2 —“ —e Leihbibliothek vrer engliſcher und nfrunzö ſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ viot dene und Daüctebe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. LAaedweiee Bei heor eines geliehenen Buches wird von edeu Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe erathe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 Nr.—,— 2 M f dſ 1 Monat: 1 Mtr.— Pf. 1 Mt. 59 356 2 Mk.— Pf. 5. Auswürtige Adbonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und pefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Wertes⸗ ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage fefrgeſett und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſattfnden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ l. von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. V —— 4 8 Capt. Marryat's, Capt. Chamier's, Dr. Harriſſon's(Samuel Warren’s), Wilſon's, James Morier's, Boz's u. A. Geſammelte Werke. Eine Sammlung der neueſten und ausgezeichnetſten Romane der engliſchen Literatur. neunundkuntzigster Band. Die nachgelaſſenen Papiere des Pickwick⸗Clubbs Boz(Charles Dickens). —— Dritter Theil. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. —— Boz's (Charles Dickens) Geſammelte Werke. Dritter Cheil. Die Pickwicker. Oritter Theil. Mit einer Federzeichnung nach Phiz. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1839. hſirepee Dienachgelaſſenen Papiere des Pickwick⸗Clubbs, enthaltend einen getreuen Bericht 4 der Wahrnehmungen, Gefahren, Reiſen, Abenteuer und heitern Erlebniſſe der correſpondirenden Mitglieder des Clubbs. 1 Von Boz(Charles Dickens). Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von O. v. Czarnowsky. Dritter Theil. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. —— mmaetateakanulkttettttttteercce 4 — Einundzwanzigſtes Kapitel. In welchem Dodſons und Foggs Schreiber als Männer von Welt, und Dodſon und Fogg ſelbſt als Geſchäftsmänner auftreten; ferner ein rührendes Wiederſehen zwiſchen Sam Weller und ſeinem Vater nach langer Trennung, und aus welchem Kapitel der Leſer endlich erſieht, was für auserwählte Geiſter ſich im Gaſthofe zur Elſter ver⸗ ſammelten, und welch' ein kapitales Kapitel das nächſt⸗ folgende werden wird. Die vier Schreiber der Herren Dodſon und Fogg — Anwälde bei den Gerichtshöfen der Kings Bench und Common⸗Pleas zu Weſtminſter, und Prokuratoren beim Canzlei⸗Gerichtshofe— ſaßen in dem, an der Straße lie⸗ genden Zimmer des Erdgeſchoſſes eines düſter ausſehenden Hauſes, ganz unten im Frleman's Court, welche vor⸗ beſagte Schreiber ſich während ihrer Tags⸗Arbeiten ſo vieler günſtiger Licht⸗ und Sonnenblicke erfreuten, als ein Menſch zu ſehen hoffen dürfte, der ganz unten in einem anſtändig tiefen Brunnen ſäͤße; und ohne die Ge⸗ legenheit, die Sterne bei Tage zu ſehen, eine Gunſt, die dem im tiefen Brunnen Sitzenden doch widerfährt. Ein düſteres und dumpfiges Gemach, in dem ſich eine beſondere Abtheilung befand, gebildet durch einen Die Pickwicker. III. 1 2 Die Pickwicker. hohen Verſchlag, hinter welchem die Schreiber von den Eintretenden nicht geſehen werden konnten, machte der Herren Dodſon und Fogg Schreibſtube aus. In der⸗ ſelben befanden ſich einige alte Stühle, eine laut pickende Uhr, ein Kalender, ein Regenſchirm⸗Halter, eine Reihe von Pflöcken für die Hüte und Ueberröcke, und einige Simſe, auf denen beſtäubte Papiere, alte hölzerne Kaſten mit Zetteln, und verſchiedene ſteinerne Dintenkrüge zu ſehen waren. Herr Pickwick und Sam Weller ſtanden am Freitag Morgen, den zweiten Tag nach den Ereig⸗ niſſen, worüber im vorigen Kapitel getreulich berichtet worden iſt, vor der in einen Vorraum führenden Glasthür. »Könnt Ihr nicht hereinkommen?« ſo ertönte als Erwiederung auf Herrn Pickwicks beſcheidenes Anklopfen eine Stimme aus der Abtheilung hinter dem Verſchlage. Und Herr Pickwick und Sam traten demnach ein. »Iſt Herr Dodſon oder Herr Fogg zu Hauſe, Sir?« fragte Herr Pickwick höflich, ſich mit dem Hut in der Hand dem Verſchlage nähernd. »Herr Dodſon iſt nicht zu Hauſe, und Herr Fogg hat unaufſchiebliche Geſchäfte,« erwiederte die Stimme, und zugleich blickte ein Kopf mit rothem Haar, das an der einen Seite ſorgfältig geſcheitelt und pomadirt, und in kleine, halbrunde Locken gelegt war, die ein plattes Geſicht mit kleinen Augen umgaben, das aus einem ſchmutzigen Hemdekragen und einer abgetragenen Hals⸗ binde hervorſtand, nach Herrn Pickwick über den Ver⸗ ſchlag herüber. „»Herr Dodſon iſt nicht zu Hauſe und Herr Fogg hat unaufſchiebliche Geſchäfte,« ſagte des rothen Kopfes Eigenthümer. „»Wann wird Herr Dodſon nach Hauſe zarüüetahten. Sire⸗ fragte Herr Pickwick. — wwie heißt er doch?« Die Pickwicker. »Könnt's nicht ſagen.« »Wird Herr Fogg noch lange beſchäftigt ſein?« »Weiß es nicht.« Der Schreiber mit dem rothen Kopf begann jetzt ſorgfältig ſeine Feder zu ſchneiden, indeß ein anderer, mit der Miſchung eines Seidlitziſchen Pulvers beſchäftigt, beifällig lachte. »Dann möchte ich wohl warten,« ſagte Herr Pick⸗ wick, und er nahm, da er keine Antwort erhielt, unein⸗ geladen einen Stuhl, und horchte dem lauten Ticktack der Uhr und dem halblauten Geſpräch der Schreiber zu. »War das nicht ein Hauptſpaß?« ſagte einer der Herren in einem braunen Ueberrock mit meſſingenen Knöpfen und ſchwarzen dicktuchenen Beinkleidern, am Schluß einer halblauten Erzählung ſeiner Abenteuer vom vorigen Abend. yin verteufelter Spaß— ein verteufelt guter Spaß;« erwiederte der pulvermiſchende Gentleman. „»Tom Cummins präſidirte,« fuhr der Braunrock fort.»Es war halb fünf vorüber, als ich nach Hauſe kam, und ſo angeſoffen, daß ich das Schlüſſelloch nicht finden konnte, und daher die Alte aufklopfen mußte. Ich möchte wohl wiſſen, was der alte Fogg ſagen würde, wenn er's erführe; ich glaube, er könnte vor Grimm aus ſeinem eignen Fell fahren. Die Schreiber lachten im Chor über dieſen witzigen Einfall. »Heute Morgen hatten wir auch einen herrlichen Spaß mit Fogg,« begann der Brannrock wieder,»wäh⸗ rend Jack oben die Papiere in Ordnung brachte und Ihr Beide nach dem Stempelbüreau waret. Hier ſaß Fogg und las die Briefe durch, als der Menſch aus Camber⸗ well hereintrat, dem wir die Klage inſinnirt hatten— Die Pickwicker. »Ramſey,« ſagte der Schreiber, der mit Herrn Pickwick geredet hatte.. »Ach ja, Ramſey— ein jammervoller Kunde.— »Nun, Sir,« begann der alte Fogg, ihn hart ins Auge faſſend,»Ihr kennt ſeine Manier— gedenken Sie die Sache ins Reine zu bringen?«—»Ja, Sir,« ſagte Ramſey, und zog das Geld in ein Stück Löſchpapier ge⸗ wickelt aus der Taſche.»Hier, Sir,— die Schuld be⸗ trägt zwei Pfund, zehn Schillinge; die Koſten belaufen ſich auf drei Pfund, fünf Schillinge;« und als er das Geld hinzählte, ſeufzte er jämmerlich. Der alte Fogg ſah erſt das Geld, dann ihn an, und endlich huſtete er auf ſeine eigene Manier, ſo daß ich gleich wußte, daß es noch etwas geben würde.»Wie es ſcheint,« fing er an, »wiſſen Sie noch nicht, daß ſchon wieder eine Klage⸗ ſchrift eingereicht worden iſt, wodurch ſich die Koſten noch bedeutend höher belaufen werden?«—»Unmöglich kann dies Ihr Ernſt ſein,« ſagte der vor Schreck zurückfahrende Ramſey;»geſtern Abend war ja erſt die Friſt abgelaufen, Sir.«—»Allerdings iſt's mein Ernſt,« erwiederte Fogg;»mein Schreiber iſt eben jetzt hingegangen, um die Schrift einzureichen.— Wicks, iſt Jackſon noch nicht fort, um die Eingabe in der Sache Bullmann contra Ramſey zu beſorgen?« Ich bejahete natürlicher Weiſe, denn unſer Alter huſtete, und ſah dann Ramſey an. »Mein Gott!« ſagte dieſer, vich habe ſo Noth leiden müſſen, um das Geld zuſammen zu bringen, und Alles ſoll nun vergeblich geweſen ſein?«—»Ganz und gar nicht,« ſagte Fogg kaltblütig;»Sie brauchen nur wieder nach Hauſe zu gehen, noch etwas mehr zuſammenbringen, und alsdann wieder zu kommen.«—»Beim Himmel, ich wäre nicht dazu im Stande,« ſagte Ramſey, indem er mit der Fauſt auf den Schreibpult ſchlug.—»Werden — ,—— — — ,—— Die Pickwicker. 5 Sie nicht impertinent,« ſagte Fogg, der abſichtlich hitzig wurde.—»Ich bin nicht impertinent, Sir,« ſagte Ram⸗ ſey.—»Allerdings ſind ſie es, Sir, ſagte der Alte; „gehen Sie, Sir, packen Sie ſich aus meinem Geſchäfts⸗ zimmer, und erſcheinen Sie wieder, wenn Sie ſich or⸗ dentlich aufzuführen gelernt haben.«— Ramſey wollte etwas erwiedern, aber Fogg ließ ihn nicht zu Worte kommen; er ſteckte alſo ſein Geld in die Taſche, und machte ſich davon.—»Wicks,« ſagte hierauf Fogg zu mir, als kaum die Thür wieder geſchloſſen war, indem er mit ſüßem Lächeln die Schrift aus der Taſche zog,»nehmen Sie ein Kabriolet, und fahren Sie ſo ſchnell Sie nur können nach dem Temple, und reichen Sie die Schrift ein.— Die Koſten haben wir ſo gut wie in der Taſche, denn er iſt ein zuverläſſiger Mann mit einer großen Familie, und hat wöchentlich fünfundzwanzig Schillinge Gehalt. Wenn wir zuletzt einen Haftbefehl gegen ihn erwirken, ſo bin ich gewiß, daß ſein Prinzipal dafür ſorgen wird, daß wir zu unſerer Rechnung kommen. Wir preſſen ihm auf dieſe Weiſe ſo vier ab, wie wir nur können, und es iſt Chriſtenpflicht, daß wir es thun, denn wir geben ihm die unſchätzbare Lehre, wie er bei ſeiner großen Familie und ſeinem kargen Einkommen ſich vor Schulden hüten muß.« Und als der Alte wegging, lächelte er ſo gutherzig, daß es eine Freude war, ihn an⸗ zuſehen.»Ein vortrefflicher Geſchäftsmann,« ſetzte Wicks im Ton der höchſten Bewunderung hinzu, vein ganz aus⸗ gezeichneter Geſchäftsmann!« Die andern drei Schreiber ſprachen ganz dieſelbe Meinung aus, und fanden die Anecdote ſehr befriedigend. »Das ſind hier prächt'ge Leute,« flüſterte Weller ſeinem Herrn ins Ohr,»und haben'nen kurioſen Begriff von'nem Spaß, Sir!« Die Pickwicker. Herr Pickwick nickte beifällig, und huſtete, um die Aufmerkſamkeit der jungen Herren zu erregen, die ſich nunmehr herabließen, einige Notize von dem Fremden zu nehmen. »Ob Fogg ſein Geſchäft noch nicht beendigt haben mag?« ſagte Jackſon. »Will mal nachſehen,« erwiederte Wicks, läſſig von ſeinem Schreibſchemel hinabſteigend.»Wen ſoll ich Herrn Fogg melden, Sir?« »Ich heiße Pickwick,« erwiederte der berüͤhmte Mann. Herr Jackſon entfernte ſich, kehrte aber ſogleich wie⸗ der mit der Antwort zurück, Herr Fogg würde Herrn Pickwick in fünf Minuten zu Dienſte ſtehen. Hierauf ſetzte er ſich wieder an ſeinen Schreibpult. »Wie nannte er ſich?« fragte Wicks flüſternd. „Pickwick,« antwortete Jackſon eben ſo leiſe,»es iſt der Beklagte in der Sache Bardell contra Pickwick.« Hierauf wurde ein Fußſcharren und ein unterdrücktes Lachen hinter dem Verſchlage vernommen. »Man beobachtet Sie, Sir,« flüſterte Weller ſeinem Herrn zu. »Beobachtet mich, Sam?— Wie ſo?— Wer be⸗ obachtet mich?« fragte Herr Pickwick. Statt zu antworten, wies Sam mit dem Daumen ruͤckwärts über die Schulter, und als Herr Pickwick em⸗ porblickte, bot ſich ihm der angenehme Anblick der ſämmt⸗ lichen vier Schreiber dar, die mit Geſichtern, worin ſich die größte Heiterkeit malte, über den Verſchlag herüber ſahen, um ſich den Mann, welcher vermeintlich ſein Spiel mit Frauenherzen trieb, und den Zerſtörer weib⸗ licher Glückſeligkeit genau zu betrachten. Blitzſchnell —-—, Die Pickwicker. 7 zogen ſich die Köpfe zurück, als Herr Pickwick empor⸗ blickte, und er vernahm gleich darauf das Geräuſch von Federn, die über das Papier hinrauſchten. Nach einigen Augenblicken rief Herrn Fogg's Klingel Herrn Jackſon hinauf, welcher Herrn Pickwick erſuchen ließ, ſich zu ihm zu bemühen. Herr Pickwick begab ſich ſofort nach Herrn Fogg's Zimmer im obern Stockwerk, und ließ Sam Weller un⸗ ten zurück. An einer der Thüren las er in großen Buch⸗ ſtaben die imponirende Inſchrift:»Mr. Fogg,« und nachdem er angeklopft hatte, und»Herein!« gerufen worden war, öffnete Jackſon die Thür und fühete ihn ein. »Iſt Herr Dodſon zu Hauſe?« fragte Herr Fogg. »Iſt eben zurückgekehrt, Sir,« erwiederte Jackſon. »Erſuchen Sie ihn, zu mir zu kommen.« »Sogleich, Sir.« Jackſon entfernte ſich. »Nehmen Sie Platz, Sir,« ſagte Fogg;»da liegt das Dokument, Sir— mein College wird ſogleich hier ſein, und wir können dann über die Sache ſprechen, Sir.« Herr Pickwick nahm einen Stuhl und das Doku⸗ ment, ſah aber, ſtatt darin zu leſen, über den Rand hin⸗ über nach dem Geſchäftsmanne. Es war ein ältlicher, hagerer Herr mit einem finnigen Geſicht, der ſehr nach vegetabiliſcher Diät ausſah, einem ſchwarzen Ueberrock, dunkelfarbigen Beinkleidern und kurzen ſchwarzen Kama⸗ ſchen; eine Art von Geſchöpf, das einen weſentlichen Theil des Schreibtiſches, an dem es ſchrieb, auszumachen, und etwa eben ſo viel Gefühl und Verſtand zu haben ſchien. Einige Minuten nachher trat Herr Dodſon ein, ein dicker, ſtattlicher und ſtrengausſehender Mann, der ziem⸗ lich laut ſprach. Die Unterredung nahm jetzt ihren Anfang. r Die Pickwicker. „Dies iſt Herr Pickwick,« begann Fogg. »Ahl! Sie ſind der Beklagte in der Sache Bardell contra Pickibick, Sir,« ſagte Dodſon. »Ja, Sir, ich bin es,« erwiederte Herr Pickwick. »Und was ſind Ihre Vorſchläge, Sir?« fragte Dodſon.. »Ja, was ſind Ihre Vorſchläge, Herr Pickwick?« ſagte Fogg, die Hände in die Hoſentaſchen ſenkend, und ſich auf ſeinem Stuhl zurücklehnend. »Pſt, Fogg,« unterbrach ihn Dodſon;»laſſen Sie uns doch hören, was Herr Pickwick zu ſagen hat.« »Ich bin zu Ihnen gekommen,« begann Herr Pick⸗ wick, wobei er die beiden Compagnons mit ruhiger Milde anblickte;»ich bin zu Ihnen gekommen, meine Herren, um Ihnen mein Erſtaunen über Ihr Schreiben, das ich vor ein paar Tagen erhielt, auszuſprechen, und um Erkundi⸗ gung einzuziehen, auf welchen Gründen die gegen mich eingereichte Klage beruhen kann.« »Auf welchen Gründen,« rief Fogg aus, wurde aber von Dodſon unterbrochen. „»Herr Fogg,« ſagte Dodſon,»laſſen Sie mich reden.⸗ »Bitte um Entſchuldigung, Herr Dodſon,« erwie⸗ derte Herr Fogg. »Auf welchen Gründen die gegen Sie eingereichte Klage beruht, Sir,« fuhr Dodſon mit Salbung fort, „darüber müſſen Sie Ihr Gewiſſen und ihre eigenen Ge⸗ fühle befragen.— Was uns anbelangt, ſo halten wir uns lediglich an die Angabe unſrer Elientin. Sie kann wahr, auch unwahr ſein, zuverläſſig oder unzuverläſſig erſcheinen; allein, wenn ſie wahr und zuverläſſig iſt, ſo ſtehe ich nicht an, Ihnen zu ſagen, daß die Gründe, auf welche wir die Klage geſtützt haben, gewichtig und uner⸗ ſchütterlich ſind. Sie mögen ein unglücklicher oder ein 4 ——— Die Pickwicker. 9 mit Recht angeklagter Mann ſein, Sir; doch wenn ich als Geſchworner über Ihr Benehmen auszuſprechen hätte, ſo kann ich nicht umhin, zu bemerken, daß ich nur eine entſchiedene Anſicht darüber haben würde.« Dodſon gab hierauf ſeinen Mienen den Ausdruck be⸗ leidigten Tugendgefühls, und ſah Fogg an, der ſeine Hände noch tiefer in die Taſchen ſenkte, und mit weiſem Kopf⸗ nicken nur im Ton des vollkommenſten Beifalls ſagte: »Ohne allen Zweifel!« »Dann erlauben Sie mir, Sie zu verſichern, Sir,⸗ fuhr Herr Pickwick ſehr niedergeſchlagen fort,»daß ich in Betreff dieſer Sache ein ſehr unglücklicher Mann bin.« »Ich will das hoffen, Sir,« erwiederte Dodſon,»ich glaube, daß Sie es ſind; und wenn Sie wirklich un⸗ ſchuldig in Betreff des Ihnen zur Laſt gelegten Verge⸗ hens ſind, ſo ſind Sie unglücklicher, als ich mir gedacht hatte, daß ein Menſch es ſein könnte. Was ſagen Sie, Herr Fogg?« 8 »Ich bin ganz derſelben Meinung,« entgegnete Fogg, wobei er jedoch ungläubig lächelte. »Die Vorladung, mit welcher der Prozeß eingeleitet wird,« fuhr Dodſon fort,»iſt der Ordnung gemäß ab⸗ gefaßt.— Wo iſt das Vorladungsbuch, Herr Fogg 2« »Hier,« ſagte Fogg, indem er Dodſon einen in Per⸗ gament eingebundenen Folioband reichte. »Sehen Sie hier,« ſagte Dodſon, als er die auf die Vorladung Bezug habende Seite aufgeſchlagen hatte, »Alles in der beſten Ordnung, Sir. Middleſer, Martha Bardell, Wittwe, contra Samuel Pickwick.— Entſchä⸗ digung 1500 Pfd. Dodſon und Fogg für die Klägerin, 28. Aug. 1830.« Dodſon huſtete, nachdem er dieſes ver⸗ leſen, und blickte auf Fogg, welcher wiederholte:»Alles * Die Pickwicker. in der beſten Ordnung,« und dann blickten ſie Beide Herrn Pickwick an. »Wenn ich Sie richtig verſtehe, Sir,« ſagte Herr Pickwick,»ſo beabſichtigen Sie wirklich den Prozeß durch⸗ zuführen 2« »Sie verſtanden mich ganz richtig,« ſagte Dodſon mit einem Lächeln, wie es ſeine Würde ihm geſtattete. »Und die verlangte Entſchädigung wäre funfzehn⸗ hundert Pfund?« fragte Herr Pickwick weiter. »Allerdings, Sir; und ich kann noch mit Beſtimmt⸗ heit hinzufügen, daß die Forderung unſerer Clientin ſich drei Mal ſo hoch belaufen hätte, wenn wir ſie hätten bewegen können, unſerm Rathe zu folgen,« erwiederte Dodſon. 7 Wenn ich nicht irre, ſo habe ich Frau Bardell ſagen hören,« bemerkte Fogg, Dodſon einen verſtohlenen Wink gebend,»daß ſie ſich bei etwaigem Vergleich davon kei⸗ nen Heller abziehen laſſen würde.« »Ohne alle Frage,« ſagte Dodſon beſtimmt. Da — der Prozeß erſt begonnen hatte, ſo wuͤrde es für die Herren nicht vortheilhaft geweſen ſein, wenn Herr Pick⸗ wick mit Frau Bardell auf einen Vergleich eingegangen. V wäre, ſollte er auch geneigt dazu geweſen ſein. .— »Da Sie keine Vorſchläge machen, Sir,« ſagte Dodſon, welcher Herrn Pickwick mit der Rechten ein Pergament vorhielt, und ihm mit der Linken eine Copie des Dokuments aufzudringen ſuchte,»ſo bin ich ſo frei, Ihnen eine Abſchrift dieſer Vorladung einzuhändigen. V Hier ſehen Sie das Original, Sir.« »Schon gut, meine Herren, ſchon gut,« ſagte Herr: Pickwick in großer Entrüſtung,»von meinem Anwalt werden Sie das Weitere vernehmen, meine Herren.«⸗ — Die Pickwicker. 11. »Was uns ſehr viel Vergnügen machen wird,« ent⸗ gegnete Fogg, ſich die Hände reibend. »Sehr viel Vergnügen,« wiederholte Dodſon, der die Thüre öffnete. »Und erlauben Sie mir, meine Herren,« ſagte Herr Pickwick, der ſich in der größten Aufregung an der Treppe umwendete,»Ihnen, ehe ich mich entferne, zu ſagen, daß von allen niederträchtigen und ſpitzbübiſchen Proceduren—⸗ »Bitte, Sir, einen Augenblick,« fiel Herr Dodſon ſehr höflich ein,»Herr Jackſon— Herr Wicks!« Jackſon und Wicks erſchienen ſogleich unten an der Treppe. »Ich wünſche, daß Sie mit anhören, was der Herr zu ſagen hat,« rief ihnen Dodſon zu.»Bitte, Sir, fah⸗ ren Sie fort,— niederträchtige und ſpitzbübiſche Proce⸗ duren, ſagten Sie, wenn ich nicht irre.« »Allerdings,« erwiederte Herr Pickwick, deſſen Ent⸗ rüſtung jetzt bis zum höchſten Grade geſtiegen war.„»Ich ſagte, daß von allen niederträchtigen und ſpitzbübiſchen Proceduren, die jemals geführt wurden, dieſe die aller⸗ ſchändlichſte iſt, und ich wiederhole es, Sir.« »Haben Sie gehört, Wicks?« fragte Dodſon. »Bemerken Sie ſich gut dieſe Ausdrücke, Jackſon,« ſagte Fogg. »Vielleicht beliebt's Ihnen, Sir, uns Betrüger zu nennen,« fuhr Dodſon fort.»Bitte, thun Sie es, Sir, wenn's beliebt— o, bitte, thun Sie es, Sir.⸗ »Ja, ich thue es,« ſagte Herr Pickwick,»Sie ſind Betruger.« »Sehr ſchön,« ſagte Dodſon.»Ich hoffe, daß Sie Alles unten hören, Wicks?« »O ja, Sir,« erwiederte der Schreiber. »Und wenn Sie nicht Alles verſtehen können, ſo Die Pickwicker. kommen Sie lieber ein paar Schritte herauf,« fügte Fogg hinzu. „»Fahren Sie fort, Sir, fahren Sie fort, beliebt's Ihnen nicht auch, uns Diebe und Räuber zu nennen? Oder macht's Ihnen vielleicht Vergnügen, ſich perſönlich an uns zu vergreifen?— Bitte, thun Sie es, Sir, wir werden Ihnen nicht den mindeſten Widerſtand leiſten, — bitte, thun Sie es doch, Sirl« Fogg's Bitte würde höchſt wahrſcheinlich gewährt worden ſein, beſonders da er noch mehr herausfordernd in den Bereich der geballten Fauſt des Herrn Pickwick trat, hätte nicht Sam Weller in der Schreibſtube den Wortwechſel vernommen, und ſich beeilt, die Treppe hin⸗ auf zu eilen. Er kam eben noch zu rechter Zeit, um den aufgehobenen Arm ſeines Herrn zurückhalten zu können. „»Laſſen's gut ſein, Sir,« ſagte er.»Federball iſt ein ſehr gutes Spiel, wenn Sie nicht der Ball und die Rechtsgelehrten die Schläger ſind, in welchem Fall es ein zu angreifendes Spiel iſt. Kommen Sie, Sir. Wenn Sie wünſchen, Ihr Herz zu erleichtern und Je⸗ mand auszuſchelten, ſo kommen Sie naus auf die Straße und ſchelten Sie mich'mal tüchtig aus, aber hier iſt ſo was'ne zu koſtſpielige Sache.« Weller zog unter dieſen Worten ſeinen Herrn ohne die geringſte Ceremonie die Treppe hinunter aus dem Hauſe, und eine gute Strecke weit in die Straße hin⸗ ein, und trat dann hinter ihn, um ihm zu folgen, wohin es ihm belieben möchte, ſeine Schritte zu wenden. Herr Pickwick ging zerſtreut weiter, an Manſion⸗ Houſe vorbei, und nach Cheapſide zu.— Sam begann eben darüber nachzuſinnen, wohin es wohl gehen möchte, als ſein Herr ſich mit den Worten zu ihm wendete: ——— Die Pickwicker. 13 »Sam, ich will ſogleich zu Herrn Perker gehen.⸗ »Das iſt derſelbe, Sir, zu dem Sie geſtern Abend hätten gehen ſollen,« erwiederte Sam. »Ich glaube, Sie haben Recht, Weller,« entgegnete Herr Pickwick. »Daß ich Recht habe, das weiß ich, Sir,« ſagte Sam. »Nun gut, wir wollen ſogleich zu ihm, fuhr Herr Pickwick fort; doch auf den Verdruß möchte ich wohl erſt ein Glas Branntwein mit Waſſer trinken. Wo kann ich es haben, Sam 2 Weller antwortete ohne das mindeſte Beſinnen, denn ſeine Kenntniß der Hauptſtadt war ſehr ausgedehnt. »In der zweiten Straße rechter Hand— das vor⸗ letzte Haus auf der nämlichen Seite— ſetzen Sie ſich an den Tiſch dicht beim Kamin— er hat nicht, wie alle andern, ein Bein in der Mitte, was ſehr unbe⸗ quem iſt.« Ohne Weiteres Weller's Rath befolgend, trat Herr Pickwick in das Gaſthaus ein, wo er ſehr prompt mit heißem Branntwein und Waſſer, und Weller, der in ehr⸗ erbietiger Entfernung, obgleich an demſelben Tiſch mit ſeinem Herrn ſaß, mit einem Krug Porter bedient wurde. Das Gaſtzimmer, welches äußerſt einfacher Art war, ſtand dem Anſchein nach unter der beſondern Gönner⸗ ſchaft von Fiaker⸗Kutſchern, denn es befanden ſich in demſelben trinkend und rauchend mehrere Gentlemen, offenbar jener gelehrten Klaſſe von Leuten angehörig. Einer von ihnen, ein ſehr ſtämmiger, ältlicher Mann mit rothem Geſicht, der ſtarke Rauchwolken aus ſeiner Pfeife bließ, die er nach jedem Halbdutzend Zügen aus dem Munde nahm, und bald Herrn Weller, bald Herrn Pick⸗ wick anſah, erregte vorzugsweiſe des letztgenannten Herrn Die Pickwicker. Aufmerkſamkeit. Von Zeit zu Zeit begrub der ſtämmige Mann ſein Geſicht in einer Quartkanne, ſoweit deren Umfang jenes faſſen konnte, und blickte abermals Sam, und dann Herrn Pickwick an. Zuletzt lehnte er ſich mit dem Rücken an die Wand, und rauchte in einem fort, ohne die Pfeife aus dem Munde zu nehmen, oder die Kanne an denſelben zu ſetzen, und ſah unverwandten Blicks nach den Neu⸗Angekommenen hin, als wenn er bei ſich beſchloſſen hätte, ſo viel als nur möglich von ihnen zu ſehen. Anfangs waren des ſtämmigen Mannes Bewegungen Sam's Beobachtung entgangen; allein ſpäter folgten ſeine Blicke der Richtung von jenen ſeines Herrn, worauf er die Hand über die Augen hielt, als ob er den erblickten Gegenſtand erkannt hätte, jedoch bemüht ſei, ſich voll⸗ kommen zu überzeugen. Seine Zweifel wurden bald be⸗ ſeitigt; denn nachdem der ſtämmige Mann eine unge⸗ wöhnlich dicke Wolke vor ſich weggeblaſen hatte, ertönte aus den dicken Shawls, die ihm Hals und Bruſt einhüll⸗ ten, ſeine heiſere, einem ſeltſamen Bauchrede⸗Verſuch gleichende ſchleppende Stimme: »Sieh da, Sammy.« »Wer iſt denn das Sam?« fragte Herr Pickwick. »Ich wollt' meinen eigenen Augen nicht trauen, Sir,« erwiederte Sam mit erſtaunter Miene.—»Aber ˙s iſt wahrhaftig der Alte.« »Der Alte?« fragte Herr Pickwick.»Was für ein Alter 2« »Mein Vater, Sir,« antwortete Sam.—»Wie geht's Alter 2« Sam rückte unter dieſem rührenden Erguſſe kindlicher Liebe den neben dem ſeinigen ſtehenden Schemel für den ſtämmigen Mann zurecht, welcher die Pfeife im Munde ** Die Pickwicker. 15 und die Bierkanne in der Hand haltend, ſich ihm näherte, um ihn zu begrüßen. »In aller Welt, Sammy,“ ſagte Weller der Vater, ves iſt ja ſchon zwei Jahr und drüber, daß ich Dir nicht geſehen habe.⸗ »Das iſt auch wahr, alter Kauz,« erwiederte Weller der Sohn.—»Wie bekleidet ſich denn die Stief⸗Mama?« »Ich will Dir'mal ſagen, Sammy,« fuhr Herr Weller der Aeltere fort;»in der ganzen Welt gab's keine nettere Frau als Wittwe, wie meine zweite,'s war ein ganz ſuperbes Weibsbild, Sammy; und alles, was ich jetzo über ihr ſagen kann, iſt, daß es Jammer und Schade iſt, daß, weil ſie ſo'ne angenehme Wittwe war, ſie ihren ledigen Stand aufgegeben hat.— Sie benimmt ſich nicht wie'ne brave Frau, Sammy.« »Was Ihr ſagt?« entgegnete Herr Weller der Jün⸗ gere mit forſchender Miene. Weller der Aelſere ſchüttelte mit dem Kopfe und fuhr ſeufzend fort. »Hab' nur einmal zu oft geheirathet, Sammy, hab' einmal zu oft geheirathet.— Nimm ein Exempel an Deinem Vater, mein Junge, nimm Dir Dein ganzes 1 Leben vor Wittwen in Acht, beſonders wenn ſie'ne Schenke halten, Sammy;«— und als er dieſen, ſeinen väterlichen Rath mit großem Pathos ertheilt hatte, ſtopfte er von Neuem ſeine Pfeife, und begann wieder mit ſtarken Zügen zu rauchen. »Bitt' um Verzeihung, Sir,« redete er, auf den Ge⸗ genſtand zurückkommend, nach einer ziemlich langen Pauſe Herrn Pickwick an;»ich will hoffen, daß ich nicht perſönlich geworden bin, Sir; der Herr haben doch keine Wittwe geheirathet?«— „»Nein, nein,« gab Herr Pickwick lachend zur Ant⸗ Die Pickwicker. wort; und während er lachte, ſagte Sam ſeinem Vater leiſe, in welchem Verhältniß er zu dem Herrn ſtehe. „»Bitt' um Verzeihung, Sir,« ſagte Weller der Va⸗ ter, ſeinen Hut abnehmend,»will hoffen, daß Sie an Sam nichts auszuſetzen haben, Sir?« »Ich bin ganz mit ihm zufrieden,« erwiederte Herr Pickwick. »Freut mich ſehr, dieſes zu vernehmen, Sir,« fuhr der alte Mann fort;»ich hab' mir aber auch ſehr große Müh' mit ſeiner Erziehung gegeben, Sir; ließ ihn auf der Straße'rum laufen, als er noch ſehr jung war, und für ſich ſelber ſorgen.— Das iſt das einzige Mittel, 'nen Knaben gewitzigt zu machen, Sir.« »Ich ſollte ſagen, daß es doch ein wenig gefährlich werden könnte,« bemerkte Herr Pickwick lächelnd. »Ganz ſicher, iſt ſo'ne Methode nicht,« ſetzte Sam hinzu;»vor ein Paar Tagen wurd' ich noch recht ordent⸗ lich angeführt.« „Nicht möglich!« rief der alte Weller aus. »Doch möglich,« ſagte Sam, und erzählte mit weni⸗ gen Worten ſein Abenteuer mit Hiob Trotter. Weller der Aeltere hörte ſehr aufmerkſam zu, und als Sam ſeine Erzählung beendigt hatte, fragte er: »War nicht einer von den Schuften groß und ſchmächtig, und hatte lange Haare und ein Maulwerk am Kopf wie'n Mül lead?« Herr Pickwick bejahete. »Und war nicht der Andre'n Kerl in maulbeerfar⸗ biger Livree, und mit'nem ſehr dicken Kopf?⸗« „Ja, ja, er iſt's, er iſt's!« riefen Herr Pickwick und Weller der Jüngere zugleich aus. „»Dann weiß ich, wo ſie ſtecken,« fuhr der alte Weller fort,»ſie ſitzen alle Beid' in guter Ruh' zu Ipswich.« Die Pickwicker. 17 »Unmöglich!« ſagte Herr Pickwick. „»Will nich Weller heißen, wenn's nich wahr iſt,« bekräftigte der Alte;— und will Ihnen auch ſagen, wo⸗ her ich's weiß.— Bisweilen fahr' ich für'nen guten Freund'ne Ipswicher Poſtkutſche. Den Tag drauf, als Sie ſich den Rheumatismus in dem bewußten Garten geholt hatten, that ich das auch. Im Mohrenknaben zu Chelms⸗ fort nahm ich ſie ein, ich fuhr ſie bis nach Ipswich und der Bediente— der in Maulbeerfarbe— hat mir geſagt, daß ſie noch'ne lange Zeit dort zu bleiben gedächten.⸗ »Ich werde ihm dahin folgen,« ſagte Herr Pickwick, »wir können Ipswich eben ſo gut beſuchen, wie jeden an⸗ dern Platz; ich werde ihm dahin folgen!« »Wißt Ihr's aber auch ganz beſtimmt, daß ſie's waren?« fragke Sam. »Ja, Sammy,'s iſt ganz beſtimmt,« erwiederte ſein Vater; denn ſie ſahen ſo auffallend aus; und's kam mir ſo kurios vor, daß der Gentleman mit dem Bedienten ſo ein Herz warz und endlich, da ſie dicht hinter'm Bock ſaßen, hört' ich ſie ſagen und darüber lachen, wie ſie den alten Kamaſchenkönig bei der Naſe herumgeführt hätten.« »Alten— was?« fragte Herr Pickwick. „»Den alten Kamaſchenkönig, Sir, womit man Ihnen unfehlbar titulirte, Sir.« Es iſt durchaus nichts poſitiv Beſchimpfendes oder Entehrendes in der Benennung valter Kamaſchenkönig,« keineswegs aber iſt ſie eine ehrerbietige oder ſchmei⸗ chelhafte. Gerade als Herr Weller anfing zu reden dachte Herr Pickwick an alle die ihm durch Jingle zuge⸗ fügten Kränkungen, es bedurfte daher nur einer Feder, um die Schaale niederzudrücken, und der»alte Kama⸗ ſcchenkönig« that es. 8 I. 2 icwilker. III. — 8 —. 18 Die Pickwicker. »Ich will ihm nach!« rief Herr Pickwick aus, und bei dieſen Worten ſchlug er drohend auf den Tiſch. „»Uebermorgen fahr' ich nach Ipswich, Sir,« ſagte Weller der Aeltere,»im Stier in Whitechapel können Sie einſteigen. Wenn's wirklich Ihre Abſicht iſt, Sir, wer⸗ den Sie wohlthun, mit mir zu fahren.« »Sie haben Recht,« ſagte Herr Pickwick,»und ich kann ja an meine Freunde in Bury ſchreiben, daß wir in Ipswich zuſammentreffen wollen.— Gut, wir fahren mit Ihnen. Aber eilen Sie nicht ſo, Herr Weller; wollen Sie nicht einen Tropfen zu ſich nehmen?« »Sind gar zu gütig, Sir,« erwiederte Herr Weller; ein kleines Glas Branntwein auf Ihre Geſundheit und Sammy's Erfolg würde nicht ſchädlich ſein.« »Sicherlich nicht!« ſprach Herr Pickwick und rief nach einem Glaſe Branntwein. Der Branntwein wurde gebracht, und nachdem der Alte vor Herrn Pickwick ſein Haupt entblößt, und Sam zugenickt hatte, goß er es in ſeine geräumige Kehle, als ſei es nur ein Fingerhut voll geweſen. »Bravo, Alter,« ſagte Sam;»aber nehmt Euch in Acht, ſonſt habt Ihr Eure alte Plage, die Gicht, wieder im Leibe.« »Dagegen hab' ich ein Univerſalmittel, Sammy,⸗ ſagte der Alte, indem er das Glas hinſtellte. 5 »Ein Univerſalmittel gegen die Gicht!« rief Herr Pickwick aus, indem er eiligſt ſein Notizenbuch aus der Taſche zog.—»Worin beſteht das?« »Die Gicht iſt'ne Plage, Sir,« erwiederte der alte Weller,»die von zu viel Gemüthsruh und comfortablem Leben herrührt. Sollten Sie'mal'nen Gichtanfall be⸗ kommen, Sir, ſo heirathen Sie nur'ne Wittwe, die'ne ſtarke, tüchtige Lunge hat, und ſie auch gern anwendet, und —— Die Pickwicker. 19 niemals werden Sie wieder an der Krankheit leiden. Ja, Sir, dies iſt'ne kapitale Medizin.— Regelmäßig nehm' ich ſie ein, und ich ſtehe davor, daß ſie alles Uebelbefinden vertreibt, was durch zu viel Luſtigkeit entſteht.«⸗ Nach der Offenbarung dieſes ſchätzbaren Geheimniſſes, leerte Herr Weller nochmals ſein Glas, machte eine höchſt kunſtvolle Verbeugung, und ging langſamen Schritts aus dem Gaſtzimmer. »Wie gefällt Ihnen das Mittel, das Ihr Vater uns eben mittheilte?« fragte Herr Pickwick lächelnd. »Ich glaub', er iſt ein Opfer des Eheſtands,« erwie⸗ derte Sam,»wie Blaubarts Haus⸗Caplan mit'ner Thräne des Mittleids ſagte, als er ihn begrub.⸗ Sam's ſehr paſſender Vergleich erforderte keine wei⸗ tere Bemerkung; Herr Pickwick bezahlte, und ſie begaben ſich auf den Weg nach Gray's Inn. Es hatte eben acht Uhr geſchlagen, als ſie in Gray's Inn's ſtillen Hainen ankamen, und die aus den Zugängen wogenden Schaaren von Herren mit beſchmutzten Stiefeln, abgetragenen weißen Hiüten und ſchäbigen Kleidern, zeigten ihm deutlich an, daß die meiſten Geſchäftslokale bereits geſchkoſſen ſeien. Seine Vermuthungen waren keineswegs unbegründet; denn als er zwei ſteile und ſchmutzige Treppen hinaufgeſtiegen war, fand er Herrn Perkers Außenthür verſchloſſen; auf Sam's härteſtes Klopfen erſchien Niemand; die Schreiber hatten ſich alſo ſchon entfernt. „Das iſt recht fatal, Sam,« ſagte Herr Pickwick, ich weiß, daß ich ohne den beruhigenden Gedanken, die verdrießliche Sache einem Manne von Fach anvertraut zu haben, dieſe Nacht kein Auge ſchließen werde.« „»Da kommt'ne alte Frau die Treppe herauf, Sir,« ſagte Sam; vvielleicht weiß die, wo er aufzufinden iſt. »Heda, alte Dame, wo ſind Herrn Perkers Leute?« 2* 20 Die Pickwicker. »Herrn Perkers Leute?« ſagte die kleine, grämlich ausſehende alte Frau, indem ſie ſtill ſtand, um Athem zu holen.»Die haben ſich nach Hauſe begeben, und ich komme eben, um die Zimmer zu reinigen.« »Sind Sie Herrn Perkers Aufwärterin?« fragte Herr Pickwick. »Ich bin Herrn Perkers Waſcherin, Sir,« antwortete die Alte.. »Es iſt doch ſonderbar, Sam,“« flüſterte Herr Pick⸗ wick ſeinem Diener zu,»daß ſie die alten Frauen in die⸗ ſen Inn's Waſcherinnen nennen.— Ich möchte wohl wiſſen, aus welchem Grunde.⸗« „Ich glaube, Sir, weil ſie'ne ſchreckliche Averſion gegen das Waſchen haben,« antwortete Sam. „»Das kann wohl ſein,« bemerkte Herr Pickwick, die Frau anſehend, deren Aeußeres, wie auch das Schreib⸗. zimmer, das ſie unterdeß aufgeſchloſſen hatte, auf eine eingewurzelte Antipathie gegen die Anwendung von Waſ⸗ ſer und Seife deutlich genug hinwies.»Könnt Ihr mir wohl ſagen, wo Herr Perker anzutreffen iſt, meine gute Frau?2« Die Alte verneinte mürriſch und fügte hinzu, Herr Perker ſei verreiſt. „»Das iſt ein unglücklicher Umſtand,« entgegnete Herr Pickwick. Könnt Ihr mir vielleicht ſagen, wo ſein Schrei⸗ ber zu finden iſt 2c „O ja, das weiß ich wohl,« antwortete die Wäſche⸗ rin,»aber er würde mir ſchlechten Dank dafür wiſſen, wenn ich's Ihnen ſagte.«⸗ »Ich habe eine ſehr wichtige Sache mit ihm zu be⸗ ſprechen,« fuhr Herr Pickwick fort. Hat's nicht Zeit bis morgenfrüh?« fragte die Alte. »Die Angelegenheit iſt eine ſehr dringende,⸗ entgeg⸗ nete Herr Pickwick. — —— ——„—— —— D/— —— — —,— Die Pickwicker. 21 »Wenn das iſt, ſo will ich's Ihnen ſagen.— Gehen Sie nur nach der Elſter und fragen ſie nach Herrn Lowton; ſo heißt Herrn Perkey's Schreiber, und da werden Sie ihn auch finden.⸗ Herr Pickwick zog noch Erkundigungen ein, wo die Elſter zu finden ſei, und nachdem er erfahren hatte, das beſagte Wirthshaus habe den doppelten Vortheil, in der Nähe von Clare⸗Market und dicht an dem Hinterhaus von New⸗Inn zu liegen, ſtiegen Herr Pickwick und Sam mit Mühe die gebrechliche Treppe hinab, und wanderten nach der Elſter. Das den Bacchanalien Herrn Lowtons und ſeiner Freunde geheiligte Hotel nürde von gewöhnlichen Men⸗ ſchen mit dem Namen»Knepe« titulirt werden. Der Wirth verſtand ſich auf das Geldmachen, was hinläng⸗ lich durch einen kleinen, an Geſialt und Größe von einer Sänfte nicht ſehr verſchiedenen Verſchlag unter dem Schenkzimmer⸗Fenſter bezeugt wurde, welcher ſehr billig an einen Schuhflicker vermiethet war. Auch konnte man beim Wirth, aus dem Schutz, den er einem Paſteten⸗ bäcker angedeihen ließ, welcher ſeine Derkateſſen unge⸗ hindert dicht an den Thürtritten verkaufte, zuf ein phi⸗ lanthropiſches Gemüth ſchließen. An den Feiſtern des Erdgeſchoſſes, die mit ſafrangelben Vorhängen verziert waren, ſah man einige Apfelwein von Devonſhir und Danziger Sproſſenbier anzeigende gedruckte Karten; ruch verkündete eine große ſchwarze Tafel mit weißer Schret einem erleuchteten Publikum, daß in den Kellern des Etabliſſements 500,000 Fäſſer Doppelbier vorhanden ſeien, wobei die Seele in dem Zuſtande einer nicht unangeneh⸗ men Ungewißheit in Betreff der Richtung blieb, nach welcher die hierzu erforderlichen Keller in den Eingeweiden der Erde ſich ausdehnen möchten. Sagen wir noch, daß 22 Die Pickwicker. das Schild, welches gar viel vom Alter und Wetter aus⸗ geſtanden hatte, ein Geſchöpf darſtellte, das die Nach⸗ baren von Kindheit an als eine Elſter zu betrachten pflegten, ſo haben wir alles mitgetheilt, was über das Aeußere des Gebäudes zu berichten iſt. Herr Pickwick trat vor das Schenkſtübchen, und fragte das ältliche, hinter einem Schirm hervortretende Frauenzimmer, ob Herr Lowton im Hauſe ſei. Die Wirthin bejahete.»Charley, führe den Herrn zu Herrn Lowton.« 1 »Es kann jetzt nicht geſchehen,« antwortete ein ſchmutziger Ausläufer⸗Bube mit rothem Kopfe;»Herr Lowton ſingt grade ein komiſches Lied, und er würde ihn aus dem Tert bringen. Bald wird's aber beendet ſein, Sir.« Kaum hatte der Rothköpfige dieſes geſagt, als ein furchtbares Hämmern mauf die Tiſche, Geſchrei und Glä⸗ ſergeklirr verkündigte daß das Lied wirklich zu Ende war. Herr Pickwie trug Sam auf, er möchte ſich im Schenkſtuͤbchen cröſten, und darauf ließ er ſich ſelbſt zu Herrn Lowtor führen. Ein dat Vorſitz behauptender junger Mann mit auf⸗ gedunſenen Geſicht, ſah, bei der Meldung, daß ein Herr mit ihn zu ſprechen wünſche, ein wenig verwundert nach der Für hin, und ſein Erſtaunen ſchien keineswegs ſich zu vermindern, als er ein nie erblicktes Individunm her⸗ entreten ſah. »Ich muß um Verzeihung bitten,« hub Herr Pick⸗ wick an,»und es thut mir ſehr leid, daß ich auch die übrigen Gentlemen ſtöre, aber ich habe eine ſehr wichtige Sache mit Ihnen zu beſprechen, Herr Lowton. Sie würden mich ſehr verpflichten, wenn Sie mir erlauben 8. — F Die Pickwicker. 23 wollten, Ihre Aufmerkſamkeit am untern Ende des Zim⸗ mers nur fünf Minuten in Anſpruch zu nehmen.« Der junge Mann erhob ſich, trat mit Herrn Pick⸗ wick in eine düſtre Ecke, und hörte aufmerkſam ſeine Leidensgeſchichte an. »Ah,« ſagte er, als Herr Pickwick endlich ſchwieg, »Dodſon und Fogg— alte Praktiker— tüchtige Ge⸗ ſchäftsmänner das, Sir.« Heerr Pickwick gab gern zu, daß die Herren Dodſon und Fogg alte Praktiker ſeien, und Herr Lowton fuhr fort: „»Perker iſt verreiſet, und vor Ende der künftigen Woche wird er nicht zurückkehren. Laſſen Sie mir indeß Ihre Papiere hier; ich kann alles Nöthige bis dahin ein⸗ leiten, wenn Sie wollen.« »Deshalb ſuchte ich Sie gerade auf,« ſagte Herr Pick⸗ wick.„Hier ſind die Papiere, und ſollte bis dahin etwas Beſonderes vorfallen; ſo können Sie es mir nach Ips⸗ wich melden.« »Sehr wohl,« erwiederte Herrn Perkers Schreiber, und fügte noch hinzu, als er Herrn Pickwick neugierige Blicke nach dem Tiſch werfen ſah:»Wollen Sie nicht ein halbes Stündchen bei uns verweilen, Sir?— Heute Abend haben wir auserwählte Geſellſchaft hier— da iſt Samkins und Greens erſter Schreiber— der von Smi⸗ thers und Price— der von Pimkin und Thomas— ſingt in der That ein kapitales Lied— und da haben wir noch Jack Bamber und viele Andere. Es ſcheint, daß Sie erſt kürzlich zur Stadt gekommen ſind, Sir. Wollen Sie nicht ſich unſrer Geſellſchaft anſchließen 2« Einer ſo lockenden Gelegenheit, Menſchen zu beobach⸗ ten, konnte Herr Pickwick unmöglich widerſtehen; er ließ ſich daher der Geſellſchaft in der gebührenden Ordnung vor⸗ 24 1 Die Pickwicker. ſtellen, und nachdem ihm ein Platz dicht neben dem Prä⸗ ſidenten angewieſen worden, ließ er ſich ein Glas von ſeinem Lieblingstrank bringen. Der Erwartung des Herrn Pickwick ganz zuwider, trat eine tiefe Stille ein. »Ich denke, daß Ihnen das Rauchen nicht unange⸗ nehm iſt, Sir?« ſagte ſein Nachbar zur Rechten, ein Gentleman mit einem Hemde von gewürfeltem Stoff und Moſaik⸗Knöpfen, der eine Cigarre im Munde hatte, und ſie dampfen ließ. »Ganz und gar nicht,« antwortete Herr Pickwick; vich habe es ſehr gerne, obgleich ich ſelbſt nicht rauche.« »Bei mir würde es ſchwer halten, es zu entbehren,« fiel ein gegenüber ſitzender Gentleman ein.»Das Rauchen iſt mir Speiſ' und Trank.⸗ Herr Pickwick warf dem Herrn einen Seitenblick zu, und dachte, wenn es ihm auch die Wäſche wäre, würde es um ſo beſſer ſein. Hierauf trat von Neuem ein allgemeines Still⸗ ſchweigen ein. Herr Pickwick war ein Fremder, und ſeine Gegenwart unterbrach offenbar der Geſellſchaft hei⸗ tere Stimmung. »Herr Grundy wird die Geſellſchaft durch ein Lied beleben,« ſagte der Präſidirende. „»Nein, das wird er nicht,« entgegnete Grundy. »Weshalb nicht?« fragte Herr Lowton. »Weil ich nicht kann,« ſagte Herr Grundy. »Sagen Sie lieber, weil ich nicht will,« verſetzte Lowton. „»Nun ja, weil ich nicht will.« Herrn Grundy's beſtimmte Weigerung, zu ſingen, veranlaßte von Neuem ein allgemeines Stillſchweigen. »Will denn Niemand etwas thun, um unſre Geſell⸗ Die Pickwicker. 25 ſchaft zu beleben?« fragte der Präſident äußerſt nieder⸗ geſchlagen. »Warum tragen Sie ſelbſt nichts dazu bei?« rief ein junger Mann mit einem Backenbart, ſchielenden Au⸗ gen und offenem Hemdekragen über den Tiſch hinüber. »Hört! hört!« fiel der rauchende Herr mit den Moſaik⸗Knöpfen ein. »Weil ich nur das einzige Lied kann, das ich ſchon geſungen habe, und weil es ein Strafglas für Jeden thut, daſſelbe Lied an einem Abend zu wiederholen,« rief Low⸗ ton zurück. Dagegen ließ ſich nichts einwenden, und es trat ein abermaliges Stillſchweigen ein. »Meine Herren,« hub Herr Pickwick an, um einen Gegenſtand vorzubringen, an deſſen Beſprechung die ganze Geſellſchaft Theil nehmen könnte;„heute Abend war ich an einem Ort, den Sie ohne Zweifel alle recht gut ken⸗ nen, den ich aber in Verlauf mehrerer Jahre nicht ge⸗ ſehen hatte, und der mir überhaupt nur ſehr wenig bekannt iſt; ich meine Gray's Inn, meine Herren. Dieſe alten Inns ſind doch in einer Stadt wie London merkwürdige kleine Winkel.« »Beim Jupiter,« flüſterte Lowton Herrn Pickwick zu,»da haben Sie etwas auf die Bahn gebracht, wor⸗ über wenigſtens Einer von uns in Einem fort erzählen kann. Sie werden ſehen, der alte Jack Bamber wird ſogleich anfangen; nie hörte man ihn noch von Anderm, als von dieſen Inns reden, und er hat ſo lange einſam darin gehauſt, daß er halb verrückt geworden iſt.« Jack Bamber war ein kleiner, gelber, hochſchultriger Mann, deſſen Geſicht, weil er es, wenn er nicht ſprach, beſtändig auf der Bruſt hängen ließ, Herr Pickwick noch nicht geſehen hatte; ſobald aber der kleine Mann die gerun⸗ 26 Die Pickwicker. zelte Stirn emporhob, und ihm aus ſeinen funkelnden grauen Augen einen durchdringenden und forſchenden Blick zuwarf, verwunderte Herr Pickwick ſich doch eini⸗ germaßen, daß ſo markirte Züge ſeiner Aufmerkſamkeit auch nur für einen Augenblick hätten entgehen können. Um den Mund des Alten ſpielte fortwährend ein ſüß⸗ſaures Lächeln; er legte ſein Kinn in eine lange dürre Hand mit Nägeln von außerordentlicher Länge; und als er den Kopf auf die linke Seite neigte, und ſcharf unter den buſchigen Augenbrauen hervorſah, lag in ſeinem Seiten⸗ blick aus den Augenwinkeln etwas Sonderbar⸗Lauerndes, Leidenſchaftliches und Zurückſtoßendes. So ſah der Mann aus, der ſich plötzlich emporrich⸗ tete, und jetzt, ganz Feuer und Leben, höchſt aufgeregt zu reden begann. Da dieſes Kapitel indeß ſchon unter die längſten gezählt werden kann, und da der Alte eine bemerkenswerthe Perſon war, ſo wird es achtungsvoller gegen ihn ſein, und zuſagender für uns, wenn wir ihn in einem neuen auftreten laſſen. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. In welchem Jack Bamber ſich über ſein Lieblingsthema ver⸗ breitet, und eine Geſchichte von einem merkwürdigen Clien⸗ ten zum Beſten giebt. „»Hol« ſagte der alte Mann, den wir am Schluß des vorigen Kapitels ſeiner Perſönlichkeit nach beſchrieben haben,»ho ho! wer ſprach da von den Inn's?« „»Ich, Sir,« erwiederte Herr Pickwick;»ich brachte —.,— —— Die Pickwicker. 27 in Erwaͤhnung, was für ſonderbare alte Gebäude ſie ſeien.« »Sie!« ſagte der Mann in verächtlichem Ton,« was können Sie von der Zeit wiſſen, als dort junge Leute ſich in die einſamen Zimmer einſchloſſen, und einen wie den andern Tag laſen und nichts als laſen bis ſpät in die Nacht hinein, bis ſie durch ihr Studiren faſt den Verſtand ver⸗ loren hatten, bis ihre geiſtigen Kräfte gänzlich erſchöpft waren, bis ſie unter dem unnatürlichen Eifer zuſammen⸗ ſanken, ihre Jugendkräfte nur den alten trockenen Büchern zu widmen, und das Licht des Morgens ihnen keine Friſche und Geſundheit brachte? Um nun auf eine an⸗ dere ſpätere Zeit zu kommen: Was wiſſen Sie von dem allmähligen Hinſchwinden, dem ſchnellen Unterliegen ſo mancher Auszehrungs⸗ und Fieber⸗Patienten, die in denſelben litten und dahinſchieden an den preiswürdigen Ergebniſſen und Folgen davon, daß ſie'gelebt hatten? Was wiſſen Sie von den Vielen, die dort um Barm⸗ herzigkeit gefleht, und verzweifelnd die Geſchäftszimmer der Anwälde verlaſſen haben, um ſich in der Themſe eine Ruheſtätte zu ſuchen, oder eine Zuflucht im Kerker zu finden!— Ja, dieſe Inns ſind keine gewöhnliche Häu⸗ ſer. In dem alten Täfelwerk ihrer Wände iſt kein ein⸗ gefugtes Stück Holz, das nicht, wenn es die Gabe des Gedäͤchtniſſes und der Sprache hätte, Schauder erregende Dinge aus der Romantik— ja der Romantik des Lebens — erzählen könnte. Obſchon ſie ſo werkeltagsartig und nüchtern ausſehen, ſind ſie doch ſeltſame alte Gebände, und ich würde lieber manche grauenhafte Sage, als die wahre Geſchichte ihrer alten Gemächer erzählen hören.« Der alte Herr, der ſo unerwartet das Wort genom⸗ men, hatte dies mit einem ſolchen Feuer geſprochen, und der Gegenſtand, der es entzündet, war ſo ſeltſam, daß Die Pickwicker. Herr Pickwick im erſten Augenblick nichts zu entgegnen wußte, als der Alte plötzlich in ſeinem Redefluß inne hielt und den lauernden Seitenblick wieder annahm, der wäh⸗ rend ſeiner aufgeregten Stimmung verſchwunden war. Bald darauf fuhr er fort: »Betrachten wir ſie in einem andern Licht, ihrem alltäglichſten und am wenigſten romantiſchen, welche koſt⸗ bare Stätten langſamer Tortur ſind ſie dann.— Den⸗ ken wir uns den bedürftigen Mann, der Alles, was er beſaß, verloren, ſich zum Bettler gemacht hat, um den Beruf anzutreten, der ihm nie einen Biſſen Brod gewäh⸗ ren kann. Auf ſeine Erwartung, ſein Hoffen, Fürchten, ſein Elend, ſeine Armuth, folgt endlich die Vernichtung ſeiner letzten Hoffnungen, und das Ende ſeiner Laufbahn vielleicht der Selbſtmord, oder was noch ſchlimmer iſt, er beendigt ſein elendes Daſein als zerlumpter Trunken⸗ bold.— Habe ich nicht Recht, wie?« und der alte Mann rieb ſich die Hände und ſchielte wie in ſelig⸗ ſtem Entzücken umher, daß er einen andern Geſichts⸗ punkt gefunden habe, unter den er ſeinen Lieblings⸗ Gegenſtand ſtellen könne. Herr Pickwick beobachtete mit großer Neugierde den Alten, und die Uebrigen lächelten und blickten ihn ſchwei⸗ gend an.. „»Sprecht mir von Euren deutſchen Univerſitäten,« fuhr der kleine alte Mann fort,»ja, ja, wir haben Ro⸗ mantik genug bei uns zu Hauſe, ohne daß wir eine halbe Meile danach zu gehen brauchen, die Leute denken nur nicht daran!« »Ich dachte allerdings noch nie an den romantiſchen Geſichtspunkt, unter dem ſich dieſer Gegenſtand betrach⸗ ten ließe,« ſagte Herr Pickwick lächelnd. „»Daran zweifle ich nicht,« entgegnete der kleine alte —— —— 2 —— —— Die Pickwicker. 29 Mann.„»Als einſt einer meiner Freunde mich fragte, was iſt denn an den Zimmern Beſonderes?“ erwiederte ich: 'merkwürdige alte Gemächer.⸗ Keineswegs,“ ſagte er. Sie ſind einſam,“ ſagte ich. Durchaus nicht,“ ſagte er.— Der Schlag rührte ihn eines Morgens, als er eben ſeine Stubenthür öffnen wollte. Er ſtürzte mit den Kopf in ſeinen Briefkaſten, und dort lag er achtzehn Monate. Jeder glaubte, er ſei auf das Land gereiſ't. ⸗ »Und wie wurde er endlich gefunden?« fragte Herr Pickwick. »Man beſchloß, die Thüre zu erbrechen, weil er ſeit zwei Jahren keine Miethe bezahlt hatte. Es geſchah, und ein ſehr beſtäubtes Skelet in einem blauen Rock, ſchwarzen Kniehoſen und ſeidenen Strümpfen, fiel dem Mann, der die Thüre öffnete, in die Arme. Das war doch merkwürdig genug, nicht wahr?« Der kleine alte Mann ließ hierbei den Kopf noch mehr auf eine Seite hängen, und rieb ſich die Hände mit unausſprechlichem Behagen. »Ich weiß noch einen andern Fall,« fuhr er fort, ver trug ſich in Cleffords Inn zu.— Ein Mann von üblem Ruf bewohnte einige Dachſtübchen— er ſchloß ſich in einen Schrank in ſeinem Schlafzimmer ein und nahm eine Doſis Arſenik.— Der Beſitzer des Hauſes glaubte, er ſei durchgegangen, ließ die Thür aufbrechen, und vermiethete die Wohnung an einen Andern, der ſie bald darauf bezog; aber aus irgend einem Grunde konnte er nicht ſchlafen und es war ihm fortwährend unheim⸗ lich zu Muth.— Sonderbar, dachte er bei ſich ſelbſt, ich will in dem andern Zimmer ſchlafen, und dieſes hier bewohnen. Nachdem er die Veränderung vorgenommen, ſchlief er die näͤchſte Nacht ſehr gut, fand aber plötzlich, daß, wenn er des Abends in dem Wohrnzimmer leſen wollte, er ſich unruhig, ja fieberhaft aufgeregt fühlte.— Die Pickwicker. Er putte fortwährend ſein Licht, und ſtarrte im Zimmer umher.—»Es kann hier nicht Alles richtig ſein,« ſagte er, als er eines Abends aus dem Theater zu Hauſe kam, und ein Glas kalten Grog trank, wobei er ſich mit dem Rücken an die Wand lehnte, damit er ſich nicht einbilden könne, daß Jemand hinter ihm ſtände.»Es kann hier nicht Alles richtig ſein,« ſagte er, und gerade jetzt fielen ſeine Blicke auf den kleinen Wandſchrank, der immer verſchloſſen geweſen war, und ein Schauder rann durch ſeinen ganzen Körper, vom Kopf bis zu den Füßen.— „Ich habe dieſes unheimliche Gefühl früher ſchon oft ge⸗ habt,« ſagte er,»und kann mich des Gedankens nicht erwehren, daß es mit dem Schrank da, eine beſondere Bewandtniß haben muß.« Er bot allen ſeinen Muth auf, zerſchmetterte das Schloß durch einige Schläge mit der Feuerzange, öffnete die Thür, und o, des grauſigen Anblicks, da ſtand der vorige Miethsmann kerzengrade in einer Ecke, hielt eine kleine Flaſche feſt mit der Hand umfaßt, und in ſeinen verzerrten Zügen las man noch die Angſt und Pein eines qualvollen Todes.⸗ Als der kleine alte Mann ſeine Erzählung beendigt hatte, blickte er ſeine aufmerkſamen Zuhörer mit einem Lächeln an, welches grimmiges Behagen ausſprach. »Was ſind das für ſeltſame Dinge, mit denen Sie uns da unterhalten, Sir?« ſagte Herr Pickwick, indem er mit Hülfe ſeiner Brille die Züge des alten Mannes forſchend betrachtete. »Seltſame Dinge!« ſagte der kleine alte Mann. „Wie einfältig; ſie erſcheinen Ihnen ſeltſam, weil Ihnen noch nichts der Art vorgekommen iſt.— Sie ſind ſpaß⸗ haft, aber nicht ungewöhnlich.« „Spaßhaft?« rief Herr Pickwick unwillkührlich aus. »Ja wohl, ſpaßhaft, und warum nicht,« erwiederte 38 8& ——-—— Die Pickwicker. 31 der kleine alte Mann mit einem ſataniſchen ſchielenden Blick, und dann fuhr er fort ohne auf eine Antwort zu warten: »Ich kannte noch einen andern Mann, vor ungefähr — ja, es werden vierzig Jahre ſein— der in einem der älteſten Inns eine dumpfige, düſtre Wohnung miethete, welche ſeit vielen Jahren verſchloſſen und leer geweſen war. Man erzählte ſich viele Geſpenſter⸗Geſchichten darüber, und es war keineswegs eine angenehme Woh⸗ nung; aber er war arm und die Miethe war wohlfeil und dieſes würde genügt haben, ihn zu beſtimmen, und wenn die Wohnung auch zehn Mal unheimlicher geweſen wäre. Er war gezwungen, einiges alte wurmſtichige Gerümpel und unter andern auch einen ſehr großen Aktenſchrank mit Glasthüren und einem grünen Vor⸗ hange im Innern anzunehmen, ein Meubel, das ihm ſehr wenig nutzen konnte, denn Papiere hatte er nicht hinein⸗ zulegen, und ſeine Kleider trug er alle auf dem Leibe, was ihm eben nicht ſauer wurde. Er hatte ſein beweg⸗ liches Eigenthum— kaum einen Karren voll— herbei⸗ ſchaffen laſſen, und es ſo aufgeſtellt, daß die vier Stühle wo möglich als ein Dutzend erſchienen, ſetzte ſich Abends an das Feuer, trank das erſte Glas Whiskey von zwei Gallonen, die er auf Credit hatte holen laſſen, und ſann nach, ob ſie wohl je bezahlt werden würden, und wenn es der Fall ſei, in wie vielen Jahren, als ſeine Blicke auf den Glasthüren des großen Schrankes verweilten. »Ach,« ſagte er,»wäre ich nicht gezwungen geweſen, dieſen häßlichen Artikel nach der Abſchätzung des alten Troͤdlers anzunehmen, ſo würde ich für das Geld etwas Nützliches haben anſchaffen können.—»Ich will dir etwas ſagen, alter Burſche,« redete er laut den Schrank an, weil er Niemand anders hatte, mit dem er ſprechen 2. 32 Die Pickwicker. konnte,»wenn es mir nicht mehr koſten würde, deinen alten Leichnam zu zerſchlagen, als er ſpäter je werth wäre, ſo würde ich Dich ſehr bald dem Feuer übergeben.«⸗ »Er hatte kaum dieſe Worte geſprochen, als aus dem Innern des Schrankes ein leiſes Aechzen zu ertönen ſchien. Es erſchreckte ihn anfangs, nach kurzer Ueber⸗ legung dachte er jedoch, das Geräuſch könne durch Jemand in dem benachbarten Zimmer veranlaßt worden ſein, ſetzte ſeinen Fuß auf das Kamingitter und nahm das Schüreiſen, um das Feuer heller anzufachen.— In dem Augenblick ertönte derſelbe Laut wieder, eine der Glas⸗ thüren öffnete ſich langſam, und zeigte ihm eine blaſſe, abgemagerte Geſtalt, die in beſchmutzter und abgetragener Kleidung aufrecht im Schranke ſtand.— Sie war groß und ſchlank, ihre Züge ſprachen Pein und Betrüb⸗ niß aus, aber es lag etwas in der Hautfarbe und in der unheimlichen Erſcheinung der ganzen Geſtalt, welches keinem menſchlichen Weſen angehören konnte. »Wer ſind Sie?« rief der neue Miethsmann ihr zu, indem er leichenblaß wurde, jedoch das Schüreiſen emporhob, und nach dem Geſicht der Geſtalt zielte; »wer ſind Sie?« »Schleudre das Eiſen nicht nach mir,« erwiederte die Geſtalt.»Wenn Du auch noch ſo richtig zielſt, ſo wird es ohne Widerſtand hindurchfahren, und nur die Bretterwand hinter mir beſchädigen.— Ich bin ein Geiſt.« »Und darf ich fragen, was Sie hier wollen?« ſtot⸗ terte der Miether. »In dieſem Zimmer,« erwiederte die Erſcheinung, »wurde mein irdiſches Glück vernichtet, und ich und meine Kinder zu Bettlern gemacht.— In dieſem Schranke deponirte man die ſeit Jahren angeſammelten Akten eines ——2—— ——— 2—2 —◻ᷣ ſ— Die Pickwicker. 33 ſehr langen Prozeſſes.— In dieſem Zimmer theilten, als ich vor Sorgen und Gram und immer vereiteltem Hoffen geſtorben war, zwei verruchte Harpien das Ver⸗ mögen, um deſſen Beſitz ich während eines elenden Daſeins gekämpft hatte, und von welchem zuletzt kein Heller für meine unglücklichen Nachkommen zurückblieb.— „Ich habe ſie durch Angſt vertrieben, und beſuche ſeitdem jede Nacht— denn nur in dieſer Zeit darf ich zur Erde zurückkehren— den Schauplatz meines lange erduldeten Elends.— Dieſes Zimmer iſt mein, überlaß es mir!⸗ »Wenn Sie entſchloſſen ſind, hier ferner zu erſcheinen,« entgegnete der Miether, welcher während des proſaiſchen Berichtes des Geiſtes Zeit gehabt hatte, ſich wieder zu ſam⸗ meln,»ſo will ich Ihnen mit dem größten Vergnügen das Zimmer überlaſſen, doch mit Ihrer Erlaubniß möchte ich Ihnen wohl eine Frage vorlegen.⸗ »Sprich,« ſagte die Erſcheinung ernſt. »Nun gut,« fuhr der Miether fort, vich beziehe die Bemerkung nicht perſönlich auf Sie, da ſie auf alle Geiſter, von denen ich je vernahm, gleich anwendbar iſt; aber es erſcheint mir doch ein wenig ungereimt, daß, während Sie Gelegenheit haben, die ſchönſten Orte der Erde zu beſuchen— denn ich denke, daß der Raum für Sie ſo gut wie nicht vorhanden iſt— Sie dennoch immer gerade dorthin zurückkehren, wo Sie während Ihres Lebens am unglücklichſten waren.« »Ja wohl, das iſt ſehr wahr, aber ich habe noch nie daran gedacht!« erwiederte der Geiſt. »Sie ſehen, Sir,« nahm der Miether wieder das Wort,»dies iſt eine ſehr unerfreuliche Wohnung. Dem Anſehen jenes Schrankes nach zu urtheilen, möchte ich faſt geneigt ſein, zu behaupten, daß er nicht ganz frei Die Pickwicker. III. 3 34 Die Pickwicker. von Wanzen iſt, und ich glaube in der That, Sie wür⸗ den viel angenehmere Wohnungen finden können, des höchſt traurigen Klimas von London gar nicht zu gedenken.« »Sie haben ſehr Recht, Sir,« erwiederte der Geiſt ſehr höflich,»das fiel mir bis jetzt noch nicht ein— ich will ſo⸗ gleich einmal eine Veränderung der Luft verſuchen,« und während er ſprach, begann er ſchon zu verſchwinden— ſeine Beine waren bereits unſichtbar geworden. „»Und wenn Sie vielleicht die Güte haben wollen, Sir,« rief ihm der Miether nach,»die andern Herren und Damen, die in alten leer ſtehenden Häuſern noch zu ſpuken pflegen, ebenfalls aufmerkſam darauf zu machen, daß ſie es an andern Orten viel angenehmer haben könnten, ſo würden Sie der menſchlichen Geſellſchaft einen we⸗ ſentlichen Dienſt erzeigen.« »Das will ich thun,« erwiederte der Geiſt,»wir müſſen wirklich dumme Teufel,— ſehr dumme Teufel— ſein, und ich begreife kaum, wie wir ſo einfältig han⸗ deln konnten.« »Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, ſo war er gänzlich verſchwunden, und es iſt noch bemerkenswerther, fügte der alte Mann, ſcharf im Kreiſe umherblickend, hinzu,„daß er ſich nie wieder ſehen ließ.« »Gar nicht übel, wenn es wahr iſt,« bemerkte der Herr mit den Moſaikknöpfen, eine friſche Cigarre anzündend. »Wenn es wahr iſt!« rief der alte Mann mit einer Miene der größten Verachtung aus.»Ich glaube wahr⸗ haftig,« fagte er, ſich zu Lowton wendend,»daß er auch — und ich würde mich nicht mehr darüber wundern— an der Wahrheit meiner Geſchichte von dem ſeltſamen Clienten, den wir hatten, als ich einſt bei einem An⸗ wald beſchäftigt war, zweifeln wird.« »Ich mag darüber keine Meinung haben, da ich die ——,——— Die Pickwicker. 35 Geſchichte nicht kenne,« bemerkte der Eigenthümer der Moſaik⸗Verzierungen.. »Ich wünſchte, Sie möchten ſie wiederholen, Sir,« ſagte Herr Pickwick. »Ja, thun Sie es,« ſiel Lowton ein;»ich bin der Einzige unter uns, der ſie gehört hat, ich weiß mich aber nur noch ſehr wenig davon zu erinnern.« Der alte Mann ſah rund umher, mit einem ſchau⸗ derhaftern Seitenblick als je, wie im Triumph über die Spannung, die ſich auf jedem Geſichte ausdrückte. Dann rieb er ſein Kinn, ſah nach der Decke empor, ſchien ſich auf das zu beſinnen, was ihm ſchon halb aus dem Gedächtniß entſchwunden war, und begann darauf wie folgt: Desdalten Mannes Erzählung von dem ſelt⸗ ſamen Clienten. »Es wird wenig daran gelegen ſein,« begann der alte Mann,»wie oder wo ich zur Kenntniß dieſer kurzen Ge⸗ ſchichte kam. Wenn ich ſie in der Folge erzählen wollte, wie ich ſie gehört habe, ſo müßte ich in der Mitte beginnen, und beim Schluß auf den Anfang zurückgehen. Es wird genügen, wenn ich ſage, daß ſie theilweiſe vor meinen Augen ſich zugetragen, und ich überzeugt bin, daß das Uebrige ſich in der That ereignet hat, und daß endlich noch jetzt Perſonen leben, die ſich derſelben nur zu gut erinnern können. »Marſſhalſea, das kleinſte unſerer Schuldgefängniſſe, liegt, wie Ihnen Allen bekannt ſein wird, in der Borough High Street, unweit der St. Georgs⸗Kirche, und auch auf derſelben Seite. Marſhalſea iſt jetzt bei weitem nicht mehr die kothige und ſchmutzige Höhle, die es früher war; doch auch jetzt, in ſeinem verbeſſerten Zuſtande, bietet es nur geringe Verſuchung für den Verſchwender und nur 3* 36 Die Pickwicker. dürftigen Troſt für den Unbeſonnenen dar. In Newgate hat der verurtheilte Verbrecher einen eben ſo guten Raum für Bewegung und friſche Luft, als der zahlungs⸗ unfähige Schuldner im Marſhalſea⸗Gefängniß. „»Dieſer Theil von London hat etwas Unerträgliches für mich, mag es nun ſein, weil ich mich der alten ſich an denſelben knüpfenden Erinnerungen nicht erwehren kann, oder— weil ich einmal einen Widerwillen da⸗ gegen hege. „Die Straße iſt breit, die Läden ſind geräumig, das Geräuſch vorüberfahrender Wagen, das lebendige Treiben und die Geſchäftigkeit, die hier vom frühen Mor⸗ gen bis um Mitternacht herrſchen, machen die Straße ſehr belebt, aber alle Nebenſtraßen ſind armſelig und eng; in den ſchmutzigen Gaſſen hat die Verworfenheit ihre Schlupfwinkel— Jammer und Elend ſind in dem engen Gefängniß eingeſchloſſen— und die ganze Umge⸗ bung trägt wenigſtens in meinen Augen einen ſehr düſtern und widerwärtigen Charakter. »Manche Augen, die ſeitdem längſt im Grabe ge⸗ ſchloſſen ſind, blickten unbekümmert genug auf dieſe Scene, wenn ſie zum erſten Mal in das Thor des alten Marſhalſea⸗ Gefängniſſes eingingen, denn die Verzweiflung kommt ſelten ſchon mit dem erſten ſchweren Schlage des Un⸗ glücks. Der Gefangene vertraut noch den unerprobten Freunden; er erinnert ſich ſo vieler Anerbietungen freund⸗ licher Dienſte, welche die Gefährten ſeines Glücks ihm machten, als er ihrer noch nicht bedurfte; er hat noch Hoffnung— die Hoffnung der glücklichen Unerfahrenheit— und wie ſehr ihn auch der erſte Schlag darnieder beugen möge, ſie geht in ſeinem Buſen auf und erfüllt ihn während einer kurzen Zeit, bis ſie endlich unter dem giftigen Hauch der Enttäuſchung dahinſtirbt. Wie bald ——— —yy—— 4 Die Pickwicker. 37 ſtarrten dieſelben Augen tief eingeſunken aus Geſichtern hervor, die vom Hunger abgezehrt und durch die Ein⸗ ſperrung bleich geworden ſind, in Zeiten, wo es mehr als eine Redensart war, wenn man ſagte, daß der Schuldner in dem Kerker verfaule, ohne Hoffnung der Erlöſung— ohne die mindeſte Ausſicht, ſeine Freiheit wieder zu erlangen. Dieſe Abſcheulichkeit exiſtirt zwar nicht mehr in ihrer ganzen Größe, doch aber noch genügend, um Scenen herbeizuführen, die das Herz bluten machen. »Vor zwanzig Jahren erſchien Tag für Tag, ſo gewiß als der Morgen kam, eine Mutter mit einem Kinde an dem Thor des Gefängniſſes; oft kamen ſie nach einer ſchlafloſen, angſtvoll durchwachten Nacht, eine volle Stunde zu früh, und dann wendete ſich die junge Mutter traurig ab, ging mit dem Kinde nach der alten Brücke, hob es auf die Arme, um ihm das in den Strah⸗ len der Morgenſonne erglänzende Waſſer zu zeigen, und ihm durch den Anblick des muntern Lebens und der Ge⸗ ſchäftigkeit, die um dieſe Stunde auf dem Strom ſich darbieten, eine kurze Zerſtreuung zu gewähren. Doch ſie ſetzte ſich bald mit dem Kinde nieder, und ließ ihren reich⸗ lich fließenden Thränen freien Lauf, denn dieſe bleichen und abgehärmten Züge waren durch nichts zu erheitern. Das Kind hatte nur wenig Erinnerungen, aber ſie bezo⸗ gen ſich alle auf die Armuth und das Elend ſeiner Eltern. Wenn es Stunden lang auf ſeiner Mutter Schooß ge⸗ ſeſſen und mit kindiſchem Mitleid die ſich ihr aus den Augen ſtehlenden Thränen über ihre Wangen herabfließen geſehen hatte, kroch es endlich in einen dunklen Winkel, und weinte ſich in den Schlaf. Die rauhen Wirklich⸗ keiten der Welt und viele ihrer ſchlimmſten Entbehrun⸗ gen— Hunger und Durſt, und Kälte und Mangel— hatte es ſeit dem erſten Erwachen ſeines Selbſtbewußt⸗ 38 Die Pickwicker. ſeins empfunden, und obgleich man die Geſtalt eines Kindes ſchaute, ſo ſah man doch nichts von dem leichten Sinn der Kindheit, ihrem fröhlichen Lächeln, und ihren Lebensluſt ſprühenden Augen. „»Der Vater und die Mutter ſahen das Kind und einander unter den ſchmerzlichſten Gedanken an, welche ſie nicht auszuſprechen wagten. Der ſonſt geſunde, kräf⸗ tige, jeder Thätigkeit und Anſtrengung gewachſene Mann ſchwand ſichtlich hin aus Mangel an Bewegung und in Folge der ungeſunden Luft eines überfüllten Gefängniſſes. Die zarte Geſtalt der Gattin welkte unter den vereinig⸗ ten Wirkungen körperlicher und geiſtiger Leiden, und das Kind war dem Tode nah. »Der Winter kam, und mit ihm wochenlange Kälte und heftige Regengüſſe. Die unglückliche Frau hatte eine ärmliche Wohnung in der Nähe des Gefängniſſes gemiethet, und obgleich dieſe Veränderung durch ihre zu⸗ nehmende Armuth bedingt ward, ſo fühlte ſie ſich doch jetzt glücklicher, weil ſie ihrem Gatten näher war. Zwei Monate hindurch harrte ſie, wie ſonſt, mit ihrem Kinde der Oeffnung des Thors. Eines Tages blieb ſie zum erſten Mal aus— am zweiten Morgen kam ſie allein. Das Kind war geſtorben. »Diejenigen, welche mit kalter Gleichgültigkeit ſagen, wenn der Arme durch den Tod der Seinen beraubt würde, ſo ſei es für die Hingeſchiedenen eine Erlöſung aus dem Elend und für die Ueberlebenden eine Erleichte⸗ rung, kennen wahrlich wenig die Schmerzen ſolcher Ver⸗ luſte. Ein ſtummer Blick der Theilnahme und Zärtlichkeit, wenn jedes andere Auge ſich kalt abwendet— das Ge⸗ fühl, wenigſtens der Liebe eines menſchlichen Weſens ſicher zu ſein, wenn alle andere uns verlaſſen haben, iſt ein An⸗ halt, eine Stütze, ein Troſt im tiefſten Leid, welche durch — ⏑—.—— 8(8 e Aͤ— CCr Die Pickwicker. 39 keinen Reichthum erkauft, durch keine Macht gewährt werden können. Das Kind hatte Stunden lang zu ihren Füßen geſeſſen, die kleinen Hände geduldig gefaltet und das bleiche, abgezehrte Antlitz auf ſie gerichtet. Sie hat⸗ ten es von Tag zu Tag langſam dahinwelken ſehen, und obgleich ſein kurzes Daſein ein freudloſes geweſen, und es jetzt zu dem Frieden und der Ruhe eingegangen war, deren es ſich in dieſer Welt nicht erfreuen konnte, ſo waren ſie doch ſeine Eltern, und der Verluſt ſchmerzte ſie tief. „»Denen, die der Mutter verändertes Antlitz ſchauten, wurde es einleuchtend, daß der Tod ihrem Unglück und ihren ſchweren Prüfungen bald ein Ende machen werde. Die wenigen Bekannten, die ihr Gatte im Gefängniß hatte, unlten ſhn bei ſeinem Jammer nicht auf⸗ dringen, und überließen ihm das enge Gemach allein, das er bisher mit zwei Unglücksgefährten gemeinſchaftlich bewohnt hatte. Seine Gattin theilte es jetzt mit ihm, und ohne Schmerzen, aber auch ohne Hoffnung ſchwand ihre Lebenskraft langſam dahin. „Sie war eines Abends in den Armen ihres Gatten in Ohnmacht gefallen, und er hatte ſie an das offene Fenſter getragen, um ſie durch die friſche Luft wieder zu beleben, als er, da das Mondlicht ihre Züge beleuchtete, eine Veränderung in ihnen gewahrte, die ihn mit dem höchſten Schrecken erfüllte, ſo daß er wie ein hülfloſes Kind unter der leichten Laſt in ſeinen Armen zu wanken begann. »Setz' mich nieder, Georg, ſagte ſie mit ſchwacher Stimme. Er that es, und indem er ſich neben ſie ſetzte, bedeckte er ſein Geſicht mit den Händen und brach in Thränen aus. »Es iſt ſehr hart, Dich zu verlaſſen, Georg, ſagte am Leichnam ſeines Weibes, und rief Gott zum Zeugen 40 Die Pickwicker. ſie, aber es iſt Gottes Wille, und Du mußt Dich darin ergeben. O! wie danke ich ihm, daß er unſern Kleinen zu ſich genommen hat. Er iſt jetzt glücklich und im Him⸗ mel bei ihm. Was ſollte er auch noch hier, ohne ſeine Mutter?« »Du ſollſt nicht ſterben, Marie,— Du ollſt nicht ſterben! rief ihr Gatte, von ſeinem Sitz aufſpringend, aus. Er ging mit haſtigen Schritten umher, ſchlug ſich mit den geballten Fäuſten vor die Stirn, ſetzte ſich end⸗ lich wieder neben ſie, ſchloß ſie in die Arme und ſagte ruhiger:»Faſſe nur Muth, mein theures Weib, Du wirſt Dich wieder erholen.« »Nein, Georg, nein,« erwiederte die Sterbende. »Laß mich an der Seite meines lieben Ki nde begraben, aber ees der daß, wenn Du— i ſchreck⸗ lichen Ort erlöſt, und wieder woh wernin nn d uns nach einem ſtillen ländlichen Kirchhofe brin ngen zu laſſen, weit, weit von hier— recht weit von hier, wo wir in Frieden ruhen können. Theurer Georg, verſprich mir, daß Du dieſes thun willſt.« »Ja, ja, ſagte der Unglückliche, indem er neben ihr auf die Kniee ſank. Sprich mit mir, Marie— einen Blick— ach, nur einen—« „»Er ſtockte, denn der Arm, der ſeinen Nacken um⸗ ſchlungen hielt, wurde ſteif und ſchwer. Ein tiefer Seuf⸗ zer entfloh dem Buſen der Sterbenden, die, Lippen be⸗ wegten ſich, ein Lächeln umſpielte ihr Antlitz, aber die Lippen waren bleich und das Lächeln verwandelte ſich in einen furchtbaren Starrblick. Er war jetzt allein in der Welt. »Der Unglückliche knieete im Schweigen und der Ein⸗ ſamkeit ſeines traurigen Gemachs die ganze lange Nacht N N —— o K R Die Pickwicker. 41 eines ſchrecklichen Schwurs an, daß er ſich von jener Stunde ab der Rache ihres und ſeines Kindes Todes widmen wolle, daß von jetzt ab, bis auf den letzten Au⸗ genblick ſeines Lebens er alle ſeine Kräfte dieſem einen Zwecke zuwenden werde, ſeine Rache nie aufhören, und ſein Haß unauslöſchlich ſein ſolle, daß er den Gegenſtand deſſelben verfolgen wolle, bis zu ſeinem Tode. 8* »Seine Unglücksgefährten ſchreckten am brdeden n gen vor ihm zurück, denn die tiefſte Verzweiflung und eine faſt übermenſchliche Leidenſchaft hatten ſein Antlitz und ſeine ganze Geſtalt furchtbar in der einen Nacht verändert; ſeine Augen waren eingeſunken und mit Blut unterlaufen; 3 Tüdtiliaſſ üer ſein Geſicht, 3 er gefloſſen. Seine Augen füllten ſich en, einen Klagelaut ließ er hören; aber ſein ſtierer Blick, die Haſt, mit welcher er im Gefäng⸗ nißhofe auf⸗ und niederrann, verrieth deutlich das in ihm brennende Fieber. »Die Leiche mußte ohne Aufſchub aus dem Gefängniß gebracht werden, und man ſetzte ihn ſofort von den ge⸗ troffenen Anordnungen in Kenntniß, die er mit voller Ruhe anhörte, und billigte. Die Gefangenen, die ſich verſammelt hatten, um dem Hinaustragen der Leiche zu⸗ zuſchauen, machten dem grenzenlos Verarmten zu beiden Seiten Raum; er ging raſch durch ſie hin und blieb in einiger Entfernung von ihnen, nahe am Ausgang ſtehen, welche Stelle ſeine Unglücksgefährten aus Zartgefühl frei gelaſſen hatten. Es herrſchte die tiefſte Stille, als der niedere Sarg langſam hinaus getragen wurde, welche nur durch das leiſe Schluchzen der Frauen und die dumpf⸗ 42 Die Pickwicker. hallenden Tritte der Sargträger auf dem Pfaaſter unter⸗ brochen wurde. Als ſie an dem unglücklichen Gatten vorbeikamen, hielten ſie an; er legte ſeine Hand auf den Sarg, ordnete mechaniſch die Falten des darüber gebrei⸗ teten Leichentuchs, und winkte ihnen weiter zu gehen. Die Schließer nahmen ihre Hüte ab, als die Leiche vor ihnen vorüber getragen wurde, und gleich darauf ward a ſerne Thor wieder geſchloſſen. Der Unglückliche blickte ſtarr nach dem Haufen ſeiner Genoſſen hin, und ſank plötzlich zu Boden. »Er lag viele Wochen in den wildeſten Fieberphanta⸗ ſien, aber fortwährend gedachte er an ſeinen Verluſt und ſeinen Schwur; denn alle ſeine verwirrten Fieberträume und Reden hatten Bezug darauf. Er fuhr über den und ſtrudelten, ſo weit ſein Auge vor ſeinem Schiffe ein anderes, d heulenden Sturmwind aukämpfte, nur noch die Fetzen um die Maſten hingen; dann ſah er auf dem Verdeck die Mannſchaft ſich in der größten Angſt an die Bollwerke klammern; dann brach ſich Welle auf Welle über ihnen, und mancher Unglückliche wurde hinab in die ſchäumende See geriſſen. Sie ſauſ'ten dem vom Sturm und Wellen bedrängten Fahrzeug nach, und ſegel⸗ ten es in den Grund.— Der letzte Angſtſchrei von hun⸗ dert Ertrinkenden übertäubte das Brauſen der Wellen und das Gebrüll des Sturms auf einen Augenblick. Doch wer war der grauköpfige Alte, der vom Strudel wieder emporgeworfen wurde und mit Blicken der entſetzlichſten Todesangſt und unter jammervollem Hülfgeſchrei mit den Elementen rang? Es waren ſeine Züge.— Und er ſtürzte ſich von des Schiffes Rand hinunter in die ſtür⸗ ——————— — 6Q— Ge=2Se— — o——, „—— ço—.,——e H — 0ο ⏑*⏑—*.* Die Pickwicker. 43 miſche See; der Alte ſah ihn herankommen, und bot vergeblich ſeine letzten Kräfte auf, um ihm zu entrinnen. Er faßte ihn, und zog ihn hinunter— hinunter funfzig Klafter tief; ſein verzweifelter Widerſtand wurde ſchwä⸗ cher und immer ſchwächer, bis er endlich ganz aufhörte. Er war todt; er hatte ihn getödtet, und ſeinen Schwur erfüllt! »Barfuß und allein durchwanderte er jetzt den glühen. den Sand einer endloſen Wüſte; er erblinde ad erſtickte faſt in den aufgewühlten Sandwellen, der feine Staub drang in die Poren ſeiner Haut ein, und regte ihn faſt bis zum Wahnſinn auf. Rieſenhafte Sandmaſſen, die der Sturm forttrug und die von der brennenden Sonne durchſchienen wurden, ſah er in der Entfernung am Ho⸗ rizont wie Feuerſäulen dahinrollen.— hn ihn her la⸗ gen die rreſte der Wanderer, die an dieſem ſchreck⸗ den er Tod ereilt; auf Alles, was ihn umgab, fiel ei gr. uſiges Licht, und ſo weit ſein Auge blicken konnte, gewahrte er nichts als Gegenſtände des Schre⸗ ckens. Er bemühte ſich, einen Schrei des Entſetzens aus⸗ zuſtoßen; doch vergebens; die Zunge klebte ihm am bren⸗ nenden Gaumen feſt, und halb wahnſinnig eilte er weiter. Mit übernatürlichen Kraftanſtrengungen durchwatete er den Sand, bis er von Ermüdung und vom Durſt erſchöpft, beſinnungslos niederſank. Eine erfriſchende Kühle belebte ihn wieder, und er vernahm entzückende rieſelnde Laute.— Ja, er täuſchte ſich nicht; dicht vor ihm entſprang und rauſchte ein lebendiger Quell. Nach⸗ dem er ſeinen Durſt gelöſcht hatte, ſtreckte er die müden, ſchmerzenden Glieden auf dem Raſen aus, und er ver⸗ ſank in eine unendlich ſüße Verzückung, woraus ihn bald der Schall nahender Fußtritte erweckte. Ein alter grau⸗ köpfiger Mann wankte heran, und bückte ſich hocherfreut, 44 Die Pickwicker. um ſeinen brennenden Durſt zu löſchen. Er war es aber⸗ mals.— Er umfaßte den Alten und hielt ihn zurück; obſchon der Greis krampfhaft in ſeinen Armen nach Waſſer ſchrie— nur nach einem Tropfen Waſſer, um ſein Leben zu retten.— Er hielt ihn immer feſter, und ſchaute ſeinem Todeskampfe mit gierigen Blicken zu, und als endlich der Greis leblos das Haupt auf die Bruſt niederſinken ließ, ſtieß er den Leichnam mit dem Fuße, daß er vor ihm in den Sand dahin rollte. »Als endlich das Fieber nachließ, und ſein Bewußt⸗ ſein zurückkehrte, war er wohlhabend und frei.— Den Vater, der ihn im Gefängniß hatte ſterben laſſen wollen — wollen!— der ſeine Gattin und ſein Kind, die ihm theurer als ſein eigenes Leben waren, an Mangel und an Schmerzen, wofür es kein Heilmittel giebt, wirk⸗ lich hatte ſterben laſſen— hatte man todt in ſeinem Daunenbett gefunden. Seinen Sohn zu enterben, war ſein feſter Wille geweſen; aber der Stolz auf ſeine Ge⸗ ſundheit und Kraft bewog ihn, es zu verſchieben, bis es zu ſpät geweſen war, und er mochte nun in einer andern Welt ſeine Säumniß zähneknirſchend bereuen. Doch der Kranke erwachte hierzu, und zu noch mehr— er erwachte, um ſich des Zweckes zu erinnern, dem er ſein Leben ge⸗ widmet hatte, um ſich zu erinnern, daß ſein Feind ſeines Weibes eigener Vater war— er, der ihn in das Ge⸗ fängniß werfen, und der, als ſeine Tochter und ihr Kind ihn auf den Knieen um Erbarmung angefleht, ſie aus ſeinem Hauſe verjagen ließ.— O, wie verwünſchte er die Schwäche, die ihn noch hinderte, in der Verfolgung ſeiner Rachepläne thätig zu ſein. »Er ließ ſich von dem Schauplatz ſeines Verluſtes und Elends entfernen und nach einer ſtillen Wohnung an der Meeresküſte bringen— nicht in der Hoffnung, den ᷣ e N N +‿ ☛̈& —. — Die Pickwicker. 45 Frieden ſeiner Seele oder ſein Glück wiederzufinden, denn beide waren für immer dahin, ſondern nur, um ſeine geſchwächten Kräfte zu ſtärken und uͤber ſeinen Lieblings⸗Gedanken zu brüten.— Und hier führte ihm irgend ein böſer Geiſt die Gelegenheit zu ſeiner erſten furchtbaren Rache entgegen.— Es war Sommerszzeit. und mit ſeinen düſtern Gedanken erfüllt, verließ er häu⸗ ſig früh am Abend ſeine einſame Wohnung und verfolgte einen engen Pfad unter den Klippen nach einem wilden und öden Ort, der ſeine Phantaſie vor allen erregt hatte; ſetzte ſich auf einen Fels⸗Vorſprung und blieb dort Stunden lang, ſich das Geſicht mit den Händen verhül⸗ lend, nicht ſelten bis es finſtre Nacht wurde und die rie⸗ ſigen Schatten der Klippen über ſeinem Haupt alle Ge⸗ genſtände mit einem dunkeln Schleier umgaben. „Einſt ſaß er dort an einem heitern Abend, dann und wann den Kopf emporhebend, um den Flug einer See⸗ möve zu beobachten, oder den hellen rothen Streifen mit ſeinen Blicken zu verfolgen, welcher, in der Mitte des Oceans beginnend, ſich bis zu deſſem Rand hinzog, wo die Sonne unterging,— als die tiefe Stille plötzlich durch einen lauten Ruf um Hülfe unterbrochen ward. Er horchte, ob er auch richtig gehört habe, als das Ge⸗ ſchrei noch heftiger und lauter als zuvor ertönte.— Er ſprang auf, und eilte nach der Richtung hin, ans welcher es zu ihm gedrungen war. »Er überſah gleich Alles,— am Strande lagen Kleidungsſtücke,— in geringer Entfernung von denſelben erblickte er den Kopf eines Menſchen über den Wogen, und ein alter Mann, der verzweiflungsvoll die Hände rang, lief, um Hülfe rufend, hin und her.— Der Wie⸗ dergeneſe, deſſen Kräfte zurückgekehrt waren, warf ſeinen 46 Die Pickwicker. Rock ab, und ſtand im Begriff, ſich in das Meer zu ſtürzen, um Hülfe zu leiſten. 24 »Eilen Sie, Sir,— in des Himmels Namen,— helfen Sie, Sir, helfen Sie, um der Liebe Gottes willen. — Es iſt mein Sohn, Sir,— mein einziger Sohn! rief ihm der alte Mann zu, indem er ſich mit unaus⸗ ſprechlicher Angſt ihm näherte.— Mein einziger Sohn, Sir,— und vor ſeines Vaters Augen ſoll er untergehen.« »Bei den erſten Worten des alten Mannes blieb der Fremde in ſeinem Lauf plößlich ſtehn. »Großer Gott! rief der alte Mann ſich entſetzend aus, Heyling!« „Der Fremde lächelte und ſchwieg. »Heyling, jammerte der alte Mann, mein Sohn, Heyling, mein armer Sohn, ſehen Sie dort, dort, und dem unglücklichen Vater verging faſt der Athem, als er nach der Stelle hinwies, wo der junge Mann mit dem Tode kämpfte. »Horch, ſagte der Alte, er ruft wieder um Hülfe. Er lebt noch.— Heyling, retten Sie ihn, retten Sie ihn! »Der Fremde laͤchelte wieder, und blieb unbeweglich wie eine Bildſäule. „»Ich habe Ihnen Unrecht gethan! rief der alte Mann, indem er vor ihm auf die Knie ſank, und die Hände emporhob.— Rächen Sie ſich, nehmen Sie mir Alles, mein Leben, ſchleudern Sie mich in die Wo⸗ gen, und wenn die menſchliche Natur es vermag, ſo will ich ſterben, ohne Hand oder Fuß zu regen. Thun Sie es, Heyling, aber retten Sie meinen Sohn, er iſt zu jung, Heyling, zu jung zum Sterben.« »Hören Sie mich an, ſagte der Fremde, indem er ungeſtüm den Arm des alten Mannes faßte, ich ver⸗ lange Leben für Leben, und hier iſt eins. Mein Kind —— õõ — 5—õ Die Pickwicker. 47 erduldete vor den Augen ſeines Vaters einen unendlich ſchmerzlicheren und peinvolleren Tod, als hn der junge Verſchwendegerleidet, der das Vermögen ſeiner Schweſter verſchleuderte.— Sie lachten damals— lachten Ihrer Tochter in das Angeſicht, welches der Tod ſchon für ſich bezeichnet hatte.— Sie lachten damals unſerer Leiden. Sind Sie noch immer ſo gefühllos?— Blicken Sie dorthin! »Indem der Fremde ſprach, zeigte er nach der wilden Brandung, in deren Getöſe ein ſchwacher Schrei ſich verlor.— Der letzte verzweiflungsvolle Todeskampf des Sterbenden erregte die ſchwellenden Wellen einige Augen⸗ blicke, und die Stelle, wo er in ſein frühes Grab geſun⸗ ken war, war bald darauf von den übrigen nicht mehr zu unterſcheiden.« »Drei Jahre waren vergangen, als ein Herr aus einer Equipage vor der Thür eines Londoner Anwalds ſtieg, der damals dafür bekannt war, daß er Sachen übernahm, die ſchwer durchzuführen waren. Der Fremde ließ ihm ſagen, er wünſche ihn in einer wichtigen Angelegenheit zu ſprechen.— Obgleich er offenbar noch in der Kraft ſeiner Jahre ſtand, ſo war doch ſein Geſicht bleich und, wie es ſchien, von Gram und Sorgen abgehärmt, und es bedurfte kaum der ſcharfen Beobachtungsgabe, die dem Geſchäftsmanne gewöhnlich eigen iſt, um auf einen Blick zu entdecken, daß körperliche oder geiſtige Leiden mehr beigetragen hatten, eine Veränderung in ſeinem Aeußern zu bewirken, als die Hand der Zeit allein in doppelt ſo viel Jahren, als er zahlen mochte, hätte be⸗ werkſtelligen können. »Ich wünſche, daß Sie eine Rechtsſache für mich übernehmen, begann der Fremde. 48 Die Pickwicker. »Der Auwald verbeugte ſich höflich und warf einen Seitenblick auf ein großes Packet, das der Fremde in der Hand trug.— Dieſer bemerkte den Blick und fuhr fort: »Es iſt allerdings eine verwickelte Sache, auch konnte ich nur mit vieler Mühe und durch große Koſten zu dem Beſitz dieſer Papiere gelangen.. „»Der Anwald warf noch einen bedeutſameren Blick auf das Packet, und nachdem der Fremde es geöffnet hatte, legte derſelbe eine Menge von Wechſeln, Schuld⸗ verſchreibungen, und derartigen Dokumenten vor. »Sie werden aus dieſen Papieren entnehmen, ſagte der Client, daß der Herr, der dieſelben unterſchrieben hat, ſeit mehreren Jahren bedeutende Summen darauf bezog.— Es beſtand ein ſtillſchweigendes Einverſtänd⸗ niß zwiſchen ihm und dem Manne, in deſſen Beſitz ſie urſprünglich waren, und von dem ich ſie nach und nach um das Dreifache und Vierfache ihres Nennwerths er⸗ kaufte, daß dieſe Schuldverſchreibungen von Zeit zu Zeit bis zum Ablauf einer beſtimmten Periode verlängert werden ſollten. Ein ſolches Einverſtändniß war aber nirgends ausdrücklich feſtgeſtellt. Der Schuldner hat ſeit Kurzem viele und bedeutende Verluſte erlitten, und er kann ſei⸗ nen Verpflichtungen nicht nachkommen, wenn jetzt alle dieſe Forderungen zugleich in Anſpruch genommen werden. »Der ganze Betrag iſt einige tauſend Pfund, ſagte der Anwald, nachdem er einen Blick in die Papiere ge⸗ worfen hatte. »Allerdings, erwiederte der Client. »Was ſollen wir denn thun? fragte der Geſchäfts⸗ mann. »Thun? entgegnete der Client mit plötzlicher Hef⸗ tigkeit, wenden Sie jeden Kunſtgriff an, der Ihnen zu Die Pickwicker. 49 Gebote ſteht, Alles, was der Scharfſinn auszudenken, und die Rachſucht durchzuführen vermag,— gute Mit⸗ tel, wie ſchlechte,— laſſen Sie die Tyrannei des Ge⸗ ſetzes ſo walten, wie es nur irgend thunlich iſt. Ich beabſichtige, ihn eines quälenden und langſamen Todes ſterben zu laſſen. Richten Sie ihn zu Grunde, legen Sie Beſchlag auf ſein ganzes Vermögen, treiben Sie ihn von Haus und Hof, und bringen Sie es dahin, daß er ſeine alten Tage als Bettler im gemeinen Schuld⸗ Gefängniß beſchließen muß. »Aber die Koſten, mein theurer Herr, die bedeuten⸗ den Koſten von allem dieſem, warf der Anwald ein, als er ſich von ſeinem erſten Erſtaunen erholt hatte. Wenn der Angeklagte nichts mehr beſitzt, wer ſoll dann die Koſten bezahlen, Sir? »Nennen Sie irgend eine Summe, entgegnete der Fremde, indem ſeine Hand ſo heftig vor innerer Auf⸗ regung zitterte, daß er kaum die Feder, die er ergriffen hatte, feſthalten konnte, nennen Sie irgend eine Summe und ſie ſteht Ihnen zu Gebot. Scheuen Sie ſich nicht, ſie auszuſprechen, Sir— ich werde ſie nicht für zu bedeutend halten, wenn ich nur meinen Zweck erreiche. »Der Anwald nannte auf's Gerathewohl eine bedeu⸗ tende Summe, als den Vorſchuß, deſſen er bedürfe, um ſich gegen die Möglichkeit eines Verluſtes zu ſichern, aber er that dies mehr in der Abſicht, um ſich zu überzeugen, in wie weit ſein Client wirklich geneigt ſein werde, darauf einzugehen, als daß er glaubte, ſie werde ohne Weiteres bewilligt werden.— Der Fremde ſchrieb jedoch ohne Bedenken eine Anweiſung auf die ganze Summe für ſei⸗ nen Bankier und entfernte ſich. „dDas Geld ward richtig gezahlt, und da der An⸗ wald ſich wirklich ibetzeugte daß er ſicher auf ſeinen Die Pickwicker. III. 4 Die Pickwicker. ſeltſamen Clienten rechnen könne, ſo leitete er ſeine Maßregeln mit allem Ernſte ein. »Mehr als zwei Jahre lang, ſeit dieſer Zeit, ſaß Herr Heyling ganze Tage in ſeinem Schreibzimmer, durchlas die ſich anhäufenden Aktenſtücke, und brütete mit freudeſtrahlenden Augen über den Briefen, welche dringende Vorſtellungen oder Bitten um einigen Aufſchub enthielten, indem der Gegner ſonſt ſeinen offenbaren Un⸗ tergang unvermeidlich vor ſich ſehe. Dieſe Briefe liefen immer häufiger ein, je mehr eine Schuldforderung nach der andern ausgeklagt wurde.. „»Auf alle Bitten um eine kurze Nachſicht erfolgte immer dieſelbe Antwort: das Geld müſſe ſofort gezahlt werden. Das bewegliche und unbewegliche Vermögen des Schuld⸗ ners ward nach und nach in Anſpruch genommen, und der alte Mann ſelbſt würde dem Gefängniß nicht entgan⸗ gen ſein, wenn er ſich der Wachſamkeit der Gerichts⸗ boten nicht noch bei Zeiten zu entziehen gewußt hätte. Die unverſöhnliche Rachſucht Heylings, weit entfernt, durch den Erfolg ſeiner Schritte befriedigt zu ſein, wuchs hundertfältig mit dem Elend, daß er ſeinem Feinde berei⸗ tete. Als ihm die Flucht des alten Mannes berich⸗ tet wurde, war ſeine Wuth grenzenlos. Er knirſchte grimmig mit den Zähnen, zerraufte ſein Haar, und rief ſchreckliche Verwünſchungen auf die Gerichtsbeamten herab, die mit der Vollziehung des Verhaft⸗Befehls beauftragt geweſen waren. Er ließ ſich nur einigerma⸗ ßen durch die wiederholten Verſicherungen beruhigen, daß man dem Flüchtling auf der Spur ſei. Nach allen Rich⸗ tungen ward er verfolgt, zu jeder erdenklichen Liſt nahm man ſeine Zuflucht, um ſeinen Aufenthaltsort zu ent⸗ decken, aber Alles war vergebens.— Ein halbes Jahr war vorüber, und man hatte ihn noch nicht aufgefunden.. — Die Pickwicker. 51 »Endlich erſchien ſpät an einem Abend Heyling, der ſich ſeit mehreren Wochen nicht hatte blicken laſſen, an der Thür des Anwalds, und ließ ihm ſagen, er wünſche ihn ſofort zu ſprechen.— Noch bevor der Anwald, der Heylings Stimme von oben erkannte, dem Bedienten befehlen konnte, ihn einzuführen, war er die Treppe hin⸗ aufgeeilt, und trat bleich und athemlos in das Zimmer. Nachdem er die Thür verſchloſſen hatte, damit ſie nicht geſtört werden möchten, ſank er erſchöpft auf einen Stuhl, und ſagte mit leiſer Stimme: Pſt— ich habe ihn endlich gefunden. »Wirklich? erwiederte der Anwald, ſehr gut, mein beſter Herr, ſehr gut! »Er hält ſich in einer elenden Wohnung in Camden⸗ Town verborgen, fuhr Heiling fort, es iſt vielleicht eben ſo gut, daß er uns dieſe Zeit über entging, denn er hat dort einſam und im tiefſten Elend gelebt. Er iſt arm, ſehr arm. »Gut, ſagte der Anwald, Sie wünſchen ohne Zweifel, daß wir ihn morgen verhaften laſſen? „»Ja, erwiederte Heyling. Doch nein, warten wir bis übermorgen. Sie ſind erſtaunt, daß ich ihm noch Friſt gönnen will, fügte er mit einem unheimlichen Lä⸗ cheln hinzu, aber ich vergaß, daß ich übermorgen ein Jahres⸗Gedächtniß zu begehen habe. An dieſem Tage wollen wir ihn verhaften. »Sehr wohl, ſagte der Anwald, wollen Sie die Inſtruktionen für den Gerichtsdiener niederſchreiben? „»Nein, beſtellen Sie ihn für uͦbermorgen um acht Uhr Abends, ich will ihn ſelbſt begleiten. 1. »Die Zuſammenkunft fand an dem beſtimmten Abend ſtatt, und nachdem ſie einen Miethwagen genommen, befahlen ſie dem Kutſcher, an der Ecke der Poncres⸗ 4* ſetzte ſich an das 52 Die Pickwicker. Straße zu halten, wo das Arbeitshaus des Kirchſpiels ſteht. Als ſie dort ausſtiegen, war es ſchon ganz dunkel geworden, und indem ſie längs der Mauer des Veterinairſpitals gingen, bogen ſie in eine kleine Neben⸗ gaſſe ein, welche damals, vielleicht auch noch jetzt, die kleine Collegienſtraße genannt wurde, und, wenigſtens zu jener Zeit, ein ſehr öder Ort war, faſt nur von Feldern und Sümpfen umgeben. »Nachdem Heyling ſeine Reiſekappe halb über das Geſicht gezogen, und ſich in ſeinen Mantel gehüllt hatte, ſtand er vor dem Hauſe in der Gaſſe, welches das ärm⸗ lichſte Anſehen hatte, ſtill, und klopfte leiſe an die Thür. Sie ward ſofort durch eine Frau geöffnet, die ſich mit der Miene der Erkennung vor Herrn Heyling verbeugte. Er flüſterte dem Gerichtsdiener zu, er möge noch unten blei⸗ ben, ſchlich dann leiſe die Treppe hinauf, und indem er die Thür des nächſten Zimmers ſchnell öffnete, trat er plötzlich ein. Der Gegenſtand ſeiner Nachſuchungen und ſeines unverſöhnlichen Haſſes war jetzt ein gebrechlicher alter Mann, der an einem grob gezimmerten Tiſche ſaß, auf welchem ein dünnes Talglicht brannte. Er ſchreckte bei dem Eintreten des Fremden auf, und erhob ſich mühſam. „Was giebt es, was giebt es ſchon wieder! rief der alte Mann. Welche neue Unglücks⸗Botſchaft iſt dies?— Was haben Sie mir mitzutheilen? »Ein Wort mit Ihnen, erwiederte Heyling. Er andere Ende des Tiſches, und warf kappe und ſeinen Mantel ab. »Der alte Mann ſchien plötzlich der Sprache beraubt zu ſein.— ſank auf ſeinen Stuhl zurück, und ſtarrte, die Hände zuſammenſchlagend, die Erſcheinung mit einem Blick des Abſcheues und der Furcht an. ſchnell ſeine Die Pickwicker. 53 »„Heute vor ſechs Jahren, begann Heyling, nahm ich Ihr Leben in Anſpruch, welches Sie mir für das meines Kindes verſchuldeten. Vor der Leiche ihrer Tochter ſchwor ich, alter Mann, nur der Rache zu leben. Ich bin noch keinen Augenblick meines Daſeins dieſem Schwur untreu geworden, und wäre es je geſchehen, ſo würde ein Gedanke an den nicht klagenden, aber leiden⸗ den Blick meines Weibes, als ſie dahin welkte, oder an die brechenden Augen unſeres unſchuldigen Kindes mich von Neuem angetrieben haben. Sie erinnern ſich der erſten Handlung meiner Wiedervergeltung— dies iſt die letzte! »Den alten Mann überlief ein Schauder, und ſeine Arme ſanken ihm kraftlos am Leibe hinab. »Morgen verlaſſe ich England, fuhr Heyling nach einer kleinen Pauſe fort, heute Abend überweiſe ich Sie dem lebendigen Tode, dem Sie Ihre Tochter erbarmungs⸗ los übergaben— dem Kerker ohne Hoffnung. »Er hob die Augen zu dem alten Mann empor, und ſchwieg. Er hielt ihm das Licht vor das Antlitz, ſetzte es leiſe wieder auf den Tiſch, und entfernte ſich ſchnell aus dem Zimmer. »Sehen Sie doch nach dem alten Mann, ich glaube, ihm iſt unwohl, ſagte er zu der Frau, als er die Thür öffnete, und darauf winkte er dem Gerichtsdiener, ihm auf die Straße zu folgen. Die Frau verſchloß die Thür, eilte ſchnell hinauf, und fand den alten Mann als eine Leiche. Der Schlag hatte ihn gerührt! Unter einem einfachen Grabſteine auf einem der ſtill⸗ ſten und entlegenſten Kirchhöfen in Kent, wo wilde Blu⸗ men zwiſchen den Graͤbern wachſen, und die umgebende 54 Die Pickwicker. Landſchaft eine der ſchönſten Stellen im Garten Englands bezeichnet, ruhen die Gebeine der jungen Mutter und ihres zarten Kindes; aber die Aſche des unglücklichen Vaters ruht nicht neben der ihrigen, und nie ſeit jenem Abend konnte der Anwald auch nur den mindeſten Aufſchluß über das fernere Schickſal ſeines merkwürdigen Clienten erhalten.« Nachdem der alte Mann ſeine Erzählung beendigt hatte, nahm er ſeinen Hut und Oberrock, und ohne noch ein Wort hinzuzufügen, ſchritt er langſam aus dem Zimmer.— Da der Herr mit den Moſaik⸗Knöpfen eingeſchlafen, und der größere Theil der übrigen Gentle⸗ men in das humoriſtiſche Geſchäft vertieft war, geſchmol⸗ zenes Talg in ſein Getränk zu tröpfeln, ſo entfernte ſich Herr Pickwick unbemerkt, und verließ die Elſter in Be⸗ gleitung des Herrn Weller, nachdem er ihre beiderſeitige Zeche berichtigt hatte. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Herr Pickwick reiſet nach Ipswich und beſteht dort ein roman⸗ tiſches Abenteuer mit einer mittelalterlichen Dame in gelben Haarwickeln. »Iſt das Deines Herrn Gepäck, Sammy?« fragte Herr Weller der Aeltere ſeinen zärtlichen Sohn, als der⸗ ſelbe mit einem Reiſeſack und einem kleinen Felleiſen in — —— Die Pickwicker. 55⁵ den Hof des Wirthshauſes zum Stier in Whitechapel eintrat. »Hätt'ſt mehr fehlſchießen können, als Du gethan haſt, alter Burſche,« entgegnete Herr Weller der Jüngere, indem er ſeine Laſt im Hofe ablegte und ſich dann darauf ſetzte.— „»Mein Herr wird gleich ſelbſt anlangen.« »Er kommt wohl mit einem Kabriolet?« fragte der Vater. »Ja, für acht Pence riskirt er zwei Meilen Gefahr,« erwiederte der Sohn.—»Wie ſchickt ſich die Stiefmama heute Morgen an.« „»O, wunderlich, Sammy, wunderlich,« verſetzte der altere Herr Weller mit eindringlichem Ernſt.»Sie ge⸗ rieth ſeit Kurzem auf die methodiſtiſchen Sprünge, Sam⸗ my, und dies muß wahr ſein, ſie iſt grauſam fromm geworden. Sie iſt für mich ein zu gutes Geſchöpf, Sammy, ich fühle, daß ich ihr nicht verdiene.« »Ah, ſehr viel Selbſtverläugnung,« entgegnete Herr Samuel. »Ja, ſehr viel,« fuhr der Alte mit einem tiefen Seuf⸗ zer fort.—»Sie hat jetzt viel mit'ner Erfindung für ausgewachſene Leute zu thun, daß ſie noch'mal geboren werden,— ich glaube, ſie nennen's die neue Geburt. Ich hätte es gar zu gern, Sammy, daß das neue Sy⸗ ſtem ausgeführt und Deine Stiefmutter noch'mal gebo⸗ ren würde. Ja, dann wollt' ich ſie zu'ner Amme aus⸗ thun.— Was meinſt Du wohl, was die Weibsbilder vor'n paar Tagen angegeben haben,« fuhr Herr Wel⸗ ler nach einer kurzen Pauſe fort, während welcher er ein halbes Dutzend mal behutſam ſich mit dem Vorderfinger an die Naſe geſchlagen hatte.—»Was meinſt Dia daß ſie vor'n paar Tagen angaben?« 56 Die Pickwicker. »Kann's nicht wiſſen,« erwiederte Sam,»was war's denn 2« »Sie ſtellten'n großes Theetrinken für'n Kerl an den ſie ihren Schäfer nennen,« ſagte Herr Weller.— „Ich ſtand vor dem Bilderladen auf unſerm Standplatz, und da ſah ich auch'nen kleinen Zettel, auf dem geſchrie⸗ ben ſtand: Das Billet'ne halbe Krone. Man beliebe ſich an das Komite zu wenden. Miſtreß Weller iſt Ge⸗ ſchäftsführerin.— Und als ich zu Hauſe kam, hielt das Komite ſchon ihre Sitzung in unſerer Hinterſtube— vier⸗ zehn Weibsbilder.— Du hätteſt ſie ſollen ſchnattern hö⸗ ren, Sammy. Das ging lebhaft her, und ſie nahmen Beſchlüſſe an, und votirten Beiträge, und alles was ſonſt dazu gehört. Gut, Deine Stiefmutter plagte mich ſo, hinzugehen, und ich hoffte auch, kurioſe Dinge dort zu erblicken, ſo daß ich mich für ein Billet unterſchrieb. Am Freitag Abend um ſechs Uhr zog ich alſo meine Staats⸗ kleider an, und ging mit der Alten hin. In'nen großen Saal ſtand ein Thee⸗Service für dreißig Perſonen, und ein ganzer Haufen Weibsbilder ſchnatterten mit einander und glotzten mich an, als wenn ſie noch nie'nen ſtattli⸗ chen Alten von achtundfunfzig geſehen hätten. Es währte nicht lange, ſo hörte man ein Gepolter auf der Treppe und ein ſchlanker Jüngling mit'ner rothen Naſe und'nen weißen Halstuch ſtürzt herein und ſingt:»Hier kommt der Schäfer, um ſeine treue Heerde zu beſuchen!« und hinter ihm kommt'n dicker Burſche mit'nem langen blaſ⸗ ſen Geſicht, ganz ſchwarz angezogen, aber in einem fort lächelnd:»Empfangt den Friedenskuß,« ſagt der Schäfer, und küßt die Weiber alle der Reihe nach, und der Andere macht es eben ſo. Ich dachte aber, ob ich's nich auch thun ſollte— beſonders weil ein ſehr nettes junges Mäd⸗ chen neben mir ſaß— aber Deine Stiefmutter kam — — —y-— 4 9 Die Pickwicker. 57 ſchon mit dem Theekeſſel, und nun ging's auch gleich ans Werk. Was das für'n Spektakel war, Sammy, als ſie ihren Geſang anſtimmten, während der Thee noch braute, und was für'n Beten und Eſſen und Trinken. Du hätteſt den Schäfer ſehen ſollen, wie er dem Schin⸗ ken zuſetzte. Ich hab mein Lebtags noch keinen ſo ein⸗ hauen ſehen. Den andern hätte ich auch nicht gern in Koſt genommen, aber gegen den Schäfer war er noch gar nichts. Gut, als der Thee getrunken war, ſangen ſie wieder ein Lied, und darauf fing der Schäfer an zu pre⸗ digen, und es ging noch ganz gut, wenn man bedenkt, wie ſchwer er geladen hatte. Auf einmal fängt er aber an aus vollem Halſe zu ſchreien:»Wo is der Sünder, wo is der elende Sünder?« und gleich glotzten alle Weiber mich an, und ſtöhnen, als wenn ich im Sterben läge. Es kam mir wohl kurios vor, aber ich ſagte noch nichts. Gleich darauf fing er wieder an, ſah mir ſehr ſcharf ins Geſicht und ſchrie:»Wo is der Sünder; wo is der elende Sünder?« und die Weiber ſtöhnten noch zehnmal lauter. Darüber wurde ich doch etwas wild; ich trat alſo ein Paar Schritte vor und ſagte:»Mein Freund,« ſagt' ich, „meinen Sie mir etwa damit?«— Aber ſtatt mich um Verzeihung zu bitten, wie jeder Schentelman gethan haben würde, wurd⸗ er immer anzüglicher, ſchimpfte mich 'n Gefäß, Sammy—'n Gefäß des Zorns— und was dergleichen Scheltnamen mehr ſind. Nun konnt' ich mich aber auch nich länger halten; ich gab ihm erſt einige tüchtige Püffe für ihn ſelber, und dann noch einige ſeinem Kumpan weiter zu geben, und darauf drückt' ich mich. Du hätteſt den Spektakel horen ſollen, Sammy, den die Weiber machten, als ſie den Schäfer wieder unter'm Tiſch hervorzogen.— Aber ſieh da— da kommt ja Dein Herr in leibhaftiger Perſon.« Die Pickwicker. Herr Pickwick ſtieg wirklich eben aus einem Kabrio⸗ let und trat in den Hof. »Ein ſchöner Morgen, Sir!« ſagte Herr Weller Senior. „In der That ſehr ſchön,« erwiederte Herr Pickwick. »In der That ein ſehr ſchöner Morgen,« wiederholte ein rothhariger Mann mit einer Naſe, die ihm wie ein Fragezeichen im Geſicht ſtand und einer blauen Brille. Dieſer Herr war in einem andern Kabriolet gleichzeitig mit Herrn Pickwick angekommen und fragte: „Reiſen Sie auch nach Ipswich, Sir?« »Ja wohl,« entgegnete Herr Pickwick. »Ein merkwürdiges Zuſammentreffen. Wir ſind alſo Reiſefährten.« Herr Pickwick verbeugte ſich. „Haben Sie einen Außenplatz?« fragte der Rothkopf. Herr Pickwick verbeugte ſich abermals. „»Beim Himmel, wie merkwürdig; ich habe auch einen Außenplatz,« rief der Rothkopf aus. Er war eine wichtig⸗ausſehende, ſpitznaſige, geheim⸗ nißthueriſche Perſon, hatte die Gewohnheit, jedesmal, wenn er etwas ſagte, wie ein Vogel den Kopf empor zu werfen, und dabei ſtets zu lächeln, als habe er eben eine der wunderbarſten Entdeckungen gemacht, auf die je der menſchliche Scharfſinn verfallen ſei. »Es freut mich ſehr, daß ich in Ihrer Geſellſchaft reiſen werde,« ſagte Herr Pickwick. »Ah,« erwiederte der Fremde,»es wird für uns Beide ſehr gut ſein; nicht wahr?— Geſellſchaft, ſehn Sie— Geſellſchaft iſt— iſt— iſt ſehr verſchieden von der Einſamkeit— was meinen Sie?« »Das kann keiner läugnen,« fiel Herr Weller mit einem freundlichen Lächeln ein.»Das iſt'ne Sache, die 58 * ſi ꝗ te 4 3 5 3 2 d 4 4 1 1 A 8 * 42 8 97 3 0 Die Pickwicker. 59 ſich von ſelber verſteht, wie das Hundefleiſch— Man ſagte, als ihm das Hausmädchen nachrief, er wäre kein Schen⸗ telman.« „»Ah,« entgegnete der rothhaarige Mann, indem er Herrn Weller mit einem vornehmen Blick von Kopf bis zu den Füßen maß,»ein Freund von Ihnen, Sir 2« „Nicht ſo eigentlich ein Freund,« antwortete Herr Pickwick leiſe,»er iſt mein Bedienter, aber ich laſſe ihm Manches durchgehn, denn unter uns, ich ſchmeichle mir, daß er ein Original iſt, und bin einigermaßen ſtolz auf ihn.« „»Ah ſo,« entgegnete der Rothkopf,»das iſt freilich Geſchmacksſache. Ich meines Theils kann nichts leiden, was originell iſt, denn ich ſehe die Nothwendigkeit davon nicht ein. Wie iſt Ihr Name, Sir 2« „»Da haben Sie meine Karte, Sir,« verſetzte Herr Pickwick, den die plötzliche Frage und das ſeltſame Weſen des Fremden überhaupt ſehr beläſtigte. »Ah, Pickwick, ſehr wohl,« ſagte Jener, indem er die Karte in ſeine Schreibtafel legte.„»Ich mag gern die Namen der Perſonen wiſſen, mit denen ich bekannt werde; es erſpart ſo viel Mühe. Hier iſt auch meine Karte, Sir. Magnus, Sie werden bemerken, Sir— Magnus iſt mein Name: ich denke, ein ganz guter Name, Sir 2« »Ja wohl, ein ſehr guter Name,« entgegnete Herr Pickwick, der ein leichtes Lächeln nicht zu unterdrücken vermochte. „»Ja, mir gefällt er ſehr,« fuhr Herr Magnus fort. „Und ich muß Ihnen ſagen, Sir, daß ich auch einen gu⸗ ten Vornamen habe. Erlauben Sie, Sir— wenn Sie die Karte etwas von der Seite halten, ſo können Sie Alles leſen— ſo— Peter Magnus— klingt gut, Sir, nicht wahr?2« 46 Die Pickwicker. »Sehr gut,« ſagte Herr Pickwick. »'S iſt kurios mit den Anfangsbuchſtaben, Sir⸗ fuhr Herr Magnus fort,»Sie werden bemerken— P. M.— post meridiem. Ich unterzeichne bisweilen eilige Noten an genaue Bekannte: Nachmittag.’ Es macht meinen Freunden viel Spaß, Herr. Pickwick.« »Es muß ihnen in der That viel Vergnügen ge⸗ währen,« ſagte Herr Pickwick, der einigermaßen die Freude des Herrn Magnus bemerkte,»daß ſie ſo leicht zu ergötzen waren.« »Meine Herren, Alles iſt zur Abfahrt bereit,« rief der Kutſcher. 3 »Iſt mein Gepäck ſchon im Wagen?« fragte Herr Magnus den Stallknecht. „»Alles beſorgt, Sir.« »Iſt der rothe Reiſeſack nicht vergeſſen 2« „»Nein, Sir.« »Und der geſtreifte Beutel 2«⸗ »Unterm Kutſchbock, Sir.« „»Und das Packet in Packpapier?2⸗ „»Im Sitzkaſten, Sir. c »Und das lederne Hutfutteral?« »Alles gut eingepackt, Sir.« »Wollen Sie nicht einſteigen?« ſagte Herr Pickwick. »Erlauben Sie,« entgegnete Herr Magnus, der auf dem Rade ſtand,»erlauben Sie, Herr Pickwick, in dieſer Ungewißheit kann ich noch nicht einſteigen. Ich ſehe es dem Manne deutlich an; das lederne Hutfuckeral iſt nicht im Wagen.« Die feierlichen Verſicherungen des Stallknechts waren durchaus vergeblich; das lederne Hutfutteral mußte aus der Tiefe des Kutſchbockkaſten heraufgeholt werden, um Herrn Magnus zu überzeugen, daß es richtig verpackt 60 2 Die Pickwicker.. 61 fei, und nachdem er in dieſer Beziehung beruhigt war, empfand er ein unheimliches Vorgefühl, erſtens, daß der rothe Sack verlegt, dann, daß der geſtreifte Beutel ge⸗ ſtohlen worden, und ſchließlich, daß das Packet in Pack⸗ papier aufgegangen ſei. Als er endlich durch Okular⸗ Inſpektion von der Grundloſigkeit ſeiner ſämmtlichen Beſorgniſſe überzengt war, machte er Anſtalten, das Kutſchdach zu erſteigen, indem er erklärte, jetzt, da jede Laſt von ſeinem Gemüth entnommen, fühle er ſich ganz zufrieden und komfortabel. »Sie ſcheinen um Ihr Gepäck ſehr beſorgt zu ſein, Sir,« ſagte Herr Weller Senior, indem er den Frem⸗ den ſcharf anblickte, als er auf ſeinen Platz ſtieg. »Ja, dieſe Kleinigkeiten machen mir immer viel zu ſchaffen,« erwiederte Herr Magnus, vaber ich bin jetzt ganz darüber beruhigt.« »Nun, das iſt gut,« ſagte Herr Weller.»Sammy, hilf Deinem Herrn auf den Bock— das andere Bein, Sir— ſo— geben Sie mir die Hand.— Jetzt einen tüchtigen Schwung— Sie wogen nicht ſo ſchwer, Sir, als Sie noch ein kleiner Knabe waren.« „Freilich, freilich, Herr Weller,« erwiederte der ganz athemlos gewordene Herr Pickwick gutmüthig, indem er ſeinen Sitz neben ihm einnahm. »„Spring' vorn auf, Sammy,« ſagte Herr Weller. „Jetzt, Willem, laß die Thierchen laufen. Nehmen Sie ſich in Acht vor dem Thorweg, meine Herren. Kopf beie wie der Paſtetenmann ſagt. So, Willem, laß ihnen nur die Zügel«— und die Kutſche raſſelte zur Bewun⸗ derung des ganzen ziemlich dicht bevölkerten Stadtviertels, Whitechapel hinaus. „Das is keine hübſche Nachbarſchaft hier, Sir,⸗ Die Pickwicker. ſagte Sam, indem er ſeinen Hut berührte, wie er es immer zu thun pflegte, wenn er ſeinen Herrn anredete. »Sehr wahr, Sam,« erwiederte Herr Pickwick, die enge und ſchmutzige Straße beberchtend, durch welche ſie eben fuhren. »S iſt ſehr merkwürdig,« fuhr Sam fort, daß Armuth und Auſtern immer behaütüen zu wohnen ſcheinen.« »Das verſtehe ich nicht, Sam,« entgegnete Herr Pickwick. „»Ich meine, Sir, je ärmer ſie irgendwo ſind, deſto mehr Nachfrage iſt nach Auſtern. Seh'n Sie, Sir, das ſechſte Haus iſt hier immer'n Auſterladen. Ich glaube, wenn Einer recht arm iſt, ſo läuft er in der Deſpera⸗ tion aus dem Hauſe, um Auſtern zu eſſen.« „»Ganz recht,« fiel Weller Senior ein,»eben ſo iſt's auch mit geräuchertem Lachs.« »Das ſind wirklich zwei ſehr merkwürdige Thatſachen, die mir bis jetzt ganz entgingen,« ſagte Herr Pickwick. »Sobald wir anhalten, muß ich mir es doch notiren.« Sie erreichten bald das Mile⸗End⸗Zollhaus; es trat ein vollkommenes Stillſchweigen ein, bis ſie noch einige Meilen weiter waren. Jetzt wendete ſich Herr Weller Senior plötzlich zu Herrn Pickwick mit den Worten: 8 »So'n Baumwärtel hat doch'n kurioſes Leben, Sir.⸗ „»Was für'n Wärtel?« fragte Herr Pickwick. »Ein Baumwärtel.« »Was verſtehn Sie unter einem Baumwärtel?« fragte Herr Peter Magnus. „Der Alte meint einen Schlagbaumwärtel, meine Herren,« fiel Sam erläuternd ein. 5 n ᷑σ — — Die Pickwicker. 63 »Ah, ich verſtehe,« ſagte Herr Pickwick,»dieſe Leute müſſen freilich ein ſehr unbequemes Leben führen.“« »Es ſind auch alles Leute,« bemerkte Weller Senior, „denen es in einer oder der andern Art ſchlecht gegan⸗ gen iſt.« S „»Wirklich?« fragte Herr Pickwick. »Ja, Sie können's glauben, Sir. Die Folge davon is, daß ſie ſich aus der Welt zurückziehen, und zwar theils um einſam zu ſein, theils um ſich an der Menſch⸗ heit zu rächen, indem ſie ihr Zoll abnehmen.« »Das erſte, was ich hör',« ſagte Herr Pickwick be⸗ fremdet. „S is die Wahrheit, Sir,« fuhr Herr Weller Se⸗ nior fort,»wenn ſie vornehme Herren wären, ſo würde man ſie Miſanthrops nennen, ſo aber werden ſie nur Baumwärtel.« Durch ſolche Unterhaltungen, die den unſchätzbaren Reiz hatten, zugleich belehrend zu ſein, wußte Herr Wel⸗ ler die Reiſe während des größern Theils des Tages zu verkürzen. An Gegenſtänden des Geſprächs fehlte es nie, und wenn es Herrn Weller auch einen Augenblick an Stoff gebrach, ſo wurde er gleich wieder im Ueber⸗ fluß durch den Eifer des Herrn Magnus, ſich mit der ganzen Lebensgeſchichte ſeiner Reiſegefährten bekannt zu machen, und ſeine auf jeder Station wiederholte Beſorg⸗ niſſe um den rothen Sack, den geſtreiften Beutel und das lederne Hutfutteral und das Packet in Packpapier, zu Tage gefördert. In der Hauptſtraße Ipswich, zur linken Hand, gleich nachdem man über den Platz vor dem Rathhauſe gekommen iſt, ſteht das weit und breit bekannte Gaſthaus „»zum großen weißen Roß,« welches noch mehr in die Augen fällt durch die über der Hauptthür in Stein 64 Die Pickwicker. gehauene Figur eines wüthenden Thiers mit fliegender Mähne und Schweif, das einem wahnſinnigen Karren⸗ gaul gleicht. Dieſes Gaſthaus iſt in der ganzen Um⸗ gegend aus demſelben Grunde berühmt, wie ein Preisochs, eine in der Grafſchafts⸗Chronik angemerkte Rübe, oder ein ungewöhnlich ſchweres Schwein— nämlich wegen ſeiner ungeheuren Größe. Nie gab es unter einem Dach ſolche Labyrinthe von Gängen ohne Fußteppiche, ein ſol⸗ ches Chaos dumpfiger finſterer Zimmer, eine ſo endloſe Anzahl enger Speiſe⸗ oder Schlaf⸗Höhlen, als zwiſchen den vier Wänden des großen weißen Roſſes zu Ipswich zu finden waren. Vor dieſem koloſſalen Gaſthauſe hält die Londoner Poſtkutſche jeden Abend zu derſelben Stunde, und Herr Pickwick, Sam Weller und Herr Peter Magnus ſtiegen an dem Abend, von welchem dieſes Kapitel unſerer Ge⸗ ſchichte handelt, aus jener Londoner Poſtkutſche zu der⸗ ſelben Stunde. »Werden Sie hier bleiben, Sir?« fragte Herr Peter Magnus, als der rothe Sack und der geſtreifte Beutel, das Packet in Packpapier und die lederne Hut⸗ ſchachtel ſicher auf die Hausflur gebracht worden waren. „»Werden Sie hier bleiben, Sir?2« „»Allerdings,« entgegnete Herr Pickwick. »Meiner Treu,« rief Herr Magnus aus,»ein ſo merkwürdiges Zuſammentreffen iſt mir noch nie vorge⸗ kommen. Ich bleibe auch hier. Wir werden doch zu⸗ ſammen zu Mittag eſſen?« »Mit Vergnügen,« entgegnete Herr Pickwick.»Ich weiß freilich noch nicht ganz beſtimmt, ob ich hier Freunde vorfinden werde oder nicht. Kellner, iſt vielleicht ein Herr, Namens Tupman ſchon hier?« Ein korpulenter Mann mit einem Tellertuch von +₰ ———— 1 ‿ Die Pickwicker. 65 vierzehn Tagen unter dem Arm, und mit wenig weißen Strümpfen an den Beinen, unterbrach langſam ſeine Beſchäftigung, die Straße hinab zu gaffen, als Herr Pickwick jene Frage an ihn ſtellte, und nachdem er den Gentleman von dem Deckel ſeines Hutes bis zu dem— unterſten Knopf ſeiner Kamaſchen genau in Augenſchein genommen hatte, erwiederte er nachdrücklich: „»Nein.« »Iſt auch kein Herr, Namens Snodgraß hier?« fragte Herr Pickwick weiter. »Nein.« »Keiner Namens Winkle?⸗ „»Nein.« »Meine Freunde ſind heut noch nicht angekommen, Sir/ ſagte Herr Pickwick.»So laſſen Sie uns denn Aallein ſpeiſen. Weiſen Sie uns ein beſonderes Zimmer an, Kellner.⸗ In Folge dieſes Wunſches ließ ſich der korpulente Mann herab, dem Hausknecht die Beförderung des Ge⸗ päcks anzubefehlen, und führte ſie durch einen langen finſtern Gang in ein großes, ſchlecht meublirtes Zimmer mit einem unſaubern Kamin, in welchem ein winziges Feuer eine klägliche Anſtrengung machte, behagliche Wärme zu ver⸗ breiten, aber dem entmuthigenden Einfluß der Oertlichkeit faſt unterlag. Nach Verlauf einer Stunde wurde den Reiſenden ein wenig Fiſch und ein Beeſſteak vorgeſetzt, und als ſie das Mahl beendigt hatten, rückten Herr Pickwick und Herr Peter Magnus ihre Stühle an das Feuer, erhielten die beſtellte Flaſche möglichſt ſchlechten Portwein, für den möglichſt höchſten Preis zum Beſten des Wirths, und tranken darauf Branntwein und Waſſer zum Beſten ihrer ſelbſt. Herr Peter Magnus war ſchon von Matun ſehr Die Pickwicker. III. 66 Die Pickwicker. geſprächig, und der Branntwein mit Waſſer drängte mit wunderbarer Macht die tiefſten, verborgenſten Geheim⸗ niſſe ſeines Buſens an das Licht. Nachdem er vieles von ſich ſelbſt, ſeiner Familie, ſeinen Freunden, Bekann⸗ ten, Späßen, Geſchäften, Brüdern— geſchwätzige Leute haben in der Regel viel von ihren Brüdern zu erzählen— zum Beſten gegeben hatte— blickte er mehrere Minuten Herrn Pickwick durch ſeine blaugefärbten Brillengläſer an, und ſagte mit der Miene ünſer Beſcheidenheit: »Was meinen Sie wohl, Herr Pickwick, weshalb ich hierher gereiſ't bin?« »Auf mein Wort,« erwiederte Herr Pickwick,»es iſt mir unmöglich, das zu errathen. In Geſchäften dieiei. „Zum Theil richtig,« entgegnete Herr Peter Magnus, vaber zum Theil auch unrichtig. Rathen Sie noch ein⸗ mal, Herr Pickwick.« „»Ich muß es Ihnen wirklich anheimſtellen,« ſagte Herr Pickwick,»ob Sie es mir mittheilen wollen oder nicht, denn ich könnte die ganze Nacht darüber nach⸗ denken und würde es doch nicht rathen.« »Nun gut— hi, hi, hi!« kicherte Herr Peter Magnus verſchämt,»was werden Sie ſagen, Herr Pick⸗ wick, wenn Sie erfahren, daß ich hierher gereiſ't bin, um einer Dame einen Heiraths⸗Antrag zu machen?— Wie, Sir?— hi, hi, hi!« »Nun, ich würde ſagen, daß Ihre Werbung ohne Zweifel mit Erfolg gekrönt werden würde,« erwiederte Herr Pickwick mit ſeinem freundlichſten Lächeln. »Ah, glauben Sie das wirklich, Herr Pickwick?« »In der That,« bekräftigte Herr Pickwick. »Aber Sie ſcherzen doch nicht bloß?« »Nein, nein, beſtimmt nicht.« »Nun, ſo will ich Ihnen denn ein kleines Geheim⸗ ꝗ 42½ Die Pickwicker. 67 niß anvertrauen— ich glaube es auch, Herr Pickwick. Eben ſo wenig will ich Anſtand nehmen, Ihnen zu ſagen — obgleich ich von Natur eiferſüchtig,— über allen Begriff eiferſüchtig bin— daß die Dame ſich hier im Hanſe befindet.« Hier nahm Herr Peter Magnus ſeine Brille ab, um mit den Augen zu blinzeln, und ſetzte ſie dann gleich wieder auf. »Deshalb liefen Sie alſo wohl vor dem Eſſen ſo oft hinaus?« fragte Herr Pickwick ſchalkhaft. „Pſt— ja wohl— das war es, obgleich ich nicht ſo thöricht war, mich ihr ſchon zu präſentiren.“« »Weshalb aber nicht?« „»Wenn man eben von der Reiſe kommt, iſt es nicht rathſam. Ich warte bis morgen, dann hab⸗ ich noch einmal ſo gute Ausſichten. In jenem Mantelſack, Sir, ſteckt ein Anzug, und in jenem Futteral ein Hut, welche, wie ich hoffe, durch ihre Wirkung unſchätzbar füͤr mich ſein werden.« »Ich zweifle nicht daran,« ſagte Herr Pickwick. »Sie müſſen bemerkt haben, wie beſorgt ich den ganzen Tag um mein Gepäck war. Ich glaube nicht, Herr Pickwick, daß ein ſolcher Anzug und Hut für Geld zum zweitenmal zu haben iſt.« Herr Pickwick wünſchte dem Eigenthümer des un⸗ widerſtehlchen Anzugs und Hutes Glück zu ihrer Acqui⸗ ſition, und Herr Peter Magnus ſchien mehrere Minuten in tiefes Nachſinnen verſunken zu ſein. »Sie iſt ein ſehr liebliches Geſchöpf,« begann er endlich wieder. 4 „»Wirklich?« ſagte Herr Pickwick. »Sehr, ſehr ſchön,« fuhr Herr Magnus fort. »Sie wohnt etwa zwanzig Meilen von hier, Herr Pickwick. Ich erfuhr, daß ſie dieſe Nacht und Morgen 5 ½ Die Pickwicker. den ganzen Vormittag hier bleiben würde, und reiſete ſogleich her, um mir die Gelegenheit zu Nutz zu machen. Ich meine, daß ein Gaſthaus ein ſehr guter Ort iſt, Herr Pickwick, um einer Dame einen Heiraths⸗Antrag zu machen. Man kann vorausſetzen, daß ſie auf der Reiſe mehr das Gefühl des Alleinſtehens hat, als in ihrer Heimath.— Was meinen Sie dazu, Herr Pick⸗ wick?« »Es kommt mir ſehr wahrſcheinlich vor,« erwiederte dieſer Gentleman. „Ich bitte um Entſchuldigung,« ſagte Herr Peter Magnus,»aber ich bin von Natur etwas neugierig;— was hat Sie denn hierher geführt?« »Ein bei weitem nicht ſo angenehmes Geſchäft,⸗ entgegnete Herr Pickwick, dem das Blut bei der Erin⸗ nerung daran in das Geſicht ſtieg,»ich bin hierher ge⸗ kommen, um die Treuloſigkeit und den Verrath einer Perſon zu beſtrafen, in deren Ehrgefühl und Wahrhaf⸗ tigkeit ich das unbedingteſte Vertrauen ſetzte.« »Mein Himmel,« rief Herr Peter Magnus aus,»daß iſt allerdings ſehr unangenehm.— Es iſt eine Dame, he?— Abh, ich bin ſchlau, Herr Pickwick, ich merke ſchon, aber ich möchte um alles in der Welt nicht durch weiteres Sondiren Ihre Gefühle verletzen. Vorfälle dieſer Art ſind ſchmerzlich, ungemein ſchmerzlich; aber Sie können mir Zutrauen gewähren, Herr Pickwick, wenn Sie Ihren Gefühlen Luft machen wollen.— Ich weiß, was es heißt, Sir, in der Liebe getäuſcht zu werden— ich habe es ſelbſt ſchon einigemal erfahren.« »Ich bin Ihnen für Ihr Beileid ſehr verbunden,⸗ erwiederte Herr Pickwick, indem er ſeine Uhr aufzog und ſie auf den Tiſch legte; vaber—« „Nein, nein, kein Wort mehr,« unterbrach Herr „ —— Die Pickwicker. 69 Peter Magnus, vich ſehe ſchon, es iſt ein zu ſchmerz⸗ licher Gegenſtand für Sie.— Wie ſpät iſt es, Herr Pickwick.« „Zwölf Uhr vorüber.« „O Himmel, dann muß ich zu Bett gehen.— Es möchte mir ſchaden, wenn ich noch länger ſitzen bliebe, ich könnte Morgen ſehr bleich ausſehen, Herr Pickwick.« Schon der Gedanke an ein ſo großes Unglück jagte dem Herrn Peter Magnus einen ſolchen Schreck ein, daß er ſofort nach dem Stubenmädchen klingelte, und nachdem der geſtreifte Beutel, der rothe Nachtſack, das lederne Hutfutteral, und das Packet in Packpapier in ſein Schlafzimmer befördert waren, begab er ſich mit einem lackirten Leuchter nach dem einen Ende des Hauſes, während Herr Pickwick mit einem andern lackirten Leuch⸗ ter durch eine Unzahl ſich kreuzender Gänge nach dem andern geführt wurde. »Dies iſt Ihr Schlafzimmer, Sir,« ſagte das Stuben⸗ mädchen. „»Gut,« enkgegnete Herr Pickwick, indem er ſich in dem Gemach umſah. Es war ziemlich geräumig, mit zwei Betten verſehen, und im Kamin brannte ein leid⸗ liches Feuer, kurz, die Erwartungen des Herrn Pickwick wurden, nach Allem, was er bis dahin von den Bequem⸗ lichkeiten im großen weißen Roß geſehen hatte, bei weitem übertroffen. 1 »In dem andern Bette ſchläft natürlich Niemand?⸗ fragte Herr Pickwick. »O nein, Sir.« „»Sehr wohl.— Sagen Sie meinem Bedienten, er möchte mir morgen früh um halb neun Uhr war⸗ mes Waſſer bringen, und für jetzt bedürfe ich ſeiner Dienſte nicht mehr.« Die Pickwicker. Das Stubenmädchen wünſchte Herrn Pickwick gute Nacht, und ließ ihn allein. Er ſetzte ſich auf einen Stuhl an das Feuer, und verfiel in ein träumeriſches Nachdenken. Zuerſt gedachte er ſeiner Freunde und wann er ſie wohl wieder ſehen würde, darauf an Miſtreß Martha Bardell, und ſodann, in Folge einer ſehr natürlichen Ideenverbindung an das düſtere Geſchäftszimmer von Dodſon und Fogg. Von Dodſon und Fogg ſchweiften ſeine Gedanken durch einen regelrechten Tangenten in den Mittelpunkt der Geſchichte des merkwürdigen Clienten ab, worauf ſie ſich nach dem großen weißen Roß in Ipswich mit genügen⸗ der Klarheit zurückwendeten, um Herrn Pickwick fühlen zu laſſen, daß er im Einſchlafen begriffen ſei. Er begann daher ſich auszukleiden, als ihm einfiel daß er ſeine Uhr hatte unten liegen laſſen. Dieſe Uhr war nun aber eine ganz beſondere Favo⸗ ritin Herrn Pickwicks, da er ſie unter dem Schatten ſeiner Weſte eine größere Reihe von Jahren mit ſich umhergetragen hatte, als wir jetzt anzugeben uns berufen fühlen. Der Gedanke war ihm noch nie klar geworden, zin⸗ ſchlafen zu können, ohne ſie unter ſeinem Kopfkiſſen oder in dem Uhrgehäuſe über ſeinem Kopf picken zu hören. Da es nun ſchon ziemlich ſpät war, und er in dieſer Stunde der Nacht nicht mehr klingeln mochte, ſo zog er ſeinen Rock wieder an, den er eben abgelegt hatte, nahm den lackirten Leuchter zur Hand, und ging leiſe hinab. Je mehr Treppen Herr Pickwick aber hinunterſtieg, deſto mehr Treppen mußte er wieder hinauf, und wenn er in irgend einen engen Gang kam, und ſich Glück wünſchte, das Erdgeſchoß erreicht zu haben, ſo bot ſich ſeinen überraſchten Blicken abermals eine Treppe dar. Endlich kam er in die gepflaſterte Hausflur, die er ſich 70 v——— v——— Die Pickwicker. 71 erinnerte, als er zuerſt in das Haus trat, geſehen zu haben. Er durchſuchte einen Gang nach dem andern, blickte in ein Zimmer nach dem andern, und endlich, als er ſchon im Begriff ſtand, ſeine Nachforſchungen ver⸗ zweifelnd aufzugeben, öffnete er die Thür deſſelben Zim⸗ mers, in welchem er den Abend zugebracht hatte, und ſah ſein vermißtes Eigenthum auf dem Tiſche liegen. Herr Pickwick ſteckte die Uhr triumphirend ein, und begann, ſein Schlafzimmer wieder aufzuſuchen. War es aber ſchwierig und unſicher geweſen, hinunter zu finden, ſo erſchien ihm die Rückkehr noch viel bedenklicher. Es boten ſich ſeinen Blicken nach allen möglichen Richtungen Reihen von Thüren dar, vor welchen Stiefel von der mannigfaltigſten Geſtalt, Form und Größe ſtanden. Wohl ein Dutzend Mal faßte er leiſe auf den Griff einer Schlafzimmerthüre, die der ſeinigen gleich, und eben ſo oft ſchreckte ihn eine rauhe Stimme, mit dem Ausruf: »Wer zum Teufel iſt da?« oder:»Was wollen Sie hier?« zurück, und er ſchlich dann auf den Zehen mit bewundernswürdiger Behendigkeit weiter. Er befand ſich faſt ſchon am Rande der Verzweiflung, als eine etwas geöffnete Thüre ſeine Aufmerkſamkeit wieder in Anſpruch nahm.— Er warf einen verſtohlenen Blick in das Zimmer; endlich hatte er das rechte gefunden. Da ſtan⸗ den die zwei Betten, deren Stellung er ſich genau erinnerte, und das Feuer im Kamin flackerte noch. Sein Talglicht, nicht das längſte, als er es zuerſt erhielt, war durch den Luftzug in den Gängen noch ſchneller abge⸗ brannt, und es erloſch gänzlich, als er eben in das. Zimmer getreten war.»Das hat nichts zu ſagen,« dachte Herr Pickwick;»ich kann mich eben ſo gut bei dem Licht des Feuers auskleiden.« Die Betten ſtanden zu beiden Seiten der Thür, Die Pickwicker. und zwiſchen jedem und der Wand war ein ſchmaler Raum mit einem Stuhl an deſſen Ende, und gergde breit genug für eine Perſon, um ſich von jener Seite in das Bett zu legen oder herauszuſteigen. Nachdem Herr Pickwick die Vorhänge des einen Bettes an der Außenſeite ſorgfältig zugezogen hatte, ſetzte er ſich auf den Stuhl, und begann langſam ſeine Schuhe und Ka⸗ maſchen auszuziehen. Darauf legte er ſeinen Rock, ſeine Weſte und ſein Halstuch ab, und indem er ſeine bunte Nachtmütze aufſetzte, befeſtigte er ſie unter dem Kinn mit den Bändern, die er zu dieſem Behuf immer an jenen Artikel ſeines Negligées annähen ließ. In dieſem Augenblick Phachte er der komiſchen Verlegenheit, in der er ſich noch eben befunden hatte, und lachte fur ſich ſo herzlich, daß es für jeden gemüthlichen Menſchen höchſt ergötzlich geweſen ſein würde, das Lächeln ſeiner liebens⸗ würdigen Züge unter der Nachtmütze zu beobachten. „Es iſt die luſtigſte Geſchichte,« ſagte Herr Pickwick zu ſich ſelbſt, indem er ſo lachte, daß die Bäͤnder ſeiner Nachtmütze faſt nachgegeben hätten, v»es iſt die luſtigſte Geſchichte, die man nur hören kann, des Nachts mich in dieſem alten Gebäude zu verlaufen, und in dieſen Gängen umherzuirren.— Komiſch, wirklich ſehr komiſch!« Hier lachte Herr Pickwick noch lauter als zuvor, und war im Begriff in der beſten Laune von der Welt das Geſchäft des Auskleidens fortzuſetzen, als er plötzlich und unerwartet darin unterbrochen wurde, nämlich durch das Eintreten einer Perſon in das Zimmer, welche ein Licht in der Hand trug, und nachdem ſie die Thüre verſchloſſen hatte, auf einen Tiſch zuging und das Licht auf denſelben ſetzte. Das Lächeln, welches eben noch um Herrn Pickwicks Züge geſpielt hatte, verlor ſich plötzlich in dem Ausdrucke — — &ͤ-———— u Die Pickwicker. 73 des grenzenloſeſten Erſtaunens. Die Perſon, wer es auch ſein mochte, war ſo ſchnell und mit ſo wenig Ge⸗ räͤuſch eingetreten, daß Herr Pickwick nicht Zeit gehabt hatte, ſie anzurufen oder ſich ihrem Eintritt zu wider⸗ ſetzen. Wer konnte es ſein? ein Dieb oder Räuber? irgend ein Böſewicht etwa, der ihn mit einer koſtbaren Uhr in der Hand hatte die Treppe hinaufkommen ſehen?— Was war hier zu thun? Das einzige Mittel, wie Herr Pickwick ſeinen geheim⸗ nißvollen Beſuch mit der mindeſten Gefahr für ſich ſelbſt beobachten konnte, war, in das Bett zu kriechen und zwiſchen den Vorhängen an der Außenſeite hindurchzu⸗ blicken. Zu dieſem Manövre nahm er daher ſeine Zu⸗ flucht. Er hielt die Vorhänge ſorgfältig mit der Hand zuſammen, ſo daß nichts von ihm geſehen werden konnte, als ſein Geſicht mit der Nachtmütze, und indem er ſeine Brille aufſetzte, nahm er allen ſeinen Muth zuſammen und blickte herzhaft hinaus. Vor Verwunderung und Schrecken fiel er aber faſt in Ohnmacht, denn vor dem Spiegel ſtand eine mittelalterliche Dame mit gelben Haar⸗ wickeln, eifrig beſchäftigt zu bürſten, was die Damen ihre »Hinterhaare« nennen. Wie nun auch die mittelalterliche Dame in jenes Zimmer gekommen ſein mochte, ſo war es doch vollkommen klar, daß ſie dort die Nacht zuzu⸗ bringen gedachte, denn ſie hatte ein Nachtlicht mit einer Blende bei ſich, welches ſie aus lobenswerther Vorſicht gegen Feuersgefahr in einem Becken mit Waſſer auf den Fußboden geſtellt hatte, wo es wie ein gigantiſcher Leucht⸗ thurm, der in einem kleinen Teich ſteht, fortglimmte. »Hilf Himmel,« dachte Herr Pickwick,»welches ſchreckliche Ereigniß!« 9 Die Dame huſtete und Herrn Pickwicks Kopf flog mit Automaten⸗Schnelligkeit hinter den Vorhang zurück. 74 Die Pickwicker. »So etwas Unheimliches iſt mir noch nie vorgekom⸗ men,« dachte der arme Herr Pickwick, während kalte Schweißtropfen durch ſeine Nachtmütze drangen. Es iſt in der That eine ſchreckliche Lage.« Es war ihm unmöglich, dem dringenden Verlangen zu widerſtehen, noch einmal hinauszuſchauen. Er ſteckte ſeinen Kopf wieder zwiſchen den Vorhang. Die Aus⸗ ſicht war noch ſchlimmer, als zuvor. Die mittelalter⸗ liche Dame hatte ihr Haar geordnet, eine weiße Muſſelin⸗ Nachtmütze mit einem ſchmalen Faltenbeſatz aufgeſetzt und blickte nachdenklich in das Feuer. »Die Sache wird immer bedenklicher,« dachte Pick⸗ wick.»Ich darf die Dinge nicht länger ſo fortgehen laſſen. Die Argloſigkeit dieſer Dame beweiſt mir hin⸗ länglich, daß ich in das unrechte Zimmer gerathen ſein muß. Gebe ich mich zu erkennen, ſo bringt ſie das ganze Haus in Aufruhr; bleibe ich aber hier, ſo können die Folgen noch ſchrecklicher ſein.«⸗ Es dürfte kaum nöthig ſein, zu ſagen, daß Herr Pickwick zu den ſittſamſten und zartfühlendſten aller Sterblichen gehörte. Schon der Gedanke, ſich einer Dame in der Nachtmütze zu zeigen, überwältigte ihn, aber die verwünſchten Bänder hatten ſich in einen Knoten ver⸗ ſchlungen, welchen wieder aufzulöſen ihm durchaus nicht gelingen wollte. Er mußte jedoch eine Cataſtrophe her⸗ beiführen, und dazu bot ſich ihm noch ein Mittel dar. Er zog ſich hinter den Vorhang zurück, und begann laut zu huſten. Offenbar hatten die unerwarteten Laute die Dame erſchreckt, denn ſie ſprang vom Stuhl auf, aber eben ſo einleuchtend war es, daß ſie ſich überredet hatte, es ſei nur Einbildung geweſen, wenn es ihr vorgekommen war, als habe ſie etwas gehört; denn als Herr Pickwick in Die Pickwicker. 75 der Beſorgniß, ſie ſei in Ohnmacht gefallen, todtenbleich vor Schrecken nochmals hinauszublicken wagte, ſchaute ſie wie zuvor nachdenklich in das Feuer. »Ein merkwürdiges Franenzimmer das,« dachte Herr Pickwick, und indem er ſich hinter die Vorhänge zurück⸗ zog, begann er abermals zu huſten. Dieſe letztern Töne, jenen ſo ähnlich, in denen, wie uns das Mährchen erzählt, der wilde Rieſe Blunderborn ſeine Meinung auszuſprechen pflegte, daß es Zeit ſei, den Tiſch zu decken, waren zu vernehmlich, um nochmals nur für Wirkungen der Phantaſie gehalten werden zu können. »Gerechter Himmel,« rief die mittelalterliche Dame erſchrocken,»was iſt das?« »Es— Es— iſt nur ein Herr!« rief Herr Pick⸗ wick hinter dem Vorhang. »Ein Herr!« kreiſchte die Dame laut auf. »Jetzt bin ich verloren,« dachte Heit Pickwick. »Ein fremder Mann!« ſchrie die Dame immer lau⸗ ter, und noch ein Augenblick, ſo mußte das ganze Haus in Aufruhr geſetzt werden, denn Herr Pickwick hörte ihre Kleider ſchon nach der Thüre rauſchen. »Madam,« ſagte Herr Pickwick, indem er, auf das Aeußerſte getrieben, den Kopf hinausſteckte,»Madam!« Obgleich nun Herr Pickwick bei dem Hinausſtecken ſeines Kopfes keinen beſtimmten Zweck gehabt hatte, ſo brachte es doch ſofort eine gute Wirkung hervor. Die Dame war, wie wir bereits bemerkten, ſchon der Thüre nahe. Sie mußte dort hinaus, um nach der Treppe zu eilen, und würde ohne Zweifel ſchon auf derſelben gewe⸗ ſen ſein, wenn die plötzliche Erſcheinung von Herr Pick⸗ wicks Nachtmütze ſie nicht in die entfernteſte Ecke des Zimmers zurückgetrieben hätte, von wo aus ſie Herrn „ Die Pickwicker. Pickwick wild anſtarrte, während Herr Pickwick ſeinerſeits ſie verblüfft anſah. »Elender!« begann endlich die Dame, ihre Augen mit den Händen bedeckend,»was wollen Sie hier?« »Nichts, Madame— durchaus nichts, Madame!« erwiederte Herr Pickwick in feierlichem Ernſt. »Nichts?« rief die Dame emporblickend aus. »Nichts, Madame, auf meine Ehre,« ſagte Herr Pickwick, und nickte dabei ſo kräftig mit dem Kopfe, daß die Troddel ſeiner Nachtmütze zu tanzen begann.»Ich ſinke faſt in die Erde vor Scham, Madame, daß ich eine Dame mit einer Nachtmütze anreden muß(hier riß die Dame haſtig die ihrige vom Kopfe), aber ich kann ſie nicht herunterbringen, Madame(hier riß Herr Pickwick, um die Wahrheit ſeiner Ausſage darzulegen, heftig an den Bändern). Es iſt mir jetzt ganz klar, Madame, daß ich dieſes Schlafzimmer irrthümlich für das meinige ge⸗ halten habe. Ich war noch nicht fünf Minuten hier, als Sie plötzlich eintraten.« »Wenn dieſe unwahrſcheinliche Geſchichte wirklich wahr iſt, Sir,« erwiederte die Dame unter heftigem Schluchzen,»ſo werden Sie das Zimmer ſofort verlaſſen.« »Mit dem größten Vergnügen, Madame,« entgegnete Herr Pickwick. „»Augenblicklich, Sir,« ſagte die Dame. „»Ja, ja, Madame,« fiel⸗Herr Pickwick ſchnell ein, ves— es thut mir ſehr leid,« und er trat bei dieſen Worten hinter dem Bette hervor,»die unſchuldige Ur⸗ ſache eines ſolchen Schreckens und ſolcher Unruhe für Sie geworden zu ſein.« Die Dame wies nach der Thür hin. In dieſem Augenblick bewährte ſich eine von den vortrefflichſten Cha⸗ rakter⸗Eigenſchaften des Herrn Pickwick unter den verhing Die Pickwicker. 77 nißvollſten Umſtänden. Obgleich er nämlich ſeinen Hut, wie Nachtwächter zu thun pflegen, haſtig über die Nacht⸗ mütze geſtülpt hatte; obgleich er ſeine Schuhe und Ka⸗ maſchen in der Hand, und den Rock und die Weſte über dem Arme trug, ſo konnte ihn doch nichts vermögen, ſeiner angebornen Galanterie untreu zu werden. »Es thut mir ganz unendlich leid, Madame,« ſagte er, ſich ſehr tief verbeugend. »Dann werden Sie auch ſofort das Zimmer ver⸗ laſſen, Sir,« erwiederte die Dame. »Augenblicklich, Madame,« entgegnete Herr Pickwick und öffnete die Thüre, wobei ihm ſeine Schuhe mit lau⸗ tem Geräuſch entfielen. „Ich hoffe, Madame,« fuhr Herr Pickwick fort, indem er ſeine Schuhe wieder aufnahm und ſich umwendete, um ſich abermals zu verbeugen,»ich hoffe, Madame, daß mein unbefleckter Ruf und die tiefe Achtung, die ich vor Ihrem Geſchlecht hege, mir als eine geringe Entſchuldi⸗ gung«— doch bevor Herr Pickwick den Satz vollenden konnte, hatte ihn die Dame bereits in den Gang gedrängt, und die Thüre hinter ihm verſchloſſen und verriegelt. Wie viele Gründe Herr Pickwick auch haben mochte, ſich ſelbſt Glück zu wünſchen, daß er noch ſo leidlich ent⸗ kommen ſei, ſo war doch ſeine nunmehrige Lage keines⸗ wegs beneidenswerth. Er war allein in einem offenen Gange, mitten in der Nacht, in einem fremden Hauſe, und nur halb angekleidet. Es war nicht daran zu den⸗ ken, daß er in vollkommener Dunkelheit den Weg nach einem Zimmer finden werde, welches er mit einem Licht ſchon vergeblich aufgeſucht hatte, und wenn er in ſeinen hoffnungsloſen Verſuchen das mindeſte Geräuſch machte, ſo lief er Gefahr, daß irgend ein wachſamer Reiſender mit einem Piſtol nach ihm ſchoß, und ihn vielleicht 78 Die Pickwicker. tödtete. Es blieb ihm in der That nichts übrig, als zu bleiben, wo er war, bis es hell würde. Nachdem er da⸗ her ſich noch einige Schritte in dem Gange hinunter⸗ gefühlt hatte, und dabei zu ſeinem größten Schrecken über mehrere Paar Stiefel geſtolpert war, ſchmiegte er ſich endlich in eine kleine Wandvertiefung, um den Mor⸗ gen mit ſo viel philoſophiſcher Ruhe, als ihm möglich ſein würde, zu erwarten.— Er war jedoch nicht beſtimmt, dieſe neue Geduld⸗ probe zu beſtehen, denn er hatte ſich noch nicht lange in ſeinem Verſteck befunden, als zu ſeinem unausſprechlichen Schrecken am Ende des Ganges ſich ein Mann mit ei⸗ nem Lichte zeigte. Seine Beſtürzung verwandelte ſich jedoch plötzlich in die lebhafteſte Freude, als er die Geſtalt ſeines treuen Dieners erkannte. Es war in der That Samuel Weller, welcher, nachdem er ſich noch ſo ſpät mit dem Hausknecht, der die Poſtkutſche erwartete, unter⸗ halten hatte, jetzt im Begriff ſtand, ſich zur Ruhe zu begeben. »Sam,“« ſagte Herr Pickwick, plötzlich vor ihm hin⸗ tretend,»wo iſt mein Schlafzimmer?« Sam ſtarrte ſeinen Herrn mit dem Ausdrucke des höchſten Erſtaunens an, und die Frage mußte mehrere Male wiederholt werden, bevor er ſich umwendete, und nach dem lange geſuchten Zimmer voranging. „»Sam,« ſagte Herr Pickwick, als er ſich in ſein Bett legte, ich habe dieſe Nacht ein ſo merkwürdiges Abenteuer gehabt, als ſich wohl je ereignet haben mag.« »Scheint ſo, Sir,« erwiederte Sam trocken. »Ich habe aber den feſten Entſchluß gefaßt, Sam,«⸗ fuhr Herr Pickwick fort,»mich nie wieder allein in dieſe Gänge zu wagen, und wenn wir auch ſechs Monate in dem Hauſe bliehen,« 3 —— —,——— ——— 25 * 1 1 Die Pickwicker. 79 »Das iſt der klügſte Entſchluß, den Sie faſſen konn⸗ ten,« erwiederte Herr Weller,»Sie hätten faſt jemand nöthig, der Sie beaufſichtigte, wenn ihr Verſtand ſpazie⸗ ren geht.« »Was meinen Sie damit, Sam?« rief Herr Pick⸗ wick aus, richtete ſich im Bette empor, und ſtreckte den Arm aus, als ob er ſich noch ausdrücklicher zu erklären beabſichtige, aber er hielt plötzlich inne, wendete ſich auf die andere Seite, und wünſchte ſeinem Diener gute Nacht. »Gute Nacht, Sir,« erwiederte Sam Weller, und als er hinausgegangen war, ſtand er ſtill, ſchüttelte den Kopf— ging ein Paar Schritte— ſtand wieder ſtill— putzte das Licht— ſchüttelte abermals den Kopf— und begab ſich endlich langſam, und offenbar in das tieſte Nachdenken verſunken, in ſein Schlafgemach. Vierundzwanzigſtes Kapitel. In welchem Herr Samuel Weller ſeine Fextigkeit im Boyſen gegen Herrn Trotter darlegt. In einem kleinen Zimmer in der Nähe der Ställe ſaß früh an dem Morgen, welcher dem nächtlichen Abenteuer des Herrn Pickwick mit der mittelalterlichen Dame in den gelben Haarwickeln folgte, Herr Weller Senior, und traf Vorbereitungen zu ſeiner Rückreiſe nach London. Er befand ſich in einer vortrefflichen Stellung, um ſein Geſicht zu zeichnen, und wir entwerfen daher hiermit eine kleine Skizze von ihm. b 80 Die Pickwicker. Es iſt ſehr möglich, daß das Profil des Herrn Weller in einer früheren Periode ſeiner Laufbahn kühne und ſcharfe Umriſſe gezeigt haben mag. Sein Antlitz hatte ſich jedoch unter dem Einſluß einer nahrhaften Lebensweiſe, und einer großen geiſtigen Anlage zur Kaltblütigkeit und Ruhe mächtig ausgedehnt, und die kräftigen fleiſchigen Ründungen waren ſo ſehr über die ihnen angewieſenen Grenzen getreten, daß es ſehr ſchwer wurde, wenn man ſein Geſicht nicht ganz von vorn betrachtete, mehr als die äußerſte Spitze einer ſehr gerötheten Naſe zu unter⸗ ſcheiden. Aus denſelben Urſachen hatte ſein Kinn jene ernſte und impoſante Form angenommen, die durch Vor⸗ ſezung des Wörtchens»Doppel« bezeichnet zu werden pflegt und ſeine Geſichtshaut zeigte jene eigenthümliche Farbenmiſchung, die man nur bei Gentlemen ſeines Standes und bei halbgarem Roaſtbeef findet. Um den Hals trug er einen karmoſinrothen Reiſe⸗Schawl, den er ſo hoch unter das Kinn zu binden pflegte, daß es ſchwer war, die Falten des einen von denen des andern zu un⸗ terſcheiden. Hierüber knöpfte er eine lange Weſte von geſtreiftem Zeuge, und darüber einen breitſchößigen grü⸗ nen Leibrock, mit großen meſſingenen Knypfen geziert, von denen die beiden im Rücken ſo weit auseinander ſtan⸗ den, daß ſie nie Jemand gleichzeitig geſehen zu haben ſich erinnern konnte. Sein kurzes plattgekämmtes ſchwarzes Haar wurde unter dem breiten Rande eines braunen Hutes mit niedriger Krone kaum ſichtbar. Seine Beine ſteckten in Kniehoſen und Stiefeln mit gelben Stulpen, und eine tombachene Uhrkette mit einem einzigen Petſchaft und dem Uhrſchlüſſel von demſelben Metall hingen unter der geräumigen Weſte hinab. Wir berichteten, Herr Weller ſei mit Vorbereitungen ⸗ zu ſeiner Londoner Reiſe beſchäftigt geweſen— er nahm 1) ——. ————— Die Pickwicker. 81 in der That Mundvorrath ein. Auf dem Tiſche vor ihm ſtand ein Krug mit Bier, ein Stück kaltes Rindfleiſch, und ein ſehr reſpektabel ausſehendes Brod, Herr Weller ver⸗ theilte ſeine Gunſtbezeigungen unter dieſe Viktualien nach den Regeln der ſtrengſten Unpartheilichkeit. Er hatte ſich eben ein großes Stück Brod abgeſchnitten, als das Geräuſch eines in das Zimmer Tretenden ihn veranlaßte, den Kopf emporzurichten und er erblickte ſeinen Sohn. »Guten Morgen, Sammy,“ ſagte der Vater. Der Sohn ging auf den Bierkrug zu, und indem er ſeinem Alten freundlich zunickte, that er zur Erwiederung auf den Gruß einen langen Zug. 24 »Du kannſt nicht übel ſchlucken, Sammy,« ſagte Herr Weller der Aeltere, in den Krug hineinblickend, als ſein Erſtgeborner ihn halbleer wieder hingeſetzt hatte.— »Du würdeſt eine kapitale Auſter abgeben, Sammy, wenn Du als eine ſolche Kreatur wärſt geboren worden.« »Ja, ich würde mich dann gewiß ſehr rechtlich ernährt haben,« erwiederte Sam, und wendete ſich mit großem Eifer zu dem Rindfleiſch. „Es hat mir ſehr gekränkt, Sammy,« ſagte der ältere Herr Weller, indem er den Krug ſchüttelte, und bevor er trank, das Bier kleine Kreiſe beſchreiben ließ,»es hat mir ſehr ge⸗ kränkt, Sammy, aus Deinem eigenen Munde zu hören, daß Du Dir von dem Spitzbuben in der Maulbeerlivree haſt anführen laſſen. Bis vor drei Tagen glaubte ich noch, daß ein Weller niemals hinter's Licht geführt werden könnte.“« »Natürlich allemal ausgenommen von einer Wittwe,⸗ fiel Sam ein. »Wittwen, Sammy,“« fuhr Weller der Aeltere fort, indem er leicht erröthete.—»Wittwen ſind Ausnahmen von jeder Regel.— Ich habe gehört, auf wie viele gewöhnliche Weibsbilder man eine Wittwe rechnet, wenn Die Pickwicker. III. 6 82 Die Pickwicker. es darauf ankommt, Jemanden eine Naſe zu drehen— ich glaube auf ihrer fünf und zwanzig, aber ich weiß nicht beſtimmt, ob es nicht noch mehr ſind.« »Nun, das wäre ſchon genug,« entgegnete Sam. »Außerdem,« fuhr Herr Weller Senior fort, indem er die Unterbrechung nicht beachtete,»iſt dieſes auch eine ganz andere Sache. Du weißt, was der Advokat ſagte, Sammy, als er den Mann vertheidigte, der ſeine Frau immer mit dem Schüreiſen ſchlug, wenn er aufgeräumt war. Und am Ende, Mylord Oberrichter,“ ſagte er,'iſt es nur eine liebenswürdige Schwachheit.’ So ſage ich nun auch, was die Wittwen betrifft, und wenn Du erſt ſo alt biſt wie ich, ſo wirſt Du ſchon daſſelbige ſagen.« »Nun ja, ich hätte klüger ſein ſollen,« ſagte Sam. »Klüger ſein ſollen,« wiederholte Herr Weller Se⸗ nior, indem er mit der geballten Fauſt auf den Tiſch ſchlug.»Ich kenne einen jungen Burſchen, der nicht halb oder zum vierten Theil Deine Erziehung ge⸗ habt hat— der ſich noch nicht ſeit ſechs Monaten auf den Märkten umhertreibt, und der hätte ſich nimmer⸗ mehr ſo hinter's Licht führen laſſen, Sammy— bei Gott nicht, Sammy.« Herr Weller erhob ſich mitten in der, durch dieſe ſchmerzlichen Gedanken veranlaßten Aufregung ſeiner Ge⸗ fühle, klingelte und beſtellte einen zweiten Krug Bier. »Nun, was kann das Schwatzen davon jetzt helfen,« ſagte Sam.»Es iſt geſchehen und läßt ſich nicht mehr ändern, und das iſt doch wenigſtens ein Troſt, wie ſie in der Türkei zu ſagen pflegen, wenn ſie dem unrech⸗ ten Mann den Kopf abgeſchlagen haben. Ich komme jetzt für mein Theil an das Spiel, und ſtößt mir der Trotter je wieder auf, ſo will ich ihn ſchon gehörig zurichten.« 4 — bᷣ⏑⏑⏑³ę²ʃ 705 ☛σ n Die Pickwicker. 83 »Das will ich auch hoffen, Sammy,“« entgegnete Herr Weller.»Dein Wohlſein, Sammy, und mögeſt Du bald den Flecken wieder abwaſchen, den Du auf un⸗ ſern Familiennamen gebracht haſt.« Zu Ehren dieſes Toaſtes trank Herr Weller wenigſtens zwei Drittel des friſch angefüllten Kruges aus, und händigte ihn ſeinem Sohne ein, um über den Reſt zu verfügen, welches auch ſofort geſchah. »Anjetzo, Sammy,« fuhr der Alte fort, indem er auf die doppelgehäuſige ſilberne Uhr blickte, die am Ende der kupfernen Kette befeſtigt war,»anjetzo iſt es Zeit, daß ich meine Abfertigung vom Poſtamt hole, und nach dem Aufladen ſehe, denn Poſtkutſchen, Sammy, ſind wie Kanonen— ſie müſſen ſehr ſorgfältig geladen werden, ehe ſie losgehen.« Sam belächelte mit kindlicher Ehrerbietung den Spaß, und ſein ehrwürdiger Vater fuhr im feierlichen Tone fort: »Ich muß Dich jetzt verlaſſen, Sammy, meine Junge, und wer weiß, wenn ich Dich wiederſehe. Bis Du wieder etwas von dem berühmten Herrn Weller von Bell⸗Savage hörſt, kann es mir Deine Stiefmutter zu arg gemacht haben, oder tauſenderlei mag derweilen paſ⸗ ſirt ſein. Der gute Name der Familie hängt größten⸗ theils von Dir ab, Sammy, und ich hoffe, daß Du ihm Ehre widerfahren laſſen wirſt. Ich weiß, daß ich in allen geringeren Punkten der Erziehung auf Dich rechnen kann, wie auf mein anderes Selbſt. Ich habe Dir alſo bloß noch einen kleinen Rath zu geben: Biſt Du gegen die funfzig, und es kommt Dir in den Sinn, zu heira⸗ then, ſo ſchließe Dich in Dein Kämmerlein ein, wenn Du eins haſt, und vergifte Dich augenblicklich, Aufhän⸗ gen iſt gemein, alſo gieb Dich damit nicht ab. Vergifte 6* 84 Die Pickwicker. Dich, Sammy, mein Junge, vergifte Dich, und Du wirſt nachher herzensfroh ſein, daß Du es gethan haſt.⸗ Mit dieſen rührenden Ermahnungen blickte Herr Weller ſeinen Sohn feſt an, drehte ſich langſam auf der Ferſe herum und war nach wenigen Augenblicken ver⸗ ſchwunden. In der kontemplativen Stimmung, in welche dieſe Worte Herrn Samuel Weller verſetzt hatten, entfernte er ſich aus dem großen weißen Roß, als ſein Vater ihn verlaſſen hatte, lenkte ſeine Schritte nach der St. Cle⸗ menskirche und ſuchte ſich die Melancholie zu vertreiben, indem er in ihren alterthümlichen Umgebungen einher⸗ ſchlenderte. Nach einiger Zeit befand er ſich an einem abgelegenen Ort, einer Art Vorhof von ehrwürdigem Anſehen, welcher, wie er bemerkte, keinen andern Eingang hatte, als jenen, durch den er eingetreten war. Er wollte eben wieder umkehren, als er in Folge einer plötzlichen Erſcheinung, über die wir gleich das Nähere mittheilen werden, wie angewurzelt ſtehen blieb. Herr Samuel Weller hatte an den alten Backſtein⸗ häͤuſern hinaufgeblickt, und dann und wann in ſeiner tie⸗ fen Zerſtreutheit irgend einem rothbäckigen Mädchen zu⸗ geblinzelt, das einen Fenſtervorhang aufzog, oder ein Schlafzimmerfenſter öffnete, als plötzlich ein grünes Gar⸗ tenthor im Hintergrunde des Vorhofes geöffnet ward, der Mann, der hinaustrat, es ſorgfältig hinter ſich ver⸗ ſchloß und ſchnell nach der Stelle zuging, wo Herr Wel⸗ ler ſtand. Als einzelne Thatſache betrachtet, ohne Berückſichti⸗ gung der ſie begleitenden Umſtände, lag nun allerdings hierin nichts Außerordentliches, denn in vielen Orten der Welt kommen Männer aus Gärten, verſchließen grüne Thüren. ſt Die Pickwicker. 85 hinter ſich, und gehen ſelbſt ſchnell fort, ohne durch dieſes alles das mindeſte Aufſehen zu erregen. Es iſt daher einleuchtend, daß dieſer Mann, oder ſein Benehmen, oder beides, etwas ganz Beſonderes haben mußten, um Sams Aufmerkſamkeit mehr als gewöhnlich in Anſpruch zu nehmen. Ob dieſes der Fall war oder nicht, darüber müſſen wir dem Leſer die Entſcheidung ſelbſt überlaſſen, ſobald wir das fernere Benehmen des beſagten Mannes treulich berichtet haben. Als er die grüne Gartenthüre hinter ſich geſchloſſen hatte, ging er, wie ſchon geſagt, ſchnell den Hof hinauf, aber kaum erblickte er den Herrn Weller, als er unſchlüſ⸗ ſig zu werden ſchien, und plötzlich ſtill ſtand. Da er das grüne Gartenthor bereits verſchloſſen und der Hof nur noch einen einzigen andern Ausgang hatte, ſo mußte er bald einſehen, daß er, um hinaus zu gelangen, an Herrn Samuel Weller vorübergehen müſſe. Er ſchritt daher wieder ſchnell vorwärts, und blickte unverwandt grade vor ſich hin. Das Merkwürdigſte an dem Manne war, daß er die wunderlichſten und ſchrecklichſten Geſichter ſchnitt, die man nur ſehen kann. Ein Werk der Natur ward nie mit ſo ausnehmender Kunſt entſtellt, als der Mann in einem Augenblick ſeine Geſichtszüge zu verän⸗ dern wußte. »Nun,« dachte Herr Weller bei ſich, als der Mann ſich näherte,»ſo was iſt mir noch nie vorgekommen. Ich hätte darauf ſchwören mögen, daß er's iſt.« Je näher der Mann kam, um deſto ſchrecklicher verzerrte er ſeine Geſichtszüge. »Ich könnte einen körperlichen Eid auf die ſchwar⸗ zen Haare und den maulbeerfarbigten Rock ablegen,« ſagte Sam bei ſich ſelbſt,»nur habe ich in meinem Leben kein ſolches Geſicht geſehen.« Die Pickwicker. Die Züge des Mannes nahmen jetzt ein faſt unheim⸗ liches, durchaus häßliches Anſehen an. Er mußte jedoch dicht bei Sam vorüber, deſſen forſchende Blicke trotz aller dieſer Geſichtsverzerrungen die kleinen Augen des Herrn Hiob Trotter zu deutlich erkannten, als daß er jetzt noch hätte zweifelhaft ſein können. »Halt, Sir!« rief ihm Sam entgegen. Der Fremde ſtand ſtill. »Halt!« donnerte Sam abermals. Der Geſichterſchneider blickte wie in der höchſten Verwunderung im Hofe hinauf und hinunter, und nach den Fenſtern der Häuſer— überall hin, nur nicht nach Sam Weller— und trat wieder einen Schritt vor, als er durch einen dritten Ruf zurückgehalten wurde. »Halt, Sir,« donnerte Sam noch lauter als zuvor. Der Fremde konnte ſich füglich nicht mehr anſtellen, als ſei er ungewiß, woher die Stimme komme, und da ihm nichts anderes übrig blieb, ſo blickte er endlich Sam gerade in das Geſicht. »Das kann Ihnen alles nichts helfen, Hiob Trot⸗ ter,« ſagte Sam,»laſſen Sie jetzt Ihre Narrenspoſſen. Sie ſind nicht ſo ausnehmend ſchön, daß Sie Ihr Ge⸗ ſicht noch mehr zur Fratze machen dürften. Bringen Sie Ihre Augen nur ja wieder in ihre rechte Lage, ſonſt ſchlage ich ſie Ihnen aus dem Kopfe heraus. Verſtehen Sie mich ²« Da Herr Weller vollkommen geneigt zu ſein ſchien, dem Sinne ſeiner Worte gemäß zu handeln, ſo gab Herr Trotter ſeinem Antlitz den ihm natürlichen Ausdruck wieder, und rief wie voller Freuden aus: »Was ſehe ich? Herr Walker!« »Ah,« entgegnete Sam,»Sie freuen ſich alſo ſehr, mich zu ſehen, wie?« en. Be⸗ gen euſt hen jen, err uck ihr, Die Pickwicker. 87 „Ob ich mich freue?« erwiederte Herr Trotter.„O, Herr Walker, wenn Sie nur wüßten, wie ſehr ich mich nach Ihnen geſehnt habe. Es iſt zu viel, Herr Walker; es überwältigt mich,« und bei dieſen Worten brach Herr Trotter in eine förmliche Thränen⸗Sündfluth aus, und drückte Herrn Weller wie in der innigſten Freude an ſeine Bruſt. „»Hinweg von mir,« ſchrie Sam, über dieſes Beneh⸗ men entrüſtet, und ſuchte ſich der Umarmung des enthu⸗ ſiaſtiſchen Hiob zu entziehen,»hinweg von mir, ſage ich. Was zum Teufel haben Sie wieder zu heulen, Sie trag⸗ bare Feuerſpritze?2« „Weil es mich ſo freut, Sie wiederzuſehen,« erwie⸗ derte Hiob Trotter, der allmählig von Sam abließ, als die erſten Symptome der Borluſt ſich bei dieſem zeigten. „»O Herr Walker, dieſes iſt zu viel fuͤr mich.« „Zuviel?« wiederholte Sam.»Ich denke auch, daß es zu viel iſt. Nun, was haben Sie mir denn jetzt zu ſagen 2« Herr Trotter gab keine Antwort, denn ſein kleines buntes Taſchentuch war in voller Anwendung. »Was haben Sie mir zu ſagen, ehe ich Ihnen den Kopf entzweiſchlage?« wiederholte Sam noch drohender. „»Wie?« ſagte Herr Trotter mit einem Blick tugend⸗ haften Erſtaunens. »Was haben Sie mir zu ſagen?« »Ich, Herr Walker 2« »Nennen Sie mich nicht Walker; mein Name iſt Weller; Sie wiſſen das gut genug. Was haben Sie mir zu ſagen?« »Mein beſter Herr Walker— Weller wollte ich ſagen— ich habe viel, ſehr viel auf dem Herzen, wenn Sie nur irgendwo mit mir hingehen wollen, wo wir Die Pickwicker. ruhig mit einander ſprechen können. Ach, wenn Sie wüßten, wie ich mich nach Ihnen geſehnt habe, Herr Weller.« »Das mag eine ſchöne Sehnſucht geweſen ſein,« bemerkte Sam trocken. »Eine unbeſchreibliche Sehnſucht,« erwiederte Trotter, ohne daß ſich eine Muskel ſeines Geſichts bewegt hätte. „»Aber geben Sie mir Ihre Hand, Herr Weller.« Sam ſah ihm einige Augenblicke in das Geſicht, und erfüllte darauf, wie durch einen plötzlichen Antrieb vermocht, ſeine Bitte. »Wie befindet ſich denn Ihr lieber guter Herr?« fragte Hiob Trotter, während Sie miteinander fortgin⸗ gen.»O, er iſt ein gar würdiger Herr. Ich will doch nicht hoffen, daß er ſich in jener Nacht erkältet hat.« Trotters Mienen nahmen bei die en Worten, wenn auch nur auf einen Augenblick, den Ausdruck verſteckter Schadenfreude an, ſo daß es Sam Weller heiß und kalt überlief, und er unwillkührlich die Fäuſte ballte, indem er kaum dem Verlangen widerſtehen konnte, ſie in Hiobs Rippen zu ſtoßen. Er beherrſchte ſich jedoch, und erwie⸗ derte, ſein Herr befinde ſich ſehr wohl. „»O, wie freut mich das,« entgegnete Herr Trotter. »Iſt er hier?« »Iſt Ihr Herr hier?« fragte Sam dagegen. »Ach ja, er iſt hier, und leider muß ich ſagen, Herr Weller, daß er's ärger treibt als je.« „Wirklich?« ſagte Sam. „O, es iſt entſetzlich, ſchauderhaft.« »Wieder in einer Koſtſchule?« fragte Sam. „»Nein, in einer Koſtſchule nicht, verſetzte Hiob Trot⸗ —,— 6 3 1 — ———.. rr Die Pickwicker. 89 ter mit demſelben ironiſchen Blick, den Sam ſchon vor⸗ hin bemerkt hatte,»in einer Koſtſchule nicht.« »Im Hauſe mit dem grünen Thor?« fragte Sam weiter, indem er ſeinen Gefährten ins Auge faßte. „»Nein, nein,« erwiederte Hiob, indem er mit einer bei ihm ſehr ungewöhnlichen Schnelligkeit einfiel,»nein, dort nicht.« »Was hatten Sie denn da zu thun?2« fragte Sam mit einem ſcharfen Blick,»Sie ſind wohl zufällig in den Garten gerathen?« »Herr Weller,« entgegnete Hiob,»ich will Ihnen meine kleinen Geheimniſſe anvertrauen, weil wir ſogleich eine ſolche Zuneigung zu einander faßten, als wir uns zum Erſtenmale ſahen. Sie erinnern ſich, wie vergnügt wir an jenem Morgen waren.« »Ja wohl,« ſagte Sam ungeduldig, ich erinnere mich. Was weiter?2« »Nun ſehen Sie,« fuhr Hiob in dem leiſen Tone fort, in welchem man ein wichtiges Geheimniß mitzu⸗ theilen pflegt, vin dem Hauſe mit dem grünen Garten⸗ thor giebt es eine zahlreiche Dienerſchaft.« »Nach dem Anſehen des Hauſes kann man ſich das wohl denken,« fiel Sam ein. »Ja wohl,« fuhr Herr Trotter fort, vund unter ihnen iſt auch eine Köchin, die ſich ein Sümmchen zu⸗ ſammenſparte, Herr Weller, und die Abſicht hat, wenn ſie ſich ihren Wünſchen gemäß verheirathen kann, einen kleinen Kramladen anzulegen.« »Ich verſtehe.« »Nun ſehen Sie, Herr Weller, ich ſah die Köchin zuerſt an der Thür der Kapelle, die ich zu beſuchen pflege— eine ſehr artige kleine Kapelle, wo die Lieder aus dem Buch geſungen werden, das ich faſt immer bei 90 Die Pickwicker. mir trage— Sie haben es vielleicht in meiner Hand ſchon geſehen— ich wurde etwas intim mit der Köchin, Herr Weller, woraus ſich eine fernere Bekanntſchaft ent⸗ ſpann, und ich kann Ihnen im Vertrauen ſagen, Herr Weller, daß ich den Kramladen übernehmen werde.“« „»O, Sie werden ein ſehr liebenswürdiger Kram⸗ händler ſein,« erwiederte Sam, indem er Hiob mit einem verächtlichen Seitenblick anſah. „»Der größte Vortheil fuͤr mich wird dabei ſein,« fuhr Hiob fort, indem ſich ſeine Augen wieder mit Thrä⸗ nen füllten,»daß ich meinen widerwärtigen Dienſt bei dem gottloſen Mann, meinem Herrn, werde aufgeben und mich einem beſſern und tugendhafteren Leben widmen können— einem Leben, das den Grundſätzen mehr ent⸗ ſpricht, in denen ich erzogen wurde, Herr Weller.« »Sie müſſen eine ſehr ſorgfältige Erziehung genoſſen haben,« ſagte Sam. »Allerdings, Herr Weller,« erwiederte Hiob, und bei der Erinnerung an die Unſchuld ſeiner Jugendjahre zog er ſein buntes Taſchentuch wieder hervor, und ver⸗ goß reichliche Thränen. »Sie müſſen in der Schule ein ſehr artiger Knabe geweſen ſein,« ſagte Sam. »Ja, das war ich, Herr Weller,« entgegnete Hiob mit einem tiefen Seufzer.»Alle, die mich kannten, ach⸗ teten und ſchätzten mich.« »Ah,« ſagte Sam, odarüber wundere ich mich gar nicht. Was für ein Troſt und eine Freude müſſen Sie für ihre liebe Mutter geweſen ſein?« Bei dieſen Worten drückte Herr Hiob Trotter einen Zipfel des bunten Taſchentuchs in ſein rechtes Auge, und eine Thränenfluth rann abermals über ſeine Wangen hinab. — — Die Pickwicker. 91 „»Was zum Teufel, iſt das mit Ihnen,« ſagte Sam entrüſtet.»Die Waſſerkünſte von Chelſea ſind nichts gegen Sie. Weshalb heulen Sie denn jetzt ſchon wieder — bereuen Sie etwa Ihre Schelmſtücke?« »Es iſt mir unmöglich, meine Gefühle zu unter⸗ drücken,« entgegnete Hiob nach einer kleinen Pauſe.»Ach, wenn ich daran denke, wie damals mein Herr von der Zuſammenkunft, die ich mit dem Ihrigen hatte, erfuhr, und mich zwang, mit ihm abzureiſen, nachdem er die ſchöne junge Dame beredet hatte, zu ſagen, Sie kenne ihn nicht, und dann das arme Kind einer beſſern Spe⸗ kulation wegen verließ— O, Herr Weller, ich muß ſchaudern, wenn ich daran denke.« »So verhielt ſich alſo die Sache?« fragte Sam. »Sie können ſich darauf verlaſſen,« erwiederte Hiob. »Nun gut,« ſagte Sam(ſie waren jetzt bei dem Gaſthauſe angelangt),»ich möchte gern noch etwas mit Ihnen plaudern, und wenn Sie nicht beſonders beſchäf⸗ tigt ſind, ſo kommen Sie heute Abend gegen acht Uhr ins große weiße Roß.« »Ich werde nicht ermangeln,« ſagte Hiob. »Ja, ermangeln Sie nicht,« erwiederte Sam mit einem ſehr bedeutſamen Blick,»denn ich könnte Sie ſonſt hinter der grünen Gartenthüre aufſuchen, und Sie viel⸗ leicht— ausſtechen.« »Ich werde ganz beſtimmt erſcheinen,« entgegnete Herr Trotter, und nachdem er Sams Hände mit der freundlichſten Wärme gedrückt hatte, entfernte er ſich. »Nimm dich in Acht, Hiob Trotter,« ſagte Sam, ihm nachblickend,»denn ſonſt könnte ich Dir dieſes Mal Deine Rechnung bezahlen.« Nachdem er Hiob nachgeblickt hatte, bis er nicht 92 Die Pickwicker. mehr zu ſehen war, begab ſich Sam nach dem Schlaf⸗ zimmer ſeines Herrn. »Es iſt alles im Zuge, Sir,« ſagte Sam. »Was iſt im Zuge?« fragte Herr Pickwick. »Ich habe ſie ausfindig gemacht.« »Wen denn?« „Den langen Gauner und den weinerlichen Burſchen mit den ſchwarzen Haaren.«⸗ »Iſt es möglich, Sam,« rief Herr Pickwick mit der größten Energie aus.»Wo ſind ſie, Sam, wo ſind ſie?« »Pſt, Pſt,« flüſterte Sam, und während er Herrn Pickwick beim Ankleiden half, theilte er ihm den Opera⸗ tionsplan mit, den er entworfen hatte. „Aber, wann ſoll er ausgeführt werden, Sam?« fragte Herr Pickwick. „»Alles zu ſeiner Zeit, Sir,« entgegnete Sam. Ob es zu ſeiner Zeit geſchah oder nicht, das wird uns die Folge lehren. Fuͤnfundzwanzigſtes Kapitel. In welchem Herr Peter Magnus eiferſüchtig und die mittel⸗ alterliche Dame zur Angeberin wird, wodurch die Pick⸗ wicker faſt dem ſtrafenden Arm der Gerechtigkeit anheim fallen. Als Herr Pickwick in das Zimmer hinabging, in welchem er und Herr Peter Magnus den vorigen Abend zugebracht hatten, fand er, daß der letztere Herr bereits den größern Theil des Inhalts der beiden Reiſeſäcke, des — 2 & oHhnnSS a0 f⸗ rd — Die Pickwicker. 93 ledernen Hutfutterals, und des Packets in Packpapier, an ſeiner Perſon zum möglichſten Vortheil angebracht hatte, während er in größter Unruhe und Aufregung umherging. »Guten Morgen, Sir,« ſagte Herr Peter Magnus. „Was meinen Sie hierzu, Sir?« »Es kann ſeine Wirkung nicht verfehlen,« erwiederte Herr Pickwick, indem er den Anzug des Herrn Peter Magnus mit einem gutmüthigen Lächeln muſterte. »Ja, das denke ich auch,« fuhr Herr Magnus fort. »Ich habe meine Karte hinaufgeſchickt, Herr Pickwick.⸗ »Wirklich?« ſagte Herr Pickwick. „Ja, und ſie ließ mir durch den Kellner ſagen, ſie wolle mich um elf Uhr empfangen— um elf Uhr, Sir — in einer Viertelſtunde iſt es ſchon ſo weit.« »Dann iſt die Zeit ſehr nahe,« bemerkte Herr Pickwick. »Ja wohl,« erwiederte Herr Magnus, v»es über⸗ raſcht mich etwas— was meinen Sie, Sir?« »In ſolchen Fällen thut Zuverſicht ſehr viel,« ſagte Herr Pickwick.. »Das mag wohl ſein, Sir,« entgegnete Herr Peter Magnus.»Ich habe ſehr große Zuverſicht, Sir.— Wirklich, Herr Pickwick, ich ſehe nicht ein, weshalb ein Mann ſich in einem Falle, wie dieſer, fürchten ſollte, Sir.— Denn was iſt's, Sir?— Nichts, deſſen man ſich zu ſchämen hätte; es iſt eine Sache gegenſeitigen Einverſtändniſſes und Vortheils, nichts weiter. Der Ehemann von der einen Seite, die Ehefrau von der an⸗ dern— das iſt meine Anſicht der Sache, Herr Pickwick.« »Eine ſehr philoſophiſche Anſicht,« entgegnete Herr Pickwick.»Aber das Frühſtück wartet auf uns, Herr Magnus.— Kommen Siel⸗ 3 3 Die Pickwicker. Sie ſetzten ſich zum Frühſtück, aber trotz der ge⸗ rühmten Zuverſicht des Herrn Peter Magnus war es einleuchtend, daß er an einem bedeutenden Herzklopfen litt, wovon Mangel an Eßluſt, eine Neigung, das Thee⸗ geſchirr umzuwerfen, ein unheimliches Bemühen ſpaßhaft zu ſein, und ein unwiderſtehlicher Drang, alle Augen⸗ blicke nach der Uhr zu ſehen, die Hauptſymptome waren. »Hi, hi, hi!« kicherte Herr Magnus, Heiterkeit affektirend und vor Beängſtigung keuchend;»es fehlen nur noch zwei Minuten, Herr Pickwick.— Sehe ich blaß aus, Sir 2« »Nicht eben ſehr,« erwiederte Herr Pickwick. Es trat eine kurze Pauſe ein. »Ich bitte um Entſchuldigung, Herr Pickwick, aber waren Sie zu Ihrer Zeit auch wohl in einer ähnlichen Lage,« ſagte Herr Magnus. »Sie meinen, ob ich auf Freiersfüßen gegangen bin?2« entgegnete Herr Pickwick. „»Nun ja,« ſagte Herr Magnus. „»Nie,« verſetzte Herr Pickwick mit großem Nachdruck, „niemals.« »Sie wiſſen alſo wohl nicht, wie man das Ding am Beſten angreift.« »Nun,« ſagte Herr Pickwick, vich habe mir zwar ſchon meine Gedanken darüber gemacht, da ich ſie aber nie dem Prüfſtein der Erfahrung zu unterwerfen Gele⸗ genheit fand, ſo muß ich Bedenken nehmen, Sie zu ver⸗ anlaſſen, daß Sie darnach ihr Benehmen einrichten.« „»Ich würde Ihnen für jeden Rath ſehr verpflichtet ſein, Sir,« ſagte Herr Magnus, indem er nochmals auf die Uhr blickte, deren Zeiger ſich ſchon fünf Minuten nach elf neigte. »Wohlan Sir,« ſagte Herr Pickwick mit jenem 94 5 Die Pickwicker. 95 feierlichen Ernſt, durch den der große Mann, wenn er wollte, ſeine Bemerkungen ſo eindringlich zu machen wußte»ich würde damit beginnen, Sir, der Schönheit und den trefflichen Eigenſchaften der Dame zu huldigen, und ſodann zu meiner eigenen Unwürdigkeit übergehen.⸗ »Sehr gut,« bemerkte Herr Magnus. »Aber wohl zu bemerken, Sir, Unwürdigkeit nur in Beziehung auf die Dame,« fuhr Herr Pickwick fort, »denn um ihr zu beweiſen, daß ich keineswegs ein Unwür⸗ diger ſei, würde ich eine kurze Ueberſicht meines bisheri⸗ gen Lebens und meiner jetzigen Lage hinzufügen, und hierauf durch Analogie den Schluß begründen, daß ich für jede andere Perſon ein Gegenſtand lebhafter Wünſche ſein müſſe. Ich würde ſodann die Gluth meiner Liebe und die Innigkeit meiner Ergebenheit und Zuneigung ſchildern. Vielleicht wuͤrde ich mich fernerhin noch ver⸗ anlaßt fühlen, ihre Hand zu ergreifen.« »Ja, Ja,« ſagte Herr Magnus,»daß wäre ein Punkt von großer Wichtigkeit.« »Dann, Sir,« fuhr Herr Pickwick fort, der immer eifriger ſprach, jemehr der Gegenſtand ihm in glänzendern Farben erſchien,»dann, Sir, würde ich endlich zu der einfachen und offenen Frage übergehen: ob ſie mich haben wollte. Ich glaube zu der Annahme berechtigt zu ſein, daß ſie dabei ihr Antlitz abwenden würde.« »Halten Sie das auch für ausgemacht?« fragte Herr Magnus,»denn ſollte ſie es nicht zur rechten Zeit thun, ſo könnte es mich ſehr in Verlegenheit ſetzen.« »Ich glaube, daß es geſchehen wird,« erwiederte Herr Pickwick.»Hierauf, Sir, würde ich ihre Hand drücken, und ich glaube— glaube, Herr Magnus— nachdem das geſchehen und angenommen, es ſei kein Korb erfolgt, mit Zartheit das Tuch entfernen, das ſie nach 96 Die Pickwicker. meiner geringen Kenntniß der menſchlichen Natur in die⸗ ſem Moment vor die Augen halten dürfte, und ihr ſchnell einen ehrerbietigen Kuß auf die Lippen drücken. Ich glaube wirklich, daß ich ſie küſſen würde, Herr Magnus und bin entſchieden der Anſicht, die Dame würde, denn wofern ſie überhaupt etwas von mir wiſſen wollte, mir ein verſchämtes Ja in das Ohr flüſtern.« Herr Magnus ſchreckte zuſammen, blickte einige Au⸗ genblicke ſchweigend in Herrn Pickwicks geiſtreiche Züge, drückte ihm darauf(der Zeiger wies bereits auf zehn Minuten nach elfh mit Wärme die Hand, und ſtürzte aus dem Zimmer. Herr Pickwick war auf⸗ und niedergegangen und es ſchlug halb zwölf Uhr, als die Thüre plötzlich geöffnet ward. Er ſtand im Begriff, Herrn Peter Magnus Glück zu wünſchen, erblickte aber ſtatt ſeiner das fröhliche Ant⸗ litz des Herrn Tupman, die hei ern Züge des Herrn Winkle und das geiſtreiche Profil des Herrn Snodgraß. Während Herr Pickwick ſie bewillkommnete, trippelte auch Herr Peter Magnus in das Zimmer. »Meine Freunde, der Herr, von dem ich eben ſprach, Herr Magnus,« ſagte Herr Pickwick. »Ihr Diener, meine Herren,« nahm Herr Magnus, augenſcheinlich in dem Zuſtande höchſter Aufregung, das Wort,»Herr Pickwick, ich wünſchte ein Paar Worte mit Ihnen allein zu ſprechen.« Indem Herr Magnus dieſes ſagte, griff er mit ſei⸗ nem Zeigefinger in ein Knopfloch am Rocke des Herrn Pickwick, und begann, indem er ihn mit ſich in eine Fen⸗ ſtervertiefung zog: »Wünſchen Sie mir Glück, Sir; ich habe Ihren Rath buchſtäblich befolgt.⸗« „Und alles ging gut, nicht wahr?« fragte Herr Pickwick. —4,„ —„„—-———,—— — Die Pickwicker. 97 „»Allerdings, Sir, es konnte nicht beſſer gehen,« erwie⸗ derte Herr Magnus,»Herr Pickwick, ſie iſt die Meinige!« „»Ich gratulire Ihnen von ganzem Herzen,« ſagte Herr Pickwick, indem er ſeinem neuen Freunde mit Wärme die Hand drückte. »Sie müſſen ſie ſehen, Sir,« fuhr Herr Magnus fort,»ich bitte, kommen Sie.— Entſchuldigen Sie einen Augenblick, meine Herren.« Herr Peter Magnus zog mit dieſen Worten Herrn Pickwick aus dem Zimmer. Er blieb vor der nächſten Thür im Gange ſtehen, und klopfte leiſe an. »Herein!« rief eine weibliche Stimme. Sie tra⸗ ten ein. »Miß Witherfield,« begann Herr Magnus, verlau⸗ ben Sie mir, Ihnen meinen verehrten Freund, Herrn Pickwick, vorzuſtellen. Herr Pickwick, Miß Witherfield.« Die Dame ſtand am obern Ende des Zimmers, und während Herr Pickwick ſich verbeugte, zog er ſeine Brille aus der Weſtentaſche, und ſetzte ſie auf, aber kaum war dieſes geſchehen, als er mit einem Ausruf des Erſtaunens einige Schritte zurückfuhr; die Dame dagegen hielt mit einem halbunterdrückten Schrei die Hände vor die Augen, und ſank auf einen Stuhl. Herr Peter Magnus ſtand wie im Boden eingewurzelt da, und blickte mit Mienen, die das höchſte Entſetzen und die größte Ueberraſchun ausſprachen, abwechſelnd beide an. Allem Anſchein nach war dieſes Benehmen ſehr un⸗ erklärlich, aber die Thatſache war, daß Herr Pickwick kaum ſeine Brille aufgeſetzt hatte, als er in der Braut des Herrn Magnus ſofort die Dame wieder erkannte, in deren Zimmer er in der vergangenen Nacht ſo unverant⸗ wortlicher Weiſe eingedrungen war, und die Brille ſaß kaum auf der Naſe des Herrn Pickwick, als die Dame Die Pickwicker. III. 7 98 Die Pickwicker. ſofort das Geſicht wieder erkannte, welches ſie, mit allen Schreckniſſen einer Nachtmütze umgeben, zuerſt erblickt hatte. Aus dieſem Grunde ſchrie die Dame, und aus demſelben Grunde entſetzte ſich Herr Pickwick. „»Herr Pickwick,« rief Herr Magnus aus, der von ſeinem Erſtaunen kaum wieder zu ſich gekommen war, »was hat dieſes zu bedeuten? Was ſoll dieſes bedeuten, Sir?« wiederholte Herr Magnus in drohendem Tone. »Sir,« entgegnete Herr Pickwick, etwas unwillig über das gebieteriſche Weſen, das Herr Peter Magnus angenommen hatte,»ich kann Ihnen die Frage nicht be⸗ antworten.« »Sie können mir die Frage nicht beantworten?« »Nein, Sir,« erwiederte Herr Pickwick,»ich muß es auf das entſchiedenſte ablehnen, etwas zu ſagen, was dieſe Dame in Verlegenheit ſetzen oder unangenehme Erinne⸗ rungen in ihrer Bruſt erwecken könnte, wenn ſie mich nicht ſelbſt dazu auffordert.« »Miß Witherfield,« ſagte Herr Peter Magnus,»ken⸗ nen Sie dieſen Herrn?« »Ob ich ihn kenne?« wiederholte die mittelalterliche Dame zögernd. »Ja, ob Sie ihn kennen, Madame?« erwiederte Herr Magnus zornig. »Ich habe ihn ſchon geſehen,« entgegnete die mittel⸗ alterliche Dame. »Wo?« fragte Herr Magnus,»wo?« »Das,« verſetzte die mittelalterliche Dame, indem ſie aufſtand und ihr Geſicht abwendete,»das würde ich um keinen Preis offenbaren.⸗ 8 »Ich verſtehe Sie, Madame,« ſagte Herr Pickwick, rund ich weiß Ihr Zartgefühl zu achten; auch ich werde es nie offenbaren; verlaſſen Sie ſich feſt darauf.⸗ 4 4 Die Pickwicker. 99 »Madame,« ſagte Herr Magnus,»wenn man das Verhältniß berückſichtigt, in welchem ich zu Ihnen ſtehe, ſo behandeln Sie dieſe Sache mit einer merkwürdigen Ruhe und Kaltblütigkeit?« »Grauſamer Herr Magnus,“« rief die mittelalterliche Dame aus, und hier begann ſie die bitterſten Thränen zu vergießen. »Richten Sie Ihre Bemerkungen an mich, Sir,« fiel Herr Pickwick ein.»Wenn hier Jemand Tadel ver⸗ dient, ſo bin ich es allein.« »Ah, alſo Sie allein ſind zu tadeln, Sir,« ſagte Herr Magnus.»Ich— ich durchſchaue jetzt Alles, Sir. Sie bereuen jetzt Ihren Entſchluß— wie?« »Meinen Entſchluß?« rief Herr Pickwick aus. »Ja, Ihren Entſchluß, Sir,« fuhr Herr Magnus fort.»O, ſtarren Sie mich nicht ſo an, Sir. Ich erinnere mich Ihrer geſtrigen Aeußerungen ſehr wohl, Sir. Sie kamen hierher, um die Verrätherei und Falſch⸗ heit einer Perſon zu beſtrafen, auf deren Ehrgefühl und Wahrhaftigkeit Sie das vollkommenſte Zutrauen geſetzt hatten— wie?« Hierbei lächelte Herr Peter Magnus ungemein ſpöttiſch, nahm ſeine grüne Brille ab— weil er ſie in ſeinem Anfall von Eiferſucht wahrſcheinlich für überflüſſig hielt, und ließ ſeine kleinen Augen auf eine ſchrecklich anzuſehende Weiſe im Kopfe umherrollen. »Wie?« ſagte Herr Magnus mit einem noch ſpöt⸗ teriſchem Lächeln.»Aber Sie ſollen mir Rede ſtehen, Sir!« »Weshalb denn, Sir?« fragte Herr Pickwick. »Schon gut, Sir, ſchon gut,« erwiederte Herr Mag⸗ nus, mit großen Schritten im Zimmer auf⸗ und abgehend. Es muß etwas ſehr Vielſagendes in dieſen Worten: „ſchon gut!« liegen, denn wir entſinnen uns nicht, je 7* 100 Die Pickwicker. einem Streit auf der Straße, im Theater, oder ſonſt irgendwo beigewohnt zu haben, wo ſie nicht als Antwort auf die herausforderndſten Reden dienten.. „Sie wollen ein Gentleman ſein, Sir?«—»ſchon gut, Sir.«—»Beabſichtigte ich, etwas gegen die junge Dame zu ſagen, Sir?«—»ſchon gut, Sir.«—»Wollen Sie, daß ich Ihnen eine Lektion gebe, Sir?«—»ſchon gut, Sir!« Es iſt zu bemerken, daß in dieſem ewigen „ſchon gut,« eine geheime Herausforderung zu liegen ſcheint, die mehr Unwillen in dem Buſen der angeredeten Perſon erregt, als die offenbarſten Feindſeligkeiten es vermöchten. Wir wollen nicht behaupten, daß die Anwendung dieſer lakoniſchen Redensart bei Herrn Pickwick ſo viel Unwillen hervorrief, als es bei einem gewöhnlichen Men⸗ ſchen der Fall geweſen ſein würde. Wir berichten nur die Thatſache, daß Herr Pickwick die Thüre des Zimmers öffnete, und hinausrief:»Tupman, kommen Sie!« Herr Tupman erſchien augenblicklich mit höchſt ver⸗ wundertem Blick. „Tupman,“« ſagte Herr Pickwick,»ein einigermaßen zartes Geheimniß, welches die Dame dort betrifft, wurde eben die Urſache eines Zwiſtes zwiſchen dieſem Herrn und mir. Wenn ich in Ihrer Gegenwart verſichere, daß dieſes Geheimniß nicht in der geringſten Beziehung zu ihm ſteht, und mit ſeinen Angelegenheiten nichts zu thun hat, ſo brauche ich wohl kaum zu erinnern, daß, wenn der Herr fortfährt, daran zu zweifeln, er zugleich meine Wahrhaftigkeit in Frage ſtellt, wodurch er mich im hohen Grade beleidigen würde.« Als Herr Pickwick dieſes ſprach, warf er einen Blick auf Herrn Peter Magnus, der ihm mehr ſagte, als er aus einer ganzen Encyklopädie hätte lernen können. Das 8 Die Pickwicker. 101 offene und ehrenwerthe Benehmen des Herrn Pickwick im Verein mit jener Kraft und Energie der Rede, die ihn ſo ſehr auszeichneten, würden jeden verſtändigen Mann beruhigt haben, aber unglücklicher Weiſe war in dieſem Augenblick der Verſtand des Herrn Peter Magnus kei⸗ neswegs in gebührender Verfaſſung. Statt des Herrn Pickwick Erklärung ſo aufzunehmen, wie er es hätte thun ſollen, ſchraubte er ſeine Leidenſchaftlichkeit immer mehr auf die Spitze, ſprach davon, was man ſeinen eignen Gefühlen ſchuldig ſei, und dergleichen Redensarten mehr; bemühte ſich, ſeinen Deklamationen durch heftiges Hin⸗ und Hergehen noch mehr Nachdruck zu geben, und ſuchte in dieſen Spiegelfechtereien noch mehr Abwechſelung zu bringen, indem er mit den Fingern in die Haare fuhr, und von Zeit zu Zeit ſeine Fauſt drohend vor das phi⸗ lanthropiſche Antlitz des Herrn Pickwick hielt. Herr Pickwick dagegen, ſeiner Unſchuld und Recht⸗ lichkeit ſich bewußt, und zugleich verdrießlich darüber, daß er das Unglück gehabt, die mittelalterliche Dame in eine ſo unangenehme Verlegenheit zu bringen, war auch nicht ſo ruhig und gefaßt, wie gewöhnlich; die Worte, die man wechſelte, wurden daher immer verletzender und die Stimmen immer lauter, und Herr Magnus ſagte endlich Herrn Pickwick:»er werde weiter von ihm hören,⸗ worauf Herr Pickwick mit lobenswerther Höflichkeit ent⸗ gegnete:»daß es ihm je eher deſto lieber ſein würde,⸗ worauf die mittelalterliche Dame voll Schrecken aus dem Zimmer eilte, aus welchem Herr Tupman auch Herrn Pickwick mit ſich zog, ſo daß Herr Peter Magnus ſich ſelbſt und ſeinen Betrachtungen überlaſſen blieb. Hätte die mittelalterliche Dame den Lauf der Welt und die Sitten und Gebräuche derjenigen, welche die Geſetze und die Moden machen, nur einigermaßen 10² Die Pickwicker. gekannt, ſo würde ſie gewußt haben, daß derartige heftige Auftritte zu den harmloſeſten Dingen gehören; doch da ſie meiſt auf dem Lande gelebt und nie die Parlaments⸗ Debatten geleſen hatte, ſo konnte ſie nur wenig mit die⸗ ſen Verfeinerungen des civiliſirten Lebens vertraut ſein. Als ſie ihr Schlafzimmer erreicht hatte, ſchloß ſie ſich ein, begann über die Scene nachzudenken, der ſie ſo eben beigewohnt hatte; die ſchrecklichſten Bilder von Blut und Mord ſchwebten ihr vor, und unter andern das Portrait von Herrn Peter Magnus in Lebensgröße, der durch vier Männer mit einem ganzen Fäßchen voll Kugeln im Leibe nach Hauſe getragen wurde. Je mehr die mittelalterliche Dame ſich dieſen Phantaſien überließ, um deſto beſorgter wurde ſie, und endlich beſchloß ſie, ſich zu der erſten Magiſtratsperſon der Stadt zu begeben, und ſie zu erſuchen, den Herrn Pickwick und den Herrn Tupman ohne Verzug verhaften zu laſſen. Zu dieſem Entſchluß fühlte ſich die mittelalterliche Dame durch eine Menge von Erwägungen bewogen, deren vornehmſte der unbeſtreitbare Beweis ihrer Zärtlichkeit zu Herrn Peter Magnus, der daraus hervorgehn mußte, und ihrer Beſorgniß um ihn ſein würde. Sie kannte ſein eiferſüchtiges Temperament zu genau, um ſich auch nur die leiſeſte Hindeutung auf den wahren Grund zu geſtatten, weßhalb ſie ſo erſchrack, als ſie Herrn Pickwick erblickte, und ſie ſetzte hinlängliches Vertrauen in ihren Einfluß auf den kleinen Mann und in ihre Ueberredungs⸗ gabe, um die Hoffnung zu nähren, daß es ihr gelingen werde, ſeine ungeſtüme Eiferſucht zu beſtegen, wenn näm⸗ lich Herr Pickwick entfernt und jeder neue unangenehme Auftritt vermieden werden könnte. Mit dieſen Gedanken erfüllt, nahm die mittelalterliche Dame ihren Hut und Shawl, und eilte ſofort nach der Wohnung des Mayors. A 232— — —— ᷣ A —-— ——, ——————,—+2.—— — ²ð——— — u—&— Die Pickwicker. 103 Dieſe erſte Magiſtratsperſon der Stadt, George Nupkins, Esquire, war eine ſo bedeutende Perſon, als der ſchnellſte Fußgänger ſie am einundzwanzigſten Juni, dem längſten Tage im Jahre, zwiſchen Sonnen Auf⸗ und Unter⸗ gang aufzufinden vermöchte, welcher Tag natürlich die meiſte Zeit zum Aufſuchen vergönnen würde. Gerade an dieſem Morgen war Herr Nupkins in einer ſehr verdrießlichen und aufgeregten Stimmung, denn es hatte eine Rebellion in der Stadt gegeben. Sämmtliche Schüler der am zahlreichſten beſuchten Schule hatten ſich nämlich verſchworen, einen ihnen widerwärtigen Apfel⸗ verkäufer die Fenſter einzuwerfen, hatten den Büttel aus⸗ geziſcht, und den Konſtable, einen ältlichen Herrn in Stulpelſtiefeln, der den Aufruhr zu ſtillen beſtimmt und wenigſtens ſchon ſeit einem halben Jahrhundert im Amt geweſen war, mit faulen Eiern geworfen. Herr Nup⸗ kins ſaß majeſtätiſch⸗zürnend und wuthentbrannt in ſei⸗ nem Lehnſtuhl, als ihm eine Dame angemeldet wurde, die ihn in einer wichtigen und dringenden Angelegenheit allein zu ſprechen wünſche. Herr Nupkins nahm ſeinen ruhig⸗furchtbaren Blick an, und befahl, die Dame herein⸗ zuführen, welchem Befehl, wie allen Geboten von Kaiſern und andern großen Potentaten der Erde, augenblicklich Genüge geleiſtet wurde, und Miß Witherfield ward dem⸗ nach im Zuſtande einer intereſſanten Erregtheit eingeführt. „»Muzzle!« rief der Mayor. Muzzle war ſein Bedienter, unterſetzt von Geſtalt, mit einem langen Leibe und kurzen Beinen. »Muzzle!« »Geſtrenger Herr.« »„Setze einen Stuhl, und dann geh hinaus!« „Zu befehlen, geſtrenger Herr.« 104 Die Pickwicker. „»Was haben Sie mir mitzutheilen, Madame?« fragte der Mayor die Dame. »Es iſt etwas ſehr Unangenehmes, Sir,« awiederke Miß Witherfield. »Ich kann es mir wohl denken, Madame,« ſagte der Mayor.»Beruhigen Sie ſich, Madame.«. Herr Nupkins nahm bei dieſen Worten eine ſehr huldvolle Miene an.»Und nun ſagen Sie mir, Madame, was Sie zu mir führt.« Hier triumphirte der Beamte wieder über den Menſchen, und er nahm von Neuem eine ſehr würdevolle Miene an. „Es iſt mir ſehr peinlich, Sir, die Anzeige machen zu müſſen,« ſagte Miß Witherfield,»vaber ich fürchte, daß hier ein Duell beabſichtigt wird.« »Hier, Madame?« entgegnete der Mayor.»Wo, Madame?« »Hier in Ipswich.⸗ »In Ipswich, Madame?— ein Duell in Ipswich?« rief der Mayor, ſchon bei der Vorſtellung eines ſolchen Unterfangens ganz außer ſich.»Unmöglich, Madame, ich bin überzeugt, daß man ſo etwas in dieſer Stadt nicht beabſichtigen kann. Kennen Sie denn die Thätigkeit unſerer Localpolizei nicht? Haben Sie nicht davon ge⸗ hört, daß ich am vorigen vierten Mai, nur von ſechszig Konſtabels begleitet, einen Preiskampf verhinderte, und auf die Gefahr hin, den aufgeregten Leidenſchaften einer wilden Volksmenge zum Opfer zu fallen, einen Fauſt⸗ kampf zwiſchen Dumpling aus Middleſer und Bantam aus Suffolk vereitelte?— Ein Duell in Ipswich, Ma⸗ dame! Ich kann— kann mir es nicht denken,« ſagte der Mayor vor ſich hin,„daß es zwei Menſchen geben ſollte, welche die Frechheit hätten, einen ſolchen Friedens⸗ bruch in dieſer Stadt zu wagen.« ——,—— Die Pickwicker. 105 »Meine Anzeige iſt unglücklicherweiſe nur zu ſehr begründet, Sir,« fuhr die mittelalterliche Dame fort. »Ich war bei dem Streit, der die Veranlaſſung gab, ſelbſt zugegen.« „Es iſt ſchrecklich,« rief der erſtaunte Mayor aus. „Muzzle!« „Ja, geſtrenger Herr.« »Herr Jinks ſoll augenblicklich zu mir kommen.« „»Ja, Ihr Gnaden.« Muzzle eilte hinaus, und gleich darauf trat ein blaſſer, ſpitznaſiger, halbverhungerter und ſchäbiggekleideter Schreiber im Mittelalter herein. »Herr Jinks,« rief ihm der Mayor entgegen,»Herr Jinks!« „»Sir,« rief Herr Jinks zurück. „Dieſe Dame, Herr Jinks, macht ſo eben die An⸗ zeige, daß hier in der Stadt ein Duell beabſichtigt wird.« Herr Jinks, der noch nicht wußte, wie er ſich hier⸗ bei zu benehmen habe, lächelte unterwürfig. »Was haben Sie zu lachen?« fuhr ihn der Mayor an. Herr Jinks nahm ſofort eine ernſthafte Miene an. »Herr Jinks,« ſagte der Mayor,»Sie ſind ein Narr, Sir.« Herr Jinks blickte demüthig den großen Mann an, und kaute an ſeiner Feder. »Die Anzeige mag Ihnen komiſch erſcheinen, Sir, aber ich kann Ihnen ſagen, Herr Jinks, daß Sie durch⸗ aus keine Urſache zum Lachen haben,« bemerkte der Mayor. 4 Der abgemagerte Jinks ſeufzte, als ob er ſich der Thatſache ſehr wohl bewußt ſei, daß er wenig Grund zur Heiterkeit habe, und nachdem ihm aufgegeben worden war, die Anzeige der Dame zu Protokoll zu nehmen, 106 Die Pickwicker. eilte er nach dem Schreibtiſch, und ſetzte ſich dazu in Poſitur. »Dieſer Pickwick iſt alſo der Herausforderer?« ſagte der Mayor, als die Anzeige niedergeſchrieben war. »Allerdings,« erwiederte die mittelalterliche Dame. »Und der andere Friedensſtörer— wie iſt doch ſein Name, Herr Jinks 2« „»Tupman, Sir.« »Iſt er der Sekundant des Pickwick?« „Ja, Sir.« »Der Herausgeforderte hat ſich davon gemacht— ſagten Sie nicht ſo, Madame?« »Ja,« erwiederte Miß Witherfield, indem ſie etwas dabei huſten mußte. »Schon gut,« ſagte der Mayor.»Es ſind ein paar Gurgelabſchneider aus London, die hierher kamen, um Seiner Majeſtät Unterthanen nach dem Leben zu trachten, weil ſie glauben, in dieſer Entferuung von der Haupt⸗ ſtadt ſei der Arm des Geſetzes ſchwach und lahm. Aber es ſoll ein Exempel an ihnen ſtatuirt werden.— Setzen Sie die Verhaftsbefehle auf, Herr Jinks.— Muzzlel« »Ja, Ihr Gnaden.« „»Iſt Grummer unten?« „»Ja, geſtrenger Herr.« »Schickt ihn herauf.« Der dienſtbefliſſene Muzzle entfernte ſich, und kehrte gleich darauf mit dem ältlichen Herrn in den Stulpel⸗ ſtiefeln zurück, der ſich beſonders durch eine rothe Naſe, eine heiſere Stimme, einen ſchnupftabackfarbenen Ober⸗ rock und einen unſteten Blick auszeichnete. »Grummer!« rief ihm der Mayor entgegen. „»Ihr Gnaden.« „Iſt die Stadt jetzt ruhig?« rte el⸗ ſe, er⸗ Die Pickwicker. 107 „»So ziemlich, Ihr Gnaden,« erwiederte Grummer. »Der Aufruhr hat aufgehört, weil die Knaben zum Cricketſpiel gelaufen ſind.« »In Zeiten, wie die unſrigen, muß man nur ener⸗ giſche Maßregeln anwenden, Grummer,« ſagte der Mayor in ſehr beſtimmtem Ton.»Wird das Anſehen der Kö⸗ niglichen Beamten mißachtet, ſo muß die Aufruhrakte verleſen werden. Kann die bürgerliche Gewalt die Fenſter nicht ſchützen, Grummer, ſo muß die Militär⸗Macht die bürgerliche Gewalt und auch die Fenſter beſchützen. Iſt das nicht ein Grundſatz unſerer Conſtitution, Herr Jinks 2 »Allerdings, Sir,« erwiederte Jinks. »Sehr gut,« ſagte der Mayor, indem er die Verhaft⸗ befehle unterzeichnete.»Grummer, Sie werden mir die hier benannten Perſonen heute Nachmittag vorführen. Sie finden dieſelben im großen weißen Roß. Sie erin⸗ nern ſich der Fälle mit Dumpling aus Middleſer und Bantam aus Suffolk, Grummer?« Herr Grummer deutete durch ein Kopfnicken an, daß er dieſen Fall ſo leicht nicht vergeſſen werde, welches um ſo weniger der Fall ſein konnte, als der Mayor ihn täglich daran erinnerte. „Der jetzige Fall iſt ſelbſt noch verfaſſungswidriger,⸗ fuhr der Mayor fort, v»es iſt ein noch ärgerer Friedens⸗ bruch, ein noch größerer Eingriff in Seiner Majeſtät Prärogativen. Gehört nicht das Duell zu Seiner Ma⸗ jeſtät unbezweifelſten Vorrechten, Herr Jinks?« »Ausdrücklich in der Magna Charta ſtipulirt, Sir,«. bekräftigte Herr Jinks. »Eins der koſtbarſten Juwelen in der brittiſchen Krone Seiner Majeſtät, durch die politiſche Union den BAaronen abgetrotzt— nicht wahr, Herr Jinks?« fragte der Mayor. 108 Die Pickwicker. „Allerdings, Sir,« erwiederte Herr Jinks. »Wahrlich,« fuhr der Mayor fort, indem er ſich ſtolz in die Bruſt warf,»es ſoll in dieſem Theile des Königlichen Gebiets nimmermehr angetaſtet werden.— Grummer, nehmen Sie ſich den erforderlichen Beiſtand mit, und vollziehen Sie dieſe Verhaftbefehle ſo ſchnell als möglich.— Muzzle! „»Ja, Ihro Gnaden.« »Begleiten Sie die Dame hinab!« Miß Witherfield entfernte ſich, mit tiefer Ehrfurcht vor der Amtskunde und dem gebieteriſchen Weſen des Mayors erfüllt. Herr Nupkins begab ſich zum Speiſen; Herr Jinks zog ſich in ſich ſelbſt zurück— die einzige Zuflucht, die er hatte, mit Ausnahme des Sopha's in dem kleinen Zimmer, welches bei Tage von der Familie ſeiner Wirthin bewohnt wurde— und Herr Grummer endlich ging, um durch die Art und Weiſe, wie er den eben erhaltenen Auftrag zu vollziehen gedachte, die Schmach abzuwaſchen, welche ihm und Seiner Majeſtät andern Repräſentanten— dem Büttel— an demſelben Morgen zugefügt worden war. Während dieſer kräftigen und entſchiedenen An⸗ ſtalten zur Bewahrung des Landfriedens hatten ſich Herr Pickwick und ſeine Freunde, die verhängnißvollen Ereigniſſe, welche bevorſtanden, nicht ahnend, ruhig zu Tiſche geſetzt, und ſie waren alle ſehr vergnügt und geſprächig. Herr Pickwick erzählte eben zur großen Beluſtigung ſeiner Jünger, beſonders des Herrn Tup⸗ man, ſein Abenteuer in der vorigen Nacht, als die Thüre geöffnet wurde, und ein etwas widerwärtiges Ge⸗ ſicht hineinſchaute, deſſen Blicke einige Augenblicke ſehr ſcharf auf Herrn Pickwick verweilten, und allem An⸗ ſchein nach ſich mit dem Reſultat ihrer Forſchung zu⸗ 4 7 Die Pickwicker. 109 frieden bezeigten, denn der Körper, zu welchem das wider⸗ wärtige Geſicht gehörte, folgte langſam in das Zim⸗ mer nach, und ein ältlicher Herr in Stulpelſtiefeln— doch um die Leſer nicht länger in Ungewißheit zu laſſen, das widerwärtige Geſicht gehörte Herrn Grummer an, und er ſtand in Perſon vor den erſtaunten Pickwickern. Die Verfahrungsweiſe des Herrn Grummer war be⸗ rufsmäßig, aber eigenthümlich. Er begann damit, die Thür zu verriegeln, dann wiſchte er ſich Kopf und Ge⸗ ſicht ſehr ſorgfältig mit einem baumwollenen Taſchen⸗ tuch ab, hierauf ſetzte er ſeinen Hut mit dem hineinge⸗ legten baumwollenen Taſchentuch auf den zunächſt ſtehen⸗ den Stuhl, und endlich zog er aus der Bruſttaſche ſeines Rocks einen kurzen Stab mit einer meſſingenen Krone und ſchwenkte denſelben gravitätiſch und geiſterartig gegen Herrn Pickwick. Herr Snodgraß war der erſte, der das Stillſchwei⸗ gen brach. Er ſah Herrn Grummer eine zeitlang mit feſtem Blick an, und ſagte dann mit Nachdruck: »Sie befinden ſich in einem Privatzimmer, Sir— in einem Privatzimmer.“« Herr Grummer ſchüttelte den Kopf und erwiederte: »Kein Zimmer iſt ein Privatzimmer für das Geſeetz, wenn die Hausſchwelle einmal überſchritten iſt. Einige behaupten, eines Engländers Haus ſei ſeine Burg. Das iſt dummes Zeug!« Die Pickwicker blickten einander höchſt verwun⸗ dert an.. »Wer von Ihnen iſt Herr Tupman?« fragte Herr Grummer— denn Herrn Pickwick hatte er vermöge ſeines Amtsinſtinkts ſogleich erkannt. »Mein Name iſt Tupman,« ſagte dieſer Herr. 110 Die Pickwicker. »Und mein Name iſt Geſetz,« ſagte Herr Grummer. »Wie?« fragte Herr Tupman. „Geſetz, erwiederte Herr Grummer,»Civil⸗ und Exe⸗ kutiv⸗Gewalt. Das ſind meine Titel und das iſt meine Legitimation. Sehen Sie hier— Tupman und Pickwick angeklagt des Friedensbruchs— Alles in beſter Ord⸗ nung. Ich verhafte hiermit den beſagten Pickwick und Tupman.⸗ »Was ſoll dieſe Unverſchämtheit bedeuten?« rief Herr Tupman, indem er aufſprang.»Verlaſſen Sie augenblicklich dieſes Zimmer!« »Hallo,« rief Herr Grummer, ſich ſehr ſchnell nach der Thür zurückziehend und ſie ein paar Zoll weit öffnend. »Dubbley!« »Hier!« ertönte eine mächtige Baßſtimme von dem Gange her. „»Kommt herein, Dubbley,« ſagte Herr Grummer. Auf dieſes Kommandowort druückte ſich ein ſechs Fuß hoher und verhältnißmäßig dicker Mann durch die halbgeöffnete Thür in das Zimmer, indem er während dieſes Manövres ſaure Geſichter ſchnitt.. »Dubbley, ſind die Andern auch bei der Hand?⸗ fragte Herr Grummer. Herr Dubbley, der ein Mann von wenig Worten war, nickte bejahend. „Laßt Eure Abtheilung eintreten, Dubbley,« befahl Herr Grummer. Dubbley that, wie ihm geboten war, und ein halbes Dutzend Männer, von denen jeder mit einem kurzen Stabe und einer meſſingenen Krone darauf bewaffnet war, traten in das Zimmer. Herr Grummer ſteckte ſei⸗ nen Stab wieder ein, und blickte auf Herrn Dubbley. Herr Dubbley ſteckte ſeinen Stab ein, und blickte auf Die Pickwicker. 111 ſeine Untergebenen; dieſe ſteckten gleichfalls ihre Stäbe ein, und blickten auf die Herren Tupman und Pickwick. Herr Pickwick und ſeine Jünger erhoben ſich, wie Ein Mann. »Was ſoll dieſes wilde Eindringen in mein Privat⸗ zimmer bedeuten?« rief Herr Pickwick. »Wer unterfängt ſich, mich verhaften zu wollen 2⸗ rief Herr Tupman. »Ihr Hallunken, was wollt Ihr hier?« rief Herr Snodgraß. Herr Winkle ſagte nichts, aber er heftete ſeine Au⸗ gen auf Grummer, und warf ihm einen Blick zu, welcher, wenn Grummer auch nur eine Spur von Gefühl gehabt, ſeinen Schädel durchbrechen und von der andern Seite hätte wieder herauskommen müſſen. Wie es nun ein⸗ mal war, ſchien er jedoch nicht die geringſte ſichtbare Wirkung auf ihn hervorzubringen. Als die Exekutivmacht bemerkte, daß Herr Pickwick und ſeine Freunde geneigt ſchienen, der Autorität des Geſetzes Widerſtand zu leiſten, ſchoben ſie ſehr bedeutſam ihre Rockärmel in die Höhe, als ſei es eine ſich von ſelbſt verſtehende Amtspflicht für ſie, in dieſem Fall zu⸗ förderſt die Pickwicker zu Boden zu ſchlagen, und ſie ſo⸗ dann vor den Mayor zu führen. Die Demonſtration verfehlte ihren Eindruck auf Herrn Pickwick nicht. Er zog Herrn Tupman auf einige Augenblicke bei Seite, erklärte darauf Herrn Grummer, er wolle ihm nach der Wohnung des Mayors folgen, indem er jedoch ſämmtliche Anweſende zu Zeugen aufrief, daß es ſein feſter Entſchluß ſei, ſobald er ſich wieder in Freiheit befinde, eine ſo un⸗ erhörte Verletzung der Rechte eines Engländers zu ahn⸗ den, worüber die Diener des Geſetzes ausgelaſſen lachten, jedoch mit Ausnahme des Herrn Grummer, der zu beden⸗ 112 Die Pickwicker. ken ſchien, wie ſelbſt der mindeſte Zweifel an dem gött⸗ lichen Recht der Behörden ein nicht zu duldender Akt von Blasphemie ſei. Als ſich Herr Pickwick bereit erklärt hatte, dem Geſetz Folge zu leiſten, und als eben die Kellner und Hausknechte, die Hausmädchen und die Poſtillons, welche Alle in Folge der angedrohten Widerſetzlichkeit einen er⸗ götzlichen Tumult erwartet hatten, ſich mißmuthig zu entfernen begannen, zeigte ſich eine unvorhergeſehene Schwierigkeit. Trotz aller ſeiner Ehrfurcht vor den beſtehenden Au⸗ toritaten weigerte ſich Herr Pickwick beſtimmt, ſich gleich einem gemeinen Verbrecher, umgeben und bewacht von den Dienern des Geſetzes über die öffentliche Straße führen zu laſſen. Da die Ruhe in der Stadt noch nicht als voll⸗ kommen hergeſtellt betrachtet werden konnte(denn es war ein halber Feiertag, und die Schuljugend noch nicht nach Hauſe zurückgekehrt), ſo weigerte ſich Herr Grum⸗ mer eben ſo beſtimmt, auf einem andern Wege zurückzu⸗ kehren, und ſich mit dem Ehrenwort des Herrn Pickwick zu begnügen, daß er ſich unmittelbar nach dem Hauſe des Mayors verfügen wolle. Ebenſo erklärten ſich ſo⸗ wohl Herr Pickwick als Herr Tupman beſtimmt, die Koſten für eine Poſtkutſche nicht tragen zu wollen, und ddieſes war das einzige anſtändige Beförderungsmittel, welches für den Augenblick zur Verfügung geſtanden haben würde. Der Streit ward immer heftiger, und die Verwirrung nahm zu, und eben als die Exekutivmacht duf dem Punkt ſtand, Herrn Pickwicks Weigerung, nach dem Hauſe des Mayors zu gehen, durch das einfache Mittel zu beſeitigen, ihn dorthin zu ſchleppen, erinnerte ſich Jemand, daß auf dem Hofe eine alte Sänfte ſtehe, welche urſprünglich für einen mit der Gicht behafteten 8 „ Die Pickwicker. 113 Gutsbeſitzer beſtimmt, für die Herren Pickwick und Tup⸗ man ſicher ein eben ſo anſtändiges Beförderungsmittel ſein würde, als eine moderne Poſtkutſche. Die Sänfte wurde gemiethet, und auf den Hausflur gebracht; Herr Pickwick und Herr Tupman machten es ſich in derſelben ſo bequem als es thunlich war, und ließen die Vorhänge herunter; ein paar Träger waren bald gefunden, und der Zug ſetzte ſich in Bewegung. Herr Grummer und Herr Dubbley ſchritten triumphirend voran; die übrige Mannſchaft umgab die Sänfte; Herr Snodgraß und Herr Winkle folgten Arm in Arm, und die Ungeſeiften von Ipswich bildeten die Nachhut. Die Krämer der Stadt waren, olbgleich ſie nur ſehr unbeſtimmte Vermuthungen im Betreff des beganc genen Vergehens haben konnten, durch dieſes Schau⸗ ſpiel höchlich erbaut und erfreut, denn der ſbarke Arm des Geſetzes traf doch»mit zwanzig Goldſchlägerkraft« jetzt ſichtlich zwei Frevler aus der Hauptſtadt ſelbſt; die gewaltige Maſchine wurde von ihrem eignen Mayor ge⸗ leitet und durch ihre eigenen Stadtdiener gehandhabt, und in Folge ihrer vereinigten Anſtrengungen waren die beiden Verbrecher in dem engen Raum einer Sänfte ſicher verwahrt. Als Herr Grummer ſo an der Spitze des Zuges, den Stab in der Hand, dahinſchritt, ward er durch manchen Zuruf der Billigung und Bewunderung begrüßt; laut und anhaltend ertönte das Geſchrei, welches die Ungeſeiften anſtellten, und mitten unter dieſen ver⸗ einten Zeugniſſen des öffentlichen Beifalls bewegte ſich der Zug langſam und feierlich durch die Straße. Herr Weller kehrte eben in ſeiner Morgenjacke mit den ſchwarzen Kaliko⸗Aermeln, und in etwas nieder⸗ geſchlagener Stimmung von einer erfolgloſen Bewachung des geheimnißvollen Hauſes mit dem grünen Garten⸗ Die Pickwicker. III. 114 Die Pickwicker. thor zurück, als, indem er ſeine Blicke erhob, er eine, die Straße hinabwogende Volksmenge ſah, die einen Gegenſtand umgab, welcher ſehr das Anſehen einer Sänfte hatte.“ Sehr geneigt, ſeine Gedanken von dem fehlgeſchlagenen Unternehmen abzuleiten, trat er bei Seite, und da er fand, daß das Volk zu ſeinem eigenen Ver⸗ gnügen lärmte und tobte, ſo begann auch er ſofort, wahrſcheinlich nur, um ſich aufzuheitern, mit der ganzen Kraft ſeiner Lunge in das Geſchrei einzuſtimmen. Herr Grummer ging jetzt bei ihm vorüber, und Herr Dubbley und die Sänfte und die Leibwache der Begleiter folgten, und Sam ſchrie noch immer kräftig mit, und ſchwenkte dabei ſeinen Hut, als ob er das entzückendſte Vergnügen empfände(obgleich er nicht das Mindeſte von dem ahnte, was eben vorging), als die unerwartete Erſcheinung der Herren Winkle und Snodgraß ihn plötzlich verſtummen ließ. 1 »Was hat denn das zu bedeuten, meine Herren 2 rief Sam. ⸗Wen bringt man denn da in dem Tranuer⸗ ſchilderhaus?« Beide Herren antworteten zugleich, aber ihre Worte gingen in dem Lärmen verloren. „Wer iſt es?« ſchrie ihnen Sam nochmals zu. Es erfolgte abermals eine gleichzeitige Antwort, und obgleich die Worte wieder für Sam verloren gingen, ſo ſah er doch an der Bewegung der Lippen der Antwor⸗ tenden, daß ſie das magiſche Wort:„Pickwick« aus⸗ ſprachen. Sam ſich durch die Menge gedrängt, hielt die Saͤnften⸗ trager an, und trat dem ſtattlichen Grummer entgegen. »Hallo, alter Herr,« ſchrie er,»wen habt Ihr denn in dem Affenkaſten?« Dies war genug.— Nach wenig Augenblicken hatte —— — —x — Die Pickwicker. 115 „»Zurück!« rief Grummer, der ſich, ſo wie viele andere noch bedeutendere Männer, durch etwas Popularitaͤt wunderbar erhoben fühlte, ihm entrüſtet zu. »Schlagt ihn nieder, wenn er ſich nicht gleich davon macht,« donnerte Dubbley. »Ich bin Ihnen ſehr verbunden dafür, alter Herr,« erwiederte Sam,»daß Sie doch erſt zuſehen, ob es mir auch gefällig iſt, zurückzutreten, und ich fühle mich noch mehr dem andern Herrn, der ausſieht, als ſei er eben einer Rieſenkarawane entlaufen, für ſeinen wohlmeinenden Rathſchlag verpflichtet, aber wenn es Ihnen gleichviel iſt, ſo wäre es mir doch lieber, wenn Sie mir auf meine Frage eine Antwort ertheilten.— Wie geht's, Sir?« Dieſe letztere Frage richtete er mit einem Gönner⸗ ton an Herrn Pickwick, der durch das Vorderfenſter ſchaute. Herr Grummer war vollkommen ſprachlos vor Ent⸗ rüſtung, zog ſeinen Stab mit der meſſingenen Krone unter dem Rock hervor, und ſchwenkte ihn vor Sams Augen. »Ah,« ſagte Sam,»der Stab iſt recht hübſch, und beſonders die Krone, die der wirklichen ungemein ähnlich ſieht.« „Zurück!« ſchrie Herr Grummer abermals, und um ſeinem Gebot noch mehr Nachdruck zu geben, ſtieß er mit der einen Hand das meſſingene Sinnbild des König⸗ thums in Sams Halstuch, und faßte ihn mit der andern beim Kragen, eine Artigkeit, welche Herr Weller dadurch erwiederte, daß er ihn in einem Nu zu Boden ſchlug, nachdem er zuvor mit großem Bedacht einen Sänften⸗ träger niedergeworfen hatte, damit Herr Grummer weicher auf ihn liegen möge. Ob Herr Winkle von jener augenblicklichen Verſtan⸗ 8*¾ 116 Die Pickwicker. deszerrüttung, die im Gefühl des erduldeten Unrechts ihren Urſprung hat, ergriffen, oder ob er durch Sams Beiſpiel mit hingeriſſen wurde, das muß unentſchieden bleiben, ſo viel iſt aber gewiß, daß, ſobald er Herrn Grummer zu Boden ſtürzen ſah, er einen furchtbaren⸗ Angriff auf einen neben ihm ſtehenden kleinen Knaben machte, worauf Herr Snodgraß in echt chriſtlichem Geiſt, und um nicht etwa Jemanden unverſehens zu beſchädigen, ſehr laut verkündete, daß er im Begriff ſei, den Kampf zu beginnen, und ſeinen Rock mit der größten Ruhe und Kaltblütigkeit auszog. Er ward ſofort umringt und feſtgenommen, und die Gerechtigkeit gegen ihn und Herrn Winkle gebietet es, zu berichten, daß ſie nicht den gering⸗ ſten Verſuch machten, ſich ſelbſt oder Sam zu befreien, der nach dem kräftigſten Widerſtande durch die Ueberzahl gebändigt und gleichfalls feſtgenommen wurde. Der Zug ordnete ſich darauf wieder, und ſetzte ſich von Neuem in Bewegung. Herrn Pickwicks Entrüſtung während dieſes ganzen Vorfalls war grenzenlos. Er konnte nur ſehen, wie Sam die Konſtabel nach allen Seiten zu Boden ſchlug, denn er bemühte ſich vergebens, die Sänftenthüre zu öffnen und die Vorhänge aufzuziehen. Endlich gelang es ihm, mit Herrn Tupmans Beiſtande die Decke einzu⸗ ſtoßen; er ſtieg auf den Sitz, und indem er ſich dadurch ſo feſt ſtellte, als er konnte, daß er ſeine Hand auf die Schulter ſeines Gefährten legte, begann er die Menge anzureden, beklagte ſich, wie unverantwortlich er behan⸗ delt werde, und berief ſie Alle zu Zeugen, daß ſein Be⸗ dienter zuerſt angegriffen worden ſei.— So erreichten ſie endlich das Haus der Mayors; die Sänftenträger im Trabe, Herr Pickwick immer mehr in Feuer gerathend, und die Menge tobend und ſchreiend. Die Pickwicker. 117 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Welches eine Menge ergötzliche Dinge enthält, beſonders wie majeſtätiſch und unparteiiſch ſich Herr Nupkins benahm, und wie Herr Weller Hiob Trotter's Federball eben ſo kräftig zurückſchlug als er ihm zugeflogen war, nebſt noch andern derartigen Ereigniſſen, die man an ihrem Ort fin⸗ den wird. Herr Weller zeigte ſich ſehr entrüſtet, als er fort⸗ geführt wurde; zahlreich waren ſeine Anſpielungen auf die Perſönlichkeit und das Benehmen von Herrn Grum⸗ mer und deſſen Gefährten, und keck und kühn die Her⸗ ausforderungen, welche er an die ſechs Diener des Geſetzes richtete, um ſeinem Mißvergnügen Luft zu machen. — Herr Snodgraß und Herr Winkle horchten mit tiefer Ehrfurcht auf den rauſchenden Strom der Bered⸗ ſamkeit, den ihr Führer oben von der Sänfte heraus ſich ergießen ließ, und deſſen ſchnellen Andrang die drin⸗ gendſten Bitten des Herrn Tupman, den Deckel zu ver⸗ ſchließen, auch nicht für einen Augenblick zu hemmen im Stande waren. Sams Zorn wich jedoch plötzlich der Neugierde, als der Zug in denſelben Vorhof einlenkte, in welchem Hiob Trotter ihm entgegengetreten war, und die Neugierde wich wiederum einem Gefühl des an⸗ genehmſten Erſtaunens, als der wichtigthuende Grummer den Trägern gebot, die Sänfte niederzuſetzen, mit ſtatt⸗ lichen und gravitätiſchen Schritten auf daſſelbe grüne Thor zuſchritt, aus welchem Hiob Trotter gekommen war, und ungeſtüm an der Klingel zu ziehen begann, die an der Seite deſſelben hing. Gleich darauf erſchien ein 118 Die Pickwicker. ſehr huͤbſches Hausmädchen, welches, über das rebelliſche Anſehen der Gefangenen, und die leidenſchaftliche Rede des Herrn Pickwick beſtürzt, die Hände emporhob, und „Muzzle!« rief. Herr Muzzle öffnete eine Seite des Thorflügels, um die Sänfte, die Gefangenen und die Konſtabels einzulaſſen, und ſchlug ihn dann Angeſichts der den Zug begleitenden Zuſchauer ſofort wieder zu, welche, empört darüber, daß ſie ſo ausgeſchloſſen wurden, und begierig, zu ſehen, was weiter erfolgen werde, ihre Herzen dadurch erleichterten, daß ſie noch zwei Stunden lang das Thor mit Fußtritten beſtürmten und an der Schelle läuteten. An dieſer Unterhaltung nahmen ſie ſämmtlich abwechſelnd Theil, außer drei bis vier glück⸗ lichen Individuen, die eine Ritze im Thor entdeckt hatten, durch welche man zwar ganz und gar nichts entdecken konnte, aber ſie ſchauten dennoch mit derſelben unermüd⸗ lichen Beharrlichkeit hindurch, mit welcher das Volk ſich die Naſen an den Fenſtern eines Wundarztes plattdrückt, wenn ein Betrunkener, der durch einen Hundekarren übergefahren wurde, in einem hinteren Zimmer chirurgiſch behandelt wird.. Am Fuße einer zur Hausthür führenden Treppe, zu deren Seiten Aloepflanzen in grünen Töpfen ſtanden, ward die Sänfte niedergeſetzt. Man führte Herrn Pick⸗ wick und ſeine Freunde auf die Hausflur, worauf ſie zuförderſt durch Muzzle angemeldet, und dann gleich zu der würdevollen Gegenwart des Herrn Nupkins zugelaſſen wurden. Die Scene war ſehr ergreifend, und ganz darauf berechnet, den Gemüthern von Schul⸗ digen einen heilſamen Schrecken einzuflößen, und ſie mit richtigen Begriffen über die ſtrenge Majeſtät des Geſetzes zu erfüllen. Vor einem großen Bücher⸗ ſchrank in einem großen Lehnſtuhl hinter einem großen — Die Pickwicker. 119 Tiſch und vor einem großen Buch ſaß Herr Nupkins, eine noch größere Geſtalt, ſo groß dieſes Alles auch ſein mochte. Den Tiſch zierten Stöße von Akten und Pa⸗ piere, und am andern Ende deſſelben ragten der Kopf und die Schultern des Herrn Jinks hervor, der eifrig bemüht war, ſo geſchäftig als möglich auszuſehen. Nachdem Alle eingetreten waren, verſchloß Muzle ſorg⸗ fältig die Thür, und ſtellte ſich hinter den Lehnſtuhl ſeines Herrn, um deſſen Befehle gewärtig zu ſein; Herr Nupkins lehnte ſich mit eindringlicher Feierlichkeit zurück, und muſterte die Geſichter ſeiner unfreiwilligen Beſucher. »Grummer, wer iſt die Perſon dort?« begann Herr Nupkins, nach Herrn Pickwick hindeutend, welcher als der Redner unter ſeinen Freunden mit dem Hut in der Hand daſtand, und ſich mit der größten Höflichkeit und Ehrerbietung verbeugte. »Das iſt der Pickwick, Ihr Gnaden,« erwiederte Grummer. 1 »Seid doch nicht ſo unhöflich, alter Brummbär,« fiel Sam ein, der ſich mit Huͤlfe ſeiner Elbogen in die vorderſte Reihe gedrängt hatte;»bitte um Entſchuldigung, Sir, aber dieſer ehrenwerthe Haltfeſt in den Stulpen⸗ ſtiefeln würde ſich als Ceremonienmeiſter ſein Brod nir⸗ gends mit Ehren verdienen können.— Dieſer Herr, Sir,« fuhr Sam zur Seite blickend mit unbefangener Vertraulichkeit fort,»dieſer Herr iſt Samuel Pickwick, Esquire; dieſer Herr Tupman, dieſer Herr Snodgraß und der andere neben ihm Herr Winkle— alle ſehr aus⸗ gezeichnete Gentlemen, Sir, welche kennen zu lernen Ihnen ſehr angenehm ſein wird; je ſchneller Sie alſo dieſe Ihre Diener auf ein paar Monate nach der Tretmühle ſchicken, um deſto ſchneller werden wir uns verſtändigen können. Erſt das Geſchäft, und dann das Vergnügen, — 4 Die Pickwicker. wie König Richard der Dritte ſagte, als er im Tower erſt den andern König erdolchte, um hernach die kleinen Kinder zu erſticken.« Bei dem Schluſſe dieſer Anrede bürſtete Herr Weller ſeinen Hut mit dem rechten Elbogen, und nickte Jinks freundlich zu, der ihm mit unausſprechlichem Entſetzen von Anfang bis zu Ende zugehört hatte. »Wer iſt der Menſch, Grummer?« fragte der Mayor. »Ein ſchrecklich deſperater Kerl, Ihr Gnaden,« ent⸗ gegnete Grummer.»Er verſuchte, die Gefangenen zu befreien, und machte einen Angriff auf uns— wir nah⸗ men ihn daher feſt, und brachten ihn mit hierher.« „Das war recht,« ſagte der Mayor.»Es iſt offen⸗ bar ein deſperater Taugenichts.« »Er iſt mein Bedienter, Sir,« fiel Herr Pickwick zornig ein. . ₰ϑ„„»Ah, alſo Ihr Bedienter,« ſagte Nupkins.»Eine Verſchwörung, die Geſetze unwirkſam zu machen, und die Diener der Gerechtigkeit zu ermorden.— Pickwicks Be⸗ dienter.— Schreiben Sie das nieder, Herr Jinks.« Herr Jinks that, wie ihm befohlen war. »Wie heißt Ihr, verwegener Burſche?« donnerte Herr Nupkins. »Weller,« antwortete Sam. »Ein ſehr guter Name für die Newgate⸗Gefangen⸗ liſte,« bemerkte Herr Nupkins. Dieſes war ein Scherz, ſogleich erhoben Jinks, Grummer, Dubbley und deſſen ganze Abtheilung, ſo wie Muzzle, ein ſchallendes und anhaltendes Gelächter. »Schreiben Sie ſeinen Namen nieder, Herr Jinks,« ſagte der Mayor. »Mit zwei L's, alter Knabe,« bemerkte Sam. Hier lachte ein unglücklicher Konſtabel abermals, 8, ie 6, — Die Pickwicker. 121 wofür der Mayor ihm ſofort mit einer Strafe im Wie⸗ derholungsfall drohte. Es iſt in derartigen Fällen im⸗ mer gefährlich, über den Unrechten zu lachen. »Wo wohnt Ihr?« fragte der Mayor. »Wo ich eben ein Unterkommen finden kann,« er⸗ wiederte Sam. »Schreiben Sie das nieder, Herr Jinks,« ſagte der Mayor, der immer mehr in Wuth gerieth. „Unterſtreichen Sie es auch noch,« fügte Sam hinzu. „Herr Jinks, der Menſch iſt ein Landſtreicher,« ſagte der Mayor.»Iſt er nicht nach ſeiner eignen Angabe ein Landſtreicher, Herr Jinks?2« „»Allerdings, Sir.« »Er ſoll in Haft bleiben— ſoll als Landſtreicher in Haft bleiben,« ſagte Herr Nupkins. „Das iſt doch hier zu Lande eine ſehr unpartheiiſche Juſtiz,« bemerkte Sam.»Es giebt hier keinen Beamten, der nicht zwei Fehler macht, wenn er andere Leute eines einzigen wegen will einſtecken laſſen.«. Hierüber lachte ein anderer Konſtabel, und bemühte ſich darauf, ſo übernatürlich feierlich auszuſehen, daß der Mayor ihn ſofort als den Thäter entdeckte. „»Grummer,« ſagte Herr Nupkins, der vor Wuth ganz roth geworden war,„wie konnten Sie einen ſo untauglichen und verächtlichen Menſchen zum Konſtabel wählen? Wie konnten Sie ſich das unterſtehen?« »Es thut mir ſehr leid, Ihr Gnaden,« ſtotterte Grummer. „Sehr leid,« wüthete der Mayor.»Sie ſollen dieſe Vernachläſſigung Ihrer Pflicht bereuen, Herr Grummer; ich werde ein Exempel an Ihnen ſtatuiren. Nehmen Sie dem Menſchen den Stab weg. Er iſt betrunken. Ihr ſeid betrunken, Kerl.« Die Pickwicker. »Entſchuldigen Sie, geſtrenger Herr, ich bin keines⸗ wegs betrunken,« entgegnete Jener. „Ihr ſeid allerdings betrunken,« rief der Mayor ihm zu.»Wie könnt Ihr Euch unterſtehen zu ſagen, daß Ihr nicht betrunken ſeid, wenn ich ſehe, daß Ihr es ſeid? Riecht er nicht nach Branntewein, Grummer?« „»Ganz grauſam, Ihr Gnaden,« erwiederte Grummer, dem es allerdings ſo vorkam, als ob es irgendwo nach Rum röche. »Ich weiß, daß ich mich nicht irrte,« fuhr Herr Nupkins fort.»Ich ſah gleich an ſeinem wilden Blick, als er hereinkam, daß er betrunken iſt. Bemerkten Sie nicht ſeinen wilden Blick, Herr Jinks?« „Allerdings, Sir,« erwiederte Jinks. „»Ich habe heute Morgen noch keinen Tropfen Brannte⸗ wein getrunken, Sir,« fiel der Mann ein, der überhaupt kein Trinker war. 2 »Wie könnt Ihr Euch unterfangen, mir Lügen in das Geſicht zu ſagen?« donnerte ihn Herr Nupkins an. »Iſt er nicht in dieſem Augenblick betrunken, Herr Jinks.« „»Allerdings, Sir,« erwiederte Jinks. »Herr Jinks,« ſagte der Mayor,»wir wollen dieſen Menſchen wegen ungebührlichen Benehmens gegen ſeinen Vorgeſetzten verhaften. Setzen Sie den Verhaftbefehl auf, Herr Jinks.“ Der unglückliche Konſtabel würde in der That ver⸗ haftet worden ſein, wenn nicht Herr Jinks, der den Mayor mit ſeinem Rath an die Hand ging, weil er eine juriſtiſche Erziehung genoſſen, indem er drei Jahre bei einem Anwald beſchäftigt geweſen war, Herrn Nupkins in das Ohr geflüſtert hätte, daß es nicht geſetzlich zu⸗ läſſig ſei. Der Mayor hielt daher eine Rede, in welcher er ſagte, er wolle aus Rückſichten gegen die Familie des —ʃ —— N X G— ð —— Die Pickwicker. 123 Betrunkenen ihm die Strafe erlaſſen, und es ſolle dieſes⸗ mal bei einem Verweiſe ſein Bewenden haben. Er hielt ihm eine ganze Viertelſtunde lang eine heftige Straf⸗ predigt, und befahl ihm, zu ſeinen Geſchäften zurückzu⸗ kehren, Grummer, Dubbley und alle übrigen Konſtabels, ſo wie auch Muzzle, murmelten der Großmuth des Herrn Nupkins Bewunderung zu. 3 „Herr Jinks,« ſagte der Mayor,»nehmen Sie Grummer den Eid ab.“« Es geſchah, aber da Grummer in ſeinen Ausſagen weitſchweifig wurde, und die Eſſenszeit herannahte, ſo beſchleunigte Herr Nupkins die Sache dadurch, daß er Grummer Antworten in den Mund legte, welche auch meiſt bejahend erfolgten. Das Verhör war daher bald beendigt, und Herr Weller ward zweier Gewaltthätig⸗ keiten, Herr Winkle einer Drohung, und Herr Snod⸗ gras eines Stoßes überführt, und als dieſes Alles zur Zufriedenheit des Mayors geſchehen war, berieth er ſich flüſternd mit Herrn Jinks. Die Berathung währte etwa zehn Minuten, worauf Herr Jinks ſich wieder an das andere Ende des Tiſches ſetzte. Der Mayor räusperte ſich, warf ſich in die Bruſt, und ſtand im Begriff, ſeine Anrede zu beginnen, als ihm Herr Pickwick zuvorkam. »Ich bitte um Entſchuldigung, daß ich Sie unter⸗ breche,« ſagte er,»aber bevor Sie die Meinung, welche Sie ſich nach den ſo eben erfolgten Ausſagen gebildet haben mögen, ausſprechen, oder derſelben gemäß handeln, muß ich mein Recht in Anſpruch nehmen, gehört zu wer⸗ den, inſofern ich perſönlich bei dieſer Angelegenheit be⸗ theiligt bin.« „»Schweigen Sie,« rief ihm der Mayor gebieteriſch zu. »Ich muß Ihnen bemerken, Sir,« fiel HerrPickwick ein— 124 Die Pickwicker. „Schweigen Sie, Sir,« unterbrach ihn der Mayor, voder ich werde einem Konſtabel befehlen, Sie hinauszu⸗ bringen.« »Sie mögen ihren Konſtabels befehlen, was Ihnen beliebt,« ſagte Herr Pickwick,»und ich zweifle nach der Probe, die ich von der unter Ihnen gehandhabten Sub⸗ ordination ſah, nicht im Geringſten, daß Sie alle Ihre Befehle ausführen werden, aber ich nehme mir demuner⸗ achtet die Freiheit, auf meinem Rechte, gehört zu werden, zu beſtehen, bis man mich mit Gewalt entfernt.« »Vivat Pickwick und feſte Grundſätze!« rief Sam Weller mit ſehr hörbarer Stimme. »Sam, ſein Sie ſtill,« ſagte Herr Pickwick. „»Stumm, wie eine Trommel, die ein Loch hat,⸗ entgegnete Sam. Herr Nupkins ſah Herrn Pitkvic mit einem Blick des höchſten Erſtaunens über eine ſo unerhörte Verwe⸗ genheit an, und wollte eben ſehr zornig erwiedern, als Herr Jinks ihn am Aermel zupfte, und ihm etwas in das Ohr flüſterte. Der Mayor erwiederte mit halbhör⸗ barer Stimme, und dann begann das Geflüſter wieder. Jinks machte offenbar Einwendungen gegen ſein Verfahren. Endlich wendete ſich der Mayor, indem er kaum verbergen konnte, wie widerwärtig es ihm ſei, das Ver⸗ hör noch fortzuſetzen, zu Herrn Pickwick, und fragte ver⸗ drießlich:»Was haben Sie noch zu ſagen 2⸗ „»Zuförderſt,« entgegnete Herr Pickwick mit einem Blick durch ſeine Brille, der ſelbſt Nupkins außer Faſſung brachte,»zuförderſt wünſche ich zu wiſſen, weßhalb ich und mein Freund hierher gebracht wurden.« »Muß ich ihm es ſagen?« flüſterte der Mayor Herrn Jinks zu. 8 — Die Pickwicker. 125 »Ich denke, es wird am beſten ſein,« flüſterte Herr Jinks zurück. „»Man hat mir angezeigt, und die Anzeige beſchworen,⸗ ſagte der Mayor,»Sie beabſichtigten ein Duell, und der Andere, Tupman, ſei ihr Sekundant und Mitſchuldiger. Aus dieſem Grunde— he, Herr Jinks— ⸗ »Ganz recht, Sir.« „Aus dieſem Grunde fordere ich Sie beide auf— nicht wahr, Herr Jinks. ⸗ »Sehr richtig, Sir.⸗ „»Fordere Sie auf— wozu, Herr Jinks?« ſagte der Mayor verdrießlich. »Bürgſchaft zu ſtellen, Sir.« „»Ja. Aus dieſem Grunde fordere ich Sie auf, Bürgſchaft zu ſtellen, wie ich eben ſagen wollte, als mein Schreiber mich unterbrach.« „»Genügende Bürgſchaft,« flüſterte Herr Jinks ihm zu. »Ich fordere genügende Bürgſchaft von Ihnen,« ſagte der Mayor. „Leute hier aus der Stadt,« flüſterte Herr Jinks. „»Bürgſchaft von Leuten hier aus der Stadt,« ſagte der Mayor. »Jeder funfzig Pfund Sterling,« flüſterte Jinks, „und natürlich Hausbeſitzer.« »Ich verlange alſo,« ſagte der Mayor laut mit gro⸗ ßer Würde,»daß Sie zwei Bürgen ſtellen, jeder für funfzig Pfund, und es müſſen natürlich Hausbeſitzer ſein.⸗ „Aber ich bitte Sie,« ſagte Herr Pickwick, der, ſo wie Herr Tupman, ſich vor Erſtaunen und Entrüſtung kaum zu faſſen wußte,„wir ſind durchaus fremd hier in der Stadt. Ich kenne eben ſo wenig einen Hausbeſitzer hier, als ich ein Duell beabſichtige.⸗ Die Pickwicker. »Ich weiß es beſtimmt,« erwiederte der Mayor, „ganz beſtimmt— nicht wahr, Herr Jinks.« »Natürlich Sir.« »Haben Sie noch etwas zu ſagen?« fragte der Mayor.. Herr Pickwick hatte allerdings noch viel zu ſagen, und würde es auch ohne Zweifel ſehr wenig zu ſeinem Vortheil oder des Mayors Zufriedenheit geſagt haben, 126 wenn ihn nicht Sam plötzlich am Aermel gezupft hätte, mit welchem er ſofort in eine ſo eifrige Unterhaltung gerieth, daß er die Frage des Mayors gänzlich unbeach⸗ tet ließ. Herr Nupkins war nicht der Mann, eine ſolche Frage zweimal zu ſtellen, und begann daher nach aber⸗ maligem vorbereitenden Räuspern unter dem ehrerbietigen und bewundernden Stillſchweigen der Konſtabels ſeine Entſcheidung auszuſprechen. Weller ſollte um zwei Pfund wegen des erſten, und um drei Pfund wegen des zweiten Angriffs auf die Die⸗ ner des Geſetzes gebüßt werden, Winkle um zwei und Snodgraß um ein Pfund, wobei ſie außerdem den Frie⸗ den gegen Seiner Majeſtät ſämmtliche Unterthanen und insbeſondere gegen ſeinen getreuen Diener, Daniel Grum⸗ mer, zu beſchwören haben würden. Pickwick und Tup⸗ man hatte er bereits Ihre Bürgſchaft aufgegeben. Sobald der Mayor dieſes Strafurtheil verkündet hatte, trat Herr Pickwick, in deſſen ſchon wieder aufge⸗ heiterten Zügen ein Lächeln durchbrach, vor, und ſagte: »Ich bitte den Herrn Mayor um Entſchuldigung, muß aber um ein kurzes Gehör in einer für ihn ſelbſt ſehr wichtigen Angelegenheit erſuchen.« »Wie?« rief der Mayor aus. Herr Pickwick wiederholte ſein Begehren. —— — — Die Pickwicker. 127 »Es iſt eine höchſt ungewöhnliche Zumuthung,« ſagte der Mayor,»eine geheime Unterredung?« »Eine geheime Unterredung,« erwiederte Herr Pick⸗ wick mit Feſtigkeit, nur wünſchte ich, da ich von meinem Diener einen Theil deſſen erfuhr, was ich Ihnen mitzu⸗ theilen habe, daß er dabei gegenwärtig ſei.« Der Mayor blickte Herrn Jinks, Herr Jinks blickte den Mayor, und die Konſtabels blickten einander gegen⸗ ſeitig erſtaunt an. Plötzlich erbleichte Herr Nupkins. Hatte Weller vielleicht in einem Augenblick der Reue eine Verſchwörung offenbart? Wollte man ihn ermor⸗ den? Ein ſchrecklicher Gedanke! Er war ein Staats⸗ beamter, und er entfärbte ſich immer mehr, indem er an Julius Cäſar und an Herrn Perceval dachte. Der Mayor blickte Herrn Pickwick mit einer miß⸗ trauiſchen Miene an, und winkte Herrn Jinks zu ſich. »Was meinen Sie dazu, Herr Jinks?« flüſterte Herr Nupkins. Herr Jinks, der nicht genau wußte, was er von der Sache halten ſollte, und befürchtete, einen Mißgriff zu thun, lächelte zweifelhaft, zog die Mundwinkel in die Höhe, und ſchüttelte bedenklich den Kopf. »Herr Jinks,« ſagte der Mayor zornig,»Sie ſind ein Eſel, Sir.« Als der Mayor ſeine Meinung dahin abgegeben hatte, lächelte Herr Jinks abermals, doch etwas weniger als zuvor, und zog ſich langſam in ſeinen Winkel zurück. Herr Nupkins überlegte die Sache einige Augen⸗ blicke bei ſich ſelbſt, erhob ſich darauf von ſeinem Lehn⸗ ſtuhl, und indem er Herrn Pickwick und Sam auffor⸗ derte, ihm zu folgen, trat er mit ihnen in ein kleines anſtoßendes Zimmer. Er bedeutete Herrn Pickwick, ſich an das äußerſte Ende deſſelben zu begeben, legte ſeine 128 Die Pickwicker. Hand an die nur halb geſchloſſene Thüre, um augenblick⸗ lich entfliehen zu können, ſobald er das mindeſte Anzei⸗ chen von Feindſeligkeiten entdeckte, und erklärte ſich jetzt bereit, die Mittheilungen, worin ſie auch beſtehen möch⸗ ten, anzuhören. »Ich will ſogleich zur Sache kommen,« begann Herr Pickwick,»ſie betrifft Sie perſönlich. Ich habe allen Grund zu glauben, Sir, daß Sie in Ihrem Hauſe einen ſchändlichen Betrüger beherbergen.« »Zwei ſogar,« unterbrach Sam,»denn in der gan⸗ zen Welt giebt es keinen ſolchen maulbeerfarbigen Hal⸗ lunken mehr, wenn es auf Krokodillsthränen und Schur⸗ kereien ankommt.« »Sam,« ſagte Herr Pickwick,„wenn ich mich mit dieſem Herrn verſtändigen ſoll, ſo muß ich Sie bitten, Ihre Gefühle mehr zu beherrſchen.« »Bitte um Entſchuldigung, Sir,« erwiederte Weller; »aber wenn ich an den Hiob denke, ſo kann ich mich nicht enthalten, das Ventil ein paar Zoll offen zu machen.« »Mit einem Wort, Sir,« fuhr Herr Pickwick fort, „täuſcht ſich mein Diener nicht, wenn er vermuthet, daß ein gewiſſer Kapitain Fitz⸗Marſhall ihr Haus beſucht? Wenn es der Fall iſt,« fügte Herr Pickwick ſogleich hin⸗ zu, da er bemerkte, daß Herr Nupkins im Begriffe ſtand, ihn ſehr unwillig zu unterbrechen,»wenn es der Fall iſt, ſo kann ich Ihnen ſagen, daß ich den Menſchen, als einen—« „Pſt, pſt,« flüſterte Herr Nupkins, die Thür ver⸗ ſchließend,»daß Sie ihn als einen—« »Nichtswürdigen Abenteurer— einen Schwindler kenne, der vom Betruge lebt, leicht zu hintergehende Leute auf die ſchändlichſte, empörendſte Weiſe hinter's Die Pickwicker. 1229 Licht geführt und ausbeutet, Sir,« ſagte Herr Pickwick in größter Aufregung. »O Himmel,« entgegnete Herr Nupkins tief errö⸗ thend und ſein ganzes Benehmen plötzlich ändernd,»o Himmel, Herr—« „»Pickwick,« entgegnete Sam. »Pickwick,« wiederholte der Mayor,»o Himmel, Herr Pickwick— bitte, ſetzen Sie ſich— Sie irren ſich — Kapitain Fitz⸗Marſhall?« »Nennen Sie ihn unr nicht Kaptain,« ſiel Sam ein, „und auch nicht Fitz⸗Marſhall; er iſt keins von beiden.— Er iſt ein umherziehender Schauſpieler, und heißt Jingle, und wenn es jemals einen Wolf in maulbeerfarbigem Pelz gegeben hat, ſo iſt der Hiob Trotter einer.« »Alles dieſes iſt nur zu wahr, Sir,« ſagte Herr Pickwick in Erwiederung auf die erſtaunten Blicke des Mayors;»die einzige Abſicht, die mich nach dieſer Stadt führte, beſteht darin, den Menſchen, von dem wir reden, zu entlarven.« Herr Pickwick trug jetzt dem vor Schrecken ſchau⸗ dernden Herrn Nupkins einen kurzen Bericht von allen nichtswürdigen Streichen Jingle's vor. Ex erzählte, wie er den Abenteurer kennen gelernt, wie derſelbe Miß Wardle entführt, und ſie für eine Geldentſchädigung gern wieder aufgegeben, wie er ihn durch allerhand Vorſpie⸗ gelungen um Mitternacht in eine Koſtſchule gelockt und wie er(Pickwick) es nunmehr für ſeine Pflicht halte, ihn zu entlarven. Bei dieſen Mittheilungen ſtieg das heiße Blut der würdigen Magiſtratsperſon bis in die Spitzen ſeiner Ohren. Er hatte den Kapitain bei einem Wett⸗ rennen kennen gelernt. Entzückt von ſeiner langen Liſte ariſtokratiſcher Bekanntſchaften, ſeinen Reiſen durch Die Pickwicker. III. 9 * Die Pickwicker. die halbe Welt, und ſeinem gewandten Benehmen hatten Miſtreß Nupkins und Miß Nupkins den Kapi⸗ tain Fitz⸗Marſhall überall eingeführt, und ſich von ihm umſchwärmen laſſen, ſo daß ihre Buſenfreundin Miſtreß Porkenham und die Miß Porkenhams vor Eiferſucht und Verzweiflung hatten vergehen wollen. Und nun, nach dem Allen hören zu müſſen, daß er ein Abenteurer, ein umherziehender Schauſpieler ſei, und wenn nicht ein Schwindler, doch kaum von einem ſolchen zu unterſchei⸗ den!—»Himmel,« dachte der Mayor,»was werden die Porkenhams dazu ſagen? Wie wird Herr Sidney Por⸗ kenham triumphiren, wenn er erfährt, daß ſeine Bewer⸗ bungen um eines ſolchen Nebenbuhlers willen zurückge⸗ wieſen wurden!— Wie ſoll ich den Blicken des alten Porkenham bei den nächſten Quartalſitzungen begegnen, und wie trefflich kann die Oppoſition der Magiſtrats⸗ Partei dieſe Geſchichte, wenn ſie bekannt wird, gegen uns benutzen und ausbrüten.« „Bei allem dem,« ſagte Herr Nupkins, als nach einer langen Pauſe ſeine Züge ſich wieder etwas aufklärten, „bei allem dem ſind es doch bis jetzt nur einſeitige Be⸗ hauptungen. Kapitain Fitz⸗Marſſhall iſt ein Mann von ſehr einnehmendem Weſen, und hat gewiß viele Feinde. Womit können Sie die Wahrheit Ihrer Ausſagen beweiſen 2« »Stellen Sie mich ihm gegenüber,« erwiederte Herr Pickwick,»das iſt alles, was ich wünſche und erwarte. Stellen Sie ihn mir und meinen Freunden gegenüber, und es wird uns an Beweiſen nicht fehlen.« „Nun,« ſagte Herr Nupkins,»das ließe ſich leicht veranſtalten, denn er iſt zu heute Abend bei mir einge⸗ laden, und dann könnte auch die Sache unter uns abge⸗ macht werden, damit ſie nicht zu öffentlich wird. Ich wünſche dieſes nur— nur um des jungen Mannes ſelbſt en i⸗ m eß ht un, er, ein ei⸗ die or⸗ er⸗ ge⸗ ten en, ts⸗ gen ner ten, Be⸗ ſehr mit 12x derr rte. ber, eicht nge⸗ bge⸗ Ich elbſt Die Pickwicker. 131 willen. Ich— ich möchte mich aber doch zuvor mit meiner Gattin über die Angemeſſenheit eines ſolchen Schrittes berathen. Jedenfalls, Herr Pickwick, müſſen wir erſt Ihre Sache beendigen, ehe wir an etwas anderes denken kön⸗ nen. Ich bitte, folgen Sie mir in das Geſchäftszim⸗ mer.« Und alle drei kehrten dorthin zurück. »Grummer,«begann der Mayor mit feierlicher Stimme. »Ihr Gnaden,« erwiederte Grummer mit dem Lächeln eines Günſtlings. »Sie haben ſich übereilt,« fuhr der Mayor in ſtren⸗ gem Tone fort,»und ich verſichere Sie, daß Sie ſehr wenig Urſache haben, zu lächeln. War der Bericht, den Sie mir vorhin abſtatteten, durchaus der Wahrheit ge⸗ treu?— Bedenken Sie wohl, was Sie ſagen werden, Sir, und laſſen Sie ſich keine Leichtfertigkeiten zu Schul⸗ den kommen.«. »Ihr Gnaden,« ſtotterte Grummer,»ich— ich« »Ah, Sie werden verlegen,« fiel der Mayor ein. Herr Jinks, bemerken Sie ſeine Verlegenheit?« »Allerdings, Sir,« erwiederte Jinks. »Grummer,« wiederholen Sie Ihren Bericht, und ich warne Sie nochmals, auf Ihrer Hut zu ſein. Herr Jinks, ſchreiben Sie ſeine Ausſage nieder.« Der unglückliche Grummer begann nochmals ſeinen Bericht, aber es vergingen kaum einige Minuten, als er bereits durch des Herrn Jinks Art und Weiſe, ſeine Worte aufzufaſſen, und durch die des Mayors, ſie zu entſtellen, ſo wie in Folge ſeiner natürlichen Hinneigung zu Abſchwei⸗ fungen und ſeiner Verwirrung, ſich in eine ſolche Menge von Widerſprüchen verwickelt hatte, daß Herr Nupkins erklärte, er könne ihm durchaus keinen Glauben ſchenken. Die Strafurtheile wurden daher gänzlich zurückgenommen, und Herr Jinks fand ſofort ein paar Bürgen. Nachdem das 9*½ 13² Die Pickwicker. feierliche Verfahren zu einem ſo befriedigenden Schluß gelangt war, wurde Herr Grummer ſchimpflich hinaus⸗ gewieſen— ein warnendes Beiſpiel der Unbeſtändigkeit menſchlicher Größe und der Unzuverläſſigkeit der Gunſt der Großen dieſer Welt. Miſtreß Nupkins war eine majeſtätiſche Frau mit einem Gace⸗Turban und einer lichtbraunen Perücke. Miß Nupkins beſaß den ganzen Hochmuth ihrer Frau Mutter, ohne den Turban, und Mama’s ganze Bosheit ohne die Perücke, und wenn die Ausübung dieſer beiden liebenswürdigen Eigenſchaften Mutter und Tochter, wie es nicht ſelten zu geſchehen pflegte, in unangenehme Verle⸗ genheiten verwickelten, ſo waren wenigſtens beide immer darin einverſtanden, die Schuld davon Herrn Nupkins zuzuſchieben. Als daher Herr Nupkins ſeine Gattin auf⸗ ſuchte, und ihr die von Herrn Pickwick erhaltenen Nach⸗ richten mittheilte, erinnerte ſich Miſtreß Nupkins ſogleich, daß ſie von Anfang an ſo etwas erwartet, daß ſie immer geſagt habe, es werde noch ſo kommen, daß ihr Rath aber nie beachtet würde, daß ſie wirklich nicht wiſſe, wo⸗ für Herr Nupkins ſie halte und ſo fort.. »Schon der Gedanke,« rief Miß Nupkins, indem ſie aus jedem Augenwinkel eine ſehr winzige Thräne her⸗ vorpreßte, yſchon der Gedanke iſt ſchrecklich, daß man mich ſo getäuſcht hat.« »Ah, Du kannſt Dich dafür bei Deinem Papa be⸗ danken, meine Liebe,« ſagte Miſtreß Nupkins,»wie doft habe ich den Mann dringend gebeten, ſich nach des Ka⸗ pitains Verhältniſſen zu erkundigen; wie oft habe ich ihn nicht aufgefordert, einen entſcheidenden Schritt zu thun! Ich bin es aber ſchon gewohnt, daß man in ſol⸗ chen Dingen auf meinen Rath nichts giebt.« „Aber meine Liebe,« ſagte Herr Nupkins. 8 luß us⸗ keit unſt mit icke. rau heit iden e es erle⸗ mer kins auf⸗ kach⸗ feich, mmer Rath wo⸗ ndem her⸗ man a be⸗ e oft Ka⸗ e ich ct zu n ſol⸗ Die Pickwicker. 133 »Schweig, ſchweig, Du unbedachtſamer Menſch,« unterbrach ihn Miſtreß Nupkins. »Meine Liebe,« fuhr Herr Nupkins fort,»Du ſchienſt doch immer dem Kapitän Fitz⸗Marſhall ſehr gewogen zu ſein. Du haſt ihn fortwährend zu uns ein⸗ geladen, meine Liebe, und keine Gelegenheit verſäumt, um ihn überall einzuführen.« »Hab' ich zes nicht geſagt, Henriette,« wendete ſich Miſtreß Nupkins mit der Miene einer ſchwer beleidig⸗ ten Frau an ihre Tochter,»hab' ich es nicht geſagt, daß Dein Papa Alles mir zur Laſt legen würde? Hab⸗ ich es nicht immer geſagt?« Und hier begann Miſtreß Nupkins jammervoll zu ſchluchzen. »O Papa!« rief Miß Nupkins, und fing ebenfalls an zu ſchluchzen. »Iſt es nicht genug, wenn er alle dieſe Schmach über uns bringt, und dann will er noch behaupten, ich ſei Schuld daran,« rief Miſtreß Nupkins aus. »Wie können wir uns je vor unſern Bekannten wie⸗ der ſehen laſſen 2« ſchluchzte Miß Nupkins. »Wie können wir uns je wieder vor dem Porken⸗ hams zeigen?« ſchluchzte Miſtreß Nuplins.« »Oder den Girggs,« ſchluchzte die Tochter. »Oder den Nummintowkens,« ſchluchzte die Mutter. »Aber was kümmert das Deinem Papa? was fragt er danach?2« 3 Bei dieſem ſchrecklichen Gedanken floſſen die Thrä⸗ nen von beiden Seiten noch reichlicher als zuvor. Die Thränen von Miſtreß Nupkins fuhren fort, mit beträchtlicher Schnelligkeit zu fließen, bis ſie Zeit gehabt hatte, die Sache reiflicher zu überlegen, und ſie erklärte endlich, es werde am Beſten ſein, Herrn Pickwick und ſeine Freunde zu bitten, die Ankunft des Kapitains zu 134 Die Pickwicker. erwarten, und dann werde ſich für Herrn Pickwick die erwünſchte Gelegenheit darbieten. Ergebe es ſich, daß er die Wahrheit ſagt, ſo könnte man den Kapitain in aller Stille die Thüre weiſen, und ſein plötzliches Verſchwin⸗ den den Porkenhams leicht dadurch erklären, daß man ſage, er habe durch den Einfluß ſeiner Familie am Hofe eine Gouverneurſtelle in Sierra Leona oder Sangur Point, oder ſonſt irgendwo in einer jener geſunden Colonien erhalten, die den Europäern im Allgemeinen ſo ſehr zuſagen, daß ſie, wenn einmal dort, nur ſelten zur Rückkehr zu ver⸗ anlaſſen ſind. Als Miſtreß Nupkins ihre Thränen trocknete, trock⸗ nete Miß Nupkins gleichfalls die ihrigen, und Herr Nupkins ging gern darauf ein, die Sache ſo zu beſeitigen, wie Miſtreß Nupkins es vorgeſchlagen hatte. Nachdem Herr Pickwick und ſeine Freunde alle noch zurückgebliebenen Spuren ihres letzten Abenteuers abge⸗ waſchen hatten, wurden ſie den Damen vorgeſtellt, und bald darauf in das Speiſezimmer geführt. Herr Weller, in welchem der Mayor mit ſeinem eigenthümlichen Scharf⸗ blick eine halbe Stunde darauf einen der wackerſten Bur⸗ ſchen von der Welt erkannt hatte, wurde der Fürſorge des Herrn Muzzle überwieſen, dem beſonders eingeſchärft ward, ihn beſtens zu verpflegen und in Ehren zu halten. „»Wie geht's Sir?« ſagte Muzzle, als er Herrn Weller in die Küche hinabführte. 1 »Nun, es iſt keine ſonderliche Veränderung in mir vorgegangen, ſeit ich Sie noch vor kurzem hinter Ihres Herrn Stuhle ſo ſtramm aufgepflanzt ſah,« erwiederte Sam. „Sie werden entſchuldigen, daß ich damals nicht mehr Notiz von Ihnen nahm,“ ſagte Muzzle.»Sehen Sie, unſer Herr hatte uns zu der Zeit einander noch derr gen, noch bge⸗ und ller, zarf⸗ Bur⸗ orge ͤrft lten. errn mir hres derte nicht zehen noch Die Pickwicker. 135 nicht vorgeſtellt. Aber das muß wahr ſein, er iſt Ihnen jetzt ſehr gewogen, Herr Weller.« »Ja, es iſt ein verflucht angenehmer Kauz,« ſagte Sam. »Nicht wahr?« entgegnete Muzzle. »Und dabei ſo ſpaßhaft,« ſagte Sam. »Und ein ſo großer Redner,« fügte Herr Muzzle hinzu.»Die Gedanken fließen ihm nur ſo vom Munde — nicht wahr?« »Wundervoll,« erwiederte Sam,»ſie poltern über⸗ einander heraus, und ſtoßen ſich ſo hart an die Köpfe, daß ſie ſich einander ganz konfus zu machen ſcheinen; man weiß kaum, was er ſagen will.« »Das iſt eben die große Kunſt in ſeinen Redens⸗ arten,« entgegnete Herr Muzzle.»Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Weller, da kommt die letzte Stufe.— Sie wollen ſich wohl erſt die Hände waſchen, ehe wir zu den Damen gehen? Hier iſt eine Schüſſel mit Waſſer, Sir, und hinter der Thür hängt ein reines Handtuch.« »Ah, ſo will ich mir denn wieder meine Politur geben,« verſetzte Herr Weller, indem er braune Seife auf das Handtuch ſchmierte, und ſein Geſicht rieb und wuſch, bis es man erglänzte.»Wie viel Damen haben Sie denn hier?« fragte er darauf. »Es ſind nur zwei in unſerer Küche,« erwiederte Muzzle,»die Köchin und das Hausmädchen. Wir halten noch einen Jungen zu den ſchmutzigen Arbeiten, und ein Auslaufmädchen, die aber Beide im Waſchhaus ſpeiſen.« »So, ſie ſpeiſen alſo im Waſchhauſe?« bemerkte Herr Weller. »Ja,« erwiederte Herr Muzzle,»wir zogen ſie zu⸗ erſt, als ſie in Kondition genommnen wurden, an unſern 136 Die Pickwicker. Tiſch, aber es wollte ſich nicht ſchicken. Das Mädchen hat ſo gemeine Manieren, und der Burſche ſchnaubt ſo furchtbar beim Eſſen, daß wir unmöglich mit ihm zu Tiſche ſitzen konnten.« »Wohl etwa ſo, wie ein kleiner Wallfiſch?« bemerkte Herr Weller. „»O, es iſt unausſtehlich,« fuhr Herr Muzzle fort, vaber das iſt auch das Schlimmſte beim Dienſte in einer Landſtadt, Herr Weller; das junge Geſinde iſt immer entſetzlich ungehobelt. Hier, Sir, hier, wenn es Ihnen gefällig iſt.« Mit dieſen Worten führte ihn Herr Muzzle äußerſt höflich in die Küche. »Mary,« ſagte Muzzle zu dem hübſchen Hausmäd⸗ chen,»ich ſtelle Ihnen hier Herrn Weller vor, einen Gentleman, den der Herr herunterſchickt, damit wir ihm ſeinen Aufenthalt hier ſo angenehm als möglich machen.« »Und Ihr Herr iſt nicht dumm, und hat mich gerade an den rechten Ort geſchickt,« ſagte Herr Weller mit einem bewundernden Blick auf Marien.»Wenn ich Herr im Hauſe wäre, ſo würde ich Alles, was zur An⸗ nehmlichkeit gehört, immer finden, wo Mary iſt.« „O, ich bitte, Herr Weller,« ſagte Mary erröthend. »Und um mich bekümmert man ſich nie,« rief die Köchin aus. »Köchin, ich habe Sie ganz vergeſſen,« ſagte Muzzle. »Herr Weller, erlauben Sie, daß ich Sie vorſtelle.« »Wie befinden Sie ſich, Madame,« ſagte Herr Wel⸗ ler.»Ich freue mich ſehr, Sie kennen zu lernen, und hoffe, daß unſere Bekanntſchaft recht lange dauern möge, wie jener Herr zu der Fünf⸗Pfundnote ſagte.« Als dieſe Vorſtellungsceremonien beſeitigt waren, zogen ſich die Köchin und Mary in den Hintergrund 5 — △△ — Die Pickwicker. 137 der Küche zurück, um zehn Minuten zu kichern, und darauf ſetzte man ſich zu Tiſch. Das gewandte Benehmen und die Unterhaltungsgabe des Herrn Weller machten einen ſo unwiderſtehlichen Eindruck auf die Geſellſchaft, daß nach kaum halb been⸗ detem Diner er bereits mit Allen auf dem vertrauteſten Fuße ſtand, und ſie bereits mit den Umtriehzen von Hiob Trotter genau bekannt gemacht hatte. »Ich konnte den Hiob nie ausſtehen,« ſagte Mary. »Das finde ich auch ganz natürlich,« bemerkte Sam. „»Wie ſo?« fragte Mary. »Weil die Häßlichkeit und das Laſter der Schön⸗ heit und der Tugend immer mißfallen werden,« entgeg⸗ nete Herr Weller.»Nicht wahr, Herr Muzzle?« „Ohne Zweifel,« antwortete Muzzle. Hier lachte Mary, und ſagte, die Köchin habe ſie zum Lachen gebracht, und die Köchin lachte auch, ſtellte aber jene Behauptung Mary's in Abrede. „»Ich habe kein Glas bekommen,« ſagte Mary. »Trinken Sie mit mir, mein Schatz,« ſagte Kerr Weller.»Wenn Sie mein Glas mit Ihren Lippen be⸗ rühren, ſo kann ich Sie gleichſam im Glaſe küſſen.« »O, ſchämen Sie ſich doch, Herr Weller,« ſagte Mary.. »Weshalb ſoll ich mich denn ſchämen, meine Theure?« »Daß Sie ſo ſprechen.“ »Es iſt ja nicht ſo ſchlimm gemeint.— Sind das nicht ganz natürliche Dinge, Köchin?« »Thun Sie mir keine ſolche Fragen,« entgegnete die Köchin lächelnd, worauf ſie und Mary abermals zu. kichern begannen, bis die zuletzt genannte junge Dame vom Lachen, Trinken und Eſſen nahe am Erſticken war — ein bennruhigender Anfall, der jedoch in Folge einiger 138 Die Pickwicker. Schläge in den Rücken und anderer, von Herrn Sam Weller äußerſt zart angewendeter, aber nothwendig erfor⸗ derlicher Mittel, noch glücklich vorüberging. Als die kleine Geſellſchaft wieder äußerſt geſprächig und heiter geworden war, vernahm man plötzlich ein lautes Klingeln am Gartenthor, auf welches der junge Gentleman, der ſein Mittagsmahl im Waſchhauſe ein⸗ nahm, ſofort hinauseilte. Herr Weller wurde zu ſehr durch die Galanterien in Anſpruch genommen, die er dem hübſchen Hausmädchen erwies, Herr Muzzle war eifrig beſchäftigt, die Honneurs des Tiſches zu machen, und die Köchin hatte eben aufgehört zu lachen, und. erhob einen mächtigen Biſſen auf der Gabel zu ihren Lippen, als die Küchenthür geöffnet ward, und Herr Hiob Trotter eintrat. Wir haben eben geſagt, Herr Hiob Trotter ſei ein⸗ getreten, aber dieſe Angabe entſpricht nicht ganz unſerer bisher beobachteten Gewiſſenhaftigkeit in Beziehung auf alle hiſtoriſchen Thatſachen. Die Thüre ward geöffnet, und man erblickte Herrn Trotter. Er würde hinein⸗ getreten ſein, und ſtand wirklich im Begriff, es zu thun, als er, Herrn Weller erblickend, unwillkürlich ein paar Schritte zurückſchreckte, und mit dem äußerſten Erſtau⸗ nen und vollkommen bewegungslos auf die unerwartete Scene vor ſich blickte. „Da iſt er,« ſagte Sam, äußerſt vergnügt aufſprin⸗ gend.»Wir ſprachen eben von Ihnen.— Wie geht's? — Wo waren Sie denn?— Treten Sie doch ein!« Er zog bei dieſen Worten den, keinen Widerſtand leiſtenden Hiob an den maulbeerfarbigen Kragen in die Küche, verſchloß die Thür, und reichte Muzzle den Schlüſſel, der ihn ſehr kaltblütig in eine Seitentaſche ſteckte. „Das wird einen Hauptſpaß geben,« rief Sam. ☛————— Die Pickwicker. 139 »Denken Sie ſich, Herr Trotter, mein Herr hat das Vergnügen, den Ihrigen oben zu ſehen, und wir erfreuen uns des Glücks, Sie hier unten zu ſehen.— Wie geht's Ihnen denn, und was haben Sie für Ausſichten mit dem Kramladengeſchäft?— Nun, es freut mich recht ſehr, Sie zu ſehen. Wie munter Sie ſind! Iſt es nicht eine wahre Luſt, Herr Muzzle, in ſeiner Geſellſchaft zu ſein?« »Das will ich meinen,« ſagte Herr Muzzle. »Es iſt ein ſo geſprächiger Burſche,« fuhr Sam fort. »Und dabei ſo guter Laune,« ſagte Muzzle. »Und freut ſich ſo ſehr, uns zu ſehen— und iſt darüber ganz außer ſich,« ſagte Sam.»Setzen Sie ſich doch.« Herr Trotter wurde in einen Stuhl am Kamine niedergedrückt.— Er blickte mit ſeinen kleinen Augen erſt Herrn Weller, dann Herrn Muzzle an, ſagte aber nichts. »Nun möchte ich Sie wohl vor dieſen Damen, nur aus Neugierde, fragen, ob Sie ſich nicht für einen ſo netten und artigen jungen Gentleman halten, wie jemals einer ein rothgewürfeltes Taſchentuch und ein Traktaten⸗ büchlein bei ſich führte.« „Und wie jemals einer eine Köchin heirathen wollte,« ſagte die ältere der beiden Damen entrüſtet,»o, der Böſewicht!« »Und ſein ruchloſes Treiben aufgeben und dann einen Kramladen anlegen wollte,« fiel das Hausmädchen ein. »Und jetzt will ich Ihnen etwas ſagen,« begann Herr Muzzle, den die beiden letzten Andeutungen ſehr aufgeregt hatten,»dieſe Dame hier(er wies nach der Köchin) iſt mit mir verlobt, und wenn Sie ſich unter⸗ 140 Die Pickwicker. fangen, Sir, davon zu ſprechen, daß Sie einen Kram⸗ laden mit ihr anlegen wollen, ſo beleidigen Sie mich in einem der zarteſten Punkte, in welchem ein Mann einen andern nur beleidigen kann.— Verſtehen Sie mich, Sir 2« Hier ſchien Muzzle, der einen großen Begriff von ſeiner Beredſamkeit hatte, in welcher er ſeinem Herrn nachahmte, eine Antwort zu erwarten. Herr Tyvotter blieb jedoch ſtumm, und Herr Muzzle fuhr in aäußerſt feierlichem Tone fort. »Es iſt ſehr wahrſcheinlich, Sir, daß man Ihnen oben noch etwas mitzutheilen haben wird, denn mein Herr iſt in dieſem Augenblick beſchäftigt, ihrem Herrn den Kopf zurechtzuſetzen, und Sie haben daher Muße zu einer kleinen Privatunterredung mit mir.— Verſtahßn Sie das, Sir 2« Herr Muzzle wartete abermals auf eine Antwork, aber Herr Trotter ſagte noch immer kein Wort. »Nun gut,« ſagte Muzzle,»es thut mir ſehr leid, daß ich mich vor den Damen erxpliziren muß, aber die Dringlichkeit der Umſtände wird mich entſchuldigen.— Das Waſchhaus iſt leer, Sir, wenn Sie dort gefälligſt hineinſpazieren wollen, Sir, ſo wird Herr Weller nach ehrlichem Kampf ſehen, und wir können uns einander Satisfaction geben, bis geklingelt wird.— Folgen Sie mir, Sir.« Während Herr Muzzle dieſe Worte ſprach, trat er ein paar Schritte nach der Thür zu, und um Zeit zu erſparen, begann er ſchon im Gehen ſich den Rock aus⸗ zuziehen. Kaum hatte aber die Köchin die letzten Worte ſeiner ſchrecklichen Herausforderung vernommen, und ſah Herrn Muzzle im Begriff, ſie zur Ausführung zu bringen, als ——— ypy——S', Die Pickwicker. 141 ſie einen lauten durchdringenden Schrei ausſtieß, und in⸗ dem ſie auf Herrn Hiob Trotter zuſtuͤrzte, der ſich ſofort von ſeinem Stuhl erhob, kratzte und ſchlug ſie mit aller jener, erregten Frauenzimmern eigenen Energie auf ſein großes plattes Geſicht los, fuhr mit den Händen in ſein langes ſchwarzes Haar, und entriß ihm davon ſo viel, daß man fünf bis ſechs Dutzend der größten Trauerringe davon hätte anfertigen können. Nachdem ſie dieſe Helden⸗ that mit allem Eifer vollbracht hatte, den ihre feurige Liebe zu Herrn Muzzle ihr eingeflößt, taumelte ſie zurück, und fiel auf der Stelle unter den Tiſch und in Ohnmacht, da ſte eine Dame von äußerſt erregbarem und zartem Nervenſyſtem war. In dieſem Augenblick wurde geklingelt. »Das gilt Ihnen, Hiob Trotter,« ſagte Sam, und bevor Herr Trotter etwas einwenden oder erwiedern konnte— ſelbſt bevor er Zeit hatte, das Blut der Wun⸗ den zu ſtillen, welche die in Ohnmacht gefallene Dame ihm beigebracht hatte, faßte Sam ihn an einem Arm, Muzzle ihn am andern, und ſo zog ihn der eine vorn und ſchob ihn der andere hinten die Treppe hinauf, und in das Speiſezimmer hinein. Es bot ſich hier ein ſehr intereſſantes Gemälde dar. An der Thür ſtand Alfred Jingle, Esquire, alias Capi⸗ kain Fitz⸗Marſhall, mit dem Hute in der Hand, und trotz ſeiner höchſt unangenehmen Lage lächelnd und durch⸗ aus unbefangen. Im gegenüber ſtand Herr Pickwick, der, wie es ſchien, eben eine ernſte moraliſche Lehre vor⸗ getragen hatte, denn er hielt ſeine linke Hand hinter den Rockſchooß, und die rechte ſchwebte ausgeſtreckt in der Luft, wie es ſeine Art zu ſein pflegte, wenn er eine ein⸗ dringliche Rede hielt. In einiger Entfernung von ihm ſtand Herr Tupman mit entrüſteter Miene, von ſeinen 142 Die Pickwicker. beiden jüngeren Freunden ſorgſam bewacht und zurückge⸗ halten, und am andern Ende des Zimmers ſah man Herrn Nupkins, Miſtreß Nupkins und Miß Nupkins, ſtolz, aber düſter blickend, und eben ſo verdrießlich als aufgeregt. »Was hält mich ab,« rief Herr Nupkins mit feier⸗ licher Amtswürde aus, als Hiob hineingebracht wurde, „was hält mich ab, dieſe Menſchen als Betrüger und Schwindler in Haft zu behalten? Es iſt eine thörichte Nachſicht. Was hindert mich daran?« »Stolz, alter Knabe, Stolz,« fiel Jingle ganz be⸗ haglich ein.»Habt Euch getäuſcht— Kapitain aufge⸗ fiſcht— Mann für die Tochter— wie?— ha! ha!— tüchtig angeführt!— wird Alles bekannt!—'ne ſchlimme Geſchichte— ſehr ſchlimm.« »Elender,« rief Miſtreß Nupkins ihm zu,»Ihre ſchändlichen Andeutungen flößen uns nur Verachtung ein.« »Er iſt mir von Anfang an verhaßt geweſen,« fügte Henriette hinzu. „»O natürlich,« ſagte Jingle.»Großer junger Mann— alter Liebhaber— Sidney Porkenham— reich— hüb⸗ ſcher Mann— nicht ſo reich, als der Kapitain— he?— ihn laufen laſſen— Kapitain für immer— überall vom Kapitain geſprochen— bei allen Mädchen— ſterblich verliebt— he Trotter, he?«— Hier lachte Herr Jingle laut und Hiob rieb ſich vergnügt die Hände, und ließ jetzt den erſten Laut ver⸗ nehmen, ſeit er in das Haus getreten war, nämlich ein leiſes Kichern, das aus ſeiner tiefſten Bruſt kam. »Nupkins,« ſagte die ältere Dame, ves paßt ſich nicht, daß die Dienſtboten dieſe Unterredung mit anhören. Laß die elenden Abenteurer entfernen.⸗ Die Pickwicker. 143 »Ja wohl, meine Liebe,« entgegnete Herr Nupkins. „»Muzzle.« »Ihr Gnaden.« »Macht die Thure auf.« »Ja, Ihr Gnaden.« „»Verlaſſen Sie mein Haus,« ſagte Herr Nupkins mit einer bedeutungsvollen Bewegung der Hand. Jingle lächelte, und ging nach der Thür. »Halt!« rief Herr Pickwick ihm zu. Jingle blieb ſtehen. »Ich hätte,« ſagte Herr Pickwick,»für die von Ih⸗ nen und Ihrem heuchleriſchen Freund da mir widerfahrne Behandlung mich viel empfindlicher rächen können.« Hier verbeugte ſich Hiob Trotter äußerſt höflich, und legte ſeine Hand auf das Herz. »Ich ſage,« fuhr Herr Pickwick immer zorniger wer⸗ dend fort,»daß ich mich empfindlicher hätte rächen können, aber ich begnüge mich damit, Sie zu entlarven, welches ich für eine Pflicht gegen die menſchliche Geſellſchaft halte. Ich bewieß eine Milde gegen Sie, Sir, welche Sie, wie ich hoffe, anerkennen werden.« Hier hielt Hiob Trotter mit ſpaßhafter Würde die Hand an ſein Ohr, als ſei er darauf bedacht, keine Silbe von dem zu verlieren, was Herr Pickwick vorbrachte. »Und ich habe nur noch hinzuzufügen, Sir,« ſchloß Herr Pickwick, jetzt vollkommen im Zorne,»daß ich Sie für einen Hallunken— einen— einen Schuft halte, und für ſchlechter, als irgend einen Menſchen, den ich je gekannt oder von dem ich je gehört habe, den ſehr fromm⸗ thuenden und heuchleriſchen Landſtreicher in der Maul⸗ beerlivre da etwa ausgenommen.« »Ha! Ha! Ha!“« lachte Jingle,»ehrlicher Burſche, Pickwick— gutes Herz— trefflicher alter Knabe— 9 144 Die Pickwicker. nur nicht hitzig werden— ſehr ſchlimm das— ſehn uns wohl noch wieder— munter und geſund bleiben— jetzt Hiob, abmarſchiren.« 4 Mit dieſen Worten drückte Herr Jingle ſeinen Hut nach alter Weiſe auf den Kopf, und entfernte ſich. Hiob Trotter blieb noch in der Thüre ſtehen, blickte umher, lächelte, machte gegen Herrn Pickwick eine ſpöttiſch⸗eier⸗ liche Verbeugung, blinzelte Herrn Weller auf höchſt un⸗ verſchämte Weiſe zu, und folgte darauf ſeinem würdigen Herrn. »Sam,“ ſagte Herr Pickwick, als Herr Weller ihnen nacheilen wollte. »Sirla 8 »Bleiben Sie hier.« Herr Weller ſchien noch unentſchloſſen zu ſein. „Bleiben Sie hier,« wiederholte Herr Pickwick. „»Könnte ich nicht den Hiob noch im Garten etwas durchbläuen?« ſagte Sam. „»Nein,« erwiederte Herr Pickwick. »Soll ich ihn nicht wenigſtens aus dem Gartenthor befördern 2« fragte Weller. »Nein, nein,« erwiederte ſein Herr. Sam ſah zum erſten Male, ſeitdem er bei Herrn Pickwick in Dienſt getreten war, traurig und mißvergnügt aus, aber ſeine Züge erheiterten ſich bald wieder, denn der liſtige Muzzle hatte ſich hinter die Hausthür geſtellt, und indem er grade im rechten Augenblick hervorſtürzte, gelang es ihm, Herrn Jingle und ſeinen Diener die Stufen hinab und in die unten ſtehenden Alvetöpfe zu ſchleudern. »Da ich mich nun meiner Pflicht entledigt habe, Sir,« ſagte Herr Pickwick zu Herrn Nupkins, vſo will ich mich mit meinen Freunden Ihnen Anpfeylen. Ich . as nn die be, vill Ich Die Pickwicker. 145 danke Ihnen für die gaſtliche Aufnahme, die uns wurde, und erlaube mir, in unſer aller Namen zu verſichern, daß wir dieſelbe nicht angenommen, oder uns nicht ent⸗ ſchieden haben würden, auf dieſe Weiſe uns aus unſerer frühern unangenehmen Lage zu befreien, wenn nicht zu⸗ gleich ein ſtarkes Pflichtgefühl uns dazu veranlaßt hätte. Wir kehren morgen nach London zurück. Ihr Geheimniß iſt ſicher bei uns verwahrt.« Nachdem Herr Pickwick ſich alſo ausgeſprochen hatte, verbeugte er ſich tief gegen die Damen, und entfernte ſich, trotz aller ferneren Einladungen der Familie, mit ſeinen Freunden..„ „»Nehmen Sie ihren Hut, Sam,« ſagte Herr Pickwick. »Er iſt unten, Sir,« entgegnete Sam, und er lief hinab, um ihn zu holen.. In der Küche war nun aber niemand, als das hübſche Hausmädchen, und da Sams Hut verlegt war, ſo mußte er ihn ſuchen, und das hübſche Hausmädchen leuchtete ihm dabei. Sie mußten in allen Winkeln nach dem Hute ſuchen, und das hübſche Hausmädchen ließ ſich in ſeinem Eifer auf die Kniee nieder, um alle die ver⸗ ſchiedenartigen Dinge zu durchwühlen, die in dem Winkel hinter der Thür lagen. Es war ein unbequemer Winkel. Man konnte nicht zu ihm kommen, ohne erſt die Thür zu verſchließen. »Hier iſt er,« ſagte das hübſche Hausmädchen. „Dieſer iſt es ja wohl.« „»Laſſen Sie ſehen,« ſagte Sam. Das hübſche Hausmädchen hatte das Licht auf die Erde geſtellt, und da es ſehr dunkel brannte, ſo mußte ſich Sam auch auf die Kniee niederlaſſen, um ſehen zu können, ob es wirklich ſein Hut ſei oder nicht. Der Winkel war äußerſt eng und klein, und ſo kam es denn Die Pickwicker. III. 10 146 Die Pickwicker. — niemand war daran Schuld, als der Mann, der das Haus gebaut hatte— daß Sam und das hübſche Haus⸗ mädchen nothwendig ſehr nahe zuſammenkamen. »Ja, das iſt er,« ſagte Sam.»Leben Sie wohl.« „Leben Sie wohl,« ſagte auch das hübſche Haus⸗ mädchen. „Leben Sie wohl,« wiederholte Sam, und ließ dabei den Hut fallen, der mit ſo vieler Mühe aufgefunden wor⸗ den war.. »Wie ungeſchickt Sie ſind,« ſagte das hübſche Haus⸗ mädchen.»Sie werden ihn noch einmal verlieren, wenn Sie nicht behutſamer ſind.« Um dieſes nun zu verhindern, ſotte ſie ihm ſelbſt den Hut auf den Kopf. Ob es nun daran lag, daß das Geſicht des hübſchen Hausmädchens noch hübſcher ausſah, als ſie es Sam ſo nahe zugewendet hatte, oder ob es lediglich als eine zu⸗ fällige Folge davon zu betrachten iſt, daß ſie einander ſo nahe waren, bleibt bis auf dieſen Tag unausgemacht; ſo viel iſt aber gewiß, Sam gab ihr einen Kuß. »Sie haben das doch nicht mit Vorſatz gethan?« fragte das hübſche Hausmädchen erröthend. „»Nein,« ſagte Sam,»aber jetzt will ich es mit Vorſatz thun.« So küßte er ſie zum zweiten Male. „Sam!« rief Herr Pickwick die Treppe hinab. „Komme ſchon, Sir!« rief Sam zurück und eilte hinauf. »Es lag etwas hinter der Thür, Sir, ſo daß wir ſie gar nicht aufmachen konnten,« erwiederte Sam.— Dieſes war das erſte Ereigniß in Sam Wellers erſter Liebe. ——;—— „Wo waren Sie denn ſo lange?2« fragte Herr Pickwick. 3 Die Pickwicker. 147 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Welches einen kurzen Bericht des ferneren Verlaufs der Prozeß⸗ ſache Bardell contra Pickwick enthält. Da Herr Pickwick den Hauptzweck ſeiner Reiſe durch Jingle's Entlarvung erreicht hatte, ſo beſchloß er ſofort nach London zurückzukehren, um ſich mit den ferneren Schritten bekannt zu machen, welche die Herren Dodſon und Fogg während dieſer Zeit gegen ihn ergriffen haben möchten. Dieſem Entſchluß gemäß mit aller Energie und Beſtimmtheit ſeines Charakters handelnd, beſtieg er die erſte Poſtkutſche, die an dem Morgen nach den in den beiden vorhergehenden Kapiteln ausführlich berichteten denkwürdigen Vorfällen, von Ipswich abging, und kam noch an demſelben Abend mit ſeinen drei Freunden und Herrn Samuel Weller wohlbehalten in der Hauptſtadt an. Hier trennten ſich die Freunde auf eine kurze Zeit. Die Herren Tupman, Winkle und Snodgraß begaben ſich in ihre Wohnungen, um die zu ihrem beabſichtigten noch⸗ maligen Beſuch in Dingley⸗Dell erforderlichen Vorberei⸗ tungen zu treffen, und Herr Pickwick und Sam wählten ihren vorläufigen Aufenthalt in einem ſehr guten, alt⸗ modigen und komfortablen Gaſthauſe, dem Georg und Geier, in der Lombardſtraße. Herr Pickwick hatte geſpeiſt, ſeine zweite halbe Flaſche ſehr guten Portwein getrunken, ſein ſeidenes Taſchentuch über den Kopf gezogen, die Füße auf das Kamingitter geſtellt, und es ſich in ſeinem Lehnſtuhle 10* 148 Die Pickwicker. bequem gemacht, als das Eintreten Wellers mit ſeinem Reiſeſack ihn in ſeinen ſtillen Betrachtungen ſtörte. „Sam,« ſagte Herr Pickwick. „Sir,« antwortete Herr Weller. „Es iſt mir eben eingefallen, Sam,« fuhr Herr Pickwick fort,»daß ich noch viele Sachen bei Frau Bardell in der Goswellſtraße zurückgelaſſen habe, und daß ich Sorge tragen muß, ſie dort wegholen zu laſſen, bevor ich wieder abreiſe.« »Sehr wohl, Sir,« erwiederte Sam. „Für den Augenblick könnte ich ſie zwar zu Herrn Tupman ſchicken,« fuhr Herr Pickwick fort,»aber bevor ich ſie abholen laſſe, müſſen ſie nöch geordnet und ein⸗ gepackt werden. Gehen Sie daher nach der Goswell⸗ ſtraße, und bringen Sie Alles in Ordnung.« »Jetzt gleich, Sir?« fragte Weller. »Ja wohl,« erwiederte Herr Pickwick.»Noch eins, Sam,« fügte er, den Geldbeutel hervorziehend, hinzu, ves iſt noch etwas an Miethe zu bezahlen. Das Viertel⸗ jahr iſt zwar erſt Weihnachten um, indeß bezahlen Sie es gleich, dann iſt die Sache abgemacht. Nach meinem Miethvertrag kann ich monatlich aufkündigen. Hier iſt er, und ſagen Sie Miſtreß Bardell, ſie könnte über ihre Wohnung anderweitig verfügen, ſobald es ihr beliebte.«. »Sehr wohl, Sir,« erwiederte Herr Weller.»Ha⸗ ben Sie weiter nichts dorthin zu beſtellen?« »Nein, Sam.« Herr Weller ging langſam nach der Thüre, als ob er noch etwas erwarte, öffnete ſie langſam, ging langſam hinaus, und hatte ſie bis auf einige Zoll ſchon langſam geſchloſſen, als Herr Pickwick ihm nachrief: »Sam!« Die Pickwicker. 149 »Ja, Sir,« ſagte Herr Weller, eilig zurückkehrend, und die Thüre hinter ſich ſchließend. »Ich habe nichts dagegen, Sam, daß Sie ſich be⸗ mühen, zu erforſchen, wie Frau Bardell ſelbſt gegen mich geſtimmt, und ob es wahrſcheinlich iſt, daß dieſe ſchänd⸗ liche und grundloſe Klage auf das Aeußerſte getrieben werden ſoll. Ich ſage, daß ich nichts dagegen habe, wenn Sie es ſonſt thun wollen.« Sam gab durch ein Kopfnicken zu verſtehen, daß er ganz geneigt dazu ſei, und entfernte ſich. Herr Pickwick zog das ſeidene Taſchentuch abermals über ſeinen Kopf, und ſchickte ſich zu einem Schläfchen an; Herr Weller ſchritt ſchnell von dannen, um ſich ſeines Auftrags zu entledigen. Es war faſt neun Uhr, als er in der Goswellſtraße anlangte. In dem kleinen Vorderzimmer brannten ein paar Lichter, und am Fenſtervorhang ſchatteten ſich ein paar Hauben ab. Frau Bardell hatte alſo Geſellſchaft. Heerr Weller klopfte an die Hausthür, und es währte ziemlich lange, ehe er ein paar kleine Stiefel durch den Flur trippeln hörte, und Maſter Bardell, der dadurch aufgehalten worden war, daß ſein Licht nicht anbrennen wollte, präſentirte ſich. »Na, mein Männchen,« ſagte Sam,»wie befindet ſich die Mama?« »Recht wohl, und ich befinde mich auch recht wohl,⸗ antwortete Maſter Bardell. »Nun, das iſt ja ein wahresGlück,«fuhr Sam fort,»ſage ihr doch, daß ich ſie ſprechen möchte, mein Wunderknabe.⸗ Maſter Bardell ſetzte das widerſpenſtige Licht auf eine Treppenſtufe, und eilte mit ſeiner Botſchaft in das Vorderzimmer. Die zwei Hauben, die ſich an dem Fenſtervorhang 150 Die Pickwicker. abgeſchattet hatten, gehörten zwei von den vertrauteſten Freundinnen der Miſtreß Bardell an, welche eben einge⸗ treten waren, um einige Taſſen Thee zu trinken, und etwas geröſteten Käſe und gebratene Ferkelfüßchen zu ge⸗ nießen. Der Käſe bräunte und röſtete ſich ſehr anlockend in einem kleinen holländiſchen Ofen vor dem Kaminfeuer, die Ferkelfüßchen ſchmorten in einer kleinen Pfanne, und Miſtreß Bardell und ihre zwei Freundinnen fühlten ſich ſehr behaglich, und hatten bereits eine intereſſante Unter⸗ haltung über alle ihre beſondern Bekanntſchaften ange⸗ knüpft, als Maſter Bardell wieder eintrat, und die von Herrn Samuel Weller ihm anvertraute Botſchaft ver⸗ kündete.* N »Herrn Pickwicks Bedienter?« ſagte Miſtreß Bardell erbleichend. »Gott ſtärke mich!« rief Miſtreß Cluppins aus. »Ich hätte es nimmermehr geglaubt, wenn ich nicht zufällig ſelbſt hier wäre,« ſagte Miſtreß Sanders. Miſtreß Cluppins war eine kleine lebhafte Frau, und Miſtreß Sanders eine große korpulente Perſon mit einem breiten Geſicht, und dieſes waren die beiden Gäſte. Miſtreß Bardell hielt es für angemeſſen, die Aufgeregte zu ſpielen, aber da keine von den Dreien genau wußte, ob unter den obwaltenden Umſtänden irgend eine Mitthei⸗ lung anders, als durch die Vermittelung der Herren Dodſon und Fogg von Herrn Pickwicks Bedienten ent⸗ gegen zu nehmen ſei, ſo geriethen ſie alle in einige Ver⸗ legenheit. In dieſem Zuſtande der Rathloſigkeit war ihrer An⸗ ſicht nach das Erſte, was ſie zu thun hatten, den Knaben gehörig dafür zu beſtrafen, daß er Herrn Weller an der Thür gefunden hatte. Seine Mutter übernahm dieſes Geſchäft, und er heulte melodiſch dazu. — ——— Die Pickwicker. 151 „»Willſt Du wohl ſtill ſein, Du nichtsnutziger Bengel,« ſchrie ihn Miſtreß Bardell an. 1 „»Ja, quäle deine arme Mutter nicht ſo, kleiner Thunichtgut,« fiel Miſtreß Sanders ein. »Sie iſt ohne Dich ſchon geplagt genug, Tommy,« ſtimmte Miſtreß Cluppins in das Trio ein. »Ach, die arme Frau!« fügte Miſtreß Sanders noch hinzu. Maſter Bardell ſchrie trotz aller dieſer moraliſchen Troſtgründe nur um deſto lauter. »Was ſoll ich aber thun?« fragte Miſtreß Bardell ihre Freundinnen. »Ich denke, Sie könnten ihn anhören,« erwiederte Miſtreß Cluppins,»aber unter keiner Bedingung ohne Zeugen.« »Ich denke, zwei Zeugen würden vor dem Geſetz noch mehr gelten, als einer,« bemerkte Miſtreß Sanders, welche, wie die andre Freundin, vor Neugierde vergehen wollte. »Es iſt vielleicht am Beſten, wenn ich ihn hier zu uns eintreten laſſe,« ſagte Miſtreß Bardell. „»Unfehlbar,« erwiederte Miſtreß Cluppins, dieſen Gedanken eifrig auffaſſend,»treten Sie ein, junger Menſch, aber verſchließen Sie gefälligſt erſt die Haus⸗ thür.« Herr Weller erſchien ſofort, und begann wie folgt: »Sollte mir ſehr leid thun, Madame, wenn ich Sie perſönlich beläſtigte, wie der Hauseinbrecher zu der alten Dame ſagte, als er ſie auf das Feuer legte, aber da ich und mein Herr eben erſt in die Stadt gekommen ſind, und bald wieder abreiſen wollen, ſo war es nicht anders einzurichten.« »Der junge Mann iſt natürlich nicht Sch uld an 152 Die Pickwicker. Dem, was man ſeinem Herrn zur Laſt legen kann,« ſagte Miſtreß Cluppins, auf welche die Perſönlichkeit und das Benehmen des Herrn Weller einen großen Ein⸗ druck gemacht zu haben ſchien. »Gewiß nicht,« fiel Miſtreß Sanders ein, welche, nach gewiſſen Seitenblicken zu urtheilen, die ſie nach dem geröſteten Käſe und den Ferkelfüßchen in der Brat⸗ pfanne warf, zu berechnen ſchien, wie weit das Abend⸗ eſſen reichen würde, falls Sam dazu eingeladen werden ſollte. »Alles, weshalb ich gekommen bin,« fuhr Sam fort, ohne die Unterbrechung zu beachten, viſt nur die⸗ ſes:— erſtens, die Miethaufkündigung meines Herrn zu bringen— hier iſt ſie— zweitens, die Miethe zu bezahlen— da iſt ſie— drittens, zu ſagen, daß alle ſeine Sachen zuſammengeſucht, und Demjenigen verab⸗ folgt werden ſollen, den er danach ſchicken wird— vier⸗ tens, daß Sie die Wohnung wieder vermiethen können, ſobald Sie wollen— und ſo hätte ich denn Alles aus⸗ gerichtet.« »Was auch vorgefallen ſein mag,« entgegnete Mi⸗ ſtreß Bardell,»ich habe immer geſagt, und werde immer ſagen, daß ſich Herr Pickwick in allen Stücken, nur leider eins ausgenommen, ſtets als ein vollkommener Gentleman benommen hat. Er zahlte immer ſo pünkt⸗ lich, wie die Bank.« Indem Miſtreß Bardell dieſes ſprach, hielt ſie ihr Taſchentuch vor die Augen, und ging hinaus, um den Empfangſchein zu holen. Sam wußte ſehr wohl, daß er ſich nur Lutig zu verhalten habe, um die Frauen unfehlbar zum Sprechen zu bringen. Er blickte daher in tiefem Stillſchweigen Die Pickwicker. 153 abwechſelnd nach den Ferkelfüßchen, dem geröſteten Käſe, den Wänden und der Decke. »Die arme Frau!« ſeufzte Miſtreß Cluppins. »Ach die arme Frau!« fiel Miſtreß Sanders ein. Sam ſagte noch kein Wort.— Er merkte, daß ſie zur Sache kamen. »Ich weiß mich gar nicht zu faſſen,« ſagte Miſtreß Cluppins,»wenn ich an ſolche Treuloſigkeit denke. Ich möchte es gerne vermeſden, etwas zu ſagen, was Ihnen unangenehm ſein könnte, junger Mann, aber Ihr Herr iſt wirklich ein Barbar, und ich wollte, er wäre hier, daß ich es ihm in das Geſicht ſagen könnte.« »Ja, das wollte ich auch,« erwiederte Sam. »Es iſt wirklich ein Jammer, anzuſehen, wie die arme Frau ſich die Sache zu Herzen nimmt; ſie wankt trübſinnig umher, und nichts kann ihr Troſt gewähren, außer wenn ein paar Freundinnen aus Mitleid zu ihr kommen, um ihr Geſellſchaft zu leiſten,« ſagte Miſtreß Cluppins, nach den Ferkelfüßchen und dem Käſe hinüber⸗ ſchielend, ves iſt wirklich ein Jammer!« »Es iſt barbariſch!« rief Miſtreß Sanders aus. »Und Ihr Herr, junger Mann,« fuhr Miſtreß Cluppins mit großer Zungengeläufigkeit fort,»iſt noch dazu ein wohlhabender Mann, der die Ausgabe für eine Frau gar nicht zu ſcheuen hat; er kann alſo auch nicht die geringſte Entſchuldigung für ſein Benehmen vorbrin⸗ gen.— Warum heirathet er ſie denn nicht?« »Ja,« ſagte Sam,»das iſt eben die Frage.⸗ »Ich wurde ihn aber nicht lange fragen, und nicht viel Umſtände mit ihm machen, wenn ich mit ihm zu thun hätte,« erwiederte Miſtreß Cluppins.»Zum Glück giebt es noch Geſetze für uns Frauen, zu ſo elenden Ge⸗ ſchöpfen Viele uns auch gern machen möchten, wenn ſie 154 Die Pickwicker. könnten, und das wird Ihr Herr ſchon auf ſeine Koſten erfahren, junger Mann, ehe er ſechs Monate älter ge⸗ worden iſt.« Bei dieſen keöſi en Gedanken heiterten ſich die Züge von Miſtreß Cluppins auf; ſie lächelte Miſtreß Sanders und dieſe ihr wieder zu. »Der Prozeß iſt wirklich ſchon im beſten Gange,« dachte Sam, als Miſtreß Bardell wieder eintrat. »Hier iſt der Empfangſchein, Herr Weller,« ſagte ſie,»und ich hoffe, Sie werden einen Tropfen annehmen, um ſich zu erwärmen, wenn's auch nur der alten Be⸗ kanntſchaft wegen wäre, Herr Weller.« Sam ſah den Vortheil ein, den er dadurch gewin⸗ nen würde, und willigte gleich ein, worauf Miſtreß Bar⸗ dell aus einem kleinen Schrank eine Flaſche und ein Weinglas hervorholte, und die durch ihre tiefe Wehmuth veranlaßte Zerſtreuung war ſo groß, daß, nachdem ſie Herrn Wellers Glas gefüllt hatte, ſie noch drei Gläſer aus dem Schrank holte, und ſie ebenfalls füllte. »O, Miſtreß Bardell,« rief Miſtroß Cluppins,»was machen Sie denn da.« »Ei, ei, das iſt mir eine ſchöne Wirthſchaft,« ſagte Miſtreß Sanders. »Ach, mein armer Kopf,« ſeufzte Miſtreß Bardell mit einem wehmüthigen Lächeln. Sam verſtand alles dieſes natürlich ſehr wohl, er ſagte daher, daß er vor dem Abendeſſen durchaus nicht trinken könne, wenn nicht eine Dame mit ihm tränke. Hierüber wurde nicht wenig gelacht, und Miſtreß Sanders erbot ſich endlich, nur um ihm den Willen zu thun, wie ſie ſagte, ein kleines Schlückchen aus ſeinem Glas zu verſuchen. Da Sam jetzt ſagte, es müſſe die Runde machen, ſo nahm jede einen kleinen Schluck. ———ͦ—᷑—ꝛO⸗x’’’xꝛ: a Die Pickwicker. 155 Dann brachte die kleine Miſtreß Cluppins den Toaſt aus: vauf gutes Glück Bardells contra Pickwick.« Jetzt leerten die Damen ihre Gläſer zu Ehren des Toaſts, und wurden ſofort ſehr geſprächig. „5Sie werden gehört haben, was im Werke iſt, Herr Weller,« begann Miſtreß Bardell. »Ich vernahm ſo etwas davon,« erwiederte Sam. »Es iſt ſchrecklich, auf ſolche Weiſe in der Leute Mund gebracht zu werden, Herr Weller,« fuhr Miſtreß Bardell fort,»aber ich ſehe jetzt nur zu gut ein, daß mir nichts anders übrig bleibt, und meine Rechtsfreunde, die Herren Dodſon und Fogg, ſagen mir, daß wir bei den Beweiſen, die wir aufſtellen können, unfehlbar ge⸗ winnen müſſen.— Ich wüßte nicht, was ich beginnen ſollte, wenn ich den Prozeß verlöre.« Schon der Gedanke, daß Frau Bardell den Prozeß verlieren könne, griff Miſtreß Sanders ſo heftig an, daß ſie ſich in die Nothwendigkeit verſetzt ſah, ihr Glas wieder zu füllen und zu leeren, denn ſie fühlte, wie ſie nachher ſagte, daß, wenn ſie dieſe Geiſtesgegenwart nicht gehabt hätte, ſie angenblickich in Ohnmacht geſunken ſein würde. »Wann wird der Prozeß beginnen?« fragte Sam. »Entweder im Februar oder im März,« erwiederte Miſtreß Bardell. »Und es wird eine Menge von Zeugen auftreten, nicht wahr?« fragte Miſtreß Cluppins. »Das will ich meinen,« entgegnete Miſtreß Sanders. »Und würden Dodſon und Fogg nicht wüthend werden, wenn ſie den Prozeß verlören,« fügte Miſtreß Cluppins hinzu,»da ſie ihn ganz auf eigene Spekulation uͤbernommen haben?« 4 156 Die Pickwicker. 1»Ja, es würde ihnen ſehr empfindlich ſein,« ſagte Miſtreß Sanders. »Aber die Klägerin muß und muß den Prozeß ge⸗ winnen,« begann Miſtreß Cluppins wieder. »Ich hoffe es,« ſeufzte Miſtreß Bardell. d, das läßt ſich gar nicht bezweifeln,« entgegnete Miſtreß Sanders. „Recht ſchön,« ſagte Sam, indem er aufſtand, und ſein Glas auf den Tiſch ſetzte.»Alles, was ich ſagen kann, iſt, daß ich wünſche, ſie möchten ihn gewinnen.« »Danke Ihnen herzlichſt, Herr Weller,« erwiederte Frau Bardell ſehr gerührt. »Und was ich von dem Dddſon und Fogg ſagen kann,« fuhr Herr Weller fort,»die ſolche Dinge aus Spekulation übernehmen, ſo wie von dem andern men⸗ ſchenfreundlichen und gutmüthigen Herren derſelben Pro⸗ feſſion, die die Leute gratis gegeneinander hetzen, und ihre Schreiber antreiben, kleine Zänkereien zwiſchen ihren Nachbarn und Bekannten aufzuſpüren, oder gar zu ver⸗ anlaſſen, die wohl ohne Prozeſſe beigelegt werden könnten — alles, was ich von dieſen ſagen kann, iſt, daß ich wünſchte, ſie bekämen den Lohn, den ich ihnen auszahlen möchte.« »O, ich wünſche, Sie erhielten den Lohn, den jede gute Seele ihnen gern gönnen wird,« ſagte Frau Bar⸗ dell, welche mit der Aeußerung Sams ſehr zufrieden zu ſein ſchien. »Amen,« verſetzte Sam,»ſie würden ganz heiter und vergnügt davon leben können.— Wünſche Ihnen wohl zu ſchlafen, meine Damen!« 4 Die Wirthin ließ Sam gehen, ohne ihn, zur großen Beruhigung von Miſtreß Sanders, zu den Ferkelfüßchen und dem geröſteten Käſe einzuladen, welchen Gerichten * & ᷣ ₰ ———— Die Pickwicker. 157 die Damen bald darauf unter dem jugendlichen Beiſtande von Maſter Bardell die vollkommenſte Gerechtigkeit wie⸗ derfahren ließen— ſie verſchwanden gänzlich unter ihren vereinigten Bemühungen.. Herr Weller begab ſich in den Georg und Geier zurück und erſtattete ſeinem Herrn getreuen Bericht von Allem, was er während ſeines Beſuchs bei Frau Bar⸗ dell über die Abſichten von Dodſon und Fogg hatte ent⸗ nehmen können.— Eine Zuſammenkunft mit Herrn Perker am folgenden Tage beſtätigte Alles, und Herr Pickwick traf ſeine ferneren Vorbereitungen für den Weih⸗ nachtsbeſuch in Dingley⸗Dell mit dem angenehmen Be⸗ wußtſein, daß einen oder zwei Monate ſpäter eine gegen ihn wegen des Bruchs eines Eheverſprechens angeſtellte Entſchädigungsklage öffentlich vor dem Gerichtshofe der Common⸗Pleas verhandelt werden würde, wobei die Klägerin alle Vorthelle auf ihrer Seite hatte, welche nicht allein aus der Gewalt der Umſtände, ſondern auch aus der Geſchäftskenntniß von Dodſon und Fogg ſich ergeben konnten. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Samuel Weller pilgert nach Dorking und beſucht ſeine Stiefmutter. Da bis zur Abreiſe der Pickwicker nach Dingleh⸗ Dell noch eine Zwiſchenzeit von zwei Tagen blieb, ſo ſetzte ſich Herr Weller, nachdem er früh zu Mittag ge⸗ ſpeiſt hatte, in ein Hinterzimmer im Georg und Geier, um nachzudenken, wie er dieſe Zeit am zweckmäßigſten 158 Die Pickwicker. zubringen könne. Es war ſehr ſchönes Wetter, und er hatte den Gegenſtand noch nicht zehn Minuten erwogen, als plötzlich die Gefühle eines zärtlichen Sohnes in ihm erwachten, und es drang ſich ihm ſo lebhaft der Gedanke auf, er müſſe ſeinen Vater beſuchen und ſeiner Stief⸗ mutter ſeine Ehrfurcht bezeigen, daß er vor Erſtaunen ganz außer ſich gerieth, wie er an die Erfüllung dieſer Pflicht früher noch nie gedacht hatte. Begierig, ſeine bisherige Vernachläſſigung wieder gut zu machen, eilte er ſofort zu Herrn Pickwick hinauf, und bat ihn um Urlaub zu dieſem löblichen Vorhaben. »Mit Vergnügen, Sam, mit Vergnügen,« entgegnete Herr Pickwick, der über einen ſolchen Beweis der kind⸗ lichen Gefuͤhle ſeines Dieners ganz entzückt war. Herr Weller verbeugte ſich dankbar. »Es freuet mich ſehr,« ſagte Herr Pickwick,„daß Sie von Ihren Pllichten als Sohn ſo ſehr durchdrun⸗ gen ſind.« 3 »Das bin ich immer geweſen,« antwortete Herr Weller.—. »Freut mich ſehr, es zu vernehmen, Sam,« entgeg⸗ nete Herr Pickwick. »Jedesmal, wenn ich von meinem Vater etwas zu haben wünſchte, fuhr Herr Weller fort, bat ich immer ſehr ehrerbietig und artig darum. Gab er mir es nicht, ſo nahm ich es, weil ich fürchtete, wenn ich es nicht bekäme, ſo könnte ich dadurch verführt werden, etwas Unrechtes zu thun. Ich habe ihm auf dieſe Weiſe viel Mühe und Ungelegenheiten erſpart.« »Das iſt nicht ganz meine Anſicht, Sam,« bemerkte Herr Pickwick kopfſchüttelnd und mit einem leichten Lächeln. 3 »Ich hatte immer die beſten Gefühle, Sir— die — Die Pickwicker. 159 allerbeſten Abſichten, wie der Gentleman ſagte, als er von ſeiner Frau weglief, weil ſie unglücklich bei ihm zu ſein ſchien,« entgegnete Herr Weller. »Sie können jetzt gehen, Sam,« ſagte Herr Pickwick. »Danke, Sir,« erwiederte Herr Weller, und nachdem er ſeine beſte Verbeugung gemacht, und ſeine beſten Klei⸗ der angelegt hatte, beſtieg er den Außenſitz der Arnedaler Poſtkatſäh e, und fuhr mit ihr nach Dorking. 3 Das Wirthshaus zum Marquis von Granby war zu Herrn Wellers Zeiten das Muſter einer Schenke der beſſern Klaſſe an der Heerſtraße— gerade groß genug, um bequem, und klein genug, um behaglich zu ſein. An der Straße erblickte man auf einem hohen Pfoſten ein großes Schild, worauf der Kopf und die Schultern eines Gentleman mit einem apoplektiſchen Geſicht und in einem rothen Rock mit dunkelblauen Aufſchlägen gemalt war. Eine Portion derſelben Farbe war als Himmel über ſeinem dreieckigen Hut angebracht. Darüber ſchwebten ein paar Fahnen und unter dem letzten Knopf ſeines Rocks lagen ein paar Kanonen, und das Ganze ſollte ein ausdrucksvolles und ſprechend ähnliches Bildniß des Marquis von Granby glorreichen Andenkens darſtellen. In dem Fenſter des Schenkſtübchens ſtand eine auser⸗ wählte Sammlung von Geraniums und eine Reihe wohl⸗ abgeſtäubter Liqueurflaſchen. Auf den zurückgeſchlagenen Fenſterladen laß man eine Menge goldener Inſchriften, welche gute Betten und treffliche Weine anprieſen, und die auserleſene Gruppe von Landleuten und Pferdeknech⸗ ten, die vor den Ställen und Pferdekrippen verweilten, ließ auf die ausgezeichnete Qualität der Getränke, die im Hauſe zu haben waren, mit erfreulicher Sicherheit ſchlie⸗ ßen. Sam Weller blieb, als er von der Poſtkutſche ab⸗ geſtiegen war, vor dem Hauſe ſtehen, um mit dem Blick 160 Die Pickwicker. eines erfahrnen Reiſenden alle dieſe Anzeichen eines blü⸗ henden Geſchäftsverkehrs zu prüfen, und ging darauf, ſehr befriedigt durch Alles, was er beobachtet hatte, ohne Weiteres hinein. »Was beliebt, junger Mann?« rief eine gellende weibliche Stimme, als er kaum über die Schwelle getre⸗ ten war. Sam blickte nach der Richtung, aus welcher die Stimme ertönte. Sie kam von einer ziemlich korpulenten, behaglich ausſehenden Frau, die im Schenkſtübchen vor dem Kamine ſtand, und das Feuer unter dem Keſſel anblies. Sie war nicht allein, denn an der andern Seite des Ka⸗ mins ſaß ein Mann kerzengrade auf einem Stuhl mit hoher Rückenlehne in bis auf Aden Faden abgetragenen Kleidern und mit einem faſt eben ſo langen ſteifen Rücken, als der ſeines Stuhls war. Dieſer Mann erregte ſogleich Sams beſondere Aufmerkſamkeit.— Er hatte ein langes und ſchmales Geſicht, einen zuſammengekniffe⸗ nen Mund, eine rothe Naſe, und etwas von einem Klap⸗ perſchlangenblick, der ziemlich ſtechend, und auf jeden Fall entſchieden ſchlecht war. Er trug ſehr kurze Bein⸗ kleider und ſchwarze wollene Strümpfe, welche, wie ſein ganzer Anzug, ſehr abgetragen waren. Seine Blicke wa⸗ ren zwar geſteift, aber ſein weißes Halstuch war es nicht, und die langen Zipfel deſſelben fielen ſehr unmo⸗ diſch und unmaleriſch über die dicht zugeknöpfte Weſte herab. Ein paar alte grob abgenutzte Handſchuhe, ein breiträndiger Hut und ein verbleichter grüner Regenſchirm mit viel hervorſtehendem Fiſchbein, als folle dadurch der Mangel eines Griffs an der Spitze erſetzt werden, lag neben ihm auf einem Stuhl, und zwar ſo, daß man wohl entnehmen konnte, der rothnaſige Mann, wer er auch ſein mochte, beabſichtige nicht, ſich ſobald wieder zu ent⸗ fernen.. luͤ⸗ uf, te, nde re⸗ die een, dem jes. Ka⸗ mit nen“ ifen egte atte iffe⸗ lap⸗ den ein⸗ ſein wa⸗ es mo⸗ Jeſte ein dirm der Die Pickwicker. 161 Um dem rothnaſigen Mann Gerechtigkeit widerfah⸗ ren zu laſſen, müſſen wir bedenken, daß eine derartige Abſicht auch keineswegs eine weiſe von ihm geweſen ſein würde, denn allem Anſchein nach hätte er einen höchſt auserwählten Kreis von Bekanntſchaften beſitzen müſſen, um vernünftiger Weiſe erwarten zu können, daß er irgend⸗ wo beſſer aufgenommen werden würde, als hier. Das Feuer brannte hell und luſtig unter dem Einfluß des Blaſe⸗ balgs, und der Keſſel ſang und ſummte vergnüglich unter dem Einfluß von beiden. Ein niedliches Thee⸗Service ſtand auf den Tiſch, am Feuer wärmten geröſtete Brodſchnitte mit Butter, und der rothnaſige Mann war eifrigſt beſchäf⸗ tigt, ein großes Stück Weißbrod mit Hülfe einer langen bronzenen Gabel in jenes angenehme Nahrungsmittel, Toaſt genannt, zu verwandeln. Neben ihm ſtand ein Glas rau⸗ chenden Ananasgrogs, mit einer Zitronenſcheibe darin, und ſo oft der rothnaſige Mann eine zu röſtende Brodſchnitte vor die Augen hielt, um ſich zu vergewiſſern, wie weit ſie ſchon gediehen ſei, ſchlürfte er einige Tropfen von dem Ananasgrog und lächelte der korpulenten Frau freund⸗ lich zu, die fortwährend das Feuer anſchürte. Sam war in der Betrachtung dieſer behaglichen Scene ſo vertieft, daß er die erſte Frage der Dame gänz⸗ lich unbeachret ließ, und er wurde ſich erſt der Unſchicklich⸗ keit ſeines Benehmens bewußt, als ſte weimal und zwar mit immer hellerer Stimme wiederholt worden war. „»Iſt der Hausherr zu Hauſe?« antwortete Sam endlich durch eine Gegenfrage. »Nein,« erwiederte Frau Weller, denn die ziemlich korpulente Dame war keine andere, als die vormalige Wittwe und einzige Erbin des ſeligen Herrn Clarke— „nein, er iſt nicht zu Hauſe, und ich erwarte ihn auch nicht.« Die Pickwicker. III. 11 0 — 162 Die Pickwicker. »„Ich denke, er wollte heute wiederkommen,« ſagte Sam. „»Es kann ſein und auch nicht ſein,« erwiederte Frau Weller, indem ſie eine neue Broͤſcheibe, welche der rothnaſige Mann eben geröſtet hatte, mit Butter beſtrich,»ich weiß es nicht, und es iſt mir auch gleich⸗ viel. Langen Sie zu, Herr Stiggins.« Der rothnaſige Mann ließ ſich das nicht zweimal ſagen, und fiel ſofort mit wilder Eßbegier über die Brot⸗ ſchnitte her. Sam hatte vom erſten Augenblick an aus der Per⸗ ſönlichkeit des rothnaſigen Mannes mehr als gemuth⸗ maßt, daß es der fromme Schäͤfdr ſei, von welchem ſein achtbarer Vater ihm erzählt hatte. Sobald er ihn eſſen ſah, waren ſeine letzten Zweifel beſeitigt, und er gewahrte ſogleich, daß, wenn er für einige Zeit hier zubringen wolle, er raſch Fuß faſſen müſſe. Er begann daher ſeine Operationen damit, daß er mit dem Arm über die Halb⸗ thür des Schenkſtubchens langte, kaltblütig aufriegelte, und ohne Umſtände hineinging. „»Frau Stiefmutter,« ſagte Sam,»wie geht's?« »Ich glaube wirklich, es iſt ein Weller,« ſagte ſie, indem ſie mit wenig vergnügtem Ausdruck Sam in das Geſicht blickte.. 8 »Ich glaub's faſt auch,« fuhr der unerſchütterliche Sam fort, und ich hoffe, dieſer hochehrwürdige Herr hier wird mich entſchuldigen, wenn ich ſage, daß ich wünſchte der Weller zu ſein, der Euch beſitzt, Mama.« Sam operirte mit einem doppelläufigen Compliment, denn ſeine Worte ſagten ſowohl, daß Miſtreß Weller eine ſehr angenehme Frau ſei, als daß Herr Stiggins ein geiſtliches Anſehen habe. Sie machten auch ſichtlichen h △ — Die Pickwicker. 163 Eindruck, und Sam verfolgte ſeinen Vortheil, indem er ſeine Stiefmutter küßte. „»Gehen Sie,« ſagte Frau Weller, ihn zurückdrän⸗ gend. »Ei, ſchämen Sie ſich doch, junger Mann,« ſagte der Herr mit der rothen Naſe. »Iſt nicht böſe gemeint,« verſetzte Sam,»aber Sie haben freilich recht; es iſt nicht ganz in der Ordnung, wenn Stiefmütter ſo jung und hübſch ſind, nicht wahr Sir?« 3 „Es iſt Alles eitel,« ſeufzte Herr Stiggins. »Ja, das iſt wahr,« ſagte Frau Weller, indem ſie ihre Haube zurecht rückte. Sam dachte eben ſo, behielt aber ſeine Gedanken für ſich. Dem frommen Schäfer ſchien Sams Ankunft keines⸗ wegs erfreulich zu ſein, und als der erſte Eindruck ſeiner Schmeicheleien vorüber war, nahm auch Miſtreß Weller eine Miene an, als hätte ſie ſeinen Beſuch ohne das mindeſte Mißbehagen entbehren können. Sam war aber einmal da, und konnte nicht füglich ohne weiteres hinausgewieſen werden; ſie ſetzten ſich daher alle drei zum Thee. 3 »Wie befindet ſich der Vater 2« fragte Sam. Frau Weller hob die Hände und die Augen bei dieſer Frage empor, als ſei ein gar zu peinlicher Gegen⸗ ſtand berührt worden. Herr Stigsins ſtöhnte. »Was fehlt dem Herrn?« fragte Sam. »Er bejammert den Weg, den Ihr Vater wandelt, erwiederte Miſtreß Weller. „»Wirklich?« ſagte Sam. . 11* 164 Die Pickwicker. „Und mit nur zu gutem Grunde,« fuͤgte Miſtreß Weller ernſt hinzu.„ Herr Stiggins nahm eine friſche Toaſt⸗Scheibe und ſtöhnte noch mehr als zuvor. »Ihr Vater iſt ein Abtrünniger,« ſagte Miſtreß Weller. 1 „Ein Gefäß des Zorns,« rief Herr Stiggins. Er biß ein großes Stück aus dem geröſteten Brote und ſtöhnte dann wieder. Sam fühlte ſich ſehr gedrungen, dem ehrwürdigen Herrn Stiggins wirklich Urſache zum Stöhnen zu geben, aber er beherrſchte ſich noch, und fragte nur:»Was iſt denn mit dem Alten.« »Was es mit ihm iſt?« erwiederte Miſtreß Weller, „o, er hat ein verhärtetes Herz. Jeden Abend kommt dieſer vortreffliche Mann— zürnen Sie nicht, Herr Stiggins— ich muß es ſagen, daß Sie ein vortreff⸗ licher Mann ſind— kommt und ſitzt hier ſtundenlang, aber es macht nicht die geringſte Wirkung auf ihn.« »Das iſt merkwürdig,« verſetzte Sam, v»ſo viel weiß ich, daß es eine beträchtliche Wirkung auf mich machen würde, wenn ich an ſeiner Stelle wärees „Die Sache iſt die, mein junger Freund,« begann Herr Stiggins feierlich,»daß er einen verhärteten Buſen hat. Ach, mein junger Freund, wie hätte er ſonſt den rührenden Bitten und Ermahnungen von ſechszehn un⸗ ſerer ſchönſten Schweſtern widerſtehen können, ſich unſe⸗ rer edelmüthigen Geſellſchaft anzuſchließen, welche den frommen Zweck hat, die Negerkinder in Weſtindien mit Flanellweſten und moraliſchen Taſchentüchern zu ver⸗ ſorgen.« „Was ſind denn das, moraliſche Taſchentücher?⸗ fragte Sam.»Ich habe dieſen Artikel noch nie geſehen.⸗ „ 1— „ Die Pickwicker. 165 vEs ſind Taſchentücher, mein junger Freund,« er⸗ wiederte Herr Stiggins, welche Unterhaltung mit Be⸗ lehrung verbinden, indem auserwählte Erzählungen mit Holzſchnitten darauf gedruckt ſind.« »Ah, ich weiß ſchon,« ſagte Sam,»ſie hängen in den Leinwandladen mit Bettlerpetitionen und dergleichen darauf.« Herr Stiggins begann, ſich in die dritte Butter⸗ ſchnitte zu vertiefen, und nickte bejahend. »Und der Alte wollte ſich von den Damen nicht dazu bereden laſſen?« fragte Sam. »Er ſaß da,« erwiederte Frau Weller,»rauchte ſeine Pfeife, und ſagte, das mit den Negerkindern wäre—⸗ »Nichts als Beutelſchneiderei,« fiel Herr Stiggins mit dem Tone des Entſetzens ein. »Ja, er ſagte, es wäre nichts als Beutelſchneiderei,⸗ wiederholte Miſtreß Weller, und beide ſeufzten über das ruchloſe Benehmen des ältern Herrn Weller. Vielleicht würden noch viele Ruchloſigkeiten dieſer Art zu Tage gekommen ſein, aber die Butterſchnitte waren alle verzehrt, der Thee begann ſchwach zu werden, und Sam zeigte nicht im geringſten die Abſicht, ſich ent⸗ fernen zu wollen. Herr Stiggins erinnerte ſich daher plötzlich, daß er eine höchſt dringende Zuſammenkunft mit dem Schäfer verabredet habe, und empfahl ſich. Kaum war das Theegeſchirr abgeräumt, als die Londoner Poſtkutſche Herrn Weller den Aeltern vor dem Hauſe abſetzte. Er trat in das Schenkſtübchen und erblickte ſeinen Sohn. »Ah, ſieh da, Sammy!« rief er ihm entgegen. „»Willkommen, alter Herr,« rief der Sohn zurück, und ſie ſchüttelten ſich kräftig die Hände. „Freuet mich ſehr, Dich hier zu ſehen, Sammy,« ſagte Die Pickwicker. Herr Weller Senior, obſchon es mir noch ein Geheimniß iſt, wie Du es angefangen haſt, um bei Deiner Stief⸗ mutter gut aufgenommen zu werden. Ich wollte nur, Du ſchriebſt mir Dein Rezept auf.« „Pſt,« entgegnete Sam,»ſie iſt zu Hauſe, alter Burſche.« „Kann uns aber nicht hören,« erwiederte Weller Senior.»Wenn ſie ihren Thee getrunken hat, handthiert ſie immer im Hauſe umher, und ſpektakelt ein paar Stunden; wir wollen uns daher etwas zu Gute thun, Sammy.« Bei dieſen Worten begann Herr Weller Senior ein paar Gläſer Branntwein und Waſſer zu miſchen, holte zwei Pfeifen, und indem der Vater und der Sohn ſich einander gegenüberſetzten, Sam an die eine Seite des Kamins in den hohen Lehnſtuhl, und Herr Weller Senior an die andere in einen dito, machten ſie es ſich ſo be⸗ quem und behaglich, als nur immer möglich war. »Iſt Jemand hier geweſen, Sammy?« fragte Herr Weller Senior trocken nach einem langen Stillſchweigen. Sam nickte ſehr bedeutſam. 3 „Der rothnaſige Hallunke ²« fragte Herr Weller. Sam nickte abermals⸗ „Ein liebenswürdiges Menſchenkind,« ſagte Herr Weller Senior, mit heftigen Zügen fortrauchend. »Scheint ſo,« bemerkte Sam. „Verſteht ſich aufs Rechuen,« fuhr Weller der Va⸗ ter fort. 3 »Wie ſo?« fragte Sam.* »Borgt am Montag achtzehn Pence und kommt den Dienſtag wieder, und borgt einen Schilling, daß es eine halbe Krone wird, kommt am Mittwoch wieder, und borgt abermals eine halbe Krone, daß es fünf Schilling ——— ☛— rr — Die Pickwicker. 167 werden, und ſo geht es mit dem Verdoppeln fort, bis er im Nu eine Fünfpfundnote hat, gerade wie es im Rechen⸗ buch mit den Hufeiſennägeln ſteht, Sammy.« Sam deutete durch ein Kopfnicken an, daß er ſich des von ſeinem Vater erwähnten Rechnungsexempels noch ſehr wohl erinnere.»Ihr wolltet alſo zu den Flanell⸗ weſten nicht unterſchreiben?« fragte er nach einer Pauſe, die beiderſeits nur durch Rauchen ausgefüllt wurde. »Werde mich wohl hüten,« erwiederte Weller Se⸗ nior.»Was ſollen die Negerkinder mit Flanellweſten? Aber ich will Dir was ſagen, Sammy,« fügte er mit leiſer Stimme und ſich zu ſeinem Sohn beugend hinzu, ich würde ein hübſches Sümmchen zu Zwangsweſten für gewiſſe Leute hier zu Lande mit Vergnügen unter⸗ ſchreiben.« Nachdem er dieſes geſagt, ſetzte er ſich wieder in die vorige Poſitur, und winkte ſeinem Erſtgebornen bedeut⸗ ſam zu. »Ebenſo kurioſe kommt es mir vor,« bemerkte Sam,»daß man Leuten Taſchentücher ſchicken will, die ſie gar nicht zu gebrauchen wiſſen.« »Sie haben immer dergleichen Taſchenſpielereien vor, Sammy,« erwiederte ſein Vater.»Vorigen Sonntag ging ich die Straße hinauf, und was meinſt Du, wen ich an einer Kapellenthür ſtehen ſehe?— Niemand anders, als Deine Stiefmutter mit einem blauen Sup⸗ penteller in der Hand. Ich glaube wirklich, es war kleine Münze für ein paar Goldſtücke darauf, und als die Leute herauskamen, regnete es noch immer drauf zu, ſo daß der Teller es kaum faſſen konnte.— Was meinſt Du nun, wofür geſammelt wurde?« »Vielleicht wieder zu einem Theetrinken,« ſagte Sam. 168 Die Pickwicker. „Weit gefehlt, Sammy,« erwiederte ſein Vater, ves war für die Waſſerſteuer des Schäfers.« »Wie, dem Schäfer ſeine Waſſerſteuer?« fragte Sam verwundert. »Ja,« entgegnete Weller Senior,»der Schäfer hatte ſeit dreiviertel Jahren für das Waſſer in ſeinem Hauſe keinen Heller bezahlt, vielleicht weil er nicht viel Ge⸗ brauch vom Waſſer machte, denn er trinkt nur wenig, ſehr wenig von dem Getränk, Sammy, er kennt ein anderes, das ein gutes halbesdutzendmal mehr werth iſt. Genug, es war nicht bezahlt worden, und alſo nagelten ſie ihm die Röhren zu. Der Schäfer geht gleich nach der Kapelle, giebt ſich für einen verfolgten Heiligen aus, und ſagt, er hoffe, die Herzen derer, die ihm das Waſſer abgeſchnitten hätten, würden erweicht werden, und auf den rechten Weg gelangen, denkt aber bei ſich, daß ſie in die Hölle fahren werden. Die Weiber ſtellen darauf gleich eine Verſammlung an, ſingen einen Pſalm, wählen Deine Mutter zur Vorſitzerin, beſchließen für den näch⸗ ſten Sonntag eine Sammlung, und händigen Alles dem Schäfer ein, und wenn er nicht genug damit hat, um die Waſſergeſellſchaft für ſein ganzes Leben zu bezahlen,« ſagte Herr Weller Senior zum Schluß,»ſo will ich ein Holländer ſein, und Du biſt auch einer, Sammy, und das iſt die ganze Geſchichte.« Der Alte rauchte noch einige Minuten fort, und begann wieder:. »Das Schlimmſte an dieſem Schäfer und ſeiner Sippſchaft, mein Junge, iſt, daß ſie allen jungen Weib⸗ ſen hier herum die Köpfe verdrehen. Die guten Kinder denken, es iſt Alles in der Ordnung, und ſie wiſſen es nicht beſſer, aber ſie ſind Opfer der Schwindelei, Samiel, Opfer des Betrugs.« — „ 9 ◻ Die Pickwicker. 169 „Das denke ich mir auch,« ſagte Sam. „Nichts weiter,« fuhr Weller Senior fort, indem er nachdenklich den Kopf ſchüttelte,„und was mich am meiſten verdrießt, Samiel, iſt, daß ſie Alle ihre Zeit und Arbeit verſchlottern, um Kleidungsſtücke für die ſchwarzen und kupferfarbigen Leute zu machen, die ſie nicht brauchen können, und ſich um die fleiſchfarbigen Chriſtenkinder nicht bekümmern, die ſie ſo nöthig haben. Wenn ich zu be⸗ fehlen hätte, Samiel, ſo würde ich alle die faulen Schä⸗ fer hinter eine ſchwere Schiebkarre ſtellen, und ſie den ganzen Tag auf einer vierzehn Zoll breiten Bohle hin und her karren laſſen. Das würde ihnen den Unſinn ſchon herausſchüttern, wenn es ſonſt irgend möglich iſt.⸗ Nachdem Herr Weller Senior dieſes Radikalmittel mit großem Nachdruck erörtert, und durch ein entſpre⸗ chendes Spiel ſeiner Züge begleitet hatte, leerte er ſein Glas auf einen Zug, und klopfte mit angeborner Würde die Aſche aus ſeiner Pfeife. Er war damit noch be⸗ ſchäftigt, als draußen auf dem Gange eine gellende Stimme ertönte. „»Da läßt ſich Deine liebe Mama hören, Sammy,⸗ ſagte der alte Herr, und gleich darauf trat ſeine Ehe⸗ hälfte in das Zimmer. »Ah, biſt Du wieder angekommen?« rief ſie ihm entgegen. »Ja, mein Schatz,« erwiederte Herr Weller, indem er ſich eine friſche Pfeife ſtopfte. »Iſt Herr Stiggins noch nicht wieder hier geweſen?⸗ fragte Miſtreß Weller. »Nein, mein Schatz, noch nicht,« entgegnete Herr Weller, indem er ſeine Pfeife durch die ſinnreiche Opera⸗ tion anzündete, daß er eine glühende Kohle aus dem Feuer zwiſchen die Zange faßte, und auf den Taback 170 Die Pickwicker. legte,»und was noch mehr iſt, mein Schatz, ich denke es zu überleben, wenn er auch gar nicht wieder kommt.« »Pfui, Du gottloſer Mann?« rief Miſtreß Weller aus. „Danke ſchön, mein Schatz,« entgegnete Herr Weller. „Still, Vater,« ſagte Sam, okeine eheliche Lieb⸗ koſungen vor Fremden; da kommt gerade der ehrwürdige Herr ſchon wieder.«— Bei dieſer Nachricht wiſchte Miſtreß Weller haſtig die Thränen wieder ab, welche ſie ſich eben bemüht hatte, herauszupreſſen, und Herr Wellex ſchob ſeinen Lehnſtuhl mißmuthig in den Kaminwinkel. Herr Stiggins war leicht zu bewegen, noch ein Glas von dem Ananasgrog anzunehmen, ſo wie ein zweites und ein drittes, und dann ſich durch ein kleines Abendeſſen zu erquicken, bevor er mit dem Trinken fort⸗ fuhr. Er ſaß neben Weller Senior, welcher, ſo oft er es unbemerkt vor ſeiner Ehehälfte thun konnte, ſeinem Sohne die verborgenen Gefühle ſeines Buſens dadurch zu Tage legte, daß er ſeine Fauſt über den Kopf des Schäferherolds ſchüttelte, was Sam das ungemiſchteſte und entzückendſte Vergnügen gewährte, um ſo mehr, da Herr Stiggins unbekümmert trank und aß, ohne im geringſten zu ahnen, was hinter ſeinem Rücken vor⸗ ging. Der größere Theil der Unterhaltung ward von Miſtreß Weller und dem ehrwürdigen Herrn Stiggins geführt, und die Hauptgegenſtände des Geſprächs waren die Tugenden des Schäfers, die Würdigkeit ſeiner Heerde und die Fehler und Sünden aller andern Menſchenkinder, welche Abhandlungen Herr Weller Senior nur durch Die Pickwicker. 171 halblaute Anſpielungen auf einen Gentleman, Namens Walker und durch andere ähnliche derſelben Art unter⸗ brach. Endlich nahm Herr Stiggins unter mehrfachen und unzweifelhaften Symptomen, daß er ſo viel Ananasgrog, als er füglich beherbergen konnte, zu ſich genommen, ſeinen Hut, und empfahl ſich. Sam wurde bald darauf durch ſeinen Vater in die für ihn beſtimmte Schlaf⸗ kammer geführt. Der würdige alte Herr drückte ihm mit inniger Wärme die Hand, und ſchien geneigt, einige Bemerkungen gegen den Sohn auszuſprechen. Da er jedoch die Stimme ſeiner Ehehälfte vernahm, ſo gab er ſeine Abſicht für dieſes Mal auf, und wünſchte ihm ohne Weiteres gute Nacht. Sam ſtand am andern Morgen frühzeitig auf, und nachdem er ſchnell ein Frühſtück zu ſich genommen, ſchickte er ſich zur Rückkehr nach London an. Er war kaum aus der Thür getreten, als ſein Vater hinab kam, und ihm zurief: „»Wie, Sammy, ſchon fort?« »Im ſelbigen Augenblick,« erwiederte Sam. »Ich wollte, Du könnteſt dem Stiggins den Mund ſtopfen, und ihn mit Dir nehmen,« ſagte Herr Weller Senior. »Ich ſchäme mich in Deiner Seele, alter Haltfeſt,⸗ verſetzte Sam im Ton des Vorwurfs.»Warum läßt Du ihn denn überhaupt ſeine rothe Naſe in den Marquis von Granby ſtecken?« Herr Weller Senior faßte ſeinen Sohn ſcharf und ernſt in das Auge, und erwiederte: »Weil ich ein Ehekrüppel bin, Samiel, weil ich ein Ghekrüppel bin.— Wenn Du dereinſt ein verheiratheter . Die Pickwicker. Mann biſt, Samiel, ſo wirſt Du vieles verſtehen, wa Du jetzt nicht verſtehſt, aber ob es werth iſt, eine ſolche Schule durchzumachen und darin ſo wenig zu lernen, w der Waiſenknabe ſagte, als er an das Ende des A B C gekommen war, das iſt Geſchmacksſache. Ich halte da⸗ für, daß es nicht der Mühe werth iſt.« »Wohl möglich,« ſagte Sam.»Nun lebt wohl Alter.« „Warte noch einen Augenblick, Sammy,« rief ihm ſein Vater nach. 1 „Ich will nur noch dieſes ſagen,« bemerkte Sam, indem er ſtehen blieb,»wenn ich Eigenthümer des Mar⸗ quis von Granby wäre, und der Stiggins käme mir in mein Schenkſtübchen, um geröſtete Toaſtſchnitte zu eſſen, ſo würde ich—« »Was würdeſt Du, Sammy,“« unterbrach ihn ſein Vater, ſehr geſpannt.»Was würdeſt Du?—«⸗ »Ihm ſeinen Grog vergiften,« ſagte Sam. „Wirklich, Sammy?« verſetzte der alte Herr, ſeinen Sohn feſt bei der Hand ergreifend,„»würdeſt Du das wirklich thun?« 1 Anfangs würde ich wohl nicht ſo hart gegen ihn ſein,« entgegnete Sam,»ſondern ihn nur in das Waſſer⸗ faß ſtecken, und den Deckel darauf thun, wenn er dann aber unempfindlich gegen meine Nachſicht bliebe, ſo würde ich es mit dem andern Mittel verſuchen.« Der aͤltere Weller heftete einen Blick inniger, un⸗ ausſprechlicher Bewunderung auf ſeinen Sohn, und nach⸗ dem er ihm noch einmal die Hand gedrückt hatte, ent⸗ fernte er ſich langſam, mit Erwägung der zahlreichen Gedanken beſchäftigt, die Sam's Rath in ihm hatte aufſteigen laſſen. — Die Pickwicker. Sam ſah ſich noch oft um, bis der Weg eine Wen⸗ dung nahm, und ging dann munter ſeine Straße nach 1„London zu. Er dachte anfangs über die muthmaßlichen Folgen ſeines Rathes nach, und ob es wahrſcheinlich ſei oder nicht, daß ſein Vater ihn benutzen werde; dann aber beſeitigte er dieſe Gedanken durch die tröſtliche Er⸗ wägung, daß nur die Zeit es lehren könne, und gerade 4 dieſe Erwägung iſt es, die wir auch dem Leſer anheim ſtellen. 3 Ende des dritten Theils. 11————— ö 5 4 5—