das er gekauft, und wo man ſolche Papiere nicht vermuthete; auch kann der ſchlaue Kerl aus der Art und dem Orte ihrer Verbergung geſchloſſen haben, daß dieſelben Etwas werth ſein müſſen.“ „Oder aber kann er bei einem vermeintlichen guten Kaufe betrogen worden ſein. Auch das iſt möglich, daß er durch ein langes Anſtieren deſſen, was er hat, und durch vieles Trinken, und durch fleißiges Beſuchen des Kanzleigerichtshofs, und dadurch, daß er immer von Do⸗ cumenten gehört hat, benebelt und verwirrt worden iſt,“ entgegnet Mr. Weevle. Mr. Guppy ſitzt auf der Fenſterbank, nickt mit dem Kopfe, wägt alle dieſe Möglichkeiten ab, und fährt fort, gedankenvoll auf dieſelbe zu ſchlagen, und ſie anzufaſſen, und mit der Hand zu meſſen, bis er letztere haſtig wegzieht. „Was, in des Teufels Namen, iſt denn das?“ ſagt er mit einem Male.„Sieh doch meine Finger an!“ 149 Eine dicke, gelbe Flüſſigkeit, die für Finger und Geſicht ekelhaft, für die Naſe aber noch ekelhafter iſt, beſudelt dieſelben. Es iſt ein ſtockendes, Ekel erregendes Oel,— ein Oel, das etwas ganz beſonders Widriges an ſich hat:— das macht ſie ſchaudern. „Was, in aller Welt, haſt Du hier gemacht? Was, in aller Welt, haſt Du zum Fenſter hinausgeſchüttet.“ „Ich zum Fenſter hinausgeſchüttet? Nichts— ich ſchwöre es! Nie, ſo lange ich hier bin!“ ruft der Mieth⸗ mann. „Und doch ſchau hierher— und ſchau dahin! Als er das Licht her bringt, ſo tröpfelt und kriecht es hier, aus der Ecke der Fenſterbank, langſam an den Backſteinen hinab; dort liegt eine kleine, dicke, ekelhafte Pfütze. „Es iſt dieß ein entſetzliches Haus,“ ſpricht Mr. Guppy, das Fenſter wieder zumachend.„Gib mir Waſſer, ſonſt ſchneide ich mir die Hand ab!“ Er wäſcht, und reibt, und fegt, und wäſcht ſo lange, daß er ſich noch nicht lange mit einem Gläschen Brannt⸗ wein reſtaurirt und ſtill vor dem Feuer geſtanden hat, als es auf der St. Paulskirche zwölf Uhr ſchlägt, und alle andern Glocken von ihren Thürmen, aus verſchie⸗ denen Höhen herab, in der Finſterniß und in ihren mancherlei Tönen zwölf ſchlagen. Nachdem Alles wieder ruhig geworden iſt, ſpricht der Miethmann: „Endlich iſt die verabredete Zeit da. Soll ich gehen?“ Mr. Guppy nickt mit dem Kopfe, und wünſcht ihm, mit einem ſanften Schlage auf den Rücken, Glück zu ſeinem Beginnen; jedoch nimmt er dazu nicht die ge⸗ waſchene Hand, obgleich es ſeine Rechte iſt. Mr. Weevle geht die Treppe hinunter, und Mr. Guppy ſucht ſich vor dem Feuer darauf gefaßt zu ma⸗ chen, daß er lange zu warten habe. Aber es ſteht keine zwei Minuten oder vielleicht keine einzige Minute 150 an, da kracht die Treppe, und es kommt Tony herein gerannt. „Haſt Du ſie 2 „Ob ich ſie habe? Nein, der alte Mann iſt nicht da.“ 9 Während dieſer kurzen Zwiſchenzeit hat ihn ein ſo entſetzlicher Schrecken erfaßt, daß auch der Andere da⸗ 8 angeſteckt wird, der auf ihn zuſtürzt und laut ragt: „Was iſt's?“ „Ich konnte ihn nicht zum Hören bringen, machte ſachte die Thüre auf, und ſchaute hinein. Und der Brand⸗Geruch iſt drinnen— und der Ruß iſt drin⸗ nen— und das Oel iſt drinnen— und er iſt nicht drinnen!“ Tony endigt mit einem Geſtöhn. Mr. Guppy nimmt nun das Licht. Sie gehen, mehr todt als lebend, hinunter, und ſtoßen, einander haltend, die Thür der Hinterbude auf. Es hat die Katze ſich dicht an dieſe Thüre zurück⸗ gezogen, und ſteht da, und knurrt— nicht ſie, ſon⸗ dern Etwas, was vor dem Feuer auf dem Bodeu liegt, an. In dem Kaminroſte bemerkt man nur noch ſehr we⸗ nig Feuer; aber in der Stube herrſcht ein dichter, er⸗ ſtickender Dunſt, und an Wänden und Zimmerdecken läßt ſich ein ſchwarzer, ſchmieriger Ueberzug bemerken, Stühle und Tiſch, ſowie die auf dem Tiſche ſo ſelten fehlende Flaſche— Alles ſteht wie ſonſt da. Auf einer Stullehne hängt die haarige Kappe des alten Mannes ſammt deſſen Rock. „Schau!“ flüſtert der Miethmann, mit zitterndem Finger die Aufmerkſamkeit ſeines Freundes auf dieſe Gegenſtände lenkend.„Ich ſagte Dir das. Als ich ihn zum letzten Male ſah, nahm er die Kappe ab, zog das kleine Packet alter Briefe hervor, und hängte ſeine — 15⁵¹ Kappe auf die Stuhllehne— ſein Rock war ſchon dort, denn er hatte denſelben ausgezogen, ehe er ſich an⸗ ſchickte, die Läden zuzumachen— und als ich ihn ver⸗ ließ, drehte er die Briefe in der Hand um, und ſtand gerade da, wo das zerbröckelte ſchwarze Ding auf dem Boden liegt.“ Hängt er irgendwo? Sie ſchauen auf. Nein. „Sieh hieher!“ flüſtert Tony.„Neben dem näm⸗ lichen Stuhle liegt ein ſchmutziges Stück von einer dün⸗ nen rothen Schnur, womit man gewöhnlich Federkiele zuſammenbindet. Dieſe Schnur war um die Briefe her gewunden. Er machte die Schnur langſam los, und ſchielte, und lachte mich an, ehe er anfing, die Briefe umzudrehen, und warf die Schnur dorthin. Ich ſah ſie auf den Boden fallen.“ „Was hat denn die Katze?“ ſpricht Mr. Guppy. „Sieh ſie nur an!“ „Sie iſt verrückt, wie ich glaube. Und es wäre deß wahrlich kein Wunder an einem ſo unheimlichen rte.“¹ Sie gehen langſam weiter vor, und ſchauen alle dieſe Dinge an. Die Katze bleibt da, wo ſie ſie gefun⸗ den, und es knurrt dieſelbe immer noch das Etwas an, das vor dem Feuer und zwiſchen den beiden Stühlen auf dem Boden liegt. Was iſt das? das Licht in die Höhe gehalten! Hier iſt keine verbrannte Stelle im Fußboden; hier iſt der Ueberreſt von einem kleinen Packe verbrannten Papiers, aber es iſt derſelbe nicht ſo leicht wie gewöhn⸗ lich, indem er in Etwas getaucht zu ſein ſcheint und hier iſt— iſt der Ueberreſt eines kleinen verkohlten und zerbrochenen, mit weißer Aſche beſtreuten Holzklotzes,— oder iſt es Kohle? O Grauſen, er iſt hier! Und es iſt dieß Alles, was ihn noch repräſentirt. Die Beiden rennen davon, auf die Gaſſe hinaus, 152 wobei ihnen das Licht ausgeht und ſie einander zu Bo⸗ den werfen. Hilfe, Hilfe, Hilfe! Ums Himmelswillen kommet doch in dieſes Haus herein! Und es kommen viele Menſchen herein, aber es vermag Niemand zu helfen. Der Lordkanzler dieſes Hofes iſt, ſeinem Titel in dieſem ſeinem letzten Acte treu, ge⸗ ſtorben des Todes aller Lordkanzler in allen Höfen, und aller Autoritäten an allen beliebigen Orten, wo man ſich ausgibt für das, was man nicht iſt, und wo Un⸗ gerechtigkeit verübt wird. Es nenne Ew. Hoheit den Tod, wie ſie wolle,— es ſchreibe dieſelhe ihn zu, wem ſie wolle, oder es ſage dieſelbe, er hätte auf dieſe oder jene Weiſe verhindert werden können:— es iſt immer und ewig derſelbe Tod— angeboren, erzeugt in den verdorbenen Säften des verdorbenen Körpers ſelbſt, und nur das allein,— ſpontane Verbrennung, und keine andere von allen den Todesarten, denen ein lebendes Weſen unterworfen ſein kann. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Schleichhändler. Es erſcheinen nun wieder die zwei Herren, die bei der letzten Coroner's Inqueſt in den Sol's Arms erſchie⸗ nen und ſich nicht eben durch ihre Reinlichkeit an Auf⸗ ſchlägen und Knöpfen auszeichneten, mit erſtaunlicher Geſchwindigkeit in dem Diſtrict(indem dieſelben von dem thätigen und intelligenten Büttel, der ſich dabei ———-—,——, 8 8— 15⁵3 außer Athem läuft, herbeigeholt worden ſind), und es ſtellen dieſelben im ganzen Hofe Nachſuchungen an, und treten in das Parlour des Gaſthauſes zu den Sol's Arms; und ſchreiben mit gierigen kleinen Federn auf Seidenpapier. Jetzt ſchreiben ſie, noch in der Nacht, nieder, wie die Nachbarſchaft von Chancery Lane ge⸗ ſtern, etwa um Mitternacht, durch folgende beunruhi⸗ gende und gräßliche Entdeckung in einen Zuſtand der ge⸗ waltigſten Aufregung verſetzt worden. Jetzt ſetzen ſie auseinander, wie man ſich ohne Zweifel noch erinnere, daß vor einiger Zeit eine peinliche Senſation nuter dem Publicum erregt worden durch einen myſteriöſen Tod in Folge von Opiumgenuß,— einen Tod, der in dem erſten Stockwerke des Hauſes vorgefallen, wo ein excen⸗ triſches, durch ſeine Unmäßigkeit bekanntes, ſchon be⸗ tagtes Individuum, Namens Krook, einen Lumpen⸗, Flaſchen⸗, und für Schiffsbedürfniſſe aller Art beſtimm⸗ ten Laden gehalten; und wie, in Folge eines merkwür⸗ digen Zuſammentreffens, Krook bei der genannten, vom Coroner geleiteten Unterſuchung vernommen worden, die, wie man ſich noch erinnern werde, bei dieſer Gelegenheit in den Sol's Arms, einer gut gehaltenen Taverne, in der unmittelbaren Nähe des fraglichen Hauſes, auf der Weſtſeite, wo ein höchſt achtbarer Gaſtgeber, Mr. Ja⸗ mes George Bogsby, wirthſchafte, vorgenommen wor⸗ den. Jetzt zeigen ſie(in ſo viel Worten wie nur mög⸗ lich), wie während einiger Stunden geſtern Abend ein recht eigenthümlicher Geruch von den Bewohnern des Hofs bemerkt worden, wodurch ſich das tragiſche Ereig⸗ niß verrathen, das den Gegenſtand des dermaligen Be⸗ richts bilde; welcher Geruch, ſo bemerken ſie, ein Mal ſo ſtark geweſen, daß Mr. Swills, ein komiſcher, von Mr. J. G. Bogsby engagirter Sänger, unſerem Be⸗ richterſtatter ſelbſt erklärt hat, er habe gegen Miß M. Melvilleſon, eine Dame von wohl bekanntem muſikali⸗ ſchem Rufe, die von Mr. J. G. Bogsby gleichfalls 15⁵54 engagirt worden, um eine Reihe von Concerten, harmo⸗ niſche Verſammlungen oder Zuſammenkünfte genannt, zu ſingen, welche in dem Gaſthauſe zu den Sol's Arms unter der Leitung Mr. Bogsby's, gemäß der Acte von George II., Statt zu finden ſchienen,— er(Mr. Swills) habe ſeine Stimme durch den unreinen Zuſtand der At⸗ moſphäre ernſtlich afficirt gefunden, indem er in ſeiner burlesken Weiſe geſagt,„er ſei wie ein leeres Poſtbu⸗ reau, denn es ſei auch nicht eine einzige Note in ihm.“ Wie dieſer Bericht Mr. Swills ganz und gar beſtärkt wurde durch zwei intelligente verheirathete Frauenzim⸗ mer, die in demſelben Hofe wohnen, und unter dem Na⸗ men Mrs. Piper und Mrs. Perkins bekannt ſeien; dieſe beiden Frauen bemerkten— ſo fahren die zwei Herren fort— die ſtinkenden Ausdünſtungen und meinten, es kämen dieſelben von dem Hauſe Krook's, des unglück⸗ lichen verſtorbenen Mannes. Alles dieſes und noch viel mehr ſchreiben die beiden Herren, die in Betreff dieſer traurigen Kataſtrophe eine freundſchaftliche Aſſociation geſchloſſen haben, auf der Stelle nieder; und die Knabenbevölkerung des Hofes, die in einem Augenblicke das Bett verlaſſen hat, klettert an den Läden des Parlours von den Sol’s Arms hin⸗ auf, um die Spitzen von den Köpfen der beiden Her⸗ ren zu ſehen, während dieſelben mit dieſer Arbeit be⸗ ſchäftigt ſind. Der ganze Hof, ſowohl Erwachſene, als Knaben, iſt während dieſer ganzen Nacht ſchlaflos und kann nichts Anderes thun, als ſeine vielen Köpfe einhüllen, und von dem verhängnißvollen Hauſe ſprechen und daſſelbe anſchauen. Miß Flite iſt in recht muthiger Weiſe aus ihrem Zimmer heraus geholt und gerettet worden, wie wenn daſſelbe in Flammen ſtünde, und hat in dem Gaſthauſe zu den Sol's Arms ein Bett bekommen. Das Gaſthaus ſelbſt löſcht die ganze Nacht hindurch ſein Gas nicht aus, noch ſchließt es die Hausthüre, denn jede Art -——ͤ———Pp]—— 5 u ſe 5 S h v n +M2 8AUSoR A 1⁵⁵ öffentlicher Aufregung kommt den Sol's Arms zu gut, und hat zur Folge, daß der Hof ſich nach Labung ſehnt. Seit der letzten Inqueſt hat das Gaſthaus nicht mehr ſo viele magenſtärkende Artikel in Form von Nägelein, Zimmt, Branntwein, und warmem Waſſer verkauft. Sobald der Kellner vernommen hat, was geſchehen iſt, hat er ſeine Hemdärmel bis an die Schultern hinaufge⸗ worfen und geſagt:„Nun wird es heiß hergehen; wir werden geſtürmt werden!“ Gleich bei dem erſten Geſchrei iſt der junge Piper fortgerannt, um die Feuerſpritzen herbeizuholen, und iſt im Triumph in raſſelndem Galopp zurückgekommen, hoch auf dem Phönix ſitzend, und aus allen Kräften, inmitten von Helmen und Fackeln, ſich an dieſem fabelhaften Ge⸗ ſchöpfe feſthaltend. Ein Helm bleibt zurück, nachdem alle Riſſe und Spalten ſorgfältig unterſucht ſind, und geht vor dem Hauſe langſam auf und ab mit einem von den zwei Poliziſten, welche gleichfalls zurückgeblieben ſind, um das Haus zu hüten. Gegen dieſes Trio ſucht ſich Jedermann im Hofe, der ein Siyxpenceſtück beſitzt, um jeden Preis gaſtfreund⸗ ſchaftlich zu erzeigen; und zwar nimmt dieſe Gaſtfreund⸗ ſchaft eine flüſſige Form an. Mr. Weevle und ſein Freund Mr. Guppy ſtehen im Schenkſtübchen des Gaſthauſes zu den Sol’s Arms, und ſind für letzteres Alles werth, was das Schenk⸗ ſtübchen enthält, wenn ſie nur dableiben wollen.„Es iſt dieß nicht die Zeit,“ ſpricht Mr. Bogsby,„die Sache zu genau zu nehmen und zu knickern,“ obgleich er über den Zahltiſch hin ziemlich ſcharf auf das Geld ſieht; „beſtellen Sie, Sie beide Herren, was Sie wollen; ge⸗ niren Sie ſich nicht, ich regalire Sie damit.“ Allſo erſucht, beſtellen die beiden Herren(Mr. Weevle insbeſondere) ſo Vieles, daß es ihnen im Laufe der Zeit ſchwer wird, noch Weiteres in ganz vernehmlicher Weiſe 156 zu beſtellen, obgleich ſie allen Neuankommenden erzählen, was ſie in dieſer Nacht geſehen, geſprochen, und gedacht. Unterdeſſen erſcheint der eine oder der andere von den Poliziſten von Zeit zu Zeit an der Hausthüre, ſtößt dieſelbe, mit Hilfe ſeines Armes, ein Bischen auf und ſchaut aus der Finſterniß, die draußen herrſcht, hinein. Nicht als ob er einigen Verdacht hegte, nein; aber es ſchadet ja Nichts, wenn er gelegentlich ſieht, was ſie drinnen treiben. So verfolgt die Nacht ihren bleiernen Lauf und findet den Hof während der ungewohnten Stunden immer noch auf den Beinen; immer noch tractirt dieſer und wird er tractirt; immer noch führt ſich derſelbe auf wie ein Hof, der unerwartet einiges Geld geerbt hat. So zieht ſich endlich die Nacht langſamen Schrittes zurück, und es macht der Lampenanzünder ſeine Runde und ſchlägt, wie der Scharfrichter eines deſpotiſchen Königs, die kleinen Feuerköpfe ab, die ſich haben einfallen laſſen, die Finſterniß vermindern zu wollen. Und ſo kommt denn der Tag, wie derſelbe auch beſchaffen ſein mag. Und der Tag kann ſelbſt mit ſeinem trüben Lon⸗ doner Auge gewahren, daß der Hof während der ganzen Nacht aufgeweſen iſt. Ueber und neben den Geſichtern, die ſchläfrig auf Tiſche hingeſunken, und den Füßen, die auf harten Fußböden, und nicht in Betten liegen, hat die Backſtein⸗ und Mörtelphyſiognomie des Hofes ſelbſt etwas Müdes und Abgemattetes. Und nun erwacht die Nachbarſchaft und kommt, als ſie das Geſchehene zu hören beginnt, halb angekleidet herbeigeſtrömt, um Erkundigungen einzuziehen; und es haben die zwei Poliziſten und der Helm(die äußeren Eindrücken weit weniger zugänglich ſind, als der Hof) genug zu thun, um die Thüre zu hüten. „Guter Gott, meine Herren!“ ſpricht Mr. Snagsby herankommend.„Was muß ich nicht hören.“ „Je nun, es iſt ein Mal maht, verſetzt einer der — 5048 —%— .— 1⁵7 Poliziſten.„Ja, das iſt es. Und nun machen Sie, daß Sie fortkommen!“ „Ei, Du gütiger Gott, meine Herren,“ ſagt Mr. Snagsby, der ſo bald wieder fort muß,„ich war erſt noch geſtern Abend zwiſchen zehn und elf Uhr an dieſer Phüün, und ſprach mit dem jungen Manne, der hier ogirt.“ „So?“ entgegnet der Poliziſt.„Wenn das der Fall iſt, ſo können Sie den jungen Mann im nächſten Hauſe finden. Und nun fort, einige von Euch!“ „Hoffentlich nicht verletzt?“ ſagt Mr. Snagsby. „Verletzt? Nein, was ſoll ihn denn verletzen!“ Mr. Snagsby, der in ſeiner Verwirrung weder dieſe, noch irgend eine andere Frage zu beantworten vermag, begibt ſich nach den Sol's Arms, und findet dort Mr. Weeple bei ſeinem Thee und ſeinem Roſtbrode; indeſſen ſieht derſelbe ganz ermattet aus, was wohl Folge der großen Aufregung und des vielen Tabaks⸗ rauchs ſein mag, deren Opfer er geweſen. „Und auch Mr. Guppy!“ ſagt Mr. Snagsby. „O Wunder, Wunder, Wunder! Wie doch das Schickſal 1 All dieſem die Hand zu haben ſcheint! Und mein ei—“ Mr. Snagsby will ſagen„mein kleines Weibchen,“ aber die Sprache verſagt ihm, während er dieſe Worte bilden will. Denn er verſtummt, als er das genannte Frauenzimmer, gegen das er ſich ſchon ſo vieles Unrecht hat zu Schulden kommen laſſen, ſchon um dieſe Stunde in das Gaſthaus zu den Sols Arms hereinkommen und, während ſie gleich einem anklagenden Geiſte die Augen auf ihn geheftet hält, ſich vor die Biermaſchine hin⸗ ſtellen ſieht. „Meine Liebe,“ ſpricht Mr. Snagsby, nachdem das Band ſeiner Zunge gelöſet iſt,„willſt Du irgend Etwas zu Dir nehmen? Ein wenig— um nicht allzu viele Floskeln zu machen— ein wenig Punſchſyrup, he?“ 1⁵⁸ „Nein,“ ſpricht Mrs. Snagsby. „Meine Liebe, Du kennſt doch wohl dieſe beiden Herren?“ „Ja!“ ſpricht Mrs. Snagsby, und erkennt in ſteifer Weiſe deren Gegenwart an, wobei ſie aber Mr. Snagsby immer noch mit dem Ange fixirt. Der hingebungsvolle Mr. Snagsby vermag eine ſolche Behandlung nicht zu ertragen. Er nimmt Mrs. Snagsby bei der Hand und führt ſie beiſeit zu einem nahen Faſſe hin. „Mein kleines Weibchen, warum ſchauſt Du mich alſo an? Thu' das doch nicht!“ „Ich kann nicht für mein Ausſehen,“ ſpricht Mrs. Seb,„und wenn ich es könnte, ſo möchte ich es nicht.“ Mr. Snagsby entgegnet mit ſeinem demüthigen Huſten:„Möchteſt Du es wirklich nicht, meine Liebe?“ und ſinnt nach. Sodann huſtet er ſeinen Verlegenheitshuſten und ſpricht, durch Mrs. Snagsby’s Auge immer noch ent⸗ ſetzlich aus der Faſſung gebracht: Riee, i*ſt jdieß ein ſchreckliches Myſterium, meine iebe.“ „Ja, das iſt es,“ verſetzt Mrs. Snagsby kopf⸗ ſchüttelnd;„ein ſchreckliches Myſterium iſt es, Du haſt es eſagt.“ de d. mwein kleines Weibchen,“ ſagt Mr. Snagsby in jämmerlich eindringender Weiſe,„ſprich doch um's Himmelswillen nicht mit dieſem bitteren Ausdrucke zu mir, und ſieh mich doch nicht in ſo prüfender Weiſe an! Ich erſuche und bitte Dich inſtändig, das nicht zu thun. Du wirſt doch, gütiger Gott! doch nicht glauben, meine Liebe, es könne mir einfallen, Jemand aus eigenem Antriebe zu verbrennen?“ „Das kann ich nichtſſagen,“ verſetzt Mrs. Snagsby. — 159 Bei einer raſchen Prüfung ſeiner unglückſeligen Stellung kann auch Mr. Snagsby„es nicht ſagen.“ Er kann nicht geradezu in Abrede ſtellen, daß er mög⸗ licher Weiſe Nichts damit zu thun gehabt. Er hat mit ſo Vielem, das mehr oder minder hierher gehört und mehr oder minder myſteriös iſt, Etwas— er weiß nicht, was— zu thun gehabt, daß es gar leicht möglich iſt, daß er ſelbſt, ohne es zu wiſſen, in die jetzige Geſchichte verwickelt ſein kann. Er wiſcht ſich die Stirn ein Bischen mit ſeinem Taſchentuche und keucht. „Mein Leben,“ ſpricht der unglückſelige Schreib⸗ materialienhändler,„hätteſt Du wohl Etwas dagegen, mir zu ſagen, warum, da Du doch in Deinem ſonſtigen Benehmen gewöhnlich ſo zart vorſichtig biſt, Du ſchon vor dem Frühſtücke in einen Weinkeller kommſt?“ „Ja, aber warum kommſt denn Du hierher?“ fragt Mrs. Snagsby. „Meine Liebe, nur um mich genau von dem un⸗ glücklichen Ereigniſſe zu unterrichten, welches der ehr⸗ würdigen Perſon zugeſtoßen, die— verbrannt wor⸗ den iſt.“ Mr. Snagsby hat hier eine Pauſe gemacht, um ein Stöhnen zu unterdrücken. „Ich würde Dir dann bei Deiner franzöſiſchen Semmel Alles erzählt haben, meine Liebe,“ ſetzt er hinzu. „Du biſt mir ein Schöner! Du erzählſt mir ja Alles, Snagsby!“ „All— mein klein— 2“ „Es würde mich freuen,“ ſpricht Mrs. Snagsby, nachdem ſie ſeine zunehmende Verwirrung mit einem ſtrengen und unheimlichen Lächeln betrachtet hat,„wenn Du mit mir nach Hauſe gehen wollteſt; es will mich bedünken, daß Du dort beſſer aufgehoben wäreſt, als irgend anderswo.“ „Meine Liebe, ich will Dir in dieſem Punkte nicht 160 widerſprechen; es mag ſein, daß Du Recht haſt. Ich bin bereit, zu gehen.“ Mr. Snagsby läßt die Augen hilflos um das Schenkſtübchen herlaufen, wünſcht den Herren Weevle und Guppy einen guten Morgen, verſichert ſie, daß er mit unendlichem Vergnügen ſie unverletzt ſehe, und ver⸗ luht mit Mrs. Snagsby das Gaſthaus zu den Sol's rms. Noch ehe es Nacht wird, wird ſein Zweifel, ob er nicht für irgend einen unbegreiflichen Theil bei der Kata⸗ ſtrophe verantwortlich ſein könnte, welche das Geſpräch der ganzen Nachbarſchaft bildet, durch Mrs. Snagsby’s hartnäckigen, durchdringenden Blick faſt in Gewißheit aufgelöst. Seine Seelenleiden ſind ſo groß, daß er ſchon ſo mit dem Gedanken umgeht, ſich den Händen der Ge⸗ rechtigkeit zu überliefern, um, wenn unſchuldig, von allem Verdacht freigeſprochen, und, wenn ſchuldig, nach der äußerſten Strenge des Geſetzes beſtraft zu werden. Mr. Weevle und Mr. Guppy betreten, nachdem ſie ihr Frühſtück eingenommen, den Weg nach Lincoln's Inn, um ſich in dem Square ein Bischen zu ergehen, und ſo viele von den dunkeln Spinnweben ſich aus dem Kopfe hinauszufegen, als bei einem kleinen Spaziergange möglich iſt. „Es kann,“ ſpricht Mr. Guppy, nachdem ſie, in Gedanken verſunken, die vier Seiten des Square durch⸗ meſſen haben,„keinen günſtigeren Augenblick geben, als den jetzigen, Tony, um unter vier Augen ein Paar Worte über einen Punkt zu wechſeln, worüber wir uns ſchleunigſt verſtändigen müſſen.“ „Ich will Dir was ſagen, William G.!“ entgegnet der Andere, ſeinen Begleiter mit blutunterlaufenem Auge anſchauend.„Handelt es ſich um eine Verſchwörung, ſo brauchſt Du Dir nicht die Mühe zu geben, der Sache Erwähnung zu thun. Ich habe genug am Alten, und will in dieſer Richtung von nichts Weiterem wiſſen. Du 8 * 2— 161 mußt nun zuerſt Feuer fangen, oder mit einem Knall in die Luft fliegen.“ 1 Dieſes von Mr. Weevle angenommene Phänomen iſt für Mr. Guppy ſo unangenehm, daß ſeine Stimme zittert, während er in moraliſcher Weiſe ſagt: 1 „Tony, ich hätte gedacht, es wäre das, was wir in vergangener Nacht durchgemacht, eine Lection und eine Warnung für Dich geweſen, Dein Leben lang nicht mehr perſönlich zu ſein. „Worauf Mr. Weevle entgegnet: 1„S William, ich hätte gedacht, es wäre für Dich eine Lection und Warnung geweſen, Dein Leben lang Dich von allen Verſchwörungen fern zu halten.“ Worauf Mr. Guppy ſagt: „Wer geht denn mit Verſchwörungen um?“ Worauf Mr. Jobling erwidert: „Je nun, Du!“ Worauf Mr. Guppy ſpricht: „Nein, das iſt nicht wahr!“ Worauf Mr. Jobling wieder verſetzt: „Ja, es iſt wahr!“ Worauf Mr. Guppy wieder ſpricht: „Wer ſagt das?“— Worauf Mr. Jobling wieder zurückgibt: 8 lngr das!“ orauf Mr. Guppy wieder ſagt: „Oh, wirklich?“ 63 lag Worauf Mr. Jobling wieder entgegnet: „Ja, wirklich!“ Und da Beide jetzt in einem erhitzten Zuſtande ſich befinden, ſo gehen ſie eine Weile ſchweigend fort, um wieder kälter zu werden. „Tony,“ hebt Mr. Guppy endlich wieder an,„woll⸗ teſt Du Deinen Freund ausreden laſſen, anſtatt leiden⸗ ſchaftlich über ihn herzufallen, ſo würdeſt Du Dir keine ſolche Mißgriffe zu Schulden kommen laſſen. Aber Du Bleak Houſe. II. 11 haſt nun einmal ein hitziges Temperament und biſt nicht beſonnen genug. Da Du in Deiner Perſon, Tony, Alles beſitzeſt, was das Auge zu bezaubern vermag—“ „Oh! Zum Henker damit!“ ruft Mr. Weevle, ihm ins Wort fallend.„Sag' geradezu, was Du zu ſagen haſt!“ Da Mr. Guppy ſeinen Freund in dieſem mürriſchen und materialiſtiſchen Zuſtande findet, ſo drückt er die feineren Gefühle ſeiner Seele nur durch den beleidigten Ton aus, in dem er wieder anfängt: „Tony, wenn ich ſage, daß wir uns ſchleunigſt uͤber einen Punkt verſtändigen müſſen, ſo denke ich dabei auch nicht entfernt an irgend eine Art von Verſchwörung, wie unſchuldig dieſelbe immer auch ſein mag. Du weißt, daß bei allen Fällen, welche zur öffentlichen Verhandlung kommen, es von den Advokaten zuvor ausgemacht wird, welche Thatſachen die Zeugen zu beweiſen haben. Iſt es nun oder iſt es nicht wünſchenswerth für uns, zu wiſ⸗ ſen, welche Thatſachen wir zu beweiſen haben, wenn über den Tod dieſes unglücklichen alten Mo— Herrn eine Unterſuchung angeſtellt wird?“(Mr. Guppy wollte ſagen„Mogul,“ hält aber das Wort„Herr“ in dieſem Augenblick für paſſender.) „Welche Thatſachen? die Thatſachen.“ „Die Thatſachen, welche auf dieſe Unterſuchung Be⸗ zug haben. Es ſind dieſelben—“ Mr. Guppy zählt ſie an den Fingern her:—„was wir von ſeinen Gewohn⸗ heiten wiſſen; wann Du ihn zum letzten Male geſehen; welcher Art da ſein Zuſtand war; die Entdeckung, die wir gemacht, und wie wir dieſelbe gemacht.“ „Ja,“ ſpricht Mr. Weevle,„das find ſo die That⸗ ſachen.“ „Wir machten die Entdeckung, weil er, in ſeiner excentriſchen Weiſe, Dich auf Mitternacht beſtellt, wo Du ihm, wie Du früher ſchon öfter gethan, irgend ein Schrift⸗ ſtück erklären ſollteſt, da er ſelbſt nicht leſen konnte. Ich brachte den Abend bei Dir zu, wurde hinuntergerufen 163 — und ſo fort. Da die Unterſuchung ſich nur mit den Umſtänden zu befaſſen hat, welche den Tod des Verſtor⸗ benen begleiteten, ſo iſt es nicht nothwendig, über dieſe Facta hinauszugehen. Du biſt hoffentlich damit einver⸗ ſtanden?“ „Es wird nicht nothwendig ſein, etwas Weiteres zu ſagen,“ verſetzte Mr. Weevle. „Und es iſt dieß vielleicht auch keine Verſchwörung?“ fragt der beleidigte Guppy.— „Nein,“ entgegnet ſein Freund;„iſt es nichts Schlimmeres, ſo ziehe ich meine Bemerkung zurück.“ „Ich möchte nun, Tony,“ ſpricht Mr. Guppy, ſeinen Arm wieder nehmend und langſam mit ihm weitergehend, „in freundſchaftlicher Weiſe wiſſen, ob Du noch nicht über die vielerlei Vortheile nachgedacht, die es hätte, wenn Du fortführeſt, an dem Orte zu wohnen?“ „Was willſt Du damit ſagen?“ ſagt Tony, ſtehen bleibend. „Ob Du noch nicht über die vielerlei Vortheile nachgedacht, die es hätte, wenn Du fortführeſt, an dem Orte zu wohnen?“ wiederholt Mr. Guppy, indem er mit ihm weiter geht. „An welchem Orte? Dem Orte?“ in der Richtung des Lumpen⸗ und Flaſchenladens hindeutend. Mr. Guppy nickt mit dem Kopfe. „Ei, ich möchte keine weitere Nacht dort zubringen, und wenn man mir, ich weiß nicht was gäbe,“ ſagt Mr. Weevle mit graſſem, ſtierem Blicke. „Iſt es Dir Ernſt damit, Tony?“ „Ob es mir Ernſt damit iſt? Sehe ich denn aus, als ob es mir nicht Ernſt wäre? Es iſt mir wirklich ſo, ich kann es Dir ſagen; ich weiß und fühle es,“ ſagt Mr. Weevle mit einem durchaus unverſtellten Schauder. „Es kommt alſo die Möglichkeit oder Wahrſchein⸗ lichkeit— als ſolche muß es angeſehen werden— im Beſitze jener Gegenſtände nie geſtört zu werden, die einem einſamen alten Manne gehört, welcher ohne alle Verwandten zu ſein ſchien; und die Gewißheit, ausfindig machen zu können, was er dort wirklich aufbewahrt, bei Dir gar nicht in Anſchlag gegen die vergangene Nacht, Tony, wenn ich Dich anders recht verſtehe?“ ſpricht Mr. Guppy, ſich mit dem Appetit des Aergers in den Daumen beißend. „Gewiß nicht. Wie, Du ſprichſt in ſo kühler Weiſe davon, daß man dort wohnen ſolle 2 ruft Mr. Weevle entrüſtet.„Man ſoll dort nur ſo wohnen! Ei, geh' Du ſelbſt hin und wohne dort!“ „Oh— ich, Tony!“ ſpricht Mr. Guppy, ihn be⸗ ſänftigend.„Ich habe nie dort gewohnt, und könnte dort jetzt kein Logis bekommen, während Du dort ſchon eines haſt.“ „Du kannſt es haben, ſobald Du willſt,“ verſetzt ſein Freund,„und— hu!— Du kannſt es Dir dort bequem machen.“ „So gibſt Du alſo,“ ſagt Mr. Guppy,„jetzt die ganze Sache entſchieden auf, wenn ich Dich anders recht verſtehe, Tony?“ „Noch nie,“ gibt Tony mit durchaus überzeugender Feſtigkeit zurück,„haſt Du in Deinem Leben ein wahreres Wort geſagt. Ja, ich gebe die ganze Sache wirklich auf!“ Während ſie ſo mit einander ſprechen, fährt eine Miethkutſche in den Square hereinz und auf dem Bocke dieſer Kutſche macht ſich dem Publikum ein ungemein hoher Hut bemerklich. Drinnen im Wagen, und daher für die Menge nicht ſo, wenn auch für die beiden Freunde, neben denen die Kutſche anhält, hinlänglich ſichtbar, be⸗ finden ſich der ehrwürdige Mr. Smallweed und ſeine Ehehälfte Mrs. Smallweed in Begleitung ihrer Enkelin udy. 3 her dem ganzen Weſen dieſer Geſellſchaft geben ſich Eile und Aufregung zu erkennen; und während der hohe —— 165 Hut, der Mr. Smallweed, den Jüngern, überragt, ab⸗ ſteigt, ſtreckt Nr. Smallweed, der Aeitere, den Kopf zum Fenſter heraus und ſchreit Mr. Guppy zu: „Wie geht es, mein Herr? Wie gebt es, wie gebt es?* „Ich möchte wohl wiſſen, was Chick und ſeine Fa⸗ milie ſchon ſo früh hier zu ſchaffen haben!“ ſagt Mr. Guppy, ſeinem vertrauten Freunde zunickend. „Mein lieber Herr,“ ruft Großvater Smallweed, „würden Sie mir wohl einen Gefallen erweiſen? Hätten wohl Sie und Ihr Freund die außerordentliche Gefällig⸗ keit, mich in das Gaſthaus im Hofe zu tragen, während Bart und ſeine Schweſter ihre Großmutter eben dahin bringen werden? Möchten Sie wohl einem alten Manne dieſen Gefallen erweiſen?“ Mr. Guppy ſchaut ſeinen Freund an, und wieder⸗ holt fragend:„In das Gaſthaus im Hofe?“ Und es ſchicken ſich die Beiden an, die ehrwürdige Laſt nach den Sol's Arms zu tragen. „Da iſt das Fuhrlohn!“ ſpricht der Patriarch mit wildem Grinſen zu dem Kutſcher, und ſeine ſchwache Fauſt nach ihm hin ſchüttelnd.„Verlangen Sie auch nur einen Penny über die Taxe, und ich belange Sie gerichtlich! Meine lieben jungen Herren, gehen Sie doch ja recht ſanft mit mir um! Erlauben Sie mir, daß ich mich an Ihrem Halſe halte! Ich werde Sie nicht mehr drücken, als nothwendig iſt. O Gott! O Himmel! Ach, meine Beine!“ Es iſt recht gut, daß das Gaſthaus zu den Sol's Arms nicht weit entfernt iſt, denn Mr. Weevle hat, ehe noch die halbe Diſtanz zurückgelegt iſt, ſchon ein ganz apoplektiſches Ausſehen. Indeſſen verſchlimmern ſich ſeine Symptome nicht weiter; nur läßt er unterſchiedliche krächzende Laute hören, die auf einen gehemmten Ath⸗ mungsproceß hindeuten, und man kommt endlich in den Sol's Arms an, wo der wohlwollende alte Herr nach ſeinem eigenen Wunſche im Parlour niedergelaſſen wird. 166 „O, Gott!“ keucht Mr. Smallweed, während er umherſchaut, athemlos aus einem Armſeſſel hervor.„O, Himmel! Ach, meine Beine! Ach, mein Rücken! O, meine Schmerzen und Leiden! Setz' Dich doch, Du tan⸗ zender, hüpfender, ſchlenkernder, kletternder Papagei! Setz' Dich doch!“ Dieſe kleine Anrede, die Mrs. Smallweed gilt, hat ihren Grund in einer Gewohnheit der benannten un⸗ glücklichen alten Frau, ſo oft ſie ſich auf den Füßen be⸗ findet, herumzutanzen und ſich mit unbelebten Gegen⸗ ſtänden zu ſchaffen zu machen, wobei ſie ſich, wie bei einem Hexentanze, mit einem gewiſſen Geplapper begleitet. Wahrſcheinlich hat ein nervöſes Leiden mit dieſen Demon⸗ ſtrationen eben ſo viel zu ſchaffen, als irgend eine blöd⸗ ſinnige Abſicht von Seiten des alten Weibes; allein es ſind dieſelben bei dieſer Gelegenheit in Verbindung mit einem Windſor⸗Lehnſeſſel, der dem ganz und gar gleich iſt, worin Mr. Smallweed ſitzt, ſo ganz beſonders lebhaft, daß ſie erſt dann davon ganz abläßt, als fie ihre Enkel ſie darin feſtgehalten haben. Unterdeſſen hat ihr Ehe⸗ herr ihr mit großer Zungengeläufigkeit erſtaunlich oft den liebevollen Beinamen„einer dickköpfigen Dohle“ gegeben. „Mein lieber Herr,“ fährt Großvater Smallweed, zu Mr. Guppy gewandt, dann fort,„es iſt hier ein Un⸗ glück vorgefallen. Hat einer von Ihnen Beiden vielleicht ſchon davon gehört?“ „Davon gehört, mein Herr! Ei, wir entdeckten es!“ „Sie entdeckten es! Sie Beide entdeckten es! Bart, hör' nur: ſie entdeckten es!“ Die beiden Entdecker ſtarren die Smallweeds an, welche das Compliment zurückgeben. „Mein lieber Freund,“ wimmert Großvater Small⸗ weed, beide Hände ausſtreckend,„ich bin Ihnen tauſend⸗ fachen Dank ſchuldig dafür, daß Ihnen die traurige Auf⸗ gabe wurde, die Aſche von Mrs. Smallweed's Bruder zu entdecken.“ 167 „Was ſagen Sie da?“ fragt Mr. Guppy. „Die Aſche von Mrs. Smallweed's Bruder, mein lieber Freund:— es war ihr einziger Verwandter. Wir ſtanden nicht beſonders gut mit einander, was nun zu bedauern iſt, aber er wollte nie gut mit uns ſtehen. Er liebte uns nicht ſehr. Er war excentriſch— recht excentriſch. Hat er kein Teſtament hinterlaſſen, was gar nicht wahrſcheinlich iſt, ſo werde ich mich als Vermögens⸗ verwalter legitimiren laſſen. Ich bin hierher gekommen, um nach dem Vermögen zu ſchauen; es muß Alles ver⸗ ſiegelt und geſchützt werden. Ich bin hierher gekommen, um nach dem Vermögen zu ſchauen; ja,“ wiederholt Großvater Smallweed, mit allen zehn Fingern zugleich die Luft gegen ſich her krallend. „Small,“ ſagt der troſtloſe Mr. Guppy.„Du hätteſt doch aber auch, denke ich, ſagen können, daß der alte Mann Dein Onkel wäre.“ „Ihr Beide waret in Beziehung auf ihn ſo ver⸗ ſchloſſen, daß ich dachte, es ſei Euch erwünſcht, wenn ich ein Gleiches thue,“ verſetzt dieſer alte Vogel mit einem ingeheim glänzenden Auge.„Und zu dem war ich nicht ſtolz auf ihn.“ „Und dann ging es Sie ja auch Nichts an, ob er es war, oder ob er es nicht war, wiſſen Sie,“ ſpricht Judy. Ebenfalls mit einem ingeheim glänzenden Auge. „Er kannte mich gar nicht, da er mich in ſeinem ganzen Leben nie geſehen,“ bemerkt Small;„ich weiß wahrlich nicht, warum ich ihn mit Dir hätte bekannt machen ſollen!“ „Nun, er verkehrte nie mit uns— was zu bedauern iſt,“ ſtimmt der alte Herr bei;„aber ich bin hierher ge⸗ kommen, um nach dem Vermögen zu ſchauen,— um die Papiere durchzuſehen, und um nach dem Vermögen zu ſchauen. Wir werden uns als die rechtmäßigen Erben legitimiren. Meine Beweisſtücke ſind in den Händen meines Rechtsfreundes. Mr. Tulkinghorn von Lincolns 168 Inn Fields, unweit von hier, iſt ſo gut und nimmt meine Sache in die Hand; und unter ſeinen Füßen wächst kein Gras, das kann ich Ihnen ſagen. Krook war Mrs. Smallweed's einziger Bruder; ſie hatte außer Krook keine Verwandten, und Mr. Krook hatte außer Mrs. Smallweed keine Verwandten. Ich ſpreche, Du verſchwe⸗ felter Schwarzkäfer, von Deinem Bruder, der ſechsund⸗ ſiebenzig Jahre alt war.“ Auf der Stelle fängt Mrs. Smallweed an, den Kopf zu ſchütteln und hervorzuquieken: „Sechsundſiebenzig Pfund, ſieben und ſieben Pence! ſechsundſtebenzigtauſend Säcke voll Geld! Sechsundſieben⸗ zig Mal hunterttauſend Millionen Pakete mit Banknoten!“ „Will mir Niemand einen Maaßkrug geben?“ ruft ihr erbitterter Cheherr, indem er ſich hilflos umſchaut, und keine Wurfwaffe innerbalb ſeines Bereiches findet. „Iſt Jemand ſo gefällig, mir einen Spucknapf zu geben? Will mir Niemand etwas Hartes geben, das ich ihr an den Kopf ſchmeißen,— womit ich ſie ein Bischen zeich⸗ nen könnte? Du Hexe, Du Katze, Du Hündin, Du verſchwefelte Bellerin!“ 7 „Hier wirft Mr. Smallweed, der durch ſeine eigene Beredſamkeit in einen Zuſtand höchſter Aufregung ver⸗ ſetzt worden iſt, wirklich Judy nach ihrer Großmutter hin, da ſich ihm ſonſt Nichts darbietet; und zwar ſchleu⸗ dert er das benannte junge Fräulein mit aller Kraft, die er aufzubieten vermag, nach der alten Frau hin, worauf er in ſeinem Seſſel zu einem Haufen zuſammenſinkt. „Man ſchüttle mich auf, wenn man ſo gut ſein will!“ ſpricht die Stimme aus dem ſich ſchwach regenden Bündel hervor, zu dem er zuſammengefallen iſt.„Ich bin hierher gekommen, um nach dem Vermögen zu ſchauen. Man ſchüttle mich auf, und rufe die vor dem nächſten Hauſe aufgeſtellte Polizei herein, damit ich ihr das Nöthige in Betreff des Vermögens erkläre! Es wird mein Rechtsfreund in einem Augenblicke hier er⸗ 169 ſcheinen, um das Eigenthum zu ſchützen Deportation oder der Galgen für Jeden, der ſich unterſteht, das Eigenthum anzurühren!“ Während ſeine gehorſamen Enkel den keuchenden Alten wieder aufrecht hinſetzen, und denſelben den ge⸗ wöhnlichen ſtärkenden Schüttel⸗ und Puffprozeß durch⸗ machen laſſen, wiederholt er immer noch echoartig:„Das — das Eigenthum anzurühren! Eigenthum anzurühren! — anzurühren!“ Mr. Weevle und Mr. Guppy ſchauen einander an; der Erſtere wie ein Menſch, der die ganze Sache ſchon längſt aufgegeben; der Letztere mit der Miene eines ganz verblüfften Menſchen, der immer noch einige Hoff⸗ nung gehegt. Aber es läßt ſich gegen das Smallweed'ſche Intereſſe Nichts thun. Cs kommt Mr. Tulkinghorn’'s Gehilfe aus ſeinem offiziellen Kirchſtuhle herunter, um der Polizei zu melden, daß Mr. Tulkinghorn dafürſteht, daß es mit den Anſprüchen der Smallweed'ſchen, als der nächſten Verwandten, wirklich ſeine Richtigkeit hat, und daß man zu gehöriger Zeit in beſter Form Papiere und Effekten in Beſitz nehmen wird. Mr. Smallweed darf nun mit einem Male ſeine Oberherrſchaft in ſoweit geltend machen, daß man ihm erlaubt, ſich in das nächſte Haus tragen zu laſſen, um dort einen Gefühlsbeſuch zu machen. Und ſo kommt er denn auch in das leere Zimmer von Miß Flite, wo er wie ein ihrem Vogelhauſe neu hinzugefügter, ſcheußlicher Raubvogel ausſieht. Die Ankunft dieſes unerwarteten Erben wird in dem Hofe bald ruchtbar und kommt den Sol's Arms zu gut, und er hält den Hof in fortwährender Aufregung. Mrs. Piper und Mrs. Perkins meinen, es wäre doch gar hart, weun der junge Mann Nichts bekommen ſollte, falls wirk⸗ lich kein Teſtament vorhanden wäre, und meinen ferner, es ſollte ihm aus der Hinterlaſſenſchaft ein hübſches Ge⸗ ſchenk gemacht werden. Der junge Piper und der junge 170 Perkins zerfallen als Glieder jenes unruhigen jugendlichen Kreiſes, welcher der Schrecken der Perſonen iſt, die in Chancerey Lane vorüberkommen, den ganzen Tag über hinter der Pumpe und unter dem Bogengang zu Aſche, und ein wildes Gebrüll und Geſchrei findet über ihren Ueberreſten Statt. Der kleine Swills und Miß M. Melvilleſon laſſen ſich mit ihren Gönnern in ein leutſeliges Geſpräch ein, wohl fühlend, daß dieſe ungewöhnlichen Vorkommen⸗ heiten die Schranken zwiſchen Künſtlern und Nichtkünſt⸗ lern aufheben. Mr. Bogsby zeigt, das VolksliedKönig Tode mit Chor von der ganzen Geſellſchaft“ als die große harmoniſche Eigenthümlichkeit der Woche an, und ſagt ferner in ſeiner Annonce, es ſei„J. G. B. veran⸗ laßt, dieß zu thun, obwohl es ihm eine bedeutende Extra⸗ auslage verurſache, weil eine große Anzahl angeſehener Individuen dieſen Wunſch ziemlich allgemein am Schenk⸗ ſtübchen ausgedrückt, und weil er ein neuliches, trauriges Ereigniß feiern wolle, das ſo große Senſation hervor⸗ gerufen.“ Es ſteht mit dem Verſtorbenen noch ein weiteres Factum in Verbindung, das die Nengierde des Hofes in beſonders hohem Grade erregt; es ſoll nämlich die Fiction eines Sarges von gehöriger Größe bewahrt werden, ob⸗ gleich ſo wenig in letzteren zu legen iſt. Als der Leichen⸗ beſorger in dem Gaſthauſe zu den Sol's Arms im Laufe des Tages auseinanderſetzt, wie er Befehl erhalten, einen „Sechsfüßer“ machen zu laſſen, ſo findet ſich die allge⸗ meine Bekümmerniß ſehr erleichtert, und man iſt der An⸗ ſicht, daß ſich Mr. Smallweed durch ſein Benehmen nicht wenig ehre. Außerhalb des Hofes, und zwar bis auf weite Ent⸗ fernung von demſelben, gibt ſich gleichfalls eine große Aufregung kund; denn Männer der Viſenſchaft und Philoſophie kommen herbei, um zu ſchauen, und es ſetzen Wagen an der Ecke Doctoren ab, die in derſelben Ab⸗ 171 ſicht kommen, und es findet mehr gelehrtes Geſchwätz über entzündbare Gaſe und phosphorhaltigen Waſſerſtoff Statt, als der Hof je für möglich gehalten. Einige von dieſen Autoritäten(natürlich die weiſeſten) meinen voller Entrüſtung, es habe der Verſtorbene gar nicht nothwendig gehabt, in der angegebenen Weiſe zu ſterben; und trotz⸗ dem, daß ſie von andern Autoritäten an eine gewiſſe Unterſuchung über die fragliche Todesart erinnert werden, die in dem ſechsten Bande der philoſophiſchen Verhand⸗ lungen abgedruckt zu finden iſt; ſowie an ein nicht ganz unbekanntes Buch über engliſche mediciniſche Jurispru⸗ denz; und an den italieniſchen Fall der Gräfin Cornelia Baudi, der von einem gewiſſen Bianchini, Domherrn von Verona, beſchrieben worden, welcher ein gelehrtes Buch oder Etwas der Art geſchrieben, und von dem man zu ſeinen Lebzeiten gelegentlich gehört, daß er einige Funken von geſundem Verſtand habe; ſowie auch an das Zeug⸗ niß der Herren Foderé und Mere, zweier peſtilenzialiſcher Franzoſen, welche den Gegenſtand unterſuchen wollten; und endlich an das bekräftigende Zeugniß von Monſteur Le Cat, einem ein Mal berühmten franzöſiſchen Chirurgen, der ſo unhöflich geweſen, in einem Hauſe zu wohnen, wo ein ſolcher Fall vorgekommen, ja ſogar einen Bericht darüber zu ſchreiben:— ſo halten ſie dennoch den Eigen⸗ ſinn des ſeligen Mr. Krook, auf einem ſolchen Neben⸗ wege aus der Welt hinauszugehen, für durchaus ver⸗ werflich und perſönlich beleidigend. Je weniger der Hof von All' dieſem verſteht, um ſo mehr gefällt es dem Hofe, und um ſo mehr profitirt da⸗ bei zu den Sol's Arms. Und dann kommt auch der Künſtler einer illuſtrirten Zeitung, mit einem Vordergrund und mit Figuren, die zu jedem Zwecke ſchon fertig daſtehen, von einem Wrak an der corniſchen Küſte bis zu einer Truppenmuſterung in Hyde Park oder einer Volksverſammlung zu Man⸗ cheſter;— und in Mrs. Perkins' eigenem Zimmer, das 172 dadurch auf ewige Zeiten intereſſant wird, nimmt er da und dort von Mr. Krooks Haus ein Conterfei in Lebens⸗ größe; ja, er macht daſſelbe noch bedeutend größer, als es in Wirklichkeit iſt, indem er einen wahren Tempel daraus zu machen verſteht. In gleicher Weiſe conterfeit er, als er die Erlaubniß erhält, zu der Thüre des ver⸗ hängnißvollen Zimmers hineinzuſchauen, letzteres ab, und zwar ſo, daß daſſelbe eine Dreiviertel⸗Meile lang und fünfzig Ellen hoch wird, worüber der Hof ganz beſonders entzückt iſt. Während dieſer ganzen Zeit huſchen die beiden wei⸗ ter oben erwähnten Herren in jedes Haus hinein, und dann wieder daraus hervor, und wohnen den philoſophi⸗ ſchen Disputationen an, gehen überall hin, und hören Alles, was geſagt wird, und tauchen doch dabei immer wieder in das Parlour von den Sol's Arms, und ſchrei⸗ ben mit den gierigen kleinen Federn auf das Seiden⸗ papier. Endlich kommt der Leichenſchauer mit ſeiner Unter⸗ ſuchung, ganz in der früher angegebenen Weiſe, nur vielleicht mit dem Unterſchiede, daß dem Leichenſchauer dieſer Fall als ein ganz ungewöhnlicher gefällt und daß er den Herren von der Jury in ſeiner Eigenſchaft als Privatmann ſagt,„es möchte ſcheinen, als ſei das neben⸗ anſtehende Haus ein gar verhängnißvolles; aber ſo finden wir es bisweilen, und es ſind dieß Myſterien, von denen wir uns keine Rechenſchaft zu geben ver⸗ mögen!“ Worauf der„Sechsfüßer“ zum Vorſchein kommt und nicht wenig bewundert wird. Bei all' dieſen Dingen iſt Mr. Guppy— es ſei denn, wenn er als Zeuge auftritt— ſo wenig betheiligt, daß man ihn wie ein ganz gewöhnliches Menſcheukind weiter gehen heißt, und daß er das geheimnißvolle Haus nur von Außen ſehen darf, wo er zu ſeinem Aerger ſehen muß, wie Mr. Smallweed ein Vorlegſchloß an die Haus⸗ 178 thüre legt, und wo er die bittere Erfahrung macht, ſich hinausgeſchloſſen zu ſehen. Ehe aber alles Dieſes zu Ende geht, das heißt, an dem zunächſt auf die Kataſtrophe folgenden Adende hat Mr. Guppy Etwas zu ſagen, das Lady Dedlock geſagt werden muß.— Es zeigt ſich deßhalb der junge Mann Namens Guppy, ziemlich niedergeſchlagen und mit jenem Galgen⸗ ſchelms⸗Gefühl der Schuld, welches der Schrecken und das Aufbleiben in den Sol's Arms herbeigeführt, Abends gegen ſieben Uhr in der Stadtwohnung des Baronets, und verlangt mit Ihrer Ladyſchaft zu ſprechen. Der Merkur antwortet ihm, ſie gehe zu einem Diner, ob er denn den Wagen vor der Hausthür nicht geſehen? Ja, er ſieht den Wagen an der Thüre; aber er muß auch My Lady ſehen. Der Merkur hat, wie er bald einem andern Kam⸗ merdiener erklärt, große Luſt, auf den jungen Mann tüchtig loszupuffen; aber ſeine Verhaltungsbefehle ſind ganz poſitiv, deßhalb muthmaßt er mürriſch, es müſſe der junge Mann in das Bibliothekzimmer hinaufgehen. Dort läßt er den jungen Mann in einem großen, nicht aläſehr erhellten Zimmer, während er ſeine Ankunft meldet. Mr. Guppy ſchaut nach allen Richtungen hin in die Dunkelheit hinein und entdeckt allenthalben ein ge⸗ wiſes verkohltes oder weißliches Häufchen Kohle oder olz. Es ſteht nicht lange an, ſo hört er Etwas raſcheln. Iſt es— 2 Nein, es iſt kein Geiſt, ſondern ſchönes Fleiſch und Blut, höchſt brillant herausgeputzt. „Ich muß Ew. Ladyſchaft um Verzeihung bitten,“ ſtottert Mr. Guppy, ungemein niedergeſchlagen.„Es iſt dieß eine unpaſſende Zeit, ich weiß es—“ „Ich habe Ihnen ja geſagt, daß Sie zu jeder Zeit kommen dürfen.“ 174 Ihre Ladyſchaft nimmt einen Stuhl und ſchaut ihn, wie beim letzten Male, ſcharf und gerade an. „Ich danke Ew. Ladyſchaft. Ew. Ladyſchaft iſt ungemein leutſelig.“ „Sie können ſich ſetzen.“ In ihrem Tone liegt eben nicht ſehr viel Leut⸗ ſeligkeit. „Ich weiß nicht, Ew. Ladyſchaft, ob es auch der Mühe werth iſt, daß ich mich ſetze und Sie aufhalte, denn ich— ich habe die Briefe nicht, deren ich erwähnte, als ich die Ehre hatte, Ew. Ladyſchaft meine Aufwar⸗ tung zu machen.“ „Und Sie ſind hierher gekommen, um mir bloß das zu ſagen?“ „Bloß um Ihnen das zu ſagen, Ew. Ladyſchaft.“ Mr. Guppy, der ſchon niedergeſchlagen genug iſt und ſich, da ſeine Erwartungen nicht in Erfüllung ge⸗ gangen, unbehaglich genug fühlt, wird durch den Glanz und die Schönheit ihrer Erſcheinung in weitern Nach⸗ theil verſetzt. My Lady kennt deren Wirkung vollkommen,— hat dieſelbe zu gut ſtudirt, als daß ſie auch nur das Ge⸗ ringſte davon verloren gehen ließe. Und während ſie ihn ſo feſt und kalt anſchaut, iſt er ſich nicht allein bemußt, daß er durchaus im Unklaren iſt in Beziehung auf das, was ſie denkt, ſondern auch, daß er, ſo zu ſagen, jeden Augenblick ihr weiter und weiter entrückt wird. Sie will nicht ſprechen, das iſt klar. Alſo muß er. „Kurz und gut,“ ſpricht Mr. Guppy, wie ein elendig⸗ lich reumüthiger Dieb,„die Perſon, von der ich die Briefe bekommen ſollte, iſt, Ew. Ladyſchaft, eines plötz⸗ lichen Todes geſtorben, und—“ Hier hält er inne. Lady Dedlock endigt ganz ruhig die Phraſe: „Und die Briefe,“ ſagt ſie,„ſind mit der Perſon zerſtört?“ „“ on 175⁵ Mr. Guppy möchte ſo gerne Nein ſagen, wenn er ſich verſtellen könnte— was er aber gar nicht kann. „Ich glaube es, Ew. Ladyſchaft.“ Kann er in dieſem Augenblicke in ihrem Geſichte auch nur die geringſte Spur von Erleichterung ſehen? Nein; er könnte ſo Etwas nicht ſehen, ſelbſt wenn dieſe kecke Außenſeite ihn nicht gänzlich irre fuͤhrte, und er nicht darüber hinaus und neben dieſelbe hinblickte. Er ſtottert ein paar ungeſchickte Entſchuldigungen heraus, daß ihm ſein Vorhaben nicht gelungen. „Und es iſt dieß Alles, was Sie mir zu ſagen haben?“ fragt Lady Dedlock, nachdem ſie ihn zu Ende gehört— oder wenigſtens ſo weit, als er ſtottern kann. Mr. Guppy meint, es ſei dieß Alles. „Es wäre beſſer, wenn Sie auch gewiß wären, daß Sie mir Nichts mehr zu ſagen haben, indem dieß das letzte Mal iſt, daß ſich Ihnen eine Gelegenheit dazu bieten wird.“ Mr. Guppy iſt deſſen ganz gewiß. Auch hegt er dermalen gar keinen ſolchen Wunſch. „Und nun genug. Ich brauche keine Entſchuldigung Guten Abend!“ Und ſie klingelt dem Merkur, damit er den jungen Mann Namens Guppy bis an die Hausthüre geleite. Aber zufällig iſt in dieſem ſelben Augenblicke ein alter Mann Namens Tulkinghorn im Hauſe. Und dieſer alte Mann, der mit ſeinem ruhigen Tritte zum Biblio⸗ thekzimmer herankommt, hat in dieſem Augenblicke die Hand auf der Thürſchnalle liegen:— er kommt herein, und ſieht ſich dem jungen Manne gerade gegenüber, während dieſer im Begriffe iſt, das Zimmer zu verlaſſen. Ein Blick zwiſchen dem alten Manne und der Lady; und während eines Augenblicks fliegt die Blende, die immer herunter iſt, hinauf. Es ſchaut Argwohn hervor, gierig und ſcharfſichtig. Noch ein Augenblick: es kehrt Alles wieder in den früheren Zuſtand zurück. 176 „Ich bitte Sie um Verzeihung, Lady Dedlock. Ich bitte Sie tauſend Mal um Verzeihung. Es iſt ſo ganz ungewöhnlich, Sie um dieſe Stunde hier zu ſehen. Ich dachte, es ſei Niemand im Zimmer. Ich bitte Sie noch⸗ mals um Verzeihung!“ „Bleiben Sie!“ ruft ſie ihm nachläſſig zu.„Blei⸗ ben Sie hier, ich bitte Sie darum! Ich gehe zu einem Diner. Ich habe dieſem jungen Manne Nichts weiter zu ſagen!“ Der ganz und gar aus der Faſſung gebrachte junge Mann verbeugt ſich, während er hinausgeht, und drückt in kriechend demüthiger Weiſe die Hoffnung aus, daß Mr. Tulkinghorn von den Fields ſich wohl befinde. „Ah, ah!“ ſpricht der Juriſt, ihn unter ſeinen ge⸗ krümmten Brauen hervor auſchauend, obgleich er nicht zum zweiten Male hinzuſchauen braucht— nein, das braucht er gewiß nicht.„Gewiß von Kenge und Car⸗ boy's Bureau?“ „Von Kenge und Carboy's Bureau, Mr. Tulking⸗ horn. Namens Guppy, Sir.“ „Ei, ei! Gang richtig. Ich danke Ihnen, Mr. Guppy⸗ Ich fühle mich recht wohl!“ „Freut mich unendlich, es zu hören, Sir. Sie kön⸗ nen ſich für die Ehre des Standes nie zu wohl befinden, Sir.“ „Ich danke Ihnen Mr. Guppy!“ Mr. Guppy ſtiehlt ſich fort. Mr. Tulkinghorn aber, der in ſeinem altmodiſchen trüben Schwarz gegen Lady Dedlock's Glanz ſo ſehr abſticht, geleitet ſie die Treppe hinunter bis an ihren Wagen. Dann kommt er zurück, indem er ſich das Kinn reibt, was er im Laufe des Abends noch gar oft thut. ——-——— v————, 177 Vierunddreißigſtes Kapitel. Eine Schraubenumdrehung. „Was mag dieß nur ſein?“ ſpricht Mr. George. „Iſt es eine ſcharfe oder eine blinde Patrone? Ein blin⸗ der oder ein ſcharfer Schuß?“ Ein offener Brief bildet den Gegenſtand der Spe⸗ culation des alten Soldaten, und es ſcheint derſelbe ihn mächtig zu beſchäftigen und in Verlegenheit zu bringen. Er ſchant ihn aus der Entfernung an, nimmt ihn zu ſich her, hält ihn in der rechten Hand, hält ihn in der linken Hand, liest mit dem Kopfe auf dieſer, mit dem Kopfe auf der andern Seite, zieht ſeine Augenbrauen zuſam⸗ men, richtet dieſelben empor; und dennoch weiß er nicht, was er von der Sache halten ſoll. Er glättet ihn mit ſeiner ſchweren flachen Hand, und breitet ihn auf dem Tiſche aus und geht gedankenvoll die Gallerie auf und ab, bleibt dann und wann davor ſtehen, um mit friſchem Auge wieder heranzutreten. Auch das iſt noch nicht genug. „Iſt es.“ ſinnt Mr. George immer noch,„eine ſcharfe oder eine blinde Patrone?“ Phil Squod iſt in einiger Entfernung damit beſchäf⸗ tigt, daß er die Schießſcheiben mit Hilfe eines Pinſels und eines mit Farbe gefüllten Topfes weiß anſtreicht; dabei pfeift er im Tempo eines Geſchwindmarſches und nach Trommler⸗ und Pfeiferart leiſe, daß er wieder zu dem Mädchen zurückgehen müſſe und wolle, das er zurück⸗ gelaſſen. „Phil!“ Es winkt der Troupier, während er ihm ruft. Bleak Houſe, III. 12 178 Phil nähert ſich in der gewohnten Weiſe, indem er zuerſt wegwackelt, wie wenn er anderswohin gehen wollte, und dann, wie wenn er einen Bajonnetangriff machen wollte, gerade auf ſeinen Herrn zukommend. Es zeigen ſich gewiſſe weiße Flecken in Hochrelief auf ſeinem ſchmutzigen Geſichte; mit dem Griffe ſeines Pinſels aber ſcharrt er an einer ſeiner Augenbrauen. „Aufgepaßt, aufgepaßt, Phil! Hören Sie ein Mal, was jetzt kommt!“ „Nur zu, nur zu, Herr!“ „Sir! Erlauben Sie mir, Sie daran zu erinnern (obgleich das Geſetz, wie Sie wohl wiſſen, mir dieſes nicht vorſchreibt), daß der Wechſel, den Mr. Matthew Bagnet auf Sie gezogen, und den Sie angenommen, morgen fällig iſt, indem dann die zwei Monate, auf die er ausgeſtellt worden, abgelaufen ſind. Sie wiſſen, daß er auf die Summe von neunzig ſieben Pfund, vier Shilling und neun Pence lautet, und werden ſo gefällig ſein, denſelben bei Vorzeigung einzulöſen. Ganz der Ihrige, Joſhua Smallweed.— Was ſagen Sie dazu, Phil?“ „Unheil, Herr.“ „Und warum denn das?“ „Ich meine eben ſo,“ erwidert Phil, nachdem er in tiefſinniger Weiſe mit dem Griffe ſeines Pinſels einer Kreuzrunzel auf ſeiner Stirn genau gefolgt iſt,„daß man immer etwas Unheilvolles meint, wenn man Geld von Einem verlangt.“ „Schauen Sie her, Phil!“ ſpricht der Troupier, ſich auf den Tiſch ſetzend.„Erſtlich und letztlich habe ich, ich kann es wohl ſagen, in Form von Intereſſe und ſo weiter, noch ein Mal ſo viel, als dieſe Hauptſumme, und die Hälfte darüber bezahlt.“ Phil gibt, indem er ein Paar Schritte zurückwackelt, und ſein verzerrtes Geſicht in recht unerklärlicher Weiſe noch mehr verzerrt, zu verſtehen, daß ihm das Geſchäft 179 in Folge dieſes Zwiſchenfalls durchaus nicht als vielver⸗ ſprechender erſcheint. „Und ſchauen Sie weiter, Phil,“ ſpricht der Trou⸗ pier, ſeinen voreiligen Schlüſſen mit einer Handbewegung Einhalt gebietend.„Man iſt immer von der Voraus⸗ ſetzung ausgegangen, daß dieſer Wechſel immer wieder erneuert werden ſolle, wie man ſo ſagt. Auch iſt derſelbe unzählige Mal erneuert worden. Was ſagen Sie nun?“ „Ich ſage ſo viel, ich glaube, die Sache geht nun ihrem Ende entgegen.“ „Das glauben Sie? Hm! Ich ſelbſt bin ſo ziemlich derſelben Meinung.“ „Und der Joſhua Smallweed iſt der, der in einem Seſſel bieher gebracht worden iſt?“ „Derſelbe.“ „Herr,“ ſpricht Phil mit außerordentlich ernſter Miene,„er iſt ein Blutegel in ſeiner Geſinnungsweiſe, er iſt eine Schraube und ein Schraubſtock in ſeiner Hand⸗ lungsweiſe, eine Schlange in ſeinen Windungen, und ein Hummer in ſeinen Krallen.“ Nachdem Mr. Sauod eine Meinung in ſolch nach⸗ drücklicher Weiſe ausgeſprochen und noch ein Bischen ge⸗ wartet, ob man keine weitere Bemerkung von ihm verlangt, geht er, die gewohnte Reihe von Bewegungen durchmachend, zu der Schießſcheibe zurück, mit der er eben beſchäftigt iſt, und zeigt durch ſein früheres muſikaliſches Mittel in kräfliger Weiſe an, daß er zu dieſer idealen jungen Dame zurückkehren muß und will. George geht, nachdem er den Brief wieder zuſam⸗ mengelegt, nach der Richtung hin, wo Phil ſich befindet. „Es gibt einen Weg, Herr, die Sache in's Reine zu bringen,“ ſpricht Phil, ihn pfiffig anſchauend. „Und dieſer Weg beſteht vermuthlich darin, daß ich das Geld bezahle? Ich wollte, ich könnte das.“ Phil ſchüttelt den Kopf.„Nein, Herr, nein; nicht ganz ſo ſchlimm. Es gibt einen Weg,“ ſpricht Phil 180 mit einer ungemein künſtleriſchen Drehung ſeines Pinſels —„was ich jetzt thue.“ „Ich ſoll die Schuld auswiſchen, indem ich mich für inſolvent erkläre?“ Poil nickt. „Das wäre mir ein ſchöner Weg! Wiſſen Sie auch, was in dieſem Falle aus den Bagnet'ſchen würde? Wiſſen Sie auch, daß es ſie ruiniren würde, meine alten Schuld⸗ poſten zu zahlen? Sie ſind mir ein ſchöner Menſch, auf Ehre, Phil!“ ſpricht der Troupier, ihn in ſeiner großen Weiſe mit nicht geringer Entrüſtung anſchauend. Phil iſt, auf einem Knie neben der Scheibe ruhend, daran, eifrig, wenn auch nicht ohne viele allegoriſche Pinſelbewegungen und Glattſtreichungen der weißen Ober⸗ fläche um den Rand her, wobei er ſich ſeines Daumens bedient, zu proteſtiren, daß er die Bagnet'ſche Verant⸗ wortlichkeit ganz vergeſſen, und daß er keinem Gliede der genannten würdigen Familie auch nur ein Haar krümmen möchte,— da laſſen ſich draußen in dem langen Gonge Tritte hören, und eine fröhliche Stimme, die wiſſen möchte, ob George wohl zu Hauſe iſt. Phil humpelt, nachdem ſein Herr ihm einen Blick zugeworfen, hin und ſagt:„Da iſt der Herr, Mrs. Bag⸗ net! Da iſt er!“ Und ſo erſcheint denn das alte Mädel in eigener Perſon, begleitet von Mr. Bagnet. Das alte Mädel geht in keiner Jahreszeit aus, ohne einen Mantel von grauem Tuch, der, obwohl er grob und ſtark abgetragen, doch ſehr reinlich iſt. Es iſt dieß unzweifelhaft das nämliche Kleidungs⸗ ſtück, das für Mr. Bagnet dadurch ſo intereſſant geworden iſt, daß es mit Mrs. Bagnet und einem Regenſchirm aus einem andern Theile der Welt ſeinen Weg nach Europa zurückgefunden hat. 2 Der eben genannte Regenſchirm bildet geichfalls ein treues Anhängſel von dem alten Mädel, ſo oft dieſelbe 181 ausgeht. Es hat derſelbe eine Farbe, die mit keiner andern Etwas gemein hat; anſtatt eines Griffes beſitzt er einen runzeligen, hölzernen Haken, und zeigt an ſeinem äußerſten Ende einen metalliſchen Gegenſtand, ähnlich einem kleinen halbrunden Bogenfenſterchen über einer Hausthüre, oder einem von den ovalen Gläſern einer Brille: welcher zur Verzierung beſtimmte Gegenſtand nicht ganz jene Zähigkeit im Ausharren auf ſeinem Poſten beſitzt, die man von einem Gegenſtande wünſchen könnte, der ſo lange Zeit mit dem britiſchen Heere in Verbindung geſtanden hat. Der Regenſchirm des alten Mädels iſt ſchlapp um den Leib und ſcheint ein Corſett zu brauchen — eine Erſcheinung, die möglicher Weiſe ihren Grund darin hat, daß er während einer ganzen Reihe von Jahren zu Hauſe die Stelle eines Nachtſackes vertreten hat. Sie entfaltet ihn nie, indem ſie das größte Ver⸗ trauen zu ihrem wohlbewährten Mantel mit ſeiner geräu⸗ migen Kapuze hat, ſondern bedient ſich gewöhnlich des Inſtruments als eines Stabs, womit ſie auf dem Markte auf Stücke Fleiſch oder einen Haufen Gemüſe hindeutet, oder die Aufmerkſamkeit von Gewerbsleuten durch einen freundſchaftlichen Stoß auf ſich zieht. Ohne ihren Markt⸗ korb, der eine Art aus Weidenzweigen geflochtenen Brun⸗ nens mit zwei ſchlaff herabhangenden Klappen iſt, geht ſie nie aus. Von dieſen ihren treuen Gefährten alſo, und ihrem ehrlichen, ſonnverbrannten, fröhlich aus einem groben Strohhute hervorſchauenden Geſichte begleitet, kommt Mrs. Bagnet nun mit friſch gefärbten Wangen nnd ſtrah⸗ lend auf George's Schießbahn an. „Nun George, alter Burſche,“ hebt ſie an,„und wie geht es Ihnen denn an dieſem ſonnenhellen Morgen?“ Ihm freundſchaftlich die Hand ſchüttelnd, holt Mrs. Bagnet nach ihrem Gange tief Athem, und ſetzt ſich, um auszuruhen. Da ſie eine oben auf dem Bagagewagen und in andern Stellungen gereifte Fähigkeit beſitzt, es 182 ſich überall bequem zu machen, ſo ſetzt ſie ſich auf eine roh gearbeitete Bank, bindet ihre Hutbänder auf, ſchiebt ihren Hut zurück, kreuzt die Arme, und ſieht aus, wie wenn es ihr ſo recht behaglich wäre. Unterdeſſen hat Mr. Bagnet ſeinem alten Kameraden, ſowie Phil die Hand geſchüttelt. Letzterem nickt und lächelt Mrs. Bagnet gleichfalls gutlannig zu. „Nun George,“ ſagt Mrs. Bagnet lebhaft,„da ſind wir, Lignum und ich;“— ſie bezeichnet ihren Mann oft mit dieſem Namen. Vermuthlich deßhalb, weil, als ſie mit einander Bekanntſchaft machten, ſein alter Kriegs⸗ name beim Regiment lignum vitae war, womit der außer⸗ ordentlichen Härte und Zähigkeit ſeiner Phyſiognomie ein Compliment gemacht werden ſollte;„haben nur ſo herein⸗ ſchauen wollen, um wie gewöhnlich in Betreff der Cau⸗ tion Alles in Richtigkeit zu bringen. Geben Sie ihm den neuen Wechſel zu unterzeichnen, George, und er wird es thun wie ein Mann.“ „Ich wollte heute Morgen zu Euch kommen,“ be⸗ merkt der Troupier ungern. „Ja, wir dachten, daß Sie heute Morgen zu uns kommen würden, aber wir gingen bald von Hanſe weg⸗ und ließen Woolwich, den beſten der Jungen zurück, da⸗ mit er ſeine Schweſtern hüte, und kamen zu Ihnen her— wie Sie ſehen! Denn Lignum iſt jetzt ſo entſetzlich an⸗ gebunden und kann ſich ſo wenig Bewegung machen, daß ein Spaziergang ihm wohl bekommt. Aber was iſt Ihnen, George?“ fragt Mrs. Bagnet in ihrem fröhlichen Geplauder inne haltend.„Sie ſehen ja gar nicht aus, wie ſonſt: Sie ſind ja gar nicht mehr der Alte!“ „Das bin ich auch nicht,“ verſetzte der Troupier; „ich bin ein Bischen verſtimmt worden, Mrs. Bagnet,“ Ihr ſcharfes, glänzendes Auge entdeckt die Wahrheit alsbald.„George!“ dabei hält ſie den Finger in die Höhe.„Sagen Sie mir nicht, es ſei wegen der Cau⸗ * —&S—.—-————,—.———— ——,—— —————9,-—,—— eine diebt wie den, und ſind tann als egs⸗ ßer⸗ ein rein⸗ Lau⸗ ihm wird be⸗ uns weg, da⸗ r— an⸗ chen, s iſt ichen aus, pier; net.“ rheit u die Cau⸗ 183 tion Lignum's nicht Alles im Blei! Thun Sie es nicht, George,— thun Sie es der Kinder wegen nicht!“ Der Troupier ſchaut ſie mit verſtörtem Geſichte an. „George!“ ſpricht Mrs. Bagnet weiter, ſich des Nachdrucks wegen ihrer beiden Arme bedienend und ge⸗ legentlich ihre offenen Hände auf die Knie fallen laſſend. „Wenn durch Ihre Schuld mit dieſer Caution Lignum's nicht Alles im Reinen iſt, und wenn er für die Summe jetzt wirklich einſtehen ſoll, und wenn Sie uns der Ge⸗ fahr ausgeſetzt haben, daß man uns Alles verkauft— und ich leſe Auspfändung in Ihrem Geſichte, George, ſo deutlich, wie wenn es dort mit Buchſtaben geſchrieben ſtände— ſo haben Sie ſich eine ſchändliche That zu Schulden kommen laſſen und haben uns entſetzlich hinter⸗ gangen. Ich ſage wiederholt, dann haben Sie uns ent⸗ ſetzlich hintergangen, George. Nun haben Sie's!“ Mr. Bagnet, der ſonſt ſo unbeweglich, wie eine Pumpe oder ein Laternenpfahl iſt, legt ſeine große rechte Hand auf die Spitze ſeines Kahlkopfes, wie wenn er denſelben vor einem Tropfbade bewahren wollte, und ſchaut Mrs. Bagnet mit vieler Unruhe an. „George!“ hebt das alte Mädel wieder an.„Ich wundere mich über Sie. George, ich ſchäme mich Ihrer! George, ich hätte nie geglaubt, daß Sie ſo Etwas thun könnten! Ich wußte zwar immer, daß Sie ein rollender Stein ſind, der ſich nie bemooſet; aber nie hätte ich ge⸗ glaubt, daß es Ihnen in den Sinn kommen könnte, das wenige Moos wegzunehmen, das Bagnet und die Kinder zum Liegen haben. Sie wiſſen, wie ſauer er es ſich wer⸗ den läßt,— Sie wiſſen, wie ſolid er iſt. Sie wiſſen, was Quebec und Malta und Woolwich ſind,— und nie dachte ich, daß Sie es über ſich gewinnen würden oder könnten, uns einen ſolchen Streich zu ſpielen. O George!“ Hier nimmt Mrs. Bagnet ihren Mantel zuſammen, um ſich in durchaus unverſtellter Weiſe die Augen daran zu wiſchen.„Ach! Wie konnten Sie doch das thun!“ 184 Nachdem Mrs. Bagnet aufgehört hat, entfernt Mr. Bagnet wieder die Hand, die er ſich auf den Kopf ge⸗ legt, wie wenn das Tropfbad nun vorüber wäre, und ſieht Mr. George troſtlos an. Letzterer iſt leichenblaß geworden, und ſchaut den grauen Mantel und den Strohhut jämmerlich an. „Mat,“ ſpricht der Tronpier mit gedämpfter Stimme, ihn anredend, aber dabei immer noch ſeine Frau an⸗ ſchauend;„es thut mir leid, daß Du Dir die Sache ſo zu Herzen nimmſt, obgleich ich nicht glaube, daß es ſo ſchlimm ſtebt, daß es dazu kommen könnte. Zwar habe ich heute Morgen dieſen Brief bekommen“(er liest den⸗ ſelben laut);„aber ich hoffe, daß Alles noch in's Blei kommt. Was den rollenden Stein betrifft, ei nun, ſo iſt ganz wahr, was Du ſagſt. Ich bin wirklich ein rollen⸗ der Stein, und bin feſt überzeugt, daß ich noch Niemand in den Weg gerollt bin, ohne demſelben Unglück zu brin⸗ gen. Aber es iſt unmöglich, daß ein alter vagabundiren⸗ der Kamerad Deine Frau und Familie mehr liebt, als ich, mein lieber Mat, und ich glaube und hoffe, daß Du mich mit ſo vieler Nachſicht anſchauen wirſt, als Dir nur möglich iſt. Glaube nicht, ich habe Dir Etwas vorent⸗ halten. Der Brief iſt noch nicht länger als eine Viertel⸗ ſtunde da.“ „Altes Mädel!“ murmelt Mr. Bagnet nach einer kurzen Pauſe,„willſt Du ihm meine Meinung ſagen?“ „Ob, was hat er nicht,“ antwortet Mrs. Bagnet, halb lachend und halb weinend,„Joe Pouch's Wittwe in Nordamerika geheirathet? Hätte er das gethan, ſo würde er ſich nicht in dieſe Verlegenheit hineingearbeitet haben.“ 3 3 „Das alte Mädel,“ ſpricht Mr. Bagnet,„hat voll⸗ kommen Recht— warum haſt Du das nicht gethan?“ „Je nun, ſie hat hoffentlich jetzt einen beſſern Mann,“ verſetzt der Troupier.„Wie dem aber auch ſein mag, hier ſtehe ich jetzt, ohne mit Joe Pouch's Wittwe ver⸗ 18⁵ heirathet zu ſein. Was ſoll ich anfangen? Du ſiehſt hier Alles, was ich habe. Es gehört nicht mir, ſonderu Dir. Du brauchſt nur ein Wort zu ſagen, und ich ver⸗ kaufe jedes Stück. Hätte ich hoffen können, daß beiläufig die erforderliche Summe erlöst werden würde, ſo hätte ich ſchon längſt Alles verkauft. Glaube ja nicht, ich laſſe Dich oder die Deinigen im Stich, Mat. Zuerſt würde ich mich ſelbſt verkaufen. Ich möchte nur,“ ſpricht der Troupier weiter, indem er ſich einen verächtlichen Schlag auf die Bruſt gibt,„Jemand wiſſen, der ſo altes Zeug zu kaufen Luſt hätte.“ „Altes Mädel,“ murmelt Mr. Bagnet,„ſag' ihm wieder meine Meinung!“ George,“ ſpricht das alte Mädel,„wenn man die Sache beim Licht beſieht, ſo ſind Sie nicht ſo ſehr zu tadeln, es ſei denn deßbalb, weil Sie ohne die erforder⸗ lichen Mittel dieſes Geſchäft überhaupt angefangen.“ „Und das ſah mir ſo ganz gleich!“ bemerkt der reumüthige Troupier kopfſchüttelnd.„Sah mir ganz gleich, ich weiß es.“ „Still! das alte Mädel,“ ſpricht Mr. Bagnet,„hat Recht in der Art, wie ſie meine Meinung ausſpricht— hör' mich zu Ende!“ „Sie hätten, Alles wohl erwogen, die Bürgſchaft nie verlangen ſollen, George, und hätten dieſelbe nie be⸗ kommen ſollen. Aber was einmal geſchehen iſt, kann nicht mehr ungeſchehen gemacht werden. Sie ſind immer ein ehrenhafter und gerader Burſche, ſoweit es in Ihrer Macht liegt, wenn Sie auch ein Bischen leichtſinnig ſind. Anderxerſeits müſſen Sie zugeben, daß wir natürlich ängſt⸗ lich ſein müſſen, ſo lange eine fatale Geſchichte über un⸗ ſerem Haupte ſchwebt. Es ſoll alſo Alles vergeſſen und vergeben ſein, George. Kommen Sie! Soll Alles ver⸗ geſſen und vergeben ſein!“ Da Mrs. Bagnet ihm eine ihrer ehrlichen Hände und die andere ihrem Manne gibt, ſo gibt Mr. George 186 jedem von ihnen eine von der ſeinigen und hält dieſelben feſt, während er ſpricht. „Ich verſichere Euch Beide, daß ich Alles thun möchte, um dieſe Schuld zu tilgen. Was ich aber in zwei Monaten zuſammenraffen kann, geht immer wieder für Zinſen hinaus. Wir haben hier einfach genug gelebt, Phil und ich. Aber die Schießbahn rentirt eben nicht ſo, wie man erwartet hatte, und iſt, damit ich's kurz ſage, eben keine Goldgrube. Es war unrecht von mir, daß ich ſie übernahm? Je nun, das war es wirklich. Aber ich wurde gewiſſermaßen in die Sache hineingezogen und glaubte, ich würde dadurch ſolid werden, und könnte endlich ein eigenes Hausweſen begründen; und Ihr wer⸗ det es verſuchen, gefälligſt zu überſehen, daß ich ſolche Erwartungen hatte,— und meiner Seel', ich bin Euch ſehr verbunden und ſchäme mich meiner unendlich.“ Mit dieſen Schlußworten ſchüttelt Mr. George jede von den Händen, die er bis daher feſtgehalten; dann läßt er dieſelben fahren, und geht in breitbrüſtiger, auf⸗ rechter Attitüde ein Paar Schritte zurück, wie wenn er eine letzte Beichte abgelegt hätte, und mit allen militäri⸗ ſchen Chren auf der Stelle erſchoſſen werden ſollte. „George, hör' mich zu Ende!“ ſagt Mr. Bagnet, ſeine Frau anſchauend.„Altes Mädel, fahr fort!“ Nachdem Mr. Bagnet in dieſer ſonderbaren Weiſe ſich vollends ausgeſprochen, hat er nur noch zu bemer⸗ ken, daß man wegen des Briefes unverzüglich die nöthi⸗ gen Schritte zu thun habe; daß es räthlich ſei, daß George und er alsbald in eigener Perſon Mr. Small⸗ weed ihre Aufwartung machen, und daß die Hauptſache die ſei, Mr. Bagnet, der von dem Gelde Nichts bekom⸗ men, vor jedem Schaden zu bewahren. Da Mr. George dieſer Anſicht vollkommen beiſtimmt, ſo ſetzt er den Hut auf und ſchickt ſich an, mit Mr. Bag⸗ net auf das feindliche Lager loszumarſchiren. „George, denken Sie nicht an ein übereiltes Wort, 187 das eine Frau einmal geſprochen!“ ſpricht Mr. Bagnet, ihn auf die Schulter tätſchelnd.„Ich vertraue Ihnen meinen alten Lignum an, und bin verſichert, daß Sie ihn herausreißen werden.“ Der Troupier erwidert, es ſei dieß von ihr ſehr gütig, und er werde und wolle Lignum auf irgend eine Weiſe herausreißen. Worauf Mr. Bagnet mit Mantel, Korb und Regenſchirm wieder fröhlich zum Reſte ihrer Familie zurückkehrt und die Kameraden ſich auf den Weg machen, in der Abſicht und Hoffnung, Mr. Smallweed zu beſänftigen. Ob nun außer Mr. George und Mr. Matthew Bagnet in England ſich zwei andere Leute finden laſſen, von denen es minder wahrſcheinlich iſt, daß ſie mit einem Menſchen, wie Smallweed, zu ihrer Zufriedenheit fertig werden, iſt eine Frage, die mit allem Rechte aufgeworfen werden kann. Und ebenſo kann, trotz ihres martialiſchen Ausſehens, ihrer breiten, ſtarken Schultern und ihres ſchweren Trittes, gefragt werden, ob innerhalb derſelben Grenzen es zwei einfältigere und unpraktiſchere Kinder gibt in allen Lebensangelegenheiten, wo man es mit Smallweeds zu thun hat. Während ſie mit vieler Gravität durch die Straßen nach der Gegend von Mount Pleaſant hinſchreiten, hält Mr. Bagnet, als er ſieht, daß ſein Kamerad in Gedan⸗ ken verſunken iſt, es für eine Pflicht der Freundſchaft, auf Mrs. Bagneu's heutigen Ausfall anzuſpielen. „George, Du kennſt das alte Mädel— ſie iſt ſo ſüß und mild, wie Milch. Berühr' ſie aber in der Per⸗ ſon ihrer Kinder, in meiner eigenen— und ſie geht los wie Pulver.“ „ Es macht ihr das Ehre, Mat!“ „George,“ verſetzt Mr. Bagnet, gerade vor ſich hin⸗ ſchauend,„das alte Mädel— kann Nichts thun— das ihr nicht Ehre machte. Mehr oder weniger. Ich ſage 188 ihr das aber nie. Es muß die Disciplin aufrecht er⸗ halten bleiben.“ „Sie iſt verdient, mit Geld aufgewogen zu werden,“ erwidert der Troupier. „Mit Geld?“ ſagt Mr. Bagnet.„Ich will Dir 'was ſagen: des alten Mädels Gewicht— iſt zwölf Stein*), ſechs. Möchte ich nun dieſes Gewicht— in irgend einem Metalle um das alte Mädel nehmen? Nein. Und warum nicht? Weil das Metall des alten Mädels weit koſtbarer iſt,— als das koſtbarſte Metall. Und ſie iſt lauter Metall!“ „Du haſt Recht, Mat!“ „Als ſie mich nahm— und den Ring annahm, nahm ſie Dienſte unter mir und den Kindern— mit Kopf und Herz; fürs ganze Leben. Es iſt ihr ſo Ernſt damit,“ ſpricht Mr. Bagnet,„und ſie bleibt ihrer Fahne ſo treu — daß man uns nur mit dem Finger zu berühren braucht, um ſie— ausrücken und nicht von ihren Waffen weichen zu ſehen. Feuert das alte Mädel— wenn die Pflicht ruft— einmal auch etwas zu ſtark, ſo ſchau darüber weg, George, denn ſie iſt loyal!“ 8„Ei, der Himmel ſegne ſie, Mat!“ verſetzt der Trou⸗ pier.„Ich halte darum nur noch größere Stücke auf ſie!“ „Da haſt Du Recht!“ ſpricht Mr. Bagnet mit dem wärmſten Enthuſiasmus, obgleich auch nicht eine Muskel bei ihm an Straffheit verliert.„Denk' von dem alten Mädel ſo hoch— wie von dem Felſen von Gibraltar — und Du wirſt immer noch zu niedrig denken— von ſolchen Verdienſten. Aber ich gebe das in ihrem Beiſein nie zu. Es muß die Disciplin aufrecht erhalten bleiben.“ Dieſe Lobſprüche bringen ſie nach Mount Pleaſant und zu Großvater Smallweed's Haus. Es wird die Thüre von der unvermeidlichen Judy geöffnet, die, nach⸗ *) Ein Gewicht von acht bis vierzehn Pfund. 189 dem ſie ſie mit keiner beſonderen Gunſt, ſondern in der That mit einem boshaften Hohnlächeln von Kopf bis zu den Füßen gemuſtert, ſie dort ſtehen läßt, während ſie das Orakel fragt, ob ſie hereingelaſſen werden ſollen. Es läßt ſich annehmen, daß das Orakel eine zu⸗ ſtimmende Antwort gibt, denn es erſcheint Judy wieder mit den Worten auf ihren honigſüßen Lippen,„daß ſie hereintreten könnten, wenn es ihnen beliebte.“ Alſo bevorrechtet, treten ſie herein und finden Mr. Smallweed mit den Füßen in der Schieblade ſeines Seſſels, wie wenn derſelbe ein papiernes Fußbad wäre; rs. Smallweed aber finden ſie durch das Kiſſen ver⸗ dunkelt, gleich einem Vogel, der nicht ſingen ſoll. „Mein lieber Freund,“ ſpricht Großvater Small⸗ weed, indem er ſeine zwei dürren, liebevollen Arme aus⸗ geſtreckt hält.„Wie geht es, wie geht es? Wer iſt dieſer unſer Freund, mein lieber Freund?“ „Ei, es iſt dieß,“ verſetzt Mr. George, der anfangs nicht ſo recht verſöhnlich ſein kann,„Matthew Bagnet, der mich, wie Sie wiſſen, in dieſer unſerer Angelegen⸗ heit verbunden hat.“ „Oh, Mr. Bagnet? Ei, ei!“ Der alte Mann ſchaut ihn unter der Hand durch an.„Hoffentlich recht wohl, Mr. Bagnet? Feiner Mann, Mr. George. Militäriſches Ausſehen, Sir!“ Da ihm keine Stühle angeboten werden, ſo holt Mr. George einen für Bagnet und einen andern für ſich herbei. Sie ſetzen ſich; Mr. Bagnet, wie wenn er ſchlechterdings ſich nicht zu bücken und zu biegen ver⸗ möchte, oder doch ſo, wie wenn ihm die Lenden zu die⸗ ſem Zwecke gegeben wären. „Judy,“ ſpricht Mr. Smallweed,„bring' die Pfeife!“ „Ci, ich glaube,“ fällt Mr. George ein, das junge Frauenzimmer braucht ſich dieſe Mühe nicht zu geben, denn ich habe, um Ihnen die Wahrheit zu geſtehen, keine Luſt, ſie heute zu rauchen.“ 190 „Ach, Sie haben keine Luſt!“ verſetzte der Alte. „Judy, bring' die Pfeife her!“ „Ich will Ihnen nur ſagen, Mr. Smallweed,“ fährt Mr. George fort,„daß ich mich in einer etwas unange⸗ nehmen Gemüthsſtimmung befinde. Es ſcheint mir, Sir, daß Ihr Freund in der City wieder ein Mal einen Poſſen ſpielen will.“ „Ach, nein, Du lieber Himmel!“ ſpricht Großvater Smallweed.„Das thut er nie!“ „Thut er wirklich das nie? Wohlan, es freut mich, das zu hören, da ich glaubte, es könnte ſein Werk ſein. Sie wiſſen wohl ſchon, von wem ich ſprechen will. Es handelt ſich von dem Briefe.“ Großvater Smallweed lächelt, als er das Wort „Brief“ hört, in recht häßlicher Weiſe. „Was ſoll das bedeuten?“ fragt Mr. George. „Judy,“ ſagt der Alte.„Haſt Du die Pfeife? Gib ſie mir! Sagten Sie, was das bedeute, mein guter Freund?“ „Ei, kommen Sie, kommen Sie doch, Mr. Small⸗ weed!“ ſagt der Troupier in eindringlichem Tone und ſich Gewalt anthuend, um ſo glatt und vertraulich wie nur möglich zu ſprechen; dabei hält er den offenen Brief in einer Hand und läßt die breiten Knöchel der andern auf ſeinem Schenkel ruhen;„Sie wiſſen, es hat ſchon eine Maſſe Geld zwiſchen uns circulirt, und wir befin⸗ den uns nun, Geſicht gegen Geſicht, einander gegenüber, und kennen wohl das Uebereinkommen, das bis jetzt immer gegolten hat. Ich bin bereit, das zu thun, was ich bis daher regelmäßig gethan, um die Sache im Ge⸗ leiſe zu erhalten. Noch nie zuvor habe ich einen ſolchen Brief von Ihnen bekommen, und es hat mich dieſer heute Morgen ein Bischen bennruhigt; denu ſchauen Sie, hier iſt mein Freund Matthew Bagnet, der keinen Pfennig von dem Gelde bekommen hat—“ 191 „Ich weiß es nicht, wiſſen Sie,“ ſpricht der alte Mann ruhig. „Ei, ſo hol' der Henker Sie— es, will ich ſagen— ich ſage es Ihnen; nicht wahr?“ 3 „O ja, Sie ſagen es,“ erwidert Großvater Small⸗ weed.„Aber ich weiß es nicht.“ „Gut!“ ſpricht der Troupier, ſeinen Zorn ver⸗ ſchluckend.„Aber ich weiß es!“ Mr. Smallweed verſetzt in beſter Laune:„Ah, das iſt was ganz Anderes!“ und ſetzt hinzu:„Aber es iſt das einerlei. Mr. Bagnet's Lage bleibt ganz dieſelbe, ob ich es weiß, oder ob ich es nicht weiß.“ Der unglückliche George macht eine gewaltige An⸗ ſtrengung, um die Sache im Frieden zu ordnen und Mr. Smallweed dadurch zu beſänftigen, daß er ſich ganz auf deſſen Standpunkt ſtellt. „Das iſt's gerade, was ich meine. Wie Sie ſagen, Mr. Smallweed, mein Freund Matthew Bagnet hier hat nöthigenfalls einzuſtehen, ob Sie es wiſſen oder ob Sie es nicht wiſſen. Dieß nun, ſchauen Sie, macht ſeine gute Dame recht unruhig und mich gleichfalls; denn während ich ſo eine nichtsnutzige Art von einem Menſchen bin, dem mehr Tritte, als halbe Pence gehören, iſt er ein ſolider Familienvater, ſehen Sie nicht? Und nun, Mr. Smallweed,“ ſpricht der Troupier weiter, der immer mehr Selbſtvertrauen gewinnt, je mehr er in dieſer ſol⸗ datiſchen Art, Geſchäfte zu machen, fortfährt,„weiß ich, obwohl Sie und ich in gewiſſer Art ſo ziemlich gute Freunde ſind, recht gut, daß ich von Ihnen nicht ver⸗ langen kann, Sie ſollen meinen Freund Bagnet hier ganz frei ausgehen laſſen.“ „O Du lieber Gott, Sie ſind gar zu beſcheiden. Sie können Alles von mir verlangen, Mr. George,— können mich um Alles bitten.“ Es ſteckt heute eine wehrwolfartige Luſtigkeit in Großvater Smallweed. 192² „Und Sie können mir es abſchlagen, meinen Sie, wollen Sie ſagen, ha? Oder vielleicht nicht ſowohl Sie, als Ihr Freund in der City? ha ha ha!“ „Ha ha ha!“ echoet Großvater Smallweed. In ſo außerordentlich harter Weiſe und mit ſo eigenthümlich grünen Augen, daß Monſieur Bagnet's natürliche Ernſt⸗ haftigkeit durch die Betrachtung dieſes ehrwürdigen Man⸗ nes noch bedeutend vermehrt wird. „Kommen Sie!“ ſagt der ſanguiniſche George,„es freut mich, zu finden, daß wir luſtig ſein können, da ich dieſe Geſchichte in luſtiger Weiſe in Ordnung bringen möchte. Hier iſt mein Freund Bagnet und hier bin ich. Wir wollen, wenn es Ihnen gefällig iſt, Mr. Small⸗ weed, die Sache in gewohnter Weiſe auf der Stelle be⸗ reinigen. Und Sie werden meinen Freund Bagnet, ſo⸗ wie ſeine Familie nicht wenig beruhigen, wenn Sie ſo gut ſein wollen, ihm zu ſagen, wie es ſich mit unſerem Uebereinkommen verhält.“ Hier ruft irgend ein ſchrilles Geſpenſt in ſpöttiſcher Weiſe:„O gütiger Himmel! O!“— es müßte denn wirklich die muthwillige Judy ſein, die, als die über⸗ raſchten Beſucher herumſchauen, ſich ſchweigſam verhält, deren Kinn aber vor einer kleinen Weile offenbar einen Anſtoß erhalten hat, der Hohn und Verachtung aus⸗ drückt. Mr. Bagnet's Ernſthaftigkeit nimmt fortwäh⸗ rend zu. „Aber ich glaube, Sie haben mich gefragt, Mr. George,“— es ſpricht nun der alte Smallweed, der wäbrend dieſer ganzen Zeit die Pfeife in der Hand ge⸗ halten hat—„ich glaube, Sie haben mich gefragt, was der Brief zu bedeuten habe?“ „Ja, ja, ich habe das gefragt,“ verſetzt der Troupier in ſeiner argloſen Weiſe und ohne ſich lange zu beſin⸗ nen; aber es liegt mir nicht ſonderlich viel daran, es zu wiſſen, wenn Alles in Ordnung iſt und luſtig ab⸗ läuft.“ 193 Mr. Smallweed hat hier dem Troupier die Pfeife an den Kopf werfen wollen, verſagt ſich indeſſen doch dieſes Vergnügen, ſchmeißt die Pfeife auf den Boden, ſo daß ſie in Stücke zerbricht. „Sehen Sie, mein lieber Freund, das iſt es, was der Brief zu bedeuten hat. Ich werde Sie in Stücke zerſchmeißen. Ich werde Sie zerkrümmeln. Ich werde Sie zu Staub zermalmen. Und nun gehen Sie zum Teufel!“ Die beiden Freunde erheben ſich und ſchauen ein⸗ ander an. Mr. Bagnet's Ernſthaftigkeit hat nun den höchſten Grad erreicht. „Gehen Sie zum Teufel!“ wiederholt der Alte. „Ich brauche Ihr Pfeifenrauchen und Ihre Prahlereien nicht mehr. Wie? Sie wollen noch dazu ein unabhängi⸗ ger Dragoner ſein! Gehen Sie zu meinem Advocaten (Sie wiſſen wohl noch, wo er iſt; Sie ſind ſchon ein Mal dort geweſen), und zeigen Sie nun Ihre Unab⸗ häͤngigkeit,— wollen Sie das thun? Kommen Sie, mein lieber Freund, hier haben Sie eine Chance. Mach“ die Hausthür auf, Judy; laß dieſe Prahlhanſen hinaus! Ruf' um Hilfe, wenn ſie nicht gehen wollen! Schaff' ſie zur Thüre hinaus!“ Er ſchreit dieß ſo laut, daß Mr. Bagnet, der ſei⸗ nem Kameraden die Hände auf die Schultern legt, ehe derſelbe ſich von ſeinem Erſtaunen zu erholen vermag, ihn glücklich zur Hausthüre hinaus bringt, welche von der triumphirenden Judy alsbald zugeſchlagen wird. Ganz verblüfft, ſteht Mr. George eine Weile da, und ſchaut den Thürklopfer an. Mr. Bagnet, der ſich in einem wahren Abgrunde von Ernſthaftigkeit befindet, geht gleich einer Schildwache vor dem kleinen Parlourfenſter auf und ab, und ſchaut, ſo oft er an demſelben vorüber⸗ kommt, hinein. Er ſinnt, allem Anſchein nach, über Etwas nach. Bleak Houſe. III. 4 13 194 „Komm', Mat!“ ſpricht Mr. George, nachdem er ſich wieder gefaßt hat,„wir müſſen es bei dem Advo⸗ caten probiren. Und nun ſage mir, was hältſt Du von dieſem Schuft?“ Mr. Bagnet bleibt ſtehen, um einen letzten Blick in das Parlour zu werfen, und verſetzt mit einem Kopf⸗ ſchütteln, das dem Innern gilt: „Wäre mein altes Mädel da geweſen,— ſo hätte ich es ihm geſagt.“ Nachdem er ſich ſo des Gegenſtandes ſeines Nach⸗ ſinnens entledigt, nimmt er nach dem Troupier Tritt und marſchirt, Schulter an Schulter, mit ihm davon. Als ſie ſich in Lincoln's Inn Fields vorſtellen, iſt Mr. Tulkinghorn beſchäftigt und nicht zu ſprechen. Er hat gar nicht Luſt, ſie zu ſehen; denn nachdem ſie eine volle Stunde gewartet, und der Gehilfe, nachdem ihm geläutet worden, die Gelegenheit ergreift, dieſes Um⸗ ſtandes zu erwähnen, ſo bringt er keine ermuthigendere Nachricht zurück, als daß Mr. Tulkinghorn ihnen Nichts zu ſagen hätte, und daß ſie daher beſſer thäten, nicht zu warten. Gleichwohl warten ſie mit der Ausdauer militäri⸗ ſcher Taktik; endlich kingelt es wieder, und es tritt aus Mr. Tulkinghorn's Zimmer der Client, der ihn bis da⸗ her beſchäftigt hat. Der Client iſt dieß Mal eine Frau,— eine hübſche alte Dame; Niemand anders, als Mrs. Rouncewell, Haushälterin zu Chesney Wold. Sie kommt mit einem hübſchen altmodiſchen Knixe aus dem Heiligthum heraus und macht die Thüre ſachte zu. Sie wird hier mit einiger Auszeichnung behandelt, denn es tritt der Ge⸗ hilfe aus ſeinem Kirchenſtuhle heraus, um mit ihr durch das äußere Bureau zu gehen und ſie hinauszulaſſen. Die alte Dame dankt ihm für dieſe ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit; da gewahrt ſie die wartenden Kameraden. 195 „Ich bitte Sie um Verzeihung, Sir, aber wenn ich mich nicht täuſche, ſo ſind dieſe Herren Militärs 2 u Der Advocatengehilfe richtet vermittelſt eines Au⸗ ges dieſe Frage wieder an die Beiden, und da Mr. George ſich nicht umwenden will, ſondern beharrlich den über dem Kamin hangenden Almanach anſchaut, ſo übernimmt es Mr. Bagnet ſelbſt, zu antworten. „Ja, Ma'am. Früher“ „Ich dachte es doch. Ich wußte es gewiß. Mein Herz erwärmt ſich bei Ihrem Anblicke, meine Herren. Es iſt das bei mir immer der Fall, wenn ich ſolche Her⸗ ren ſehe. Gott ſegne Sie, meine Herren! Sie werden eine alte Frau entſchuldigen; aber ich hatte einſt einen Sohn, der unter die Soldaten ging. Er war ein feiner hübſcher Jüngling, und gut in ſeiner kühnen Weiſe, ob⸗ gleich gewiſſe Leute ihn bei ſeiner armen Mutter herunter zu ſetzen ſuchten. Ich bitte Sie um Verzeihung, daß ich Ihnen läſtig falle, Sir. Gott ſegne Sie, meine Her⸗ ren!⸗* „Wünſche Ihnen ein Gleiches, Ma'am!“ erwidert Mr. Bagnet, dem es mit dieſem Wunſche vollkommen Ernſt iſt. Es liegt etwas ungemein Rührendes in dem Ernſte, der in der Stimme der alten Dame ausgeſprochen liegt, ſowie in dem Zittern, das durch ihre nette alte Geſtalt hingeht. Aber Mr. George iſt mit dem über dem Ka⸗ min hangenden Almanach dermaßen beſchäftigt(wahr⸗ ſcheinlich rechnet er nach demſelben die kommenden Mo⸗ nate aus), daß er nicht eher herumſchaut, als bis ſie fort iſt und die Thüre ſich hinter ihr geſchloſſen hat. „George,“ flüſtert Mr. Bagnet verdrießlich, als der⸗ ſelbe endlich ſich von dem Kalender wegwendet.„Sei doch nicht ſo niedergeſchlagen! Warum, Soldaten, wa⸗ rum— ſollten wir trübſinnige Burſche ſein? Muth ge⸗ faßt, mein Beſter!“ Nachdem der Gehilfe jetzt wieder hineingegangen iſt, 196 um zu ſagen, daß die Beiden immer noch da ſeien, und nachdem man gehört hat, wie Mr. Tulkinghorn etwas zor⸗ nig darauf erwidert:„So laſſen Sie ſie hereinkom⸗ men!“ treten ſie in das große Zimmer mit der ge⸗ molten Decke, und finden ihn dort, wie er vor dem Feuer tteht. „Nun, Ihr Männer, was wollt Ihr? Sergeant, ich habe Ihnen das letzte Mal, als ich Sie ſah, doch geſagt, daß mir Ibre Geſellſchaft hier nicht willkommen wäre.“ Der Sergeant erwidert, während der letzten Paar Minuten in Beziehung auf ſeine gewöhnliche Redeweiſe, ja ſogar auf ſeine gewöhnliche Haltung ſichtbar deprimirt, daß er dieſen Brief erhalten, deſſentwegen bei Mr. Small⸗ weed geweſen, und von Letzterem hierher geſchickt worden. „Ich habe Ihnen Nichts zu ſagen,“ verſetzt Mr. Tul⸗ kinghorn.„Wenn Sie ſich in Schulden ſtürzen, ſo müſſen Sie eben Ihre Schulden bezahlen oder ſich den Folgen unterziehen. Vermuthlich brauchen Sie nicht erſt hier⸗ her zu kommen, um dieſes zu erfahren?“ Es thut dem Sergeanten Leid, ſagen zu müſſen, daß er das Geld nicht parat liegen hat. „Ganz gut! In dieſem Falle muß der andere Mann — dieſer Mann, wenn dieſer es iſt— es eben für Sie bezahlen.“ Dem Serganten thut es leid, weiter ſagen zu müſſen, daß der andere Mann das Geld gleichfalls nicht parat liegen hat. „Ganz gut! Dann müſſen Sie eben miteinander es bezahlen, oder müſſen Sie Beide deßhalb eingeklagt werden, und Beide ſich den Folgen unterwerfen. Sie haben das Geld bekommen und müſſen es nun wieder heimzahlen. Man ſackt nicht nur ſo anderer Leute Pfunde, Shillinge und Pence ein; da könnte ein Jeder kommen. Wer das Geld nicht wieder erſtattet, kann eben nicht frei ausgehen, ſondern muß ‚eingehängt’ werden.“ 1 197 Der Advocat ſetzt ſich in ſeinen Lehnſtuhl und ſchürt das Feuer.. Mr. George hofft, es werde derſelbe doch die Güte haben, zu—. „Ich wiederhole Ihnen, Sergeant, daß ich Ihnen Nichts zu ſagen habe. Mir gefallen Ihre Freunde nicht, und ich brauche Sie nicht hier. Dieſe Sache ſchlägt über⸗ haupt nicht in meine gewöhnliche Praxis ein, und ich habe ſonſt Nichts mit ſolchen Dingen zu thun. Mr. Small⸗ weed iſt ſo gut, mir dieſe Sache zu übertragen, aber ich wiederhole Ihnen, ſie liegen meiner Praxis gar zu fern. Sie müſſen zu Melchiſedeck in Clifford's Inn gehen.“ „Ich muß mich bei Ihnen entſchuldigen, Sir,“ ver⸗ ſetzt Mr. George,„daß ich mich Ihnen unter dieſen Um⸗ ſtänden ſo aufdränge, ohne daß ich dabei mich auch nur einigermaßen ermuthigt fände— es iſt dieß für mich ſo unangenehm, als es für Sie ſelbſt nur ſein kann; aber wollten Sie im Vertrauen ein Wort von mir annehmen?“ Mr. Tulkinghorn ſteht, mit den Händen in den Taſchen, auf, und tritt in eine der Fenſtervertiefungen. „Nun heraus damit! Ich habe keine Zeit zu verlieren.“ Und während er mit ungemeiner Virtuoſität den Gleichgiltigen ſpielt, läßt er einen durchdringenden Blick auf dem Troupier haften; dabei ſteht er ſelbſt mit dem Rücken gegen das Licht, während der Andere dieſem das Geſicht zugekehrt hat. „Wohlan, Sir,“ ſpricht Mr. George;„dieſer Mann neben mir iſt der andere in dieſe unglückliche Sache ver⸗ wickelte Theil— er iſt aber nur nominell, nur nominell darein verwickelt— und ich will ſonſt nichts Anderes erzielen, als daß er meinetwegen nicht in Noth und Ver⸗ legenheit kommt. Er iſt ein überaus reſpectabler Mann mit Frau und Familie; hat früher bei der königlichen Artillerie geſtanden—“ „Mein Freund, ich kümmere mich keine Priſe Schnupf⸗ tabak um die ganze königliche Artillerie— Offiziere, 198 Soldaten, Munitionskarren, Wagen, Pferde, Kanonen und Munition.“ „Es iſt das wohl möglich, Sir, ja ſogar ſehr wahr⸗ ſcheinlich. Mir aber liegt ſehr viel daran, daß Bagnet mit ſeiner Frau und Familie durch mich nicht geſchädigt werde. Und wenn ich ihnen aus dieſer Sache heraushel⸗ fen könnte, ſo würde ich mich beſtimmen laſſen, ohne Weiteres das herauszugeben, was Sie neulich von mir haben wollten.“ „Haben Sie es mitgebracht?“ „Ja, ich habe es hier, Sir.“ „Sergeant,“ fährt der Advocat in ſeiner trockenen, leidenſchaftsloſen Weiſe fort, der ſich unendlich weniger beikommen läßt, als der Heftigkeit, ſo groß man ſich letztere anch vorſtellen mag,„faſſen Sie, ſo lauge ich noch mit Ihnen ſpreche, einen Entſchluß, denn nachher iſt Alles aus. Wenn ich ein Mal ausgeredet habe, komme ich nicht mehr auf den Gegenſtand zurück; es iſt dann, ich wiederhole es Ihnen, Alles aus. Beherzigen Sie das wohl! Wenn Sie wollen, ſo können Sie ein Paar Tage lang hier laſſen, was Sie, wie Sie ſagen, mitgebracht; wenn Sie wollen, können Sie es alsbald wieder mit⸗ nehmen. Falls Sie es aber hier laſſen wollen, ſo kann ich, merken Sie wohl auf, Etwas für Sie thun, und zwar das:— ich kann dieſe Sache wieder ganz auf den alten Fuß ſtellen, und kann ſogar noch mehr thun— ich kann es Ihnen dann ſchriftlich geben, daß dieſer Mann, Bagnet mit Namen, nie in irgend einer Weiſe beläſtigt werden ſoll, ſo lange man ſie nicht bis aufs Aeußerſte proceſſirt hat— daß Ihre Mittel erſchöpft ſein müſſen, bevor der Gläubiger dieſen Mann, Bagnet mit Namen, angreift. Und ſo geht denn Letzterer factiſch ſo gut wie frei aus. Sind Sie nun zu einem Entſchluß gekommen?“ Der Troupier ſteckt eine Hand in die Bruſt und antwortet, tief Athem holend: 3 199 „Ich muß es thun, Sir.“ Mr. Tulkinghorn ſetzt alſo ſeine Brille auf und ſchreibt ſitzend das beſprochene Uebereinkommen nieder; er liest und erklärt es langſam Bagnet, der während dieſer ganzen Zeit die Decke angeſtarrt hat, und unter dieſem neuen Wort⸗Tropfbad die Hand abermals auf ſei⸗ nen kahlen Kopf legt, und des alten Mädels gar ſehr zu bedürfen ſcheint, damit er durch dieſelbe, als durch ſein Sprachrohr, ſeine Anſichten ausdrücke. Sodann zieht der Troupier aus ſeiner Bruſttaſche ein zuſammengelegtes Papier hervor, das er mit zögern⸗ der Hand an den Elbogen des Advocaten hinſchiebt. „Es iſt bloß ein Verhaltungsbefehle enthaltender Brief, Sir. Es iſt der letzte, den ich von ihm bekommen.“ Schauen Sie einen Mühlſtein an, Mr. George, um in deſſen Ausdruck eine Veränderung zu entdecken, und Sie werden dieſelbe gewiß ebenſo leicht finden, als im Geſichte von Mr. Tulkinghorn in dem Augenblicke, wo er den Brief öffnet und liest! Er legt denſelben wieder zuſammen, und wirft ihn in ſein Pult hinein mit einer Miene ſo leidenſchaftlos, wie der Tod. Auch hat er ſonſt Nichts mehr zu ſagen oder zu thun, als in derſelben kühlen und unhöflichen Weiſe ein Mal zu nicken und kurz angebunden zu ſagen: „Ihr könnet nun gehen. He, gehen Sie mit dieſen Männern bis an die Thüre, und laſſen Sie dieſelben hinaus!“ Nachdem ſie ſo entlaſſen worden, verfügen ſich die Beiden in Mr. Bagnets Wohnung, um dort das Haupt⸗ mahl einzunehmen. Gekochtes Ochſeufleiſch und Gemüſe bilden die heu⸗ tige Varietät gegenüber von dem früheren Mahle, das aus gekochtem Schweinfleiſch und Gemüſe beſtanden hatte; und es ſervirt Mrs. Bagnet das Eſſen durchaus in der gleichen Weiſe, und würzt daſſelbe mit der beſten aller Launen, indem ſie zu jener ſeltenen Gattung alter 200 Mädels gehört, die das Gute annimmt, ohne auch nur eine Anſptelung zu machen, daß daſſelbe beſſer ſein koͤnnte, und die aus jedem dunklen Fleckchen in ihrer Nähe Licht ſammelt. Dieſes dunkle Fleckchen iſt bei dieſer Gelegenheit die verdüſterte Stirn Mr. George's; er iſt ganz unge⸗ wöhnlich gedankenvoll und niedergeſchlagen. Aufänglich verläßt ſich Mrs. Bagnet auf die vereinten Liebkoſungen Quebec's und Malta's und meint, es werden dieſelben ihn ſchon wieder in eine beſſere Stimmung verſetzen; als ſie aber findet, wie dieſen jungen Damen es klar iſt, daß ihr dermaliger Bluffy durchaus nicht der Bluffy iſt, den ſie ſonſt als einen ſo luſtigen Kameraden gekannt haben, ſo bedeutet ſie der leichten Infanterie, indem ſie ihr mit den Augen zuwinkt, daß ſie ſich zurückziehen ſolle, und gibt ihm volle Gelegenheit, ſich auf dem offenen Felde des häuslichen Herdes nach Belieben zu entfalten. Allein er thut das nicht. Er bleibt ſtreng in Reih’ und Glied umwölkt und niedergeſchlagen. Während des etwas lange dauernden Reinigungs⸗ und Aufräumungs⸗ prozeſſes, wo, wie wir wiſſen, die Holzſchuhe ſich hören laſſen, und als er und Mr. Bagnet mit ihren Pfeifen verſehen ſind, iſt er um kein Haar mehr aufgeräumt, als früher beim Eſſen. Er vergißt ſogar das Rauchen, ſchaut das Feuer an, und ſinnt nach, und läßt ſeine Pfeife aus⸗ gehen, und erfüllt Mr. Bagnet's Bruſt mit Unruhe und Entſetzen, indem er dadurch deutlich an den Tag legt, daß der Tabak ihm nicht ſchmeckt. Als daher Mrs. Bagnet endlich wieder zum Vor⸗ ſchein kommt, und ſich, von dem ſtärkenden Eimer noch ganz roſenfarben, ſetzt, um zu arbeiten, brummt Mr. Bagnet„altes Mädel!“ und bedeutet ihr, mit dem Auge zuwinkend, daß ſie ausfindig machen ſolle, was ihm fehle. „Ei, ei, George!“ ſpricht Mrs. Bagnet, ganz ruhig — — ᷣ☛⏑——————— — —— u 39☛. —-— n— ☛ 4 201 ihre Nadel einfädelnd.„Wie ſchwermüthig und nieder⸗ geſchlagen ſind Sie nicht! „Wahr? Kein guter Geſellſchafter? Wohlan, ich fürchte ſelbſt, daß ich das nicht bin.“ „Er iſt gar nicht mehr der alte Bluffy, Mutter!“ ruft die kleine Malta. 1„Weil er nicht wohl iſt, Mutter, glaube ich!“ ſetzt Quebec hinzu. „Es iſt das gewiß auch ein ſchlechtes Zeichen, daß ich nicht mehr der alte Bluffy bin!“ verſetzt der Trou⸗ pier, die jungen Fräulein küſſend.„Aber es iſt wahr,“ — mit einem Seufzer—„wahr, wie ich fürchte. Dieſe Kleinen haben immer recht!“ „George,“ ſpricht Mrs. Bagnet, fleißig arbeitend, „könnte ich glauben, Sie ſeien närriſch genug, um noch an die Worte zu denken, die ein kreiſchendes altes Sol⸗ datenweib— das ſich ſpäter hätte die Zunge abbeißen mögen und es auch faſt hätte thun ſollen— heute Mor⸗ gen geſprochen hat, ſo wüßte ich wahrlich nicht, was ich zu Ihnen jetzt nicht ſagen ſollte.“ „Oh, Schatzkind!“ verſetzt der Troupier.„Davon kaun auch nicht im Entfernteſten die Rede ſein.“ „George, was ich ſagte und ſagen wollte, war, ſo wahr ich hier bin, daß ich Ihnen Lignum anvertraute, und daß ich gewiß wäre, Sie würden ihm aus der Sache heraushelfen. Und Sie haben ihm ja nun in ſo edler Weiſe wirklich herausgeholfen!“ „Danke Ihnen, meine Liebe,“ ſpricht George.„Es freut mich Ihre gute Meinung.“ Indem er Mrs. Bagnet's Hand, die mit Arbeit ge⸗ füllt iſt, in freundſchaftlicher Weiſe ſchüttelt,— denn ſie hat ſich neben ihn geſetzt,— wird die Aufmerkſam⸗ keit des Troupier auf ihr Geſicht gezogen. Nachdem er daſſelbe eine kleine Weile angeſchaut— unterdeſſen näht ſie fleißig fort— blickt er den jungen Woolwich an, der 202 in der Ecke auf einem niedrigen Stuhle ſitzt, und winkt dieſem jungen Pfeifer her. „Schau' her, mein Junge!“ ſpricht Mr. George, das Haar der Mutter mit der Hand in ungemein ſanfter Weiſe glättend,—„Schau' her, mein Junge! hier iſt eine gute, liebevolle Stirn,— eine Stirn, die von Liebe zu Dir ganz ſtrahlt, mein Junge. Zwar von der Sonne und dem Wetter ein wenig gebräunt, während ſie Deinem Vater überall hin gefolgt iſt, und für Dich geſorgt hat, aber noch ſo friſch und geſund, wie ein reifer Apfel auf einem Baume.“ Mr. Bagnet's Geſicht drückt, ſo weit deſſen hölzer⸗ nes Material es zu thun vermag, die höchſte Billigung und Zuſtimmung aus. „Es wird die Zeit kommen, mein Junge, ſchau',“ fährt der Troupier fort,„wo dieſes Haar Deiner Mut⸗ ter gran, und wo dieſe Stirn ganz von Runzeln ge⸗ furcht ſein wird, und dann wird ſie eine feine alte Dame ſein. Sorge, ſo lange Du noch jung biſt, doch ja da⸗ für, daß Du in jenen Tagen ſagen kannſt: ‚Ich habe nie auch nur ein Haar ihres lieben Hauptes grau ge⸗ macht; nie habe ich auch nur eine kummervolle Linie in ihr Geſicht gegraben!’ denn unter all' den vielen Dingen, woran Du, biſt Du ein Mal ein Mann, den⸗. ken kannſt, iſt das Dein beſtes Erbtheil, Woolwich!“ Mr. George endigt damit, daß er ſich von ſeinem Stuhle erhebt, den Jungen darauf, neben ſeine Mutter bin, ſetzt, und in etwas eiliger Weiſe ſagt, er wolle ein Bischen auf die Straße hinausgehen, um dort ſeine Pfeife zu rauchen. 203. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Eſther'’s Erzählung. Ich lag mehrere Wochen lang krank da, und es wurde der gewohnliche Verlauf meines Lebens wie eine alte Erinnerung. Allein es war dieß nicht ſowohl eine Wirkung der Zeit, als der Veränderung in allen meinen Gewohnheiten, hervorgerufen durch die Hilfloſigkeit und Unthätigkeit einer Krankenſtube. Ehe ich noch viele Tage auf dieſelbe beſchränkt geweſen war, ſchien ſich ſonſt Alles in eine weite Ferne zurückgezogen zu haben, wo zwiſchen den verſchiedenen Stadien meines Lebens, die in Wirklichkeit durch Jahre getrennt geweſen waren, wenig oder kein Zwiſchenraum lag. Indem ich krank wurde, ſchien ich über einen düſteren See gekommen zu ſein, und alle meine Erfahrungen, durch die große Entfer⸗ nung mit einander vermengt, auf dem geſunden Ufer zu⸗ rückgelaſſen zu haben. Meine Pflichten als Haushälterin, obwohl mir an⸗ fänglich der Gedanke viel Kummer verurſachte, daß die⸗ ſelben unverrichtet blieben, lagen bald ſo fern von mir, wie die älteſten der alten Pflichten zu Greenleaf oder die Sommernachmittage, wo ich, meine Mappe unter dem Arme und meinen Kindesſchatten au der Seite, von der Schule zu meiner Taufpathin nach Hauſe ging. Ich hatte zuvor nie gewußt, wie kurz das Leben in Wirk⸗ lichkeit iſt, und in welch' kleinen Raum der Geiſt daſ⸗ ſelbe zu drängen vermag. Während ich ſehr krank war, fühlte ich mich außer⸗ ordentlich unglücklich durch die Art und Weiſe, in der dieſe Zeitabtheilungen ſich mit einander vermengten. 204 Zugleich ein Kind, ein älteres Mädchen, und die kleine Frau, als die ich ſo glücklich geweſen, fühlte ich mich nicht allein durch Sorgen und Schwierigkeiten, die jedem dieſer Stadien angemeſſen waren, ſondern auch dadurch bedrückt, daß ich in meiner Noth und Verlegenheit end⸗ loſe Verſuche machte, dieſelben mit einander in Einklang zu bringen. Ich glaube, daß nur wenige Solche, die ſich in einem ſolchen Zuſtande befunden, ganz zu ver⸗ ſtehen vermögen, was ich meine, oder welch' peinliche Unruhe aus dieſer Quelle entſprang. Aus demſelben Grunde fürchte ich mich beinahe, auf jenes Stadium meiner Krankeit anzuſpielen,— es ſchien daſſelbe nur eine lange Nacht, jedoch glaube ich, daß Nächte und Tage darin vorkamen,— wo ich mich rieſige Treppen hinaufarbeitete, immer die Spitze zu erreichen ſuchte, und immer wieder, wie ich dieß in Gartenwegen bei Würmern geſehen, von irgend einem Hinderniſſe aufgehalten wurde, und immer wieder neue Anſtrengungen machte. Ich wußte zeitweiſe recht gut, und, wie ich glaube, faſt immer vag, daß ich mich in meinem Bette befand; und ſprach mit Charley, und fühlte es, wenn ſie mich anrührte, und kannte ſie recht gut; und doch überraſchte ich mich, wie ich klagte:„Oh, noch weitere ſolcher nie enden wollenden Treppen, Char⸗ ley, immer noch mehr, und immer mehr— bis an den Himmel hinauf, glaube ich!“ und mich fortarbeitete. Darf ich auf jene noch ſchlimmere Zeit anſpielen, wo, in einem großen, ſchwarzen Raume, ſich ein flam⸗ mendes Halsband, ein flammender Ring, oder ein flam⸗ mender, ſternartiger Kreis, wovon ich eines der Kügel⸗ chen bildete, zuſammengereiht fand? Und wo mein einziger, inbrünſtiger Wunſch dahin ging, von dem Reſte abgelöst zu werden, und wo ich mich ſo unaus⸗ ſprechlich gequält und unglücklich fühlte, daß ich ein Theil des furchtbaren Dinges war? Je weniger ich vielleicht von dieſen Kranken⸗ Erfah⸗ ⏑̈ ä2A2-——- d8¾ 20⁵ rungen ſage, um ſo weniger langweilig und um ſo ver⸗ ſtändlicher werde ich ſein. Ich erinnere nicht daran, um Andere unglücklich zu machen, oder weil ich, indem ich mir ſie in's Gedächtniß zurückrufe, mich jetzt durchaus glücklich fühle. Vielleicht wären wir, wenn wir von ſol⸗ chen ſeltſamen Leiden mehr wüßten, eher im Stande, deren Heftigkeit zu lindern. Die Ruhe, die nun folgte, der lange, köſtliche Schlaf, die wonnevolle Raſt, wo ich in meiner Schwäche mich zu behaglich fühlte, als daß ich für mich in irgend einer Weiſe hätte ſorgen mögen, und wo ich hätte hören können(oder ich denke wenigſtens jetzt ſo), daß ich ſterbe, ohne daß dieß einen andern Eindruck auf mich gemacht hätte, als den einer mitleidsvollen Liebe zu denen, die ich zurückließ— dieſer Zuſtand wird viel⸗ leicht in weiteren Kreiſen verſtanden. In dieſem Zu⸗ ſtande befand ich mich, als ich zum erſten Male dem mich wieder anblickenden Lichte auswich und mit einer grenzenloſen Freude, wofür keine Worte ſtark genug ſind, erkannte, daß ich wieder ſehen würde. Ich hatte meine Ada Tag und Nacht vor der Thüre weinen hören; ich hatte gehört, wie ſie mir zurief, daß ich grauſam wäre und ſie nicht liebte; ich hatte gehört, wie ſie inſtändigſt bat, daß man ſie doch hineinlaſſen möchte, damit ſie mich pflegen und tröſten könnte, und daß man mir geſtatten möchte, immer um mein Bett zu bleiben; allein ich hatte, als ich ſprechen konnte, bloß geſagt:„Nie, mein holdes Mädchen, nie!“ und hatte Charley immer wieder von Neuem eingeprägt, daß ſie meinen Liebling unter keiner Bedingung einlaſſen dürfte, ob ich nun am Leben bleibe oder ſtürbe. Charley hatte in dieſer Zeit der Noth Wort gehalten, und hatte mit ihrem kleinen Händchen und ihrem großen Herzen die Thüre beharrlich verſchloſſen gehalten. Jetzt aber, wo das Augenlicht bei mir immer mehr zunahm und der herrliche Tag mich immer herrlicher an⸗ 206 ſtrahlte, kounte ich die Briefe leſen, die mein Liebling jeden Morgen und jeden Abend an mich ſchrieb, und konnte dieſelben an meine Lippen bringen, und meine Wange darauf legen, ohne befürchten zu müſſen, ihr da⸗ durch einen Schaden zuzufügen. Ich konnte ſehen, wie mein kleines, ſo zärtliches und ſo ſorgſames Kammer⸗ mädchen in den beiden Zimmern hin⸗ und herging, dort Alles in Ordnung brachte, und wieder in fröhlicher Weiſe aus dem offenen Fenſter hinaus zu Ada ſprach. Ich konnte die Stille, die im Hauſe herrſchte, ſowie die Be⸗ kümmerniß verſtehen, welche ſie von Seiten aller derjeni⸗ gen ausdrückte, die gegen mich ſtets ſo gütig geweſen waren. Ich konnte in dem Wonnegefühle meines Her⸗ zens weinen, und in meiner Schwäche ſo glücklich ſein, wie ich es nur je in meiner Stärke geweſen. Allmälig kehrte auch meine Stärke wieder. Anſtatt mit ſo ſeltſamer Ruhe dazuliegen und mit anzuſehen, was man für mich that, wie wenn es für Jemand anders ge⸗ ſchähe, um den es mir in der Stille leid thäte, half ich ein Bischen mit und ſo allmälig immer mehr und mehr, bis ich mir ſelbſt wieder nützlich wurde und wieder In⸗ tereſſe am Leben und Anhänglichkeit an daſſelbe gewann. Wie gut erinnere ich mich noch des angenehmen Nachmittages, wo ich, durch Kiſſen geſtützt, zum erſten Male wieder in meinem Bette ſitzen konnte, um mit Charley mich am Thee zu erlaben! Das kleine Geſchöpf, — das gewiß in die Welt geſchickt worden war, um den Schwachen und Kranken Hilfe und Troſt zu ſpenden— war ſo glücklich und ſo geſchäftig, und hielt in ihren Vorbereitungen ſo oft inne, um den Kopf an meinen Buſen zu legen und mich zu liebkoſen, und mit Thränen der Freude auszurufen,„ſie ſei ſo unendlich froh, ſo un⸗ endlich froh!“ daß ich nicht umhin konnte, zu ſagen: „Charley, wenn Du ſo fortmachſt, ſo muß ich mich eben wieder hinlegen, mein liebes Kind, da ich ſchwächer bin, als ich glaubte!“ b 6 u mneU 8¼ᷣ 8—⸗— — 207 Charley wurde daher ſo ſtill, wie ein Mäuschen, und trug ihr freudeſtrahlendes Geſicht dahin und dorthin, in allen Winkeln der zwei Zimmer herum, aus dem Schat⸗ ten in den göttlichen Sonnenſchein, und aus dem Sonnen⸗ ſaein wieder in den Schatten, während ich ihr ruhig zuſah. *Als endlich alle ihre Zurüſtungen beendigt waren, und der hübſche Theetiſch mit ſeinen kleinen, in Verſuchung führenden Delicateſſen, und ſeinem weißen Tuche, und ſeſ⸗ nen Blumen und Allem, was Ada drunten ſo liebevoll und ſchön für mich hergerichtet hatte, daſtand, neben meinem Bette, fühlte ich, daß ich ſtark genng ſei, um Charley Etwas zu ſagen, was für meine Gedanken nichts Neues war. Ich begann damit, daß ich Charley mein Compli⸗ ment zu dem Zuſtande des Zimmers machte; und wirk⸗ lich war es auch ſo friſch und luftig, ſo fleckenlos und nett, daß ich kaum glauben konnte, daß ich ſo lang krank darin gelegen. Es entzückte dieß Charley, und es war nun ihr Geſicht noch freudeſtrahlender, als zuvor. „Und doch, Charley,“ ſprach ich herumſchauend, „vermiſſe ich Etwas, woran ich gewöhnt bin.“ Die arme kleine Charley ſah gleichfalls umher, und felt⸗ ſich, als ſchüttle ſie den Kopf, wie wenn Nichts ehlte. „Sind die Gemälde alle ſo, wie ſie ſonſt waren“ fragte ich ſie. „Ganz ſo, Miß; es iſt daran Nichts verändert wor⸗ den,“ ſprach Charley. „Und die Möbeln, Charley?“ „Ganz ſo, nur da nicht, wo ich ſie weggeſtellt, um mehr Platz zu machen, Miß.“ „Und doch,“ ſprach ich, vermiſſe ich einen wohl⸗ bekannten Gegenſtand.„Ah, ich weiß jetzt, was es iſt, Charley, es iſt der Spiegel!“ Charley ſtand vom Tiſche auf, ſich ſtellend, wie wenn ſie Etwas vergeſſen hätte, und ging in das anſtoßende Zimmer hinein; und ich hörte, wie ſie dort ſchluchzte. Ich hatte gar oft an dieſes gedacht. Ich war mei⸗ ner Sache jetzt gewiß. Ich konnte Gott danken, daß ich jetzt darüber nicht betroffen war. Ich rief Charley zu⸗ rück; und als ſie kam,— anfänglich ſtellte ſie ſich, als lächle ſie; aber ſie ſah ſehr bekümmert aus, als ſie näher zu mir herkam— ſchloß ich ſie in meine Arme, und ſagte: „Es liegt ſehr wenig daran, Charley. Hoffentlich kann ich mein altes Geſicht recht wohl entbehren.“ Bald war ich in der Beſſerung ſo weit vorgeſchritten, daß ich mich in einen großen Seſſel ſetzen und ſogar, auf Charley geſtützt, wenn auch etwas unſicher, in das anſtoßende Zimmer hineingehen konnte. Auch in dieſem Zimmer fehlte der Spiegel an dem gewohnten Platze; indeſſen war das, was ich zu ertragen hatte, darum nicht ſchwerer zu tragen. Mein Vormund hätte mich während dieſer ganzen Zeit immer gerne beſucht, und es lag jetzt für mich kein triftiger Grund vor, mir dieſe Wonne zu verſagen. Er kam eines Morgens; und als er hereintrat, konnte er mich bloß mit den Armen umſchließen und ſagen:„Mein liebes, liebes Mädchen!“ Ich hatte ſchon lange gewußt— wer konnte das beſſer wiſſen!— welch' tiefer Quell der Liebe und des Edelmuths ſein Herz war; und war ich nicht für meine trivialen Leiden und meine triviale Veränderung hinläng⸗ lich belohnt, wenn ich einen ſolchen Platz darin einnahm? „O ja!“ dachte ich.„Er hat mich geſehen, und liebt mich mehr denn früher; er hat mich geſehen, und liebt mich noch zärtlicher, als er je gethan; und worüber habe ich mich zu grämen, wenn mir ſolche Liebe gewiß iſt!“ Er ſetzte ſich auf das Sopha neben mich hin, und ſtützte mich mit ſeinem Arme. Eine kleine Weile ſaß er, das Geſicht mit der Hand —— d ½ ℳ S=Zͤ—r- S —2 1 22— ⸗ TFkS=— 209 bedeckt, da; als er letztere aber entfernte, verſiel er wie⸗ der in ſeine gewöhnliche Weiſe. Nie kann es eine an⸗ genehmere Weiſe gegeben haben— nie kann es eine an⸗ genehmere geben. „Mein kleines Weibchen,“ ſprach er,„was für eine trübſelige Zeit das geweſen iſt! Und dabei immer ein ſo unbeugſames kleines Weibchen!“ „Bloß zu unſer Aller Beſtem, Vormund,“ ſprach ich. „Zu unſer Aller Beſtem?“ wiederholte er zärtlich. „Ei natürlich, zu unſer Aller Beſtem. Aber hier ſind Ada und ich wahrhaftig unglücklich und verlaſſen gewe⸗ ſen; hier iſt Deine Freundin Caddy früh und ſpät ge⸗ kommen und gegangen; hier iſt im Hanſe Alles äußerſt niedergeſchlagen und durchaus weg geweſen, ſo daß man ſich nicht mehr zu helfen wußte; hier hat ſogar der arme Rick— in ſeiner Angſt um Dich— geſchrieben— und zwar an mich!“ Ich hatte in Ada's Briefen zwar von Caddy, nicht aber von Rick geleſen. Ich ſagte ihm das. „Das darf Dich nicht wundern, meine Liebe,“ ant⸗ wortete er.„Ich hielt es für beſſer, ihr dieſen Umſtand zu verſchweigen.“ „Und Sie ſagen, daß er an Sie geſchrieben habe!“ ſprach ich, ſeine Emphaſe wiederholend.„Gleich als wenn es ſo nicht natürlich wäre, daß er an Sie ſchriebe, Vormund; gleich als wenn er einen beſſern Freund hätte, an den er ſchreiben könnte!“ „Er denkt, er könnte das, meine Liebe,“ entgegnete mein Vormund,„und zwar an manchen beſſern. Soll ich Dir die ganze Wahrheit ſagen, ſo muß ich hinzu⸗ ſetzen, daß ſein an mich gerichtetes Schreiben eine Art Proteſt enihielt, indem es darin hieß, daß er bloß an mich ſchreibe, ſo lange er ſich nicht an Dich wenden könne, mit der Hoffnung, eine Antwort von Dir zu bekommen, — daß ſein Brief kalt, ſtolz, zurückhalten, rachſüchtig Bleak Houſe. III. 14 21⁰ war. Wohlan, mein liebſtes Weibchen, wir müſſen eben hier Nachſicht walten laſſen. Er iſt nicht zu tadeln. Jarndyce und Jarndyce hat ihn und— in ſeinen Augen — auch mich zu einem andern Menſchen gemacht. Eine ſolche Erſcheinung iſt für mich nichts Neues; weiß ich doch, daß dieſer Prozeß ſchon gar oft ſolches und noch viel ſchlimmeres Urtheil angerichtet. Könnten zwei Engel dabei betheiligt ſein, ſo glaube ich, daß er ihr Weſen ändern würde.“— „Er hat aber jedenfalls das Ihrige nicht geändert, Vormund.“ „Doch, doch, er hat das gethan,“ ſprach er lachend. „Er hat, ich weiß nicht, wie oft, den Südwind zum Oſtwinde gemacht. Rick mißtraut mir und beargwohnt mich,— geht zu Advokaten, die ihm ſagen, er dürfe mir nicht trauen und müſſe mich als eine verdächtige Perſon anſehen. Von dieſen Leuten hört er, ich habe Intereſſen, Anſprüche, die mit den übrigen, mit den ſeinigen im Widerſpruche ſtehen, und ich weiß nicht, was noch. Und doch würde ich, der Himmel weiß es, wenn ich aus den Bergen von Wiglomeration herauskommen könnte, womit mein unglückſeliger Name ſo lange in Verbindung ge⸗ bracht worden(was ich aber nicht kann), oder wenn ich dieſelben durch Aufgebung meines urſprünglichen Rechtes zu ebnen vermöchte(was ich, und, wie ich glaube, eines Menſchen Macht ebenfalls nicht kann; ſo weit iſt die Sache gediehen), es noch in dieſer Stunde thun. Ich möchte dem armen Rick lieber ſein urſprüngliches Weſen zurückgeben, als all' das Geld einſtreichen, das verſtor⸗ bene, bei dem Prozeſſe betheiligt geweſene Perſonen, die mit dem Rade des Kanzleigerichtshofes von unten auf gerädert worden ſind, bei dem General⸗Rechnungsführer noch ſtehen haben— und es iſt dieß, meine Liebe, ſo viel Geld, daß man, zur Verewigung der grenzenloſen, beiſpielloſen Bosheit und Sträflichkeit des Kanzleigerichts, eine Pyramide daraus gießen könnte.“ 211 „Iſt es möglich, Vormund,“ fragte ich höchſt er⸗ ſtaunt,„daß Richard Sie beargwohnt?“ „Ah, meine Liebe, meine Liebe!“ ſprach er,„dem ſcharfen Gifte ſolcher Mißbräuche iſt es eigen, daß es ſolche Krankheiten erzeugt. Es iſt ſein Blut angeſteckt, und es verlieren für ihn die Dinge ihr natürliches Aus⸗ ſehen. Es iſt nicht ſeine Schuld!“ Aber es iſt das ein entſetzliches Unglück, Vormund.“ „Ja, es iſt ein entſetzliches Unglück, mein Weibchen, den Einflüſſen von Jarndyce und Jarndyce ſich nie, nie mehr entziehen zu können. Ich kenne kein größeres. Nach und nach hat er ſich daran gewöhnt, ſich auf dieſes morſche Rohr zu verlaſſen, und es theilt daſſelbe Allem, was ihn umgibt, Etwas von ſeiner Morſchheit mit. Aber wir müſſen eben, ich ſage es wiederholt, mit dem armen Rick Nachſicht haben, und dürfen ihm keine Vorwürfe machen. Wie viele edle jugendfriſche Herzen habe ich nicht, ähnlich dem ſeinigen, in meinem Leben ſchon in olge der nämlichen Einwirkungen ſich ganz und gar weeh und, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, umſtehen ehen!“ Ich konnte nicht umhin, einiger Maßen meine Ver⸗ wunderung und mein Bedauern anszudrücken, daß ſeine wohlwollenden, uneigennützigen Abſichten ſo wenig Glück gemacht. „Wir dürfen nicht ſo ſprechen, Dame Durden,“ er⸗ widerte er in fröhlichem Tone;„Ada iſt hoffentlich um ſo glücklicher; und das iſt viel. Ich glaubte, ich und dieſe beiden jungen Leute könnten Freunde, anſtatt recht arg⸗ wöhniſche mißtrauiſche Feinde ſein, und wir könnten dem Prozeſſe ſo weit entgegenwirken und uns demſelben über⸗ legen zeigen. Aber ich erwartete da zu viel. Jarndyce und Jarndyee iſt der Vorhang von Ricks Wiege geweſen.“ „Aber, Vormund, dürfen wir denn nicht hoffen, es werde ein Bischen Erfahrung ihn lehren, welch falſches und jämmerliches Ding es um dieſen Prozeß iſt?“ „Wir wollen's hoffen, meine Eſther,“ ſprach Mr. Jarndyce,„und wollen ferner hoffen, daß er nicht zu ſpät zu dieſer Einſicht gelangen werde. Auf jeden Fall aber dürfen wir ihn nicht gar zu ſtreng beurtheilen, Während wir ſo mit einander ſprechen, leben wohl nicht gar zu viele erwachſene, gereifte, und noch dazu gute Menſchen, die, wenn ſie mit einem ſolchen Prozeſſe geſegnet würden, binnen drei— binneu zwei Jahren— ja binnen einem Jahre nicht total verſchiedene Menſchen werden und von ihrem Werthe nicht gewaltig viel verlieren würden. Wie können wir uns nur noch wundern, daß es dem armen Rick alſo ergeht? „Ein junger Menſch, der ſo unglücklich iſt,“— hier verfiel mein Vormund in einen leiſeren Ton, wie wenn er laut dächte,„kann anfangs nicht glauben(wer könnte das 2), daß das Kanzleigericht das ſei, was es wirklich iſt. Er ſetzt immer wieder ſeine Hoffnung auf daſſelbe, und meint in ſeinem ſüßen Traume, es müſſe daſſelbe doch endlich ſeine Intereſſen wahren und die Sache er⸗ ledigen. Er ſchiebt ihn hinaus, täuſcht ſeine Erwartungen, ſtellt ſeine Geduld auf immer neue Proben, quält und peinigt ihn— nützt ſeine ſanguiniſchen Hoffnungen und ſeine Langmuth, Fädchen um Fädchen, ab; aber immer ſetzt er wieder ſeine ſehnſüchtige Hoffnung auf das Gericht und findet ſeine ganze Welt verrätheriſch und hohl. Gut, gut, gut! Genug hievon, meine Liebe!“ Er hatte mich, wie zu Anfang, während dieſer anzen Zeit geſtützt; und es war für mich ſeine Zärt⸗ lichkeit ſo köſtlich, daß ich den Kopf auf ſeiner Schulter ruhen ließ und mich ſo liebevoll an ihn anſchmiegte, wie wenn er mein Vater geweſen wäre. Während dieſer kleinen Pauſe beſchloß ich in meinem Geiſte, Richard wo möglich zu ſprechen, ſo bald ich wie⸗ der bei Kräften wäre, und ihn dann zurecht zu weiſen. „Es gibt Beſſeres zu thun,“ ſprach mein Vormund, „in einem ſo erfreulichen Augenblicke, wie der der Wie⸗ 8—& ,„ 213 dergeneſung unſeres lieben Mädchens iſt. Auch hatte ich den Auftrag, einen dieſer Gegenſtände auf's Tapet zu bringen, ſobald ich anfangen würde, zu ſprechen. Wann ſoll Ada Dich beſuchen, meine Liebe?“ Auch ich hatte daran gedacht. Ein Bischen in Verbindung mit den verſchiedenen Spiegeln, aber nicht viel; denn ich wußte, daß mein liebevolles Mädchen durch keine Veränderung in meinem Ausſehen anders werden würde. „Mein lieber Vormund,“ ſagte ich,„da ich ſie ſo lange nicht mehr zu mir hereingelaſſen habe— obgleich ſie wahrlich, wahrlich für mich wie der Tag iſt—“ „Ich weiß es wohl, Dame Dürden, recht wohl.“ Er war ſo gut, ſeine Berührung drückte ſolch liebe⸗ volles Mitleid, ſolch zärtliche Liebe aus, und es hatte der Ton ſeiner Stimme für mein Herz des Troſtes ſo viel, daß ich einen Augenblick inne hielt, durchaus un⸗ fähig, fortzufahren. „Ja, ja, Du biſt müde,“ ſprach er.„Ruhe ein wenig aus!“ „Da ich Ada ſo lange nicht mehr zu mir herein⸗ gelaſſen habe,“ hob ich nach einer kleinen Weile wieder an,„ſo glaube ich, daß es mir lieb wäre, wenn ich noch ein Bischen länger meinen Willen hätte, Vormund. Es wäre wohl am Beſten, wenn ich eine Zeit lang von hier fort wäre, bevor ich ſie wieder ſehe. Könnte ich, ſo bald ich wieder im Stande bin, allein und in's Freie zu gehen, mit Charley etwa eine Woche auf einem Land⸗ hauſe zubringen, um mich dort durch den Genuß der guten Luft vollends zu kräftigen und um mich auf das Glück, Ada wieder um mich zu haben, vorzubereiten, ſo glaube ich, daß dieß beſſer für uns wäre.“ Hoffentlich war es nicht ärmlich von mir, daß ich mich nicht ein Bischen mehr an mein verändertes Ich zu gewöhnen wünſchte, ehe ich dem lieben Mädchen unter die Augen trat, da es mich ſo ſehr verlangte, ſie zu 214 ſehen; allein es iſt die Wahrheit. Ich wünſchte es. Er verſtand mich, deſſen war ich gewiß; aber das fürchtete ich nicht. War es etwas Aermliches, ſo wußte ich, daß er darüber weggehen würde. „Unſer verwöhntes kleines Weibchen,“ ſagte mein Vormund,„ſoll ſelbſt in ihrer Unbengſamkeit ihren Willen haben, obgleich es drunten der Thränen genug koſten wird, ich weiß es. Und ſieh! da kommt Boythorn, die perſonifizirte Ritterlichkeit, und gelobt— gewiß ſind ſolch grimmige Gelübde noch nie dem Papier anvertraut worden—, er werde, wenn Du nicht kommeſt und ſein ganzes Haus in Beſitz nehmeſt, indem er es gerade zu dieſem Zwecke bereits geräumt, daſſelbe niederreißen, ſo wahr es einen Himmel und eine Erde gebe, und auch nicht einen Stein auf dem andern laſſen!“ Und hier legte mein Vormund einen Brief in meine Hand, der nicht etwa mit„Mein lieber Jarndyce“ oder dergleichen, ſondern ohne alle weitere Einleitung mit den Worten anfing,„Ich glaube, wenn Miß Summerſon nicht herabkommt und von meinem Hauſe Beſitz ergreift, das ich heute Nachmittag um ein Uhr für ſie räume,“ und ſodann die außerordentliche, aber durchaus ernſtlich gemeinte und in den emphatiſchſten Ausdrücken abgefaßte Erklärung enthielt, wovon mein Vormund geſprochen. Wir ſchätzten und achteten den Schreiber darum nicht minder, wenn wir auch herzlich darüber lachten; auch machten wir mit einander aus, daß ich an dem nächſten Tage ein Dankſchreiben an ihn ergehen laſſen und ſein Anerbieten annehmen ſollte. Es war letzteres mir un⸗ gemein willkommen; denn ſo lange ich auch hätte hin und her denken mögen, ſo hätte ich doch keinen Aufent⸗ haltsort finden können, der mir angenehmer geweſen wäre, als Chesney Wold. „Und nun, mein liebes Hausmütterchen,“ ſprach mein Vormund, auf ſeine Uhr blickend,„muß ich Dir ſagen, daß, als ich heraufkam, die Zeit mir genau zu⸗ 21⁵ gemeſſen worden, denn Du darſſt nicht zu bald wieder angeſtrengt werden; und es iſt meine Zeit bis auf die letzte Minute zuſammen geſchwunden. Ich habe Dir nun noch eine Bittſchrift vorzulegen. Die kleine Miß Flite hat, als ſie gerüchtweiſe gehört, daß Du krank ſeieſt, den weiten Weg nicht geſcheut, ſondern iſt, die arme Seele, zwanzig Meilen weit hergekommen, in Tanzſchuhen,— um ſich nach Deinem Befinden zu erkundigen. Der Himmel fügte es ſo, daß wir gerade zu Hauſe waren, ſonſt würde ſie wieder heimgegangen ſein.“ Die alte Verſchwörung, mich glücklich zu machen! Es ſchien Alles dabei berheiligt zu ſein. „Und nun, mein liebes Kind,“ fuhr mein Vormund fort,„glaube ich, Du würdeſt, wenn es Dir nicht allzu läſtig wäre, die harmloſe kleine Creatur eines Nach⸗ mittags zu empfangen, ehe Du Boythorn's ſonſt der Zerſtörung anheimfallendes Haus retteſt, ſie ſtolzer und zufriedener mit ſich ſelbſt machen, als ich— trotzdem, daß ich den hohen Namen Jarndyce führe— ſie während meines ganzen Lebens machen könnte.“ Ohne Zweifel wußte er, daß in dem ſchlichten Bilde des armen leidenden Geſchöpfes Etwas liegen würde, das gerade jetzt wie eine milde Lehre auf mein Gemüth wirken müßte. Ich fühlte das, während er mit mir ſprach. Ich konnte ihm nicht herzlich genug ſagen, wie bereitwillig ich ſie empfangen würde. Ich hatte ſie ſtets bemitleidet; nieeſo ſehr, wie jetzt. Es hatte mich immer gefreut, ſie in ihrem Unglücke tröſten zu können; aber nie, nie auch nur halb ſo viel, als jetzt. Wir beſtimmten eine Zeit, wo Miß Flite mit der Poſtkutſche herauskommen und mein frühes Mittagsmahl theilen ſollte. Als mein Vormund mich verließ, wandte ich das Geſicht weg, nach meinem Ruhebette hin, und betete zu Gott, daß er mir vergeben möchte, wenn wir inmitten ſolcher Segnungen die kleine Prüfung, dic mir beſchieden 216 worden, als allzu groß und herb erſchienen. Das kindliche Gebet jeues alten Geburtstages, wo ich von dem ernſten Verlangen beſeelt geweſen, fleißig, zufrieden, redlich, und aufrichtig zu ſein, und irgend Jemand einmal Gutes zu erweiſen, und wo möglich die Liebe meiner Neben⸗ menſchen zu gewinnen, kam mir ins Gedächtniß zurück mit einem vorwurfsvollen Gefühle all' des Glückes und all' der Liebe, ſo mir bis daher geworden. Wollte ich nun ſchwach ſein, wozu hatte mir dann all' die Gnade, die mir widerfahren, genutzt? Ich wiederholte das alte kindliche Gebet in ſeinen alten kindlichen Worten, und fand, daß ſein alter Friede nicht von ihm gewichen war. Es kam nun mein Vormund jeden Tag. Nach etwa einer Woche konnte ich in unſern Zimmern herum⸗ gehen und hinter dem Fenſtervorhang hervor mich lange mit Ada unterhalten. Indeſſen ſah ich ſie nie, denn ich hatte noch nicht den Muth, das liebe Geſicht anzuſehen, obgleich mir das leicht geweſen wäre, ohne daß ſie mich geſehen hätte. An dem beſtimmten Tage kam Miß Flite an. Das arme Geſchöpfchen kam in mein Zimmer hereingerannt, ihre gewohnte Würde dabei ganz vergeſſend; auch weinte ſie bitterlich. Sie fiel mir mit den Worten:„Meine liebe Fitz Jarndyce!“ um den Hals, und küßte mich wohl zwanzig Mal „Du lieber Himmel!“ ſprach ſie, mit der Hand in ihren Reticüle fahrend,„ich habe hier Nichts, als Do⸗ cumente, meine liebe Fitz Jarndyce; ich muß ein Taſchen⸗ tuch entlehnen.“ Charley gab ihr eines, und das gute Geſchöpf machte wirklich davon Gebrauch, denn ſie hielt es mit beiden Händen an ihre Augen, und vergoß ſo, während ſie daſaß, zehn Minuten lang Thränen. „Mit Vergnügen, meine liebe Fitz Jarndyce,“ be⸗ mühte ſie ſich, zu erklären.„Nicht eine Spur von Kum⸗ mer. Lauter Freude, Sie wieder wohl zu ſehen. Lauter „ 217 Freude, daß ich die Ehre habe, Sie wieder zu ſehen. Ich liebe Sie ſo unendlich mehr, meine Liebe, als den Kanzler. Obgleich ich mich regelmäßig im Gerichtshof einfinde. Beiläufig geſagt, meine Liebe, da ich von Taſchentüchern geſprochen,—“ Hier ſchante Miß Flite Charley an, die ihr bis an den Ort entgegengegangen war, wo die Poſtkutſche anhielt. Charley blickte mich an, und ſah aus, als ob es ihr nicht erwünſcht wäre, auf dieſes Thema näher ein⸗ zugehen. „Ga-nz recht!“ ſprach Miß Flite,„ga=nz richtig. Fürwahr, es iſt recht indiscret von mir, daß ich der Sache Erwähnung gethan; aber meine liebe Fitz Jarn⸗ dyce, ich fürchte, ich bin zeitweiſe(unter uns geſagt, denn Sie würden es nicht glauben) ein Bischen— außer mir— ein Bischen verwirrt, wiſſen Sie,“ ſprach Miß Flite, ihre Stirne berührend.„Weiter Nichts.“ „Was wollten Sie mir ſagen?“ ſprach ich lächelnd; denn ich ſah, daß ſie fortfahren wollte.„Sie haben meine Neugierde rege gemacht, und nun müſſen Sie die⸗ ſelbe auch befriedigen.“ Miß Flite ſchaute Charley an, um bei dieſer wich⸗ tigen Kriſis ihren Rath einzuholen. Das kleine Mädchen aber ſagte:„Wenn Sie er⸗ lanben, Ma'am, ſo wäre es beſſer, wenn Sie die Sache nun ſagten, und erwies damit Miß Flite einen außer⸗ ordentlichen Gefallen. „ So ſcharfſinnig, unſere junge Freundin,“ ſagte ſie in ihrer myſteriöſen Weiſe zu mir.„Sehr klein. Aber re— cht ſcharfſinnig! Wohlan, meine Liebe: es iſt eine hübſche Anekdote. Weiter nichts. Doch halte ich die⸗ ſelbe für charmant. Wer glauben Sie wohl, meine Liebe, daß uns von dem Poſtwagen an den Weg herab folgte? Es war eine arme Perſon mit einem recht un⸗ ſchönen Hute—“ 218 „Es war Jenny, wenn Sie erlauben, Miß,“ ſprach Charley. „Ganz rich— tig!“ ſtimmte Miß Flite mit größter Anmuth bei.„Jenny. J— a! Und was ſagt ſie unſerer jungen Freundin? Sie ſagt, es ſei eine Dame mit einem Schleier dageweſen, die ſich in ihrer Hütte nach der Ge⸗ ſundheit meiner lieben Fitz Jarndyce erkundigt, und als ein kleines Andenken ein Taſchentuch mitgenommen, einzig und allein deßhalb, weil es meiner liebenswürdigen Fitz Jarndyce gehörte! Sie wiſſen, es nimmt dieß Einen ſo ſehr für die Dame mit dem Schleier ein!“ „Wenn Sie erlauben, Miß,“ ſprach Charley, die ich etwas erſtaunt anſchaute.„Jenny ſagt, Sie haben, als ihr kleines Kind geſtorben, ein Taſchentuch dort ge⸗ laſſen, und ſie habe daſſelbe aufgehoben und zu den kleinen Sachen des Kindes gethan. Wenn Sie erlauben, Miß, ſo glaube ich, daß ſie dieß zum Theil deßwegen that, weil das Taſchentuch Ihnen gehörte, und zum Theil deßhalb, weil daſſelbe das Kind bedeckt hatte.“ „Ganz klein,“ flüſterte Miß Flite, und machte um ihre Stirn her vielerlei Bewegungen, um anzudeuten, daß Charley Verſtand beſäße.„Aber auß— er—ordent⸗ lich ſcharfſinnig! Und ſo klar! Meine Liebe, ſie iſt klarer, als irgend ein Sachwalter, dem ich bis jetzt gehört!“ „Ja, Charley,“ verſetzte ich.„Ich erinnere mich deſſen noch. Und nun weiter? „Wohlan, Miß,“ ſagte Charley,„das iſt gerade das Taſchentuch, das die Dame mitnahm. Und Jenny möchte Sie wiſſen laſſen, daß ſie ſich um einen ganzen Haufen Geld nicht davon getrennt haben würde; aber die Dame habe es eben genommen, und anſtatt deſſen Geld zurückgelaſſen. Jenny kennt ſie gar nicht, wenn Sie erlauben, Miß.“ „Ei, wer mag denn die Dame wohl ſein?“ ſprach ich. Meine Liebe,“ meinte Miß Flite, mit ihrem geheim⸗ nißvollſten Blicke ihre Lippen meinem Ohre nähernd⸗ ——— ε* 219 „nach meiner Meinung— erwähnen Sie deſſen nicht gegen unſere kleine Freundin— iſt ſie des Lord Kanz⸗ lers Frau. Er iſt, wie ſie wiſſen, verheirathet. Und wie ich höre, macht ſie ihm das Leben entſetzlich ſauer. Wirft Seiner Lordſchaft Papiere in das Feuer, meine Liebe, wenn er den Juwelier nicht bezahlen will!“ Ich dachte in dieſem Augenblicke nicht weiter über dieſe Dame nach, da es mir war, als könne es Caddy ſein. Auch wurde meine Aufmerkſamkeit durch die Be⸗ ſucherin abgelenkt, die nach ihrer Fahrt hungrig und erfroren ausſah. Als endlich unſer Eſſen aufgetragen wurde, bedurfte dieſelbe einiger Beihilfe, um mit großer Selbſtbefriedigung eine armſelige alte Echarpe und ein ſehr abgetragenes und oft ausgebeſſertes Paar Handſchuhe anzuziehen, ſo ſie in einem papiernen Päckchen mitge⸗ bracht hatte. Auch mußte ich den Vorſitz bei dem Mahle führen, das aus einem Gericht Fiſche, einem gebratenen Huhne, einem Kalbsbröschen, Gemüſe, Pudding, und Madeira beſtand; und es war ſo luſtig, zu ſehen, wie ſie ſich das Eſſen ſchmecken ließ, und mit welcher Würde und Feierlichkeit ſie demſelben alle Ehre anthat, daß ich bald an nichts Anderes mehr dachte. Als wir mit dem Eſſen ſo ziemlich zu Ende waren, und das kleine Deſſert vor uns ſtand, das durch die Hände meines Lieblings verſchönert worden war, der die Oberaufſicht über Alles, was für mich zubereitet wurde, an Niemand abtreten wollte, war Miß Flite ſo ungemein plauderſelig und glücklich, daß ich glaubte, ich müſſe ſie auf ihre eigene Lebensgeſchichte führen, da ſie immer ſo ern von ſich ſelbſt ſprach. Ich begann daͤmit, daß ich ſagte: „Sie haben den Lordkanzler viele Jahre lang be⸗ ſucht, Miß Flite? „SO, viele, viele, viele Jahre, meine Liebe. Aber ich erwarte einen Spruch. Bald.“ Es lag ſelbſt in ihrer Hoffnungsſeligkeit eine gewiſſe 220 Bangigkeit, die mich zweifeln ließ, ob ich wohl gethan, indem ich den Gegenſtand zur Sprache gebracht. Und ich wollte daher auch nun Nichts weiter über die Sache agen. ſag„Mein Vater erwartete einen Spruch,“ ſprach Miß Flite.„Mein Bruder. Meine Schweſter. Sie Alle warteten auf einen Spruch. Auf denſelben Spruch, auf den auch ich warte.“ „Sie ſind Alle—“ „Ja. Todt— natürlich meine Liebe,“ ſprach ſie. Da ich ſah, daß es ihr ſelbſt erwünſcht war, fort⸗ zufahren, ſo dachte ich, es wäre wohl das Beſte, wenn ich auf ihren Wunſch einginge, und daß ich ihr damit einen beſſern Dienſt erweiſen würde, als wenn ich der Sache nun auswieche. „Wäre es wohl nicht klüger, auf dieſen Spruch nicht mehr zu warten?“ fragte ich.— „Ei, natürlich wäre es klüger! meine Liebe,“ ant⸗ wortete ſie raſch. „Und nicht mehr den Sitzungen des Gerichtshofes anzuwohnen?“ „Ei, freilich! Bin ganz Ihrer Anſicht,“ ſprach ſie. „Höchſt aufreibend, immer auf Etwas zu warten, was nie kommt, meine liebe Fitz Jarndyce! So aufreibend, ich verſichere Sie, daß es Einem kaum noch Haut und Knochen läßt!“ Sie zeigte mir ein wenig ihren Arm, und es war derſelbe wirklich entſetzlich mager. „Aber, meine Liebe,“ fuhr ſie in ihrer myſteriöſen Weiſe fort,„es liegt eine furchtbare Anziehungskraft in dem Orte. St! Sagen Sie unſerer kleinen Freundin Nichts davon, wenn ſie hereinkommt. Es könnte ſie er⸗ ſchrecken. Und mit vollem Recht. Es liegt eine grau⸗ ſame Anziehungskraft in dieſem Orte. Man kann ihn nicht verlaſſen. Und man muß auf einen Spruch warten.“ 221 Ich verſuchte es, ſie zu verſichern, daß dem nicht alſo wäre. Sie hörte mich geduldig und lächelnd an, hatte aber alsbald eine Antwort parat. „Ja, ja, ja! Sie glauben das, weil ich ein Bischen außer mir bin. Re—cht dumm, ein Bischen außer ſich zu ſein,— nicht wahr? Auch re—cht verwirrend. Für den Kopf. Ich finde es ſo. Aber, meine Liebe ich bin viele Jahre dort geweſen, und habe einige Erfahrung, glauben Sie mir. Es iſt der Amtsſtab und das Siegel auf dem Tiſche.“ Ich fragte ſie ſanft, was ſie wohl glaubte, daß dieſe beiden Dinge thun könnten.. „Sie ziehen,— ziehen die Leute heran, meine Liebe,“ entgegnete Miß Flite.„Ziehen den Frieden und die Ruhe aus ihnen heraus. Den Verſtand aus ihnen heraus. Es ſchaut Gutes aus ihnen heraus. Gute Eigen⸗ ſchaften aus ihnen heraus. Ich habe gefühlt, wie ſie ſelbſt in der Nacht meine Ruhe wegzogen. Die kalten und glänzenden Teufel!“ Sie ſchlug mich einige Male ſanft auf den Arm, und nickte gutlaunig, wie wenn ſie mich durchaus wiſſen laſſen wollte, daß ich keine Urſache hätte, ſie zu fürchten, trotz dem, daß ſie ſo unheimlich ſpräche und dieſe ent⸗ ſetzlichen Geheimniſſe mir anvertraute. „Laſſen Sie mich ein Mal ſehen,“ ſprach ſie.„Ich will Ihnen meine Geſchichte erzählen. Ehe ſie mich an⸗ zogen. Ehe ich ſie noch geſehen— was that ich da? Schlug ich das Tambourin? Nein. Ich tambourirte. Ich und meine Schweſter tambourirten mit einander. Unſer Vater und unſer Bruder waren Werkmeiſter. Wir wohnten Alle bei einander. Lebten re-cht anſtändig, meine Liebe! Zuerſt ward unſer Vater angezogen— langſam. Mit ihm wurde auch der häusliche Hort fortge⸗ zogen. In wenigen Jahren war er ein grimmiger, mür⸗ riſcher, zorniger Gantmann, der für keine Seele mehr 222 in freundliches Wort, oder einen freundlichen Blick hatte. Er war ſo ganz anders geweſen, Fitz Jarndyce. Er wurde in einen Schuldthurm fortgezogen. Dort ſtarb er. Und dann wurde unſer Bruder fortgezogen— ge⸗ ſchwind— zur Trunkenheit. Und Lumpen. Und Tod und dann wurde meine Schweſter fortgezogen. St! Fra⸗ gen Sie mich nie, zu was! Und dann war ich krank und im Elend, und höͤrte, wie ich früher ſchon oft gehört, an Allem dieſem ſei der Kanzleigerichtshof ſchuldig. Als es wieder beſſer mit mir ging, wollte ich das Ungeheuer auch ein Mal ſehen, und da ſah ich dann, wie daſſelbe beſchaffen iſt, und konnte mich nicht mehr losmachen, und mußte dableiben.“ Nachdem ſie mit ihrer kleinen Geſchichte, die ſie mit leiſer gepreßter Stimme erzählt hatte, wie wenn Alles das erſt vor Kurzem vorgefallen und ſie darüber noch ganz entſetzt wäre, zu Ende gekommen war, nahm ſie allmählig wieder ihre gewohnte Miene liebenswürdiger Wichtigkeit an. „Sie wollen mir nicht recht glauben, meine Liebe, wie ich ſehe! Schon gut, ſchon gut! Es wird der Tag kommen, wo Sie es glauben werden. Ich bin ein Bis⸗ chen verwirrt. Aber ich habe einige Erfahrung. Ich habe in dieſen vielen Jahren gar manche neue Geſichter geſehen, die ohne allen Argwohn in den Bereich des Amtsſtabes und das Siegel kamen. Wie es meinem Vater erging. Wie es meinem Bruder erging. Wie es mir ſelber ergangen iſt. Ich hörte den Converſations⸗ Kenge und die Uebrigen zu den neuen Geſichtern ſagen: „Da iſt die kleine Miß Flite. Oh, Ihr ſeid hier Neu⸗ ſhhta zun müſſet Euch der kleinen Miß Flite vorſtellen aſſen!“ „Re—cht gut. Bin fürwahr ſtolz darauf, daß ich die Ehre habe! Und wir Alle lachen. Aber Fitz Jarn⸗ dyce, ich weiß, was geſchieht. Ich weiß das weit beſſer, als ſie,— wenn die Anziehungskraft ein Mal begonnen 223 hat, ſich zu äußern. Ich kenne die Zeichen, meine Liebe. Ich ſah ſie bei Gridley anfangen. Und ich ſah ſie zu Ende gehen. Meine liebe Fitz Jarndyce,“ hier ſprach ſie wieder leiſe,—„ich ſah ſie bei unſerem Freunde, dem Mündel in Jarndyce und Jarndyce, beginnen. Es möge ihn Jemand zurückhalten! Sonſt wird er in ſeinen Ruin hineingezogen.“ Sie ſchaute mich einige Augenblicke ſchweigend an, und es wurde der Ausdruck ihres Geſichtes allmählig ſanfter, bis ſich ein Lächeln darauf zeigte. Da ſie zu fürchten ſchien, ſie möchte allzu düſter ge⸗ malt haben, und da ſie auch zugleich den Zuſammenhang zu verlieren ſchien, ſo ſagte ſie, während ſie an ihrem Wein nippte, höflich: „Ja, meine Liebe, ich warte, wie geſagt, auf einen Spruch. Bald. Dann laſſe ich meine Vögel fliegen, wiſſen Sie, und theile Vermögen aus.“ Ihre Anſpielung auf Richard und die traurige Lehre, die ſich in ihrer armen abgemagerten Geſtalt ſo traurig ausdrückte und bei all' ihrem zuſammenhangloſen Ge⸗ plauder geltend machte, machte auf mich gewaltigen Ein⸗ druck. Zum Glücke aber war ſie jetzt wieder ganz ver⸗ gnügt, und nickte und lächelte freudeſtrahlend. „Aber, meine Liebe,“ ſagte ſie luſtig, eine andere Hand zu mir herſtreckend, um ſie auf die meinige zu legen.„Sie haben mir aber noch nicht wegen meines Arztes Glück gewünſcht. Sie haben das in der That noch nicht ein einziges Mal gethan.“ Ich mußte geſtehen, daß ich nicht recht wüßte, was ſie meinte. „Ci, ich meine meinen Arzt, Mr. Woodcourt, meine Liebe, der gegen mich ſo ungemein aufmerkſam geweſen iſt. Obgleich ſeine Dienſtleiſtungen durchaus unentgeltlich waren. Bis zum Tage, wo der Spruch erfolgt. Ich meine den Spruch, der den auf mir laſtenden Zauber des Amtsſtabes und des Siegels löſen wird.“ 4* 224 1 „Mr. Woodconrt iſt jetzt aber ſo weit fort,“ ſprach ich,„daß ich dächte, es wäre die Zeit zu ſolchen Glück⸗ wünſchen vorüber, Miß Flite.“ „Aber mein Kind,“ gab ſie zurück,„iſt es denn möglich, daß Sie nicht wiſſen, was geſchehen iſt?“— „Nein, ich weiß es nicht,“ ſagte ich. „Wie, Sie wiſſen nicht, wovon Jedermann geſprochen hat, vielgeliebte Fitz Jarndyce?“ „Nein, ich weiß es nicht,“ ſprach ich.„Sie ver⸗ geſſen, wie lange ich hier geweſen bin.“ „Richtig! Meine Liebe, für den Augenblick— rich⸗ tig. Ich mache mir ſelbſt Vorwürfe. Aber es iſt die Erinnerungskraft durch das Erwähnte aus mir heraus⸗ gezogen worden mit allem Anderen. Ein re—cht ſtarker Einfluß, nicht wahr? Wohlan, meine Liebe, es hat auf den oſtindiſchen Meeren drüben ein recht furchtbarer Schiffbruch Statt gefunden.“ „Mr. Woodcourt hat Schiffbruch gelitten!“ „Seien ſie deßhalb nicht unruhig, meine Liebe! Es iſt ihm Nichts geſchehen. Eine gräßliche Scene. Tod in jeder Geſtalt. Hunderte von Todten und Ster⸗ benden. Feuer, Sturm und Finſterniß. Viele, viele von den Ertrinkenden auf einen Felſen geworfen. Dort, und während des ganzen Verlaufs war mein lieber Arzt ein Held. Ruhig und muthig in jedem Augenblicke. Rettete viele Menſchenleben, klagte nie über Hunger und Durſt, hüllte nackte Leute in ſeine Reſervekleider, nahm das Bleiloth, zeigte ihnen, was ſie zu thun hatten, leitete ſie, verpflegte die Kranken, begrub die Todten, und brachte endlich die armen Ueberlebenden an einen ſichern Ort! 4 Meine Liebe, die armen, abgemagerten Geſchöpfe beteten ihn ſchier an. Sie fielen ihm zu Füßen, als ſie das feſte Land erreichten, und flehten den Segen des Himmels auf ihn herab. Das ganze Land iſt voll von der Ge⸗ ſchichte. Doch halten Sie! Wo iſt mein Documenten⸗ 22⁵ Beutel? Ich habe es da, und Sie ſollen die Geſchichte leſen, ſollen es ſelbſt leſen!“ Und wirklich las ich die ganze herrliche Geſchichte, wenn auch im Augenblick nur ſehr langſam und unvoll⸗ kommen, denn es waren meine Augen ſo trübe, daß ich die Worte nicht recht ſehen konnte, und weinte ſo viel, daß ich mich gar oft genöthigt ſah, den langen Bericht, den ſie aus der Zeitung ausgeſchnitten hatte, wegzulegen. Ich verſpürte in mir ein ſolches Triumphgefühl, daß ich ein Mal den Mann gekannt, der ſo edle und muthige Thaten ausgeführt; ich fühlte ein ſolch' glühendes Froh⸗ locken über den Ruhm, womit er ſich bedeckt; ich bewun⸗ derte und liebte das, was er gethan, dermaßen, daß ich die armen Schiffbrüchigen wirklich beneidete, die zu ſei⸗ nen Füßen niedergefallen, und ihn als ihren Retter ge⸗ ſegnet hatten. Ich ſelbſt hätte, obgleich ſo weit weg, da niederknien und ihn in meinem Entzücken darüber, daß er ſo wahrhaft menſchenfreundlich und muthig geweſen, ſegnen können. Ich fühlte, daß Niemand— daß weder Mutter, noch Schweſter, noch Frau— ihn mehr ehren könne, als ich. Ja, ſo war es! Meine arme kleine Beſucherin ſchenkte mir den Be⸗ richt, und als, mit hereinbrechendem Abende, ſie aufſtand, um ſich zu verabſchieden, damit ſie die Poſtkutſche nicht verfehlen möchte, welche ſie nach der Stadt zurückbringen ſollte, war ſie immer noch voll von dem Schiffbruche, den ich noch nicht in allen ſeinen Einzelnheiten verſtehen konnte, da es mir noch an der nöthigen Faſſung gebrach. „Meine Liebe,“ ſprach ſie, während ſie ihre Echarpe und ihre Handſchuhe ſorgfältig wieder zuſammenlegte, „es ſollte mein wackerer Arzt von der Regierung durch einen Titel geehrt werden. Auch wird das ohne Zweifel noch der Fall ſein. Sind Sie auch dieſer Anſicht?“ Daß er einen ſolchen wohl verdiente, ja. Daß er aber einen ſolchen je bekommen würde, nein. Bioak Honſe III. 15 226 „Warum denn aber nicht, Fitz Jarndyce?“ fragte ſie etwas ſpitzig. Ich erwiderte, daß es in England nicht Sitte ſei, Männer durch Titel zu ehren, die ſich durch friedliche Dienſte ausgezeichnet, wie gut und groß letztere auch ſeien; uur dann werde gelegentlich von der Regel abge⸗ wichen, wenn dieſe Dieuſte in der Aufhäufung eines recht großen Goldhaufens beſtehen. „Ei, du gütiger Himmel,“ ſprach Miß Flite,„wie mögen Sie doch nur ſo ſprechen? Sie wiſſen doch ge⸗ wiß, meine Liebe, daß all' die größten Zierden Englands in Wiſſenſchaft, Phantaſie, thätiger Menſchenliebe, und Fortſchritt aller Art ſeinem Adel beigefügt werden! Schauen Sie doch nur ein Bischen umher, und denken Sie ein Bischen nach! Sie müſſen, glaube ich, jetzt ein Bischen verwirrt ſein, wenn Sie nicht wiſſen, daß dieß die große Urſache iſt, weßhalb im Lande Titel ewig dauern werden!“ Ich befürchte, ſie glaubte, was ſie da ſagte, denn es gab Augenblicke, wo ſie wirklich recht wahnſinnig war. Und nun muß das kleine Geheimniß heraus, das ich bis daher zu bewahren geſucht habe. Ich hatte zu⸗ weilen geglaubt, daß Mr. Woodcourt mich liebte, und daß er, wenn er reicher geweſen wäre, zu mir, ehe er wegging, vielleicht geſagt haben würde, daß er mich liebte. Ich hatte bisweilen ſo gedacht, daß es mir Freude ge⸗ macht hätte, wenn er das gethan. Aber wie unendlich beſſer war es jetzt, daß dieß nie geſchehen war! Wie hätte ich nicht gelitten, wenn ich an ihn hätte ſchreiben und ihm ſagen müſſen, daß das arme Geſicht, das er —6—-—-———-— — —,— 227 als das meinige gekannt, gar nicht mehr da wäre, und daß ich ihn aus freien Stücken von ſeinen Verpflichtungen gegen eine Perſon befreiete, die er nie geſehen! Oh, es war weit beſſer ſo, wie es war! Eine große Qual hatte mir die Gnade des Himmels erſpart, und ich konnte in meiner kindlichen Weiſe ſo recht den Him⸗ mel anflehen, daß er mir Kraft verleihen möchte, alle ſeine ſo glänzenden Tugenden mir anzueignen; und es war jetzt Nichts ungeſchehen zu machen; ich meines Theils brauchte keine Kette zu zerbrechen, und er brauchte keine nachzuſchleppen; und ich konnte mit Gottes Hülfe meinen beſcheidenen Weg auf dem Pfade der Pflicht fortwandeln, und er ſeinen edleren Weg auf deren breiterer Straße; und obgleich wir auf der Reiſe von einander getrennt waren, ſo durfte ich doch hoffen, am Ende der Reiſe mit ihm zuſammenzutreffen, unſelbſtſüchtig, unſchuldig und unendlich beſſer, als er mich geglaubt zu einer Zeit, wo ich in ſeinen Augen einige Gnade gefunden. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Chesney Wold. Ich machte mich nicht allein mit Charley auf den Weg, als es nach Lincolnſhire ging. Es hatte mein Vor⸗ mund den Entſchluß gefaßt, mich nicht eher aus dem Auge zu verlieren, als bis ich wohlbehalten in Mr. Boythorn’'s Hauſe angekommen wäre; und ſo begleitete er uns denn. Wir brauchten zwei Tage zu dieſer Reiſe. Ich fand 228 jedes Lüftchen und jeden Wohlgeruch, jede Blume, und jedes Blatt, und jeden Grashalm, und jede vorüber⸗ ziehende Wolke, und Alles und Jedes in der Natur ſchö⸗ ner und wunderbarer, als je zuvor! Es war dieß der erſte Gewinn, den ich aus meiner Krankheit zog. Wie wenig hatte ich verloren, wenn die große, weite Welt der Wonne ſoviel für mich hatte! Da mein Vormund beabſichtigte, alsbald zurückzu⸗ gehen, ſo ſetzten wir auf unſerer Reiſe einen Tag feſt, an dem mein liebes Mädchen kommen ſollte. Ich ſchrieb einen Brief au ſie, und er nahm denſelben zu ſich. Eine halbe Stunde nach unſerer Ankunft an unſerem Beſtimmungsorte verließ er uns wieder; es war ein wonnevoller Abend im Frühſommer. Hätte eine gute Fee ihren Zauberſtab geſchwungen, und ſo das Haus für mich erbaut, und wäre ich, eine Prinzeſſin und ihre bevorzugte Pathe geweſen, ſo hätten dabei keine zarteren Rückſichten auf mich obwalten können. Es waren ſo viele Vorbereitungen mir zu lieb gemacht worden, und es verrieth ſich in Allem eine ſo liebevolle Erinnerung an meine kleinen Liebhabereien, daß ich, da⸗ von überwältigt, wohl ein Dutzend Mal hätte niederſitzen nnoden. ehe ich noch die Hälfte der Zimmer wieder ge⸗ ehen. Ich that indeſſen etwas Geſcheidteres, indem ich ſie alle Charley zeigte. Charley's Entzücken hatte auf das meinige eine beruhigende Wirkung; und nachdem wir uns in dem Garten ergangen, und Charley ihren ganzen Vorrath von Ausdrücken der Bewunderung erſchöpft hatte, war ich ſo ruhig, glücklich, wie ich nur hätte ſein ſollen. Es war ein großer Troſt, daß ich nach dem Thee zu mir ſelbſt ſagen konnte:„Liebe Eſther, ich glaube, Du biſt jetzt verſtändig genug, um Dich zu ſetzen und ein Paar Zeilen des Dankes an Deinen Wirth zu ſchreiben.“ Letzterer hatte ein Paar bewillkommende Zeilen für mich zurückgelaſſen, die ſo freundlich und ſo ſonnenhell J—*——*— ⁸ 8 229 waren, wie ſein Geſicht, und hatte ſogar ſeinen Vogel meiner Pflege und Obhut anvertraut, was, wie ich wußte, das höchſte Zeichen von Vertrauen war, das er Jeman⸗ den gab. Ich ſchrieb daher nach London ein Billet au ihn und ſagte ihm, wie alle ſeine Lieblingspflanzen und Lieblingsbäume ausſähen, und wie der ſtaunenswertheſte aller Vögel in gaſtfreundſchaftlichſter Weiſe mir die Ehren des Hauſes zugezirpt, und wie derſelbe, nachdem er zu dem unausſprechlichen Entzücken meines kleinen Kammer⸗ mädchens auf meiner Schulter geſungen, nun in dem ge⸗ wohnten Winkel ſeines Käfigs aufgeſeſſen wäre, daß ich aber nicht ſagen könnte, ob derſelbe träumte oder nicht. Nachdem mein Billet geſchrieben und auf die Poſt geſchickt war, war ich ſehr geſchäftig im Auspacken und Anordnen, und ſchickte Charley bald zu Bette und ſagte ihr dabei, daß ich ſie in dieſer Nacht nicht mehr brauchte. Denn ich hatte noch nicht in den Spiegel geſchaut, und hatte auch noch nicht um Zurückgabe des meinigen gebeten. Ich wußte, daß dieß eine Schwäche ſei, die überwunden werden müſſe; aber ich hatte immer bei mir ſelbſt geſagt, daß ich es von Neuem verſuchen wollte, wenn ich an dem Orte wäre, wo ich nun war. Ich hatte deßhalb allein ſein wollen, und ſagte daher, als ich mich nun alleine auf meinem Zimmer befand:„Eſther, willſt Du glücklich ſein, willſt Du ein Recht haben, zum Him⸗ mel emporzuflehen, daß er Dich aufrichtig werden laſſe, ſo mußt Du nun Dein Wort halten, meine Liebe. Ich war nun auch völlig entſchloſſen, es zu halten; allein ich ſetzte mich erſt einen Augenblick, um über all' mein Glück nachzudenken. Und dann verrichtete ich mein Gebet und dachte noch ein Bischen mehr nach. Es waren meine Haare nicht abgeſchnitten worden, obgleich dieſe Gefahr ihnen mehr, denn ein Mal gedroht hatte. Sie waren lang und dicht. Ich ließ ſie herunter, und ſchüttelte ſie aus, und ging auf den Spiegel zu, der ſich auf dem Toilettentiſchchen befand. 23⁰ Es war ein kleiner mouſſelinener Vorhang darüber hingezogen. Ich zog denſelben zurück und ſchaute einen Augenblick ſtehend durch einen ſo dichten Haarſchleier hindurch, daß ich ſonſt Nichts ſehen konnte. Dann ſchob ich mein Haar auf die Seite und ſchaute den Reflex im Spiegel an, nicht wenig ermuthigt, als ich ſab, wie ruhig derſelbe mich anſchaute. Ich hatte mich gar ſehr verändert— o, gar, gar ſehr! Anfänglich war mir mein Geſicht ſo fremd und kam daſſelbe mir ſo ſeltſam vor, daß ich glaube, ich würde meine Hände vorgehalten haben und zurückgefahren ſein, hätte ich mich nicht in der erwähnten Weiſe er⸗ muthigt gefunden. Gar bald aber wurde es mir bekann⸗ ter, und da erkannte ich denn den Umfang der darin vor⸗ gegangenen Veränderung beſſer, als anfangs. Es ſah nicht ſo aus, wie ich erwartet hatte; aber ich hatte nichts Beſtimmtes erwartet, und ich glaube wirklich, daß irgend etwas Beſtimmtes mich überraſcht haben würde. Ich war zwar nie eine Schöͤnheit geweſen und hatte mich nie für eine ſolche gehalten; aber doch hatte ich ganz anders ausgeſehen. Es war jetzt Alles dahin. Der Himmel war ſo gütig gegen mich, daß ich es mit einigen nicht allzu bitteren Thränen fahren laſſen und daß ich ganz dankbar meine Haare für die kommende Nacht ord⸗ nen konnte. Eines machte mir zu ſchaffen und ich dachte, ehe ich mich ſchlafen legte, lange darüber nach. Ich hatte Mr. Woodcourt's Blumen aufbewahrt. Nachdem dieſel⸗ ben verwelkt waren, hatte ich ſie getrocknet, und in ein Buch gelegt, das ich liebte. Es wußte dieß Niemand, nicht einmal Ada. Ich war im Zweifel darüber, ob ich ein Recht hätte, das aufzubewahren, was einer ſo ganz Anderen überſandt worden war,— ob es edel gegen ihn gehandelt wäre, wenn ich das thäte. Ich wollte edel gegen ihn ſein, ſelbſt in den geheimen Tiefen meines 2— —— 231 Herzens, die er nie ergründen ſollte, weil ich ihn hätte lieben, weil ich für ihn hätte Hingebung fühlen können. Am Ende kam ich zu dem Schluſſe, daß ich dieſelbe wohl behalten könnte, wenn ich dieſelben bloß als ein Andenken an das unwiderruflich Dahingeſchwundene, das ich nie mehr in einem andern Lichte erblicken dürfe, auf⸗ bewahrte. Hoffentlich erſcheint dieß nicht als trivial. Ich weiß, daß es mir dabei ſehr eruſt war. Ich trug Sorge, am andern Morgen früh aufzu⸗ ſtehen und ſchon vor dem Spiegel zu ſitzen, als Charley auf den Zehen hereinſchlich. „O, liebe, liebe Miß!“ rief Charley zurückfahrend. „Sind Sie das?“ „Ja, Charley,“ verſetzte ich, meine Haare ganz ruhig hinaufſchlagend.„Und ich befinde mich recht wohl, und bin wirklich recht glücklich.“ Ich ſah, daß Charley ein ſchwerer Stein vom Her⸗ zen gewälzt war, aber doch war von dem meinigen ein noch weit größerer abgewälzt. Ich kannte jetzt das Schlimmſte und ſchickte mich darein. Ich werde im Ver⸗ laufe dieſer Geſchichte keineswegs die Schwächen verber⸗ gen, die ich nicht ganz zu bewältigen vermochte; aber ſie wichen immer bald von mir, während die glücklichere Ge⸗ müthsſtimmung treu bei mir ausharrte. Da ich vor der Ankunft Ada's wieder ganz gekräf⸗ tigt ſein und alle meine Munterkeit wieder erlangen wollte, ſo entwarf ich jetzt mit Charley eine kleine Reihe von Plänen, wornach wir den ganzen Tag über im Freien ſein wollten. Wir wollten ſchon vor dem Früh⸗ ſtücke draußen ſein, wollten bald zu Mittag eſſen, und wollten wieder vor und nach dem Mittagsmahle draußen ſein, und nach dem Thee im Garten ſpazieren gehen, und uns zeitig. zur Ruhe begeben, und jeden Hügel in der Nachbarſchaft erklettern, jeden Pfad, jeden Hecken⸗ weg, jedes Feld kennen lernen. Was ſtärkende Mittel und Delicateſſen betrifft, ſo trabte Mr. Boythorn’'s gütige Haushälterin immer mit Eiwas, das ich eſſen oder trinken ſollte, hin und her; ſie konnte nicht einmal hören, daß ich im Parke ausruhe, ohne mit einem Korbe nachgelaufen zu kommen, wobei auf ihrem fröhlichen Geſichte eine Predigt über die Wich⸗ tigkeit fleißigen Eſſens und Trinkens glänzte. Und dann war auch ein Pony da, der ausdrücklich für mich zum Reiten beſtimmt war,— ein pausbackiger, dickköpfiger Pony mit einem kurzen Halſe und einer Mähne, die ihm ganz über die Augen herunterfiel. Die⸗ ſer Pony konnte leicht und angenehm galoppiren— wenn es ihm genehm war— konnte ſo leicht und ruhig galoppiren, daß es eine wahre Freude war. Nach ein Paar Tagen kam er in dem umhegten Graslande ſchon zu mir her, wenn ich ihn herbeirief, und fraß aus mei⸗ ner Hand, und folgte mir überall hin nach. Wir lern⸗ ten einander ſo gut verſtehen, daß er, wenn er träge und etwas ſtöckiſch einen ſchattigen Heckenweg entlang mit mir forttrabte, und ich ihn auf den Hals tätſchelte, und ſagte:„Stubbs, ich bin ganz erſtaunt, daß du nicht galoppirſt, da du doch weißt, wie ſehr ich dieſes Ga⸗ loppiren liebe; und ich denke, du ſollteſt mir das zu Ge⸗ fallen thun, denn du wirſt nur dumm und ſchläſſt bald ein,“— den Kopf in komiſcher Weiſe ein Paar Mal ſchüttelte, und ſofort zu laufen anfing; da blieb dann Charley immer ſtehen und lachte ſo frendig, daß ihr Gelächter die lautere Muſik war. Ich weiß nicht, wer Stubbs ſeinen Namen geſchöpft hatte, aber es ſchien derſelbe ihm ſo natürlich zu ge⸗ hören, wie ſeine rauhe Haut. Wir ſpannten ihn ein Mal an eine kleine Chaiſe, und kamen mit ihm fünf Meilen weit triumphirend durch die grünen Heckenwege; aber mit einem Male ſchien er, während wir ſo ſeine Tugenden bis zum Himmel erboben, es übel zu vermerken, daß er von dem Kreiſe kleiner, quälender Schnacken ſo weit 233 begleitet worden, der ſeine Ohren auf dem ganzen Wege umſchwebt hatte, ohne daß er auch nur um einen Zoll vor⸗ zurücken ſchien; und während er ſich ſolche Gedanken machte, blieb er ſtehen. Ich glaube, er kam zu dem Schluſſe, daß dieß nicht länger zu ertragen ſei, denn er weigerte ſich beharrlich, auch nur einen Schritt weiter zu gehen, bis ich Charley die Zügel in die Hand gab, aus⸗ ſtieg, und anfing, zu Fuße weiter zu gehen. Nun folgte er mir mit einer frechen Art guter Laune, indem er ſei⸗ nen Kopf unter meinen Arm ſteckte, und ſich das Ohr an meinem Aermel rieb. Es half Nichts, daß ich ſagte: „Nun, Stubbs, gewiß läufſt du jetzt,— ſo viel kenne ich dich doch,— wenn ich wieder ein Bischen fahre;“ aber in demſelben Augenblicke, wo ich ihn verließ, ſtand er wieder ſtockſtill. Und ſo ſah ich mich denn gezwungen, wieder wie zuvor vorauszugehen; und in dieſem Auf⸗ zuge kamen wir zur großen Beluſtigung des ganzen Dor⸗ fes nach Hauſe. Charley und ich hatten gewiß allen Grund, es das frenndſchaftlichſte aller Dörfer zu nennen, denn in Zeit von einer Woche ſahen uns die Leute ſo gern vorüber⸗ gehen, wenn dieß im Laufe eines Tages auch noch ſo oft der Fall war, daß in jeder Hütte grüßende Geſichter zu ſehen waren. Ich hatte früher ſchon viele von den erwachſenen Leuten und faſt ſämmtliche Kinder kennen gelernt; nun aber fing ſogar der Kirchthum an, mich in vertrauter und liebevoller Weiſe anzuſehen. Unter meinen neuen Freunden befand ſich eine alte, alte Frau, die in einem ſo winzigen, mit Stroh gedeck⸗ ten, und überweißten Häuschen wohnte, daß, wenn der äußere Laden auf ſeinen Häſpen hinaufgeſchlagen wurde, derſelbe die ganze Fronte des Hauſes bedeckte. Dieſe alte Frau hatte einen Enkel, der ein Matroſe war; und ich ſchrieb für ſie einen Brief an ihn und zeichnete oben den Kaminwinkel hin, in dem ſie ihn aufgezogen, und wo ſein alter Schemel noch ſeinen alten Platz einnahm. Es wurde dieß von dem ganzen Dorfe als eine an's Wunderbare grenzende Heldenthat angeſehen; als aber ſogar den langen, weiten Weg von Plymouth her ein Brief kam, worin er ſagte, daß er die Zeichnung nach Amerika mit hinübernehmen und von Amerika wieder ſchreiben wolle, wurde mir allein alles Verdienſt beige⸗ ſchrieben, ſogar das, das von Rechts wegen der Poſt zukam. Und ſo hatte ich denn, da ich mich ſo viel im Freien aufhielt, und da ich mit ſo vielen Kindern ſpielte, und da ich mit ſo vielen Leuten plauderte, und da ich von ſo vielen Hüttenbewohnern eingeladen wurde, und da auch Charley's Erziehung nicht vernachläßigt werden durfte, und da ich endlich jeden Tag einen ellenlangen Brief an Ada ſchrieb, kaum Zeit, um an meinen kleinen Verluſt zu denken, und war faſt immer fröhlich und ver⸗ gnügt. Dachte ich auch dann und wann daran in freien Augenblicken, ſo brauchte ich mich bloß zu beſchäftigen, um es wieder zu vergeſſen. Ich fühlte es mehr, als ich erwartet hatte, als ein Mal ein Kind ſagte:„Mutter, warum iſt denn die Dame jetzt keine hübſche Dame mehr, wie ſie doch ſonſt war?“ Als ich aber fand, daß das Kind mich nicht minder liebte, und daß es mir über das Geſicht hinfuhr mit ſeinen zarten Händchen, in deſſen Berührung eine Art mitleidsvoller Protection lag, ſo richtete mich das bald wieder auf. Es gab gar viele kleine Anläſſe, die mir zu meinem großen Troſte zeigten, wie natürlich es für edle Herzen iſt, gegen irgend eine Inferiorität rückſichtsvoll und zart⸗ fühlend zu ſein. Einer dieſer Fälle rührte mich ganz beſonders. Ich trat zufällig in die kleine Kirche, gerade als eine Copulation Statt gefunden und als das junge, neuvermählte Paar das Kirchenregiſter unterzeichnen ſollte. Der Neuvermählte, dem die Feder zuerſt in die 23⁵ Hand gegeben wurde, unterzeichnete mit einem unge⸗ ſchlachten Kreuze; die Neuvermählte, an die nun die Reihe kam, that ein Gleiches. Nun aber hatte ich bei meinem früheren Hierſein die Neuvermählte nicht allein als das hübſcheſte Mädchen des ganzen Dorfes gekannt, ſondern auch als eine ausgezeichnete Schülerin; und ich konnte daher nicht umhin, ſie etwas überraſcht anzuſehen. Da trat ſie zu mir heran, und flüſterte, während Thrä⸗ nen ehrlicher Liebe und Bewunderung in ihren hellen glänzenden Angen ſtanden, die Worte zu:„Er iſt ein lieber guter Burſche, Miß: aber er kann noch nicht ſchrei⸗ ben— ich werde es ihn lehren— und mochte ihn um Alles in der Welt nicht beſchämen!“—„Was habe ich nun zu fürchten,“ dachte ich,„wenn in der Seele einer ſchlichten Bäurin ſoviel Adel liegt!“ Es blies die Luft mich ſo friſch und ſtärkend an, als ſie nur je geblaſen, und es kam die geſunde Farbe in mein neues Geſicht, wie ſie einſt in mein altes gekom⸗ men war. Man konnte ſich nicht genug wundern, wenn man Charley ſo ſah: ſie war ſo freudeſtrahlend und ſo roſenfarben; und ſo freuten wir uns denn des ganzen Tages, um die ganze Nacht geſund zu ſchlafen. Es befand ſich in dem Parkwalde von Chesney Wold ein Platz, der mir ganz beſonders gefiel,— ein Platz, wo man von einer Bank aus eine wunderſchöne Ausſicht hatte. Es hatte hier eine Durchforſtung Statt gefunden, um die Ausſicht noch zu verſchönern; und die ſchöne ſon⸗ nenhelle Landſchaft, die ſich jenſeits ausdehnte, war ſo herrlich, daß ich dort jeden Tag wenigſtens ein Mal ausruhte. Von dieſem etwas höher liegenden Punkte aus nahm ſich ein pittoresker Theil des Schloſſes, welcher den Namen des Geiſterwegs führte, gar gut aus: und der auffallende Name, ſowie die alte, in der Dedlock'ſchen Familie lebende Sage, die den Grund davon angab, und die ich von Mr. Boythorn gehört hatte, verband ſich mit der —ꝛ·ꝛ 236 Ausſicht, und verlieh derſelben, neben ihren wirklichen Reizen, ein gewiſſes myſteriöſes Intereſſe. Auch befand ſich da eine Erderhöhung, die wegen ihrer Veilchen be⸗ rühmt war; und da es Charley jeden Tag Vergnügen machte, wilde Blumen zu pflücken, ſo gewann ſie den Ort ſo lieb, wie ich ſelbſt. Es wäre eine müßige Frage, wenn man nun von mir wiſſen wollte, warum ich nie näher zu dem Schloſſe hingegangen, oder warum ich mir daſſelbe nie habe zeigen laſſen. Wie ich bei meiner Ankunft ſchon gehört hatte, war die Familie nicht da, und wurde dieſelbe auch nicht erwartet. Nicht als ob ich in Betreff des Gebäudes ſo ohne alle Neugierde geweſen wäre, oder als ob mich daſſelbe gar nicht intereſſirt hätte; im Gegentheil. Ich ſaß oft an dieſem Orte, und fragte mich, wie wohl die Zimmer liefen, und ob auf dem einſamen Geiſterwege ſich wirklich, wie die Sage berichtete, von Zeit zu Zeit ein Echo hören ließe, ähnlich dem Tritte eines Fußes. Das unbeſchreibltche Gefühl, womit Lady Dedlock mich erfüllt hatte, mag wohl mitgewirkt haben, indem ich mich fern von dem Schloſſe hielt, ſelbſt in einem Augenblicke, wo ſie abweſend war. Ich weiß es aber nicht gewiß. Ihr Geſicht und ihre Geſtalt waren für mich natürlich damit verbunden; ich kann jedoch nicht ſagen, daß dieſelben mich fern hielten, obgleich Etwas vorhanden war, was mich fern hielt. Mag nun dieſes oder jenes der Grund geweſen ſein, immerhin war ich nie in die Nähe des Schloſſes gekommen bis auf den Tag, bei dem jetzt meine Geſchichte anlangt. Nach einem langen Spaziergange ruhete ich an mei⸗ nem Lieblingsorte aus, während Charley in geringer Entfernung von mir Veilchen ſammelte. Ich hatte nach dem Geiſterwege hingeſchaut, der in der Ferne in einem tiefen Schatten von Mauerwerk lag, und malke mir die weibliche Geſtalt aus, von der man wiſſen wollte, da ſie dort ſpukte, als ich mit einem Male einer Geſtalt 237 anſichtig ward, die durch den Wald und zu mir her⸗ kam. Es war die Perſpective ſo lang, und durch das Laub ſo verdüſtert, und es machten die Schatten der Aeſte auf dem Boden dieſelbe für das Auge noch mehr verworren, ſo daß ich anfänglich nicht zu unter⸗ ſcheiden vermochte, was für eine Geſtalt es war. All⸗ mälig zeigte es ſich, daß es die eines Frauenzimmers— einer Dame,— daß es die Lady Dedlock's war. Sie war dieß Mal allein und kam, wie ich zu meinem Er⸗ ſtaunen bemerkte, mit außergewöhnlich raſchem Schritte zu dem Orte her, wo ich ſaß. Ich war ganz verwirrt, indem ich mich ſo uner⸗ wartet in ihrer Nähe ſah(ſie war, ehe ich ſie noch ſah, faſt ſſo nahe zu mir herangekommen, daß ich, wenn ſie geſprochen, ihre Worte hätte verſteben können), und hätte aufſtehen mögen, um meinen Spaziergang fortzu⸗ ſetzen. Aber ich konnte das nicht. Ich ward bewegungs⸗ los gemacht. Nicht ſowohl durch ihre haſtige bittende Gebärde,— nicht ſowohl durch ihr raſches Herantreten und ihre ausgeſtreckten Hände,— nicht ſowohl durch die gemaltige Veränderung in ihrem Benehmen und die Abweſenheit ihrer ſtolzen Zurückhaltung, als durch ein gewiſſes Etwas in ihrem Geſichte, wornach ich mich als ein kleines Kind geſehnt, und wovon ich geträumt hatte; ein gewiſſes Etwas, das ich noch in keinem Geſichte geſehen; ein gewiſſes Etwas, das ich noch nie in dem ihrigen geſehen.— Es überkam mich ein Schrecken und eine Schwäche, und ich rief Charley. Auf der Stelle blieb Lady Dedlock ſtehen, und es verwandelte ſich dieſelbe wieder faſt in das frühere, mir wohl bekannte Weſen. „Miß Summerſon, ich fürchte, ich habe Sie er⸗ ſchreckt,“ ſprach ſie, jetzt langſam herankommend.„Sie können wohl kaum ſchon wieder bei Kräften ſein. Sie 238 ſind, wie ich weiß, ſehr krank geweſen. Es hat mir viel Kummer gemacht, daß ich das hören mußte.“ Ich hätte die Augen von ihrem blaſſen Geſichte ebenſo wenig abwenden können, als es mir möglich ge⸗ weſen wäre, von der Bank aufzuſtehen, worauf ich ſaß. Sie gab mir eine Hand; und die Todeskälte derſelben, die mit der erzwungenen Ruhe ihrer Geſichtszüge ſo ſehr im Widerſpruch ſtand, vermehrte noch den Zauber, der mich überwältigte. Ich vermag nicht zu ſagen, was mich, während meine Gedanken wild durcheinander wog⸗ ten, beſchäftigte. „Sie erholen ſich alſo wieder?“ fragte ſie freundlich. „Noch vor einem Augenblicke war ich ganz wohl, Lady Dedlock.“ „Iſt das Ihre junge Dienerin?“ a.“ „Ja. „Wollen Sie ſie vorausſchicken und mit mir nach Ihrem Hauſe hingehen?“ „Charley,“ ſprach ich,„trag' Deine Blumen nach Hauſe; ich komme augenblicklich nach.“ Charley band, den beſten Knix machend, der ihr zu Gebot ſtand, ihren Hut erröthend feſt, und ging ihres Weges. Als die Kleine fort war, ſetzte ſich Lady Dedlock neben mich auf die Bank. Ich vermag meinen Gemüthszuſtand durch keine Worte auszudrücken, als ich jetzt in ihrer Hand mein Taſchentuch erblickte, womit ich das todte Kind bedeckt atte. Ich ſchaute ſie an, konnte ſie aber nicht ſehen, konnte ſie nicht hören,— konnte nicht mehr Athem holen. Mein Herz pochte ſo ungeſtüm und wild, daß es mir war, als ob das Leben aus meinem Körper entfliehen wolle. Als ſie mich aber an ihre Bruſt drückte, mich küßte, über mich hinweinte, mich bemitleidete, und mich wie⸗ „ 239 der zu mir ſelbſt brachte, als ſie auf ihre Knie nieder⸗ fiel, und mir zurief:„O, mein Kind, mein Kind, ich bin Deine boshafte und unglückliche Mutter! Oh, ver⸗ ſuch’ es doch, mir zu verzeihen!“— als ich ſie in ihrer großen Seelenpein auf der nackten Erde zu meinen Füßen liegen ſah, da fühlte ich, bei allem Aufruhr mei⸗ ner Gefühle, mich von innigem Dank gegen die Vor⸗ ſehung Gottes durchdrungen, daß ich mich nun ſo ver⸗ ändert, daß ich ſie nie auch nur durch eine Spur von Aehnlichkeit entehren,— daß nie Jemand mich und ſie anſchauen und dabei auch nur entfernt denken könne, es beſtehe zwiſchen uns ein näheres Band. Ich hob meine Mutter auf, und bat ſie flehentlich, daß ſie doch nicht in ſolchen Kummer und in ſolcher Er⸗ niedrigung vor mir liegen möchte. Ich that dieß in ab⸗ gebrochenen, unzuſammenhangenden Worten; denn neben der Verwirrung, in der ich mich befand, flößte es mir auch Schrecken ein, ſie zu meinen Füßen zu ſehen. Ich ſagte ihr— oder verſuchte ihr zu ſagen— daß, wenn ich, ihr Kind, je ein Mal mir anmaßen dürfte, ihr zu verzeihen, ich ihr vergäbe, und ihr ſchon ſeit vielen, vielen Jahren vergeben hätte. Ich ſagte ihr ferner, daß mein Herz von Liebe zu ihr überſtrömte: daß es natür⸗ liche Liebe wäre, die in der Vergangenheit Nichts ver⸗ ändert hätte, und die in der Zukunft Nichts verändern könnte! daß es mir, die ich jetzt zum erſten Male an dem Buſen meiner Mutter ruhete, nicht anſtände, ſie darüber zur Rede zu ſtellen, daß ſie mir das Leben ge⸗ ſchenkt; daß es aber meine Pflicht wäre, ſie zu ſegnen und an⸗ und aufzunehmen, wenn auch die ganze Welt ſich von ihr abwendete, und daß ich ſie bloß um Er⸗ laubniß bäte, dieß thun zu dürfen. Und ſo hielt ich meine Mutter in den Armen, und ſie hielt mich in den ihrigen; und inmitten des ſtillen Waldes, in der Stille des Sommertages ſchienen bloß 240 unſere zwei gepeinigten Seelen des Friedens nnd der Ruhe zu entbehren. „Mich zu ſegnen und an⸗ und aufzunehmen,“ ſtöhnte meine Mutter,—„dazu iſt es jetzt viel zu ſpät. Ich muß meinen dunkeln Weg allein wandeln, mag mich derſelbe dahin oder dorthin führen. Von einem Tage zum an⸗ dern, ja bisweilen von einer Stunde zur andern, iſt mir der Weg vor den ſchuldbefleckten Füßen verdeckt. Dieß iſt die irdiſche Strafe, die ich über mich gebracht. Ich trage ſie, und verheimliche ſie.“ Selbſt jetzt, wo ſie mit ihrem Leiden beſchäftigt war, zog ſie ihre gewohnte Miene ſtolzer Gleichgültig⸗ keit gleich einem Schleier um ſich her, obgleich ſie die⸗ ſelbe bald wieder ablegte. „Ich darf dieſes Geheimuiß nicht ganz für mich allein behalten, wenn es überhaupt bewahrt werden kann. Ich babe einen Gatten, ich jammerſeliges und entehren⸗ des Geſchöpf!“ Dieſe Worte ſprach ſie mit einem unterdrückten Schrei der Verzweiflung, der etwas ganz eigenthümlich Furchtbares hatte. Sich das Geſicht mit den Händen bedeckend, ſank ſie in meinen Armen zuſammen, wie wenn ſie nicht haben wollte, daß ich ſie berührte; auch konnte ich, trotzdem daß ich meine ganze Ueberredungs⸗ gabe und alle nur möglichen Liebkoſungen aufbot, ſie nicht zum Aufſtehen bewegen. Sie ſagte:„Nein, nein, nein, nur ſo könne ſie mit mir ſprechen; ſie müſſe ſonſt überall die ſtolze und hochmüthige Dame ſpielen; ſie wolle hier, in den einzigen natürlichen Augenblicken ihres Lebens, gedemüthigt und die Schamröthe im Geſichte erſcheinen.“ Es berichtete mir meine unglückliche Mutter, daß ſie während meiner Krankheit faſt von Sinnen gekom⸗ men; ſie hätte erſt da erfahren, daß ihr Kind noch am Leben wäre; ſie hätte früher nicht ahnen können, daß ich dieſes Kind wäre. Sie wäre mir hierher gefolgt, um 241 nur ein Mal in ihrem ganzen Leben mit mir zu ſpre⸗ chen. Wir würden von nun an nie mehr zuſammen kommen, nie mehr mit einander verkehren, höchſt wahr⸗ ſcheinlich nie mehr ein Wort auf dieſer Erde mit einan⸗ der wechſeln können. Sie legte mir hier einen Brief in die Hand, der nur für mich allein geſchrieben worden, und ſagte, ich müßte, wenn ich den Brief geleſen und denſelben ver⸗ nichtet— nicht ſowohl um ihretwillen, da ſie Nichts verlangte, als um ihres Gatten und um meinetwillen — ſie von da an als todt anſehen. Wenn ich zu glau⸗ ben vermöchte, daß ſie mich in dieſer Seelenpein, wor⸗ in ich ſie erblickte, mit der Liebe einer Mutter liebte, ſo bäte ſie mich, das zu thun; denn dann könnte ich mit innigerem Mitleid an ſie denken, indem ich mir ihre Leiden vorſtellte. Für ſie wäre keine Hoffnung, keine Hilfe mehr vorhanden. Ob ſie nun ihr Geheimniß mit ſich in's Grab nähme, oder ob daſſelbe ein Mal heraus⸗ käme und ſie den Namen, ſo ſie angenommen, mit Schmach und Schande bedeckte,— immerhin hätte ſie den Kampf allein durchzukämpfen; keine Liebe könnte bis zu ihr dringen, und kein menſchliches Geſchöpf könnte ihr Hilfe bringen. „Bleibt aber das Geheimniß bis jetzt noch bewahrt?“ fragte ich.„Weiß man noch Nichts von der Sache, theuerſte Mutter?“ „Nein,“ erwiderte meine Mutter.„Die Sache war ſchon auf dem Punkte, aufgedeckt zu werden. Ein Zufall trat dazwiſchen und verhinderte es. Ein anderer Zufall kann— morgen— jeden Tag— Alles ent⸗ hüllen.“ „Fürchten Sie dieſe oder jene Perſon beſonders?“ „St! Zittere und weine nicht ſo ſehr wegen mei⸗ ner! Ich bin dieſer Thränen nicht werth!“ ſprach meine Mutter, mir die beiden Hände küſſend.„Es lebt Bleak Houſe. III. 16 242 eine Perſon, die ich alle Urſache habe, recht ſehr zu fürchten.“ „Iſt dieſe Perſon ein Feind?“ „Sie iſt auf jeden Fall kein Freund. Es iſt eine Perſon, die zu leidenſchaftslos iſt, um das eine oder das andere zu ſein. Es iſt Sir Leiceſter Dedlock's Ad⸗ vocat,— ein Menſch, mechaniſch, treu ohne Anhäng⸗ lichkeit, und höchſt eiferſüchtig auf den Gewinn, das Vorrecht, und den Ruf, in die Geheimniſſe großer dunſe eingeweiht und derſelben, ſo zu ſagen, Herr zu ein.“ „Hat er einigen Argwohn?“ „Oh, gar mancherlei.“ „Er beargwohnt doch Sie nicht?“ ſprach ſie lebhaft beunruhigt. „Doch, doch! Er iſt immer wachſam und iſt immer um mich. Ich kann ihn zwar zum Stilleſtehen bringen, kann ihn aber nie abſchütteln.“ „Hat er ſo wenig Mitleid oder ſo wenige Gewiſ⸗ ſensbiſſe?“ „Oh, ſo Etwas kennt er nicht; auch liegt der Zorn ihm fern. Er iſt gleichgültig gegen Alles, nur gegen ſeinen Beruf nicht. Sein Beruf aber beſteht darin, daß er Geheimniſſe ſich zu eigen macht, und daß er die Macht, die ſie ihm verleihen, für ſich ausbeutet, ohne dieſelbe mit Jemand zu theilen oder einen Widerſpruch befürchten zu müſſen.“ „Könnten Sie ihn mit Ihrem Vertrauen beehren?“ „Nie werde ich das verſuchen. Der finſtere Weg, den ich ſchon ſeit ſo vielen Jahren betreten, mag endigen, wo er will. Ich verfolge ihn allein bis ans Ende, wel⸗ cher Art immer dieſes Ende ſein mag. Es mag daſſelbe nun nahe oder noch ferne ſein:— Nichts ſoll mich, ſo lange der Weg noch dauert, davon ablenken.“ 3 „Liebe Mutter, ſteht denn Ihr Entſchluß ſo feſt?“ „Ja, er ſteht feſt. Lange habe ich Thorheit durch 243 Thorheit überboten, Stolz durch Stolz, Verachtung durch Verachtung, Uebermuth durch Uebermuth; ich habe viele Eitelkeiten durch noch weit mehrere geſchlagen. Ich will auch dieſe Gefahr überleben, und, wenn ich kann, ihr durch den Tod entgehen. Es hat ſich dieſelbe um mich hergezogen, faſt ebenſo ſchrecklich, wie wenn dieſer Wald von Chesney Wold ſich um das Schloß her geſchloſſen hätte; aber mein Weg bleibt immer der gleiche. Ich habe nur einen; ich kann nur einen haben.“ „Mr. Jarndyce—“ hob ich an, als meine Mutter haſtig fragte: „Argwohnt er Etwas?“ „Nein,“ ſprach ich.„Nein, nein! Sie dürfen ver⸗ ſichert ſein, daß er Nichts argwohnt!“ Und ich erzählte ihr, was er über meine Lebens⸗ geſchichte, ſoweit dieſelbe zu ſeiner Kenntniß gelangt, berichtet hatte. „Aber er iſt ſo gut und verſtändig,“ ſetzte ich hinzu, „daß er vielleicht, wenn er wüßte—“ Meine Mutter, die bis zu dieſem Augenblicke ihre Stellung nicht veräudert hatte, hob die Hand zu meinen Lippen empor und ließ mich nicht weiter reden. „Setze Dein ganz Vertrauen auf ihn,“ ſprach ſie nach einem Weilchen.„Du haſt meine volle Zuſtimmung — ein kleines Geſchenk von einer ſolchen Mutter an ihr Kind, an dem ſie ſo ſchweres Unrecht verübt!— Aber ſprich mir nicht davon! Selbſt jetzt lebt noch einiger Stolz in mir.“ Ich erklärte, ſo gut ich im Augenblick konnte, oder ſo viel ich mich jetzt noch zu erinnern vermag— denn meine Unruhe und mein Kummer waren während dieſer ganzen Zeit ſo groß, daß ich mich ſelbſt kaum verſtand, obgleich jedes Wort, das in der für mich ſo ungewohn⸗ ten und ſo melancholiſchen Mutterſtimme geſprochen wor⸗ den war, welche ich in meiner Kindheit nie lieben und erkennen gelernt, womit ich nie in den Schlaf geſungen, 244 von der ich nie ein ſegnendes Wort gehört, von der mir nie eine Hoffnung eingeflößt worden, einen dauernden Eindruck auf mein Gedächtniß machte— ich ſage alſo, ich erklärte, oder verſuchte wenigſtens zu er⸗ klären, wie ich blos gehofft, daß Mr. Jarndyce, der mir der beſte der Väter geweſen, im Stande ſein möchte, ihr guten Rath zu geben und eine Stütze zu ſein. Aber meine Mutter antwortete, es ſei dieß nicht möglich; es könne ihr Niemand helfen. Sie müſſe durch die vor ihr liegende Wüſte allein wandern. „Mein Kind, mein Kind!“ fuhr ſie fort.„Zum letzten Male! Und nun zum letzten Male dieſe Küſſe, und nun zum letzten Male dieſe Arme um meinen Nacken! Wir werden einander nie wieder ſehen. Um das thun zu können, was ich zu thun ſuche, muß ich ſein, was ich ſo lange geweſen bin: das iſt mein Lohn und mein Schickſal. Hörſt Du von Lady Dedlock, ihrem Glanze, ihrem Glücke und den ſie umgebenden Schmeichlern, ſo denk' Du an Deine elende, von Gewiſſensbiſſen geplagte Mutter— an Deine unglückliche Mutter, die unter die⸗ ſer glänzenden Maske ſteckt! Denke daran, daß die Wirk⸗ lichkeit allein in ihrem Leiden, in ihren unnützen Ge⸗ wiſſensbiſſen, darin liegt, daß ſie die einzige Liebe und Wahrheit, deren ſie fähig iſt, in ihrer Bruſt morden muß! Und dann vergib ihr, wenn Du kannſt; und ſlehe zum Himmel empor, daß er ihr vergeben möge,— was er nie kann!“ Wir hielten uns noch einige Augenblicke mit den Armen umſchloſſen, aber ſie war ſo ſtandhaft und feſt, daß ſie meine Hände wegzog, fie gegen meine Bruſt legte, und, während ſie ſie dort feſthielt, mit einem letzten Kuſſe wieder frei ließ, und mich verließ, um in dem Walde zu verſchwinden. Ich war nun wieder allein, und ſtill und ruhig lag unter mir in der Sonne und im Schatten das alte Schloß mit ſeinen Terraſſen und Thürmchen, worauf —9„ —— 2 82 88 8——Agnsͤ n R 88 8 24⁵ mir, als ich es zum erſten Male ſah, eine ſo vollſtändige Ruhe zu liegen ſchien, das jetzt aber wie der eigenſinnige und mitleidloſe Hüter und Zeuge vom Unglücke meiner Mutter ausſah.. So betäubt ich auch war, ſo ſchwach und hilflos ich anfangs auch war— und ich war es in meinem Krankenzimmer nie in höherem Grade geweſen,— ſo war mir doch die Nothwendigkeit, mich vor der Gefahr einer Entdeckung oder auch nur des entfernteſten Ver⸗ dachts zu hüten, von Nutzen. Ich wandte alle mir zu Gebot ſtehenden Vorſichtsmaßregeln an, um Charley zu verbergen, daß ich geweint, und zwang mich, an jede hei⸗ lige, mir obliegende Verpflichtung zu denken, gefaßt und auf meiner Hut zu ſein. Es erforderte einige Zeit, ehe mir das gelang, oder ich auch nur Ausbrüche des Kummers bewältigen lernte; aber nach etwa einer Stunde befand ich mich beſſer und fühlte ich, daß ich nun wieder heimgehen könnte. Dieß that ich denn auch, jedoch ging ich nur ſehr langſam. Charley, die an dem Gatterthore ſtand und dort auf mich wartete, ſagte ich, daß ich, nachdem Lady Dedlock von mir weggegangen, der Verſuchung nicht hätte widerſtehen können, meinen Spaziergang auszudehnen, und daß ich jetzt gar zu müde wäre, und mich ein Bis⸗ chen hinlegen möchte. Als ich mich ein Mal auf meinem Zimmer befand, las ich den Brief. Ich nahm— und es war dieß da⸗ mals viel— deutlich daraus ab, daß ich von meiner Mutter nicht muthwillig verlaſſen worden. Ihre ältere und einzige Schweſter, die Taufpathin meiner Kindheit, entdeckte Lebenzeichen an mir, als ich als todt bei Seite gelegt worden, hatte in ihrem ernſten Pflichtgefühle, ohne allen und jeden Wunſch, daß ich am Leben bleiben möchte, mich in ſtrenger Abgeſchiedenheit aufgezogen, und das Geſicht meiner Mutter ſeit den Paar Stunden, die auf meine Geburt gefolgt waren, nie wieder erblickt,— Ich 246 nahm auf dieſer Erde einen ſo ſonderbaren Platz ein, daß ich erſt ſeit ganz kurzer Zeit für meine Mutter ath⸗ mete— daß ich für ſie begraben— daß ich für ſie nie mit dem Odem des Lebens beſeelt geweſen— daß ich für ſie nie einen Namen gehabt. Als ſie mich in der Kirche zum erſten Mal geſehen, war ich ihr aufgefallen; und ſie hatte da an das gedacht, was mir ähnlich ge⸗ weſen wäre, wenn es je gelebt und fortgelebt hätte; aber es war dieß damals Alles. Was der Brief weiter enthielt, braucht hier nicht wiederholt zu werden. Es wird daſſelbe zu ſeiner Zeit und an ſeinem Orte in dieſer meiner Geſchichte ſchon geſagt werden.. Das Erſte, was ich that, war, daß ich den Brief meiner Mutter verbrannte, und ſogar die Aſche davon vernichtete. Hoffentlich wird es von meiner Seite als nicht ſehr unnatürlich oder ſchlecht erſcheinen, wenn mir der Gedanke, daß ich je aufgezogen worden, jetzt ſchweren Kummer machte. Wenn es mir war, als ob es für viele Leute beſſer geweſen wäre, wenn ich wirklich nie geathmet hätte. Wenn ich vor mir ſelbſt Furcht bekam, als der Gefahr und der möglichen Schande meiner Mutter und eines ſtolzen Familienlebens. Wenn ich ſo verwirrt und erſchüttert war, daß ich dem Glauben Raum gab, es wäre recht und beabſichtigt geweſen, mich bei meiner Geburt ſterben zu laſſen; und es wäre unrecht und damals nicht beabſichtigt geweſen, daß ich am Leben bleiben ſollte. Dieß waren die wahren Gefühle, die ich hatte. Ich ſchlief abgemattet ein; und als ich wieder erwachte, weinte ich von Neuem bei dem Gedanken, daß ich wieder in der Welt ſei mit meiner Laſt von Sorgen und Mühen für Andere. Ich hatte mehr denn je Furcht vor mir ſelbſt, indem ich von Neuem an die dachte, gegen die ich eine lebende Zeugin war; indem ich an den Beſitzer von Chesney Wold, an die neue und furchtbare Bedeutung 247 der alten Worte dachte, die jetzt, wie die Brandung am Ufer, in mein Ohr ſtöhnten:„Deine Mutter, Eſther, war Deine Schande, und Du biſt die ihrige. Es wird ein Mal die Zeit kommen und zwar bald genug— wo Du dieß beſſer verſtehen wirſt; auch wirſt Du es dann fühlen, wie Niemand, es ſei denn ein Weib, es fühlen kann.“ Mit dieſen Worten kehrten die andern wieder: „Bete täglich zu Gott, daß er nicht die Sünden Anderer an Dir heimſuchen möge, wie geſchrieben ſteht.“ Ich konnte nicht Alles, was mich umgab, entwirren; und es war mir, wie wenn der Vorwurf und die Schande mich allein träfen, und wie wenn die Heimſuchung nun gekommen wäre. Es ſchwand der Tag und ging bereits in einen düſteren umwölkten, traurigen Abend über,— und immer noch kämpfte ich mit demſelben Kummer. Ich ging allein aus, wurde, nachdem ich mich ein Bischen in dem Park ergangen und geſehen hatte, wie die ſchwarzen Schatten auf die Bäume niederfielen, und wie die Fleder⸗ mäuſe capriciös herum flogen und mich bisweilen beinahe berührten, fand ich mich zum erſten Male nach dem Schloſſe hingezogen. Vielleicht wäre ich nicht in die Nähe deſſelben gekommen, wenn meine Gemüthsverfaſſung eine andere ſtärkere geweſen wäre. So wie dieſelbe nun aber ein Mal war, ſchlug ich den Pfad ein, der hart an daſſelbe hinführte. Ich wagte es nicht, mich aufzuhalten oder hinauf⸗ zuſchauen, ſondern ging in den Terraſſengarten mit ſei⸗ nen Wohlgerüchen, ſeinen breiten Wegen, ſeinen gut unterhaltenen Beeten und ſeinem weichen glatten Raſen vorüber; und da ſah ich, wie ſchön und feierlich das Ganze ausſah, und wie die alten, ſteinernen Baluſtraden und Bruſtmauern, und die geräumigen Fluchten untiefer Stufen die Spuren der Zeit und des Wetters an ſich trugen; und wie der gezogene Ephen und Moos darum und um das alte ſteinerne Fußgeſtell der Sonnenuhr 248 herwuchſen; auch hörte ich das Plätſchern des Spring⸗ brunnens. Dann führte der Weg an langen Reihen dunkler Fenſter vorüber, die durch Thürme und Thürm⸗ chen und bedeckte Gänge von excentriſcher Geſtalt ver⸗ mannigfaltigt waren, wo alte ſteinerne Löwen und gro⸗ teske Ungeheuer mit geſträubten Haaren aus Schatten⸗ höhlen hervorſchauten und das abendliche Dunkel über den Wappenſchildern, welche ſie in ihren Krallen feſthiel⸗ ten, anknurrten und anbrummten. Von da wand ſich der Pfad unter einem Thorwege und durch einen Hof durch, wo ſich der Haupteingang befand(ich eilte raſch vorüber), und an den Ställen vor⸗ bei, wo nur tiefe Stimmen zu ſein ſchienen, ſei es nun, daß ſich dieſelben in dem Murmeln des Windes durch die ſtarke, an einer hohen, rothen Mauer hangende Epheu⸗ maſſe hin, oder in der langen Klage des Wetterhahns oder in dem Gebell der Hunde, oder in dem langſamen Schlage einer Uhr kund gaben. So kam ich, bald einem ſüßen Duft von Linden⸗ bäumen begegnend, deren Rauſchen ich hören konnte, in⸗ dem der Pfad ſich nach einer andern Richtung hin fort⸗ wand, nach der ſüdlichen Fronte; und da befanden ſich, über meinem Haupte die Baluſtraden des Geiſterwegs, ſowie ein einziges erleuchtetes Fenſter, welches das mei⸗ ner Mutter ſein konnte. Es war der Weg hier gepflaſtert, wie die Terraſſe über meinem Haupte, und es hallten meine Tritte, weit entfernt, geräuſchlos zu ſein, auf den Flieſen. Ich blieb ſtehen, um Nichts anzuſchauen; als ich aber, während ich ſo fortging, Alles ſah, was ich ſah, ging ich raſch weiter, und würde in ein Paar Augen⸗ blicken das erleuchtete Zimmer hinter mir gehabt haben. Da mahnten mich meine hallenden Tritte plötzlich, daß der Legende vom Geiſterwege eine furchtbare Wahrbeit zu Grunde liege; daß ich es ſei, die über das prächtige Haus Unglück bringen ſollte; und daß meine Unglück ver⸗ 249 kündenden Füße ſich ſogar in dieſem Augenblicke dort hören ließen. Von noch größerer Furcht vor mir ſelbſt ergriffen— einer Furcht, die mich eiskalt machte, lief ich vor mir ſelbſt und vor Allem davon, ging wieder den Weg zurück, auf dem ich hergekommen war, und blieb nicht eher ſtehen, als bis ich das Thor am Portierhäuschen er⸗ reicht hatte, und der Park düſter und ſchwarz hinter mir lag. Ich fing nicht eher, als bis ich mich wieder allein auf meinem Zimmer befand, und dort wieder niederge⸗ ſchlagen und unglücklich geweſen war, an, zu erfahren, wie unrecht und undankbar dieſer Zuſtand ſei. Indeſſen fand ich von meinem Liebling, der morgen kommen ſollte, einen Brief ſo voll freudiger und liebevoller Erwartung, daß ich hätte von Stein ſein müſſen, wenn derſelbe mich nicht gerührt hätte; auch von meinem Vormund fand ich ein Billet vor, worin ich erſucht wurde, Dame Durden, im Fall ich dieſes kleine Weibchen irgendwo treffen ſollte, gefälligſt zu ſagen, daß man ſeit ihrer Entfernung höchſt jämmerliche Geſichter mache, daß man ſich ohne ſie ent⸗ ſetzlich langweile, und daß Alles über die Maßen traurig ſei; daß es mit der Haushaltung gar ſchief ſtehe und Alles zu Grunde gehe; daß ſonſt Niemand die Schlüſſel zu handhaben verſtehe, und daß Jedermann in dem Hauſe und um daſſelbe her erkläre, es ſei gar nicht mehr das alte Haus, und daß Alles rebelliſch werde und auf ihre Rückkehr dringe. Zwei ſolche Briefe zu gleicher Zeit ſagten mir, wie ich weit über Verdienſt geliebt werde, und wie glücklich ich ſein ſollte. Dieß mahnte mich, über mein ganzes vergangenes Leben nachzudenken, und dieß verſetzte mich in eine beſſere Gemüthsſtimmung,— eine Stimmung, die ſchon vorher hätte die meinige ſein ſollen. Denn ich ſah jetzt gar wohl, daß mein Tod nicht 1250 beabſichtigt geweſen ſein konnte, weil ich ſonſt nie gelebt hätte, um nicht zu ſagen, weil ich ſonſt nie für ein ſolch glückliches Leben aufbehalten worden wäre. Ich ſah gar wohl, wie gar Vieles ſich zu meinem Wohlergehen ver⸗ einigt hatte, und daß, wenn die Sünden der Väter zu⸗ weilen an den Kindern heimgeſucht werden, die Phraſe nicht das bedeutete, was Naehe Morgen gefürchtet hatte, daß ſie bedeutete. Ich wüße, daß ich an meiner Geburt ſo unſchuldig war, wie ine Königin an der ihrigen; und daß ich vor meinem himmliſchen Vater für meine Geburt nicht beſtraft und eine Königin nicht da⸗ für belohnt würde. Ich hatte bei den Erſchütterungen dieſes Tages erfahren, daß ich ſogar ſchon ſo bald Troſt finden und mich mit dem Wechſel ausſöhnen konnte, den mir das Loos beſchieden. Ich erneuerte meine Entſchlüſſe und flehte zum Himmel, daß er mich darin beſtärken möchte, indem ich mein/ Herz für mich ſelbſt und für meine unglückliche Muttef ausſchüttete, und fühlte, daß die Finſterniß des Morgans ſich zerſtreuete. Mein Schlaf hatte wenigſtens darunker nicht zu leiden; und als das Licht des nächſten Tages mich weckte, war ſie ver⸗ ſchwunden. Mein liebes Mädchen ſollte Nachmittags um fünf Uhr ankommen. Ich wußte mich über die dazwiſchen liegende Zeit nicht, beſſer hinüberzubringen, als indem ich einen langen Spaziergang auf dem Wege machte, den ſie kommen mußten; und ſo machten denn Charley, und ich, und Stubbs— Stubbs wurde geſattelt, da wir ihn nach dem bewußten berühmten Vorfalle nie mehr anſpannten— eine lange Expedition dieſen Weg entlang. Als wir wieder nach Hauſe kamen, hielten wir über Haus und Garten eine ſtrenge Muſterung; und da ſahen wir deun, daß ſich Alles im bübſcheſten Zuſtande befand. Was den Vogel betrifft, ſo ließen wir ihn aus dem Käfig heraus und hielten ihn, als einen wichtigen Theil des Haushalts, parat. 251 Es mußten noch mehr, denn zwei volle Stunden verſtreichen, ehe ſie ankommen konnte; und in dieſer Zwiſchenzeit, die mir lang däuchte, fühlte ich, ich muß es geſtehen, eine nervöſe Bangigkeit in Betreff meines veränderten Ausſehens. Ich liebte meinen Liebling fo ſehr, daß ich vor Allem bekümmert war in Betreff der Wirkung, welche mein Geſicht auf ſie hervorbringen mußte. Ich befand mich nicht in dieſer kleinen Noth, weil ich mich überhaupt grämte— ich weiß gewiß, daß dieß an dieſem Tage nicht der Fall warz— aber ich machte mir ſo Gedanken darüber, ob ſie auch gehörig darauf vorbereitet wäre. Ich fragte mich, ob ſie nicht, wenn ſie mich zum erſten Male wieder ſähe, nicht etwas unangenehm überraſcht und in ihren Erwartungen getäuſcht finden würde; ob die Sache nicht ein Bischen ſchlimmer wäre, als ſie erwartet; ob ſie ſich nicht nach ihrer alten Eſther umſchauen und dieſelbe gar nicht mehr finden würde; ob ſie ſich nicht wieder erſt an mich gewöhnen und wieder ganz von vorn anfangen müßte. Ich kannte das Geſicht meines holden Mädchens in der Mannigfaltigkeit ſeines Ausdruckes ſo gut, und es war daſſelbe ein in ſeiner Anmuth ſo ehrliches Geſicht, daß ich ſchon zuvor verſichert war, daß ſie mir dieſen ernſten Blick nicht verbergen konnte. Und ich ſann darüber nach, ob ich, wenn daſſelbe irgend Etwas von dem aus⸗ drückte, was es ſo höchſt wahrſcheinlich ausdrücken mußte, ſo ganz für mich ſtehen könnte. Wohlan! Ich glaubte, ich könne das. Nach der vergangenen Nacht glaubte ich, daß ich es könne. Aber zu warten und wieder zu warten, und zu erwarten und wieder zu erwarten, und hin und her zu denken und wieder hin und her zu denken, war eine ſo ſchlechte Vor⸗ bereitung, daß ich mich entſchloß, mich wieder aufzu⸗ machen und ihr entgegenzugehen. Ich ſagte daher zu Charley: 252 „Charley, ich will allein gehen,— will allein auf dem Wege fortgehen, bis ſie kommt.“ Und da Charley Alles höchlich billigte, was mir ge⸗ fiel, ſo nahm ich den Weg unter die Füße, und ließ ſie zu Hauſe zurück. 1 Ehe ich aber beim zweiten Meilenſtein anlangte, hatte ich ſo oft, wenn ich in der Ferne Staub ſah(ob⸗ gleich ich wußte, daß es noch nicht die Poſtkutſche ſei, noch dieſelbe ſein könne) ein heftiges Herzklopfen ver⸗ ſpürt, daß ich beſchloß, umzukehren und wieder nach Hauſe zu gehen, und als ich umgekehrt war, ſchwebte ich in ſolcher Angſt, es möchte die Poſtkutſche hinter mir herkommen und mich einholen(obgleich ich immer wußte, daß ſo Etwas nicht der Fall wäre, noch ſein könnte), daß ich den größten Theil des Weges im eigentlichen Sinne des Wortes renuend zurücklegte, um ja nicht ein⸗ geholt zu werden. Und als ich wieder wohlbehalten zu Hauſe war, erwog ich, was ich gethan, und da konnte ich mir denn nicht verhehlen, daß ich nicht viel Gutes angerichtet; jetzt war ich erhitzt, und hatte aus übel ärger gemacht. Endlich, als ich glaubte, es ſtehe wenigſtens noch eine Viertelſtunde an, rief Charley, während ich im Garten zitterte, mit einem Male: „Da kommt ſie, Miß! Da iſt ſie!“ Ich wollte es nicht thun, lief aber die Treppe hin⸗ auf, und verſteckte mich hinter der Thüre meines Zimmers. Dort ſtand ich zitternd, ſogar dann noch, als ich meinen Liebling die Treppe heraufkommen und rufen hörte: 7 „Eſther, liebe, liebe Eſther, wo biſt Du denn, klei⸗ nes Weibchen, liebe Dame Durden!“ Sie rannte herein, und rannte, als ſie mich ſah, wieder hinaus. Ah, mein engelgleiches Mädchen! Der alte liebe Blick, eitel Liebe, eitel Zärtlichkeit, eitel Freund⸗ ſchaft! Sonſt Nichts darin— nein, Nichts, Nichts! ——— „— /——%—eo—,S+ 253 O, wie glücklich war ich, als mein holdes, ſchönes Mädchen, mit mir auf dem Boden kniend, mein ver⸗ narbtes Geſicht an ihre holde Wange drückte, daſſelbe mit Thränen und Küſſen badete, mich wie ein Kind hin und her wiegte, mir jeden zärtlichen Namen gab, den ſie nur erſinnen konnte, und mich an ihr treues Herz drückte Siebenunddreißigſtes Kapitel. Jarndyce und Jarndyce. Wäre das Geheimniß, das ich zu bewahren hatte, das meinige geweſen, ſo hätte ich es nun gar bald Ada anvertrauen müſſen. Aber es gehörte mir nicht, und ich fühlte nicht, daß ich ein Recht hätte, daſſelbe Jemand mitzutheilen,— ja, daß ich nicht ein Mal das Recht hätte, es meinem Vormund mitzutheilen, es wäre denn, daß die Umſtände es durchaus erforderten. Es war eine Laſt, es für mich behalten zu müſſen; indeſſen ſchien meine dermalige Pflicht ganz klar zu ſein, und, durch die Anhänglichkeit meines Lieblings beglückt, bedurfte ich keines Antriebes und keiner Ermuthigung, um dieſer Pflicht treu zu bleiben. Obgleich, wenn ſie ſchlief und Alles ruhig war, die Erinnerung an meine Mutter mich oft wach erhielt, und mir die Nacht zu einer ſorgen⸗ und kummervollen machte, ließ ich dieſe Pflicht doch keinen Augenblick aus den Augen; und Ada fand in mir das, was ich immer geweſen— ausgenommen natürlich in dem Stücke, wovon ich genug geſprochen, und deſſen ich 25⁵4 gerade jetzt nicht mehr Erwähnung thun will, wenn es mir irgend möglich iſt. Die Verlegenheit, die ich fühlte, als ich an dieſem erſten Abende wieder ganz gefaßt war, und Ada mich, während wir an unſerer Arbeit ſaßen, fragte, ob die Familie auf dem Schloſſe wäre, und als ich dieſe Frage mit Ja beantworten und ſagen mußte, daß ich glaubte, ſie wäre da, indem Lady Dedlock an dem vorgeſtrigen Tage im Walde mit mir geſprochen, war nicht gering. Noch größer war dieſelbe, als Ada mich fragte, was die Lady geſagt, und als ich darauf antwortete, es ſei die⸗ ſelbe recht freundlich und voller Theilnahme geweſen; und als Ada, während ſie ihre Schönheit und Eleganz zugab, einige tadelnde Bemerkungen über ihr ſtolzes Be⸗ nehmen und ihr gebieteriſches, froſtiges Weſen machte. Aber Charley half mir, ohne es ſelbſt zu wiſſen, aus dieſer Verlegenheit, indem ſie uns ſagte, daß Lady Dedlock bloß zwei Nächte auf dem Schloſſe geblieben, und daß dieſelbe von London gekommen, um auf einem andern großen Schloſſe in der nächſten Grafſchaft einen Beſuch zu machen; und daß ſie an dem Morgen, nach⸗ dem wir ſie bei unſerer Ausſicht, wie wir den Ort nannten, geſehen, in aller Frühe wieder abgereist ſei. Charley bewahrheitete gewißlich das Sprüchwort in Be⸗ treff kleiner Krüge; denn ſie hörte in einem Tage mehr Dinge, die geſagt und gethan wurden, als in einem Mo⸗ nate mir zu Ohren gekommen wären. Wir ſollten einen Monat lang in Mr. Boythorn’s Hauſe bleiben. Es war mein Liebling, ſo viel ich mi noch der Zeit zu entſinnen vermag, kaum eine ſchöne Woche bei mir geweſen, als eines Abends, nachdem wir dem Gärtner ſeine Blumen hatten begießen helfen, gerade in dem Augenblicke, wo die Lichter angezündet wurden, Charley mit überaus wichtiger Miene hinter Ada's Stuhl erſchien, und mir in myſteriöſer Weiſe zuwinkte, daß ich das Zimmer verlaſſen möchte. ——, 25⁵ „Oh, wenn Sie erlauben, Miß,“ ſprach Charley flüſternd, während ſie ihre Augen ſo rund und ſo groß⸗ wie nur möglich machte.„Es möchte Sie Jemand im Gaſthauſe zum Dedlock'ſchen Wappen ſprechen.“ „Aber ſag' mir doch, Charley,“ verſetzte ich,„wer in aller Welt will mich denn in dem Wirthshauſe ſprechen?“ „Ich weiß es nicht, Miß,“ gab Charley zurück, den Kopf vorſtreckend, und die Häude feſt auf dem Bande ihrer kleinen Schürze faltend, was ſie immer in der Freude über etwas Myſteriöſes oder Confidentielles that;„aber es iſt ein Gentleman, Miß, und er läßt ſich Ihnen empfehlen, und läßt Sie bitten, ohne weitere Umſtände zu kommen.“ „Wer läßt ſich empfehlen, Charley?“ „Ei nun, er, Miß!“ verſetzte Charley. „Und wie kommſt denn Du dazu, mir dieſe Bot⸗ ſchaft zu überbringen?“ „Ich bin, wenn Sie erlauben, Miß, nicht der Bote,“ verſetzte mein kleines Kammermädchen.„Es war W. Grubble, Miß.“ „Und wer iſt denn dieſer W. Grubble, Charley?“ „Miſter Grubble, Miß,“ verſetzte Charley.„Wiſ⸗ ſen Sie denn nicht, Miß? Das Gaſthaus zu dem Dedlockſchen Wappen, gehalten von W. Grubble,“ welche Worte Charley ſo ſprach, wie wenn ſie das Wirthshausſchild langſam buchſtabirte. „So! Es iſt alſo der Wirth, Charley?“ „Ja, Miß. Wenn Sie erlauben, Miß; er hat eine wunderſchöne Frau, die aber ihren Knöchel gebrochen hat, und es hat derſelbe nie mehr eingerichtet werden können.“(Die grammatikaliſche Erziehung meines Kam⸗ mermädchens war zwar im Fortſchreiten begriffen, je⸗ doch nicht in ſehr raſchem.)„Und ihr Bruder iſt der Säger, der in's Loch geworfen worden iſt, Miß, und 2⁵⁶ es glauben die Leute, es werde ſich derſelbe ganz allein mit Bier zu Tode trinken,“ ſprach Charley. Da ich nicht wußte, was es geben mochte, und da ich jetzt leicht ängſtlich war, ſo hielt ich es für das Beſte, ganz allein hinzugehen. Ich hieß Charley mir alsbald Hur, Schleier und Shawl bringen, und ging, nachdem ich dieſelben angezogen, die kleine hügelige Gaſſe hinab, wo ich ebenſo zu Hauſe war, wie in Mr. Boythorn’s Garten. Mr. Grubble ſtand, in Hemdärmeln, an der Thüre ſeine⸗ ſehr reinlichen kleinen Gaſthauſes und wartete auf mich. Er zog mit beiden Händen den Hut ab, als er mich herankommen ſah, und führte mich, während er ſeinen Hut ſo trug, wie wenn derſelbe ein eiſernes Schiff wäre (er ſah wenigſtens ſo ſchwer aus), einen mit Sand be⸗ ſtreuten Gang entlang und dann in ſein beſtes Parlour. Es war letzteres ein nettes, mit einem Teppiche beleg⸗ tes Zimmer. Man ſah darin mehr Pflanzen, als wohl paſſend war, eine colorirte Gravüre, die Königin Karo⸗ line vorſtellend, unterſchiedliche Muſcheln, eine große Anzahl von Theebrettern, zwei ausgeſtopfte und getrock⸗ nete Fiſche in kleinen Glaskäſten; ein merkwürdiges Ei oder ein merkwürdiger Pfebenkürbiß(ich weiß nicht, welches von beiden es war, und zweifle, ob viele Leute es wußten) hing von der Zimmerdecke herab. Ich kannte Mr. Grubble von Geſicht gar gut, da ich ihn oft hatte an ſeiner Thüre ſtehen ſehen. Es war ein etwas dicker Mann von angenehmem Aeußern und mitt⸗ lerem Alter, dem es daheim ohne ſeinen Hut und ſeine Stulpenſtiefel nie recht wohl zu ſein ſchien, der aber nie einen Ueberrock trug, es ſei denn in der Kirche. Er putzte das Licht und ging, nachdem er ſich zu⸗ erſt ein Bischen entfernt hatte, um zu ſehen, wie das Licht brannte, rückwärts zur Thüre hinaus,— mir ganz — unerwartet, da ich ihn fragen wollte, von wem er denn geſchickt worden. Als nun die Thüre des gegenüberliegenden Parlour aufging, hörte ich einige Stimmen, die mir bekannt däuchten, und die nun verſtummten. Nun näherte ſich ein raſcher, leichter Tritt dem Zim⸗ mer, worin ich mich befand, und wer ſtand vor mir? — Richard. „Meine liebe Eſther!“ ſprach er,„meine beſte Freundin!“ Und er war wirklich ſo warmherzig, und es war ihm ſo Ernſt, daß ich in der erſten Ueberraſchung und Frende über ſeinen brüderlichen Gruß kaum ſo viel Athem finden konnte, um ihm zu ſagen, daß ſich Ada wohl befände. „So ganz meinen Gedanken entſprechend, immer, immer noch das nämliche liebe Mädchen!“ ſprach Ri⸗ chard, mich zu einem Stuhle hinführend und ſich neben mich ſetzend. Ich ſchlug meinen Schleier hinauf, jedoch nicht ganz. „Immer, immer noch das nämliche liebe Mädchen!“ ſprach Richard wieder ganz ſo herzli Ich ſchlug nun meinen Schleier ganz hinauf, legte meine Hand auf Richard's Aermel, ſchaute ihm in's Geſicht und ſagte ihm, wie ſehr ich ihm für ſeinen freund⸗ lichen Willkomm dankte, und wie ſehr es mich freuete, ihn wieder zu ſehen; und dieß um ſo mehr, da ich während meiner Krankheit zu dem Entſchluſſe gekommen, den ich ihm nun mittheilte. „Meine Liebe,“ ſprach Richard,„es verlangt mich, mit Dir vor allen Andern zu ſprechen, denn ich möchte, daß Du mich verſtündeſt.“ „Und ich möchte, Richard,“ ſprach i kopfſchüttelnd, „daß Du Jemand anders verſtündeſt.“ c ſ „Da Du ſo ohne Weiteres von John Jarudyce an⸗ fängſt,“ ſprach Richard—„Du meinſt doch wohl ihn?“ Bleak Houſe. III. 17 2⁵8 „Ei natürlich, meine ich ihn.“ „So kann ich denn Dir alsbald ſagen, daß mich das freut, da ich in dieſem Stücke von Dir verſtanden ſein möchte. Von Dir, merk auf— von Dir, meine Liebe! Ich bin Mr. Jarndyce oder Mr. Anybody*) keine Rechenſchaft ſchuldig.“ Es ſchmerzte mich, ihn dieſen Ton anſchlagen zu hören, und er bemerkte es. „Gut, gut, meine Liebe,“ ſprach Richard,„wir wollen jetzt nicht auf dieſes eingehen. Ich möchte in Deinem Landhauſe hier in aller Ruhe erſcheinen und, mit Dir am Arme, meine bezaubernde Couſine über⸗ raſchen. Hoffentlich wird Deine Loyalität gegen John Jarndyce dieß zugeben?“ „Mein lieber Richard,“ verſetzte ich,„Du weißt, daß Du in ſeinem Hauſe— Deinem Hauſe, ſobald Du es als ſolches anſehen willſt, herzlich willkommen biſt; und ebenſo herzlich biſt Du hier willkommen.“ „Geſprochen, wie das beſte aller kleinen Weibchen!“ ſprach Richard luſtig.“ Ich fragte ihn, wie er mit ſeinem jetzigen Stande zufrieden wäre. „O, er gefällt mir fo ziemlich!“ ſprach Richard. „Er iſt ſchon recht. Er iſt ſo gut, wie etwas Anderes — eine Zeit lang. Ich glaube aber, daß ich mich nicht mehr ſo viel darum kümmern werde, wenn ein Mal meine Sachen in Ordnung ſind; aber dann kann ich ja meine Stelle verkaufen, und— doch ſprechen wir jetzt nicht weiter von all' dem langweiligen Zeug 45 So jung und ſo hübſch und in jeder Beziehung ſo ganz das Gegentheil von Miß Flite! Und doch ihr wieder ſo entſetzlich ähnlich in dem umwölkten, gierigen, *) Irgend Jemand. — 259 ſuchenden Blicke, der während eines Augenblicks über ihn kam. „Ich bin in dieſem Augenblick auf Urlaub in der Stadt,“ ſprach Richard. „So!“ „Ja. Ich bin hergekommen, um, vor den langen Ferien, ein Bischen nach meiner— meiner vor dem Kanzleigerichtshofe noch ſchwebenden Sache zu ſchauen,“ ſprach Richard, ſich zu einem heiteren Lachen zwingend. „Wir fangen nun endlich an, mit dem alten Proceſſe voran zu kommen, das kann ich Dir verſichern.“ Kein Wunder, daß ich den Kopf ſchüttelte! „Es iſt, wie Du ſagſt, kein luſtiger Gegenſtand.“ Während Richard ſo ſprach, zog dieſelbe Nüance wie zuvor über ſein Geſicht hin. „Wir wollen denſelben für heute Nacht,“ fuhr er fort,„nach allen vier Winden hin— gehen laſſen.— Fert damit!— Wen glaubſt Du wohl bei mir?“ „War die Stimme, die ich gehört, Mr. Skimpo⸗ le's Stimme?“. „Der iſt's! Er gefällt mir beſſer, als ſonſt Je⸗ mand. Welch' bezauberndes Kind er iſt!“ Ich fragte Richard, ob Jemand davon wüßte, daß ſie mit einander hierher gekommen. Er antwortete, es wiſſe Niemand darum. Er habe das liebe alte Kind, ſo nannte er Mr. Skimpole, be⸗ ſucht, und das liebe alte Kind habe ihm geſagt, wo wir ſeien, und er habe dem lieben alten Kinde geſagt, er müſſe uns durchaus ſehen, und dann habe das liebe alte Kind alsbald auch mitkommen wollen; und ſo habe er ihn hierher gebracht.„Und er iſt— um nicht zu ſagen, ſeine ſchmutzigen Koſten— ſondern wenigſtens drei Mal ſein Gewicht in Gold werth,“ ſprach Richard. „Er iſt ein ſo luſtiger Geſell. So gar kein Weltſiun an ihm. Friſch und grünherzig!“ Ich konnte zwar daran, daß Mr. Skimpole ſich ₰ 260 von Richard freihalten ließ, keinen Beweis für deſſen Freiſein von weltlicher Geſinnung erblicken; indeſſen machte ich darüber keine Bemerkung. Auch kam er jetzt herein und gab unſerem Geſpräche eine andere Richtung. Es freute ihn, mich zu ſehen, und er ſagte, er habe meinetwegen ſechs Wochen lang häufig köſtliche Thränen der Freude und der Sympathie vergoſſen; er ſei noch nie ſo glücklich geweſen, als da, wo er von meiner fort⸗ ſchreitenden Wiedergeneſung gehört; er fange jetzt an, die Miſchung von Gutem und Böſem auf dieſer Welt zu verſtehen; er fühle, daß er die Geſundheit um ſo mehr ſchätze, wenn Jemand krank ſei; er wiſſe nicht, ob es nicht im Plane der Schöpfung liege, daß AK ſchie⸗ len ſolle, um B dadurch glücklicher zu machen, daß der⸗ ſelbe gerade ausſchaue; oder daß C ein hölzernes Bein tragen ſolle, um D mit ſeinem Fleiſch und Blut in einem ſeidenen Strumpfe zufriedener zu machen. „Meine liebe Miß Summerſon, da iſt unſer Freund Richard,“ ſprach Mr. Skimpole weiter.„Er iſt in Beziehung auf die Zukunft voll der herrlichſten Viſionen, die er der Finſterniß des Kanzleigerichtshofs zu entlocken weiß. Das iſt nun köſtlich, das iſt ermuthigend, das iſt voller Poeſte! In alten Zeiten wurden die Wälder und Einöden für den Schäfer durch das imaginäre Pfei⸗ fen und Tanzen Pans und der Nymphen luſtig. Der Schäfer vor unſern Augen, unſer paſtoraler Richard, macht die langweiligen Inns of Court dadurch lebendig und heiter, daß er Fortuna ſammt ihrem Anhang durch dieſelben hintanzen läßt, unter den melodiöſen Tönen eines Spruches, den er endlich vom Gerichte auswirkt. Es iſt das recht luſtig, wie Sie wiſſen! Es könnte zwar einem ungeleckten, brummenden Bären einfallen, mir zu ſagen:„Wozu nützen denn aber dieſe legalen und billigen Mißbräuche? Wie mögen Sie dieſelben nur vertheidigen? Darauf antwortete ich: ‚Brummender Freund, ich vertheidige ſie nicht, aber ſie ſind dennoch — . O 28— Gᷣ SͤS So SͤSͤGͤ NA ASn + — 261 für mich ſehr augenehm. Da iſt ein junger Schäfer, einer meiner Freunde, der ſie für meine Einfalt in etwas ungemein Bezauberndes umwandelt. Ich will nicht gerade ſagen, daß dieſelben deßwegen da ſind— denn ich bin unter Euch weltlich geſinnten Brummbären ein Kind und brauche Euch oder mir über Nichts Re⸗ chenſchaft zu geben— aber es kann doch ſo ſein.“ Ich fing an, in allem Ernſte der Anſicht zu ſein, daß Richard wohl kaum einen ſchlimmern Freund, als Skimpole, hätte ſinden können. Es machte mich un⸗ ruhig, daß er gerade zu einer ſolchen Zeit, wo er eines rechten Zweckes und Grundſatzes am Meiſten bedurfte, dieſe einnehmende Liederlichkeit, dieſes Syſtem, Alles auf⸗ zuſchieben, dieſes leichtſinnige Verzichten auf jeden Grund⸗ ſatz und Zweck, ſo ganz in ſeiner Nähe hatte. Ich glaubte, ich köune begreifen, wie eine Natur wie die meines Vormunds, der in der Welt erfahren ſei und die elenden Ausflüchte und das ewige Hin⸗ und Herzerren in dem Familienunglücke mitanſehen müſſe, eine unendliche Er⸗ leichterung darin finden könne, daß Mr. Skimpole ſeine Schwächen offen eingeſtehe und ſeine argloſe Offenheit entfalte; ich aber konnte mich nicht davon überzeugen, daß dieſelbe ſo ungekünſtelt ſei, wie es ſchien; oder daß ſie Mr. Skimpole's Trägheit nicht ebenſo gut behage, wie eine andere Rolle, und zwar mit weniger Mühe. Sie begleiteten mich Beide heim; und als Mr. Skim⸗ pole uns an dem Thore verließ, trat ich leiſe mit Richard hinein und ſprach:„Liebe Ada, hier iſt ein Herr, der Dich beſuchen will.“ Es war nicht ſchwer, in dem erröthenden, Ueber⸗ raſchung ausdrückenden Geſichte zu leſen. Sie liebte ihn innig, und er wußte es, und ich wußte es. Es war eine recht durchſichtige Geſchichte, obgleich man ſich bloß als Couſin und Coufine ſah. Ich wurde faſt gegen mich ſelbſt mißtrauiſch, indem ich glaubte, daß ich in meinem Argwohn ganz boshaft * a. 262 werde, aber ich war nicht ſo ganz gewiß, daß Richard ſie wirklich innig liebe. Er war ein leidenſchaftlicher Anbeter— Jedermann hätte das ſein müſſen— und würde hier wohl mit vielem Stolze und Feuer ihr frühe⸗ res jugendliches Verhältniß erneuert haben, hätte er nicht gewußt, wie treu ſie das meinem Vormund gegebene Verſprechen halten würde. Bei All' dem wurde ich beſtändig von dem Gedan⸗ ken gequält, daß der Einfluß des Prozeſſes ſich ſogar bis hierher erſtrecke; daß er in dieſem, wie in allen Stücken, ſeine beſte Wahrheit und ſeinen beſten Eifer verſchiebe, bis Jarndyce und Jarndyce ihn nicht länger peinige. Ach, du gütiger Himmel! Was Richard geweſen ſein würde ohne dieſen unglückſeligen Prozeß, vermag ich nie mehr zu ſagen! Er ſagte in ſeiner offenherzigſten Weiſe zu Ada, er ſei nicht hierher gekommen, um die Uebereinkommens⸗ punkte, die ſie(etwas zu blind und zu vertrauensvoll, glaube er) von Mr. Jarndyce angenommen, im Gehei⸗ men zu verletzen; er ſei vor aller Welt gekommen, um ſie und mich zu beſuchen, und um ſich wegen des Stand⸗ punktes zu rechtfertigen, den er dermalen Mr. Jarndyce gegenüber eiunehme. Da das liebe alte Kind bald er⸗ ſcheinen würde, ſo bat er, daß ich ihm für den kommen⸗ den Morgen eine Zeit beſtimmen möchte, wo er ſich ver⸗ mittelſt einer rückhaltloſen Auseinanderſetzung des gan⸗ zen Verhältniſſes bei mir in das rechte Licht ſtellen würde. Ich machte ihm den Vorſchlag, daß ich um ſieben Uhr mit ihm im Park einen Spaziergang machen wollte, und bei dieſer Verabredung verblieb es denn auch. Mr. Skimpole erſchien bald darauf, und machte uns eine Stunde lang recht luſtig. Er beſtand ganz beſon⸗ ders darauf, die kleine Coavinſes zu ſehen(er meinte da⸗ mit Charley), und ſagte dann mit einer patriarchaliſchen Miene zu ihr, daß er ihren ſeligen Vater ſo viel wie 263 nur möglich in's Brod geſetzt, und daß, wenn einer ihrer kleinen Brüder ſich beeilen würde, denſelben Be⸗ ruf zu ergreifen, und darin thätig zu ſein, er hoffte, demſelben immer noch recht viel zu thun geben zu können. „Denn,“ ſprach Mr. Skimpole weiter, indem er uns bei einem Glas Wein— letzterer war mit Waſſer vermiſcht— freudeſtrahlend anſchaute,„ich muß mich eben immer noch in dieſen Netzen fangen und eben im⸗ mer noch losbürgen laſſen. Oder loskaufen laſſen— wie man Soldaten loskauft. Es thut dieß immer Jemand für mich. Ich kann es nicht thun, wie Sie wiſſen, denn ich habe aie Geld. Aber Jemand thut es. Ich werde frei durch Jemands Mittel; ich bin nicht wie der Staar; ich werde frei, komme los. Wollten Sie fragen, wer der Jemand iſt, ſo könnte ich es Ihnen auf Ehre nicht ſagen. Wir wollen ein Mal auf Jemands Wohl trinken. Gott vergelte es ihm!“ Richard ſtand an dem darauf folgenden Morgen etwas ſpät auf, indeſſen brauchte ich nicht lange auf ihn zu warten, und ſo gingen wir denn in den Park hinein. Die Luft war herrlich und thauig, und der Himmel ohne ein Wölkchen. Es ſangen die Vögel zum Entzücken ſchön; die funkelnden Thauperlen im Graſe, in dem Farn⸗ kraut, und auf den Bäumen boten dem Auge einen köſt⸗ lichen Anblick dar; die Pracht des Waldes ſchien ſich ſeit geſtern wohl um's Zwanzigfache vermehrt zu haben, wie wenn die Natur in der ſtillen Nacht, wo er ſo maſſen⸗ haft in Schlaf verſunken geſchienen, durch all' die kleinen Einzelheiten jedes wunderbaren Blattes hindurch außer⸗ gewöhnlich wachſam geweſen wäre, damit der Tag in ſeiner ganzen Glorie heraufkäme. „Es iſt dieß ein anmuthiger Ort,“ ſprach Richard umherſchauend.„Keiner von den Mißtönen, keine von den Mißhelligkeiten der Prozeſſe hier!“ Aber da war eine andere Noth. „Ich will Dir was ſagen, mein liebes Mädchen,“ 264 ſprach Richard,„wenn ich es ein Mal dahin bringe, daß die Sache im Allgemeinen in Ordnung iſt, ſo komme ich, glaube ich, hierher, und laſſe dann den Kram liegen.“ „Wäre es nicht beſſer, das ſchon jetzt zu thun?“ fragte ich. „Oh, davon kann keine Rede ſein; es iſt nicht ſo leicht, den Kram jetzt liegen zu laſſen, oder jetzt etwas recht Beſtimmtes anzufangen,“ ſprach Richard.„Kurz 55 gut, es kann nicht ſein; ich wenigſtens kann es nicht thun.“ „Warum denn nicht?“ ſagte ich. „Du weißt, warum es nicht ſein kann, Eſther. Müßteſt Du in einem unfertigen Hauſe wohnen, von dem man das Dach abzunehmen, oder das man erſt mit einem ſolchen zu verſehen hätte— das von oben bis unten niederzureißen oder von unten bis oben aufzubauen wäre— morgen, den nächſten Tag, die nächſte Woche, den nächſten Monat, das nächſte Jahr— ſo würdeſt Du es ſchwer finden, ruhig zu bleiben, oder Dich ein für alle Mal zu Etwas zu beſtimmen. So geht es mir. Jetzt? Für uns Rechtſuchende gibt es kein Jetzt.“ Faſt hätte ich an die Anziehungskraft glauben kön⸗ nen, worüber meine arme kleine verrückte Freundin ſich ver⸗ breitet hatte, als ich den finſtern Blick vom vergangenen Abend wieder gewahrte. Auch hatte derſelbe— ein furchtbarer Gedanke— Etwas von dem unglücklichen Mann an ſich, der geſtorben war. „Mein lieber Richard,“ ſprach ich,„es iſt dieß ein ſchlechter Anfang für unſere Unterhaltung.“ „Ah, ich wußte, daß Du das ſagen würdeſt, Dame Durden.“ „Und ich ſage das nicht allein, lieber Richard. Nicht ich war es, die Dich einſt warnte, daß Du doch nie eine Hoffnung oder eine Erwartung auf den Fami⸗ lienfluch gründen ſollteſt.“ „Ah, da kommt ſie ſchon wieder auf John Jarndyte 4 & ᷣ 265 zurück!“ ſprach Richard ungeduldig.„Nun gut! Wir müſſen doch ein Mal, früher oder ſpäter, an ihn kommen, denn er bildet den Mittelpunkt von All' dem, was ich zu ſagen habe; und es iſt ebenſo gut, daß wir alsbald damit anfangen. Meine liebe Eſther, wie magſt Du doch ſo blind ſein? Siehſt Du denn nicht, daß er bei der Sache intereſſirt, und daß es von ſeiner Seite ganz natürlich iſt, wenn er wünſcht, daß ich von dem Proceſſe Nichts wiſſen und mich nicht darum kümmern ſolle, daß bei mir die Sache ſich aber nicht ganz ſo verhält?“ „O, Richard,“ hielt ich entgegen,„kannſt Du ihn auch nur ein Mal geſehen und gehört, kannſt Du ſchon unter ſeinem Dache gelebt und ihn gekannt haben, und noch ſolch unwürdigem Argwohn Raum geben, wenn auch nur in meiner Gegenwart,— an dieſem einſamen Orte, wo uns Niemand hören kann?“ Er erröthete tief, wie wenn ſein natürlicher Edel⸗ muth ihm Vorwürfe machte. Er ſchwieg eine kleine Weile, ehe er mit gedämpfter Stimme antwortete: „Eſther, Du biſt, ich weiß es, überzeugt, daß ich kein gemeiner Menſch bin, und daß es mir wohl be⸗ wußt, wie Argwohn und Mißtrauen bei einem Menſchen von meinem Alter nur armſelige Eigenſchaften ſind.“ „Ich weiß es recht wohl,“ ſprach ich.„Nichts iſt für mich gewiſſer.“ „Du ſprichſt wie ein liebes Mädchen,“ verſetzte Richard,„und ſo ganz Deinem Charakter gemäß, weil es mir Troſt verleiht. Ich mußte aus dieſer ganzen Geſchichte ein Bischen Troſt herausbekommen, denn es iſt dieſelbe im günſtigſten Falle eine fatale, wie ich Dir wohl nicht erſt zu ſagen brauche.“ „Ich weiß wohl,“ ſprach ich,„ich weiß, Richard, ſo gut, was ſoll ich ſagen? ſo gut wie Du— daß ſolche Mißdeutungen Deiner Natur fremd ſind. Auch weiß ich ſo gut, wie Du, was dieſelbe ſo verändert.“ „Komm, Schweſter, komm“,“ ſprach Richard etwas 266 luſtiger,„Du wirſt auf jeden Fall billig gegen mich ſein. Habe ich das Unglück, unter jenem Einfluſſe zu ſtehen, ſo hat er es auch. Hat dieſer Einfluß meinen Charakter ein Bischen verſchroben, ſo kann er ja wohl auch den ſeinigen ein Bischen verſchroben haben. Es fällt mir nicht ein, zu ſagen, daß er kein ehrenwerther Mann ſei, wenn von all dieſer Verwickelung und Unge⸗ wißheit abgeſehen wird; ja, ich bin ſogar verſichert, daß er es iſt. Aber jener Einfluß ſteckt Jedermann an— erſtreckt ſich auf Jedermann. Du weißt, daß er Jeder⸗ mann anſteckt. Du haſt ihn das wohl fünfzig Mal ſagen hören. Warum ſollte alſo er allein dieſem Ein⸗ fluſſe entgehen?“ .„Weil,“ ſprach ich,„er ein ungewöhnlicher Charakter i*ſt und er ſich voller Entſchloſſenheit außerhalb des Krei⸗ ſes zu halten gewußt hat, Richard.“ Oh, weil und weil!“ antwortete Richard in ſeiner lebendigen Weiſe.„Ich weiß nicht ſo recht, mein liebes Mädchen, ob es klug iſt und ein gutes Anſehen hat, wenn man eine ſolche äußerliche Gleichgiltigkeit beibehält. Es kann dieß zur Folge haben, daß andere betheiligte Per⸗ ſonen ihre Intereſſen vernachläſſigen und nicht gehörig überwachen; und es können Leute darüber ſterben, und es können gewiſſe Punkte dem Gedächtniſſe entſchwinden, und es kann in der Stille Vieles geſchehen, was recht geſchickt kommt.“ Ich war von ſolchem Mitleid gegen Richard er⸗ füllt, daß ich ihm keine Vorwürfe mehr machen konnte, nicht einmal durch meinen Blick. Ich erinnerte mich, mit welcher Sanftmuth mein Vormund von ſeinem Irr⸗ thum geſprochen, und wie derſelbe ſo ganz frei von allem Groll geblieben. „Eſther,“ hob Richard wieder an,„Du darfſt nicht glauben, ich ſei hierher gekommen, um gegen John Jarn⸗ dyce verſteckte Anklagen zu ſchleudern. Nein! Ich bin bloß hierher gekommen, um mich zu rechtfertigen. Ich —,———— d—O,5U 2 „22 267 ſage bloß ſo viel, Alles war recht gut, und wir kamen recht gut mit einander aus, ſo lange ich mich um dieſen Prozeß gar nicht kümmerte; ſobald ich aber anfing, mich dafür zu intereſſiren und einen Einblick in denſelben zu bekommen,— da war es etwas ganz Anderes. Da entdeckte dann John Jarndyce, daß Ada und ich miteinan⸗ der brechen müſſen, und daß ich ſchlechterdings nicht für ſie paſſe, wenn ich dieſer höchſt anſtößigen Handlungsweiſe nicht entſage. Nun aber, Eſther, habe ich keineswegs im Sinn, dieſer ſo anſtößigen Handlungsweiſe zu entſagen; ich mag John Jarndyce's Gunſt nicht unter ſo unbilli⸗ gen Compromiß⸗Bedingungen mir erwerben,— Bedin⸗ gungen, die zu diktiren er gar kein Recht hat. Ich muß nun ein Mal mein und Ada's Recht behaupten, mag es ihm dann gefallen oder nicht. Ich habe viel und lange hierüber nachgedacht, und es iſt dieß der Schluß, zu dem ich gekommen bin.“ Der arme liebe Richard! Er hatte in der That lange und viel darüber nachgedacht. Sein Geſicht, ſeine Stimme, ſein Benehmen,— Alles zeigte dieß nur zu deutlich. „Ich ſage ihm alſo in ganz ehrenhafter Weiſe(Du mußt wiſſen, daß ich ihm über All' dieſes geſchrieben), wir liegen mit einander im Streit, und es iſt beſſer, daß dieß offen, als daß es unter der Decke geſchieht. Ich danke ihm für ſeine Freundſchaft und ſeine Protec⸗ tion, und er geht ſeinen Weg und ich den meinigen. Auch ſind unſere Wege wirklich nicht dieſelben. Nach ei⸗ nem Teſtamente, worüber noch geſtritten wird, würde ich weit mehr bekommen, als er. Ich will damit nicht ſagen, es ſei dasjenige, das allein auf Giltigkeit Anſpruch machen könne; aber es iſt uun einmal da, und hat gleich⸗ falls eine Chance.“ „Du brauchſt mir, mein lieber Richard,“ ſprach ich, „nicht erſt zu ſagen, daß Du ihm einen Brief geſchrieben. Ich habe bereits davon gehört, ohne daß derſelbe auch 268 nur ein Wort des Zorns oder der Empfindlichkeit hervor⸗ gerufen hätte.“ „Wirklich?“ antwortete Richard ſanfter werdend. „Es freut mich, daß ich geſagt, er ſei ein ehrenwerther Mann, wenn man von dieſer ganzen armſeligen Ge⸗ ſchichte abſehe. Aber ich ſage das immer und habe nie daran gezweifelt. Nun weiß ich, meine liebe Eſther, daß dieſe meine Anſichten Dir als äußerſt unfreundlich er⸗ ſcheinen, und daß ſie Ada in gleichem Lichte erſcheinen werden, wenn Du ihr ſagſt, was zwiſchen uns vorgefallen iſt. Wenn Du aber, ſo wie ich in die Sache eingedrun⸗ gen wäreſt, wenn Du Dich nur ſo mit den Papieren vertraut gemacht hätteſt, wie ich gethan, als ich bei Kenge war, wenn Du nur wüßteſt, welche Maſſe von Anklagen und Gegenanklagen, und von Verdachtsgründen und Gegenverdachtsgründen ſie in ſich ſchließen, ſo wür⸗ deſt Du mich vergleichungsweiſe für gemäßigt halten.“ „Vielleicht,“ ſprach ich.„Glaubſt Du denn aber, Richard, es ſei unter dieſen vielen Papieren viel Wahr⸗ heit und Gerechtigkeit?“ „Es iſt in der Sache doch irgendwo Wahrheit und Gerechtigkeit, Eſther—“ „Oder es war doch ein Mal, ſchon lange, lange, ſolche irgendwo,“ ſprach ich. „Nein, nein, ich ſage, ſie iſt— iſt irgendwo— muß irgendwo ſein,“ fuhr Richard ungeſtüm fort,„und es muß dieſelbe zu Tage kommen. Zugegeben, daß man aus Ada ein Schweigegeld und einen Beſtechungsgegen⸗ ſtand macht, das iſt nicht der Weg, dieſe Wahrheit und Gerechtigkeit an den Tag zu bringen. Du ſagſt, es mache der Prozeß einen andern Menſchen aus mir, und John Jarndyce ſagt, es mache derſelbe Jedermann, der dabei betheiligt ſei, zu einem andern Menſchen,— es habe derſelbe dieß ſtets gethan und werde es ferner auch thun. Dann habe ich nur um ſo mehr recht, wenn ich den Ent⸗ 269 ſchluß faſſe, Alles, was in meiner Macht ſteht, zu thun, um den Prozeß zu Ende zu führen.“ „Alles, was in Deiner Macht ſteht, Richard. Glaudſt Du denn, es haben während dieſer vielen, vielen Jahre Andere nicht auch gethan, was in ihrer Macht geſtanden? Iſt die Schwierigkeit aber dadurch kleiner geworden, daß ſo viele Verſuche mißlungen und daß ſo Viele darüber zu Grunde gegangen?“ „Es kann aber nicht ewig dauern,“ erwiderte Ri⸗ chard, und es loderten hier bei ihm eine Wuth und eine Heftigkeit auf, die für mich abermals eine traurige Er⸗ innerung waren.„Ich bin jung und voller Eifer, und Energie und Entſchloſſenheit haben gar oft ſchon Wunder gethan. Andere haben ſich nur ſo halb und halb mit der Sache befaßt. Ich dagegen widme mich derſelben mit Leib und Seele. Ich mache daraus meinen Lebenszweck.“ „O Richard, lieber Richard, um ſo ſchlimmer, um ſo ſchlimmer!“ „Nein, nein, nein, ſei unbeſorgt wegen meiner!“ verſetzte er liebevoll.„Du biſt ein liebes, gutes, kluges, ruhiges, göttliches Mädchen, aber Du haſt Deine Vor⸗ urtheile. Und ſo komme ich wieder zu John Jarndyce. Ich ſage Dir, meine gute Eſther, unſere gegenſeitige Stellung war keine natürliche, als er und ich ſo zu ein⸗ ander ſtanden, wie er es bequem und gut fand.“ „Sind alſo Zwietracht und Groll Deine— Eure natürliche Stellung, Richard?“ „Nein, ich ſage das nicht. Ich meine bloß, dieſe ganze Geſchichte verſetzt uns geßenſeitig in eine unnatür⸗ liche Stellung, womit die natürlichen Beziehungen un⸗ vereinbar ſind. Und nun der weitere Grund, die Sache ernſtlich zu betreiben: ich kann, wenn der Prozeß zu Ende iſt, entdecken, daß ich mich in John Jarndyce ge⸗ täuſcht. Es kann, wenn ich ein Mal den Prozeß vom Halſe habe, mein Kopf klarer ſein, und dann kann ich möglicher Weiſe ganz dem beiſtimmen, was Du heute 270 ſagſt. Ganz gut. Dann werde ich dieſes laut ausſprechen, und ihm Genugthuung geben.“ Alles auf dieſe imaginäre Zeit verſchoben! Bis da⸗ hin Alles in Unordnung und unentſchieden gelaſſen! „Und nun, beſte aller Vertrauten,“ ſprach Richard weiter, ⸗möchte ich meine Couſine Ada wiſſen laſſen, daß ich in Betreff John Jarndyce’s nicht zankſüchtig, veränder⸗ lich und eigenſinnig bin, ſondern daß meinem Thun und Laſſen dieſer Endzweck zu Grunde liegt. Ich möchte mich bei ihr durch Dich vertreten laſſen, weil ſie ihren Couſin John ganz beſonders hoch ſchätzt und achtet; und ich weiß, Du wirſt meine Handlungsweiſe in milderem Licht erſcheinen laſſen, obgleich Du ſie mißbilligſt; und— und, damit ich mich kurz faſſe,“ ſprach Richard, der bei dieſen Worten gezögert hatte,„ich— ich mag einem ſo ver⸗ trauensvollen Mädchen, wie Ada, nicht in der Rolle ei⸗ nes prozeßſüchtigen, ſtreitſuchenden, zweifelnden Menſchen erſcheinen.“ Ich ſagte ihm, er zeige durch dieſe letzteren Worte ſein wahres Weſen mehr, als durch irgend Etwas, was er bis daher geſagt. „Je nun,“ gab Richard zu,„es mag dieß recht wahr ſein, meine Liebe. Es iſt mir, als ob dem ſo ſei. Aber es wird ſchon die Zeit kommen, wo ich ſein kann, was ich wirklich bin. Ich werde ſchon wieder in's richtige Ge⸗ leiſe kommen,— ſei Du ohne Sorge!“ Ich fragte ihn, ob dieß Alles wäre, was er Ada durch mich ſagen laſſen wollte. „Nicht ganz,“ ſprach Richard.„Ich darf ihr nicht vorenthalten, daß John Jarndyce meinen Brief in ſeiner gewohnten Weiſe beantwortet, daß er mich mit ‚mein lie⸗ ber Rick angeſprochen, daß er es verſucht hat, mich durch allerlei Gründe von meinen Anſichten und Meinungen abzubringen, und daß er geſagt, es würden dieſelben in ſeiner Handlungsweiſe keine Aenderung hervorbringen. (Es iſt dieß Alles natürlich ſchön und gut, ändert aber 271 die Sache nicht.) Auch möchte ich Ada wiſſen laſſen, daß, wenn ich ſie jetzt nur ſelten ſehe, ich auf ihr Intereſſe darum nicht minder, als auf das meinige ſehe, indem wir Beide uns ganz in demſelben Boote befinden— und daß ich hoffe, ſie werde, wenn ſie zufällig dieſe oder jene Gerüchte höre, nicht der Vermuthung Raum geben, daß ich leichtſinnig oder unklug ſei; im Gegentheil, ich denke immer nur auf die Beendigung des Prozeſſes und arbeite ſtets in dieſer Richtung. „Da ich jetzt volljährig bin, und den Schritt gethan habe, der nun ein Mal von mir gethan worden, ſo glaube ich, aller Verantwortlichkeit gegenüber von John Jarn⸗ dyce überhoben zu ſein; da aber Ada immer noch eine Mündel des Gerichtshofs iſt, ſo verlange ich noch nicht von ihr, daß ſie unſer altes Verhältniß erneuere. Wenn ſie ein Mal ſelbſt handelnd auftreten kann, ſo werde ich wieder der alte ſein, und dann, glaube ich, werden wir Beide auch uns in ganz anderen Glücksumſtänden befinden. „Willſt Du ihr Alles dieß in Deiner bedächtigen Weiſe ſagen, ſo erweiſeſt Du mir einen recht großen, einen rechten Freundſchafts⸗Dienſt, meine liebe Eſther; und dann werde ich dem Monſtrum Jarndyce und Jarn⸗ dyce mit um ſo größerer Energie zu Leibe gehen, und daſſelbe zu Boden ſchlagen. Ich verlange natürlich nicht von Dir, daß Du zu Bleak Houſe aus Allem dieſem ein Geheimniß macheſt.“ „Richard,“ ſprach ich,„Du ſetzeſt viel Vertrauen auf mich, aber ich fürchte, du nimmſt von mir keinen guten Rath an.“ „In dieſem Stücke kann ich es unmöglich, mein liebes Mädchen. In jedem andern mit Vergnügen.“ Als wenn es ſich in ſeinem Leben um etwas An⸗ deres handeln könnte! Als ob nicht ſeine ganze Laufbahn und ſein ganzer Charakter in ihrer Richtung davon be⸗ ſtimmt werden müßten! „Aber ich darf Dich doch Etwas fragen, Richard?“ 272 „Ich glaube es,“ ſprach er lachend.„Ich wüßte bh wer mich Etwas fragen dürfte, wenn Du es nicht arfſt.“ „Du ſagſt ſelbſt, Du führeſt kein ſehr geregeltes Leben?“ „Wie kann ich denn anders, meine liebe Eſther, ſo lange Alles noch ſo unbeſtimmt und ungeregelt iſt?“ 3„Steckſt Du wieder in Schulden 24 „Ei natürlich,“ ſprach Richard, über meine Einfalt erſtaunt. „Du ſagſt, natürlich?“ „Gewiß, mein liebes Kind. Ich kann mich nicht ſo ganz einer Sache widmen, ohne daß es Koſten verur⸗ ſacht. Du vergiſſeſt, oder vielleicht vergiſſeſt Du nicht, daß nach jedem der Teſtamente Ada und ich Etwas be⸗ komme. Es handelt ſich alſo bloß um eine größere oder kleinere Summe, leer kann ich alſo nie ausgehen, es mag ehen, wie es will. Sei Du nur ruhig, mein herzaller⸗ liebſtes Mädchen,“ endigte Richard, der ſich über meine Einfalt erluſtigte,„es wird ſchon Alles noch recht wer⸗ den! Ich haue durch, meine Liebe!“ Ich war von der Gefahr, worin er ſich befand, ſo lebhaft überzeugt, daß ich in Ada's, in meines Vormunds, ſowie in meinem eigenen Namen jedes Mittel, das mir einfiel, verſuchte, ihn auf's Ernſtlichſte davor zu warnen, und ihn auf einige ſeiner Irrthümer hinzuweiſen. Er nahm Alles, was ich ſagte, mit Geduld und Sanftmuth an; aber es prallte Alles von ihm ab, ohne die geringſte Wirkung zu haben. Ich konnte mich hier⸗ über nicht wundern nach der Aufnahme, die der Brief meines Vormunds in ſeinem befangenen Geiſte gefunden; indeſſen beſchloß ich, auch Ada's Einfluß noch zu probiren. Als uns daher unſer Spaziergang wieder nach dem Dorfe führte, und ich zum Frühſtücke heimging, bereitete ich Ada auf den Bericht vor, den ich ihr zu erſtatten hatte, und ſagte ihr genau und unverholen, welchen 278 Grund wir zu der Befürchtung hätten, daß Richard ſich zu Grunde richtete und ſein ganzes Leben elendiglich vergeudete. Dieſe Mittheilung machte ſie natürlich recht unglück⸗ lich, obgleich ſie weit mehr Hoffnung, als ich hatte— es war dieß ſo natürlich und liebevoll von meinem Liebling! — daß er von ſeinen Irrthümern zurückkommen würde. Sie ſchrieb auf der Stelle nachſtehendes Billet an ihn: „Mein liebſter Vetter! „Eſther hat mir Alles berichtet, was Du heute Morgen zu ihr geſagt. Ich ſchreibe dieß, um meiner⸗ ſeits auf's Angelegentlichſte Alles das zu wiederholen, was ſie Dir geſagt, und Dich zugleich wiſſen zu laſſen, wie ſehr ich überzengt bin, daß Du früher oder ſpäter unſern Vetter John als ein Muſter von Wahrheits⸗ liebe, Aufrichtigkeit und Güte erfinden wirſt. Es wird Dir dann unendlich, unendlich leid thun, daß Du ihm (ohne es zu wollen) ſo ſehr Unrecht gethan. „Ich weiß nicht recht, wie ich niederſchreiben ſoll, was ich nun ſagen möchte, aber ich gebe der Hoff⸗ nung Raum, daß Du es ſo auffaſſen werdeſt, wie ich es meine. Ich fürchte, mein liebſter Vetter, einiger⸗ maßen, Du bereiteſt Dir— und, wenn Dir, auch mir— jetzt theilweiſe um meinetwillen ſo viel Unglück. Sollte dieß der Fall ſein, oder ſollteſt Du bei dem, was Du thuſt, mich vorzugsweiſe im Auge haben, ſo bitte und erſuche ich Dich auf's Dringendſte, davon abzulaſſen. Du kannſt für mich Nichts thun, das mich auch nur halb ſo glücklich macht, als wenn Du für immer dem Schatten den Rücken kehrſt, worin wir Beide geboren worden. Zürne mir nicht, daß ich ſo ſpreche. Bitte, bitte, lieber Richard, laß es gehen, laß es gehen für immer um meinetwillen und um Deiner ſelbſt willen, und aus natürlichem Widerwillen Bleak Houſe. III. 18 gegen jene Quelle des Unglücks und der Noth, die dazu beigetragen, daß wir Beide ſchon Waiſen wurden, als wir noch ſehr jung waren. Jetzt haben wir allen Grund, zu wiſſen, daß nichts Gutes daraus entſprin⸗ gen kann, und daß wir ſchlechterdings unſere Hoff⸗ nungen nicht darauf bauen dürfen; daß Nichts, als Kummer und Jammer von dort kommen kann. „Mein liebſter Vetter, ich brauche Dir nicht zu ſagen, daß Du vollkommen frei biſt, und daß Du höchſt wahrſcheinlich eine Perſon finden wirſt, welche Du weit mehr lieben kannſt, als mich, Deine erſte Liebe. Ich bin, wenn ich ſo ſprechen darf, feſt über⸗ zeugt, daß es dem Gegenſtande Deiner Wahl weit lieber ſein würde, Deinem Glücke, wie beſcheiden das⸗ ſelbe immer ſein möchte, in die weite Welt zu folgen, und Dich dabei glücklich, Deine Pflicht erfüllen und dem von Dir ein Mal gewählten Berufe treu bleiben zu ſehen, als die Hoffnung zu haben, unendlich reich (wenn ſolches möglich wäre) mit Dir zu werden, oder ſogar daſſelbe alsbald zu ſein, wenn dieſer Reichthum durch lange, traurige Jahre der Bangigkeit und der Erwartung, ſowie durch Deine Gleichgiltigkeit gegen andere Zwecke erkauft werden müßte. Du biſt vielleicht erſtaunt darüber, daß ich bei ſo wenigem Wiſſen oder bei ſo weniger Erfahrung dieß ſo vertrauensvoll ſagez aber ich täuſche mich nicht, denn mein Herz ſagt es mir. „Ewig, mein liebſter Vetter, „Deine Dich liebende Ad a.“ Dieſes Billet führte Richard ſehr bald zu uns; in⸗ deſſen änderte es bei ihm Wenig oder Nichts. Wir ſollten nur es auf eine ehrliche Probe ankommen laſſen, ſagte er, wer Recht und wer Unrecht hätte— er wollte es uns ſchon zeigen— wir ſollten es ſehen! Er war ganz 275 lebendig und glühend, wie wenn Ada's Zärtlichkeit ihm Freude gemacht hätte; allein ich konnte nur mit einem Seufzer hoffen, daß der Brief bei wiederholtem Leſen auf ſeinen Geiſt eine ſtärkere Wirkung hervorbringen möchte, als er zuverläſſig bis jetzt hervorgebracht. Da ſie dieſen Tag bei uns bleiben und mit der an dem kommenden Morgen abgehenden Poſtkutſche wieder ſo ſuchte ich eine Gelegenheit, mit Mr. Skimpole zu ſprechen. Dieſe bot ſich denn auch, da wir faſt immer draußen waren, mir ohne Schwierigkeit dar; und da bei dem am Wenigſten von Verantwortlichkeit die Rede ſein kann. Noch nie in meinem Leben war ich verant⸗ wortlich— ich kann es nicht ſein.“ „Ich fürchte aber, es muß Jedermann es ſein,“ da er ſo unendlich geiſt⸗ „Nein, in der That,“ ſprach Mr. Skimpole, der dieſes neue Licht mit einer Ueberraſchung aufnahm, deren Luſtigkeit etwas überaus Angenehmes hatte.„Aber es wird doch nicht Jedermann ſolvent ſein müſſen? Ich wenigſteus bin es nicht. Ich war es nie. Sehen Sie, meine liebe Miß Summerſon,“ hier zog er eine Hand voll Silber⸗ und Kupfermünzen aus ſeiner Taſche heraus, „hier iſt ſo viel Geld. Ich habe keinen Begriff, wie viel es ſein mag. Ich bin im Zählen nicht geſchickt. Sagen Sie vier und neun Pence— ſagen Sie vier Pfund neun. Die Leute ſagen mir, ich ſei mehr als ſo viel ſchuldig. Es iſt das gar leicht möglich. Ich kann wohl ſagen, ich ſchulde ſo viel, als gutmüthige Leute mich ſchulden laſſen wollen. Wenn dieſe nicht einhalten, 276 warum ſollte dann ich es thun? Da haben Sie Harold Skimpole mit wenigen Worten. Wenn das Verantwort⸗ lichkeit iſt, ſo bin ich verantwortlich.“ Die vollkommene Ruhe, womit er das Geld wieder einſteckte und mich anſchaute,— ſein feines Geſicht zeigte dabei ein Lächeln, wie wenn er eines intereſſanten kleinen Factums Erwähnung gethan hätte, das Jemand anders anginge,— erweckte in mir faſt ein Gefühl, wie wenn er wirklich Nichts damit zu ſchaffen hätte. „Wenn Sie nun ſo von Verantwortlichkeit ſprechen,“ hob er wieder an,„ſo habe ich große Luſt, zu ſagen, daß ich nie das Glück gehabt, eine Perſon zu kennen, die ich für ſo erquickend verantwortlich halten möchte, wie Sie ſelbſt ſind. Sie ſcheinen mir der wahre Probir⸗ ſtein der Verantwortlichkeit zu ſein. Wenn ich ſo ſehe, meine liebe Miß Summerſon, wie eifrig Sie darüber wachen, daß das ganze kleine Ordnungsſyſtem, deſſen Mittelpunkt Sie ſind, gehörig functionirt, ſo kommt mich die Luſt an, zu mir ſelbſt zu ſagen— und wirklich ſage ich es auch oft bei mir ſelbſt— das iſt Verantwort⸗ lichkeit!“⸗ Nach dieſem war es ſchwer, zu erklären, was ich damit meinte; jedoch beharrte ich ſo weit, daß ich ſagte, wir Alle hofften, er würde Richard in den ſanguiniſchen Erwartungen, die er eben jetzt hegte, nicht bekräftigen, ſondern demſelben eher Einhalt thun. „Recht gern,“ verſetzte er,„wenn ich das könnte. Aber, meine liebe Miß Summerſon, jede Schlauheit, jede Verſtellung geht mir ab. Nimmt er mich an der Hand, und führt er mich in einem luſtigen Zuge hinter der Fortuna her durch Weſtminſter Hall, ſo muß ich eben mitgehen. Sagt er:„Skimpole, Sie müſſen mittanzen! ſo muß ich eben auch mittanzen. Geſunder Menſchen⸗ verſtand würde das nicht thun, ich weiß es; aber ich habe nun ein Mal keinen geſunden Menſchenverſtand.“ „Es ſei dieß für Richard recht unglücklich,“ ſprach ich⸗ 277 „Glauben Sie das?“ entgegnete Mr. Skimpole. „Sagen Sie das ja nicht, ſagen Sie das ja nicht! Nehmen wir ein Mal an, er gehe mit dem geſunden Menſchenverſtande um— einem vortrefflichen Manne— ziemlich runzelig— entſetzlich praktiſch— kleines Geld für eine Zehnpfundnote in jeder Taſche— ein linirtes Rechnungsbuch in der Hand— ſagen wir, im Ganzen genommen ausſehend wie ein Steuereinnehmer. Unſer lieber, ſanguiniſcher, feuriger, über Hinderniſſe hinweg⸗ ſetzender, gleich einer jungen Knoſpe von Poeſie ſtrotzen⸗ der Richard ſpricht zu dieſem hochachtbaren Begleiter: „Ich ſehe eine goldene Landſchaft vor mir; es iſt dieſelbe prachtvoll, wunderſchön, herrlich; da hüpfe ich nun über die dazwiſchen liegende Gegend weg, um jene zu er⸗ reichen! Der achtbare Begleiter ſchlägt ihn alsbad mit dem linirten Rechnungsbuch darnieder; ſagt ihm in recht proſaiſcher Weiſe, daß er nicht ſolches ſehe; zeigt ihm, daß es Nichts, als Kaſten, Trug, Roßhaarperücken, und ſchwarze Gewänder ſeien. Nun aber iſt dieß, wie Sie wiſſen, ein peinlicher Wechſel;— ohne Zweifel im höchſten Grade verſtändig, aber unangenehm. Ich kann das nicht thun. Ich habe das liuirte Rechnungsbuch nicht; bei mir kann von ſolchen ſteuereinnehmerlichen Elementen nicht die Rede ſein; ich bin gar nicht achtbar, und will es auch nicht ſein. Sonderbar vielleicht, aber es iſt nun ein Mal ſo!“ Es war unnütz, etwas Weiteres zu ſagen. Ich machte daher den Vorſchlag, daß wir uns mit Ada und Richard wieder vereinigen ſollten, die ein Bischen voraus waren, und gab Mr. Skimpole in der Verzweiflung auf. Er war im Laufe des Morgens im Schloſſe geweſen, und beſchrieb in recht wunderlicher Weiſe die Familien⸗ gemälde, während wir weiter ſpazierten. Es ſeien, ſagte er uns, unter den nicht mehr lebenden und dahingeſchie⸗ denen Ladies Dedlock ſo ungeheure Schäferinnen, daß friedliche Schäferſtäbe in ihren Händen Angriffswaffen würden. Es weideten dieſelben ihre Herden ſtreng und ernſt in Steifleinwand und Puder, und es ſchmückten ſich die⸗ ſelben mit ihren Schönpfläſterchen von ſchwarzem, eng⸗ liſchem Pflaſter, um gemeine bürgerliche Leute zu er⸗ ſchrecken, gleichwie die Häupter gewiſſer anderer Stämme ſich ihrer Kriegsſchminke bedienten. Da ſei ein Sir Somebody Dedlock mit einer Schlacht, einer geſprengten Mine, Rauchmaſſen, Blitzen, einer brennenden Stadt, und einem erſtürmten Fort, Alles das zuſammengedrängt zwiſchen den beiden Hinterfüßen ſeines Pferdes; ver⸗ muthlich wolle er damit zeigen, wie wenig ein Dedlock ſich um ſolche Kleinigkeiten kümmere. Das ganze Ge⸗ ſchlecht ſtellte er ſo dar, als ſei es offenbar im Leben das geweſen, was er„ausgeſtopfte Leute“ nennen müſſe; — eine große Sammlung, glasäugig, recht flott auf Zweigen und Stangen aufgeſtellt, recht anſtändig, durch⸗ aus frei von allem Leben, und immer in Glaskäſten. Ich war, ſo oft der Name genannt wurde, jetzt nicht ſo ruhig, daß ich mich nicht erleichtert gefühlt hätte, als Richard mit einem Ausrufe des Erſtaunens hinweg⸗ eilte, um einem Fremden entgegen zu gehen, den er zuerſt hatte langſam auf uns zukommen ſehen. „Ach, du lieber Himmel!“ ſprach Mr. Skimpole. „Da kommt ja Vholes!“ „Wir fragten, ob derſelbe ein Freund von Richard wäre. „Freund und Rechtsfreund,“ ſprach Mr. Skimpole. „Und nun, meine liebe Miß Summerſon, wollen Sie geſunden Menſchenverſtand, Verantwortlichkeit, und Acht⸗ barkeit vereinigt finden— wollen Sie einen exemplari⸗ ſchen Mann ſehen— ſo iſt Vholes der Mann.“ Wir ſagten, wir hätten nicht gewußt, daß Richard ein Mann dieſes Namens als Rechtsfreund zur Seite ſtünde. „Als er ſeiner legalen Kindheit entwachſen war,“ entgegnete Mr. Skimpole,„machte er ſich von unſerem 279 Freunde, dem Converſationsfreunde, los, und wandte ſich, wie ich glaube, an Vholes. Auch weiß ich, daß er das wirklich gethan hat, da ich ihn mit Vholes bekannt ge⸗ macht habe.“ „Hatten Sie ihn da ſchon ſeit lauger Zeit gekannt?“ fragte Ada. „Vholes, meinen Sie? Meine liebe Miß Clare, ich kannte ihn ſo, wie ich noch verſchiedene Herren ſeines Standes kennen gelernt habe. Er hatte dieß oder jenes in recht angenehmer, höflicher Weiſe gethan,— hatte einen Prozeß eingeleitet, wie man es, glaube ich, nennt — der damit endigte, daß er, Vholes, mich faßte. Es war Jemand ſo gut, in's Mittel zu treten und das Geld zu zahlen,— ſo Etwas und vier Pence war die Summe; ich vergeſſe die Pfunde und Shillinge, weiß aber noch, daß es mit vier Pence ausging, weil es mir damals als ſo komiſch auffiel, daß ich Jemand vier Pence ſchulden könnte;— und nachher machte ich die Beiden mit ein⸗ ander bekannt. Vholes bat mich, daß ich ihn empfehlen möchte, und ich that es. Jetzt fällt mir eben noch ein,“ — er ſchaute uns mit ſeinem offenherzigſten Lächeln an, als er dieſe Entdeckung machte,„daß Vholes mich viel⸗ leicht beſtochen. Er gab mir Etwas und nannte es Commiſſion. War es eine Fünfpfundnote? Wiſſen Sie auch, ich glaube, es muß eine Fünfpfundnote geweſen ſein n⸗ Er konnte den Gegenſtand nicht weiter ausſpinnen, indem Richard ganz aufgeregt zu uns zurückkam, und eilfertig Mr. Vholes vorſtellte. Es war Letzterer ein fahl ausſehender Mann mit zuſammengekniffenen Lippen, die wie erfroren ausſahen; da und dort zeigte ſich auf ſeinem Geſichte ein rothes Exanthem; er war groß und dürr, etwa fünfzig Jabre alt, hochſchulterig, und ſeine Haltung gebückt. In Schwarz gekleidet, ſchwarz behand⸗ ſchuht, und bis zum Kinn hinauf zugeknöpft, war an 280 ihm Nichts ſo bemerkenswerth, als ein lebloſes Weſen, und eine langſame, fixe Art, Richard anzuſchauen. „Hoffentlich ſtöre ich Sie nicht, meine Damen,“ hob Mr. Vholes an; und nun bemerkte ich, daß er auch dadurch bemerklich war, daß er in ſich hinein ſprach. „Ich habe mit Mr. Carſtone ausgemacht, daß er ſtets erfahren ſolle, wann ſeine Sache auf der Liſte des Kanzlers ſtehe, und da mir einer meiner Gehilfen ver⸗ gangenen Abend nach der Poſtzeit ſagte, daß dieſelbe, etwas unerwartet, morgen vorkommen werde, wie auf der Liſte ſtehe, ſo habe ich heute Morgen in aller Frühe mich aufgemacht, und bin hierher gefahren, um mit ihm zu conferiren.“ „Ja!“ ſprach Richard freudeglühend, und Ada und mich anſchauend.„Wir beſorgen jetzt die Dinge nicht mehr in der alten, langſamen Weiſe. Jetzt geht es vor⸗ wärts! Mr. Vholes, wir müſſen alsbald ein Gefährt nehmen, um nach der Poſtſtation zu kommen, und mit dem Poſtwagen noch heute Nacht nach der Stadt zurück⸗ zukehren!“ „Alles, was Sie wollen, iſt mir genehm, Sir,“ entgegnete Mr. Vholes.„Ich ſtehe Ihnen ganz zu Dienſten.“ „Laſſen Sie mich ein Mal ſehen!“ ſprach Richard, ſeine Uhr befragend.„Eile ich in das Gaſthaus zum Dedlock'ſchen Wappen hinunter, und laſſe ich meinen Koffer ſchnallen, und beſtelle ich einen Gig, oder eine Kutſche, oder was eben zu bekommen iſt, ſo haben wir dann noch eine Stunde, bevor wir von hier weggehen. Ich werde zum Thee zurückkommen. Couſine Ada, willſt Du mit Eſther ſo gut ſein, und Mr. Vholes unterhalten, ſo lange ich fort bin?“ In einem Nu war er weg, und in dem abendlichen Dunkel verſchwunden. Wir, die wir zurückblieben, gin⸗ gen nach dem Hauſe hin. „Iſt Mr. Carſtone's Anweſenheit morgen nothwen⸗ 281 dig, Sir?“ ſprach ich.„Kann dadurch etwas Gutes bewirkt werden?“ „Rein, Miß,“ erwiederte Mr. Vholes.„Ich wüßte nicht, daß ſeine Anweſenheit von einigem Nutzen wäre.“ Sowohl Ada, als ich drückten hier unſer Bedauern aus, daß er unter ſo bewandten Umſtänden weggehe, um ſich am Ende nur in ſeinen Erwartungen abermals getäuſcht zu ſehen. „Mr. Carſtone will nun ein Mal den Grundſatz befolgen, ſeine Intereſſen ſelbſt zu überwachen,“ ſprach Mr. Vholes,„und ſobald ein Client ſagt, nach dieſem oder jenem Grundſatze wolle er handeln, ſo iſt es, vor⸗ ausgeſetzt daß dieſer Grundſatz kein unmoraliſcher iſt, meine Pflicht, mich darnach zu achten. In Geſchäftsſa⸗ chen bin ich gern pünktlich und offen. Ich bin Wittwer und habe drei Töchter— Emma, Jane, und Caroline — und ich ſtrebe, meinen Lebeuspflichten ſo nachzukom⸗ men, daß ich ihnen einen guten Namen hinterlaſſe. Wie es ſcheint, ſo iſt dieß ein recht angenehmer Ort, Miß.“ Da dieſe Bemerkung mir galt, indem ich zunächſt bei ihm war, während wir ſo fortgingen, ſo ſtimmte ich bei, und zählte die Hauptvorzüge der Gegend auf. „So!“ ſprach Mr. Vholes. Es iſt mir vergönnt, einen betagten Vater in dem Thale von Taunton, ſei⸗ nem Geburtsorte, zu unterſtützen,— und es gefällt mir jene Gegend ungemein. Ich hatte nie gedacht, daß es hier ſo ſchön ſein könnte.“ Um die Unterhaltung nicht erſterben zu laſſen, fragte ich Mr. Vholes, ob er wohl ganz auf dem Lande leben möchte. „Sie berühren da, Miß,“ ſprach er,„eine zarte Saite. Meine Geſundheit iſt nicht die beſte, indem die Verdauung bei mir gar ſchlecht iſt, und hätte ich nur auf mich allein Rückſicht zu nehmen, ſo würde ich zu ländlichen Gewohnheiten meine Zuflucht nehmen, und dieß um ſo mehr, als die vielen Geſchäftsſorgen mich verhindert haben, mit der Geſellſchaft im Allgemeinen und insbeſondere mit der Geſellſchaft von Damen, die mir am Erwünſchteſten geweſen wäre, viel in Berührung zu kommen. Da ich aber, wie bereits geſagt, drei Töch⸗ ter, Emma, Jane und Caroline, und daneben noch ei⸗ nen betagten Vater auf dem Halſe habe, ſo kann und darf ich nicht ſo ſelbſtſüchtig ſein. Zwar brauche ich nun nicht mehr eine liebe Großmutter zu erhalten, die in ihrem hundert und zweiten Lebensjahre ſtarb; indeſſen ſind noch Perſonen genug da, um es unumgänglich nothwendig zu machen, daß die Mühle nie ſtille ſteht.“ Es war einige Aufmerkſamkeit erforderlich, um ihn zu hören, da er ſo in ſich hinein ſprach, und ſein ganzes Weſen ſo durchaus leblos war. „Sie werden entſchuldigen, daß ich meiner Töchter Erwähnung gethan,“ ſprach er.„Es ſind dieſelben meine ſchwache Seite. Ich möchte aber den armen Mädchen ein kleines Vermögen, ſowie einen guten Namen hinter⸗ laſſen.“ Wir kamen jetzt bei Mr. Boythorn's Hauſe an, wo der Thee parat ſtand und auf uns wartete. Bald darauf trat Richard unruhig und haſtig ein, und flü⸗ ſterte, über Mr. Vholes Stuhl hingelehnt, dem Rechts⸗ freunde Etwas in's Ohr. Mr. Vholes antwortete laut— oder wenigſtens ſo laut, glaube ich, als er überhaupt auf Etwas ant⸗ wortete: „Sie wollen mich alſo fahren, Sir? Es gilt mir das gleich, Sir. Es iſt mir Alles recht. Ich ſtehe Ihnen ganz zu Dienſten.“ Aus dem, was nun folgte, erſahen wir, daß Mr. Skimpole bis zum nächſten Morgen zurückbleiben ſolle, um die zwei Plätze einzunehmen, die bereits beſtellt und bezahlt worden waren. Da Ada und ich wegen Richard’s ſehr niedergeſchlagen waren, und da es uns recht leid 283 that, uns ſo von ihm zu trennen, ſo gaben wir ſo deut⸗ lich zu verſtehen, als es mit der Höflichkeit vereinbar war, daß wir Mr. Skimpole gern im Gaſthauſe zu dem Dedlockſchen Wappen ſähen, ſobald die Nachtreiſenden fort wären. Da neben Richard's aufgeräumtem, freudigem We⸗ ſen ſonſt Nichts aufkommen konnte, ſo gingen wir Alle mit einander bis auf den Gipfel des Berges über dem Dorfe, wo ein Gig ſeiner wartete, und wo wir einen Mann mit einer Laterne vor einem dürren, fahlen Pferde ſtehen ſahen, das ganz angeſchirrt daſtand. Nie werde ich vergeſſen, wie die Beiden im Lichte der Laterne neben einander ſaßen; Richard, freudeglühend, voller Feuer, ein Mal über das andere lachend, die Zü⸗ gel in der Hand; Mr. Vholes, ganz ruhig, mit ſchwar⸗ zen Handſchuhen, und ganz zugeknöpft, und ihn anſchau⸗ end, wie wenn er ſeine Beute anſchauete und dieſelbe bezauberte. Es ſteht vor mir das ganze Gemälde der warmen finſtern Nacht,— das ſommerliche Blitzen, der ſtaubige, durch Hecken und hohe Bäume begränzte Weg⸗ das dürre, fahle Pferd mit ſeinen geſpitzten Ohren, und das eilige Hinwegfahren zum Prozeſſe Jarndyce und Jarndyce. Mein liebes Mädchen ſagte mir an dieſem Abende, wie Richard's zukünftiges Wohlergehen oder Verderben, wie der Umſtand, daß demſelben Freunde zur Seite ſtünden, oder er von ſolchen verlaſſen wäre, bei ihr bloß die Veränderung hervorbringen könnte, daß je mehr er der Liebe meines unveränderlichen Herzens bedürfte, die⸗ ſes unveränderliche Herz ihm eben um ſo mehr Liebe ge⸗ ben müßte; wie er bei ſeinen jetzigen irrigen Anſichten an ſie dächte, und wie ſie jeder Zeit an ihn denken würde, wie an ſich ſelbſt, wenn ſie ſich ihm widmen könnte, — nie an ihr eigenes Vergnügen, wenn ſie zu dem ſeinigen beitragen könnte. Und hielt ſie auch ihr Wort? —— Ich ſchaue den Weg entlang, der vor mir liegt, wo die Entfernung bereits kleiner und das Ende der Reiſe ſichtbar wird; und wahr, treu, und gut ſehe ich meinen Liebling über dem todten Meere des vor dem Kanzlei⸗ gerichtshofe ſchwebenden Prozeſſes und über all' den aſchigen Früchten, die es an's Ufer wirft. Achtunddreißigſtes Kapitel. Ein Kampf. Als die Zeit herankam, wo wir nach Bleak Houſe zurückkehren ſollten, hielten wir den beſtimmten Tag pünktlich ein, und wurden in herzlichſter Weiſe empfan⸗ gen. Ich hatte meine Geſundheit und Stärke vollkom⸗ men wieder erlangt, und als ich die der Haushälterin zukommenden Schlüſſel in meinem Zimmer parat liegen fand, ſo läutete ich mich ſelbſt in luſtiger Weiſe ein Bis⸗ chen ein, wie wenn ich ein neues Jahr geweſen wäre. „Und nun tritt Dir abermals die Pflicht entgegen, Eſther,“ ſprach ich;„und wenn es Dir auch nicht allzu große Freude macht, dieſelbe zu thun, ſo ſollteſt Du doch ſtets und unter allen Umſtänden Dich mehr als fröhlich und zufrieden zeigen. Das iſt Alles, was ich Dir zu ſa⸗ gen habe, meine Liebe!“ Die erſten paar Morgen waren von ſo vielerlei Geſchäften in Anſpruch genommen worden, waren ſo vie⸗ len Rechnungsbereinigungen, ſo vielen Wanderungen nach dem Brummſtübchen und allen anderen Theilen des Hauſes hin und zurück, ſo vielerlei neuen Anordnungen in —— 28⁵ Kommoden und Schränken, und einem ſo allgemeinen neuen Anfang überhaupt gewidmet, daß mir auch nicht ein freier Augenblick blieb. Als aber alle dieſe Auord⸗ nungen beendigt, und Alles wieder in Ordnung war, ging ich auf ein paar Stunden nach London,— ein Beſuch, wozu mich ein gewiſſer Paſſus in dem Briefe, den ich zu Chesney Wold vernichtet hatte, veranlaßte. Ich nahm Caddy Jellyby— es war ihr Mädchen⸗ name mir ſo gewohnt, daß ich ſie ſtets dabei nannte,— zum Vorwand bei dieſem Beſuche, und ſchrieb vorher ein Billet an ſie, worin ich mir ihre Begleitung bei einer kleinen geſchäftlichen Expedition erbat. Da ich Morgens in aller Frühe von Hauſe wegging, ſo kam ich mit dem Eilwagen ſchon ſo früh in London an, daß ich, als ich nach Newman Street hinging, den ganzen Tag vor mir hatte. Caddy, die mih ſeit dem Tage ihrer Hochzeit nicht mehr geſehen, legte ſo viele Freude und liebevolle Freund⸗ ſchaft an den Tag, daß ich ſchon halb und halb fürch⸗ tete, ich möchte die Eiferſucht des Mannes erregen. Aber er war in ſeiner Weiſe gerade ſo ſchlecht,— ich meine, gerade ſo gut; und es war, damit ich's kurz mache, eben die alte Geſchichte wieder, und es wollte mir Nie⸗ mand eine Möglichkeit gönnen, etwas Verdienſtliches zu un. Der alte Mr. Turveydrop lag noch im Bette, wie ich fand, und Caddy guerlte eben ſeine Chocolade, die ein melancholiſch ausſehender, bereit ſtehender kleiner Burſche, welcher Niemand anders als ein Lehrling war — es kam mir ſo ſeltſam vor, daß man bei einem Tanz⸗ meiſter in die Lehre gehen ſollte— die Treppe hinauf⸗ tragen ſollte. 1 Caddy ſagte mir, es wäre ihr Schwiegervater äußerſt freundlich und rückſichtsvoll, und ſie lebten alle äußerſt glücklich mit einander(wenn ſie von ihrem Zuſammen⸗ leben ſprach, ſo wollte ſie damit ſagen, es habe der alte 286 Herr alles Gute und den ganzen guten Theil der Woh⸗ nung, während ſie und ihr Mann nur ſo viel hatten, was ſie eben bekommen konnten, und über den Ställen in zwei Eckzimmern zuſammengedrängt waren). „Und wie befindet ſich Ihre Mama, Caddy?“ ſprach ich. „Ich höre nur durch Pa von ihr, Eſther,“ erwiderte Caddy,„ſehe aber nur ſehr wenig von ihr. Es freut mich, ſagen zu können, daß wir auf freundſchaftlichem Fuße mit einander ſtehen; aber Ma denkt, es liege etwas Abſurdes darin, daß ich einen Tanzmeiſter geheirathet, und fürchtet einigermaßen, es möchte daſſelbe ſich auf ſie ausdehnen.“ Es däuchte mir, daß Mrs. Jellyby, wenn ſie ihren natürlichen Pflichten und Obliegenheiten nachgekommen wäre, ehe ſie den Horizont mit einem Teleskope durch⸗ forſcht, um andere aufzufinden, die beſten Vorſichtsmaß⸗ regeln ergriffen haben würde, um nicht abſurd zu wer⸗ den; ich brauche jedoch wohl kaum erſt zu bemerken, daß ich dieß für mich behielt. „Und Ihr Papa, Caddy?“ „Er kommt jeden Abend hierher,“ verſetzte Caddy, „und ſetzt ſich ſo gern in den Winkel dort hinein, daß es eine wahre Luſt iſt, ihn zu ſehen.“ Und als ich in den Winkel hinein ſah, gewahrte ich deutlich die Spur von Mr. Jellyby's Kopf an der Wand. Es hatte der Gedanke, daß er endlich einen ſol⸗ chen Ruheplatz für denſelben gefunden, etwas Tröſtliches. „Und Sie, Caddy, Sie ſind gewiß immer fleißig und beſchäftigt?“ ſprach ich. „Ja, das bin ich, meine Liebe,“ verſetzte Caddy; „denn ſoll ich Ihnen ein großes Geheimniß anvertrauen, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß ich mich zum Unterricht⸗ geben zu befähigen ſuche. Prince's Geſundheit iſt keine ſehr ſtarke, und ich möchte ihm an die Hand gehen. Seine vielen Schulen und ſeine Claſſen hier, und ſeine 287 Privatſchüler und Schülerinnen, und die Lehrlinge geben dem armen Burſchen wirklich allzu viel zu thun!“ Der Gedanke, daß ein Tanzmeiſter auch Lehrlinge haben könne, kam mir immer noch ſo wunderlich vor, b3 ich Caddy fragte, ob er denn viele ſolcher Lehrlinge ätte. „Wir haben vier,“ antwortete Caddy.„Einer wohnt bei uns, die drei andern aber nicht. Es ſind recht gute Kinder, nur daß ſie, wenn ſie bei einander ſind, gern mit einander ſpielen— wie Kinder eben zu thun pflegen— anſtatt an ihrer Arbeit zu bleiben. Der kleine Burſche, den Sie ſo eben geſehen, walzt zum Beiſpiel jetzt allein in der leeren Küche, und die anderen vertheilen wir, ſo gut es eben angeht, im Hauſe.“ „Es geſchieht dieß natürlich nur, damit ſie ihre Pas lernen?“ ſprach ich. „Nur damit ſie ihre Pas lernen,“ ſagte Caddy.„In ſolcher Weiſe üben ſie ſich ſo und ſo viele Stunden hin⸗ ter einander, wenn ſie an dieſem oder jenem Pas find. Sie tanzen in der Academie; und in dieſer Jahreszeit machen wir jeden Morgen ſchon um fünf Uhr Figuren.“ „Ei, welch' mühſames Leben!“ rief ich aus. „Ich verſichere Sie, meine Liebe,“ entgegnete Caddy lächelnd,„ſo oft die in der Stadt wohnenden Lehr⸗ linge uns Morgens durch ihr Klingeln aufwecken(die Klingel iſt in unſerem Zimmer, damit der alte Mr. Tur⸗ veydrop nicht geſtört wird), und ſo oft ich das Fenſter hinaufſchiebe, und ich ſie auf der Staffel mit ihren klei⸗ nen Tanzſchuhen unter dem Arme ſtehen ſehe, werde ich wirklich an die Kaminfeger exinnert.“ Alles dieſes ſtellte mir die Kunſt gewiß in einem recht ſonderbaren Lichte dar. Caddy freute es, ihre Mittheilung ſolche Wirkung hervorbringen zu ſehen; und nun erzählte ſie mir recht heiter die Einzeluheiten ihrer eigenen Studien. „Sie ſehen, meine Liebe, ich muß, um Koſten zu 288 erſparen, etwas vom Pianoforte verſtehen, und muß auch Etwas von der Stockfidel verſtehen, und muß daher mich auf dieſen beiden Inſtrumenten, ſowie in den Einzeln⸗ heiten unſeres Berufes üben. Wäre Ma wie andere Leute geweſen, ſo wäre mir ſchon ein kleines muſikaliſches Wiſſen zu Gebot geſtanden, womit ich hätte anfangen können. Aber es gingen mir alle Kenntniſſe ab, und es iſt dieſer Theil der Arbeit anfänglich etwas entmuthi⸗ gend, ich will es nicht verhehlen. Aber ich habe ein recht gutes Ohr, und bin der Plackerei ſchon gewohnt— dafür habe ich jedenfalls Ma zu danken— und wo es nicht an gutem Willen fehlt, da macht ſich's am Ende immer, wie Sie wiſſen, Eſther.“ Während Caddy dieſe Worte ſprach, ſetzte ſie ſich lachend an ein kleines, ſchetterndes, tafelförmiges Piano⸗ forte, und paukte darauf wirklich recht wacker eine Qua⸗ drille ab. Dann ſtand ſie gutmüthig und erröthend wie⸗ der auf und ſagte, während ſie immer noch lachte: „Lachen Sie mich doch nicht aus; kommen Sie, ſeien Sie ein liebes Mädchen!“ Ich hätte lieber weinen mögen, that aber weder das eine, noch das andere. Ich ermuthigte ſie und lobte ſie von ganzem Herzen. Denn ich glaubte ganz ernſtlich, ſie habe, trotz dem daß ſie die Frau eines Tanzmeiſters ſei, und daß ſie ihren Ehrgeiz darauf beſchränke, eine Tanzlehrerin zu werden und zu bleiben, einen natürlichen, geſunden Induſtriezweig mit ſeltener Liebe und Beharr⸗ lichkeit ergriffen, und es ſei derſelbe gerade ſo gut wie eine Miſſion. „Meine Liebe,“ ſprach Caddy hocherfreut,„Sie können ſich nicht denken, wie ſehr Sie mir Muth machen. Ich werde Ihnen, Sie wiſſen gar nicht, wie viel, ver⸗ danken. Welche Wechſel, Eſther, ſelbſt in meiner kleinen Welt! Sie erinnern ſich doch noch jenes erſten Abends, wo ich ſo unhöflich und dintig war? Wer hätte damals gedacht, daß ich je Leute tanzen lehren würde! Wer ———.—, 289 hätte damals an alle andern Möglichkeiten und Unmög⸗ lichkeiten gedacht!“ Da ihr Mann, der uns während dieſes Geplauders verlaſſen hatte, jetzt zurückkam, bevor er die Lehrlinge in dem Ballzimmer ihre Uebungen vornehmen ließ, ſo ſagte mir Caddy, daß ſie mir jetzt ganz zu Dienſten ſtünde⸗ Aber ich ſagte ihr, daß ich noch ein wenig warten wollte, denn ich hätte ſie in dieſem Augenblicke um keinen Preis mit fort nehmen mögen. Wir Drei gingen daher mit ein⸗ ander zu den Lehrlingen, und ich felbſt betheiligte mich bei dem Tanze. Die Lehrlinge waren die wunderlichſten Leutchen von der Welt. Außer dem melancholiſchen Knaben, der hoffent⸗ lich nicht ſo dadurch geworden war, daß er immer allein in der leeren Küche gewalzt, waren noch zwei andere Knaben, ſowie ein kleines, ſchmutziges, ſchwaches Mäd⸗ chen in einem gazeartigen Kleide da. Ein ſo frühreifes kleines Mädchen mit einem ſo ſchlappigen Hute auf dem Kopfe(auch dieſer war von gazeartigem Gewebe), das ihre ſandalenartigen Schuhe in einem alten, fadenſcheini⸗ gen Reticüle von Sammt brachte. So ſchlecht ausſehende kleine Knaben, wenn ſie nicht tanzten, mit Schnüren, und Schuſſern, und Würfeln in den Taſchen, und den unzier⸗ lichſten Beinen und Füßen— und Abſätzen insbeſondere. Ich fragte Caddy, was die Eltern dieſer Kinder wohl veranlaßt, daß ſie für dieſelben dieſen Stand gewählt. Caddy antwortete, ſie wiſſe es nicht; vielleicht ſeien fie zu Lehrern, vielleicht auch für das Theater beſtimmt. Es ſeien lauter arme Leute, und die Mutter des melan⸗ choliſchen Knaben halte einen Ingwerbierladen. Wir tanzten eine ganze Stunde mit vieler Gravi⸗ tät. Das melancholiſche Kind verrichtete dabei Wunder mit ſeinen unteren Extremitäten, in denen ein Anflug von Vergnügen zu ſein ſchien, obgleich das ſich nie über ſeinem Bauche zeigte. Bleak Houſe. III. 19 290 Caddy hatte, während ſie auf ihren Mann achtete und offenbar ſich nach ihm richtete, eine Grazie und Selbſtbeherrſchung erlangt, die in Verbindung mit ihrem hübſchen Geſichte und ihrer hübſchen Geſtalt ungemein anmuthig waren. Sie unterſtützte ihn bereits nicht wenig beim Unterricht, welchen dieſe jungen Leute bekamen; er miſchte ſich ſelten ein, wenn man den Umſtand abrech⸗ nete, daß er, wenn er bei einer Figur Etwas zu thun hatte, ſeine Pas machte. Er muſicirte immer. Die Affectation des in Gaze gekleideten Kindes und ihre Herablaſſung gegenüber von den Knaben waren merk⸗ würdig genug, und ſo tanzten wir dann eine volle Stunde. Als die Uebungen endlich vorüber waren, ſchickte ſich Caddy's Gatte an, die Stadt zu verlaſſen und nach einer Schule zu gehen; Caddy aber lief fort, um ſich gleich⸗ falls parat zu machen und mit mir auszugehen. Unterdeſſen ſaß ich in dem Ballzimmer und betrach⸗ tete die Lehrlinge. Die zwei außer dem Hauſe wohnen⸗ den Knaben gingen auf die Treppe hinaus, um ihre Halbſtiefeln anzuziehen, und dem im Hauſe wohnenden Knaben das Haar zu zerzauſen, wie ich aus der Natur ſeiner Einwendungen ſchloß. Bald kehrten ſie mit ihren zugeknöpften Jacken, worin ihre Tanzſchuhe ſtaken, zurück, und nun zogen ſie kleine Päckchen heraus, welche kaltes Fleiſch und Brod enthielten, und bivouakirten unter einer auf die Wand gemalten Leier. Das kleine in Gaze gekleidete Kind aber ſchüttelte, nachdem ſie ihre Sandalen in den Retieüle hineingewor⸗ fen und ein hinten abgetretenes Paar Schuhe angezogen hatte, mit einer einzigen Bewegung den Kopf in den ſchlappigen Hut hinein. Als ich ſie fragte, ob ſie gerne tanze, antwortete ſie mir:„Nicht mit Knaben,“ band ihren Hut quer über das Kinn her und ging mit ver⸗ ächtlicher Miene wieder heim. „Es thut dem alten Mr. Turveydrop ſo leid,“ ſprach Caddy,„daß er mit dem Ankleiden noch nicht ☛& 8&-9 SASA O25— 291 fertig iſt, und daß er ſich nicht das Vergnügen machen kann, Sie vor Ihrem Weggehen noch zu ſehen. Sie kön⸗ nen gar nicht glauben, wie gern er Sie hat, Eſther.“ Ich ſagte, ich ſei ihm unendlich verbunden, hielt es aber nicht für angemeſſen, hinzuzuſetzen, daß ich recht gern auf dieſe Aufmerkſamkeit verzichtete. „Er braucht ſo lange zum Ankleiden,“ ſprach Caddy, „weil man in ſolchen Dingen ſehr auf ihn ſchaut, wiſ⸗ ſen Sie, und weil er einen Ruf zu erhalten hat. Sie können nicht glauben, wie freundlich er gegen Pa iſt. Er erzählt Abends Pa viel von dem Prinz⸗Regenten, und nie habe ich Pa ſo theilnahmsvoll geſehen.“ Es lag in dem Gedanken, daß Mr. Turveydrop ſeinen Anſtand bei Mr. Jellyby geltend mache, Etwas, das mir ungemein gefiel. Ich fragte Caddy, ob er mit ihrem Papa viel ausginge. „Nein,“ ſagte Caddy,„es iſt mir nicht bekannt, daß er das thut; aber er ſpricht mit Pa, und Pa bewundert ihn ſehr, und horcht aufmerkſam zu, und hört es gern. Ich ſehe vollkommen ein, daß Pa auf Anſtand nicht viel Anſpruch machen kann; indeſſen kommen ſie auf's Beſte mit einander aus. Sie können ſich nicht vorſtellen, welch' gute Kameraden ſie abgeben. Nie in meinem Le⸗ ben ſah ich Pa ſchnupfen; aber nun nimmt er regel⸗ mäßig eine Priſe aus Mr. Tourveydrop's Doſe, und hält dieſelbe während des ganzen Abends an die Naſe und hält ſie dann wieder weg.“ Daß der alte Mr. Turveydrop in dieſem ewig wech⸗ ſelnden Leben ein Mal dazu berufen ſein ſollte, Mr. Jellyby von Borrioboola⸗Gha zu befreien, erſchien mir als eine der luſtigſten Seltſamkeiten. „Was Peepy betrifft,“ ſprach Caddy etwas zögernd, eſo fürchtete ich— abgeſehen von den Kindern, die ich ſelbſt bekommen kann, Eſther— immer, es möchte der⸗ ſelbe Mr. Turveydrop zur Laſt fallen; aber die Freund⸗ lichkeit des alten Herrn gegen dieſes Kind geht über allen Begriff. Stellen Sie ſich nur vor, meine Liebe, er 29² will ihn oft ſehen und um ſich haben! Peepy darf ihm die Zeitung in’s Bett bringen; der alte Herr läßt ihn die Kruſten ſeines geröſteten Brodes eſſen; er ſchickt ihn im Hauſe herum, um kleine Aufträge zu beſorgen; er ſagt zu ihm, er ſolle bei mir Sixpenceſtücke holen. Kurz und gut,“ endigte Caddy luſtig,„und um nicht in ein langweiliges Geſchwätz zu verfallen, ich bin eine recht glückliche Frau, und muß meinem Schöpfer recht dank⸗ bar ſein. Aber wo gehen wir denn hin, Eſther?“ „Nach dem Old Street Road,“ ſprach ich, wo ich dem Advocatengehilfen einige Worte zu ſagen habe, der mich auf dem Eilwagenbureau gerade an dem Tage ab⸗ holte, wo ich nach London kam, und Sie zum erſten Male ſah, meine Liebe. Und eben fällt mir noch bei, daß es derſelbe iſt, der uns nach Ihrem elterlichen Hauſe brachte.“ „Dann ſcheint es mir wirklich, daß ich die rechte Per⸗ ſon ſei, um Sie zu begleiten,“ entgegnete Caddy. Und ſo gingen wir nach dem Old Street Road. Hoit fragten wir in Mrs. Guppy's Wohnung nach Mrs. uppy. Mrs. Guppy, welche die Parlours bewohnte, und in der That in ſichtbarer Gefahr geſchwebt hatte, ſich gleich einer Nuß an der vordern Parlourthüre dadurch zu zerquetſchen, daß ſie herausguckte, ehe man nach ihr fragte, erſchien alsbald und erſuchte uns, hineinzuſpazie⸗ ren. Sie war eine alte Frau mit einer großen Haube, einer etwas rothen Naſe, und einem etwas unſteten Auge; indeſſen lächelte ſie mit dem ganzen Geſichte. Ihr enges Wohnſtübchen war für einen Beſuch hergerichtet; darin befand ſich ein Porträt ihres Sohns, von dem ich hier faſt geſagt hätte, es ſei daſſelbe treuer, als das Leben ſelbſt geweſen: es klebte ihm mit ſolcher Hartnäckigkeit an, und war ſo entfchloſſen, ihn nicht loszulaſſen. Es war aber nicht allein das Porträt da, ſondern wir fanden auch das Original. Es war dieſes in eine Menge verſchiedener Farben gekleidet, und wurde an einem 293 Tiſche erſpäht, wo er, den Zeigefinger am Kopfe, juri⸗ diſche Papiere las. „Miß Summerſon,“ ſprach Mr. Guppy aufſtehend, „es iſt dieß in der That eine Oaſe, Mutter, wollen Sie ſo gut ſein, der andern Dame einen Stuhl zu geben, und ein Bischen aus dem Wege zu gehen?“ Mrs. Guppy, die durch ihr unabläſſiges Lächeln ein recht ſchalkhaftes Ausſehen bekam, that, wie ihr Sohn ſie gebeten, und ſetzte ſich dann in eine Ecke, wo ſie ihr Ta⸗ ſchentuch, gleich einem Bähungsmittel, mit beiden Händen gegen ihre Bruſt drückte. Ich ſtellte Caddy vor, und Mr. Guppy ſprach, es ſei jede Freundin von mir mehr denn willkommen. i0 Sofort ging ich zum Gegenſtande meines Beſuches über. „Ich habe mir die Freiheit genommen, Ihnen ein Billet zu ſchicken, mein Herr,“ ſprach ich. Mr. Guppy zeigte den Empfang dadurch an, daß er es aus ſeiner Bruſttaſche herauszog, es an die Lippeu hielt, und es dann mit einer Verbeugung wieder in die Taſche ſteckte. Mr. Guppy's Mutter ward dadurch ſo ergötzt, daß ſie, während ſie lächelte, den Kopf hin und her warf, und ſtillſchweigend mit einigen Elbogenſtößen an Caddy appellirte. „Könnte ich wohl einen Augenblick mit Ihnen allein ſprechen?“ ſprach ich. Ich glaube, daß ich in meinem Leben nie Etwas ſah, das der Spaßluſt gleichkam, welche Mr. Guppy's Mutter jetzt zeigte. Sie ließ zwar kein lautes Geläch⸗ ter hören, warf aber den Kopf hin und her, und ſchüt⸗ telte denſelben, und hielt ihr Taſchentuch an den Mund, und appellirte an Caddy mit Elbogen, Hand und Schul⸗ ter, und war mit einem Worte ſo unausſprechlich ergötzt, daß ſie es etwas ſchwer fand, Caddy durch die kleine Klappthür in ihr anſtoßendes Schlafzimmer zu führen, 294 „Miß Summerſon,“ ſprach Mr. Guppy,„Sie wer⸗ den das wunderliche Weſen einer Mutter entſchuldigen, die immer nur das Glück ihres Sohnes im Auge hat. Meine Mntter gehorcht, wenn ſie auch die Geduld bis⸗ weilen auf eine harte Probe ſtellt, den Geboten mütter⸗ licher Liebe.“ Nie hätte ich wohl geglaubt, daß Jemand in einem Augenblicke ſo roth werden, oder ſich ſo gewaltig verän⸗ dern könnte, wie es bei Mr. Guppy der Fall war, als ich nun meinen Schleier hinaufſchlug. „Ich habe Sie auf einige Augenblicke lieber hier ſprechen, als bei Mr. Kenge vorſprechen wollen,“ ſagte ich,„weil ich, mich deſſen erinnernd, was Sie einſt ge⸗ ſagt, als Sie mit mir im Vertrauen ſprachen, befürch⸗ tete, ich möchte Ihnen dadurch einige Verlegenheit berei⸗ ten, Mr. Guppy.“ Ich bereitete ihm gewiß ſchon jetzt Verlegenheit ge⸗ nug. Nie hatte ich noch ſolches Stammeln, ſolche Ver⸗ wirrung, ſolche Beſtürzung, ſolche Angſt gewahrt. „Miß Summerſon,“ ſtotterte Mr. Guppy heraus, „i—ch— i—ch— bitte Sie um Verzeihung, aber in unſerem Berufe fi— fi— finden wir— wir— wir es nöthig, uns deutlich auszuſprechen. Sie haben, Miß, auf eine Gelegenheit angeſpielt, wo ich— wo ich die Chre hatte, mit einer Erklärung herauszurücken, die—“ Es ſchien in ſeiner Kehle Etwas zu ſtecken, das er ſchlechterdings nicht verſchlucken konnte. Er brachte ſeine Hand dahin, huſtete, ſchnitt Grimaſſen, verſuchte es aber⸗ mals hinunterzuſchlucken, huſtete von Neuem, ſchnitt von Neuem Grimaſſen, ſchaute in der ganzen Stube herum, und brachte ſeine Papiere in Unordnung. „Es hat mich eine Art Schwindel überkommen, Miß,“ erklärte er,„ein Schwindel, der mich ganz ſchwach macht und mir alle Beſinnung raubt. J— i— ich leide ein Bischen da— da— daran. Bei Sanct Georg!“ Ich ließ ihm ein Bischen Zeit, damit er ſich wieder 295 erholen möchte. Dieſe Zeit aber wandte er dazu au, daß er mit der Hand nach der Stirn fuhr, und erſtere dann wieder wegzog, und mit ſeinem Stuhl in die Ecke, die ſich hinter ihm befand, rückte. „Es war meine Abſicht, Ihnen zu bemerken, Miß,“ ſprach Mr. Guppy,„— ach, du lieber Himmel!— es iſt bei mir in der Luftröhre nicht ganz richtig, glaube ich — hm!— Ihnen zu bemerken, daß Sie bei jener Ge⸗ legenheit ſo gütig waren, die fragliche Erklärung zurück⸗ zuweiſen und zu verſchmähen. Sie— Sie würden vielleicht keinen Anſtand nehmen, dieß zuzugeben? Ob⸗ gleich keine Zeugen anweſend waren, ſo könnte es doch zu— zu Ihrer Seelenruhe dienen— wenn Sie das zugäben.“ „Darüber kann kein Zweifel obwalten,“ ſprach ich, „daß ich Ihren Antrag zurückwies, unbedingt und ohne allen Rückhalt, Mr. Guppy“ „Ich danke Ihnen, Miß,“ gab er zurück, indem er den Tiſch mit ſeinen von Unruhe verzehrten Händen maß. „So weit wäre nun Alles recht, und es macht dieſe Er⸗ klärung Ihnen alle Ehre. E— e— es iſt ein für alle Mal mit meiner Luftröhre nicht Alles in Richtigkeit!— muß Etwas in der Röhre ſtecken— Sie— Sie— Sie würden ſich vielleicht nicht beleidigt finden, wenn ich er⸗ wähnte— nicht als ob dieß nothwendig wäre, denn Ihr eigener geſunder Verſtand oder der Verſtand anderer Leute muß darauf kommen— wenn ich erwähnte, daß eine ſolche Erklärung von meiner Seite etwas Finales hatte, und daß dieſelbe da aufhörte?“ „Ich verſtehe das vollkommen,“ ſprach ich. „Vielleicht,— e— e— es bedarf dieſer Formali⸗ tät wohl nicht, indeſſen könnte es doch zu Ihrer Seelen⸗ ruhe beitragen— vielleicht würden Sie keinen Anſtand nehmen, dieß zuzugeben, Miß?“ ſagte Mr. Guppy. „Ich gebe das vollkommen und bereitwilligſt zu,“ verſetzte ich. 296 „Ich danke Ihnen,“ entgegnete Mr. Guppy.„Ge⸗ wiß recht ehrenhaft— das. Ich bedaure, daß der Le⸗ bensplan, den ich mir vorgezeichnet, ſowie verſchiedent⸗ liche Umſtände, über die ich nicht zu gebieten vermag, es mir für immer unmöglich machen, auf jenen Antrag zu⸗ rückzukommen, oder denſelben in dieſer oder jener Geſtalt oder Form zu erneuern; aber es wird für mich ſtets ein Rückblick ſein, voll der ſüßeſten Erinnerungen— ein Rückblick, umwunden von der Freundſchaſt duftenden Roſen.“ Hier kam Mr. Guppy die Entzündung ſeiner Luft⸗ röhrenäſte zu Hilfe,— welche Entzündung dem Abmeſ⸗ ſen des Tiſches von ſeiner Seite ein Ende machte. „Ich kann nun vielleicht zu dem kommen, was ich Ihnen ſagen wollte?“ hob ich an. „Ich werde mich dadurch gewiß geehrt finden.“ ſprach Mr. Guppy.„Ich bin ſo feſt überzeugt, es werden— werden Ihr geſunder Verſtand, Ihr richtiges Gefühl, Miß,— Sie ſo viel wie möglich auf dem ge⸗ raden Wege erhalten,— da ich gewiß nur Vergnügen dabei haben kann, wenn ich Bemerkungen anhöre, die Sie meiner Erwägung unterſtellen wollen.“ „Sie waren ſo gefällig, bei jenem Anlaſſe zu ver⸗ ſtehen zu geben—“ „Entſchuldigen Sie, Miß,“ ſprach Mr. Guppy, „aber es wäre wohl beſſer, wenn wir nicht von den Acten abgingen, um uns auf ſtillſchweigende Folgerun⸗ gen einzulaſſen. Ich kann nicht zugeben, daß ich zu einer ſolchen ſtillſchweigenden Folgerung Anlaß gegeben.“ „Sie ſagten bei jener Gelegenheit,“ hob ich wieder an,„daß Sie vielleicht Mittel und Wege kenneten, mein Intereſſe zu fördern, und meine Glücksumſtände durch Entdeckungen zu verbeſſern, deren Gegenſtand ich ſein ſollte. Vermuthlich gründeten Sie dieſen Ihren Glau⸗ ben auf den Umſtand, daß Sie im Allgemeinen wußten, ich ſei eine Waiſe, die dem Wohlwollen Mr. Jarndyce's 297 Alles verdanke. Nun aber iſt der Anfang und das Ende deſſen, um was ich Sie jetzt bitten will, Mr. Guppy, daß Sie die Güte haben möchten, auf den Gedanken, mir in dieſer Weiſe zu dienen, ganz und gar zu verzichten. Ich habe bisweilen darüber nachgedacht, und insbeſondere in neueſter Zeit— ſeitdem ich krank geweſen. Endlich habe ich, im Falle Sie noch dieſen Zweck im Auge haben ſollten, und in irgend einer Weiſe dieſes Vorhaben auszuführen gedächten, beſchloſſen, Sie zu bitten, davon abzuſtehen, und Sie zu verſichern, daß Sie ſich total irren. Sie könnten in Beziehung auf mich keine Entdeckung machen, wodurch mir auch nur der mindeſte Dienſt erwieſen, oder auch nur das min⸗ deſte Vergnügen bereitet würde. Ich kenne meine per⸗ ſönliche Geſchichte; und ich kann Ihnen auf das Be⸗ ſtimmteſte verſichern, daß Sie durch ſolche Mittel mein Wohl nimmermehr zu fördern im Stande ſind. Viel⸗ leicht haben Sie auf dieſes Project ſchon lange verzich⸗ tet. Iſt dieß der Fall, ſo muß ich Sie bitten, daß Sie mich entſchuldigen, indem ich Ihnen dieſe unnöthige Mühe verurſache. Iſt es aber anders, ſo erſuche ich Sie, von nun an darauf zu verzichten,— indem Sie, wie ich Ihnen wiederholentlich verſichere, mir damit gar keinen Dienſt erweiſen würden. Ich bitte Sie, dieſe nener Bitt zu berückſichtigen, wenn Ihnen meine Ruhe ieb iſt.“ „Ich muß geſtehen,“ ſprach Mr. Guppy,„daß Sie ſich, Miß, mit jenem geſunden Verſtande und jenem richtigen Gefühle ausdrücken, ſo ich bei Ihnen voraus⸗ geſetzt. Es kann Nichts befriedigender ſein, als ein ſolches richtiges Gefühl, und wenn ich ſo eben noch mich in einer Ihrer Abſichten täuſchte, ſo bin ich zu jeder Entſchuldigung bereit. Ich möchte, Miß, dabei ſo ver⸗ ſtanden ſein, als beſchraͤnke ich dieſe Entſchuldigung, wo Ihr eigener geſunder Verſtand und Ihr richtiges Gefühl 298 Ihnen es als nothwendig erſcheinen laſſen werden, auf die jetzigen Proceduren.“ Ich muß zu Mr. Guppy's Ehren ſagen, daß ſein Stottern ſich bereits bedeutend gebeſſert hatte, und daß überhaupt mit ihm bereits eine gewaltige Veränderung vorgegangen war. Er ſchien wirklich froh, Etwas, um was ich ihn bat, thun zu können, und ſah dabei be⸗ ſchämt aus. „Wenn Sie mir erlauben wollen, daß ich mit dem, was ich zu ſagen habe, ein für alle Mal fertig werde, ſo daß ich nicht wieder darauf zurückzukommen brauche,“ fuhr ich fort, als ich ſah, daß er wieder das Wort nehmen wollte,„ſo werden Sie mir einen Gefallen er⸗ weiſen, mein Herr. Ich komme ſo geheim wie möglich zu Ihnen, weil Sie mir dieſen Ihren Eindruck ganz im Vertrauen mittheilten,— ein Vertrauen, das ich wirk⸗ lich zu achten wünſchte— und das ich auch immer ge⸗ achtet habe, wie Sie ſich erinnern werden. Ich habe meiner Krankheit Erwähnung gethan. Es liegt in der That kein Grund vor, weßhalb ich Anſtand nehmen ſollte, zu ſagen, daß ich recht wohl weiß, wie jede kleine Delicateſſe, die mich vielleicht früher abgehalten hätte, Sie um Etwas zu bitten, nunmehr ganz aus dem Wege geräumt iſt. Ich richte deßhalb an Sie die Bitte, die ich ſo eben vorgebracht; und hoſſentlich werden Sie ſo viel Rückſicht für mich haben, daß Sie dieſelbe gewäbren.“ Ich muß Mr. Guppy die fernere Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß er immer beſchämter ausſah⸗ und daß er am Beſchämteſten und recht ernſt ausſah, als er nun mit glühendem Geſichte erwiderte: „Ich gebe Ihnen mein Wort, verpfände Ihnen meine Ehre, ſo wahr ich lebe, bei meiner Seele, Miß Summerſon, ich werde Ihrem Wunſche nachkommen! Nie will ich einen weiteren Schritt thun, der mit dem⸗ ſelben in Widerſpruch ſtünde. Ich will es beſchwören, 299 wenn ein Schwur von meiner Seite Ihnen zur Befrie⸗ digung gereichen kann. In dem, was ich Ihnen jetzt in Beziehung auf die dermalen in Frage ſtehenden Dinge verſpreche,“ fuhr Mr. Guppy raſch fort, wie wenn er eine wohl bekannte Formel widerholte,„ſpreche ich die Wahrheit, ſpreche ich die ganze Wahrheit, ſpreche ich Nichts, als die Wahrheit, ſo—“ „Ich bin durchaus befriedigt,“ ſprach ich, indem ich hier aufſtand,„und danke Ihnen recht ſehr. Liebe Caddy, ich bin nun parat!“ Mr. Guppy'’s Mutter kam mit Caddy zurück(Er⸗ ſtere bedachte nun mich mit ihrem ſtillen Gelächter und ihren Elbogenſtößen), und wir verabſchiedeten uns. Mr. Guppy begleitete uns bis an die Thüre mit der Miene eines Menſchen, der entweder nur unvollkom⸗ men wach iſt, oder im Schlafe wandelt. Dort überließen wir ihn ſeinem Starren und gingen hinweg. Es ſtand aber keine Minute an, ſo kam er uns, die Straße herab, nachgerannt, ohne Hut, und es flogen ſeine langen Haare ihm überall um den Kopf her. Er ſtellte uns, indem er in eifrigem, bittendem Tone ſagte: „Sie könuen ſich auf mich verlaſſen, Miß Sum⸗ merſon,— bei meiner Ehre und Seligkeit!“ „Ich verlaſſe mich auch voller Vertrauen auf Sie,“ erwiderte ich. „Ich bitte Sie um Verzeihung, Miß,“ ſprach Mr. Guppy weiter, mit einem Beine fortgehend und mit dem andern zurückbleibend,„aber es könnte, da dieſe Dame — Ihr eigener Zeuge— gegenwärtig iſt, zu Ihrer Ruhe gereichen(— eine Ruhe, die mir am Herzen liegt—), wenn Sie, was Sie unter vier Augen zuge⸗ geben, jetzt wiederholen wollten.“ „Wohlan, Caddy,“ ſprach ich, mich zu ihr hin⸗ wendend,„vielleicht werden Sie nicht darüber erſtaunt 3⁰⁰ ſein, wenn ich Ihnen ſage, meine Liebe, daß nie ein Verlöbniß Statt gefunden—“ „Kein Heirathsantrag, kein Heirathsverſprechen von irgend einer Art,“ fiel Mr. Guppy ein. „Kein Heirathsantrag, kein Heirathsverſprechen von irgend einer Art,“ ſagte ich,„zwiſchen dieſem Herrn—“ „William Guppy von Penton Place, Pentonville, in der Grafſchaft Middleſex,“ murmelte er. „Zwiſchen dieſem Herrn, Mr. William Guppy von Penton Place, Pentonville, in der Grafſchaft Middleſex, und mir.“ „Ich danke Ihnen, Miß,“ ſagte Mr. Guppy. „Ganz vollſtändig; a— a— aber entſchuldigen Sie mich— es fehlt nur noch Tauf⸗ und Geſchlechtsname dieſer Dame.“ Ich gab beide. „Vermuthlich eine verheirathete Frau?“ fragte Mr. Guppy.„Alſo eine verheirathete Frau. Danke Ihnen. Früher Caroline Jellyby, ledig, dazumal wohnhaft in Thavies Inn, in der City von London, aber extraparo⸗ chial; jetzt wohnhaft in Newman Street, Oxford Street. Unendlich verbunden.“ Nun lief er nach Hauſe, um alsbald wieder zu uns zurückzurennen. „Was jene Sache betrifft, ſo thut es mir, wiſſen Sie, wirklich unendlich leid, daß der Lebensplan, den ich mir vorgezeichnet, ſowie verſchiedentliche Umſtände, über die ich nicht zu gebieten vermag, eine Erneuerung deſſen verhindern, was nun ſchon ſeit einiger Zeit ein für alle Mal ſein Ende gefunden,“ ſprach der arme Mr. Guppy verzweiflungsvoll zu mir.„Aber es könnte nicht ſein. Ich frage Sie ſelbſt, ob es jetzt ſein könnte! Ich will es Sie ſelbſt entſcheiden laſſen.“ Ich erwiderte, daß es gewiß,— das es aller⸗ 301 dings nicht ſein könnte. Darüber könnte kein Zweifel obwalten. Er dankte mir, und lief zu ſeiner Mutter zurück, ſtand aber alsbald wieder bei uns. „Es iſt das gewiß recht ehrenhaft von Ihnen, Miß,“ ſprach Mr. Guppy.„Könnte ein Altar errichtet werden in den Lauben der Freundſchaft— aber Sie können ſich, ſo wahr ich ſelig werden will, auf mich in aller und jeder Hinſicht verlaſſen; nur kann von einer zarten Leidenſchaft ferner zwiſchen uns keine Rede ſein!“ Der Kampf in Mr. Guppy's Bruſt, ſowie die vie⸗ len Oscillationen, die derſelbe ihm zwiſchen uns und der Thüre ſeiner Mutter verurſachte, zeigten ſich auf der windigen Straße deutlich genug(insbeſondere da ſein Haar des Schneidens bedurfte), um uns ein als⸗ baldiges eiliges Weggehen erwünſcht zu machen. Mit erleichtertem Herzen entfernte ich mich; als wir aber zum letzten Male zurückſchauten, befand ſich Mr. Guppy offenbar immer noch in der Schwebe, und war ſein Gemüthszuſtand immer noch gleich verſtört. Neununddreißigſtes Kapitel. Rechtsfreund und Client. Es ſteht der Name Mr. Vholes' unter den Worten Parterre auf einer Thürpfoſte in Symond's Inn, Cbancery Lane. Es iſt dieß ein kleines, fahles, glas⸗ augiges, jammerſeliges Häuschen, ähnlich einem großen Staubkaſten mit zwei Abtheilungen und einer Siebvor⸗ 3⁰² richtung. Es ſieht aus, als ob Symond ſeiner Zeit ein ſparſamer Mann geweſen, und ſein Haus aus alten Bau⸗ materialien erbaut habe,— ſein Haus, das die Trocken⸗ fäule, und den Schmutz, und Alles, was trübſelig iſt und leicht modert, gerne annahm, und Symond's An⸗ denken mit entſprechender Filzigkeit und Lumpigkeit ver⸗ ewigt. Hier hat Mr. Vholes ſein juridiſches Wappen mit dem ſchmutzigen Leichenwappen Symond'’s vereinigt. Mr. Vholes' Bureau ſcheut das Licht, und iſt in ſeiner Abgeſchiedenheit in einen Winkel zuſammenge⸗ drängt, und blinzt eine kahle Mauer an. Drei Fuß eines knorrigen gedielten dunklen Ganges bringen den Clienten an Mr. Vholes' gagatſchwarze Thüre. Es be⸗ findet ſich letztere in einer Ecke, worin auch am ſonnen⸗ hellſten Johannimorgen pechſchwarze Finſterniß herrſcht, und die noch weiter durch den ſchwarzen Verſchlag einer Treppenſtiege verſperrt iſt, gegen den Civiliſten, die ſich kecſoitet haben, ſo ziemlich gewöhnlich mit der Stirn oßen. Mr. Vholes' Geſchäftslokal iſt nach einem ſo kleinen Maßſtabe erbaut, daß ein Gehilfe die Thüre aufmachen kann, ohne ſeinen Bock zu verlaſſen, während der andere, der an dem gleichen Pulte neben ihm ſitzt, und ihn mit dem Elbogen berührt, es ebenſo leicht hat, wenn er das Feuer ſchüren will. Ein Geruch, wie von ungeſunden Schafen, der ſich mit dem Moder⸗ und Staubgeruch ver⸗ miſcht, rührt von dem ſtarken Verbrauch von Schaffett in Form von Lichtern— ein Verbrauch, der bei Nacht und oft auch bei Tag Statt ſindet— ſowie noch davon her, daß Pergamenthäute in fettigen Schränken und Schubladen ſich abreiben. Die Luft iſt ſonſt ganz abge⸗ ſtanden und ſchwül. Seit Menſchengedenken iſt das Bureau nicht mehr geweißt oder angeſtrichen worden; die zwei Kamine rauchen, und überall macht ſich eine lockere äußerſte Rußoberfläche bemerklich; die trüben, zer⸗ ſprungenen Fenſter in ihren ſchwerfälligen Rahmen haben 3⁰3 nur das Eigenthümliche an ſich, daß ſie eine entſchiedene Neigung haben, immer ſchmutzig und, ſofern man ihnen nicht Gewalt anthut, immer geſchloſſen zu ſein. Dieß erklärt denn auch das Phänomen, daß das ſchwächere von den beiden Fenſtern bei heißem Wetter gewöhnlich ein kleines Bund Brennholz zwiſchen den Kinnbacken ſtecken hat. Mr. Vholes iſt ein ſehr achtbarer Mann. Er hat zwar kein ſehr großes Geſchäft, iſt aber doch ein ſehr achtbarer Mann. Die größeren Sachwalter, die ein großes Vermögen erwerben, oder im Begriffe ſind, ein ſolches zu erwerben, geben zu, daß er ein höchſt achtbarer Mann ſei. In ſeiner Praxis läßt er nie eine Chauce ungenützt vorübergehen,— was ein Zeichen von Acht⸗ barkeit iſt. Er gönnt ſich nie ein Vergnügen,— was abermals ein Zeichen von Achtbarkeit iſt. Er iſt zurück⸗ haltend und ernſt,— was ein weiteres Zeichen von Achtbarkeit iſt. Mit ſeiner Verdauung ſteht er nicht am Beſten,— was hochachtbar iſt. Und er macht für ſeine drei Töchter Heu aus dem Graſe, das da Fleiſch iſt. Und ſein im Thale von Taunton lebender Vater wird von ihm unterſtützt. Der große, leitende Grundſatz des engliſchen Geſetzes iſt, das Geſchäft nie ausgehen zu laſſen. Durch alle ſeine Windungen und Krümmungen hindurch macht ſich kein anderes Prinzip ſo deutlich, ſo poſttiv und ſo con⸗ ſequent geltend. In dieſem Lichte betrachtet, ſteht Alles in ſchönſter Harmonie mit einander, und iſt das Geſetz nicht das monſtröſe Labyrinth, als welches die Laien es ſo gern anſehen möchten. So bald dieſe ein Mal klar eingeſehen haben werden, daß der große Grundſatz des Geſetzes der iſt, das Geſchäft nie ausgehen zu laſſen— wenn auch auf ihre Koſten, werden ſie ſicherlich zu murren aufhören. Da aber die Laien dieſes nicht ſo ganz deutlich ein⸗ ſehen,— da ſie die Sache nur verworren und halb ſehen, 304 ſo leiden bisweilen ihre Ruhe und ihre Taſchen ungern Noth, und ſo murren und brummen ſie gar viel. Und dann tritt dieſe Achtbarkeit Mr. Vholes' als ein gewal⸗ tiger Kämpe gegen ſie in die Schranken.„Dieſes Statut abſchaffen, mein guter Herr?“ ſpricht Mr. Kenge zu einem Clienten, der nicht wenig darunter leidet.„Es abſchaffen, mein lieber Herr? Nie, nimmermehr, mit meiner Zuſtimmung. Man ändere ein Mal dieſes Ge⸗ ſetz, mein Herr, und was wird dann die Wirkung Ihres übereilten Verfahrens gegenüber von einer Klaſſe von ausübenden Rechtsgelehrten ſein, die, erlauben Sie mir, daß ich es Ihnen ſage, durch den uns feindlich gegen⸗ überſtehenden Sachwalter, Mr. Vholes, recht würdig repräſentirt werden? Mein Herr, es würde damit dieſe Klaſſe ausübender Rechtsgelehrten vom Erdbo⸗ den vertilgt werden. Nun aber können Sie— ich möchte ſagen, kann das ſociale Syſtem keine Klaſſe ſolcher Menſchen wie Mr. Vholes verlieren. Fleißig, ausdauernd, feſt, ſcharffinnig in Geſchäftsſachen. Nein, lieber Herr, ich begreife recht wohl Ihre dermaligen Gefühle gegen⸗ über dem jetzigen Zuſtand der Dinge, der, ich gebe es zu, in Ihrem ſpeziellen Falle etwas hart iſt; nie aber kann ich mich dazu hergeben, eine Klaſſe von Menſchen wie Mr. Vholes vertilgen zu helfen.“ Die Achtbarkeit Mr. Vholes' iſt ſogar mit zermal⸗ mender Wirkung vor parlamentariſchen Comités angeführt worden, wie aus dem folgenden blauen Protocolle über die Ausſage eines ausgezeichneten Sachwalters her⸗ vorgeht. „Frage(Numero fünf Mal hundert ſiebenzigtauſend achthundert neunundſechzig): Wenn ich Sie recht verſtehe, ſo geben dieſe Rechtsformalitäten unzweifelhaft zu einer Verzögerung Anlaß?— Antwort: Ja, es veranlaſſen dieſelben einige Zögerung.. „Frage: Und es verurſachen dieſelben große Koſten? 805 — Antwort: Es können dieſelben allerdings nicht für Nichts beobachtet werden. „Frage: Und unendliche Plackerei und unendlichen Aerger?— Antwort: Ich könnte das nicht ſagen. Mir ſind ſie nie als drückend erſchienen; im Gegentheil. „Frage: Aber glauben Sie, daß deren Abſchaffung eine Klaſſe von Inriſten ſchädigen würde?— Antwort: Daran kann nicht gezweifelt werden.. „Frage: Können Sie einen Typus dieſer Klaſſe anführen?— Antwort: Ja. Ich möchte ohne alles Zögern Mr. Vholes anführen. Er würde dadurch zu Grunde gerichtet werden. „Frage: Mr. Vholes wird alſo von ſeinen Standes⸗ genoſſen als ein achtbarer Mann angeſehen?— Ant⸗ wort“(es brachte dieſe der Unterſuchung Unglück auf die nächſten zehn Jahre):„Mr. Vholes wird von ſeinen äunde denoſſen als ein höchſt achtbarer Mann ange⸗ ehen.“ So bemerken in vertraulicher Unterhaltung nicht minder unintereſſirte private Autoritäten; ſie wiſſen nicht, wozu es endlich kommen ſolle; man ſtürze ſich in Ab⸗ gründe; ſchon wieder ſei der Geſellſchaft eine Stütze ent⸗ zogen wordenz ſolche Veränderungen ſeien für Leute wie Vholes der Tod,— für Vholes, der ein Mann von un⸗ zweifelhafter Achtbarkeit ſei, einen Vater im Thale von Taunton, und drei Töchter zu Hauſe habe. Man ſolle nur noch einige Schritte in dieſer Richtung thun, ſagen ſie weiter, und was ſolle dann aus Vholes' Vater werden? Solle er etwa Hunger ſterben? Und was ſolle aus Vholes’ Töchtern werden? Sollen ſie gemeine Nähterin⸗ nen oder Gouvernanten werden? Wie wenn empörte Vertheidiger— angenommen Mr. Vholes und ſeine An⸗ gehörige ſeien kleinere Kannibalen⸗Häuptlinge, und es werde die Abſchaffung des Kannibalismus vorgeſchlagen — die Frage ſo ſtellten: Man erkläre die Menſchen⸗ Bleak Houſe. III. 20 306 freſſerei als ungeſetzlich, und man überliefert die Vholes⸗ ſchen zum gräßlichen Hungertode. Mit einem Worte, Mr. Vholes, mit ſeinen drei Töchtern und ſeinem Vater im Thale von Taunton, dient immer und ewig, gleich einem Stück Holz, zur Stützung einer vermoderten Einrichtung, die gemeinſchädlich und zu einer Fallgrube geworden iſt. Und für gar viele Leute dreht ſich in gar vielen Fällen die Frage nie darum, ob ein Unrecht beſeitigt und das Recht gefördert, (es iſt dieß eine Rückſicht, die hier gar nicht in Betracht kommt,) ſondern ſtets darum, ob durch die Reform jene ſo achtbare Legion der Vholes geſchädigt oder in ihrem zeitlichen Wohl gefördert werde. Nach zehn Minuten hat ſich der Kanzler erhoben, und damit haben die langen Ferien begonnen. Es ſind Mr. Vholes und ſein junger Client und unter⸗ ſchiedliche blaue, eilig und ganz unregelmäßig ausge⸗ ſtopfte Taſchen— es ſehen dieſe ſo ziemlich wie die größere Art von Schlangen in ihrem erſten vollgepfropf⸗ ten Zuſtande aus— nach der Bureauhöhle zurückgekehrt. Mr. Vholes zieht, ruhig und kalt, wie ein ſo hoch acht⸗ barer Mann ſein ſoll, ſeine engen ſchwarzen Handſchuhe aus, wie wenn er ſeine Hände ſchinden wollte, nimmt ſeinen engen Hut ab, wie wenn er ſich ſkalpiren wollte, und ſetzt ſich an ſein Pult. Seinerſeits wirft der Client Hut und Handſchuhe auf den Boden;— er ſtößt dieſelben irgendwohin, ohne hinzuſchauen, oder ohne ſich darum zu bekümmern, wo⸗ hin dieſelben gerathen; dann wirft er ſich halb ſeufzend, halb ſtöhnend in einen Stuhl, ſtützt den Kopf, der ihn 307 ſchmerzt, auf eine Hand, und ſieht wie die leibhaftige junge Verzweiflung aus. 1 „Wieder Nichts gethan!“ ſpricht Richard.„Nichts, Nichts gethan!“ „Sagen Sie nicht, es ſei Nichts gethan worden, mein Herr!“ verſetzt der ruhige Vholes.„Es iſt das kaum billig, mein Herr,— kaum billig!“ „Ci, ſo ſagen Sie mir denn, was gethan worden?“ ſpricht Richard, indem er ſich zu ihm hinwendet und ihn finſter anblickt. „Es iſt dieß vielleicht nicht die ganze Frage,“ ent⸗ gegnet Vholes.„Es kann vielleicht noch gefragt werden, was Hethan werde— was gethan werde: verſtehen Sie mich?“ „Nun, und was wird denn gethan?“ fragt der ver⸗ drießliche Client. Vholes hat die Arme auf ſein Pult geſtützt, bringt die Spitzen ſeiner fünf rechten Finger in aller Ruhe mit den Spitzen ſeiner fünf linken Finger zuſammen, trennt ſie dann wieder ebenſo ruhig, ſchaut ſeinen Clienten feſt und langſam an, und verſetzt: „Es geſchieht Viel, mein Herr. Wir haben unſere Schultern ans Rad gelegt, Mr. Carſtone, und es geht endlich das Rad herum. „Ja, mit dem Ixion darauf. Wie ſoll ich nur über die nächſten vier oder fünf vermaledeiten Monate hinüberkommen?“ ruft der junge Mann, von ſeinem Stuhle aufſtehend und im Zimmer herumgehend. „Mr. Carſtone,“ antwortet Vholes, ihm überall hin mit den Augen folgend,„Sie haben ein heißes Blut und es thut mir dieß um Ihretwillen leid. Ent⸗ ſchuldigen Sie mich, wenn ich Ihnen anempfehle, ſich nicht in ſolche Aufregung zu verſetzen, nicht ſo ungeſtüm heftig zu ſein, ſich nicht ſo abzuhärmen und abzunutzen. Sie ſollten mehr Geduld haben. Sie ſollten mehr an ſich halten.“ 308 „Ich ſollte es alſo machen, wie Sie, Mr. Vho⸗ les?“ ſpricht Richard, ſich mit einem ungeduldigen La⸗ chen abermals ſetzend, und mit ſeinem Stiefel auf dem unge⸗ modelten Teppiche trommelnd. „Mein Herr,“ verſetzt Vholes, immer noch den Clienten anſchauend, wie wenn er denſelben mit den Angen ſowohl, als mit ſeinem profeſſionellen Appetit Stück für Stück verzehren wollte.„Mein Herr,“ ver⸗ ſetzt Vholes mit ſeiner blutloſen Ruhe, und in ſich hin⸗ einſprechend,—„ich wäre nicht ſo dünkelhaft geweſen, mich Ihnen oder irgend Jemand als ein Muſter, als ein Vorbild hinzuſtellen. Kann ich nun meinen drei Töchtern einen guten Namen hinterlaſſen, ſo genügt mir das; ich bin kein Egoiſt,— bin kein Egoiſt. Da Sie aber meiner in ſo ſpitziger Weiſe Erwähnung thun, ſo will ich geſtehen, daß es mir recht lieb wäre, wenn ich Ihnen ein Bischen von meiner— kommen Sie, mein Herr, Sie wollen Unempfindlichkeit ſagen, und ich habe dagegen gewiß Nichts einzuwenden— ſagen Sie nur Unempfindlichkeit— ein Bischen von meiner Unem⸗ pfindlichkeit mittheilen könnte.“ „Mr. Vholes,“ erklärt der Client etwas verlegen, „es lag mir alle und jede Abſicht fern, Sie der Unem⸗ pfindlichkeit zu beſchuldigen.“ „Meines Bedünkens hatten Sie eine ſolche Abſicht, mein Herr, ohne es ſelbſt zu wiſſen,“ entgegnet der ſich immer gleich bleibende Vholes.„Auch iſt das ganz na⸗ türlich. Meine Pflicht iſt es, mit kaltem Kopfe über Ihre Intereſſen zu wachen, und ich begreife vollkom⸗ men, wie ich Ihren aufgeregten Gefühlen in Augen⸗ blicken, wie der jetzige, als unempfindlich erſcheinen mag. Meine Töchter kennen mich vielleicht beſſer; mein betag⸗ ter Vater kennt mich vielleicht beſſer. Aber dieſe kennen mich ſchon länger, als Sie mich kennen, und es iſt das vertrauensvolle Auge der Liebe, nicht das mißtrauiſche Geſchäftsauge. Nicht, daß ich mich darüber beklagte, 309 mein Herr, daß das Geſchäftsauge mißtrauiſch iſt; im Gegentheil, im Gegentheil. Indem ich mich Ihnen widme, und über Ihre Intereſſen wache, wünſche ich alle nur erdenkliche Controle; es iſt nicht mehr als bil⸗ lig, daß ich controlirt werde; mir thut man einen Ge⸗ fallen damit, wenn man mir auf die Finger ſieht. Aber Ihre Intereſſen erfordern es ſchlechterdings, daß ich kalt bleibe und methodiſch zu Werk gehe, Mr. Carſtone; und anders kann ich nicht ſein, anders kann ich nicht ver⸗ fahren— nein, Sir, nicht ein Mal um Ihnen zu ge⸗ fallen.“ Nachdem Mr. Vholes die Büreaukatze angeblickt, die geduldig an einem Mausloche lauert, läßt er ſeinen bezauberten Blick wieder auf ſeinem jungen Clienten haften, und fährt in ſeiner zugeknöpften, halb hörbaren Stimme, wie wenn ein unſauberer Geiſt in ihm wäre, der nicht heraus wollte, oder ſich ſcheute, ſich deutlich auszuſprechen, alſo fort: „Sie fragen, mein Herr, was Sie während der Ferien anfangen ſollen? Es ſollte mich bedünken, daß Ihr Herren von der Armee immer gar viele Mittel finden könnt, Euch zu amüſiren, ſobald Ihr nur wollt. Hät⸗ ten Sie mich gefragt, was ich während der Ferienzeit thun ſolle, ſo hätte ich Ihnen beſſer antworten können. Ich muß über Ihre Intereſſen wachen. Jeden Tag bin ich hier zu finden,— und jeder Tag iſt der Ueberwa⸗ chung Ihrer Intereſſen gewidmet. Das iſt meine Pflicht, Mr. Carſtone; und ob wir uns nun in der Sitzungs⸗ zeit oder in den Ferien befinden, thut bei mir Nichts zur Sache. Wollen Sie mich über Ihre Intereſſen zu Rathe ziehen, ſo werden Sie mich zu jeder Zeit— werden Sie mich immer, immer hier finden. Andere Leute meines Standes verlaſſen die Stadt. Ich thue das nicht; nicht als obich dieſelben wegen ihres Weggehens tadeln wollte, nein; ſondern ich ſage bloß, ich gehe nicht. Dieſes Pult iſt Ihr Felſen, mein Herr!“ 310 Mr. Vholes ſchlägt mit der Hand darauf, und es klingt daſſelbe ſo hohl, wie ein Sarg. Nicht aber für Richard. Es liegt in dem Tone etwas Ermuthigendes für ihn. Und vielleicht weiß das Mr. Vholes. „Ich ſehe wohl ein, Mr. Vholes,“ ſprach Richard in vertraulicherem Tone und in beſſerer Laune,„daß Sie der zuverläßigſte Mann von der Welt ſind; und daß, wer mit Ihnen zu ſchaffen hat, es mit einem Ge⸗ ſchäftsmanne zu thun hat, der ſich nicht blenden, nicht hinter's Licht führen läßt. Stellen Sie ſich aber ein Mal in meine Lage, ſchleppen Sie ein ſo unruhiges Leben fort, verſinken Sie mit jedem Tage tiefer in Schwierigkeiten jeder Art, geben Sie immer der Hoff⸗ nung Raum, und ſehen Sie dieſelbe immer wieder ge⸗ täuſcht, kommen Sie zu dem Bewußtſein, daß es bei Ihnen immer ſchlimmer wird, während ſich in ſonſt Nichts eine Veränderung zum Beſſeren gewahren läßt, ſo wird Ihnen zuweilen Ihre Lage als eine ziemlich düſtere erſcheinen, wie das wirklich bei mir der Fall iſt.“ „Sie wiſſen,“ ſpricht Mr. Vholes, daß ich nie Hoffnungen rege mache, mein Herr. Ich habe Ihnen gleich Anfangs geſagt, daß ich nie Hoffnungen rege mache. Ich thue das um ſo weniger in einem Falle, wie dieſer iſt:— in einem Falle, wo der größere Theil der Koſten aus dem Vermögen beſtritten wird, würde ich nicht auf die Erhaltung meines guten Namens bedacht ſein, wenn ich Hoffnungen rege machte. Es möchte vielleicht ſcheinen, als ob die Koſten mein Endzweck wären. Und doch muß ich, wenn Sie ſagen, es laſſe ſich keine Verän⸗ derung zum Beſſern gewahren, dieß als durchaus un⸗ wahr in Abrede ſtellen.“ „Ja?“ verſetzt Richard, deſſen Geſicht ſich hier immer mehr aufheitert.„Aber können Sie das auch beweiſen?“ „Mr. Carſtone, Sie ſind vertreten durch—“ „Sie ſelbſt ſagten ſo eben— durch einen Felſen.“ 311 „Ja, mein Herr,“ ſpricht Mr. Vholes, den Kopf ſanft ſchüttelnd, und auf das hohle Pult hineinſchlagend, das einen Ton von ſich gibt, wie wenn Aſche auf Aſche, und Staub auf Staub fiele,„durch einen Felſen. Und das iſt Etwas. Sie ſind jetzt beſonders vertreten, und ſind nicht länger in den Intereſſen Anderer verborgen und verloren. Und das iſt Etwas. Der Prozeß ſchläft nicht, wir wecken ihn auf, wir bringen ihn in die freie Luft, wir promeniren ihn. Und das iſt Etwas. Er iſt jetzt nicht ausſchließlich ein Jarndyce'ſcher Prozeß, weder factiſch, noch dem Namen nach. Und das iſt Etwas. Es geht nun nicht mehr ganz nach dem Willen einer einzigen Perſon, mein Herr. Und das iſt ſicher⸗ lich Etwas.“ Richard ſchlägt hier mit geballter Fauſt auf das Pult hinein und es hat ſein Geſicht eine plötzliche Röthe überflogen. „Mr. Vholes! Hätte mir Jemand, als ich zum erſten Male John Jarndyce's Haus betrat, geſagt, es ſei dieſer etwas Anderes, als der unintereſſirte Freund, der er zu ſein ſchien,— es ſei derſelbe das, als was er ſich allmälig erwieſen,— ſo hätte ich keine Worte zu finden vermocht, die ſtark genug geweſen wären, um die Verleumdung zurückzuweiſen,— ſo hätte ich ihn nicht zu eifrig vertheidigen können. So wenig kannte ich da⸗ mals die Welt! Nun aber erkläre ich Ihnen, daß er für mich die Verkörperung des Proceſſes wird; daß der⸗ ſelbe anſtatt eine Abſtraction zu ſein, John Jarndyce iſt; daß, je mehr ich zu leiden habe, ich um ſo mehr über ihn empört bin; daß jede neue Verzögerung, daß jede neue Täuſchung meiner Erwartungen nur eine neue Un⸗ bill von Seiten John Jarndyce's iſt.“ „Nein, nein,“ ſagt Vholes.„Sprechen Sie nicht ſo! Wir Alle müſſen eben Geduld haben: es iſt das un⸗ ſere Pflicht, und zudem ſetze ich nie Jemand herunter, mein Herr, nein, nie ſetze ich Jemand herunter.“ 312 „Mr. Vholes,“ verſetzt der erboste Client.„Sie wiſſen ſo gut, wie ich, daß er den Prozeß erſtickt haben würde, wenn er gekonnt hätte.“ „Er war in demſelben nicht thätig,“ gibt Mr. Vholes mit einem Anſchein von Widerſtreben zu.„Er war in demſelben gewiß nicht thätig. Aber doch,— aber doch konnten ſeine Abſichten dabei keine unedlen ſein. Wer vermag im Herzen der Menſchen zu leſen, Mr. Carſtone!“ „Sie können es,“ verſetzt Richard. „Ich, Mr. Carſtone?“ „Gut genug, um zu wiſſen, was ſeine Abſichten waren. Stehen unſere Intereſſen einander feindlich ge⸗ genüber, oder ſtehen ſie einander nicht ſo gegenüber? Sagen— Sie— mir— das!“ ſpricht Richard, indem er ſeine letzten vier Worte mit vier Schlägen auf ſeinen Vertrauensfelſen begleitet.“ „Mr. Carſtone,“ antwortet Vholes, ohne ſich zu rühren, und ohne mit ſeinen hungrigen Augen anch nur zu blinken,„ich würde meine Pflicht als Ihr Rechts⸗ freund ſchmählich hintanſetzen,— ich würde Ihren In⸗ tereſſen untreu werden, wenn ich dieſe Intereſſen als mit den Intereſſen Mr. Jarndyce's identiſch hinſtellen wollte. Es iſt das nicht der Fall, nicht der Fall, mein Herr. Ich unterſchiebe den Menſchen nie geheime Be⸗ wegründe; ich habe einen Vater und bin ſelbſt Vater, und unterſchiebe nie Jemand Beweggründe. Aber ich darf einer Berufspflicht nicht aus dem Wege gehen, und ſollte die⸗ ſelbe auch in Familien Zwietracht ſäen. Sie ziehen mich jetzt in meiner Eigenſchaft als Rechtsfreund über Ihre Intereſſen zu Rath, nicht wahr? Ja? So antworte ich denn, es ſind dieſelben mit denen von Mr. Jarn⸗ dyce nicht identiſch!“ „Natürlich ſind ſie das nicht!“ ruft Richard.„Sie haben das ſchon längſt herausgefunden.“ „Mr. Carſtone,“ verſetzt Vholes,„ich mag über — 31³ eine dritte Partie nicht mehr ſagen, als nothwendig iſt. Ich wünſche meinen guten Namenmit dem Bischen Vermögen, das ich mir vielleicht durch Fleiß und Ausdauer erwerbe, meinen Töchtern Emma, Jane, und Caroline unbefleckt zu hinterlaſſen. Ich wünſche gleichfalls mit meinen Kol⸗ legen in Frieden und Eintracht zu leben. Als Mr. Skimpole mir die Ehre erwies, mein Herr— ich will nicht ſagen, die ſehr hohe Ehre, denn ich laſſe mich nie zu Schmeicheleien herab,— uns in dieſem Zimmer zu⸗ ſammenzuführen, da ſagte ich Ihnen, daß ich Ihnen mit keinem guten Rathe an die Hand gehen, daß ich über⸗ haupt nichts ſagen könnte, ſo lange Ihre Intereſſen einem andern Gliede meines Standes anvertraut wären. Und ich ſprach ſo, wie ich ſprechen mußte von Kenge und Carboy's Büreau, das im beſten Rufe ſteht. Sie, mein Herr, erachteten es gleichwohl als paſſend, Ihre Inter⸗ eſſen von nun an nicht mehr durch dieſe meine Kollegen, ſondern durch mich wahren zu laſſen. Ihre Hände wa⸗ ren, als Sie mich mit der Wahrung Ihrer Intereſſen betraueten, rein, mein Herr, und mit reinen Händen nahm ich die Sache in die Hand. „Dieſe Intereſſen gehen nun in dieſem Bureau allem Andern voran. Zwar functioniren, wie Sie mich viel⸗ leicht ſchon haben ſagen hören, meine Verdauungsorgane nicht eben am Beſten, und vielleicht könnte einige Ruhe das Uebel heben; aber, mein Herr, ich werde nicht raſten, dehornben⸗ ſo lange ich der Vertreter Ihrer Iuntereſ⸗ en bin. „So oft Sie mich ſprechen wollen, werden Sie mich bier finden. Beſtellen Sie mich, wohin Sie immer wol⸗ len, und ich werde kommen. Während der langen Ferien werde ich meine ganze freie Zeit einem immer genaueren Studium Ihrer Intereſſen widmen; auch werde ich die nöthigen Anſtalten treffen, um Himmel und Erde(worin natürlich der Kanzler eingeſchloſſen iſt) in Bewegung zu ſetzen, ſobald die Michaelis⸗Sitzungen wieder anfangen; 314 und wenn ich Ihnen am Ende Glück wünſche, mein Herr,“ fährt Mr. Vholes mit der Strenge eines feſt entſchloſſenen Mannes fort,„wenn ich Ihnen am Ende von ganzem Herzen Glück wünſche zu dem Reichthum, der Ihnen zugefallen— ich könnte ein Mehreres hierüber ſagen, wenn ich Hoffnungen rege machen wollte— ſo werden Sie mir außer den wenigen etwa dann noch un⸗ bezahlten Koſten, wie ſie zwiſchen einem Rechtsfreunde und Clienten vorkommen,— jenen wenigen Koſten, die nicht in den taxirten Koſten mitbegriffen ſind, die aus dem Vermögen bezahlt werden,— Nichts ſchuldig ſein. Ich verlange von Ihnen ſonſt Nichts, Mr. Carſtone, als daß Sie meine eifrige und thätige Pflichterfüllung anerkennen, — da dieſelbe keine matte, keine alltägliche iſt, mein Herr: ſo viel glaube ich von Ihnen fordern zu können. Hat meine Pflicht einmal ein glückliches Ende erreicht, ſo iſt auch Alles zwiſchen uns aus.“ Als Anhängſel zu dieſer Principienerklärung ſetzt Mr. Vholes ſchließlich hinzu, daß, da Mr. Carſtone im Begriffe ſei, wieder zu ſeinem Regimente zu ſtoßen, Mr. Carſtone vielleicht ſo gefällig ſei, ihm als Acontozahlung eine auf zwanzig Pfund lautende Anweiſung auf ſeinen Agenten zu geben. „Denn ſehen Sie, es haben neuerdings viele kleine Conſultationen und ſonſtige Mübewaltungen ſtattgefun⸗ den, mein Herr,“ bemerkt Vholes, indem er in ſeinem Tagebuche blättert,„und es ſummirt ſich das bald, und ich gebe mich nicht für einen Capitaliſten aus. Als wir unſere dermaligen Beziehungen anknüpften, ſagte ich Ihnen offen— es gilt bei mir als Princip, daß zwiſchen Rechtsfreund und Client nie zu große Offenheit ſtatt⸗ finden kann,— daß ich kein Capitaliſt wäre, und daß, wenn Sie bei Ihrem Rechtsfreunde auf große Capitalien ſähen, Sie beſſer daran thäten, ihre Papiere auf Kenge s Bureau zu laſſen. Nein, Mr. Carſtone, Sie werden hier keine der Vortheile oder Nachtheile großen Capitals fin⸗ — 315 den, mein Herr. Das iſt,“ hier führt Mr. Vholes wie⸗ der einen hohlen Schlag auf das Pult,„das iſt Ihr Felſen; etwas Weiteres will es nicht ſein.“ Der Client, deſſen Niedergeſchlagenheit allmälig ge⸗ ſchwunden, und deſſen vage Hoffnungen wieder rege ge⸗ macht worden, nimmt Dinte und Feder, und ſchreibt die verlangte Anweiſung, jedoch nicht ohne lange und ver⸗ legen über das Datum, das er derſelben zu geben hat, nachzuſinnen und nicht ohne daſſelbe zu berechnen,— ein Umſtand, der zu dem Schluſſe berechtigt, daß bei dem Agenten die vorhandenen Baarmittel nicht eben ſehr be⸗ trächtlich ſein mögen. Während dieſer ganzen Zeit ſchaut Vholes, körper⸗ lich und geiſtig zugeknöpft, ihn aufmerkſam an. Während dieſer ganzen Zeit lauert Vholes' Bureaukatze an dem Mausloche. Endlich ſchüttelt der Client dem Rechtsfreunde die Hand und beſchwört denſelben bei Himmel und Erde, doch ſein Aeußerſtes zu thun, um ihn„herauszureißen,“ und dem vor dem Kanzleigerichtshofe ſchwebenden Pro⸗ zeſſe ein baldiges Ende zu machen. Mr. Vholes, der nie Hoffnungen rege macht, legt die flache Hand auf die Schulter des Clienten und ant⸗ wortet mit einem Lächeln: 3 „Immer, immer hier, mein Herr. Perſönlich oder brieflich werden Sie mich ſtets hier finden, mein Herr, werden Sie mich mit der Schulter am Rade finden.“ So ſcheiden ſie von einander; und Vholes beſchäf⸗ tigt ſich, nachdem er allein geblieben, damit, daß er ver⸗ ſchiedene kleine Artikel aus ſeinem Tagebuche in ſein Trattenbuch überträgt, zum endlichen Beſten und From⸗ men ſeiner drei Töchter. So könnte ein induſtriöſer Fuchs oder Bär im Hinblick auf ſeine Jungen die Zahl der Hühner oder verirrten Reiſenden feſtſtellen; indeſſen ſind wir nicht gemeint, mit dem von uns hier gebrauchten Worte„Jungen“ die drei unerquicklich ausſehenden, 316 ſchmächtigen und zugeknöpften Jungfrauen herabzuſetzen, die mit Vater Vholes in einem erdfarbigen Landhäus⸗ chen wohnen, welches in einem feuchten Garten zu Kennig⸗ ton liegt. Richard taucht aus dem ſchweren Schatten von Symond's Inn in den Sonnenſchein von Chancery Lane heraus— denn zufällig iſt dort heute Sonnenſchein,— ſpaziert gedankenvoll weiter, wendet ſich nach Lincoln's Inn hin, und kommt unter den Schatten der Bäume von Lincoln's Inn. Oft ſind auf viele ſolcher Lungerer die gefleckten Schatten dieſer Bäume gefallen. Schon oft ſind dieſelben gefallen auf den gleichen gebückten Kopf, den zerkaueten Fingernagel, das finſtere Auge, den zögern⸗ den Schritt, die zweckloſe und träumeriſche Miene, die ſich verzehrenden und verzehrten Kräfte, das umgeſtan⸗ dene Leben. Dieſer Lungerer iſt noch nicht zerlumpt, aber es kann dieß noch kommen. Der Kanzleigerichts⸗ hof, für den nur im Präcedens Weisheit iſt, iſt ſogar reich an ſolchen Präcedentien, und warum ſollte es Einem beſſer gehen, als zehntauſend Andern? Und doch iſt erſt ſo kurze Zeit verfloſſen, ſeitdem ſeine Entwerthung begonnen, daß Richard ſelbſt, während er fortſchlendert, und den Ort, obgleich er ihn haßt, auf einige lange Monate nun ungern verläßt, ſeine Lage als eine recht auffallende und beunruhigende erſcheinen kann. Während ſein Herz ganz ſchwer iſt von nagender Sorge, banger Erwartung, Mißtrauen und Zweifeln, kann darin Raum ſein für eine kummervolle Verwunderung, wenn er ſich erinnert, wie verſchieden ſein erſter Beſuch hier, wie verſchieden er, wie ganz anders alle Farben ſeines Geiſtes damals geweſen. Aber Ungerechtigkeit erzeugt wieder Ungerechtigkeit; kämpft man mit Schatten und wird man von denſelben beſiegt, ſo muß man ſich eben Realitäten ſchaffen, um ſelbe zu bekämpfen; für den un⸗ greifbaren Prozeß, den kein lebender Menſch zu verſtehen vermag, indem die Zeit ſchon längſt vorüber iſt, wo man ——,————- HS—Oe SoceeAn 8O— 317 ihn noch bätte verſtehen können, muß nun— und er hat ſich dadurch traurig erleichtert gefühlt— die greif⸗ bare Figur des Freunds herhalten, der ihn vor dieſem Ruin gerne bewahrt hätte, und muß er ihn zu ſeinem Feinde machen. Richard hat Vholes die Wahrheit geſagt. Iſt ſeine Stimmung eine weiche oder iſt ſie eine verhärtete, immer erblickt er in Jarndyce den Mann, der Schuld an allen Unbilden iſt, ſo er bis daher erfahren. Er— Richard — iſt abſichtlich von Jarndyce geſchädigt und in ſeinen Planen durchkreuzt worden, und dieſe Abſicht konnte ihren Urſprung bloß in dem Gegenſtande haben, der eine (Richards) Exiſtenz in ſich auflöst; und zudem iſt es in ſeinen Augen für ihn eine Rechtfertigung, daß er einen leibhaftigen Gegner und Unterdrücker hat. Iſt Richard in All' dieſem ein Ungeheuer,— oder würde der Kanzleigerichtshof auch an ſolchen Präce⸗ dentien reich erfunden werden, wenn man dieſelben von Protocoll führenden Engeln herausbekommen und dieſelben ſo einzeln anführen könnte? Zwei Augenpaare, denen ſolche Leute nichts Unge⸗ wohntes ſind, ſchauen ihm nach, wie er an den Nägeln kauend und über Etwas brütend über den Sqguare hin⸗ ſchreitet, und von den Schatten des ſüdlichen Thorweges verſchlungen wird. Es ſind Mr. Guppy und Mr. Weevle die Beſitzer dieſer Augen, und es haben ſich dieſelben an Geſpräche gegen die niedrige ſteinerne Bruſtmauer unter den Bäumen gelehnt. Er iſt dicht an ihnen vorüber⸗ gegangen, hat aber Nichts als den Boden geſehen. „William,“ ſpricht Mr. Weevle, ſeinen Backenbart zurecht machend:„da geht eine Verbrennung vor ſich! Es iſt kein Fall ſpontaner Verbrennung, ſondern eine ſchmehlende Verbrennung.“ „Ah!“ ſpricht Mr. Guppy,„er wollte nicht aus Jarndyce und Jarndyce herausbleiben, und ſteckt nun wohl bis über die Ohren in Schulden. Ich habe ihn 318 nie viel gekannt. Er war ſo hoch, wie das Monument, als er auf unſerem Bureau auf Probe war. Ich kann von Glück ſagen, daß wir ihn losgeworden, ſei es nun als Gehilfen oder als Clienten!— Wohlan, Tony, das thun ſie, wie ich Dir geſagt.“ Mr. Guppy faltet hier wieder die Arme und lehnt ſich wieder gegen die Bruſtmauer, wie wenn er ein in⸗ tereſſantes Geſpräch wieder aufnähme. „Sie thun es immer noch, Sir,“ ſpricht Mr. Guppy, „bemächtigen ſich immer noch der Baarſchaft, unterſuchen immer noch Papiere, durchſuchen immer noch Haufen und Haufen von Unrath. Wenn ſie ſo fortmachen, ſo werden ſie wohl noch ſieben Jahre dazu brauchen.“ „Und Small hilft dabei?“ „Small hat uns verlaſſen, nachdem er eine Woche zuvor aufgeſagt. Er hat Kenge geſagt, dem alten Herrn, ſeinem Großvater, ſei die Arbeit denn doch zu ſchwer, und er, Small, könne ſich verbeſſern, wenn er ſich derſelben unterziehe. Es war zwiſchen mir und Small eine gewiſſe Kälte eingetreten, weil er ſo reinen Mund gehalten. Aber er ſagte, wir hätten, Du und ich, angefangen, ſo zurück⸗ haltend zu ſein; und da er in dieſem Stücke vollkommen Recht hatte— denn wir gingen ihm mit dem Beiſpiele voran,— ſo ſtellte ſich unſere Bekanntſchaft wieder auf den alten Fuß. Und ſo habe ich in Erfahrung gebracht, was ſie thun.“ „Haſt Du gar nicht hineingeſchaut?“ „Tony,“ ſpricht Mr. Guppy etwas verlegen, ſoll ich Dir Alles ſagen, ſo muß ich geſtehen, daß es mir in dem Hauſe nicht recht behagt, es ſei denn in Deiner Geſellſchaft, und deßwegen bin ich nicht hingegangen; und deßwegen ſchlug ich Dir dieſes kleine Rendezvons vor, damit wir Deine Geräthſchaften mit fortnehmen. Es iſt jetzt gerade die Zeit, die wir mit einander ausgemacht, Tony;—“ Mr. Guppy wird myſteriös und zärtlich be⸗ redt;—„es iſt nothwendig, daß ich Dir wiederholent⸗ — o———& e& 319 lich ſage und einpräge, wie Umſtände, über die ich nicht zu gebieten vermag, eine traurige Veränderung in mei⸗ nen liebſten Plänen und in jenem Bilde hervorgebracht, von dem ich Dir ſchon früher als einem Freunde geſpro⸗ chen,— in jenem Bilde, das ich ſo lange fruchtlos im Herzen getragen. Jenes Bild iſt zerſchmettert, und jenes Jol iſt geſtürzt. Mein einziger Wunſch in Beziehung auf die Dinge, die ich im Hofe mit Deiner Freundes⸗ hilfe zur Ausführung bringen wollte, geht nun dahin, daß wir um dieſelben uns nicht länger bekümmern, und ſie der Vergeſſenheit übergeben. Hältſt Du es für mög⸗ lich, hältſt Du es überhaupt für wahrſcheinlich(ich ſtelle dieſe Frage an Dich, Tony, als einen Freund), ſo weit Du jenen launiſchen und verſchlagenen alten Kerl kann⸗ teſt, der ein Opfer des— ſpontanen Elements gewor⸗ den; hältſt Du, Tony, es überhaupt für wahrſcheinlich, daß er bei reiferer Ueberlegung dieſe Briefe irgendwo hingethan, nachdem Du ihn noch am Leben geſehen, und daß dieſelben in jener Nacht nicht vernichtet worden?“ Mr. Weevle ſinnt eine Weile nach. Schüttelt den Kopf, glaubt, die Frage entſchieden verneinen zu müſſen. „Tony,“ ſprach Mr. Guppy, während ſie nach dem Hofe hingehen,„verſteh' mich wieder recht, als ein Freund. Ohne auf weitere Erklärungen mich einzulaſſen, kann ich Dir wiederholt ſagen, daß das Idol geſtürzt iſt. Ich habe jetzt nichts Anderes mehr zu thun, als Alles der Vergeſſenheit zu übergeben. Dazu habe ich mich verbind⸗ lich gemacht. Ich bin das mir ſelbſt ſchuldig, und ich bin das dem zerſchmetterten Bild ſchuldig, ſowie auch den Umſtänden, über die ich nicht zu gebieten vermag. Wür⸗ deſt Du mir auch nur durch eine Geberde, auch nur durch einen Blick ſagen, daß Du in Deiner letzten Woh⸗ nung irgendwo habeſt Papiere liegen ſehen, die den frag⸗ lichen Papieren auch nur entfernt ähnlich geſehen, ſo würde ich dieſelben auf meine eigene Verantwortlichkeit 320 hin ohne Weiteres in's Feuer werfen; ja, das würde ich thun, Sir.“ Mr. Weevle nickt mit dem Kopfe. Mr. Guppy begleitet, in ſeiner eigenen Meinung gar ſehr dadurch gehoben, daß er dieſe Bemerkungen mit einer zum Theil forenſiſchen, zum Theil romantiſchen Miene ausgeſprochen,— es kann der eben genannte Herr nun ein Mal nicht umhin, Alles in Form eines Verhörs zu führen, oder etwas in der Form eines Reſümé oder einer Rede vorzutragen,— ſeinen Freund würdevoll nach dem Hofe hin. Noch nie hat der Hof, ſeitdem er ein ſolcher gewe⸗ ſen, einen ſolchen Fortunats⸗Beutel von Klatſchereien ge⸗ habt, wie jetzt durch die Vorgänge in dem Lumpen⸗ und Flaſchenladen. Jeden Morgen um acht Uhr wird der ältere Mr. Smallweed regelmäßig an die Ecke hergebracht und von Mrs. Smallweed, Judy und Bart begleitet, hineingetragen; und regelmäßig bleiben ſie Tag für Tag Alle dort bis neun Uhr Abends, erquickt durch Zigeuner⸗ eſſen, die, was das Quantum betrifft, nicht ſehr reich ausfallen, und aus dem Hauſe des Garkochs geholt wor⸗ den; und während dieſer ganzen Zeit ſuchen, wählen, graben, ſtören ſie in den Schätzen des vielbetrauerten Todten herum. Welcher Art dieſe Schätze ſind,— das halten ſie ſo geheim, daß der Hof darüber ganz wahnſinnig wird. In ſeinem Delirium ſieht derſelbe Guineen aus Theetöpfen herausſtrömen, Kronenthaler über Punſchbowlen ſich in Maſſe herausdrängen, alte Stühle und Matratzen mit Noten von der Bank von England ausgeſtopft. Er ſchafft die mit einem ſchönkolorirten, zum Einſchlagen ein⸗ gerichteten Titelkupfer verzierte Sechspennygeſchichte von Mr. Daniel Dancer und deſſen Schweſter, ſowie auch von Mr. Elwes, von Suffolk, an, und trägt alle That⸗ ſachen von dieſen authentiſchen Berichten auf Mr. Krook über. Zwei Mal verſammelt ſich, wenn der Kärrner her⸗ r—,———— 8- 0—9—2 ℛρ☛ 5. 321 beigerufen wird, um eine Karrenladung von altem Pa⸗ vier, Aſche und zerbrochenen Flaſchen wegzuführen, der ganze Hof, und guckt in die Körbe hinein, während ſie herauskommen. Gar oft ſieht man die beiden Herren, welche mit den gierigen kleinen Federn auf das Seiden⸗ papier ſchreiben, in der Nachbarſchaft herumſtreichen, wie wenn ſie auf Raub ausgehen wollten; dieſelben weichen aber einander ſorgfältig aus, indem ihre neuerliche Aſſo⸗ ciation ſich bereits wieder aufgelöst hat. Im Gaſthauſe zu den Sol's Arms verſteht man während der harmoniſchen Abende die Vorgänge, deren Intereſſe jedes andere verſchlingt, geſchickt zu nützen. So oft der kleine Swills mit einer Anſpielung auf den fraglichen Gegenſtand kommt, wird er mit lautem Bei⸗ falle begrüßt; und derſelbe Sänger gebart ſich und reißt den Mund auf, wie ein Inſpirirter. Sogar Miß M Melvilleſon ſingt in einer wieder aufgewärmten, caledo⸗ niſchen Melodie die Worte:„die Hunde lieben kräftige Brüh'“(was immer die Natur der genannten Erfriſchung ſein mag) mit ſo vieler Schelmerei und mit einer ſo⸗ bedeutſamen Wendung des Kopfes nach der Thüre des nächſten Hauſes hin, daß man alsbald über die Bedeu⸗ tung im Klaren iſt, denn ſie will damit nichts Anderes ſagen, als daß Mr. Smallweed es liebe, Geld zu finden; und ſo wird die Sängerin allabendlich mit einem dop⸗ pelten Dacapo beehrt. Trotz All' dem entdeckt der Hof eben Nichts; und es iſt derſelbe, wie Mrs. Piper und Mrs. Perkins nun dem früheren Miethmanne mittheilen, deſſen Erſcheinen das Signal zu einem allgemeinen Zuſammenlaufe gibt, in immerwährender Aufregung, indem er eben Alles und noch mehr entdecken will. Mr. Weevle und Mr. Guppy klopfen, während je⸗ des Auge in dem Kopfe des Hofs auf ſie geheftet iſt, an die geſchloſſene Thüre des von dem betrauerten Tod⸗ Bleak Houſe. III. 21 322 ten bewohnt geweſenen Hauſes, und erfreuen ſich dabei eines hohen Grades von Popularität. Allein es dauert dieſe, da ſie gegen die Erwartung des Hofs eingelaſſen worden, gar nicht lange; ſie werden alsbald unpopulär, und man glaubt von ihnen, daß ſie nichts Gutes im Schilde führen. Im ganzen Hauſe ſind die Fenſterläden mehr oder minder geſchloſſen; und was das Parterre betrifft, ſo iſt es dort ſo dunkel, daß Lichter nothwendig ſind. In die hintere Bude durch Mr. Smallweed, den Jüngern, eingeführt, können ſie, die gerade aus dem Sonnenſchein hereinkommen, anfänglich Nichts, als Finſterniß und Schatten ſehen; allmälig aber unterſcheiden ſie den ältern Mr. Smallweed, der am Nande eines Brunnens oder Grabes von altem Papier in ſeinem Stuhle ſitzt; die tugendhafte Judy wühlt und taſtet darin herum, wie wenn ihr das Amt eines Todtengräbers zugefallen wäre. Mrs. Smallweed befindet ſich auf dem ebenen Boden in der Nähe, und iſt in einen Haufen von bedruckten oder beſchriebenen Papierſtücken eingeſchneit, welche, wie es ſcheinen möchte, die Complimente repräſentiren, die im Laufe des Tages ihr in fliegender Form zugeſandt worden, und ſchon jetzt eine ziemliche Maſſe repräſentiren. Die ganze Geſellſchaft, Small mit inbegriffen, iſt von Staub und Schmutz ganz ſchwarz, und hat ein teuf⸗ liſches Ausſehen, das durch das allgemeine Ausſehen des Zimmers keineswegs gemildert wird. Es ſieht in letzterem noch unordentlicher und wüſter aus, als früher, und es iſt daſſelbe wo möglich noch ſchmutziger; auch erhält es etwas Geſpenſterhaftes durch die vielen, noch vorhande⸗ nen Spuren ſeines früheren, nun todten Bewohners, und ſelbſt durch die von ihm auf die Wand hingekreideten Schriftzüge. In dem Augenblicke, wo die Beſuchenden eintreten, falten Mr. Smallweed und Judy zugleich die Arme und halten in ihren Nachſuchungen inne. 323 „Aha!“ krächzt der alte Herr.„Wie geht's, ihr Herren, wie geht’s? Gekommen, um Ihre Siebenſachen zu holen, Mr. Weevle? das iſt ſchön, das iſt ſchön. Haha! Wir hätten uns genöthigt geſehen, Ihnen Ihre vielen Sachen zu verkaufen, Sir, um die Miethe des Locals zu bezahlen, das ein wahres Magazin iſt, wenn Sie noch lange ausgeblieben wären. Sie fühlen ſich hier hoffentlich wieder ganz zu Hauſe? Freut mich, Sie zu ſehen,— freut mich, Sie zu ſehen!“ Mr. Weevle dankte ihm und ſchaut ſich um. Mr. Guppy’s Auge folgt Mr. Weevle's Auge. Mr. Weevle's Auge kommt zurück, ohne daß irgend welche neue Nach⸗ richt darin iſt. Mr. Guppy's Auge kommt zurück und begegnet Mr. Smallweed's Auge. Der eben genannte einnehmende alte Herr murmelt immer noch wie ein auf⸗ gezogenes Inſtrument, das abläuft:„Wie geht's, mein Herr— wie geht’s— wie—.“ Und nachdem es dann abgelaufen iſt, verſinkt er wieder in ein grinſendes Schwei⸗ gen, während Mr. Guppy zuſammenfährt, als er Mr. Tulkinghorn in der gegenüberliegenden Finſterniß, mit den Händen auf dem Rücken, daſtehen ſieht. „Der Herr iſt ſo gütig, mir als Rechtsfreund zur Seite zu ſtehen,“ ſpricht Großvater Smallweed.„Ich bin zwar kein Client für einen ſo berühmten Herrn: aber er iſt ſo gütig!“ Mr. Guppy gibt ſeinem Freunde einen kleinen Rip⸗ penſtoß, um abermals hinzuſehen, und macht eine wacke⸗ lige Verbeugung gegen Mr. Tulkinghorn, der dieſelbe durch ein leichtes Kopfnicken erwidert. Mr. Tulkinghorn ſieht zu, wie wenn er ſonſt Nichts zu ſchaffen hätte, und wie wenn ihn die neue Scene ziemlich amüſirte. „Wohl viel Vermögen hier, Sir,“ bemerkt Mr. Guppy gegen Mr. Smallweed. „Hauptſächlich Lumpen und Unrath! Lumpen und Unrath! Ich, und Bart, und meine Enkelin Judy be⸗ 324 mühen uns, das, was ſich halbwegs verkaufen läßt, zu inventariſiren. Aber bis daher haben wir noch nicht Viel gefunden, haben— noch nicht Viel— ha!—“ Mr. Smallweed iſt wieder abgelaufen; unterdeſſen iſt Mr. Weevle's Auge, in Begleitung von Mr. Guppy's Auge, wieder im Zimmer umhergeſchweift und zurück⸗ gekommen. „Wohlan, Sir!“ ſpricht Mr. Weevle.„Wir wollen Sie nicht länger ſtören, wenn Sie uns erlauben wollen, daß wir hinaufgehen.“ „Sie können überall hingehen, überall, mein lieber Herr; Sie ſind hier zu Hauſe. Denken Sie nur, Sie ſeien hier zu Hauſe!“ Während ſie die Treppe hinaufgehen, hebt Mr. Guppy die Augenbrauen fragend empor und ſchaut Tony an. Tony ſchüttelt den Kopf. Sie finden das alte Zimmer recht langweilig und trübſelig, und es liegt die Aſche von dem Feuer, das in jener denkwürdigen Nacht brannte, noch in dem entfärb⸗ ten Kaminroſte. Sie haben eine große Abneigung gegen die Berührung irgend eines Gegenſtandes, und blaſen ſorgfältig zuerſt den Staub davon weg. Auch haben ſie gar keine Luſt, ihren Beſuch zu verlängern, ſondern packen die wenigen Mobilien in aller Eile zuſammen, und es geht ihr Sprechen nie über ein Geflüſter hinaus. „Schau' hierher!“ ſpricht Tony zurückweichend.„Da kommt die entſetzliche Katze herein!“ an Guppy zieht ſich hinter einen Stuhl zurück und richt: 1„Small hat mir von der Beſtie geſagt. Sie ſprang und hüpfte und raste in jener Nacht wie ein Drache her⸗ um, und machte ſich auf den Dachgiebel hinaus und ſchwärmte dort etwa vierzehn Tage lang umher, und kam dann gar mager das Kamin heruntergepurzelt. Haſt Du je eine ſolche Beſtie geſehen? Schaut aus, wie wenn ſie alles auf die Geſchichte Bezügliche wüßte,— nicht 325 wahr? Schaut faſt aus, wie wenn der Krook wäre. Schuhu! Hinaus, du Geſpenſt!“ Lady Jane ſteht unter der Thüre, knurrt tigerartig, und verzieht das Maul von Ohr zu Ohr, und läßt ihren dicken Schwanz ſehen, und legt gar keine Abſicht an den Tag, daß ſie gehorchen wolle; da ſtolpert Mr. Tulking⸗ horn über ſie, worauf ſie nach ſeinen mattfarbigen Bei⸗ nen ſpeit, zornig flucht, und ihren gewölbten Rücken die Treppe hinaufträgt. Möglich, daß ſie wieder auf den Hausgiebeln herumſchwärmen und das Kamin zu ihrem Rückwege wählen will. „Mr. Guppy,“ ſpricht Mr. Tulkinghorn,„könnte ich vielleicht ein Wörtchen mit Ihnen ſprechen?“ Mr. Guppy iſt damit beſchäftigt, die Milchſtraßen⸗ gallerie britiſcher Schönheit von den Wänden abzunehmen und dieſe Kunſtwerke wieder in ihre alte gemeine Pappen⸗ ſchachtel zu bringen. „Sir,“ verſetzt er und wird dabei roth.„Ich möchte gegen jedes Glied unſerer Zunft, insbeſondere aber gegen ein ſo wohlbekanntes Glied derſelben, wie Sie ſind,— ja, ich kann wohl ſagen, Sir, gegen ein ſo ansgezeich⸗ netes Glied, wie Sie ſind, mit aller Artigkeit verfahren. Dennoch muß ich, Mr. Tulkinghorn, Sir, zur Bedingung machen, daß, wenn Sie ein Wort mit mir zu ſprechen haben, dieſes Wort geſprochen werde in Gegenwart mei⸗ nes Freundes.“ „So, ſo!“ ſpricht Mr. Tulkinghorn. „Ja, Sir. Meine Gründe ſind durchaus nicht perſönlicher Art; indeſſen genügen Sie mir vollkommen.“ „Ohne Zweifel, ohne Zweifel.“ Mr. Tulkinghorn läßt ſich ſo wenig aus der Faſſung bringen, und iſt ſo leidenſchaftslos, wie das Eſtrich, auf das er ganz ruhig zugegangen iſt.„Die Sache iſt nicht von ſolcher Wich⸗ tigkeit, daß ich Ihnen die Mühe zu machen brauchte, Bedingungen zu ſtellen, Mr. Guppy.“ Hier hält er inne, um zu lächeln, und dieſes ſein Lächeln iſt ſo 326 trübe und hat einen ſo matten Anſtrich, wie ſeine Bein⸗ kleider.„Man muß Ihnen Glück wünſchen, Mr. Guppy; Sie ſind fürwahr ein glücklicher, junger Mann, Sir.“ „So ziemlich, ſo ziemlich, Mr. Tulkinghorn; ich be⸗ klage mich nicht.“ „Beklagen? Hochgeſtellte Freunde, freier Zutritt in hohen Hänſern, und Zutritt zu eleganten Damen! Ei, ei, Mr. Guppy, ich ſage Ihnen, es gibt in London Leute, die ihre Ohren darum gäben, wenn ſie an Ihrer Stelle wären.“ Mr. Guppy ſieht aus, als ob er ſeine roth und immer röther werdenden Ohren darum geben wollte, wenn er jetzt einer dieſer Leute, von denen Mr. Tulking⸗ horn ſpricht, und nicht er ſelbſt wäre, und erwidert: „Sir, wenn ich meinen Berufspflichten nachkomme, und mir bei Kenge und Carboy Nichts zu Schulden kommen laſſe, ſo ſind meine Freunde und Bekannten ihnen gleichgiltig, und ebenſo gleichgiltig ſind dieſelben dann, und müſſen ſie dann ſein jedem Gliede unſerer Zunft, Mr. Tulkinghorn von den Fields ſelbſt nicht aus⸗ genommen. Ich brauche hier keine weiteren Erklärungen zu geben; und bei aller Achtung vor Ihnen, Sir, und ohne Sie damit beleidigen zu wollen— ich wiederhole es,— ohne Sie damit beleidigen zu wollen—“ „O gewiß!“ „— Muß ich Ihnen ſagen, daß ich nicht im Sinne habe, hier weitere Erklärungen zu geben.“ „Ganz recht,“ ſpricht Mr. Tulkinghorn mit ruhigem Kopfnicken.„Recht gut, ich erſehe aus dieſen Porträts, daß Sie ſich ſehr für die faſhionablen Großen intereſſi⸗ ren, mein Herr?“ Dieſe Worte ſind an den verblüfften Tony gerichtet, der gegen die zarte Beſchuldigung Nichts einzuwenden ndet. „Eine Tugend, die wenigen Engländern abgeht,“ bemerkt Mr. Tulkinghorn.. 327 Er iſt, den Rücken dem rauchigen Kaminſtücke zu gewendet, auf dem Eſtriche geſtanden und kehrt ſich nun um, die Augen mit einem Glaſe bewaffnet, und fährt fort: „Wer iſt das? Lady Dedlocke. Ha! Recht ähnlich in ſeiner Art, nur Schade, daß nicht Charakter genug darin liegt. Guten Tag, meine Herren; guten Tag!“ Als Mr. Tulkinghorn endlich wieder hinausſpaziert i*ſt, rafft Mr. Guppy, am ganzen Leibe ſchwitzend, alle ſeine Kräfte zuſammen, um die Milchſtraßengallerie, die mit Lady Dedlock endigt, vollends herabzunehmen. „Tony,“ ſpricht er haſtig zu ſeinem erſtaunten Be⸗ gleiter,„machen wir, daß wir die Sachen zuſammen⸗ bringen und ans dieſem Hauſe hinauskommen. Es wäre vergebens, Dir länger verbergen zu wollen, Tony, daß zwiſchen mir und einem der Glieder einer ſchwanenartigen Ariſtokratie, die ich jetzt in der Hand habe, ein geheim gebliebener Verkehr, eine Verbindung Statt gefunden, von der kein Menſch Etwas weiß. Es hüätte vielleicht eine Zeit gegeben, wo ich Dir Alles das enthüllt hätte. Dieſe Zeit kommt nun aber nicht mehr. Ich bin es meinem Schwure ſchuldig,— ich bin es dem zerſchmet⸗ terten Jdol ſchuldig,— ich bin es den Umſtänden ſchul⸗ dig, über die ich nicht zu gebieten vermag, daß das Ganze der Vergeſſenheit übergeben wird. Ich beſchwöre Dich, als meinen Freund, bei dem Intereſſe, das Du immer für Neuigkeiten aus der faſhionablen Welt an den Tag gelegt, ſowie bei den kleinen Geldvorſchüſſen, wo⸗ mit ich Dir vielleicht dann und wann ausgeholfen, es zu begraben, ohne ein Wort forſchender Neugierde!“ Dieſe Ermahnung gibt Mr. Guppy in einem hart an forenſiſchen Wohnſinn grenzenden Zuſtande preis, während ſein Freund in ſeinem ganzen Haarboden und ſogar in ſeinem cultivirten Backenbarte einen geblendeten Geiſt zeigt.— 328 Vierzigſtes Kapitel. National und häuslich. Engtand hat ſich einige Wochen lang in einem gräßlichen Zuſtande befunden. Lord Coodle wollte nicht mehr im Amte bleiben; Sir Thomas Doodle wollte nicht Miniſter werden, und da außer Coodle und Doodle in Großbritannien ſonſt Niemand iſt, der nennenswerth wäre, ſo hat es gar keine Regierung gegeben. Es iſt nur ein Glück, daß der feindliche Zuſammenſtoß zwiſchen dieſen beiden großen Männern, der einen Augenblick ſo ganz unpermeidlich ſchien, nicht Statt fand, weil, wenn beide Piſtolen die beabſichtigte Wirkung gehabt, und Coodle und Doodle einander umgebracht hätten, anzu⸗ nehmen iſt, daß England ſo lange anf eine Regierung hätte warten müſſen, bis der junge Coodle und der junge Doodle, die jetzt in Kinderröcken und langen Struͤmpfen umherſpringen, groß geworden wären. Dieſes entſetzliche nationale Unglück aber ward glück⸗ licher Weiſe dadurch abgeweudet, daß Lord Coodle noch zu rechter Zeit die Entdeckung machte, wie er, wenn er in der Hitze der Debatte geſagt, er verachte die ganze gemeine Laufbahn von Sir Thomas Doodle und könne dieſelbe nicht gering genug ſchätzen, damit bloß habe ſagen wollen, daß Parteizwiſtigkeiten ihn nie veranlaſſen könnten, derſelben den Tribut ſeiner wärmſten Bewunde⸗ rung vorzuenthalten; während es ſich auf der andern Seite ebenſo rechtzeitig herausſtellte, daß Sir Thomas Doodle in ſeinem Herzen Lord Coodle expreß notirt als einen Mann, der als ein Spiegel von Tugend und Ehrenhaftigkeit in der Zukunft glänzen werde. 329 Deſſenungeachtet hat ſich England einige Wochen lang in der entſetzlichen Verlegenheit befunden, daß es (wie Sir Leiceſter Dedlock ſchön bemerkte) keinen Steuer⸗ mann bekommen konnte, um im Sturme keinen Schaden zu nehmen; und das Wunderbare an der Sache iſt, daß England ſich nicht gar viel darum zu kümmern ſchien, ſondern fortfuhr, zu eſſen und zu trinken, zu freien und freien zu laſſen, wie die alte Welt in den Tagen vor der Sündfluth that. Aber Coodle kannte die Gefahr, und Doodle kannte auch die Gefahr, und alle ihre An⸗ hänger und Schmarotzer kannten die Gefahr möglichſt genau. Endlich hat ſich Sir Thomas Doodle nicht allein herbeigelaſſen, den Poſten eines Miniſters anzunehmen, ſondern er hat ſich auch dabei recht ſchön benommen, indem er ſeine ſämmtlichen Neffen, ſeine ſämmtlichen Vetter und ſeine ſämmtlichen Schwäger mit ſich in's Amt brachte. Und ſo iſt denn immer noch einige Hoffnung da, daß das alte Schiff nicht alsbald untergehen werde. Doodle hat ausfindig gemacht, daß er an das Land appelliren müſſe— hauptſächlich in der Geſtalt von 1 und Bier. In dieſem metamorphoſirten 1 iſtande iſt er an gar vielen Orten zugleich nützlich und kann er an einen bedeutenden Theil des Landes zu gleicher Zeit appelliren. Da die Britannia vollauf zu thun hat, um Doodle in der Geſtalt von Souverainsd’ors einzu⸗ ſtecken, und Doodle in der Geſtalt von Bier hinunterzu⸗ ſchlucken, und, bis ſie im Geſichte ſchwarz wird, zu ſchwören, daß ſie keines von beiden thue— offenbar zur Förderung ihres Ruhms und der Sittlichkeit— ſo kommt die Londoner Saiſon zu einem raſchen Ende, in⸗ dem ſämmtliche Coodleiten und Doodleiten ſich zerſtreuen, um der Britannia bei dieſen frommen Uebungen behilf⸗ lich zu ſein. Und ſo ſieht denn Mrs. Rouncewell, die Haushäl⸗ terin zu Chesney Wold, obgleich noch keine Befehle zu dem Ende herabgelangt ſind, voraus, daß die Familie 3³⁰0 bald kommen dürfte mit einem ziemlich großen Schweife von Vettern und andern Leuten, die bei dem großen conſtitutionellen Werke in irgend einer Weiſe hilfreiche Hand leiſten können. Und darum läßt die ſtattliche alte Dame keinen weitern Augenblick ungenützt vorübergehen, ſondern geht die Treppen auf und ab, und muſtert Gallerien, Gänge und Zimmer, um ſich zu vergewiſſern, ob Alles parat iſt; ob die Böden überall ſpiegelglatt ge⸗ rieben ſind, ob überall Teppiche liegen, ob die Vorhänge ausgeſchüttelt, ob die Betten aufgeſchüttelt und glatt ge⸗ ſtrichen, ob in der Brennhausſtube und in der Küche Alles in Ordnung iſt,— kurz und gut, ob alle Anſtal⸗ ten ſo getroffen ſind, wie es der Dedlock'ſchen Würde ziemt. An dieſem Sommerabende ſind in dem Augenblicke, wo die Sonne untergebt, alle Anſtalten getroffen, ſo daß es an Nichts fehlt. Düſter und feierlich ſieht das alte Schloß aus bei ſo vielen Zurüſtungen und ſo vielen häuslichen Bequemlichkeiten, während doch kein Bewohner da iſt, wenn man die gemalten Geſtalten an den Wän⸗ den abrechnet. So kamen und gingen dieſe, hätte ein lebender Dedlock, als Chef des Hauſes, im Vorübergehen grübeln können; ſo ſtill und ruhig, wie ich dieſe Gallerie jetzt ſehe, ſahen ſie ſie auch; ſo, wie ich, dachten auch ſie von der Lücke, die durch ihren Hintritt in dieſer Herr⸗ ſchaft entſtehen würde; ſo, wie ich, fanden auch ſie es ſchwer, zu glauben, daß dieſe Herrſchaft ohne ſie beſtehen könne; ſo wie ich aus ihrer Welt verſchwinde, indem ich jetzt die niederfallenden Thüren ſchließe, verſchwanden ſie aus der meinigen; ſo ließen ſie keine Lücke, die ſie hätte vermiſſen laſſen, und ſo ſtarben ſie. Durch einige der feurigen Fenſter, ſchön von außen und jetzt, bei Sonnenuntergang, nicht in einem mattfar⸗ bigen grauen Steine, ſondern in einem prächtigen golde⸗ nen Hauſe angebracht, ſtrömt das an andern Fenſtern ausgeſchloſſene Licht herein, reich, verſchwenderiſch, über⸗ 331 ſtrömend wie der ſommerliche Ueberfluß im Lande. Da thauen dann die gefrorenen Dedlocks auf. Es kommen ſelt⸗ ſame Bewegungen über ihre Geſichter, während die Schat⸗ ten des Laubs dort ſpielen. Ein dicker, maſſiver Richter in einer Ecke läßt ſich zu einem Blinzeln herbei. Ein ſtar⸗ render Baronet mit einem Commandoſtab bekommt ein Grüͤbchen in ſeinem Kinn. In den Buſen einer ſteiner⸗ nen Schäferin ſchleicht ein Bischen Licht und Wärme hinunter, das demſelben vor hundert Jahren gut ange⸗ ſtanden haben würde. Eine Ahnfrau von Volumnia, die wie Letztere in Schuhen mit hohen Abſätzen ſteckt, und volle zwei Jahrhunderte vorher den Schatten dieſes jungfräulichen Ereigniſſes vor ſich berwirſt, ſieht ſich plötzlich von einer Glorie umgeben und wird ſo zu einer Heiligen. Eine Ehrendame vom Hofe Karl's, des Zwei⸗ ten, ſcheint mit ihren großen runden Augen und ihren andern entſprechenden Reizen ſich in glühendem Waſſer zu baden,— in einem Waſſer, das, während es glüht, auch rieſelt. Aber das Feuer der Sonne iſt am Erſterben. Es wird jetzt dunkel auf dem Boden, und es ſteigt der Schatten langſam an den Wänden hinauf, und ſetzt den Dedlocks zu, wie das Alter und der Tod. Und jetzt fällt auf das Porträt von my Lady, über dem großen Kaminfimſe, ein zauberartiger Schatten von irgend einem alten Baume,— ein Schatten, der es blaß macht, ihm etwas Unruhiges verleiht, und ausſieht, wie wenn ein gewaltiger Arm einen Schleier oder eine Kapuze hielte, und nur auf eine günſtige Gelegenheit Lantene dieſen Schleier oder dieſe Kapnze über ſie herzu⸗ ziehen. Immer höher und dunkler ſteigt der Schatten an der Wand empor— jetzt zeigt ſich an der Decke ein düſteres Roth— jetzt geht das Feuer aus. Dieſer ganze Proſpect, der von der Terraſſe aus ſo nahe ſchien, hat ſich feierlich hinwegbewegt, und hat ſich 33² — nicht das erſte, noch das letzte von den ſchönen Din⸗ gen, die ſo nahe zu ſein ſchienen und ſich ſo verändern — in ein fernes Phantom verwandelt. Es erheben ſich leichte Nebel, und es fällt der Thau, und es ſchweben all die ſüßen Düfte des Gartens ſchwer in die Luft. Jetzt verwandeln ſich die Bäume des Parkes in gewaltige Maſſen, und ſehen aus, wie wenn jede dieſer Maſſen nur ein gewaltiger Baum wäre. Und jetzt geht der Mond auf, und ſteigt am Firmament empor, um dieſe Maſſen zu trennen, und da und dort in horizontalen Linien hinter den Baumſtämmen zu glänzen und die Avenüe zu einem Lichtpflaſter unter hohen, phantaſtiſch durchbrochenen Schwibbögen, wie man ſie in Kathedra⸗ len ſieht, zu machen. Jetzt ſteht der Mond hoch; und es ſieht das große Schloß, das mehr denn je der Bewohner bedarf, wie ein Körper ohne Leben aus, jetzt iſt es, wenn man durch daſſelbe hinſchleicht, ſogar angſterregend, an die lebendigen Leute zu denken, die in den einſamen Schlaf⸗ zimmern geſchlafen, um von den Todten gar Nichts zu ſagen. Jetzt tritt der Schatten auf den Plan,— jetzt wo jede Ecke eine Höhle und jede hinunterführende Stufe eine Grube iſt, wo das gemalte Glas in blaſſen und verwiſchten Farben auf den Fußböden reflectirt wird, wo man Alles und Jedes aus den ſchweren Treppenſtrah⸗ len machen kann, nur nicht ihre eigenen Geſtalten, wo auf den Rüſtungen matte Lichter ſpielen, die nicht leicht von verſtohlenen Bewegungen unterſchieden werden kön⸗ nen, und wo vergitterte Helme in entſetzlicher Weiſe da⸗ hinter Köpfe ahnen laſſen. Aber unter allen Schatten in Chesney Wold kommt der Schatten in dem langen Geſellſchaftssimmer auf my Ladys Porträt zuerſt, und eben derſelbe Schatten läßt ſich auch zuletzt ſtören. Zu dieſer Stunde und bei dieſem Lichte verwandelt ſich der⸗ ſelbe in dräuende, emporgehobene Hände, und bedroht das hübſche Geſicht mit jedem Lüftchen, das geht.“ 333 „Sie befindet ſich nicht wohl, Ma'am,“ ſpricht ein Diener in Mrs. Rouncewell’s Audienzzimmer. „Wie, my Lady ſollte nicht wohl ſein? Und was fehlt ihr denn?“ „Je nun, my Lady iſt recht unwohl geweſen, Ma'am, ſeitdem ſie zum letzten Male hierher gekommen; — ich meine nicht mit der Familie, Ma'am, ſondern, als ſie ſo nach Art eines Zugvogels hier war. My Lady iſt unterdeſſen gar nicht viel ausgegangen, und hat mei⸗ ſtentheils ihr Zimmer gehütet.“ „Chesney Wold, Thomas,“ verſetzt die Haushälte⸗ rin mit ſtolzem Wohlgefallen,„wird my Lady ſchon wie⸗ der herſtellen! Es gibt in der ganzen Welt keine beſſere Luft und keinen geſünderen Boden!“ Es mag Thomas in dieſem Stücke ſo ſeine perſön⸗ lichen Anſichten haben, und wahrſcheinlich gibt er dieſel⸗ ben dadurch zu erkennen, daß er ſein glattes Haupt von dem Genick bis zu den Schläfen nach glätter ſtreicht; allein er hütet ſich, dieſelben näher auszuſprechen, und zieht ſich in das Bedientenzimmer zurück, um ſich mit einer kalten Fleiſchpaſtete und mit Ale gütlich zu thun. Dieſer Diener iſt der dem edlern Hay vorangehende Pilotfiſch. An dem darauf folgenden Tage kommen Sir Leiceſter und my Lady mit ihrem größten Gefolge, und bald erſcheinen auch, von allen Punkten der Windroſe her, die Vetter und noch andere Leute. Und nun ren⸗ nen mehrere Wochen lang geheimnißvolle Menſchen, mit keinen Namen, hin und her, und es durcheilen dieſelben alle diejenigen Theile des Landes, an die jetzt Doodle appellirt in Geſtalt eines Gold⸗ und Bierregens; es ſind indeſſen dieſelben bloß unruhige Geſellen, und wer⸗ den nie irgendwo Etwas ausrichten. Bei ſolchen nationalen Gelegenheiten findet Sir Lei⸗ ceſter ſeine Vetter nützlich. Es dürfte keinen Mann ge⸗ ben, der beſſer als der ehrenwerthe Bob Stables ge⸗ eignet wäre, die Jagd bei Tiſche zu betreiben. Es 334 dürfte ſchwer halten, Herren zu finden, die ſich beſſer als die andern Vetter dazu eigneten, zu unterſchiedlichen Wahlbuden und Wahlbühnen hinüberzureiten, und ſich als Männer zu zeigen, die England zur Seite ſtehen. Volumnia gleicht zwar ein Bischen einem trübe ge⸗ wordenen Spiegel, aber ſie iſt von gutem, ächtem Ge⸗ ſchlechte; und es gibt Viele, die ihre lebhafte, geiſtreiche Unterhaltung, ihre franzöſiſchen Wortſpiele und Räthſel, die inzwiſchen ſo alt geworden, daß ſie in den Zirkeln der Zeit faſt wieder neu geworden, die Ehre, die ſchöne holde Dedlock in den Speiſeſaal zu führen, oder ſogar das Vorrecht ihrer Hand bei einem Tanze zu würdigen wiſſen. Bei ſolchen nationalen Gelegenheiten mag das Tanzen zu einem patriotiſchen Dienſte werden; und man ſieht Volumnia immer und ewig herum hüpfen zum Beſten eines undankbaren und keiner Penſion lebenden andes. My Lady läßt es ſich nicht ſehr angelegen ſein, die zahlreichen Gäſte zu unterhalten, und zeigt ſich, da ſie immer noch unwohl iſt, ſelten früher, als bis der Tag ſchon weit vorgerückt iſt. Indeſſen macht bei all' den trübſeligen Diners, den bleiernen Dejeuners, den baſilis⸗ kenartigen Bällen, und dem andern melancholiſchen Prunke ſchon ihre bloße Erſcheinung einen wohlthuenden Ein⸗ druck. Was Sir Leieeſter betrifft, ſo erſcheint es ihm als völlig unmöglich, daß Jemand in irgend einer Beziehung noch Etwas zu wünſchen haben könne, dem das Glück zu Theil geworden, unter ſeinem Dache Aufnahme zu fin⸗ den, und es bewegt ſich derſelbe in einem Zuſtande ſublimer Befriedigung als ein herrlicher Refrigerator. Tag für Tag traben die Vetter durch den Staub hin und galoppiren über den Raſen am Wege nach Wahlbühnen und Wahlbuden hin(ſie haben dabei lederne Handſchuhe und Jagdpeitſchen für die Grafſchaften, und Glacéhandſchuhe und zierliche Reitſtöckchen für die Wahl⸗ 33⁵ flecken), und Tag für Tag bringen ſie Berichte heim“ welche Sir Leiceſter nach dem Diner commentirt. Tag für Tag haben die ruheloſen Menſchen, die im Leben kein Geſchäft haben, das Ausſehen, als ſeien ſie ziem⸗ lich geſchäftig. Tag für Tag hat Couſine Volumnia eine kleine Unterredung mit Sir Leiceſter über den Zu⸗ ſtand der Nation, woraus Sir Leiceſter geneigt iſt, zu ſchließen, es ſei Volumnia ein Frauenzimmer, das mehr denke, als er ſelbſt gedacht. „Wie ſtehen wir?“: ſpricht Miß Volumnia, die Hände faltend.„Sind wir im ſicheren Hafen?“ Das gewaltige Geſchäft iſt jetzt faſt vorüber; noch ein Paar Tage und Doodle braucht nicht länger an das Land zu appelliren. Sir Leiceſter iſt nach dem Diner ſo eben in dem langen Geſellſchaftszimmer erſchienen, und es iſt dieſer glänzende Stern von Wolken von Couſins und Couſinen umgeben. „Volumnia,“ erwidert Sir Leiceſter, der eine Liſte in der Hand hält,„die Sachen ſtehen erträglich gut. „Nur erträglich gut?“ Qbgleich es Sommerwetter iſt, hat Sir Leiceſter Abends doch immer ſein beſonderes Feuer. Er nimmt ſeinen gewöhnlichen, durch einen Schirm geſchützten Sitz neben demſelben ein, und wiederholt mit vieler Feſtig⸗ keit und einem Anflug von Mißvergnügen, wie wenn er ſagen wollte, ich bin kein gewöhnlicher Menſch, und es darf, wenn ich ſage,„erträglich,“ nicht als ein gemei⸗ ner, alltäglicher Ausdruck verſtanden werden: „Volumnia, die Sachen ſtehen erträglich gut.“ „Es findet wenigſtens gegen Sie keine Oppoſition Statt,“ behauptet Volumnia vertrauensvoll. „Nein, Volumnia. Es hat dieſes verrückte Land zwar, wie ich leider ſagen muß, in mancher Hinſicht den Verſtand verloren, aber doch— 3 Iſt es noch nicht ſo toll. Es freut mich, das zu hören!“ Der Umſtand, daß Volumnia die Phraſe beendigt, ſetzt ſie wieder in Gunſt. Sir Leiceſter ſcheint mit einer guädigen Kopfverbeugung bei ſich ſelbſt zu ſagen:„Ein verſtändiges Frauenzimmer— dieß, im Ganzen genom⸗ men, wenn ſie auch bisweilen etwas vorſchnell iſt,“ Es war auch, was dieſe Oppoſitionsfrage betrifft, die Bemerkung der ſchönen Dedlock wirklich uͤberflüſſig: Sir Leiceſter ſtellt bei ſolchen Gelegenheiten ſeine Can⸗ didatur immer als eiinne Art hübſchen en gros⸗Befehls auf, der ohne Weiteres vollzogen werden muß. Zwei andere kleine Parlamentsſitze, die er zu vergeben hat, behandelt er als Detailbefehle von minderer Wichtigkeit, indem er bloß die Leute hinſchickt und den Gewerbsleu⸗ ten bedeuten läßt:„Ihr werdet ſo gut ſein, beifolgende Materialien zu zwei Parlamentsmitgliedern zu verarbei⸗ ten, und ſolche, wenn die Arbeit fertig iſt, nach Hauſe zu ſchicken.“ „Es thut mir leid, ſagen zu müſſen, Volumnia, daß an gar vielen Orten die Leute einen entſetzlich ſchlechten Geiſt gezeigt haben, und daß dieſe Oppoſition egen die Regierung etwas höchſt Entſchiedenes und Un⸗ verſöhnliches an ſich hatte.“ 3 „Die E—e ee e elenden!“ ſpricht Volumnia. „Sogar,“ fährt Sir Leiceſter, auf die auf Sophas und Ottomanen herumliegenden Couſins blickend, fort, „ſogar an vielen— in der That an den meiſten— von den Qrten, wo die Regierung gegen eine Faction geſiegt hat—“ (Notabene, die Coodleiten ſind für die Doodleiten immer eine Faction, und die Doodleiten nehmen gegen⸗ über den Coodleiten genau dieſelbe Stellung ein.) 5 4 i Engländer das ſagen muß, die Partei nicht t ohne ungeheure Unkoſten. Sir Leiceſter, die Coufins mit zunehmender W —— 337 ſteigender Entrüſtung anſchauend.„Hunderttauſende von Pfunden!“ Wenn Volumnia einen Fehler hat, ſo iſt es der, daß ſie ein Bischen zu unſchuldig iſt, in Anbetracht, daß die Unſchuld, die ſich recht gut mit einer Schärpe und einem Halskragen vertragen würde, zu der Schminke und dem Perlenhalsbande nicht recht paßt. Dem ſei nun aber, wie ihm wolle, ſie fragt, von ihrer Unſchuld dazu getrieben: 3 „Wofür?“ „Volumnia!“ remonſtrirt Sir Leiceſter, indem er dabei ſeine ganze Strenge aufbietet.„Volumnia!“ „Nein, nein, ich will nicht ſagen,— ich meine nicht, wofür,“ ruft Volumnia, indem ſie zugleich ihren kleinen Lieblingsſchrei hören läßt.„Ach, wie dumm bin ich doch! Ich will ſagen— ich meine, wie Schade!“ „Es freut mich,“ verſetzt Sir Leiceſter,„daß Sie ſagen wollen, wie Schade!“ Volumnia beeilt ſich, ſich dahin auszuſprechen, daß die abſcheulichen Leute als Verräther proceſſirt, ſowie daß ihnen geboten werden ſollte, zur Partei zu halten. „Es freut mich, Volumnia,“ wiederholt Sir Lei⸗ ceſter, dieſer beſänftigenden Anſichten uneingedenk,„daß Sie meinen, wie Schade! Es iſt eine Schmach für die Wähler. Da Sie aber nun einmal, obgleich unbedacht⸗ ſamer Weiſe und ohne eine ſo unvernünftige Frage ſtellen zu wollen, mich gefragt haben, wofür? ſo laſſen Sie mich Ihnen antworten. Für nothwendige Koſten. Und ich verſehe mich zu Ihrem geſunden Verſtande, Volumnia, daß Sie weder hier noch anderwärts weiter über den Gegenſtand ſprechen.“ Sir Leiceſter fühlt, daß ſein Ausſehen gegenüber von Volumnia ein zermalmendes ſein muß, weil man ſich allenthalben bereits zuraunt, es werden dieſe„noth⸗ wendigen Koſten“ in ein Paar hundert Wahlbittſchriften Bleak Houſe. II. 22 338 in recht unliebſamer Weiſe mit dem Worte„Beſtechung“ in Verbindung gebracht werden; und weil etliche aller Gnade baare Spaßvögel in Folge deſſen ſchon meinen, es ſolle aus der Liturgie die gewöhnliche Fürbitte für den hohen Parlamentshof ausgelaſſen werden, und es ſolle anſtatt deſſen die Gemeinde aufgefordert werden, für ſechshundert achtundfünfzig Herren zu beten, die ſich in einem recht ungeſunden Zuſtande befinden. „Vermuthlich,“ bemerkt Volumnia, nachdem ſie ſich ein wenig Zeit genommen, um ſich von der ihr ſo eben zu Theil gewordenen Züchtigung zu erholen,„vermuth⸗ lich hat ſich Mr. Tulkighorn zu Tode arbeiten müſſen.“ „Ich weiß nicht,“ ſpricht Sir Leiceſter, die Augen aufreißend,„warum Mr. Tulkinghorn ſich hätte zu Tode arbeiten müſſen. Ich weiß nicht, womit Mr. Tulkinghorn jetzt beſchäftigt ſein mag. Jedenfalls aber iſt er kein Candidat.“ Volumnia hatte gedacht, daß man ihn vielleicht ver⸗ wendet. Sir Leiceſter möchte gern wiſſen, wer und wozu man ihn verwendet. Volumnia meint, abermals verlegen, es hätte Jemand ſich ſeiner Dienſte verſichern, ihn zu Rathe ziehen, und durch ihn die nöthigen Anſtalten treffen laſſen können. Sir Leiceſter iſt nicht bekannt, daß irgend vi Glient Mr. Tulkinghorn's ſeinen Beiſtand nothwendig gehabt. Lady Dedlock, die an einem offenen Fenſter ſitzt, einen Arm auf der mit einem Polſter verſehenen Brüſtung liegen hat, und hinausſchaut, um zu ſehen, wie die abend⸗ lichen Schatten ſich auf den Park niederſenken, ſcheint auf⸗ zumerken, ſeitdem der Name des Juriſten genannt worden. Ein matt ausſehender, in einem Zuſtand äußerſter Schwäche befindlicher Coufin mit einem Schnurrbarte gibt nun von ſeinem Ruhebett aus die Bemerkung preis, er habe geſtern gehört, es ſei Tulkinghorn nach dem Eiſenorte hinuntergegangen, um ſeinen juridiſchen Rath in einer Sache zu ertheilen, und es wäre, da der Kampf —xy 1Sn 8— 99— — y 339 heute zu Ende gegangen, gar hübſch, wenn Mr. Tulking⸗ horn mit der Nachricht erſchiene, daß der Coodle'ſche Mann unterlegen. Hierauf wird Sir Leiceſter durch den Kaffee herum⸗ bietenden Merkur in Kenntniß geſetzt, daß Mr. Tulking⸗ horn wirklich angekommen, und in dieſem Augenblicke Etwas eſſe. My Lady beugt den Kopf für den Augenblick herein und ſchaut dann wieder, wie zuvor, hinaus. Volumnia iſt ganz entzückt, als ſie hört, daß ihre Luſt gekommen. Iſt doch Mr. Tulkinghorn ſo originell, ein ſo thörichtes, einfältiges Geſchöpf, ein ſo ungeheures Weſen, dem Nichts verborgen, und das doch nie Etwas ſagt! Volumnia iſt überzeugt, daß er ein Freimaurer ſein muß. Iſt gewiß, daß er Meiſter einer Loge iſt, und kurze Schürzen trägt, und daß man mit Leuchtern und Kellen ein vollkommenes Idol aus ihm macht. Dieſe geiſtreichen Bemerkungen gibt die ſchöne Ded⸗ lock in ihrer jugendlichen Manier preis, während ſie an einem Geldbeutel arbeitet. „Er iſt auch nicht einmal hier geweſen,“ ſetzt ſie hinzu,„ſeitdem ich hierher gekommen. Schon wollte mir das Herz brechen über dem unbeſtändigen Geſchöpf. Ich hatte mich ſchon ſo halb und halb darauf gefaßt gemacht, daß er geſtorben ſein müßte.“ Vielleicht iſt es das zunehmende Abenddunkel, viel⸗ leicht iſt auch das düſtere Dunkel in ihrer Seele; aber ſo viel iſt gewiß, daß auf my Lady's Geſicht ein Schat⸗ les lägert, wie wenn ſie dächte:„Ich wollte, er wäre odt.“ „Mr. Tulkinghorn,“ ſpricht Sir Leiceſter,“ iſt hier ſtets willkommen, und ſtets verſchwiegen, wo er ſich im⸗ mer befinden mag. Eine recht werthvolle und verdienter Maßen geachtete Perſon.“ Der abgeſchwächte Couſin meint hier, es müſſe der⸗ ſelbe ungeheuer reich ſein. „Er iſt, wie ich nicht zweifle, bei dem Wohl des Landes betheiligt,“ ſpricht Sir Leiceſter.„Er läßt ſich natürlich ſchön bezahlen, und ſtellt ſich mit der allerhöch⸗ ſten Geſellſchaft faſt auf den Fuß der Gleichheit.“ Hier fährt Alles zuſammen. Es iſt ganz in der Nähe ein Schuß gefallen. „Ach, du lieber Himmel, was iſt denn das?“ ruft Volumnia und läßt ihren kleinen ſchwindſüchtigen Schrei hören. „Oh, eine Ratte,“ ſpricht my Lady.„Und man hat dieſelbe erſchoſſen.“ Hier tritt Mr. Tulkinghorn ein, gefolgt von Mer⸗ kuren mit Lampen und Lichtern. „Nein, nein,“ ſpricht Sir Leiceſter,„ich glaube nicht. My Lady, haben Sie gegen das Zwielicht Etwas einzuwenden?“ Im Gegentheil, my Lady zieht daſſelbe vor. „Volumnia?“ Oh, es kennt Volumnia nichts ſo Wonniges, als im Dunkeln zu ſitzen und zu ſprechen! „Wenn das ſo iſt, ſo nehme man die Lichter wieder weg!“ ſpricht Sir Leiceſter.„Tulkinghorn, ich bitte Sie um Verzeihung. Wie geht es Ihnen?“ Mr. Tulkinghorn tritt mit gewohnter Gemächlich⸗ keit und Ungenirtheit vor, bringt my Lady im Vorüber⸗ gehen ſeine Huldigungen dar, ſchüttelt Sir Leiceſter die Hand, und läßt ſich auf der andern Seite von dem klei⸗ nen Zeitungstiſche des Baronets auf den Stuhl nieder⸗ ſinken, den er gewöhnlich einnimmt, wenn er eine Mit⸗ theilung zu machen hat. Sir Leiceſter fürchtet, es möchte my Lady, da ſie nicht recht wohl ſei, ſich an dem offenen Fenſter erkälten. My Lady dankt ihm, zieht es aber vor, dort ſitzen zu bleiben, um die friſche Luft dort einzuathmen. Sir Lei⸗ ceſter erhebt ſich, legt die Echarpe ſorgfältig um ſie her, und kehrt zu ſeinem Stuhl zurück. — 341 Unterdeſſen nimmt Mr. Tulkinghorn eine Priſe. „Nun?“ ſpricht Sir Leiceſter,„wie iſt der Kampf abgelaufen?“ „Oh, es war von Anfang an eine hohle Geſchichte. Auch nicht eine Chance. Sie haben Ihre beiden Leute durchgeſetzt. Und ſo ſind Sie vollſtändig geſchlagen. Drei gegen Einen.“ Es bildet einen Theil von Mr. Tulkinghorn's Politik und Herrſchaft, gar keine politiſchen Meinungen zu haben, — ja, gar keine Meinung zu haben. Und darum ſagt er,„Sie“ ſind geſchlagen, und nicht,„wir“ ſind geſchlagen. Sir Leiceſter iſt hier majeſtätiſch zornig. Was Vo⸗ lumnia betrifft, ſo hat ſie nie ſo Etwas gehört. Der ab⸗ geſchwächte Couſin meint, es ſei ſolches nicht zu verwun⸗ dern, da man— Pöbel— ſo viele— Stimmen— gegeben. „Es iſt, wie Sie wiſſen, der Ort,“ fährt Mr. Tul⸗ kinghorn in der raſch zunehmenden Dunkelheit fort, als wieder Schweigen herrſcht,„wo die Leute Mrs. Rounce⸗ well's Sohn als Candidaten aufſtellen wollten.“ „Ein Vorſchlag, den er, wie Sie mir zur Zeit ganz richtig berichteten, ſo viel Takt und Einſicht hatte, abzu⸗ lehnen,“ bemerkt Sir Leiceſter.„Ich könnte nun zwar nicht ſagen, daß ich die Geſinnungen und Anſichten, welche Mr. Rouncewell ausſprach, als er etwa eine halbe Stunde hier in dieſem Zimmer war, in irgend einer Weiſe bil⸗ ligte; aber es lag in dieſem ſeinem Entſchluſſe denn doch ar Anſtandsgefühl, dem ich gerne meine Anerkennung zolle.“ „Hal* ſpricht Mr. Tulkinghorn:„Es verhinderte ihn dieß aber doch nicht, bei der Wahl recht thätig zu ſein.“ Man hört deutlich, wie Sir Leiceſter keucht, bevor er ſpricht: „Habe ich Sie recht verſtanden? Haben Sie wirk⸗ 342 lich geſagt, es ſei Mr. Rouncewell bei dieſer Wahl recht thätig geweſen?“ „Er war ungemein thätig.“ „Gegen—“ „Ach, du lieber Himmel, ja, gegen Sie. Er iſt ein recht guter Redner. Schlicht und emphatiſch. Er brachte eine Wirkung hervor, die uns recht vielen Schaden that, und beſitzt großen Einfluß. Die Bearbeitung der Wähler betreffend, ſo ſchlug er alle Andern aus dem Felde.“ Für die ganze Geſellſchaft iſt es, obgleich Niemand ihn ſehen kann, offenbar, daß Sir Leiceſter in majeſtäti⸗ ſcher Weiſe ſtarrt. „Und er wurde dabei von ſeinem Sohne unter⸗ ſtützt,“ ſpricht Mr. Tulkinghorn, um zum Abſchluß zu kommen. „Von ſeinem Sohne, Sir?“ wiederholt Sir Lei⸗ ceſter mit furchterregender Höflichkeit. „Ja, von ſeinem Sohne.“ „Von dem Sohne, der das junge Frauenzimmer heirathen wollte, welche bei my Lady im Dienſt iſt?“ „Von demſelben. Er hat bloß dieſen Sohn.“ „Dann ſind,“ ſpricht Sir Leiceſter nach einer fürchter⸗ lichen Pauſe, während welcher man ihn hat ſchnauben hören, und während welcher man gefühlt hat, wie er ſtarrt,—„ja, dann ſind, bei meiner Ehre, bei meinem Leben, bei meinem Namen, und bei meinen Grundſätzen, die Schleuſen der Geſellſchaft durchbrochen,— ja, dann ha— ha— haben die Waſſer die Landmarken des Gerüſtes der Cohäſion verwiſcht, wodurch die Dinge zuſammengehalten werden!“ Hier von Seiten des Couſins und Couſinen ein all⸗ gemeiner Ausbruch der Entrüſtung. Volumnia meint, es ſei wirklich Zeit, daß Jemand, der die Macht dazu habe, einſchreite, und einen kräftigen Schlag ausführe. Was den abgeſchwächten Couſin betrifft, ſo iſt er der 4☛ 8 89— r 343 Anſicht, das Land— gehe eben— zum— Teufel— mit der Geſchwindigkeit eines Kirchthurmrennens. „Wir wollen,“ ſpricht Sir Leiceſter in athemloſem Zuſtande,„dieſen Umſtand nun nicht weiter beſprechen. Es iſt unnütz, auch nur noch ein Wort darüber zu ver⸗ lieren. My Lady, erlauben Sie mir, daß ich Ihnen in Betreff des jungen Frauenzimmers ſage— „Ich habe,“ bemerkt my Lady, in leiſem, aber ent⸗ ſchiedenem Tone, von ihrem Fenſter her,„keineswegs die Abſicht, mich von ihr zu trennen.“ „Ich wollte das nicht gerade ſagen,“ verſetzt Sir Leiceſter.„Es freut mich, Sie das ſagen zu hören. Nur möchte ich bemerken, daß Sie, da Sie ſie Ihrer Protec⸗ tion für würdig erachten, allen Ihren Einfluß aufbieten ſollten, um ſie von dieſen gefährlichen Händen fern zu halten. Sie könnten ihr zeigen, welche Gewalt ihren Pflichten und Prinzipien durch eine ſolche Verbindung angethan würde; und Sie könnten ihr ein beſſeres Loos ſichern. Sie könnten ihr auseinander ſetzen, daß ſie wahrſcheinlich in nicht allzu langer Zeit zu Chesney Wold einen Mann finden würde, durch den ſie nicht von—“ (nachdem Sir Leiceſter einen Augenblick nachgedacht, ſetzt er hinzu)„von den Altären ihrer Voreltern hinwegge⸗ ſchleppt würde.“. Dieſe Bemerkungen ſind mit jener Höflichkeit und ehrerbietigen Nachſicht geſprochen, der er nie untreu wird, ſo oft er ſeiner Frau Etwas zu ſagen hat. Letztere be⸗ wegt, als Antwort, bloß den Kopf. Es geht der Mond auf, und es iſt da, wo ſie ſitzt, ein kleiner Strom kalten blaſſen Lichtes, in dem man ihren Kopf ſieht. „Es iſt indeſſen bemerkenswerth,“ ſpricht Mr. Tul⸗ kinghorn,„daß dieſe Leute in ihrer Weiſe nicht ſtolz ſind.“ „Stolz 2ℳ Sir Leiceſter traut ſeinen Ohren nicht recht. „„Es ſollte mich gar nicht wundern, wenn ſie Alle, — ja, ſie Alle, den Liebhaber mit eingeſchloſſen— frei⸗ 344 willig auf das Mädchen verzichteten, anſtatt daß das Mädchen auf ſie verzichtet, vorausgeſetzt, daß ſie unter ſolchen Umſtänden zu Chesney Wold bleibt.“ „Ja, ja!“ ſpricht Sir Leiceſter unverzagt:„Sie müſſen das wiſſen, Mr. Tulkinghorn. Sie ſind ja unter ihnen geweſen.“ „Sir Leiceſter,“ gibt der Juriſt zurück,„ich conſta⸗ tire bloß ein Factum. Ei, ich könnte Ihnen eine Ge⸗ ſchichte erzählen, wenn Lady Dedlock es erlauben will.“ Eine Kopfbewegung von ihrer Seite läßt auf dieſe Erlaubniß nicht lange warten, und Volumnia iſt ganz entzückt. Eine Geſchichte! Oh, endlich erzählt er etwas! Es wird doch auch ein Geiſt darin vorkommen? So hofft Volumnia. „Nein. Wirkliches Fleiſch und Blut.“ Mr. Tulkinghorn hält einen Augenblick inne, und wiederholt, einige Emphaſe auf ſeine gewöhnliche Mono⸗ tonie pfropfend. „Wirkliches Fleiſch und Blut, Miß Dedlock. Sir Leiceſter, es ſind dieſe Einzelheiten mir erſt in neueſter Zeit bekannt geworden. Es ſind dieſelben ſehr kurz. Es bewahrheiten dieſelben das, was ich geſagt. Für jetzt laſſe ich die Namen weg. Lady Dedlock wird mich deß⸗ halb hoffentlich für keinen ungebildeten, unmanierlichen Menſchen halten?“ Beim Schein des faſt abgebrannten Feuers kann man ſehen, wie der Juriſt nach dem Mondlichte hinſchaut. Beim Mondlichte kann man ſehen, wie Lady Dedlock vollkommen ruhig iſt. „Ein Landsmann dieſes Mr. Rouncewell, ein Mann, der, wie man mir ſagt, ſich in ganz parallelen Umſtän⸗ den befand, hatte das Glück, eine Tochter zu beſitzen, welche die Aufmerkſamkeit einer hohen Dame auf ſich zog. Ich ſpreche von einer wirklich hohen Dame; es war die⸗ ſelbe nicht allein für ihn hochgeſtellt, ſondern an einen — 345 Gentleman von Ihrer ſocialen Stellung verheirathet, Sir Leiceſter.“ 3 Sir Leiceſter antwortet herablaſſend:„Ja, Mr. Tul⸗ kinghorn,“ und folgert dabei ſtillſchweigend, daß dieſelbe dann wirklich in den Augen eines Eiſenwerkbeſitzers un⸗ endliche Vorzüge geiſtiger und ſittlicher Art beſitzen müſſe. „Die Dame war reich und wunderſchön, und hatte das Mädchen gern und behandelte ſie recht freundlich, und hatte ſie immer um ſich. Nun aber bewahrte dieſe Dame bei all' ihrer Größe ein Geheimniß, das ſie ſeit ſchon vielen Jahren bewahrt hatte. Sie hatte, um die Sache kurz zu ſagen, in ihrer frühen Jugend einen jun⸗ gen Wüſtling heirathen ſollen— es war derſelbe Haupt⸗ mann bei der Armee—, welcher aber Jedermann in's Unglück brachte, der mit ihm zu ſchafſen hatte, und wel⸗ cher ſelbſt nie auf einen grünen Zweig kam. Sie hei⸗ rathete ihn zwar nie, gebar aber ein Kind, wovon er der Vater war.“ Beim Schein des Feuers kann man ſehen, wie er nach dem Mondlichte hinſchaut. Beim Mondlichte kann man Lady Dedlock von der Seite ſehen: es iſt dieſelbe immer noch ganz ruhig. „Als der in der Armee dienende Hauptmann todt war, glaubte ſie, ſie habe nun Nichts mehr zu fürchten; aber eine Reihe von Umſtänden, mit deren Herzählung ich Sie wohl nicht zu beläſtigen brauche, hatte die Folge, daß Alles aufgedeckt wurde. So wie man mich berich⸗ tet, fing dieſelbe mit einer Unvorſichtigkeit an, die ſie ſich ſelbſt eines Tags zu Schulden kommen ließ: ſie ließ ſich nämlich überraſchen, was abermals beweist, wie ſchwer es ſelbſt für die ſtandhafteſten Menſchen iſt(und ſie war ſehr ſtandhaft), immer auf ihrer Hut zu ſein. Es läßt ſich leicht denken, daß Erſtaunen und Noth im Hauſe nicht gering waren; ich überlaſſe es Ihnen, Sir Leiceſter, ſich den Kummer des Gatten vorzuſtellen. „Aber es iſt das nicht der Punkt, von dem ich jetzt 346 ſprechen wollte. Als Mr. Rouncewell's Landsmann von dieſer Enthüllung hörte, ſo wollte er das Mädchen nicht länger begönnern und demſelben Ehren erweiſen laſſen; eben ſo leicht hätte er es vor ſeinen Augen mit Füßen treten laſſen. So groß war ſein Stolz, daß er ſie voller Entrüſtung fortnahm, wie wenn er ſie der Schande und Schmach entziehen wollte. Er hatte gar keinen Sinn für die Ehre, die ihm und ſeiner Tochter durch die Her⸗ ablaſſung der hohen Dame erwieſen wurde, nicht den geringſten. Die Stellung des Mädchens ging ihm ſo ſehr zu Herzen, daß er die hohe Dame als das gemeinſte unter allen bürgerlichen Weibern anſah. Und nun iſt meine Geſchichte aus. Hoffentlich entſchuldigt Lady Dedlock die peinliche Natur derſelben.“ Es herrſchten verſchiedene Meinuugen über die Moral dieſer Geſchichte,— Anſichten, welche mit denen Volum⸗ nia's mehr oder minder im Conflicte ſtehen. Das eben genannte ſchöne junge Geſchöpf kann nicht glauben, es habe je eine ſolche hohe Dame gegeben, und verwirft die ganze Geſchichte von vorn herein als unwahr. Die Mehrheit neigt ſich der Anſicht des abgeſchwächten Cou⸗ ſins zu, die ſich kurz in die Worte zuſammenfaßt:„Ging ihn Nichts an— Rouncewell’s holliſchen Landsmann.“ Sir Leiceſter denkt dabei wieder unwillkürlich an Wat Tyler, und malt ſich das Weitere— eine lange Reihe von Ereigniſſen— in entſprechender Weiſe aus. Es wird von Niemand viel geſprochen, denn man iſt auf Schloß Chesney Wold lange anfgeblieben, ſeit⸗ dem anderswo die nothwendigen Ausgaben begannen, und es iſt dieß ſchon lange der erſte Abend, an dem die Familie allein geweſen. Es iſt ſchon zehn Uhr vorüber, als Sir Leiceſter Mr. Tulkinghorn bittet, zu klingeln, damit man Lichter hereinbringe. Dann iſt der Strom des Mondlichts zu einem See angewachſen, und dann ſetzt ſich Lady Dedlock zum erſteu Male in Bewegung, indem ſie aufſteht, und an einen ————— „—— u————õ— 347 Tiſch herantritt, um ein Glas Waſſer zu trinken. Cou⸗ ſins und Couſinen, die in dem Lichtmeere fledermausartig blinzen, drängen ſich um ſie her, um ihr ein ſolches zu reichen; Volumnia(die ſtets etwas Beſſerem den Vor⸗ zug gibt, wenn daſſelbe zu haben iſt) nimmt ein anderes, begnügt ſich aber, an demſelben bloß ein Bischen zu nippen. Lady Dedlock aber entfernt ſich graziös, voller Selbſt⸗ beherrſchung, von bewundernden Augen gefolgt, langſam den eine lange Perſpective darbietenden Salon entlang neben der obengenannten Nymphe, und es gewinnt Letz⸗ tere durch dieſen Contraſt keineswegs. Einundvierzigſtes Kapitel. Auf Mr. Tulkinghorn's Zimmer. Mr. Tulkinghorn kommt auf ſeinem Zimmer im Thürmchen an, ein Bischen außer Athem in Folge des Steigens, obgleich dieſes ganz gemächlich vor ſich gegan⸗ gen iſt. Es liegt auf ſeinem Geſichte ein eigenthümlicher Ausdruck,— ein Ausdruck, wie wenn er ſein Herz einer drückenden Laſt entledigt hätte, und wie wenn er in ſeiner ſtillen verſchloſſenen Weiſe zufrieden wäre. Von einem Manne, der ſich ſo ſtreng beherrſcht und ſich nie vergißt, ſagen zu wollen, er frohlocke, hieße ihm ebenſo ſchweres Unrecht thun, als wenn man vermuthen wollte, es mache ihm die Liebe, allzugroße Empfindſamkeit, oder irgend eine romantiſche Schwäche zu ſchaffen. Seine Zufrieden⸗ heit iſt eine durchaus ruhige. Vielleicht wohnt ihm ein 348 etwas ſtärkeres Gefühl der Kraft bei, während er eines ſeiner aderigen Fauſtgelenke mit der andern Hand loſe erfaßt, und, daſſelbe auf dem Rücken haltend, geräuſchlos auf und ab ſpaziert. Es befindet ſich in dem Zimmer ein großer Schreib⸗ tiſch, auf dem eine ziemlich große Maſſe von Papieren liegt. Die grüne Lampe iſt angezündet, die Brille, deren er ſich beim Leſen bedient, liegt auf dem Pulte, der Lehn⸗ ſeſſel iſt zu demſelben hingerollt, und es möchte ſcheinen, als ob er die Abſicht gehabt, etwa eine Stunde dieſen ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehmenden Dingen zu widmen, bevor er zu Bette ginge. Allein er befindet ſich zufällig jetzt nicht in einer ge⸗ ſchäftlichen Stimmung. Nachdem er auf die ſeiner Be⸗ achtung harrenden Documente einen flüchtigen Blick ge⸗ worfen— wobei er den Kopf tief über den Tiſch beugt, da der alte Mann Nachts Gedrucktes oder Geſchriebenes nicht mehr gut leſen kann— öffnet er das franzöſiſche Fenſter und tritt auf das Bleidach hinaus. Dort geht er wieder in derſelben Haltung langſam auf und ab, und— wenn bei einem ſo kühlen Mann überhaupt von ſo Etwas die Rede ſein kann— erholt ſich von der kleinen Aufregung, welche eine Folge der Erzählung geweſen iſt, die er im Salon preisgegeben. Es gab einſt eine Zeit, wo Männer, ſo ſcharfſichtig wie Mr. Tulkinghorn, beim Licht der Sterne auf Thür⸗ men umhergingen, und zum Himmel aufſchauten, um dort ihre Schickſale zu leſen. Heute Abend ſind zahlloſe Sternenheere ſichtbar, obgleich ihr Glanz durch den des Mondes verdunkelt wird. Sucht er in dieſem Augen⸗ blicke, während er auf dem Bleidache methodiſch ſich da⸗ und dorthin wendet, ſeinen Stern auf, ſo müßte dieſer jedenfalls nur ein blaſſer ſein, da ſein Repräſentant auf dieſer Erde in ſeinem Aeußern ſo unſcheinlich und matt⸗ farbig iſt. Sucht er ſein Schickſal zu erfahren, ſo iſt — D— 8=S — äSͤ SSo -92 ,A 349 dieß vielleicht in andern Zügen geſchrieben, die er nicht in ſolcher Ferne zu ſuchen braucht. Während er auf dem Bleidache auf und ab ſchreitet und ſeine Augen höchſt wahrſcheinlich ſo hoch über ſeinen Gedanken ſtehen, als dieſe über die Erde erhaben ſind, hält er plötzlich an in dem Augenblicke, wo er an dem Fenſter vorüber geht. Zwei Augen ſind den ſeinigen begegnet. Die Decke ſei⸗ nes Zimmers iſt etwas niedrig, und der obere Theil der dem Fenſter gegenüberliegenden Thüre von Glas. Auch iſtt eine immer mit Boy gefütterte Thüre vorhanden; da aber die Nacht warm iſt, ſo hat er ſie beim Heraufkom⸗ men nicht verſchloſſen. Dieſe Augen, die den ſeinigen begegnen, ſchauen durch das Glas von dem außen liegenden Corridor her⸗ ein. Er kennt dieſelben wohl. Schon ſeit vielen, lan⸗ gen Jahren iſt das Blut ihm nicht mehr ſo geſchwind und ſo roth in's Geſicht geſtrömt, als in dem Augen⸗ blicke, wo er Lady Dedlock erkannt. Er tritt in das Zimmer herein, und auch ſie kommt herein und macht dabei beide Thüren hinter ſich zu. In ihren Augen liegt heftige Unruhe ausgeſprochen— iſt es Furcht oder Zorn?— in ihrer Haltung und in ſonſt allem Andern ſieht ſie aus wie vor zwei Stunden, als ſie die Treppe hinunter ſchaute. 4 Iſt es jetzt Furcht oder iſt es Zorn? Er vermag es nicht mit Gewißheit zu ſagen. Beide könnten ebenſo blaß, eben ſo intenſiv ſein. „Lady Dedlock?“ Sie ſpricht anfänglich nicht, ja, ſie ſpricht nicht einmal, nachdem ſie ſich langſam hat in den Lehnſeſſel niederſinken laſſen, der neben dem Tiſche ſteht. Sie ſchauen einander wie zwei Bildſäulen an. „Warum haben Sie meine Geſchichte ſo vielen Per⸗ ſonen erzählt?“ 3⁵⁰ „Lady Dedlock, ich mußte Sie wiſſen laſſen, daß ich dieſelbe kenne.“ „Wie lange iſt es, daß Sie ſie kennen?“ „Ich habe ſchon lange ſie gemuthmaßt,— kenne ſie aber erſt ſeit Kurzem vollſtändig.“ „Seit Monaten?“ „Nein, ſeit Tagen.“ Er ſteht, eine Hand auf eine Stuhllehne geſtützt, die andere in ſeiner altmodiſchen Weſte und ſeinem ge⸗ fältelten Buſenſtreif begraben, gerade ſo vor ihr da, wie er ſeit ihrer Heirath immer vor ihr geſtanden iſt. Es iſt die gleiche ceremoniöſe Höflichkeit, die gleiche Ruhe und ehrerbietige Rückſicht, die ebenſo gut auch eine Her⸗ ausfordernng ſein könnte; es iſt der ganze Mann, daſ⸗ ſelbe geheimnißvolle, kalte Ding, in der gleichen Ent⸗ fernung, die durch Nichts vermindert worden iſt. „Iſt das, was Sie von dem armen Mädchen erzählt, wirkiich wahr?“ Er neigt den Kopf ein Bischen und ſtreckt denſel⸗ ben ein wenig vor, wie wenn er die Frage nicht ganz verſtünde. „Sie wiſſen, was Sie erzählt haben. Iſt es wahr? Kennen die Freunde des Mädchens meine Geſchichte auch? Iſt die Sache ſchon zum Stadtgeſpräch gewor⸗ den? Kreidet man ſie ſchon auf die Wände und ruft man ſie ſchon auf offener Straße aus 2„ So! Zorn, und Furcht, und Scham. Alle drei kämpfen mit einander. Welche Kraft doch dieſes Weih hat, um dieſe wüthenden Leidenſchaften niederzuhalten! Solche Geſtalt nehmen Mr. Tulkinghorn's Gedanken an, während er ſie anſchaut, mit ſeinen unebenen, grauen, ein Haarbreit mehr denn gewöhnlich zuſammengezogenen Augenbrauen, und ihre Augen auf ihn geheftet ſind. „Nein, Lady Dedlock. Es war ein hypothetiſcher Fall, eutſpringend daraus, daß Sir Leieſter, ohne ſich von der Sache Rechenſchaft zu geben, ſo drein fährt und „ v n,—. 3⁵1 ſo ſtolz thut. Aber es würde ein realer Fall ſein, wenn die Leute wüßten, was wir wiſſen.“ „Sie wiſſen es alſo nicht?“ „Nein.“ „Kann ich das arme Mädchen vor Schaden bewah⸗ ren, bevor ſie es wiſſen?“ „In dieſem Stücke kann ich Ihnen wahrlich nicht dienen, Lady Dedlock,“ erwiderte Mr. Tulkinghorn. Und er denkt mit dem Intereſſe aufmerkſamer Neu⸗ gierde, während er den Kampf in ihrer Bruſt verfolgt: „Die Energie und die Seelenſtärke dieſes Weibes ſind wahrhaft erſtaunlich!“ „Sir,“ ſpricht ſie und ſieht ſich für den Augenblick gezwungen, mit aller Energie, die ihr zu Gebot ſteht, ihre Lippen ſo zu ſtellen, daß ſie deutlich ſprechen kann, „ich will mich deutlicher ausdrücken. Ich beſtreite Ihren hypothetiſchen Fall nicht. Er ſtand vor meiner Seele, und ich fühlte deſſen Wahrheit ſo ſtark, als Sie dieſelbe fühlen können, als ich Mr. Rouncewell hier ſah. Ich waßte recht wohl, daß er, wenn er mich hätte ſehen können, wie ich war, das arme Mädchen für befleckt an⸗ ſehen würde, indem es eine Zeit lang, obwohl in höchſt unſchuldiger Weiſe, der Gegenſtand meiner hohen Pro⸗ tection geweſen. Aber ich intereſſire mich oder— in⸗ tereſſirte mich wenigſtens für ſie, wie ich richtiger ſagen ſollte, da ich nicht länger hieher gehöre; und wenn ie für das Weib, das unter Ihren Füßen liegt, ſo viel Rückſicht finden können, daß Sie ſich deſſen erinnern, ſo wird daſſelbe Ihre Gnade tief fühlen.“ Mr. Tulkinghorn, der mit geſpannteſter Aufmerk⸗ ſamkeit zugehört hat, ſchüttelt dieß mit einem Achſelzucken ab, worin eine kleine Geringſchätzung ſeiner ſelbſt liegt, und zieht die Augenbrauen noch ein wenig mehr zu⸗ ſammen. „Sie haben mich auf meine Bloßſtellung, auf meine Schande vorbereitet und ich danke Ihnen auch dafür. 3⁵² Verlangen Sie Etwas von mir? Gibt es einen Anſpruch, worauf ich verzichten kann, gibt es eine Anklage oder eine Anfechtung, die ich meinem Gatten erſparen kann, indem ich ſeine Freiſprechung bewirke dadurch, daß ich die Wahrheit und Genauigkeit Ihrer Entdeckung bezeuge? Ich bin bereit, hier und jetzt Alles zu ſchreiben, was Sie von mir verlangen. Ich bin bereit, es zu thun!“ „Und ſie würde es wahrſcheinlich thun!“ denkt der auriße die feſte Hand beobachtend, womit ſie die Feder ergreift. „Ich will Ihnen keine Mühe machen,— will Sie bich, quülen, Lady Dedlock. Bitte, ſchonen Sie ſich 0 12⸗ „Ich habe mich ſchon lange auf Alles dieſes gefaßt gemacht, müſſen Sie wiſſen. Ich will mich weder ſelbſt ſchonen, noch geſchont ſein. Sie können mir nichts Aer⸗ geres anthun, als was Sie bereits gethan. Thun Sie nun vollends das Uebrige!“ „Lady Dedlock, es iſt Nichts zu thun. Ich werde mir, wenn Sie ausgeſprochen haben, die Erlaubniß er⸗ bitten, ein paar Worte ſagen zu dürfen.“ Sie ſollten nun einander nicht länger ſo ſcharf zu beobachten brauchen: nithts deſto weniger aber bleiben während dieſer ganzen Zeit ihre Augen auf einander ge⸗ heftet; die Sterne aber beobachten ſie Beide durch das offene Fenſter hindurch. In dem Mondſchein draußen liegen Wald und Feld ſo ruhig da, und es iſt das ge⸗ räumige Haus ſo ſtill, wie das enge. Das enge! Wo ſind in dieſer friedlichen Nacht der Gräber und der Spa⸗ ten, welche das letzte große Geheimniß den vielen Ge⸗ heimniſſen der Tulkinghorn'ſchen Exiſtenz beifügen ſollen? Iſt der Mann ſchon geboren, iſt der Spaten ſchon ge⸗ macht? Seltſame Fragen, die ſich in einer Sommernacht beim Schein der beobachtenden Sterne erwägen laſſen,— noch ſeltſamer aber wäre es vielleicht, wenn man dieſel⸗ ben da nicht in Erwägung ziehen wollte. 3⁵³ „Von einer Reue, von Gewiſſensbiſſen oder Gefüh⸗ len irgend welcher Art, wovon bei mir die Rede ſein könnte,“ fährt Lady Dedlock nach einer kleinen Weile fort,„mag ich auch nicht ein Wort ſagen. Wäre ich nicht ſtumm, ſo würden Sie taub ſein. Laſſen wir das! Solches iſt nicht für Ihre Ohren.“ Er macht eine Finte, die einen Proteſt enthalten ſoll, aber ſie macht derſelben mit einer verächtlichen Hand⸗ bewegung alsbald ein Ende. „Ich bin hieher gekommen, um mit Ihnen über an⸗ dere, ganz verſchiedene Dinge zu reden. Meine Juwelen ſind alle an ihrem gehörigen Orte. Dort wird man ſie finden. Ebenſo meine Kleider. Ebenſo ſämmtliche Sa⸗ chen von Werth, die ich beſitze. Einiges baare Geld habe ich mitgenommen, indeſſen nicht viel,— ſagen Sie das gefälligſt. Ich habe mich verkleidet, um aller Beobachtung zu entgehen. Ich gehe, um hinfort für die Welt verloren zu bleiben. Theilen Sie das mit! Weiter habe ich Ihnen nichts zu ſagen.“ „Entſchuldigen Sie mich, Lady Dedlock!“ ſpricht Mr. Tulkinghorn ganz ruhig.„Ich weiß nicht recht, ob ich Sie recht verſtanden. Sie gehen?—“ „Um für Jedermann hier verloren zu bleiben. Noch heute Nacht verlaſſe ich Chesney Wold. Noch in dieſer Stunde gehe ich weg.“ Mr. Tulkinghorn ſchüttelt den Kopf. Sie ſteht auf; er aber ſchüttelt, ohne ſeine Hand von der Stuhllehne oder von der altmodiſchen Weſte und dem gefältelten Buſenſtreif zu entfernen, den Kopf. „Wie? Ich ſoll nicht gehen, wie ich geſagt?“ 0, Nein. Lady Dedlock,“ antwortet er mit größter uhe. „Wiſſen Sie, wie ſehr man ſich durch mein Ver⸗ ſchwinden erleichtert finden wird? Haben Sie vergeſſen, welcher Fleck an dieſem Orte haftet, und wo derſelbe iſt, und wer es iſt?“ 3 Bleak Houſe. III. 23 „Nein, Lady Dedlock, ich habe das keineswegs ver⸗ eſſen.“ hiſj Ohne ihn einer andern Antwort zu würdigen, bewegt ſie ſich nach der innern Thüre hin und hat ſchon die Hand auf dieſelbe gelegt, da ſpricht er, ohne Hand oder Fuß zu rühren, oder ſeine Stimme zu erheben, zu ihr: „Lady Dedlock, haben Sie die Güte, und bleiben Sie noch eine Weile hier und hören Sie mich an, ſonſt muß ich, noch ehe Sie die Treppe erreichen, die Lärmglocke anziehen und das Haus aufwecken! Und dann muß ich Alles ſagen, vor jedem Gaſte und jedem Domeſtiken, vor jedem Mann und vor jedem Frauenzimmer auf dem Schloſſe.“ Er hat ſie beſiegt. Sie taumelt, zittert, und legt die Hand verwirrt an den Kopf. Zeichen, die bei jeder andern Perſon in der Regel nur wenig zu bedeuten ha⸗ ben; ſobald aber ein ſo geübtes Auge wie das Tulking⸗ horn'ſche bei einer ſolchen Perſon auch nur einen Augen⸗ blick Unentſchloſſenheit gewahrt, kennt er den Werth der⸗ ſelben gründlich. Er ſpricht abermals raſch:„Haben Sie doch die Güte und hören Sie mich an, Lady Dedlock!“ und deutet auf den Stuhl, von dem ſie aufgeſtanden. Sie weiß nicht, was ſie thun ſoll, aber er deutet abermals hin, und nun ſetzt ſie ſich. „Die Beziehungen, die zwiſchen uns Statt finden, ſind unglücklicher Art, Lady Dedlock; da ich indeſſen nicht Schuld daran bin, ſo habe ich mich ihretwegen nicht zu entſchuldigen. Die Stellung, die ich bei Sir Leiceſter einnehme, iſt Ihnen ſo wohl bekannt, daß ich mir wohl kaum denken kann, daß ich Ihnen nicht ſchon lange als die Perſon erſchienen, die zu dieſer Entdeckung ganz be⸗ ſondern Beruf habe.“ „Sir!“ verſetzt ſie, ohne von dem Boden aufzu⸗ ſchauen, worauf ihre Augen jetzt haften.„Ich hätte beſſer gethan, wenn ich fortgegangen wäre. Es wäre ſo 3⁵⁵ weit beſſer geweſen, wenn Sie mich hier nicht zurückge⸗ halten hätten. Ich habe Nichts weiter zu ſagen.“ „Entſchuldigen Sie mich, Lady Dedlock, wenn ich noch ein paar Worte ſage, die Sie ſchlechterdings hören müſſen.“ „Nun denn, wenn es ſein muß, ſo will ich das, was Sie mir zu ſagen haben, am Fenſter hören. Da, wo ich bin, kann ich nicht athmen.“ Und während ſie nach dem Fenſter hingeht, verräth ſein eiferſüchtiges Auge eine augenblickliche Beſorgniß, daß es ihr einfallen könnte, hinunterzuſpringen, gegen den vorſpringenden Theil und das Karnieß ſtürzend, ihr Leben auf der Terraſſe unten zu endigen. Aber er braucht ihre Geſtalt nur einen Augenblick zu beobachten, während ſie ohne alle und jede Stütze unter dem Fenſter ſteht, und nach den Sternen hinaus— nicht hinauf— ſchwermüthig nach den Sternen hinausſchaut, die am Him⸗ mel nieder ſtehen, um in dieſer Beziehung wieder beruhigt zu ſein. Indem er ſich umwendet, während ſie nach dem Fenſter hingegangen, ſteht er hinter ihr, ganz in ihrer Nähe. „Lady Dedlock, ich habe in Beziehung auf das, was ich zu thun habe, noch zu keinem für mich befriedigenden Entſchluſſe kommen können. Ich weiß nicht recht, was ich zu thun habe, oder wie ich vor der Hand handeln ſoll. Ich muß Sie unterdeſſen erſuchen, daß Sie Ihr Geheim⸗ niß bewahren, wie Sie es ſchon ſo lange bewahrt, und diß Sie ſich nicht wundern, wenn auch ich daſſelbe be⸗ wahre.“ Hier hält er inne; fie aber gibt keine Antwort. „ Verzeihen Sie mir, Lady Dedlock! Es iſt dieß ein wichtiger Gegenſtand. Sie beehren mich doch mit Ihrer Aufmerkſamkeit?“ „Ja 1 „Ich danke Ihnen. Ich hätte das wiſſen können, ſo weit ich Ihre Charakterſtärke kenne. Ich hätte dieſe Frage nicht ſtellen ſollen, aber ich habe nun ein Mal die Gewohnheit, mich auf einen ſichern Boden zu ſtellen, während ich Schritt vor Schritt weiter gehe: worauf ich in dieſem unglücklichen Falle allein Rückſicht nehme, das iſt Sir Leiceſter.“ „Warum halten Sie mich denn aber in dieſem Hauſe zurück?“ fragt ſie mit leiſer Stimme, und ohne ihr ſchwermüthiges Auge von den fernen Sternen abzu⸗ wenden. „Eben weil ich auf ihn Rückſicht nehme. Lady Dedlock, ich brauche Ihnen wohl nicht erſt zu ſagen, daß Sir Leiceſter ein gar ſtolzer Mann iſt; daß ſein Vertrauen zu Ihnen ein unbegrenztes iſt; daß der Fall des Mondes dort vom Himmel herunter ihn nicht mehr beſtürzen würde, als Ihr Fall aus Ihrer hohen Stellung als ſeine Gattin.“ Sie athmet zwar geſchwind und ſchwer, ſteht aber ſo feſt da, wie nur je inmitten der vornehmſten und ſtol⸗ zeſten Geſellſchaft. „Ich erkläre Ihnen, Lady Dedlock, daß, läge nicht dieſer Fall mit allen Beweiſen vor mir, ich ebenſo leicht hätte hoffen können, vermittelſt meiner eigenen Stärke und meiner eigenen Hände den älteſten Baum auf dieſem Gute zu entwurzeln, als die Macht, die Sie über Sir Leiceſter ausüben, und das Vertrauen, das Sir Leiceſter in Sie ſetzt, zu erſchüttern, und ſelbſt jetzt noch, wo alle Beweiſe vor mir liegen, weiß ich nicht, was ich thun ſoll. Nicht als ob er Zweifeln Raum geben könnte(denn es iſt dieß ſogar bei ihm unmöglich)— aber ich kann ihn eben durch Nichts auf dieſen Schlag vorbereiten.“ „Wie, meine Flucht ſollte ihn nicht darauf vorbe⸗ reiten können?“ entgegnete ſie.„Denken Sie noch ein Mal darüber nach!“ „Ihre Flucht, Lady Dedlock, würde die ganze Wahr⸗ heit, und noch hundert Mal mehr, als die ganze Wahr⸗ heit weit und breit bekannt werden laſſen. Dann wäre 3⁵⁷ es unmöglich, das Anſehen der Familie auch nur noch einen Tag lang zu retten. An eine ſolche Flucht iſt alſo nicht zu denken.“ Es liegt in dieſer Antwort eine ruhige Entſchloſſen⸗ heit, welche keine Einwendung zuläßt. „Wenn ich ſage, es ſei auf Sir Leiceſter einzig und allein Rückſicht zu nehmen, ſo verſteht es ſich von ſelbſt, daß er und das Anſehen der Familie eines und daſſelbe ſind. Sir Leiceſter und die Baronetswürde, Sir Leiceſter und Chesney Wold, Sir Leiceſter und ſeine Vorfahren, und ſein Familiengut,“— hier ſpricht Mr. Tulkinghorn recht trocken—„ſind, ich brauche es Ihnen nicht erſt zu ſagen, Lady Dedlock, unzertrennliche Dinge.“ „Fahren Sie fort!“ „Ich habe daher auf gar Vielerlei Rückſicht zu neh⸗ men,“ ſpricht Mr. Tulkinghorn, ſeiner kühlen, ruhigen Weiſe unwandelbar treu bleibend.„Es muß die ganze Geſchichte vertuſcht werden, wenn es irgend geſchehen kann. Wie kann es aber geſchehen, wenn Sir Leiceſter darüber von Sinnen kommt, oder auf das Todbett ge⸗ worfen wird? Wie könnte, wenn ich ihm morgen früh dieſen Schlag verſetzte, dieſe plötzliche Veränderung an ihm erklärt werden? Was könnte dieſelbe veranlaßt haben? Was hätte Sie Beide trennen können? Lady Dedlock, das Ankreiden auf die Wände und das Ausrufen auf offener Straße würde dann auf der Stelle folgen; und Sie dürfen nicht vergeſſen, daß nicht allein Sie darun⸗ ter leiden würden(Sie, auf die ich bei dieſer Sache lediglich keine Rückſicht nehmen kann), ſondern auch Ihr Gatte, Lady Dedlock,— ja, Ihr Gatte.“ Er wird immer deutlicher, aber auf der andern Seite um kein Atom emphatiſcher oder belebter. „Es iſt noch ein anderer Geſichtspunkt,“ fährt er fort,„aus dem der Fall ſich darſtellt. Sir Leiceſter iſt Ihnen ganz und gar ergeben, ſo daß es an Verblendung grenzt. Es wäre möglich, daß er dieſe Verblendung nicht 3⁵8⁸ zu überwinden im Stande wäre, ſelbſt wenn er wüßte, was wir wiſſen. Ich nehme einen äußerſten Fall an, aber es könnte ſo kommen. Wäre das der Fall, ſo wäre es beſſer, daß er gar Nichts erführe. Beſſer für den geſunden Menſchenverſtand, beſſer für ihn, beſſer für mich. Ich muß das Alles in Berechnung ziehen, und ſo kommt es denn, daß ein Entſchluß für mich zu einer ſehr ſchwierigen Sache wird.“ Sie ſteht da und ſchaut, ohne ein Wort zu ſprechen, immer noch die Sterne an. Es fangen dieſe an, zu er⸗ blaſſen, und ſie ſieht aus, wie wenn deren Kälte ſie er⸗ ſtarren machte. „Meine Erfahrung lehrt mich,“ ſpricht Mr. Tulking⸗ horn, der jetzt die Hände in den Taſchen ſtecken hat, und in ſeiner geſchäftlichen Erwägung der Sache fortfährt, maſchinenmäßig,—„meine Erfahrung lehrt mich, Lady Dedlock, daß die meiſten Menſchen weit beſſer daran thäten, wenn ſie das Heirathen bleiben ließen. Das Heirathen iſt im Grunde zu drei Viertheilen Schuld an allen ihren Nöthen und Mühſalen. So dachte ich, als Sir Leiceſter ſich verehelichte, und ſo habe ich ſeitdem ſtets gedacht. Doch kein Wort mehr darüber! Ich muß mich jetzt von den Umſtänden leiten laſſen. Unterdeſſen muß ich Sie bitten, daß Sie die Sache geheimhalten, gleich wie ich ſie geheim halte.“ „Und ich ſoll mein jetziges Leben ſo fortſchleppen, und deſſen Mühen Tag für Tag tragen, ſo lange es Ihnen gefällt?“ fragt ſie, immer noch deu fernen Him⸗ mel anſchauend. „Ja, ich befürchte, daß Sie das thun müſſen, Lady Dedlock.“ „Sie glauben alſo, es ſei nothwendig, daß ich ſo an den Marterpfahl gebunden bleibe?“ „Ich bin verſichert, daß, was ich anempfehle, noth⸗ wendig iſt.“ „Ich ſoll auf dieſer glänzenden Plattform ſtehen 3⁵9 bleiben, auf der ich ſo lange meine elende, trügeriſche Rolle geſpielt, und es ſoll dieſelbe unter mir fallen, ſo⸗ bald Sie das Signal geben?“ ſpricht ſie langſam. „Nicht ohne vorläufige Benachrichtigung, Lady Ded⸗ lock. Ich werde keinen Schritt thun, ohne Sie zuvor in Kenntniß zu ſetzen.“ My Lady bringt alle ihre Fragen ſo vor, als wenn ſie ſie auswendig herſagte, oder als wenn ſie dieſelbe in ihrem Schlafe verläſe. „Wir ſollen ferner uns auf dem alten Fuße ſehen?“ „Ganz auf dem alten Fuße, wenn es Ihnen ge⸗ fällig iſt.“ „Und ich ſoll meine Schuld und meine Schande verbergen, wie ich ſchon ſeit ſo vielen Jahren gethan?“ „Wie Sie ſchon ſeit ſo vielen Jahren gethan. Ich hätte mich nicht unterſtanden, hierauf auzuſpielen, Lady Dedlock. Da Sie nun ein Mal es ſelbſt geſagt, ſo kann ich Sie wohl daran erinnern, daß Ihr Geheimuniß jetzt nicht ſchwerer auf Ihnen laſten kann, als bis daher, und daß daſſelbe jetzt weder ſchlechter noch beſſer iſt, als es geweſen. Ich weiß es gewiß, aber ich glaube, daß wir einander nie ſo ganz getraut haben.“ Sie ſteht eine Weile in derſelben erſtarrten Weiſe da, und iſt in Gedanken verloren, ehe ſie fragt: „Iſt heute Nacht noch etwas Weiteres zu ſagen?“ „Je nun,“ verſetzt Mr. Tulkinghorn methodiſch, während er ſich die Hände ſanft reibt,„es wäre mir lieb, wenn ich Ihrer Zuſtimmung zu meinen Anordnungen gewiß wäre, Lady Dedlock.“ „Sie dürfen derſelben verſichert ſein.“ „Gut. Und zum Ende möchte ich Sie— es iſt dieß eine geſchäftliche Vorſicht von meiner Seite— bit⸗ ten, nicht zu vergeſſen, daß ich,— ich ſage dieß für den Fall, daß es nothwendig werden ſollte, des Factums in irgend einer Mittheilung an Sir Leiceſter Erwähnung zu thun,— während unſerer ganzen Unterredung aus⸗ 360 drücklich bemerkt habe, und von der Anſicht ausgegangen bin, daß ich einzig und allein auf Sir Leiceſter's Ge⸗ fühle und Ehre, ſowie auf den Ruf der Familie Rück⸗ ſicht genommen habe. Es würde mir Freude gemacht haben, wenn der Fall mir erlaubt hätte, auch auf Lady Dedlock in vorwiegender Weiſe Rückſicht zu nehmen; un⸗ glücklicher Weiſe aber iſt es unter den bewandten Um⸗ ſtänden nicht möglich.“ „Ich kann Ihre Treue bezeugen, Sir.“ Sie bleibt nach wie vor in Gedanken verſunken; endlich aber ſetzt ſie ſich in Bewegung, und geht, ohne daß ihre natürliche und erworbene Geiſtesgegenwart im Geringſten erſchüttert wäre, nach der Thüre hin. Mr. Tulkinghorn öffnet beide Thüren gerade ſo, wie er geſtern oder vor zehn Jahren gethan haben würde, und bringt, während ſie hinausgeht, ſeine altmodiſche Verbeugung an. Es iſt kein gewöhnlicher Blick— der Blick, den er von dem hübſchen Geſichte bekommt, wäh⸗ rend daſſelbe in die Dunkelheit hinaus geht, und es iſt keine gewöhnliche Bewegung, wenn dieſelbe auch eine ſehr leichte iſt,— die Bewegung, die ſeine Artigkeit aner⸗ kennt. Aber es hat das Weib, als er, nachdem er allein geblieben, ſo darüber nachſinnt, ſich keinen gewöhnlichen Zwang angethan. Er würde das nur noch um ſo beſſer wiſſen, wenn er ſehen könnte, wie dieſes Weib in ihrem Zimmer auf⸗ und abſchreitet, die Haare in wilder Auflöſung um ihr zurückgeworfenes Geſicht her, die Hände hinter dem Kopfe krampfhaft vereinigt, die Geſtalt verzerrt, wie in Folge eines heftigen Schmerzens. Er würde dieß nur noch um ſo mehr glauben, wenn er ſehen könnte, wie dieſes Weib Stunden lang, unermüdlich, ohne Aufhören auf⸗ und abrennt, gefolgt von dem treuen Tritte au dem Geiſterwege. Aber er ſchließt die jetzt kalte Nachtluft hinaus, zieht den Feuſtervorhang hervor, geht zu Bette, und ſchläft ein. Und er ſieht wahrlich, als die Sterne —— 8—O& — O.————— ——„ A —,—,————,———Aä ———— 361 erlöſchen und der bleiche Tag in das Zimmer im Thürm⸗ chen hereinguckt, und ihn ſo findet als einen Mann, der am Längſten gelebt hat, ſo aus, wie wenn der Grä⸗ ber und der Spaten ſchon beſtellt wären und bald an ihre Arbeit gehen wollten. Derſelbe bleiche Tag ſchaut zu Sir Leiceſter herein, und gewahrt, wie Letzterer dem reumüthigen Lande in einem majeſtätiſch herablaſſenden Traume verzeiht; und ſchaut zu den Couſins herein, wie ſie verſchiedene öffent⸗ liche Aemter bekommen, und hauptſächlich mit fetten Ge⸗ halten bedacht werden, und ſchaut auf die keuſche Volum⸗ nia herein, wie ſie eine Mitgift von fünfzigtauſend Pfund einem überaus häßlichen alten Generale zubringt,— einem General, der einen Mund voll falſcher Zähne hat, ähnlich einem Pianoforte mit zu vielen Taſten, und der lange die Bewunderung Bath's und der Schrecken jeder andern Gemeinde geweſen. Er ſchaut auch in Zimmer hoch unter dem Dache, und in Stuben und Gemächer zum Haushaltungsgebrauche, in Hofräume und über Ställe herein, wo ein beſcheidener Ehrgeiz von Glück⸗ ſeligkeit in Aufſeher⸗ und Wärterhäuschen, und im heili⸗ gen Stand der Ehe mit Will oder Sally träumt. Es ſteigt nun die glänzende Sonne empor und weckt Alles— die Wills und Sallys, den verborgenen Dunſt im Erdboden, die ſchmachtenden Blätter und Blumen, die Vögel, die großen Thiere, und das Gewürm, die Gärtner, die den thauigen Raſen zu fegen haben, und ſmaragdgrünen Sammt da entfalten, wo die Walze hin⸗ kommt, den Rauch des großen Küchenfeuers, der ſich ge⸗ rade und hoch in die heitere Luft emporſchlängelt. Zu⸗ letzt zeigt ſich die Fahne über dem in Bewußtloſig⸗ keit verſenkten Haupte Mr. Tulkinghorns, und es ver⸗ kündet dieſelbe in fröhlicher Weiſe, daß Sir Leiceſter und Lady Dedlock, das glückliche Paar, auf dem Schloſſe ſind, und daß dort Gaſtfreundſchaft geübt wird. 362 Zweiundvierzigſtes Kapitel. Auf Mr. Tulkinghorn's Büreau. Von den grünen Undulationen und den weitſchatti⸗ gen Eichen des Dedlock'ſchen Gutes hinweg verſetzt ſich Mr. Tulkinghorn wieder in die Hitze und in den Staub Londons, die keineswegs etwas Friſches und Belebendes haben. Die Art und Weiſe, wie er zwiſchen den beiden Orten wechſelt, iſt eine ſeiner Unerforſchlichkeiten. Er geht nach Chesney Wold, wie wenn daſſelbe hart neben ſeinem Büreau läge, und kehrt nach ſeinem Büreau zu⸗ rück, wie wenn er Lincoln's Inn Fields keine Minute verlaſſen. Er wechſelt nie die Kleider vor der Reiſe, noch ſpricht er nachher von dieſer. Er iſt dieſen Morgen aus ſeinem Zimmer im Thürmchen wieder verſchwunden, gerade ſo, wie er in der ſpäten Abenddämmerung mit einem Male wieder in ſeinem Square erſcheint. Wie ein ſchmutzfarbener Londoner Vogel unter den Vögeln, die in dieſen wonniglichen Gefilden aufgeſeſſen ſind, wo die Schafe zu lauter Pergament, die Ziegen zu Perrücken, und die Weide zu Spreu gemacht werden, kommt der Juriſt, geräuchert und verwelkt, unter Men⸗ ſchen wohnend, aber nicht mit ihnen lebend, alt, ohne die fröhliche Jugend gekannt zu haben, und ſchon ſo lange gewohnt, ſein enges Neſt in Löchern und Winkeln der menſchlichen Natur zu machen, daß er deren breitere und beſſere Grundlagen vergeſſen hat, heimgeſchlendert. In dem Backofen, der durch das heiße Pflaſter und die heißen Wohnungen hergeſtellt wird, hat er ſich mehr denn gewöhnlich ausgebacken, und es ſchwebt ſeinem durſtigen 363 Sinne ſein abgelagerter, milder, ein halbes Jahrhundert alter Portwein vor. Der Lampenanzünder hüpft auf derjeuigen Seite der Fields, auf der Mr. Tulkinghorn wohnt, ſeine Leiter auf und ab, in dem Augenblicke, wo dieſer Hoheprieſter adliger Myſterien in ſeinem trübſeligen Hofraum anlangt. Er ſteigt die Staffel hinan, und ſchlüpft in die düſtere Vorhalle hinein: da trifft er auf der oberſten Stufe ein kleines Männchen, das ſich ein Mal um das andere ver⸗ neigt, und überaus gutmüthig ausſieht. „Iſt das Snagsby? „Ja, Sir. Hoffentlich befinden Sie ſich wohl, Sir. Schon wollte ich wieder nnverrichteter Dinge nach Hauſe gehen, Sir, indem ich nicht glaubte, daß Sie jetzt noch kommen würden.“ „Ja? Und was gibt es denn? Was wollen Sie von mir?“ „Wohlan, Sir, es muß ein Mal heraus!“ ſpricht Mr. Snagsby, den Hut neben dem Kopfe haltend, um ſo ſeinem beſten Kunden die ſchuldige Ehrerbietung zu bezeigen.„Ich wollte ein Wörtchen mit Ihnen ſprechen, Sir.“ „Können Sie hier ſagen, was Sie mir mitzutheilen haben?“ „Recht wohl, Sir.“ „So ſagen Sie es denn!“ Der Juriſt wendet ſich um, ſtützt beide Arme auf das eiſerne Geländer oben an der Treppe, und ſchaut den Lampenanzünder an, der eben im Hofraume be⸗ ſchäftigt iſt. „Was ich Ihnen zu ſagen habe,“ ſpricht Mr. Snagsby mit myſteriöſer leiſer Stimme,—„was ich Ihnen zu ſagen habe, bezieht ſich— um die Sache beim rechten Namen zu nennen— auf die Ausländerin, Sir.“ Mr. Tulkinghorn ſchaut ihn mit einiger Ueber⸗ raſchung an.„Was für eine Ausländerin?“ 364 „Je nun, die Ausländerin, Sir. Die Franzöſin, wenn ich mich nicht täuſche. Ich ſelbſt kann zwar nicht franzöſiſch, indeſſen möchte ich doch aus ihren Manieren und ihrer Erſcheinung ſchließen, daß ſie eine Franzöſin iſt. Auf jeden Fall aber iſt ſie gewiß eine Ausländerin. Ich meine das Frauenzimmer, das droben war, Sir, als Mr. Bucket und ich die CEhre hatten, an jenem Abende Ihnen mit dem kleinen Gaſſenkehrer unſere Auf⸗ wartung zu machen.“ „Oh! Ja, ja. Mademoiſelle Hortenſe.“ „Heißt ſie wirklich ſo, Sir?“ Mr. Snagsby läßt hier wieder ſeinen unterthänigſten Huſten hinter ſeinem Hute hervor hören.„Ich ſelbſt kenne zwar im Allgemei⸗ nen ſolche ausländiſche Namen nicht, indeſſen zweifle ich gar nicht, daß es dieſer Name ſein könnte.“ Mr. Snagsby ſcheint zu Anfang dieſer ſeiner Ant⸗ wort mit dem verzweifelten Plane, den Namen zu wieder⸗ holen, umgegangen zu ſein; bei reiferer Ueberlegung aber huſtet er wieder, um ſich zu entſchuldigen. „Und was mögen Sie mir wohl über dieſes Frauen⸗ zimmer zu ſagen haben, Snagsby?“ fragt Mr. Tul⸗ kinghorn. „Wohlan, Sir,“ verſetzt der Schreibmaterialien⸗ händler, ſeine Mittheilung mit ſeinem Hute beſchattend, „es kommt mir etwas ſchwer an. Mein häusliches Glück iſt zwar ſehr groß— ſo groß wenigſtens, als man erwarten kann, ich bin deſſen gewiß— aber mein Weibchen iſt ein Bischen vom Teufel der Eiferſucht ge⸗ plagt. Sie iſt, um die Sache beim rechten Namen zu nennen, ein Bischen viel vom Teufel der Eiferſucht ge⸗ plagt. Und nun ſehen Sie, da kommt ein ausländiſches Frauenzimmer von ſo nettem Ausſehen in den Laden herein, und ſchwebt— ich wäre wohl der Letzte, der ſich eines ſtarken Ausdruckes bediente, wenn ich es ver⸗ meiden könnte— und ſchwebt, muß ich ſagen, Sir, im Hofe hin und her— Sie wiſſen, es iſt das— iſt es nicht?— Ich frage Sie ſelbſt, Sir.“ Nachdem Mr. Snagsby dieß in recht kläglicher Weiſe geſprochen, kommt er noch mit einem allgemeiner Anwendung fähigen Huſten, um alle etwaigen Lücken auszufüllen. „Nun, was wollen Sie denn damit ſagen?“ fragt Mr. Tulkinghorn. „Ganz richtig, Sir,“ verſetzt Mr. Snagsby;„ich wußte, daß Sie ſelbſt das fühlen, und die Vernünftigkeit meiner Gefühle, wenn mit der bekannten Erregbarkeit meines kleinen Weibchens gepaart, entſchuldigen würden. Sehen Sie, das ausländiſche Frauenzimmer, deſſen Na⸗ men Sie ſo eben mit einem gewiß ganz ausländiſch klingenden Accent erwähnt haben, merkte ſich, da ſie un⸗ gewöhnlich geſchwind faßt, das Wort Snagsby, und er⸗ kundigt ſich nach meiner Adreſſe. Und ſo kam ſie denn gerade zu der Zeit, wo wir am Tiſche ſaßen, um unſer Diner zu verzehren. Nun aber iſt Guſter, unſer junges Dienſtmädchen, furchtſam und Anfällen unterworfen; und ſo unterlag ſie, da ſie ſich über die Miene der Auslän⸗ derin— die etwas Wildes, Grimmiges hat,— und über eine gewiſſe harſche Sprechweiſe, die einen ſchwachen Geiſt zu beunruhigen im Stande iſt— entſetzte, ihren Krämpfen, anſtatt dieſelben muthig zu bekämpfen, und purzelte die ganze Küchenſtiege hinunter, von einer Treppe auf die andere; kurz, ſie hat die Krämpfe, wie man, ſo denke ich zuweilen, ſie wohl nur in unſerem Hauſe bekommen, oder wieder verlieren kann. „Folglich hatte da glücklicher Weiſe mein kleines Weibchen genug zu thun; ich aber hatte allein den Laden zu verſehen. Da ſagte ſie nun, es werde Mr. Tulking⸗ horn, ſo oft ſie komme, von ſeinem Arbeitsgeber immer verläugnet(es war dieß ohne Zweifel ſo eine auslän⸗ diſche Art, einen Gehilfen anzuſchauen); ſie aber werde ſich das Vergnügen machen, bei mir ſo lange vorzu⸗ 366 ſprechen, bis ſie endlich hier eingelaſſen werde. Seit jenem Augenblicke iſt ſie, wie ich gleich Anfangs geſagt, im Hofe immer hin und her geſchwebt— ja, hin und her geſchwebt, Sir.(Mr. Snagsby wiederholt das Wort mit pathetiſcher Emphaſe.) Es iſt ein Ding der Unmöglichkeit, die Wirkungen dieſer Bewegungen zu be⸗ rechnen. Es ſollte mich nicht Wunder nehmen, wenn dieſe Bewegung ſogar im Geiſte der Nachbarn ſchon zu den peinlichſten Mißdentungen Anlaß gegeben hätte, um von meinem kleinen Weibchen(wenn ſo Etwas möglich wäre) gar nicht zu reden. Und doch, der Himmel weiß,“ endigt Mr. Snagsby kopfſchüttelnd,„kam mir ein aus⸗ ländiſches Frauenzimmer noch nie in den Sinn, es ſei denn früher, in Verbindung mit einer Anzahl Beſen und einem kleinen Kinde, oder, zu jetziger Zeit, mit einem Tambourin und mit Ohrringen. Nie, nie kam mir ein ausländiſches Frauenzimmer auch nur in den Sinn, ich verſichere es Ihnen, Sir!“ Mr. Tulkinghorn hat dieſe Klage ernſt angehört 8— ſraßt; als endlich der Schreibmaterialienhändler ertig iſt: 3 n das iſt Alles, Snagsby?“ „Ei, ja, Sir, es iſt das Alles,“ ſpricht Mr. Snagsby, und endigt mit einem Huſten, der dentlich hinzuſetzt:„Und es iſt das genug— für mich.“ „Ich weiß nicht, was Mademoiſelle Hortenſe damit dail ſie müßte denn eben von Sinnen ſein,“ ſpricht der Juriſt. „Und ſelbſt wenn Letzteres der Fall wäre, ſo wäre es, wiſſen Sie,“ wendet Mr. Snagsby bittend ein,„mir kein Troſt, dieſe oder jene Waffe in Geſtalt eines aus⸗ ländiſchen Dolches im Herzen meiner Familie zu ſehen.“ „Nein,“ ſpricht der Andere.„Seien Sie jetzt nur ruhig, ſeien Sie jetzt nur ruhig! Es ſoll dem Einhalt gethan werden. Es thut mir leid, daß Sie in ſolcher — 367 Weiſe beläſtigt werden. Kommt ſie noch ein Mal zu Ihnen, ſo ſchicken Sie ſie ohne Weiteres zu mir!“ Mr. Snagsby verabſchiedet ſich unter vielen Bück⸗ lingen und unter vielem, kurzem, apologetiſchem Huſten, und es iſt ihm offenbar leichter um's Herz. Seinerſeits geht Mr. Tulkinghorn vollends die Treppe hinauf, und ſagt bei ſich: „Dieſes Weibergeſchlecht iſt eben dazu geſchaffen, uns Mühe zu machen; es iſt das auf der ganzen Erde ſo. Da die Gebieterin mir nicht ſchon genug zu thun gibt, ſo kommt nun auch die Kammerfrau! Mit dieſer Mähre aber will ich wenigſtens kurzen Prozeß machen!“ So ſprechend ſchließt er die Thüre auf, geht taſtend in ſeine düſteren Zimmer hinein, zündet dort ſeine Lich⸗ ter an, und ſchaut umher. Es iſt zu dunkel, als daß dort viel von der Allegorie über dem Kopfe zu ſehen wäre; aber jener zudringliche Römer, der immer und ewig aus den Wolken herunterpurzelt und herunterdeutet, iſt an ſeiner alten Arbeit, wie man ziemlich deutlich ſehen kann. Mr. Tulkinghorn aber beehrt ihn nicht mit allzu großer Aufmerkſamkeit, ſondern zieht ein Schlüſſel⸗ chen aus ſeiner Taſche hervor, ſchließt eine Schublade auf, worin ſich ein anderer Schlüſſel befindet, der eine Kommode aufſchließt, worin ſich abermals ein Schlüſſel befindet, und gelangt ſo endlich bis zu dem Kellerſchlüſ⸗ ſel, womit er ſich anſchickt, in die Region des alten Weins hinabzuſteigen. Er geht, mit dem Lichte in der Hand, ſchon nach der Thüre hin, da läßt ſich ein Klopfen hören. „Wer iſt da?— Ah, ah, Miſtreß, Sie ſind es, — ſind Sie es wirklich? Sie kommen zu rechter Zeit. d hobe ſo eben von Ihnen gehört. Nun, was wollen ie 2⸗ Er ſtellt das Licht auf den Kaminſims im Zimmer des Gehilfen und ſchlägt ſeine dürre Wange mit dem 368 Schlüſſel, während er dieſe Mademoiſelle Hortenſe richtet. Worte des Willkomms an Dieſe katzenartige Perſonnage, deren Lippen feſt geſchloſſen ſind, und deren Augen ihn von der Seite anſchauen, macht erſt leiſe die Thüre zu, bevor ſie ant⸗ wortet: zu finden, Sir.“ „Es hat mir gar viele Mühe gekoſtet, Sie endlich „Was Sie da nicht ſagen!“ „Ich bin gar oft hier geweſen, Sir. Man hat mir immer geſagt, er iſt nicht zu Hauſe, er iſt beſchäf⸗ tigt, er iſt dieß und das, er iſt nicht für Sie zu Hauſe.“ „Ganz richtig, und gan „Nicht wahr. Lügen!“ Es liegt zeitweiſe in der Manier von Mademoiſelle Hortenſe eine Plötzlichkeit, d ſieht, daß der Gegenſtand, willkürlich zurückfährt. z wahr!“ ie einem Sprunge ſo gleich dem der Sprung gilt, un⸗ In dieſer Lage befindet ſich jetzt Mr. Tulkinghorn, obgleich Mademoiſelle Hortenſe bei faſt geſchloſſenen Augen(wobei ſie immer noch von der Seite herblickt) nur verächtlich lächelt und den Kopf ſchüttelt. „Sir, Sie haben mich „Nun, Miſtreß⸗“ ſpricht der Juriſt, mit dem Schlüſ⸗ ſel haſtig auf den Kaminſims ſchlagend.„Haben Etwas zu ſagen, ſo ſagen Sie es, ſo ſagen S Sie unſchön behandelt. Sie ſind gemein und ſchmutzig geweſen.“ „Gemein und ſchmutzig, heꝛ⸗ verſetzt der Juriſt, ſich die Naſe mit dem Schlüſſel reibend. „Ja. Was ſage ich Ihnen Anderes? Sie wiſſen wohl, daß Sie gemein und ſchmutzig geweſen. Sie haben mich attrappirt— haben mich gefangen— um durch mich gewiſſe Dinge zu erfahren; Sie haben von mir verlangt, ich ſolle Ihnen meinen Anzug zeigen, den my Lady in jeuer Nacht getragen haben müſſe, Sie haben — 3⁶9 mich erſucht, in dieſem Anzug hierher zukommen, und haben mich dem Knaben gegenüber aufgeſtellt— ſagen Siel iſt dem ſo oder iſt dem nicht ſo?“ Mademoiſelle Hortenſe macht einen zweiten Sprung. „Du biſt eine böſe Sieben— eine böſe Sieben!“ ſcheint Mr. Tulkinghorn zu denken, während er ſie miß⸗ trauiſch anſchaut. Sodann antwortet er: „Wohlan, Dirne, wohlan! Ich habe Sie ja dafür bezahlt!“ „Sie— mich bezahlt!“ wiederholt ſie mit grimmi⸗ ger Verachtung.„Zwei Souverainsd'or! Ich habe ſie nicht gewechſelt; ich m— ag ſie nicht— ich ver— achte ſie— ich ſchmeiße ſie weg— weit weg von mir!“ Dieß thut ſie nun buchſtäblich, indem ſie, während ſie ſpricht, die Goldſtücke aus ihrem Buſen herauszieht, und dieſelbe mit ſolcher Heftigkeit auf den Boden hin⸗ wirft, daß ſie wieder in die Helle emporwirbeln, bevor ſie in Winkel rollen, und ſich dort, nachdem ſie heftig ſich gedreht, langſam niederlegen. „Nun!“ ſpricht Mademoiſelle Hortenſe, ihre großen Augen abermals verfinſternd.„Haben Sie mich nun be⸗ zahlt? Ach, mein Gott, o ja!“ Mr. Tulkinghorn reibt ſich den Kopf mit dem Schlüſſel, während die Franzöſin ſich mit einem ſarkaſti⸗ ſchen Lächeln vergnügt. „Sie müſſen recht reich ſein, meine hübſche Freun⸗ din,“ bemerkt er ganz ruhig,„daß Sie mit dem Geld ſo umgehen!“ „Ja, ich bin reich,“ entgegnet ſie,„ich bin reich — an Haß. Ich haſſe my Lady von ganzem Herzen und von ganzer Seele. Sie wiſſen das.“ „Wiſſen? Wie ſollte ich denn das wiſſen?“ „Weil Sie es recht gut gewußt haben, ehe Sie mich baten, daß ich Ihnen gewiſſe Mittheilungen machen ſolle. Mel Sis gar wohl wußten, daß ich r—r— r— raſend ar!“ Bleak Houſe. III, 24 370 gegen e „Oh! Ich wußte das,— wußte ich es ²“ ſpricht Mr. Tulkinghorn, den Bart des Schlüſſels unterſuchend. Ja, ohne Zweifel, ich bin nicht blind. Sie ha⸗. ben ſich meiner vergewiſſert, weil Sie das wußten. Sie haben recht! Ich ver—r— r- rabſcheue ſie.“ Mademoiſelle Hortenſe faltet die Arme, und wirft lhn⸗ über eine ihrer Schultern weg, die letztere Bemer⸗ ung zu. 4 „Und nun, nachdem Sie dieß geſagt, haben Sie mir noch etwas zu ſagen, Mademoiſelle?“ „Ich bin noch nicht placirt. Placiren Sie mich! Finden Sie eine gute Stelle für mich! Koͤnnen Sie das nicht, oder wollen Sie das nicht thun, ſo gebrau⸗ chen Sie mich, um ſie zu verfolgen, um auf ſie Jagd zu machen, um ſie zu entehren, um Schmach und Schande über ſie zu bringen. Ich werde Ihnen dabei behilflich ſein, ſo viel in meinen Kräften ſteht, und werde es gerne thun. Das thun Sie ja. Weiß ich das nicht?“ „Sie ſcheinen mir gar Viel zu wiſſen,“ entgegne Mr. Tulkinghorn. „Nicht wahr? Glauben Sie denn, ich ſei ein Kind, und laſſe mir weis machen, ich müſſe in jenem Anzuge den Knaben hier empfangen, einzig und allein um eine kleine Wette zu entſcheiden? Ach mein Gott, o jal,“ Bei dieſer Antwort bis zu dem Worte„Wette“ ein⸗ ſchließlich iſt Mademoiſelle ironiſch höflich und zärtlich geweſen; dann aber iſt ſie mit einem Male zu dem bit⸗ terſten und trotzigſten Hohne übergegangen, und es ſind ihre ſchwarzen Augen in einem und demſelben Augen⸗ blicke ſaſt ganz geſchloſſen und weit aufgeriſſen geweſen. „Wir wollen nun ein Mal ſehen,“ ſpricht Nr. Tul⸗ 371 kinghorn, ſich mit dem Schlüſſel auf das Kinn ſchlagend, un ſie gleichmüthig anſchauend,„wie die Sachen ſtehen.“ „Ah, wir wollen ein Mal ſehen,“ ſtimmt Made⸗ moiſelle bei, und nickt ein Mal um das andere zornig und kurz mit dem Kopfe. „Sie kommen hierher mit einer überaus beſcheide⸗ nen Forderung, wie ich ſo eben gehört, und wollen, wenn Ibnen dieſelbe nicht gewährt wird, wieder kommen.“ „Ja— wieder,“ ſpricht Mademoiſelle mit weiterem kurzem und zornigem Kopfnicken.„Und dann wieder. Und dann wieder. Und dann noch hundert Mal. Und dann immer wieder!“ „Und Sie wollen nicht allein hierherkommen, ſon⸗ dern wollen vielleicht auch zu Mr. Snagsby gehen? Und wenn auch dieſer Beſuch keinen günſtigen Erfolg hat, ſo wollen Sie vielleicht wieder zu ihm gehen?“ „Ja, wieder,“ wiederholt Mademoiſelle von Ent⸗ ſchloſſenheit ganz kataleptiſch.„Und dann wieder. Und dann wieder. Und dann noch hundert Mal. Und dann immer wieder!“ „Vortrefflich. Nun erlauben Sie mir aber, Made⸗ moiſelle Hortenſe, daß ich Ihnen anempfehle, das Licht dort zu nehmen und Ihr Geld in aller Geſchwindigkeit wieder aufzuheben. Ich glaube, Sie werden es hin⸗ ter dem Regal meiues Gehilfen, in dem Winkel dort, finden.“ Sie wirft ihm bloß, über die Schultern weg, ein Lachen zu, und weicht, mit gefalteten Armen, keinen Zoll breit von der Stelle. „Ah, Sie wollen das Geld nicht aufheben?“ „Nein, ich mag nicht!“ „Um ſo ärmer ſind Sie, und um ſo reicher bin ich dadurch! Schauen Sie her, Miſtreß, dieß iſt der Schlüſſel zu meinem Weinkeller! Es iſt dieß zwar ſchon ein großer Schlüſſel, aber ſchauen Sie, die Schlüſſel 372 zu den Gefängniſſen ſind noch größer. Es gibt hier, in dieſer Stadt, Correctionshäuſer(wo Tretmühlen der Weiber warten), deren Thüren ſtark und ſchwer ſind, und ohne Zweifel gilt ein gleiches von den Schlüſſeln. Ich befürchte, eine ſo lebhafte und rührige Dame, wie Sie, würde es etwas unbequem finden, wenn ſie durch einen ſolchen Schlüſſel ſich eine Zeit lang eingeſchloſſen ſehen würde. Was meinen Sie dazu?“ „Ich meine,“ verſetzt Mademoiſelle, ohne ſich zu rühren und mit klarer, verbindlicher Stimme,„ſo viel, daß Sie ein elender Schuft ſind.“ „Vielleicht,“ verſetzt Mr. Tulkinghorn, ſich ruhig ſchneuzend.„Aber ich frage nicht, was Sie von mir huſten⸗ ich frage jetzt, was Sie von dem Gefängniſſe alten.“ „Nichts. Was geht es mich an?“ „Nun ſchauen Sie, Miſtreß, es geht Sie ſo viel an,“ ſpricht der Juriſt, ſein Taſchentuch bedächtig wie⸗ der einſteckend, und ſeinen gefältelten Buſenſtreif ord⸗ nend,„daß das Geſetz hier zu Lande ſo deſpotiſch iſt, daß es einſchreitet, wenn irgend einer von unſern guten engliſchen Bürgern wider ſeinen Willen durch Beſuche, und wenn es auch die einer Dame ſind, beläſtigt wird. Und beklagt ſich derſelbe über ſolche Beläſtigung, ſo faßt das Geſetz die läſtige Dame und ſperrt dieſelbe in ein Gefängniß ein, wo ſie es nicht gar zum Beſten be⸗ kommt. Strenge Zucht dort. Und dann dreht das Geſetz den Schlüſſel ſo um, Miſtreß, ſo daß ſie nicht mehr heraus kann.“ Dabei zeigt er mit dem Kellerſchlüſſel, wie ſolches Drehen etwa vor ſich gehen mag. „Wirklich?“ verſetzt Mademoiſelle in demſelben lu⸗ ſtigen Tone.„Das iſt drollig! Aber— meiner Treu — was geht es mich an?“ „Meine hübſche Freundin,“ ſpricht Mr. Tulking⸗ ——=——n I 373 horn,„kommen Sie noch ein Mal hierher oder zu Mr. Snagsby, ſo werden Sie es ſchon ſehen.“ „In ſolchem Falle würden Sie mich vielleicht ein⸗ ſperren laſſen?“ „Vielleicht.“ Es wäre bei einer Perſon, die ſich in Mademoi⸗ ſelle's Zuſtand angenehmer Spaßluſt befindet, ein Wider⸗ ſpruch, den Schaum vor dem Munde zu haben, ſonſt könnte eine tigerartige Expanſion dort herum ausſehen, wie wenn nur ſehr wenig erforderlich wäre, um ſie zum Schäumen zu bringen. „Kurz und gut, Miſtreß,“ ſpricht Mr. Tulkinghorn, „es thut mir leid, unhöflich ſein zu müſſen, aber ich ſage Ihnen, daß ich Sie den Händen der Polizei überliefere, wenn Sie ſich noch ein Mal hier— oder dort— blicken laſſen, ohne daß man Sie dazu aufgefordert hat. Es iſt zwar die Galanterie der Polizei ungemein groß, aber ſchauen Sie, ſie ſchafft läſtige Leute in ſchimpflicher Weiſe fort; denken Sie ſich nur, meine gute Dirne, die Polizei bindet ſolche Leute auf ein Brett und trägt ſie ſo in den Straßen fort. „Ich laſſe es darauf ankommen!“ flüſtert Made⸗ moiſelle, die Hand ausſtreckend.„Ich will ein Mal ſehen, ob Sie ſolches zu thun wagen! „Und wenn,“ fährt der Juriſt, ohne auf ihre Worte zu achten, fort,„ich Sie ſo verſorge, und ihnen im Ge⸗ fängniſſe eine ſo gute Stelle verſchaffe, ſo wird es eine Zeit lang anſtehen, bis Sie wieder frei werden.“ „„Ich laſſe es darauf ankommen!“ wiederholt Made⸗ moiſelle in ihrem früheren Geflüſter. 4„Und nun,“ fährt der Juriſt, immer noch ohne auf ihre Worte zu achten, fort,„möchte ich Ihnen rathen, ſich zu entfernen. Beſinnen Sie ſich zwei Mal, ehe Sie fich wieder hier blicken laſſen!“ „Beſinnen Sie ſich zwei Mal zwei hundert Mal!“ antwortet ſie. „Sie ſind, wie Ihnen bekannt, von Ihrer Herrſchaft entlaſſen worden,“ bemerkt Mr. Tulkinghorn, ihr auf die Treppe hinaus folgend,„als das heftigſte, unverſöhn⸗ lichſte, und unlenkbarſte aller Frauenzimmer. Beſſern Sie ſich nun, ich will es Ihnen hiemit geſagt haben, und laſſen Sie ſich durch meine Worte warnen! Denn was ich ſage, das meine ich auch; und womit ich drohe, das thue ich auch, Miſtreß!“ Und ſie geht die Treppe hinunter, ohne zu ant⸗ worten oder zurückzublicken. Nachdem ſie ſich entfernt hat, geht auch er hinunter. Bald kommt er mit ſeiner in Spinnweben gehüllten Flaſche zurück, und läßt ſich den Inhalt derſelben gemächlich ſchmecken. Dabei erblickt er dann und wann, wenn er in ſeinem Seſſel den Kopf zurückwirſt, den beharrlichen, von der Zimmerdecke herabdeutenden Römer. Dreiundvierzigſtes Kapitel. Eſther's Erzählung. Es liegt jetzt wenig daran, wie viel ich an meine lebende Mutter dachte, die mir geſagt hatte, ich ſollte ſie für immer als todt anſehen. Ich konnte es nicht wagen, ihr nahe zu kommen, oder mit ihr in ſchriftlichen Verkehr zu treten, denn dem Gefühl der Gefahr, worin ihr Leben verſtrich, kam bei mir nur die Furcht gleich, dieſe Gefahr noch zu vermehren. Da ich wußte, daß mein 37⁵ bloßes Daſein als liebendes Geſchöpf ſchon eine unvor⸗ hergeſehene Gefahr auf ihrem Lebenspfade war, ſo konnte ich nicht immer jene Furcht vor mir ſelbſt überwinden, die ſich meiner bemächtigt hatte, als ich das Geheimniß erfuhr. Zu keiner Zeit wagte ich es, ihren Namen aus⸗ zuſprechen. Es war mir, als ob ich denſelben nicht ein⸗ mal zu hören wagte. Schlug die Unterhaltung an einem Orte, wo ich mich zufällig befand, dieſe Richtung ein, wie es ſich zuweilen und zwar in ganz natürlicher Weiſe ſo fügte, ſo verſuchte ich es, nicht zu hören— ſo zählte ich, oder wiederholte ich Etwas, das ich wußte, im Geiſte, oder aber ging ich zum Zimmer hinaus. Ich weiß jetzt, daß ich ſolches oft that, wenn auch gar keine Gefahr vorhanden ſein konnte, daß man von ihr ſprechen würde; aber ich that es aus Furcht, Etwas zu hören, das da⸗ zu beitragen könnte, ſie zu verrathen, und ſie durch mich zu verrathen.. Es liegt jetzt wenig daran, wie oft ich mir die Töne der Stimme meiner Mutter vergegenwärtigte; wie oft ich mich fragte, ob ich die Stimme noch ein Mal hören würde, die es mich ſo ſehr verlangte, wieder zu hören; und wie oͤft ich dachte, daß es doch recht ſeltſam und un⸗ glücklich wäre, daſſelbe für mich ſo neu ſein ſollte. Es liegt wenig daran, daß ich jede öffentliche Erwähnung des Namens meiner Mutter eifrig verfolgte; daß ich an der Thüre ihrer Stadtwohnung gar oft vorüberging, mit vor Liebe brennendem Herzen, aber ſie nicht anzu⸗ ſchauen wagend; daß ich einſt im Theater war, wo ich meine Mutter, und ſie mich ſah, und wo wir ſo weit von einander getrennt waren vor der großen Geſellſchaft nach allen ihren Abſtufungen, daß ein Band oder eine frühere vertraute Mittheilung zwiſchen uns Beiden wie ein Traum erſchien. Es iſt Alles, Alles vorüber. Mein Loos iſt ein ſo glückliches geweſen, daß ich von mir ſelbſt nur wenig berichten kann, das nicht eine Geſchichte der Güte und des Edelmuths Anderer iſt. Ich kann füglich über 376 dieſes Wenige hinweggehen, um in meinem Berichte fort⸗ zufahren. Als wir zu Hauſe wieder uns eingewöhnt hatten, hatten Ada und ich gar manche Unterhaltungen mit meinem Vormunde,— Unterhaltungen, deren Gegenſtand Richard war. Mein liebes Mädchen war tief bekümmert darüber, daß Richard ſeinem gütigen Vetter ſo ſchweres Unrecht that; zu gleicher Zeit aber hing ſie treu an Richard, daß ſie ihn deſſenthalben nicht einmal zu tadeln vermochte. Mein Vormund wußte das gar wohl, und knüpfte an den Namen Richard's nie auch nur ein Wort des Tadels.„Rick irrt ſich, meine Liebe,“ pflegte er zu ihr zu ſagen.„Ei nun! Wir Alle haben uns ja ſchon gar oft geirrt. Wir müſſen es eben Dir und der Zeit über⸗ laſſen, ihn wieder ins rechte Geleiſe zu bringen.“ Wir erfuhren ſpäter, was wir damals muthmaßten, — daß er die Heilung Richard's erſt dann der Zeit über⸗ laſſen wollte, als er ſchon viele Verſuche gemacht, dem⸗ ſelben die Augen zu öffnen; daß er an ihn geſchrieben, daß er zu ihm gegangen, daß er mit ihm geſprochen, daß er Alles aufgeboten, ihn in ſanfter Weiſe von ſeinem Unrecht zu überzeugen, daß ſeine Güte Nichts unverſucht gelaſſen, ihn auf beſſere Wege zu bringen. Aber unſer armer lieber Richard war eben für Alles taub und blind. Wenn er im Unrecht ſei, wolle er, ſagte er, Abbitte thun, ſobald der noch vor dem Kanzleigerichtshofe ſchwebende Prozeß zu Ende gehe. Tappe er im Finſtern herum, ſo könne er nichts Beſſeres thun, als Alles aufzubieten, um dieſe Wolken zu zerſtreuen, in denen ſo viel verwor⸗ ren und dunkel ſei. Wenn man ihm ſage, daß Verdacht und Mißverſtändniſſe von dem Prozeſſe unzertrennlich ſeien, ſo antworte er, man ſolle ihm den Prozeß zu Ende führen und ſo wieder zur Beſinnung kommen laſſen. Dieß waren die Antworten, die er immer und ewig gab. Etwas Anderes konnte man aus ihm nicht mehr —— 5— 377 herausbringen. Jarndyce und Jarndyce hatte von ſeiner ganzen Natur dermaßen Beſitz ergriffen, daß man ihm keine Vorſtellungen machen konnte, woraus er nicht, in der Weiſe eines halb Wahnſinnigen, einen neuen Beweis⸗ grund für die Richtigkeit ſeiner Handlungsweiſe gemacht hätte. Mein Vormund ſagte deßhalb mehr denn ein Mal zu mir:„Es iſt ſogar noch unheilvoller, dem armen, lieben Burſchen Vorſtellungen zu machen, als ihn ganz ſich ſelbſt zu überlaſſen.“ Ich ergriff eine dieſer Gelegenheiten, um ſo meine Zweifel auszudrücken, ob Mr. Skimpole für Richard auch ein guter Rathgeber wäre. „Rathgeber?“ verſetzte mein Vormund lachend. „Meine Liebe, wer möchte wohl Skimpole zu Rathe ziehen?“ „Ermuthiger wäre vielleicht das richtigere Wort,“ ſprach ich. „Ermuthiger?“ entgegnete mein Vorwund wieder. „Wer könnte ſich auch durch einen Skimpole ermuthigen laſſen?“ ſ„Nicht Richard, meinen Sie?“ fragte ich. „Nein,“ erwiderte er.„Ein allen weltlichen Ge⸗ danken ſo abgewandtes, ein ſo wenig berechnendes, ſom⸗ merwebenartiges Geſchöpf iſt für ihn eine Erleichterung und eine Beluſtigung. Nun aber iſt, ſage ich, bei einem Kinde, wie Skimpole eines iſt, auch nicht entfernt daran zu denken, daß es Jemand berathe, ermuthige, oder überhaupt gegenüber von Jemand oder von irgend einer Sache eine ernſte Stellung einnehme.“ „Ei, ſagen Sie doch ein Mal, Vetter John,“ ſprach Ada, die gerade hereingekommen war, und jetzt über meine Schulter wegſchaute,„was hat ihn denn wohl zu einem ſolchen Kinde gemacht?“ „Was ihn zu einem ſolchen Kinde gemacht?“ fragte mein Vormund, ſich etwas verlegen den Kopf reibend. „Ja, Vetter John.“ 378 „Ei,“ erwiderte er langſam, ſich mehr und mehr den Kopf reibend,„er iſt eben lauter Gefühl, und— und Empfänglichkeit, und— und Empfindſamkeit— und — und Phantaſie. Und es ſind dieſe Fähigkeiten bei⸗ ihm nicht ſo recht geregelt. Vermuthlich legten die Leute, die in ſeiner Jugend ihn deßhalb bewunderten, denſelben gar zu große Wichtigkeit, zu geringe Wichtigkeit aber einer Erziehung bei, welche dieſelbe hätte mit einander in's Gleichgewicht und in Uebereinſtimmung bringen kön⸗ nen; und ſo iſt er das geworden, was er iſt. He?“ ſprach mein Vormund, mit einem Male inne haltend, und uns hoffnungsvoll anſchauend.„Was meinet Ihr, Ihr Beide?“ Ada ſchaute mich an und ſagte, ſie meine, es ſei zu bedauern, daß es Richard Geld koſte. „Ja, es iſt das zu bedauern,— es iſt das wirklich zu bedauern,“ verſetzte mein Vormund haſtig.„Es darf das nicht ſein. Wir müſſen das anders machen. Ich muß dem zuvorkommen. Das geht nicht an.“ Ich aber ſagte, ich meinte, es wäre zu bedauern, daß Skimpole unſern Richard gegen ein Geſchenk von fünf Pfund Sterling mit Mr. Vholes bekannt gemacht. „Hat er das gethan?“ ſprach mein Vormund und es drückte ſich hier auf ſeinem Geſichte ein Anflug von Aerger aus.„Aber da habt Ihr wieder den Mann! Da habt Ihr wieder den Mann! Er hat das nicht aus Gewinnſucht gethan, nein. Er hat gar keinen Begriff vom Werthe des Geldes. Er macht Rick mit Mr. Vholes bekannt; und dann ſteht er mit Letzterem auf einem freund⸗ ſchaftlichen Fuße, und borgt fünf Pfund von ihm. Er denkt dabei an nichts Arges und es erſcheint ihm dies etwas ganz Natürliches. Ich möchte darauf ſchwören, daß er Dir das ſelbſt geſagt, meine Liebe.“ „Ganz richtig!“ ſprach ich. „Habe ich's doch geſagt!“ rief mein Vormund ganz triumphirend.„Da habt Ihr wieder den Mann! Hätte 379 er dabei an etwas Arges gedacht, oder hätte er gewußt, daß er ein Unrecht begehe, ſo hätte er es ſicherlich nicht geſagt. So aber ſagt er es aus purer Einfalt. Aber Ihr ſollt ihn ſelbſt zu Hauſe ſehen und dann werdet Ihr ihn beſſer verſtehen. Wir müſſen Harold Skimpole einen Beſuch machen, und ihm in dieſem Stücke eine Warnung zugehen laſſen. Ach, du guter Gott, er iſt eben ein Kind, ein unmündiges Kind, meine Lieben!“ In Verfolgung dieſes Plans gingen wir bald dar⸗ un nach London und fanden uns ſo vor Mr. Skimpole's üre. Er wohnte an einem Orte, Polygon genannt, in Somers Town, wo dazumal eine Anzahl armer ſpa⸗ niſcher Flüchtlinge wohnte, die in Mänteln umherſpa⸗ zierten und Papier⸗Cigaretten rauchten. Ob er ein beſſe⸗ rer Miethmann war, als man hätte vermuthen können, da ſein Freund Jemand am Ende immer ſeine Miethe bezahlte, oder ob ſein unpraktiſcher Sinn es beſonders ſchwer machte, ihn zum Hauſe hinauszutreiben, weiß ich nicht; nur ſo viel iſt gewiß, daß er das nämliche Haus ſchon ſeit einigen Jahren inne gehabt hatte. Es befand ſich daſſelbe in einem Zuſtande des Verfalls, der unſern Erwartungen vollkommen entſprach. Zwei oder drei von den Gitterſtangen in dem Raume vor dem Hauſe waren nicht mehr da; das Waſſerfaß war zerbrochen; der Thür⸗ klopfer hing loſe da; der Glockengriff war ſchon ſeit langer Zeit weggeriſſen, wenn man aus dem roſtigen Zuſtande des Drahtes einen Schluß ziehen wollte; und ſchmutzige Fußſpuren auf der Staffel waren die einzigen Anzeichen, daß es bewohnt war. Ein ſchlampiges, blühendes Mädchen, das zu den Riſſen an ihrem Kleide und an ihren Schuhen gleich einer überreifen Beere herausplatzen zu wollen ſchien, beantwortete unſer Klopfen damit, daß es die Thüre ein klein wenig öffnete und die Lücke mit ſeiner Geſtalt aus⸗ füllte. Da ſie Mr. Jarndyce kannte(Ada und ich dach⸗ 380 ten wirklich Beide, daß ſie ihn offenbar mit dem Empfang ihres Lohnes in Verbindung bringe), ſo zog ſie alsbald gelindere Saiten auf und ließ uns hineingehen. Da das Thürſchloß ſich in einem etwas zerrütteten Zuſtande be⸗ fand, ſo ließ ſie es ſich ſodann angelegen ſein, die Thüre mit der Kette zu befeſtigen, die ebenfalls nicht recht func⸗ tionirte, und fragte uns, ob wir hinaufgehen wollten. Wir gingen in den erſten Stock hinauf, und ſahen immer noch kein anderes Möbel als die ſchmutzigen Fuß⸗ puren. t Ohne weitern Umſtand trat dann Mr. Jarndyce dort in ein Zimmer, und wir folgten ihm nach. Es ſah daſſelbe nicht zum Freundlichſten und nicht zum Reinlich⸗ ſten aus; indeſſen war es mit einem wunderlichen Luxus, einem großen Schemel, einem Sopha, einer Menge Kiſ⸗ ſen, einem Lehnſeſſel, einer Maſſe von Polſtern, einem Pianoforte, mit Büchern, Zeichenmaterialien, Muſikalien, Zeitungen und etlichen Skizzen und Gemälden möblirt, Eine zerbrochene Scheibe an einem der ſchmutzigen Fen⸗ ſter war mit Papier verkleiſtert, oder es war vielmehr dieſes Papier durch Oblaten befeſtigt; indeſſen ſtand auf dem Tiſche ein kleiner Teller mit Nußpfirſichen aus einem Treibhauſe; in einem andern befanden ſich Trauben, und wieder auf einem andern Biscuits; ferner war noch eine Flaſche leichten Weins da. Mr. Skimpole ſelbſt lag auf dem Sopha in ſeinem Schlafrocke, trank aus einer alten Porcellantaſſe köſtlich riechenden Kaffee— es war etwa Mittag— und ſchaute eine Collection Mauerblumen auf dem Balkon an. Er wurde durch unſer Erſcheinen nicht im Mindeſten aus der Faſſung gebracht, ſondern ſtand auf und empfing uns in der gewohnten frohen Weiſe. „Hier bin ich, wie Sie ſehen!“ ſprach er, nachdem wir uns geſetzt hatten, und zwar nicht ohne einige Mühe, indem die meiſten Stühle zerbrochen waren.„Hier bin ich! Das iſt mein frugales Frühſtück. Gewiſſe Menſchen 381 bedürfen zu ihrem Frühſtücke einige Hammels⸗ und Rinds⸗ keulen; bei mir iſt das anders. Man gebe mir meine Pfirſiche, meine Taſſe Kaffee, und meinen Bordeaux— und ich bin zufrieden. Ich bedarf ihrer nicht um ihrer ſelbſt willen, nein, aber ſie erinnern mich an die Sonne. An Rinds⸗ und Hammelskeulen iſt Nichts, was mit der Sonne in Verbindung zu bringen wäre. Pure animaliſche Befriedigung!“ „Es iſt dieß unſers Freunds Conſultationszimmer (oder es würde daſſelbe es wenigſtens ſein, wenn er Me⸗ dicamente verſchriebe), ſein Heiligthum, ſein Studirzim⸗ mer,“ ſagte mein Vormund zu uns. „Ja,“ ſprach Mr. Skimpole, ſein freudeſtrahlendes Geſicht herum wendend,„es iſt dieß der Käfig des Vo⸗ gels. Hier lebt und ſingt der Vogel. Zwar rupfen ſie ihm dann und wann die Federn aus, und ſtutzen ihm ein Bischen die Flügel; aber nichts deſto weniger ſingt und pfeift er!“ Er reichte uns die Trauben hin und wiederholte in ſeiner heiteren Weiſe: „Er ſingt, ja, er ſingt! Zwar keine ambitiöſe Note, aber immerhin ſingt er.“ „Es ſind dieſe Trauben ſehr ſchön,“ ſprach mein Vormund.„Ein Geſchenk?“ „Nein,“ antwortete er.„Nein! Ein liebenswürdiger Gärtner verkanft dieſelben. Sein Diener wollte vergan⸗ genen Abend, als er ſie herbrachte, wiſſen, ob er auf das Geld warten ſolle. ‚Mein Freund,“ ſprach ich, llaſſen Sie das bleiben,— wenn Ihre Zeit Ihnen über⸗ haupt von einigem Werthe iſt.: Nun glaube ich aber, daß ſie für ihn nicht ganz werthlos ſein mußte, denn er ging hinweg.“ Mein Vormund ſchaute uns mit einem Lächeln an, als wollte er uns fragen:„Kann man dieſes Kind wie ein Weltkind behandeln?“ „Es iſt dieß ein Tag,“ ſprach Mr. Skimpole, indem 382 er in froher Weiſe ein wenig Bordeaux aus einem Stürze⸗ becher trank,„deſſen man ſich hier noch in ewigen Zeiten erinnern wird. Wir werden ihn den St. Clara⸗ und St. Summerſon⸗Tag nennen. Sie müſſen meine Töch⸗ ter ſehen. Ich habe eine blauäugige Tochter, die meine Schönheits⸗Tochter iſt, und dann habe ich eine Gefühls⸗ Tochter, und endlich habe ich noch eine Comödien⸗Toch⸗ ter. Sie müſſen ſie alle ſehen. Es werden dieſelben hoch erfreut ſein.“ Schon wollte er dieſelben herbeizitiren, als mein Vormund dazwiſchen trat und ihn bat, er möchte noch einen Augenblick warten, indem er zuerſt ein Paar Worte mit ihm ſprechen wollte. „Mein lieber Jarndyce,“ erwiderte er fröhlich, indem er wieder nach ſeinem Sopha zurückging,„ſo viel und ſo lange Sie nur wollen. Die Zeit wird hier nicht ſehr beachtet. Wir wiſſen nie, wie viel Uhr es iſt, und küm⸗ mern uns auch nie viel darum. Es ſei dieß nicht der Weg, in dieſem Leben vorwärts zu kommen, zu proſperi⸗ ren, werden Sie mir ſagen? Ganz gewiß. Aber wir kommen auch nicht vorwaͤrts. Und haben auch keine Ab⸗ ſicht, vorwärts zu kommen.“ Mein Vormund ſchaute uns abermals an, und ſein Blick ſagte deutlich:„Ihr höret ihn?“ „Nun, Harold,“ hob er an,„die paar Worte, die ich Ihnen ſagen möchte, beziehen ſich auf Rick.“ „Ah! Es iſt der theuerſte Freund, den ich beſitze!“ verſetzte Mr. Skimpole in herzlicher Weiſe.„Ich denke ſo beimir ſelbſt, es follte derſelbe nicht meintheuerſter Freund ſein, da er mit Ihnen nicht auf dem freundſchaftlichſten Fuße ſteht. Aber er iſt es nun ein Mal, ich kann Nichts dafür; er iſt voll jugendlicher Poeſie, und ich liebe ihn. Gefällt Ihnen das nicht, ſo kann ich nicht dafür. Ich liebe ihn.“ Die einnehmende Offenheit, womit er dieſes ſprach, —.———ℳ———— 21O— l— ⁸ h b a ☛——e₰—— 2— 383 hatte wirklich ein uneigennütziges Ausſehen, und bezau⸗ berte meinen Vormund, wenn nicht, für den Augenblick, auch Ada. „Sie können ihn lieben, ſo viel Sie wollen,“ ver⸗ ſetzte Mr. Jarndyce,„aber wir müſſen dafür Sorge tra⸗ gen, daß keine zu ſtarken Griffe in ſeine Taſche gethan werden, Harold.“ „Oh!“ ſprach Mr. Skimpole.„Sie ſprechen von ſeiner Taſche. Nun kommen Sie zu einem Gegenſtande, den ich nicht mehr verſtehe.“ Wieder ein Bischen Wein trinkend, und eines von den Biscuits darein tunkend, ſchüttelte er den Kopf, und lächelte Ada und mich in offenherziger Weiſe an, und es wollte dieſes Lächeln ſagen, daß es ſchwerlich je gelingen würde, ihm dieſes begreiflich zu machen. „Wenn Sie dahin oder dorthin mit ihm gehen,“ ſprach mein Vormund nun deutlicher,„ſo dürfen Sie ihn nicht für Beide zahlen laſſen.“ „Mein lieber Jarndyce,“ verſetzte Mr. Skimpole und ſein heiteres Geſicht ſtrahlte hier, erleuchtet von die⸗ ſer komiſchen Idee,„was ſoll ich thun? Führt er mich wohin, ſo muß ich eben gehen. Und wie kann ich be⸗ zahlen? Ich habe nie Geld. Und hätte ich auch Geld, ſo verſtehe ich doch Nichts davon. Nehmen wir ein Mal an, ich ſage zu Jemand, wie viel? Und nehmen wir ein Mal weiter an, es ſage der Mann zu mir ſieben und ſechs Pence? Ich weiß Nichts von ſieben und ſechs Pence. Es iſt mir unmöglich, bei aller Achtung für den Mann, den Gegenſtand weiter zu verfolgen. Es fällt mir nicht ein, herumzugehen und geſchäftige Leute zu fragen, was ſieben und ſechs Pence auf Mohriſch iſt,— das ich nicht verſtehe. Warum ſollte ich nun herumge⸗ hen, und ſie fragen, was ſieben und ſechs Pence in Geld iſt— das ich nicht verſtehe?“ „Wohlan,“ ſprach mein Vormund, dem dieſe unge⸗ künſtelte Antwort keineswegs mißfiel,„wenn Sie wieder 384 ein Mal mit Rick eine Reiſe machen, ſo müſſen Sie das Geld von mir borgen, auf dieſen Umſtand aber nie im Geringſten anſpielen, und die Calculation ihm überlaſſen.“ „Mein lieber Jarndyce,“ verſetzte Mr. Skimpole, „ich will Alles thun, was Ihnen Vergnügen machen kann, indeſſen ſcheint es mir eine müßige Form— ein Aberglaube zu ſein. Zudem glaubte ich, ich gebe Ihnen mein Wort darauf, Miß Clare und meine liebe Miß Summerſon, es ſei Mr. Carſtone unermeßlich reich. Ich dachte, er brauche bloß Etwas zu übermachen, oder eine Obligation, oder eine Tratte, oder eine Bankanweiſung, oder einen Wechſel zu unterſchreiben, oder Etwas irgend⸗ wo vorzulegen, um einen ganzen Geldregen auf ſich herunterzurufen.“ „Es iſt dem aber in der That nicht ſo, Sir,“ ſprach Ada.„Er iſt arm.“. „Iſt er wirklich nicht reich?“ entgegnete Mr. Skim⸗ pole mit ſeinem heitern Lächeln.„Sie ſetzen mich in Erſtaunen.“ „Und da er darum nicht reicher iſt, weil er ſich auf ein verfaultes Rohr verläßt,“ ſprach mein Vormund, ſeine Hand emphatiſch auf den Aermel von Mr. Skim⸗ pole's Schlafrock legend,„ſo hüten Sie ſich doch ja recht, daß Sie ihn in dieſem Vertrauen nicht noch ermuthigen, Harold.“ „Mein lieber, guter Freund,“ verſetzte Mr. Skim⸗ pole,„und meine liebe Miß Summerſon, und meine liebe Miß Clara, wie kann ich das thun? Es iſt das etwas Geſchäftliches und auf Geſchäſte verſtehe ich mich nicht. Er iſt es, der mich ermuthigt. Er ſpricht immer von wichtigen Geſchäften, er entfaltet immer als End⸗ reſultat die glänzendſten Ausſichten vor meinen Augen, und fordert mich auf, dieſelben zu bewundern. Und wirklich bewundere ich ſie auch— als glänzende Ausſich⸗ ten. Aber weiter weiß und verſtehe ich Nichts von der Sache, und das ſage ich ihm auch.“ 38⁵ Die hilfloſe Art von Offenherzigkeit, womit er Alles dieſes hinſtellte, die fröhliche Weiſe, in der er durch ſeine Unſchuld amüfirt wurde, die Phantaſterei, womit er ſich in ſeinen eigenen Schutz begab, und über dieſe merk⸗ würdige Schutzmacht dieſes und jenes anführte,— Alles dieß vereinigte ſich mit der köſtlichen Ruhe, womit er Alles ſagte, um meinem Vormund gewonnenes Spiel zu geben. Je mehr ich von ihm ſah, um ſo unwahrſchein⸗ licher ſchien es mir, ſo lange er gegenwärtig war, daß er irgend Etwas im Schilde führen, verheimlichen, oder influenziren könne; und doch erſchien es dann wieder, ſobald er nicht gegenwärtig war, um ſo unwahrſcheinli⸗ cher, und um ſo unangenehmer war dann der Gedanke, daß er mit Jemand, der mir am Herzen lag, irgend Etwas zu ſchaffen haben könne. Als Mr. Skimpole hörte, daß ſein Verhör(ſo nannte er es) nun vorüber ſei, ſo verließ er das Zim⸗ mer mit ſtrahlendem Geſichte, um ſeine Töchter herbei⸗ zuholen(ſeine Söhne waren zu verſchiedenen Zeiten da⸗ von gelaufen). Mein Vormund war ganz entzückt über die Art und Weiſe, wie Mr. Skimpole ſich wieder als Kind be⸗ währt hatte. Letzterer erſchien bald wieder, und brachte die drei jungen Damen und Mrs. Skimpole mit, die einſt eine Schönheit geweſen, nun aber eine ſchwächliche, kranke, mit einer Unzahl von Leiden behaftete Dame mit hoher Naſe war. „Dieß iſt,“ ſprach Mr. Skimpole,„meine Schön⸗ heits⸗Tochter, Arethuſa— ſie ſpielt, und pfeift, und ſingt wie ihr Vater. Dieſe bier iſt meine Gefühls⸗Tochter, Laura,— ſie ſpielt ein Bischen, ſingt aber nicht. Und die hier iſt meine Komödien⸗Tochter, Kitty,— ſie ſingt ein Bischen, ſpielt aber nicht. Wir Alle zeichnen ein Bis⸗ chen, und componiren ein Bischen; Keines von uns aber hat einen Begriff von Zeit oder Geld.“ Bleak Houſe. III. 25 386 Mrs. Skimpole ſeufzete, wie ich glaubte, wie wenn ſie dieſes Item in den Familientalenten gerne vermißt hätte. Auch glaubte ich, daß ihr Seufzer ſo ziemlich für meinen Vormund gemünzt ſei, und daß ſie jede Gelegen⸗ heit ergreife, abermals einen Seufzer anzubringen. „Es iſt recht luſtig,“ ſprach Mr. Skimpole, ſein leb⸗ haftes Auge bald auf das Eine, bald auf das Andere von uns heftend,„und es iſt wunderſam intereſſant, Eigenthümlichkeiten in Familien zu verfolgen. In dieſer Familie ſind wir Alle Kinder, und ich bin das jüngſte. Die Töchter, die ihn zärtlich zu lieben ſchienen, fan⸗ den ſich durch dieſes drollige Factum nicht wenig be⸗ luſtigt; insbeſondere aber galt dieß von der Komödien⸗ Tochter. „Meine Liebe, es iſt wahr,“ ſprach Mr. Skimpole, „— iſt es nicht ſo? So iſt es und ſo muß es ſein, weil es, wie bei den Hunden in dem Liede, unſere Natur ſo will. Hier iſt nun Miß Summerſon mit einer ſchönen adminiſtrativen Fähigkeit und einer wahrhaft erſtaunli⸗ chen Kenntniß aller Details. Es wird nun in Miß Sum⸗ merſon's Ohre wohl höchſt ſeltſam klingen, wenn i ſage, daß wir in dieſem Hauſe von Coteletten Nichts wiſſen. Aber es iſt dem wirklich ſo; wir wiſſen gar Nichts davon. Wir können gar Nichts kochen. Wir wiſſen nicht, wie Nadel und Faden zu handhaben ſind. Wir bewun⸗ dern die Leute, welche die praktiſche Weisheit beſitzen, die uns abgeht; indeſſen hadern wir nicht mit ihnen, Warum ſollten wir denn aber mit uns ſelbſt hadern? Lebet und laſſet leben, ſagen wir zu ihnen. Lebet von Eurer praktiſchen Weisheit und laßt uns von Euch leben!“ Er lachte, ſchien aber wie gewöhnlich ganz aufrich⸗ tig zu ſein, und wirklich das zu meinen, was er ſagte. „Wir haben, meine Roſen,“ ſprach Mr. Skimpole, „Sympathie, Sympathie für Alles, nicht wahr?“ „O ja, Papa!“ ſprachen die drei Töchter.„ „Es iſt dieß in der That unſer Familien⸗Departe⸗ ͤ—-,, SO=ͤn ͤO,= .— S— 387 ment in dieſem Wirrwarr des Lebens,“ ſprach Mr. Skim⸗ pole.„Wir können zuſchauen und uns intereſſiren; und wir ſchauen zu und intereſſiren uns. Was können wir mehr thun! Da iſt meine Schönheits⸗Tochter: ſie iſt nun ſeit drei Jahren verheirathet. Es unterliegt nun wohl keinem Zwei⸗ fel, daß es, von der nationalökonomiſchen Seite betrach⸗ tet, ganz ſchief war, daß ſie ein anderes Kind heirathete und noch zwei weitere bekam; aber es war doch ſehr angenehm. Wir hatten bei ſolchen Anläſſen unſere kleinen Feſtlichkeiten und tauſchten geſellige Ideen aus. Sie brachte eines Tags ihren jungen Gatten mit nach Hauſe, und ſie Beide haben ſammt ihren jungen Vögelchen ihr Neſt droben. Es wird wohl nicht fehlen, daß meine Ge⸗ fühls⸗Tochter und meine Komödien⸗Tochter früher oder ſpäter ein Mal auch ihren Gatten mit nach Hauſe bringen, und ſich ihre Neſter gleichfalls droben zurecht machen. Und ſo leben wir; wir wiſſen nicht wie, aber doch leben wir.“ Für eine Mutter von zwei Kindern ſah ſie wirklich recht jung aus, und ich konnte mich nicht euthalten, ſo⸗ wohl die Mutter, als die Kinder zu bemitleiden. Offen⸗ bar waren die drei Töchter aufgewachſen, wie ſie eben konnten, und hatten gerade ſo viel Unterricht aufgeſchnappt, als nöthig war, um ſie zu Spielzeugen ihres Vaters in ſeinen müßigſten Stunden zu machen. Wie ich bemerkte, ſo war ſein Kunſtgeſchmack in der Weiſe, in der Jede ihr Haar trug, befragt worden: die Schönheits⸗Tochter trug daſſelbe in klaſſiſcher Weiſe, die Gefühls⸗Tochter üppig und wallend, und die Komödien⸗Tochter in ſchel⸗ miſcher Weiſe mit freier, luſtiger Stirn und in lebendigen, kleinen Locken, welche ihre Augenwinkel umſpielten. Ihr Anzug war entſprechend, obwohl höchſt unzierlich und nachläßig. Ada und ich unterhielten uns mit dieſen jungen Da⸗ men, und wir fanden dieſelben ihrem Vater zum Ver⸗ wundern gleich. Unterdeſſen ſprach Mr. Jarndyce(der 388 ſich den Kopf gewaltig gerieben hatte, was auf eine Veränderung im Winde bindeutete) mit Mr. Skimpole in einer Ecke, von wo ein Geldgeklingel zu unſern Ohren drang. Mr. Skimpole hatte ſich ſchon vorher erboten, uns nach Hauſe zu begleiten und war nun verſchwunden, um ſich zu dieſem Zwecke anzukleiden. „Meine Roſen,“ ſprach er, als er wieder erſchien, „pfleget Mamma recht fleißig! Sie iſt heute recht un⸗ wohl. Indem ich auf ein paar Tage mit Mr. Jarndyce gehe, werde ich die Lerchen ſingen hören, und meine lie⸗ benswürdige Laune bewahren. Es iſt, wie Ihr wißt, dieſelbe ſchon auf harte Proben geſtellt worden, und würde es noch mehr werden, wenn ich jetzt zu Hauſe bliebe.“ „Der böſe Mann!“ ſprach die Komödien⸗Tochter. „Gerade in dem Augenblicke, wo er wußte, daß Papa neben ſeinen Mauerblumen lag und den blauen Himmel anſchaute,“ klagte Laura. „Und wo ein Heugeruch die Luft erfüllte!“ ſagte Arethuſa. „Es verrieth einen Mangel an Poeſie von Seiten des Mannes,“ ſtimmte Mr. Skimpole, jedoch in voll⸗ kommen guter Laune, bei.„Es war recht grob, recht gemein. Mau vermißte in dem Benehmen ſo ganz alles feinere Menſchengefühl! Meine Töchter haben ſich,“ el⸗ klärte er uns,„ſehr ſkandaliſirt über einen ehrlichen Mann—* „Ach nein, er war nicht ehrlich, Papa. Unmöglich!“ proteſtirten alle Drei. „Ueber eine rauhhaarige Art von einem Kerl— über eine Art zuſammengerollten menſchlichen Stachel⸗ ſchweines,“ ſprach Mr. Skimpole.„Der Mann, müſſen Sie wiſſen, iſt ein in der Nachbarſchaft wohnender Bäcker, von dem wir ein Paar Armſtühle entlehnten. Wir brauch⸗ ten ein Paar Armſtühle, und es fehlte uns daran, und 389 darum warfen wir die Augen auf einen Mann, der ſolche hatte, damit er uns dieſelben leihen möchte. Wohlan! dieſe mürriſche Perſon lieh ſie uns, und wir nützten ſie ab. Als ſie abgenützt waren, wollte er ſie wieder haben. Und er bekam ſie wieder. Sie werden nun ſagen, es werde derſelbe damit zufrieden geweſen ſein. Aber da täuſchen Sie ſich. Er wollte ſchlechterdings keine abge⸗ nützten Armſeſſel haben. „Ich ſuchte ihn mit Vernunftgründen zu bearbeiten, und machte ihm ſeinen Irrthum klar. Ich ſprach: ‚Kön⸗ nen Sie in Ihrem Alter ſo eigenſinnig und ſtarrköpfig ſein, mein Freund, daß Sie ſchlechterdings behaupten, es ſei ein Armſtuhl ein Ding, das man auf einen Sims ſtelle und bloß anſchane; daß ein Armſtuhl ein Gegen⸗ ſtand ſei, den man bloß betrachten, aus der Entfernung muſtern, als eine Curioſität von dem günſtigſten Punkte aus anſchauen dürfe? Wiſſen Sie denn nicht, daß dieſe Armſtühle zum Daraufſitzen entlehnt wurden?“ „Und denken Sie nur, der Mann war ſo unver⸗ nünftig, daß er ſich ſchlechterdings nicht überzeugen ließ, und daß er das Maul brauchte. „Ich appellirte ſo geduldig, wie ich in dieſem Au⸗ genblicke bin, abermals an ſeinen Verſtand und an ſein Herz, und ſprach: ‚Nun, mein guter Mann, wir ſind eben Alle Kinder einer großen Mutter, Natur genannt, wie verſchieden auch unſere geſchäftlichen Fähigkeiten ſein mögen. An dieſem herrlichen Sommermorgen ſahen Sie mich hier(ich lag auf dem Sopha), umgeben von Blu⸗ men; ouf dem Tiſche liegt Obſt, über mir wölbt ſich der wolkenloſe Himmel, die Luft iſt mit den köſtlichſten Wohlgerüchen angefüllt, und ich lebe einer ſinnigen Na⸗ turanſchauung. Ich bitte Sie, ich beſchwöre Sie bei dem Bande, das uns als Brüder mit einander verknüpft, ſtel⸗ len Sie doch nicht zwiſchen mich und einen ſo erhabenen Gegenſtand die abſurde Geſtalt eines zornigen Bäckers! „Aber er that es doch,“ ſprach Mr. Skimpole, ſeine 390 lachenden Augenbrauen voll muthwilligen Staunens em⸗ porhebend; er ſtellte dieſe lächerliche Figur zwiſchen uns und ſtellte ſie noch zwiſchen uns, und wird ſie wieder zwi⸗ ſchen uns ſtellen. Und darum iſt es mir recht lieb, daß ich dem Burſchen aus dem Wege gehen und meinen Freund Jarndyce nach Hauſe begleiten kann.“ Es ſchien ihm zu entgehen, daß Mrs. Skimpole und die Töchter zurückblieben, und daß dieſelben dann die Sache mit dem Bäcker auszufechten hatten; aber es war dieß für ſie Alle eine ſo alte Geſchichte, daß ihnen ſolches als etwas ganz Natürliches erſchien. Er verabſchiedete ſich von ſeiner Familie mit einer Zärtlichkeit, worin ſich ſein ganzes heiteres und graziöſes Weſen zeigte, und fuhr in der beſten Stimmung von der Welt, und ohne daß in ſeinem Gemüthe auch nur eine diſſonirende Saite vibrirte, mit uns hinweg. Wir konnten, als wir die Treppe hinuntergingen, durch einige offene Thüren hin⸗ durch ſehen, daß ſeine Wohnung gegenüber von dem üb⸗ rigen Hauſe ein wahrer Palaſt war. 1 Ich konnte nicht ahnen, und ahnete auch nicht, daß, ehe noch dieſer Tag zu Ende ginge, Etwas geſchehen ſollte, was im Augenblicke für mich recht überraſchend war, und in ſeinen Folgen für mich ewig merkwürdig geblieben iſt.. unſer Gaſt befand ſich, während wir heimfuhren, in ſo vortrefflicher Stimmung, daß ich nichts Anderes thun konnte, als ihm zuhören und über ihn ſtaunen; auch erging es mir nicht allein ſo, denn Ada ſtand nnter dem Einfluſſe des gleichen Zaubers. Was meinen Vormund betrifft, ſo ſchlug der Wind, der, als wir Somers Town A&2SVS2SͤOMV 391„ verließen, entſchieden öſtlich zu werden und zu bleiben gedroht hatte, vollſtändig um, noch ehe wir ein paar Meilen weit gefahren waren. Mochte nun auch in allen andern Dingen der kin⸗ diſche Charakter Mr. Skimpole's in Frage geſtellt wer⸗ den, ſo legte er doch die Freude eines Kindes über dieſe Veränderung und über das ſchöne Wetter an den Tag. Durch ſeine luſtigen Einfälle auf dem Wege in keiner Weiſe ermüdet, war er vor uns Allen im Geſellſchafts⸗ zimmer; und ich hörte ihn, während ich noch nach mei⸗ ner Haushaltung ſah, ſchon einen Refrain um den andern aus italieniſchen und deutſchen Barkarolen und Trink⸗ liedern nach der Partitur ſingen. Kurz vor dem Diner waren wir Alle wieder bei⸗ ſammen, und er ſaß immer noch am Pianoforte, und wählte ſich in ſeiner müßigen, üppigen Weiſe bald dieſe, bald jene kleine Arie aus, und ſprach dabei zuweilen davon, daß er morgen einige Skizzen von der alten, in Ruinen liegenden Verulam⸗Mauer, die er vor ein paar Jahren angefangen, und deren er müde geworden, voll⸗ enden wolle. Da wurde plötzlich eine Viſitenkarte herein⸗ gebracht, und es las mein Vormund mit einer Stimme, die Staunen ausdrückte, laut: „Sir Leiceſter Dedlock!“ Der Beſuchende ſtand bereits im Zimmer, als noch Alles mit mir herumging, und ehe ich ſo viel Kraft be⸗ ſaß, um mich zu rühren. Hätte ich dieſe Kraft beſeſſen, ſo würde ich auf der Stelle hinweggeeilt ſein. Bei dem Schwindel, der ſich meiner bemächtigt, hatte ich nicht einmal ſo viel Geiſtesgegenwart, mich zu der am Fenſter befindlichen Ada zurückzuziehen, oder das Fenſter zu ſehen, oder zu wiſſen, wo ſich daſſelbe befand. Ich hörte mei⸗ nen Namen ausſprechen, und fand, daß mein Vormund mich vorſtellte, noch ehe ich mich nach einem Stuhle hin bewegen konnte. „Setzen Sie ſich doch gefälligſt, Sir Leiceſter!“ 392 „Mr. Jarndyce,“ antwortete Sir Leiceſter, ſich verneigend und Platz nehmend,„ich gebe mir die Ehre, hier vorzuſprechen—“ „Sie geben mir die Ehre, Sir Leiceſter.“ „Ich danke Ihnen— hier, auf meinem Weg von Lincolnſhire, vorzuſprechen, um mein Bedauern darüber auszudrücken, daß, ſo ſehr ich auch Urſache haben mag, mich über einen Herrn zu beklagen, der— der Ihnen bekannt und Ihr Wirth geweſen iſt, und auf den ich daher nicht weiter anſpielen will, dieſer Umſtand Sie, ja ſogar Damen, die unter Ihrem Schutze gekommen, abge⸗ halten hat, das Wenige, was auf meinem Schloſſe, Ches⸗ ney Wold, einem guten und verfeinerten Geſchmack Be⸗ friedigung gewähren kann, in Augenſchein zu nehmen.“ „Sie ſind gar zu artig, Sir Leiceſter, und ich danke Ihnen recht ſehr, ſowohl für dieſe Damen, die hier an⸗ weſend ſind, als für mich ſelbſt.“ „Es iſt möglich, Mr. Jarndyce, daß der Herr, auf den ich aus den bereits erwähnten Gründen nicht weiter anſpielen will— es iſt möglich, Mr. Jarndyce, daß die⸗ ſer Herr mir die Ehre erwieſen, ſich in Beziehung auf meinen Charakter ſo weit zu irren, daß er Sie zu dem Glauben veranlaßt, Sie würden von meinem Haushalte in Lincolnſhire nicht mit jener Urbanität, mit jener Artig⸗ keit empfangen werden, ſo deſſen Glieder angewieſen ſind, allen Damen und Herren zu erzeigen, die dieſes Schloß betreten. Ich bitte Sie bloß, gefälligſt zu bemerken, Sir, daß das Factum gerade das Gegentheil iſt.“ Mein Vormund ging in zarter Weiſe über dieſe Bemerkung weg, ohne mit Worten darauf zu dienen. 4 „Es hat mich geſchmerzt, Mr. Jarndyce,“ fuhr Sir Leiceſter wichtig fort,„ich verſichere Sie, Sir, es hat mich geſchmerzt— mich— geſchmerzt—, von der Haus⸗ hälterin auf Schloß Chesney Wold zu erfahren, daß ein Herr, der in Ihrer Geſellſchaft dieſen Theil der Graf⸗ ſchaft gleichfalls beſuchte, und der, wie es ſcheinen möchte, 393 einen feinen Geſchmack für die ſchönen Künſte beſitzt, durch eine ſolche oder ähnliche Urſache gleichfalls abgehalten wurde, die Familiengemälde mit jener Muße, jener Aufmerkſamkeit, jener Sorgfalt zu prüfen, die er vielleicht auf dieſelben hätte verwenden mögen, und wofür er durch einige von dieſen Gemälden vielleicht entſchädigt worden wäre.“ Hier zog er eine Viſitenkarte heraus und las mit vieler Gravität und einiger Mühe durch ſein Augenglas hindurch: „Mr. Hirrold— Herald— Harold— Skampling — Skumpling— ach, ich bitte um Verzeihung,— Skimpole.“ „Dieß iſt Mr. Harold Skimpole,“ ſprach mein Vor⸗ mund offenbar überraſcht. „Oh!“ rief Sir Leiceſter aus,„freut mich unendlich, Mr. Skimpole hier zu treffen, und ihm ſo gelegentlich mein perſönliches Bedauern ausdrücken zu können. Hoffent⸗ lich werden Sie, Sir, wenn Sie wieder ein Mal in den Theil der Grafſchaft kommen, den ich bewohne, ſich bei mir mit mehr Muße umſehen.“ „Sie ſind recht artig, Sir Leiceſter Dedlock. Alſo aufgemuntert werde ich mir gewiß die Freude gönnen, einen andern lehrreichen Beſuch auf Ihrem wunderſchönen Schloſſe zu machen. Die Beſitzer von Orten, wie Ches⸗ ney Wold,“ ſprach Mr. Skimpole in gewohnter fröhlicher und behaglicher Weiſe,„ſind öffentliche Wohlthäter. Sie ſind ſo gütig und halten eine Anzahl köſtlicher Gegen⸗ ſtände für die Bewunderung und das Vergnügen von uns armen Menſchen bereit; und nicht all' die Bewunde⸗ rung und all' das Vergnügen ernten, das dieſe Gegenſtände gewähren, heißt gegen unſere Wohlthäter undankbar ſein.“ Sir Leiceſter ſchien ſolche Geſinnungen höchlich zu billigen.„Wohl ein Künſtler, Sir?“ „“D nein,“ verſetzte Mr. Skimpole.„Ein durchaus müßiger Mann. Ein bloßer Liebhaber.“ Sir Leiceſter ſchien dieſes ſogar noch mehr zu billi⸗ gen. Er drückte die Hoffnung aus, daß er vielleicht ſo 394 glücklich ſein würde, zu Chesney Wold zu ſein, wenn Mr. Skimpole das nächſte Mal nach Lincolnſhire hinun⸗ terkäme. Mr. Skimpole geſtand, er fühle ſich hiedurch ſehr geſchmeichelt und geehrt. „Mr. Skimpole erwähnte,“ fuhr Sir Leiceſter, wie⸗ der zu meinem Vormund gewandt, fort,—„erwähnte gegen die Haushälterin, die, wie er vielleicht bemerkt bat⸗ eine alte, treue, anhängliche Dienerin der Familie iſt— („Es war dieß, als ich neulich durch das Schloß hin ging,— damals, als ich hinunter kam, um Miß Summerſon und Miß Clare zu beſuchen,“ erklärte uns Mr. Skimpole in heiterer Weiſe.) „Daß der Freund, mit dem er früher da geweſen, Mr. Jarndyce ſei.“ Sir Leiceſter verneigte ſich gegen den Träger dieſes Namens.„Und ſo erfuhr ich den Um⸗ ſtand, wegen deſſen ich mein Bedauern ausgeſprochen. Daß dieß einem Gentleman begegnet, Mr. Jarndyce, insbeſondere aber einem Gentleman, der Lady Dedlock früher kannte, der entfernt mit ihr verwandt iſt, und den ſie(wie my Lady ſelbſt mir ſagt) hochachtet, ſchmerzt mich, ich verſichere Sie— ja,— ſchmerzt— mich.“ „Laſſen Sie das doch gut ſein, Sir Leiceſter, ich bitte Sie!“ verſetzte mein Vormund.„Ich bin Ihnen für dieſe Ihre Rückſichten ſehr zu Dank verpflichtet, und gewiß ſind wir es Alle. Ich war es, der ſich hier ein Verſehen zu Schulden kommen ließ, und an mir wäre es eigentlich, mich deßhalb zu entſchuldigen.“ Ich hatte auch nicht ein einziges Mal aufgeſchaut. Ich hatte den Beſuchenden nicht geſehen, und hatte, wie mir däuchte, nicht einmal das Geſprochene gehört. Es verſetzt mich in Staunen, daß ich mich der Worte noch entſinnen kann, denn es ſchienen dieſe, während ſie an meinem Ohre vorüber gingen, keinen Eindruck auf mich zu machen. Ich hörte ſie ausſprechen, aber mein Geiſt —— —— 395 war ſo verwirrt, und es machte meine inſtinktmäßige Scheu vor dieſem Gentleman ſeine Gegenwart für mich ſo qualvoll, daß ich glaubte, ich verſtehe gar Nichts, ſo heftig klopfte mein Herz und ſauſete es in meinem Kopfe. „Ich erwähnte der Sache bei Lady Dedlock,“ ſprach Sir Leiceſter aufſtehend,„und my Lady ſagte mir da, ſie habe das Vergnügen gehabt, bei Gelegenheit eines zufälligen Zuſammentreffens während ihres Aufenthaltes in der Nähe ein paar Worte mit Mr. Jarndyce und ſeinen Mündeln auszutauſchen. Erlauben Sie mir, Mr. Jarndyce, daß ich gegen Sie, ſowie gegen dieſe Damen die Verſicherung wiederholentlich ausſpreche, die ich Mr. Skimpole bereits gegeben. Umſtände laſſen mich zwar nicht ſagen, daß es mir Freude machen würde, zu hören, daß Mr. Boythorn mein Haus mit ſeiner Gegenwart beehrt; aber dieſe Umſtände beſchränken ſich bloß auf den eben genannten Herrn ſelbſt, und erſtrecken ſich nicht auch auf andere.“ „Sie wiſſen, was ich ſchon lange von ihm halte,“ ſprach Mr. Skimpole, flüchtig an uns appellirend.„Er iſt ein liebenswürdiger Stier, der nun einmal entſchloſſen iſt, aus jeder Farbe Scharlachroth zu machen!“ Sir Leiceſter Dedlock huſtete, wie wenn es ihm rein unmöglich wäre, noch ein Wort über ein ſolches Indi⸗ viduum ſprechen zu hören, und verabſchiedete ſich mit vieler Höflichkeit und unter vielen Ceremonien. Sobald ich nur konnte, eilte ich auf mein Zimmer, und blieb allda, bis ich meine ganze Selbſtbeherrſchung wieder erlangt hatte. Es war dieſelbe gar ſehr gefährdet worden; indeſſen war ich, als ich wieder herunter kam, recht froh, daß ſie mich bloß wegen meiner Schüchtern⸗ heit und wegen meines Stummſeins vor dem großen Lincolnſhirer Baronet aufzogen. 396 Um dieſe Zeit war ich zu der entſchiedenen Anſicht gelangt, daß nun die Zeit gekommen wäre, wo ich mei⸗ nem Vormund mein Geheimniß mittheilen müßte. Der Gedanke, daß ich ein Mal mit meiner Mutter in Berüh⸗ rung kommen, daß ich ein Mal in ihr Haus mitgenommen werden könne— ja ſogar der Gedanke, daß der mit mir keineswegs auf einem vertraulichen Fuße ſtehende Mr. Skimpole dem Gatten meiner Mutter für erwieſene Freundlichkeit und ſonſtige Dienſte zu Dank verpflichtet werden könne, war ſo peinlich, daß ich deutlich fühlte, ich könne nicht länger den Beiſtand meines Vormunds entrathen, ſondern es ſei derſelbe mir ſchlechterdings noth⸗ wendig unter den dermaligen Verhältniſſen. Als wir uns Abends zurückgezogen, und Ada und ich in gewohnter Weiſe auf unſerem hübſchen Zimmer mit einander geſprochen hatten, ging ich wieder zu mei⸗ ner Thüre hinaus und ſuchte meinen Vormund bei ſeinen Büchern auf. Ich wußte, daß er um dieſe Stunde ſtets las; und als ich näher kam, ſah ich das Licht ſeiner Studirlampe in den Gang herausſcheinen. „Darf ich hineinkommen, Vormund?“ „Gewiß, Weibchen. Was gibt es?“ „O, gar Nichts. Ich dachte nur ſo, ich könnte die⸗ ſen ruhigen Augenblick benützen, um mit Ihnen ein Wort über meine Perſon zu ſprechen.“ Er ſchob mir einen Stuhl hin, machte ſein Buch zu, ſchob es auf die Seite, und kehrte mir ſein freundliches, aufmerkſames Geſicht zu. Ich konnte nicht umhin, zu bemerken, daß daſſelbe jenen ſeltſamen Ausdruck hatte, den ich ſchon früher ein Mal— in jener Nacht darauf bemerkt, wo er mir geſagt, daß er ſich in keiner Noth befände, die ich ſo leicht zu verſtehen möchte. „Was Dich angeht, meine liebe Eſther,“ ſprach er, „geht uns Alle an. Du kannſt nicht mehr bereit ſein, zu ſprechen, als ich, zu hören.“ „Ich weiß das, Vormund. Aber ich bedarf Ihres 397 guten Raths und Ihrer Unterſtützung ſo ſehr. Oh! Sie wiſſen nicht, wie ſehr ich heute Abend derſelben bedarf!“ Er ſchien ſich auf mein eifriges Weſen gar nicht ge⸗ faßt gemacht zu haben; ja, er ſah ſogar etwas unruhig aus. „Oh, wie ſehr hat es mich verlangt, mit Ihnen zu ſprechen, ſeitdem der Beſuch heute hier geweſen,“ ſprach ich. „Der Beſuch, meine Liebe! Sir Leiceſter Dedlock?“ „Ja.“ Er faltete die Arme, ſchaute mich mit einer Miene an, in der das tiefſte Staunen ausgeſprochen lag, und wollte nun das Weitere hören. Ich aber wußte nicht, wie ich ihn darauf vorbereiten ſollte. „Ei nun, Eſther,“ ſprach er, während ſein Staunen in ein Lächeln überging.„Unſer Beſuch und Du ſind doch wohl die zwei Perſonen auf Erden, die mir zuletzt eingefallen ſein würde, mit einander in Verbindung zu bringen!“ „O ja, Vormund, ich weiß es. Und auch ich dachte ſo noch vor kurzer Zeit.“ Das Lächeln ſchwand aus ſeinem Geſichte und er wurde ernſter, denn zuvor. Er ging nach der Thüre hin, um zu ſehen, ob dieſelbe geſchloſſen wäre(aber ich hatte das ſchon beſorgt), und nahm wieder ſeinen Stuhl vor mir ein. „Vormund,“ ſprach ich,„erinnern Sie ſich noch, daß Lady Dedlock mit Ihnen von ihrer Schweſter ſprach an dem Tage, wo wir von dem Gewitter überraſcht wurden?“ „Natürlich. Natürlich erinnere ich mich deſſen noch.“ „Und erinnern Sie ſich ferner noch, daß ſie und ihre Schweſter nicht mit einander übereingeſtimmt; daß zjede ihren eigenen Weg gegangen?“ „Ei natürlich.“ „Warum trennten ſie ſich nun aber, Vormund?“ Sein Geſicht veränderte ſich ganz, während er mich anſchaute.„Mein Kind, was ſind das für Fragen! Ich — 398 habe es nie gewußt, habe es nie erfahren. Niemand wußte es außer ihnen, wie ich glaube. Wer vermöͤchte zu ſagen, welcher Art die Geheimniſſe dieſer zwei ſchö⸗ nen und ſtolzen Frauenzimmer geweſen? Du haſt Lady Dedlock geſehen. Hätteſt Du je ihre Schweſter geſehen, ſo würdeſt Du wiſſen, daß dieſelbe ſo entſchloſſen und ſtolz geweſen, wie ſie.“ „O Vormund, ich habe ſie viele tauſend Mal ge⸗ ſehen!“ „Sie geſ hen?“ Hier hielt er ein wenig inne und biß ſich in die Lippe.„Als Du alſo ſchon vor langer Zeit über Boy⸗ thorn mit mir ſpracheſt, als ich Dir ſagte, daß er ein Mal ſich faſt verheirathet hätte, und daß die Dame nicht geſtorben, ſondern nur für ihn geſtorben, und daß dieſe Zeit auf ſein ſpäteres Leben ihren Einfluß geübt,— wuß⸗ teſt Du da Alles und wußteſt Du da, wer die Dame war?“ „Nein, Vormund,“ verſetzte ich, mich vor dem Licht fürchtend, das allmälig mir aufging.„Auch weiß ich es jetzt noch nicht.“ „Lady Dedlock's Schweſter.“ „Und warum,“ vermochte ich ihn kaum zu fragen, „und warum denn, lieber Vormund, warum denn trenn⸗ ten ſie ſich?“ „Es ging dieſer Act von ihr aus, und ſie bewahrte ihre Beweggründe in ihrem unbeugſamen Herzen. Et muthmaßte ſpäter(aber es war dieß eine pure Muth⸗ maßung), eine Beleidigung, die ihrem ſtolzen Geiſte bei ihren Streitigkeiten mit ihrer Schweſter widerfahren, habe ſie über die Maßen gekränkt; aber ſie ſchrieb ihm, daß ſie von dem Datum dieſes Briefes an für ihn ſtürbe — was ſie buchſtäblich ausführte— und daß dieſer Entſchluß ihr entriſſen worden durch die Kenntniß, die ſie von ſeinem ſtolzen Gemüthe und ſeinem feinen Ehr⸗ gefühl habe, welche beide Eigenſchaften ihr gleichfalls 399 angeerbt ſeien. Aus Rückſicht für dieſe Eigenſchaften, die bei ihm prädominirten, ja auch aus Rückſicht für ſich ſelbſt bringe ſie das Opfer, ſagte ſie, und wolle darin leben und darin ſterben. Sie that Beides, wie ich fürchte; gewiß ſah er ſie nie mehr, noch hörte er von der Stunde an etwas Weiteres von ihr. Und ebenſo erging es andern Menſchen.“ „O Vormund, was habe ich gethan!“ rief ich, mich meinem Schmerze überlaſſend.„Wie viel Kummer habe ich ganz unſchuldiger Weiſe verurſgcht!“ „Du verurſacht, Eſther?“ 1 „Ja, Vormund. Ganz unſchuldiger Weiſe, aber ganz gewiß. Jene von der Welt abgeſchieden lebende Schwe⸗ ſter iſt meine erſte Erinnerung.“ „Nein, nein!“ rief er zuſammenfahrend. „Ja, Vormund, ja! Und ihre Schweſter iſt meine Mutter!“ Ich hätte ihm gerne den ganzen Inhalt des Briefs meiner Mutter mitgetheilt, aber er wollte jetzt Nichts davon hören. Er ſprach in ſo zärtlicher und verſtän⸗ diger Weiſe mit mir, und ſetzte mir Alles, was ich ſelbſt in meinem beſſern Gemüthszuſtande unvollkommen ge⸗ dacht und gehofft, ſo deutlich auseinander, daß ich, ſchon ſeit vielen Jahren von innigem Danke gegen ihn erfüllt, glaubte, ich habe ihn nie ſo innig geliebt, habe ihm in meinem Herzen nie ſo innig gedankt, wie in dieſer Nacht. Und als er mich nach meinem Zimmer hinaufbe⸗ gleitet und mich an der Thüre geküßt hatte, und als ich mich endlich zur Ruhe begab, beſchäftigte mich der Gedanke, wie ich je geſchäftig genug, wie ich je recht⸗ ſchaffen und lieb genug ſein, wie ich je in meiner be⸗ ſcheidenen Sphäre hoffen könne, mich ſelbſt genugſam zu vergeſſen, hingebungsvoll genug gegen ihn, und Andern nützlich genug zu ſein, um ihm zu beweiſen, wie ſehr ich ihn ſegne und ehre. Vierundvierzigſtes Kapitel. Der Brief und die Antwort. Mein Vormund rief mich an dem darauf folgenden Morgen in ſein Zimmer herein und dann ſagte ich ihm vollends, was an dem vergangenen Abende ungeſagt ge⸗ plieben war. Es ſei, ſagte er, in der Sache nichts An⸗ deres zu thun, als daß man das Geheimniß bewahre, und daß man jedes fernere Zuſammentreffen, wie das von geſtern, ſorgfältig vermeide. Er begriff mein Ge⸗ fühl und theilte daſſelbe vollkommen. Er nahm es ſogar auf ſich, Mr. Skimpole von einem Beſuche auf Chesney Wold abzuhalten. Einer Perſon, die er mir nicht zu nennen brauche, könne er nun weder rathen, noch helfen. Er wollte, er könnte es; aber es ſei das rein unmöglich. Sei das Mißtrauen, das der von ihm erwähnte Juriſt einflöße, wohl begründet, woran er kaum zweifle, ſo be⸗ fürchte er, daß Alles an den Tag kommen werde. Er wiſſe Etwas von ihm,— kenne ihn ſowohl von Geſicht, als nach ſeinem Rufe, und es ſei gewiß, daß derſelbe ein gefährlicher Menſch ſei. Was aber immer geſchehen möge, daran ſei ich ſo unſchuldig, wie er ſelbſt, und da⸗ gegen vermöge ich Nichts, wiederholte er mehrmals in eindringlicher Weiſe und mit ängſtlicher Liebe und Freund⸗ lichkeit. 4„Auch ſehe ich nicht ein,“ ſprach er,„warum man gerade auf Dich verfallen ſollte, meine Liebe. Es kann viel Verdacht obwalten ohne ſolche Verbindung.“ „Bei dem Juriſten,“ verſetzte ich.„Aber es find mir zwei weitere Perſonen eingefallen, ſeitdem ich ſo in Aengſten bin.“ —-O—— qã☛☛1 AS— 40¹1 Darauf erzählte ich ihm Alles von Mr. Guppy, von dem ich fürchtete, daß er vage Vermuthungen ge⸗ habt, als ich ihn noch nicht verſtanden, auf deſſen Schwei⸗ gen aber ich ſeit unſerer letzten Unterredung mit Sicher⸗ heit zählen zu dürfen glaubte. „Wohlan!“ ſprach mein Vormund.„Wenn das der Fall iſt, ſo können wir ihn vor der Hand außer dem Spiele laſſen. Aber wer iſt denn die andere Perſon?“ Ich erinnerte ihn an die franzöſiſche Kammerfrau, ſowie an die eifrigen Dienſtanerbietungen, die ſie mir gemacht. „Ha!“ verſetzte er gedankenvoll,„es iſt dieſe eine Perſon, die uns vielleicht mehr zu ſchaffen macht, als der Advocatengehilfe. Am Ende aber ſucht ſie denn doch nur einen neuen Dienſt, meine Liebe. Sie hatte Dich und Ada kurz vorher geſehen, und ſo kamſt Du ihr denn ganz natürlich in den Kopf. Sie wollte eben ſehen, ob Du nicht Dein Kammermädchen aus ihr machen würdeſt, weißt Du. Sonſt that ſie Nichts.“ „Sie benahm ſich aber dabei ſo ſeltſam,“ fiel ich ein. „Ja, und ebenſo ſeltſam benahm ſie ſich, als ſie die Schuhe auszog und jene kühle Liebhaberei für einen Spaziergang an den Tag legte, der ihr Tod hätte ſein können,“ ſprach mein Vormund.„Es wäre unnütz, ſich ſelbſt damit zu quälen und unglücklich zu machen, daß man ſolche Chancen und Möglichkeiten zuſammenaddirt. Es dürſte gar wenige harmloſe Umſtände geben, die, alſo betrachtet, nicht von höchſt gefährlicher Bedeutung zu ſein ſcheinen möchten. Hoffe das Beſte, kleines Weib⸗ chen! Du kannſt nichts Beſſeres werden, als Du biſt; ſei das durch dieſes Wiſſen, wie Du es wareſt, ebe Du dieſes Wiſſen das Deinige nennen konnteſt! Es iſt das Beſte, was Du in Jedermanns Intereſſe thun kannſt. Da ich das Geheimniß mit Dir theile—“ „Und da Sie daſſelbe dadurch ſo unendlich leichter machen,“ ſprach ich. Bleak Houſe. III. 26 40² „So will ich auf Alles Acht geben, was in jener Familie vorgeht, ſo weit ich es aus meiner Entfernung zu beobachten vermag. Und ſollte ein Mal eine Zeit kommen, wo ich eine hilfreiche Hand ausſtrecken kann, um auch nur den geringſten Dienſt derjenigen zu er⸗ weiſen, deren Namen wir nicht ein Mal hier nennen wollen, ſo werde ich nicht ermangeln, es um ihrer lieben Tochter willen zu thun.“ Ich dankte ihm von ganzem Herzen. Was konnte ich auch immer thun, als ihm danken! Ich war eben im Begriffe, zur Thüre hinauszugehen, als er mich bat, noch einen Augenblick zu verweilen. Mich raſch um⸗ wendend, gewahrte ich auf ſeinem Geſichte abermals denſelben Ausdruck; und mit einem Male gewahrte ich, ich weiß nicht wie, eine neue und ferne Möglichkeit, den⸗ ſelben zu verſtehen. „Meine liebe Eſther,“ ſprach mein Vormund,„ich habe ſchon lange Etwas auf dem Herzen, was ich Dir ſagen wollte.“ „Wirklich?“ „Es iſt mir etwas ſchwer geworden, dieſem Gegen⸗ ſtande nahe zu kommen, und es wird mir das immer noch ſchwer. Ich wünſchte, daß das, was ich zu ſagen habe, ſo beſonnen geſprochen und ſo beſonnen erwogen werden möchte. Hätteſt Du wohl Etwas dawider, wenn ich es ſchriebe?“ „Mein lieber Vormund, wie könnte ich Etwas da⸗ wider haben, wenn Sie Etwas ſchreiben wollen, was ich leſen ſoll?“ 1 „So ſieh denn her, meine Liebe!“ ſprach er mit ſeinem frohen Lächeln.„Bin ich in dieſem Augenblicke ſo ganz ſchlicht und ruhig— ſehe ich ſo offen, ſo ehr⸗ lich und altväteriſch aus, wie ſonſt?“ Ich antwortete ganz ernſthaft:„Vollkommen.“ Und ich ſagte das ganz der Wahrheit gemäß, denn ſeine augenblickliche Unſchlüſſigkeit war verſchwunden(es hatte 403 dieſelbe keine volle Minute gedauert), und es war ſeine feine, verſtändige, herzliche, durch und durch ächte Weiſe wiedergekehrt. „Sehe ich aus, wie wenn ich Etwas verſchwiege, wie wenn ich etwas Anderes meinte, als das, was ich ſage, wie wenn ſich überhaupt auf einen Vorbehalt von meiner Seite ſchließen ließe?“ ſprach er, ſeine freund⸗ lichen, hellen Augen auf die meinen heftend. Ich antwortete, daß er gewiß nicht ſo ausſähe. „Kannſt Du mir vollkommen trauen und kannſt Du Dich ganz und gar auf das verlaſſen, was ich ſage, Eſther?“ „Ganz und gar,“ ſprach ich von ganzem Herzen. „Mein liebes Mädchen, ſo reich' mir die Hand!“ verſetzte mein Vormund. Er nahm ſie in die ſeinige, hielt mich leicht mit dem Arme, ſchaute auf mein Geſicht herab mit derſelben ächten Friſche und Treue im Benehmen, in der alten beſchützenden Weiſe, die ſein Haus in einem Augenblicke mir zur Heimath gemacht hatten, und ſprach: „Du haſt gewaltige Veränderungen in mir hervor⸗ gebracht, kleines Weibchen, ſeit dem Wintertage, den wir in dem Eilwagen mit einander zugebracht. Seit jener Zeit haſt Du ſo gut auf mich eingewirkt, daß ich Dir es gar nicht ſagen kann.“ „Ah, Vormund, was haben Sie ſeit jener Zeit für mich gethan!“ „Aber,“ ſprach er,„es iſt jetzt nicht die Zeit, ſich daran zu erinnern.“ „Es kann nie vergeſſen werden.“ „Ja, Eſther,“ ſprach er mit ſanftem Ernſte,„es muß jetzt vergeſſen werden; es muß jetzt wenigſtens eine Zeit lang vergeſſen bleiben. Du darfſt Dich bloß noch daran erinnern, daß Nichts mich zu verändern vermag, ſo wie Du mich kennſt. Kannſt Du in dieſer Beziehung beruhigt ſein, meine Liebe?“ 404 „Ich kann es, ich bin es,“ ſprach ich. „Das iſt Viel,“ antwortete er.„Das iſt Alles. Aber ich darf dieß nicht nur ſo hinnehmen. Ich will dieſes Etwas nicht eher in meine Gedanken ſchreiben, als bis Du bei Dir ſelbſt zu dem gereiften Beſchluſſe gekommen, daß Nichts mich zu verändern vermag, ſo wie Du mich kennſt. Zweifelſt Du auch nur im Geringſten hieran, ſo ſchreibe ich es nie. Biſt Du deſſen nach reif⸗ licher Ueberlegung gewiß, ſo ſchicke Charley heute über acht Tage zu mir und laß durch ſie den Brief verlangen. Biſt Du aber nicht vollkommen gewiß, ſo ſchicke nie. Merke Dir wohl, daß ich in dieſem Stücke, wie in allem Andern, mich auf Deine Wahrheitsliebe verlaſſe. Biſt Du in dieſem einen Punkt nicht vollkommen gewiß, ſo ſchicke nie!“ „Vormund,“ ſprach ich,„ich bin meiner Sache ſchon gewiß. Es kann mich in dieſer Ueberzeugung eben ſo wenig Etwas wanken machen, als Sie ſich gegenüber von mir verändern können. Ich werde Charley ſchicken, und durch ſie den Beief holen laſſen.“ Er ſchüttelte mir die Hand und ſagte nun Nichts mehr. Auch wurde während der ganzen Woche weder von ihm, noch von mir ein weiteres Wort geſprochen in Beziehung auf dieſe Unterhaltung. Als die verabredete Nacht herangekommen war, ſagtt ich, ſobald ich mich allein ſah, zu Charley: „Geh' und klopf' an Mr. Jarndyce's Thüre, und hag. ich habe Dich hergeſchickt, und Du ſolleſt den Brief olen.“ Charley ging die Treppen hinauf und hinunter, und die Gänge entlang— der zickzackige Weg in dem alt⸗ modiſchen Hauſe umher kam meinem lauſchenden Ohre an jenem Abende gar lang vor— und kam ſo d Gänge entlang, und, die Treppen hinunter und hinauf gehend, zurück, und brachte den Brief.„Leg ihn auff den Tiſch, Charley!“ ſprach ich. ) 4⁰⁵ Und ſo legte Chariey den Brief auf den Tiſch und ging zu Bette. Ich aber ſchaute ihn an, ohne ihn in die Hand zu nehmen, und dachte an gar Vieles. Ich fing mit den dunklen Tagen meiner Kindheit an, und ging von jener ſchüchternen zu der ſchweren Zeit über, wo meine Tante todt da lag, und ihr entſchloſſenes Geſicht ſo kalt und feſt ausſah, und wo ich bei Mrs. Rachael mich einſamer fühlte, als wenn in der Welt nicht eine einzige Seele geweſen wäre, mit der ich hätte ſprechen, oder die ich hätte anſehen können. Ich ging dann zu den Tagen über, wo ſich das geändert hatte, und wo ich ſo glücklich war, an Allen, die mich umgaben, Freunde und Freundinnen zu finden, und geliebt zu werden. Ich kam zu der Zeit, wo ich zum erſten Male mein liebes Mädchen ſah, und wo mir jene ſchweſterliche Liebe zu Theil wurde, welche die Grazie und Schönheit meines Lebens war. Ich rief mir jenen erſten freund⸗ lichen Schimmer des Willkomms in's Gedächtniß zurück, der in jener kalten, hellen Nacht gerade aus dieſen Fenſtern auf unſere erwartungsvollen Geſichter geſchienen hatte, und nie erbleicht war. Ich durchlebte abermals das glückliche Leben, das ich dort geführt; ich machte meine Krankheit und meine Geneſung wieder durch. Ich dachte an mich, die ſich ſo verändert, und an meine Umgebung, die ſich ſo ganz und gar nicht verändert; und all dieſes Glück leuchtete wie ein Licht, und ganz von einer centralen Geſtalt aus, die durch den auf dem Tiſche vor mir liegenden Briefe vorgeſtellt war. Endlich öffnete und las ich den Brief. Er war ſo eindringlich in ſeiner Liebe zu mir, und in uneigennützi⸗ gen Warnungen, die er für mich enthielt, und in den Rückſichten, die er in jedem Worte für mich zeigte, daß meine Augen zu oft geblendet waren, als daß ich auf einmal Viel hätte leſen können. Aber ich las ihn drei Mal durch, ehe ich ihn wieder weglegte. Ich hatte ſchon vorher gedacht, daß ich Zweck 406 und Inhalt des Schreibens kennete, und ich hatte mich nicht getäuſcht. Ich war darin gefragt, ob ich die Ge⸗ bieterin von Blaek Houſe werden wollte. Es war kein Liebesbrief, obgleich derſelbe ſo viel Liebe ausdrückte, ſondern war gerade ſo geſchrieben, wie er zu jeder Zeit mit mir geſprochen haben würde. Ich ſah ſein Geſicht, und hörte ſeine Stimme, und fühlte den Einfluß ſeines freundlichen, beſchützenden Weſens in jeder Zeile. Der Brief war ſo gehalten, wie wenn un⸗ ſere beiderſeitigen Stellungen verkehrt worden,— wie wenn alle guten Handlungen von mir ausgegangen, und alle Gefühle, die ſie geweckt, die ſeinigen geweſen wären. Es war darin nachgewieſen, daß ich jung, er aber über den Frühling des Lebens ſchon lange hinaus ſei; daß er ſchon ein reiferes Alter erreicht gehabt, während ich noch ein Kind geweſen; daß er mit einem ſilbergrauen Kopfe an mich ſchreibe, und daß er Alles dieß ſo gut wiſſe, und daß er es mir deutlich und vollſtändig auseinander ſetzen wolle, damit ich die Sache reiflich überlege. Es war darin ferner geſagt, daß ich durch eine ſolche Hei⸗ rath Nichts gewinnen und durch eine Zurückweiſung ſei⸗ nes Antrags Nichts verlieren würde, denn es könne keine neue Beziehung die zärtliche Liebe verwehren, die er für mich habe. Und wie immer mein Entſchluß ausfalle, ſo ſei er gewiß, daß derſelbe gut ſei. Aber er habe ſeit unſeren letzten vertraulichen Mittheilungen dieſen Schritt abermals überlegt, und ſei zu dem Entſchluſſe gekommen, denſelben zu thun; wenn derſelbe auch nur dazu diene, mir an einem armſeligen Beiſpiele zu zeigen, daß die ganze Welt ſich bereitwilligſt vereinigen werde, um die finſtere Prophezeiung meiner Kindheit Lügen zu ſtrafen. Ich wiſſe wohl am Letzten, wie unendlich glücklich ich ihn machen könne, darüber aber wolle er Nichts mehr ſagen; denn ich müſſe immer des Factums eingedenk ſein, da ich ihm Nichts ſchulde, ſondern daß er mein Schuldner ſei, und daß er mir dazu noch recht viel ſchulde. Er 4⁰⁷ habe oft an unſere Zukunft gedacht, und habe ſich in der Vorausſicht, daß die Zeit kommen müſſe, und aus Furcht, daß dieſelbe bald kommen werde, wo Ada, die jetzt faſt volljährig ſei, uns verlaſſe, und unſere der⸗ malige Lebensart ein Ende nehmen müſſe, daran ge⸗ wöhnt, über dieſen Antrag nachzudenken und bei dem⸗ ſelben zu verweilen. Und ſo komme es denn, daß er mir denſelben mache. Fühle ich, daß ich ihm je das beſte Recht, das er haben könne, mein Beſchützer zu ſein, ein⸗ zuräumen vermöge, und fühle ich, daß ich glücklich und gerechter Weiſe die liebe Gefährtin ſeines übrigen Lebens werden, und über alle Chancen und Wechſel erhaben ſein könne, die nicht gerade in dem Tode ſelbſt beſtehen, ſo könne er ſelbſt dann nicht zugeben, daß ich mich un⸗ widerruflich binde, ſo lange dieſer Brief für mich noch ſo neu ſei; ſondern ich müſſe ſelbſt dann noch die ge⸗ hörige Zeit zur Ueberlegnng haben. In dieſem, wie in jenem Falle wolle er ganz das alte Verhältniß beibe⸗ halten wiſſen, wolle er ſein altes Benehmen beobachten, und ſolle ich ihm immer noch den Namen geben, den ich ihm bis daher gegeben. Und was ſeine freundliche Dame Durden und kleine Haushälterin betreffe, ſo wiſſe er ja, daß dieſelbe immer die gleiche ſein werde. Dieß war der weſentliche Inhalt des Briefes, der von Anfang bis zu Ende mit einem Gerechtigkeitsgefühl und einer Würde geſchrieben war, wie wenn er in der That mein verantwortlicher Vormund geweſen wäre, der in unparteiiſcher Weiſe mir den Antrag eines Freundes mittheilte, gegen den er bei ſeiner Rechtſchaffenheit Alles vorbrächte, was gegen denſelben vorzubringen wäre. Indeſſen enthielt er ſich aller und jeder Anſpielung, daß er, als ich noch ein ſchöneres Aeußere gehabt, ſich ſchon mit dieſem Gedanken betragen und ſich damals bloß enthalten hätte, mich von dieſen ſeinen Abſichten in Kennt⸗ niß zu ſetzen. Daß er, nachdem ich mein altes Geſicht verloren, und keine beſonderen Reize mehr beſäße, er mich 4⁰8⁸ ebenſo gut lieben könnte, als in meinen ſchöneren Tagen. Daß die Entdeckung meiner Geburt ihn nicht unaugenehm berührte, daß ſein Edelmuth größer wäre, als meine Entſtellung und mein Erbtheil Schande. Daß je mehr ich ſolcher Treue bedürfte, ich um ſo feſter bis an's Ende auf ihn vertrauen könnte. Aber ich wußte es, ich wußte es jetzt wohl, es drängte ſich mir auf als Schluß der von ſo vieler Liebe und ſo vielen Wohlthaten erfüllten Geſchichte, die ich verfolgt, und ich fühlte, daß ich nur Eines zu thun hätte. Mein Leben ſeinem Glücke widmen, hieß ihm nur in ärmlicher Weiſe danken, und wornach hatte ich mich neulich Abends ge⸗ ſehnt, wenn nicht nach einem neuen Mittel, ihm meinen Dank zu erkennen zu geben? Dennoch weinte ich gar viel; nicht allein in der Fülle meines Herzens, nachdem ich den Brief geleſen, nicht allein in der Seltſamkeit der Ausſicht, die ſich hier meinem Auge eröffnete— denn es war dieſelbe ſeltſam, obgleich ich den Inhalt erwartet hatte— ſondern wie wenn Etwas, wofür es weder einen Namen, noch eine beſtimmte Idee gab, für mich auf immer verloren wäre. Ich war recht glücklich, recht dankbar, recht hoffnungsvoll; aber dennoch weinte ich gar viel. Nach einer Weile ging ich zu meinem alten Spiegel hin. Es waren meine Augen roth und geſchwollen, und ich ſagte:„O Eſther, Eſther, kannſt Du das ſein!“ Ich fürchte, das Geſicht in dem Spiegel wollte bei dieſem Vorwurfe ſchon wieder zu weinen anfangen; aber ich hielt ihm meinen Finger entgegen, und es hielt inne. 3 „Es ſieht das mehr dem ruhigen Ausſeben gleich, womit Du mich erquickteſt, meine Liebe, als Du mir eine ſolche Veränderung zeigteſt!“ ſprach ich, und fing an, meine Haare herunterzulaſſen.„Biſt Du die Gebieterin von Bleak Houſe, ſo mußt Du ſo luſtig wie ein Vögel⸗ chen ſein. Du mußt in der That immer luſtig und wohl⸗ 409 gemuth ſein; ſo wollen wir denn ein für alle Mal da⸗ mit beginnen.“ Ich fuhr jetzt ganz behaglich fort, mich mit meinen Haaren zu beſchäftigen. Ich ſchluchzte zwar immer noch ein Bischen; allein es kam dieß daher, daß ich geweint hatte, und nicht etwa daher, daß ich noch weinte. „Und ſo biſt Du denn, meine liebe Eſther, Dein Leben lang glü cklich, glücklich mit Deinen beſten Freunden, glücklich in De iner alten Heimath, glücklich in der Macht, viel Gutes thun zu können, und glücklich in der unver⸗ dienten Liebe des beſten aller Menſchen.“ Mit einen: Male kam mir der Gedanke, was ich wohl gefühlt und gethan haben würde, wenn mein Vor⸗ mund ſich mit E'iner andern verheirathet hätte! Das wäre wirklich eine Veränderung geweſen. Es ließ mir dieß mein Leben in ſo neuer und öder Geſtalt erſcheinen, daß ich meine Schlüſſel ſchüttelte und ſie küßte, ehe ich ſie wieder in ihr Körbchen legte. Dann dach te ich, während ich vor dem Spiegel meine Haare ordnete, weiter, wie oft ich bei mir ſelbſt darüber nachgedacht, daſß die tiefen Spuren meiner Krankheit, ſowie die Umſt ände meiner Geburt nur neue Gründe für mich ſein müßten, in beſcheidener Weiſe, geſchäftig, geſchäftig, geſcheäftig,— nützlich, liebenswürdig, und dienſt⸗ fertig zu ſein, in Allem, was ehrbar ſei. Es ſei dieß, dachte ich weiter, fürw ahr die rechte Zeit, in krankhafter Weiſe zu weinen, nnd mich dem Kummer zu überlaſſen! Wenn es mir anfänglich überhaupt ſeltſam vorkomme(wenn das eine Entſchuldigung für mein Weinen abgeben könne, was nicht der Fall ſei), daß ich eines Tags die Gebieterin von Bleak Houſe wenden ſolle, ſo müſſe ich noch erſt fragen, warum das mir deenn ſo ſeltſam vorkommen müſſe? An⸗ dere Leute haben an ſolche Dinge gedacht, wenn ich das nicht gethan.„Cirinnerſt Du Dich nicht mehr, meine häßliche Liebe,“ fragte ich mich ſelbſt, indem ich in den 410 Spiegel ſchaute,„was Mrs. Woodcourt, ehe dieſe Nar⸗ ben dort waren, ſagte über Deine Heirath mit—“ Vielleicht rief der Name mir ſie wieder ins Gedächt⸗ niß zurück. Die dürren Blumenreſte. Es werde jetzt beſſer ſein, ſie nicht länger zu behalten. Es ſeien die ſelben bloß zum Andenken an etwas ganz Entſchwundenes und Vergangenes aufbewahrt worden, allein es ſei jetzt beſſer, ſie nicht länger zu behalten. Sie befanden ſich in einem Buche, und dieſes lag zufällig in dem nächſten Zimmer,— unſerem Wohnzim⸗ mer, das Adas Zimmer von dem meinigen trennte. Ich nahm ein Licht, und ging leiſe hinein, um es von dem Regal herabzunehmen. Als ich das Buch ſchon in der Hand hatte, ſah ich durch die offene Thüre hindurch meinen ſchönen Liebling ſchlafend daliegen, und ich ſchlich mich hinein, um Ada zu küſſen. Es war, ich weiß es, ſchwach von mir, und ich konnte lediglich keinen Grund zum Weinen haben; aber ich ließ auf ihr liebes Geſicht eine Thräne fallen, und dann noch eine, und dann abermals eine. Noch ſchwächer, nahm ich die verwelkten Blumen heraus und näherte dieſelben einen Augenblick ihren Lippen. Ich dachte an ihre Liebe zu Richard, obgleich dieſe Blumen damit gewiß Nichts zu ſchaffen hatten. Sodann nahm ich ſie auf mein Zim⸗ mer und verbrannte ſie am Lichte; und in einem Augen⸗ blick waren ſie in Aſche verwandelt. Als ich an dem darauf folgenden Morgen in das Frühſtückzimmer trat, fand ich meinen Vormund gerade ſo, wie er gewöhnlich war; er war gerade ſo offen, ſo 411 unbefangen, und frei wie immer. Da in ſeinem Benehmen auch nicht der geringſte Zwang zu bemerken war, ſo lag auch in dem meinigen kein ſolcher(oder ich glaube wenig⸗ ſtens, daß kein ſolcher darin lag). Im Laufe des Morgens war ich zu unterſchiedlichen Malen in und außer dem Hauſe allein um ihn, und ich hielt es da nicht für unwahrſcheinlich, daß er von dem Wde anfangen könnte; aber er ſagte auch nicht eine ilbe. Ebenſo verhielt es ſich an dem darauf folgenden Morgen, und ſo wenigſtens eine Woche lang; über welche Zeit hinaus Mr. Skimpole ſeinen Aufenthalt ver⸗ längerte. Jeden Tag machte ich mich darauf gefaßt, daß mein Vormund endlich von dem Briefe anfangen, würde; aber er that deſſelben in keiner Weiſe Erwäh⸗⸗ nung. Ich wurde nun unruhig und dachte, ich müſſe eine Antwort ſchreiben. Ich verſuchte dieß Nachts auf meinem Zimmer aber und abermals, aber ich vermochte eben keine Antwort herauszubringen, die überhaupt wie eine gute Antwort angefangen hätte; und ſo dachte ich jeden Abend, daß ich noch einen Tag warten wollte. Und ſo wartete ich noch weitere ſieben Tage, er aber ſagte nie ein Wort. Als endlich Mr. Skimpole weggegangen war, wollten wir drei eines Nachmittags mit einander ausfahren. Ich war vor Ada angekleidet und kam alſo zuerſt hinunter, und überraſchte im Geſellſchaftszimmer meinen Vormund, der mit mir zugewandtem Rücken eben an einem Fenſter ſtand und hinausſchaute. Bei meinem Eintreten wandte er ſich um und ſprach lächelnd:„Ah, Du biſt es, kleines Weibchen?“ Darauf ſah er wieder hinaus. Ich war zu dem Entſchluſſe gekommen, mit ihm zu ſprechen. Ich war, damit ich's kurz ſage, in dieſer Ab⸗ 41² ſicht heruntergekommen. Ich ſagte daher, etwas zögernd und zitternd: „Vormund, wann möchten Sie wohl die Antwort auf den Brief entgegennehmen, den Charley bei Ihnen geholt hat?“ „Sobald dieſelbe parat iſt, meine Liebe,“ erwi⸗ derte er. „Ich glaube, es iſt dieſelbe parat,“ ſprach ich. „Wird Charley mir ſie überbringen?“ fragte er ſcherzhaft. „Nein. Ich ſelbſt habe ſie mitgebracht, Vormund,“ verſetzte ich. Ich ſchlang meine beiden Arme um ſeinen Hals und küßte ihn, und er ſagte, ob dieß die Gebieterin von Bleak Houſe ſei; und ich ſagte ja; und es blieb vor der Hand Alles beim Alten, und wir fuhren Alle mit einander aus, und ich ſagte meiner allerliebſten Ada Nichts davon. Fünfundvierzigſtes Kapitel. Ein anvertrautes Gut. Eines Morgens, als ich meine klingenden Schlüſſel lange im Hauſe herum promenirt hatte, und ich und meine Schöne eben im Garten herumſpazierten, kehrte ich die Augen zufällig dem Hauſe zu und ſah da einen langen dünnen Schatten hineingehen, der wie Mr. Vholes aus⸗ ſah. Ada hatte mir erſt noch an dieſem Morgen geſagt, wie ſie hoffte, daß Richard ſeinen Eifer in dem vor dem ſel ne die gen 1s⸗ gt, em 413 Kanzleigerichtshofe ſchwebenden Prozeſſe gerade dadurch erſchöpfen würde, daß es ihm bei der Sache ſo ſehr Ernſt wäre; und ich ſagte deßhalb Nichts über Mr. Vholes' Schatten, indem ich befürchtete, ich möchte mein liebes Mädchen damit nur niederſchlagen. Es ſtand nicht lange an, ſo erſchien Charley. Das Mädchen wand ſich zwiſchen den Büſchen durch, und trip⸗ pelte die Fußwege entlang ſo roſig und hübſch wie eine von Flora's Dienerinnen, und ſprach: „Oh, möchten Sie wohl, Miß, ein Bischen herein⸗ kommen, und mit Mr. Jarndyce ſprechen 2“ Es war eine von Charley's Eigenheiten, daß ſie, ſo oft ſie mit einer Botſchaft betraut war, ſich derſelben ſtets zu eutledigen aufing, ſobald ſie, in irgend einer Entfernung, die Perſon erblickte, für welche die Botſchaft beſtimmt war. Ich ſah daher Charley in ihrer gewöhnlichen Wortformel mich ſchon lange, bevor ich ſie hörte, bitten, daß ich hereinkommen und mit Mr. Jarndyce ſprechen möchte.“ Und als ich ſie hörte, hatte ſie die Worte ſchon ſo oft geſagt, daß ſie ganz außer Athem war. Ich ſagte Ada, daß ich bald wieder bei ihr ſein würde und fragte, während wir hineingingen, Charley, ob nicht ein Herr bei Mr. Jarndyce wäre. Charley, die in der Grammatik, ich muß es zu meiner Schande bekennen, meinem Erziehungstalente nie ſehr große Ehre machte, antwortete darauf: „Ja, Miß, es is' der Mann, der mit Mr. Richard auf's Land heruntergekommen.“ Einen vollſtändigeren Contraſt konnte es wohl nicht geben, als meinen Vormund und Mrs. Vholes. Ich fand ſie, wie ſie über einen Tiſch hin einander anſchauten: der Eine ſo offen und der Andere ſo hinter dem Berge hal⸗ tend; der Eine ſo breit und aufrecht, der Andere ſo ſchmal und gedeckt; der Eine Alles, was er zu ſagen hatte, mit ſo reicher, klangvoller Stimme ſprechend, der Andere es in ſo kaltblütiger, keuchender, fiſchartiger Weiſe 414 bei ſich behaltend, daß ich dachte, ich hätte in meinem Leben noch nie zwei einander ſo ganz unähnliche Men⸗ ſchen geſehen. „Du kennſt Mr. Vholes, meine Liebe,“ ſprach mein Vormund. Und zwar nicht mit der größten Urbanität, wie ich bekennen muß. Mr. Vholes ſtand auf, wie gewöhnlich behandſchuht und zugeknöpft, und ſetzte ſich wieder gerade ſo, wie er ſich im Gig neben Richard geſetzt hatte. Da er Richard jetzt duit zum Anſchauen hatte, ſo ſchaute er gerade vor ſich hin. lih„Mr. Vholes,“ ſprach mein Vormund, ſeine ſchwarze Geſtalt muſternd, wie wenn der Mann ein Unglück ver⸗ kündender Vogel wäre,„hat einen garſtigen Bericht über unſern höchſt unglücklichen Rick gebracht.“ Die Worte„höchſt unglücklich“ hatte er beſonders ſtark betont, wie wenn ſich dieſelben hauptſächlich auf ſeine Verbindung mit Mr. Vholes bezögen. Ich ſetzte mich zwiſchen ſie. Mr. Vholes blieb un⸗ beweglich; nur pickte er ingeheim mit ſeinem ſchwarzen Handſchuh an einem der rothen Blätterchen auf ſeinem gelben Geſichte. „Und da Rick und Du glücklicher Weiſe gute Freunde ſeid, ſo möchte ich gerne wiſſen,“ ſprach mein Vormund,„was Du denkſt, meine Liebe. Wären Sie wohl ſo gut,— frei herauszuſprechen, Mr. Vholes?“ Mr. Vholes ließ das aber fein bleiben und bemerkte: „Ich habe geſagt, Miß Summerſon, ich habe, als Mr. Carſtone's Rechtsfreund und Rathgeber, Urſache, zu wiſſen, daß Mr. Carſtone ſich dermalen in einiger Geld⸗ verlegenheit befinde. Dieſe Verlegenheit iſt nicht ſowohl wegen des hohen Betrags der Schuld, als wegen der eigenthümlichen und dringlichen Beſchaffenheit der Ver⸗ bindlichkeiten peinlich, denen Mr. Carſtone nachzukommen hat, und wegen der Mittel, die er beſitzt, um dieſe Schul⸗ den zu bezahlen. Ich habe für Mr. Carſtone viele Baga⸗ +—,,—————,— ‿ SZer 415⁵ tellſachen hinausgeſchoben; aber auch das Hinausſchieben hat eine Grenze und wir ſind bei derſelben angekommen. Ich habe aus meiner Taſche Geld vorgeſchoſſen, um ſolche Unannehmlichkeiten ihm ferner zu erſparen, aber ich muß natürlich mein Geld wieder haben, denn ich gebe mich für keinen Capitaliſten aus, und habe in dem Thale von Taunton einen alten Vater zu unterſtützen, deſſen ganz zu geſchweigen, daß ich mich bemühen muß, für drei liebe Töchter; die ich zu Hauſe habe, ein kleines Vermögen zu ſammeln, ſo daß ſie einſt nicht darben müſſen. Da Mr. Carſtone's Umſtände nun ein Mal der Art ſind, ſo befürchte ich, die Sache möchte damit enden, daß man ihm Erlaubniß gibt, ſein Patent zu verkaufen, — ein Umſtand, der ſeinen Verwandten jedenfalls nicht verborgen bleiben darf.“ Mr. Vholes, der mich, während er dieß geſagt, an⸗ geſchaut hatte, verſank wieder in das Schweigen, von dem man wohl kaum ſagen konnte, daß er es gebrochen,— ſo gedämpft war ſein Ton geweſen. Und nun ſah der Advocat wieder vor ſich hin, wie früher. „Denke Dir ein Mal den armen Burſchen noch ohne ſeine dermalige Hilfsquelle!“ ſprach mein Vormund zu mir.„Und doch, was kann ich thun? Du kennſt ihn, Eſther. Unter den jetzigen Umſtänden würde er nie eine Unterſtützung von mir annehmen. Wollte ich ihm eine ſolche anbieten, ja auch nur darauf anſpielen, ſo würde ich ihn, wenn ſonſt Nichts es thäte, zu einem extremen Schritte reiben.“ Mr. Vholes wandte ſich nun wieder an mich. „Was Mr. Jarndyce hier bemerkt, Miß, iſt ohne Zweifel der Fall, und iſt die Schwierigkeit. Ich ſehe nicht, daß Etwas zu thun iſt. Ich ſage nicht, daß Etwas gethan werden müſſe. Weit entfernt. Ich komme bloß hierher unter dem Siegel der Verſchwiegenheit und ſage es, damit Alles offen und ehrlich zugeht, und damit ſpä⸗ ter nicht geſagt werden kann, man ſei nicht in Allem 416 offen und ehrlich zu Werke gegangen. Jah möchte einen guten Namen zuruͤcklaſſen. Wollte ich bloſß mein Prvat⸗ intereſſe befragen, ſo wäre ich jetzt nicht hier. So un⸗ überwindlich würden Mr. Carſtone's Einwendungen, wie Ihnen wohlbekannt ſein muß. Ich bin jetzt: nicht als Ad⸗ vocat hier. Ich kann für dieſe meine Benaühung Nichts annehmen,— keine Deſervitenrechnung ei nreichen. Ich habe hiebei lediglich kein Intereſſe, es ſei dzenn als Glied der Geſellſchaft, als Vater,— und als Eßohn,“ ſprach Mr. Vholes, der letzteren Punkt faſt vergeſſen hatte. Es ſchien uns, daß Mr. Vholes weder mehr, noch weniger, als die Wahrheit ſagte, indem er zu verſtehen gab, daß er die Verantwortlichkeit, die mit einer Kennt⸗ niß von Richards Lage verbunden ſein konnte, noch auf Andere überzuwälzen ſuchte. Ich konnte bloß ſo viel ſa⸗ gen, daß ich nach Deal, wo Richard in dieſem Augen⸗ blicke in Garniſon lag, hinabgehen, ihn ſprechen, und wo möglich das Schlimmſte abwenden wollte. Ohne aber in dieſem Stücke Mr. Vholes um Rath zu fragen, nahm ich meinen Vormund beiſeit, um ihm dieſen Vorſchlag zu machen; unterdeſſen ſchritt Mr. Vholes' hagere Ge⸗ ſtalt auf das Feuer zu, und wärmte dort ihre Trauer⸗ handſchuhe. Die mit der Reiſe verbundenen Beſchwerden bildeten von Seiten meines Vormunds einen alsbaldigen Ein⸗ ſpruch; als ich aber ſah, daß er ſonſt Nichts einzuwen⸗ den habe, und da ich nur zu gerne ging, ſo erlangte ich ſeine Zuſtimmung. Es blieb daher jetzt Nichts mehr zu thun übrig, als Mr. Vholes wieder fortzuſchaffen. „Wohlan, mein Herr,“ ſprach Mr. Jarndyce,„Miß Summerſon wird ſich mit Mr. Carſtone in Verbindung ſetzen, und wir können nur hoffen, daß ſeine Lage noch keine ganz verzweifelte iſt. Sie werden mir erlauben, mein Herr, daß ich Ihnen nach Ihrer Reiſe ein kleines Frühſtück vorſetzen laſſe.“ „Ich danke Ihnen, Mr. Jarndyre,“ ſprach Mr. —— po,—,, 417 Vholes, ſeinen langen, ſchwarzen Aermel ausſtreckend, um das Klingeln zu verhindern,„ich kann Nichts eſſen. Ich danke Ihnen, ich kann keinen Biſſen eſſen. Die Ver⸗ dauung iſt bei mir ſehr geſchwächt, und ich bin nie ein ſtarker Eſſer geweſen. Wollte ich zu dieſer Stunde des Tages feſte Nahrung zu mir nehmen, ſo weiß ich wahr⸗ haftig nicht, was die Folgen davon ſein würden. Da ich Ihnen Alles offen und ehrlich mitgetheilt, mein Herr, ſo will ich nun mit Ihrer Erlaubniß wieder gehen, und Ihnen hiemit Lebewohl ſagen.“ „Und ich wollte, Mr. Vholes, Sie könnten, und wir Alle könnten einer Sache Lebewohl ſagen, die Ihnen wohl bekannt iſt,“ erwiederte mein Vormund bitter. Mr. Vholes, deſſen ſchwarze Farbe von Kopf bis zu den Füßen ſo tief war, daß dieſelbe vor dem Feuer ganz gedampft und einen höchſt unangenehmen Geruch verbreitet hatte, machte vom Nacken aus mit dem Kopfe eine kurze, einſeitige Verbeugung, und ſchüttelte denſelben langſam. „Wir, deren Ehrgeiz es iſt, im Lichte achtungswerther Juriſten zu erſcheinen, Sir, können bloß die Schultern an's Radlegen. Und wir thun das auch, mein Herr, wenig⸗ ſtens thue ich es; auch will ich von meinen Herren Col⸗ legen ſammt und ſonders gut denken. Sie werden, Miß, meiner doch keine Erwähnung thun, wenn Sie ſich mit Mr. Carſtone in Verbindung ſetzen?“ 9 Ich ſagte, daß ich mich hüten würde, Solches zu un. „Ganz gut, Miß. Guten Morgen. Mr. Jarndyce, guten Morgen, Sir!“ Mr. Vholes legte ſeinen todten Handſchuh, in dem kaum eine Hand zu ſein ſchien, auf meine Finger und dann auf die meines Vormunds, und nahm dann ſeinen langen, dünnen Schatten binweg. Ich ſtellte mir vor, wie derſelbe auf der Außenſeite des Eilwagens über dieſe Bleak Houſe. III. 27 418 ganze ſonnige Landſchaft zwiſchen uns und London hin⸗ ging, und durch ſein Vorübergleiten die Samen im Bo⸗ den erfrieren machte. Ich mußte natürlich Ada ſagen, wohin ich ging und warum ich fortging; und natürlich war ſie ungemein ängſtlich und bekümmert. Aber ſie liebte Richard zu treu, als daß ſie etwas Anderes, als Worte des Mitleids und der Entſchuldigung geſprochen hätte; und in einem noch liebevolleren Geiſte— das liebe, hingebungsvolle Mäd⸗ chen!— ſchrieb ſie einen langen Brief, den ich mitneh⸗ meu ſollte, an ihn. Charley ſollte mich auf meiner Reiſe begleiten, ob⸗ gleich ich gewiß keiner Begleitung bedurfte, und das Mädchen gerne zu Hauſe gelaſſen hätte. Wir Alle gin⸗ gen an dieſem Nachmittage nach London, und nahmen zwei Plätze in der Poſtkutſche, die wir leer fanden. Um die Zeit, wo wir ſonſt zu Bette gingen, rollten Charley und ich mit den Kentiſchen Briefen nach der See hin. In jenen Poſtkutſchenzeiten bedurfte man zu dieſer Reiſe eine Nacht; aber wir ſaßen allein im Wagen, und fanden die Nacht nicht ſehr langweilig. Es verſtrich mir dieſelbe gerade ſo, wie ich glaube, daß ſie den meiſten Leuten unter ſolchen Umſtänden verſtreichen würde. Bald ſah meine Reiſe hoffnungsvoll, bald wieder hoffnungslos aus. Bald dachte ich, daß ich einiges Gute wirken würde, bald wunderte ich mich ſelbſt, wie ich nur je einem ſol⸗ chen Gedanken habe Raum geben können. Bald erſchien es mir als eines der vernünftigſten Dinge von der Welt, daß ich dieſe Reiſe mache, bald wieder als eines der un⸗ vernünftigſten. Dieſe beiden Gefühle bekämpften ſich ſo bei mir, und dabei fragte ich mich noch, in welchem Zu⸗ ſtande ich Richard finden würde, was ich zu ihm ſagen ſollte, und was er zu mir ſagen würde; und es ſchienen die Räder die ganze Nacht über eine Melodie zu ſpielen, wozu der Brief meines Vormunds den Refrain bildete. Endlich langten wir in den engen Straßen von b ſ 0 1 1 1 1 1 4¹⁹ Deal an; und es ſahen dieſelben an einem unfreundlichen Nebelmorgen recht melancholiſch aus. Das lange, flache Seeufer mit ſeinen kleinen, unregelmäßigen, aus Holz und Backſteinen erbauten Häuſern, ſeinen vielen umher⸗ liegenden Cabeſtanen, ſeinen großen Booten, ſeinen Schup⸗ pen, ſeinen nackten aufrechten Stangen mit Takelwerk und Blockrollen, und ſeine lockeren, kieſigen, öden, mit Gras und Unkraut überwucherten Stellen hatte etwas ſo Trübſeliges, als ich je Etwas ſah. Das Meer ſchwoll unter einem dicken, weißen Nebel; und es rührte ſich ſonſt Nichts, als einige Seiler, die, früh aufgeſtanden, mit dem um ihren Leib gewundenen Garne ausſahen, wie wenn ſie, ihres jetzigen Zuſtands müde, ſich ſelbſt zu Seilen ſpinnen wollten. Als wir aber in ein warmes Zimmer in einem vor⸗ trefflichen Gaſthauſe kamen, und, nachdem wir uns be⸗ haglich gewaſchen und angekleidet hatten, zu einem frühen Frühſtück niederſaßen(denn es war zu ſpät, als daß man hätte jetzt noch an's Bett denken können), fing Deal an, etwas freundlicher auszuſehen. Unſer Zimmerchen glich Kiher Schiffscajüte, und es war Charley darüber hoch erfreut. Dann fing der Nebel an, ſich vorhangartig zu he⸗ ben, und nun kamen eine Menge von Schiffen zum Vor⸗ ſchein, die wir gar nicht in ſolcher Nähe vermuthet hatten. Ich weiß nicht, wie viele Schiffe damals nach dem Be⸗ richte des Kellners in den Dünen liegen ſollten. Einige von dieſen Schiffen waren ſehr groß; darunter war auch ein großer Oſtindienfahrer, der gerade nach England zu⸗ rückgekommen war; und als die Sonne durch die Wolken hindurchſchien, und in der dunklen See Silberpfühle bil⸗ dete, war die Art und Weiſe, wie die Schiffe glänzten, und wieder in Schatten traten, und ſich veränderten in⸗ mitten vieler geſchäftigen Boote, die von dem Ufer nach ihnen hin, und von ihnen her nach dem uUfer ſich beweg⸗ 420 ten, und während ſo auf ihnen und um ſie her Alles voller Leben und Rührigkeit war, überaus ſchön. Der große Oſtindienfahrer war für uns der Haupt⸗ anziehungspunkt, da er während der Nacht in die Dünen hereingekommen war. Er war von einer Menge von Booten umgeben; und wir ſagten, es müßten die Leute, die ſich an Bord befünden, recht froh ſein, endlich wieder an's Ufer zu kommen. Charley war auch ſehr neugierig in Betreff der Fahrt, ſowie in Betreff der in Indien herrſchenden Hitze, und der Schlangen und der Tiger; und da ſolche Dinge ihr unendlich leichter eingingen, als die Grammatik, ſo ſagte ich ihr Alles, was ich über dieſe Punkte wußte. Auch ſagte ich ihr, wie auf ſolchen Fahrten die Leute bisweilen Schiffbruch litten, und auf Klippen geworfen würden, wo ſie durch die Unerſchrocken⸗ heit und Menſchenliebe eines einzigen Mannes oft ge⸗ rettet werden könnten. Und als Charley mich fragte, wie Solches ſein könnte, ſo ſagte ich ihr, wie wir zu Hauſe von einem ſolchen Falle wüßten. Ich hatte Richard ein Billet ſchicken und ihm darin ſagen wollen, daß ich angekommen wäre; allein es ſchien mir bei reiferer Ueberlegung weit beſſer, ihn ohne Wei⸗ teres aufzuſuchen. Da er in einer Kaſerne wohnte, ſo zweifelte ich einen Augenblick, ob dieſes auch anginge; indeſſen gin⸗ gen wir aus, um das Terrain zu recognosciren. Zum Thore des Kaſernenhofes hineinguckend, fanden wir zu dieſer Stunde des Morgens Alles ganz ruhig. Ich fragte einen auf der Staffel des Wachhauſes ſtehenden Sergeanten, wo Richard wohne. Darauf ſchickte er einen Mann voraus, der mir den Weg zeigen ſollte, einige nackte Treppen hinanſtieg, mit den Knöcheln ſeiner Finger an eine Thüre klopfte, und uns dann verließ. „Nun, was iſt's?“ rief Richard drinnen. Ich ließ alſo Charley in dem kleinen Gange ſtehen, ging an die halboffene Thüre hin, und ſprach: — — 421 „Darf ich hinein, Richard? Es iſt bloß Dame Durden.“ Er ſchrieb eben au einem Tiſche, und es lagen Kleidungsſtücke, zinnerne Kapſeln, Bücher, Stiefeln, Bür⸗ ſten und Koffer iu großer Unordnung auf dem Boden herum. Er war nur halb angekleidet— war in Civil, wie ich bemerkte, nicht in Uniform— und es war ſein Haar ungebürſtet, ſo daß er ſo unordentlich ausſah, wie ſein Zimmer. Alles dieß ſah ich, nachdem er mich herzlich bewill⸗ kommt hatte und ich neben ihm ſaß, denn er fuhr auf, ſobald er meine Stimme hörte, und hatte mich in einem Nu mit ſeinen Armen umſchlungen. Der liebe Richard! Er war immer der Gleiche gegen mich. Bis— ach, armer, armer Burſche!— bis au's Ende hatte er für mich im⸗ mer Etwas von ſeinem alten, luſtigen, knabenhaften Weſen. „Gütiger Himmel, wie kommſt Du hierher, liebes Weibchen?“ ſagte er.„Wer hätte wohl gedacht, Dich zu ſehen! Hoffentlich iſt doch Nichts vorgefallen! Ada wohl?“ „Ganz wohl, holder und anmuthiger, denn je, Richard!“ „Ah!“ ſprach er, ſich in ſeinem Stuhle zurückleh⸗ nend.„Meine arme Couſine! Ich ſchrieb eben an Dich, Eſther.“ Er ſah ſelbſt in der Fülle ſeiner ſchönen Jugend ſo abgemattet und verſtört aus, während er ſich in ſeinem Stuhle zurücklehnte, und das engbeſchriebene Blatt Pa⸗ pier in der Hand zerknitterte! „Haſt Du Dir die Mühe gegeben, Alles das zu ſchreiben, und ich ſoll es am Ende nicht einmal leſen dürfen?“ fragte ich. O, meine Liebe!“ verſetzte er mit einer hoffnungs⸗ baaren Geſte.„Du kannſt es im ganzen Zimmer leſen. Hier iſt Alles aus.“ Ich bat ihn in ſanfter Weiſe, ſich doch ja nicht der 422 Verzweiflung zu überlaſſen. Ich ſagte ihm, wie ich zu⸗ fällig davon gehört, daß er in Geldverlegenheit wäre, und daß ich hierher gekommen, um mich mit ihm darüber zu berathen, was in der Sache zu thun wäre. „Es ſieht Dir das ganz gleich, Eſther, iſt aber vollkommen unnütz, und ſieht Dir alſo wieder nicht gleich!“ ſprach er mit einem melancholiſchen Lächeln. „Ich gehe heute auf Urlaub von hier fort— wäre ſchon in einer Stunde nicht mehr hier zu treffen geweſen— und nehme bloß dieſen Vorwand, um die Sache ein Bis⸗ chen zu beſchönigen, deun ich will meine Stelle verkau⸗ fen. Gut! Laß das Vergangene vergangen ſein. Und ſo folgt denn dieſer Beruf den andern nach. Ich hätte nur auch es mit der Kirche probiren ſollen, dann hätte ich ſagen können, ich habe mich in allen Berufen um⸗ geſehen.“ „Richard,“ drang ich in ihn,„hoffentlich ſtehen die Sachen noch nicht ſo verzweifelt?“ „Eſther,“ verſetzte er,„ſo verzweifelt ſtehen ſie wirklich. Ich bin gerade ſo nahe bei der Schande an⸗ gekommen, daß Diejenigen, die über mich geſetzt ſind (wie es im Katechismus heißt), weit lieber ohne mich wären, als daß ſie mich in ihrer Nähe haben. Und ſie haben Recht. Von Schulden und ungeſtümen Mahnern und allerlei ſolchen widerwärtigen Geſchichten abgeſehen, paſſe ich nicht einmal zu dieſem Geſchäfte. Ich denke an Nichts, als an Eines, bekümmere mich um Nichts, als um Eines, habe für Nichts ein Herz, eine Seele, als für Eines. Ei, wäre dieſe Seifenblaſe jetzt nicht zerplatzt,“ ſprach er, den Brief, den er geſchrieben, in Stücke zer⸗ reißend, und dieſelben nach einander ärgerlich von ſich werfend,„wie hätte ich da England verlaſſen können? Ich hätte England verlaſſen müſſen; aber wie hätte ich gehen können! Wie könnte ich bei der Erfahrung, die ich in der Sache habe, ſelbſt Vholes trauen, ſo lange ich nicht hinter ihm ſtehe!“ —— XES 423 Ich glaube, daß er aus meinem Geſichte erſah, was ich ſagen wollte, denn er erfaßte die Hand, die ich auf ſeinen Arm gelegt hatte, und berührte damit meine Lippen, um mich nicht weiter ſprechen zu laſſen. „Nein, Dame Durden! Zwei Dinge verbitte ich mir— muß ich mir verbitten. Das erſte iſt, daß Du nicht von John Jarndyee ſprichſt. Das zweite iſt— Du weißt wohl was. Nenne es Wahuſinn, und ich antworte Dir, ich kann jetzt nicht dafür und kann nicht bei geſundem Verſtande ſein. Es kann aber von ſo Etwas nicht die Rede ſein; es iſt das Ding, dem ich meine ganze Aufmerkſamkeit zu ſchenken habe. Es iſt jammerſchade, daß ich mich bewegen ließ, meinen Weg zu verlaſſen, um einen andern einzuſchlagen. Es wäre weiſe, denſelben jetzt zu verlaſſen, nachdem ich ſo viele Zeit, Angſt und Mühe auf die Sache verwandt! O ja, es wäre das wirklich weiſe. Auch würde dieß gewiſſen Leuten gar recht ſein; aber ich werde es nie thun.“ Er befand ſich in einer Stimmung, die es mir als räthlich erſcheinen ließ, ihn in ſeinem Entſchluſſe durch meine Oppoſition nicht noch zu bekräftigen(wenn überhaupt Etwas ihn dar in noch bekräftigen konnte). Ich zog daher Ada's Brief beraus und legte denſelben in ſeine Hand. „Soll ich ihn jetzt leſen?“ fragte er. Da ich ſeine Frage bejahte, ſo legte er den Brief auf den Tiſch, ließ den Kopf auf einer Hand ruhen, und fing an zu leſen. Er war indeſſen noch nicht weit damit gekommen, als er den Kopf auf beiden Händen ruhen ließ, um mir ſein Geſicht zu verbergen. Nach einer kleinen Weile ſtand er auf, wie wenn das Licht ungünſtig wäre, und ging an das Fenſter hin. Dort las er den Brief vollends, während er mir den Rücken zukehrte; und nachdem er den Brief wieder zuſammengelegt hatte, blieb er, ihn in der Hand haltend, noch einige Minuten dort ſtehen. Als er wieder zu ſeinem Stuhle herkam, erblickte ich Thränen in ſeinen Augen. 424 „Du weißt natürlich, Eſther, was ſie hier ſagt?“ ſprach er mit ſanfterer Stimme, und küßte dabei den Brief. „Ja, Richard.“ „Sie bietet mir,“ fuhr er, mit dem Fuße auf den Boden ſtoßend, fort,„das kleine Erbe an, deſſen ſie ſo bald gewiß iſt— gerade ſo wenig und ſo viel, als ich durchgebracht— und bittet mich inſtändigſt, daſſelbe au⸗ zunehmen, mich damit wieder flott zu machen, und im Dienſte zu bleiben.“ „Ich weiß, daß Dein Wohlergehen der theuerſte Wunſch ihres Herzens iſt,“ ſprach ich.„Und o, mein lieber Richard, Ada's Herz iſt ein ſo edles!“. „Gewiß, gewiß iſt es ein edles. Ach, ich— ich wollte, ich wäre todt!“ Er trat wieder an das Fenſter, legte ſeinen Arm darüber hin, und ſtützte den Kopf auf den Arm. Es ging mir ſehr zu Herzen, ihn ſo ſehen zu müſſen; aber ich gab der Hoffnung Raum, daß er noch nachgiebiger werden würde, und ſchwieg daher. Meine Erfahrung war aber eine ſehr beſchränkte; denn ich hatte mich gar nicht darauf gefaßt gemacht, daß er aus dieſem Zuſtande der Rührung zu einem neuen Gefühle des Unrechts er⸗ wachen würde, deſſen man ſich, wie er wähnte, gegen ihn ſchuldig gemacht. „Und dieß iſt das Herz, das der nämliche John Jarndyce, deſſen unter uns ſonſt gar nicht Erwähnung gethan werden darf, mir durch ſein Dazwiſchentreten ent⸗ fremdet hat! ſprach er entrüſtet.„Und das liebe Mäd⸗ chen macht mir von dem Hauſe des nämlichen John Jarndyce aus, und wohl mit der gnädigſten Zuſtimmung und Zulaſſung des nämlichen John Jarndyce dieſes edel⸗ müthige Anerbieten, als ein neues Mittel, mich zu er⸗ kaufen!“ „Richard!“ rief ich, mich eilig erhebend,„ich mag ſolch ſchändliche Worte nicht länger anhören!“ „——— iger rung gar ande er⸗ egen ohn ung ent⸗ läd⸗ ohn ung del⸗ er⸗ nag 42⁵ Ich war zum erſten Mal in meinem Leben über ihn wirklich höchſt zornig; aber es dauerte dieſer Zorn nur einen Augenblick. Als ich ſein abgezehrtes, junges Geſicht auf mich geheftet ſah, wie wenn es ihm leid thäte, legte ich die Hand auf ſeine Schulter, und ſprach: „Sprich doch nicht in ſolchem Tone mit mir, mein lieber Richard! Denk' doch auch an das, was Du ſagſt!“ Er machte ſich ſelbſt die heftigſten Vorwürfe und ſagte in edelmüthigſter Weiſe zu mir, daß er ſehr Un⸗ recht gehabt, und daß er mich tauſend Mal um Verzei⸗ hung bitte. Ich lachte darüber, zitterte aber doch auch ein Bischen dabei; denn nachdem ich ſo feurig geweſen, war ich ein Bischen verwirrt. „Was die Annahme dieſes Anerbietens betrifft, liebe Eſther,“ ſprach er, ſich neben mich ſetzend und un⸗ ſere Unterhaltung zuſammenfaſſend,—„ſo muß ich Dich noch ein Mal herzlichſt um Verzeihung bitten; es thut mir unendlich leid, aber die Annahme des Anerbietens meiner liebſten Conſine iſt, ich brauche es kaum erſt zu ſagen, für mich eine Unmöglichkeit. Und zudem habe ich Breefe und Papiere, die ich Dir weiſen könnte, und woraus Du Dich überzeugen könnteſt, daß hier Alles aus iſt. Mit dem rothen Rocke iſt's aus. Aber in meinen Nöthen und Verlegenheiten gewährt mir einige Befriedigung das Bewußtſein, daß, indem ich in Ada's Intereſſe thätig, ich auch in dem meinigen thätig bin. Vholes hat nun die Schulter am Rade, und er kann, Gott ſei gedankt! nicht umhin, für ſie ebenſo thätig zu ſein, wie für mich.“ Seine ſanguiniſchen Hoffnungen erfüllten ihn aber⸗ mals und erleuchteten ſeine Geſichtszüge, machten aber für mich ſein Geſicht noch trauriger, als es vorher ge⸗ geweſen. „Nein, nein!“ rief Richard frohlockend. Wäre jeder Pfennig von Ada'’s kleinem Vermögen mein, ſo ſollte kein Theil deſſelben dazu verwendet werden, um mich in 426 dem feſtzuhalten, wozu ich nicht paſſe, wofür ich mich nicht intereſſiren kann, und weſſen ich müde bin. Es ſollte auf das verwendet werden, was beſſere Procente ver⸗ ſpricht, und ſollte da angewandt werden, wo für ſie mehr auf dem Spiele ſteht. Sei Du nur ruhig wegen meiner! Ich werde nun nur noch an Eines zu denken haben, und Vholes und ich wollen die Sache beſorgen. Es wird mir nicht an Mitteln fehlen. Bin ich ein Mal vom Militär frei, ſo kann ich mit einigen kleinen Wucherern, die jetzt von Nichts hören wollen, als von Bezahlung, mich abfinden,— ſo ſagt Vholes. Ich würde jedenfalls Etwas übrig haben, aber ſo wird die Bilanz ſich noch günſtiger für mich ſtellen. Komm, komm! Du mußt Ada einen Brief von mir überbringen, Eſther, und Ihr Beide müſſet mich nicht ſchon aufgeben, und dürfet ja nicht glauben, ich ſei jetzt ganz verloren, meine Liebe.“ Ich will nicht wiederholen, was ich zu Richard ſagte. Ich weiß, es war langweilig, und Niemand darf einen Augenblick vermuthen, es ſei weiſe geweſen. Es kam mir nur aus dem Herzen. Er hörte es geduldig und gefühlvoll an; aber ich ſah, daß es jetzt ein ganz hoffnungsloſes Unternehmen ſei, ihm über die zwei Dinge, die er reſervirt hatte, Vorſtellungen zu machen. Ich ſah auch in Folge dieſer Unterredung vollkommen ein, wie verſtändig die Bemerkung meines Vormunds geweſen war, daß man ſogar, wenn man ihn überzeugen wolle, noch mehr Unheil anſtifte, als wenn man ihn ſich ſelbſt überlaſſe. Es blieb daher am Ende Nichts mehr übrig, als Richard zu fragen, ob er mich wohl davon überzeugen wollte, daß hier Alles aus wäre, wie er geſagt, und da er dieß nicht bloß obenhin glaubte. Er zeigte mir nun, ohne zu zögern, eine Corre⸗ ſpondenz, woraus denutlich hervorging, daß ſein Austreten aus dem Militärverbande eine ausgemachte Sache war. Zugleich ſagte er mir auch, daß Mr. Vholes Abſchriften 427 von dieſen Papieren hätte, und bei der ganzen Sache ihm als Berather zur Seite geſtanden wäre. Rechnete ich den Umſtand ab, daß ich mich hievon vergewiſſert, daß ich ihm Ada's Brief überbracht, und daß Richard mich nach London zurückbegleiten wollte, ſo war durch mein Hierherkommen nichts Gutes bewirkt worden. Ich mußte dieß, wenn auch mit widerſtrebendem Herzen, mir ſelbſt geſtehen, und ſagte daher, ich würde nach dem Gaſthanſe zurückkehren und dort auf ihn warten. Er warf alſo einen Mantel um und begleitete mich bis ans Thor, worauf ich mit Charley das Ufer entlang nach dem Gaſthauſe zurückging. Auf einem Flecke dieſes Ufers ſtanden eine Menge Leute, und es umgaben dieſe einige Seeoffiziere, die eben aus einem Boote ſtiegen, und drängten ſich mit unge⸗ wöhnlichem Intereſſe um ſie her. Ich ſagte zu Charley, es werde dieß wohl eines der Boote des großen Oſtindien⸗ fahrers ſein; und ſo blieben wir denn ſtehen, um zu⸗ zuſehen. Die Herren kamen langſam vom Waſſer her und ſprachen gutlaunig mit einander, ſowie mit den ſie um⸗ gebenden Leuten, und ſchauten um ſich, wie wenn ſie froh wären, ſich wieder auf engliſchem Boden zu ſehen. „Charley, Charley!“ ſprach ich,„komm' geſchwind!“ Und ich eilte ſo geſchwind fort, daß mein kleines Kammer⸗ mädchen darüber ganz erſtaunt war. Erſt da, als wir uns in unſer Cajütenzimmer ein⸗ geſchloſſen, und ich Zeit gehabt hatte, wieder zu Athem zu kommen, fing ich an, darüber nachzudenken, warum ich ſo hinweggeeilt. In einem der ſonnverbrannten Geſichter hatte ich Mr. Allan Woodcourt erkannt, und ich hatte befürchtet, daß er mich erkennen möchte. Ich hatte ihn um keinen Preis die in meinem Geſichte vorgegangene Ver⸗ änderung ſehen laſſen wollen. Ich war überraſcht worden, und es war mir der Muth völlig abhanden gekommen. Aber ich wußte, daß es nicht angehen würde, und 428 ſagte nun bei mir ſelbſt:„Meine Liebe, es liegt kein Grund vor— und kann überhaupt kein Grund vorlie⸗ gen— weßhalb es jetzt übler um Dich ſtehen ſollte, als früher. Was Du im vergangenen Monat geneſen biſt, biſt Du auch heute noch; Du biſt weder ſchlimmer noch beſſer daran. Du zeigſt hier nicht die gewohnte Ent⸗ ſchloſſenheit; ruf' dieſelbe zurück, ruf' dieſelbe zurück, Eſther!“ Ich zitterte gar ſehr— von dem geſchwinden Lau⸗ fen— und konnte anfänglich mich gar nicht beruhigen; indeſſen wurde es beſſer mit mir, und es erfüllte mich mit großer Freude, das zu wiſſen. Es kam die Geſell⸗ ſchaft in das Gaſthaus. Ich hörte die Herren auf der Treppe ſprechen. Ich wußte gewiß, daß es dieſelben waren, weil ich ihre Stimmen wieder erkannte— ich meine, weil ich Mr. Woodcourt's Stimme erkannte. Es würde nun immer noch eine große Erleichterung für mich geweſen ſein wenn ich mich bätte entfernen kön⸗ nen, ohne mich zu erkennen zu geben; aber ich war eut⸗ ſchloſſen, dieß nicht zu thun.„Nein, meine Liebe, nein. Nein, nein, nein!“ Ich band meinen Hut auf und ſchlug meinen Schleier zurück— ich glaube, ich will ſagen, halb herunter, aber es liegt gar wenig daran— und ſchrieb auf eine meiner Viſitenkarten, daß ich zufällig mit Mr. Richard Carſtone hier wäre. Ich ſchickte die Karte Mr. Woodcourt. Er erſchien alsbald. Ich ſagte ihm, daß ich hocherfrent wäre, zu⸗ fällig eine der erſten Perſonen zu ſein, die ihn wieder in England begrüßten. Und ich ſah, daß es ihm ſehr leid um mich that. „Sie haben, ſeitdem Sie uns verlaſſen, Gefahren beſtanden und Schiffbruch gelitten, Mr. Woodcourt,“ ſprach ich,„aber man kann wohl kaum das ein Unglück nennen, was Ihnen Gelegenheit gab, ſo nützlich und muthig zu ſein. Wir haben mit dem lebendigſten In⸗ kein rlie⸗ als biſt, noch Ent⸗ rück, Lau⸗ gen; mich ſſell⸗ der lben ich rung kön⸗ ent⸗ nein. leier aber einer ſtone hien zu⸗ leder ſehr hren irt,“ glück und In⸗ 42²9 tereſſe davon geleſen. Es kam durch Ihre alte Patientin, die arme Miß Flite, zum erſten Male mir zu Ohren: ich war damals gerade wieder auf dem Wege der Beſſe⸗ rung, nachdem ich eine ſchwere Krankheit überſtanden.“ „Ah, die kleine Miß Flite!“ ſprach er.„Führt ſie immer noch das gleiche Leben?“ „Immer noch.“ Ich fühlte mich jetzt ſo behaglich, daß ich den Süßleier nicht mehr brauchte und ihn ganz zurückſchlagen onnte. „Ihre Dankbarkeit gegen Sie, Mr. Woodcourt, iſt zum Entzücken. Sie iſt ein höchſt liebevolles Geſchöpf, wie ich allen Grund habe, zu ſagen.“ „Sie— Sie haben ſie ſo gefunden?“ erwiderte er. „Es— es freut mich das.“ Es that ihm ſo leid um mich, daß er kaum im Stande war, zu ſprechen. „Ich verſichere Sie,“ ſprach ich,„daß ich tief ge⸗ rührt war von ihrer Sympathie und ihrer Freude zu der Zeit, von der ich geſprochen.“ „Es thut mir leid, zu hören, daß Sie ſehr krank geweſen.“ „Ja, ich war ſehr krank.“ „Sie ſind aber nun wieder vollkommen hergeſtellt?“ „Ich habe meine Geſundheit und meinen Frohſinn vollkommen wieder erlangt,“ ſprach ich.„Sie wiſſen, wie gütig mein Vormund iſt, und welch' glückliches Leben wir führen; und ich habe jeden Grund, meinem Schöpfer zu danken, und habe auf dieſer Welt durchaus nichts mehr zu wünſchen.“ Es war mir, als ob er mich mehr bemitleidete, als ich mich je ſelbſt bemitleidet. Es flößte mir neue Stand⸗ haftigkeit und neue Ruhe ein, als ich fand, daß ich ihn wieder beruhigen mußte. Ich ſprach mit ihm über ſeine Hin⸗ und Herreiſe, über ſeine künftigen Pläne, ſowie über ſeine wahrſcheinliche Rückkehr nach Indien. Er ſagte, es 430 ſei Letzteres ſehr zweifelhaft. Er habe ſich dort vom Glück nicht mehr begünſtigt gefunden, als hier. Er ſei als armer Schiffsarzt aus England fortgezogen, und ſei als ſolcher wieder heimgekommen. Während wir ſo mit einander ſprachen, und als ich ſchon froh war, glauben zu können, ich hätte(wenn ich mich eines ſolchen Ansdrucks bedienen darf) den Schlag gemildert, der ihn bei meinem Aublicke getroffen, kam Richard herein. Er hatte drunten vernommen, daß Mr. Woodcourt bei mir wäre; und es begrüßten ſich nun Beide mit herzlicher Freude. Ich ſah, daß, als die erſten Begrüßungen vorüber waren, und als von Richard's Laufbahn geſprochen wurde, Mr. Woodcourt es war, als ob bei Richard eben nicht Alles am Beſten ſtünde. Er ſchaute ihm häufig in’s Geſicht, wie wenn Etwas darin läge, das ihm Schmerz verurſachte; und mehr denn ein Mal blickte er zu mir her, wie wenn er ſich zu vergewiſſern ſuchte, ob ich die wahre Sachlage kennete. Und doch war Richard in einem ſei⸗ ner ſanguiniſchen Zuſtände, und durchaus aufgeräumt, und hocherfreut, Mr. Woodcourt wieder zu ſehen, an dem er ſtets Gefallen gefunden hatte. Es machte Richard ſofort den Vorſchlag, daß wir Alle mit einander nach London gehen ſollten; Mr. Wood⸗ court aber mußte noch etwas länger auf ſeinem Schiffe bleiben, und konnte daher nicht länger mit uns gehen. Er nahm indeſſen ein frühes Diner mit uns ein, und wurde wieder ſo ganz der Alte, daß ich immer ruhiger wurde bei dem Gedanken, es ſei mir gelungen, ſein Be⸗ dauern zu mildern. Judeſſen flößte ihm Richard immer noch die gleichen Beſorgniſſe ein. Als die Poſtkutſche faſt bereit war, wegzufahren und Richard hinunterlief, um nach ſeinem Gepäck zu ſchauen, nahm er die Gelegenheit wahr, mit mir über ihn zu ſprechen. 1 Ich war nicht gewiß, ob ich auch ein Recht hätte, ſeine ganze Geſchichte auszukramen; indeſſen ſagte ich Bn 0n vom Er ſei d ſei ls ich in ich ſchlag kam Mr. nun küber urde, nicht in's merz her, ahre ſei⸗ imt, dem wir od⸗ iffe zen. und ger Be⸗ ner faſt um eit te, ch 431 mit wenigen Worten, daß er mit Mr. Jarndyce nicht mehr gut ſtehe, und daß er ſich in den unheilvollen, vor dem Kanzleigerichtshofe ſchwebenden Prozeß verwickelt habe. Mr. Woodconrt horchte voller Theilnahme zu und drückte ſein Bedauern aus. „Ich ſah, wie Sie ihn ziemlich ſcharf beobachteten,“ ſprach ich.„Halten Sie ihn für ſo verändert?“ „Er iſt verändert,“ erwiderte er kopfſchüttelnd. Ich fühlte zum erſten Male, wie das Blut mir ins Geſicht ſchoß, aber es war bloß eine augenblickliche Emotion. Ich wandte den Kopf weg, und es war vorüber. „Es iſt,“ ſprach Mr. Woodcourt,„nicht ſowohl das, daß er jünger oder älter, magerer oder beleibter, bläſſer oder röther geworden, als vielmehr das, daß ſein Geſicht einen ſo ſonderbaren Ausdruck zeigt. Noch nie habe ich an einer jungen Perſon einen ſo merkwürdigen Blick be⸗ merkt. Man kann nicht ſagen, es ſei lauter Bangigkeit, oder lauter Müdigkeit; und doch iſt es Beides, und wie angehende Verzweiflung.“ „Sie glauben nicht, daß er krank iſt?“ ſprach ich. Nein. Er ſehe, was den Körper betreffe, ſtark und geſund aus. „Daß ſeine Gemüthsſtimmung keine ruhige ſein kann, iſt für uns leider nur zu gewiß,“ fuhr ich fort.„Mr. Woodcourt, gehen Sie nach London?“ „Morgen oder übermorgen.“ Richard bedarf keiner Sache ſo ſehr, wie eines Freundes. Er hat Sie ſtets gern gehabt. Beſuchen Sie ihn doch, wenn Sie nach der Stadt kommen! Gönnen Sie ihm doch bisweilen Ihre Geſellſchaft, wenn es Ihnen möglich! Sie wiſſen nicht, wie viel das nützen könnte. Sie können ſich kaum denken, wie Ada und Mr. Jarndyce, und ſelbſt ich,— wie wir Alle Ihnen zu Dank verpflichtet ſein würden, Mr. Wood⸗ court!“ 432 „Miß Summerſon,“ ſprach er, tiefer gerührt, als er es von Anfang geweſen,„ich nehme den Himmel zum Zeugen, daß ich ihm ein wahrer Freund ſein will! Ich will ihn als ein mir anvertrautes Gut betrachten, und es ſoll daſſelbe von mir heilig gehalten werden!“ „Gott ſchenke Ihnen ſeinen Segen dafür!“ ſprach ich. Uud es füllten ſich raſch meine Augen; aber ich dachte, ſie dürften dieß wohl, wenn es nicht um meiner ſelbſt willen wäre.„Ada liebt ihn,— wir Alle lieben ihn, aber Ada liebt ihn, wie wir ihn nicht lieben. Ich will ihr berichten, was Sie ſagen. Ich danke Ihnen in g J ihrem Namen, und möge Gott Ihnen dafür lohnen!“ Als wir dieſe eiligen Worte eben mit einander aus⸗ getauſcht, kam Richard zurück, und gab mir den Arm, um mich an die Poſtkutſche hinunter zu begleiten. „Woodcourt,“ ſprach er, ohne ſelbſt zu wiſſen, wel⸗ chen Sinn er ſeinen Worten unterlegte,„es wäre mir recht lieb, wenn wir in London uns ſehen könnten!⸗ „Sehen?“ verſetzte der Andere.„Ich habe dort jetzt kaum einen Freund außer Ihnen. Wo kann ich Sie finden?“ „Je nun, ich muß mir erſt ein Logis ſuchen,“ ſprach Richard grübelnd.„Vor der Hand bin ich bei Vholes, Symond's Inn, zu erfragen.“ „Gut, Sie ſollen mich bald ſehen.“ Sie ſchüttelten einander herzlich die Hand. Als ich ſchon in der Kutſche ſaß und Richard noch auf der Straße ſtand, legte Mr. Woodcourt ſeine freund⸗ ſchaftliche Hand auf Richard's Schulter und ſchaute mich dabei an. Ich verſtand ihn, und winkte ihm mit der Hand zum Zeichen des Dankes.. Und aus ſeinem letzten Blicke, während wir weg⸗ fuhren, erſah ich, daß es ihm recht leid um mich that. Es freute mich, dieß zu ſehen. Ich fühlte für mein altes Ich das, was die Todten fühlen mögen, wenn ſie auf dieſe Erde zurückkommen. Es freute mich, daß man ſich ☛ Z Aͤ ͤSͤ— e— e“ u 4³³ meiner zärtlich erinnerte, daß ich ſanft bemitleidet wurde, daß ich nicht ganz und gar vergeſſen war. Sechsundvierzigſtes Kapitel. Haltet ihn! Es liegt Finſterniß über Tom⸗all Alone's. Sich im⸗ mer mehr ausbreitend, ſeitdem am letzten Abende die Sonne untergegangen, iſt ſie allmälig angewachſen, bis ſie jeden leeren Raum an dem Orte ausfüllt. Eine Zeit⸗ lang haben dort einige Kerkerlichter gebrannt, wie die Lampe des Lebens in Tom all⸗Alone's brennt, das heißt, mit Mühe, denn die Luft iſt verpeſtet, und es haben dieſe Lichter gar viele entſetzliche Dinge angeblinzt, wie auch die Lebenslampe in Tom⸗all⸗Alone's blinzt. Aber es ſind dieſe Dinge verwiſcht, ausgelöſcht. Der Mond hat Tom trüb und kalt angeſtarrt, wie wenn er in Tom's öder, zum Leben untauglicher und durch vulkaniſche Feuer un⸗ wirthbar gemachter Region eine kleine Nebenbuhlerin dulden wollte; aber das Nachtgeſtirn iſt vorübergegangen und verſchwunden. Der ſchwärzeſte Nachtmahr in den bölliſchen Ställen hat Tom⸗all⸗Alone's ſich zu ſeiner eide erkoren, und Tom iſt in tiefen Schlaf verſunken. Es iſt ſowohl im Parlament, als außerhalb des⸗ ſelben über Tom gewaltig viel geſprochen worden, und man hat ſich lange zornig darüber geſtritten, wie Tom auf den rechten Weg gebracht werden ſoll. Ob er auf den großen Weg gebracht werden ſoll durch Con⸗ ſtabler, oder durch Büttel, oder durch Glockenläuten, durch viele Zahlen, oder durch richtige Geſchmacksgrundſätze, oder durch die Hochkirche, oder durch die niedere Kirche, Bleak Houſe. III. 28 oder durch gar keine Kirche; oder ob man ihn Bündel polemiſcher Strohhalme mit dem krummen Meſſer ſeines Geiſtes ſpalten, oder ob man ihn anſtatt deſſen Steine ſchlagen laſſen ſolle. Inmitten all' dieſes Staubs und Lärmens iſt nur ſo viel vollkommen klar, daß Tom nur auf die richtige Bahn zurückgeleitet werden mag und kann, oder ſoll und will nach Jemands Theorie, aber Niemands Praxis. Und in der hoffnungsvollen Zwiſchen⸗ zeit fällt Tom in ſeinem alten entſchloſſenen Geiſte kopf⸗ über dem Verderben anheim. Aber er kann ſich damit tröſten, daß er gerächt wird. Selbſt die Winde ſind ſeine Boten, und ſie dienen ihm in dieſen Stunden der Finſterniß. Es iſt in Tom auch nicht ein Tropfen verdorbenen Bluts, der nicht irgend⸗ wo Seuchen und Peſt verbreitet. Es ſoll ſogar heute Nacht den Lieblingsſtrom(worin Chemiker bei einer Ana⸗ lyſe den ächten Adel finden würden)— es ſoll, ſagen wir, noch heute Nacht den Lieblingsſtrom eines normän⸗ niſchen Hauſes beflecken, und es ſollen Seiner Gnaden zu dieſer abſcheulichen Allianz nicht nein ſagen dürfen. Es iſt in Tom's Schlamm kein Atom, es iſt in dem peſtilenzialiſchen Gas, worin er lebt, kein Kubikzoll, er hat keine Obſcönität oder Erniedrigung, keine Unwiſſen⸗ heit, kein Laſter, keine Bosheit an ſich, er begeht keine Rohheit, die ſich nicht durch jeden Stand der Geſellſchaft hindurch, bis zu den Stolzeſten unter den Stolzen, und bis zu deu Höchſten unter den Hohen hinauf, rächt. Ja, Tom rächt ſich wahrhaftig durch die von ihm ausgehende Wefleckung und Anſteckung, durch Stehlen, durch Ver⸗ derben. Es iſt eine noch ſtreitige Frage, ob Tom all⸗Alones bei Tag oder bei Nacht häßlicher iſt; indeſſen trägt der Tag den Sieg davon, wenn man von dem Satze ans⸗ geht, daß, je mehr man davon ſieht, um ſo abſcheulicher der Anblick ſein muß, und daß die Phantaſie wohl ſich keinen Theil deſſelben ſo gräßlich ansmalen kann, als ei zündel ſeines Steine und n nur und aber ſchen⸗ kopf⸗ erächt ienen Tom gend⸗ heute Ana⸗ ſagen män⸗ raden irfen. dem l, er iſſen⸗ keine ſchaft und Ja, dende Ver⸗ in der Wirklichkeit iſt. Es beginnt jetzt der Tag, anzu⸗ brechen; und es dürfte in Wahrheit für den National⸗ ruhm ſogar beſſer ſein, daß die Sonne bisweilen über dem britiſchen Gebiete unterginge, als daß dieſelbe je über einem ſo ſcheußlichen Wunder, wie Tom iſt, auf⸗ geht. Ein brauner, ſonnverbrannter Herr, der von beharr⸗ licher Schlafloſigkeit geplagt zu ſein ſcheint, da er lieber umherwandert, als daß er die Stunden auf einem ruhe⸗ loſen Kopfkiſſen zählt, richtet um dieſe ſtille Zeit ſeine Schritte hierher. Von ſeiner Neugierde hierhergelockt, bleibt er oft ſtehen und ſchaut umher, die elenden Neben⸗ wege hinauf und hinab. Auch iſt er nicht bloß neugierig, denn in ſeinem ſchönen, dunklen Auge drückt ſich mitleids⸗ volles Intereſſe aus; und während er dahin und dorthin blickt, ſcheint er ſolches Elend zu verſtehen und es ſchon früher ſtudirt zu haben. An den Ufern des ſtagnirenden Schlammcanals, der die Hauptſtraße von Tom⸗all⸗Alone's bildet, iſt Nichts zu ſehen, als riſſige, verſchloſſene, ſtille Häuſer Es zeigt ſich außer ihm kein wachendes Geſchöpf, eine einzige Richtung ausgenommen, wo er die einſame Geſtalt eines Weibes auf einer Staffel ſitzen ſieht. Er geht dort hin. Indem er ſich nähert, gewahrt er, daß ſie einen weiten Weg gemacht, daß ihre Füße wund ſind, daß ſie die Spuren der Reiſe noch an ſich trägt. Sie ſitzt auf der Staffel nach Art einer Perſon, die auf Etwas wartet: ihr Elbogen iſt auf ihr Knie und ihr Kopf auf ihre Hand geſtützt. Neben ihr liegt ein kleiner Sack oder ein Bündel von grobem Packtuch, ſo ſie mitgebracht. Wahrſcheinlich ſchlummert ſie, denn ſie achtet nicht auf ſeine Tritte, während er zu ihr herkommt. Der unterbrochene Fußpfad iſt ſo ſchmal, daß Allan Woodcourt, als er da ankommt, wo das Weib fitzt, auf die Gaſſe hinaus muß, um an ihr vorübergehen zu kön⸗ 43³⁶ nen. Er ſchaut auf ſie herab, es begegnet ſein Auge dem ihrigen, und er bleibt ſtehen. „Was iſt's?“ „Oh, Nichts, mein Herr.“. „Könnt Ihr die Leute nicht aufwecken? Wollet Ihr hinein?“ „Ich warte, bis die Leute in einem andern Haus — in einer andern Herberge— nicht hier, aufſtehen,“ verſetzt das Weib geduldig.„Ich warte hier, weil in einer Weile die Sonne herſcheinen wird, und ich mich dann wärmen kann.“ „Ich fürchte, Ihr ſeid ermüdet. Es thut mir leid, Euch auf der Straße ſitzen zu ſehen.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr. Es thut Nichts.“ Eine ihm eigenthümliche Art, mit den Armen zu ſprechen, und olle Protection, alle Herablaſſung, alles kindiſche Weſen(wozu man am Liebſten greift, indem manche Lente es für recht pfiffig halten, wenn ſie mit den Armen nach Art kleiner Kinderſchriften und Fibeln ſprechen) zu vermeiden, hat ihn leicht auf einen freund⸗ ſchaftlichen Fuß mit dem Weibe geſetzt. „Laßt mich ein Mal Eure Stirn anſchauen!“ ſpricht er, ſich niederbückend.„Ich bin Arzt. Fürchtet Euch nicht. Ich möchte Euch um Alles in der Welt nicht Etwas zu leide thun.“ Er weiß, daß, indem er ſie mit ſeiner geſchickten und geübten Hand berührt, er ihr noch geſchwinder Lin⸗ derung verſchaffen kann. Sie macht eine kleine Einwen⸗ dung und ſagt:„Ob, es iſt Nichts!“ Aber kaum hat er die Finger auf die wunde Stelle gelegt, ſo hebt ſie den Kopf empor und läßt die Wunde ſehen. „Ach, eine böſe Wunde, und die Haut fatal verletzt. Es muß dieß Euch recht wehe thun.“— „Es thut mir ein Bischen weh, mein Herr,“ erwi⸗ dert das Weib, der plötzlich eine Thräne über die Wan⸗ gen herabtröpfelt. ge 4³⁷ „Erlaubet mir, daß ich Eure Schmerzen ein wenig zu lindern ſuche! Mein Taſchentuch wird Euch nicht wehe thun.“ „Ach, lieber Gott! Nein, ich weiß es wohl!“ Er reinigt die wunde Stelle und trocknet ſie, und zieht, nachdem er ſie ſorgfältig unterſucht und mit der flachen Hand ſauft gepreßt hat, ein kleines Etui aus ſei⸗ ner Taſche hervor und verbindet dann die Wunde. Während er ſo beſchäftigt iſt, ſagt er, nachdem er darüber gelacht, daß er ſo auf offener Straße eine chirurgiſche Anſtalt verrichtet: „Euer Mann iſt alſo ein Ziegelſtreicher?“ „Und wie wiſſen Sie denn das, mein Herr?“ fragte das Weib erſtaunt. „Je nun, ich vermuthe es eben; die Farbe des Lehms auf Eurem Packe und auf Eurem Kleide ſagt es mir. Auch weiß ich, daß Ziegelſtreicher die Gewohn⸗ heit haben, herumzugehen und da und dort zu arbeiten. Auch thut es mir leid, ſagen zu müſſen, daß ich Gele⸗ genheit gehabt habe, zu ſehen, daß ſie gegen ihre Frauen recht roh ſein können.“ Das Weib ſchlägt haſtig die Augen auf, wie wenn ſie läugnen wollte, daß ihre Wunde von einer ſolchen Urſache herrühre. Indeſſen ſenkt ſie ſie wieder ruhig, da ſie die Hand auf ihrer Stirn fühlt, und ſein geſchäf⸗ tiges und doch zugleich ruhiges Geſicht ſieht. „Wo iſt er jetzt?“ fragt der Chirurg. „Er iſt in der vergangenen Nacht in Ungelegenheiten gekommen, mein Herr; aber er wird auf der Herberge nach mir ſehen.“ „Er wird noch in größere Ungelegenheiten kommen, wenn er ſeine große und ſchwere Hand noch oft ſo miß⸗ brancht, wie er dieſelbe hier mißbraucht hat. Aber Ihr verzeihet ihm, trotz dem daß er ſo roh iſt, und ich will deßhalb kein weiteres Wort über ihn ſagen; nur wünſche ich, daß er dieſe Verzeihung verdienen möge. Ihr habt kein kleines Kind?“ Das Weib ſchüttelt den Kopf.„Eines, das ich das meinige nenne, mein Herr, aber es gehört Liz.“ „Das Eurige iſt alſo todt, wie ich ſehe. Armes kleines Ding!“ Unterdeſſen iſt er mit dem Verband fertig geworden, und er ſteckt jetzt ſein Etui wieder ein. „Ihr habt wohl eine feſte Heimath? Iſt ſie weit von hier?“ fragt er, gutlaunig das, was er eben gethan, nicht beſonders hoch anſchlagend. Das Weib iſt hier aufgeſtanden und hat einen Knicks gemacht. „Sie, iſt ſo zwei oder dreiundzwanzig gute Meilen von hier mein Herr. Zu Saint Albans. Sind Sie in Saint Albans bekannt, mein Herr? Ich gjaube, Sie ſind ein Bischen zuſammengefahren, wie wenn Sie dort wirklich bekannt wären?“ „Ja, ich bin dort ein Bischen bekannt. Und nun will ich Ench auch Etwas fragen. Habt Ihr Geld, um Eure Herberge zu bezahlen 2 „Ja, mein Herr,“ ſagt ſie,„es fehlt mir nicht daran, ganz gewiß.“ Und ſie zeigte ihm das Geld. Ihre vielen unter⸗ thänigſten Dankesbezeigungen erwidert er damit, daß er ſagt, es ſei gern geſchehen, und daß er ihr einen guten Tag wünſcht. Und dann entfernt er ſich. Tom⸗all⸗Alone's iſt immer noch in Schlaf verſunken und es rührt ſich noch Nichts. Doch, es rührt ſich Etwas! Während er nach dem Orte zurückgeht, von wo er das Weib in einiger Ent⸗ fernung hat auf der Staffel ſitzen ſehen, erſpäht er eine zerlumpte Geſtalt, die ſehr vorſichtig daherkommt. Es drückt ſich dieſelbe gegen die beſudelten Wände, die doch die jämmerliche Geſtalt ebenſo gut vermeiden könnte, und hält verſtohlen eine Hand vor. t 18 439 Es iſt die Geſtalt eines jungen Burſchen, deſſen Geſicht hohl iſt, und deſſen Augen ein abgezehrtes Feuer haben. Er läßt es ſich ſo ſehr angelegen ſein, ungeſehen weiter zu kommen, daß ſelbſt die Erſcheinung eines wohl⸗ gekleideten Fremdeu ihn nicht bewegt, zurückzuſchauen Er beſchattet ſein Geſicht, während er auf der andern Seite des Weges fortgeht, mit ſeinen zerlumpten Elbogen; ſcheu kriecht er fort, während er eine ängſtliche Hand vorſtreckt und ſeine formloſen Kleider in Fetzen herab⸗ hangen. Wozu dieſe Kleider gemacht, oder aus welchem Stoffe ſie verfertigt ſind, dieß zu ſagen, wäre unmöglich. Der Farbe und ihrem Weſen nach ſehen ſie aus wie ein Bündel geiler, in einem Sumpfboden gewachſener, ſchon längſt verfaulter Blätter. Allan Woodcourt bleibt ſtehen, um ihm nachzuſchauen und ſich Alles dieſes zu merken; es iſt ihm wie ein Traum, daß er den Burſchen ſchon früher geſehen. Er vermag ſich zwar nicht zu entſinnen, wie oder wo er ihn geſehen; aber es exiſtirt in ſeinem Geiſte irgend eine Verbindung mit einer ſolchen Form. Er meint, er müſſe ihn in ir— gend einem Hoſpital oder Zufluchtsorte geſehen haben; dennoch weiß er es ſich nicht ganz zurecht zu legen, wa⸗ rum ſich dieſe Erſcheinung ſeiner Erinnerung beſonders ſtark aufdrängt. Allmälig kommt er im Morgenlichte aus Tom⸗all⸗ Alone's heraus, und denkt darüber nach. Da hört er mit einem Male hinter ſich Füße, die ſich eilig fortbewegen. Er ſchaut herum, und ſieht den Burſchen auf ſich zu jagen. Hinter dem Burſchen her läuft das Weib. „Haltet ihn, haltet ihn!“ ſchreit das Weib faſt athemlos.„Halten Sie ihn, mein Herr!“ Er ſpringt über die Straße hin, und will dem Bur⸗ ſchen den Weg abſchneiden; aber der jnnge Burſche iſt geſchwinder, als er— macht eine Krümmung— duckt ſich, wie er unter ſeine Hände kommt, richtet ſich, ein halb Dutzend Schritte von ihm weg, wieder auf, und jagt 440 wieder darauf los. Aber immer noch folgt ihm das Weib, und ſchreit:„Halten Sie ihn, mein Herr, halten Sie ihn doch!“ Allan, der vielleicht glaubt, der Burſche habe ihr ſo eben ihr Geld geſtohlen, eilt ihm nach, und läuft dabei ſo geſchwind, daß er wohl ein Dutzend Mal den Bur⸗ ſchen einholt; jedes Mal aber macht Letzterer wieder die ſrühere Krümmung und duckt ſich und galoppirt wieder davon. Wollte der Verfolger bei einer dieſer Gelegenheiten nach dem Jungen ſchlagen, ſo könnte er ihn allerdings zu Boden ſtrecken und ihm das weitere Laufeu unmöglich machen; aber er kann ſich nicht entſchließen, Solches zu thun; und ſo geht denn die ſchrecklich lächerliche Verfolgung fort. Endlich macht ſich der hart gedrängte Flüchtling in eine enge Paſſage und in einen Hof, der keinen Durch⸗ gang hat. Hier kann der Burſche nicht weiter, und pur⸗ zelt an einem Haufen vermodernden Holzes nieder. Dort liegt er und keucht ſeinen Verfolger an, der ſtehen bleibt, und ihn ſeinerſeits ankeucht, bis endlich das Weib herbei⸗ kommt. „O Du, Jo,“ ruft das Weib.„Was? Habe ich Dich endlich gefunden?“ „Jo,“ wiederholt Allan, ihn aufmerkſam anblickend, „Jo! bleib' da. Wahrlich, er iſt's! Ich erinnere mich jetzt, daß dieſer Burſche vor einiger Zeit vor den Leichen⸗ ſchauer gebracht worden iſt.“ „Ja, ich habe Sie ſchon ein Mal geſehen bei der Unterſuchung,“ winſelt Jo.„Was thut es aber? Kanu man einen ſo unglücklichen Menſchen, wie ich bin, nie ungeſchoren laſſen? Bin ich Euch noch nicht unglücklich genug? Wie unglücklich ſoll ich noch werden? Ich bin gejagt und herumgepudelt worden bald von dem Einen, bald von dem Andern von Euch, bis Nichts mehr an mir geweſen iſt, als Haut und Bein. An der Unterſuchung bin ich ja nicht Schuld geweſen. Habe nie Nichts ge⸗ das lten ſo abei Sur⸗ die eder iten ngs lich un; ung ing rch⸗ pur⸗ dort ibt, bei⸗ ich nd, nich den⸗ der anu nie klich bin nen, mir nng ge⸗ 441 than. Er war recht gut gegen mich, ja, das war er; er war der einzige Menſch, der über meinen Kreuzweg kam und mit mir ſprach. Es iſt nicht ſehr wahrſcheinlich, daß ich ihn vor eine Leichenſchauer⸗Jury bringen wollte. Ich wollte nur, ich ſelbſt würde vor eine ſolche Jury gebracht. Ich weiß nicht, warum ich nicht hingehe und ein Loch in's Waſſer mache, weiß es wahrlich nicht.“ Er ſpricht dieß mit ſo jämmerlicher Miene und es haben ſeine ſchmutzigen Thränen etwas ſo Reelles, und er liegt in dem Winkel, gegen den Holzhaufen gelehnt, ſo ganz wie ein ſchwammartiges Gewächs oder irgend ein ungeſunder ſchädlicher Auswuchs, der dort aus Nach⸗ läßigkeit und Unreinlichkeit entſtanden, daß Allan Wood⸗ n fühlt, wie ſein Herz ſich erweicht. Er ſagt zu dem Weibe: „Was hat es denn verbrochen, das unglückliche Ge⸗ ſchöpf?“ Worauf ſie bloß, über die daliegende Geſtalt mehr erſtaunt, als zornig, den Kopf ſchüttelt und erwidert: „O Du, Jo, Du, Jo! Endlich habe ich Dich ge⸗ funden!“ „Was bat er denn gethan?“ ſpricht Allan:„Hat er Euch beſtohlen?“ „Ach nein, mein Herr, nein. Mir Etwas geſtohlen? Er hat mir nur Gutes erwieſen, und das iſt gerade das Wunderbare an der Sache.“ Allan blickt von Jo nach dem Weibe, und von dem Weibe wieder nach Jo hin, und erwartet, daß ihm Je⸗ mand das Räthſel löſe. „Aber er iſt bei mir geweſen, mein Herr,“ ſpricht das Weib,—„o Du, Jo!— er iſt bei mir geweſen, drunten zu Saint Albaus, krank, und eine junge Dame — Gott lohne ihr, da ſie mir eine gute Freundin gewe⸗ ſen!— erbarmte ſich ſeiner, als ich es nicht thun durfte, und nahm ihn mit nach Hauſe—“ Allan weicht, von einem plötzlichen Grauſen erfaßt, zurück. 442 „Ja, mein Herr, ja, es iſt ſo, wie ich ſage. Sie nahm ihn mit nach Hauſe und machte es ihm dort be⸗ quem, und wie ein undankbares Ungeheuer iſt er in der Nacht davon gelaufen, und ſeitdem nicht wieder geſehen, noch auch nur mit einem Auge erblickt worden, bis ich ihn eben jetzt zufällig erkannt. Und die junge Dame, die ein ſo hübſches liebes Geſchöpf war, erbte ſeine Krank⸗ heit, verlor ihre Schönheit, und man würde ſie jetzt wohl kaum noch als die nämliche junge Dame erkennen, wäre nicht ibr Engelsgemüth und ihre hübſche Geſtalt und ihre holde Stimme ſich gleichgeblieben. Weißt Du es auch, Du undankbarer Kerl, weißt Du auch das Alles, — weißt Du, was Du gethan, wie gütig ſie gegen Dich geweſen iſt?“ fragt das Weib, die, während ſie ſich der Sache erinnert, gegen ihn zu wüthen anfängt, und in leidenſchaftliche Thränen ausbricht. Der Burſche, der durch das, was er hören muß, einigermaßen verblüfft iſt, fängt an, ſeine ſchmutzige Stirn mit ſeiner ſchmutzigen, flachen Hand zu beſchmieren, und den Boden anzuſtarren und vom Kopf bis zu den Füßen heftig zu zittern, bis der baufällige Holzhaufen, gegen den er ſich lehnt, klappert. Allan hält, einzig und allein durch eine ruhige Ge⸗ berde, aber wirkſam das Weib zurück. „Richard hat mir's geſagt,“ ſtottert er,„— ich will ſagen, ich habe davon gehört— achtet jetzt nicht auf mich, ich will ſogleich ſprechen.“ Er wendet ſich weg, und ſteht eine Weile ſtumm da, und ſchaut aus der bedeckten Paſſage hinaus Als er zurückkommt, hat er ſeine Faſſung wieder erlangt; nur geht in ihm ein Kampf vor ſich, ob er ſich mit dem Knaben weiter befaſſen ſolle, oder nicht,— ein Kampf, der ſo außerordentlich merkwürdig iſt, daß er die Auf⸗ merkſamkeit des Weibes ganz feſſelt. 3 „Du hörſt, was ſie ſagt. Aber ſteh' auf, ſteh auf!“ lang ſeine ſeitr eine verſ Fuf iſt. 4⁴³ Jo ſteht zitternd und mit den Zähnen klappernd langſam auf, und ſteht nach der Weiſe von Menſchen ſeines Gleichen, wenn ſie ſich in der Noth befinden, ſeitwärts gegen den Holzhaufen gelehnt da; er läßt eine ſeiner hohen Schultern an demſelben ruhen, reibt verſteckt die rechte Hand auf der linken, und den linken Fuß auf dem rechten. „Du hörſt, was ſie ſagt, und ich weiß, daß es wahr iſt. Biſt du ſeitdem wieder hier geweſen?“ „Ich will des Todes ſein, wenn ich vor hente Mor⸗ gen Tom⸗all⸗Alone's wieder geſehen,“ antwortet Jo heiſer. „Und warum biſt Du jetzt hierhergekommen?“ Jo blickt in dem ganzen engen Hofe herum, ſchaut den Fragenden, aber nicht höher hinauf als bis zu den Knien, an, und antwortet ſchließlich: „Ich weiß nicht, wie ich es machen ſoll, um Nichts zu thun, und kann doch Nichts zu thun kriegen. Ich bin recht arm und krank, und habe geglaubt, ich wolle wieder hierher kommen, wenn Niemand um den Weg ſei, und mich wo niederlegen und verſtecken, bis es dunkel wird, und dann zu Mr. Snagsby gehen, und eine Klei⸗ nigkeit bei ihm betteln. Er hat immer den guten Willen gehabt, mir Etwas zu geben,— ja, das hat er, wenn auch Mrs. Suagsby mich immer herum gepndelt und fortgejagt hat— wie es Jedermann allerwärts gethan at.“ „Woher biſt Du gekommen? Jo blickt abermals im ganzen Hof herum, ſchaut wieder die Knie des Fragenden an, und endigt damit, daß er mit einer Art Reſignation ſein Profil gegen den Holzhaufen legt. „Haſt Du gehört, wie ich Dich gefragt habe, woher Du gekommen 2 „Bin eben ſo herum geſtrichen,“ ſagt Jo. „Aber ſag' mir nun,“ fährt Allan fort, und ſucht 444 ſeinen Widerwillen zu bewältigen, indem er ganz nahe zu ihm hingeht, und mit einem Ausdrucke des Vertrauens ſich über ihn neigt,„aber ſag mir nun, wie iſt es ge⸗ kommen, daß Du das Haus verlaſſen, als die gute, junge Dame ſo unglücklich geweſen war, Dich zu bemitleiden und Dich mit nach Hauſe zu nehmen?“ Jo's Reſignation hört hier alsbald auf, und es erklärt derſelbe, zu dem Weibe gewandt, aufgeregt, daß er nie ſo was von der jungen Dame gewußt, daß er nie Etwas davon gehört, daß er nie zu ihr gegangen, um ihr Etwas zu leide zu thun, daß er ſich lieber ſelbſt Etwas zu leid gethan hätte, daß er ſich lieber ſeinen unglücklichen Kopf abgehauen hätte, als daß er ihr nahe gekommen wäre, und es ſei die Dame recht gut gegen ihn geweſen,— ja, das ſei ſie geweſen. Er beuimmt ſich bei der ganzen Sache ſo, wie wenn es in ſeiner ärm⸗ lichen Weiſe ihm wirklich Ernſt damit wäre, und ſchließt mit einigen recht jämmerlichen Schluchzern. Allan Woodcourt ſieht, daß dieß keine Verſtellung iſt. Er zwingt ſich, ihn anzurühren, und ſpricht: „Komm, Jo! Sag' mir es!“ „Nein, ich darfnicht,“ ſpricht Jo, wieder in den Profil⸗ Zuſtand verfallend.„Ich darf nicht, ſonſt wollte ich gerne.“ „Aber ich muß es dennoch wiſſen!“ verſetzt der An⸗ dere.„Komm, Jo, ſag' mir es!“ Nachdem einige weitere ähnliche Beſchwörungen er⸗ folgt ſind, richtet Jo den Kopf wieder empor, ſchaut wie⸗ der im Hofe herum, und ſpricht mit leiſer Stimme: „So will ich Ihnen denn was ſagen. Man hat mich nicht dort gelaſſen. Da!“ „Man hat Dich nicht dort gelaſſen? In der Nacht?“ „Ah!“ Jo ſchwebt in Todesangſt, er möchte von Jemand gehört werden, ſchaut umher, und blickt ſogar etliche zehn Fuß in die Höhe, nach der Spitze des Holzhaufens emp aus mö ſtec wit hö 44⁵ empor, und durch die Riſſe und Sprünge in demſelben, aus lanter Angſt, der Gegenſtand ſeines Mißtrauens möchte herüberblicken, oder auf der andern Seite ver⸗ ſteckt ſein.. „Und wer hat Dich denn nicht dort gelaſſen?“ „Ich darf ihn nicht nennen,“ ſpricht Jo.„Ich darf es nicht thun, Herr.“ „Aber ich muß es im Namew der jungen Dame wiſſen. Du darfſt mir vertrauen, es ſoll es ſonſt Niemand hören.“ „Ach, aber ich weiß nicht, ob er es nicht hoͤrt,“ verſetzt Jo, den Kopf furchtſam ſchüttelnd. „Ei, er iſt ja nicht hier.“ „So, iſt er nicht hier?“ ſpricht Jo.„Er iſt überall, überall, an allen Orten mit einem Mal.“ Allan ſchaut ihn verlegen an, entdeckt aber auf dem Grunde dieſer wirren Antwort doch einigen Sinn und einige Wahrheit. Er wartet geduldig auf eine deutliche Antwort, und Jo, der durch ſeine Geduld mehr, als durch irgend etwas Anderes verwirrt wird, flüſtert ihm endlich einen Namen in'’s Ohr. „Ja!“ ſpricht Allan.„Ei, was hatteſt Du an⸗ geſtellt?“ „Nichts, Herr. Hab⸗ nie Niemand Nichts gethan, daß ich in ſolche Noth gekommen; weiß von Nichts, als daß ich bei der Unterſuchung geweſen bin, und nicht gleich weiter gegangen bin. Aber ich geh' jetzt weiter, geb' jetzt weiter. Ich geh', auf den Kirchhof, ja, dahin geh', ich jetzt.“ „Nein, nein, wir wollen dem zuvorzukommen ſuchen. Aber was hat er denn mit Dir angefangen ²" „Hat mich in ein Spital gebracht,“ antwortete Jo flüſternd,„bis man mich hat gehen laſſen; dann hat er mir ein Bischen Geld gegeben,— vier halbe Kronen — und ſagt: ‚Nimm's, hier will Dich Niemand haben,“ ſagt er. Nimm es! Geh', mach, daß Du weiter kommſt!“ 446 ſagt er. Pack Dich fort!’ ſagt er.„‚Laß Dich nimmer und nirgends von mir blicken, und komm London nicht mehr auf vierzig Meilen nah'’, ſonſt wirſt Du es be⸗ reuen! Und ſo werde ich es bereuen, wenn er mich wie⸗ der ſieht, und er ſieht mich gewiß, wenn ich noch nicht unter dem Boden bin,“ ſchließt Jo, in nervöſer Weiſe alle ſeine früheren Vorſichtsmaßregeln und Unterſuchungen erneuernd. Allan ſinnt einen Augenblick nach. Dann bemerkt er, zu dem Weibe gewandt, aber ein ermuthigendes Ange auf Jo haften laſſend: „Er iſt nicht ſo undankbar, als Ihr glaubt. Er hatte Urſache, wegzugehen, obgleich dieſelbe eine unge⸗ nügende war.“ „Danke Ihnen, Herr, danke Ihnen!“ ruft Jo.„Und nun haben Sie's! Sehen Sie, wie hart Sie gegen mich geweſen. Aber ſagen Sie ja allein der jungen Dame, was der Herr ſagt, und dann iſt Alles recht. Denn Sier ſind auch recht gut gegen mich geweſen, und ich weiß es.“ „Nun, Jo,“ ſprach Allan, immer noch ihn fixirend. „Komm mit mir, und ich will Dir einen beſſern Platz finden, wo Du Dich hinlegen und verſtecken kannſt. Geh, Du auf der einen Seite des Weges, ich will auf der andern fortgehen, damit man uns nicht beobachtet; ich weiß recht wohl, daß Du nicht davon läufſt, wenn Du es mir ein Mal verſprichſt.“ „Ich laufe nicht davon, nein; nur dann, wenn ich⸗ ihn kommen ſehe, Herr,— dann laufe ich davon.“ „Ganz gut. Ich nehme Dich beim Wort. Es ſteht jetzt die halbe Stadt auf, und in noch einer Stunde iſt die ganze Stadt wach. Komm, komm mit! Und nun wünſche ich Euch abermals einen guten Tag! gute Frau!“ „Auch ich wünſche Ihnen abermals einen guten Tag, mein Herr, und danke Ihuen noch tauſend Mal verbind⸗ lichſt.“ —CQCOꝭ—C—C———— 447 Sie hat mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf ihrem Bündel geſeſſen, ſteht nun auf, und nimmt daſſelbe zu ſich. Jo wiederholt die Worte:„Aber ſagen Sie ja allein der jungen Dame, daß ich ihr nie Etwas zu leid thun wollte, und ſagen Sie ihr, was der Herr ſagt!“ und nickt mit dem Kopfe, und ſchlenkert, und zittert, und beſchmiert ſich, und blinzt, und lacht, und weint ihr ein Lebewohl zu, kriecht Allan Woodcourt nach, hart an den Häuſern fort, auf der entgegengeſetzten Seite der Straße. So kommen die Beiden, aus Tom⸗all⸗Alone's heraus, in die breiten Strahlen des Sonnenlichts und in die rei⸗ nere Luft. Siebenundvierzigſtes Kapitel. Jo's letzter Wille. Während Allan Woodcourt und Jo die Straßen entlang gehen, wo die hohen Kirchthürme und die Entfernungen in dem Morgenlichte ſo nahe und deutlich erſcheinen, daß die City ſelbſt durch die Ruhe erquickt zu ſein ſcheint, ſinnt Allan hin und her, wie und wo er ſeinen Begleiter unterbringen ſoll. „Es iſt fürwahr ein ſeltſames Factum,“ ſo denkt er,„daß im Herzen einer eiviliſirten Welt dieſes Geſchöpf in Menſchengeſtalt ſchwerer unterzubringen iſt, als ein Hund, der keinen Herrn hat. Aber trotzdem daß dieß ſo ſeltſam erſcheint, iſt es doch ein Factum, und es bleibt die Schwierigkeit dieſelbe. Zuerſt ſchaut er oft hinter ſich, um ſich zu verge⸗ 448 wiſſern, ob Jo ihm auch nachfolgt. Aber er mag hin⸗ ſchauen, wohin er will, immer ſieht er ihn dicht an den gegenüberſtehenden Häuſern, wo er mit vorſichtiger Hand ſich von Backſtein zu Backſtein, und von Thüre zu Thüre forthilft, und, während er ſo fortkriecht, oft behutſam zu ihm herüberſchaut. Allan hat bald die Gewißheit erlangt, daß Jo eher an alles Andere denkt, als an ein Entſchlüpfen, geht alſo weiter, und überlegt mit minder getheilter Aufmerk⸗ ſamkeit, was er thun ſoll. An einer Straßenecke bemerkt er einen Stand, wo man ein Frühſtück haben kann, und ſo fällt ihm ein, was er zuerſt zu thun habe. Er bleibt dort ſtehen, ſchaut herum, und winkt Jo. Jo kommt hinkend und latſchend herüber, bohrt mit den Knöcheln ſeiner rechten Hand zu wiederholten Malen langſam in der hohlen Palme ſeiner linken herum, und knetet Koth mit einem Natur⸗Stößel und in einem Natur⸗ Mörſer. Dann wird Jo Etwas vorgeſetzt, was ihm ein leckeres Mahl iſt, und er fängt an, den Kaffee hinunter⸗ zuſchlucken und an dem Butterbrod zu nagen. Und wäh⸗ rend er ſo ißt und trinkt, ſchaut er ängſtlich umher, wie ein verſcheuchtes, furchtſames Thier. Aber er iſt ſo krank und elend, daß ſelbſt der Hunger ihn verlaſſen hat. „Ich glaubte, ich ſterbe faſt vor Hunger, Herr,“ ſpricht Jo, der bald ſein Butterbrod wieder hinlegt; „aber ich weiß eben Nichts mehr, nicht einmal das. Es liegt mir Nichts an guten Sachen, mag keine eſſen und auch keine trinken.“ Und Jo ſteht ſchauernd da und ſchaut das Früh⸗ ſtück verwundert an. Allan Woodcourt legt die Hand auf Jo's Puls und auf Jo’s Bruſt. „Hol’' Athem, Jo!“ ſpricht er. 4⁴⁹ „Oh, es geht,“ ſpricht Jo,„ſo ſchwer, wie ein Karren.“ Er könnte hinzuſetzen:„Und es thut ſo;“ aber er murmelt bloß:„Ich gehe weiter, Herr.“. Allan ſchaut ſich nach einem Apothekerladen um. Aber es zeigt ſich keiner in der Nähe, und ein Wirths⸗ haus erfüllt den Zweck ebenſo gut oder noch beſſer. Er läßt ſich ein Glas Wein geben, und gibt dem Burſchen recht behutſam einen Theil davon. Jo fängt an, wieder aufzuleben, faſt in demſelben Augenblicke, wo der Wein über ſeine Lippen kommt. „Wir können dieſe Doſis wiederholen, Jo,“ be⸗ merkt Allan, nachdem er ihn mit ſeinem aufmerkſamen Geſichte beobachtet hat.„So! Jetzt wollen wir fünf Minuten ausruhen und dann weiter gehen.“ Allan Woodcourt läßt den Burſchen auf der Bank des Standes, an dem gefrühſtückt wird, den Rücken gegen ein eiſernes Geländer gelehnt, ſitzen, geht im frühen Sonnenſchein auf und ab, und wirft einen gelegentlichen Blick nach ihm, ohne ihn zu überwachen zu ſcheinen. Es bedarf keiner großen Scharfſichtigkeit, um zu ſehen, daß der junge Burſche ſich warm und erquickt fühlt. Kann ein ſolches Geſicht ſich aufheitern, ſo iſt es bei dem ſeinigen ein Bischen der Fall; und nach und nach ißt er das Stückchen Brod, das er ſo hoffnungslos wieder hingelegt hat. Als Allan dieſe Zeichen der Beſſerung gewahrt, ver⸗ wickelt er ihn in ein Geſpräch und entlockt ihm zu ſeiner nicht geringen Verwunderung das Abenteuer der ver⸗ ſchleierten Dame ſammt allen ſeinen Folgen. Jo kaut langſam, während er die Geſchichte langſam erzählt. Und nachdem er mit ſeiner Erzählung und mit ſeinem Brode fertig geworden, machen ſie ſich auf und gehen weiter. Allan iſt geſonnen, ſeiner alten Patientin, der dienſt⸗ Bleak Houſe, M. 29 4⁵⁰ befliſſenen kleinen Miß Flite, ſeine Verlegenheit mitzu⸗ theilen und ihr zu ſagen, daß er für den Jungen im Au⸗ genblick keine Zufluchtsſtätte finden könne, und geht nach dem Hofe voran, wo er und Jo ſchon früher ſeinander getroffen haben. Aber in dem Lumpen⸗ und Flaſchen⸗ laden hat ſich jetzt Alles verändert; Miß Flite wohnt nicht länger dort; der Laden iſt geſchloſſen; und ein Frauenzimmer, das ungemein harte Züge hat, durch Staub bedeutend verdunkelt, und deren Alter ein Prob⸗ lem, das aber in Wirklichkeit Niemand anders iſt, als die intereſſante Judy, iſt in ihren Antworten gar barſch und karg. Indeſſen reichen letztere doch hin, um den Beſucher wiſſen zu laſſen, daß Miß Flite wie ihre Vö⸗ gel bei einer Miß Blinder in Bell Yard untergebracht ſind. Er begibt ſich daher an dieſen Ort, der ganz in der Nähe iſt; und dort kommt Miß Flite, die früh aufſteht, damit ſie pünktlich in dem Divan der Gerech⸗ tigkeit erſcheinen kann, der von ihrem trefflichen Freunde, dem Kanzler, gehalten wird, die Treppe herabgerannt, mit offenen Armen und mit Thränen des Willkomms. „Ah, mein lieber Doctor!“ ruft Miß Flite. „Mein verdienſtvoller, ausgezeichneter, ehrenwerther Offi⸗ zier!“ Sie bedient ſich zwar etlicher wunderlichen Aus⸗ drücke, iſt aber ſo herzlich, wie nur der geſunde Verſtand es nur ſein kann— noch herzlicher, als dieſer es oft iſt. Man wartet geduldig, bis ihr Entzücken ſich ein wenig gelegt hat; dann deutet er auf den unter einer Thüre zitternden Jo hin, und erzählt ihr, wie er hierher komme. „Wo kann ich ihn wohl für den Augenblick in die⸗ ſer Gegend unterbringen? Sie, eine Perſon von ſo vie⸗ lem Wiſſen und ſo vielen geſundem Verſtand, können hier gewiß Rath ſchaffen.“ Miß Flite, die ſich durch dieſes Compliment nicht wenig geſchmeichelt fühlt, fängt an, hin und herzudenken; — 1SSG SS nS — 45¹1 aber es ſteht lange an, ehe bei ihr ein lichter Gedanke in die Finſterniß fällt. Mrs. Blinder hat kein Zimmer zu vergeben, und ſie ſelbſt, Miß Flite, hat das des ar⸗ men Gridley inne. „Gridley!“ ruft Miß Flite plötzlich, die Hände zu⸗ ſammenſchlagend, aus, nachdem ſie dieſe Bemerkung wohl zwanzig Mal wiederholt hat.„Gridley! Ei ei! Natür⸗ lich, mein lieber Doctor! General George wird uns aus dieſer Verlegenheit helfen.“. Es iſt ein hoffnungsloſes Unternehmen, über Gene⸗ ral George von ihr Näͤheres erfahren zu wollen, und es würde dabei Nichts herauskommen, wäre auch Miß Flite nicht bereits die Treppe hinaufgeeilt, um ihr arm⸗ ſeliges Hütchen und ihren ärmlichen kleinen Shawl an⸗ zuziehen, und um ſich mit ihrem Documenten⸗Reticüle zu bewaffnen. Da ſie aber beim Herabkommen ibrem Arzte in ihrer unzuſammenhangenden Weiſe auseinander⸗ ſetzt, daß General George, den ſie oft beſuche, ihre liebe itz Jarndyce kenne, und an Allem, was dieſelbe be⸗ treffe, lebhaften Antheil nehme, ſo wird Allan zu dem Glauben veranlaßt, daß ſie vielleicht doch nicht ganz irre gehe. Er ſagt alſo Jo, um ihn zu ermuthigen, es werde dieſes Herumgehen jetzt bald aus ſein; und ſo gehen ſie denn nach dem Hauſe des Generals hin. Glücklicher Weiſe iſt daſſelbe nicht weit entfernt. Das Aeußere von George's Schießbahn, der lange Eingang, und die nackte Perſpective jenſeits deſſelben verkünden Allan Woodcourt nur Gutes. Ebenſo viel verſprechend iſt die Geſtalt von Mr. George ſelbſt, der eben ſeine Morgenpromenade macht, und mit der Pfeife im Munde auf ſie zuſchreitet. Er hat keine Halsbinde an, und ſeine muskulöſen, durch die lange Handhabung des Säbels und durch Motionsgewichte entwickelten Arme, machen ſich durch ſeinen leichten Hemdärmel hindurch ge⸗ hörig geltend. „Ihr Diener, Sir!“ ſpricht Mr. George mit mili⸗ 4⁵² täriſchem Gruße. Er lächelt gutlaunig über ſeine ganze breite Stirn hinauf bis in ſein krauſes Haar hinein, und bezeigt dann ſeine Chrerbietung Miß Flite, während ſie unter vielen, etwas langen Ceremonien die Formali⸗ täten der Vorſtellung beendigt. Er dient darauf mit einem abermaligen:„Ihr Diener, Sir!“ und einer abermaligen, militäriſchen Begrüßung. „Entſchuldigen Sie mich, Sir! Wie ich glaube, Seemann?“ ſpricht Mr. George. „Der Gedanke, daß ich wie ein ſolcher ausſehe, er⸗ füllt mich zwar mit Stolz,“ verſetzt Allan;„um aber der Wahrheit die Ehre zu geben, muß ich Ihnen ſagen, daß ich bloß ein Arzt bin, der zur See geweſen.“ „Wirklich, Sir! Ich ſelbſt hätte wahrhaftig geglaubt, Sie wären eine rechte blaue Jacke.“ Allan ſpricht die Hoffnung aus, es werde Mr. George darum ſeine Zudringlichkeit um ſo eher entſchul⸗ digen und er werde insbeſondere ſeine Pfeife nicht weg⸗ ſehen wozu er in ſeiner Höflichkeit einige Luſt zu haben eint. „Sie ſind ſehr gütig, Sir,“ verſetzt der Troupier⸗ „Da ich aus Erfahrung weiß, daß mein Rauchen für Miß Flite nicht unangenehm iſt, und da Sie gleichfalls Nichts dagegen haben—“ und endigt ſeinen Satz da⸗ mit, daß er die Pfeife wieder zwiſchen ſeine Lippen bringt. Sodann erzählt Allan ihm Alles, was ihm von Jo bekannt iſt, und der Troupier hört ihm mit ernſter Miene zu. „Und das iſt der Burſche, Sir?“ fragt er, den Eingang entlang blickend, wo Jo die großen Buchſtaben auf der gefürchteten Façade anſtarrt, die in ſeinen Au⸗ gen keinen Siun haben. „Der iſt's,“ ſpricht Allan.„Und, Mr. George ich befinde mich wegen ſeiner in folgender Verlegenheit. Ich mag ihn nicht in einem Hoſpital unterbringen, ſelbſt 453 wenn ich dort ſeine augenblickliche Aufnahme bewirken könnte, weil ich vorausſehe, daß er dort nicht lange blei⸗ ben würde, wenn man überhaupt ihn dahin bringen könnte. Derſelbe Einwand gilt von einem Arbeitshauſe, wenn ich auch annehme, daß ich ſo viel Geduld hätte, um mich von Pontius zu Pilatus ſchicken zu laſſen, in⸗ dem ich ſeine Aufnahme in einem derſelben zu bewirken ſuchte. Und dieſes ewige Hin⸗ und Herſchicken iſt ein Syſtem, das mir gar nicht gefällt.“ „Es gefällt daſſelbe Niemand, Sir,“ entgegnet Mr. George. „Ich bin überzeugt, daß er weder an dem einen, noch an dem andern Orte lange bleiben würde, weil er außerordentlich Furcht hat vor der Perſon, die ihm be⸗ fohlen hat, ſich nicht mehr in der Gegend blicken zu laſ⸗ ſen. In ſeiner Unwiſſenheit glaubt er, es ſei dieſe Perſon überall, und es ſei dieſelbe allwiſſend.“ „Ich bitte Sie um Verzeihung Sir,“ ſpricht Mr. George.„Aber Sie haben mir noch nicht den Namen der betreffenden Perſon geſagt: ſoll derſelbe ein Geheim⸗ niß bleiben, Sir?“ „Der Knabe macht eines daraus. Aber der Name iſt Bucket.“ „Bucket von der Sicherheitspolizei, Sir?“ „Derſelbe.“ „Der Mann iſt mir bekannt, Sir,“ verſetzt der Troupier, nachdem er eine Rauchwolke herausgeblaſen, und wirft die Bruſt auf;„und der Knabe hat inſoweit recht, daß derſelbe unzweifelhaft ein feiner Kamerad iſt.“ Mr. George raucht in höchſt bedeutungsvoller Weiſe, nachdem er dieſe Worte geſprochen, und muſtert Miß Flite ſchweigend. „Nun möchte ich wenigſtens Mr. Jarndyce und Miß Summerſon wiſſen laſſen, daß dieſer Jo, der eine ſo ſeltſame Geſchichte erzählt, wieder zum Vorſchein ge⸗ kommen; und es ihnen zugleich möglich machen, mit ihm 4⁵4 zu ſprechen, falls ihnen dieß erwünſcht ſein ſollte. Dar⸗ um möchte ich ihn für jetzt bei anſtändigen Leuten un⸗ terbringen, wenn auch das Lokal nur ärmlich wäre. An⸗ ſtändige Leute und Jo, Mr. George,“ ſpricht Allan, der Richtung der Augen des Troupiers den Eingang entlang folgend,„ſind, wie Sie ſehen, nicht viel mit einander bekannt geworden. Daher die jetzige Verlegen⸗ heit. Wiſſen Sie vielleicht Jemand in dieſer Nachbar⸗ ſchaft, der ihn einſtweilen aufnehmen würde, wenn ich für ihn vorausbezahle?“ Während er dieſe Frage ſtellt, gewahrt er ein klei⸗ nes Männchen mit ſchmutzigem Geſichte, das neben dem Elbogen des Troupier ſtand, und, mit einer ſeltſamli⸗ chen Carricatur von einer Miene und Geſtalt, zu dem Geſichte des Troupier anfſchaut. Nachdem der Troupier ein paar weitere Wolken her⸗ vorgetrieben, blickt er ſchief auf das kleine Mänuchen hinunter; das kleine Männchen aber blinzt zu dem Trou⸗ pier auf. „Wohlan, Sir,“ ſpricht Mr. George,„ich kann Ihnen verſichern, daß ich mich jeden Augenblick recht gern todt ſchlagen ließe, wenn ich Miß Summerſon einen Ge⸗ fallen erweiſen könnte; mithin erachte ich es auch als ein Vorrecht, dieſer jungen Dame jeden Dienſt zu erweiſen, wie klein derſelbe immer ſein möge. Wir ſind natürlich bloß wie Vagabunden hier, ſowohl ich, als Phil. Sie ſehen ſelbſt, Sir, wie der Ort beſchaffen iſt. Der Burſche ſoll einen ſtillen Winkel bekommen, ſobald Ihnen damit gedient iſt. Einer Bezahlung bedarf es nicht, es ſei denn ſar das, was er ißt und trinkt. Wir befinden uns hier nicht in blühenden Umſtänden, Sir. Wir können jeden Angenblick hinausgeſchmiſſen werden. Indeſſen ſteht der Ort Ihnen zu Dienſten, Sir, ſo wie er iſt, und ſo lange es noch dauert.“ Mit einer viel umfaſſenden Pfeifenſchwenkung ſtellt * 45⁵ Mr. George den Beſuchenden das ganze Gebäude zur Verfügung. „Ich nehme, da Sie vom mediciniſchen Stabe ſind, als ausgemacht an, Sir,“ ſetzt er hinzu,„daß dieſes un⸗ glückliche Subject dermalen keine anſteckende Krankheit at?“ Allan kann ihn in dieſer Beziehung vollkommen be⸗ ruhigen. „Denn ſchauen Sie, Sir,“ ſpricht Mr. George, die Hand kläglich ſchüttelnd,„wir haben von dem genug ge⸗ habt.“ Sein Ton wird von ſeinem neuen Bekannten nicht minder kläglich geechoet. „Indeſſen muß ich Ihnen ſagen,“ bemerkt Allan, nachdem er ſeine frühere Verſicherung wiederholt,„daß der Burſche entſetzlich ſchwach iſt, und daß man vielleicht — ich ſage nicht, daß man wirklich— an ſeinem Auf⸗ kommen verzweifeln muß.“ „Glauben Sie, ſein Leben ſei ſchon jetzt in Gefahr, Sir?“ fragt der Troupier. „Ja, ich fürchte es.“ „Wenn das iſt, Sir,“ verſetzt der Troupier ent⸗ ſchieden,„ſo ſcheint es mir,— da ich ſelbſt ſo eine Art Vagabund bin— daß es am Beſten iſt, wenn er je eher, je lieber von der öͤffentlichen Straße wegkommt. Phil! Bringen Sie ihn herein 14 Mr. Squod lavirt ganz auf einer Seite hinaus, um das Commandowort auszuführen; was den Troupier betrifft, ſo legt er die Pfeife weg, da dieſelbe ausge⸗ raucht iſt. Jo wird hereingebracht. Er iſt keiner von Mrs. Par⸗ diggle's Tockahoopo⸗Indianern; er iſt keines von Mres. Jel⸗ lyby's Lämmern, indem er mit Borrioboola⸗Gha lediglich in keiner Verbindung ſteht; ſeine Erſcheinung wird nicht durch Entfernung und Unbekanntheit gemildert; er iſt kein ächter, in fernen Landen groß gewordener Wilder; 456 nein, er iſt der gewöhnliche, im Inland erzeugte Artikel. Schmutzig, häßlich, unangenehm für alle Sinne, dem Körper nach ein gemeines Geſchöpf gemeiner Gaſſen, nur der Seele nach ein Heide. Einheimiſcher Schmutz be⸗ ſudelt, einheimiſche Paraſiten verzehren ihn, einheimiſche Leiden haften an ihm, einheimiſche Lumpen bedecken ihn; einheimiſche Unwiſſenheit, ein Erzeugniß engliſchen Bodens und Climas’s, erniedrigt ſeine unſterbliche Natur noch tiefer, als die Thiere, die da auf immer ſterben. Zeig' Dich, Jo, ſo wie Du biſt! Von der Fußſohle bis zum Schei⸗ tel haſt Du nichts Intereſſantes an Dir! Er latſcht langſam in Mr. George's Gallerie herein, und ſteht bündelartig da, und ſchaut überall anf dem Boden herum. Er ſcheint zu wiſſen, daß ſie ihn ſich nicht nahe kommen laſſen wollen, zum Theil, weil er iſt, was er iſt, zum Theil, weil er gethan, was er gethan. Auch er weicht ſchen vor ihnen zurück. Er gehört in der Schöpfung nicht zu derſelben Ordnung der Dinge, nimmt in der Schöpfung nicht denſelben Platz ein. Er gehört zu gar keiner Ordnung und nimmt eigentlich gar keinen Platz ein; er iſt weder eines von den Thieren, noch zählt er zur Menſchheit. „Schau' her, Jo!“ ſpricht Allan.„Dieß iſt Mr. George.“ Jo muſtert den Boden noch einige Zeit, ſchaut dann einen Augenblick auf, und dann wieder nieder. „Er iſt Dir ein lieber Freund, denn er will Dich hier beherbergen.“ Jo macht mit einer Hand eine Schaufel, was ver⸗ muthlich eine Verbeugung ſein ſoll. Nachdem er noch ein Bischen mehr nachgedacht, und den Fuß, auf dem er ruht, hin und her geſchoben, murmelt er, er ſei„recht dankbar.“ „Du biſt hier vollkommen ſicher. Alles, was Du jetzt zu thun haſt, iſt, daß Du gehorſam biſt, und wieder — — =Her — B———j 4⁵⁷ ſtark wirſt. Und merk' wohl auf, Jo, Du mußt uns hier die Wahrheit ſagen, was Du immer thun magſt.“ „Ich will des Todes ſein, wenn ich's nicht thue, Herr,“ ſpricht Jo auf ſeine Lieblingserklärung zurückkom⸗ mend.„Ich habe nie Nichts gethan, als das, was Sie wiſſen, um mich in keine Noth zu bringen. Noch nie bin ich in keiner andern Noth geweſen, Herr— nur habe ich Hunger gelitten und weiß eben Nichts.“ „Ich glaube es. Und nun merk auf das, was Mr. George ſagt! Ich ſehe, daß er Dir Etwas ſagen will.“ „Meine Abſicht war bloß, Sir,“ bemerkt Mr. George erſtaunlich breit und gerade,„ihm zu zeigen, wo er ſich hinlegen und eine recht gute Doſis Schlaf holen kann. Und nun ſchau' her!“ Während der Troupier ſpricht, führt er ſie an das andere Ende der Gallerie, und öffnet eine der kleinen Schlafſtellen und ſpricht: „Da biſt Du, ſiehſt Du! Hier iſt Deine Matratze, und hier kannſt Du ausrnhen, wenn Du Dich gut auf⸗ führſt, ſo lange Mr., ich bitte Sie um Verzeihung, Sir,“ — hier befragt er die Viſitenkarte, die Allan ihm gegeben —„Mr. Woodcourt will. Werd' nicht unruhig, wenn Du ſchießen hörſt; die Schüſſe gelten der Scheibe, nicht Dir. Und nun möchte ich noch etwas Anderes anempfeh⸗ len, Sir,“ ſpricht der Troupier, zu dem Beſuchenden ge⸗ wandt.„Phil, kommen Sie ein Mal her!“ 3 Phil kommt nach ſeiner gewöhnlichen Taktik auf e zu. „Hier iſt ein Menſch, Sir, der als ein kleines Kind in einer Goſſe gefunden worden iſt. Es läßt ſich da⸗ her erwarten, daß er ein natürliches Intereſſe für dieſes arme Geſchöpf fühlt. Nicht wahr, Phil, es iſt ſo, wie ich ſage?“. „Ganz ſo, Herr,“ erwidert Phil. „Ich dachte nun ſo, Sir,“ ſpricht Mr. George mit 458 einer martialiſchen Art von Selbſtvertrauen, wie wenn er bei einem Trommelgerichte ſeine Meinung abgäbe,„daß, wenn dieſer Mann mit dem Burſchen in ein Bad ginge und ein paar Shilling auslegte, um ihm einige grobe Kleidungsgegenſtände zu kaufen—“ „Mr. George, mein umſichtiger Freund,“ verſetzt Allan, ſeine Börſe herausziehend,„es iſt dieß gerade die Freundſchaft, um die ich gebeten haben würde.“ Phil Squod und Jo werden alsbald fortgeſchickt, um dieſes Werk der Beſſerung vorzunehmen. Miß Flite, welche über den Erfolg ganz entzückt iſt, ſucht ſo eilig wie möglich nach dem Kanzleigerichtshofe zu kommen, indem ſie in großer Furcht iſt, es möchte ſonſt ihr Freund, der Kanzler, ihretwegen unruhig ſein, oder in ihrer Ab⸗ weſenheit den Urtheilsſpruch thun, auf den ſie ſchon ſo lange gewartet hat;„was,“ bemerkt ſie,„nach ſo vielen Jahren zu abgeſchmackt unglücklich wäre, wiſſen Sie, mein lieber Arzt und mein lieber General!“ Allan benützt die Gelegenheit und entfernt ſich gleich⸗ falls, um ſich einige ſtärkende Arzneimittel zu verſchaffen. Er findet ſolche ganz in der Nähe, kehrt bald zurück, findet den Troupier, wie er die Gallerie auf und ab ſchreitet, und fängt dann gleichfalls an, gleichen Schritt mit ihm anzuſchlagen und mit ihm auf und ab zu ehen. 8„Ich nehme als ausgemacht an, Sir, daß Sie Miß Summerſon recht gut kennen?“ ſpricht Mr. George. Ja, wie es ſcheint. „Mit ihr nicht verwandt, Sir?“ Nein, wie es ſcheint. „Entſchuldigen Sie die anſcheinende Neugierde,“ ſpricht Mr. George.„Es ſchien mir wahrſcheinlich, daß Sie an dieſem armen Geſchöpfe ein mehr denn gewöhn⸗ liches Intereſſe nähmen, weil Miß Summerſon ſolches unglückliche Intereſſe an ihm genommen hatte. In dieſem Falle beſinde ich mich, Sir, ich verſichere Sie.“ —.— 459 „Un ich, Mr. George.“ Der Troupier blickt von der Seite auf Allan's ſonn⸗ verbrannte Wange und deſſen glänzendes, dunkles Auge, mißt raſch deſſen Höhe und Bau, und ſcheint mit ihm zu⸗ frieden zu ſein. „Seitdem Sie fortgeweſen ſind, Sir, habe ich ge⸗ dacht, ich müſſe die Zimmer in Lincoln's Inn Fields ken⸗ nen, wohin Bucket, nach dem Berichte des Burſchen, Letz⸗ teren gebracht hat. Obgleich der Burſche den Namen nicht kennt, ſo kann ich Ihnen doch hier auf den Sprung helfen. Der Name iſt Tulkinghorn. Ja, der iſt's.“ Allan ſchaut ihn prüfend an und wiederholt dabei den Namen. „Tulkinghorn, das iſt der Name, Sir. Ich kenne den Mann, und weiß, daß derſelbe ſchon früher mit Bucket in Verbindung geſtanden iſt wegen einer nun verſtorbenen Perſon, die ihm mißliebig geworden war. Ich kenne den Mann, Sir. Zu meinem Leidweſen.“ Allan fragt natürlich, was für ein Mann derſelbe ſei. „Was für ein Mann? Meinen Sie dem Aeußern nach?“ „Ich glaube, ich kenne ihn ſo weit. Ich meine im umgang. Ueberhaupt was für ein Mann ² „Je nun, ſo will ich es Ihnen ſagen, Sir,“ verſetzt der Troupier, plötzlich ſtill ſtehend und die Arme auf ſeiner gewaltigen Bruſt ſo zornig faltend, daß ſein Ge⸗ ſicht ganz feurig und über und über roth wird;„er iſt ein verteufelt ſchlechter Mann. Er iſt ein Mann, der Einen langſam zu quälen und zu foltern weiß. Er ſieht ſo wenig wie Fleiſch und Blut aus, als ein alter, roſtiger Karabiner. Er iſt— bei Sanct Georg!— ein Mann, der mir mehr Unruhe, und mehr Unbehaglichkeit, und mehr Unzufriedenheit mit mir ſelbſt verurſacht hat, als alle andern Menſchen zuſammen. Da haben Sie Mr. Tulkinghorn: ein ſolcher Mann iſt er!“ 460 „Es thut mir leid,“ ſpricht Allan,„eine ſo wunde Stelle berührt zu haben.“ „Wund?“ Hier ſperrt der Troupier die Beine weiter auseinander, benetzt die Palme ſeiner breiten rechten Hand, und legt dieſelbe auf ſeinen imaginären Schnurrbart. „Es iſt nicht Ihre Schuld, Sir, aber Sie ſollen urthei⸗ len. Er hat mich in den Händen. Er iſt der Mann, von dem ich vor einer Weile geſprochen,— der Mann, von dem ich geſagt habe, daß ich durch ihn hinausge⸗ ſchmiſſen werden könne. Er erhält mich immer in einem ſchwankenden Zuſtand. Er will mir weder vom Leibe bleiben, und doch will er auch nicht anpacken. Habe ich eine Zahlung an ihn zu leiſten, oder ihn um einen Auf⸗ ſchub zu bitten, oder überhaupt mit ihm zu ſchaffen, ſo läßt er mich nicht vor, ſo hört er mich nicht an, ſondern ſchickt mich zu Melchiſedech in Clifford's Jun, und Mel⸗ chiſedech in Clifford's Inn ſchickt mich dann wieder zu ihm, ſo daß ich nie von ihm loskomme, wie wenn ich aus demſelben Stein gemacht wäre, aus dem er gemacht iſt. Ja, ich bringe jetzt ſo ziemlich mein halbes Leben damit zu, daß ich an ſeiner Thüre herumlungere. Was kümmert ihn aber das? Er macht ſich keinen Pfifferling daraus, und iſt ſo gleichgültig, wie der roſtige alte Ka⸗ rabiner, womit ich ihn verglichen habe. Er quält und ärgert mich ſo lange, bis— bah, dummes Zeug— bis ich mich ein Mal vergeſſe. Mr. Woodcourt,“— hier fängt der Troupier wieder an, auf⸗ und abzugehen—„ich ſage nur ſo viel, er iſt ein alter Kerl; aber ich bin froh, daß ich nie Gelegenheit haben werde, mein Pferd zu ſpornen und in ehrlichem Kampfe auf ihn einzureiten; denn hätte ich ſoche Gelegenheit in einer der Stimmungen, 8 die er mich hinein hetzt,— ſo wäre es aus mit ihm, ir 1⸗ Mr. George iſt hier ſo aufgeregt geworden, daß er es nöthig findet, ſich die Stirn an ſeinem Hemdär⸗ mel abzuwiſchen. Sogar dann noch, als er ſeine Hef⸗ ————+—SSU A=⸗— — 461 tigkeit durch die Nationalhymne wegpfeift, bleibt bei ihm noch ein wiederholtes, unwillkürliches Kopfſchütteln zurück, und hebt ſich ſeine Bruſt noch zu unterſchiedlichen Ma⸗ len, deſſen gar nicht zu erwähnen, daß er gelegentlich mit beiden Händen haſtig an ſeinem offenen Hemdkragen arbeitet, wie wenn derſelbe noch nicht offen genng wäre, um das Gefühl des Erſtickens bei ihm zu unterdrücken. Kurz und gut, für Allan Woodcourt iſt es ſo ziemlich klar, daß es in dem fraglichen Kampfe mit Mr. Tul⸗ kinghorn bald aus wäre. Jo erſcheint bald wieder mit ſeinem Begleiter und wird von dem ſorgſamen Phil auf ſeine Matratze gebracht. Phil werden ſodann auch, nachdem Allan mit eigener Hand dem Burſchen die nöthige Arzenei gereicht, alle nöthigen Mittel und Verhaltungsbefehle gegeben. ÜUnterdeſſen rückt der Morgen raſch vor. Allan geht nach ſeiner Wohnung, um zu frühſtücken und ſich anzuziehen; und dann geht er, ohne vorher Ruhe zu ſuchen, zu Mr. Jarndyce, um ihm ſeine Entdeckung mit⸗ zutheilen. Mr. Jarndyce kommt mit ihm allein zurück, ſagt ihm im Vertrauen, es liegen Gründe vor, von der Sache keinen Rumor zu machen, und legt lebhaftes, ernſtes Intereſſe für dieſelbe an den Tag. Jo wiederholt von Mr. Jarndyce im Weſentlichen das, was er während des Morgens geſagt hat, und bleibt ſich dabei ſo ziem⸗ lich gleich. Nur hat er jetzt ſchon ſchwerer an ſeinem Karren zu ziehen und läßt dieſer ſchon hohlere Töne hören. „Man laſſe mich hier ruhig liegen, und pudle mich nicht länger herum,“ ſtottert Jo;„und es wäre mir lieb, wenn Jemand, der gerade da vorüberkäme, wo ich die Gaſſe zu kehren pflegte, ſo gut wäre, zu Mr. Sangsby ſagen, daß Jo, den er ein Mal gekannt, wei⸗ ter geht, wie es ihm vorgeſchrieben worden iſt, und ich werde recht dankbar ſein. Ich wäre noch dankbarer, 46² als ich es ſchon bin, wenn das bei einem Unglücklichen möglich wäre.“ Er ſpricht in ſolcher Weiſe im Laufe von ein paar Tagen ſo oft von dem Schreibmaterialienhändler, daß Allan, nachdem er ſich mit Mr. Jarndyce darüber be⸗ ſprochen, ſich in ſeiner Gutmüthigkeit entſchließt, nach Cook's Court zu gehen, und zwar um ſo mehr, da der Karren zuſammenbrechen zu wollen ſcheint. Er verfügt ſich daher nach Cook s Court. Mr. Snagsby ſteht in ſeinem grauen Rocke und in ſeinen ditto Ueberärmeln hinter ſeinem Ladentiſch und inſpicirt eine Vertragsurkunde, die mehrere Pergamente füllt und eben von dem Mundirer abgeliefert worden iſt. Das fragliche Document iſt eine ungeheure Wüſte von juridiſcher Hand⸗ ſchrift und Pergament; nur hie und da gewahrt man einen Ruheort von ein paar großen Buchſtaben, um die entſetzliche Einförmigkeit zu unterbrechen und den Reiſen⸗ den vor Verzweiflung zu bewahren. Mr. Snagsby ſtellt in einem dieſer Dintenbrunnen ein, und begrüßt den Fremden mit ſeinem eigenthüm⸗ lichen Huſten, der als eine allgemeine Vorbereitung auf's Geſchäft gelten kann. „Sie erinnern ſich meiner nicht, Mr. Snagsby?“ Es fängt beim Schreibmaterialienhändler das Herz an, heftig zu klopfen, denn es haben ſich ſeine alten Be⸗ fürchtungen nie vermindert. Er kann nur die Worte herausbringen: „Nein, Sir, ich kann nicht ſagen, daß ich mich Ih⸗ rer erinnere. Es will mich bedünken,— um die Sache beim rechten Namen zu nennen— daß ich Sie nie zu⸗ vor geſehen, Sir.“ „Doch, doch, ſchon zwei Mal,“ ſpricht Allan Wood⸗ tourt.„Ein Mal an dem Bette eines armen Mannes, ein anderes Mal—“ „Endlich iſt's gekommen,“ denkt der geplagte Schreib⸗ 463 materialienhändler, während eine Erinnerung ſich ihm aufdrängt.„Nun iſt die Sache reif, und nun platzt es!“ Indeſſen hat er doch noch ſo viel Geiſtesgegenwart, daß er den Beſuchenden in das kleine Comptoir hinein führt und die Thüre ſchließt. „Sind Sie verheirathet, Sir?“ „Nein, das bin ich nicht.“ „Wollen Sie wohl, obwohl Sie nicht verheirathet ſind, ſo gütig ſein, und den Verſuch machen, ſo leiſe wie möglich zu ſprechen?“ flüſtert Mr. Snagsby melan⸗ choliſch.„Denn Sie müſſen wiſſen, mein kleines Weib⸗ chen horcht irgendwo, und ſo könnte ich das Geſchäft und fünf hundert Pfund dazu verlieren!“ In tiefer Niedergeſchlagenheit läßt ſich Mr. Snagsby auf ſeinen niedern Stuhl nieder, lehnt dabei den Rücken gegen ſein Pult und proteſtirt: „Ich habe nie ein Geheimniß gehabt, Sir. Ich kann mich nicht anklagen, daß ich ſeit unſerer Heirath je den Verſuch gemacht, mein kleines Weibchen um meiner ſelbſt willen zu betrügen. Nein, das hätte ich nicht ge⸗ than, Sir. Nein, das hätte ich, um die Sache beim rechten Namen zu nennen, nicht thun können,— das hätte ich nie zu thun gewagt. Und doch finde ich mich von Geheimniſſen und Myſterien dermaßen umgeben, daß das Leben mir wahrlich zur Laſt wird.“ Der Beſuchende ſpricht ſein Bedauern darüber aus und fragt ihn, ob er ſich Jo's noch erinnere. Mr. Snagsby antwortet ihm mit einem unter⸗ drückten Aechzen, da er ſich Jo's nur zu gut erinnert: „Sie könnten, wenn ich mich ſelbſt ausnehme, kein einzelnes menſchliches Weſen nennen, worauf mein klei⸗ nes Weibchen mehr erbost wäre, als gerade auf dieſen Jo,“ ſpricht Mr. Snagsby. Allan fragt:„Warum?“ „Warum?“ wiederholt Mr. Snagsby und erfaßt in ſeiner Verzweiflung den Haarbüſchel am Hintertheile 464 ſeines kahlen Kopfes.„Wie ſollte ich wiſſen warum? Aber Sie ſind ein unverheiratheter Mann, Sir, und möge es recht lange anſtehen, bis Sie an eine verheirathete Perſon eine ſolche Frage zu ſtellen brauchen!“ Nachdem Mr. Snagsby dieſen gutherzigen Wunſch ausgeſprochen, läßt er einen Huſten voll trübſeliger Reſig⸗ nation hören und ergibt ſich darein, das anzuhören, was der Beſuchende ihm mitzutheilen hat. „Da habens wir's wieder!“ fährt Mr. Snagsby, deſſen Geſicht ſich entfärbt hat, während er ſo tief fühlt und in ſo gedämpften Tönen ſpricht, fort.„Jetzt ſind ſie ſchon wieder an mir und wollen mich von einer andern Seite packen! Eine gewiſſe Perſon bindet mir in feier⸗ lichſter Weiſe aufs Herz, ich ſolle doch ja nicht mit Je⸗ mand, nicht einmal mit meinem kleinen Weibchen über Jo ſprechen. Dann kommt eine gewiſſe andere Perſon in Ihrer eigenen Perſon und bindet mir in gleich feier⸗ licher Weiſe auf's Herz, ich ſolle vor allen andern Per⸗ ſonen doch ja nicht gegen jene gewiſſe andere Perſon Jo's Erwähnung thun. Ei, das iſt ja ein Privat⸗Aſyl! Ei, das iſt ja, um die Sache beim rechten Namen zu nen⸗ nen, ein wahres Bedlam, Sir!“ endigt Mr. Snagsby. Allein die Sache ſtellt ſich am Ende beſſer heraus, als er erwartet hat, indem die Mine unter ihm nicht geſprengt worden und der Abgrund, in den er gefallen iſt, ſich nicht noch mehr vertieft hat. Und da er ein gu⸗ tes Herz hat und er von dem Berichte über Jo's Um⸗ ſtände ſich rühren läßt, ſo macht er ſich recht gerne ver⸗ bindlich, im Laufe des Abends, ſobald er nur mit guter Manier abkommen kann, zu erſcheinen. Als der Abend herbei kommt, erſcheint er wirklich in aller Ruhe; aber es kann ſich ſo fügen, daß Mrs. Snagsby ihre Sache ſo pfiffig angreift, wie er. Jo iſt hocherfreut, ſeinen alten Freund zu ſehen, und ſagt, als man ſie allein gelaſſen hat, er könne Mr. 465 Snagsby nicht genug danken, daß er für einen Men⸗ ſchen ſeines Gleichen ſich ſo weit her bemühe. Mr. Snagsby, der durch das Schauſpiel, das ſeine Augen gewahren, ſich rühren läßt, legt alsbald eine halbe Krone auf den Tiſch— eine halbe Krone, dieſen ſeinen Zauberbalſam für alle Arten von Wunden. „Und wie befindeſt Du Dich, mein armer Junge?“ fragt der Schreibmaterialienhändler mit ſeinem ſympa⸗ thetiſchen Huſten. „Es geht mir gut, Mr. Snagsby, ja, es geht mir recht gut,“ entgegnet Jo,„und ich brauche Nichts. Es iſt mir hier wohler, als Sie ſich nur denken können. Mr. Snagsby! Es thut mir recht leid, daß ich es ge⸗ than habe, aber ich wollte es nicht thun, Sir.“ Der Schreibmaterialienhändler legt eine zweite halbe Krone ſanft auf den Tiſch hin und fragt ihn, was er denn gethan, und was das ſei, das ihm ſo leid thue. „Mr. Snagsby,“ ſpricht Jo,„ich habe die Dame, welche die andere Dame war und doch wieder nicht war, mit einer Krankheit angeſteckt, und Keines von ihnen ſagt deßwegen nie Nichts zu mir, daß ich es ge⸗ than habe, weil ſie ſo gute Leute ſind und ich ſo un⸗ glücklich geweſen bin. Die Dame hat mich geſtern ſelbſt beſucht und hat geſagt: ‚Ah, Jo! hat ſie geſagt.„Wir glaubten ſchon, wir hätten dich verloren, Jo!“ hat ſie geſagt. Und dann ſetzt ſie ſich und lächelt ſo ruhig, und macht mir mit keinem Worte, und nicht einmal mit ei⸗ nem Blicke einen Vorwurf, daß ich es gethan habe,— nein, ſie thut es nicht, und ich kehre mich um, nach der Wand, ja, das thue ich, Mr. Snagsby. Und Mr. Jarnders, ich ſehe, wie er ſich wegwenden muß. Und Mr. Woodcot, ich ſehe ihn kommen, um mir Etwas zu geben, damit ich nicht mehr ſo krank ſein ſoll, was er Tag und Nacht thut, und wenn er kommt, ſo neigt er ſich über mich, und ſpricht ſo freundlich, und ich ſehe ſeine Thränen herunterfallen, Mr. Sangsby.“ Bleak Houſe. III. 30 466 Der immer gerührtere Schreibmaterialienhändler legt ſeine dritte halbe Krone auf den Tiſch. Nichts als eine Wiederbolung dieſes unfehlbaren Heilmittels vermag ſeinen Gefühlen Erleichterung zu verſchaffen. „Woran ich ſo gedacht habe, Mr. Snagsby,“ fährt Jo fort,„iſt das: ich habe Sie fragen wollen, ob Sie nicht recht groß ſchreiben können?“ „Ja, Jo, ſo Gott will,“ verſetzte der Schreibma⸗ terialienbändler. „Vielleicht recht, recht groß?“ ſpricht Jo eifrig. „Ja, mein armer Junge.“ Jo lacht vor lauter Freude und fährt alſo fort: „Woran ich dann gedacht habe, Mr. Snagsby, iſt das, ob Sie vielleicht nicht, wenn ich ſo weit fort muß, daß ich nicht mehr weiter kann, ſo gut ſein, und recht groß, ſo daß es Jedermann überall ſehen kann, ſchrei⸗ ben wollen, daß es mir wirklich herzlich leid geweſen, daß ich es gethan, und daß ich es nie habe thun wol⸗ len; und daß ich, wenn ich auch gar Nichts gewußt, doch ſo viel gewußt habe, daß Mr. Woodcot ein Mal darüber geweint hat und darüber immer bekümmert ge⸗ weſen iſt, und daß ich hoffe, er werde mir in ſeinem Herzen verzeihen können. Könnte das Alles recht groß geſchrieben werden, ſo würde er es vielleicht thun.“ „Die Schrift ſoll es ſagen, Jo. Recht groß will ich es ſchreiben.“ Und Jo lacht abermals.„Ich danke Ihnen, Mr. Snaasby. Es iſt das recht lieb von Ihnen, Sir, und ich fühle mich jetzt noch viel wohler, als vorher.“ Der ſanftmüthige kleine Schreibmaterialienhändler läßt mit einem unterbrochenen und unbeendigten Huſten ſeine vierte halbe Krone auf den Tiſch hin gleiten— er iſt noch nie bei einer Gelegenheit geweſen, die ſo viele balbe Kronen erfordert hat— und will nun gehen. Und Jo und er werden auf dieſer kleinen Erde einander nicht mehr begegnen. Nicht mehr. legt als mag fährt Sie ma⸗ 467 Denu es iſt der Karren ſo ſchwer zu ziehen; es iſt derſelbe nicht mehr weit von ſeinem Reiſeziel, und er ſchleppt ſich über ſteinigen Boden hin. Er arbeitet ſich ſortwährend mit unendlicher Mühe die ungleichen Ab⸗ hänge hinauf, zerbrochen und todmüde. Die Sonne kann nicht mehr oſt aufgehen und ihn noch auf ſeinem ermüdenden Wege ſchauen. Phil Squod iſt mit ſeinem geſchwärzten Pulverge⸗ ſichte zugleich als Krankenwärter und als Waffenſchmied thätig an ſeinem kleinen, in einer Ecke ſtehenden Tiſch⸗ chen. Er ſchaut oft herum, nnd ſpricht, während ſeine grüne Boymütze dazu nickt und ſeine einzige Augenbraue ſich ermuthigend hebt:„Muth gefaßt, mein Burſche! Nur Muth gefaßt!“ Auch Mr. Jarndyce iſt oft da, und Allan Wood⸗ court faſt immer, und Beide denken viel darüber nach, wie ſeltſam das Schickſal dieſen rohen Auswürfling in das Gewebe gar verſchiedener Leben verwickelt hat. Auch der Troupier kommt fleißig; er fuͤllt den Ein⸗ gang mit ſeiner athletiſchen Geſtalt aus und ſcheint aus ſeinem Ueberfluß an Leben und Stärke zeitweilige Kraft über Jo auszuſchütten, der nie verfehlt, in kräfti⸗ gerem Tone auf die ermunternden Worte Georges zu antworten. Heute ſchläft Jo oder es iſt derſelbe in einem be⸗ täubten Zuſtande, und Allan Woodcourt, der ſo eben angekommen iſt, ſteht neben ihm und ſchaut auf die ab⸗ gezehrte Geſtalt des Jungen herab. Nach einer Weile ſetzt er ſich ſanſt auf das Bett, kehrt Jo das Geſicht zu — gerade ſo, wie er in der Stube des Advokatenſchrei⸗ bers da geſeſſen iſt,— und berührt deſſen Bruſt und Herz. Der Karren iſt ſoeben baß ſtecken geblieben, arbei⸗ tet ſich nun aber wieder ein Bischen fort. Der Troupier ſteht ruhig und ſchweigſam unter der Thüre. Phil hat ein leiſes Geklopfe unterbrochen und hält ſeinen kleinen Hammer in der Hand. Mr. Wood⸗ 2* 468 court ſchaut, mit dem eigenthümlich ernſten Intereſſe und der eigenthümlich ernſten Aufmerkſamkeit des Arztes auf dem Geſichte, umher, blickt den Troupier bedeutſam an, und bedeutet Phil, daß er ſein Tiſchchen hinaustragen ſolle. Wenn der kleine Hammer wieder gebraucht wird, wird ein Roſtflecken darauf ſein. „Nun, Jo! Wie geht's? Mußt keine Furcht haben!“ „Ich dachte ſo,“ ſpricht Jo, der zuſammengefahren iſt und herumſchaut,„ich dachte ſo, ich ſei wieder in Tom all⸗Alone 8. Iſt gewiß Niemand hier außer Ihnen, Mr. Woodcot?⸗ „Niemand.“ „Und man führt mich nicht nach Tom⸗all⸗Alone’'s zurück? Oder ja, Sir?“ „Nein.“ Jo macht die Augen wieder zu und murmelt: „Ich bin recht dankbar.“ Nachdem Allan ihn eine kleine Weile genau beob⸗ achtet hat, legt er den Mund ganz nahe an Jo's Ohr hin, und ſpricht mit leiſer, aber deutlicher Stimme: „Jo! Haſt Du je ein Gebet gekannt?“ „Ich habe nie Nichts gewußt, Sir.“ „Haſt Du nicht einmal ein kurzes Gebet gelernt?“ „Nein, Sir. Gar Nichts, gar Nichts. Mr. Chad⸗ band hat ein Mal bei Mr. Snagsby gebetet und ich habe ihn gehört, aber er hat gethan, wie wenn er mit ſich ſelbſt ſpräche und nicht mit mir. Er hat mächtig viel ge⸗ betet, aber ich habe Nichts davon verſtehen können. Es ſind verſchiedene Male andere Herren nach Tom⸗all⸗Alo⸗ nes gekommen, um zu beten; aber ſie haben faſt alle geſagt, der Andere bete falſch, und faſt alle haben ge⸗ than, wie wenn ſie mit ſich ſelbſt ſprächen, oder den Andern recht Vorwürfe machen und nicht mit uns ſpre⸗ chen wollten. Wir wußten nie Nichts. Ich habe nie gewußt, was und wozu das Alles iſt.“ nur ſein dief wie ken gur dder dem und olle. wird ercht hren r in nen, 469 Er braucht lange, um dieß herauszubringen; und nur ein erfahrener und aufmerkſamer Zuhörer konnte ſeine Worte hören, oder wenigſtens, wenn auch Andere dieſelben hatten hören können, ihn verſtehen. Nachdem er wieder auf kurze Zeit in Schlaf oder Betäubung verſun⸗ ken, macht er mit einem Male eine gewaltige Anſtren⸗ gung, um aus dem Bette herauszukommen. „Bleib, Jo! Was haſt Du?“ „Es iſt hohe Zeit, daß ich nach dem Kirchhofe dort gehe, Sir,“ erwidert er mit wildem Blicke. „Leg' Dich hin, und ſag' mir es! Was für einen Kirchhof meinſt Du, Jo?“ „Wo ſie den Mann hingelegt haben, der ſo gut gegen mich war; ja, recht gut, ja— das war er. Es iſt hohe Zeit, daß ich nach dem Kirchhofe dort gehe, Sir, und daß ich mich neben ihn hinlegen laſſe. Ich muß hingehen und mich begraben laſſen. Er hatte die Ge⸗ wohnheit, zu mir zu ſagen: ‚Heute bin ich ſo arm wie Du, Jo, ja, ſo ſagte er. Ich muß ihm ſagen, daß ich jetzt ſo arm bin, wie er, und daß ich hingekommen bin, um mich neben ihm begraben zu laſſen.“ ei„Das hat ſo keine Eile, Jo. Hat ſo keine große i e. „Ah! Vielleicht würden ſie es nicht einmal thun, wenn ich ſelbſt hinginge. Wollen Sie mir aber verſpre⸗ chen, mich dahin bringen und mich neben ihn legen zu laſſen, Sir?“ „Ja, das will ich, Jo.“ „Danke Ihnen, Sir! Danke Ihnen, Sir! Sie werden zuerſt den Thorſchlüſſel holen müſſen, ehe ſie mich hineinbringen können, denn es iſt immer geſchloſſen. Und es iſt eine Staffel da, die ich mit meinem Beſen immer gefegt habe.— Es iſt recht finſter geworden, Sir. Kommt kein Licht?“ „Es kommt das Licht jetzt bald, Jo.“ Ja, recht bald. Der Karren geht mehr und mehr 470 aus den Fugen, und das Ende des rauhen Weges iſt nun ganz nahe. „Jo, mein armer Burſche!“ „Ich höre Sie, Sir, in der Finſterniß, aber ich tappe umher,— tappe umher— laſſen Sie mich Ihre Hand erfaſſen!“ G „Jo, kannſt Du ſagen, was ich ſage?“ „Ich will Alles ſagen, was Sie ſagen, Sir; denn ich weiß, es iſt gut.“ „Unſer Vater.“ „Unſer Vater! Ja, das iſt recht gut, Sir.“ „Der Du biſt in dem Himmel.“ „Biſt im Himmel— kommt jetzt das Licht, Sir?“ „Es iſt ganz nahe. Geheiliget werde Dein Name!“ „Geheiliget werde— Dein—“ Das Licht iſt auf den finſtern Pfad gefallen. Todt! Todt, Ew. Majeſtät. Todt, meine Lords und Herren. Todt, ihr Ehrwürdige und Unehrwürdige jedes Standes. Todt, ihr Männer und Frauen, die ihr mit himmliſchem Mitleid im Herzen geboren worden ſeid. Und ſo ſter⸗ bend, um uns her, jeden Tag. Achtundvierzigſtes Kapitel. Es kommt zum Handgemenge. Das Schloß in Lincolnſhire hat ſeine vielen Augen wieder geſchloſſen, und die Stadtwohnung iſt erwacht. In Lincolnſhire drunten ſchlummern die Dedlocks der Ver⸗ iſt ich Ihre enn 471 gangenheit in ihren Gemälderahmen, und der leiſe Wind murmelt durch den langen Salon hindurch, wie wenn ſie ſo ziemlich regelmäßig athmeten. In der Stadt raſſeln die Dedlocks der Gegenwart in ihren feueräugigen Wa⸗ gen in die Dunkelheit der Nacht hinein, und die Ded⸗ lock'ſchen Merkure, mit Aſche(oder Haarpuder) auf den Köpfen, ſo ihre große Demuth verkündet, verträumen die ſchläfrigen Morgen an den kleinen Fenſtern der Vorhalle. Die faſhionable Welt— jene entſetzlich große, faſt fünf Meilen in der Runde haltende Kugel— iſt in voller Drehung begriffen, und das Sonnenſyſtem arbeitet ehr⸗ erbietig in den beſtimmten Entfernungen. Da, wo der Haufen am Dichteſten iſt, wo die Lichter am Glänzendſten ſind, wo alle Sinne mit der höchſten Verfeinerung und Delicateſſe bedient werden,— da iſt Lady Dedlock. Nie iſt ſie von den glänzenden Höhen abweſend, die ſie erſtiegen und eingenommen hat; ob⸗ gleich der Glaube, den ſie einſt an ſich ſelbſt hatte, als au eine Perſon, die unter dem Mantel des Stolzes Alles verbergen könne, was ſie wolle, darniedergeſchlagen iſt; obgleich ſie keineswegs verſichert iſt, ob ſie auch nur noch einen Tag das bleibt, was ſie jetzt für ihre Um⸗ gebung iſt, ſo verträgt es ſich doch nicht mit ihrer Natur, ſich zu ergeben, oder den Muth ſinken zu laſſen, wenn neidiſche Angen auf ſie blicken. Es ſagen dieſelben von ihr, daß ſie in neueſter Zeit hübſcher und noch ſtolzer geworden. Der abgeſchwächte Couſin ſagt von ihr, ſie ſei jetzt ſo ſchön, daß ſie ihres Gleichen ſuche, und daß ſie alle andern Weiber niederdonnere; aber ſie ſei dabei doch eine etwas unbequeme Art von einem Weibe; ſei wie gedrechſelt, ſei, wie wenn ſie aus einer Puppenfabrik hervorgegangen. Mr. Tulkinghorn ſpricht Nichts und ſeine Miene verräth Nichts. Jetzt, wie einſt, iſt er in Zimmern unter Thüren anzutreffen, und es iſt ſeine biegſame, weiße Cravate loſe in der gewohnten altmodiſchen Weiſe 472 zuſammengeſchlungen, und er wird von der Pairie be⸗ gönnert und gibt kein Zeichen von ſich. Unter allen Men⸗ ſchen iſt er wohl immer noch der, von dem man zuletzt vermuthen könnte, daß er auf my Lady irgend welchen Einfluß übe. Und unter allen Weibern iſt ſie immer noch die, von der man zuletzt muthmaßen könnte, daß ſie Furcht vor ihm habe. Seit der letzten Unterredung auf dem Zimmer des Thürmchens in Lincolnſhire iſt ihr Etwas nicht aus dem Sinne gekommen. Sie iſt nun unentſchloſſen und bereit, dieſes Etwas abzuwerfen. Es iſt Morgen in der großen Welt; Nachmittag nach der kleinen Sonne. Die Merkure, die durch das viele Hinausſchauen zu den Fenſtern ganz müde gewor⸗ den ſind, ruhen in der Vorhalle aus, und laſſen, die prachtvollen Geſchöpfe, ihre ſchweren Köpfe hängen, wie Sonnenblumen, die ſich überblüht haben. Aehnlich den letzteren, ſcheinen ſie in ihren Neſteln, und Verzierungen, und Beſätzen in eine Maſſe Samen zu ſchießen. Sir Leiceſter iſt in dem Bibliothekzimmer zum Beſten des Landes über dem Berichte eines parlamentari⸗ ſchen Comité's glücklich eingeſchlafen. My Lady ſitzt in dem Zimmer, wo ſie dem jungen Mann Namens Guppy Aundienz gegeben. Bei ihr iſt Roſa, die für ſie geſchrieben und ihr vorgeleſen hat. Roſa iſt jetzt mit einer Stickerei oder irgend einem ſol⸗ chen hübſchen Ding beſchäftigt; und während ſie den Kopf darüber neigt, beobachtet my Lady ſie ſchweigend. Nicht zum erſten Male heute. „Roſa!“ Das hübſche Dorfgeſicht blickt heiter auf. Dann ſieht es verlegen und überraſcht aus, als es gewahrt, wie ernſt my Lady iſt. „Gehen Sie einmal an die Thüre hin! Iſt ſie ge⸗ ſchloſſen?“ le — . SES Ja. Sie geht nach derſelben hin, kommt zurück und ſieht noch überraſchter aus. „Ich will, Kind, Ihnen Vertrauen zeigen, denn ich weiß, daß ich mich auf Ihre Anhänglichkeit, wenn auch nicht auf Ihre Urtheilskraft verlaſſen kann. In dem, was ich zu thun im Begriffe bin, will ich mich wenig⸗ ſtens Ihnen unverſtellt zeigen. Aber ich ſetze mein Ver⸗ trauen auf Sie. Sagen Sie Niemand Etwas von dem, was zwiſchen uns vorgeht!“ Die furchtſame kleine Schönheit gelobt alles Ernſtes, zuverläßig und des in ſie geſetzten Vertrauens würdig zu ſein. „Wiſſen Sie auch, Roſa,“ fragt Lady Dedlock, in⸗ dem ſie ihr durch ein Zeichen bedeutet, daß ſie ihren Stuhl näher rücken ſolle.—„Wiſſen Sie auch, Roſa, daß ich für Sie eine andere Perſon bin, als für alle Andern?“ „Ja, my Lady. Viel gütiger, aber ich denke dann oft auch, ich kenne Sie, wie Sie wirklich ſind.“ „Sie denken oft, Sie kennen mich, wie ich wirklich bin? Armes Kind, armes Kind!“ Sie ſagt dieß mit einer Art Verachtung— obgleich letztere nicht Roſa gilt— und ſetzt ſich brütend, und ſchaut das Kammermädchen träumeriſch an. „Glauben Sie, Roſa, Sie ſeien ein Troſt für mich, — Sie machen mir das Leben angenehmer? Glauben Sie, es mache mir Freude, ein ſo junges, natürliches, von Liebe zu mir erfülltes und gegen mich dankbares Weſen um mich zu haben?“ „Ich weiß es nicht, my Lady; kaum daß ich hoffen darf, Ihnen das zu ſein. Ich wünſche aber von ganzem Herzen, es möchte ſo ſein.“ „Es iſt ſo, Kleine.“ Das hübſche Geſicht wird in ſeinem freudigen Er⸗ röthen durch den finſtern Ausdruck in dem ſchönen Ge⸗ 474 ſichte, welches vor ihm iſt, gehemmt. Es wartet ſchüch⸗ tern auf eine Erklärung. „Und wenn ich heute ſagen wollte: ‚Gehen Sie! Verlaſſen Sie mich! ſo würde ich Etwas ſagen, was mir großen Schmerz und große Unruhe verurſachen, und mich recht allein laſſen würde, Kind.“ „My Lady! Habe ich Sie denn durch Etwas beleidigt?“ „Durch Nichts. Kommen Sie hierher.“ Roſa beugt ſich über den Schemel zu my Lady's Füßen. My Lady legt mit jener mütterlichen Berührung von der famoſen Eiſenwerkbeſitzersnacht die Hand auf ihr dunkles Haar, und läßt ſie darauf ſanft liegen. „Ich ſagte Ihnen, Roſa, daß es mein Wunſch wäre, Sie glücklich zu machen und daß ich Sie glücklich machen wollte, wenn ich auf Erden Jemand glücklich machen könnte. Ich kann es aber nicht. Es ſind jetzt Gründe da, die mir bekannt ſind, Gründe, woran Sie keinen Theil haben,— die es wünſchenswerth machen, daß Sie nicht länger hier bleiben ſollen. Ich habe an den Vater Ihres Liebhabers geſchrieben, und es wird derſelbe heute hier erſcheinen: Alles dieß habe ich um Ihretwillen ge⸗ than, Kind.“ Das weinende Mädchen bedeckt my Lady's Hand mit Küſſen, und ſagt, was ſie anfangen ſolle, wenn ſie einmal getrennt ſeien! Ihre Gebieterin küßt ſie auf die Wange ſtatt aller andern Antwort. „Und nun ſeien Sie glücklich, Kind, unter beſſern Umſtänden! Mögen Sie geliebt und glücklich ſein!“ „Ah, my Lady, ich habe zuweilen gedacht,— ver⸗ zeihen Sie mir, daß ich ſo frei bin— daß Sie nicht glücklich ſeien.“ „Ich!“ „Werden Sie aber glücklicher ſein, wenn Sie mich fortgeſchickt haben? Bitte, bitte, überlegen Sie die Kn 8U*ʃ8ͤ 475⁵ Sache doch noch ein Mal! Laſſen Sie mich doch noch einige Zeit bei Ihnen bleiben!“ „Ich habe geſagt, mein Kind, daß ich das, was ich thue, um Ihretwillen und nicht um meinetwillen thue. Es iſt gethan. Was ich gegen Sie bin, Roſa, iſt, was ich jetzt bin— nicht, was ich bald ſein werde. Behalten Sie dieß im Gedächtniſſe, und bewahren Sie mein Ver⸗ trauen! Thun Sie das um meinetwillen, und ſo iſt zwiſchen uns Alles aus!“ Sie trennt ſich von dem Mädchen, das noch ſo voller Herzenseinfalt iſt, und verläßt das Zimmer. Spät am Nachmittage, als ſie ſich wieder auf der Treppe ſehen läßt, befindet fie ſich in ihrem ſtolzeſten und kälteſten Zuſtande. Sie ſieht ſo gleichgültig aus, wie wenn alle Leidenſchaft, alles Gefübl, und alles Intereſſe in den früheren Zeitaltern der Welt abgenützt worden und mit den übrigen heimgegangenen Ungeheuern derſel⸗ ben von ihrer Oberfläche verſchwunden wären. Merkur hat Mr. Rouncewell angemeldet, und dicß iſt der Grund ihres Wiedererſcheinens. Mr. Rouncewell iſt nicht im Bibliothekzimmer: ſie aber begibt ſich dahin. Es iſt Sir Leiceſter dort, und ſie wünſcht zuerſt mit ihm zu ſprechen. „Sir Leiceſter, ich möchte— doch ich ſehe, Sie ſind beſchäftigt.“ Ach, du lieber Himmel, nein! Ganz und gar nicht, bloß Mr. Tulkinghorn. Immer bei der Hand. Immer da. Allgegenwärtig. Man hat auch nicht einen Augenblick Ruhe vor ihm,— iſt auch nicht einen Augenblick ſicher vor ihm. „Ich bitte Sie um Verzeihung, Lady Dedlock. Wol⸗ len Sie mir erlauben, daß ich mich zurückziehe?“ Mit einem Blicke, der deutlich ſagt:„Sie wiſſen, daß Sie die Macht haben, zu bleiben, wenn Sie wollen,“ ſagt ſie zu ihm, es ſei dieß nicht nothwendig und geht auf einen Stuhl zu. 476 Mr. Tulkinghorn bringt ihr unter einer ungeſchickten Verbeugung den Stuhl ein Stück weit entgegen, und zieht ſich in ein gegenüberſtehendes Fenſter zurück. Zwi⸗ ſchen ihr und dem ſchwindenden Tageslichte auf der nuſi ſtillen Straße ſtehend, fällt ſein Schatten auf ſie, und verdunkelt ſo Alles vor ihr. Selbſt ſo verfinſtert er ihr Leben. Die Straße iſt ſchon unter den günſtigſten Umſtän⸗ den recht langweilig; die zwei langen Häuſerreihen ſchauen einander mit ſolcher Strenge an, daß ein halbes Dutzend ihrer größten Paläſte allmälig mehr zu Stein geſtarrt, als urſprünglich aus dieſem Material erbaut worden zu ſein ſcheinen. Es iſt eine Straße von ſolch trauriger Pracht,— eine Straße, ſo entſchloſſen, ſich nicht bis zur Lebhaftigkeit herabzulaſſen, daß Thüren und Fenſter einen eigenthümlich düſteren Staat in ſchwarzer Farbe und Staub behaupten, und hinten haben die wiederhallen⸗ den Ställe ein trockenes und maſſives Ausſehen, wie wenn ſie erkoren wären, die ſteinernen Schlachtroſſe adeliger Statuen zu beherbergen. Verwickelte Verzierungen von Eiſen ſchlingen ſich in dieſer Ehrfurcht gebietenden Straße an und über langen Treppenreihen hin; und von dieſen verſteinerten Lauben herab ſchnappen Löſchhörner für ver⸗ altete Fackerln den Emporkömmling„Gas“ an. Da und dort behält ein ſchwacher kleiner, eiſerner Reif, durch welchen freche Knaben die Mütze ihrer Freunde zu wer⸗ fen ſtreben(es iſt dieß jetzt der einzige Gebrauch, den man davon macht), ſeinen Platz unter dem verroſteten Blätterwerk bei, das dem Andenken des heimgegangenen Oeles geweiht iſt. Ja, das Oel ſelbſt, das noch in lan⸗ gen Intervallen in einem kleinen abſurden Glastopfe ver⸗ weilt, an deſſen unterem Ende ein Knopf wie eine Auſter ſich befindet, blinzt jede Nacht neuere Lichter ſchmollend an, wie ſein hoher und trockener Herr und Meiſter in dem Hauſe der Lords. Lady Dedlock, die in ihrem Stuhle ſitzt, könnte da⸗ 477 her nicht gar viel durch das Fenſter hindurch zu ſehen wünſchen, an dem Mr. Tulkinghorn ſteht. Und doch— und doch ſchickt ſie einen Blick in dieſer Richtung fort, wie wenn es ihr Herzenswunſch wäre, die fragliche Ge⸗ ſtalt anderswo zu wiſſen. Sir Leiceſter bittet ſeine Gemahlin um Verzeihung. Was ſie ſagen wolle? „Oh, ich wollte nur ſagen, daß Mr. Rouncewell hier iſt(ich habe ihn hierher beſtellt)— und daß wir wohl beſſer daran thäten, wenn wir in Beziehung auf das Mädchen zu einer endlichen Entſcheidung kämen. Ich bin der Sache herzlich müde.“ „Was kann ich thun,— um— hier zu helfen 2 fragt Sir Leiceſter in nicht geringem Zweifel befangen. „Wir wollen ihn hier ſprechen und die Sache ein für alle Mal erledigen. Wollen Sie den Leuten ſagen, daß man ihn heraufkommen heiße?“ „Mr. Tulkinghorn, ſeien Sie doch ſo gut und klin⸗ geln Sie! Ich danke Ihnen. Sag' Er doch,“ ſpricht Sir Leiceſter zu Merkur, indem er ſich des geſchäftlichen Ausdrucks nicht auf der Stelle erinnert,„ſag Er doch dem Eiſenherrn, er ſolle heraufſpazieren!“ Merkur geht ab, um den Eiſenherrn aufzuſuchen, findet ihn und producirt ihn. Sir Leiceſter empfängt die eiſenhaltige Perſon recht gnädig. „Sie befinden ſich hoffentlich wohl, Mr. Rouncewell. Setzen Sie ſich doch!(Mein Rechtsfreund, Mr. Tulking⸗ horn.) My Lady hat, Mr. Rouncewell,“ Sir Leiceſter transferirt ihn geſchickt mit einer feierlichen Handbewe⸗ gung,„hat mit Ihnen zu ſprechen gewünſcht. Hm, hm!“ „Ich werde mich unendlich glücklich ſchätzen,“ verſetzt der Eiſenherr,„meine beſte Aufmerkamkeit Allem zu ſchenken, was Lady Dedlock mir die Ehre erweist, zu agen.“ Während er ſich nach ihr hinwendet, findet er, daß 478 der Eindruck, den ſie auf ihn macht, minder angenehm iſt, als bei der früheren Gelegenheit. Eine hochmüthige Miene verbreitet eine kalte Atmosphäre um ſie her, und es liegt in ihrer Haltung nicht mehr, wie früher, Etwas, was zur Offenheit ermuthigt. „Verzeihen Sie, mein Herr,“ fpricht Lady Dedlock in verdroſſenem Toue,„darf ich wohl fragen, ob in Betreff der Neigung Ihres Sohnes zwiſchen Ihnen und Letzterem Etwas vorgefallen iſt?“ Es iſt für ihre ſchmachtenden Augen faſt zu läſtig und mühſam, auch nur einen Blick auf ihn zu werfen, während ſie dieſe Frage an ihn ſtellt. „Trügt mich mein Gedächtniß nicht, Lady Dedlock, ſo ſagte ich, als ich früher das Vergnügen hatte, Sie zu ſehen, daß ich meinem Sohne ernſtlich rathen wollte, dieſe— Neigung zu beſiegen.“ Der Eiſenwerkbeſitzer wiederholt den Ausdruck, deſſen ſich my Lady bedient hat, mit einiger Emphaſe. „Und haben Sie das gethan?“ „O, uatürlich habe ich es gethan.“ Sir Leiceſter nickt mit dem Kopfe und billigt damit das Benehmen des Eiſenmanns. Recht paſſend— das. Da der Eiſenmann geſagt hat, er wolle es thun, ſo war es auch ſeine Pflicht. Kein Unterſchied in dieſer Be⸗ ziehung zwiſchen den gemeinen und den edlen Metallen. Höchſt paſſend— das. „Und hat er gethan, wie Sie ihm geſagt?“ „In dieſem Stücke kann ich Ihnen wahrlich nicht dienen, Lady Dedlock. Ich kann Ihnen in dieſer Be⸗ ziehung keine beſtimmte Antwort geben. Ich fürchte, er hat es nicht gethan. Wahrſcheinlich noch nicht. In un⸗ ſerer Lebensſphäre paaren wir zuweilen eine Abſicht mit unſerer— unſerer Neigung,— ein Umſtand, der es nicht ſo ganz leicht macht, derſelben wieder los zu werden. glaube, es iſt ſo ziemlich unſere Weiſe, die Sache ernſt zu nehmen.“ Kopfverbeugung nach dem Eiſenmann hin, ſeine Phraſe Es ahnt Sir Leiceſter, es könne eine verborgene Wat Tyler'ſche Bedeutung in dieſem Ausdrucke ſtecken, und iſt ein Bischen aufgebracht. Mr. Rouncewell iſt voll⸗ kommen höflich und durchaus guter Laune, paßt aber innerhalb ſolcher Grenzen ſeinen Ton offenbar ſeiner Aufnahme an. „Ich habe nämlich,“ fährt my Lady fort,„über die Sache nachgedacht,— die für mich recht langweilig iſt.“ „Es thut mir gewiß recht leid.“ „So wie auch über das, was Sir Leiceſter geſagt hat, und dem ich vollkommen beiſtimme(Sir Leiceſter findet ſich geſchmeichelt); und wenn Sie uns nicht die Verſicherung geben können, daß es mit dieſer Neigung aus iſt, ſo bin ich zu dem Schluſſe gekommen, daß es beſſer wäre, wenn das Mädchen mich verließe.“ „Ich kann Ihnen keine ſolche Verſicherung geben, Lady Dedlock. Nichts Derartiges.“ „Iſt das der Fall, ſo iſt es beſſer, daß ſie geht.“ „Entſchuldigen Sie mich, my Lady,⸗ fällt Sir Lei⸗ ceſter in beſonnener Weiſe hier ein,„aber es geſchieht hie⸗ durch vielleicht dem jungen Frauenzimmer ein Unrecht, das ſie nicht verdient hat. Sie hat ein Mal als junges Frauenzimmer,“ ſpricht Sir Leiceſter in magniſiker Weiſe, mit der rechten Hand die Sache auseinderſetzend, wie ein ſilbernes Service,„das Glück gehabt, die Aufmerk⸗ ſamkeit und Gunſt einer hohen Dame auf ſich zu ziehen, und unter der Protection dieſer bohen Dame zu leben, umgeben von den verſchiedenen Vortheilen, welche eine ſolche Stellung gewährt, und die unzweifelhaft ſehr groß — ich glaube unzweifelhaft ſehr groß— find für ein junges Frauenzimmer von ihrem Stande. Es entſteht nun die Frage, ſoll dieſes junge Frauenzimmer dieſer vielerlei Vortheile und dieſes hohen Glücks verluſtig gehen, einzig und allein deßhalb, weil ſie“— Sir Lei⸗ ſceſter ſchließt, mit einer apologetiſchen, aber würdevollen W 480 —„weil ſie die Aufmerkſamkeit von Mr. Rouncewell's Sohn auf ſich gezogen? Ich frage nun, hat ſie dieſe Strafe verdient? Iſt das gerecht gehandelt gegen ſie 2 Iſt dieß unſer früheres Uebereinkommen?“ „Ich bitte Sie um Verzeihung, Sir Leiceſter,“ wendet der Vater von Mr. Rouncewell's Sohn hier ein; „aber wollen Sie erlauben? Ich glaube, ich kann die Sache abkürzen. Machen Sie das gefälligſt nicht zum Gegenſtand Ihrer Erwägungen. Wenn Sie ſich einer ſo unbedeutenden Sache noch erinnern könnten— was frei⸗ lich nicht zu erwarten ſteht,— ſo würden Sie ſich ent⸗ ſinnen, daß mein erſter Gedanke in der Sache ihrem Hierbleiben gerade entgegengeſetzt iſt.“ Die Dedlock ſche Protection nicht zum Gegenſtande ſeiner Erwägungen machen? Oh! Sir Leiceſter muß einem Paar Ohren glauben, das er durch eine ſolche Familie überkommen hat, ſonſt hätte er wahrhaftig dem Berichte mißtrauen können, den ſie ihm ſo eben erſtattet haben. 3 „Es iſt nicht nothwendig,“ bemerkt my Lady in ihrer kälteſten Weiſe, ehe er Zeit hat, etwas Anderes zu thun, als verdutzt zu athmen,„daß von einer der beiden Seiten auf dieſe Dinge näher eingegangen wird. Das Mäd⸗ chen iſt recht brav; ich habe lediglich Nichts wider ſie zu ſagen; jedoch weiß ſie ihre vielen Vortheile und ihr hohes Glück in ſo weit nicht zu ſchätzen, daß ſie verliebt iſt— oder glaubt, ſie ſei es, die arme kleine Närrin,— und dieſelben nicht zu ſchätzen vermag.“ Sir Leiceſter iſt ſo frei, zu bemerken, daß dieß die. Sache total ändere. Im Uebrigen hätte er ſich ver⸗ ſichert halten können, daß my Lady die beſten Gründe für ihre Anſicht gehabt. Er iſt mit my Lady ganz und gar einverſtanden. Das junge Frauenzimmer werde am Beſten daran thun, wenn ſie gehe. „Wie Sir Leiceſter neulich, wo wir durch dieſe Sache beläſtigt wurden, bereits bemerkt hat, Mr. Rouncewell,“ 481 fährt Lady Dedlock in ſchmachtendem Tone fort,„ſo kön⸗ nen wir uns mit Ihnen auf keine Beoingungen einlaſſen. Ohne Bedingungen und unter den dermaligen Umſtänden iſt das Mädchen hier gar nicht an ihrem Platze, und ſie thut daher am Beſten, wenn ſie geht. Ich habe ihr das geſagt. Wäre es Ihnen erwünſcht, ſie nach dem Dorfe zurückgeſchickt zu ſehen, oder wäre es Ihnen erwünſcht, ſie ſogleich mitzunehmen, oder was ziehen Sie über⸗ haupt vor?“ „Lady Dedlock, wenn ich mich ſchlicht und unumwun⸗ den ausdrücken darf—“ „In alle Wege.“ „— Würde ich den Weg vorziehen, der Sie am Eheſten von der Laſt befreit, und ſie aus ihrer dermali⸗ gen Stellung herauszieht.“ „Und ſoll ich eben ſo ſchlicht und unnmwunden ſpre⸗ chen,“ erwidert ſie mit derſelben ſtudirten Gleichgültigkeit, „ſo würde auch ich dieſen Weg vorziehen. Wollen Sie damit zſagen, das Mädchen ſolle ſogleich mit Ihnen gehen?“ Der Eiſenmann macht eine eiſerne Verbeugung. „Sir Leiceſter, wollen Sie klingeln?“ Mr. Tul⸗ kinghorn kommt von ſeinem Fenſter her und ſchellt.„Ich hatte Sie vergeſſen. Ich danke Ihnen.“ Der Juriſt macht die gewohnte Verbeugung und geht wieder ruhig an ſein Fenſter hin. Es erſcheint Merkur mit beflügelten Schritten, erhält Verhaltungsbefehle, verſchwindet, producirt die Perſon, die er hat herbeiholen müſſen und verſchwindet abermals. „Wie Sie ſehen, ſo nimmt Sie Jemand in ſeine Obhut,“ ſpricht my Lady in ihrer müden Weiſe,„und Sie gehen gehörig beſchützt von hier weg. Ich habe ge⸗ ſagt, daß Sie ein recht braves Mädchen ſeien, und brau⸗ chen nicht zu weinen.“ „Es ſcheint aber doch,“ bemerkt Mr. Tulkinghorn, Bleak Houſe. III. 31 482 der, mit den Händen auf dem Rücken, langſam ein wenig ven ſeinem Fenſter weggeht,„als weine ſie über ihr Weg⸗ gehen.“ „Ei, ſie iſt eben nicht wohl erzogen, wie Sie ſehen,“ verſetzt Mr. Rouncewell mit einer gewiſſen Lebhaftigkeit, wie wenn es ihm Freude machen würde, wenn der Juriſt darauf Etwas erwiderte;„auch iſt ſie eben ein unerfahre⸗ nes kleines Ding und verſteht es nicht beſſer. Wäre ſie noch länger hier geblieben, Sir, ſo hätte ſie ſich ohne Zweifel auch in dieſem Stücke vervollkommnet.“ „Ohne Zweifel,“ lautet Mr. Tulkinghorn's ruhige Antwort. Roſa ſchluchzt heraus, es thue ihr ungemein leid, my Lady zu verlaſſen; ſie ſei zu Chesney Wold glücklich geweſen, und ſei bei my Lady glücklich geweſen, und danke my Lady hundert und tauſend Mal. „Fort, Sie närriſche kleine Mieze!“ ſpricht der Ei⸗ ſenwerkbeſitzer, ihr mit leiſer Stimme, jedoch nicht in zorniger Weiſe Einhalt thuend;„Muth gefaßt, wenn Sie Wat lieben!“ My Lady gibt ihr bloß durch eine gleichgiltige Be⸗ wegung zu erkennen, daß ſie nun gehen ſolle und ſagt: „Nun, nun, Kind! Sie ſind ein gutes Mädchen. Gehen Sie nun!“ Sir Leiceſter hat ſich in magnifiker Weiſe von dem Gegenſtande losgeſchält und in das Heiligthum ſeines blauen Rocks zurückgezogen. Mr. Tulkinghorn, eine verworrene Geſtalt gegen⸗ über der finſtern Straße, wo jetzt Lampen brennen, er⸗ ſcheint my Lady jetzt größer und ſchwärzer, denn zuvor. „Sir Leiceſter und Lady Dedlock,“ ſpricht Mr. Rouncewell nach einer Pauſe von einigen Augenblicken. „Ich bitte, mich nun verabſchieden und mich entſchuldigen zu dürfen, daß ich Sie, obwohl keineswegs aus eigenem Antriebe, mit dieſem langweiligen Gegenſtande wieder beläſtigt habe. Ich kann ſehr wohl begreifen, ich ver⸗ 3 483 ſichere Sie, wie langweilig und läſtig eine ſo kleine Sache für Lady Dedlock geworden ſein muß. Hege ich einen Zweifel in Betreff des Verfahrens, das ich in dieſer Sache eingehalten habe, ſo iſt es bloß der, ob ich recht gethan, daß ich nicht gleich anfänglich in aller Ruhe mei⸗ nen Einfluß geltend zu machen geſucht, um meine junge Freundin hier fortzunehmen, und Ihnen ſo nicht weiter läſtig zu fallen.— Aber es ſchien mir— ohne Zweifel verlieh ich der Sache eine größere Wichtigkeit, als ſie wirklich hatte— es ſei reſpectvoll, Ihnen zu erklären, wie die Sache ſtehe, und offen, wenn ich Ihre Wünſche und Bequemlichkeit befrage. Hoffentlich werden Sie meine Unbekanntheit mit den Sitten und Gebräuchen der feinen Welt entſchuldigen.“ Sir Leiceſter wird durch dieſe Bemerkungen aus dem Heiligthum hervorcitirt, oder meint es wenigſtens. „Mr. Rouncewell,“ verſetzte er,„erwähnen Sie doch dieſes Umſtands nicht! Es ſind hoffentlich Rechtfertigungen beiderſeits völlig unnöthig.“ „Es macht mir Freude, dieß zu hören, Sir Lei⸗ ceſter; und darf ich als letztes Wort auf das zurückkom⸗ men, was ich ſchon über die lange Verbindung meiner Mutter mit der Familie, ſowie über die Achtungswür⸗ digkeit geſagt, die dieſer Umſtand von beiden Seiten be⸗ kundet, ſo möchte ich auf dieſes kleine Beiſpielr hier an meinem Arme, auf das Mädchen hinweiſen, das ſich beim Abſchiede ſo liebevoll und treu zeigt, und bei welchem meine Mutter wohl ſolche Gefühle bis zu einem gewiſſen Grade geweckt,— obgleich natürlich Lady Dedlock durch ihre herzliche Theilnahme und ihre wohlthuende Herab⸗ laſſung unendlich mehr gethan hat.“ Will er hier ironiſch ſprechen, ſo iſt das, was er ſagt, vielleicht wahrer, als er glaubt. Indeſſen denkt er dabei an nichts Arges, obgleich er ſich, während er die Worte ſpricht, nach demjenigen Theile des düſteren Zim⸗ mers hinwendet, wo my Lady ſitzt. 484 Sir Leiceſter ſteht auf, um ſeinen Scheidegruß zu erwidern; Mr. Tulkinghorn klingelt wieder; Merkur kommt wieder ein Mal herbeigeflogen, und Mr. Roun⸗ cewell verläßt mit Roſa das Haus. Es werden ſodann Lichter hereingebracht und da zeigt es ſich denn, daß Mr. Tulkinghorn immer noch, die Hände auf dem Rücken, an ſeinem Fenſter ſteht, und my Lady immer noch wie früher daſitzt, und daß ihr durch die vor ihr ſtehende Juriſten⸗Geſtalt ſowohl der Anblick der Nacht, als der des Tages entzogen wird. Sie ſieht ungemein blaß aus. Mr. Tulkinghorn bemerkt es, als ſie ſich erhebt, um ſich zurückzuziehen, und denkt ſo für ſich:„Wohl mag ſie blaß ſein! Die Selbſtbeherrſchung dieſes Weibes iſt in der That etwas Staunenswerthes. Während dieſer gan⸗ zen Zeit hat ſie eben nur nach Art eines Schauſpielers eine Rolle geſpielt.“ Aber auch er kann eine Rolle ſpielen — ſeine ſich immer gleichbleibende Rolle— und wäh⸗ rend er dieſem Weibe die Thüre aufmacht, könnten fünf⸗ zig Augenpaare, jedes fünfzig Mal ſcharfſichtiger, als Sir Leiceſter's Paar, keinen Tadel an ihm finden. . Lady Dedlock ſpeist heute allein auf ihrem Zimmer. Sir Leiceſter wird heute beigetrieben, um der Doodle'⸗ ſchen Partei zu Hilfe zu kommen und die Coodle ſche Faction vernichten zu helfen. Als Lady Dedlock, immer noch todblaß(und eine recht paſſende Illuſtration zu dem Text des abgeſchwäch⸗ ten Couſin) ſich ſetzt, um ihr Diner einzunehmen, fragt ſie, ob Sir Leiceſter ausgegangen? Ja. Ob Mr. Tul⸗ kinghorn auch ſchon fortgegangen? Nein. Nach einer Weile fragt ſie abermals, ob er ſchon fortgegangen? Nein. Was er thue? Der Merkur glaubt, es ſchreibe der⸗ ſelbe in dem Bibliothekzimmer Briefe. Ob my Lady den⸗ ſelben vielleicht zu ſehen wünſche? Lieber Alles, als das. 3 Aber er wünſcht my Lady zu ſehen. Nach ein paar weiteren Minuten hört man, wie er ſich my Lady em⸗ 485⁵ pfehlen und dieſelbe fragen läßt, ob ſie nach dem Diner ihn nicht empfangen wolle, indem er ein paar Worte mit ihr zu ſprechen habe. My Lady will ihn jetzt empfangen. Er erſcheint jetzt, und entſchuldigt ſich, daß er, ſelbſt mit ihrer Er⸗ laubniß, ſich ihr aufdringt, ſo lange ſie noch bei Tiſche iſt. Als ſie endlich allein ſind, ſagt ihm my Lady mit einer Handbewegung, daß er ſie nun mit ſolchem Poſſen⸗ ſpiele verſchonen möge. „Was wollen Sie, Sir?“ „Je nun, Lady Dedlock,“ ſpricht der Iuriſt, ſich auf einen Stuhl in ihrer NRähe niederlaſſend, und lang⸗ ſam an ſeinen mattfarbigen Beinen auf und ab, auf und ab, auf und ab reibend;„ich bin nicht wenig erſtaunt über die Art Ihres Auftretens.“ „So?“ „Ja, entſchieden. Ich hatte mich nicht darauf gefaßt gemacht. Ich ſehe es als ein Abgehen von unſerem Ueber⸗ einkommen und als einen Bruch Ihres Verſprechens an. Wir kommen dadurch in eine ganz andere Stellung zu einander, Lady Dedlock. Ich glaube mich verpflichtet, Ihnen zu ſagen, daß ich Ihr Auftreten gar nicht billige.“ Er hält mit dem Reiben inne und blickt ſie, die Hände auf den Knien, an. So gleichmüthig und unver⸗ änderlich er auch iſt, ſo liegt doch in ſeiner Weiſe eine unbeſtimmbare Freiheit, die neu iſt und dem ſcharfen Auge dieſes Weibes nicht entgeht. „Ich verſtehe Sie nicht ſo ganz.“ „O ja, Sie verſtehen mich ſchon, wie ich glaube. Ich glaube, Sie verſtehen mich. Kommen Sie, kommen Sie, Lady Dedlock, wir müſſen jetzt nicht fechten und pariren. Sie wiſſen, Sie haben dieſes Mädchen gern.“ „Und wenn, Sir?“ „Und Sie wiſſen— und auch ich weiß, daß Sie ſie nicht weggeſchickt haben aus den von Ihnen angege⸗ benen Gründen, ſondern um ſie ſo viel wie möglich— 486 entſchuldigen Sie mich, daß ich deſſen als einer Geſchäfts⸗ ſache Erwähnung thue— von jedem Tadel und jeder Bloßſtellung fern zu halten, die Ihnen ſelbſt drohen.“ „Und wenn, Sir?“ „Wohlan, Lady Dedlock,“ verſetzt der Juriſt, die Beine kreuzend und das oberſte Knie hätſchelnd,„ich habe dagegen Etwas einzuwenden, mir iſt das nicht gleich⸗ gültig. Ich ſehe das als ein gefährliches Beginnen an. Ich weiß, daß es unnöthig iſt, und daß es Muthmaß⸗ ungen, Zweifel, Gerüchte, und ich weiß nicht, was Alles im Hauſe wecken muß. Zudem iſt es ein Bruch unſeres Uebereinkommens. Sie ſollten genau das ſein und blei⸗ ben, was Sie vorher waren. Nun aber muß es Ihnen ſelbſt ſo offenbar ſein, wie mir, daß Sie heute Abend eine ganz andere Perſon geweſen ſind. Ja, Lady Ded⸗ lock, Sie ſind, ſo wahr mir Gott helfe, eine total ver⸗ ſchiedene Perſon geweſen, ſo daß es Jedermann bemerken mußte!“ „Wenn ich, Sir,“ hebt ſie an,—„wenn ich, die ich mein Geheimniß kenne—“ Aber er unterbricht ſie und ſpricht: „Es iſt dieß, Lady Dedlock, damit wir es nicht ver⸗ geſſen, eine Geſchäftsſache, und in Geſchäftsſachen kann man den Boden nie zu frei halten. Es iſt nicht länger Ihr Geheimniß. Entſchuldigen Sie mich! Gerade das iſt der Irrthum. Es iſt mein Geheimniß, in meiner Bruſt aufbewahrt für Sir Leiceſter und die Familie. Wäre es Ihr Geheimniß, Lady Dedlock, ſo wären wir jetzt nicht hier, und würden wir jetzt nicht ſo mit einander ſprechen.“ „Es iſt das ſehr wahr. Wenn ich, die ich das Ge⸗ heimniß kenne, thue, was ich kann, um einem unſchuldi⸗ gen Mädchen(insbeſondere im Hinblick auf Ihre Anſpie⸗ lung auf das Mädchen, als Sie meine Geſchichte den verſammelten Gäſten zu Chesney Wold zum Beſten ga⸗ ben) die Befleckung der mir drohenden Schande zu er⸗ ſyaren, ſo handle ich nach einem reiflich überlegten Plane. — α ANuG Su R — 4 487 Nichts auf dieſer Welt, und Niemand auf dieſer Welt vermöchte mich in dieſem Entſchluſſe wankend zu machen, oder in dieſem Stücke Einfluß auf mich zu üben.“ Sie ſpricht dieß deutlich und mit vieler Entſchloſſen⸗ heit, und zeigt äußerlich dieſelbe Ruhe, wie er ſelbſt. Was ihn betrifft, ſo erörtert er methodiſch ſeine Ge⸗ ſchäftsſache, wie wenn ſie, Lady Dedlock, ein fühlloſes, im Geſchäfte nöthiges Werkzeug wäre. „Wirklich? So ſehen Sie denn ſelbſt, Lady Dedlock,“ verſetzte er,„daß man Ihnen nicht trauen kann. Die Sache iſt nun vollkommen klar, und es kann darüber kein Zweifel mehr obwalten; und da dieß der Fall iſt, ſo ſage ich, daß man Ihnen nicht trauen kann.“ „Vielleicht erinnern Sie ſich noch, daß ich gerade im Betreff dieſes Punkts eine gewiſſe Aengſtlichkeit an den Tag legte, als wir in der bewußten Nacht zu Ches⸗ ney Wold mit einander ſprachen?“ „Ja,“ ſpricht Mr. Tulkinghorn, ganz kaltblütig ſich eerrhebend und auf das Eſtrich ſtellend.„Ja. Ich entſinne mich, Lady Dedlock, daß Sie allerdings von dem Mäd⸗ chen ſprachen; allein es war dieß, ehe wir unſer Ueber⸗ einkommen trafen, und ſowohl der Buchſtabe, als der Geiſt dieſes unſeres Uebereinkommens ſchloß von Ihrer Seite jede auf meine Entdeckung gegründete Handlung aus. Hierüber kann kein Zweifel obwalten. Und wenn Sie ſagen, Sie wollen dem Mädchen eine Schande er⸗ ſparen, ſo frage ich, welche Bedeutung oder welchen Werth hat dieſes Mädchen? Dem Mädchen eine Schande erſpa⸗ ren! Lady Dedlock, hier iſt ein Familienname compro⸗ mittirt. Man hätte vermuthen können, daß Sie gerade⸗ aus gehen,— daß Sie über Alles weggehen, daß Sie we⸗ der zur Rechten, noch zur Linken hin von dieſem Wege ab⸗ weichen, daß Sie auf dem Wege alle andern Rückſichten bei Seite ſetzen, daß Sie nichts ſchonen, und daß Sie Alles darniedertreten würden.“ Sie hat auf den Tiſch hingeblickt. Nun ſchlägt ſie 488 die Augen auf und blickt auf ihn hin. Es liegt auf ih⸗ rem Geſichte ein ſtrenger Ausdruck und es iſt ein Theil ihrer Unterlippe unter ihren Zähnen zuſammengepreßt. „Dieſes Weib verſteht mich,“ denkt Mr. Tulking⸗ horn, als ſie den Blick wieder ſenkt.„Sie kann nicht geſchont werden. Warum ſollte ſie Andere ſchonen?“ Eine kleine Weile verhalten ſie ſich ſchweigſam. Lady Dedlock hat Nichts gegeſſen, ſondern hat zwei oder drei Mal ſich mit feſter Hand Waſſer eingeſchenkt und daſſelbe getrunken. Sie ſteht vom Tiſche auf, ſetzt ſich in einen Ruheſeſſel, lehnt ſich in demſelben zurück, und beſchattet ihr Geſicht. Es liegt in ihrem Benehmen Nichts, das Schwäche ausdrückte, oder Mitleid erregte. Es iſt daſſelbe gedankenvoll, düſter, concentrirt. „Dieſes Weib iſt eine Studie,“ denkt Mr. Tul⸗ kinghorn, der, abermals ein dunkler Gegenſtand, welcher ihr die Ausſicht verſperrt, auf dem Eſtrich ſteht. Er ſtudirt ſie mit Muße und ſpricht eine Zeit lang keine Silbe. Auch ſie ſtudirt Etwas mit Muße. Sie iſt nicht die erſte, die ſpricht, und nach ihrem ganzen Be⸗ nehmen und ihrer ganzen Haltung iſt es auch ſo un⸗ wahrſcheinlich, daß ſie zuerſt das Wort ergreifen wird, und wenn er auch bis Mitternacht dort ſtehen bliebe, daß ſelbſt er kein anderes Mittel mehr ſieht, als das Stillſchweigen zu brechen. „Lady Dedlock, es iſt noch der unangenehmſte Theil dieſer geſchäftlichen Unterredung übrig; aber es iſt ein Mal eine Geſchäftsſache. Unſer Uebereinkommen exiſtirt nicht mehr. Eine Frau von Ihrem Verſtande und Ihrer Charakterſtärke wird darauf gefaßt ſein, wenn ich nun erkläre, daß daſſelbe null und nichtig iſt, und daß ich nun thun kann, was ich will.“ „Ich bin ganz darauf gefaßt.“ Mr. Tulkinghorn verneigt den Kopf.„Es iſt dieß Alles, womit ich Sie zu beläͤſtigen habe, Lady Dedlock.“ „ 489 Schon iſt er im Begriffe, aus dem Zimmer hinaus⸗ zugehen, da hält ſie ihn zurück durch die Frage: „Iſt dieß die Warnung, die mir werden ſollte? Ich möchte Sie nicht mißverſtehen.“ „Es iſt dieß nicht gerade die Warnung, die Ihnen zukommen ſollte, Lady Dedlock, weil die bewußte War⸗ nung die genaue Einhaltung des Uebereinkommens vor⸗ ausſetzte. Aber virtuell iſt es daſſelbe,— virtuell iſt es daſſelbe. Ein Unterſchied exiſtirt hier bloß für einen Ju⸗ riſten.“ „Sie wollen mir alſo keine weitere Warnung zu⸗ kommen laſſen?“ „Sie haben es geſagt. Nein.“ „Haben Sie die Abſicht, Sir Leiceſter ſchon heute Abend zu enttäuſchen?“ „Sie fragen mich da aus dem Verſtande, wie man im gewöhnlichen Leben zu ſagen pflegt!“ ſpricht Mr. Tulkinghorn mit einem leichten Lächeln und behntſam den Kopf nach dem beſchatteten Geſichte hin ſchüttelnd.„Nein, heute Abend nicht.“ „Morgen?“ „Alles wohl erwogen, würde ich beſſer daran thun, wenn ich mich weigerte, auf dieſe Frage zu antworten, Lady Dedlock. Wollte ich ſagen, ich wiſſe nicht gerade wenn, ſo würden Sie mir keinen Glauben ſchenken, und ſo würde es doch Nichts nützen. Morgen vielleicht. Ich möchte lieber Nichts weiter ſagen. Sie wiſſen es nun, und ich mag keine Erwartungen wecken, welche durch die Umſtände nicht gerechtfertigt werden köͤnnen. Und nun wünſche ich Ihnen einen guten Abend.“ Sie zieht die Hand weg, wendet ihr blaſſes Geſicht nach ihm hin, während er ſchweigend nach der Thüre hin⸗ geht, und ſtellt ihn abermals, als er eben im Begriffe iſt, dieſelbe aufzumachen. „Haben Sie im Sinne, noch länger hier zu bleiben? 490 Ich habe gehört, Sie ſchreiben in dem Bibliothekzimmer. Wollen Sie dahin zurückkehren?“ „Nur, um meinen Hut zu holen. Ich gehe jetzt nach Hauſe.“ Sie neigt mehr die Augen, als den Kopf: die Be⸗ wegung iſt ſo leicht und merkwürdig; und nun zieht er ſich zurück. Nachdem er das Zimmer binter ſich liegen hat, ſchaut er auf ſeine Uhr, iſt aber geneigt, zu glauben, ſie müſſe etwa um eine Minute vor⸗ oder nachgehen. Auf der Treppe befindet ſich eine prächtige Uhr, die, was bei präch⸗ tigen Uhren nicht oft der Fall, wegen ihrer Genauigkeit bekannt iſt.„Und was ſagſt du?“ fragt Mr. Tulking⸗ horn, auf dieſe Uhr ſchauend.„Was ſagſt du?⸗ Wenn ſie nun ſagte:„Geh' nicht heim!“ Welch' berühmte Uhr ſpäter, wenn ſie gerade heute Nacht unter all' den Nächten, die ſie gezählt, wenn ſie dieſem alten Manne unter all' den jungen und alten Männern, die je vor ihr geſtanden ſind, ſagte:„Geh' nicht heim!“ Ihre helltönende Glocke ſchlägt drei Viertel auf Acht und „Ei, du biſt ja ſchlechter, als ich geglaubt!“ ſagt Mr. Tulkinghorn in tadelndem Tone zu ſeiner Uhr. „Der Unterſchied iſt zwei Minuten? Wenn du ſo fort⸗ machſt, ſo hältſt du mich nicht aus.“ Welch' treffliche, Böſes mit Gutem lohnende Uhr, wenn ſie die Antwort pickte:„Geh' nicht heim!“ Er tritt in die Straße hinaus und ſpaziert, die Hände auf dem Rücken, unter dem Schatten der ſtolzen Häuſer fort, deren Myſterien, Verlegenheiten, Schulden, zarte Angelegenheiten jeder Art größtentheils hinter ſei⸗ ner alten, ſchwarzen Atlaßweſte aufbewahrt ſind. Selbſt die Backſteine und der Mörtel ſind ihm Vertraute. Die hohen Schornſteinkäſten telegraphiren ihm Familienge⸗ heimniſſe. Und doch flüſtert aus einer ganzen Meile ſol⸗ ́AAA Rn. „——„ 491 cher Schornſteinkäſten auch nicht eine Stimme heraus „Geh' nicht heim!“ Durch das Geräuſch und Getümmel der gemeineren Straßen, durch das Geraſſel und unharmoniſche Getöſe ſo vieler Fuhrwerke, ſo vieler Füße, ſo vieler Stimmen hin wird er, während die ſchimmernden Ladenlichter ihm leuchten, der Weſtwind ihn weiter bläst, und die Menge ihn weiter drängt, mitleidlos auf ſeinem Wege fortgetrie⸗ ben, und Nichts tritt ihm mit den gemurmelten Worten entgegen:„Geh' nicht heim!“ Endlich in ſeinem trüb⸗ ſeligen Zimmer angekommen, wo er ſeine Lichter anzün⸗ det, umher und in die Höhe ſchaut und den Römer er⸗ blickt, der von der Decke herunter deutet, gewahrt er in der Hand des beſagten Römers oder in der Unruhe der beigegebenen Gruppen heute Abend keine neue Bedeutung, und es flüſtern ihm dieſelben nicht die warnenden Worte zu:„Komm nicht hierher!“ Es iſt eine mondhelle Nacht; da aber die Zeit des Vollmonds ſchon vorüber iſt, ſo geht das Nachtgeſtirn erſt jetzt über der großen Wüſte von London auf. Es ſcheinen die Sterne gerade ſo, wie dieſelben über dem Bleidache des Thürmchens zu Chesney Wold geſchienen haben. Dieſes Weib, wie der Juriſt ſie in neueſter Zeit zu nennen gewohnt geweſen, ſchaut hinaus zu den Ster⸗ nen. Ihre Seele iſt wild bewegt; es drückt ſie Alles; ſie iſt ruhelos. Die großen weiten Zimmer ſind ihr zu eng und zu ſchwül. Sie kann ihren Zwang nicht länger aushalten und will allein in einem nahe liegenden Gar⸗ ten ſich ergehen. Zu capriciös und gebieteriſch in Allem, was ſie thut, 492 als daß ſie für ihre Umgebung die Urſache vielen Stau⸗ nens wäre in irgend Etwas, das ſie unternimmt, tritt dieſe Frau, leicht eingehüllt, in den Mondſchein hinaus. Merkur ſteht mit dem Schlüſſel da. Nachdem er die Gar⸗ tenthüre aufgeſchloſſen, übergibt er ſeiner Gebieterin auf ihren Befehl den Schlüſſel, und muß nun zurückgehen. Sie will dort eine Zeit lang ſpazieren gehen, um ſich ih⸗ res Kopfwehs zu entledigen zu ſuchen. Vielleicht bleibt ſie eine Stunde aus, vielleicht auch noch mehr. Einer ferneren Begleitung bedarf ſie nicht. Die Gartenthüre ſchlägt zu und er verläßt ſie; ſie aber tritt in den dunkeln Schatten einiger Bäume und entfernt ſich. Eine ſchöne Nacht und ein ſchöner großer Mond, und Maſſen von Sternen. Mr. Tulkinghorn muß, als er in ſeinen Keller hinuntergeht, und dieſe hallenden Thüren öffnet und ſchließt, über einen kleinen gefängniß⸗ artigen Hof hinſchreiten. Gelegentlich blickt er zum Him⸗ mel empor, und denkt, welch' ſchöne Nacht, welch' ſchöner großer Mond, welche Maſſen von Sternen! Auch eine ſtille Nacht. Eine recht ſtille Nacht. Als der Mond recht hell ſcheint, da ſcheinen eine Einſamkeit und eine Stille von ihm auszugehen, die ſogar Orte influenziren, die voller Menſchen und voller Leben ſind. Nicht nur iſt es eine ſtille Nacht auf ſtaubigen Chauſſeen und auf Berggipfeln, von wo man weite, weite Strecken Landes ruhig daliegen ſehen kann, ruhiger und ruhiger, während ſie am Hori⸗ zont in einen Saum von Baͤumen auslaufen, worauf das graue Geſpenſt eines Nebels liegt; nicht allein iſt es eine ſtille Nacht in Gärten und Wäldern und an dem Fluſſe, wo die Waſſerwieſen friſch und grün ſind, und der Strom zwiſchen lieblichen Inſeln, murmelnden Weh⸗ ren, und flüſternden Binſen fortfunkelt und fortperlt: nicht allein begleitet ihn die Stille, während er da fortſtrömt, wo Häuſer dicht beiſammen ſtehen, wo viele Brücken ſich darin ſpiegeln, wo Werfte und Schiffe aller Art ihn ——— 4. —y—— 493 ſchwarz und furchtbar machen, wo er ſich von dieſen Ent⸗ ſtellungen weg durch Sümpfe hinwindet, deren grimme Baaken wie an's Ufer geſpielte Skelette erſcheinen, wo er ſich in der kühneren Landſchaft ausbreitet, deren ſchwel⸗ lender Boden reich iſt an Kornfeldern, Windmühlen und Kirchthürmen, und wo er ſich mit der nie ruhenden See vermiſcht; nicht allein iſt es eine ſtille Nacht auf der Tiefe, und am Ufer, wo der Vächter ſteht, um das Schiff zu beobachten, wie es mit ſeinen ausgebreiteten Schwingen über den Lichtpfad hinzieht, der nur ihm ge⸗ gönnt zu ſein ſcheint; ſondern es ſchwebt ſogar einige Ruhe über dieſer ungeheuren Londoner Wüſte. Ihre vie⸗ lerlei Thürme und ihr einer großer Dom werden immer ätheriſcher; ihre rauchigen Hausgiebel verlieren in dem blaſſen Schimmer ihren gemeinen Charakter; der Geräuſche, die von den Straßen aufſteigen, werden es immer wenigere, und es ſind dieſelben zugleich gemildert; auch gleiten die Fußtritte auf dem Pflaſter ruhiger dahin. In den Ge⸗ filden, die Mr. Tulkinghorn bewohnt, wo die Schäfer auf Kanzleigerichtspfeifen ſpielen, die keine Klappen ha⸗ ben, und ihre Schafe auf jede nur mögliche Weiſe ſo lange in den Hürden zurückbehalten, bis ſie dieſelben bis auf die Haut geſchoren haben, verſchwimmt in dieſer mondhellen Nacht jedes Geräuſch in ein fernes, lautes Geſumme, wie wenn die Stadt ein ungeheures vibriren⸗ des Glas wäre. Doch was iſt das? Wer hat ein Gewehr oder ein Piſtol abgefeuert? Wer war das? Die wenigen Vorübergehenden fahren zuſammen, bleiben ſtehen und ſchauen umher. Es gehen einige Fen⸗ ſter und Thüren auf und es kommen Leute heraus, um zu ſehen, was es gibt. Es war ein heftiger Knall; es hat gewaltig gedröhnt, und das Echo hat laut geantwortet. Ein Vorübergehender hat geſagt, es habe dieſer Knall ein Paar Häuſer erſchüttert. So viel iſt gewiß, daß er alle Hunde in der Nachbarſchaft geweckt hat, die heftig 494 zu bellen anfangen. Erſchrockene Katzen ſpringen über die Straße hin. Während die Hunde noch bellen und heulen— un⸗ ter ihnen iſt beſonders einer, der wie ein Dämon heult — fangen die Kirchenuhren, wie wenn auch ſie erſchrocken wären, zu ſchlagen an. Auch das Geſumme, das von den Straßen aufſteigt, ſcheint zu einem Schreien anzu⸗ ſchwellen. Es iſt daſſelbe indeſſen bald vorüber. Noch ehe die letzte Uhr anfängt, zehn zu ſchlagen, tritt wieder Stille ein. Als dieſelbe aufgehört hat, können die ſchöne Nacht, der ſchöne, große Mond, und die Maſſen von Sternen wieder ihren Lauf ruhig verfolgen. Iſt Mr. Tulkinghorn geſtört worden? Seine Fen⸗ ſter ſind finſter und ruhig, und ſeine Thüre iſt geſchloſſen. Es muß fürwahr etwas Ungewöhnliches vorgehen, wenn die alte Rechts⸗Auſter aus ihrer Schale herausgelockt werden ſoll. Man hört Nichts von ihm,— man ſieht Nichts von ihm. Welcher Kanonengewalt bedürfte es wohl, um dieſen alten Mann aus ſeiner unerſchütterlichen Ruhe herauszubringen 2 Seit vielen Jahren hat der beharrliche Römer mit keiner beſondern Bedeutung von der Zimmerdecke herab⸗ gedeutet. Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß heute Nacht eine neue Bedeutung an ihm zu gewahren iſt. Er deu⸗ tet und deutet immer, wie ein Römer oder auch wie ein Brite, in derſelben Weiſe und iſt dabei immer mit einem und demſelben Gedanken beſchäftigt. Dort deutet er ohne Zweifel in ſeiner unmöglichen Stellung nutzlos die ganze Nacht hindurch. Mondſchein, Finſterniß, Morgendämme⸗ rung, Sonnenaufgang, Tag. Dort iſt er immer noch und deutet eiftig darauf los und Niemand achtet auf ihn. Aber kurze Zeit, nachdem der Tag gekommen, kom⸗ men Leute, um die Wohnung zu reinigen. Und entwe⸗ der hat der Römer irgend eine neue Bedeutung an ſich, die er noch nie ausgedrückt, oder aber kommt der vor⸗ e ——,—— 2——— n ———— 495 derſte von den Leuten plötzlich von Sinnen: denn als dieſe Perſon zu der ausgeſtreckten Hand des Römers auf⸗ und zu dem, was darunter iſt, niederſchaut, thut ſie einen Schrei und entflieht. Die Uebrigen, die hinein⸗ ſchauen, wie die erſte Perſon hineingeſchaut hat, thun gleichfalls einen Schrei und entfliehen gleichfalls, und dann läßt ſich ein Lärmgeſchrei auf der Straße hören. Was hat daſſelbe zu bedeuten? Es wird in das verfinſterte Zimmer kein Licht eingelaſſen, und es kom⸗ men Leute, die noch nie darin geweſen, herein und tragen, leiſe, aber ſchwer auftretend, eine Laſt in das Schlafzim⸗ mer und legen dieſelbe dort nieder. Den ganzen Tag über wird geflüſtert und fragt man ſich allerlei; jeder Winkel wird genau durchſucht; Fußtritte werden ſorgfäl⸗ tig verfolgt, und die Stellung ſämtlicher Mobilien wird genau aufgenommen. Alle Augen blicken zum Römer auf und alle Stimmen murmeln:„Wenn er nur ſagen könnte, was er geſehen hat!“ Er deutet auf einen Tiſch, worauf eine faſt noch ganz mit Wein gefüllte Flaſche, ein Glas, ſowie zwei Lichter ſtehen, die bald nachdem ſie angezündet worden, plötzlich wieder ausgeblaſen worden waren. Er deutet auf einen leeren Stuhl, ſowie auf einen Flecken auf dem Boden, vor dem Stuhl,— einen Flecken, der faſt mit einer Hand bedeckt werden könnte. Alles dieſes liegt ge⸗ rade in ſeinem Bereich. Eine aufgeregte Phantaſie könnte vermuthen, es liege darin etwas ſo Furchterre⸗ gendes, daß es den übrigen Theil der Compoſition, nicht allein die beigegebenen dickbeinigen Knaben, ſondern auch die Wolken und Blumen und Säulen— mit einem Worte, den Leib und die Seele der Allegorie und all' den Ver⸗ ſtand, den ſie hat— total verrückt gemacht habe. Ge⸗ wiß blickt Jeder, der in das verfinſterte Zimmer herein⸗ kommt, und dieſe Dinge anſchaut, zu dem Römer auf, und gewiß hat derſelbe für alle Augen etwas Myſteriö⸗ 496 ſes, Ehrfurchterweckendes, wie wenn er ein gelähmter ſtum⸗ mer Zeuge wäre. So wird es noch viele Jahre hindurch gewiß ge⸗ ſchehen, daß Geiſtergeſchichten über den Flecken auf dem Fußboden, der ſo leicht zu bedecken, und doch ſo ſchwer zu vertilgen iſt, erzählt werden; und daß der von der Zimmerdecke herabdeutende Römer, ſo lange Staub, und Feuchtigkeit, und Spinnen ihm nicht allzuſehr zuſetzen, weit bedeutungsvoller, als je zu den Lebenszeiten Mr. Tulkinghorns und ſchrecklicher herunterdentet. Denn Mr. Tulkinghorns Zeit iſt nun auf immer vorüber; und der Römer deutete auf die mörderiſche Hand, die gegen deſſen Leben empor gehoben war, und deutete vom Abend bis zum Morgen hilflos auf ihn, wie er mit dem Geſichte auf dem Boden, von einer Kugel ins Herz getrof⸗ fen, da lag.