Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ l pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. r 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 21 Stun⸗ den angenommen. .3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: .—·————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Avonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung † der Bücyer auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloͤrene und defeete Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 Capt. Marryat's, Capt. Chamier's, Dr Harriſſon's(Samuel Warren's), Wilſon's, James Morier's, Boß's u. A. Geſammelte Werke. † Eine Sammlung der neueſten und ausgezeichnetſten Romane der engliſchen Literatur. 4 Sechsundsiebenzigster Band. Leben und Abenteuer des Nicolaus Nickleby, von Boz(Charles Dickens). Achter Theil. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1839. Boz's (Charles Dickens) Geſammelte Werke. Siebenzehnter Theil. Leben und Abenteuer des Nicolaus Rickleby. Achter Theil. Mit einer Federzeichnung nach Phiz. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn, und George Weſtermann. 1839. Leben und Abenteuer des Nicolaus Nickleby. Von Boz(Charles Dickens), dem Verſaſſer der Pickwicker, des Oliver Twiſt, der humoriſtiſchen Genrebilder ꝛc. Aus dem Engliſchen von f. H. Hermes. Fortgeſetzt von Dr. A. Diezmann. Achter Theil. Zweite Auklage. Mit einer Federzeichnung nach Phiz. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn, und George Weſtermann. 1839. Erſtes Kapitel. Wie Ralph Nickleby's Helfershelfer zu Werke geht und wie ihm das Unternehmen gelingt. Es war eine finſtere, regneriſche, ſchaurige Herbſt⸗ nacht, als in einem obern Gemache eines ſchlechten Hauſes in einer ſelten beſuchten Gaſſe oder vielmehr in einem Hofe in der Nähe von Lambeth ganz allein ein einäugiger Mann ſaß, der entweder aus Mangel an anderen Kleidungsſtücken oder, um ſich unkenntlich zu ma⸗ chen, einen großen weiten Ueberziehrock trug, deſſen Aer⸗ mel noch halb einmal ſo lang waren als ſeine Arme und deſſen Länge und Weite hinreichend geweſen wä⸗ ren, ohne den alten fettigen Stoff, woraus er beſtand, im mindeſten auszudehnen, den ganzen Mann vollkom⸗ men einzuhüllen. In dieſem Anzuge, an einem Orte, der ſo weit ab⸗ lag von ſeinen gewöhnlichen Aufenthaltsörtern und Beſchäftigungen, und in dieſem ſo ärmlichen Ausſehen würde vielleicht ſelbſt Madame Squeers Mühe gehabt haben, ihren Herrn und Gemahl zu erkennen, obgleich ihr natürlicher Scharfblick ohne Zweifel durch die Stimme des Herzens und durch den natürlichen Trieb einer zärt⸗ lichen Gattin noch geſchärft worden wäre. Es war der Herr und Gemahl der Madame Saueers und der Herr und Gemahl der Madame Saueers ſchien ſich in einer ziemlich troſtloſen Stimmung zu befinden, denn während er aus einer ſchwarzen Flaſche trank, die auf dem Ti⸗ ſche neben ihm ſtand, ſah er ſich in dem Gemache um, 8 Nicolaus Nickleby. und in dieſem Blicke, der die Gegenſtände umher nicht zu beachten ſchien, lag offenbar eine ſehnſuchtsvolle und ungeduldige Erinnerung an Scenen und Perſonen in der Ferne. Allerdings befand ſich durchaus nichts Anziehendes weder in dem Gemache, in welchem der Blick des Herrn Squeers ſo unzufrieden umherſtreifte, noch in der en⸗ gen Straße, in die er hätte ſehen können, wenn es ihm gelegen geweſen wäre, näher an das Fenſter zu treten. Das Stübchen war armſelig und kahl, die Bettſtelle nebſt dem wenig andern nothwendigen Geräthe, das es enthielt, von der gemeinſten Art, in ſehr wankelmüthi⸗ gem Zuſtande und von ſehr uneinladendem Ausſehen. Die Straße dagegen war ſchmutzig und öde. Da ſie nur einen Eingang hatte, ſo zeigten ſich überhaupt in ihr ſelten wenige Perſonen außer den Bewohnern, und da die Nacht eine von denen war, in welchen die meiſten Menſchen am liebſten ſich in ihrer Wohnung befinden, ſo äußerten ſich jetzt darin keine andere Lebenszeichen als der düſtere flackernde Schein von ärmlichen Lichtern an den ſchmutzigen Fenſtern, und wenige andere Töne, au⸗ ßer dem Plätſchern des Regens oder gelegentlich dem ſchweren Zuſchlagen einer knarrenden Thür. Herr Squeers ſuhr fort, mißmüthig um ſich zu ſe⸗ hen und auf jene Töne in tiefem Schweigen zu horchen, das nur durch das Raſcheln ſeines großen Rockes unter⸗ brochen wurde, wenn er bisweilen den Arm bewegte, um das Glas an ſeine Lippen zu führen,— Herr Squeers that dies eine Zeitlang fort, bis ihn die zunehmende Dunkelheit aufforderte, das Licht zu putzen. Dieſe Be⸗ mühung ſchien ihn einigermaßen aus ſeinem Sinnen zu erwecken, er blickte an die Decke hinauf, betrachtete die phantaſtiſchen Figuren, welche an derſelben die Näſſe Nicolaus Nickleby. 9 und Feuchtigkeit gebildet hatten, die durch das Dach her⸗ eingedrungen war, und begann das nachfolgende Selbſt⸗ geſpräch:— „Das geht gut da,— ungemein gut. Da habe ich mich nun wer weiß wie viele Wochen umhergetrieben,— es muß in die ſechſte gehen,— habe der alten Wittwe, dem Drachen«— Herr Squeers ſprach dieſes Beiwort mit einiger Anſtrengung aus—»die Kur geſchnitten, und in Todtenbuſch⸗Hall geht unterdeß Alles drunter und drüber! Das iſt das Schlimmſte, wenn man ſich mit dem alten Nickleby einläßt, man weiß nicht, wann man wieder loskommt, und wenn man ihm den kleinen Fin⸗ ger giebt, nimmt er die ganze Hand wie der Teufel.« Herr Squeers dachte bei dieſer Gelegenheit vielleicht an die hundert Pfund St., die er von dem alten Nick⸗ leby erhalten ſollte, genug die verdrießliche Miene in ſeinem Geſichte ließ allmälig nach, und er hob das Glas freundlicher an den Mund und fand den Inhalt wohl⸗ ſchmeckender als vorher. »Ich habe noch niemals,« fuhr Squeers in ſeinem Monologe fort, veinen ſo ſchlauen Fuchs geſehen und kennen gelernt als den alten Nickleby,— niemals. Nie⸗ mand kann ihn durchſchauen, und was Niemand vermag, das vermag er. Ich ſehe es noch, wie er ſchlau und liſtig Tag für Tag umherſchlich und horchte und horchte und ſchlich, bis er es erhorcht hatte, wo ſich die koſt⸗ bare alte Grete verſteckt hatte, wie er alle Hinderniſſe ebnete, damit ich meine Operation anfangen könnte, und wie er umherkroch und umherſchlich gleich einer blutdür⸗ ſtigen alten, häßlichen, verfluchten Schlange mit funkeln⸗ den Augen. Ach, in unſerm Wirkungskreiſe würde er Ausgezeichnetes geleiſtet haben, wenn er ihm nicht zu beſchränkt geweſen; ſein Genie würde alle Schranken Nicolaus Nickleby. VIII. 2 Nieolaus Nickleby. durchbrochen, alle Hinderniſſe überwunden und Alles vor ſich niedergeriſſen haben, bis er ſich ein Monument — na, ich werde über das Andere ein andermal nach⸗ denken.“« Herr Squeers hielt hier mit ſeinen Reflectionen ein⸗ mal inne, führte des Glas nochmals an ſeine Lippen, zog einen ſchmutzigen Brief aus der Taſche und fing an denſelben zu überleſen; aber man ſah es ihm an, daß er ihn ſchon oft geleſen hatte und er die Erinne⸗ rung an den Inhalt nur erneuerte, weil er nichts Beſſe⸗ res und Angenehmeres zu thun wußte. „Die Schweine ſind wohl,“« ſagte Herr Squeers, „ die Kühe ſind wohl und die Jungen ſind wie immer.— Cobbey ſchnuppert fortwährend beim Eſſen und ſagt, das Fleiſch rieche ſo ſtark.e— Warte, Cobbey, wir wol⸗ len wohl ſehen, ob Du auch ohne Fleiſch ſchnuppern kannſt. Pitcher hatte das Fieber ſchon wieder;’⸗— hm!— „die Seinigen holten ihn ab und am Tage nach der Ankunft zu Hauſe ſtarb er⸗— natürlich, weil das Fie⸗ ber ſchlimmer wurde;— es war von dem Jungen dar⸗ auf abgeſehen. Kein anderer in der Schule würde gerade zu Ende des Vierteljahres geſtorben ſein; er hielt es richtig aus, ſo daß ich Nichts erſparte; erſt als es um war, hielt er ſich dazu und ſtarb geſchwind. Der jüngſte Palmer ſagte, er wünſche, er ſei im Himmel,— ich weiß wirklich nicht, ich weiß nicht, was mit dem Buben anzufangen iſt; er wünſcht ſich immer etwas Schreckli⸗ ches. Einmal ſagte er, er wünſche, er ſei ein Eſel, weil er dann doch keinen Vater hätte, der ihn nicht liebte; iſt das nicht boshaft von einem ſechsjährigen Buben?« Herr Squeers wurde durch das Nachdenken über die Verſtocktheit in einem ſo jungen Menſchen ſo ergriffen, 3 8u 2—ͤ— ——9——6 G”- v n 1— 8— Nicolaus Nickleby. 11 daß er aus Aerger den Brief zuſammenlegte und in ei⸗ nem andern Ideengange Troſt ſuchte. »Ich habe mich lange in London aufzuhalten,« ſagte er,»und das iſt ein verfluchtes Loch, wenn man auch nur eine Woche lang oder ſo hineinkriechen und da leben ſoll. Freilich hundert Pfund Sterling macht fünf Jun⸗ gen; fünf Jungen zahlen erſt in einem ganzen Jahre hundert Pfund und davon iſt auch noch abzuziehen, was ſie zu erhalten koſten. Ich verliere nichts dabei, daß ich hier bin, weil das Geld für die Jungen eben ſo gut eingeht, als wenn ich zu Hauſe wäre, und meine Frau hält ſie ſchon in der Zucht. Freilich einige Zeit geht verloren, ich werde viel Prügel nachzuholen haben, aber in ein paar Tagen iſt das gethan und für hundert Pfund kann man ſchon etwas extra thun.— Es iſt gerade die rechte Zeit, auf die Alte zu warten, denn nach dem, was ſie geſtern Abend ſagte, werde ich, komme ich über⸗ haupt zum Zwecke, heute Abend das Ziel erreichen; ich will deshalb noch ein halbes Glas trinken, um mir gut Glück zu wünſchen und mir Muth zu machen. Madame Squeers, liebe Frau, Deine Geſundheit!« Saueers ſchielte bei Seite, als ſei die Frau, deren Geſundheit er trinken wollte, wirklich zugegen, goß— ohne Zweifel in ſeinem Enthuſiasmus— ein ganzes Glas voll und trank es auch aus. Da das, was er trank, reiner Spiritus war, und er ſeine Zuflucht ſchon mehr als einmal zu der Flaſche genommen hatte, ſo wird es nicht überraſchen, daß er ſich nun in einem ſehr fröhlichen Zuſtande befand und zu ſeinem Zweike voll⸗ kommen genug aufgeregt war. Was dieſer Zweck war, ergab ſich bald, denn nach⸗ dem er einige Male in dem Stübchen auf⸗ und abge⸗ gangen war, nahm er die Flaſche unter den Arm und 2* 12 Nicolaus Nickleby. das Glas in die Hand, blies das Licht aus, als wolle er längere Zeit wegbleiben, ſchlich ſich hinaus auf die Treppe, tappte nach einer der ſeinigen gegenüber befind⸗ lichen Thür und klopfte an dieſer leiſe an. „Aber was nützt das Anpochen?« ſagte er zu ſich ſelbſt;»ſie hört es doch nicht. Ich glaube nicht, daß ſie was Beſonderes thut, und thut ſie es auch, ſo iſt mir es doch gleichgültig, was ich ſehe.« Nach dieſer kurzen Vorrede legte Herr Squeers die Hand auf die Thürklinke, machte die Thür ein wenig auf, ſah in das Dachſtübchen hinein, welches noch ärm⸗ licher war als das, welches er eben verlaſſen hatte, trat ein, da er Niemanden darin erblickte als eine alte Frau, die ſich über ein ärmliches Feuer bückte(denn der Abend war kühl, obgleich das Wetter ſonſt noch ziemlich warm war), und klopfte ſie auf die Achſel. »Nun, liebe Slider,« ſagte Herr Squeers gut ge⸗ gelaunt. »Sind Sie's?« fragte Grete. »Ich bin es, ich, die erſte Perſon Singular Nomi⸗ nativ, Squeers,« antwortete er, rückte einen Stuhl an das Feuer, ſetzte ſich ihr gegenüber, ſtellte die Flaſche und das Glas auf den Tiſch zwiſchen Beiden und wie⸗ derholte ſehr laut: „»Nun, liebe Slider.⸗ „»Ich höre Sie,« ſagte Grete, die ihn ſehr leutſelig empfing. „Ich komme, wie ich verſprochen,« ſchrie Squeers. »So ſagt man in meiner Heimath,« bemerkte Grete freundlich,»aber ich meine, Oel iſt beſſer.⸗ »Beſſer als was?« ſchrie Squeers, während er ei⸗ nige Verwünſchungen leiſer hinzuſetzte. »Nein,« ſagte Grete,»natürlich nicht.« — Nieolaus Nickleby. 13 »Ich habe mein Lebtage kein ſolches ſchreckbares Weibsbild geſehen,« murmelte Squeers, machte aber dazu ein ſo freundliches Geſicht als ihm nur möglich war, denn Grete's Auge ruhete auf ihm und ſie lachte ungeheuer, als freue ſie ſich gewaltig, eine ſo treffende Antwort gegeben zu haben.»Sehen Sie das? Es iſt eine Flaſche.« »Ich ſehe es,« antwortete Grete. »Und ſehen Sie auch dies?« ſchrie Squeers.»Das iſt ein Glas.« Grete ſah auch dies. »So ſehen Sie nun her,« fuhr Squeers fort, indem er ſeine Bemerkung mit den geeigneten Bewegungen be⸗ gleitete,»ich fülle das Glas aus der Flaſche und ſage; „»Ihre Geſundheit, Slider,« und trinke es aus; dann ſpüle ich es etwas mit dem Tröpfchen aus, das drinnen blieb und das ich in das Feuer gießen muß, ſchenke es noch einmal voll und übergebe es Ihnen.« »Ihre Geſundheit,« ſagte Grete. »Das verſteht ſie immer,« murmelte Squeers, der die Frau Sliderskow beobachtete, während ſie ihr Glas leerte und darauf erſchrecklich huſtete und nach Luft ſchnappte;„nun wollen wir ein Geſpräch führen. Wie ſteht es mit dem Reißen?« Frau Sliderskow antwortete unter vielem Blinzeln und Lächeln und mit Blicken, die es deutlich verriethen, wie ſehr ſie den Herrn Squeers, ſeine Perſon, ſein Be⸗ nehmen und ſeine Unterhaltung bewundere, mit dem Reißen gehe es beſſer. „»Welches iſt der Grund,« ſagte Herr Squeers, der immer neuen Muth und Witz aus der Flaſche holte, Nicolaus Nickleby. welches iſt der Grund des Reißens? was bedeutet es? warum haben es die Leute?« Das wußte die Frau Sliderskow nicht, ſie meinte jedoch, die Leute bekämen es wahrſcheinlich, weil ſie es nicht hindern könnten. »Mafern, Reißen, Keuchhuſten, das kalte und das hitzige Fieber und Kreuzſchmerzen,« ſagte Herr Squeers, »alles iſt Philoſophie; daher kommt es. Die Himmels⸗ körper ſind Philoſophie und die Erdkörper ſind Philoſo⸗ phie. Wenn an einem Himmelskörper eine Schraube locker wird, ſo iſt das Philoſophie, und wenn eine Schraube an einem Erdkörper locker wird, ſo iſt das auch Philoſophie, es müßte denn ſein, daß bisweilen etwas Metaphyſik mit darunter wäre, aber das kommt nicht oft vor. Philoſophie, das iſt mein Fach. Wenn mich Jemand im claſſiſchen, mathematiſchen oder Han⸗ delfache nach etwas fragt, ſo ſage ich ernſt: hören Sie mein Lieber, zu allererſt, ſind Sie ein Philoſoph?— Nein, Herr Squeers, ſagt er, das bin ich nicht.— Dann, lieber Freund, thut mir's leid, denn in dieſem Falle kann ich Ihnen die Sache nicht erklären. Natür⸗ lich geht der Frager fort und wünſcht, er ſei ein Philo⸗ ſoph, und eben ſo natürlich hält er mich für einen.« Als Herr Squeers dies und noch weit mehr mit trunkener Tiefſinnigkeit und ernſtkomiſcher Miene ge⸗ ſprochen und dabei das Auge von der Frau Sliderskow nicht abgewendet hatte, die kein Wort verſtehen konnte, griff er wieder nach der Flaſche und reichte ſie Greten hin, die ihr auch gebührend zuſprach. „Sie ſehen heute für fünfundzwanzig Thaler beſſer aus, als Sie bisher ausgeſehen haben,« meinte Herr Squeers. 4 Die Frau Sliderskow lächelte, aber die Beſcheiden⸗ 0o W — 3G& 8 N A= — N 1 8 Z8 Nicolaus Nickleby. 15 heit verbot ihr, das Compliment durch Worte zu be⸗ ſtätigen. „Für ſechsundzwanzig Thaler ſehen Sie beſſer aus,⸗ wiederholte Herr Squeers,»als an dem Tage, da ich mich zum Erſtenmale einfand— wiſſen Sie?« „Ach,“« ſagte Grete kopfſchüttelnd, vän jenem Tage erſchreckten Sie mich.“« »That ich das?« fragte Squeers; ves iſt freilich ſeltſam, daß ein Fremder kommt und ſich dadurch em⸗ pfiehlt, er wiſſe alles von Einem, wie man heiße, war⸗ um man ſo ruhig und verſteckt lebe, was man geſtohlen und wem man es geſtohlen, nicht wahr?« Grete nickte zur Bejahung. „Aber, ſehen Sie, ich weiß alles, was in der Art geſchieht,« fuhr Squeers fort.»Es geſchieht nichts der Art, das ich nicht ſogleich erführe. Ich bin eine Art Advokat, Frau Slider, ein Advokat vom erſten Range, der vertraute Freund und vertraute Rathgeber faſt jedes Mannes, jeder Frau und jedes Kindes, die in Verlegen⸗ heit kommen, weil ſie mit den Fingern zu geſchwind waren, ich bin—« Die Aufzählung ſeiner Verdienſte und Talente, welche theils das Reſultat eines zwiſchen ihm und Ralph be⸗ ſprochenen Planes war, theils aus der ſchwarzen Flaſche floß, wurde hier von Frau Sliderskow unterbrochen. »Ha! ha! ha!« rief ſie, indem ſie ihre Arme über einander ſchlug und mit dem Kopfe wackelte, ver wurde alſo gar nicht getrauet, gar nicht getrauet?« „»Nein,« antwortete Squeers,»das wurde er nicht.« »Und ein junger Liebhaber kam und fuhr mit ſeiner Braut fort, he?« fragte Grete. „Vor der Naſe nahm er ſie ihm weg,« antwortete Squeers;»wie man mir erzählt hat, wirthſchaftete der 16 junge Menſch außerdem ſehr arg, ſchlug die Fenſter⸗ ſcheiben ein, und nöthigte ihn, ſeinen Brautſtrauß zu eſſen, an welchem der Alte faſt erſtickte.« »Erzählen Sie mir dies doch alles noch einmal,« ſagte Grete mit beſonderer Schadenfreude über ihres ehemaligen Herrn Unglück, welche ihre natürliche Häß⸗ lichkeit wahrhaft furchtbar machte,»ich möchte es noch einmal von Anfange an bis zu Ende hören, als hätten Sie mir's noch gar nicht erzählt. Jedes Wort ſagen Sie noch einmal und fangen Sie ganz von vorn an, Sie wiſſen, wie er früh nach dem Hauſe ging,« Herr Squeers, der der Frau Sliderskow häufig aus der Flaſche einſchenkte, und ſich ſelbſt bei der Anſtren⸗ gung, ſo laut ſprechen zu müſſen, durch öftere Schlucke unterſtützte, gab dieſer Bitte nach und beſchrieb die Niederlage Arthur Gride's mit ſolchen Zuſätzen und Verbeſſerungen, wie ſie ihm gerade in den Sinn kamen und deren geniale Erfindung und Anwendung ihn beſon⸗ ders empfohlen hatte, als er mit ihr bekannt wurde. Frau Sliderskow war völlig entzückt, wackelte mit dem Kopfe hin und her, zog iyre dürren Achſeln empor und zerrte ihr leichenhaftes Geſicht in ſo mannichfaltige und ſo complicirte Formen von Häßlichkeit, daß ſie ſelbſt das unbegrenzte Erſtaunen und den Widerwillen des Herrn Squeers erregten. »Er iſt ein betrügeriſcher alter Kerl,« ſagte Grete, »und er lockte mich mit lügenhaften Verſprechungen, aber ich vergeſſe es,— ich bin quitt mit ihm,— quitt mit ihm.⸗ »Mehr als quitt, Slider,« entgegnete Squeers; „quitt würden Sie mit ihm geweſen ſein, wenn er die Braut nach Hauſe geführt hätte, aber da ihm auch durch dieſe Rechnung ein Strich gemacht wurde, ſo haben Sie Nicolaus Nickleby. Nicolaus Nickleby. 17 viel voraus, Slider. Das erinnert mich daran,“ ſetzte er hinzu, indem er ihr das Glas hinreichte;»wenn Sie wollen, daß ich Ihnen meine Meinung über die Docu⸗ mente ſage und rathe, welche Sie behalten können, und welche Sie verbrennen müſſen, ſo iſt es jetzt Zeit, Slider.« 4 „»Das hat keine Eile,« ſagte Grete mit verſchiedenen bedeutungsvollen Blicken. »Nun,« bemerkte Squeers,»mich geht es nichts an; Sie fragten mich darum, wie Sie wiſſen. Ich verlange übrigens nichts für meinen guten Rath, da ich ein Freund bin. Sie müſſen es am beſten beurtheilen kön⸗ nen; aber Sie ſind ein Weib, das viel wagt, Slider.⸗ »Was verſtehen Sie unter viel wagen?« ſagte Grete. »Ich meinte bloß, wenn ich es wäre, ich behielte keine Papiere bei mir, die mich an den Galgen bringen könnten, zumal wenn Geld dafür zu bekommen wäre. Fort mit dem, was nichts nutzen kann, die andern gut und ſicher aufbewahrt, das iſt meine Meinung,⸗ entgegnete Squeers;»aber Jedermann muß ſeine Sache am beſten zu beurtheilen wiſſen. Ich ſage weiter nichts, Slider, als, ich für meine Perſon würde es nicht thun.« »So kommen Sie,“ ſagte Grete, vich will ſie Ihnen zeigen.« »Ich brauche ſie nicht zu ſehen,« antwortete Squeers, der ſich verdrießlich ſtellte,»ſprechen Sie nicht von der Sache, als wenn Sie mir einen Gefallen damit er⸗ wieſen. Zeigen Sie die Papiere einem Andern und laſſen Sie ſich von einem Andern Rath geben.- Herr Squeers hätte gern die Poſſe, den Beleidigten zu ſpielen, noch eine Zeitlang fortgeſetzt, wäre nicht die 18 Nicolaus Nickleby. Frau Sliderskow in ihrem Eifer, ſich in ſeiner guten Meinung wieder auf die frühere hohe Stellung zu erheben, ſo außerordentlich zärtlich geworden, daß er Gefahr lief, durch ihre Liebkoſungen erſtickt zu werden. Er wieß mit ſo guter Miene als möglich dieſe kleinen Vertraulichkeiten von ſich— an denen ſicherlich die ſchwarze Flaſche eben ſo viel Schuld hatte, als das ſchwache Fleiſch der Frau Sliderskow—, betheuerte, er habe bloß geſcherzt und verſicherte, zum Beweiſe ſeiner unveränderten guten Meinung, er ſei bereit, die Docu⸗ mente zu unterſuchen, wenn er dadurch ſeiner lieben Freundin einen Gefallen erzeigen oder ihr Gewiſſen be⸗ ruhigen könnte. „»Und nun, liebe Slider, da Sie einmal aufgeſtan⸗ den ſind,« ſchrie Squeers, als ſie aufſtand, um die Papiere zu holen,„riegeln Sie die Thüre zu.⸗ Grete trippelte nach der Thüre hin, griff und taſtete an dem Riegel umher, kroch an das andere Ende des Stübchens und zog unter den Kohlen, die ſich dort be⸗ fanden, ein kleines Käſtchen hervor. Dies ſtellte ſie auf die Dielen vor Squeers, dann holte ſie unter dem Pfühl ihres Bettes einen kleinen Schlüſſel hervor, mit dem ſie das Käſtchen zu öffnen bat. Herr Squeers, der jede ihrer Bewegungen beobachtet hatte, verlor keine Zeit, dieſer Aufforderung nachzukommen, ſchloß das Käſtchen auf und betrachtete mit Entzücken die darin liegenden Papiere. „Nun ſehen Sie,“ ſagte Grete, die neben ihm auf den Dielen niederknieete und ſeine ungeduldige Hand zu⸗ rückhielt;»was nichts nützt, wollen wir verbrennen; das, wofür wir Geld bekommen können, behalten wir, und wenn ſich Papiere darunter befinden, mit denen wir ihn ängſtigen, quälen und ſein Herz zerreißen kön⸗ Nicolaus Nickleby. 19 nen, ſo wollen wir dieſe ganz beſonders gut aufbewah⸗ ren, denn quälen will ich ihn und das war meine Ab⸗ ſicht, als ich ihn verließ.« 3 »„Ich konnte mir's denken,« ſagte Squeers,»daß Sie nicht beſonders freundlich gegen ihn geſinnt waren; aber ich frage, warum nahmen Sie außerdem nicht auch Geld 2« „Was 2⸗ „Auch Geld,« ſchrie Squeers.»Ich glaube, das Weib hört mich wohl, will aber, daß ich mir ein Gefäß zerſprengen ſoll, damit ſie das Vergnügen habe mich zu zu pflegen.— Geld, Slider, Geld.« „Wie können Sie ſo fragen!« rief Grete mit einiger Verachtung.»Hätte ich dem alten Arthur Gride Geld genommen, ſo würde er die ganze Welt durchſucht ha⸗ ben, um mich zu finden,— ja, er würde es gerochen und herausgeſcharrt haben, hätte ich es auch in dem tiefſten Brunnen in England vergraben. Nein, nein. Ich kannte etwas beſſeres als das. Ich nahm das, worin, wie ich glaube, ſeine Geheimniſſe verborgen ſind, und dieſe kann er nicht öffentlich bekannt machen, wä⸗ ren ſie auch noch ſo viel Geld werth. Er iſt ein alter ſchlauer undankbarer Kerl. Erſt ließ er mich faſt ver⸗ hungern und dann betrog er mich; wenn ich es könnte, ich brächte ihn um.« 1 „Alles gut und lobenswerth,« ſagte Squeers, vaber zuerſt und vor allem, verbrennen Sie das Käſtchen, Frau Slider. Sie dürfen nie Dinge behalten, welche zur Entdeckung führen können,— das merken Sie ſich für immer. Während Sie es zerſchlagen, was ſehr leicht ſein wird, denn es iſt ſehr alt und wurmſtichig, und ins Feuer werfen, will ich die Papiere durchſehe und Ihnen ſagen, was ſie ſind.« Nicolaus Nickleby⸗ Grete gab ihre Einwilligung dazu, und Squeers kehrte demnach das Käſtchen um, ſchüttete den Inhalt auf die Dielen und reichte ihr das leere Käſtchen hin, denn die Zerſtörung des Käſtchens war bloß ein Mittel, ihre Aufmerkſamkeit zu feſſeln, im Fall es nothwendig. oder wünſchenswerth ſein ſollte, ihre Augen abzuwenden von dem, was er that. »Da,“« ſagte Squeers,»zerbrechen Sie die Brettchen und machen Sie ein hübſches Feuer davon, unterdeß leſe ich,— laſſen Sie mich ſehen— laſſen Sie mich ſehen.« Mit dieſen Worten nahm er das Licht neben ſich herun⸗ ter und begann eifrig und mit einem pfiffigen Lächeln auf ſeinem Geſichte die Unterſuchung der Papiere. Wäre die alte Frau nicht ſehr taub geweſen, ſo müßte ſie, als ſie an die Thüre ging, das Athmen zweier Perſonen dicht hinter derſelben gehört haben, und wä⸗ ren die beiden Perſonen mit dem Gebrechen der Alten nicht bekannt geweſen, ſo hätten ſie in dieſem Augen⸗ blicke herumtreten oder die Flucht ergreifen müſſen. Da ſie aber recht wohl wußten, mit wem ſie es zu thun hatten, ſo blieben ſie ganz ruhig und erſchienen jetzt nicht bloß unbemerkt an der Thüre— die nicht zuge⸗ riegelt war,— ſondern traten ſelbſt vorſichtig und mit geräuſchloſen Tritten in das Stübchen herein. Während ſie allmälig und kaum bemerkbar, ſo vor⸗ ſichtig, daß ſie kaum zu athmen ſchienen, weiter und weiter ſchlichen, waren die alte Hexe und Squeers, die nicht das mindeſte von dieſem Eindringen ahnten und nicht wußten, daß außer ihnen noch eine Seele vorhan⸗ den ſei, mit ihren Arbeiten emſig beſchäftigt. Die alte Frau hielt ihr runzeliges Geſicht dicht an den Heerd und bließ in die wenigen kleinen Kohlen, welche das Holz nicht anzünden wollten,— Squeers bückte ſich an —— —2—— Nicolaus Nickleby. 21 das Licht, welches die ganze Häßlichkeit ſeines Geſichtes zeigte, wie der Widerſchein von den Kohlen das häß⸗ liche Geſicht Grete's grell beleuchtete,— Beide emſig beſchäftigt und mit freudigen Mienen, die grell von dem beſorgten Ausſehen der hinten Stehenden abſtachen, welche das leichteſte Geräuſch benutzten, um ein Stück weiter zu gehen und alsbald ſtill ſtanden, wann alles wieder ſtill war,— dies, nebſt dem großen leeren Raume, den feuchten Wänden und dem flackernden ungewiſſen Lichte, bildete eine Scene, die den gleichgültigſten Zu⸗ ſchauer— hätte einer zugegen ſein können— gefeſſelt und die er nicht ſo leicht vergeſſen haben würde. Einer der beiden Haranſchleichenden war Frank Chee⸗ ryble, der andere Newman Noggs. Newman hatte einen alten Blaſebalg ergriffen und ſchwang denſelben eben in der Luft, um ihn ſodann mit Gewalt auf den Kopf des Herrn Squeers fallen zu laſſen; Frank aber hielt mit einer ernſten Geberde des Alten Arm zurück, that noch einen Schritt vorwärts und kam nun ſo dicht hin⸗ ter den Schulmeiſter, daß, wenn er ſich ein wenig nach vorn neigte, er deutlich die Schrift erkennen konnte, welche jener in der Hand hielt. Herr Squeers, der nicht eben gelehrt war, ſchien gleich durch das erſte Papier in einige Verlegenheit ge⸗ bracht zu werden, denn die Handſchrift darauf war nur für ein geübtes Auge gut lesbar. Nachdem er von der rechten zur linken Seite und umgekehrt geleſen und es auf beide Arten gleich unverſtändlich gefunden hatte, drehete er das Papier um, aber auch ohne beſſeren Erfolg. „»Ha! ha! ha!« lachte Grete, die vor dem Feuer knieete, die einzelnen Stücke des Käſtchens in daſſelbe 22 Nicolaus Nickleby. warf und dabei auf wahrhaft dämoniſche Weiſe grinſete. „»Was ſteht in dem Papiere?« „Nichts Beſonderes,« entgegnete Squeers, der es ihr zuwarf.»Es iſt ein alter Kauf, ſo viel ich herausbringe. Werfen Sie's ins Feuer.« Die Frau Sliderskow gehorchte und fragte, was das Nächſte ſei. „Dies,« ſagte Squeers,« iſt ein Bündel verfallener Anweiſungen und prolongirter Wechſel von ſechs oder acht jungen Herren; aber ſie ſitzen im Parlemente und die Papiere nutzen alſo Niemandem etwas. Werfen Sie das ganze Bündel in das Feuer.«⸗ Grete that, was ihr geheißen wurde und wartete auf das Nächſte. „»Dies,« ſagte Squeers,»ſcheint ein Document über den Verkauf des Patronatsrechts von Purechurch zu ſein. Das heben Sie auf, Slider,— bloß um Gottes Willen. Das findet ſchon ſeinen Käufer.« „Was iſt das Nächſte?« fragte Grete. „Das,“ ſagte Squeers,»ſcheint nach den zwei Brie⸗ fen, die ſich dabei befinden,»ein Wechſel von einem Pfarrer auf dem Lande zu ſein, der 40 Pfd. Sterling zu bezahlen verſpricht für zwanzig, die er borgte.— Ich ſehe noch nichts,« ſetzte er leiſer hinzu. »Was ſagten Sie?« fragte Grete. „»Nichts,« antwortete Squeers,»ich ſehe bloß nach—⸗ Newman erhob den Blaſebalg nochmals, Frank hielt ihn jedoch durch eine ſchnelle, aber geräuſchloſe Armbe⸗ wegung wiederum zurück. „Da ſind Verſchreibungen,— die heben Sie auf,— Beſcheinigungen, die legen Sie auch dazu. Da ein Kauf— den verbrennen Sie. Ah! Madeline Bray— —— u Nicolaus Nickleby. 23 mündig geworden oder heirathen ſollte,— die beſagte Madeline— da, verbrennen Sie das!« Squeers, der ihr ein Papier hinwarf, das ſie ſchnell aufhob, ſteckte, als ſie ſich umdrehete, das Dokument, in welchem er die angeführten Worte geleſen hatte, in die Bruſttaſche ſeines großen Rockes und brach in ein jubelndes Gelächter aus. „Ich habe es!« rief Squeers.»Ich habe es! Hurrah! Der Plan war gut, wenn auch der Erfolg ſehr zwei⸗ felhaft, und der Sieg iſt endlich unſer geblieben.“ Grete fragte, worüber er lache, aber ſie bekam keine Antwort, denn Newmans Arm konnte nicht länger zu⸗ rückgehalten werden; der Blaſebalg fiel ſchwer und ſicher mitten auf den Kopf des Herrn Squeers, ſo daß derſelbe ſeiner ganzen Länge nach und beſinnungslos zu Boden ſtürzte. Zweites Kapitel. Eine Scene dieſer Geſchichte ſchließt ſich. Nicolaus, der die Entfernung auf zwei Tage ein⸗ theilte, damit ſein Pflegling durch zu weite Reiſe nicht erſchöpft und ermattet werde, ſah ſich zu Ende des zweiten Tages, nachdem er die Heimath verlaſſen, nur noch wenige(engl.) Meilen von der Stelle entfernt, wo er die glücklichſten Jahre ſeines Lebens verbracht hatte; ſeine Seele füllte ſich mit friedlichen, gefälligen Gedanken und dann erinnerte er ſich lebhaft und mit Schmerzen der Umſtände, in welchen er und die Seini⸗ 24 gen die glückliche Heimath verlaſſen hatten und hinaus in die rauhe Welt unter harte und kalte Fremde ge⸗ ſtoßen wurden. Aber auch ohne ſolche Gedanken, welche in empfäng⸗ lichen Gemüthern die Erinnerung an vergangene Tage und an Scenen unſerer Kindheit zu erwecken pflegen, wurde das Herz des jungen Nickleby weicher und auf⸗ merkſamer noch als gewöhnlich auf ſeinen hinwelkenden Freund. Er war immer bei ihm, bei Tage und bei Nacht, zu jeder Zeit, immer achtſam, aufmerkſam und beſorgt, nie ermüdend in der Erfüllung der ſelbſtaufer⸗ legten Pflicht gegen einen freund⸗ und hülfeloſen Un⸗ glücklichen, deſſen Lebensuhr ſchnell ablief. Er verließ ihn nicht mehr, und ſeine fortwährende, ſeine ununter⸗ brochene Beſchäftigung beſtand darin, ihm Muth einzu⸗ ſprechen, ihn neu anzuregen, ſeinen Bedürfniſſen abzu⸗ helfen, und ihn ſo viel als möglich zu erheitern. Sie nahmen eine kleine beſcheidene Wohnung in ei⸗ nem Pachterhäuschen, das von Wieſen umgeben war, auf welchen ſich Nicolaus oft mit luſtigen Schulkamera⸗ den herumgetummelt hatte. Hier ließen ſie ſich nieder. Anfangs war Smitke kräftig genug, kleine Strecken weit auf einmal zu gehen, ohne irgend eine andere Un⸗ terſtützung zu bedürfen als die, welche Nicolaus ihm gewähren konnte. Nichts ſchien ihn da ſo ſehr zu in⸗ tereſſiren, als jene Plätzchen zu beſuchen, welche ſeinem Freunde in vergangenen Tagen die liebſten geweſen waren. Nicolaus, der ſich dieſer Laune gern hingab, da er fand, daß damit dem Kranken viele langweilige Stunden vertrieben wurden und er immer Stoff zum Nachdenken und zum Beſprechen davon mitbrachte, ging auf den täglichen Spaziergängen mit ihm zu ſolchen Nicolaus Nickleby. Nicolaus Nickleby. 25 Plätzchen, fuhr ihn wohl auch zum Theil in einem klei⸗ nen Wagen, und führte ihn außerdem am Arme. Bei ſolchen Gelegenheiten erzählte denn auch Nico⸗ laus, der ſich faſt gegen ſeinen Willen alten Erin⸗ nerungen hingab, wie er auf den und jenen Baum wohl hundertmal geklettert ſei, um nach den jungen Vögeln im Neſte zu ſehen, und von welchem Zweige er dem kleinen Käthchen herunter zugerufen habe, die unten ſtand, erſchrocken über die Höhe, welche der Bru⸗ der erreicht, ihn aber durch ihre Bewunderung immer höher trieb. Da ſtand auch das alte Haus, an dem ſie faſt alle Tage vorübergingen und an deſſen kleines Fen⸗ ſter ſie hinaufſahen, durch welches ſonſt die Sonnen⸗ ſtrahlen hineinzuſtrömen und ihn zu erwecken pflegten an Sommermorgen— es waren damals nur Sommer⸗ morgen—; und wenn Nicolaus an der Gartenwand emporkletterte und herüberſah, konnte er denſelhen Ro⸗ ſenbuſch erkennen, den Käthchen als Geſchenk von einem kleinen Liebhaber erhalten und mit eigner Hand gepflanzt hatte. Da waren die Hecken, wo der Bruder und die Schweſter ſo oft mit einander wilde Blumen gepflückt hatten, und die grünen Felder und ſchattigen Wege, wo ſie ſo oft umhergewandert waren. Jedes Gäßchen, je⸗ der Bach, jedes Gebüſch, jedes Häuschen ſpielte eine Rolle in irgend einem Ereigniſſe ihrer Kindheit; und es kehrte in die Erinnerung zurück wie es bei den Er⸗ eigniſſen der Kindheit geſchieht, obgleich ſie an ſich nichts ſind, ein Wort vielleicht, ein Lachen, ein Blick, eine kleine Noth, ein Gedanke, eine kurze Angſt, ſtärker und deutlicher bezeichnet, klarer vor das Gedächtniß tre⸗ tend als die härteſten Leiden und die ſchwerſten Sorgen uur ein Jahr ſpäter. Ein ſolcher Spaziergang führte ſie über den Gottes⸗ Nicolaus Rickleby. VIII 26 Nicolaus Nickleby. acker, wo ſich ſeines Vaters Grab befand.»Selbſt hier,« ſagte Nicolaus ſanft,»pflegten wir zu ſpielen, ehe wir wußten, was Tod iſt, und als wir wenig daran dachten, welche Aſche hierunten ruhen würde; pflegten uns zu wundern, warum alles da ſo ſtill ſei, ſetzten uns nieder und ſprachen flüſternd mit einander. Einmal war Käthchen verloren und wir fanden ſie nach einſtündi⸗ gem fruchtloſen Suchen feſt eingeſchlafen dort unter dem Baume, der meines Vaters G rab beſchattet. Er liebte ſie ſehr und ſagte, als er ſie, noch ſchlafend, auf ſeine Arme nahm, wenn er ſterbe, wünſche er dahin begraben zu werden, wo ſein liebes kleines Kind mit dem Köpfchen gelegen habe. Du ſiehſt, ſein Wunſch iſt nicht vergeſſen worden.« Sonſt geſchah zu dieſer Zeit nichts, in der Nacht aber, als Nicolaus neben ſeinem Bette ſaß, fuhr Smike wie aus einem Schlummer auf, legte die Hand in die ſeinige und bat, während ihm die Thränen über die Wangen rannen, er möge ihm feierlich etwas ver⸗ ſprechen. „Was iſt es?« fragte Nicolaus freundlich.»Wenn ich mein Verſprechen löſen kann, ſo werde ich es thun, Du weißt es wohl.« »Ja, ich bin überzeugt davon,« ſagte Smike.»Ver⸗ ſprechen Sie mir, daß ich, wenn ich geſtorben bin, bei dem Baume, den wir heute ſahen, ſo nahe daran als möglich, begraben werde.« Nicolaus verſprach es; er fand nur wenige Worte, in denen er das Verſprechen ausdrückte, aber ſie waren ernſt und feierlich. Sein armer Freund hielt die Hand feſt und drehete ſich um, als wolle er ſchlafen. Aber Nicolaus hörte unterdrücktes Schluchzen, und die Hand wurde mehr als einmal, als zwei⸗ oder dreimal ge⸗ Nicolaus Nickleby. 27 drückt, ehe er wirklich einſchlummerte und die Hand langſam losließ. Nach vierzehn Tagen war er ſo krank geworden, daß er nicht mehr umhergehen konnte. Ein paarmal fuhr ihn Nicolaus aus, wobei er ihn mit Kiſſen gut verwahrte, aber die Erſchütterung durch den Wagen war ſchmerzhaft für ihn und brachte Ohnmachten herbei, die bei ſeiner Schwäche gefährlich waren. In dem Hauſe befand ſich eine alte Pritſche und auf dieſer ſaß und lag er am liebſten den Tag über; wenn die Sonne ſchien und die Witterung warm war, trug Nicolaus ſie in den kleinen Garten, der ſich dicht am Hauſe befand, Smike wurde eingehüllt dahin getragen, und da ſaßen ſie Stunden lang bei einander. Bei einer ſolchen Gelegenheit kam ein Umſtand vor, den Nicolaus damals durchaus für eine bloße Täu⸗ ſchung der durch die Krankheit gereizten Phantaſie hielt, der aber doch ein wirklicher Vorfall war, wie er ſpä⸗ ter gute Gründe zu glauben hatte. Er hatte Smike auf ſeinen Armen hinausgetragen, — der arme Smike! ein Kind hätte ihn damals tragen können,— damit er die Sonne untergehen ſehe, den Sitz ihm zurechtgemacht und dann neben ihm Platz ge⸗ nommen. Die ganze Nacht vorher hatte er gewacht, und da er körperlich und geiſtig ſehr abgeſpannt war, ſchlummerte er allmälig ein. Er konnte ſeine Augen noch nicht fünf Minuten ge⸗ ſchloſſen haben, als er durch einen Schrei erweckt wur⸗ de; er fuhr erſchreckt auf, wie es Jedermann thut, der plötzlich geweckt wird, und ſah zu ſeinem großen Er⸗ ſtaunen, daß ſein Pflegling ſich in eine ſitzende Stel⸗ lung emporgerichtet hatte und laut um Hülfe rief, während ihm die Augen faſt aus den Höhlen heraus⸗ 3* 28 Nicolaus Nickleby. traten, kalter Schweiß ihm auf der Stirn ſtand und die Angſt ihm alle Glieder ſchüttelte. »Guter Gott, was giebt es?« fragte Nicolaus, der ſich über ihn bückte.»Sei ruhig; Du haſt geträumt.« „Nein, nein, nein,« rief Smike, der ſich an ihn anklammerte.»Halten Sie mich feſt. Laſſen Sie mich nicht los. Da— dort— hinter dem Baume!« Nicolaus folgte ſeinen Blicken, die ſich in einer Ent: fernung hinter dem Stuhle hinrichteten, von dem er eben aufgeſtanden war. Aber es war nichts zu ſehen. „Es iſt nichts als Deine Phantaſie,« ſagte er, während er ihn zu beruhigen ſuchte,»gar nichts weiter.« „Ich weiß es beſſer. Ich ſah ſo deutlich als jetzt,“ antwortete er.»Ach, ſagen Sie, daß Sie mich bei ſich behalten,— ſchwören Sie, daß Sie mich keinen Augenblick verlaſſen!a „Verlaſſe ich Dich denn?« entgegnete Nicolaus. „Lege Dich wieder nieder,— ſo. Du ſiehſt es, ich bin hier. Nun ſage mir aber, was Du ſaheſt.« 8 »Erinnern Sie ſich,« ſagte Smike leiſe und indem er ſich furchtſam umſah, verinnern Sie ſich, daß ich Ih⸗ nen von dem Manne erzählte, der mich zuerſt in die Schule brachte 2« „Ja, allerdings.« »Ich ſah eben nach dem Baume dort, nach jenem mit dem dicken Stamme,— da ſtand er und blickte mich ſtarr an.« »Ueberlege nur einen Augenblick,« ſagte Nicolaus; »auch angenommen, daß er noch lebe und ſich an einem ſo einſamen Orte wie dieſer da, ſo fern von der Land⸗ ſtraße, herumtreibe, glaubſt Du, daß Du nach ſo lan⸗ ger Zeit dieſen Mann wieder erkennen würdeſt?« r Nicolaus Nickleby. 29 „Meberall,— in jeder Kleidung,« antwortete Smike; veben jetzt ſtand er da, auf ſeinen Stock geſtützt und ſah mich an, gerade ſo, wie ich mich ſeiner erinnerte. Er war beſtäubt vom Gehen und ärmlich gekleidet,— ich glaube, ſein Anzug war zerriſſen,— aber ſobald ich ihn ſab, ſchien die erſte Nacht, ſein Geſicht, als er mich verließ, das Zimmer, in dem er mich ließ, und die Leute, die ſich darin befanden, alles ebenfalls zurückzu⸗ kehren. Als er merkte, daß ich ihn ſah, ſchien er zu er⸗ ſchrecken, denn er fuhr zuſammen und ſchlich davon. Ich habe an ihn gedacht am Tage und von ihm geträumt in der Nacht. Als ich noch ein kleines Kind war und immer ſeitdem habe ich ihn im Schlafe ſo geſehen, wie er eben jetzt ausſah.« Nicolaus verſuchte, durch alle Gründe und Ueberre⸗ dungsmittel den erſchreckten armen Freund zu überzeu⸗ gen, die Phantaſie habe ihn getäuſcht, und die genaue Aehnlichkeit zwiſchen dem Bilde ſeiner Träume und dem Manne, den er eben geſehen haben wolle, ſei eben ein Beweis davon; aber vergebens. Als er ihn vermochte, nur wenige Augenblicke bei den Leuten zu bleiben, de⸗ nen das Haus gehörte, ſtellte er genaue Nachfrage an, ob ein Fremder geſehen worden ſei; er ſelbſt ſuchte hin⸗ ter dem Baume, in dem Garten, auf dem daran ſtoßen⸗ den Felde und an jedem andern Orte in der Nähe, wo ſich möglicher Weiſe ein Menſch verborgen halten konnte; vergebens. Nachdem er ſich ſo überzeugt hatte, daß ſeine erſte Vermuthung begründet ſei, wendete er alle Mühe an, um die Furcht Smike's zu beruhigen, was ihn denn nach einiger Zeit auch zum Theil ge⸗ lang, obgleich er den Eindruck nicht zu verwiſchen ver⸗ mochte; denn Smike erklärte wiederholt auf das eifrigſte und feierlichſte, er habe ganz beſtimmt geſehen, was er 30 beſchrieben, und nichts könne ihm die feſte Ueberzeugung davon nehmen. Nicolaus begann allmälig einzuſehen, daß alle Hoff⸗ nung verloren ſei, daß das Lebensende deſſen, der ſeine Armuth und ſein beſſeres Schickſal getheilt hatte, ſchnell heranrückte. Der Schmerz war gering, das Unwohlſein unbedeutend, aber die Natur ſtrengte ſich auch nicht mehr an, das Leben zu erhalten, und wehrte ſich nicht mehr gegen den Tod. Er war bis auf das Aeußerſte abge⸗ zehrt und abgemagert, und ſeine Stimme ſo leiſe ge⸗ worden, daß man ſie kaum noch hörte. Die Natur war vollkommen erſchöpft und er legte ſich nur zum Sterben nieder. 3 An einem ſchönen milden Herbſttage, als Alles fried⸗ lich und ruhig war, als die laue Luft durch das offene Fenſter des ſtillen Stübchens hereinzog und kein Ton ſich hören ließ außer dem leiſen Rauſchen der Blätter, ſaß Nicolaus auf ſeinem gewöhnlichen Platze am Bette in der Ueberzeugung, daß die Zeit nun bald kommen werde. Es war ſo ſtill, daß er ſich bisweilen bückte, um auf den Athem deſſen zu hören, der da lag und ſchlummerte, als wollte er ſich überzeugen, ob noch Le⸗ ben in ihm ſei, oder ob er bereits in den tiefen Schlaf geſunken, aus welchem die Erde kein Erwachen kennt. Während er ſo beſchäftigt war, öffneten ſich die ge⸗ ſchloſſenen Augen, und auf das bleiche Geſicht kam ein mildes Lächeln. »Der Schlaf hat Dir wohlgethan,« ſagte Nicolaus. »Ach, ich träumte ſo füß!« lautete die Antwort, vich träumte ſo ſüß, ſo glücklich!« „»Wovon?« fragte Nicolaus. Der Sterbende wendete ſeine Augen auf ihn, legte Nicolaus Nickleby. Nicolaus Nickleby. 31 den Arm um ſeinen Nacken und antwortete:»Bald werde ich dort ſein!« Nach kurzer Pauſe ſprach er wieder: „Ich fürchte mich nicht zu ſterben, ich bin ganz zu⸗ frieden. Ich glaube faſt, wenn ich von dem Bette ganz geſund aufſtehen könnte, ich würde es nicht wünſchen. Sie haben mir ſo oft geſagt, wir würden uns wieder⸗ ſehen, ſo oft noch in der letzten Zeit, und ich fühle jetzt die Wahrheit davon ſo innig, daß ich ſelbſt von Ihnen ſcheiden kann.« Die zitternde Stimme, das thränenvolle Auge und der feſtere Druck des Armes, womit dieſe letztern Worte begleitet waren, zeigten, wie ganz ſie des Sprechers Herz erfüllten; auch fehlte es nicht an Spuren, wie tief ſie das Herz deſſen ergriffen hatten, an welchen ſie gerichtet waren. „Du haſt Recht,« entgegnete Nicolaus endlich,»Du beruhigſt mich dadurch ſehr. Sage mir, daß Du glück⸗ lich biſt, wenn Du es vermagſt.« „Erſt muß ich Ihnen Etwas ſagen. Ich will Ihnen nichts verbergen. Jetzt werden Sie mich gewiß nicht ſchelten.“ „Ich Dich ſchelten!« rief Nicolaus. „Ich weiß es, Sie thun es nicht. Sie fragten mich, warum ich ſo verändert ſei und— ſo viel allein ſitze. Soll ich es Ihnen ſagen, warum?« »Nicht, wenn es Dir Schmerz macht,« antwortete Nicolaus.»Ich fragte Dich bloß, um Dich wo mög⸗ lich glücklicher zu machen.« »Ich weiß es,— ich fühlte es auch damals.« Er zog ſeinen Freund noch näher an ſich.»Sie werden mir vergeben; ich konnte nicht anders, aber obgleich ich hätte ſterben können, um ſie glücklich zu machen,— es Nieolaus Nickleby. brach mir doch das Herz, wenn ich ſah,— ich weiß, er liebt ſie von Herzen. Ach, wer hätte das eher bemerkt als ich!« Die Worte, welche folgten, waren kaum hörbar und durch lange Pauſen unterbrochen; Nicolaus aber erfuhr daraus, daß der Sterbende mit der Gluth einer Natur, die in eine geheime, hoffnungsloſe und alles Andere verdrängende Leidenſchaft concentrirt iſt, ſeine Schweſter Käthchen liebte. Er hatte ſich eine Locke von ihrem Haar verſchafft, die in einem Bändchen, das ſie getragen, auf ſeiner Bruſt lag. Er bat, wenn er todt ſei, möge Nicolaus dies wegnehmen, damit kein Auge außer dem ſeinigen es ſähe; wenn er aber im Sarge liege und in die Erde geſenkt werden ſolle, ihm die Locke wieder auf das Herz zu legen und in das Grab mitzugeben. Nicolaus verſprach dies auf ſeinen Knieen und wie⸗ derholte auch noch einmal, daß er an der Stelle, die er ſich ausgeſucht, ruhen ſolle. Sie umarmten einander und küßten einander auf die Wange. »Jetzt,« flüſterte Smike,»jetzt bin ich glücklich.« Er verſank in einen leichten Schlummer, und als er erwachte, lächelte er wie vorher; dann ſprach er von ſchönen Gärten, die, wie er ſagte, vor ihm lägen, und in denen freundliche Männer, Frauen und viele Kinder herumwandelten,— dann flüſterte er, das ſei das Pa⸗ radies,— und ſo ſtarb er. Nieolaus Nickleby. 33 Drittes Kapitel. Die Anſchläge beginnen fehlzuſchlagen und Zweifel und Gefah⸗ ren auf den Urheber derſelben einzudringen. Ralph ſaß allein in dem einſamen Gemache, in wel⸗ chem er ſeine Mahlzeiten einzunehmen und Abends zu ſitzen pflegte, wenn ihn nicht eine Gewinn bringende Beſchäftigung außerhalb des Hauſes in Anſpruch nahm. Vor ihm ſtand unangerührt das Frühſtück, und da, wo ſeine Finger ruhelos auf dem Tiſche trommelten, lag ſeine Uhr. Die Zeit war längſt vorüber, in welcher er viele Jahre lang ſie in die Taſche geſteckt hatte und mit ge⸗ meſſenen Schritten die Treppe hinunter zu dem Geſchäft des Tages gegangen war; aber er achtete jetzt ſo we⸗ nig auf ihre eintönige Mahnung als auf Speiſe und Trank vor ihm, ließ vielmehr ſeinen Kopf auf der einen Hand ruhen und ſeine Augen mit verdrießlichem Sinne auf dem Boden haften. Dieſes Abweichen von ſeiner regelmäßigen und ge⸗ wöhnlichen Beſchäftigung bei einem Manne, der in Al⸗ lem, was das tägliche Streben nach Gewinn betraf, ſo regelmäßig und unwandelbar war, würde ſchon allein gezeigt haben, daß der Wucherer ſich nicht wohl befand. Und daß ihn ein geiſtiges oder körperliches Leiden heim⸗ geſucht hatte, und daß es kein unbedeutendes war, weil es einen Mann wie ihn angriff, ſprach ſich deutlich ge⸗ nug aus in ſeinem verſtörten Geſichte, in ſeinen abge⸗ ſpannten Zügen und in den hohlen matten Augen, die er endlich, zuſammenſchreckend und mit einem haſtigen Blicke um ſich, aufſchlug, wie Jemand, der plötzlich aus 34 Nicolaus Nickleby. dem Schlafe erwacht und nicht ſogleich den Ort zu er⸗ kennen vermag, wo er ſich befindet. »Was iſt das,« ſagte er,»das auf mir liegt und das ich nicht abſchütteln kann? Ich habe mich nie ver⸗ zärtelt und ſollte eigentlich nicht krank werden. Ich habe nie gefaſelt, und nie Träumereien und Phantaſien mich hingegeben; aber was kann ein Mann thun, der keine Ruhe findet?« Er drückte die Hand auf ſeine Stirn. »Eine Nacht nach der andern kommt und geht, und ich habe keine Ruhe. Schlafe ich auch, ſo kann ich doch den Schlaf keine Ruhe nennen, der ſtets durch Träume geſtört wird, in welchen dieſelben verhaßten Geſichter mich umringen und dieſelben verhaßten Menſchen bei Allem, was ich thue und ſage, zugegen ſind und immer zu meinem Nachtheile. Welche Ruhe habe ich im Wa⸗ chen, da mich unabläſſig dieſer ſchwere Schatten von— ich weiß nicht was— verfolgt? Ich muß Ruhe finden. Ungeſtörte Ruhe nur eine Nacht hindurch und ich würde wieder ein Mann ſein!« Er ſchob das Tiſchchen von ſich fort, während er ſprach, als ſei ihm ſelbſt der Anblick von Speiſen zuwi⸗ der, und ſein Blick fiel dabei auf die Uhr; die Zeiger derſelben wieſen faſt auf Mittag. »Es iſt ſeltſam!« ſagte er;»Mittag und Noggs noch nicht da! In welchem Wirthshauſe mag er ſitzen! Ich gäbe etwas darum, Geld ſelbſt nach dem entſetzlichen Verluſte, wenn er in einem Schenkenſtreite Jemanden er⸗ mordet hätte, oder wenn er in ein Haus eingebrochen wäre, oder in eine Taſche gegriffen oder irgend Etwas gethan hätte, was ihn mit einem eiſernen Ringe am Fuße in eine Strafcolonie brächte und mich von ihm befreiete. Noch beſſer wär's, wenn ich ihn in Verſu⸗ Nicolaus Nickleby. 35 chung führen und verleiten könnte, mich zu beſtehlen. Ich gäbe Etwas darum, könnte ich ihn vor Gericht bringen, denn er iſt ein Verräther, ich beſchwöre es; wie aber, oder wann oder wo, weiß ich noch nicht, wenn ich es auch ahne.⸗ Er wartete noch eine halbe Stunde, dann ſchickte er die Frau, welche ſeine Wirthſchaft führte, in die Woh⸗ nung Newmans, um fragen zu laſſen, ob er krank ſei, und warum er nicht gekommen ſei oder geſchickt habe. Die Frau brachte die Antwort zurück, Noggs ſei die ganze Nacht nicht nach Hauſe gekommen und Nie⸗ mane habe ihr Etwas über ihn ſagen können. »Aber ein Herr iſt unten,« ſagte ſie,»der an der Thür ſtand, als ich kam, und er ſagt—« »Was ſagt er?« fragte Ralph, indem er ſich ärger⸗ lich nach der Frau umdrehete.»Habe ich nicht geſagt, ich ſei für Niemand zu Hauſe?« „Er ſagt,« antwortete die Frau, die über ſeine Hef⸗ tigkeit erſchrak, ver komme in einer ganz beſonderen An⸗ gelegenheit, die keine Entſchuldigung zulaſſe, und ich glaubte, es könne vielleicht wegen—« „»Wegen was in drei Teufels Namen?« fuhr Ralph ſie an.»Spioniren auch Sie und horchten Sie, was die Leute mit mir zu thun haben, Frau, he?« »Gewiß nicht, Herr; ich ſahe, daß Sie ängſtlich und unruhig waren und meinte, es könnte wohl wegen des Herrn Noggs ſein.⸗ »Sah, daß ich ängſtlich war!« murmelte Ralph; »Sie beobachten mich Alle. Wo iſt der Mann? Sie ſagten doch nicht, daß ich ſchon unten ſei, hoffe ich?⸗ Die Frau antwortete, der Fremde ſei in dem kleinen Comptoir, und ſie habe geſagt, ihr Herr ſei beſchäf⸗ tigt, ſie würde jedoch ſeinen Auftrag an ihn ausrichten. 36 Nicolaus Nickleby. »Nun,« ſagte Ralph, vich will ihn ſehen. Gehen Sie in Ihre Küche und bleiben Sie da,— verſtehen Sie mich?« Die Frau entfernte ſich ſchnell, denn ſie war froh, erlöſ't zu ſein. Ralph aber ſammelte ſich, nahm ſo viel von ſeinem gewohnten Weſen an, als ſein ernſteſter Wille ihm zu geben vermochte, ging ſodann die Treppe hinunter, zögerte einige Augenblicke, während er die Hand ſchon auf die Klinke gelegt hatte, trat in New⸗ mans Comptoir hinein und ſtand da vor Herrn Karl Cheeryble. 4 Von allen Menſchen, die lebten, war dies einer der Letzten, mit welchen er überhaupt zuſammenzutreffen wünſchte; jetzt aber, als er in ihm bloß den Gönner und Beſchützer des Nicolaus erkannte, würde er lieber ein Geſpenſt geſehen haben. Eine wohlthätige Wirkung hatte dieſes Zuſammentreffen aber doch. Es rief augen⸗ blicklich ſeine ganze ſchlummernde Energie von neuem auf, entzündete die Leidenſchaften wieder in ſeinem Her⸗ zen, die hier viele Jahre lang eine fördernde Heimath gefunden hatten, weckte ſeinen Zorn, ſeinen Haß und ſeine Bosheit, brachte den Hohn wieder auf ſeine Lippen und die mürriſchen Runzeln auf ſeine Stirn und machte ihn im ganzen äußern Ausſehen wieder zu demſelben Ralph Nickleby, den ſo Viele zu ihrem Schaden ſo wohl kannten. »Hm!« ſagte Ralph, indem er an der Thür ſtehen blieb.„Das iſt ein unerwarteter Beſuch, Herr.⸗ »Und ein unwillkommener,« ſagte Bruder Karl, vein unwillkommener, ich weiß es wohl.« »Die Leute ſagen, Sie wären die Wahrheit ſelbſt,« bemerkte Ralph höhniſch.»Sie ſprechen alſo wohl auch jetzt die Wahrheit, und ich werde Ihnen nicht widerſpre⸗ — ͤ—— 2—=—— Nicolaus Nickleby. 37 chen. Der Beſuch iſt wenigſtens eben ſo unwillkommen als unerwartet. Ich kann kaum mehr ſagen.“ »Aufrichtig, Herr—,« begann Bruder Karl. „»Aufrichtig, Herr,« unterbrach ihn Ralph,»ich wün⸗ ſche, dieſer Beſuch möge ein recht kurzer ſein und die Beſprechung gleich beim Anfange aufhören. Ich errathe den Gegenſtand, worüber Sie ſprechen wollen, und mag Sie nicht hören. Sie lieben die Aufrichtigkeit, wie ich glaube, und ich will ganz aufrichtig gegen Sie ſein. Da iſt die Thür, wie Sie ſehen. Ihr Weg iſt ein ganz anderer. Folgen Sie ihm, Sie thun mir damit einen Gefallen, und laſſen Sie mich ruhig auf dem meinigen fortgehen.«⸗ „»Ruhig!« wiederholte Bruder Karl mild, indem er ihn mehr mit Mitleiden als mit Vorwurf anſah. „»Seinen Weg ruhig fortgehen!« »Sie werden ſchwerlich, wie ich glaube, Herr, ge⸗ gen meinen Willen in meinem Hauſe bleiben,« ſagte Ralph;»auch können Sie unmöglich hoffen, einen Ein⸗ druck auf einen Mann zu machen, der ſeine Ohren ver⸗ ſchließt vor Allem, was Sie ſagen können, der feſt ent⸗ ſchloſſen iſt, Sie nicht anzuhören.« „Herr Nickleby,« entgegnete Bruder Karl, nicht we⸗ niger mild als vorher, aber auch feſt und beſtimmt, vich kam gegen meinen Willen hierher, mit Leidweſen wahrhaftig, und gegen meinen Willen. Ich bin nie vor⸗ her in dieſem Hauſe geweſen, ich fühle mich, wenn ich Ihnen die Wahrheit ſagen ſoll, auch keineswegs wohl und behaglich darin und wünſche nicht, wieder herkom⸗ men zu müſſen. Sie errathen den Gegenſtand nicht, über welchen ich mit Ihnen ſprechen wollte; Sie erra⸗ then ihn nicht, ich weiß es gewiß, ſonſt würden Sie iih ganz anders benehmen.« 38 Nicolaus Nickleby. Ralph ſah ihn ſcharf an, aber das klare Auge und das offene Geſicht des redlichen alten Kaufmannes er⸗ fuhren durchaus keine Veränderung und hielten ſeinen Blick ganz ruhig aus. »Soll ich weiter ſprechen?« ſagte Herr Cheeryble. »O, immerhin, wenn es Ihnen Spaß macht,« ant⸗ wortete Ralph trocken.»Da ſind Wände, mit denen Sie reden können, ein Pult und zwei Stühle,— höchſt aufmerkſame Zuhörer, von denen Sie gewiß nicht un⸗ terbrochen werden. Thun Sie mir den Gefallen und fahren Sie fort; thun Sie ganz wie zu Hauſe hier; wenn ich von meinem Spaziergange zurückkomme, ſind Sie vielleicht fertig mit dem, was Sie zu ſagen haben und werden mir dann in meinem Hauſe wieder Platz machen.“« Mit dieſen Worten knöpfte er ſeinen Rock zu, wendete ſich nach dem Gange hin und nahm ſeinen Hut herunter. Der alte Herr folgte und wollte etwas ſagen, aber Ralph winkte ungeduldig und ſprach: „»Kein Wort! Ich ſage Ihnen, Herr, kein Wort! So tugendreich Sie auch ſein mögen, ſo ſind Sie doch noch kein Engel, daß Sie in den Häuſern der Leute, ſie mö⸗ gen wollen oder nicht, erſcheinen und gegen ihren Willen mit ihnen reden dürften. Reden Sie mit den Wänden, ſag' ich Ihnen,— nicht aber mit mir.« »Ich bin kein Engel, das weiß der Himmel,« ent⸗ gegnete Bruder Karl kopfſchüttelnd,»ſondern ein irren⸗ der und unvollkommener Menſch; indeß eine Eigen⸗ ſchaft haben alle Menſchen mit den Engeln gemein, Ge⸗ legenheit, wenn Sie wollen,— Barmherzigkeit zu üben. Eine Sache der Barmherzigkeit und Gnade führte mich hierher. Laſſen Sie mich meine Aufgabe löſen!« »Ich übe keine Gnade,« erwiederte Ralph mit einem triumphirenden Lächeln,»und verlange keine. Suchen Nicolaus Nickleby. 39 Sie bei mir keine Gnade und Barmherzigkeit für den Menſchen, der Ihre kindiſche Leichtgläubigkeit bethört hat, ſondern ſagen Sie ihm, er möge von mir das Schlimmſte erwarten, das ich zu thun vermag.« „»Er Gnade erbitten von Ihnen!« rief der alte Kauf⸗ mann warm;»Herr, bitten Sie ihn um Gnade und Mitleiden. Wenn Sie mich jetzt nicht anhören mögen, ſo werden Sie mich bald anhören müſſen, oder ahnen Sie, was ich ſagen wollte, und nehmen Sie Ihre Maß⸗ regeln ſo, daß wir nie wieder zuſammentreffen. Ihr Neffe iſt ein edler Mann, Herr, ein redlicher, ein edler Mann. Was Sie ſind, Herr Nicklebyp, das will ich nicht ſagen; aber ich weiß, was Sie ge⸗ than haben. Jetzt, Herr, wenn Sie wegen des Geſchäfts ausgehen, das Sie in der letzten Zeit beſchäftigt hat, und Sie überzeugen ſich, daß Sie daſſelbe nicht weiter treiben können, ſo kommen Sie zu mir und meinem Bruder Eduard und Timotheus Linkinwater, und wir wollen es Ihnen erklären; kommen Sie aber bald, es möchte ſonſt zu ſpät ſein, und es könnte Ihnen etwas rauher, mit weniger Zartgefühl erklärt werden. Ver⸗ geſſen Sie nicht, Herr, daß ich dieſen Morgen aus Barmherzigkeit zu Ihnen kam und noch bereit bin, in demſelben Geiſte mit Ihnen zu ſprechen.«* Nach dieſen Worten, welche er tief ergriffen und ſtark betont ſprach, ſetzte Bruder Karl ſeinen breitkräm⸗ pigen Hut auf, ging ohne eine weitere Bemerkung an Ralph Nickleby vorbei und ſchritt raſch auf die Straße hinaus. Ralph ſah ihm nach, bewegte ſich aber eine Zeitlang eben ſo wenig als er ein Wort ſagte, und brach endlich das Schweigen der Beſtürzung— das ſchien es zu ſein— durch ein höhniſches Gelächter. »Das,« ſagte er,»wird wieder einer der Träume 40 Nicolaus Nickleby. ſein, die in der letzten Zeit meinen Schlaf ſo geſtört haben. Aus Mitleiden und Barmherzigkeit mit mir! Bahl der alte Narr iſt verrückt geworden.- Obgleich er ſich in dieſer ſpottenden und verächtli⸗ chen Weiſe ausſprach, ſo wurde doch offenbar Ralph, je mehr er nachdachte, um ſo unruhiger und mehr und mehr von einer unbeſtimmten Angſt und Furcht geplagt, die ſich immer mehr ſteigerte, je ſpäter es wurde, ohne daß eine Nachricht von Newman Noggs erſchien. Nachdem er gewartet hatte bis ſpät in den Nachmittag hinein, gepeinigt von verſchiedenen Befürchtungen und Ahnun⸗ gen, und von der Erinnerung an die Warnung, welche ſein Neffe ihm zugerufen hatte, als ſie einander das Letztemal ſahen, die ſich ihm bald in dieſer, bald in jener Form der Wahrſcheinlichkeit zeigte, aber ihm niemals Ruhe ließ, ging er endlich fort und nach Snawley's Hauſe zu, ohne eigentlich zu wiſſen warum, außer weil er ſich in argwöhniſcher und unruhiger Stimmung be⸗ fand. Er traf die Frau, und Ralph fragte ſie, ob ihr Mann zu Hauſe ſei. „»Nein,“ antwortete ſie ſpitzig,„er iſt nicht zu Hauſe und er wird wohl auch eine ziemlich lange Zeit nicht zu Hauſe ſein, denk ich.« »Wiſſen Sie, wer ich bin?« fragte Ralph. »O ja, ich kenne Sie recht wohl,— zu gut vielleicht, mein Mann vielleicht auch, und es thut mir leid, daß ich es ſagen muß.« »Sagen Sie ihm, ich hätte ihn oben hinter der Jalouſie geſehen, als ich eben jetzt über die Straße ging, und ich wollte von Geſchäftsſachen mit ihm ſpre⸗ chen,« ſagte Ralph rauh.»Hören Sie?⸗ »Ich höre es,« antwortete Madame Snawley, die jedoch das Geſuch durchaus weiter nicht beachtete. Nicolaus Nickleby. 41 „Ich wußte wohl, daß die Frau zu den Frommen im Lande, zu den Heuchlern und Muckern gehörte,« ſagte Ralph, als er ruhig an ihr vorüberging,»aber daß ſie auch trinkt, wußte ich nicht.«⸗ »Halt! Hier herein gehen Sie nicht,« ſagte Herrn Snawley's beſſere Hälfte, die eine ziemlich rüſtige war, indem ſie ſich vor ihn in die Thüre ſtellte.»Sie haben mit ihm früher ſchon mehrmals zu viel von Geſchäften geſprochen. Ich ſagte ihm immer, was daraus folgen würde, wenn er mit Ihnen verkehre und Ihre Anſchläge ausführen helfe. Sie oder der Schulmeiſter— einer von Ihnen oder Sie Beide— haben den falſchen Brief ſchreiben laſſen; merken Sie ſich das.⸗ „Halten Sie Ihre Zunge im Zaume, Sie Jeſabel,⸗ ſagte Ralph, indem er ſich ängſtlich umſah. »Ich weiß ſchon ſelbſt, wann ich zu ſchweigen und wann ich zu reden habe, Herr Nickleby,« entgegnete die Frau.»Sorgen Sie nur dafür, daß auch andere Leute ſchweigen.⸗ »Weib, Sie!« ſagte Ralph, der vor Wuth die Zähne zuſammenbiß;»wenn Ihr Mann ſo albern geweſen iſt und hat Ihnen ſeine Geheimniſſe anvertraut,— ſo ſchweigen Sie davon, ſchweigen Sie davon, Sie Teu⸗ felsweib.« »Nicht ſowohl ſeine Geheimniſſe, als vielleicht die Geheimniſſe anderer Leute,« entgegnete die Frau, nicht ſowohl ſeine Geheimniſſe als die Ihrigen. Sehen Sie mich nicht mit ſolchen Blicken an; Sie. brauchen dieſel⸗ den vielleicht ein anderesmal. Behalten Sie dieſe Blicke!« »Wollen Sie,« ſagte Ralph, der ſeinen Zorn ſo viel als möglich unterdrückte und die Frau feſt am Hand⸗ gelenke faßte,»wollen Sie zu Ihrem Manne gehen Nicolaus Nickleby. VIII. 4 42 Nicolaus Nickleby. und ihm ſagen, ich wiſſe es, daß er zu Hauſe ſei, und müſſe ihn ſprechen? Und wollen Sie mir ſagen, was Sie und'er durch dieſes neue Benehmen bewirken wollen?« »Rein,« erwiederte die Frau, indem ſie ſich mit Ge⸗ walt losriß,»weder das eine noch das andere.⸗ »Sie trotzen mir alſo?« fragte Ralph. »Ja,“ lautete die Antwort,»das thue ich.«⸗ Einen Augenblick erhob Ralph ſeine Hand, als wollte er die Frau ſchlagen, aber er hielt ſich ſelbſt zurück, nickte mit dem Kopfe, murmelte, er werde dies nie vergeſſen und ging fort. Von da wendete er ſich gerade nach dem Wirths⸗ hauſe, welches Squeers zu beſuchen pflegte und fragte, ob derſelbe in der letzten Zeit dageweſen ſei, weil er wohl hoffte, der Plan möge nun gelungen ſein oder nicht, Squeers werde unterdeß von ſeiner Sendung zurückgekehrt ſein und ihm die Verſicherung geben können, daß alles ſicher ſei. Squeers war jedoch ſeit zehn Ta⸗ gen nicht dageweſen und die Leute konnten über ihn keine andere Auskunft geben, als daß er ſeine Hab⸗ ſeligkeiten dagelaſſen und die Rechnung nicht bezahlt habe. Ralph, den tauſend Beſorgniſſe und Ahnungen pei⸗ nigten, der gar gern gewußt hätte, ob Squeers Arg⸗ wohn gegen Snawley hege oder Antheil an dem ver⸗ änderten Benehmen deſſelben habe, beſchloß endlich, den äußerſten Schritt zu thun, in der Wohnung in Lam⸗ beth nach ihm zu fragen und dort eine Zuſammenkunft mit ihm zu halten. In dieſer Abſicht und in einer Stimmung, in welcher jede Verzögerung unerträglich iſt, wendete er ſich ſogleich nach jenem Orte hin, tappte, da ihm die Lage des Stübchens der Beſchreibung nach A — d=— Nicolaus Nickleby. 43 vollkommen bekannt war, die Treppe hinauf und klopfte leiſe an die Thür. Einmaliges Klopfen reichte nicht hin, Ralph die un⸗ angenehme Ueberzeugung zu geben, daß Niemand darin ſei, er klopfte deshalb zwei⸗, drei⸗, ja wohl zehnmal an. Er meinte, Squeers könne wohl ſchlafen, er horchte deshalb und bildete ſich faſt ein, er höre das Athmen deſſelben. Selbſt als er ſich endlich überzeugt hatte, daß Squeers doch nicht darin ſein könnte, ſetzte er ſich geduldig auf eine zerbrochene Treppenſtufe und wartete, indem er ſich einredete, Squeers werde nur auf einige Augenblicke ausgegangen ſein und müſſe bald zurück⸗ kehren. Viele Füße kamen die knarrende Treppe herauf und der Tritt von einigen klang ſeinem lauſchenden Ohre jenem des Mannes, den er erwartete, ſo ähnlich, daß Ralph oft aufſtand, um ihn ſogleich anreden zu können, wenn er heraufgekommen ſei, aber eine Perſon nach der andern ging in ein Zimmer an ihm vorbei und nach jeder ſolchen Täuſchung fühlte er ſich ganz verlaſſen. Endlich ſah er ein, daß es hoffnungslos ſei, noch länger zu bleiben; er ging die Treppe wieder hinunter und fragte einen der Bewohner des Hauſes, ob ihm vielleicht bekannt ſei, welche Orte Squeers beſuche,— den er jedoch bei dem falſchen Namen nannte, welchen der Schulmeiſter angenommen hatte. Der Angeredete wies ihn an eine andere Perſon, dieſe wieder an eine andere, und von dieſer erfuhr er, Squeers ſei in der vorigen Nacht ſpät mit zwei Männern ſchnell fortge⸗ gangen und dieſe wären bald darauf zu der alten Frau zurückgekehrt, die ihm gegenüber in demſelben Stock⸗ werke wohne; obgleich dieſer Umſtand die Aufmerkſam⸗ keit der erzählenden Perſon erregt, habe ſie doch ſeit⸗ 4* 44 Nicolaus Nickleby. dem mit den Beiden nicht geſprochen und ſich auch nicht weiter erkundigt. Dies brachte Ralph auf die Idee, Grete Sliderskow ſei vielleicht des Diebſtahls wegen verhaftet worden und Squeers mit ihr, weil er ſich bei ihr befunden und man ihn für ihren Mitſchuldigen gehalten. Wenn dies ſo war, mußte Gride davon wiſſen und deshalb ging er ſogleich nach Gride's Wohnung hin, jetzt wirk⸗ lich beſorgt und fürchtend, es könnten wohl Anſchläge gemacht ſein, um ihn ins Verderben zu bringen. Als er an dem Hauſe des Wucherers ankam, fand er die Fenſter verſchloſſen und die ſchmutzigen Laden heruntergelaſſen, Alles ſtill, traurig und öde. Das war jedoch das gewöhnliche Ausſehen. Er klopfte— an⸗ fangs leiſe, dann laut und ſtark, aber Niemand kam. Er ſchrieb ein paar Worte mit Bleiſtift auf eine Karte, ſchob dieſe unter der Thür hinein und wollte fortgehen, als er ein Geräuſch hörte, das von einem leiſe geöffne⸗ ten Fenſter herzurühren ſchien; er ſah empor und er⸗ blickte das Geſicht Gride's, das vorſichtig von oben herunterſchielte. Als er geſehen hatte, wer unten war, zog er ſich wieder zurück, doch ſo langſam, daß Ralph ihm bemerklich machen konnte, er habe ihn geſehen, und ihm zurief, er möge herunterkommen. Da der Ruf wiederholt wurde, ſo ſah Gride wieder heraus, aber ſo vorſichtig, daß man keinen Theil des Körpers des alten Mannes bemerken konnte und nur die ſcharfen Züge und das wüſte Haar über dem Simſe am Hauſe ſichtbar waren, wie ein abgehauener und auf die Mauer geſtellter Kopf. »Still!« rief er.—»Gehen Sie,— gehen Sie!« „»Kommen Sie herunter,« ſagte Ralph ihm winkend. »Gehen Sie!« quäkte Gride, der ſeinen Kopf in Nicolaus Nickleby. 45 übergroßer Ungeduld heftig ſchüttelte.»Sprechen Sie nicht mit mir, klopfen Sie nicht, lenken Sie die Auf⸗ merkſamkeit der Leute nicht auf das Haus, ſondern ge⸗ hen Sie, gehen Sie!« »Ich werde klopfen, ich ſchwöre es Ihnen zu, bis ich alle Nachbarn herausgeklopft habe,« ſagte Ralph, „wenn Sie mir nicht ſagen, warum Sie ſo da lauern?« »Ich höre nicht, was Sie ſagen,— reden Sie nicht mit mir, es iſt nicht ſicher,— gehen Sie, gehen Sie!« entgegnete Gride. »Kommen Sie herunter, ſage ich Ihnen. Werden Sie herunterkommen?« ſchrie Ralph außer ſich. »Nein— nein— nein!« dehnte Gride und er zog den Kopf zurück. Ralph, der ſo allein auf der Straße ſtand, hörte das Fenſter wieder ſo leiſe und vorſichtig zumachen, wie es aufgemacht worden war. »Woher kommt es,« ſagte Ralph zu ſich,»daß ſie alle von mir abfallen und mich fliehen wie die Peſt? — Die Menſchen ſelbſt, welche den Staub von meinen Füßen geleckt haben! Iſt mein Tag vorüber und bricht wirklich die Nacht herein? Ich will es erfahren, was es zu bedeuten hat, ich will es, mag es koſten, was es will. Ich bin feſter und wieder mehr ich ſelbſt, als ich es viele Tage jetzt geweſen bin.« Er ging fort von der Thür, an welche er anfangs ſo lange hatte andonnern wollen, bis Gride durch die Furcht veranlaßt werde, ſie ihm aufzumachen, wendete ſich nach der City, bahnte ſich faſt einen Weg durch die Menſchenmenge, welche aus derſelben herausſtrömte(es war zwiſchen fünf und ſechs Uhr Nachmittags), ging gerade nach dem Geſchäftslokale der Gebrüder Cheeryble 46 Niecolaus Nickleby. zu, ſah durch die Glasthür hinein und überzeugte ſich, daß Timotheus Linkinwater allein war. »Mein Name iſt Nickleby,« ſagte Ralph. »Ich kenne ihn,« antwortete Timotheus, der ihn durch die Brille hindurch muſterte. »Welcher der Compagnons Ihrer Firma iſt heute Vormittags bei mir geweſen?« fragte Ralph. »Herr Karl.« »Dann ſagen Sie dem Herrn Karl, ich wünſchte mit ihm zu ſprechen.« »Sie ſollen mit ihm ſprechen,« antwortete Timo⸗ theus, der ungemein raſch von ſeinem hohen Stuhle herunterſtieg,»und nicht bloß mit Herrn Karl, ſondern auch mit dem Herrn Eduard.“« Timotheus hielt inne, ſah Ralph feſt und ernſt an, nickte einmal mit dem Kopfe auf eine Art, welche zu ſagen ſchien, es liege noch mehr dahinter und ver⸗ ſchwand. Bald darauf kam er zurück, geleitete Ralph zu den beiden Brüdern und blieb auch ſelbſt in dem Zimmer. »Ich wünſche mit dem Herrn zu ſprechen, der heute Vormittag mit mir ſprach,« ſagte Ralph, indem er mit dem Finger auf den Mann deutete, den er meinte. »Ich habe keine Geheimniſſe vor meinem Bruder Eduard oder vor Timotheus Linkinwater,« bemerkte Bruder Karl ruhig. »Aber ich,« entgegnete Ralph. »Herr Nickleby,« ſagte Bruder Eduard,»die Sache, wegen welcher Bruder Karl dieſen Morgen zu Ihnen ging, iſt uns Dreien und überdies andern Leuten voll⸗ kommen genau bekannt und muß leider bald noch vielen Andern bekannt werden. Er kam dieſen Morgen allein zu Ihnen aus Zartgefühl und beſonderer Rückſicht. Jetzt füh⸗ Nicolaus Nickleby. 47 len wir, daß weitere Schonung und Rückſichtnahme nicht am rechten Orte ſein würden, und wenn wir von der Sache ſprechen, ſo muß es geſchehen, ſo wie wir hier ſind oder es unterbleibt ganz.« »Meine Herren,« entgegnete Ralph, der einen hämi⸗ ſchen Ton annahm,»Sie Beide ſcheinen beſonders ſtark zu ſein, in Räthſeln zu ſprechen, und Ihr Buchhalter da wird wohl die Kunſt auch ſtudirt haben, um Ihnen gefällig zu ſein. Sprechen Sie alſo in Gottes Namen in Compagnie, meine Herren. Ich werde Nachſicht haben.« „Nachſicht!« rief Timotheus Linkinwater, der mit Einemmale ganz roth im Geſicht wurde.»Er will Nach⸗ ſicht mit zuns haben! Er will Nachſicht haben mit Ge⸗ brüder Cheeryble! Hören Sie das? Hören Sie ihn? Hören Sie, daß er ſagt, er wolle Nachſicht haben mit Gebrüder Cheeryble?« »Timotheus,« ſagte Karl und Eduard zu gleicher Zeit,»Timotheus, ruhig!« Timotheus hörte auf die Bitte, erſtickte ſeinen Un⸗ willen ſo gut er es vermochte, ließ ihn an ſeiner Brille aus und durch die Sicherheitsklappe eines kurzen Hu⸗ ſtens, der ſich bisweilen einſtellte und ihn ſehr zu er⸗ leichtern ſchien. »Da Niemand mir einen Stuhl anbietet,« ſagte Ralph, indem er ſich umſah,»ſo werde ich mir einen nehmen, denn ich bin müde vom Gehen. Und nun, meine Herren, wünſchte ich zu wiſſen,— verlange ich zu wiſſen, denn ich habe ein Recht dazu— was Sie mir zu ſagen haben, und was einen ſolchen Ton recht⸗ fertigen kann, den Sie angenommen, und das unter der Hand Einmiſchen in meine Geſchäfte, deſſen Sie ſich ſchuldig gemacht haben, wie ich wohl merke. Ich ſage 48 Nicolaus Nickleby. Ihnen offen, meine Herren, daß ich mich nicht ruhig und geduldig verleumden laſſe, ſo wenig ich mich auch um die Meinung der Leute kümmere,— wie man ſich auszudrücken pflegt. Ob Sie ſich zu leicht überreden und bethören laſſen, oder ob Sie mit Abſicht ſelbſt An⸗ theil daran nehmen, das Reſultat iſt für mich daſſelbe, und in beiden Fällen können Sie von einem Manne wie ich bin nicht viel Rückſicht oder Schonung erwar⸗ ten.« Dies wurde ſo bedächtig und ruhig geſprochen, daß neun Perſonen von zehn, denen die Umſtände nicht be⸗ kannt geweſen, Ralph wirklich für den Beleidigten und Gekränkten gehalten haben würden. Er ſaß da mit übereinandergeſchlagenen Armen, allerdings bläſſer als gewöhnlich und ziemlich mürriſch, aber vollkommen ge⸗ faßt,— weit mehr als die Brüder oder der erbitterte Timotheus, und bereit, das Schlimmſte zu erfahren. »Sehr wohl, Herr,« ſagte Bruder Karl.»Sehr wohl. Bruder Eduard, willſt Du einmal die Klingel ziehen 2 „»Karl, lieber Bruder, warte doch einen Augenblick,« entgegnete der Andere.»Es wird beſſer ſein für Herrn Nickleby und für unſere Sache, daß er ſchweigt, wenn er kann, bis wir geſagt haben, was zu ſagen iſt. Ich wünſche, er nimmt ſich dies zu Herzen.« Ralph lächelte, aber antwortete nicht. Die Klingel wurde gezogen; die Thür öffnete ſich; ein Mann hinkte herein, und als Ralph ſich umſah, begegneten ſeine Blicke denen des Newman Noggs. Von dieſem Augen⸗ blicke an fing ſein Muth an, ihn zu verlaſſen. »Das iſt ein guter Anfang,“« ſagte er bitter;»ah, das iſt ein guter Anfang. Sie ſind aufrichtige, redliche, offenherzige, ehrlichhandelnde Männer! Ich habe längſt 8N— G 84 Niecolaus Nickleby. 49 ſchon gewußt, was ſolche Leute wie Sie eigentlich werth ſind. Einen Menſchen zu gewinnen zu ſuchen wie die⸗ ſen, der ſeine Seele(wenn er eine hat) für Brannte⸗ wein verkaufen würde, in deſſen Munde jedes Wort eine Lüge iſt;— welche Menſchen ſind ſicher, da dies geſchehen iſt? O, es iſt ein guter Anfang!« „Ich will ſprechen,« rief Newman, der auf den Zehen ſtand, um über den Kopf des Timotheus zu ſe⸗ hen, der ſich vor ihn geſtellt hatte, um ihn zurückzu⸗ halten.»Heda, Sie Herr,— alter Nicklepy— was meinen Sie, wenn Sie von einem Menſchen wie dieſer ſprechen? Wer machte mich zu einem ſolchen Menſchen. Wenn ich meine Seele für Branntwein verkaufen wollte, warum war ich nicht lieber ein Dieb, ein Schwindler, ein Räuber, warum beſtahl ich nicht lieber den blinden Bettler, als daß ich Ihr Packeſel wurde? Wenn jedes Wort in meinem Munde eine Lüge iſt, warum war ich denn nicht Ihr Liebling und Schooßkind? Lüge! Wann kroch ich jemals vor Ihnen, wann ſchmeichelte ich Ih⸗ nen, he? Sagen Sie mir das. Ich diente Ihnen ehr⸗ lich und treu. Ich arbeitete mehr, weil ich arm war, und duldete mehr rauhe Worte von Ihnen, weil ich Sie verachtete und die harten Worte dazu, als irgend ein Mann gethan haben könnte, den Sie aus einem Arbeitshauſe genommen. Ich diente Ihnen, weil ich ſtolz war, weil ich allein war mit Ihnen und keine an⸗ dere Packeſel meine Entwürdigung ſahen, weil Nie⸗ mand es beſſer wußte als Sie, daß ich ein herunterge⸗ kommener Mann war, daß ich nicht immer geweſen, was ich jetzt bin, und daß es wohl beſſer mit mir geſtanden hätte, wäre ich nicht ein Narr geweſen und in Ihre Händen und in die Hände Anderer gerathen, die Schurken waren. Leugnen Sie das das— he 2 50 Nicolaus Nickleby. „»Ruhig,« fiel Timotheus ein;»Sie verſprachen es, nicht heftig zu werden.« »Ich verſprach es!« rief Newman, indem er ihn bei Seite ſchob und ſeine Hand bewegte, wie Timotheus einen Schritt that, ſo daß er ihn immer eine Arms⸗ länge von ſich hielt; verinnern Sie mich nicht daran. Sie Nickleby, ſtellen Sie ſich nicht, als achteten Sie nicht auf mich; es nützt nichts, ich weiß es beſſer. Sie ſprachen eben vom Gewinnenſuchen, vom Beſtechen. Wer ſuchte einen Schulmeiſter aus Yorkſhire zu beſte⸗ chen und ſchickte ſeinen Packeſel fort, damit er nichts davon höre, vergaß aber, daß ſo große Vorſicht ihn verdächtig machen mußte und daß der Diener ihn in der Nacht draußen beobachten und andere Augen bewe⸗ gen könnte, die den Schulmeiſter beobachteten? Wer beſtach einen eigennützigen Vater und drang in ihn, ſeine Tochter an den alten Arthur Gride zu verkaufen, und ſuchte auch den Gride zu gewinnen und zwar in dem kleinen Comtoir, in dem ein Schrank ſteht?« Nalph ſtrengte ſich an, ruhig zu bleiben, konnte aber ein leichtes Zuſammenſchrecken nicht unterdrücken, und hätte er im nächſten Augenblicke darauf deshalb den Kopf verlieren müſſen. »Aha!« rief Newman,»jetzt hören Sie auf mich, nicht wahr? Was trieb zuerſt dieſen Knecht, wegen der Handlungen ſeines Herren beſorgt zu werden, was erregte in ihm das Gefühl, daß er ſo ſchlecht ſei und ſchlechter als er, wenn er ſeine Pläne nicht vereitele, ſobald er es vermöge? Dieſes Herrn grauſame Be⸗ handlung ſeines eigenen Fleiſches und Blutes und die niederträchtigen Abſichten deſſelben mit einem jungen Mädchen, mit dem ſelbſt ſein gedemüthigter, betrunkener Nicolaus Nickleby. 51 und armſeliger Knecht Mitleiden fühlte, ſo daß er in dem Dienſte blieb, weil er hoffte, ihr noch nützen zu können(wie er, Gott ſei Dank! Andern vorher ein paar Mal nützlich geweſen war); ſonſt würde er ſeinen Herrn tüchtig durchgeprügelt, ſo ſein Herz erleichtert ha⸗ ben und dann zu dem Teufel gegangen ſein. Das hätte er gethan,— merken Sie's, und merken Sie's auch, daß ich jetzt hier bin, weil es dieſe Herren für beſſer hielten. Als ich ſie aufſuchte(— ich ſuchte ſie auf, ſie beſtachen und überredeten mich nicht), ſagte ich ihnen, ich brauche Hülfe, um Ihre Schliche und Kniffe auszu⸗ ſpüren, um das zu vollenden, was ich begonnen, und das Recht nicht unterdrücken zu laſſen; und wenn ich dies gethan, wollte ich zu Ihnen gehen und Ihnen Al⸗ les ſagen ins Geſicht, Mann gegen Mann und wie ein Mann. Jetzt habe ich geſagt, was ich zu ſagen hatte, mögen Andere das ihrige auch ſagen.« Nach dieſen letzten Worten wurde Newman Noggs, der ſich abwechſelnd niedergeſetzt hatte und wieder aufge⸗ ſtanden war während dieſer Rede, die er ſatzweiſe gleich⸗ ſam herausgeſchleudert hatte, und der ſich in Folge der heftigen Anſtrengung und heftigen Aufregung in wahr⸗ haft fieberhafter Gluth befand, mit einem Male und ohne Uebergang wieder, ſteif und bewegungslos, blieb ſo ſtehen und ſtarrte Ralph Nickleby an. Ralph ſah ihn einen Augenblick, aber auch nur einen Augenblick an, dann winkte er ihn mit der Hand fort, ſtampfte mit den Füßen und ſagte mit einer von Wuth faſt erſtickten Stimme: „Fahren Sie fort, meine Herren, fahren Sie fort. Ich bin geduldig, wie Sie ſehen. Es giebt noch Ge⸗ rechtigkeit im Lande, noch Gerechtigkeit im Lande. Ich 52 Nicolaus Nickleby. werde Sie dafür zur Rechenſchaft ziehen. Bedenken Sie, was Sie ſagen; Sie werden es beweiſen müſſen.« »Der Beweis liegt bereits vor,« entgegnete Bruder Karl,»Sie können ihn haben. Der Mann Snawley hat vorigen Abend geſtanden.« »Wer mag der Mann Snawley ſein«, erwiederte Ralph,»und was geht ſein Geſtändniß⸗ mich an?« Auf dieſe Frage, welche mit einem trotzigen Weſen geſtellt wurde, das ſich mit Worten nicht beſchreiben läßt, gaben die alten Herren keine Antwort, ſondern ſagten, um zu zeigen, wie ſehr die Sache Ernſt ſei, müßten ſie ihm melden, welche Anklagen nicht nur ſie gegen ihn vorbringen würden, ſondern auch, welche Be⸗ weiſe ſie dafür hätten und wie ſie zu dieſen Beweiſen gekommen wären. Da dies die ganze Sache darlegte, ſo ſprachen Bruder Eduard, Bruder Karl, Timotheus Linkinwater und Newman Noggs und Alle zu gleicher Zeit; es wurde ſehr viel geſprochen, es entſtand eine ge⸗ waltige Verwirrung und Ralph erfuhr daraus das Fol⸗ gende. Ein Mann, welcher in dieſem Augenblicke nicht vor⸗ geſtellt werden konnte, hatte Newman feierlich verſichert, Smike ſei nicht der Sohn Snawley's, und ſich ſelbſt er⸗ boten, dies im Nothfall zu beſchwören. Dadurch waren ſie zuerſt veranlaßt worden, den Anſpruch auf Smike zu bezweifeln, den ſie ſonſt keinen Grund gehabt haben wür⸗ den, zu beſtreiten, da er durch Zeugniſſe unterſtützt wurde, die ſie nicht umzuſtoßen vermochten. Als ſie ein⸗ mal auf die Spur des Complottes gekommen waren, wurde es ihnen nicht ſchwer, daſſelbe bis zur Bosheit Ralphs und zur Rachſucht wie zum Geize des Schul⸗ meiſters Squeers zurück zu verfolgen. Da jedoch Ver⸗ muthung und Beweis zwei ſehr verſchiedene Dinge Nicolaus Nickleby. 53 ſind, ſo hatte ihnen ein durch ſeinen Scharfſinn in ſol⸗ chen Dingen berühmter Advocat den Rath gegeben, den von der Gegenpartei anhängig gemachten Prozeß wegen Herausgabe des Knaben ſo ſehr als möglich in die Länge zu ziehen und unterdeß Snawley zu bearbeiten (auf dem offenbar die falſche Angabe hauptſächlich be⸗ ruhen mußte), um ihn wo möglich zu einander wider⸗ ſprechenden Angaben zu verleiten, ihn auf jede mögliche Weiſe zu chieaniren, ihn wegen ſeiner eigenen Sicher⸗ heit beſorgt zu machen und ſo zu bewegen, das ganze Complott zu endecken und Denjenigen zu nennen, wel⸗ cher ihn erkauft habe, ſowie ſeine etwaigen Mitſchuldi⸗ gen. Dies Alles war mit vielem Geſchick gethan wor⸗ den, Snawley aber, der in ſolchen Künſten wohl ſchon ziemliche Erfahrung beſitzen mochte, hatte mit Erfolge alle ihre Verſuche vereitelt, bis ihn ein unerwarteter Umſtand endlich am vergangenen Abend zum Geſtänd⸗ niſſe gebracht. Dies ging ſo zu. Als Newman Noggs meldete, Squeers befinde ſich wieder in der Stadt und es habe zwiſchen demſelben und Ralph eine ſo geheime Unterre⸗ dung ſtattgefunden, daß er, Newman, aus dem Hauſe geſchickt worden ſei, offenbar damit er kein Wort davon höre, ließ man den Schulmeiſter beobachten, in der Hoff⸗ nung etwas zu entdecken, das Licht auf das gemuth⸗ maßte Complott werfen könne. Als man aber ſich über⸗ zeugte, daß er weder mit Ralph noch mit Snawley ver⸗ kehre und ganz allein lebe, wußte man durchaus nicht, woran man war; die Wache wurde zurückgezogen und man würde ihn gar nicht länger beobachtet haben, hätte nicht Newman ihn und Ralph einmal Abends auf der Straße unbeachtet und zufällig beiſammen getroffen. Er war ihnen nachgegangen und hatte zu ſeiner großen —— 54 Nicolaus Nickleby. Verwunderung geſehen, daß ſie ſich in verſchiedene ge⸗ meine Wirthshäuſer und Schenken begaben, in denen ſich heruntergekommene Spieler aufhielten, welche meiſt Ralph kannten, und da— wie Newman durch Erkundi⸗ gung erfuhr, als ſie ſich wieder entfernt hatten,— eine alte Frau ſuchten, welche der Beſchreibung nach keine andere als die taube Grete Sliderskow ſein konnte. Die Sache ſchien jetzt eine ernſte Wendung zu nehmen und Squeers wurde von Neuem mit doppelter Aufmerk⸗ ſamkeit beobachtet; ein Polizeidiener nahm eine Woh⸗ nung in derſelben Schenke, in der Squeers ſich aufhielt, und durch ihn wie durch Frank Cheeryble wurde der Schulmeiſter, ohne daß er es ahnete, belauſcht, bis er die Wohnung in Lambeth nahm. Als er ſo ſeine frühere Wohnung verlaſſen, zog auch der Polizeidiener aus, lauerte ihn in derſelben Straße, und zwar in dem Hauſe gegenüber auf und kam bald dahinter, daß Squeers und Frau Sliderskow fortwährend mit einander verkehrten. Jetzt wendete man ſich an Arthur Gride. Der Dieb⸗ ſtahl in ſeinem Hauſe war durch das emſige Forſchen der Nachbarn und durch ſeine eigene Wuth und Trauer längſt bekannt geworden; aber er weigerte ſich ſtandhaft, die Verhaftung der alten Frau gut zu heißen oder dazu mitzuwirken und erſchrak ſo ſehr über den bloßen Ge⸗ danken, gegen ſie zeugen zu müſſen, daß er ſich in ſeinem Hauſe einſchloß und durchaus mit Niemand verkehren wollte. Die Verfolger hielten nun Rath mit einander, kamen der Wahrheit ſo nahe, daß ſie zu dem Schluſſe gelangten, Gride und Nalph benutzten Squeers, um wo möglich einige der geſtohlenen Papiere zurück zu erhalten, welche nicht bekannt werden durften und vielleicht Auf⸗ ſchluß über die Winke in Bezug auf Madeline geben konnten, die Newman gehört hatte, und nahmen ſich vor, ——— „ 28——— Nicolaus Nickleby. 55 die Frau Sliderskow verhaften zu laſſen, ehe ſie jene Papiere aus der Hand gebe, aber auch den Herrn Squeers, ſobald ſich irgend ein Verdacht gegen ihn zeige. Man verſchaffte ſich demnach die Erlaubniß, Nachſuchung zu halten, bereitete alles vor, ließ die Fen⸗ ſter des Herrn Squeers beobachten, bis das Licht ausge⸗ löſcht war und die Zeit kam, in welcher er, wie man bereits wußte, ſich gewöhnlich zu Frau Sliderskow be⸗ gab. Als dies geſchehen war, ſchlichen ſich Frank Chee⸗ ryble und Newman die Treppe hinauf, um die Unter⸗ haltung des Paares zu belauſchen und dem Polizeidiener zur günſtigſten Zeit das Zeichen zu geben. Der Leſer weiß bereits, zu welcher gelegenen Zeit ſie ankamen, wie ſie horchten und was ſie hörten. Squeers wurde halb betäubt mit der geſtohlenen Urkunde in ſeiner Taſche fortgebracht und Frau Sliderskow ebenfalls ver⸗ haftet. Dem Snawley meldete man bald, daß Squeers ſich in Gewahrſam befinde,— ohne ihm jedoch zu ſagen, warum— und dieſer Snawley erklärte dann, nachdem er die Verſicherung erhalten hatte, man werde ihm nichts zu Leide thun—, die ganze Geſchichte wegen Smikke ſei ein Mährchen und eine Erdichtung, und Ralph Nickleby dabei ſehr betheiliget. Der Herr Squeers dagegen war denſelben Vormittag unter vier Augen von einem Rich⸗ ter verhört worden, hatte ſich nicht genügend über den Beſitz des Documentes und ſeinen Verkehr mit der Frau Sliderskow ausweiſen können und war nebſt dieſer wie⸗ der in das Gefängniß abgeführt worden. Alle dieſe Entdeckungen wurden jetzt Ralph ausführ⸗ lich vorerzählt; welchen Eindruck ſie aber auch im In⸗ nern auf ihn machten, er verrieth nicht die mindeſte Er⸗ ſchütterung, ſondern ſaß vollkommen ſtill, richtete die Augen nicht vom Boden auf und hielt ſich den Mund 6 Nicolaus Nickleby. mit der Hand zu. Als die Erzählung beendigt war, richtete er haſtig den Kopf empor, als wolle er ſprechen, verſank aber, da Bruder Karl fortfuhr, in ſeine frü⸗ here Haltung. »„Ich ſagte Ihnen dieſen Vormittag,« fuhr der alte Herr fort, indem er ſeine Hand auf die Achſel des Bru⸗ ders legte,»ich käme aus Barmherzigkeit zu Ihnen. Sie wiſſen es am beſten, wie ſehr Sie bei der letztern Sache betheiliget ſind und wie ſehr Sie der in Gewahr⸗ ſam Befindliche beſchuldigen kann. Aber die Gerechtig⸗ keit muß ihren Lauf haben gegen alle die, welche in das Complott gegen den armen ſchuldloſen Knaben ver⸗ wickelt ſind. Es ſteht nicht in meiner, nicht in meines Bruders Macht, Sie vor den Folgen zu ſchützen. Das Aeußerſte, was wir thun können, iſt, daß wir Sie in Zeiten warnen und Ihnen eine Gelegenheit geben, die⸗ ſen Folgen zu entgehen. Wir wünſchen nicht, daß ein alter Mann wie Sie durch Ihren nahen Verwandten beſchimpft und beſtraft werde; wir wünſchen nicht, daß er, wie Sie es gethan haben, alle Bande der Natur und des Blutes vergißt. Wir bitten Sie,— Bruder Eduard, ich weiß es, Du unterſtützeſt mich in dieſer Bitte, und auch Timotheus Linkinwater thut es, ob er gleich daſitzt als wäre er hartherzig,— wir bitten Sie, verlaſſen Sie London und ſuchen Sie Zuflucht an einem Orte, wo Sie ſicher vor den Folgen dieſer böſen An⸗ ſchläge ſind und wo Sie Zeit finden mögen, dafür Viß zu thun und ein beſſerer Menſch zu werden.« »Glauben Sie wirklich,« entgegnete Ralph, der ſich mit teufliſchem Hohn im Geſichte aufrichtete,»glauben Sie, Sie könnten mich ſo leicht zu Boden bringen? Glauben Sie, hundert ſchlau angelegte Pläne, hundert erkaufte Zeugen, hundert Aufpaſſer hinter mir und hun⸗ & — Kicolaus Nickleby. 57 dert ſalbungsvolle Reden würden mich bewegen? Ich danke Ihnen dafür, daß Sie mir Ihre Pläne mitge⸗ theilt haben, auf die ich nun vorbereitet bin. Ich bin nicht der Mann, den Sie wohl erwartet haben; verkla⸗ gen Sie mich und erinnern Sie ſich, daß ich Ihre ſchö⸗ nen Worte wie Ihre Hinterliſt verlache und Sie heraus⸗ fordere, das Aergſte und Schlimmſte gegen mich zu ver⸗ ſuchen, das Sie vermögen.⸗ So trennten ſie ſich für diesmal; aber das Schlimmſte war noch nicht gekommen. Viertes Kapitel. Die Gefahren mehren ſich und das Schlimmſte wird offenbar. Statt nach Hauſe zu gehen, warf ſich Ralph in das erſte beſte Cabriolet, das er traf, befahl dem Kutſcher, nach dem Polizeiamte des Bezirks zu fahren, in welchem das Unglück den Herrn Squeers betroffen hatte, ſtieg in einiger Entfernung davon ab, entließ den Mann und ging den übrigen Theil des Weges zu Fuße. Er fragte nach dem Gegenſtande ſeiner Beſorgniß und erfuhr, daß er noch zu rechter Zeit gekommen ſei, denn Squeers war⸗ tete eben auf eine Miethkutſche, die er beſtellt hatte und in welcher er wie ein angeſehener Mann ſich an den Ort ſeiner Beſtimmung begeben wollte. Er verlangte mit dem Gefangenen zu ſprechen und wurde in eine Art Wartezimmer geführt, in welchem Herr Saueers, ſeines Gelehrtenſtandes wegen, den Tag über hatte bleiben dürfen. Hier konnte er in dem Scheine eines laufenden, langſchnuppigen Talglichtes 5 Nicolaus Nicklebz. VIII. 58 Nicolaus Nickleby. den Schulmeiſter kaum erkennen, der auf einer Bank in einem fernen Winkel in feſtem Schlafe lag. Auf dem Tiſche vor ihm ſtand ein leeres Glas, das nebſt der Schlafſucht und einem ziemlich ſtarken Geruche von Branntwein dem Eintretenden verrieth, Herr Squeers habe ſeine unangenehme Lage wenigſtens auf eine Zeit⸗ lang zu vergeſſen geſucht. Es war eine nicht eben leichte Aufgabe, ihn zu wecken, ſo ſchwer, ſo todtenartig war ſein Schlaf. Das Bewußtſein kehrte nur langſam und allmälig zurück; endlich ſetzte er ſich auf, zeigte ein ſehr gelbes Geſicht, eine ſehr rothe Naſe und einen ſehr ſtacheligen Bart, deren Effekt durch ein ſchmutziges weißes, mit Blut be⸗ flecktes Taſchentuch bedeutend erhöhet wurde, welches er über den Kopf gelegt und unter dem Kinne zuſammen⸗ gebunden hatte, und ſtierte Ralph kläglich und ſchweigend an, bis ſeine Gefühle ſich in dem kraftvollen Spruche äußerten: »Ich ſage, junger Menſch, es iſt vorbei mit Dir!« „»Was haben Sie an Ihrem Kopfe?« fragte Ralph. »Nun, Ihr Kerl, Ihr ſchnüffelnder, menſchenfangen⸗ der Schreiber hat ihn zerſchlagen,« entgegnete Squeers mürriſch;»das iſt's mit dem Kopfe. Sind Sie endlich gekommen?« „»Warum haben Sie nicht nach mir geſchickt?« fragte Nalph.»Wie konnte ich kommen, ehe ich wußte, was Ihnen widerfahren iſt?2« »Meine Familie!« ſchluchzte Squeers, indem er die Augen nach der Decke erhob;»meine Tochter in dem Alter, in welchem alle Gefühle in die Blüthe treten,— mein Sohn, der junge Norval des Privatlebens, der Stolz und die Zierde eines ihn vergötternden Dorfes, — das iſt ein Schlag für die Familie! Das Wappen Nicolaus Nickleby. 59 der Squeerſe iſt zerbrochen und ihre Sonne in den Meereswogen untergegangen!« »Sie haben getrunken,« ſagte Ralph,»und ſich noch nicht wieder nüchtern geſchlafen.« »Ich habe nicht Ihre Geſundheit getrunken,« antwor⸗ tete Squeers,»und es geht Sie alſo nichts an.« Ralph unterdrückte den Unwillen über des Schulmei⸗ ſters verändertes und unverſchämtes grobes Benehmen und fragte nochmals, warum er nicht nach ihm geſchickt habe. »Was half es mir, wenn ich zu Ihnen ſchickte?« ent⸗ gegnete Squeers.»Es würde mir nicht eben von Nutzen geweſen ſein, wenn man erfahren hätte, daß ich mit Ihnen bekannt ſei, und gegen Bürgſchaft werden ſie mich nicht eher loslaſſen, bis ſie etwas mehr von der Sache wiſſen; ſo ſitze ich alſo da hart und feſt, während Sie frei und ledig umhergehen.⸗ „»Das werden Sie in wenigen Tagen auch können,« erwiederte Ralph mit erheuchelter guter Laune.»Man kann Ihnen nichts anhaben.« »Ich glaube allerdings, daß ſie mir nicht viel an⸗ haben werden, wenn ich auseinanderſetze, wie es kam, daß ich die Geſellſchaft der alten häßlichen Slider ſuchte,« antwortete Squeers; vich wollte, ſie wäre todt und be⸗ graben, aus dem Grabe geſtohlen, ſecirt und in einem anatomiſchen Muſeum auf Drähten aufgehangen gewe⸗ ſen, ehe ich ich etwas von ihr erfuhr und mit ihr zu ſchaffen hatte. Der Mann mit dem gepuderten Kopfe ſagte heute Vormittag:—»Gefangener, da Sie bei dieſem Weibe gefunden worden ſind; da Sie dieſes Do⸗ cument bei ſich hatten; da Sie mit ihr beſchäftigt wa⸗ ren, betrügeriſcherweiſe Andere zu vernichten und keine genügende Auskunft geben können, ſo ſchicke ich Sie auf 5* 60 Nicolaus Nickleby. acht Tage ins Gefängniß, damit man Nachſuchungen an⸗ ſtellen und Beweiſe herbeiſchaffen kann,— und bis da⸗ hin kann ich keine Bürgſchaft für Sie annehmen.“ Ich aber ſage nun, ich kann genügende Auskunft über mich geben; ich kann die Karte von meiner Anſtalt hinrei⸗ chen und ſagen,'ich bin der darauf genannte Wackford Squeers, ich bin der Mann, der nach untadeligen, höchſt ehrenwerthen Zeugniſſen ein wahres Muſter von Mora⸗ lität und Rechtlichkeit iſt. Alles, was in dieſer Sache nicht recht iſt, iſt nicht meine Schuld. Ich hatte keine böſe Abſicht dabei. Ich wußte nicht, daß es etwas Un⸗ rechtes war. Ich handelte bloß für einen Freund,— für meinen Freund Ralph Nickleby,— ſchicken Sie nach ihm, Herr, und fragen Sie ihn, was er zu ſagen hat, — er iſt der Mann, ich bin es nicht.⸗ »Welches Document haben Sie?« fragte Ralph, der für jetzt dem eben berührten Punkte auswich. „»Welches Document? Nun das Document,« ant⸗ wortete Squeers,»das mit dem Namen Madeline. Es war ein Teſtament; das war es.⸗« „Was für ein Teſtament, weſſen Teſtament, wann ausgeſtellt, auf welche Weiſe ſie bedenkend und mit wel⸗ cher Summe?« fragte Ralph ſchnell hintereinander. „»Ein Teſtament zu ihren Gunſten, das iſt alles, was ich weiß,« entgegnete Squeers,»und mehr als Sie wiſſen würden, wenn Sie den Blaſebalg auf den Kopf bekommen hätten. Das iſt die Folge von Ihrer koſtba⸗ ren Vorſicht, daß es nun fort iſt. Hätten Sie mich es verbrennen laſſen und mir auf mein Wort geglaubt, daß es geſchehen ſei, ſo wäre es nun ein Häuſchen Aſche, ſtatt daß es ganz und wohlbehalten in meinem Rocke ſteckt.« 8 1 ———————— —— Nicolaus Nickleby. 61 »Auf allen Punkten geſchlagen!“« murmelte Ralph, der an den Fingern kauete. »Ach!« ſeufzte Squeers, deſſen Gedanken in Folge des Branntweins und der Erſchütterung ſeines Kopfes ſeltſame Sprünge machten,»in dem lieblichen Dorfe Todtenbuſchhall in Yorkſhire erhielten Knaben Tiſch, Kleidung, Wäſche, Bücher, Taſchengeld und alles Noth⸗ wendige, wurden in allen lebenden und todten Sprachen unterrichtet, in der Mathematik, Orthographie, Geome⸗ trie, Aſtronomie, Trigonometrie,— das iſt etwas ande⸗ res als Trigonomik, aber a doppel I— all eins. A— u— f auf, Adjectiv, nicht hinunter. S— q— u— doppel e— r— s, Squeers, Nomen Subſtantivum, Ju⸗ genderzieher. Ganz— ganz vorbei mit Squeers!« Während der Schulmeiſter auf dieſe Weiſe phanta⸗ ſirte und declamirte, hatte Ralph die Gelegenheit be⸗ nutzt, um ſeine Geiſtesgegenwart wieder zu ſammeln, welche ihm die Nothwendigkeit vorſtellte, die ſchlimmen Ahnungen des Schulmeiſters ſo weit als möglich zu ent⸗ fernen und ihn zu der Anſicht zu bringen, ſeine Sicher⸗ heit und das klügſte Benehmen beruhe in dem ſtandhaf⸗ ten Behaupten eines ſtarren Schweigens. »„Ich ſage es Ihnen noch einmal,« ſprach er, vſie können Ihnen nichts anhaben. Sie können dann wegen ungerechter Einkerkerung ſogar auf Schadenerſatz klagen und ſo noch etwas dabei gewinnen. Wir wollen eine Geſchichte für Sie erſinnen, die Ihnen aus einer zwan⸗ zigmal ſchlimmern Anklage heraushelfen ſoll als dieſe da iſt; und wenn man tauſend Pfund St. als Sicher⸗ heit verlangt, daß Sie wieder erſcheinen, wenn man Sie verlangen wird, ſo geben wir das Geld. Sie ha⸗ ben weiter nichts zu thun als die Wahrheit zurückzuhal⸗ ten. Sie ſind heute Abend etwas angetrunken und ſe⸗ Nicolaus Nickleby. hen dies vielleicht nicht ſo deutlich ein, als ſie es zu einer andern Zeit einſehen würden; dies müſſen Sie aber, und es iſt deshalb nöthig, daß Sie alle Ihre Sinne zuſam⸗ mennehmen, denn ein Verſehen könnte verderblich werden.« »Ach,« entgegnete Squeers, der ihn pfiffig angeſehen und dabei den Kopf auf eine Seite geneigt hatte wie ein alter Rabe;»das ſoll ich thun? Hören Sie nun ein paar Worte von mir. Ich will es nicht, daß eine Geſchichte für mich erſonnen werde; ich will kein Ge⸗ ſchichtchen erzählen. Wenn ich ſehe, daß die Sache ſchlecht für mich abläuft, ſo mögen Sie Ihren Antheil ſelbſt übernehmen und ich werde dafür ſorgen, daß Sie es thun müſſen. Sie ſagten nie etwas von Gefahr. Un⸗ ſer Handel enthielt nichts davon, daß ich in eine ſolche Patſche kommen könnte, und ich bin gar nicht der Mei⸗ nung, mir das ſo ruhig gefallen zu laſſen als Sie wohl glauben. Ich ließ mich von Ihnen von einer Sache zur andern führen, weil wir in einer Art mit einander verbunden waren und Sie mir, wenn Sie mir nicht wohlwollten, im Geſchäft vielleicht Schaden thun, wenn Sie mir dagegen wohlwollten, viel zuweiſen konnten. Geht jetzt Alles gut, ſo bleiben wir gute Freunde und ich denke nicht weiter an das Geſchehene; geht es aber ſchlecht, dann iſt es ein anderes Ding und ich werde ſagen und thun, was ich für mich für das Beſte halte; ich nehme Rath von Niemandem an.— Mein moraliſcher Einfluß auf die Jungen,« ſetzte Squeers mit höherm Ernſte hinzu,»iſt bis in den Grund erſchüttert. Das Bild meiner Frau, meiner Tochter und meines Sohnes Wackford ſteht fortwährend vor mir; vor dieſen ver⸗ ſchwindet jede andere Rückſicht und Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte, das iſt mein Grundſatz, Herr Nickleby.“« Wie lange Herr Squeers declamirt haben würde, zu Nicolaus Nickleby. 63 welcher ſtürmiſchen Erörterung ſeine Declamation hätte führen können, weiß Niemand. Es kam jedoch eben der Wagen und ein Diener der Gerechtigkeit an, der ihn in das Gefängniß abführen ſollte; er ſetzte deshalb ſei⸗ nen Hut höchſt gravitätiſch auf das Schnupftuch, das er um den Kopf gebunden hatte, ſteckte die eine Hand in die Taſche, nahm mit der andern den Arm ſeines Be⸗ gleiters und ließ ſich von dieſem fortführen. „»Wie ich vermuthete, da er nicht nach mir ſchickte!« dachte Ralph.»Der Menſch hat, wie ich trotz ſeiner Betrunkenheit deutlich ſehe, ſich vorgenommen, gegen mich zu agiren. Ich bin ſo umringt und umlagert, daß Alle nicht bloß von der Furcht befallen worden ſind, ſondern ſich ſogar gegen mich wenden, obgleich es eine Zeit gab, geſtern noch, da ſie die Höflichkeit und Gefäl⸗ ligkeit ſelbſt waren. Aber ſie ſollen mich nicht bewegen. Ich werde nicht nachgeben. Ich weiche keinen Zoll breit.« Er ging nach Hauſe und war froh, als er hörte, daß die Haushälterin über Unwohlſein klagte; er konnte al⸗ lein bleiben und ſie in ihre Wohnung ſchicken, die ſich ganz in der Nähe befand. Er ſetzte ſich bei dem Scheine eines einzigen Lichtes hin und dachte zum erſten Male über das nach, was an dieſem Tage vorgekommen war. Er hatte ſeit dem vorigen Abend nichts gegeſſen und nichts getrunken, Qualen der Angſt erduldet und war überdies viele Stunden lang faſt unaufhörlich von einem Orte zum andern gegangen. Er fühlte ſich er⸗ ſchöpft und krank, konnte aber nichts zu ſich nehmen, als ein Glas Waſſer und ſaß da,— den Kopf auf ſeine Hand geſtützt— nicht um zu ruhen oder nachzudenken, ſondern mühſam verſuchend, es dahin zu bringen, daß er ruhen und nachdenken könne, und in dem Gefühle, als ſei jeder Sinn und jede Kraft ihm gelähmt. 64 Nicolaus Nickleby. Es war faſt zehn Uhr, als er an die Thür klopfen hörte; aber er blieb immer ruhig ſitzen, als könne er ſeine Gedanken nicht einmal darauf richten. Das Klopfen war mehrmals wiederholt worden und er hatte mehr⸗ mals eine Stimme draußen gehört, welche geſagt, es ſei Licht drinnen(womit, wie er wohl wußte, das ſei⸗ nige gemeint war), ehe er ſich aufraffen und hinunter⸗ gehen konnte. »Herr Nickleby, es giebt ſchreckliche Nachrichten für Sie, und ich bin abgeſchickt worden, um Sie zu erſu⸗ chen, ſogleich mit mir zu kommen,« ſagte eine Stimme, die ihm bekannt vorkam. Er hielt die Hand über die Augen, ſah hinaus und erblickte Timotheus Linkinwater auf den Stufen vor dem Hauſe. »Wohin ſoll ich kommen?« fragte Ralph. »In unſer Haus,— wo Sie dieſen Morgen waren. Ich habe einen Wagen da.. »Warum ſoll ich dahin kommen?« fragte Ralph weiter.. »Fragen Sie mich nicht warum, ſondern kommen Sie, ich beſchwöre Sie.« »Eine neue Auflage von heute!« entgegnete Ralph, der ſich ſtellte, als wolle er die Thür zumachen. »Nein, nein,« rief Timotheus, der ihn am Arme ergriff und ſehr ernſt ſagte:»Sie ſollen bloß Etwas hören, das vorgefallen iſt,— etwas ſehr Schreckliches, Herr Nickleby, das Sie ſehr nahe angeht. Glauben Sie, ich würde Ihnen ſo Etwas ſagen oder hierher zu Ih⸗ nen kommen, wenn es nicht wahr wäre?« Ralph betrachtete ihn aufmerkſamer, ſah, daß Timo⸗ theus wirklich ſehr aufgeregt war und wußte nicht, was er denken oder ſagen ſollte. »Es wird beſſer ſein, Sie hören die Sache jetzt als ed n——— Nicolaus Nickleby. 65 ein anderes Mal,« ſagte Timotheus;»es kann einigen Einfluß auf Sie haben. Um des Himmels Willen kommen Sie!« Zu einer andern Zeit würde Ralphs Hartnäckigkeit und Abneigung bei einer Aufforderung von ſolcher Seite her unerſchüttert geblieben ſein, wie eindringlich ſie ihm auch ans Herz gelegt worden wäre; jetzt aber ging er nach kurzer Ueberlegung hinein, um ſeinen Hut zu ho⸗ len und das Licht zu verlöſchen, und kam dann, ohne ein Wort zu ſprechen, zurück, um in die Kutſche zu ſteigen. Timotheus erinnerte ſich ſpäter und erzählte es oft, Ralph habe, als er in das Haus zurückgegangen, wie er im Scheine des Lichtes geſehen, welches er auf einen Stuhl geſtellt, gewankt wie ein Betrunkener. Er erin⸗ nerte ſich auch, daß er ſich umgedreht, als er mit einem Fuße auf dem Kutſchentritte geſtanden, und ihn mit ei⸗ nem ſo aſchfarbigen und ſo verſtörten Geſichte angeſehen, daß ihm(dem Timotheus) geſchauert und er ſich faſt geſcheuet habe, ihm zu folgen. Die Leute meinten, er möge wohl dunkel geahnt haben, was ihm bevorſtand; ſeine Aufregung läßt ſich jedoch vielleicht mit noch grö⸗ ßerer Wahrſcheinlichkeit von dem ableiten, was er an dieſem Tage erfahren hatte. Während der Fahrt herrſchte tiefe Stille, und als ſie an dem Orte ihrer Beſtimmung ankamen, folgte Ralph ſeinem Führer in das Haus und in das Zimmer, in welchem ſich die beiden Brüder befanden. Er war durch ein gewiſſes ſtummes Mitleiden mit ihm, das ſich in ihrem wie in des Buchhalters ganzem Benehmen aus⸗ ſprach, ſo erſtaunt, um nicht zu ſagen erſchreckt, daß er kaum zu ſprechen vermochte. Nachdem er ſich niedergelaſſen, gelang es ihm jedoch, 66 Nicolaus Nickleby. in gebrochenen Worten zu ſagen:»Was— was haben Sie mir zu ſagen,— außer dem, was bereits geſagt worden iſt?« Das Zimmer war alt und geräumig, ſehr ſchwach beleuchtet und endigte in einem Bogenfenſter, vor wel⸗ chem ſchwere Gardinen hingen. Er ſah, während er ſprach, in dieſer Richtung hin, glaubte die dunkele Ge⸗ ſtalt eines Menſchen zu bemerken und wurde in dieſer Meinung beſtärkt, als er ſich überzeugte, daß der Ge⸗ genſtand vor ſeinen Blicken ſich bewegte. „»Wer iſt der Mann dort?« fragte er. »Einer, der uns vor wenigen Stunden die Nachricht gebracht hat, welche uns veranlaßte, nach Ihnen zu ſchicken,« antwortete Bruder Karl.»Laſſen Sie ihn. hierbleiben, damit er ſeinen Bericht ſelbſt abſtatten kann.⸗ „»Mehr Räthſel!« ſprach Ralph ſchwach.»Nun, Herr?« Wenn er ſein Geſicht zu den Brüdern wendete, mußte er die Blicke von dem Fenſter abziehen, aber ehe einer von Beiden ſprechen konnte, hatte er ſich wiederum um⸗ geſehen. Offenbar machte ihn die Anweſenheit der un⸗ geſehenen Perſon unruhig und unbehaglich, denn er wie⸗ derholte das Hin⸗ und Herdrehen mehrmals und endlich ſetzte er ſich, wie in einem Nerpenzuſtande, der es ihm unmöglich mache, ſich von der Stelle abzuwenden, ſo, daß er die Geſtalt ſich gegenüber hatte, murmelte aber als Entſchuldigung, das Licht blende ihn. Die Brüder ſprachen eine Zeitlang bei Seite mit einander und auch ihr ganzes Weſen verrieth es, daß ſie ebenfalls aufgeregt waren. Nalph blickte ſie einige Male an und ſagte endlich unter großer Anſtren⸗ gung, ſeine Ruhe und Selbſtbeherrſchung wiederzuge⸗ winnen:»Nun, was iſt es? Wenn man mich zu die⸗ ſer Zeit in der Nacht aus dem Hauſe holt, muß es Nicolaus Nickleby. 67 auch etwas geben. Was haben Sie mir zu erzählen?« — Nach einer kurzen Pauſe ſetzte er hinzu:»Iſt meine Nichte todt?« Er hatte einen Ton angeſchlagen, welcher den Ueber⸗ gang und den Anfang erleichterte. Bruder Karl drehte ſich alſo um und ſagte, ſie hätten ihn allerdings mit ei⸗ nem Todesfalle bekannt zu machen, ſeine Nichte aber befinde ſich wohl. „Sie wollen mir doch nicht ſagen,« meinte Ralph, während ſeine Augen funkelten,„daß ihr Bruder todt ſei? Nein, das wäre zu gut. Ich würde es nicht glau⸗ ben, wenn Sie es ſagten. Die Nachricht wäre zu will⸗ kommen, als daß ſie wahr ſein könnte.« „»Schämen Sie ſich, Sie verſtockter und unnatürli⸗ cher Mann,« rief der andere Bruder mit Wärme,» und bereiten Sie ſich zu einer Nachricht vor, die ſelbſt Sie erſchüttern wird, wenn Sie noch menſchliches Gefühl im Herzen haben. Wenn wir Ihnen nun ſagen, daß ein armer unglücklicher Knabe, ein Kind in Allem, außer daß es keine einzige jener leuchtenden Stunden kannte, welche unſere Kindheit zu einer Zeit machen, der man ſich im ganzen ſpätern Leben wie eines glücklichen Trau⸗ mes erinnert,— ein warmherziger, ſchuldloſer, liebe⸗ voller Knabe, der Sie nie beleidigte, Ihnen nie etwas zu Leide that, an welchem Sie aber dennoch das Uebel⸗ wollen und den Haß ausließen, welche Sie gegen Ihren Neffen hegen, und durch den Sie ſich an dieſem rächen wollten,— wenn wir Ihnen nun ſagen, daß dieſer arme Knabe Ihrer Verfolgung, dem Elende und dem Mißgeſchicke eines an Jahren kurzen, aber an Leiden langen Lebens unterlegen iſt und abgerufen wurde, um ſeine traurige Geſchichte da zu erzählen, wo Sie ſicher⸗ 68 Nieolaus Nickleby. lich für Ihren Antheil daran werden zur Rechenſchaft gezogen werden?« »Wenn Sie mir ſagen,« entgegnete Ralph begie⸗ rig,»wenn Sie mir ſagen, daß er todt iſt, ſo vergebe ich Ihnen ſonſt Alles. Wenn Sie mir ſagen, daß er todt iſt, ſo bin ich in Ihrer Schuld und Ihnen ver⸗ bunden lebenslänglich. Er iſt es! Ich leſe es auf Ih⸗ ren Geſichtern. Wer triumphirt nun? Iſt dies Ihre ſchreckliche Nachricht, Ihre entſetzliche Kunde? Sie ſe⸗ hen, wie ſie mich erſchüttert. Sie thaten wohl daran, daß Sie mich holen ließen. Zwanzig Meilen weit wäre ich zu Fuß, durch Koth und Schmutz und in Dunkelheit gegangen, um dieſe Nachricht gerade jetzt zu hören.« So ſehr ihn auch ſeine wilde Freude aufregte, konnte Ralph doch in den Zügen der beiden Brüder neben ih⸗ rem Unwillen und Abſcheu etwas von jenem unbeſchreib⸗ lichen Mitleiden mit ihm ſelbſt erkennen, das er ſchon früher bemerkt hatte. »Und er brachte Ihnen die Nachricht, he?« fragte Ralph, indem er mit dem Finger nach dem bereits er⸗ wähnten Orte deutete; ver kam daher, ohne Zweifel, um zu ſehen, wie ſehr mich die Nachricht niederſchlagen und demüthigen würde? Hal ha! ha! Ich ſage ihm dagegen, ich werde ihm ein ſcharfer Dorn noch manchen langen Tag ſein, und ich ſage Ihnen, daß Sie ihn noch gar nicht kennen und Wehe rufen werden über den Tag, an welchem Sie Mitleid mit einem Landſtreicher hatten.« »Sie halten mich für Ihren Neffen,« ſprach eine hohle Stimme;»ves wäre beſſer für Sie und auch für mich, wenn ich es wäre.« Die Geſtalt, die er im Halbdunkel geſehen hatte, ſtand auf und kam langſam näher. Ralph fuhr zurück, Nicolaus Nickleby. 69 denn er erkannte jetzt, daß nicht Nicolaus vor ihm ſtand, wie er erwartet hatte, ſondern— Brooker. Ralph hatte, ſo viel er wußte, keinen Grund, dieſen Mann zu fürchten; er hatte ihn nie vorher gefürchtet; aber die Bläſſe, die ſein Geſicht überzogen, als er ſein Haus verließ, fand ſich wiederum auf ſeinem Geſichte ein; er zitterte und ſeine Stimme war verändert, als er, die Augen auf jenen Mann gerichtet, ſagte: „Was will dieſer Menſch hier? Wiſſen Sie, daß er ein Deportirter,— ein gemeiner Dieb iſt 2« „»Hören Sie, was er Ihnen zu ſagen hat,— Herr Nickleby, hören Sie, was er Ihnen zu ſagen hat, mag er ſein, was er will,« entgegnete einer der Brüder ſo ernſt, daß ſich Ralph verwundert zu ihnen umdrehete. Sie zeigten auf Brooker und Ralph ſtierte wieder die⸗ ſen an, unwillkürlich, wie es ſchien. „Der Knabe,« ſagte der Mann,»von welchem dieſe Herren ſprachen—« „Der Knabe,« wiederholte Ralph, der ſeine Augen von ihm nicht abwenden konnte. „Den ich todt und kalt auf ſeinem Bette liegen ſah und der nun in ſeinem Grabe ruht—« „Der nun in ſeinem Grabe ruht,« wiederholte Ralph wie ein Menſch, der in Schlafe ſpricht. Der Mann blickte empor, faltete feierlich ſeine Hände und ſprach: »War Ihr einziger Sohn, ſo wahr mir Gott im Himmel helfe!« In einer Todtenſtille ſetzte ſich Ralph nieder und drückte ſeine beiden Hände an ſeine Schläfe. Nach ei⸗ ner Minute ließ er ſie ſinken, und gewiß erblickte man nie an einem lebenden, durch keine Wunde entſtellten Menſchen ein ſo leichenhaftes, geſpenſterartiges Geſicht 70 Nicolaus Nickleby. als das ſeinige in dieſem Augenblicke. Er ſtierte Broo⸗ ker an, welcher eben nicht weit von ihm ſtand, ſprach aber kein Wort, ließ keinen Ton hören und rührte ſich nicht. »Meine Herren,« ſagte der Mann,»ich will mich nicht zu entſchuldigen ſuchen. Ich bin längſt darüber hinweg. Wenn ich bei der Erzählung, wie dies ge⸗ ſchah, Ihnen ſage, daß ich hart behandelt und vielleicht durch Gewalt zu einem Andern gemacht wurde, als ich eigentlich war, ſo thue ich es bloß, weil es nothwendig zu meiner Geſchichte gehört, nicht um mich dadurch zu entſchuldigen; ich bin ein ſchuldbeladener Mann.⸗ Er hielt inne, gleichſam um ſeine Gedanken zu ſam⸗ meln, ſah von Nalph hinweg, wendete ſich an die bei⸗ den Brüder und fuhr in reuevollem demüthigen Tone fort: »Unter denjenigen, welche einſt mit dieſem Manne zu thun hatten,— vor zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren— befand ſich auch ein roher, dem Trunke er⸗ gebener fuchsjagender Edelmann, der ſein eigenes Ver⸗ mögen durchgebracht hatte und nun auch das ſeiner Schweſter angreifen und vergeuden wollte. Sie waren Waiſen und ſie lebte bei ihm, um ihm die Wirthſchaft zu führen. Ich weiß nicht, ob es urſprünglich geſchah, um den Einfluß des Edelmannes zu unterſtützen und um die Schweſter zu überreden, oder nicht, genug er« — dabei deutete er auf Ralph—»befand ſich häufig in dem Hauſe des Fuchsjägers in Leiceſterſhire und blieb nicht ſelten mehrere Tage hinter einander dort. Sie hatten viele Geſchäfte mit einander gemacht und es iſt möglich, daß er ſich eben der Geſchäfte wegen dahin begab, oder um die Angelegenheiten ſeines Freundes zuſammenzuhalten, welche ſich in einem höchſt verworre⸗ Nicolaus Nickleby. 71 nen Zuſtande befanden;— daß er ſeines Vortheils we⸗ gen ſich dahin begab, iſt wohl nicht zu bezweifeln. Die Schweſter des Fuchsjägers war, wie ich gehört habe, hübſch, wenn auch keine Jungfrau mehr, und hatte An⸗ ſpruch auf ein ziemlich anſehnliches Vermögen. Später heirathete er ſie. Die Gewinnſucht, welche ihn veranlaßt hatte, dieſe Ehe zu ſchließen, vermochte ihn auch, die⸗ ſelbe ſtreng geheim zu halten, denn eine Clauſel in dem Teſtamente ihres Vaters enthielt die Beſtimmung, wenn ſie ſich ohne die Einwilligung ihres Bruders verheirathe, ſollte das Vermögen, von welchem ſie, ſo lange ſie un⸗ verheirathet blieb, nur eine gewiſſe Rente erhielt, gänz⸗ lich an einen andern Zweig der Familie übergehen. Der Bruder würde nie ſeine Einwilligung gegeben haben, wenn er nicht eine ſchöne Geldſumme dafür erhielt; Herr Nickleby nun wollte in kein ſolches Opfer willigen, und ſo hielten ſie denn ihre Ehe geheim und warteten, daß der Bruder einmal den Hals breche oder in Folge ſei⸗ ner Ausſchweifungen ſterbe. Er that aber weder das Eine noch das Andere, und unterdeß war die Frucht der geheimen Ehe ein Sohn. Das Kind wurde weit weg in die Ziehe gegeben; die Mutter ſah es nur ein⸗ oder zweimal und dies verſtohlens, der Vater aber— ſo ſehr dürſtete er nach dem Gelde, das er jetzt faſt ſchon in der Hand zu halten ſchien, denn ſein Schwager war krank und kam dem Grabe immer näher— beſuchte es nie, um keinen Verdacht zu erregen. Der Bruder krän⸗ kelte lange, die Frau des Herrn Nickleby drang fort⸗ während in ihn, ihre Ehe zu veröffentlichen, aber er weigerte ſich ſtandhaft. Sie blieb allein in einem lang⸗ weiligen Landhauſe und ſah wenig andere Geſellſchaft als wilde und betrunkene Jäger. Er wohnte in London und ging emſig ſeinem Geſchäfte nach. Es kam zu är⸗ 72 Nicolaus Nickleby. gerlichen Streitigkeiten und Beſchuldigungen, und als ſie faſt ſieben Jahre lang verheirathet geweſen waren, we⸗ nig Wochen vor dem Tode des Bruders, der alles in Ordnung gebracht haben würde, entfloh ſie mit einem jüngern Manne und verließ ihn.«⸗ Hier hielt der Erzähler inne, Ralph aber bewegte ſich nicht und die Brüder winkten dem Manne weiter fortzufahren. »Damals erfuhr ich dieſe Umſtände aus ſeinem eige⸗ nen Munde. Sie waren zu jener Zeit keine Geheim⸗ niſſe, denn der Bruder und Andere wußten darum, aber nicht deshalb wurden ſie mir mitgetheilt, ſondern weil man mich brauchte. Er folgte den Flüchtigen,— Einige ſagten, um Geld für ſeines Weibes Schande zu erlan⸗ gen, ich aber glaube, um heftige Rache zu nehmen, denn dies lag eben ſo ſehr in ſeinem Charakter als je⸗ nes,— vielleicht in höherem Grade. Er fand ſie nicht und ſie ſtarb nicht lange darauf. Ich weiß nicht, ob er auf den Gedanken kam, er könne wohl das Kind lieben, oder ob er bloß verhindern wollte, daß es in die Hände der Mutter komme, genug, ehe er abreiſete, gab er mir den Auftrag, das Kind in ſein Haus zu bringen. Ich that es.« Von hier an ſprach er in noch reumüthigerem Tone, ſehr leiſe, und er deutete auf Ralph als er fortfuhr: »Er hatte mich ſchlecht,— grauſam— behandelt, ich erinnerte ihn, auf welche Weiſe, vor nicht langer Zeit als ich ihn auf der Straße traf,— und ich haßte ihn. Ich brachte das Kind in ſein Haus, in das Dach⸗ zimmer vorn heraus. Durch Vernachläſſigung war es ſehr kränklich geworden und ich mußte einen Arzt rufen, der meinte, man müſſe das Kind an einen andern Ort bringen, ſonſt würde es ſterben. Ich glaube, dies Nicolaus Nichlebiy. 73 brachte mich zuerſt auf die Idee. Ich that es alſo. Herr Nickleby war ſeit ſechs Wochen fort, und als er zurückkam, ſagte ich ihm,— ich hatte mir alſo genau überlegt und alles vorbereitet; Niemand konnte Ver⸗ dacht gegen mich hegen— das Kind ſei geſtorben und begraben. Vielluicht ſtörte dies einige ſeiner Berechnun⸗ gen, die jer auf das Kind gebauet hatte, vielleicht fühlte er aber auch wirklich ⸗Zuneigung zu demſelben, genug er wurde wirklich betrübt über dieſen Verluſt und dies beſtärkte mich in meinem Plane, einſt das Geheimniß zu offenbaren und dadurch Geld von ihm zu erhalten. Ich hatte wie viele Andere von den Schulen in Yorkſhire gehört. Ich brachte den Knaben in eine dieſer Schulen, welche ein gewiſſer Squeers hielt, und ließ ihn dort. Ich nannte ihn Smike und bezahlte hundertundfunfzig Thaler jährlich für ihn, ſechs Bahre lang, ohne wäh⸗ rend der Zeit das Geringſte von dem Geheimniſſe ver⸗ lauten zu laſſen, denn ich hatte den Dienſt des ⸗Vaters nach weiterer„grauſamer Behandlung verlaſſen. Ich wurde aus dieſem Lande fortgebracht und war faſt acht Jahre abweſend. Sobald ich zurückkam, begab ich mich wieder nach Yorkſhire, ging eines Abends in dem Dorfe umher, fragte nach’den Knaben in der Schule und er⸗ fuhr, daß der, welchen ich dahingebracht hatte, mit ei⸗ nem jungen Manne entflohen war, welcher den Namen des Vaters führte. Ich ſuchte den Vater in London auf, deutete auf das hin, waslich ihm entdecken könnte, und ſuchte dadurch eine kleine Geldſumme zu erhalten, um damit mein Leben hinzubringen, aber er wies mich mit Drohungen ab. Dann machte ich ſeinen Schreiber ausfindig, wurde bekannter mit demſelben, bewies ihm, ſdaß es wohlgethan ſein würde, wenn er mir Mitthei⸗ lungen mache und erfuhr, was eben vorging; ich ſagte Nicolaus Nickleby. VIII. 6 74 Nicolaus Nickleby. ihm darauf, daß der Knabe nicht der Sohn des Man⸗ nes ſei, der der Vater deſſelben zu ſein vorgab. Die ganze Zeit hindurch hatte ich den Knaben nicht wieder geſehen. Endlich erfuhr ich aus derſelben Quelle, daß er ſehr krank ſei, und wo er ſich befinde. Ich reiſete dahin, um mich ihm zu zeigen und meine Erzählung durch ihn beſtätigen zu laſſen. Er ſah mich unerwarte⸗ ter Weiſe; aber ehe ich ſprechen konnte, erkannte er mich— der arme Junge hatte wohl Urſache, ſich mei⸗ ner zu erinnern—, und ich würde es beſchworen ha⸗ ben, daß er es ſei, hätte ich ihn auch in Indien ge⸗ troffen; ich erkannte das Jammergeſicht, das ich ſchon an dem kleinen Kinde geſehen hatte. Nach einigen Ta⸗ gen unſchlüſſigen Hin⸗ und Herſchwankens wendete ich mich an den jungen Mann, der ihn pflegte, und erfuhr, daß er todt ſei. Er weiß es, wie ſchnell mich der Knabe erkannte, wie oft er mich beſchrieben und erzählt hat, daß ich ihn in die Schule gebracht und wie er ihm ein Dachſtübchen geſchildert, welches das von mir erwähnte iſt, das in ſeines Vaters Hauſe, Dies iſt meine Geſchichte; ich verlange, dem Schulmeiſter gegen⸗ übergeſtellt zu werden; ich will jeden möglichen Beweis von der Wahrheit des Erzählten geben und darthun, daß es, leider! nur zu wahr iſt, daß ich dieſe Schuld auf dem Gewiſſen habe.“) Unglücklicher Mann!« riefen die Brüder.»Wie kön⸗ nen Sie dies wieder gut machen?.α Iuds „Ich vermag es nicht und habe nun auch nichts mehr zu hoffen. Ich bin alt an Jahren, noch älter aber an Elend und Noth. Dieſes Geſtändniß kann mir nur neue Leiden und neue Strafe zuziehen, aber ich thue es und beharre dabei, komme auch, was da will. Ich bin das Werkzeug geweſen, dieſe ſchreckliche Wiedervergel⸗ ſ —— ZͤS=2— 2— — ⏑ 8—Aõ——,— d — —₰. Nicolaus Nicklehy. 75 tung über einen Mann zu bringen, der in der blind⸗ eifrigen Verfolgung ſeiner ſchlechten Zwecke ſein eige⸗ nes Kind verfolgt und in das Grab gebracht hat. Jetzt muß die Strafe mich treffen, ich weiß es, ſie muß mich treffen; mein Geſtändniß kommt zu ſpät und ich darf weder in dieſer noch in jener Welt noch eine Hoffnung hegen!« Kaum hatte er geendet, als die Lampe, welche auf dem Tiſche ſtand ganz nahe bei Ralph und die einzige im Zimmer war, auf den Boden geworfen wurde, ſo daß gänzliches Dunkel eintrat. Es folgte einige Ver⸗ wirrung, ehe man wieder Licht erhielt, doch kam dies nach wenigen Minuten zum Vorſcheine, Ralph Nickleby aber war bereits verſchwunden. Die gutherzigen Brüder und Timotheus Linkinwater ſprachen eine Zeitlang darüber, ob er wohl wiederkom⸗ men werde, und als ſie ſich überzeugt hatten, daß er nicht zurückkehre, waren ſie unſchlüſſig, ob ſie nach ihm ſchicken ſollten oder nicht. Endlich aber, da ſie ſich erin⸗ nerten, wie ſeltſam, ſtill und vollkommen unbeweglich er während der Erzählung dageſeſſen hatte, und in der Befürchtung, er könne wohl krank ſein, nahmen ſie ſich vor, obgleich es ſchon ſpät war, noch einmal unter einem Vorwande in ſein Haus zu ſchicken und ſich mit der Anweſenheit Brookers zu entſchuldigen, da ſie nicht wüßten, was ſie mit demſelben beginnen ſollten und ſeine Wünſche darüber vernehmen möchten. F* 6* 76 Nicolaus Nickleby. Finftes'n Käx te mit Nicolaus und deſſen Schweſter verſcherzen die gute Meinung aller weltklugen Leute. Am Morgen nach dem Abende, an welchem Brooker ſein Geſtändniß abgelegt hatte, kam Nicolaus nach Hauſe zurück. Das Wiederſehen war nicht ohne Trauer und Rührung, denn die Seinigen wußten ſchon durch Briefe, was geſchehen war, und ſie betrauerten mit ihm den Tod eines Freundes, deſſen hülfloſe verlaſſene Lage zuerſt ihr Mitleid in Anſpruch genommen hatte, der ih⸗ nen aber von Tag zu Tag durch ſeine dankbare An⸗ hänglichkeit und ſein Herz, ſo tren wie Gold⸗ chener geworden war. „Ja, gewiß,« ſagte Madame Nicleby, indem ſie ihre Augen trocknete und bitterlich ſchluchzte, ich habe den beſten, den aufmerkſamſten und eifrigſten Menſchen verloren, den ich je in meinem Leben gekannt habe, Euch natürlich ausgenommen, mein lieber Nicolaus und mein Käthchen, und Euern armen Vater und die gute Amme, welche mit der Wäſche und den zwölf kleinen Gabeln entlief. Ich glaube, er war der allerbeſte von allen folgſamen, gleichmüthigen, anhänglichen und treuen Menſchen. Ich kann es nicht ertragen, das Herz wird mir ſo ſchwer, wenn ich jetzt den Garten anſehe, deſſen er ſich ſo emſig annahm, oder wenn ich in ſein Stüb⸗ chen trete und ſehe da die vielerlei Kleinigkeiten zu un⸗ ſerer Bequemlichkeit und Freude, die er ſo gern und ſo geſchickt machte; wer es ihm geſagt hätte, daß er ſie unvollendet verlaſſen müßte! Ach, es iſt eine ſchwere, Nicolaus Nicklebhy. 77 eine ſchwere Prüfung für mich. Für Dich aber, guter Nicolaus, wird es noch am Ende Deines Lebens ein Troſt ſein, wenn Du Dich erinnerſt, wie gut und wie freundlich Du immer gegen ihn warſt; auch mir wird es ein Troſt ſein, wenn ich daran denke, wie gut wir immer mit einander ſtanden und wie lieb er mich hatte, der arme, Smike!— Es iſt gar nicht zu verwundern, daß Du ſo an ihm bingſt, lieber Sohn, gar nicht, und ich kann mir es recht woll denken, wie, angegriffen Du biſtz man braucht Dich, nur anz zuſehen, wie verändert Du biſt; was ich fühle, kann Niemand wiſſen, Nie⸗ mand,— es iſt ganz unmöglich.⸗ Während Madame Nickleby unverſtellt ihre Betrüb⸗ niß in der ihr eigenen Art, ſich überall voranzuſtellen, ausſprach und äußerte, war ſie nicht die einzige, welche ſo empfand. Käthchen konnte ihre Trauer nicht zurück⸗ halten, obgleich ſie daran gewöhnt war, ſich ſelbſt zu vergeſſen, wenn es ſich um Andere handelte; Madeline war kaum weniger bewegt als ſie, und die arme, herz⸗ liche, redliche kleine Fräulein La Creevy, die zu einem Beſuche während der Abweſenheit des Nicolaus gekom⸗ men war und ſeit der Ankunft der Trauernachricht nichts gethan als die Andern zu tröſten und aufzuheitern ver⸗ ſucht hatte, ſah ihn kaum hereintreten, als ſie ſich auf die Treppe ſetzte, ihren Thränen freien Lauf ließ und ſich lange nicht beruhigen konnte. „Es thut mir ſo leid,« ſagte ſie, daß ich ihn allein zurückkommen ſehe. Was muß er empfunden haben! Und es würde mich nicht ſo ſehr rühren, wenn er ſich der Trauer mehr hingäbeas ader⸗ ger trägt alles ſo männlich!« „»Das muß ich ze fagie Nicolaus;„ſollte ich es nicht?⸗ dan ada a da ees 78 Nicolaus Nickleby. »Ja, ja,« entgegnete die Kleine;»aber es kommt einem einfältigen Dinge, wie ich es bin,— ich weiß, es iſt unrecht, daß ich es ſage und es wird mir auch gleich darauf leid thun,— es kommt mir vor, als wäre dies ein geringer Lohn für alles das, was Sie gethan haben.« »Nun,“« ſagte Nicolaus mild,»welchen beſſern Lohn könnte ich finden, als das Bewußtſein, daß ſeine letzten Tage friedlich und glücklich waren, und die Erinnerung, daß ich ſein ſteter Begleiter und nicht verhindert war, wie ich es durch hundert Umſtände hätte ſein können, bei ihm zu bleiben?« „Allerdings,« ſchluchzte Fräulein La Creevy, ves iſt ſehr richtig, und ich bin eine undankbare, gottloſe und böſe kleine Närrin, ich weiß es ſchon!« Darauf fing die gute Seele von neuem an zu wei⸗ nen, dann bemühete ſie ſich, ſich zu beruhigen und ver⸗ ſuchte zu lachen. Das Lachen und das Weinen kämpf⸗ ten um die Oberherrſchaft, und die Folge davon war, daß die kleine La Creevy hyſteriſche Anfälle bekam. Nachdem Alle ſich ſo ziemlich wieder beruhigt und geſammelt hatten, ging Nicolaus, der nach ſeiner lan⸗ gen Reiſe der Ruhe bedurfte, in ſein Zimmer, warf ſich, angekleidet wie er war, auf das Bett und ſank bald in einen tiefen Schlaf. Als er erwachte, ſaß Käthchen an ſeinem Bette, die, ſobald er die Augen aufſchlug, ſich über ihn beugte und ihn küßte. „Ich bin gekommen, um Dir zu ſagen, wie ſehr ich mich freue, Dich wieder zu Hauſe zu ſehen.« »Ich kann Dir es gar nicht ſagen, wie ſehr ich mich jetzt freue, Dich wieder zu ſehen, Käthchen.« »Wir haben uns ſo ſehr nach Deiner Rückkehr ge⸗ 8 — Nicolaus Nickleby. 79 ſehnt,« ſagte Käthchen,»die Mutter und i und— und Madeline.« „Du ſchriebſt in Deinem letzten Briefe, ſie ſei ganz wohl,«hentgegnete Nicolaus ziemlich raſch und erröthend dabei.»Iſt in meiner Abweſenheit nicht die Rede von Beſtimmungen geweſen, welche die Brüder in Zukunft für ſie zu treffen gedenken?« »Nein, niemals,« antwortete Käthchen;»ich kann nicht ohne Trauer daran denken, mich von ihr trennen zu müſſen, und Du, Nicolaus, wünſcheſt es ſicherlich auch nicht.« Nicolaus erröthete nochmals, ſetzte ſich neben ſeine Schweſter auf ein kleines Sopha am Fenſter und ſagte: „Nein, Käthchen, nein, ich wünſche es nicht. Vor Dir möchte ich meine Gefühle nicht verbergen; ich will Dir geſtehen, kurz und Punſdid, Käthchen, daß ich Ma⸗ deline liebe.« Käthchens Augen blitzten und ſie wollte ſchnell ant⸗ worten, Nicolaus aber legte ſeine Hand auf ihren Arm und fuhr fort: „Aber Niemand darf es wiſſen außer Dir; ſie ſelbſt am wenigſten.“« „»Lieber Nicolaus!« »Sie ſelbſt am wenigſten,— niemals, obgleich⸗ nie⸗ mals’ eine lange Zeit iſt. Bisweilen ſchmeichle ich mir mit der Hoffnung, es könne eine Zeit kommen, in der ich ihr dies offen geſtehen dürfte; aber dieſe Zeit liegt ſo weit von mir, in ſo ferner Perſpektive, es müſſen ſo viele Jahre vergehen, ehe ſie kommt und wann ſie kommt(wenn jemals!), werde ich ein ſo ganz Anderer ſein als ich jetzt bin und meine Tage der Jugend und Hoffnung ſo weit hinter mir haben— wenn auch ge⸗ wiß nicht die Liebe zu ihr—, daß ich es ſelbſt fühle, 80 Nicolaus Nickleby. wie trügeriſch ſolche Hoffnungen ſind, und ſie lieber ſelbſt rückſichtslos zu erdrücken und den Schmerz zu überſtehen ſuche, als daß dien Zeit ſte verdorren und mir die Täuſchung gufbewahren ſolt, Nein, Käthchen; ſeit ich abweſend geweſen bin, habe ich in dem Arxmen, der nun dahin iſt, ſortwährend ein neues Beiſpiel von der großen Freigebigkeit jener edelſinnigen Brüder por Au⸗ gen gehabt. So viel an mir liegt, will ich ſie gü ver⸗ dienen ſuchen, und wenn ich früher in meiner Pflicht gegen ſie wankte, bin ich jetzt feſt entſchloſſen, ihr ſtreng und pünktlich nachzukommen und fernere Verzögerungen und Verſuchungen aus dem Wege zu räumen.« iwEhe Du noch ein Wort ſagſt, lieber Nicvlaus,⸗ unterbrach ihn erblaſſend Käthchen,„mußt Dunanhören, was ich Dir zu ſagen habegnch kam deshalb her, aber der Muth perließ mich. Das, was Du jetzt ſprichſt, giebt mir neuen Muth.« Die Stimme verſagte: ihr den Dienſt und ſie brach in Thränen aus. inn „Es lagnin ihrem ganzen Weſen etwas, das Nicv⸗ laus auf das Nachfolgende vorbereite. Käthchen ver⸗ ſuchte nochmgls zu ſprechen, aber ihre Thränen tnach⸗ ten es ihr unmöglich. „»Komm, närriſches Mädchen,« ſagie Nirolaus;„ſei ſtark, mein Kätthchen.: Ich glaube, ich weiß es ſchon, was Du mir ſagen willſt Es betrifft Herrn Pranß nicht wahr 24 te WerKäthchen⸗ ließ dhr Haupt auf fein Achſfe fiten und ſagſdie: ja. a rn „Ernhat Dir vielleicht, ſeit ich nicht hier war, eirind Hand angeboten,“ ſagte,⸗ Nicolaus;„nicht wahr 2„Za. Nun, es iſt nicht ſo ſchwer, mir das zu ſagen, wie Du ſieheſt. Er bot Dir ſeine Hand anle« nn Aa disUnd ich ſchlug ſie aus,« antwortete Käthchen. Nicolaus Nickleby. 81 n inn Ja, und warum?«rnadnn 2Ich ſagte ihm, fuhr ſie mit bebender Stimmn ord, valles das, was, wie ich ſpäter erfuhr, Dus der Mutter geſagt haſt, und obgleich ich es weder: ihm verbergen konnte noch Dir perbergen kann, daß es mir ſchwer wurde, ſo that ich es doch dn und teruchie ihn, mich ferner nicht zu ſehen.n ai „Das iſt mein braves Käthchen le rief Ricolaus, in⸗ dem er ſie ſeine Bruſt drückte, vicht wußte es, daß 83 nicht unders handeln würdeſt.« „Er verſuchte meinem Vorſatz zu⸗ erſchütkern fuhr Käthchen fort,»und erklärte, mein Entſchluß⸗ möge ſein, welcher er avolle, er würde nicht nur ſeine Oheime von den Schritte benachrichtigen, den er gethan, ſondern auch mit Dir darüber ſprechen, ſobald Du zurückkämſt. Ich fürchte,⸗ ſetzie ſie hinzu, und ihre Faſſung, die ſie mit Mühe errungen, ſchien ſie wieder verlaſſen zu wol⸗ len, vich fürchte, Uich habe es nicht deutlichgenug ge⸗ ſagt, daß ich es tief empfinde, wie hoch⸗ ſolche uneigen⸗ nützige Liebanzu achten ſei und wie innig ich für ſein künftiges Glück beten würde. Wenn Du mit ihm dar⸗ über ſprichſt) ſo ich biůe Dührlen 21 4a ihn das wiſſen«n; nlgerd. a9! »Und meinteſt Du, Käthchen, machdeſ Du⸗ vies Opfer dem gebracht haſt, was Deinem Gefühle nach recht und ehrenhaft iſt, ich würde von dem⸗ meinigen zurückwei⸗ chanſ eg fragte⸗ Nicolaus zärtlich. dud hne datAch nein, wenn Deine Stelkung eine eben lhe wäre, aber—«2 dim n „Sie iſt e eine eben ſolche, c unterbrach ſie Ricalaus, „Madeline iſt micht eine nahe Verwandte unſerere Wohl⸗ thäter, aber durch eben ſo theure Bande eng an ſie ge⸗ bunden, und ihre Geſchichte wurde mir zuerſt adoirtunun, 8² Nicolaus Nickleby. beſonders weil ſie ein unbegrenztes Vertrauen in mich ſetzten und glaubten, ich ſei ſo treu wie Gold. Wie niederträchtig würde ich handeln, wenn ich die Umſtände zu meinem Vortheile benutzte, die ſie hierher brachten, oder den kleinen Dienſt, den ich ihr leiſten zu können ſo glücklich war, und die uahaun des Mädchens für mich zu gewinnen ſuchte, was, wenn es mir gelänge, den Brüdern den Lieblingswunſch ſtören würde, ſie als ihr eigenes Kind zu verſorgen, und mich der Vermu⸗ thung ausſetzte, ich baue mein Glück auf ihr Mitleiden mit dem jungen Mädchen, das ich auf ſo unwürdige und niedrige Weiſe verlockt, deſſen Dankbarkeit ich zu meinem Zwecke und Vortheile gewendet, und auf deſſen Unglück ich ſpeculirt habe! Ich, deſſen Pflicht und Stolz und Freude es iſt, Käthchen, für Andere zu ſorgen, die ich nie vergeſſen werde, der ich bereits die Mittel zu einem gemächlichen und glücklichen Leben beſitze und kein Recht habe, noch mehr zu wünſchen und zu verlangen! Ich bin entſchloſſen, dieſen Stein mir vom Herzen zu ſchaffen; ich weiß nicht, ob ich ſchon jetzt unrecht gethan habe; noch heute werde ich ohne Rückhalt und Zweideu⸗ tigkeit meine wahren Gründe dem Herrn Cheeryble vor⸗ legen und ihn erſuchen, ſogleich Maßregeln zu treffen, um die junge Dame an irgend einem andern Orke un⸗ terzubringen.«:— „»Heute? So bald*e »Ich habe wochenlang darüber nachgedacht,, warum ſollte ich es noch länger verſchieben? Wenn das, was ich in der letzten Zeit geſehen, mich gelehrt nachzudenken und ein noch ſorgſameres Pflichtgefühl in mir geweckt hat, warum ſoll ich warten, bis der Eindruck ſich wie⸗ der verwiſcht hat? Gewiß, Du wirſt mir nicht abreden wollen, Käthchen, gewiß nicht.⸗ 3 Nicolaus Nickleby. 8³ »Du kannſt noch reich werden,« ſagte Käthchen. »Ich kann noch reich werden!« wiederholte Nicolaus mit einem traurigen Lächeln,»ja, und ich kann alt wer⸗ den. Ob reich oder arm, jung oder alt, wir müſſen immer dieſelben gegen einander ſein und darin liegt unſer Glück. Was noch, wenn wir nur eine Heimath haben? Sie kann dann weder für Dich noch für mich eine einſame ſein. Wenn wir nur dieſen erſten Ein⸗ drücken ſo treu bleiben, daß wir keine andern Raum gön⸗ nen! Es iſt dann ein Glied mehr in der feſten Kette, welche uns an einander feſſelt. Es iſt mir, als ſei es erſt geſtern, da wir noch mit einander ſpielten, Käthchen, und es iſt mir, als würden wir morgen ſchon ſteinalte Leute ſein, welche auf dieſe Sorgen zurückſehen, wie wir jetzt auf die Sorgen und Noth unſerer Kindheit zurück⸗ blicken und mit traurigem Vergnügen daran gedenken, daß es eine Zeit gab, in welcher ſie uns gar tief erreg⸗ ten. Vielleicht danken wir ſogar, wenn wir alte Leute ſind und von den Zeiten ſprechen, da unſer Schritt leichter und unſer Haar nicht grau war, für dieſe Leiden und Prüfungen, welche unſere Liebe zu einander erhöheten und unſer Leben in die Strömung leiteten, auf welcher wir ſo ruhig und friedlich herabglitten. Und wenn die jungen Leute um uns her, die dann ſo jung ſind, als Du und ich es jetzt ſind, Käthchen, etwas von un⸗ ſerer Geſchichte hörten, werden ſie aus Mitgefühl zu uns kommen und Leiden, die Hoffnung und Unerfahrenheit kaum tief genug empfinden können, dem mitleidigen, theilnehmenden, hageſtolzen Bruder und deſſen Jungfer Schweſter erzählen.“« Käthchen lächelte durch Thränen, als Nicolaus dieſe Schilderung entwarf, aber es waren nicht Thränen des 84 Nicolaus Nickleby. Kummers, obgleich ſie noch immer fielen, auch als ſie nicht mehr ſprachen. „»Habe ich nicht Recht, Käthchen 2« ſagte er nach ei⸗ ner kurzen Pauſe. . ollcommen, vollkommen, theurer Bruder, und ich kann Dir nicht ſagen, wie glücklich ich mich fühle, daß ich ſo gehandelt habe, wie Du es von mir gewünſcht haſt.“ 2 „Und Du bereueſt es nicht?⸗* „»N= n-—ein,« ſagte Käthchen zögernd, indem ſie mit ihrem kleinen Fuße auf dem Boden Figuren zog; vich bereue es nicht, daß ich geihan habe, was recht und ehrenhaft war, aber es thut mir leid, daß es ſo kommen mußte,— wenigſtens bisweilen thut mir es leid und bisweilen— ich weiß nicht, was ich rede; ich bin nur ein ſchwaches Mädchen, Nicolaus, und es hat mich ſehr ergriffen.« Es iſt keine eitle Prahlerei, wenn wir behaupten, hätte Nicolaus in dieſem Augenblicke zehntauſend Thaler gehaht, er würde aus Liebe zu der Eigenthümerin dieſer erröthenden Wangen und dieſes niedergeſchlagenen Au⸗ ges, dies Geld bis auf den letzten Pfennig hingegeben haben, um ihr Glück zu ſichern. So aber konnte er nichts thun, als ſie durch freundliche Worte tröſten und auſmuntern, und ſeine Worte waren ſo liebreich und freundlich und gutherzig, daß Sdas arme Käthchen die Arme um ſeinen Nacken ſchlang und erklärte 84 ſie würde nicht mehr weinen. »Welcher Mann,« dachte Nicolaus ſtolz, als er bald darauf nach dem Hauſe der Gebrüder Cheeryble ging, »würde nicht für die Aufopferung jedes Vermögens mehr als hinreichend durch den Beſitz eines ſolchen Her⸗ zens entſchädigt und belohnt ſein, das über alles Lob — 6* Nicolaus Nickleby. 85 erhaben iſt, wenn auch Herzen leicht, und Gold und Silber ſchwer wiegen? Frank hat Gold und braucht nicht mehr. Wo könnte er ſich damit einen ſolchen Schatz, wie Käthchen iſt, erkaufen? Und doch meint man bei ungleichen Heirathen, der reiche Theil bringe ein großes Opfer und der andere Theil macheneinen großen Gewinn! Doch— ich denke wie ein Verliebter oder wie ein Eſel, was wohl ziemlich eins und daſſelbe iſt.«. Während er ſo Gedanken, welche wenig für das paßten, was er zu thun ſich vorgenommen hatte, durch ſolche Selbſtvorwürfe und ähnliche von ſich abwendete, ſchritt er auf ſeinem Wege weiter und ſtand bald vor Timotheus Linkinwater. 2 TA Ach, Herr Nickleby!« rief Timotheus,„willkommen! Wie befinden Sie ſich? Wohl? Sagen Sie es, daß Sie ſich ganz wohl befinden, beſſer wie jemals,— ſagen Sie es!« 2 h 1 Fane „Ganz,« ſagte Nicolaus, indem er ihm beide Hände ſchüttelte. n4 Irin annut „»Ach,« ſagte Timotheus,»Sie ſehen doch recht an⸗ gegriffen aus, wie ich nach genauerer Betrachtung finde. Horch! das iſt ſie; hören Sie? das iſt die Amſel. Sie iſt nicht ſie ſelbſt geweſen, ſeit Sie nicht da waren. Sie hängt an Ihnen, ſo wie an mir.⸗ aes en „Matz iſt weit weniger klug, als ich ihn gehalten habe, wenn er glaubt, ich ſei auch nur halb ſo viel Be⸗ achtung werth als Sie,« verſetzte Nicolaus. „Ich will Ihnen etwas ſagen,« fuhr Timotheus fort, der ſeine Lieblingsſtellung angenommen hatte und mit der Feder nach dem Käfige zeigte, ves iſt ſehr merkwür⸗ dig von dem Vogel, daß er durchaus von keinem andern Menſchen Notiz nimmt, als von Herr Karl, Herrn Eduard, von Ihnen und mir.« 8 n / 86 Nicolaus Nickleby. Hier hielt Timotheus inne und ſah Nicolaus beſorgt an; dann ſuchte er den Blick deſſelben und wiederholte vund von Ihnen und mir, von Ihnen und mir.« Dann ſah er Nicolaus von neuem an, drückte ihm die Hand und ſagte:»Sehen Sie, es iſt mir nicht gegeben, ich kann nichts unberührt laſſen, was meine Theilnahme in Anſpruch nimmt. Ich wollte Sie eigentlich nicht fragen, möchte aber gern etwas Ausführliches von dem armen Jungen hören. Erwähnte er die Gebrüder Cheeryble?« „Ja wohl,“ ſagte Nicolaus,„viele, vielemale.“ »Das war Recht von ihm,« entgegnete Timotheus, indem er mit der Hand über die Augen fuhr,»das war ſehr Recht von ihm.« »Auch Ihren Namen erwähnte er wohl zwanzig⸗ male,« ſagte Nicolaus,»und er bat mich oft, dem Herrn Linkinwater ſeine Liebe zu melden.« „»Nein, nein, er that es doch?« fiel Timotheus ein, unaufhaltſam ſchluchzend.»Der arme Junge. Ich wünſche, wir hätten ihn in der Stadt begraben laſſen können. Es giebt in ganz London keinen ſolchen Got⸗ tesacker als den kleinen auf der andern Seite des Platzes da;— rund herum Bankiergeſchäfte, und wenn man an einem ſchönen Tage dahin geht, kann man durch die offe⸗ nen Fenſter hindurch die Bücher ſehen. Und er ließ mir ſeine Liebe melden? Ich hatte es nicht erwartet, daß er an mich denken würde, der arme Burſche, der arme Burſche! Auch mir ſeine Liebe!« Timoetheus war durch dieſes kleine Zeichen der Erin⸗ nerung ſo ſehr gerührt, daß er in dieſem Augenblicke durchaus weiter keine Bemerkung machen konnte. Nicolaus ging alſo ruhig hinaus in das Zimmer des Bru⸗ ders Karl. 3 4 Hatte er früher ſeine Feſtigkeit und Stärke bewahrt, 7 Nicolaus Nickleby. 87 ſo war es durch eine Anſtrengung geſchehen, die ihn nicht wenig Mühe und Schmerz gekoſtet hatte; der in⸗ nige Empfang aber, das Herzliche, die trauliche, unver⸗ ſtellte Theilnahme des guten alten Mannes ergriff mäch⸗ tig ſein Herz, und kein innerer Kampf vermochte es, die Aeußerung ſeiner Gefühle zurück zu halten. »Nun, nun, mein lieber Nickleby,« ſagte der wohl⸗ wollende Kaufmann,»wir dürfen nicht niedergeſchlagen ſein, nein, nein. Wir müſſen Unglück ertragen lernen; wir müſſen bedenken, daß ſelbſt im Tode gar mancher Troſt liegt. Jeden Tag, den der arme Burſche län⸗ ger gelebt hätte, würde er weniger und weniger für die Welt geeignet geweſen ſein und ſich wegen ſeiner Ge⸗ brechen um ſo unglücklicher gefühlt haben. Es iſt beſſer ſo wie es iſt, mein lieber Freund. Ja, ja, ja, es iſt beſſer ſo wie es iſt.« »Ich habe auch ſchon alles dies bedacht,« antwortete Nicolaus und ſuchte ſeine Kehle frei zu machen.»Ich fühle es auch.«⸗ „Ja, das iſt recht,« entgegnete Herr Cheeryble, der trotz ſeinen ermuthigenden Troſtworten ſo ſehr gerührt war als der alte ehrliche Timotheus;»das iſt Recht. Wo iſt mein Bruder Eduard? Timotheus Linkinwater, wo iſt mein Bruder Eduard?2⸗ »Mit Herrn Trimmers ausgegangen, um jenen un⸗ glücklichen Mann in das Hoſpital zu bringen, und den Kindern eine Pflegerin zu ſchicken,« ſagte Timotheus. 3 „»Mein Bruder Eduard iſt ein prächtiger Menſch,— ein herrlicher Menſch!« rief Bruder Karl, während er die Thüre zumachte und zu Nicolaus zurückkam.„Er wird ſich ſehr freuen, Sie wieder zu ſehen, mein lieber Freund; wir haben jeden Tag von Ihnen geſprochen.« n. Ich muß Ihnen die Wahrheit geſtehen, Herr Chee⸗ „ 88 Nicolaus Nicklebr. ryble, es freut mich, daß ich Sie allein finde,« ſagie Nicolaus mit einigem ſehr natürlichen Zögern,»denn ich möchte gern etwas mit Ihnen beſprechen⸗ Haben Gie ein Paar Minuten übrig 2« „Gewiß, gewiß,« entgegnete Bruder Karl, der ihn beſorgt anſah.»Sprechen Sie, ſprechen Sie.«in eJch weiß kaum, wie und wo ich beginnen ſoll,« ſagte Nieolaus.»Wenn jemals ein Sterblicher Urſache hatte, von Liebe und Verehrung gegen einen Andern durchdrungen zu ſein, ſolche Anhänglichkeit zu fühlem⸗ daß der ſchwerſte Dienſt für ihn eine Freude⸗ und“ ein Ver⸗ gnügen iſt, und foigroße Dank bbarkeit zu⸗ hegen, daß ſie ihn zu dem äußerſten Eifer und der höchſten Treue an⸗ ſpornt, ſo hege ich dieſe Gefühle für Sie und ſie haben. mein ganzes Herz durchdrungen, glauben Sie mir. 4 „»Ich glaube Ihnen,“ erwie derte der alte Herx, vund dieſer Glaube macht mich ch glücklich. Ich habe nie daran gezweifelt, und werde es nie, gewiß, ich werde es nie.« „»Da Sien mir dies ſo freundlich ſagen,⸗ entgegnete Nicolaus. pſo erhalte, ich den Muth foxtzufahren. Als Sie mir zuerſt Ihr Vertrauen ſchenkten und mich mit 2 Ihren Aufträgen zu dem Fräulein Bray⸗ ſchickten, hätte ich Ihnen ſagen ſollen, daß, iich ſie bereits geſehen, daß ihre Schönheit einen Eindruck auf mich gemacht, den ich nicht zu verwiſchen vermochte, und daß ich mich verge⸗ beng bemühet hatte, ſie ausfindig zu machen und mit ihrer Geſchichte bekannt zu werden. Ich ſagte Ihnen dies nicht, weil. ich glaubte, ich würde meine Gefühle bewältigen und jeden andere Rückſicht der Pficht gegen Sie untexofdnen, können.⸗ an „Herr Nickleby, ſagte Bruder Karl,„Ste täuſchten das Vertrauen nicht, das ich in Sie ſetzte, und machten 3 * — Nn M — Nicolaus Nicklebe. 89 teinen unwütdigen Gebrauch davon! Ich bin überzeugt, daß Sie es nicht thaten Katiſtaſtde narut Han u ill. 32, 9 dalhilt TfAs. chs Ichuthat es nicht,«ſagte Nicolaus feſt.»Ob ich gleich mich überzeugte, daß die Nothwendigkeit, mich ſelbſt zu behorrſchen, und im Zaume zu halten, jeden Dag gebibteriſcher und die Schwierigkeit größer wurde, ſo habenich vochtnie auch nur einen„Augenblick anders geſpröchen odetreine andere Miene angenommen, als ich es in Ihrer Gegenwärt gethan hͤben würde. Ich habe meinen Auſtrag keinen Augenblick aus den Augen ver⸗ loren. Aber ich ſehereein, daß der fortwährende Umgang mit dieſen liebenswürdigen Mädchen dem Frieden moi⸗ ner Seels vetderblich wird und am Ende wohl gar die Entſchlüſſe erſchüttert, welche ich gleich im Anfange faßte ans bis dieſen Augenblick geirenlich gehalten habee Mit kurzen Worten, Herr Cheeryble, ich kann mir ſelbſt Richt mehr trauen und ich bitte und, beſchwöre Sie deshalb, dieſes junge Mädchen der Obhut meiner Mutter und Schweſter unverzüglich zu entnehmen. Ich weiß es, daß feder Andere außer mir,— Sie, der Sie die unberd⸗ chenbare Ferne kennen zwiſchen mir und der jungen Dame, die jetzt Ihre Mündel und der Gegenſtand Ihrer beſonderen Sorge iſt u— es für den höchſten Grad von Unbedachtſamkeit und Anmaßung halten muß, wenn ich mich unterfangen wollte, das Müdchen Auch nur inr Stillen zu lieben. Ich weiß es. Aber wer kann ſie ſe⸗ hen, wie ich ſie geſehen habe wer kand wiſſen, was ihr Leben War, otzne ſie nuch zu lieben?e Eine andere Entſchutsigung als dieſe habe ich nicht, und da ich der Verſuchung wicht entgehen, dieſe Leidenſchaft nicht unker“ drücken kkättn, ſo Pange der Gegenſtand derſelben förtwäh⸗ rend in meiner Nähe iſt,— was vermag ich zu thun Nicolaus Nickleby. VIII. 7 4 4 —— — — — —— 90 Nieolaus Nickleby. als Sie zu bitten und zu beſchwören, ihn zu entfernen, damit ich ſuche ihn zu vergeſſen?« „Herr Nickleby,« ſagte der alte Mann nach kurzem Schweigen,»Sie können nicht mehr thun. Es war nicht recht von mir, daß ich einen jungen Mann, wie Sie es ſind, dieſer Verſuchung ausſetzte. Ich hätte es vorher⸗ ſehen können, was folgen mußte. Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen. Madeline ſoll weggebracht werden.« »Wenn Sie mir eine Gefälligkeit erweiſen und zu⸗ geben wollen, daß ſie meiner mit Achtung gedenke, in⸗ dem Sie ihr dieſes Geſtändniß nie mittheilen— »Ich werde dafür ſorgen,« ſagte Herr Cheeryble. »Iſt dies Alles, was Sie mir zu ſagen haben?k« »Nein,« entgegnete Nicolaus, der dem Blicke des Alten begegnete,»es iſt noch nicht Alles.“ „Das Uebrige weiß ich,« ſagte Bruder Karl, offenbar durch dieſe ſchnelle Antwort um vieles erleichtert.»Wann kam es zu Ihrer Kenntniß?⸗ „Dieſen Morgen nach meiner Zurückkunft.«⸗ 8 „Sie hielten es für Ihre Pflicht, unmittelbar zu mir zu kommen und mir mitzutheilen, was Ihnen ohne Zwei⸗ fel Ihre Schweſter vertraut hatte?« »Ja,« antwortete Nicolaus, vobgleich ich wünſchte, vorher mit Herrn Frank geſprochen zu haben.⸗ „Frank war vorigen Abend bei mir,“« entgegnete der alte Herr.»Sie haben wohl daran gethan, Herr Nick⸗ leby,— ſehr wohl, und ich danke Ihnen nochmals.« Niicolaus bat, darüber noch einige wenige Worte hin⸗ zuſetzen zu dürfen. Er ſprach die Hoffnung aus, daß das, was er geſagt hatte, nicht zu einer Entfremdung Käthchens und Madelinens führen würde, die eine ſo innige Freund⸗ ſchaft geſchloſſen hätten, daß deren Unterbrechung gewiß Beiden großen Schmerz, ihm aber, der unglücklichen Ver⸗ Nicolaus Nickleby. 91 anlaſſung, tiefen Kummer verurſachen würde. Sobald alles dies vergeſſen ſei, könnten wohl, wie er hoffte, Frank und er warme Freunde ſein, und nie würde ein Wort oder ein Gedanke an ſeine beſcheidene Heimath oder an ſie, die gern dableibe und ſein ruhiges Glück theile, von neuem die Eintracht zwiſchen ihnen ſtören. Er erzählte ſo genau als er es vermochte, was dieſen Morgen zwi⸗ ſchen ihm und Käthchen vorgekommen war; er ſprach von ihr ſo warm, ſo ſtolz, ſo liebevoll und verweilte ſo freudig bei ihrem Vertrauen, daß ſie jedes ſelbſtſüchtige Bedauern überwinden und zufrieden und glücklich eines in des Andern Liebe leben würden, daß gewiß nur We⸗ nige ihn ungerührt angehört hätten. Selbſt mehr ge⸗ rührt, als er es bis dahin geweſen war, drückte er zu⸗ letzt noch in wenigen flüchtigen Worteme die ſo viel⸗ bedeutend waren, als vielleicht die beredteſten Phra⸗ ſen— ſeine Anhänglichkeit an die Brüder und ſeine Hoffnung aus, in ihrem Dienſte zu leben und zu ſterben. Bruder Karl hörte alles dies in tiefem Schweigen und in einer Stellung an, daß Nicolaus das Geſicht deſſelben nicht ſehen konnte. Er hatte auch vorher nicht in ſeiner gewöhnlichen Art geſprochen, ſondern mit einer gewiſſen, ihm völlig fremden Steifheit und Verlegen⸗ heit. Nicolaus fürchtete deshalb, ihn beleidigt zu haben. Zwar ſagte er darauf:„nein, nein, Sie haben ganz Recht gethan,«— aber dies war auch alles. „Frank iſt ein unbeſonnener, thörichter Menſch,« ſagte er, als Nicolaus eine Zeitlang geſchwiegen hatte, vein ſehr unbeſonnener Menſch. Ich werde dafür ſorgen, daß die Sache ohne Verzug in Ordnung gebracht wird; aber nnun auch kein Wort mehr davon, es iſt mir ſchmerzlich. Kommen Sie in einer halben Stunde wieder, ich habe Ihnen ſeltſame Dinge zu erzählen und Ihr Oheim hat 7*¾ 92 Nicolaus Nickleby. dieſen Nachmittag zu einer Beſprechung mit mir und Ihnen beſtimmt.« om: 11 19 2* „Zu einer Beſprechung? mit Ihnen, Herr?« fragte Nicolaus verwundert. 2itnt n 5 „»Ja, mit mir,« antwortete der alte Herr.»Kommen Sie nach einer halben Stunde wieder zu mir und ich werde Ihnen mehr ſagen.« in 22 1. lh n Nicolaus fand ſich zu der beſtimmten Zeit ein und erfuhr da Alles, was am vorigen Tage geſchehen war, ſowie Alles, was man von der Verabredung wußte, die Ralph mit den Brüdern für dieſen Nachmittag getroffen hatte. Um dieſe beſſer zu verſtehen, wird es nöthig ſein, daß wir uns wieder zu Ralph zurück⸗ wenden und ihm folgen, als er das Haus der Brüder verließ. Wir verlaſſen alſo Nicolaus etwas beruhigt durch die wiedergekehrte Freundlichkeit ſeiner Prinzipale, obgleich er fühlte, daß ſie eine andere als die gewöhn⸗ liche war(wenn er auch nicht wußte, worin der Unter⸗ ſchied eigentlich beſtand), und in Ungewißheit und Unruhe. 4712 nd n. Und n 121112 n 1 r dnaf ſt &☛ dGun 12it= ee Sechstes Kapitel. . Ralbh trifft eine teßte Berabtedung und— hält ſie. „Nalph Nickleby ſchlich aus vem Haufe hinaus und fort wie ein Dieb z er tappte mit den Händen umher, als er auf die Straße hinaus trat wie ein Blinder, ſah ſich oft um, während er hinwegeilte, als folgte ihm ein eingebildetes oder wirkliches Weſen, das ihn feſtzuhal⸗ ten ſtrebe, ließ die City hinter ſich und ſchlug den Weg nach ſeinem Hauſe ein.in ee ee —— d n n n u p n — ☛ u S ——————— Nieolaus Nickleby⸗ 93 Die Nacht war finſter und s wehets eein kalter Wind, der die Wolken ſchnell vor ſich her peitſchte. Eine ſchwarze düſtere Maſſe ſchien ihm zunfolgen; ſie jagte nicht in wilder Haſt mit den andern dahin, ſondern zögerte müxriſch und verdroſſen im Hintergrunde und ſchlich nun leiſe und wien perſtohlen heran. Ralph ſah ſich um nach ihr und blieb mehr als einmal ſtehen, um ſie voxüber ziehen zu laſſen, aber ſodald er weiter ging, war ſie doch noch immer hinter ihm und kam düſter und langſam heran wie ein Leichenzug von Schatten. Sein Weg führte ihn über einen gemeinen Armen⸗Be⸗ gräbnißplatz,— eine ſchauerliche Stelle, die einige wenige Fuß über die Straßenebene exhöhet und von derſelben durch eine niedrige Mauer mit einem eiſernen Geländer getrennt warz ein übelriechender, ungeſunder, fauliger Ort, wonſelbſt das Gras und Unkraut, das ſchmutzig daſtand, zu verrathen ſchien, daß es aus Armenleichen emporgewachſen ſei und ſeine Wurzeln in den Gräbern von Menſchen habe, die in dunſtigen Höfen und arm⸗ ſeligen Wohnungen voll Trunk und Hunger gelebt. Da lagen ſie nun, getrennt von den Lebenden durch ein we⸗ nig Erde und ein Paar Bretter, dicht und gedrängt ne⸗ ben einander, eine vielzählige, ekelhafte Schaar. Da lagen ſie im Angeſichte der Lebenden, nicht tiefer unten als zu den Füßen der Menge, die jeden Tag vorüber ging und hoch aufgethürmt bis zu den Köpfen. Da la⸗ gen ſie, eine ſcheußliche Familie, alle jene theuern abge⸗ ſchiedenen Brüder und Schweſtern des rothwangigen Geiſtlichen, der ſeiner Amtspflicht ſich ſo ſchnell entle⸗ digte, wenn ſie in die Erde geſcharrt wurden. Als Ralph an dieſe Stelle kam erinnerte er ſich, daß er einmal, vor langer Zeite einer der Geſchworenen geweſen war bei einer Todtenſchau über einen Mann, 94 Nieolaus Nickleby. der ſich die Kehle durchſchnitten hatte, und daß derſelbe hier begraben worden war. Er wußte nicht, wie es kam, daß er ſich jetzt daran erinnerte, da er ſo oft vor⸗ übergegangen war und nie an jenen Mann gedacht hatte, oder warum ihn die Sache jetzt intereſſirte; aber es war ſo, er blieb ſtehen, hielt ſich mit beiden Händen an dem eiſernen Geländer feſt, blickte unverwandt auf den Gottesacker hinein und hätte gern gewußt, aelches das Grab jenes Selbſtmörders war. Während er ſo daſtand, kamen lärmend, ſchreiend und ſingend mehrere Betrunkene heran, denen Andere folgten, welche ihnen zuredeten und ſie baten, doch ru⸗ hig nach Hauſe zu gehen. Sie waren in der fröhlich⸗ ſten Laune und Einer von ihnen, ein kleiner Buckeliger, fing an zu tanzen. Er war eine groteske, phantaſtiſche Figur und die wenigen Anweſenden lachten. Selbſt Ralph wurde heiter geſtimmt und fiel in das Gelächter eines neben ihm Stehenden ein, der ſich umdrehte und ihm in das Geſicht ſah. Als ſie vorüber waren und Ralph wieder allein daſtand, kehrte er zu ſeinen frühe⸗ ren Gedanken mit neuem Intereſſe zurück, denn er erin⸗ nerte ſich, die Perſon, welche jenen Selbſtmörder zuletzt am Leben geſehen, hatte ihn ſehr vergnügt verlaſſen, und er beſann ſich, daß er und die anderen Geſchwore⸗ nen dies damals ſehr merkwürdig gefunden hatten. Das Grab unter ſo vielen anderen konnte er nicht ausfindig machen, aber den Mann ſelbſt ſtellte er ſich ſehr lebhaft vor; wie er ausſah, was ihn zu jenem Schritte veranlaßt hatte, alles deſſen erinnerte er ſich leicht und genau. Da er nun ſo lange bei dieſem Gegenſtande verweilt hatte, nahm er den Eindruck mit ſich, als er weiterging, und er gedachte auch daran, daß er als Kind oft die Geſtalt eines Geſpenſtes geſehen, das an Nicolaus Nickleby. 95 eine Thür gemalt geweſen war. Als er aber ſeinem Hauſe näher und näher kam, vergaß er dies wieder und fing an, ſich vorzuſtellen, wie düſter und einſam es darin ſein würde Sein Gefühl war endlich ſo aufgeregt, daß er, als er an ſeiner Thür ankam, ſich kaum entſchließen konnte, den Schlüſſel zu nehmen und aufzuſchließen; als er es endlich doch gethan hatte und in die Flur hineintrat, war es ihm, als ſchließe er die Welt von ſich ab, wenn er die Thür verſchließe. Er ließ ſie doch zufallen und ſie ſchloß ſich mit lautem Geräuſche. Kein Licht raunte. Wie öde, wie kalt und ſtill war es! Ein Schauer durchrieſelte ihn vom Kopf bis zu den Füßen, als er die Treppe hinan nach dem Zimmer ging, in welchem er das letzte Mal geſtört worden war. Er hatte mit ſich ſelbſt eine Art Uebereinkunft geſchloſſen, an das, was vorgefallen war, erſt dann zu denken, wenn er wieder in ſeinem Zimmer ſitze. Jetzt war er da und er ließ nun ſeine Gedanken zum erſten Male zu dem Geſchehenen zurückkehren. Sein eigenes Kind— ſein eigenes Kind! Er zwei⸗ felte nicht an der Erzählung; er fühlte, daß ſie wahr ſei, er wußte es ſo genau, als wäre er längſt damit ver⸗ traut geweſen. Sein eigenes Kind! Und auch todt!— Ge⸗ ſtorben neben Nicolaus,— ihn liebend, ihn faſt für ei⸗ nen Engel haltend! Das war das Schlimmſte. Sie hatten ſich in ſeiner erſten Noth Alle von ihm abgewendet und ihn verlaſſen; ſelbſt durch Geld waren ſie jetzt nicht zu erkaufen; Alles mußte an den Tag kommen und Jedermann mußte es erfahren. Der junge Lord war todt, der Gefährte deſſelben flüchtig im Aus⸗ lande und ihm unerreichbar; zehntauſend Pfund St. waren auf einen Schlag ihm genommen, ſein Anſchlag mit Gride in dem Augenblicke vereitelt, als er mit Er⸗ 96 Nicolaus Nicklehy. folg gekrönt werden ſollte, ſeine anderen Anſchläge ent⸗ degt, er ſelhſt in Gefahr, der Gegenſtand ſeiner Verfol⸗ gung und der Liebe des Nicolaus— ſein eigener un⸗ glücklicher Sohn, Alles zuſammengeſtürzt und auf ihn hareinbrechend, er von den Trümmern nisdergedrückt und im Staube ſich windend, um einen Ausgang zu finden. Hütte er gewußt, daß ſein⸗Kind am Leben ſei, wäre kein Betrug geſpielt worden, wänender Knahe unter ſei⸗ nen Augen aufgewachſen, er wünde wohl ein ſorgloſer, gleichgültiger, rauher und harter Vater geweſen ſein,* er fühlte das; aber es fand ſich auch der Gedanke ein, daß er doch vielleicht auch anders, daß ſein Sohn ſein Troſt und ſeine Freude und daß er und das Kind glück⸗ lich geweſen ſein könnten. Er meinte beisſich, der ungeb⸗ liche, Fod ſeines Kindes und die Flucht ſeiner Fraushät⸗ ten dazu beigetragen, ihn zu dem rauhen, mürriſchen und harten Mann zu machen, der er ſei. Er ſchien ſich einer Zeit zu erinnern, in welcher er nicht ſorranh und hartherzig geweſen, und es kam ihm vorn als habener anfangs den Nicolaus nur deshalb gehaßt, weil er jung und galant und vielleicht dem jungen Manne ähnlich war, der ihm die Gattin entführt und dadurch ihn in Schande und in Geldverluſt gebracht hatte. an zunn * Aber ein liebevoller Gedanke, ein einziger von na⸗ türlichem Bedauern in dieſem Strudel von Leidenſchaft, Haß und Reue, gleich einem Tropfen ruhigen Waſſers in einem vom Sturme gepeitſchten, aufgewühlten Meere. Der Haß gegen Nicolaus war durch ſeiner eigene Nis⸗ derlage unterſtützt, durch deſſen Einmiſchen in ſeine Pläne genährt und durch den Erfolg deſſelben gekräftigt worden. Es waren Gründe zu der Steigerung des Haſſes dageweſen und er war allmälig größer und ſtär⸗ ker geworden, Jetzt erreichte er eine Höhe, die ihn ——.—(—— Nigg ns Rhckeb. 97 mit wildem Wahnſinne gleichſtelltge Daß gexade vor al⸗ len Anderen. Nicolaus das unglücklichen Kind befreien mußte, daßagx deſſen Beſchützer und traux Freund war, daß ernihm jene Liebe und Zärtlichkeit hewies, welche dem Knaben von dem Augenblicke ſeiner Geburt an ſtets fremd geblieben, daß ex ihn lehrts, den eigenen Vater zu haſſen und ſeinen Namen zu verfluchen, daß ex dies Alles jetzt fühlen und in der Erinnerung trium⸗ phiren ugßte, war für des Wucherers Herz Giff und Galle Und ſtachelte ihn zum Wahnwitze. Des, todten Knahen Hiehe zu Nicolgus und die Anhänglichkeit dieſes an den Knaben war eine unerträgliche Folter. Die Vorſtellung des Sterbebettes, an welchem Nicolaus ſaß, den Verlaſſenen dftegte und wartete, der ihm mit ſei⸗ nem letzten Athem noch dankte und in den Armen deſſel⸗ ben verſchied! wüährend er, Rälph, wünſchte, ſie wären Todfeinde geweſen und hälten einander aufs Aeußerſte gehaßt, brachte ihn faſt um den Verſtand. Er knirſchte mit den Zähnen, ſchlug um ſich herum, ſah ſich mit Au⸗ gen wild um, welche im Dunkel fuukelten, und vief Taut: nid 210 Aidun dnrae 1dn 12u: chi Ich bin zu Boden, getreten und verloren. Der Elende ſagte die Wahrheit. Die Racht iſt gekommen. Giebt es kein Mittel, ihnen den fernern Triumph zu entreißen und ihr Mitleid, ihre Barmherzigkeit mit Ver⸗ achtung abzuweiſen? Giebt es keinen Teufel, der mir helfen kann(und will 2s⸗ 1 u G h n d Die Geſtalt des Selbſtmörders, an den er ſchon ſo lange in dieſer Nacht gedacht hatte, erſchien ihm von neuem. Er ſchien vor ihm zu liegen. Der Kopf war verhüllt wie damals, als er ihn zum erſten Male ſah. „Auch der ſteifen, marmorkalten Füße erinnerte er ſich deutlich. Dann traten vor ihm die bleichen und zittern⸗ er 98 Nicolaus Nickleby. den Verwandten, welche bei der Todtenſchau erzählt hatten, was ſie wußten,— das laute Wehklagen der Weiber,— das ſtille Schauern der Männer,— die Beſtürzung und die Unruhe,— der Sieg, den dieſer Erdenkloß errungen, der mit einer Bewegung ſeiner Hand das Leben entfliehen ließ und dieſe ganze Verwir⸗ rung anrichtete.— Er ſprach nicht mehr, ſondern tappte nach einer Pauſe langſam und geräuſchlos aus dem Zimmer hin⸗ aus, die hallende Treppe hinauf— bis ans Ende— bis in das Dachſtübchen,— deſſen Thür er hinter ſich verſchloß und wo er blieb Es war jetzt nichts als eine Rumpelkammer, enthielt aber eine alte Bettſtelle,— dieſelhe, in welcher ſein Kind geſchlafen hatte, denn es war nie eine andere da⸗ geweſen. Er wich haſtig von ihr zurück und ſetzte ſi ſih ſo weit davon als möglich nieder. Der abnehmende Glanz der Lichter auf der Steng uiten, der durch das Fenſter hereinfiel, an welchem ihn weder Laden noch Vorhang aufhielt, reichte hin, die Be⸗ ſchaffenheit des Gemachs zu zeigen, wenn auch nicht die verſchiedenen Geräthe, die alten zuſammengeſchnür⸗ teen Koffer und die zerbrochenen Meubles deutlich erken⸗ nen zu laſſen, welche da herumlagen und ſtanden. Es hatte eine ſchiefe Decke, die an der einen Stelle hoch war, an der andern faſt bis an den Fußboden herun⸗ terkam. Nach der höchſten Stelle richtete Ralph ſeine Blicke und auf ihr ließ er ſie unverwandt einige Minu⸗ ten lang ruhen; dann ſtand er auf, zog eine alte Kiſte dahin, auf welcher er geſeſſen hatte, ſtieg darauf und fühlte mit beiden Händen an der Wand über ſeinem Kopfe umher. Endlich ſtießen ſie an einen ſtarken eiſer⸗ Nieolaus Nickleby. 99 nen Haken, der feſt in einen der Balken hineingeſchla⸗ gen war.— In dieſem Augenblicke wurde er durch ein lautes Klopfen an der Thür unten unterbrochen. Nach kurzer Zögerung öffnete er das Fenſter und fragte, wer da ſei. „Ich möchte mit Herrn Nickleby ſprechen,« antwor⸗ tete eine Stimme. 1 „Was iſt mit ihm?? „Das iſt ſicherlich nicht Herrn Nickleby's Stimme,⸗ lautete die Antwort. 3 9 DSie glich ihr freilich nicht, aber es war Ralph, der ſprach und er ſagte es. Die Stimme unten meldete nun, die Brüder Cheery⸗ ble wünſchten zu wiſſen, ob ſie den Mann, den er an dieſem Abende bei ihnen geſehen habe, bei ſich behalten ſollten, und ſie hätten, um zu thun, was er verlange, deshalb zu ihm geſchickt, ob es gleich bereits Mitter⸗ nacht ſei. „Ja,“ ſagte Ralph;»ſie mögen ihn behalten bis morgen und dann hierher bringen,— ihn und meinen Neffen,— auch ſelbſt kommen und ſie können überzeugt ſein, daß ich ſie erwarte.« „»Zu welcher Stunde?« fragte die Stimme. „Zu jeder Stunde,« antwortete Ralph.»Sagen Sie, Nachmittags. Zu jeder Stunde,— zu jeder Mi⸗ nute,— jede Zeit iſt mir gleich.« Er horchte auf die Schritte des fortgehenden Boten, bis ihr Schall ſein Ohr nicht mehr erreichte; dann blickte er an den Him⸗ mel hinauf und ſah, oder glaubte es wenigſtens, dieſelbe ſchwarze Wolke, welche ihm auf dem Heimgange zu fol⸗ gen und jetzt gerade über ſeinem Hauſe zu ſchweben ſchien. „»Jetzt kenne ich ihre Bedeutung,« murmelte er,„und 400 Niepllauls Nickleby. die ruheloſen Nächte, die Träumeß ich weiß, war⸗ um ich in der letzten Zeit nicht mehr der ſtarke Mann war wie ſonſt;— Alles deutete darguf.« Der Schall eines tſen Glackenſchlagrs ziterte in der Luft daher, Einst! bn 1 n „Lüge nur weiter,« rief der⸗ Pacherer, mit Weiner eiſernen Zungez klinge luſtig bei Gebuxten, züber welche lauernde Erben erbeben, und bei Ehen, die in der Hölle geſchloſſen werden, und töne traurig über den Todten, deſſen Schuhe bereits durchgelaufen ſindz rufe Menſchen zum Gebete, die für fromm und tugendhaft gelten, weil man ihre Thaten nicht entdeckt und läute jubelnd den Anbruch jedes neuen Jahres ein, das dieſe verfluchte Welt ihrem Ende näher bringt. Für mich kein Glocken⸗ geläute, keinen Grabgeſang! Werft mich auf einen Miſthaufen und laßt mich da faulen, damit ich die, Luft verpeſte la 51 Ja ibih Mit einem wilden Blicke um ſich her, in welcgem ſich Wahnſinn, Haß und Verzweiflung gräßlich miſchten, hob er die geballte Fauſt gegen den Hinnnel über ihm, der noch immer ſchwarz und drohend ausſah, und wari das Fenſter zu.„ fr, Regen und Hagel ſchlugen an die Scheiben, 4 die Schornſteine zitterten und wankten, und der wurmſti⸗ chige Fenſterrahmen klapperte im Winde, als wenn eine ungeduldige Hand daran rüttele. Aber es war keine Hand da und das Fenſter wurde nicht wieder geöffnet. He. Han I et REN 2 hi. »Was iſt das?« ſagte Jemand,»die Herren meinen, es höre Niemand in dem Hauſe, und ſie hätten iezun zwei Stunden verſucht, hineinzukommen.“— »Er kam doch vorige Nacht nach Hauſe,« ſagte ein Nieblaus Nickleby. 101 Anderer,»denn er ſprach mit Jemandem aus dem Fen⸗ ſter herunter.« n 1 ttin „Es ſtand eine kleine Menſchengruppe da, die, als das Fenſter erwähnt wurde, auf ditraße hinüber trat, um nach demſelben hinaufzuſehen. Dabei bemerkten ſie, daß Alles im Hauſe noch verſchloſſen war, wienſieres, ſagte die Haushälterin, den Abend vorher verlaſſen hatte; man kam auf allerlei Muthmaßungen; einige der Kühn⸗ ſten gingen herum, um nach dem Hofe zu gelangen und ſtiegen durch ein Fenſter ein, während die Anderen mit ungeduldiger Erwartung auf der Straße ſtehen blieben. Sie ſahen in alle Zimmer und Kammern unten, öff⸗ neten dabei die Laden, um Licht hineinzulaſſen, und als ſie nirgends Jemanden fanden, da Alles ruhig und an ſeinem Orte war, wußten ſie nicht, ob ſie weiter gehen follten. Einer bemerkte endlich, ſie wären noch nicht unter dem Dache geweſen; in dem Stübchen dort habe man ihn doch zuletzt gefehen, und ſie kamen überein, auch dahin noch zu fehen; ſie gingen alſo langſam hin⸗ auf, denn die Stülle und das Ungewiſſe machten ſie ſchüchterr.. mmhita IMt D Ar. Nachdem ſie einen Angenblick oben an der Treppe geſtanden und einander angeſehen hatten, machte Jeuer, welcher den Antrag geſtellt, hatte, die Nachſuchung ſo weit auszudehnen, die Thür halb auf, ſchielte hinein und prallte alsbald wieder zurück. nad inn in „Es iſt ſonderbar,« flüſterte er; ver hat ſich hinter der Thür verſteckt. Seht dal« n K. 8 Sie drängten ſich an die Thür, um hineinzublicken, Einer aber ſchob die Andern. mit einem lauten Ausrufe zurück, nahm ein Meſſer aus der Taſche, trat raſch in das Stübchen hinein und nſchnitt den Leichnam abenn Ralph Nickleby hatte einen Strick von einem der al⸗ 102 Nicolaus Nickleby. ten Koffer losgeriſſen und ſich an dem eiſernen Haken unmittelbar unter der Fallthür in der Decke aufgehan⸗ gen,— an derſelben Stelle, nach welcher ſich die Augen ſeines Sohnes, des vechäſſenen, hülfloſen, kleinen Ge⸗ ſchöpfes, vor vierzehn Jahren in kindiſcher Furcht ſo oft gerichtet hatten. Siebentes Kapitel. Die Gebrüder Cheeryble machen verſchiedene Erklärungen in ihrem eigenen und dem Namen Anderer, und Timotheus Linkinwater macht auch eine Erklärung. anEs waren einige Wochen vergangen und die erſte Erſchütterung in Folge dieſer Ereigniſſe hatte nachge⸗ laſſen. Madeline war aus dem Hauſe entfernt worden; Frank war abweſend geweſen und Nicolaus und Käth⸗ chen hatten angefangen, in allem Ernſt ihr Bedauern und ihre Sehnſucht zu unterdrücken und für einander wie für ihre Mutter zu leben, welche ſich, die arme Frau, in dieſe ztraurigen und veränderten Umſtände gar nicht finden konnte, als ſie eines Abends durch den Herrn Linkinwater eine Einladung von den bei⸗ den Brüdern auf den zweitnächſten Tag zu einem Mit⸗ tagseſſen erhielten, und nicht nur Madame Nickleby, Käthchen und Nicolaus, ſondern auch die kleine La Creevy, die ganz beſonders erwähnt wurde. „Nun meine lieben Kinder,« ſagte Madame Nickleby, als ſie die Einladung gebührend angenommen hatten und Timotheus wieder gegangen war,»was adet das zu bedeuten?ke Nicolaus Nickleby. 103 „Was meinſt Du wohl, Mutter?« fragte Nicolaus lächelnd. 1 48 ¹ »Ich frage, lieber Sohn, entgegnete die Mutter mit einem höchſt geheimnißvollen Geſichte,»was hat dieſe Einladung zu einem Mittagseſſen zu bedeuten? Was wird damit bezweckt?« 6 „»Meiner Meinung nach,« antwortete Nicolaus,»ſollen wir an dem und dem Tage in ihrem Hauſe eſſen und trinken und es uns da wohl ſein laſſen.⸗ ond „Und das iſt Deiner Meinung nach Alles, mein Sohn?« „Weiter habe ich bis jetzt nichts ergründen können, Mutter.« 810 173 ent. „Dann will ich Dir etwas ſagen,« entgegnete Ma⸗ dame Nicklebyp,—»Du wirſt Dich etwas verwundernz weiter ſage ich nichts. Du kannſt Dich darauf verlaſſen, dahinter ſteckt mehr als ein bloßes Mittagseſſen.⸗ „Thee und Abendeſſen vielleicht,« warf Nicolaus lä⸗ chelnd ein. 1a r „Ich würde nicht ſo albern ſein, lieber Sohn, wenn ich an Deiner Stelle wäre,« entgegnete Madame Nick⸗ leby erhaben,»weil es ſich durchaus nicht ſchickt und für Dich nicht geziemt. Ich behaupte, die Herren Cheeryble laden uns nicht umſonſt ſo umſtändlich zu Tiſche. Wartet nur, Ihr werdet ſchon ſehen. Ihr wollt nicht glauben, was ich ſage, beſonders Du, Nicolaus. Es iſt alſo beſſer, Du warteſt, es wird für alle Theile beſſer ſein, darüber läßt ſich gar nicht ſtreiten. Ich ſage weiter nichts, als gedenkt an das, was ich eben ſage, und weil ich es geſagt habe, ſo ſagt ſpäter nicht, ich hätte es nicht geſagt. IhN AAaun. 18 31 Unter dieſer Bedingung gab Madame Nickleby, die Tag und Nacht einen Boten vor ſich ſah, der die Thüre 104 Nicolaus Niekleb y. aufriß, um anzumelden, Nicolaus ſer von den Herren Cheeryble als Compagnon aufgenommen worden, dieſen Gegenſtand auf und ging zu einem andern über. mn„Sehr ſeltſam, außerordentlich merkwürdig iſt es,“ ſagte ſie,»daß die Herren auch die La Creevy eingela⸗ den haben. Es ſetzt mich in Verwunderung, Ihr könnt Euch darauf verlaſſen. Natürlich iſtnes mir aber ſehr angenehm, daß ſie mit eingoladen worden iſt, höchſt angenehm, und ich zweiſle nicht daran, daß ſie ſich ſehr * dort benehmen wird, denn das thut ſie immer. Es ſt ſehr beruhigend für uns, daß es uns möglich wurde, 9— in ſolche Geſellſchaft einzuführen, os freut mich un⸗ gemein, denn ſie iſt gewiß eine kleine gutmüthige Pol⸗ ſon die ſich ganz wohl zu benehmen weiß. Ich wünſchte aber, es ſagte ihr ein guter Freund, wie ſchlechieſienihr Häubchen jaufgeputzt hat und welche ſchlechte Knixe ſie macht; aber natürlich, das kann rihr Niemand ſagei, und wenn ſte einmal darauf beſtehtz ſich zu einer ſchreck⸗ lichen Figur zu machen, ſo hat ſie ohne Zweifel ſein vollkommenes Recht dazu.« ef et ⸗ Dieſe Reflexion erinnerte ſien daran daß ſte noth⸗ wendige bei dieſer Gelegenheit ſehr nett und geſchniack⸗ voll erſcheinen müſſe, um dem Fräulein La⸗ Creevy das Gegengewicht zu haltenzwies führte ſie zu einer Bera⸗ thung mit ihrer Tochter wegen gewiſſet⸗Bänder, Hand⸗ ſchuhe und anderen Putzes, und da dies eine ſehr vei⸗ wickelte, aber auth äußerſt wichtige Angelegenheit war, ſo drängte ſie auf einige Zeit die andetn gang und gar in den Hintergrund. 1 n0 i Als der große Ang endlich erſchien, überließ ſich die gute Frau den Händen Käthchens etwa eine oder ein paar Stunden nache dein Frühſtücke, kleidete ſich gemäch⸗ lich und allmälig an und brachte ihre Toilette: in der ——ͤ———4— a AGAnv m Nicolaus Nickleby. 105 gehörigen Zeit zu Stande, ſo daß auch Käthchen die ihrige machen konnte, die ſehr einfach und gar nicht langwierig war, aber doch ſo gut ausfiel, daß ſie nie vorher ſo reizend und liebenswürdig ausgeſehen hatte. Auch die kleine La Creevy erſchien mit zwei Schachteln (aus denen die Boden fielen, als ſie aus der Kutſche gerausgenommen wurden) und mit etwas in einem Zeitungsblatte, auf das ſich ein Herr bei dem Einſteigen geſetzt hatte, und das deshalb von neuem geplättet wer⸗ den mußte ehe es gebraucht werden konnte. Endlich waren alle angekleidet, auch Nicolaus, der nach Hauſe gekommen war, um ſie abzuholen, und ſie fuhren in einer Kutſche fort, welche die Brüder geſchickt hatten. Madame Nickleby äußerte unterwegs ihre Neugierde, was ſie wohl eſſen würden, und fragte Nicolaus über die Entdeckungen und Beobachtungen, die er gemacht, ob er gerochen habe, daß Schildkröte gekocht würde, und wenn dies nicht der Fall ſei, was er gerochen habe. Dabei erinnerte ſie ſich an Diners, an denen ſie vor zwanzig Jahren Theil ge⸗ nommen hatte, und ſie zählte nicht bloß die Gerichte auf, welche vorgekommen, ſondern nannte auch die Gäſte, welche zugegen geweſen waren, woran ihre Zuhörer je⸗ doch kein großes Intereſſe nahmen, da ſie nie von jenen Leuten vorher etwas gehört hatten. Der alte Kellner empfing ſie mit großem Reſpekt und mit Lächeln, und geleitete ſie in das Geſellſchaftszimmer, wo ſie von den Brüdern ſo herzlich und freundlich auf⸗ genommen wurden, daß Madame Nickleby ganz außer ſich gerieth und kaum Geiſtesgegenwart genug beſaß, das Fräulein La Creevy unter ihre Obhut zu nehmen. Noch mehr wurde Käthchen durch dieſe Aufnahme er⸗ griffen, denn da ſie wußte, daß die Brüder mit allem bekannt waren, was zwiſchen ihr und Frank vorgekom⸗ Nicolaus Rickleby. VIII. 8 106 Nicolaus Nickleby. men, ſo war ihre Lage allerdings eine ſehr beengende und ſie zitterte an dem Arme ihres Bruders, als Bru⸗ der Karl den ihrigen nahm und ſie an einen andern Theil des Zimmers führte. »Haben Sie Madelinen geſehen, ſeit ſie Ihr Haus verlaſſen hat?« »Nein,« antwortete Käthchen.»Nicht einmal.« »Und haben auch nichts von ihr gehört, he? Haben nichts von ihr gehört?« »Ich habe bloß einen Brief erhalten,« entgegnete Käthchen ſanft.»Ich glaubte nicht, daß ſie mich ſobald vergeſſen würde.« »Ach!« ſagte der alte Mann, indem er ſie auf die Achſel klopfte und ſo liebevoll ſprach, als wäre ſie ſein Kind.»Sie armes Herz! Was meinſt Du dazu, Bru⸗ der Eduard? Madeline hat ihr nur ein einziges Mal geſchrieben,— ein einziges Mal, Eduard, und ſie glaubte nicht, daß ſie von ihr ſo bald vergeſſen werden würde, Eduard.« „»Es iſt traurig, traurig, ſehr traurig!« ſagte Eduard. Die Brüder wechſelten einen Blick, ſahen Käthchen eine kurze Zeitlang an, ohne etwas zu ſprechen, drückten einander die Hände und nickten, als wünſchten ſie ein⸗ ander über etwas recht Erfreuliches Glück. »Nun nun,“« ſagte endlich Bruder Karl,»gehen Sie in jenes Zimmer hinein, durch dieſe Thüre da, und ſe⸗ hen Sie, ob nicht etwa ein Brief von ihr an Sie dort liegt. Ich glaube, es wird einer auf dem Tiſche liegen. Sie brauchen ſich mit der Rückkehr nicht zu beeilen, lie⸗ bes Kind, wenn Sie etwas finden, denn wir eſſen noch nicht jetzt, und Sie haben noch viel Zeit,— ſehr viel Zeit.« 3 Käthchen begab ſich in das ihr angewieſene Zimmer. * Nicolaus Nickleby. 107 Bruder Karl ſah ihrer lieblichen Geſtalt nach und ſagte dann zur Madame Nickleby: „Wir waren ſo frei, Sie eine Stunde vor der ei⸗ gentlichen Eßzeit zu uns zu bitten, Madame, weil wir noch von einem kleinen Geſchäfte zu ſprechen hatten, welches wohl die Zwiſchenzeit ausfüllen wird. Lieber Bruder Eduard, willſt Du der Madame Nickleby das mittheilen, worüber wir übereingekommen ſind? Sie, Herr Nickleby, dagegen, haben Sie die Gefälligkeis, mir zu folgen.« Ohne weitere Erklärung wurden Madame Nickleby, Fräulein La Creevy und Bruder Eduard allein gelaſſen, und Nicolaus folgte dem Bruder Karl in deſſen Zimmer, wo er zu ſeiner großen Verwunderung Frank traf, der ſeiner Meinung nach verreiſet war. „»'hr jungen Leute,« ſagte Herr Cheeryble,»gebt ein⸗ ander die Hände.« »Dazu laſſe ich mich nicht bitten,« ſagte Nicolaus, indem er ſeine Hand ausſtreckte. „Auch ich nicht,« entgegnete Frank, während er ſie herzlich drückte. Der alte Herr meinte, es ſei gar nicht möglich, daß zwei ſchönere junge Männer neben einander ſtehen könn⸗ ten, als die Beiden, auf denen ſeine Blicke mit ſo gro⸗ ßem Wohlgefallen ruheten. Nachdem er ſie ſo eine Zeit⸗ lang ſchweigend betrachtet hatte, ſagte er, während er ſich an ſeinen Pult ſetzte: „Ich wünſche Euch als Freunde zu ſehen,— innige, feſte Freunde,— und wenn ich Euch für etwas anderes hielt, würde ich mich bedenken mit dem, was ich ſagen will. Frank, ſieh hierher. Herr Nickleby, wollen Sie hierher kommen?« Die jungen Männer ſtellten ſich zu beiden Seiten 8 ½ 108 Nicolaus Nickleby. des Bruders Karl, der ein Papier aus ſeinem Pulte nahm und auseinanderſchlug. „Dies,« ſagte er,»iſt eine Abſchrift von dem Teſta⸗ mente des Großvaters Madelinens von mütterlicher Seite, worin er ihr die Summe von 12,000 Pf. St. vermacht, die ihr ausgezahlt werden ſoll, wenn ſie mün⸗ dig wird oder ſich verheirathet. Der Großvater ſcheint ans Unwillen gegen ſie(ſeine einzige Verwandte), weil ſie ſich trotz vielfachen Zuredens nicht unter ſeinen Schutz begeben und ihren Vater verlaſſen wollte, ein Teſtament gemacht, und ſein ganzes Vermögen einer milden Stif⸗ tung ausgeſetzt zu haben. Dies ſcheint ihn jedoch ſpäter gereut zu haben, etwa nach drei Wochen, und in dem⸗ ſelben Monate machte er dieſes Teſtament. Durch irgend einen Betrug wurde daſſelbe unmittelbar nach ſeinem Tode unterſchlagen und das andere das einzige, das man fand— in Ausführung gebracht. Es ſind, ſeit dieſes Document in unſere Hände kam, Unterhandlungen betrieben und beendigt worden; da kein Zweifel an der Echtheit des Teſtamentes beſtehen kann, auch die Zeu⸗ gen nach ziemlicher Mühe ausfindig gemacht wurden, ſo iſt das Geld zurückgezahlt worden. Madeline hat demnach ihr Recht erhalten und iſt oder wird, wenn einer von beiden im Teſtamente erwähnten Fälle eintritt, Herrin ihres Vermögens. Verſteht Ihr mich?« Frank bejahete die Frage. Nicolaus, der fürchten mußte, die Stimme werde ihm den Dienſt verſagen, verbeugte ſich bloß.— »Nun, Frank,« ſagte der alte Herr,»Du warſt die unmittelbare Urſache zur Wiedererhaltung dieſes Docu⸗ mentes. Das Vermögen iſt zwar nur gering, indeß wir lieben Madelinen und wir würden Dich lieber mit ihr verheirathet ſehen als mit irgend einem andern — — —— — Nicolaus Nickleby. 109 Mädchen, das dreimal ſo viel Geld beſitzt. Willſt Du Dich um ihre Hand bewerben?« „Nein; ich bemühete mich um die Wiedererlangung dieſes Documentes, obgleich ich glaubte, daß ihre Hand ſchon an Einen vergeben ſei, der tauſendmal mehr An⸗ ſprüche auf ihre Dankbarkeit und, wenn ich mich nicht irre, auch auf ihr Herz hat, als ich oder irgend Jemand geltend machen könnte. Darin ſcheine ich jedoch voreilig geurtheilt zu haben.« »Wie gewöhnlich,« ſagte Bruder Karl, der ſäine an⸗ genommene Würde ganz und gar vergaß,»wie gewöhn⸗ lich. Wie kannſt Du glauben, Frank, wir würden Dich für Geld verheirathen, wenn Jugend, Schönheit und jede liebenswürdige Eigenſchaft für Liebe zu erhalten iſt? Wie konnteſt Du Dich unterſtehen, Frank, hinzugehen und eine Liebſchaft mit der Schweſter des Herrn Nickleby anzuknüpfen, ohne uns von Deiner Abſicht vorher etwas zu ſagen, damit wir ein gutes Wort für Dich einlegen könnten?« »„Ich wagte nicht zu hoffen.« „Du wagteſt nicht zu hoffen? Um ſo mehr brauch⸗ teſt Du unſern Beiſtand. Herr Nickleby, Frank ur⸗ theilte, obgleich er ſich wie gewöhnlich übereilte, ein⸗ mal richtig. Madelinens Herz iſt nicht mehr frei,— geben Sie mir die Hand; Sie beſitzen es, und mit Recht. Dieſes Vermögen ſoll das Ihrige werden; einen größern Schatz aber haben Sie an ihr, als Sie beſitzen würden, betrüge ihr Vermögen auch funfzigmal ſo viel. Sie hat Sie erwählt, Herr Nickleby. Sie hat gewählt, wie wir, ihre beſten Freunde, wünſchten, daß ſie wählen möge. Frank wählte ebenfalls nach unſerem Wunſche. Er ſoll die kleine Hand Ihrer Schweſter haben, und wenn ſie ſie ihm zwanzigmale verweigert hätte; ja, er . 110 Nicolaus Nickleby. ſoll ſie haben. Sie handelten edel, da Sie unſere Mei⸗ nung nicht kannten; jetzt iſt ſie Ihnen bekannt und Sie müſſen darnach thun. Sie ſind die Kinder eines wür⸗ digen Mannes. Es gab eine Zeit, wo mein lieber Bruder Eduard und ich zwei arme Jungen waren, faſt barfuß umherliefen und unſer Glück zu machen ſuchten; haben wir uns ſeitdem verändert außer in Jahren und in unſeren Umſtänden? Das wolle Gott verhüten! Ach, Eduard, Eduard, welch ein glücklicher Tag iſt dies für Dich und mich! ach, lebte doch unſere arme Mutter noch, damit ſie uns jetzt ſähe, Eduard; wie ſehr würde es ihr gutes Herz erfreuen!« Nach dieſer Anrede trat Bruder Eduard, der mit Madame Nickleby hereingekommen, aber von den bei⸗ den jungen Männern nicht geſehen worden war, raſch vor und drückte ſeinen Bruder Karl an ſein Herz. »Nun hole mein Käthchen herein,« ſagte der Letztere nach einer kurzen Pauſe;»hole ſie herein, Eduard. Ich muß mein Käthchen ſehen und küſſen. Jetzt habe ich ein Recht dazu; faſt hätte ich es gethan, als ſie herein⸗ trat; ich bin überhaupt oft nahe daran geweſen, es zu thun.— Ah, fanden Sie den Brief, mein liebes Käth⸗„ chen? Fanden Sie Madelinen ſelbſt, die Sie erwartete? Ueberzeugten Sie ſich, daß ſie ihre Freundin und zärt⸗ liche Pflegerin nicht ſobald vergeſſen hatte?— Das iſt faſt das Beſte von Allem!« »Komm, komm,« ſagte Eduard,»Frank wird ſonſt eiferſüchtig und fordert uns noch vor Tiſche vor die 6 Klinge.« »So mag er ſie nur wegführen; er mag ſie nur wegführen. Madeline iſt in dem nächſten Zimmer. Die Verliebten mögen alle gehen und unter einander ſchwatzen, Nicolaus Nickleby. 111 wenn ſie einander etwas zu ſagen haben. Führe ſie hinaus, Eduard, eines nach dem andern.« Bruder Karl begann das Fortſchaffen der Verliebten dadurch, daß er das erröthende Mädchen ſelbſt an die Thür geleitete und ſie hier mit einem Kuſſe entließ. Frank zögerte nicht, ſondern eilte ihr ſchnell nach und Nicolaus war bereits verſchwunden. So blieben nur Madame Nickleby und Fräulein La Creevy zurück, die Beide ſchluchzten, die beiden Brüder und Timotheus Linkinwater, der eben jetzt hereinkam, um allen Anweſen⸗ den die Hand zu reichen. Sein rundes Geſicht ſtrahlte vor Freude. »Nun, Timotheus Linkinwater,« ſagte Bruder Karl, der immer das Wort führte,»jetzt ſind die jungen Leute glücklich.« »Sie haben ſie doch nicht ſo lange in Ungewißheit gelaſſen, als Sie es thun wollten,“ entgegnete Timo⸗ theus.„Herr Nickleby und Herr Frank ſollten, ich weiß nicht, wie lange, in Ihrem Zimmer bleiben, und ich weiß nicht, was Sie Alles ſagen wollten, ehe Sie zu der Hauptſache kämen.« »Haſt Du ſchon ſo einen ſchlechten Kerl geſehen, Eduard,« ſagte der Alte,»haſt Du ſchon ſo einen ſchlech⸗ ten Kerl geſehen als den Timotheus Linkinwater? Er beſchuldigt mich da, ich habe die Zeit nicht erwarten können, und hat uns doch ſelbſt früh, Mittags und Abends alle Tage vorgejammert, er könne nicht mehr an ſich halten, er müßte Alles geſtehen, als unſere Pläne noch lange nicht vollſtändig waren!« „Timotheus iſt ein ſchlechter Kerl,« antwortete Eduard. „Man kann ihm nicht trauen. Er iſt ein junger Leicht⸗ fuß,— er muß erſt geſetzt werden; er muß ſich erſt die 112 Hörner ablaufen, dann wird er vielleicht ein achtba⸗ res Glied der Geſellſchaft.« Da dies ein ſtehender Witz zwiſchen den beiden Al⸗ ten und Timotheus war, ſo lachten ſie alle Drei aus Herzens Grunde, und ſie würden noch lauter gelacht ha⸗ ben, hätten die Brüder nicht geſehen, daß Madame Nickleby ihre Gefühle nicht mehr zurückhalten konnte; ſie nahmen ſie alſo zwiſchen ſich und führten ſie hinaus un⸗ ter dem Vorwande, ſie wegen einiger höchſt wichtigen Angelegenheiten um Rath zu fragen. Timotheus und Fräulein La Creevy hatten einander oftmals geſehen, waren immer ſehr freundlich geweſen, hatten viel mit einander geplaudert, und folglich war es ganz natürlich, daß Timotheus, als er ſah, daß ſie noch immer ſchluchzte, ſie zu tröſten verſuchte. Da Fräu⸗ lein La Creevy auf einem altmodiſchen Sopha am Fen⸗ ſter ſaß, wo noch viel Platz war, ſo war es wohl eben ſo natürlich, daß Timotheus ſich neben ſie ſetzte; daß aber Timotheus an dieſem Tage ganz beſonders geputzt war, war auch natürlich, weil ja dieſer Tag ſehr feſtlich begangen werden ſollte. Timotheus nahm alſo Platz neben Fräulein La Creevy und ſchlug ein Bein über das andere, ſo daß ſie ſeinen Fuß, einen ſehr netten Fuß, der heute mit einem zierli⸗ chen Schuh und ſchwarzen ſeidenen Strümpfen bekleidet war, ſehen mußte und ſagte in einem begütigenden Tone: „»Weinen Sie nicht.« »Ich muß,“ antwortete Fräulein La Creevy. »Nein, thun Sie es nicht,« fuhr Timotheus fort; vich bitte Sie, thun Sie es nicht.« „Ich bin ſo ſehr glücklich!« ſchluchzte die Kleine. »Dann lachen Sie,« ſagte Timotheus,»lachen Siel⸗ Nicolaus Nickleby. Nicolaus Nickleby. 113 Was in aller Welt Timotheus mit ſeinem Arme machte, läßt ſich durchaus nicht vermuthen; er ſtieß aber mit dem Elbogen an das Fenſter an der Seite der kleinen La Creevy; offenbar hatte er da nichts zu ſuchen. „Lachen Sie,« fuhr Timotheus fort,»oder ich weine auch.« »Warum ſollten Sie denn weinen?« fragte die La Creevy lächelnd. „Auch weil ich zu glücklich bin,« ſagte Timotheus. „Wir ſind Beide glücklich und es iſt mir, als müßte ich thun, was Sie thun.« Timotheus mußte ſehr unruhig ſitzen, denn er ſtieß eben wieder an das Fenſter— faſt an derſelben Stelle, und Fräulein La Creevy ſagte, er würde die Scheibe wohl noch zerbrechen. »Ich wußte es vorher,« ſagte Timotheus,»daß Ih⸗ nen der Auftritt heute hier gefallen würde.« »Es war ſehr freundlich, daß man dabei auch meiner gedachte,« entgegnete die kleine Malerin.»Nichts in der Welt hätte mir halb ſo viele Freude machen können.⸗« Warum ſprachen eben die kleine La Creevy und Ti⸗ motheus Linkinwater heimlich mit einander? Dies war doch kein Geheimniß. Und warum ſah Timotheus die Malerin ſo ſeltſam an und warum blickte ſie ſo ver⸗ ſchämt zu Boden? 4 »Es iſt ein angenehmer Anblick,« ſagte Timotheus, „für Leute wie wir, die ihr ganzes Leben lang allein in der Welt geſtanden haben, junge Leute, die wir lieben, vereinigt und eine ſo hoffnungsreiche Zukunft vor ihnen zu ſehen.«⸗ »Ach ja,« antwortete die Kleine von ganzem Herzen. »Obgleich man ſich dabei ganz einſam und wie ausgeſtoßen vorkommt, nicht wahr?« fuhr Timotheus fort. 114 Nieolaus Nickleby. Fräulein La Creevy meinte, das wiſſe ſie nicht. Warum ſagte ſie, ſie wiſſe es nicht? Sie mußte es doch wiſſen, ob es ihr auch ſo vorkam oder nicht. »Man bekommt ſelbſt Luſt zu heirathen, nicht wahr?« ſagte Timotheus. »Dummes Zeug!« antwortete die kleine Malerin la⸗ chend;»dazu ſind wir zu alt.« „»Das iſt nicht wahr,« ſagte Timotheus;»wir ſind zu alt, um noch länger ledig zu bleiben; warum ſollten wir einander nicht heirathen, ſtatt daß wir in den lan⸗ gen Winterabenden jedes allein an ſeinem Kamine ſitzt? Warum ſollen wir uns nicht neben einander an einen Kamin ſetzen?« »Sie ſpaßen, Herr Linkinwater.« „»Nein, nein, ich ſpaße nicht, gewiß nicht,« antwor⸗ tete Timotheus.»Ich will, wenn Sie wollen. Willi⸗ gen Sie ein?« »Die Leute werden lachen.⸗ »Mögen ſie immerhin lachen,« ſagte Timotheus mu⸗ thig;»wir ſind Beide gut gelaunt und lachen alſo mit. Wie herzlich haben wir ſchon gelacht, ſeit wir einander kennen!« »Das haben wir,« ſagte die Malerin, die ſchon et⸗ was nachgab, wie Timotheus meinte. »Es iſt die glücklichſte Zeit in meinem Leben gewe⸗ ſen,— wenigſtens die außer dem Comptoir der Gebrü⸗ der Cheeryble,« ſagte Timotheus.»Willigen Sie ein; ſagen Sie ja!« »Nein, nein, daran dürfen wir gar nicht denken,« entgegnete die La Creevy.»Was würden die Brüder ſagen?« »Gott ſteh Ihnen bei!« rief Timotheus,»Sie glau⸗ „* Nicolaus Nickleby. 115 ben doch nicht, ich dächte an ſo etwas ohne ihr Mit⸗ wiſſen? Sie ließen uns abſichtlich hier allein.« »Ich kann ihnen nie wieder in das Geſicht ſehen!⸗ ſprach die La Creevy ſchwach. »Sagen Sie ja und machen Sie ein glückliches Paar aus uns. Wir wohnen in dem alten Hauſe da, wo ich vierundvierzig Jahre gewohnt habe; wir gehen in die alte Kirche, die ich dieſe ganze Zeitlang alle Sonntage beſucht habe; wir haben alle unſere Freunde um uns,— den Vogel, den Thorweg, den Brunnen, die Blumen⸗ ſtöcke, Herrn Franks Kinder und Herrn Nickleby's Kinder und wir werden ausſehen wie Großvater und Großmut⸗ ter derſelben. Machen Sie ein glückliches Paar aus uns, daß wir einander pflegen und wiſſen, wenn wir taub, lahm, blind oder bettlägerig werden, wir haben Jemanden, der neben uns ſitzt und mit uns ſpricht. Ma⸗ chen Sie ein glückliches Paar aus uns. Nun?« Fünf Minuten nach dieſer ehrlichen und offenherzi⸗ gen Rede ſprachen die kleine La Creevy und Timotheus Linkinwater ſo freundlich mit einander, als wären ſie viele Jahre lang mit einander verheirathet geweſen und hätten ſich während dieſer ganzen Zeit nicht ein einziges Mal veruneinigt, und fünf Minuten darauf, als die kleine La Creevy hinausgetrippelt war, um zu ſehen, ob ihre Augen roth und ihr Haar in Ordnung wäre, ging Timotheus mit ſtattlichem Schritte nach dem Geſell⸗ ſchaftszimmer zu und ſprach dabei zu ſich ſelbſt:»Es giebt in ganz London nicht noch ein ſolches Frauenzim⸗ mer,— ich weiß es.«. Unterdeß war der ſchlagflüſſige Kellner nahe daran, wegen der unerhörten Verzögerung des Mittagseſſens Krämpfe zu bekommen. Nicolaus, der auf eine Weiſe beſchäftigt geweſen war, die der Leſer und die Leſerin 116 Nicolaus Nickleby. ſich denken kann, eilte in Folge der Aufforderung die Treppe hinunter und traf eine neue Ueberraſchung. Er überholte einen recht anſtändig ſchwarz gekleide⸗ ten Fremden, der ebenfalls nach dem Speiſezimmer zu⸗ ging. Er war etwas lahm und ging langſam, während Nicolaus hinter ihm zögerte, ihm Schritt für Schritt folgte und gern gewußt hätte, wer er ſei. Endlich dre⸗ hete er ſich um und faßte ihn mit beiden Händen. »Newman Noggs!« rief Nicolaus freudig. „»Ja, Newman, Ihr Newman, Ihr alter treuer Newman. Mein lieber Nicolaus, ich wünſche Ihnen Freude, Geſundheit, Glück und Segen. Ich kann es nicht ertragen, es iſt zu viel,— es macht mich zum Kinde.⸗ »Wo ſind Sie geweſen?« fragte Nicolaus;»was haben Sie gethan? Wie oft habe ich nach Ihnen ge⸗ fragt und immer ſagte man, ich würde bald von Ihnen hören.« 4 »„Ich weiß es, ich weiß es,« entgegnete Newman, „ſie wollten, daß alles Glück zuſammenkomme. Ich habe dabei mitgeholfen. Ich— ich,— ſehen Sie mich an, Nicolaus, ſehen Sie mich an.« »Mich ließen Sie dies nie thun,« ſagte Nicolaus in einem Tone ſanften Vorwurfs. »Damals würde ich nicht gewagt haben, anſtändige Kleidung zu tragen. Sie würden mich an alte Zeiten erinnert und mich unglücklich gemacht haben; jetzt bin ich ein ganz anderer Menſch. Mein lieber Nicolaus, ich kann nicht ſprechen,— ſagen Sie nichts zu mir,— verdenken Sie mir dieſe Thränen nicht;— Sie wiſſen nicht, was ich heute fühle, Sie können es nicht wiſſen.⸗ Sie gingen Arm in Arm in das Speiſezimmer und ſetzten ſich neben einander. 117 So lange die Welt ſteht, hat es keine ſolche Mahl⸗ zeit gegeben. Zugegen war der Freund des Timotheus Linkinwater, der Commis bei der Bank, und die be⸗ jahrte Schweſter des Timotheus, und dieſe Schweſter er⸗ wies der kleinen La Creevy ſo viele Aufmerkſamkeit, und der Commis bei der Bank machte ſo viele Späße, und Timotheus Linkinwater ſelbſt war ſo aufgeräumt, und die kleine Malerin ſo komiſch, daß ſie unter einander allein die unterhaltendſte Geſellſchaft gebildet haben würden. Madame Nickleby war ſo großartig und her⸗ ablaſſend, Madeline und Käthchen ſo roth und ſchön, Nicolaus und Frank ſo aufmerkſam und ſtolz, und alle Vier ſo ſtill und bebend glücklich; Newman war ſo de⸗ müthig und doch ſo voll Freuden, und die Zwillings⸗ brüder waren ſo ſelig und wechſelten ſolche Blicke, daß der alte Diener unbeweglich hinter dem Stuhle ſeines Herrn ſtand, und ſeine Augen trüb und feucht wurden, wenn er ſie über die Tafel gleiten ließ. Als die erſte Neuheit etwas vorüber war und Alle⸗ zu fühlen begannen, wie glücklich ſie waren, wurde das Geſpräch allgemeiner und die Harmonie wie das Ver⸗ gnügen ſteigerten ſich wo möglich noch. Die Brüder waren wahrhaft entzückt, und als ſie darauf beſtanden, jede der anweſenden Damen müſſe ihnen einen Kuß ge⸗ ben, ehe ſie ſich entfernen dürfe, ſagte der Commis bei der Bank ſo viel Witziges und Drolliges, daß er ſich ſelbſt übertraf und für ein wahres Wunder von Witz⸗ bold angeſehen wurde. »Liebes Käthchen,« ſagte Madame Nickleby, indem ſie ihre Tochter bei Seite nahm, ſobald ſie in ein ande⸗ res Zimmer getreten waren,»Du meinſt doch nicht, daß das von der La Creevy und Herrn Linkinwater wirklich wahr ſei?« Nicolaus Nickleby. 118 Nicolaus Nickleby. »Es iſt wirklich wahr.« »Habe ich doch ſo Etwas in meinem Leben nicht ge⸗ hört!« rief Madame Nickleby. „»Herr Linkinwater iſt ein ganz vortrefflicher Mann,⸗ entgegnete Käthchen,»und ſieht für ſein Alter noch ganz jung aus.⸗ „Für ſein Alter,« meinte Madame Nickleby,„ja; gegen ihn ſagt Niemand Etwas, außer, daß ich ihn für den ſchwächſten und thörichtſten Mann halte, den ich je⸗ mals kennen gelernt habe. Von ihrem Alter ſpreche ich. Daß er ſeine Hand einem Frauenzimmer anbieten konnte, das— nun, noch einmal ſo alt ſein muß als ich, und daß ſie es gewagt hat, ſeinen Antrag anzuneh⸗ men! Käthchen, ich ſage nichts weiter,— aber ſie iſt mir nun zuwider.« Madame Nickleby ſchüttelte den Kopf höchſt bedeut⸗ ſam und ging fort; auch benahm ſie ſich den ganzen Abend hindurch bei aller Heiterkeit, die in dem fröhlichen Kreiſe herrſchte, und an welcher ſie, dies ausgenommen, von Herzen Theil nahm, gegen das Fräulein La Creevy ſehr kalt und zurückhaltend, um ihr zu erkennen zu ge⸗ ben, wie unſchicklich ihr Benehmen ſei, und um ihr an⸗ zudeuten, wie ſehr ſie den Schritt mißbillige, den ſie gethan. Nicolaus Nickleby. 119 Achtes Kapitel. Ein alter Bekannter wird in traurigen Umſtänden wieder er⸗ kannt und Todtenbuſchhall löſ't ſich für immer auf. Nicolaus gehörte zu Denen, deren Freude unvoll⸗ ſtändig iſt, wenn ſie nicht von den Freunden in trauri⸗ gen und minder glücklichen Tagen getheilt wird. Ob⸗ wohl ihn jeder Reiz der Liebe und Hoffnung umgab, ſo ſehnte ſich doch ſein Herz nach dem gutmüthigen und na⸗ türlichen John Browdie. Er erinnerte ſich ihres erſten Zuſammentreffens mit einem Lächeln und ihres zweiten mit einer Thräne; er ſah den armen Smike noch ein⸗ mal vor ſich, wie er mit dem Bündel auf der Achſel ge⸗ duldig neben ihm herging und hörte des ehrlichen York⸗ ſhirers ermuthigende Worte, als er ſie auf ihrem Wege nach London verließ. Er ſetzte ſich mit Madelinen mehrmals hin, um ei⸗ nen Brief zu ſchreiben, darin John ausführlich mit ſei⸗ nen veränderten Umſtänden bekannt zu machen und ihn ſeine Freundſchaft und Dankbarkeit zu verſichern. Aber der Brief kam nie zu Stande. Obgleich ſie mit der be⸗ ſten Abſicht von der Welt daran gingen, ſo geſchah es doch immer, daß ſie von etwas Anderm ſprachen, und wenn Nicolaus allein zu ſchreiben verſuchte, ſo war es ihm unmöglich, auch nur die Hälfte von dem zu ſagen, was er zu ſagen wünſchte, oder Etwas zu ſchreiben, was ihm nach wiederholtem Ueberleſen nicht kalt und ungenügend vorgekommen wäre, im Vergleich mit dem, was er im Sinne hatte. Endlich, als es mehrere Tage ſo gegangen war und er ſich immer härtere Vorwürfe 120 Nicolaus Nickleby. machte, nahm er ſich vor(um ſo ſchneller, da ihm Ma⸗ deline zuredete), ſelbſt nach Jorkſhire zu reiſen und⸗ Herrn und Madame Browdie zu überraſchen. Deshalb ging er eines Abends zwiſchen ſieben und acht Uhr mit Käthchen in das Poſtbureau im Sarazenen⸗ kopfe, um einen Platz bis nach Greta Bridge zu der nächſten Poſt zu beſtellen. Sie mußten nach Weſten hin gehen, um einige kleine Reiſebedürfniſſe einzukaufen, und da es ein ſchöner Abend war, kamen ſie überein, dahin zu gehen und nach Hauſe zu fahren. Der Ort, in welchem ſie eben geweſen waren, weckte ſo mancherlei Erinnerungen und Käthchen hatte ſo Vie⸗ les von Madelinen, wie Nicolaus ſo Vieles von Frank zu erzählen, Jedes intereſſirte ſich ſo ſehr für das, was das Andere ſagte, und Beide waren ſo glücklich und ſo mittheilend, und hatten ſo Vielerlei zu ſprechen, daß ſie bereits eine halbe Stunde in einem Gewirr von Gäß⸗ chen herumgewandelt waren, ehe es Nicolaus einfiel, es ſei wohl möglich, daß ſie ſich verirrt haben könnten. Die Möglichkeit wurde bald zur Gewißheit, denn als er ſich umſah und erſt an das eine, dann an das andere Ende der Straße ging, bemerkte er kein Zeichen, nach welchem er ſich orientiren konnte und wollte zurückgehen, um ein ſolches aufzuſuchen. Es war ein kleines Nebengäßchen und ſie ſahen Nie⸗ manden an oder in den wenigen ärmlichen Laden, an denen ſie vorübergingen. Als ſie endlich einen ſchwachen Lichtſchein bemerkten, der aus einer Kellerwohnung her⸗ aufkam, wollte Nicolaus ein paar Stufen hinuntergehen, um ſich den Leuten unten zu zeigen und nach dem Wege zu fragen, wurde aber durch ein lautes Geräuſch, eine keifende Frauenſtimme, aufgehalten. Nieolaus Rickleby. 121 „»Komm fort!« ſagte Käthchen;»ſie zanken. Du wirſt zu Schaden kommen.“« „»Warte nur einen Augenblick, Käthchen. Wir wollen hören, was es giebt,« entgegnete der Bruder.»Still!« „»Du fauler, nichtsnutziger Menſch!« rief die Frau, indem ſie mit dem Fuße ſtampfte,»warum diehh Du die Wäſchrolle nicht?« »Ich thue es, mein Leben!« antwortete eine männ⸗ liche Stimme.»Ich drehe immer, ich drehe Füütner, wie ein Pferd in der Mühle.« »Warum gehſt Du nicht und läßt Dich unter die Soldaten anwerben, wenn Dir es hier nicht gefällt?« entgegnete die Frau;»dort biſt Du willkommen.“« „»Unter die Soldaten!« rief der Mann.»Unter die Soldaten! Würde mein Leben mich in dem groben ro⸗⸗ then Rocke mit dem kurzen Schwalbenſchwanze ſehen wollen? Will ſie ihn ſchlagen ſehen? Will ſie, daß ihm das Haar und der Bart abgeſchnitten wird, daß er auf Commando rechts oder links ſehen ſoll?« „Lieber Nicolaus,« flüſterte Käthchen,„Du weißt niht, wer dies iſt. Es iſt Herr Mantalini, glaube ich.« »eberzeuge Dich; ſieh ihn an, während ich nach dem Wege frage,« ſagte Ricoia ls⸗ Moneht ein han Stufen herunter.« 4 Nicolaus zog die Schweſter ſ ſich nach, ging die Stu⸗ fen hinunter und ſah in einen kleinen gedielten Keller hinein. Hier zeigte ſi ſch unter Wäſchekörben und Wäſche, ohne Rock, in geflickten alten Beinkleidern von einem höchſt modiſchen Schnitte, in einer ſonſt glänzenden: Weſte, in Schnurr⸗ und Backenbart wie ſonſt, nur ohne das glänzende Bartwachs,— eifrig bemüht, den Zorn einer Frau zu beſänftigen, der Eigenthümerin des Ge⸗ ſchäftes, ſchwitzend bei dem Drehen der Waͤſchtolle de⸗ Nieolaus Nickleby. VIII. 122 Nicolaus Nickleby. ren Knarren ſich mit den gellenden keifenden Tönen der Frau vermiſchte,— hier zeigte ſich der graziöſe, elegante, bezaubernde, einmal höchſt faſhionable Mantalini. „»Du falſcher Böſewicht!« rief die Frau, die nahe daran zu ſein ſchien, Gewalt zu brauchen und ihre Nä⸗ gel mit dem Geſichte Mantalini's in Berührung zu bringen. „»Falſch! Ach Gott! Meine Seele, mein ſanftes, be⸗ zauberndes, reizendes, allerliebſtes Puttchen, ſei nur ruhig,« ſagte Mantalini demüthig. »Ich will nicht,« rief die Frau.»Ich kratze Dir die Augen aus.« »Ach, über das blutdürſtige Lamm!« rief Mantalini. »Man kann ſich nie auf Dich verlaſſen,« ſprach die Frau weiter;»Du warſt geſtern den ganzen Tag nicht zu Hauſe und liefſt gewiß einem Mädchen nach, ich kenne Dich. Iſt es nicht genug, daß ich zehn Thaler acht Groſchen für Dich bezahlte, Dich aus dem Gefängniſſe befreite und Dich leben ließ wie einen vornehmen Mann? Willſt Du es auch ſo treiben, willſt Du mein Herz brechen?« „Ich will nie Dein Herz brechen, ich werde gut und folgſam ſein wie ein Kind; ich will nie wieder thun, was Du nicht gern haſt; verzeihe mir,« ſagte Herr Mantalini, indem er den Griff der Rolle losließ und die gefaltenen Hände der Frau entgegenhielt.»Nicht wahr, Du haſt Mitleid mit mir? Du kratzeſt mir die Augen nicht aus, ſondern küſſeſt mich und ſtreichelſt mich wieder?« Die Frau, welche durch dieſe Worte wenig bewegt zu werden ſchien, ſtand auf dem Punkte, eine unwillige zornige Antwort zu geben, als Nicolaus ſeine Stimme erhob und nach dem Wege nach Piccadilly fragte. Herr Mantalini drehete ſich um, erblickte Käthchen und ſprang, ohne ein Wort zu ſagen, mit einem Satze Nicolaus Rickleby. 123 in ein Bett, das hinter der Thüre ſtand, zog die Decke über ſein Geſicht und ſtrampelte krampfhaft mit den Beinen. »Verflucht!« rief er mit halberſtickter Stimme,»'s iſt die kleine Nickleby. Mach' die Thüre zu, löſch' das Licht aus, ſtürze die Bettſtelle um, damit ich nicht ge⸗ ſehen werde.⸗ Die Frau ſah erſt Nicolaus, dann Mantalini an, als ſei ſte ungewiß, wen ſie wegen dieſes außerordentlichen Benehmens ausſchelten ſollte, als aber Mantalini unglück⸗ licher Weiſe gerade in dieſem Augenblicke die Naſe aus dem Bette hervorſteckte, um zuzuſehen, ob die Fremden fortwären, warf ſie mit einer Fertigkeit, die ſie ſich nur durch lange Uebung erworben haben konnte, einen ſchwe⸗ ren Wäſchkorb nach ihm, und ſie traf ſo gut, daß er noch heftiger als vorher mit den Füßen zappelte, ohne jedoch einen Verſuch zu machen, ſeinen Kopf von dem Korbe und aus der Wäſche wieder herauszuarbeiten. Nicolaus hielt dies für eine günſtige Gelegenheit ſich zu entfernen, ehe der Zorn der Frau ſich gegen ihn wende; er zog alſo Käthchen ſchnell mit ſich fort und überließ es dem unglücklichen Gegenſtande dieſer unerwarteten Erkennung, ſein Benehmen ſo gut als möglich zu erklären. Am nächſten Morgen trat er ſeine Reiſe an. Es war jetzt kaltes Winterwetter, das ihn an die Um⸗ ſtände erinnerte, unter welchen er dieſe Straße das Erſtemal gereiſt war, und an die vielen Verände⸗ rungen und Wechſelſälle, die er ſeitdem erfahren. Er ſaß den größten Theil des Weges allein im Wagen, und wenn er bisweilen eingeſchlummert war, dann auf⸗ wachte und durch das Fenſter hinausſah und einen Ort erkannte, an dem er, wie er ſich erinnerte, früher vor⸗ über gekommen war bei ſeiner erſten Fahrt oder bei ſeiner Wanderung mit Smike, war es ihm faſt, als ſei 9* 124 Nicolaus Nickleby. alles, was ihm unterdeß geſchehen, nur ein Traum, und als wandere er eben nach London zurück, verlaſſen und hülflos in die weite Welt hinein. uUm dieſe Erinnerungen noch lebhafter zu machen, fing es gegen Abend an zu ſchneien, und als er durch Stamford und Grantham und an das kleine Wirthshaus kam, wo er die Geſchichte von dem Baron gehört hatte, ſah alles ſo aus, als habe er es erſt am vorigen Tage geſehen und als ſei auch nicht eine der Schneeflocken auf den Dächern unterdeß geſchmolzen. Er folgte den Gedanken und Erinnerungen, die auf ihn eindrangen, und konnte ſich faſt überzeugen, daß er wieder mit Squeers und den Knaben oben auf dem Wagen ſitze, daß er die Stimmen derſelben höre und wiederum die Muthloſigkeit wie damals und die Sehnſucht nach der Heimath fühle. Darüber ſchlief er ein, träumte von Madelinen und vergaß alle früheren Gedanken. Er ſchlief dieſe Nacht in dem Wirihshauſe bei Greia⸗ Bridge, ſtand am nächſten Morgen früh auf, ging nach dem Marktflecken und fragte nach John Browdie's Hauſe. John wohnte an dem einen Ende, ſeit er verheirathet war, und da Jedermann ihn kannte, fand Nicolaus bald einen Knaben, der die Gefälligkeit hatte, ihn dahin zu führen. 4 An der Thüre entließ er ſeinen Führev; er ging ſo⸗ gleich, ohne in ſeiner Ungeduld ſich die Zeit zu nehmen, das gedeihliche Ausſehen des Gütchens und Gartens zu bewundern, nach der Küchenthür und klopfte freudig mit ſeinem Stocke an. n »Heda!« rief eine Stimme innen,»was giebk's. Brennt's denn in der Stadt? Man wird ja taub von dem Pochen.« Mit dieſen Worten öffnete John Browdie ſelbſt die Thüre; dann riß er die Augen ſo weit als Nicolaus Nickleby. 125 möglich auf und rief laut, während er die Hände zu⸗ ſammenſchlug: „'s iſt der Gevatter,'s iſt der Gevatter, wahrhaftig! Tildchen, Herr Nickleby iſt da. Na, gieb mir die Hand, komm herein, an's Feuer, und nimm einen Schluck von dem da. Kein Wort, eh' Du getrunken haſt, kein Wort! ¹s freut mich ſehr, Dich zu ſehen.« John ließ es auch bei den Worten nicht bewenden, ſondern zog ihn in die Küche, nöthigte ihn auf einen großen Seſſel neben einem flackernden Feuer und ſchenkte aus einer ungeheuer großen Flaſche etwa ein halbes Nöſel Branntwein ein, gab ihm dies in die Hand, machte ihm den Mund auf, zog ihm den Kopf zurück zum Zei⸗ chen, daß er ſogleich trinken müſſe und ſtand vor ihm mit einem freudigen Lächeln auf ſeinem großen rothen, jovialen Geſichte. „»Ich hätt's wiſſen können,« ſagte John,»daß Nie⸗ mand anders als Du ſo anpochen würdeſt. So pochteſt Du beim Schulmeiſter an, nicht wahr? Ha! hal ha! Aber ſage mir, wie ſteht's jetzt mit dem Schulmeiſter?« »Ihr wißt alſo?« fragte Nicolaus. „»Man munkelte geſtern Abend,« antwortete John, vaber Niemand ſchien die Sache genau zu wiſſen.« »Nach mancherlei Verzögerungen,« ſagte Nicolaus, viſt er verurtheilt worden, auf ſieben Jahre deportirt zu werden, weil er unrechtmäßiger Weiſe im Beſitze eines geſtohlenen Teſtamentes war; nach dieſem wird er noch die Folgen eines Complottes zu erleiden haben.⸗ »Was!« rief John, v»ein Complott? So'was, wie die Pulververſchwörung?« »Nein, nein, ein Complott in Bezug auf ſeine Schule; ich werde Euch die Sache ausführlicher erzählen.« Das iſt recht,« meinte John, verzähl's nach vem Nicolaus Nickleby. Frühſtück, jetzt nicht, denn Du biſt hungrig und ich bin's auch, und Tildchen wird die Sache auch aus dem Fun⸗ damente wiſſen wollen.« Unterdeß trat Madame Browdie in einem netten Häubchen ein, und bat wiederholt um Entſchuldigung, daß ſie beim Frühſtück in der Küche angetroffen worden wären, zu dem man ſich nun in allem Ernſte wendete. Es beſtand aus ziemlich derben Stücken geröſteten Bro⸗ des, friſch gelegten Eiern, gekochtem Schinken, Yorkſhirer Paſtete, und andern kalten Eßwaaren(von welchem fortwährend neuer Vorrath aus einer andern Küche von einer dicken Magd herbeigebracht wurde) und paßte trefflich für den kalten Morgen, weshalb ihm denn auch tüchtig von Allen zugeſprochen wurde. Endlich wurde man doch fertig damit, und da unterdeß das beſte Zim⸗ mer im Hauſe geheizt worden war, ſo begab man ſich dahin, um zu hören, was Nicolaus zu erzählen habe. Nicolaus erzählte alles, und wohl hat keine Ge⸗ ſchichte zwei eifrige Zuhörer ſo gewaltig ergriffen. Bald ſeufzte und ſtöhnte John Browdie aus Theilnahme, bald lachte er laut auf vor Freude; einmal ſchwur er, er werde nach London wandern, bloß um die Gebrüder Cheeryble zu ſehen, dann gelobte er wieder, der Timo⸗ theus Linkinwater ſolle mit der Poſt, aber frei, einen Schinken bekommen, wie noch kein Sterblicher einen an⸗ geſchnitten. Als Nicolaus anfing, Madelinen zu be⸗ ſchreiben, ſaß er mit offenem Munde da, nickte ſeiner Frau manchmal zu und rief:»ſie müßte ein prächtiges Mädchen ſein.« Als er endlich hörte, ſein junger Freund ſei bloß deshalb gekommen, um ihm ſein Glück mitzu⸗ theilen und ihm ſeine Freundſchaft mündlich zu verſichern, da er es nicht herzlich genug habe ſchreiben können,— daß er die Reiſe bloß unternommen habe, um ſein Glück Nicolaus Nickleby. 127 mit ihnen zu theilen und ihnen zu ſagen, wenn er ver⸗ heirathet ſei, müßten ſie ihn beſuchen, und daß Madeline auch in ihrem Namen darum bitte,— konnte John nicht länger an ſich halten, ſondern ſah ſeine Frau un⸗ willig an, fragte ſie, warum ſie denn weine, fuhr ſich mit dem Aermel über die Augen und konnte nichts ſagen, denn der Bock ſtieß ihn ſehr bedeutend. »Um wieder auf den Schulmeiſter zu kommen,« ſagte John nach ziemlich langer Zeit, nachdem von mancherlei geſprochen worden war;»wenn die Nachricht heute in die Schule dringt, behält die Alte und auch Fanny keinen ganzen Knochen im Leibe.⸗ „Ach, John!« rief ſeine Frau. »Ach John hin, ach John her!« antwortete Browdie. »Ich weiß nicht, was die Jungen vornehmen werden. Als man zuerſt davon hörte, daß der Schulmeiſter ſitze, ſchickten manche Aeltern und ließen ihre Jungen holen. Wenn die, welche noch da ſind, erfahren, was geſchehen iſt, fangen ſie gewiß eine Revolution an und rebelliren. Ja, ja, ſie werden Blut vergießen wie Waſſer.« John Browdie's Beſorgniſſe waren wirklich ſo groß, daß er ſich vornahm, ohne Verzug nach der Schule zu reiten, und Nicolaus aufforderte, ihn zu begleiten, was dieſer jedoch ablehnte, indem er vorſtellte, ſeine Anwe⸗ ſenheit würde das Unglück der Familie noch drückender machen. »Das iſt wahr,« meinte John,»daran dachte ich nicht.« »Ich muß morgen wieder abreiſen, ſagte Nicolaus, vaber heute eſſe ich zu Mittag bei Euth, und wenn Ma⸗ dame Browdie mir ein Bett geben will« Ein Bett!« entgegnete John,»ich wollte, Du könn⸗ teſt in mehr Betten auf einmal ſchlafen, Du ſollteſt ſie 128 alle haben. Bleibe, bis ich wieder komme, und wir wollen uns einen guten Tag machen,« John gab ſeiner Frau einen herzlichen Kuß, drückte Nicolaus nicht minder herzlich die Hand, ſchwang ſich auf ſein Pferd, ritt davon und überließ es ſeiner Frau, Vorbereitungen zu einem gaſtlichen Mahle zu machen, und ſeinem jungen Freunde, in der Umgegend umherzu⸗ ſtreifen und Oerter wieder zu beſuchen, die ihm wegen gar mancher traurigen Vorfälle unvergeßlich waren. Als John in Todtenhuſchhall ankam, band er ſein Pferd an der Thüre an und ſchritt nach der Schulſtube zu, deren Thüre er von innen verſchloſſen fand. Drinnen hörte ein entſetzliches Getöſe, und als er ſein Auge an das Schlüſſelloch legte, wußte er bald, woher der Lärm und Aufruhr kam. Die Nachricht von dem Unfalle des Sculmeiſerg war nach Todtenbuſchhall gedrungen; das ließ ſich nicht bezweifeln. Allem Anſcheine nach war ſie erſt vor kur⸗ zem bekannt geworden, denn die Rebellion hrach eben aus. Es war einer der Purgirtage und Madame Squeers war wie gewöhnlich mit einer Schüſſel und einem Löffel nebſt ihrer Tochter und ihrem Sohne hereingetreten, der während der Abweſenheit ſeines Vaters einen Theil der Vollziehung der Strafen über ſich genommen hatte, in⸗ dem er die kleineren Knaben mit den Füßen ſtieß, ſie an dem Haar rupfte, ſie knipp und ſo ſich als wahre Stütze und als Freude ſeiner Mutter zeigte. Ihr Eintritt war, ob nach Verabredung oder zufällig, läßt ſich nicht ermit⸗ teln, das Signal zur Empörung. Während eine Ab⸗ theilung nach der Thüre ſtürzte und dieſelbe aufſchloß, und eine andere auf die Bänke und Tafeln ſtieg, ergriff der ſtärkſte lund deshalb der neueſte) den Stock, trat der Nirolaus Nickleby. Nicolaus Nickleby. 129 Madame Saueers keck entgegen, riß ihr das Häubchen und den Filzhut ab, ſetzte denſelben ſelbſt auf, nahm den Löffel und forderte ſie bei Todesſtrafe auf, niederzu⸗ knieen und ſogleich einen Löffel voll Purganz einzuneh⸗ men. Ehe die würdige Frau von ihrem Schrecken ſich er⸗ holen und den geringſten Widerſtand leiſten konnte, wurde ſie durch eine Schaar jubelnder Quälgeiſter in eine knieende Stellung gezwungen und genöthigt, einen Löffel voll der ſchrecklichen Miſchung zu verſchlucken, die noch ekelhafter dadurch geworden war, daß ein anderer Rebell den jungen Wackford mit dem Kopfe hineinge⸗ taucht hatte. Dieſer erſte Erfolg trieb die ausgelaſſenen Jungen zu neuen Heldenthaten. Der Anführer beſtand darauf, daß Madame Squeers noch einen Löffel voll nehme, der junge Squeers wurde nochmals mit dem Kopfe in die Schüſſel gedrückt, und die Knaben wagten ſich auch an das Fräulein Squeers, als John Browdie die Thüre aufriß und hereintrat. Das Jubeln, Schreien, Aechzen, Pfeifen, Klatſchen und Scharren hörte plötzlich auf und es folgte Todtenſtille. „»Was lärmt Ihr ſo, Ihr Jungen?« fragte John, indem er ſich umſah. ‚ »Squeers iſt im Gefängniſſe und wir wollen davon⸗ laufen,« riefen ein Dutzend gellende Stimmen.»Wir leiben nicht, wir wollen nicht bleiben.« »Gut, bleibt nicht,« antwortete John,»Ihr ſollt auch nicht bleiben. Lauft fort wie Männer, Aber quält die Frauenzimmer nicht.. 3 „ Hurrah!« riefen die gellenden Stimmen noch gellender. „»Hurrah!« wiederholte John.»Ja, Hurrah wie Männer. Gebt Achtung! Eins— Zwei— Drei— Hurrah!«. 3 8 — 130 Nicolaus Nickteby. „»Hurrah!« riefen die Stimmen. „»Noch einmal und noch lauter,“« ſagte John. Die Knaben gehorchten. »Und noch einmal!« rief John.»Fürchtet Euch nicht. Ein recht kräftiges Hurrah!« »Hurrah!« »Nun noch eins,« fuhr John fort,»noch eins zuletzt und dann macht fort ſo ſchnell als möglich. Holt erſt recht Athem— Squeers ſitzt im Gefängniß,— die Schule wird geſchloſſen,— alles iſt vorbei, vergangen und überſtanden,— denkt daran und ruft recht aus Herzensgrunde; Hurrah!« Es erſcholl ein jubelndes Hurrah, wie es die Wände von Todtenbuſchhall nie vorher gehört hatten und nie wieder hören ſollten. Als der letzte Ton verklungen war, war auch die Schule leer und von den lärmenden Knaben, die noch fünf Minuten vorher darin hauſeten, auch nicht Einer geblieben.— »Sehr gut, Herr Browdie,“« ſagte Fräulein Squeers, die hochroth im Geſichte ausſah, aber ſchnippiſch blieb bis zuletzt,»Sie haben unſere Schüler aufgewiegelt da⸗ voon zu laufen. Dafür werden Sie büßen müſſen. Wenn auch mein Vater unglücklich und von Feinden geſtürzt worden iſt, ſo werden wir uns doch nicht von Ihnen und Ihrer Frau ſo behandein laſſen.« „Na, na,« ſagte John,»wir werden Euch nichts zu Leide thun, verlaßt Euch darauf; denk' beſſer von uns, Fanny. Ich ſage Dir,'s freut mich, daß der Alte end⸗ lich feſt ſitzt,'s freut mich ſehr, aber deshalb ſoll Dir nichts zu Leide gethan werden, dazu bin ich der Magg nicht, und meine Frau iſt es auch nicht. Ja, wenn Freunde brauchſt, die Dir beiſtehen— na, rümpfe nur die Naſe nicht, Fanny, es kann wohl dahin kommen,— ſo weißt Du, wo Du mich und Tildchen finden kannſt; wir werden immer bereit ſein, Dir beizuſtehen. Aber glaub' nicht, ich ſchäme mich deſſen, was ich geſagt und was ich gethan habe, denn ich rufe noch einmal: Hurrah! und nieder mit dem Schulmeiſter!« 1 Nach dieſen Worten ſchritt John Browdie hinaus, ſchwang ſich wieder auf ſein Pferd, trällerte luſtig ein Lied⸗ chen, das von dem Hufſchlag ſeines Pferdes luſtig begleitet Nicolaus Nickleby. 131 wurde und eilte zurück zu ſeinem hübſchen Weibchen und zu Nicolaus. Einige Tage lang zogen Knaben in der Umgegend herum, die, wie das Gerücht ſagte, von Herrn und Ma⸗ dame Browdie im Stillen nicht bloß eine derbe Mahl⸗ zeit, ſondern auch einiges Geld erhalten hatten, damit ſie nach Hauſe wandern könnten. Dieſem Gerüchte wi⸗ derſprach zwar John immer, aber ſtets mit einem lauern⸗ den Lächeln, welches die Leute in ihrer Meinung nur noch mehr beſtärkte.. „Einige wenige junge Kinder aber kannten, wie ſchlecht es ihnen auch hier ergangen war und wie viele bittere Thränen ſie auch in der elenden Schule vergoſſen hatten, dennoch keine andere Heimath, hatten trotzdem eine ge⸗ wiſſe Anhänglichkeit an dieſelbe gefaßt, weinten, als die Kühnern entflohen, und klammerten ſich an die Schule, ihren Leidensort, als einzigen Zufluchtsort. Einige der⸗ ſelben fand man weinend unter Hecken und an derglei⸗ chen Orten. Ein Knabe hatte einen todten Vogel in einem kleinen Käfige; er war wohl 20(engl.) eilen .* weit gegangen, hatte aber, als ſein armer Liebling ge⸗ ſtorben war, auch den Muth verloren und ſich neben ihm niedergelegt. Einen andern fand man in einem Hofe in der Nähe der Schule, ſchlafend bei einem Hunde, der nach den Leuten biß, die das Kind wegnehmen wollten, und das bleiche Geſicht des ſchlafenden Kindes leckte. Man holte ſie zurück und nahm ſich auch einiger an⸗ dern an, die umherirrten; allmälig aber wurden ſie von . Aeltern und Verwandten weggenommen, oder ſie ver⸗ ſchwanden von neuem. Mit der Zeit vergaßen ſelbſt die achbarn Todtenbuſchhall und den Schluß der Schule, oder ſie ſprachen höchſtens davon, wie von einer Sache, die geweſen war.. 84 4 3 Neuntes Kapitel. Schluß.. Als ihre Trauerzeit vorüber war, gab Madeline ihre Hand und ihr Vermögen Nicolaus, und an demſelben 132 Nirolaus Nickleby. Tage wurde Käthchen Madame Frank Cheeryble. Man erwartete, daß Timotheus Linkinwater und Fräulein La Creevy bei dieſer Gelegenheit das dritte Paar machen würden, aber ſie lehnten dies ab, gingen nach etwa drei Wochen eines Morgens mit einander vor dem Früh⸗ ſtücke aus, und kamen mit lachendem Geſichte zurück, denn ſie hatten ſich ganz in der Stille trauen laſſen. Das Geld, welches Nicolaus als Erbe ſeiner Frau erhielt, legte er in dem Geſchäfte der Gebrüder Cheeryble an, in welches Frank als Compagnon eingetreten war. Ehe viele Jahre vergingen, erhielt das Geſchäft die Firma»Cheeryble und Nickleby,« ſo daß die prophetiſchen Ahnungen der Madame Nickleby endlich doch in Erfül⸗ lung gingen.— Die beiden Brüder zogen ſich zurück; wem brauchen wir zu ſagen, daß ſie glücklich waren? Sie waren um⸗ geben von Glück, das ſie geſchaffen hatten, und lebten nur, um daſſelbe zu erhöhen. 1 Timotheus Linkinwater willigte endlich nach langem Bitten und Drohen ein, einen Antheil an dem Geſchäfte anzunehmen, aber nie konnte man ihn vermögen, ſeine Zuſtimmung dazu zu geben, daß man ſeinen Namen als Compagnon bekanntmache, und er beharrte fortwährend in der pünktlichen und regelmäßigen Erfüllung ſeiner Buchhalterpflichten. 4 Er und ſeine Frau wohnten in dem alten Hauſe und ſchliefen in derſelben Kammer, in welcher er vierund⸗ vierzig Jahre geſchlafen hatte. Je älter ſeine Frau wurde, um ſo heiterer Pe ſtöhlicher wurde ihr Sinn, und ihre Freunde ſagten oft, es ſei unmöglich, zu ent⸗ ſcheiden, welches von Beiden am glücklichſten ſei,— T motheus, wenn er ruhig lächelnd in ſeinem Lehnſtuhle an der einen Seite des Kamines ſaß, oder ſeine lebhafte kleine Frau, die ſchwatzte und lachte und fortwährend von ihrem Stuhle aub der andern Seite aufſtand und dahin zurückkehrte. Der Vogel wurde aus dem Comptoir weggenomn und erhielt ein warmes Plätzchen in der Wohnſtube. Unter ſeinem Käfige hingen zwei Miniaturportraits, Zeugniſſe der Kunſt der Madame Linkinwater; das eine ſtellte ſie ſelbſt, das andere Timotheus vor, und Beide Nieolaus Nickleby. 133 lächelten freundlich alle Beſchauer an. Da der Kopf des Timotheus gepudert war wie ein Weihnachtskuchen, auch ſeine Brille mit der größten Genauigkeit copirt war, ſo fanden Fremde das Bild gleich auf den erſten Blick ſehr ähnlich; dies brachte ſie zu der Annahme, auch das ſei⸗ ner Frau müſſe ähnlich ſein, und da ſie dies ohne Be⸗ denken ſagten, ſo wurde Madame Linkinwater mit der Zeit ſehr ſtolz auf dieſe Kunſterzeugniſſe und hielt ſie ſelbſt für die gelungenſten Portraits, die ſie gemalt habe. Timotheus hielt ſie ebenfalls dafür, denn Beide hatten darin, wie in allen anderen Stücken, nur eine Meinung, und wenn es jemals in der Welt ein vollkommen glück⸗ liches Ehepaar gegeben hat, ſo war es Herr und Ma⸗ dame Linkinwater. 1 Ricolaus Nickleby. ins Gefängniß gebracht und ſtarb dort elend, wie es ſeines Gleichen gewöhnlich ergeht. Die erſte Handlung Nickleby's, als er ein reicher Kaufmann geworden, war die Erfüllung eines ſeiner Lieblingswünſche; er kaufte ſeines Vaters Haus. Mit der Zeit, als ſich allmälig um ihn eine Gruppe liebli⸗ cher Kinder ſammelte, wurde es verändert und vergrö⸗ ßert, aber keines der alten Zimmer durfte eingeriſſen, kein alter Baum umhauen und nichts entfernt und ver⸗ ändert werden, an das ſich irgend eine Erinnerung aus frühern Zeiten knüpfte. Einen Steinwurf weit davon ſtand ein anderes Haus, in welchem man ebenfalls liebliche Kinderſtimmen hörte, und hier waltete Käthchen mit manchen neuen Sorgen und Beſchäftigungen, während manche neue Geſichter ſich um ihr freundliches Lächeln bemüheten (eins war ihrem eigenen ſo ähnlich, daß ihre Mutter das Enkelchen für ihr wieder jung gewordenes Käthchen hielt), daſſelbe liebe herzige Weſen, dieſelbe liebevolle Schweſter, dieſelbe in Liebe gegen Alle um ſie her wie ſie es als Mädchen geweſen war. Madame Nickleby hielt ſich bald bei ihrer Tochter, bald bei ihrem Sohne auf, begleitete die eine oder den andern nach London, wenn das Geſchäft es nöthig machte, daß beide Fan dort wohnten, behielt immer ihr würdevolles Weſen bei und erzählte ihre Erfahrun⸗ gen(beſonders in Bezug auf die Behandlung und Er⸗ ziehung der Kinder) mit großer Feierlichkeit und Wich⸗ tigkeit. Lange währte es, man ſie vermögen konnte, Madame Linkinwater wieder zu Gunſten aufz. und es bleibt ſelbſt zweifel gaft, ob ſie ihr gänzlich erzich Neben dem Hauſe Nickleby's in einem netten Häus chen lebte ein grauköpfiger, ruhiger, harmloſer Mann Winter und Sommer h e der die Gütchen führte, wenn die Familie ſich in der Stadt be⸗ fand. Seine größte Luſt und Freude waren die Kinder, mit denen er ſelbſt zum Kinde wurde und deren uner⸗ müdlicher Spielgenoſſe er war. Die Kleinen konnten nichts thun ohne ihren lieben alten Newman Noggs. — Das Gras grünte auf dem Grabe des todten Kna⸗ ben und wurde von ſo kleinen leichten Füßchen betreten, t über das — * Nicolaus Nickleby. 135 daß unter ihrem Druck kein Blümchen knickte. Den gan⸗ zen Frühling und Sommer hindurch hingen von Kinder⸗ hand gewundene friſche Blumenkränze auf dem Grab⸗ ſteine, und wenn die Kinder kamen, um die welken weg⸗ zunehmen und friſche da aufzuhängen, füllten ſich ihre Augen mit Thränen, und ſie ſprachen leiſe von ihrem todten armen Vetter. Nachwort. Es hat dem Verfaſſer viel Vergnügen und Genug⸗ thuung gewährt, während des allmäligen Erſcheinens dieſes Werkes von Freunden auf dem Lande und durch Zeitungen zu erfahren, daß mehr als ein Schulmeiſter in Yorkſhire Anſpruch darauf macht, das Original zu dem Herrn Squeers zu ſein. Einer dieſer würdigen Männer hat, wie der Verfaſſer glauben darf, ſich wirk⸗ lich bei Rechtsverſtändigen Raths erholt, ob er wohl Grund habe, eine Injurienklage anzubringen; ein an⸗ derer wollte bloß in der Abſicht nach London reiſen, um den, welcher ihn ſeiner Meinung nach abeonterfeiete, durchzuprügeln, und ein dritter erinnert ſich ganz genau, daß einmal zwei Herren zu ihm kamen, von denen der eine ihn in ein Geſpräch verwickelte, während der an⸗ dere ihn abzeichnete; und obwohl Squeers nur ein Auge, er m geßen deren zwei hat, obwohl das von uns gege⸗ bene Bild ihm auch in anderer Hinſicht nicht gleicht, ſo weiß er doch recht wohl und alle ſeine Freunde wiſſen es, wen jenes Bild vorſtellen ſoll,— weil der Character ſo ganz der ſeinige iſt. Der Verfaſſer fühlt recht wohl das Compliment, das ihm dadurch gemacht wird, iſt aber der Meinung, jener Streit möge daher rühren, daß Herr Squeers der Re⸗ präſentant einer ganzen Claſſe, nicht aber der einer be⸗ ſondern Perſon iſt. Wenn Heuchelei, Unwiſſenheit und rohe Habſucht das Gemeingut einiger Menſchen ſind, und A — 136 3 Nieolaus Nickleby. Einer wird durch ſolche characteriſche Eigenthümlichkeit beſchrieben, ſo denkt Jeder, der ihm gleicht, er ſei gemeint. Es mag von dieſer allgemeinen Beſchaffenheit Aus⸗ nahmen geben, und obgleich der Verfaſſer keine ſah und von keiner hörte, als er vor dem Beginne dieſes Werkes einen Ausflug nach Yorkſhire machte, ſo will er doch lieber glauben, es gäbe dergleichen, als daran zweifeln. Er hat ſo lange bei dieſem Gegenſtande ſich aufgehal⸗ ten, weil er die Aufmerkſamkeit des Publicums auf jenes Erziehungsſyſtem lenken möchte, und er erklärt nun in vollem Ernſte, daß Squeers und deſſen Schule ſchwache und ungenügende Schilderungen von dem ſind, was wirklich exiſtirt, wenn man es auch für unmöglich hält, daß in Acten ſo entſetzliche Details von Vernach⸗ läſſigung, Grauſamkeit und Krankheit vorliegen, wie ſie ein Romandichter nie zu erdenken wagen würde, und daß, ſeit er dieſe Abenteuer ſchrieb, ihm aus Quellen, an deren Zuverläſſigkeit durchaus nicht zu zweifeln iſt, Schilderungen von Schändlichkeiten und Grauſamkeiten zugekommen ſind, die man in ähnlichen Schulen ver⸗ übte, und welche diejenigen weit überbieten, die in dem vorliegenden Werke vorkommen.. Um jedoch zu einem erfreulichern Gegenſtande über⸗ zugehen, ſo iſt es billig, zu erwähnen, daß zwei Cha⸗ ractere in dieſem Buche nach dem Leben gezeichnet ſind. Diejenigen, welche die Erzählung mit Intereſſe geleſen haben, werden mit Freuden hören, daß die Brüder Cheeryble leben, daß ihre Freigebigkeit, ihre Treu⸗ herzigkeit, ihr edles Weſen und ihr unbegrenztes Wohl⸗ wollen keineswegs von dem Verfaſſer erdichtet ſind, ſon⸗ dern daß ſie jeden Tag(und am häufigſten ganz in der Stille) noch immer irgend eine edele That in der Stadt verrichten, deren Stolz und Ehre ſie. 8— 211 * 2 = 8 9. a — ——— —