V — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Deih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 2 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„ 3„—„„=„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. jeusalhezorle Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterperleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Bleak Houße. Von Charles Dickens. Aus dem Engliſchen von 3 Dr. Chr. Fr. Grieb. Erſtes bis viertes Bändchen. —”⸗— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1852. 2 8 vorüb Inn 5 ij den ſo Kurze hätten 7 einem Erſtes Kapitel. Im Kanzleigerichtshofe. London. Die Michaelis⸗Sitzungen ſind ſeit Kurzem vorüber, und es ſitzt nun der Lord⸗Kanzler in Lincoln's „Inn Hall. Abſcheuliches Novemberwetter. In den Stra⸗ i zen ſo viel Schmutz, wie wenn die Waſſeer ſich erſt ſeit Kurzem von der Oberfläche der Erde zurückgezogen yätten, und es wäre wahrlich kein Wunder, wenn man einem etwa vierzig Fuß langen Megaloſaurier begegnete, der, einer elephantenartigen Eidechſe ähnlich, Holborn⸗ Hit hinaufwatſchelte. Von den Schornſteinkaſten treiben Rauchmaſſen herab, die einen dünnen, ſchwarzen Regen bilden, worin Nußflocken zu bemerken ſind, ſo groß, wie die größten Schneeflocken,— die, könnte man glauben, ſich wegen des Todes der Sonne in Trauer geworfen haben. Hunde, die ſich in dem Kothe nicht mehr unterſcheiden laſſen. Pferde, denen es kaum beſſer geht, indem dieſelben bis zum Scheuleder hinauf mit Koth überdeckt. Fußgänger, die mit den Regenſchirmen gegen einander rennen,— alle in der übelſten Laune von der Welt,— und an Straßenecken ausgleiten, wo es ſeit Tagesanbruch,— woenn der Tag überhaupt angebrochen iſt,— ſchon vielen Lauſenden anderer Fußgänger nicht beſſer gegangen iſt: alle tragen pflichtgemäß zur Vermehrung der Kothmaſſen Bleak Houſe. 1.. 1 5 2 bei, welche an dieſen Punkten hartnäckig am Pflaſter kleben, und wie ein auf Wucher⸗Zinſen ausgeliehenes kohlenſchiffen eindringt;— Nebel, der auf den Stengen und auf dem Tauwerke großer Schiffe liegt und ſchwebt; — Nebel, der auf den Dahlbord von Barken und kleinen Böten herabſinkt. Nebel in den Augen und in den Keh⸗ len alter Greenwicher Invaliden, die in ihren Zimmern am Feuer ſitzen und ſchnaufen;— Nebel in dem Rohre und in dem Kopfe der Nachmittagspfeife des in der Kajüte ſitzenden in einen unter ihnen liegenden Nebelhimmel rabſchauen, ſſen umgeben ſind, gleich als wenn ſie in einem Ballon ſich befäͤnden Auf den Straßen ſieht man von verſchiedenen Seiten her ein ſchwaches Gaslicht durch den Nebel dringen, nicht unähnlich dem Sonnenlichte, wenn es dem Landmanne und dem Ackerknechte durch dichte, von den waſſerge⸗ beleuchtet,— wie das Gas wohl zu wiſſen ſcheint, denn es ſieht daſſelbe mürriſch und unwillig aus. Am Unfreundlichſten iſt der unfreundliche Nachmit⸗ tag,— am Dichteſten iſt der dichte Nebel,— am Schmutzigſten ſind die ſchmutzigen Straßen in der Nähe jener bleiköpfigen alten Obſtruction, die eine paſſende Zierde iſt für die Thürſchwelle einer bleiköpfigen alten Corporation:— wir meinen Temple⸗Bar. Und dicht bei Temple⸗Bar,— in Lincoln's Inn Hall, im Herzen des Nebels, ſitzt der hohe Lord⸗Kanzler in ſeinem hohen Kanzleigerichtshofe. Nie kann der Nebel zu dicht kommen,— nie können Koth und Schmutz zu tief kommen, wenn ſie mit dem unſicheren Zuſtande harmoniren ſollen, worin dieſer ſelbe hohe Kanzleigerichtshof, der ärgſte aller alten Sünder, an dieſem Tage, im Angeſicht von Himmel und Erde, ſich befindet,— denn es tappt und tappt dieſer hohe Gerichtshof gar arg im Finſtern umher, und zappelt ſich gar jämmerlich ab. An einem ſolchen Nachmittage muß der Lord⸗Kanzler wenn dieß überhaupt geſchehen ſoll, hier ſitzen,— wie er in Wirklichkeit hier ſitzt— mit einer Nebel⸗Glorie um den Kopf her, ſanft umgeben von carmeſinrothem Tuch und dergleichen Vorhängen,— angeredet von einem großen dickleibigen Advocaten, mit gewaltigem. Backen⸗ barte, ſchwacher Stimme und einer nicht enden wollenden Klageſchrift,— während er— der Lord⸗Kanzler— nach der Laterne an der Decke hinausſchaut, wo er Nichts ſehen kann, denn Nebel. An einem ſolchen Nachmittage müſſen einige Dutzend Advocaten vom hohen Kanzleigerichtshofe hier plaidiren, — wie dieß wirklich der Fall iſt,— plaidiren in einem der tauſend Stadien eines endloſen, verworrenen Pro⸗ ceſſes, einander ein Bein ſtellen bei Gelegenheit ſchlüpf⸗ riger Präcedentien,— knietief in techniſchen Ausdrücken einherwaten,— ihre geiß⸗ und roßhaarigen Köpfe gegen Wortmauern rennen, und mit ernſten Geſichtern, wie es fima Schauſpieler thun können, von Billigkeitsrückſichten prechen. 8 An einem ſolchen Nachmittage müſſen die verſchie⸗ denen⸗Procuratoren in dem Proceſſe, der auf einige von ihnen von ihren Vätern übergegangen iſt, die ſich dabei bereichert haben,— an einem ſolchen Nachmittage müſſen — und iſt das nicht wirklich der Fall?— die verſchie⸗ denen Procuratoren, die bei einem Proceſſe betheiligt ſind, in Reih' und Glied aufgeſtellt ſein, zwiſchen dem rothen Tiſche des Regiſtrators und den ſeidenen Gewän⸗ dern, mit Klagen, Gegenklagen, Repliken, Dupliken, Interlokuten, beſchwornen Ausſagen, Ausſprüchen, Ver⸗ weiſungen vor Referenten des Kanzleigerichts, Berichten von ſolchen Refereuten,— mit Bergen koſtſpieligen Un⸗ ſinns, die vor ihnen aufgethürmt ſind. Und glaubt man, daß man auch nur ein Quentchen Wahrheit in dem tiefen Brunnen finden würde, den ſich dieſe vom Schickſal Auserkorenen zu ihrem Standpunkte gewählt haben? Es darf im Gerichtsſaale wohl düſter ſein,— es dürfen da und dort wohl ihrem Ende zugehende Lichter brennen;— es darf der Nebel wohl ſchwer in demſelben hangen, gleich als ob er nicht mehr hinausgehen wollte; — es dürfen die Fenſter von buntfarbigem Glaſe wohl ihre Farbe verlieren, und kein Tageslicht einlaſſen;— es dürfen die Uneingeweihten, die von der Straße herein⸗ kommen, und durch die Glasſcheiben an der Thüre hin⸗ durchgucken, durch das eulenhafte Ausſehen, ſowie durch die langgedehnten Worte vom Eintreten abgeſchreckt werden, die von dem ausgepolſterten Thronhimmel, wo der Lord⸗Kanzler in die Laterne blickt, worin kein Licht zu bemerken iſt, und wo die anweſenden Perrücken alle in einer Nebelbank ſtecken, matt nach der Decke hin Aurückgeworfen werden! 3 Dieß iſt der Kanzleigerichtshof, der in jeder Graf⸗ ſchaft ſeine zerfallenden Häuſer und ſeine mit einem Fluche beladenen Ländereien beſitzt; der in jedem Irrenhauſe ſeinen abgehärmten Wahnſinnigen, und in jedem Kirch⸗ hofe ſeinen Todten hat; der ſeinen zu Grunde gerrichteten Supplicanten mit abgetretenen Abſätzen und fadenſchei⸗ niger Kleidung hat,— ſeinen Supplikanten, welcher — 5 Jahr aus Jahr ein bei Jedermanns Bekannten Geld vorgt und herumbettelt; der denen, ſo Geld beſitzen, Mittel in Hülle und Fülle an die Hand gibt, das Recht zu Tode zu hetzen; der Finanzen, Geduld, Muth, Hoff⸗ nung dermaßen erſchöpft, die Köpfe dermaßen verwirrt und den Leuten das Herz dermaßen bricht, daß unter ſeinen practicirenden Rechtsgelehrten ſich auch nicht ein ehrenhafter Mann befindet, der nicht die Warnung er⸗ gehen laſſen moͤchte,— der dieſelbe nicht oft wirklich ergehen läßt:„Lieber alles Unrecht dulden, das Einem zugefügt werden kann, als hieher kommen!“ Wer befindet ſich an dieſem düſteren Nachmittage im Saale des Kanzleigerichts, wenn wir den Lord⸗Kanzler, den den Proceß führenden Advocaten, zwei oder drei Advocaten, die nie einen Proceß zu führen haben, und die vorerwähnte Procuratoren⸗Menge abrechnen? Es iſt der unter dem Richter ſitzende Regiſtrator, mit Perrücke und Robe; ferner einige Amtsſtäbe, oder Schreiber, oder Caſſtere, oder welches immer ihre Titel ſein mögen. Alle dieſe gähnen und gähnen, denn es fällt auch nicht eine Krume des Scherzes von Jarndyce und Jarn⸗ dyce(dem Proceſſe, der eben verhandelt wird) ab, ſintemal derſelbe ſeit einer ſo langen Reihe von Jahren total ausgepreßt worden iſt. Nie fehlt es, daß die Geſchwindſchreiber, die Be⸗ richterſtatter des Gerichtshofes, ſowie die Berichterſtatter der Zeitungen mit den übrigen, regelmäßig anweſenden Perſonen ſich aus dem Staube machen, ſobald„Jarn⸗ dyce und Jarndyce“ an die Reihe kommt. Ihre Plätze ſind alsdann verödet. Auf einem Stuhle an der Wand des Gerichtsſaales, — um in das durch Vorhänge geſchützte Heiligthum beſſer hineinſchauen zu können,— ſteht ein kleines, verrücktes altes Weibchen mit einem zerdrückten Hute: dieſe Perſon iſt zu jeder Zeit im Saale zu bemerken, von dem Augenblicke an, wo die Thüren aufgehen, bis — 7 wohnter Langweiligkeit. Dieſer vogelſcheuchartige Pro⸗ ceß iſt im Laufe der Zeit ſo verworren geworden, daß kein lebender Menſch mehr weiß, was er bedeutet. Die dabei betheiligten Parteien verſtehen ihn am Wenigſten von Allen; allein man hat die Bemerkung gemacht, daß es beim ganzen Kanzleihofe keine zwei Advocaten gibt, die fünf Minuten lang darüber ſprechen können, ohne in Betreff ſämmtlicher Prämiſſen total mit einander zu zerfallen. Unzählige Kinder ſind in den Proceß hineingeboren, un⸗ zählige junge Perſ onen haben in denſelben hineingehei⸗ rathet, und unzählige alte Leute ſind aus demſelben hin⸗ ausgeſtorben. Viele Dutzende von Perſonen ſind zu ihrer höchſten Verwunderung Parteien in Jarndyce und Jarndyce geworden, ohne zu wiſſen, wie oder warum; — ganze Familien haben mit dem Proceſſe einen roman⸗ haften Haß geerbt. Der kleine Kläger oder Beklagte, dem ein neues Schaukelpferd verſprochen wurde, wenn Jarndyce und Jarndyce zu einem glücklichen Ende ge⸗ kommen ſein wuͤrde, iſt groß geworden, hat ein wirkliches Pferd bekommen, und iſt in die andere Welt abgetrabt. Hübſche Mündel des Kanzleigerichtshofs ſind zu Müttern und Großmüttern herangewelkt; eine lange Reihe von Lord⸗Kanzlern iſt in's Amt getreten und wieder ausge⸗ ſchieden; die Legionen von Klagſchriften, die der Proceß veranlaßt hat, ſind zu Sterbeliſten geworden; vielleicht ſind auf der ganzen Erde nicht mehr drei Jarndyces übrig, ſeitdem der alte Tom Jarndyce ſich in der Ver⸗ zweiflung in einem Kaffeehauſe in Chancery⸗Lane eine Kugel vor den Kopf geſchoſſen hat. Und trotz All; dem ſchleppt ſich Jarndyce und Jarndyce in trübſeliger Weiſe vor dem Kanzleigerichtshofe fort, und es iſt keine Hoff⸗ nung vorhanden, daß der ewige Proceß ſo bald zu Ende kommen werde. Jarndyce und Jarndyce iſt zum Geſpötte geworden. Es iſt dieß das einzige Gute, das bis jetzt daraus her⸗ vorgegangen iſt. Für Manche iſt der Proceß der Tod geweſen, für die Juriſten aber iſt er ein Gegellſtand des Scherzes. Jeder Referent am Kanzleigerichtshofe hat darüber ſchon zu referiren gehabt. Jeder Lord⸗Kanzler hat ſchon, als er noch einfacher Advocat war, für dieſen oder jenen in der Sache plaidirt. Es ſind ſchon von blaunaſigen, in altmodiſchen Schuhen ſteckenden, alten Juriſten bei einer Flaſche Portwein nach dem Eſſen in der Halle treffliche Witze darüber gemacht worden. Gehörig eingeſchriebene Advocatenſchreiber ſind in der Gewohnheit geweſen, ihren legalen Witz an dem Proceſſe zu ſchärfen. Der vorige Lord⸗Kanzler hat ſich gleichfalls in treffender Weiſe über die Sache ausgeſprochen, als er Mr. Blowers, die berühmte Seidenrobe, verbeſſernd, die geſagt hatte, ſo Etwas könnte geſchehen, wenn es einmal artoffeln regnete, bemerkte,„oder wenn wir mit Jarn⸗ dyce und Jarndyce zu Ende kommen, Mr. Blowers:— ein Scherz, der die Amtsſtäbe, die Kanzleigerichtsſchreiber, und die Caſſiere ganz beſonders beluſtigte. 1 Wie viele Perſonen, die der Proceß nichts anging, Jarndyce und Jarndyce mit verderblicher Hand erfaßt und corrumpirt hat,— das zu unterſuchen, würde eine lange Unterſuchung nöthig machen. Von dem Referenten an, in deſſen Actenſtößen ganze Berge ſtaubbedeckter Gerichtsbefehle in Jarndyce und Jarndyce zu mancherlei grimmen Geſtalten zuſammengeſchrumpft ſind, bis zu dem Copiſten auf dem Sechs⸗Schreiber⸗Bureau herab, der ſchon Zehntauſende von Kanzlei⸗Folio⸗Seiten copirt und mit der Ueberſchrift„Jarndyce und Jarndyce“ verſehen hat, iſt noch Niemand ein beſſerer Menſch dadurch gewor⸗ den. In Spitzbübereien, in Ausflüchten, in Verſchie⸗ bungen, in Spoliationen, in ſinnloſen Schwätzereien, die unter allerlei falſchen Vorwänden auftauchen, liegen Ein⸗ flüſſe, aus denen nie etwas Gutes entſtehen kann. Selbſt 1 die Knaben der Procuratoren, welchen es oblag, die un⸗ glücklichen Perſonen, die bei dem Proceſſe betheiligt ſind, abzuweiſen und wieder aus dem Hauſe zu ſchaffen, da⸗ 9 1 durch, daß ſie hundert Male und tauſend Male betheuerten, daß Mr. Chizzle, Mizzle u. ſ. f. dringende Geſchäfte hät⸗ ten, und bis zum Eſſen nicht abkommen könnten,— ſo⸗ gar dieſe Knaben mögen durch Jarndyce und Jarndyce in der Moral nicht eben gekräftigt worden ſein. Der für den Proceß beſtellte Caſſier hat ſich ein hübſches Stück Geld damit gemacht, hat aber dadurch ſeiner eigenen Mutter mißtrauen und das ganze Menſchengeſchlecht verachten gelernt. Chizzle, Mizzle u. ſ. f. haben nach und nach die Gewohnheit angenommen, ſich vag zu ver⸗ ſprechen, daß ſie nach der noch u zerledigten Bagatellſache ſe⸗ hen, und ſchauen wollen, was für Drizzle gethan werden könne,— mit dem gar übel verfahren wurde:— und das wollen ſie thun, ſobald einmal Jarndyce und Jarn⸗ dyce ſeine Erledigung gefunden habe. In dieſem unſeligen Proceſſe iſt das Mauſen und Betrügen in allen ſeinen Varietäten praktieirt worden; und ſelbſt diejenigen, welche deſſen Geſchichte von dem äußerſten Kreiſe ſolchen Uebels aus beſchaut, ſind all⸗ mählig zu der liederlichen Anſicht gekommen, dem Böſen ſeinen Lauf zu laſſen, und zu dem nicht minder lieder⸗ lichen Glauben, daß, wenn auf dieſer Welt Alles ver⸗ kehrt gehe, dieß daher komme, weil dieſelbe nie beſtimmt geweſen ſei, in das rechte Geleiſe zu kommen. So ſitzt, inmitten des Moraſtes und im Herzen des Nebels, der hohe Lord⸗Kanzler in ſeinem hohen Kanz⸗ leigerichtshofe. „Mr. Tangle,“ ſagt der hohe Lord⸗Kanzler, der unter dem Einfluſſe der Beredſamkeit des genannten ge⸗ lehrten Herrn etwas unruhig geworden iſt. „Mlud,*) ſagt Mr. Tangle. Mr. Tangle weiß von Jarndyce und Jarndyce mehr, als irgend ein anderer Menſch. Er iſt wegen *) My Lord.* dieſes ſeines Wiſſens ſogar berühmt geworden, da er, ſeitdem er der Schule entwachſen, gar nichts Anderes geleſen haben ſoll. „Sind Sie nun bald fertig?“ „Mlud, nein,— noch verſchiedene Punkte,— halte es für meine Pflicht, mich zu fügen,— Ludſhip,“*) lau⸗ tet die Antwort, die Mr. Tangle entſchlüpft. „Es müſſen, glaube ich, noch mehrere Glieder der verehrlichen Zunft gehört werden?“ ſpricht der Kanzler mit einem leichten Lächeln. Bei dieſen Worten fahren achtzehn von Mr. Tangle’s gelehrten Freunden, jeder bewaffnet mit einem kurzen achtzehnhundert Blätter ſtarken Auszuge, gleich achtzehn Hämmern in einem Pianoforte auf, machen achtzehn Ver⸗ beugung und ſinken in ihre achtzehn dunklen Plätze. 2 ollen Mittwoch über vierzehn Tage uns der Sache we widmen,“ ſpricht der Lord⸗Kanzler. Denn die Frage, um deren Entſcheidung es ſich ge⸗ genwärtig handelt, iſt eine bloße Koſtenfrage,— eine bloße Knoſpe auf dem Waldbaume des Stammproceſſes, und wird an einem ſchönen Tage wirklich erledigt werden. Der Kanzler erhebt ſich; die Advocaten erheben ſich; in aller Eile wird der Gefangene vorgeführt; der Mann aus Shropſhire ruft:„My Lord!“ Amtsſtäbe, Gerichtsſchreiber und Caſſiere gebieten voller Unwillen Schweigen, und ſehen den Mann aus Shropſhire mit ſauren Mienen an. „Was,“ fährt der Kanzler, immer noch mit Jarn⸗ dyce und Jarndyce beſchäftigt, fort,„das junge Mädchen betrifft,—“ feite Ludſhip um Verzeihung,— den jungen Menſchen,“ ſpricht Mr. Tangle voreilig. „Was,“ fährt der Kanzler mit ganz beſonderer *) Lordſhip, Lordſchaft. ——& 11 Deutlichkeit fort,„das junge Mädchen und den jungen Menſchen, die beiden jungen Leute, betrifft,“— (Mr. Tangle ſchweigt nun.) 6 „Die ich auf heute beſtellt habe, und die jetzt auf meinem Privatzimmer ſind, ſo werde ich ſie ſehen und mich ſelbſt überzeugen, ob es räthlich iſt, ſie bei ihrem Oheim wohnen zu laſſen.“ Und ſchon wieder iſt Mr. Tangle auf den Beinen. „Bitte Ludſhip um Verzeihung,— todt.“ „Bei ihrem Großvater,“ ſpricht der Lord⸗Kanzler, durch ſein doppeltes Augenglas die auf ſeinem Tiſche liegenden Papiere anſchauend. „Bitte Ludſhip um Verzeihung,— Opfer einer un⸗ beſonnenen Handlung,— Kugel, Kopf.“ Mit einem Male erhebt ſich ein ganz kleines Inriſt⸗ chen, mit einer furchtbaren Baßſtimme und aufgeblaſenen Backen, in den Hintergründen des Nebels, und ſpricht: „Wird Ew. Lordſchaft mir erlanben, ein Wort zu ſagen? Ich erſcheine für ihn. Er iſt ein eutfernterer Verwandter. Indeſſen bin ich für den Augenblick nicht im Stande, dem Hofe mitzutheilen, in welchem Grade er verwandt iſt; ſo viel iſt aber gewiß, daß er ein Ver⸗ wandter i ſt.“ Das Advocätchen läßt dieſe Worte, mit einer Gra⸗ besſtimme geſprochen, an dem Gebälke der Decke verhal⸗ len, ſetzt ſich, und nun keunt der Nebel das Männchen nicht weiter. ſe Jedermann ſchaut nach ihm. Niemand kann es ehen. „Ich werde mit den beiden jungen Perſonen ſprechen,“ nimmt der Kanzler abermals das Wort, und mich ſelbſt überzeugen, ob es gerathen iſt, ſie bei ihren Verwandten wohnen zu laſſen. Ich werde die Sache morgen Vormittag erwähnen, wenn ich meinen Sitz einnehme.“ Der Kanzler iſt im Begriffe, ſich gegen die Mitglie⸗ 9 der der verehrlichen Advocatenzunft zu verneigen;— da wird ihm der Gefangene vorgeführt. Allein es kann für den Letzteren nichts Anderes daraus entſtehen, als daß 8 8 Gefängniß zurückmarſchirt,— was auch bald ge⸗ ſchieht. 8 Der Mann aus Shropſhire verſucht es, weiter zu remonſtriren—„My Lord!“— Allein der Kanzler hat lhu enerne und hat ſich geſchickt aus dem Staub ge⸗ macht. Alle übrigen Perſonen machen ſich gleichfalls, ſo ge⸗ ſchwind wie möglich, aus dem Staube. Eine Batterie blauer Taſchen füllt ſich mit ſchweren Papierladungen, und wird von Schreibern fortgeſchleppt; das kleine verrückte alte Weibchen marſchirt mit ihren Documenten ab; der leere Gerichtsſaal wird geſchloſſen. Könnte doch auch nur all' die Ungerechtigkeit, die hier verübt, und könnte doch all' das Unheil, das da⸗ durch angerichtet worden, zugleich mit eingeſchloſſen, und das Ganze gleichſam auf einem coloſſalen Scheiterhaufen verbrannt werden,— dann ſtünde es wenigſtens beſſer um andere Parteien, als die in Jarndyce und Jarndyce figurirenden. Zweites Kapitel. In der faſhionablen Welt. 4 An dieſem ſchmutzigen Nachmittage wollen wir nur einen flüchtigen Blick in die faſhionable Welt werfen. Es iſt dieſe dem Kanzleigerichtshofe nicht ſo ganz und gar unähnlich, daß wir nicht von dem einen auplatze — 138 zum andern wandern könnten: wir köͤnnen dieß ſogar, ſo zu ſagen, im Vogelfluge thun. Sowohl die faſhio⸗ nable Welt, als der Kanzleigerichtshof beruhen bloß auf Gebräuchen und Präcedentien; es ſind dieſelben über die Zeit ſchlafende Rip Van Winkles, die während einer ziemlich langen Zeit, wo es donnerte und Gewitterſchwüle herrſchte, ſeltſame Spiele geſpielt haben;— ſchlafende Schönheiten, die eines Tags erwachen werden, wo dann alle in der Küche ruhenden Bratſpieße anfangen werden, ſich in wunderbarer Weiſe zu drehen! Es iſt keine große Welt; ſelbſt in Beziehung auf dieſe unſre Welt, die auch ihre Grenzen hat(wie Ew. Hoheit finden werden, wenn Sie die Reiſe um dieſelbe gemacht, und an dem Punkte angekommen ſind, wo der leere Raum beginnt), iſt ſie ein ſehr kleines Fleckchen. Es iſt darin vieles Gute; es ſind darin gar viele gute und aufrichtige Leute; es nimmt dieſelbe den rechten Platz ein. Allein das Uebel dabei iſt, daß es eine in zu viel Iuweliersbaumwolle und feine Wolle eingehüllte Welt iſt; daß ſte das Sauſen der größeren Welten nicht hö⸗ ren, und daß ſie dieſelben nicht hören kann, während ſie um die Sonne kreiſen. Es iſt eine Welt, in die nur gedämpfte Töne dringen, und es iſt ihr Wachsthum bis⸗ repilen ein ungeſundes, weil es ihr an der nöthigen Luft ehlt. My Lady Dedlock iſt auf einige Tage wieder nach der Stadt gekommen, wo ſie ihr Haus bewohnt, bis ſie nach Paris abreist. Dort hat ihre Ladyſhip im Sinne, einige Wochen zuzubringen. Was ihre ſpäteren Bewegungen betrifft, ſo ſind die⸗ ſelben ganz und gar ungewiß. So lauten die faſhiona⸗ blen Berichte zum Troſte der Pariſer, und dieſe Berichte wiſſen ja bekanntlich Alles, was in der faſhionablen Welt vorgeht. Neuigkeiten auf anderem Wege zu erfahren, wäre nicht faſhionabel. A end Dedlock iſt auf ihrem Landſitze in Lincoln⸗ ſhire geweſen: in familiärer Weiſe nennt ſie denſelben nur ihren„Platz.“ In Lincolnſhire ſind die Waſſer ausgetreten. Ein Bogen von der Brücke im Parke iſt vom Waſſer unter⸗ höhlt und fortgeriſſen worden. Das daran ſtoßende nie⸗ dere Land iſt, bis auf eine halbe Meile in der Breite, ein ſtockendes Gewäſſer, worin melancholiſch ausſehende Bäume eben ſo viele Inſeln bilden, während auf der Oberfläche des Waſſers durch den ohne Unterlaß herab⸗ fallenden Regen allenthalben Tüpfel gebildet werden. My Lady Dedlock's Landſitz iſt ein ungemein trüb⸗ ſeliger Aufenthaltsort geweſen. Seit vielen Tagen und Nächten hat es dermaßen geregnet, daß die Bäume ganz durchweicht zu ſein ſcheinen, und die Axt des Holtzhauers vermag kein Geräuſch hervorzubringen, während ſie die Bänme zum Fallen bringt. Die Hirſche und Rehe ſehen ganz durchfeuchtet aus, und kommen aus einer Kothlache in die andere. Ein Büchſenſchuß verliert in der feuchten Luft ſeinen ſcharfen Knall, und der Rauch deſſelben be⸗ wegt ſich in einem langſamen Wölkchen nach der grünen, mit Gebüſch bedeckten Höhe hin, die für den niederſtrö⸗ menden Regen einen Hintergrund bildet. Die Ausſicht von my Lady Dedlock's Fenſtern iſt bald eine bleifarbige, bald eine tuſchartige. Die Vaſen auf der ſteinernen Terraſſe im Vordergrunde fangen den ganzen Tag über den Regen auf; und die ganze Nacht hindurch fallen, und fallen, und fallen die ſchweren Tropfen auf das Pflaſter mit den breiten Flieſen, das ſeit uralten Zeiten der Geiſterweg geuannt wird. Am Sonntage iſt die kleine Kirche im Parke mo⸗ derig; die Kanzel von Eichenholz bricht in einen kalten Schweiß aus, und überall herrſcht ein Geruch und ein Geſchmack, wie wenn man ſich in der Gruft der alten Dedlocks befände. 8 My Lady Dedlock(— die kinderlos iſt—), b frühen Dämmerlichte aus ihrem Boudoir z 2 15 Häuschen eines Wächters, und ſieht an den vergitterten Scheiben das Licht eines Feuers und den aus dem Kamin emporſteigenden Rauch, ſo wie ein von einem Weibe fortgejagtes Kind, das in den Regen hinausläuft, um der glänzenden Geſtalt eines ganz eingemummten, durch das Thor kommenden Mannes entgegenzugehen. Das hat ſie ganz und gar um ihre gute Laune gebracht. My Lady Dedlock ſagt, ſie ſei„bis auf den Tod gelangweilt worden.“. Und deßhalb hat my Lady Dedlock ihren Landſitz in Lincolnſhire verlaſſen, um ihn dem Regen und den Ra⸗ ben, und den Kaninchen, und den Hirſchen und Rehen, und den Rebhühnern und Faſanen zu überantworten. Die Porträts der ſeligen Dedlocks ſcheinen vor lauter Niedergeſchlagenheit in die feuchten Wände hineingeſchlüpft zu ſein, ſeitdem die Haushälterin durch die alten Zimmer gegangen iſt, um die Läden zu ſchließen. Und wann dieſelben wieder zum Vorſchein kommen werden, vermögen die faſhionablen Berichte noch nicht zu ſagen,— jene Berichte, die, wie der Satan, wohl das Vergangene und Gegenwärtige, nicht aber die Zukunft kennen. Sir Leiceſter Dedlock iſt zwar nur ein Baronet, allein einen mächtigeren Baronek, als er iſt, gibt es nicht. Seine Familie iſt ſo alt wie die Berge, und obendrein noch unendlich reſpectabler. Er denkt ſo, die Welt könne der Berge entbehren, müſſe aber ohne Ded⸗ locks zu Grunde gehen. Er würde ſich zwar ohne Zweifel herbeilaſſen, die Natur als eine gute Idee anzuerkennen (als eine vielleicht etwas niedere Idee, wenn nicht park⸗ artig eingehegt), jedoch nur als eine Idee, die in Be⸗ treff ihrer Ausführung von den großen Graſſchafts⸗ familien abhängig iſt. Es iſt ein ſtreng gewiſſenhafter Gentleman, der alles Gemeine und Niedrige verachtet und je⸗ den Augenblick lieber irgend einen beliebigen Tod ſterben nachtints daß er Gelegenheit gäbe, ſeine Rechtſchaffen⸗ heit in Zweifel ziehen zu laſſen. Er iſt ein ehrenwerther, — eigenſinniger, wahrheitliebender, hochſinniger, mit Vor⸗ urtheilen erfüllter, durch und durch unvernünftiger Mann. Sir Leiceſter iſt volle zwanzig Jahre älter, als my Lady. Er wird fünfundſechzig nie wiederſehen, noch auch vielleicht ſechsundſechzig, und ebenſo wenig ſiebenundſechzig. Bisweilen hat er einen kleinen Gichtanfall; auch geht er etwas ſteif. Er ſtellt Etwas vor mit ſeinem lichtgrauen Haare und ſeinem ditto Backenbarte, ſeinem feinen Buſen⸗ ſtreifen, ſeiner reinen 4 blauen, ſtets zugeknöpften Rocke. Die Knöpfe an letzte⸗ rem zeichnen ſich insbeſondere dadurch aus, daß ſie ſtets glänzen und funkeln. Er iſt bei jeder Gelegenheit gegen my Lady überaus höflich; dabei iſt er ceremoniös und vornehm; und was die perſönlichen Reize ſeiner Ge⸗ mahlin betrifft, ſo ſchätzt er dieſelben auf's Höchſte. Seine Galanterie gegen my Lady, die ſich nie verändert hat, ſeitdem er ihr zum erſten Male den Hof gemacht, iſt der einzige kleine romantiſche Anflug, den man an ihm bemerkt. Und in der That hat er ſie aus Liebe geheirathet. Auch flüſtert man ſich immer noch zu, daß ſie nicht ein⸗ mal von Familie war. Dem ſei nun aber, wie ihm wolle, ſo Viel iſt gewiß, daß Sir Leiceſter ſo viel Familie hatte, daß er vielleicht genug hatte und keine weitere brauchte. Sie aber hatte Schönheit, Stolz, Ehrgeiz, inſolente Entſchloſſenheit und Verſtand genug, um eine anze Legion feiner Ladies auszuſtatten. Bald geſellte ſch dazu Reichthum und Stand, und alle dieſe Dinge zuſammengenommen hoben ſie empor; und ſeit Jahren iſt nun my Lady Dedlock im Centrum der faſhionablen Be⸗ richte und auf der Spitze des faſhionablen Baums geſtanden. Wie Alexander weinte, als er keine Welten mehr zu erobern hatte, weiß Jedermann,— oder könnte es wenigſtens wiſſen, da die Sache, der Himmel weiß es, ſchon oft genug erwähnt worden iſt. Nachdem my Lady Dedlock ihre Welt erobert hatte, verſank ſie nicht in eine ſchneeweißen Weſte und ſeinwmmn 17 weiche, ſondern eher in eine eiſige Stimmung. Eine Ge⸗ müthsſtimmung, die an Erſchöpfung gränzt, eine matte Ruhe, ein Gleichmuth der Müdigkeit, der weder durch Theiluahme noch Freude geſtört wird, ſind die Trophäen ihres Sieges. Sie hat vollkommen gute Manieren. Könnte ſie morgen in den Himmel ſpedirt werden, ſo könnte man ſich darauf gefaßt machen, daß ſie ohne Freude und ohne Entzücken gen Himmel fahren würde. Auch beſitzt ſie noch Schönheit, und wenn dieſelbe auch nicht mehr in ihrem Frühlinge iſt, ſo iſt ſie doch auch noch nicht in ihrem Herbſte. Sie hat ein feines Geſicht,— urſprünglich von einem Charakter, der wohl eher hübſch als ſchön genannt werden würde; allein es iſt daſſelbe durch den angenommenen Ausdruck ihres faſhionablen Standes verbeſſert und zur Claſſicität er⸗ hoben worden. Ihre Figur iſt elegant und macht den Eindruck, als ſei ſie hoch. Nicht als ob dem wirklich ſo wäre: nein; ſie weiß nur alle ihre Vortheile geltend zu machen, wie der ehrenwerthe Bob Stables häufig mit einem Fluche verſichert hat. Dieſelbe Autorität bemerkt auch, daß ihr Anzug untadelhaft iſt, und insbeſondere ſagt dieſelbe zum Lobe des Haares ihrer Ladyſhip aus, daß daſſelbe ſie zu dem beſtgeſtriegelten Frauenzimmer im ganzen Marſtalle mache. Mit all' ihren Vollkommenheiten auf dem Kopfe iſt my Lady Dedlock, von den faſhionablen Berichten eifrigſt verfolgt, von ihrem Landſitze in Lincoluſhire nach London gekommen, um in ihrer Stadtwohnung einige Tage zu⸗ zubringen, ehe ſie nach Paris abreiſ't, wo ihre Ladyſhip einige Wochen zu bleiben gedenkt, worauf dann ihre Be⸗ wegungen ganz und gar ungewiß ſind. Und in ihrer Stadtwohnung erſcheint, an dieſem ſchmutzigen, düſtern Nachmittage, ein altmodiſch ausſe⸗ hender alter Herr, Sachwalter, ſowie auch Procurator am hohen Kanzleigerichtshofe. Dieſer Herr hat die Ehre, der Rechtsfreund der Dedlocks zu ſein; auch hat Bleak Houſe. I. 2 ſtchen, erziert wäre, eſtän⸗ erkur Vor⸗ ent⸗ 8 der iber, die ſind, llein acte den von um⸗ ieſe nen ten ind jel⸗ in en 19 Rathe gezogen wird. Bisweilen findet man ihn, ſtumm, aber ganz und gar zu Hanſe, in großen Landhäuſern an der Ecke der Tafel, oder an der Thüre eines Salons, worüber die faſhionablen Berichte beredt genug zu ſein pflegen:— wo Jedermann ihn kennt und wo die halbe Pairie ſtehen bleibt, um zu ſagen:„Wie befinden Sie ſich, Mr. Tulkinghorn?“ Dieſe Begrüßungen nimmt er gravitätiſch auf und begräbt ſie mit dem Uebrigen, was er weiß, in der Tiefe ſeiner Bruſt. Sir Leiceſter Dedlock iſt bei my Lady und iſt er⸗ freut, Mr. Tulkinghorn zu ſehen. Es hat dieſer einen Anſtrich von Verjährung, der Sir Leieeſter ſtets gefällt; er ſieht dieſes Aeußere als eine Art Tribut an. Es ge⸗ fällt ihm Mr. Tulkinghorn's Anzug; auch in dieſem liegt eine Art Tribut. Es iſt derſelbe höchſt reſpectabel und hat im Allgemeinen auch etwas Vaſallenartiges an ſich. Es drückt derſelbe gleichſam das Weſen eines Bewahrers legaler Myſterien aus; es deutet derſelbe, ſo zu ſagen, den Kellermeiſter des legalen Kellers der Dedlocks an. Weiß dieß Mr. Tulkinghorn ſelbſt? Vielleicht, viel⸗ leicht aber auch nicht; allein es iſt folgender bemerkens⸗ werthe Umſtand nicht aus dem Auge zu laſſen in Allem, was mit my Lady Dedlock, als der Repräſentantin einer Claſſe,— als einer der Leiterinnen und Hauptperſonen ihrer kleinen Welt, verknüpft iſt. Sie hält ſich für ein unerforſchliches Weſen, das ganz und gar außer dem Bereiche gewöhnlicher Menſchenkinder iſt,— wenn ſie ſich in ihrem Spiegel ſieht, wo ſie in der That ſo ausſieht. Und dennoch kennt jedes trübe Sternchen, das um ſie herkreist, von ihrer Kammerjungfer an bis zum Inten⸗ danten der italieniſchen Oper, alle ihre Schwächen, Vor⸗ urtheile, Thorheiten, Launen, ſowie all' ihren Hochmuth, und lebt von einer ſo genauen Berechnung und einer ſo ſcharfen Beurtheilung ihrer moraliſchen Natur, als das Maß iſt, das ihre Kleidermacherin von ihren phyſi⸗ ſchen Proportionen nimmt. Gilt es, eine neue Mode, 20 einen neuen Anzug, eine neue Gewohnheit, einen neuen Sänger, einen neuen Tänzer, eine neue Form von Ju⸗ di welen, einen neuen Zwerg oder einen neuen Rieſen, eine ſo neue Kapelle, oder überhaupt irgend etwas Neues in m Aufnahme zu bringen? Es finden ſich dann in einem zu Dutzende von Lebenskreiſen höfliche Leute, von denen my Lady ar Dedlock wähnt, daß ſie, ihr gegenüber, nur blinde Un⸗ ol terwürfigkeit kennen, die aber Einem ſagen können, wie ka man ſie zu behandeln hat, gleich als wenn ſie ein un⸗ iſt mündiges Kind wäre; die ihr Lebenlang nichts Anderes 3 thun, als ſie füttern und pflegen; die, während ſie ſich ni ſtellen, als folgten ſie mit tiefer Demuth und Unterwür⸗ vo figkeit, ſie führen und, mit ihr, ihre ganze Truppe; die, we indem ſie eine angeln, alle angeln und mit fortziehen, wie Lemuel Gulliver die ſtattliche Flotte des majeſtäͤtiſchen L: Lilliput mit fortzog. kin „Wenn Sie mit unſern Leuten ſprechen wollen, Sir,“ 5 ſagen Blaze und Sparkle, die Juweliere,— unter„un⸗ de ſere Leute“ verſtehen ſie natürlich ſonſt Niemand, als ru Lady Dedlock und Ihresgleichen,—„ſo dürfen Sie ne nicht vergeſſen, daß Sie es nicht mit dem gewöhnlichen G Publikum zu thun haben; Sie müſſen unſere Leute auf ihrer ſchwächſten Seite angreifen, und ihre ſchwächſte Et Seite iſt dieſe oder jene.“ M „Wenn Sie dieſen Artikel zu einem Modeartikel de machen wollen, meine Herren,“ ſagen Sheen und Gloß, rin die Ausſchnitthändler, zu ihren Freunden, den Fabrikanten, vei —„ſo müſſen Sie zu uns kommen, weil wir, weil nur wir wiſſen, wie es anzugreifen iſt, daß die faſhionable Welt denſelben adoptirt; von uns hängt es ab, den Ar⸗ tikel zu einem faſhionablen zu machen.“ „Wenn Sie haben wollen, daß dieſer Kupfer⸗ oder Stahlſtich auf die Tiſche meiner hohen Connexionen kom⸗ men ſolle, Sir,“ ſagt Mr. Sladdery, der Leihbibliothee Ei Inhaber—„oder wenn Sie dieſen Zwerg oder Rieſen indie ſan Häuſer meiner hohen Connexionen bringen wolhn, Sir, — 8 — 21 — oder wenn Sie dieſem Concerte, dieſem Schauſpiele die Gunſt meiner hohen Connexionen ſichern wollen, Sir, ſo müſſen Sie mich machen laſſen, denn ich habe es mir ſchon längſt zur Lebensaufgabe gemacht, die Perſonen zu ſtudiren, die bei meinen hohen Connexionen den Ton angeben, und dieſelben führen, Sir; und ich kann Ihnen ohne Eitelkeit ſagen, daß ich ſie um den Finger wickeln kann,“— wobei Mr. Sladdery, der ein Ehrenmann iſt, gar nicht übertreibt. Während es daher möglich iſt, daß Mr. Tulkinghorn nicht weiß, was dermalen in dem Dedlock'ſchen Geiſte vorgeht, iſt es doch auch wieder ſehr möglich, daß er es weiß. „My Lady's Proceß iſt heute abermals vor dem Lordkanzler verhandelt worden,— nicht wahr, Mr. Tul⸗ kinghorn?“ ſpricht Sir Leiceſter, ihm die Hand reichend. „Ja. Es iſt derſelbe heute wieder einmal verhan⸗ delt worden,“ erwiedert Mr. Tulkinghorn, eine ſeiner ruhigen Verbeugungen gegen my Lady hin machend, die neben dem Feuer auf einem Sopha ſitzt, und ſich das Geſicht mit einem Handſchirm ſchützt. „Es wäre wohl unnütz zu fragen, ob in der Sache Etwas gethan worden iſt,“ ſagt my Lady, mit einer Miene und in einem Tone, die durch ihre Trübſeligkeit deutlich verrathen, daß Sie noch an der Langweile labo⸗ rirt, die ihr der angenehme Aufenthalt in Lincolnſhire verurſacht hat. „Es iſt heute Nichts gethan worden, was Sie Etwas nennen würden,“ erwiedert Mr. Tulkinghorn. L-„Auch wird nie Etwas gethan werden,“ ſagt my ady Sir Leiceſter hat gegen einen nie zu Ende gehenden Proceß vor dem Canzleigerichtshofe Nichts einzuwenden. Ein ſolcher Proceß iſt ja nichts Anderes, als eine lang⸗ ſame, koſtſpielige, britiſche, conſtitutionelle Art von einem Ding. Zhar iſt er bei dem fraglichen Proceſſe,— der einzigen Mitgift, die my Lady ihm zubrachte,— nicht beſonders betheiligt; der Proceß iſt für ihn keine Lebens⸗ frage; auch hat er eine dunkle Ahnung, daß es ein überaus lächerlicher Zufall iſt, daß ſein Name,— der Name Dedlock,— in einem Proceſſe vorkommt, ohne in dem Titel deſſelben Proceſſes zu figuriren. Allein er ſieht den Kanzleigerichtshof, ſelbſt wenn derſelbe eine gelegentliche Verzögerung der Juſtiz und ein Bischen Confuſion nach ſich ziehen ſollte, als Etwas an, was, mit einer Menge anderer Dinge, von der Vollkommenheit menſchlicher Weisheit ausgeſonnen worden, um(menſchlich geſprochen) Alles auf ewig zu regeln. Und, im Ganzen genommen, lebt er der unabänderlichen Anſicht, daß Klagen über den trägen Geſchäftsgang des Kanzleigerichts⸗ hofes beiſtimmen, kein anderes Reſultat haben könne, als Perſonen aus den niederen Ständen zur Auflehnung gegen Geſetz und Obrigkeit zu treiben, und aus denſelben Wat Tylers zu machen. „Da einige neue beſchworene Ausſagen vorgekommen ſind,“ ſpricht Mr. Tulkinghorn; und da dieſelben kurz, und da ich dem läſtigen Princip huldige, meine hohen Clienten zu bitten, ſie ſtets auf dem Laufenden erhalten zu dürfen;“— ein vorſichtiger Mann, Mr. Tulkinghorn, da er nicht mehr Verantwortlichkeit ſich aufzubürden Luſt hat, als nöthig iſt;—„und da ich ferner aus den Blättern erſehe, daß Sie nach Paris gehen, ſo habe ich die Papiere mitgebracht.“ (Beiläufig geſagt, ging Sir Leiceſter gleichfalls nach Paris; wofür ſich aber die faſhionablen Berichte haupt⸗ ſächlich intereſſirten, das war ſeine Lady.) Mr. Tulkinghorn zieht ſofort ſeine Papiere aus der Taſche heraus, bittet um Erlaubniß, dieſelben auf einen goldenen Talisman von einem Tiſche, dicht am Elbogen von my Lady, legen zu dürfen. Dann ſetzt er ſeine Brille auf, und fängt an, beim Lichte einer mit einem Schirme verſehenen Lampe zu leſen. o A &Q d nicht ens⸗ ein der e in er eine chen vas, cheit hlich nzen daß hts⸗ als egen Wat men kurz, ohen ilten orn, Luſt den ich nach upt⸗ der inen ogen ſeine nem 23 „„Kanzleigerichtshof. Zwiſchen John Jarndyce“— My Lady unterbricht ihn mit der Bitte, von den formalen Abſcheulichkeiten ſo viel wegzulaſſen, wie nur irgend möglich. Mr. Tulkinghorn blickt über ſeine Brille hinaus, und fängt weiter unten an. My Lady entzieht ihre Aufmerkſamkeit, und ihr Aeußeres drückt Verachtung und Gleichgültigkeit aus. Sir Leiceſter ſitzt in einem Lehnſtuhle, blickt das Feuer an, und ſcheint an den legalen Wiederholungen und Weit⸗ ſchweifigkeiten, als zu den nationalen Schutzmauern der Freiheit gehörend, mächtig Gefallen zu finden. Der Zufall will es ſo, daß das Feuer da, wo my Lady ſitzt, ſehr heiß, und daß der Handſchirm mehr ſchön, als nützlich iſt, indem er zwar einen unſchätzbaren Werth hat, dabei aber ſehr klein iſt. My Lady ſetzt ſich weiter weg, ſieht die Papiere auf dem Tiſche,— blickt dieſelben ſchärfer an,— blickt dieſelben noch ſchärfer an,— und fragt dann raſch: „Wer hat das abgeſchrieben?“ Mr. Tulkinghorn hält plötzlich inne, erſtaunt über e Lebhaſtigkeit und den ungewöhnlichen Ton von my ady. „Iſt das eine Juriſtenhandſchrift, wie Lente Ihres⸗ gleichen ſich auszudrücken pflegen?“ fragt ſie, ihn wieder in ihrer nachläßigen Weiſe feſt aublickend, und mit ihrem Handſchirme ſpielend. „Nicht ganz. Wahrſcheinlich,“— Mr. Tulkinghorn unterſucht die Handſchrift, während er ſpricht,—„der juriſtiſche Charakter, den die Handſchrift hat, wurde erſt erworben, nachdem die urſprüngliche Hand ſchon gebildet war. Aber warum fragen Sie?“ „Ah, um in dieſe abſcheuliche Monotonie einige Ab⸗ wechslung zu bringen. Oh, fahren Sie fort,— fahren Sie doch fort!“ Und Mr. Tulkinghorn fängt wieder an, zu leſen. 24 Die Hitze iſt größer,— my Lady verbirgt ihr Ge⸗ ſicht hinter ihrem Schirme. Sir Leiceſter ſchlummert, fährt plötzlich auf, und ruft: 3 8 „He! Was ſagen Sie 2 „Ich ſage, ich befürchte, Lady Dedlock iſt unwohl,“ ſagt Mr. Tulkinghorn, der in großer Haſt aufgeſtanden iſt. „Ohnmacht,“ murmelt my Lady mit todblaſſen Lip⸗ pen,—„ſonſt Nichts; allein es iſt wie die Ohnmacht des Todes. Man ſpreche nicht mit mir! Man läute, und bringe mich auf mein Zimmer!“ Mr. Tulkinghorn zieht ſich in ein anderes Zimmer zurück; ſcharfes Geklingel, Schlürfen mit den Füßen, Getrappel, und dann Stille. Endlich kommt Merkur und erſucht Mr. Tulkinghorn, wieder zu erſcheinen.* „Es iſt beſſer, wenn Sie mir die Aktenſtücke jetzt vorleſen,“ ſpricht Sir Leiceſter, dem Advokaten einen Wink gebend, um ihn zum Sitzen und Leſen zu bewegen. „Ich bin in der That ganz unruhig geweſen. Es iſt mir nicht erinnerlich, daß my Lady je eine Ohnmacht gehabt. Allein das ſchlechte Wetter, das wir haben, greift die Nerven außerordentlich an,— und ſie hat ſich auf unſerem Landſitze in Lincolnſhire wahrhaſt zu Tode gelangweilt.“ —— Drittes Kapitel. Ein Schritt vorwärts. Es fällt mir nicht wenig ſchwer, meinen Theil an dieſen Blättern zu ſchreiben, denn ich weiß, daß ich Nichts weniger, als geſchickt bin. Ich wußte das immer. Ich kann mich erinnern, daß ich, als ich ein noch ganz klei⸗ nes Mädchen war, zu meiner Puppe, wenn wir allein beiſammen waren, zu ſagen pflegte:„Nun, Püppchen, ich bin nicht geſchickt, Du weißt es recht wohl, und darum mußt Du, als ein liebes Ding, das Du biſt, Geduld mit mir haben!“ Und ſo pflegte ſie denn in. einem großen Lehnſtuhl geſtützt zu ſitzen, und mich mit ihrem ſchönen Geſichte und ihren roſigen Lippen anzuſchauen,— oder nicht ſowohl mich, als Nichts, glaube ich,— während ich geſchäftig drauf losnähte, und ihr alle meine Geheimniſſe erzählte. Meine liebe alte Puppe! Ich war ein ſo ſchüchter⸗ nes kleines Ding, daß ich nur ſelten meine Lippen zu öffnen und mein Herz ſonſt Niemand aufzuſchließen wagte. Ich muß faſt weinen, ſo oft ich daran denke, wie ſehr ich mich erleichtert fühlte, wenn ich aus der Schule kam, und in mein Zimmer hinauflaufen und ſagen konnte: „O Du liebes treues Püppchen, ich wußte wohl, daß Du auf mich warten würdeſt!“ Dann pflegte ich mich auf den Boden hinzuſetzen, mich auf die Lehne ihres großen Armſtuhles zu ſtützen, und ihr Alles zu erzählen, was mir vorgekommen war, ſeitdem wir einander nicht mehr geſehen. Es war ſtets ſo meine Weiſe, auf Alles Acht zu geben,— nicht daß ich raſch aufgefaßt hätte, o nein!— was vor meinen Augen vorging, merkte ich 26 mir ganz im Stillen, und dachte immer dabei, daß ich es gerne noch beſſer verſtehen würde. Ich habe keineswegs einen Kopf, der ſchuell faßt. Nur wenn ich eine Perſon recht zärtlich liebe, ſcheint mir ein beſonders helles Licht aufzugehen. Aber auch das mag eine Eitelkeit von mir ein. 3 So weit ich mich noch erinnern kann, wurde ich, gleich einer jener Prinzeſſinnen in den Mährchenbüchern, von meiner Taufpathin auferzogen: der Unterſchied iſt allein der, daß ich nicht bezaubernd war. Wollte man an dem, was ich hier ſage, zweifeln, ſo würde ich ant⸗ worten, daß ich ſie wenigſtens als meine Taufpathin kannte. Sie war ein gutes, gutes Weib! Jeden Sonn⸗ tag ging ſie drei Mal in die Kirche; Mittwochs und Frei⸗ tags wohnte ſie dem Norgengottesdienſte an, und in Bet⸗ ſtunden fehlte ſie gewiß nie, ſo oft ſolche auch abgehalten werden mochten. Sie war ein ſchönes Weib, und hätte ſie nur auch lächeln können, ſo würde ſie,— ſo pflegte ich zu denken,— einem Engel geglichen haben; aber leider lächelte ſie nie. Sie war ſtets ernſt und ſtreng. Sie ſelbſt war ſo außerordentlich brav und fromm, wie ich glaubte, daß die Schlechtigkeit anderer Leute ſie ihr gan⸗ zes Leben lang nicht dazu kommen ließ, eine heitere Miene anzunehmen. Was mich betrifft, ſo fühlte ich einen ſolchen Unter⸗ ſchied zwiſchen ihr und mir, ſelbſt wenn ich in Betracht zog, daß ſie ein Weib und ich ein Kind ſei; ich fühlte mich ſo arm, ſo unbedeutend und ſo fremd, daß ich in ihrer Gegenwart mich nie gehen laſſen konnte;— ja, ich kounte ſie nicht einmal ſo lieben, wie ich ſie zu lieben wünſchte. Es machte mich recht traurig, wenn ich ſo bedachte, wie gut ſie und wie unwürdig ich ihrer ſei; und ich pflegte eifrigſt zu hoffen, daß ich endlich ein beſ⸗ ſeres Herz bekommen würde; und ich pflegte das oft mit der lieben alten Puppe durchzuſprechen; aber nie liebte ich meine Tanfpathin, wie ich ſie hätte lieben ſollen, und ..GGe. 27 wie ich fühlte, daß ich ſie hätte lieben müſſen, wenn ich ein beſſeres Mädchen geweſen wäre. Dieß machte mich, ich kann es wohl ſagen, noch ſchüchterner und zurückhaltender, als ich von Natur war, und ließ mich in meiner Puppe die einzige Freundin erblicken, bei der ich mein Herz ausſchütten könnte. Allein es trug ſich, als ich noch ein ganz kleines Ding war, Etwas zu, was zu dieſem Stande der Dinge gar viel beitrug. Ich hatte noch nie von meiner Mutter ſprechen hö⸗ ren. Zwar hatte ich auch von meinem Vater nie ſpre⸗ chen hören, allein ich intereſſirte mich mehr für meine Mutter. So viel ich mich zu erinnern vermochte, hatte ich nie ein ſchwarzes Kleid getragen; noch nie hatte man mir das Grab meiner Mutter gezeigt. Noch nie war mir geſagt worden, wo es ſich befände. Auch hatte man mich nie gelehrt, für eine andere Verwandtin oder für einen andern Verwandten zu beten, als für meine Tauf⸗ pathin Mehr denn einmal hatte ich dieſen Gegenſtand meines Nachdenkens Mrs. Rachael, unſerer einzigen Dienſt⸗ magd, mitgetheilt. Allein ſie nahm das Licht immer fort, wenn ich im Bette lag(ein anderes recht gutes Weib, das aber gegen mich ſehr ſtreng war), ſagte bloß die Sbhtt„Eſther, gute Nacht!“— ging weg und verließ mich. Obgleich in der benachbarten Schule, die ich beſuchte, noch ſieben andere Mädchen waren, und obgleich dieſe mich die kleine Eſther Summerſon nannten, ſo war ich doch noch im Hanſe von keiner geweſen. Alle dieſe Mädchen waren zwar ſchon älter, als ich(ich war bei Weitem die jüngſte); aber dennoch ſchien noch eine andere Scheidewand zwiſchen uns zu ſein, wenn ich auch noch diejenige abrechne, daß ſie bei Weitem geſchickter waren, und weit mehr wußten, als ich. Eine von dieſen Schülerinnen lud mich in der erſten Woche meines Schulbeſuchs—(ich kann mich deſſen noch 28 recht wohl erinnern)— zu meiner großen Freude zu ſich in ihr Haus ein, wo ſie eine kleine Geſellſchaft um ſich verſammeln wollte. Allein meine Taufpathin ſchrieb einen ſteifen Abſagebrief für mich, und ſo kam ich nie hin. Ueberhaupt kam ich nie in ein fremdes Haus. Es war mein Geburtstag. An andern Geburts⸗ tagen bekamen wir in der Schule ſtets Vakanz;— um den meinigen aber kümmerte ſich Niemand. An andern Geburtstagen gab es daheim Luſtbarkeiten, wie ich die Mädchen einander erzählen hörte;— an meinem gab es keine. Mein Geburtstag war der traurigſte Tag im ganzen Jahre, den ich zu Hauſe zubrachte. Ich habe erwähnt, daß, wenn meine Eitelkeit mich nicht trüge,(was, ſo viel ich weiß, wohl ſein kann, denn vielleicht bin ich ſehr eitel, ohne es zu vermuthen,— obgleich ich es wirklich nicht vermuthe), meine Faſſungs⸗ kraft eine geſchwindere ſei, ſo oft meine Liebe zu irgend einem Gegenſtande ſich deutlicher ausſpreche. Ich bin von Natur liebevoll geſtimmt; und vielleicht wuͤrde ich eine ſolche Wunde, wenn man eine ſolche Wunde mehr denn ein Mal bekommen könnte, immer noch mit der Lebhaftigkeit jenes Geburtstages empfinden. Das Mittageſſen war vorüber, und ich ſaß mit meiner Taufpathin an dem Tiſche vor dem Feuer. Die Uhr tickte, das Feuer praſſelte; man hatte in dem Zimmer, oder in dem Hauſe, ich weiß nicht, ſeit wie lange ſchon, kein anderes Geräuſch gehört. Zufällig ſchaute ich von meiner Näharbeit auf, und blickte, über den Tiſch hin, meine Taufpathin an. Und wie ich ihr ſo in's Geſicht ſah, blickte ſie mich finſter an. „Es wäre beſſer geweſen, kleine Eſther,“ ſagte ihr Geſicht,„wenn Du nie einen Geburtstag gehabt hätteſt; — wenn Du nie geboren wäreſt!“ Ich hob an, zu weinen und zu ſchluchzen, und ſagte: „Oh, liebe Taufpathin, ſagen Sie mir doch, ich . ———— 29 bitte Sie darum, ſagen Sie mir doch, ob Mama an meinem Geburtstage geſtorben iſt.“ „Nein,“ entgegnete ſie.„Frag' mich nicht weiter, Kind!“ „Oh, ſagen Sie mir doch Etwas von ihr, ich bitte Sie inſtändigſt darum. Sagen Sie mir doch endlich Etwas, liebe Tanfpathin! Was habe ich ihr denn gethan? Wie habe ich ſie verloren? Warum bin ich von andern Kindern ſo verſchieden,— und warum iſt es meine Schuld, liebe Taufpathin? Nein, nein, nein,— ach nein, gehen Sie doch nicht weg! Oh, ſprechen Sie doch mit mir!“ Es hatte ſich meiner ein Schrecken bemächtigt, der noch weit größer war, als mein Schmerz; und ich hatte ihr Kleid erfaßt, und lag vor ihr auf den Knien. Während dieſer ganzen Zeit hatte ſie immer geſagt: „Laß mich gehen!“ Jetzt aber blieb ſie ſtehen. Ihr finſteres Geſicht übte eine ſolche Gewalt über mich, daß es meiner Heftigkeit plötzlich Einhalt that. Ich ſtreckte mein zitterndes Händchen in die Höhe, um ihre Hand zu erfaſſen, und ſie inſtändigſt um Verzeihung zu bitten. Allein ich zog, als ſie mich anblickte, meine Fd zurück, und legte dieſelbe auf mein heftig ſchlagen⸗ es Herz. Sie hob mich auf, ſetzte ſich in ihren Stuhl, ſtellte mich vor ſich hin, und ſagte langſam, mit kalter Stimme und leiſe,— noch ſehe ich ihre gerunzelte Stirn und ihren auf mich gerichteten Finger: „Deine Mutter, Eſther, iſt Deine Schande, und Du warſt die ihrige. Es wird einmal die Zeit kommen, und zwar bald genug,— wo Du dieß beſſer verſtehen wirſt; auch wirſt Du es dann fühlen, wie Niemand, es ſei denn ein Weib, es fühlen kann. Ich habe ihr ver⸗ geben;“— allein ihr Geſicht blieb immer gleich ſtrenge; —„ich habe ihr das Unrecht vergeben, das ſie mir zu⸗ gefügt, und ich ſchweige davon, obgleich daſſelbe grözer e war, als Du je erfahren wirſt,— als je ein Menſch erfahren wird,— das weiß nur ich, die ich darunter gelitten habe. „Was Dich betrifft, unglückliches Mädchen, das Du von dem erſten dieſer unheilvollen Jahrestage an eine Waiſe und entehrt wareſt, ſo bete täglich zu Gott, daß er nicht die Sünden Anderer an Dir heimſuchen möge, wie geſchrieben ſteht. Vergiß Deine Mutter, und laß alle andern Menſchen, die ihrem unglücklichen Kinde dieſe größte Freundſchaſt erweiſen wollen, ſie vergeſſen. Und nun gehe!“ Indeſſen hielt ſie mich, als ich im Begriffe war, ſie zu verlaſſen, plötzlich zurück,— ſo kalt war ich; und ſetzte folgende Worte hinzu: „Unterwürfigkeit, Selbſtverläugnung, fleißige Arbeit, — das ſind die Vorbereitungen auf ein Leben, dem ein ſolcher angeborner Flecken anklebt. Du biſt von andern Kindern verſchieden, Eſther, da Du nicht, wie ſie, in gemeiner Sünde und in gemeinem Zorne geboren worden biſt. Du gehörſt einer ganz eigenen Klaſſe an.“ Ich ging in mein Zimmer hinauf, kroch in mein Bett, und legte die Wange meiner Puppe an die meinige, die von Thränen überſtrömte. Dieſe einſame Freundin drückte ich an meinen Buſen, und weinte mich in den Schlaf. So unvollkommen ich auch die Urſachen meines Schmerzens kannte, ſo wußte ich doch ſo viel, daß ich noch Niemand Freude gemacht, und daß ich für Niemand auf Erden das ſei, was meine Puppe für mich war. Ach, wenn ich daran denke, wie viele Stunden wir ſpäter allein bei einander zubrachten, und wie oft ich der Puppe die Geſchichte meines Geburtstages erzählte, und wie ich ihr anvertraute, daß ich mich aus allen Kräften bemühen würde, den Fehler wieder gut zu machen, wo⸗ mit ich geboren worden,(wegen deſſen ich mich in dunkler Weiſe ſchuldig und doch wieder unſchuldig fühlte), 31 und daß ich es mir, bei meinem Heranwachſen, wollte angelegen ſein laſſen, fleißig, zufrieden, und freundlich zu ſein, und irgend Jemand etwas Gutes zu thun, und wo möglich, die Liebe eines Menſchen zu gewinnen. Hoffentlich iſt es keine Nachſicht gegen anich ſelbſt, wenn ich dieſe Thränen vergieße, während ich an die Geſchichte denke. Ich bin ſehr dankbar,— ich bin ſehr fröhlich, allein dennoch kann ich nicht verhindern, daß ſie mir in die Augen kommen. Da! Jetzt habe ich ſie abgewiſcht, und kann wieder in paſſender Weiſe fortfahren. Um ſo mehr fühlte ich nach dem Geburtstage die Entfernung zwiſchen mir und meiner Taufpathin; ſo ſehr war ich von dem Gefühle durchdrungen, daß ich in ihrem Hauſe einen Platz einnehme, der hätte leer ſein ſollen, daß es mir ſchwerer wurde, als je, mich ihr zu nähern, obgleich ich ihr in meinem Herzen den heißeſten Dank zollte. Ebenſo fühlte ich meinen Schulgenoſſinnen gegen⸗ über; ebenſo fühlte ich Mrs. Rachael gegenüber, die eine Wittwe war,— und oh, ihrer Tochter gegenüber, auf die ſie ſtolz war, und die alle vierzehn Tage ein Mal ſie beſuchte! Ich lebte ganz für mich, war ruhig, und be⸗ mühte mich, ſehr fleißig zu ſein. An einem ſonnigen Nachmittage, als ich mit meinen Büchern und meiner Mappe nach Hauſe gekommen war, meinen langen Schatten an meiner Seite beobachtete, und, wie gewöhnlich, die Treppe hinaufſchlich, um mich auf mein Zimmer zu begeben, ſah meine Taufpathin aus der Parlourthüre heraus, und rief mich zurück. Bei ihr ſaß,— etwas höchſt Seltenes,— ein Fremder,— ein ſtattlicher, wichtig ausſehender Herr, ganz ſchwarz geklei⸗ det, mit weißer Cravate, großen goldenen Cachets, einem doppelten goldenen Augenglaſe, und einem großen Siegel⸗ ringe am kleinen Finger. 32 „Dieß iſt,“ ſagte meine Taufpathin mit gedämpfter Stimme,—„das Kind.“ Dann ſetzte ſie in ihrer natürlichen, ſtrengen Weiſe hinzu: 5„Dießriſt Eſther, mein Herr!“ Der Herr machte von ſeinem Augenglaſe Gebrauch, blickte mich an, und ſprach:„Komm zu mir her, meine Liebe!“. Er ſchüttelte mir die Hand, und ſagte mir, ich ſolle den Hut abnehmen— und während dieſer ganzen Zeit ſchaute er mich an. Nachdem ich gethan, wie man mich geheißen, ſagte er:„Ah!“— und darauf:„Ja!“ Dann nahm er ſein Augenglas weg, legte es in ein rothes Futteral, lehnte ſich in ſeinen Armſeſſel zurück, ſchob das Futteral in ſeinen beiden Händen hin und her, und nickte meiner Tauſpathin zu. Darauf ſagte meine Taufpathin: „Du kannſt jetzt in Dein Zimmer hinaufgehen, Eſther!“ Worauf ich einen Knix machte und ihn verließ. Es muß zwei Jahre ſpäter geweſen ſein, und ich war beinahe vierzehn, als, in einer ſchrecklichen Nacht, ich mit meiner Taufpathin am Kamine ſaß. Ich las laut, und ſie hörte zu. Ich war, wie gewöhnlich, um neun Uhr herabgekommen, um ihr aus der Bibel vorzuleſen; und ich las ihr aus dem Evangelium St. Johannis vor, wie unſer Herr und Heiland ſich bückte, und mit ſeinem Finger in den Staub ſchrieb, als man die Sünderin zu ihm brachte. „„Als ſie nun anhielten, ihn zu fragen, richtete er ſich auf und ſprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde iſt, der werfe den erſten Stein auf ſie!“ Hier mußte ich inne halten, da meine Taufpathin aufſtand, mit der Hand nach dem Kopfe fuhr, und mit 38 furchtbarer Stimme, aus einem ganz andern Theile des Buches, ausrief: „„Darum wachet und betet, daß er nicht komme und Euch ſchlafend finde. Und was ich Euch ſage, ſage ich Allen, Wachet!“ 4 Und während ſie ſo vor mir ſtand, und dieſe Worte wiederholte, fiel ſie auf den Boden nieder. Ich brauchte nicht erſt zu rufen; ihre Stimme war durch das ganze Haus gedrungen und auf der Straße gehört worden. Sie wurde auf ihr Bett gelegt. Länger denn eine Woche lag ſie dort, äußerlich wenig verändert,— mit dem alten ſchönen, entſchloſſenen, düſteren Blicke, den ich ſo wohl kannte, im Geſichte. Gar oft küßte ich ſie, bei Tag und bei Nacht, wobei ich den Kopf auf ihr Kiſſen legte, damit ſie mein Geflüſter deſto leichter hören möchte; ich dankte ihr, betete für ſie, bat ſie um ihren Segen und um Verzeihung und flehte ſie an, daß ſie mir doch durch das geringſte Zeichen zu erkennen geben möchte, daß ſie mich hörte oder kennete. Aber nein, nein, nein. Ihr Geſicht war unbeweglich. Ihr ſaurer, düſterer Blick blieb ſich bis an's Ende, und ſogar noch im Tode gleich. An dem Tage nach dem Begräbniß meiner armen guten Taufpathin erſchien der ſchwarz gekleidete Herr, mit dem weißen Halstuche, wieder. Mrs. Rachael kam zu mir, und holte mich, und ich fand ihn an dem alten Platze, wie wenn er nie fortgegangen wäre. „Ich heiße Kenge,“ ſagte er;„vielleicht können Sie ſich noch meiner erinnern, mein Kind; Kenge und Car⸗ boy, Lincoln's Inn.“ Ich erwiederte, daß ich mich erinnerte, ihn ſchon ein Mal geſehen zu haben. „Setzen Sie ſich doch,— hieher, in meine Nähe. Betrüben Sie ſich nicht zu ſehr; es nützt ja doch Nichts. Mrs. Rachael, ich brauche Ihnen, die Sie mit den Ver⸗ mögensumſtänden der ſeligen Miß Barbary vertraut wa⸗ Bleak Honſe. J. 3 3 ken, nicht erſt zu ſagen, daß ihre Mittel mit ihr ſterben; und daß dieſe junge Dame jetzt, wo ihre Tante todt iſt—“ „Meine Tante, Sir!“ „Es nützt wahrlich Nichts, eine Täuſchung fortzu⸗ ſetzen, wenn damit kein Endzweck erreicht werden kann,“ ſprach Mr. Kenge ſanft.„Tante in der That, obgleich nicht in den Augen des Geſetzes. Betrüben Sie ſich nicht! Weinen Sie nicht! Zittern Sie nicht! Mrs. Rachael, unſere junge Freundin, hat ohne Zweifel ſchon von— dem— einem— Jarudyce und Jarndyce gehört.“ „Nie,“ ſagte Mrs. Rachael. „Iſt es möglich,“ fuhr Mr. Kenge, eine Brille her⸗ ausziehend und dieſelbe aufſetzend, fort—„iſt es möglich, daß unſere junge Freundin,— ich bitte Sie, betrüben Sie ſich nicht!— nie von Jarndyce und Jarndyce Et⸗ was gehört hat!“ Ich ſchüttelte den Kopf und fragte mich, was denn das ſein möchte. „Wie, Sie haben nicht von Jarndyce und Jarndyce gehört?“ ſagte Mr. Kenge, mich über die Brille weg anblickend, und das Brillenfutteral ſanft hin⸗ und her⸗ ſchiebend, wie wenn er Etwas liebkoſete.„Wie, Sie haben uoch nicht von einem der größten Proceſſe gehört, der je vor dem Kanzleigerichtshofe geführt worden? Wie, Sie haben nicht von Jarndyce und Jarndyce gehört,— dem— einem— an nnd für ſich einem unvergänglichen Monnmente juridiſcher Geſchicklichkeit? Ich möchte ſagen, daß in dieſem Proceſſe jede Schwierigkeit, jede Mög⸗ ichkeit, jede meiſterhafte Fiction, jede Form der Procedur, die man im Kanzleigerichte keunt, hundertfältig repräſentirt ſind. Es iſt ein Proceß, wie er ſonſt nirgends anders als in dieſem freien und großen Lande exiſtiren kann. Ich möchte behaupten, daß die ganze Summe der Koſten im Proceſſe Jarndyce und Jarndyce, Mrs. Rachael,— ich befürchtete, daß er ſich an ſie wenden möchte, weil 3⁵ ich unachtſam ſchien,—„ſich dermalen auf ſech— zig bis ſieb— zig tauſend Pfund beläuft!“ ſagte Mr. Kenge, ſich in ſeinen Armſeſſel zurücklehnend. Ich fühlte meine äußerſte Unwiſſenheit gar wohl, aber was konnte ich machen? Ich war mit dem Gegen⸗ ſtande ſo ganz und gar unvertraut, daß ich ſelbſt dann noch Nichts davon verſtand. „Und ſie hat wirklich noch Nichts von dem Proceſſe gehört!“ ſprach Mr. Kenge.„Erſtaunlich!“ „Miß Barbary, Sir,“ entgegnete Mrs. Rachael, „die jetzt bei den Seraphim iſt—“ („Ich boffe es gewiß,“ ſagte Mr. Kenge höflich.) „— Wollte Eſther nur ſo viel wiſſen laſſen, als ihr nützlich wäre. Und da man ihr Nichts geſagt hat, ſo weiß ſie nichts Weiteres.“ „Gut, gut!“ ſagte Mr. Kenge.„Im Ganzen ge⸗ nommen recht paſſend. Und jetzt zur Sache,“ ſetzte er, zu mir gewandt, hinzu.„Da Miß Barbary, Ihre einzige Verwandte(— und es iſt dem wirklich ſo, denn ich fühle mich verpflichtet, zu bemerken, daß Sie in den Augen des Geſetzes keine Verwandten hatten—) nun todt iſt, und da man natürlich nicht erwarten darf, daß Mrs. Rachael—“ „O lieber Gott, nein!“ ſprach Mrs. Rachael raſch. „Ganz richtig,“ ſtimmte Mr. Kenge bei;—„ich ſage alſo, daß, da Miß Barbary nun todt iſt, und man nicht erwarten darf, daß Mrs. Rachael ſich mit Ihrem Unterhalte befaſſen werde(ich bitte Sie, betrüben Sie ſich nicht), ſo ſind Sie in der Lage, die Erneuerung eines Anerbietens zu empfangen, das ich vor etwa zwei Jahren den Auftrag hatte, Miß Barbary zu machen, und wovon man, obgleich es damals zurückgewieſen wurde, annahm, daß es unter den beklagenswerthen Umſtänden, die ſich ſeitdem zugetragen, würde erneuert werden können. Wenn ich nun geſtehe, daß ich in Jarndyce und Jarn⸗ dyce, und ſon noch, einen höchſt humanen, aber zu gleicher Zeit ſeltſamen Mann repräſentire, werde ich hoffentlich die einem Manne von meinem Stande ziemende Vorſicht nicht überſchreiten,“ ſprach Mr. Kenge, ſich in ſeinem Stuhle wieder zurücklehnend, und uns Beide ruhig. anblickend. Er ſchien an dem Tone ſeiner Stimme ein überaus großes Wohlgefallen zu finden. Und was mich betrifft, ſo konnte ich mich darüber gar nicht wundern, denn es war derſelbe weich und voll, und verlieh jedem Worte das er ſprach, große Wichtigkeit. Mit offenbarer Be⸗ friedigung hörte er ſich ſelbſt zu; bisweilen ſchlug er mit dem Kopfe den Takt zu ſeiner Muſik oder aber rundete er mit der Hand eine Phraſe ab. Auf mich machte Alles das einen gewaltigen Eindruck — ſelbſt damals, ehe ich noch wußte, daß er ſich nach dem Vorbilde eines großen Lords gebildet, der ſein Client war, und daß er gewöhnlich nur der Converſations⸗Kenge genannt wurde. „Mr. Jarndyce,“ fuhr er fort,„kennt die— ich möchte ſagen, überaus vereinſamte— Stellung unſerer jungen Freundin, und erbietet ſich, ſie in einer Erzie⸗ hungsanſtalt erſten Ranges unterzubringen, wo ihre Erziehung ſoll vollendet werden,— wo es ihr an Nichts gebrechen ſoll,— wo man allen ihren vernünſtigen Wünſchen ſchon im Voraus entſprechen wird,— wo ſie durch alle möglichen Mittel in den Stand geſetzt werden ſoll, ihre Pflicht in dem Lebensberufe zu erfüllen, den es— ſoll ich ſagen, der Vorſehung— gefallen hat, ihr anzuweiſen.“ . Mein Herz war ſo voll, daß ich nicht ſprechen konnte, obgleich ich es verſuchte. Sowohl das, was er ſagte, als die rührende Weiſe, in der er es ſagte, hatte dieſe Wirkung auf mich hervorgebracht.. „Mr. Jarndyce,“ fuhr er fort,„ſtellt dabei keine Bedingung; nur drückt er die Erwartung aus, daß unſere junge Freundin die fragliche Erziehungsanſtalt nie ohne ich nde in ihig aus ifft, es orte Be⸗ mit dete ruck rach ient nge ich erer zie⸗ ihre ichts igen Din rden den ihr iunte, ite, dieſe keine uſere ohne 37 ſein Wiſſen und ohne ſeinen Willen verlaſſen werde. Ferner erwartet er, daß ſie es ſich werde angelegen ſein laſſen, diejenigen Kenntniſſe und Fertigkeiten zu erlangen, von deren Geltendmachung einſt ihr Loos abhangen wird; — daß ſie auf dem Pfade der Tugend und der Ehre wandeln werde, und— und— ſ—o weiter.“ Jetzt konnte ich noch weniger ſprechen als zuvor. „Nun, was ſagt unſere junge Frenndin dazu?“ fuhr Mr. Kenge fort.„Nehmen Sie ſich Zeit,— nehmen Sie ſich Zeit! Ich warte auf ihre Antwort Aber nehmen Sie ſich Zeit!“ Ich brauche nicht erſt zu wiederholen, was der ver⸗ laſſene Gegenſtand eines ſolchen Anerbietens zu ſagen ſuchte. Was die angeredete Perſon ſagte, könnte ich leichter ſagen, wenn es der Mühe werth wäre, es zu ſagen. Was ſie empfand, und bis zu ihrer Sterbeſtunde empfinden wird, könnte ich nie erzählen. Die hier geſchilderte Zuſammenkunft fand zu Wind⸗ ſor Statt, wo ich(— ſo viel ich wußte—) mein ganzes Leben zugebracht hatte. Genau eine Woche darauf verließ ich den Ort im Innern eines Poſtwagens, mit allen Bedürfniſſen wohl verſehen. Meine Reiſe ging nach Reading. Mrs. Rachael war zu gut, um bei meinem Weg⸗ gehen ſich aufgeregt zu fühlen; allein ich war nicht ſo gut, und weinte bitterlich. Ich dachte, daß ich ſie nach ſo vielen Jahren hätte beſſer kennen, und daß ich mich hätte bei ihr ſo beliebt machen ſollen, daß ſie mein Weg⸗ gehen bedauert hätte. Als ſie mir einen kalten Abſchieds⸗ kuß auf die Stirne gab,— einen Kuß, ſo kalt, wie ein Thautropfen von der ſteinernen Vorhalle,— es war ein ſehr kalter Tag,— da fühlte ich mich ſo elend, und machte mir ſelbſt ſo viele und bittere Vorwürfe, daß ich mich an ſie anklammerte, und ihr ſagte, daß es meine Schuld wäre, indem ich wüßte, daß ſie nicht ſo leicht Lebewohl ſagen könnte! „Nein, Eſther!“ erwiederte ſie.„Es iſt Ihr Un⸗ ück!“ 4 Die Poſtkutſche ſtand an dem Pförtchen, das ſich vor dem freien Raſenplatze befand;— wir waren nicht eher hinausgegangen, als bis wir die Räder hörten:— und ſo verließ ich ſie mit betrübtem Herzen. Was ſie betrifft, ſo ging ſie wieder in's Haus hinein, ehe noch meine Koffer auf die Imperiale geladen waren, und ſchloß die Thüre zu. So lange ich das Hans ſehen konnte, blickte ich, durch meine Thränen hindurch, vom Kutſchenfenſter aus nach demſelben zurück. Meine Taufpathin hatte Mrs. Rachael das ganze kleine Vermögen vermacht, das ſie beſaß; und es ſollte eine Verſteigerung Statt finden; und eine alte, mit Roſen verzierte Kaminvorlage, die mir immer als der ſchönſte Gegenſtand von der Welt erſchienen war, hing in der Kälte und im Schnee zum Fenſter heraus. Ein Paar Tage vorher hatte ich die liebe alte Puppe in ihren Shawl eingewickelt, und ſie— ich ſchäme mich halb und halb, es zu ſagen,— ganz ruhig im Garten unter dem Baum begraben, der mein altes Fenſter be⸗ ſchattete. Es blieb mir kein Freund, als mein Vogel, und ihn nahm ich in ſeinem Käfig mit. 5 Als das Haus verſchwunden war, ſetzte ich mich, mit meinem Vogelkäfig im Stroh zu meinen Füßen, nach vorn, auf den niederen Sitz, um aus dem hohen Fenſter hinauszuſchauen; ich beobachtete die mit Eis bedeckten Bäume, die wie prächtige Stücke von Spath ausſahen, und das Feld, das, da es in der letzten Nacht geſchneit hatte, mit einem glatten weißen Mantel überzogen war; und die Sonne, die ſo roth war, aber ſo wenig Wärme — ſpendete; und das Eis, das ſo dunkel war, wie Metall, wo die Schlittſchuhläufer und die Schleifenden den Schnee entfernt hatten. Es befand ſich in der Poſtkutſche ein Herr, der aufß Un⸗ ſich nicht tein, ren, ich, aus anze ollte oſen inſte der ppe nich rten be⸗ gel, mit iach iſter kten hen, neit var; rme tall, mee auf 39 dem entgegengeſetzten Sitze ſaß, und in einer Menge von Binden und Röcken ſehr dick ausſah; allein er ſah zum Aadeei Fenſter hinaus, und nahm von mir gar keine Notiz. 1 Ich dachte an meine ſelige Taufpathin; an die Nacht, wo ich ihr aus der Bibel vorgeleſen; an ihren ſtarren und ſtrengen Blick, als ſie auf ihrem Bette lag; an den ſeltſamen Ort, wohin ich ging; an die Leute, die ich dort treffen würde, und machte mir Gedanken darüber, wie ſie wohl ausſehen, und was ſie wohl zu mir ſagen würden;— als eine Stimme in der Kutſche mich ent⸗ ſetzlich zuſammenfahren machte. Sie ſprach: „Was, zum Teu-fel, weinen Sie denn?“ Ich erſchrak darüber ſo ſehr, daß mir die Stimme verſagte, und ich bloß flüſtern konnte:„Ich, mein Herr?“ Denn ich wußte natürlich, daß es Niemand anders geweſen ſein könne, als der Herr mit den vielen Binden und Röcken, obgleich derſelbe immer noch zu ſeinem Fenſter hinausſah. „Ja, Sie,“ ſprach er, ſich umwendend. „Ich wußte nicht, daß ich weinte, mein Herr,“ ſtotterte ich. „Aber ich ſage Ihnen, Sie weinen!“ ſprach der Herr.„Da, ſehen Sie her!“ Sofort kam er von der andern Ecke der Kutſche zu mir her, bis er ſich mir gerade gegenüber befand, fuhr mit einem ſeiner großen Pelzaufſchläge über meine Augen hin(ohne mir aber wehe zu thun), und zeigte mir, daß derſelbe feucht war. „Da! Nun wiſſen Sie, daß Sie weinen,“ ſagte er. „Wiſſen Sie es jetzt noch nicht?“ „Doch, doch, nun weiß ich es, mein Herr,“ ſagte ich. Und warum weinen Sie denn?“ fuhr der Herr fort.„Wollen Sie denn nicht dahin gehen?“ „Wohin, mein Herr?“ 40 „Wohin? Ei, zum Kuckuck, wohin Sie immer gehen mögen,“ ſagte der Herr. „Ich gehe recht gerne hin, mein Herr,“ antwor⸗ tete ich. „Wohlan! So ſuchen Sie auch heiter auszuſehen!“ erwiederte der Herr. Es däuchte mir, er ſei ein ſehr ſeltſamer Menſch; oder es war wenigſtens das, was ich von ihm ſehen konnte, ſehr ſeltſam, denn er war bis zum Kinn einge⸗ mummt, und ſein Geſicht in einer Pelzkappe beinahe begraben; über ſeinen Kopf gingen, auf beiden Seiten, breite Pelzſtreifen herab, die nuter dem Kinne befeſtigt waren; aber ich war wieder gefaßt, und fürchtete ihn nicht. Ich ſagte ihm daher, daß ich geglaubt hätte, weinen zu müſſen, weil mir meine Taufpathin geſtorben wäre, und weil Mrs. Rachael über mein Weggehen gar keine Betrübniß an den Tag gelegt hätte. „Zum Hen— ker mit Mrs. Rachael! ſprach der Herr.„Möge ſie in einem Sturme auf einem Beſenſtiele davonfliegen!“ Nun fing ich an, den Mann wirklich zu fürchten, und blickte ihn mit dem größten Erſtaunen an. Aber ich glaubte dabei dennoch, daß er angenehme Augen habe, gbgleich er beſtändig fortfuhr, in zorniger Weiſe vor ſich hinzumurmeln, und Mrs. Rachael allerlei liebliche Epitheta zu geben. Nach einer kleinen Weile machte er ſeinen äußerſten Rock auf, der mir groß genug ſchien, um die ganze Poſtkutſche zu verdecken. Zu gleicher Zeit ſteckte er ſeinen Arm in eine tiefe Seitentaſche. „Nun, ſchauen Sie hieher!“ ſprach er.„In dieſem Papiere,“— das Papier war nett zuſammengelegt,— iſt ein Stück vom beſten Roſinenkuchen, der für Geld zu haben iſt,— es liegt zolltief Zucker darauf, wie Fett —— 41 auf Hammelskoteletten. Da iſt eine kleine Paſtete(ein wahres Juwel von einer Paſtete, ſowohl was die Größe, als was die Qualität betrifft): es iſt dieſelbe in Frank⸗ reich gemacht worden. Und woraus glauben Sie, daß ſie gemacht worden ſei? Aus den Lebern fetter Gänſe. Das iſt einmal eine Paſtete! Und nun machen Sie, daß Sie beides eſſen!“ „Ich danke Ihnen, mein Herr,“ erwiederte ich; „ich danke Ihnen wirklich von ganzem Herzen, allein hoffentlich werden Sie ſich nicht dadurch beleidigt finden, wenn ich Ihnen ſage, daß ſowohl der Kuchen, als die Paſtete für mich zu fett und würzig iſt.“ „Wieder verſpielt!“ ſprach der Herr,— was ich durchaus nicht zu verſtehen vermochte. Sofort warf er den Roſinenkuchen und die Paſtete zum Feuſter hinaus. Er ſprach nun nicht weiter mit mir. Erſt als er in kurzer Entfernung von Reading ausſtieg, ermahnte er mich, ein braves Mädchen und fleißig zu ſein. Darauf ſchüttelte er mir die Hand. Ich muß ſagen, daß ich mich durch ſein Weggehen erleichtert fühlte. Er verließ uns bei einem Wegzeiger. Später ging ich oft auf meinen Spaziergängen an dieſem Meilenſteine vorüber, und ich konnte es lange Zeit nicht über mich gewinnen, nicht an ihn zu denken; halb und halb machte ich mir auch Hoffnung, ihm zu begegnen Allein es geſchah dieß nie, und ſo vergaß ich ihn im Laufe der Zeit. — Als die Poſtkutſche anhielt, blickte eine recht nette Dame zum Kutſchenfenſter empor, und ſagte: „Miß Donny.“ „Nein, Madam, Eſther Summerſon.“ „Ganz richtig,“ ſagte die Dame,—„Miß Donny.“ Ich begriff jetzt, daß ſie ſich mir unter dieſem Na⸗ men vorſtellte, und bat Miß Donny wegen des Mißver⸗ ſtändniſſes um Verzeihung. Zu gleicher Zeit bezeichnete ich ihr, auf ihre Bitte, meine Koffer. Dieſe wurden ſodann, unter der Leitung eines ſehr netten Dienſtmädchens, auf einen ſehr kleinen grünen Wa⸗ gen gebracht, worauf Miß Donny, das Dienſtmädchen, und ich einſtiegen und davon fuhren. „Es iſt alles parat für Sie, Eſther,“ ſagte Miß Donny;„auch iſt bei der Entwerfung Ihres künftigen Lebensplanes den Wünſchen Ihres Vormunds, Mr. Jarn⸗ dyce, möglichſt Rechnung getragen worden.“ „Meines— haben Sie geſagt, Ma'am?“ „Ja, Ihres Vormunds, Mr. Jarndyce,“ erwiederte Miß Donny. Ich war ſo verblüfft, daß Miß Donny glaubte, die Kälte ſei für mich zu ſtark geweſen: ſie lieh mir ihr Riechfläſchchen. 4 „Kennen Sie denn meinen Vormund, Mr. Jarndyce, Ma'am?“ fragte ich, nach ziemlich langem Zögern. „Nicht perſönlich, Eſther,“ ſagte Miß Donny;„ſon⸗ dern bloß durch ſeine Sachwalter, die Herren Kenge und Carboy, in London. Ein vortrefflicher Mann, der Herr Kenge. Wirklich recht beredt. Einige ſeiner Pe⸗ rioden ſind wahrhaft majeſtätiſch. Ich fühlte, daß das durchaus wahr war, war aber zu verwirrt, um darauf zu achten. Unſere baldige Ankunft an unſerem Beſtimmungs⸗ orte, noch ehe ich Zeit gehabt hatte, mich wieder zu faſ⸗ ſen, vermehrte noch meine Verwirrung; und nie werde ich vergeſſen, wie ungewiß und unwirklich mir an jenem Nachmittage zu Greenleaf(Miß Donny's Haus) Alles erſchien? 4 * Allein bald gewöhnte ich mich daran. Es ſtand nicht lange an, ſo hatte ich mich in die Routine von Greenleaf ſo hineingelebt, daß es mir vorkam, als habe ißver⸗ Bitte, 3 ſehr Wa⸗ dchen, Miß ftigen Jarn⸗ derte „ die r ihr 4³ ich dort ſchon einen großen Theil meines Lebeus zuge⸗ bracht; und faſt als habe ich mein altes Leben bei mei⸗ ner Taufpathin mehr durchgeträumt, als wirklich durch⸗ gelebt. Nichts konnte beſtimmter, genauer und geordneter ſein, als Greenleaf. Jede Stunde hatte ihre Pflicht, und Alles wurde in dem dazu beſtimmten Augenblicke gethan. Es waren unſer zwölf Koſtgängerinnen, und die beiden Miß Donny's waren Zwillinge. Es wurde mir geſagt, daß ich, nach Verfluß von einigen Jahren, mich als Gouvernante in der Welt fortzubringen hätte; und darum wurde ich nicht allein in Allem unterrichtet, was zu Greenleaf gelehrt wurde, ſondern ich mußte auch ſehr bald als Hülfslehrerin Dienſte leiſten. In jeder andern Beziehung wurde ich wie alle übri⸗ gen Schülerinnen behandelt, nur in dieſem einzigen Stücke fand ein Unterſchied zwiſchen mir und den Letzte⸗ ren ſtatt. Als ich anſing, mehr zu wiſſen, lehrte ich auch mehr, und ſo hatte ich denn im Laufe der Zeit genug zu thun, was ich ſehr gerne that, weil die lieben Mädchen mich dadurch liebgewannen. Am Ende machte jede neue Schülerin, die ein Bischen niedergeſchlagen und unglück⸗ lich zu uns kam, ich weiß in der That nicht, warum, aus mir ihre Freundin, ſo daß alle Neuankommenden meiner Sorge überantwortet wurden. Sie ſagten, ich ſei ſo ſanft und ſo artig; aber ich bin gewiß, daß ſie es waren! Oft dachte ich an den an meinem Geburtstage gefaßten Entſchluß, wornach ich fleißig, zufrieden und aufrichtig ſein, und irgend Jemand Gutes thun und, wo möglich, einige Liebe ernten wollte; und wirklich ſchämte ich mich beinahe, ſo wenig gethan, und ſo wenig Liebe gewonnen zu haben. Ich brachte zu Greenleaf ſechs glückliche, ruhige Jahre zu. Dort ſah ich, Gott ſei Dank, an meinem Geburtstage in Niemands Geſicht geſchrieben, daß es beſſer geweſen wäre, wenn ich nie geboren worden. So oft der genanute Tag wiederkehrte, brachte er mir ſo 44 viele Zeichen liebevoller Erinnerung, daß vom Neujahrs⸗ tage an bis zu Weihnachten mein Zimmer damit ver⸗ ſchönert war. In dieſen ſechs Jahren blieb ich immer in der Er⸗ ziehungsanſtalt, einige längere Beſuche abgerechnet, die ich während der Vakanzen in der Nachbarſchaft machte. Nachdem ich etwa ein halbes Jahr in der Erziehungs⸗ anſtalt geweſen war, hatte ich Miß Donny darüber zu Nath gezogen, ob es nicht ſchicklich wäre, daß ich an Mr. Kenge ſchrieb, um ihm zu ſagen, daß ich glücklich und dankbar wäre; und mit ihrer Zuſtimmung hatte ich einen ſolchen Brief geſchrieben. Darauf hatte ich eine Antwort in beſter Form er⸗ halten, wodurch mir der Empfang des Schreibens ge⸗ meldet wurde, und worin geſagt war:„Wir nehmen den Inhalt Ihres Briefes ad notam und werden denſelben unſerem Elienten pflichtſchuldigſt mittheilen.“ Später hatte ich Miß Donny und ihre Schweſter bisweilen erwähnen hören, wie pünktlich meine Rechnun⸗ gen bezahlt würden; und etwa zwei Mal in jedem Jahre ſchrieb ich einen dem erſten ähnlichen Brief. Und ſtets erhielt ich mit umgehender Poſt genau dieſelbe Antwort; auch war die Hand immer die gleiche, runde; die Unter⸗ ſchrift„Kenge und Carboy“ rührte von einer andern Perſon her, und ich vermuthete, daß es die Handſchrift von Mr. Kenge ſei Es kommt mir ſo ſeltſam vor, Alles das von mir ſelbſt ſchreiben zu müſſen! Gleich als ob dieſe Erzählung die meines Lebens wäre! Aber meine kleine Perſönlichkeit wird jetzt bald in den Hintergrund treten. Sechs ruhige Jahre(— ich finde, daß ich es zum zweiten Male ſage—) hatte ich zu Greenleaf zugebracht, und an meiner Umgebung, gleich wie in einem Spiegel, jedes Stadium meines Wachsthums und der Verände⸗ rungen, die mit mir dort vorgingen, beobachtet, als ich, an einem ſchönen Novembermorgen, nachſtehenden Brief erhielt.„.. jahrs⸗ t ver⸗ r Er⸗ , die achte. ungs⸗ er zu Mr. und einen ter⸗ ge⸗ den lben eſter unu⸗ ahre ſtets ort; ter⸗ deru rift lles ob eine ten. um cht, gel, de⸗ ch, ief 4⁵ Das Datum laſſe ich weg. Old Square, Lincoln's Inn. Madam, Jarndyce und Jarndyce. Unser Clt Herr Jarndyce, der im Begriffe ist, ei- nem Befehle des Knalgrchts gemäss eine Mündel des Hofes in dieser Sache, für die er eine passende Ge- sellschafterin wünscht, in sein Haus aufzunehmen, lässt uns die Weisung zugehen, Sie zu benachrichtigen, dass ihm Ihre Dienste in der vorbnannten Eigenschft er- wünscht wären. Wir haben die nöthigen Anordgen getroffen, dass Sie, nächsten Montag Morgen, mit dem um acht Uhr von Reading weg gehenden Postwagen frei nach White Horse Cellar, Piccadilly, London, gebracht werden, wo einer unserer Schreiber warten wird, um Sie nach un- serem obbenannten Bureau zu führen. Wir sind, Madam, Ihre gehorsamen Diener, Kenge und Carboy. Miss Esther Summerson. O nie, nie werde ich die Aufregung vergeſſen, welche dieſer Brief im Hauſe veranlaßte! Es war ſo zart von ihnen, ſo viel Antheil an mir zu nehmen; es war ſo gnädig, ſo gütig von dem Vater, der mich nie vergeſſen hatte, daß er den Weg einer armen Waiſe ſo eben und leicht gemacht, und daß er ſo viele jugendlichen Herzen mir liebevoll zugewandt hatte. Kaum konnte ich ſo viel Güte und Gnade ertragen. Nicht daß ich gewünſcht hätte, meine Umgebung weniger betrübt zu ſehen,— ich fürchte, daß das nicht der Fall war; aber die damit ver⸗ bundene Freude,— aber der damit verbundene Schmerz, 46 — aber die damit verbundene Wonne, und der damit verbundene Stolz, und das damit verbundene demüthige Bedauern waren ſo mit einander verſchmolzen, daß mein Herz faſt zerſpringen zu wollen ſchien, während es voller Entzücken war. Nach dem Briefe hatte ich nur noch fünf Tage in der Anſtalt zu bleiben. Als jede Minute zu den Bewei⸗ ſen der Liebe und Freundſchaft, die mir in dieſen fünf Tagen gegeben wurden, neue hinzufügte; und als endlich der Morgen herbeikam; und als ich durch alle Zimmer geführt wurde, damit ich jedes Mädchen noch zum letzten Male ſehen möchte; und als einige weinend riefen:„Liebe Eſther, ſagen Sie mir doch hier, an meinem Bette, wo Sie zum erſten Male ſo freundlich mit mir ſprachen, ein letztes Lebewohl!“— und als andere mich baten, ich möchte ihnen doch Etwas in ihr Stammbuch ſchreiben; und als ſie mich alle umgaben mit ihren Abſchiedsgeſchen⸗ ken, und ſich weinend an mich anklammerten und riefen: „Was ſollen wir anfangen, wenn die liebe, liebe Eſther einmal fort iſt!“— und als ich es verſuchte, ihnen zu ſagen, wie nachſichtig und freundlich ſie alle gegen mich geweſen wären, und wie ich jeder dankte, und ihr alles Glück wünſchte;— was für ein Herz hatte ich da! Und als die beiden Miß Donnys, gleich der gering⸗ ſten unter den Schülerinnen, ihren Schmerz über unſere Trennung an den Tag legten: und als die Dienſtmädchen ſagten: Gott möge Sie ſchützen und bei Ihnen ſein, Miß, wohin Sie auch Ihr Weg führe!“— und als der häßliche, lahme alte Gärtner, von dem ich während aller dieſer Jahre, wie ich wähnte, kaum bemerkt worden war, dem Poſtwagen keuchend nachlief, um mir einen kleinen Strauß von Geranien zu geben, und als dieſer Mann mir ſagte, ich ſei das Licht ſeiner Augen geweſen,— ja, das ſagte der alte Mann wirklich!— was für ein Herz hatte ich da! Und konnte es wohl anders ſein,— konnte ich mich ſolche Anku Aubl wann mich muß ruhi uhe rau Aug mich als als würd Pfla damit lüthige z mein voller age in Bewei⸗ n fünf endlich immer letzten „Liebe e, wo n, ein 7 ich iben; ſchen⸗ eefen: Eſther alles ring⸗ nſere dchen ſein, der aller war, inen rann ja, derz nich 47 ſolcher Gefühle erwehren, wenn bei All' dem, und bei der Ankunft bei der kleinen Schule, und bei dem unerwarteten Aublicke der armen Kinder, die auf der Straße ihre Mü⸗ tzen und Hüte gegen mich hinſchwenkten, und eines grau⸗ haarigen Herrn und einer Dame, deren Tochter ich hatte unterrichten helfen, und in deren Haus ich als Beſuchende gekommen war(dieſe Leute wurden als die ſtolzeſten in der ganzen Umgegend angeſehen), und als ich ſah, wie dieſe Perſonen an gar nichts Anderes mehr dachten, als mir zuzurufen:„Leben Sie wohl, Eſther; mögen Sie recht glücklich ſein!— konnte ich mich da wohl ſolcher Gefühle erwehren, und konnte ich da dafür, daß ich in dem Poſtwagen mich ganz gebeugt fühlte und viele, viele Male ſagte:„Oh, ich bin ſo dankbar, ich bin ſo dankbar!“ Allein ich bedachte natürlich nun bald auch, daß ich nach Allem, was man für mich gethan, keine Thränen dahin, wohin ich ging, mitnehmen dürfe. Deßhalb ge⸗ wann ich es über mich, weniger zu ſchluchzen, und ſuchte mich dadurch, daß ich ſehr oft ſagte:„Eſther, aber jetzt mußt Du! Das geht ein für alle Mal nicht an!“— ruhig zu ſtimmen. Endlich gelang es mir, mich wieder ſo ziemlich auf⸗ hibriteki, obgleich ich fürchte, daß ich längere Zeit dazu rauchte, als in der Ordnung war;— und als ich meine Augen mit Lavendelwaſſer abgekühlt hatte, war es Zeit, mich auf das nun nahe liegende London gefaßt zu machen. Ich war ganz überzeugt, daß wir ſchon dort ſeien, als wir noch zehn Meilen davon entfernt waren; und als wir wirklich dort waren, daß wir nie dahin kommen würden. Als wir indeſſen anfingen, auf einem ſteinernen Pflaſter dahin zu raſſeln, und hauptſächlich als jedes an⸗ dere Gefährt uns durchbohren zu wollen ſchien, und wir jedes andere Gefährt durchbohren zu wollen ſchienen,— da fing ich an, zu glauben, daß wir uns dem Ende unſerer Reiſe näherten. 48 „1 Auch ſtand es nicht lange an, ſo hielten wir. Ein junger Herr, der ſich zufällig mit Dinte beklecket mer hatte, redete mich von der Straße aus an, und ſprach: gel „Ich bin im Auftrage von Kenge und Carboy, von Lincoln's Inn, hier, Miß.“ chen „Wenn es Ihnen gefällig iſt, mein Herr,“ ſagte ich. erſch Er war ſehr gefällig; und als er mir, nachdem er bin meine Koffer hatte von dem Poſtwagen herunternehmen der laſſen, in einen Fiaker ſteigen half, fragte ich ihn, ob deun irgendwo ein großer Brand ausgebrochen wäre? ſag Denn die Straßen waren ſo voll dichten braunen Rau⸗ ches, daß man faſt gar Nichts ſehen konnte. der „Ach lieber Himmel, nein, Miß,“ ſagte er.„Es iſt ger dieß ein London eigenthümliches Item.“ bitt Noch nie hatte ich von einem ſolchen Ding gehört. es „Ein Nebel, Miß,“ ſagte der junge Herr. dan „Ei, ei!“ erwiederte ich. anz Wir fuhren langſam durch die ſchmutzigſten und dun⸗ kelſten Straßen, die es je auf dieſer Welt gegeben(— die ſo dachte ich wenigſtens—); und die Verwirrung war Fer ſo hirnerſchütternd, daß ich mich fragte, wie die Leute es wohl angreifen möchten, um bei Verſtand zu bleiben, bis es wir unter einem alten Thorwege plötzlich aus dem Tu⸗ Fla multe hinauskamen Wir fuhren durch ein ſtilles Square ich fort, bis wir an einem ſeltſamen Winkel, an einer Ecke bed ankamen, wo ein Eingang, eine ſteile breite Treppe hin⸗ Wo auf, war.. Dieſer Eingang glich dem einer Kirche. Und in der legt That befand ſich draußen, unter einigen Kreuzgängen, ein Hut Kirchhof, denn ich ſah von dem Treppenfenſter aus die das Grabſteine. ſchä Dieß war das Haus von Kenge und Carboy. eeine Der junge Herr führte mich durch ein äußeres Bu⸗ los rean hindurch in Mr. Kenge's Zimmer,— es war Nie⸗ geb⸗ mand dariu,— und ſtellte höflich für mich einen Arm⸗ ſtuhl zum Feuer hin. B1 ekleckst prach: ), von te ich. dem er ehmen t, ob väre? Rau⸗ Es iſ hehört. d dun⸗ n(— g war ute es n, bis u Tu⸗ quare r Ecke hin⸗ in der n, ein is die 3 Bu⸗ Nie⸗ Arm⸗ — 1 3 49 Dann machte er mich auf einen kleinen Spiegel auf⸗ merkſam, der auf einer Seite des Kamins an einem Na⸗ gel hing. „Im Falle Sie, Miß, nach der Reiſe ſich ein Bis⸗ chen beſchauen möchten, da Sie vor dem Lord⸗Kanzler erſcheinen werden. Nicht als ob dieß nöthig wäre; ich bin im Gegentheil überzengt daß es überflüſſig iſt,“ ſagte der junge Herr höflich. „Wie? Ich ſoll vor dem Lord⸗Kanzler erſcheinen?“ ſagte ich, einen Augenblick überraſcht. „Es iſt dieß nur eine Formſache, Miß,“ erwiederte der junge Herr.„Mr. Kenge iſt jetzt vor dem Kanzlei⸗ gerichte beſchäftigt. Er läßt ſich Ihnen empfehlen, und bittet Sie, einige Erfriſchungen zu ſich zu nehmen;“— es ſtand auf einem Tiſchchen eine Flaſche mit Wein, und daneben lag einiges Backwerk;—„und dieſe Zeitung anzuſchauen.“ Mit dieſen Worten überreichte mir der junge Herr die Zeitung, die ich leſen ſollte. Dann ſchürte er das Feuer, und verließ mich. Es war Alles ſo ſeltſam,— um ſo ſeltſamer, da es bei Tage Nacht war, und die Lichter mit einer weißen Flamme brannten und kalt und feucht ausſahen,— daß ich die Worte der Zeitung las, ohne zu wiſſen, was ſie bedeuteten, und daß ich ſelbſt fand, daß ich dieſelben Worte zu wiederholten Malen las. Da es alſo offenbar Nichts nützte, ſo fortzuleſen, legte ich die Zeitung weg, guckte im Spiegel meinen Hut an, um zu ſehen, ob derſelbe nett ſei, und ſchaute das Zimmer, das nicht halb erleuchtet war, ſowie die ſchäbigen, ſtaubigen Tiſche, und die Aktenſtöße, und einen Bücherſchrank voller Bücher an, die ſo ausdrucks⸗ los ausſahen, daß ich glaube, es könne nie Bücher ge⸗ geben haben, die es dieſen in dieſem Punkte zuvorthaten. Dann fuhr ich fort, zu denken, zu denken, zu denken; Bleak Houſe. I. 4 und das Feuer fuhr fort, zu brennen, zu brennen, zu brennen; und die Lichter fuhren fort, zu flackern und ab⸗ zulaufen. Auch war keine Lichtſcheere da,— bis endlich der junge Herr eine überaus ſchmutzige herbeibrachte. Alles das dauerte an die zwei Stunden. Endlich erſchien Mr. Kenge. Er hatte ſich nicht verändert, allein er war ganz überraſcht, zu ſehen, wie ich mich verändert, und ſah ganz zufrieden aus. „Da Sie im Begriffe ſind, die Geſellſchafterin der jungen Dame zu werden, die ſich in dieſem Augenblicke in dem Privatzimmer des Lord⸗Kanzlers befindet, Miß Summerſon,“ ſagte er,„ſo hielten wir es für angemeſ⸗ ſen, Sie auch dort erſcheinen zu laſſen. Hoffentlich wird der Anblick des Lord⸗Kanzlers Sie nicht aus der Faſſung bringen?“. „Ach nein, mein Herr,“ ſagte ich.„Ich glaube nicht, daß ich die Faſſung verlieren werde.“ Und in der That ſah ich auch, als ich weiter über die Sache nachdachte, nicht ein, warum ich die Faſſung verlieren ſollte. Mr. Kenge gab mir alſo den Arm, und dann gingen wir um die Ecke herum, und traten unter einem Säulen⸗ gange durch eine Seitenthüre ein. Und ſo gelangten wir, einen Gang entlang, in ein Zimmer, das ziemlich wohnlich ausſah; dort fand ich eine junge Dame und einen jungen Herrn, die neben einem gewaltigen, mit luſtigem Geräuſche brennenden Feuer ſtanden. Zwiſchen ihnen und dem letzteren ſtand ein Ofenſchirm, und ſie lehnten ſich ſprechend auf denſelben. Beide ſchauten auf, als ich hereinkam, und ich er⸗ blickte in der jungen Dame, während das Feuer ſie be⸗ ſchien, ein ſo wunderſchönes Mädchen! Ein Mädchen mit ſo reichem goldenem Haare, mit ſo ſanften blanen Augen, und einem ſo klaren, unſchuldigen, vertrauensvollen Ge⸗ zu ab⸗ blich hte. nicht wie der licke Miß meſ⸗ vird ſung nube über ſung ngen alen⸗ gten nlich und mit ſcheu ſie 51 „Miß Ada,“ ſprach Mr. Kenge,„dieß iſt Miß Summerſon.“ Sie kam mit ausgeſtreckter Hand und mit einem Lächeln des Willkomms auf mich zu, ſchien aber alsbald wieder ſich eines andern beſonnen zu haben, und küßte mich. Kurz und gut, ihre Manieren waren ſo natürlich, ſo liebreich, ſo einnehmend, daß wir ſchon ein Paar Mi⸗ nuten darauf am Fenſter ſaßen, nund ſo frei und glücklich, wie nur möglich, mit einander ſprachen, während das Licht des Feuers auf uns fiel. Welche Laſt fühlte ich von mir abgewälzt! Er war ſo wonnevoll der Gedanke, daß ſie mir ihr Vertrauen ſchenken und mich lieben könne! Es war ſo gut von ihr . und ſo ermuthigend für mich! Der zunge Herr war, wie ſie mir ſagte, ein entfern⸗ ter Vetter von ihr, und es hieß derſelbe, wie ich gleich⸗ falls aus ihrem Munde erfuhr, Richard Carſtone. Es war derſelbe ein hübſcher Jüngling mit offenem Geſichte und einem überaus einnehmenden Lachen; und nachdem ſie ihn zu uns hergerufen hatte, ſtellte er ſich neben uns hin, gleichfalls in den Lichtkreis des Feuers, und ſprach fröhlich und luſtig, wie ein Burſche, dem es leicht um's Herz iſt. Er war noch ſehr jung; nicht mehr als neun⸗ zehn, wenn er überhaupt ſchon ſo alt war; indeſſen war er faſt zwei Jahre älter als ſie. Sie waren beide Waiſen, und hatten,— was ſehr unerwartet für mich war, und mir ſehr ſeltſam vorkam, — einander noch nie geſehen. Der Umſtand, daß wir drei zum erſten Male, und an einem ſo ungewohnten Orte, uns trafen, war würdig beſprochen zu werden, und wir ſprachen daher auch darüber. Und das Fener, das nun aufgehört hatte, mit Geräuſch zu brennen, winkte uns,— wie Richard ſagte, wie ein ſchläfriger alter Kanzleihofslöwe mit ſeinen rothen Augen zu. Wir ſprachen leiſe mit einander, weil ein prächtig 52 gekleideter Herr mit einer Beutelperrücke häufig herein⸗ kam und wieder hinausging; und wenn dieß der Fall war, konnten wir in der Entfernung gedehnte Töne hö⸗ ren, welche, wie er ſagte, von einem der Advocaten her⸗ rührten, die in unſerem Prozeſſe zu dem Lord⸗Kanzler ſprachen. Er ſagte Mr. Kenge, daß der Kanzler in fünf Minuten aufſtehen würde; und es ſtand nicht lange an, ſo hörten wir ein Geräuſch und Fußtritte, und Mr. Kenge ſagte, daß das Gericht ſich erhoben hätte, und daß Seine Lordſchaft in dem anſtoßenden Zimmer ſich befände. Der Herr in der Beutelperrücke öffnete die Thüre faſt alsbald, und erſuchte Mr. Kenge hereinzutreten. Darauf traten wir Alle in das anſtoßende Zimmer; M. Kenge zuerſt mit meinem Lieblinge,— es kommt mir das jetzt ſo natürlich vor, daß ich nicht umhin kann, es auch niederzuſchreiben; und in dem Zimmer fanden wir Seine Lordſchaft, in ſchlichten ſchwarzen Kleidern, und neben dem Feuer, an einem Tiſche, in einem Lehn⸗ ſtuhl ſitzend. Seine mit wunderſchönen Goldborden ver⸗ zierte Robe war über einen andern Stuhl hingeworfen. Er warf, während wir eintraten, einen prüfenden Blick auf uns; jedoch waren ſeine Manieren artig und freundlich. Der Herr mit der Beutelperrücke legte Papierrollen auf den Tiſch Seiner Lordſchaft, und Seine Lordſchaft wählte ſchweigend eine davon aus und blätterte darin. „Miß Clare,“ ſprach der Lord⸗Kanzler.„Miß Ada Clare?“ Mr. Kenge ſtellte ſie vor, und Seine Lordſchaft bat ſie, ſich neben ihn zu ſetzen. Daß er ſie ſchön und Intereſſe an ihr fand, vermochte ſogar ich augenblicklich zu ſehen. Es ging mir zu Herzen, daß die Heimath einer ſo ſchönen jungen Perſon durch ein ſo proſaiſches Amtsgebäude repräſentirt werden ſollte. Der hohe Lord⸗ 53 kanzler ſchien, im günſtigſten Lichte betrachtet, ein ſo armſeliger Erſatz für die Liebe und den Stolz von Eltern. „Der in Frage ſtehende Jarndyce,“ ſagte der Lord⸗ Kanzler, immer noch blätternd,„iſt Jarndyce von Bleak Houſe.“ „Jarndyce von Bleak Houſe, my Lord,“ ſagte Mr. Kenge.. „Ein trübſelig klingender Name,“ ſprach der Lord⸗ Kanzler. „Aber jetzt kein trübſeliger Ort mehr, my Lord,“ erwiederte Mr. Kenge. „Und Bleak Houſe,“ ſagte Seine Lordſchaft,„liegt in—“ „Hertfordſhire, my Lord.“ „Mr. Jarndyce von Bleak Houſe iſt unverheirathet?“ ſagte Seine Lordſchaft. „Er iſt unverheirathet, my Lord,“ erwiederte Mr. Kenge. Eine Pauſe. „Der junge Mr. Richard Carſtone iſt anweſend?“ ſagte der Lord⸗Kanzler, nach ihm hinblickend. Richard verbeugte ſich, und trat vor. „Hm!“ ſagte der Lordkanzler, noch andere Blätter umwendend. „Mr. Jarndyce von Bleak Houſe, my Lord,“ be⸗ merkte Mr. Kenge leiſe,„ſorgt, wenn ich es wagen darf, Eure Lordſchaft daran zu erinnern, für eine paſſende Ge⸗ ſellſchafterin für—“ „Für Mr. Richard Carſtone?“ glaubte ich(ich weiß es aber nicht ganz gewiß), hörte ich Seine Lordſchaft eben ſo leiſe und lächelnd ſagen. „Für Miß Ada Clare. Dieß iſt die junge Dame. Miß Summerſon.“ Seine Lordſchaft warf mir einen nachſichtigen Blick zu, und dankte mir für meinen Knicks in überaus gnä⸗ diger Weiſe. 1 54 „Miß Summerſon iſt, wie ich glaube, mit keiner der beim Proceſſe betheiligten Parteien verwandt?“ „Nein, my Lord.“ Mr. Kenge lehnte ſich zum Lord⸗Kanzler hinüber, ehe dieſe Worte noch ganz geſprochen waren, und flüſterte. Seine Lordſchaft hörte, die Augen auf ſeine Papiere geheftet, zu, nickte zwei bis drei Male mit dem Kopfe, kehrte noch weitere Blätter um, und blickte nicht mehr nach mir hin, bis wir weggingen. Mr. Kenge zog ſich nun, und Richard mit ihm, nach dem Orte hin zurück, an dem ich mich befand, und ließ meinen Liebling(— es iſt dieß für mich ſo natürlich, daß ich abermals nicht umhin kann, mich dieſes Ausdru⸗ ckes zu bedienen!—) neben dem Lord⸗Kanzler ſitzen. Seine Lordſchaft ſprach mit ihr etwas beiſeit; er fragte ſie, wie ſie mir ſpäter ſagte, ob ſie das vorge⸗ ſchlagene Arrangement wohl überlegt hätte, und ob ſie dächte, daß ſie unter dem Dache Mr. Jarndyce's von Bleak Houſe glücklich ſein würde, und warum ſie ſo dächte? Es ſtand nicht lange an, ſo erhob er ſich in überaus artiger Weiſe, und entließ ſie; und dann ſprach er ein Paar Minuten mit Richard Carſtone,— nicht ſitzend, ſondern ſtehend, und überhaupt mit mehr Ungezwungen⸗ heit und weniger Ceremonie,— gleich als ob er, trotz dem, daß er Lord⸗Kanzler geworden, immer noch wüßte, wie er es anzugreifen hätte, um zu der Einfalt eines jungen Menſchen zu ſprechen. „Ganz gut!“ ſagte Seine Lordſchaft laut.„Ich werde den Befehl ausfertigen. Mr. Jarndyce von Bleak Honſe hat, ſo viel ich das zu beurtheilen vermag,“— und bei dieſen Worten ſchaute er mich an,—„für die junge Dame eine recht paſſende Geſellſchafterin gewählt, und das Arrangement ſcheint mir überhaupt das beſte, das unter dieſen Umſtänden möglich war.“ Er entließ uns in überaus angenehmer Weiſe und ——— 5⁵ wir alle entfernten uns, und waren ihm für ſeine Höf⸗ lichkeit und Leutſeligkeit nicht wenig verbunden. Auch hatte er durch dieſes ſein Benehmen Nichts an Würde verloren; im Gegentheil ſchien er uns an Würde gewon⸗ nen zu haben. Als wir unter die Colonnade kamen, fiel es Mr. Kenge ein, daß er noch auf einen Augenblick zurückgehen müſſe, um Etwas zu fragen. Er ließ uns alſo im Nebel ſtehen, während der Wagen und die Bedienten des Lord⸗ Kanzlers auf dieſen warteten. „Wohlan!“ ſprach Richard Carſtone,„das wäre nun vorüber! Und wo gehen wir jetzt hin, Miß Sum⸗ merſon?“ „Wie? Sie wiſſen es nicht?“ ſagte ich. „Nicht im Geringſten,“ erwiederte er. „Und wiſſen auch Sie es nicht, meine Liebe?“ fragte ich Ada. „Rein!“ entgegnete ſte.„Wiſſen Sie es nicht?“ „Gauz und gar nicht!“ ſagte ich. Wir dlickten einander an, und lachten halb und halb darüber, daß wir wie die Kinder im Walde waren, als ein ſonderbares altes Weibchen, in zerdrücktem Hute und mit einem Reticüle, auf uns zu kam. Sie lächelte und machte Knickſe, und hatte ein überaus feierliches Ausſehen. „Oh!“ ſprach ſie.„Die Mündel im Proceſſe Jarn⸗ dyce und Jarndyce! Re— cht froh, daß ich die Ehre habe,— ich kann es Ihnen verſichern! Es iſt eine gute Vorbedeutung für die Jugend, die Hoffnung, die Schön⸗ heit, wenn ſie ſich an dieſem Orte zuſammenfinden, und nicht wiſſen, was daraus entſtehen wird.“ „Verrückt!“ flüſterte Richard, nicht glaubend, daß ſie ihn hören könnte. „Ganz richtig! Verrückt, junger Herr!“ entgeg nete ſie ſo geſchwind, daß er ganz verblüfft war.„Ich ſelbſt war eine Mündel. Damals war ich nicht verrückt.“ 56 Dabei machte ſie tiefe Knickſe und lächelte zwiſchen jeder kleinen Phraſe. Dann fuhr ſie fort: „Ich hatte Jugend und Hoffnung. Ich glaube, auch Schönheit. Allein es liegt jetzt wenig daran. Keines von dieſen drei Dingen nützte mir Etwas, oder konnte mich retten. Ich habe die Ehre, den Kanzleigerichtshof regelmäßig zu beſuchen. Mit meinen Dokumenten. Ich erwarte einen Spruch. In Kurzem. Am jüngſten Tage. Ich habe entdeckt, daß das ſechste, in der Offenbarung erwähnte, Siegel das große Siegel iſt. Es iſt lange Zeit eröffnet geweſen! Nehmen Sie meinen Segen mit, ich bitte Sie darum!“ 4 Da Ada ein Bischen Furcht bekommen hatte, ſo ſagte ich, um der armen alten Dame zu Willen zu ſein, daß wir ihr ſehr verbunden wären. „J— a!“ ſagte ſie affectirt.„Ich denke mir es Und hier kommt der Converſations⸗Kenge. Mit ſeinen Dokumenten! Wie befinden ſich Ew. Geſtrengen?“ „Ganz wohl, ganz wohl! Jetzt aber laſſen Sie uns in ube und ſeien Sie artig!“ ſagte Mr. Kenge, voran⸗ gehend. „Ach! von Läſtigſein iſt ja keine Rede,“ ſagte die arme alte Dame, mit Ada und mir gleichen Schritt hal⸗ tend.„Ich werde Beiden Beſitzungen vermachen,— was doch hoffentlich nicht„läſtig ſein“ heißt. Ich erwarte einen Spruch. Und zwar bald. Am jüngſten Tage. Es iſt dieß eine gute Vorbedeutung für Sie. Nehmen Sie meinen Segen mit!“ Unten an der ſteilen breiten Treppe blieb ſie ſtehen; allein wir blickten hinab, während wir hinaufgingen, und ſie ſtand immer noch dort, und ſagte, immer mit einem Knickſe, und zwiſchen jedem kleinen Satze lächelnd: „Jugend. Und Hoffnung. Und Schönheit. Und Kanzleigerichtshof. Und der Converſations⸗Kenge. Ha! Ich bitte Sie, nehmen Sie meinen Segen mit!“ —— 57 Viertes Kapitel. Teleſkopiſche Philanthropie. Als wir in Mr. Kenge's Zimmer ankamen, ſagte er uns, daß wir die Nacht im Hauſe der Mrs. Jellyby zu⸗ bringen müßten. Dann wandte er ſich zu mir, und ſagte, er nehme an, daß ich wiſſe, wer Mrs. Jellyby ſei. „Ich weiß es in der That nicht, mein Herr,“ ent⸗ gegnete ich,„vielleicht weiß es Mr. Carſtone,— oder Miß Clare—“ Aber nein, ſie wußten von Mrs. Jellyby lediglich Nichts. „Ei!— ei! Mrs. Jellyby,“ ſagte Mr. Kenge, ſich mit dem Rücken gegen das Feuer ſtellend, und die Augen auf die ſtaubige Kaminvorlage werfend, gleich als ob dieſelbe Mrs. Jellyby's Biographie wäre,„iſt eine Dame von ſehr bemerkenswerther Charakterſtärke, die ſich ganz dem Publikum widmet. Sie hat ſich zu verſchiedenen Zeiten überaus mannigfaltigen öffentlichen Gegenſtänden gewidmet, und widmet ſich dermalen(bis etwas Anderes ſie anzieht) den afrikaniſchen Angelegenheiten,— mit der Abſicht, die allgemeine Anpflanzung des Kaffeebaumes durchzuſetzen,— und die Eingebornen zu civiliſiren,— und den Ueberſchuß unſerer einheimiſchen Bevölkerung an die Ufer der afrikaniſchen Flüſſe zu verſetzen, und ſo ihr Glück zu befördern. Mr. Jarndyce, der gerne jedes Werk unterſtützt, von dem er erwarten kann, daß es ein gutes Werk ſein werde, und an den ſich die Philanthropen immer zuerſt wenden, hat, wie ich glanbe, von Mrs. Jellyby eine ſehr hohe Meinung.“ Dann blickte Mr. Kenge, ſein Halstuch zurecht ma⸗ chend, uns an, 58 „Und Mr. Jellyby, Sir?“ fragte Richard. „Ah! Mr. Jellyby,“ ſagte Mr. Kenge,„iſt— ein — ich weiß in der That nicht, ob ich Ihnen den Mann beſſer beſchreiben könnte, als mit den Worten, daß er Mrs. Jellyby's Ehegatte iſt.“ „Ein Nonens, Sir?“ ſprach Richard mit einem drol⸗ ligen Blicke. „Das ſage ich nicht,“ erwiederte Mr. Kenge gravi⸗ tätiſch.„Das kann ich in der That nicht ſagen. Denu von Mr. Jellyby weiß ich in der That gar Nichts. So viel mir bekannt, hatte ich noch nie die Ehre, Mr. Jel⸗ lyby zu ſehen. Er mag ein recht tüchtiger und geſcheid⸗ ter Mann ſein; allein er geht— geht— geht, ſo zu ſagen, in den glänzenderen Eigenſchaften ſeiner Frau auf.“ Mr. Kenge fuhr nun fort, zu reden, und ſagte uns, daß, da der Weg nach Bleak Houſe an einem ſolchen Abende ſehr lang, dunkel und langweilig ſein würde, und da wir zudem ſchon genug gefahren wären, Mr. Jarndyce dieſes Arrangement ſelbſt vorgeſchlagen hätte. An dem darauf folgenden Tage würde uns in aller Frühe ein Wagen bei Mrs. Jellyby abholen, und uns aus der Stadt bringen. Dann klingelte er mit einer kleinen Schelle, und es trat der junge Herr herein. Ihn mit„Mr. Guppy“ anredend, erkundigte ſich Mr. Kenge, ob Miß Summerſon's Koffer und die übrige Bagage dahin geſchickt worden wären. 3 Mr. Guppy beantwortete dieſe Frage, und ſagte, daß ſchon Alles dahin gebracht worden wäre, und daß ein Wagen auf uns wartete, um uns, ſobald wir es wünſchten, gleichfalls dahin zu bringen. „Dann bleibt mir nur noch übrig,“ ſprach Mr. Kenge, uns die Hand drückend,„meine lebhafte Befriedigung über(guten Tag, Miß Clare!) das heute zu Stande gebrachte Arrangement, und meine(leben Sie recht wohl, Miß Summerſon!) lebhafte Hoffnung auszudrücken, daß — ein ann 3 er rol⸗ avi⸗ enu 59 das Arrangement zum Glück, zum(freut mich, die Ehre gehabt zu haben, Ihre Bekanntſchaft zu machen, Mr. Carſtone!) Wohlergehen und zum allſeitigen Vortheil ſämmtlicher Betheiligten ausſchlagen werde! Guppy, ma⸗ chen Sie, daß die Betreffenden wohlbehalten hinkommen!“ „Wo iſt der Ort? Wohin ſollen wir kommen? Iſt es weit von hier, Mr. Guppy?“ fragte Richard, als wir die Treppe hinabgingen. „Oh, es iſt nur ein Paar Schritte von hier,“ ant⸗ wortete Mr. Guppy; in Thavies' Inn, wie Sie wiſſen.“ „Ich weiß fürwahr nicht, wo das iſt, deun ich komme von Wincheſter, und bin in London fremd.“ „Wir brauchen nur um die Ecke zu biegen,“ ſagte Mr. Guppy.„Wir brauchen nur Chancery⸗Lane hinauf⸗ zufahren, und Holborn zu durchſchneiden, und dann ſind wir ſo gewiß, als ich hier ſtehe, in vier Minuten dort. Dieß iſt nun ein Londoner Detail, nicht wahr, Miß?“ Er ſchien wegen meiner ganz davon entzückt zu ſein. „Der Nebel iſt in der That ſehr dicht!“ „Er wird Ihnen aber gewiß nicht ſchaden,“ ſagte Mr. Guppy, den Kutſchentritt heraufſchlagend.„Im Gegentheil, er ſcheint Ihnen gut zu bekommen, Miß, wenn ich nach Ihrem Ausſehen urtheilen darf.“ Ich wußte, daß er eine gute Abſicht hatte, indem er mir dieſes Compliment machte. Deßhalb lachte ich mich ſelbſt aus, daß ich darüber erröthet war, nachdem er den Kutſchenſchlag zugemacht, und ſich auf den Bock ge⸗ ſetzt hatte; und wir alle drei lachten und ſchwatzten über unſere Unerfahrenheit und die Seltſamkeit Londons, bis wir unter einem Bogengange unſern Beſtimmungsort erreichten: es war eine enge Gaſſe voll hoher Häuſer, gleich einer oblongen Ciſterne, von der man hätte ver⸗ muthen können, daß der Nebel hätte darin aufbewahrt werden ſollen. An dem Hauſe, vor dem wir hielten, befand ſich 60 ein kleiner unordentlicher Haufe von Leuten, größtentheils waren es Kinder. An der Thüre des Hauſes war eine beſchmutzte Meſſingplatte zu ſehen, worauf„Jellyby“ gravirt war. „Fürchten Sie ſich nicht! ſprach Mr. Guppy, zum Kutſchenfenſter hineinſehend.„Es iſt einer der jungen Jellybys, der den Kopf zwiſchen das Gitter vor dem Hauſe gebracht hat!“ „Ach, das arme Kind!“ ſagte ich.„Laſſen Sie mich doch hinaus!“ „Ich bitte Sie, Miß, ſeien Sie auf Ihrer Hut! Die jungen Jellybys pflegen immer Etwas im Schilde zu führen und haben ihre Tücken,“ ſagte Mr. Guppy. Ich ging zu dem armen Kinde hin, das einer der ſchmutzigſten kleinen Schelme war, den ich je in meinem Leben geſehen. Ich fand das Kind voller Furcht und ganz heiß; es ſchrie aus Leibeskräften, da es mit dem Halſe zwiſchen zwei Eiſenſtangen ſtak, während ein Milchmann und ein Büttel, in der beſten Abſicht von der Welt, ſich bemühten, es bei den Beinen herauszuziehen, indem ſie wohl von der Anſicht ausgingen, daß ſein Schä⸗ del auf dieſe Weiſe ſich zuſammendrücken laſſe. Da ich(nachdem ich ihn zum Schweigen gebracht) fand, daß der Knabe von Natur einen großen Kopf hatte, ſo dachte ich, daß ſein Körper vielleicht da, wo ſein Kopf durchgedrungen, auch nachfolgen könnte. Ich ſagte daher, daß die beſte Extractionsmethode wohl die wäre, ihn vorwärts zu ſchieben. Dieſer Vorſchlag wurde von dem Milchmanne und dem Büttel ſo wohlgefällig aufgenommen, daß das Kind auf der Stelle würde in den kleinen freien Raum vor dem Hauſe hineingeſtoßen worden ſein, wenn ich es nicht bei ſeiner Schürze gehalten hätte, während Richard und Mr. Guppy in die Küche hinabrannten, um es aufzu⸗ faner ſobald es würde aus dem Gitter befreit worden ein. 61 Endlich kam das Kind glücklich heraus, und dann ſing es an, wie ein Wahnſinniger auf Mr. Guppy mit einem Reifſtock hineinzuſchlagen. Während dieſer ganzen Zeit war auch nicht eine Seele zum Vorſchein gekommen, die zum Hauſe gehört hätte; nur hatte ich bemerkt, daß eine mit Holzſchuhen bekleidete Perſon von unten mit einem Beſen nach dem Kinde ſtieß. Warum, weiß ich nicht, und vielleicht wußte es die betreffende Perſon ſelbſt nicht. Ich vermuthete deßhalb, daß Mrs. Jellyby nicht zu Hauſe wäre, und war ganz überraſcht, als die Perſon, welche in vorbe⸗ meldeter Weiſe thätig geweſen war, ohne ihre Holzſchuhe in dem Gange erſchien, Ada und mir voranging, uns in das Hinterzimmer des erſten Stockes führte, und uns mit den Worten anmeldete:„Die zwei jungen Damen, Miſſis Jellyby!“ Wir kamen, während wir die Treppe hinaufgingen, noch an einigen Kindern vorbei, die es ſchwer war, im Finſtern nicht zu treten; und als wir vor Mrs. Jellyby traten, fiel eines der armen kleinen Geſchöpfe die Treppe hinab,— eine ganze Treppenreihe, wie mir, nach dem großen Geräuſch zu ſchließen, däuchte. Mrs. Jellyby, deren Miene Nichts von der Unruhe reflectirte, die wir uns nicht enthalten konnten, in der unſrigen an den Tag zu legen, da der Kopf des lieben Kindes auf jeder Stufe ſeine Ankunft durch einen hef⸗ tigen Schlag anzeigte,— Richard ſagte mir ſpäter, daß er ſieben ſolcher Schläge gezählt, den auf dem Treppen⸗ abſatze ungerechnet,— empfing uns mit vollkommenem Gleichmuthe. Sie war ein hübſches, dickes, kleines Weib⸗ chen, zwiſchen vierzig und fünfzig, mit ſchönen Augen, obgleich dieſelben die ſonderbare Gewohnheit hatten, daß ſie weit fortzublicken ſchienen. Gleich als wenn ſie,— ich bediene mich abermals der Worte Richard’s,— hätten nichts Näheres, als Afrika, ſehen können! „Es freut mich unendlich,“ ſprach Mrs. Jellyby in 63 angenehmem Tone,„daß ich das Vergnügen habe, Sie bei mir zu empfangen. Ich hege für Mr. Jarndyce große Achtung, und Niemand, für den er ſich intereſſirt, kann für mich ein Gegenſtand der Gleichgültigkeit ſein.“ Wir drückten unſern Dank aus, und ſetzten uns hinter die Thüre, wo ein lahmer Invalide von einem Sopha ſtand. Was Mrs. Jellyby betrifft, ſo hatte ſie ein recht ordentliches Haar; allein ſie war mit ihren afrikaniſchen Pflichten zu ſehr beſchäftigt, als daß ſie ſo viel Zeit ge⸗ habt hätte, um daſſelbe zu bürſten. Der Shawl, in den ſie ziemlich loſe eingehüllt geweſen war, ſank auf ihren Seſſel, als ſie auf uns zuging; und während ſie zurück⸗ ging, um ihren Sitz wieder einzunehmen, konnten wir nicht umhin, zu bemerken, daß ihr Kleid ihren Rücken nicht ganz bedeckte, und daß der offene Raum, wie bei einem Sommerhauſe, durch ein Gitterwerk eingenommen war. Nur beſtand hier das Gitterwerk aus den Schnüren eines Corſetts. Das Zimmer, das mit Papieren überſäet und durch einen großen Schreibtiſch beinahe ausgefüllt war, worauf ſich abermals bunt durcheinanderliegende Papiere befan⸗ den, war, ich muß es ſagen, nicht allein nicht nett, ſondern überaus ſchmutzig. Wir mußten mit unſerem Geſichts⸗ ſinne davon Notiz nehmen, noch während wir mit unſerem Gehörſinne dem armen Kinde folgten, das die Treppe hinabgefallen war,— ich glaube in die Hinterküche hinab, wo Jemand es zu erſticken ſchien. Was uns aber am Meiſten auffiel, war ein müde und ungeſund ausſehendes, obgleich keineswegs häßliches Mädchen an dem Schreibtiſche, das eine Schreibfeder zer⸗ biß, und uns anſchaute. Noch nie, glaube ich, ſah Jemand ſo dintig aus. Und von ihrem verwirrten Kopf⸗ haare bis zu ihren hübſchen Füßen, die durch ausge⸗ brochene, zerfetzte, hinten abgetretene Pantoffeln aus Satin entſtellt waren, ſchien ſie, wenn man bei der Steck⸗ —,—, Secd, X. men üren urch rauf fan⸗ dern hts⸗ rem 63 nadel anfing, Nichts an ſich zu haben, was in dem ge⸗ hörigen Zuſtande oder an dem rechten Orte geweſen wäre. „Sie finden mich, meine Theuren,“ ſprach Mrs. Jellyby, die zwei großen Comptoirlichter in zinnernen Leuchtern putzend, die das Zimmer ſtark nach heißem Un⸗ ſchlitt riechen machten(das Feuer war ausgegangen, und in dem Kamine befand ſich Nichts, als Aſche, ein Bündel Holz, und ein Schüreiſen,)„Sie finden mich, meine Theuren, wie gewöhnlich, ſehr beſchäftigt; aber Sie werden das entſchuldigen. „Das afrikaniſche Project nimmt dermalen meine ganze Zeit in Anſpruch. Dieſes Project macht es noth⸗ wendig, daß ich mich mit öffentlichen Körperſchaften in Verbindung ſetze, ſowie mit Privatleuten, denen es um das Wohlergehen ihrer Mitmenſchen im ganzen Lande zu thun iſt. Es freut mich, Ihnen ſagen zu können, daß die Sache auf dem beſten Wege iſt. Von heute über ein Jahr hoffen wir hundert und fünfzig bis zweihundert geſunde Familien zu haben, die auf dem linken Ufer des Niger Kaffee banen, und die Eingebornen von Borrio⸗ boola⸗Gha zu bekehren und zu civiliſiren.“ Da Ada Nichts ſprach, ſondern mich anblickte, ſo ſagte ich, es müſſe das ein ſehr wohlthuendes Gefühl ſein. „Ja, ja, es iſt ein ſehr wohlthuendes Gefühl,“ ſprach Mrs. Jellyby.„Ich muß bei der Sache alle Kraft aufbieten, ſo ich beſitze; allein es hat das Nichts zu bedeuten, wenn nur ein glücklicher Erfolg meine Be⸗ mühungen krönt; und daß dieß der Fall ſein wird, hoffe ich mit jedem Tage zuverſichtlicher. Wiſſen Sie auch, Miß Summerſon, daß es mich faſt wundert, daß Sie Ihre Gedanken nie Afrika zugewandt haben?“ Dieſe Auwendung des Gegenſtands kam mir in der That ſo unerwartet, daß ich gar nicht wußte, was ich darauf erwiedern ſollte. GEndlich gab ich zu verſtehen, daß das Klima— 64 „Das ſchönſte Klima von der Welt!“ ſagte Mrs⸗ Jellyby. „Wirklich, Malam?“ „Gewiß. Wenn man die gehörige Vorſicht anwen⸗ det,“ erwiederte Mrs. Jellyby.„Sie können in unſere Holborn⸗Straße gehen, und können ſich überfahren laſſen, wenn Sie nicht auf Ihrer Hut ſind. Und ebenſo können Sie in unſere Holborn⸗Straße gehen, und ſich nicht überfahren laſſen, wenn Sie auf Ihrer Hut ſind. Gerade ſo verhält es ſich mit Afrika.“ Ich ſagte:„Ohne Zweifel.“ Ich meinte aber damit nur Holborn. „Wenn Sie,“ ſagte Mrs. Jellyby, uns einen Stoß Zeitungen zuſchiebend,„einige Bemerkungen über dieſen Punkt, ſowie über den Gegenſtand im Allgemeinen(es haben dieſe Zeitungen eine weite Verbreitung gefunden) durchgehen wollen, während ich einen Brief beendige, den walehe meiner älteſten Tochter dictire, die mein Amanu⸗ enſis iſt—“ 8 Das Mädchen am Tiſche hörte auf, ihre Feder zu zerbeißen, und erwiederte unſere Recognition in einer Weiſe, die halb verſchämt, halb mürriſch war. „— Dann werde ich für jetzt geendigt haben,“ fuhr Mrs. Jellyby mit einem ſüßen Lächeln fort:„obgleich mein Werk nie zu Ende geht. Wo biſt Du ſtehen geblie⸗ ben, Caddy?“. „Empfiehlt ſich beſtens Mr. Swallow, und erlaubt ſich—““ ſprach Caddy. „„— Und erlaubt ſich,““ ſagte Mrs. Jellyby dictirend, „ihm als Antwort auf ſeinen Brief, worin er über das afrikaniſche Project Näheres wiſſen wollte, zu wiſſen zu thun.— Nein, Peepy! Nein, unter keiner Bedingung!“ Peepy(ſo nannte es ſich ſelbſt) war das unglückliche Kind, das die Treppe hinunter gefallen war, und jetzt die Correſpondenz dadurch unterbrach, daß es ſich, mit einem großen Streifen Pflaſter auf dem Geſicht, präſen⸗ 1— E P22=ZgsͤA— —— 6⁵ tirte, um ſeine verwundeten Knie zu zeigen, an welchen Ada und ich nicht wußten, was wir mehr bemitleiden ſollten,— die Quetſchungen oder den Schmutz. Mrs. Jellyby ſetzte mit der Ruhe, womit ſie Alles ſagte, hinznu:„Geh' fort, Du nnartiger Peepy ¹1“ und heftete ihre ſchönen Augen wieder auf Afrika. Da ſie aber alsbald fortfuhr zu dictiren, und da ich, indem ich es that, durchaus zu keiner Unterbrechung Aulaß gab, ſo unternahm ich es, den armen Peepy, wäh⸗ rend er hinausgehen wollte, in aller Ruhe aufzuhalten, und ihn auf meine Knie zu ſetzen, um ihn zu hätſcheln. Er ſah höchſt verwundert über dieſes Verfahren aus, und noch mehr ſteigerte ſich ſeine Verwunderung, als Ada anfing, ihn zu küſſen; bald aber ſchlief er in meinen Armen feſt ein, und ſchluchzte in immer längeren Inter⸗ vallen, bis er endlich ganz ruhig war. Ich war mit Peepy dermaßen beſchäftigt, daß mir die Einzelheiten des Briefes entgingen, obgleich mir ein ſo gewaltiger Eindruck blieb über die große Wichtigkeit Afrikas, ſowie über die gänzliche Bedeutungsloſigkeit aller andern Orte und Dinge, daß ich mich wirklich ſchämte, ſo wenig an den Gegenſtand gedacht zu haben. „Sechs Uhr!“ ſprach Mrs. Jellyby.„Und unſere Tiſchſtunde iſt nomihtell(denn wir diniren zu allen Stun⸗ den) fünf Uhr! Coddy zeig doch Miß Clara und Miß Summerſon ihre Zimmer. Es iſt Ihnen vielleicht er⸗ wünſcht, ſich umkleiden zu können. Sie werden mich ent⸗ ſchuldigen, ich weiß es, da ich ſo ſehr beſchäftigt bin⸗ Oh, das böſe unartige Kind! Entledigen Sie ſich doch ſeiner, Miß Summerſon!“ Ich bat um die Erlaubniß, das Kind bei mir be⸗ halten zu dürfen, indem ich ſagte, daß es mir durchaus nicht läſtig wäre,— was auch ganz der Wahrheit gemäß war. Dann trug ich es die Treppe hinauf, und legte es auf mein Bett. Wir hatten, Ada und ich, im obern Bleaf Honſe. I. 5 1 66 Theile des Hauſes zwei Zimmer, die durch eine Thüre mit einander verbunden waren. Die Zimmer ſelbſt waren ungemein nackt, und es ſah darin höchſt unordentlich aus, und was den Vorhang an meinem Fenſter betrifft, ſo wurde er durch eine Gabel feſtgehalten. „Es wäre Ihnen vielleicht erwünſcht, etwas warmes Waſſer zu bekommen, nicht wahr?“ ſagte Miß Jellyby, ſich nach einem Kruge mit einer Handhabe, obwohl ver⸗ gebens, umſehend. „Wenn wir Ihnen damit nicht läſtig fallen,“ ſag⸗ ten wir. „Oh, es iſt die Mühe nicht der Rede werth,“ ent⸗ gegnete Miß Jellyby;„es iſt nur die Frage, ob Waſſer da iſt.“ Der Abend war ſo ungemein kalt, und die Zimmer hatten einen ſolchen Sumpfgeruch, daß die Herberge uns ziemlich elend vorkam, ich muß es geſtehen; und Ada weinte ſchon halb und halb. Indeſſen gewann das Lachen doch bald wieder die Oberhand, und wir waren eifrigſt mit Auspacken beſchäftigt, als Miß Jellyby zurückkam, um uns zu melden, es thue ihr leid, daß kein warmes Waſſer da ſei; allein man habe den kleinen Keſſel nicht finden können, und der große ſei im Augenblicke unbrauchbar. Wir erſuchten ſie, doch ja Nichts von der Sache zu ſagen, und beeilten uns ſo viel, wie möglich, um wieder zum Feuer hinabzukommen. Aber alle die kleinen Kinder waren die Treppe heraufgekommen, und auf dem Abſatz ſtehen geblieben, um Peepy auf meinem Bette liegen zu ſehen,— es war dieß vermuthlich ein ſeltenes Phä⸗ nomen;— und unſere Aufmerkſamkeit wurde durch die beſtändige Erſcheinung von Naſen und Fingern abgelenkt, die in Gefahr waren, zwiſchen den Thürangeln zerquetſcht zu werden. Es war unmöglich, die Thüren unſerer beiden Zimmer zu ſchließen; denn mein Schloß ſah aus, als ob es aufgezogen werden müßte, indem ſich am Handgriffe 67 der Thüre kein Knopf befand; und obgleich au der Thüre Ada's der Griff mit der größten Leichtigkeit ganz berum⸗ gedreht werden konnte, ſo affizirte Solches doch nicht im Mindeſten die Thüre ſelbſt. Ich ſchlug daher den Kindern vor, hereinzukommen, und ſich an meinem Tiſche recht artig zu benehmen, wo⸗ gegen ich ihnen, während ich mich ankleidete, die Ge⸗ ſchichte vom kleinen Rothkäppchen zu erzählen verſprach,— was ſie thaten, und worauf ſie mäuschenſtill wurden, Peepy mit eingeſchloſſen, der noch zur rechten Zeit auf⸗ wachte, ehe der Wolf erſchien. Als wir die Treppe hinabgingen, ſahen wir einen großen Becher, worauf zu leſen war:„Ein Geſchenk von Tunbridge Wells.“ Derſelbe ſtand auf dem Ge⸗ ſimſe des Treppenfenſters, und es brannte darin ein ſchwimmender Docht. Und weiter fanden wir ein junges Frauenzimmer, deren geſchwollenes Geſicht mit Flanell verbunden war; es blies dieſelbe das Feuer im Salon(der jetzt durch eine offene Thüre mit Mrs. Jellyby's Zimmer verbunden war,) an, und wollte vor Rauch faſt erſticken. Und in der That rauchte es ſo fürchterlich, daß wir, bei offenem Fenſter, wohl eine halbe Stunde huſtend und weinend daſaßen, während welcher Zeit Mrs. Jellyby mit ihrer gewohnten guten Laune auf Briefe, deren Gegenſtand Afrika war, die Adreſſe ſchrieb. Daß ſie ſo beſchäftigt war, gereichte mir, ich muß es geſtehen, nicht wenig zur Befriedigung; denn Richard ſagte uns, daß er die Hände in einer Paſteten⸗Schüſſel gewaſchen, und daß endlich der kleine Keſſel auf ſeinem Toilettentiſche gefunden worden; und er machte Ada dermaßen lachen, daß ſie auch mich auf's Lächerlichſte lachen machte. Bald nach ſieben Uhr gingen wir zum Diner hinab, und zwar waren wir dabei auf unſerer Hut, wie Mrs. Jellyby ſelbſt uns gerathen hatte; denn der Treppen⸗ teppich, dem es nicht allein an eiſernen Stängelchen 68 fehlte, war auch ſo zerriſſen, daß er eine Menge gefähr⸗ licher Fallen darſtellte. Wir bekamen einen ſchönen Stockfiſch, ein Stück Roaſtbeef, Coteletten und einen Pudding,— ein vor⸗ treffliches Diner, wenn man von demſelben hätte ſagen können, es ſei auch nur einigermaßen gekocht geweſen; allein es war Alles faſt noch ganz roh. Das junge Frauen⸗ zimmer mit der flanellenen Bandage bediente uns, und ließ Alles auf gut Glück auf den Tiſch hinfallen, und nahm es nicht eher wieder weg, als bis ſie es auf die Treppe ſtellte. Was die Perſon betrifft, die ich in Holzſchuhen ge⸗ ſehen(— vermuthlich war es die Köchin—), ſo kam ſie öfters und ſcharmützelte an der Thüre mit der Perſon, die uns bediente, und es ſchienen die beiden Frauenzim⸗ mer einander nicht wohl leiden zu können. Während des ganzen Diner, das ziemlich lange dauerte, indem mehrere kleine Unfälle vorkamen,— ſo wurde z. B. der Teller mit den Kartoffeln aus Verſehen in den Kohlenſchütter geſtellt, auch ging der Griff des Pfropfziehers heraus, und es traf ſich das junge Frauen⸗ zimmer damit am Kinn,— verlor Mrs. Jellyby ihre gute Laune keinen Augenblick. Sie ſagte uns viel In⸗ tereſſantes über Borrioboola⸗Gha und die Eingebornen, und bekam ſo viele Briefe, daß Richard, der neben ihr ſaß, auf einmal vier Couverte in der Sauce ſah. Einige dieſer Briefe enthielten die Verhandlungen von Damen⸗Comités, oder Reſolutionen von Damenver⸗ ſammlungen: ſie las uns ſolche vor; andere enthielten Anfragen von Leuten, die ſich in verſchiedener Weiſe über die Cultur des Kaffeebaumes und über die Eingebornen erkundigten; andere verlangten Antworten, und dieſe mußte ihre älteſte Tochter alsbald ſchreiben: das arme Mädchen wurde zu dieſem Zwecke vom Tiſche weggeſchickt. Sie war überaus beſchäftigt, und, wie ſie uns geſagt hatte, für die Sache ganz unzweifelhaft eingenommen. 69 Ich war ein wenig neugierig, zu erfahren, wer ein kahlköpfiger, ſanftausſehender, brillentragender Herr ſein mochte, der, nachdem der Fiſch abgetragen worden war, ſich auf einen leeren Stuhl ſinken ließ(es gab an dem Tiſche kein eigentliches Oben oder Unten), und ſich Bor⸗ rioboola⸗Gha ganz paſſiv zu unterwerfen, aber bei dieſer Colonie nicht activ betheiligt zu ſein ſchien. Da er auch nicht eine Sylbe ſprach, ſo hätte man ihn eben ſowohl für einen Eingebornen halten können, hätte nicht die Farbe ſeiner Haut auf einen andern Urſprung hingewieſen. Erſt nachdem wir aufgeſtanden waren, und er bei Richard allein blieb, fiel es mir ein, daß der Herr wohl Mr. Jellyby ſein könnte. Auch war es in der That Mr. Jellyby, und ein geſchwätziger junger Mann, Mr. Quale genannt, der große, glänzende Anſchwellungen zu Schläfen hatte, und deſſen Haar ganz nach dem Rücken des Kopfes hinge⸗ bürſtet war, kam im Laufe des Abends und ſagte Ada, daß er ein Philanthrop wäre. Zugleich ließ er ſie wiſſen, daß er den Ehebund zwiſchen Mrs. Jellyby und Mr. Jellyby die Verbindung von Geiſt und Materie nenne. Dieſer junge Mann hatte nicht allein auf eigene Rechnung ſehr viel über Afrika und über ein von ihm ausgehecktes Project zu ſagen, wornach die kaffeebauen⸗ den Coloniſten gelehrt werden ſollten, die Eingebornen im Drehen von Pianofortefüßen zu unterrichten, denſelben zu zeigen, wie ein Exporthandel hergeſtellt werden könne, ſondern er fand auch ſeine Freude daran, Mrs. Jellyby auszuholen, indem er ſagte:„Ich glaube nun, Miſſis Jellyby, daß Sie an einem Tage ſchon an die hundert fünfzig oder zweihundert Briefe über Afrika bekommen haben, nicht wahr?“ Oder:„Wenn mein Gedächtniß mich nicht trügt, Miſſis Jellyby, ſo haben Sie einſt er⸗ wähnt, daß Sie an einem Tage fünftauſend Cireuläre durch ein einziges Poſtbureau verſandt haben?“— wobei 70 er, wie ein Dolmetſcher, Mrs. Jellyby's Antwort uns ſtets wiederholte. Während des ganzen Abends ſaß Mr. Jellyby in einer Ecke, den Kopf gegen die Wand gelehnt, wie wenn er an Schwermuth litte. Es ſchien, daß er, als er nach dem Diner bei Richard allein war, mehrere Male den Mund geöffnet hatte, wie wenn ihm Etwas auf dem Her⸗ zen läge; allein er hatte denſelben, zu Richards großer Verlegenheit, immer wieder geſchloſſen, ohne eine Sylbe zu ſagen. f Mrs. Jellyby, die in einem Haufen Makulatur, wie in einem Neſte ſaß, trank den ganzen Abend Kaffee, und dictirte zeitweiſe ihrer älteſten Tochter. Auch ließ ſie ſich mit Mr. Quale in eine Erörterung ein, deren Gegen⸗ ſtand,— wie mir däuchte,— die Verbrüderung der Menſchheit war. Bei dieſer Gelegenheit brachte ſie einige ſchöne Phra⸗ ſen glücklich an den Mann. Indeſſen war ich keine ſo aufmerkſame Zuhörerin, als ich gewünſcht hätte, denn Peepy und die übrigen Kinder ſammelten ſich, in einer Ecke des Salons, um Adea und um mich, und baten uns um eine andere Geſchichte. Wir ſetzten uns daher unter ſie, und erzählten ihnen flüſternd die Geſchichte vom ge⸗ ſtiefelten Kater, und ich weiß nicht, was ſonſt noch, bis Mrs. Jellyby ſich gelegentlich ihrer erinnerte, und ſie ins Bett ſchickte. Da Peepy durchaus von mir zu Bett gebracht wer⸗ den wollte, ſo trug ich ihn die Treppe hinauf, wo das junge Frauenzimmer mit der flanellenen Bandage wie ein Dragoner auf die kleine Familie losfuhr, und dieſelbe zu Bette brachte, wobei ſie nicht auf's Sanfteſte ver⸗ fuhr.. Hierauf ließ ich mir es angelegen ſein, unſer Zim⸗ mer ein Bischen herauszuputzen, und ein ſehr übellauni⸗ ges Feuer zu hätſcheln, das man angezündet hatte, aber 71 um keinen Preis brennen wollte. Auch gelang es mir wirklich, es hell loderu zu machen. in Als ich wieder in den Salon hinabkam, ſah ich wohl, enn daß Mrs. Jellyby wegen des ſe gemeinen Geſchäfts, das lach„ mich in Anſpruch genommen, ziemlich ſtolz auf mich her⸗ abſah, und es that mir wirklich leid, obgleich ich zu glei⸗ ber⸗ cher Zeit wußte, daß ich keine höheren Prätentionen hatte. ßer Es war faſt Mitternacht, ehe wir eine Gelegenheit ölbe fanden, zu Bette zu gehen; und ſelbſt da ſaß noch Mrs. Jellyby unter ihren Papieren, und trank Kaffee, während wie Miß Jellyby ihre Feder zerbiß. und„Welch' ſeltſames Haus iſt das doch!“ ſprach Ada, ſich als wir auf unſerem Zimmer waren.„Wie ſonderbar iſt es doch von meinem Vetter Jarndyce, daß er uns der hierherſchickt!“ „Meine Liebe,“ antwortete ich,„ich kann daraus gar nicht klug werden. Ich möchte es gerne begreifen ſo und kann es doch nicht.“ „Was?“ fragte Ada mit ihrem hübſchen Lächeln.) ner„Alles das, meine Liebe,“ ſagte ich.„Es muß von Miſſis Jellyby ſehr gut ſein, daß ſie ſich es ſo viele Mühe koſten laßt, die armen Eingebornen von Afrika glücklich iter 2. zu machen,— und doch— Peepy und die Haushaltung!“ bis Ada lachte und legte ihren Arm um meinen Hals, ins während ich am Feuer ſtand, und in daſſelbe ſchaute. Sie ſagte mir, ich ſei ein ruhiges, liebes, gutes Geſchöpf, der⸗ und habe ihr Herz erobert das„Sie ſind ſo gedankenvoll, Eſther,“ ſagte ſie,„und wie dabei doch ſo luſtig! Anch thun Sie ſo Viel in ſo an⸗ ſpruchsloſer Weiſe! Sie würden ſelbſt aus dieſem Hauſe einen angenehmen Aufenthaltsort machen.“ Die liebe, ſchlichte Creatur! Sie wußte gar nicht, daß ſie nur ſich ſelbſt lobte, und daß ſie in der Güte ihres Herzens mich ſo hoch ſchätzte! Darf ich mir eine Frage erlanben?“ ſagte ich, als wir eine kleine Weile vor dem Feuer geſeſſen hatten. 72 „Fünfhundert,“ ſprach Ada. „Ihr Couſin, Mr. Jarndyce. Ich ſchulde ihm ſo Viel, möchten Sie mir ihn wohl beſchreiben?“ Ihr goldenes Haar zurückſchüttelnd, heftete Ada ihre Augen auf mich mit ſo vieler lachender Verwunderung, daß auch ich voller Verwunderung war, theils über ihre Schönheit, theils über ihr Erſtaunen. „Eſther!“ rief ſie. „Meine Liebe!“ „Sie wollen eine Beſchreibung von meinem Couſin Jarndyce haben?“ „Meine Liebe, ich habe ihn noch nie geſehen.“ „Auch ich habe ihn noch nie geſehen,“ entgeg⸗ nete Ada. 1 „Gewiß, gewiß!“ Nein, ſie hatte ihn nie geſehen. Jung, wie ſie beim Tod ihrer Mutter war, erinnerte ſie ſich, wie derſelben Thränen in die Augen kamen, ſo oft ſie von ihm und dem Adel ſeines Charakters ſprach, von welchem ſie ge⸗ ſagt hatte, daß man darauf mehr als auf alle irdiſchen Dinge bauen dürfe;— und Ada bante darauf. Ihr Couſin Jarndyce hatte ihr vor einigen Monaten ge⸗ ſchrieben,—„einen ſchlichten, ehrlichen Brief,“ ſagte Ada, worin er das Arrangement vorſchlug, womit wir uns nun beſchäftigen wollten, und worin er ihr ſagte, daß daſſelbe„mit der Zeit einige der Wunden heilen würde, welche der elende Proceß vor dem Kanzleigerichts⸗ hofe verurſacht.“ Sie hatte geantwortet, und den Vor⸗ ſchlag dankbar angenommen. Richard hatte einen ähnlichen Brief erhalten, und eine ähnliche Antwort gegeben. Er hatte Mr. Jarndyce ein Mal, aber nur ein Mal vor fünf Jahren, in der Schule zu Wincheſter, geſehen. Er hatte Ada, als ſich auf den Ofenſchirm ſtützten, wo ich ſie fand, geſa⸗ daß er ſich ſeiner als eines„dicken, roſenwang S—- 5 ⏑‿8 —— ſo hre ng, hre 73 Mannes“ erinnerte. Näher konnte mir ihn Ada nicht beſchreiben. Alles dieſes verſetzte mich in eine ſo nachdenkende Stimmung, daß ich, als Ada ſchon ſchlief, immer noch vor dem Feuer ſaß, und mich über Bleak Houſe wunderte, und wunderte, und mich nicht genng wundern konnte, daß geſtern Morgen als eine ſo lange Vergangenheit erſcheinen könnte. Ich weiß in der That nicht, wohin ich mich in Gedanken verirrt hatte, als es mit einem Male an der Thüre klopfte, und meine Gedanken eine andere Direction erhielten. Ich öffnete die Thüre ſanft, und fand dort die vor Kälte zitternde Miß Jellyby, die in der einen Hand einen zerbrochenen Leuchter hielt, worin ſich ein zerbrochenes Licht befand, und in der andern einen Eierbecher hatte. „Gute Nacht!“ ſagte ſie ſehr verdrießlich. „Gute Nacht!“ ſagte ich. „Darf ich zu Ihnen hineinkommen?“ fragte ſie mich kurz und unerwartet, in derſelben verdrießlichen Weiſe. „Gewiß,“ ſagte ich.„Wecken Sie aber Miß Clara nicht auf!“ Sie wollte ſich nicht ſetzen, ſondern ſtellte ſich neben das Feuer, wobei ſie ihren mit Dinte befleckten Mittel⸗ finger in den Eierbecher tauchte, der Eſſig enthielt. Mit letzterem überfuhr ſie auch die Dintenflecken, die ſich auf ihrem Geſichte zeigten. Die ganze Zeit aber ſah ſie überaus düſter und verdrießlich aus. „Ich wollte, daß Afrika todt wäre! ſagte ſie plötzlich. Ich war im Begriffe, ihr Gegenvorſtellungen zu machen. „Ja, ja!“ ſagte ſie.„Suchen Sie mich nicht vom Gegentheil zu überzeugen, Miß Summerſon; ich haſſe und verabſcheue Afrika; es iſt eine Beſtie!“ Ich ſagte ihr, daß ſie müde wäre, und daß es mir leid thäte. Ich berührte ihren Kopf mit der Hand und 74 ſagte, nachdem ich die Hand auf ihre Stirne gelegt, daß dieſelbe jetzt zwar heiß ſei, morgen aber wieder kühl ſein werde. Sie blieb während dieſer Zeit auf einer und derſelben Stelle ſtehen, und ſchmollte und blickte mich ſinſter an; doch es ſtand nicht lange an, ſo ſtellte ſie ihren Eierbecher irgendwo hin, und wandte ſich ſanft nach dem Bette hin, in dem Ada lag. „Sie iſt ſehr hübſch!“ ſagte ſie mit der gleichen gerunzelten Stirne und in der gleichen unhöflichen Weiſe. Ich gab durch ein Lächeln meine Zuſtimmung zu erkennen. „Eine Waiſe. Nicht wahr?“ Ga.“ „Ja. „Aber vermuthlich weiß ſie recht Viel? Sie kann wohl tanzen, kann ſingen, und kann Clavier ſpielen? Vermuthlich kann ſie auch Franzöſiſch ſprechen, und verſteht Geographie, den Gebrauch des Erd⸗ und Himmelsglobus; kann nähen, ſticken, und mit einem Worte Alles?“ „Ohne Zweifel,“ ſagte ich. „Ich kann es nicht,“ erwiederte ſie.„Was mich betrifft, ſo kann ich kaum etwas Anderes, als ſchreiben. Ich muß fürwahr immer ſchreiben. Es wundert mich, daß ihr Beide euch nicht ſchämtet, heute Nachmittag zu kommen, und euch von meiner Ungeſchicklichkeit zu über⸗ z ugen. Es war das recht unartig und boshaft von euch. Und doch haltet ihr euch ohne Zweifel für recht feine Perſonen!“ Ich konnte ſehen, daß das arme Mädchen auf dem Puukte ſtand, zu weinen, und nahm, ohne eine Silbe zu ſagen, wieder meinen Stuhl ein, und blickte ſie(hoffent⸗ lich) ſo gütig und ſo ſanft an, als ich gegen ſie ge⸗ ſtimmt war. 3 „Es iſt ſchmachvoll,“ ſagte ſie.„Sie wiſſen, daß dem ſo iſt. Um das ganze Haus iſt es etwas Schmach⸗ volles. Es iſt etwas Schmachvolles um die Kinder. Es i g ſ 0 ( 1 75⁵ iſt etwas Schmachvolles um mich. Pa iſt überaus un⸗ glücklich, und das iſt kein Wunder! Priscilla trinkt,— ſie thut nie etwas Anderes. Es iſt gar nicht ſchön von Ihnen, und Sie ſagen eine grobe Unwahrheit, wenn Sie läugnen wollen, daß Sie es ihr heute nicht angerochen haben. Die Aufwartung beim Eſſen war nicht beſſer, als in einem gemeinen Wirthshauſe; Sie wiſſen das!“ „Meine Liebe, ich weiß es nicht,“ ſagte ich. „Nein, Sie wiſſen es,“ ſagte ſie ſehr kurz.„Sie ſollen nicht ſagen, daß Sie es nicht wiſſen. Ja, Sie wiſſen es!“ „Oh, meine Liebe!“ antwortete ich,„wenn Sie mich nicht ſprechen laſſen wollen—“ „Sie ſprechen ja jetzt. Sie wiſſen es wohl. Er⸗ zählen Sie mir keine Geſchichtchen, Miß Summerſon.“ „Meine Liebe,“ ſagte ich,„ſo lange Sie mich nicht ausreden laſſen wollen—“ iind„Nein, ich mag nicht zuhören, bis Sie zu Ende ſind.“ „O ja, ich glaube, daß Sie mich werden ausreden laſſen,“ ſagte ich,„weil das Gegentheil ſo ganz unver⸗ nünftig wäre. Ich wußte nicht, was Sie mir ſagen, weil die Magd beim Eſſen nicht in meine Nähe kam; allein ich zweifle gar nicht an dem, was Sie mir ſagen, und es thut mir leid, es zu hören.“. „Sie brauchen ſich daraus kein Verdienſt zu machen,“ ſagte ſie. „Nein, meine Liebe,“ entgegnete ich,„das wäre ſehr thöricht.“ Sie ſtand immer noch neben dem Bette und bückte ſich jetzt(obwohl immer noch mit derſelben mißvergnügten Miene), und küßte Ada.— Nachdem ſie dieß gethan, kam ſie leiſe zurück, und ſtellte ſich neben meinen Stuhl. Ihr Buſen hob ſich ſtürmiſch, und ich konnte nicht umhin, ſie auf's Tiefſte zu bemitleiden; allein ich hielt es für angemeſſener, keine Silbe zu ſprechen. „Ich wollte, ich wäre todt!“ lauteten die Worte, in die ſie ausbrach.„Ich wollte, wir Alle wären todt. Es wäre für uns unendlich beſſer.“ Einen Augenblick darauf kniete ſie neben mich hin, verbarg ihr Geſicht in meinem Kleide, bat mich inſtän⸗ digſt um Verzeihung, und weinte bitterlich. Ich tröſtete ſie, und würde ſie aufgehoben haben, hätte ſie nicht gerufen; aber ſie rief:„Nein, nein!“ Sie wollte ſo auf den Knien liegen bleiben! „Sie haben Mädchen unterrichtet,“ ſagte fie.„Hät⸗ ten Sie doch nur auch mich lehren können, dann hätte ich von Ihnen lernen können! Ich bin ſo unendlich un⸗ glücklich, und habe Sie ſo gern!“ Ich konnte ſie nicht überreden, ſich neben mich zu ſetzen, oder etwas Anderes zu thun, als einen zerriſſenen Stuhl zu ſich herzuziehen. Aber immer noch hielt ſie in gleicher Weiſe mein Kleid feſt. Allmälig ſchlief das arme müde Mädchen ein, und dann verſuchte ich es, ihren Kopf ſo aufzurichten, daß derſelbe in meinem Schooße ruhen konnte. Auch verſuchte ich es, uns Beide mit Shawls zu bedecken. Das Feuer ging aus, und ſo ſchlummerte ſie die ganze Nacht vor dem mit Aſche angefüllten Kamine. Anfänglich konnte ich nicht ſchlafen, und es hatte mein Wachen etwas Schmerzvolles; vergebens verſuchte ich es, mich mit geſchloſſenen Augen unter den Scenen des Tages zu verlieren. Endlich wurden dieſelben all⸗ mälig undeutlich und verworren. Ich fing an, die Iden⸗ ttät der Schlafenden, deren Kopf in meinem Schooße lag, zu verlieren. Bald war es Ada; bald war es eine meiner alten Freundinnen von Reading, von denen ich nicht erſt ſeit ſo Kurzem Abſchied genommen zu haben glaubte. Bald war es das verrückte Weibchen, das durch lauter Knickſen und Lächeln ihre Kraft eingebüßt hatte; 77 bald war es Jemand, der in Bleak Houſe zu befehlen hatte. Zuletzt war es Niemand, und war auch ich Nie⸗ mand mehr. Der blödſichtige Tag kämpfte noch ſchwach mit dem Nebel, als ich die Augen öffnete, um denen eines kleinen Geſpenſtes mit ſchmutzigem Geſichte zu begegnen. Dieſe Augen waren auf mich geheftet. Peepy war aus ſeinem Bette geſtiegen, und kroch in ſeinem Nachthemde und in ſeiner Schlafmütze herab, und es fror das arme Kind dermaßen, daß ihm die Zähne klapperten, wie wenn es ſchon alle gehabt hätte. Fünftes Kapitel. Ein Morgenabenteuer. Obgleich der Morgen unfreundlich war, und der Nebel immer noch dicht ſchien, ich ſage, ſchien, denn es waren die Fenſter ſo mit Schmutz überzogen, daß ſie ſelbſt die Juniſonne verdüſtert haben würden,— ſo wußte ich doch ſchon um dieſe frühe Stunde, wie unbehaglich es im Hauſe war. Auch hätte ich gerne London ſehen mögen. Der Einfall der Miß Jellyby, die mir einen Spaziergang vorſchlug, erſchien mir daher als ein guter Gedanke. „Ma kommt noch nicht ſo bald herunter,“ ſagte ſie, „und dann kann man von Glück ſagen, wenn eine Stunde darauf das Frühſtück fertig iſt: ſie trändeln ſo ſehr. Was Pa betrifft, ſo nimmt er, was er gerade: findet, und geht dann auf ſein Bureau. Nie bekommt er das, was man ein regelmäßiges Frühſtück nennt. Priscilla legt, ehe ſie zu Bette geht, ihm den Laib her⸗ aus, und richtet ihm etwas Milch hin, wenn ſolche da iſt. Bisweilen iſt aber keine Milch da, und ein anderes Mal wird ſie von der Katze getrunken. Aber ich fürchte, Sie ſind müde, Miß Summerſon, und vielleicht wäre es Ihnen lieber, zu Bette zu gehen.“ „Ich bin gar nicht müde, meine Liebe,“ ſagte ich, „und es wäre mir weit lieber, wenn ich einen Spazier⸗ gang machen könnte. „Wenn das wirklich der Fall iſt, ſo will ich mich anziehen,“ erwiederte Miß Jellyby. Ada ſagte, auch ſie wolle mitgehen, und war bald aus dem Bette. Ich machte Peepy, da ich nichts Beſſe⸗ res für ihn thun konnte, den Vorſchlag, daß er ſich von mir waſchen und dann wieder auf mein Bett legen laſſen ſoll. Dieſem unterwarf er ſich ohne Widerſtreben. Wäh⸗ rend der ganzen Operation ſtarrte er mich an, wie wenn er in ſeinem ganzen Leben noch nie ſo erſtaunt geweſen wäre, noch je ſein würde. Auch ſah das Kind allerdings ſehr troſtlos aus; jedoch beklagte es ſich nicht, und legte ſich recht behaglich hin, um zu ſchlafen, ſobald ich mit dem Waſchen fertig war. Anfänglich wußte ich nicht recht, ob ich mir eine ſolche Freiheit erlauben dürfe; bald aber fiel mir ein, daß im ganzen Hauſe höchſt wahrſcheinlich Niemand bemerken würde, daß das Kind gewaſchen worden. Die Arbeit, die es mich gekoſtet hatte, Peepy von ſeinem Schmutze zu reinigen, und die Eile, womit ich mich parat machte, ſowie die Hülfe, die ich Ada leiſtete, hatten mich bald erwärmt. Was Miß Jellyby betrifft, ſo fanden wir ſie im Schlafzimmer am Kamine, wo ſie ſich zu wärmen ſuchte; denn Priscilla machte jetzt mit einem ſchmutzigen Parlor⸗Leuchter Feuer; bei dieſem — 79 Geſchäfte warf ſie das Licht in das Feuer, damit es beſſer brennen ſollte. 3 Alles war gerade ſo, wie wir es am vergangenen Abend verlaſſen hatten, und ſollte offenbar ſo bleiben. Drunten, im Speiſezimmer, war das Tiſchtuch nicht weggenommen worden, ſondern man hatte es ruhig liegen laſſen, damit der Tiſch ſchon gedeckt wäre, wenn es an's Frühſtücken ginge. Im ganzen Hauſe traf man auf Brodkrumen, Staub und Papierfetzen. Einige zinnerne Krüge, ſowie eine Milchkanne hingen an dem Gitter vor dem Hauſe: die Thüre ſtand offen; und an der Straßenecke begegneten wir der Köchin, die aus einer Schenke herauskam, und ſich den Mund abwiſchte. Als ſie an uns vorüberging, machte ſie die Bemerkung, daß ſie fortgeweſen, um zu ſehen, wie viel Uhr es ſei. Allein, ehe wir die Köchin trafen, begegneten wir Richard, der Thavies Inn auf⸗ und abtanzte, um warme Füße zu bekommen. Er war angenehm überraſcht, uns ſchon ſo früh auf und draußen zu ſehen, und ſagte, er würde gern an unſerem Spaziergange Theil nehmen. Er gab daher Ada und Miß Jellyby je einen Arm, und ich ging voraus. Hier kann ich zu gleicher Zeit bemerken, daß Miß Jellyby wieder ihr verdrießliches Weſen angenommen hatte, und daß ich wirklich nicht geglaubt haben würde, fi has mich ſehr gern, wenn ſie mir es nicht verſichert ätte. „Wo möchten Sie gerne hingehen?“ fragte ſie. „Mir iſt es ganz gleichgültig, meine Liebe,“ er⸗ wiederte ich. „Irgendwohin iſt nirgendwo,“ ſagte Mi Jellyby, ſtörriſch ſtehen bleibend. 3 ſag ˖ß Jeliybh „Gehen wir auf jeden Fall wohin!“ ſagte ich. Dann fing ſie an, ſehr ſchnell zu gehen, und ich mußte ihr folgen. „Es iſt mir gleichgültig!“ ſagte ſie.„Sie ſind jetzt 80 Zeugin, Miß Summerſon, daß ich ſage, es iſt mir gleich⸗ gültig;— wenn er aber mit ſeiner großen, glänzenden klumpigen Stirn eine Nacht um die andere in unſer Haus käme, bis er ſo alt, wie Methuſalah wäre, ſo würde ich ihm doch Nichts zu ſagen haben. Wie er und Ma ſich zu Eſeln machen! „Meine Liebe!“ hielt ich entgegen, auf das Epi⸗ theton und auf die kräftige Emphaſe, die Miß Jellyby darauf legte, anſpielend.„Ihre Pflicht als Kind—“ „Oh, ſprechen Sie mir nicht von meiner Kindes⸗ pflicht, Miß Summerſon; erfüllt Ma ihre Mutterpflicht? Sie lebt nur für das Publikum und für Afrika. Das Publikum und Afrika mögen ihr daher zu Dank ver⸗ pflichtet ſein; die können weit eher von Kindespflicht ſprechen, als ich. Sie nehmen an dieſen meinen Worten wahrſcheinlich Anſtoß! Wohlan, auch ich nehme Anſtoß; mithin nehmen wir beide Anſtoß, und damit baſta!“ Sie machte mich noch geſchwinder gehen. „Aber trotz Alle dem ſage ich abermal, er mag kom⸗ men, und kommen, und kommen, und doch habe ich ihm Nichts zu ſagen. Ich kann ihn nicht ausſtehen. Gibt es auf dieſer Welt Etwas, was ich haſſe und verabſcheue, ſo iſt es das Zeug, das er und Mama ſprechen. Es wundert mich nur, wie ſelbſt die Pflaſterſteine vor un⸗ ſerem Hauſe ſo viel Geduld haben mögen, um an Ort und Stelle zu bleiben, und Zeugen zu ſein von Inconſe⸗ quenzen und Widerſprüchen, wie all' der tönende Unſinn und Ma's Geſchäftführung ſind!“ Ich konnte nicht unthin, einzuſehen, daß ſie von Mr. Quale, dem jungen Herrn, der geſtern nach dem Eſſen erſchienen war, ſprach. Ich wurde der unangenehmen Nothwendigkeit, den Gegenſtand noch weiter erörtern zu hören, dadurch ent⸗ hoben, daß Richard und Ada in raſchem Schritte uns einholten. Sie lachten und fragten uns, ob wir um eine Wette liefen? —— 81 So unterbrochen, verſtummte Miß Jellyby, um mürriſch neben mir herzugehen, während ich das lange Aufeinanderfolgen und die Mannigfaltigkeit der Straßen, die vielen ſchon hin⸗ und hergehenden Leute, die hin⸗ und herfahrenden Wagen, die geſchäftigen Vorbereitungen in der Anordnung von Schaugegenſtänden und im Keh⸗ ren von Kaufläden, ſowie die außerordentlichen Geſchöpfe in Lumpen bewunderte, die ingeheim in dem Kehricht herumkratzten, um Stecknadeln, und dergleichen Dinge zu ſuchen.. „So kommen wir denn nie,“ ſagte die fröhliche Stimme Richard's zu Ada, hinter mir,„aus Chancery hinaus! Auf einem andern Wege ſind wir wieder an den Platz gekommen, wo wir geſtern einander getroffen haben, und— beim großen Siegel! hier iſt die alte Dame wieder!“ 3 Und da ſtand ſie in der That gerade vor uns, knickſend und lächelnd, und, mit ihrer patroniſirenden Miene von geſtern, ſagend: „Die Mündel im Proceſſe Jarndyce! Fr—eut mich unendlich, ich kann es Ihnen verſichern!“ „Sie ſind ſchon früh auf den Beinen, Ma'am,“ ſagte ich, während ſie mir einen Knicks machte. „J— a, j— a! Ich gehe hier gewöhnlich in aller Frühe ſpazieren. Ehe die Richter ihre Sitze einnehmen. Man iſt hier ſo allein. Hier ſammle ich meine Ge⸗ danken für die Geſchäfte des Tages,“ ſagte die Dame affertirt.„Die Geſchäfte des Tages verlangen viel Nach⸗ denken. Es iſt ſo außerordentlich ſchwe—r, der Juſtiz des Kanzleigerichts zu folgen.“ „Wer iſt dieß, Miß Summerſon?“ flüſterte Miß Jellyby, meinen Arm feſter an ſich ziehend. Die kleine alte Dame hatte ein merkwürdig gutes Gehoör. Denn ſie antwortete alsbald ſelbſt: „Eine Dame, die einen Proceß führt, mein Kind. 6 Acat Houſe. 1. Zu Ihren Dienſten. Ich habe die Ehre, regelmäßig den Sitzungen des Hofes anzuwohnen. Mit meinen Docu⸗ menten. Habe ich das Vergnügen, mit einer anderen der jugendlichen Parteien in Jarndyce zu reden?“ ſagte die alte Dame, ſich, mit dem Kopfe auf einer Seite, von einem ſehr tiefen Knickſe wieder aufrichtend. Richard, dem es darum zu thun war, ſeine Ge⸗ dankenloſigkeit von geſtern wieder gut zu machen, er⸗ klärte gutmüthig, daß Miß Jellyby mit dem Proceſſe Nichts zu ſchaffen habe. „Ha!“ ſprach die alte Dame.„Sie wartet auf keinen Spruch? Sie wird noch alt werden. Aber nicht ſo alt. O lieber Himmel, nein! dieß iſt der Garteu von Lincoln's Inn. Ich nenne ihn meinen Garten. Er iſt zur Sommerzeit eine große Lanbe. Wo die Vögel melodiſch ſingen. Hier bringe ich den größten Theil der langen Ferien zu. In beſchaulicher Weiſe. Sie ſinden wohl die langen Ferien gleichfalls außerordentlich lang,— nicht wahr?“ Wir bejahten die Frage, da ſie von uns zu erwar⸗ ten ſchien, daß wir ſo ſagen ſollten. „Wenn das Laub von den Bäumen fällt, und es keine Blumen mehr gibt, woraus ſich Sträuße für den Hof des Lord⸗Kanzlers machen laſſen,“ ſprach die alte Dame,„dann ſind die Ferien vorüber; und dann hat das in der Offenbarung Sct. Johannis erwähnte ſechſte Siegel wieder die Oberhand. Ich bitte Sie, kommen Sie doch mit mir in meine Wohnung. Es wird das für mich eine gute Vorbedeutung ſein. Jugend, und Hoffnung, und Schöͤnheit ſind gar ſelten dort. Es iſt ſchon lauge, lange her, daß ich von einer von derſelben einen Beſuch bekam.“ Sie hatte meine Hand ergriffen, und winkte, wäh⸗ rend ſie mich und Miß Jellyby mit fortführte, Richard und Ada, daß ſie gleichfalls kommen möchten. Da ich nicht wußte, wie ich mich entſchuldigen ſolle, 83 ſo erwartete ich, daß Richard mich erlöſen würde. Da die Sache ihn aber halb und halb amüſirte, und da er halb und halb neugierig war, und ſchlechterdings nicht wußte, wie er es angreifen ſollte, um ſich die alte Dame vom Halſe zu ſchaffen, ohne ſie zu beleidigen, ſo führte ſie uns immer weiter, und er und Ada fuhren fort, zu folgen. Dabei ſagte uns unſere ſeltſame Führerin in Einem fort, und unter ſtetem freundlichen Lächeln, daß ſie ganz in der Nähe wohne. Es war dieß auch ganz wahr, wie es ſich bald her⸗ ausſtellte. Ihre Wohnung war ſo nahe, daß ſie ſchon zu Hauſe war, ehe wir ihr noch ein Paar Augenblicke hatten zu Willen leben können. Bei einem kleinen Seiten⸗ pförtchen uns voranhuſchend, blieb die alte Dame ganz unerwartet in einer engen Hintergaſſe ſtehen, die einen Theil von einigen Höfen und Gäßchen bildet, welche ſich in unmittelbarer Nähe der Inn befinden, und ſagte: „Hier iſt meine Wohnung. Spazieren Sie ge⸗ fälligſt hinauf.“ Sie war an einer Bude ſtehen geblieben, welche die Auſſchrift trug: Krok, Lumpen⸗ und Flaſchen⸗ lager. Und ebenſo in langen, dünnen Buchſtaben: Krok, Verkäufer von Schiffsbedürfniſſen. An einem Theile des Fenſters befand ſich eine rothe Papier⸗ mühle abgebildet, bei welcher von einem Wagen ein Quantum von mit alten Lumpen angefüllten Säcken ab⸗ geladen wurden. An einem andern war die Anfſchrift zu leſen: Hier werden Beine gekauft. Wieder an einem andern: Hier wird abgängiges Küchen⸗ fett gekauft. Wieder an einem andern: Hier wird altes Eiſen gekauft. Und wieder an einem andern: Hier wird Maknlatur gekauft. Und endlich war an einem andern zu leſen: Hier werden Damen⸗ und Herren⸗Garderoben gekauft. Hier ſchien Alles gekauft und Nichts verkauft zu werden. Ueberall am Fenſter ſtanden Haufen ſchmutziger 84 Flaſchen: Wichſe⸗Flaſchen, Arzenei⸗Kolben, Ingwerbier⸗ und Sodawaſſer⸗Flaſchen, Flaſchen, worin eingemachte Sachen geweſen waren, Weinflaſchen, Dintenflaſchen. Indem ich letzterer Erwähnung thue, fällt mir ein, daß die Bude in verſchiedenen kleinen Einzelheiten aus⸗ ſah, als befinde ſie ſich in einer juriſtiſchen Nachbarſchaft, und als ſei ſie gleichſam eine ſchmutzige Schmarotzerin und Anhängerin, und eine nicht anerkannte Verwandte des Geſetzes. Es ſtanden überaus viele Dintenflaſchen da. Vor der Thüre befand ſich eine kleine wackelnde Bank mit ſchäbig ausſehenden alten Büchern, die mit einem Zettel bezeichnet waren, worauf zu leſen war, „Juridiſche Bücher, Stück für Stück zu neun Pence.“ Einige der Aufſchriften, deren ich erwähnt, ver⸗ riethen eine Advocatenhand, wie die Papiere, die ich auf Kenge's und Carboy's Bureaux geſehen, und wie die Brieße, die ich von der oben genannten Firma ſo lange bekommen hatte. Unter den Zetteln befand ſich auch einer, der von derſelben Hand herrührte, mit dem Geſchäfte der Bude aber Nichts zu thun hatte, ſondern ſagte, daß ein reſpectabler Mann in einem Alter von fünf und vierzig Jahren als Copiſt und Urkunden⸗Mun⸗ direr Arbeit ſuche; wobei eine ſchöne Handſchrift und möglichſte Beförderung zugeſichert wurde: Sich zu adreſſiren an Nemo, durch Mr. Krok im Laden. Es hingen mehrere alte blaue und rothe Taſchen da, die zu verkaufen waren. Drinnen, ein Bischen hinter der Thüre, lagen Haufen alter, riſſiger Pergamente und entfärbter juridiſcher Papiere, die voller Eſelsohren waren. Ich hätte mir einbilden können, daß alle die roſtigen Schlüſ⸗ ſel, von welchem Hunderte als altes Eiſen auf einem Haufen liegen mußten, einſt zu Zimmerthüren, oder zu eiſernen Geldkaſten auf Advocaten⸗Bureaux gehört hät⸗ ten. Den Haufen Lumpen, der zum Theil in eine ein⸗ beinige, hölzerne Wage gedrückt worden war, und zum — — 8⁵ Theil über dieſelbe herausragte, und ohne ein Gegen⸗ gewicht an einem Balken herabhing, hätten zerriſſene Bäffchen und Roben von Advocaten ſein können. Man brauchte ſich nur einzubilden, wie Richard Ada und mir zuflüſterte, während wir Alle ſtehen geblieben waren und hinein ſchauten, daß jene Beine in einer Ecke, die, ſehr ſauber abgenagt, auf einem Haufen lagen, die Beine von Clienten ſeien, um das Bild vollſtändig zu machen. Da es immer noch nebelig und dunkel, und da die Bude außerdem noch durch die Wand von Lincoln's Inn verdunkelt war, die in einer Entfernung von einigen Schritten das Licht auffing, ſo würden wir nicht ſo viel geſehen haben, ohne eine angezündete Laterne, die ein alter Mann mit einer Brille und einer zottigen Kappe in der Bude hin⸗ und hertrug. Jetzt ging er anf die Thüre zu, und erblickte uns. Er war kurz, cadaverös, und eingeſchrumpft; ſein Kopf ſank zwiſchen ſeinen Schultern auf eine Seite hinab, und der ſeinem Munde entſteigende Athem ſah ganz wie Rauch aus, wie wenn er inwendig gebrannt hätte. Seine Kehle, ſein Kinn, und ſeine Augenbrauen waren ſo mit weißen Haaren bedeckt, und es ſahen deren Adern und deren runzelige Haut ſo knorrig aus, daß er, von der Bruſt aufwärts, wie eine alte Wurzel unter einem Schnee⸗ haufen ausſah. „Hi, hi!“ ſagte der alte Mann, ſich unter die Thüre ſtellend.„Haben Sie Etwas zu verkaufen?“ Wir zogen uns natürlich zurück, und blickten unſere Führerin an, die es verſucht hatte, mit einem Schlüſſel, den ſie aus ihrer Taſche gezogen, die Hausthüre zu öff⸗ nen, und zu der Richard jetzt ſagte, daß, da wir nun das Vergnügen gehabt, zu ſehen, wo ſie wohne, wir ſie jetzt verlaſſen würden, indem wir Eile hätten. Allein es war nicht ſo leicht, ſie wieder zu verlaſſen. Sie nahm in ihren Bitten, daß wir doch hinauf ſpa⸗ zieren, und ihre Wohnung einen Augenblick anſehen 86 möchten, einen ſo phantaſtiſch und drängend ernſten Ton an; auch beſtand ſie in ihrer harmloſen Weiſe ſo ſehr darauf, mich hineinzuführen, da dieß zu der von ihr ge⸗ wünſchten guten Vorbedeutung nöthig ſei,— daß ich (was auch die Andern thun mochten) keinen andern Aus⸗ weg ſah, als ihr ihren Willen zu thun! Ich glaube, daß wir Alle mehr oder minder neu⸗ gierig waren;— auf jeden Fall traten wir, als der alte Mann ihre Bitten gleichfalls unterſtützte, und ſagte: „Ja, ja! Thun Sie ihr ihren Willen; es wird Ihnen nicht mehr, als eine Minute koſten! Kommen Sie her⸗ ein, kommen Sie herein! Kommen Sie durch die Bude herein, wenn die andere Thüre den Dienſt verſagt!“ Alle hiuein, angefeuert durch Richard's lachendes Zu⸗ ſprechen, und uns auf ſeinen Schutz verlaſſend. „Mein Hauswirth, Krok,“ ſagte die kleine alte Dame, von ihrem hohen Stande ſich zu ihm herab⸗ laſſend, während ſie ihm uns vorſtellte.„Er wird in der Nachbarſchaft nur der ‚Lord⸗Kauzler’ genannt. Seine Bude führt den Beinamen ‚Kauzleigerichtshoft. Er iſt eine außerordentlich excentriſche Perſon. Auch iſt er ſehr alt. Oh, ich kann Ihnen verſichern, daß er ſehr alt iſt!“ ie ſchüttelte gar viele Male den Kopf, und ſchlug ſich mit dem Finger auf die Stirn, um uns anzudeuten, daß wir die Güte haben müßten, ihn zu entſchuldigen, „denn er iſt ein Bischen, Sie wiſſen ſchon!— v—!“ ſagte die alte Dame mit vielem Stolz. Der alte Mann hörte das, und lachte. „Es iſt allerdings wahr,“ ſagte er, uns mit der Laterne vorangehend,„daß mich die Leute„Lord⸗Kanz⸗ ler nennen, und daß ſie meiner Bude den Namen „Kanzleigerichtshof“ geben. Und warum glanben Sie wohl, daß mich die Leute ‚Lord⸗Kanzler’', und meine Bude Kanzleigerichtshof’ heißen?“ — —— 87 „Ich weiß es wahrlich nicht!“ ſprach Richard etwas nachläſſig. „Sie ſehen,“ ſagte der alte Mann, ſtille ſtehend und ſich umwendend,„hi— hil! dieß iſt einmal ein prächtiges Haar! Ich habe drunten drei Säcke voller Frauenhaar, aber keines iſt ſo ſchön und ſo fein, wie dieſes. Was für eine Farbe und was für ein Gewebe!“ „Das genügt, mein guter Freund! ſprach Richard, der es höchſt ungern ſah, daß der alte Mann eine von Ada's Haarlocken durch ſeine gelbe Hand hindurch gezogen hatte.„Sie können nach unſerer Art bewundern, ohne ſich dieſe Freiheit herauszunehmen.“ Der alte Mann ſchoß ihm einen plötzlichen Blick zu, der ſelbſt meine Aufmerkſamkeit von Ada ablenkte, welche, überraſcht und erröthend, ſo außerordentlich ſchön war, daß ſie ſogar die vorübergehende Aufmerkſamkeit der kleinen alten Dame zu feſſeln ſchien. Als aber Ada ſich in's Mittel legte, und lachend ſagte, ſie könne auf eine ſo ächte Bewunderung nur ſtolz ſein, verſank Mr. Krok wieder in ſein früheres Weſen ebenſo geſchwind, als er ſich deſſelben entledigt hatte. „Sie ſehen, ich habe hier,“ hob er wieder an, indem er die Laterne in die Höhe hob,„ſo viele und ſo ver⸗ ſchiedenartige Dinge,— und lauter Dinge, von denen die Nachbarn glauben(aber die wiſſen Nichts), daß ſie ſchwinden, und in Nichts zerfallen: darum haben ſie mir und meiner Bude beſondere Namen gegeben. Und ich habe ſo viele alte Pergamente und Papiere auf mei⸗ nem Lager. Und meine Liebhabereien ſind nur Spinnen⸗ weben, und Roſt, und Schimmel. Und Alles, was mir in's Netz kommt, iſt gut. Und ich kann es nicht über mich gewinnen, mich von einem Gegenſtande zu trennen, den ich einmal in den Klauen habe loder ſo denken wenigſtens meine Nachbarn, aber was wiſſen denn die 2), oder Etwas zu verändern, oder zu kehren, zu reinigen, zu putzen, und überhaupt in meiner unmittelbaren Nähe 88 Reparaturen vornehmen zu laſſen. Es muß bei mir Alles beim Alten bleiben. So habe ich den Spottnamen „Kanzleigerichtshof bekommen. Aber mir iſt das gleich⸗ gültig. Ich beſuche meinen edlen und gelehrten Kollegen 8 ziemlich alle Tage, wenn er in der Inn ſitzt. Er bemerkt mich nicht, aber ich ihn. Zwiſchen uns Beiden iſt kein ſo großer Unterſchied. Wir Beide arbeiten und ſchaffen, ohne recht zu wiſſen, was oder warum. Hi, Lady Jane!“ Eine große graue Katze hüpfte ihm von einem nahen Brette auf die Schulter herab, und überraſchte uns Alle. „Hi! Zeig ihnen doch, wie du kratzen kannſt. Hi! Kratz doch, my Lady!“ ſagte ihr Herr. Die Katze ſprang herab, und riß mit ihren tiger⸗ artigen Klauen an einem Packe Lumpen, und das Ge⸗ räuſch, das dadurch verurſacht wurde, ging mir durch Mark und Bein. „Wollte ich ſie auf irgend eine Perſon hetzen, ſo würde ſie ein Gleiches thun,“ ſprach der alte Mann. „Unter Anderem handle ich auch mit Katzenfellen, und das ihrige wurde mir angeboten. Es iſt ein recht ſchö⸗ nes Fell, wie Sie ſehen können. Allein ich ließ ſie nicht ſchinden! Es möchte dieß aber der Praxis im Kanzlei⸗ gerichtshofe nicht ſo ganz entſprechen, ſagen Sie!“ Unterdeſſen hatte er uns durch die Bude geführt, und nun öffuete er, im hintern Theile derſelben, eine Thüre, die zu dem Hanuseingange führte. Während er, die Hand auf der Thürklinke, ſo da⸗ ſtand, bemerkte die kleine alte Dame, ehe er hinausging, in graziöſer Weiſe gegen ihn: „Es genügt dieß, Krok. Sie meinen es gut, ſind aber eine lätige Perſon. Meine jungen Freundinnen und mein junger Freund haben Eile. Ich ſelbſt habe keine Zeit zu verlieren, da ich in ein Paar Minuten der Sitzung anwohnen muß. Meine jungen Freundinnen 1 ————— —— 89 und mein junger Freund ſind die Mündel im Proceſſe Jarndyce.“ „Jarndyce!“ ſagte der alte Mann zurückfahrend. „Jarndyce und Jarndyce. Der große Proceß, Krok,“ erwiederte ſeine Miethfrau. „Hi!“ rief der alte Mann in einem Tone gedanken⸗ vollen Entſetzens aus, und riß dabei die Augen weiter auf, als zuvor.„Schau, ſchau, ſchau!“ Er ſchien mit einem Male ſo in Gedanken vertieft, und ſah uns ſo ſeltſam an, daß Richard ſagte: „Warnm ſcheinen Sie ſich ſo viel um die Proceſſe zu kümmern, die vor Ihrem edlen und gelehrten Collegen, dem andern Kanzler, verhandelt werden müſſen?“ „Ja,“ ſagte der alte Mann, ſeinem Gedankengange folgend.„Gewiß, Ihr Name wird nun ſein—“ „Richard Carſtone.“ „Carſtone,“ wiederholte er, dieſen Namen langſam ausſprechend, und, ſozu ſagen, mit dem Zeigefinger die Controle führend; und ſo fuhr er fort, die andern an verſchiedenen Fingern herzuzählen.„Ja. Es kam darin auch der Name Barbary und der Name Clare, und, wie ich glaube, auch der Name Dedlock vor.“ „Er weiß von dem Proceſſe ſo Viel, als der wirk⸗ liche beſoldete Kanzler!“ ſagte Richard, ganz erſtaunt, zu Ada und zu mir. „Ja, ja!“ ſprach der alte Mann, der allmälig von ſeiner Geiſtesabweſenheit zurückkam.„Ja! Tom Jarn⸗ dyce,— Sie werden, als Verwandte, mich entſchuldigen; aber man kaunte ihn beim Kanzleihofe nie unter einem andern Namen, und man kannte ihn daſelbſt ſogut, als— man Sie jetzt kennt.“ Dabei nickte er ein wenig mit dem Kopfe nach ſeiner Miethfrau hin. Dann fuhr er alſo fort: „Tom Jarndyce iſt oft hier geweſen. Er nahm eine unruhige Gewohnheit an, herumzulaufen, wenn der 90 Proceß auf der Tagesordnung ſtand, oder wenn man erwartete, daß derſelbe nun bald verhandelt werden ſollte; er ſprach mit den Krämern, und empfahl ihnen an, doch ja Nichts mit dem Kanzleigerichtshofe zu ſchaffen zu haben. ‚Denn, ſagte er, zes geht Einem dort nicht beſ⸗ ſer, als wenn man in einer langſamen Mühle zu Stücken zermahlen würde; man wird dort, ſo zu ſagen, langſam gebraten; man wird dort, ſo zu ſagen, langſam von einzelnen Bienen zu Tode geſtochen; man wird dort ganz allmälig ertränkt; man wird dort, ſo zu ſagen, gran⸗ weiſe zum Tollhäusler gemacht.’ Er war gerade da, wo die junge Dame jetzt ſteht, ſo nahe daran, ſich um⸗ zubringen, als er nur ſein konnte.“ Wir hörten mit Entſetzen zu. „Er kam an dem Tage, an dem er es that, zur Thüre herein,“ ſagte der alte Mann, langſam imaginäre Fußſtapfen in der Bude bezeichnend;„die ganze Nach⸗ barſchaft hatte ſchon ſeit Monaten geſagt, daß er, früher oder ſpäter, ſo Etwas thun würde.“ „An dem fraglichen Tage alſo kam er zur Thüre herein, und ging dort auf und ab, und ſetzte ſich endlich auf eine dort ſtehende Bank, und bat mich(Sie werden ſich wohl denken, daß ich damals noch ein Bischen jün⸗ ger war), ihm eine Pinte Wein zu holen. ‚Denn, agte er, ‚Krok, ich bin gar ſehr niedergeſchlagen; meine Sache kommt wieder vor, und ich glaube, daß ich bälder vor meinem Richter erſcheinen werde, als je.“ „Ich mochte ihn nicht allein laſſen, und überredete ihn, nach der Taverne dort, auf der andern Seite mei⸗ ner Lane(ich meine Chancery Lane), zu gehen. Ich folgte ihm nach, und ſah zum Fenſter hinein, und be⸗ merkte, wie er ſich in den Lehnſeſſel neben dem Feuer ſetzte,— wie ich glaubte, mit vielem Behagen. Auch waren Leute um ihn „Kaum aber war ich in meine Bude zurückgekom⸗ men, als ich einen Schuß hörte, deſſen Knall das ganze — — 91 Wirthshaus erfüllte. Ich ſprang hinaus,— Nachbarn ſprangen hinaus,— wohl unſer Zwanzig riefen auf ein Mal, ‚„Tom Jarndyce!“ Der alte Mann hielt inne, blickte uns ſcharf an, blickte dann in die Laterne, blies das Licht aus, und machte die Laterne zu. „Wir hatten uns in unſerer Vermuthung nicht ge⸗ irrt,— ich brauche das meinen Zuhörern nicht erſt zu ſagen. Hi! Wie die Nachbarn an jenem Nachmittage, wo der Proceß vorkam, in den Kanzleihof ſtrömten! Wie mein edler und gelehrter College, und alle Uebrigen, in der alten, trägen, verworrenen Weiſe darauf los⸗ ſchafften, und ſich bemühten, auszuſehen, als hätten ſie von dem letzten Factum in dem Falle auch nicht eine Silbe gehört; oder als ob ſie— oh je!— ganz und gar Nichts damit zu ſchaffen hätten, oder als ob ſie nur ganz zufällig und unbeſtimmt hätten davon ſprechen hören!“ Ada's Geſicht hatte ſich gauz entfärbt, und Richard ſah kaum bläſſer aus. Auch konnte ich mich nicht darüber wundern, ſelbſt wenn ich nur nach meinen eigenen Emo⸗ tionen urtheilte, und ich war bei dem Proceſſe in keiner Weiſe betheiligt, daß für ſo friſche und ungeprüfte Herzen es überaus widerwärtig ſein müßte, das Erbe einer langen Jammerexiſtenz anzutreten, mit der ſich bei vielen Leuten ſo furchtbare Erinnerungen verknüpfen. Ich hatte noch eine andere Unbehaglichkeit, in der Au⸗ wendung der peinlichen Geſchichte auf das arme, halb verrückte Geſchöpf, das uns hiehergeführt; allein, zu meiner großen Ueberraſchung, ſchien ſie davon gar keine Ahnung zu haben, ſondern führte uns nur die Treppe hinan; wobei ſie mit der Toleranz eines höheren Ge⸗ ſchöpfes, gegenüber den Schwächen eines gewöhnlichen Sterblichen, uns ſagte, mein Hauswirth iſt„ein Bis⸗ chen— v—, wie Sie wiſſen!“ Sie wohnte in dem oberſten Theile des Hauſes, in 92 einem ziemlich großen Zimmer, von wo ſie auf das Dach von Lincoln’s Inn Hall blicken konnte. Es ſchien dieß urſprünglich der Hauptgrund geweſen zu ſein, daß ſie ſich hier einlogirte. Sie könne, wie ſie ſagte, auch in der Nacht hinüberblicken; insbeſondere aber beim Mond⸗ ſchein. Ihr Zimmer war ſauber, allein außerordentlich nackt. An Möbeln bemerkte ich nur das Allernothwen⸗ digſte; an der Wand bemerkte man einige alte, aus Büchern genommene Portraits von Kanzlern und An⸗ wälten: es waren dieſe Portraits mit Oblaten an der Wand befeſtigt; auch waren etwa ein halbes Dutzend von Retikülen und Arbeitsbeuteln zu ſehen, die, wie ſie uns ſagte,„Documente enthielten.“ Im Kamine lagen weder Kohlen, noch Aſche; auch ſah ich nirgends Kleidungsſtücke, noch irgend eine Spur von Nahrung. Auf einem Brette, in einem offenen Schranke, ſtanden einige Teller, einige Becher und ſo weiter; aber alle waren leer und trocken. Es lag in ihrem dürftigen Ausſehen eine mehr zum Herzen ſprechende Bedeutung, als ich zuvor begriffen; ſo dachte ich, als ich im Zimmer herum ſah. „Bin durch dieſen Beſuch von den Mündeln im Proceſſe Jarndyce ungemein geehrt, ich kann es Ihnen verſichern,“ ſagte unſere Führerin mit größter Lieblichkeit. „Und bin für die Vorbedeutung Ihnen recht ſehr zu Danke verpflichtet. Es iſt zwar ein von der Welt etwas abgeſchiedener Ort; allein ich kann in dieſer Beziehung nicht handeln, wie ich will. Ich ſehe mich in die Noth⸗ wendigkeit verſetzt, dem Lordkanzler, ſo oft er erſcheint, meine Aufwartung zu machen.“. „Ich wohne nun ſeit vielen Jahren hier. Meine Tage bringe ich im Kanzleigerichtshofe zu; meine Abende und meine Nächte hier.“ „Ich finde die Nächte lang, denn ich ſchlafe nur wenig, und denke Viel. Es iſt dieß natürlich un⸗ 93 vermeidlich, da ich es mit dem Kanzleigerichtshofe zit thun habe.“ „Es thut mir leid, daß ich Ihnen keine Chocolade aubieten kann. Ich erwarte in Kurzem einen Spruch, und dann werde ich mein Haus auf's Beſte einrichten. „Für jetzt ſchäme ich mich nicht, den Mündeln in Jarndyce(unter dem Siegel der Verſchwiegenheit) zu geſtehen, daß ich es bisweilen ſchwer finde, wenigſtens einen Schein von anſtändigem Ausſehen zu bewahren. Hier hat es mich ſchon oft gefroren. Auch habe ich Etwas gefühlt, was noch weher that, als die Kälte. Allein es hat das nur wenig zu bedeuten. Entſchuldigen Sie doch, daß ich von ſo gemeinen Dingen geſprochen.“ Sodann zog ſie von einem langen, niederen Dach⸗ ſtubenfenſter den Vorhang theilweiſe auf die Seite, und lenkte unſere Aufmerkſamkeit auf eine Anzahl von Käfigen, die dort hingen. Einige dieſer Käfige enthielten mehrere Vögel. Es waren da Lerchen, Hänflinge, und Gold⸗ finken,— wenigſtens zwanzig, wie ich glaube. „Indem ich mir die Geſchöpfchen anſchaffte, und dieſelben nährte,“ ſagte ſie,„hatte ich einen Zweck, den die Mündel leicht begreifen werden. Ich hatte die Ab⸗ ſicht, denſelben die Freiheit wieder zu ſchenken. Sobald in meinem Proceſſe das Endurtheil geſprochen ſein würde. J—a! Jetzt ſterben die armen Tröpfe in ihrem Ge⸗ fängniſſe. Ihr Leben,— wie bedaure ich die armen närriſchen Dinger!— iſt im Vergleich mit der Dauer der Proceſſe, die beim Kauzleigerichtshofe anhängig ſind, ſo kurz, daß die ganze Collection ſchon mehrmals weg⸗ geſtorben iſt,— ein Thierchen nach dem andern. „Und wiſſen Sie, ich bezweifle ſehr, ob eines von dieſen Thierchen, obgleich alle jung ſind, ſo lauge leben wird, daß ich es in Freiheit ſetzen kann! Sehr ärgerlich, nicht wahr?⸗ Obgleich ſie bisweilen Fragen an die Anweſenden ſtellte, ſo ſchien ſie doch nie eine Antwort zu erwarten, 94 ſondern fuhr fort, zu plaudern, wie wenn das ſo ihre Gewohnheit wäre, ſobald ſie ſich allein wußte. „Ich bezweifle in der That bisweilen ſehr ſtark, ich verſichere Sie,“ fuhr ſie fort,„ob, ſo lange Alles noch ungewiß iſt, und das ſechſte oder große Siegel noch ſeine Herrſchaft ausübt, ich nicht eines Tags ſteif und be⸗ wußtlos ausgeſtreckt gefunden werde, wie ich ſo viele Vögel gefunden habe!“ Richard ergriff, den mitleidsvollen Ausdruck von Ada's Augen richtig deutend, die Gelegenheit, um, leiſe und unbemerkt, einige Geldſtücke auf den Kaminſims zu legen. Was uns betrifft, ſo gingen wir Alle näher zu den Käfigen hin, und ſtellten uns, als beſchauten wir die Vögel. „Sie dürfen mir nicht ſo viel ſingen,“ ſprach die alte kleine Dame,„denn(Sie werden das ſeltſam finden) ich finde, daß mein Verſtand in Verwirrung kommt durch den Gedanken, daß ſie ſingen, während ich den Argu⸗ mentationen im Kanzleigerichtshofe folge. Und Sie wiſ⸗ ſen, mein Verſtand muß ſo klar bleiben. „Ein anderes Mal will ich Ihnen ihre Namen ſagen. Jetzt aber nicht. An einem Tage von ſo guter Vor⸗ bedeutung ſollen ſie ſingen, ſo viel und ſo lang ſie wol⸗ len. Zu Ehren der Jugend,“— hier ein Lächeln und ein Knicks;—„der Hoßzuung,“— abermals ein Lächeln und ein Knicks;—„und der Schönheit,“— hier aber⸗ mals ein Lächeln und ein Knicks.„Da! Wir wollen das volle Licht hereinlaſſen.“ Die Vögel fingen an, ſich zu rühren, und zu zwitſchern. „Ich kann die Luft nicht frei einſtrömen laſſen,“ ſprach die kleine alte Dame weiter; die Luft im Zimmer war ungemein dumpf, und hätte wohl einer Erneuerung bedurft;„weil die Katze, die ſie drunten geſehen,— ſie heißt Lady Jane,— ihnen nach dem Leben trachtet. Ganze Stunden liegt ſie draußen auf der Bruſtmauer. — .— 9⁵ „Ich habe heraus gefunden,“ flüſterte ſie geheimniß⸗ voll,„daß ihre natürliche Grauſamkeit durch eine eifer⸗ ſüchtige Furcht, daß die armen Thierchen ihre Freiheit wieder erlangen werden, noch vermehrt wird. Die armen Dingerchen ſollen in Folge des Uriheils frei werden, das, wie ich erwarte, in Kurzem geſprochen werden wird. Sie i*ſt ſchlan und voll von Tücken. Bisweilen glanbe ich ſo halb und halb, daß ſie gar keine Katze iſt, ſondern der Wolf in den alten Mährchen. Es iſt ſo äußerſt ſchwer, ſie von der Thüre entfernt zu halten.“ Einige benachbarte Glocken, welche die arme Seele erinnerten, daß es halb zehn Uhr ſei, trugen mehr dazu bei, daß unſer Beſuch endlich ſein Ende erreichte, als was wir ſelbſt hätten wohl thun können. In aller Eile nahm ſie ihren Beutel mit den Docu⸗ menten, den ſie, beim Hereinkommen auf den Tiſch ge⸗ legt hatte, und fragte uns, ob wir gleichfalls nach dem Kanzleigerichtshofe gingen. Als wir mit Nein antworteten und hinzuſetzten, daß wir ſie um keinen Preis länger zurückhalten möchten, machte ſie die Thüre auf, um uns die Treppe hinab zu begleiten. „Bei einer ſolchen Vorbedeutung iſt es ſogar noth⸗ wendiger denn ſonſt, daß ich in dem Gerichtsſaale bin, fehe der Lordkanzler eintritt,“ ſagte ſie,„denn meine Sache könnte zuerſt vorkommen. Ich habe ein Vorgefühl, daß er hente Morgen meine Sache zuerſt vornehmen wird.“ Sie blieb einen Augenblick ſtehen, um uns, während wir hinabgingen, flüſternd zu ſagen, daß das ganze Haus mit ſeltſamem Kram angefüllt wäre, den ihr Hauswirth allmälig gekauft, und um keinen Preis wieder verkaufen wolle,— da er ein bischen— v— ſei. 3 Dieß ſprach ſie im erſten Stockwerke. Allein ſie war ſchon vorher auch im zweiten Stocke ſtehen geblieben, und hatte dort auf eine finſtere Thüre hingezeigt, ohne dabei ſedoch ein Wort zu ſagen. 96 „Der einzige andere Miethsmann,“ flüſterte ſie nun erklärend,„iſt ein Mann, der juridiſche Dokumente ab⸗ ſchreibt. Die Kinder, in den Gäßchen hier, ſagen, er habe ſich an den Teufel verkauft. Ich weiß aber wahr⸗ lich nicht, was er mit dem Gelde angefangen haben mag. St!“ Sie ſchien zu befürchten, daß der Miethmann ſie ſelbſt da noch hören möchte, und ſagte wiederholt:„St!“ Dann ging ſie auf den Fußſpitzen uns voran, wie wenn ſelbſt das Geräuſch ihrer Fußtritte ihm das Geſagte enthüllen könnte. Als wir beim Hinausgehen wieder durch die Bude kamen, wie wir im Hineingehen dieſelbe paſſirt hatten, fanden wir den alten Mann damit beſchäftigt, ein Quan⸗ tum von Makulaturbündeln in einer Art Behälter im Boden aufzubewahren. Er ſchien ſich bei ſeiner Arbeit nicht wenig anzuſtrengen; denn es ſtanden ihm Schweiß⸗ tropfen auf der Stirune, und neben ihm lag ein Stück Kreide, womit er, ſo oft er ein Bündel in den Behälter legte, einen krummen Strich auf das Täfelwerk der Wand machte. Richard, Ada, Miß Jellyby und die kleine alte Dame waren an ihm vorbeigegangen, und ich war im Begriffe, ein Gleiches zu thun, als er meinen Arm be⸗ rührte, um mich zurückzuhalten. Dann ſchrieb er den Buchſtaben J an die Wand, und zwar in höchſt ſonder⸗ barer Weiſe, indem er mit dem Ende des Buchſtaben anfing, und denſelben rückwärts bildete. Es war ein großer Buchſtabe, kein gedruckter, ſondern gerade ein ſol⸗ cher Buchſtabe, wie ihn der erſte beſte Schreiber auf dem Bureau der Herren Kenge und Carboy gemacht haben würde. „Können Sie das leſen?“ fragte er mich, indem er mich ſcharf anſchaute. „Ei, freilich,“ ſagte ich.„Es iſt derſelbe deutlich genug.“ —4 — —————„ 2 97 „Was für ein Buchſtabe iſt es?“ „Ein J.“ 1 Mit einem andern Blicke, den er mir zuwarf, und mit einem Blicke auf die Thüre wiſchte er den Buchſtaben nun aus, und ſchrieb dafür ein a hin(dieß Mal war es kein großer Buchſtabe). Daun ſagte er: „Was iſt das für ein Buchſtabe?“ Ich ſagte es ihm. Dann wiſchte er auch dieſen aus, und zum Vorſchein kam der Buchſtabe r, worauf er dieſelbe Frage an mich richtete. So fuhr er raſch fort, bis er in derſelben ſeltſamen Weiſe,— das heißt am untern Ende des Buchſtabens anfangend,— das Wort Jarndyee gebildet hatte, ohne daß er an der Wand ein Mal zwei Buchſtaben zugleich ſtehen ließ. „Wie wird das Ganze ausgeſprochen?“ fragte er mich. Als ich es ihm geſagt, lachte er. Dann ſchrieb er in derſelben ſeltſamen Weiſe, aber mit derſelben Geſchwindigkeit, das heißt, jeden Buchſtaben einzeln, und darauf ihn wieder auslöſchend, die Buchſta⸗ ben hin, welche die beiden Wörter Bleak Houſe bilden. Auch dieſe las ich mit einigem Erſtaunen, und dann lachte er wieder. „Hi!“ ſprach der alte Mann, die Kreide weglegend, „ich habe, wie Sie ſehen, Miß, einige Geſchicklichkeit im Auswendigcopiren, obgleich ich weder ſchreiben, noch leſen kann.“ Er ſah ſo nnangenehm aus, und ſeine Katze blickte mich ſo boshaft an, als wenn ich eine Blutsverwandte der Vögel oben im Hauſe wäre, daß ich mich wirklich erleich⸗ tert fühlte, als Richard an der Thüre erſchien, und ſagte: „Miß Summerſon, hoffentlich werden Sie nicht Ihr Haar verkaufen wollen. Laſſen Sie ſich nicht in Verſu⸗ chung führen! Die drei Säcke voll, die drunten ſind, ſind für Mr. Krok übrig genug!“ 1 Bleak Houſe. I. 7 Ich verlor nun keine Zeit, Mr. Krok einen guten Morgen zu wünſchen, und mich mit meinen draußen war⸗ tenden Freunden wieder zu vereinigen.— Sofort trennten wir uns von der kleinen alten Dame, die uns in überaus ceremoniöſer Weiſe ihren Segen gab, und die ſchon geſtern gegebene Verſicherung erneuerte, daß ſie im Sinne habe, Ada und mir etwas Schönes zu vermachen. Ehe wir dieſe Gäßchen ganz verließen, blickten wir noch ein Mal zurück, und ſahen Mr. Kork, der, die Brille auf der Naſe, unter ſeiner Ladenthüre ſtand und uns nachſchaute. Dabei kann ich nicht unerwähnt laſſen, daß ſeine Katze ihm auf der Schulter ſaß, und daß die Beſtie ihren Schwanz an einer Seite ſeiner zottigen Kappe in die Höhe richtete, ſo daß derſelbe wie eine lange Feder ausſah. „Für einen Morgen in London iſt dieß ein vollkom⸗ menes Abenteuer!“ ſprach Richard mit einem Seufzer. „Ah, Couſine, Couſine, es iſt etwas Trauriges, das Wort „Kanzleigerichtshofe ausſprechen, oder auch nur daran denken zu müſſen!“ „Ja, ſo geht es mir, und es iſt mir immer ſo gegan⸗ gen, ſo weit mein Gedächtniß reicht,“ erwiederte Ada. „Es thut mir leid, denken zu müſſen, daß ich möglicher Weiſe die Feindin einer großen Anzahl von Verwandten und andern Menſchen ſei, was ich wirklich auch bin, wie ich vermuthe;— und daß ſie möglicher Weiſe meine Feinde ſeien,— wie ſie es auch ſind, wie ich vermuthe;— und daß wir Alle einander ruiniren ſollen, ohne zu wiſ⸗ ſen, wie oder warum; und daß wir unſer Leben lang in ſtetem Zweifel und in ſteter Zwietracht befangen ſein ſol⸗ len. Da doch das Recht auf dieſer oder jener Seite ſein muß, ſo kommt es mir ſehr ſeltſam vor, daß ein ehrlicher Richter, dem es ernſtlich um die Sache zu thun, ſeit ſo vielen Jahren noch nicht im Stande geweſen iſt, heraus⸗ zufinden, auf weſſen Seite das gute Recht iſt.“ 99 „ Ah, Couſine!“ ſagte Richard.„Seltſam in der That! All' dieſe koſtſpielige, muthwillige Schauſpielerei iſt überaus ſeltſam. Als ich geſtern den Gerichtshof ſo gelaſſen fortſchlendern ſah, und über die Jämmerlichkeit der vorgelegten Documente nachdachte, bemächtigte ſich meiner ein heftiges Kopf⸗ und Herzweh. Der Kopf that mir weh vor lauter Erſtaunen, wie das ſo kommen könne, wenn die Menſchen weder Narren, noch Spitzbuben ſeien; und das Herz that mir weh bei dem Gedanken, daß ſie möglicher Weiſe das eine und das andere ſeien. Aber auf jeden Fall, Ada,— darf ich Sie Ada nennen?“ „Natürlich dürfen Sie das, Couſin Richard!“ „Auf jeden Fall, Ada, wird der Kanzleigerichtshof keinen ſeiner böſen Einflüſſe auf uns üben. Wir ſind, Dank unſerem gütigen Verwandten, zuſammen geführt worden, und der Kanzleigerichtshof vermag uns jetzt nicht zu trennen.“ „Hoffentlich nie, nie mehr, Couſin Richard!“ ſprach Ada ſanft. Miß Jellyby drückte hier meinen Arm, und warf mir einen vielſagenden Blick zu. Als Antwort darau lächelte ich, und der Reſt des Weges ward mit überau angenehmen Plaudereien ausgefüllt. Eine halbe Stunde nach unſerer Rückkehr erſchien endlich Wus. Jellyby; und im Laufe einer Stunde ſpa⸗ zierten die verſchiedenen Dinge, die zu einem Frühſtücke gehören, eines nach dem andern in das Speiſezimmer herein. Ich zweifle zwar nicht, daß Mr. Jellyby in gewöhn⸗ licher Weiſe zu Bette gegangen und ebenſo aufgeſtanden war; allein es hatte durchaus niht den Anſchein, daß ſie ihre Kleider gewechſelt. 4 8 Während des Frühſtücks war ſie ungemein beſchäftigt, denn die Morgenpoſt brachte ihr eine ſchwere, auf Bor⸗ rioboola⸗Gha bezügliche Correſpondenz, von der ſie ſagte, daß ſie ihren ganzen Tag in Anſpruch nehmen würde. 100 Die Kinder purzelten herum, und verzeichneten neue Un⸗ fälle auf ihren Beinen, die wahre kleine Unglückskalender waren. Was Peepy betrifft, ſo war er anderthalb Stun⸗ den verloren, und wurde durch einen Polizeidiener von Newgate⸗Market zurückgebracht. Der Gleichmuth, womit Mrs. Jellyby ſowohl ſeine Abweſenheit, als ſein Wieder⸗ erſcheinen im Familienkreiſe ertrug, überraſchte uns Alle. Und ſchon diktirte ſie um letztere Zeit wieder darauf los, und es verſank Caddy raſch wieder in den dintigen Zuſtaud, in dem wir ſie gefunden hatten. Um ein Uhr kam ein offener Wagen, um uns ab⸗ zuholen, und ein Karren für unſer Gepäck. Mrs. Jellyby trug uns viele Grüße und Empfeh⸗ lungen an ihren lieben Freund Mr. Jarndyce auf; Caddy verließ ihr Schreibpult, um uns weggehen zu ſehen: ſie küßte mich, und biß an ihrer Feder herunter, und ſchluchzte auf der Treppe. Es freut mich, ſagen zu können, daß der arme Peepy ſchlief, und ihm ſo der Schmerz der Trennung erſpart wurde(ich konnte mich kaum des Ge⸗ dankens erwehren, daß er nach dem Newgate⸗Markte ge⸗ gangen, um mich aufzuſuchen). Alle übrigen Kinder ſprangen hinten auf die Barouche, und fielen wieder herunter: mit großer Bekümmerniß ſahen wir ſie über die Oberfläche von Thavies Inn geſtreut, als wir in dem dahin rollenden Wagen dieſen Stadttheil hinter uns ließen. 101 Sechstes Kapitel. Ganz zu Hauſe. Der Tag war ſehr ſchön geweſen, und war immer noch ſchön, als wir weſtwärts fuhren. Wir fuhren durch den Sonnenſchein und die friſche Luft hin, und wunder⸗ ten uns je mehr und mehr über die großen und vielen Straßen, über die brillanten Kaufläden, über den großen Handel und über die Maſſen von Menſchen, die das au⸗ genehme Wetter gleich bunten Blumen aus dem Boden hervorgerufen zu haben ſchien. Allmälig fingen wir an, die wundervolle Stadt zu verlaſſen, und durch Vorſtädte hinzufahren, die in meinen Augen ſchon eine hübſche große Stadt gebildet haben würden. Endlich kamen wir wieder auf eine wirkliche Landſtraße mit Windmühlen, Heu⸗ und Getreideſchobern, Meilenſteinen, Bauerwagen, Geruch von altem Heu, loſe hangenden Schildern, Waſſertrögen für Pferde, Bäumen, Feldern und Baumhecken. Es war entzückend, die grüne Landſchaft vor uns und die ungeheuere Hauptſtadt hinter uns zu ſehen; und ſo oft ein Wagen mit prächtigen Pferden, die dazu noch mit rothen Schabracken und hell klingenden Glöckchen verſehen waren, mit ſeiner Muſik⸗ an uns vorüberkam, ſo glaube ich, daß wir alle Drei die Glöckchen mit unſerem Geſange hätten begleiten mögen: ſo erheiternd waren die Einflüſſe um uns her. „Der ganze Weg hat mich an meinen Namensvettex Whittington erinnert,“ ſagte Michard,„und dieſer Wagen iſt, ſo zu ſagen, der letzte Pinſelſtrich zum ganzen Ge⸗ mälde. Halloh! Was gibts?“⸗ Wir hatten angehalten, und der Wagen hatte ein Gleiches gethan. Seine Muſik veränderte ſich, als die Pferde anfingen, ſtehen zu bleiben, und ging in ein ſanf⸗ ——j 1⁰0² tes Geklingel über, es ſei deun, daß ein Pferd den Kopf in die Höhe warf, oder ſich ſchüttelte, bei welchem An⸗ laß dann das Glockengeklingel, einem ſanften Regen ähn⸗ lich, von ihm ausgeſprüht wurde. „Unſer Poſtillon ſieht nach dem Fuhrmann,“ ſagte Richard;„und der Fuhrmann kommt hinter uns her. Guten Tag, Freund!“ Der Fuhrmann ſtand an unſerem Kutſchenſchlage. „Ei, ei, hier haben wir etwas Außerordentliches!“ ſette Richard hinzu, den Fuhrmann ſcharf anblickend. „Er hat, Ada, Ihren Namen an ſeinem Hute!“ Und wirklich waren auch alle unſere Namen an ſei⸗ nem Hute. Innerhalb des Hutbandes ſtaken drei kleine Briefe; einer war an Ada, ein zweiter an Richard, ein dritter an mich adreſſirt. Dieſe Briefe wurden nun jedem von uns von dem Fuhrmann übergeben; wobei derſelbe zuerſt jeden Namen laut las. In Beantwortung von Richards Fragen, woher die Briefe kämen, ſagte der Mann ganz kurz,„vom Herrn, Sir, Ihnen zu dienen.“ Dann ſetzte er ſeinen Hut wie⸗ der auf(— es war derſelbe einem weichen Napfe ähn⸗ lich), knallte mit der Peitſche, weckte ſeine Muſik wieder, und fuhr melodiſch hinweg. „Iſt das Mr. Jarndyce's Wagen?“ ſprach Richard, unſerem Poſtknechte zurufend. „Ja, Sir,“ antwortete er.„Er geht nach London.“ Wir öffneten ſofort die Briefe. Es war einer wie der andere, und es enthielt jeder, mit feſter, ungekünſtelter Hand geſchrieben, ſolgende Worte: „Ich erwarte, meine Liebe(mein Lieber), daß wir ohne alle Gezwungenheit von der einen oder andern Seite zuſammenkommen werden. Ich ſchlage daher vor, da wir einander als alte Freunde wiederfinden, und da wir das Vergangene vergangen ſein laſſen. Es iſt mög⸗ ———2 N= S ₰— ine ein em nen die ern, vie⸗ hn⸗ der, ard, zn.“ wie elter wir Seite daß daß nög⸗ 103 lich, daß Sie ſich dadurch erleichtert fühlen werden; was mich betrifft, ſo iſt es ganz gewiß der Fall, und deßhalb entbiete ich Ihnen meinen liebevollſten Gruß. „John Jarndyce.“ Ich hatte vielleicht weniger Urſache, überraſcht zu ſein, als meine beiden Begleiter, da ich noch nie Gelegen⸗ heit gefunden, einem Manne zu danken, der ſo lange Jahre hindurch mein Wohlthäter und meine einzige irdiſche Hoffnung geweſen war. Ich hatte mich noch nicht darüber beſonnen, wie ich ihm zu danken im Stande wäre, da meine Dankbarkeit zu tief in meinem Herzen lag, als daß ich es hätte ſo ohne Weiteres thun können; allein jetzt fing ich an, darüber nachzudenken, wie ich mit ihm zuſammentreffen könnte, ohne ihm zu danken,— und da fühlte ich nun, daß dieß wirklich eine ſchwere Aufgabe für mich ſein würde. Die Briefe erweckten bei Richard und Ada wieder einen allgemeinen Eindruck, den ſie Beide hatten, ohne recht zu wiſſen, wie ſie dazu kamen, zu dem Eindrucke nämlich, daß ihr Couſin Jarndyce nie für eine von ihm erwieſene Freundſchaft Dank erwartete, und daß er lieber zu den ſonderbarſten Ausflüchten und Mitteln greifen, ja ſogar davonlaufen würde, als daß er einen Dank hinnähme. Ada erxinnerte ſich dunkel, einſt, als ſie noch ein ganz kleines Kind geweſen, ihre Mutter ſagen gehört zu haben, daß er ſich einſt ungemein großmüthig gegen ſie benommen, und daß er, als ſie nach ſeinem Hauſe gegangen, um ihm zu danken, ſie zufällig durch ein Fenſter hindurch habe auf die Thüre zugehen ſehen; da ſei er nun alsbald durch ein Hinterpförtchen entſchlüpft, und habe drei Mo⸗ nate lang Nichts mehr von ſich hören laſſen. Dieſes Geſpräch führte noch zu vielem Andern über denſelben Gegenſtand; und in der That dauerte es den ganzen Tag; kaum daß wir von etwas Anderem ſprachen. Schweiften wir auch ein Mal von dem Gegenſtande ab, 10⁰4 ſo kehrten wir doch bald wieder zu demſelben zurück, und fragten uns, wie wohl das Haus ausſehen, wann wir dort ankommen, und ob wir Mr. Jarndyce gleich nach unſerer Ankunft, oder aber erſt ſpäter ſehen,— was er wohl zu uns, und was wir wohl zu ihm ſagen würden. Alles das fragten wir uns viel Male. Die Wege waren für die Pferde ſehr beſchwerlich, aber um ſo beſſer war der Fußweg; deßhalb ſtiegen wir aus, ſo oft eine Anhöhe kam, und gingen zu Fuß hinauf; und dieß gefiel uns ſo ſehr, daß wir unſern Spaziergang auf dem ebenen Boden, wenn wir oben angekommen waren, verlängerten. Zu Barnet warteten unſer andere Pferde; da ſie aber kaum erſt gefüttert worden waren, ſo mußten nun auch wir auf ſie warten, und ſo kam es, daß wir einen langen, friſchen Spaziergang über eine Allmende und ein langes Schlachtfeld machen konnten, ehe die Kutſche uns einholte. Dieſe Verzögerungen verlängerten die Reiſe derge⸗ ſtalt, daß der kurze Tag ſchon vorüber war, und die lange Nacht ſich bereits eingeſtellt hatte, ehe wir nach Saint Albans kamen, in deſſen Nähe, wie wir wußten, Bleak Houſe ſich befand. Um dieſe Zeit waren wir ſo ängſtlich, und waren unſere Nerven ſo angegriffen, daß, während wir über die Steine der alten Straße von Saint Albans dahinraſſelten, ſelbſt Richard geſtand, daß er einen unvernünftigen Wunſch hege, den Wunſch nämlich, wieder zurückzufahren. Was Ada und mich betrifft, die er, da der Abend empfindlich kalt war, ſorgfältig eingehüllt hatte, ſo zitterten wir vom Kopf bis zu den Füßen. 1 Als wir um eine Ecke bogen und die Stadt ver⸗ ließen, und Richard uns ſagte, daß der Poſtknecht, der lange Zeit mit unſerer geſteigerten Erwartung ſympa⸗ thiſirt hatte, zurückſehe und mit dem Kopfe nicke, ſtanden wir Beide in der Kutſche auf(— Richard hielt dabei — 105 Ada, damit ſie nicht niedergeworfen würde—), und blickten auf die offene Gegend und in die Sternennacht hinaus, um den Ort unſerer Beſtimmung, wo möglich, zu erſpähen. Auf der Spitze eines vor uns liegenden Hügels konnten wir ein Licht funkeln ſehen, und der Poſtknecht ließ, mit der Peitſche nach dem Lichte hindeutend, und ausrufend,„das iſt Bleak Houſe!“ ſeine Pferde einen leichten Galopp anſchlagen, und fuhr uns, obgleich es bergan ging, ſo raſch, daß die Räder den Schmutz um unſere Köpfe fliegen machten, wie eine Waſſermühle das Waſſer aufſpritzen macht. Bald verloren wir das Licht aus den Augen, bald ſahen wir es wieder; bald verloren wir es wieder, bald kam es uns wieder zu Geſicht, bis wir eine Allee hinan⸗ fuhren und dem Orte zu gallopirten, wo es hell ſtrahlte. Es ſtand am Fenſter eines Hauſes, das ziemlich alt⸗ väteriſch ausſah, vorn, am Dache, drei Spitzen hatte, und zu deſſen Portal man auf einem kreisrunden Wege gelangte. Während wir uns näherten, ließ ſich eine Glocke hören, und unter den Lauten ihrer tiefen Stimme in der ſtillen Luft, und dem entfernten Bellen einiger Hunde, und dem plötzlichen Ausſtrömen einer Lichtmaſſe aus der geöffneten Thüre, und dem Rauchen und Dampfen der erhitzten Pferde, und den raſcheren Schlägen unſerer Herzen ſtiegen wir, nicht wenig verwirrt, aus. „Ada, meine Liebe, Eſther, meine Theure, Ihr ſeid willkommen. Es freut mich, Euch zu ſehen! Rick, hätte ich in dieſem Augenblicke eine übrige Hand, ſo würde ich ſie Ihnen reichen!“ Der Herr, der dieſe Worte mit klarer, angenehmer, gaſtfreundlicher Stimme ſprach, hatte um Ada's Taille einen ſeiner Arme, und um die meinige den andern gelegt, und küßte uns Beide in väterlicher Weiſe, und trug uns, durch die Vorhalle hindurch, in ein blaßrothes kleines 106 Zimmer, das durch ein hellloderndes Feuer, ſo zu ſagen, 9 in Flammen ſtand. n Hier küßte er uns abermal, öffnete die Arme, und 4 ließ uns, neben einander, auf ein Sopha niederſitzen, w das bereits neben dem Kamine ſtand. 4 v Ich fühlte gar wohl, daß er, ſobald wir die kleinſte w Demonſtration gemacht hätten, uns davongelaufen wäre. „Jetzt habe ich eine freie Hand, Rick!“ ſprach er. d „Ein Wort, im Ernſte geſprochen, iſt ſo gut, wie eine er lange Rede. Es freut mich herzlich, Sie zu ſehen. Sie le ſind zu Hauſe. Wärmen Sie ſich!“ ie Richard ſchüttelte ihm beide Hände mit einer intui⸗ tiven Miſchung von Achtung und Offenherzigkeit, und ne ſagte bloß(— obgleich mit einem Ernſte, der mich einiger⸗ w maßen beunruhigte, da ich ſo ſehr befürchtete, daß Mr. Jarndyce plötzlich davon laufen möchte—): S „Sie ſind ſehr gütig, mein Herr! Wir ſind Ihnen ſehr verbunden!“(E Dann legte er Hut und Stock weg, und näherte ſich ge dem Feuer. ſich „Und wie hat Ihnen die Fahrt gefallen? Und wie hat Ihnen Mrs. Jellyby gefallen, meine Theuren?“ ſch ſagte Mr. Jarndyce zu Ada. 5 Während Ada dieſe ſeine Frage beantwortete, blickte ich ihm in'’s Geſicht(mit wie vielem Intereſſe, brauche ich wohl nicht erſt zu ſagen). Es war ein hübſches, lebendiges, munteres Geſicht,— ein Geſicht, voller Ver⸗ ſe änderung und Bewegung; und was ſein Haar betrifft, ſo ge war es von einem ſilbernen Eiſengrau. Er ſchien mir den Sechzigen näher zu ſtehen, als vi den Fünfzigen; allein er war dabei gerade, geſund, ne und ſtark. ſel Von dem Augenblicke an, wo er uns zum erſten P Male anredete, hatte ſich ſeine Stimme in meinem Geiſte mit einer Vorſtellung verknüpft, die ich mir nicht recht ko zu erklären permochte; aber jetzt rief mir, mit einem 107 Male, etwas Raſches in ſeinen Manieren und ein ange⸗ nehmer Ausdruck in ſeinem Auge, den Herren in der Poſtkutſche in's Gedächtniß zurück, der, an dem denk⸗ würdigen Tage meiner Reiſe nach Reading, das heißt, vor ſechs Jahren, mit mir gefahren war. Ich war ge⸗ wiß, daß er es war. Nie in meinem Leben war ich ſo erſchrocken, als in dem Augenblicke, wo ich dieſe Entdeckung machte, denn er begegnete meinem Blicke, und ſah, meine Gedanken zu leſen ſcheinend, in einer Weiſe nach der Thüre hin, daß ich ſchon glaubte, wir hätten ihn verloren. Es freut mich indeſſen, alsbald hinzuſetzen zu kön⸗ nen, daß er blieb, wo er war, und daß er nmich fragte, was ich von Mrs. Jellyby hielte. „Sie gibt ſich für Afrika unendlich viele Mühe, Sir,“ ſagte ich. „In edler Weiſe!“ erwiederte Mr. Jarndyce.„Aber Sie antworten ja, wie Ada?“ Dieſe hatte ich aber nicht gehört.„Ihr Alle denket dabei etwas Anderes, wie ich ſehe.“ „Wir dachten ſo“, ſagte ich, Richard und Ada an⸗ ſchauend, die mich mit ihren Augen baten, zu ſprechen, „daß ſie vielleicht ihr Haus ein Bischen vernachläſſige.“ „Verſpielt!“ rief Mr. Jarndyce. Ich war abermals ziemlich unruhig. „Wohlan! Ich will Ihre wirklichen Gedanken wiſ⸗ ſen, meine Theure. Ich kann Sie ja abſichtlich dahin geſchickt haben.“ „Wir dachten, Sir,“ ſagte ich zögernd,„daß es vielleicht am Platze wäre, zuerſt ſeinen häuslichen Pflichten nachzukommen; und daß vielleicht, ſo lange dieſe über⸗ ſehen und vernachläſſigt werden, wohl keine andern Pflichten ihnen ſubſtituirt werden könnten.“ „Die kleinen Jellybys,“ ſagte Richard, mir zu Hülfe kommend,„ſind wahrhaftig— ich kann nicht umhin, mich eines ſtarken Ausdrucks zu bedienen, Sir,— in einem verteufelten Zuſtande.“ „Sie meint es gut,“ ſprach Mr. Jarndyce haſtig. „Der Wind kommt aus Oſten.“⸗ „Er kam aus Norden, Sir, während wir hierher fuhren,“ bemerkte Richard. „Mein lieber Rick,“ ſprach Mr. Jarndyce, das Feuer ſchürend;„ich möchte einen Eid darauf ſchwören, daß der Wind jetzt aus Oſten bläſt, oder doch im Begriffe iſt, dorther zu blaſen. Ich fühle mich faſt immer etwas unbehaglich, wenn der Wind aus Oſten bläſt.“ „Rheumatismus, Sir?“ fragte Richard. „Ja freilich, Rick. Ich glaube, es rührt davon her. Und ſo ſind denn die kleinen Jell— ich hatte immer ſo meine Zweifel in Beziehung auf ſie— in einem— o Gott, ja, er bläſt aus Oſten!“ ſagte Mr. Jarndyce. Während er dieſe abgebrochenen Phraſen ſprach, war er unentſchloſſen ein Paar Male auf⸗ und ab⸗ gegangen, wobei er in einer Hand das Schüreiſen hielt, und mit der andern ſich das Haar rieb, und zwar mit einem gutmüthigen Aerger, der zugleich ſo poſſierlich und ſo liebenswürdig war, daß wir gewiß mehr von ſeinem Weſen entzückt waren, als wir auszudrücken vermocht hätten. Endlich gab er Ada einen Arm und mir den andern, hieß Richard ein Licht herbeibringen, und wollte mit uns hinausgehen, als er plötzlich mit uns Rechtsumkehrt machte. „Die kleinen Jellybys. Hättet Ihr nicht,— thatet Ihr nicht,— wenn es nun Zuckererbſen, oder dreieckige Himbeertorten, oder ſo Etwas geregnet hätte!“ ſprach Mr. Jarndyce. „O Vetter—“ fing Ada haſtig an. „Gut, mein hübſches Kind. Der Name Vetter ge⸗ fällt mir. Vielleicht aber iſt Vetter John beſſer.“ „Alſo Vetter John!—“ fing Ada lachend wieder an. 109 „Ha, ha! Wirklich recht gut!“ ſprach Mr. Jarndyce mit großer Luſtigkeit.„Klingt ungemein natürlich. Ja, meine Liebe?“— „Was geſchah, war noch beſſer. Es regnete Eſther.“ „Wirklich?“ ſprach Mr. Jarndyce.„Und was that Eſther?“ „Je nun, Vetter John,“ ſagte Ada, ſeinen Arm mit ihren Händen umſchließend, und über ihn hin den Kopf ſchüttelnd,— was mir galt, da ich haben wollte, daß ſie ſchweigen ſolle:„Eſther war angenblicklich ihre Freundin. Eſther pflegte ſie, lullte ſie durch Schmeicheleien in den Schlaf, wuſch und kleidete ſie, erzählte ihnen Geſchichten, machte, daß ſie ruhig blieben, kaufte ihnen Keepſakes“— Mein liebes Mädchen! Ich war nur mit Peepy. aus⸗ gegangen, als er wieder aufgefunden worden war, und hatte ihm ein kleines, winziges Pferdchen gekauft!— „und, Vetter John, ſie beſänftigte die arme Karoline ſo ſehr, und beſchäftigte ſich ſo viel mit mir, und war ſo liebenswürdig!— Nein, nein, ich will nicht, daß Sie mir widerſprechen, liebe Eſther! Sie wiſſen, Sie wiſſen, daß das Alles wahr iſt!“ Das warmherzige liebe Kind lehnte ſich über ihren Vetter John hin, und küßte mich. Dann blickte ſie ihm in's Geſicht, und ſagte kühn: „Auf jeden Fall will ich Ihnen, Vetter John, für die Geſellſchafterin danken, die Sie mir geben.“ Es war mir, als ob ſie ihn durchaus zum Weg⸗ laufen bewegen wollte: glücklicher Weiſe aber blieb er da. „Woher ſagten Sie, daß der Wind komme, Rick? fragte Mr. Jarndyce. „Er blies aus Norden, als wir hierher fuhren, Sir.“ „Sie haben Recht. Von Oſtwind keine Spur. Habe mich getäuſcht. Kommt, Mädchen, kommt, und ſeht Eure neue Wohnung ein!“ 3. Es war eines jener zum Entzücken unregelmäßigen — Häuſer, wo man, um aus einem Zimmer in ein anderes zu kommen, Stufen auf⸗ und abgeht, und wo man auf mehr Zimmer ſtößt, wenn man glaubt, man habe nun alle geſehen, und wo ſich ein großer Vorrath kleiner Vor⸗ hallen und Gänge befindet, und wo man noch ältere Cot⸗ tage⸗Zimmer an unerwarteten Orten findet,— Zimmer, die vergitterte Fenſter haben, und in welche ein uüppiges Grün eindringt Mein Zimmer, in das wir zuerſt kamen, war von ſolcher Art: es hatte ein auf⸗ und niederſtehendes Dach und mehr Winkel, als ich ſpäter je zählte, und ein Ka⸗ min(es brannte darin ein Holzfeuer), das rund umher mit reinen weißen Ziegeln gepflaſtert war, in deren jedem ein glänzendes Miniaturbild des Feuers brannte. Ans dieſem Zimmer gelangte man, wenn man zwei Stufen hinab ſtieg, in ein ſcharmantes Wohnzimmerchen, das auf einen Blumengarten hinaus ging: dieſes letztere Zimmer ſollte von nun an Ada und mir gehören. Aus dieſem Zimmer gelangte man, wenn man drei Stufen hinanſtieg, in Ada's Schlafzimmer, das ein ſchö⸗ nes, breites Fenſter hatte, von wo aus ſich dem Auge eine herrliche Ausſicht darbot(wir ſahen einen großen, weiten, dunklen, unter den Sternen liegenden Raum), und wozu ein hohler Fenſterſtock gehörte, worin ver⸗ mittelſt eines Springſchloſſes drei liebe Adas auf ein Mal dem Geſichte hätten eutzogen werden können. Aus dieſem Zimmer gelangte man in eine kleine Gallerie, womit die andern beſten Zimmer(bloß zwei) communizirten, und ſo auch vermittelſt einer kleinen Treppe voll untiefer Stufen, mit der Vorhalle, wobei zu bemerken iſt, daß dieſe Treppe, wenn man ihre Länge in Anſchlag brachte, eine Menge von Eckſtufen darbot. Wenn man aber, anſtatt durch Ada's Thüre hinaus⸗ zugehen, in mein Zimmer zurückkam, und durch die Thüre hinausging, durch welche man eingetreten war, und ein Paar krumme Stufen hinanging, die ſich in unerwarteter 5 — ——— 111 Weiſe von der Treppe abzweigten, ſo verlor man ſich in Gängen, worin Mangen, dreieckige Tiſche, und ein ächt oſtindiſcher Stuhl ſich befanden, der zu gleicher Zeit ein Sopha, ein Koffer, und eine Bettſtatt war, und in jeder Beziehung halb einem Bambus⸗Skelett, halb einem großen Vogelkäfige glich, und, Niemand wußte durch wen oder wann, aus Oſtindien gebracht worden war. Aus dieſen Gemächern kam man an Richard's Zim⸗ mer, das zum Theil Bibliothek⸗Zimmer, zum Theil Wohnzimmer, zum Theil Schlafzimmer war, und wirk⸗ lich eine bequeme Miſchung von vielen Zimmern zu ſein ſchien. Aus dieſem Zimmer gelangte man, durch einen klei⸗ nen Gang hindurch, geraden Wegs zu dem ſchlichten Zimmer, worin Mr. Jarndyce, Jahraus Jahrein, bei offenem Feuſter ſchlief. Seine Bettſtelle ohne Zubehör ſtand mitten im Zimmer, damit ſie beſſer ausgelüftet werden möchte; und in einem kleineren, anſtoßenden Zim⸗ mer wartete ſein kaltes Bad auf ihn. Aus dieſem Zimmer gelangte man in einen andern Gang, wo ſich eine Hintertreppe befand, und wo man hören konnte, wie die Pferde außerhalb des Stalles ge⸗ ſtriegelt und geputzt wurden, und wie ihnen befohlen wurde, den Fuß aufzuheben, und hinüber zu gehen, da ſie auf den ungleichen Steinen nicht ſehr feſt ſtanden. Oder aber konnte man, wenn man durch eine andere Thüre hinansging(jedes Zimmer hatte wenigſtens zwei Thüren), geraden Wegs wieder durch ein halbes Dutzend Stufen und einen niedrigen Bogengang in die Vorhalle hinab ſteigen, wobei man ſich wunderte, wie man wieder dahin zurück kam, oder wie man je aus derſelben ge⸗ kommen war. Das Ameublement, das, wie das Haus, mehr alt⸗ modiſch, als alt war, war ebenſo angenehm unregel⸗ mäßig. Ada's Schlafzimmer war nur eine Maſſe von Blumen— in Zitz und Papier, in Sammt, in Stickereien, im Brokate von zwei ſteifen, hofmäßigen Stühlen, die auf jeder Seite des Kamins ſtanden, und wovon jeder, zur Erhöhung des Prunks, von einem kleinen Pagen, von einem Schemel begleitet war. Unſer Wohnzimmer war grün, und hatte, an den Wänden, hinter Glas und Rahmen, eine Menge erſtaunlicher und erſtaunter Vögel, die, aus den Gemälden heraus, eine wirkliche in einer Kapſel aufbewahrte Forelle, ſo braun und glänzend, wie wenn ſie mit Sauce aufgetragen worden wäre;— den Tod Capitän Cook's, und das ganze chineſiſche Thee⸗ bereitungsverfahren anſchauten. Letzteres Gemälde rührte von chineſiſchen Künſtlern her, und war ein Original. In meinem Zimmer befanden ſich ovale Kupferſtiche, welche die Monate vorſtellten,— Damen, die Heu mach⸗ ten, mit kurzen Taillen und großen, unter dem Kinn zuſammengebundenen Hüten, für den Monat Juni;— glattbeinige Edelleute, die, mit Stülphüten, auf Dorf⸗ kirchthürme deuteten, für den Monat October. Im ganzen Hauſe waren eine Menge von Paſtell⸗ Zeichnungen, die Perſonen in halber Lebensgröße dar⸗ ſtellten; allein es waren dieſelben ſo zerſtreut, daß ich den Bruder eines jugendlichen Offiziers, den ich hatte, in dem Cabinette fand, worin das Porzellan aufbewahrt wurde; und ebenſo fand ich das graue Alter meiner hüb⸗ ſchen jungen Braut, die in ihrer Schnürbruſt eine Blume ſtecken hatte, in dem Zimmer, worin gefrühſtückt wurde. Dafür hatte ich nun aber anch vier Engel aus den Zeiten der Königin Anna: es trugen dieſelben, von Blumenguirlanden umgeben, einen gefälligen Herrn dem Himmel zu,— wenn anch mit einiger Schwierigkeit. Ferner fand ich eine geſtickte Compoſition, die Obſt, 8 einen Keſſel, und ein Alphabet vorſtellte. Sämmtliche bewegliche Habe, von den Garderoben an bis zu den Stühlen, Tiſchen, Vorhängen, Spiegeln, ja ſelbſt bis zu den Nadelkiſſen und Riechfläſchchen auf den Ankleidetiſchen, entfalteten dieſelbe zierliche und 113 wunderliche Varietät. Sämmtliche Gegenſtände ſtimmten in Nichts überein, als in ihrer vollkommenen Reinlich⸗ keit; die Leinwand war die weißeſte, die man ſich denken konnte, und wo ſich immer eine Schublade,— mochte dieſelbe nun groß oder klein ſein,— vorfand, und es zuließ, konnte man darauf rechnen, daß man Roſenblätter und ſüß duftenden Lavendel darin finden würde. Solcher Art waren unſere erſten Eindrücke von Bleak Houſe, das mit ſeinen erleuchteten Fenſtern, hie und da gemildert durch Schatten von Vorhängen, in die Sternennacht hinausſchien;— mit ſeinem Lichte, und ſeiner Wärme, und ſeinen Bequemlichkeiten;— mit ſeinem etwas fernen, gaſtlichen Geklingel, das Vorbereitungen zum Eſſen andeutete;— mit dem Geſichte ſeines groß⸗ müthigen Beſitzers, das Alles, was wir ſahen, noch hei⸗ terer ausſehen machte;— und mit einem Winde, der draußen gerade ſtark genug blies, um Alles, was wir hörten, leiſe zu accompagniren „Es freut mich, daß es Euch gefällt,“ ſprach Mr. Jarndyce, als er uns nach Ada's Wohnzimmer zurück⸗ geführt hatte.„Es macht zwar keine Prätenſionen, allein dennoch hoffe ich, daß es ein comfortabler kleiner Ort iſt, und daß derſelbe noch um ſo mehr das ſein wird, ſeitdem ſo heitere junge Geſichter hier beiſammen ſind. Ihr habt jetzt kaum noch eine halbe Stunde; dann wird dinirt. Es iſt ſonſt Niemand hier, als das feinſte Ge⸗ ſchöpf, das man auf dieſer Erde ſehen kann,— ein Kind.“ „Abermals Kinder, Eſther!“ ſagte Ada. „Ich meine nicht im buchſtäblichen Sinne des Wortes ein Kind,“ fuhr Mr. Jarndyce fort;„nicht ein Kind an Jahren. Er iſt ſchon erwachſen,— er iſt wenigſtens ſo alt, wie ich; allein in Beziehung auf Einfalt, und Friſche, und Enthuſiasmus, und eine ſchöne, argloſe Unge⸗ ſchicklichkeit für alle weltlichen Dinge iſt er ein voll⸗ kommenes Kind.“ Bleak Houſe. I. 8 Wir fühlten, daß dieß eine höchſt intereſſante Perſon ſein müſſe. 8 „Er kennt Mrs. Jellyby,“ fuhr Mr. Jarndyce fort; „er iſt ein muſikaliſcher Menſch;— ein Liebhaber, ob⸗ gleich ein Künſtler aus ihm hätte werden können; auch iſt er Maler;— ein Liebhaber, obgleich er es auch hier hätte zur Künſtlerſchaft bringen können. Er iſt ein Mann von Talent und von Kenntniſſen, und was ſeine Manieren betrifft, ſo ſind dieſelben höchſt einnehmend. Er iſt in ſeinen Angelegenheiten unglücklich geweſen,— unglücklich in ſeinen Beſtrebungen,— unglücklich in ſeiner Familie;— allein es kümmert ihn das wenig:— iſt er ja doch ein Kind!“ 4 3 „Wollten Sie ſagen, daß er auch Kinder habe; Sir? frante Richard. . MNick! Ein halbes Dutzend. Mehr! Eher ein D ſollte ich glauben. Allein er hat nie viel nach ihnen⸗geſehen. Wie hätte er das auch gekonnt? Brauchte errja doch ſelbſt Jemand, der nach ihm ſah. Ihr wißt, er iſt ein Kind!“ ſprach Mr. Jarndyce. „Und haben die Kinder ſelbſt für ſich geſorgt, Sir 2“ fragte Richard. „Je nun, wie Sie es nehmen wollen,“ ſagte Mr. Jarndyce, wobei ſein Geſicht ſich plötzlich verdüſterte, „Es heißt, daß die Kinder der ganz armen Leute nicht aufgezogen, ſondern aufgezerrt werden. Harold Skimpoles Kinder ſind, ich weiß nicht wie, groß geworden.— Ich befürchte, der Wind ſchlägt wieder um. Ich ſpüre es ſo ziemlich!“ Richard bemerkte, daß für eine kalte Nacht die Lage des Hauſes etwas zu frei ſei. „Ja, ja,— allerdings frei,“ ſprach Mr. Jarndyce, „Ohne Zweifel iſt das die Urſache. Das Woͤrt Bleak Houſe*) ſchon deutet an, daß die Winde hier freies Spiel haben. Aber Ihr geht mit mir. Folget mir!“ *) Ein kaltes, den Winden ansgeſetztes Haus. erſon auchte wißt, Sir 2“ MNr. ſterte. nicht pole s Ich es ſo e Lage endyce. Bleak 115 Da unſer Gepäck angekommen war, und es ſonſt an Nichts fehlte, ſo war ich in ein Paar Minuten an⸗ gekleidet. Ich war eben damit beſchäftigt, meine zeitliche Habe aufzubewahren und zu ordnen, als ein Dienſtmädchen (— nicht dasjenige, welches Ada bediente, ſondern ein anderes, das ich noch nicht geſehen—) ein Körbchen in mein Zimmer hereinbrachte. Es lagen darin zwei Schlüſ⸗ ſelbünde, und an jedem Schlüſſel befand ſich eine Etikette. „Für Sie, Miß, wenn ich ſo frei ſein darf,“ ſagte ſie. „Für mich?“ fragte ich. „Es ſind die zur Hauswirthſchaft gehörenden Schlüſ⸗ ſel, Miß.“ Ich konnte nicht umhin, mein Stannen an den Tag zu legen, denn ſie ſetzte, mit einigem Staunen von ihrer Seite, hinzu: „Ich habe den Befehl bekommen, ſie Ihnen zu bringen, ſobald Sie allein ſein würden, Miß.— Miß Summerſon, wenn ich mich nicht täuſche?“ „Ja,“ ſagte ich.„So heiße ich wirklich.“ „Das große Bund enthält die Schlüſſel zu den ver⸗ ſchiedenen Schränken und Speiſekammern,— das kleine Bund enthält die Kellerſchlüſſel, Miß. Sie dürfen mir. auf morgen früh nur eine Stunde beſtimmen, ſo werde ich Ihnen die Schränke, Kammern und ſo weiter zeigen, wozu die Schlüſſel gehören.“ Ich antwortete, daß ich um halb ſieben Uhr bereit ſein würde, und ſchaute, als ſie fortgegangen war, den Korb an, ganz abſorbirt von der Wichtigkeit des mir⸗ plötzlich gewordenen Berufes. So traf mich Ada, und es zeigte dieſelbe ein ſo überaus wohlthuendes Zutrauen zu mir, als ich ihr die Schlüſſel zeigte und ihr ſagte, welche Bewandtniß es mit denſelben habe; daß es Gefühlloſigkeit und Undank⸗ barkeit verrathen hätte, hätte ich mich nicht ermuthigt gefühlt. Ich wußte zwar wohl, daß es pure Güte und 116 Freundlichkeit von dem lieben Mädchen war; allein es gefiel mir, ſo angenehm betrogen zu werden. Als wir hinunterkamen, wurden wir Mr. Skimpole vorgeſtellt, der vor dem Feuer ſtand, und Richard er⸗ zählte, welches Vergnügen er, als Schulknabe, am Ballon⸗ Spiele gefunden. Er war ein kleines heiteres Geſchöpf mit ziemlich großem Kopfe; dagegen war ſein Geſicht zart, und ſeine Stimme ſanft, und es lag in ſeiner Perſon ein vollkommener Zauber. Alles, was er ſagte, war ſo ſpontan und ſo frei von aller Künſtelei, und ward mit ſo einnehmender Fröhlichkeit geſprochen, daß man ſich wirklich bezaubert fühlte, wenn man ihm zuhörte. Da er etwas ſchmächtiger war, als Mr. Jarndyce, und, bei braunerem Haare, eine blühendere Geſichtsfarbe hatte, ſo ſah er jünger aus. Und in der That ſah er, in jeder Beziehung, mehr einem jungen Manne ähnlich, der etwas früh alt geworden, als einem wohlerhaltenen ältlichen Manne. Es lag in ſeinen Manieren, ja ſelbſt in ſeinem Anzuge(— ſein Haar war nämlich unſorg⸗ fältig geordnet, und ſein Halstuch floß frei um ihn her, wie ich Künſtler ihre eigenen Porträts habe malen ſehen—) eine leichte Nachläſſigkeit, die ich ſchlechterdings nicht von der Idee eines romantiſchen, etwas früh geal⸗ terten Jünglings zu trennen vermochte. Seine Manieren und ſein Ausſehen kamen mir durchaus nicht als die eines Mannes vor, der den gewoͤhnlichen Pfad der Jahre, der Sorgen und Erfahrungen durchwandeſt, und im Alter ſchon vorangeſchritten. Aus der Converſation entnahm ich, daß Nr. Skimpole Mediein ſtudirt, und einſt, in der Eigenſchaft eines Arztes, am Hofe eines deutſchen Fürſten gelebt. Indeſſen ſagte er uns, daß er, da er, was Gewichte und Maße anbelange, ſtets ein Kind geweſen, und nie Etwas davon verſtanden(— das ausgenommen, daß ſie ihn angeekelt hätten—),— daß er, ſage ich, nie im Stande geweſen wäre, mit der gehörigen Genanigkeit im Detail es ole er⸗ lon⸗ oöpf ſicht iner gte, und daß erie. yce, arbe er, enen elbſt org— her, alen ings geal⸗ eeren die ahre, im Mr. chaft lebt. und twas ihn ande detail 117 Heilmittel zu verordnen. Denn, ſagte er, was die De⸗ tails betreffe, ſo habe er dafür ſchlechterdings keinen Kopf. So ſagte er uns auch mit vielem Humor, daß man ihn, wenn er habe dem Fürſten zur Ader laſſen, oder einem ſeiner Diener Arzenei verſchreiben ſollen, ge⸗ wöhnlich auf dem Bette liegen gefunden habe, in welchem Falle er entweder Zeitungen geleſen, oder irgend Etwas aus dem Kopfe gezeichnet habe, und daß er deßhalb nicht habe kommen können. Endlich habe der Fürſt dieſes etwas unpaſſend ge⸗ funden,„worin“, ſagte Mr. Skimpole in offenherzigſter Weiſe,„derſelbe vollkommen Recht gehabt,“ und ſo ſei er entlaſſen worden; und da Mr. Skimpole(— wie er mit entzückender Fröhlichkeit hinzu ſetzt—)„ſchlechter⸗ dings Nichts hatte, wovon er hätte leben können, als die Liebe, ſo verliebte er ſich, heirathete, und umgab ſich mit roſigen Wangen.“ Dann habe ihm ſein guter Freund Jarndyce, ſo wie noch einige andere gute Freunde, in raſcherer oder langſamerer Aufeinanderfolge, verſchiedene Lebensausſich⸗ ten eröffnet; allein vergebens, denn, ſetzte er hinzu, er müſſe geſtehen, daß er zweien der ſeltſamſten Schwächen von der Welt unterworfen ſei: die eine derſelben ſei, daß er keinen Begriff von der Zeit, die andere aber, daß er keinen Begriff vom Gelde habe. In Folge deſſen habe er nie eine Anſtellung behalten,— habe er nie ein Ge⸗ ſchäft machen können,— und habe er nie den Werth von irgend einer Sache gekannt. Und ſo ſei er alt geworden, und da ſei er nun! Sehr gerne leſe er Zeitungen,— ſehr gerne mache er Zeichnungen aus dem Kopfe, Natur und Kunſt gingen ihm über Alles. Alles, was er von der Geſellſchaft ver⸗ lange, ſei, daß ſie ihn leben laſſe. Und das ſei nicht Viel. Seine Bedürfniſſe wären gering. Man ſolle ihm Zeitungen, Converſation, Muſik, Hammelfleiſch, Kaffee, Landſchaft, Obſt zur Zeit, wo man ſolches habe, einige 118 Bogen guten Briſtoler Zeichenpapiers, und ein Bischen Feres⸗Wein geben,— weiter verlange er nicht. Er ſei ein bloßes Kind auf dieſer Welt, wolle aber nicht den Mond haben. Er ſage zu der Welt:„Gehet ihr eure Wege in Frieden! Traget ihr rothe Röcke, blaue Röcke, bauſchige Aermel von Linon,— ſteckt Federn hinter eure Ohren,— traget Schürzen,— rennet dem Ruhme, der Heiligkeit, dem Handel, dem Gewerbe, kurz Allem nach, was ihr wollt; nur— laßt Harold Skimpole leben!“. Alles dieſes und noch vieles Andere ſagte er uns, nicht allein mit äußerſter Fröhlichkeit und brillanter Lebhaftigkeit, ſondern auch mit einer gewiſſen lebendigen Offenheit, indem er von ſich ſelbſt ſprach, wie wenn ihn die Sache von Haut und Haaren Nichts anginge;— wie wenn Skimpole eine dritte Perſon wäre, wie wenn er wüßte, daß Skimpole ſeine Eigenheiten hätte, daneben aber auch ſeine Anſprüche, welche die Geſellſchaft im Allgemeinen angingen, und von dieſer nicht geringſchätzig behandelt werden dürften. Er war wahrhaft bezaubernd. Wenn ich überhaupt in jener frühen Zeit meines Lebens an einiger Ver⸗ wirrung laborirte, indem ich es verſuchte, das, was er ſagte, mit dem in Uebereinſtimmung zu bringen, was ich über die Pflichten und Verantwortlichkeiten des Lebens gedacht hatte(— eine Sache, deren ich bei Weitem nicht gewiß bin—), ſo war ich dadurch verwirrt, daß ich nicht genau begriff, warum er davon frei war. Daß er davon frei war, daran zweifelte ich kaum; er ſelbſt war ſich darüber ſo außerordentlich klar. „Mich gelüſtet nach Nichts,“ ſagte Mr. Skimpole in derſelben leichten Weiſe:„Der Beſitz iſt Nichts für mich. Hier iſt das vortreffliche Haus meines Freundes Jarndyce. Ich bin ihm für deſſen Beſitz verpflichtet. Ich kann es ſkizziren und verändern. Ich kann es in Muſik ſetzen. So lange ich hier bin, beſitze ich es hin⸗ — mit mal laſſ in Har bitt A 1 119 länglich, und habe weder Mühe, noch Koſten, noch Ver⸗ antwortlichkeit. Mit einem Worte, der Name meines Haushofmeiſters iſt Jarndyce, und der kann mich nicht betrügen. „Wir haben der Mrs. Jellyby Erwähnung gethan. Sie iſt eine ſcharfſichtige Frau, von ſtarkem Willen und unendlicher Kraft in Bemeiſterung der Geſchäftsdetails; mit außerordentlichem Feuer unternimmt ſie Dinge, die ſie einmal als gut erkannt hat! Ich bedauere es nicht, daß ich keinen ſtarken Willen, und keine unendliche Kraft in Bemeiſterung von Geſchäſtsdetails beſitze; daß ich mich nicht mit außerordentlichem Feuer auf Gegenſtände werfe. Ich kann ſie ohne Neid bewundern. Ich kann mit den Gegenſtänden ſympathiſiren. Ich kann davon träumen. Ich kann mich, bei ſchönem Wetter, auf das Gras hinlegen, und mich von einem afrikaniſchen Fluſſe forttragen laſſen, und alle Eingebornen, die ich finde, umarmen, wobei ich die tiefe Stille gerade ſo fühle, und das dichte, überhangende tropiſche Wachsthum ebenſo genau ſkizzire, als ob ich dort wäre. „Ich weiß nicht, ob ich, indem i das thue, un⸗ mittelbaren Nutzen ſtifte; allein meh un ich nun ein⸗ mal nicht thun, und das thue ich gründlich. Deßwegen laſſet Ihr, die Welt,— Ihr, ein Agglomerat praktiſcher, in Geſchäften rontinirter Leute, um's Himmels Willen, Harold Skimpole, ein vertrauensvolles Kind, das Euch bittet, ihn leben und die menſchliche Familie bewundern zu laſſen, ihn gewähren, und laſſet ihn, als gute Sre n, ſein Schaukelpferd in Frieden reiten!“ 1 Es lag klar geung am Tage, daß Mr. Jarndyte dieſe Bitte nicht unberückſichtigt gelaſſen hatte. Schon Mr. Skimpole's allgemeine Stellung würde übrigens bei Mr. Jarndyce hingereicht haben, um ihn gewähren zu laſſen; und es wäre das, was er jetzt ſagte, durchaus nicht nöthig geweſen. „Nur Euch,— Euch edelmüthige Geſchöpfe, beneide 120 ich,“ ſprach Mr. Skimpole, uns, ſeine neuen Freunde, in unperſönlicher Weiſe anredend.„Ich beneide Euch um Eure Macht, das zu thun, was Ihr thut. Es iſt ſo ganz das, worin ich ſelbſt Wonne finden würde. Ich fühle keine gemeine Dankbarkeit Euch gegenüber. Faſt iſt es mir, als ob Ihr mir dankbar ſein ſolltet dafür, daß ich Euch Gelegenheit verſchaffe, Euch des Lunus des Edelmuthes zu erfreuen. Ich weiß, daß Ihr ihn liebet. „Es iſt ja gar wohl möglich, daß ich nur in der Abſicht auf die Welt gekommen bin, um Enren Glücks⸗ vorrath zu vermehren. Vielleicht bin ich geboren, Euch ein Wohlthäter zu ſein, indem ich Euch bisweilen Ge⸗ legenheit gebe, mir in meinen kleinen Nöthen beizuſtehen. Und warum ſollte ich da meine Unfähigkeit für Details und weltliche Angelegenheiten bedauern, wenn dieſelbe zu ſo angenehmen Folgen führt? Darum bedauere ich die⸗ ſelbe keineswegs.“ Von all' ſeinen ſcherzhaften Reden(— ſcherzhaft, und dabei doch ſtets voller Bedeutung—) ſchien keine mehr nach dem Geſchmacke von Mr. Jarndyce zu ſein, als dieſe. Ich fühlte mich ſpäter oft wieder verſucht, 4 mich zu fragen, ob es wirklich, oder nur für mich ſelt⸗ ſam ſei, daß der Mann, der bei dem geringſten Anlaſſe wahrſcheinlich der dankbarſte Mann von der Welt war, der Daukbarkeit Anderer ſich ſo ſehr zu entziehen wün⸗ ſchen ſollte. Wir Alle waren wahrhaft bezaubert. Es erſchien — mir als ein wohlverdienter Tribut, gegenüber von den einnehmenden Eigenſchaften Ada's und Richard's, daß Mr. Skimpole, der ſie zum erſten Male ſah, ſich ſo rückhaltlos zeigte, und es ſich angelegen ſein ließ, ſo exquiſit angenehm zu ſein. Sie(— und beſonders Richard—) waren natürlich aus ähnlichen Gründen zu-⸗ frieden, und ſahen es als keinen geringen Vorzug an, daß ein ſo anziehender Mann ſi ch ihnen ſo frei vertraute. — ———O—,——= ———„—,— — 121 Je mehr wir zuhörten, um ſo luſtiger ſprach Mr. Skimpole. Auch war, theils in Folge ſeiner ſchönen, heitern Weiſe, theils in Folge ſeiner einnehmenden Auf⸗ richtigkeit, theils in Folge ſeiner wohlthuenden Art, ſeine eigenen Schwächen ein wenig zu zeigen, wie wenn er geſagt hätte:„Ich bin ein Kind, wie Ihr wiſſet! Ihr ſeid falſche Leute, im Vergleich mit mir;(— wirk⸗ lich brachte er es auch dahin, daß ich mich ſelbſt in dieſem Lichte erblickte—); zaber ich bin luſtig und un⸗ ſchuldig; vergeſſet Eure weltlichen Künſte und ſpielet mit mir!'— die Wirkung wahrhaft blendend. Auch war er ſo gefühlvoll, und hatte ein ſo feines Gefühl für Alles, was ſchön oder zart war, daß er ſchon dadurch ein Herz zu gewinnen vermocht hätte. Während des Abends, als ich mich anſchickte, den Thee zu machen, und Ada im anſtoßenden Zimmer Clavier ſpielte, und ihrem Couſin Richard eine Melodie ſanft vorſummte, von der ſie zufällig geſprochen hatten, kam er zu mir her, und ſetzte ſich auf das Sopha, und ſprach in einer Weiſe von Ada, daß ich mich faſt in ihn verliebte. „Sie iſt wie der Morgen,“ ſprach er. ‚Mit dem goldenen Haare, den blauen Augen, und der friſchen Blüthe auf ihrer Wange gleicht ſie einem Sommermorgen. Die Vögel in der Gegend werden ſie dafür halten. Wir woollen eine ſo liebenswürdige junge Creatur, wie ſie, die eine Freude des ganzen Menſchengeſchlechts iſt, keine Waiſe nennen. Sie iſt das Kind des Univerſums.“ Mr. Jarndyece ſtand, wie ich fand, neben uns, mit auf dem Rücken liegenden Händen, und einem aufmerk⸗ ſamen Lächeln auf dem Geſichte. „Das Univerſum,“ bemerkte er,„iſt, wie ich be⸗ fürchte, ein ziemlich gleichgültiger Vater.“ „Oh, daß ich nicht wüßte!“ rief Mr. Skimpole lebhaft. „Ich glaube, daß ich es weiß,“ ſprach Mr. Jarndyce. „Wohlan!“ rief Mr. Skimpole, ‚Sie kennen die Welt(— die nach Ihrem Begriffe das Univerſum iſt—), und ich weiß Nichts davon; deßhalb ſoll es nach Ihrem Kopfe gehen. Ginge es aber nach meinem Kopfe,“— dabei ſchaute er Ada und Richard an,— „ſo gäbe es auf einem Pfade, wie dieſer, kein Geſtrüppe von ſchmutzigen Realitäten. Es müßte derſelbe mit Roſen beſtreut ſein; es müßte derſelbe durch Lauben führen, wo es keinen Frühling, keinen Herbſt, und keinen Winter gäbe, ſondern nur einen ewigen Sommer. Alter oder Veränderung ſollten hier ihren Einfluß nicht gel⸗ tend machen dürfen. Das gemeine Wort ,Gelde dürfte da nie ausgeſprochen werden!“ Mr. Jarndyce tätſchelte ihn lächelnd auf den Kopf, wie wenn er wirklich ein Kind geweſen wäre; dann ging er ein Paar Schritte vorwärts, blieb einen Augenblick ſtehen, und blickte den jungen Couſin und die junge Couſine an. Sein Blick hatte etwas Gedankenvolles; zugleich aber lag darin ein wohlwollender Ausdruck, den ich oft (— wie oft!—) wiederſah,— ein Ausdruck, der lange in mein Herz gegraben geweſen iſt. Das Zimmer, in dem die beiden jungen Leute ſich befanden, communizirte mit dem, worin er ſtand, und war bloß durch das Feuer erhellt. Ada ſaß am Piano⸗ forte; Richard ſtand neben ihr, und beugte ſich zu ihr herab. An der Wand vermiſchten ſich ihre Schatten mit einander, umgeben von ſeltſamen Formen, nicht ohne eine geiſterhafte, vom unſteten Feuer herrührende, obgleich von bewegungsloſen Gegenſtänden reflectirte Bewegung. Ada berührte die Taſten ſo ſanft, und ſang ſo leiſe, daß der Wind, der nach den fernen Hügeln hinſeufzte, eben ſo hörbar war, als die Muſik. Die Myſterien der Zu⸗ kunft, und der kleine Schlüſſel, den die Stimme der Ge⸗ genwart dazu lieferte, ſchienen in dem ganzen Gemälde ausgedrückt. Allein nicht um dieſe Phantaſie zurückzuzaubern, ſo ———— ———— 123 wohl ich mich auch noch derſelben erinnere, führe ich dieſe Scene hier an. Erſtlich war ich mir, in Beziebung auf Bedeutung und Intention, des Contraſtes zwiſchen dem ſchweigenden, dorthin geworfenen Blicke und den Reden nicht ganz unbewußt, die demſelben vorangegangen waren. Zweitens war es mir, obgleich Mr. Jarndyce's Blick, als er denſelben zurückzog, nur einen Augenblick auf mir ruhte, als ob er in jenem Angenblicke ſich mir ver⸗ traute;— ich wußte, daß er mir vertraute, und daß ich ſein Vertrauen, ſeine Hoffnung entgegennahm, daß Ada und Richard einſt einen noch engern Bund ſchließen würden. Mr. Skimpole konnte ſowohl das Pianoforte, als das Violoncell ſpielen; auch componirte er. Er hatte einſt ſchon eine ganze halbe Oper zu Stande gebracht, gab aber die Arbeit wieder auf, weil er keine Freude mehr daran hatte. Ebenſo ſpielte er auch mit vielem Ge⸗ ſchmacke ſeine eigenen Compoſitionen. Nach dem Thee hatten wir ein wahres kleines Con⸗ cert, wobei Richard,— der durch Ada's Geſang ganz unterjocht war, und mir ſagte, daß ſie alle Lieder zu kennen ſcheine, die je geſchrieben worden,— und Mr. Jarndyece und ich das Auditorium bildeten. Nach einer kleinen Weile vermißte ich zuerſt Mr. Skimpole, und darauf Richard; und während ich ſo meine Betrachtungen darüber anſtellte, wie es Richard über ſich gewinnen könnte, ſo lange wegzubleiben, und ſo Viel zu verlieren, ſchaute das Dienſtmädchen, das mir die Schlüſ⸗ ſel gegeben hatte, zur Thüre herein, und ſprach: „Könnten Sie wohl einen Augenblick abkommen, Miß?“ Als ich draußen in der Vorhalle bei ihr ſtand ſagte ſie, die beiden Hände emporhaltend: Oh, wenn Sie erlauben, Miß, Mr. Carſtone ſagt, ob Sie nicht in Mr. Skimpole's Zimmer hinaufkommen wollten. Er iſt unwohl geworden, Miß!“ 124 „Unwohl?“ „Unwohl, Miß. Und zwar plötzlich,“ antwortete das Dienſtmädchen. Ich befürchtete, daß ſeine Krankheit einen gefähr⸗ lichen Charakter haben möchte; natürlich aber bat ich ſie, ruhig zu ſein, und Niemand in Unruhe zu verſetzen. Während ich ihr raſch die Treppe hinan folgte, ſammelte ich mich hinlänglich, um zu überlegen, welches wohl die beſten Mittel wären, die angewendet werden könnten, im Falle es eine Ohumacht wäre. Sie warf die Thüre auf, und ich trat in das Zimmer, wo ich, zu meinem unausſprechlichen Erſtaunen, anſtatt Mr. Skimpole auf dem Bette oder auf dem Boden liegend zu finden, ihn vor dem Feuer ſtehen fand. Er lächelte Richard zu, während dieſer mit überaus ver⸗ legener Miene eine auf einem Sopha ſitzende Perſon anſchaute, die in einem großen, weißen Rocke ſtak, und ſich ihr glattes, dünnes Haupthaar mit einem Taſchen⸗ tuche noch glätter und noch dünner wiſchte. „Miß Summerſon,“ ſagte Richard haſtig,„es freut mich, daß Sie gekommen ſind. Sie werden uns rathen können. Unſer Freund, Mr. Skimpole,— ſeien Sie deßhalb nicht unruhig!— iſt Schulden halber verhaftet.“ „Und in der That, meine liebe Miß Summerſon,“ ſprach Mrs. Skimpole mit einer angenehmen Aufrichtig⸗ keit,„war ich noch nie in einer Lage, wo der vortreffliche geſunde Menſchenverſtand, und die ruhige Gewohnheit, ſich überall nützlich zu machen, und in Alles Ordnung zu brin⸗ gen,— eine Gewohnheit, die Jeder an Ihnen bemerken muß, der das Glück hat, eine Viertelſtunde in Ihrer Ge⸗ ſellſchaft zu ſein,— mehr vonnöthen waren.“ Die Perſon auf dem Sopha, die den Schnupfen zu haben ſchien, ließ in dieſem Augenblicke ein ſolches Ge⸗ ſchnaube hören, daß ich unwillkührlich ſtutzte. „Sind Sie wegen einer großen Summe arretirt, mein Herr?“ fragte ich Mr. Skimpole. 5 125⁵ „Meine liebe Miß Summerſon,“ ſagte er, den Kopf munter ſchüttelnd,„ich weiß es wahrlich nicht. So viel ich mich erinnere, wurden einige Pfund, Shillinge und Half⸗Pence genannt.“ „Es ſind vier und zwanzig Pfund, ſechzehn Shillinge und ſieben ein halb Pence,“ bemerkte der Fremde.„So viel macht's.“ „Und es klingt das,— ich weiß nicht, warum,— wie eine kleine Summe?“ ſagte Mr. Skimpole. Der Fremde ſagte Nichts, ſondern ließ ein neues Geſchnaube hören. Dieß Mal war es ſo ſtark, daß es ihn auf ſeinem Sitze vollkommen in die Höhe zu heben ſchien. „Mr. Skimpole,“ ſagte Richard zu mir,„genirt ſich, ſich an meinen Couſin Jarndyce zu wenden, weil er erſt neulich,— ich glaube, Sipg von Ihnen gehört zu haben, daß Sie erſt neulich— „O ja!“ erwiederte Mr. Ski gleich ich vergeſſen habe, wie vier war. Jarndyce würde es recht gern abermals thun; allein ich habe das Epikuräergefühl, daß ich, in Beziehung auf Hülfe, etwas Neues dieſes Mal vorziehen würde;— daß es mir lieber wäre,“— hier blickte er Richard und mich an,— wenn ich in einem neuen Boden und in einer neuen Blüthenform Edelmuth entwickeln könnte.“ „Was iſt wohl hier zu thun, Miß Summerſon?“ ſprach Richard beiſeit. Ehe ich antwortete, fragte ich ſo im Allgemeinen, was wohl geſchähe, wenn das Geld nicht bezahlt würde. „Gefängniß,“ ſagte der Fremde, ſein Taſchentuch ruhig in ſeinen Hut Se der, auf dem Boden, zu ſe lächelnd.„Ob⸗ war, und wann es ſeinen Füßen ſtand.„Oder aber Coavinſes.“ „Darf ich Sie fragen, mein Herr, was—“ „Coavinſes iſt?“ ſagte der Fremde.„Es iſt ein Haus.“ Richard und ich ſahen einander wieder an. Es 126 war etwas hoͤchſt Sonderbares, daß die Verhaftung uns in Verlegenheit ſetzte, nicht aber Mr. Skimpole. Er beobachtete uns mit fröhlicher Theilnahme; allein es lag darin, wenn ich mir einen ſolchen Widerſpruch erlauben darf, nichts Selbſtſüchtiges Er hatte nun einmal die Schwierigkeit von ſich abgewälzt, und es war dieſelbe unſer Eigenthum geworden. „Ich dächte,“ meinte er, gleich als wollte er uns gutmüthig aus der Verlegenheit helfen,„daß, da ſie einen Proceß vor dem Kanzleigerichtshofe haben, wobei es ſich, wie es heißt, um ein großes Vermögen handelt, Mr. Richard, oder ſeine ſchöne Couſine, oder Beide etwas Schriftliches, oder irgend ein Pfand geben ſollten. Ich weiß natürlich nicht, wie man das Ding auf gut juriſtiſch nennt. Allein ich denke mir, daß irgend ein Inſtrument in ihrer Macht iſt, wodurch Alles dieſes in Ordnung gebracht werden könnte?“ „Keineswegst ſagte der Fremde. Wirklich?“ entgegnete Mr. Skimpole.„Das kommt nun Einem, der ſolche Dinge nicht zu beurtheilen vermag, etwas ſeltſam vor!“ „Seltſam oder nicht ſeltſam,“ ſprach der Fremde barſch,„ich ſage Ihnen, es geht nicht!“ „Nun, nun, bleiben Sie ruhig! Bleiben Sie doch ruhig, mein Guter!“ raiſonnirte Mr. Skimpole ſanft mit ihm, während er auf das weiße Blatt eines Buches den Kopf des Fremden hinzeichnete.„Laſſen Sie ſich durch Ihr Geſchäft nicht Ihre gute Laune rauben. Wir können Sie wohl von Ihrem Amte trennen; wir können das Individuum von dem Berufe trennen. Wir ſtecken nicht ſo tief in Vorurtheilen, um anzunehmen, daß Sie in Ihrem Privatleben etwas Anderes ſeien, als ein höchſt achtbarer Mann; ja, wir glauben ſogar, daß in Ihrer Natur eine tüchtige Doſis Poeſie ſteckt— nur— nur ſind Sie ſich vielleicht deſſen nicht recht bewußt.“ Der Fremde antwortete bloß mit einem abermaligen umt nag, mde doch anft ches ſich Wir inen ecken Sie ein 8 in 2 igen 127 heftigen Geſchnanube. Ob dasſelbe aber bedeuten ſollte, daß er den Poeſie⸗Tribut annehme, oder denſelben ver⸗ ächtlich von ſich weiſe,— das ſagte er mir nicht. „Nun, nun, meine liebe Miß Summerſon und mein lieber Mr. Richard,“ ſprach Mr. Skimpole heiter, un⸗ ſchuldig, und vertrauensvoll, während er, den Kopf nach einer Seite geneigt, ſeine Zeichnung anſah;„Sie ſehen, wie ich außer Stand bin, mir zu helfen, und wie ich ganz in Ihren Händen bin! Ich verlange nichts Anderes, als meine Freiheit behalten zu dürfen. Selbſt die Schmetterlinge ſind ja frei. Die Menſchen werden da⸗ her Harold Skimpole nicht verſagen, was ſie den Schmet⸗ terlingen gewähren!“ „Meine liebe Miß Summerſon,“ ſprach Richard flüſternd, zich habe zehn Pfund, die ich von Mr. Kenge eerhalten. Ich muß nun verſuchen, was ſich damit machen läßt.“ 4 Was mich betrifft, ſo hatte ich fünfzehn Pfund und einige Shillinge, die ich während mehrerer Jahre von meinem jährlichen Taſchengelde erübrigt hatte. Immer hatte ich gedacht, daß Etwas geſchehen könnte, was mich ohne Verwandte und ohne Vermögen, in die weite Welt hinausſtoßen würde; und immer hatte ich verſucht, ein Bischen Geld zu ſammeln, damit ich nicht ohne einen Nothpfennig wäre. Nun ſagte ich Richard, daß ich dieſen kleinen Schatz hätte, und daß ich deſſelben in dieſem Augenblicke nicht bedürfte. Zugleich bat ich ihn, Mr. Skimpole, während ich das Geld holte, in zarter Weiſe zu ſagen, daß wir uns das Vergnügen machen würden, ſeine Schuld zu bezahlen. Als ich zurückkam, küßte mir Mr. Skimpole die Hand: der gute Mann ſchien ganz gerührt. Nicht ſeinet⸗ wegen(— ich bemerkte abermals dieſen außerordentlichen, mir ſonderbar dünkenden Widerſpruch—), ſondern um unſertwillen; wie wenn perſönliche Rückſichten bei ihm unmöglich wären, und die Anſchauung unſeres Glücks ihn allein affizirte. Da Richard, um, wie er ſagte, das Geſchäft mit mehr Anſtand abgemacht zu ſehen, mich bat, daß ich mit Coavinſes(— wie Mr. Skimpole den Fremden jetzt ſcherzhaft nannte—) die Sache ins Reine bringen möchte, ſo zählte ich das Geld blank hin, und ließ mich dafür quittiren. Auch das ergötzte Mr. Skimpole. Seine Complimente waren ſo zarter Art, daß ich weniger erröthete, als ſonſt der Fall geweſen ſein würde. Und ſo machte ich mit dem weißröckigen Fremden die Sache ab, ohne daß ich mir ein Verſehen zu Schulden kommen ließ. Er ſtrich das Geld ein, ſteckte es in die Taſche, und ſagte ganz kurz: „Und ſo wünſche ich Ihnen nun einen guten Abend, Miß.“ 8 „Mein Freund,“ ſagte Mr. Skimpole, mit dem Rücken gegen das Feuer ſtehend, und die halb beendigte Skizze unvollendet laſſend,„ich möchte Sie, wenn es er⸗ laubt iſt, Etwas fragen.“ Wie ich glaube, ſo lantete die Antwort: „So ſprechen Sie deun; machen Sie es aber kurz!“ „Wußten Sie ſchon heute Morgen, daß Sie dieſen Auftrag zu vollziehen haben würden?“ fragte Mr. Skimpole. „Ei, ſreilich, wußte es ſchon geſtern Nachmittag, zur Theezeit,“ antwortete Coavinſes. „Und es that Ihrem Appetit keinen Eintrag? Fühl⸗ ten Sie ſich deßhalb gar nicht unbehaglich? Waren Sie wegen der Sache gar nicht in Unruhe?“ „Warum nicht gar!“ ſagte Coavinſes.„Ich wußte gar wohl, daß wenn ich Sie heute nicht träfe, ich Sie morgen ganz gewiß finden würde. Ein Tag macht da nicht ſo Viel aus.“ Als Sie aber hierher kamen,“ fuhr Mr. Skimpole „ ihn mit mit jetzt gen nich ich rde. die den die iten dem igte er⸗ rz!“ eſen Mr. ttag, ühl⸗ Sie ußte Sie t da pole — — 129 fort, war es ſo ſchönes Wetter. Es ſchien die Sonne, es blies der Wind, es ſchwebten die Lichter und Schat⸗ ten über die Felder hin, und es ſangen die Vögel.“ „Es ſagte Niemand, ſo viel ich hörte, daß dem nicht ſo geweſen ſei,“ entgegnete Coavinſes. „Nein,“ bemerkte Mr. Skimpole. ‚Aber was dach⸗ ten Sie auf dem Wege? „Was wollen⸗Sie damit ſagen?“ knurrte Coavinſes, mit einem Anſchein tiefen Unwillens. ‚Denken! Was denken! Ich habe geuug zu thun, und Wenig genug dafür zu bekommen, ohne zu denken. Denken! Denken!“ (mit tiefer Verachtung.) „Somit haben Sie über dieſe Dinge gar Nichts gedacht,“ fuhr Mr. Skimpole fort. ‚Harold Skimpole liebt es, die Sonne ſcheinen zu ſehen;— liebt es, den Wind blaſen zu hören;— liebt es, die wechſelnden Lich⸗ ter und Schatten zu beobachten;— liebt es, die Vögel, dieſe Chorſänger in der Natur großer Kathedrale, zu hören. Und werde ich wohl Harold Skimpole ſeines Antheils an ſolchen Beſitzthümern, die ſein einziges Ge⸗ burtsrecht ſind, berauben,!’ So was dachten Sie nicht?“ „Ich?— Nein— that's— gewiß— nicht,“ ſagte Coavinſes, deſſen mürriſches Weſen, indem er den Gedanken weit von ſich wies, von jener intenſiven Art war, daß er demſelben bloß dadurch einen adäquaten Ausdruck zu geben vermochte, daß er zwiſchen jedem Worte eine lange Pauſe machte, und das letzte mit einem Rucke begleitete, der ſeinen Hals hätte ausrenken können. „Sehr ſonderbar, ſehr ſonderbar iſt wahrlich bei Euch Geſchäftsleuten der geiſtige Proceß!“ ſagte Mr. Skimpole nachdenkſam.„Ich danke Ihnen, mein Freund: gute Nacht!“ Da unſere Abweſenheit ſich bereits dermaßen ver⸗ längert hatte, daß ſie drunten ſeltſam ſcheinen mußte, ſo ging ich alsbald hinab, und fand Ada am Kamine ſticken, wobei ſie mit ihrem Couſin John ſprach. Bleak Houſe. I. Es ſtand nicht lange an, ſo erſchien auch Mr. Skimpvole, und ihm folgte Richard auf dem Fuße. Während der noch übrigen Abendzeit war ich hin⸗ länglich damit beſchäftigt, meine erſte Lection im Puff⸗ Spiele bei Mr. Jarndyce zu nehmen, der dieſes Spiel ſehr liebte, und von dem ich es natürlich, ſo raſch wie möglich, zu lernen wünſchte, damit ich mich wenigſtens in ſo weit nützlich machen könnte, daß ich mit ihm ſpielte, wenn er keinen beſſern Gegner hätte. Allein gelegent⸗ lich dachte ich, wenn Mr. Skimpole einige Bruchſtücke von ſeinen eigenen Compoſitionen ſpielte; oder wenn er, ſowohl am Pianoforte, als am Violoncell, und an un⸗ ſerem Tiſche, in durchaus ungezwungener Weiſe, ſeine köſtliche Laune, und ſeine leicht fließende Converſation unverſehrt bewahrte;— allein, ſage ich, gelegentlich dachte ich, daß Richard und ich den übertragenen Ein⸗ druck zu behalten ſchienen, als ſeien wir ſeit dem Eſſen verhaftet geweſen, und daß es überhaupt eine recht ſelt⸗ ſame Geſchichte wäre. 4 Es war ſchon ſpät, als wir uns trennten; denn als Ada um eilf Uhr weggehen wollte, ſetzte ſich Mr. Skimpole an's Piano, und ſchwatzte in der heiterſten Weiſe von der Welt darauf los, und ſagte, daß die beſte Art, das Leben zu verlängern, die wäre, daß man der Nacht einige Stunden abſtähle. Es war ſchon Mitternacht vorüber, als er ſein Licht und ſein ſtrahlendes Geſicht aus dem Zimmer mit fortnahm; und ich glaube wahrhaftig, daß, wenn er es für paſſend erachtet, er uns bis Tagesanbruch hätte bleiben machen können. 1 Ada und Richard verweilten noch einige Augenblicke neben dem Kamine, und fragten ſich, ob Mrs. Jellybh) nun wohl für heute ausdictirt hätte, als Mr. Jarndyce, der ſich früher entfernt hatte, in’'s Zimmer zurückkam. „Ach, du lieber Himmel! Was iſt das, was iſt das!“ ſagte er, ſich den Kopf reibend, und mit ſeiner gutlaunigen Verdrießlichkeit auf⸗ und abgehend.„Was Mr. hin⸗ uff⸗ piel wie tens elte, ent⸗ tücke er, un⸗ ſeine tion tlich Ein⸗ eſſen ſelt⸗ als pole von das nige ber, dem daß, ruch licke lyby dyce, 1. s iſt einer Was 131 muß ich hören? Rick, mein Junge, Eſther, meine Liebe, was habt Ihr gethan? Warum habt Ihr das gethan? Wie konntet Ihr das thun? Wie Viel traf es ein Jedes?— der Wind hat wieder umgeſchlagen. Ich fühle es am ganzen Leibe!“ Wir Beide wußten nicht ſo recht, was wir ant⸗ worten ſollten. „ Kommen Sie, Rick, kommen Sie! Ich muß das in's Reine bringen, ehe ich noch zu Bette gebe. Wie Viel haben Sie ausgelegt? Ihr Beide ſchoſſet ja das Geld zuſammen,— Ihr wiſſet es wohl! Warum thatet Ihr doch das? Wie konntet Ihr doch das thun?— Ach, du mein Gott! der Wind bläſt ganz aus Oſten,— muß ganz aus Oſten blaſen!“ „Ich glaube in der That, Sir,“ ſprach Richard, „daß es nicht ehrenhaft von mir wäre, wenn ich es Ihnen ſagte. Mr. Skimpole verließ ſich auf uns—“ „Ach, Du mein Gott! Er verläßt ſich auf Jeder⸗ mann, mein lieber Junge!“ ſagte Mr. Jarndyce, ſeinen Kopf gewaltig reibend, und plötzlich inne haltend. „Wirklich, Sir?“ „Auf Jedermann! Und in der nächſten Woche wird er wieder genau in derſelben Verlegenheit ſein!“ ſprach Mr. Jarndyce, wieder mit großen Schritten auf⸗ und abgehend, und ein ausgegangenes Licht in der Hand haltend.„Er iſt immer und ewig in derſelben Verlegen⸗ heit. Er ward in derſelben Verlegenheit geboren. Ich glaube in der That, daß, als ſeine Mutter mit ihm niederkam, die Sache in den Zeitungen alſo angezeigt wurde: Vergangenen Dienſtag iſt Mrs. Skimpole, in ihrer Wohnung Botheration Buildings,*) von einem ſich in Verlegenheit befindenden Sohne entbunden worden.““ Richard lachte herzlich, ſetzte aber hinzu: *) Etwa wie: Langweiligkeitsquartier. ———— 8 4 „Und dennoch, Sir, mag ich ſein Vertrauen nicht erſchüttern, da er ſich einmal mir vertraut hat. Und wenn ich Ihrem beſſeren Wiſſen abermals anheimſtelle, daß ich verbunden bin, ſein Geheimniß zu bewahren, ſo hoffe ich, daß Sie die Sache reiflich erwägen werden, ehe Sie weiter in mich dringen. Natürlich werde ich, wenn Sie mich weiter drängen, Sir, wiſſen, daß ich im Unrecht bin, und werde es Ihnen daher ſagen.“ „Gut, gut!“ rief Mr. Jarndyce, wieder ſtehen blei⸗ bend, und mehrere ihm ſelbſt unbewußte Verſuche machend, ſeinen Leuchter in die Taſche zu ſtecken. „Ich— hier! Nehmen Sie ihn weg, meine Liebe! Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich damit thue! Es iſt mei⸗ ner Seel' der Wind;— der hat ſtets dieſe Wirkung:— ich will nicht weiter in Sie dringen, Rick; Sie mögen Recht haben. Aber, meiner Treu,— wie möchte ich Euch, Sie und Eſther, feſthalten,— und Euch zer⸗ drücken, wie ein Paar zarte junge Michaelis⸗Pomeran⸗ zen!— Ich ſehe ſchon, daß heute Nacht der Wind zu einem Sturme werden wird!“ Er ſteckte nun ſeine Hände bald in die Taſchen, wie wenn er ſie lange Zeit darin laſſen wollte; und bald zog er ſie wieder heraus, und rieb dieſelben heftig am ganzen Kopfe. Ich ergriff dieſe Gelegenheit, um anzudeuten, daß, da Mr. Skimpole in allen ſolchen Dingen ein wahres Kind— „He, meine Liebe! Was wollen Sie damit ſagen?“ ſagte Mr. Jarndyce, das Wort aufnehmend. —„— Da,“ wiederholte ich,„Mr. Jarndyce ein wahres Kind, und von den übrigen Menſchen ſo ver⸗ ſchieden iſt—“ „Sie haben vollkommen Recht!“ unterbrach Mr. Jarndyce, eine heitere Miene annehmend.„Euer Weiber⸗ verſtand trifft immer das Schwarze in der Scheibe. Er iſt ein Kind,— durchaus ein Kind. Ich habe Euch * 183 geſagt, daß er ein Kind ſei, als ich ſeiner zum erſten Male Erwähnung that; Ihr werdet Euch deſſen wohl noch erinnern können.“ „Ei freilich! Ei freilich!“ ſagten wir. „Und er iſt wirklich ein Kind. Saget mir doch ob er keines iſt?“ fragte Mr. Jarndyce, ſich immer mehr aufheiternd. Wir ſagten, daß er das allerdings wäre. „Sobald man einmal darüber nachdenkt, iſt es der Gipfel der Narrheit und der Kinderei,— ich meine— ſagte Mr. Jarndyce,„ihn einen Augenblick als einen Mann anzuſehen. Man kann ihn nicht verantwortlich machen. Man denke ſich einmal Harold Skimpole als einen Mann, der Pläne entwirft und überlegt, als einen Mann, der ſich um die Folgen kümmert! Ha, ha!“ Es war etwas ſo Wonnigliches, die Wolken auf ſeinem heiteren Geſichte ſchwinden, und ihn ſo herzlich zufrieden zu ſehen, und zu wiſſen, wie man nicht anders konnte, daß die Quelle ſeiner Freude die Güte ſei, die ſich gequält fühlte, wenn ſie Jemand verdammen, in⸗ geheim anklagen, oder ihm mißtrauen mußte. Und während Ada ſein Lachen echoete, ſah ich die Thränen in ihren Augen, und fühlte ſie in meinen eigenen. „Ach, was bin ich doch für ein Dummkopf,“ ſagte Mr. Jarndyce, daß ich erſt noch daran erinnert werden mußte! Die ganze Sache zeigt, von Anfang bis zu Ende, das Kind an. Niemand, als einem Kinde würde es eingefallen ſein, Euch Beide zu Mitwirkenden in der Sache zu erküren! Niemand, als einem Kinde würde es eingefallen ſein, daß Ihr das Geld beſäßet! Wären es auch tauſend Pfund geweſen, ſo würde er ſich doch aus der Sache gerade ebenſo viel gemacht haben!“ ſprach Mr. Jarndyce, deſſen ganzes Geſicht nun glühete. Wir Alle beſtätigten das, nach der Erfahrung, die wir im Laufe des Abends gemacht. „Gewiß, gewiß!“ ſagte Mr. Jarndyce.„Indeſſen 4 müßt Ihr mir, Rick, Eſther, und auch Sie, Ada,— denn ich weiß nicht, ob ſelbſt Ihre kleine Börſe vor ſei⸗ ner Unerfahrenheit ſicher iſt,— verſprechen, daß ein ſolches nicht wieder geſchehen werde. Keine Geld⸗ darlehen! Nicht einmal ein Sixpence⸗Stück!“ Wir Alle verſprachen es getreulich; Richard mit einem heiteren Blicke, den er mir zuwarf, wobei er zu gleicher Zeit ſeine Taſche berührte, gleich als wollte er mich daran erinnern, daß eine Uebertretung des Gebotes von unſerer Seite nicht mehr zu befürchten wäre. „Was Mr. Skimpole betrifft,“ ſagte Mr. Jarndyce, „ſo würde ein bewohnbares Puppenhaus, nebſt guter Koſt, und einigen geldreichen Leuten, von denen er Geld leihen könnte, ſo ganz das ſein, was er wünſcht. Ver⸗ muthlich liegt er in dieſem Augenblicke bereits in ſeinem Kindsſchlafe; und was mich betrifft, ſo iſt es nun Zeit, daß ich gleichfalls meinen liſtigeren Kopf auf mein weltlicheres Kiſſen lege. Gute Nacht, meine Lieben! Gott ſchütze Euch!“ Er guckte noch ein Mal mit lächelndem Geſichte zur Thüre herein, ehe wir noch unſere Lichter angezündet hatten, und ſprach:— „Oh! Ich habe nach dem Wetterhahne geſehen. Ich finde, daß es ein falſcher Lärm in Betreff des Win⸗ des war. Es bläſt dieſer aus Süden!“ —)— Alſo ſprechend, entfernte er ſich, und ſuchte trällernd ſein Bett auf. Während Ada und ich droben eine kleine Weile mit einander planderten, ſtimmten wir darin überein, daß dieſe Caprice wegen des Windes eine Fiction ſei, und daß er den Vorwand nur gebrauche, um einen Grund angeben zu können, wenn er ſich unangenehm berührt fühle, und er es nicht verbergen könne. Lieber, ſagten wir weiter, greife er dann zu dieſem Vorwande, als daß er die wahre Urſache tadle, oder Jemand herabſetze und beleidige. Wir er⸗ achteten das als ſehr charakteriſtiſch für ſeine excentriſche Artigkeit, und für den Unterſchied zwiſchen ihm und jenen —— ſei⸗ ein eld⸗ mit zu er otes yce, uter Beld ber⸗ nem daß eres 1 zur idet hen. sin⸗ rnd mit ieſe er zu res e er ache er⸗ ſche nen 13⁵ muthwilligen Leuten, die das Wetter und die Winde (insbeſondere jenen unglücklichen Wind, den er zu einem ſo verſchiedenen Zwecke auserkoren hatte) zu einer Maske für ihre düſtere und hypochondriſche Laune machen. In der That hatte ſich an dieſem einzigen Abende ſo viel Liebe zu ihm zu meiner Dankbarkeit geſellt, daß ich hoffte, ich fange bereits an, ihn durch dieſes ge⸗ miſchte Gefühl zu verſtehen. Anſcheinende Inconſequenzen bei Mr. Skimpole oder bei Mrs. Jellyby konnte ich na⸗ türlich noch nicht mir zurechtlegen wollen, da ich ſo wenig Erfahrung oder praktiſches Wiſſen beſaß. Auch verſuchte ich das nicht; denn meine Gedanken waren, als ich allein war, mit Ada und Richard, ſo wie mit der vertraulichen Mittheilung beſchäftigt, die mir in Betreff ihrer geworden zu ſein ſchien. Auch wollte meine Phantaſie, die vielleicht durch den Wind ein wenig wild geworden war, nicht ganz uneigennützig ſein, obgleich ich ſie dazu überredet haben würde, wenn ich gekonnt hätte. Sie ging bis zum Hauſe meiner Taufpathin zu⸗ rück, und verfolgte den zwiſchen meinem dortigen und jetzigen Leben liegenden Weg, und beſchwor ſchattenhafte Speculationen herauf, die dort bisweilen im Dunkeln ge⸗ zittert hatten,— Speculationen darüber, obwohl Mr. Jarndyce meine früheſte Geſchichte nicht kennete,— ob es ſogar nicht möglich wäre, daß er mein Vater,— ob⸗ gleich jener eitle Traum nun ganz verſchwunden war. Dieſer Traum war nun ganz verſchwunden,— als ich von meinem Sitze neben dem Feuer aufſtand; deſſen war ich mir bewußt. Es ſtand mir nicht zu, über die Vergangenheit nachzugrübeln, ſondern es galt nun, mit frohem Muthe und mit dankbarem Herzen zu handeln. „Ich ſagte daher bei mir ſelbſt:„Eſther, Eſther, Eſther! Denk' an Deine Pflicht!“ und ſchüttelte das kleine Körbchen, worin meine Hausſchlüſſel waren, der⸗ geſtalt, daß ſie wie Glöckchen erklangen, und mir hoffnungs⸗ voll in das Bett läuteten. 1 Siebentes Kapitel. Der Geiſterweg. Während Eſther ſchläft, und während Eſther wacht, iſt es drunten auf dem Landſitze in Lincolnſhire immer noch ſchlechtes Wetter. Tag und Nacht fällt der Regen auf das breite Terraſſenpflaſter, der Geiſterweg genannt. Dieſes Pflaſter beſteht aus lauter großen Flieſen. Das Wetter iſt, drunten in Lincolnſhire, ſo unge⸗ mein ſchlecht, daß ſelbſt die lebendigſte Phantaſie ſich kaum zu denken vermag, daß es je wieder werde ſchön werden. Nicht als ob ein allzu üppiges Phantaſie⸗Leben an dem Orte wäre, denn Sir Leiceſter iſt nicht dort (und wäre er auch dort, ſo würde er in dieſem Stücke Alles ſo ziemlich unverändert laſſen), ſondern, mit my Lady, in Paris; und die Einſamkeit ruht mit ihren düſtern Flügeln auf Chesney Wold. Es mögen wohl unter den niederen Thieren zu Chesney Wold einige Anflüge von Phantaſie zu be⸗ merken ſein. Die Pferde in den Ställen,— in den langen Ställen des öden, mit rothen Backſteinen ge⸗ pflaſterten Hofraums, wo ſich auf einem kleinen Thurme eine große Glocke, ſo wie eine Uhr mit breitem Geſichte befindet, welche die Tauben, die in der Nähe leben, und ſich gern auf ihre Schultern ſetzen, ſtets zu befragen ſcheinen,— die mögen gelegentlich an ſchönes Wetter denken, und, in ihren Phantaſiegemälden, ſich als beſſere Künſtler erweiſen, als die Stallknechte. Der alte Roth⸗ ſchimmel, der ſich durch ſeine Heldenthaten ſchon ſo be⸗ rühmt gemacht hat, mag, während er ſein großes Auge nach dem vergitterten Fenſter neben ſeiner Raufe hin⸗ 137 richtet, ſich an das friſche Laub erinnern, das dort zu andern Zeiten glänzte, ſo wie an die einſtrömenden Wohlgerüche, und mag mit den Hunden ſich herum⸗ tummeln, während der menſchliche Helfer, der den an⸗ ſtoßenden Stall reinigt, keinen Augenblick über ſeine Miſtgabel und ſeinen Beſen von Birkenzweigen hinaus denkt. Der Grauſchimmel, welcher der Thüre gerade gegenüber ſteht, und, ungeduldig ſeine Halfter ſchüttelnd, die Ohren ſpitzt, und den Kopf ſo gedankenvoll um⸗ wendet, ſobald die Thüre aufgeht, und zu dem der Oeffnende ſagt:„Ruhig, ruhig, Schimmel! Es will heute Niemand, was von Dir!“ mag es eben ſo wohl wiſſen, als der Mann. Das ganze anſcheinend monotone und ungeſellige, in einem und demſelben Stalle befind⸗ liche halbe Dutzend mag wohl, wenn die Thüre ein Mal geſchloſſen iſt, die langen naſſen Stunden mit le⸗ bendigeren Geſprächen zubringen, als man in der Be⸗ dientenſtube, oder in dem Wirthshauſe„zum Dedlock ſchen Wappen“ zu hören bekommt;— vielleicht vertreiben ſich die armen Thiere die Zeit auch damit, daß ſie den Pony in dem Stande an der Ecke bilden, oder auch verderben. So mag auch der in ſeinem Häuschen, im Hof⸗ raume, ſchlummernde Bullenbeißer, während er ſeinen großen Kopf auf ſeinen Pfoten ruhen läßt, an den war⸗ men Sonnenſchein denken, wenn die Schatten des Stall⸗ gebäudes durch ibren Wechſel ſeine Geduld ermüden, und ihm zu einer gewiſſen Tageszeit keinen breiteren Zufluchts⸗ ort laſſen, als den Schatten ſeines eigenen Häuschens, wo er aufrecht ſitzt, keuchend, und ein kurzes Geknurre hören laſſend, und von dem lebhaften Verlangen beſeelt, an noch etwas Anderem zu reißen und zu zauſen, als an ſeiner Kette und an ſich ſelbſt. So mag er denn, halb wachend und halb ſchlafend, an das von Fremden gefüllte Haus denken,— an die Remiſen voller Wagen, — an die Ställe voller Pferde,— und an die Neben⸗ gebände voll berittener Lakaien und Knechte, bis er nicht 138 mehr weiß, wie die Sachen jetzt ſtehen, und hervor⸗ kommt, um zu ſehen, wie ſie dermalen ſtehen. Dann mag er, ſich ungeduldig ſchüttelnd, bei ſich brummen: „Regen, Regen, Regen! Nichts als Regen,— und keine Familie hier!“— während er wieder in ſein Hinchen hineingeht, und ſich mit finſterem Gähnen inlegt. Ebenſo verhält es ſich mit den Hunden in ihren Häuschen am andern Ende des Parkes; auch ſie haben Anfälle von Unruhe, und wenn der Wind ſehr eigen⸗ ſinnig geweſen iſt, hat er ihre kläglichen Stimmen bis in das Haus ſelbſt hinübergetragen,— in die oberſten Räume ſowohl, als in die unterſten,— ja es ſind die⸗ ſelben ſogar in das Zimmer von my Lady gedrungen. Sie mögen die ganze Umgegend in Gedanken jagend durchſtreifen, während die Regentropfen auf ihre Häns⸗ chen niederplatſchen, wo ſie zur Unthätigkeit ver⸗ dammt ſind. So mögen auch die Kaninchen, mit ihren Schwän⸗ zen, die an ihnen ſelbſt zu Verräthern werden, aus Löchern an Baumwurzeln heraus⸗ und wieder hinein⸗ hüpfen, und lebhaft an die windigen Tage denken, wo ihre Ohren hin⸗ und hergeblaſen werden, ſo wie an jene intereſſanten Jahreszeiten, wo es ſüße junge Pflanzen zu benagen gibt. Der Truthahn in dem Geflügelhofe, der ſtets an eine Beſchwerde denken muß, die ſeiner ganzen Claſſe gemein iſt(wahrſcheinlich Weihnachten), mag ſich an den ihm ungerechter Weiſe entzogenen Sommermorgen er⸗ innern, wo er, in dem Heckenweg, zwiſchen den gefällten Bäumen hindurchging, an einen Ort, wo ſich ein Ge⸗ treideſchober und Gerſte befand. Die unzufriedene Gans, die ſich herbeiläßt, unter den alten zwanzig Fuß hohen Thorweg zu gehen, mag,— nur wiſſen wir es nicht,— während ſie dahinwatſchelt, 139 nach ſchönerem Wetter ſchnattern, wenn der Thorweg ſeinen Schatten auf den Boden wirft. Dem ſei nun, wie ihm wolle, ſo viel iſt gewiß, daß zu Chesney Wold ſonſt nicht viele Phantaſie thätig iſt. Iſt in gewiſſen Momenten dieß ein Bischen anders, ſo geht ſie, wie ein kleines Geräuſch an dem alten echo⸗ reichen Orte, gar weit, und führt gewöhnlich auf Geiſter und Myſterien. Es hat drunten in Lincolnſhire ſo ſtark und ſo lange geregnet, daß Mrs. Rouncewell, die alte Haushälterin zu Chesney Wold, ſchon mehrere Male die Brille abge⸗ nommen, und dieſelbe gereinigt hat, um ſich davon zu vergewiſſern, daß es nicht auf dieſelbe geregnet. Mrs. Rouncewell hätte ſich darüber leicht Gewißheit verſchaffen können, wenn ſie den Regen gehört hätte, allein ſie iſt etwas taub, wovon ſie aber Nichts zu überzeugen vermag. Sie iſt eine feine alte Dame, hübſch, ſtattlich, wunderſam ſauber, und hat einen ſo gewaltigen Rücken und einen ſo gewaltigen Bruſtlatz, daß, wenn es ſich bei ihrem Tode herausſtellen ſollte, ihr Corſett ſei ein breiter, altmodiſcher Familien Kamin⸗ roſt geweſen, Niemand, der ſie kennt, Urſache haben würde, erſtaunt zu ſein. Das Wetter berührt Mrs. Rouncewell nur wenig. Iſt doch das Haus da, mag nun das Wetter ſein, wie es will, und das Haus iſt, wie ſie ſich ausdrückt,„das, worauf ſie ſieht.“. 5 Sie ſitzt in ihrem Zimmer(in einem Seitengange zu ebener Erde, mit einem Bogenfenſter, das ein ebenes DTiereck beherrſcht,— ein Viereck, welches in unregelmä⸗ ßigen Zwiſchenräumen mit glatten runden Bäumen und mit glatten runden Steinblöcken verziert iſt, wie wenn die Bäume im Begriff wären, mit den Steinen Kegel zu ſpielen—), und das ganze Haus ruht auf ihrem Geiſte. Sie kann es gelegentlich öffnen, und geſchäftig und unruhig ſein; jetzt aber iſt es geſchloſſen, und liegt, 140 1 in majeſtätiſchem Schlafe, auf der Breite von Mrs. Rouncewell's eiſenumſchloſſener Bruſt. Es iſt etwas ſo Schwieriges, daß es einer Unmög⸗ lichkeit beinahe gleichkommt, ſich Chesney Wold ohue Mrs. Rouncewell zu denken; allein ſie iſt nun erſt ſeit fünfzig Jahren hier. Man frage ſie an dieſem Regen⸗ tage, wie lange ſie nun hier ſei, und ſie wird antworten: „fünfzig Jahre, drei Monate und vierzehn Tage, wenn ich, vom Segen des Himmels begünſtigt, noch bis Diens⸗ tag lebe.“ Mr. Rouncewell ſtarb einige Zeit vor dem Tode der hübſchen Mode, welche wollte, daß die Männer Zöpfe tragen ſollten, und begrub den ſeinigen(— wenn er den⸗ ſelben mitnahm—) beſcheidener Weiſe in einem Winkel des Kirchhofs im Parke, in der Nähe des vermoderten Por⸗ tals. Er war in dem Marktflecken geboren, und das Gleiche war bei ſeiner jungen Wittwe der Fall. Die Verbindung der Letzteren mit der Familie datirte aus der Zeit des ſeligen Sir Leiceſter, und hatte ihren Urſprung in der Stube des Brennhauſes. Der dermalige Repräſentant der Dedlocks iſt ein vortrefflicher Herr. Von Allen, die von ihm abhangen, ſetzt er voraus, daß ſie keinen eigenen Willen und keine eigene Meinung haben, da er der Ueberzeugung lebt, daß er geboren worden, um ſie der Nothwendigkeit zu über⸗ heben, einen eigenen Willen und eine eigene Meinung zu haben. Würde er ein Mal eine entgegengeſetzte Ent⸗ deckung machen, ſo würde er durch dieſelbe ganz einfach betäubt werden;— höchſt wahrſcheinlich würde er ſich gar nicht mehr von ſeiner Betäubung erholen, es wäre denn, um nach Athem zu ſchnappen und zu ſterben. Aber er iſt dennoch ein vortrefflicher Herr, der es als einen weſentlichen Theil ſeines Standes anſieht, das zu ſein. Was Mrs. Rouncewell betrifft, ſo hat er ſie ſehr gern; er ſagt, ſie ſei ein höchſt achtbares, ehrenwerthes Frauen⸗ zimmer. Er drückt ihr die Hand, ſo oft er nach Ches⸗ Nrs. lög⸗ bhue ſeit gen⸗ ten: denn ens⸗ ode bpfe den⸗ des Vor⸗ iche ung des der ein gen, eine daß her⸗ ung ent⸗ ach ſich äre ber nen ein. n; en⸗ 2s⸗ 3 141 ney Wold herabkommt, und ſo oft er wieder geht; und würde er ſehr krank, oder würde er durch irgend einen Zufall zu Boden geſtreckt, oder überfahren, oder über⸗ haupt in eine Lage verſetzt, die als für einen Dedlock ungünſtig bezeichnet werden müßte, ſo würde er, könnte er anders reden, ſagen:„Laſſet mich, und ſchicket Nrs. Roun⸗ cewell hierher!“— da er bei ihr ſeine Würde in einer ſolchen Verlegenheit mehr in Sicherheit glauben würde, als bei ſonſt Jemand. Mrs. Rouncewell weiß wohl, was das Wort„Drang⸗ ſal“ bedeutet. Sie hat zwei Söhne gehabt, von denen Einer, der Jüngere, aus der Art ſchlug, ſich als Soldat anwerben ließ, und nie mehr zurückkam. Selbſt jetzt noch kommen die Hände der Mrs. Rouncewell aus ihrer gewohnten Ruhe, ſo oft ſie von ihm ſpricht: dann ma⸗ chen ſie ſich von ihrem Bruſtlatze los und hüpfen in höchſt unruhiger Weiſe um ſie her, während ſie erzählt, was für ein hübſcher, feiner, luſtiger⸗ gutlauniger, geſcheidter Burſche er geweſen. Was ihren zweiten Sohn betrifft, ſo würde er zu Chesney Wold verſorgt, und zu gehöriger Zeit zum Haus⸗ hofmeiſter gemacht worden ſein; allein es fing derſelbe ſchon als Schulknabe an, aus Pfännchen Dampfmaſchinen zu bauen; Vögel mußten ihm mit einem möglichſt kleinen Quantum von Arbeit ihr Waſſer ſelbſt ſchöpfen, wobei er ihnen mit ſeinen hydrauliſchen Künſten zu Hülfe kam, ſo daß ein durſtiger Kanarienvogel, im buchſtäblichen Sinn des Wortes, ſeine Schulter bloß an das Rad zu legen brauchte, um die Arbeit verrichtet zu ſehen. 3 Dieſe Neigung verurſachte Mrs. Rouncewell große Unruhe. Mit der Bekümmerniß einer Mutter fühlte ſie, daß dieß ein Schritt auf dem Wat⸗CTyler'ſchen Wege ſei, indem ſie wohl wußte, daß Sir Leiceſter ſo über eine Geſchicklichkeit in irgend einer Kunſt dachte, wozu Rauch und ein hoher Schornſtein als erforderlich betrachtet werden. 142 Da aber der junge Rebell(ſonſt ein ſanfter, ſehr be⸗ harrlicher Jüngling) durch Nichts an den Tag legte, daß die Gnade mit den Jahren bei ihm einkehre; da er im Gegentheile ein Modell von einem Maſchinenwebſtuhle anfertigte, ſo eutſchloß ſie ſich endlich unter vielen Thrä⸗ nen, dem Baronet ſeine unheilvolle Richtung zu geſtehen. „Mrs. Rouncewell,“ ſprach dann Sir Leiceſter,„ich kann, wie Sie wiſſen, mich nie ſo weit herablaſſen, daß ich mit Jemand über einen Gegenſtand raiſonnire. Es wäre wohl beſſer, wenn Sie ſich ihres Sohnes entledig⸗ ten;— es wäre beſſer, wenn Sie ihn in irgend ein Eiſenwerk brächten. Die Eiſengegend weiter nördlich iſt, meines Erachtens, der paſſende Ort für einen Burſchen, der ſolche Tendenzen hat.“ Und ſo ging denn der junge Rouncewell weiter nördlich,— und weiter nördlich wurde er groß, und wenn Sir Leiceſter Dedlock ihn je ein Mal ſah, wann er nach Chesney Wold kam, um ſeine Mutter zu beſu⸗ chen, und wenn er je ſpäter einmal an ihn dachte, ſo iſt es gewiß, daß er ihn bloß als einen jener vielen tauſend ſchwarzen und wilden Verſchwörer anſah, die, zwei oder drei Nächte in jeder Woche, mit Fackeln auszogen, um ungeſetzliche Zwecke zu verfolgen. Nichts deſto weniger iſt Mrs. Rouncewell's Sohn, im Laufe der Natur und Kunſt, groß geworden; auch hat er ſich etablirt, und verheirathet, und Mrs. Rounce⸗ well einen Enkel geſchenkt, der, nachdem er ausgelernt, und von einer Reiſe in fremde Länder zurückgekehrt, wo⸗ hin er geſchickt worden war, um ſeine Kenntniſſe zu er⸗ weitern, und ſich praktiſche Lebensweisheit zu ſammeln, gerade heute in Mrs. Rouncewell's Zimmer, zu Ches⸗ ney Wold, ſich befindet, und dem Kamine den Rücken zukehrt. „Und aber⸗ und abermals muß ich ſagen, daß es mich freut, Dich zu ſehen, Watt! Und abermals ſage i Dir, daß es mich freut, Dich zu ſehen, Watt! ℳ 8 8 143 Mrs. Rouncewell.„Du biſt ein feiner junger Burſche, Du gleichſt Deinem armen Onkel George. Ah!“ Hier geriethen Mrs. Rouncewell's Hände, wie ge⸗ wöhnlich wieder in Unruhe. „Die Leute ſagen, ich gleiche meinem Vater, Groß⸗ mutter!“ „Auch dem gleichſt Du, mein Lieber,— aber noch weit mehr Deinem armen Onkel George! Und dein lie⸗ ber Vater?“ Hier faltete Mrs. Rouncewell ihre Hände wieder.„Er befindet ſich doch wohl?“ „Es geht ihm in jeder Beziehung gut, Großmutter.“ „Ich danke Gott dafür!“ Mrs. Rouncewell liebt zwar ihren Sohn, hat aber dennoch Etwas an ihm auszuſetzen:— es iſt bei ihr ſo ein Gefühl, als ob er ein ſehr ehrenhafter Soldat wäre, der zum Feinde übergegangen. 1 „Iſt er recht glücklich?“ fragt Mrs. Rouncewell weiter. „Vollkommen.“ „Ich danke Gott dafür! So hat er Dich denn er⸗ zogen, daß Du in ſeine Wege treteſt,— und dann hat er Dich auch in fremde Länder geſchickt? Wohlan! er weiß es am Beſten. Es mag über Chesney Wold hin⸗ aus eine Welt liegen, die ich nicht verſtehe. Zwar bin ich nicht mehr ſo ganz jung, auch habe ich in meinem Leben ſchon gar viele Leute geſehen, die zur guten Ge⸗ ſellſchaft gehören!“ „Großmutter,“ ſagte der junge Mann, ein anderes Thema wählend,„was für ein hübſches Mädchen war das doch, das ich ſo eben bei Ihnen gefunden! Sie nannten es Roſa?“ „Ja, mein Kind. Sie iſt die Tochter einer Wittwe im Dorfe. Heut zu Tage iſt es ſo ſchwer, Dienſtmädchen Etwas zu lehren, daß ich ſie ſchon als ganz junges Mädchen zu mir genommen habe. Auch lerut ſie gut, und wird ſich immer beſſer machen. Sie zeigt das Haus ſchon recht nett. Sie wohnt meinem Tiſche.“ „Hoffentlich habe ich ſie nicht von hier vertrieben?“ „Wahrſcheinlich denkt ſie, daß wir von Familieu⸗ angelegenheiten zu ſprechen haben. Sie iſt ſehr geſittet und beſcheiden. Es iſt das eine ſchoͤne Eigenſchaft an einem jungen Frauenzimmer. Und gewiß ſeltener, als in früheren Zeiten,“ ſagt Mrs. Rouncewell, ihren Bruſt⸗ latz bis an ſeine äußerſten Grenzen ausdehnend. Der junge Mann verneigt ſich zum Zeichen, daß er die Lehren der Erfahrung zu würdigen wiſſe. Mrs. Rouncewell horcht. „Räder!“ ſpricht ſie. Es ſind dieſelben für die jüngeren Ohren ihrer Geſellſchafterin ſchon lange hörbar bei mir, und ißt an geweſen.„Was für Räder an einem Tage, wie dieſer einer iſt, um's Himmels Willen?“ Nach einer kurzen Weile ein ſanfter Schlag gegen die Thüre. „Herein!“ Und hereintritt eine ſchwarzäugige, ſchwarzhaarige, ſchüchterne Dorfſchönheit,— eine Schönheit, ſo friſch in ihrer roſigen und doch zarten Blüthe, daß die Regen⸗ tropfen, die auf ihr Haar gefallen, ausſehen, wie der Thau auf einer friſch gepflückten Blume. „Wer kommt da, Roſa?“ ſpricht Mrs. Rouncewell. „Es ſind zwei junge Männer in einem Gig, Ma'am, ſie wollen das Haus ſehen,— ja, und wenn Sie es erlauben, ſagte ich ſo zu ihnen!“ entgegnet das Mädchen raſch, als Antwort auf eine von der Haushälterin kom⸗ mende Geberde der Verneinung.„Ich bin an die Thüre der Vorhalle gegangen und habe ihnen geſagt, daß das nicht der rechte Tag und nicht die rechte Stunde ſei; aber der junge Mann, der kutſchirte, nahm, trotz des Regens, den Hut ab, und erſuchte mich, Ihnen dieſe Karte zu bringen.“ er „ies ſie, mein lieher Watt!“ ſpricht die Haushälterin. B1 t an n?2“ lieu⸗ ſittet t an als ruſt⸗ daß die rbar ieſer gegen rige, ch in gen⸗ 2 der well. am, e es dchen kom⸗ hüre das ſei; des dieſe terin. 14⁵ Roſa iſt, während ſie ihm die Karte gibt, ſo ſchüch⸗ tern, daß ſie dieſelbe zwiſchen ſich fallen laſſen, und ihre Köpfe beinahe an einander ſtoßen, während ſie ſie wieder aufheben wollen. Roſa iſt noch ſchüchterner, als zuvor. „Mr. Guppy,“— weiter ſteht Nichts auf der Karte. „Guppy!“ wiederholie Mrs. Rouncewell.„Mr. Guppy! Narretheien,— nie habe ich von dem gehört!“ „Er hat, wenn Sie erlauben, mir das geſagt!“ ſpricht Roſa.„Auch hat er hinzugeſetzt, daß er, mit dem andern jungen Herrn, erſt in vergangener Nacht mit dem Poſtwagen von London angekommen, daß er heute Mor⸗ gen in der Verſammlung der Friedensbeamten, zehn Meilen von hier, Geſchäfte gehabt habe, und daß, da ihr Geſchäft bald vorüber geweſen ſei, und da ſie von Chesny Wold Viel gehört, und mit ihrer Zeit nichts Anderes anzufangen gewußt, ſie im Regen hierherge⸗ kommen, um es zu ſehen. Es ſind Rechtsgelehrte. Er ſagt, er ſei nicht in Mr. Tulkinghorus Bureau, verſichert aber, er dürfe ſich, nöthigen Falles, auf Mr. Tulkinghorn berufen.“ Da Roſa findet, daß ſie bereits eine lange Rede gehalten, ſo hört ſie hier auf zu ſprechen, und iſt ſchüch⸗ terner, als je. Nun aber muß der verehrte Leſer wiſſen, daß Mr. Tulkinghorn gewiſſer Maßen zu Chesney Wold gehört; auch ſoll derſelbe noch Mrs. Touncewell's Teſtament auf⸗ geſetzt haben. Die alte Dame geht von ihrer anfänglichen Strenge ab, ſieht den Beſuch nun als eine Gunſt an, und ent⸗ läßt Roſa. Der Enkel indeſſen, der einen plötzlichen Wunſch in ſich verſpürt, das Haus ſelbſt zu ſehen, will ſich der Ge⸗ ſellſchaft anſchließen. Die Großmutter, die es freut, daß er ſolches Iutereſſe für Chesney Wold an den Tag legt, Bleak Houſe. 1 10 begleitet ihn,— obgleich er, wenn wir ihm Gerechtigkeit widerfahren laſſen ſollen, es äußerſt ungern ſieht, daß ſie ſich derangirt.“ „Ich bin Ihnen ſehr verbunden, Ma'am!“ ſpricht Mr. Guppy, ſich ſeines naſſen Oberrocks in der Vor⸗ halle entledigend.„Wir Londoner Adpocaten kommen nicht oft hinaus; und wenn wir ein Mal hinauskommen, ſo ſu⸗ chen wir die Gelegenheit, ſo gut, wie möglich, zu nützen, wie Sie wiſſen.“ Die alte Haushälterin macht mit ihrer Hand eine Bewegung nach der großen Treppe hin. Ihre Haltung verräth dabei einen gnädigen Ernſt. Mr. Guppy und ſein Freund folgen Roſa;— Mrs. Rouncewell und ihr Enkel folgen ihnen;— ein junger Gärtner geht voraus, um die Läden aufzumachen. Wie es gewöhnlich bei Leuten der Fall iſt, die Häu⸗ ſer einſehen, ſind Mr. Guppy und ſein Freund todmüde, ehe ſie noch recht angefangen haben; ſie verweilen an un⸗ rechten Orten,— ſehen unrechte Dinge an,— beküm⸗ mern ſich nicht um das Rechte,— gähnen, wenn man neue Zimmer aufſchließt,— zeigen große Niedergeſchla⸗ genheit, und können offenbar kaum mehr weiter kommen. In jedem Zimmer, in das ſie kommen, ſetzt ſich Mrs. Rouncewell, die ſo kerzengerade iſt, wie das Haus ſelbſt, in eine Fenſtervertiefung, oder in einen andern ſolchen Winkel, und hört, mit majeſtätiſchem Beifalle, Roſa's Erklärung zu. Ihr Enkel ſeinerſeits iſt ſo aufmerkſam auf Alles, was Roſa ſagt, daß dieſe ſchüchterner— und hübſcher iſt, denn je. So kommen ſie von einem Zimmer in's andre, und laſſen die gemalten Dedlocks auf einige kurze Augen⸗ plicke von den Todten auferſtehen, während der junge Gärtner das Licht einläßt, und überantworten dieſ elben wieder ihrem Grabe, während der Gärtner dem Lichte wieder den Zutritt verſperrt. Dem geplagten Mr. Guppy, ſo wie ſeinem untröſt⸗ 147 lichen Freunde will es ſcheinen, daß die Dedlocks gar kein Ende nehmen,— die Dedlocks, deren Familiengroͤße darin zu beſtehen ſcheint, daß ſie mehrere Jahrhunderte hindurch Nichts, gar Nichts gethan haben, um ſich aus⸗ zuzeichnen. Selbſt der lange Salon von Chesney Wold ver⸗ mag Mr. Guppy's Muth nicht neu zu heben. Seine Stimmung iſt eine ſo gedrückte, daß er an der Schwelle beinahe zuſammenſinkt, und kaum ſo viel Muth beſitz, um hineinzutreten. Aber ein Portrait über dem Kamine,— ein Por⸗ trait, das von dem um jene Zeit beliebteſten Künſtler gemalt worden, wirkt wie ein Zauber auf ihn. In einem Augenblicke hat er ſich wieder aufgerafft. Er ſchaut das Portait mit ungewöhnlichem Intereſſe an; er ſcheint von demſelben bezaubert und feſtgebannt zu ſein. „O Himmel!“ ſpricht Mr. Guppy. Wer iſt das?“ „Das Gemälde über dem Kamine,“ ſpricht Noſa, giſt das Portrait der dermaligen Lady Dedlock. Es wird für ſprechend ähnlich, und für das beſte Werk des Mei⸗ ſters gehalten.“ „Ich will nicht ſelig werden, wenn ich ſie je geſehen habe,“ ſagt Mr. Guppy, ſeinen Freund mit einer Art von Entſetzen anſtarrend.„Und doch kenne ich ſie! Iſt das Gemälde ſchon geſtochen worden, Miß?“ „Das Gemälde iſt noch nie geſtochen worden, Sir Leiceſter hat es nie dulden wollen.“ „Wohlan!“ ſpricht Mr. Guppy mit leiſer Stimme, ich laſſe mich erſchießen, wenn es nicht recht curios iſt, wie gut ich das Gemälde kenne! Es iſt das alſo Lady Dedlock, ſo, ſo!“ „Das Gemälde zur Rechten iſt der dermalige Sir Leiteſter Dedlock. Das zur Linken iſt ſein Vater, der ſelige Sir Leiceſter.“ Aber Mr. Guppy hat für keinen dieſer Magnaten ein Auge. — ——— „Es iſt mir wirklich unerklärlich,“ ſagte er, das Por⸗ trait immer noch anſtarrend,„wie gut ich dieſes Gemälde kenne! Ich will des Todes ſein,“ ſetzt Mr. Guppy her⸗ umſchauend hinzu,„wenn ich nicht glaube, daß ich von dem Gemälde geträumt haben muß!“ Da keine von den anweſenden Perſonen an Mr. Guppy's Träumen ein ſpecielles Intereſſe nimmt, ſo wird die Wahrſcheinlichkeit nicht weiter verfolgt. Aber immer noch nimmt das Portrait alle ſeine Geiſteskräfte dermaßen in Anſpruch, daß er unbeweglich davor ſtehen bleibt, bis der junge Gärtner die Läden wieder geſchloſſen hat. Dann kommt er aus dem Zimmer heraus in einem geblendeten Zuſtande heraus, der ein ſeltſamer, obgleich hinreichender Erſatz für das Intereſſe iſt, und folgt in die übrigen Zimmer mit einem verwirrten Starren, wie wenn er über⸗ all wieder eine Lady Dedlock erſpähen wollte. Aber er ſieht keine Spur mehr von ihr. Er ſieht nur ihre Zimmer, die zuletzt gezeigt werden, und es er⸗ ſcheinen ihm dieſelben als höchſt elegant, und er ſieht zu den Fenſtern hinaus, aus denen ſie, vor noch nicht langer Zeit, in das Regenwetter hinausſah, das ſie zu Tode langweilte. Alles hat ein Ende,— ſelbſt Häuſer, die man mit unendlicher Mühe beſichtigt, und deren man müde wird, ehe man noch recht anfängt, ſie zu beſichtigen. Endlich hat er Alles geſehen, und endlich iſt die friſche Dorfſchön⸗ heit mit ihrer Beſchreibung zu Ende gekommen; und die⸗ ſes Ende lautet ſtets alſo: „Die Terraſſe drunten wird ſehr bewundert. Man nennt ſie, nach einer alten Geſchichte, die ſich in der Fa⸗ milie fortgeerbt hat, nur den Geiſterweg.“ „Nun?“ ſagt Mr. Guppy, von Neugierde verzehrt. „Was iſt das fuͤr eine Geſchichte, Miß? Betrifft die⸗ ſelbe das Gemälde?“ „Ei, erzählen Sie uns doch die Geſchichte!“ ſpricht Watt, halb und halb flüſternd. — ½ 5 —₰ — . 149 „Ich kenne dieſelbe nicht, Sir.“ Und Roſa iſt ſchüchterner, als je. „Man erzählt ſie Beſuchenden nicht; ſie iſt beinahe ſchon vergeſſen,“ ſpricht die Haushälterin, vortretend. „Es iſt dieſelbe nie weiter geweſen, als eine Familien⸗ Anekdote.“ „Sie werden mich entſchuldigen, wenn ich abermals frage, ob ſie mit einem Gemälde Etwas zu ſchaffen hat, Ma'am,“ bemerkt Mr. Guppy,„weil ich Ihnen ver⸗ ſichern kann, daß, je mehr ich an das Gemälde denke, es mir um ſo beſſer bekannt iſt, ohne daß ich wüßte, wie ich es weiß!“ Die Geſchichte hat mit einem Gemälde Nichts zu thun: dafür kann die Haushälterin ſtehen. Mr. Guppy dankte ihr für die ihm gewordene Nach⸗ richt, und dankte überhaupt für die ihm erwieſene Höflich⸗ keit. Er zieht ſich mit ſeinem Freunde zurück, durch den jungen Gärtner eine andere Treppe hinabgeführt, und es ſteht nicht lange an, ſo hört man ihn wegfahren. Es iſt jetzt ſchon düſter. Mrs. Rouncewell kann ſich auf die Verſchwiegenheit ihrer beiden jungen Zu⸗ hörer verlaſſen, und kann ihnen erzählen. wie die Ter⸗ raſſe zu ihrem geiſterhaften Namen gekommen iſt. Sie ſetzt ſich alſo neben das ſich ſchnell verdunkelnde Fenſter, in einen großen Seſſel, und erzählt ihnen folgende Geſchichte: „Meine Lieben! In den böſen Tagen König Karl's des Erſten,— ich meine natürlich, in den böſen Tagen der Rebellen, die ſich gegen den genannten vortrefflichen König zuſammenſchaarten,— war Sir Morbury Dedlock Beſitzer von Chesney Wold. Ob ſchon vor dieſer Zeit in der Familie eine Geiſterſage exiſtirte, vermag ich nicht zu ſagen. Indeſſen möchte ich es für ziemlich wahrſcheinlich halten.“ Mrs. Rouncewell hat dieſe Meinung, weil ſie glaubt, daß eine ſo alte und ſo wichtige Familie ein Recht auf 1⁵⁰ einen Geiſt habe. Einen Geiſt ſieht ſie als eines der Privilegien der oberen Claſſen an,— als eine Aus⸗ zeichnung der Adeligen, worauf der gemeine Plebs keinen Anſpruch hat. „Sir Morbury Dedlock,“ fährt Mrs. Rouncewell fort,„ſtand, ich brauche es wohl nicht erſt zu ſagen, auf der Seite des ſeligen Märtyrers. Allein man vermuthet, daß ſeine Lady, die Nichts von dem Familienblute in den Adern hatte, die ſchlechte Sache begünſtigte. Es heißt, ſie habe unter König Karl's Feinden Verwandte gehabt; ſie ſei mit denſelben in Briefwechſel geſtanden; und habe denſelben Nachrichten gegeben. So oft einige von den Landedelleuten, die es mit Seiner Majeſtät hiel⸗ ten, hier zuſammenkamen, ſoll my Lady immer näher bei der Thüre ihres Rathszimmers geweſen ſein, als die⸗ ſelben vermutheten. Hörſt Du etwas einem Fußtritte Aehnliches ſich die Terraſſe entlang bewegen, Watt?“ Roſa geht näher zu der Haushälterin hin. „Ich höre das Geräuſch des auf die Steine herab⸗ fallenden Regens,“ erwiedert der junge Mann;„zugleich höre ich auch ein ſeltſames Echo,— ich glaube, es iſt ein Echo,— das dem Tritt eines Hinkenden ſehr ähn⸗ lich iſt.“. Die Haushälterin nickt gravitätiſch mit dem Kopfe, und fährt alſo fort: „Theils wegen dieſer Spaltung zwiſchen ihnen, theils wegen anderer Gründe führten Sir Morbury und ſeine Lady ein ziemlich unbehagliches eheliches Leben. Sie war eine Dame voller Hochmuth. Weder in Beziehung auf Alter, noch auf Charakter paßten ſie zu einander; auch hatten ſie keine Kinder, welche, im Nothfalle, ein gemeinſchaftliches Band zwiſchen ihnen hätten abgehen können. „Nachdem ihr Lieblingsbruder, ein junger Gentle⸗ man, in den Bürgerkriegen durch einen nahen Verwandten von Sir Morbury getödtet worden war, gab ſie ſo heſ⸗ —— & So c Eex — 2 ☛ G S der Aus⸗ inen well auf thet, e in Es ndte den; nige jiel⸗ bei die⸗ citte ab⸗ leich iſt ihn⸗ pfe, eils eine Sie ung der; ein ehen tle⸗ dten hef⸗ 151 tigen Gefühlen Raum, daß ſie ſogar das Geſchlecht haßte, in das ſie hineingeheirathet hatte. „Wenn die Dedlocks im Begriffe waren, im Dienſte des Königs von Chesney Wold auszureiten, ſoll ſie, in der Stille der Nacht, mehr denn ein Mal in die Ställe hinabgeſchlichen ſein, und die Pferde derſelben gelähmt haben. Auch will die Geſchichte wiſſen, daß ihr Gemahl ſie einſt, nach Mitternacht, habe die Treppe hinabgleiten ſehen, und daß er ihr in den Stall nachgefolgt ſei, wo ſein eigenes Lieblingspferd ſtand. Dort faßte er ſie beim Handgelenke; und da wurde ſie nun in einem Kampfe, oder durch einen Sturz, oder dadurch, daß das erſchrockene Pferd hinten ausſchlug, am Hüftbeine ver⸗ letzt; von der Stunde an war ſie lahm, und fing an, dahinzuſchmachten.“ Die Haushälterin hatte ihre Stimme allmählig ſo ſehr verändert, daß ſie ihre Worte faſt nur noch flüſterte. „Sie war eine Dame von ſchöner Geſtalt und edler Haltung geweſen. Nie beklagte ſie ſich über die Ver⸗ änderung, die mit ihr nun vorgegangen; nie ſprach ſie mit Jemand darüber, daß ſie nun ein Krüppel ſei, oder Schmerzen habe, ſondern verſuchte, Tag für Tag auf der Terraſſe ſich zu ergehen, und mit Hülfe eines Stockes, ſo wie mit Hülfe der ſteinernen Baluſtrade ging ſie, im Sonnenſchein oder im Schatten, auf und ab, auf und ab, auf und ab,— jeden Tag mit größerer Schwierigkeit.“ „Endlich ſah ihr Gemahl(gegen welchen ſie, ſeit jener Nacht, nie die Lippen geöffnet hatte, wie ſehr man ſie auch dazu aufforderte) eines Nachmittages ſie auf dem Pflaſter niederfallen. Sir Morbury ſtand gerade an dem großen nach Mittag gehenden Fenſter.“ „„Er eilte hinab, um ſie aufzuheben, aber ſie ſtieß ihn zurück, während er ſich über ſie beugte, blickte ihn feſt an, und ſagte kalt: ‚Hier, wo ich auf⸗ und ab⸗ gegangen bin, will ich auch ſterben. Und wenn ich ſchon in meinem Grabe bin, will ich noch hier gehen. Ich 1⁵5² will hier gehen, bis der Stolz dieſes Hauſes gebrochen iſt. Und wenn Unglück oder Schande dem Hauſe droht, dann mögen die Dedlocks meinem Tritte lauſchen!“ Watt blickt Roſa an. Roſa blickt in der zunehmen⸗ den Dunkelheit, halb erſchrocken, halb ſchüchtern, auf den Boden. „Da und dann ſtarb ſie, und von dieſer Zeit,“ ſagt Mrs. Rouncewell,„datirt der Name ‚Geiſterweg. Iſt der Tritt ein Echo, ſo iſt es ein Echo, das man erſt nach hereingebrochener Dunkelheit hört; oft hört man es lange nicht. Aber von Zeit zu Zeit läßt ſich der Tritt wieder hören; und wenn er ſich hören läßt, kommt in der Familie ſtets ein Krankheits⸗ oder ein Todes⸗ fall vor.“ „Oder wenn der Ehre der Familie Gefahr droht,—“ ſagt Watt. „Chesney Wold iſt der Unehre unzugänglich,“ ent⸗ gegnete die Haushälterin. Ihr Enkel entſchuldigt ſich mit den Worten:„Ganz richtig, ganz richtig.“ „Dieß iſt die Geſchichte. Welcher Art immer das Geräuſch ſein mag, ſo Viel iſt gewiß, daß daſſelbe höchſt unangenehm iſt,“ ſagt Mrs. Rouncewell, ſich von ihrem Stuhle erhebend,„und was an demſelben beſonders be⸗ merkenswerth, iſt, daß es gehört werden muß. „My Lady, die ſonſt Nichts fürchtet, gibt zu, daß es, wenn es da iſt, gehört werden muß. Man kann es nicht verbannen. „Watt, hinter Dir hängt eine große franzöſiſche Uhr(— ſie iſt dort abſichtlich aufgehängt worden—), die, ſobald man ſie in Bewegung ſetzt, laut geht, und auch Muſikſtückchen ſpielt. Weißt Du, wie man mit ſolchen Uhren umzugehen hat?“ t„Ich glaube, daß ich es ſo ziemlich weiß, Groß⸗ mutter.“ 15³ „Wohlan denn, laß die Uhr gehen, und laß ſie ihre Stückchen ſpielen!“ Watt that, wie man ihn geheißen; er ließ die Uhr gehen, und ließ ſie ein Stückchen ſpielen. 1n „Und nun komm' hierher!“ ſpricht die Haushälterin. „Hierher, mein Kind,— zu my Lady's Kopfkiſſen her. Ich weiß zwar nicht gewiß, ob es ſchon dunkel genug iſt, aber horch' auf jeden Fall. Kannſt Du trotz der Mu⸗ ſik, und trotz dem, daß die Uhr geht, das Geräuſch auf der Terraſſe hören?“ „Ei freilich kann ich es!“ „So ſagt auch my Lady.“ Achtes Kapitel. Worin eine Menge Sünden zugedeckt werden. Es war, als ich mich vor Tagesanbruch ankleidete, intereſſant, zum Fenſter hinauszuſchauen, wo meine Lich⸗ ter in denſchw arzen Scheiben, wie zwei Leuchthürme, ſich ſpiegelten, und, als ich Alles, was außerhalb des Fen⸗ ſters lag, noch in der Nichts unterſcheiden laſſenden Dun⸗ kelheit der Nacht eingehüllt fand, zu beobachten, wie ſich die Sache geſtaltete, als der Tag herbeikam. Allmählig enthüllte ſich vor meinen Augen die Land⸗ ſchaft, und es erſchloß ſich denſelben die Scene über die der Wind im Finſtern, wie mein Gedächtniß über mein Leben, hingegangen war. Ich empfand ein lebhaftes Vergnügen, als ich die unbekannten Gegenſtände entdeckte, die während meines hn aee. 154 Schlafes mich umgeben hatten. Anfänglich ließen ſich die⸗ ſelben in dem Nebel nur mit Mühe unterſcheiden, und über ihnen glitzerten immer noch Sterne, die ſich ver⸗ ſpätet hatten. Nächdem dieſer bleiche Augenblick vorüber war, fing das Gemälde an, ſich ſo geſchwind zu vergrößeen und auszufüllen, daß ich, bei jedem neuen Ausblicke, hätte genug finden können, um eine Stunde lang hinzuſchauen. Ehe ich es ſelbſt gewahr wurde, wurden meine Lich⸗ ter der einzige unpaſſende Theil des Morgens; die dunk⸗ len Stellen in meinem Zimmer ſchwanden alle, und das Tageslicht beſchien mit ſeiner ganzen Helle eine freund⸗ liche Landſchaft, worin vor Allem die alte Abteikirche, mit ihrem maſſiven Thurme, ſanſtere Schatten warf, als mit dem rauhen Character der Landſchaft vereinbar ſchien. Aber ſo gehen aus einer rauhen Außenſeite(— hoffent⸗ lich habe ich das gelernt—) oft heitere wohlthuende Ein⸗ flüſſe hervor. Jeder Theil des Hauſes befand ſich in ſolcher Ord⸗ nung, und Jedermann war ſo aufmerkſam gegen mich, daß ich mit meinen zwei Schlüſſelgebünden nicht in Ver⸗ legenheit kam, obgleich ich, theils weil ich mich an den Inhalt eines jeden Schrankes und einer jeden kleinen Schublade in der Speiſekammer zu erinnern ſuchte; theils weil ich mir auf einer Schiefertafel Verſchiedenes notirte über Gelses, und eingemachte Früchte, und eingepökelte Gegenſtände, und Flaſchen, und Glas⸗Service, und Por⸗ zellan, und eine große Menge anderer Dinge; theils weil ich überhaupt eine pedantiſche, altjungfermäßige, när⸗ riſche kleine Perſon war;— ſo viel zu thun hatte, daß ich nicht glauben konnte, es ſei ſchon Zeit zum Frühſtücken, als ich läuten hörte. Indeſſen rannte ich fort, und machte den Thee fer⸗ tig, da ich bereits zur verantwortlichen Hüterin des Thee⸗ topfes erhoben war. Und als ich dann fand, daß ſich Alles ziemlich verſpätet hatte, und daß noch Niemand — t den leinen theils otirte oͤkelte Por⸗ weil när⸗ daß ücken, fer⸗ Thee⸗ g ſich mand 15⁵ herabkam, dachte ich, daß ich den Garten ein Bischen anſehen, und auch mit dieſem flüchtig Bekanntſchaft ma⸗ chen könnte. Es erſchien mir derſelbe als ein vollkommen entzückender Ort; vorn, die hübſche Avenue und der Weg, auf dem wir angekommen waren(— und wo wir, bei⸗ läufig geſagt, mit unſern Rädern den Kies ſo fürchter⸗ lich mitgenommen hatten, daß ich den Gärtner auffor⸗ derte, denſelben wieder zu ebnen); im Hintergrunde, der Blumengarten, von wo aus ich meine liebſte Ada an ihrem Fenſter ſtehen ſah. Alsbald flog daſſelbe auf, und es begegnete meinen Blicken ein Lächeln, wie wenn ſie mich aus dieſer Entfernung hätte küſſen wollen. Jenſeits des Blumengartens befand ſich ein Küchen⸗ garten, und dann ein eingehägtes Stück Grasland, und dann ein netter, verſteckter kleiner Hof mit Heu⸗ und Getreideſchobern, und dann ein allerliebſter kleiner Hof⸗ raum. Was das Haus ſelbſt, mit ſeinen drei Dachgiebeln, ſeinen verſchieden geſtalteten Fenſtern,— wovon einige ſo groß, andere wieder ſo klein, und alle ſo hübſch waren, — mit ſeinem Gitterwerke nach Süden hin,— welches Gitterwerk für Roſen und das Geißblatt beſtimmt war, — und mit ſeinem ſchlichten, comfortablen, einladenden Ausſehen, betraf, ſo war daſſelbe, wie Ada ſagte, als ſie herauskam, um mich aufzuſuchen,— wobei ſie ihren Arm um den des Beſitzers geſchlungen hatte,— ihres Couſins John würdig,— ein kühnes Wort fürwahr, ohg gleich er ſie dafür nur in ihre allerliebſte Wange knipp. Mr. Skimpole war während des Frühſtücks ebenſo heiter und angenehm, als an dem vergangenen Abende. Es war Honig auf dem Tiſche, und dieß veranlaßte ihn, längere Zeit über Bienen zu ſprechen. Er ſagte, er habe gegen den Honig gar Nichts einzuwenden(— wobei er mir ganz aufrichtig zu ſein ſchein, da es mir däuchte, er liebe denſelben—), allein er proteſtirte gegen die über⸗ trieben hohe Meinung, die man von den Bienen habe, 1⁵⁶ Er ſehe, ſagte er, ſchlechterdings nicht ein, warum man ihm die geſchäftige Biene als ein Muſter hinſtellen wolle; er ſetze voraus, es gefalle der Biene, Honig zu machen, ſonſt würde ſie es nicht thun; Niemand verlange es von ihr. Die Biene dürfe von dieſer ihrer Liebhaberei nicht ſo viel Aufhebens machen. Würde jeder Conditor in der Welt herumſummen, gegen Alles, das ihm in den Weg käme, anſtoßen, und in egoiſtiſcher Weiſe Jedermann auf⸗ fordern, es ſich wohl zu merken, daß er jetzt an die Ar⸗ beit ginge, und nicht unterbrochen werden dürfte, ſo würde Drohne für die Verkörperung einer angenehmeren und weiſeren Idee halte. Die Drohne ſage in ganz unaffec⸗ tirter Weiſe:„Du wirſt mich entſchuldigen; ich kann in der That nicht auf den Laden Acht geben! Ich finde mich die Freiheit nehmen muß, mich umzuſehen, und daß ich von Jemand anders, der ſich nicht umſehen will, für meine Bedürfniſſe ſorgen laſſen muß“ Dieß erſchien Mr. Skimpole als die Drohnenphilo⸗ ſophie, und er hielt dieſelbe für eine recht gute,— unter willt ſei, mit der Biene auf gutem Fuße zu leben;— was, fügte Mr. Skimpole hinzu, ſo viel er wiſſe, der * luſtige, die Bequemlichkeit liebende Camerad ſtets ſei, wenn nur das wichtig thuende Geſchöpf ihn gewähren Dünkel erfüllt ſei! Auf die leichtfüßigſte Weiſe ſpann er dieſen Gedan⸗ die Welt ein durchaus unerträglicher Ort ſein. Und dann ſei es am Ende etwas Lächerliches mit Schwefel von Haus und Hof verjagt, und ſich um das ganze erſam⸗ melte Vermögen gebracht zu ſehen. Jedermann würde einen Fabrikanten von Mancheſter, der zu keinem andern Zwecke Baumwolle ſpinnen würde, für einen höchſt bor⸗ nirten Menſchen halten. Er müſſe ſagen, daß er einer in einer Welt, worin ſo Viel zu ſehen iſt, und in der man, um es zu ſehen, ſo kurze Zeit lebt, daß ich mir der fortwährenden Vorausſetzung, daß die Drohne ge⸗ 1 — laſſe, und wegen ſeines Honigs von keinem ſo großen — 1⁵⁷ ken nun weiter aus, und es gelang ihm, uns alle heiter zu ſtimmen, obgleich in dem, was er ſagte, wieder eine ſo ernſte Bedeutung zu liegen ſchien, als es überhaupt mit ſeiner Natur vereinbar war. Alles hörte ihm noch aufmerkſam zu, als ich mich zurückzog, um meinen neuen Pflichten nachzugehen. Es hatten mich dieſelben ſchon einige Zeit beſchäftigt, und ich durchſchritt, wie ich, mit meinem Schlüſſelkörbchen am Arme, zurückkam, die Gänge, als Mr. Jarndyce mich in ein Zimmerchen neben ſeinem Schlafzimmer rief,— in ein Zimmerchen, das, wie ich fand, theilweiſe eine kleine Bibliothek von Büchern und Papieren, heilweiſe tein voll⸗ ſtändiges kleines Muſeum von Stiefeln, und Schuhen, und Hutſchachteln war, die ihm gehörten. „Setzen ſie ſich, meine Liebe!“ ſprach Mr. Jarn⸗ dyce.„Dieß iſt das Brummſtübchen: ich muß es Ihnen ein für alle Mal ſagen. So oft ich verſtimmt bin, komme ich hierher, um zu brummen.“ „Wenn dieß der Fall iſt, ſo müſſen Sie nur ſehr ſelten ſich hier einfinden, Sir,“ ſagte ich. „Oh, Sie kennen mich noch nicht!“ entgegnete er. „So oft ich mich im— Winde getäuſcht ſehe, und der⸗ ſelbe, wieder Erwarten, aus Oſten bläst, flüchte ich mich hierher. Ich kann Ihnen nur ſagen, daß im ganzen Hauſe auch nicht ein Zimmer iſt, das ſo ſtark benützt wird. Sie kennen meine Launen noch nicht zur Hälfte. Aber wie Sie zittern, meine Liebe!“ Ich konnte es nicht hindern, ſo ſehr ich mich auch anſtrengte; da ich mich aber ſeinem Wohlwollen allein gegenüber ſah, und da ich ſeinen freundlichen Augen be⸗ gegnete, und ich mich da ſo glücklich und ſo geehrt fühlte, und da mein Herz ſo voll war—— Ich küßte ſeine Hand. Ich weiß wahrlich nicht, was ich ſprach, oder auch nur, ob ich ſprach. Nur ſo Viel weiß ich, daß er einige Verlegenheit zeigte, und nach dem Fenſter hinging; faſt glaubte ich, in der Abſicht, hinaus⸗ 158 zuſpringen, bis er zurückkam, und ich wieder beruhigt war, indem ich an ſeinen Augen ſah, was er dort hatte verbergen wollen. j Er tätſchelte mich ſanft auf den Kopf, und ich ſetzte mich. „Dal da!“ ſprach er.„Das iſt nun vorüber. Puh! ſeien Sie keine Thörin!“ „Es ſoll nicht mehr geſchehen, Sir,“ erwiederte ich; „allein im anfange iſt es ſchwer—“ „Narrheit!“ ſprach er:„es iſt leicht, ſage ich Ihnen. Warum nicht? Ich höre von einer braven kleinen Waiſe, die keinen Beſchützer hat, und ich ſetze mir es in den Kopf, dieſer Beſchützer ſein zu wollen. Sie wächst auf, wird groß, und rechtfertigt meine gute Meinung über alle Erwartung, und ich bleibe ihr Vormund und Freund. Was finden Sie in All' dieſem Außerordentliches? So, ſo! Und nun ſind all die Rechnungen vollſtändig aus⸗ geglichen, und ich habe Ihr angenehmes, vertrauensvol⸗ les, Vertrauen erweckendes Geſicht wieder vor mir.“ Ich ſagte bei mir ſelbſt:„Meine liebe Eſther, Du überraſcheſt mich! Das erwartete ich wahrlich nicht von Dir!“ Und es hatte das eine ſo gute Wirkung, daß ich über meinem Körbchen die Hände faltete, und meine ganze frühere Faſſung wieder erlangte. Was Mr. Jarndyece betrifft, ſo drückte ſein Geſicht ſeine Befriedigung aus, und nun fing er au, mit mir ſo vertraulich zu ſprechen, als ob ich die Gewohnheit ge⸗ habt, ich weiß nicht, ſeit wie langer Zeit, jeden Morgen mit ihm zu ſprechen. Faſt kam mir die Sache ſelbſt ſo vor.— „Sie verſtehen natürlich dieſe Kanzleihofsgeſchichte, Eſther?“ ſprach er.— Und natürlich ſchüttelte ich den Kopf. „Ich weiß wahrlich nicht, wer aus dem Prozeſſe kommt,“ erwiederte er.„Die Advokaten haben denſelben dermaßen verwirrt, daß die urſprüngliche Veranlaſſung 1⁵9 dazu ſchon längſt von der Oberfläche der Erde verſchwun⸗ den iſt. Der Proceß wird,— oder vielmehr wurde— wegen eines Teſtamentes und des darin vermachten Ver⸗ mögens geführt. Jetzt iſt der Proceß nur noch ein Pro⸗ zeß um Bezahlung der Koſten. Immer und ewig erſchei⸗ nen, und verſchwinden, und ſchwören, und fragen, und klagen, und argumentiren, und ſiegeln, und begründen, und referiren, und berichten wir vor dem Lordkanzler, und drehen wir uns um ihn und alle ſeine Satelliten, und walzen wir uns in unſerer billigen Weiſe zu Tode, — immer nur der Koſten wegen. Das iſt die große Frage. Alles Uebrige iſt in Folge der Anwendung einiger außerordentlicher Mittel verſchwunden.“ „Aber der Prozeß fing wegen eines Teſtaments an, Sir?“ ſagte ich, um ihn auf die Frage zurückzubringen, da er ſich den Kopf zu reiben anfing. „Ja, ja, der Prozeß wurde wegen eines Teſtaments geführt, als er überhaupt noch einen Grund hatte,“ er⸗ wiederte er.„In einer unglückſeligen Stunde erwarb ſich ein gewiſſer Jarndyce ein großes Vermögen, und machte ein großes Teſtament. Während gefragt wird, wie das teſtamentariſch vermachte Vermögen adminiſtrirt werden ſolle, geht das Vermögen ſelbſt zum Teufel; die im Te⸗ ſtamente aufgefürhten Legatare ſehen ſich in eine ſo kläg⸗ liche Lage verſetzt, daß ſie hinreichend geſtraft wären, wenn ſie dadurch, daß ihnen Geld vermacht wurde, ein ungeheures Verbrechen begangen hätten; und ſo wird das Teſtament ſelbſt zu einem todten Buchſtaben gemacht. „In dem ganzen kläglichen Prozeſſe wird Alles, was Jedermann, der dabei betheiligt iſt, einen einzigen Men⸗ ſchen ausgenommen, ſchon weiß, gerade dieſem einzigen Manne überwieſen, der es nicht were, damit er es her⸗ ausfinde; in dem ganzen kläglichen Prozeſſe muß Jeder⸗ mann zum zehnten und hundertſten Male ſich Abſchriften verſchaffen von Allem, was ſich in Geſtalt von Wagen⸗ ladungen von Papier darüber angehäuft hat(oder muß 3 16⁰ wenigſtens dafür bezahlen, ohne die Abſchrift zu bekom⸗ men,— was gewöhnlich der Fall iſt, indem Niemand ſie braucht); und muß einen ſo hölliſchen und ſo wahn⸗ ſinnigen Koſten⸗, Gebühren⸗, und Corruptionstanz im⸗ mer von Neuem wieder mitmachen, daß gewiß kein Sterb⸗ licher auch in den wildeſten Viſionen von einem Hexen⸗ ſabbate noch von etwas Aehnlichem geträumt hat. „Die Billigkeit ſchickt Fragen an das Recht,— und ſeinerſeits ſchickt das Recht wieder Fragen an die Bil⸗ ligkeit;— das Recht findet, daß es dieſes nicht thun kann, und die Billigkeit findet, daß ſie jenes nicht thun kann; weder jenes, noch dieſe vermag nur ſo viel zu ſa⸗ gen, daß Etwas geſchehen könne, ohne daß dieſer An⸗ walt die Sache für A unterſuche, und dieſer Rechtsfreund für denſelben erſcheine, und ohne daß jener Anwalt für B die Sache unterſuche, und jener Rechtsfreund für den⸗ ſelben erſcheine; und ſo geht es durch das ganze Alpha⸗ bet durch, wie bei der Geſchichte von der Apfelpaſtete. „ und ſo geht ein Jahr nach dem andern hin, und ſo ſtirbt eine Generation nach der andern, während der Prozeß immer wieder von Neuem anfängt, und Nichts zu Ende geht. So geht es fort und fort. „Auch können wir um keinen Preis aus dem Pro⸗ zeſſe herauskommen, denu man hat uns in demſelben zu Parteien gemacht,— und wir müſſen in demſelben Partei ergreifen, wir mögen wollen oder nicht. Allein ich mag gar nicht mehr daran denken! Als mein Groß⸗ oheim, der arme Tom Jarndyce anfing, daran zu denken, 5 war es der Anfang vom Ende!“ 3 „Der Herr Jarndyece, Sir, deſſen Geſchichte ich ge⸗ hört habe?“ 4 Er nickte gravitätiſch mit dem Kopfe, und ſetzte hinzu:— „Ich war ſein Erbe, und dieß war ſein Haus, Eſther. Als ich hierher kam, war es in de Pha ein etzte — 161 kaltes, nneinladendes Haus. Er hatte demſelben die Zeichen ſeines Elends aufgedrückt.“ „Wie gewaltig muß es ſich alſo ſeit jener Zeit ver⸗ ändert haben,“ ſagte ich. „Früher war das Haus nur das Giebelhaus ge⸗ nannt worden. Er gab ihm ſeinen jetzigen Namen, und lebte hier ganz einſam und in ſeinem Zimmer einge⸗ ſchloſſen: Tag und Nacht brütete er über die vermale⸗ deiten Papierhaufen, die ſich in dem Prozeſſe angeſam⸗ melt hatten; ſtets hoffte er, aller Hoffnung zum Trotze, den Prozeß ſeiner Myſtificationen zu entledigen, und ihn zu Ende zu bringen. „Mittlerweile verfiel Alles: der Wind pfiff durch die zerſprungenen Wände,— der Regen drang durch das zerriſſene Dach,— und Unkraut jeder Art verſperrte den Veg, der zu der verfaulenden Thüre führte. Als ich das, 8 was von ihm übrig geblieben war, hierher brachte, ſchien mir auch dem Hauſe der Kopf zerſchmettert worden zu ſein:— ſo verfallen und elend ſah Alles aus.“ r ging, nachdem er, mit einem Schauder, dieſe Worte an ſich ſelbſt gerichtet, ein wenig auf und ab, und blickte mich dann an, worauf ſein Geſicht ſich wie⸗ der erheiterte, und er ſich, mit in beiden Taſchen ſtecken⸗ den Händen, wieder ſetzte. „Ich habe Ihnen geſagt, meine Liebe, daß dieß das Brummſtübchen ſei. Wo bin ich doch gleich ſtehen ge⸗ blieben?“ Ich ſagte ihm, bei den hoffnungsvollen Verän⸗ derungen, die er in Bleak Houſe getroffen. „Ja, ja, Bleak Houſe; ganz richtig. Wir haben in der Stadt London noch Eigenthum, das uns gehört, und bis auf dieſe Stunde noch ſo ziemlich in dem Zuſtande iſt, in dem Bleak Houſe ſich damals befand;— ich ſage, igenthum, das uns gehört, wobei ich meine, das dem Prozeſſe gehört. Allein billiger Weiſe ſollte ich es das Bleak Houſe. I. 11 162 Eigenthum der Koſten nennen; denn die Koſten ſind die einzige Macht auf Erden, der jetzt daraus Etwas zu gute kommen, und die daſſelbe nicht als eine Plage und als eine Laſt erfinden wird. Es iſt eine Straße voll zu Grunde gehender, blinder Häuſer, deren Augen mit Steinen ausgefüllt ſind; es iſt an denſelbeu auch nicht eine Glasſcheibe, ja nicht einmal ein Fenſterrahmen zu ſehen, und die bloßen nackten Läden fallen aus einander, und ſtürzen von ihren Bändern herab; die eiſernen Git⸗ ter löſen ſich in abfallende Roſtblättchen auf; die Kamine und Schornſteine ſinken allmählig zuſammen; die ſtei⸗ nernen Stufen vor jeder Thüre(— und jede Thüre könnte die Pforte des Todes ſein—) verwandeln ſich in ein ſtagnirendes Grün; ſelbſt die Krücken, worauf die Ruinen geſtützt werden, vermodern und zerfallen. Obgleich Bleak Houſe mit dem Prozeſſe vor dem Kanz⸗ leigerichtshofe Nichts zu ſchaffen hatte, ſo war doch ſein Beſitzer dabei betheiligt; und ſo war ihm denn auch daſſelbe Siegel aufgedrückt. Und dieß ſind, meine Liebe, die Zeichen des großen Siegels, die in ganz England zu bemerken ſind:— die Kinder kennen dieſelben!“ „Wie verändert iſt es dann aber!“ hob ich wie⸗ der an. „Ja, ja, es iſt wirklich anders geworden,“ antwor⸗ tete er heiterer; und es iſt weiſe von Ihnen, daß Sie mir immer die ſchöne freundliche Seite des Gemäldes vorhalten.“(Wie mochte er doch nur auf den Gedanken kommen, an mir Weisheit zu finden!)„Es ſind dieß Dinge, von denen ich nie ſpreche, ja, au welche ich nicht einmal denke, es ſei denn hier, im Brummſtübchen. Wenn es Ihnen paſſend erſcheint, dieſer Dinge gegen Rick und Ada Erwähnung zu thun, ſo können Sie das. Ich über⸗ laſſe das ganz Ihrer Discretion, Eſther.“ Bei den zuletzt angeführten Worten blickte er mich ernſt an. „Ich hoffe, Sir—“ ſagte ich. 4 — — ne — nine ſtei⸗ hüre ſich rauf llen. anz⸗ ſein auch. iebe, d zu wie⸗ vor⸗ Sie ldes nken dieß nicht Benn und ber⸗ mich 163 „Ich glaube, Sie würden beſſer daran thun, meine Liebe, wenn Sie mich ſchlechtweg Vormund nenneten.“ Es war mir, als ob ich abermals erſticken müßte, — und ich machte mir es zum Vorwurfe.„Nun, Eſther, Sie wiſſen, Sie ſind!“— Dabei ſtellte er ſich, als werfe er dieſe Worte nur leicht hin, wie wenn es eine bloße Grille, und nicht ein Ausfluß gedankenvoller Zärtlichkeit wäre. Allein ich ſchüttelte meine Hausſchlüſſel ganz leicht, um nicht aus der Faſſung zu kommen, faltete meine Hände in noch entſchiedenerer Weiſe, und blickte ihn ruhig an. „Ich hoffe, Vormund,“ ſagte ich,„daß Sie meiner Discretion nicht allzu Viel anvertrauen werden. Ich hoffe, daß Sie ſich in mir nicht irren werden. Ich fürchte, es wird Ihnen unangenehm ſein, die Erfahrung zu ma⸗ chen, daß ich nicht zu den geſcheidten Perſonen gehöre,— allein es iſt dieß wirklich die Wahrheit; und Sie würden das gar bald herausfinden, wenn ich nicht ſo ehrlich wäre, es Ihnen zu geſtehen.“ Er ſchien aber durchaus nicht unangenehm über⸗ raſcht zu ſein: im Gegentheile. Er ſagte mir mit ei⸗ nem über ſein ganzes Geſicht verbreiteten Lächeln, daß er mich recht gut kenne, und daß ich ihm geſcheidt genug ſei. „Ich wünſche nur, daß ſich dicß ſo herausſtellen werde,“ ſprach ich;„jedoch muß ich Ihnen geſtehen, Vor⸗ mund, daß ich gar ſehr das Gegentheil fürchte.“ „Sie ſind geſcheidt genug, meine Liebe, um hier die Hausfrau zu ſpielen,“ entgegnete er in fröhlicher Laune; „Sie ſind das kleine alte Weibchen in dem Kinder⸗(ich meine Skimpole's) Liede, „Klein' alt' Weibchen, warum ſo hoch hinaus?⸗ „Ich fege die Spinnweben aus dem Himmel heraus.“ „Sie werden dieſelben ſchon als Haushälterin ſo nett aus unſerem Himmel hinwegfegen, Eſther, daß 164 wir an einem ſchönen Tage das Brummſtübchen werden verlaſſen, und die Thüre zunageln müſſen.“ Dieß war der Urſprung der Beinamen Altes Weib⸗ chen, Kleines altes Weibchen,“⸗Spinnwebe, Mrs. Ship⸗ ton, Mutter Hubbard,“ Dame Durden,“ und ſo vieler anderer ähnlicher, die mir gegeben wurden, daß mein wirklicher Name unter denſelben ſich ganz verlor. „Um indeſſen auf unſer Geſpräch zurückzukommen,“ ſagte Mr. Jarndyce.„Da iſt nun Rick, ein feiner, junger, vielverſprechender Burſche. Was iſt mit ihm anzufangen?“ Ach, du meine Güte,— mich zur Rathgeberin in einem ſolchen Stücke zu wählen! Welch' ein Einfall! „Da iſt er nun, Eſther,“ ſagte Mr. Jarndyce, die Hände behaglich in ſeine Taſche ſteckend, und ſeine Beine ausſtreckend. Er muß einen Stand haben; er muß nun ſelbſt wählen. Zwar wird das vermuthlich zu einer weitern nngeheuren Maſſe von Wiglomeration führen,— allein es muß dennoch geſchehen.“ „Zu was weiter, Vormund?“ ſprach ich. 3 „Zu einer weitern Maſſe von Wiglomeration,“ ſagte er.„Es iſt dieß der einzige Name für die Sache, den ich kenne. Er iſt nun einmal, meine Liebe, ein Mündel des Kanzleigerichtshofes. Kenge und Carboy werden Etwas darüber zu ſagen haben; Referent X.— —,— eine Art lächerlicher Todtengräber, der in einer Hinter⸗ ſtube am Ende von Quality Court, in Chaucery Lane, für Prozeßſachen Gräber gräbt,— wird Etwas darüber zu ſagen haben; der Advokat wird Etwas darüber zu ſagen haben; der Kanzler wird Etwas darüber zu ſa⸗ gen haben; die Trabanten werden Etwas darüber zu ſa⸗ gen haben; und alle dieſe Leute werden dafür eine hübſche Summe von Gebühren beziehen; das Ganze wird un⸗ geheuer ceremoniös, unbefriedigend, und koſtſpielig ſein, und ich nenne es, im Allgemeinen, Wiglomeration*). *) Etwa= Perrückenweisheit. —,— 165 Wie es kam, daß das Menſchengeſchlecht mit dieſer Wi⸗ glomeration geſtraft wurde, oder für weſſen Sünden dieſe jungen Perſonen in eine Grube derſelben fielen, vermag ich nicht zu ſagen; aber es iſt nun einmal ſo.“ Er fing wieder an, ſich den Kopf zu reiben, und zu verſtehen zu geben, daß er den Wind ſpüre. Allein es war ein wonnevoller Beweis ſeiner Güte gegen mich, daß ſein Geſicht, ſei es, wenn er ſich den Kopf rieb, oder wenn er auf⸗ und abging, oder wenn er Beides that, immer wieder ſeinen wohlwollenden Ausdruck annahm, ſo oft ſeine Blicke ſich auf mich richteten. Dann wurde es ihm immer auch wieder behaglich, und dieß zeigte ſich insbeſondere dadurch, daß er die Hände in die Taſchen ſteckte, und die Beine ausſtreckte. „Vielleicht wäre es das Allerbeſte, wenn man Mr. Richard fragte, wozu er ſelbſt Neigung verſpürte,“ ſagte ich. „Ganz richtig,“ erwiederte er.„Das iſt ganz und gar auch meine Meinung! Gewöhnen Sie ſich nun ein Bischen daran, mit Ibrem Takte und in Ihrer ruhigen Wieeiſe den Gegenſtand mit ihm und Ada zu beſprechen, und ſeht einmal, was Ihr daraus machen könnt. Wir dringen gewiß durch Ihre Mittel, Weibchen, in das Herz der Sache ein.“ Ich erſchrak wirklich bei dem Gedanken an die Wich⸗ tigkeit, die ich erlangte, und an die Maſſe von Dingen, die mir anvertraut werden ſollten. Es war dieß gar nicht meine Abſicht geweſen, ich hatte gewollt, daß er ſelbſt mit Richard ſprechen ſollte. Allein ich erwiederte natürlich Nichts, es ſei denn das, daß ich in der Sache alle meine Kräfte aufbieten würde, obgleich ich fürchtete (E ich fand es wirklich nothwendig, dieß zu wiederho⸗ len—), in ſeinen Augen als ſcharfſichtiger zu gelten, als ich wirklich wäre. Allein mein Vormund ließ bei dieſem meinem Einwurfe nur das angenehmſte, heiterſte Lachen hören, von dem ich je Zeuge geweſen. 166 „Kommen Sie!“ ſagte er, ſich erhebend, und ſeinen Stuhl zurückſchiebend.„Ich glaube, daß wir nun we⸗ nigſtens für heute das Brummſtübchen verlaſſen können! Und jetzt nur noch ein Wort zum Schluſſe! Haben Sie, meine liebe Eſther, mich um Etwas zu bitten?“ Er blickte mich ſo aufmerkſam au, daß auch ich nicht umhin konnte, ihn aufmerkſam anzublicken. Und ſo glaubte ich gewiß zu ſein, daß ich ihn verſtehe. „Für mich ſelbſt, Sir?“ fragte ich. „Ja.“ „Vormund,“ erwiederte ich, indem ich auf gut Glück meine Hand, die plötzlich kälter war, als ich hätte wünſchen mögen, in die ſeinige legte,„Nichts! Ich bin vollkommen überzeugt, daß, wenn es Etwas gäbe, was ich wiſſen ſollte, oder wenn ich Etwas zu wiſſen brauchte, ich Sie nicht erſt bitten dürfte, es mir zu ſagen. Wäre nicht mein ganzes Vertrauen auf Sie geſetzt, ſo müßte ich in der That ein hartes Herz haben. Ich habe Sie um Nichts zu bitten,— um Nichts in der Welt.“ Er zog meine Hand durch ſeinen Arm, und wir gingen dann fort, um nach Ada zu ſehen. Von dieſer Stunde an fühlte ich mich in ſeiner 4 Gegenwart ganz behaglich, ganz frei, ganz zufrieden, nicht mehr zu wiſſen, ganz glücklich. Anfangs hatten wir zu Bleak Houſe ziemlich Viel zu thun, denn wir mußten manche Perſonen in der Nähe und Ferne kennen lernen, welche Bekannte von Mr. Jarndyce waren. Es ſchien Ada und mir, daß Jeder, der mit frem⸗ dem Gelde Etwas anfangen wollte, ihn kenne. Es ſetzte uns, als wir anfingen, ſeine Briefe zu ſortiren, und Morgens in dem Brummſtübchen einige für ihn zu —, beantworten, in Erſtaunen, zu finden, wie es der vor⸗ nehmſte Lebenszweck faſt aller ſeiner Bekannten zu ſein ſchien, ſich zu Comités zu bilden, um Geld zu bekom⸗ men, und um Geld auslegen zu können. Die Damen eeinige derſelben ihr ganzes Leben damit hinbringen, die Schweſtern der verſchiedenen Cardinaltugenden'— . 167 waren in ihrer Verfolgungsſucht ſo hartnäckig, wie die Herren, ja, ich glaube ſogar, daß ſie es noch mehr wa⸗ ren. Sie warfen ſich auf das Leidenſchaftlichſte in Co⸗ mités, und veranſtalteten mit ganz außerordentlicher Heftigkeit Subſcriptionen. Es ſchien uns, als müßten daß ſie an ſämmtliche Perſonen des Königreichs, deren Adreſſen ihnen aus Adreßbüchern und ſo weiter bekannt geworden, Subſcriptionskarten austheilten,— Karten von einem Shilling,— Karten von einer halben Krone, — Karten von einem Souveraind'or,— und Karten von einem Penny. Alles war ihnen anſtändig. Sie brauchten Kleidungsſtücke,— ſie brauchten leinene Lum⸗ pen,— ſie brauchten Geld,— ſie brauchten Kohlen,— ſie brauchten Suppe,— ſie brauchten Fürſprache,— ſie brauchten Autographen,— ſie brauchten Flanell,— mit einem Worte Alles, was Mr. Jarndyce hatte,— oder auch nicht hatte. Ihre Zwecke waren ſo verſchieden, wie ihre Bitten. Bald mußte ein neues Gebäude errichtet werden;— bald mußten Schulden abgezahlt werden, die noch auf alten Gebäuden laſten;— bald handelte es ſich darum, in einem pittoresken Gebäude(wobei ein Situations⸗ und Bauplan beigelegt war) die Schweſterſchaft der mittelalterlichen Marias unterzubringen;— bald ſollte das Portrait von einem Secretär des Comités gemalt, und daſſelbe ſeiner Schwiegermutter, deren tiefe Hinge⸗ bung für ihn wohl bekannt war, als Geſchenk überreicht werden;— ich glaube wahrhaftig, daß alles nur Er⸗ denkliche gegründet und hergeſtellt werden ſollte, von fünfmalhunderttauſend Tractätchen bis zu einer jährlichen Leibrente, und von einem marmornen Monumente bis zu einem ſilbernen Theetopfe. Die Anzahl der Titel war Legion. Da waren die Frauen von England',— die Töchter Britanniens'— 168 die Frauen von Amerika',— die Ladies' von hundert⸗ tauſend verſchiedenen Namen. Immer und ewig ſchienen ſie in Aufregung zu ſein in Betreff der Wahlen und der Werbung von Wahlſtimmen. Unſerem armen Verſtande und ihren eigenen Augaben zu Folge, ſchienen ſie immer und ewig damit beſchäftigt zu ſein, Tauſende und aber Tauſende von Leuten als Votanten einzutragen, und doch wieder nie mit ihren Candidaten recht herauszu⸗ rücken. Wir bekamen wirklich Kopfweh, als wir dar⸗ über nachdachten, welch' fieberhaft aufgeregtes Leben ſie führen müßten. Unter den Damen, welche ſich durch dieſes räuberi⸗ ſche Wohlwollen(— weun ich mich dieſes Ausdrucks bedienen darf—) am Meiſten auszeichneten, befand ſich eine gewiſſe Mrs. Pardiggle, die, ſo viel ich nach der Anzahl ihrer an Mr. Jarndyce gerichteten Briefe zu be⸗ urtheilen vermochte, eine nicht minder furchtbare Cor⸗ reſpondentin, als Mrs. Jelly by ſelbſt war, zu ſein ſchien. Wir bemerkten, daß der Wind beharrlich umſchlug, ſobald die Rede auf Mrs. Pardiggle fiel, und daß der⸗ ſelbe Mr. Jarndyce beharrlich unterbrach und verhin⸗ derte, fortzufahren, wenn er bemerkt hatte, daß es zwei Claſſen wohlthätiger Leute gäbe: eine, die Leute, die Wenig thäten und gewaltig viel Lärmen machten; die andere, die Leute, die Viel thäten und gar keinen Lär⸗ men machten. Wir waren daher ſehr begierig, Mrs. Pardiggle kennen zu lernen, indem wir uns dachten, daß ſie ein Typus der erſteren Claſſe wäre. Und wirklich hatten wir das Glück, ſie von Ange⸗ ſicht zu Angeſicht zu ſehen, indem ſie eines Tages mit ihren fünf jungen Söhnen zu uns auf Beſuch kam. Sie war eine formidable Art von einer Dame,— trug eine Brille, hatte eine weit vorſtehende Naſe und eine laute Stimme, die den Eindruck machte, als ſei ihr ein großer Raum nöthig.. Und in der That war dieß, der Fall, denn mit dem — 8A— ——— Aeeͤ— SͤS— S—— —. —-—. 169 Saume ihres Kleides, der ihr in weiter Entfernung nachfolgte, warf ſie ſchon kleine Stühle um. Da nur Ada und ich zu Hauſe waren, ſo empfingen wir ſie et⸗ was furchtſam; denn ſie ſchien, wie das kalte Wetter, einzufallen, und die kleinen Pardiggles, während ſie ihr folgten, blau zu machen. „Dieß, meine jungen Damen,“ ſagte Mrs. Par⸗ diggle mit vieler Zungenfertigkeit, nachdem die erſten Grüße gewechſelt waren,—„dieß, meine jungen Da⸗ men, ſind meine fünf Jungen. Vielleicht haben Sie die Namen derſelben ſchon auf einer gedruckten Subſcrip⸗ tionsliſte(— und vielleicht ſchon auf mehr denn einer—), ſo ſich im Beſitze unſeres geehrten Freundes, Mr. Jarn⸗ dyce, befindet, geſehen. Egbert, mein älteſter(— er iſt zwölf—), iſt der Knabe, der ſein Taſcheugeld, im Be⸗ trage von fünf Shilling und drei Pence, zum Beſten der Tockahoopo⸗Indianer' hergegeben hat. Oswald, mein zweiter(— er iſt zehn und ein halbes Jahr alt—), iſt das Kind, das zu der Großen Nationalen Smithers⸗ Kundgebung' zwei Shilling und neun Pence beitrug. Franz, mein dritter(— er iſt neun—), hat einen Shilling, Sixpence und einen halben Penny beigeſteuert für den Verein der betagten Wittwen'’ Felix, mein vierter(— er iſt ſieben—), zu demſelben Zwecke acht Pence. Alfred, mein jüngſter(— er iſt fünf—), hat ſich freiwillig unter die Jugendlichen Freudenbanden“ aufnehmen laſſen, und hat ſich verbindlich gemacht, ſein Lebenlang weder zu ſchuupfen, noch zu rauchen, in wel⸗ cher Geſtalt dieß immer ſein möge.“ Noch nie hatten wir ſo mißvergnügte Kinder ge⸗ ſehen. Nicht nur, daß ſie keuchten, und zuſammenge⸗ ſchrumpft waren,— obgleich ſie gewiß auch daran litten, — ſondern ſie ſchienen auch vor Mißvergnügen ganz und gar wild zu ſein. Als der Name der Tockahoopo⸗Indianer ausgeſprochen wurde, hätte wahrlich in mir der Gedanke aufſteigen können, als müßte Egbert eines der grimmig⸗ ſten und grauſamſten Glieder des genannten Stammes ſein: ſo wild war der ſaure Blick, den er mir zuwarf. Sobald des Beitrags eines jeden Kindes Erwähnung gethan ward, verdüſterte ſich deſſen Geſicht in ganz be⸗ ſonders racheſüchtiger Weiſe; jedoch muß ich ſagen, daß mir ſein Geſicht als das racheſüchtigſte erſchien. Dabei darf ich bloß den kleinen Rekruten, der ſich den jugend⸗ lichen Freudenbanden angeſchloſſen, ausnehmen, denn dieſer ſah ſimpelhaft und gleichmäßig elend aus. „Wie ich höre, ſo ſind die beiden Damen bei Mrs. Jelliby auf Beſuch geweſen?“ ſagte Mrs. Pardiggle. Wir bejahten dieſe Frage, und ſagten, daß wir in dem Hanſe von Mrs. Jellyby eine Nacht zugebracht hätten. „Mrs. Jellyby,“ fuhr die Dame fort, die beharrlich in demſelben demonſtrativen, lauten, harten Tone ſprach, ſo daß ihre Stimme auf meine Phantaſie den Eindruck machte, als habe ſie gleichfalls eine Art Brille auf,— auch kann ich die Gelegenheit ergreifen und hier ſogleich bemerken, daß ihre Brille um ſo unanziehender erſchien, als ihr die Augen aus dem Kopfe quollen(— Ada ſagte, es wollten dieſelben ihre Augenhöhlen verlaſſen—), „Mrs. Jellyby iſt eine Wohlthäterin der ganzen menſch⸗ nihen Geſellſchaft und verdient es, daß man ſie unter⸗ tützt. „Meine Jungen haben gleichfalls zu dem afrikani⸗ ſchen Projekte beigeſteunert,— Egbert einen Shilling und ſechs Pence, was all' das Geld iſt, das er in neun Wochen bekommt;— Oswald einen Shilling und an⸗ derthalb Pence, was in neun Wochen gleichfalls ſein ganzes Taſchengeld bildet. Die Uebrigen haben nach ihren ſchwachen Mitteln beigeſteuert. „Indeſſen ſtimme ich Mrs. Jellyby nicht in Allem und Jedem bei. So gefällt mir, zum Beiſpiel, die Art und Weiſe, wie Mrs. Jellyby ihre junge Familie be⸗ handelt, ganz und gar nicht. Man hat dieſe Bemerkung ſchon gemacht. Man hat bemerkt, daß ihre junge Fa⸗ Oen SSͤSeo SSSS SSEͤ o ———ꝛ, 1 171 milie von der Theilnahme an den Zwecken ausgeſchloſſen iſt, denen ſie lebt. Sie mag darin Recht oder Unrecht haben; aber auf jeden Fall iſt dieß nicht meine Art und Weiſe meiner jungen Familie gegenüber. Ich nehme meine Kinder überallhin mit.“ Später überzeugte ich mich(und Ada ebenfalls), daß dieſe Worte dem übel beſchaffenen älteſten Kinde einen gellenden Schrei entlockten. Zwar verwandelte das Kind denſelben in ein Gähnen, allein es begann dieſes als ein gellender Schrei. „Jeden Morgen, und das ganze Jahr hindurch, wobei ich natürlich den tiefſten Winter mitbegreife, ver⸗ richten ſie um halb ſieben Uhr mit mir ihre Morgenandacht in der Kirche(— was in recht netter Weiſe geſchieht—), ſagte Mrs. Pardiggle raſch;„und während der Pflichten, die der Tag mit h bringt, ſind ſie gleichfalls bei mir. „Ich bin eine der Damen vom Schulcomité;— ich gehöre zu dem Krankenbeſuchverein;— ich bin eine der Damen, die öffentliche Vorträge halten;— ferner gehöre ich zu dem Armenunterſtützungsverein,— zu dem Local⸗ verein, der junge, unbemittelte Mädchen ausſteuert und mit Leinwand verſieht,— ſo wie zu noch vielen General⸗ comités; und ſchon das Wahlſtimmeu⸗Werben nimmt einen großen Theil meiner Zeit in Anſpruch,— vielleicht wird Niemands Zeit dadurch ſo in Anſpruch genommen. Allein überall ſind meine Söhne meine Begleiter, und ſo erlangen ſie jene Kenntniß der Armen und jene Fähig⸗ keit, im Allgemeinen für wohlthätige Zwecke zu wirken, mit einem Worte, jenen Geſchmack für die Sache, wo⸗ durch ſie in ihrem ſpätern Leben werden in den Stand geſetzt ſein, ihren Nachbarn einen Dienſt zu erweiſen, und auf ſich ſelbſt mit Zufriedenheit zu blicken. „Meine junge Familie iſt nicht frivol; meine Kin⸗ der geben all' ihr Taſchengeld für wohlthätige Zwecke aus, indem ſie ſich, unter meiner Leitung, bei Subſerip⸗ tionen betheiligen; auch ſind ſie ſchon in ſo vielen öf⸗ 4 4— 172 fentlichen Verſammlungen geweſen, und haben ſo viele Vorleſungen, Predigten und Erörterungen mit angehört, wie noch wenige erwachſene Leute. Alfred(— er iſt jetzt fünf Jahre alt—), der, wie ich bereits erwähnt, ſich freiwillig den jugendlichen Freudenbanden angeſchloſ⸗ ſen hat, war eines der ſehr wenigen Kinder, die bei dieſer Gelegenheit, nach einer zum Herzen dringenden, zweiſtündigen Anſprache von Seiten des Vorſitzenden,— es war an einem Abende,— bewieſen, daß ſie wußten, um was es ſich handelte.“ 4 Alfred aber ſtarrte uns an, als ob er das ihm an jenem Abend angethane Unrecht nie vergeben könnte oder wollte. „Sie haben vielleicht, Miß Summerſon,“ fuhr Mrs. Pardiggle fort,„auf einigen der Liſten, wovon ich ge⸗ ſprochen, und die im Beſitze unſeres verehrten Freundes, des Herrn Jarndyce, ſind, bemerkt, daß die Namen meiner jungen Familie ſich mit dem Namen O. A. Par⸗ diggle, F. R. S., ein Pfund, ſchließen. Es iſt dieß ihr Vater. „Wir pflegen immer dieſelbe Routine zu beobachten. Zuerſt ſchreibe ich meinen Namen hin; und wenn ich mein Scherflein bemerkt, dann verzeichnet meine junge Familie ihre Beiträge,— ein jedes Glied nach ſeinem Alter, und nach ſeinen geringen Mitteln; zuletzt kommt dann Mr. Pardiggle. Mr. Pardiggle freut es immer, ſein beſchränktes Geſchenk, unter meiner Leitung, darzubringen, und ſo wird dann die Sache nicht allein uns angenehm, ſondern ſie trägt hoffentlich auch zur Beſſerung und Ver⸗ edlung unſerer Nebenmenſchen bei. Angenommen, es ſpeiſe ein Mal Mr. Pardiggle in Geſellſchaft von Mr. Jellyby, und es ſchließe nach dem Eſſen Mr. Jellyby dem Mr. Pardiggle ſein Herz auf. Würde wohl, in ſolchem Falle, Mr. Jellyby's vertrau⸗ liche Mittheilung durch eine andere ähnliche von Seiten Mr. Pardiggle's erwiedert werden? —,—,— 8 2=28 △A— e E — 1e 818 SO α—, ————— 173 J Ich war ganz verwirrt, als ich mich über dieſen Gedanken ertappte; allein es iſt nichts deſto weniger ge⸗ wiß, daß ſie mir in den Kopf kamen. „Sie haben hier eine recht angenehme Lage!“ hob Mrs. Pardiggle wieder an. Wir waren herzlich froh, endlich von etwas Anderem ſprechen zu können, und zeigten, nach dem Fenſter hin⸗ gehend, die ſchöne Ausſicht, auf der die Brille mit ſelt⸗ ſamer Gleichgültigkeit auszuruhen ſchien. „Sie beide kennen Mr. Guſher?“ fragte unſer Beſuch. Zu unſerem Leidweſen mußten wir ſagen, daß wir nicht das Vergnügen hätten, Mr Guſher zu kennen. „Der Verluſt iſt ganz auf Ihrer Seite,— ich kann es Ihnen verſichern,“ ſprach Mrs. Pardiggle mit einer gebieteriſchen Geberde.„Er iſt ein überaus warmer, ja leidenſchaftlicher Redner,— ein Redner voller Feuer! Stände er jetzt auf einem Wagen, auf dieſer Luſtaue, die, wie ich ſehe, vermöge der Beſchaffenheit des Bodens, zu einer öffentlichen Verſammlung beſonders geeignet iſt, ſo würde er faſt jeden Anlaß und jeden Gegenſtaud, deſſen Sie Erwähnung thun könnten, benützen, um eine Stunde nach der andern zu ſprechen! „Um dieſe Stunde, meine jungen Damen,“ fuhr Mrs. Pardiggle fort, indem ſie ſich nach ihrem Stuhle zurückbegab, und, wie in Folge unſichtbarer Einwirkung, ein rundes Tiſchchen umwarf, das ziemlich weit von ihr weg ſtand, und worauf mein Arbeitskörbchen ruhte,„um dieſ Stunde werden Sie ſchon wiſſen, wen ſie in meiner Perſon vor ſich haben.“ Es war dieß in der That eine ſo verwirreude Frage, daß Ada mich ganz erſchrocken anſah. Was die ſchuldige Natur meines eigenen Bewußtſeins, nach den oben ange⸗ führten Gedanken, betrifft, ſo muß dieſelbe, in der Farbe meiner Wangen, ihren Ausdruck gefunden haben. „Ich meine,“ ſagte Mrs. Pardiggle weiter,„daß Sie 174 um dieſe Stunde den hervorſtechenden Zug in meinem Charakter wohl ſchon herausgefunden haben werden. Ich weiß gar wohl, daß derſelbe ſo hervorſtechend iſt, daß man keine Mühe hat denſelben herauszufinden. Ich weiß, daß ich aus Nichts, was mich betrifft, ein Geheimniß mache: Jedermann laſſe ich ſehen, wer und was ich bin. Wohl⸗ an! ich gebe von Herzen gerne zu, daß ich ein Geſchäfts⸗ weib bin. Harte Arbeit gefällt mir; in harter Arbeit ge⸗ falle ich mir. Die Aufregung thut mir gut,— bekommt mir wohl. Ich bin an harte Arbeit nun ſchon ein Mal gewöhnt, daß ich nicht weiß, was Müdigkeit iſt.“ Wir murmelten, daß dieß ſehr erſtaunlich und zu⸗ gleich ſehr angenehm wäre,— oder etwas Aehnliches. Ich glaube auch nicht, daß wir wußten, warum es das war; allein dieß drückte wenigſtens unſere Höflichkeit aus. „Ich kann gar nicht begreifen, wie die Leute nur von Müdigkeit ſprechen mögen; mich, ich wiederhole es, kann man nicht ermüden: Sie können es ein Mal probi⸗ ren!“ ſagte Mrs. Pardiggle.„Die Arbeit(— die für mich keine iſt—), das Quantum von Geſchäften(— die ich als Nichts anſehe—), ſo ich mir auflade, ſetzt bisweilen mich ſelbſt in Erſtaunen. Ich habe ſchon geſehen, wie meine junge Familie und Mr. Pardiggle von bloßem Zu⸗ ſehen müde wurden, während ich, ich kann es wohl ſagen, noch ſo friſch und munter war, wie eine Lerche!“ Wenn der älteſte Knabe mit dem dunklen Geſichte noch bösartiger ausſehen konnte, als es bis jetzt der Fall geweſen, ſo war jetzt die Zeit dazu. Ich bemerkte, daß er ſeine rechte Fauſt ballte, und dem Boden ſeiner Kappe, die ſich unter ſeinem linken Arme befand, einen geheimen Stoß verſetzte. „Es iſt dieſer Umſtand für mich von großem Vor⸗ theile, wenn ich meine gewöhnliche Runde mache,“ fuhr Mrs. Pardiggle fort.„Finde ich da eine Perſon, die nicht hören will, was ich zu ſagen habe, ſo ſage ich die⸗ ſer Perſon geradezu und ohne Umſchweife: ‚Mein guter 175 Freund, oder meine gute Freundin, ich weiß nicht, was Müdigkeit iſt; ich bin nie müde, und habe im Sinne, ſo fortzumachen, bis meine Pflicht erfüllt iſt.⸗ „Sie ſollten einmal ſehen, wie das zieht; Miß Summerſon, hoffentlich werden Sie mich auf meiner Runde alsbald begleiten, und hoffentlich wird Miß Clara das recht bald thun?“ Anfangs ſuchte ich mich für den Augenblick damit zu entſchuldigen, daß ich vorgab, ich habe Geſchäfte zu beſorgen, die ich um keinen Preis vernachläſſigen dürfe. Als aber dieſe allgemeine Entſchuldigung ſich als ein unwirkſamer Proteſt erwies, ſagte ich weiter, daß ich zudem an meiner Befähigung zu zweifeln Urſache hätte. Ich ſei, ſetzte ich aus einander, unerfahren in der Kunſt, mich in Lagen zu denken, die von der meinigen verſchie⸗ den ſeien, und mich auf den gehörigen Standpunkt zu ſtellen. Ich habe nicht jene feine Kenntniß des Herzens, die bei einem ſolchen Werke ein weſentliches Erforderniß ſei. Ich habe ſelbſt noch Viel zu lernen, bevor ich mich unterfange, Andere zu lehren, und ich könne mich nicht ſo ganz allein auf meine guten Abſichten verlaſſen. Aus dieſen Gründen halte ich es für das Beſte, mich denen, die in meiner unmittelbaren Umgebung ſeien, möglichſt nützlich zu machen, und denſelben möglichſt viel Freund⸗ ſchaftsdienſte zu erweiſen; und dieſen Pflichtenkreis Wolle ich allmählig und natürlich ſich ausdehnen laſſen. Es ſolle von meiner Seite wenigſtens der Verſuch dazu ge⸗ macht werden. Allles dieſes ſagte ich in einer nichts weniger als vertrauensvollen Weiſe, da Mrs. Pardiggle viel älter war, als ich, und viele Erfahrung hatte, und in ihren Manieren ſo überaus ſoldatiſch war. Sie haben Unrecht, Miß Summerſon,“ ſagte ſie; „vielleicht aber ſind ſie harter Arbeit oder der daraus hervorgehenden Aufregung nicht gewachſen, und das macht einen gewaltigen Unterſchied. Wollen Sie ein Mal ſehen, 176 wie ich meine Geſchäfte verſehe, ſo werde ich Sie mit Sh Vergnügen mitnehmen. Ich bin jetzt im Begriffe, in Ge⸗ um ſellſchaft meiner jungen Familie einen Ziegelſtreicher in der Nachbarſchaft zu beſuchen: es iſt derſelbe ein Mann, Wo der einen nichts weniger als guten Ruf hat. Auch Miß in Clare iſt höflichſt eingeladen, wenn Sie mir die Gunſt„D erzeigen will, mich zu begleiten.“ 4 Ada und ich wechſelten Blicke, und da wir ohnedieß dün ausgegangen wären, ſo nahmen wir das Anerbieten an. Wa Als wir in aller Eile von unſerem Zimmer wieder herab⸗ war kamen, wo wir unſere⸗Hüte aufgeſetzt hatten, fanden wir, es wie die junge Familie in einer Ecke ſchmachtete, und me Mrs. Pardiggle im Zimmer auf⸗ und abfegte, und faſt 4 alle Gegenſtände umwarf, die ſich darin befanden. wie Mrs. Pardiggle nahm Ada in Beſchlag, während Alle ich mit der Familie nachfolgte. geſe Später ſagte mir Ada, daß, auf dem ganzen Wege Arn nach dem Hauſe des Ziegelſtreichers, Mrs. Pardiggle ihr lau in demſelben lauten Tone,(— ſo viel hörte ich wirklich auch—) einen aufregenden Streit erzählt habe, den ſie zwei oder drei Jahre lang mit einer andern Dume ge⸗ habt. Dieſer Streit war daraus entſtanden, daß eine jede andere Canditatinnen für eine Erziehungsanſtalt vorgeſchlagen hatte. Da war eine Menge Papier ver⸗ druckt, eine Menge von Verſprechungen gegeben, eine Menge von Abſtimmungen vorgenommen, eine Menge von ſtellvertretenden Damen deſignirt worden; und der Streit ſchien allen Betheiligten viel Lebendigkeit ver⸗ liehen zu haben,— nur den Penſionärinnen nicht, die noch nicht gewählt waren. Ich liebe es ſehr, wenn Kinder mich zu ihrer Ver⸗ trauten machen, und ich kann ſagen, daß ich in dieſem Stücke ſonſt nicht ganz unglücklich bin; allein bei dieſer Gelegenheit fühlte ich mich recht unbehaglich. Sobald wir aus dem Hauſe herausgegangen waren, verlangte Ggbert, nach Art eines kleinen Straßenräubers, einen 177 Sſhilling von mir. Als Grund führte er an, daß er um ſein Taſchengeld„geprellt“ worden wäre Als ich ihm bemerklich machte, wie unſchicklich das Wort wäre, insbeſondere da er daſſelbe mit ſeiner Mutter in Verbindung brächte(— denn er ſetzte trotzig hinzu: „Durch ſie!“—), ſo knipp er mich und ſprach: „Oh, oh! Wer ſind denn Sie? Es will mich be⸗ dünken, daß Ihnen das nicht ſo ganz gleichgültig wäre? Warum nimmt ſie zu dieſem Betruge ihre Zuflucht, und warum ſtellt ſie ſich, als gebe ſie mir Geld, da ſie mir es doch alsbald wieder nimmt? Warum nennt ſie es mein Taſchengeld, und läßt es mich doch nie ausgeben 24 Dieſe höchſt erbitternden Fragen erhitzten ſeinen, ſo wie Oswald's und Franzens Kopf dermaßen, daß ſie Alle auf ein Mal mich knippen, und Uwn in furchtbar geſchickter Weiſe, denn ſie ſchraubten kleine Stücke meiner Arme zuſammen, ſo daß ich mich kaum enthalten konnte, laut aufzuſchreien. Zu gleicher Zeit trat Felix auf meinen Zehen herum. Und was den Jungen betraf, der ſich unter die Freuden⸗ banden hatte aufnehmen laſſen, ſo ſchwoll er, als wir an der Bude eines Paſtetenbäckers vorüberkamen, dermaßen vor Kummer und Wuth auf, daß er mich wirklich er⸗ ſchreckte, indem er purpurroth wurde. Denn ich muß hier bemerken, daß der arme Junge, da ſein ganzes kleines Einkommen ſtets mit Beſchlag belegt war, ktiſch nicht allein des Tabaks, ſondern auch aller und jeder Kuchen ſich enthalten mußte. Nie hatte ich auf einem mit Kindern unternommenen Spaziergange, ſowohl körperlich als geiſtig, ſo Viel aus⸗ zuſtehen, wie von dieſen ganz unnatürlich bevormundeten Kindern, als ſie mir die Ehre erwieſen, ſich mir in ihrer ganzen lieben Natürlichkeit zu zeigen. Ich war froh, als wir bei dem Hauſe des Ziegel⸗ ſtreichers ankamen, obgleich daſſelbe nur eines von einer Bleak Houſe. J. 12 178 Anzahl elender Löcher auf einem Lehmfelde war. An den zerbrochenen Fenſtern befanden ſich in unmittelbarſter Nähe Schweinſtälle; vor den Thüren waren jämmerlich ausſehende Gärtchen, worin nichts Anderes wuchs, als ſtaguirende Pfützen. Hier und da war ein alter Zuber aufgeſtellt, der das von einem Dache herabtröpfelnde Regenwaſſer auffangen ſollte; an manchen Orten hatte man auch mit Koth einen kleinen künſtlichen See gebaut, der zur Aufnahme des Regenwaſſers beſtimmt war. Dieſe kleinen Seen glichen großen Dreckpaſteten. An den Fenſtern und Thüren waren einige Männer und Frauenzimmer zu bemerken, es waren dieſelben müſſig und lungerten herum. Sie nahmen von uns nur in ſo weit Notiz, daß ſie einander zulachten, oder daß ſie, während wir vorübergingen, Etwas ſagten von vor⸗ nehmen Leuten, die vor ihrer eigenen Thüre kehren, An⸗ dere in Ruhe laſſen, und es vermeiden ſollten, ſich die Schuhe damit zu beſchmutzen, daß ſie andere Leute auf⸗ ſuchten, um ſich in deren Angelegenheiten zu miſchen. Mrs. Pardiggle, die voranging und mit ihrer Ent⸗ ſchloſſenheit nicht wenig Parade machte, und mit Volu⸗ bilität über die unſaubern Gewohnheiten der Leute ſprach (— obgleich ich zweifelte, ob die reinlichſten von uns an einem ſolchen Orte hätte ſauber ſein können—), führte uns in ein an der äußerſten Ecke gelegenes Häus⸗ chen, deſſen Parterrezimmer wir beinahe ganz anfüllten. Außer uns befanden ſich noch in dieſem feuchten, ekelhaft ausſehenden Zimmer: eine Frau mit einem ſchwarzen Auge, die ein kleines, armes, ſchwer athmendes Kind neben dem Feuer ſtillte; ein Mann, der mit Lehm und Koth über und über beſudelt war, ſehr liederlich aus⸗ ſah, anf dem Boden ausgeſtreckt da lag, und aus einer Pfeife rauchte; ein kräftiger junger Mann, der einem Hunde ein Halsband anlegte; und endlich ein freches Mädchen, das in überaus ſchmutzigem Waſſer irgend Etwas wuſch, — 179 Als wir eintraten, blickten ſie uns Alle an; die Frau ſchien das Geſicht dem Feuer zuzuwenden, wie wenn ſie ihr mit braunen und blauen Mälern verſehenes Auge verbergen wollte. Niemand hieß uns willkommen. „Wohlan, meine Freunde!“ ſprach Mrs. Pardiggle, allein ihre Stimme hatte, wie mir däuchte, nichts be⸗ ſonders Freundliches; der Ton, in dem ſie ſprach, war ein viel zu geſchäftsmäßiger und ſyſtematiſcher.„Wie geht es Euch Allen?“ Hier bin ich wieder. Ich habe,— Ihr werdet es wohl noch wiſſen,— Euch geſagt, daß Ihr mich nicht ermüden könntet. Ich liebe jede harte Arbeit und halte gern Wort.“ „Haben Sie noch weiteren Anhang, der mit Ihnen bei uns eindringen will?“ brummte der auf dem Boden liegende Mann, der, während er uns anſtarrte, den Kopf auf eine Hand ſtützte. 4 „Nein, mein Freund,“ ſagte Mrs. Pardiggle, ſich auf einen niedrigen Stuhl, Bock genannt, ſetzend, zu gleicher Zeit aber einen andern umwerfend.„Wir ſind alle hier.“ „Ich frage Sie das, weil ich dachte, daß es Euer vielleicht noch nicht genng wären,“ ſprach der Mann, mit der Pfeife zwiſchen den Lippen, während er zu uns herumſah. 3 Der junge Mann und das Mädchen ſchlugen hier eine Lache auf. Und zwei Freunde der jungen Männer, die wir herbeigezogen hatten, und die, mit in den Taſchen ſteckenden Händen, an der Thüre ſtanden, echoeten das Gelächter in geränuſchvoller Weiſe. Ihr könnet mich nicht ermüden, Ihr gute Leute,“ ſagte Mrs. Pardiggle zu den letzteren.„Ich liebe eine harte Arbeit, und je ſchwerer Ihr mir die meinige macht, um ſo mehr liebe ich dieſelbe.“ „Wenn das der Fall iſt, ſo macht Ihr nur die Ar⸗ beit leicht!“ brummte der Mann auf dem Boden.„Ich wollte, daß Sie mit Ihrer Arbeit ein Mal fertig wären. „* Fa 180 Ich moͤchte, daß ein Mal dieſe Freiheiten, die man ſich hier, bei mir, in meinem Hauſe, erlaubt, ein Ende hät⸗ ten. Ich mag nicht länger, wie ein Dachshund, aufge⸗ ſpürt und verfolgt werden. „Sie werden mich nun, Ihrer Gewohnheit gemäß, inquiriren und ausfragen wollen;— ich weiß ſchon, auf was Sie ausgehen. Wohlan! Sie brauchen gar nicht lange darauf auszugehen. Ich will Ihnen die Mühe er⸗ aren. ſ„Wäſcht meine Tochter? Ja, ſie wäſcht. Sehen Sie nnr das Waſſer an. Riechen Sie daran! Das müſſen wir trinken. „Wie geſällt es Ihnen, und was halten Sie, dieſem Waſſer gegenüber, vom Genever? „Sieht es bei mir nicht ſchmutzig aus? Ja, es iſt Alles ſchmutzig;— mein Haus iſt von Natur ſchmutzig, und iſt von Natur ungeſund; auch haben wir fünf ſchmutzige und ungeſunde Kinder gehabt; die ſind nun alle im Grabe,— und um ſo beſſer für ſie, und auch für uns. „Habe ich das Büchlein geleſen, das Sie zurückge⸗ laſſen haben? Nein, ich habe das Büchlein, das Sie ſenckaeſaiſen nicht geleſen. Hier iſt keine Seele, die es leſen kann, und wäre auch Jemand hier, der es leſen könnte, ſo würde ſolches Zeug mir doch nicht anſtehen. Es iſt ein Buch, das für ein kleines Kind paßt, und ich bin kein kleines Kind. Wollten Sie mir eine Puppe zu⸗ rücklaſſen, ſo würde ich dieſelbe nicht pflegen. „Wie habe ich mich auſgeführt? Ei, das will ich Ihnen gleich ſagen; drei Tage lang bin ich beſoffen ge⸗ weſen, und ich wäre vier beſoffen geweſen, wenn mir nicht das Geld ausgegangen wäre. „ Gehe ich nie in die Kirche? Nein, nie habe ich die Abſicht gehabt, noch werde ich je die Abſicht haben, in die Kirche zu gehen. Wollte ich hingehen, ſo würde ich dort ein ganz unerwarteter Gaſt ſein; der Küſter iſt mir viel zu vornehm. 2. 1 NX ich„Und wie iſt mein Weib zu dem ſchwarzblauen Auge ät⸗ da gekommen? Je uun, ſie hat es von mir bekommen; ge⸗ und wenn ſie das Gegentheil ſagt, ſo lügt ſie,— ja, ſo lügt ſie!“ iß, Er hatte, um Alles dieſes zu ſagen, die Pfeife nuf aus dem Munde genommen, und legte ſich nun auf die cht andere Seite und dämpfte fort. er⸗ Mrs. Pardiggle, die ihn durch ihre Brille hindurch mit erzwungener Faſſung angeſchaut hatte, wollte,— Sie ich konnte mich dieſes Gedankens nicht erwehren,— ſen ſeinen Antagonism noch vermehren,— zog ein drittes Buch heraus, wie wenn daſſelbe der Stab eines Con⸗ ſtablers wäre, und nahm die ganze Familie in Haft. Ich meine natürlich in religiöſe Haft; allein ſie that es wirklich in einer Weiſe, als wäre ſie ein unerbittlicher moraliſcher Polizeidiener, der ſie alle nach einem Stations⸗ gebäude zu bringen hätte. Ada und ich fühlten uns recht unbehaglich. Wir fühlten recht wohl, daß wir Eindringlinge, und nicht an unſerem Platze ſeien. Auch dachten wir Beide, daß Mrs. Pardiggle unendlich weiter gekommen wäre, wenn ſie nicht die Leute in ſo mechaniſcher Weiſe hätte in Be⸗ b ſcchlag nehmen wollen. hen. Die Kinder zeigten ein mürriſches Geſicht und riſſen ich Mund und Ohren auf; die Familie aber nahm gar keine zu⸗ Notiz von uns, ausgenommen, wenn der junge Mann den Hund bellen machte, was er gewöhnlich that, wenn ich Mrs. Pardiggle recht emphatiſch war. ge⸗ Wir Beide fühlten aufs Peinlichſte, daß zwiſchen mir uns und dieſen Leuten eine eiſerne Scheidewand war, die von unſerer neuen Freundin nicht niedergeworfen ich werden konnte. Durch wen oder wie ſie niedergeworfen ben, werden konnte, wußten wir nicht; allein das wußten wir. irde Selbſt das, was Mrs. Pardiggle las und ſprach, iſt ſchien uns für ein ſolches Publikum gar übel gewählt zu 18² ſein, ſelbſt in dem Falle, daß es mit größter Beſcheiden⸗ heit und mit größtem Takte mitgetheilt worden wäre. Was das Büchlein betrifft, deſſen der auf dem Boden liegende Mann Erwähnung gethan, ſo lernten wir ſpäter den Inhalt deſſelben kennen; und Mr. Jarndyce ſagte, er zweifelte, ob Robinſon Ernſoe daſſelbe hätte leſen können, obgleich er auf ſeinem wüſten Eilande kein an⸗ deres gehabt. Unter ſolchen Umſtänden fühlten wir uns nicht wenig erleichtert, als Mrs. Pardiggle ſich anſchickte, das Feld zu räumen. 1 Der Mann auf dem Boden wandte nun den Kopf wieder um und ſagte in mürriſchem Tone: „Wohlan, ſind Sie nun fertig?“ „Für heute wohl, mein Freund. Allein ich werde nie müde. Ich werde wieder zu Ench kommen, ſobald die Reihe an Euch iſt,“ entgegnete Mrs. Pardiggle mit allen Zeichen der Freundlichkeit. „So lange Sie wegbleiben, mögen Sie thun, was Sie wollen!“ ſagte der Mann, die Arme über einander ſchlagend und die Augen mit einem Fluche ſchließend. Mrs. Pardiggle ſtand alſo auf und bildete in der kleinen Stube, mit ihrem Kleide, eine Art Strudel, dem die Pfeife ſelbſt nur mit genauer Noth eutging. Sodann nahm ſie zwei Glieder ihrer jungen Familie bei der Hand, und ſagte den andern, daß ſie ihr auf dem Fuße zu folgen hätten. Zuletzt drückte ſie noch die Hoffnung aus, daß ſie bei ihrem nächſten Beſuche den Ziegelſtreicher und ſein ganzes Haus gebeſſert finden würde, und ging dann auf eine andere Hütte zu. Es iſt hoffentlich nicht unfreundlich von mir, wenn ich ſage, daß ſie ſowohl hierin, als in allem Andern mit ihrer großen Wohlthätigkeit ein Gepränge machte, das einen nichts weniger als verſöhnenden Charakter hatte. Sie glaubte, daß wir ihr auf dem Fuße folgten; ſobald aber das Feld von ihr geräumt war, näherten den⸗ den äter gte, eſen an⸗ nig Feld pf erde ald mit vas der der dem ann der uße ung cher ing enn mit das en; ten 183 wir uns der neben dem Feuer ſitzenden Frau, um ſie zu fragen, ob das Kind krank wäre. Sie blickte daſſelbe bloß an, während es in ihrem Schooße lag. Wir hatten ſchon vorher bemerkt, daß, ſo oft ſie es anſah, ſie ihr ſchwarzblaues Auge mit einer Hand bedeckte, gleich als wollte ſie von dem kleinen armen Kinde jeden Gedanken trennen, der an Geräuſch, Gewaltthätigkeit und üble Behandlung erinnerte. Ada, deren ſanſtes Herz durch das Ausſehen des Kindes gerührt war, beugte ſich nieder, um deſſen Ge⸗ ſichtchen zu berühren. Während ſie das that, ſah ich, was geſchah, und zog ſie zurück. Das Kind ſtarb. „O Eſther!“ rief Ada, neben dem Kinde auf die Kniee niederſinkend.„Sehen Sie doch hierher! O liebe Eſther, das kleine arme Ding! das leidende, ruhige, hübſche, kleine Ding! Es thut mir ſo unendlich leid um daſſelbe. Es thut mir ſo unendlich leid um die Mutter. Noch nie habe ich etwas ſo Jammervolles geſehen! O Kindchen, o Kindchen!“ Ein Mitleiden, eine Sanftmuth, wie die, womit ſie ſich weinend niederbeugte und ihre Hand auf die der Mutter legte, hätte jedes Mutterherz, das je ein Mal auf dieſer Welt ſchlug, weich ſtimmen können. Das Weib blickte ſie zuerſt erſtaunt an und brach dann in Thränen aus. Bald nahm ich die leichte Laſt von ihrem Schooße weg,— that, was ich konnte, um die Ruhe des Kindes hübſcher und ſanfter zu machen,— legte es auf ein Brett an der Wand und bedeckte es mit meinem Taſchentuche. Sofort ſuchten wir die Mutter zu tröſten; wir flüſterten ihr die Worte zu, die unſer Erlöſer in Bezie⸗ hung auf die Kinder geſprochen, ſie antwortete Nichts, ſondern blieb weinend,— heftig weinend, ſitzen. Als ich mich umwandte, fand ich, daß der junge Mann den Hund zur Thüre hinausgenommen hatte, und 184 neben letzterer ſtand, von wo er uns anſchaute,— trockenen Auges, aber ruhig. Das Mädchen war ebenfalls ruhig und ſaß, die Augen auf den Boden geheftet, in einer Ecke. Was den Mann betrifft, ſo war er aufgeſtanden. Er rauchte ſeine Pfeife immer noch mit trotziger, heraus⸗ fordernder Miene, war aber ruhig. Ein häßliches, äußerſt armſelig gekleidetes Weib kam hereingeſprungen, während ich die ganze Gruppe anſchaute,— und ging geraden Wegs auf die Mutter zu und rief:„Jenny, Jenny!“ Die alſo angeredete Mutter ſtand auf und fiel dem Weibe um den Hals. Auch das ſo eben eingetretene Weib trug ſowohl im Geſichte als auf den Armen deutliche Spuren der Mißhandlung. Es ſchwebte um ihre Perſon lediglich keine Grazie, wenn man die Grazie der Sympathie ab⸗ rechnete; als ſie aber der Mutter condolirte und ihre Thränen hervorſtürzten, bedurfte ſie keiner Schönheit. Ich ſagte, condolirte, obgleich ſie Nichts ſagte, als„Jenny, Jenny!“ Alles Uebrige war in dem Tone, in dem ſie dieſe Worte ſprach. Ich hielt es für ein ſehr rührendes Schauſpiel, als ſich dieſe zwei ungebildeten, ſchlecht gekleideten und Spuren von Schlägen an ſich tragenden Frauen ſo ſchweſterlich mit einander verbunden ſah;— als ich ſah, was eine der andern ſein konnte;— als ich ſah, wie ſie für ein⸗ ander fühlten;— als ich ſah, wie das Herz einer jeden, gegenüber der andern, ſo ſanft und milde war, in Folge der harten Prüfungen ihres Lebens. Ich glaube wahrhaftig, daß die beſte Seite ſolcher Leute uns faſt verborgen iſt. Was die Armen den Armen ſind, weiß man in der Regel nicht; nur ſie ſelbſt und Gott wiſſen es. Wir hielten es für das Beſte, uns zurückzuziehen und ſie ungeſtört beiſammen zu laſſen. Wir ſchlichen 18⁵ uns ruhig hinaus und wurden von Niemand bemerkt, außer von dem Manne. Er lehnte ſich an die Wand neben der Thüre und ging vor uns hinaus, da er fand, daß für uns kaum Raum genug zum Hinausgehen da wäre. Er ſchien es verbergen zu wollen, daß er das um unſertwillen thue; allein wir bemerkten nichts deſto weniger, daß es wirklich der Fall war, und dankten ihm daher. Er autwortete Nichts. Auf dem ganzen Heimwege war Ada ſo ſchmerzer⸗ füllt, und es ging Richard, den wir zu Hauſe antrafen, ſo ſehr zu Herzen, als er ſie in Thränen ſah(obgleich er, als ſie hinausgegangen war, mir ſagte, wie ſchön auch das geweſen ſei!—), daß wir noch am Abende mit einigen kleinen Bequemlichkeiten nach dem Hauſe des Ziegelſtreichers zurückkehrten und ſo unſern Beſuch dort wiederholten. Wir ſagten zu Mr. Jarndyce ſo we⸗ nig, als wir nur konnten, aber dennoch ſchlug der Wind alsbald um. Richard begleitete uns an dem Abende nach dem Orte unſerer Morgenexpedition. 3 Auf unſerem Heimwege mußten wir an einer Schenke vorübergehen, wo es äußerſt geräuſchvoll hergiug und an deren Thüre eine Anzahl von Männern ſtand. Unter dieſen befand ſich auch der Vater des kleinen Kindes; derſelbe that ſich dadurch hervor, daß er bei einem Wort⸗ wechſel am lauteſten ſchrie. In einer kleinen Entfernung von da kamen wir an dem jungen Manne vorbei, der als paſſende Geſellſchaft den Hund bei ſich hatte. Was die Schweſter betrifft, ſo ſtand ſie lachend und mit einigen andern jungen Frauen⸗ zimmern ſprechend, an der Ecke der Hüttenreihe, allein ſie ſchien ſich zu ſchämen und wandte ſich weg, während wir vorübergingen. Wir ließen unſere Escorte zurück, als wir das Haus des Ziegelſtreichers vor uns ſahen, und ſetzten nun unſern Weg allein fort. Als wir bei der Thüre ankamen, fan⸗ 186 den wir das Weib, das ſolchen Troſt mitgebracht, dort ſtehen und ängſtlich herausſchauen. „Ah, Sie ſind es, meine jungen Damen?“ ſagte ſie flüſternd.„Ich ſchaue hinaus nach meinem Herrn. Das Herz liegt mir auf der Zunge. Würde er mich an einem andern Orte, als in unſerm Hauſe finden, ſo würde er mich faſt umbringen.“ „Meinet Ihr damit Euren Mann?“ fragte ich. „Ja, Miß, meinen Herrn. Jenny ſchläft jetzt, da ſie ganz erſchöpft iſt. Das arme Ding hat in den letzten ſieben Tagen und Nächten das Kind kaum von ihrem Schooße gebracht, ausgenommen, wenn ich es ein Paar Minuten nehmen konnte.“ Da ſie uns Platz machte, ſo gingen wir leiſe hin⸗ ein und legten das, was wir mitgebracht, neben das elende Bett, auf dem die Mutter ſchlief. Man hatte keinen Verſuch gemacht, das Zimmer zu reinigen;— und es ſchien daſſelbe, ſeiner Beſchaffenheit nach, auch jeder Reinigung widerſtreben zu wollen; allein die kleine wächſerne Geſtalt, aus der ſo viel Feierlichkeit ausſtrömte, war gewaſchen, und nett in einige Fetzen weißer Leinwand gewickelt worden. Ferner war auf mein Taſchentuch, das immer noch das arme Würmchen bedeckte, durch dieſelben rauhen, ſchrundigen Hände ein kleiner Büſchel, wohlriechender Kräuter gelegt worden, — und zwar ſo leicht und ſo zart! „Möge Gott Euch lohnen!“ ſagten wir zu dem Weibe,„Ihr ſeid eine brave Frau.“ 3 „Ich, meine jungen Dameik?“ entgegnete ſie voller Erſtaunen,„St! Jenny, Jenny!“ Die Mutter hatte in ihrem Schlafe geſtöhnt und ſich bewegt. Der Laut der ihr wohlbekannten Stimme ſchien ſie wieder zu beruhigen. Sie wurde in der That auch wieder ruhig. 4 Wie wenig dachte ich, als ich mein Taſchentuch auf⸗ hob, um auf den darunter liegenden kleinen Schläfer zu 187 blicken, und ich durch Ada's herabhangendes Haar hin⸗ durch, während das Mitleid ihr Haupt beugte, um das Kind her einen Heiligenſchein zu ſehen glanbte,— wie wenig dachte ich, auf weſſen unruhigen Buſen dieſes Taſchentuch zu liegen kommen würde, nachdem es die bewegungsloſe und ruhige Bruſt bedeckt! Ich dachte bloß, daß der Engel des Kindes das Weib, welches es mit ſo mitleidsvoller Hand wieder hinlegte, vielleicht nicht ganz unbeachtet laſſen dürfte;— daß derſelbe ſte nicht ganz unbeſchützt laſſen würde, als wir uns von ihr verabſchiedet und uns von ihr an der Thüre getrennt hatten, wo ſie, voller Schrecken und voller Angſt für ihre eigene Perſon, bald umherſah, bald horchte, und in ihrer alten beruhigenden Weiſe„Jenny, Jenny!“ ſagte. Neuntes Kapitel. Zeichen und Wunder. Ich weiß nicht, wie es kommt, daß ich immer über mich ſelbſt zu ſchreiben ſcheine. Ich will immer über andere Leute ſchreiben und ſuche ſo wenig wie möglich an mich ſelbſt zu denken. Auch bin ich gewiß, daß ich, ſo oft ich finde, daß ich wieder in die Geſchichte hinein⸗ komme, wirklich ärgerlich bin und ſage:„Ach Gott, ach Gott! du langweiliges kleines Geſchöpf, ich wollte, du ließeſt es bleiben!“ Allein es iſt Alles umſonſt. Ich hoffe, es wird Jeder, der das, was ich ſchreibe, liest, begreifen, daß, wenn in dieſen Blättern viel von mir die Rede iſt, ich nur annehmen kanu, es müſſe dieß da⸗ her rühren, daß ich mit denſelben wirklich Etwas zu 188 ſchaffen habe und daß ich nun einmal nicht ausgeſchloſ⸗ ſen werden könne. Mein Liebling und ich laſen mit einander, und ar⸗ beiteten, und übten uns. Wir fanden für unſere Zeit ſo viele Beſchäftigung, daß die Wintertage, wie leicht⸗ beſchwingte Vögel, an uns vorüberflogen. Gewöhnlich erfreute uns Richard Nachmittags, und ſtets Abends, mit ſeiner Geſellſchaft. Obgleich er eines der unruhigſten Geſchöpfe war, die es auf dieſer Erde geben kann, gefiel er ſich in unſerer Geſellſchaft doch immer ungemein. Er liebte Ada unendlich. Es iſt dieß wirklich meine Meinung, und es iſt daher am beſten, wenn ich es als⸗ bald ſage. Noch nie hatte ich junge Leute ſich verlieben ſehen; allein ich fand doch gar bald heraus, daß hier ſo Etwas vorgehen müſſe. Natürlich konnte ich das nicht ſagen, noch durch mein Betragen zu verſtehen ge⸗ ben, daß ich darum wiſſe. Ich war im Gegentheil ſo ernſt, und gab mir das Anſehen, als wiſſe ich ſo wenig von der Sache, daß ich bisweilen, während ich bei mei⸗ ner Arbeit ſaß, Betrachtungen darüber anſtellte, ob ich nicht eine ganz hinterliſtige Perſon würde. Allein es war da Nichts zu machen. Alles, was ich zu thun hatte, war, daß ich mich ruhig verhielt, und wirklich war ich auch ſo ruhig wie eine Maus. Und auch ſie waren ſo ruhig wie Mäuſe, inſofern Worte dabee in's Spiel kamen; allein die unſchuldige Art, in der ſie ſich je mehr und mehr auf mich verließen, je größer die Zuneigung wurde, die ſie zu einander faßten, war ſo bezaubernd, daß es mich viele Mühe koſtete, nicht zu zeigen, wie ſehr mich dieſelbe intereſſirte. „Unſer liebes kleines altes Weibchen iſt ein ſo ca⸗ pitales altes Weib,“ pflegte Richard zu ſagen, wenn er mich früh Morgens, mit ſeinem angenehmen Lachen und vielleicht mit einem leiſen Anfluge von einem Erröthen, aufſuchte,„daß ich ſchlechterdings nicht ohne ſie ſein kann. Beyor ich meinen, bald dieſem, bald jenem Ge⸗ 7 X 189 ſchäfte gewidmeten, Tag beginne,— bevor ich mich au⸗ Büchern und Inſtrumenten abarbeite, und dann in der ganzen Umgegend, wie ein Ränber, bergauf und bergab galoppire, finde ich ein ſolches Vergnügen daran, hierher zu kommen und mit unſerer gemüthlichen Freundin einen ordentlichen Spaziergang zu machen, daß ich abermals hier ſtehe.“ „Du weißt, liebe Dame Durden,“ pflegte Ada Abends zu ſagen, während ſie den Kopf auf meine Schulter legte und das Licht des Feuers aus ihren ge⸗ dankenvollen Augen glänzte,„daß ich, wenn wir herauf⸗ kommen, nicht ſprechen mag. Wir wollen nur ein Bis⸗ chen bei einander ſitzen bleiben: es iſt mir das ſo ſüß, meinen Gedanken nachzuhangen, während ich Dein liebes Geſicht zur Geſellſchaft habe, und dem Winde zuzuhören, und an die armen Seeleute zu denken, die jetzt auf der See ſind—“ Ah! vielleicht ſollte Richard auch ein Seemann werden. Wir hatten das jetzt ſehr oft durchgeſprochen, und es hieß, daß die Neigung, die er ſeit ſeiner Kind⸗ heit für das Seeleben dargelegt, nun befriedigt werden ſollte. Mr. Jarndyce hatte nämlich an einen Verwandten der Familie, einen großen Sir Leiceſter Dedlock, ge⸗ ſchrieben, um ihn zu bitten, daß er ſich für Richard im Allgemeinen intereſſiren möchte; und Sir Leiceſter hatte in gnädiger Weiſe geantwortet,„daß er ſich glücklich ſchätzen würde, dem jnngen Herrn zu dienen, ſobald ſich ihm Gelegenheit dazu böte, und ſobald es in ſeiner Macht ſtünde, was durchaus nicht wahrſcheinlich wäre, — und daß my Lady ſich dem jungen Herrn(mit wel⸗ chem entfernt verwandt zu ſein, ſie ſich vollkommen er⸗ innerte) empfehlen ließe, und daß dieſelbe zuverſichtlich hoffte, daß er in jedem ehrenhaften Berufe, dem er ſich widmen könnte, ſtets ſeine Pflicht thun würde.“ 1 „Es iſt alſo, wie ich glanbe, ziemlich klar, daß ich nun ſelbſt meinen Lebensweg zu bahnen habe,“ ſagte 190 Richard zu mir.„Es ſchadet aber Nichts! Viele haben das ſchon vor mir thun müſſen, und haben es auch ge⸗ than. Ich wollte nur, ich wäre Commandant eines ſchnellſegelnden Caperſchiffs; dieß würde mir als Anfang genügen. Wie wollte ich da den Lordkanzler wegceapern, und wie wollte ich ihn da, bei Waſſer und Brod, ein⸗ ſperren, bis er in unſerer Sache Recht ſpräche! Er würde gar bald ſein Magerwerden merken, wenn er nicht genau zuſähe!“ 1 Bei einer Lebendigkeit des Geiſtes, und einem Frohſinn, und einem Hoffnungsreichthume, die faſt nie verſiegten, hatte Richard in ſeinem Charakter eine Sorg⸗ loſigkeit, die für mich ein wahres Räthſel war,— ins⸗ beſondere deßwegen, weil er dieſelbe, in ſo außerordent⸗ lg, ſeltſamer Weiſe, fälſchlicher Weiſe für Klugheit hielt. Es machte ſich dieſelbe in ſonderbarer Weiſe in allen ſeinen Berechnungen geltend, wobei das Geld eine Rolle ſpielte. Und ich glaube, daß ich die Sache nicht beſſer erklären kann, als wenn ich einen Augenblick auf das Anlehen zurückkomme, das wir gemeinſchaftlich Mr. Skimpole gemacht. Es war Mr. Jarndyce gelungen, den Betrag der von uns zuſammengeſchoſſenen Summe zu erfahren, ſei es nun, daß Mr. Skimpole ſelbſt, oder daß Cvavinſes es ihm geſagt. In Folge deſſen hatte er mir die bewußte Summe wieder zugeſtellt, mit der Weiſung, den mich treffenden Antheil zu behalten, und das Uebrige Richard einzuhän⸗ digen. Die Anzahl von Fällen, wo er ſein Geld ge⸗ dankenlos verſchwendete,— Richard ſuchte dieſe Geld⸗ verſchwendung dadurch zu rechtfertigen, daß er ſeine zehn Pfund wieder bekommen,— und die Anzahl von Malen, die er mit mir in einer Weiſe über die Sache ſprach, als ob er die genannte Summe erſpart, oder realiſirt 191 hätte, würden, wollte man ſie einfach addiren, ſchon eine namhafte Summe bilden. „Meine kluge Mutter Hubbard, warum denn nicht?“ ſagte er zu mir, bei einer Gelegenheit, wo er dem Zie⸗ gelſtreicher ohne Weiteres fünf Pfund ſchenken wollte. „Habe ich doch bei dem Geſchäfte mit Coavinſes zehn Pfund netto gewonnen.“ „In wiefern das?“ fragte ich. „Je nun, ich wurde einer Summe von zehn Pfund los, deren ich ſchon längſt gern losgeworden wäre, und die ich nie wiederzuſehen erwartete. Sie werden das doch nicht in Abrede ſtellen wollen?“ „Nein, das will ich nicht in Abrede ſtellen,“ ant⸗ wortete ich. „Recht gut! Somit kam ich in den Beſitz von zehn Pfund—“ i„Es ſind ja aber die nämlichen zehn Pfund,“ warf ich ein. „Das hat Nichts damit zu ſchaffen,“ entgegnete Richard.„Ich habe zehn Pfund mehr bekommen, als ich erwartete; mithin kann ich auch ſo Viel ausgeben, ohne etwas Sonderliches zu thun.“ Ganz in derſelben Weiſe führte er die fünf Pfund, die er hatte dem Ziegelſtreicher ſchenken wollen,— was er nur deßhalb unterlaſſen hatte, weil ihm bewieſen worden war, daß er damit aichts Gutes ſtiften würde, — in ſeinem Guthaben auf, und zog darauf. „Laßt ein Mal ſehen!“ pflegte er zu ſagen.„Ich habe aus der Ziegelſtreichergeſchichte fünf Pfund gerettet; wenn ich daher ein Mal mir das Vergnügen mache, mit Extrapoſt nach London und von da zurückzufahren, und wenn ich die Koſten dieſer Suite zu vier Pfund an⸗ ſchlage, werde ich immer noch ein Pfund erſpart haben. Auch iſt es etwas recht Gutes, ſelbſt nur ein Pfund zu erſparen, ich muß es Euch ſagen: ein erſparter Pfennig iſt ſchon verdient!“ 192 V Ich glaube, daß Richard's Natur ſo offen und edel un war, wie nur eine gefunden werden kann. Er war feu⸗ iſt rig und tapfer, und bei all' ſeiner wilden Unruhe ſo me ſauft, daß ich, binnen weniger Monate, ihn wie einen iſt Bruder kannte. Seine Sanftmuth war ihm angeboren, haf und würde ſich auch ohne Ada's Einfluß zur Genüge un gezeigt haben; vermittelſt dieſes Einfluſſes aber wurde iſt aus ihm einer der anziehendſten Geſellſchafter,— ein Geſellſchafter, der ſtets ſo gern ſich für Alles intereſſirte, und ſtets ſo glücklich, ſanguiniſch und lebensfroh war. Ja Gewiß war ich, indem ich ſo bei ihnen ſaß, und mit etl ihnen ſpazieren ging, und mit ihnen ſprach, und von alt Tag zu Tag bemerkte, wie ſie ſich immer mehr in ein⸗ ſei ander verliebten, und wie ſie Nichts davon ſagten, und ſein wie Jedes ſchüchtern dachte, daß dieſe Liebe das größte ver aller Geheimniſſe wäre, und vielleicht ſelbſt vom Andern nicht ma geahnet würde,— kaum minder entzückt, und mit dem hübſchen Traume kaum minder zufrieden, als ſie ſelbſt. nes So ging es fort, als Mr. Jarndyce eines Morgens gü⸗ beim Frühſtücke einen Brief bekam. che Als er die Adreſſe anſah, ſagte er:„Von Boy⸗ thorn? Ei freilich!“ Sofort öffnete er den Brief und ſpr las denſelben mit offenbarem Vergnügen. vo! Als er etwa mit der Hälfte des Briefes zu Ende des war, zeigte er uns, per Parentheſin, an, daß Boythorn der auf Beſuch„herabkäme“. for Wir Alle zerbrachen uns den Kopf darüber, wer gle denn wohl dieſer Boythorn ſein möchte. Auch kann ich pr wohl ſagen, daß wir Alle auch dachten,— ich wenig⸗ mu ſtens dachte ſo: Wird wohl dieſer Boythorn mit unſern ihn Angelegenheiten Etwas zu ſchaffen haben? als „Ich bin mit dieſem Burſchen, Lorenz Boythorn, in er die Schule gegangen;— es ſind nun aber mehr denn 1 fünfundvierzig Jahre darüber hingegangen,“ ſagte Mr. übe Jarndyce, mit der Hand auf den Brief ſchlagend, wäh⸗ ſeh rend er ihn auf den Tiſch legte.„Er war damals der 2 193 ungeſtümſte Knabe, den man ſehen konnte,— und nun iſt er der ungeſtümſte Mann. Damals war er der lär⸗ mendſte Knabe, den es nur geben konnte,— und nun iſt er der lärmendſte Mann. Damals war er der leb⸗ hafteſte, derbſte, handfeſteſte Junge von der Welt,— und nun iſt er der derbſte und handfeſteſte Mann. Er iſt ein furchtbarer Kerl.“ 3 „Der Natur nach, Sir?“ fragte Richard. „In der Beziehung ſo ziemlich, Rick,“ ſagte Mr. Jarndyce.„Er iſt etliche zehn Jahre älter, als ich, und etliche Zoll größer; den Kopf wirft er zurück wie ein alter Soldat; ſeine kräftige Bruſt zeigt ein Viereck; ſeine Hände ſind die eines ſaubern Grobſchmieds, und ſeine Lnnge!— Ah! ſeine Lunge läßt ſich mit Nichts vergleichen. Sie erſchüttert die Balken des Hauſes, er mag nun ſprechen, oder lachen, oder ſchnarchen.“ Während Mr. Jarndyce ſich ſo an dem Bilde ſei⸗ nes Freundes Boythorn ergötzte, beobachteten wir das günſtige Omen, daß ſich auch nicht das geringſte Anzei⸗ chen von einem Umſchlagen des Windes zu erkennen gab. „Allein ich will von dem Inneren des Mannes ſprechen,— von dem warmen Herzen des Mannes,— von der Paſſion des Mannes,— von dem friſchen Blute des Mannes, Rick und Ada, und Sie, kleine Spinnwebe, denn Euch Alle muß ſein Beſuch intereſſiren!“ fuhr er fort.„Seine Sprache iſt mit ſeiner Stimme zu ver⸗ gleichen. Er bewegt ſich ſtets nur in Extremen; er pricht immer nur im Superlativ. In ſeiner Verdam⸗ mung iſt er die perſonificirte Granſamkeit. Wolltet Ihr ihn nach dem beurtheilen, was er ſagt, ſo würde er Euch als ein Oger erſcheinen; auch glaube ich wirklich, daß er bei gewiſſen Leuten für einen Währwolf gilt. „Da! vor der Hand ſage ich Euch nicht weiter über ihn. Es darf Euch nicht überraſchen, wenn Ihr ſehet, daß er mich unter ſeinen Schutz nimmt, denn er Bleak Houſe. I. 13. - 194 hat noch nicht vergeſſen, daß ich in der Schule ein klei⸗ ner unanſehnlicher Knabe war, und daß unſere Freund⸗ ſchaft damit begann, daß er meinem Haupttyrannen noch vor dem Frühſtücke zwei Zähne(— er ſelbſt ſagt, ſechs —) einſchlug.“ Dann ſetzte er, zu mir gewandt, hinzu: „Boythorn wird mit ſeinem Bedienten heute Nach⸗ mittag hier ſein, meine Liebe.“ Ich traf alle Anſtalten, welche Mr. Boythorn’'s Ankunft nöthig machte, und nun ſahen wir letzterer mit einiger Neugier entgegen. Es verſtrich indeſſen der Nachmittag, ohne daß der angekündigte Gaſt erſchien. Die Eſſenszeit kam heran, und immer noch erſchien er nicht. Das Diner war eine Stunde weiter hinausgeſchoben worden, und wir ſaßen, ohne ein anderes Licht, als die Flamme des Ka⸗ minfeners, um dieſes herum, als die Thüre der Vorhalle plötzlich aufflog, und letztere von folgenden Worten wie⸗ derhallte, die mit größter Heftigkeit und mit einer wah⸗ ren Stentorſtimme geſprochen waren: „Wir ſind, Jarndyce, von dem niederträchtigſteu Schufte, den es gibt, auf einen falſchen Weg gewieſen worden, denn der Kerl ſagte uns, wir ſollten rechts ge⸗ hen, während wir doch hätten links gehen ſollen. Er iſt der unerträglichſte Spitzbube, den die Erde trägt. Auch ſein Vater muß ein abgefeimter Böſewicht geweſen ſein, ſonſt hätte er keinen ſolchen Sohn bekommen können. Wenn es auf mich ankäme, ſo würde ich den Kerl ohne Gnade und Barmherzigkeit erſchießen laſſen!“ „Hat er es aber abſichtlich gethan?“ fragte Mr. Jarndyce. „Ei freilich! Ich zweifle nicht im Geringſten, daß der Spitzbube ſein Lebenlang nichts Anderes gethan hat, als Reiſende auf einen falſchen Weg zu weiſen. Bei meiner Seele! ich hielt ihn ſchon für den erbärmlichſten Hund, den ich je geſehen, als er mir ſagte, daß ich 195 rechts gehen müßte. Und doch ſtand ich dem vermale⸗ deiten Kerl gegenüber, Geſicht gegen Geſicht,— und ſchlug ihm nicht den Schädel ein!“ 8 „Die Zähne meinſt Du wohl?“ ſagte Mr. Jarndyce. „Ha, ha, ha!“ lachte Lawrence Boythorn, und machte das ganze Haus dadurch wirklich erzittern. „Wie? Du haſt die Geſchichte noch nicht vergeſſen? Ha, ha, ha!— Das war ein anderer durchtriebener Strolch und Vagabund! Bei meiner Seele! das Geſicht des Kerls, als er noch ein Knabe war, war das ſchwärzeſte Bild von Perfidie, Feigheit, und Grauſamkeit, das je auf einem Spitzbubenfelde als Vogelſcheuche aufgeſtellt wor⸗ den. Wenn ich jenem Deſpoten, der ſeines Gleichen nicht hatte, morgen auf offener Straße begegnete, ſo würde ich ihn wahrlich wie einen faulen Baum fällen!“ „Ich zweifle keinen Augenblick daran,“ ſprach Mr. Jarudyce.„Willſt Du nun aber hinaufgehen?⸗ „Bei meiner Seele, Jarndyce,“ erwiederte ſein Gaſt, den ſeine Uhr zu beſchäftigen ſchien,„wäreſt Du verheirathet, ſo würde ich noch am Gartenthore umge⸗ kehrt haben, und würde lieber auf die entfernteſten Gipfel des Himelaya⸗Gebirges gegangen ſein, als daß ich mich hier um dieſe ungebührliche Stunde eingefunden hätte.“ „Hoffentlich würdeſt Du aber nicht ganz ſo weit gegangen ſein,“ ſagte Mr. Jarndyce. „Doch, doch, ich gebe Dir mein Ehrenwort“ rief der Gaſt.„Um keinen Preis möchte ich mich der frechen Inſolenz ſchuldig machen, eine Hausfrau ſo lange warten zu laſſen. Tauſend Mal lieber, hunderttauſend Mal lieber würde ich mich ſelbſt umbringen!“ Alſo ſprechend, ſtiegen ſie die Treppe hinan; und es ſtand nicht lange an, ſo hörten wir ihn in ſeinem Schlafzimmer donnern:„Ha, ha, ha!“ und abermals: „Ha, ha, ha!“ bis das ſchwächſte Echo in der Nachbar⸗ ſchaft davon angeſteckt zu werden, und ſo frendig zu la⸗ 196 chen ſchien, wie er, oder wie wir, wenn wir ihn lacheu hörten. Wir Alle waren ſchon für ihn eingenommen, ohne ihn noch geſehen zu haben; denn es lag in dieſem La⸗ chen, und in ſeiner kräftigen geſunden Stimme, und in der runden und vollen Weiſe, in der er jedes Wort ausſprach, und ſelbſt in der Furie ſeiner Superlative etwas ſo Aechtes, was, wie nicht ſcharf geladene Kano⸗ nen, loszugehen und Nichts zu verletzen ſchien. Allein wir hatten kaum erwartet, unſere günſtige Meinung durch ſeine äußere Erſcheinung ſo beſtätigt zu ſehen, als Mr. Jarndyce ihn uns vorſtellte. Er war nicht allein ein ſehr ſchöner alter Herr,— gerade und kräftig, wie er uns geſchildert worden war, — mit einem maſſiven, grauen Kopfe, einem feinen, ru⸗ higen Geſichte, wenn er ſchwieg,— einer Geſtalt, die hätte corpulent werden können, wenn er nicht ſo beſtändig ernſt geweſen wäre, daß dieſelbe nie zur Ruhe kommen konnte,— und mit einem Kinn, woraus ſich hätte ein Doppelkinn bilden können, wäre nicht die heftige Em⸗ phaſe geweſen, in der es ſtets aſſiſtiren mußte; aber er war auch ein ſo ächter Gentleman in ſeinen Manieren, — er war ſo chevaleresk höflich,— ſein Geſicht war durch ein ſo ſüßes und zartes Lächeln erleuchtet,— und es ſchien ſo klar, daß er Nichts verbarg, ſondern daß er ſich gerade ſo zeigte, wie er war,— unfähig, wie er war (— ſo ſagte Richard—), Etwas in beſchränktem Maß⸗ ſtabe zu thun, und die nicht ſcharf geladenen Kanonen abfeuernd, weil er ſchlechterdings keine kleinen Waffen führte,— daß ich wirklich nicht umhin konnte, ihn wäh⸗ rend des Eſſens mit gleicher Luſt anzuſehen, ſei es, daß er mit mir und Ada lächelnd ſich unterhielt, oder daß Mr. Jarndyce ihn zu einer großen Salve von Super⸗ lativen veranlaßte, oder daß er, einem Bluthunde ähn⸗ lich, den Kopf in die Höhe warf und ſein furchtbares „Ha, ha, ha!“ hören ließ. t f — 5,— 2— ͤ—SS 197 „Du haſt doch auch Deinen Vogel mitgebracht?“ fragte Mr. Jarndyce. „Beim Himmel! es iſt der ſtaunenswertheſte Vogel in ganz Europa,“ erwiederte der Andere.„Er iſt wirk⸗ lich das wunderbarſte Geſchöpf, das man ſehen kann! Keine zehntauſend Guineen nähme ich für den Vogel. Ich habe, im Falle er mich überleben ſollte, ihm eine jährliche Leibrente ausgeſetzt, wovon er gut leben kann. Er iſt, dem Verſtande und der Anhänglichkeit nach, ein wahres Phänomen. Auch ſein nun verſtorbener Vater war einer der ſtaunenswertheſten Vögel, die je gelebt!“ Der Gegenſtand dieſer warmen Lobſprüche war ein winziges Canarienvögelchen, das ſo zahm war, daß Mr. Voythorn’s Bedienter es auf dem Zeigefinger herab⸗ brachte. Nachdem das Vögelchen ein Bischen im Zimmer herumgeflogen war, ſetzte es ſich auf den Kopf ſeines Herrn. Es ſtand nicht lange an, ſo hörten wir Mr. Boy⸗ thorn die unverſöhnlichſten und leidenſchaftlichſten Ge⸗ fühle ausſprechen, während dieſes Diminutiv von einem Geſchöpfe ihm ganz ruhig auf der Stirne ſaß. Mir erſchien dieß als eine treffende Kennzeichnung ſeines Charakters. „Bei meiner Seele, Jarndyce,“— ſagte er, indem er, in recht freundlicher Weiſe, dem Canarienvögelchen ein Bischen Brod hinaufhielt, damit es an demſelben picken möchte,—„wäre ich an Deiner Stelle, ſo würde ich, nicht ſpäter, als morgen früh, jeden Referenten des Kanzleigerichtshofes an der Gurgel packen, und denſelben ſo lange ſchütteln, bis ihm ſein Geld aus der Taſche rollte, und bis ſeine Beine ihm in der Haut klapperten, Die Sache müßte nun einmal ausgehen, und zu dieſem Ende würde ich jedes gute oder ſchlechte Mittel ergreifen. Würdeſt Du mir die nöthige Vollmacht dazu geben, ſo 198 würde ich Dir die Sache mit dem größten Vergnügen beſorgen!“ Während dieſer ganzen Zeit fras das Canarien⸗ vögelchen ihm aus der Hand.. „Ich danke Dir, Lorenz, aber der Prozeß iſt der⸗ malen wohl kaum in einem Stadium angelangt, daß er bedeutend beſchleunigt würde, ſelbſt wenn man zu dem legalen Verfahren, die Richterbank und die ganze ver⸗ ehrliche Advokatenzunft zu ſchütteln, ſeine Zuflucht näh⸗ me,“ erwiederte Mr. Jarndyce lachend. „Auf Ehre! es hat auf der Erde noch nie einen ſo vermaledeiten Höllenkeſſel gegeben, wie dieſer Kanzlei⸗ gerichtshof iſt!“ ſprach Mr. Boythorn.„Nichts als eine Mine, die während der Sitzung mit zehntauſend Zentnern Pulver an einem Tage gefüllt würde, wo es recht geſchäftig hergeht,— an einem Tage, wo ſämmt⸗ liche Acten, Normen und Präcedentien auf einem Haufen beiſammen lägen, und wo alle Perſonen, die beim Kanz⸗ leigerichte in amtlicher Eigenſchaft Etwas zu ſchaffen haben, ſeien dieſelben nun hoch oder niedrig,— von ſeinem Sohne, dem Generalrechnungsführer, bis zu ſei⸗ nem Vater, dem Teufel, verſammelt wären,— und die dann angezündet würde, ſo daß Perſonen und Sachen in Milliarden von Atomen zerflögen, könnte da eine kleine Reform hervorbringen!“ Man konnte nicht umhin, über die energiſche Gra⸗ vität zu lachen, womit er dieſe ſtarke Reformmaßregel empfahl. Als wir lachten, warf er den Kopf in die Höhe und ſchüttelte ſeine breite Bruſt, und da ſchien dann die ganze Gegend abermals ſein„Ha, ha, ha!“ zu echven. Was aber das Wunderbarſte, war, daß dieß den Vogel nicht im Geringſten ſtöͤrte. Sein Sicherheitsgefühl war vollſtändig, und er hüpfte auf dem Tiſche umher, wo er ſeinen leicht beweglichen Kopf bald nach dieſer, bald nach jener Seite hinkehrte: immer aber richtete er ſein 6 4 199 helles plötzliches Auge auf ſeinen Herrn, wie wenn er nichts Anderes denn ein gewöhnlicher Vogel wäre⸗ „Aber wie kommſt Du mit Deinem Nachbar aus in Betreff des beſtrittenen Wegrechts?“ fragte Mr. Jarn⸗ dyce.„So viel ich weiß, biſt Du ſelbſt nicht von den Netzen des Geſetzes frei.“ „Der Kerl hot mich wegen geſetzwidrigen Eingriffs in ſeine Rechte gerichtlich belangt, und ich habe ihn wegen des gleichen Vergehens belangt,“ entgegnete Mr. Boythorn.„Beim Himmel! er iſt der ſtolzeſte Kerl, der da atbmet. Es iſt moraliſch unmöglich, daß er Sir Leiceſter heißt Er muß Sir Lucifer heißen.“ „Ein großes Compliment für unſern entfernten Ver⸗ wandten,“ ſagte mein Vormund lachend zu Ada und Richard. „Ich würde Miß Clara, ſo wie Mr. Carſtone um Verzeihung bitten,“ hob unſer Gaſt wieder an,„wäre ich nicht auf der andern Seite dadurch beruhigt, daß ich auf dem ſchönen Geſichte der Dame und in dem Lächeln des Herrn leſe, daß das vollkommen unnöthig iſt, und daß ſie ihren entfernten Verwandten in comfortabler Diſtanz halten.“ „Vielleicht aber hält er uns ſo fern,“ meinte Richard. „Bei meiner Seele!“ rief Mr. Boythorn, plötzlich eine andere Salve gebend, aus,„der Kerl iſt, und ſein Vater war, und ſein Großvater war, der hartnäckigſte, arroganteſte, ſchwachſinnigſte, ſchweinköpfigſte Einfalts⸗ pinſel, der, in Folge eines unerklärlichen Verſehens der Natur, je in einem andern Stande, als in dem eines Spazierſtockes, geboren wurde! „Die ganze Familie hat nichts Anderes aufzuweiſen, als eine Collection von eingebildeten Dummköpfen,— von Dummköpfen, wie es keine mehr auf der Welt gibt, von Dummköpfen'’, denen es an feierlicher, ſteifer Dün⸗ kelhaftigkeit gewiß kein Anderer gleichthut!— Allein es thut dieß Nichts; er ſoll mir meinen Weg nicht verram⸗ 8 200 meln, und wäre er auch eine Collection von fünfzig zu⸗ ſammengeſchmelzten Baronets,— und wohnte er auch in hundert in einander eingeſchachtelten Chesney Wolds, — in hundert Ehesney Wolds, die den elfenbeinernen Bällen, wie die Chineſen ſie ausſchnitzen, glichen. „Da läßt mir der Kerl durch ſeinen Agenten, oder ſeinen Secretär, oder ſonſt Jemand ſchreiben: ‚Sir Lei⸗ ceſter Dedlock, Baronet, empfiehlt ſich Mr. Lawrence Boythorn, und hat die Aufmerkſamkeit des Letzteren auf das Faktum hinzulenken, daß der grüne Fußweg neben dem alten Pfarrgebäude, das jetzt im Beſitze von Mr. Lawrence Boythorn iſt, Sir Leiceſters Wegrecht iſt, in⸗ dem derſelbe faktiſch einen Theil vom Parke von Chesney Wold bildet. Zugleich hat Sir Leiceſter Mr. Lawrence Boythorn zu benachrichtigen, daß er es paſſend findet, den genannten Fußweg einzuhägen.“ „Ich ſchreibe an den Kerl zurück, wie folgt: ‚Mr. Lawrence Boythorn empfiehlt ſich Sir Leiceſter Dedlock, Baronet, und hat die Aufmerkſamkeit des Letzteren auf das Faktum hinzulenken, daß er ſämmtliche Gründe und Angaben Sir Leiceſter Dedlock's in Betreff irgend eines Gegenſtandes gänzlich beſtreitet und verwirft. Zugleich hat Mr. Boythorn, in Betreff der beabſichtigten Einhä⸗ gung des Fußweges, hinzuzuſetzen, daß er gern den Mann ſehen möchte, der es wagte, ſo Etwas zu thun.⸗ „Was thut nun der Kerl? Er ſchickt einen nieder⸗ trächtigen einäugigen Spitzbuben, um ein Gatterthor zu bauen. Dieſem vermaledeiten Schufte aber ſpiele ich mit einer Feuerſpritze ziemlich übel mit; auch mache ich ſo lange fort, bis der Odem beinahe aus ſeinem erbärm⸗ lichen Körper entflieht. „Was thut unn aber der Kerl weiter? Er läßt in der Nacht ein Gatterthor errichten. Ich haue es am Morgen zuſammen und verbrenne es zu Atomen. „Nun ſchickt der Kerl ſeine Myrmidonen über den 7 201 Hag herüber und es machen dieſelben dieſen Weg zu wie⸗ derholten Malen herüber und wieder hinüber. „Ich fange ſie in humanen Menſchenfallen,— ſchieße mit zerklei nerten Erbſen ihnen nach den Beinen,— laſſe die Feuerſpritze auf ſie ſpielen,— und bin, mit einem Worte, entſchloſſen, das Menſchengeſchlecht von der unerträglichen Laſt der Exiſtenz dieſer lauernden Halun⸗ ken zu befreien. „Was thut der Kerl nun? Er belangt mich vor dem Gerichte wegen geſetzwidrigen Eingriffs in ſein Ei⸗ genthum;— ich thue ein Gleiches in Beziehung auf ihn. „Was thut der Kerl weiter? Er belangt mich vor dem Gerichte wegen thätlicher Mißhandlungen;— ich meinerſeits beweiſe, daß ich dabei nur in meinem guten Rechte geweſen, und fahre mit den thätlichen Mißhand⸗ lungen fort. Ha, ha, ha!“ Wer ihn ſo Alles dieſes mit einer kaum glaublichen Energie nur hätte ſagen hören, hätte ihn für den zor⸗ nigſten Menſchen von der Welt halten können. Wer aber zu gleicher Zeit geſehen hätte, wie er den ihm jetzt auf dem Daumen ſitzenden Vogel anblickte, und wie er mit ſeinem Zeigefinger die Federn des Vögelchens ſanft ſtrich, hätte ihn für den ſanſteſten Menſchen von der Welt hal⸗ ten können. Hätte man dann ihn lachen hören, und hätte man ſein ſo überaus gutmüthiges Geſicht geſehen, ſo hätte man glauben können, er habe auf dieſer Welt nicht eine einzige Sorge, nicht einen einzigen Streit, nicht eine einzige Abneigung, ſondern es ſei ſeine ganze Exiſtenz nur ein heiterer Scherz. „Nein, nein, nein!“ ſprach er,„ich laſſe mir meine Wege durch keinen Dedlock in der Welt verrammen und einhägen. Obgleich ich gerne zugebe,“— hier wurde ſeine Stimme einen Augenblick ſanſter,—„daß Lady Dedlock die vollendetſte Dame iſt, die es auf der Welt gibt,— eine Dame, der ich alle Huldigungen darbringen würde, die ein ſchlichter Gentleman, der kein Baronet 202 mit einem ſiebenhundert Jahre dicken Kopfe iſt, immer darbringen kann. „Ein Mann, der in einem Alter von zwanzig Jah⸗ reu bei ſeinem Regimente eintrat, und eine Woche nach ſeinem Eintritt den gebieteriſchſten und eingebildetſten Narren von einem commandirenden Officier herausfor⸗ derte, der je aus einem eng geſchnürten Corſette heraus den Odem des Lebens holte, und dafür caſſirt wurde,— ein ſolcher Mann läßt von einem Sir Lucifer, und wäre deren Anzahl Legion, und mögen dieſelben nun todt oder lebendig ſein, nicht auf ſich herumtreten. Ha, ha, ha!“ „Auch iſt er nicht der Mann, um auf Einem herum⸗ treten zu laſſen, der jünger iſt, als er,— nicht wahr?“ ſagte mein Vormund. „Gewiß nicht!“ antwortete Mr. Boythorn, der ihm mit einer Protectorsmiene, welche etwas Ernſtes hatte, obgleich er lachte, auf die Schulter klopfte.„Er wird dem kleinen Knaben immer beiſtehen,— ja immer. Jarndyce, Du kannſt Dich auf ihn verlaſſen! „Da ich aber gerade von dem Span ſpreche, den ich mit dem Dedlock habe,— und ich muß Miß Clara, ſowie Miß Summerſon um Verzeihung bitten, daß ich einen ſo trockenen Gegenſtand ſo ausführlich behandelt habe,— ſo möchte ich fragen, ob von Deinen Leuten, Kenge und Carboy, Nichts für mich gekommen iſt.“ „Ich glaube nicht, Eſther?“ ſagte Mr. Jarndyce. „Nichts, mein Vormund.“ „Unendlich verbunden!“ ſprach Mr. Boythorn. „Brauchte ihn nicht zu fragen, nach der, wenn auch kurzen, Erfahrung, die ich von Miß Summerſon's Vorſorge für ihre ganze Umgebung gemacht!“(— Sie ermuthigten mich Alle, Sie wollten es nun einmal um jeden Preis thun.—)„Ich habe nur gefragt, weil, da ich gerade aus Lincolnſhire komme, ich natürlich noch nicht in der Stadt geweſen bin, und weil ich dachte, es könnten Briefe für mich hierher geſchickt worden ſein. Sie werden wohl mor than chend und er, Muſ hatte leide trach einat ſchon ſagte wied 203³ morgen früh mir melden, daß in der Sache Etwas ge⸗ than worden.“ Ich ſah ihn, im Laufe des recht angenehm verſtrei⸗ chenden Abends, Richard und Ada mit einer Theilnahme und einer Befriedigung, die ſein feines Geſicht, während er, in einer kleinen Entfernung vom Piano ſitzend, der Muſik zuhörte, überaus angenehm machten,— und er hatte nur wunig Veranlaſſung, uns zu ſagen, daß er ein leidenſchaftlicher Liebhaber der Muſik ſei,— ſo oft be⸗ trachten, daß ich meinen Vormund, während wir mit einander Tricktrack ſpielten, fragte, ob Mr. Boythorn ſchon einmal verheirathet geweſen. „Nein,“ ſagte er.„Nein.“ „Aber er wollte ſich doch einmal verheirathen?“ ſagte ich. „Wie haben Sie das aber herausgefunden?“ er⸗ wiederte er mit einem Lächeln. Je nun, mein wertheſter Herr Vormund,“ erklärte ich, nicht ohne ein Bischen darüber zu erröthen, daß ich das, was ich dachte, ausſprechen ſollte,„es liegt in ſei⸗ nem ganzen Gebahren am Ende etwas ſo Zärtliches, — auch iſt er gegen uns ſo anßerordentlich höflich und artig,— und dann—“ Mr. Jarndyce richtete hier die Augen nach dem Orte hin, wo er ſaß, wie ich ſo eben geſagt. Ich ſagte Nichts weiter. „Sie haben Recht, Weibchen,“ antwortete er.„Er war einmal auf dem Punkte, ſich zu verheirathen; es fehlte nur noch ein Haar, ſo wäre er der Verheiratheten einer geweſen.— Es iſt dieß aber ſchon lange her. Auch kam er nur ein Mal in Verſuchung.“ „Starb denn die Dame?“ „Nein,— aber ſie ſtarb für ihn. Die Geſchichte hat auf ſein ganzes ſpäteres Leben Einfluß gehabt. Wür⸗ den Sie wohl glauben, daß er jetzt noch einen ganz 204 romantiſchen Kopf und ein ganz romantiſches Herz be⸗ ich; ſitzt?: das „ Sch glaube, verehrteſter Herr Vormund, daß ich ſo nützt Etwas vermuthet hätte. Indeſſen kann ich das jetzt gar den leicht ſagen, da ich es von Ihnen weiß.“ und „Er iſt ſeit jener Zeit nie geweſen, was er hätte gege ſein können,“ ſprach Mr. Jardyce,„und nun ſehen Sie 17 ihn in ſeinem Alter mit keiner andern Umgebung, als Büch ſeinem Bedienten und ſeinem kleinen gelben Freunde.— gem Es iſt an Ihnen, zu werfen, meine Liebe!“ und Aus der Art und Weiſe, wie mein Vormund dieſes Geſe ſagte, fühlte ich, daß ich in den Gegenſtand nicht weiter Gux eindringen könne, ohne ein Umſchlagen des Windes zu wur bewirken. Ich unterließ es daher, weitere Fragen an. ihn zu richten. Die Sache intereſſirte mich, ohne daß Lond ich gerade neugierig geweſen wäre. ſein Ich dachte, während der Nacht, eine kleine Weile war über dieſe alte Liebesgeſchichte nach, als ich durch Mr. ihn Boythorn's geſundes Schnarchen aufgeweckt wurde, und bind ich verſuchte zu thun, was ſo äußerſt ſchwierig iſt, das heißt, mir alte Lente wieder als jung, und als mit der putzt Grazie der Iugend ausgeſtattet zu denken. liche Allein ehe es mir noch gelungen war, ſchlief ich glän wieder ein, und bald träumte es mir von der Zeit, wo tuch ich in dem Hauſe meiner Taufpathin gelebt. Ich bin eine mit ſolchen Gegenſtänden nicht genng vertraut, um zu loche wiſſen, ob es üͤberhaupt bemerkenswerth iſt, daß es mir Fin faſt immer von jener Periode meines Lebens träumte. ſeins Mit dem Morgen kam ein Brief von den Herren Sal Kenge und Carboy an Mr. Boythorn, worin Letzterer benachrichtigt wurde, daß einer ihrer Gehülfen, noch im gan Laufe des Nachmittags, ihm ſeine Aufwartung machen ſetze würde. 3 Da es gerade der Wochentag war, an dem ich die Beit Rechnungen bezahlte, meine Bücher abſchloß, und alle frag Haushaltungsſachen, ſo viel wie möglich, ordnete, blieb Hoff erz be⸗ ich ſo tzt gar hätte n Sie „ als de.— dieſes weiter es zu en an 2 daß 20⁵ ich zu Hauſe, während Mr. Jarndyce, Ada, und Richard das ſehr ſchöne Wetter zu einem kleinen Ausfluge be⸗ nützten. Was Mr. Boythorn betrifft, ſo ſollte er auf den Gehülfen der Herrn Kenge und Carboy warten, und ihnen dann, auf ihrem Rückwege, zu Fuß ent⸗ gegengehen. Wohlan! ich hatte vollauf zu thun, indem ich die Bücher der Gewerbsleute unterſuchte, die Lieferungen gemacht,— indem ich Columnen addirte, Geld auszahlte, und Quittungen zuſammenreihte. Auch mochte meine Geſchäftigkeit eine etwas geräuſchvolle ſein, als Mr. Guppy angemeldet und in das Zimmer hereingeführt wurde. Es ſchwebte mir vor, daß der Gehülfe, der von London hergeſendet werden ſollte, wohl der junge Herr ſein könnte, der auf dem Eilwagenbureau auf mich ge⸗ Weile Mr. und das t der f ich „wo bin n zu mir te. erren terer h im achen ) die alle blieb wartet hatte; und es freute mich, ihn zu ſehen, weil ich ihn in Gedanken mit meinem jetzigen Glücke in Ver⸗ bindung brachte. Kaum erkannte ich ihn wieder— ſo prächtig ge⸗ putzt erſchien er mir. Er hatte funkelnagelneue, im wirk⸗ lichen Sinne des Wortes glänzende Kleider an, einen glänzenden Hut, lilafarbene Glacéhandſchuhe, ein Hals⸗ tuch von einer Varietät von Farben, eine große aus einem Treibhauſe kommende Blume in ſeinem Knopf⸗ loche, ſo wie einen dicken goldenen Ring an ſeinem Finger. Auch parfümirte er das Speiſezimmer ganz mit ſeinem Bärenfette und andern wohlriechenden Oelen und Salben. Er blickte mich mit einer Aufmerkſamkeit, die mich ganz verwirrt machte, an, als ich ihn bat, daß er ſich ſetzen möchte, bis der Diener zurückkäme. Und während er, in einer Ecke, ſo da ſaß, bald die Beine kreuzend, bald dieſelben entkreuzend, und ich ihn fragte, ob er eine angenehme Fahrt gehabt, und die Hoffnung ausdrückte, daß Mr. Kenge wohl wäre, blickte 206 ich ihn nie an, fand aber, daß er mich in derſelben prüfenden und neugierigen Weiſe anſchaute. Als der Bediente mit der Bitte zurückkam, daß es ihm gefällig ſein möchte, in Mr. Boythorn's Zimmer hinaufzukommen, vergaß ich nicht, zu erwähnen, daß er beim Herunterkommen ein Luncheon ſervirt finden würde, von dem Mr. Jarndyce hoffte, daß er es nicht ver⸗ ſchmähen würde. Er ſagte, während er den Griff der Thüre erfaßte, etwas verlegen: „Werde ich die Ehre haben, Sie hier zu finden, Miß?“ Ich antwortete mit Ja. Sofort entfernte er ſich mit einer Verbengung und einem andern Blicke. Ich hielt ihn bloß für unbeholfen und ſchüchtern, denn er war offenbar nicht wenig verlegen, und ich glaubte, daß ich wohl am Beſten thäte, wenn ich war⸗ tete, bis ich ſähe, daß es ihm an Nichts mangelte, und wenn ich ihn dann ſich ſelbſt überließe. Das Luncheon wurde bald ſervirt; allein es blieb ziemlich lange auf dem Tiſche ſtehen, ehe ſich Mr. Guppy wieder zeigte. Die Unterredung mit Mr. Boythorn dauerte lange; auch wollte es mich bedünken, daß die⸗ ſelbe eine ziemlich ſtürmiſche ſei, denn, obgleich ſein Zim⸗ mer ziemlich weit entfernt war, ſo hörte ich doch ſeine laute Stimme, von Zeit zu Zeit, nach Art eines gewal⸗ tigen Windes ſich erheben, und offenbar wahre Breit⸗ ſeiten*) von Anklagen wehen. Endlich kam Mr. Guppy zurück, und es ſah der⸗ ſelbe nach der Conferenz wo möglich noch verlegener aus. „Meiner ſechs, Miß!“ ſagte er mit leiſer Stimme. „Er iſt ein Tartar!“ *) i. o. volle oder ganze Lagen. ſelben aß es mmer aß er bürde, ver⸗ faßte, nden, g und ztern, d ich war⸗ und blieb uppy thorn die⸗ Zim⸗ ſeine wal⸗ Breit⸗ der⸗ gener mme. 207 „Nehmen Sie doch einige Erfriſchungen zu ſich!“ ſprach ich. Mr. Guppy ſetzte ſich an den Tiſch und fing an, in nervöſer Weiſe das Tranſchirmeſſer an der Tranſchir⸗ gabel zu wetzen. Dabei blickte er mich(— wie ich für gewiß wußte, ohne daß ich ihn erſt anſah—) immer noch in derſelben ungewöhnlichen Weiſe an. Es dauerte das Wetzen ſo lange, daß ich endlich eine Art von Verpflichtung in mir verſpürte, die Augen aufzuſchlagen, damit ich den Zauber löſen möchte, unter deſſen Einfluſſe er ſich zu befinden ſchien,— indem er mit dem Wetzen nicht fertig werden konnte. Alsbald ſah er auf die Schüſſel hin, worin ſich das Gericht befand, und fing an zu tranſchiren. „Was iſt Ihnen gefällig, Miß? Wollen Sie nicht auch Etwas zu ſich nehmen?“ „Nein, ich danke Ihnen,“ ſagte ich. „Darf ich Ihnen alſo mit gar nichts aufwarten, Miß?“ fragte Mr. Guppy abermals, ein Glas Wein hinabſtürzend.. „Mit Nichts, ich danke Ihnen,“ antwortete ich. „Ich habe bloß ſo lange gewartet, um zu ſehen, ob es Ihnen an Nichts mangelt. Iſt Ihnen noch irgend Et⸗ was gefällig?“ „Nein, ich bin Ihnen gewiß ſehr verbunden, Miß. Ich habe Alles, was ich verlangen kann, um es mir be⸗ haglich zu machen,— wenigſtens— nicht gerade be⸗ haglich— ſo glücklich bin ich nie.“ Hier ſchüttete er zwei weitere Vläſer Wein hinunter. Ich glaubte, daß es das Beſte wäre, wenn ich ginge. „Ich bitte Sie um Verzeihung, Miß,“ ſprach Mr. Guppy aufſtehend, als er mich aufſtehen ſah.„Wollten Sie aber ſo gefällig ſein und mir einige Minuten ſchen⸗ ken, da ich Einiges mit Ihnen zu ſprechen hätte?“ 208 Da ich nicht wußte, was ich ſagen ſollte, ſo ſetzte ich mich wieder. „Was folgt, iſt ohne Präjudiz, Miß,“ ſprach Mr. Guppy, ängſtlich einen Stuhl zu meinem Tiſche her⸗ bringend. „Ich verſtehe nicht, was Sie damit ſagen wollen,“ ſagte ich erſtaunt. „Es iſt ſo einer unſerer Rechtsausdrücke, Miß. Sie werden keinen Gebrauch zu meinem Schaden davon ma⸗ chen, weder bei Kenge und Carboy, noch ſonſt wo. Sollte unſere Unterredung zu Nichts führen, ſo werde ich wie⸗ der ſein, was ich war, und werde in meiner Stellung oder in meinen Ausſichten nicht beeinträchtigt. Mit einem Worte, was ich Ihnen ſage, ſage ich Ihnen ganz im Vertrauen.“ „Ich vermag mir nicht zu denken, mein Herr,“ ſagte ich,„was Sie mir ſo ganz im Vertrauen mitzu⸗ theilen haben,— mir, die Sie nur ein einziges Mal geſehen. Indeſſen würde es mir ſehr leid thun, wenn Sie durch mich irgend welchen Schaden erlitten.“ IDiue⸗ Ihnen Miß. Das genügt— ich bin deſſen gewi.74. 5 Während dieſer ganzen Zeit hobelte entweder Mr. Guppy ſeine Stirn mit dem Taſchentuche, oder rieb er angelegentlichſt ſeine flache linke Hand mit ſeiner flachen rechten Hand. Dann fuhr er alſo fort: „Wenn Sie mich entſchuldigen wollten, daß ich noch ein Glas Wein trinke, Miß, ſo glanbe ich, daß ich beſſer fortkäme und daß jenes beſtändige Würgen mich ver⸗ laſſen würde, das uns Beiden nur höchſt unangenehm ſein ann.“ Er that, wie er geſagt, und kam wieder zu mir her. Ich benützte die Gelegenheit, um mich hinter mei⸗ nem Tiſche wohl zu verſchanzen. „Wollten Sie mir nicht erlauben, Miß, daß ich Jhr anſ Gu her Mij zun es lang wor iſt 1 die, darf einer una gen, Nie iſt d bei Men word oft d oder Sie ſelbe nur wird Stal Ble etzte Mr. her⸗ en,““ Sie ma⸗ ollte vie⸗ ung nem im rr,“ tzu⸗ Mal enn ſſen Drr. er chen ioch ſſer ver⸗ ſein her. nei⸗ ich 209 Ihnen auch ein Gläschen anbiete?“ ſagte Mr. Guppy, anſcheinend erfriſcht. „Ich danke Ihnen recht ſchön—“ antwortete ich. „Auch nicht ein halbes Gläschen?“ ſagte Mr. Guppy.„Auch nicht ein Viertel⸗Gläschen? Nein! Alſo heraus mit der Farbe! „Mein dermaliges Salair bei Kenge und Carboy, Miß Summerſon, iſt zwei Pfund per Woche. Als ich zum erſten Male das Glück hatte, Sie zu ſehen, war es bloß ein Pfund und fünfzehn Shillinge, und es iſt lange genug bei dieſer Zahl ſtehen geblieben. „Seitdem iſt mir um fünf Shillinge aufgeſchlagen worden, und ein weiterer Aufſchlag von fünf Shillingen iſt mir garantirt nach Verfluß von einer gewiſſen Zeit, die⸗ von heute an gerechnet, ein Jahr nicht überſchreiten darf. „Meine Mutter hat einiges Vermögen, in der Form einer kleinen Leibrente, wovon ſie, in Old Street Road, unabhängig, wenn auch ziemlich beſcheiden und eingezo⸗ gen, lebt. Sie paßt ungemein zu einer Schwiegermutter. Nie miſcht ſie ſich in die Angelegenheiten Anderer; ſie iſt durchaus friedlich geſinnt, und iſt ſo ziemlich immer bei guter Laune. „Zwar hat ſie auch ihre Fehler— denn wo iſt ein Menſch ohne Fehler?— Allein es iſt mir nie bekannt ge⸗ worden, daß ſie es that, wenn Geſellſchaft da war; ſo oft das der Fall iſt, dürfen Sie Ihr Wein, Spirituoſen, oder aus Malz bereitete Getränke anvertrauen, ſo viele Sie wollen. „Was meine eigene Wohnung betrifft, ſo iſt die⸗ ſelbe in Penton Place, Pentonville. Es iſt dieſelbe zwar nur ſehr beſcheiden, aber luftig— hinten offen— und wird als einer der geſündeſten Ausgänge unſerer großen Stadt angeſehen. „Miß Summerſon! Soll ich mich auf's Gelindeſte Bleak Houſe. I. 14 210 ausdrücken, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß ich Sie an⸗ bete! Wollten Sie ſo gütig ſein und mir erlauben, daß ich— wenn ich mich des Ausdruckes bedienen darf— eine Deklaration vorlege,— daß ich Ihnen ein Heiraths⸗ anerbieten mache!“ Hier ſank Mr. Guppy auf die Knie nieder. Wie ſchon geſagt, war ich hinter meinem Tiſche wohl verſchanzt und fürchtete mich deßhalb nicht ſehr. Ich ſagte: „Verlaſſen Sie augenblicklich dieſe lächerliche Stel⸗ lung, mein Herr, ſonſt zwingen Sie mich, mein ſtill⸗ ſchweigendes Verſprechen zu brechen und zu klingeln!“ „Hören Sie mich an, bis ich zu Ende bin!“ ſagte Mr. Guppy, die Hände faltend. „Ich darf auch nicht ein weiteres Wort hören, mein Herr,“ entgegnete ich,„es ſei denn, daß Sie alsbald vom Teppiche aufſtehen und ſich an den Tiſch ſetzen, wie es Ihnen geziemt, wenn Sie bei geſundem Verſtande ſind.“ Er ſchaute gar jämmerlich drein, ſtand aber denn doch langſam auf und that, wie ich ihm geſagt. „Und doch welcher Hohn iſt es, Miß,“ ſagte er, die Hand auf dem Herzen, und in melancholiſcher Weiſe, über die Gerichte hin, den Kopf nach mir zu ſchüttelud,„in einem ſolchen Augenblicke hinter Speiſe und Trank ſitzen zu müſſen. Die Seele wendet ſich in einem ſolchen Au⸗ genblicke von leiblicher Nahrung ab, Miß.“ „Ich bitte Sie— machen Sie, daß Sie fertig werden!“ ſprach ich.„Sie haben mich gebeten, daß ich Sie ausreden laſſen möchte, und nun bitte ich Sie, zum Schluſſe zu kommen.“ „Ich will es, ich will es, Miß,“ ſprach Mr. Guppy. „Wie ich liebe und verehre, ſo weiß ich anch zu gehor⸗ chen. Wollte Gott, daß ich Dich vor dem Altare zum Gegenſtand dieſes Gelübdes machen könnte!“ „Das iſt ſchlechterdings unmöglich und außer aller Frage,“ erwiederte ich. nein vom es 1d.“ deun die ber „in tzen Au⸗ rtig ich zum py. hor⸗ zum uller 211 „Ich weiß zwar wohl,“ fuhr Mr. Guppy fort, ſich über die Gerichte hinlehnend, und, wie ich ſonderbarer Weiſe wieder fühlte, mich mit ſeinem frühern ſcharfen Blicke anſchauend(— wie geſagt, ich fühlte, daß er mich anſchaute, obgleich meine Augen nicht auf ihn geheftet waren—),„ich weiß zwar wohl, daß mein Antrag, allem Anſchein zufolge, in materieller Beziehung kein ſehr glänzender iſt. Aber, Miß Summerſon! Engel, Engel! — Ach, klingeln Sie doch nicht, ich bitte Sie darum! — Aber ich bin in einer guten Schule aufgewachſen, und bin an eine ſehr mannigfaltige Praxis gewöhnt. „Obgleich ich noch ein junger Mann bin, ſo habe ich doch Beweiſe genug beizubringen gewußt; ich habe Proceſſe vorbereitet und kenne das praktiſche Leben. Wäre ich nun mit Ihrer Hand geſegnet, welche Mittel könnte ich dann nicht finden, Ihr Intereſſe zu fördern, und Sie zu einer reichen Fran zu machen! Was könnte ich nicht erfahren, das Sie nahe angeht? Ich weiß zwar jetzt Nichts; aber was könnte ich nicht wiſſen, wenn ich Ihr Vertrauen beſäße und Sie mich anſpornten?“ Ich ſagte ihm, daß er ſich an mein Intereſſe, oder an das, was er für mein Intereſſe hielte, mit eben ſo wenig Erfolg wendete, als vorher an meine Liebe, und ſetzte hinzu, er möchte es nur merken, daß ich ihn bäte, alsbald wegzugehen. „Grauſame Miß,“ ſprach Mr. Guppy,„hören Sie nun noch ein Wort! Sie müſſen wohl an dem Tage, wo ich am Whytorſeller wartete, geſehen haben, daß ich von Ihren Reizen ganz bezaubert war. Ich glaube, Sie müſſen bemerkt haben, daß ich mich nicht enthalten konnte, dieſen Reizen einen Tribut darzubringen, als ich den Tritt der Miethkutſche hinaufſchlug.. „Es war zwar nur ein kleiner Tribut, den ich Dir darbrachte; aber es war derſelbe gut gemeint. Seit jener Stunde hat ſich Dein Bild in mein Herz einge⸗ graben. 212 „Oft bin ich Abends vor Jellyby's Hauſe auf⸗ und abgegangen, nur um die Ziegelſteine anſchauen zu kön⸗ nen, die Dich einſt beherbergten. „Daß ich heute hierher gekommen, geſchah nur Dir zu lieb. Wegen des Geſchäfts, das mich oſtenſibel hie⸗ her führte, hätte ich ganz rnhig zu Hauſe bleiben kön⸗ nen; meiune Anweſenheit an dieſem Orte wäre dadurch in keiner Weiſe erfordert worden. Wenn ich von einem Intereſſe ſpreche, ſo geſchieht dieß nur, um mich und meine reſpectvolle Armſeligkeit zu empfehlen. Die Liebe ging demſelben vor, und geht ihm noch vor.“ „Es würde mir leid thun, Mr. Guppy,“ ſagte ich, mich erhebend und die Hand auf die Klingelſchnur le⸗ gend,„gegen Sie, oder gegen irgend eine aufrichtige Perſon mich der Ungerechtigkeit ſchuldig zu machen, daß ich ein ehrbares und ehrliches Gefühl, wie unangenehm daſſelbe immer ausgedrückt ſein mag, verächtlich von der Hand weiſen ſollte. Haben Sie wirklich im Sinne ge⸗ habt, mir einen, wenn auch unpaſſeuden und unzeitigen, Beweis Ihrer guten Meinung zu geben, ſo fühle ich, daß ich Ihnen dafür danken muß. „Ich habe ſehr wenig Urſache, ſtolz zu ſein, und bin auch nicht ſtolz. Hoffentlich,“— ſetzte ich, wie ich glaube, hinzu, ohne recht zu wiſſen, was ich ſagte,,wer⸗ den Sie jetzt weggehen, wie wenn Sie nie ſo außeror⸗ dentlich närriſch geweſen wären, und ſich dem Geſchäfte der Herren Kenge und Carboy widmen.“ „Noch eine halbe Minute, Miß!“ rief Mr. Guppy, mir Einhalt thuend, als ich im Begriffe war, zu klin⸗ geln.„Es iſt dieß doch ohne Präjudiz,— ohne Nach⸗ theil für mich geſchehen?“ „Ich werde nie davon ſprechen,“ ſagte ich,„es ſei denn, daß Sie mich durch Ihr künftiges Betragen zwin⸗ gen, es zu thun.“ „Nur noch eine Viertel⸗Minute, Miß! Im Falle Sie einmal,— ſpäter, mag es auch noch ſo ſpät ſein, denn meine Gefühle können ſich nie ändern,— über ir⸗ gend Etwas reiflicher nachdenken ſollten, was ich geſagt habe, und insbeſondere über Etwas, was ich thun möchte, ſo laſſen Sie es Mr. William Guppy, Numero ſieben und achtzig, Penton⸗Place,— oder, ſollte er ausgezogen ſein, oder geſtorben(aus Gram, oder weil ſeine Hoff⸗ nungen nicht in Erfüllung gegangen, und ſofort), oder Mrs. Guppy, Numero dreihundert und zwei, Old Street Road, wiſſen: es wird das hinreichen.“ Ich klingelte, der Diener trat herein, und Mr. Guppy entfernte ſich, indem er ſeine geſchriebene Karte auf den Tiſch legte und eine Verbeugung machte, die von tiefer Niedergeſchlagenheit zeugte. Während er zur Thüre hinausging, ſchlug ich die Augen auf, und ich ſah ihn abermals nach mir herblicken, nachdem er die Thürſchwelle bereits überſchritten hatte. Ich ſaß noch eine Stunde oder darüber an meinem Tiſche, um meine Bücher vollſtändig in Ordnung zu bringen, und die noch übrigen Zahlungen zu bewerkſtel⸗ ligen, und hatte ſo genug zu thun. Dann brachte ich mein Pult in Ordnung, und ſtellte Alles weg, und war ſo gefaßt und fröhlich, daß ich ſchon zinehe ich habe dieſen unerwarteten Vorfall ganz ver⸗ geſſen. Als ich aber in mein Zimmer hinaufging, überraſchte ich mich ſelbſt dabei, daß ich darüber zu lachen anfing, und dann überraſchte ich mich noch weit mehr dabei, als ich darüber zu weinen anfing. Mit einem Worte, ich war eine Weile ganz verwirrt, und es war mir, als ob eine alte Saite unſanfter berührt worden wäre, als je ſeit den Tagen der lieben alten, ſchon längſt in dem Garten begrabenen Puppe. 214 Zehntes Kapitel. Der Advoeatenſchrei. An der Oſtgrenze von Chancery Lane, das heißt, pünktlicher ausgedrückt, in Cook's Court, Curſitor Street, liegt Mr. Snagsby, Schreibmaterialienhändler für Ju⸗ riſten, ſeinem rechtmäßigen Berufe ob. Im Schatten von Cook's Court,— der meiſtens ein ſchattiger Ort iſt,— hat Mr. Snagsby mit allen Sorten blanker For⸗ mulare, die man bei Proceſſen immer brauchen kann, Han⸗ del getrieben. Ferner hat er Handel getrieben mit Pergamenthäuten und Pergamentrollen;— mit Papier, mit Foolſcap, mit Papier zu Vorladungsſchreiben, zu Patenten, zu Actenſtücken und Protocollauszügen;— mit Conzept⸗Papier, mit weißem, weißbraunem, und mit Fließ⸗Papier;— mit Stempelpapier;— mit Canzlei⸗ federſpulen,— mit Federn, Dinte, Gummi⸗Elaſtikum, Sandarakpulver, Stecknadeln, Bleiſtiften, Siegellack und Oblaten;— mit rothen Zwirnbändern und grünen Bändern;— mit Taſchenbüchern, Almanachen, Tage⸗ büchern, Liſten für Advocaten;— mit Schachteln voller Schnüre, Linealen, Dintenzeugen, ſowohl aus Glas, als aus Blei;— mit Federmeſſern, Scheeren, Ahlen und andern kleinen Meſſerſchmiedwaaren zum Gebrauche für Juriſten;— kurz, mit Gegenſtänden, die zu zahlreich ſind, als daß ſie hier alle aufgeführt werden könnten. Und dieſen Handel hat er getrieben, ſeitdem ſeine Lehr⸗ lingszeit vorüber iſt, und ſeit dem Tage, wo er ſich mit Peffer aſſociirte. Bei dem letztgenannten Anlaſſe wurde Cook's Court halb und halb revolutionirt durch die mit friſcher Farbe 2 215 angebrachte neue Auſſchrift: Peffer& Snagsby, — welche Aufſchriſt die vom Zahn der Zeit etwas be⸗ nagte und nicht leicht zu entziffernde einfache Legende: Peffer erſetzte. Denn es hatte der Rauch,— dieſer Epheu Londons,— ſich dermaßen um Peffer's Namen geſchlungen, und ſich an ſeinen Wohnort ſo feſt ange⸗ ſetzt, daß die liebevolle Schmarotzerpflanze den Urſtamm ganz überwältigte. Peffer ſieht man jetzt nie mehr in Cook's Court. Man erwartet ihn dort nicht mehr; denn er liegt nun ſchon ſeit einem Vierteljahrhunderte in dem Kirchhofe von St. Andrew, Holborn, und es raſſeln die Wagen und Miethkutſchen den lieben langen Tag und die halbe Nacht, gleich einem großen Drachen, au ihm vorüber. Wagt er ſich je einmal hervor, wenn der Drache ſchläft, um in Cooks Court wieder friſche Luft zu ſchö⸗ pfen, bis er durch das Krähen des ſanguiniſchen Hahnes im Keller der kleinen Milchwirthſchaft in Curſitor Street erinnert wird, daß es nun Zeit ſei, wieder zu gehen (— es wäre, beiläuſig geſagt, ſehr intereſſant, ſich von den Begriffen dieſes Hahnes in Betreff des Tageslichtes zu vergewiſſern, da er aus perſönlicher Erfahrung ſo viel wie Nichts darüber wiſſen kann—), fällt es Peffer je einmal ein, den blaſſen Schein von Cook's Court wieder zu beſuchen, was kein wirklicher Schreibmateria⸗ lienhändler für Inriſten poſitiv in Abrede ſtellen kann, ſo kommt er unſichtbar, und es iſt daher, in dieſer Be⸗ ziehung, Jedermann ebenſo geſcheidt nachher, als vorher. Zu ſeinen Lebzeiten, und ebenſo auch während der ſieben langen Lehrlingsjahre Snagby’s wohnte da, bei Peffer, in demſelben Hauſe, wo der Schreibmaterialien⸗ handel betrieben wurde, eine Nichte,— ein kurzes, ge⸗ ſcheidtes Ding, am die Taille her etwas zu ſtark zuſam⸗ mengepreßt, während ihre Naſe ſo ſcharf war, wie ein ſcharfer Herbſtabend, und nach dem Ende zu eine Nei⸗ — gung hatte, eiskalt zu ſein. 8 8 216 Bei den Bewohnern von Cook's Court hieß es,— wenn gleich das Gerücht nur ein ſehr vages war,— die Mutter dieſer Nichte habe, während der Kindheit ihrer Tochter, dieſe jeden Morgen mit ihrem mütterlichen Fuße an die Bettpfoſte befeſtigt und angeſchnürt, damit die Sache gründlicher gethan würde, da ſie von einem allzu ängſtlichen Wuuſche beſeelt geweſen ſei, die Figur ihrer Tochter der Vollkommenheit nahe kommen zu ſehen; auch ſoll dieſelbe innerlich ganze Pinten Eſſig und Ci⸗ tronenſaft gehabt haben, welche Säuren dann nach der Naſe der Patientin aufgeſtiegen ſeien, und deren Tempe⸗ rament influenzirt hätten. Von welcher der vielen Zungen des Gerüchtes dieſe ſchlecht begründete Sage auch ausging, immerhin iſt ſo viel gewiß, daß ſie nie bis zu den Ohren des jungen Snagsby drang, oder dieſelben wenigſtens nicht influen⸗ zirte. Und ſo kam es denn, daß Snagsby, nachdem er mannbar geworden, um den ſchönen Gegenſtand gefreit, und denſelben gewonnen hatte, mit einem Male zwei Aſſociationen einging. Und ſo ſind denn in Cook's Court, Curſitor Street, Mr. Snagsby und die Nichte ein Fleiſch; auch läßt die Nichte immer noch ihrer Ge⸗ ſtalt eine liebevolle Pflege angedeihen,— ihrer Geſtalt, die, wie ſehr auch die Geſchmäcke verſchieden ſein mögen, ohne alle Frage inſofern bemerkenswerth iſt, als ſie ein wahres Diminutivum von einem Frauenzimmer darſtellt. Mr. und Mrs. Snagsby ſind nicht nur ein Fleiſch und ein Bein, ſondern anch, der Meinung der Nachbar⸗ ſchaft zufolge, eine Stimme und eine Seele. Dieſe Stimme, die von Mrs. Snagsby allein aus⸗ zugehen ſcheint, hört man in Cook's Court gar oft. Was Mr. Snagsby betrifft, ſo läßt er ſich ſelten anders hören, als vermittelſt dieſer ſüßen, wohlklingenden Töne: in dieſen findet er einen Ausdruck für ſeine Gefühle. Er ſelbſt iſt ein ſanfter, kahlköpfiger, ſchüchterner Mann, mit einem glänzenden Kopfe und einem ziemlich elend aus⸗ meit hat Cou ſollt Anb ren, wer und ein ſtück thun Arm vern Die zu⸗ 217 ſehenden Büſchel ſchwarzer Haare, der an ſeinem Hinter⸗ kopfe zu Tage kommt. Er neigt ſich zur Sanftmuth und zur Fettleibigkeit hin. Sei es, daß er an ſeiner Thüre in Cool's Court, in ſeinem grauen Ladenrocke und in ſeinen ſchwarzen, baumwollenen Ueberärmeln, ſteht und zu den Wolken aufſchaut; ſei es, daß er in ſeinem dun⸗ keln Laden hinter einem Pulte ſteht, mit einem ſchweren, flachen Lineale in der Hand, und, im Vereine mit ſeinen zwei Lehrlingen, Schafleder mit der Scheere zuſchneidend und daraus Streifen bildend,— immer iſt er ein die Zurückgezogenheit liebender, auſpruchsloſer Mann. In ſolchen Augenblicken dringen in der bereits er⸗ wähnten Stimme häufig Klagen und Lamentationen von unten herauf, und man könnte glauben, es rühre ſich ein mit einer ſchrillen Stimme begabter Geiſt in ſeinem Grabe; auch ſagt vielleicht bei ſolchen Gelegenheiten, wenn die heraufkommenden Töne außerordentlich ſchrill werden, Mr. Snagsby zu den Lehrlingen:„Ich glaube, mein Weibchen liest Guſter wieder den Leviten!“ Dieſer von Mr. Snagsby ſo gebrauchte Eigenname hat ſchon längſt den Witz der Bewohner von Cook's Court in ſo weit geſchärft, daß dieſe bemerkt haben, es ſollte eigentlich der Name von Mrs. Snagsby ſein, in Anbetracht, daß ſie, ihrem ſtürmiſchen Charakter zu Eh⸗ ren, ſehr paſſend und bezeichnend eine Guſter*) genannt werden könnte. Es iſt derſelbe indeſſen das Eigenthum, und zwar, wenn man fünfzig Shillinge per Jahr und ein ſehr kleines, mit allerlei ziemlich ſchlechten Kleidungs⸗ ſtücken gefülltes Käſtchen abrechnet, das einzige Eigen⸗ thum eines mageren jungen Frauenzimmers aus dem Armenhauſe(— eines Frauenzimmers, von der Einige vermuthen, daß ſie Auguſte getauft worden ſei—). Dieſes Frauenzimmer hat, obgleich ein liebenswürdiger, zu Tooting wohnender Wohlthäter ſeines Geſchlechts ſie *) Guſter= etwa: Stürmerin. 218 für die Zeit ihres Wachsthums verdingt hat, und obgleich es nicht fehlen kann, daß ſie ſich unter den günſtigſten Umſtänden entwickelt hat,„Zufälle, wofür das Kirchſpiel nicht verantwortlich gemacht werden kann. Guſter, die in Wirklichkeit zwar nur drei bis vier und zwanzig Jahre alt iſt, aber um gute zehn Jahre äl⸗ ter ausſieht, hat in Aubetracht dieſes ihres kleinen Feh⸗ lers keinen ſehr hohen Preis; auch fürchtet ſie ſo ſehr, ihrem Schutzheiligen wieder zugeſtellt zu werden, daß ſie immer und ewig arbeitet, es ſei denn, daß ſie mit dem Kopfe im Waſſereimer, oder im Gußſteine, oder im Keſſel, oder im Eſſen, oder in ſonſt Etwas gefunden wird, das ſich gerade in ihrer Nähe befindet, wenn ſie ihren Zufall bekommt. Sie gereicht der Schutzgeſellſchaft für Lehrmädchen und Lehrjungen in ſo weit zur Befrie⸗ digung, als dieſelbe fühlt, daß wenig Gefahr vorhanden ſei, daß ſie je in der Bruſt eines Jünglings zärtliche Regungen wecken werde;— ſie gereicht auch Mrs. Suagsby zur Befriedigung, da dieſe ſie immer tadeln, und immer an ihr Etwas ausſetzen kann;— und ebenſo gereicht ſie auch Mr. Snagsby zur Befriedigung, da dieſer glaubt, er thue ein gutes Werk, wenn er ſie in ſeinem Hauſe behalte. In Guſter's Augen iſt das Haus des Schreibma⸗ terialienhändlers Snagsby ein Tempel des Reichthums und des Glanzes. Der kleine Salon über der Treppe, der, wie man ſich ausdrücken könnte, nie aus den Haar⸗ wickeln und dem Vorſtecklatze herauskommt, erſcheint ihr als das eleganteſte Appartement der ganzen Chriſtenheit. Die Ausſicht, die man von da einerſeits auf Cook's Court(— eines Schielens in Curſitor Street hinein nicht zu erwähnen—), und andererſeits auf den Hinterhof von Coavins, dem Gerichtsdiener des Sheriffs, hat, däucht ihr eine unvergleichlich ſchöne Ausſicht. Die Por⸗ traits, die darin hangen— es ſind Oelgemälde, und zwar iſt das Oel dabei nicht geſpart worden,—(aus einem Snag Mr. C Tizial len C 9 Geſch hälfte unter ſtimm dacht Snag antwo zuſche Fraue cery⸗L ja ſo⸗ der T lich, auf, Mrs. and 2 Court welche Suag inquif die S ben. wenn Quäl bemer nigen in W daß eine 219 einem der Rahmen heraus ſchaut Mr. Snagsby die Mrs. Snagsby an, und aus dem andern Mrs. Snagsby den Mr. Snagsby) ſind in ihren Augen Raphael'’ſche oder Tizian'ſche Wunderwerke. Guſter hat alſo für ihre vie⸗ len Entbehrungen doch auch wieder einigen Erſatz. Alles, was nicht zu den praktiſchen Myſterien des Geſchäftes gehört, überläßt Mr. Snagsby ſeiner Ehe⸗ hälfte, Mrs. Snagsby. Sie hat das Finanzdepartement unter ſich, macht den Steuereinnehmern Vorwürſe, be⸗ ſtimmt den Ort und die Zeit, wo die ſonntägliche An⸗ dacht verrichtet werden ſoll, regelt die Vergnügungen Mr. (Snagsby's, und hält ſich ſchlechterdings nicht für ver⸗ antwortlich in Betreff deſſen, was ſie für den Tiſch au⸗ zuſchaffen für gut findet. Dadurch iſt ſie nun für die Frauen in der Nachbarſchaft,— das heißt, weit Chan⸗ cery⸗Lane hinab,— und zwar auf beiden Seiten,— ja ſogar draußen in Holborn,— eein hoher Maßſtab dder Vergleichung geworden. Dieſe Frauen fordern näm⸗ lich, bei allen häuslichen Scharmützeln, ihre Männer auf, den Unterſchied zwiſchen ihrer(der Frauen) und Mrs. Snagsby'’s Stellung, und ihrem(der Männer) and Mr. Snagsby's Betragen zu betrachten. Die Fama, die fledermausartig immer um Cook’'s Court herumfliegt, und Jedermanuns Fenſter berührt, zu welchen ſie hinein⸗ und wieder herausſchwirrt, ſagt, Mrs. Sunagsby ſei eiferſüchtig und in ihrem Vexfahren etwas inquiſitoriſch; und Mr. Snagsby werde bisweilen durch die Quälereien ſeiner Ehehälfte aus dem Hauſe vertrie⸗ ben. Feruer will das Gerücht wiſſen, daß Mr. Snagsby, wenn er auch nur den Muth einer Maus hätte, dieſe Quälereien ſich nicht gefallen laſſen würde. Ja man bemerkt ſogar, daß die Frauen, die ihn ihren eigenſin⸗ nigen Männern als ein glänzendes Muſter hinſtellen, daß Niemand das mit größerem Hochmuthe thut, als ſeine gewiſſe Dame, deren Cheherr im Verdachte ſteht, in Wirklichkeit mit Verachtung auf ihn herabſehen, und 220 Krähe coln's § einen in Abt ten Fr Mader und T daß er ſich bisweilen erlaube, ſich gegen ſie ſeines Regen⸗ ſchirmes als eines Züchtigungsmittels zu bedienen. Aber dieſes vage Geflüſter mag daher rühren, daß Mr. Snagsby in ſeiner Weiſe ein ziemlich tieffinniger und poetiſcher Menſch iſt, der es liebt, während der Sommerzeit ſich in Staple Inn zu ergehen, und zu bee obachten, wie ländlich die Sperlinge und das Laub dort ausſehen,— und auch an einem Sonntagnachmittage in der Nähe von Roll's Yard umherzuſchlendern, und— wenn bei guter Laune— die Bemerkung zu machen, einſt alte Zeiten geweſen ſeien, und daß man jetzt u jener Capelle einen oder ein Paar ſteinerne Särge finden könne, wenn man darnach grabe: würde man es von ihm verlangen, ſo würde er, im Nothfalle, mit ſeinem Ehreuworte dafür einſtehen. ken Auch erfreut er ſeine Phantaſie damit, daß er an Tulkin die vielen Kanzler, und Vicekanzler, und Oberkanzlei⸗ Wolke 7 directoren denkt, die nun zu ihren Vätern verſammelt Hauſe ſind; und indem er ſeinen beiden Lehrlingen erzählt, wie Peen er habe ſagen hören, daß einſt ein kriſtallheller Bach verma gerade mitten durch Holborn hinabgefloſſen ſei, zu einer Zeit, wo Turnſtile wirklich ein Weghaſpel geweſen ſei, der geradewegs auf die Wieſen hinausgeführt habe:— indem er dieſes ſeinen beiden Lehrlingen erzählt, bekomm er einen ſolchen Vorſchmack von dem Lande, daß er nie das Bedürfniß verſpürt, auf's Land zu gehen. ſhener 2. 9. leicht „— rückent Decken Der Tag neigt ſich bereits, und ſchon brennt das großer Gas, aber noch nicht mit voller Wirkung, denn es iſt u die noch nicht ganz dunkel. Mr. Snagsby ſteht an ſeiner Ladenthüre, und die T ſchaut nach den Wolken empor; er ſieht, wie eine Krähe, in alt die ſich verſpätet, weſtwärts an dem bleiernen Stüch 3 Himmel hinfliegt, das zu Cook's Court gehört. Die 221 Krähe fliegt kerzengerade über Chancery Lane und Lin⸗ tegen⸗ coln's Inn Garden nach Lincoln's Inn Fields hin. d Hier wohnt in einem großen Hauſe, das früher „ daß einen Palaſt vorſtellte, Mr. Tulkingborn. Es wird jetzt miger ſin Abtheilungen vermiethet; und in dieſen eingeſchrumpf⸗ — te ſi Fragmenten ſeiner Größe liegen Advocaten, wie u, rt Maden in Rüſſen. Aber die geräumigen Treppen, Gänge it ori und Vorzimmer des Hauſes ſind immer noch vorhanden; 3 age ja ſelbſt die gemalten Zimmerdecken ſind noch vorhanden, — daß wo die Allegorie in römiſchem Helme und himmliſcher daß Leinwand, zwiſchen Baluſtraden, und Säulen, Blumen, unter Volken, und dickbeinigen Jungen, ſich ſpreizt, und Einem inden Kopfweh verurſacht, wie es bei der Allegorie immer, voll mehr oder minder, der Fall zu ſein ſcheinen möchte. einem Hier wohnt, unter ſeinen vielen Fächern und Schrän⸗ ken, die mit transcendenten Namen verſehen ſind, Mr. dela Tulkinghoru, wenn er nicht ſprachlos auf Landſitzen zu na elt Hauſe iſt, wo die Großen der Erde ſich zu Tode lang⸗ nmelt weilen. Hier ſitzt er heute ruhig an ſeinem Tiſche, eine Bach Auſter von der alten Schule, die Niemand zu öffnen 4 vermag. ſcheuen brauchend. Schwere, breitrückige, altväteriſche das es i und die Thüre ein, wo er ſitzt; neben ihm ſtehen zwei Lichter * in altmodiſchen ſilbernen Leuchtern, und es ſpenden die⸗ Die 222 ſelben ſeinem großen Zimmer nur ein höchſt ungenügen⸗ des Licht. Die Titel auf den Rücken ſeiner Bücher haben ſich in den Einband zurückgezogen; Alles, was ein Schloß haben kann, hat ein ſolches; von einem Schlüſſel iſt keine Spur zu entdecken. Es liegen nur ſehr wenige zerſtreute Papiere herum. Er hat ein Mannſcript neben ſich; allein er liest nicht in demſelben. Mit dem runden Stöpſel eines Tintenzeuges und zwei zerbrochenen Siegellackſtücken ar⸗ beitet er ſchweigend und langſam Etwas aus, und offen⸗ bar geht ihm Etwas im Kopfe herum. Bald iſt der Tintenſtöpſel in der Mitte, bald das rothe Stückchen Siegellack,— bald das ſchwarze Stückchen Siegellack. Allein er hat noch nicht gefunden, was er ſucht, und noch iſt er zu keinem Entſchluſſe gekommen. Mr. Tulk⸗ inghorn muß alſo das Spiel wieder von vorn anfangen Hier unter der gemalten Zimmerdecke, wo die in der Verkürzung gezeichnete Allegorie auf den Eindring⸗ ling herabſchaut, wie wenn ſie auf ihn herabfahren wollte, um ihn zu packen, und wo er ſich keinen Pfiffer⸗ ling darum kümmert, hat Mr. Tulkinghorn zugleich ſein Wohnung und ſein Bureau. Er unterhält keinen Sta nur ein Mann von mittlerem Alter, der gewöhnlich etwas zerriſſene Rockärmel hat, ſitzt in der Vorhalle in eine hohen Kirchenſtuhle, und iſt ſelten mit Arbeit überladen. Mr. Tulkinghorn iſt kein gewöhnlicher Advocat. E braucht keine Gehülfen. Er iſt ein großes Reſervoit von vertraulichen Mittheilungen, und läßt ſich nicht ſo an und abzapfen. Seine Clienten brauchen ihn; er iſ ihr Factotum. Muß eine Schrift aufgeſetzt werden, ſt wendet er ſich an Juriſten vom Temple, die ſich mit der Ausarbeitung von ſolchen Schriften eigens befaſſen, und dieſen Juriſten gibt er nur myſteriöſe Weiſungen; ſol Etwas mundirt werden, ſo wendet er ſich an den Schreibe — lügen⸗ en ſich Schloß ſel iſt venige liest eines en ar⸗ offen⸗ ſt der lickchen gellack. umd Tulk⸗ angen. die in dring⸗ fahren Ffiffer⸗ ſeine Stab etwaß einen wladen. 223 materialienhändler, wobei noch zu bemerken iſt, daß er wegen des Preiſes der Reinſchriften nicht feilſcht. Was den in dem Kirchenſtuhle ſitzenden Mann von mittlerem Alter betrifft, ſo weiß er von den Angelegen⸗ heiten der hohen Ariſtokratie kaum mehr, als der erſte beſte Gaſſenkehrer in Holborn. Das rothe Stück Siegellack,— das ſchwarze Stück Siegellack,— der Tintenſtöpſel,— der andere Tinten⸗ ſtöpfel,— die kleine Streubüchſe.— So! Du in die Mitte, du rechts, du links. Jetzt oder nie muß es bei ihm zu einem Entſchluſſe kommen: ſo viel iſt klar. Und wirklich ſteht auch Mr. Tulkinghorn auf; er ſetzt ſich ſeine Brille zurecht, ſetzt ſeinen Hut auf, ſteckt das Manuſcript in die Taſche, geht hinaus, und ſagt dem Manne von mittlerem Alter und mit zerriſſenen Elbogen: „In einem Angenblicke bin ich wieder da!“ Nur hoͤchſt ſelten ſagte er dieſem Manne weiter. Mr. Tulkinghorn geht, wie die Krähe kam,— zwar nicht ganz ſo gerade, aber doch beinahe,— nach Cook's Court, Curſitor Street. Sein Weg führt ihn zu Snagsby, Schreibmaterialienhändler für Juriſten, der auch alle Arten von Reinſchriften, ſo wie alle Arten von in das Rechtsfach einſchlagenden Schreibereien ausführt u. ſ. w. u. ſ. w. Es iſt etwa fünf oder ſechs Uhr Nachmittags, und ein balſamiſcher Wohlgeruch von warmem Thee hat ſich über Cool's Court verbreitet. Derſelbe Wohlgeruch herrſcht auch an Snagsby's Thüre. Man ſpeist dort gar frühe; das Mittageſſen wird um halb zwei Uhr verzehrt, während das Abendeſſen um halb zehn Uhr ſervirt wird. Mr. Suagsby war eben im Begriffe, in die unter⸗ irdiſchen Regionen hinabzuſteigen, und dort ſeinen Thee zu ſich zu nehmen, als es ihm einfiel, zur Thüre hinaus⸗ zuſehen, und er die Krähe erblickte, die ſich verſpätet hatte. 224 „Herr zu Hauſe?“ Guſter iſt im Laden, denn die Lehrlinge trinken in der Küche mit Mr. und Mrs. Snagsby ihren Thee; mithin machen die zwei Töchter der Kleidermacherin, die vor den beiden Spiegeln an den zwei Fenſtern des zwei⸗ ten Stockwerkes des gegenüberſtehenden Hauſes ihre Locken kämmen, die beiden Lehrlinge nicht verrückt, wie ſie ſich einbilden, ſondern erwecken bloß die unnütze Be⸗ wunderung Guſter's, deren Haar nicht wachſen will, und nie wachſen wollte, und auch, wie man zuverſichtlich glaubt, nie wachſen wird. „Herr zu Hauſe?“ ſagt Mr. Tulkinghorn Ja, der Herr iſt zu Hauſe, und Guſter wird ihn olen. 3 Guſter verſchwindet, froh, wie ſie iſt, aus dem La⸗ den wieder hinauszukommen, den ſie mit einer Miſchung von Furcht und Ehrerbietung anſieht,— als ein Ma⸗ gazin furchtbarer Werkzenge bei der großen Rechtsfolte⸗ rung, als einen Ort, der nicht betreten werden kann, wenn einmal das Gas ausgelöſcht iſt. Mr. Snagsby erſcheint: fettig, warm, nach Thee riechend, und kauend. Schlingt ein Stück Butterbrod hinunter. Sagt:„Ach du mein Gott, Sir! Mr. Tulkinghorn!“ „Ich muß ein Paar Worte mit Ihnen ſprechen, Snagsby.“ „Recht gern, recht gern, Sir! Aber, du lieber Himmel! warum haben Sie denn nicht Ihren jungen Menſchen hergeſchickt, um mich holen zu laſſen, Sir? Spazieren Sie doch gefälligſt in das Hintergewölbe, Sir!“ In einem Nu iſt Snagsby's Geſicht ein ſtrahlendes geworden. Das enge Zimmer, worin ein ſtarker Geruch von Pergamentfett herrſcht, iſt zugleich Waarenladen, Comp⸗ toir, und Bureau zur Beſorgung von Copialien. 8⁸½— B— JB——— ——— 1 225 Mr. Tulkinghorn ſitzt, auf einem niedern Stuhle, am Pulte, und dreht ſich, ſo daß er ſich Mr. Snagsby gerade gegenüber befindet. „Jarndyce und Jarndyce, Snagsby.“ „Ja, Sir.“ Mr Snagsby läßt hier das Gas hell flammen, und huſtet hinter ſeiner Hand, in beſcheidener Weiſe Profit vorausſehend. Als ein furchtſamer Mann, iſt Mr. Snagsby gewohnt, in gar mannigfaltiger Weiſe zu huſten, und ſo Worte zu erſparen. „Sie haben in jüngſter Zeit für mich einige be⸗ ſchworne Ausſagen copirt, welche den genannten Prozeß betrafen.“ „Ja, Sir, das iſt von unſerer Seite geſchehen.“ „Es war unter dieſen Copien eine,“ ſagte Mr. Tulkinghorn, nachläſſig in der unrechten Rocktaſche herum⸗ fühlend,— o du feſt verſchloſſene, nicht zu öffnende Au⸗ ſter von der alten Schule!—„deren Handſchrift etwas eigenthümlich iſt, und mir ſo ziemlich gefällt. Da ich gerade vorüberging, und dachte, daß ich das Schriftſtück bei mir hätte, ſo kam ich auf einen Augenblick herein, um Sie zu fragen,— aber ich habe es nicht bei mir. Es hat indeſſen Nichts zu bedeuten, Sie können es mir ja ein anderes Mal ſagen.— Ah! da iſt es!— Ich kam nur auf einen Augenblick herein, um zu fragen, wer dieſes copirt hat.“ „Wer dieſes copirt hat, Sir?“ ſagt Mr. Snagsby, das Schriftſtück nehmend, es flach auf das Pult legend, und ſämmtliche Blätter auf ein Mal mit einer Schreib⸗ materialienhändlern eigenen Drehung der linken Hand trennend.„Wir haben dieß außer dem Hauſe copiren laſſen, Sir. Gerade damals ließen wir ziemlich Viel außer dem Hauſe copiren. Uebrigens kann ich Ihnen in einem Augenblicke ſagen, wer es copirt hat, Sir; ich brauche nur mein Buch zu befragen.“ Bleak Houſe. I. 15 226 Mr. Snagsby langt ſein Buch aus dem Schranke hervor, in dem es ruht, ſchlingt das Stück Butterbrod, das in ſeiner Kehle ſtecken geblieben zu ſein ſcheint, noch ein Mal hinunter, ſieht die beſchworene Ausſage beiſeits an, und fährt mit ſeinem rechten Zeigefinger auf einer Seite des Buches herunter.„Jewby,— Packer,— Jarndyce.“ „Jarndyce! da haben wir es, Sir,“ ſagt Mr. Snagsby.„Ei, ei! Ich hätte mich deſſen noch erinnern ſollen. Dieß wurde einem Schreiber zu copiren gegeben, Sir, der ein Paar Schritte von hier, auf der entgegen⸗ geſetzten Seite der Lane, wohnt.“ Mr. Tulkinghorn hat den Eintrag bemerkt, hat denſelben ſogar vor dem Schreibmaterialienhändler ge⸗ funden, und hat denſelben geleſen, während der Zeige⸗ finger Snagsby'’s langſam herabkam. „Wie heißt er? Nemo?“ fragt Mr. Tulkinghorn. „Nemo heißt er, Sir. Hier iſt es. Folio zwei und vierzig. Hinausgegeben Mittwoch Abend, um 8Uhr, und abgeliefert Donnerſtag Morgen, um halb zehn Uhr.“ „Nemo!“ wiederholte Mr. Tulkinghorn.„Nemo iſt ein lateiniſches Wort, und bedeutet auf engliſch no one**).“ 7 „Es muß aber doch für irgend Jemand ein engli⸗ ſcher Name ſein,“ wirft Mr. Snagsby mit ſeinem un⸗ terthänigſten Huſten ein.„Es iſt der Name eines Man⸗ nes. Hier ſteht es, wie Sie ſehen, Sir! Folio zwei und vierzig. Hinausgegeben Mittwoch Abend, um acht Uhr, und abgeliefert Donnerſtag Morgen, um halb zehn Uhr.“ Der Schwanz von Mr. Snagsby's Auge wird hier den Kopf von Mrs. Snagsby gewahr, die zur Laden⸗ thüre hereinſieht, um zu ſehen, was es bedeuten ſoll, daß er von ſeinem Thee fortläuft. *) Niemand. 227 Mr. Snagsby richtet an Mrs. Snagsby ein die Stelle eines Commentars vertreten ſollendes Huſten,— ein Huſten, das ausdrücken ſoll:„Meine Liebe, ein Kunde!“ „Halb zehn Uhr, Sir,“ wiederholt Mr. Snagsby. „Unſere Advocatenſchreiber, die per Bogen bezahlt wer⸗ den, ſind ein ſeltſames Volk; und es iſt gar wohl mög⸗ lich, daß Nemo nicht ſein wirklicher Name iſt. Aber ſo viel iſt gewiß, daß er unter dem Namen Nemo bekannt iſt. Ich erinnere mich nun, Sir, daß er ſich ſo nennt, 8 in Avertiſſements, die er am Bureau des Oberhofgerichts, am Bureau der King's Bench, und an den Judges, Chambers, und an noch vielen andern Orten anklebt. Sie kennen die Art von Documenten, Sir,— worin es heißt: der und der ſucht Beſchäftigung?“ Mr. Tulkinghorn ſieht, durch das kleine Fenſter hin⸗ durch, nach dem Hinterhofe des Hauſes von Coavins, dem Gerichtsdiener des Sheriffs; dort ſieht er in Coavins' Fenſtern breunende Lichter. Im Hintergrunde iſt Coavins' Reſtaurationszimmer, und die Schatten mehrerer Herren, die ſich dermalen in Verlegenheit be⸗ finden, zeichnen ſich dunkel an den Jalouſien. Mr. Snagsby benützt die Gelegenheit, um den Kopf ein wenig umzuwenden, ſein Weibchen über die Schulter weg anzublicken, und mit ſeinem Munde apologetiſche Bewegungen zu machen, die ſagen ſollen:„Tul— king— horn— reich,— ein— fluß— reich?“ „Haben Sie dieſem Manne ſchon früher Schrift⸗ 2 ſtücke zu copiren gegeben?“ fragt Mr. Tulkinghorn. „O lieber Himmel, ja, Sir! und zwar Arbeit für Sie.“ 8„Da ich eben an Wichtigeres dachte, ſo habe ich ſchon wieder vergeſſen, wo Sie ſagten, daß er wohne!“ „Ein Paar Schritte von hier, auf der entgegen⸗ geſetzten Seite der Lane, Sir. Er wohnt in einem—“ Hier worgt ſich Mr. Snagsby abermals, wie wenn — 228 das Stück Butterbrod ſchlechterdings nicht hinunter⸗ zubringen wäre. „— in einem Lumpen⸗ und Flaſchenladen.“ „Können Sie mir, da ich zurückgehe, den Ort zeigen?“ „Mit dem größten Vergnügen, Sir!“ Mr. Suagsby zieht ſeine Ueberärmel, ſowie ſeinen grauen Rock aus, und vertauſcht letzteren mit ſeinem ſchwarzen Rocke. Sodann langt er von einem Kleider⸗ rechen ſeinen Hut herab. „Oh! Da iſt mein Weibchen!“ ſagte er laut. „Meine Liebe, willſt Du ſo gut ſein, und einem der jungen Burſche ſagen, er ſolle nach dem Laden ſehen, während ich mit Mr. Tulkinghorn nur über die Lane hingehe? Mrs. Snagsby, Sir,— ich werde keine zwei Minuten aus ſein, meine Liebe!“ Mrs. Snagsby verneigt ſich gegen den Advocaten, zieht ſich hinter das Comptoir zurück, guckt ihnen durch die Fenſterjalouſten nach, ſchreitet leiſe in das Hinter⸗ gewölbe, und überblickt die Einträge in dem noch offen darliegenden Buche. Iſt offenbar neugierig. „Sie werden finden, Sir, daß der Ort nicht der freundlichſte iſt,“ ſagt Mr. Snagsby, während er unter⸗ thänigſt auf dem gewöhnliche Wege geht, und das ſchmale Trottoir dem Juriſten überläßt;„auch iſt der Mann ein gar unfreundliches, grobes Gefchöpf. Aber unſere Advo⸗ catenſchreiber ſind im Allgemeinen wilde Geſellen, Sir. Der Vortheil, bei dieſem Mann insbeſondere iſt, daß er nie zu ſchlafen braucht. Weun man es haben will, ſo macht er ſich alsbald an die Arbeit, die man ihm über⸗ gibt, und bleibt daran, ſo lange man nur will.“ ** * Es iſt jetzt ganz dunkel, und die Gaslampen haben ihre volle Wirkung erlangt. Gegen Advocatengehülfen, — „.=——, 229 welche die im Laufe des Tages geſchriebenen Briefe auf die Poſt tragen,— und gegen Procuratoren und Sach⸗ walter, die zum Eſſen nach Hauſe gehen,— und gegen Kläger und Beklagte,— und Proceſſirende jeder Art,— und gegen den allgemeinen Haufen anrennend, auf deſſen Weg die gerichtliche Weisheit von Jahrhunderten eine Million von Hinderniſſen aufgethürmt hat, die ſich der Abmachung der gewöhnlichſten Geſchäfte des Lebens ent⸗ gegenſtellen,— wobei ſie ſich durch Jus und Billigkeit, und jenes verwandte Myſterium, den Straßenkoth, hin⸗ durch arbeitet, der aus Etwas beſteht, das Niemand kennt, und ſich um uns her ſammelt, Niemand weiß, woher oder wie: indem wir im Allgemeinen bloß ſo viel wiſſen, daß, wenn er ſich zu ſehr angehäuft hat, wir es für nöthig finden, ihn wegzuſchaufeln,— kommen der Advocat und der Schreibmaterialienhändler an einem Lumpen⸗ und Flaſchenladen an, das ein allgemeines Em⸗ porium von vielen verachteten Artikeln iſt. Wie wir wiſſen, ſo liegt dieſer Laden im Schatten der Wand von Lincolns Inn, und deſſen Eigenthümer iſt, wie für Alle, die ſich dafür intereſſiren, mit farbigen Buchſtaben angeſchrieben ſteht, ein gewiſſer Krook. „Dieß iſt der Ort, wo er wohnt, Sir,“ ſagte der Schreibmaterialien⸗Händler. „Ah! Hier wohnt er?“ antwortet der Advocat gleich⸗ gültig.„Danke Ihnen.“ „Wollen Sie nicht hineingehen, Sir?“ „Nein, danke Ihnen, nein; ich bin jetzt im Begriffe, nach den Fields zu gehen. Guten Abend. Danke Ihnen!“ Worauf Mr. Snagsby den Hut lüftet, und zu ſei⸗ nem Weiochen, ſowie zu ſeinem Thee zurückkehrt. Aber Mr. Tulkinghorn geht jetzt nicht, wie er ge⸗ ſagt hat, nach den Fields fort. Er macht einige Schritte, wendet ſich dann um, kommt nach dem Laden Mr. Krook's zurück, und geht geradezu in denſelben hinein. 230 Es iſt derſelbe düſter genng: an den Fenſtern brennt ein trübes Talglicht, oder Etwas, was demſelben ähnlich fieht, und ein alter Mann ſitzt mit einer Katze im Hin⸗ tergrunde an einem Feuer. Der alte Mann ſteht auf, und tritt, mit einem an⸗ dern trüben Talglichte in der Hand, vor. „Sagen Sie mir doch gefälligſt, ob die Perſon, die bei Ihnen wohnt, zu Hauſe iſt.“ „Meinen Sie eine weibliche oder eine männliche Perſon, Sir?“ ſagt Mr. Krook. „Eine männliche. Ich meine die Perſon, welche Copialien fertigt.“ Mr. Krook hat ſeinen Mann unterdeſſen genau ge⸗ muſtert. Kennt ihn von Geſicht. Schwebt ihm ſo vor, daß er einen Mann von ariſtokratiſchem Rufe vor ſich habe. „Möchten Sie wohl mit ihm ſprechen, Sir?“ „Ja.“ „Ich thue das ſelbſt nur ſelten,“ ſpricht Mr. Krook grinſend.„Soll ich ihn herunterrufen? Allein ich muß Ihnen zu gleicher Zeit ſagen, daß es ſehr die Frage wäre, ob er auch herabkommen wollte, Sir!“ „Wenn das iſt, ſo werde ich zu ihm hinauf gehen,“ erwiedert Mr. Tulkinghorn. „Zweiter Stock, Sir. Nehmen Sie das Licht! Da hinauf!“ Mr. Krook ſteht,— ſeine Katze neben ihm,— unten an der Treppe, und ſchaut Mr. Tulkinghorn nach. „Hi— hi!“ ſagt er, als Mr. Tulkinghorn faſt ver⸗ ſchwunden iſt. Der Advocat blickt, über das Geländer weg, herab. nis Katze dehnt ihr ſchelmiſches Manl, und knurrt ihm nach, „Ruhig, Lady Jane! Führ“ dich gegen Fremde auch ordentlich auf, my Lady! Sie wiſſen doch, was die 231 Leute von meinem Miethmanne ſagen?“ flüſtert Krook, ein Paar Stufen hinaufgehend. „Ei! Was ſagen ſie denn von ihm?“ „Sie ſagen, er habe ſich an den Böſen verkauft; aber Sie und ich wiſſen das beſſer:— der kauft Nie⸗ mand. Indeſſen will ich Ihnen doch Etwas ſagen; mein Miethmann iſt immer ſo düſter und ſchwarzlaunig, daß ich glaube, er würde einen ſolchen Handel wohl ebenſo gerne machen, als einen andern. Verſtimmen Sie ihn nicht, Sir! dieß iſt mein guter Rath!“ Mr. Tulkinghorn nickt mit dem Kopfe, und ſteigt weiter hinan. Endlich kommt er bei der ſchwarzen Thüre im zweiten Stock an. Er klopft an. Da er keine Antwort bekommt, ſo öffnet er die Thüre, und während er das thut, geht ihm zufällig das Licht aus. Die im Zimmer herrſchende Luft iſt faſt ſo ſchlecht, daß ſie das Licht hätte auslöſchen können, wenn er es nicht gethan hätte. — Die Stube iſt klein, von Ruß, Fett, und Schmutz faſt ganz ſchwarz. In dem roſtigen Skelette eines Kaminroſtes, das in der Mitte ziemlich dünnleibig iſt, wie wenn die Armuth ihm zugeſetzt hätte, brenut ein rothes Coke⸗ feuer düſter. In der Ecke neben dem Kamine ſteht ein tannener Tiſch und ein zerbrochenes Pult,— eine Wildniß, be⸗ zeichnet durch einen Dintenregen. In einer andern Ecke liegt ein zerriſſener alter Mantelſack auf einem der zwei Stühle, und dient als Kleidercabinet oder Garderobe; auch bedarf es offenbar keines größeren Behälters, da er ſo eingefallen iſt, wie die Wangen eines halbverhungerten Menſchen. Der Boden iſt ganz nackt; nur liegt eine alte zu 23² Fetzen zuſammengetretene Matte verendend neben dem Kamine. Kein Vorhang verſchleiert die Dunkelheit der Nacht, aber die ihrer Farbe baaren Läden ſind zuſammen ge⸗ zogen; und durch die beiden dürren Löcher hindurch, die darin angebracht ſind, könnte der Hunger hereinſchauen,— die Banſhee*) des auf dem Bette liegenden Mannes. Denn auf einem niedrigen Bette, dem Feuer gegen⸗ über,— auf einem Bette, das ein unordentliches Gemiſch von ſchmutzigen Lappen, dünnrippigem Zwillich, und gro⸗ bem Sackzeug iſt,— erblickt der Advocat, der mitten unter der Thüre ſtehen bleibt, einen Mann. Dort liegt derſelbe: ſeine ganze Kleidung beſteht aus einem Hemde und aus einem Paar Hoſen; ſeine Füße ſind unbedeckt, Er ſieht gelb aus in der geſpenſterhaften Dunkelheit eines Lichtes, das abgelaufen iſt, bis die ganze Länge ſeines noch brennenden Dochtes ſich umgebogen, und über ſich einen Berg von Grabtüchern gelaſſen hat. Das Haar des Mannes iſt zottig, und vermiſcht ſich mit ſeinem Barte;— auch der letzere iſt zottig und iſt, wie der Unrath und der Nebel um ihn her, gewachſen, und vernachläſſigt. So unreinlich und ſchmutzig es auch in dem Zimmer ausſieht,— ſo unrein und peſtartig auch die dort herr⸗ ſchende Luft iſt, ſo iſt es doch nicht leicht, herauszufinden, woher die Dünſte rühren, die dort den Sinnen am Läſtigſten ſind; aber durch die allgemeine Kranken⸗ und Peſtluft und durch den Geruch von verlegenem Tabak hindurch, dringt in des Advocaten Mund ein bitterer, ſchaler Opium⸗Geſchmack. „Halloh, Freund!“ ruft er, und ſchlägt mit ſeinem eiſernen Leuchter gegen die Thüre. *) In Irland und Schottland eine Fee, die durch Weſong vor dem Fenſter Todesfälle und allerlei Unglü weiſſagt. ſllieg abg 1 hall 4 geh und auf 233 Er glaubt, ſeinen Freund aufgeweckt zu haben. Es liegt derſelbe etwas beiſeit, und von dem Eintretenden abgewendet, aber ſeine Augen ſind gewiß offen. „Halloh, Freund!“ ruft er abermals.„Halloh, halloh!“ Während er ſo gegen die Thür ſchlägt und ruft, geht das Licht, das ſo lang am Verenden geweſen, aus, und läßt ihn in der Finſterniß. Nur die hohlen Augen in den Fenſterläden ſtarren auf das Bett herab.