——-— —— 3 8 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 „2. Lesebreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— „3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4ℳ* 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 4.⁴ beträgt:; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 4 2 1— 5 9— 11— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß ver Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————— ———-——— Bleak Houfe. Von Charles Dickens. 3 Aus dem Engliſchen von Dr. Chr. Fr. Grieb. Fünftes bis zehntes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhand lung, 1853. 3 —— Elftes Kapitel. Unſer lieber Bruder. Ein ſanfter Schlag auf die runzlige Stirne des Rechtsgelehrten, während er ſo in dem dunkeln Zimmer unentſchloſſen daſteht, hat die Wirkung, daß er zuſammen⸗ fährt, und ſpricht: „Was gibt's?“ „Ich bin es,“ antwortet der alte Mann vom Hauſe, deſſen Athem ihm in's Ohr dringt.„Koͤnnen Sie ihn nicht aufwecken?“ „Nein.“ „Was haben Sie mit Ihrem Lichte angefangen?“ „Es iſt ausgegangen. Hier iſt es.“ Krook nimmt es, geht nach dem Feuer hin, bückt ſich über die noch rothe Aſche, und verſucht es, ein Licht zu machen. Aber die erſterbende Aſche hat kein Licht mehr, das ſie entbehren koͤnnte,— und es ſind deßhalb ſeine Be⸗ mühungen umſonſt. Der alte Mann geht daher, indem er, nachdem er ſeinen Miethmann vergebens noch einmal beim Namen gerufen, vor ſich hin murmelt, daß er die Treppe hinab gehen, und aus dem Laden ein brennendes Licht herauf holen wolle. Mr. Tulkinghorn erwartet, aus irgend einem beſon⸗ Bleak Houſe. II. 1 2 deren Grunde, ſeine Rückkehr nicht im Zimmer ſelbſt, ſondern draußen auf der Treppe. Bald zeigt ſich das willkommene Licht an der Wand, während Krook langſam herauf kommt, gefolgt von ſeiner grünäugigen Katze. „Schläft der Mann immer ſo?“ fragt der Rechts⸗ gelehrte mit leiſer Stimme. „Hil ich weiß es meiner Sechs nicht!“ ſagt Krook, den Kopf ſchüttelnd, und die Augenbrauen emporhebend. „Von ſeinen Gewohnheiten weiß ich ſoviel, wie Nichts; nur das weiß ich etwa, daß er ſich immer allein hält.“ Alſo flüſternd traten ſie Beide wieder in's Zimmer. Während das Licht hinein geht, ſcheinen die großen Augen in den Läden ſich zu verdüſtern und ſich zu ſchließen. Nicht aber ſo die Augen auf dem Bette. „Gott ſteh' uns bei!“ ruft Mr. Tulkinghorn aus. „Er iſt todt!“ Krook läßt die ſchwere Hand, die er ergriffen, ſo plötzlich wieder fahren, daß der Arm über die Seite des Bettes hinauszuliegen kommt. Einen Augenblick ſehen ſie einander an. „Schicken Sie doch nach einem Arzte! Rufen Sie doch Miß Flite, die eine Treppe höher wohnt, Sir! Hier ſehe ich neben dem Bette Gift! Rufen Sie doch der Flite,— rufen Sie!“ ſagt Krook, während er ſeine magern Hände wie Vampyrflügel über dem Cadaver ausbreitet. Mr. Tulkinghorn eilt auf den Treppenabſatz hinaus, und ruft: „Miß Flite! Flite! So kommen Sie doch geſchwind herot Kommen Sie doch, wer Sie immer ſein mögen! lite!“ Krook folgt ihm mit den Augen, und findet, wäh⸗ rend der Juriſt ruft, Gelegenheit, nach dem alten Koffer hin, und von da wieder zurück zu ſchleichen. — 3 „So rennen Sie, Flite, rennen Sie! Holen Sie den nächſten Doktor herbei! Rennen Sie, was Sie können!“ So redet Mr. Krook ein verrücktes, kleines Frauen⸗ zimmer an, das bei ihm wohnt. In einem Nu iſt ſie wieder verſchwunden,— und faſt ebenſo bald kommt ſie zurück, in Begleitung eines mürriſch ausſehenden Mediciners, den ſie von ſeinem Diner weggeholt hat. Der Aeseulap zeichnet ſich durch eine breite, mit Schnupftaback bedeckte Oberlippe, ſowie durch einen breiten ſchottiſchen Accent aus. „He! Gott ſteh' Euch bei!“ ſpricht der Mediciner, zu ihnen aufblickend, nachdem er den auf dem Bette liegen⸗ den Mann einen Augenblick unterſucht hat.„Er iſt ſo gut todt, wie Phairy!“ Mr. Tulkinghorn, der neben dem alten Koffer ſteht, fragt, ob er ſchon längſt todt ſei? „Schon lange, ſagen Sie, Sir?“ ſagt der Medi⸗ einer.„Wahrſcheinlich iſt er ſeit etwa drei Stun⸗ den todt.“ „So lange mag er wohl todt ſein,“ bemerkt ein dunkler, junger Mann, der auf der andern Seite des Bettes ſteht. „Sind Sie auch Mediciner, Sir?“ fragt der Erſte. Der dunkle, junge Mann beantwortet dieſe Frage mit Ja. „Dann kann ich ohne Weiteres gehen,“ erwiedert der Andere;„denn in dieſem Falle bin ich überflüſſig!“ Mitt welcher Bemerkung er ſeiner kurzen Anweſenheit ein Ende macht, und wieder zu ſeinem Diner nach Hauſe geht. Der dunkle, junge Chirurg fährt mit dem Lichte mehrmals über das Geſicht hin, und unterſucht mit vie⸗ ler Sorgfalt den Advoeatenſchreiber, der jetzt in der That, in Uebereinſtimmung mit ſeinen früheren Anſprüchen, Niemand geworden iſt.— „Ich habe dieſen Mann vom Sehen recht gut ge⸗ kannt,“— ſpricht er.„Er hat nun ſchon ſeit anderthalb Jahren mich mit ſeiner Kundſchaft beehrt, indem er ſein Opium bei mir kaufte. War vielleicht eine der anweſen⸗ den Perſonen mit ihm verwandt?“ Bei dieſen Worten blickte er die drei Umſtehenden nach einander an. „Ich war es, der an ihn dieſes Zimmer vermiethet hat,“ antwortet Krook mit grimmer Miene, wobei er aus der ausgeſtreckten Hand des Chirurgen das Licht nimmt.„Er hat mir einmal geſagt, daß ich der nächſte Verwandte wäre, den er hätte.“ „Er iſt,“ ſagt der Chirurg,„an einer zu ſtarken Doſis Opium geſtorben:— darüber kann kein Zweifel obwalten. Das ganze Zimmer riecht darnach. Hier ſehe ich,“— bei dieſen Worten nahm er aus den Händen Mr. Krook's einen alten Theetopf,—„genug Opium, um ein Dutzend Menſchen zu tödten.“ „Glauben Sie, er habe es abſichtlich gethan?“ fragt Krook. „Eer Labr eine zu ſtarke Doſis genommen?“ „Ja! Krook ſchmatzt, mit der Salbung eines fürchterlichen Intereſſes, beinahe mit den Lippen. „Das kann ich nicht ſagen. Ich wäre geneigt, das für unwahrſcheinlich zu halten, da er die Gewohnheit ge⸗ habt hat, ſo viel Opium zu ſich zu nehmen. Aber Nie⸗ mand vermag dieß zu ſagen. Vermuthlich war er ſehr arm?“ „Das glaube ich ſelbſt. Sein Zimmer— ſieht nicht ſehr reich aus,“ ſagt Krook, deſſen Augen ſo ziemlich denen ſeiner Katze gleichen, während er ſeinen durch⸗ dringenden Blick umher ſchweifen läßt.„Ich bin jedoch nie hier geweſen, ſeitdem er es inne gehabt hat,— und er war zu verſchloſſen, um über ſeine Umſtände mit mir zu ſprechen.“ 8˙— d—— 5 „Wie viel Miethe iſt er Ihnen ſchuldig?“ „Sechs Wochen.“ „Die wird er nie mehr bezahlen!“ ſpricht der junge Mann, ſeine Unterſuchung wieder aufnehmend.„Es leidet gar keinen Zweifel, daß er wirklich ſo gut todt iſt, wie Pharao; und ſoll ich nach ſeinem Ausſehen, nach ſeinen Umſtänden urtheilen, ſo will es mich bedünken, daß er froh ſein kann, endlich erlöſt zu ſein. Indeſſen muß er einſt ein ſtattlicher, ja ich kann ſagen, hübſcher, junger Mann gegweſen ſein.“ Der Chirurg ſagt dieß nicht in gefühlloſem Tone, während er auf dem Rande des Bettes ſitzt, ſein Geſicht jenem Andern zuwendet, und mit der Hand die Herz⸗ gegend herührt. Dann fährt er alſo fort: „Ich erinnere mich noch, daß ich einſt dachte, es liege in ſeinem Weſen, ſo ſeltſam und ungeſchlacht es auch war, ein gewiſſes Etwas, was ein Herabſinken aus einer höheren Sphäre andeute. War dem wirklich ſo?“ Und bei dieſen Worten blickt er umher. Krook erwiedert: „Sie koͤnnten ebenſo wohl von mir verlangen, ich ſolle Ihnen die Damen beſchreiben, deren Haare ich drunten in Säcken habe. Ich weiß von ihm nichts Wetiteres, als daß er ſeit anderthalb Jahren mein Mieth⸗ mann geweſen iſt, und daß er von Copialien für Juriſten gelebt— oder auch nicht gelebt— hat.“ Während dieſes Dialoges hat Mr. Tulkinghorn bei⸗ ſeit, neben dem alten Koffer, geſtanden,— mit auf dem Rücken liegenden Händen,— und, allem Anſcheine nach, gleich fremd allen drei Arten von Intereſſe, die ſich neben dem Bette kund geben,— dem profeſſionellen In⸗ tereſſe des jungen Chirurgen an dem Tode, das ſich da⸗ durch bemerklich macht, daß es mit ſeinen Bemerkungen über den Todten, als Individuum, durchaus Nichts zu ſchaffen hat;— der Salbung des alten Mannes;— und der Furcht des kleinen, verrückten Frauenzimmers. Sein Geſicht iſt während dieſer ganzen Zeit ſo ruhig und ausdruckslos geweſen, wie ſeine altmodiſchen Kleider. Man konnte nicht einmal ſagen, daß er während dieſer ganzen Zeit Etwas gedacht. Er hat weder Geduld, noch Ungeduld, weder Aufmerkſamkeit, noch Zerſtreutheit ge⸗ zeigt. Er hat Nichts gezeigt, als ſeine Schale. Ebenſo leicht könnte man auf den Ton eines feinen, muſikaliſchen Inſtrumentes aus deſſen Aeußerem ſchließen, als auf den Ton Mr. Tulkinghorn's aus ſeinem Aeußern. Jetzt endlich ergreift er das Wort, und redet den jungen Chirurgen in ſeiner ruhigen, profeſſionellen Weiſe an. „Ich war kaum einige Augenblicke vor Ihnen hie⸗ her gekommen,“ bemerkt er,„um dem Verſtorbenen, den ich nie lebend ſah, einige Arbeit zu geben. Ich hatte von ihm gehoͤrt: mein Schreibmaterialienhändler, Snagsby von Cooks⸗Court, kannte ihn, und hatte mir geſagt, daß er für Juriſten Copialien beſorge. Da hier Niemand etwas Näheres über ihn weiß, ſo wäre es vielleicht gut, wenn man nach Snagsby ſchickte. Ahl“ ruft er dem kleinen, verrückten Frauenzimmer zu, das ihn oft in den Räumen des Gerichtsgebaͤudes geſehen, und das auch er oft geſehen,— und das durch ſtumme Zeichen der Furcht ihm Bereitwilligkeit an den Tag legt, den Schreib⸗ materialienhändler herbei zu holen.„Wie wäre es, wenn Sie ihn herbei holten?“ Während ſie fort iſt, gibt der Chirurg ſeine hoffnungs⸗ loſe Unterſuchung auf, und bedeckt den Gegenſtand derſelben mit der ziemlich ſchlecht zuſammengeflickten, abgenähten Bettdecke. Mr. Krook und er wechſeln ein paar Worte. Mr. Tulkinghorn dagegen ſpricht keine Silbe, ſon⸗ dern bleibt neben dem alten Koffer ſtehen. Mr. Snagsby kommt in ſeinem grauen Rocke und ſeinen ſchwarzen Oberärmeln herbei gerannt. „Ach du lieber Gott, du lieber Gott!“ ſagt er. 7 „Iſt es wirklich zu dem gekommen? Gott ſei mir armen Sünder gnädig!“ „Können Sie dem Manne vom Hauſe etwas Nähe⸗ res über dieſes unglückliche Geſchöpf ſagen, Snagsby?“ fragt Mr. Tulkinghorn.„Wie es ſcheint, ſo iſt er mit ſeiner Miethe etwas im Rückſtande. Und Sie wiſſen, er muß begraben werden.“ „Ich weiß,“ ſpricht Mr. Snagsby, indem er ſeinen apologetiſchen Huſten hinter ſeiner Hand huſtet,„in der That nicht, welchen Rath ich hier geben koͤnnte, es ſei denn den, daß man nach dem Büttel ſchicken ſollte.“ „Ich ſpreche jetzt nicht von Rath,“ entgegnet Mr. Tulkinghorn.„Ich ſelbſt könnte einen Rath geben—“ „Gewiß wäre hiezu Niemand mehr befähigt, als Sie, Sir,“ unterbricht ihn Mr. Snagsby, mit ſeinem demüthig ehrerbietigen Huſten. „Ich frage Sie, ob Sie uns keinen Aufſchluß über ſeine Verbindungen zu geben vermögen;— ob Sie uns nicht ſagen können, woher er gekommen, oder ob Sie überhaupt nichts Näheres über ihn wiſſen.“ „Ich verſichere Sie, Sir,“ ſagt Mr. Snagsby, nachdem er ſeiner Antwort jenes bekannte Huſten voran⸗ geſchickt hat, das ihm die Gunſt ſeiner Zuhoͤrer ſichern ſon⸗ daß ich ebenſo wenig weiß, woher er gekommen, als— 3„Wohin er gegangen,— nicht wahr?“ fällt der Chirurg ein, um ihm fortzuhelfen. Pauſe. Mr. Tulkinghorn ſieht den Schreibmateria⸗ lienhändler an. Mr. Krook ſeinerſeits ſteht mit weit geöffnetem Munde da, und fragt ſich, wer nun das Wort ergreifen wird. „Was ſeine Connexionen betrifft, Sir,“ ſagt endlich Mr. Snagsby,„ſo koͤnnte ich, wenn eine Perſon zu mir ſpräche: ‚Snagsby, hier liegen zwanzigtauſend Pfund,— Sie können dieſelben bei der Bank von England erheben, wenn Sie mir nur eine derſelben nennen wollen’, es 8 meiner Seele nicht thun, Sir! Vor etwa anderthalb Jahren,— ſo viel ich mich erinnern kann, iſt es ſo lange her, daß er ſich in dieſem Lumpen⸗ und Flaſchen⸗ laden einmiethete— „Ja, ja, ſo lange iſt es wirklich!“ ſpricht Krook, mit dem Kopfe nickend. „Vor etwa anderthalb Jahren alſo,“ ſpricht Mr. Snagsby etwas geſtärkt,„kam er eines Morgens nach dem Frühſtücke zu uns, und produzirte, als er mein Weibchen(— das ich Mrs. Snagsby nenne, wenn ich dieſen Ausdruck gebrauche) in unſerem Laden fand, ein Specimen ſeiner Handſchrift, und gab ihr zu verſtehen, daß er Copialien zu bekommen wünſche, und daß er ſie erſuche, ihn Mr. Snagsby beſtens zu empfehlen.“ „Nun aber iſt mein Weibchen Fremden im Allge⸗ meinen nicht ſehr gewogen,— ich kann es wohl ſagen,— wenn ſie Etwas von ihr wollen. Ich weiß aber nicht, was ſie für dieſen Menſchen ſo ziemlich einnahm; ob es nun der Umſtand geweſen, daß er unraſirt, oder daß ſein Haar ungeordnet war, oder ob irgend ein anderer Grund obwaltete, der bei Damen ſein Gewicht hat, über⸗ laſſe ich Ihnen, zu beurtheilen. Kurz und gut, ſie nahm das Specimen, und ebenſo auch die Adreſſe an.“ „Mein Weibchen hat nicht das beſte Ohr für Namen,“ faͤhrt Mr. Snagsby fort, nachdem er ſeinen hochachtungsvollen Huſten hinter ſeiner Hand befragt hat, „und es erſchien ihr Nemo als eine und dieſelbe Perſon mit Nimrod. Aus dieſem Grunde nahm ſie ſo die Ge⸗ wohnheit an, mich beim Eſſen zu fragen: ‚Snagsby, haſt Du für Nimrod noch keine Arbeit gefunden?“ oder: „Snagsby, warum haſt Du nicht die achtunddreißig Chancery⸗Folioblätter, im Prozeſſe Jarndyce, Nimrod gegeben?⸗ oder ſo was. Und ſo kam es, daß ich ihm nach und nach Copialien zu beſorgen gab. Und dieß iſt beinahe Alles, was ich von ihm weiß; nur ſo viel kann ich noch ſagen, daß er ein äußerſt geſchwinder Arbeiter A&△ ☛SSͤ— 8 P2S ir 1S23 US2N8g 8 ₰ — 2— 9 war, und ſich das Aufbleiben bei Nacht nicht verdrießen ließ. Und dieß iſt ſo wahr, daß, wenn man ihm, zum Beiſpiele, Mittwoch Abends fünfundvierzig Folioblätter zum Copiren gegeben hätte, er ſie gewiß an dem darauf⸗ folgenden Donnerstag Morgen copirt zurückgebracht haben würde. Alles dieß—“ ſo endigt Mr. Snagsby, indem er eine hoͤfliche Bewegung mit ſeinem Hute nach dem Bette hin macht, gleich als wollte er hinzuſetzen, ‚würde ohne Zweifel mein ehrenwerther Freund beſtätigen, wenn er in einer ſolchen Lage wäre, daß er es thun koͤnnte.“ „Würden Sie nicht beſſer daran thun,“ ſpricht Mr. Tulkinghorn zu Krook,„wenn Sie nachſähen, ob er keine Papiere hinterlaſſen, die uns in der Sache Aufſchluß geben koͤnnten? Es wird eine Leichenſchauerjury zuſammen⸗ berufen werden, und man wird Sie das fragen. Können Sie leſen?“ „Nein, das kann ich nicht,“ entgegnet der alte Mann mit einem ploͤtzlichen Grinſen. „Snagsby,“ ſpricht Mr. Tulkinghorn,„ſehen Sie, anſtatt ſeiner, im Zimmer nach. Sonſt geräth er noch in dieſe oder jene Noth oder Verlegenheit. Da ich ein Mal hier bin, ſo will ich noch einige Augenblicke warten, wenn Sie ſich beeilen; und dann kann ich auch im Noth⸗ falle bezeugen, daß Alles ehrlich und redlich zugegangen. Wenn Sie ſo gut ſein wollen, Mr. Snagsby, meinem Freunde zu leuchten, ſo wird er bald ſehen, ob Etwas hier iſt, um Ihnen zu helfen.“ „Vorerſt iſt hier ein alter Koffer, Sir,“ ſpricht Snagsby. Ach ja, da ſteht wirklich ein Koffer! Mr. Tulking⸗ horn ſcheint denſelben noch nicht geſehen zu haben, ob⸗ gleich er ſo nahe dabei ſteht, und obgleich, der Himmel weiß es, ſonſt blutwenig da iſt. Der mit Schiffsbedürfniſſen handelnde Krämer hält das Licht, und der Schreibmaterialienhändler leitet die Nachſuchungen. Der Chirurg lehnt ſich gegen eine Ecke 10 des Kaminſimſes; Miß Flite guckt und zittert gerade unter der Thüre. Der gewandte, alte Juriſt von der alten Schule, mit ſeinen düſteren, ſchwarzen, an den Knieen mit Bändern gebundenen Hoſen, ſeiner großen, ſchwarzen Weſte, mit ſeinem langärmeligen, ſchwarzen Rocke, und mit ſeinem großen, geſchmeidigen, weißen Halstuche, das mit einer der Pairie ſo wohl bekannten Schleife geſchmückt iſt, ſteht genau an demſelben Orte, und beobachtet dieſelbe Haltung. In dem alten Koffer befinden ſich einige werthloſe Kleidungsſtücke; ferner findet ſich darin ein Pack von Verſatzſcheinen,— dieſen Weggeldſcheinen auf dem Pfade der Armuth. Dort liegt ein zerknittertes Papier, das nach Opium riecht; es ſind darauf kurze Bemerkungen gekritzelt, wie: An dem und dem Tage ſo viele Körner genommen; an dem und dem Tage ſo viel weiter ge⸗ nommen u. ſ. w. Dieſe Bemerkungen ſind ſchon etwas alt, und es ſcheint, daß dieſelben regelmäßig fortgeſetzt werden ſollten; allein bald war dieſes vorher wieder auf⸗ gegeben worden. Noch findet man einige ſchmutzige Fetzen von Zeitungen, die ſich alle auf Coroners Inqueſts*) be⸗ zogen; ſonſt findet ſich Nichts. Sie durchſuchen den Schrank, ſowie die Schublade des mit Dinteflecken beſudelten Tiſches. Weder in der einen, noch in der andern findet ſich auch nur ein Stück⸗ chen von einem alten Briefe oder von irgend einem an⸗ dern Schreibſtücke. Der junge Chirurg unterſucht die Kleidung des Advoeatenſchreibers. Ein Meſſer und etliche Pfennigſtücke ſind Alles, was er findet. Und ſo iſt denn der Vorſchlag Mr. Snagby's am Ende doch der beſte; und es muß daher der Büttel herbeigeholt werden. *²) Vom Coroner unter Aſſiſtenz von Geſchworenen vor⸗ genommene Leichenbeſchauungen. 11 Das verrückte Weibchen läuft alſo nach dem Büttel, und die Uebrigen gehen aus dem Zimmer heraus. „Laſſen Sie die Katze nicht darin!“ ſagt der Chirurg; „das geht nicht an!“ Mr. Krook treibt ſie alſo vor ſich her und zur Thüre hinaus; und das Thier ſchleicht ſich die Treppe hinab, während ſie ihren biegſamen Schwanz krümmt, und ihre Lippen beleckt. „Gute Nacht!“ ſagt Mr. Tulkinghorn; und geht nach ſeinem mit allegoriſchen Gemälden geſchmückten Hauſe, um dort weiter nachzuſinnen. Unterdeſſen hat ſich die Nachricht im Hofe verbreitet. Gruppen von deſſen Bewohnern verſammeln ſich, um den Vorfall zu erörtern; und die äußerſten Poſten der Beobachtungsarmee— hauptfächlich Knaben— werden bis zu Mr. Krool's Fenſter vorgedrängt, das ſie um⸗ zingeln. Schon iſt ein Polizeidiener in das Zimmer hinauf gegangen, und wieder gekommen: und er hat ſich an der Thüre wie ein Thurm aufgepflanzt. Nur gelegentlich läßt er ſich ſo weit herab, daß er die Knaben an ſeiner Baſis anſieht; ſo oft er ſie aber anſieht, ſchreien die armen Kerls, und weichen zurück. Mrs. Perkins, die ſchon ſeit mehreren Wochen mit Mrs. Piper kein Wort mehr geſprochen hat, wegen einer gewiſſen unangenehmen Scene, die ihren Urſprung darin hatte, daß der junge Perkins den jungen Piper blutig gekratzt, erneuert bei dieſer günſtigen Gelegenheit ihre alte Freundſchaft. Der Kellner an der Ecke, der ein privilegirter Lieb⸗ haber iſt, indem er offtzielle Lebenskenntniß beſitzt, und gelegentlich mit betrunkenen Menſchen zu ſchaffen hat, tauſcht mit dem Polizeidiener vertrauliche Mittheilungen aus, und hat das Ausſehen eines Jungen, dem Nichts anzuhaben iſt, der ſich weder von Stöcken erreichen, noch in Polizeiwachthäuſern einſperren läßt. 12 Es ſprechen Leute zu den Fenſtern hinaus und über den Hof hin, und barhäuptige Späher kommen von Chancery⸗Lane herein gerannt, um zu erfahren, was es gibt. Die allgemeine Stimmung ſcheint zu ſein, daß es ein Glück ſet, daß Mr. Krook nicht ſchon umgebracht worden,— und in dieſes Gefühl miſcht ſich ein kleines, ſo natürliches, mit Verdruß gepaartes Befremden, daß er nicht umgebracht worden. Und während das von uns geſchilderte Publikum von ſolchen Gefühlen bewegt wird, kommt der Büttel an. Obgleich die Nachbarſchaft in dem Büttel eine ziem⸗ lich lächerliche Inſtitution erblickt, ſo iſt doch beſagter Büttel für den Augenblick nicht ohne eine gewiſſe Popu⸗ larität, und wäre es auch nur deßhalb, weil er ein Mann iſt, der den Cadaver beſichtigen will. Was den Polizei⸗ diener betrifft, ſo erblickt er in ihm Nichts, als einen ſchwachen, blöden Civiliſten,— ein Ueberbleibſel aus den barbariſchen Nachtwächterzeiten; indeſſen läßt er ihn in das Haus treten, als ein Ding, das nun einmal ge⸗ duldet werden muß, bis es der Regierung gefällt, ihn abzuſchaffen. Die Senſation wird noch mehr erhoͤht, während ſich von Mund zu Mund die Nachricht verbreitet, daß der Büttel in der Nähe, und bereits in das Haus hineinge⸗ gangen ſei.— Nach einiger Zeit kommt der Büttel wieder heraus, und ſteigert die Senſation, die unterdeſſen etwas abge⸗ nommen hat, noch ein Mal. Es heißt, er ſuche für die morgen ſtattfindende Leichenſchau Zeugen, die dem Coroner, ſowie den Geſchworenen Etwas über den Verſtorbenen ſagen können. Wird alsbald an unzählige Leute gewieſen, die lediglich Nichts ſagen können. Wird noch blödſinniger dadurch, daß man ihm beſtändig ſagt, Mrs. Green's Sohn„ſei ſelbſt ein Advocatenſchreiber geweſen und habe ihn beſſer gekannt, als irgend Jemand;“— welcher Sohn 13 von Mrs. Green, wie es ſich bei näherer Unterſuchung herauszuſtellen ſcheint, dermalen an Bord eines Schiffes iſt, das ſchon ſeit drei Monaten nach China abgeſegelt iſt, den man aber durch den Telegraphen erreichen zu koͤn⸗ nen glaubt, wenn die Lords der Admiralität darum angegangen werden. Büttel tritt nun in verſchiedene Kramläden und Wohn⸗ zimmer, und fragt die Bewohner aus; dabei macht er immer zuerſt die Thüre zu, und bringt das Publikum durch ſeine vielen und weitläuftgen Fragen, ſowie durch ſeinen allgemeinen Blödſinn zur Verzweiflung. Der Po⸗ lizeidiener lächelt, wie man ſieht, dem Kellner zu. Das Publikum verliert ſein Intereſſe, und es ſindet bei ihm eine Reaction Statt. Verhöhnt den Büttel mit ſchrillen, jugendlichen Stimmen, und ſchreit, er habe einen Knaben geſotten; ſchreit Bruchſtücke eines Volksliedes ab, worin es heißt, der Knabe ſei zu Suppe für das Arbeitshaus verkocht worden. Endlich findet es der Polizeimann nothwendig, das Geſetz aufrecht zu halten, und Einen der Singenden zu ergreifen; der, als die übrigen fliehen, wieder freigelaſſen wird, unter der Bedingung, daß er ſich alsbald aus dem Sunde machen ſolle:— eine Bedingung, die er alsbald erfüllt. So erſtirbt für den Augenblick die Senſation, und nun verfolgt der ungerührte Polizeimann(— welchem ein Bischen Opium mehr oder weniger Nichts iſt—) mit ſeinem glänzenden Hute, ſeinem ſteifen Stocke, ſeinem unbieg⸗ ſamen Ueberrocke, ſeinem ſtarken Gürtel und Armband, und mit Allem, was er an⸗ und auf hat, ſeinen Weg mit aller Gemächlichkeit und mit ſchwerem Tritte; dabei ſchlägt er ſeine weißen Handſchuhe gegen einander, ſo daß eine flache Hand immer wieder die andere trifft; von Zeit zu Zeit bleibt er an einer Straßenecke ſtehen, um gelegentlich zu ſehen, ob nicht ein Kind verloren ge⸗ gangen, oder ein Mord verübt worden. 14 Unter dem Schutze der Nacht fliegt der ſchwachſinnige Büttel mit ſeinen Vorladungen in Chancery⸗Lane umher, wobei zu bemerken iſt, daß in beſagten Vorladungen der Name jedes Geſchworenen falſch, und bloß der Name des Büttels, den Niemand zu leſen vermag, oder um den ſich Niemand kümmert, richtig geſchrieben iſt. Nachdem die Vorladungen ausgetragen, und die Zeugen beſtellt worden, geht der Büttel nach Mr. Krook's Haus, um ſich bei einem kleinen Stelldichein einzufinden, das er gewiſſen armen Leuten gegeben; die auch bald ankommen, und die Treppe hinaufgeführt werden; wo ſie die großen Augen in dem Fenſterladen etwas Neues anſtarren laſſen, in jener letzten Geſtalt, welche eine irdiſche Wohnung für Niemand— und für Jedermann annimmt. Und während dieſer ganzen Nacht ſteht der Sarg parat neben dem alten Koffer; und die einſame Geſtalt auf dem Bette, deren Lebensweg fünfundvierzig Jahre ge⸗ dauert, liegt da, und es zeigen ſich hinter ihr, für eines Menſchen Auge, nicht mehr Spuren, als hinter einem verlaſſenen Kinde, das noch nicht gehen kann. An dem darauf folgenden Tage wimmelt Alles im Hofe:— es iſt derſelbe wie ein Jahrmarkt, wie Mrs. Perkins, die mit Mrs. Piper mehr als verſöhnt iſt, in freundſchaftlicher Unterhaltung mit dieſem trefflichen Weibe, agt. ſag Der Coroner ſoll in dem Gaſthauſe, Sol's⸗Arms genannt, und zwar in dem Zimmer des erſten Stockes, die Leichenſchau vornehmen. Es iſt dieß daſſelbe Zimmer, in dem die„harmoniſchen Verſammlungen“ zwei Mal in der Woche ſtattfinden, und wo das Präſidium von einem Herrn von profeſſioneller Celebrität geführt wird; bei ſolchen Verſammlungen ſitzt dem Präſidenten der kleine Swills, der komiſche Sänger, gegenüber, der— laut des Zettels am Fenſter— erwartet, daß ſeine Freunde ſich um ihn ſchaaren, und Talente erſten Ranges unterſtützen werden. Das Gaſthaus macht während des ganzen Morgens — 15 in der That keine übeln Geſchäfte. Selbſt Kinder be⸗ dürfen unter der allgemeinen Aufregung ſo ſehr einer Stärkung, daß ein Paſtetenhändler, der ſich bei dieſer Ge⸗ legenheit an der Ecke des Hofes aufgeſtellt hat, ſagt, ſeine branntweingetränkten Kugeln gehen ab wie Waſſer. Unterdeſſen hüpft der Büttel zwiſchen der Thüre von Mr. Krook's Laden und der Thüre vom Gaſthauſe hin und her, ſpricht mit Niemand Etwas, als mit ein paar verſchwiegenen Leuten, und nimmt dafür von denſelben ein Glas Bier oder dergleichen an. Zur beſtimmten Stunde kommt der Coroner an, auf den die Geſchworenen warten, und der durch ein Geräuſch von fallenden Kegeln begrüßt wird, das von der guten, trockenen, zum Gaſthauſe, Sol's⸗Arms benannt, gehoͤren⸗ den Kegelbahn kommt. Der Coroner beſucht mehr Wirths⸗ häuſer, als irgend ein lebender Menſch. Der Geruch von Sägmehl, Bier, Tabackrauch und Spirituoſen iſt, in ſeinem Berufe, vom Tode in ſeinen furchtbarſten Geſtalten un⸗ zertrennlich. Der Coroner wird vom Büttel und dem Gaſthaus⸗ beſitzer in das Zimmer der„harmoniſchen Geſellſchaft“ hinaufgeführt, wo er ſeinen Hut auf das Pianoforte legt, und einen Windſorſtuhl oben an einer langen Tafel nimmt, die aus verſchiedenen kleinen, an einander geſtoßenen Tiſchen beſteht, und mit klebrigen Ringen verziert iſt,— mit Ringen, die endloſe Verſchlingungen zeigen, und von Glä⸗ ſern und Bierkrügen herrühren. So viele von den Geſchworenen ſich um die Tafel herdrängen können, nehmen dort Platz. Die übrigen ſtellen ſich zwiſchen die Spuckkäſtchen und Pfeifen, oder lehnen ſich an das Pianoforte. Ueber dem Haupte des Coroners iſt ein kleiner eiſerner Kranz,— der herabhangende Griff einer Glocke, was der Majeſtät des Hofes ſo ziemlich das Ausſehen gibt, als ſolle ſie in Kurzem gehängt werden. „Die Geſchworenen aufgerufen und beeidigt!“ 16 Während dieſe Ceremgnie vorgenommen wird, entſteht eine gewiſſe Senſation durch den Eintritt eines paus⸗ bäckigen Männchens in großem Hemdkragen, mit feuchtem Auge und feuriger Naſe. Das Männchen nimmt, als ein Theil des allgemeinen Publikums, ein beſcheidenes Plätzchen neben der Thüre ein, ſcheint aber auch das Zimmer gar gut zu kennen. Man flüſtert ſich zu, es ſei dieß der kleine Swills. Man hält es nicht für unwahr⸗ ſcheinlich, daß er hieher gekommen, um die ganze Ver⸗ handlung noch an demſelben Abende der„harmoniſchen Ge⸗ ſellſchaft“ etwas karrikirt preiszugeben. „Wohlan, meine Herren—“ hebt der Coroner an. „Stille da,— ſtill, ſage ich!“ ſpricht der Büttel. Zwar nicht zu dem Coroner, obgleich es ſo ſcheinen möchte. „Wohlan, meine Herren!“ hebt der Coroner wieder an.„Sie ſind hieher berufen worden, um über den Tod eines gewiſſen Mannes Ihr Verdict zu geben. Sie wer⸗ deu durch Zeugenausſagen mit den Umſtänden bekannt gemacht werden, welche dieſen Tod begleitet haben, und Sie werden Ihr Verdict abgeben nach den— Kegeln; das Kegeln muß aufhören, hoͤren Sie, Büttel!— Zeu⸗ genausſagen und nach ſonſt nichts Anderem. Das Erſte, was nun zu thun iſt, iſt, daß der Leichnam beſichtigt wird.“ „Platz da, Platz!“ ſchreit der Büttel. Und ſo geht es nun zur Thüre hinaus in zliemlich unordentlicher Prozeſſion,— in einer Prozeſſion, die einer untergeordneten, zerſtreuten Leichenbegleitung gleicht. Man ſteigt in Mr. Krook's zweiten Stock hinauf, von wo einige Geſchworene ſich blaß und eiligſt zurückziehen. Der Büttel iſt ſehr beſorgt, daß zwei Herren, deren Aufſchläge und Knoͤpfe nicht zu den ſauberſten gehören (— er hat in dem Zimmer der„harmoniſchen Geſellſchaft“ für ſie expreß ein Tiſchchen neben den Coroner hingeſtellt—), Alles, was zu ſehen iſt, zu ſehen bekommen, denn ſie ſind die oͤffentlichen Berichterſtatter ſolcher Unterſuchungen, — 17 und werden per Zeile bezahlt; auch iſt er— der Büttel— nicht über die allgemeine menſchliche Schwäche erhaben, ſondern hofft, gedruckt zu leſen, was„Mooney, der thä⸗ thige und intelligente Büttel des Diſtriktes“ geſagt, und gethan hat; ja er— der Büttel— verſteigt ſich in ſeinen Wünſchen ſo weit, daß er den Namen Mooney ſo ver⸗ traulich und in ſo empfehlendem Tone erwähnt zu ſehen hofft, wie, nach den neueſten Beiſpielen, der Name des Henkers erwähnt wird. Der kleine Swills wartet auf den zurückkehrenden Coroner mit ſeinen Geſchworenen. Ebenſo Mr. Tulking⸗ horn. Mr. Tulkinghorn wird mit Auszeichnung empfangen, und darf neben dem Coroner Platz nehmen;— zwiſchen dieſem hohen Gerichtsbeamten, einem Tiſchchen, und dem Kohlenkorbe. Die Unterſuchung nimmt nun ihren Fortgang. Die Geſchworenen erfahren, wie der Gegenſtand ihrer Unter⸗ ſuchung geſtorben iſt;— weiter erfahren ſie über ihn Nichts. „Meine Herren, ein Procurator von hohem Rufe iſt hier anweſend,“ ſpricht der Coroner,„der, wie man mir ſagt, gelegentlich anweſend war, ajs man fand, daß ein Tod ſtattgefunden; allein er könnte bloß das wieder⸗ holen, was Sie bereits von den Chirurgen, dem Haus⸗ wirthe, dem Hausbeſitzer, und dem Schreibmaterlalien⸗ händler gehört haben; und es iſt daher nicht nothwendig, ihn zu bemühen. Iſt nun irgend Jemand hier anweſend, der ein Mehreres weiß?“ Mrs. Piper wird von Mrs. Perkins vorgeſchoben. Mrs. Piper beeidigt. „Anaſtaſia Piper, meine Herren. Eine verheirathete Frau. Nun, Mrs. Piper,— was haben Sie in der Sache zu ſagen?“ Nun hat zwar Mrs. Piper gar viel zu ſagen, haupt⸗ ſächlich in Parentheſen und ohne Interpunction; allein ſie hat Bleak Houſe⸗ H. 2 18 nicht viel zu berichten. Mrs. Piper wohnt im Hofe— wo ihr Mann ein Tiſchler iſt; und es iſt unter den Nachbarn ſchon ſeit langer Zeit bekannt geweſen(— das heißt, ſchon zwei Tage vor der Nothtaufe Alexander James Piper's, dermalen achtzehn Monate und vier Tage alt,— indem man nicht glaubte, daß er am Leben bleiben würde, ſo groß waren, meine Herren, die Schmerzen, die das Kind in ſeinem Zahnfleiſche hatte—), daß der Kläger— ſo nennnt Mrs. Piper den Verſtorbenen beharrlich— wie das Gerücht ging, ſich verkauft hatte. Glaubt, es ſei das Ausſehen des Klägers geweſen, das zu dieſem Gerüchte Anlaß gegeben. Hat den Kläger oft geſehen, und hat, da er ſo erſchrecklich grimmig ausgeſehen, dafür gehalten, daß man ihm gar nicht erlauben ſolle, ſo auf offener Straße herumzulaufen, da es furchtſame Kinder gebe (— und wenn man hieran zweifeln wolle, ſo glaube ſie, daß Mrs. Perkins dieſe ihre Ausſage unterſtützen werde, denn ſie ſei hier, und werde ihrem Manne, und ſich ſelbſt, und ihrer Familie Ehre machen—). Hat den Kläger von den Kindern geplagt und verfolgt geſehen(— denn Kinder werden ſie eben immer bleiben, und man kann nicht von ihnen erwarten, insbeſondere, wenn ſie luſtige Ka⸗ meraden ſind, daß ſie Methoozellers ſein ſollen, was Sie ja ſelbſt auch nicht waren—). Deſſentwegen und wegen ſeines düſtern Ausſehens hat es ihr oft geträumt, ſie ſehe ihn eine Picke aus der Taſche ziehen, und damit Johnny den Kopf ſpalten(— wovor aber das Kind ſich gar nicht gefürchtet hat, indem es ihm gar oft nachge⸗ ſchrieen—). Hat indeſſen nie geſehen, daß Kläger eine Picke oder irgend eine andere Waffe ergriffen hat:— weit entfernt. Hat ihn davonrennen ſehen, wenn man ihm nachlief und nachſchrie, wie wenn er Kinder nicht gern gehabt hätte; hat ihn auch nie, weder mit einem Kinde, noch mit einer erwachſenen Perſon ſprechen ſehen (— mit Ausnahme des Jungen, der den Kreuzweg unten in der Lane, an der Ecke, kehrt, der, wenn er hier wäre, Ihn ſpre ihn iſt, zerlu Vor läuff nicht von einen für i Ihn buch Freu Haut ein 1 Kanr Beſer Kann ſchiel ſagt, und werd läͤſſtg Kopf annel 19 Ihnen ſagen würde, daß man ihn oft habe mit ihm ſprechen ſehen—). Spricht der Coroner:„Iſt der Junge hier?“ Sagt der Büttel:„Nein, Sir, er iſt nicht hier.“ Sagt der Coroner:„So gehen Sie, und holen Sie ihn herbei!“ Während nun der Thätige und Intelligente abweſend iſt, unterhält ſich der Coroner mit Mr. Tulkinghorn. „Ol da iſt der Junge, mein Herr!“ Ja, da iſt er, recht ſchmutzig, recht heiſer, recht zerlumpt. „Wohlan, Junge!— Aber halt einen Augenblick! Vorſichtig. An dieſen Jungen müſſen erſt einige vor⸗ läufige Fragen gerichtet werden.“ Name, Jo. Sonſt kennt engſich keinen andern. Weiß nicht, daß jeder Menſch zwei Namen hat. Hat noch nie von ſo'was gehört. Weiß Nichts davon, daß Jo für einen längeren Namen kurz iſt, glaubt, es ſei derſelbe für ihn lang genug. Ihm iſt dieſer Name ſchon recht. Ihn ſchreiben? Nein. Er kann weder ſchreiben, noch buchſtabiren. Hat keinen Vater, keine Mutter, keine Freunde. Iſt nie in einer Schule geweſen. Wo zu Hauſe? Welches ſeine Heimath? Weiß, daß ein Beſen ein Beſen,— und weiß, daß es gottlos iſt, zu lügen. Kann ſich nicht mehr entſinnen, wer ihm das von dem Beſen und von der Lüge geſagt hat; weiß aber Beides. Kann nicht genau ſagen, was ihm nach ſeinem Tode ge⸗ ſchieht, wenn er den hier anweſenden Herren eine Lüge ſagt, glaubt aber, er werde dafür ſchwer beſtraft werden, und zwar werde es ihm ganz recht geſchehen;— deßhalb werde er die Wahrheit ſagen. cc„Das geht nicht an, meine Herren,— iſt nicht zu⸗ läſſig!“ ſpricht der Coroner mit einem melancholiſchen Kopfſchütteln. „Glauben Sie nicht, Sir, daß Sie ſeine Ausſage werden annehmen können?„ fragt ein aufmerkſamer Geſchworener. 20 „Kann nicht ſein, kann ſchlechterdings nicht ſein,“ ſagt der Coroner.„Sie haben den Knaben gehört.„Kann nicht genau ſagen,— das iſt nicht zuläſſig, wie Sie wiſſen. Wir können das vor Gericht nicht annehmen, meine Herren. Es iſt eine fürchterliche Verdorbenheit. Fort mit dem Jungen!“ Der Junge muß zur großen Erbauung der Zuhörer⸗ ſchaft,— insbeſondere aber des kleinen Swills, des ko⸗ miſchen Sängers,— abtreten. „Nun! Iſt kein anderer Zeuge hier?“ „Kein anderer Zeuge!“ „Wohlan, meine Herren! Hier iſt ein unbekannter Mann, von dem es bewieſen iſt, daß er ſeit anderthalb Jahren die Gewohnheit gehabt hat, Oplum in großen Quantitäten zu ſich zu gehmen. Man hat ihn todt ge⸗ funden,— todt, weil erzu viel Opium zu ſich genommen hatte. Glauben Sie nun, Sie haben irgend einen Be⸗ weis, der Sie zu dem Schluſſe berechtigen konnte, daß er einen Selbſtmord an ſich begangen, ſo werden Sie zu dieſem Schluſſe kommen. Glauben Sie dagegen, der Tod ſei ein zufälliger geweſen, ſo werden Sie Ihr Verdict in dieſer Richtung abgeben.“ Das Verdict wird in dieſer Richtung abgegeben. Tod zufällig. Kein Zweifel. „Meine Herren, Sie können nun gehen. Vergnügten Nachmittag!“ Während der Coroner ſeinen Oberrock zuknöpft, gibt er mit Mr. Tulkinghorn dem abgewieſenen Zeugen in einer Ecke eine Privataudienz. Das ungraziöſe Geſchöpf weiß nur ſo viel, daß der todte Mann(— den er ſo eben an ſeinem gelben Geſichte und ſeinem ſchwarzen Haare wieder erkannt hat—) auf der Straße bisweilen von Gaſſenjungen verfolgt und verhöhnt worden iſt. An einem kalten Winterabende, an dem er, der Junge, unter einem Hauseingange, an ſeinem Kreuzwege, vor Kälte gezittert habe, habe der Mann ſich umg Jun gefr keine Keir ein wäh Seit und habe auch ſeltſe derſe gehe wenn Jung ihm ſich abwi wollt Er n Mr. die 4 chen Kreu Finge der 9 ein h eingel zieht; ſich Theat beſchl ſein,“ „Kann e Sie hmen, enheit. hörer⸗ 2s ko⸗ annter rthalb roßen dt ge⸗ mmen Be⸗ daß Sie zu , der eerdict geben. ügten „gibt en in ß der ſichte ) auf und e, an einem ſich 21 umgewandt, um ihn anzuſehen. Dann ſei er zu ihm, dem Jungen, herangetreten, und habe, nachdem er ihn Einiges gefragt und gefunden, daß er auf der ganzen weiten Welt keinen einzigen Freund hätte, geſagt:„Auch ich habe Keinen. Auch nicht Einen!“ Dann habe der Mann ihm ein Geldſtück gegeben, damit er etwas Warmes eſſen, und während der kalten Nacht eine Herberge finden koͤnne. Seit jener Zeit habe der Mann oft mit ihm geſprochen, und habe ihn gefragt, ob er auch einen geſunden Schlaf habe, und wie er Hunger und Kälte ertrage, und ob er auch einmal zu ſterben wünſche. Solche und ähnliche ſeltſame Fragen habe der Mann an ihn gerichtet. Habe derſelbe gerade kein Geld gehabt, ſo habe er im Vorbei⸗ gehen geſagt:„Heute bin ich ſo arm, wie Du, Jo;“— wenn er aber Geld gehabt habe, ſo habe— wie er, der Junge, überzeugt ſei— es ihm ſtets Freude gemacht, ihm Einiges zu geben. „Er war recht gut gegen mich,“ ſpricht der Junge, ſich die Augen mit ſeinem jämmerlich ausſehenden Aermel abwiſchend.„Wenn ich ihn jetzt ſo daliegen ſehe, ſo wollte ich, er hätte hören können, wie ich das ihm ſagte. Er war recht gut gegen mich,— ja, ja, das war er!“ Während er die Treppe hinabſchlürft, drückt ihm Mr. Snagsby, der auf ihn lauert, eine halbe Krone in die Hand.„Wenn Du mich einmal mit meinem Weib⸗ chen— ich meine, mit einer Dame,— über Deinen Kreuzweg gehen ſiehſt—“ ſagt Mr. Snagsby mit dem Finger an der Naſe,„ſo ſag' bei Leibe Nichts davon!“ Einige Zeit treiben ſich die Geſchworenen noch in der Nähe des Wirthshauſes herum. Später wird etwa ein halbes Dutzend derſelben von einer Rauchtabackwolke eingehüllt, weſche die Trinkſtube von Sol's⸗Arms durch⸗ zieht; zwei ſchlendern nach Hampstead hin;z und vier nehmen ſich vor, denſelben Abend noch zum halben Preiſe in's Theater zu gehen und den Tag mit einem Auſtereſſen zu beſchließen. 22 Der kleine Swills wird von mehreren Seiten tractirt. Fragt man ihn, was er von dem Verfahren halte, ſo characterifirt er daſſelbe(— ſeine Hauptſtärke ſcheint darin zu liegen, daß er ſich jeden Augenblick eines Slang⸗ Ausdruckes bedient—) als etwas„Famoſes.“ Da der Gaſtwirth, der in Sol's⸗Arms thront, findet, daß der kleine Swills ſich einer ſo großen Kunſt erfreut, ſo empfiehlt er ihn in den lobendſten Ausdrücken den Ge⸗ ſchworenen und dem Publikum; wobei er bemerkt, daß er, was Charactergeſänge betreffe, ſeines Gleichen nicht kenne, und daß die Charactergarderobe des Mannes einen ganzen Wagen füllen würde. * So wird das Wirthshaus allmählig in die Schatten der Nacht gehüllt, bis es mit einem Male aus denſelben als ein Gasmeer auftaucht. Da die Stunde, um welche die„harmoniſche Geſellſchaft“ ſich zu verſammeln pflegt, herannaht, ſo nimmt der Mann von profeſſioneller Cele⸗ brität den Präſidentenſtuhl ein; ihm gegenüber ſitzt der kleine Swills mit ſeinem feuerrothen Geſicht; ihre Freunde Püneln ſich um ſie her, und unterſtützen Talente erſter aſſe. Im Zenith des Abends ſpricht der kleine Swills: „Meine Herren, wenn Sie es mir erlauben wollen, ſo werde ich es verſuchen, eine kurze Beſchreibung einer Scene aus dem wirklichen Leben zu geben, die hier heute ſtattfand.“ Das Männchen wird vielſeitig beklatſcht und aufge⸗ fordert; geht als Swills zur Stube hinaus; kommt als Coroner(— aber demſelben nicht im Entfernteſten ähn⸗ lich—) herein; beſchreibt die Unterſuchung mit ergoͤtz⸗ lichen Intervallen von Pianofortebegleitung zu dem Ref⸗ rain:„Mit ſeinem(— des Coroners—) tippy tol li doll, tippy tol lo doll, tippy toll li doll, Dee!“ Endlich verſtummt das Geklimper, und die harmo⸗ niſchen Freunde ſuchen ihre Betten auf. Dann herrſcht Ruhe um die einſame Geſtalt her, die in ihrer letzten tirt. ſo arin ang⸗ ndet, reut, Ge⸗ daß nicht einen atten elben elche heute ufge⸗ t als ähn⸗ goͤtz⸗ Ref⸗ ol li rmo⸗ rrſcht etzten 23 irdiſchen Wohnung liegt; und es wird dieſelbe während einiger ruhiger Nachtſtunden von den hohlen Augen in dem Fenſterladen beobachtet. Hätte dieſer verlaſſene Menſch von der Mutter, an deren Buſen er ſich einſt als kleines Kind ſchmiegte, mit zu ihrem liebenden Geſichte empor⸗ gehobenen Augen, und mit zarter Hand, die es kaum ver⸗ ſtand, den Nacken zu umfaſſen, an den es ſich anſchmiegte, im prophetiſchen Geiſte hier liegend geſehen werden können, als welche Unmöglichkeit würde die Viſion nicht erſchienen ſein! O, wenn in beſſeren Tagen das nun in ihm er⸗ loſchene Feuer je für ein Weib brannte, das ihn im Herzen trug,— wo iſt nun daſſelbe, während dieſe Aſche noch nicht verſcharrt iſt! In Mr. Snagsby's Hauſe, in Cook's Court, iſt die Nacht nichts weniger als ruhig; denn Guſter mordet den Schlaf, indem ſie, wie Mr. Snagsby ſelbſt zugibt,— der die Sache nicht ſo genau nimmt,— einen nervöſen Zufall nach dem andern, das heißt an die zwanzig, be⸗ kommt. Die Urſache dieſer nervöſen Zufälle iſt, daß Guſter ein zärtlich fühlendes Herz und ein empfängliches Etwas beſitzt, das moͤglicher Weiſe Phantaſie hätte ſein können, wenn Tooting und deſſen Schutzheiliger nicht ge⸗ weſen wären. Es ſei dem nun aber, wie ihm wolle, ſo viel iſt gewiß, daß dieſes empfängliche Etwas zur Thee⸗ zeit durch Mr. Snagsby's Bericht über die Unterſuchung, der er beigewohnt, ſo ſchrecklich empreſſionirt wurde, daß Guſter zur Zeit des Nachteſſens ſich in die Küche hinab⸗ ſtürzte, wobei ihr ein holländiſcher Käſe voran flog, und daß ſie in eine Ohnmacht von ungewöhnlicher Länge ſank: von welcher Ohnmacht ſie ſich nur erholte, um wieder in eine andere, und wieder eine andere, und ſo in eine wahre Kette von Ohnmachten zu ſinken, die durch kurze Intervalle von einander getrennt waren, welche ſie pathe⸗ tiſch benützte, um Mrs. Snagsby inſtändigſt zu bitten, daß ſie ihr doch nicht aufkündigen moͤchte, wenn ſte wie⸗ der ganz bei ſich wäre. Dieſe Intervalle verwendet ſie auch 24 zu Bitten an das ganze Haus, daß man ſie doch auf die Steine hinlegen, und zu Bette gehen möchte. Mr. Snagsby, der endlich hört, wie der Hahn in der kleinen Milchwirthſchaft in Curſitor⸗Street, aus Anlaß des nahen⸗ den Tageslichtes, in ſeine gewohnte unintereſſirte Exſtaſe geräth, ſagt daher, obgleich der Geduldigſte aller Men⸗ ſchen, tief Athem holend:„Ich glaubte fürwahr, Du wäreſt todt!“ Welche Frage dieſer enthuſiaſtiſche Hausvogel zu er⸗ ledigen glaubt, wenn er ſich ſo gewaltig anſtrengt, oder warum er(— indeſſen krähen ſo die Menſchen bei unter⸗ ſchiedlichen öffentlichen Anläſſen, wo es gilt, eine trium⸗ phirende Freude an den Tag zu legen—) ſo kräht wegen eines Dinges, das für ihn von keinerlei Wichtigkeit ſein kann,— iſt ſeine Sache. Genug, daß das Tageslicht kommt, daß der Morgen kommt, daß der Mittag kommt. Dann kommt der Thätige und Intelligente, der in die Morgenzeitungen ſich als Solcher glücklich verirrt hat, mit ſeiner Geſellſchaft von armen Leuten in Mr. Krook's Haus, und trägt den Leichnam unſeres theuern, hier ver⸗ ſchiedenen Bruders nach einem eingezäunten, peſtilenzialiſche Gerüche verbreitenden, unfläthigen Kirchhof, aus dem bösartige Krankheiten ſich den Koͤrpern unſerer lieben Brüder und Schweſtern mittheilen, die noch nicht ver⸗ ſchieden ſind; während unſere lieben Brüder und Schwe⸗ ſtern, die ſich an officiellen Hintertreppen herumtreiben,— wollte Gott, ſie wären heim gegangen!— überaus gefällig und angenehm ſind. Man bringt in ein ſcheußliches Stück Boden, das ein Türke als den Gräuel der Gräuel verachten, und einem Kaffern Schauder einfloͤßen würde, unſern lieben, hier ver⸗ ſchiedenen Bruder, um ihm ein ſogenanntes chriſtliches Begräbniß zu Theil wreden zu laſſen. Von allen Seiten bilden Häuſer Zuſchauergruppen, wenn man die Stellen abrechnet, wo ein rauchender, kleiner Tunnel von einem Hofe zu dem eiſernen Thöorchen 25 führt;— auf allen Seiten berührt der Schmutz des Le⸗ bens den Tod,— allenthalben kommt das giſtige Element des Todes mit dem Leben in die engſte Berührung: mit dem Leben:— und da wird unſer theurer Bruder ein Paar Fuß tief hinabgelaſſen; da foll er in Fäulniß geſäet werden, um als Fäulniß wieder aufzuſtehen: ein raͤchen⸗ der Geiſt an manchem Krankenlager: ein ſchmachvolles Zeugniß für künftige Generationen, wie Civiliſation und Barbarei auf dieſer ſtolzen und vielgeprieſenen Inſel neben einander gingen. Komme, Nacht,— komme, Finſterniß, denn Ihr könnet an einem ſolchen Platze nicht zu bald kommen,— denn Ihr könnet dort nie zu lange bleiben! Kommet, ihr zerſtreuten Lichter, in die Fenſter der häßlichen Häuſer; — und Ihr, die Ihr dort ſündiget, ſchließet wenigſtens dieſe furchtbare Scene aus! Komm, Du Gasflamme, die Du über dem eiſernen Thörchen ſo düſter brennſt, worauf die vergiftete Luft ihre klebrige Hexenſalbe niederſchlägt! moh magſt Du jedem Vorübergehenden zurufen:„Schau' ſerher!⸗ Mit der Nacht kommt durch den Hof mit dem Tunnel eine ſchlotterig einhergehende Geſtalt an die Außen⸗ ſeite des eiſernen Pförtchens. Sie erfaßt das Pförtchen mit den Händen, und blickt zwiſchen den eiſernen Stäben durch; bleibt eine kleine Weile ſtehen, und ſchaut hinein. Dann kehrt fie mit einem alten Beſen, den ſie in der Hand hat, die Staffel, und reinigt den Bogengang. Dieß thut ſie ſehr eifrig und ſorgfältig; dann ſieht ſie eine kleine Weile wieder hinein, und geht endlich hinweg. Jo, biſt Du es? Wohlan! Obgleich ein verworfener Zeuge, der„nicht genau zu ſagen vermag,“ was ihm aus höͤ⸗ heren, als Menſchenhänden zu Theil werden wird, wandelſt Du doch nicht ganz in der Finſterniß. Es liegt gleichſam ein ferner Lichtſtrahl in Deinem gemurmelten Grunde hiefür: „Er war recht gütig gegen mich,— ja, das war er!“ — Zwöälftes Kapitel. Sehnſüchtig es Warten. Endlich hat es in Lin colnfhire aufgehört zu regnen, und Chesney⸗Wold hat Muth gefaßt. Mrs. Rouncewell iſt voll gaſtfreundſchaftlicher Sorgen, denn Sir Lelceſter kommt mit my Lady, von Paris zurück, nach Hauſe. Die faſhio⸗ nable Welt weiß es, und ihre Zeitungen verbreiten dieſe frohe Nachricht über das umnachtete England. In der faſhionablen Welt heißt es auch, daß Sir Leiceſter und my Lady einen brillanten und ausgezeichneten Kreis, von der Elite der Beau⸗Monde(die Sprache der Faſhion iſt im Engliſchen nur ſchwach, im Franzoͤſiſchen dagegen ein junger, kräftiger Rieſe), auf dem alten und gaſtfreund⸗ ſchaftlichen Famillienſitze in Lincolnſhire bewirthen werden. Um dem brillanten und ausgezeichneten Kreiſe und Chesney⸗Wold dazu um ſo größere Ehre anzuthun, wird der zerbrochene Bogen der Brücke im Parke ausgebeſſert; und das Waſſer, das hier in ſeine gehörigen Grenzen zurück⸗ gewieſen, bald wieder graziös geſpannt iſt, nimmt ſich in dem Proſpecte, der ſich vom Hauſe aus dem Auge darbietet, gar ſchoͤn aus. Die Sonne läßt klare, kalte Blicke in die dürren Gehölze fallen, und ſchaut beifällig dem ſcharfen Winde zu, der das Laub hin und her jagt, und das Moos trocknet. Der Sonnenſchein gleitet über den Park hin, den ſich fortbewegenden Wolkenſchatten nach, und jagt ſie, und kann dieſelben doch den ganzen Tag nicht einholen. Es ſieht die Sonne zu den Fenſtern herein, und wirft lichte Streifen auf die Portraits der Ahnen des jetzigen Beſitzers,— Lichtſtreifen, von denen ſich die Maler nie träumen ließen. Queer über das Portrait von my Lady anen, ll iſt mmt ſhio⸗ dieſe der und von n iſt ein und⸗ den. und vird ert; kück⸗ h in etet, die rfen oos hin, ſie, len. irft gen nie ady 27 hin,— das über dem großen Kamine hängt,— fällt ein breiter, unheimlicher Lichtſtreifen, der in krummen Linien in das Kamin hinein dringt, und daſſelbe zu zer⸗ reißen ſcheint. In demſelben kalten Sonnenſcheine, und bei demſelben kalten Winde machen ſich my Lady und Sir Leiceſter in ihrem Reiſewagen nach Chesney⸗Wold auf(— my Lady's Kammerfrau und Sir Leiceſter's Kammerdiener befinden ſich auf dem Schwungſitze, hinten am Wagen—). Unter bedeutendem Geklingel und Peitſchengeknalle, und vielem Widerſträuben von Seiten zweier Pferde mit ge⸗ ſchundenem Rücken, und mit zwei Centauren mit lackirten Hüten, gewaltigen Stiefeln, und fliegenden Mähnen und Schweifen, raſſeln ſie zum Hofe des Hotel Briſtol auf dem Vendome⸗Platze hinaus, und galoppiren leicht zwi⸗ ſchen der Colonnade der Rivoliſtraße, in welche Sonne und Schatten ſich mannigfach theilen, um den Garten des unglückſeligen Palaſtes eines kopfloſen Königes und einer kopfloſen Königin hin; dann geht es über die Place de la Concorde und die elyſäiſchen Felder, und zur Barrière de l'Etoile aus Paris hinaus. Sollen wir die Wahrheit ſagen, ſo können ſie nicht genug eilen; denn ſogar hier hat my Lady Dedlock ſich auf den Tod gelangweilt. Concerte, Aſſembleen, Oper, Theater. Spazierfahrten,— Nichts iſt für my Lady neu: Alles iſt für ſie abgenützt. Erſt am vergangenen Sonn⸗ tage noch, an dem arme Menſchenkinder ſich freuten und luſtig waren,— indem ſie innerhalb der Mauern, unter den beſchnittenen Bäumen und den Statuen im Tutlerien⸗ garten ſpielten; zu Zwanzigen neben einander in den elyſätſchen Feldern ſpazieren gingen, die durch gelehrte Hunde und hölzerne Pferde noch elyſiſcher gemacht wor⸗ den waren; von Zeit zu Zeit, wenn auch in geringerer Anzahl, durch die düſtere Liebfrauenkirche wanderten, um am Fuße einer Säule, innerhalb des Bereiches flackern⸗ der, kleiner, auf einem kleinen, roſtigen Eiſen aufgepflanzter 28 Kerzen ein paar Worte zu ſagen;— außerhalb der Mauern, indem ſie Paris mit Tanz, Liebeln, Weintrinken, Tabackrauchen, Kirchhofbeſuchen, Billard⸗, Karten⸗ und Dominoſpielen, Quackſalben, und viel mörderiſchem, be⸗ lebtem und unbelebtem Unrath umgaben,— erſt vergange⸗ nen Sonntag noch haßte beinahe my Lady in der Qual ihrer Langeweile, und in ihrer ſchrecklichen Verzweiflung ihr eigenes Kammermädchen, daß dieſe in fröhlicher Stimmung war. Sie kann daher Paris nicht allzu geſchwind ent⸗ fliehen. Vor ihr und hinter ihr liegt Müdigkeit und Ueberdruß;— ihr Ariel hat davon einen Gürtel um die ganze Erde gelegt, und es kann derſelbe nicht gelöst werden;— aber das unvollkommene Heilmittel muß ſtets von dem letzten Orte, wo es verſucht worden, fliehen. Zurück alſo mit Paris, und es werde daſſelbe gegen end⸗ loſe Avenüen und Queer⸗Avenüen von winterlichen Bäu⸗ men vertauſcht! Und wenn man wieder nach demſelben umſchaut, ſei es einige Meilen entfernt: die Barrière de "'Etoile ſei nur noch ein weißer, in der Sonne glitzernder Fleck, und die ganze große Stadt nur noch ein bloßer Hügel auf einer Ebene, woraus zwei düſtere viereckige Thürme emporragen, und worauf in ſchiefer Richtung Licht und Schatten hinabſteigen, wie in Jakob's Traum die Engel! Sir Leiceſter gefällt ſich ſelbſt ſo ziemlich immer, und iſt ſelten gelangweilt. Hat er ſonſt Nichts zu thun, ſo kann er immer ſeine eigene Größe betrachten. Es iſt für einen Menſchen ein bedeutender Vortheil, wenn er einen ſo unerſchöpflichen Gegenſtand zu Betrachtungen hat. Nachdem er ſeine Briefe geleſen, lehnt er ſich in ſeine Kutſchenecke zurück, und denkt meiſtens über ſeine ſoeiale Wichtigkeit nach. „Du haſt heute Morgen eine ungewöhnlich volumi⸗ nöſe Correſpondenz?“ ſpricht my Lady nach langer Zeit. 29 Sie mag nicht mehr leſen. Hat faſt eine Seite geleſen, während ſie zwanzig engliſche Meilen weit gefahren iſt. „Und doch ſteht Nichts darin, was beſonders wichtig wäre. Lediglich gar nichts.“ 4 „Ich glaube, ich habe eine von Mr. Tulkinghorn's langen Herzensergießungen geſehen.“ „Du ſiehſt eben Alles,“ ſagt Sir Leiceſter voller Bewunderung. „Ha!“ ſeufzt my Lady.„Er iſt wahrlich das Langweiligſte aller Menſchenkinder!“ „Er meldet,— ich bitte Dich wahrhaft um Ver⸗ zeihung,— er meldet,“ ſagt Sir Leiceſter, den Brief hervorſuchend und entfaltend,„Dir Etwas. Allein der Umſtand, daß die Pferde gewechſelt wurden, als ich bei ſeinem Poſtſcriptum ankam, iſt Schuld, daß ich es rein wieder vergeſſen habe. Ich bitte Dich, mich zu entſchul⸗ digen. Er ſagt—“ Sir Leiceſter braucht ſo lange, um ſein Augenglas herauszuziehen, und daſſelbe an ſein Auge zu bringen, daß my Lady etwas gereizt ausſieht. Endlich fährt er alſo fort: „Er ſagt: ‚Was das Wegrecht betrifft,— Ach, ich bitte Dich um Verzeihung, das iſt nicht die rechte Stelle. Er ſagt— ja, ja! Jetzt hab' ich es! Er ſagt: „Ich bitte Sie, my Lady, der hoffentlich der Luftwechſel gut bekommen iſt, meine reſpectvollſten Complimente zu melden. Wollen Sie ſo gütig ſein, zu erwähnen(— da es ſie intereſſiren dürfte—), daß ich ihr bei ihrer Rück⸗ kehr Etwas über die Perſon zu ſagen habe, welche die beſchworene Zeugenausſage in dem vor dem Kanzleige⸗ richtshofe anhaͤngigen Prozeſſe copirt hat,— ein Factum, das ihre Neugſerde in ſo hohem Maaße anregte. Ich habe dieſe Perſon geſehen.“ My Lady lehnt ſich vorwärts, und ſieht zum Kutſchen⸗ fenſter hinaus. „Dieß iſt die Botſchaft,“ bemerkt Sir Leiceſter. 30 „Ich moͤchte ein klein wenig gehen,“ ſpricht my Lady, immer noch zu ihrem Fenſter hinaus blickend. „Gehen?“ wiederholte Sir Leiceſter im Tone der Ueberraſchung. „Ich möchte ein klein wenig gehen,“ ſagt my Lady mit einer Beſtimmtheit und Deutlichkeit, die nicht länger mißverſtanden werden kann. „Laß doch gefälligſt anhalten.“ Der Wagen hält an, der Kammerdiener ſteigt von ſeinem Schwungſitze herunter, öffnet den Kutſchenſchlag, und läßt, einer ungeduldigen Bewegung von my Lady's Hand unterthänigſt Folge leiſtend, den Kutſchentritt herab. My Lady ſteigt ſo raſch aus, und ſchreitet ſo ge⸗ ſchwind fort, daß Sir Leieeſter trotz all ſeiner ſerupulöſen Höflichkeit und Artigkeit nicht im Stande iſt, ſie bei Ausſteigen zu unterſtützen, und dahinten bleibt. Es 1 ſchon ein Zeitraum von ein paar Minuten verfloſſen, ehe er ſie einholen kann. Sie lächelt, ſieht ſehr hübſch aus, nimmt ſeinen Arm, ſchreitet mit ihm etwa eine Viertel⸗ meile fort, langweilt ſich unendlich, und endigt damit, daß ſie wieder ihren Sitz in dem Wagen einnimmt. Das Geraſſel dauert während des größeren Theils von drei Tagen fort, mit einer größeren oder kleineren Maſſe von Schellengeklingel und Peitſchengeknall, und mit mehr oder minder großem Sichabarbeiten von Centauren und geſchundenen Pferden. Ihre hofmäßige Artigkeit gegen einander in den Hotels, wo angehalten wird, iſt ein Gegenſtand allge⸗ meiner Bewunderung. Obgleich my Lord für my Lady ſchon ein Bischen alt iſt, ſagt Madame, die Inhaberin des Gaſthofes zum goldenen Affen, und obgleich er ihr liebenswürdiger Vater ſein koͤnnte, ſo kann man doch ſchon auf den erſten Blick ſehen, daß ſie einander lieben. Man ſieht, wie my Lord mit ſeinem weißen Haare, den Hut in der Hand, da ſteht, um my Lady aus und in den 3 ht my ). e der Lady änger ſt von chlag, ady's entritt o ge⸗ llöſen beim s iſt „ehe aus, ertel⸗ daß von Naſſe mehr und den lige⸗ Lady erin ihr chon Nan Hut den 31 Wagen zu heben. Man beobachtet my Lady, wie dank⸗ bar ſie iſt für all die Höflichkeit my Lords; wie ſie ihr grazioͤſes Haupt neigt, und wie ſie ihn damit beglückt, daß ſie ihm ihre ſo feinen Finger zu berühren gibt! Es iſt zum Entzücken. Das Meer weiß die Großen dieſer Welt nicht zu würdigen, ſondern wirft ſie umher wie den gewöhnlichen Pöbel. Gewöhnlich verfährt es ziemlich ſtreng mit Sir Leiceſter, deſſen Geſicht es die Farbe des Kräuterkäſes verleiht, und in deſſen ariſtokratiſchem Syſteme es eine fürchterliche Revolution herbeiführt. Füͤr ihn iſt das Meer der Radicale der Natur. Indeſſen überwindet ſeine Würde das Alles, nachdem man endlich glücklich gelandet und Gelegenheit gefunden hat, ſich wieder zu erholen. Dann geht er mit my Lady nach Chesney⸗Wold ab, wobei man nur eine Nacht in London bleibt. Bei demſelben kalten Sonnenſcheine,— der mit dem abnehmenden Tage immer kälter wird,— und bei dem⸗ ſelben ſchneidenden Winde,— der immer ſchneidender wird, während die getrennten Schatten unbelaubter Bäume düſterer werden, und in einander verſchwimmen, und wäh⸗ rend der Geiſterweg, der an der Abendecke von einer Feuerſäule am Himmel berührt wird, ſich in die anrückende Nacht ſchickt,— fahren ſie in den Park hinein. Die Krähen, die ſich in ihren luftigen Häuſern in der Ulmenavenüe hin⸗ und herſchaukeln, ſcheinen, während der Wagen unten durchfährt, die Frage zu erörtern, welches Recht derſelbe habe, hier ſich zu zeigen; wobei einige der Anſicht find, Sir Leiceſter und my Lady ſeien wirklich wieder angekommen; andere mit Maleontenten⸗ rechten, die dieſes nicht zugeben wollen. Bald ſtimmen Alle darin überein, die Frage als erledigt anzuſehen; bald bricht aber Alles wieder in einen heftigen Streit aus, der von einem eigenſinnigen und ſchlaftrunkenen Vogel hervor⸗ gerufen wird, welcher ſchlechterdings darauf beſteht, ein letztes oppoſitionelles Gekrächze einzulegen, 32 Der Reiſewagen aber läßt die geſiederten Thiere krächzen und ſich hin und her ſchwingen, und rollt dem Hauſe zu, wo Feuer warm durch einige Fenſter funkeln, obgleich nicht durch ſo viele, daß der düſteren Frontmaſſe ein Ausdruck gegeben worden wäre, der auf ihre Bewoh⸗ nung hätte ſchließen laſſen können. Aber nur Geduld! Der brillante und ausgezeichnete Kreis wird bald dafür Sorge tragen. Mrs. Rouncewell empfängt die Ankommenden, und nimmt Sir Leiceſters gewöhnliches Handſchütteln mit einem tiefen Knixe auf. „Ah, wie geht es, Mrs. Rouncewell? Es freut mich unendlich, Sie zu ſehen.“ „Hoffentlich habe ich die Ehre, Sie als ganz geſund zu begrüßen, Sir Leiceſter?“ m„Meine Geſundheit iſt vortrefflich, Mrs. Rounce⸗ we.* „My Lady ſieht zum Entzücken gut aus,“ ſagt Mrs. Rouncewell mit einem andern Knixe. My Lady deutet, ohne viele Worte zu machen, an, daß ſie, die Gelangweilte, ſich ſo wohl befinde, als ſie nur immer erwarten dürfe. 8 Aber Roſa ſteht in einiger Entfernung hinter der Haushälterin; und my Lady, welche die Raſchheit ihrer Beobachtung nicht überwunden hat, was ſie auch ſonſt verbeſſert haben mag, fragt: „Was iſt das für ein Mädchen?“ ef„Es iſt eine junge Schülerin von mir, my Lady. oſa.“ „Kommen Sie hieher, Roſa!“ ſpricht Lady Dedlock. Dieſe Worte ſind, von my Lady's Seite, von einem Winke begleitet, der ſogar einen Anſchein von Theil⸗ nahme hat. „Ei, ei, wiſſen Sie auch, mein Kind, wie hübſch Sie ſind?“ ſpricht my Lady weiter, die Schulter des Mädchens mit ihren beiden Vorfingern berührend. hiere dem kkeln, maſſe woh⸗ duld! dafür und mit mich eſund unce⸗ Mrs. „ an, ls fie der ihrer ſonſt Lady. dlock. einem eheil⸗ übſch des 33 Noſa antwortet, während eine tiefe Roͤthe ihr Ge⸗ ſicht überfliegt:„Nein, wenn Sie gütigſt erlauben, my Lady!“— und blickt in die Hoͤhe, und blickt wieder auf den Boden, und weiß nicht, wohin ſie blicken ſoll, und ſieht immer hübſcher aus. „Wie alt ſind Sie?“ „Neunzehn Jahre, my Lady.“ „Neunzehn,“ wiederholt my Lady gedankenvoll. „Laſſen Sie ſich doch ja nicht durch Schmeicheleien ver⸗ derben: ſeien Sie auf Ihrer Hut!“ „Ja, my Lady.“ My Lapy ſchlägt ſie mit denſelben zarten, behand⸗ ſchuhten Fingern ſanft auf die mit einem Grübchen ver⸗ ſehene Wange, und bewegt ſich nach dem Fuße der eichenen Treppe hin, wo Sir Leiceſter, als ihre ritterliche Be⸗ deckung, ihrer wartet. Ein ſtarr blickender, alter Dedlock, der an der Wand hängt, in Lebensgröße und ſo geiſtlos, wie wenn er wirk⸗ lich am Leben wäre, ſieht darein, wie wenn er nicht wüßte, was er von der Sache halten ſollte,— was wahrſcheinlich in den Tagen der Koͤnigin Eliſabeth ſein habitueller geiſtiger Zuſtand war. Dieſen ganzen Abend kann, in dem Zimmer der Haushälterin, Roſa nichts Anderes thun, als Lady Dedlock's Lob murmeln. Sie iſt ſo geſprächig, ſo graziös, ſo ſchön, ſo elegant; hat eine ſo ſanfte Stimme und eine ſo lekeriſche Berührung, daß Roſa es jetzt noch fühlen ann. Mrs. Rouncewell beſtätigt All' dieſes nicht ohne ein gewiſſes Maß perſoͤnlichen Stolzes, wobei ſie nur den einzigen Punkt der Geſprächigkeit reſervirt. Was dieſen Punkt betrifft, ſo iſt Mrs. Rouncewell nicht ſo ganz ge⸗ wiß, daß Roſa Recht hat. Der Himmel verhüte es, daß ſte auch nur eine Sylbe ſagen ſollte, wodurch irgend einem Gliede der trefflichen Familie zu nahe getreten Bleak Houſe. II. 3 würde; vor Allem aber moͤchte ſie Nichts gegen my Lady ſagen, welche ja von der ganzen Welt bewundert wird; wenn aber my Lady nur„ein Bischen freier,“ nicht ganz ſo kalt und vornehm wäre, ſo würde ſie,— das läßt ſich Mrs. Rouncewell nun einmal nicht nehmen, geſprä⸗ chiger ſein. „Es iſt faſt Schade,“ ſetzt Mrs. Rouncewell hinzu, — wohlgemerkt, nur„faſt Schade“, weil es faſt an Impletät grenzt, annehmen zu wollen, daß in den An⸗ gelegenheiten der Dedlocks irgend Etwas beſſer ſein konnte, als es gerade iſt;— daß my Lady kinderlos iſt. Hätte ſie nur eine Tochter, eine erwachſene junge Lady gehabt, die ihr einiges Intereſſe hätte abgewinnen köͤnnen, ſo glaube ich, daß ſie die einzige Art von Trefflichkeit be⸗ kommen haben würde, die ihr dermalen noch abgeht.“ „Hätte das ſie nicht noch mehr ſtolz machen können, Großmutter?“ ſpricht Watt, der zu Hauſe geweſen und wieder gekommen iſt: ein ſo trefflicher Enkel iſt er. „Mehr und am Meiſten, mein Lieber,“ entgegnet die Haushälterin würdevoll,„das ſind die Worte, die zu gebrauchen mir nicht anſteht,— ja, die ich nicht einmal hören darf, wenn ſie eine Verkleinerung von my Lady bezwecken ſollen.“ „Ich bitte Sie um Verzethung, Großmutter; aber ſagen Sie mir doch, iſt my Lady nicht ſtolz?“ „Wenn ſie ſtolz iſt, ſo hat ſie Urſache, es zu ſein. Die Dedlock'ſche Familie hat ſtets Urſache, ſtolz zu ein.“ ſ„Wohlan!“ ſpricht Watt,„hoffentlich werden ſie aus ihren Gebetbüchern eine für das gemeine Volk ge⸗ münzte Stelle ausmerzen, worin von Stolz und Eitelkeit die Rede iſt. Verzeihen Sie mir, liebe Großmutter! Bloß Spaß!“. „Mein Lieber, Sir Leiceſter und Lady Dedlock ſind keine paſſenden Gegenſtände zum Spaſſe.“ 8 „Sir Leieeſter iſt keineswegs ein Mann, mit dem 35 man ſeinen Spaß treiben dürfte,“ ſpricht Watt;„und ich bitte ihn unterthänigſt um Verzeihung. Vermuthlich wird man Nichts dagegen haben, daß ich, ſelbſt wenn die Familie und ihre Gäſte hier ſind, meinen Aufenthalt in dem Gaſthauſe„zum Dedlock'ſchen Wappen“ um ein Paar Tage verlängere, wie dieß jeder andere Reiſende thun könnte?“ „Ei, gewiß ſteht einem längeren Aufenthalte von Deiner Seite lediglich Nichts im Wege, mein Kind.“ „Das freut mich,“ ſpricht Watt,„weil ich— weil ich ein unausſprechliches Verlangen habe, dieſe wunder⸗ ſchöne Gegend näher kennen zu lernen.“ Er blickt zufällig Roſa an, die auf den Boden ſieht und in der That außerſt ſchüchtern iſt. Aber, einem alten Aberglauben zufolge, ſollten Roſa's Ohren bren⸗ nen und nicht ihre friſchen, glänzenden Wangen; denn my Lady's Kammerfrau iſt gerade in dieſem Augenblick mit außerordentlicher Energie mit ihr beſchäftigt. My Lady's Kammerfrau iſt eine Franzoͤſin von zweiunddreißig, aus dem Süden, in der Gegend von Avignon und Marſeille, gebürtig,— eine großäugige Brünette mit ſchwarzen Haaren, die hübſch waͤre, beſäße ſie nicht einen gewiſſen katzenartigen Mund und eine alle gemeine, nicht den beſten Eindruck machende, Straffhe⸗ des Geſichtes, welche die Wirkung hat, daß die Kinn⸗ backen zu ſcharf hervortreten, und daß auch der Schäde eine allzu hervorragende Stellung einnimmt. Es liege in ihrem Aeußern etwas Scharfes und Blaſſes, was jedem Verſuche einer näheren Beſtimmung entgeht; auch hat ſie eine wachſame Art, aus ihren Augenwinkeln herauszuſchauen, ohne den Kopf umzudrehen, ohne die man gar wohl ſein könnte,— insbeſondere dann, wenn ſie bei übler Laune und in der Nähe von Meſſern iſt. Durch all den guten Geſchmack ihres Anzugs und ihrer ſonſtigen kleinen Schmuckſachen hindurch drücken dieſe Einwürfe ſich dermaßen aus, daß ſie wie eine recht nette, 36 aber unvollkommen gezähmte Woͤlfin herumzugehen ſcheint. Nicht nur iſt ſie in all der Wiſſenſchaft wohl bewandert, die ihr Poſten erfordert, ſondern ſie iſt auch faſt eine Engländerin in Betreff ihrer Sprachkenntniß. Es ge⸗ bricht ihr daher auch gar nicht an Worten, um ſich über Roſa auszulaſſen, weil ſie my Lady's Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen. Auch ſchüttet ſie, während ſie bei ihrem Eſſen ſitzt, dieſe Worte mit ſo grimmigem Hohne aus, daß ihr Geſellſchafter, der Kammerdiener, ſich nicht wenig erleichtert fühlt, als ſie bei dem Stadium jener Verrichtung ankommt, wo der Löffel nöthig iſt. Ha! ha! hal Sie, Hortenſe, ſeit fünf Jahren in my Lady's Dienſten geweſen, und immer fern gehalten worden,— und dieſe Puppe von my Lady geliebkost,— ja wirklich geliebkost, in dem Augenblicke, wo ſie den Fuß in's Haus ſetzt! Ha! ha! ha!„uUnd wiſſen Sie auch, mein Kind, wie hübſch Sie ſind?“—„Nein, my Lady!“ — Darin haſt Du Recht!—„und wie alt ſind Sie, mein Kind?“—„und laſſen Sie ſich ja nicht durch Schmeicheleien verderben, mein Kind: ſeien Sie auf Ihrer Hut!“— O, wie drollig! Das iſt wahrlich köſtlich,— das iſt gewiß das Beſte. Kurz und gut, es iſt ein ſo bewundernswürdiges Ding um Roſa, daß ſie Mademoiſelle Hortenſe gar nicht mehr aus dem Sinne kommt; aber noch manche Tage darauf verſinkt ſie, beim Eſſen, ſelbſt in der Geſellſchaft ihrer Landsmänninnen und Anderer, die in gleicher Eigen⸗ ſchaft an den Haufen der Beſuchenden gebunden ſind, in eine ſtille Freude über den Spaß,— eine Freude, die ſich in ihrer eigenthümlich luſtigen Weiſe, durch eine weitere Straffheit des Geſichtes, eine dünne Verlängerung zuſammen⸗ gepreßter Lippen und einen Seitenblick ausdrückt: welche intenſive Würdigung ihrer Gemüthsſtimmung ſich häufig in my Lady's Spiegeln reflectirt, wenn my Lady nicht in der Nähe derſelben iſt. 3 Säͤmmtliche Spiegel des Hauſes müſſen nun active heint. ndert, eine ge⸗ über mkeit bei 37 Dienſte leiſten: viele, nachdem ſie lange müſſig geweſen ſind. Sie reflectiren hübſche Geſichter, geziert lächelnde Geſichter, jugendliche Geſichter, ſtebenzig Jahre alte Geſich⸗ ter, die dennoch nicht alt ſein wollen; die ganze Collection von Geſichtern, die hergekommen ſind, um ein Paar Januar⸗ wochen zu Chesney⸗Wold zuzubringen, und welche von der faſhlonablen Fama, einer gewaltigen Jägerin vor dem Herrn, ſcharf verfolgt werden,— von dem Hofe vor. Saint⸗James an, wo ſie zum erſten Male auskommen, bis an den Tag, wo ſie dem Tode in die Hände fallen. Der Landſitz in Lincolnſhire iſt lauter Leben. Bei Tage hört man Stimmen und Büchſengeknall in den Ge⸗ hölzen; Reiter und Wagen verleihen den Parkwegen ein neues Leben; Domeſtiken und Schmarotzer treiben ſich im Dorfe und im Gaſthauſe„zum Dedlock'ſchen Wappen“ herum. Bei Nacht von entfernten Oeffnungen zwiſchen den Bäumen geſehen, erſcheint die Fenſterreihe in dem langen Salon, wo my Lady's Portrait über dem großen Kaminſimſe häͤngt, wie eine Reihe von Juwelen in ſchwarzem ahmen. Sonntags wird das kalte Kirchlein von einer ſo großen faſhionablen Geſellſchaft beinahe erwärmt, und dann wird auch der gewöhnliche Geruch des Dedlock'ſchen Der glänzende und ausgezeichnete Kreis begreift in ſich keine kleine Maſſe von Erziehung, Verſtand, Muth, hre, Schönheit, und Tugend. Und doch iſt, trotz dieſer ungeheuren Vorzüge, Etwas da, was ein Bischen ſchief iſt. as mag das wohl ſein? Dandyism? Aber es iſt jetzt kein König Georg der Vierte da(— um ſo kläglicher!—), um die Dandy⸗ faſhion zu regeln; es gibt jetzt keine hellgeſtärkten roll⸗ guehlenartige Halstücher, keine Roͤcke mit kurzen Taillen, keine falſchen Waden, keine Schnürleiber mehr. Es gibt jetzt keine Karrikaturen von alſo gekleideten, weibiſchen Erquiſites mehr, die in Opernlogen aus Uebermaß an onne in Ohnmacht hinſinken, und von andern zierlichen Creaturen, die ihnen langhalſige Riechflaſchen an der Naſe herumreiben, wieder ins Leben gerufen werden. Es gibt keinen Beau mehr, der vier Bediente braucht, um ſich in ſeine Buckskins hineinſchütteln zu laſſen, oder der zu allen Hinrichtungen geht, oder der ſich vorwerfen muß, ein Mal eine Erbſe gegeſſen zu haben. Aber iſt trotz deſſen in dem glänzenden und ausgezeichneten Kreiſe ein Dandyism von einer ſchädlicheren Gattung,— ein Dandyism, der unter der Oberfläche ſpukt, und Dinge thut, die weniger harm⸗ los ſind, als Rollquehlen ſich um den Hals zu ſchlingen, und die Verdauung zu hemmen, gegen welches Letztere doch gewiß keine vernünftige Perſon Etwas einzuwenden haben dürfte? Ei freilich, ein ſolcher Dandyism hat ſich eingefunden. Es kann dieß nicht verhehlt werden. Es befinden ſich in dieſer Januarwoche zu Chesney⸗Wold einige Damen und Her⸗ ren von der neueſten Mode, die zum Beiſpiel einen Dandyism — in der Religion mitgebracht haben. Damen nnd Her⸗ ren, die, aus einem gemüthlichen Bedürfniß von Emotion, ſich in einem gewiſſen Dandy⸗Geplauder geeinigt haben, das ſich darüber verbreitet, daß das gemeine Volk ſo gar Nichts mehr glauben wolle; unter welchem Nichts Dinge verſtanden werden, die man probirt und als wirklich man⸗ gelhaft erfunden hat, wie wenn ein armer Kerl aus dem Poͤbel unwiderruflich den Glauben an einen ſchlechten Shilling verlieren ſollte, nachdem er gefunden, daß derſelbe falſch iſt! Die das gemeine Volk recht pittoresk und gläubig machen möchten dadurch, daß ſie die Zeiger an der Zeitenuhr zurückſtellten und ein Paar hundert Jahre aus der Geſchichte ausſtrichen! Es ſind auch Damen und Herren da, die einer andern Mode huldigen, die zwar nicht ſo ganz funkelnagelneu, aber dennoch hoͤchſt elegant iſt: dieſe Herren und Damen haben ſich das Wort gegeben, die ganze Welt hinter einer glatten Glasſcheibe anzuſehen, und alle Wirklichkeiten der⸗ ſelben niederzuhalten. Für welche Alles ſchmachtend und taſe gibt h in allen Mal dem von unter rm⸗ gen, ztere nden nden. h in Her⸗ yism Her⸗ tion, aben, gar Hinge nan⸗ dem chten rſelbe und er an Jahre ndern lneu, amen elner n der⸗ d und 39 hübſch ſein muß. Welche die ewige Ruhe erfunden haben. Die ſich über Nichts freuen und über Nichts betrübt ſind. Die ſich über Ideen kein graues Haar wachſen laſſen, bei denen ſelbſt die ſchönen Künſte bepudert erſcheinen und, wie der Lord Kammerherr, rückwärts gehen, ſich nach den Moden der Schneider und Putzmacherinnen aus vergan⸗ genen Zeiten kleiden, und ſich insbeſondere davor hüten müſſen, ihre Miſſion ernſt zu nehmen, oder von der ſich fortbewegenden Zeit irgend einen Eindruck in ſich aufzu⸗ nehmen. Dann kommt my Lord Boodle, der bei ſeiner Partek in bedeutendem Anſehen ſteht,— der aus Erfahrung weiß, was es um ein hohes Staatsamt iſt, und der, nach dem Diner, zu Sir Leiceſter Dedlock mit vieler Gravität ſpricht, daß er wahrhaftig nicht ſehen koͤnne, was die Tendenz der jetzigen Zeit ſei. Eine Debatte iſt nicht mehr das, was eine Debatte zu ſein pflegte; das Haus iſt nicht mehr das, was das Haus zu ſein pflegte; ſelbſt ein Cabinet iſt nicht mehr das, was es ſonſt war. Er bemerkt zu ſeinem großen Erſtaunen, daß, vorausgeſetzt, die Regierung würde ge⸗ ſtürzt, die beſchränkte Wahl der Krone, bei der Bildung eines neuen Miniſteriums, ſich zwiſchen Lord Coodle und Sir Thomas Doodle zu bewegen haben würde,— voraus⸗ geſetzt, daß es dem Herzog von Foodle unmöglich wäre, mit Goodle Hand in Hand zu gehen, was wohl anzuneh⸗ men ſein dürfte in Folge des Bruches, der aus der Affaire mit Hoodle entſtanden. Gibt man daher das Miniſterium des Innern, ſowie die Führerſchaft des Hauſes der Ge⸗ meinen dem Joodle, die Schatzkammer dem Koodle, die Colonien dem Loodle, und das Miniſterium des Auswär⸗ tigen dem Moodle, was fängt man dann mit dem Noodle an? Man kann ihm doch nicht das Präſidium des Mi⸗ niſterraths antragen, denn dieſes iſt für Poodle reſervirt. Auch kann man ihn nicht in den„Wäldern und Forſten“ unterbringen, denn dieſes Amt iſt kaum für Quoodle gut genug. Was folgt daraus? Daß das Land ſchiffbrüchig, 40 verloren, total ruinirt iſt(— wie dem Patriotismus Sir Leiceſter Dedlock's deutlich gemacht worden—), weil man für Noodle keinen Platz ausfindig machen kann. Anderer Seits behauptet der ſehr ehrenwerthe William Buffy, M. P., über den Tiſch hin, gegenüber von einem andern, daß der Schiffbruch des Landes— über den kein Zweifel herrſchen kann, nur die Art dieſes Schiffbruches ſteht in Frage— Cuffy beigemeſſen werden muß. Hätte man gegenüber von Cuffy das Verfahren eingehalten, das hätte eingehalten werden ſollen, als er in's Parlament trat, und hätte man ihn verhindert, zu Duffy überzugehen, — ſo hätte man ihn zu einer Allianz mit Fuffy bewogenz — ſo hätte man den geſchickten Parlamentskämpfer Guffy mit ſeinem Gewichte gewonnen; ſo hätte man den Reichthum Huffy's veranlaßt, bei den Wahlen ein Woͤrtchen mitzuſprechen!— ſo hätte man für die Graf⸗ ſchaften Juffy, Kuffy und Luffy in's Parlament gebracht; — und ſo hätte man die Regierung durch die adminiſtra⸗ tiven Kenntniſſe und die Geſchäftsgewohnheiten Muffy's verſtärkt. Und alles dieſes hätte man ſo leicht erreichen können, während man jetzt von der bloßen Caprice Puffy's abhängt! Was dieſen und einige kleinere Punkte anbetrifft, ſo beſtehen gewiſſe Meinungsunterſchiede; allein es iſt für den brillanten und ausgezeichneten Kreis vollkommen klar, daß es ſich von Niemand anders handelt, als von Boodle und deſſen Anhang, und von Puffy mit ſeinem Anhange. Dieß ſind die großen Schauſpieler, für welche die Bühne aus⸗ ſchließlich vorhanden iſt. Zwar gibt es auch ſo ein Ding, das man Volk nennt:— eine gewiſſe große Maſſe von Ueberzähligen, an die man ſich gelegentlich wendet,— an die man Adreſſen richtet,— auf die man ſich, wie auf dem wirklichen Theater, verläßt, wenn es ſich um Beifallsgeſchret, Jubel, und dergleichen handelt; allein Boodle und Puffy ſind mit ihren Anhängern und Familien, ihren Erben, Teſtamentsvollſtreckern, Adminiſtratoren, —— j —————————,— —— n—+o ñ—,—— O₰e,, ☛ 41 Bevollmächtigten und Ceſſionarien, die geborenen erſten Schauſpieler, Directoren und Führer, und Niemand anders darf je auf der Bühne auftreten. Auch hierin iſt zu Chesney⸗Wold vielleicht mehr Dandyism, als dem brillanten und ausgezeichneten Kreiſe in die Länge behagen dürfte. Denn es verhält ſich ſelbſt mit den ſtillſten und feinſten Kreiſen, wie mit dem Kreiſe, den der Nekromant um ſich her zieht:— höchſt ſeltſame Erſcheinungen können außerhalb deſſelben in geſchäftiger Bewegung geſehen werden. Nur waltet im erſteren Falle der Unterſchied ob, daß da die Erſcheinungen Realitäten und keine Phantome ſind, man um ſo mehr der Gefahr ausgeſetzt iſt, dieſelben in den Kreis einbrechen zu ſehen. Dem ſei nun aber, wie ihm wolle,— ſo viel koͤnnen wir den Leſer verſichern, daß Chesney⸗Wold voller Gäſte iſt;— und zwar iſt es ſo voll, daß ein brennendes Gefühl von Unrecht in der Bruſt ſchlecht logirter Kam⸗ merfrauen entſteht, und ſich nicht vertilgen läßt. Nur ein Zimmer iſt leer. Es iſt ein Zimmer im Thürmchen, und iſt daſſelbe wohl nicht mehr als dritten Ranges. Schlicht, aber bequem möblirt, hat es ein altmodiſches, ge⸗ ſchäftliches Ausſehen. Dieſes Zimmer iſt das Mr. Tulkinghorn's; nie wird Jemand anders dort einlogirt, denn Mr. Tulkinghorn darf zu jeder Zeit kommen. Indeſſen iſt er für jetzt noch nicht da. Es iſt ſo ſeine ruhige Gewohnheit, bei ſchönem Wetter, von dem Dorfe her, über den Park zu ſpazieren; unver⸗ ſehens in dieſes Zimmer zu treten, wie wenn er, ſeit ſeinem letzten Beſuche, daſſelbe nie verlaſſen hätte; einen Domeſtiken zu bitten, Sir Leiceſter von ſeiner Ankunft zu benachrichtigen, für den Fall, daß man ſeiner bedürfe; und zehn Minuten vor dem Diner im Schatten der Thüre des Bibliothekzimmers zu erſcheinen. Er ſchläft in ſeinem Thürmchen, und über ſeinem Haupte befindet ſich ein kla⸗ gender Flaggenſtock; auch hat er einige beſondere Gänge, und es iſt nicht ſelten, an einem ſchönen Morgen, wenn 4² er hier iſt, ſeine ſchwarze Geſtalt, wie eine groͤßere Art von Krähe, vor dem Frühſtücke ſich in denſelben auf und ab bewegen zu ſehen. Es vergeht kein Tag, daß my Lady nicht, vor dem Diner, ihn in dem erwähnten Schatten der Thüre des Bibliothekzimmers erſpähen zu können glaubt; allein immer wird ihre Erwartung getäuſcht. Jeden Tag blickt my Lady, beim Diner, die Tafel hinab, nach dem leeren Platze, der ſeiner warten würde, wenn er gerade angekommen wäre; allein es zeigt ſich kein ſolcher leerer Platz. Jede Nacht fragt my Lady gelegentlich ihre Kam⸗ merfrau: „Iſt Mr. Tulkinghorn gekommen?“ Und jede Nacht lautet die Antwort: „Nein, my Lady, noch nicht.“ Eines Abends verliert ſich, nach dieſer Antwort, my Lady, deren Haar aufgelöst iſt, in tiefe Gedanken, bis ſie ihr eigenes brütendes Geſicht in dem gegenüberſtehenden Spiegel, ſo wie ein Paar ſchwarze Augen ſieht, die ſie neugierig beobachtete. „Seien Sie doch ſo gut, und liegen Sie Ihren Ge⸗ ſchäften ob,“ ſpricht my Lady alsdann, die Gedanken Hor⸗ tenſen's unterbrechend.„Sie koͤnnen ja Ihre Schönheit ein anderes Mal betrachtete.“ „Ich bitte um Verzeihung! Es war die Schönheit Eurer Ladyſhip, die ich betrachte.“ „Die brauchen Sie gar nicht zu betrachten,“ ſpricht my Lady. Endlich zeigt ſich Mr. Tulkinghorn eines Nachmittags, ein wenig vor Sonnenuntergang,— in einem Augenblicke, wo die glänzende Gruppe von Geſtalten, welche ſeit ein Paar Stunden den Geiſterweg belebt haben, ſämmtlich zer⸗ ſtreut, und nur Sir Lelceſter und my Lady allein auf der Terraſſe geblieben ſind. Der Rechtsgelehrte kommt mit ſeinem gewoͤhnlichen, methodiſchen Schritte, der nie ſchneller, nie langſamer 4 aSUFSU=ESSE gBE 7³ SEEE gSoE 43 wird, auf ſie zu. Er trägt ſeine gewöhnliche, ausdrucks⸗ loſe Maske,— wenn es üͤberhaupt eine Maske iſt,— und trägt in jedem Gliede ſeines Körpers, und in jeder Falte ſeines Anzuges Familiengeheimniſſe. Ob ſeine ganze Seele den Großen dieſer Welt gehört, oder ob er ihnen nichts Weiteres gewährt, als dle Dienſte, die er verkauft, das iſt ſein perſönliches Geheimniß. Er bewahrt daſſelbe, wie er die Geheimniſſe ſeiner Clienten bewahrt; er iſt in dieſem Stücke ſein eigener Client, und wird ſich nie ver⸗ rathen. „Wie geht es, wie geht es, Mr. Tulkinghorn?“ ſagt Sir Leiceſter, ihm die Hand reichend. Mr. Tulkinghorn befindet ſich ganz wohl. Sir Leiceſter befindet ſich ganz wohl. My Lady befindet ſich ganz wohl. Alles befindet ſich in durchaus befriedigendem Zuſtande. Der Rechtsgelehrte geht, mit auf dem Rücken liegenden Händen, neben Sir Leieeſter die Terraſſe entlang. My Lady geht auf der andern Seite. „Wir haben Sie ſchon früher erwartet,“ ſpricht Sir Leiceſter. Eine huldvolle Bemerkung. Es iſt, wie wenn Sir Leiceſter geſagt hätte:„Mr. Tulkinghorn, wir erinnern uns Ihres Daſeins, wenn Sie nicht hier ſind, um uns durch Ihre Gegenwart daran zu erinnern. Wir widmen Ihnen, wie Sie ſehen, Sir, einen Theil unſerer Aufmerkſamkeit!“ Mr. Tulkinghorn verſteht das, verneigt ſich, und ſagt, er ſei Sir Leiceſter für dieſe huldvolle Bemerkung unendlich verbunden. „Ich wäre ſchon früher gekommen,“ erklärt er, „wäre ich nicht durch die unterſchiedlichen Prozeſſe, die dermalen zwiſchen Ihnen und Boythorn obſchweben, gar ſehr beſchäftigt geweſen.“ „Es iſt dieſer Boythorn ein Mann von überaus ſchlecht geregelter Geſinnung,“ bemerkte Sir Leieeſter ſtrenge.„Eine uͤberaus gefährliche Perſon in irgend einem ——.———* 44 Staat. Ein Mann von ſehr niedrigem Charakter,— von ſehr niedrigem Geiſte.“ „Er iſt eigenſinnig,“ ſpricht Mr. Tulkinghorn. „Bei ſo einem Menſchen darf dieß Einen nicht ver⸗ wundern,“ ſagt Sir Leiceſter, ſelbſt ſo eigenſinnig, wie nur moͤglich, hiebei ausſehend.„Ich bin ganz und gar nicht erſtaunt, das zu hören.“ „Die einzige Frage iſt,“ fährt der Rechtsgelehrte fort,„ob Sie in irgend einem Stücke nachgeben wollen.“ „Nein, Sir,“ erwiedert Sir Leiceſter.„Ich ſoll in irgend einem Stücke nachgeben? Daraus wird Nichts, Mr. Tulkinghorn.“ „Ich will natürlich nicht ſagen, daß Sie in wichtigen Punkten nachgeben ſollten. Daß Sie Letzteres nie thun würden, iſt mir wohl bewußt. Ich meine nur unterge⸗ ordnete Punkte.“ .„Mr. Tulkinghorn,“ entgegnete Sir Leiceſter,„es kann zwiſchen mir und Mr. Boythorn keine Punkte von untergeordneter Bedeutung geben. Wenn ich noch weiter, gehe, und bemerke, daß ich nicht recht einzuſehen vermags wie irgend ein mir zuſtehendes Recht ein Punkt von un⸗ tergeordneter Bedeutung ſein kann, ſo ſpreche ich nicht ſowohl in Beziehung auf mich, als ein Individuum, als in Beziehung auf die Familienſtellung, die ich aufrecht zu erhalten habe.“ Mr. Tulkinghorn verbeugte ſich abermals.„Ich habe nun meine Verhaltungsbefehle,“ ſpricht er.„Indeſſen wird Mr. Boythorn uns viel zu ſchaffen machen—“„Von Leuten ſeines Schlages darf man nichts Anderes erwarten, als daß ſie Einem Sorge und Mühe verurſachen, Mr. Tulkinghorn,“ unterbricht ihn Sir Leiceſter.„Ein über⸗ aus fataler und übel erzogener Menſch, der zu der Fahne der Gleichmacher ſchwört. Ein Menſch, der, vor fünfzig Jahren, höchſt wahrſcheinlich wegen Demagogie als An⸗ geklagter in Old⸗Bailey erſchienen, und ſtreng beſtraft worden wäre,— wenn man ihn nicht,“ ſetzt Sir Leiceſter nach einer kleinen Pauſe hinzu,„gehängt, gerädert, ge⸗ pfählt, und geviertheilt hätte.“ Sir Leiceſter ſcheint, indem er dieſes Todesurtheil ausſpricht, ſeine ſtattliche Bruſt einer großen Bürde zu entladen;— und faſt kommt es ſo heraus, als ob das von ihm geſprochene Todesurtheil ihm mehr Freude machte, als alles Andere, die Vollziehung des Urtheils natürlich abgerechnet. „Aber,“ ſpricht er, nes wird allmählig Nacht, und my Lady kann ſich erkälten. Meine Liebe, wir wollen hinein gehen.“ Während ſie ſich nach der großen Eingangsthüre zu umwenden, redet Lady Dedlock Mr. Tulkinghorn zum erſten Male an. „Sie haben mir eine Botſchaft zukommen laſſen in Betreff der Perſon, über deren Handſchrift ich Sie ein Mal Etwas gefragt habe,— ich weiß nicht mehr, was. Es ſah Ihnen gleich, daß ſie ſich des Umſtandes noch erin⸗ nerten; was mich ſelbſt betrifft, ſo hatte ich die Sache ſchon ganz vergeſſen. Ihre Botſchaft aber hat mich wieder daran erinnert. Ich kann mir nicht denken, wie es kam, daß ich mich für eine ſolche Handſchrift intereffirte; allein gewiß waltete da bei mir irgend ein Intereſſe ob.“ „Es waltete bei Ihnen ein Intereſſe ob?“ wiederholte Mr. Tulkinghorn. „O ja!“ erwiedert my Lady nachläſſig.„Ich denke, es muß ſo Etwas geweſen ſein. Und haben Sie ſich wirklich ſo viel Mühe gegeben, den Schrelber jenes Din⸗ ges,— was war es nur gleich?— ah, jener eidlichen Ausſage, ausſindig zu machen?“ „Ja.“ „Ci, wie ſeltſam!“ e traten in ein düſteres Frühſtückzimmer zu ebener Erde, das bei Tage durch zwei tiefe Fenſter erhellt wird. Es iſt nun Dämmerung. Das Feuer wirft ſeinen hellen Schein auf die getäfelte Wand, und einen blaſſen Schein auf das Fenſterglas, wo, durch den kalten Refler des Feuers hindurch, die kältere Landſchaft im Winde ſchauert, und ein grauer Nebel entlang ſchleicht,— der einzige Reiſende außer der Wolkenwüſte. My Lady liegt behaglich in einem Armſeſſel an der Kaminecke, und Sir Leiceſter nimmt einen andern gegen⸗ überſtehenden Armſeſſel ein. Der Rechtsgelehrte ſteht vor dem Feuer, mit ausge⸗ ſtrecktem Arme, ſo daß ſein Geſicht durch ſeine Hand beſchattet wird. Ueber ſeinen Arm hin blickt er nach my Lady, „Ja,“ ſagt er,„ich habe mich nach dem Manne er⸗ kundigt, und ihn ausfindig gemacht. Und,— was ſehr ſeltſam iſt— ich fand ihn—“ „Sie fanden an ihm nichts Abſonderliches, wie ich fürchte!“ anticipirt Lady Dedlock ſchmachtend. „Ich fand ihn todt.“ „Ach, du gütiger Himmel!“ wandte Sir Leiceſter ein, nicht ſo ſehr durch das Factum unangenehm berührt, als durch das Factum, daß das Factum erwähnt worden. „Man wies mich in ſeine Wohnung hinauf,— ein elendes, ärmliches Loch,— und ich fand ihn todt.“ „Sie werden mich entſchuldigen, Mr. Tulkinghorn,“ bemerkt Sir Leiceſter.„Ich glaube, je weniger geſagt wird—“ „Bitte, Sir Leiceſter, laß mich doch die Geſchichte ganz hoͤren;“(— es iſt my Lady, welche ſpricht—)„es iſt ja eine Geſchichte, die für die Dämmerung ſo ganz gemacht iſt. Ei, ei, wie abſcheulich! Todt?“ Mr. Tulkinghorn ſagt es abermals durch eine andere Kopfverbeugung.„Ob aber durch eigene Hand— 1 Te meiner Ehre!“ ruft Sir Leieeſter.„Wirk⸗ ch 74 „So laß mich doch die Geſchichte hören!“ ſagt my Lady. 47 „Jeder Wunſch von Deiner Seite iſt für mich ein Gebot, meine Liebe. Aber ich muß ſagen—“ „Nein, Du mußt Nichts ſagen: fahren Sie fort, „Ich wollte ſagen,“ hebt der Rechtsgelehrte mit ungeſtoͤrter Ruhe wieder an,„daß ich Ihnen nicht zu ſagen vermöge, ob er durch eigene oder durch fremde Hand umgekommen. Indeſſen moͤchte ich doch dieſe Worte dahin berichtigen, daß er, nach meiner Meinung, unzweifel⸗ „Und was für eine Art von einem Menſchen war dieſes bedauernswürdige Geſchoͤpf?“ fragt my Lady. „Das iſt ſchwer zu ſagen,“ erwiedert der Rechtsge⸗ lehrte kopfſchüttelnd.„Er hatte ein ſo elendes Leben geführt, und ſah mit ſeiner Zigeunerfarbe, und ſeinem wilden ſchwarzen Haare und Barte ſo vernachläſſigt aus, daß ich ihn für den Gemeinſten unter den Gemeinen ge⸗ halten haben würde. Zwar hatte der Arzt ſo eine Idee, daß er einmal etwas Beſſeres geweſen ſein müſſe,— ſowohl den weltlichen Umſtänden, als dem Ausſehen nach.“ „Wie nannte man das elende Weſen?“ „Man nannte ihn, wie er ſich ſelbſt nannte; aber Niemand wußte ſeinen Namen.“ „Und er war auch nicht von einer einzigen Seele gepflegt worden?“ „Keine Seele hatte ſich ſeiner angenommen. Man ſand ihn todt. Und ſoll ich die Wahrheit geſtehen, ſo war ich es eigentlich, der ihn todt fand.“ „Und man hat Nichts vorgefunden, das über ſeine räthſelhafte Eriſtenz hätte näheren Aufſchluß geben können?“ „Nichts, Nichts. Zwar war,“ ſpricht der Rechtsge⸗ lehrte bedächtig,„ein alter Koffer da; aber— nein, es waren keine Papiere darin.“ Bei jedem Worte dieſes kurzen Dialogs haben Lady Dedlock und Mr. Tulkinghorn einander feſt angeſchaut, ohne daß ſich in ihrer gewohnten Haltung etwas Anderes verändert hätte. Auch war, da ein ſo ungewoͤhnlicher Gegenſtand beſprochen wurde, es vielleicht natürlich, daß ſie einander ſo anſchauten. Was Sir Leiceſter betrifft, ſo hat er das Feuer an⸗ geſchaut, wobel er ſo ziemlich ausſieht, wie der Dedlock auf der Treppe. Nachdem die Geſchichte erzählt iſt, er⸗ neuert er ſeine ſtolze Proteſtation und ſagt, daß er hoffe, über einen Gegenſtand Nichts mehr zu hören, der my Lady's Stellung ſo fern liege, und das um ſo mehr, als es klar am Tage liege, daß zwiſchen my Lady und dieſem armen Geſchöpfe lediglich kein geiſtiges Band beſtehen könne, es wäre denn, daß der Unglückliche ein Bettel⸗ briefſchreiber geweſen. „Fürwahr eine Maſſe von Gräßlichkeiten,“ ſpricht my Lady, ihre Mäntel und ihr Pelzwerk zuſammenneh⸗ mend;„aber dennoch intereſſiren ſie Einen für den Augen⸗ blick! Haben Sie die Güte, Mr. Tulkinghorn, mir die Thüre zu öffnen.“ Mr. Tulkinghorn thut in aller Ergebenheit, wie er gebeten worden, und hält die Thüre offen, während my Lady hinausgeht. Sie geht hart an ihm vorbei, mit ihrem gewohnten, inſolenten Anmuth. Sie ſehen einander wieder beim Diner,— wieder an dem darauf folgenden Tage,— wieder viele Tage hinter einander. Lady Dedlock iſt ſtets dieſelbe erſchöpfte Gottheit,— umgeben von Verehrern und entſetzlich der Gefahr ausgeſetzt, ſich zu Tode zu langweilen, ſelbſt matten Weſen und ihrer gewohnten, geben htsge⸗ ein, es Lady ſchaut, nderes alicher „daß er an⸗ dedlock ſt, er⸗ hoffe, r my , als dieſem ſtehen eettel⸗ oricht nneh⸗ igen⸗ r die 49 während ſie auf ihrem eigenen Altare thront. Mr. Tul⸗ kinghorn iſt ſtets daſſelbe ſprachloſe Repoſitorium vor⸗ nehmer, vertraulicher Mittheilungen:— es iſt hier ſo gar nicht ſein Ort, und doch iſt er ſo ganz und gar zu Hauſe. Sie ſcheinen ſo wenig Notiz von einander zu nehmen, als es bei zwei innerhalb derſelben Mauern ein⸗ geſchloſſenen Perſonen nur irgend möglich ſcheinen möchte. Ob aber jeder Theil den andern ſtets beobachtet, und be⸗ argwohnt, und einer gewiſſen großen Zurückhaltung keinen Augenblick traut; ob jeder Theil ſtets und in allen Stücken gerüſtet iſt, ſo daß er nie von dem andern unverſehens uͤberfallen werden kann; was jeder Theil geben möchte, um zu wiſſen, wie viel der andere weiß:— Alles das iſt für jetzt noch in ihrer Bruſt verborgen. Dreizehntes Kapitel. Eſther's Erzählung. Wir rathſchlagten gar oft darüber, was Richard werden ſollte; anfänglich ohne Mr. Jarndyce, wie er verlangt hatte, und dann mit demſelben; allein es ſtand lange an, ehe wir in der Sache weiter zu kommen en. Nichard ſagte, er ſei bereit, irgend Etwas zu wer⸗ den. Drückte Mr. Jarndyce einen Zweifel aus, ob er nicht bereits zu alt ſein mochte, um auf einem Kriegs⸗ ſchiffe zu dienen, ſo antwortete Richard, daß er daran gedacht,— und vielleicht war er zu dieſem Berufe wirk⸗ Bleak Houſe. II. 4 50 lich zu alt. Fragte ihn Mr. Jarndyce, was er von der Armee halte, ſo ſagte Richard, auch daran habe er ge⸗ dacht und es ſei das keine üble Idee. Rieth ihm Mr. Jarndyce, bei ſich ſelbſt zu unterſuchen, ob ſeine alte Vorliebe für das Seeleben nur eine gewöhnliche knaben⸗ hafte Neigung oder ein wirklicher, unwiderſtehlicher Trieb wäre, ſo antwortete Richard, er habe es ſchon oft ver⸗ ſucht, dieſes herauszubringen, ſei aber damit nicht zu Stande gekommen. „Wie viel von dieſer Unentſchloſſenheit des Cha⸗ rakters,“ ſagte Mr. Jarndyce zu mir,„auf Rechnung jener unbegreiflichen Maſſe von Ungewißheit und Auf⸗ ſchub kommt, inmitten deren er von ſeiner Geburt an gelebt, will ich mir nicht anmaßen, zu ſagen; daß aber der Kanzleigerichtshof, neben ſeinen vielen andern Sün⸗ den, auch in dieſem Stücke nicht ganz ſchuldfrei iſt, kann ich deutlich ſehen. Es hat derſelbe in ihm eine gewiſſe Gewohnheit erzeugt oder befeſtigt,— die Gewohnheit nämlich, Alles aufzuſchieben,— ſich bald auf dieſen, bald auf jenen Zufall, ohne gerade zu wiſſen auf welchen, zu verlaſſen,— und Alles als unſtät, ungewiß und ver⸗ worren von ſich zu weiſen. Selbſt bei viel älteren und feſteren Leuten kann der Charakter durch die ſie umge⸗ benden Umſtände eine Aenderung erleiden. Es wäre zu viel, wollte man erwarten, daß der Charakter eines jungen Menſchen während der Zeit, wo er ſich gerade bildet, ſolchen Einflüſſen ausgeſetzt ſein ſollte, ohne von denſelben eine mehr oder minder ſtarke Färbung anzu⸗ nehmen.“ Ich fühlte, daß dieß vollkommen wahr ſei, obgleich ich, wenn ich es wagen darf, deſſen noch zu erwähnen, was ich außerdem dachte, meinte, es ſei ſehr zu be⸗ dauern, daß Richards Erziehung dieſen Einflüſſen nicht entgegengewirkt oder ſeinem Charakter eine beſſere Rich⸗ tung gegeben. Er war acht Jahre in einer öffentlichen Schule geweſen und hatte, wie ich vernahm, lateiniſche der ge⸗ Mr. alte ben⸗ rrieb ver⸗ t zu Cha⸗ nung Auf⸗ t an aber Sün⸗ kann wiſſe nheit jeſen, chen, ver⸗ und mge⸗ re zu eines erade 2 von anzu⸗ gleich hnen, u be⸗ nicht Rich⸗ lichen niſche 251 Verſe von verſchiedener Art aufs Bewundernswürdigſte machen lernen. Aber nie hörte ich, daß ſich Jemand ein Geſchäft daraus gemacht, ausſindig zu machen, was die Natur in ihn gelegt, wozu ſie ihn beſtimmt, oder worin er ſchwach war, oder irgend eine Art von Wiſſen ihm anzupaſſen. So war er den Verſen angepaßt worden; ſo hatte er die Kunſt, lateiniſche Verſe zu machen, bis zu ſolcher Vollkommenheit gelernt, daß, wenn er bis zur Zeit ſeiner Majorität in der Schule geblieben wäre, ich glaube, daß er nur hätte fortfahren können, dieſelben aber⸗ und abermals zu machen;— es ſei denn, daß er ſeine Erziehung dadurch erweitert hätte, daß er vergeſſen hätte, wie lateiniſche Verſe zu machen ſind. Obgleich ich alſo gar nicht zweifelte, daß dieſe lateiniſchen Verſe ausnehmend ſchön und bildend wären und zu gar vielen Lebenszwecken vollkommen ausreichten, und daß man die⸗ ſelben ſein Leben lang im Kopf behielte, ſo hatte ich doch auf der andern Seite ſo meine Zweifel, ob Richard nicht dabei gewonnen hätte, wenn Jemand ihn ein Bis⸗ chen ſtudirt hätte, anſtatt daß er dieſe Verſe ſo ganz aus dem Grunde ſtudirte. „Inndeſſen muß ich geſtehen, daß ich von der Sache Nichts verſtand, und ſogar bis auf den heutigen Tag weiß ich noch nicht, ob die jungen Herren des claſſiſchen Roms und Griechenlands auch ſo unendlich viele Verſe machten,— oder ob die jungen Herren irgend eines Landes es je thaten. „Ich habe in der That auch nicht die entfernteſte Idee, was ich lieber werden moͤchte,“ ſagte Richard nach⸗ denkend.„Nur ſo viel weiß ich gewiß, daß ich mit der Kirche Nichts zu ſchaffen haben mag; das Uebrige will ich ganz dem Zufall anheimſtellen.“ „Haben Sie keine Neigung, Juriſt zu werden, wie Mr. Kenge?“ meinte Mr. Jarndyce. „Das kann ich fürwahr nicht ſagen, Sir!“ erwie⸗ derte Richard.„Ich bin ein großer Freund vom Rudern. Eingeſchriebene Clerks*) ſind viel auf dem Waſſer. Es iſt das ein capitaler Beruf.“ „Chirurg—“ meinte Mr. Jarndyce. „Das iſt's, das iſt's, Sir!“ rief Richard. Ich zweifle, ob er früher je einmal daran gedacht. „Das iſt's, das iſt's, Sir!“ wiederholte Richard mit dem größten Enthuſtasmus.„Endlich haben wir es. M. R. C. S.“**.) Er ließ ſich nicht mehr von dem Gedanken abwen⸗ dig machen, ſo ſehr man auch darüber lachte, und ob⸗ gleich er in das Gelächter mit einſtimmte. Er ſagte, er habe nun einmal ſeinen Beruf gewählt, und je mehr er darüber nachdenke, um ſo mehr fühle er, daß er endlich ſeinen wahren Lebensbernf gefunden; die Heilkunſt ſei für ihn die Kunſt aller Künſte. Ich hatte ſo meine Zweifel, ob dieß denn wohl ſein wahrer Beruf ſein könne, da es ihm nie ſehr gelungen war, ſelbſt zu ſinden, wozu er paßte; und da man ihn nie darauf hingeleitet hatte, und weil er deßhalb immer für die neueſte Idee eingenommen und froh war, der Mühe des Nachdenkens überhoben zu ſein, fo fragte ich mich, ob die lateiniſchen Verſe wohl oft damit endeten, oder ob Richards Fall ein ganz vereinzelter wäre. Mr. Jarndyce gab ſich viele Mühe, ihm die Sache klar vorzuſtellen; er ſprach mit ihm ernſt, und warnte ihn, an ſeinen Verſtand appellirend, ſich in einem ſo wichtigen Punkt doch ja nicht zu täuſchen. Nach ſolchen Unterredungen war Richard immer ein Bischen ernſt; allein ſtets ſagte er zu Ada und zu mir,„daß Alles in Ordnung wäre,“ und ſing dann an, von etwas Anderem zu ſprechen. *) Schreiber. **) Member of the Royal College of Surgeons, egiums. Hatdentſch: Mitglied des königlichen Chirurgencol⸗ 53 „Beim Himmel!“ rief Mr. Boythorn, der ſich für die Sache ſehr intereſſirte,— obgleich ich das nicht erſt zu ſagen brauche, da er Nichts nur halb thun konnte; nes freut mich, einen lebhaften und muthigen jungen Herrn zu finden, der ſich dieſem edlen Berufe widmet! Je mehr Leben in dieſen Beruf kommt, um ſo beſſer iſt es für das Menſchengeſchlecht, und um ſo ſchlimmer iſt es für jene nur auf ſchnöden Gewinn ausgehenden Seelen und für jene niedrig gefinnten Gauner, die ihre Freude daran ſinden, die edle hochberühmte Kunſt vor den Au⸗ gen der Welt herabzuſetzen. Bei Allem, was gemein und verächtlich iſt!“ rief Mr. Boythorn,„die Behandlung der Chirurgen auf unſern⸗ Kriegsſchiffen iſt von der Art, daß ich die Beine,— beide Beine— jedes Mitglieds des Admiralitätskollegiums einen Doppelbruch erleiden laſſen und es jedem gehörig Qualifizirten als ein geradeswegs zur Deportation führendes Verbrechen bezeichnen würde, dieſe Beine wieder einzurichten, wenn binnen zwei Mal vierundzwanzig Stunden das ganze Syſtem nicht radikal verändert wäre!“ „Würdeſt Du ihnen zu dieſer Veränderung nicht wenigſtens eine Woche Zeit laſſen?“ fragte Mr. Jarn⸗ yce. „Nein!“ rief Mr. Boythorn ſtandhaft.„Nein,— ich gebe ihnen dazu nicht weiter, als zwei Mal vierund⸗ zwanzig Stunden! Was Corporationen, Kirchſpiele, Kir⸗ chenälteſtenkollegien und dergleichen Anſammlungen von Strohköpfen betrifft, die einzig und allein zuſammenkom⸗ men, um Reden auszutauſchen, für dle ſte, beim Himmel, für den kurzen Reſt ihres elenden Daſeins in Queckſilber⸗ bergwerke geſteckt werden ſollten, und wenn es auch nur darum geſchähe, daß ihr abſcheuliches Engliſch verhin⸗ dert würde, eine Sprache zu verunreinigen, die Angeſichts der Sonne geſprochen wird,— was dieſe Burſche be⸗ trifft, ſage ich, die in gemeiner Weiſe den Eifer junger Aerzte, ihr Wiſſen zu erweitern, ausbeuten, um die un⸗ ſchätzbaren Dienſte der beſten Jahre ihres Lebens, ihre langen Studien und ihre koſtſpielige Erziehung mit Sum⸗ men zu belohnen, die ein Clerk ſich erſt beſinnen würde, anzunehmen, ſo ließe ich einem Jeden den Kragen her⸗ umdrehen und ſeinen Schädel in Surgeons⸗Hall*³) auf⸗ ſtellen, ſo daß ſie Aller Augen ausgeſetzt wären,— und daß die jüngeren Glieder der verehrlichen Zunft ſchon früh nach wirklichen Meſſungen finden könnten, wie dick Schädel werden können.“ Dieſe heftige Erklärung beendigte er damit, daß er mit einem überaus angenehmen Lächeln uns nach der Reihe anſah und plötzlich und zu wiederholten Malen in ein donnerndes ha! hal hal ausbrach, bis man hätte glauben können, er müſſe durch dieſe gewaltigen An⸗ ſtrengungen völlig erſchöpft ſein. Da Richard nach verſchiedenen Friſten, die ihm Mr. Jarndyce zum Nachdenken gegeben, immer noch ſagte, daß er ſeine Wahl nun getroffen, und da er immer noch fortfuhr, Ada und mich in derſelben entſchiedenen Weiſe zu verſichern, daß„Alles in der Ordnung wäre,“ ſo wurde es rathſam, auch mit Mr. Kenge über die Sache zu ſprechen. Und ſo geſchah es denn, daß Mr. Kenge eines Ta⸗ ges beim Eſſen erſchien, ſich in ſeinem Seſſel zurück⸗ lehnte, ſeine Brille hin und her ſchob, und mit überaus lauter Stimme ſprach und genau that, was ich, wie ich mich noch erinnerte, ihn hatte thun ſehen, als ich ein kleines Mädchen war. „Ah!“ ſprach Mr. Kenge.„Ja. Gut! Ein recht braver Beruf, Mr. Jarndyce; ein recht guter Beruf.“ „Allein es ſind dabei ernſte und anhaltende Studien nöthig,“ bemerkte mein Vormund mit einem Vlicke auf Richard hin. 3 *) Chirurgen⸗Halle. 55⁵ „Oh, ohne Zweifel,“ ſprach Mr. Kenge,„es iſt dabei viel Fleiß nöthig.“ „Da dieß aber bei jedem Berufe, der etwas werth, mehr oder minder der Fall iſt,“ ſagte Mr. Jarndyce, „ſo iſt das keine beſondere Rückſicht, die bei einer an⸗ dern Wahl wohl wegbleiben könnte.“ „Ganz richtig,“ ſprach Mr. Kenge.„Und Mr. Ri⸗ chard Carſtone, der ſich ſo ſehr hervorgethan hat in den — ſoll ich ſagen?— claſſiſchen Schatten, unter denen ſeine Jugendzeit verſtrichen iſt, wird ohne Zweifel die Gewohnheiten, wo nicht die Prinzipien und Praxis der Verſification in der Sprache, worin ein Dichter— wie geſagt worden, wenn ich mich nicht täuſche, geboren, nicht aber gemacht wird, auf das praktiſchere Gebiet der Thäͤtigkeit anwenden, das er zu betreten geſonnen iſt.“ „Sie dürfen ſich darauf verlaſſen,“ ſagte Richard in ſeiner leichten Weiſe,„daß ich darauf los arbeiten und ſo viel thun werde, als nur immer in meinen Kräf⸗ ten ſtehen wird.”“. „Ganz gut, Mr. Jarndyce!“ ſagte Mr. Kenge leicht mit dem Kopfe nickend.„Wenn Mr. Richard uns ſelbſt verſichert, daß er im Sinne habe, darauf los zu arbeiten und ſo viel zu thun, als nur immer in ſeinen Kräften ſtehen werde,“— bei dieſen Worten nickte er gefühlvoll und freundlich,—„ſo geht meine Meinung ergebenſt dahin, daß wir uns nur noch damit zu befaſſen haben, wie er das Vorhaben, das den Gegenſtand ſeines ganzen Ehrgeizes bildet, auf die beſte Weiſe ausführt. Es würde ſich daher jetzt zunächſt um die Frage han⸗ deln, bei welchem ausgezeichneteren ausübenden Arzte Mr. Richard untergehracht würde. Iſt ſchon jetzt ein ſolcher im Vorſchlage?“ „So viel ich weiß, noch keiner, Rick,— nicht wahr?“ fragte mein Vormund. „Noch kelner, Sir,“ antwortete Richard. „Schön!“⸗ bemerkte Mr. Kenge.„Und nun, was 56 die Stellung betrifft. Wird in dieſem Punkte etwas Be⸗ ſonderes gewünſcht?“ „N-— nein,“ ſagte Richard. „Schön!“ bemerkte Mr. Kenge abermals. „Ein Bischen Varietät wäre mir lieb,“ ſagte Ri⸗ chard;„ich meine ſo eine vielſeitigere Praxis.“ „Sehr nöthig, ohne Zweifel,“ entgegnete Mr. Kenge. „Ich denke, es wird ſich das leicht machen laſſen, Mr. Jarndyce.“ „Für's Erſte hätten wir einen ausübenden Arzt ausfindig zu machen, der für uns paßte; und ſo bald wir unſer Bedürfniß,— und, ſoll ich hinzuſetzen, unſere Bereitwilligkeit, eine Prämie zu bezahlen— und das koͤnnen wir ja wohl— bekannt machen, wird unſere ein⸗ zige Schwierigkeit nur noch in der Wahl eines Mannes unter ſo Vielen beſtehen. „Für's Zweite haben wir bloß jene kleinen Forma⸗ litäten zu beobachten, die in unſern Tagen, und da wir unter der Vormundſchaft des Gerichtshofes ſtehen, noth⸗ wendig ſind. „Bald werden wir,— wenn ich mich in Mr. Ri⸗ chards heiterer Weiſe ausdrücken ſoll,— nach Herzens⸗ luſt drauf los arbeiten. Es iſt ein Zufall,“ ſagte Mr. Kenge mit einem Anfluge von Traurigkeit in ſeinem Lä⸗ cheln,—„es iſt einer jener Zufälle, die wir uns bei unſern gegenwärtigen beſchränkten Fähigkeiten zu erklären vermoͤgen oder auch nicht,— der Zufall will es gerade, daß ich einen Arzt zum Vetter habe. Er dürfte Ihnen als die rechte Perſon erſcheinen und dürfte ſich bewegen laſſen, auf dieſen Antrag einzugehen. Zwar kann ich für ihn ſo wenig mich verbürgen, als für Sie; allein er dürfte vielleicht doch auf den Antrag eingehen!“ Da dieß nun ſchon eine kleine Ausſicht eröffnete, ſo wurde es ausgemacht, daß Mr. Kenge mit ſeinem Vetter ſprechen ſollte. Und da Mr. Jarndyce ſich ſchon vorher vorgenommen hatte, uns auf einige Wochen nach London 3 Be⸗ 57 zu führen, ſo wurde an dem darauf folgenden Tage feſt⸗ geſetzt, daß wir dieſen unſern Londoner Beſuch alsbald machen und zugleich damit Richards Geſchäft verbinden wollten. Da Mr. Boythorn eine Woche darauf uns verließ, ſo nahmen wir in der Nähe von Orford⸗Street, über dem Laden eines Tapeziers, ein nettes, heiteres Logis. London war für uns ein großes Wunder, und wir gingen oft Stunden lang aus, um die Merkwürdigkeiten der Stadt zu ſehen, die uns weniger fähig ſchienen, erſchöpft zu werden, als wir ſelbſt. Auch beſuchten wir mit gro⸗ ßem Vergnügen die vornehmſten Theater und ſahen alle Schauſpiele, die ſehenswerth waren. Ich führe dieſen Umſtand an, weil ich im Theater zum erſten Male wie⸗ der durch Mr. Guppy in eine unbehagliche Stimmung verſetzt wurde. Eines Abends ſaß ich mit Ada vorn in einer Loge; Richard nahm wieder den Platz ein, der ihm am Beſten geftel,— das heißt, hinter Ada's Stuhl. Da blickte ich zufällig ins Parterre hinab und ſah Mr. Guppy; er hatte ſich die Haare ganz platt auf den Kopf hin gebür⸗ ſtet, und Jammer malte ſich auf ſeinem Geſichte, wäh⸗ rend er zu mir herauf ſah. Während der ganzen Vor⸗ ſtellung fühlte ich, daß er nie nach dem Schauſpiele hin, ſondern immer und ewig zu mir heraufſah— und zwar ſtets mit einem ſorgfältig vorbereiteten Ausdrucke des tiefſten Kummers und der größten Niedergeſchlagenheit. Dieſer Anſtand vergällte mir die Freude für den ganzen Abend, denn meine Stellung war eine ſo überaus lächerliche und peinliche. Aber von dieſem Tage an konnten wir nicht mehr in's Theater gehen, ohne daß ich Mr. Guppy im Parterre geſehen hätte;— und ſtets war ſein Haar ganz platt gebürſtet, ſein Hemdkragen umgeſchlagen und eine allgemeine Schwäche an ihm zu bemerken. War er bei unſerem Eintritt ins Theater ein Mal nicht da, und ſing ich dann an, der Hoffnung Raum 58 zu geben, daß er ſich nicht zeigen würde, und intereſſirte was auf der an, während des ganzen Abend geheftet ſein würden. Ich vermag nicht in Worten auszudrücken, wie un⸗ behaglich ich mich in Folge deſſen fühlte. Hätte er nur wenigſtens ſich das Haar nicht ſo flach gebürſtet, oder hätte er den Hemdkragen nicht hinuntergeſchlagen: es wäre dann ſchon ſchlimm genug geweſen; aber welche Pein mußte es für mich ſein, zu wiſſen, daß dieſe abſurde Geſtalt mich ſtets anſchaute, und zwar immer in jenem demonſtrativen Zuſtande der Verzweiflung! So fühlte ich mich dann ſo genirt, daß ich über das Schauſpiel weder lachen, noch weinen,— daß ich weder mich rühren, noch ſprechen mochte. Ich ſchien Nichts natürlich thun zu können. Auch konnte und wollte ich mich nicht Mr. Guppy's Blicken dadurch entziehen, daß ich mich in den Hinter⸗ grund der Loge ſetzte, weil ich wußte, daß Richard und Ada mich in ihrer unmittelbaren Nähe haben wollten, und daß ſie nie hätten ſo heiter und glücklich mit einan⸗ der ſprechen können, wenn Jemand anders an meinem Platze geweſen wäre. Und ſo ſaß ich denn da, ohne zu wiſſen, wohin ich blicken ſollte,— denn wohin ich immer blicken mochte, war ich gewiß, Mr. Guppy's Augen mir folgen zu ſehen;— dabei dachte ich an die furchtbaren Ausgaben, die dieſer junge Mann meinetwegen machte. Bisweilen dachte ich daran, ob ich die Sache nicht Mr. Jarndyce mittheilen ſollte. Dann aber befürchtete ich wieder, daß der junge Mann ſeine Stelle verlieren möchte, und daß ich ihn ſo zu Grunde richten könnte. Bisweilen wollte ich mich Richard anvertrauen; allein ich wurde dann wieder durch den Gedanken zurückgehalten, — -s&G& 3SSSUͤSBSABGEGSͤOe Scd 28— 59 daß er Mr. Guppy zum Kampfe herausfordern und demſelben die Augen blauſchlagen koͤnnte. Bisweilen fragte ich mich, ob ich ihm nicht ein zorniges Geſicht machen, oder ob ich nicht den Kopf ſchütteln ſollte. Das aber fühlte ich, daß ich es nicht thun könnte. Bisweilen überlegte ich bei mir, ob ich nicht an ſeine Mutter ſchreiben ſollte; aber ich kam dann am Ende immer wieder zu der Ueber⸗ zeugung, daß ich durch Eröffnung eines Briefwechſels die Sache nur noch ſchlimmer machen würde. Stets ge⸗ langte ich am Ende zu dem Schluſſe, daß ich Nichts thun könnte. Während dieſer ganzen Zeit wurde Mr. Guppy durch ſeine Ausdauer nicht nur regelmäßig in jedes Theater getrieben, in das wir gingen, ſondern es veranlaßte ihn auch dieſelbe, ſich ſo viel wie möͤglich in unſerer Nähe zu halten, wenn wir aus dem Theater herauskamen, ja ſogar hinten auf unſere Kutſche zu ſteigen,— wo ich ihn gewiß zwei oder drei Male ſah, trotz dem, daß er mit den furchtbarſten Eiſenſpitzen zu kämpfen hatte. Waren wir dann glücklich zu Hauſe, ſo ſtellte er ſich unſerem Hauſe gegenüber an einem Pfoſten auf. Da das Haus des Tapeziers, wo wir logirten, die Ecke von zwei Straßen bildete, und da das Fenſter meines Schlafzim⸗ mers ſich gerade dem Pfoſten gegenüber befand, ſo fürch⸗ tete ich mich, an das Fenſter zu treten, ſo oft ich in mein Zimmer hinauf ging, damit ich ihn nicht,— wie es ein Mal in einer mondhellen Nacht wirklich der Fall war,— gegen den Pfoſten gelehnt ſehen möͤchte, wo er offenbar ſich erkälten und einen Schnupfen davontragen mußte. Wäre, glücklicher Weiſe für mich, Mr. Guppy nicht den Tag über beſchäftigt geweſen, ſo hätte ich in der That nicht gewußt, wohin ich mich vor ihm flüchten ſalt, indem ich keinen Augenblick Ruhe vor ihm gehabt ätte. Während wir ſo alle Luſtbarkeit mitmachten, woran Mr. Guppy in ſo außerordentlicher Weiſe Theil zu neh⸗ 61 und vornehmlich wegen des(uns ſeltſam ſcheinenden) Grundes, daß ſie bereits drei Männer gehabt. Kaum hatten wir Platz genommen, als er in ganz triumphirendem Tone zu Mr. Jarndyce ſagte: „Sie würden wohl kaum vermuthen, daß ich Mrs. Bayham Badger's dritter Mann bin?“ „Wirklich?“ antwortete Mr. Jarndyce. „Ihr dritter Mann!“ ſagte Mr. Badger.„Sieht Mrs. Bayham Badger etwa wie eine Dame aus, die früher ſchon zwei Mal verheiralhet geweſen, Miß Summerſon?“ Ich ſagte: „Ganz und gar nicht!“ „Auch muß ich bemerken, daß Mrs. Bayham Bad⸗ gers frühere zwei Gatten höͤchſt bemerkenswerthe Männer waren!“ ſagte Mr. Badger in einem Tone des Zu⸗ trauens.„Capitän Swoſſer von der königlichen Marine, der Mrs. Badger's erſter Gatte war, war in der That ein hoͤchſt ausgezeichneter Offizier. Der Name von Pro⸗ feſſor Dingo, meinem unmittelbaren Vorgänger, iſt aber eine europäiſche Celebrität.“ Mrs. Badger hatte gehört, was geſprochen worden und lächelte. „Ja, mein lieber Mann!“ ſagte ſie. Mr. Badger beantwortete das Lächeln mit folgenden Worten: „Ich bemerkte gegen Mr. Jarndyce und Miß Sum⸗ merſon, daß Du vor mir ſchon zwei Gatten,— beide höchſt ausgezelchnete Männer, gehabt hätteſt. Und ſie fanden das, wie faſt Jedermann, ſchwer zu glauben.“ „Ich war,“ ſprach Mrs. Badger,„kaum zwanzig, als ich Capitän Swoſſer von der königlichen Marine hei⸗ rathete; ich war mit ihm im mittelländiſchen Meere; ich bin ganz an das Seeleben gewöhnt und mit demſelben vertraut. Am zwölften Jahrestage meiner Hochzeit wurde ich die Frau Profeſſor Dingo's.“ 62 „Der einen europäiſchen Ruf hat,“ ſetzte Mr. Bad⸗ ger in etwas leiſerem Tone hinzu. „Und als ich mich mit Mr. Badger verhetrathete,“ fuhr Mrs. Badger fort,„wurden wir an demſelben Tage des Jahres copulirt. Der Tag war mir nun einmal lieb geworden.“ „So daß Mrs. Badger ſich drei Mal verehelicht hat, — und daß unter ihren drei Gatten zwei höchſt aus⸗ gezeichnete Männer waren,“ ſprach Mr. Badger reſumi⸗ rend;—„wobei ich bemerke, daß ſie ſich jedes Mal am Anasegwanzigſten März um eilf Uhr Morgens copuliren ließ!“ Wir Alle drückten unſere Bewunderung aus. „Was aber Mr. Badger's Beſcheidenheit betrifft,“ ſprach Mr. Jarndyce,„ſo moͤchte ich mir erlauben, ihn zu verbeſſern und zu ſagen, drei ausgezeichnete Männer.“ .„Ich danke Ihnen, Mr. Jarndyce! Das ſage ich ihm immer auch!“ bemerkte Mrs. Badger. „Und, meine Liebe,“ ſagte Mr. Badger,„was ſage ich Dir immer? Daß, ohne alle Affectation von meiner Seite, die profeſſionelle Auszeichnung, die ich erlangt haben mag(— und die unſer Freund, Mr. Carſtone, manchmal Gelegenheit haben wird, zu ſchätzen—) herab⸗ zuſetzen, ich nicht ſo ſchwach bin,— nein, in der That,“ ſagte Mr. Badger zu uns Allen,„ich nicht ſo vernünftig bin, meinen Ruf ſo hoch zu ſtellen, wie der von ſo höchſt ausgezeichneten Männern ſteht, die ſich Capitän Swoſſer und Profeſſor Dingo nennen.“ „Vielleicht intereſſirt Sie dieſes Porträt von Capitän Swoſſer, Mr. Jarndyce,“ fuhr Mr. Bayham Badger, uns in den anſtoßenden Salon vorangehend, fort.„Es wurde dieſes Porträt gemalt, als er von der afrikaniſchen Station zurückkam, wo er von dem im Lande herrſchenden Fieber gelitten hatte. Mrs. Badger ſieht das Porträt als zu gelb an. Aber es iſt ein ſehr ſchöner Kopf. Ein ſehr ſchöner Kopf!“ —,—— 63 Wir Alle echoeten: „Ein ſehr ſchöner Kopf!“ „Wenn ich,“ fuhr Mr. Badger fort,„dieſes Por⸗ trät anſehe, ſo fühle ich ſo recht, daß ich den Mann, den es vorſtellen ſoll, gern geſehen hätte. Es verräth in auf⸗ fallender Weiſe den Mann erſten Ranges, der Capitän Swoſſer ſo durchaus war. „Hier, auf der andern Seite, ſehen Sie Profeſſor Dingo. Ich kannte ihn wohl,— war während ſeiner letzten Krankheit ſein Arzt:— er iſt hier zum Sprechen ähnlich! „Ueber dem Pianoforte ſehen Sie Mrs. Bayham Badger, als ſie noch Mrs. Swoſſer war. Ueber dem Sopha, Mrs. Bayham Badger, als ſie Mrs. Dingo war. Von Mrs. Bayham Badger in esse beſitze ich das Ori⸗ ginal und brauche daher keine Copie.“ Man kündigte nun an, daß das Eſſen ſervirt ſei, und wir gingen daher die Treppe hinunter. Es war Alles, bis auf die Bedienung herab, recht nett und gut. Aber Mr. Badger machte ſich immer noch gar viel mit dem(apitän und dem Profeſſor zu ſchaſſen, und da Ada und ich die Ehre hatten, ſeiner ſpeciellen Obhut anver⸗ traut zu ſein, ſo hatten wir ſattſam Gelegenheit, von den Vorzügen der beiden genannten Herren zu höoͤren. „Waſſer, Miß Summerſon? Erlauben Sie mir! Bitte, nicht in dieſem Glaſe. Bring mir das Glas des Profeſſors, James!“ Ada bewunderte gar ſehr einige künſtliche Blumen unter einem Glaſe. „Erſtaunlich, wie ſie ſich halten!“ ſagte Mr. Bad⸗ ger.„Sie wurden Mrs. Bayham Badger geſchenkt zur Zeit, als ſie noch im mittelländiſchen Meere war.“ Er lud Mr. Jarndyce ein, ein Glas Claret zu trinken. „O, nicht dieſen Claret!“ ſagte er.„Entſchuldigen Sie mich! Es iſt dieß eine Gelegenheit,— und bei einer Gelegenheit laſſe ich einen ganz beſondern Claret 64 aufmarſchiren, den ich zufällig habe.(James, Capitän Swoſſer’s Wein!) „Mr. Jarndyce,— es iſt dieß ein Wein, der vom Capitän, ich will nicht ſagen, vor wie vielen Jahren, im⸗ portirt worden iſt. Sie werden denſelben hoͤchſt eigen⸗ thümlich finden. Meine Liebe, es wird mich freuen, wenn Du mit mir ein Gläschen von dieſem Weine trinkſt. (Bring Capitän Swoſſer's Claret der Frau, James!) Meine Liebe, ich trinke Deine Geſundheit!“ Als wir Damen uns nach dem Eſſen zurückzogen, nahmen wir Mrs. Badger's erſten und zweiten Mann mit. Mrs. Badger gab uns im Salon eine biographiſche Skizze von dem Leben und den Dienſten Capitän Swoſ⸗ ſer's vor ſeiner Hetrath, ſowie einen detaillirten Bericht über ihn von der Zeit an, wo er ſich am Bord des Crippler, bei Gelegenheit eines Balls, den die Offtziere 6 des Schiffes, welches damals im Hafen von Plymouth lag, gaben, in ſie verliebte. „Der theure, alte Crippler!“ ſprach Mrs. Badger, den Kopf ſchüttelnd.„Ja, ja, er war ein herrliches Schiff. Gut gebaut, gut aufgetakelt,— mit einem Worte, ein flottes Schiff, wie Capitän Swoſſer ſich aus⸗ zudrücken pflegte. Sie müſſen mich entſchuldigen, wenn ich dann und wann mich eines Seeausdrucks bediente: es gab eine Zeit, wo ich ganz Seemann war. Capitän Swoſſer liebte das Schiff um meinetwillen. Als das Schiff nicht länger in activem Dienſte war, ſagte Capi⸗ tän Swoſſer oft, daß er, wenn er reich genug wäre, um das alte Schiff zu kaufen, auf dem Quarterdeck*) da, wo wir beim Tanze mit einander ſtanden, eine Inſchrift anbringen laſſen würde, um den Ort zu bezeichnen, wo er gefallen— vorn und hinten(— wie Capitän Swoſſer zu ſagen pflegte—) von dem Feuer aus meinen Marſen *) Halbverdeck, Hinterverdeck. 65 beſtrichen. Es war dieß ſeine Seemannsweiſe, melne Augen zu bezeichnen.“ Mrs. Badger ſchüttelte den Kopf, ſeufzte, und blickte in den Spiegel. „Es war ein gewaltiger Unterſchied zwiſchen Capitän Swoſſer und Profeſſor Dingo,“ fing ſie mit einem Lächeln, das etwas Klägliches an ſich hatte, wieder an. „Ich empfand ihn im Anfange ſehr hart. Eine ſo totale Revolution in meiner ganzen Lebensweiſe! Allein die Ge⸗ wohnheit verſöhnte mich, in Verbindung mit der Wiſſen⸗ ſchaft,— beſonders in Verbindung mit der Wiſſenſchaft,— damit. Da ich die einzige Begleiterin des Poofeſſors bei ſeinen botaniſchen Excurſionen war, ſo vergaß ich beinahe, daß ich je ein Mal flott geweſen war, und wurde ganz gelehrt. Es iſt ſonderbar, daß der Profeſſor der gerade Gegenfüßler von Capitän Swoſſer war, und daß Mr. Badger weder mit dem Einen, noch mit dem Andern auch nur die leiſeſte Aehnlichkeit hat!“ zum Tode Capitän Swoſſer's und übergegangen; und beide genannte Herren ſchienen ſehr ſchlimme Uebel gehabt zu haben. Im Laufe ihner Erzählung bedeutete uns Mrs. Badger, daß ſie nur ein einziges Mal wahnſinnig verliebt, und daß der Gegenſtand dieſer wahnſinnigen Liebe, die ſte nie wieder in ihrem friſchen Enthuſtasmus heraufzaubern könne, Capitän Swoſſer geweſen. Noch ſtarb der Profeſſor zollweiſe auf die gräßlichſte Art, und noch bemühte ſich Mrs. Badger, ſeine Stimme nachzuahmen, wie er mit vieler Mühe die Worte ſagte:„Wo iſt denn Laura? Laura ſoll mir mein Roſtbrod mit Waſſer geben!“— als der Eintritt der Herren ihn endlich glücklich dem Grabe übergab. Nun aber hatte ich, wie ſchon ſeit mehreren Tagen, an jenem Abende bemerkt, daß Ada und Richard ſich gegenſeitig mehr denn je ſuchten;— was nur naturlich Bleak Houſe. II. 5 66 war, indem ſie ſo bald getrennt werden ſollten. Ich war vaher, als wir nach Hauſe kamen, und ich mit Ada in unſere Schlafzimmer hinauf ging, nicht gar ſehr über⸗ raſcht, Ada ſchwelgſamer, als gewoͤhnlich, zu finden, ob⸗ gleich ich nicht ganz darauf vorbereitet war, ſie in meine Arme fliegen zu ſehen, und ſie mit verſtecktem Geſichte zu mir ſprechen zu hören: „Ach, mein innigſt geliebter Eſther!“ murmelte Ada. „Ich habe Dir ein großes Geheimniß anzuvertrauen!“ Ein überaus wichtiges Geheimniß, meine Hübſche, ohne Zweifel! „Nun, worin beſteht das Geheimniß, Ada?“ „O Eſther, nie würdeſt Du es errathen!“ „Soll ich es ein Mal probiren, zu rathen?“ ſagte ich. „Ach nein, ach nein! Thu's doch nicht! Bitte, bitte, thu's doch nicht!“ rief Ada, nicht wenig erſchreckt durch den Gedanken, daß ich zu rathen anfangen koͤnnte. „Nun, ich moͤchte wohl wiſſen, wen das Geheimniß betrifft?“ ſagte ich, während ich mich ſtellte, als dächte ich über die Sache nach. „Es betrifft,“— ſagte Ada flüſternd,—„es be⸗ trifft— meinen Couſin Richard!“ „Ganz gut, meine Liebe!“ ſagte ich, ihr glänzendes Haar, außer dem ich Nichts ſehen konnte, küſſend.„Und was willſt Du mir von ihm ſagen?“ „”O, Eſther, Du würdeſt es gewiß in Deinem Leben nie errathen!“ Es war ſo hübſch, daß ſie ſich ſo an mich anklammerte, und daß ſie ſo ihr Geſicht in meinem Buſen verbarg; es war ſo hübſch, zu wiſſen, daß ſie nicht aus Kummer weinte, ſondern daß ihre Thränen einen kleinen Anflug von Freude und Stolz und Hoffnung afietſſan deßhalb wollte ich ihr gerade jetzt nicht helfen. wir Beide noch zu jung ſind,— aber er ſagt,“(— hier „Er ſagt— ich welß, daß es ſehr närriſch iſt, da war a in ber⸗ ob⸗ neine ichte Ada. 1 ſche, ich. bitte, urch nniß ächte be⸗ ndes „Und eeben mich inem ſie änen nung nicht da hier 67 folgte ein kleiner Thränenſtrom—)„daß er mich innigſt liebe, Eſther.“ „Sagt er das wirklich?“ ſprach ich.„Noch nie habe ich von ſo Etwas gehört! Ei, Herzallerliebſte, das hätte ich Dir ſchon vor vielen Wochen ſagen können!“ Ada ihr ſchamrothes Geſicht in freudiger Ueber⸗ raſchung in die Höhe heben, und mich umhalſen, und lachen, und weinen, und erröthen, und wieder lachen zu fehen, war ſo überaus angenehm,— war ſo wonnevoll! „Ei, meine Liebe!“ ſprach ich,„für welche Thörin mußteſt Du mich nicht halten! Dein Couſin Richard hat Dich, ich weiß nicht, ſeit wie langer Zeit, ſo offen geliebt, als es ihm nur möglich war!“ „Und doch haſt Du mir nie ein Wort darüber ge⸗ ſagt!“ rief Ada, mich küſſend. „Nein, meine Liebe,“ ſprach ich.„Ich wollte ſo lange warten, bis Du ſelbſt mir es ſagteſt.“ „Da ich nun aber Dir es geſagt, wirſt Du es nicht für unrecht von meiner Seite halten, nicht wahr?“ er⸗ wiederte Ada. Sie hätte, ſelbſt wenn ich die hartherzigſte Duenna von der Welt geweſen wäre, mich durch ihre Schmeiche⸗ leien bewegen können, daß ich„Nein“ geſagt hätte. Da ich aber noch keine ſolche hartherzige Duenna war, ſo ſagte ich ohne Weiteres und aus freien Stücken:„Nein.“ „Und nun,“ ſagte ich,„weiß ich das Schlimmſte von der Sache.“ „O, es iſt das noch nicht ganz das Schlimmſte von der Sache, liebe Eſther!“ rief Ada, mich feſter haltend, und ihr Geſicht abermals auf meinen Buſen legend. „Oh, das iſt noch nicht einmal das Schlimmſte von der Sache?“ ſagte ich. „Nein, nicht einmal das!“ ſprach Ada kopfſchüttelnd. „Ei, Du wirſt doch nicht ſagen wollen!—“ fing ich ſcherzend an. 68 Aber Ada blickte auf, lächelte durch ihre Thränen hindurch, und rief: „Ja, ja, ich will es ſagen! Du weißt, daß ich ihn liebe!“ Dann ſchluchzte ſie noch folgende Worte hervor: „Ja, von ganzem Herzen liebe ich! Von ganzem Herzen, Eſther!“ Ich ſagte ihr lachend, daß ich auch das gewußt,— daß ich es eben ſo wohl gewußt, wie das Andere. Und wir ſaßen vor dem Feuer, und das Sprechen war eine kleine Weile ganz an mir,(— obgleich nicht ſehr viel geſprochen wurde—). Und bald war Ada ruhig und glücklich. „Glaubſt Du, mein Couſin John wiſſe Etwas davon, liebe Dame Durden?“ fragte ſie. „Wenn mein Couſin John nicht blind iſt, meine Theuerſte,“ ſagte ich,„ſo ſollte ich denken, daß mein Couſin John ſo ziemlich ebenſo viel weiß, als wir ſelbſt wiſſen.“ „Wir moͤchten mit ihm ſprechen, ehe Richard von uns ſcheidet,“ ſprach Ada ſchüchtern,„und wir wollten Dich bitten, uns guten Rath zu geben, und ihn von der Sache zu unterrichten. Vielleicht hätteſt Du Nichts da⸗ gegen, wenn Richard hereinkäme, Dame Durden?“ „O! Richard iſt alſo draußen,— iſt er wirklich draußen, meine Liebe?“ fragte ich. „Ich weiß es nicht ganz gewiß,“ erwiederte Ada mit einer verſchämten Einfalt, die ihr mein Herz gewonnen haben würde, wenn ſie es nicht ſchon lange vorher hätte gewonnen gehabt;„aber ich glaube, er wartet an der Thüre.“ Natürlich ſtand er denn auch da. Jedes nahm dann einen Stuhl und ſetzte ſich neben mich, ſo daß ich mitten inne ſaß; auch ſchienen ſie ſich Beide wirklich in mich, anſtatt in einander, verliebt zu haben;— ſie waren ſo vertrauens⸗ voll, ſo zutraulich und ſo liebevoll gegen mich. Sie fuhren no 69 eine kleine Weile ſo in ihrer enthuſiaſtiſchen Weiſe fort,— und ich that ihnen nicht Einhalt; ich ſelbſt hatte zu ſehr meine Freude daran;— und dann fingen wir nach und nach an, zu erwägen, wie jung Beide noch wären, und wie erſt noch mehrere Jahre verfließen müſſen, ehe dieſe frühzeitige Liebe zu Etwas führen könnte;— und wie dieſe Liebe nur dann ein glückliches Reſultat haben könnte, wenn ſie eine wirkliche und dauerhafte wäre, und ſie mit einem feſten Entſchluß erfüllte, ihrer Pflicht gegen einan⸗ der mit Standhaftigkeit, mit Ausdauer und ohne Wan⸗ nltnai nachzukommen: ein Jedes ſtets um des Andern willen. Wohlan, Richard ſagte, daß er ſich füͤr Ada die Finger bis auf das Bein abarbeiten wollte, und Ada ſagte, daß ſie ſich die Finger bis auf's Bein für Richard abarbeiten wollte;— und ſie gaben mir alle Arten liebe⸗ voller und vernünftiger Namen, und ſo blieben wir die halbe Nacht auf, rathſchlagend und plaudernd. Endlich gab ich ihnen, bevor wir uns von einander trennten, das Verſprechen, daß ich am folgenden Tage mit ihrem Coufin John ſprechen würde. Als daher der Morgen gekommen war, trat ich nach dem Frühſtücke zu meinem Vormund in das Zimmer hinein, das uns in der Stadt das Brummſtübchen erſetzte, und ſagte ihm, daß man mir Etwas anvertraut, was ich ihm zu ſagen hätte. „Wohlan, Weibchen,“ ſagte er, ſein Buch zumachend, „wenn man Dir etwas anvertraut hat, ſo kann es nichts Schlechtes ſein.“ „Hoffentlich nicht, Vormund,“ ſagte ich.„Ich kann dafür ſtehen, daß es ſich hier von nichts Geheimem han⸗ delt. Die Sache hat ſich erſt geſtern zugetragen.“ „Ja? Und was iſt es denn, Eſther?“ „Vormund,“ ſprach ich,„Sie erinnern ſich doch noch der glücklichen Nacht, als wir zum erſten Male ——— 3 70 nach Bleak Houſe kamen? Als Ada in dem dunklen Zimmer ſang?“ Ich wollte ihn an den Blick erinnern, den er mir damals zugeworfen. Und täuſche ich mich nicht ſehr, ſo gelang es mir wirklich, ihn daran zu erinnern. „Es haben ſich nämlich,“— ſagte ich mit einigem Zögern. „Ja, meine Liebe!“ ſagte er.„Beeile Dich nicht ſo ſehr!“ „Es haben ſich nämlich,“ ſagte ich,„Ada und Richard in einander verliebt. Auch haben Belde bereits es einander geſtanden.“ „Schon?“ rief mein Vormund ganz erſtaunt. „Ja!“ ſagte ich,„und ſoll ich Ihnen die Wahrheit geſtehen, Vormund, ſo erwartete ich es kaum anders.“ „Ei der Henker, das thateſt Du!“ ſagte er. Er ſaß nun ein Paar Minuten nachdenkſam da, während das mir ſo wohlbekannte, zugleich ſo ſchone und ſo gütige Lächeln auf ſeinem ſich verändernden Geſichte ſpielte; und dann erſuchte er mich, dem Paare zu wiſſen zu thun, daß er ſie zu ſprechen wünſchte. Als Beide vor ihm erſchienen, umſchloß er Ada, in ſeiner väterlichen Weiſe, mit Einem Arme, während er Richard mit einem heitern Ernſte alſo anredete. „Rick,“ ſprach Mr. Jarndyce,„es freut mich, Dein Zutrauen gewonnen zu haben. Ich hoffe, mir daſſelbe zu erhalten. Als ich dieſe Beziehungen zwiſchen uns Vieren, die mein Leben ſo ſehr erheitert und es mit neuen Inte⸗ reſſen und Freuden bereichert haben, beabſichtigte, hatte ich gewiß auch die Moͤglichkeit vor Augen, daß Du und Deine ſchöne Couſtne hier(— ſei doch nicht ſo ſcheu, Ada,— ſei doch nicht ſo ſcheu, meine Liebe!—) einſt,— wenn auch in ſpäter Zeit— zu dem Entſchluſſe kommen könnteſt, mit einander durch dieſes Leben zu wandeln. Aber das ſollte erſt in einer ſpäten Zukunft, ja in einer ſpäten Zukunft Statt finden, Rick!“ 3 aklen mir „ ſo igem nicht und reits heit 7 da, und chte ſſen in er ein zu en, 71 „Wir haben auch nur elne ſpätere Zukunft im Auge, Sir,“ erwiederte Richard. „Schön, ſchoͤn!“ ſagte Mr. Jarndyce.„Das iſt vernünftig. Und nun hört mich an, meine Lieben! „Ich könnte zu Euch zwar jetzt ſagen, daß Ihr ſelbſt noch nicht recht wiſſet, was Ihr wollet;— daß tauſend Dinge ſich ereignen können, um Euch einander wieder zu entfremden;— daß die Blumenkette, die Ihr Euch auferlegt, gar leicht zerbrochen wird, oder daß die⸗ ſelbe zu einer bleiernen werden kann. Allein ſch will mich deſſen enthalten. Solche Weisheit wird, ich kann es wohl ſagen, bald genug kommen, wenn ſolche überhaupt kommen oll. „Ich will annehmen, daß Ihr in einigen Jahren noch das für einander ſeid, was Ihr heute für einander ſeid. Alles, was ich ſage, ehe ich, von dieſer Idee ausgehend, mit Euch ſpreche, iſt: Wenn Ihr Euch wirklich ändert,— wenn Ihr heraus findet, daß Ihr als Mann und Frau einander ein gewöhnlicherer Couſin und eine gewöhnlichere Couſine ſeid, als in Eurer Knaben⸗ und Mädchenzeit, (Dein Mannesalter wird mich entſchuldigen, Rick!) ſchämet Euch dann nicht, mir Euer Zutrauen zu ſchenken, denn es wird darin nichts Monſtröſes oder Ungewoͤhnliches liegen. Ich bin bloß Euer Freund und entfernter Ver⸗ wandter. Ich habe lediglich keine Gewalt über Euch. Aber ich wünſche und hoffe, mir Euer Zutrauen zu er⸗ halten, wenn ich Nichts thue, um mich deſſelben verluſtig zu machen.“ „Ich bin gewiß, Sir,“ erwiederte Richard,„daß ich auch für Ada ſpreche, was ich ſage, daß ſie die ausge⸗ dehnteſte Gewalt über uns Beide beſitzen,— eine Gewalt, die ihren Grund in der Achtung, in der Dankbarkeit und in der Liebe hat,— eine Gewalt„ die mit jedem Tage zunimmt.“ „Lieber Couſin John,“ ſprach die an ſeiner Schulter liegende Ada,„meines Vaters Stelle kann nie wieder 2 72² von einem Andern eingenommen werden. All die Liebe, und all der Gehorſam, ſo er von mir zu erwarten gehabt hätte, iſt auf Sie übergegangen.“ „Schön, ſchön!“ ſprach Mr. Jarndyce.„Nun wollen wir von der vorhin ausgeſprochenen Idee aus⸗ gehen. Nun, heben wir die Augen in die Hoͤhe, und blicken wir hoffnungsvoll in die Entfernung! Rick, die Welt liegt vor Dir; und es iſt höchſt wahrſcheinlich, daß dieſelbe Dich ſo aufnehmen wird, wie Du darein trittſt. Verlaß' Dich auf Nichts, als auf die Vorſehung, und auf Deine eigenen Anſtrengungen. Trenne nie die beiden, wie der heidniſche Wagenführer. Beſtändigkeit in der Liebe iſt etwas Gutes; allein es bedeutet dieſelbe Nichts, und iſt auch wirklich Nichts ohne Beſtändigkeit in jeder Art von Streben. Hätteſt Du auch die Talente aller großen Männer der Vergangenheit und der Gegenwart, ſo könnteſt Du doch nichts Gutes ausrichten, ohne es auf⸗ richtig zu meinen, und ohne aufrichtig dabei zu Werke zu gehen. Sollteſt Du ebenfalls von dem Wahne geplagt ſein, es ſei je ein Mal, in großen oder in kleinen Dingen, dem Glücke durch kurze Anläufe Etwas abgerungen wor⸗ den, oder es könne demſelben, oder es werde demſelben je ein Mal Etwas in ſolcher Weiſe abgerungen werden, ſo laß dieſe irrige Idee hier zurück, oder aber verzichte auf Deine Couſine Ada hier.“ „Ich will dieſe Idee hier laſſen, Sir,“ antwortete Richard lächelnd,„wenn ich dieſelbe in dieſem Augenblicke hieher gebracht(— ich hoffe jedoch, daß es nicht der Fall geweſen—), und will mich bis zu meiner Couſine Ada in der hoffnungsvollen Entfernung durcharbeiten.“ „Ganz richtig!“ ſprach Mr. Jarndyce.„Warum ſollteſt Du Dich um ſie bewerben, wenn Du ſie nicht glücklich machen kannſt?“ „Ich möchte ſie nicht unglücklich machen,— nein, nicht einmal um ihrer Liebe willen,“ entgegnete Richard ſtolz. — 73 „Gut geſprochen!“ rief Mr. Jarndyce;„das war ein Mal gut geſprocheu! Sie bleibt hier, bei mir, in ihrer Heimath. Liebe ſie, Rick, in Deinem thätigen Leben nicht weniger, als in ihrer Heimath, wenn Du ſie wieder beſuchſt, und Alles wird dann gut gehen. Im andern Falle wird Alles übel gehen. Und nun bin ich mit meiner Predigt zu Ende. Ich glaube, daß es beſſer wäre, wenn Du jetzt mit Ada einen Spaziergang machteſt.“ Ada küßte ihn zärtlich, und Richard drückte ihm herzlich die Hand, und dann verließen Couſin und Couſine das Zimmer. Dabei ſahen ſie jedoch gleich wieder zurück, gleich als wollten ſie ſagen, daß ſie auf mich warten würden. Es ſtand die Thüre offen und wir Beide folgten ihnen mit den Augen, während ſie durch das anſtoßende Zimmer, in welches die Sonne ſchien, und zur Thüre deſſelben hinaus ſchritten. Richard, deſſen Kopf geſenkt war, während er ihren Arm mit dem ſeinigen umſchlungen hielt, ſprach ſehr eifrig mit ihr; und ſie blickte ihm in's Geſicht und horchte ihm zu, und ſchien ſonſt Nichts zu ſehen. So jung, ſo ſchön, ſo voller Hoffnung, und ſo viel verſprechend, gingen ſie leicht durch den Sonnenſchein hin, wie da ihre glücklichen Gedanken die künftigen Jahre durchwanderten, und die⸗ ſelben alle zu wonnevollen machten. So verſchwanden ſie allmählig im Schatten. Es war bloß ein augenblick⸗ liches Licht, was das Zimmer ſo ſehr mit ſeinen Strahlen erfüllt hatte. Als ſie hinaus gingen, verdunkelte ſich daſ⸗ ſelbe: die Sonne war wieder umwölkt. „Habe ich Recht, Eſther?“ ſagte mein Vormund, als ſie unſern Augen entſchwunden waren. Er, der ſo gut und weiſe war, mich fragen, ob er Recht habe! 5 „Rick kann hiedurch die Eigenſchaft erlangen, deren er ermangelt. Deren er ermangelt bei ſo vielen andern guten Eigenſchaften!“ ſagte Mr. Jarndyce kopfſchüttelnd. 74 „Zu Ada habe ich Nichts geſagt, Eſther. Sie hat ihre Freundin und Rathgeberin ſtets in ihrer Nähe.“ Und er legte ſeine Hand liebevoll mir auf den Kopf. Ich konnte nicht umhin, zu zeigen, daß ich ein Bis⸗ chen gerührt war, obgleich ich Alles that, was ich konnte, um es zu verbergen. „Fort damit, fort damit!“ ſprach er,„aber wir müſſen auch dafür ſorgen, daß das Leben unſeres Weib⸗ chens nicht ganz und gar durch fremde Sorgen in An⸗ ſpruch genommen und verzehrt wird.“ „Sorgen? mein lieber Vormund, ich halte mich für das glücklichſte Geſchöpf auf Gottes Erde!“ „Ich glaube das auch,“ ſagte er.„Allein es dürfte Jemand ausfindig machen, was Eſther nie ausfindig ma⸗ chen wird,— daß das Weibchen mehr denn alle übrige Menſchen beachtet und im Gedächtniß behalten werden muß 4 Ich habe vergeſſen, am gehörigen Orte zu erwähnen, daß bei dem Diner en famille noch Jemand anders zu⸗ gegen war. Es war keine Dame. Es war ein Herr. Es war ein ſchwarz ausſehender Herr,— ein junger Chirurg. Er war ſo ziemlich zurückhaltend; allein er däuchte mir ſehr verſtändig und recht angenehm. Ada fragte mich wenigſtens, ob ich ihn nicht dafür hielt und ich beantwortete ihre Frage mit Ja. Vierzehntes Kapitel. Anſtand. Richard verließ uns ſchon an dem folgenden Abende, um ſeine neue Laufbahn anzutreten, und übergab Ada he, da meiner Obhut unter großen Liebesbezeigungen gegen ſie, ſowie unter großen Vertrauensbezeigungen gegen mich. Es rührte mich damals, zu denken, und es rührt mich juſt noch mehr, wenn ich mich(— bei dem) was ich zu ſagen habe—) daran erinnere, wie ſie Beide, ſelbſt zu jener ſie ganz in Anſpruch nehmenden Zeit, von mir dach⸗ ten. Ich war ein Theil aller ihrer Pläne, ſowohl für die Gegenwart, als für die Zukunft. Ich ſollte Richard jede Woche ein Mal ſchreiben, und ihm Alles getreulich berichten über Ada, die ihm jeden andern Tag ſchreiben ſollte. Ich ſelbſt ſollte durch ihn von allen ſeinen Ar⸗ beiten und Erfolgen unterrichtet werden;— ich ſollte beobachten, wie entſchloſſen und ausdauernd er ſein würde; — ich ſollte Ada's Brautjungfer ſein, wenn ſie ſich hei⸗ ratheten;— ich ſollte ſpäter bei ihnen wohnen;— ich ſollte alle Schlüſſel ihres Hauſes in Verwahrung haben; — ich ſollte in alle Ewigkeit glücklich gemacht werden. „Und wenn der Prozeß uns reich machen ſollte, Eſther,— was ja, wie Du weißt, ſehr wohl möͤglich iſt!“ ſprach Richard, um der Sache die Krone aufzuſetzen. Ein Schatten flog über Ada's Geſicht hin. „Meine theuerſte Ada,“ fragte Richard zögernd, „warum denn nicht?“ „Es wäre mir lieber, wenn der Prozeß uns gleich jetzt und ein für alle Mal arm machte,“ ſprach Ada. „O, das weiß ich denn doch nicht,“ erwiederte Ri⸗ chard;„aber auf jeden Fall iſt ſo viel gewiß, daß der Ausſpruch des Kanzleigerichtshofes noch nicht ſo bald er⸗ folgen wird. Der Himmel weiß, ſeit wie vielen Jahren der Gerichtshof gar keinen Ausſpruch gethan hat.“ „Es iſt dieß nur zu wahr,“ ſagte Ada. „Ja, aber,“ wandte Richard ein, das beantwortend, was mehr ihr Blick, als ihre Worte ausdrückten,„je länger die Sache dauert, liebe Couſine, um ſo näher muß die endliche Entſcheidung ſein, mag dieſe nun ausfallen, 76 wie ſie will. Ich frage Dich nun, iſt das nicht ver⸗ nünftig?“ „Du weißt es am Beſten, Richard. Aber ich be⸗ fürchte, daß die Sache uns unglücklich machen wird, wenn wir uns darauf verlaſſen.“ „Aber, meine Ada, wir wollen uns ja nicht darauf verlaſſen!“ rief Richard fröhlich.„Wir wiſſen wohl, daß wir uns nicht darauf verlaſſen koͤnnen. Wir ſagen bloß ſo viel: ſollte der Prozeß uns reich machen, ſo laſſen wir es uns gefallen. Der Gerichtshof iſt, nach der feierlichen Beſtimmung des Geſetzes, unſer verdrießlicher, alter Vor⸗ mund, und wir müſſen annehmen, daß, was er uns gibt (— wenn er uns überhaupt Etwas gibt—) uns, recht⸗ mäßig gehört. Es iſt nicht nothwendig, daß wir mit unſerem guten Rechte rechten.“ „Nein,“ ſprach Ada,„aber es mag beſſer ſein, wenn wir alles auf den Prozeß Bezügliche vergeſſen.“ „Gut, gut!“ rief Richard,„dann wollen wir dle ganze Geſchichte vergeſſen! Wir übergeben das Ganze der Vergeſſenheit. Dame Durden nimmt ihr billigendes Geſicht an,— und es iſt alſo die Sache im Reinen!“ „Dame Durden's billigendes Geſicht,“ ſagte ich, aus der Kiſte aufblickend, in die ich ſeine Bücher packte,„war nicht ſehr ſichtbar, als Du es mit dieſem Namen be⸗ zeichneteſt; allein es billigt das Geſagte wirklich, und ane Durden glaubt, daß Ihr nichts Geſcheidteres thun nnt.“ Richard ſagte alſo, die Sache ſei im Reinen,— und fing alsbald, ohne einen andern Grund dafür zu haben, an, ſo viele Luftſchlöſſer zu bauen, als es Soldaten er⸗ faudeen würde, um die große, chineſiſche Mauer zu be⸗ ſetzen. die wir uns darauf gefaßt gemacht hatten, daß wir ihn Er reiste frohen Muthes ab. Ada und ich aber, 1 gar ſehr vermiſſen Pürden, begannen unſere ruhigere Laufbahn. 77 Bei unſerer Ankunft in London hatten wir mit Mr. Jarndyce bei Mrs. Jellyby vorgeſprochen, waren aber nicht ſo glücklich geweſen, ſie zu Hauſe anzutreffen. Es kam heraus, daß ſie in eine Theegeſellſchaft gegangen war, und Miß Jellyby mitgenommen hatte. Neben dem Theetrinken ſollte auch eine erkleckliche Anzahl Reden ge⸗ halten und Briefe geſchrieben werden über die allgemeinen Vorzüge des mit der Bildung ver Eingeborenen verbun⸗ denen Kaffeeanbau's in der Niederlaſſung von Borrioboola Gha. Alles dieſes erforderte ohne Zweifel eine ziemliche Maſſe Dinte, ſowie eine ziemlich thätige Handhabung der Feder, ſo daß während der Verhandlung ihre Tochter ge⸗ wiß nichts weniger als feiern durfte. Da jetzt Mrs. Jellyby ſchon wieder zurück ſein mußte, ſo ſprachen wir wieder vor. Sie war zwar in der Stadt, war aber, ſogleich nach dem Frühſtücke, nach Mile⸗End gegangen in Sachen der Niederlaſſuug von Borriboola Gha, indem ſich eine Geſellſchaft gebildet hatte, die ſich die Eaſt London Branch Aid Ramiſication*) nannte. Da ich bei unſerem letzten Beſuche Peepy nicht ge⸗ ſehen hatte(— er war damals nirgends zu ſinden, und es war die Köchin der Anſicht geweſen, daß er dem Kar⸗ ren des Kehrichtkärrners nachgelaufen ſein müſſe—), ſo erkundigte ich mich jetzt wieder nach ihm. Die Auſter⸗ ſchalen, womit er ein Haus gebaut, lagen zwar immer noch im Hausgange, allein er ſelbſt war nirgends zu ent⸗ decken, und die Köchin glaubte, er ſei„den Schafen nach⸗ gelaufen.“ Als wir, etwas überraſcht, wiederholten„den Scha⸗ fen?“ ſagte ſie:„O ja, an Markttagen geht er ihnen bisweilen nach,— ganz zur Stadt hinaus, und kommt dann in einem Zuſtande zurück, wie ſonſt nie!“ An dem folgenden Morgen ſaß ich mit meinem Vor⸗ munde am Fenſter, und es war Ada mit Schreiben be⸗ *) Oſt⸗London⸗Zweig⸗Verein. 78 ſchäftigt,— natürlich ſchrieb ſie an Niemand anders, als an Richard,— als Miß Jellyby angemeldet wurde und, mit dem kleinen Peepy an der Hand, hereintrat. Sie hatte es ſich einigermaßen angelegen ſein laſſen, den klei⸗ nen Schelm vorſtellbar zu machen, indem ſie den Schmutz in die Ecken ſeines Geſichtes und ſeiner Hände gerieben hatte; auch hatte ſie ſein Haar ganz naß gemacht, und es ſodann mit ihren Fingern heftig gekräuſelt. Alles, was das liebe Kind auf dem Leibe hatte, war für daſ⸗ ſelbe entweder zu groß oder zu klein. Unter ſeinen übel zuſammen paſſenden und ſich widerſprechenden Putzgegen⸗ ſtänden, hatte es auch den Hut eines Biſchofs und die kleinen Handſchuhe eines Kindes, das noch in die Wiege gehört hätte. Seine Stiefeln waren, nur in kleinerem Maßſtabe, die Stiefeln eines Ackermannes, während ſeine mit Riſſen und Schrammen nach allen Richtungen hin dergeſtalt durchſchnittenen Beine, daß ſie wahren Land⸗ karten glichen, unter einem ſehr kurzen Paare von Plaid⸗ hoͤschen durchaus nackt waren. Die Höschen ſelbſt aber liefen in Spitzen aus, die von zwei total verſchiedenen Muſtern waren. Die mangelnden Knoͤpfe an ſeinem car⸗ rirten Röckchen waren offenbar von einem der Röcke Mr. Jellyby's genommen worden: es waren dieſelben ſo un⸗ gemein meſſingen, und ſogar zu groß. Hoͤchſt außeror⸗ dentliche Muſter von Näharbeit zeigten ſich an verſchie⸗ denen Theilen ſeines Anzugs, wo derſelbe in der Eile ausgebeſſert worden war;— auch erkannte ich die näm⸗ liche Hand an Miß Jellyby's Anzug. Indeſſen hatte ihr Aeußeres doch auf eine mir unerklärliche Weiſe ſich ver⸗ beſſert, und ſie ſah recht hübſch aus. Sie war ſich be⸗ wußt, daß trotz aller von ihr angewandten Mühe der kleine Peepy eben doch noch nicht ordentlich ausſehe, und ſie zeigte das, beim Hereintreten, durch die Art und Weiſe, in der ſie zuerſt ihn, und dann uns erblickte.“ „O, gütiger Himmel!“ ſagte mein Vormund.„Der Wind kommt gerade aus Oſten l“ &+Sͤ als und, Sie klei⸗ mutz eben und lles, daſ⸗ übel gen⸗ die iege erem ſeine hin and⸗ aid⸗ aber enen car⸗ Mr. un⸗ ror⸗ hie⸗ Eile im⸗ ihr ver⸗ be⸗ der und und 79 Ada und ich hießen ſie herzlich willkommen, und ſtellten ſie Mr. Jarndyce vor. Sie ſagte zu Letzterem, während fie ſich ſetzte: „Ma's Empfehlungen, und ſie hofft, Sie werden ſie entſchuldigen, indem ſie in dieſem Augenblicke Correctur⸗ bogen von dem Plane durchzuſehen hat. Sie iſt im Be⸗ griffe, fünf tauſend neue Circuläre zu verſchicken; und ſie weiß, daß es Sie intereſſiren wird, dieſes zu hören. Ich habe ein ſolches Circulär mitgebracht. Ma's Em⸗ pfehlungen.“ Mit dieſen Worten bot ſie das Papier ziemlich ver⸗ drießlich hin. „Danke, danke,“ ſprach mein Vormund.„Ich bin Mrs. Jellyby ſehr verbunden. O, du gütiger Himmel! Dieſer Wind ſetzt mir gewaltig zu!“ Wir machten uns mit Peepy zu ſchaffen, indem wir ihm feinen geiſtlichen Hut abnahmen,— ihn fragten, ob er ſich unſer noch erinnerte, und ſo weiter. Peepy verſchanzte ſich anfänglich hinter ſeinen El⸗ bogen, wurde aber dann doch zahmer, als er ein Biscuit erblickte; dann ließ er ſich auch von mir auf den Schooß nehmen, wo er ganz ruhig ſitzen blieb und kaute. Da Mr. Jarndyce ſich alsdann in das zeitweilige Brummſtübchen zurückzog, ſo eröͤffnete Miß Jellyby in ihrer gewohnten urploͤtzlichen Weiſe die Converſation. „Wir treiben es dermalen in Thavies Inn ſo arg, wie nur je,“ ſagte ſie.„Ich habe keine leibliche Ruhe. Geſchwätz über Afrika! Ich koͤnnte nicht übler daran ſein, wäre ich— wie heißt er doch,— ein Mann und ein Bruder!“ Ich verſuchte, etwas Beſänftigendes zu ſagen. „O, es nützt Nichts, Miß Summerſon,“ rief Miß Jellyby aus,„obgleich ich Ihnen für Ihre gütige Abſicht danke. Ich weiß, wie ich behandelt werde, und laſſe mich nicht herumbringen. Sie würden ſich auch nicht herumbringen laſſen, wenn man Sie ſo behandelte. Peepy, 80 geh' unter das Pianoforte und ſpiele das Wilde⸗Thier⸗ Spiel!“ „Nein, das thue ich nicht!“ ſagte Peepy. „Wohlan, du undankbarer, unartiger, hartherziger Knabe!“ erwiederte Miß Jellyby mit Thränen in den Augen.„Ich werde mir nie mehr die Mühe geben, Dich anzukleiden.“ „Ja, ja, ich will hinunter gehen, Caddy!“ rief Peepy, der wirklich ein gutes Kind war, und dem der Verdruß ſeiner Schweſter ſo zu Herzen ging, daß er alsbald ſich unter das Pianoforte hinunter machte. „Der Umſtand ſcheint zwar keine Thränen zu ver⸗ dienen,“ ſagte die arme Miß Jellyby apologetiſch,„allein ich bin ganz und gar abgemattet. Bis heute Morgen um zwei Uhr habe ich Adreſſen auf die neuen Cireuläre geſchrieben. Ich verabſcheue die ganze Geſchichte der⸗ maßen, daß ſchon das allein mir ſolches Kopfweh verur⸗ ſacht, daß ich wie blind bin. Und dann ſehen Sie ein Mal dieſes arme, unglückliche Kind an. Gab es je ein Mal eine Vogelſcheuche, wie er iſt!“ Peepy, der zum Glücke die Mängel ſeines Aeußern nicht kannte, hatte ſich hinter einen der Füße des Piano⸗ forte's auf den Teppich geſetzt, und blickte uns, von ſeiner Höhle aus, ruhig an, während er ſein Backwerk aß. „Ich habe ihn an das andere Ende des Zimmers geſchickt,“ bemerkte Miß Jellyby, ihren Stuhl näher zu uns her ziehend,„weil ich nicht haben will, daß er höre, was wir mit einander ſprechen. Es ſind dieſe kleinen Geſchöpfe ſo ſcharfſinnig! Ich wollte aber ſagen, daß es bei uns ſchlimmer, denn je, ſteht. Es wird nicht mehr lange anſtehen, ſo wird Pa ein Gantmann ſein,— und dann wird Ma hoffentlich zufrieden geſtellt ſein. Es wird außer Ma Niemand daran Schuld ſein.“ Wir ſagten, wir hofften, daß Mr. Jellyby's An⸗ gelegenheiten ſich nicht in einem gar ſo ſchlechten Zuſt ande befänden. ehier⸗ ziger den Dich rief der er ver⸗ Ulein gen läre der⸗ rur⸗ ein ein gern no⸗ ner rers zu öre, nen es ehr und ird Un⸗ nde 8¹1 „Es nützt Nichts, zu hoffen, obgleich es von Ihnen Beiden recht freundlich iſt!“ erwiederte Miß Jellyby kopfſchüttelnd.„Pa hat mir erſt geſtern Morgen geſagt (— und ich kann Ihnen ſagen, er iſt furchtbar ungluͤcklich—), daß er dem über ihn hereinbrechenden Sturme nicht werde widerſtehen können. Auch ſollte es mich wirklich über⸗ raſchen, wenn er denſelben glücklich überſtände. Wenn alle Kaufleute uns das erſte beſte Zeug zuſchicken, und die Domeſtiken damit thun, was ihnen gefällt, und ich keine Zeit habe, die Sachen zu verbeſſern, wenn ich wüßte, wie dieſelben zu verbeſſern wären,— und wenn Mama ſich um gar Nichts kümmert, ſo möchte ich wohl wiſſen, wie Pa es angreifen ſoll, um den Sturm zu überſtehen. Ich meines Theils erkläre, daß ich geradezu davon laufen würde, wenn ich Pa wäre!“ „Meine Liebe!“ ſagte ich lächelnd.„Ohne Zweifel denkt Ihr Papa an ſeine Familie.“ „O ja, das iſt Alles recht ſchön und gut, Miß Summerſon,“ erwiederte Miß Jellyby;„aber welcher Troſt iſt ſeine Familie für ihn? Seine Familie iſt Nichts, als Rechnungen, Schmutz, Verſchwendung„Lärmen, Treppe⸗Hinunter⸗Stürzen, Verwirrung, und Elend aller Art. Von einem Ende der Woche bis zum andern, ſieht ſein Haus gerade ſo aus, wie wenn darin eine große Wäſche vorgenommen werden ſollte,— wobei nur der Unterſchied iſt, daß Nichts gewaſchen wird!“ Miß Jellyby ſtieß mit dem Fuße auf den Buden, und wiſchte ſich die Augen. „Gewiß bemitleide ich Pa dermaßen,“ ſagte ſie, „und bin ich auf Ma dermaßen böſe, daß ich keine Worte zu finden vermag, um mich cuüszudrücken! Indeſſen bin ich entſchloſſen, es nicht länger zu ertragen. Ich mag nicht mein Leben lang eine Sklavin ſein, und mag nicht Mr. Quale um mich freien laſſen. Eine hübſche Sache in der That, einen Philanthropen zu heirathen. Als oh Bleak Houſe. II. 6 82 ich deſſen nicht ſchon längſt überdrüſſig wäre!“ ſagte die arme Miß Jellyby. Ich muß geſtehen, daß ich mich nicht enthalten konnte, ſelbſt auf Mrs. Jellyby etwas böͤſe zu ſein, als ich dieß vernachläſſigte Mädchen ſah und hörte. Auch wußte ich ja, wie viel bitter ſatyriſche Wahrheit in dem lag, was ſie ſagte. „Wären wir nicht ſo vertraut mit einander geweſen, als Sie bei uns einkehrten,“ fuhr Miß Jellyby fort,„ſo würde ich mich geſchämt haben, heute hieher zu kommen, denn ich weiß, was für eine Figur ich vor Ihnen Bei⸗ den machen muß. So wie nun aber die Sachen ſtehen, entſchloß ich mich, Ihnen einen Beſuch zu machen: auch entſchloß ich mich um ſo leichter dazu, als ich Sie wahrſcheinlich nicht ſehen werde, wenn Sie das nächſte Mal wieder in die Stadt kommen.“ Sie ſagte dieß in ſo bedeutungsvollem Tone, daß Ada und ich einander anſchauten, indem wir uns auf weitere Aufſchlüſſe gefaßt machten. „Nein!“ ſprach Miß Jellyby kopfſchüttelnd.„Es iſt gar nicht wahrſcheinlich! Ich weiß, daß ich mich Ihnen Beiden anvertrauen kann. Gewiß werden Sie mich nicht verrathen. Ich bin verſprochen.“ „Ohne daß man zu Hauſe Etwas davon weiß?“ fragte ich. 3 „Ci, du gütiger Himmel, wie kann es denn anders ſein, Miß Summerſon?“ erwiederte ſie, ſich in verdrieß⸗ licher, aber nicht zorniger Weiſe rechtfertigend.„Wie kann es denn anders ſein! Sie wiſſen doch, wie Ma iſt,— und was Pa betrifft, ſo brauche ich ihn dadurch, daß ich es ihr ſage, nicht noch unglücklicher zu machen.“ „Würden Sie aber ſeine unglückliche Lage nicht noch unglucklicher machen dadurch, daß Sie ſich ohne ſein Wiſſen oder ohne ſeine Zuſtimmung verheiratheten, meine Liebe?“ ſagte ich. „Nein,“ antwortete Miß Jellyby, ſanfter werdend⸗ 83 „Ich glaube das nicht. Ich würde es verſuchen, ihn glücklich zu machen und ihm einige behagliche Stunden zu bereiten, wenn er mich beſuchen würde; und was Peepy und die Andern betrifft, ſo ſollten ſie der Reihe nach zu mir kommen und eine Zeit lang bei mir bleiben; und dann ſollte einige Sorgfalt auf ſte verwendet werden.“ Es lag in der armen Caddy ein großer Reichthum von Liebe. Während ſie dieſes ſagte, wurde ſie immer ſanfter, und ſie weinte über das ungewöhnliche, kleine häusliche Gemaͤlde, das ſich in ihrem Geiſte gebildet, dermaßen, daß ſelbſt Peepy in ſeinem Loche unter dem Pianoforte gerührt ward, und ſich unter lautem Weh⸗ klagen auf den Rücken hinlegte. Erſt dann, als ich ihn ſo weit gebracht hatte, daß er ſeiner Schweſter einen Kuß gab,— und als ich ihn wieder auf den Schooß genommen, und ihn auf ſeinen früheren Platz geſetzt, und ihm bewieſen hatte, daß Caddy lache(— ſie lachte ausdrücklich zu dem Zwecke—), gelang es uns, ſeine Gemüthsruhe wieder herzuſtellen; ſelbſt dann hing dieſe Gemüthsruhe noch einige Zeit davon ab, daß wir ihm erlaubten, uns nach der Reihe beim Kinne zu faſſen, und mit der Hand uns im ganzen Geſichte herum zu ſtreichen. Endlich ſetzten wir ihn, da ſeine Lebensgeiſter dem Piano⸗ forte noch nicht ganz gewachſen waren, auf einen Stuhl, damit er zum Fenſter hinausſehen möchte. Miß Jellyby aber hielt ihn bei einem Beine, und fuhr in ihren ver⸗ traulichen Mittheilungen alſo fort. „Die Sache begann damit, daß Sie in unſer Haus kamen,“ ſagte ſie. Wir fragten natürlich, wie? „Ich fühlte, daß ich ſo linkiſch und unbeholfen ſei,“ antwortete ſie,„daß ich den Entſchluß faßte, mich in dieſer Beziehung, koſte es, was es wolle, zu vervoll⸗ kommnen, und tanzen zu lernen. Ich ſagte Ma, daß i mich ſchämte, und daß ich das Tanzen lernen müßte. 84„ „Ma blickte mich in ihrer eigenthümlichen, ärger⸗ lichen Weiſe an, wie wenn ich nicht vor ihr ſtände; allein ich war nun einmal entſchloſſen, das Tanzen zu lernen. Und ſo ging ich denn in Mr. Turveydrops Aca⸗ demie in Newman⸗Street. 3 „Und dort war es, meine Liebe—“ hob ich an. „Ja, dort war es,“ ſprach Caddy,„und ich bin mit Mr. Turveydrop verſprochen. Es gibt zwei Mr. Turvey⸗ drops,— Mr. Turveydrop Vater, und Mr. Turveydrop Sohn. Mein Mr. Turveydrop iſt natürlich Mr. Turvey⸗ drop Sohn. Ich wollte nur, daß ich beſſer erzogen worden wäre, und daß ich ihm eine beſſere Frau werden koͤnnte; denn ich liebe ihn ungemein.“ „Es thut mir leid, dieſes hören zu müſſen,“ ſagte ich;„ich muß es Ihnen ſagen.“ „Ich weiß wahrhaftig nicht, warum es Ihnen leid thun ſollte,“ erwiederte ſie etwas ängſtlich,„aber ich bin nun einmal mit Mr. Turveydrop verſprochen, und er⸗* liebt mich ungemein. Es iſt bis jetzt noch ein Geheim⸗ niß,— ſelbſt auf ſeiner Seite, da den alten Mr. Turvey⸗ drop die Sache doch auch angeht, und es ihm das Herz brechen, oder ihm ſonſt einen Schlag verſetzen könnte, wenn man es ihm ſo ohne Weiteres ſagte. Der alte Mr. Turveydrop iſt wirklich ein recht gentlemänniſcher Herr,— recht gentlemänniſch.“ „Weiß auch ſeine Frau darum?“ fragte Ada. „Die Frau des alten Mr. Turveydrop, Miß Clare?“ erwiederte Miß Jellyby, die Augen öffnend.„Es erſſtirt keine ſolche Perſon. Er iſt Wittwer.“. Hier wurden wir von Peepy unterbrochen, deſſen Bein dadurch, daß ſeine Schweſter, ſo oft ſie emphatiſch wurde, es, ohne es ſelbſt zu wiſſen, wie ein Glockenſeil hin und her zerrte, ſo viel auszuſtehen gehabt hatte, daß das arme Kind nun von ſeinen Leiden uns durch ein Winſeln Kunde gab, das von großer Niedergeſchlagenheit zeugte. Da er an mein Mitleid appellirte, und da ich —— S ͤe S Pee. 8⁵ bloß Zuhörerin war, ſo übernahm ich es, ihn zu halten. Was Miß Jellyby betrifft, ſo fuhr ſie, nachdem ſie mit einem Kuſſe Peepy um Verzeihung gebeten, und ihn ver⸗ ſoͤhnt hatte, daß fie ihm nicht hätte weh thun wollen, alſo fort. „So ſtehen die Sachen,“ ſagte Caddy.„Wenn ich je mich ſelbſt darüber tadle, ſo werde ich denken, daß Ma Schuld daran war. Wir haben im Sinne, uns zu heirathen, ſobald wir konnen, und dann werde ich zu Pa auf das Bureau gehen, und an Ma ſchreiben. Ma wird durch die Sache in keine allzu große Aufregung verſetzt werden: ihr bin ich bloß Feder und Dinte. Ein großer Troſt für mich iſt der Umſtand,“ ſagte Caddy ſchluchzend, „daß ich, wenn ich einmal geheirathet bin, von Africa kein Wort mehr hoͤren werde. Der junge Mr. Turvey⸗ drop kann es ſchon um meinetwillen nicht ausſtehen; und wenn der alte Mr. Turveydrop erfährt, daß ein ſolcher Oet exiſtirt, ſo macht er es gewiß ebenſo.“ „Er war es, glaube ich, der ſo gentlemänniſch war?“ ſagte ich. „Sehr gentlemänniſch, in der That,“ ſagte Caddy. „Er iſt faſt überall wegen ſeines Anſtands berühmt.“ „Gibt er Unterricht?“ fragte Ada. „Nein, er lehrt nichts Beſonders,“ antwortete Caddy. „Aber ſein Anſtand iſt wundervoll.“ Caddy fuhr fort, mit ziemlich vielem Zögern und Widerwillen zu ſagen, daß noch Etwas da wäre, was ſie uns gern wiſſen laſſen moͤchte, und das, wie ſie fühlte, wir wiſſen ſollten, und das, wie ſie hoffte, uns nicht beleidigen würde. Dieſes Etwas war, daß ſie mit Miß Flite, der kleinen verrückten, alten Dame, ſeitdem näher bekannt geworden; und daß ſie gar häͤufig früh Morgens zu ihr ginge, und daß ſie dort ihren Liebhaber, auf einige Mi⸗ nuten,— bloß auf einige Minuten,— vor dem Früh⸗ ſtücke träfe. 86 „Ich gehe auch zu andern Stunden des Tages da⸗ hin,“ fuhr Caddy fort,„aber Prince kommt dann nicht. Des jungen Mr. Turveydrop's Name iſt Prince; ich wollte, er hätte einen andern, weil der ſeinige wie der eines Hundes klingt,— natürlich aber hat er ſich bei der Taufe den Namen nicht ſelbſt gegeben. Der alte Mr. Turveydrop hatte ihn Prince taufen laſſen, zur Erinne⸗ rung an den Prinz⸗Regenten. Der alte Mr. Turveydrop bewunderte den Prinz⸗Regenten ungemein wegen ſeines Anſtands; ja es ging dieſe Bewunderung bis zur An⸗ betung. „Hoffentlich werden Sie nicht übler von mir denken wegen dieſer kleinen Rendezvous in Miß Flite's Woh⸗ nung, wohin ich zum erſten Male mit Ihnen kam; erſtens weil ich das arme Ding um ſeiner ſelbſt willen liebe, und zweitens, weil ich glaube, daß ſie mich liebt. „Wenn Sie doch nur den jungen Mr. Turveydrop ſehen könnten: ich weiß gewiß, daß Sie dann nur Gutes von ihm denken;— ſo viel iſt wenigſtens für mich ge⸗ wiß, daß Sie dann nicht ſchlecht von ihm denken koͤnn⸗ ten. Ich gehe jetzt hin, um eine Stunde zu nehmen. Ich kann Sie natürlich nicht bitten, mich dahin zu be⸗ gleiten, Miß Summerſon;— wenn Sie aber mir dieſen Gefallen thun wollten,“ ſagte Caddy, die Alles dieſes in ſehr ernſtem Tone und zitternd geſprochen hatte,„ſo wuͤrde es mich ungemein ſreuen,— ja ungemein freuen.“ Zufäͤllig hatten wir mit meinem Vormunde die Verabredung getroffen, an dem fraglichen Tage Miß Flite zu beſuchen. Wir hatten ihm von unſerem früheren Beſuche erzählt, und unſer Bericht hatte ihn intereſſirt; allein ſtets war Etwas dazwiſchen gekommen, was uns verhindert hatte, die arme, kleine, verrückte Dame auf⸗ zuſuchen. Da ich mir ſo viel Einfluß bei Miß Jellyby zu⸗ traute, daß ich ſie würde verhindern koͤnnen, einen über⸗ eilten Schritt zu thun, wenn ich das Vertrauen, welches 87 das arme Mädchen ſo bereit war, mir zu ſchenken, nicht zurückweiſen würde, ſo ſchlug ich vor, daß ſie mit mir und Peepy in die Academie gehen, und nachher mit mei⸗ nem Vormunde und Ada bei Miß Flite zuſammenkommen ſollte,— bei Miß Flite, deren Namen ich jetzt zum erſten Male hoͤrte. Bedingung dabei war, daß Miß Jellyby und Peepy mit uns nach Hauſe zurückkommen würden, um mit uns zu ſpeiſen. Nachdem der letzte Artikel des Vertrags von Beiden mit Freude angenommen worden war, putzten wir Peepy, vermittelſt einiger Stecknadeln, mit etwas Seife und Waſſer, ſowie mit Hülfe einer Haarbürſte, ein Bischen heraus. Und dann ging es fort. Wir richteten unſere Schritte Newman⸗Street zu, die ganz in unſerer Naͤhe war. Ich fand den Sitz der Academie, in einem ziemlich ſchwarz und ſchmutzig ausſehenden Hauſe, an der Ecke eines Bogengangs. An allen Fenſtern der Treppe waren Büſten angebracht. In demſelben Hauſe wohnten auch, wie ich aus den Schildern an der Thüre erſah, ein Zeichenlehrer, ein Kohlenhändler(— gewiß aber fand er hier keinen Platz für ſeine Kohlen—) und ein Lithograph. Auf dem Schilde, das, was Größe und Art betraf, allen andern voranging, las ich Mr. Turveydrop. Die Thüre war offen, und die Vorhalle war durch einen Flügel, eine Harfe und verſchiedene andere muſika⸗ liſche Inſtrumente in ihren Gehäuſen verſperrt: alle waren im Begriffe, weiter befoͤrdert zu werden,— und alle ſahen am hellen Tage liederlich aus. Miß Jellyby ſagte uns, daß die Academie am ver⸗ gangenen Abende zu einem Concerte geliehen worden ſey. Wir gingen die Treppe hinauf:— es war einſt ein recht ſchoͤnes Haus geweſen, als ſich noch Jemand ein Geſchäft daraus machte, es reinlich und ſauber zu hal⸗ ten, und als ſich noch Niemand ein Geſchäft daraus 88 machte, den ganzen Tag darin zu rauchen. Oben ange⸗ kommen, traten wir in Mr. Turveydrops Salon, der nach hinten auf einen Pferdeſtall hinaus ging, und von oben erhellt war. Es war ein nacktes Zimmer mit gutem Echo, und man hatte darin einen ziemlich ſtarken Stall⸗ geruch. An den Wänden herum ſtanden Rohrbänke. Die Wände ſelbſt waren in regelmäßigen Zwiſchenräumen mit gemalten Leiern und kleinen Leuchterarmen aus geſchliffe⸗ nem Glaſe verziert, welche Leuchterarme ihre altmodiſchen Tropfen fallen zu laſſen ſchienen, wie etwa Baumzweige Herbſtbläͤtter fallen laſſen können. Unterſchiedliche junge Zöglinge weiblichen Geſchlech⸗ tes, die von dreizehn oder vierzehn bis zwei oder drei und zwanzig Jahre alt zu ſein ſchienen, waren in dem Salon verſammelt; und ich ſah mich unter ihnen nach ihrem Lehrer um, als Caddy, mich in den Arm kneipend, die Vorſtellungsceremonie wiederholte.„Miß Summer⸗ ſon, Mr. Prince Turveydrop!“ Ich begrüßte mit einem Knixe ein blauäugiges, blon⸗ des Männchen von jugendlichem Ausſehen, ſein flachs⸗ farbiges Haar war in der Mitte getheilt, und unten um ſeinen ganzen Kopf her gekräuſelt. Das Männchen hatte unter dem linken Arme eine kleine Geige, die wir in der Schule Stockfidel zu nennen pflegten; in derſelben Hand hielt das Männchen einen kleinen Fidelbogen. Seine Tanzſchühchen waren ganz be⸗ ſonders klein, und er hatte ſo ein kleines, unſchuldiges, weibliches Benehmen, das nicht nur in liebenswürdiger Weiſe an mich appellirte, ſondern auch auf mich den ſonderbaren Eindruck machte, daß er wie ſeine Mutter ſein müſſe, und daß ſeine Mutter nicht ſehr geachtet ge⸗ weſen, oder nicht ſehr gut behandelt worden. „Es freut mich ungemein, Miß Jellyby's Freundin zu ſehen,“ ſagte er, mir eine tiefe Verbeugung machend. „Ich fing ſchon an, zu befürchten,“ fuhr er mit ſchüch⸗ — 89 terner Zärtlichkeit fort,„daß Miß Jellyby nicht kommen würde, da die gewoͤhnliche Zeit ſchon vorüber war.“ „Ich bitte Sie, dieſe Verſpätung gefälligſt mir zur Laſt zu legen, da ich ſie zurückgehalten habe, und meine Entſchuldigungen entgegenzunehmen, Sir,“ ſprach ich. „O, du gütiger Himmel!“ ſagte er. „Auch muß ich Sie bitten,“ fuhr ich in bittendem Tone fort,„wegen meiner keine längere Verzögerung der Lection eintreten zu laſſen.“ Mit dieſer Entſchuldigung zog ich mich auf einen Sitz zwiſchen Peepy(— der, ſchon daran gewöhnt, in einen Eckplatz geklettert war—) und einer alten Dame von kritteligem Ausſehen zurück, deren zwei Nichten in der Claſſe ſich befanden, und die über Peepy's Stiefel nicht wenig empört war. Sodann fuhr Prince Turveydrop mit den Fingern ein Paar Male über die Saiten ſeiner Stockfidel hin, und nun ſtanden die jungen Damen auf, um ſich zum Tanzen anzuſchicken. Gerade in dieſem Augenblicke trat aus einer Seiten⸗ thüre der alte Mr. Turveydrop in dem vollen Glanze ſeines Anſtandes. Er war ein feiſter, alter Herr mit falſcher Geſichts⸗ farbe, falſchen Zähnen, falſchem Backenbarte und einer Perrücke. Er hatte einen Pelzkragen und einen auf der Bruſt wattirten Rock, ſo daß demſelben zur Vervoll⸗ ſtändigung nur noch ein Ordensſtern, oder ein breites, blaues Band fehlte. Er war dermaßen zuſammengeſchnürt, und ausgedehnt, und herausgeputzt, und beſteckt, daß man wohl annehmen durfte, er ſei dabei bis an die äußerſte Grenze des Möglichen gegangen. Er hatte ein Halstuch an, das ſo gewaltig groß und ſo feſt gebunden war, daß ſelbſt ſeine Augen dadurch aus ihrer natürlichen Geſtalt gezwängt wurden; und ſein Kinn, ja felbſt ſeine Ohren waren darin dermaßen begraben, daß es ſchien, als müßte er unvermeidlich ſich verdoppeln, ſobald es aufgebunden und entfernt würde. Unter dem Arme hatte er einen Hut von gewaltiger Größe und gewaltigem Gewichte, und es verengte ſich derſelbe von der Krone nach dem Rande zu. In der Hand hielt er ein paar weiße Handſchuhe, womit er die⸗ ſelbe ſchlug, während er, ſich auf einem Beine im Gleich⸗ gewicht haltend, in einem hochſchulterigen, rundelbogigen Zuſtande uaübertrefflicher Eleganz daſtand. Er hatte einen Stock,— er hatte ein Augenglas, — er hatte eine Schnupftabaksdoſe,— er hatte Ringe, er hatte Manſchetten, kurzum, er hatte Alles,— nur nichts Natürliches; er hatte nichts Jugendliches,— er hatte nichts Altes an ſich,— mit Einem Worte, er glich Nichts auf der Welt, ſondern war bloß ein Muſter von Anſtand. „Vater! Ein Beſuch. Miß Jellyby's Freundin, Miß Summerſon.“ „Unendlich geehrt durch Miß Summerſon's Gegen⸗ wart!“ ſprach Mr. Turveydrop. Während er ſich in dieſem ſeinem eng geſchnürten Zuſtande gegen mich verbeugte, glaubte ich faſt, ich ſähe Runzeln in das Weiße ſeiner Augen kommen. „Mein Vater,“ ſagte der Sohn, mit einem wahr⸗ haft rührenden Glauben an ihn, beiſeit zu mir,„iſt eine Celebrität. Mein Vater wird ungeheuer bewundert!“ „Fahr' fort, Prince! Mach' fort!“ ſprach Mr. Turveydrop, den Rücken dem Feuer zukehrend, und ſeine Handſchuhe gnädig ſchwenkend.„Mach' fort, mein Sohn!“ Auf dieſen Befehl, oder auf dieſe gnädige Erlaubniß hin, wurde die Lection fortgeſetzt. Bisweilen ſpielte Prince Turveydrop die Stockſidel tanzend; bisweiten ſpielte er, ſtehend, auf dem Pianoforte; bisweilen ſummte er die Melodie mit dem wenigen Athem, der ihm entbehrlich war, während er eine Schülerin corri⸗ 91 girte; ſtets bewegte er ſich gewiſſenhaft mit der Unge⸗ ſchickteſten, bei jedem Schritte und jedem Theile der Tanzfigur; und nie blieb er auch nur einen Augen⸗ blick ruhig. Was ſeinen berühmten Vater betrifft, ſo that der⸗ ſelbe lediglich gar Nichts, wenn man etwa die Arbeit ab⸗ rechnet, daß er, ein Muſter von Anſtand, vor dem Feuer ſtehen blieb. „Und nie thut er etwas Anderes,“ ſagte die alte Dame mit dem kritteligen Geſichte.„Und dennoch, ſoll⸗ ten Sie es glauben, daß ſein Name auf dem Thür⸗ ſchilde ſteht?“ „Sein Sohn hat den gleichen Namen, wie Sle wiſſen,“ ſprach ich. „Wenn es auf ihn allein ankäme, würde er ſeinem Sohne gar keinen Namen geben,“ erwiederte die alte Dame.„Sehen Sie einmal den Anzug des Sohnes!“ Dieſer Anzug war denn auch nichts weniger, als ſchön,— ſondern fadenſcheinig,— ja ſogar ſchäbig. „Und doch muß der Vater geſchmiegelt und heraus⸗ geputzt ſein,— ſeines Anſtandes wegen,“ fuhr die alte Dame fort.„Ich würde ihn deportiren laſſen! Das wäre beſſer für ihn!“ Es intereſſirte mich, über dieſe Perſonage noch mehr zu hören. Ich fragte daher: „Iſt er auch jetzt noch Anſtandsprofeſſor?“ „Jetzt noch!“ entgegnete die alte Dame kurz.„Er war es nie.“ Nach einigen Augenblicken der Ueberlegung drückte ich die Vermuthung aus, daß er vielleicht im Fechten Stunden gegeben hätte. „Ich glaube nicht, daß er fechten kann, Ma'am,“ ſprach die alte Dame. Ich war überraſcht, und wollte noch mehr wiſſen,— was ich ohne Zweifel auch in meinem Geſichte aus⸗ drückte. Die alte Dame, die gegen den Anſtandsprofeſſor 9² immer aufgebrach er wurde, je länger ſie bei dem Gegen⸗ ſtande verweilte, gab mir daher einige Einzelheiten über ſeine Laufbahn, wobei ſie mir betheuerte, daß ſie ſich noch ſehr gelinde ausdrückte. Er hatte eine ſanfte, kleine Tanzlehrerin von ziemlich ordentlicher Familie geheirathet. Er ſelbſt aber hatte früher nie etwas Anderes gethan, als ſeinen Anſtand zur Schau getragen. Dieſe ſeine Frau alſo mußte ſich für ihn zu Tode arbeiten, oder wenigſtens ließ er ſie ſich zu Tode arbeiten, damit er den Aufwand machen konnte, den ein Anſtandsprofeſſor ſeiner Art ſchlechterdings machen mußte. Um ſeinen Anſtand von den beſten Muſtern be⸗ wundern zu laſſen, und um zu gleicher Zet ſtets die beſten Muſter vor Augen zu haben, hatte er es für nöthig ge⸗ funden, alle Orte, wo die Faſhion und der Müſſiggang ſich Rendezvous geben, zu beſuchen;— ſich zu faſhio⸗ nablen Zeiten zu Brighton und an andern faſhionablen Orten zu zeigen;— und in den allerbeſten Kleidern ein müßiges Leben zu führen. Um ihn nun in Stand zu ſetzen, dieſes zu thun, hatte die kleine Tanzlehrerin ſich abgemüht und abgeſchunden, und es würde ſich dieſelbe bis auf dieſe Stunde abgemüht und abgeſchunden haben, wenn ihre Körperkraft ſo lange Stand gehalten hätte. Denn worum ſich die ganze Geſchichte eigentlich drehte, war, daß, trotz der keine Schranken kennenden Selbſt⸗ ſucht des Mannes, ſeine Frau— wohl durch ſeinen An⸗ ſtand beſiegt— doch bis zu ihrem letzten Augenblicke an ihn geglaubt, und daß dieſelbe auf ihrem Todtenbette in den rührendſten Ausdrücken ihn ihrem Sohne anvertraut hatte, als ein Weſen, das unverjährbare Anſprüche auf ihn habe, und daß dieſer Sohn das genannte Weſen nie mit zu vielem Stolze und mit zu vieler Ehrerbietung anſchauen könnte. Der Sohn aber, der den Glauben ſeiner Mutter geerbt und den Anſtand ſtets vor Augen hatte, war in demſelben Glauben groß geworden, und arbeitete nun, in einem Alter von dreißig Jahren, jeden gen⸗ über noch nlich jatte zur für ) zu den chen be⸗ eſten ge⸗ gang hio⸗ blen ein zu ſich ſelbe ben, itte. ehte, lbſt⸗ An⸗ 2 an e in raut auf nie tung uben ugen und eden 93 Tag zwölf Stunden für ſeinen Vater, und blickte mit Verehrung, wie ein Heide zu ſeinem Götzenbilde, auf. „Das Anſehen, das ſich der Kerl zu geben ſucht!“ fuhr die alte Dame fort und ſchüttelte den Kopf mit ſprachloſer Indignation über den alten Mr. Turveydrop, während er ſeine engen Handſchuhe anzog, der natürlich Nichts von den ſchmeichelhaften Huldigungen wußte, deren Gegenſtand er in dieſem Augenblick war. „Er glaubt, meiner Seele,“ fuhr die Alte fort,„er gehoͤre zu der Ariſtokratie! Auch iſt er gegen den Sohn, den er ſo ſchändlich hinter das Licht führt und ausbeutet, ſo höflich und nachgiebig, daß man ihn für den tugend⸗ hafteſten aller Väter halten könnte.„Oh!“ ſagte die Alte, ihn mit unendlicher Heftigkeit apoſtrophirend,„ich könnte Dich zerreißen!“ Ich konnte nicht umhin, zu lächeln, während ich die Alte mit einem Gefühle wirklicher Theilnahme zu Ende hörte. Es war ſchwer, an der Wahrheit ihrer Worte zu zweifeln, während ſo Vater und Sohn vor mir ſtanden. Was ich von ihnen gedacht haben würde ohne den Be⸗ richt der alten Dame, oder was ich von dem Bericht der Alten gehalten haben würde ohne ſie, vermag ich in der That nicht zu ſagen. Was die Alte mir geſagt, ſtimmte ſo ſehr zum Gauzen, daß man nicht umhin konnte, von der Wahrheit des Geſagten überzeugt zu ſein. Meine Augen ſchweiften noch von dem ſo hart ar⸗ beitenden jungen Mr. Turveydrop nach dem ſo vielen An⸗ ſtand an den Tag legenden alten Mr. Turveydrop hin, als der Letztere zu mir her getanzt kam und ſich mit mir in ein Geſpräch einließ. Zuerſt fragte er mich, ob ich London einen weiteren Zauber und eine weitere Diſtinction dadurch verliehe, daß ich daſelbſt wohnte? Ich hielt es nicht für nothwendig, zu antworten, 94 daß ich wohl wüßte, wie das in keiner Beziehung der Fall wäre, ſondern ſagte ihm bloß, wo ich wohnte. „Eine ſo grazisſe und talentvolle Dame,“ ſagte er, ſeinen rechten Handſchuh küſſend, und denſelben dann nach den Schülerinnen hinhaltend,„wird die Mängel, die ſie hier gewahrt, nachſichtig beurtheilen. Wir thun, was in unſern Kräften ſteht, um zu verfeinern,— zu verfeinern, — zu verfeinern!“ Er ſetzte ſich neben mich hin, und er gab ſich, wie ich glaubte, einige Mühe, ſich ſo auf die Bank zu ſetzen, daß er in der Haltung ſeinem berühmten Vorbilde auf dem Sopha gleich kommen möchte. Auch muß ich ſagen, daß er demſelben recht ähnlich war. „Zu verfeinern,— zu verfeinern,— zu verfeinern!“ wiederholte er, eine Priſe nehmend und ſeine Finger ſanft an einander reibend.„Aber wir ſind nicht mehr, — weenn ich ſo zu einer Perſon ſagen darf, die ſowohl Natur als Kunſt zu einer Grazie geſtempelt hat;—(da⸗ bei folgte die hochſchulterige Verbeugung, die er nicht machen zu können ſchien, ohne die Augenbrauen in die Hoͤhe zu heben und die Augen zu ſchließen—)„wir ſind nicht mehr, was wir einſt im Punkte des Anſtandes waren.“ „Sind wir es wirklich nicht mehr, Sir?“ fragte ich. „Wir ſind ausgeartet,“ entgegnete er, ſeinen Kopf ſchüttelnd,— was er nur bis zu einer ſehr beſchränkten Ausdehnung in ſeiner Halsbinde zu thun vermochte.„Eine Alles gleich machende Zeit iſt dem Anſtande nicht günſtig. Eine ſolche Zeit entwickelt nur die Vulgarität. „Vielleicht ſpreche ich etwas parteiiſch. Es mag mir nicht wohl anſtehen, zu ſagen, daß ich, nun ſchon ſeit einigen Jahren, Gentleman Turveydrop genannt werde, oder daß Se. Königl. Hoheit der Prinz⸗Regent mir, als ich den Hut abnahm, wäaͤhrend er zu dem Pa⸗ villon zu Brighton(jenem ſchönen Gebäude) hinaugfuhr, die Chre anthat, zu fragen: ‚Wer iſt der Mann? Wer — —— eUAnnS 95 zum Teufel iſt er? Warum kenne ich ihn nicht? Warum hat er nicht dreißigtauſend Pfund per Jahr?“ Aber es iſt dieß kleiner Anekdotenſtoff,— das allgemeine Eigen⸗ thum, Ma'am,— aber unter den höheren Klaſſen gele⸗ gentlich immer noch wiederholt.“ „Wirklich?“ ſagte ich. Er antwortete mit der bereits erwähnten, hochſchul⸗ terigen Verbeugung.„Dort iſt noch vas Bischen Anſtand zu finden, das uns geblieben.“ ſetzte er hinzu.„England, — ach du mein armes Vaterland!— England iſt ſehr ausgeartet, und— artet jeden Tag noch mehr aus. Es ſind ihm nur noch Wenige wahre Gentlemen geblieben. Ja, es ſind unſer nur noch wenige. Ich ſehe Nichts, das auf uns folgen könnte, als ein Geſchlecht von Webern.“ „Man könnte hoffen, daß das Geſchlecht der Gent⸗ lemen ſich hier wenigſtens fortpflanzen und verewigen würde,“ ſagte ich. „Sie find ſehr gütig,“ lächelte er, wiederum mit der hochſchulterigen Verbeugung.„Sie ſchmeicheln mir. Aber nein,— nein! Es iſt mir nie möglich geweſen, meinen armen Sohn dieſes Theils ſeiner Kunſt theilhaftig zu machen. Der Himmel verhüte es, daß ich mein liebes Kind je herabſetzen ſollte,— aber es hat nun einmal— keinen Anſtand.“ „Er ſcheint aber doch ein vortrefflicher Tanzmeiſter zu ſein,“ bemerkte ich. „Verſtehen Sie mich recht, meine liebe Madame, er iſt ein vortrefflicher Tanzmeiſter. Was durch Fleiß er⸗ langt werden kann, das hat er ſich Alles zu eigen ge⸗ macht. Alles, was gelehrt werden kann, kann er auch lehren. Aber es gibt nun einmal Dinge,“(hier nahm er wieder eine Priſe und machte wieder die bekannte Ver⸗ beugung, wie wenn er hinzuſetzen wollte:„wie dieß zum Beiſpiel.“) Ich blickte nach der Mitte des Saales hin, wo Miß 96 Jellyby's Liebhaber, mit einzelnen Schülerinnen beſchäf⸗ tigt, ſich jetzt mehr abplagte, als je. „Mein liebenswürdiges Kind,“ murmelte Mr. Tur⸗ veydrop, ſeine Cravatte zurecht machend. „Ihr Sohn iſt unermüdlich,“ ſprach ich. „Es iſt mir der ſüßeſte Lohn,“ antwortete Mr. Tur⸗ veydrop,„Sie das ſagen zu hören. In einigen Bezie⸗ hungen tritt er in die Fußſtapfen ſeiner ſeligen Mutter. Sie war ein Geſchöpf voller Hingebung. Aber Frauen⸗ zimmer, aber o ihr liebenswürdigen Frauenzimmer,“ ſprach Mr. Turveydrop mit höchſt widerwärtiger Galan⸗ terie,„was für ein Geſchlecht ſeid Ihr!“ Ich ſtand auf und ging zu Miß Jellyby hin, die im Begriff war, ihren Hut aufzuſetzen. Da die zu einer Lection beſtimmte Zeit vollſtändig verfloſſen war, ſo ging es an ein allgemeines Hutaufſetzen. Wann Miß Jellyby und der unglückliche Prince eine Gelegenheit fanden, ſich mit einander zu verſprechen, weiß ich nicht; ſo viel aber iſt für mich gewiß, daß ſie bei dieſer Gelegenhelt nicht ſo viel Zeit hatten, um ein Dutzend Worte auszu⸗ tauſchen. „Mein lieber Sohn,“ ſprach Mr. Turveydrop in gütigem Tone zu ſeinem Sohne,„weißt Du auch, wie viel Uhr es iſt?“ „Nein, Vater.“ Der Sohn hatte keine Uhr. Der Vater aber hatte eine ſchöne goldene, die er herauszog mit einer Miene welche dem ganzen Menſchengeſchlechte als Muſter dienen onnte. „Mein Sohn,“ ſprach er,„es iſt zwei Uhr. Vergiß deine Kenſingtoner Schule um drei Uhr nicht.“ „O Vater, wenn das iſt, ſo habe ich noch Zeit genug,“ ſprach Prince.„Ich kann ſtehend ein Bischen zu Mittag eſſen und mich dann auf den Weg machen.“ „Mein lieber Junge,“ erwiederte ſein Vater, Ddu 97 darfſt es nicht lange machen. Du wirſt das kalte Ham⸗ melfleiſch auf dem Tiſch finden.“ „Ich danke Ihnen, Vater. Gehen Sie jetzt fort, Vater?⸗ „Ja, mein Lieber.“ „Ich glaube,“ ſprach Mr. Turveydrop, die Augen ſchließend und mit beſcheidenem Selbſtbewußtſein die Schultern in die Höhe hebend,„daß ich mich, wie ge⸗ woͤhnlich, in der Stadt ſehen laſſen muß.“ „Es wäre doch aber beſſer, wenn Sie in der Stadt ein gutes Mittageſſen zu ſich nähmen,“ ſagte ſein Sohn. „Mein liebes Kind, das habe ich auch im Sinne zu thun. Ich denke, ich werde mein kleines Mahl in dem franzoͤſiſchen Gaſthauſe, in der Oper⸗ Colonnade, zu mir nehmen.“ „So iſt's recht. Leben Sie wohl, Vater!“ ſprach Prinee, ihm die Hand ſchüttelnd. 9 Pze wohl, mein Sohn. Der Himmel ſei mit r 4 Mr. Turveydrop ſagte das in ganz frommer Weiſe, und es ſchienen dieſe Worte ſeinem Sohn wohl zu thun, denn, als derſelbe von ihm wegging, war er mit ihm ſo zufrieden,— war er gegen ihn ſo ehrerbietig gehorſam, — war er ſo ſtolz auf ihn, daß es mir beinahe war, als wäre es eine Unfreundlichkeit gegen den Jüngeren, nicht unbedingt an den Aelteren glauben zu koͤnnen. Die wenigen Augenblicke, dle Prince brauchte, um von uns(und beſonders von Einer von uns, wie ich ſah, da ich um das Geheimniß wußte) Abſchied zu nehmen, erhoͤhten noch meinen günſtigen Eindruck von ſeinem faſt kindiſchen Charakter. Ich fühlte mich zu ihm hingezo⸗ gen und konnte mich nicht enthalten, ihn zu bemitleiden, während er ſeine kleine Stockfidel in die Taſche ſteckte,— und damit auch ſeinen Wunſch, einige Augenblicke bei Caddy zu verweilen,— und in der beſten Laune zu ſei⸗ Bleak Houſe. II. 7 98 nem kalten Hammelfleiſche und zu ſeiner Lection in Ken⸗ ſington ging. Und der Eindruck, den Alles dieſes auf mich machte, hatte zur Folge, daß ich auf ſelnem Vater kaum weniger böſe war, als die tadelſüchtige alte Dame. Der Vater machte uns die Salonthüre auf und complimentirte uns hinaus, in einer Weiſe, die, ich muß es geſtehen, ſeines berühmten Originales würdig war. Ganz in derſelben Weiſe ging er einige Augenblicke darauf auf der andern Seite der Straße an uns vor⸗ über, während er ſich nach dem ariſtokratiſchen Theile der Stadt begab, wo er im Begriffe war, ſich unter den wenigen, noch übrigen, engliſchen Gentlemen zu zeigen. Einige Augenblicke war ich ſo in Gedanken verlo⸗ ren, indem ich noch einmal über das nachdachte, was ich in Newman⸗Street gehört und geſehen, daß ich ſchlech⸗ terdings nicht im Stande war, mit Caddy zu ſprechen, oder auch nur meine Aufmerkſamkeit auf das zu heften, was ſie zu mir ſagte; insbeſondere als ich anfing, mich zu fragen, ob es noch einen Herrn, der nicht gerade Tanz⸗ meiſter wäre, gäbe, oder je gegeben, der ganz einzig und allein von ſeinem Anſtande gelebt und einen Ruf darauf begründet hätte. Es machte mich dieſes ſehr verwirrt und ließ in meinem Geiſte die Möglichkeit ſo vieler Mr. Turveydrops aufſteigen, daß ich ſagte:„Eſther, Du mußt Dich entſchließen, dieſen Gegenſtand ein für alle Mal zu quittiren und auf Caddy hören.“ Dieß that ich denn auch und ſo plauderten wir den ganzen Reſt des Weges bis nach Lineolns⸗Inn. Caddy ſagte mir, daß die Erziehung ihres Lieb⸗ habers dermaßen vernachläſſigt worden, daß es nicht im⸗ mer leicht wäre, ſeine Briefchen zu leſen. Sie ſagte, daß er weit beſſer ſchreiben müſſe, wenn er ſich mit der Or⸗ thographie nicht gar ſo viel zu thun machte und wenn er es ſich weniger Mühe koſten ließe, dieſelbe deutlich zu machen; allein er ſetze ſo viele unnöthige Buchſtaben in 99 kurze Wörter, daß dieſelben bisweilen ganz ihr engliſches Ausſehen verlören. „Er thut es in der beſten Abſicht von der Welt,“ bemerkte Caddy;„allein es hat durchaus nicht die Wir⸗ kung, die er beabſichtigt, der arme Junge!“ Dann fuhr Caddy fort, ſich in Erörterungen dar⸗ über einzulaſſen, wie man von ihm erwarten koͤnnte, daß er gelehrt ſein ſollte, da er doch ſein ganzes Leben in der Tanzſchule zugehracht und Nichts gethan hätte, als ge⸗ lehrt und ſich abgeplagt, ſich abgeſchunden und Unterricht gegeben, Morgens, Mittags und Abends! Und was thue das auch? Sie könne für Beide Briefe genug ſchreiben, wie ſie auf ihre Koſten wiſſe,— und es ſei beſſer, daß er liebenswürdig, als daß er gelehrt ſei. „Im Uebrigen ſteht es mir ja gar nicht an, mich als ein Maͤdchen von ollendeter Bildung hinzuſtellen, das ein Recht hätte, darauf ſtolz zu ſein,“ fügte Caddy hinzu. „Ich kann fürwahr wenig genug, Dank der lieben Mal“ „Auch muß ich Ihnen jetzt, da wir allein ſind, noch Etwas ſagen,“ fuhr meine Begleiterin fort,„was ich nicht gerne berührt haben würde, wenn Sie Prince nicht geſe⸗ hen hätten, Miß Sommerſon. Sie wiſſen, wie es in unſerem Hauſe zugeht. Es iſt durchaus unnütz, daß ich in unſerem Hauſe einen Verſuch mache, Etwas zu ler⸗ nen, was Prince's Frau wiſſen ſollte. Wir leben in ei⸗ nem ſolchen Zuſtande der Verwirrung, daß es mir un⸗ möglich iſt, und ich bin immer nur um ſo mehr entmuthigt worden, wenn ich ein Mal den Verſuch gemacht habe. Ich übe mich daher ein Bischen bei— bei wem ſollten Sie wohl glauben?— bei der armen Miß Flite! „Früh Morgens helfe ich ihr in ihrem Zimmer aufräumen und ihre Vögel reinigen; dann mache ich ihr eine Taſſe Caffee(natürlich hat ſie mich das gelehrt), und ich habe auf dieſe Weiſe all mählig ſo guten Caffee machen gelernt, daß Prince ſagt, es ſei der allerbeſte, den er je gekoſtet, und daß ſogar der alte Turyeydrop, 100 der doch in Beziehung auf ſeinen Caffee ſehr diffleil iſt, eine wahre Freude daran haben würde. „Auch kann ich kleine Puddings machen; und ferner verſtehe ich mich darauf, das Halsſtück von einem Ham⸗ mel, und Thee, und Zucker und Butter, und viele an⸗ dere in einer Haushaltung nöthige Dinge zu kaufen. „Was die Nadelarbeiten betrifft, ſo bin ich darin noch nicht ſehr geſchickt,“ endigte Caddy, einen Blick auf die Reparatur an Peepy's Rock werfend;„vielleicht aber wird es mir gelingen, einige Fortſchritte darin zu machen. Und ſeitdem ich mit Prince verſprochen bin, und Alles dieſes gethan habe, bin ich hoffentlich auch beſſer gelaunt und gegen Ma verſöhnlicher geweſen. Heute Morgen machte es mich anfänglich ein Bischen irre, als ich Sie und Miß Clara ſo nett und hübſch ſah: ich ſchämte mich nicht allein für Peepy, ſondern auch für mich ſelbſt; al⸗ lein, Alles in Allem genommen, iſt meine Gemüthsſtim⸗ mung hoffentlich eine beſſere, als früher, und hoffentlich bin ich jetzt auch verſoͤhnlicher gegen Ma.“ Dem armen Mädchen, das ſich ſo viele Mühe gab, gingen dieſe Worte von Herzen, und ſie mußte daher auch mein Herz rühren. „Meine liebe Caddy,“ hob ich, als Antwort auf das Geſagte, an,„ich fange an, eine große Liebe zu Ihnen in mir zu verſpüren, und ich hoffe, daß wir noch Freun⸗ dinnen werden.“ „Wirklich?“ rief Caddy;„ach, wie glücklich würde mich das machen!“ „Meine liebe Caddy,“ ſagte ich,„wir wollen von dieſer Stunde an Freundinnen ſein und oft über dieſe Gegenſtände plaudern, und den rechten Weg durch dieſel⸗ ben hindurch zu finden ſuchen.“ Caddy's Freude kannte keine Grenzen. Ich aber ſagte Alles, was ich in meiner altmodiſchen Weiſe konnte, um ſie zu tröſten und zu ermuthigen; und es wäre an dieſem Tage nichts Geringeres, als ein Witthum für 101 ſeine Schwiegertochter erforderlich geweſen, wenn ich meine Einwendungen gegen den alten Mr. Turveydrop hätte geltend machen ſollen. Wir waren jetzt bei Mr. Krook's Wohnung ange⸗ kommen, deſſen Hausthüre offen ſtand. Ueber dem Thuͤr⸗ pfoſten war ein Zettel angeklebt, der beſagte, daß im zweiten Stocke ein Zimmer zu vermiethen wäre. Dieſer Zettel veranlaßte Caddy, während wir die Treppe hinanſtiegen, mir zu ſagen, daß daſelbſt ein ploͤtz⸗ licher Todesfall eingetreten wäre, und eine gerichtliche Unterſuchung ſtattgefunden hätte; ſowie daß unſere kleine Freundin aus lauter Schrecken darüber krank geworden wäre. Es war das Zimmer mit der düſteren Thüre, auf die Miß Flite meine Aufmerkſamkeit heimlich gelenkt hatte, als ich zum letztenmal im Hauſe geweſen war. Es war ein düſterer, unheimlicher Ort,— ein trübſeliger, trauriger Ort, der in mir ein ſeltſames Gefühl der Trau⸗ rigkeit und ſelbſt des Schreckens weckte. „Sie ſehen blaß aus, und Sie ſehen aus, als ob es Sie fröre!“ ſprach Caddy, als wir heraus kamen. Und es war mir wirklich ſo, als ob das Zimmer einen erkältenden Einfluß auf mich ausgeübt hätte. Während wir ſo ſprachen, gingen wir langſam fort; — und mein Vormund war mit Ada bereits eingetroffen. Wir fanden ſie in Miß Flite's Dachſtübchen. Sie ſchau⸗ ten die Vögel an, während ein Arzt, der ſo gütig war, Miß Flite ſeine Hülfe mit vieler Sorgfalt und mit vie⸗ lem Mitleiden angedeihen zu laſſen, mit ihr ganz fröhlich in der Nähe des Feuers ſprach. „Ich brauche nun nicht mehr zu kommen,“ ſagte er vortretend.„Miß Flite befindet ſich jetzt viel beſſer und kann morgen wieder nach dem Kanzleigerichtshofe gehen (da ſie nun einmal darauf verſeſſen iſt): wie ich hore, hat man ſie dort ſehr vermißt.“ Miß Flite nahm das Compliment mit vielem Ge⸗ 10² fulen auf und begrüßte uns mit einem allgemeinen nixe. „Wahrhaftig,“ ſagte ſie,„ich ſehe mich durch einen zweiten Beſuch von den Mündeln in dem Jarndyce'ſchen Prozeſſe beehrt! Freut mich unendlich, Jarndyce von Bleak⸗Houſe unter meinem beſcheidenen Dache zu em⸗ pfangen!“ Hier machte ſie einen ſpeciellen Knix.„Fitz⸗ Jarndyce, meine Liebe;“— wie es ſchien, hatte ſie Caddy damit gemeint, da ſie dieſe immer ſo anredete;„ein dop⸗ pelter Willkomm!“ „Iſt ſie ſehr krank geweſen?“ fragte Mr. Jarndyce den Herrn, den er bei ihr getroffen hatte. Sie antwortete ſelbſt auf der Stelle, obgleich er die Frage nur geflüſtert hatte. „Oh, entſchieden unwohll Oh, wirklich recht un⸗ wohl!“ ſagte ſie zutraulich.„Nicht Schmerzen, wiſſen Sie,— ſondern Unruhe. Nicht ſowohl körperlich, als nervös, nervoͤs! Soll ich Ihnen die Wahrheit ſagen,“— dieß ſagte ſie zitternd und mit gedämpfter Stimme— „ſo haben wir hier einen Todesfall gehabt. Es war Gift im Hauſe, Solche abſcheuliche Dinge greifen mich immer ungemein an. Ich bekam Furcht. Oh, nur Mr. Woodcourt weiß, wie ſehr ich mich fürchtete. Mein Arzt, Mr. Woodcourt!“ ſetzte ſie mit naiver Würde hinzu.„Die Mündel in Jarndyce, Jarndyce von Bleak⸗ Houſe,— Fitz⸗Jarndyce!“ „Miß Flite,“ ſprach Mr. Woodcourt in ernſt⸗güti⸗ tigem Tone, als wollte er, während er mit uns ſprach, ſich auf ſie berufen; dabei legte er ſeine Hand auf ihren Arm;„Miß Flite beſchreibt ihre Krankheit mit ihrer gewohnten Genauigkeit. Sie kam bei einem Vorfall in dieſem Hauſe, der eine ſtärkere Perſon hätte erſchrecken können, in Schrecken und wurde vor Angſt und Aufregung krank. Sie holte mich bei der erſten Eile der Entdeckung hieher, jedoch zu ſpät, um für den unglücklichen Mann von einigem Nutzen ſein zu können. Ich hahe mich nun 103 ſelbſt für dieſen verfehlten Gang entſchädigt, dadurch, daß ich ſeitdem hieher komme, und ihr von einigem wenigem Nutzen bin.“ „Es iſt der gefälligſte Arzt im Collegium,“ flüſterte mir Miß Flite zu.„Ich ſehe einer richterlichen Entſchei⸗ dung entgegen. Am Tage des Gerichtes. Dann werde ich Güter und Vermögen austheilen.“ „Sie wird in ein Paar Tagen,“ ſagte Mr. Wood⸗ court, ſie mit einem beobachtenden Lächeln anblickend, „wieder ſo geſund ſein, als ſie nur je es ſein kann. Mit andern Worten, natürlich ganz wohl. Haben Sie ſchon von Ihrem Glücke gehoͤrt?“ „Hoͤchſt außerordentlich!“ ſagte Miß Flite, froͤhlich lächelnd.„Noch nie haben Sie gewiß von ſo Etwas ge⸗ hört, meine Liebe! Jeden Samstag ſteckt der Conver⸗ ſations⸗Kenge oder Guppy, der Gehülfe des Converſa⸗ tions⸗Kenge, mir ein Papier mit Shillingen in die Hände. Ja, es ſind wirklich Shillinge darin,— ich kann es Ihnen verſichern! Es befindet ſich ſtets die gleiche Anzahl im Papiere. Immer einer für jeden Tag in der Woche. „Nun wiſſen Sie, wie rechtzeitig dieſes kommt,— nicht wahr? J— a, j—a! Woher kommen aber dieſe Papiere, ſagen Sie? Das iſt die große Frage. Natür⸗ lich. Soll ich Ihnen ſagen, was ich denke? „Ich denke,“ fuhr Miß Flite fort, indem ſie ſich mit einem überaus pfiffigen Blicke zurückzog, und ihren rech⸗ ten Zeigefinger in höchſt bedeutungsvoller Weiſe ſchüttelte, —„ich denke, daß der Lordkanzler, der Länge der Zeit eingedenk, während welcher das große Siegel aufgethan geweſen iſt(— denn es iſt lange aufgethan geweſen!—), dieſelben ſchickt. Bis das Urtheil, das ich erwarte, ge⸗ ſprochen ſein wird. „Dieß iſt nun, wie Sie wiſſen, recht ſchön von ihm. Recht ſchön, auf dieſe Weiſe zu bekennen, daß er für das menſchliche Leben ein Bischen langſam ſei. So zart! 104 Als ich vor einiger Zeit mit meinen Documenten vor Ge⸗ richt erſchienen war,— ich erſcheine regelmäßig im Saal des Kanzleigerichtshofs,— ſchrieb ich ihm es zu, und er geſtand es beinahe. Das heißt, ich lächelte ihm von meiner Bank aus zu, und er lächelte mir von ſeiner Bank aus zu. Aber es iſt ein großes Glück,— nicht wahr? Und Fitz⸗Jarndyce legt das Geld für mich ſehr vortheil⸗ haft an. Oh, ich verſichere Sie, ſo vortheilhaft, wie nur möglich!“ Ich beglückwünſchte ſie(— da ſie ſich an mich wandte—) wegen dieſer glücklichen Zugabe zu ihrem Einkommen, und drückte gegen ſie den Wunſch aus, daß ſie ſich derſelben lang erfreuen möchte. Ich dachte nicht darüber nach, woher dieſe Geſchenke kommen können, und fragte mich nicht, weſſen Menſchenfreundlichkeit ſo ſorg⸗ ſam wäre. Mein Vormund ſtand vor mir, und ſah die Vögel an, und ich brauchte nicht über ihn hinaus zu ſehen. „Und wie nennen Sie die kleinen Kerls da, Ma'am?“ fagte er mit ſeiner angenehmen Stimme.„Haben ſie auch Namen?“ „Ich kann für Miß Flite dieſe Frage dahin beant⸗ worten, daß ſie Namen haben,“ ſprach ich,„denn ſie ver⸗ ſprach uns zu ſagen, wie ſie hießen. Ada erinnert ſich doch noch?“ Ada erinnerte ſich noch ſehr wohl. „Habe ich das wirklich verſprochen?“ ſagte Miß Flite.—„Aber wer iſt denn das an meiner Thüre? Warum horchen Sie an meiner Thüre, Krook?“ Der alte Hauswirth ſtieß die Thüre auf, und er⸗ ſchien unter derſelben, mit ſeiner Pelzkappe in der Hand, und gefolgt von ſeiner Katze. „Ich habe nicht gehorcht, Miß Flite,“ ſagte er. „Ich war eben im Begriffe, mit meinen Knöcheln an die⸗ ſelbe zu ſchlagen,— aber Sie ſind ſo geſchwind, daß Sie mir zuvor gekommen find!“— — 105 „Machen Sie, daß Ihre Katze hinuntergeht. Trei⸗ ben Sie ſie hinaus!“ rief die alte Dame zornig aus. „Bah, bah! Es iſt keine Gefahr dabei, wenn ſie hier bleibt, Ihr vornehme Herren und Damen,“ ſprach Mr. Krook, langſam und ſcharf von Einem zum Andern blickend, bis er uns alle gemuſtert hatte;„ſo lange ich hier bin, thut ſie den Vögeln Nichts, es ſei denn, daß ich ſie es heiße.“ „Sie werden meinen Hauswirth entſchuldigen,“ ſagte die alte Dame mit würdevoller Miene. M, ganz M! Was wollen Sie, Krook? Sie ſehen doch, daß ich Ge⸗ ſellſchaft habe?“ „Hi!“ ſprach der alte Mann.„Wie Sie wiſſen, ſo bin ich der Lordkanzler.“ „Und wenn auch?“ fragte Miß Flite. „Der Lordkanzler,“ ſprach der alte Mann kichernd, „einen Jarndyce nicht kennen, iſt doch ſeltſam,— nicht wahr, Miß Flite? Darf ich mir die Freiheit nicht nehmen?— Ihr Diener, Sir. Ich kenne Jarndyce und Jarndyce faſt ſo gut, wie Sie, Sir. Ich kannte den alten Squire Tom, Sir. Dennoch habe ich Sie, ſoviel mir erinnerlich, noch nie zuvor geſehen,— nicht ein Mal vor Gericht. Und dennoch gehe ich im Laufe des Jahres hölliſch oft dahin, wenn man einen Tag in den andern rechnet.“ „Ich gehe nie hin,“ ſprach Mr. Jarndyce(— und wirklich that er es auch nie um irgend einen Preis.—) „Ich moͤchte lieber— anders wohin gehen.“ „Ah, das möchten Sie?“ entgegnete Krook grin⸗ ſend.„Sie nehmen meinen edlen und gelehrten Collegen arg mit, Sir,— obgleich das von Seiten eines Jarn⸗ dyce vielleicht nur natürlich iſt. Ein verbranntes Kind, Sir! Wie? Sie ſehen die Voͤgel meiner Miethfrau an, Mr. Jarndyce?“ Unterdeſſen war der alte Mann allmählig in die Stube herein gekommen, bis er jetzt meinen Vormund 106 mit dem Elbogen berührte, und ihm mit ſeinen bebrillten Augen ſcharf in's Geſicht ſah. Dann fuhr er alſo fort: „Es iſt eine ihrer Seltſamkeiten, daß ſie nie die Namen dieſer Vögel ſagt, wenn ſie es umgehen kann, obgleich ſie dieſe Vögel alle benamst hat.“ Dieſe Worte waren nur geflüſtert worden. Dann fragte er, uns zublinzend und auf ſie deu⸗ tend, während ſie ſich hinweg wandte und ſich ſtellte, als müßte ſie den Kaminroſt abfegen, laut: gu 72al ich ſagen, wie ſie alle heißen, die Vogel, lite?“ „Wenn Sie wollen,“ antwortete ſie raſch. Der alte Mann ſah, nachdem er uns einen andern Blick zugeworfen, zu den Käſtgen auf, und ging die ganze Liſte durch. „Hoffnung, Freude, Jugend, Frieden, Ruhe, Leben, Staub, Aſche, Verſchwendung, Mangel, Ruin, Verzweif⸗ lung, Tollheit, Tod, Liſt, Narrheit, Worte, Perrücken, Lumpen, Schafsfell, Raub, Präcedens, Kauderwelſch, Be⸗ trug und Spinat. Dieß iſt die ganze Collection,“ ſagte der alte Mann,„alle zuſammengeſperrt durch meinen ed⸗ len und gelehrten Collegen.“ „Es iſt dieß ein bitter kalter Wind,“ murmelte mein Vormund. „Sobald mein edler und gelehrter College ſeinen Ausſpruch thut, ſollen ſie ſrei gelaſſen werden,“ ſprach Krook, uns abermals zublinzend.„Und dann,“ ſetzte er flüſternd und grinſend hinzu,„würden, wenn dieß je ge⸗ ſchehen ſollte,— was aber nie geſchehen wird,— die Vogel, die noch nie eingeſperrt geweſen, ſie gewiß tödten.“ —„Wenn je der Wind aus Oſten blies, ſo glaube ich, daß er heute daher bläst!“ ſprach mein Vormund, indem er ſich ſtellte, als ſehe er zum Fenſter hinaus, um einen Wetterhahn zu erſpähen. Wir fanden es ſehr ſchwer, aus dem Hauſe wieder 107 weg zu kommen. Es war nicht Miß Flite, die uns zu⸗ rückhielt, ſie war, in Befragung der Bequemlichkeit An⸗ derer, ein ſo vernünftiges, kleines Geſchöpf, wie es nur eines geben konnte. Wer uns aber zurück hielt, das war Mr. Krook. Es ſchien ihm rein unmöglich, ſich von Mr. Jarndyce los zu machen, wäre er an ihn angeſchweißt geweſen, ſo hätte er ſich kaum enger an ihn anſchließen können. Er machte uns den Vorſchlag, uns ſeinen Kanzlei⸗ gerichtshof ſammt all dem ſeltſamen Miſchmaſch, den derſelbe erhielt, zu zeigen. Waͤhrend der ganzen Zeit unſerer Beſichtigung(— die durch ihn ſelbſt abſichtlich verläͤngert wurde—) ging er Mr. Jarndyce nicht von der Seite; bisweilen hielt er ihn, unter dieſem oder jenem Vorwande zurück, bis wir weiter gegangen waren, wie wenn er von einem ſehn⸗ ſuchtsvollen Verlangen geplagt wäre, einen geheimen Ge⸗ genſtand auf's Tapet zu bringen, wozu er ſich aber nie ganz entſchließen zu können ſchien. Ich kann mir kein Geſicht und keine Manier denken, die in ſeltſamerer Weiſe Vorſicht und Entſchloſſenheit und einen beſtändigen Trieb, Etwas zu thun, was er ſich dann doch wieder nicht entſchließen konnte zu wagen, ausgedrückt hätten, als die Mr. Krook's an jenem Tage. Er ließ meinen Vormund auch nicht einen Augenblick aus dem Auge. Nur ſelten wandte er die Augen von ſeinem Geſichte ab. Ging er neben ihm weiter, ſo beobachtete er ihn mit der Schlauheit eines alten, weiſen Fuchſes. Ging er voran, ſo blickte er zurück. Blieben wir ſtehen, ſo ſtellte er ſich gerade vor ihn hin, und ſchien, indem er ſeine Hand, mit einem merkwurdigen Ausdrucke eines Gefühls von Macht, aber und abermals quer durch den offenen Mund zog, und die Augen aufwärts drehte, und ſeine grauen Augenbrauen niederdrückte, bis ſie wie geſchloſſen ausſahen, jeden Zug ſeines Geſichtes auf's Ge⸗ naueſte zu prüfen. —— 4 108 Endlich kamen wir, nachdem wir(— ſtets von der Katze begleitet—) das ganze Haus durchwandert, und die ganze Maſſe von Polterkram, die gewiß ebenſb ver⸗ ſchiedenartig, als merkwürdig war, geſehen hatten, in den hinteren Theil des Ladens. Hier befanden ſich auf dem Boden eines leeren, aufrecht ſtehenden Faſſes, ein Dintenkolben, einige alte Federſtümpfe, ſowie einige ſchmu⸗ tige Theaterzettel; an die Wand aber waren verſchiedene große, gedruckte Alphabete in verſchiedenen ſchmuckloſen Schriften angeklebt. „Was thun Sie hier?“ fragte mein Vormund. „Ich ſuche ſelbſt leſen und ſchreiben zu lernen,“ ſprach Krook. „Und wie gelingt Ihnen dieſer Verſuch? Machen Sie auch Fortſchritte?“ „Oh, langſam genug, ich komme faſt gar nicht vor⸗ wärts,“ erwiederte der alte Mann ungeduldig.„Es iſt für einen ſo alten Mann, wie ich bin, eben ſchwer.“ „Es würde aber leichter gehen, wenn Sie ſich von Jemand Unterricht geben ließen,“ ſprach mein Vormund. „Ei, freilich; aber ſehen Sie, man könnte mich falſch lehren!“ entgegnete der alte Mann mit einem wunderbar argwöhniſchen Augenblitze.„Ich weiß gar nicht ſo recht, was ich vielleicht verloren, indem ich es nicht ſchon früher gelernt. Und jetzt moͤchte ich nicht gerne Etwas verlie⸗ ren dadurch, daß man mich falſch lehrt.“ „Falſch?“ ſagte mein Vormund mit ſeinem gut⸗ launigen Lächeln.„Glauben Sie denn, daß es irgend Jemand einfallen könnte, Sie falſch zu lehren?“ „Ich weiß nicht, wer das thun würde, Mr. Jarn⸗ dyce von Bleak Houſe!“ erwiederte der alte Mann, die Brille auf die Stirne hinaufſchiebend und ſich die Hände reibend.„Ich glaube nicht gerade, daß es Jemand thun würde;— aber doch traue ich lieber mir ſelbſt, als einem Andern!“ Dieſe Antworten und ſein Benehmen waren ſeltſam 109 genug, um meinen Vormund zu veranlaſſen, während wir mit einander über Lincolns Inn hingingen, ſich bei Mr. Woodcourt zu erkundigen, ob Mr. Krook denn wirk⸗ lich verrückt wäre, wie ſeine Miethfrau behauptet hätte. Der junge Arzt antwortete mit Nein, indem er nie Grund gehabt, ſo Etwas zu glauben. Mr. Krook. ſagte er, ſei außerordentlich mißtrauiſch, wie die Unwiſſenheit gewöhnlich ſei; auch ſei er ſtets mehr oder minder unter dem Einfluſſe unvermiſchten Genevers,*) wovon er große Quanta trinke und nach welchem er, ſo wie ſeine Hinter⸗ bude, ſtark rieche, wie wir vielleicht bemerkt hätten; in⸗ deſſen glaube er nicht, daß er ſchon jetzt verrückt ſei. Auf unſerem Heimwege erwarb ich mir Peepy's Zuneigung dadurch, daß ich ihm eine Windmühle und zwei Mehl⸗ ſäckchen kaufte, dergeſtalt, daß er ſich von Niemand an⸗ ders den Hut und die Handſchuhe abnehmen laſſen, und daß er beim Eſſen ſich neben Niemand anders, als neben mich ſetzen wollte; Caddy ſaß an meiner andern Sette, zunächſt bei Ada, der wir die ganze Geſchichte des Ver⸗ löbniſſes mittheilten, ſobald wir wieder zu Hauſe waren. Wir behandelten Caddy, ſowie auch Peepy äußerſt artig, und Caddy wurde ungemein heiter; auch mein Vormund war ſo luſtig, wie wir ſelbſt; und wir Alle waren wirklich in der beſten Laune von der Welt, bis Caddy am Abende in einer Miethkutſche nach Hauſe fuhr mit Peepy, der ſchon feſt ſchlief, aber immer noch ſeine Windmühle feſthielt. Ich habe vergeſſen, zu erwähnen,— wenigſtens habe ich es nicht erwähnt,— daß Mr. Woodcourt derſelbe ſchwarzhaarige, junge Arzt war, den wir in Mr. Badger's Hauſe getroffen hatten. Oder, daß Mr. Jarndyce ihn an demſelben Tage zum Eſſen eingeladen hatte. Oder, daß derſelbe kam. Oder, daß, als Alle fortgegangen waren und ich zu Ada ſagte:„Nun wollen wir, meine *) Wachholderbranntweiu. 1¹0 Liebe, ein Bischen von Richard ſprechen!“ Ada lachte und ſprach— Aber ich glaube, daß nicht gar viel an dem liegt, was mein Liebling ſagte. Sie liebte immer ein kleines Späßchen. Fünfzehntes Kapitel. Bell Yard.*) Während wir uns in London aufhielten, wurde Mr. Jarndyce unaufhoͤrlich von der Maſſe erregbarer Damen und Herrn belagert, deren Verfahren uns in ſo großes Staunen verſetzt hatte. Mr. Quale, der bald nach un⸗ ſerer Ankunft ſich präſentirte, war bei allen ſolchen Auf⸗ regungen betheiligt. Er ſchien ſeine zwei wohlbekannten, glänzenden Schläfenanſchwellungen in Alles zu projieiren, was vorging, und ſein Haax weiter und weiter zurück⸗ zubürſten, bis ſogar die Wurzeln faſt im Begriffe waren, aus purem philanthropiſchem Drange, der bel ihm immer nicht in angemeſſener Weiſe befriedigt werden konnte, aus ſeinem Kopfe zu fahren. Alle Gegenſtände galten ihm gleich; was er aber insbeſondere gern that, war, irgend Jemand ein Zeugniß auszuſtellen. Seine große Kraft ſchien ſeine Bewunderungskraft zu ſein, die ſich auf Alles ohne Unterſchied erſtreckte. Er konnte, ſo lange man nur wollte, daſitzen, ohne daß ſein Genuß,— und es war derſelbe ſo groß, wie möglich,— ſich im Geringſten ver⸗ minderte, und ſeine Schläfen im Lichte jeder beliebigen *) Zu deutſch: Glockenhof. X SP 8 ed 280 achte iegt, eines Mr. nen ßes un⸗ luf⸗ ten, ren, ick⸗ ten, ner aus hm end aft les nur ar er⸗ gen 111 Beleuchtung baden. Da ich ihn zuerſt für Mrs. Jellyby ganz in Bewunderung verſenkt geſehen hatte, hatte ich geglaubt, es ſei dieſelbe der ausſchließliche Gegenſtand ſeiner frommen Ergebenheit. Bald aber entdeckte ich meinen Irrthum; denn ich fand, daß er einer ganzen Maſſe von Leuten als Schleppträger und Orgeltreter diente. Mrs. Pardiggle kam eines Tags, um für irgend einen Zweck Gelder ſubſeribiren zu laſſen:— mit ihr erſchien auch Mr. Quale. Was immer Mrs. Pardiggle ſagen mochte, wiederholte uns Mr. Quale; und gerade ſo, wie er von Mrs. Jellyby eine Verlängerung gebildet hatte, bildete er unſerer Mrs. Pardiggle eine ſolche Verlängerung. Mrs. Pardiggle ſchrieb einen Empfehlungsbrief an meinen Vormund, zu Gunſten ihres beredten Freundes, Mr. Guſher's. Mit Mr. Guſher erſchien auch wieder Mr. Quale. Mr. Guſßher, der ein ſchlotteriger Herr mit feuchter Oberfläche, und deſſen Augen für ſein Vollmondsgeſicht um ſo viel zu klein waren, daß ſie urſprünglich für Je⸗ mand anders gemacht worden zu ſein ſchienen, nahm auf den Blick nicht gar ſehr für ſich ein; indeſſen hatte er ſich kaum geſetzt, als Mr. Quale Ada und mich— und zwar in ziemlich hörbarer Weiſe,— fragte, ob der ge⸗ nannte Mr. Guſher nicht ein großes Geſchöpf wäre,— was derſelbe gewiß war, wenn man ſein ſchlotteriges Weſen im Auge hatte; obgleich Mr. Quale von geiſtiger Schoͤnheit ſprechen wollte,— und ob uns der maſſive Bau ſeiner Stirne nicht aufftele. Kurz und gut, wir hoͤrten unter dieſer Claſſe von Menſchen von einer großen Menge Miſſionen verſchiedener Art ſprechen; Nichts aber war in Beziehung auf dieſelben uns auch nur halb ſo klar, als daß es Mr. Quale's Miſſion war, über Jeder⸗ manns Miſſion in Extaſe zu gerathen, und daß es unter allen die populärſte Miſſion war. Mr. Jarndyce war in der Zärtlichkeit ſeines Herzens und ſeines ernſten Verlangens, ſo viel Gutes wie moͤlich, 112 zu thun, in dieſe Geſellſchaft gerathen; daß er aber nun zu oft fühlte, daß die Geſellſchaft unbefriedigend war, wo die Wohlthätigkeit ſpasmodiſche Formen annahm; wo die Mildthätigkeit als eine regelmäßige Uniform von Leuten angezogen wurde, die auf eine wohlfeile Berühmt⸗ heit ſpeculirten und derſelben nachjagten,— von Leuten, die ihr Glaubensbekenntniß nicht ſtark genug machen konn⸗ ten,— die im Handeln eitel und ruchlos, gegen die Gro⸗ ßen bis zum letzten Grade der Niederträchtigkeit ſervil waren,— einander ſchmeichelten und beweihrauchten,— und unerträglich gegenüber von allen Denjenigen, die es ſich angelegen ſein ließen, in aller Stille lieber die Schwa⸗ chen zu ſtützen, daß ſie nicht fielen, als mit vielem Auf⸗ ſehen und Selbſtlob dieſelben ein Bischen aufzuheben, wenn ſie zu Boden lagen:— ſagte er uns mitt klaren Worten. Wenn von Mr. Guſher auf ein Zeugniß hin⸗ gewieſen wurde, das von Mr. Quale ausgegangen(— von Mr. Guſher, der bereits ein ſolches erhalten, das von Mr. Quale ausgegangen—), und wenn Mr. Guſher wäh⸗ rend anderthalb Stunden über den Gegenſtand zu einer Verſammlung ſprach, wobei zwei Freiſchulen mit kleinen Knaben und Mädchen mit eingeſchloſſen waren, die ins⸗ beſondere an das Scherflein der Wittwe erinnert und er⸗ mahnt wurden, ihre halben Pence als ein Gott ange⸗ nehmes Opfer zu geben,— ſo glaube ich, daß ganze drei Wochen lang bei ihm der Wind aus Oſten blies. Ich thue dieſes Umſtandes Erwähnung, weil ich wieder an Mr. Skimpole komme. Es ſchien mir, als ob ſeine ſo freiwilligen Geſtändniſſe, daß er ein Kind ſei und ſich um Nichts bekümmere, durch den Contraſt, den ſte mit ſolchen Dingen bildeten, meinem Vormunde höchſt willkommen wären, und als ob man um ſo bereitwilliger daran glaubte, da es ihm natürlich nur Freude machen mußte, unter ſo vielen entgegengeſetzten Charakteren einen vollkommen argloſen und aufrichtigen Menſchen zu finden. Es ſollte mir leid thun, wenn ich damit ſagen wollte, 113 Mr. Skimpole habe dieſes geahnt und ſei aus Politik geworden, was er war: die Wahrheit iſt, daß ich ihn nie ſo gut verſtand, um das wiſſen zu können. Was er aber meinem Vormunde war, war er gewiß auch der übrigen Welt. Er war nicht ganz wohl geweſen; und ſo hatten wir, obſchon er in London wohnte, bis daher noch Nichts von ihm geſehen. Eines Morgens aber erſchien er in ſeiner gewohnten, angenehmen Weiſe, und ſo heiter und luſtig, wie nur je. Hier ſei er nun, ſagte er. Er habe an Galle labo⸗ rirt, aber dieß paſſire ja oft reichen Leuten, und deßhalb habe er ſich überredet, daß er ein Mann ſei, der großes Eigenthum beſitze. Und dieß war er auch in gewiſſer Hinſicht,— wenn man nänllich ſeine erpanſiven Abſichten in Anſchlag brachte. Er hatte ſeinen Arzt auf's Frei⸗ gebigſte beſchenkt und bereichert. Er hatte deſſen Honorar ſtets verdoppelt, ja bisweilen vervierfältigt. Er hatte zu dem Doctor geſagt:„Mein lieber Doctor, es iſt eine fürchterliche Selbſttäuſchung von Ihrer Seite, zu glauben, daß Sie mich umſonſt behandeln. Ich überhäufe Sie mit Geld,— in meinen expanſiven Abſichten:— wenn Sie es nur wüßten!“— Und wirklich, ſagte er, habe er es auch bis zu dem Grade im Sinne gehabt, daß er glaube, es komme etwa auf daſſelbe hinaus, wie wenn er es ge⸗ than. Hätte er die bekannten Metallſtückchen oder Pa⸗ pierfetzen gehabt, worauf die Menſchen ſo großes Gewicht legten, ſo würde er nicht verfehlt haben, dieſelben in des Doctors Hand zu legen. Da er dieſelben aber nicht ge⸗ habt, ſo habe eben der gute Wille die That erſetzen müſſen. Ganz gut! Sobald er wirklich die Abſicht ge⸗ habt,— ſobald es ſein aufrichtiger und wirklicher Wille geweſen:— woran nicht zu zweifeln, ſchien es ihm, als ob er mit klingender Münze bezahlt hätte und als ob er ſeiner Verbindlichkeit nun quitt wäre. Break Houſe. II. 6 8 114 „Es mag dieß zum Theil daher rühren, weil ich von dem Werthe des Geldes lediglich Nichts verſtehe,“ ſprach Mr. Skimpole,„allein ich fühle das oft. Es ſcheint ſo vernünftig! So ſagt zum Beiſpiel mein Fleiſcher zu mir, er erſuche mich, ihm die kleine Rechnung zu zahlen. Es iſt ein Theil der angenehmen, unbewußten Poeſie, die in ver Natur des Mannes liegt, daß er immer nur von ‚einer kleinen Rechnung' ſpricht:— offenbar ſoll dadurch uns Beiden die Zahlung als leicht erſcheinen. Ich ant⸗ worte dem Fleiſcher: ‚Mein guter Freund, Sie ſind be⸗ zahlt; Sie dürfen ſich es nur einbilden. Hätten Sie das gethan, ſo hätten Sie ſich nicht die Mühe zu geben ge⸗ braucht, hieher zu kommen und die Bezahlung der kleinen Rechnung zu verlangen. Gehen Sie, Sie ſind bezahlt. Ich meine es: mein guter Wille kann und muß Ihnen das ſchlechte Metall erſetzen!““ „Wir wollen nun aber einmal annehmen,“ ſagte mein Vormund lachend,„der Fleiſcher habe bloß das Fleiſch gemeint,— habe bloß den guten Willen gehabt, das auf der Rechnung erwähnte Fleiſch zu ſchicken, an⸗ ſtatt es wirklich zu ſchicken?“ „Mein lieber Jarndyce,“ entgegnete er,„Sie ſetzen mich in Erſtaunen. Sie verſetzen ſich ja in die Lage des Fleiſchers. Ein Fleiſcher, mit dem ich ein Mal zu thun hatte, ſtellte ſich ganz auf den nämlichen Boden. Sagt er: ‚Mein Herr, warum haben Sie Fleiſch von einem Frühlingslamme, das Pfund zu achtzehn Pence, gegeſſen?“ — ‚Warum ich Fleiſch von einem Frühlingslamme, das Pfund zu achtzehn Pence, gegeſſen, fragen Sie, mein ehrenwerther Freund?“ ſagte ich, über die Frage, wie natürlich, höchlich erſtaunt. ‚Ich antworte Ihnen, weil ich Fleiſch von einem Frühlingslamme liebe!l: So weit war dieß überzeugend.—„Wohlan, Sir,“ ſagt er, ‚ich wollte, ich hätte bloß das Fleiſch gemeint, wie Sie das Geld meinen!e— ‚Mein guter Mann,“ ſagte ich, laſſen Sie uns ein Mal wie Weſen, die mit Vernunft begabt — dri il ich ehe,“ heint er zu hlen. „ die von durch ant⸗ be⸗ das ge⸗ einen ahlt. hnen ſagte das habt, an⸗ ſetzen 2 des thun Sagt einem ſen?“ das mein wie weil weit 2 ‚ich das laſſen egabt 11⁵ ſind, raiſonniren. Wie konnte das ſein? Es war rein unmoͤglich. Sie hatten das Lammfleiſch; und ich habe das Geld nicht. Sie konnten nicht wohl das Lamm⸗ fleiſch meinen, ohne es mir wirklich zu ſchicken, während ich das Geld wirklich meinen kann und meine, ohne es zu bezahlen!’ Der gute Mann blieb ſtumm wie ein Fiſch und konnte auch nicht ein Wort entgegnen. Und ſo war denn die Sache abgemacht.“ „Hat er Sie aber nicht eingeklagt?“ fragte mein Vormund. „Ci freilich, er hat es gethan,“ ſprach Mr. Skim⸗ pole.„Allein in dieſem Stücke ließ er ſich von der Lei⸗ denſchaft, nicht von der Vernunft beherrſchen. Die Lei⸗ denſchaft aber erinnert mich an Boythorn. Er ſchreibt mir, daß Sie und die Damen ihm verſprochen häͤtten, ihm einen kurzen Beſuch in ſeiner Junggeſellenbehauſung in Lincolnſhire zu machen.“ „Er hat ſich hei meinen Mädchen ſehr beliebt zu machen gewußt,“ ſprach Mr. Jarndyce,„und ich habe für ſie das Verſprechen gegeben, daß wir zu ihm kommen würden.“ 3 „Die Natur hat vergeſſen, ihn zu nüanciren, glauben Sie nicht auch?“ bemerkte Mr. Skimpole gegen Ada und mich.„Ein Bischen zu ungeſtüm,— wie die See, he? Ein Bischen zu heftig,— wie der Stier, der in jeder Farbe nun einmal Scharlach erblicken will? Allein 8 eüt zu, daß eine Art Schmiedehammerverdienſt an m iſt!“ Es hätte mich wirklich überraſcht, wenn die Beiden eine ſehr hohe Meinung von einander hätten haben kön⸗ nen, indem Mr. Boythorn vielen Dingen eine ſo große Wichtigkeit zuſchrieb und Mr. Skimpole ſich um Alles in der Welt ſo wenig bekümmerte, Außerdem hatte ich noch bemerkt, wie Mr. Boythorn mehr denn ein Mal auf dem Punkte war, ſich ſtark über Mr. Skimpole auszu⸗ drücken, wenn des Letzteren Erwähnung gethan wurde. 116 Natürlich ſtimmte ich Ada bei, wenn ſie ſagte, daß wir vielen Gefallen an ihm gefunden hätten. „Er hat mich eingeladen,“ ſagte Mr. Skimpole; „und wenn ein Kind ſich ſolchen Händen anvertrauen darf,— was das hier ſtehende Kind ſich ermuthigt findet zu thun, wenn es ſieht, daß die vereinigte Zärtlichkeit zweier Engel es ſchützt,— ſo werde ich gehen. Er macht mir den Vorſchlag, mich portofrei hin und zurück zu ſpe⸗ diren. Vermuthlich wird es Geld koſten? Shillinge vielleicht? Oder Pfunde? Oder ſo Etwas? Ei, da fällt mir Etwas ein. Coavinſes. Erinnern Sie ſich noch unſers Freundes Coavinſes, Miß Summerſon?“ Er fragte mich, indem dieſer Gegenſtand ſich ſeinem Geiſte aufdrängte, in feiner anmuthigen, fröhlichen Weiſe und ohne die geringſte Verlegenheit. „O ja, ich erinnere mich des Mannes noch gar wohl!“ ſprach ich. „So muß ich Ihnen denn ſagen, daß Coavinſes ſelbſt nun von dem großen Batliff verhaftet worden iſt,“ ſagte Mr. Skimpole.„Er wird dem Sonnenſchein jetzt nie mehr Gewalt anthun.“ Es berührte mich höchſt unangenehm, dieß zu hoͤren; denn es war mir bereits in nichts weniger als ernſter Gedankenverbindung das Bild des Mannes wieder vor Augen getreten, wie er an dem bekannten Abende auf dem Sopha ſaß und ſich den Kopf abwiſchte. „Sein Nachfolger hat es mir geſtern geſagt,“ ſagte Mr. Skimpole.„Sein Nachfolger iſt jetzt in meinem Hauſe,— im Beſitze deſſelben, wie er es, glaube ich, nennt. Er kam geſtern, als am Geburtstage meiner blau⸗ äugigen Tochter, zu mir. Ich richtete folgende Fragen an ihn:„Ihr Benehmen iſt unſchicklich und unvernünftig. Hätten Sie eine blauäugige Tochter, ſo würden Sie es gewiß nicht gerne ſehen, wenn ich an ihrem Geburtstage ſo ganz uneingeladen zu Ihnen käme?— Aber denken Sie ſich nur, der Mann blieb da.“ 117 Mr. Skimpole lachte über die luſtige Abſurdität und machte einige ſanfte Läufe auf dem Pianoforte, an dem er ſaß⸗ „Und denken Sie ſich,“ ſprach er, kleine Saiten an⸗ ſchlagend an den Stellen, wo ich Punkte ſetzen werde, „der Mann hat mir geſagt, Coavinſes habe hinterlaſſen. Drei Kinder. Keine Mutter. Und da Coavinſes’ Beruf. Mit nichten beliebt. Die jungen Coavinſes. In einer keineswegs beneidenswerthen Lage wären.“ Mr. Jarndyce ſtand auf, rieb ſich den Kopf, und fing an, auf und ab zu gehen. Mr. Skimvole ſpielte die Melodie von einem der Lieblingslieder Ada's. Ada und ich blickten Mr. Jarndyce an, und dachten, daß wir wüßten, was in ſeinem Geiſte vorginge. Nachdem mein Vormund eine Zeit lang auf und ab gegangen und ſtehen geblieben war, und verſchiedene Male aufgehoͤrt und wieder angefangen hatte, ſich den Kopf zu reiben, legte er ſeine Hand auf die Taſten des Piano⸗ fortes, und verhinderte ſo Mr. Skimpole, weiter zu ſpielen. „Ich ſehe das nicht gern, Skimpole,“ ſagte er ge⸗ dankenvoll. Mr. Skimpole, der die Sache bereits ganz vergeſſen hatte, blickte erſtaunt auf. „Der Mann war nothwendig,“ fuhr mein Vormund fort, indem er in dem ſehr kleinen Raume zwiſchen dem Pianoforte und dem Ende des Zimmers hin und her ging und ſich das Haar von dem Hintertheile des Kopfes her⸗ aufrieb, wie wenn ein gewaltiger Oſtwind es in dieſe Form geblaſen hätte.„Wenn wir ſolche Menſchen noth⸗ wendig machen durch unſere Fehler und Thorheiten, oder durch unſern Mangel an Weltkenntniß, oder durch unſer Unglück, ſo dürfen wir uns nicht an ihnen rächen. Sein Beruf war ein unſchädlicher. Er hat ſeine Kinder er⸗ halten und erzogen. Man möchte darüber etwas Näheres wiſſen.“ 118 „Oh! Coavinſes!“ rief Mr. Skimpole, der endlich merkte, was er ſagen wollte.„Nichts leichter. Ein Gang nach Coavinſes' Hauptquartier, und Sie können Alles er⸗ fahren, was Sie wollen.“ Mr. Jarndyce nickte uns, die wir bloß auf das Signal warteten, mit dem Kopfe zu.„Kommt! Wir wollen einen Spaziergang in jener Richtung machen, meine Lieben. Warum nicht ebenſo gut in jener Richtung, als in einer andern?“ Wir waren in einem Augenblicke parat, und gingen aus. Mr. Skimpole ging ebenfalls mit uns, und war über die Expedition ganz erfreut. Es ſei für ihn ſo neu und ſo erquickend, ſagte er, einmal Coavinſes zu brauchen, anſtatt daß Coavinſes ihn brauche! Er führte uns zuerſt nach Curſitor Street, Chancery Lane, wo ein Haus mit vergitterten Fenſtern ſtand,— welches Haus er Coavinſes' Schloß nannte. Als wir in den Eingang kamen und anläuteten, kam ein überaus häßlicher Knabe aus einer Art Bureau her⸗ aus und ſah uns über ein mit langen Nägeln verſehenes Pförtchen hinweg an. „Nach wem fragen Sie?“ ſagte der Knabe, das Kinn auf zwei von den Nägeln legend. „Es war ein untergeordneter Gerichtsſcherge, oder Offiziant, oder ſo Etwas hier, der nun todt iſt,“ ſprach Mr. Jarndyce. 3 „Ja,“ ſprach der Knabe.„Was weiter?“ „Ich moͤchte ſeinen Namen wiſſen.“ „Sein Name war Neckett,“ antwortete der Knabe. „Und ſeine Adreſſe?“ „Bell Yard,“ ſagte der Knabe.„Kramladen, zur Linken, Name ‚Blinder.““ „War er— ich weiß nicht, wie ich die Frage for⸗ muliren ſoll,“ murmelte mein Vormund,—„war er fleißig?“ „Ob Neckett fieißig war?“ ſagte der Knabe.„Das 119 will ich meinen. Er wurde des Wachens nie müde. Er konnte acht bis zehn Stunden an Einem fort an einer Straßenecke aufpaſſen, wenn er es ein Mal unternahm, es zu thun.“ 1 hucr hätte Schlimmeres thun koͤnnen,“ hörte ich meinen Vormund mit ſich ſelbſt ſprechen.„Er hätte es zu thun unternehmen koͤnnen, ohne es wirklich zu thun. Ich danke Dir, Kleiner. Mehr brauche ich nicht zu wiſſen.“ Wir verließen den Knaben, der, den Kopf nach einer Seite hin neigend, ſeine Arme auf dem Pförtchen liegen hatte und die Nägel liebkoſte und daran ſog, und gingen nach Lincolns Inn zurück, wo Mr. Skimpole, dem es gar nicht darum zu thun geweſen war, näher bei Coa⸗ vinſes zu bleiben, uns erwartete. Dann gingen wir Alle nach Bell Jard,— einem engen Gäßchen in ganz kurzer Entfernung. Wir fanden bald den Kramladen. In demſelben befand ſich ein altes Weib von gutmüthigem Ausſehen, ein Weib, das an der Waſſerſucht, oder an Engbrüſtig⸗ keit, oder vielleicht an beiden, laborirte. „Neckett's Kinder?“ ſagte ſie, meine Frage beant⸗ wortend.„Ei freilich, Miß. Drei Treppen hoch, wenn Sie erlauben. Thüre ganz oben im Hauſe, am Ende der Treppe,— derſelben gerade gegenüber.“ Und ſie gab mir über das Comptoir weg einen Schlüſſel. Ich blickte den Schlüſſel an, und blickte ſie an; allein ſie nahm es als ausgemacht an, daß ich wiſſen müßte, was ich damit zu thun hätte. Da der Schlüſſel mir nur in der Abſicht gegeben worden ſein konnte, damit wir die Thüre der Kinder auf⸗ ſchließen ſollten, ging ich, ohne eine weitere Frage an ſie zu richten, hinaus und ging zuerſt die dunkle Treppe hin⸗ an. Wir gingen ſo leiſe wie möglich; da wir aber unſer Vier waren, ſo machten wir auf den alten Dielen einiges 120 Geräuſch; und als wir im zweiten Stockwerke anlangten, fanden wir, daß wir einen Mann geſtört hatten, der dort ſtand und aus ſeiner Stube herausſah. Starren die Augen auf mich heftend. „Nein, ich gehe höher hinauf,“ antwortete ich. Er blickte Ada nnd Mr. Jarndyce und Mr. Skim⸗ pole an, indem er denſelben ſtarren, zornigen Blick auf Alle, der Reihe nach, heftete, während ſie mir nachfolgten und an ihm vorüberkamen. Mr. Jarndyce wünſchte ihm einen guten Tag. „Guten Tag!“ ſprach er barſch und trotzig. Es war ein großer, bleicher Mann, mit einem von vielen und langen Sorgen zeugenden Kopfe,— mit einem Kopfe, auf dem nur noch ſpärliche Haare zurückgeblieben waren. Sein Geſicht zeigte tiefe Linien und ſeine Augen ſtanden weit hervor. Er ſah ſtreitſüchtig aus; und ſein hitziges, reizbares Weſen beunruhigte mich ein wenig, als ich daſſelbe mit einer Figur verbunden ſah, die immer noch groß und kräftig, obwohl offenbar in das Stadium des Verfalls getreten war. Er hatte in der Hand eine Feder, und während ich im Vorübergehen einen raſchen Blick in ſein Zimmer warf, konnte ich ſehen, daß es mit unordentlich herumliegenden Papieren bedeckt war. Wir ließen den Mann ſtehen, und gingen nach der Stube, oben am Ende der Treppe, hinauf. Ich klopfte an die Thüre, und eine kleine, ſchrille Stimme ſagte von Innen: „Wir ſind eingeſchloſſen. Mrs. Blinder hat den Schlüſſel!“ Als ich dieß höͤrte, ſteckte ich den Schlüſſel in das Schlüſſelloch, und öͤffnete die Thüͤre. In einer armſeligen Stube mit ſchräger, getäfelter Decke befand ſich, neben äußerſt wenigem Hausrathe, ein Diminutivum von einem Knaben. Es mochte dieſer Knabe fünf bis ſechs Jahre alt ſein, und es ſchweigte derſelbe „Fragt man nach Gridley?“ ſagte er, mit zornigem ———— ten, vort gem im⸗ auf zten von nem ben gen ſein als mer lum eine chen mit der rille den das elter ein nabe elbe 121 ein ſchweres Kind von anderthalb Jahren, das er herum⸗ trug. Von einem Feuer war keine Spur zu erblicken, obgleich es kalt war; das Feuer aber ſollten den beiden armen Kindern einige armſelige Shawls und Halskrägen erſetzen, in die ſie gehüllt waren. Indeſſen war ihre Klei⸗ dung nicht ſo warm, daß ihre Naſen nicht roth und halb erfroren, und ihre kleinen Geſtalten nicht zuſammenge⸗ ſchrumpft ausgeſehen hätten, während der Knabe auf und ab ging, und das Kind, deſſen Kopf auf ſeiner Schulter ruhte, ſchweigte. „Wer hat euch ſo allein hier eingeſchloſſen?“ frag⸗ ten wir natürlich. „Charley,“ ſprach der Knabe, ſtehen bleibend, um uns anzublicken. „Iſt Charley Dein Bruder?“ „Nein. Sie iſt meine Schweſter, Charlotte. Vater nannte ſie Charley.“ „Haſt Du außer Charley noch weitere Geſchwiſter?“ „Außer mir und Charley iſt noch Emma da,“ ſagte der Knabe, ſanft auf die ſchlappe Haube des Kindes ſchlagend, das er ſchweigte. „Wo iſt jetzt Charley?“ „Sie wäſcht auswärts,“ ſagte der Knabe, wieder anfangend auf und ab zu gehen, und die Nankinghaube der Bettſtätte viel zu nahe bringend, indem er uns zu gleicher Zeit anzublicken ſuchte. Wir ſchauten einander und dieſe zwei Kinder an, als in die Stube ein ganz kleines Mädchen hereintrat, das noch ganz wie ein Kind ausſah, aber ein geſcheidtes und älter ausſehendes Geſicht hatte. Auch war ihr Geſicht hübſch zu nennen. Auf dem Kopfe trug das Mädchen elne Art Frauen⸗ haube, die viel zu groß für ſie war. Sie trocknete ihre nackten Arme an einer Art Frauenſchürze. Ihre Finger waren vom Waſchen ganz weiß und runzelig, und das Seifenwaſſer, das ſie von ihren Armen abwiſchte, rauchte 122 noch. Dieſes aber abgerechnet, hätte ſie ein Kind ſein können, das zum Zeitvertreibe wäſcht und mit ſcharfer Beobachtung der Wahrheit eine arme, arbeitende Frau nachahmt. Sie war aus der Nachbarſchaft herbeigelaufen, und hatte ſich ſo viel wie möglich beeilt. Obgleich ſie daher ſehr ſchmächtig war, ſo war ſie dennoch völlig außer Athem, ſo daß ſie anfänglich nicht ſprechen konnte, wäh⸗ rend ſie keuchend, und die Arme abwiſchend, und uns ruhig anblickend, daſtand. „Oh, da iſt ja Charley!“ ſprach der Knabe. Das Kind, das er ſchweigte, ſtreckte die Arme aus, und ſchrie nach Charley, die es nehmen ſollte. Das kleine Mädchen nahm es auch ganz nach Art einer Frau, von der ſie die Schürze und die Haube hatte, und blickte uns über die Bürde hinweg, die ſich höͤchſt liebevoll an ſie anſchmiegte, an. „Iſt es moͤglich,“ flüſterte mein Vormund, als wir dem kleinen Mädchen einen Stuhl hinſtellten, und ſie veranlaßten, ſich mit ihrer Bürde zu ſetzen, während der Knabe ihr nicht von der Seite wich und ſich an ihrer Schürze feſt hielt,„daß dieſes Kind für die Uebrigen arbeitet! Schaut ein Mal her! Um Gottes Willen, ſchaut ein Mal her!“ 3 Es war wirklich etwas Sehenswerthes. Die drei Kinder dicht neben einander, und zwei von ihnen einzig und allein von dem dritten abhangend, und das dritte, ſo jung und dabei doch ſo alt und geſetzt ausſehend, daß man ſich eines Staunens nicht erwehren konnte. „Charley, Charley!“ ſprach mein Vormund.„Wie alt biſt denn Du?“ „Dreizehn vorüber, mein Herr,“ antwortete das nd. „Ohl welches Alter!“ ſagte mein Vormund.„Oh, wie alt, Charley!“ Ich vermag die Zärtlichkeit nicht zu beſchreiben, —1 2— 123 womit er zu ihr ſprach;— ſein Ton war halb und halb ſcherzhaft, dabei aber um ſo mitleidsvoller und trauriger. „Und biſt Du mit dieſen kleinen Kindern allein hier, Charley?“ ſprach mein Vormund. „Ja, mein Herr,“ erwiederte das Kind, mit vollem Vertrauen zu ihm auf und ihm in's Geſicht ſchauend, „ſeit Vater geſtorben iſt.“ „Und wie lebſt Du denn, Charley? Oh, Charley, ſag' mir doch, wie Du lebſt?“ ſprach mein Vormund, ſein Antlitz einen Augenblick abwendend. „Seit Vater geſtorben iſt, mein Herr, habe ich um Lohn auswärts gearbeitet. Heute waſche ich bei Jemand.“ „Gott ſtehe Dir bei, Charley!“ ſprach mein Vor⸗ mund.„Du biſt ja noch nicht groß genug, um das Ende des Waſchzubers zu erreichen!“ „In hoͤlzernen Ueberſchuhen kann ich es wohl, mein Herr,“ ſprach ſie raſch.„Ich habe ein hohes Paar ſol⸗ cher Schuhe, die der Mutter gehoͤrten.“ „Und wann ſtarb dann die Mutter? Die arme Mutter!“ „Mutter ſtarb gleich nach Emma's Geburt,“ ſprach das Kind, das auf ihrem Buſen liegende Geſicht an⸗ blickend.„Dann ſagte Vater, ich müſſe jetzt dem Kinde ſo viel wie möglich eine Mutter ſein. Und ſo verſuchte ich es denn. Und ſo arbeitete ich zu Hauſe und putzte, und pflegte das Kind, und wuſch, lange, ehe ich anfing, bei fremden Leuten zu arbeiten. Und ſo habe ich arbeiten gelernt; ſehen Sie nicht, Sir?“ „Und wie oft arbeiteſt Du denn bei fremden Leuten?“ „So oft ich kann, um Sirpenceſtücke und Shillinge zu verdienen!“ ſprach Charley, die Augen öſſnend und lachelnd. „Und ſchließeſt Du die Kinder immer ein, wenn Du ausgehſt?“ „Ja, damit ſie keinen Schaden nehmen, mein Herr, — ſehen Sie nicht?“ ſagte Charley.„Dann und wann 124 kommt Mrs. Blinder herauf; und dann und wann kommt auch Mr. Gridley herauf, und vielleicht kann auch ich dann und wann zu Ihnen hinaufrennen; und dann köoͤn⸗ nen ſie auch, wiſſen Sie, ſpielen; und dann fürchtet ſich Tom nicht vor dem Einſchließen. Iſt es nicht ſo, Tom?“ „N—ein!“ ſprach Tom feſt. „Wenn es dunkel wird, ſo werden im Hofe unten die Lampen angezündet, und es ſcheinen dieſelben ganz hell bis zu uns herauf,— ja faſt ganz hell. Nicht wahr, Tom?“ „Ja, Charley, faſt ganz hell,“ ſprach Tom. „Und dann iſt er ſo gut, wie Gold,“ ſagte das kleine Geſchöpf,— ohl in ſolch mütterlicher, weiblicher Weiſe!„Und wenn Emma müde iſt, legt er ſie in ihr Bett, und wenn er müde iſt, geht er auch ins Bett. Und wenn ich nach Hauſe komme, und das Licht anzünde, und ein Bischen Nachteſſen habe, richtet er ſich wieder auf und theilt es mit mir. Nicht wahr, Tom?“ „O ja, Charley!“ ſagte Tom,„das thue ich!“ Und er ging vom Lachen zum Weinen über, ſei es, daß er ſo die großen Freuden ſeines Lebens flüchtig über⸗ ſah, oder daß ihn die Dankbarkeit und Liebe zu Charley, die Alles in Allem für ihn war, dazu trieb. Dabei ſuchte er das Geſicht in den ſpärlichen Falten ihres Rockes zu verbergen. Seitdem wir in die Stube getreten waren, war es das erſte Mal, daß unter dieſen Kindern eine Thräne vergoſſen worden. Das kleine, verwaiste Mädchen hatte von ihrem Vater und ihrer Mutter geſprochen, wie wenn all dieſer Kummer bewältigt wäre durch die Nothwendig⸗ keit, Muth zu faſſen, und durch ihre kindiſche Wichtig⸗ keit, weil ſie im Arbeiten geſchickt, ſo wie durch ihr geſchäftiges, fleißiges Weſen. Als nun jetzt aber Tom weinte, ſah ich zwei ſtille Thränen über ihr Geſicht herab⸗ rollen, obgleich ſte ganz ruhig daſaß, uns ruhig anſah, ſſͤſ 125⁵ und durch keine Bewegung auch nur ein Haar von dem Haupte ihrer beiden kleinen Schützlinge ſtoͤrte. Ich ſtand mit Ada am Fenſter, und that, als blickte ich nach den Hausgiebeln, und den ſchwarzen Schorn⸗ ſteinreihen, und den armſeligen Pflanzen, und den in kleinen Käfigen befindlichen Vögeln, welche den Nachbarn gehörten, als ich fand, daß Mrs. Blinder aus dem La⸗ den zur ebenen Erde heraufgekommen war(— vielleicht hatte ſie dieſe ganze Zeit gebraucht, um die Treppe herauf⸗ zukommen—), und mit meinem Vormunde ſprach. „Es iſt nicht viel, ihnen die Hausmiethe zu erlaſſen, Sir,“ ſagte ſie:„wer koͤnnte ihnen auch etwas ab⸗ nehmen!“ „Gut, gut!“ ſprach mein Vormund zu uns Beiden. „Es iſt genug, daß die Zeit kommen wird, wo dieſes gute Frauenzimmer finden wird, daß es viel war, und daß, da ſie es dem Geringſten unter dieſen that!— Dieß Kind,“— ſetzte er nach einigen Augenblicken hin⸗ zu,—„kann es dieſe Strapazen wohl noch länger aus⸗ halten?“ „Ich glaube wirklich, Sir, daß ſie es könnte,“ ſprach Mrs. Blinder, die allmälig und mit vieler Mühe ihren ſchweren Athem wieder erlang te.„Sie iſt ſo geſchickt, als man nur ſein kann. Beim Himmel! die Art, wie ſie dieſe beiden Kinder pflegte, nachdem die Mutter ge⸗ ſtorben war, war das alleinige Geſprach im Hofe! Und es war ſo wunderbar, ſie um ihn zu ſehen, als er krank wurde,— ja, es war wirklich wunderbar!„Mrs. Blin⸗ der, ſagte er zu mir— es waren ſeine letzten Worte, — und dort lag er,— ‚Mrs. Blinder, welcher Art auch mein Beruf geweſen ſein mag, ich ſehe einen Engel, der in vergangener Nacht in dieſer Stube bei meinem Kinde 15, und ich empfehle mein Kind unſerem himmliſchen a er 44 „Hatte er keinen andern Beruf?“ ſprach mein Vormund. 126 „Nein, Sir,“ entgegnete Mrs. Blinder:„Er war Nichts, als ein untergeordneter Gerichtsſcherge. Als er ſich hier einmiethete, wußte ich nicht, was er war, und ich geſtehe, daß ich ihm aufkündigte, als ich ſeinen Beruf erfuhr. Es war dieſer Beruf im ganzen Hofe verhaßt. Es wurde derſelbe von den übrigen Miethleuten nicht gebilligt. Es iſt kein Beruf für einen ordentlichen Mann,“ ſprach Mrs. Blinder,„und die meiſten Leute haben Etwas dawider zu ſagen. Mr. Gridley war auch dawlder, und zwar ſehr ſtark; und er iſt ein guter Wdielmann, obgleich er ſchon ſo Vieles durchgemacht hat 44 „Sie kündigten ihm alſo auf?“ ſprach mein Vor⸗ mund. „Ja, ich kündigte ihm auf,“ ſprach Mrs. Blinder. „Als aber die Zeit heran kam und ich ſonſt nichts Schlech⸗ tes von ihm wußte, war ich wirklich im Zweifel. Er war pünktlich und fleißig; er that, was er zu thun hatte, Sir,“ ſprach Mrs. Blinder, Mr. Skimpole fixirend, ohne zu wiſſen, warum;„und es iſt auf dieſer Welt Etwas, auch nur das zu thun.“ „Sie behielten ihn alſo am Ende doch?“ „Ei, ich ſagte, daß er mit Mr. Gridley die Sache abmachen koͤnnte; ich könnte es mit den andern Mieth⸗ leuten abmachen, und würde mich nicht gar viel darum bekümmern, ob man im Hofe mein Verfahren billigte oder nicht. „Mr. Gridley gab ſeine Einwilligung müͤrriſch und nur ungern;— aber er gab ſie dennoch. Er war ſtets mürriſch und barſch gegen ihn; iſt aber ſeitdem gegen die Kinder ſehr gütig geweſen. Man kennt einen Men⸗ ſchen nie, als bis man ihn auf die Probe geſtellt hat.“ „Sind viele Leute gegen die Kinder gütig geweſen?“ fragte Mr. Jarndyce. „Im Ganzen, nicht ſo übel, Sir,“ ſprach Mrs. ,———, - 127 Blinder;„gewiß aber haben ſich nicht ſo viele Leute für ſie intereſſirt, als der Fall geweſen wäͤre, wenn ihr Vater einen andern Beruf gehabt hätte. Mr. Coavins gab eine Guinee, und ſeine Collegen, die Gerichtſchergen, legten eine kleine Summe zuſammen. Einige Nachbarn im Hofe, die, wenn er vorbeiging, ſtets ſich luſtig machten und ihn verhoͤhnten, unterſchrieben ſich mit kleinen Sum⸗ men, und— im Allgemeinen— nicht ſo übel. „Ebenſo iſt es mit Charlotte. Einige Leute wollen ſie nicht beſchäftigen, weil ſie das Kind eines Gerichtsſcher⸗ gen ſei;— einige Leute, die ſie beſchäftigen, werfen es ihr vor;— einige machen ſich ein Verdienſt daraus, ſie für ſich arbeiten zu laſſen, trotz dieſes und aller ihr ſonſt anklebenden Nachtheile: und vielleicht geben ſie ihr deßwegen für ihre Arbeit weniger und laden ihr um ſo mehr auf. „Aber ſie iſt geduldiger, als Andere ſein würden; auch iſt ſie geſcheidt, geſchickt, und ſtets gutwillig, und arbeitet, ſo viel ihre Stärke ihr nur erlaubt,— ja, ſie arbeitet noch über ihre Kraft. Ich möchte daher im All⸗ gemeinen ſagen, Sir: nicht ſo übel, aber es könnte doch beſſer ſein.“ Mrs. Blinder ſetzte ſich, um beſſere Gelegenheit zu haben, wieder zu Athem zu kommen, da ſie durch ſo vieles Sprechen wieder erſchoͤpft war, ehe ſie eigentlich wieder recht zu Athem gekommen. Mr. Jarndyce wandte ſich eben um, um mit uns zu ſprechen, als ſeine Aufmerkſamkeit durch das plötzliche Eintreten des Mr. Gridley, deſſen erwähnt worden, und den wir beim Heraufſteigen geſehen hatten, in Anſpruch genommen ward. „Ich weiß nicht, was Sie hier thun mögen, meine Herren und Damen,“ ſagte er, wie wenn unſere An⸗ weſenheit ihm minder lieb wäre,„aber Sie werden mein Hereintreten entſchuldigen. Ich komme nicht herein, um bloß zu gaffen. Wohlan, Charley! Wohlan, Tom! 128 Wohlan, Du Kleine! Wie ſteht es heut mite uns Allen?“ Er neigte ſich über die Gruppe in liebkoſender Weiſe, und wurde von den Kindern unzweideutig als Freund angeſehen, obgleich ſein Geſicht ſeinen ſtrengen Charakter beibehielt, und ſein Benehmen gegen uns ſo grob, wie nur möglich war. Mein Vormund bemerkte und reſpectirte es. „Es dürfte gewiß Niemand hieherkommen, bloß um zu gaffen,“ ſagte mein Vormund ſanft. „Mag ſo ſein, Sir, mag ſo ſein!“ entgegnete der Andere, Tom auf den Schooß nehmend, und ihn ungedul⸗ dig abfertigend.„Ich mag mit Damen und Herrn nicht diſputiren. Ich habe des Diſputirens ſchon ſo viel ge⸗ häbt⸗ paß ein Menſch ſein Leben lang genug daran haben ann.“ „Sie mögen wohl,“ ſprach Mr. Jarndyce,„Urſache genug haben, böſe und gereizt zu ſein—, „Da haben wir es wieder!“ rief der Mann aus, in Zorn entbrennend.„Ich bin händelſüchtig. Bin zorn⸗ ſüchtig. Bin nicht höflich!“ „Nicht gar ſehr, glaube ich.“ „Sir,“ ſprach Gridley, das Kind auf den Boden ſtellend und auf meinen Vormund zugehend, wie wenn er ihn ſchlagen wollte.„Wiſſen Sie etwas von Blllig⸗ keitsgerichten?*) „Vielleicht weiß ich Etwas davon,— zu meinem großen Kummer.“ „Zu Ihrem Kummer?“ ſprach der Mann, in ſeinem Zorn einhaltend.„Wenn das iſt, ſo bitte ich Sie um Verzeihung. Ich bin nicht höflich,— ich weiß es. Ich bitte Sie um Verzeihung.. „Sir,“ fuhr er mit erneuter Heftigkeit fort,„man hat mich fünf und zwanzig Jahre lang über glühendes *) Courts of Equity. —õr — — , 129 Eiſen hingezogen, und ich habe die Gewohnheit, auf Sammt zu gehen, verloren. Gehen Sie ein Mal in den Kanzlei⸗ gerichtshof dort hinein und fragen Sie ein Mal nach einem der ſtereotypen Späſſe, womit ſie ihr Geſchäft bisweilen erheitern, und man wird Ihnen ſagen, daß der beſte Spaß, den ſie haben, der Mann aus Shropſhire ſei. Ich,“ ſagte er, die eine Hand leidenſchaftlich gegen die andere ſchlagend,„ich bin der Mann aus Shrop⸗ ire.“ h„Ich glaube, daß ich mit meiner Familie ebenfalls die Ehre gehabt habe, an demſelben ernſten Orte einigen Stoff zu Späſſen zu geben,“ ſprach mein Vormund ruhig. „Vielleicht haben Sie ſchon meinen Namen gehört:— ich heiße Jarndyce.“ „Ah, Mr. Jarndyce,“ ſprach Gridley mit einer groben Art von Begrüßung,„Sie ertragen das Unrecht, das man Ihnen anthut, ruhiger, als ich das meinige zu ertragen vermag. Noch mehr: ich ſage Ihnen,— und ich ſage dieſen Herrn und dieſen jungen Damen, wenn ſie Ihnen befreundet ſind,— daß, wenn ich das viele Unrecht, das man mir anthut, anders trüge, ich geradezu wahnſinnig werden müßte! „Nur dadurch, daß ich darüber böſe bin, und daß ich daſſelbe, in meinem Geiſte wenigſtens, räche, und daß ich zornig das Recht verlange, das ich nie bekommen kann, bin ich im Stande, bei Verſtand zu bleiben. Nur das iſt es!“ ſagte er in roher, launiſcher Weiſe, und mit großer Heftigkeit ſprechend. laann fügte er hinzu: „Sie koͤnnen mir ſagen, daß ich mich übermäßig aufrege. Ich antworte Ihnen damit, daß es in meiner Natur liegt, wenn man mir Unrecht thut,— und daß ich es thun muß. Es gibt keinen Mittelzuſtand zwiſchen dem, was ich thue, und dem Verſinken in den lächelnden Zuſtand des armen verrückten Weihchens, das immer im Bleak Houſe. II. 9 130 Saale des Gerichtshofes zu ſehen iſt. Wollte ich ein Mal es verſuchen, mich in mein Schickſal zu ergeben, ſo würde ich unfehlbar in Bloͤdſinn verfallen.“ Die Leidenſchaft und die Hitze, worin er ſich befand, und die Art, wie ſeine Arbeit arbeitete, ſowie die hefti⸗ gen Geberden, womit er das, was er ſagte, begleitete, waren überaus peinlich anzuſchauen. „Mr. Jarndyce,“ ſprach er,„verſetzen Sie ſich ein Mal in meine Lage. So wahr der Himmel über uns iſt, ſage ich hier nichts, als die reine, nackte Wahrheit. „Ich bin der Eine von zwei Brüdern. Mein Vater, — ein Landwirth— machte ein Teſtament und hinter⸗ ließ ſein Gut, ſammt Vieh und allen Vorräthen meiner Mutter für die Zeit ihres Lebens. Nach dem Tode meiner Mutter ſollte Alles mir zufallen; nur ſollte ich dann an meinen Bruder dreihundert Pfund zahlen. „Meine Mutter ſtarb. „Einige Zeit darauf verlangte mein Bruder ſein Erbe. Ich und einige meiner Verwandten ſagten aber, daß er in Geſtalt von Koſt und Wohnung, ſowie in ver⸗ ſchiedenen andern Dingen bereits einen Theil des Erbes erhalten hätte.. „Merken Sie jetzt auf! Das war die Frage, und ſonſt Nichts. Niemand focht das Teſtament an; Nie⸗ mand fiel es ein, irgend Etwas anzufechten; es handelte ſich einzig und allein darum, ob ein Theil ſeiner drei⸗ hundert Pfund bereits bezahlt worden oder nicht. „Da mein Bruder, um dieſe Frage zu erledigen, eine Klagſchrift gegen mich einreichte, ſo war ich ge⸗ zwungen, die Sache vor dieſen vermaledeiten Kanzleige⸗ richtshof zu bringen;— ich war dazu gezwungen,— ſage ich,— weil das Geſetz mich zwang, und mich nir⸗ gend anders hingehen laſſen wollte. „Siebenzehn Perſonen wurden als Beklagte an dieſe ſo einfache Sache geſchmiedet. „Der Prozeß kam zum erſten Male nach Verfluß 2 131 von zwei Jahren vor. Dann wurde derſelbe abermals zwei Jahre ſiſtirt; der Referendär aber(— möge ſein Kopf abfaulen!—) fragte, ob ich meines Vaters Sohn auch wäre;— was ja kein ſterbliches Geſchöpf zu be⸗ ſtreiten gewagt hatte. „Dann machte der genannte Reſerendär ausfindig, daß noch nicht Beklagte genug da wären,— vergeſſen Sie nicht, daß bis jetzt bloß ſiebenzehn da waren!— ſondern daß wir noch einen andern haben müßten, der vergeſſen worden; ſowie daß der ganze Prozeß nun wieder von vorn anfangen müßte. „Um jene Zeit— ehe die Geſchichte recht anfing! — betrugen die Koſten ſchon drei Mal mehr, als das Erbe. Mein Bruder würde, und zwar mit Freuden, auf das ganze Erbe verzichtet haben, bloß um weiteren Ko⸗ ſten zu entgehen. Das ganze Vermögen, das mein Vater mir in dem bewußten Teſtamente vermacht, iſt in Koſten aufgegangen. Der immer noch unentſchiedene Prozeß hat der Martern, des Ruins, der Verzweiflung und ſo fort genug herbeigeführt,— und hier ſtehe ich nun! Nun aber handelt es ſich in Ihrem Prozeſſe von vielen Tauſen⸗ den, während es ſich im meinigen nur von Hunderten handelt, Mr. Jarndyce. Bin ich aber nicht ſo übel daran, oder bin ich noch übler d'ran, als Sie, wenn mein ganzes Vermögen darin ſtak, und wenn daſſelbe in ſo ſchamloſer Welſe mir entzogen und aufgezehrt worden tſt?“ Mr. Jarndyce ſagte, daß er ihn von ganzem Herzen bedauerte, und daß er für ſich kein Monopol dadurch begründen wolle, daß er ſage, er ſei allein und mehr denn Andere durch dieſes monſtröſe Syſtem ungerecht behandelt worden. „Da haben wir es wieder!“ ſprach Mr. Gridley, deſſen Wuth ſich noch nicht vermindert hatte.„Das Syſtem! Von jeder Seite ſagt man mir, es ſei das Syſtem. Ich dürfe nicht Individuen im Auge haben. Es ſei das Syſtem. Ich dürfe nicht vor dem Kanzlei⸗ 13² gerichtshof erſcheinen und ſagen: ‚My Lord, ich moͤchte es von Ihnen wiſſen,— iſt das Recht oder Unrecht? Haben Sie die Stirn, mir zu ſagen, daß mir Recht ge⸗ worden und daß ich demnach Nichts mehr hier zu ſchaffen habe?“ My Lord, ſagt man mir, weiß Nichts davon. Er hält da Sitzungen, weil das Syſtem es ſo haben will. Ich ſoll nicht zu Mr. Tulkinghorn, dem Solicitor*) in Lincolns Inn Fields, gehen und zu ihm ſagen, wenn er mich raſend macht dadurch, daß er ſo kalt und zufrieden iſt,— was bei ihnen Allen der Fall iſt, denn ich weiß, daß ſie dabei gewinnen, während ich dabei verliere,— nicht wahr?— Ich ſoll nicht zu ihm ſagen: „Ich will von Jemand Erſatz haben für meinen Ruin,— ſei es nun auf dem Wege der Güte, oder auf dem der Gewalt!’ Er iſt, ſagt man mir weiter, nicht verant⸗ wortlich. Nur das Syſtem iſt verantwortlich. Wenn ich aber nicht ein Mal Einem von ihnen Gewalt an⸗ thue,— ſo möge ich hier— „Ich weiß nicht, was geſchehen kann, wenn ich end⸗ lich den Kopf verliere!— Ich will den Individuen, die das Wiſſen gegen mich in Anwendung bringen, vor dem großen, ewigen Gerichtsſtuhl gegenüber treten,— Geſicht gegen Geſicht!“ Seine Wuth hatte ſich bis zu einem fnrchtbaren Grade geſteigert. Ich hätte an einen ſolchen Grad der⸗ ſelben nicht glauben können, ohne Zeugin davon zu ſein. „Ich bin nun fertig!“ ſagte er, ſich ſetzend und ſich das Geſicht abtrocknend.„Mr. Jarndyce, ich bin jetzt fertig. Ich bin heftig,— ich weiß es. Ich ſollte es wiſſen. „Ich bin wegen Beleidigung des Gerichtshofes ein⸗ geſperrt worden. Ich bin eingeſperrt worden, weil ich den Procurator bedroht hatte. Ich bin in dieſer und ) Proeurator, —,——,——- -O8—SBSG½ 8—8 KN ☛ᷣ A—9.—. 133 jener Noth geweſen,— und werde abermals darein kommen. „Ich bin der Mann aus Shropfhire, und thue bis⸗ weilen mehr, als ſie bloß amüſtren;— obgleich ſie es auch amüſant gefunden haben, mich in's Gefängniß ab⸗ führen nnd mich gefangen wieder vorführen zu ſehen, und ſo weiter. „Sie ſagen mir, es wäre beſſer für mich, wenn ich mich mäßigte und bezähmte. Ich ſage ihnen, daß ich in Blödſinn verfallen würde, wenn ich mich ſo bezähmte. Ich glaube, daß ich nicht ein ziemlich gutmüthiger Menſch war. In meiner Heimath gibt es Leute, die da ſagen, ſie könnten ſich wohl erinnern, daß ich ſo geweſen; jetzt aber muß ich bei dem brennenden Gefühle, daß mir Un⸗ recht geſchehen und immer noch geſchieht, dieſen Abzugs⸗ kanal für meinen Zorn haben, ſonſt vermöchte mich Nichts bei geſundem Verſtande zu erhalten. ‚Es wäre weit beſſer für Sie, Mr. Gridley,“ ſagte der Lordkanzler vergangene Woche zu mir, ‚wenn Sie Ihre Zeit hier nicht vergeu⸗ deten, ſondern, nützlich beſchäftigt, drunten in Shropſhire blieben.—„My Lord, my Lord, ich weiß wohl, daß es beſſer wäͤre,“ ſagte ich zu ihm, ‚und es wäre für mich noch weit beffer geweſen, wenn ich nie in meinem Leben auch nur den Namen Ihres hohen Amtes gehört hätte, allein zum Unglück für mich kann ich die Vergangenheit nicht unge⸗ ſchehen machen, und die Vergangenheit treibt mich hierherle“ Dann ſetzte er in wildem, grimmigem Tone hinzu: „Zudem werde ich ſie beſchämen. Ich halte bis ans Ende aus; werde mich bis an's Ende im Saale 1 zeigen,— zu ihrer ewigen Schande. Wüßte ich meinen Todestag, und könnte ich mich dahin bringen laſſen, und hätte ich eine Stimme, womit ich ſprechen könnte, ſo würde ich dort ſterben mit den Wor⸗ ten:„Ihr habt mich hierher gebracht, und unzählige Male wieder fortgeſchickt. Schicket mich jetzt auch hin⸗ aus, die Füße voran!“ 134 Seln Geſicht hatte vielleicht ſeit Jahren ein ſo ſtreitſüchtiges Ausſehen bekommen, daß es ſelbſt jetzt, wo er ruhiger war, nicht ſanfter wurde. „Ich kam herauf, um dieſe Kinder auf eine Stunde in meine Stube hinab zu nehmen,“ ſprach er, wieder zu ihnen hin gehend,„und um ſie ein Bischen ſpielen zu laſſen. Ich wollte Nichts von All dieſem ſagen; aber es hat am Ende nicht gar viel zu bedeuten. Du fürchteſt mich doch nicht, Tom,— oder!“ „Nein!“ ſprach Tom.„Sie ſind nicht böͤſe mit m r.*⁸ „Du haſt Recht, mein Kind. Du gehſt wieder zu Deinen Leuten, Charley? Ja? So komm denn, Kleine!“ Mit dieſen Worten nahm er das jüngſte Kind auf den Arm, auf dem ſich daſſelbe recht gerne tragen ließ. Dann ſetzte er noch hinzu: „Es ſollte mich nicht Wunder nehmen, wenn wir drunten einen lebkuchenen Soldaten fänden. Wir wollen gehen und nach demſelben ſchauen!“ Er empfahl ſich Mr. Jarndyce in ſeiner früheren, unfeinen Weiſe, die jedoch eines gewiſſen Reſpektes nicht ermangelte. Dann verbeugte er ſich ein wenig gegen uns, und ging in ſeine Stube hinab. Darauf fing Mr. Skimpole, zum erſten Male ſeit unſerem Eintritte in das Haus, in ſeiner gewohnten fröhlichen Weiſe zu ſprechen an. Er ſagte, es ſei in der That überaus luſtig, mit anzuſehen, wie am Ende doch Alles in dieſer Welt vernünftig ſey. Hier ſey dieſer Mr. Gridley, ein Mann von ſtarkem Willen und erſtaunlicher Energie,— im geiſtigen Sinne des Wortes, eine Art unharmoniſchen Grobſchmieds,— und er könne ſich leicht denken, daß vor Jahren Gridley im Leben Etwas geſucht habe, woran er ſeine überſprudelnde Kampfluſt auslaſſen könnte,— eine Art jungen Amors unter Dornen; da ſei ihm der Kanzleigerichtshof in den Weg getreten, und — 13⁵ habe ihn genau mit dem verſehen, was er geſucht habe. So ſeien ſie nun in alle Ewigkeit aneinander geſchmie⸗ det! Wäre das nicht geweſen, ſo hätte aus ihm ein großer General werden köunen, der alle Arten von Städten in die Luft geſprengt hätte; oder aber hätte aus ihm ein großer Politiker werden können, der alle Schleuſen der parlamentariſchen Rhetorik geöffnet hätte; aber ſo wie die Sachen jetzt ſtünden, ſeien er und der Kanzleigerichtshof auf dle luſtigſte Weiſe aneinander gera⸗ then, und Niemand ſei deßhalb viel übler daran, und für Gridley ſey, ſo zu ſagen, von der Stunde an ge⸗ ſorgt geweſen. Dann ſolle man auch Coavinſes an⸗ ſchauen! Auf welch ergötzliche Weiſe der arme Coavin⸗ ſes(— der Vater dieſer charmanten Kinder—) die Wahrheit deſſelben Princips veranſchaulicht habe. Er ſelbſt, Mr. Skimpole, habe biswellen über die Exiſtenz von Coavinſes ſich Nichts weniger, als gefreut. Er habe Coavinſes auf ſeinem Lebenswege gefunden. Er hätte ohne Coavinſes wohl leben können. Es habe Zei⸗ ten gegeben, wo er, Skimpole, wenn er ein Sultan ge⸗ weſen wäre, und ſein Großvezier eines Morgens zu ihm geſagt hätte:„Was verlangt das Oberhaupt der Gläu⸗ bigen von ſeinen Sklaven?“ hätte ſelbſt ſoweit gehen können, daß er geantwortet hätte:„den Kopf von Coa⸗ vinſes!“ Aber wie ſtelle ſich nun die Sache heraus? Es ſtelle ſich heraus, daß er während der ganzen Zeit einem überaus wackeren Mann Arbeit gegeben habe,— daß er ein Wohlthäter des Coavinſes geweſen ſei;— daß er endlich Coavinſes in den Stand geſetzt habe, dieſe charmanten Kinder auf dieſe angenehme Weiſe zu erzlehen, und dieſe ſozialen Tugenden in ihnen zu entwickeln! So daß er jetzt ganz weich geſtimmt, und daß ihm die Thränen in die Augen gekommen ſeien, als er ſich im Zimmer umgeſchaut, und gedacht habe:„Ich war der Goͤnner von Coavinſes, und ſeine kleinen Bequemlichkei⸗ ten und Lebensfreuden waren mein Werk!“ 136 Es lag etwas ſo Bezauberndes in ſeiner leichten Weiſe, dieſe phantaſtiſchen Saiten anzuſchlagen, und er war neben den ernſteren kleinen Weſen, die wir geſehen, ein ſo fröhliches Kind, daß er meinen Vormund laächeln machte, gerade als dieſer, der ſich einen Augenblick mit Mrs. Blinder unterhalten, ſich zu uns wandte. Wir küßten Charley, und nahmen ſtie die Treppe mit hinab, und blieben vor dem Hauſe ſtehen, um zu ſehen, wie ſie zu ihrer Arbeit zurückeilen würde. Ich weiß zwar nicht, wohin ſie ging; aber wir ſahen ſie, das kleine, kleine Ding, in ihrer Frauenhaube und in ihrer Frauenſchürze, durch einen bedeckten Weg in der Tiefe des Hofes laufen, und in dem Leben, und im Getüm⸗ mel der City verſchwinden, wie ein Thautropfen in einem Ocean verſchwindet. Sechzehntes Kapitel. Tom⸗All⸗Alone's. My Lady Dedlock iſt ruhelos, ſehr ruhelos. Die erſtaunte faſhionable Fama weiß kaum mehr recht, wo ſie dieſelbe ſuchen ſoll. Heute iſt ſie zu Chesney⸗Wold; — geſtern war ſie in der Stadt, in ihrem Hauſe,— morgen kann ſie ſich im Auslande befinden;— mit ei⸗ nem Worte, die faſhionable Fama weiß mit Sicherheit eigentlich ſo gut wie nichts zu ſagen. Sogar Sir Lei⸗ ceſter's Galanterie hat einige Mühe, gleichen Schritt mit ihr zu halten. Es würde dieſelbe noch mehr Mühe haben, wenn nicht ſein anderer treuer Alliirter in Glück — 3 en er n, In it pe zu ch as er fe n⸗ m 137 und Unglück,— das Podagra,— in das alte mit Ei⸗ chenholz getäfelte Schlafzimmer zu Chesny⸗Wold ein⸗ kehrte, und ihn bei beiden Beinen packte. Sir Leiceſter nimmt das Podagra zwar als einen läſtigen Dämon hin, aber immerhin als einen Dämon von ariſtokratiſcher Art. Sämmtliche Dedlocks, in direc⸗ ter Mannslinie, haben das Podagra gehabt, innerhalb eines Zeitraums, während deſſen, und über den hinaus die Qualen einſtimmig ein Gleiches berichten. Es kann bewieſen werden, mein geneigter Leſer. Anderer Leute Väter haben an Rheumatismus ſterben, oder eine gemeine Seuche von dem verdorbenen Blute des kranken Pöbels erben können; aber die Dedlock'ſchen haben ſelbſt dem gleichmachenden Prozeſſe des Sterbens etwas Exeluſi⸗ ves dadurch verliehen, daß ſie alle an ihrem Familien⸗ podagra ſterben. Es iſt dieſes ein unveräußerliches Erb⸗ ſtück des alten, hochberühmten Stammes, wie das Gold⸗ und Silbergeſchirr, oder die Gemälde„oder der Landſitz in Lincolnſhire. Das Podagra gehört zu ihren Würden und Auszeichnungen. Sir Leiceſter denkt vielleicht ſo, obgleich er dieſen Gedanken nie in Worte formulirt hat, der Todesengel koͤnne bei Verrichtung ſeiner nothwendi⸗ gen Pflichten den Schatten der Ariſtokratie bemerken: „Meine Lords und Gentlemen, ich habe die Ehre, Ihnen einen andern Dedlock vorzuſtellen, von dem gewiß iſt, daß er durch Familienpodagra hierher befördert worden.“ Sir Leiceſter überantwortet daher ſeine Familien⸗ beine der Familienkrankheit, wie wenn er ſeinen Namen und ſein Vermögen nur gegen dieſe Lehensdienſtleiſtungen beſitzen könnte. Er fühlt zwar, daß es nicht ganz in der Ordnung iſt, einen Dedlock ſo auf den Rücken zu legen, und in ſeinen Extremitäten krampfhaft zu reißen und zu pochen; allein er denkt denn doch wieder auf der andern Seite:„Wir Alle haben uns dem unterworfen; es ge⸗ hört Uns; ſeit mehreren Hundert Jahren iſt es ausge⸗ macht, daß wir die Gewoͤlbe in dem Parke nicht unter 138 unedleren Bedingungen intereſſant machen wollen, und ich unterwerfe mich dem Compromiſſe.“ Auch liegt er recht ſtattlich da, umgeben von einer Unmaſſe von carmeſinrothem Gold, mitten in dem großen Salon, vor ſeinem Lieblingsgemälde, das my Lady darſtellt, während breite Streifen von Sonnenlicht durch die ganze lange Fenſterreihe hindurch, die lange Perſpek⸗ tive hinab, in das Zimmer dringen, und mit ſanftem Schatten wechſeln. Draußen ſind die ſtattlichen Eichen, die ſeit Jahrhunderten in dem grünen Grunde wurzeln. welcher nie eine Pflugſchaar gekannt hat, ſondern noch ein Jagdgrund war, als Könige mit Schwert und Schild in die Schlacht, und mit Bogen und Pfeil auf die Jagd rückten, Zeugen ſeiner Größe. Drinnen im Schloſſe, blicken ſeine Ahnen von den Wänden herab, und ſagen:„Ein Jeder von uns ſſt hier eine vorüber⸗ gehende Wirklichkeit geweſen, und hat dieſen gefärbten Schatten vor ſich zurück gelaſſen, und iſt in einer ſo traumhaften Erinnerung verſchwunden, wie die fernen Stimmen der Krähen, die Dich jetzt in den Schlaf lul⸗ len;“ und ſind abermals Zeugen ſeiner Große. Und er iſt ſehr groß, heute. Und wehe Boythom, oder jedem Andern frechen Wichte, der in ſeiner Vermeſſenheit es wagt, mit ihm einen Streit anzufangen, und wäre es auch nur wegen einer Bagatelle!“ My Lady iſt dermalen, neben Sir Leiceſter, durch ihr Portrait repräſentirt. Sie iſt ausgeflogen,— nach der Stadt, ohne irgend welche Abſicht, dort zu bleiben, und wird bald wieder hierher zurückkehren, zur großen Beſtürzung der faſhionablen Fama. Das Haus in der Stadt iſt zu ihrer Aufnahme nicht vorbereitet. Es iſt ganz verhüllt und ſieht überaus trübſelig aus. Nur ein bepuderter Merkur gähnt untröſtlich an dem Fenſter der —y „ Vorhalle; und erſt am vergangenen Abend noch hat er gegen einen andern, ebenfalls an gute Geſellſchaft ge⸗ wöhnten, Merkur von ſeiner Bekanntſchaft erwähnt, daß, —— — An 8 O e —2— 139 wenn das ſo fortdauerte,— was nicht ſein könnte„ da ein Mann von ſeinem Geiſte es nicht ertragen, und da man von einem Mann von ſeiner Geſtalt nicht erwarten könnte, daß er es ertragen ſolle,— ihm, auf Ehre, Nichts mehr übrig bliebe, als ſich den Hals abzu⸗ ſchneiden! Welcher Zuſammenhang kann wohl eriſtiren zwiſchen dem Schloſſe in Lincolnſhire, dem Hauſe in der Stadt, dem bepuderten Merkur, und dem Aufenthaltsorte von Jo, dem Geächteten mit dem Kehrbeſen, auf den der ferne Lichtſtrahl ſiel, als er die Kirchhofſtaffel kehrte? Welcher Zuſammenhang kann eriſtirt haben zwiſchen vie⸗ len Leuten in unzähligen Geſchichten dieſer Welt, die, ob⸗ wohl durch große Meere getrennt, dennoch in höchſt merkwürdiger Weiſe zuſammengeführt worden ſind! Jo kehrt ſeinen Kreuzweg den ganzen Tag, ohne von der Kälte Etwas zu wiſſen, wenn eine ſolche über⸗ haupt hier zu ſuchen iſt. Er drückt, wenn man ihn Etwas fragt, ſeinen geiſtigen Zuſtand dadurch aus, daß er ant⸗ wortet, er„wiſſe Nichts.“ Er weiß nur ſo viel, daß es eine ſchwere Sache iſt, bei ſchmutzigem Wetter den Kreuzweg ſauber zu erhalten, und eine noch ſchwerere, davon zu leben. Nicht einmal das hat ihn Jemand gelehrt;— er hat es ſelbſt ausfindig gemacht. Jo wohnt,— das heißt, Jo iſt noch nicht geſtor⸗ ben,— an einem Orte, der eine Ruine genannt wer⸗ den kann: dieſer Ort iſt Leuten ſeines Gleichen unter dem Namen von Tom⸗All⸗Alone'g bekannt. Es iſt eine ſchwarze Straße voll baufälliger Häuschen, die von allen anſtändigen Leuten ſorgfältig vermieden wird;— eine Straße, wo die ſchon halb verfallenen Häuſer von einigen kühnen Vagabunden in Beſitz genommen wurden, die, nachdem ſie ſich den Beſitz derſelben geſichert, es un⸗ ternahmen, ſte an Einzelne zu vermiethen. Nun aber enthalten dieſe jeden Augenblick den Ein⸗ ſturz drohenden Wohnungen bei Nacht eine Unmaſſe von 140 Elend. Gleichwie die Perſon eines materiell tief geſun⸗ kenen Jammermenſchen praktiſches Geziefer nährt, ſo ha⸗ ben dieſe ruinenähnlichen Wohnungen eine Unmaſſe unrei⸗ ner Exiſtenzen genährt, die durch Löcher in Wänden und Bretter hinein und heraus kriecht; und moderartig ſich zum Schlafen zuſammenballt, wo der Regen herein trö⸗ pfelt; und kommt, und geht, Fieber holend und mitneh⸗ mend, und in jede Fußſtapfe mehr Uebel ſäend, als Lord Coodle, und Sir Thomas Doodle, und der Her⸗ zog von Foodle, und all die feinen Herren im Amte, bis auf Zoodle herab„ in fünf hundert Jahren abſtellen werden,— wenn fie auch ausdrücklich dazu geboren wären. In der letzten Zeit iſt in Tom⸗All⸗ Alones zwei Mal ein Krachen gehört und eine Rauchwolke bemerkt worden, wie wenn eine Mine geſprengt worden wäre; — und jedes Mal iſt ein Haus eingeſtürzt. Dieſe Zu⸗ fälle haben in den Zeitungen einen Paragraphen hervor⸗ gerufen, und in dem nächſten Spitale ein Paar Betten gefüllt. Die Klüfte bleiben„ und unter dem Schutte be⸗ finden ſich Wohnungen, die durchaus nicht unpopulär ſind. Da verſchiedene andere Häuſer auf dem Punkte find, zuſammenzuſtürzen, ſo darf man erwarten, daß der nächſte Krach in Tom⸗All⸗Alones ein ziemlich ſtarker ſein werde. Dieſes ſchöne Eigenthum iſt natürlich der Gegen⸗ ſtand eines Prozeſſes vor dem Kanzleigerichtshof. Es wäre eine Beleidigung für den Scharfſinn eines auch nur ein halbes Auge beſitzenden Mannes, wenn man ihm das erſt ſagen wollte.. Ob„Tom“ der populäre Repräſentant des urſprüng⸗ lichen Klägers oder Beklagten in Jarndyce und Jarndyce iſt;— oder ob Tom hier ganz allein gewohnt hat, als der Prozeß die Straße veroͤdet hatte, bis andere Colo⸗ niſten kamen, um ſich in ſeiner Nähe anzuſiedeln;— oder ob der traditionelle Name ein Collectiyname iſt für 141 einen Aufenthaltsort, der von jeder ehrlichen Geſellſchaft abgeſchnitten und für alte Hoffnung verſchloſſen iſt;— das weiß vielleicht Niemand. Gewiß aber weiß es Jo nicht. 4.„Denn ich weiß,— weiß gar Nichts,“ ſpricht Jo. Es muß ein ſeltſamer Zuſtand ſeyn, ſo wie Jo zu ſeyn! Durch dieſe Straße hinzuwackeln, unbekannt mit den Geſtalten, und in voͤlliger Dunkelheit in Be⸗ ziehung auf die Bedeutung jeder vielen myſteriöſen Sym⸗ bole über den Buden, und an den Straßenecken, und an den Thüren, und an den Fenſtern! Die Leute leſen zu ſehen,— und die Leute ſchreiben zu ſehen,— und die Briefträger Briefe abgeben zu ſehen,— und nicht den geringſten Begriff von all dieſer Sprache zu haben,— für jedes Bischen deſſelben ſtockblind und ſtocktaub zu ſein! Es muß wahrlich höchſt räthelhaft ſein, Sonntags die gute Geſellſchaft in die Kirche gehen zu ſehen, mit Büchern in der Hand, und zu denken(— denn vielleicht denkt Jo doch auch bisweilen—). Was bedeu⸗ tet Alles dieſes,— und wenn es für Andere Etwas be⸗ deutet, wie kommt es dann, daß es für mich Nichts be⸗ deutet? Herumgeſtoßen, fortgeſtoßen, und fortgetrieben werden; und wirklich fühlen, daß es ſcheinen möchte, als ſei es vollkommen wahr, daß ich weder hier noch dort noch irgend wo Etwas zu ſchaffen habe;— und doch durch den Gedanken verwirrt werden, daß ich doch auch hier bin, und daß Jedermann mich überſah, bis ich das Geſchoͤpf geworden bin, das ich bin! Es muß ein ſelt⸗ ſamer Zuſtand ſein, wenn man mir nicht bloß ſagt, daß ich kaum etwas Menſchliches an mir habe(— wie in dem Falle, wo ich als Zeuge erſcheinen wollte—), ſon⸗ dern es auch mein Leben lang ſelbſt zu wiſſen und zu füh⸗ len! Pferde, Hunde und Vieh an mir vorübergehen ſehen, und wiſſen, daß ich, was Unwiſſenheit betrifft, zu ihnen, und nicht zu den hoͤhern Weſen gehoͤre, die meine Geſtalt haben, und deren zarte Stimme ich beleidige! 14² Jo's Begriff von einem öffentlichen Criminalprozeß, oder von einem Richter, oder von einem Biſchof, oder von einer Regierung, oder von jenem, für ihn unſchätzbaren Juwel(— wenn er es nur wüßte—), Conſtitution ge⸗ nannt, müſſen wohl ſeltſam ſein! Sein ganzes materiel⸗„ les und immaterielles Leben iſt wunderbar ſeltſam;— ſein Tod das ſeltſamſte von Allem. Jo kommt aus Tom⸗All⸗Alone's heraus, begrüßt den ſpäten Morgen, der immer nur langſam da hinunter gelangt, und kaut ſein ſchmutziges Stück Brod, während er ſich fortbewegt. Da er durch manche Straße zu wan⸗ dern hat, und die Häuſer noch nicht offen ſind, ſo ſetzt, er ſich auf die Staffel des Hauſes der Geſellſchaft für Ver⸗ breitung des Evangeliums in fernen Ländern, um dort zu frühſtücken,— und kehrt, als er mit ſeinem Frühſtücke fertig iſt, die Staffel, zum Danke dafür, daß ſie ihm als Sitz gedient hat. Er bewundert die Groͤße des Gebäudes, und fragt ſich, zu was es denn wohl dienen möge. Er hat, der arme Menſch, keinen Begriff von der geiſtigen Armuth eines Corallenriffes im ſtillen Ocean;— er hat keinen Begriff davon, wie viel es koſtet, die vielen edlen See⸗ len unter den Cocosnüſſen und den Früchten des Brod⸗ baumes aufzuſuchen! Er begibt ſich nach ſeinem Kreuzwege, und fängt an, denſelben für heute ſauber zu machen. Die Stadt er⸗ wacht; das große Drehrad kann nun wieder ſeine täglichen Schwingungen beginnen;— all jenes unerklärliche Leſen und Schreiben, das ſeit ein Paar Stunden unterbrochen war, beginnt nun wieder.— Jo und die andern niedrigeren Thiere kommen in dem unverſtändlichen Miſchmaſch fort, ſo gut ſie eben koͤnnen. Es iſt Markttag. Die geblendeten, übertriebenen, nie geleiteten Ochſen, laufen an unrechte Orte, und werden wieder herausgepeitſcht; und rennen, ſchäumend und mit rothen Augen, gegen Mauern; und verletzen oft gar arg —D— — 2SBRNͤG SAR&́=—,—— H—— Z.=SESZ 143 unſchuldige Perſonen, und verletzen oft ſich ſelbſt gar arg. Ganz wie Jo und Leute ſeiner Claſſe; ja, ganz, ganz ſo! Eine Muſikbande kommt heran, und ſpielt. Jo hört der Muſik zu. Das Gleiche thut ein Hund,— der Hund eines Viehtreibers, der vor einer Metzig auf ſeinen Herrn wartet, und offenbar an die Schafe denkt, an die er elnige Stunden lang hat denken und die er hat im Auge behal⸗ ten müſſen, und deren er nun glücklicher Weiſe quitt iſt. Er ſcheint in Betreff dreier oder vier in Verlegenheit zu ſein; kann ſich nicht erinnern, wo er ſie gelaſſen; blickt die Straße hinauf, und blickt die Straße hinunter, wie wenn er ſo halb und halb ſich Rechnung machte, ſie herumirren zu ſehen; plötzlich aber ſpitzt er die Ohren, und erinnert ſich der ganzen Geſchichte. Ein durch und durch vagabundirender Hund, gewohnt an niedrige Geſell⸗ ſchaft und Wirthshäuſer; ein furchtbarer Hund für Schafe, auf einen Pfiff bereit, über die Rücken der armen Thiere hinzuſpringen, und denſelben immer ein ganzes großes Maul voll Wolle auszureißen; aber ein erzogener, ver⸗ edelter, entwickelter Hund, den man ſeine Pflichten gelehrt hat, und der weiß, wie er dieſelben erfüllen ſoll. Er und Jo horchen der Muſik zu,— wahrſcheinlich mit ſo ziemlich gleich großer animaliſcher Befrledigung; — ebenſo ſtehen ſie wahrſcheinlich auch auf glelcher Stufe, was die geweckte Gedankenaſſociation, Aſpirationen, oder Bedauern, oder Traurigkeit, oder freudige Beziehung auf überſinnliche Dinge betrifft. Wie weit höher ſteht nicht aber ſonſt das Thier über dem menſchlichen Zuhörer! Man laſſe die Abkömmlinge des Hundes ein Mal wild laufen, wie Jo,— und in gar wenigen Jahren wer⸗ den ſie ſo ausarten, daß ſie ſogar ihr Bellen verlernen, — nicht aber ihr Beißen. Der Tag wechſelt, während er abläuft, und wird düſter; es nebelt. Jo hält auf ſeinem Kreuzwege wacker aus, im Kothe, und unter den Räͤdern, den Pferden, den 144 Peitſchen, und Regenſchirmen,— und ärntet nur eine ſpärliche Summe, um damit das unfreundliche Obdach. von Tom⸗All⸗Alone's wieder auf eine Nacht zu erkaufen. Es kommt die Dämmerung herbei;— es fängt das Gas an, ſich in den Läden zu zeigen;— der Lampenan⸗ zünder läuft mit ſeiner Leiter am Rande des Pflaſters* hin. Ein überaus unfreundlicher Abend fing an, herein⸗ zubrechen. ** „ über einen Verhaftsbefehl nach, den er morgen früh von dem nächſten Magiſtrate auswirken will. Gridley, ein ungeduldiger Litigant, iſt heute hier und beunruhigend ge⸗ weſen. Wir mögen nicht in körperlicher Furcht ſchweben, und der ungeſchlachte Kerl ſoll wieder angehalten werden, Bürgſchaft zu ſtellen. Von der Zimmerdecke herab deu⸗ tet die in der Verkürzung gezeichnete Allegorie, in der. f Perſon eines unmöglichen Roͤmers, deſſen Obertheil nach 4 Unten, nnd deſſen Untertheil nach Oben gekehrt iſt, mit ſ dem Arme Simſons(— es iſt dieſer Arm offenbar ver⸗ renkt und ungleich—), in aufdringlicher Weiſe nach b dem Fenſter hin. Warum ſollte Mr. Tulkinghorn, um eines ſolchen Nichtgrundes willen, zum Fenſter hinaus b ſehen? Deutet die Hand nicht ſtets dahin? Und deß⸗ f halb ſieht er denn auch nicht zum Fenſter hinaus.. Und wenn er auch hinausſchauete, wie konnte es ihn n intereſſiren, ein Frauenzimmer vorbei gehen zu ſehen 2 Es gibt ja Frauenzimmer genug auf der Welt, denkt g Mr. Tulkinghorn,— bei Weitem zu Viele;— ſie- h ſtecken in Allem, was auf der Welt ſchief geht, und was nicht ſein ſollte, obgleich ſie, was das betrifft, den Ad⸗ ſ vokaten Arbeit verſchaffen. Welches Intereſſe könnte es N für ihn haben, ein Frauenzimmer vorüber gehen zu ſehen, — ſelbſt dann, wenn ſie einen geheimen Gang machte? Alle Frauenzimmer haben Geheimniſſe, und ſind nie zu. In ſeiner Wohnung ſitzt Mr. Tulkinghorn, und ſinn 1 14⁵ ergründen. Mr. Tulkinghorn weiß das,— und zwar recht wohl. Aber nicht alle Frauenzimmer gleichen dem Frauen⸗ zimmer, das in dieſem Augenblicke ihn und ſein Haus hinter ſich zurückläßt;— dem Frauenzimmer, zwiſchen deren ſchlichtem Anzuge und feinen Manieren etwas auſ⸗ ſerordentlich Widerſprechendes iſt. Ihrem Anzuge nach ſollte ſie eine höhere Dienerin ſein; ihrer Miene und ih⸗ rem Tritte nach aber iſt ſie eine Lady, obgleich beide etwas Eiliges und Künſtliches an ſich haben,— ſo weit das in der kothigen Straße angehen kann, die ſie mit ungewohntem Fuße betritt. Ihr Geſicht iſt verſchleiert, und dennoch verräth ſie ſich hinlänglich, um mehr denn Einen derjenigen, die an ihr vorübergehen, zu veranlaſ⸗ ſen, daß er ſcharf nach ihr herumſieht. Nie wendet ſte den Kopf um. Lady oder Dienerin, hat ſie einen Zweck vor Augen, und kann denſelben ver⸗ folgen. Nie wendet ſie den Kopf um, bis ſie an den Kreuzweg kommt, wo Jo mit ſeinem Beſen ſteht, nnd ge⸗ ſchäftig iſt. Er geht mit ihr üͤber den Kreuzweg hinüber, und bittet ſie um eine kleine Gabe. Dennoch wendet ſie den Kopf nicht eher um, als bis ſie auf der andern Seite angelangt iſt. Dann winkt ſie ihm leicht, und ſpricht:„Komm hieher!“ 1,39 folgt ihr ein paar Schritte in einen ſtillen Hof nach. „Biſt Du der Junge, von dem ich in den Zeitun⸗ hen geleſen habe?“ fragt ſie hinter ihrem Schleier ervor. „Ich weiß Nichts,— gar Nichts von Zeitungen,“ ſagt Jo, den Schleier mürriſch anſtarrend.„Ich weiß Nichts,— gar Nichts.“ „Hat man Dich bei einer Unterſuchung verhört?“ „Ich weiß Nichts, gar Nichts:— wohin ich vom 10 Bleak Houſe. II. 146 Büttel geführt wurde, meinen Sie?“ ſagt Jo.„War der Name des Jungen bei der Unterſuchung— Jol“ „Ja.“ „Dann bin ich es!“ ſagt Jo. „Komm weiter herauf!“ „Sie wollen von dem Manne ſprechen?“ ſpricht Jo Fr nachfolgend.„Von dem Manne, der todt war „St! Sprich leiſe! Jo. Sah er, als er noch am Leben war, ſo gar krank und arm aus?“ „Oh, freilich!“ ſagt Jo. „Sah er aus, wie— nicht wie Du?“ ſpricht das Frauenzimmer mit Abſcheu. „O, nicht ſo ſchlecht, wie ich,“ ſagt Jo.„Sie kannten ihn nicht,— nicht wahr?“ „Wie kannſt Du dich unterſtehen, mich zu fragen, ob ich ihn kannte?“ „Nehmen Sie mir es nicht übel, my Lady,“ ſagt Jo mit vieler Demuth; denn ſogar er argwohnt eine Lady in ihr. „Ich bin keine Lady. Ich bin eine bloße Die⸗ nerin.“ „Ah, Sie ſind mir eine ſaubere Dienerin!“ ſpricht Jo, der ſich auch nicht im Entfernteſten träumen läßt, daß er etwas Beleidigendes geſagt; er wollte ja bloß ihr den Tribut ſeiner Bewunderung zollen. „Horch auf, und ſchweig'! Sprich nicht mit mir, und ſteh' weiter weg! Kannſt Du mir all die Orte zeigen, von denen in dem Berichte, den ich geleſen, die Rede war? Weißt Du den Ort, für den er ſchrieb,— den Ort, an dem er ſtarb,— den Ort, an den man Dich geführt hat,— und den Ort, wo er begraben worden? Sag' mir, weißt Du den Ort, wo er begra⸗ ben worden iſt?“ Jo antwortet mit einem Kopfnicken; auch hat er War 147 mit dem Kopfe genickt bei Erwähnung eines jeden der andern Orte. „Geh' mir voran, und zeig' mir all dieſe furchtba⸗ ren Orte, bleib jedem gegenüber ſtehen, und ſprich nicht mit mir, es ſei denn, daß ich Dich anrede. Blick' nicht rückwärts! Thu', was ich von Dir verlange, ſo werde ich Dich gut bezahlen.“ Jo horcht aufmerkſam zu, während die Worte ge⸗ ſprochen werden;— wiederholt dieſelben, und merkt ſie ſich an ſeinem Beſenſtiele, indem er ſie etwas ſchwer findet;— denkt einen Augenblick über ihre Bedeutung nach;— hält die Sache für befriedigend, und nickt mit ſeinem zottigen Kopfe. Jo ſpricht hier einige Worte, die nur für ihn und Leute ſeiner Art verſtändlich ſind, und die Dienerin ruft, vor ihm zurückſchaudernd, aus: „Was will das abſcheuliche Geſchöpf ſagen!“ Das abſchenliche Geſchöpf wiederholte die Worte, die es geſprochen. „Ich kann Dich nicht verſtehen. Geh' voran! Ich will Dir mehr Geld geben, als Du je in Deinem Leben gehabt haſt.“ Jo ſpitzt den Mund, und pfeift ein Bischen, und reibt ſeinen zottigen Kopf, und nimmt ſeinen Beſen un⸗ ter den Arm, und geht voran, wobei er, mit ſeinen bloßen Füßen, ſlink über die harten Steine und durch den Koth hingeht. Cook's Court. Jo bleibt ſtehen. Pauſe. „Wer wohnt hier?“ „Der, der ihm zu ſchreiben gegeben hat, und der mir einen halben Bull gegeben hat,“ ſpricht Jo flüſternd, ohne über ſeine Schultern wegzuſehen. „Führ mich zum naͤchſten Hauſe!“ Krook's Haus. Jo bleibt abermals ſtehen. Längere Pauſe. „Wer wohnt hier? 148 „Er hat hier gewohnt,“ antwortet Jo, wie zuvor. Nach einigem Schweigen wird er weiter gefragt: „In welchem Zimmer?“ „Dort oben in dem Hinterzimmer. Sie koͤnnen, von dieſem Winkel aus, das Fenſter ſehen. Dort oben! Dort habe ich ihn liegen ſehen.— Dieß iſt das Wirths⸗ haus, wohin man mich geführt hat.“ „Geh' jetzt nach dem nächſten Orte!“ Bis zum nächſten Orte iſt es nun zwar weiter; aber Jo, der ſeinen urſprünglichen Argwohn abgeſchüttelt, hält an den ihm auferlegten Bedingungen feſt, und blickt nicht herum. Auf vielen abgelegenen Wegen, die für die Sinne des Anſtößigen viel haben, gelangen ſie in den kleinen Tunnel eines Hofes, und bis zu der jetzt brennen⸗ den) Gaslampe,— und bis an das eiſerne Pförtchen. „Dorthin wurde er gebracht,“ ſpricht Jo, ſich an den Eiſenſtäben haltend, und hinein ſchauend. „Wohin? Oh, welch abſcheulicher Anblick!“ „Dorthin!“ ſpricht Jo deutend.„Dorthin, dorthin. Dort, unter die Beinhaufen, und ganz nahe an dem Kü⸗ chenfenſter dort! Sie haben ihn ganz oben hin gelegt. Sie mußten darauf ſtampfen, um es hinein zu bringen, Ich könnte Ihnen, mit meinem Beſen, die Erde von der Bahn wegfegen, wenn das Pfoͤrtchen offen wäre. Darum ſchließen ſie es auch, wie ich vermuthe,“ an demſelben rüttelnd;„es iſt immer geſchloſſen, aber dort! Sehen Sie die Ratte an!“ ruft Jo aufgeregt.„Hi! Sehen Sie hin! Dort läuft ſie! Ho! Dort ſchlüpft ſie hinein!“ Die Dienerin zieht ſich in eine Ecke zurück,— in eine Ecke dieſes gräßlichen Bogengangs, deſſen peſtath⸗ mender Schmutz mit ſeiner Feuchtigkeit ihr Kleid beſu⸗ delt. Sie ſtreckt ihre beiden Hände aus, und ſagt in leidenſchaftlichem Tone zu ihm, er ſolle von ihr weg⸗ bleiben, denn er iſt ihr ein Gegenſtand des Ekels. So bleibt ſie einige Augenblicke ſtehen. ———,— r. 149 Jo ſteht ſtarrend da, und ſtarrt noch in dem Augen⸗ blicke, wo ſie wieder zu ſich kommt. „Iſt dieſer gräßliche, abſcheuliche Ort geweihter Grund und Boden?“ „Ich weiß Nichts von einem ſolchen Grund und Boden.„Wie heißen Sie's?“ ſpricht Jo, immer noch ſtarrend. „Iſt er eingeſegnet?“ „Wer, was?“ ſpricht Jo, bis zum höchſten Grade erſtaunt. „Iſt er eingeſegnet?“ „So wahr ich lebe, ich weiß es nicht,“ ſpricht Jo, mehr denn je ſtarrend;„aber ich ſollte nicht denken, daß er es nicht iſt. Eingeſegnet?“ wiederholt Jo, etwas verwirt.„Es hat ihm jedenfalls nicht viel genützt, wenn er eingeſegnet worden iſt. Eingeſegnet? Ich glaube faſt ſelbſt, daß ſo was iſt. Aber was weiß ich davon? Ich weiß Nichts!“ Die Dienerin achtet auf das, was er ſagt, eben ſo wenig, als er auf das zu achten ſcheint, was ſie ſelbſt geſagt. Sie zieht ihren Handſchuh aus, um einiges Geld aus ihrer Börſe zu ziehen. Jo bemerkt ſchweigend, wie weiß und klein ihre Hand iſt, und welch eine vornehme Dienerin ſie ſein muß, um ſolche funkelnde Ringe zu tragen. Sie läßt ein Geldſtück in ſeine Hand fallen, ohne dieſe zu berühren, und ſchaudert unwillkürlich, während ihre Hand der ſeinigen nahe kommt. Dann ſetzt ſie hinzu: „Zeig mir jetzt die Stelle noch ein Mal!“ Jo fährt mit dem Stiele feines Beſens zwiſchen den Eiſenſtäben des Pförtchens durch, und deutet aus Leibes⸗ kräften auf die Stelle hin. Endlich blickt er aber auf die Seite, um zu ſehen, ob er ſich verſtändlich gemacht hat, und ſindet, daß er allein iſt. Das Erſte, was er nun thut, iſt, daß er das Geld⸗ 150 ſtück an das Gaslicht hält; er kommt faſt außer ſich, als er findet, daß es gelb,— daß es Gold iſt. Dann beißt er, um es zu probiren, hinein, am Rande des Geld⸗ ſtücks. Dann ſteckt er es in den Mund, damit es ihm nicht verloren geht; und dann kehrt er die Staffel und den Weg mit vieler Sorgfalt. Nachdem er dieſe Arbeit verrichtet, macht er ſich auf den Weg, um nach Tom⸗All⸗Alone's zu gehen. Un⸗ terwegs bleibt er im Lichte unzähliger Gaslaternen ſtehen, um ſein Goldſtück wieder zu beſchauen, und wieder in daſſelbe zu beißen, weil er immer noch nicht recht an deſ⸗ ſen Aechtheit glauben kann. Der bepuderte Merkur hat heute Abend Geſellſchaft genug: my Lady geht zu einem großen Diner, und zu drei oder vier Bällen. Was Sir Leiceſter betrifft, ſo iſt er, drunten zu Chesney⸗Wold, überaus unruhig, und hat nur das Po⸗ dagra zum Geſellſchafter. Er beklagt ſich gegen Mrs. Rouncewell, der Regen verurſache auf der Terraſſe ein ſo monotones Platſchen, daß er nicht im Stande ſei, die Zeitung zu leſen,— nicht einmal neben einem war⸗ men Feuer in ſeinem ſonſt ſo wohnlich eingerichteten An⸗ kleidezimmer. „Sir Leiceſter würde beſſer daran gethan haben, wenn er die andere Seite des Hauſes probirt hätte, meine Liebe,“ ſpricht Mr. Rouncewell zu Roſa.„Mein Ankleidezimmer iſt auf my Lady's Seite. Und in allen dieſen Jahren habe ich den Tritt auf dem Geiſterwege nie deutlicher gehört, als heute Abend.“ oeeSOͤ=SSSASDEGU Od=SE SEGRSAc e Z. 1 151 Siebzehntes Kapitel. Eſther's Erzählung. Während wir in London waren, beſuchte uns Ri⸗ chard ſehr oft(— obgleich er im Briefſchreiben bald er⸗ lahmte—), und war, bei ſeinem hellen Verſtande, ſeiner guten Laune, ſeiner Gutmüthigkeit, ſeiner Luſtigkeit und Friſche, ſtets eine höchſt angenehme Erſcheinung. Ob⸗ gleich ich ihn aber immer mehr liebte, je beſſer ich ihn kennen lernte, ſo fühlte ich doch auch, je mehr und mehr, wie ſehr es zu bedauern ſei, daß Fleiß und Con⸗ centration ihm nicht anerzogen worden. Das Syſtem, das an ihn genau in derſelben Weiſe herangetreten war, wie an Hunderte anderer Knaben, die in Beziehung auf Charakter und Capacität alle von einander verſchieden waren, hatte ihn in Stand geſetzt, die aufgegebenen Arbei⸗ ten ſtets ordentlich, und oft mit Auszeichnung zu ma⸗ chen; aber in einer unſtäten, blendenden Weiſe, welche ſein Vertrauen zu eben den Eigenſchaften noch beſtärkte, die bei ihm ſo ſehr der Leitung und Ausbildung be⸗ durft hätten. Es waren große Eigenſchaften, ohne welche keine hohe Stellung mit Ehren errungen werden kann; allein gleich dem Feuer und dem Waſſer, waren ſie, obgleich treffliche Dienerinnen, durchaus ſchlechte Herin⸗ nen. Hätten ſie unter Richard's Leitung geſtanden, ſo würden ſie ſeine Freundinnen geweſen ſein, da aber Richard unter ihrer Gewalt ſtand, ſo wurden ſie ſeine Feindinnen. Ich ſchreibe dieſe meine Anſichten nieder, nicht weil ich glaube, dieſes oder jenes ſei ſo, weil ich ſo gedacht; ſondern bloß, weil ich ſo dachte, und weil ich durchaus aufrichtig ſein will in Betreff Alles deſſen, was ich dachte 152 und that. Dieß waren meine Gedanken in Beziehung auf Richard. Ich dachte, daß ich oft außerdem be⸗ merkte, wie ſehr mein Vormund in dem, was er ge⸗ ſagt, Recht hätte; und daß die Ungewißheiten und Ver⸗ zoͤgerungen des vor dem Kanzleigerichtshofe anhängigen Prozeſſes ſeiner Natur Etwas von der Sorglofigkeit eines Spielers verliehen hätten, der da fühlte, daß er ein Theil eines großen Spielſyſtems wäre. Mr. und Mrs. Bayham Badger kamen eines Nach⸗ mittags, und es war mein Vormund eben nicht zu Hauſe. Im Laufe der Unterhaltung erkundigte ich mich natürlich nach Richard. „Ei, Mr. Carſtone,“ ſprach Mrs. Badger,„befin⸗ det ſich recht wohl, und iſt, ich kann es Ihnen verſi⸗ chern, für unſere Geſellſchaft eine große Acqulſition. Capitän Swoſſer pflegte von mir zu ſagen, daß ich im⸗ merhin beſſer wäre, als Land vorn„ und ein guter Wind hinten für den Tiſch der Seekadetten, wenn ein Mal die Leckerbiſſen des Proviantmeiſters ſo zäh geworden, wie die Stockbindſel am Vormarsſegel. Es war dieß ſo ſeine Seemannsweiſe, im Allgemeinen zu ſagen, daß ich für jede Geſellſchaft eine Aequiſttion wäre. Ich kann ſicherlich Mr. Carſtone den gleichen Tribut zollen. Aber ich,— Sie werden mich doch nicht für vorſchnell halten, wenn ich es ſage?“ Ich ſagte Nein, da Mrs. Badger's inſinuirender Ton eine ſolche Antwort zu erfordern ſchien. „Und Miß Clara auch nicht?“ fragte Mrs. Bay⸗ ham Badger ſüß. Ada ſagte ebenfalls Nein, und ſah unruhig aus. „Ei, ſehen Sie, meine Lieben,“ ſprach Mrs. Badger, —,„Sie werden mich doch entſchuldigen, daß ich Sie ſo nenne?“ Wir baten Mrs. Badger, die Sache nicht weiter zu erwähnen. „Ich finde Sie nämlich ſo durchaus bezaubernd, 153 wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, ſo zu ſagen. Sie ſehen, meine Lieben, daß, obgleich ich noch jung bin,— — oder Mr. Bayham Badger ſo galant iſt, ſo zu ſagen—“ „Nein,“ rief Mr. Badger, wie Jemand, der bei einer öffentlichen Verſammlung als Opponent auftritt, „ganz und gar nicht!“ „Ganz gut,“ lächelte Mrs. Badger,„ſo wollen wir denn ſagen, obgleich ich noch jung bin.“ „Ohne Zweifel,“ ſiel Mr. Badger ein. „Meine Lieben, obgleich ich noch jung bin, ſo habe ich doch mancherlei Gelegenheit gehabt, junge Männer zu beobachten. Es waren gar viele ſolche am Bord des lie⸗ ben, alten Crippler,— ich kann es Ihnen verſichern. Spaͤter, als ich mit Capitän Swoſſer im mittelländi⸗ ſchen Meere war, ergriff ich jede Gelegenheit, die Cadet⸗ ten unter Capitän Swoſſer's Kommando kennen zu ler⸗ ten, und mich mit ihnen zu befreunden. Sie haben dieſelben nie junge Herrene nennen hören, meine Lieben, und wahrſcheinlich würden Sie gewiſſe Anſpielungen nicht verſtehen, die ſich auf Pfeifererde und ſo weiter bezie⸗ hen; allein es iſt das ganz anders bei mir, denn das blaue Waſſer iſt mir eine zweite Heimath geweſen: ich war mit Leib und Seele Seemann. Und dann, bei Profeſſer Dingo—“ „Er war ein Mann von europäiſchem Rufe,“ mur⸗ melte Mr. Badger. „Als ich meinen lieben erſten Mann verlor, und die Frau meines lieben zweiten wurde,“ ſagte Mrs. Badger, von ihren früheren Gatten ſo ſprechend, wie wenn ſie Theile einer Charade wären,„hatte ich abermals man⸗ nigfach Gelegenheit, junge Leute zu beobachten. Die Claſſe, die Profeſſor Dingo hatte, war groß, und als die Frau eines ausgezeichneten Mannes der Wiſſenſchaft, die ſelbſt in der Wiſſenſchaft den hoͤchſten Troſt ſuchte, den dieſe gewähren konnte, ſetzte ich meinen Stolz darein, 154 den Studenten unſer Haus als eine Art wiſſenſchaftlicher Börſe zu öffnen. Jeden Dienſtag Abend ſtand Limonade und verſchiedenes Backwerk bereit für Alle, die an dieſen Erfriſchungen Theil nehmen wollten. Und nebenbei hatte man Wiſſenſchaft, ſo viel man nur wollte.“ „Es waren das höchſt merkwürdige Aſſembleen, Miß Summerſon,“ ſprach Mr. Badger ehrerbietig.„Es muß, unter den Auſpizien eines ſolchen Mannes, da einer ungeheure geiſtige Friction Statt gehabt haben!“ „Und jetzt,“ fuhr Mrs. Badger fort,„jetzt, da ich die Frau meines lieben Dritten, Mr. Badger's, bin, ſetze ich immer noch jene Gewohnheiten der Beobachtung fort, die ſich bei mir bildeten, während Capitän Swoſ⸗ ſer lebte, und die ſich, ſo lange ich mit Profeſſor Dingo verehelicht war, neuen und unerwarteten Zwecken anpaß⸗ ten. Ich habe daher nicht als Neophytin Mr. Carſtone beobachtet. Und doch bin ich, meine Lieben, nicht wenig der Meinung, daß er ſeinen Beruf nicht nach reiflicher Ueberlegung gewählt. Ada ſah jetzt ſo überaus ängſtlich aus, daß ich Mrs. Badger fragte, worauf ſie ihre Vermuthung gründete. „Meine liebe Miß Summerſon,“ erwiederte fie, „ich gründe ſie auf Mr. Carſtone's Charakter und Be⸗ nehmen. Er iſt von ſo überaus leichter Gemüthsart, daß er es wahrſcheinlich nie als der Mühe werth erachten würde, zu ſagen, wie es ihm wirklich um's Herz iſt; allein in Betreff des Berufes zeigt er ſich matt. Er findet nicht das poſitive Intereſſe daran, das denſelben zu ſeiner Vocation macht. Wenn er in Beziehung auf denſelben überhaupt eine entſchiedene Anſicht hat, ſo möchte ich ſagen, es gehe dieſelbe dahin, daß ſein Beruf ein mühevoller ſei. Nun aber verſpricht dieß nicht gar viel. Junge Männer, wie Mr. Allan Wodcourt, die denſelben wählen aus lebhaftem Intereſſe an Allem, was er leiſten kann, werden einige Belohnung darin finden bei 15⁵ vieler Arbeit für ſehr wenig Geld, nach jahrelanger Ge⸗ duld, und nach Jahren voller Enttäuſchungen. Alllein ich bin völlig überzeugt, daß das bei Mr. Carſtone nie der Fall ſein würde.“ „Iſt das auch Mr. Badger's Anſicht?“ fragte Ada ſchüchtern. „Soll ich Ihnen die Wahrheit ſagen, Miß Clare,“ ſprach Mr. Badger,„ſo hatte ſich dieſe Anſicht von der Sache mir nicht eher aufgedrängt, als bis Mrs. Badger der Sache Erwähnung that. Sobald aber Mrs. Badger die Sache in dieſes Licht ſiellte, mußte ich mich natür⸗ lich veranlaßt fühlen, derſelben große Aufmerkſamkeit zu ſchenken, indem ich ja wußte, daß Mrs. Badger's Geiſt, neben ſeinen natürlichen Vorzügen, auch den ſeltenen Vor⸗ theil gehabt hat, von zwei ſo höchſt ausgezeichneten (— ja ich kann wohl ſagen, von zwei ſo hochberühm⸗ ten—) öͤffentlichen Männern gebildet zuſwerden, wie Ca⸗ pitän Swoſſer von der Königlichen Marine und Profeſ⸗ ſor Dingo waren. Der Schluß, zu welchem ich gelangt bin, iſt, ſoll ich mich kurz ausdruͤcken, Mrs. Badger's Schluß.“ „Es war eine Marxime Capitän Swoſſer's,“ ſprach Mrs. Badger,„daß(— er bediente ſich dabei ſeiner figürlichen Ausdrucksweiſe, die ſtets den geübten Seemann verrieth—), wenn man das Pech ein Mal heiß mache, man daſſelbe nicht zu heiß machen koͤnne; und daß, wenn man auch nur eine Planke zu ſchrubben habe, man die⸗ ſelbe ſchrubben müſſe, wie wenn Davy Jones hinter ei⸗ nem ſtünde. Es ſcheint mir, daß dieſe Maxime ſich eben ſo wohl auf den ärztlichen, als auf den ſeemänniſchen Beruf anwenden läßt.“ „Sie läßt ſich auf alle Berufsarten anwenden,“ bemerkte Mr. Badger.„Es war das bewundernswür⸗ dig geſagt von Capitän Swoſſer. Wunderſchön geſagt!“ „Es hatten die Leute gegen Profeſſor Dingo, als wir, nach unſerer Heirath, uns im Norden von Devon 156 aufhielten,“ ſprach Mrs. Badger,„das einzuwenden, daß er einige Häuſer und andere Gebäude entſtelle, indem er mit ſeinem geologiſchen Hammer kleine Stücke von dieſen Gebäuden abſchlage. Allein der Profeſſor antwor⸗ tete, er kenne kein anderes Gebäude, als den Tempel der Wiſſenſchaft. Das Princip iſt daſſelbe, ſollte ich denken.“ „Durchaus daſſelbe,“ ſprach Mr. Badger.„Schön ausgedrückt! Der Profeſſor machte, während ſeiner letz⸗ ten Krankheit, dieſelbe Bemerkung, Miß Summerſon, als er(— er phantaſirte ſchon—) ſchlechterdings darauf beſtand, daß man ſeinen kleinen Hammer ihm unter das Kopfkiſſen legen ſollte, und als er vor den Geſichtern der Anweſenden damit kleine Stücke abſchlagen wollte. Es war dieß die ihn beherrſchende Paſſion!“ Obgleich wir Mr. und Mrs. Badger gar gerne der 3 Nothwendigkeit überhoben hätten, die Converſation der⸗ maßen in die Länge zu ziehen, ſo fühlten wir doch, daß es von ihrer Seite durchaus uneigennützig ſet, die Mei⸗ nung auszudrücken, die ſte uns mitgetheilt, und daß auch alle Wahrſcheinlichkeit für deren Richtigkeit ſpreche. Wir gaben uns das Wort, Mr. Jarndyce nicht eher Etwas zu ſagen, als bis wir mit Richard ſelbſt geſprochen ha⸗ ben würden; und da er den darauf kommenden Abend uns beſuchen wollte, ſo beſchloſſen wir, ernſtlich mit ihm zu ſprechen. Ich ging daher, nachdem er eine kleine Weile allein bei Ada geweſen war, hinein, und fand meinen Liebling (— wie ich nicht anders erwartete—) bereit, ihm in Al⸗ lem Recht zu geben, was er auch ſagen mochte. „Und wie geht es bei Dir, Richard?“ ſprach ich. Ich ſetzte mich immer neben ihn hin, und er ſeiner Seits machte durchaus eine Schweſter aus mir. „Ohl recht gut, recht gut!“ ſprach Richard. „Er kann nichts Beſſeres ſagen, Eſther,— nicht wahr!“ rief mein Liebling triumphirend. we wir fun ſpre Ueb höch bega ſpra wirk es d 157 Ich verſuchte es, meinen Liebling auf die weiſeſte Art anzublicken, vermochte es aber natürlich nicht. „Recht gut?“ wiederholte ich. „Ja,“ ſprach Richard,„recht gut. Mein Geſchäft iſt zwar Etwas alltäglich und langweilig; allein es wird den Zweck ſo gut erfüllen, wie etwas Anderes!“ „O mein lieber Richard!“ wandte ich ein. „Nun, was iſt es denn?“ fragte Richard. „Wird den Zweck ſo gut erfüllen, wie etwas Anderes!“ „Ich glaube nicht, daß ſich dagegen Etwas ein⸗ wenden läßt, Dame Durden,“ ſprach Ada, mich, über ihn hin, ſo vertrauenvoll anblickend.„Wenn es nämllch den Zweck ſo gut erfüllen wird„wie etwas Anderes, ſo wird es hoffentlich dem Zwecke ganz gut entſprechen.“ „O, ja, ich hoffe das auch,“ erwiederte Richard ſich das Haar nachläſſig aus der Stirn wegſchüttelnd. „Am Ende iſt es vielleicht denn doch nur eine Art Prü⸗ fungszeit, bis unſer Prozeß,— ah, ich habe mich ver⸗ geſſen. Ich ſoll ja des Prozeſſes keine Erwähnung thun. Verbotener Grund und Boden! O, ja, es iſt Alles ſo ziemlich recht. Laßt uns nun von etwas Anderem ſprechen!“ Ada würde dieß gar gerne und in der vollen Ueberzeugung gethan haben, daß wir die Frage in ein höchſt befriedigendes Stadium gebracht. Allein ich dachte, daß es unnütz ſein würde, hier ſtehen zu bleiben. Ich begann daher abermals: „Nein, lieber Richard,— nein, melne liebe Ada 34 ſprach ich,„bedenket doch, wie wichtig dieſe Sache für euch Beide, und welche Ehrenſache es für Dich iſt, Ri⸗ chard, Deinem Couſin gegenüber durchaus offen zu ſein, und ihm Nichts zu verbergen. Ich meine, wir thäten wirklich beſſer daran„ wenn wir davon ſprächen, Ada; es dürfte ſonſt ſehr bald zu ſpät ſein.“ 45⁵8 „Allein ich glaube, daß Richard Recht hat.“ Was nützte es, daß ich ſo klug auszuſehen verſuchte, wenn ſie ſo hübſch, und ſo einnehmend, und in ihn ſo verliebt war! „Mr. und Mrs. Badger ſind geſtern hier geweſen, Richard,“ ſprach ich,„und ſie ſcheinen geneigt, zu glauben, daß Du für Deinen jetzigen Beruf nicht ſehr eigenommen wäreſt.“ „Haben ſie das wirklich geſagt?“ ſprach Richard. „Ohl das verändert die Sache, weil ich keine Idee hatte, daß ſie ſo dächten,— und meiner Seits hätte ich ihnen nicht gerne Unbequemlichkeiten verurſacht, oder ihre Hoff⸗ nung getäuſcht. Ein Faktum iſt, daß ich mich um mei⸗ nen Beruf nicht gar viel kümmere. Aber oh,— es thut ja Nichts! Er wird den Zweck ebenſo gut erfüllen, wie ein anderer!“ „Du hörſt ihn, Ada!“ ſagte ich. 1 1 „Ein Faktum iſt,“ fuhr Richard halb nachdenkſam, halb ſcherzend fort,„daß er mir nicht ganz behagt. Ich paſſionire mich nicht dafür. Auch bekomme ich zu viel von Mrs. Bayham Badger's erſtem und zweitem Manne zu hören.“ „Fürwahr, das iſt ganz natürlich!“ rief Ada, ganz entzückt.„Ganz daſſelbe, was wir Beide geſtern zu einander ſagten, Eſther!“ „Und dann,“ fuhr Richard fort,„iſt die Geſchichte zu monoton. Der heutige Tag ſieht dem geſtrigen, und der morgende dem heutigen doch gar zu ſehr gleich.“ „Aber,“ ſagte ich,„ich fürchte, es iſt dieß ein⸗ Einwurf, dem alle Arten von Arbeit,— ja das Leben ſelbſt, ausgeſetzt ſind,— es ſei denn, daß höchſt unge⸗ wöhnliche Umſtände obwalten.“ t „Glaubſt Dn das wirklich?“ entgegnete Richard, immer noch nachdenkend.„Vielleicht! Ha! Ei, weißt Du,“ ſetzte er, plötzlich wieder froͤhlich werdend, hinzu, „O ja! Wir müſſen darüber ſprechen!“ ſagte Ada. Ada. ichte, hn ſo veſen, „ zu ſehr hard. hatte, ihnen Hoff⸗ mei⸗ — es üllen, jinzu, 159 „dann habe ich ja doch wieder Recht. Mein jetziger Be⸗ ruf iſt ja dann eben ſo gut, wie jeder andere. Oh, es iſt Alles ſo ziemlich recht! Sprechen wir nun von etwas Anderem.“ Aber ſelbſt Ada mit ihrem liebevollen Geſichte,— und wenn daſſelbe mir unſchuldig und vertrauensvoll er⸗ ſchienen war, als ich es in jenem denkwürdigen Novem⸗ bernebel zum erſten Mal ſah, um wie viel mehr mußte es mir ſo erſcheinen, jetzt, wo ich ihr unſchuldiges und und vertrauensvolles Herz kannte,— ſelbſt Ada ſchüttelte darüber den Kopf, und ſah ernſt aus. Ich glaubte da⸗ her eine ſo günſtige Gelegenheit benützen zu müſſen, um Richard zu verſtehen zu geben, daß, wenn es bisweilen in Beziehung auf ſich ſelbſt ein Bischen ſorglos wäre, ich der feſten Ueberzeugung lebte, daß er nie beabſichtigte, in Beziehung auf Ada ſorglos zu ſein; und daß es ein Theil ſeiner liebevollen Rückſicht gegen ſie ſei, die Wich⸗ tigkeit eines Schrittes, der auf ihr beiderſeitiges Leben ſo viel Einfluß haben könnte, nicht geringe zu ſchätzen. Dieß ſtimmte ihn faſt ernſt. „Liebe Mutter Hubbard!“ ſprach er,„Du haſt die Sache getroffen,— Du haſt den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich habe ſchon mehrere Male daran gedacht, und bin ſchon recht böſe auf mich ſelbſt geweſen, daß ich Etwas ſo ernſt nehmen wollte, und daß es mir doch nie ſo recht gelingen wollte:— ich weiß nicht warum. Ich weiß nicht, wie es kommt; aber es ſcheint mir Etwas abzugehen, woran ich mich halten könnte. Sogar Du haſt keinen Begriff, wie lieb mir Ada iſt(— meine aller⸗ liebſte Coufine, ich liebe Dich ſo unendlich—)z aber ich kann es in andern Dingen zu keiner Beſtändigkeit bringen. Es iſt etwas ſo Mühſames, und erfordert ſo viel Zeit!“ ör Richard mit einer Miene, die einigen Aerger aus⸗ rückte. „Das mag ſein, weil Du den Beruf, den Du ge⸗ wählt haſt, nicht liebſt,“ meinte ich. 160 „Der arme Burſche!“ ſagte Ada.„Es wundert mich fürwahr nicht!“ 4 Nein. Es nützte durchaus Nichts, daß ich klug aus⸗ zuſehen verſuchte. Ich verſuchte es abermals; aber wie konnte ich es thun, oder wie konnte es, wenn ich es konnte, einige Wirkung haben, während Ada mit in ein⸗ ander geſchlungenen Händen auf ſeiner Schulter ruhte, und während er ihre zärtlichen blauen Augen anblickte, und während dieſe ihn anſchauten! „Du ſiehſt, mein treffliches Mädchen,“ ſprach Richard, ihre goldnen Locken durch ſeine Finger ziehend,„Du ſiehſt, daß ich vielleicht mich ein Bischen übereilt habe;— oder daß ich vielleicht meine eigenen Neigungen mißverſtanden habe. Es ſcheinen dieſelben nicht in dieſer Richtung zu liegen. Ich konnte das nicht ſagen, ehe ich einen Verſuch machte. Nun aber entſteht die Frage, ob es der Mühe werth iſt, Alles das, was geſchehen iſt, wieder ungeſchehen zu machen. Es ſcheint mir, daß es etwa daſſelbe iſt, wie wenn man wegen einer nicht beſonders wichtigen Sache ſich in große Unruhe verſetzen wollte.“ „Nein, lieber Richard,“ ſprach ich,„wie kannſt Du nur ſagen, wegen einer nicht beſonders wichtigen Sache?“ „Ich will das nicht gerade ſagen,“ erwiederte er. „Ich meine, es dürfte die Sache nicht beſonders wich⸗ tig ſein, da ich vielleicht nie in den Fall komme, von meiner ärztlichen Geſchicklichkeit Gebrauch zu machen.“ Sowohl Ada, als ich erwiederten, daß es nicht allein entſchieden der Mühe werth wäre, das Geſchehene wieder ungeſchehen zu machen, ſondern daß es durchaus unge⸗ ſchehen gemacht werden müſſe. Dann fragte ich Richard, ob er vielleicht ſchon an ſeinen Beruf gedacht, der ihm beſſer behagen würde. „Da, meine liebe Mrs. Shipton,“ ſprach Richard, „berührſt Du den rechten Fleck. Ja, ich habe ſchon 161 daran gedacht, und ich bin zu dem Schluſſe gekommen, daß das Jus genau das iſt, was ich brauche.“ „Das Jus!“ wiederholte Ada, wie wenn ſie ſich vor dem bloßen Namen fürchtete.. „Wenn ich auf Kenge's Bureau ginge,“ ſprach Ri⸗ chard,„und wenn ich an Kenge durch einen ordentlichen Vertrag gebunden waͤre, ſo würde ich— hm!— den verbotenen Grund und Boden im Auge behalten,— und ſo könnte ich die Geſchichte ſtudiren, und bewältigen, und mich uͤberzeugen, daß dieſelbe nicht vernachläſſigt, ſondern recht geführt wird. Dann wäre ich im Stande, Ada's Intereſſen, und meine eigenen Intereſſen(— was daſſelbe iſt!—) zu wahren;— und dann würde ich mit dem fürchterlichſten Eifer darauf los arbeiten, und Blackſtone und wie die andern Kerls alle heißen mögen, ſtudiren.“ Ich war deſſen keineswegs ſo gewiß, und ſah, wie ſeine Sehnſucht nach den vagen Dingen, die aus den lange verzögerten Hoffnungen noch entſpringen könnten, über Ada's Geſicht einen Schatten warf. Aber ich hielt es für das Beſte, ihn zu jedem Projekte zu ermuthigen, das eine unausgeſeßzte Anſtrengung erheiſchte, und rieth ihm bloß, ſeiner Sache erſt ganz gewiß zu ſein, ehe er „Meine liebe Minerva,“ ſprach Richard,„ich bin ſo beſtändig, wie Du ſelbſt nur es ſein kannſt. Ich habe mir einen Mißgriff zu Schulden kommen laſſen,— und Du weißt, daß wir Alle ſolchen Mißgriffen ausgeſetzt ſindz es ſoll nun aber nicht mehr vorkommen,— und es ſoll aus mir ein Juriſt werden, wie man deren nicht alle Tage zu ſehen bekommt, das heißt, weißt Du,“ ſprach Richard wieder in Zweifel verfallend,„wenn es am Ende wirklich der Mühe werth iſt, wegen einer nicht beſonders wichtigen Sache eine ſolche Stoͤrung zu verurſachen!“ Dieß veranlaßte uns, abermals mit vielem Ernſte Alles das zu ſagen, was wir bereits geſagt, und abermals Bleak Houſe. I. 11 162 ſo ziemlich zu dem gleichen Schluſſe zu kommen. Aber wir drangen ſo ſehr in Richard, gegen Mr. Jarndyce, und zwar unverweilt, durchaus offen zu ſein; und es war ſeine Gemüthsart von Natur aus jeder Verheimlichung einer Sache ſo abgeneigt, daß er ihn alsbald aufſuchte (— wobei er uns mitnahm—), und ihm Alles geſtand. „Rick,“ ſprach mein Vormund, nachdem er ihn auf⸗ merkſam angehört hatte,„— wir koͤnnen uns mit Ehren zurückziehen, und wollen es auch thun. Aber wir müſſen uns wohl hüten,— um unſerer Couſine willen, Rick, um unſerer Couſine willen, ferner ſolche Mißgriffe zu thun. Wir wollen daher, was das Studium des Jus betrifft, erſt eine tüchtige Probe eintreten laſſen, ehe wir uns ent⸗ ſcheiden. Wir wollen erſt die Sache genauer betrachten ehe wir den Sprung thun, und wollen uns recht viel Zeit dazu nehmen.“ Richard's Energie war von ſo ungeduldiger und ſie⸗ berhafter Art, daß ihm Nichts lieber geweſen wäre, als wenn man ihn noch in derſelben Stunde hätte auf Mr. Kenge's Bureau gehen laſſen, um den Vertrag abzuſchlie⸗ ßen. Indeſſen ließ er ſich denn doch mit gutem Anſtande die Vorſicht gefallen, die wir ihm als ſo nothwendig gezeigt, und er begnügte ſich daher, in der heiterſten Stimmung bei uns ſitzen zu bleiben und zu ſprechen, wie wenn ſein ſteter und unabänderlicher Lebensplan ſeit ſeiner früheſten Jugend gerade der geweſen wäre, wofür er ſich nun paſſionirt hatte. Was meinen Vormund betrifft, ſo war er zwar ge⸗ gen ihn recht herzlich und freundlich, aber dabei doch ziemlich ernſt,— und zwar ernſt genug, um Ada, als er fortgegangen, und wir im Begriffe waren, in unſere Zim⸗ mer hinauf zu gehen und uns zu Bette zu legen, zu der Frage zu veranlaſſen: „Vetter John, hoffentlich werden Sie doch darum nicht übler von Richard denken?“ 163 „Nein, meine Liebe,“ ſprach er. „Es war ja ſo natürlich, daß Richard in einem ſo ſchwierigen Falle ſich täuſchte. Es iſt das nichts Unge⸗ woͤhnliches.“ „Nein nein, meine Liebe,“ ſprach er.„Sieh' doch nicht ſo traurig, ſo unglücklich aus!“ „Oh, ich bin nicht traurig— bin nicht unglücklich, Vetter John!“ ſagte Ada, heiter lächelnd, während ihre Hand auf ſeiner Schulter ruhte, wohin ſie dieſelbe gelegt hatte, als ſie ihm gute Nacht wünſchte.„Aber ich würde wirklich ein Bischen unglücklich ſein, wenn Sie am Ende darum uͤbler von Richard dächten.“ „Meine Liebe,“ ſprach Mr. Jarndyce,„ich würde von ihm nur dann uͤbler denken, wenn Du je durch ihn und wenn auch noch ſo wenig, unglücklich werden ſollteſt. Und ſelbſt dann würde ich eher geneigt ſein, mir deßhalb Vorwürfe zu machen, als dem armen Rick,— da ich ja euch Beide zuſammengeführt. Aber pſt! Das Alles hat Nichts zu bedeuten! Er hat Zeit vor ſich: es iſt noch Nichts verloren. Ich ſollte darum übel von ihm denken? Nein,— ich nicht, meine liebevolle Coufine! Und noch viel weniger Du,— ich möchte darauf ſchwören!“ „Nein, ich gewiß nicht, Vetter John,“ ſprach Ada. pich koͤnnte gewiß— ich würde gewiß— nie übel von Richard denken, ſelbſt dann, wenn alle Welt es thäte. Ich könnte und würde dann beſſer, als je, von ihm denken!“ Sie ſagte das ſo ruhig und ehrlich, während ihre Hände— auf ſeinen Schultern lagen und während ſie, wie die leibhaftige Wahrheit, zu ihm auf und ihm in's Geſicht ſchaute. „Ich glaube,“ ſprach meln Vormund, ſie gedanken⸗ voll betrachtend,„ich glaube, es muß irgendwo geſchrie⸗ ben ſtehen, daß die Tugenden der Mütter gelegentlich an den Kindern heimgeſucht werden ſollen, ſo gut wie die Sünden der Väter, Gute Nacht, liebe Roſenknoſpe! 164 Gute Nacht, Welbchen! Eine angenehme Ruhe! Gute Träume!“ Es war dieß das erſte Mal, daß ich ihn Ada mit Augen folgen ſah, deren wohlwollender Ausdruck Etwas von einem Schatten an ſich hatte. Ich erinnere mich noch gar wohl des Blickes, wo⸗ mit er ſie und Richard betrachtet hatte, als ſie in dem Scheine des Kaminfeuers ſang;— es war noch gar nicht lange, daß er ſie beobachtet hatte, wie ſie durch das ſon⸗ nenhelle Zimmer ſchritten und im Schatten verſchwanden; — aber ſein Blick war nicht mehr der nämliche nnd ſelbſt der ſtille Blick des Vertrauens zu mir, der auch jetzt wieder darauf folgte, war nicht ganz ſo hoffnungsvoll und ruhig, wie er es urſprünglich geweſen.— Ada pries Richard an jenem Abende mehr, als ſie je gethan, gegen mich. Sie legte ſich zu Bette, und be⸗ hielt ein kleines Bracelet am Arme, das er ihr gegeben hatte. Ich glaubte, ſie träume von ihm, als ich ſie auß die Wange küßte, nachdem ſie eine Stunde geſchlafen hatte, und ich bemerkte, wie ruhig und glücklich ſie ausſah. Denn ich ſelbſt fühlte mich an jenem Abende zum Schlafen ſo wenig aufgelegt, daß ich aufblieb, um zu ar⸗ beiten. Es wäre nicht der Mühe werth, der Sache um ihrer ſelbſt willen Erwähnung zu thun; aber ich war ſchlaflos und etwas niedergeſchlagen. Ich weiß nicht warum. Wenigſtens glaube ich nicht, daß ich weiß warum. Wenigſtens weiß ich es vielleicht, halte es aber nicht für ſo wichtig, daß ich es mittheilen ſollte. Jedenfalls aber entſchloß ich mich, ſo entſetzlich flei⸗ ßig zu ſein, daß ich mir nicht einen Augenblick Zeit zum Niedergeſchlagenſein gönnen wollte. Denn ich ſagte na⸗ türlich;„Eſther! Du niedergeſchlagen? Du?“— Und es war wirklich Zeit, daß ich ſo zu mir ſagte, denn ich — ja, ich ſah mich wirklich im Spiegel— ich ſah mich darin faſt weinen.„Wie wenn Du Etwas hätteſt, das Dich unglücklich machen koͤnnte, anſtatt daß Du Alles 16⁸ haſt, was Dich gluͤcklich machen kann,— Du undankbares Herz!“ ſagte ich. Haͤtte ich mich nun entſchließen können, zu Bette zu gehen, ſo würde ich dieſen Entſchluß auf der Stelle aus⸗ geführt haben; da ich das aber nicht zu thun vermochte, ſo zog ich aus meinem Koͤrbchen eine Stickerei für unſer Haus(— ich meine Bleak Houſe—), womit ich um dieſe Zeit beſchäftigt war, und nahm mir feſt vor, fleißig zu ſein. Es war nothwendig, bei dieſer Arbeit alle Stiche zu zählen und ich nahm mir vor, ſo lange damit fortzu⸗ fahren, bis ich die Augen nicht mehr offen halten koͤnnte — und dann erſt zu Bette zu gehen. Bald fand ich mich ſehr geſchäftig. Allein ich hatte drunten, in dem temporären Brummſtübchen, in der Schublade eines Arbeitstiſchchens Seide gelaſſen; und da ich aus Mangel daran mich genöthigt ſah, mit der Ar⸗ beit einzuhalten, ſo nahm ich mein Licht, und ging leiſe hinunter, um die Seide zu holen. Zu meinem großen Erſtaunen fand ich, als ich in das Brummſtübchen trat, meinen Vormund noch dort: er ſaß da, und blickte die Aſche an. Er war in Gedan⸗ ken verloren,— ſein Buch lag unbeachtet neben ihm,— ſein ſilbernes, eiſengraues Haar lag verworren auf ſelner Stirn, wie wenn ſeine Hand darin gearbeitet hätte, wäh⸗ rend er mit ſeinen Gedanken anderswo geweſen, und ſein Geſicht ſah müde aus. Faſt erſchrocken darüber, daß ich ihn in ſo unerwar⸗ teter Weiſe angetroffen, blieb ich einen Augenblick ſtehen, ohne mich zu rühren; auch würde ich mich, ohne eine Silbe zu ſprechen, zurückgezogen haben, hätte er mich nicht, indem er wieder zerſtreut mit der Hand durch ſein Haar fuhr, geſehen, und waͤre er dabei nicht zuſammen⸗ gefahren. „Eſther!“ 4 Ich ſagte ihm, weßwegen ich herunter gekommen. „Wie, Du arbeiteſt noch ſo ſpät, meins Liebe?“ 166 „Ich arbeite heute Abend noch ſo ſpät,“ ſprach ich, „weil ich nicht ſchlafen konnte, und weil ich mich müde machen wollte. Aber auch Sie, mein lieber Vormund, find ja noch ſo ſpät auf und dabei ſehen ſie ſo müde aus! Hoffentlich haben Sie keine Anfechtung, die Sie wach erhält?“ „Keine, Weibchen, die Du ſo leicht verſtehen koͤnn⸗ teſt,“ ſprach er. *Er ſprach zu mir in einem gramerfüllten Ton— in einem Tone, der für mich ſo neu war, daß ich, gleich als wollte ich mir dadurch einen Schlüſſel zu dem, was ich ſagen wollte, perſchaffen, bei mir wiederholte:„Die ich ſo leicht verſtehen könnte!“ „Bleibe einen Augenblick, Eſther,“ ſprach er.„Ich beſchäftigte mich in Gedanken mit Dir.“ „Hoffentlich war ich nicht die Urſache Ihrer Anfech⸗ tung, Vormund?“ Er machte mit der Hand eine leichte Bewegung durch die Luft, und verfiel wieder in ſein gewohntes We⸗ ſen. Die Veränderung war ſo merkwürdig, und es ſchien dieſelbe bei ihm ſo viel Selbſtbeherrſchung zu erheiſchen, daß ich mich abermals überraſchte, wie ich bei mir wie⸗ der ſagte:„Keine, die ich ſo leicht verſtehen koͤnnte!“ „Weibchen,“ ſprach mein Vormund,„ich dachte— das heißt, ich habe, ſeitdem ich hier ſitze, gedacht— daß Du von Deiner Geſchichte Alles, was ich weiß, wiſſen ſollteſt. Es iſt nicht Viel. Faſt gar Nichts.“ „Mein lieber Vormund,“ erwiederte ich,„als Sie früher ein Mal über dieſen Gegenſtand mit mir ſprachen—“ „Seitdem aber,“ ſiel er mir ernſt in's Wort, das anticipirend was ich ſagen wollte,„habe ich darüber nachgedacht, Eſther, daß es nicht das Gleiche iſt, ob Du mich Etwas zu fragen haſt, oder ob ich Dir Etwas zu ſagen habe. Vielleicht iſt es meine Pflicht, Dir das Wenige, was ich weiß, mitzutheilen.“ 167 „Wenn das Ihre Anſicht iſt, mein Vormund, ſo iſt es recht.“ „Es iſt meine Anſicht,“ erwiederte er ſehr ſanft und freundlich und überaus deutlich.„Meine Liebe, es iſt das jetzt meine Anſicht. Wenn in den Augen eines Man⸗ nes oder eines Frauenzimmers, ſo einen Gedanken werth iſt, ein wirklicher Nachtheil ſich an Deine Lage knüpfen kann, ſo iſt es billig, daß Du wenigſtens Dir dieſen Nch⸗ theil nicht noch groͤßer vorſtelleſt, als er wirklich iſt in⸗ dem Du, in Beziehung auf deſſen Natur, nur unbeſtimmte Eindrücke haſt.“ Ich ſetzte mich, und ſagte, nachdem ich eine kleine Anſtrengung gemacht, ſo ruhig wie moͤglich zu ſein: „Eine meiner früheſten Erinnerungen, mein Vor⸗ mund, fiud folgende Worte. ‚Deine Mutter, Eſther, iſt Deine Schande, wie Du die ihrige wareſt. Es wird ein Mal die Zeit kommen, und vielleicht bälder, als Du glaubſt, wo Du dieß beſſer verſtehen und auch fühlen wirſt, wie es nur ein Weib zu fühlen vermag.““ Ich hatte, während ich dieſe Worte wiederholte, mein Geſicht mit den Händen bedeckt; allein ich nahm ſie jetzt mit einer hoffentlich beſſeren Art von Scham weg, und ſagte zu ihm, daß ich ihm es zu verdanken hätte, wenn ich es von meiner Kindheit an bis auf die Stunde nie, nie, nie gefühlt. Er fuhr mit der Hand in die Höhe, gleich als wollte er mir Einhalt thun. Und da ich wohl wußte, daß er Pich ni für etwas danken laſſen wollte, ſo ſagte ich Nichts weiter. „Es find nun, meine Liebe, neun Jahre,“ ſprach er, nachdem er eine kleine Welle nachgedacht,„daß ich von einer in der Abgeſchiedenheit lebenden Dame einen Brief erhielt— einen Brief, der mit ſolch ernſter Leidenſchaft und Kraft geſchrieben war, daß er durchaus Nichts ge⸗ mein hatte mit irgend einem Briefe, den ich je geleſen. Es wurde derſelbe an mich(— wie mir in ſo vielen 168 Worten geſagt wurde—) geſchrieben, vielleicht weil es die Idioſynkraſte der Schreiberin war, ſchlechterdings die⸗ ſes Vertrauen auf mich zu ſetzen; vielleicht weil es die meinige war, daſſelbe zu rechtfertigen. „Es war in dem Briefe von einem Kinde, von einer Waiſe, die damals zwoͤlf Jahre alt ſein ſollte, die Rede — und zwar in Worten, die ſo grauſam ſein mochten, wie die, welche in Deiner Erinnerung leben. Der Brief beſggte weiter, daß die Schreiberin ſie von ihrer Geburt an erzogen und jede Spur ihres Daſeins verwiſcht hätte — und daß, wenn die Schreiberin ſterben ſollte, ehe das Kind ein Weib geworden, letzteres ganz ohne alle Freunde, ohne Namen und gänzlich unbekannt wäre. Ich wurde gebeten, zu erwägen, ob ich in ſolchem Falle vollenden wollte, was die Schreiberin begonnen.“ Ich horchte ſchweigend zu und blickte ihn aufmerk⸗ am an. „Deine früheſten Erinnerungen, meine Liebe, werden das düſtere Mittel abgeben, wodurch Alles dieſes von der Schreiberin geſehen und ausgedruͤckt wurde,— ſowie Dir daraus die verkehrte Religion erkenntlich ſein wird, die ihren Geiſt mit dem Gedanken erfüllte, daß das Kind eine Sünde abbüßen müſſe, woran daſſelbe doch ganz und gar unſchuldig war. Ich fühlte Intereſſe für die kleine Creatur in ihrem umdüſterten Leben; und beantwortete den Brief.“ Ich ergriff hier ſeine Hand, und küßte ſie. „Ich muß hier noch erwähnen, daß in dem Briefe ausdrücklich geſagt war, ich ſolle nie den Wunſch be⸗ zeigen, die Schreiberin zu ſehen, die ſeit langer Zeit je⸗ dem Umgang mit der Welt entſagt, aber einen conftden⸗ tiellen Agenten empfangen würde, wenn ich einen ſolchen beſtellen wollte. „Ich beſtellte daher Mr. Kenge. „Die Dame ſagte aus freien Stücken und ohne daß ich ſie gefragt hätte, ihr Name ſei bloß ein angenomme⸗ es dle⸗ die ner ede ten, rief burt ätte das nde, urde den erk⸗ rden von wie ird, dind und eine tete riefe be⸗ je⸗ den⸗ chen daß me⸗ 169 ner. Sie ſei die Tante des Kindes, wenn in einem ſol⸗ ſchen Falle überhaupt von Banden des Blutes die Rede ſein könne. Mehr als dieß werde ſie um keinen Preis enthüllen— und Mr. Kenge war feſt überzeugt, daß ſie ihrem Entfchluſſe treu bleiben würde. Und nun, meine Liebe, habe ich Dir Alles geſagt.“ Ich hielt ſeine Hand eine kleine Weile in der meinigen. „Ich ſah meine Muündel oͤfter, als ſie mich,“ ſetzte er in fröhlichem Tone hinzu, wie wenn er ſich kein gro⸗ ßes Verdienſt daraus machte,„und erfuhr ſtets, daß ſie geliebt, nützlich und glücklich ſei. Und jetzt lohnt ſte mir dafür zwanzigtauſendfältig und noch zwanzig tauſend Mal mehr— in jeder Stunde eines jeden Tages!“ „Und noch oͤfter,“ ſprach ich,„ſegnet ſie den Vor⸗ mund, der ihr ein Vater iſt!“ Bei dem Worte„Vater“ ſah ich die frühere Unruhe wieder in ſeinem Geſichte ſich ſpiegeln. Indeſſen kämpfte er dieſelbe, wie früher, nieder, und es war dieſelbe auch in einem Augenblicke wieder fort; allein ſie war ein Mal da geweſen, und war meinen Worten ſo raſch gefolgt, daß es mir war, als ob ſie ihm anſtoͤßig geweſen. Ich wie⸗ derholte abermals folgende Worte bei mir, und konnte mich dabei nicht enthalten, mich darüber zu wundern: „Die ich ſo leicht verſtehen köoͤnnte. Keine, die ich ſo leicht verſtehen könnte!“ Nein, es war wahr, ich verſtand es nicht. Viele, viele Tage lang nicht. „Nimm ein väterliches Gute Nacht mit, meine Liebe,“ ſagte er, mich auf die Stirne küſſend,„und nun geh' in Dein Bett. Es ſind dieß ſpäte Stunden zum Ar⸗ beiten und zum Denken. Du thuſt es ja den lieben, lan⸗ gen Tag für uns Alle, kleine Haushälterin!“ In jener Nacht arbeitete und dachte ich nicht weiter, ſondern öffnete mein dankbares Herz dem Himmel, um ihm für die gütige Fürſorge, die er an meiner Perſon 170 bewieſen, meinen wärmſten Dank auszudrücken, und ſchlief dann ein. An dem darauf folgenden Tage hatten wir einen Beſuch. Es kam Mr. Allan Woodcourt. Er kam, um von uus Abſchied zu nehmen, wie er ſich ſchon früher vorgenommen. Er ging nach China und Indien in der Eigenſchaft eines Schiffsarztes, und ſollte lange, lange Zeit fort bleiben. Ich glaube— wenigſtens weiß ich es— daß er nicht reich war. Alles, was ſeine verwittwete Mutter erſparen konnte, war aufgewandt worden, um ihn in ſei⸗ nem Berufe geſchickt zu machen. Dieſer aber war für einen jungen, practicirenden Arzt, der nur ſehr wenig Einfluß hatte, in London nicht lucratio;— und obgleich er Tag und Nacht einer Menge armer Leute zu Gebot ſtand und bei denſelben Wunder der Geſchicklichkeit und der Artigkeit verrichtete, ſo gewann er doch ſehr wenig an Geld dadurch. Er war ſieben Jahre älter, als ich. Nicht daß ich dieſes Umſtandes Erwähnung zu thun brauchte, denn es ſcheint derſelbe kaum für unſere Ge⸗ ſchichte von Belang zu ſein. Ich glaube— ſo viel mir erinnerlich, ſagte er es uns,— daß er drei oder vier Jahre practicirender Arzt geweſen war, und daß er die Reiſe, die er jetzt unternahm, nicht unternommen haben würde, wenn er hätte hoffen konnen, daß er ſich noch drei oder vier Jahre hätte durch⸗ ſchlagen koͤnnen. Allein er hatte keine Privatmittel— und ſo ging er denn fort. Im Ganzen hatte er uns bloß einige Male beſucht. Wir waren der Anſicht, daß es Schade ſei, daß er weggehe. Und zwar glaubten wir das, weil er unter denen, die ſeine Kunſt am Beſten kannten, ausgezeichnet war, und weil einige der groͤßten Männer, die derſelben angehörten, eine hohe Meinung von ihm hatten. Als er zu uns kam, um uns Lebewohl zu ſagen, brachte er ſeine Mutter zum erſten Male mit. Es war 171 dieſelbe eine hübſche, alte Dame mit hellen, ſchwarzen Augen: allein ſie ſchien ſtolz zu ſein. Sie kam aus Wales und hatte vor langen Zeiten eine hervorragende Perſon zum Ahn gehabt— eine Perſon, Namens Mor⸗ gan ap⸗Kerrig— von einem Orte, der wie Gimlet klang; — dieſe Perſon war eine der berühmteſten, die es je ge⸗ geben, und alle Verwandten derſelben waren eine Art kö⸗ niglicher Familie. Der Mann ſchien ſein Leben damit zugebracht zu haben, daß er ſtets die Berge aufſuchte und mit irgend Jemand kämpfte. Auch hatte ein Barde, deſ⸗ ſen Name wie Crumlinwallinwer klang, ihn beſungen in einem Stücke, das, ſo weit mein Ohr es aufzufaſſen ver⸗ mochte, Mewlinnwillinwodd hieß. Nachdem Mrs. Woodcourt ſich über den Nuf ihres großen Verwandten des Langen und Breiten gegen uns ausgeſprochen, ſagte ſte, daß ihr Sohn Allan, wohin er immer ginge, ſich ohne Zweifel ſtets ſeines Stammbau⸗ mes erinnern und um keinen Preis eine eheliche Verbin⸗ dung eingehen würde, die deſſelben unwürdig wäre. Sie ſagte ihm, daß viele hübſche engliſche Damen in Indien wären, die aus Speculation dahin gingen, und daß einige mit Vermögen darunter wären; daß aber dem Abkömm⸗ linge einer ſolchen Linie weder Reize noch Reichthum ohne Geburt genügen würden:— die Geburt wäre immer das Erſte, was man bei einer ehelichen Verbindung in Anſchlag bringen müßte. Sie ſprach ſo viel und ſo lange über Geburt, daß ich mir einen Augenblick und zwar nicht ohne Kummer einbildete— aber welch eitle Einbildung war es, anzunehmen, ſie köͤnne ſich um die meinige be⸗ kümmern oder daran denken! Mr. Woodcourt ſchien ſich durch ihre Weitſchreitig⸗ keiten etwas genirt zu fühlen; allein er war viel zu vorſichtig, es ſie merken zu laſſen, und griff es geſchickt an, um die Unterhaltung auf etwas Anderes zu lenken. Er dankte meinem Vormunde für ſeine Gaſtfreundſchaft, ſowie für die äußerſt glücklichen Stunden— er nannte ſte ——— 1 17² äußerſt glückliche Stunden— die er bei uns zugebracht. Das Andenken an dieſelben, ſagte er, würde ihn überall hin begleiten, und würde von ihm ſtets wie ein theurer Schatz bewahrt werden. Und ſo gaben wir ihm, eines nach dem andern, die Hand;— wenigſtens thaten ſie es;— und auch ich that es;— und ſo berührte er Ada's Hand mit ſeinen Lip⸗ pen— und ein Gleiches widerſuhr der meinigen;— und ſo kniſernie er ſich, um ſeine lange, lange Reiſe anzu⸗ treten Ich war jenen ganzen Tag wirklich ungemein ge⸗ ſchäftig, und ſchrieb Verhaltungsmaßregeln an die Die⸗ nerſchaft zu Hauſe— und ſchrieb Briefe für meinen Vormund— und ſtäubte ſeine Bücher und Papiere ab, und klingelte gewaltig mit meinem Schlüſſelbunde, indem ich die Schlüſſel gegen einander ſchüttelte. Ich war noch zur Zeit der Dämmerung geſchäftig, und ſang und arbei⸗ tete neben dem Fenſter, als— Caddy hereintrat, die ich um dieſe Stunde nimmermehr erwartet häͤtte! „Et, ei, Caddy, liebe Caddy,“ ſagte ich,„welch' prächtige Blumen!“ 4 Sie hatte ein ſo köͤſtliches kleines Bouquet in der and. „Ich glaube bas ſelbſt auch, Eſther,“ erwiederte bnaa„Es ſind die huͤbſcheſten Blumen, die ich je ge⸗ ehen.“ „Prince, meine Liebe?“ ſagte ich fluͤſternd. „Nein,“ antwortete Caddy, den Kopf ſchüttelnd und ſie mir hinhaltend, damit ich daran riechen möchte.„Nein, nicht Prince!“ 1 „Aber, aber, Caddy— dann müſſen Sie zwel Lieb⸗ haber haben!“ ſagte ich. 6 diri: Sehen ſie wirklich darnach aus?“ ſagte a j. „Sehen ſie wirklich darnach aus!“ wiederholts ich, ſie in die Wange kneipend. 173 Caddy lachte bloß darauf und blieb plaudernd bei mir und Ada am Fenſter ſitzen, und ſagte mir unter An⸗ derm, daß ſie auf ein halbes Stündchen hergekommen wäre, nach deſſen Verfluß Prince an der Ecke auf ſte warten würde. Dabei reichte ſie mir dann und wann die Blumen wieder hin, oder probirte es, wie ſie zu meinem Haare ſtünden. Endlich zog ſte mich, als ſte im Begriffe war, zu gehen, bei Seite, führte mich auf mein Zimmer, und ſteckte ee mir an. 1„Wie— die Blumen ſind für mich?“ fragte ich er⸗ aunt. „Ja, für Sie,“ ſagte Caddy mit einem Kuſſe.„Sie sud von Jemand zurückgelaſſen worden.“ „Zurückgelaſſen worden 2“ „Bei der armen Miß Flite,“ ſprach Caddy.„Je⸗ mand, der gegen Sie ſehr frenndlich geweſen iſt, iſt vor einer Stunde weggeeilt, um auf ein Schiff zu gehen, und hat dieſe Blumen zurückgelaſſen. Nein, nein! Nehmen Sie ſie nicht weg. Laſſen Sie die hübſchen kleinen Din⸗ gerchen da ruhen!“ ſagte Caddy, ſie mit ſorgſamer Hand ordnend,„denn ich ſelbſt war gegenwärtig, und es ſollte mich nicht wundern, wenn Jemand ſie abſichtlich zurück⸗ gelaſſen hätte!“ „Sehen ſie darnach aus?“ ſprach Ada, lachend hin⸗ ter mich tretend und mich froͤhlich um den Leib faſſend. „O, ja, o ja, ſie ſehen wirklich darnach aus, Dame Dur⸗ den! Ja, ja, ſie ſehen ſehr, ſehr darnach aus. Oh recht ſehr, recht ſehr, meine Liebe!“ Achtzehntes Kapitel. Lady Dedlock. Es war nicht ſo leicht, wie es anfänglich geſchienen hatte, die noͤthigen Anordnungen zu treffen, damit Ri⸗ chard auf Mr. Kenge's Bureau einen Verſuch machen konnte, Richard ſelbſt war das Haupthinderniß. Sobald es in ſeiner Macht ſtand, Mr. Badger in jedem Augen⸗ blicke zu verlaſſen, fing er an, zu zweifeln, ob er denſelben überhaupt verlaſſen ſollte. Er ſagte, er wiſſe es in der That nicht. Der Beruf ſei mit nichten ein ſchlechter; er konne nicht gerade ſagen, daß er eine Abneigung gegen denſelben habe;— vielleicht ſei ihm derſelbe eben ſo lieb, wie irgend ein anderer:— nur ſolle man ihm noch mehr Zeit laſſen, um ſich darin zu verſuchen! Hierauf ſchloß er ſich einige Wochen mit einigen Bü⸗ chern und einigen Skeletten ein, und ſchien mit großer Raſchheit einen bedeutenden Wiſſensfond zu erwerben. Nachdem ſein Eifer etwa einen Monat angedauert hatte, ſing er an, wieder zu erkalten; und als er ganz er⸗ kaltet war, fing er an, ſich wieder zu erwärmen. Sein Schwanken zwiſchen Jus und Medicin dauerte ſo lange, daß Johanni herbeikam, ehe er ſich endlich von Mr. Bad⸗ ger trennte, und bei den Herren Kenge und Carboy auf Probe eintrat. Auf all dieſes launiſche Weſen that er ſich nicht wenig zu gut, indem er, wie er ſagte, entſchloſſen wäre,„dieſes Mal“ mit der Sache Ernſt zu machen. Auch war er durchweg ſo gutmüthig, und in ſo fröhlicher Laune, und in Ada ſo verliebt, daß es in der That ſehr ſchwer war, an ihm keinen Gefallen zu finden. „Was Mr. Jarndyce betrifft,“— dem,— ich kann — nen Ri⸗ hen ald en⸗ ben der er gen jeb, ehr Zü⸗ ßer tert er⸗ ein ge, ad⸗ auf er ſſen uch ne, wer ann 175 es nicht verſchweigen, während dieſer Zeit der Wind ziemlich beharrlich aus Oſten blies,—„was Mr. Jarn⸗ dyce betrifft,“— pflegte Richard zu mir zu ſagen,„ſo iſt er der ſeinſte Burſche von der Welt, Eſther! Ich muß mich daher, und wäre es auch nur, um ihn zu befriedi⸗ gen, recht zuſammen nehmen, und die Geſchichte jetzt ein Der Gedanke, daß er ſich jetzt recht zuſammenneh⸗ men wolle, während ſein ganzes Weſen ſo viel Sorglo⸗ ſigkeit verrleth, und er die Sache ſo leicht nahm„ und lachend abthun zu koͤnnen glaubte, war lächerlich ano⸗ mal. Indeſſen ſagte er uns dann und wann, daß er die Sache ſo ernſt nehme, daß er ſich ſelbſt wundere, wie ſeine Haare nicht grauer darüber würden. Er endigte (— wie bereits geſagt—) damit, daß er um Johanni zu Ner, Kenge ging, um zu ſehen, wie ihm die Sache Während dieſer ganzen Zeit war er in Geldſachen das, was er, wie ich anderswo ſchon zu ſagen Gelegenheit gehabt habe, immer geweſen war: freigebig, verſchwen⸗ deriſch, uͤber die Maßen nachläſſig, aber völlig überzeugt, daß er ein ziemlich caleulirender und ſparfamer Menſch ſei. Ich ſagte einſt in ſeiner Gegenwart, halb im Scherze, halb im Ernſte(— es war um die Zeit, wo er zu Mr. Kenge kommen ſollte—) zu Ada, daß er Fortunat's Seckel und Wünſchhütlein brauche, indem er das Geld ſo gering ſchätze Er antwortete mir, wie folgt: „Juwele von einer Couſine, Du hoͤrſt, was das alte Weib ſagt! Warum ſagt ſie das? Weil ich vor Etwas—) um eine gewiſſe nette Weſte mit Knöpfen gegeben habe. Wäre ich nun bei Badger's geblieben, ſo würde ich genöthigt geweſen ſein, einige herzbrechende Collegiengelder zu zahlen und ſo auf ein Mal zwoͤlf Pfund 176 auszugeben. Ich gewinne alſo bei dem Handel nicht we⸗ niger, als vier Pfund,— auf ein Mal!“ Es war eine viel erörterte Frage zwiſchen ihm und meinem Vormunde, welche Arrangements für ſeinen Auf⸗ enthalt in London, während er ſich am Jus verſuchte, getroffen werden ſollten; denn wir waren ſchon lange wieder nach Bleak Houſe zurückgekommen und waren zu weit von ihm entfernt, als daß er uns oͤfter, denn ein Mal in der Woche, hätte beſuchen können. Mein Vor⸗ mund ſagte mir, daß, wenn Richard ſich entſchließen würde, bei Mr. Kenge zu bleiben, er einige Zimmer miethen würde, wo auch wir gelegentlich einige Tage hinter einander bleiben koͤnnten;„aber, Weibchen,“ ſetzte er, ſich in ſehr bedeutſamer Weiſe den Kopf reibend, hinzu,„es iſt noch nicht gewiß, daß er dort bleiben wird!“ Die Eroͤrterungen endigten damit, daß wir für ihn monatweiſe ein nettes, kleines, möblirtes Logis in einem ſtillen, alten Hauſe in der Nähe von Queen Square mietheten. Alsbald ſing er an, ſämmtliches Geld, das er hatte, auszugeben, indem er die ſeltſamſten kleinen Schmuckſachen und Luxusgegenſtände für dieſe Wohnung kaufte; und ſo oft Ada und ich ihm von einem beſonders unnützen und theuern Kaufe abriethen, den er beabſichtigte, that er ſich etwas darauf zu gut, daß die Sache ſo viel und ſo viel koſtete, und rechnete uns vor, daß die Differenz wieder ausgeglichen wuͤrde, wenn er etwas weniger für etwas Anderes ausgebe. So lange dieſe Dinge noch nicht erledigt waren, wurde der Beſuch, den wir Mr. Boythorn verſprochen, aufgeſchoben. Als endlich Richard von ſeinem Logis Beſitz ergriffen, ſtand unſerer Abreiſe Nichts mehr im Wege⸗ Er hätte um dieſe Jahreszeit gar wohl mit uns gehen können; aber ſeine neue Stellung hatte für ihn noch zu viel Reiz und er machte die energiſchſten Verſuche, die Myſterien des unhellvollen Prozeſſes zu enthüllen. 177 Wir gingen daher ohne ihn; und meine liebſte Ada war hoch erfreut, ihn wegen ſeines ſo großen Fleißes loben zu können.. Unſere Reiſe in der Poſtkutſche nach Lincolnſhire war recht angenehm, und wir hatten an Mr. Skimpole einen überaus unterhaltenden Geſellſchafter. Seine Moͤbeln waren zwar, wie es ſchien, alle von der Perſon wegge⸗ nommen worden, die an dem Geburtstage ſeiner blau⸗ äugigen Tochter davon Beſitz ergriffen hatte; allein der Gedanke, daß dieſelben nun fort wären, ſchien ihm wirk⸗ liche Erleichterung zu verſchaffen. Stühle und Tiſche, meinte er, ſeien läſtige, ermüdende Gegenſtände; es ſeien dieſelben monotone Ideen; es hätten dieſelben keine Varietät im Ausdrucke; es verwirrten Einen dieſelben, und der, welcher ſie anſchaute, verwirrte ſie. Wie angenehm es daher ſei, an keine beſonderen Stühle und Tiſche ge⸗ bunden zu ſein, ſondern, gleich einem Schmetterlinge, unter allen gemietheten Moͤbeln umherfliegen, und vom Roſenholz nach dem Mahagony, und vom Mahagony zum Wallnußbaumholz, und von dieſer Form zu jener hinzu⸗ flattern, wie Einem eben die Laune ankomme! „Das Curioſeſte bei der Sache iſt,“ ſprach Mr. Skimpole mit einem lebhaften Gefühle von der Lächer⸗ lichkeit der Sache,„daß meine Stühle und meine Tiſche nicht einmal bezahlt waren,— und doch ſpaziert mein Hauswirth ſo ernſt und ſo ruhig, wie moͤglich, damit von dannen. Das ſcheint mir nun aber etwas drollig! Es iſt etwas Groteskes an der Sache. Der Möbelhändler hat ſich doch nie verbindlich gemacht, meinem Hauswirthe meinen Hauszins zu zahlen. Warum ſollte alſo mein Hauswirth mit ihm Händel anfangen? Habe ich auf meiner Naſe eine rothe Blatter, die den eigenthümlichen Begriffen, die mein Hauswirth von der Sicherheit hat, nicht entſpricht, ſo darf er doch gewiß nicht meinem Möbelhändler die Naſe zerkratzen, auf der ſich keine ſolche Bleak Houſe. II. 12 178 rothe Blatter befindet. Der Menſch ſcheint mir nicht bei geſundem Verſtande zu ſein!“ „Wohlan,“ ſprach mein Vormund gutlaunig,„es iſt ziemlich klar, daß derjenige, der ſich für die Bezahlung dieſer Stühle und Tiſche verbürgt hat, dieſelben auch wird bezahlen müſſen.“ „Ganz richtig!“ erwiederte Mr. Skimpole.„Das iſt gerade die Krone des Unſinns bei der Geſchichte l Ich ſagte zu meinem Hauswirthe:„Mein guter Mann, Sie ſehen alſo nicht, daß mein trefflicher Freund zerhe die Sachen zu bezahlen haben wird, die Sie auf dieſe unzarte Weiſe mir vor der Naſe wegnehmen. Haben Sie denn gar keine Achtung vor ſeinem Eigenthum 2 Und denken Sie nur, er hatte auch die mindeſte.“ „Und wies alle Vorſchläge zurück?“ ſagte mein Vormund. „Wies alle Vorſchläge zurück,“ erwiederte Mr. Skim⸗ pole.„Ich machte ihm Geſchäftsanträge. Ich ließ ihn auf mein Zimmer kommen. Ich ſagte:„Sie ſind ein Geſchäftsmann,— nicht wahr?e— er antwortete:„Ja, das bin ich.⸗—„Ganz gut!“ ſprach ich.„So wollen wir denn wie Geſchäftsleute mit einander ſprechen. Hier iſt ein Dintenfaß;— hier ſind Federn und Papier;— hier ſind Oblaten. Was wollen Sie nun? Ich habe Ihr Haus lange Zeit bewohnt,— und, wie ich glaube, zu unſerer gegenſeitigen Zufriedenheit, bis dieſes höchſt unangenehme Mißverſtändniß entſtand;— ſo ſeien wir denn ohne alles Weitere Freunde und Geſchäftsleute. Was wollen Sie nun von mir haben?“— „ Als Antwort auf dieſe meine Worte bediente er ſich des figürlichen Ausdrucks,— der etwas Morgenländiſches an ſich hat,— daß er nie auch nur einen Schatten von meinem Gelde geſehen.„Mein liebenswürdiger Freund,“ ſprach ich dann, zich habe nie Geld. Ich weiß nie Etwas von Geld.⸗— ‚Wohlan, mein Herr,“ ſprach er, ‚wozu erbieten Sie ſich, wenn ich Ihnen zum Zahlen Zeit v— —-— ——-——B.—— 8J 2 8„A —.— — 179 laſſe?— ‚Mein guter Mann,“ ſagte ich dann,'ich habe keinen Begriff von dem Dinge, das Sie Zeit nennen; allein Sie ſagen, Sie ſeien ein Geſchäftsmann, und was Sie immer glauben, daß auf ordentliche, einem Geſchäfte⸗ manne anſtehende Weiſe mit Federn, Dinte, Papler und Oblaten gethan werden könne, bin ich bereit, zu thun. Machen Sie ſich nicht auf eines Andern Koſten bezahlt (— es iſt das thöricht—), ſondern handeln Sie als Geſchäftsmann!« Er wollte das aber ſchlechterdings nicht thun,— warum,— weiß ich nicht,— und ſo hatte denn die Sache ein Ende.“ Wenn dieß einige der Unbequemlichkeiten von Mr. Skimpole's Kindszuſtand waren, ſo hatte derſelbe doch gewiß auch ſeine Vortheile. Auf der Reiſe ließ er ſich die Erfriſchungen, die uns gereicht wurden(— einſchließ⸗ lich eines Korbvolls herrlicher, in einem Gewächshauſe gezogener Pfirſchen—) trefflich ſchmecken, dachte aber nie daran, Etwas zu zahlen. So fragte er auch den Kutſcher, als dieſer herbeikam, um ſein Trinkgeld einzu⸗ nehmen, in ſeiner jovialen Laune, was er— der Kutſcher— jetzt für ein gutes, recht gutes Trinkgeld anſähe;— und als der Kutſcher erwiderte, daß eine halbe Krone für jeden Paſſagier ihm als ein ſolches Trinkgeld erſcheinen würde, ſagte er, daß dieß, Alles in Allem genommen, wenig genug wäre, und überließ es Mr. Jarndyce, ihm die halbe Krone zu geben. Es war prächtiges Wetter. Es ſchwankte das grüne Getreide ſo ſchön hin und her;— es ſangen die Lerchen ſo luſtig;— es waren die Hecken ſo voll wilder Blu⸗ men;— es waren die Bäume ſo dicht belaubt;— es erfüllten die Bohnenfelder, während ein leichter Wind über ſie hinblies, die Luft mit ſo köſtlichen Wohlgerüchen! Spät Nachmittags kamen wir in dem Marktorte an, wo wir aus dem Poſtwagen ſteigen ſollten. Es war ein langweiliges Städtchen mit einem Kirchthurme, und einem Marktplatze, und einem Marktkreuze, und einer über⸗ 480 aus ſonnigen Straße, und einem Teiche, worin ein alter Karrengaul ſich die Beine abkühlte,— und einigen we⸗ nigen Menſchen, die an einigen ſchmalen, ſchattigen Orten ſchläfrig herumlagen und herumſtanden. Nach dem Rauſchen der Blätter und dem Wogen des Kornes auf dem ganzen Wege, ſah es wie ein ſo ſtilles, ſo heißes, ſo todtes Städtchen aus, als nur je England eines aufzuweiſen vermag. 8 In dem Gaſthauſe fanden wir Mr. Boythorn zu Pferde ſitzend und mit einem offenen Wagen wartend, um uns nach ſeinem, nur wenige Meilen entfernten Hauſe zu führen. Er war über die Maßen erfreut, uns zu ſehen, und ſtieg raſch ab. „Beim Himmel!“ ſprach er, nachdem er uns artig gegrüßt,„es iſt dieß eine ſchändliche, niederträchtige Poſt⸗ kutſche. Es iſt das flagranteſte Beiſpiel von einem ab⸗ ſcheulichen, öffentlichen Wagen, der je die Oberfläche der Erde beſchwert hat. Heute Nachmittag kommt ſie nun volle fünfundzwanzig Minuten zu ſpät an. Der Kutſcher verdiente augenblicklich aufgehaͤngt zu werden!“ „Kommt er wirklich zu ſpät?“ ſprach Mr. Skimpole, den er zufällig angeredet hatte.„Sie kennen mein Ge⸗ brechen.“ „Fünfundzwanzig Minuten! Sechsundzwanzig Mi⸗ nuten!“ erwiederte Mr. Boythorn, ſeine Uhr befragend. „Der Schurke wußte, daß er zwei Damen im Wagen hatte, und hat doch ſeine Ankunft abſichtlich um ſechsund⸗ zwanzig Minuten verſpätet. Ich ſage, abſichtlich! Un⸗ möglich kann dieſe Verſpätung ein Werk des Zufalls ſein! Schon ſein Vater,— und ſchon ſein Onkel waren die niederzüchtigſten Kutſcher, die je auf einem Bocke ſaßen.“ Während er dieß im Tone tiefſter Indignation ſagte, hob er uns mit äußerſter Artigkeit und Sanftheit in den kleinen Phaston, und war lauter Lächeln und Freude. „Es thut mir leid, meine Damen,“ ſagte er, bar⸗ häuptig an dem Kutſchenſchlage ſtehend, als Alles parat — —— e U& EBSͤS— 181 war,„daß ich Sie faſt zwei Meilen umfahren muß. Aber unſer gerader Weg führt durch Sir Leiceſter Dedlock's Park; und ich habe einen Eid geſchworen, daß ich meinen Fuß oder den Fuß eines meiner Pferde nicht wieder in das Eigenthum dieſes Kerls ſetzen werde, ſo lange der zwiſchen uns obſchwebende Prozeß nicht erledigt iſt;— und den Eid werde ich halten, ſo lange ich noch athmen kann!“ Hier begegnete er dem Auge meines Vormunds, und brach in eines ſeiner furchtbaren Gelächter aus,— in ein Gelächter, das ſelbſt das todte Marktſtädtchen erſchüt⸗ tern zu müſſen ſchien. „Sind die Dedlock'ſchen da, Lawrence 7“ ſagte mein Vormund, während wir die Straße entlang fuhren und Mr. Boythorn auf dem grünen Raſen neben dem Wege hintrabte. „Sir Arrogant Numskull*) iſt da,“ erwiederte Mr. Boythorn.„Ha, ha, hal Sir Arrogant iſt da, und es freut mich, hinzuſetzen zu können, daß er fein liegen muß. My Lady,“— bei deren Nennung er immer eine Geberde der Artigkeit machte, wie wenn er ſie ausdrücklich von jedem Antheil an dem Prozeſſe freiſprechen wollte,„wird, glaube ich, täglich erwartet. Ich bin ganz und gar nicht überraſcht, daß ſie ſo lange, wie möglich, zoͤgert, hieher zu kommen. Was die treffliche Dame veranlaßt haben mag, dieſes Bildniß und dieſen Figurenkopf von einem Baronet zu heirathen, iſt eines der unergründlichſten Myſterien, die je menſchlichem Scharfſinn zu ſchaffen mach⸗ ten. Ha, ha, ha, ha!“ „Vermuthlich,“ ſagte mein Vormund lachend,„dür⸗ ſen wir einen Fuß in den Park ſetzen, ſo lange wir hier ſind? das Verbot wird ſich doch nicht auch auf uns er⸗ ſtrecken,— he, Boythorn?“ „Ich kann meinen Gäſten Nichts verbieten,“ ſagte *) Sir Arroganter Einfaltspinſel. 182 er, ſich vor Ada und mir mit der lächelnden Höͤflichkeit verbeugend, die an ihm ſo graziös war,—„es ſei denn in dem Puncte Ihrer Abreiſe. Es thut mir nun leid, daß ich nicht das Glück haben kann, ſie in Chesney⸗Wold herumzuführen, das wirklich ein ſehr ſchöner Landſitz iſt! Aber, beim Lichte dieſes Sommertages, Jarndyce, wenn Du, ſo lange Du bei mir biſt, den Eigenthümer beſuchſt, wirſt Du in aller Wahrſcheinlichkeit nur eine ſehr kühle Aufnahme finden. Er benimmt ſich jeder Zeit wie eine acht Tage lang gehende Uhr,— wie eine von einer Reihe acht Tage lang gehender Uhren in prächtigen Gehäuſen, die nie gehen, und nie gingen,— ha, ha, ha— allein er wird, ich kann es Dir ſagen, noch eine Ertraſteifheit an den Tag legen für die Freunde ſeines Freundes und Nachbars Boythorn!“ „Ich werde ihn nicht auf die Probe ſtellen,“ ſprach mein Vormund.„Es liegt ihm an der Chre meiner Bekanntſchaft wohl ſo wenig, als mir an der Ehre ſeiner Bekanntſchaft. Das Aeußere des Parkes und vielleicht ein flüchtiger Anblick des Hauſes, wie er dem erſten, be⸗ ſten Fremden vergoͤnnt iſt, genügen mir vollkommen.“ „Gut!“ ſprach Mr. Boythorn,„im Ganzen bin ich damit zufrieden. Es iſt beſſer. Ich werde in dieſer Gegend angeſchaut, wie ein zweiter Ajar, der den Blitz herausfordert. Ha, ha, ha, ha! Wenn ich Sonntags in unſer Kirchlein gehe, ſo glaubt ein bedeutender Theil der unbedeutenden Verſammlung, er werde mich, unter dem Dedlock'ſchen Zorne verſengt und verdorrt, auf die Steine niederſtürzen ſehen. Ha, ha, ha, ha! Ich zweifle gar nicht, daß er über mein Nichtniederſtürzen erſtaunt iſt. Denn er iſt, beim Himmel, der ſelbſtgenügſamſte, und ſeichteſte, und geckenhafteſte, und hirnloſeſte Eſel, den es auf dieſer Welt gibt!“ Der Umſtand, daß wir auf dem Rücken eines Hügels ankamen, den wir hinan gefahren waren, machte unſerem 8 — „S—S ͤSGR AEeEE ——B — 183 Freunde es möglich, uns Chesney⸗Wold ſelbſt zu zeigen, und lenkte ſeine Aufmerkſamkeit glücklich von deſſen Beſitzer ab. Es war ein pittoreskes, altes Haus in einem ſchönen, reichbeholzten Parke. Unter den Bäumen, und nicht weit von dem Schloſſe, zeigte ſich der Thurm des Kirchleins, wovon er geſprochen hatte. Oh, die feierlichen Gehöͤlze, über die Licht und Schatten ſchnell hinſchweiften, wie wenn himmliſche Fittige ſich durch die Sommerluft hin⸗ bewegten, um den Menſchen frohe Botſchaften zu verkün⸗ den;— die ſanften, grünen Abhänge, das glänzende Waſſer, der Garten, wo die Blumen in Maſſen voll der reichſten Farben ſo ſymmetriſch geordnet waren,— wie ſchoͤn ſahen ſte aus! Das Haus, mit Giebel, und Schorn⸗ ſteinkaſten, und Thurm, und Thürmchen, und düſterem Thorweg, und breiter Terraſſe,— das Haus, um deſſen Baluſtraden her in Vaſen ein großes Roſenmeer ſich be⸗ fand, ſchien kaum etwas Wirkliches an ſich zu haben, in ſeiner leichten Solidität, und in der heitern, friedlichen Stille, die rings um daſſelbe herrſchte. Ada und mir erſchien das vor Allem als das das Ganze durchdringende Moment. Auf allem,— auf Haus, Garten, Terraſſe, grünen Abhängen, Waſſer, alten Eichen, Farn, Moos, Gehölzen, und weit über die Oeffnungen in der Ausſicht hin, bis zu einer mit einer Purpurfarbe weit vor uns her liegenden Ferne, ſchien eine ſo ungeſtoͤrte Ruhe zu liegen. Als wir in das Doͤrſchen und an einem kleinen Wirthshauſe, deſſen Schild, das Dedlock'ſche Wappen vorſtellend, über der an der Vorderſeite vorüberführenden Straße im Winde ſich hin und her ſchwang, tauſchte Mr. Boythorn Grüße mit einem jungen Herrn aus, der auf einer Bank vor dem Wirthshauſe ſaß, und neben dem einige Fiſchereigeräthſchaften lagen. „Es iſt der Enkel der Haushälterin, Mr. Rounce⸗ well,“ ſprach er;„und es iſt derſelbe in ein hübſches Mädchen verliebt, das im Schloſſe iſt. Lady Dedlock hat zu dem hübſchen Mädchen eine ploͤtzliche Zuneigung 184 gefaßt und will ſie um ihre eigene ſchöne Perſon haben, — eine Ehre, die mein junger Freund gar nicht recht würdigen will. Indeſſen kann er im Augenblicke noch nicht heirathen, ſelbſt wenn ſeine Roſenknoſpe es wollte; und darum ſucht er ſich in ſein Loos zu ſchicken, ſo gut es eben geht. Unterdeſſen kommt er ziemlich oft hierher und bleibt gewöhnlich ein Paar Tage da,— um— zu ſiſchen. Ha, ha, ha, ha!“ „Iſt er mit dem Maͤdchen verſprochen, Mr. Boy⸗ thorn?“ fragte Ada. „Ei, meine liebe Miß Clara,“ entgegnete er,„ich glaube, ſie werden einander ſchon verſtehen; aber Sie werden ſie wohl ſelbſt ſehen, und in einem ſolchen Punkte müßte ich von Ihnen lernen,— nicht Sie von mir.“ Ada erröͤthete; Mr. Boythorn aber trabte auf ſeinem hübſchen Grauſchimmel voran, ſtieg an ſeiner Thüre ab, und ſtand mit ausgeſtreckten Armen und unbedecktem Hnuhe da, um uns bei unſerer Ankunft willkommen zu eißen. Wir wohnten in einem hübſchen Hauſe, das früher das Pfarrhaus geweſen war; vor demſelben befand ſich eine Grasaue, daneben ein prächtiger Blumengarten und hinten ein ſchöner Obſt⸗ und Küchengarten, der mit einer ehrwürdigen Mauer umſchloſſen war, die ſelbſt ſchon ein reifes rothes Ausſehen hatte. Aber in der That verrieth Alles hier Reife und Ueberfluß. Die alte mit Lindeu⸗ bäumen beſetzte Promenade glich grünen Säulengängen; ſelbſt der Schatten der Kirſch⸗ und Aepfelbäume war mit Früchten ſchwer beladen; die Stachelbeerſtauden waren dermaßen mit Früchten belaſtet, daß ihre Zweige, kleine Bögen bildend, auf der Erde ruhten; die Erdbeeren und Himbeeren wuchſen in gleicher Fülle; und die Pfirſiche ſonnten ſich zu Hunderten an der Mauer. Unter den ausgebreiteten Netzen und zwiſchen den in der Sonne funkelnden und blinkenden Glaskäſten herumliegend, waren ſolche Haufen ſich beugender Schoten, Erbſen, und Gurken, * ——— rSͤSͤESEe= &SSAESASbS=SSSe s —,— — 185 daß jeder Fußbreit Bodens als eine vegetabiliſche Schatz⸗ kammer erſchien, während der Geruch wohlriechender Kräuter und alle Arten heilſamer Pflanzen(— um Nichts von den henachbarten Wieſen zu ſagen, wo man das Heu wegführte—) die ganze Luft zu einem großen Strauße machten. Es herrſchte eine ſolche Stille und Ruhe inner⸗ halb der alten rothen Mauer, daß ſelbſt die in der Form von Blumengewinden zum Verſcheuchen der Vögel auf⸗ gehängten Federn ſich kaum bewegten; und es hatte die Mauer einen ſolch reifenden Einfluß, daß da, wo— hie und da ganz oben— ein nicht mehr gebrauchter Nagel oder ein Sahlleiſtenſtück noch daran hing, man ſich leichter einbilden konnte, es ſeien dieſelben mit den wech⸗ ſelnden Jahreszeiten gereift, als es ſeien dieſelben nach denn gewoͤhnlichen Laufe der Dinge verroſtet und zer⸗ allen. Obgleich das Haus, im Vergleich mit dem Garten, etwas unordentlich ausſah, ſo war es doch ein wirkliches, altes Haus, mit Bänken an dem Kamine, der mit Back⸗ ſteinen ausgelegten Küche, und mit großen, an der Decke ſich hinziehenden Balken. Auf der einen Seite deſſelben befand ſich das furchtbare, beſtrittene Stück Landes, wo Mr. Boythorn bei Tag und Nacht eine in einer Blouſe ſteckende Schildwache aufgeſtellt hatte, deren Aufgabe, wie man vermuthete, ſein ſollte, im Falle eines Angriffes alsbald eine große Glocke zu läuten, die zu dieſem Zwecke aufgehangen war,— einen großen Bulldog loszulaſſen, der, als ein treuer Allirter der Schildwache, in einem Häuschen lag, um überhaupt einen Zerſtoͤrungskrieg gegen den Feind zu führen. Nicht zufrieden mit dieſer Vorſichtsmaßregel, hatte Mr. Boythorn ſelbſt dort auf angeſtrichenen Brettern, worauf ſein Name in großen Buchſtaben ſtand, folgende förmliche Warnungen angebracht:„Man hüte ſich vor dem Bulldog. Es iſt derſelbe äußerſt böſe. Lawrence Boythorn.“—„Die Donnerbüchſe iſt mit Metallſtücken 186 geladen. Lawrence Boythorn.“—„Fallen und Lege⸗ büchſen ſind hier zu allen Zeiten des Tages und der Nacht aufgeſtellt. Lawrence Boythorn.“—„Zur War⸗ nung. Jede Perſon, oder alle Perſonen, die ſich er⸗ frechen, dieſen Grund und Boden zu betreten, werden die äußerſte Strenge einer Privatzüchtigung erfahren, und außerdem noch die ganze Strenge des Geſetzes empfinden. Lawrence Boythorn.“ Alles dieſes zeigte er uns von dem Fenſter ſeines Salons aus, während ſein Voͤgelchen ihm um den Kopf her hüpfte; und während er es uns zeigte, lachte er, „Ha, ha, ha, ha! Ha, ha, ha, ha“ mit ſolcher Kraft⸗ eſhan und daß ich wirklich glaubte, er hätte ſich wehe gethan. „Aber Sie laſſen ſich die Sache doch gar zu viel Mühe koſten,“ ſprach Mr. Skimpole in ſeiner heitern Weiſe,„wenn es Ihnen am Ende doch nicht Ernſt iſt?“ „Mir nicht Ernſt iſt!“ entgegnete Mr. Boythorn mit einer Wärme, die ſich nicht mit Worten ausdrücken läßt.„Mir nicht Ernſt! Hätte ich hoffen können, einen Löwen zu zähmen, ſo würde ich einen ſolchen anſtatt dieſes Hundes gekauft haben,— und dieſen Loͤwen hätte ich dann gegen den erſten unerträglichen Räuber losge⸗ laſſen, der es gewagt haben würde, meine Rechte anzu⸗ taſten. Sir Leiceſter Dedlock möge ſich ein Mal entſchließen, die Frage durch einen Zweikampf zu entſcheiden,— und ich werde ihm mit jeder Waffe entgegentreten, die zu irgend einer Zeit, oder in irgend einem Lande den Menſchen be⸗ kannt war. So weit iſt es mir Ernſt. Und jetzt kein Wort mehr darüber!“ Wir langten an einem Samſtage in ſeinem Hauſe an. Am Sonntag Morgen machten wir uns Alle auf, um nach dem Kirchlein im Parke hinüber zu gehen. Faſt dicht an dem beſtrittenen Grund und Boden den Park betretend, verfolgten wir einen angenehmen Fußpfad, der ſich zwiſchen den grünen Raſen und den herrlichen Bäu⸗ —— —,— 55ER SSSSEESSSAEU g=z=—, 187 men hinwand, bis er uns an die Vorhalle der Kirche führte. Die Verſammlung war außerordentlich klein, und beſtand ganz aus Landleuten, mit Ausnahme einer ziem⸗ lich großen Anzahl von Domeſtiken aus dem Schloſſe, von denen bereits einige an ihren Plätzen ſaßen, während andere immer noch zur Thüre herein kamen. Es waren einige ſtattliche Lakaien da; auch bemerkten wir ein Muſter von einem alten Kutſcher, der ausſah, wie wenn er der offizielle Repräſentant all des Pompes und der Eitelkeiten wäre, ſo je in ſeiner Kutſche Platz gefunden. Auch ſahen wir eine Anzahl ſehr hübſcher, junger Frauenzimmer; und dieſe dominirte das ſchöne, alte Geſicht und die dazu paſſende ſtattliche Geſtalt der Haushälterin. Dicht neben ihr befand ſich das hübſche Mädchen, von dem Mr. Boythorn uns geſprochen hatte. Sie war ſo außerordent⸗ lich hübſch, daß ich ſie an ihrer Schönheit erkannt haben würde, ſelbſt dann, wenn ich nicht geſehen hätte, welche Schamröthe auf ihren Wangen das Bewußtſein hervor⸗ rief, daß ſie von den Augen des jungen Fiſchers betrach⸗ tet werde,— des Fiſchers, den ich nicht weit davon ent⸗ deckte. Ein Geſicht,— und zwar war daſſelbe kein angenehmes, obgleich es hübſch war, ſchien ein boshaft wachſames Auge auf dieſes hübſche Mädchen, ſowie über⸗ haupt auf Jedermann und auf Alles in der Kirche zu heften. Dieſes Geſicht gehoͤrte offenbar einer Franzöſin. Da man noch läutete und die Herrſchaften noch nicht gekommen waren, ſo hatte ich noch ſo viel Zeit, um die Kirche etwas genauer anzuſehen, die einen Grabesgeruch verbreitete, und um zu denken, welch ſchattiges, altes, feierliches Kirchlein es ſei. Die durch Bäume dicht be⸗ ſchatteten Fenſter ließen nur ein gedämpftes Licht ein, das die Geſichter um mich her blaß erſcheinen ließ, und die alten Erzplatten auf dem Pflaſter und die vom Zahn der Zeit benagten Monumente verdüſterte, und den Son⸗ nenſchein in der kleinen Vorhalle, wo ein monotoner 188 Läuter immer noch an der Glocke arbeitete, unſchätzbar hell machte. Aber eine Bewegung in jener Richtung, die Erſcheinung ehrerbietiger Furcht auf den ländlichen Ge⸗ ſichtern, und ein gewiſſes faſt grimmiges Weſen von Seiten Mr. Boythorn's, der ſchlechterdings Jemands Eriſtenz ignoriren zu wollen ſchien, ſagte mir, daß die Herrſchaften angekommen ſeien und daß der Gottesdienſt anfangen werde. „Gehe mit Deinem Knechte nicht in's Gericht, o Herr, denn vor Deinen Augen— Werde ich je das raſche Schlagen meines Herzens vergeſſen, das durch den Blick verurſacht wurde, dem ich beim Aufſtehen begegnete! Werde ich je die Art und Weiſe vergeſſen, mit der die hübſchen, ſtolzen Augen plötzlich ihre Mattigkeit verlieren und die meinigen feſtzuhalten ſchienen! Es war nur ein Augenblick, ehe ich die meini⸗ gen,— wenn ich ſo ſagen kann,— meine frei gewor⸗ denen Augen wieder auf mein Buch heftete; aber ich kannte in dieſem kurzen Zeitraum das ſchöne Geſicht recht gut. Und ſonderbarer Weiſe belebte ſich plöͤtzlich Ctwas in mir,— Etwas, das mit den einſamen Tagen im Hauſe meiner Tauſpathin in Verbindung ſtand;— ja, ſo reichte dieſes Etwas ſelbſt bis zu den Tagen hinauf, wo ich mich auf die Zehen geſtellt hatte, um mich an meinem kleinen Spiegel anzukleiden, nachdem ich meine Puppe angekleidet hatte. Und dieß, obgleich ich in mei⸗ nem Leben noch nie das Geſicht dieſer Dame geſehen;— deſſen war ich vollkommen gewiß,— durchaus gewiß. Es war unſchwer, zu ſehen, daß der ceremoniöoſe, podagriſche, grauhaarige Herr, der allein noch mit der andern Perſon den großen Kirchenſtuhl einnahm, Sir Leiceſter Dedlock, und daß die Dame Niemand anders, als Lady Dedlock war. Warum aber in verworrener Weiſe ihr Geſicht mir wie ein zerbrochener Spiegel er⸗ ſchien, worin ich Stücke alter Erinnerungen ſah— und 189 warum ich mit einem Male ſo heftig aufgeregt und un⸗ ruhig geworden(— ich war es immer noch—), nachdem ich zufällig ihren Augen begegnet war:— daruͤber konnte ich mir keine Rechenſchaft geben. Ich erblickte darin eine Schwäche von meiner Seite, die ſonſt Nichts zu bedeuten hätte, und ſuchte dieſelbe dadurch zu beſiegen, daß ich auf die geſprochenen Worte hörte. Höchſt ſonderbarer Weiſe aber ſchien ich da dieſe Worte nicht in der Stimme des Vorleſenden, ſondern in der Stimme meiner Taufpathin zu hören, deren ich mich noch gar wohl erinnerte. Dieſer Umſtand veranlaßte mich zu der an mich ſelbſt gerichteten Frage, ob Lady Dedlock's Geſicht nicht zufällig dem meiner Taufpathin ähnlich wäre. Das Reſultat war, daß eine kleine Aehnlichkeit hier Statt ſinden konnte; zugleich aber konnte ich mir nicht ver⸗ hehlen, daß der Ausdruck ſo verſchieden, und daß die ſtrenge Entſchiedenheit, die ſich dem Geſichte meiner Tauf⸗ pathin aufgeprägt, wie die Spuren der Zeit den Felſen, in dem vor mir befindlichen Geſichte ſo ſehr mangle, daß es nicht dieſe Aehnlichkeit ſein könne, die mir aufgefallen. Auch hatte ich das Würdevolle und den Stolz von Lady Dedlock's Geſicht noch durchaus an Niemand geſehen. Und doch ſchien ich,— ich, die kleine Eſther Summer⸗ ſon, das Kind, das ein abgeſchiedenes Leben führte und deſſen Geburtstag nie gefeiert wurde,— vor meinen ei⸗ genen Augen aufzuerſtehen, aus der Vergangenheit herauf⸗ beſchworen durch eine dieſer faſhionablen Dame inwohnende Kraft,— durch eine geheime Kraft dieſer Dame, die ich mir nicht einmal einbildete, geſehen zu haben,— ja, von der ich genau wußte, daß ich ſie bis auf dieſe Stunde nie geſehen. Der Umſtand, daß ich in dieſe unerklärliche Auf⸗ regung gerathen war, machte mich dermaßen zittern, daß ich mir bewußt war, daß mich ſelbſt die Beobachtung der franzöſiſchen Kammerfrau in Verlegenheit ſetzte, obgleich 190 ich doch wußte, daß ſie von dem Augenblick ihres Eintritts in die Kirche an aufmerkſam bald da hin, bald dort hin und überall hin geſchaut hatte. Allmählig, wenn gleich ſehr langſam, wurde ich end⸗ lich über meine ſeltſame Aufregung Herr. Nach längerer Zeit ſah ich wieder nach Lady Dedlock hin, es war gerade in dem Augenblicke, wo man ſich anſchickte, vor der Pre⸗ digt zu fingen. Sie nahm aber keine Notiz von mir, und das heftige Schlagen meines Herzens hatte aufgehoͤrt. Auch fing daſſelbe immer wieder auf einige Augenblicke an, als ſie mich oder Ada ſpäter ein paar Mal durch ihr Augenglas hindurch anſchaute.— Als der Gottesdienſt vorüber war, gab Sir Leieeſter mit vielem Gepränge und mit vieler Galanterie Lady Dedlock den Arm,— obgleich er genöthigt war, mit Hülfe eines dicken Stockes zu gehen,— und begleitete ſie zur Kirche hinaus bis zu dem mit Ponies beſpannten Gefährte, in welchem ſie angefahren gekommen waren. Die Domeſtiken zerſtreuten ſich ſodann, und ebenſo machte es die übrige Verſammlung, die Sir Leiceſter während der ganzen Zeit angeſchaut hatte(— ſagte Mr. Skimpole zu Mr. Boythorns unendlichem Entzücken—) wie wenn er ein bedeutender Grundeigenthümer im Him⸗ mel wäre.. „Er glaubt das wirklich!“ rief Mr. Boythorn.„Er glaubt es ſteif und feſt. Und ebenſo glaubte es ſein Vater, und ſein Großvater, und ſein Urgroßvater!“ „Wiſſen Sie auch,“ fuhr Mr. Skimpole, für Mr. Boythorn ſehr unerwartet, fort,„daß es mir angenehm iſt, einen ſolchen Mann zu ſehen?“ „Wirklich?“ ſprach Mr. Boythorn. „Sagen Sie, daß er mich begönnern wolle,“ fuhr Mr. Skimpole fort.„Ganz gut! Ich habe Nichts da⸗ gegen einzuwenden.“ „Ich ſage es,“ ſprach Mr. Boythorn mit großer Cnergie, 4 eSSHoeASͤSSAn di 191 „Thun Sie das wirklich?“ entgegnete Mr. Skim⸗ pole mit ſeiner leichten, heiteren Weiſe.„Aber gewiß laden Sie ſich dadurch eine Mühe auf. Und warum ſollten Sie ſich eine ſolche Mühe aufladen? Hier bin ich und beſcheide mich, Alles nach Art eines Kindes aufzunehmen, wie es immer ausfallen mag: und lade mir nie eine Mühe, einen Kummer auf! Ich komme zum Beiſpiel hierher und finde einen mächtigen Potentaten, der durch⸗ aus verlangt, daß man ihm huldige. Ganz gut. Ich ſage: ‚Mächtiger Potentat, hier iſt meine Huldigung! Es iſt leichter, dieſelbe darzubringen, als ſie zu verwei⸗ gern. Hier iſt ſie. Haben Sie mir etwas Angenehmes zu zeigen, ſo ſoll es mich freuen, es zu ſehen;— haben Sie mir etwas Angenehmes zu geben, ſo werde ich es mit Freude nehmen. Und der mächtige Potentat ant⸗ wortet wirklich: ‚das iſt einmal ein verſtändiger Menſch. Ich finde, daß er mit meiner Verdauung und mit meinem Gallenſyſtem harmonirt. Er erlegt mir nicht die Nothwendigkeit auf, mich nach Art eines Stachel⸗ ſchweins, mit auswärts gekehrten Stacheln, zuſammen zu rollen. Ich kehre meinen Silberüberzug nach Außen, — oͤffne ihn,— breite ihn aus, wie Milton's Wolfe,— und es iſt für uns Beide angenehmer.⸗ Dieß iſt, als Kind geſprochen, meine Anſicht von ſolchen Dingen. „Wir wollen nun aber einmal annehmen, Sie gin⸗ gen morgen anderswohin,“ ſprach Mr. Boythorn,„an einen Ort, wo ſich das gerade Gegentheil von dem Kerl befände? Wie dann?“ „Wie dann?“ ſprach Mr. Skimpole mit einem An⸗ ſchein äußerſter Einfalt und Aufrichtigkeit.„Ich würde dann nicht in die geringſte Verlegenheit kommen! Denn ich würde ſagen: ‚Mein verehrter Boythorne— um Sie zur Perſonifikation unſeres eingebildeten Freundes zu machen— mein verehrter Boythorn, Sie haben gegen den mächtigen Potentaten Etwas einzuwenden? Ganz gut. Das thue auch ich. Ich bin der Anſicht, daß es 192 im ſozialen Syſteme mein Geſchäft iſt, angenehm zu ſein;— es iſt meine Anſicht, daß es im ſozialen Syſteme Jedermanns Geſchäft iſt, angenehm zu ſein. Kurz und gut, es iſt ein Syſtem der Harmonie. Haben Sie daher Etwas einzuwenden, ſo habe auch ich Etwas einzuwenden. Nun aber, vortrefflicher Boythorn, wollen wir ſpeiſen.“ „Aber der treffliche Boythorn könnte ſagen,“ erwie⸗ derte unſer Wirth, deſſen Geſicht plötzlich ſich aufblähte und feuerroth wurde,„ich will—“ 1 „Ich verſtehe,“ ſprach Mr. Skimpole.„Ja, ja, hoͤchſt wahrſcheinlich würde er es thun.“ „— wenn ich zum Eſſen gehe!“ rief Mr. Boy⸗ thorn heftig, und ſtehen bleibend, um mit ſeinem Stocke auf den Boden zu ſtoßen.„Und wahrſcheinlich würde er hinzuſetzen: ‚Gibt es für Sie auch noch Grund⸗ ſätze, Mr. Harold Skimpole?““ „Worauf, wiſſen Sie, Harold Skimpole antworten würde,“— entgegnete er in ſeiner fröhlichſten Weiſe und mit ſeinem naivſten Lächeln:„„So wahr ich lebe, ich habe nicht den geringſten Begriff von dem, was Sie da ſagen! Ich weiß nicht, was das iſt, was Sie bei dieſem Namen nennen, noch wo es iſt, noch wer es beſitzt. Beſitzen Sie das Ding, und finden Sie es comfortabel, ſo freut es mich herzlich, und wünſche ich Ihnen von ganzer Seele Glück dazu. Aber ich kann Sie verſichern, daß ich Nichts davon weiß; denn ich bin ein bloßes Kind, und mache keinen Anſpruch darauf, und brauche es auch nicht!e— Sie ſehen alſo, der treffliche Boythorn und ich würden am Ende zum Eſſen gehen!“ Dieß war einer der vielen kleinen Dialoge zwiſchen ihnen, von denen ich ſtets erwartete, daß ſie mit einer heftigen Exploſton von Seiten unſeres Wirthes endigen würden; auch zweifle ich gar nicht, daß ſolches unter andern Umſtänden der Fall geweſen wäre. Aber Mr. Boythorn kannte zu gut ſeine Pflichten als Wirth, und mein Vormund lachte ſo aufrichtig über und mit Mr. 193 Skimpole, den er als ein den ganzen Tag Blaſen empor⸗ treibendes und dieſelben wleder zerbrechendes Kind anſah, daß die Sache nie über dieſen Punkt hinausging. Mr. Skimpole, der nie zu wiſſen ſchien, daß er einen delikaten Gegenſtand berührt, begann dann im Parke eine Skizze anzufangen, die er nie fertig machte, oder auf dem Piano⸗ forte Bruchſtücke von Arien zu ſpielen, oder Bruchſtücke von Liedern zu fingen, oder ſich unter einem Baume auf den Rücken zu legen und den Himmel anzuſchauen,— von dem er, wie er ſich ausdrückte, nicht umhin konnte, zu glauben, daß er für ihn beſtimmt ſei, indem derſelbe für ihn ſo ganz gemacht ſei. „Unternehmung und Anſtrengung,“ pflegte er— auf dem Rücken liegend— zu uns zu ſagen,„haben für mich etwas Bezauberndes. Ich glaube, daß ich wahrhaftig ein Kosmopolit bin. Ich ſympathifire aufs Innigſte da⸗ mit. Ich liege an einem ſchattigen Orte, wie dieſer iſt, und denke mit Bewunderung an die abenteuerlichen Koͤpfe, die nach dem Nordpole gehen oder bis in das Herz der heißen Zone eindringen. Auf ſchnöden Gewinn bedachte Seelen fragen: ‚Was nützt es, daß der Mann nach dem Nordpole geht? Was wird dadurch Gutes bewirkt?— Ich kann es nicht ſagen; aber ſo viel kann ich doch ſa⸗ gen, daß er vielleicht— obgleich er es ſelbſt nicht weiß, — in der Abſicht hingeht, meine Gedanken zu beſchaͤfti⸗ gen, während ich hier liege. Nehmen Sie einmal einen extremen Fall an. Denken wir zum Beiſpiel an die Sklaven auf amerikaniſchen Pflanzungen! Ich zweifle gar nicht, daß ſie ſchwer arbeiten müſſen; ich zweiſle gar nicht, daß ſie das Ding nichts weniger als lieben; ich zweifle gar nicht, daß ſie, im Ganzen genommen, ſich in einem Zuſtande befinden, der ihnen nichts weniger als angenehm ſein muß; aber merken Sie wohl auf, dieſe Sklaven bevoͤlkern die Landſchaft für mich,— verleihen derſelben Poeſie fuͤr mich, und vielleicht iſt das einer der Bleak Houſe. NI. 13 194 angenehmeren Zwecke ihrer Exiſtenz. Iſt das nun der Fall,— und es ſollte mich gar nicht wundern, wenn dem ſo wäre, ſo bin ich ſehr dankbar dafür!“ Ich fragte mich bei dieſen Gelegenheiten immer, ob er auch je an Mrs. Skimpole und die Kinder dächte, und aus welchem Geſichtspunkte ſich dieſelben ſeinem kosmo⸗ politiſchen Gelſte darſtellten. So viel ich aber ſehen konnte, ſtellten ſie ſich ſeinem Geiſte überhaupt ſelten dar. Die Woche war nun beinahe verſtrichen, und wir waren beim Samstag angelangt, der auf jenes heftige Schlagen meines Herzens in der Kirche folgte; und jeder Tag war ſo ſchoͤn und blau geweſen, daß es das höchſte Vergnügen geweſen war, in den Gehölzen herumzuwan⸗ dern und zu ſehen, wie das Licht zwiſchen den durchſich⸗ tigen Blättern durchdrang, und an den Stellen, welche der Schatten der Bäume frei ließ, ſo herrlich funkelte, während die Vögel ihre Lieder erſchallen ließen, und die Luft von dem Summen der Inſekten erfüllt war. Wir hatten einen Lieblingsort, der ſtark mit Moos, ſowie mit Blättern vom vergangenen Jahre bedeckt war; es lagen vort einige gefällte Bäume herum, von denen die Rinde abgeſchält worden war. Zwiſchen dieſen Bäumen ſitzend, hatten wir neben dem Grün mit ſeinen Tauſenden natürlicher Säulen und ſeinen weißlichen Baumſtämmen eine Fernſicht, die durch ihren Contraſt mit dem Schatten, in dem wir ſaßen, ſo von Licht ſtrahlte, und durch die gewölbte Perſpeetive, durch welche hindurch wir ſie ſahen, ſo herrlich war⸗ daß es wie ein Blick in das beſſere Land war. An dem genannten Samstage alſo ſaßen wir da,— Mr. Jarndyee, Ada, und ich, bis wir einen dumpfen Don⸗ ner in der Ferne rollen hoͤrten, und fühlten, wie die gro⸗ ßen Regentropfen durch das Laub praſſelten. Das Wetter war die ganze Woche hindurch außer⸗ ordentlich ſchwül geweſen; aber das Gewitter brach ſo plötzlich aus,— für uns, an jenem geſchützten Orte we⸗ * — ——3 195 nigſtens,— daß, ehe wir noch den Saum des Gehölzes erreichten, es ſchon ſtark donnerte und b wie wenn jeder geweſen wäre. Da es jetzt nicht die Zeit war, unter Baumen ſtehen zu lze hinaus, und die mit kreuzten. Man konnte ſich dieſe S einander gelehnte Leitern vorſtelle wo der Himmel überzogen war, innen ſo düſter, daß wir nur den Mann deutlich ſahen, der, als wir uns in daſſelbe flüchteten, nach der Thüre her kam, und Ada und mir einen Stuhl gab. Die vergitterten Fenſter ſtanden ganz offen, und wir ſaßen gerade unter der Thüre und beobachtete Es war großartig, zu gewahren, wie der und die Bäume beugte und den Regen wie eine Rauch⸗ wolke vor ſich hertrieb; und den ören, und den Blitz zu ſehen; und während wir in ehr⸗ furchtsvoller Stimmung an die furchtb ten, von denen unſer kleines Leben umſchloſſen iſt, zu bedenken, wie wohlthätig ſte ſind, und wie auf die kleinſte Blume und auf das geringſte Blatt aus all dieſer an⸗ 196 „O nein, liebe Eſther,“ ſprach Ada ruhig. Ada ſagte das zu mir; allein ich hatte nicht ge⸗ ſprochen. Mein Herz ſing wieder an, heftig zu ſchlagen. Noch nie hatte ich die Stimme gehört, wie ich noch nie das Geſicht geſehen hatte; aber ſie machte denſelben ſeltſamen Eindruck auf mich. Abermals ſtiegen in einem Augen⸗ Aice unzählige Bilder von mir ſelbſt vor meinem Geiſte auf. Lady Dedlock hatte ſich in das Häuschen geflüchtet, ehe wir dort ankamen, und war aus dem darin herr⸗ ſchenden Dunkel hervorgetreten. Sie ſtand hinter meinem Stuhle, auf dem ihre Hand ruhte. Ich ſah, wie ihre Hand dicht an meiner Schulter war, als ich den Kopf umwandte. 3 —„Ich habe Sie erſchreckt?“ ſagte ſie. Nein, es war nicht Furcht. Warum ſollte ich auch in Furcht gerathen! „Ich glaube,“ ſprach Lady Dedlock zu meinem Vor⸗ munde,„ich habe das Vergnügen, mit Mr. Jarndyce zu ſprechen.“ „Ihre Erinnerung thut mir mehr Ehre an, als ich für möglich gehalten haben würde, Lady Dedlock,“ er⸗ wiederte er. „Ich habe Sie vergangenen Sonntag in der Kirche wieder erkannt. Es thut mir leid, daß einige lokale Streitigkeiten Sir Leiceſter's,— die indeſſen, wie ich glaube, er nicht geſucht hat,— es zu einer ſo abſolut ſchwierigen Sache machen, Ihnen hier einige Aufmerk⸗ ſamkeit zu erweiſen.“ „Es ſind mir die obwaltenden Umſtände wohl be⸗ wußt,“ entgegnete mein Vormund lächelnd,„und ich danke Ihnen für Ihre Aufmerkſamkeit verbindlichſt.“ Sie hatte ihm in einer gleichgültigen Weiſe, die bei ihr Gewohnheit zu ſein ſchien, die Hand gegeben, und ſprach auch in einer entſprechend gleichguͤltigen Weiſe, „ n *† 197 wenn auch ihre Stimme ſehr angenehm war. Sie war ebenſo grazios, als ſchön,— war vollkommen Herr über ſich, und ſah, wie ich meinte, aus, als ſei ſie im Stande, Jedermann anzuziehen und zu intereſſiren, ſobald ſie es der Mühe werth erachtete. Unterdeſſen hatte der Parkwächter ihr einen Stuhl herbei gebracht, auf dem ſie, in der Mitte des Thür⸗ weges, zwiſchen uns Platz nahm. „Iſt der junge Herr verſorgt, wegen deſſen Sie an Sir Leiceſter geſchrieben haben, und für den Sir Leieeſter zu ſeinem großen Leidweſen nichts thun konnte?“ ſagte ſie über die Schulter weg zu meinem Vormunde. „Ich hoffe, daß er jetzt verſorgt iſt,“ ſprach er. Sie ſchien ihn zu reſpektiren; ja ſie ſchien ſogar von einem Wunſche beſeelt, ihn zu verſöhnen. Es lag etwas überaus Einnehmendes in ihrer ſtolzen Weiſe; und es wurde dieſelbe etwas vertraulicher,— faſt hätte ich geſagt, natürlicher, allein es war dies wohl kaum möglich,— während ſie über die Schulter weg mit ihm ſprach. „Vermuthlich iſt dieß Ihre andere Mündel, Miß Clare?“— Er ſtellte Ada in aller Form vor. „Sie werden den uneigennützigen Theil Ihres Don Quixote'ſchen Rufes verlieren ſprach Lady Dedlock, abermals über die Schulter herein, zu Mr. Jarndyee, „wenn Sie ſich bloß damit befaſſen, ſolcher Schönheit als Helfer zur Seite zu ſtehen.„Aber,“— hier wandte ſte fich mit dem ganzen Geſichte nach mir hin,„ſtellen Sie mich nun auch dieſer jungen Dame vor.“ „Miß Summerſon iſt wirklich meine Mündel,“ ſagte Mr. Jarndyce.„Für ſie bin ich keinem Lordkanzler ver⸗ antwortlich.“ „Hat Miß Summerſon ihre beiden Eltern verloren?“ fragte my Lady. „Ja.“ 198 „Sie kann von Gluüͤck ſagen, einen ſolchen Vormund gefunden zu haben.“ Lady Dedlock blickte mich an, und ich blickte ſie an, und ſagte, daß ich mich wirklich recht glücklich ſchätzte. Mit einem Male aber wandte ſie ſich haſtig von mir weg, und es zeigte ihre Miene Etwas, das faſt wie Ab⸗ neigung oder Mißvergnügen ausſah. Sofort redete ſte, abermals über die Schulter weg, wieder meinen Vormund an: „Es iſt ja eine ganze Ewigkeit, daß wir einander nicht mehr öfter geſehen, Mr. Jarndyce.“ „Es iſt in der That ſchon lange. Mir wenigſtens ſchien die Zeit gar lange, bis ich Sie am vergangenen Sonntage wieder geſehen,“ erwiederte er. „Wie! Auch Sie ſind ein Höfling,— oder halten es wenigſtens für nothwendig, gegen mich den Höfling zu ſpielen?“ ſagte ſie mit einem Anfluge ſtolzer Verach⸗ tung.„Habe ich denn das durch mein Betragen verdient?“ „Sie haben ſo viel verdient, Lady Dedlock,“ ſprach mein Vormund,„daß Sie wohl eine kleine Strafe bezah⸗ len. Aber mir keine.“ „So viel!“ wiederholte ſie, ein wenig lachend. Ja!“ Bei der Superiorität, der Macht, dem Zauber, und ich weiß nicht, was noch, ſo in ihrem ganzen Weſen lag, ſchien ſie Ada und mich kaum als mehr, denn als Kinder zu betrachten. Sie war daher, während ſie ein wenig lachte und nach dem Regen hinaus ſchaute, ſo vollkommen Herr über ſich ſelbſt, und über ihre Gedanken, wie wenn ſie allein geweſen wäre. „Ich glaube, Sie kannten, als wir mit einander im Auslande waren, meine Schweſter beſſer, als mich?“ ſagte ſie, ihn abermals anblickend. „Ja, wir kamen zufällig oͤfter zuſammen,“ entgeg⸗ nete er. „Wir gingen unſere eigenen Wege,“ ſprach Lady Dedlock,„und hatten ſchon damals, ehe wir es uns noch — 199 einfallen ließen, abweichende Anſichten zu haben, wenig mit einander gemein. Es iſt das wohl zu bedauern, konnte aber nun ein Mal nicht anders ſein.“ Und Lady Dedlock blickte abermals nach dem Regen hinaus. Bald fing das Gewitter an, ſich zu verziehen. Der Regen ließ bedeutend nach, das Blitzen hörte auf, der Donner rollte nur noch von den fernen Hügeln her, und es ſing die Sonne an, auf dem naſſen Laube und dem fallenden Regen zu glänzen. Wir ſaßen noch ſchweigend da, als ein kleiner Pony⸗ phaëton im friſchen Trabe zu uns her gefahren kam. „Ah! Es kommt der Bote mit dem Gefährte zurück, my Lady,“ ſprach der Parkwächter. Während der Phaöton vorfuhr, ſahen wir, daß zwei Perſonen darin ſaßen. Zuerſt ſtieg, mit einigen Mänteln und Umſchlagtüchern die Franzöſin ab, die ich in der Kirche geſehen hatte,— und darauf das hübſche Mäd⸗ chen;— die Franzöſin mit einem herausfordernden Selbſt⸗ vertrauen; das hübſche Mädchen, verwirrt und zoͤgernd. „Nun, was gibts?“ ſprach Lady Dedlock.„Zwei!“ „Ich bin für jetzt noch Ihre Kammerfrau, my Lady,“ ſprach die Franzoͤfin.„Die Botſchaft galt der Aufwärterin.“ „Ich glaubte, Sie könnten mich meinen, my Lady,“ ſagte das hübſche Mädchen. „Ja, ich meinte Sie wirklich, Kind,“ erwiederte ihre Gebieterin ruhig.„Legen Sie mir dieſen Shawl um!“ Sie beugte ihre Schultern ein wenig und das hübſche Mädchen ließ den Shawl leicht an ſeinen Ort fallen. Während dieſer Zeit ſtand die Franzoͤſin unbeachtet da, und ſah, mit zuſammen gepreßten Lippen, zu. „Es thut mir leid,“ ſprach Lady Dedlock zu Mr. Jarndyce,„daß wir wahrſcheinlicher Weiſe unſere frühere Bekanntſchaft nicht erneuern werden. Sie werden mir erlauben, daß ich das Gefährt für Ihre beiden Mündel zurückſchicke. Es wird daſſelbe in einem Augenblicke wie⸗ der hier ſein.“ 200 Da er aber dieſes Anerbieten unter keiner Bedingung annehmen wollte, ſo nahm ſie in graziöſer Weiſe Abſchied von Ada,— nicht aber von mir,— und legte ihre Hand auf den angebotenen Arm, und ſtieg in den Wagen, der ein kleines, niedriges Packgefährt mit einem Verdecke war.. „Kommen Sie herein, Kind!“ ſagte ſie zu dem hüb⸗: ſchen Mädchen,„ich werde Sie brauchen. Zugefahren!“ Der Wagen rollte hinweg; und die Franzoͤſin blieb mit den Shawls, die ſie gebracht, und die an ihrem Arme hingen, da ſtehen, wo ſie hinabgeſtiegen war. Ich glaube, daß es Nichts gibt, was der Stolz ſo wenig ertragen kann, als den Stolz ſelbſt, und daß ſie für ihr herrſchſüchtiges, trotziges Weſen beſtraft wor⸗ den war. Die Rache, welche die Franzöſin nun ausübte, war die ſonderbarſte, die man ſich nur denken kann. Sie blieb ſtockſtill ſtehen, bis der Wagen in den Fahrweg eingelenkt hatte; dann ſtreifte ſie, ohne dabei eine Miene zu verzerren, ihre Schuhe ab, ließ ſie auf dem Boden ſtehen, und ging ent⸗ ſchloſſen dem Wagen nach, durch Dick und Dünn, und, wie gefliſſentlich, die näſſeſten Stellen in dem naſſen Graſe aufſuchend. „Iſt denn dieſes junge Frauenzimmer verrückt?“ ſagte mein Vormund. „O nein, Sir!“ ſprach der Parkwächter, der mit ſeiner Frau ihr nachblickte.„Hortenſe gehört nicht zu dieſer Gattung von Leuten. Sie hat ein Kopfhäuschen, wo Alles auf's Beſte beſtellt iſt. Aber ſte iſt teufelmäßig heftig und trotzig,— mächtig heftig und trotzig; und da ihr aufgekündet worden, und Andere über ſie geſetzt ſind, ſo nimmt ſie das Ding nicht am Beſten auf.“ „Warum aber will ſie denn durchaus ohne Schuhe durch all dieſes Waſſer waten?“ ſprach mein Vormund. „Ei, Sir, ſie thut es gewiß aus keinem andern Grunde, als um ſich ein Bischen abzukühlen!“ ſprach der Man. .„Es ſei denn, daß ſie ſich einbildet, es ſei Blut,“ ——— q yy;— 201 ſprach die Frau.„Sie würde ſich eben ſo wenig daraus machen, durch Blut, als durch etwas Anderes zu waten, wenn ſte ein Mal im Zorne iſt, glaube ich!“ Ein Paar Minuten darauf kamen wir an dem Schloſſe vorüber. So friedlich es ausgeſehen hatte, als wir es zum erſten Male ſahen, ſo ſah es jetzt doch noch fried⸗ licher aus, während ein diamantartiger Thau um daſſelbe glänzte, ein leichter Wind blies, die Vögel nicht länger ſchwiegen, ſondern laut aus voller Kehle ſangen, Alles durch den ſo eben gefallenen Regen erfriſcht war, und das kleine Gefährt am Thorwege glitzerte, wie ein ſilber⸗ ner Feenwagen. Und immer noch ſchritt feſten Trittes und ruhig auf das Schloß zu eine gleichfalls friedliche Figur in der Landſchaft, Mademoiſ.elle Hortenſe,— ohne Schuhe, durch das naſſe Gras hin. Neunzehntes Kapitel. Geh' weiter! Wir find in der Zeit der langen Ferien in den Re⸗ gionen von Chancery Lane. Die guten Schiffe Recht und Billigkeit, jene aus dem Holze des Thekbaumes gezimmerten, gekupferten, mit Eiſen zuſammengefügten und keineswegs ſchnellſegelnden Clippers*) mit eherner Stirne, liegen ab⸗ getakelt da. Der fliegende Holländer mit einer Mann⸗ ſchaft geiſterhafter Clienten, die Alle, denen ſie begegnen *) Eine Art ſcharf gebauter, beſonders in Nordamerika gebräuchlicher Schiffe. 20² mögen, bitten, ja flehentlich bitten, ihre Papiere durch⸗ leſen zu wollen, treibt für den Augenblick umher, der Himmel weiß, wo. Alle Gerichtshöfe ſind geſchloſſen; die oͤffentlichen Bureaus liegen in heißem Schlafe, ſelbſt Weſtminſter Hall iſt eine ſchattige Einöde, wo Nachti⸗ gallen ſingen koͤnnten, in deſſen Nähe jetzt zarte Ange⸗ legenheiten verhandelt werden, indem ſich jetzt dort Lie⸗ bende, anſtatt der gewöhnlichen Litiganten ergehen. Der Temple, Chancery Lane, Serjeants Inn, und Lincolns Inn bis zu den Fields, ſind gleichſam Zeithäfen bei niederem Waſſer; wo geſtrandete Proceduren, vor Anker liegende Bureaus, auf einſeitigen niederen Stühlen, die ihren ſenkrechten Stand nicht eher wieder erlangen werden, als bis die Stromung des Termins wieder ein⸗ tritt, müßig herumliegende Advokatengehülfen, hoch und trocken auf dem Schlamm der langen Ferien ruhen. Aeußere Thüren von Gerichtsſtuben ſind dem Dutzend nach geſchloſſen; Botſchaften und Briefſchaften müſſen ſackweiſe beim Portier zurückgelaſſen werden. Eine Un⸗ maſſe Gras würde in den Spalten des ſteinernen Pfla⸗ ſters von Lincolns Inn Hall wachſen, würden nicht die Zettelträger, die jetzt Nichts zu thun haben, als dort im Schatten zu ſitzen, und die Fliegen mit ihren weißen, auf ihren Köpfen liegenden Schürzen abzuwehren, daſſelbe herausgraben, und es gedankenvoll eſſen. Nur ein Richter iſt jetzt in der Stadt. Aber auch er kommt nur zwei Mal in der Woche in die Stadt, um die nothdürftigſten Gefchäfte zu beſorgen. Wenn doch nur die Landleute der Aſſiſenſtädte, die er bei ſeiner Rundreiſe berührt, ihn jetzt ſehen könnten! Keine Spur von einer Alongenperrücke,— keine rothen Unterroͤcke, kein Pelz, keine Leute mit Spießen, keine weißen Stäbe! Nur ein ſorgfältig raſirter Herr in weißen Beinkleidern und in weißem Hute, mit ſeegrünem Bronze auf dem richterlichen Geſichte, und einem Stück Rinde, das durch die Sonnenſtrahlen von der richterlichen Naſe abgeſchält * — & H— oOO 2=SͤS S—— —————- 2 g— 203 worden. Dieſer tritt, während er herankommt, in die Schellfiſchbude, und trinkt mit Eis abgekühltes Ingwer⸗ bier! Die Advokatenzunft von England iſt über die ganze Erde verbreiket. Wie England während vier langer Som⸗ mermonate ohne ſeine Avvokatenzunft leben kann, die anerkannter Maßen ſeine Zuflucht in der Noth, und ſein einziger rechtmäßiger Triumph im Glücke iſt,— kommt hier nicht in Frage;— gewiß aber wird von dieſem Schilde der Britannia dermalen kein Gebrauch gemacht. Der gelehrte Herr, der immer ſo furchtbar empört iſt über die beiſpielloſe Rohheit, womit die Gegenpartei die Gefühle ſeines Clienten verletzt, daß er ſich von den Folgen dieſer Empoͤrung nie wieder erholen zu können ſcheint, befindet ſich nun in der Schweiz unendlich beſſer, als man je hätte erwarten dürfen. Der gelehrte Herr, der das Vernichtungs⸗Geſchäft verrichtet, und alle Op⸗ ponenten mit ſeinen düſteren Sarkasmen darniederſchlägt, i*ſt in einem franzöſiſchen Bade kreuzfidel. Der ge⸗ lehrte Herr, der bei der geringſten Provocation ganze Pinten von Thränen vergießt, hat in den letzten ſechs Wochen auch nicht eine einzige vergoſſen. Der ſehr ge⸗ lehrte Herr, der die natürliche Hitze ſeines Ingwergeſich⸗ tes in Rechtspfützen und Rechtsquellen abgekühlt hat, bis er groß gewordeu iſt in ſchwierigen Beweiſen für die Zeit, wo die Gerichtsſitzungen wieder anfangen, wo er der ſchläfrigen Richterbank legale„Spreu“ auftiſcht, die ſowohl für die Uneingeweihten, als auch für die meiſten Eingeweihten unerklärlich iſt, treibt ſich jetzt mit einer charakteriſchen Vorliebe für Dürre und Staub in der Gegend von Conſtantinopel umher. Andere zerſtreute Fragmente deſſelben großen Palladiums findet man an den Kanälen von Venedig, an dem zweiten Nilcatarakte, in den Bädern Deutſchlands, und entlang der ganzen eng⸗ liſchen Küſte auf dem Seeſand. Kaum Einer iſt in der verlaſſenen Region von Chancery Lane zu treffen. Zeigt 204 ſich je ein Mal ein vereinzeltes Glied der Advokatenzunft in der Wüſte, und ſtoͤßt er auf einen herumſtreifenden Litiganten, dem es unmöglich iſt, den Schauplatz ſeiner Angſt nicht zu beſuchen, ſo erſchrecken ſie Mander⸗ und ziehen ſich in entgegengeſetzte Schatten zurück. Es find die heißeſten langen Ferien, die man ſeit vielen Jahren kennt. Alle jungen Advokatengehülfen ſind ſterblich verliebt, und ſehnen ſich, je nach ihren verſchie⸗ denen Graden, nach Liebesglück mit dem geliebten Ge⸗ genſtande, zu Margate, Ramsgate, und Gravesend. Al⸗ len Advokatengehülfen von mittlerem Alter kommen ihre Familien als zu groß vor. Alle Hunde ohne Eigenthü⸗ mer, welche in die Inns of Court ſich verirren, und, Waſſer ſuchend, um die Treppen und andere trockene Orte herum keuchen, geben ihrem peinlichen Zuſtand durch ein kurzes Geheul einen paſſenden Ausdruck. Alle Hunde von Blinden, die ſich auf den Straßen befinden, ziehen ihre Herren zum Pumpbrunnen hin, oder laſſen ſie über Waſſereimer hin fallen. Ein Laden mit einer Marquiſe, und ein mit Waſſer beſprengtes Pflaſter, und ein Glas mit Gold⸗ und Silberſiſchen am Fenſter iſt ein wahres Heiligthum. Temple⸗Bar wird ſo heiß, daß es für den anliegenden Strand und Fleet Street das iſt, was ein heißes Eiſen in einer Urne, und erhält dieſelben die ganze Nacht hindurch— im Zuſtande gelinden Kochens. In der Naͤhe der Inns of Court ſind zwar Bu⸗ reaus, wo man ſich einiger Kühle erfreuen könnte, wenn eine ſolche, bei der überall herrſchenden Langweile über⸗ haupt werth wäre, um ſolchen Preis gekauft zu werden; aber gleich neben dieſen ſtillen Aufenthaltsorten ſcheinen die kleinen Durchwege wahrhaft zu brennen. In Mr. Krook's Hof iſt es ſo heiß, daß die Leute ihre Häuſer nach außen kehren, und in Stühlen auf dem Pflaſter ſitzen,— Mr. Krook mit eingeſchloſſen, der ſeine Studien fortſetzt, und der auch dieß Mal ſeine Katze,— der es nie zu heiß iſt,— neben ſich hat. ☛△̈— G u S 20⁵ Die barmoniſchen Verſammlungen, die ſonſt im Wirthshauſe zu den Sol's Arms Statt fanden, haben nun für die Saiſon aufgehört, und der kleine Swills iſt am Fluſſe unten, in den Paſtoral Gardens beſchäftigt, wo er in ganz unſchuldiger Weiſe auftritt, und kleine komiſche Lieder von juvenilem Schlage fingt, die— wie der Anſchlagzettel beſagt,— darauf berechnet ſind daß ſie ſelbſt die Gefühle der Diffizilſten nicht verwunden werden. Ueber der ganzen gerichtlichen Nachbarſchaft ſchwebt, wie ein großer Roſtſchleier, oder wie ein gigantiſches Spinnengewebe, die Trägheit und der düſtere Ernſt der langen Ferien. Mr. Snagsby, Schreibmaterialienhänd⸗ ler für Juriſten, in Cookscourt, Curſitor Street, ver⸗ ſpürt den Einfluß wohl,— nicht allein in ſeinem Geiſte, als mitfühlender und contemplativer Menſch, ſondern auch in ſeinem Geſchäft als Schreibmaterialienhändler für Ju⸗ riſten. Er hat während der langen Ferien mehr Muße, als zu andern Jahreszeiten, um in Staple Inn und in dem Rolls Yard ſingend auf und ab zu ſchreiten; und er ſagt zu den zwei Lehrlingen, wie angenehm es bei ſo heißem Wetter ſei, denken zu koͤnnen, daß man auf einer Inſel lebe, und daß man dicht von der rollenden und brauſenden See umſchloſſen ſei. Guſter iſt an dieſem Nachmittag während der lan⸗ gen Ferien in dem kleinen Salon beſchäftigt, denn Mr. dn Mrs. Snagsby wollen heute Geſellſchaft bei ſich haben. Die erwarteten Gäſte find mehr auserwählt, als zahlreich, indem ſie durch Mr. und Mrs. Chadband, und ſonſt keine weitere Seele repräſentirt werden. Da Mr. Chadband die Manie hat, ſich ſowohl mündlich, als ſchriftlich als ein Schiff zu ſchildern, ſo kommt es bis⸗ weilen vor, daß Fremde ihn irriger, Weiſe für einen ſeefahrenden Herrn halten; allein ſein Geſchäft iſt, wie er es ausdrückt,„im Weinberg des Herrn zu arbeiten.“ 206 Mr. Chadband iſt an keine beſondere Sekte gebun⸗ den, und ſeine Verfolger meinen, er habe über den wich⸗ tigſten Gegenſtand nichts ſo Bemerkenswerthes zu ſagen, daß ſein Gewiſſen ihm keine Ruhe ließe, damit herauszu⸗ rücken; allein er hat dennoch ſeine Anhänger, und Mrs. Snagsby gehoͤrt dazu. Mrs. Snagsby hat erſt ſeit kur⸗ zer Zeit ſich an Bord des Schiffes Chadband begeben, um darauf eine Fahrt zu machen; und ihre Aufmerkſam⸗ keit richtete ſich auf dieſe Barke A. J., als ihr durch das heiße Wetter etwas zugeſetzt ward. „Mein Weibchen,“ ſagte Mr. Snagsby zu den Spatzen in Staple Inn,„liebt eine etwas ſcharfe Reli⸗ gion, wie Ihr ſeht!“ Guſter bereitet alſo im kleinen Salon Alles zu, da⸗ mit darin Thee get runken werden kann, und ſie thut ſich nicht wenig darauf zu gut, daß ſie in dieſem Augenblicke die Hausmagd Chadband's iſt, von dem ſie weiß, daß er die Gabe beſitzt, vier Stunden an Einem fort zu pre⸗ digen. Sämmtliche Möbeln werden gerüttelt und abge⸗ ſtäubt; die Portraits von Mr. und Mrs. Snagsby wer⸗ den mit einem naſſen Tuche abgerieben; es wird das beſte Theeſerviee hervorgethan, und es wird ein herrlicher Vor⸗ rath eingelegt von köſtlichem, neugebackenem Brode, von röſchen, mit ſchoͤner Kruſte verſehenen Kränzen, kalter, friſcher Butter, dünnen Schnitten, Schinken, Zunge und Preßwurſt, ſowie von koͤſtlichen, kleinen Reihen in Peter⸗ ſille niſtelnder Sardellen; nicht zu erwähnen heißen, wohl⸗ gebutterten Roſtbrodes, und friſchgelegter, in einer Ser⸗ viette warm aufzutiſchender Eier. Denn Chadband iſt ein Schiff, das Viel verzehrt,— die Verfolger ſagen, ein allverſchlingendes Schiff; und kann Waffen des Fleiſches, derßleichen Meſſer und Gabeln ſind, merkwürdig gut hand⸗ haben. Mr. Snagsby hat ſich in ſeinen beſten Rock ge⸗ ſteckt, beſchaut alle Zurüſtungen, nachdem dieſelben vollen⸗ ——— —— 207 det ſind, huſtet beifällig hinter ſeiner Hand, und ſagt zu Mrs. Snagsby: „Um wie viel Uhr erwarteteſt Du Mr. und Mrs. Chadband, meine Liebe 2“ „Um ſechs,“ ſpricht Mrs. Snagsby. Mr. Snagsby bemerkt in ſeiner ſanften Weiſe und ganz zufällig, daß„es darüber ſei.“ „Du möchteſt wohl ohne ſie anfangen, nicht wahr?“ lautet Mrs. Snagsby's vorwurfsvolle Bemerkung. Mr. Snagsby ſieht aus, als wenn er recht gerne möchte, ſagt aber mit ſeinem ſanften Huſten: „Nein, meine Liebe, nein. Ich wollte bloß ſo bei⸗ läuſig der Zeit Erwähnung thun.“ „Ach, was iſt Zeit gegenüber der Ewigkeit?“ ſagte Mrs. Snagsby. „Ganz richtig, meine Liebe,“ antwortet Mr. Snagsby. „Nur erlaube ich mir, zu bemerken, daß, wenn man Vor⸗ räthe zu einer Theepartie eintegt, man— vielleicht— dabei mehr die Zeit vor Augen hat. Und wenn man eine Zeit beſtimmt hat, um welche der Thee getrunken werden ſoll, ſo iſt es beſſer, daß man ſich daran zu hal⸗ ten ſucht.“ „Daß man ſich daran zu halten ſucht!“ wiederholt Mrs. Snagsby ſtrenge.„Daran zu halten ſucht! Wie kannſt Du nur ſo roh von Mr. Chadband ſprechen!“ „Meine Liebe, ich meinte es nicht böͤſe,“ ſagt Mr. Snagsby. Hier kommt Guſter, die zum Fenſter des Schlafzim⸗ mers hinaus geſehen hat, raſchelnd und kratzend, nach Art eines Geiſtes, die kleine Treppe herunter, fällt feuer⸗ roth in den Salon ein, und kündigt an, daß Mr. und Mrs. Chadband im Hofe erſchienen ſind. „Gleich darauf ertönt die Glocke an der inneren Thüre im Gange, und ſie wird, bei Strafe alsbaldiger Zurückſendung an ihren Schutzheiligen, von Mrs. Snags⸗ b 208 by ermahnt, die Ceremonie der Anmeldung ja nicht zu vergeſſen. Durch dieſe Drohung nicht wenig in ihren Nerven erſchüttert(— die zuvor in beſter Ordnung waren—), verſtümmelt ſie dieſen Staatspunkt ſo furchtbar, daß ſie „Mr. und Mrs. Cheeſeming, Ich wollte ſagen Wieheißt⸗ ſiedoch!“ anmeldet, und ſich, von Gewiſſensbiſſen durch⸗ bohrt, den Blicken ihrer Gebieterinnen entzieht! Mr. Chadband iſt ein großer gelber Mann mit fet⸗ tem Lächeln, und es macht ſeine Figur den allgemeinen Eindruck, als müſſe in ſeinem Syſtem ein bedeutendes Quantum Fiſchthran ſein. Mrs. Chadband iſt eine ernſte, ſtreng ausſehende, ſtille Frau. Mr. Chadband bewegt ſich ſachte und ſchwerfällig, nicht unähnlich einem Bären, den man gelehrt hat, aufrecht zu gehen. Seine Arme ma⸗ chen ihm gar viel zu ſchaffen, und man bekommt den Eindruck, wie wenn ſie unbequem für ihn wären, und wie wenn er kriechen wollte; auch iſt ſein Kopf mit vie⸗ lem Schweiße bedeckt, und nie ſpricht er, ohne erſt ſeine große Hand in die Höhe zu heben, wie wenn er ſeinen Zuhörern ein Zeichen geben wollte, daß er nun im Be⸗ griffe ſei, ſie zu erbauen. „Meine Freunde!“ ſagte Mr. Chadband.„Friede ſei mit dieſem Hauſe! Friede ſei mit dem Herrn und mit der Herrin deſſelben,— Friede ſei mit den Jungfrauen — und Friede ſei mit den Jünglingen! Meine Freunde! Warum wünſche ich den Frieden? Iſt es Krieg? Nein. Iſt es Kampf? Nein. Iſt er lieblich, und ſanft, und ſchoͤn, und angenehm, und heiter, und freundlich, und wonnevoll? O ja! Und darum, meine Freunde, wünſche ich Euch und den Eurigen den Frieden.“ Da Mrs. Snagsby in Folge deſſen tief erbaut aus⸗ ſieht, ſo hält Mr. Snagsby es im Ganzen für zweckmäßig, Amen zu ſagen, was gut aufgenommen wird. „Da ich nun, meine Freunde,“ fährt Mr. Chadband fort,„bei dieſem Thema bin—“ 209 Hier erſcheint Guſter.. Mrs. Snagsby ſagt mit einer geiſterhaften Baßſtimme, und, ohne die Augen von Chadband abzuwenden, mit furcht⸗ barer Deutlichkeit: „Pack Dich fort!“ „Da ich nun, meine Freunde,“ ſagt Chadband,„bei dieſem Thema bin, und als unwürdiger Diener des Worts darüber ſpreche—“ Man hoͤrt Guſter auf unerklärbare Weiſe murmeln: „Ein tauſend ſieben hundert zwel und achtzig.“ Die geſpenſterhafte Stimme wiederholt noch feier⸗ licher: „Pack Dich fort!“ „Nun, meine Freunde,“ ſagt Mr. Chadband,„wol⸗ len wir in einem Geiſte der Liebe unterſuchen—“ Und abermals wiederholt Guſter: „Ein tauſend ſieben hundert zwei und achtzig.“ Mr. Chadband hält hier mit der Reſignation eines Mannes inne, der an Verfolgungen gewoͤhnt iſt, faltet ſchmachtend ſein Kinn zu einem fetten Lächeln zuſammen, und ſpricht: „So laſſet uns das Maädchen anhören! Sprechen Sie, Mädchen!“ „Ein tauſend ſieben hundert zwei und achtzig, wenn Sie erlauben, Sir. Er möchte wiſſen, wofür der Shil⸗ ling iſt,“ fragte Guſter athemlos. „Wofür?“ erwiederte Mrs. Chadband.„Es iſt ſein Fuhrlohn!“ Guſter erwidert,„daß er durchaus einen Shilling und acht Pence haben wolle. Und wenn er dieſe nicht bekomme, ſo werde er die Betreffenden verklagen.“ 3 Mrs. Snagsby und Mrs. Chadband ſind ſchon im Begriffe, vor lauter Indignation ſchrill zu werden, da gebietet Mr. Chadband Ruhe, indem er die Hand in die Höhe hebt. Bleak Houſe⸗ II. 14 210 „Meine Freunde,“ ſpricht er,„es fällt mir ein, daß ich geſtern eine Pflicht unerfüllt gelaſſen habe. Es iſt mehr als billig, daß ich heute dafür geſtraft werde. Ich darf nicht murren. Rachel, zayl doch die acht Pence!“ Wäͤhrend Mrs. Snagsby, Athem ſchöpfend, Mr. Snagsby ſcharf anſieht, wie wenn ſie ſagen wollte:„Du hoͤrſt, was der Apoſtel ſagt!“ und während Mr. Chadband vor lauter Demuth und Fiſchthran glüht, bezahlt Mrs. Chadband das Geld. Es iſt Mr. Chadband's Gewohnheit, — es iſt in der That das Alpha und Omezga ſeiner Prätenſton—, dieſe Art Debit⸗ und Creditſeite in ſeinem Hauptbuche auf's Genaueſte zu führen, und es bei den trivialſten Anläſſen die Leute wiſſen zu laſſen. „Meine Freunde,“ ſpricht Chadband,„acht Pence iſt nicht Viel;— es hätte billig ein Shilling und vier Pence ſein köͤnnen;— es hätte billig eine halbe Krone ſein kön⸗ nen. O, laſſet uns uns freuen, uns freuen! Oh, laſ⸗ ſet uns uns freuen!“. Mit dieſer Bemerkung, die dem Tone nach ein Aus⸗ zug in Verſen zu ſein ſcheint, ſchreitet Mr. Chadband auf den Tiſch zu, und hebt, ehe er einen Stuhl nimmt, ſeine ermahnende Hand in die Höhe. „Meine Freunde,“ ſpricht er,„was iſt das, was wir jetzt vor uns ausgebreitet ſehen Erfriſchungen. Brau⸗ chen wir alſo Erfriſchungen, meine Freunde? Ja, wir brauchen ſolche. Und warum brauchen wir denn die Erfri⸗ ſchungen, meine Freunde? Weil wir bloß ſterbliche, weil wir bloß ſündige Menſchen ſind;— weil wir nur Erden⸗ kinder,— weil wir nicht Kinder der Luft ſind. Können wir fliegen, meine Freunde? Ich antworte darauf: Wir können es nicht. Und warum können wir denn nicht fliegen, meine Freunde? Mr. Snagsby, der ſich auf den Erfolg ſeiner letzten Pointe Etwas einbildet, nimmt ſich die Freiheit, in fröh⸗ lichem und etwas ſchlauem Tone zu bemerken:„Keine Flügel.“ Augenblicklich aber wird er durch Mrs. Snagsby, 211 deren Augenbrauen ſich runzeln, wieder zur Ordnung gebracht. „Ich ſage, meine Freunde,“ fährt Mr. Chadband, Mr. Snagsby's Meinung verwerfend und vertilgend, fort, „— warum können wir nicht fliegen? Kommt es daher, daß wir zum Gehen beſtimmt ſind? Ja, daher kommt es. Meine Freunde, koͤnnten wir ohne Stärke gehen? Nein, wir könnten es nicht. Was würden wir ohne Stärke thun, meine Freunde? Unſere Beine würden uns den Dienſt verſagen und uns nicht mehr tragen wol⸗ len;— unſere Knie würden ſich zuſammenlegen; unſere Fußknöchel würden ſich umwenden,— und ſo wuͤrden wir auf den Boden hinfallen. „Nun aber, meine Freunde, entſteht die Frage: Woher nehmen wir, menſchlich geſprochen, die Stärke, die unſern Gliedern nothwendig iſt? „Kommt dieſelbe,“ fährt Chadband, über den Tiſch hinblickend, fort,„von Bier in verſchiedenen Formen,— von Butter, der aus der Milch gemacht wird, welche uns die Kuh ſpendet,— von den Eiern, welche von der Henne gelegt werden,— von Schinken, von Zunge, von Preßwurſt und dergleichen? Ja, meine Freunde, daher kommt ſie. Nehmen wir daher die guten Dinge zu uns, die uns hier vorgeſetzt ſind!“ Die Verfolger leugneten, daß in Mr. Chadband's Aufthürmung von Worten, oder wie ſie ſich ausdrückten, in ſeiner Aufbauung von aus lauter Worten beſtehen⸗ den Treppenungethümen, eine beſondere Gabe liege. Allein es kann dieß bloß als ein Beweis angeſehen wer⸗ den von ihrer hartnäckigen Verfolgungsſucht, da es män⸗ niglich bekannt iſt, daß die Chadband'ſchen Red ekünſte ſehr gäng und gäbe ſind, und allgemein bewundert werden. Indeſſen ſetzt ſich Mr. Chadband, der vor der Hand mit ſeiner Rede zu Ende gekommen, an Mr. Snagsby's Tiſch, und haut furchtbar um ſich. Die Verwandlung 212 von Nahrung jeder Art in Oel von der bereits erwähn⸗ ten Qualität ſcheint ein von der Conſtitution dieſes mu⸗ ſterhaften Schiffes ſo unzertrennlicher Prozeß zu ſein, daß daſſelbe, ſobald es an's Eſſen und Trinken geht, ſich in eine Art großer Oelmühle, oder in eine andere großar⸗ tige Fabrik zur Production des genannten oͤligen Ge⸗ genſtandes zu verwandeln ſcheint. An dem heutigen Abende der langen Ferien arbeitet das genannte Schiff in Cookscourt, Curſitor Street, dergeſtalt, daß das Waarenlager ganz voll zu ſein ſcheint in dem Augen⸗ blicke, wo die Fabrik aufhört, zu arbeiten. Um die Zeit, wo die Schmauſerei in dieſem Sta⸗ dium angelangt iſt, flüſtert Guſter, die ſich von dem Schrecken ihrer erſten Niederlage noch nicht wieder er⸗ holt, dagegen aber kein moͤgliches oder unmögliches Mit⸗ tel vernachläſſigt hat, das Haus und ſich ſelbſt in Ver⸗ achtung zu bringen,— unter welchen Mitteln hier kurz aufgezählt werden möge der Umſtand, daß ſie ganz un⸗ erwartet mit Tellern auf Mr. Chadband's Kopf eine ſchmetternde Militärmuſik aufführte, ſowie der andern, daß ſie darauf den ſo eben genannten Herrn mit Muffins) krönte,— um die Zeit, wo die Schmauſerei in dieſem Stadium angelangt iſt, flüſtert Guſter Mr. Snagsby in's Ohr, daß man ihn ſprechen wolle. „Und da ich in dem— um die Sache ohne Um⸗ ſchweife auszudrücken,— in dem Laden nothwendig bin,“ ſpricht Mr. Snagsby, ſich erhebend,„ſo wird dieſe treffliche Geſellſchaft meine Abweſenheit während ei⸗ ner halben Minute gütigſt entſchuldigen.“ Mr. Snagsby geht hinunter, und findet die zwei Lehrlinge, die mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit einen Polizeiconſtabler beobachten, der einen zerlumpten Knaben beim Arme feſthält. *) Müffchen, eine Art Butterſemmel. 213 „Ach du gütiger Himmel! was gibt es denn?“ ſpricht Mr. Snagsby. „Dieſer Knabe,“ ſpricht der Conſtabler,„will nicht fortgehen, obgleich man es ihm ſchon zu wiederholten Malen geſagt—“ „Aber ich gehe ja immer fort, Sir,“ ruft der Knabe, mit dem Arme ſich ſeine ſchmutzigen Thränen abwiſchend.„Seitdem ich auf der Welt bin, bin ich immer fortgegangen,— immer fortgegangen. Wohin ſoll ich denn ſonſt noch gehen,— wohin ſoll ich denn ſonſt noch gehen?“ „Er will nicht fortgehen,“ ſpricht der Conſtabler ruhig, mit einer leichten, bei Leuten ſeines Standes nicht ungewoͤhnlichen Bewegung des Halſes, die ein beſ⸗ ſeres Ordnen des letzteren in der ſteifen Halsbinde in ſich ſchließt,„vobgleich man ihn zu wiederholten Malen gewarnt hat, und darum bin ich genoͤthigt, ihn in's Gefängniß zu führen. Er iſt ein ſo eigenſinniger, jun⸗ ger Schlingel, als ich je einen gekannt. Er will nicht fortgehen.“ „Ach du lieber Gott! Wo ſoll ich denn hingehen!“ ruft der Knabe, ganz verzweifelt ſein Haar feſt packend, und ſeine bloßen Füße auf den Boden von Mr. Snags⸗ by's Gang ſtoßend. „Keinen Widerſtand, ſonſt mache ich verdammt kurzen Prozeß mit Dir!“ ſpricht der Conſtabler, ihn leidenſchaftlos ſchüttelnd.„Meine Inſtruktion geht dahin, daß Du fortgehen ſollſt. Ich habe Dir das ſchon tauſend Mal geſagt.“ „Aber wohin?“ ruft der Knabe. „Ei, Herr Conſtabler,“ ſpricht Mr. Snagsby ge⸗ dankenvoll, und ſeinen, große Verlegenheit und Zweifel aeeü en Huſten hinter ſder Hand hervor hoͤren laſ⸗ lend,„da eint wirklich eine Frage zu ſein. Wo in, wiſſen Sie?“ 6 Frage zu ſ h „Meine Inſtruction erſtreckt ſich nicht ſo weit,“ er⸗ 214 wiederte der Conſtabler.„Meine Inſtruction geht dahin, daß dieſer Junge weiter gehen foll.“ Hoͤrſt Du, Jo? Es geht weder Dich, noch irgend Jemand Etwas an, daß den großen Lichtern des parla⸗ mentariſchen Himmels es ſeit einigen Jahren nicht gelun⸗ gen iſt, Dir hierin das Betlſpiel des Fortgangs zu geben. Das eine, große Rezept bleibt für Dich übrig,— das tiefe, philoſophiſche Rezept,— das Alpha und Omega Deiner ſeltſamen Exiſtenz auf Erden. Geh' wei⸗ ter! Du ſollſt keineswegs abgehen, Jo, denn die großen Lichter koͤnnen ſich über dieſen Punkt gar nicht einigen. Geh' weiter! Mr. Snagsby ſagt Nichts, was hierauf Bezug hätte; er ſagt in der That gar Nichts, ſondern läßt ſei⸗ nen hülfloſeſten Huſten hören, der keinen Durchweg in irgend einer Richtung ausdrückt. Indeſſen ſind Mr. und Mrs. Chadband, da ſie den Streit gehoͤrt, mit Mr. Snagsby auf der Treppe er⸗ ſchienen. Da Guſter das Ende des Ganges keinen Augenblick verlaſſen hat, ſo iſt jetzt das ganze Haus ver⸗ ſammelt. „Die einfache Frage iſt, Sir,“ ſpricht der Conſtab⸗ ler,„ob Sie dieſen Jungen kennen. Er ſagt, Sie ken⸗ nen ihn.“ Mrs. Snagsby ruft alsbald, von ihrem hohen Stand⸗ punkt aus: „Nein, er kennt ihn nicht!“ „Lie— bes Weibchen!“ ſagt Mr. Snagsby, die Treppe hinauf ſchauend.„Meine Liebe, erlaube mir doch! Hab' doch nur einen Augenblick Geduld, meine Liebe⸗ Ich weiß Etwas von dieſem Jungen, und was ich von ihm weiß, iſt durchaus unſchuldiger Art,— ich kann es verſi⸗ chern;— vielleicht iſt es ſogar loͤblich, Herr Conſtabler!“ Und nun erzählt der Schreibmaterialienhändler, was er weiß; natürlich aber verſchweigt er das Factum, daß er dem Jungen eine halbe Krone gegeben. 215 „Gut!“ ſpricht der Conſtabler,„in ſo weit ſcheint es, daß er die Wahrheit geſagt. Als ich ihn in Hol⸗ born in's Gefängniß führte, ſagte er, daß er Sie kenne. Hierauf ſagte ein junger Mann, der ſich in dem Menſchen⸗ haufen befand, er kenne Sie, und Sie ſeien ein reſpek⸗ tabler Bürger, und er werde erſcheinen, wenn ich nähere Erkundigungen einziehen wolle. Der junge Mann ſcheint aber nicht geneigt zu ſein, ſein Wort zu halten; doch halt!— Oh! Hier iſt ja der junge Mann!“ Hier kommt Mr. Guppy zum Vorſchein, der Mr. Snagsby zunickt, und vor den auf der Treppe ſtehenden Damen mit dem einem Advokatengehülfen eigenthümlichen chevaleresken Weſen den Hut berührt. „So eben ſchlenderte ich vom Bureau weg, als ich Zeuge dieſes Spektakels ward,“ ſagt Mr. Guppy zu dem Schreibmaterialienhändler;„und da Ihr Name genannt wurde, ſo dachte ich, es ſei gut, wenn die Sache näher unterſucht würde.“ „Es war das recht artig von Ihnen, Sir,“ ſprich Mr. Snagsby,„und ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet. Und Mr. Snagsby erzählt abermals des langen und breiten, was er weiß, verſchweigt aber wohlweislich das bewußte Factum, daß er dem Jungen eine halbe Krone gegeben. „Nun weiß ich, wo Du wohnſt,“ ſagt dann der Conſtabler zu Jo.„Du wohnſt drunten in Tom⸗All⸗ Alone's. Es iſt das ein netter Ort für brave Leute,— nicht wahr?“ „Ich kann an keinem netteren Orte wohnen, Sir,“ erwiederte Jo.„Man würde Nichts gegen mich haben können, wenn ich an einem netten, unſchuldigen Orte wohnen könnte. Wer aber möchte mich in eine nette un⸗ ſchuldige Wohnung nehmen,— in meinen Lumpen?“ „Du biſt alſo recht arm?“ fragt der Conſtabler. „Ja, ich bin wirklich recht arm,“ antwortet Jo. „Und nun moͤgen die Herren ſelbſt urtheilen! Ich 216 habe dieſe zwei halben Kronen aus ihm herausgeſchüt⸗ telt,“ ſpricht der Conſtabler, die Geldſtücke vorweiſend,— „und doch habe ich ihn nur angerührt!“ „Ich habe ſie noch,“ ſpricht Jo,„von einem So⸗ vereign, der mir von einer Dame gegeben wurde, welche ſich für ein Dienſtmädchen ausgab, Mr. Snagsby. Dieſe Dame kam eines Abends auf meinen Kreuzweg, und bat mich, ich ſolle ihr dieſes Haus da zeigen, und das Haus, wo der Mann ſtarb, dem Sie zu ſchreiben gegeben, und den Begräͤbnißplatz, wo man ihn eingeſcharrt hat. Sie ſagt zu mir: ‚Biſt Du der Junge, der bei der Unterſu⸗ chnng erſchienen iſt? ſagt ſie. Ich ſage:„Ja' ſage ich. Sie ſagt zu mir: ‚Kannſt Du mir dieſe Orte alle zeigen? ſagt ſie. Ich ſage: ‚Ja, das kann ich, ſage ich. Und ſie ſagt zu mir, ſagt ſie: ‚Thu es!— Und ich hab es gethan, und ſie hat mir einen Sovereign aus ihrem Geldbeutel gegeben. Auch habe ich von dem Sovereign nicht Viel gehabt,“ ſagt Jo mit ſchmutzigen Thränen, „dean ich mußte drunten in Tom⸗All⸗Alone's fünf Shil⸗ linge zahlen, ehe ſie mir das Goldſtück wechſeln wollten, — und dann hat mir ein junger Menſch wieder fünf ge⸗ ſtohlen, während ich geſchlafen habe,— und ein anderer Knabe hat mir neun Pence geſtohlen,— und an den Hauswirth habe ich auch noch abgeben müſſen.“ „Du wirſt doch nicht erwarten, daß man Dir dle Geſchichte von der Dame und dem Sovereign glauben ſolle?“ ſpricht der Conſtabler, ihn mit unausſprechlicher Verachtung von der Seite anſehend. „Ich weiß nicht, was Sie mir glauben wollen, Sir,“ antwortet Jo.„Ich erwarte Nichts, gar Nichts, Sir; aber was ich gefagt habe, iſt eine wahre Geſchichte.“ „Sie ſehen, was das für ein Burſche iſt!“ bemerkt der Conſtabler, zu der Zuhörerſchaft gewandt.„Wohl⸗ an, Mr. Snagsby, wollen Sie ſich für ſein Fortgehen ſchüt⸗ nd,— So⸗ velche Dieſe d bat Haus, und Sie erſu⸗ ich. en? Und hab grem reign inen, Shil⸗ lten, ge⸗ erer den dle iben cher len, gar ahre erkt öhl⸗ hen 217 verbindlich machen, wenn ich ihn dieſes Mal nicht ein⸗ erre?“ h„Nein,“ ſchreit Mrs. Snagsby die Treppe herab. „Mein liebes Weibchen!“ ſagt ihr Gatte in bitten⸗ dem Tone.„Herr Conſtabler, ich zweifle gar nicht, daß er fortgehen wird.“ Dann ſetzt Mr. Snagsby, zu Jo gewandt, hinzu: „Du weißt, daß Du es wirklich thun mußt!“ „Ich ſtehe in Allem zu Dienſten, Sir,“ ſagt der unglückliche Jo. „So thu' es denn,“ bemerkte der Conſtabler.„Du weißt, was Du zu thun haſt. Thue es! Und vergiß nicht, daß Du das naͤchſte Mal nicht mehr ſo leichten Kaufes davon kommſt. Hier nimm Dein Geld. Je bäl⸗ der Du fünf Meilen weit von hier fort gehſt, um ſo beſſer iſt es für Jedermann.“ Mit dieſem Lebewohl, und auf die untergehende Sonne deutend, als einen Ort, wohin Jo gehen könne, wünſcht der Conſtabler ſeinen Zuhoͤrern einen guten Nach⸗ mittag, und läßt die Echos von Cookscourt eine lang⸗ ſame Muſik aufführen, während er auf der ſchattigen Seite ſich entfernt, und ſeinen mit eiſernen Reifen ver⸗ ſehenen Hut in der Hand trägt, um ſich ein wenig Luft zuzufächeln. Nun aber hat Jo's unwahrſcheinliche Geſchichte von der Dame und von dem Sovereign die Neugierde der ganzen Geſellſchaft, mehr oder weniger, erregt. Mr. Guppy, der immer vollgültige Beweiſe haben will, und von der Müdigkeit der langen Ferien viel gelitten hat, nimmt an dem Fall ſo viel Intereſſe, daß er mit dem Jungen ein regelmäßiges Kreuzverhör anſtellt, welches von den Damen ſo intereſſant gefunden wird, daß Mrs. Snagsby ihn höͤflich einladet, herauf zu kommen und eine Taſſe Thee zu trinken, wenn er den unordentlichen Zuſtand des Theetiſches,— eine Folge der vorangegan⸗ genen Anſtrengungen— entſchuldigen will. 218 Mr. Guppy wllligt ein, und man heißt Jo nach⸗ folgen, bis unter die Thüre des Salons, wo Mr. Guppy ihn als Zeugen vernimmt, und ihn bald in dieſe, bald in jene Form ſchlägt, wie ein Buttermann ſeine Butter, und wo er ihn nach den beſten Muſtern plagt und quält. Auch iſt das Verhör gar nicht unähnlich vielen ſolcher Muſterverhoͤre, ſowohl was die Erfolgloſigkeit, als die Länge betrifft, denn Mr. Guppy kennt ſein eigenes Ta⸗ lent, und Mrs. Snagsby fühlt, daß es nicht allein ihr neugieriges Weſen befriedigt, ſondern auch, daß das Geſchäft ihres Mannes in juridiſcher Beziehung dadurch gewinnt. Während des Verlaufs dieſes ſcharfen Treffens ſtrandet das Schiff Chadband, da es bloß im Oelhandel keſchaftigt iſt, und bleibt liegen, bis es weggeſchwemmt wird. „Wohlan!“ ſagt Mr. Guppy,„entweder iſt dieſer Junge ſo zäh, wie Pech, oder aber haben wir hier etwas ganz Außergewöhnliches,— einen Fall, der Alles übertrifft, was mir bei Kenge und Carboy je vorge⸗ kommen.“ Mrs. Chadband flüſtert Mrs. Snagsby Etwas zu, hie ausruft: „Was ſagen Sie mir da nicht!“ „Seit Jahren!“ erwiedert Mrs. Chadband. „Hat Kenge und Carboy's Bureau ſeit Jahren ge⸗ kannt,“ erklärt Mrs. Snagsby dem Mr. Guppy in triumphirendem Tone.„Mrs. Chadband— Gattin die⸗ ſes Herrn,— Reverend*) Mr. Chadband. „Oh, wirklich!“ ſagt Mr. Guppy. „Ehe ich meinen jetzigen Mann heirathete,“ ſagt Mrs. Chadband. „Waren Sie bei einem Prozeſſe betheiligt, Ma'am?“ *) Seine Ehrwürden. — △ H D———2— ———— —=ͤ— 219 ſpricht Mr. Guppy, das Kreuzverhör auf ſie über⸗ tragend. „Nein.“ „Wie, Sie waren bei Nichts betheiligt, Ma'am?“ ſagt Mr. Guppy. Mrs. Chadband ſchüttelt den Kopf. „Vielleicht aber waren Sie mit Jemand bekannt, der bei irgend einer Sache betheiligt war?“ ſagt Mr. Guppy, dem Nichts lieber iſt, als ſeine Converſation nach gerichtlichen Muſtern zu modeln. „Auch das nicht gerade,“ erwiedert Mrs. Chad⸗ band, den Spaß mit einem zähen Lächeln weiter aus⸗ führend. „Auch das nicht gerade!“ wiederholt Mr. Guppy. „Ganz gut. War es, Ma'am, eine Dame von Ihrer Bekanntſchaft, die mit Kenge und Carboy's Bureau Et⸗ was zu ſchaffen hatte(— was ſie zu ſchaffen hatte, wol⸗ len wir in dieſem Augenblicke nicht unterſuchen—), oder aber war es ein Herr von Ihrer Bekanntſchaft? Laſſen Sie ſich Zeit, Ma'am. Wir werden in einem Augen⸗ blick daran kommen. Mann oder Frau, Ma'am!“ „Weder das Eine, noch das Andere,“ ſpricht Mrs. Chadband, wie zuvor. „Oh, ein Kind!“ ſagt Mr. Guppy, auf die von Bewunderung erfüllte Mrs. Snagsby ganz das ſcharfe profeſſionelle Auge werfend, das auf britiſche Geſchwo⸗ rene geworfen würde.„Und nun, Ma'am, werden Sie die Güte haben, uns zu ſagen, was für ein Kind.“ „Endlich haben Sie es errathen, Sir,“ ſpricht Mrs. Chadband mit einem andern zähen Lächeln.„Wohl⸗ an, Sir, es war, höͤchſt wahrſcheinlich, vor Ihrer Zeit, wenn ich nach Ihrem Ausſehen urtheilen ſoll. Es wurde mir ein Kind, Namens Eſther Summerſon, anvertraut, und es wurde daſſelbe durch die Herren Kenge und Car⸗ boy in Penſion gegeben. 220 „Miß Summerſon, Ma'am!“ ruft Mr. Guppy auf⸗ geregt. „Ich nenne ſie Eſther Summerſon,“ ſpricht Mrs. Chadband ſtrenge.„Zu meiner Zeit wurde das Mäd⸗ chen nicht ge—mißt.*) Sie hieß ganz einfach Eſther. „Eſther, thun Sie dieſes! Eſther thun Sie das!e und ſie mußte es thun.“ „Meine liebe Ma'am,“ erwiedert Mr. Guppy, ſich durch das kleine Zimmer hin bewegend,„das geringe In⸗ dividuum, das Sie jetzt anredet, empfing die junge Dame in London, als ſie aus dem Etabliſſement kam, worauf Sie angeſpielt haben. Erlauben Sie mir, daß ich mir das Vergnügen mache, Sie bei der Hand zu nehmen.“ Mr. Chadband, der endlich ſieht, daß der günſtige Augenblick für ihn gekommen, macht ſein gewohntes Sig⸗ nal, und erhebt ſich mit einem dampfenden Kopfe, den er mit ſeinem Taſchentuche tupft. Mrs. Snagsby flüſtert:„ſt!“ „Meine Freunde,“ ſpricht Chadband,„wir haben das Gute, das uns hier gereicht worden, mäßig genoſ⸗ ſen,“(— was gewiß nicht bei ihm der Fall war—). „Moͤge dieſes Haus vom Fette des Landes leben;— mögen Korn und Wein darin im Ueberfluß ſein; möge es wachſen— möge es gedeihen,— möge es Glück ha⸗ ben,— möge es voranſtreben,— möge es noch mehr emporkommen,— moͤge es einem noch höheren Ziele nachjagen! Aber meine Freunde, haben wir noch etwas Anderes genoſſen? Ja, meine Freunde, das haben wir Meine Freunde, was haben wir noch genoſſen? Haben wir geiſtigen Gewinn gezogen? Ja. Woraus haben wir dieſen geiſtigen Gewinn gezogen? Mein junger Freund, tritt vor!“ Der alſo apoſtrophirte Jo toͤlpelt ein wenig zurück, *) Miß genannt. 2 1—=S Z COS=zæ 8 SG Z.G S Ss 221 und tölpelt ein Bischen vorwärts, und tölpelt ein wenig nach beiden Seiten hin, und ſtellt ſich dem beredten Chadband gegenüber, offenbar über deſſen Abſichten in Zweifel befangen. „Mein junger Freund,“ ſpricht Chadband.„Du biſt für uns eine Perle, Du biſt für uns ein Diamant, — Du biſt für uns ein Edelſtein,— Du biſt für uns ein Juwel. Und warum biſt Du das, mein janger Freund?“ „Weiß es nicht,“ antwortet Jo.„Weiß Nichts, gar Nichts.“ „Mein junger Freund,“ fährt Mr. Chadband fort, „eben weil Du Nichts weißt, darum biſt Du für uns ein Edelſtein und ein Juwel. Denn was biſt Du, mein jun⸗ ger Freund? Biſt Du ein Thier des Feldes? Nein. Biſt Du ein Vogel der Luft? Nein. Biſt Du ein Fiſch des Meeres, oder des ſüßen Waſſers? Nein. Du biſt ein menſchlicher Knabe, mein junger Freund. Ja, ein menſchlicher Knabe. Ach, welche Glorie, ein menſchli⸗ cher Knabe zu ſein! Und warum ſſt es eine ſolche Glorie, mein junger Freund? Weil Du im Stande biſt, die Lehren der Weisheit zu empfangen;— weil Du im Stande biſt, aus der Rede Gewinn zu ziehen, die ich jetzt zu Deinem Beſten halte;— weil Du kein Stecken, kein Stab, kein Klotz, kein Stein, kein Pfoſten, keine Säule biſt. In dem Herren ſich zu freu'n, Ein ſtrebender, menſchlicher Knabe zu ſein, O welche Glückes⸗Sonne, O welch unendlicher Strom von Wonne! Und kühlſt Du Dich jetzt in dieſem Strome, mein junger Freund? Nein. Warum kühlſt Du Dich jetzt nicht in dieſem Strome? Weil Du in einem Zuſtande der Finſterniß biſt;— weil Du in einem Zuſtande der Dunkelheit biſt;— weil Du in einem Zuſtande der 222 Sünde biſt;— weil Du in einem Zuſtande der Knecht⸗ ſchaft biſt. Mein junger Frennd, was iſt Knechtſchaft? Laſſet uns das in einem Geiſte der Liebe näher unter⸗ ſuchen!“ In dieſem drohenden Stadium der Rede ſchmiert Jo, dem allmählig der Kopf zu ſchwindeln ſcheint, ſei⸗ nen rechten Arm über das Geſicht hin, und läßt ein furchtbares Gähnen hören. Höchſt empoͤrt drückt Mrs. Snagsby die Anſicht aus, daß er ein Glied des Erzfeindes ſei. „Meine Freunde,“ ſpricht Mr. Chadband, und wäh⸗ rend er herumſchaut, faltet ſich ſein verfolgtes Kinn wie⸗ der zu dem gewohnten, ſetten Lächeln zuſammen,„es iſt gut, daß ich gedemüthigt werde;— es iſt aut, daß ich geprüft werde;— es iſt gut, daß ich erniedrigt werde; — es iſt gut, daß ich gebeugt werde;— es iſt gut, daß ich geſtraft werde. Ich ſtrauchelte am vergangenen Sabbath, als ich mit Stolz an meine dreiſtündige Pre⸗ digt dachte. Die Rechnung iſt nun ausgeglichen, wie ſie es ſein ſollte; mein Gläubiger iſt auf einen Vergleich eingegangen. O laſſet uns uns freuen,— uns freuen! O laſſet uns uns freuen!“ Große Senſation von Seite der Mrs. Snagsby. „Meine Freunde,“ ſagt Mr. Chadband zum Schluſſe, indem er umherſchaut,„ich will jetzt mit mei⸗ nem jungen Freunde nicht länger fortmachen. Willſt Du, mein junger Freund, morgen kommen, und Dich bei dieſer guten Frau erkundigen, wo ich zu finden bin, um Dir zu predigen;— und willſt Du, gleich der dürſten⸗ den Schwalbe an dem darauf folgenden Tage kommen, und an dem Tage darauf, und wieder an dem Tage darauf,— und an vielen wonnevollen Tagen, um Reden zu hören?“ Dieß Alles mit einer kuhartigen Leichtigkeit. Jo, dem es vor der Hand daran gelegen zu ſein ſcheint, um jeden Preis fort zu kommen, nickt in töl⸗ 223 piſcher Weiſe. Mr. Guppy reicht ihm dann einen Penny hin, und Mrs. Snagsby ruft Guſter, und empſiehlt ihr an, darauf zu ſehen, daß er glücklich aus dem Hauſe kommt. Ehe aber Jo die Treppe hinunter geht, bela⸗ det ihn Mr. Snagsby mit einigen Ueberbleibſeln von dem Eſſen, die er iu den Armen mit fort nimmt. Und ſo zieht ſich Mr. Chadband,— von dem die böſe Welt ſagt, es ſei kein Wunder, daß er ſtundenlang ſolch abſcheulichen Unſinn ſchwatze, ſondern es ſei eher zu verwundern, daß er je wieder aufhöre, nachdem er ein Mal die Frechheit gehabt, anzufangen, ins Privatleben Mbis, bis er ein kleines Souper⸗Capital im Oelhandel anlegt. Was Jo betrifft, ſo geht er, durch die langen Fe⸗ rien hin, Blackfriars Bridge hinab, wo er eine ſtedend heiße ſteinige Ecke findet, um dort ſein Mahl zu verzehren. Und dort ſitzt er, kauend und beißend, und nach dem großen Kreuze auf dem Gipfel von der Cathedrale zu St. Paul aufſchauend,— zu dem großen Kreuze, das über einer rothen und violetten Rauchwolke glitzert. Nach dem Geſichte des Jungen zu urtheilen, koͤnnte man glau⸗ ben, das heilige Emblem ſei in ſeinen Augen der Gipfel der Verwirrung der großen, verworrenen Stadt;— ſo golden, ſo hoch in den Lüften,— ſo ganz außer ſeinem Bereiche. Da ſitzt er, während die Sonne untergeht, der Fluß raſch ſtrömt, die Menge in zwei Strömen ſich an ihm voruüber bewegt;— während Alles zu irgend einem Zwecke, und zu irgend einem Ende weiter geht,— bis er aufgeſtört wird, und man ihm ſagt, auch er ſolle „weiter gehen.“ 224 Zwanzigſtes Kapitel. Ein neuer Miethmann. Die langen Ferien ſchlendern dem Termine der Ge⸗ richtsſitzungen entgegen, wie ein träger Fluß, ganz nach Muße, über ein flaches Land nach der See hin ſchleicht. Mr. Guppy ſchlendert mit den langen Ferien hin. Er hat die Klinge ſeines Federmeſſers abgeſtumpft, und hat die Spitze deſſelben abgebrochen, indem er das genannte Inſtrument in jeder Richtung in ſein Pult geſtochen hat. Nicht daß er dem Pulte übel wollte, nein! einem Beine ſeines Bockes kleine Kreisſchwingungen zu machen, in ſein Pult zu ſtechen und Maulaſſen feil zu haben. 5 Kenge und Carboy haben die Stadt verlaſſen, und der unter Contract in der Jurisprudenz ſich übende Gehülfe hat eine Jagdkarte gelöst, und iſt zu ſeinem Vater hinab⸗ gegangen; und die zwei beiden ſalarirten Collegen Mr. Guppy's find auf Urlaub gleichfalls abweſend. Mr. Guppy und Mr. Richard Carſtone theilen ſich ſo in die Würden und Ehren des Geſchäfts. Aber Mr. Carſtone ſoll für jetzt in Kenge's Zimmer ſeinen Sitz aufſchlagen, worüber Mr. Guppy höͤchſt erbost iſt. Und zwar iſt er darüber dermaßen erbost, daß er, mit beißenden Sarkasmen„ in den vertraulichen Augen⸗ blicken, wo er, mit ſeiner Mutter, in Old Street Road einen Seekrebs und Lattich zum Nachteſſen verzehrt, der —— Ble 225 würdigen Dame ſagt, er befürchte, das Bureau ſei ſchwer⸗ lich gut genug für Swells,*) und er hätte daſſelbe ma⸗ len laſſen, wenn er gewußt hätte, daß ein Swell käme. Mr. Guppy beargwohnt Jeden, der auf Kenge und Carboy's Bureau einen Bock einnehmen ſoll, und glaubt von demſelben ganz natürlich, daß er Böſes gegen ihn im Schilde fuͤhre. Es iſt ihm klar, daß jede ſolche Per⸗ ſon kommt, um ihn zu entthronen. Fragt man ihn je ein Mal, wie, warum, wo, oder wann, ſo drückt er ein Auge zu, und ſchüttelt den Kopf. Von dieſen tiefen An⸗ ſichten aus gehend, läßt er es ſich unendliche Mühe koſten, ſinnreiche Gegenpläne auszudenken, während doch von einem Complotte gegen ihn gar nicht die Rede iſt; und ſpielt, vhne einen Gegner zu haben, die ſchwierigſten Schach⸗ partien. Es iſt daher für Mr. Guppy eine Quelle nicht ge⸗ ringer Freude, zu finden, daß der neue Eingetretene immer und ewig über den Papieren in Jarndyce und Jarndyce brütet; denn er weiß gar wohl, daß aus Jarndyce und Jarndyce Nichts als Confuſion, und daß man damit nie in's Reine kommen kann. Seine Freude theilt ſich einem Dritten mit, der auf Kenge und Carboy's Burean gleich⸗ falls durch die langen Ferien hinſchlendert. Dieſer Dritte iſt der junge Smallweed. Ob der junge Smallweed(— methaphoriſch Small, ſowie auch Chick Weed*) genannt, um gleichſam in jocoſer Weiſe einen flüggen Vogel anzuzeigen—) je ein Knabe war, wird in Lincolns Inn ſtark bezweifelt. Er iſt jetzt *) Swell, ein feiner, geſchniegelter Herr;(auch) ein wohl gekleideter Gauner oder Induſtrieritter. **)„ Weed= Unkraut;— Chick Weed= Hühnerdarm; Small= klein;— Chick= Hühnchen, Kuͤch⸗ ein. Bleak Houſe. II. 1⁵ 226 eiwas unter fünfzehn, und ein altes Glied des Jus. Man erzählt ſich von ihm in ſcherzhafter Weiſe, er ſei in eine Dame in einem Cigarrenladen, in der Nähe von Chan⸗ cery Lane, verkeilt, und er habe um ihretwillen ein Ver⸗ hältniß mit einer andern Dame abgebrochen, mit der er ſchon ſeit einigen Jahren verſprochen geweſen. Der junge Smallweed iſt Londoner⸗ Fabrikat, von kleiner Statur, und von kleinen Geſichtszügen, allein es kann derſelbe dennoch vermittelſt ſeines ſehr hohen Hutes und beträchtlicher Form erſpäht werden. Ein Guppy zu werden, iſt der Gegenſtand ſeines Chrgeizes. Er kleidet ſich nach dem genannten Herrn(— von dem er begönnert wird—),— ſpricht wie er,— geht wie er,— mit einem Worte, nimmt ihn in Allem und Jedem zum Vor⸗ bild, und erblickt in ihm die höchſte Autorität. Er wird durch Mr. Guppy's beſonderes Vertrauen beehrt, und berathet ihn gelegentlich aus dem tiefen Schachte ſeiner Erfahrung in ſch wierigen Punkten des Privatlebens. Mr. Guppy hat ſchon den ganzen Morgen zum Fen⸗ ſter hinausgelegen, nachdem er der Reihe nach alle Boͤcke verſucht, und keinen von denſelben bequem gefunden, und zu verſchiedenen Malen den Kopf in den eiſernen Kaſten geſteckt hat, wahrſcheinlich, um ihn darin abzukühlen. Mr. Smallweed iſt ſchon zwei Mal abgeſandt wor⸗ den, um aufbrauſende Getränke herbeizuholen, und hat dieſelben ſchon zwei Mal in den zwei großen offieiellen Gläſern gemiſcht, und ſie mit dem Lineal umgerührt. Mr. Guppy ſtellt zu Mr. Smallweed's Beſtem den paradoxen Satz auf, daß, je mehr man trinke, um ſo größer auch der Durſt werde; und legt den Kopf auf den Fenſterſme in einem Zuſtande hoffnungsloſer Mat⸗ tigkeit. Während ſo Mr. Guppy in den Schatten von Old Square, Lincolns Inn, hinausſchaut, und die unerträgli⸗ chen Backſteine, ſowie den nicht minder unerträglichen wit fra 227 Moͤrtel muſtert, gewahrt er einen männlichen Backenbart der drunten aus dem Säulengang auftaucht, und in der Richtung ſeines Geſichtes ſich in die Höhe richtet. Zu gleicher Zeit dringt ein leiſer Pfiff durch die Inn hin, und es ruft eine gedämpfte Stimme: „Hip! Gup— py!“ „Ei,— Du wirſt es doch nicht ſein? Du willſt doch nicht—?“ ſagte Mr. Guppy, der durch den Pfiff aufgeweckt worden.„Small! da iſt Jobling!“ Nun ſtreckt auch Small den Kopf zum Fenſter hin⸗ aus, und nickt Jobling zu. „Wo kommſt Du her?“ fragt Mr. Guppy. „Von den Gemüſegärten drunten, bei Deptford. Ich kann es nicht länger aushalten. Ich muß Dienſte nehmen, muß Soldat werden.— Hör'mal! Ich wollte, Du lie⸗ heſt mir eine halbe Krone. Bei meiner Seele, ich bin hungrig.“ Jobling ſieht hungrig aus, und ebenſo ſcheint auch ſein Aeußeres anzuzeigen, daß er drunten in den Gemüſegär⸗ ten bei Deptford in Samen geſchoſſen. „Hör' ein Mal! Wirf mir eine halbe Krone heraus, wenn Du eine ſolche entbehren kannſt. Ich muß Etwas zu eſſen haben.“ „Willſt Du mit mir ſpeiſen?“ ſagt Mr. Guppy, das Geldſtück hinaus werfend, das Mr. Jobling geſchickt auffängt. „Wie lange würde ich da auszuhalten haben?“ ſagt Jobling. „Keine halbe Stunde. Ich bleibe hier nur noch ſo lange, bis der Feind geht,“ erwiedert Mr. Guppy, mit dem Kopfe eine Bewegung nach Innen machend. „Was für ein Feind?“ „Ein neu Angekommener, der bei uns practiziren will. Willſt Du warten?“ „Kannſt Du mir unterdeſſen Etwas zu leſen geben 7 fragt Mr. Jobling. 228 Smallweed meint, ob er nicht die Geſetzesliſte haben wolle. Mr. Jobling aber erklärt mit vielem Ernſte, daß er„einer ſolchen Lectüre jetzt nicht gewachſen ſei.“ „Du ſollſt die Zeitung bekommen,“ ſpricht Mr. Guppy, „er ſoll ſie Dir hinunter bringen. Es wäre aber beſſer, wenn Du Dich hier herum nicht ſehen ließeſt. Setz Dich auf unſere Treppe und lies. Es iſt ein ruhiger Ort.“ Jobling zeigt durch ein Kopfnicken an, daß er es verſtanden hat, und daß es ihm recht iſt. Der ſcharfſin⸗ nige Smallweed verſieht ihn mit der Zeitung, und läßt, von dem Treppenabſatze aus, gelegentlich ein Auge auf ihn fallen, um zu verhindern, daß er, des Wartens über⸗ drüſſig, vor der Zeit weggehe. Endlich zieht ſich der Feind zurück, und dann holt Smallweed Mr. Jobling herauf. „Wohlan, wie geht es Dir?“ ſagt Mr. Guppy, ihm die Hand ſchüttelnd. „So, ſo. Und wie geht es Dir?“ Mr. Guppy erwiedert, daß er es nicht eben loben könne, worauf Mr. Jobling die Frage wagt: Wie be⸗ findet Sie ſich à“ Dieß däucht aber Mr. Guppy eine gar große Frei⸗ heit, und er erwiedert daher: „Jobling, es gibt Saiten im menſchlichen Herzen— 4 Worauf Jobling ihn um Verzeihung bittet. „Sprich von allem Andern, nur von dem nicht!“ ſagt Mr. Guppy mit düſterer Freude über die ihm wie⸗ deifahrene Beleidigung.„Denn es gibt Saiten, Jo⸗ ling— Mr. Jobling bittet abermals um Verzeihung. Während dieſes kurzen Zwiegeſprächs hat der thätige Smallweed, der ſich ebenfalls bei dem Eſſen betheiligen ſoll, mit Buchſtaben, wie ſie in Gerichtskanzleien üblich ſind, auf ein Stück Papier geſchrieben:„In einem Au⸗ genblicke wieder da.“ 229 Dieſe Anzeige für Alle, ſo ſie angehen mag, ſteckt er in die Brieflade. Dann ſetzt er den hohen Hut auf, genau in dem Neigungswinkel, in dem Mr. Guppy den ſeinigen trägt, und benachrichtigt ſeinen Patron, daß ſie ſich jetzt„ſchieben“ können. Sie verfügen ſich jetzt demgemäß nach einem in der Nähe liegenden Speiſehauſe, das, wie noch andere deſ⸗ ſelben Schlags unter den Stammgäſten unter dem Na⸗ men Slap⸗Bang bekannt iſt; wo die Kellnerin, ein üppi⸗ ges, junges Frauenzimmer in den Vierzigen, auf den em⸗ pfänglichen Smallweed, wie man glaubt, einigen Ein⸗ druck gemacht hat,— auf den kleinen Smallweed, von dem bemerkt werden kann, daß er ein in Zauberkünſten erfahrener Wechſelbalg iſt, für den Jahre Nichts ſind. Als frühreifer Burſche iſt er im Beſitze von Jahrhunder⸗ ten eulenhafter Weisheit. Wenn er je ein Mal in einer Wiege gelegen, ſo ſcheint es, daß er in einem Fracke da⸗ rin gelegen haben müſſe. Er hat ein altes, altes Auge, ja, das hat Smallweed; und er trinkt und raucht nach Affenart;— und ſein Hals iſt ſteif in ſeinem Halsband: und nie läßt er ſich anführen;— und er weiß Alles, jeden Pfifferling, was es immer ſein mag. Mit einem Wort, während ſeiner Erziehung ſind ihm Recht und Bil⸗ ligkeit ſo treffliche Ammen geweſen, daß er eine Art foſ⸗ ſilen Kobolds geworden iſt, und um deſſen irdiſche Exi⸗ ſtenz zu erklären, ſagt man ſich auf den oͤffentlichen Bu⸗ reaus, ſein Vater ſei John Doe, und ſeine Mutter das einzige weibliche Glied der Doe'ſchen Familie geweſen; und ferner ſagt man ſich, ſeine erſten Knabenröckchen ſeien aus einem blauen Sacke gemacht geweſen. Mr. Smallweed geht zuerſt in das Speiſehaus hin⸗ tein, unberührt von der verführeriſchen Ausſtellung von künſtlich weiß gemachtem Blumenkohl und Geflügel, von grünen Körben mit Erbſen, von kühl blühenden Gurken, und für den Bratſpieß bereiten Schlegeln, die man am Fenſter erblickt. Man kennt ihn in dem Speiſehauſe, — 230 und iſt gegen ihn zuvorkommend. Er hat ſeinen Lieb⸗ lingstiſch, belegt alle Blätter, und beſtürmt kahlköpfige Patriarchen, welche dieſelben länger als zehn Minuten darauf noch in Händen haben. Es nützt Nichts, ihn mit einem kleinen„Brode“ in Verſuchung zu bringen; er muß eines von voller Größe haben; auch begnügt er ſich nicht mit dem Fleiſche von dem erſten beſten Schlegel: er will das allergrößte und das allerbeſte Stück haben. Und was die Sauce betrifft, ſo iſt er von Diamant. Seiner Elfenmacht ſich bewußt, und ſeiner gefürch⸗ teten Erfahrung ſich unterwerfend, zieht Mr. Guppy ihn zu Rathe in der Wahl des heutigen Schmauſes, indem er ihm einen fragenden Blick zuwirft, während die Kell⸗ nerin den Catalog der Speiſen herſagt, und ſpricht:„Was wollen Sie, Chick?“ Der erzſchlaue Chick zieht„Kalbfleiſch mit Schinken und welſchen Bohnen“ vor, und ſagt mit einem unirdi⸗ ſchen Blinzen ſeines ehrwürdigen Auges:„Und vergeſſen Sie die Fülle nicht, Polly!“ Worauf Mr. Guppy und Mr. Jobling das Gleiche beſtellen. Hiezu kommen noch die Pintenkrüge von halbſtarkem Bier. In einem Augenblicke kehrt die Kellnerin zurück und trägt anſcheinend ein Modell vom Thurm zu Babel; in Wirklichkeit aber iſt es nichts Anderes, als ein Haufen Teller und flacher zinnerner Deckel. Mr. Smallweed gefällt das, was ihm vorgeſetzt wird, ſein ſchlaues Auge füllt ſich mit intelligentem Wohlwol⸗ len, und er blinzt der Kellnerin zu. Dann ſtillt das ge⸗ richtliche Triumvirat ſeinen Hunger, und löſcht ſeinen Durſt, inmitten eines beſtändigen Hereinkommens und Hinaus⸗ gehens, und Herumrennens und Tellergeraſſels, und des Auf⸗und Ab⸗Polterns der Maſchine, welche die ſchönen und guten Portionen Fleiſch aus der Küche herauf be⸗ fördert, und eines ſchrillen Hinabſchreiens vermittelſt der Sprachroͤhre, wenn weitere ſchoͤne und gute Portionen verlangt werden, um inmitten einer ſchrillen Berechnung — 231 der ſchönen und guten Portionen, die nun verſchlungen ſind, und inmitten des Dampfens he iſer, zerſchnittener und unzerſchnittener Schlegel, ſowie endlich inmitten ei⸗ ner ziemlich heißen Atmosphäre, in der die beſchmutzten Meſſer und Tiſchtücher von ſelbſt in Eruptionen von Fett und Bierflecken auszubrechen ſcheinen. 1 Mr. Jobling iſt feſter zugeknöpft, als bloßer Putz erheiſchen möchte. Sein Hut zeigt an den Rändern einen ganz eigenthümlichen Glanz, und es möͤchte ſcheinen, daß derſelbe ein Lieblingsſpaziergang für Schnecken geweſen. Daſſelbe Phänomen zeigt ſich an einigen Theilen ſeines Rockes, und insbeſondere an den Nähten. Er hat das herabgekommene Ausſehen eines Herrn, der ſich gerade nicht in den beſten Umſtänden befindet,— ſelbſt ſein leichter Backenbart hat etwas Schäbiges und Welkes. Er entwickelt einen ſo kräftigen Appetit, daß man unwillkürlich auf den Gedanken kommt, er müſſe in der letzten Zeit nicht eben den beſten Tiſch gehabt haben. Seine Portion Kalbfleiſch und Schinken iſt in ſo kurzer Zeit vertilgt, daß ſeine Kameraden noch nicht die Hälfte der ihrigen verzehrt haben. Guppy ſchlägt ihm daher vor, er ſolle noch eine Portion verlangen. Worauf Mr. Jobling antwortet: „Ich danke Dir, Guppy; ich weiß wirklich nicht, ob ich nicht noch eine zweite eſſen ſoll.“ Es wird eine zweite Portkion gebracht, und Mr. Job⸗ ling entwickelt abermals einen formidablen Appetit. Mr. Guppy nimmt von Zeit zu Zeit ſchweigend Notiz von ihm, bis er mit ſeiner zweiten Portion zur Hälfte fertig iſt, und einen Augenblick inne hält, um ſich an ſeinem— gleichfalls erneuerten— Pintenkruge von halbſtarkem Biere zu„verluſtiren“, und die Beine aus⸗ ſtreckt, und ſich vergnügt die Hände reibt. Mr. Guppy ſagt, als er ihn in dieſem Uebermaße von wonniger Behaglichkeit ſieht: 2³²2 „Jetzt biſt Du wieder ein Kerl, Tony!“ „Noch nicht ganz, noch nicht ganz,“ ſpricht Mr. Jobling.„Sage vielmehr, ich fange jetzt gerade an, mich wieder als Menſch zu fühlen.“ „Willſt Du noch Gemüſe? Spargeln, Erbſen? Sommerkohl?“ „Ich danke Dir, Guppy,“ antwortet Mr. Jobling. „Ich weiß wirklich nicht, ob ich nicht noch Sommerkohl eſſen ſoll.“ Es wird Sommerkohl beſtellt, mit dem ſarkaſtiſchen Zuſatze— von Seiten Mr. Smallweed's:—„Aber ohne Wegſchnecken, Polly!“ 3 Cs ſteht nicht lange an, ſo erſcheint der Sommerkohl. „So eben war ich noch ein geradezu auf die Welt gekommenes Kind; jetzt ſpüre ich ſchon, wie ich wachſe, Guppy,“ ſpricht Mr. Jobling, mit Meſſer und Gabel wacker arbeitend.— „Freut mich, das zu hoͤren.“ „Soll ich die Wahrheit ſagen, ſo bin ich jetzt gerade in ein Alter von zehn bis zwanzig Jahren getreten,“ ſpricht Mr. Jobling. Nun ſpricht er keine Sylbe mehr, bis er mit ſeiner Arbeit fertig iſt, was faſt in demſelben Augenblicke ge⸗ ſchieht, wo die Herren Guppy und Smallweed mit der ihrigen zu Ende kommen. So gelingt es ihm, im Wett⸗ laufe den Sieg davon zu tragen, und, ſelne beiden Kame⸗ raden leicht überflügelnd, ihnen um eine Portion Kalbfleiſch und Schinken, ſo wie um eine Portion Sommerkohl voranzurennen.. „Und nun, Small,“ ſagt Mr. Guppy,„was ſchlägſt Du als Backwerk vor?“ 4 „Mark⸗Puddings!“ antwortet Mr. Smallweed auf der Stelle. „Ah, ah!“ rief Mr. Jobling mit ſchlauem Blicke. „Ihr ſeid nun da, ſeid Ihr? Danke Dir, Guppy, ich 233 weiß nicht, ob ich nicht auch einen Mark⸗Pudding eſſen oll 44 Cs ſteht nicht lange an, ſo werden drei Mark⸗ Puddings ſervirt, worauf Mr. Jobling mit glücklicher Laune hinzufügt, daß er ſchnell volljährig werde. Auf die genannten Mark⸗Puddings folgen nun, auf Mr. Smallweed's Beſtellung,„drei Cheſhires“*), ſo wie auf letztere„drei kleine Rums“. Nachdem dieſer Gipfel des Schmauſes glücklich er⸗ reicht iſt, legt Mr. Jobling ſeine Beine auf den mit Teppichzeug überzogenen Sitz, lehnt ſich gegen die Wand, und ſagt von ſeiner Ecke aus: „Nun bin ich ein erwachſener Mann, Guppy. Nun bin ich in den Jahren der Reife angekommen.“ „Was hältſt Du jetzt,“ ſpricht Mr. Guppy,„vom— Du haſt doch Nichts dagegen, Smallweed?“ „Nicht das Geringſte. Ich mache mir das Ver⸗ gnügen, ſeine Geſundheit zu trinken.“ „Ich trinke auf Dein Wohl!“ ſpricht Mr. Smallweed. „Ich wollte ſagen: was hältſt Du jetzt,“ fährt Mr. Guppy fort,„vom Soldatenleben?“ „Je nun, mein lieber Guppy, was ich nach dem Eſſen davon halten mag,“ erwiedert Mr. Jobling,„iſt Eines, und was ich vor dem Eſſen davon halten mag, iſt etwas Anderes. Und doch frage ich mich ſelbſt jetzt, nach dem Eſſen: Was ſoll ich thun? Was ſoll ich anfangen? Wie ſoll ich mich nähren? IIl fo manger, weißt Du,“ ſetzt Mr. Jobling hinzu, das Wort dabei ſo ausſprechend, wie wenn daſſelbe ein nothwendiges Geräth in einem engliſchen Stalle bedeutete.„III fo manger, ſo lautet das fran⸗ zoͤſiſche Sprichwort, und manger iſt für mich ſo noth⸗ wendig, wie für einen Franzoſen, oder vielleicht noch mehr.“ Mr. Smallweed iſt entſchieden der Anſicht„noch weit mehr.“ *) Cheſhires= Cheſhirekäſe. 234 „Wenn mir,“ fährt Jobling fort,„damals noch Jemand geſagt hätte, als wir die kleine luſtige Partie nach Lincolnſhire mit einander machten, Guppy, und als wir hinüberfuhren, um das Haus zu Caſtle⸗Wold zu ſehen—“ Mr. Smallweed verbeſſerte ihn„Chesney⸗Wold.“ „Chesney⸗Wold.— Ich danke meinem ehrenwerthen Freunde für jene heiteren Stunden.— Wenn mir damals noch Jemand geſagt hätte, daß ich in jetzigem Augenblicke ſo übel dran ſein würde, wie es wirklich der Fall iſt, ſo würde ich ihm Eins verſetzt,— ſo würde ich ihm Eins an den Kopf gegeben haben,“ ſagt Mr. Jobling, mit einer Miene deſperater Reſignation, ein Bischen mit Waſſer vermiſchten Rums zu ſich nehmend. „Und doch, Tony, warſt Du damals auf dem„Holz⸗ wege“, remonſtrirt Mr. Guppy.„Du ſpracheſt im Gig von nichts Anderem.“ „Guppy,“ ſagt Mr. Jobling,„ich will es nicht läugnen. Ich war auf dem„Holzwege“. Aber ich glaubte, daß die Sache ſich machen würde.“ „Ich hegte die zuverſichtliche Erwartung, daß ſich die Sache machen, und daß Alles noch recht werden würde,“ ſpricht Mr. Jobling mit einiger Unbeſtimmtheit im Aus⸗ drucke und vielleicht auch in der Bedeutung.„Aber ich täuſchte mich. Die Sache machte ſich nicht. Und als es dahin kam, daß Creditoren auf dem Bureau ganze Reihen bildeten, und daß Leute ſich wegen ſchmutziger Kleinig⸗ keiten, wegen ein Paar entlehnter Shillinge, beklagten, da hatte es mit der Connexion ein Ende. Und ebenſo auch mit jeder neuen profeſſionellen Connexion; denn wollte ich morgen ſagen, man ſolle da oder dort Erkundi⸗ gungen über mich einziehen, ſo würde der Geſchichte Er⸗ wähnung gethan werden und ich würde dann ein ſchönes Prädikat bekommen. Was ſoll ich nun anfangen? Ich bin den Leuten aus dem Wege gegangen und habe in der Nähe der Gemüſegärten wohlfeil gelebt; was nützt es 82 235 aber, wohlfeil zu leben, wenn man kein Geld hat 2 Man könnte ebenſo gut theuer leben.“ „Beſſer!“ meint Mr. Smallweed. „Gewiß. Es iſt die faſhionable Weiſe; und Faſhion und Backenbart ſind ſtets meine ſchwache Seite geweſen, und es darf das Jedermann wiſſen,“ ſpricht Mr. Jobling. „Es ſind dieſelbe großen Schwächen,— G— verdamme mich, Sir, große Schwächen. Wohlan!“ fährt Mr. Jobling fort, nachdem er ſeinem mit Waſſer vermiſchten Rum einen mißtrautſchen Beſuch gemacht,„was kann un, ich frage Euch, Anderes thun, als mich anwerben laſſen?“ Mr. Guppy läßt ſich näher auf den Gegenſtand ein, um auseinanderzuſetzen, was man nach ſeiner Meinung thun kann. Seine Manier iſt die ernſt eindringliche Manier eines Menſchen, der ſich im Leben durch nichts Anderes compromittirt hat, als dadurch, daß er das Opfer eines zarten Herzenskummers geworden. „Jobling,“ ſpricht Mr. Guppy,„ich und unſer gegenſeitiger Freund Smallweed—“ Mr. Smallweed bemerkt hier beſcheiden:„Gentlemen Beide!“ und trinkt. „Haben mehr denn ein Mal über dieſen Gegenſtand ein Bischen mit einander geſprochen, ſeitdem Du—“ „Sag' es nur heraus: Du wilſſt ſagen, ſeitdem ich fortgeſchickt worden!“ ruft Mr. Jobling bitter.„Sag' es nur heraus, Guppy! Du willſt es doch ſagen.“ „N— nein, n— nein! Seitdem Du die Inn ver⸗ laſſen,“ fällt Mr. Smallwed in zarter Weiſe ein. „Seitdem Du die Inn verlaſſen, Jobling,“ ſagt Mr. Guppy;„und ich habe gegen unſern gegenſeitigen Freund Smallweed eines Plans Erwähnung gethan, den ich in letzter Zeit Dir vorſchlagen wollte. Du kennſt doch Snagsby, den Schreibmaterialienhändler?“ , ch weiß, daß es einen ſolchen Schrelbmaterialien⸗ händler gibt,“ erwiedert Mr. Jobling.„Er war nicht 236 unſer Schreibmaterialienhändler, und ich bin mit ihm uicht bekannt.“ „Er iſt der unſerige, Jobling, und ich kenne ihn,“ entgegnet Mr. Guppy.„Wohlan, mein Junge! Ich bin in neueſter Zeit mit ihm noch beſſer bekannt geworden; es haben einige zufällige Umſtände mich mit ihm zu⸗ ſammengeführt, wo ich ihn in ſeinem Privatleben kennen gelernt habe. Dieſe Umſtände brauche ich Dir hier nicht näher auseinanderzuſetzen. Es mögen dieſelben mit einem Gegenſtande zuſammenhangen oder nicht zuſammenhangen, der ſeinen Schatten auf meine Exiſtenz geworfen haben mag oder nicht.“ Da es Mr. Guppy's ärgerliche Art und Weiſe iſt, ſeine intimeren Freunde in ſeiner prahleriſchen, jammer⸗ vollen Weiſe zur Beſprechung dieſes Gegenſtandes zu ver⸗ locken, und in demſelben Augenblicke, wo ſie den ſelben berühren, mit jener ſchneidenden Strenge über ſie herzu⸗ fallen, die er entwickelt, ſobald die Saiten des menſch⸗ lichen Herzens in Frage kommen; ſo gehen Mr. Jobling und Mr. Smallweed fein nicht in die Falle, ſondern ſchweigen. „Solche Dinge koͤnnen ſein,“ wiederholt Mr. Guppy, „oder aber mögen ſie nicht ſein. Sie bilden keinen Theil des Falles. Es genügt, wenn ich erwähne, daß ſowohl Mr. als Mrs. Snagsby von dem beſten Willen beſeelt iſt, mir einen Gefallen zu erweiſen; ſo wie, daß Snagsby, ſobald die Geſchäfte gehen, eine Maſſe von Copialien beſorgt, die er außer dem Hauſe fertigen läßt. Er hat alle Copialien Tulkinghorn's zu beſorgen, und nebenbel ein herrliches Geſchäft. Ich glaube, daß, wenn unſer gegenſeitiger Freund Smallweed als Zeuge auftreten müßte, er dieß beweiſen könnte!“ Mr. Smallweed nickt mit dem Kopfe, und ſcheint es 4 nicht erwarten zu können, bis man ihn ſchwören läßt. „Nun, meine Herren von der Jury,“ ſpricht Mr. Guppy,„ich will ſagen, nun, Jobling, wirſt Du mir die 237 dielleicht ſagen, es ſei dieß etwas Armſeliges, und naͤhre ſeinen Mann nur kümmerlich. Ich gebe dieß zu. Aber es iſt doch beſſer als Nichts, und beſſer, als wenn Du Dich anwerben läſſeſt. Du brauchſt Zeit. Es muß über die letzten Geſchichten einige Zeit weggehen. Du könnteſt während dieſer Zeit noch weit übler fahren, als wenn Du für Snagsby ſchreibſt.“ Mr. Jobling iſt im Begriffe, ſeinen Freund zu unter⸗ brechen; da thut ihm der ſcharfſichtige Smallweed mit einem trockenen Huſten und den Worten:„Hem! Shak⸗ ſpeare!“ Einhalt. „Es hat die Sache noch eine andere Seite, Job⸗ ling,“ ſpricht Mr. Guppy.„Ich habe Dir die erſte entwickelt, und komme nun zur zweiten. Du kennſt doch Krook, den Kanzler,— drüben über der Lane? Komm, Jobling, komm!“ ſagt Mr. Guppy in ſeinem ermunternden Kreuzverhörtone,„ich glaube, Du kennſt Krook, den Kanzler, drüben über der Lane!“ „Ich kenne ihn von Geſicht,“ ſpricht Me. Jobling. „Du kennſt ihn alſo von Geſicht. Ganz gut. Und Du kennſt auch die kleine Flite?“ „Es kennt ſie Jedermann,“ antwortet Mr. Jobling. „Es kennt ſie Jedermann. Recht gut. Nun aber iſt es in letzter Zeit eine meiner Pflichten geweſen, an die Flite ein gewiſſes Wochengeld zu bezahlen, indem ich den Betrag ihrer woͤchentlichen Hausmiethe davon abzog; und das Geld habe ich, in Folge erhaltener Verhaltungsbe⸗ fehle, an Krook ſelbſt bezahlt,— gewoͤhnlich in ihrem Beiſein. „Dieß hat mich mit Krook in Verbindung gebracht, und ſo habe ich ſein Haus, ſo wie ſeine Gewohnheiten kennen gelernt. Ich weiß, daß er ein Zimmer zu vergeben hat. Da kannſt Du um eine Bagatelle wohnen, unter irgend einem Namen, der Dir gefällt;— und ſo ruhig, wie wenn Du hundert Stunden weit von hier wäreſt. Krook wird keine Fragen an Dich ſtellen und wird nichts 238 Naͤheres über Dich wiſſen wollen; auch würde er, auf ein Wort von mir, Dich als Miethmann annehmen,— noch eh' es auf der Uhr ſchlägt, wenn Du willſt. „Und dann will ich Dir noch'was ſagen, Jobling,“ ſpricht Mr. Guppy, der plötzlich die Stimme gedämpft hat und wieder vertraulich geworden iſt,„er iſt ein curioſer alter Kerl, der immer in einer Maſſe von Papieren herumſtoͤbert, und wie beſeſſen darauf los arbeitet, um ſich ſelbſt ſchreiben und leſen zu lehren, ohne daß es ihm dabei gelänge, auch nur einen Schritt voranzukommen, wie mir ſcheint. Er iſt ein höchſt außerordentlicher, alter Kerl, ich kann es Dir ſagen. Ich weiß nicht, ob es nicht der Mühe werth wäre, ihn ein Bischen zu ſiudiren.“ „Du willſt doch nicht ſagen?“ hebt Mr. Jobling an. „Ich will damit ſagen,“ erwiedert Mr. Guppy, die Achſeln mit geziemender Beſcheidenheit zuckend,„daß ich aus dem Kerl nicht klug werden kann. Ich berufe mich auf unſern gegenſeitigen Freund Smallweed, ob er mich ſchon hat die Bemerkung ausſprechen hören, oder nicht, daß ich aus dem Kerl nicht klug werden koͤnne?“ Mr. Smallweed gibt das bündige Zeugniß ab:„Ein Paar Mal!“ „Ich habe Etwas vom Berufe und Etwas vom Leben geſehen, Tony,“ ſpricht Mr. Guppy,„und es iſt ſelten, daß ich aus einem Menſchen nicht klug werden kann:— verſteht ſich, mehr oder minder. Aber ein ſo alter, verſteckter, ſchlauer, geheimnißvoller Kerl iſt mir noch nie vorgekommen. Und dabei muß ich Dir bemerken, daß ich nicht glaube, daß er auch nur ein Mal nüchtern iſt. Nun aber muß er, weißt Du, ſteinalt ſein; auch hat er keine Seele um ſich, und ſoll doch unermeßlich reich ſein; und ſei es nun, daß er ein Schmuggler, oder ein Diebshehler, oder ein unprivilegirter Pfandverleiher, oder ein Geldjude iſt,— welches Alles ich ſchon zu verſchie⸗ denen Zeiten für wahrſcheinlich gehalten habe;— immer⸗ hin möͤchte es ſich der Mühe lohnen, ſich in eine Art un tri 239 Bekanntſchaft mit ihm einzulaſſen. Ich ſehe nicht ein, warum Du es nicht thun ſollteſt, wenn ſonſt alles Uebrige paßt.“ Mr. Jobling, Mr. Guppy, und Mr. Smallweed lehnen Alle den Elbogen auf den Tiſch und ſchauen, das Kinn auf der Hand, nach der Decke empor. Nach Verfluß von einiger Zeit trinken ſie Alle, lehnen ſich langſam zurück, ſtecken die Hand in die Taſche, und blicken einander an. „Beſäße ich nur die Energie, die ich einſt beſaß, Tony!“ ſpricht Mr. Guppy mit einem Seufzer.„Aber es gibt Saiten im menſchlichen Herzen—“ Den Reſt des troſtloſen Gedankens in Rum und Waſſer ausdrückend, ſchließt Mr. Guppy damit, daß er das Abenteuer Tony Jobling überläßt, und ihn benach⸗ richtigt, daß während der Ferien, und ſo lange die Ge⸗ ſchäfte ſchlecht gingen, ſeine Boͤrſe ihm zu Gebote ſlünde, bis„zum Belauf von drei, vier, ja ſogar fünf Pfund.“ „Denn,“ ſetzt Mr. Guppy mit Emphaſe hinzu,„nie ſoll geſagt werden, daß William Guppy ſeinem Freunde den Rücken gekehrt!“ 3 Dieſer letztere Theil des Vorſchlags findet ſo vlelen Anklang, daß Mr. Jobling gerührt ſpricht: „Guppy, Bruderherz, Deine Fauſt her!“ Mr. Guppy hält das Geforderte hin, und ſpricht: „Jobling, mein Junge, da haſt ſie!“ Worauf Mr. Jobling antwortet: „Guppy, wir ſind nnn ſchon ſeit Jahren ein Herz und eine Seele!“ Und Mr. Guppy entgegnet: „Jobling, ja, das ſind wir.“ Dann ſchütteln ſie einander die Hand, und Mr. Job⸗ ling ſetzt in gefühlvoller Weiſe hinzu: „Danke Dir, Guppy, ich weiß nicht, ob ich, um unſerer alten Bekanntſchaft willen, nicht noch ein Glas trinken ſoll?“ 24⁴0 „Krook's letzter Miethsmann iſt dort geſtorben,“ be⸗ merkt Mr. Guppy beiläufig. „Wirklich?“ ſpricht Mr. Jobling. „Der Ausſpruch der Todtenſchauerjury lautete auf „zufälligen Tod.“ Es wird Dir doch das Nichts machen?“ „Nein,“ ſagt Mr. Jobling,„es macht mir Nichts; naber meinetwegen hätte er anderswo ſierben können. Es i*ſt verteufelt eurios, daß er vorher nicht ausgezogen, und daß er gerade in meinem Logis geſtorben iſt!“ Mr. Jobling iſt ganz böſe über dieſe Freihelt, die ſich der Verſtorbene genommen, und kommt mehrere Male darauf zurück mit folgenden und ähnlichen Bemerkungen: „Ich ſollte denken, daß es Orte genug gibt, wo ein Menſch ſterben kann!’“—„Es hätte ihm gewiß nicht gefallen, wenn ich in ſeinem Logis geſtorben wäre!“ Indeſſen iſt der Vertrag virtuell abgeſchloſſen, und Mr. Guppy ſchlägt daher vor, den zuverläſſigen Small⸗ weed abzuſchicken, um Gewißheit darüber zu erlangen, ob Mr. Krook zu Hauſe iſt, da, wenn Letzteres der Fall, ſie die Unterhandlung unverweilt zu Ende führen koͤnnen. Da Mr. Jobling ſeine Einwilligung dazu gibt, ſo ſteckt ſich Smallweed unter den bekannten hohen Hut, und trägt denſelben in Guppy'ſcher Manier aus dem Speiſe⸗ haus hinaus. Es ſteht nicht lange an, ſo kehrt er mit der Nachricht zurück, daß Mr. Krook zu Hauſe ſei, und daß er ihn durch die Ladenthüre hindurch geſehen habe. Es habe derſelbe in dem Hintertheile ſeines Ladens ge⸗ ſeſſen und„wie ein Uhr“ geſchlafen. „Wenn das iſt, ſo will ich bezahlen,“ ſagt Mr. Guppyz;„und dann gehen wir zu dem alten Kerl hin. Small, wie viel beträgt die Rechnung?“ Mr. Smallweed, der ſeine Augenwimper bloß ein Mal zu bewegen braucht, um die Kellnerin herbeizuzaubern, antwortet urplötzlich, wie folgt: „Vier Portionen Kalbfleiſch und Schinken macht drei, und vier Kartoffeln macht drei und vier, und eine enſch llen, und nall⸗ igen, Fall, nen. 2 ſo und eiſe⸗ mit und abe. ge⸗ Mr. hin. ein ern, icht eine 241 Portion Sommerkohl macht drei und ſechs, und drei Mark⸗ puddings macht vier und ſechs, und ſechs Brode macht fünf, und drei Cheſhires macht fünf und drei, und vier Pinten halbſtarken macht ſechs und drei, und vier kleine Rums macht acht und drei, und drei Polly's macht acht und ſechs. Acht und ſechs, Polly; und hier iſt ein halber Sovereign: wir bekommen alſo noch achtzehn Pence heraus!“ Durch dieſe ſtaunenswerthen Berechnungen ganz und gar nicht aufgeregt, verläßt Smallweed ſeine Freunde mit einem kühlen Kopfnicken, und bleibt zurück, um, wenn die Gelegenheit günſtig, einige bewundernde Notiz von Polly zu nehmen, ſo wie um die Tagblätter zu leſen, die, im Verhältniß zu ihm, wenn er ſeines„Deckels“ baar iſt, ſo ungeheuer groß ſind, daß, wenn er die Times vor ſich hinhält und ſein Auge über die Spalten hin⸗ ſchweifen läßt, er ſich zur Nachtruhe begeben und unter den Betttüchern begraben zu haben ſcheint. Mr. Guppy und Mr. Jobling begeben ſich nach dem Lumpen⸗ und Flaſchenladen, wo ſie Krook finden, der immer noch wie„ein Uhr“ ſchläft, das heißt, mit auf der Bruſt ruhendem Kinne ſchnarchend athmet, und für jeden von Außen kommenden Laut, ja ſelbſt für ſanſtes Schütteln unempfindlich iſt. Neben ihm, auf dem Tiſche, unter dem gewoͤhnlichen Gerümpel, ſtehen eine leere Geneverflaſche und ein Glas. Die ungeſunde Luft iſt von dieſem Ge⸗ tränke ſo geſchwängert, daß ſelbſt die grünen Augen der Katze auf dem Brette, während ſie ſich oͤffnen und ſchließen, und die Beſuchenden anglänzen, betrunken ausſehen. „Auf, auf!“ ruft Mr. Guppy, die ſchlaffe Geſtalt des alten Mannes noch ein Mal rüttelnd.„Mr. Krook! Halloh, Sir!“ Allein es moͤchte ebenſo leicht ſcheinen, ein Bündel alter Kleider aufzuwecken, worin eine ſpirituöͤſe Hitze ſchmielt.„Hat man je eine ſolche Betäubung geſehen, wie die iſt, in die er zwiſchen Trinken und Schlafen ver⸗ ſinkt?“ ſagt Mr. Guppy. Bleak Houſe. II. 16 242 „Wenn das ſein regelmäßiger Schlaf iſt,“ erwiedert den Jobling etwas unruhig,„ſo wird derſelbe an einem dieſer ſche Tage lange Zeit dauern, glaube ich.“ „Er gleicht immer mehr einer Ohnmacht als einem geſ Schläfchen,“ ſagt Mr. Guppy, ihn abermals rüttelnd. zu „Halloh, Euer Lordſchaft! Ei, man koͤnnte unterdeſſen ſeinen Laden fünfzig Mal ausſtehlen! Machen Sie doch die Augen auf!“ Sie Endlich, nach vielem Rütteln, Schütteln und Rufen, macht er ſie auf, aber ohne die Beſuchenden oder irgend einen andern Gegenſtand zu ſehen zu ſcheinen. Obgleich Fla er ein Bein über das andere legt, und die Hände faltet, ſie, und ſeine vertrockneten Lippen mehrere Male ſchließt, und öffnet, ſcheint er doch in aller und jeder Hinſicht ſo un⸗ ſchie empfindlich, wie zuvor. gene „Er iſt auf jeden Fall noch am Leben!“ ſpricht Mr. Guppy.„He, Lordkanzler, wie geht es? Ich habe einen den Freund mitgebracht, Sir, der gerne ein kleines Geſchäſt erla mit Ihnen abmachen möchte.“ Der alte Mann ſitzt immer noch ganz bewußtlos Ton da, wobei er mit ſeinen trockenen Lippen zu wiederholten erlat Malen ſchmatzt. Nach Verfluß von einigen Minuten Sie macht er einen Verſuch, aufzuſtehen. Sie helfen ihn„zu auf, und er taumelt gegen die Wand, und ſtiert ſie an. penn „He, Mr. Krook, wie geht's?“ ſagt Mr. Guppy etwas verblüfft.„Wie geht's, wie geht's, Sir? Sie auf, ſehen ja bezaubernd ſchön aus, Mr. Krook. Hoffentlich ſeine befinden Sie ſich ſo ziemlich wohl?“ hina Der alte Mann ſchwingt ſich, einen erfolgloſen Schlag Flaſ gegen Mr. Guppy, oder gegen Nichts führend, ſchwach in di herum, und kommt mit dem Geſichte gegen die Wand. und In dieſem Zuſtande verharrt er ein Paar Minuten; und dann taumelt er den Laden hinab, bis zur Vorderthüre geſch hin. Die Luft, die Bewegung im Hofe, die Zeit, oder hat, die Vereinigung aller dieſer Dinge hat die Wirkung, daß ver. er wieder zu ſich kommt. Er kommt, ziemlich feſt auff viedert dieſer einem ttelnd. rdeſſen e doch Rufen, irgend gleich faltet, t, und ſo un⸗ t Mr. einen eſchäft ußtlos holten inuten ihm an. Gupph Sie entlich Schlag hwach Wand. ; und thüre oder , daß t auf 243 den Beinen, zurück, ſetzt ſeine Pelzmütze ſich zurecht, und ſchaut die Anweſenden ſcharf an. „Ihr Diener, meine Herren: ich habe ein Bischen geſchlummert. Hi! Ich bin bisweilen nicht ganz leicht zu wecken.“ „Es ſcheint wirklich ſo, Sir,“ erwiedert Mr. Guppy. „Wie? Haben Sie verſucht, es zu thun,— haben Sie das?“ ſagt der argwöhniſche Krook. „Oh, nur ſo ein Bischen!“ erklärt Mr. Guppy. Während der alte Mann ſein Auge auf der leeren Flaſche ruhen läßt, nimmt er ſte in die Hand, unterſucht ſie, und füürzt ſie langſam um. „Ich ſage!“ ruft er, wie der Poltergeiſt in der Ge⸗ ſchichte.„Es hat ſich hier Jemand Freiheiten heraus⸗ genommen!“ „Ich verſichere Sie, daß wir die Flaſche ſo gefun⸗ den haben!“ ſagt Mr. Guppy.„Würden Sie mir wohl erlauben, ſie Ihnen wieder füllen zu laſſen?“ „Et, freilich erlaube ich das!“ ruft Krook in einem Tone, der ein Uebermaß von Freude verräth.„Gewiß erlaube ich das! Sprechen Sie doch nicht davon! Laſſen Sie ſich die Flaſche gleich neben an— im Wirthshauſe „zu den Sols Arms“— mit des Lordkanzlers Vierzehn⸗ penny⸗Genever füllen. Sie kennen mich dort ſchon!“ Er drängt die leere Flaſche Mr. Guppy dergeſtalt auf, daß dieſer Herr, mit einer Kopfverbeugung gegen ſeinen Freund, das Pfand annimmt, zur Ladenthüre hinauseilt, und einen Augenblick darauf mit der gefüllten Flaſche wieder hereineilt. Der alte Mann nimmt dieſelbe in die Arme, wie wenn ſie eine vielgeliebte Enkelin wäre, und hätſchelt und ſtreichelt ſie zärtlich. „Aber hoͤren Sie ein Mal!“ flüſtert er mit hinauf⸗ geſchraubten Augen, nachdem er das Getränke gekoſtet hat,„dieß iſt nicht des Lordkanzlers Vierzehnpenny⸗Gene⸗ ver. Dieß iſt Achtzehnpenny⸗Genever!“ 244 „Ich glaubte, daß Sie dieſen lieber trinken würden,“ ſagt Mr. Guppy. „Sie ſind ein Edelmann, Sir!“ entgegnet Krook, nachdem er das Getränk noch ein Mal gekoſtet,— und ſein heißer Athem ſcheint wie eine Flamme an ſie zu dringen.„Sie ſind ein Baron des Landes.“ Dieſen günſtigen Augenblick wahrnehmend, ſtellt Mr. Guppy ſeinen Freund unter dem improviſirten Namen „Mr. Weevle“ vor, und ſetzt den Zweck ihres Beſuchs auseinander. 1 Krook nimmt ſich, mit der Flaſche unter dem Arm — er kommt nie über einen gewiſſen Grad der Trunken⸗ heit und der Nüchternheit hinaus,— ſo viel Zeit, um den neuen Miethmann, der ihm vorgeſchlagen wird, zu muſtern; und es ſcheint derſelbe ihm auch zu gefallen. „ Sie moͤchten wohl das Zimmer ſehen, junger Mann ſpricht er.„Oh, es iſt ein gutes Zimmer! Iſt getüncht worden. Iſt mit weicher Seife und mit Soda gereinigt und geputzt worden. Hi! Es iſt die doppelte Hausmiethe werth, wenn ich auch ganz von meiner Geſellſchaft ab⸗ ſehe, die Sie haben können, wenn Sie wollen, und von einer ſolchen Katze, um die Mäuſe entfernt zu halten!“ Das Zimmer auf dieſe Weiſe anpreiſend, führt der alte Mann ſie die Treppe hinauf, wo ſie in der That es reinlicher finden, als es zu ſein pflegte. Auch enthält es einige alte Möbeln, die er ans ſeinen unerſchöpflichen Vorräthen herausgegraben hat. Man einigt ſich leicht in Betreff der Hausmiethe; denn der Lordkanzler kann es bei Mr. Guppy nicht ſo genau nehmen, da derſelbe mit Kenge und Carboy, Jarn⸗ dyce und Jarndyce, zu ſchaffen hat, und andere bedeutende Anſprüche auf ſeine profeſſionelle Achtung beſitzt. Und ſo wird denn ausgemacht, daß Mr. Weeyle morgen das Zimmer in Beſitz nehmen ſolle. Sodann verfügen ſich Mr. Weevle und Mr. Gupph nach Cookscourt Curſitor Street, wo Erſterer Mr. rden,“ Krook, und ſie zu lt Mr. tamen eſuchs Arm unken⸗ flichen iethe; icht ſo Jarn⸗ utende und ſo n das Gupph Mr. 2⁴⁵ Snagsby perſoͤnlich vorgeſtellt, und wo— was noch wich⸗ tiger iſt— demſelben die Theilnahme von Mrs. Snagsby geſichert wird. Sofort geht es zu dem hochgeſtellten Smallweed, der in ſeinem hohen Hute expreß auf dem Bureau wartet, und dann trennt man ſich; indem Mr. Guppy erklärt, daß er den kleinen Schmaus gerne damit endigen würde, daß er ſeinen Freund heute Abend auch in's Theater fuͤhrte; allein es gebe Saiten im menſch⸗ lichen Herzen, die das zu einem eitlen Spotte machen würden. An dem darauf folgenden Tage erſcheint in der Abenddämmerung Mr. Weevle ganz beſcheiden bei Mr. Krook,— keineswegs beläſtigt durch allzuvieles Gepäck, — und nimmt Beſitz von ſeiner neuen Wohnung, wo die zwei Augen in den Fenſterläden ihn während ſeines Schlafes anſtarren, wie wenn ſie ſich nicht genug wundern könnten. An dem auf den Einzug folgenden Tage entlehnt Mr. Weevle, der eine gewandte nichtsnutzige Art von einem jungen Burſchen iſt, von Miß Flite Nadel und Faden, und von ſeinem Hauswirthe einen Hammer, und fängt an, Apologien für Fenſtervorhänge ausfindig zu machen, und Apologien für Bücherbretter u. ſ. w. anzuſchlagen, und ſeine zwei Theetaſſen, ſeinen Milchtopf und verſchiedene andere thönerne Geſchirre an kleinen, etwa einen Pfennig koſtenden Haken aufzuhängen, und, gleich einem ſchiff⸗ brüchigen Matroſen, ſich ſo gut wie möglich einzurichten. Was aber Mr. Weevle von allen ſeinen wenigen Beſitzthümern am Meiſten ſchätzt— natürlich zunächſt nach ſeinem dünnen Backenbarte, für den er eine Anhäng⸗ lic keit hegt, die bloß ein Backenbart in der Bruſt eines Mannes zu erwecken vermag,— iſt eine Auswahl von Kupferplattenabdrücken aus dem wahrhaft nationalen Werke „die Gottheiten Albions, oder Milchſtraßen⸗Gallerie bri⸗ tiſcher Schönheiten,“ welche Gottheiten Damen von Rang und Faſhion in jeder Varietäͤt von Lächeln darſtellen, welche die Kunſt, im Verein mit dem Kapital, zu pro⸗ — 246 duziren im Stande iſt. Mit dieſen prächtigen Porträts, die während ſeines abgeſchiedenen Lebens in der Nähe der Gemüſegärten unwürdiger Weiſe in einer Putzſchachtel ein⸗ geſchloſſen waren, decorirt er ſein Zimmer; und da die Milchſtraßen⸗Gallerie britiſcher Schöͤnheit jede Varietät modiſchen Anzugs trägt, jede Varietät muſikaliſcher In⸗ ſtrumente ſpielt, jede Varietät von Hunden liebkost, jede Varietät von Ausſichten beäugelt und jede Varietät von Blumentöpfen und Baluſtraden im Hintergrunde hat, ſo iſt das Reſultat ein gar impoſantes. Allein die Faſhion iſt Mr. Weevle's Schwäche, wie ſie die Tony Jobling's war. Abends im Wirths hauſe zu den Sols Arms die Zeitung von geſtern zu entlehnen, und von den brillanten und ausgezeichneten Meteoren zu leſen, die in jeder Richtung über den faſhionablen Him⸗ mel hinſchleßen, iſt ihm unausſprechliche Wonne; zu wiſ⸗ ſen, welches Glied eines brillanten und ausgezeichneten Cirkels die brillante und ausgezeichnete That verrichtet hat, geſtern ſich bei demſelben einzuſinden, oder die nicht minder brillante und ausgezeichnete That beabſichtigt⸗ denſelben morgen zu verlaſſen, verurſacht ihm Wonne⸗ ſchauer. Zu erfahren, was die Milchſtraßengallerie bri⸗ tiſcher Schönheit thut oder zu thun im Sinne hat, und welche Milchſtraßenhelrathen auf dem Tapete ſind, und welche Milchſtraßengerüchte circuliren, heißt nichts Ande⸗ res, als mit den glorreichſten Schickſalen des Menſchen⸗ geſchlechts bekannt zu werden. Von dieſen Nachrichten kehrt ſich Mr. Weevle den betreffenden Milchſtraßenpor⸗ traits zu; und er ſcheint die Originale zu kennen, und von ihnen gekannt zu ſein. Im Uebrigen iſt er ein ruhiger Miethmann, gewandt und im höͤchſten Grade anſchlägig, wie bereits weiter oben erwähnt, indem er ebenſo gut für ſich kochen und putzen, als Zimmermanns⸗ und Schreiner⸗Arbelt verrich⸗ ten kann, und geſellige Neigungen entwickelt, ſobald die Schatten des Abends auf den Hof gefallen ſind. In ſol⸗ ‿ träts, e der lein⸗ a die rietät In⸗ jede t von 2 ſo „wie iſe zu hnen, en zu Him⸗ wiſ⸗ neten ichtet nicht ftigt, onne⸗ bri⸗ und und Inde⸗ ſchen⸗ chten npor⸗ und vandt veiter und rrich⸗ d die ſol⸗ 247 chen Augenblicken verläßt er, wenn er nicht von Mr. Guppy, oder von einem kleinen Lichte beſucht wird, neben welchem Nichts zu ſehen iſt, als ein duukler Hut, ſein langweiliges Zimmer,— wo er die tannene Wildniß von einem mit einem Tintenregen befleckten Pulte geerbt hat,— und ſpricht mit Krook, oder irgend Jemand, der gerade geneigt iſt, ſich mit ihm in eine Unterhaltung ein⸗ zulaffen. Und deßhalb findet ſich Mrs. Piper, die im Hofe den Ton angibt, veranlaßt, Mrs. Perkins zwei Bemerkungen mitzutheilen: erſtens die, daß wenn ihr Johnny je ein Mal einen Backenbart bekommen ſollte, ſie wünſchen möchte, daß er dem des jungen Mannes vollkommen gliche; und zweitens die folgende:„Mer⸗ ken Sie auf das, was ich ſage, Mrs. Perkins, Ma'am, und ſeien Sie,— Gott ſei bei Ihnen!— nicht über⸗ raſcht, wenn dieſer junge Mann am Ende das Geld des alten Krook kriegt.“ Einundzwanzigſtes Kapitel. Die Smallweed'ſche Familie. In einer ziemlich übel ausſehenden und übel rie⸗ chenden Nachbarſchaft, obgleich eine ihrer kleinen Anhoͤhen den Namen Mount Pleaſant*) hat, bringt der elfen⸗ artige Smallweed, Bartholomew getauft, und am häus⸗ lichen Herde als Bart bekannt, den beſchränkten Theil ſeiner Zeit zu, worauf das Bureau und die damit zu⸗ *) Luſtberg. g 248 ſammenhangenden Zufälligkeiten keinen Anſpruch haben. Er wohnt in einem engen Gäßchen, das ſtets einſam, ſchattig, und traurig, und von allen Seiten gleich einem Grabe von Backſteinen eng umſchloſſen iſt, wo aber noch der Stumpf eines alten Waldbaumes vegetirt, deſſen Geruch etwa ſo friſch und natürlich iſt, wie der jugend⸗ liche Anſtrich Smallweed's. Seit mehreren Generationen hat es in der Small⸗ weed'ſchen Familie nur ein Kind gegeben. Es hat zwar kleine, alte Männchen und Weibchen darin gegeben, aber kein Kind, bis die noch lebende Großmutter Mr. Small⸗ weed's geiſtesſchwach wurde, und zum erſten Male in einen kindiſchen Zuſtand verfiel. Mit ihrer kindiſchen Anmuth, wie zum Beiſpiel mit einem totalen Mangel an Beobachtung, Verſtand, und Theilnahme, und einer ewi⸗ gen Diſpoſition, über dem Feuer einzuſchlafen, und über daſſelbe zu fallen, hat Mr. Smallweed's Großmutter der Familie ohne Zweifel weiteren Glanz und weitere Heiter⸗ keit verliehen. Mr. Smallweed's Großvater gehört gleichfalls eini⸗ ger Maßen zu den Kindern. Er iſt, was ſeine unteren, und faſt eben ſo, was ſeine oberen Glieder betrifft, in einem hülfloſen Zuſtand; doch iſt ſein Geiſt noch unge⸗ ſchwächt. Es ſind demſelben immer noch die vier erſten Species der Arithmetik geläufig, ſowie eine gewiſſe kleine Collection der zäheſten Thatſachen. In Betreff der Idea⸗ lität, der Ehrerbietung, der Verwunderung, und anderer ſolcher phrenologiſchen Attribute, iſt derſelbe nicht übler beſtellt, als er einſt zu ſein pflegte. Alles, was Mr. Smallweed's Großvater je aus ſeinem Geiſte herausge⸗ ſchafft, war anfänglich eine Larve, und iſt am Ende eine Larve. In ſeinem ganzen Leben hat er nie auch nur einen einzigen Schmetterling zu Tage gefoͤrdert. Der Vater dieſes luſtigen Großvaters, aus der Nachbarſchaft von Mount Pleaſant, war eine hornhäͤu⸗ tige, zweibeinige, geldmachende Art von Spinne, die 249 in ihren Geweben unvorſichtige Fliegen zu fangen ſuchte, und ſich in Löcher zurückzog, bis dieſe Fliegen in ihr Netz gezogen waren. Der Name des Gottes, dem dieſer alte Heide diente, war„zuſammengeſetztes Intereſſe.“ Er lebte dafür, heirathete darauf, und ſtarb daran. Da er bei einer ehrlichen, kleinen Unternehmung einen ſchweren Verluſt erlitt,— bei einer Unternehmung, bei der der ganze Verluſt den andern Theil hatte treffen ſol⸗ len, brach er Etwas,— Etwas, was zu ſeiner Exi⸗ ſtenz nothwendig war; es konnte daher nicht ſein Herz emeſen ſein,— und ſo hatte ſeine Laufbahn ein nde. Da er einen guten Ruf hatte, und da er von einer Armenſchule ſeine vollſtändige Erziehung erhalten hatte, wo man ihm über die alten Völker, Amoriten und Hit⸗ titen genannt, Fragen vorzulegen pflegte, damit er die⸗ ſelben beantworte, ſo wurde er häufig als ein Exem⸗ plar jener Menſchen angeſehen, bei denen auch die beſte Erziehung nicht anſchlägt. Sein Geiſt zeigte ſich auf's Glänzendſte an ſeinem Sohne, dem er ſiets gepredigt hatte, daß er frühzeitig im Leben„ausgehen“ müſſe, und den er, in einem Alter von zwoͤlf Jahren, zu einem Commis auf dem Bureau eines ſchlauen Geldmäklers gemacht hatte. Hier bildete der junge Herr ſeinen Geiſt, der von magerem und ängſt⸗ lichem Charakter war, weiter aus. Allmählig erhob er ſich dann, indem er die Familientalente entwickelte, bis zu Discontgeſchäften. Früh im Leben„ausgehend“, und ſpät heirathend, wie ſein Vater vor ihm gethan, zeugte auch er einen Sohn von magerem und ängſtlichem Geiſte; der, indem er ſeinerſeits frühzeitig im Leben„ausging“, und ſpät heirathete, Vater von Zwillingskindern, das heißt von Bartholemew und Judith Smallweed, wurde. Während der ganzen Zeit, die zum langſamen Wachsthum dieſes Geſchlechtsbaumes nöthig geweſen iſt, hat ſich das Smallweed'ſche Haus, deſſen Glieder ſtets 250 frühzeitig„ausgegangen ſind“, nnd ſpät geheirathet ha⸗ ben, in ſeinem praktiſchen Charakter verſtaͤrkt, alle Luſt⸗ barkeiten bei Seite geſetzt, alle Märchenbücher, Feenge⸗ ſchichten, Fictionen, und Fabeln weit von ſich gewieſen, und alle Leichtfertigkeiten jeder Art verbannt. Daher das befriedigende Factum, daß ihm kein Kind geboren wor⸗ den iſt, und daß die vollſtändigen kleinen Männchen und Weibchen, die es gezeugt, immer eine erſtaunliche Aehn⸗ lichkeit mit alten Affen gehabt, und daß auf dem Geiſte immer ein gewiſſer Druck gelaſtet hat. In dieſem Augenblicke ſitzen in dem dunklen, kleinen Wohnzimmer, das eine gewiſſe Anzahl von Fußen unter dem Niveau der Straße liegt,— in einem häßlichen, unfreundlichen, wunderlichen Wohnzimmer, das bloß mit den grobſten Boy⸗Tiſchdecken, und den härteſten Eiſen⸗ blech⸗Theebrettern geſchmückt iſt, und in Beziehung auf Decoration keine üble allegoriſche Darſtellung von Groß⸗ vater Smallweed's Geiſt enthält,— in dieſem kleinen, dunklen Wohnzimmer alſo ſitzen, in zwei ſchwarzen, roß⸗ härenen Pförtnerſtühlen, wovon einer nach jeder Seite des Kamins ſteht, der ſteinalte Mr. Smallweed, und die ſteinalte Mrs. Smallweed, und verbringen roſige Stunden. Auf dem Ofen ſtehen ein Paar Dreifüße für die Töpfe und Keſſel, deren Bewachung die gewöhnliche Beſchäftigung von Großvater Smallweed iſt; und vor dem Kaminſtücke, zwiſchen ihnen herausragend, befindet ſich eine Art ehernen Galgens zum Braten,— wel⸗ hes Braten er gleichfalls überwacht, wenn es im Gange und von ſeinen Spindelbeinen bewacht, beſindet ſich in ſeinem Stuhle eine kleine Schieblade, die Geld und Gel⸗ deswerth bis zu einem fabelhaften Betrage enthalten ſoll. Neben ihm beſindet ſich ein übriges Kiſſen, womit er ſtets verſehen iſt, damit er immer Etwas in Händen hat, Unter dem Sitze des ehrwürdigen Mr. Smallweed, b ha⸗ Luſt⸗ nge⸗ eſen, das wor⸗ und lehn⸗ zeiſte einen unter chen, mit iſen⸗ auf roß⸗ nen, roß⸗ ßeite und ſige die liche vor ndet wel⸗ ange beed, in Gel⸗ ſoll. t er hat 7 251 das er der ehrwürdigen Genoſſin ſeines verehrten Alters an den Kopf werfen kann, ſo oft ſie ſich eine Anſpielung auf Geld erlaubt:— denn das Geld iſt ein Punkt, in dem er ganz beſonders emfindlich iſt. „Und wo iſt denn Bart?“ fragt Großvater Small⸗ weed Judy, Bart's Zwillingsſchweſter. „Er iſt noch nicht nach Hauſe gekommen,“ ſpricht p . „Es iſt doch ſeine Theezeit, nicht wahr?“ „Nein.“ „Wie viel ſoll denn noch dazu fehlen?“ „Noch zehn Minuten.“ „He, was ſagſt Du?“ 1 K) Nuch zehn Minuten.“—(SJudy ſpricht das aut. „Ho!“ ſpricht Großvater Smallweed.„Noch zehn Minuten!“ Großmutter Smallweed, die den Dreifüßen gegen⸗ über gemummelt und den Kopf geſchüttelt hat, hoͤrt Zahlen erwähnen, bringt dieſelben mit Geld in Verbin⸗ dung, und kreiſcht, wie ein abſcheulicher alter, ſeines Jud „Geſieders baarer Papngei:„Zehn Pfundnoten!“ Alsbald ſchleudert Großvater Smallweed das Kiſſen nach ihr hin. „Altes Ripp, Du! Halt's Maul!“ ſpricht der gute, alte Mann. Die Wirkung dieſer Schleuderei iſt eine zweifache. Nicht allein hat ſie zur Wirkung, daß Mrs. Small⸗ weed's Kopf gegen die Seite ihres Pförtnerſtuhles fährt, und daß ſie, nachdem ihre Enkelin ſie wieder von der Laſt des Kiſſens befreit hat, einen höchſt unſchicklichen Haubenzuſtand darbietet, ſondern es fällt auch die noth⸗ wendige Anſtrengung auf Mr. Smallweed ſelbſt zurück, den ſie, wie eine zerbrochene Puppe, in ſeinen Pfört⸗ nerſtuhl zurückwirft. Der treffliche alte Herr iſt unter ſolchen Umſtänden ein bloßer Kleiderſack, gekrönt von ei⸗ 2⁵² ner ſchwarzen Nachtmütze, und bietet kein ſehr belebtes Ausſehen dar, bis er von Seiten ſeiner Enkelin zwei Operationen erfahren, die nämlich, daß er wie eine große Flaſche aufgeſchüttelt, und wie ein großes Polſter gepufft und herumgeſtoßen wird. Da durch dieſe Mittel eine Anzeige von einem Halſe in ihm entwickelt wird, ſo ſitzen er und die Genoſſin ſeines Lebensabends wieder einander gegenüber in ihren zwei Pförtnerſtühlen, wie ein Paar Schildwachen, die ſchon lange Zeit auf ihrem Poſten von dem ſchwarzen Sergeanten, dem Tode, ver⸗ geſſen ſind. Judy, das Zwillingskind, iſt eine paſſende Geſell⸗ ſchaft für die beiden genannten Lebensgenoſſen. Sie iſt ſo unzweifelhaft eine Schweſter Mr. Smallweed’s, des Jüngern, daß die beiden zuſammengeknetet kaum eine junge Perſon von gewoͤhnlichen Proportionen geben wür⸗ den; während ſie die erwähnte Familienähnlichkeit mit dem Affengeſchlechte ſo glücklich in ſich verkörpert, daß ſie, mit einem beflitterten Kleid, und einer Mütze ver⸗ ſehen, auf dem Taffellande, oben auf einer Drehorgel, gar leicht herumſpazieren könnte, ohne viele Bemerkungen uber die Ungewöhnlichkeit der Erſcheinung hervorzurufen. Unter den obwaltenden Umſtänden hat ſie indeſſen ein ſchlichtes Reſervekleid von braunem Zeuge an. Judy beſaß nie eine Puppe,— hörte nie einen Aſchenbrödel,— ſpielte nie irgend ein Spiel. Ein Paar Mal gerieth ſie in die Geſellſchaft von Kindern, als ſie etwa zehn Jahr alt war; allein die Kinder konnten Nichts mit Judy anfangen, und Judy konnte Nichts mit den Kindern anfangen. Sie ſchien ein Thier von einer andern Species zu ſein, und auf beiden Seiten zeigte ſich eine inſtinktmäßige Abneigung. Sehr zweifelhaft iſt es, ob Judy weiß, wie man lacht. Sie hat das Ding ſo ſelten geſehen, daß zehn gegen eins zu wetten iſt, daß ſite es nicht weiß. Gewiß aber hat ſie auch nicht eine Vorſtellung von einem jugendlichen Lachen. Wollte ſie lebtes zwei eine olſter Nittel d, ſo dieder wie hrem ver⸗ eſell⸗ ie iſt des eine wür⸗ mit daß ver⸗ rgel, ngen ufen. ein 25³3 ein Mal ein ſolches probiren, ſo würde ſie ſinden, daß die Zähne ihr im Wege ſtehen, indem ſie dieſe Handlung ihres Geſichts nach ihrem Muſter eines ſchmutzigen Al⸗ ters modeln würde, wie ſie, ohne es ſelbſt zu wiſſen, jeden andern Ausdruck deſſelben angenommen hat. Dieß iſt Judy. Was ihren Zwillingsbruder betrifft, ſo konnte er nie, in ſeinem ganzen Leben, mit dem Kreiſel ſpielen. Er weiß von Jack, dem Rieſen⸗Tödter, oder von Sin⸗ bad, dem Matroſen, eben ſo Wenig, als von den Leuten in den Sternen. Er koͤnnte eben ſo leicht das Froſchhü⸗ pfen, das Kricketſpielen lernen, als ſich ſelbſt in ein Heimchen oder in einen Froſch verwandeln. Aber er iſt bei All dem doch unendlich beſſer daran, als ſeine Schwe⸗ ſter, denn in ſeine enge Welt iſt doch ein kleines Licht gedrungen, und es haben ſich ihm weitere Regionen er⸗ ſchloſſen, ſo weit nämlich ſich dieſelben Mr. Guppy ſelbſt erſchloſſen haben. Daher die Bewunderung und der Nach⸗ eifer, den ihm der ſo eben genannte glänzende Zauberer einfloͤßt. Mit einem gongartigen Geraſſel ſtellt Judy eines der eiſenblechernen Theebretter auf den Tiſch, und ordnet Ober⸗ und Unter⸗Taſſen. Das Brod legt ſie in einen eiſernen Korb, die Butter aber(— uud zwar kein ſehr großes Quantum—) auf einen kleinen zinnernen Teller. Großvater Smallweed beobachtet genau, wie der Pher nrdeiche wird, und fragt Judy, wo das Mäd⸗ en iſt. „Sie meinen Charley?“ ſagt Judy. „Was ſagſt Du?“ ruft Großbater Smallweed. „Meinen Sie Charley?“ Dieß berührt eine Feder von Großmutter Small⸗ weed, die, wie gewoͤhnlich, den Dreifüßen gegenüber mit dem Kopfe nickt, und ausruft:—„HUeber das Waſſer! Charley über das Waſſer,— Charley über das 254 Waſſer,— über das Waſſer für Charley,— Charley über das Waſſer,— über das Waſſer für Charley!Ä“ und in dieſem Punkte ganz energiſch wird. Großvater Smallweed blickt nach dem Kiſſen hin, hat ſich aber, glücklicher Weiſe für die Großmutter, von ſeiner letzten Anſtrengung noch nicht wieder recht erholt. „Ha!“ ſagt er, nachdem Stillſchweigen eingetreten iſt,—„wenn das ihr Name iſt. Die ißt mächtig viel. Es wäre beſſer, wenn man ihr etwas Gewiſſes für ihren Unterhalt gäbe.“ Judy blinzt in der Weiſe ihres Bruders, ſchüttelt den Kopf, und faltet ihren Mund zu einer Miene zuſam⸗ men, ohne dieſelbe indeſſen auszuſprechen. „Nein?“ erwiederte der alte Mann.„Warum denn nicht?“ „Sie würde jeden Tag ſechs Pence brauchen, und wir können es für weniger thun,“ ſagt Judy. „Iſt es wahr?“ Judy antwortet mit einem höchſt bedeutungsvollen Kopfnicken, und ruft, während ſie die Butter auf den Laib ſchabt, und dabei jede Vorſicht anwendet, daß ja Nichts verſchwendet wird, und während ſie das Brod herunterſchneidet:„He, Charley, wo biſt Du?“ Dem Rufe furchtſam folgend, erſcheint und knirt ein kleines Mädchen in grober Schürze und großem Hute, während ihre Hände mit Seifenwaſſer bedeckt find, und in einer derſelben eine Frottirbürſte ruht. „Was thuſt Du jetzt?“ ſagt Judy, das Mädchen nach Art einer recht zankſüchtigen alten Hexe anfahrend. „Ich putze oben das Hinterzimmer, Miß,“ erwie⸗ dert Charley. „Thu es ja recht gründlich, und ſei nicht faul. Faule Leute kann ich nicht brauchen. Mach', daß Du fertig wirſt! Geh'!“ ruft Judy, auf den Boden ſtampfend. we ihr ſtel der ihn biſt ſo Bei des ſpr neh Auf nick an übe wol und wie geſe heit ein wüt ſo: arley ey!4 hin, tter, recht reten viel. ihren ittelt ſam⸗ denn und ollen den ß ja Brod ein Hute, und ſchen end. wie⸗ faule ertig end. 2⁵⁵ „Ihr Mädchen macht Einem mehr Mühe, als ihr werth ſeid.“ Auf dieſe geſtrenge Matrone fällt, während ſie zu ihrer Arbeit zurückkehrt, die, wie wir wiſſen, darin be⸗ ſteht, daß ſie Butter abſchabt, und das Brod abſchneidet, der Schatten ihres Bruders, der zum Fenſter herein ſieht. Meſſer und Laib in der Hand behaltend, öffnet ſie ihm die Hausthüre. „Ah, ah, Bart!“ ſagt Großvater Smallweed.„Da biſt Du nun, ah?“ „Hier bin ich,“ ſpricht Bart. „Wieder mit Deinem Freunde fort geweſen, Bart?“ Small nickt mit dem Kopfe. „Wieder auf ſeine Koſten zu Mittag gegeſſen, Bart?“ Small nickt abermals mit dem Kopfe. „So iſt's recht, Bart. Leb' gut auf ſeine Koſten, ſo viel Du nur kannſt, und laß Dich durch ſein thörichtes Beiſpiel warnen, das iſt der Nutzen eines ſolchen Freun⸗ des. Der einzige Nutzen, den Du aus ihm ziehen kannſt!“ ſpricht der ehrwürdige Weiſe. Ohne dieſen guten Rath ſo pflichtſchuldig aufzu⸗ nehmen, wie er koͤnnte, beehrt ſein Enkel ihn mit jener Aufnahme, die in einem leichten Blinzen und einem Kopf⸗ nicken liegen kann, und ſetzt ſich, einen Stuhl nehmend, an den Theetiſch, dann ſchweben die vier alten Geſichter über Theetaſſen, wie eine Geſellſchaft gräßlicher Cherubim, wobei Mrs. Smallweed beſtändig mit dem Kopfe nickt, und die Dreifüße anplappert, und Mr. Smallweed zu wiederholten Malen wie ein großer ſchwarzer Trank auf⸗ geſchüttelt werden muß. „Ja, ja,“ ſagt der gute, alte Herr, zu ſeiner Weis⸗ heitslection zurückkehrend.„Was ich Dir geſagt, iſt ſo ein guter Rath, den auch Dein Vater Dir gegeben haben würde, Bart. Du haſt Deinen Vater nie geſehen. Um ſo mehr iſt es zu bedauern. Er war mein wahrer Sohn.“ Ob der Alte damit ſagen wollte, daß derſelbe deß⸗ 256 halb ein beſonders angenehmes Ausſehen gehabt habe, iſt hieraus nicht abzunehmen. „Ja, er war mein Sohn,“ wiederholt der Alte, ſein Butterbrod auf ſeinem Knie brechend;„ein guter Rechner, und ſtarb vor fünfzehn Jahren.“ Mrs. Smallweed, die ihrem gewöhnlichen Inſtincte folgt, bricht in die Worte aus: „Fünfzehnhundert Pfund. Fünfzehnhundert Pfund in einer ſchwarzen Schachtel,— fünfzehnhundert Pfund eingeſchloſſen, — fünfzehnhundert Pfund beiſeit gethan und verſteckt!“ Alsbald legt ihr würdiger Gatte ſein Butterbrod bei Seite, ſchleudert das Kiſſen auf ſie zu, ſchmettert ſie an die Seite ihres Stuhles hin, und fällt ſelbſt, über⸗ wältigt, in ſeinen Stuhl zurück. Seine Miene iſt, nach⸗ dem er Mrs. Smallweed mit einer dieſer Ermahnungen heimgeſucht hat, ganz beſonders eindrucksvoll, und nicht ſo ganz einnehmend: erſtlich, weil die Anſtrengung in der Regel ſeine ſchwarze Mütze ihm über ein Auge her⸗ abdrückt, und ihm ein geſpenſterhaft bübiſches Ausſehen gibt; zweitens, weil er heftige Verwünſchungen gegen Mrs. Smallweed ausſtößt; und drittens, weil der Con⸗ traſt zwiſchen dieſen gewaltigen Kraftäußerungen und ſeiner kraftloſen Geſtalt einen verteufelt giftigen alten Kerl ver⸗ räth, der unendlich böſe wäre, wenn er koͤnnte. Alles dieß aber iſt in dem Smallweed'ſchen Familienkreiſe ſo gewöhnlich, daß es gar keinen Eindruck mehr macht. Der alte Herr iſt bloß erſchüttert und gewaltig aufgeregt⸗ und läßt ſich wieder zurecht ſchütteln;— das Kiſſen wird wieder neben ihn, an ſeinen gewoͤhnlichen Platz, ge⸗ legt; und die alte Dame wird, nachdem ihre Haube wie⸗ der geordnet iſt, oder vielleicht auch nicht, wieder in ihrem Stuhle aufgepflanzt, um einen Augenblick darauf wieder wie ein Kegel umgeworfen zu werden. In dem vorliegenden Falle verſtreicht erſt einige Zeit, ehe der alte Herr wieder ſo kalt iſt, um ſeine Rede wie⸗ der aufzunehmen; und ſelbſt dann miſcht er in dieſelbe habe, ſein hner, tincte einer ;ſſen, 1 1“* brod t ſie über⸗ nach⸗ ngen nicht g in her⸗ ehen ſegen Ton⸗ einer ver⸗ lles ſe ſo acht. regt, ifſen ge⸗ wie⸗ hrem jeder Zeit, wie⸗ ſelbe 257 verſchiedene erbauliche Füllwörter ein, die der bewußtloſen Genoſſin ſeines Buſens gelten, welche mit Nichts auf Erden in geiſtigem Verkehr ſteht, als mit den Dreifüßen. Hier ein kleines Beiſpiel von der vom Alten ent⸗ wickelten Beredſamkeit: „Hätte Dein Vater Bart noch länger gelebt, ſo hätte er Tauſende und aber Tauſende werth ſein können,— Du vermaledeite alte ſchwefelfarbige Plappererin!— Aber gerade als er anfing, das Haus aufzubauen, wozu er in vielen Jahren den Grundſtein gelegt hatte,— Du Ripp von einer Elſter, von einer Dohle, von einem Papagei, was willſt Du ſagen!— wurde er krank, und ſtarb an einem ſchleichenden Fieber, da er ſtets ein ſparſamer und magerer Mann voller Geſchäftsſorgen geweſen war;— ich hätte große Luſt, Dir anſtatt eines Kiſſens eine Katze an den Kopf zu ſchmeißen, und ich werde das auch thun, wenn Du fortfährſt, eine ſo verteufelte Närrin aus Dir zu machen!— und Deine Mutter, die ein haushälteriſches Frauenzimmer, ſo dürr und trocken, wie ein Span Holz, war, ſchwand, als Du und Judy auf die Welt gekommen, wie ein Stück Zunderholz zuſammen.— Du biſt eine alte Sau! Du biſt eine ſchwefelfarbige Sau! Du biſt eine Erzſau!“ 3 Judy, die gar kein Intereſſe für das hat, was ſie ſchon ſo oft gehoͤrt, fängt an, in einer Schale verſchiedene Nebenſtröme von Thee für das Abendeſſen der kleinen Taglöhnerin zu ſammeln. Dieſe Nebenſtröme entfließen verſchiedenen Ober⸗ und Untertaſſen, ſo wie dem Thee⸗ topfe, und ſind natürlich bloße Ueberbleibſel. In gleicher Weiſe ſucht ſte in dem Brodkorbe von Eiſenblech ſo viele Fragmente von Brodſchnitten und Laiben zuſammen, als die ſtrenge Sparſamkeit des Hauſes hat erübrigen können. „Aber hör' weiter, Bart! Ich und Dein Vater waren Compagnons,“ ſagt der alte Herr;„und wenn ich ein Mal fort bin, ſo bekommſt Du und Judy Alles, was da iſt. Es iſt etwas Rares, daß ihr Beide frühzeitig im Bleak Houſe. II. 17 258 Leben„ausgegangen“ ſeid,— daß Judy ſich dem Blu⸗ mengeſchäfte, und Du Dich dem Jus gewidmet haſt. Ihr werdet das Vermögen nicht anzutaſten, noch viel weniger aufzuzehren brauchen. Ihr könnet ohne daſſelbe fort⸗ kommen, und es ſogar noch vermehren. Wenn ich ein Mal fort bin, ſo wird Judy zum Blumengeſchäfte zu⸗ rückkehren; Du aber wirſt dann immer noch beim Jus bleiben.“ Aus Judy's Ausſehen wäre man geneigt, zu ſchließen, daß ſie eher mit den Dornen, als mit den Blumen zu ſchaffen hätte; aber wir müſſen hier bemerken, daß ſie ſeiner Zeit als Lehrmädchen in die Kunſt und Myſterien des Blumenmachens eingeweiht worden iſt. Ein ſcharfer Beobachter könnte vielleicht in ihrem, ſowie in ihres Bruders Auge einige Ungeduld leſen, zu erfahren, wenn ihr ehrwürdiger Großvater denn abzufahren gedenke, ſo wie zu gleicher Zeit die aus einer gewiſſen Doſis von Groll ent⸗ ſpringende Anſicht, daß es nun Zeit ſei, daß er abfahre, „Wenn Jedermann nun fertig iſt,“ ſpricht Judy, ihre Vorbereitungen vervollſtändigend,„ſo will ich dem Mädchen rufen, daß ſie ihren Thee trinkt. Sie würde damit nie fertig werden, wenn ich ihn ihr in die Küche hinaus gäbe.“ Charley tritt alſo in das Wohnzimmer ein, und ſett ſich, unter einem heftigen Feuer von Augen, zu ihrer Schale, und einer druidiſchen Ruine von Butterbrod hin. In der fleißigen Beaufſichtigung dieſer jungen Perſon ſcheint Judy Smallweed ein wahrhaft geeologiſches Alter zu erreichen, und aus den fernſten Zeiten zu datiren. Ihre ſyſtematiſche Weiſe, über ſie herzufallen, und ſie zu krallen, mit oder ohne Urſache, iſt in der That wunder⸗ bar; und Judy legt in der Kunſt des Treibens und Plagens ein Talent an den Tag, das von den älteſten weiblichen Plaggeiſtern ſelten erreicht oder gar übertroffen wird. „Nun, ſo laß doch Dein Gaffen, Du thuſt ja den ganzen, lieben Nachmittag Nichts anderes,“ ſchreit Judy, Blu⸗ Ihr eniger fort⸗ h ein te zu⸗ Jus jeßen, 259 den Kopf ſchüttelnd, und mit den Füßen auf den Boden ſtampfend, als ſie zufällig dem Blick begegnet, der einen Augenblick zuvor die mit Thee gefüllte Schale ergründet hat;„iß und geh' dann wieder an Deine Arbeit!“ „Ja, Miß,“ ſagt Charley. „Sag' nicht ja,“ erwiedert Miß Smallweed,„denn ich kenne euch Mädchen. Thue es, ohne zu ſprechen, und dann fange ich vielleicht an, Dir zu glauben.“ Charley ſchluckt, als Zeichen der Unterwürfigkeit, ein ordentliches Quantum Thee hinunter, und zerſtreut die druſdiſchen Ruinen dergeſtalt, daß Miß Smallweed ſie daran erinnern zu müſſen glaubt, wie häßlich und ekel⸗ haft das Freſſen ſei,„beſonders aber an euch Mädchen,“ bemerkt ſie. Es wäre moͤglich, daß Charley noch weitere Schwie⸗ rigkeiten auf ihrem Wege fände, um den Anſichten Judy's von dem allgemeinen Gegenſtande der Mädchen zu ent⸗ ſprechen; aber, glücklicher Weiſe für ſie, läßt ſich ein Pochen an der Thüre vernehmen. „Sieh' doch nach, wer es iſt, und kau' nicht, wenn Du die Thüre aufmachſt!“ ruft Judy. Da der Gegenſtand ihrer Aufmerkſamkelten ſich dem⸗ gemäß entfernt, nimmt Miß Smallweed die Gelegenheit wahr, die Butterbrodreſte zu einander zu werfen, und ein Paar ſchmutzige Theeobertaſſen in die Ebbe der Theeſchale zu verſenken. Es ſoll dieß ein Wink ſein, daß ſie das Eſſen und Trinken nun als beendigt anſehe. „Nun! Wer iſt es, und was will man?“ fragt Judy in ihrem anfahrenden Tone. „Es iſt ein gewiſſer Mr. George,“ wie es ſcheint. Und ohne weitere Anmeldung oder Ceremonie ſpaziert Mr. George herein. „Uff!“ ſagt Mr. George.„Bei Euch iſt es ein Mal heiß, hier. Immer ein Feuer, eh? Gut! vielleicht hat er Recht, daß er ſich an ein ſolches gewöhnt.“ 260 Letztere Bemerkung macht Mr. George vor ſich hin, während er Großvater Smallweed zunickt. „Ho! Sie find es!“ ruft der Alte.„Wie ſteht es, wie ſteht es?“ „So ſo,“ erwiedert Mr. George, einen Stuhl neh⸗ mend.„Ihre Enkelin habe ich die Ehre gehabt, ſchon früher zu ſehen; Ihr Diener, Miß!“ „Dieß iſt mein Enkel,“ ſpricht Großvater Smallweed. „Den haben Sie noch nicht geſehen. Er wird Juriſt, und iſt nicht viel zu Hauſe.“ „Ich empfehle mich auch ihm! Er gleicht ſeiner Schweſter. Er iſt ſeiner Schweſter ſehr ähnlich. Er iſt ſeiner Schweſter verteufelt ähnlich,“ ſagt Mr. George. einen gewaltigen und nicht ganz complimentartigen Nach⸗ druck auf ſein letztes Beiwort legend. „Und wie behandelt die Welt Sie, Mr. George 20 fragt Großvater Smallweed, ſich langſam an die Beine reibend. „So ziemlich, wie ſonſt. Wie einen Fußball.“ Es iſt ein gebräunter, ſchwärzlicher Mann in den Fünfzigen: wohl gebaut und gut ausſehend; mit krauſen, dunklen Haaren, glänzenden Augen, und breiter Bruſt. Seine nervigen und kraftvollen Hände, die von der Sonne ebenſo verbrannt ſind, wie ſein Geſicht, ſind offenbar an ein ziemlich rauhes Leben gewöhnt geweſen. Was an ihm ſeltſam, iſt, daß er ſich auf ſeinem Stuhle vorwärts ſetzt, wie wenn er, in Folge langer Gewohnheit, Platz für ein Kleid oder eine Rüſtung laſſen wollte, die er ganz bei Seite gelegt. Auch iſt ſein Tritt ein ſchwerer, abgemeſ⸗ ſener; und es würde derſelbe gut zu einem gewichtigen Sporengeraſſel und Sporengeklingel paſſen. Er iſt jetzt zwar glatt raſirt, aber er trägt den Mund ſo, wie wenn ſeine Oberlippe jahrelang mit einem großen Schnurrbarte vertraut geweſen wäre; auch wird daſſelbe angedeutet durch den Umſtand, daß er von Zeit zu Zeit ſeine breite, braune, flache Hand auf ſeine Oberlippe legt. Aus der ganzen E 261 Erſcheinung konnte man ſchließen, Mr. George müſſe ein Mal Soldat geweſen ſeln. Mr. George bildet einen ſcharfen Contraſt zu der Smallweed'ſchen Familie. Nle war ein Soldat bei einer Haushaltung einquartiert, die ihm unähnlicher geweſen waͤre. Er verhält ſich zu den Smallweed'ſchen, wie ein gewaltiger Haudegen zu einem Auſtermeſſer. Seine voll⸗ kommene Geſtalt, und die verbutteten Formen der Small⸗ weed'ſchen; ſein großes Weſen, das jeden beliebigen Raum füllt, und das kleine, enge, knappe, verzwickte Weſen der Smallweed'ſchen; ſeine volltönende Stimme, und die grellen, ſpärlichen Töne der Smallweed'ſchen:— Alles das bildet den ſtärkſten Widerſpruch. Während er ſo mitten in dem häßlichen Wohnzimmer ſitzt, und ſich ein wenig vorwärts neigt, die Hände auf den Schenkeln, und mit den Elbogen Ecken bildend, ſieht er aus, wie wenn er, falls er lang dabliebe, die ganze Familie und das ganze Haus mit ſeinen vier Zimmern, die kleine Extra⸗ hinterthüre, und mit einem Worte Alles in ſich abſor⸗ biren wollte. „Reiben Sie ſich die Beine ſo, um Leben in die⸗ ſelben hineinzureiben?“ fragt er Großvater Smallweed, nachdem er im Zimmer umhergeſchaut. „Je nun, es iſt zum Theil Gewohnheit, Mr. George, und— ja— zum Theil befoͤrdert es auch die Circu⸗ lation,“ erwiederte er. „Die Cir— eul—a—ti— on!“ wiederholt Mr. George, die Arme über die Bruſt faltend, und zwel Mal größer n weden ſcheinend.„Nicht viel von dem, ſollte ich enken.“ „Es iſt wahr, ich bin alt, Mr. George,“ ſpricht Großvater Smallweed.„Aber ich kann meine Jahre tragen. Ich bin älter, als ſie,“ nach ſeiner Frau hin⸗ nickend,„und ſehen Sie, was ſie iſt!— Du biſt eine ſchwefelfarbige Plappererin!“ ſetzte der Alte mit plöͤtzlicher Erneuerung ſeiner jüngſten Feindſeligkeiten hinzu. 262 „Die unglückliche alte Seele!“ ſpricht Mr. George, den Kopf nach jener Richtung hinwendend.„Zanken Sie doch die alte Dame nicht! Sehen Sie ſie doch an: Ihre arme Haube ſitzt nur noch zur Hälfte auf ihrem Kopfe, und ihr armes Haar iſt ganz verwirrt. Halten Sie ſich aufrecht, Ma'am! So, jetzt iſt es beſſer. Jetzt iſt es recht! denken Sie an Ihre Mutter, Mr. Smallweed!“ ſagt Mr. George nach ſeinem Stuhle zurückkommend, nachdem er der Alten zu Hülfe gekommen,„wenn Ihre Frau nicht genug iſt.“ „Vermuthlich waren Sie ein trefflicher Sohn, Mr. George,“ meint der Alte mit einem ſchiefen Blicke. Mr. George's Geſicht nimmt eine dunklere Farbe an, während er antwortet: „Das war ich nicht gerade. Nein, das war ich nicht.“ „Ich bin darüber erſtaunt.“ „Auch ich. Ich hätte ein guter Sohn ſein ſollen, und ich glaube auch, daß ich im Sinne hatte, ein ſolcher zu ſein. Aber ich war es nicht. Ich war ein verdammt ſchlechter Sohn, und gereichte nie Jemand zur Ehre, wenn ich es kurz ſagen ſoll.“ „Erſtaunlich! Zum Erſtaunen!“ ruft der alte Mann. „Indeſſen,“ hebt Mr. George weiter an,„je weniger man darüber ſagt, um ſo beſſer iſt es nun. Kommen — Sle! Sie wiſſen ja, was ausgemacht worden. Immer eine Pfeife, wenn ich das zweimonatliche Intereſſe bringe! (— Pah! Es iſt Alles in Ordnung. Sie brauchen keine Furcht zu haben: Laſſen Sie mir nur die Pfeife geben. Hier iſt der neue Wechſel, und hier iſt der zweimonatliche Zins, und es ſoll mich der Teufel holen, wenn es mir in meinem Geſchäfte nicht hölliſch ſchwer wird, ihn zu- ſammen zu kriegen—).“ Mr. George ſitzt mit gefalteten Armen da, und ver⸗ zehrt die Familie und das Wohnzimmer mit ſeinen Blicken, während Judy fuͤr Großvater Smallweed zwei ſchwarze, le⸗ derne Futterale aus einem verſchloſſenen Schreibtiſch heraus⸗ zieht das ande reich anzüͤ auf leder Mal jedes und zitter Geſe endli los, inden ſind der2 für ganze in de zen, den Achtt alten väter Tag Nicht und 263 zieht. In eines dieſer Futterale ſteckt er das Doeument, das er ſo eben erhalten, und aus dem andern nimmt er ein anderes ähnliches Document, das er Mr. George über⸗ reicht, der es zu einem Fidibus, womit er ſeine Pfeife anzünden will, zuſammen dreht. Da der Alte durch ſeine Brille hindurch jeden Zug auf beiden Documenten beſichtigt, ehe er ſie aus ihrem ledernen Gefängniſſe entläßt; und da er das Geld drei Mal zählt, und da er ferner von Judy verlangt, ſie ſolle jedes Wort, das ſie ſpricht, wenigſtens zwei Mal ſagen: und da er in Sprache und Handlung eine moͤglichſt große, zitternde Langſamkeit entwickelt, ſo braucht es zu dem Geſchäfte ziemlich lange Zeit. Nachdem das Geſchäft ganz beendigt, ſo macht er endlich, aber nicht vorher, ſeine raubgierigen Augen davon los, und antwortet auf Mr. George's letzte Bemerkung, indem er ſagt:„Die Pfeife ſollen Sie bekommen! Wir ſind nicht ſo gewinnſüchtig, Sir. Judy, ſieh' gleich nach der Pfeife, und dem Glaſe kalten Branntweins mit Waſſer für Mr. George!“ Die luſtigen Zwillingsgeſchwiſter, die während dieſer ganzen Zeit gerade vor ſich hin geſchaut haben, ausgenommen in dem Augenblick, wo ihre Aufmerkſamkeit durch die ſchwar⸗ zen, ledernen Futterale ganz in Anſpruch genommen wor⸗ den iſt, ziehen ſich mit einander zurück, ohne ſonderliche Achtung vor dem Beſuchenden, und überlaſſen ihn dem alten Manne, wie zwei junge Bären einen Reiſenden dem väterlichen Bären überlaſſen dürften. „Und ſo ſitzen Sie vermuthlich den ganzen, lieben Tag da, he?“ ſagt Mr. George mit gefalteten Armen. „Gerade ſo, gerade ſo,“ nickt der alte Mann. lud Sie beſchäftigen ſich mit Nichts, mit gar ts 2 „Ich überwache das Feuer,— und das Kochen, und das Braten.—“ Nich 264 „Wenn Etwas gekocht, oder gebraten wird,“ ſagt Mr. George mit vielem Ausdrucke. „Ganz richtig. Wenn Etwas gekocht oder gebraten wird.“ „Leſen Sie Nichts, oder laſſen Sie ſich wenigſtens Nichts vorleſen?“ Der Alte ſchüttelt den Kopf mit ſchlauer, trium⸗ phirender Miene. „Nein, nein!“ ſpricht er.„In unſerer Familie hat man ſich nie viel mit Leſen abgegeben. Das Leſen rentirt wcht Dummes Zeug. Müſſiggang. Narrheit. Nein, nein!“ „Es iſt keine große Wahl zwiſchen Euren beider⸗ ſeitigen Zuſtänden,“ ſagt der Beſuchende iu einem Tone, der zu leiſe iſt, als daß der übelhörige Alte es hören könnte. Dabei blickt er vom Alten nach dem alten Weibe, und von dieſer wieder nach dem alten Manne hin.„Hoͤren Sie!“ ſetzt er mit lauterer Stimme hinzu. „Ich höre Sie.“ „Vermuthlich verkaufen Sie mir ein Mal Alles, was ich habe, wenn ich einen Tag zu ſpät mit der Zah⸗ lung einhalte.“ „Mein lieber Freund!“ ruft Großvater Smallweed, beide Hände ausſtreckend, um ihn zu umarmen.„Nie! nie, mein lieber Freund! Aber mein Freund in der City, den ich veranlaßt habe, Ihnen das Geld zu leihen,— der könnte wohl ſo Etwas thun!“ „Oh! Sie koͤnnen nicht für ihn einſtehen 7“ ſpricht Mr. George, indem er die Unterſuchung, in leiſerem Tone, mit 3 Worten beendigt:„Du lügneriſcher, alter Spitz⸗ bube!“ „Mein lieber Freund: Man kann ſich auf ihn gar nicht verlaſſen. Ich möchte ihm nicht trauen. Er wird ſein Geld haben wollen, mein lieber Freund.“ „Der Teufel zweifle daran!“ ſpricht Mr. George. In dieſem Augenblicke erſcheint Charley mit einen 265 Speiſebrette, worauf die Pfeife, ein kleines Papler mit Tabak, ſowie der mit Waſſer vermiſchte Branntwein ruhen, und er fragt ſie: „Wie kommſt denn Du hierher? Du haſt doch gar nicht das Familiengeſicht!“ „Ich arbeite außer dem Hauſe, Sir,“ entgegnet Charley. Der Soldat(— wenn er je ſo Etwas geweſen iſt—) nimmt, mit einem für eine ſo ſtarke Hand leichten Griffe, ihr den Hut vom Kopfe, und tätſchelt ſie auf letzteren. „Du verleihſt dem Hauſe faſt ein geſundes Ausſehen. Es braucht daſſelbe eben ſo ſehr ein Bischen Jugend, als friſche Luft.“ Dann entläßt er das Mädchen, zündet ſeine Pfelfe an, und trinkt auf das Wohl von Mr. Smallweed's Freund in der City,— dem einzigen Fluge, den die Phantaſie des eben genannten achtungswerthen alten Herrn zu nehmen im Stande iſt. „Sie glauben alſo, er könnte ſtreng mit mir ver⸗ fahren, eh?“ „Ich glaube, daß er im Stande wäre, ſo Etwas zu thun;— ja, ich befürchte ernſtlich, daß er es wirklich thun würde. Denn es iſt mir bekannt, daß er es wohl ſchon zwanzig Mal gethan hat,“ ſagt Großvater Small⸗ weed unvorſichtiger Weiſe. Unvorſichtiger Weiſe, weil ſeine verſtandesſchwache, beſſere Häifte, die an dem Feuer ſchon ſeit einiger Zeit geſchlummert hat, plötzlich aufwacht, und plappert: „Zwanzigtauſend Pfund,— zwanzig Zwanzigpfund⸗ noten in einer Geldkiſte, zwanzig Guineen, zwanzig Mil⸗ lionen zwanzig Procent, zwanzig.“— Hier aber wird die Alte plͤtzlich durch das fliegende Kiſſen unterbrochen, das der Beſuchende, dem dieſes ſelt⸗ ſame Experiment als etwas Neues erſcheint, von ihrem Geſfche wegreißt, da es ſie in der gewöhnlichen Weiſe erdrückt. 266 „Du biſt ein ſchwefelfarbiges, bloͤdſinniges Thier. Du biſt ein Skorpion,— ein ſchwefelfarbiger Skorpion. Du biſt eine garſtige, ſchmierige Kröte. Du biſt eine plappernde, klatſchende Beſenſtielhere, die man auf der Stelle verbrennen ſollte!“ ſtöhnt der Alte, kraftlos in ſeinem Stuhle liegend.„Mein lieber Freund, wollen Sie ſo gut ſein, und mich ein wenig aufrütteln?“ Mr. George, der zuerſt die Alte und dann den Alten angeſchaut hat, wie wenn derſelbe von Sinnen wäre, packt ſeinen ehrwürdigen Freund bei der Gurgel, als dieſe Bitte an ihn geſtellt wird, und ſcheint, während er ihn in ſei⸗ nem Stuhle ſo leicht in die Höhe zerrt, wie wenn es eine Puppe wäre, unſchlüſſig zu ſein, ob er nicht alles künftige Vermögen des Kiſſenwerfens aus ihm herausrütteln, und ob er ihn nicht in ſein Grab ſchütteln ſolle. Er widerſteht indeſſen glücklich der Verſuchung, ſchüttelt ihn aber dabei dennoch heftig genug, um den Kopf des Alten, wie den eines Hanswurſts, hinüber und herüber fahren zu machen, ſetzt ihn wieder in ſeinem Seſſel hübſch zu⸗ recht, und ordnet die ſchwarze Mütze vermittelſt eines ſo heftigen Reibens, daß der Alte noch eine ganze Minute darauf mit beiden Augen blinzt. „Ach Gott!“ ſtoͤhnt Mr. Smallweed.„Nun iſt's genug. Danke Ihnen, mein lieber Freund: ˙s iſt nun genug. Ach, du gütiger Himmel! Ich bin ganz außer Athem. O Gott!“ Und Mr. Smallweed ſagt das, nicht ohne offenbare Zeichen der Angſt vor ſeinem theuren Freunde, der groͤßer und breiter, denn je, immer noch über ihm ſteht. Die beunruhigende Gegenwart ſinkt jedoch allmählig auf ihren Stuhl nieder, und fängt an, der Pfeife gewal⸗ tige Rauchwolken zu entlocken, wobei ſie ſich mit dem philoſophiſchen Gedanken tröſtet:„Der Name Deines Freundes in der City fängt mit einem D an, Kamerad, und Du haſt in Betreff der Schuldverſchreibung ſo ziem⸗ lich recht.“ 267 Hahen Sie Etwas geſagt, Mr. George?“ fragt der Alte. Der Soldat ſchüttelt den Kopf, lehnt ſich vorwärts, wobei er den rechten Elbogen auf das rechte Knie ſtützt, und die Pfeife in der rechten Hand hält, während ſeine andere Hand auf dem linken Schenkel ruht, und der linke Elbogen in recht martialiſcher Weiſe ein Ecke bildet. So raucht er fort. Dabei ſchaut er Mr. Smallweed mit ernſter Aufmerkſamkeit an; dann und wann fächelt er auch die Rauchwolken hinweg, um ſeinen alten Freund deſto deutlicher ſehen zu koͤnnen. „Es iſt ſo meine Anſicht,“ ſpricht er, an ſeiner Stel⸗ lung gerade ſo viel und ſo wenig ändernd, als ihn in Stand ſetzt, das Glas ſo an die Lippen zu bringen, daß er ungehindert darauf wirken kann,—„es iſt ſo meine Anſicht, daß ich der einzige lebende Menſch bin, der den Werth einer Pfeife von Ihnen herausſchlägt. Und viel⸗ leicht iſt es nicht minder richtig, wenn ich ſage, daß dieß überhaupt noch keinem Menſchen, auch wenn er jetzt todt ſein ſollte, bis jetzt gelungen iſt.“ „Wohlan!“ entgegnet der alte Mann,„es iſt wahr, daß ich keine Geſellſchaft ſehe, Mr. George, und daß ich keine Schmauſereien gebe. Meine Mittel, erlauben mir es nicht. Da aber Sie, in Ihrer luſtigen Weiſe, aus Ihrer Pfeife eine Bedingung machen.“— „Ei, es iſt mir nicht um den Werth der Sache zu thun; der iſt von keinem Belang. Es war nur ſo ein Einfall von mir, ſie von Ihnen herauszuſchlagen. Etwas wieder für meln Geld zu haben.“ „Ha! Sie ſind haushälteriſch, haushälteriſch, Sir!“ ruft Großvater Smallweed, ſich die Beine reibend. „Ja, recht haushälteriſch,— recht klug, das war ich ſtets.“— Hier ein Paff.—„Es iſt ein ſicheres Zeichen meiner Haushältigkeit, daß ich je den Weg hierher gefun⸗ den habe.“— Hier abermals ein Paff.—„Und daß ich bin, was ich bin.“— Ein Paff.—„Meine Haus⸗ 268 hältigkeit iſt eine wohlbekannte Sache,“ ſagt Mr. George ruhig fortrauchend.„So habe ich im Leben es zu Etwas gebracht.“ „Laſſen Sie den Muth nicht ſinken, Sir. Es kann noch Etwas aus Ihnen werden.“ Mr. George lacht und trinkt. „Haben Sie denn jetzt keine Verwandten,“ fragt Großvater Smallweed mit einem gewiſſen Augenzwitzern, „die das kleine Capital abzahlen, oder Ihnen ein Paar gute Namen leihen möchten, daß ich meinen Freund in der City überreden koͤnnte, Ihnen weitere Vorſchüſſe zu machen? Zwei gute Namen würden meinem Freunde in der City genügen. Haben Sie keine ſolche Verwandten, Mr. George?“ Worauf Mr. George, immer noch ruhig fortrauchend, entgegnet: „Ah, hätte ich ſolche Verwandte, ſo würde ich ihnen keine Ruhe laſſen. Ich habe in meinem Leben meinen Angehörigen ſchon Unruhe genug gemacht. Es mag eine recht gute Art von Buße bei einem Vagabunden, der die beſte Zeit ſeines Lebens vergeudet hat, ſein, daß er dann zu anſtändigen Leuten zurückkehrt, für die er nie eine Ehre war, und daß er von ihnen lebt; aber es iſt das nicht meine Art. Die beſte Art von Buße dafür, daß man fotgegangen, iſt nach meiner Anſicht die, daß man fortbleibt.“ „Aber die natürliche Liebe, Mr. George?“ meint Großvater Smallweed. „Für zwei gute Namen, he?“ ſagt Mr. George kopfſchüttelnd, und immer noch ruhig rauchend.„Nein. Das iſt auch nicht meine Art.“ Großvater Smallweed iſt, ſeitdem man ihn zum letzten Male zurechtgeſetzt hat, allmählig in ſeinem Stuhle heruntergeglitten, und iſt jetzt ein Kleiderbündel, aus dem eine Stimme nach Judy ruft. Die obengenannte Houri erſcheint, ſchüttelt ihn in der gewohnten Weiſe auf, und 269 wird von dem alten Herrn aufgefordert, um ihn zu bleiben. Denn er ſcheint ſeinem Beſuche die Mühe erſparen zu wollen, ſeine jüngſten Aufmerkſamkeiten zu wiederholen. „Ha!“ bemerkt er, nachdem er wieder geordnet iſt. „Hätten Sie den Capitän ausſindig machen können, Mr. George, ſo wären Sie ein gemachter Mann geweſen. Hätten Sie, als Sie zum erſten Male hierherkamen, in Folge der von uns in den Zeitungen eingerückten Anzei⸗ gen,— wenn ich ſage ‚von uns,“ ſo will ich von den Anzeigen meines Freundes in der City ſprechen, und von den Anzeigen ein Paar anderer Perſonen, die ihr Capital auf dieſelbe Weiſe anlegen, und gegen mich ſo freundlich ſind, daß ſie uns bisweilen bei Anlegung des Wenigen, das ich habe, an die Hand gehen,— hätten Sie zu jener Zeit mir Hülfe leiſten können, ſo wären Sie ein ge⸗ machter Mann geweſen.“ „Es wäre mir lieb genug geweſen, mich zu einem Manne machen zu laſſen, wie Sie das Ding nennen,“ ſagt Mr. George, nicht mehr ſo ruhig, wie zuvor, fort rauchend, denn ſeit dem Eintritt Judy's iſt er einiger Maßen durch eine Bezauberung, die nicht gerade bewun⸗ dernder Art iſt, geſtöͤrt geweſen, denn es noͤthigt ihn die⸗ ſelbe, Judy anzublicken, während ſie neben dem Stuhle ihres Großvaters ſteht;„im Ganzen genommen aber bin ich jetzt froh, daß ich damals nicht zu einem Manne ge⸗ macht wurde. „Warum denn, Mr. George? Im Namen des— des Schwefels*), warum denn?“ ſagt Großvater Small⸗ weed, offenbar höchſt aufgebracht(— der Name„Schwefel“ fällt ihm augenſcheinlich darum ein, weil ſein Auge zu⸗ kaltſ ſich auf die ſchlummernde Mrs. Smallweed hef⸗ et—). „Aus zwei Gründen, Kamerad!“ „Und welches ſind dieſe zwei Gründe, Mr. George? Im Namen des—“ —) Jocos, für Teufel. 270 „Unſers Freundes in der City?“ fällt Mr. George, ruhig trinkend, ein. „Ja, wenn Sie wollen. Aber ſagen Sie mir doch Ihre zwei Gründe!“ „Für's Erſte,“— erwiedert Mr. George, aber im⸗ mer noch Judy anbllckend, wie wenn, da ſie ſo alt und ihrem Großvater ſo ähnlich iſt, es gleichgültig wäͤre, welches von den beiden Weſen er anredete—„habt ihr Herren mich angeführt. Ihr machtet in den Zeitungen bekannt, daß Mr. Hawdon(— Capitän Hawdon, wenn Sie es mit dem Sprüchwort halten, das da ſagt: Ein Mal ein Capitän, und immer ein Capitän—) von Et⸗ was hören würde, was vortheilhaft für ihn wäre.“ „Nun?“ ewiedert der Alte in ſchrillem und haſtigem Tone. „Nun!“ ſagt Mr. George, fort rauchend.„Es wäre wahrſcheinlich hoͤchſt vortheilhaft für ihn geweſen, ſich von dem ganzen wechſelmäkelnden und Verhaftsbefehle erwir⸗ kenden Publikum Londons einſtecken zu laſſen.“ „Wie wiſſen Sie denn das? Einige ſeiner reichen Verwandten hätten ja ſeine Schulden bezahlen, oder für ihn accordiren können. Zudem hatte er uns angeführt. Er war uns auf allen Seiten ungeheure Summen ſchul⸗ dig,— am Anfang, in der Mitte, und am Ende des Jahres. Eher würde ich ihn erwürgt haben, als daß ich haͤtte leer ausgehen moͤgen. Wenn ich ſo hier ſitze, und an ihn denke,“ brummt der Alte, ſeine unmächtlgen zehn Finger in die Höhe haltend,—„ha, wenn ich ſo hier ſitze, und an ihn denke, möchte ich ihn noch jetzt er⸗ würgen.“ das Kiſſen nach der unſchuldigen Mrs. Smallweed; glück⸗ licher Weiſe aber nimmt die Alte dieß Mal keinen Schaden, da das Kiſſen an einer Seite ihres Stuhles vorbeifliegt⸗ „Ich brauche mir nicht erſt ſagen zu laſſen,“ entgeg⸗ neie der Troupier, einen Augenblick die Pfeife aus dem Und in einem ploͤtzlichen Wuthanfalle ſchleudert er 271 Munde nehmend, und die Augen, die ſo eben noch dem dahin fliegenden Kiſſen gefolgt waren, auf den Pfeifenkopf heftend, in dem es langſam brennt,„daß er es ein Bis⸗ chen arg machte, und ſeinem Ruine entgegen ging. Ich war manchen Tag, als er in vollem Galopp ſeinem Ruin entgegenrannte, um ihn. Ich war um ihn, wenn er krank und geſund, als er reich und arm war. Ich hielt ihn mit dieſer Hand zurück, als er, nachdem er Alles durch⸗ gebracht, und Alles unter ſich niedergebrochen hatte, ſich ein Piſtol vor den Kopf hielt.“ „Ich wollte, er hätte das Piſtol abgeſchoſſen!“ ſpricht der wohlwollende Alte,„und ſich den Schädel in eben ſo viele Stücke zerſchmettert, als er uns Pfunde ſchuldete!“ „Das wäre dann allerdings ein famoſer Schuß ge⸗ weſen,“ erwiedert der Troupier kühl;„jedenfalls war er früher ein junger, hoffnungsvoller, und hübſcher Burſche geweſen; und ich bin froh, daß ich, als er weder das Eine, noch das Andere mehr war, ihn nie fand, um ein für ihn ſo vortheilhaftes Reſultat herbeizuführen. Das iſt Numero Eins.“ „Ich hoſſe, daß Numero Zwei eben ſo gut iſt?“ brummte der Alte. „Ci, nicht ganz ſo gut. Es hat daſſelbe etwas mehr Selbſtſüchtiges an ſich. Hätte ich ihn gefunden, ſo hätte ich erſt nach der andern Welt gehen müſſen, um nach ihm zu ſchauen. Dort war er.“ „Wie wiſſen Sie denn, daß er dort war?“ „Weil er nicht hier war.“ „Und wie wiſſen Sie, daß er nicht hier war?“ „Verlieren Sie Ihre Gemüthsruhe nicht auch ſo, wie Sie Ihr Geld verloren haben,“ ſagt Mr. George, ruhig die Aſche ans ſeiner Pfeife herausklopfend.„Er war ſchon lange zuvor ertrunken. Ich bin davon über⸗ zeugt. Er fiel über Bord. Ob abſichtlich, oder zufällig, vermag ich Ihnen nicht zu ſagen. Vielleicht aber weiß es Ihr Freund in der City.— Apropos, Mr. Small⸗ 272 weed, wiſſen Sie auch, was das für eine Melodie iſt?“ ſetzt er hinzu, nachdem er eine Weile gepfiffen, wobei er ſich auf dem Tiſche mit der leeren Pfeife begleitet hat. „Melodie? Was Melodie!“ erwiedert der alte an„Nein, ich weiß es nicht. Wir haben hier nie Me⸗ lodien.“ „Das iſt der Todtenmarſch in Saul. Nach dieſem Marſche begräbt man Soldaten; und ſo iſt er das na⸗ türliche Ende unſeres Geſpräches. Wenn nun Ihre hübſche Enkelin,— entſchuldigen Sie mich, Miß,— ſo gnädig ſein will, dieſe Pfeife zwei Monate lang aufzube⸗ wahren, ſo können wir das nächſte Mal eine neue erſpa⸗ ren. Guten Abend, Mr. Smallweed!“ „Mein lieber Freund!“ Und der Alte gibt ihm beide Hände. „So glauben Sie denn, Ihr Freund in der City werde ſtreng mit mir verfahren, wenn ich ein Mal mit einer Zahlung nicht einhalte?“ ſagt der Troupier, wie ein Rieſe auf ihn herabſchauend. „Mein lieber Freund, ich befürchte, daß er das thun wird,“ entgegnete der alte Mann, wie ein Zwerg zu ihm aufblickend. Mr. George lacht, und ſchreitet, mit einem Blicke auf Mr. Smallweed und einer letzten Begrüßung, die der trotzigen Judy gilt, aus dem Wohnzimmer hinaus, wobei er imaginäre Säbel und anderes moraliſches Zube⸗ hör raſſeln läßt. „Du biſt ein verdammter Spitzbube!“ ſagt der Alte, eine abſcheuliche Grimaſſe nach der Thüre hin machend, während der Troupier dieſelbe ſchließt.„Aber ich kriege Dich ſchon noch, Du Hund,— ich kriege Dich ſchon noch!“ Nach dieſer liebenswürdigen Bemerkung ſchwingt ſich ſein Geiſt in jene bezaubernden Regionen des Gedankens auf, die Erziehung und Beruf ihm erſchloſſen haben; und abermals verbringen er und Mrs. Smallweed,— zwe⸗ — City mit ein thun ihm licke die aus, ube⸗ Alte, dend, riege ſchon ſich nkens und zwei 273 unabgelöste Schildwachen, die, wie ſchon oben geſagt, vom ſchwarzen Sergeanten vergeſſen worden find, die roſigen Stunden. Während die Beiden alſo ſtandhaft auf ihren Poſten ausharren, ſchreitet Mr. George, mit einer maſſiven Art von Windbeutelei und mit ziemlich ernſtem Geſicht, durch die Straßen. Es iſt nun acht Uhr, und der Tag neigt ſich raſch dem Ende zu. Er bleibt dicht bei Waterloo⸗ Bridge ſtehen, und liest einen Comoͤdienzettel, und ent⸗ ſchließt ſich, nach Aſtley's Theater zu gehen. Nachdem er ein Mal dort iſt, hat er ſeine Freude an den Pferden und den Kraftſtücken, die da produzirt werden; er ſieht die Waffen mit einem kritiſchen Auge an;z ſpricht ſeine Mißbilligung über die Kämpfe aus, indem dieſelben, nach ſeiner Anſicht, von ſchlechter Fechtkunſt zeugen; iſt aber von der Gefühlsſeite um ſo zugänglicher. In der letzten Scene, wo der Kaiſer der Tartarei einen Wagen beſteigt, und geruht, die vereinten Liebenden zu ſegnen, indem er mit der Unionsflagge über ihnen ſchwebt, befeuchten ſich ſeine Augenwimpern vor lauter Emotion. Als die Vorſtellung zu Ende iſt, geht Mr. George wieder über das Waſſer, und begiebt ſich nach jener merk⸗ würdigen Gegend, die zwiſchen dem Haymarket und Lei⸗ ceſter Square liegt, und die ein Mittelpunkt der Anziehung i*ſt für mittelmäßige fremde Hotels, und für nicht allzu ausgezeichnete Fremde, für Rackettenhöfe, Raufbolde, Schläger, Soldaten, Fußgardiſten, altes Porzellan, Spiel⸗ häuſer, Schauſtellungen, und einen großen Miſchmaſch von Schäbigkeit und lichtſcheuen Perſonen und Dingen. In das Herz dieſer Region eindringend, kommt er, durch einen Hof und einen langen, geweißten Gang hindurch, an einem großen, backſteinernen Gebäude an, das aus nackten Mauern, aus einem nackten Boden, aus nackten Dachſparren, ſowie aus ebenſo nackten Schrägfenſtern be⸗ ſteht. An der Fronte des Gebäudes, wenn man über⸗ Bleak Houſe. II. 18 274 haupt ſogen kann, es habe eine Fronte, ſteht angemalt „George's Schießbahn“ u. ſ. w. In George's Schießbahn u. ſ. w. geht er hinein; und es befinden ſich darin Gaslampen, deren Hähne jetzt zum Theil zugedreht ſind, zwei weiß übertünchte Scheiben für Büchſenſchützen, die nöthigen Apparate zum Bogen⸗ ſchießen und zum Fechten, ſowie Alles, was dazu gehört, um die ächtnationale Borkunſt zu üben. Heute Abend ſollen keine dieſer Uebungen oder Spiele in George's Schießbahn getrieben werden; und es iſt in der That letztere ſo arm an Geſellſchaft, daß ein kleines, groteskes Männchen mit großem Kopfe ſie ganz für ſich hat, und ſchlafend auf dem Boden liegt. Das kleine Männchen ſieht etwa wie ein Büchſen⸗ ſchmied aus, und hat eine grüͤne Schürze von Boy anz ſeine Kappe iſt von dem gleichen Stoffe. Sein Geſicht und ſeine Hände ſind vom Pulver noch ganz beſchmutzt, und zeigen offenbar an, daß er Gewehre geladen. Wäh⸗ rend er, vor einer blendend weißen Scheibe, im Lichte liegt, ſcheint die an ſeinem Geſichte und ſeinen Händen haftende Schwärze wieder. Nicht weit davon ſteht der ſtarke, roh gearbeitete, primitive Tiſch; auf demſelben liegt ein Schraubſtock, an dem er gearbeitet hat. Er iſt ein klei⸗ nes Männchen mit ganz zuſammengedrücktem Geſichte, und ſcheint, nach einer gewiſſen blauen und geſprenkelten Erſcheinung zu ſchließen, die eine ſeiner Wangen darbietet, bei ſeinem Geſchäfte ein oder ſchon mehrere Male in die Luft geſprengt worden zu ſein. „Phil!“ ſpricht der Troupier mit ruhiger Stimme. „Alles in Ordnung!“ ruft Phil, ſich mühſam em⸗ porraffend. „Geſchäfte gemacht?“ „Faſt ſo viel wie gar Nichts,“ ſagt Phil.„Fuͤnf Dutzend Büchſen⸗ und ein Dutzend Piſtolenſchüſſe. Was das Zielen betrifft—!“ Bei der bloßen Erinnerung daran läßt Phil ein Geheul hören. — „Und nun, die Boutike geſchloſſen, Phil!“ Während Phil ſich fortbewegt, um dieſen Befehl zu vollzlehen, zeigt es ſich, daß er ein Krüppel iſt, obgleich er ſich recht ſchnell bewegen kann. Auf der geſprenkelten Sette ſeines Geſichtes hat er keine Augenbraue; auf der andern Seite aber hat er eine buſchige, ſchwarze, welcher Mangel an Gleichförmigkeit ihm ein höchſt ſonderbares und ziemlich unheimliches Ausſehen verleiht. Seinen Händen ſchien Alles paſſirt zu ſein, was wohl paſſiren konnte, ſo lange er alle ſeine Finger behalten ſollte; denn es ſind dieſelben voller Einſchnitte und Schrammen, und Verſchrumpfungen. Er ſcheint ſehr ſtark zu ſein, und hebt ſchwere Bänke in die Höhe, wie wenn er gar nicht wüßte, was Gewicht wäre. Er hat eine ſeltſame Weiſe, mit der Schulter an der Wand auf der Schießbahn herum zu hinken, und Gegenſtände, die er in die Hand zu be⸗ kommen wünſcht, auf Umwegen, und gleichſam lavirend, und darnach zielend, zu erreichen, anſtatt gerade auf ſie loszugehen,— was überall an den vier Wänden Schmutz⸗ flecken zurückgelaſſen hat, die in der conventionellen Sprache nur„Phil's Zeichen“ genannt werden. Dieſer Wächter von George's Schießbahn, während George's Abweſenheit, beſchließt, nachdem er die großen Thüren geſchloſſen, und ſämmtliche Lichter, mit Ausnahme eines einzigen, das er ſchwach brennen läßt, ausgeloͤſcht hat, ſeine Arbeit damit, daß er aus einer hölzernen Hütte in einer Ecke zwei Matrazen ſammt dem noͤthigen Bett⸗ zeug herausſchleppt. Nachdem dieſe Dinge an entgegengeſetzte Enden der Schießbahn gezogen ſind, macht der Troupier ſein Bett, und Phil das ſeinige. „Phil!“ ſpricht der Herr, ohne Rock und Weſte auf ihn zugehend, und in ſeinen Hoſenträgern ſoldatiſcher, als le, ausſehend.„Man hat Sie unter einer Thüre gefun⸗ den, nicht wahr 7“ 276 „In einer Goſſe,“ antwortete Phil.„Der Nachtwächter iſt uber mich gepurzelt.“ „Somit war das Vagabundiren von je Ihre Sache, und haben Sie es geerbt.“ „Ja, ja, habe es geerbt,“ ſpricht Phil. „Gute Nacht!“ „Gute Nacht, Herr.“ Phil kann nicht einmal gerade zu Bett gehen, ſon⸗ dern ſindet es nothwendig, an zwei Seiten der Schießbahn ſich wit der Schulter herumzudrücken, und dann nach ſeiner Matratze zu zielen. Was den Troupier betrifft, ſo geht er bis auf Büch⸗ ſenſchußweite ein Paar Mal auf und ab, blickt nach dem jetzt durch die Schrägfenſter hindurchglänzenden Monde hinauf, ſchreitet auf kürzerem Wege auf ſeine eigene Matratze zu, und geht gleichfalls zu Bette. gweiuudzwanzigſtes Kapitel. Mr. Bucket. Die Allegorie in Lincolns Inn Fields ſieht ziem⸗ lich kühl aus, wenn auch der Abend heiß iſt; denn beide Fenſter Mr. Tulkinghorn's ſind weit offen, und das Zim⸗ mer iſt hoch, ſtaubig, und düſter. Es mögen dieß nicht eben wünſchenswerthe Wahrzeichen ſein, wenn der No⸗ vember mit Nebel und Schloſſen, oder der Januar mit Eis und Schnee kommt; aber ſie haben während des ſchwülen Wetters in den langen Ferien ihr Verdienſt. Sie ſetzen die Allegorie, obgleich dieſelbe Wangen hat, ber he, on⸗ uhn ach ch⸗ em nde atze 277 wie Pfirſiche, und Knie, wie Blüthenbüſchel, und roſige Anſchwellungen zu Waden an den Beinen und zu Mus⸗ keln an den Armen, in den Stand, heute Abend leidlich kühl auszuſehen. Eine Menge Staub kommt zu Mr. Tulkinghorn's Fenſter herein und eine Menge weiteren Staubes hat ſich unter ſeinen Geraͤthen, Moͤbeln, und Papieren erzeugt. Ueberall liegt dicker Staub. Wenn ein Wind vom Lande, der ſich verirrt hat, Angſt bekommt, und in blinder Eile wieder hinaus ſtürmen will, ſo weht er der Allegorie eben ſo viel Staub in die Augen, als das Geſetz,— oder Mr. Tulkinghorn, einer der treueſten Repräſentan⸗ ten deſſelben,— den Laien gelegentlich in die Augen ſtreuen mag. In dieſem ſeinem finſtern Staubmagazin,— Staub iſt der univerſelle Artikel, in den ſeine Papiere, und er ſelbſt, und alle ſeine Clienten, und alle Dinge dieſer Erde, mögen ſie nun belebt oder unbelebt ſein, ſich auf⸗ löſen,— ſitzt Mr. Tulkinghorn an einem der offenen Fenſter, und läßt ſich eine Flaſche alten Portweins ſchmecken. Obgleich er ein verſchloſſener, trockener, ſchweigſamer Mann von grobem Schrot und Korn iſt, ſo ver⸗ ſteht er ſich doch, trotz Einem, auf alten Wein. Er hat ein kleines Lager von wahrhaft unſchätzbarem Portwein in einem künſtlichen Keller unter den Fields, der eines ſeiner vielen Geheimniſſe iſt. Speist er ein Mal allein auf ſeinem Zimmer, wie das heute der Fall geweſen, und hat er ſich ſeine Por⸗ tion Fiſch, ſammt ſeinem Steak oder ſeinem gebratenen Huhne aus dem Kaffehauſe bringen laſſen, ſo ſteigt er mit einem Lichte in die wlederhallenden Regionen unter dem verödeten Hauſe hinab, und kommt, durch einen fernen Wiederhall donnernder Thüren verkündet, ernſt zurück, umgeben von einer moderigen Athmosphäre, und in der Hand eine Flaſche tragend, aus der er einen funkelnden, fünfzig Jahre alten Nektar herausgießt,— 278 einen Nektar, der in dem Glaſe darüber erröthet, daß er ſich in ſo famoſer Güte vorfindet, und das ganze Zinmer mit dem Wohlgeruche ſüdländiſcher Trauben erfüllt. Mr. Tulkinghorn ſitzt, wie ſchon geſagt, im Däm⸗ merlichte an dem offenen Fenſter, und läßt ſich ſeinen Wein ſchmecken. Wie wenn dieſer ihm Etwas über ſein fünſzigjähriges Schweigen und ſeine fünfzigjährige Abge⸗ ſchiedenheit von der Welt zuflüſterte, wird er Mr. Tulkinghorn— immer verſchloſſener, und immer mehr in ſich gekehrt. Undurchdringlicher, denn je, ſitzt er da, und trinkt, und ſieht immer geheimnißvoller aus; und brütet in dieſer Stunde der Dämmerung über alten My⸗ ſterien, die er kennt, und die mit ſinſteren Gehölzen auf dem Lande, und rieſigen, öden, zugeſchloſſenen Häuſern in der Stadt in Verbindung ſtehen; und ſpart vielleicht ein Paar Gedanken für ſich, und ſeine Fami⸗ liengeſchichte, und ſein Geld, und ſein Teſtament,— auf, was Alles für Jedermann ein Myſterium iſt; und denkt vielleicht darüber nach, wie ein ihm befreundeter Junggeſelle, ein Mann von demſelben Schlage, wie er, und gleichfalls Juriſt, der dieſelbe Art Leben führte, bis er fünf und ſiebzig Jahre alt war, und dann— wie man vermuthet— ploͤtzlich auf den Gedanken verfiel, daß dieß Leben doch gar zu monoton ſei, an einem ſchönen Sommerabende ſeinem Haarkräusler ſeine goldene Uhr ſchenkte, und wie gewoͤhnlich nach Hauſe, nach dem Tempel ſpazierte, und ſich erhängte. 3 4 * Aber Mr. Tulkinghorn iſt heute Abend nicht allein, um wie gewoͤhnlich ſeinen Gedanken nachzuhangen. An demſelben Tiſche, obgleich ſein Stuhl beſcheiden, und un⸗ bequem ein Bischen davon weggezogen iſt, ſitzt ein kahl⸗ köpfiger, ſanfter, glänzender Mann, der ehrerbietig hinter ſeiner Hand hervorhuſtet, wenn der Juriſt ihn auffordert, ſein Glas zu füllen. „Und nun, Snagsby,“ ſpricht Mr. Tulkinghorn, 1 * 279 „wollen wir dieſe ſeltſame Geſchichte noch ein Mal vor⸗ nehmen.“ „Wenn es Ihnen gefällig iſt, Sir.“ „Sie ſagten mir, vergangenen Abend, als Sie ſo gut waren, ſich hieher zu bemühen—“ „Ich muß Sie bitten, mich zu entſchuldigen, wenn ich mir eine Freiheit herausgenommen hatte, Sir; aber ich erinnerte mich, daß Sie eine Art Intereſſe an der Perſon genommen hatten, und ich glaubte, es wäre möglich, Sie koͤnnten— ſo— wünſchen,— zu—“ Mr. Tulkinghorn iſt nicht der Mann, um ihm zu einem Schluſſe zu verhelfen, oder in Betreff ſeiner ſelbſt Etwas als moͤglich zuzugeben. Mr. Snagsby ſagt daher endlich mit einem unbeholfenen Huſten: „Gewiß muß ich Sie bitten, Sir, mich wegen der Freiheit zu entſchuldigen, die ich mir genommen.“ „Mit nichten,“ ſpricht Mr. Tulkinghorn.„Sie fagten mir, Snagsby, daß Sie den Hut aufgeſetzt hät⸗ ten, und herumgekommen ſeien, ohne Ihrer Frau von Ihrer Abſicht Etwas zu ſagen. Es war das klug, wie ich glaube, da die Sache nicht von ſolcher Wichtigkeit iſt, daß ſie der Erwähnung werth wäre. „Sehen Sie, Sir,“ erwiedert Mr. Snagsby,„mein Welbchen iſt,— um die Sache beim rechten Namen zu nennen, ziemlich neugierig. Ja ſie iſt neugierig. Das arme, kleine Ding! Sie iſt Krämpfen ausgeſetzt, und es iſt gut, wenn ihr Geiſt beſchäftigt iſt. In Folge deſ⸗ ſen wendet ſiz ihn, ich möchte ſagen, auf jedes indivi⸗ duelle Ding an, das ſie in ihrem Bereiche ſindet, mag es ſie nun angehen oder nicht;— beſonders aber befaßt ſich ihr Geiſt gern mit Dingen, die ſie Nichts angehen. Wein Weibchen hat eben einen ſehr thätigen Geiſt, ir.“ Mr. Snagsby trinkt, und murmelt mit einem Huſten der Bewunderung hinter der Hand hervor: „Fürwahr köſtlicher, koͤſtlicher Wein!“ 280 „Sie haben alſo geſtern Abend Niemand Etwas von ihrem Beſuche geſagt?“ ſagt Mr. Tulkinghorn.„Und heute Abend gleichfalls?“ „Ja, Sir, und heute Abend gleichfalls. Mein Weibchen iſt dermalen in,— um die Sache beim rechten Namen zu nennen,— in einem frommen Zuſtande, oder wenigſtens in einem Zuſtande, der ihr als ein frommer erſcheint, und wohnt den Abendübungen(— ſo heißt man ſie—) eines geiſtlichen Herren, Namens Chadband, bei. Es ſteht dieſem Herrn ohne Zweifel große Bered⸗ ſamkeit zu Gebot, allein ich ſelbſt finde an ſeinem Stil kein beſonderes Gefallen. Er ſpricht mich nicht ſo recht an; da nun aber mein Weibchen in ſolcher Weiſe beſchaͤftigt iſt, ſo ward es mir leichter, ganz in der Stille hierher zu kommen.“ Mr. Tulkinghorn gibt ſeine Zuſtimmung zu erken⸗ nen, und ſpricht: „Füllen Sie Ihr Glas, Snagsby!“ „Ich danke Ihnen, Sir,— danke Ihnen,“ erwie⸗ dert der Schreibmaterialienhändler mit ſeinem demüthi⸗ dn öuſten.„Es iſt dieß wunderbar feiner Wein, ir!“ „Es iſt jetzt ein ſeltener Wein,“ ſagt Mr. Tulking⸗ horn.„Er iſt fünfzig Jahre alt.“ „Wirklich, Sir? Aber es überraſcht mich gewiß nicht, dieß zu hoͤren. Es koͤnnte— faſt irgend ein Al⸗ ter ſein.“ Nachdem Mr. Snagsby dem Portwein dieſen allge⸗ meinen Tribut gezollt, huſtet er in ſeiner Beſcheidenheit hinter ſeiner Hand hervor, eine Apologie, daß er etwas ſo Köſtliches zu trinken wage. „Wollen Sie mir noch ein Mal wiederholen, was der Junge ſagte,“ fragt Mr. Tulkinghorn, die Hände in die Taſchen ſeiner alten, kurzen Beinkleider ſteckend, und ſich in ſeinen Stuhl ruhig zurücklehnend. „Mit Vergnügen, Sir.“ ein ten ner ißt ein un; 281 Und nun wiederholt der Schreibmaterialienhändler getreu, wenn auch etwas weitſchweiſig, die Ausſage Jo's vor den in ſeinem Haus verſammelt geweſenen Gaͤſten. Als Mr. Snagsby beim Ende ſeiner Erzählung an⸗ gelangt, fährt er plötzlich gewaltig zuſammen, und bricht mit den Worten ab: „Ach du mein Gott, Sir, ich wußtie nicht, daß hier noch ein anderer Herr anweſend ſei!“ Mr. Snagsby iſt vor Schrecken ganz außer ſich, als er zwiſchen ſich und dem Juriſten, in geringer Ent⸗ fernung vom Tiſche, eine Perſon mit aufmerkſamem Ge⸗ ſichte daſtehen ſieht,— eine Perſon, die einen Hut und einen Stock in der Hand hat,— eine Perſon, die nicht da war, als er ſelbſt herein kam, und ſeit dem auch weder durch die Thüre, noch durch das Fenſter in das Zimmer gekommen iſt. Zwar kefindet ſich im Zimmer auch ein Schrank, aber die Angeln deſſelben haben nicht geknarrt, und eben ſo wenig hat ſich auf dem Boden ein Fußtritt vernehmen laſſen. Und doch ſteht nun mit einem Male dieſe dritte Perſon da, mit ihrem aufmerkſamen Geſichte, und ihrem Hute und Stocke in der Hand, und di Hände auf dem Rücken liegend,— ein ruhiger Zu⸗ örer. Der Mann, den Snagsby ſo urplötzlich gewahrt, iſt ſtark gebaut, hat in ſeinem Aeußern etwas Ernſtes und Standhaftes, hat ſcharfe Augen, iſt ſchwarz ge⸗ kleidet, und iſt etwa von mittlerem Alter. Den Punkt abgerechnet, daß er Mr. Snagsby anſchaut, wie wenn er ihn portraitiren wollte, hat er auf den erſten Blick nichts Bemerkenswerthes an ſich, ais ſeine geiſterhafte Erſcheinungsweiſe. „Thun Sie, als ob dieſer Herr gar nicht da wäre,“ ſpricht Mr. Tulkinghorn in ſeiner ruhigen Weiſe.„Es iſt bloß Mr. Bucket.“ „Wirklich, wirklich, Sir?“ erwiedert der Schreib⸗ 282 materialienhaͤndler, durch einen Huſten zu erkennen ge⸗ bend, daß er in Betreff der Perſönlichkeit dieſes Mr. Bucket ganz und gar im Dunkeln iſt. „Ich wollte, daß er dieſe Geſchichte hoͤren ſollte,“ ſpricht der Juriſt,„weil ich ſo meine Gründe habe, noch mehr darüber erfahren zu wollen, und er in ſolchen Dingen ſehr intelligent iſt. Was ſagen Sie zu der Sache, Bucket?“ „Es iſt Alles ganz klar und einfach, Sir. Da un⸗ ſere Leute den Jungen fortgetrieben haben, und er nicht an ſeinem alten Ptatze zu finden iſt, ſo können wir ihn in weniger denn ein Paar Stunden hier haben, wenn Mr. Snagsby ſo gut ſein will, mit mir nach Tom⸗All⸗ Alone's zu gehen, und ihn mir zu zeigen. Natürlich kann ich auch im Nothfalle Mr. Snagsby entbehren; allein der von mir angegebene Weg iſt der kürzeſte.“ „Mr. Bucket gehoͤrt zur Sicherheitspolizei, Snagsby,“ ſpricht der Juriſt erklärend. „Wirklich, Sir?⸗ ſagt Mr. Snagsby, und ſein Kruden Haare verräth ſtarke Luſt, zu Berge zu ehen. „Und wenn es Ihnen wirklich Nichts verſchlägt, Mr. Bucket an den fraglichen Ort zu begleiten,“ fährt der Juriſt fort,„ſo werde ich Ihnen verbunden ſein, wenn Sie es thun wollen.“ Nach einigen Augenblicken der Unſchlüſſigkeit von Seiten Mr. Snagsby's ergreift Bucket das Wort, und es iſt merkwürdig, wie richtig er dabei in der Seele des Schreibmaterialienhändlers liest. Der Polizeiofſtziant ſpricht: „Befürchten Sie nicht, daß Sie dem Jungen ſcha⸗ den werden. Es ſoll ihm Nichts geſchehen. So weit es den Jungen betrifft, iſt Alles in Ordnung. Sie werden ihn bloß hieher bringen, um ihn auf ein Paar Fragen antworten zu laffen, die ich an ihn zu ſtellen wünſche; er ſoll für ſeine Mühe belohnt, und dann als⸗ ge⸗ Mr. te,“ noch chen der un⸗ nicht ihn denn All⸗ lich ten; y,“ ſein zu ägt, ährt ein, von und eele cha⸗ weit Sie Jaar llen als⸗ 283 bald wieder entlaſſen werden. Der Junge ſoll ſein Hier⸗ herkommen nicht zu bereuen haben. Ich verſpreche Ih⸗ nen bei meiner Mannesehre, daß der Junge alsbald wieder entlaſſen werden ſoll. Befürchten Sie ja nicht, daß Sie ihm ſchaden werden; Sie werden das nicht im Entfernteſten thun!“ „Wohlan, Mr. Tulkinghorn!“ ruft Mr. Snagsby froͤhlich und wieder beruhigt,„da dieß der Fall iſt—“ „Jal Und ſchauen Sie her, Mr. Snagsby,“ hebt Bucket wieder an, ihn beim Arme beiſeit ziehend, ihm in familiärer Weiſe ſanft auf die Bruſt ſchlagend, und in zutraulichem Tone ſprechend,„Sie ſind ein Mann von Welt, ſchauen Sie, und ein tüchtiger Geſchäfts⸗ mann, und ein Mann von Verſtand. Schauen Sie, das ſind Sie.“ „Ich bin Ihnen zwar für Ihre gute Meinung ſehr verbunden,“ erwiedert der Schreibmaterialienhändler mit ſeinem beſcheidenen Huſten,„aber—“ „Nein, das ſind Sie, ſchauen Sie,“ ſagt Bucket. „Nun aber braucht man einen Mann, wie Sie find, — einen Mann, der Ihr Geſchäft hat, ein Geſchäft, das einen zuverläſſigen Mann erfordert,— ein Ge⸗ ſchäft, in dem man die Augen weit auſthun, und alle ſeine fünf Sinne zuſammen nehmen, und den Kopf feſt angeſchraubt haben muß(— ich hatte ein Mal einen Onkel in Ihrem Fache—)— nun aber, ſage ich, braucht man einem Mann, wie Sie ſind, nicht erſt zu ſagen, daß es das Beſte und Klügſte iſt, kleine Dinge, wie dieſes eines iſt, bei ſich zu behalten, und nicht wie⸗ der davon zu ſprechen. Sehen Sie nicht? Nicht weiter davon zu ſprechen!“ „Gewiß, gewiß,“ entgegnet der Schreibmaterialien⸗ händler. „Ich darf Ihnen wohl ſagen,“ ſpricht Bucket mit einem aufmunternden Anſcheine von Offenherzigkeit, „daß, ſoweit ich die Sache verſtehen kann, ein Zweifel 284 obzuwalten ſcheint, ob dieſe verſtorbene Perſon nicht zu einem kleinen Vermögen berechtigt war, und ob dieſes Frauenzimmer in Betreff dieſes Vermögens nicht einige Intriguen geſponnen hat, ſehen Sie nicht?“ „Oh!“ ſagt Mr. Snagsby, der aber allem An⸗ ſcheine nach gar nicht klar ſieht. „Was Sie nun haben wollen,“ fäͤhrt Bucket fort, indem er Mr. Snagsby in comfortabler und beſänftigen⸗ der Weiſe abermals auf die Bruſt ſchlägt,„iſt, daß Recht Recht bleibe, und daß Jedem das Seinige werde. Das wollen Sie haben: ich weiß es.“ „Gewiß,“ erwiedert Mr. Snagsby nickend. „Weßhalb, und um zu gleicher Zeit einen Kunden oder Clienten zu verbinden,— wie heißen Sie es in Ihrem Geſchäfte?— Ich weiß nicht mehr, wie mein Oheim es zu nennen pflegte.“ „Je nun, ich ſelbſt ſage gewöhnlich ‚Kunde“,“ er⸗ wledert Mr. Snagsby. „Sie haben Recht!“ entgegnet Mr. Bucket, ihm ganz freundſchaftlich die Hand ſchüttelnd,— ‚weßhalb, und um zu gleicher Zelt einen ſoliden, guten Kunden zu verbinden, Sie, ganz im Vertrauen mit mir nach Tom⸗ All⸗Alone's hinunter gehen, und dann die ganze Sache für ſich behalten und mit Niemand je darüber ſprechen wollen, dieß iſt etwa ſo Ihre Abſicht, wenn ich Sie recht verſtehe?“ „Sie haben Recht, Sir, Sie haben Recht,“ ſagt Mr. Snagsby. „Wenn das alſo der Fall iſt, ſo nehmen Sie Ihren Hut hler,“ erwiederte ſein neuer Freund, mit der Kopf⸗ bedeckung des Schreibmaterialienhändlers ganz ſo vertraut, wie wenn er dieſelbe gemacht hätte;„und wenn Sie pa⸗ rat ſind, ſo bin ich es auch.“ Sie verlaſſen Mr. Tulkinghorn, gehen auf die Straße hinab, und es zeigt ſich auch nicht eine Spur von Un⸗ — ruhe auf der Oberfläche ſeiner unergründbaren Tiefe, ſondern er trinkt ruhig ſeinen alten Wein fort. „Kennen Sie zufällig nicht auch eine recht gute Art von einer Perſon, Namens Gridley?“ ſagt Bucket in freundſchaftlicher Unterhaltung, während die Beiden die Treppe hinabgehen. „Nein,“ ſpricht Mr. Snagsby nachdenkend,„ich kenne Niemand mit dieſem Namen. Warum?“ „Oh, es iſt nichts Beſonderes,“ ſpricht Bucket.„Nur hat er ſein Temperament ein Bischen zu ſehr Herr über ſich werden laſſen, und verſteckt ſich nun, nachdem er einige reſpectable Leute bedroht hat. Ich habe einen Ver⸗ haftsbefehl gegen ihn;— und es iſt traurig, daß ein Mann von Verſtand ſeiner Verhaftung ſo entgehen will.“ Während ſie ſo mit einander fortgehen, bemerkt Mr. Snagsby als etwas Neues, daß ſein Kamerad, wie ge⸗ ſchwind auch ihr Schritt ſein mag, immer und ewig in einer gewiſſen, unerklärbaren Weiſe zu lauern ſcheint; und ebenſo bemerkt er, daß derſelbe, ſo oft er im Begriffe iſt, ſich links oder rechts zu wenden, vorgibt, er wolle gerade ausgehen, und dann im allerletzten Augenblicke noch ſcharf abſchwenkt. Dann und wann, wenn ſie an einem ſeine Runde machenden Polizeiconſtabler vorübergehen, bemerkt Mr. Snagsby, daß der Conſtabler und ſein Führer einer merkwürdigen Zerſtreutheit anheimfallen, während er an einander vorübergehen, und einander ganz zu überſehen, und in den Raum hinauszublicken ſcheinen. Ein Paar Male berührt Mr. Bucket mit ſeinem Stocke einen jungen Mann von weniger, denn mittlerer Groͤße,— einen Mann, der einen glänzenden Hut auf dem Kopfe hat, und auf jeder Seite des letzteren ſein glattes Haar in eine platte Locke zuſammengedreht trägt. Die Berührung mit dem Stocke geht in der Weiſe vor ſich, daß Mr. Bucket ihn faſt kaum anſchaut: worauf der junge Mann herumblickt, und alsbald verſchwindet. Meiſtens bemerkt Mr. Bucket das, was ihm überhaupt aufſloͤßt, mit einer Miene, die 286 ſich eben ſo gleich bleibt, wie der große Trauerring an ſeinem kleinen Finger, oder die aus wenig Diamant und viel Faſſung beſtehende Broche, die er an ſeinem Hemde trägt. Als ſie endlich bei Tom⸗All⸗Alone's angelangt ſind, bleibt Mr. Bucket einen Augenblick an der Ecke ſtehen, und nimmt von dem dort ſtationirten Conſtabler ein bren⸗ nendes Ochſenauge;*) und dann begleitet ihn der Con⸗ ſtabler mit ſeinem eigenen Ochſenauge, das er an ſeinem Leibgurte trägt. Zwiſchen ſeinen zwei Führern geht Mr. Snagsby in der Mitte einer häßlichen Straße fort, die voll ſtehenden Waſſers, in der kein Luftzug, die voll ſchwarzen Kothes und ſtinkender Feuchtigkeit iſt,— ob⸗ gleich die Wege oyſt überall trocken ſind,— und die ſolche Gerüche und Anblicke darbietet, daß er, der doch ſein Lebenlang in London gewohnt hat, ſeinen Sinnen kaum trauen kann. Von dieſer Straße und ihren Ruinen⸗ häufen auslaufend, zeigen ſich noch andere Straßen und Höfe, die ſo abſcheulich ſind, daß Mr. Snagsby ſich geiſtig und körperlich unwohl findet, und daß es ihm iſt, als ob es jeden Augenblick tiefer in den Hoͤllenſchlund hinabginge. „Gehen Sie da ein Bischen auf die Seite, Mr. Snagsby,“ ſpricht Bucket, während eine armſelige Sänfte, die von einem lärmenden Haufen umgeben iſt, nach innen her getragen wird.„Da kommt das Fieber die Gaſſe herauf!“ Während der ungeſehene arme Menſch vorübergetra⸗ gen wird, ſammelt ſich die Menge, welche dieſen Gegen⸗ ſtand der Anziehung verlaſſen hat, um die drei Fremden her, gleich einem Traume gräßlicher Geſichter, und ver⸗ ſchwindet in Gäßchen, und in Ruinen, und hinter Mauern; und umſchwebt, unter gelegentlichen Rufen und ſchrillen, *) Eine Art Laternen von Gallglas. ** 287 als warnende Signale dienenden Pſiffen, von nun an die Drei, bis ſie den Ort wieder verlaſſen. „Sind dieß die Fieberhäuſer, Darby?“ fragt Mr. Bucket kaltblüig, während er ſein Ochſenauge nach einer Reihe ſtinkender Rutnen hinhält. Darby erwiedert,„alle ſeien es,“ uad ferner, daß ſeit Monaten die Leute Dutzendweiſe krank geworden, und, todt oder ſterbend, wie„von der Lungenfäule befal⸗ lene Schafe“ hinausgetragen worden ſeien. Bucket bemerkt, während ſie weiter gehen, gegen Mr. Snagsby, daß er ein Bischen übel ausſehe, worauf Mr. Snagsby antwortet, daß es ihm ſei, als wenn er die abſcheuliche Luft gar nicht einatbiren könne. In verſchiedenen Häuſern erkurdißt man ſich nach einem Knaben, Namens Jo. Da man in Tom⸗All⸗Allone's nur wenige Leute an chriſtlichen Zeichen erkennt, und den Meiſten ein ſolches durchaus abgeht, ſo wird Mr. Snagsby häufig gefragt, ob er Car rots*), oder den Oberſten, oder Gallows,**) oder Young Chiſel,***) oder Terrier Tip, †), oder Lanky, †*†) oder den Brick †††) meint. Mr. Snagsby beſchreibt ſein Individuum aber und abermals. Es zeigen ſich verſchiedene, ſich bekämpfende Anſich⸗ ten in Betreff des Originals ſeines Gemaͤldes. Einige meinen, es müſſe Carots ſein; Andere ſagen, es ſei der Brick. Es wird der Oberſt produzirt; allein er iſt entfernt nicht das, was man ſucht. — *) Möhre, Rothkopf. **) Galgen. ***) Junger Meißel. †) Dachshund Tip. r) Der Klapperbeinige. rrd Backſtein. 288 So oft Mr. Sunagsby mit ſeinen Führern ſtehen bleibt, ſammelt ſich die Menge um ſie her, und aus den garſtigen Tiefen derſelben gelangt ein unterthäniger Rath bis zu Mr. Bucket. So oft ſie ſich weiter bewegen und die zornigen Ochſenaugen glänzen, zertheilt ſich die Menge, und umſchwebt ſie, wie zuvor in den Gäßchen, und in den Ruinen, und hinter den Mauern. Am Ende wird ein Lager ausfindig gemacht, wo Toughy, oder Tough Subject*) ſich Nachts hinlegt; und man glaubt, daß Tough Subjeet der geſuchte Jo ſein könne. Eine Notenvergleichung zwiſchen Mr. Snagsby und der Eigenthümerin des Hauſes,— einem„verſoffe⸗ nen,“ in ein ſchwarzes Bündel eingehüllten, und aus ei⸗ nem Lumpenhaufen auf dem Boden einer Hundehütte herausglotzenden Geſichte(— die Hundehütte ſtellt den Salon der Eigenthümerin dar—)— führt zu dieſem Schluſſe. Toughy iſt zum Doktor gegangen, um einen Kolben Arznei für eine kranke Frau zu holen, kann aber nicht mehr lange ausbleiben. „Und wen haben wir heute Nacht hier?“ ſagt Mr. Bucket eine andere Thüre öffnend, und ſein Ochſenauge hineinblicken laſſend.„Zwei betrunkene Männer, he? Und zwei Weiber? Die Männer ſchlafen feſt genug,“ den Arm jedes Schlafenden vom Geſichte entfernend, um ihn anzuſchauen.„Sind das eure Mäͤnner, ihr liebe Frauen? „Ja, Sir,“ entgegnet eines der Weiber.„Sie ſind unſere Männer.“ „Ziegelſtreicher, he?“ „Ja, Sir.“ „Was ſchaffet ihr hier! Ihr ſeid nicht von London?“ „Nein, Sir. Wir ſind aus Hertfordſhire.“ „Aus welchem Theil von Hertfordſhire? „Saint Albans.“ „Seid heraufgekommen, um Arbeit zu ſuchen?“ *) Zähes Subject. 289 „Wir find geſtern heraufgekommen. Es gibt der⸗ malen drunten bei uns keine Arbeit; allein wir haben nichts Gutes gemacht, indem wir hieher kamen, und wer⸗ den wahrſcheinlich auch nichts Gutes machen.“ „Es iſt dieß nicht der Weg, viel Gutes zu machen,“ ſpricht Mr. Bucket, den Kopf nach den bewußtlos auf dem Boden liegenden Figuren hinwendend. „Nein, es iſt das der Weg nicht,“ erwiedert das Weib mit einem Seufzer.„Ich und Jenny wiſſen es gar wohl.“ Obgleich die Stube zwei bis drei Fuß höher iſt, als die Thüre, ſo iſt ſie doch ſo niedrig, daß der Kopf des Größten von den drei Fremden die ſchwarze Decke be⸗ rühren würde, wenn derſelbe ſich aufrecht hielte. Es iſt ein jeden Sinn beleidigendes Loch; ſelbſt das rohe Licht brennt nur blaß und ſpärlich in der ſchlechten Luft. Das Auge gewahrt ein Paar Bänke, ſowie eine etwas höhere einen Tiſch vertreten ſollende Bank. Die Männer liegen ſchlafend da, wo ſie niedergetaumelt find; die Weiber aber ſitzen bei dem Lichte. In den Armen des Weibes, das geſprochen hat, liegt ein ganz junges Kind. „Nun ſagen Sie mir ein Mal, wie alt dieſes kleine Geſchöpf iſt?“ ſagt Bucket.„Das Kind ſieht aus, wie wenn es erſt geſtern geboren wäre.“ Mr. Buacket zeigt ſich hierin gar nicht barſch; und waährend er ſein Licht ſanft nach dem Kinde hin wendet, wird Mr. Snagsby ſeltſamer Weiſe an ein anderes licht⸗ umfloſſenes Kind erinnert, das er auf Gemälden ge⸗ ſehen hat. „Das Kind iſt noch keine drei Wochen alt, Sir,“ ſagt die Frau. „Iſt es Ihr Kind 2“ „Ja, es gehoͤrt mir.“ Das andere Welb, das ſich, als ſie hereintraten, über das Kind bückte, bückt ſich nun abermals, und küßt es, während es ſo ſchlafend daliegt. Bleak Houſe. II. 19 290 „Sie ſcheinen das Kind ſo gern zu haben, wie wenn Sie ſelbſt ſeine Mutter wären,“ ſpricht Mr. Bucket. „Ich war die Mutter eines Kindes, das ihm ganz ähnlich war, Herr,— und es iſt daſſelbe geſtorben.“ „Ah, Jenny, Jenny!“ ſagt das andere Weib zu ihr; „es iſt beſſer ſo. Viel beſſer, es todt, als es lebendig zu wiſſen, Jenny! Viel beſſer!“ „Ei, Sie ſind doch hoffentlich keine ſo unnatürliche Mutter, daß Sie Ihr eigenes Kind todt ſehen moͤchten?“ erwiedert Bucket ernſt. „Gott weiß es, Sie ſagen die Wahrheit, Herr,“ entgegnet ſie.„Ich bin keine ſo unnatürliche Mutter. Ich wuͤrde mich mit meinem eigenen Leben, wenn ich knnte, zwiſchen mein Kind und den Tod ſtellen,— ſo wahr, als eine hübſche Dame es thun würde.“ „Dann müſſen Sie aber nicht ſo ſprechen, wie Sie vor einer Weile geſprochen haben: das iſt nicht recht,“ ſagt Mr. Bucket, abermals erweicht.„Warum thun Sie es dennoch?“ „Es kommt mir ſo in den Kopf, Herr, wenn ich auf das Kind hinabblicke, während es ſo da liegt,“ erwiedert das Weib, während ihre Augen ſich mit Thränen füllen. „Wenn das Kind nicht mehr aufwachen ſollte, ſo würde mich das ſo angreifen, daß Sie glauben würden, ich ſei wahnſinnig. Ich weiß das recht wohl. Ich war bei Jenny, als ſie das ihrige verlor, war ich nicht da, Jenny?— Und ich weiß, wie ſehr es ihr zu Herzen ging. Aber ſchauen Sie ſich ein Mal hier um. Sehen Sie ein Mal dieſe an.“ Dabei warf ſie einen Blick auf die auf dem Boden liegenden Schläfer.„Sehen Sie ein Mal den Jungen an, auf den Sie warten, und der aus Gefälligkeit einen Gang für mich thut. Denken Sie an die Kinder, mit denen Ihr Beruf Sie alle Tage zuſammenführt, und die Sie aufwachſen ſahen!“ „Gut, gut,“ ſagt Mr. Bucket,„erziehen Sie Ihr 291 Kind gut, ſo wird es Ihnen einſt ein Troſt ſein, und in Ihrem Alter Sie pflegen, wiſſen Sie.“ „Ich will mein Möglichſtes thun,“ antwortete ſie, ſich die Augen abtrocknend.„Aber ich habe heut Abend, wo ich über die Maßen müde bin, und am kalten Fieber leide, an die vielen Dinge gedacht, die ihm in den Weg kommen werden. Mein Mann und Herr wird gegen das Kind ſein, und es wird geſchlagen werden, und wird ſe⸗ hen, wie man mich ſchlägt, und es wird das elterliche Haus fürchten lernen, und vielleicht gar davonlaufen. Ar⸗ beite ich auch noch ſo viel, und noch ſo hart für das Kind, ſo iſt doch Niemand da, um mich zu unterſtützen; und wenn das Kind nicht einſchlagen würde, trotz Allem, was ich thun könnte, und wenn die Zeit käme, wo ich neben dem Bette meines verhärteten und zum Böſen ge⸗ wandten Kindes ſitzen würde,— iſt es da nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß ich an das Kind denken würde, wie es jetzt in meinem Schooße liegt, und daß ich wünſchen würde, es wäͤre geſtorben, wie jenes Kind geſtorben iſt?“ „Da, da!“ ſagt Jenny.„Liz, Du biſt müde, und krank. Laß mich das Kind jetzt nehmen.“. Während ſie das thut, ſchiebt ſie das Kleid der Mutter auf die Seite, ordnet daſſelbe aber geſchwind wieder über den wunden und geguetſchten Buſen her, an dem das Kind gelegen iſt. „Es iſt mein todtes Kind,“ ſpricht Jenny, mit dem Kinde auf und ab gehend,„das mich mit ſo vieler Liebe für dieſes erfüllt, und es iſt mein todtes Kind, das auch ſie mit ſo vieler Liebe für daſſelbe erfüllt, daß ſie ſelbſt daran denkt, daß es ihr jetzt entriſſen werden moͤchte. Während ſie ſo denkt, denke ich, was ich darum gäbe, wenn ich mein allerliebſtes Kind wieder hätte. Aber wir wollen, wir zwei arme Mütter, in unſern armen Herzen das Nämliche ſagen; nur können wir es nicht ſo recht ſagen!“ Während Mr. Snagsby ſich ſchnäuzt, und ſein Mit⸗ 29² gefühl durch Huſten zu erkennen gibt, hört man einen Tritt draußen.. Mr. Bucket leuchtet mit ſeinem Lichte nach dem Thürwege hin, und ſagt zu Mr. Snagsby: „Nun, was ſagen Sie zu Toughy? Iſt der es?“ „Das iſt Jo!“ ſagt Mr. Snagsby. Jo ſteht ganz verblüfft in der Lichtſcheibe da, wie eine zerlumpte Figur in einer Zauberlaterne, und zittert bei dem Gedanken, daß er ſich gegen das Geſetz verfehlt, indem er nicht weit genug fortgegangen. Mr. Snagsby gibt ihm indeſſen die tröſtende Ver⸗ ſicherung:„Es iſt bloß ein Gang, wofür Du bezahlt worden wirſt, Jo.“ Der Knabe erholt ſich wieder, wird von Mr. Bucket mit hinausgenommen, und erzählt ihm da allein ſeine Geſchichte auf befriedigende Weiſe, wenn auch ganz außer Athem. „Ich habe mich mit dem Jungen verſtändigt,“ ſagt Mr. Bucket wieder hereintretend,„und es iſt Alles in Ordnung. Und nun find wir parat für Sie, Mr. Snagsby.“ Zuerſt aber hat Jo ſeine Gefälligkeit noch dadurch zu vervollſtändigen, daß er die Arzenei, die er herbeige⸗ holt, übergibt, was er mit den lakoniſchen Worten thut: „Man hat geſagt, es müſſe alsbald ganz genommen wer⸗ den.“ Zweitens hat Mr. Snagsby eine halbe Krone, ſeine gewoͤhnliche Panacee für eine ungeheure Mannig⸗ faltigkeit von Leuten, auf den Tiſch zu legen. Drittens hat Mr. Bucket Jo beim Arme, ein wenig über dem Elbogen, zu nehmen, und ihn vor ſich her gehen zu laſ⸗ ſen; denn es koͤnnte ſonſt weder Tough Subject, noch irgend ein anderes Subject in profeſſioneller Weiſe nach Lincolns Inn geführt werden. Nachdem alle dieſe Anordnungen getroffen find, wün⸗ ſchen ſte den Weibern eine gute Nacht, und kommen wieder inen dem wie V ttert ehlt, Ver⸗ zahlt ucket ſeine außer ſagt Alles Mr. durch veige⸗ thut: wer⸗ erone, nnig⸗ ittens dem laſ⸗ noch nach wün⸗ vieder 293 ein Mal in das ſchwarze, ſchmutzige und ſtinkende Quartier, Tom⸗All⸗Alone's genannt, heraus. Auf den ſtinkenden und ekelhaften Wegen, durch welche ſie in dieſes Loch hinab geſtiegen ſind, kommen ſie all⸗ mählig auch wieder aus demſelben hervor; die Menge umſchwebt ſie dabei, und pfeift, und verſteckt ſich um ſie her, bis ſie bei der Grenze ankommen, wo Darley das Ochſenauge wieder bekommt. Hier kehrt die Menge, wie ein Haufen von eingekerkerten Dämonen, heulend um, und verſchwindet für die Augen. Durch die helleren und rein⸗ licheren Straßen hindurch,— Straßen, die Mr. Snagsby nie ſo hell und reinlich erſchienen waren, als jetzt, gehen und fahren ſie, bis ſie endlich an Mr. Tulkinghorn's Gat⸗ terthür ankommen. Während ſie die düſtere Treppe hinanſteigen(— Mr. Tulkinghorn's Zimmer befinden ſich im erſten Stock⸗ werke—), erwähnt Mr. Bucket, daß er den Schlüſſel der äußeren Thüre in der Taſche habe, und daß man nicht erſt zu läuten brauche. Für einen Mann, der in den meiſten Dingen dieſer Art ſo wohl bewandert iſt, braucht Bucket ziemlich viel Zeit, um die Thüre aufzu⸗ ſchließen; auch macht er einiges Geräuſch. Vielleicht aber will er damit nur ſeine Anweſenheit ankündigen. Dem ſei nun eben, wie ihm wolle, ſo viel iſt gewiß, daß ſie endlich in die Vorhalle gelangen, wo eine Lampe brennt. Von da treten ſie in Mr. Tulkinghorn's gewöhn⸗ liches Zimmer,— in das Zimmer, wo er heute Abend ſeinen alten Wein getrunken hat. Er ſelbſt iſt nicht da. Wohl aber ſeine zwei altmodiſchen Leuchter; auch iſt es im Zimmer ſo ziemlich hell. Mr. Bucket, der Jo immer noch in profeſſioneller Weiſe feſthält, und ſeinem Freunde, Mr. Snagsby, eine Unzahl von Augen zu beſitzen ſcheint, tritt in dieſem Zim⸗ mer ein Bischen vor. Da fährt Jo plötzlich zuſammen, und bleibt ſtehen. „Nun, was haſt Du?“ flüſtert Bucket. 294 „Dort iſt ſiel“ ruft Jo. „Wer, wer denn?“ „Die Dame!“ Eine dichtverſchleierte, weibliche Geſtalt ſteht in der Mitte des Zimmers, wo das Licht auf ſie fällt. Es rührt ſich dieſelbe nicht, und ſpricht auch keine Silbe. Die Vor⸗ derſeite der Geſtalt iſt ihnen zugekehrt; allein ſie nimmt von ihrem Eintritte keine Notiz, und bleibt wie eine Statue ſtehen. „Sag mir nun,“ ſpricht Bucket laut,„wie Du weißt, daß dieß die Dame iſt.“ „Ich kenne den Schleier,“ antwortet Jo ſtarrend, „und den Hut, und das Kleid.“ „Sleh noch ein Mal hin, und überzeuge Dich genau, ob es wirklich ſo iſt, wie Du ſagſt, Tough,“ erwiedert Bucket, ihn ſcharf beobachtend. „Ich gucke ſo ſcharf hin, als ich nur kann,“ ſpricht Jo, mit etwas ſcheuen Augen,„und das dort iſt der Schleier, der Hut, und das Kleid.“ „Wie iſt es mit den Ringen, von denen Du mir geſagt haſt?“ fragt Bucket. „Hier funkelte Alles,“ ſpricht Jo, die Finger ſeiner linken Hand auf den Knöͤcheln ſeiner Rechten reibend, ohne die Augen von der Figur abzuwenden. Die Figur entfernt den Handſchuh von der rechten Hand, und zeigt die letztere: „Nun, was ſagſt Du dazu?“ fragt Bucket. Jo ſchüttelt den Kopf, und ſagt: „Die Ringe da ſind gar nicht, gar nicht, wie die andern. Keine Hand, wie dieſe.“ „Von was ſprichſt Du?“ ſpricht Bucket, offenbar zufrieden, und zwar ſehr zufrieden. „Die Hand war viel weißer, viel feiner, und viel kleiner,“ erwiedert Jo. „Ei, nächſtens wirſt Du mir ſagen, ich ſei meine der ührt Vor⸗ mmt eine eißt, tend, nau, edert richt der mir einer ohne chten e die enbar viel neine 295 eigene Mutter,“ ſagt Mr. Bucket.„Erinnerſt Du Dich noch der Stimme der Dame?“ „Ich glaube, ja,“ ſpricht Jo. „Die Figur ſpricht nun: „War die Stimme, wie die da? Ich will ſo lange ſprechen, als Du willſt, wenn Du Deiner Sache nicht gewiß biſt. War es dieſe Stimme, oder war ſie dieſer Stimme etwas ähnlich?“ Jo blickt Mr. Bucket erſchrocken an.„Ganz und gar nicht!“ „Warum haſt Du alſo,“ antwortet der würdige Po⸗ lizeiofftziant, auf die Figur deutend,„geſagt, es ſei die Dame?“ „Weil,“ ſpricht Jo, mit verlegenem Blicke, ohne aber in ſeiner Ueberzeugung im Mindeſten erſchüttert zu ſein,„weil dieß da der Schleier, der Hut, und das Kleid iſt. Sie iſt es, und iſt es doch wieder nicht. Es iſt nicht ihre Hand,— es ſind nicht ihre Ringe,— und es iſt nicht ihre Stimme. Aber das iſt ihr Schleier, ihr Hut, und ihr Kleid; und ſie trug ſie gerade ſo; auch iſt es ihre Größe; und ſie gab mir einen Sovereign aus ihrem Geldbeutel.“ „Gut!“ ſprach Mr. Bucket nachläſſig,„wir haben nicht viel Gutes aus Dir herausgebracht. Dennoch aber gebe ich Dir fünf Shillinge. Wende ſie gut an, und mach', daß Dich die Polizei in Ruhe läßt!“ Bucket zählt ganz verſtohlener Weiſe die Münzen, aus einer Hand in die andere, wie wenn dieſelben Rechen⸗ pfennige wären: es iſt dieß ſo ſeine Art und Weiſe, indem eer das Geld hauptſächlich zu ſolchen feinen Spielen ge⸗ braucht;— dann legt er die Münzen, in Form einer kleinen Säule, in die Hand des Knaben, und führt ihn hinunter an die Thüre. Mr. Snagsby muß unterdeſſen allein bei der ver⸗ ſchleierten Geſtalt bleiben, und es fühlt ſich unter dieſen 296 myſterioͤſen Umſtänden der ehrliche Schreibmaterialienhänd⸗ ler nichts weniger, als behaglich. Endlich tritt Mr. Tulkinghorn in das Zimmer, worauf der Schleier ſich lüftet, und das ziemlich hübſche Geſicht einer Franzöſin enthüllt wird,— ein Geſicht, deſſen Ausdruck etwas ungemein Intenſives hat. „Ich danke Ihnen, Mademoiſelle Hortenſe,“ ſagt Mr. Tulkinghorn mit ſeiner gewohnten Ruhe.„Ich will Sie wegen dieſer kleinen Wette nun nicht weiter be⸗ mühen.“ „Sie werden mir die Gefälligkeit erweiſen, ſich zu erinnern, Sir, daß ich in dieſem Augenblicke nicht placirt bin?“ ſagt Mademoiſelle. „Gewiß, gewiß!“ „Und mich mit der Gunſt Ihrer hohen Empfehlung zu erfreuen? „In alle Wege, Mademoiſelle Hortenſe.“ „Ein Wort von Mr. Tulkinghorn iſt von ſo großem Gewichte.“ „Cs ſoll nicht daran fehlen, Mademoiſelle.“ „Empfangen Sie alſo die Verſicherung meiner un⸗ terthänigen Dankbarkeit, geehrter Herr.“ „Gute Nacht!“. Mademoiſelle zieht ſich mit einer gewiſſen angeborenen Artigkeit zurück; und Mr. Bucket, der im Nothfalle ebenſo gut Ceremonienmeiſter, als etwas Anderes ſein kann, be⸗ gleitet ſie, nicht ohne Galanterie, die Treppe hinab. „Nun, Bucket?“ ſpricht Mr. Tulkinghorn, als der Polizeioffiziant zurückkommt. „Sie ſehen, Sir, es klappt' Alles. Es unterliegt keinem Zweifel, daß es die Andere war, und daß ſie das Kleid dieſer anhatte. In Betreff der Farben und alles Andern war der Knabe eract.— Mr. Snagsby, ich ver⸗ ſprach Ihnen als ein Mann, daß er alsbald wieder ent⸗ laſſen werden ſollte. Sagen Sie nun nicht, es ſei nicht geſchehen!“ 297 „Sie haben Ihr Wort gehalten, Sir,“ erwiedert der Schreibmaterialienhändler:„und wenn ich zu nichts Weiterem dienen kann, Mr. Tulkinghorn, ſo glaube ich, daß, da mein Weibchen ein Bischen ängſtlich werden wird— „Ich danke Ihnen, Snagsby; brauche Sie nun nicht länger,“ ſagt Mr. Tulkinghorn.„Ich bin Ihnen für die Mühe verbunden, die Sie bereits gehabt, und bin Ihr Schuldner.“ „Mit nichten, Sir. Ich wünſche Ihnen eine gute Nacht.“ „Sie ſehen, Mr. Snagsby,“ ſagt Mr. Bucket, ihn bis an die Thüre begleitend, und ihm aber und abermals die Hand ſchüttelnd,„was mir an Ihnen gefällt, iſt, daß Sie ein Mann ſind, den man umſonſt ausholt;— das find Sie. Wenn Sie einmal wiſſen, daß Sie Etwas ge⸗ than haben, was recht iſt, ſo denken Sie nicht mehr daran, und es iſt die Sache geſchehen, und vorbei, und es hat damit ein Ende. Das thun Sie.“ „Das bemühe ich mich wenigſtens zu thun, Sir,“ entgegnet Mr. Snagsby. „Nein, Sie laſſen ſich ſelbſt nicht genug Gerechtigkeit widerfahren. Sie bemühen ſich nicht bloß, es zu thun,“ ſagt Mr. Bucket, ihm die Hand ſchüttelnd, und ihn auf's Zärtlichſte preiſend und erhebend,„Sie thun es wirklich. Das ſchätze ich an einem Manne von Ihrem Fache.“ Mr. Snagsby antwortet in paſſender Weiſe, und geht nach Hauſe, ſo verwirrt von den Ereigniſſen des Abends, daß er daran zweifelt, ob er wirklich wach und draußen iſt;— daß er an der Realität der Straßen zweifelt, durch die er hin geht;— daß er an der Realität des Mondes zweifelt. Es ſteht indeſſen nicht lange an, ſo wird er in Betreff dieſer Zweifel wieder beruhigt durch die unwiderſprechliche Realität von Mrs. Snagsby, die in ihrer Schlafmütze daſitzt, und deren Kopf einen wahren Bienenſchwarm von Haarwickeln darſtellt;— die Guſter 298 nach der Polizeiſtation abgeſchickt hat, mit der offtziellen Kunde, daß ihr Mann ihr entführt worden;— und die innerhalb der letzten zwei Stunden mit dem größten An⸗ ſtande jedes Stadium der Ohnmacht durchlaufen hat. Aber ſie bekommt dafür auch vielen Dank, wie das Weibchen gefühlvoll ſich ausdrückt! Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Eſther's Bericht. Nach Verfluß von ſechs überaus angenehm verbrach⸗ ten Wochen kamen wir von Mr. Boythorn's Landſitze nach Hauſe zurück. Wir waren oft im Parke, ſowie in den Gehölzen, und gingen ſelten an dem Häuschen vor⸗ bei, wo wir ein Obdach gefunden hatten, ohne einen Augenblick hineinzugehen, um mit der Frau des Park⸗ wächters zu ſprechen; aber wir ſahen von Lady Dedlock nichts mehr, es ſei denn Sonntags in der Kirche. Es befand ſich zu Chesney Wold große Geſellſchaft; und obgleich verſchiedene ſchöne Geſichter ſie umgaben, behielt das ihrige doch den Einfluß über mich, den es urſprüng⸗ lich auf mich ausgeübt hatte. Ich weiß ſelbſt jetzt noch nicht recht, ob dieſer Eindruck ein peinlicher oder angeneh⸗ mer war; ob er mich zu ihr hinzog, oder aber mich von ihr abſtieß. Ich glaube, daß ich ſie mit einer Art Furcht bewunderte; nun auf jeden Fall iſt ſo viel für mich ge⸗ wiß, daß in ihrem Beiſein meine Gedanken, wie anfäng⸗ lich der Fall geweſen, ſtets jener alten Zeit meines Le⸗ bens wieder ſich zuwandten. . elllen die An⸗ lb er chen ach⸗ ſitze e in vor⸗ inen ark⸗ lock Es und zielt ng⸗ och heh⸗ von rcht ge⸗ ng⸗ Le⸗ 299 An mehr denn einem dieſer Sonntage däuchte es mir, ich ſei für dieſe Dame gerade das, was ſie in ſo ſeltſamer Weiſe für mich war;— ich meine, es däuchte mir, daß ich ihre Gedanken verwirrte, wie ſie die meinigen beeinflußte, wenn gleich in etwas verſchiedener Weiſe. Wenn ich aber einen verſtohlenen Blick auf ſie warf, und ſie ſo ruhig und unnahbar und mir durch ihr vornehmes Weſen ſo fern ſtehen ſah, fühlte ich, daß dieß eine thörichte Schwäche ſei. Soll ich die Wahrheit ge⸗ ſtehen, ſo fühlte ich, daß mein ganzer Gemüthszuſtand ihr gegenüber ſchwach und unvernünftig ſei;— und ich tadelte mich darüber, ſo viel ich nur konnte. Einen Vorfall, der ſich ereignete, ehe wir Mrs. Boythorn's Haus verließen, kann ich füglich gleich hier erzählen. Ich erging mich im Garten mit Ada, als man mir ſagte, daß Jemand mich zu ſprechen wünſche. Ich ging in das Frühſtückzimmer, wo dieſe Perſon wartete, und wen ſah ich? die franzoͤſiſche Kammerjungfer, die an dem Tage, an dem es gedonnert und geblitzt, ihre Schuhe ausgezogen hatte und durch das naſſe Gras hingegangen. „Mademoiſelle,“ fing ſie an, mich allzu ſtark fixirend, obgleich ſonſt ihre äußere Erſcheinung eine angenehme zu nennen war, und ſie weder frech, noch ſervil ſprach,„ich habe mir eine große Freiheit herausgenommen, indem ich hieher kam; aber Sie werden dieſelbe zu entſchuldigen wiſſen, da Sie ſo liebenswürdig ſind, Mademoiſelle.“ „Es bedarf keiner Entſchuldigung, wenn Sie mit mir ſprechen wollen,“ entgegnete ich. „Ja, es iſt mein Wunſch, mit Ihnen zu ſprechen, Mademoiſelle. Tauſend Mal Dank für die Erlaubniß. Sie erlauben mir zu ſprechen: nicht wahr?“ ſagte ſie in raſcher und natürlicher Weiſe. „Gewiß,“ ſprach ich. „Mademoiſelle, Sie ſind ſo liebenswürdig, ſo freund⸗ lich! So hören Sie mich denn einen Augenblick an, 300 wenn es Ihnen gefällig iſt. Ich habe my Lady verlaſſen. Wir konnten nicht länger mit einander harmoniren. My Lady iſt ſo ſtolz,— ſo überaus ſtolz. Um Verzeihung, Mademoiſelle,— Sie haben Recht!“ Ihr ſcharfer Blick hatte ihr geſagt, was ich ihr in einer Weile hätte ſagen können, was ich aber bis jetzt bloß gedacht hatte. Sie ſprach daher fortfahrend alſo: „Es ſteht mir nicht an, hieher zu kommen, um mich über my Lady zu beklagen. Aber ich ſage, ſie iſt ſo ſtolz, ſo überaus ſtolz. Ich will auch nicht ein Wort weiter darüber ſagen. Alle Welt weiß das.“ „Fahren Sie fort!“ ſagte ich. „Ja, ja, Mademoiſelle; ich danke Ihnen für Ihre Höflichkeit. Mademoiſelle, ich habe ein unausſprechliches Verlangen, bei einer jungen Dame, die gut, gebildet, ſchoͤn iſt, in Dienſt zu treten. Sie aber ſind gut, ge⸗ bildet und ſchoͤn wie ein Engel. Ach könnte ich doch die Ehre haben, Ihre Dienerin zu ſein!“ „Es thut mir leid—“ begann ich. „Schicken Sie mich nicht ſo ohne Weiteres weg, Mademoiſelle!“ ſagte ſie mit unwillkürlicher Zuſammen⸗ ziehung ihrer ſchönen ſchwarzen Augenbrauen.„Laſſen Sie mich einen Augenblick hoffen! Mademoiſelle, ich weiß, daß dieſer Dienſt abgeſchiedener ſein würde, als der, den ich verlaſſen habe. Wohlan, ich wünſche das. Ich weiß, daß dieſer Dienſt minder diſtinguirt wäre, als der, den ich verlaſſen. Wohlan! Ich wünſche das. Ich weiß, daß ich in Betreff des Lohnes hier nicht ſo gut fahren würde. Gut! Ich bin zufrieden damit“ „Ich verſichere Sie,“ ſagte ich, ganz in Verlegenheit gebracht durch den bloßen Gedanken, daß ich eine ſolche Dienerin um mich haben würde,„daß ich keine Kam⸗ merjungfer halte—“ „Ah, Mademoiſelle, aber warum denn nicht? Wa⸗ rum denn nicht, wenn ſie eine haben koͤnnen, die Ihnen ſo ergeben iſt? der es Wonne wäre, Ihnen zu dienen; 301 — die jeden Tag, ſo Gott gibt, ſo wahr, ſo eifrig, und ſo treu ſein würde! Mademoiſelle, ich wünſche von gan⸗ zem Herzen, Ihnen zu dienen. Sprechen Sie jetzt nicht von Geld! Nehmen Sie mich ſo, wie ich bin. Um Nichts!“ Ihr Ernſt und der Eifer, womit ſie ſprach, hatte etwas ſo Seltſames, daß ich, faſt vor ihr erſchreckend, mich zurückzog. Ohne in ihrem Eifer dieß zu bemerken zu ſcheinen, drang ſie immer noch in mich, wobei ſie raſch und mit gedämpfter Stimme ſprach, und ſtets eine gewiſſe Grazie und einen gewiſſen Anſtand beibehielt. „Mademoiſelle, ich komme aus dem Süden, wo man ein heißes Blut hat, und wo man ſtark liebt und ſtark haßt. My Lady war mir zu ſtolz;— und ich war ihr zu ſtolz. Es iſt vorüber,— aus!— Nehmen Sie mich als Kammerjungfer und ich werde Ihnen treu dienen. Ich will mehr für Sie thun, als Sie ſich jetzt einbilden können. St! Mademoiſelle, ich will,— ich will in Allem mein Aeußerſtes thun,— ja, das will ich, in Allem. Nehmen Sie meine Dienſte an, ſo werden Sie es nicht zu bereuen haben. Mademoiſelle, Sie werden es nicht bereuen, und ich werde Ihnen treu dienen. Sie wiſſen nicht, wie treu, wie gut!“ Es lag in ihrem Geſichte eine unheimliche Energie, in⸗ dem ſie mich anſchaute, während ich ihr die Unmöglich⸗ keit, ſie in meinen Dienſt zu nehmen, aus einander ſetzte (— ich hielt es dabei nicht für nothwendig, ihr zu ſagen, wie wenig mir an ihren Dienſten gelegen ſei—),— eine gewiſſe unheimliche Energie, die ein Frauenzimmer von den Straßen von Paris aus der Schreckenszeit vor mich in leibhafter Geſtalt hinzuzaubern ſchien. Sie hoͤrte mich ohne Unterbrechung zu Ende, und ſagte dann mit ihrem hübſchen Accent und mit ihrer ſanfteſten Stimme: „Ah, Mademoiſelle, ich habe nun meine Antwort! 30² Es thut mir leid, eine ſolche bekommen zu haben. Aber Ku ich muß nun anderswohin gehen, und ſuchen, was ich in hier nicht gefunden habe. Wollen Sie ſo gnädig ſein, fuh und mich Ihre Hand küſſen laſſen?“ kraf Sie ſchaute mich, während ſie meine Hand nahm, Pfr noch ſchärfer an, und ſchien während ihrer augenblicklichen wer Berührung ſich jede Ader derſelben zu merken. Sp „Ich fürchte, Mademoiſelle, ich habe Sie am Tage— des Gewitters überraſcht!“ ſagte ſte mit einem letzten in Knixe. Enn Ich geſtand ihr, daß ſie uns Alle überraſcht hätte. bem „Ich hatte einen Schwur gethan, Mademoiſelle,“ die ſagte ſie lächelnd,„und wollte es mir tief einprägen, und damit ich meinem Schwur treu bleiben möchte. Und das thö werde ich auch! Leben Sie wohl, Mademoiſelle!“ gefe So endigte unſere Unterredung,— eine Unter⸗ Er redung, die ich um jeden Preis zu Ende bringen wollte. wie Ich glaubte, ſie ſei aus dem Dorfe fortgegangen, Ge da ich ſie nicht mehr ſah; und es ereignete ſich nichts leid Weiteres, das unſere ſtillen Sommervergnügungen wäh⸗ ein, rend des Reſtes der ſechs Wochen geſtört hätte, und wir jetzt kehrten dann nach Hauſe zurück, wie ich zu Anfang die⸗ in ſes Kapitels bereits geſagt. ſchn Um dieſe Zeit, und noch viele Wochen nach derſel⸗ ken ben, beſuchte uns Richard ſehr fleißig. Nicht nur kam eing er jeden Samſtag oder Sonntag, um bis Montag Mor⸗ cher gens bei uns zu bleiben: er ritt auch bisweilen ganz unerwarteter Weiſe zu uns heraus, brachte den Abend V was bei uns zu und ritt an dem darauf folgenden Tage in mei aller Fruͤhe wieder zurück. Er war ſo lebhaft wie nur in; je, und ſagte uns, er ſei ungemein fleißig; allein ich war häu ſeinetwegen nicht ganz ruhig. Es ſchien mir, als ver⸗ wöl folge ſein Fleiß ein ganz falſches Ziel. Ich konnte nicht finden, daß derſelbe zu etwas Anderem führe, als zur nach Bildung trügeriſcher Hoffnungen in Beziehung auf den Prozeß, der bereits die verderbliche Urſache von ſo vielem 2 — S 303 Kummer und Ruin war. Er ſagte uns, daß er jetzt bis in das Innerſte des Myſteriums gedrungen ſei; und Nichts, fuhr er fort, könne klarer ſein, als daß das Teſtament, kraft deſſen er und Ada, ich weiß nicht wie viele tauſend Pfund bekommen ſollten, am Ende denn doch vollſtreckt werden müſſe, wenn beim Kanzleigerichtshofe noch eine Spur von Verſtand oder von Gerechtigkeit zu finden ſei, — aber ach, welch ein großes Wenn war das, welches in meinen Ohren tönte!— und daß dieſes glückliche Ende nicht mehr lange auf ſich warten laſſen koͤnne. Er bewies ſich das vermittelſt all' der abgedroſchenen Beweiſe, die er auf der einen Seite des Prozeſſes gefunden hätte; und jeder dieſer Beweiſe hatte die Wirkung, ſeine Be⸗ thörung noch mehr zu ſteigern. Er hatte ſogar nun an⸗ gefangen, den Sitzungen des Gerichtshofes anzuwohnen. Er erzählte uns, wie er dort Miß Flite täglich ſähe;— wie ſie mit einander ſprächen, und wie er ihr kleine Gefälligkeiten erwieſe; und wie er ſie von Herzen bemit⸗ leidete, während er ſie verlachte. Aber es ſiel ihm nie ein,— meinem armen lieben ſanguiniſchen Richard, der jetzt ſo vieles Glückes fähig war, und dem noch groͤßeres in Ausſicht ſtand!— welch verhängnißvolle Kette ſich ſchmiedete zwiſchen ſeiner friſchen Jugend und ihrem wel⸗ ken Alter; zwiſchen ſeinen freien Hoffnungen und ihren eingeſperrten Vögeln, und ihrem hungrigen Dachſtüb⸗ chen und ihrem Irrſinn! Ada liebte ihn zu ſehr, als daß ſte in irgend Etwas, was er ſagte oder that, viel Mißtrauen geſetzt hätte; mein Vormund aber beobachtete ein beharrliches Schweigen in Beziehung auf dieſen Gegenſtand, obgleich er ſich häufig über den Oſtwind beklagte, und mehr denn ge⸗ woͤhnlich in dem Brummſtübchen las. Ich dachte daher, ich müßte eines Tages, wo ich nach London ging, um mit Caddy Jellyby auf ihre Bitte hin zuſammenzutreffen, Richard erſuchen, daß er auf dem Eilwagenbureau auf mich warten moͤchte, um ſo Gele⸗ 304 genheit zu haben, unter vier Augen ein Paar Worte mit ihm zu ſprechen. Als ich ankam, fand ich ihn wirklich daſelbſt, und wir gingen ſofort Arm in Arm mit einan⸗ der weg. „Wohlan, Richard,“ ſagte ich, ſobald ich anfangen konnte, in ernſtem Tone mit ihm zu ſprechen,„fühlſt Du Dich jetzt allmälig mehr zu Hauſe?“ „O ja, meine Liebe!“ erwiederte Richard.„Es geht jetzt Alles ſo ziemlich gut.“ „Aber ich muß Dich wiederholt fragen, fühlſt Du Dich jetzt ganz zu Hauſe?“ ſagte ich. „Wie meinſt Du das?“ entgegnete Richard mit ſei⸗ nem luſtigen Lachen. „Ei, zu Hauſe, im Jus, meine ich.“ ſagte ich. „Oh, ohl“ erwiederte Richard.„Was das betrifft, ſo geht jetzt Alles ſo ziemlich gut.“ „Du haſt mir das ſchon ein Mal geſagt, mein lieber Richard.“ „Und Du hältſt das für keine genügende Antwort, he? Wohlanl! vielleicht iſt ſie nicht ganz genügend. Zu Hauſe? Du willſt wohl ſagen, ob es mir ſei, als wenn ich iun endlich einen feſten Beruf gewählt?“ .„ a.“ „Ach, was das betrifft, ſo kann ich es für jetzt noch nicht ſagen,“ ſprach Richard mit vieler Emphaſe;„weil man, ſiehſt Du, ſich zu nichts Feſtem entſchließen kann, ſo lang dieſes Geſchäft noch in einem ſo ſchwankenden Zuſtande ſich befindet. Wenn ich ſage dieſes Geſchaͤft, ſo meine ich natürlich den— verbotenen Gegenſtand.“ „Glaubſt Du auch, es werde die Sache je ein Mal in einen geordneten Zuſtand kommen?“ ſprach ich. „Oh, was das betrifft, ſo iſt nicht im Geringſten daran zu zweifeln,“ antwortete Richard. Wir gingen eine Weile fort, ohne weiter zu ſprechen⸗ Mit einem Male aber redete mich Richard in ſeiner offenherzigſten und gefühlvollſten Weiſe alſo an: 30⁵ „Meine liebe Eſther, ich verſtehe Dich, und gäbe, ich weiß nicht was darum, wenn ich ein beſtändigerer Menſch wäre. Ich meine nicht beſtändig gegenüber von Ada, denn ich liebe ſie innig,— und mit jedem Tage inniger, — ſondern beſtändig gegenüber von mir ſelbſt.(— Ich weiß nicht recht, wie ich mich ausdrücken ſoll; aber Du wirſt es ſchon herausfinden—). Wäre ich ein beſtändi⸗ gerer Menſch, ſo würde ich entweder bei Badger oder bei Kenge und Carboy ausgehalten haben, und gleich dem grimmen Senſemann nicht von ihrer Seite gewichen ſein; und würde nun angefangen haben, ſtandhaft zu ſein und ſyſtematiſch zu Werke gehen, und würde nicht in Schulden ſtecken, und—“ „Biſt Du denn in Schulden, Richard?“ „Ja,“ ſprach Richard,„ich ſtecke ein Bischen in Schulden, meine Liebe. Auch habe ich mich ein Bischen zu ſehr dem Billardſpiel und andern ſolchen Dingen er⸗ geben. Und nun iſt die verteufelte Geſchichte heraus— Du verachteſt mich, Eſther, nicht wahr?“ „Du weißt wohl, daß ich das nicht thue,“ ſagte ich. „Du biſt gütiger und freundlicher gegen mich, als ich ſelbſt gegen mich bin,“ entgegnete er.„Meine liebe Eſther, ich bin ein hoͤchſt uuglücklicher Menſch, daß bei mir noch ſo viel Ungewißheit herrſcht; aber wie kann das anders ſein? Wenn Du in einem unfertigen Hauſe wäreſt, ſo koͤnnteſt Du wohl nicht den Entſchluß faſſen, darin für immer zu wohnen;— wenn Du dazu ver⸗ dammt wäreſt, Alles, was Du unternimmſt, unbeendigt zu laſſen, ſo würdeſt Du es ſchwer finden, Dich auf Etwas zu legen;— und doch iſt dieß gerade der un⸗ glückliche Fall, in dem ich mich befinde. Ich ward in dieſen unbeendigten Streit mit allen ſeinen Zufällen und Wechſeln hineingeboren, und es fing derſelbe an, mich zu nichts Beſtimmtem kommen zu laſſen, ehe ich noch recht wußte, was ein Prozeß iſt;— und dieſer Streit hat Zleak Houſe. H.. 20 306 mich ſeitdem fortwährend zu keinem feſten Berufe kom⸗ men laſſen; und hier ſtehe ich nun, und bin mir bis⸗ weilen bewußt, daß es von mir unverzeihlich iſt, meine vertrauensvolle Couſine Ada zu lieben.“ Wir befanden uns in dieſem Augenblicke an einem einſamen Orte. Er bedeckte ſich die Augen mit der Hand, und ſchluchzte, während er dieſe Worte ſprach. „O Richard!“ ſprach ich,„ſei doch nicht ſo bewegt, ſo aufgeregt! Du haſt ein edles Herz, und Ada's Liebe kann mit jedem Tage einen edleren Menſchen aus Dir machen.“ „Ich weiß es, meine Liebe,“ antwortete er, meinen Arm drückend,„ich weiß das Alles. Es darf Dich nicht wundern, daß ich in dieſem Augenblicke ein Bischen weich geſtimmt bin, denn ich habe Alles dieſes ſeit langer Zeit auf dem Herzen gehabt;— und oft habe ich mit Dir darüber ſprechen wollen; nur Schade, daß es mir ein Mal an einer paſſenden Gelegenheit, ein anderes Mal an dem nöthigen Muthe fehlte. Ich weiß, wozu mich der Gedanke an Ada anſpornen ſollte, aber unglücklicher Weiſe wohnt demſelben eine ſolche Kraft nicht bei. So⸗ gar dazu fühle ich mich zu unſtät. Ich liebe ſie gewiß innigſt und dennoch thue ich ihr Unrecht an, jeden Tag und jede Stunde, indem ich mir ſelbſt Unrecht anthue. Aber es kann das nicht ewig dauern. Wir werden end⸗ lich eine Schlußverhandlung haben, und es wird das Urtheil zu unſern Gunſten ausfallen; und dann ſollſt Du und Ada ſehen, was ich wirklich ſein kann!“ Es hatte mir das Herz zugeſchnürt, als ich ihn ſchluchzen hoͤrte, und die Thränen zwiſchen ſeinen Fingern durchdringen ſah; allein dennoch hatte mich das unendlich weniger angegriffen, als die hoffnungsvolle Lebhaftigkeit⸗ womit er die letzten Worte geſprochen hatte. „Ich habe die Papiere genau unterſucht, Eſther,— ich habe Monate lang mich darein begraben,“— fuhr er fort, ſein frohes Weſen plötzlich wieder annehmend, „ur Sie Ver dar Jab ßer bali rück Alle blic ſelb ihn Rec nich gun Nac und geſti meit imn fort Rich hatt dand Rich thun wem Der brau als mind om⸗ bis⸗ deine nem der egt, Liebe Dir einen nicht veich Zeit Dir ein l an der icher So⸗ wiß Tag thue. end⸗ das t Du ihn gern dlich keit, fuhr gend, 307 „und Du kannſt Dich darauf verlaſſen, daß wir als Sieger aus dem Prozeſſe hervorgehen werden. Was die Verzoͤgerungen betrifft, ſo hat es, der Himmel weiß esl daran wahrlich nicht gefehlt. Es ſind Jahre, viele Jahre ſchon über die Sache hingegangen,— um ſo grö⸗ ßer iſt daher die Wahrſcheinlichkeit, daß der Prozeß⸗ ſeine baldige Erledigung ſinden muß;— und in der That rückt die Entſcheidung ſchon heran. Es wird am Ende Alles noch recht werden, und dann ſollſt Du ſehen!“ Da mir wieder beiſtel, wie er vor einigen Augen⸗ blicken die Herren Kenge und Carboy in eine und die⸗ ſelbe Kategorie mit Mr. Badger geſtellt, ſo fragte ich ihn, wann er im Sinne hätte, in Lincolns Inn als Rechtsbefliſſener ſich eintragen zu laſſen. „Ah, da haben wir es ſchon wieder! Ich denke gar nicht daran, Eſther,“ entgegnete er mit einiger Anſtren⸗ gung.„Ich glaube, daß ich nun genug daran habe. Nachdem ich, gleich einem Galeerenſklaven, in Jarndyce und Jarndyce gearbeitet, habe ich meinen Rechtsdurſt geſtillt, und mich überzeugt, daß das Jus nicht ſo ganz meine Sache iſt. Und zudem finde ich, daß es mich immer mehr ſchwankend macht, wenn ich ſo an Einem fort mich auf dem Kriegstheater befinde. Worauf,“ fuhr Richard fort, der jetzt wieder Vertrauen zu ſich gefaßt hatte,„— worauf richte ich nun natürlich meine Ge⸗ danken?“ „Das kann ich mir nicht denken,“ ſagte ich. „Sieh' doch nicht ſo ernſt d'rein,“ erwiederte Richard,„denn es iſt gewiß das Geſchickteſte, was ich thun kann, meine liebe Eſther. Es iſt ja nicht, als wenn ich einen Beruf nöthig hätte, um davon zu leben. Der Prozeß muß ein Mal ein Ende nehmen, und dann brauche ich Nichts mehr. Nein. Ich ſehe die Sache als einen Beruf an, der, ſeinem Weſen nach, mehr oder minder unſtät iſt, und daher zu meiner temporären Lage 308 paßt,— ich kann wohl ſagen, genau paßt, worauf richte ich alſo natürlich meine Gedanken?“ Ich blickte ihn an, und ſchüttelte den Kopf. „Je nun, was kann es Anders ſein, als die Armee?“ ſprach Richard in einem Tone völliger Ueberzeugung. „Die Armee?“ ſagte ich. „Ja, die Armee,— die Armee. Was ich zu thun habe, beſchränkt ſich elnzig und allein darauf, daß ich ein Offiziers⸗Patent bekomme; und— daran fehlt es nun noch, weißt Du!“ ſagte Richard. Und dann zeigte er mir, und bewies er mir, ver⸗ mittelſt langer und fleißiger Berechnungen— er bediente ſich dabei ſeines Taſchenbuches,— daß, vorausgeſetzt, er hätte außerhalb der Armee binnen ſechs Monaten ſo zweihundert Pfund Schulden gemacht; und er hätte, innerhalb einer entſprechenden Zeit, bei der Armee gar keine Schulden contrahirt,— wozu er feſt entſchloſſen wäre,— dieſer Schritt eine Erſparniß von jährlichen vierhundert Pfund, oder innerhalb fünf Jahren eine Er⸗ ſparniß von zweitauſend Pfund nach ſich ziehen müßte; welche Summe denn dooch nicht ſo ganz unbeträchtlich waͤre. Und dann ſprach er in ſo aufrichtiger, frei⸗ müͤthiger Weiſe von dem Opfer, das er brächte, indem er ſich auf einige Zeit von Ada zurückzoͤge, ſowie von dem ernſtlichen Beſtreben,— natürlich immer in Ge⸗ danken,— ihre Liebe wieder zu vergelten, und ihr Glück zu ſichern, und das, was an ihm ſelbſt noch mangelhaft wäre, zu verbeſſern, und endlich ein feſter, ent⸗ ſchiedener Menſch zu werden, daß mir wirklich das Herz hlutete. Denn ich dachte, wie dieß noch endigen würde, und wie dieß endigen koͤnnte, wenn alle ſeine männlichen Entſchlüſſe ſobald und ſo gewiß wieder erſchüttert und zu nichte gemacht würden.. Ich ſprach zu Richard mit all dem Ernſte, den ich fühlte, und mit all der Hoffnung, die ich damals nicht ganz fühlen konnte; und bat ihn inſtändigſt um Adas 309 Willen, doch ja nicht ſeine Hoffnung auf den Kanzlei⸗ gerichtshof zu ſetzen. Richard ſtimmte Allem, was ich ſagte, bereitwillig bei, wobei er den Gerichtshof und alles Andere in ſeiner leichten Weiſe abfertigte, und die glänzendſten Gemälde von dem Charakter entwarf, den er für immer annehmen würde,— ſobald der ſchmähliche Prozeß aufgehört haben würde, ſeinen nachtheiligen Ein⸗ fluß auf ihn auszuüben, und ſich, ſo zu ſagen, mit eiſer⸗ nen Armen an ihn anzuklammern! Wir ſprachen lange mit einander; aber immer kam unſer Geſpräch wieder in der Hauptſache darauf hinaus. Endlich kommen wir nach Soho Square, wo Caddy Jellyby, wie ſie mir geſchrieben, auf mich warten wollte, da es ein ſtiller Ort in der Nähe von Newman⸗Street war. Caddy befand ſich auch mitten im Garten, und eilte heraus, ſobald ich erſchien. Nachdem einige frohe Worte zwiſchen uns Dreien gewechſelt worden waren, verließ uns Richard. „Prince hat hier in der Nähe eine Schülerin, Eſther,“ ſprach Caddy,„und hat den Schlüſſel für uns bekommen. Wenn Sie daher hier mit mir herumſpazieren wollen, ſo können wir uns einſchließen, und dann kann ich Ihnen bequem ſagen, weßhalb ich Ihr theures, gutes Geſicht zu ſehen wünſchte.“ „Ganz gut, meine Liebe,“ ſagte ich.„Nichts koͤnnte beſſer ſein.“ Caddy ſchloß daher, nachdem ſie das theure, gute Geſicht liebevoll gequetſcht, wie ſie es nannte, das Gitter⸗ thor, und nahm meinen Arm. Und ſo fingen wir denn an, recht behaglich mit einander im Garten herumzuſpazieren. „Sie ſehen, Eſther,“ ſprach Caddy, der es die doͤchſte Wonne war, daß ich ſie einer kleinen vertraulichen Mittheilung gewürdigt, pich dachte, nachdem Sie mir geſagt, es ſei nicht recht von mir, ohne Ma's Wiſſen mich zu verheirathen, oder auch nur Ma in Betreff mei⸗ 310 nes Liebesverhältniſſes lange im Dunkeln zu laſſen, ob⸗ gleich ich ſagen muß, daß nach meiner Meinung, Ma ſich blutwenig um mich kümmert,— es ſei paſſend, Prince Ihre Anſicht zu ſagen. Erſtlich deßhalb, weil ich aus Allem, was Sie mir ſagen, Nutzen ziehen will; und zweitens deßhalb, weil ich für Prince keine Ge⸗ heimniſſe habe.“ „Hoffentlich hat er meine Anſicht gebilligt, Caddy 2 „O, meine Liebe! Ich verſichere Sie, er würde Alles billigen, was Sie nur ſagen möchten. Sie haben gar keinen Begriff, welch hohe Meinung er von Ihnen hat!“ „Wirklich?“ „Eſther, die Sache geht ſo weit, daß Jedermann, nur ich nicht, eiferſüchtig werden könnte,“ ſprach Caddy, lachend und kopfſchüttelnd;„aber es macht mir nur Freude, denn Sie find die erſte Freundin, die ich in meinem Leben gehabt, und die beſte Freundin, die ich je haben kann;— und Niemand kann Sie zu ſehr lieben und ehren, wenn er mir gefallen will.“ „Wahrlich, Caddy,“ ſagte ich,„Sie ſind bei der allgemeinen Verſchwörung betheiligt, die den Zweck hat, mich bei guter Laune zu erhalten. Nur weiter, meine Liebe?“ „Alſo weiter! Ich werde Ihnen Alles erzählen,“ erwiederte Caddy, die Hände vertrauensvoll über meinen Arm kreuzend.„Wir ſprechen alſo viel darüber, und ſo ſagte ich zu Prince: Prince, da Miß Summerſon—““. „Hoffentlich ſagten Sie nicht ‚Miß Summerſon?““ „Nein. Ich ſagte das nicht!“ rief Caddy, hoch⸗ erfreut und mit dem froheſten Geſichte von der Welt. „Ich ſagte, Eſthere. Ich ſagte zu Prince: ‚Da Eſther entſchieden der Anſicht iſt, Prince, und da ſie dieſelbe gegen mich ausgedrückt hat, und da ſie immer darauf anſpielt, wenn ſie die freundlichen Briefchen ſchreibt, die Du Dir von mir ſo gerne vorleſen läßſt, ſo bin ich nann, addy, nur ch in ch je lieben ei der hat, meine Zlen,“ neinen nd ſo —. on?““ jeſelbe darauf hreibt, din ich 311 bereit, Ma die Wahrheit zu entdecken, ſobald Du es für paſſend erachteſt. Auch glaube ich, Prince,' ſagte ich, „Eſther iſt der Anſicht, daß ich in einer durchaus beſſeren, und wahreren, und ehrenvolleren Lage wäre, wenn Du ein Gleiches gegenüber von Deinem Papa thäteſt.“ „Ja, meine Liebe,“ ſprach ich.„Eſther iſt aller⸗ dings dieſer Anſicht.“ „Ich täuſchte mich alſo nicht, wie Sie ſehen!“ rief Caddy aus.„Wohlan! Es verurſachte dieß Prinee ziemlich viele Unruhe; nicht etwa darum, weil er den geringſten Zweifel in Betreff der Sache hatte, ſondern weil er die Gefühle des alten Mr. Turveydrop ſo ſcho⸗ nen will; und ſo befürchtete er denn, es koͤnnte dem alten Mr. Turveydrop das Herz brechen, oder es könnte derſelbe in Ohnmacht fallen, oder in irgend einer Weiſe gar zu heftig angegriffen werden, wenn er, als Sohn, ihm ſo Etwas ankündigte. Er befürchtete, der alte Mr. Turveydrop könnte es als Ungehorſam auslegen, und davon gar zu heftig angegriffen werden. Denn der An⸗ ſtand des alten Mr. Turveydrop iſt etwas Wunder⸗ ſchoͤnes, wiſſen Sie, Eſther,“ ſetzte Caddy hinzu;„auch iſt er ungeheuer zartfühlend.“ „Iſt das wirklich der Fall, meine Liebe?“ „Oh, er iſt ungemein zartfühlend. Prince ſagt es. Dieß hat nun meinem allerliebſten Kinde,— ich wollte mich bei Ihnen dieſes Ausdrucks nicht bedienen, Eſther,“ entſchuldigte ſich Caddy, während ſich ihr Geſicht über und über mit Schamröthe bedeckte,„aber ich heiße Prince gewoͤhnlich mein allerliebſtes Kind.“ Ich lachte; auch Caddy lachte, und erröthete, und fuhr alſo fort: „Dieß hat ihm, Eſther—“ „Wem denn, meine Liebe?“ „Oh, Sie langweiliges Ding!“ ſagte Caddy lachend, wäbrend ihr hübſches Geſichtchen voller Feuer war. „Meinem allerliebſten Kinde, wenn Sie es denn durchaus — 3¹2 noch ein Mal hoͤren wollen!— Dieß hat ihm manche unruhige Woche verurſacht, und iſt Schuld geweſen, daß er die Sache in überaus ängſtlicher Weiſe von Tag zu Tag verſchoben hat. Endlich ſagte er zu mir: Caddy, rönnte Miß Summerſon, die bei meinem Vater gar viel gilt, bewogen werden, anweſend zu ſein, wenn ich mit ihm über die Sache ſpreche, ſo glaube ich, daß ich es thun könnte.“ Und ſo verſprach ich ihm dann, daß ich Sie um dieſe Gefälligkeit erſuchen würde. Und dieß iſt noch nicht Alles. Ich habe mich,“ ſagte Caddy weiter, mich hoffnungsvoll, aber dabei doch ſchuüͤchtern anblickend, „auch entſchloſſen, Sie weiter zu bitten, daß Sie mit mir zu Ma gehen, wenn Sie dareinwilligen ſollten, uns zu dem alten Mr. Turveydrop zu begleiten. Dieß iſt es, was ich ſagen wollte, als ich in meinem Brieſchen Ihnen ſchrieb, daß ich Sie um eine große Freundſchaft, und um eine große Hülfe erſuchen müßte. Und wenn Sie glauben ſollten, Sie könnten mir willfahren, Eſther, ſo wuͤrden wir Beide überaus dankbar ſein.“ „Laſſen Sie mich ein Mal ſehen, Caddy,“ ſagte ich, indem ich mich ſtellte, als dächte ich über die Sache nach. Dann fuhr ich alſo fort: „Ich glaube wahrhaftig, daß ich, wenn es ſein müßte, noch mehr, als das, thun könnte. Ich ſtehe Ihnen, ſowie dem allerliebſten Kinde, zu Dienſten, meine Liebe, ſobald es Euch gefällt.“ Caddy war von dieſer meiner Antwort ganz ent⸗ zückt, da ſie, wie ich glaube, auch die geringſte Gefällig⸗ keit oder Aufmunterung ſo dankbar fühlte, wie nur je ein gutes Herz, das ſchon auf dieſer Welt ſchlug. Nachdem wir dann noch ein Paar Male im Garten herum gegangen waren, wobei ſie ein ganz neues Paar Handſchuhe anzog, und ſich ſo viel, wie möglich, heraus⸗ putzte, damit ſie, ſo viel an ihr läge, dem Anſtands⸗ meiſter keine Unehre machte, gingen wir geradezu nach Newman⸗Street hin. 3¹3 Prince war natürlich mit Unterrichtgeben beſchäftigt. Wir fanden ihn in Geſellſchaft mit einer nicht allzu hoffnungsvollen Schülerin,— einem eigenfinnigen, klei⸗ nen Mädchen, mit mürriſcher Stirne, tiefer Stimme, und einer lebloſen, unzufriedenen Mama,— und es ging bei der Schülerin darum gewiß nicht beſſer, indem wir ihren Lehrer in Verwirrung ſetzten, was ſich nur allzu deutlich verrieth. Endlich erreichte die Lection denn doch ihr Ende, nachdem es im Verlaufe derſelben ſo ſchief, wie möglich, gegangen war; und als das kleine Mädchen andere Schuhe angezogen hatte, und ihr weißes Mouſſe⸗ linkleid durch Shawls verdeckt worden war, wurde ſie fortgeführt. Nachdem wir ſodann einige Worte der Vorbereitung gewechſelt, ſuchten wir Mr. Turveydrop auf, den wir, als ein Muſter von Anſtand, in ſeinem Privatzimmer— dem einzigen comfortablen Zimmer im Hauſe— auf dem Sopha fanden, wo er mit ſeinem Hute und ſeinen Handſchuhen eine Gruppe bildete. Er ſchien ſich wäh⸗ rend einer kleinen Collation mit Muße angekleidet zu haben; und es lagen ſeine Bürſten, ſein Neceſſaire u. ſ. w. herum, wobei ich bemerken muß, daß Alles ein durchaus elegantes Ausſehen hatte. „Vater, Miß Summerſon; Miß Jellyby.“ „Unendlich erfreut! Unendlich erfreut!“ ſagte Mr. Turveydrop, mit ſeiner hochſchulterigen Verbeugung auf⸗ ſtehend.„Erlauben Sie mir!“ dabei ſtellte er uns Stühle hin.„Setzen Sie ſich doch!“ Dabei küßte er die Spitzen der Finger ſeiner ltnken Hand.„Ueber die Maßen erfreut!“ Dabei ſchloß er die Augen und ließ ſie hin und her rollen.„Mein kleiner Ruheort wird zu einem Paradieſe gemacht.“ Mit dieſen Worten ſetzte er ſich wieder auf dem Sopha zurecht, wie wenn er den zweiten Gentleman in Europa hätte vorſtellen müſſen. „Sie finden uns abermals, Miß Summerſon,“ fuhr — —— 314 er fort,„wie wir unſere kleinen Künſte anwenden, um zu verfeinern, zu verfeinern! Abermals ſpornt uns das ſchöne Geſchlecht, und belehrt uns, dadurch, daß es ge⸗ ruht, uns mit ſeiner liebenswürdigen Gegenwart zu er⸗ freuen. In Zeiten, wie die unſrigen ſind(— und wir haben ſeit den Tagen Seiner Königlichen Hoheit, des Prinz⸗Regenten,— meines Patrons, wenn ich es wagen darf, mich ſo auszudrücken,— abſcheulich gearbeitet, um herunterzukommen—), iſt es ſchon viel, daß man er⸗ fährt, wie der Anſtand durch die Mechanik immer noch nicht ganz verdrängt und darniedergetreten iſt;— daß ſich derſelbe immer noch in dem Lächeln der Schönheit ſonnen darf, meine theure Madame.“ Ich ſagte Nichts, was mir als eine paſſende Ant⸗ woet erſchienien wäre; und er nahm eine Priſe Schnupf⸗ taback. „Mein lieber Sohn,“ ſprach Mr. Turveydrop,„Du haſt heute Nachmittag noch vier Lectionen zu geben. Ich würde Dir anempfehlen, in aller Geſchwindigkeit ein Sandwich*) zu eſſen. „Ich danke Ihnen, mein Vater,“ entgegnete Prince, „ich werde gewiß recht pünktlich ſein. Mein lieber Vater, darf ich Sie bitten, Ihren Geiſt auf das vorzubereiten, was ich im Begriffe bin, zu ſagen?“ „Gütiger Himmel!“ rief das Muſter von Anſtand, blaß und erſchrocken, während Prinee und Caddy, ſich die Hand gebend, vor ihm niederknieten.„Was iſt das? Iſt das Verrücktheit? Oder was iſt es?“ „Vater,“ erwiedexte Prince in unendlich unterwürfi⸗ gem Tone,„ich liebe dieſe junge Dame, und wir ſind mit einander verſprochen.“ „Wie, verſprochen!“ ſchrie Mr. Turveydrop, ſich auf ſeinem Sopha zurücklehnend und ſich die Augen mit *) Butterbrod mit darauf oder dazwiſchen gelegten dünnen Fleiſchſchnitten. 315 der Hand bedeckend.„Ein Pfeil, von meinem eigenen Kinde auf meine Stirn abgedrückt.“ „Wir find ſchon längere Zeit mit einander verſpro⸗ chen, Vater,“ ſtotterte Prince;„und Miß Summerſon, die davon hoͤrte, rieth uns, daß wir Ihnen die Sache nicht länger verbergen ſollten, und war ſo äußerſt gefällig, bei dieſer Gelegenheit ſich hier einzufinden. Miß Jellyby iſt eine junge Dame, die für Sie die höchſte Achtung hat, Vater.“ Mr. Turveydrop ließ hier ein Stöhnen hören. „Ach, thun Sie das doch nicht! Ach, thun Sie das doch nicht, Vater!“ bat ſein Sohn in flehentlichem Tone. „Miß Jellyby iſt eine junge Dame, die für Sie die höͤchſte Achtung hat, und unſer allererſter Wunſch iſt, Ihr Wohlbehagen zu unſerer Richtſchnur zu nehmen.“ Mr. Turveydrop ſchluchzte. „Ach, thun Sie doch das nicht, Vater!“ rief ſein Sohn. „Mein Sohn,“ ſagte Mr. Turveydrop,„es iſt gut, daß Deiner nun Himmelsfreuden genießenden Mutter dieſe Qual erſpart geblieben iſt. Stoß' zu, und ſchone mich nicht! Stoß zu, und drücke die moͤrderiſche Waffe mir in's Herz!“ „Ach, ſprechen Sie doch nicht ſo, Vater, ich bitte Sie inſtändig,“ flehte Prince, deſſen Auge Thränen ent⸗ ſtrömten,„durchbohrt mir das Herz. Ich verſichere Sie, Vater, daß es unſer allerbeſter Wunſch und unſere aller⸗ erſte Abſicht iſt, Ihr Wohlbehagen zur Richtſchnur zu nehmen. Caroline und ich, wir vergeſſen unſere Pflichten nicht:— Was meine Pflicht iſt, iſt auch die Pflicht Carolinens, wie wir oft zu einander geſagt haben;— und mit Ihrer Billigung und Zuſtimmung, Vater, wer⸗ den wir es uns angelegen ſein laſſen, Ihnen ein ange⸗ nehmes Leben zu bereiten.“ „Stoß' zu!“ murmelte Mr. Turveydrop.„Stoß' mir den Dolch in's Herz!“ 316 Aber wie mir däuchte, ſchien Mr. Turveydrop auch zu horchen. „Mein lieber Vater,“ hob Prince wieder an,„wir wiſſen gar wohl, an was für kleine Bequemlichkeiten Sie gewoͤhnt ſind,— Bequenlichkeiten, worauf Sie ein Recht haben; und ſtets ſoll es unſer eifrigſtes Beſtreben und unſer Stolz ſein, Ihnen vor Allem dieſe Bequem⸗ lichkeiten zu verſchaffen. Wenn es Ihnen gefällt, uns mit Ihrer Billigung und Zuſtimmung zu erfreuen, Vater, werden wir nicht eher, als bis es Ihnen durchaus an⸗ genehm iſt, daran denken, uns copuliren zu laſſen;— und ſind wir einmal copulirt, ſo ſollen Sie— natürlich — ſtets den Anfang und das Ende unſerer zarteſten Rückſichten bilden. Immer müſſen Sie hier, Vater, Oberhaupt und Herr ſein; und wir fühlen, wie durchaus unnatürlich es von uns wäre, wenn wir das nicht wüßten, oder wenn wir je vergeſſen könnten, Ihnen auf jede nur moͤgliche Weiſe zu Gefallen zu leben.“ Es ging in Mr. Turveydrop's Innerem offenbar ein ſchwerer Kampf vor ſich. Endlich aber kam er auf dem Sopha wieder in eine gerade Stellung, wobei er die Wangen, über ſeine ſteife Cravatte hinauf, aufblies; jeder Zoll ein Muſter väterlichen Anſtandes. „Mein Sohn!“ ſprach Mr. Turveydrop.„Meine Kinder! Ich kann Eurer Bitte nicht widerſtehen. Seid glücklich!“ Sein wohlwollendes Weſen, während er ſeine künf⸗ tige Schwiegertochter vom Boden aufhob, und die Hand nach ſeinem Sohne hin ausſtreckte(— der dieſelbe mit liebevoller Achtung und Dankbarkeit küßte—), war der verwirrendſte Anblick, der mir je zu Theil geworden. „Meine Kinder!“ ſagte Mr. Turveydrop abermals, indem er mit dem linken Arme Caddy väterlich umſchloß, während ſie neben ihm ſaß, und die rechte Hand graziös in die Seite ſtemmte.„Mein Sohn und meine Tochter! Euer Glück ſoll meine alleinige Sorge ſein. Ich will 317 über Euch wachen. Ihr ſollt ſtets bei mir wohnen;“— womit er natürlich ſagen wollte, ich will ſtets bei Euch wohnen;—„von nun an iſt dieſes Haus ebenſo gut das Eurige, als das meinige; ſehet es als Euer Haus an. Und möget Ihr lange leben, um es mit mir zu theilen!“ Sein Anſtand übte eine ſolche Macht aus, daß die Beiden in der That ſo von Dankbarkeit durchdrungen waren, wie wenn er, anſtatt ſich ihnen für den Reſt ſei⸗ nes Lebens aufzudrängen, ihnen ein gewaltiges Opfer brächte, und, ich weiß nicht welches koſtbare Geſchenk machte. „Was mich betrifft, meine Kinder,“ fuhr Mr. Tur⸗ veydrop fort,„ſo geht es mir wie dem Laube, das gelb zu werden anfängt; und es läßt ſich nicht ſagen, wie lange noch die letzten ſchwachen Spuren gentlemänniſchen Anſtandes in dieſem webenden und ſpinnenden Zeitalter ſich einiger Maßen erhalten werden. So lange ſie ſich aber noch zu erhalten im Stande ſind, werde ich meine Pflicht gegen die Geſellſchaft erfüllen, und mich, wie ge⸗ wöhnlich, in der Stadt ſehen laſſen. Meine Bedürfniſſe find klein und einfach. Mein kleines Zimmer hier, die Paar Bagatellen, die zur Toilette gehören, mein frugales Frühſtück und mein kleines Diner werden genügen. Eurer ſchuldigen Liebe wird es überlaſſen bleiben, mich mit die⸗ ſen wenigen Erforderniſſen zu verſehen, und alles Uebrige nehme ich dann auf mich.“ Sie waren von dieſem ungewohnten Großmuthe auf's Neue überwältigt. „Mein Sohn,“ ſagte Mr. Turveydrop weiter,„was jene kleinen Punkte anbetrifft, die Dir abgehen,— Punkte des Anſtandes, die mit einem Menſchen geboren werden können,— die wohl ausgebildet, nie aber hervorgerufen werden, ſo darfſt Du Dich auch ferner auf mich verlaſſen. Ich habe auf meinem Poſten ausgeharrt ſeit den Tagen Seiner Koͤniglichen Hoheit, des Prinz⸗Regenten, und werde ihn 318 auch jetzt nicht verlaſſen. Nein, mein Sohn. Wenn Du je die arme Stellung Deines Vaters mit einem Gefühle von Stolz betrachtet haſt, ſo darfſt Du Dich verſichert halten, daß er Nichts thun würde, um dieſelbe zu trüben und zu beflecken. Was Dich ſelbſt betrifft, Prince, ſo iſt Dein Charakter ein verſchiedener(— wir können nicht Alle einander gleichen; auch wäre das nicht einmal gut—): an Dir wird es ſein, zu arbeiten, fleißig zu fein, Geld zu verdienen, und Deine Connexionen ſo viel wie möglich auszudehnen.“ „Theuerſter Vater, Sie dürfen ſich darauf verlaſſen, daß ich das von ganzem Herzen thun werde,“ erwiederte Prince. „Ich zweifle keinen Augenblick daran,“ ſprach Mr. Turveydrop.„Deine Eigenſchaften gehören nicht zu den glänzenden, mein liebes Kind; allein es ſind dieſelben nützlich, und zeichnen ſich durch Beharrlichkeit aus. Und Euch Beiden, meine Kinder, möchte ich, im Geiſte einer Seligen, auf deren Lebenspfad ich, wie ich glaube, das Glück gehabt habe, einige Lichtſtrahlen zu werfen,— bloß ſo viel bemerken: Vernachläſſiget das Etabliſſement nicht, ſorget für meine wenigen und einfachen Bedürfniſſe, und moͤge Euch Beide dann der Himmel dafür ſegnen!“ Der alte Mr. Turveydrop wurde nun, der ſchönen Gelegenheit zu Ehren, ſo ungemein galant, daß ich zu Caddy ſagte, wir müßten uns nun ein für alle Mal ent⸗ ſchließen, nach Thavies Inn zu gehen, wenn wir noch an demſelben Tage hinkommen wollten. Wir machten uns daher auf den Weg nach einem überaus liebevollen Ab⸗ ſchied zwiſchen Caddy und ihrem Verlobten. Das arme Mädchen war, während wir ſo fortgingen, ſo glücklich, und ſtrömte ſo vom Lobe des alten Mr. Turveydrop über, daß ich um keinen Preis auch nur ein Wort zu ſeinem Nachtheile hätte ſagen mögen. An den Fenſtern des Hauſes in Thavies Inn ſtaken Zettel, welche beſagten, daß es zu vermiethen ſei; und 319 es ſah das Haus ſchmutziger, düſterer, und unheimlicher, denn je, aus. Der Name des armen Mr. Jellyby war erſt vor ein Paar Tagen in der Gantliſte erſchienen; und Mr. Jellyby befand ſich im Speiſezimmer mit zwei Herren, und einer Unmaſſe verkleinerten blauen Säcken, Rechnungsbüchern und Papieren, und machte die ver⸗ zweifeltſten Anſtrengungen, ſich von dem Stand ſeiner Angelegenheiten zu überzeugen. Allein es ſchien ihm das ſchlechterdings nicht gelingen zu wollen; denn als Caddy mich aus Verſehen in das Speiſezimmer hinein führte, und wir auf Mr. Jellyby zutraten, der, mit der Brille auf der Stirne, durch den großen Speiſetiſch und die beiden Herren ganz hilflos in einer Ecke eingezwängt war, ſchien er auf die Sache ganz und gar verzichtet zu haben, und ſprach⸗ und fühllos zu ſein. Als wir in Mrs. Jellyby's Zimmer hinauf kamen (— was die Kinder betrifft, ſo ſchrien ſie in der Küche alle jämmerlich zuſammen, und von einem Dienſtboten war keine Spur mehr zu ſehen—), ſo fanden wir die eben genannte Dame inmitten einer voluminöſen Corre⸗ ſpondenz, Briefe eröffnend, leſend und ſortirend; um ſie her, auf dem Boden, lag eine Unmaſſe zerriſſener Cou⸗ verte. Sie hatte den Kopf ſo voll, daß ſie Anfangs mich gar nicht erkannte, obgleich ſie mich in der ihr eigen⸗ thümlichen, ſeltſamen Weiſe anblickte, wobei ihre Augen glänzten und mich wie einen in weiter Ferne liegenden Gegenſtand fixirten. „Ah, Miß Summerſon!“ ſagte ſie endlich.„Ich dachte an etwas ſo ganz Anderes! Hoffentlich befinden Sie ſich wohl. Es freut mich, Sie zu ſehen. Mr. Jarndyce und Miß Clare recht wohl?“ Ich drückte dafür die Hoffnung aus, daß Mr. Jel⸗ lyby ſich recht wohl befände. „Ei, er befindet ſich nicht ſo ganz wohl, meine Liebe,“ ſagte Mre. Jellyby auf die ruhigſte Weiſe von der Welt. „Er hat in ſeinen Geſchäften ein Bischen Unglück ge⸗ 320 habt und iſt nun etwas verſtimmt und muthlos. Glück⸗ licher Weiſe aber bin ich dermaßen beſchäftigt, daß ich gar keine Zeit habe, an die leidige Geſchichte zu denken. Wir haben jetzt ſchon hundert und ſiebzig Familien, jede im Durchſchnitt fünf Koͤpfe ſtark, die entweder ſchon nach dem linken Ufer des Niger gegangen ſind, oder im Begriffe ſind, dahin zu ziehen, Miß Summerſon.“ Ich dachte an die Familie, die in unſerer unmittel⸗ barſten Nähe ſich befand, und weder nach dem linken Ufer des Niger gegangen war, noch auf dem Punkte ſtand, dahin zu gehen, und wunderte mich, wie Mrs. Jellyby nur ſo ruhig ſein konnte. „Wie ich ſehe, haben Sie Caddy hierher zurückge⸗ bracht,“ bemerkte Mrs. Jellyby mit einem Blicke auf ihre Tochter.„Es iſt eine wahre Seltenheit, ſie hier zu ſehen. Sie hat ihr altes Geſchäft ſo gut wie aufgege⸗ ben, und wingt mich wirklich, einen Knaben dazu anzu⸗ ſtellen.“ N „Gewiß, Ma—“ fing Caddy an. „Du weißt doch aber, Caddy,“ ſiel ihre Mutter ſanft ein,„daß ich wirklich einen Knaben zu dem⸗ Geſchäfte habe: es iſt derſelbe in dieſem Augenblick beim Mittag⸗ eſſen. Was nützt esn daß Du mir widerſprichſt!“ Ich wollte Ihnen nicht widerſprechen, Ma,“ entgeg⸗ nete Caddy.„Ich wollte bloß ſagen, daß Sie gewiß nicht haben möchten, ich ſolle mein Leben lang eine bloße Sklavin ſein.“ „Ich glaube, mein liebes Kind,“ ſagte Mrs. Jel⸗ Ar iizme noch Briefe erbrechend und ihre glänzenden ugen läͤchelnd darauf werfend, und dieſelbe während des Sprechens ſortirend,„Du haſt an Deiner Mutter ein Beiſpiel, wie man arbeiten kann und ſoll. Und was ſollen denn die Worte bedeuten„eine bloße Sklavinle Hätteſt Du einige Sympathie für die Schickſale des menſchlichen Geſchlechts, ſo würde Dich dieſelbe über jeden ſolchen Gedanken hoch erheben. Aber leider haft ück⸗ ich kken. lien, chon im ttel⸗ nken unkte Mrs. ckge⸗ auf er zu gege⸗ anzu⸗ ſanft chäfte ittag⸗ ntgeg⸗ jnicht bloße . Jel⸗ zenden ährend Mutter d was lavinl' le des e über er haſt 321 Du keine. Ich habe Dir oft geſagt, Caddy, Du haſt keine ſolche Sympathie.“ „Allerdings habe ich keine Sympathie, Ma, wenn es Afrika angeht.“ „Natürlich haſt Du keine. Wäre ich nun glücklicher Weiſe nicht ſo beſchäftigt, Miß Summerſon,“ ſagte Mrs. Jellyby, die Augen liebreich auf mich werfend, und dar⸗ über nachdenkend, wohin ſie den Brief legen ſollte, den ſie ſo eben erbrochen,„ſo würde mich dieß ungemein quälen und mißvergnügt machen. Allein meine Gedanken ſind von Borrioboola Gha und Allem, was darauf Be⸗ zug hat, dermaßen in Anſpruch genommen, und er iſt ſo nöthig, daß ich mich concentrire, daß ich, ſehen Sie, einen guten Ableiter daran beſitze.“ Da Caddy mir einen bittenden Blick zuwarf, und Mrs. Jeliyby gerade durch meinen Hut und Kopf hin⸗ durch in das ferne Afrika hinein ſah, glaubte ich die Ge⸗ legenheit günſtig, um zum Gegenſtande meines Beſuches nr kommen, und Mrs. Jellyby's Aufmerkſamkeit zu eſſeln. „Vielleicht,“ hob ich an,„werden Sie ſich fragen, was mich wohl hierher geführt haben möge, um Sie in Ihrem Geſchäft zu ſtören.“ „Es freut mich ſtets, Miß Summerſon zu ſehen,“ erwiederte Mrs. Jellyby, mit einem milden Lächeln in ihrer Arbeit fortfahrend.„Obgleich ich wünſche,“— und dabei ſchüttelte ſie den Kopf,—„ſie möchte ſich für das Borrioboola⸗Projekt etwas mehr intereſſiren.“ „Ich bin,“ ſagte ich,„mit Caddy hierher gekom⸗ men, weil Caddy mit Recht glaubt, ſie dürfe vor ihrer Mutter kein Geheimniß haben; und weil ſie ſich einbil⸗ det, ich werde ſie bei Enthüllung eines ſolchen Geheim⸗ niſſes ermuthigen und unterſtützen, obgleich ich in der That nicht weiß, wie dieß ſein kann. „Caddy,“ ſprach Mrs. Jellyby, ihre Arbeit einen Bleak Houſe. II. 21 322 Augenblick unterbrechend, und dann, nachdem ſie den Kopf geſchüttelt, wieder ruhig damit fortfahrend,„Du willſt mir, ich ſehe ſchon, irgend etwas Verrücktes ſagen.“ Caddy löste die Bänder ihres Hutes, nahm letzteren ab, ließ ihn an den Bändern auf den Boden hinabhangen, und ſagte, herzhaft weinend: „Ma, ich bin verſprochen.“ „O Du albernes Kind!“ bemerkte Mrs. Jellyby mit zerſtreuter Miene, während ſie über die zuletzt eröffnete Depeſche hinblickte;„was biſt Du doch für eine Gans!“ „Ich bin,“ ſchluchzte Caddy,„mit dem jungen Mr. Turveydrop, dem Lehrer in der Tanzacademie, verſprochen, Ma; und der alte Mr. Turveydrop, der wirkiich ein recht gentlemänniſcher Herr iſt, hat ſeine Zuſtimmung ge⸗ geben, und ich bitte und flehe, Ma, daß Sie auch die Ihrige geben, weil ich ohne dieſelbe ſonſt nie glücklich ſein könnte. Nein, nie könnte ich es ſein!“ ſchluchzte Caddy, die ihre allgemeinen Klagen und ſonſt Alles, „nur nicht ihre naturliche Liebe vergaß.. Sie ſehen abermals, Miß Summerſon,“ bemerkte Mrs. Jellyby ruhig,„welch' ein Glück es iſt, ſo be⸗ ſchäftigt zu ſein, wie jch es bin, und ſo, wie bei mir jetzt der Fall iſt, zur Selbſteoncentration gezwungen zu ſein. Da kommt Caddy her und ſagt mir, ſie ſei mit dem Sohne eines Tanzmeiſters verſprochen,— das heißt, an Leute gebunden, die für die Schickſale des Menſchenge⸗ ſchlechts ebenſo wenig Sympathie haben, als ſie ſelbſt! Und dieß ſagt ſie mir in einem Augenblicke, wo Mr. Guſher, einer der erſten Philanthropen unſerer Zeit, mir geſagt hat, daß er wirklich geneigt ſei, ſich für ſie zu intereſſiren!“ „Ma, ich habe Mr. Guſher nie ausſtehen koͤnnen:— ſtets habe ich den Mann verabſcheut!“ ſchluchzte Caddy⸗ „Caddy, Caddy!“ erwiederte Mrs. Jellyby, mit der größten Behaglichkeit von der Welt einen andern Brief Lopf illſt eren gen, mit nete ns!“ Mr. chen, ein ge⸗ die klich chzte llles, erkte be⸗ jetzt ſein. dem „an enge⸗ lbſt! Mr. mir e zu nen: ddy. der Brief 323 eröffnend.„Ich zweifle gar nicht, daß Du es thateſt. Wie konnte das auch anders ſein, da Du der Sympathien, von denen er überſtrömt, gänzlich baar biſt. „Wären nun meine oͤffentlichen Pflichten nicht ein Lieblingskind für mich;— hätte ich nicht den Kopf voll von großartigen Maßregeln in großartigſtem Maßſtabe, ſo könnten vielleicht dieſe kleinen Geſchichten mich gar ſehr ärgern und quälen, Miß Summerſon. Darf ich aber eine alberne Handlung von Seiten Caddy's— von der ich auch gar nichts Anderes erwarte— ſich zwiſchen mich und den großen afrikaniſchen Continent ſtellen laſſen? Nein, nein,“ wiederholte Mrs. Jellyby mit ruhiger, klarer Stimme und mit einem angenehmen Lächeln, während ſie weitere Briefe eroͤffgete und ſortirte.„Nein, das kann, das darf nicht ſein!“ Ich war, obgleich ich mich hätte darauf gefaßt machen können, auf dieſe ſo durchaus kühle Aufnahme der bewußten Enthüllung ſo wenig vorbereitet, daß ich wahr⸗ lich nicht wußte, was ich ſagen ſollte. Nicht geringer ſchien die Verlegenheit Caddy's zu ſein. Was aber Mrs⸗ Jellyby betrifft, ſo fuhr ſie fort, Briefe zu erbrechen und zu ſortiren, und gelegentlich, in wahrhaft bezauberndem Tone und mit einem Lächeln vollkommenſter Ruhe zu wiederholen: „Nein, nein, bas kann, das darf nicht ſein!“ „Sie werden doch nicht böſe ſein, Ma?“ ſchluchzte endlich die arme Caddy heraus. „O Caddy, Du biſt wirklich ein abgeſchmacktes Mädchen,“ erwiederte Mrs. Jellyby,„daß Du ſo fragſt, nachdem ich⸗Dir doch geſagt, was meinen Geiſt erfülle.“ „Und hoffentlich werden Sie Ihre Zuſtimmung und uns Ihren Segen geben, Ma?“ fuhr Caddy fort. „Du biſt ein überaus thoͤrichtes Kind, daß Du ſo Etwas gethan!“ ſprach Mrs. Jellyby;„und Dn biſt ein entartetes Kind, da Du doch Deine Zeit den großen öffentlichen Maßregeln hätteſt widmen können. Aber der 324 Schritt iſt nun einmal gethan, und ich habe einen Knaben angenommen, und es iſt jetzt Nichts weiter über die Sache zu ſagen. Ich bitte Dich, Caddy, halt' mich jetzt nicht länger in meiner Arbeit auf,“ ſetzte Mrs. Jellyby hinzu, da Caddy ſie küßte,„ſondern laß mich dieſe Unmaſſe von Papieren prüfen und ſichten, ehe die Nachmittagspoſt an⸗ kommt!“ Ich glaubte, daß ich nichts Beſſeres thun könnte, als wenn ich mich verabſchiedete. Allein ich konnte mein Vorhaben nicht alsbald ausführen, va Caddy ſagte: „Sie werden doch Nichts dagegen haben, daß ich ein Mal mit ihm hierher komme, Ma?“ „Ach du gütiger Himmel, Caddy!“ rief Mrs. Jellyby die bereits wieder in ihre weit ausſehenden Speculationen verſunken war,„biſt Du denn noch nicht fertig? Hierher komme— mit wem?“ „Mit ihm, Ma!“ „Caddy, Caddy!“ ſprach Mrsé. Jellyby, die ſolch' unbedeutender Dinge ganz müde war.„Wenn Du das willſt, ſo mußt Du mit ihm hierher kommen an einem Abende, der kein Parent⸗Society⸗Abend*), oder kein Branch⸗Abend**), oder kein Ramifications⸗Abend**“) iſt. Du mußt den Beſuch den Anforderungen anpaſſen, die man an meine Zeit ſtellt. „Meine liebe Miß Summerſon, es war recht artig von Ihnen, daß Sie hierher kamen, um dieſem närriſchen Ding da ein Bischen aus ſeiner Verlegenheit zu helfen, Adieu, Adleu! Wenn ich Ihnen ſage, daß ich heute Morgen nicht weniger, denn achtundfünfzig neue Briefe von Arbeiterfamilien aus den Fabrikbezirken erhalten habe, welche die Einzelheiten der Frage von der Cultivirung der *) Vater⸗und⸗Mutter⸗Geſellſchafts⸗Abend. **) Zweig⸗Abend. ***) Verzweigungs⸗Abend. Ein ſo b ſchr mie eber meir weit mit ihr nicht es ſe wiſſe ſagte Peen hätte Kück Scht und nicht ſah, über heftit polte der a tiſche Abſic zuſtü ſeinen ganz Verlü Turv dadu⸗ 325 Eingeborenen und von dem Kaffeeanbau erfahren moͤchten, ſo brauche ich mich bei Ihnen wegen meiner äußerſt be⸗ ſchränkten Zeit wohl nicht erſt zu entſchuldigen.“ Als wir die Treppe hinunter gingen, überraſchte es mich gar nicht, Caddy niedergeſchlagen zu ſehen; und ebenſo wenig überraſchte es mich, daß ſie von Neuem an meinem Halſe ſchluchzte, oder daß ſie ſagte, es wäre ihr weit lieber geweſen, wenn ſie ausgeſchmält worden wäre; mit ſolch' kalter Gleichgültigkeit behandelt zu werden, ſei ihr unerträglich;— und ferner überraſchte es mich gar nicht, als ſie mir ſagte, ſie ſei ſo arm an Kleidern, und es ſei ihre Garderobe ſo übel beſtellt, daß ſie wahrlich nicht wiſſe, wie ſie ſich je mit Ehren copuliren laſſen könne. Ich heiterte ſie allmählig wieder auf, indem ich ihr ſagte, wie viel ſie für ihren unglücklichen Vater und für Peepy thun koͤnnte, wenn ſie einmal ein eigenes Haus hätte; und endlich gingen wir in die feuchte, finſtere Küche hinab, wo Peepy mit ſeinen kleinen Brüdern und Schweſtern auf dem ſteinernen Boden umherkrabbelte, und wo wir mit ihnen ſo luſtig ſpielten, daß ich, um nicht ganz in Stücke geriſſen zu werden, mich genöthigt ſah, zu meinen Feenmährchen zu greifen. Von Zeit zu Zeit hoͤrte ich in dem Wohnzimmer über mir laute Stimmen; gelegentlich ließ ſich auch ein heftiges Herumwerfen von Möbeln horen. Das letzte Ge⸗ polter ward, wie ich befürchtete, dadurch verurſacht, daß der arme Mr. Jellyby aus ſeiner Ecke hinter dem Speiſe⸗ tiſche hervorbrach und gegen das Fenſter ſprang, in der Abſicht, ſich in den freien Raum vor dem Hauſe hinaus⸗ zuſtürzen, ſo oft er einen Verſuch machte, den Stand ſeiner Angelegenheiten zu verſtehen. Als ich nach dieſem in Unruhe verlebten Tage Abends ganz ruhig nach Hauſe fuhr, dachte ich viel über Caddy's Verlöbniß nach, und fühlte mich— trotz des ältern Mr. Turveydrop— in meinen Hoffnungen beſtätigt, daß ſie dadurch nur glücklicher, und ihre Lage ſo wirklich gebeſſert 326 wäre. Und wenn wenig Ausſicht vorhanden zu ſein ſchien, daß ſie und ihr künftiger Gatte je ausfindig machen würden, welche Art von einem Menſchen das Anſtands⸗ muſter wirklich ſei, ſo war dieß ja ebenfalls nur um ſo beſſer für ſie,— und wer moͤchte ihnen wünſchen, weiſer zu ſein? Ich wenigſtens wünſchte ihnen das nicht, und ſchämte mich in der That ſo halb und halb, daß ich ſelbſt nicht ganz an den Mann glaubte. Und ich ſah zu den Sternen hinauf, und dachte an Reiſende in fernen Landen, ſo wie an die Sterne, welche dieſelben ſähen, und hoffte, daß ich immer ſo glücklich ſein würde, um auf meinem beſcheidenen Lebenspfade Jemand nützlich ſein zu köͤnnen. Als ich nach Hauſe kam, war, wie es ſtets der Fall war, Alles darüber ſo von Freude erfüllt, daß ich vor lauter Wonne mich hätte hinſetzen und weinen mögen, wenn das nicht der Weg geweſen wäre, mich unangenehm zu machen. Jedermann im Hauſe, vom Niedrigſten bis zum Höchſten, bewillkommte mich mit einem ſo freude⸗ ſtrahlenden Geſichte, und ſprach in ſo fröhlichem Tone, und war ſo glücklich, Etwas für mich thun zu können, daß ich wahrlich glaube, es habe nie ein ſo glückſeliges, kleines Geſchöpf auf der Welt gegeben. An jenem Abende kamen wir ſo in's Plaudern hinein, daß ich unendlich lange fortſchwatzte: die Veranlaſſung dazu waren Ada und mein Vormund, die mich in Be⸗ zitehung auf Caddy beſtändig ausholten und Alles haar⸗ klein wiſſen wollten. Endlich ging ich in mein Zimmer hinauf, und ich ward feuerroth, als ich daran dachte, wie ich gepredigt. Mit einem Male hörte ich, wie ein ſanfter Schlag gegen meine Thüre erfolgte. Ich ſagte alſo:„Herein l“ Und herein trat ein kleines, hübſches Mädchen, das in Trauer gekleidet war und mir einen Knix machte. „Wenn Sie erlauben, Miß: ich bin Charley,“ ſagte das kleine Mädchen mit ſanfter Stimme. „Wahrlich, das biſt Du!“ ſagte ich, voller Erſtaunen 327 mich bückend und dem Kinde einen Kuß gebend.„Wie freut es mich, Dich zu ſehen, Charley!“ „Wenn Sie erlauben, Miß: ich bin Ihnen als Dienerin beigegeben!“ fuhr Charley mit berſelben ſanften Stimme fort. „Was ſagſt Du da, Charley?“. „Wenn Sie erlauben, Miß: Mr. Jarndyee hat mich Ihnen beigegeben und er läßt Sie freundlichſt grüßen.“ Ich ſetzte mich und blickte Charley an, während meine Hand auf ihrem Nacken ruhte. „Und, o Miß!“ ſagt Charley, ihre Händchen zu⸗ ſammenſchlagend, wäͤhrend Thränen über ihre mit Grüb⸗ chen verſehenen Wangen herabſtrömen,„Tom iſt, wenn Sie es erlauben, in einer Schule und lernt ſo gut! Und die kleine Emma,— ſie iſt bei Mrs. Blinder, Miß, und iſt ſo gut verſorgt! Und Tom,— er wuürde ſchon viel bälder in die Schule gekommen ſein,— und Emma,— ſie würde ſchon viel bälder zu Mrs. Blinder gekommen ſein,— und ich,— ich würde ſchon längſt hier geweſen ſein, Miß, wenn Mr. Jarndyce nicht geglaubt hätte, es wäre beſſer, daß Tom, und Emma, und ich, uns erſt ein Bischen an die Trennung gewöhnten,— da wir es ſo wenig waren. Ach, weinen Sie doch nicht, Miß!“ leyl„Ich kann mich der Thränen nicht enthalten, Char⸗ ey!“ 3 „Auch ich kann mich derſelben nicht enthalten, Miß,“ ſagt Charley.„Und Mr. Jarndyee, wenn Sie erlauben, Miß, läßt Sie alſo freundlichſt grüßen, und denkt, Sie werden mich dann und wann ein Bischen unterrichten wollen. Und wenn Sie erlauben, ſo werden wir, Tom, Emma, und ich, jeden Monat ein Mal einander ſehen. Und ich bin ſo glücklich und ſo dankbar, Miß,“ rief Charley mit ſchwellender Bruſt,„und ich will es verſuchen, eine ſo gute Dienerin zu ſein!“ *„O liebe Charley, vergiß nie, wer All' dieß gethan!“ „Nein, Miß, das werde ich nie vergeſſen. Auch Tom 328 wird es nie vergeſſen. Und ebenſo wenig Emma. Sie haben Alles das gethan, Miß!“ „Ich habe gar Nichts davon gewußt. Mr. Jarndyce iſt es geweſen, Charley.“ „Ja, Miß, es iſt aber Alles Ihnen zu lieb geſchehen, und damit ſie meine Herrin ſein möchten und ich unter Ihnen ſtehen möchte. Wenn Sie erlauben, Miß: er macht mich Ihnen zum Geſchenke und läßt Sie freund⸗ lichſt grüßen,— und es iſt Alles Ihnen zu lieb geſchehen. Ich und Tom wiſſen es wohl, und werden es nie ver⸗ geſſen.“ Charley trocknete ſich die Augen ab und trat ihren Dienſt an, wobei ſie in ihrer kleinen matronenhaften Weiſe im Zimmer herum ging und Alles, was ſie mit ihren Händchen erreichen konnte, zuſammenlegte, und ordnete. Es ſtand nicht lange an, ſo kam Charley wieder zu mir hervorgekrochen, und ſprach: „O, weinen Sie doch nicht, Miß!“ Und ich ſagte abermals: „Ich kann mich der Thränen nicht enthalten, Char⸗ ley!“ und Charley ſagte gleichfalls wieder: „Auch ich kann mich derſelben nicht enthalten, Miß!“ Und ſo weinte ich wirklich vor lauter Freude. Und ein Gleiches that das kleine Mädchen. 329 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Ein Appellations⸗Fall. Sobald Richard und ich die Unterredung gehabt, worüber ich im vorangegangenen Kapitel einen kurzen Bericht gegeben, theilte Richard Mr. Jarndyce ſeine An⸗ und Abſichten mit. Ich zweifle, ob mein Vormund durch die Mittheilungen Richards überraſcht wurde, wenn ſie ihm auch viel Unruhe verurſachten und er dadurch keines⸗ wegs angenehm berührt ward. Er war von jetzt an oft ſpät Abends und früh Morgens mit Richard allein, und brachte mit ihm ganze Tage in London zu, und hatte unzählige Rendezvous mit Mr. Kenge, und mußte durch eine Menge unangenehmer Geſchichten ſich hindurch⸗ arbeiten. Während ſie Beide ſo beſchäftigt waren, war mein Vormund, obgleich er vom Oſtwinde gar viel zu leiden hatte und ſich den Kopf ſo beharrlich rieb, daß auch nicht ein einziges Haar auf demſelben am rechten Platze blieb, gegenüber von Ada und von mir ſo fröhlich und ſo heiter, wie nur je; allein in Beziehung auf die bewußten Dinge beobachtete er eine ſich nie verläugnende Zurückhaltung. Und da unſere äußerſten Anſtrengungen aus Richard ſelbſt nur immer wieder die unbedingte Verſicherung herauszu⸗ locken vermochten, daß Alles famos gehe, und daß am Ende wirklich Alles recht werde, ſo wurde unſere Bangig⸗ keit durch ihn nicht gar ſehr gehoben. Im Verlaufe der Zeit erfuhren wir indeſſen, daß wegen Richards, als eines Unmündigen, und als eines Mündels, und ich weiß nicht was noch, eine neue Bitte an den Lordkanzler gerichtet worden; und daß ungeheuer 330 viel in der Sache geſprochen werde, und daß der Lord⸗ kanzler ihn, Richard, in öffentlicher Gerichtsſitzung als ein capriciöſes Kind geſchildert habe, das dem Gerichte immer neue Mühe verurſache; und daß die Sache ver⸗ tagt, und wieder vertagt, und daß dieſelbe wieder vor⸗ gebracht, und daß darüber Bericht erſtattet, und daß in Betreff derſelben wieder eine Vorſtellung eingereicht wor⸗ den, bis Richard ſelbſt, wie er uns ſagte, zu zweifeln anfing, ob, wenn es ihm je gelänge, in die Armee zu treten, er nicht erſt warten müßte, bis er ein Veteran von ſiebzig oder achtzig Jahren wäre. Endlich wurde er wieder in das Privatzimmer des Lordkanzlers beſtellt, und dort gab ihm Letzterer einen ernſten Verweis darüber, daß er ſeine Zeit vergeude, und daß er nicht wiſſe, was er wolle—„ein trefflicher Spaß, wie mich bedünkt, von Seiten des Präſidenten des Kanzleigerichtshofes,“ fagte Richard. Endlich ward dann ausgeſprochen, daß ſeinem Verlangen Folge gege⸗ ben werden ſolle. Es wurde im Kriegsminiſterium ſein Name vorgemerkt, und in die Liſte der um eine Fähnrichs⸗ ſtelle Nachſuchenden eingetragen; das Kaufgeld wurde bei einem Agenten hinterlegt; und Richard verſenkte ſich nun, in ſeiner gewoͤhnlichen, charakteriſtiſchen Weiſe in alle Arten militäriſcher Studien, und ſtand jeden Mor⸗ gen präcis um fünf Uhr auf, um ſich im Fechten mit dem Haudegen zu üben. So folgte auf die Ferien die Zeit der Gerichts⸗ ſitzungen, und auf die Zeit der Gerichtsſitzungen wieder die Ferien. Von Zeit zu Zeit hörten wir von Jarndyce und Jarndyce, es ſtehe der Prozeß auf der Tagesordnung oder ſtehe nicht mehr darauf; es müſſe derſelbe nächſtens vorkommen, oder es müſſen weitere Erkundigungen ein⸗ gezogen und weitere Berichte eingeholt werden;— und ſo kam der Prozeß, und ſo ging er wieder. Richard, der jetzt im Hauſe eines Profeſſors in London war, konnte uns nicht mehr ſo oft, wie vorher, 331 beſuchen; mein Vormund beobachtete immer noch dieſelbe Zurückhaltung;— und ſo verſtrich die Zeit, bis endlich Richard die Fähnrichsſtelle erhielt, und damit den Befehl, zu einem Regimente in Irland zu ſtoßen. Er kam eines Abends in großer Eile mit der Nach⸗ richt bei uns an, und hatte eine lange Unterredung mit meinem Vormunde. Es verſtrich über eine Stunde, ehe mein Vormund den Kopf in das Zimmer ſtreckte, wo ich mit Ada ſaß, und ſagte:„Kommt herein, liebe Kinder!“ Wir gingen hinein, und fanden Richard, den wir vor einer Stunde noch ſo lebensfroh und ſo munter ge⸗ ſehen hatten, wie er ſich auf den Kaminſims ſtützte, und boͤſe und ärgerlich ausſah. „Rick und ich ſind nicht ganz der gleichen Meinung, Ada,“ hob Mr. Jarndyce an.„Komm, komm, Rick, und ſieh nicht ſo ſauer zu der Sache!“ „Sie verfahren ſehr ſtreng mit mir, Sir,“ ſagte Richard.„Und zwar um ſo ſtrenger, als Sie in jeder andern Hinſicht mich ſo zart behandelt, und mir ſo viele Freundſchaft erwieſen haben, daß ich es Ihnen nie ver⸗ gelten kann. Ohne Sie, Sir, wäre es nie gelungen, mich auf die rechte Bahn zu bringen.“ „Gut, gut!“ ſprach Mr. Jarndyce.„Ich will es Dir ja jetzt nur noch leichter machen, auf der rechten Bahn zu bleiben. Ich will Dich ja nur noch mehr in's rechte Verhältniß mit Dir ſelbſt ſetzen.“ „Sie werden mir hoffentlich verzeihen, Sir,“ er⸗ wiederte Richard feurig, aber doch noch ehrerbietig,„wenn ich ſage, daß ich glaube, ich ſei der beſte Richter über mich ſelbſt.“. „Du wirſt mir hoffentlich verzeihen, mein lieber Rick,“ bemerkte Mr. Jarndyce mit der holdeſten Fröh⸗ lichkeit und mit einer allerliebſten, guten Laune,„wenn ich Dir ſage, daß es von Deiner Seite ganz natürlich i*ſt, ſo zu denken, daß ich aber Deiner Anſicht nicht ſein 33²2 kann. Ich muß meine Pflicht thun, Rick, ſonſt koͤnnteſt Du mich, bei kaltem Blute, nicht mehr beachten; und hoffentlich wirſt Du mich immer beachten, ſei es nun, daß Du bei kaltem Blute, oder daß Du aufgeregt biſt.“ Ada war ſo blaß geworden, daß er ſie noͤthigte, ſich in ſeinen Lehnſtuhl zu ſetzen, und daß er ſich neben ſie hin ſetzte. „Es hat Nichts zu bedeuten, meine Liebe— hat Nichts zu bedeuten,“ ſagte er.„Rick und ich,— wir haben bloß einen kleinen, freundſchaftlichen Streit ge⸗ habt, und wir müſſen den Gegenſtand der Differenz Dir auseinanderſetzen, denn um Dich dreht ſich der Streit. Du haſt nur Furcht vor dem, was kömmt.“ „Nein, gar nicht, Couſin John, wenn es von Ihnen kommen ſoll,“ erwiederte Ada lächelnd. „Ich danke Dir, meine Liebe. Schenke mir einen Augenblick ruhige Aufmerkſamkeit, ohne Rick anzuſehen. Und Du, Weibchen, thue ein Gleiches!“ Dann legte er ſeine Hand auf die ihrige, die auf der Armlehne des Ruheſeſſels lag, und fuhr alſo fort: „Mein liebes Mädchen, Du erinnerſt Dich wohl noch der Unterredung, die wir Vier hatten, als das Weibchen mir von einer gewiſſen, kleinen Liebesgeſchichte erzählte?“ „Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß Richard oder ich je die Freundſchaft und die Liebe vergeſſen werde, die Sie uns an jenem Tage bewieſen haben, Couſin John.“ „Ich kann ſie nie vergeſſen,“ ſprach Richard. „Und eben ſo wenig kann ich ſie vergeſſen,“ ſprach Ada. „Wenn das der Fall iſt, ſo wird es mir um ſo leichter, zu ſagen, was ich zu ſagen habe, und um ſo leichter werden wir uns denn verſtändigen,“ erwiederte mein Vormund, deſſen Geſicht von gewohnter Herzensgüte und Aufrichtigkeit durchglüht war.„Ada, mein Kind, wir dürfen nicht vergeſſen, daß Rick nun zum letzten Male ſich für einen Beruf entſchieden hat. Alles Vermögen, das ihm gewiß iſt, wird ausgegeben ſein, bis er vollſtändig ausgerüſtet iſt. Er hat ſeine Hülfsquellen erſchöpft, und muß fortan bei dem ein Mal gewählten Berufe bleiben.“ „Es iſt ganz richtig, daß ich meine dermaligen Hülfsquellen erſchöpft habe, und es freut mich, das zu wiſſen. Das Vermögen aber, das mir gewiß iſt, Sir,“ fuhr Richard fort,„iſt nicht mein ganzes Vermögen.“ „Rick, Rick!“ rief mein Vormund, wie von einem plötzlichen Schrecken uͤberwältigt, und mit veränderter Stimme, und indem er die Hände empor hielt, wie wenn er ſich hätte die Ohren verſtopfen wollen,„um Gottes⸗ willen, gründe keine Hoffnung,— gründe keine Erwartung auf den Familienfluch! Was Du immer dieſſeits des Grabes thun magſt, wirf nie einen ſehnſüchtigen Blick nach dem gräßlichen Geſpenſte hin, das ſo viele Jahre in⸗ unſerer Familie geſpuckt hat. Beſſer iſt es, zu borgen,— beſſer iſt es, zu betteln,— beſſer iſt es, zu ſterben!“ Uns Allen fiel der Ernſt auf, womit er dieſe War⸗ nung ausſprach; ja er machte uns erbeben. Richard biß ſich in die Lippe, und hielt den Athem zurück, und blicktr mich an, wie wenn er fühlte und wüßte, daß auch ich fühlte, wie ſehr er derſelben bedürfte. „Meine liebe Ada,“ ſagte Mr. Jarndyce, ſein fröh⸗ liches Weſen wieder annehmend,„es ſind dieß ſtarke Worte der Ermahnung; aber ich wohne in Bleak Houſe und habe hier Etwas geſehen. Doch genug davon. Alles, was Richard beſaß, um das Wettrennen des Lebens zu beginnen, iſt nun auf's Spiel geſetzt. Ich empfehle ihm und Dir, um ſeinet⸗ und um Deinetwillen, an, daß er von uns weggeht mit der Ueberzeugung, daß zwiſchen Euch Beiden ein Verloͤbniß nicht beſteht. Ich muß noch weiter gehen. Ich will mit Euch Beiden offen und ohne Rück⸗ halt ſprechen. Ihr ſolltet, wie früher zwiſchen uns aus⸗ gemacht worden, mir unbedingt vertrauen und ich will unbedingt Euch vertrauen. Ich verlange von Euch, daß 334 vor der Hand jedes Band, das der Verwandtſchaft ausge⸗ nommen, zwiſchen Euch ſich löſe.“ „Es wäre beſſer, Sire,“ erwiederte Richard,„wenn Sie mit einem Male ſagten, deß Sie gar kein Vertrauen mehr zu mir hätten, und daß Sie Ada riethen, ein Gleiches zu thun.“ „Rick, Du würdeſt beſſer daran thun, wenn Du nächen Derartiges ſagteſt, da ich ſo Etwas nicht ſagen w „Sie glauben, Sir, ich habe ſchlecht angefangen,“ entgegnete Richard.„Auch iſt das wahr, ich weiß es wohl.“ „Wie ich hoffte, daß Du beginnen und fortfahren würdeſt, habe ich Dir geſagt, als wir neulich über dieſe Dinge mit einander gefprochen haben,“ ſagte Mr. Jarn⸗ dyce in herzlichem und aufmunterndem Tone.„Du haſt dieſen Anfang noch nicht gemacht; aberes gibt für Alles eine Zeit, und die Deinige iſt noch nicht vorbei,— nein, die⸗ ſelbe iſt jetzt erſt recht gekommen. Mach' jetzt einen guten Anfang. Ihr Beide ſeld noch ſehr jung, und ſeid einander Couſin und Couſine. Bls jetzt ſeid Ihr einander Nichts weiter. Das andere muß eine Frucht der Zeit ſein, Rick, — muß der Zeit und den Umſtänden überlaſſen blelben, nichts Anderem.“ „Sie verfahren gar ſtrenge mit mir, Sir,“ ſagte Richard.„Strenger als ich je hätte vermuthen koͤnnen.“ „Mein lieber Junge,“ antwortete Mr. Jarndyce, „ich bin nur ſtrenger gegen mich ſelbſt, wenn ich Etwas thue, was Dir Schmerz verurſacht. Du haſt das Heil⸗ mittel in Deinen Händen. Ada, es iſt beſſer für ihn, wenn er frei iſt, und wenn zwiſchen Euch kein allzufrühes Verlöbniß beſteht. Und Dir, Rick, ſage ich, es iſt beſſer für ſie, viel beſſer; Du biſt es ihr ſchuldig. Kommt! Jedes von Euch wird das thun, was für das Andere am Beſten iſt, wenn Ihr anders nicht thut, was für Euch ſelbſt nur am Beſten iſt.“ „Und warum iſt es denn am Beſten, Sir?“ entgeg⸗ nete wir nich Ich an ſpre Zei Euc unp geb⸗ mei gan wie aber oder ſpre alle ſpre lichf von Uebe Beſt und zuſa Aug dem And ſein und 335 nete Richard haſtig.„Es war doch nicht am Beſten, als wir Ihnen unſer Herz erſchloſſen. Damals ſprachen Sie nicht ſo.“ „Seitdem bin ich reicher an Erfahrungen geworden. Ich tadle Dich nicht, Rick;— aber ſeitdem bin ich reicher an Erfahrungen geworden.“ „Sie meinen, in Beziehung auf mich, Sir?“ „Nun gut! Ja, in Beziehung auf Euch Beide,“ ſprach Mr. Jarndyce freundlich.„Es iſt noch nicht die Zeit gekommen, daß Ihr durch ein förmliches Verloͤbniß Euch an einander bindet. Es iſt nicht recht,— es iſt unpaſſend, und ich darf meine Zuſtimmung nicht dazu geben. Kommt, kommt! fangt wieder von Neuem an, mein junger Couſin und meine junge Couſine! Das. Ver⸗ gangene ſoll vergangen ſein, und es ſoll in Eurem Leben wieder eine neue Seite beginnen!“ Richard warf auf Ada einen ängſtlichen Blick, ſprach aber keine Silbe. „Ich habe es bis jetzt vermieden, mit Euch Beiden, oder mit Eſther auch nur eine Silbe über die Sache zu prechen,“ fuhr Mr. Jarndyce fort,„damit wir ohne y allen Rückhalt und auf voͤllig gleichem Fuße mit einander ſprechen können. Ich rathe Euch Beiden nun freundſchaft⸗ lichſt,— ich bitte Euch nun auf's Ernſtlichſte, ganz ſo von einander zu ſcheiden, wie Ihr hierher gekommen. Ueberlaſſet alles Andere der Zeit, der Wahrheit und der Beſtändigkeit. Handelt Ihr anders, ſo handelt Ihr unrecht; und Ihr werdet Schuld ſein, daß ich, indem ich Euch zuſammenführte, unrecht handelte.“ Hier folgte eine lange Pauſe. „Couſin Richard,“ ſprach endlich Ada, ihre blauen Augen zärtlich zu ihm erhebend,„ich glaube, daß nach dem, was unſer Couſin John geſagt hat, uns nichts Anderes übrig bleibt. Du kannſt wegen meiner ganz ruhig ſein; denn Du läſſeſt mich hier unter ſeiner Obhut zurück und kannſt verſichert ſein, daß mir Nichts zu wünſchen 336 übrig bleibt; ja, deſſen kannſt Du ganz verſichert ſein, wenn ich ſeinen guten Rath befolge. Ich— ich zweifle gar nicht, Coufin Richard„“ fuhr Ada etwas verwirrt fort,„daß Du mich recht gern haſt, und ich— ich glaube nicht, daß Du Dich in eine Andere verlieben wirſt. Aber ich möchte doch auch, daß Du die Sache wohl er⸗ woͤgteſt, da ich wünſche, daß Du in Allem recht glücklich ſein moͤgeſt. Du kannſt Dich auf mich verlaſſen, Coufin Richard. Ich bin gar nicht veränderltch; aber ich bin auch nicht unbillig, und würde Dich nie tadeln. Selbſt Couſins und Couſinen mag bisweilen der Abſchied ſchwer ankommen; und wirklich kommt derſelbe mir auch ſehr, ja ſehr hart an, Richard, obgleich ich weiß, daß es zu Deinem Beſten iſt. Ich werde ſtets liebevoll Deiner ge⸗ denken und oft mit Cſther von Dir ſprechen; und— vielleicht wirſt auch Du bisweilen ein Bischen an mich denken, Couſin Richard. Und ſo find wir denn nun,“ ſprach Ada, auf ihn zugehend, und ihm ihre zitternde Hand gebend,„einander wiedere nur noch Couſin und Couſine, Richard,— vielleicht nur auf kurze Zeit;— und ich flehe zum Himmel, daß er meinen lieben Couſin überall, wohin er immer gehen mag, ſchützen moͤge!“ Es kam mir ſeltſam vor, daß Richard meinem Vor⸗ munde es nicht verzeihen konnte, daß er ganz dieſelbe Meinung von ihm hatte, die er ſelbſt in weit ſtärkeren Ausdrücken über ſich ausgeſprochen hatte, als er ſich mir anvertraut. Allein es war gewiß der Fall. Ich bemerkte zu meinem großen Leidweſen, daß er von der Stunde an gegen Mr. Jarndyee nie mehr ſo offenherzig war, wie fruͤher. Man hatte ihm allen Grund gegeben, es zu ſein, und doch war er es nicht; und einzig und allein von ſeiner Seite begann eine Entfremdung zwiſchen ihnen Platz zu greifen. Bald verlor er ſich in dem Geſchäfte der Ausrüſtung und der vielerlei Vorbereitungen, ja er vergaß ſogar einen Schmerz, als er ſich von Ada trennte, die in vernür Fehler lange Unterr müde Wohn weſen mehre Manr war. von u Morg mit mund wird Sum Nehn Blee 337 Hertfordſhire blieb, während er, Mr. Jarndyce, und ich, auf eine Woche nach London gingen. Zwar erinnerte er ſich ihrer von Zeit zu Zeit, und er brach dann ſelbſt in Thränen aus;— und in ſolchen Augenblicken vertraute er mir dann die ſchwerſten Selbſtbeſchuldigungen an. Allein nach ein Paar Minuten beſchwor er dann in ſorg⸗ loſer Weiſe wieder einige Mittel herauf, die er ſelbſt nicht näher beſtimmen konnte, wodurch ſie Beide aber auf immer reich und glücklich, und wieder ſo heiter wie nur moͤglich werden ſollten. Es war eine an⸗ Geſchäften reiche Zeit, und ich ging immer den ganzen lieben Tag mit ihm umher und kaufte eine Menge Dinge, die er brauchte. Von den Dingen, die er gekauft haben würde, wenn er ſich ſelbſt überlaſſen geblieben wäre, ſage ich lieber Nichts. Er bezeigte mir das größte Vertrauen, und ſprach oft ſo vernünftig und mit ſolcher Ueberzeugung von ſeinen Fehlern und ſeinen ernſten Entſchlüſſen, und verwellte ſo lange bei der Aufmunterung, die, wie er ſagte, dieſe Unterredungen ihm gewährten, daß ich wohl nie hätte müde werden können, wenn ich es verſucht hätte. Während der fraglichen Woche beſuchte uns in unſerer Wohnung gar oft ein Mann, der früͤher Cavaleriſt ge⸗ weſen war. Er gab Richard Fechtſtunden, wie ſchon ſeit mehreren Monaten, und war ein ſchöner, trotzig ausſehender Mann, deſſen ganzes Weſen voller Freiheit und Offenheit war. Ich hörte nicht allein von Richard, ſondern auch von meinem Vormunde ſo Viel über ihn, daß ich eines Morgens nach dem Frühſtücke, als er kam, abſichtlich mit meiner Arbeit im Zimmer war. „Guten Morgen, Mr. George!“ ſagte mein Vor⸗ mund, der gerade allein bei mir war.„Mr. Carſtone wird in einem Augenblick hier ſein. Unterdeſſen iſt Miß Summerſon ſehr erfreut, Sie zu ſehen, wie ich weiß. Nehmen Sie doch Platz!“ „Er ſetzte ſich, durch meine Gegenwart etwas außer Bleaf Houſe. Ul. 22 338 Faſſung gebracht, wie ich glaubte. Dann zog er, ohne mich anzublicken, ſeine ſchwere, ſonnverbrannte Hand zu wiederholten Malen über ſeine Oberlippe hin. „Sie find ſo pünktlich, wie die Sonne,“ ſprach Mr. Jarndyce. „Militäriſche Zeit, Sir,“ antwortete er.„Macht der Gewohnheit. Bloße Gewohnheit bei mir, Sir. Ich bin ganz und gar nicht, was man ſo einen Geſchäftsmann nennt.“ „Und doch haben Sie auch ein großes Etabliſſe⸗ ment, wie man mir ſagt?“ ſagte M. Jarndyee. „Oh, es hat nicht ſehr Viel zu bedeuten, Sir. Ich habe eine Schießbahn, aber es iſt dieſelbe von keiner gro⸗ ßen Bedeutung.“ „Und was für einen Schützen machen Sie aus Carſtone? Und wird er ein guter Schläger?“ ſagte mein Vormund. „Es geht ziemlich gut, Sir,“ antwortete er, die Arme über ſeine breite Bruſt hin faltend, und ſehr breit ausſehend.„Wollte Mr. Carſtone ganz bei der Sache ſein, ſo könnte etwas recht Tüchtiges aus ihm werden.“ „Er iſt aber vermuthlich nicht ſo ganz bei der Sache?“ fragte mein Vormund. „Anfangs war das wohl der Fall, Sir, ſpäter aber nicht mehr. Er iſt nicht ganz bei der Sache. Vielleicht geht ihm ſonſt noch Etwas im Kopf herum,— eine junge Dame, vielleicht.“ Hier hefteten ſich ſeine glänzenden, ſchwarzen Augen zum erſten Male auf mich. „Auf jeden Fall gehe nicht ich ihm im Kopf herum, ich kann es Ihnen verſichern, Mr. Georg, obgleich Sie mich im Verdacht zu haben ſchienen,“ ſagte ich lachend. Er erröthete ein Bischen durch ſeine braune Haut hindurch, und verneigte ſich in ſoldatiſcher Weiſe. „Ich habe Sie dadurch doch nicht beleidigt, Miß?“ ſagte er dann.„Ich bin eben ein ein roher Soldat.“ 339 „Ganz und gar nicht: Sie haben mich nicht belei⸗ digt,“ ſprach ich.„Was Sie geſagt, nehme ich als ein Compliment hin.“ Hatte er mich vorhin nicht angeblickt, ſo ſchaute er mich jetzt an, indem er drei bis vier ſchnelle Blicke hinter einander auf mich warf. Dann ſagte er zu meinem Vormunde mit einer ge⸗ wiſſen männlichen Schüchternheit: „Ich bitte Sie um Verzeihung, Sir, aber Sie er⸗ weiſen mir die Ehre, den Namen der jungen Dame zu erwähnen—“ „Miß Summerſon.“ „Miß Summerſon,“ wiederholte er, und ſchaute mich abermals an. „Iſt Ihnen der Name vielleicht bekannt?“ fragte ich. „Nein, Miß. So viel ich weiß, habe ich ihn noch nie gehoͤrt. Ich dachte nur ſo, ich hätte Sie ſchon irgend⸗ wo geſehen.“ „Ich glaube es nicht,“ erwiederte ich, den Kopf von meiner Arbeit erhebend, um ihn anzublicken; und es lag in ſeiner Rede und Weiſe etwas ſo Natürliches und Ungekünſteltes, daß ich froh war, eine ſo günſtige Gele⸗ genheit zu bekommen.„Ich erinnere mich der Geſichter, die ich ſchon ein Mal geſehen, recht wohl.“ „Auch ich, Miß!“ erwiederte er, meinem Blicke mit der Fülle ſeiner ſchwarzen Augen und ſeiner breiten Stirne begegnend.„Hm! Wo ſoll ich Sie doch nur gleich hin thun!“ Da er durch ſeine braune Hautfarbe hindurch noch ein Mal erröthete, und durch ſeine Anſtrengungen, ſich immer zu erinnern, außer Faſſung gebracht war, ſo kam ihm mein Vormund zu Hülfe. „Haben Sie auch viele Schüler, Mr. George?“ „Es wechſelt deren Zahl, Sir. Meiſtens aber iſt ihre Anzahl gar klein, ſo daß mir meine Lectionen kein allzu reichliches Einkommen abwerfen.“ 340 „Und was für Perſonen üben ſich auf Ihrer Schieß⸗ bahn?“ „Oh, alle Arten von Leuten, Sir. Inländer und Ausländer. Gentlemen und Lehrlinge. Es find ſogar ſchon Franzöſinnen zu mir gekommen, die ſich als äußerſt gewandte Piſtolenſchützen bewieſen haben. Natürlich ver⸗ rückte Leute aus einer Unzahl Anderer,— aber ſie gehen überall hin, wo ſie eine Thüre offen finden.“ „Hoffentlich kommen keine Leute zu Ihnen, die von Haß gegen Andere erfüllt ſind, und die Abſicht haben, ihre Uebungen mit lebenden Schießſcheiben zu beendigen?“ ſprach mein Vormund lächelnd. „Das kommt nicht allzu häufig vor, Sir, obgleich es. ſchon vorgekommen iſt. Meiſtens kommen die Leute bloß darum, weil ſie ſich üben wollen,— oder weil ſie die Langweile plagt. Sechs von der einen, und ein halbes Dutzend von der andern Gattung. Ich bitte Sie um Verzeihung, Sir,“ fuhr Mr. George fort, indem er ker⸗ zengerade hinſaß und auf jedes Knie einen Elbogen ſtützte, „— aber ich glaube, Sie haben dermalen einen Prozeß vor dem Kanzleigerichtshofe, wenn ich recht berichtet bin?“ „Es thut mir leid, ſagen zu müſſen, daß dem alſo iſt.“ „Ich hatte einſt eine Perſon, die auch in Ihren Schuhen ſtak, Sir.“ „Wie, eine Perſon, die auch einen Prozeß vor dem Kanzleigerichtshofe hatte?“ erwiederte mein Vormund. „Wie verhielt ſich die Sache?“ „Je nun, der Mann war dadurch, daß man ihn be⸗ ſtändig hin und her warf, und ihn von Pontius zu Pi⸗ latus ſchickte, ſo gequält, und gehetzt, und geplagt, und ermüdet,“ ſprach Mr. George,„daß er endlich die Ge⸗ duld verlor. Ich glaube nun zwar nicht, daß er die Ab⸗ ſicht hatte, Jemand an's Leben zu gehen; allein immer⸗ hin befand er ſich in ſolch aufgeregter, haßerfüllter Stim⸗ 341 mung, daß er oft zu mir kam, fünfzig Schüſſe bezahlte, und darauf los feuerte, bis er feuerroth war. „Eines Tages, als Niemand um uns war und er in bitterböſer Stimmung nur von dem vielen Unrechte geſprochen hatte, deſſen Opfer er wäre, ſagte ich zu ihm: „Iſt dieſes Schießen für Sie ein Sicherheitsventil, Ka⸗ merad, ſo iſt es recht gut,— ſchön und gut; allein es gefällt mir nicht recht, daß Sie bei Ihrem dermaligen Gemüthszuſtande auf das Schießen ſo verſeſſen ſind; es wäre mir lieber, wenn Sie zu etwas Anderem griffen.“ „Schon glaubte ich, er würde mir einen Streich verſetzen, da er ſo zornig war: ich war deßhalb auf meiner Hut. Aber nein: er nahm meine Worte ganz gut auf, und ließ das Schießen alsbald bleiben. Wir ſchüttelten einander die Hand, und ſchloſſen eine Art Freundſchaft mit einander.“— „Was war das für ein Mann?“ fragte mein Vor⸗ mund in einem Tone, der ein geſteigertes Intereſſe verrieth. „Je nun, er fing damit an, daß er ein kleiner Land⸗ wirth in Shropfhire war, ehe man einen gehetzten Stier aus ihm machte,“ ſprach Mr. George. „War ſein Namen Gridley?“ „Ja, Sir.“ Mr. George richtete eine andere Reihe ſchneller, ſcharfer Blicke auf mich, während mein Vormund und ich ein paar Worte der Ueberraſchung über dieſes ſeltſame Zuſammentreffen mit einander wechſelten; und ich erklärte ihm daher, in welcher Weiſe wir den Namen wüßten. Darauf machte er abermals eine ſeiner ſoldatiſchen Verbeugungen in Anerkennung deſſen, was er meine Her⸗ ablaſſung zu nennen beliebte. „Ich weiß wahrlich nicht,“ ſagte er, während er mich anſah,„wo ich Sie hinthun ſoll,— aber halt! Gegen was rennt mein Kopf jetzt an!“ Während er dieſe Worte ſprach, fuhr er mit einer ſeiner ſchweren Hände über ſein krauſes, ſchwarzes Haar . 342 hin, wie wenn er die zerſtreuten Gedanken aus ſeinem Kopfe hinaus treiben wollte; und ſetzte ſich ein Bischen vorwärts, einen Arm in die Seite geſtemmt, und den andern auf ſeinen Beinen ruhen laſſend, während ſeine Augen ſich auf den Boden hefteten. Alles ſprach dafür, daß er in duͤſtern Gedanken verſunken war. „Es thut mir leid, zu hören, daß derſelbe Gemüths⸗ zuſtand dieſen Gridley in neue Unannehmlichkeiten ver⸗ wickelt hat, und daß er ſich dermalen verborgen halten muß,“ ſagte mein Vormund. „So höre auch ich, Sir,“ erwiederte Mr. George, immer noch grübelnd, und auf den Boden blickend.„So hoͤre ich.“ „Sie wiſſen wohl nicht, wo ſich der Mann ver⸗ ſteckt hat?“ „Nein, Sir,“ erwiederte der Troupier, die Augen aufſchlagend, und aus ſeinem träumeriſchen Zuſtande her⸗ austretend.„Ich kann Nichts über ihn ſagen. Wahr⸗ ſcheinlich iſt er bald zu Tode gehetzt. Man kann während einer langen Reihe von Jahren an dem Herzen eines ſtarken Mannes feilen, bis es endlich mit einem Male mit ihm aus iſt.“ Richard's Eintritt machte hier der Unterhaltung ein Ende. Mr. George ſtand auf, machte abermals eine ſei⸗ 4 ner ſoldatenhaften Verbeugungen gegen mich hin, wünſchte meinem Vormunde einen guten Tag, und ſchritt mit ſchwerem Tritte aus dem Zimmer. 3 Es war dieß der Morgen des Tages, an dem Richard abreiſen ſollte. Wir hatten jetzt keine Einkäufe mehr zu machen; ich war Nachmittags ſchon frühzeitig mit dem Packen fertig geworden; und wir hatten nun Nichts mehr zu thun bis zum Abende, wo er nach Liverpool, und von da nach Holyhead abgehen ſollte. Da man erwartete, daß an dem genannten Tage Jarndyce und Jarndyce wieder vorkommen würde, ſo ſchlug mir Richard vor, ihn em hen den ine ür, hs⸗ ver⸗ lten re, So ver⸗ igen her⸗ ahr⸗ rend nes dale ein ſei⸗ ſchte mit hard r zu dem nehr von tete, dyce ihn 343 nach dem Gerichtshofe zu begleiten, und zu ſehen, was dort vorginge. Da es ſein letzter Tag war, und er um jeden Preis hingehen wollte, und ich noch nie dort geweſen war, ſo willigte ich ein, und wir gingen alſo nach Weſtminſter, wo der Gerichtshof ſaß. Unterwegs beſprachen wir die Arrangements in Betreff der Briefe, die Richard mir, und ich ihm ſchreiben ſollte; auch beſchäftigten uns gar viele hoffnungsvolle Projekte. Mein Vormund wußte, wohin wir gingen, und begleitete uns daher nicht. Als wir in dem Saale des Gerichtshofes ankamen, ſah ich den Lordkanzler,— denſelben, den ich in Lincolns Inn, in ſeinem Privatzimmer, geſehen hatte. Er ſaß in großem Staate und mit vieler Gravität auf der Bank; unter ihm, auf einem rothen Tiſche, lagen der Amtsſtab und das Siegel, ſowie ein ungeheurer, platter Blumen⸗ ſtrauß, der, einem kleinen Garten ähnlich, den ganzen Ge⸗ richtsſaal durchdüftete. Unter ihm, an einem Tiſche befand ſich dann eine lange Reihe von Solicitors*): zu deren Füßen, auf dem großen Mattenwerk, lagen große Papierbündel; und dann waren die Herren von der loͤblichen Advocaten⸗ zunft, in Perrücken und langen Gewändern, da;— Einige wachend, die Anderen ſchlafend, und Einer ſprechend: was aber Allen gemein war, iſt, daß Niemand dem, was er ſprach, große Aufmerkſamkeit ſchenkte. Der Lordkanzler lehnte ſich in ſeinen ſehr bequemen Seſſel zurück, während ſein Elbogen auf der mit Polſtern verſehenen Armlehne, und ſeine Stirne auf ſeiner Hand ruhte. Einige von denen, die anweſend waren, ſchlummerten, Andere laſen die Zeitungen, Andere wieder gingen im Saale herum, oder flüſterten in Gruppen mit einander; Alle aber ſchienen ſich durchaus behaglich zu fühlen, keineswegs Eile zu haben, aͤußerſt unbekümmert um das, was vorging, zu ſein, und es ſich ſo bequem, wie moͤglich, zu machen. *) Proecuratoren. 344 Alles ſo ohne alle Schwierigkeit von Statten gehen zu ſehen, und zu denken, wie ſauer das Leben, und wie hart der Tod der Prozeßführenden ſei;— all dieſen Staat, all dieſes feierliche Weſen zu ſehen, und zu den⸗ ken, wie viel Verſchwendung, und Mangel, und Elend, und Bettelarmuth dadurch repräſentirt werde;— zu denken, daß, während die Krankheit hinausgeſchobener Hoffnung in ſo vielen Herzen wüthete, dieſes Gepränge, und dieſe Schau⸗ ſtellungen in ſo guter Orvdnung, und mit ſo vieler Ruhe von Tag zu Tag, und von Jahr zu Jahr fortgeſetzt wür⸗ denz— zu ſehen, wie der Lordkanzler und das ganze Juriſtenheer unter ihm einander und die Zuſchauer an⸗ blickten, wie wenn noch Niemand gehoͤrt hätte, daß in ganz England der Name, in dem ſie verſammelt waren, bloß ein bitterer Scherz,— allgemein verabſcheut, ver⸗ achtet, mit Unwillen betrachtet,— als etwas ſo abſcheu⸗ lich Schlechtes bekannt ſei, daß es an ein Wunder grenze, wenn für Jemand etwas Gutes daraus entſpringen ſolle: — Alles dieß war für mich, die ich in dieſem Stücke keine Erfahrung hatte, ſo ſeltſam und ſo voll innerer Widerſprüche, daß es anfänglich mir als unglaublich vor⸗ kam, und ſchlechterdings nicht zu verſtehen vermochte. Ich ſaß da, wohin mich Richard gebracht hatte, und verſuchte es, zu hören, und ſchaute umher; allein es ſchien an der ganzen Seene gar nichts Wirkliches zu ſein, die arme, kleine Miß Flite, die Verrückte, abgerechnet, die auf einer Bank ſtand, und zu dem, was geſprochen wurde, mit dem Kopfe nickte.. Bald erſpähete uns Miß Flite. Sie kam zu uns her, hieß mich auf ihrem Grund und Boden freundlich willkommen, und ſetzte mir mit vieler Selbſtbefriedigung und mit vielem Stolze deſſen Hauptvorzüge auseinander. Auch Mr. Kenge kam zu uns her, und ſprach mit uns, und machte, etwa in gleicher Weiſe, die Honneurs des Ortes, und zeigte dabei die ſolide Beſcheidenheit eines Eigenthümers. Es ſei nicht gerade der beſſe Tag zu es 345 einem Beſuche, meinte er; der erſte Tag des Gerichts⸗ termins wäre beſſer gewählt; aber dennoch ſei es impo⸗ ſant,— ſehr impoſant. Als wir ſo eine halbe Stunde da geweſen waren, ſchien der bis jetzt verhandelte Fall— ich würde mit den Juriſten ſagen, der ſeiner Entſcheidung entgegenrei⸗ fende Fall, wenn dieſer Ausdruck in ſolcher Verbindung nicht ſo außerordentlich lächerlich wäre— an ſeiner eige⸗ nen Leere zu ſterben, ohne daß es zu einem Ergebniſſe kam, und ohne daß auch nur Jemand erwartet hätte, es würde zu einem ſolchen kommen. Dann warf der Lord⸗ kanzler, von ſeinem Pulte weg, den Herren unter ihm ein Bündel Papier zu, und es ſagte dann Jemand:„Jarn⸗ dyce und Jarndyce.“ Und nun ging es an ein Lachen, und es entſſand ein Geſumme, und es zogen ſich die Um⸗ ſtehenden allgemein zurück, und es wurden große Haufen und Stöße von Papieren, und ganze Säcke voller Acten hereingebracht. Ich glaube, es ſollte in der Sache weiter verhandelt werden wegen einer Koſtenrechnung, ſo viel ich weiß, denn ich muß geſtehen, daß mir von all dem Zeug ſo dumm wurde, wie wenn mir ein Mühlrad im Kopfe herum gegangen wäre. Aber ſo viel weiß ich noch gewiß, daß ich nicht weniger, als dreiundzwanzig Herren mit Per⸗ rücken zählte, die ſagten, ſie wären„im Prozeſſe;“ und Keiner von ihnen ſchien davon Viel mehr zu verſtehen, als ich. Sie ſchwatzten darüber mit dem Lordkanzler, und widerſprachen einander, und gaben einander Erklärungenz und Einige von ihnen fagten, ſo ſei es, und Andere wie⸗ der, ſo ſei es; und Einige machten den luſtigen Vor⸗ ſchlag, erſt rieſige Bände beſchworener Ausſagen zu leſen; und das Lachen und Geſumſe nahm immer mehr zu; und Jeder, der bei der Sache betheiligt war, befand ſich in einem Zuſtande müßiger Unterhaltung; und Niemand konnte Etwas daraus machen. Nachdem darüber etwa eine Stunde verſtrichen, und gar viele Reden angefangen, 346 und plötzlich wieder abgebrochen worden waren, wurde die Sache„vor der Hand wieder zurückgelegt,“ wie Mr. Kenge ſich ausdrückte. Sofort wurden auch die Acten wieder in Bündel geordnet,— ehe noch die Advocaten⸗ gehülfen dieſelben alle hereingebracht hatten. Als dieſe hoffnungsloſen Verhandlungen zu Ende waren, blickte ich Richard an, und ich muß geſtehen, daß es mich höchſt unangenehm berührte, als ich ſein hübſches, junges Geſicht ſo matt und müde ſah.„Es kann nicht ewig dauern, Dame Durden. Das nächſte Mal werden wir mehr Glück haben!“ Das war Alles, was er ſagte. Ich hatte geſehen, wie Mr. Guppy Papiere herein⸗ brachte und dieſelben für Mr. Kenge ordnete; auch hatte er mich geſehen und eine kleine Verbeugung nach mir hin gemacht, was in mir den Wunſch erweckte, aus dem Gerichtsſaale hinauszukommen. Richard hatte mir ſchon den Arm gegeben, und war im Begriffe, mit mir von dannen zu gehen, als Mr. Guppy zu uns herkam. „Ich bitte Sie um Verzeihung, Mr. Carſtone, ſowie auch Miß Summerſon,“ ſagte er flüſternd;„aber es iſt eine mir befreundete Dame hier, die Miß Summerſon kennt und ſich gerne das Vergnügen machen möͤchte, ihre Hand zu drücken.“ Während er dieß ſagte, ſtand vor mir, wie wenn ſie ploͤtzlich aus meinem Gedächtniſſe heraus getreten wäre, und eine leibliche Geſtalt angenommen hätte, Mrs. Nachatl⸗ die ich vom Hauſe meiner Taufpathin her annte. „Wie geht es, Eſther?“ ſprach ſie.„Erinnern Sie ſich auch noch meiner?“ Ich gab ihr meine Hand, bejahte ihre Frage und ſagte ihr, daß ſie ſich ſehr wenig verändert hätte. „Es wundert mich, daß Sie ſich noch jener Zeiten erinnern, Eſther,“ erwiederte ſie in ihrem alten, rauhen Tone.„Die Zeiten ſind nun andere geworden. Wohlan! 347 Es freut mich, Sie zu ſehen, und nicht minder freut es mich, daß Sie nicht zu ſtolz ſind, um mich zu kennen.“ In der That aber ſchien ſie in ihrer Erwartung getäuſcht, daß ich es nicht war. „Stolz, Mrs. Rachael!“ wandte ich ein. „Ich bin nun verheirathet, Eſther,“ erwiederte ſie, mich kalt verbeſſernd,„und bin nun Mrs. Chadband. Wohlan! Ich wünſche Ihnen einen vergnügten Tag, und hoffe, daß es Ihnen gut geht.“ Mr. Guppy, der dieſem kurzen Zwiegeſpräche ein aufmerkſames Ohr geliehen, ließ einen Seufzer in mein Ohr dringen, und drängte ſich und Mrs. Rachael mit Hülfe von Ellenbogenſtößen durch den verworrenen, kleinen Haufen von Leuten hindurch, die herein kamen und hinaus gingen,— durch den kleinen Menſchenhaufen, in deſſen Mitte wir uns gerade befanden, und den der Geſchäfts⸗ wechſel zuſammen geführt hatte. Richard arbeitete ſich zugleich mit mir durch denſelben hindurch, und ich ſtand noch ganz unter dem Einfluſſe der Kälte der ſo eben ſtattgefundenen, unerwarteten Wiedererkennung, als ich Niemand anders, denn Mr. George, auf uns zukommen ſah. Es ſah uns aber derſelbe nicht. Er kümmerte ſich, während er fort trappte, gar nicht um die Leute, die ihn umgaben, ſondern ſchaute, über ihre Köpfe weg, vor⸗ wärts, nach den Orte hin, wo das Gericht ſaß. „George!“ ſprach Richard, während ich ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf ihn lenkte. „Ah, ſchön,“ daß wir uns treffen, Sir!“ erwiederte er.„Freut mich, Sie zu ſehen, Miß. Könnten Sie mir wohl eine Perſon zeigen, die ich ſprechen möchte? Ich bin hier nicht zu Hauſe.“ Während er ſo ſprach, wandte er ſich um, machte uns ein Bischen Platz, und blieb, als wir aus dem Ge⸗ dränge heraus waren, in einer Ecke hinter einem großen, rothen Vorhange ſtehen. 348 „Es iſt ein kleines, verrücktes, altes Frauenzimmer hier,“ fing er an,„das—“ Ich gab ihm mit meinem Finger ein Zeichen, denn Miß Flite war dicht neben mir. Sie hatte mich die ganze Zeit über nicht verlaſſen, und hatte die Aufmerk⸗ ſamkeit mehrerer ihrer gerichtlichen Bekannten(— wie ich zu meiner Verwirrung hatte hoͤren müſſen—) auf mich gelenkt, indem ſie ihnen in die Ohren flüſterte:„Stl Fitz⸗ZJarndyce zu meiner Linken!“ „Hm!“ ſprach Mr. George.„Sie erinnern ſich vielleicht noch, Miß, daß wir heute Morgen von einem gewiſſen Manne geſprochen haben?— Sein Name iſt Gridley."“* Die letzten Worte waren leiſe, hinter ſeiner Hand hervor, gefluͤſtert. 5 „Ja,“ ſprach ich. „Er iſt bei mir verſteckt. Ich konnte es nicht ſagen. Hatte von ihm keine Erlaubniß dazu. Er iſt auf ſeinem letzten Marſche begriffen, Miß, und iſt von der Grille geplagt, ſie zu ſehen. Er ſagt, ſie verſtünden einander, und ſie ſei ihm hier faſt ſo gut wie eine Freundin ge⸗ weſen. Ich bin nun hierher gekommen, um nach ihr zu ſehen; denn als ich heute Nachmittag ſo bei Grldley ſaß, däuchte es mir, ich höre ein Wirbeln gedämpfter Trommeln.“ „Soll ich es ihr ſagen?“ ſprach ich. „Oh, wären Sie wohl ſo gütig?“ erwiederte er mit einem Blicke auf Miß Flite, in dem eine gewiſſe Furcht lag.„Es iſt wahrlich eine Schickung der Vorſehung, daß ich Sie hier getroffen, Miß;— ich zweifle, ob ich gewußt hätte, wie ich die Sache mit dieſem Frauen⸗ zimmer angreifen ſollte.“ Und er ſteckte eine Hand in ſeine Bruſt und ſtand in martiallſcher Haltung kerzengerade da, während ich der kleinen Miß Flite in's Ohr ſtüſterte, warum er hier⸗ her gekommen. 5 349 „Ah! mein zorniger Freund aus Shropſhire! Faſt ſo berühmt, wie ich ſelbſt!“ rief ſie aus.„Nun, für⸗ wahr! Meine Liebe, ich will mit dem groͤßten Vergnügen ihn aufſuchen.“ „Er iſt bei Mr. George verſteckt,“ ſagte ich. St! Hier iſt Mr. George.“ „Wir— klich!“ erwiederte Miß Flite.„Unendlich ſtolz daß ich die Ehre habe! Ein Militär, meine Liebe, ein vollkommener General, wiſſen Sie!“ flüſterte ſie mir zu. Die arme Miß Flite hielt es für nothwendig, ſo höflich und artig zu ſein(— ſie wollte damit ihre Ach⸗ tung vor den Armen an den Tag legen—), und ſo außerordentlich oft zu knixen, daß es keineswegs eine leichte Aufgabe war, ſie aus dem Grichtsſaale hinaus⸗ zubringen. Als dieß ordentlich geſchehen war und ſie Mr. George, den ſie„General“ titulirte, den Arm gab zur großen Beluſtigung einiger Müßiggänger, die zuſchauten, war er ſo verwirrt und bat mich ſo ehrerbietig,„ihn doch ja nicht zu verlaſſen“, daß ich mich nicht entſchließen konnte, ihm ſeine Bitte zu verſagen; und zwar konnte ich es um ſo weniger, als Miß Flite ſich gegen mich immer fehr willfährig zeigte, und als auch ſie zu mir ſagte: „Meine liebe Fitz⸗Jarndyce, Sie werden uns natür⸗ lich auch begleiten.“ Da Richard bereit, ja von dem ängſtlichen Wunſche beſeelt ſchien, die Beiden bis an den Ort ihrer Beſtim⸗ mung zu begleiten, ſo gingen wir mit ihm. Und da Mr. George uns ſagte, daß Gridley's Geiſt ſich den ganzen Nachmittag mit Mr. Jarndyce beſchäftigt, nachdem er ihre Unterredung am Morgen gehoͤrt, ſchrieb ich mit einem Bleiſtift in aller Eile ein Briefchen an meinen Vormund, um ihm zu ſagen, wohin wir gegangen, und warum wir hingegangen. Mr. George ſiegelte daſſelbe in einem Kaffeehauſe, damit Nichts herauskommen möͤchte, und dann ſchickten wir es durch einen Zettelträger ab. 350 Sodann nahmen wir eine Miethkutſche und fuhren in die Nähe von Leiceſter Square. Dann gingen wir durch einige enge Höfe, was Mr. George veranlaßte, ſich bei uns zu entſchuldigen. Es ſtand nicht lange an, ſo langten wir an der Schießbahn an, deren Thüre ge⸗ ſchloſſen war. Während er an dem Glockengriffe zog, der vermittelſt einer Kette an die Thürpfoſten befeſtigt war, redete ihn ein alter, ſehr reſpectabel ausſehender Herr an. Derſelbe hatte graue Haare, trug eine Brille, hatte einen ſchwarzen Spencer und Kamaſchen an, und trug einen großen Stock mit goldenem Knopfe, ſowie einen breitrandigen Hut. „Ich bitte Sie um Verzeihung, mein guter Freund,“ ſprach er;„aber ich möchte Sie fragen, ob dieß George’s Schießbahn iſt.“ „Ja, Sir, hier iſt George’s Schießbahn,“ erwiederte Mr. George, zu den großen Buchſtaben aufblickend, in welchen dieſe Aufſchrift auf die weißgetünchte Wand ge⸗ malt war. „Oh, ganz richtig!“ ſprach der alte Herr, ſeinen Augen folgend.„Danke Ihnen. Haben Sie ſchon ge⸗ läutet?“ „Ich heiße George, Sir, und habe geläutet.“ „Ah, iſt dem wirklich ſo?“ ſprach der alte Herr. „Sie heißen George? Dann bin ich ja ebenſo bald hier, wie Sie ſelbſt, wie Sie ſehen. Sie haben mich ohne Zweifel geholt?“ „Nein, Sir. Sie ſind im Vortheil.“. „Oh, wirklich?“ ſprach der alte Herr,„dann war es Ihr junger Menſch, der mich geholt hat. Ich bin Arzt und bin vor fünf Minuten gebeten worden, nach George's Schießbahn zu kommen, um einen Kranken zu beſuchen.“ „Die gedämpften Trommeln!“ ſprach Mr. George, ſich nach Richard und mir hinwendend und den Kopf ernſt ſchüttelnd.„Es iſt ganz richtig, Sir. Wollen Sie geſälligſt hinauf ſpazieren?“ Da in dieſem Augenblick die Thüre durch ein höchſt ſeltſam ausſehendes Männchen geöffnet wurde, das eine grüne Kappe und Schürze von Boy trug, und deſſen Geſicht und Hände und Anzug ganz geſchwärzt waren, ſo traten wir durch einen trübſeligen Gang in ein großes Gebäude mit nackten Backſteinwänden, wo ſich Schieß⸗ ſcheiben, Flinten, Degen, und andere dergleichen Dinge befanden. Als wir Alle hier angekommen waren, blieb der Arzt ſtehen, nahm den Hut ab, und ſchien wie durch einen Zauberſchlag zu verſchwinden, und einem andern, und zwar ganz verſchiedenen Menſchen Platz zu machen. „Nun, ſchauen Sie ein Mal her, George,“ ſprach der Mann, ſich raſch gegen ihn umwendend, und ihm mit einem gewaltigen Zeigefinger auf die Bruſt klopfend. „Sie kennen mich, und ich kenne Sie. Sie find ein Weltmann, und auch ich bin ein Weltmann. Ich heiße Bucket, wie Sie ſehen, und habe einen Verhaftsbefehl gegen Gridley: es ſoll derſelbe arretirt werden wegen Friedensbruches. Sie haben ihn lange Zeit verborgen gehalten, und haben dabei große Liſt bewieſen, was Ihnen alle Ehre macht.“ Mr. George blickte ihn ſcharf an, biß ſich in die Lippen, und ſchüttelte den Kopf. „Nun, ſchauen Sie, George,“ ſagte der Andere, dicht neben ihm ſtehen bleibend,„Sie ſind ein vernünfti⸗ ger Mann von guter Aufführung;— das ſind Sie, es leidet keinen Zweifel. Und merken Sie auf, ich ſpreche mit Ihnen nicht, wie mit einem gewöhnlichen Menſchen, denn Sie haben Ihrem Vaterlande gedient und wiſſen, daß man gehorchen muß, wenn die Pflicht ruft. Sie find daher weit entfernt, mir unnütze Mühe verurſachen zu wollen. Würde ich Hülfe brauchen, ſo würden Sie mir beiſtehen; ja, das würden Sie thun. Phil Squod, drüͤcken Sie ſich nicht ſo an der Schießbahn hin;(— das 35² ſchmutzige Männchen wackelte, die Schulter an die Wand gedrückt, hin und her, und heftete die Augen auf den Eindringling in einer Weiſe, die etwas Drohendes hatte—) denn ich kenne Sie, und mag es nicht haben.“ „Phil!“ ſprach Mr. George. „Ja, Herr!; „Ruhig!“ Das Männchen ließ ein leiſes Murren hören, und verhielt ſich ruhig. „Meine Herren und Damen,“ ſprach Mr. Bucket, „Sie werden das, was Ihnen in meinem Verfahren als unangenehm erſcheinen mag, entſchuldigen, denn ich heiße Bucket, bin Inſpector bei der Sicherheitspolizei, und habe eine Pflicht zu erfüllen. George, ich weiß, wo mein Mann iſt, denn ich war in vergangener Nacht auf dem Dache, und habe ihn, und Sie mit ihm, durch das Ge⸗ wolbfenſter hindurch geſehen. Er iſt dort innen, wie Sie wiſſen,“— dabei deutete er mit dem Finger nach einer gewiſſen Richtung hin;„dort iſt er, dort innen iſt er,— auf einem Sopha. Ich muß nun meinen Mann ſehen, und muß meinem Manne ſagen, daß er ſich als arretirt betrachten müſſe; aber Sie kennen mich, und wiſſen, daß ich alle unangenehmen Maßregeln zu vermindern ſuche. Sie geben mir Ihr Wort, wie wenn ein Mann einem andern Etwas verſpricht(— und Sie wiſſen, daß ich auch ein alter Soldat bin!—): ſo ſchickt ſich's zwiſchen Männern, wie wir ſind. Und dann will ich Sie ſo wenig, wie möglich, moleſtiren.“ „Ich gebe Ihnen mein Wort,“ lautete die Antwort. „Aber es war doch nicht gar ſchön von Ihnen, Mr. Bucket.“ „Poſſen, George, Poſſen! Nicht ſchön?“ ſprach Mr. Bucket, ihm abermals auf die breite Bruſt klopfend und ihm die Hand ſchüttelnd.„Ich ſage nicht, es ſei von Ihnen nicht ſchön geweſen, einen Mann ſo eng zu ver⸗ wahren,— oder habe ich es geſagt? Seien Sie nun 3⁵³ eben ſo gut gelaunt gegen mich, alter Knabe! Alter William Tell! Alter Shaw von der Leibgarde! Ei, er iſt ein Muſterbild von der ganzen britiſchen Armee, meine Herren und Damen! Ich gäbe auf der Stelle eine Fünfzigpfundnote, wenn ich ſeine Figur hätte!“ Nachdem die Sache nun ſo weit gediehen war, ſchlug Mr. George, nachdem er eine Weile nachgedacht, vor, er wolle zuerſt zu ſeinem Kameraden(— wie er ihn nannte—) hineingehen, und Miß Flite mitnehmen. Da Mr. Bucket ſeine Zuſtimmung gab, ſo gingen ſie nach dem entfernteren Ende der Schießbahn hin, und ließen uns an einem mit Gewehren und Piſtolen bedeckten Tiſche ſitzen und ſtehen. Mr. Bucket ergriff dieſe Gelegenheit, um ein kleines, gleichgültiges Geſpräch anzufangen. So fragte er mich zum Beiſpiel, ob ich, gleich den meiſten jungen Damen, mich vor Feuerwaffen fürchtete;— Richard fragte er, ob er ein guter Schütze wäre; und endlich fragte er Phil Squod, welche von den Büchſen er für die beſte hielte, und was dieſelbe, aus erſter Hand gekauft, koſten könnte; dafür ſagte er ihm dann auch, daß es Jammer⸗ ſchade ſei, daß er ſich bisweilen von ſeinem Zorne, oder von ſeiner üblen Laune hinreißen laſſe, denn er ſei von Natur ſo liebenswürdig, daß er ein junges Frauenzimmer gegeben hätte. Mit einem Worte, Mr. Bucket ſuchte ſich ſo angenehm wie moͤglich zu machen. Nach einer Weile ging er mit uns nach dem ent⸗ fernteren Ende der Schießbahn hin, und Rlchard und ich waren im Begriffe, uns ganz ruhig zu entfernen, als Mr. George hinter uns her kam. Er ſagte, daß, wenn wir ſeinen Kameraden ſehen wollten, derſelbe einen Be⸗ ſuch von uns recht freundlich aufnehmen würde. Kaum waren dieſe Worte üͤber ſeine Lippen ge⸗ kommen, als geläutet wurde, und mein Vormund erſchlen. Er bemerkte ganz flüchtig, er ſei hieher geeilt, um zu „Bleak Houſe. II. 23 3⁵54 ſehen, ob er vielleicht Nichts für einen armen Menſchen thun könne, der in demſelben Unglück ſtecke, wie er ſelbſt. Wir alle Vier gingen alſo zurück, um Gridley auf⸗ zuſuchen. Es war ein nacktes, von der Schießbahn vermit⸗ telſt unübertünchten Holzes getrenntes Zimmer. Da die hölzerne Wand nicht über acht bis zehn Fuß hoch war, und bloß die Seiten, nicht aber den obern Theil ein⸗ ſchloß, ſo zeigten ſich über dem Kopfe die Sparren des hohen Schießbahndaches, ſowie das Schrägfenſter, durch das Mr. Bucket herunter geſchaut hatte. Die Sonne ſtand ſchon tief,— war am Untergehen,— und ihr Licht drang oben roth ein, ohne bis auf den Boden herab zu kommen. Auf einem ſchlichten, mit Canevas be⸗ deckten Sopha lag der Mann aus Shropfhire,— etwa in demſelben Anzuge, in dem wir ihn zum letzten Mal geſehen, aber ſo verändert, daß ich anfänglich keine Aehnlichkeit mit ſeinem farbloſen Geſichte und dem früheren— ſo viel ich mich noch deſſelben erinnern konnte,— zu entdecken vermochte. Er hatte in ſeinem Verſteck immer noch fort geſchrieben, und jede Stunde benützt, um ſeine Beſchwerden auseinanderzuſetzen. Ein Tiſch, ſowie einige Bücherbretter waren mit Manuſcrip⸗ ten, mit abgenützten Federn und einer Menge ähnlicher Dinge bedeckt. In rührender und furchtbarer Weiſe ver⸗ einigt, befanden das kleine, verrückte Frauenzimmer und er ſich neben einander, und waren, ſo zu ſagen, allein. Sie ſaß auf einem Stuhle, und hatte eine ſeiner Hände erfaßt:; von uns ging Niemand ganz nahe zu ihm hin. Seine alte Stimme war verſchwunden ſammt dem alten Ausdrucke ſeines Geſichtes, ſammt ſeiner Röthe, ſammt ſeinem Zorne, ſammt ſeinem Widerſtande gegen das Unrecht, und die Unbilden, die endlich ihn bezwun⸗ gen hatten. Der ſchwächſte Schatten eines Gegenſtan⸗ 35⁵⁵ des voller Form und Farbe iſt eben ſo gut ein Gemälde davon, als er von dem Manne aus Shropfhire, mit dem wir früher geſprochen hatten. Er verneigte ſich mit dem Kopfe gegen mich und Richard, und ſprach zu meinem Vormunde: „Mr. Jarndyce, es iſt recht freundlich von Ihnen, daß Sie mich beſuchen. Wahrſcheinlich wird es mit mir nicht lange mehr dauern. Ich bin ſehr erfreut, Ihre Hand erfaſſen zu koͤnnen, Sir. Sie ſind ein braver Mann, erhaben über alle Ungerechtigkeit, und, Gott weiß es, ich ehre Sie.“ Sie ſchüttelten einander die Hand mit vieler Wärme, und mein Vormund ſprach einige Worte des Troſtes zu ihm. z„Es mag Ihnen ſonderbar ſcheinen, Sir,“ erwiederte Gridley:„ich hätte Sie nicht gerne geſehen, wenn wir jetzt mit einander zum erſten Male zuſammen getroffen wären, aber Sie wiſſen, wie ich dafür gekämpft habe; — Sie wiſſen, daß ich allein gegen ſie Alle mich er⸗ hob;— Sie wiſſen, daß ich ihnen die Wahrheit bis an's Ende geſagt habe, und daß ich ihnen geſagt habe, was ſie ſind, und was ſie mir gethan. Und darum habe ich Nichts dagegen, daß Sie mich, ein Wrack von einem 3 Mann, jetzt ſehen.“ „Sie haben gar oft, ihnen gegenübey, Ihren Muth gezeigt,“ erwiederte mein Vormund. „Ja, das habe ich, Sir,“ ſagte Gridley mit einem ſchwachen Lächeln.„Ich ſagte Ihnen, was daraus ent⸗ ſtehen würde, wenn ich aufhoͤrte, ihnen die Zähne zu weiſen; und, da ſehen Sie her! Sehen Sie uns an,— ſehen Sie uns an!“ Mit dieſen Worten zog er die Hand, die Miß Flite hielt, durch ihren Arm, und brachte ſie ſo etwas näher zu ſich hin.. „ Und nun iſt es aus. Von allen meinen alten Verbindungen,— von allen meinen alten Beſtrebungen 356 und Hoffnungen,— von der ganzen lebenden und todten Welt iſt dieſe arme Seele allein meiner Natur wirk⸗ lich verwandt: für ſie allein paſſe ich. Es beſteht zwiſchen uns Beiden ein Band jahrelanger Leiden, und es iſt dies das einzige Band, das ich je auf Erden gehabt, und das vom Kanzleigerichtshofe nicht zerriſſen worden iſt.“ „Nehmen Sie meinen Segen hin, Gridley!“ ſprach Miß Flite unter Thränen.„Nehmen Sie meinen Segen hin!“ „Ich glaubte in meinem Stolze, daß ſie nie mir das Herz brechen koͤnnten, Mr. Jarndyce. Auch war ich entſchloſſen, mir es von ihnen nicht brechen zu laſſen. Ich glaubte, daß ich ſie noch lange als das hinſtellen würde und könnte, was ſie ſind, und daß es mir ver⸗ gönnt ſein würde, ſie dem Spotte der Welt preis zu geben, bis eine im Laufe der Jahre kommende Krankheit mich wegraffte. Aber meine Kraft iſt nun gänzlich erzehrt. Wie lange ich nun ſo dahinſterbe, weiß ich nicht; es ſchien mir, daß ſie in einer Stunde zuſam⸗ menbrechen würde. Hoffentlich werden ſie nie Etwas davon hören. Hoffentlich werden alle hier Anweſenden ſie in dem Glauben beſtärken, daß ich geſtorben bin, indem ich conſequent und beharrlich, wie ſchon ſeit ſo vielen Jahren, ihnen Trotz bot.“ Hier ſpendete Mr. Bucket, der neben der Thüre, in einer Ecke ſaß, gutmüthig in ſeiner Weiſe Troſt. „Kommen Sie, kommen Sie!“ ſagte er aus ſeiner Ecke hervor.„Fahren Sie nicht ſo fort, Mr. Gridley! Sie ſind bloß ein wenig niedergeſchlagen. Es begegnet uns wohl bisweilen Allen, daß wir ein Bischen nieder⸗ geſchlagen ſind. Wie zum Beiſpiel mir. Faſſen Sie Muth, faſſen Sie Muth! Sie werden ſchon noch Zeit haben, Ihre Geduld an ihnen Allen aber und abermals zu erproben, und dieſelbe zu verlieren, und, was mich betrifft, ſo werde ich, wenn ich Glück habe, Sie ſchon noch ein Paar Dutzend Male zu arretiren haben.“ 1SSEU SSͤSOA=r— SSsES eee eee rͤe Er ſchüttelte bloß den Kopf. „Schütteln Sie den Kopf nicht ſo!“ ſprach Mr. Bucket.„Sagen Sie mit einem Kopfnicken Ja dazu; ſo Etwas möͤchte ich von Ihnen ſehen. Ach, du mein Gott, wie oft haben wir nicht ſchon mit einander zu thun gehabt! Habe ich Sie nicht, wegen Beleidigung des Gerichtshofes, ſchon unzählige Male im Fleet⸗Ge⸗ fängniſſe geſehen? Bin ich nicht an zwan-—zig Nach⸗ mittagen in den Gerichtsſaal gekommen, in keiner andern Abſicht, als um zu ſehen, wie Sie den Lordkanzler, gleich einem Bulldog, packten? Erinnern Sie ſich nicht, wie Sie damit begannen, den Juriſten zu drohen, und wie Sie ein Paar Male in jeder Woche des Frie⸗ densbruches angeklagt wurden? Fragen Sie die kleine, alte Dame da; ſie iſt ſtets dabei geweſen. Faſſen Sie Muth, Mr. Gridley— faſſen Sie Muth, Sir i“ „Was wollen Sie mit ihm anfangen?“ fragte George mit leiſer Stimme. „Ich weiß es noch nicht,“ antwortet Bucket in demſelben Tone. Dann fuhr er in ſeinen Ermunterungen wieder fort, und ſagte laut: „Wie, Ihre Kraft wäre aufgezehrt, Mr. Gridley? Nachdem Sie mir Wochen lang zu entſchlüpfen gewußt, und mich gezwungen haben, gleich einem Kater das Dach hier zu erklettern, und, als Doktor verkleidet, Sie zu beſuchen? Bah, bah! Wenn man das thun kann, ſo beſitzt man ſchon einige Lebenskraft! Und nun will ich Ihnen ſagen, was Sie brauchen. Sie bedürfen der Aufregung, wiſſen Sie: nur die Aufregung kann Sie aufrecht erhalten;— ja, Aufregung iſt das Einzige, was Sie brauchen. Sie ſind daran gewöohnt, und koͤn⸗ nen ohne ſolche nicht leben. Ich ſelbſt koͤnnte es nicht. Wohlan denn! Hier iſt der Verhaftsbefehl, den Mr. Tulkinghorn von Lincoln's Inn Fields gegen Sie ausge⸗ wirkt hat, und der ſeitdem Sie in einem halben Dutzend 358 Grafſchaften verfolgt hat. Was meinen Sie nun, wenn ich Ihnen ſage, Sie ſollen, kraft dieſes Verhaftsbefehles, mit mir kommen, um ſich vor den Magiſtraten ein Bis⸗ chen in Ihrer zornigen Weiſe auszuſprechen? Das wird Ihnen wohl bekommen; es wird Ihnen wieder einige Friſche verleihen, und Sie noch mehr lehren, wie Sie ſich an dem Lordkanzler zu reiben haben. Nachgeben? Ei, es überraſcht mich, einen Mann von Ihrer Energie dieſes Wort ausſprechen zu hören. Sie müſſen das nicht thun. Sie ſind im Kanzleigerichtshofe eine noth⸗ wendige Perſon, und es würde dort nicht halb ſo ſpaß⸗ haft zugehen, wenn Sie nicht mehr da wären. George, Sie geben Mr. Gridley eine Hand, und wir wollen nun ſehen, ob es ihm nicht beſſer iſt, wenn er auſſteht, als wenn er liegt.“ „Er iſt ſehr ſchwach,“ ſprach der Troupier mit leiſer Stimme. „Iſt es wahr?“ erwiedert Bucket ängſtlicher Weiſe. „Ich moͤchte ihn bloß aufmuntern. Ich mag nicht ſehen, wie ein alter Bekannter ſo nachgibt. Mehr denn alles Andere würde das zu ſeiner Aufmunterung beitragen, wenn es mir gelänge, ihn ein Bischen aufzubringen. Er darf mir von der rechten und von der linken Seite beikommen, wenn es ihm gefällt. Es wird mir nie einfallen, meinem Vortheil zu nützen.“ Hier erbebte das Dach von einem Schrei, den Miß Flite ausſtieß,— einem Schrei, der noch in meinen Ohren dröhnt. „O nein, Gridley!“ ſchrie ſie, während er ſchwer und ruhig rückwärts ſank.„Nicht ohne meinen Segen! Nach ſo vielen Jahren!“ *⁴„* * Die Sonne war untergegangen, das Licht hatte ſich allmählig von dem Dache entfernt, und es war der SS AHS 110 10 .SͤSn E. 1— an 8, s⸗ rd ge ie 2 gie as h⸗ 1ß⸗ ge, len ht, ſer iſe. en, Ues en, en. eite nie Niß nen ver en! ſich der 359 Schatten hinaufgekrochen. Für mich aber verdüſterte der Schatten dieſes Paares, beſtehend aus einer lebenden und aus einer todten Perſon, Richard's Abreiſe mehr, als die Dunkelheit der dunkelſten Nacht. Und durch Richards Abſchiedsworte hindurch hörte ich noch das Echo der Worte: „Von allen meinen alten Verbindungen,— von allen meinen alten Beſtrebungen und Hoffnungen,— von der ganzen lebenden und todten Welt iſt dieſe arme Seele allein meiner Natur wirklich verwandt: für ſie allein paſſe ich. Es beſteht zwiſchen uns Belden ein Band jahrelanger Leiden, und es iſt dieß das einzige Band, das ich je auf Erden gehabt, und das vom Kanzleigerichtshofe nicht zerriſſen worden iſt.“ Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Mrs. Snagsby durchſchaut Alles. Es herrſcht Unruhe in Cook's Court, Curſitor Street. Schwarzer Verdacht hält ſich in dieſen friedli⸗ chen Regionen verborgen. Zwar verharrt die Maſſe der Bewohner von Cook's Court in ihrem gewohnten Ge⸗ müthszuſtande, und iſt in dieſer Beziehung weder beſſer noch übler daran, aber mit Mr. Snagsby iſt eine Ver⸗ änderung vorgegangen, und ſein kleines Weibchen weiß es wohl. Denn Tom⸗All⸗Alone's und Lincoln’'s Inn Fields ſpannen ſich beharrlich, ein Paar unlenkbarer Rennpferde, an den Wagen von Mr. Snagsby's Phantaſie; und 360 Mr. Bucket iſt der Fuhrmann; und die Fahrenden ſtud Jo und Mr. Tulkinghorn; und die ganze Equipage jagt in wildem Galopp, während der vierundzwanzig Stun⸗ den des Tages, durch das Schreibmaterialiengeſchäft hin. Selbſt in der kleinen Vorderküche, wo die Fami⸗ lienmahle eingenommen werden, raſſelt die Equipage mit dampfenden Pferden vom Speiſetiſch fort, und Mr. Snagsby hält dann ploͤtzlich inne, während er das erſte Stück von dem Hammelſchlegel mit gebratenen Kartoffeln abſchneidet, und ſtarrt die Küchenwand an. Mr. Snagsby kann es ſich nicht erklären, was das iſt, was ihm zu ſchaffen macht. Etwas iſt irgendwo nicht ganz recht. Was aber dieſes Etwas iſt, was da⸗ raus für Jemand entſtehen kann, wann, und woher es ſo ploͤtzlich gekommen,— das iſt die große Frage ſei⸗ nes Lebens. Seine unbeſtimmten Eindrücke von den Roben und kleinen Kronen, von den Sternen und Ho⸗ ſenbändern, die durch den oberflächlichen Staub in Mr. Tulkinghorn's Wohnung hindurchſchimmern;— ſeine Verehrung für die Myſterien, die bei dieſem beſten und verſchwiegenſten ſeiner Kunden niedergelegt ſind,— bei ſeinem Kunden, den ſämmtliche Inns of Court,*) ganz Chancery Lane, und die ganze gerichtliche Nachbarſchaft einſtimmig mit ehrerbietiger Scheu betrachten;— ſeine Erinnerung an den der Sicherheitspolizei angehörenden Mr. Bucket mit dem Zeigefinger und der vertraulichen Weiſe, wovor kein Entrinnen:— Alles das überzeugt ihn, daß er Theilhaber an irgend einem gefährlichen Ge⸗ heimniſſe iſt, deſſen Natur er doch nicht kennt. Und es iſt eine furchtbare Cigenthümlichkeit dieſer Lage, daß zu jeder Stunde ſeines täglichen Lebens, ſo oft die Laden⸗ thüre aufgeht, ſo oft geklingelt wird, ſo oft ein Bote eintritt, oder ſo oft ein Brief abgegeben wird, das Ge⸗ *) Juriſtiſche Collegien. S I8Zöͤͤͤ 2 — heimniß herauskommen, und explodiren, und— nur Mr. Bucket weiß, wen— auffliegen machen kann. So oft daher ein Unbekannter in den Laden tritt (— und der Himmel weiß, wie oft das der Fall iſt—), und ſpricht:„Iſt Mr. Snagsby zu Hauſe?“ oder der⸗ gleichen unſchuldige Worte hervorbringt, ſchlägt Mr. Snagsby's Herz heftig gegen ſeine ſchuldige Bruſt. Solche Fragen machen ihm ſo viel zu ſchaffen, daß er, wenn ſie von Knaben kommen, ſich dadurch rächt, daß er ſie, über den Ladentiſch hin, an ein Ohr ſchlägt, und die jungen, verteufelten Kerls fragt, was ſie damit ſagen wollen, und warum ſie nicht auf ein Mal ſagen können, was ſie wollen? Nicht genug, unlenkſamere Männer und Knaben verfolgen Mr. Snagsb) bis in ſein Bett, und erſchrecken ihn mit unerklärlichen Fragen, die ſie während ſeines Schlafes an ihn richten; ſo daß ſich Mr. Snagsby oft zu der Zeit, wo der Hahn in der kleinen Milcherei in Curſitor Street, gegen Morgen, in ſein gewohntes, abgeſchmacktes Geſchrei ausbricht, in der Kriſe eines Alpdrückens befindet, wo dann ſein Weib⸗ chen ihn ſchüttelt, und ſpricht:„Was hat aber doch mein Mann?“ Das kleine Weibchen ſelbſt iſt in ſeiner ſchwierigen Lage nicht die kleinſte Noth. Das Bewußtſein, daß er ihr beſtändig ein Geheimniß vorenthält; daß er, unter allen Umſtänden, einen ſchwachen Doppelzahn, den ſie ihm alle Augenblicke ausreißen kann, verbergen und feſt⸗ halten muß, verleiht Mr. Snagsby, in ihrer dentiſtiſchen Gegenwart gar viel von dem Ausſehen eines Hundes, der vor ſeinem Herrn Etwas zu verbergen hat, und lieber irgend anderswohin blickt, als daß er dem Auge deſſelben begegnet. Dieſe verſchiedene Zeichen entgehen dem kleinen Weibchen nicht. Es veranllſſen ſie dieſelbe zu dem Aus⸗ ſpruche:„Snagsby hat Etwas auf dem Herzen!“ Und ſo dringt der Verdacht in Cook's Court, Cur⸗ — 88„ 36² fſitor Street, ein. Vom Verdachte bis zur Eiferſucht findet Mrs. Snagsby den Weg ſo natürlich und kurz, wie von Cook’s Court nach Chancery Lane. Und ſo dringt die Eiferſucht in Cook's Court, Curſitor Street ein. Und ein Mal dort eingekehrt(— und ſollen wir die Wahrheit ſagen, ſo lag ſie in der Nähe ſtets ver⸗ ſteckt—), iſt ſie in Mrs. Snagsby's Bruſt ungemein thätig und geſchäftig: ſie veranlaßt ſie zu nächtlicher Unterſuchung von Mr. Snagsby's Taſchen; zu heimlicher Durchleſung von Mr. Snagsby's Briefen; zu geheimen Nachſuchungen im Tag⸗ und Haupt⸗Buche, und nicht minder auch in der Kaſſe und in dem eiſernen Kaſten; zu Tag⸗ und Nachtwachen an den Fenſtern, zum Horchen hinter Thüren, und zu Mißdeutungen jeder Art. Mrs. Snagsby iſt beſtändig auf den Beinen, und zwar in dem Maße, daß die beſtändig krachenden Bret⸗ ter und rauſchenden Gewänder Einen auf den Glauben bringen könnten, es ſpuke im Hauſe. Die Lehrlinge meinen, es könne in früheren Zeiten ein Mal im Hauſe Jemand ermordet worden ſein. Guſter hat gewiſſe loſe zuſammenhangende Atome von einer Idee(— ſie hat ſte noch von Tooting her, wo ſie unter den Waiſenkindern ſchwebend gefunden wurde—), daß unter dem Keller Geld vergraben ſei,— Geld, das von einem alten weißbärtigen Mann bewacht werde: der während ſiebentau⸗ ſend Jahren nicht erlöst werden könne, weil er das Ge⸗ bet des Herrn rückwärts hergeſagt. 5„Wer war wohl Nimrod?“ fragt ſich Mrs. Snageby immer wieder von Neuem.„Wer war wohl dieſe Dame,— dieſes Geſchöpf? Und wer iſt wohl dieſer Knabe?“ Da nun Nimrod ſo todt iſt, wie der gewaltige Jäger, deſſen Namen Mrs. Snagsby ſich zugeeignet hat, und da die Danme ſich nicht zeigen will, ſo richtet ſie für jetzt ihr geiſtiges Auge mit verdoppelter Wachſamkeit auf den Knaben.„Und wer,“ fragt ſich Mrs. Snagsby zum tau⸗ ee SeSSSSBBSESS 363 ſend und erſten Male,—„wer iſt denn dieſer Knabe? Wer iſt der—!“. uUnd hier wird es Mrs. Snagsby mit einem Male hell vor den Augen. Er hat keine Achtung vor Mr. Chadband. Nein, gewiß nicht. Unter ſolchen contagiͤſen Umſtänden konn te er natürlich keine haben. Er wurde von Mr. Chadband,— Mrs. Snagsby hat es ja mit eignen Ohren gehoͤrt!— aufgefordert und eingeladen, wieder zu kommen; man ſagte ihm, wohin er gehen ſollte, um eine Anſprache von Mr. Chadband zu vernehmen; und doch iſt er gar nicht gekommen! Warum iſt er gar nicht gekommen? Weil man ihm ſagte, er ſolle nicht kommen. Und wer hat ihm denn geſagt, er ſolle nicht kommen? Wer! Ha, hal Mrs. Snagsby durchſchaut Alles. Glücklicher Weiſe aber(— und Mrs. Snagsby ſchüt⸗ telt pfiffig den Kopf, und lächelt pfiffig—) iſt Mr. Chadband dem Knaben geſtern auf der Straße begegnet; und glücklicher Weiſe iſt der Knabe, als ein Gegenſtand, worüber Mr. Chadband zur Erbauung einer kleinen, ge⸗ wählten Zuhörerſchaft ſprechen kann, von Mr. Chadband aufgegriffen, und demſelben damit gedroht worden, daß man ihn der Polizei überliefern wolle, wenn er dem ehr⸗ wuürdigen Herrn ſeinen Aufenthaltsort nicht angebe, und wenn er ſich nicht förmlich anheiſchig mache, morgen Abend in Cooks Court zu erſcheinen,—„morgen— A— bend,“ wiederholt Mrs. Snagsby, bloß der Emphaſe wegen, mit einem zweiten pfiffigen Lächeln, und einem zweiten pfifſigen Kopfſchütteln;— und morgen Abend wird der Knabe hier ſein, und morgen Abend wird Mrs. Snagsby ihn ſorgfällig im Auge behalten,— ſowie noch Jemand anders;—„und oh! Du kannſt lange Zeit Deine geheimen Wege verfolgen(— ſpricht Mrs. Snagsby in hochmüthigem und wegwerfendem Tone—), aber Du kannſt mir keinen Sand in die Augen ſtreuen!“ Mrs. Snagsby trommelt das Niemand in die Ohren, 6 364 ſondern behält es fein für ſich. Es kommt der andere Tag,— es kommen die gaumenkitzelnden Zurüſtungen für den Oelhandel,— es kommt der Abend. Es kommt Mr. Snagsby in ſeinem ſchwarzen Rocke;— es kommen die Chadband'ſchen;— es kommen(— nachdem das viel⸗ verſchluckende Schiff ganz angepfropft iſt—) die Lehr⸗ linge und Guſter, um ſich erbauen zu laſſen;— es kommt bald mit ſchlotterndem Kopfe, und, bald nach der rechten, bald nach der linken Seite hin, ba. vorwärts, bald rück⸗ wärts latſchend, und mit ſeinem Fetzen von einer Pelz⸗ kappe in der ſchmutzigen Hand, einem Fetzen, den er be⸗ rupft, wie wenn derſelbe ein ſchäbiger, von ihm gefangener Vogel wäre, und wie wenn derſelbe roh gegeſſen werden ſollte,— es kommt endlich, ſagen wir, Jo, das zähe, ſehr zähe Subject, worüber Mr. Chadband zur Erbauung ſeiner Zuhörer ſprechen ſoll. Mrs. Snagsby heftet ein wachſames Auge auf Jo, gleich in dem Augenblicke, wo er von Guſter in den kleinen Salon eingeführt wird, Er ſieht Mr. Snagsby an, ſo⸗ bald er über die Schwelle tritt. Aha! Warum ſchaut er denn Mr. Snagsby an? Und Mr. Snagsby ſchaut ihn an. Warum ſollte er nun das thun? Hat Mrs. Snagsby jetzt nicht vollkommen Recht? Warum ſollten denn ſonſt die Beiden dieſen Blick mit einander wech⸗ ſeln;— und warum ſollte denn ſonſt Mr. Snagsby ſo verwirrt ſein, und in ſo merkwürdiger Weiſe hinter ſeiner Hand hervor huſten? Es iſt ſo klar, wie Kryſtall, daß Mr. Snagsby Vater zu dieſem Knaben iſt. „Friede, meine Freunde!“ ſpricht Chadband, ſich er⸗ hebend, und die oͤligen Ausſchwitzungen von ſeinem ehr⸗ würdigen Geſichte abwiſchend,—„Friede ſei mit uns! Meine Freunde,— warum mit Uns? Weil,“ bier ſein bekanntes fettes Lächeln—„weil er nicht gegen uns ſein kann,— weil er für uns ſein muß;— weil er richt verhärtet, weil er beſänftigend iſt;— well er nicht Krieg führt, wie der Raubvogel, ſondern weil er zu uns kommt, 365 wie eine Taube. Darum, meine Freunde, Friede ſei mit uns! Menſchenkind, tritt vor!“ Seine quatſchelige Pfote ausſtreckend, legt Mr. Chad⸗ band dieſelbe auf Jo's Arm, und denkt drüber nach, wo er ihn hinſtellen ſolle. Jo, der nicht weiß, was ſein ehrwurdiger Freund mit ihm vor hat, und der eine Ahnung hat, er werde irgend einer peinlichen Operation unterworfen werden, murmelt: „Laſſen Sie mich doch gehen! Ich habe ja nie Nichts zu Ihnen geſagt. Laſſen Sie mich doch gehen!“ „Nein, mein junger Freund,“ ſpricht Chadband ſal⸗ bungsvoll,„ich laſſe Dich nicht gehen. Und warum laſſe ich Dich nicht gehen? Weil ich ein Arbeiter in der Ernte des Herrn bin,— well ich mir im Weinberg des Herrn nie Ruhe, noch Raſt gönne,— weil Du mir überant⸗ wortet, und in meinen Händen wie ein koſtbares Werkzeug geworden biſt. Meine Freunde! Moͤge ich dieſes Werkzeug zu Eurem Vortheil, zu Eurem Nutzen, zu Eurem Gewinnſte, zu Eurem Wohle, zu Eurer Bereicherung anwenden! Mein junger Freund, ſetze Dich auf dieſen Schemel nieder!“ Zo, der augenſcheinlich von dem Eindrucke beherrſcht iſt, der ehrwürdige Herr wolle ihm das Haar ſchneiden, ſchützt ſeinen Kopf mit beiden Armen, und wird nur mit vieler Mühe und unter allen nur erdenklichen Kundgebungen des Widerſtrebens in die erforderliche Lage gebracht. Nachdem Jo endlich, gleich einem Gliedermann, in diejenige Lage gebracht worden iſt, die man von ihm ver⸗ langt, zieht Mr. Chadband ſich hinter den Tiſch zurück, hält ſeine Bärentatze in die Hoͤhe, und ſpricht:„Meine Freunde!“ Dieſe Worte bilden für die Zuhörerſchaft das Signal, daß die Aaſprache nun erfolgen werde. Alles ſpitzt die Ohren, und ſucht ſich zu ſammeln. Die Lehrlinge lachen in ſich hineln, und ſtoßen ſich mit den Elbogen. Guſter verfällt in einen ſtarrenden, gedankenleeren Zuſtand, in 366 den ſich eine betäubte Bewunderung Mr. Chadband's, ſo wie ein gewiſſes Mitleiden für den freundloſen Auswürfling miſcht, deſſen Umſtände ihr ſo ſehr zu Herzen gehen. Was Mrs. Snagsby betrifft, ſo ſtellt ſie ganz in der Stille lange Lauffeuer her. Mrs. Chadband ſetzt ſich mit grimmem Geſichte zu dem Feuer hin, und wärmt ſich die Knie, indem ſie dieſes Gefühl der Aufnahme der Beredſamkeit beſonders günſtig findet. Es will nun der Zufall, daß Mr. Chadband ſo eine Gewohnheit von der Kanzel her hat, daß er irgend ein Glied ſeiner Gemeinde mit dem Auge fixirt, und daß er die betreffende Perſon auserkiest, um in ſeiner fetten Weiſe ſeine Argumente mit ihr durchzufechten; die be⸗ treffende Perſon ſoll dann zu einem gelegentlichen Grunzen, Aechzen, Keuchen, oder einem andern hörbaren Ausdrucke ihrer Rührung veranlaßt werden; dieſer Ausdruck der Rührung aber ſoll von einer ältlichen Dame im nächſten Kirchenſtuhle gehört und ſo, gleich einem Pfänderſpiele durch einen Kreis der ruͤhrungsfähigſten anweſenden Sünder und Sünderinnen fortgepflanzt werden, und ſoll die par⸗ lamentariſchen Beifallsrufe erſetzen, und Mr. Chadband's Beredſamkeit in Fluß bringen. Aus bloßer Angewohnheit hat Mr. Chadband, indem er„meine Freunde!“ ſagt, ſein Auge auf Mr. Snagsby geheftet; und fährt nun fort, den unglücklichen, ſchon hinreichend verwirrten Schreibmaterialienhändler zum un⸗ mittelbaren Recipienten ſeiner Rede zu machen. „Wir haben hier unter uns einen Freund,“ ſpricht Mr. Chadband,„einen Heiden,— ja einen Heiden,— einen Menſchen, der in den Zelten von Tom⸗All⸗ Alone's wohnt und ein Wanderer auf Erden iſt. Wir haben hier unter uns, meine Freunde,“— und Mr. Chadband wirft, den ſchwierigen Knoten mit ſeinem ſchmutzigen Daumennagel löſend, ein fettes Lächeln auf Mr. Snagsby, womit er ihm bedeutet, daß er ihn in einem Augenblicke durch ſeine Argumentation zu Boden 5 KS8 S σ N 8 u 82 u R 8r 2e E f AK 367 werfen werde, wenn er nicht bereits darnieder geſtreckt ſei,„einen Bruder und Knaben. Ohne Eltern, ohne Verwandte, ohne Schaf⸗ und Rinder⸗Heerden, ohne Gold und Silber und Edelſteine. Warum ſage ich nun, meine Freunde, er ſei aller dieſer Beſitzthümer bar? Warum? Warum iſt er derſelben bar?“ Mr. Chadband ſtellt dieſe Frage an Mr. Snagsby, wie wenn er ein ganz neues und verdienſtliches Räthſel von unendlichem Scharfſinn zur Loͤſung aufgäbe, und wie — er ihn bäte, von der Löſung deſſelben nicht abzu⸗ aſſen. Mr. Snagsby, der gewaltig in Verlegenheit kommt durch den myſterioͤſen Blick, den ihm ſein kleines Weibchen eben jetzt zugeworfen hat,— etwa in dem gleichen Augenblicke, wo Mr. Chadband das Wort Eltern ge⸗ ſprochen hat,— läßt ſich in Verſuchung führen, und ſich zu der beſcheidenen Bemerkung hinreißen: „Ich weiß es gewiß nicht, Sir. Nein, ich weiß es, bei meiner Seele, nicht.“ Dieſe Unterbrechung hat zur Folge, daß Mr. Chad⸗ hand mild umher blickt, und daß Mr. Snagsby ſagt: „Pfui, Snagsby, pfui!“ „Ich hoͤre eine Stimme,“ fuhr Chadband fort;„iſt es eine noch ſchwache Stimme, meine Freunde? Ich fürchte nein, obgleich ich gern ſo hoffen möchte—“ „Ah— hl“ läßt hier Mrs. Snagsby hören. „Ich hoͤre eine Stimme, die da ſagt, ich weiß es nicht. So will ich Euch denn ſagen, warum. Ich ſage, der hier unter uns weilende Bruder iſt ohne Eltern, ohne Verwandte, ohne Schaf⸗ und Rinderheerden, ohne Gold, Silber und Edelſteine, weil er ohne das Licht iſt, das Einige unter uns erleuchtet. Was iſt dieſes Licht? Was iſt es? Ich frage Euch, was iſt dieſes Licht?“ „Mr. Chadband zieht den Kopf zurück, und hält inne, aber Mr. Snagsby iſt dieß Mal nicht mehr ſo thöricht, um ſich in einen Abgrund zu ſtürzen. 368 Mr. Chadband lehnt ſich vorwärts über den Tiſch hin, und ſticht dem armen Mr. Snagsby mit dem bereits erwähnten, ſchmutzigen Daumennagel den Staar. „So will ich es Euch denn ſagen,“ ſagt Mr. Chadband:„— das Licht iſt der Strahl der Strahlen, die Sonne der Sonnen, der Mond der Monde, der Stern der Sterne. Es iſt das Licht von Terewth.“ Hier richtet ſich Mr. Chadband abermals auf, und blickt Mr. Snagsby triumphirend an, gleich als möchte er gerne wiſſen, wie es ihm jetzt wäre. „Von Terewth,“ ſpricht Mr. Chadband, abermals ihn auf's Korn nehmend.„Saget nicht zu mir, es ſei nicht die Lampe der Lampen. Denn ich ſage Euch, es iſt die Lampe der Lampen. Ich ſage Euch zum millionſten Male: es iſt die Lampe der Lampen. Ja, es iſt die Lampe der Lamven! Ich ſage Euch, ich werde Euch das verkündigen, Ihr möget daran Gefallen haben, oder nicht;— ja ich werde es Euch nur um ſo mehr ver⸗ kündigen, je weniger ihr Gefallen daran ſindet. Ich werde es Euch verkündigen mit einem gewaltigen Sprachrohr! Ich ſage Euch, daß, wenn Ihr Euch dagegen erhebet, Ihr fallen, Ihr zermalmt, Ihr zerſchmettert, Ihr ver⸗ nichtet, Ihr zertrümmert werden ſollt!“ Da dieſer hohe redneriſche Flug, der von Mr. Chad⸗ band's Anhängern wegen ſeiner Kraft im Allgemeinen viel bewundert wird,— nicht allein die Wirkung hat, daß er Mr. Chadband in unangenehmer Weiſe warm macht, ſondern auch die, daß der unſchuldige Mr. Snagsby dadurch im Lichte eines beharrlichen Tugendfeindes mit eherner Stirn und ſtählernem Herzen dargeſtellt wird, ſo wird der genannte unglückliche Schreibmaterialienhändler immer verwirrter, und er befindet ſich in einem ſehr vor⸗ gerückten Zuſtande von Niedergeſchlagenheit und von ſchiefer Stellung, als Mr. Chadband ihm zufällig den Treff gibt. „Meine Freunde,“ fährt er fort, nachdem er einige 369 Zeit ſeinen fetten Kopf geſtrichen hat,— und es dampfte derſelbe dermaßen, daß er ſein Taſchentuch daran anzu⸗ zünden ſcheint, denn auch letzteres raucht nach jeder Be⸗ ſtreichung des Kopfes—„laſſet uns, um den Gegenſtand welter zu verfolgen, worüber wir, ſo weit unſere be⸗ ſchränkten Gaben es uns erlauben, ſprechen wollen, im Geiſte der Liebe unterſuchen, was dieſes Terewth iſt, wovon ich mit einigen Worten geſprochen. Denn, meine jungen Freunde,“— dabei wandte er ſich ploͤtzlich zu den Lehrlingen und zu Guſter hin, zu ihrer nicht geringen Beſtürzung,—„wenn mir der Arzt ſagt, Calomel oder Rieinusöl ſei gut für mich, ſo kann ich ganz natürlich fragen, was denn dieſes Calomel ſei, und was denn dieſes Rieinusöl ſei. Ich kann dieſes zu wiſſen wünſchen, ehe ich Eines von Beiden, oder Beides nehme. Ich frage alſo, meine jungen Freunde, was iſt dieſes Terewth? für's Erſte(— im Geiſte der Liebe—), was iſt die gewöhn⸗ liche Art von Terewth,— etwa die Arbeitskleider,— die Werktagskleider, meine jungen Freunde? Iſt es Betrug, Täuſchung?“ „Ah— hl“ läßt hier Mrs. Snagsby höͤren. „Iſt es Unterdrückung, Verheimlichung?“ Hier ein verneinender Schauer von Seiten der Mrs. Snagsby. „Iſt es etwa Zurückhaltung, Vorbehalt?“ Hier ein ſehr langes und kluges Kopfſchütteln von Seiten der Mrs. Snagsby. „Nein, meine Freunde, es iſt Nichts von All dem. Keiner dieſer Namen paßt dafür. Als dieſer junge Heide, der in dieſem Augenblicke unter uns weilt,— der in dieſem Augenblicke ſchläft, meine Freunde, indem das Siegel der Gleichgültigkeit und der Verdammniß auf ſeine Augenlider gedrückt iſt; aber man wecke ihn nicht auf, denn es iſt nicht mehr, als billig, daß ich um ſeinetwegen zu kämpfen, und zu ringen, und zu ſtreiten, und zu erobern Bleak Houſe. II. 24 370 habe,— als dieſer junge, verhärtete Heide uns ein ab⸗ geſchmacktes Märchen von einer Dame und einem Sou⸗ veraind'or erzählte, war das das Terewth? Nein, meine Freunde. Oder wenn es etwa theilweiſe das Terewth war, war es denn ganz und durchaus das Terewth? Nein, meine Freunde, nein!“ Koͤnnte Mr. Snagsby dem Blick ſeines kleinen Weibchens widerſtehen, während derſelbe durch ſeine Augen, die Fenſter ſeiner Seele, eindringt, und das Innere nach allen Seiten hin durchforſcht, ſo müßte er ein anderer Mann ſein, als er wirklich iſt. Er läßt alſo den Kopf hangen und kauert ſich verzagt zuſammen. „Oder, meine jugendlichen Freunde,“ ſpricht Mr. Chadband, ſich bis zum Niveau ihrer Faſſungskraft herab⸗ laſſend, mit einer ſehr aufdringlichen Demonſtratlon in ſeinem ſchmierig milden Lächeln, als müßte er zu dem Zwecke unendlich tief herunterſteigen,„wenn der Herr dieſes Hauſes nach der City ginge, und dort einen Aal ſähe, und wieder nach Hauſe käme, und die Herrin dieſes Hauſes zu ſich riefe und zu ihr ſagte: Sarah, freue Dich mit mir, denn ich habe einen Elephanten geſehen! würde das wohl Terewth ſein?“ Hier vergießt Mrs. Snagsby Thränen. „Oder nehmen wir an, meine jugendlichen Freunde, er habe einen Elephanten geſehen, und ſei zurückgekehrt, ſagend: Et, ei, die City iſt arm und dürre, ich habe bloß einen Aal geſehen, würde das wohl Terewth ſein?“ Hier ſchluchzt Mrs. Snagsby laut. „Oder nehmen wir an, meine jugendlichen Freunde,“ ſagt Chadband weiter, durch das Schluchzen angetrieben, „die unnatürlichen Eltern dieſes ſchlummernden Heiden,— denn Eltern hatte er, meine jugendlichen Freunde, das leidet keinen Zweifel,— ſeien, nachdem ſie ihn den Wölfen, und Geiern, und den wilden Hunden, und jungen Gazellen und den Schlangen vorgeworfen, in ihre Behauſung zurückgekehrt, und hätten wieder angefangen, zu rauchen w, En Aõn 371 und zu trinken, zu muſiciren und zu tanzen, ſich mit ge⸗ gohrenen Getränken zu berauſchen, und ſich mit Fleiſch und Geflügel zu mäſten, war das wohl Terewth?“ Mrs. Snagsby antwortet darauf damit, daß ſie ſich Krämpfen zum Opfer werden läßt;— und zwar iſt ſie kein widerſtandsloſes, ſondern ein ſchreiendes, zappelndes, ſich verzweifelnd wehrendes Opfer, ſo daß Cook's Court von ihrem Schreien wiederhallt. Endlich verfällt ſie in Starrſucht, und muß gleich einem Flügel die enge Treppe hinaufgetragen werden. Nach namenloſen Leiden, welche die äußerſte Be⸗ ſtürzung hervorbringen, iſt ſie, wie von Expreſſen gemeldet wird, die aus dem Schlafzimmer herabkomſnen, frei von Schmerz, wenn auch ſehr erſchöpft. Nachdem die Sachen wieder ein Mal ſo ſtehen, wagt es Mr. Snagsby, der bei der Entfernung des Pianoforte's furchtbar getreten und gequetſcht worden und noch außerordentlich ſchüchtern und ſchwach tſt, hinter der Thüre hervor zu kommen und wieder in den Salon zu treten. Während dieſer ganzen Zeit iſt Jo auf dem Platze ſtehen geblieben, wo er aufgewacht iſt; und während die⸗ ſer ganzen Zeit hat er Nichts gethan, als daß er ſeine Kappe berupft und Stückchen Pelz in den Mund geſteckt hat. Er ſpeit dieſelben wieder mit reuevollem Geſichte aus, denn er fühlt, daß es in ſeiner Natur liegt, ein unverbeſſerlicher Böſewicht zu ſein, und daß es Nichts nützt, daß er es verſuche, wach zu bleiben, denn er wird „nie Nichts wiſſen.“ Und doch iſt es mög lich, Jo, daß es eine Geſchichte gibt, ſo intereſſant, und rührend ſelbſt für Weſen, die dem Thiere ſo nahe ſtehen, wie Du, Thaten verkündend, die auf dieſer Erde für gewoͤhnliche Menſchenkinder verrichtet worden ſind, daß, wenn die Chadbands, ihre eigene Perſon vom Lichte entfernend, ſelbe Dir bloß mit ſchlichter Ehrfurcht zeigen, ſelbe durch ihre eigene Beredſamkeit unentſtellt laſſen, ſelbe als be⸗ redt genug anſehen, und ſelber nicht ihre beſcheidene 372 Hülfe angedelhen laſſen würden,— ſie Dich vikelleicht, wach erhalten und Du vielleicht daraus lernen könnteſt! Jo hat nie von einem ſolchen Buche gehört. Die Compilatoren deſſelben und ſeine Ehrwürden, Herr Chad⸗ band, gelten ihm gleich viel:— nur herrſcht, für ihn, zwiſchen denſelben der Unterſchied, daß er den ehrwürdigen Chadband kennt, und daß er jene nicht kennt, und daß er vor dem ehrwürdigen Chadband lieber eine Stunde lang Reißaus nehmen würde, als daß er ihn nur fünf Mi⸗ nuten lang ſprechen hoͤren moͤchte.— „Es nützt Nichts, daß ich hier länger warte,“ denkt Jo.„Mr. Sangsby will heute Abend mir Nichts ſagen.“ Und ſo latſcht er die Treppe hinab. 1 Aber drunten iſt die gutthätige, mitleidsvolle Guſter, die ſich an dem Geländer der Küchentreppe hält und— in bis jetzt noch zweifelhafter Weiſe— eine Ohnmacht abwehrt, die durch Mrs. Snagsby's Schreien herbeige⸗ zaubert worden iſt. Sie hat Jo ihr eigenes, in Brod und Butter beſtehendes Nachteſſen zu geben, und ſie wagt es zum erſten Male, ein Paar Worte mit dem Jungen zu wechſeln. „Da haſt Du Etwas zu eſſen, armer Knabe,“ ſagte uſter. „Ich danke Ihnen, Mum,“*) ſagt Jo. „Haſt Du Hunger?“ „Joh!“ ſpricht Jo. „Was iſt aus Deinem Vater und aus Deiner Mut⸗ ter geworden?“ Jo hält im Kauen inne, und ſieht ganz verſteinert aus. Denn dieſes Waiſenkind, deſſen Schutzheiliger das Armenhaus von Tooting geweſen, hat ihm ſanft auf die Schulter geklopft; und zum erſten Male in ſeinem Leben hat ihn ſo eine anſtändige Hand berührt. „Ich wußte nie Etwas von ihnen,“ ſpricht Jo. ) Ma'am= Madam. VI N 373 „Eben ſo wenig habe ich von den meinigen erfahren, ruft Guſter. Sie unterdrückt ohnmachtbegünſtigende Symptome; da ſcheint ihr plötzlich Etwas Furcht einzu⸗ flöͤßen. Sie rennt die Treppe hinab und verſchwindet. „Jo,“ flüſtert der Schreibmaterialienhändler leiſe, während der Knabe noch auf der Treppe ſteht. „Hier bin ich, Mr. Snagsby“ „Ich wußte nicht, daß Du ſchon fortgegangen:— da haſt Du wieder eine halbe Krone, Jo. Es war ganz recht von Dir, daß Du an dem Abende, wo wir bei ein⸗ ander waren, Nichts über die Dame geſagt haſt. Es würde Unannehmlichkeiten zur Folge haben. Du kannſt nicht zu ſtille ſein, Jo.“ „Ich bin mäuschenſtill, Herr!“ Und ſo gute Nacht. Eia geiſterhafter Schatten, mit Halskrauſe und Nachtmütze, folgt dem Schreibmaterialienhändler in das Zimmer, aus dem er gekommen, und ſchleicht höher hin⸗ auf. Und von nun an wird er, auf allen Wegen und Stegen, von einem andern Schatten, der nicht der ſei⸗ nige, aber faſt eben ſo beharrlich, als der ſeinige, und faſt eben ſo unruhig, wie der ſeinige iſt, begleitet. Und in welche Atmoſphäre der Heimlichkeit ſein eigener Schat⸗ ten auch kommen mag:— ſo moͤgen doch Alle ſich wohl in Acht nehmen, die mit dem Geheimniſſe in irgend einer Beziehung verwandt ſind! Denn die wachſame Mrs. Snagsby iſt überall,— Bein von ſeinem Bein, Fleiſch von ſein em Fleiſch, Schatten von ſeinem Schatten. —— —