t Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . Leih- und Jeſebedingungen. — 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uyr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von iſ jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3 den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 4 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ———— wird. 44 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und— eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „ 3„ 2„—„ 3„=—„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung d. der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 4 — 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗. ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 6 ———y— 9—.= Capt. Marryat's, Capt. Chamier's, Dr Harriſſon's(Samuel Warrew's), Wilſon's, James Morier's, Boz's u. A. Geſammelte Werke. Eine Sammlung der 9 neueſten und ausgezeichnetſten Romane der engliſchen Literatur. Fünkundsiebenzigster Band. Leben und Abenteuer des Nicolaus Nickleby von Boz(Charles Dickens). Siebenter Theil. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn.„ 1839. Boz's (Charles Dickens) Geſammelte Werke. Secheiehnter Cheil —— Leben und Abenteuer des Nicolaus Nickleby. —— Siebenter Theil. Mit einer Federzeichnung nach Phiz. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn, und George Weſtermann. 1839. e — Leben und Abenteuer des Nicolaus Nickleby. Von Boz(Charles Dickens), dem Verfaſſer der Pickwicker, des Oliver Twiſt, der humoriſtiſchen Genrebilder dc. Aus dem Engliſchen von K. H. Hermes. Fortgeſetzt von Dr. A. Diezmann. Siebenter Theil. Zweite Auklage. Mit einer Federzeichnung nach Phiz. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn, und George Weſtermann. 1839. —— Erſtes Kapitel enthält eine ernſte Kataſtrophr. Es war das kleine Wettrennen zu Hampton und der Tag ſo klar und heiter als ein Tag nur immer ſein kann; die Sonne ſtand hoch am wolkenloſen Himmel und ſchien in vollem Glanze. Jede bunte Fahne, die in der Luft flatterte aus einem Wagen oder von einer Zeltſpitze, glänzte im hellſten Scheine. Alle ſchmutzige Fahnen wurden wieder neu, verblichenes Gold erhielt neuen Glanz, befleckte und zerriſſene Leinwand ſah ſchneeweiß aus; ſelbſt die Lumpen des Bettlers glichen keinen Lumpen mehr, und das Gefühl vergaß in der eifrigen Bewunderung der ſo maleriſchen Armuth ganz und gar das Mitleid. Es war eine jener lebenvollen Scenen in dem fri⸗ ſcheſten und heiterſten Augenblicke, die faſt immer gefal⸗ len müſſen, denn iſt das Auge von Pomp und Glanz und das Ohr von dem unaufhörlichen Geräuſche umher ermüdet, ſo kann das erſte ausruhen und ſich nach jeder Richtung hin auf glückliche erwartungsvolle Geſichter wenden und das zweite die betäubenden Töne bei denen der Luſt und Freude vergeſſen. Selbſt die von der Sonne verbrannten Zigeunerkinder, wenn ſie auch halb nackt ſind, gewähren ein wenig Vergnügen. Es iſt eine Freude, zu ſehen, daß ſie ſich jeden Tag in Licht und Nicolaus Rickleby. VII. 1 8 Nicolaus Nickleby. Luft baden, zu fühlen, daß ſie Kinder ſind und wie Kinder leben; daß, wenn ihre Kiſſen feucht ſind, nicht Thränen, ſondern der Thau des Himmels ſie benetzte; daß die Glieder dieſer Mädchen frei und nicht gewalt⸗ ſam verkrüppelt ſind, daß ſie keine unnatürliche Folter zu erleiden brauchen; daß ſie ihr Leben täglich wenig⸗ ſtens unter wogenden Bäumen verbringen und nicht unter ſchrecklichen Maſchinen, welche die jungen Kinder alt machen, ehe ſie wiſſen, was Kindheit iſt, und ihnen die Kraſtloſigkeit und Schwäche des Alters geben, ohne, wie dieſem, das Vorrecht zu ſterben. Wollte doch Gott, die alten Ammenmährchen wären wahr und die Zigeu⸗ ner ſtählen ſolche Kinder dutzendweiſe! Das große Rennen des Tages war eben vorüber; die Menſchenmauern an jeder Seite der Bahn löſeten ſich plötzlich auf, zertheilten ſich und gaben dem Schau⸗ platze, der wieder voll geſchäftiger Bewegung war, neues Leben. Einige drängten ſich hin, um das gewinnende Pferd zu ſehen, Andere eilten dahin und dorthin und ſuchten nicht minder eifrig ihre Wagen, die ſie verlaſſen hatten, um einen beſſern Stand ſich zu wählen. Hier ſammelte ſich ein kleiner Knäuel um einen Spieltiſch, um zuzuſehen, wie ein unglücklicher Gimpel gerupft wurde; dort ſuchte ein anderer Spieler mit ſeinen Helfershel⸗ fern in verſchiedener Verkleidung— einer mit einer Brille, ein anderer mit einer Lorgnette und einem mo⸗ diſchen Hute, ein dritter als Pächter mit dem Ueberzieh⸗ rocke auf dem Arme und einer ledernen Brieftaſche voll Banknoten, alle mit Reitpeitſchen, um für unſchuldige Landbewohner zu gelten, die zu Pferde angekommen— durch lautes und lärmendes Sprechen und verſtelltes Spiel irgend einen unerfahrenen Kunden anzulocken, während die Herren Helfershelfer(die in reiner Wäſche ——᷑—᷑—ꝭO— D··——-··——··— Nicolaus Nickleby. 9 und guter Kleidung noch niederträchtiger ausſehen) ih⸗ ren Antheil an der Sache durch einen gierigen verſtoh⸗ lenen Blick auf alle Neuankommenden verriethen. Ei⸗ nige ſtanden in weitem Kreiſe um einen herumziehenden Taſchenſpieler, dem gegenüber ein lärmendes Muſik⸗ chor ſich aufgeſtellt hatte, während Bauchredner die Zwie⸗ geſpräche mit hölzernen Puppen hielten und wahrſagende Weiber, welche das Schreien kleiner Kinder überſchrien, mit ihnen und mehreren Andern die Aufmerkſamkeit der Geſellſchaft theilten. Die Trinkzelte waren gefüllt, in den Wagen fingen die Gläſer an zu klingen, Körbe wurden ausgepackt, es kamen lockende Eßwaaren zum Vorſchein, Meſſer und Gabeln klapperten, Champagner⸗ ſtöpſel knallten empor, Augen funkelten, die noch kurz vorher matt geweſen waren und die Taſchendiebe über⸗ zählten ihren Gewinn. Die noch vor Kurzem auf einen einzigen Gegenſtand gerichtete Aufmerkſamkeit theilte ſich nun unter Hundert; wohin man auch ſah, überall wurde gegeſſen, getrunken, gelacht, geſchwatzt, gebettelt, ge⸗ ſpielt, geliebt und geſtohlen. Die Spielbuden lockten durch ihre Pracht an; auf dem Boden waren Teppiche gebreitet, an den Wänden hingen geſtreifte Tapeten, oben auf dem Dache weheten Fahnen und am Eingange ſtanden Geraniumſtöcke und Livréebediente. Da gab es den Fremden⸗Club, den Athenäum⸗Club, den Hampton⸗Club, den St. James⸗ Club und noch ein Dutzend Clubs, in denen geſpielt werden konnte, rouge et noir, Faro, Merveille u. ſ. w. In einer ſolchen Bude geht unſere Geſchichte weiter. Es ſtanden darin drei Spieltiſche, und gedrängt um dieſelben Spielende und Zuſehende; deshalb war es ungemein heiß darin, obgleich das Zelt eines der größ⸗ teen auf dem Platze und eine Zeltwand emporgerollt 10 Nicolaus Nickleby. war, um friſche Luft einzulaſſen. Außer zwei Männern, deren jeder eine lange Rolle halbe Kronen mit einigen Goldſtücken darunter vor ſich hatte, und die ihr Geld bei jedem Rollen der Kugel mit geſchäftsgleicher Ruhe ſetzten, ein Beweis, das ſie daran gewöhnt waren und den ganzen Tag, ja wahrſcheinlich den ganzen vorher⸗ gehenden Tag ſchon geſpielt hatten,— zeigte ſich kein auffallender Charakter unter den Spielern, meiſt jungen Leuten, welche offenbar die Neugier herbeigezogen hatte oder die kleine Summen ſetzten, bloß des Spaßes we⸗ gen, ohne ſich ſehr um Gewinn und Verluſt zu küm⸗ mern. Doch waren zwei Perſonen zugegen, die als be⸗ ſonders gute Exemplare der Klaſſe im Vorbeigehen eine Beachtung verdienen. Einer davon, ein Mann von ſechs⸗ bis achtundfunf⸗ zig Jahren, ſaß auf einem Stuhle an einem der beiden Eingänge der Bude und hatte die Hände auf ſeinem Stocke zuſammengelegt, auf die er dann das Kinn ſtützte. Er war groß und fett, bis an den Hals in einen hellgrünen Rock geknöpft, der ihm ein noch längeres Ausſehen gab, und trug überdies graue Beinkleider und Gamaſchen, ein weißes Halstuch und einen breitkrämpi⸗ gen weißen Hut. Bei all' dem ſummenden Geräuſch des Spieles und dem fortwährend Herein⸗ und Hinausgehen der Leute ſah er vollkommen ruhig und mit ſeinen Ge⸗ danken beſchäftigt aus; in ſeinem Geſichte zeigte ſich. nicht die mindeſte Aufregung. Man bemerkte an ihm keine Abſpannung, und ein gewöhnlicher Beobachter würde geglaubt haben, er nehme an dem Vorgehenden durch⸗ aus keinen Antheil. Er ſaß da fortwährend ruhig und geſammelt. Bisweilen, aber ſehr ſelten, nickte er einem Vorübergehenden zu oder winkte einem Aufwärter, ei⸗ nem Rufe an einem der Tiſche Folge zu leiſten. Im Nicolaus Nickleby. 11 nächſten Augenblicke verſank er wieder in ſeinen frühern Zuſtand. Er hätte können ein völlig tauber Mann ſein, der hereingekommen, um auszuruhen; er konnte auf einen Freund warten, ohne ſich um irgend Jemand ſonſt zu bekümmern; ja er konnte ohnmächtig ſein oder die Wirkung von Opium ſpüren. Die Leute dreheten ſich um und ſahen ihn an; er machte keine Geberde, erwie⸗ derte Niemandes Blick, ließ ſie gehen und Andere fol⸗ gen und nahm keine Notiz. Wann er ſich bewegte, ſchien es ein Wunder zu ſein, wie etwas dies hatte be⸗ wirken können. Und ſo war es wirklich. Aber kein Geſicht kam herein oder ging hinaus, ohne daß der Mann es bemerkte; keine Geberde einer Perſon an den drei Tiſchen entging ihm; jedes Wort, das einer der Bankhalter ſprach, hörte er; er ſah, wer verlor und ge⸗ wann,— er war der Eigenthümer der Bude. Der andere führte den Vorſitz an der rouge-et-noir- Tafel. Er war vielleicht um zehn Jahre jünger, ein feiſter, dickbauchiger, handfeſter Mann mit einer etwas eingezogenen Unterlippe— von der Gewohnheit, bei ſich das Geld zu zählen, indem er es auszahlte— aber ohne einen entſchieden ſchlechten Ausdruck im Geſichte, das vielmehr eher ehrlich und jovial ausſah. Er hatte den Rock ausgezogen, weil es ſehr warm war, ſtand hinter der Tafel und hatte einen anſehnlichen Haufen von ganzen und halben Kronen ſo wie ein Käſtchen zu den Banknoten vor ſich. Dieſes Spiel wurde nicht aus⸗ geſetzt. Vielleicht zwanzig Perſonen ſetzten auf einmal. Der Mann hatte nur die Kugel zu rollen, zu ſehen, was geſetzt wurde, das Geld von der Farbe einzuſtrei⸗ chen, welche verlor, jene auszuzahlen, welche gewonnen, alles dies ſo ſchnell als möglich zu thun, die Kugel wie⸗ der zu rollen und die Leute zum Setzen anzufeuern. Er 4 42 Nieolaus Nickleby. that es mit einer wirklich wunderbaren Geſchwindigkeit; ohne zu zögern, ohne ſich einmal zu irren, ohne inne⸗ zuhalten und ohne aufzuhören, dabei ſolche unzuſam⸗ menhängende Phraſen zu wiederholen wie die folgenden, die er theils aus Gewohnheit, theils um etwas Paſſen⸗ des und Geſchäftartiges zu ſagen, mit derſelben eintöni⸗ gen Emphaſe und faſt in derſelben Reihenfolge den gan⸗ zen Tag hindurch fortwährend hören ließ:— „»Ruſch un Nor von Paris, meine Herren, machen Sie ſich fertig und ſetzen Sie ganz nach Ihrer Anſicht — ſo lange die Kugel rollt; können Sie ſetzen—, Ruſch un Nor von Paris, meine Herren,'s iſt ein franzöſiſch Spiel, meine Herren; ich habe es ſelbſt mit⸗ gebracht, wahrhaftig!— Ruſch un Nor von Paris,— Schwarz gewinnt— Schwarz— warten Sie eine Mi⸗ nute, meine Herren, ich werde Sie ſogleich bezahlen,— hier zwei, da ein halbes Pfund, da drei, und hier eins,— meine Herren, die Kugel rollt; ſo lange die Kugel rollt, können Sie ſetzen. Die Schönheit dieſes Spieles beſteht darin, daß Sie Ihren Einſatz verdop⸗ peln oder Ihr Geld ſetzen können, meine Herren, ſo lange die Kugel rollt. Wieder Schwarz,— Schwarz gewinnt,— ſo was hab' ich mein' Lebtage noch nicht geſehen, mein Lebtage noch nicht, auf mein Wort, mein Lebtage nicht. Wenn Einer von den Herren in den letz⸗ ten fünf Minuten auf das Schwarz gehalten hat, muß er auf viermal fünfundvierzig Pfd. gewonnen haben, das muß er.— Meine Herren, wir haben Portwein, Scherry, Cigarren und ganz vorzüglichen Champagner. He, Markör, eine Flaſche Champagner und ein Dutzend oder eine Mandel Cigarren hierher,— machen Sie's ſich bequem, meine Herren,— und reine Gläſer!— So lange die Kugel rollt, können Sie ſetzen,* ich Nicolaus Nickleby. 13 habe geſtern hundertundſiebenunddreißig Pfund auf ein⸗ mal verloren, meine Herren, auf meine Ehre, meine Herren!—»Wie geht's, Herr?«(dies ſagt er zu einem bekannten Herrn, ohne innezuhalten oder den Ton der Stimme zu verändern, und giebt dabei einen Wink, den ein Uneingeweiheter gar nicht bemerken würde); iſt Ih⸗ nen ein Glas Scherry gefällig, mein Herr? Markör! ein reines Glas und Scherry für den Herrn da, und laſſen Sie ihn herumgehen. Das iſt Ruſch un Ror von Paris, meine Herren; ſo lange die Kugel rollt, können Sie ſetzen; meine Herren, machen Sie ſich fer⸗ tig und ſetzen Sie ganz nach Ihrem Belieben; es iſt Ruſch un Nor von Paris, meine Herren, ein ganz neues Spiel, ich habe es ſelbſt mitgebracht, wahrhaftig. Meine Herren, die Kugel rollt!« Dieſer Mann lag ſehr emſig ſeinem Geſchäfte ob, als ein halbes Dutzend Perſonen durch die Bude ſchlen⸗ derten, vor denen er ſich— ohne jedoch in ſeinen Reden oder in ſeiner Beſchäftigung inne zu halten,— tief ver⸗ beugte, während er zu gleicher Zeit durch einen Blick die Aufmerkſamkeit eines Mannes neben ihm auf die größte Figur in der Gruppe richtete, vor welcher auch der Eigenthümer den Hut abzog. Dies war Sir Mulberry Hawk, der mit ſeinem Freunde und Zöglinge und einem kleinen Gefolge ſehr anſtändig gekleideter Männer von ſehr zweifelhaftem Charakter erſchien. Der Beſitzer der Bude wünſchte dem Sir Mulberry leiſe einen guten Tag. Dieſer wünſchte jenen dafür eben ſo leiſe zum Teufel und drehete ſich nach ſeinen Freunden um. Offenbar fühlte er zu ſeinem Verdruſſe, daß er bei dieſer erſten Gelegenheit, als er ſich nach dem Unfalle, der ihn betroffen, wieder öffentlich zeigte, ein Gegen⸗ 14 Nieolaus Nickleby. ſtand der Neugierde ſei, und man konnte leicht bemerken, daß er an dieſem Tage bei dem Wettrennen mehr in der Abſicht erſchienen war, ſehr viel Bekannte zu ſehen, und ſo mit einem Male ſo viel als möglich Aerger zu überſtehen, als ſich zu vergnügen. Man ſah auf ſeinem Geſichte noch eine leichte Narbe, und ſo oft er erkannt wurde, wie das faſt jede Minute bei hereinkommenden oder hinausgehenden Perſonen geſchah, machte er einen Verſuch, dieſelbe mit ſeinem Handſchuh zu bedecken, wo⸗ durch er deutlich bewies, wie tief er den Schimpf em⸗ pfand, den er erfahren hatte. „»Ah, Hawk!« ſagte ein ſehr fein gelleideter Mann. »Wie geht es, alter Burſch?« Dies war ein Nebenbuhler, der ebenfalls junge Herren abrichtete und derjenige, welchen Mulberry am tiefſten am meiſten haßte und zu begegnen fürchtete. Sie drück⸗ ten einander ſehr herzlich die Hände. »Und wie geht es jetzt, alter Kerl, he?« »Ganz gut, ganz gut,« antwortete Sir Mulberry. »Das iſt Recht,« entgegnete der Andere.»Wie geht es, Veriſopht? Er iſt etwas heruntergekommen, unſer Freund da, noch nicht im beſten Zuſtande, he?« Es muß bemerkt werden, daß der Sprecher ſehr weiße Zähne hatte, und wenn gar keine Gelegenheit zum Lachen war, ſeine Rede gewöhnlich mit einem»he 2⸗ ſchloß, um ſeine Zähne zu zeigen. »Er iſt in ganz gutem Zuſtande,« antwortete der junge Mann nachläſſig. »Auf Seele, es freut mich das zu hören,« entgegnete der Andere.»Sie ſind eben von Brüſſel zurückge⸗ kommen?« „»Wir kamen erſt vorige Nacht in der Stadt an,« ſagte Lord Frederik. Sir Mulberry wendete ſich ab, um —— ſetzte:— Nicolaus Nickleby. 15 mit einem ſeiner Begleiter zu ſprechen und felte ſich, als höre er die Frage nicht. »Bei meinem Leben,“ ſagte der Freund, der ſich ſtellte als flüſtere er, ves iſt ungewöhnlich kühn von Hawk, ſich ſobald wieder zu zeigen. Ich ſage es mit Bedacht, es zeugt von ſehr großem Muthe. Sie ſehen, er iſt ge⸗ rade lange genug abweſend geweſen, um Neugierde zu erregen, aber noch nicht lange genug, daß die Leute das verdammt unangenehme— Apropos, Sie müſſen die Sache genau kennen. Warum ſtraften Sie die verfluchten Zei⸗ tungen nie Lügen? Ich leſe die Zeitungen ſelten, und ſah nur deshalb hinein, es könnte alſo wohl ſein—« »Sehen Sie,“ unterbrach ihn Sir Mulberry, der ſich ſchnell umdrehete,»ſehen Sie morgen,— nein, übermorgen in die Zeitungen.« »Auf Seele, mein lieber Freund, ich leſe ſelten oder nie die Zeitungen,« ſagte der Andere mit Achſelzucken, aber auf Ihre Empfehlung will ich es thun. Nach was ſoll ich drin ſuchen, he?« »Guten Tag,« ſagte Sir Mulberry, der ſich auf dem Abſatze umdrehete und ſeinen jungen Freund mit ſich zog.»Sie fielen wieder in den ſorgloſen Schlendergang, mit dem ſie hereingekommen waren und gingen ſo Arm in Arm wieder hinaus. »Von einem Morde ſoll er nichts leſen,. ſagte Sir Mulberry mit einem Fluche,»aber von etwas, das nahe daran kommt, wenn eine Peitſche Schrammen und ein Knittel blaue Flecken macht.« Sein Begleiter ſagte nichts, es lag aber in dieſem Schweigen etwas, das Sir Mulberry ſo reizte, daß er ſo heftig, als wäre ſein Freund Nicolaus geweſen, hinzu „»Ich habe dieſen Morgen vor acht Uhr Jenkins zu 16 Nicolaus Nickleby. Nickleby geſchickt. Ich weiß, wann und wo der Hund zu treffen iſt. Aber wir haben nicht nöthig davon zu ſprechen; es wird bald morgen ſein.« »Und was ſoll morgen geſchehen?« fragte Lord Frederick. Sir Mulberry Hawk warf ihm einen zornigen Blick zu, geruhete aber nicht, eine wörtliche Antwort auf dieſe Frage zu geben und Beide gingen verdrießlich weiter, da ihre Gedanken beſchäftigt waren, bis ſie aus der Menge hinausgekommen und faſt allein waren. Da drehete ſich Sir Mulberry um, um die rückſtändige Ant⸗ wort zu geben.— »Halt!« fiel ſein Begleiter ein.»Ich habe etwas mit Dir zu reden im— Ernſt. Kehre nicht um. Wir wollen noch ein Paar Minuten weiter gehen.⸗ »Was haſt Du mir zu ſagen, das Du mir dort nicht eben ſo gut ſagen könnteſt wie hier?« entgegnete der Mentor, indem er ſeinen Arm frei machte. „»Hawk,« erwiederte der Andere,»ſage mir, ich muß wiſſen—« »Mußt wiſſen,« unterbrach ihn der Andere verächt⸗ lich.»Nun, nur weiter. Wenn Du es wiſſen mußt, ſo kann ich freilich nicht ausweichen. Du mußt es wiſſen?«— 5 »So muß ich fragen,« entgegnete Lord Frederik, vund in Dich dringen, mir eine beſtimmte deutliche Ant⸗ wort zu geben. Iſt das, was Du eben ſagteſt, ein blo⸗ ßer augenblicklicher Einfall, den Deine üble Laune her⸗ vorrief, oder iſt es Deine ernſtliche Abſicht, über die Du wirklich nachgedacht haſt 2« »Erinnerſt Du Dich deſſen, was über den Umſtand eines Abends vorkam, als ich mit dem gebrochenen Beine dalag?« fragte Mulberry.— Nicolaus Nickleby. 17 „Vollkommen.« »So nimm das als Antwort in drei Teufels Namen,“ entgegnete Sir Mulberry,»und frage mich nicht weiter.“ Der Einfluß, den er auf ſeinen Zögling gewonnen hatte, war ſo groß, und der Letztere hatte ſich bereits ſo an Unterwürfigkeit und Gehorſam gewöhnt, daß er jetzt für den Augenblick kaum zu wagen ſchien, das Geſpräch über den Gegenſtand weiter fortzuſetzen. Er überwand jedoch ſeine Aengſtlichkeit bald, wenn ſie ihn wirklich zu⸗ rückgehalten hatte, und antwortete erzürnt: »Wenn ich mich deſſen erinnere, was zu der Zeit geſchah, die Du meinſt, ſo ſprach ich über die Sache auch meine Meinung derb aus und ſagte, mit meinem Vorwiſſen und meiner Einwilligung ſollteſt Du nie thun, was Du jetzt droheſt.« »Willſt Du mich hindern?« fragte Sir Mulberry lachend. „»J—a, wenn ich es vermag,“ entgegnete der Andere ſogleich. »Das iſt eine herrliche Hinterthüre, die Du Dir da offen läſſeſt,« ſagte Sir Mulberry;»Du bedarfſt ſie aber auch. Darum bekümmere Dich um Deine Angelegenheiten und laß mir die meinigen.« »Das iſt die meinige,“ entgegnete Lord Frederick. »Ich mache ſie zu der meinigen, ich will ſie zu der mei⸗ nigen machen; ſie iſt ſchon die meinige. Ich bin dabei mehr compromittirt als ich eigentlich ſein ſollte.« »Thu' was Dir beliebt,« ſagte Sir Mulberry mit er⸗ heuchelter guter Laune.»Das wird Dir doch genügen! Für Dich thue was Du willſt, aber mich laß für mich ſorgen. Ich rathe Niemandem ſich in Dinge zu miſchen, die ich mir vorgenommen habe, und ich glaube auch, Du kennſt mich beſſer, als daß Du es thun ſollteſt. Ich Nicolaus Nickleby. VII. 7 18 Nicolaus Nickleby. ſehe, Du willſt mir einen guten Rath geben. Er iſt gewiß recht gut gemeint, ich zweifle nicht daran, aber ich kann ihn nicht brauchen. Nun wollen wir zu dem Wa⸗ gen zurückgehen, wenn Dir es recht iſt. Ich finde keine Unterhaltung hier, ſondern gerade das Gegentheil, und wenn wir noch länger über dieſe Sache reden, könnten wir uns am Ende veruneinigen, was weder von meiner noch von Deiner Seite klug wäre.«⸗ Nach dieſer Antwort und ohne eine Entgegnung ab⸗ zuwarten, gähnte Sir Mulberry und drehete ſich ge⸗ mächlich um.. In dieſer Art, den jungen Lord zu behandeln, zeigte ſich nicht wenig Takt und Kenntniß des Charakters deſ⸗ ſelben. Sir Mulberry ſah deutlich, wenn er ſeine Herr⸗ ſchaft über den jungen Mann behaupten wolle, müſſe er ſie jetzt feſt begründen. Er wußte, daß, ſobald er heftig werde, der junge Mann auch heftig werden würde. Er war mehrmals im Stande geweſen, ſeinen Einfluß zu befeſtigen, wenn er wankend geworden war, indem er dieſen kalten und lakoniſchen Styl annahm, und er ver⸗ trauete auch diesmal ganz ſicher auf die Wirkſamkeit deſſelben. Während er dies that und dabei das ſorgloſeſte und gleichgiltigſte Weſen annahm, das ſeine Verſtellungskunſt ihm geſtattete, entſchloß er ſich innerlich, nicht bloß den ganzen Verdruß darüber, daß er ſeine Gefühle verheim⸗ lichen mußte, mit um ſo größerer Strenge dem Nicolaus entgelten zu laſſen, ſondern auch irgend einmal auf dieſe oder jene Weiſe den jungen Lord dafür empfindlich zu züchtigen. So lange derſelbe bloß ein paſſives Werkzeug in ſeiner Hand geweſen, hatte ihn Sir Mulberry nie anders als mit Verachtung angeſehen; jetzt aber, als er ſich herausnahm, eine der ſeinigen entgegengeſetzte An⸗ — — — —ͤͤͤͤͤͤͤſſſſſſ Nicolaus Nickleby. 19 ſicht zu haben, ja ſogar ihn mit einem hochmüthigen Tone und mit einer Art Ueberlegenheit zur Rede zu ſetzen, fing er an ihn zu haſſen. Da er wohl wußte, daß er auf die gemeinſte und niederträchtigſte Weiſe von dem ſchwachen jungen Lord abhing, ſo konnte er um ſo weniger eine Demüthigung von demſelben ertragen, und als er an⸗ fing ihn zu haſſen, maß er ſeinen Haß— wie es die Menſchen oft thun— nach der Größe der Beleidigungen, die er ihm zugefügt hatte. Wenn man ſich erinnert, daß Sir Mulberry Hawk ſeinen Zögling auf jede mögliche Weiſe geplünderk, betrogen, hintergangen und genarrt hatte, wird man ſich nicht wundern, daß er ihn von gan⸗ zem Herzen haßte, ſobald er anfing ihn zu haſſen. Auf der andern Seite hatte der junge Lord über die Sache mit Nicolaus und die Umſtände, welche ſie her⸗ beiführten, nachgedacht— was er ſonſt ſelten that,— ſogar ernſtlich nachgedacht, und war zu einem männli⸗ chen und redlichen Entſchluſſe gekommen. Sir Mul⸗ berry's grobes und beleidigendes Benehmen bei der frag⸗ lichen Gelegenheit hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht; er war auf den Argwohn gekommen, Mulberry Hawk möge ihn veranlaßt haben, dem Fräulein Nickleby nachzuſtellen, damit er, Hawk, Nutzen davon ziehe; er ſchämte ſich wirklich ſeiner Theilnahme an dieſer Sache, und es verdroß ihn gewaltig, daß man ihn dabei zum Narren gehabt hatte. Er hatte Zeit genug gehabt, über. dieſe Dinge während des eingezogenen Lebens in der letzten Zeit nachzudenken, und bisweilen, wenn es ſeine Sorgloſigkeit und Trägheit erlaubte, dieſe Gelegenheit wirklich dazu benutzt. Es waren einige unbedeutende Um⸗ ſtände hinzugekommen, welche ſeinen Argwohn verſtärkten. Es fehlte nur noch wenig, ſeinen Unwillen gegen Sir Mulberry in helle Flammen anzublaſen, und dies be⸗ 2 20 Nicolaus Nickleby. wirkte jetzt der verächtliche und unverſchämte Ton in dem eben gehaltenen Geſpräche, dem einzigen, in welchem ſie auf dieſen Umſtand gekommen waren ſeit der Zeit, welche Sir Mulberry angedeutet hatte. So kehrten ſie zu ihren Freunden zurück, während in der Bruſt eines Jeden Keime des Haſſes emporwuchſen, und der junge Mann überdies ſich mit den Gedanken an die rachſüchtige Vergeltung, von welcher Nicolaus be⸗ drohet war, und mit dem Entſchluſſe trug, dieſelbe wo möglich durch irgend einen muthigen Schritt zu verhin⸗ dern. Das war jedoch noch nicht alles. Sir Mulberry, der ſich einbildete, er habe ihn wirklich zum Schweigen gebracht, konnte ſeinen Triumph weder unterdrücken noch ſich verſagen, ſeinen vermeintlichen Vortheil zu verfolgen. Es waren die Herren Pyke, Pluck, der Oberſt Chouſer und andere deſſelben Schlages zugegen, und es lag Mulberry viel daran, ihnen zu zeigen, daß er ſeinen Einfluß nicht verloren habe. Anfangs begnügte ſich der junge Lord mit dem ſtillen Entſchluſſe, ſeine Maßregeln zu nehmen, um ſich unmittelbar von dieſer Geſellſchaft zurückzuziehen. Allmälig wurde er aber immer unwilli⸗ ger und mehr und mehr durch Scherze und Vertraulich⸗ keiten gereizt, welche einige Stunden vorher ihn unter⸗ halten haben würden. In den neckenden, höhnenden, aufziehenden Reden, wie ſie für dieſe Geſellſchaft paß⸗ ten, war er Sir Mulberry nicht gewachſen. Dennoch kam es zu keinem gewaltſamen Bruche, und ſie kehrten in die Stadt zurück. Auf dem Wege dahin behaupteten Pyke und Pluck und die anderen Herren häufig, Sir Mulberry ſei in ſeinem Leben noch nicht ſo geiſtreich ge⸗ weſen.— Sie aßen gut mit einander. Der Wein floß in Strömen, wie es alle Tage der Fall geweſen war. Sir Nicolaus Nickleby. 21 Mulberry trank, um ſich für ſeine neuliche Enthaltſam⸗ eit zu belohnen, der junge Lord, um ſeinen Aerger und Unwillen zu erſäufen, und die Uebrigen tranken, weil der Wein ſehr gut war und ſie ihn nicht zu bezahlen brauch⸗ ten. Faſt war es Mitternacht, als ſie glühend vom Wein, mit kochendem Blute und wirbelndem Hirn fort an den Spieltiſch taumelten. Hier trafen ſie eine eben ſo tolle Geſellſchaft. Die Aufregung vom Spiele, die Wärme in den Zimmern, die blendenden Lichter waren nicht geeignet, ihr kochen⸗ des Blut zu beruhigen. In dem ſchwindeligen Wirbel von Lärm und Verwirrung waren die Menſchen wie verrückt. Wer dachte in dem Rauſche des Augenblicks an Geld, an Verluſt, an das Morgen? Man verlangte nochmals Wein; ein Glas nach dem andern wurde ge⸗ leert; und vor Durſt verbrannten ihre Lippen und ſpran⸗ gen auf. Der Wein floß hinunter wie Oel in flam⸗ mendes Feuer. Und der Lärm dauerte immer fort, — die Schwelgerei erreichte ihren Gipfel— und Gläſer wurden an den Boden geworfen von Händen, die ſie nicht mehr zu den Lippen zu führen vermochten, Flüche gebrüllt von Lippen, die kaum noch die Worte dazu bil⸗ den konnten; betrunkene Verlierende fluchten und ſchrieen; Einige ſtiegen auf die Tiſche, ſchwenkten Flaſchen über ihren Köpfen und forderten die Uebrigen heraus; Einige ſangen, Andere tanzten, Andere zerriſſen die Karten und geberdeten ſich wie Raſende. Der Tumult hatte den äußerſten Grad erreicht, als ein Lärm entſtand, der jeden andern übertäubte, und zwei Männer, die einander an der Kehle packten, mitten im Zimmer mit einander rangen. Ein Dutzend Stimmen, die man bis jetzt noch nicht gehört hatte, riefen laut, man ſolle ſie aus einander — Nieolaus Nickleby. bringen. Diejenigen, welche ruhig geblieben waren, um zu gewinnen und die ihren Lebensunterhalt durch ſolche Scenen verdienten, warfen ſich auf die Ringenden, riſſen ſie auseinander und zogen ſie fort, den einen dahin, den andern dorthin. „Laßt mich gehen!« rief Sir Mulberry mit einer hei⸗ ſern Stimme;»er hat mich geſchlagen. Hört Ihr? Ich ſage, er hat mich geſchlagen. Habe ich einen Freund hier? Wer iſt das? Weſtwood. Hören Sie? Er ſchlug mich.« »Ich höre es, ich höre es,« antwortete einer von denen, die ihn hielten.»Kommen Sie fort für heute Abend.« „Das will ich nicht, bei Gott!« erwiederte er wild. „Ein Dutzend Menſchen um uns ſahen den Schlag.“ Morgen iſt ja Zeit genug,« entgegnete der Freund. »Ich mag nicht Zeit genug!« rief Sir Mulberry zähneknirſchend.»Heute Nacht noch,— ſogleich— hier!« Seine Leidenſchaft war ſo groß, daß er die Worte nicht verſtändlich hervorbringen konnte, ſondern daſtand, die Fäuſte ballte, ſich das Haar ausraufte und mit den Fü⸗ ßen ſtampfte. „Was giebt es denn?« fragte einer von den Um⸗ ſtehenden.»Iſt es zu Schlägen gekommen, Mylord?« „»Ein Schlag war es,“« lautete die keuchende Ant⸗ wort.»Ich ſchlug ihn— ich ſpreche es hier laut aus vor Allen. Ja, ich ſchlug ihn und er weiß recht wohl warum. Ich verlange wie er, daß der treit ſogleich ausgemacht werde. Kapitän Adams,“ ſetzte der junge Lord hinzu, indem er ſich raſch umſah und einen von denen anredete, die ſich ins Mittel geſchlagen hatten. „Ein Wort, wenn ich bitten darf.«— Der Angeredete trat vor und nahm den Arm des ———— 2 Nicolaus Nickleby. 23 jungen Mannes, dann gingen ſie mit einander fort und ihnen folgte bald darauf Sir Mulberry mit ſeinem Freunde. Es war einer der verrufenſten Oerter, wo eine ſolche Sache keine Theilnahme weder für die eine noch für die andere Partei erweckte oder weitere Vorſtellungen und Vermittelung zu erwarten waren. An einem anderen Orte würde der weitere Fortgang augenblicklich ver⸗ hindert worden ſein, ſo daß die Streitenden Zeit zu nüchterner und kalter Ueberlegung gefunden hätten; dies war hier nicht der Fall. Die in ihren Orgien geſtörte Geſellſchaft brach auf; Einige taumelten mit trunkenem gravitätiſchen Weſen fort; Andere beſprachen laut das Vorgefallene; die Ehrenherren, welche vom Gewinne lebten, bemerkten gegen einander beim Fortgehen, Hawk ſei ein guter Schütz, und die am meiſten gelärmt hatten, ſchliefen auf den Sophas ein und dachten nicht mehr daran. Unterdeſſen kamen die beiden Secundanten, wie ſie nur genannt werden mögen, nachdem jeder eine lange Conferenz mit ſeinem Freunde gehabt hatte, in einem andern Zimmer zuſammen. Beide waren völlig herz⸗ loſe Menſchen, in die ſchlechteſten Laſter der Stadi durch⸗ aus eingeweihet, tief verſchuldet, Beide aus beſſerer Lage heruntergekommen, Beide jeder Schlechtigkeit zugethan, für welche die Geſellſchaft einen gefälligern, anſtändigern Namen ausfindig machen kann, natürlich aber dabei Männer von völlig unbefleckter Ehre und in Rückſicht auf die Ehre anderer Leute ſehr ſtreng. Dieſe beiden Herren waren ungemein erfreut, denn dieſe Ehrenſache mußte nothwendig ein bedeutendes Auf⸗ ſehen machen und ſicherlich ihren Ruf anſehnlich ſteigern. Nicolaus Nickleby. „Es iſt eine ſchlimme Sache,« ſagte Herr Weſtwood, indem er ſich gerade aufrichtete. „Sehr,« entgegnete der Kapitän; ves iſt ein Schlag gefallen und es kann demnach nur ein Veg eingeſchla⸗ gen werden.“ „Alſo keine Entſchuldigung, wie ich vermuthe?« fragte Herr Weſtwood. „»Von meinem Manne keine Silbe, und wenn wir bis zum jüngſten Tage reden,« entgegnete der Kapitän. „Die erſte Urſache iſt, wie ich höre, irgend ein Mädchen, gegen welches Ihr Mann ſich gewiſſer Ausdrücke bediente, die Lord Frederick, der das Mädchen vertheidigte, zu⸗ rückwies. Dies führte zu einer langen Erörterung vieler wunder Flecke, Beſchuldigungen und Gegenbeſchuldigungen. Sir Mulberry wurde anzüglich; Lord Frederick war ge⸗ reizt und ſchlug ihn in der Hitze und unter ſehr er⸗ ſchwerenden Umſtänden. Dieſen Schlag will Lord Fre⸗ derick rechtfertigen und vertreten, wenn nicht Sir Mul⸗ berry vollſtändig wiederruft.« „Dann haben wir über die Sache weiter nichts zu reden, als die Zeit und den Ort des Zuſammentreffens zu beſtimmen,« entgegnete der Andere.»Es iſt beſſer, die Sache wird abgemacht ſobald als möglich; haben Sie etwas dagegen, wenn ich vorſchlage»mit Sonnen⸗ aufgang?« „Es geht ſcharf,« antwortete der Kapitän, indem er nach der Uhr ſah,»da die Sache jedoch ſchon lange im Stillen geglommen haben mag und Unterhandlung nur Wortverſchwendung iſt,— nein.« »Nach dem, was in dem andern Zimmer vorgekom⸗ men iſt, könnte wohl leicht etwas davon ruchbar werden, was es alſo wünſchenswerth macht, daß wir ohne Ver⸗ zug aufbrechen und die Stadt ganz und gar verlaſſen,⸗ Nioolaus Nickleby. 25 ſagte Herr Weſtwood.»Mas meinen Sie zu einer der Wieſen Twickenham gegenüber am Ufer des Fluſſes?« Der Kapitän hatte nichts dagegen einzuwenden. »Wollen wir uns in der Baumallee treffen, welche von Petersham nach Ham⸗Houſe führt, und den eigent⸗ lichen Platz beſtimmen, wann wir dort ankommen?⸗ fragte Herr Weſtwood. Auch darin willigte der Kapitän. Nach einigen an⸗ deren Präliminarien, die eben ſo kurz abgemacht wur⸗ den, und nachdem ſie ſich über den Weg verſtändigt hatten, den jede Partei einſchlagen ſollte, um dem Ver⸗ dachte zu entgehen, trennten ſie ſich. »Wir werden gerade noch Zeit haben, Mylord,“« ſagte der Kapitän, nachdem er ihm das Arrangement mitge⸗ theilt hatte, vum in meiner Wohnung ein Paar Piſtolen mitzunehmen und dann gemächlich hinzufahren. Wenn Sie mir erlauben wollen, Ihren Diener zu entlaſſen, ſo nehmen wir mein Cabriolet, denn das Ihrige könnte erkannt werden.«⸗ Welcher Contraſt, als ſie auf die Straße kamen, mit dem Schauſpiele, das ſie eben verlaſſen hatten! Bereits brach der Tag an. Statt des blendenden gelben Lich⸗ tes drinnen, war hier der helle, klare, herrliche Mor⸗ gen; ſtatt der heißen dicken, von dem Geruche verlö⸗ ſchender Lampen und manchen andern Gerüchen verdor⸗ benen Atmoſphäre die freie, friſche, geſunde Luft. Dem fiebernden Kopfe aber, den dieſe kühle Luft anwehete, ſchien ſie die Reue über ſchlecht verwendete Zeit und ver⸗ ſäumte zahlloſe Gelegenheiten zu guten Thaten und Ge⸗ danken mitzubringen. Mit klopfenden Adern und bren⸗ nender Haut, mit ſchweren drückenden Augen, mit jagen⸗ den ordnungsloſen Gedanken kam ihm das Licht wie ein 26 Nicolaus Nickleby. Vorwurf vor und er fuhr unwillkürlich vor dem Tage zurück, als wäre er etwas Häßliches und Widerliches. »„Sie ſchaudern?« ſagte der Kapitän.»Sie frieren.« „»So ziemlich.« »Die friſche Luft fällt unangenehm auf, wenn man aus einem heißen Zimmer kommt. Hüllen Sie ſich in Ihren Mantel. So, ſo, nun kann es fortgehen.“« 1 Sie raſſelten durch die ſtillen Straßen, hielten an der Wohnung des Kapitäns, fuhren aus der Stadt hinaus und kamen ohne Hinderniß auf die Landſtraße. Felder, Bäume, Gärten, Hecken, alles ſah ſo ſchön aus; der junge Mann ſchien ſie früher kaum bemerkt zu haben, obgleich er tauſendmal vor denſelben Gegen⸗ ſtänden vorübergekommen war. Es ruhete ein ſtiller, heiterer Friede auf ihnen, der grell von der Unruhe und der Verwirrung ſeiner eigenen, erſt wieder halb nüchtern gewordenen Gedanken abſtach, aber doch Eindruck machte und willkommen war. Er fürchtete ſich nicht, aber wenn er ſich umſah, war er nicht mehr ſo ſehr aufgebracht, und obgleich alle Täuſchungen in Bezug auf ſeine unwürdigen frühern Gefährten verſchwunden waren, wünſchte er jetzt doch mehr, er habe ihn nie kennen ge⸗ lernt, als er ſich freuete, daß es ſo weit gekommen. Die vergangene Nacht, der vorige Tag und viele andere Tage und Nächte verfloſſen zuſammen in einen unklaren, verworrenen Wirbel; er konnte das, was bei der einen Gelegenheit geſchehen war, von dem einer an⸗ dern nicht trennen. Die letzte Nacht ſchien ſchon eine Woche vergangen zu ſein und vergangene Monate ſtan⸗ den deutlich wie die letzte Nacht vor ihm. Das Rollen der Räder wurde zu einer wilden Melodie, in welcher er Bruchſtücke ihm wohlbekannter Lieder erkannte, bald hörte er wieder nichts als einen betäubenden Ton wie 9GU— A 8A8 n—— Nicolaus Nickleby. 27 das Rauſchen vom Waſſer. Aber ſeine Begleiter neckten ihn, daß er ſo ſtill ſei, und dann ſprachen ſie und lachten laut. Als ſie anhielten, wunderte er ſich, daß er rauche, nach genauerer Ueberlegung fiel ihm jedoch ein, wann und wo er die Cigarre angezündet hatte. Sie hielten an dem Alleethore, ſtiegen ab und über⸗ ließen den Wagen dem Diener, einem pfiffigen Burſchen, der an ſolche Dinge faſt ebenſo gewöhnt war wie ſein Herr. Sir Mulberry mit ſeinem Freunde war bereits angekommen und alle vier gingen ſchweigend an den ſtattlichen Ulmen hin, die hoch über ihren Köpfen ſich vereinigten, eine lange grüne Perſpective von gothiſchen Bogen bildeten und wie irgend eine alte Ruine in dem offenen Himmel endigten. Nach einer Pauſe und einer kurzen Beſprechung der Secundanten wendeten ſie ſich endlich rechts, ſchlugen ei⸗ nen Fußweg über eine kleine Wieſe ein, gingen vor Ham⸗ Houſe vorbei und gelangten auf die Felder jenſeits. Auf einem derſelben blieben ſie ſtehen. Die Diſtanz wurde abgemeſſen und keine der gewöhnlichen Formalitäten ver⸗ geſſen; die beiden Duellanten ſtellten ſich in der beſtimm⸗ ten Entfernung einander gegenüber, und Sir Mulberry ſah jetzt zum Erſtenmale ſeinen jungen Gegner an. Er war ſehr blaß, ſeine Augen geröthet, ſein Anzug in Un⸗ ordnung und das Haar hing ihm wirr um den Kopf,— alles höchſt wahrſcheinlich die Folge des vorigen Tages und der vorigen Nacht. Das Geſicht drückte nichts als heftige und ſchlechte Leidenſchaften aus. Er hielt die Hand über die Augen, ſah ſeinen Gegner einige wenige Augenblicke feſt an, nahm dann die Waffe, die man ihm reichte, ſenkte den Blick auf dieſelbe und ſchlug die Au⸗ gen nicht wieder auf, bis das Signal gegeben wurde, auf das er ſogleich ſchoß. Nicolaus Nickleby. Die beiden Schüſſe fielen faſt in einem und demſel⸗ ben Augenblicke. In dieſem Augenblicke drehete der junge Mann den Kopf ſchnell um, richtete die Augen ſtarr auf ſeinen Gegner und ſiel ohne Stöhnen, ohne Wanken todt zu Boden. »Er iſt hin,« rief Weſtwood, der mit dem anderen Secundanten zu dem Leichname greilt und neben ihm auf ein Kniee geſunken war. »Sein Blut komme auf ſeinen eigenen Kopf,“« ſagte Sir Mulberry.»Er wollte es nicht anders haben und zwang mich dazu.« „»Kapitän Adams,« ſagte Weſtwood eilig,»ich rufe Sie zum Zeugen auf, daß Alles ehrlich zugegangen iſt. Hawk, wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Wir müſſen dieſen Ort ſogleich verlaſſen, nach Brighton fah⸗ ren und ſo ſchnell als möglich nach Frankreich überſetzen. Es iſt eine ſchlechte Geſchichte geweſen und ſie kann noch ſchlimmer werden, wenn wir einen Augenblick zögern. Adams, denken Sie an Ihre eigene Sicherheit und blei⸗ ben Sie nicht hier. Die Lebenden gehen den Todten vor. Guten Morgen!« Mit dieſen Worten faßte er Sir Mulberry am Arme und zog ihn eilig mit ſich fort. Kapitän Adams, der nur ſo lange zögerte, um ſich ganz beſtimmt von dem verderblichen Ausgange zu überzeugen, eilte in derſelben Ricchtung fort, um ſich mit ſeinem Diener über die Art zu bereden, wie der Leichnam fortzubringen ſei und wie er ſeine eigene Sicherheit nicht gefährde. So ſtarb Lord Frederick Veriſopht von der Hand, die er mit Geſchenken überhäuft und tauſendmal gedrückt hatte, durch den, welcher wie einige ihm Aehnliche, al⸗ lein Schuld war, daß er nicht als glücklicher Mann lebte und auf ſeinem Bette ſtarb, umringt von Kindern. Nicolaus Nickleby. 29 Die Sonne erhob ſich ſtolz in aller ihrer Herrlichkeit; der edele Fluß ſtrömte in ſeinem gewundenen Laufe da⸗ hin; die Blätter bebten und rauſchten in der Luft; die Vögel zwitſcherten ihre freudigen Lieder von jedem Baume und die bunten Schmetterlinge flatterten luſtig umher; das Licht und alles Leben des Tages kam heran und mitten darin, das Gras niederdrückend, wo jedes einzelne Hälmchen tauſend kleine Leben trug, lag der Todte, das ſtarre Geſicht empor zum Himmel gerichtet. Zweites Kapitel. Der Plan des Herrn Ralph Nickleby und ſeines Freundes nã⸗ hert ſich einem glücklichen Ausgange, wird aber unerwar⸗ teter Weiſe einer anderen Perſon bekannt, die ſie nicht mit in das Geheimniß gezogen hatten. In einem alten, ſchauerlich düſtern und ſtaubigen Hauſe, das gleich ihm ſelbſt eingeſchrumpft, gelb und runzelig davon geworden zu ſein ſchien, daß es ihn vor dem Tageslichte barg, wie er darin ſein Geld geborgen hatte, wohnte Arthur Gride. Hagere alte Stühle und dünne, ärmliche Tiſche, hart und kalt wie das Herz ei⸗ nes Geizigen, ſtanden in ungeſtörter Reihe an den dü⸗ ſtern Wänden; durch die Verwahrung der Schätze dünn und lahm gewordene Schränke und Kaſten, die zitterten, als fürchteten ſie ſich vor Dieben, nahmen die dunkeln Ecken ein, wo ſie keine Schatten auf den Boden warfen und ſich vor der Beobachtung zu verkriechen und zu verſtecken ſchienen. Eine große mürriſche Uhr oben an der Treppe mit langen hagern Weiſern und hungerigem Zifferblatte — —— ——— — Nicolaus Nickleby. tickte in vorſichtigem leiſen Geflüſter, und wenn ſie im dünnen piependen Tone, gleich der Stimme eines alten Mannes, die Stunden ſchlug, klapperte es in ihr, als jammere ſie vor Hunger. Es ſtand kein Sopha am Kamine, das zur Ruhe und Bequemlichkeit einlud. Zwei Lehnſtühle nahmen den Platz ein, aber ſie ſahen ängſtlich aus, zogen die Arme mißtrauiſch und furchtſam empor und waren auf ihrer Huth. Andere waren phantaſtiſch grauſig, als hätten ſie ſich ihrer Länge nach emporgeſtreckt und ihre grimmig⸗ ſten Mienen angenommen, um alle Ankommenden gleich aus der Faſſung zu bringen. Andere lehnten ſich an ihre Nachbarn oder ſuchten eine Stütze an der Wand und zwar recht augenfällig, als wollten ſie Jedermann zum Zeugen aufrufen, ſie wären es nicht werth, daß man ſie nehme. Die dunkeln viereckigen Bettſtellen ſchie⸗ nen ausdrücklich für ruheloſe Träumer gemacht zu ſein, die verſtockten Vorhänge dagegen in ärmliche Falten zu⸗ ſammenzukriechen und, wenn der Wind ſie bewegte, ein⸗ ander zitternd zuzuflüſtern, was ſie von den lockenden Dingen wußten, die da in den düſtern, dichtverſchloſſe⸗ nen Kiſten und Kaſten lagen. Aus dem ärmlichſten und hungerigſten Gemache in dieſem ganzen ärmlichen und hungerigem Hauſe klangen eines Morgens die zitternden Töne der Stimme des al⸗ ten Gride, als ſie ſchwach das Ende eines längſt vergeſ⸗ ſenen Liedes zirpte, deſſen Refrain lautete: Taram batu Werft den alten Schuh, Und möge die Ehe gedeihn! was er in denſelben gellenden, zitternden Tönen immer und immer wiederholte, bis ein heftiger Huſtenanfall ihn ner hn Nicolaus Nickleby. 31 nöthigte, aufzuhören und die Beſchäftigung, die er ver⸗ richtete, im Stillen fortzuſetzen. Dieſe Beſchäftigung beſtand darin, daß er von dem Rechen eines wurmſtichigen Kleiderſchrankes eine Menge muffiger Kleidungsſtücke, eines nach dem andern, herun⸗ ternahm, jedes genau und ſorgfältig unterſuchte, indem er es gegen das Licht hielt, dann ſehr vorſichtig zuſam⸗ men und auf den einen oder den anderen zweier kleiner Häufchen neben ihm legte. Nie nahm er zwei Stücke auf einmal heraus, ſondern jedes einzeln und nie ver⸗ fehlte er, wenn er eins herausgenommen hatte, die Thür des Schrankes zuzumachen und den Schlüſſel umzudre⸗ hen. „»Der ſchnupftabacksfarbige Rock,« ſagte Arthur Gride, indem er einen fadenſcheinigen Rock muſterte. »Ob ich wohl in Schnupftabacksfarbe gut ausſehe? Ich muß nachdenken.« Das Reſultat dieſer Ueberlegung ſchien ungünſtig zu ſein, denn er ſchlug den Rock wieder zuſammen, legte ihn bei Seite, ſtieg auf einen Stuhl„ um einen andern herunterzuholen und zirpte dazu: »Jung, lieblich und ſchön! Welch' Glück muß das ſein! Die Ehe wird ſicher gedeihn.« „Immer ſetzen ſie doch„jung« dazu,« ſagte der alte Arthur;»aber die Lieder werden bloß des Reimes we⸗ gen gemacht, und das iſt ein ſehr dummes, welches die Leute auf dem Lande ſangen als ich noch ein kleiner Junge war. Aber halt!— jung iſt doch auch richtig, — es geht auf die Braut,— ja. Hil hi! hi! Es geht auf die Braut. Das iſt gut, das iſt ſehr gut. Und auch wahr,— ganz wahr.⸗ Aus Freude über dieſe Entdeckung wiederholte er den 32 Vers mit geſteigertem Ausdrucke und hier und da einem Triller; dann ſetzte er ſein Geſchäft fort. „Der flaſchengrüne,« ſagte der alte Arthur;»der fla⸗ ſchengrüne Rock ſah prächtig aus, ich kaufte ihn ſehr wohlfeil bei einem Pfänderleiher und in der Bruſttaſche war— hi! hi! hi!— ein alter Schilling. Daß der Pfandleiher nicht gewußt haben ſollte, daß ein Schilling darin war! Ich wußte es, ich fühlte es, als ich das Tuch unterſuchte. Wie dumm doch die Menſchen ſind! Es war auch ein glücklicher Rock, der flaſchengrüne. An demſelben Tage, als ich ihn das Erſtemal anzog, ver⸗ brannte der alte Lord Mallowford in ſeinem Bette und alle auf ſeinen Tod geſtellte Wechſel wurden fällig. In dem flaſchengrünen will ich mich trauen laſſen. Grete — Grete Sliderskow— ich ziehe den flaſchengrünen an.« Dieſer zwei⸗ oder dreimal an der Thür laut wieder⸗ holte Ruf brachte in das Zimmer eine kleine hagere triefäugige alte, kurzathmige und ſchreckbarhäßliche Frau, welche ihr runzeliges Geſicht mit der ſchmutzigen Schürze abwiſchte und in dem Tone, in welchem taube Perſonen gewöhnlich ſprechen, fragte:— »Riefen Sie oder ſchlug bloß die Uhr? Mit meinem Gehör geht es ſo ſchlecht, daß ich immer nicht weiß, was es iſt; wenn ich aber etwas höre, muß es von Ih⸗ nen oder der Uhr kommen, weil ſich ſonſt nichts im Hauſe rührt.« »Ich, Grete, ich,« ſagte Arthur Gride, der ſich auf die Bruſt klopfte, um die Antwort um ſo verſtändlicher zu machen. „»Sie waren's?« wiederholte die Alte.»Und was wollen Sie denn?« Nicolaus Nickleby. ————, Nicolaus Nickleby. 33 »In dem flaſchengrünen will ich mich trauen laſſen,« ſagte Arthur Gride. Für die Trauung iſt der viel zu gut, Herr,« antwor⸗ tete die Alte nach kurzer Betrachtung des Rockes.»Ha⸗ ben Sie nichts Schlechteres dazu?« »Nichts, was paßt,« erwiederte der alte Arthur. „»Warum ſoll's nicht paſſen?« fragte die Frau.»Warum ziehen Sie nicht Ihren gewöhnlichen Rock an, wie an⸗ dere Leute, he?« »Er ſieht nicht gut genug aus,« antwortete ihr Herr. »Nicht was genug?« fragte die Alte. „Gut.« „»Zu was gut?« Arthur Gride murmelte eine Verwünſchung gegen die Taubheit ſeiner Haushälterin und ſchrie ihr in das Ohr: »Nicht ſauber genug. Ich will ſo fauber und nett ausſehen als möglich.« »Ausſehen?« rief die Haushälterin.»Wenn ſie ſo hübſch iſt, wie ſie ſein ſoll, ſo wird ſie Sie nicht ſehr anſehen, Herr, verlaſſen Sie ſich darauf, und wie Sie ausſehen, da macht Pfeffer und Salz, flaſchengrün, him⸗ melblau oder Schottiſch keinen Unterſchied.« Mit dieſer tröſtlichen Verſicherung hob Grete Sliders⸗ kow den gewählten Rock auf, umfaßte das Bündel mit ihren welken Armen und ſtand ſchmollend und grinſend, mit den Triefaugen blinzelnd da wie eine plumpe Figur in einem monſtröſen Schnitzwerke. »Sie iſt heute nicht beſonders ſpaßhaft gelaunt, nicht wahr, Grete?« ſagte Arthur nicht mit dem freundlichſten Geſichte. 1 »Warum ſollte ich es auch ſein?« entgegnete die Alte.»Man wird mich doch bald genug vor die Thür Nicolaus Nickleby. VllI. 3 3 — — — — — —-— 34 Nicolaus Nickleby. ſetzen, wenn eine Andere hier zu regieren verſuchen will. Aber, ich ſage es Ihnen, Herr, die alte Grete, die hier ſo viele Jahre gewirthſchaftet hat, läßt ſich keinen An⸗ dern über den Kopf wachſen; Sie wiſſen das und ich brauche es Ihnen alſo nicht zu ſagen. Das wäre nicht gut für mich und auch nicht gut für Sie. Wenn Sie es verſuchen, ſind Sie ein gaſchlagenen Mann, ein geſchla⸗ gener Mann, ſage ich.« „»Gute Grete, ich werde es nie Gerſutenze antwortete Arthur Gride, der über die letzten Worte gewaltig er⸗ ſchrak,»nicht um die Welt. Es würde ſehr leicht ſein, mich zu einem geſchlagenen Manne zu machen. Wir müſſen ſehr auf unſerer Hut ſein, und noch ſparſamer leben als bisher, da noch ein Mund zu füttern iſt. Das heißt, nur wir,— ſie darf ihr hübſches Ausſehen nicht verlieren, Grete, weil es mir an ihr gefällt.« »Sehen Sie ſich vor, ſonſt wird Ihnen das gute Ausſehen viel koſten,« entgegnete Grete, indem ſie den Zeigefinger warnend bewegte. „Sie kann ja auch ſelbſt Geld verdienen, Grete, ⸗ ſagte Arthur Gride, der genau aufmerkte, um zu ſehen, welchen Eindruck ſeine Mittheilung auf die Alte machen werde;»ſie kann zeichnen, malen, alle Arten hübſche Dinge zum Putze von Stühlen und Seſſeln verfertigen, Pantoffeln, Uhrbänder, Haarketten und tauſend niedliche andere Kleinigkeiten, deren Namen ich nicht einmal kenne. Dann kann ſie Clavier ſpielen(und was mehr iſt, ſie beſitzt ſelbſt eins) und ſingen wie ein Vögelchen. Sie wird wohlfeil in der Kleidung und im Eſſen zu erhalten ſein, Grete; meint Sie das nicht auch?« „Es iſt möglich, wenn Sie ſich nicht von ihr zum Narren machen laſſen,« entgegnete Grete. »Mich zum Narren!« rief Arthur.»Sie muß doch —9—=—————.“ 2& Sͤ— ₰ Nicolaus Nickleby. 35 Ihren alten Herrn kennen; er ſich durch hübſche Geſich⸗ ter zum Narren machen laſſen, Grete! Nein, nein, nein, — auch nicht von häßlichen, Frau Sliderskow,« ſetzte er leiſer zu ſich ſelbſt hinzu. »„Sie ſagten eben etwas, was ich nicht hören ſollte,⸗ meinte Grete;»ich weiß es, Sie ſagten ſo etwas.⸗ »In dieſer alten Hexe ſteckt der Teufel!« murmelte Arthur; dann ſetzte er mit einem Schielblicke hinzu: vich ſagte, ich trauete in allen Stücken Ihr, Grete.⸗ »Thun Sie das, und Sie werden aller Ihrer Sor⸗ gen ledig ſein,« ſagte Grete zuſtimmend. »Wenn ich dies thue,« dachte Arthur Gride,»werde ich freilich für nichts mehr zu ſorgen nöthig haben.⸗ Ob er gleich dies ganz beſtimmt dachte, ſo durfte er doch nicht einmal die Lippen bewegen, damit die Alte ihn nicht auf einem ſolchen Gedanken ertappe. Er ſchien ſelbſt zu fürchten, ſie könne ſeine Gedanken in ſeinem Geſichte leſen, denn er ſchielte ſie ſchmeichelnd an, als er laut hinzuſetzte: „»Hefte Sie alle aufgegangenen Nähte in dem fla⸗ ſchengrünen mit der beſten ſchwarzen Seide wieder zu. Kaufe Sie einige Faden von der beſten und einige neue Knöpfe auf den Rock, und— das iſt ein guter Gedanke, Grete, der Ihr gewiß auch gefallen wird,— da ich ihr bis jetzt noch gar nichts gegeben habe, die Mädchen aber ſolche Aufmerkſamkeiten gern ſehen, ſo putze Sie doch eines der funkelnden Halsbänder, die ich oben habe; das will ich ihr am Hochzeitsmorgen geben,— ſelbſt, ſelbſt um den allerliebſten kleinen Hals legen,— und am an⸗ dern Tage wieder abnehmen. Hil! hil hil! Ich möchte wohl wiſſen, Grete, wen ſie zuerſt zum Narren macht⸗ Frau Sliderskow ſchien den ſinnreichen Einfall voll⸗ kommen zu billigen und drückte ihren Beifall durch ver⸗ 3* —x —— ———j4— —— —— 36 ſchiedenes Kopfnicken und Verzerren des Geſichtes aus, welches ihre Reize keineswegs erhöhete. Das that ſie indeß, bis ſie an die Thür gehinkt war, wo ſie eine ſaure boshafte Miene annahm, ihre untere Kinnlade von einer Seite auf die andere ſchob, die zukünftige Madame Gride leiſe von Herzensgrunde verwünſchte und lang⸗ ſam die Treppe hinan kroch, wo ſie faſt auf jeder Stufe ſtehen bleiben mußte, um wieder zu Athem zu kommen. »Sie iſt eine halbe Hexe, denk' ich,« ſagte Arthur Gride, als er wieder allein war.„Aber ſie iſt ſehr mäßig und genügſam und ſehr taub; ihr Unterhalt ko⸗ ſtet mich faſt gar nichts, und es nützt ihr nichts, an den Schlüſſellöchern zu horchen, weil ſie nicht hört. Sie iſt eine prächtige Frau— in dieſem Stücke;— eine höchſt verſchwiegene alte Haushälterin und ihr Gewicht— in Kupfer werth.« Nachdem der alte Arthur die Verdienſte ſeiner Haus⸗ hälterin in dieſen Ausdrücken gerühmt hatte, begann er den Refrain ſeines Liedes wieder und brachte, da er den Anzug zu ſeiner bevorſtehenden Trauung gewählt hatte, die anderen eben ſo ſorgfältig wieder an Ort und Stelle, wie er ſie aus dem Schranke genommen, wo ſie viele Jahre in Ruhe gehangen hatten. Als es plötzlich an der Thür klingelte, beendigte er dieſes Geſchäft eilig und ſchloß den Schrank zu, aber er hatte gar nicht nöthig, ſich beſonders zu beeilen, da die alte Grete ſelten wußte, daß die Klingel gezogen N worden, wenn ſie nicht zufällig ihre trüben Augen auf⸗ he ſchlug und die Klingel oben an der Küchendecke ſich be⸗ S wegen ſah. Nach einer kurzen Zögerung wankte jedoch re Grete mit Newman Noggs herein.. bi „Ah, Herr Noggsle rief ihm Arihur Gride, die Nicolaus Nickleby. e„“ O 6 e Niecolaus Nickleby. 37 Hände reibend, entgegen.»Mein guter Freund, Herr Noggs, was bringen Sie mir?« Newman, der feſt und unbeweglich daſtand und mit ſeinen ſtieren Augen den Alten anſtierte, antwortete mit einer paſſenden Geberde,»einen Brief. Von Herrn Nickleby. Der Ueberbringer wartet.« »Wollen Sie nicht— 2 Newman ſah empor und ſchnalzte mit den Lippen. »Einen Stuhl nehmen?« ſchloß Arthur Gride. »Nein,« antwortete Newman.»Ich danke.« Arthur erbrach den Brief mit zitternder Hand, ver⸗ ſchlang gierig den Inhalt, ſchnalzte dazu und überlas ihn entzückt mehrmals, ehe er ſeine Augen davon abwen⸗ den konnte. Er las und las ihn ſo viele Male, daß Newman es für paſſend hielt, ihn a ſeine Gegenwart zu erinnern. »Antwort,« ſagte Newman.„Der Ueberbringer wartet.« »Wahr,« antwortete der alte Arthur.»Ja— ja; ich vergaß es wirklich beinahe.« »Ich glaubte, Sie vergäßen—« ſagte Newman. »Ganz recht, daß Sie mich erinnerten, Herr Noggs. Ja, ganz recht,« ſagte Arthur.»Ja. Ich will eine Zeile ſchreiben. Ich bin— ich bin— ganz außer mir, Herr Noggs. Die Nachricht iſt—« „»Schlecht 2« unterbrach ihn Newman. „»Nein, Herr Noggs, ich danke, gut, ſehr gut, die beſte Nachricht. Setzen Sie ſich; ich will Feder und Tinte holen und eine Zeile als Antwort ſchreiben. Ich werde Sie nicht lange aufhalten; ich weiß, Sie ſind ein wah⸗ rer Schatz für Ihren Herrn, Herr Noggs. Er ſpricht bisweilen in ſolchen Ausdrücken von Ihnen, lieber Freund, daß Sie ſich verwundern würden. Ich kann 38 Nicolaus Nickleby. aber ſagen, daß ich es auch thue und immer gethan habe. Ich ſage immer daſſelbe von Ihnen.“ „Das heißt:»verflucht ſoll der Noggs ſein!« dachte Newman während Gride hinauseilte. Der Brief war heruntergefallen. Newman konnte der Neugierde nicht widerſtehen, das Reſultat des Pla⸗ nes zu erfahren, den er im Schranke mit angehört hatte; deshalb ſah er ſich einen Augenblick vorſichtig um, hob den Brief auf und las ſchnell wie folgt: „Gride, »Ich ſah Bray dieſen Morgen wieder und ſchlug zur Trauung übermorgen vor, wie Sie es wünſchen. Er hat nichts dagegen und ſeiner Tochter iſt jeder Tag gleich. Wir wollen mit einander hingehen; kom⸗ men Sie punkt ſieben Uhr früh zu mir. Ich brauche Ihnen nicht zu empfehlen, pünktlich zu ſein. Machen Sie dem Mädchen unterdeß keinen Beſuch wieder. Sie ſind in der letztern Zeit öfterer dort ge⸗ weſen, als gut iſt. Sie ſehnt ſich nicht nach Ihnen und es hätte können gefährlich werden. Halten Sie Ihren Jugendeifer auf achtundvierzig Stunden im Zaume und überlaſſen Sie ſie ihrem Vater. Sie ver⸗ derben nur, was er gutmacht und er macht ſeine Sache wirklich gut.— „Der Ihrige. »Ralph Nickleby.⸗ Draußen ließen ſich Fußtritte hören. Newman ließ den Brief wieder auf dieſelbe Stelle fallen, hielt ihn mit dem Fuße feſt, damit er nicht wegfliege, begab ſich mit einem einzigen langen Schritte wieder auf ſeinen Stuhl und ſah ſo gedankenlos aus, wie jemals ein Menſch ausſah. Arthur Gride entdeckte ihn, nachdem er Nicolaus Nickleby. 39 ſich ängſtlich darnach umgeſehen hatte, am Boden, hob ihn auf, ſetzte ſich, um zu ſchreiben, warf dem Newman Noggs einen Blick zu, der ſo geſpannt an die Wand ſah, daß Arthur beſorgt wurde. „»Sehen Sie etwas Beſonderes, Herr Noggs?« fragte Arthur, indem er verſuchte, der Richtung der Augen Newmans zu folgen, was jedoch rein unmöglich war und von keinem Menſchen bewerkſtelligt werden konnte. »Weiter nichts als eine Spinnewebe,« antwortete Newman. „Weiter nichts 2« „Doch nahet was,« ſagte Newman.»Es iſt eine Fliege darin.« „Es giebt ziemlich viel Spinneweben hier,« bemerkte Arthur Gride. »Auch bei uns,« antwortete Newman, vund auch Fliegen.⸗« Newman ſchien dieſe Antwort großes Vergnügen zu machen und zum großen Unbehagen Arthur Gride's knackte er unaufhörlich die Fingergelenke, wodurch er ein Geräuſch machte, das fernem Kleingewehrfeuer glich. Arthur beendete indeß die Antwort auf das Brieſchen Ralphs und übergab ſie dem ſeltſamen Boten. »Das iſt die Antwort, Herr Noggs,« ſagte Gride. Newman nickte, legte den Brief in den Hut und wollte eben gehen, als Gride, deſſen wonniges Entzü⸗ cken keine Grenzen kannte, ihn wieder zurückwinkte und in pfeifendem Geflüſter und einem Brinſonden Lächeln fragte, das das ganze Geſicht verzog: »Wollen Sie— wollen Sie ein Tryſcen trinken, — nur um zu koſten?« In guter Kameradſchaft(wenn Arthur Gride derſel⸗ ben fähig geweſen) würde Newman nicht einen Tropfen — —— ——— 40 Nicolaus Nickleby. des beſten Weines, der jemals gewachſen, mit ihm ge⸗ trunken haben; aber um zu ſehen, was er habe und um ihn ſo viel als möglich zu ſtrafen, nahm er das Aner⸗ bieten ſogleich an. Arthur Gride wendete ſich deshalb nochmals an den Schrank und nahm von einem Brette, auf welchem fla⸗ mändiſche Trinkgläſer und närriſche Flaſchen, einige mit Storchhälſen, andere mit vierſchrötigen holländiſchen Bäuchen und dicken ſchlagflüſſigen Hälſen, ſtanden, eine beſtaubte Flaſche von vielverſprechendem Ausſehen und zwei merkwürdig kleine Gläſer herunter. »Das haben Sie in Ihrem Leben noch nicht getrun⸗ ken,« ſagte Arthur.»Es iſt eau d'or, Goldwaſſer— goldnes Waſſer. Ich liebe es des Namens wegen. Es iſt ein köſtlicher Name. Goldwaſſer— goldnes Waſſer! Es däucht mich faſt eine Sünde, ſo etwas zu trinken.« Da der Muth ihn faſt zu verlaſſen ſchien und er mit dem Stöpſel auf eine Art zögerte, die zu verrathen ſchien, er habe große Luſt, die Flaſche wieder an ihren frühern Ort zu ſtellen, nahm Newman eines der kleinen Gläſer und ſtieß damit ein paar Mal an die Flaſche an, um zu erinnern, daß ihm noch nicht eingeſchenkt worden ſei. Mit einem tiefen Seufzer füllte es Arthur Gride endlich langſam— nicht bis an den Rand— und ſchenkte ſich dann auch ſelbſt ein. »Halt, halt! Trinken Sie noch nicht,« ſagte er, in⸗ dem er ſeine Hand auf die Newmans legte;»ich erhielt das Fläſchchen vor zwanzig Jahren, und wenn ich ein⸗ mal ein Schlückchen daraus nehme, was ſehr, ſehr ſelten geſchieht, ſo denke ich gern erſt daran. Wir wollen eine Geſundheit trinken. Wollen wir eine Geſundheit trin⸗ ken, Herr Noggs?« »Hm!« ſagte Newman mit einem ungeduldigen Blicke e Nicolaus Nickleby. 41 auf ſein Glas.»Machen Sie ſchnell. Der Ueberbrin⸗ ger wartet.« »Nun denn, ich will Ihnen etwas ſagen,“ kicherte Arthur,»wir wollen trinken— hil hil hi!— wir wol⸗ len auf eine Dame trinken!« »Auf die Damen im Allgemeinen?« fragte Newman. „»Nein, nein, Herr Noggs,« antwortete Gride, indem er ihm die Hand hielt, vauf eine Dame. Sie wundern ſich, daß ich ſage, eine Dame, ich weiß es, ich weiß es, Sie wundern ſich. Die kleine Madeline— ſoll die Geſundheit heißen, Herr Noggs,— die kleine Ma⸗ deline!« »Madeline!« ſagte Newman und ſetzte bei ſich hin⸗ zu:„Gott ſtehe ihr beil« Die Schnelligkeit und Rückſichtsloſigkeit, mit welcher Newman ſeinen Antheil von dem Goldwaſſer hinunter⸗ ſtürzte, machte einen großen Eindruck auf den alten Mann, der ſich in ſeinem Stuhle aufrichtete und ihn mit offenem Munde anſtarrte, als habe er durch das, was er geſehen, den Athem verloren. Newman achtete jedoch nicht darauf, ließ ihn ſein Gläschen mit Muße ausnippen oder wieder in die Flaſche füllen, wenn es ihm beliebte, und entfernte ſich, nachdem er Grete Sli⸗ derskow noch dadurch ſehr beleidigt hatte, daß er in der Hausflur dicht an ihr vorbeiſtrich, ohne ein Wort zu ihr zu ſagen. Herr Gride und deſſen Haushälterin traten ſogleich, als ſie wieder allein waren, in ein Committee zuſammen, um ſich über die Anordnungen zu berathen, welche zur Aufnahme der jungen Frau getroffen werden mußten. Da ſie jedoch in dieſen ihren Berathungen, wie andere Committees, außerordentlich langweilig und weitläufig waren, ſo mag die Geſchichte den Schritten Newman 42 Nicolaus Nickleby. Noggs' folgen und ſo die Nothwendigkeit mit dem Vor⸗ theil vereinigen, denn es würde dies unter allen Um⸗ ſtänden doch nöthig geweſen ſein, und Noth kennt be⸗ kanntlich kein Gebot. »Er iſt lange aus geweſen,« ſagte Ralph, als New⸗ man zurückkam.. »Er hielt mich lange auf,« antwortete Newman. »Bah!« rief Ralph ungeduldig.»Geb' Er mir den Brief, wenn er Ihm einen gab, wenn nicht, ſo richte Er den Auftrag aus. Und geh' Er nicht fort; ich habe ein Wort mit Ihm zu ſprechen.«. Newman übergab den Brief und ſah ſehr ungedul⸗ dig aus, als ſein Principal das Siegel erbrach und den Inhalt überflog. »Er verſpricht, pünktlich zu kommen,« murmelte Ralph, während er das Briefchen zerriß;„ja, ja, ich weiß es, daß er gewiß kommt. Warum braucht er dies noch zu ſagen?— Noggs! Wer war der Mann, mit dem ich Ihn vorigen Abend auf der Straße ſtehen ſah? ² »Ich weiß es nicht,« antwortete Newman. »Er wird wohlthun, wenn Er Sein Gedächtniß an⸗ ſtrengt,« ſagte Ralph mit einem drohenden Blicke. »Ich ſage Ihnen,« entgegnete Newman kühn,»daß ich durchaus nicht weiß, wer oder was er iſt. Er kam zweimal hierher und fragte nach Ihnen. Sie waren ausgegangen. Er kam wieder. Sie ſchickten ihn ſelbſt fort. Er nannte ſich Brooker.⸗ 3 „Das weiß ich,« ſagte Ralph;»was weiter?« „»Was weiter? Dann lauerte er an dem Hauſe umher und fiel mich auf der Straße an. Er folgt mir jeden Abend und dringt in mich, ich möge ihn zu Ihn gen, Angeſicht für Angeſicht. Er muß Sie von vor⸗ Iim⸗ be⸗ Nicolaus Nickleby. 43 zu Angeſicht ſehen, ſagt er, und Sie würden ihn bald anhören, verſichert er.⸗ »Und was ſagte Er dazu?« fragte Ralph, indem er Newman ſcharf anſah. »Das gehe mich nichts an und ſei meine Sache nicht. Ich ſagte ihm, er möge Sie auf der Straße anreden und anſehen, wenn er weiter nichts wünſche, aber das mag er nicht. Sie würden ihn nicht anhören, ſagt er. Er müſſe mit Ihnen allein ſein in einem Zim⸗ mer bei verſchloſſenen Thüren, wo er ohne Furcht reden könnte, und Sie würden Ihren Ton bald ändern, ihn ausreden laſſen.« »Der kecke Kerl!« murmelte Ralph. „»Das iſt Alles, was ich weiß,« fuhr Newman fort. »Ich wiederhole noch einmal, ich weiß nicht, wer und was der Mann iſt. Ich glaube, er weiß es ſelbſt nicht. Sie haben ihn geſehen; vielleicht kennen Sie ihn.« »Allerdings kenne ich ihn,« antwortete Ralph. »Nun,“ entgegnete Newman mürriſch,»dann brau⸗ chen Sie mich ja nicht nach ihm zu fragen. Am⸗Ende fragen Sie mich gar noch, warum ich es Ihnen nicht erzählt. Was würden Sie ſagen, wenn ich Ihnen Al⸗ les erzählen wollte, was die Leute von Ihnen ſagen? Wie nennen Sie mich, wann ich es manchmal thue? „»Er dummer Kerl! Er Eſel! Und dabei fahren Sie mich an, als wollten Sie mich verſchlingen.« Das war allerdings wahr, obgleich die Frage, welche Newman erwähnte, in dieſem Augenblicke wirklich auf Ralphs Lippen ſchwebte. »Er iſt ein fauler Taugenichts,« ſagte Ralph, vein Vagabund, der über's Meer zurückkommt, nachdem ihn ſeine Verbrechen Deportation zugezogen hatten, und der jetzt umherläuft, um ſich den Strick zu ſuchen, ein 44 Nicolaus Nickleby. Schwindler, der die Keckheit hat, ſeine Pläne an mir zu verſuchen, obgleich ich ihn genau kenne. Wenn er Ihn wieder einmal anredet, ſo übergebe er Ihn der Polizei, weil er durch Lügen und Drohungen Geld zu er⸗ preſſen ſucht,— verſteht Er mich? Das Uebrige überlaß er nur mir. Er ſoll ſich in einem Gefängniſſe etwas ab⸗ kühlen, und ich verbürge mich dafür, daß er ſich an an⸗ dere Leute macht und mich in Ruhe läßt, wenn er wie⸗ der herauskommt. Verſteht Er mich?« „Ich verſtehe,« antwortete Newman. »So thue Er danach,« ſetzte Ralph hinzu,»und es wird Sein Schaden nicht ſein. Jetzt kann Er gehen.« Newman benutzte ſogleich die ihm gegebene Erlaub⸗ niß, begab ſich in ſein kleines Comptoir und blieb hier in ernſten Gedanken den ganzen Tag über. Als er Abends erlöſet war, eilte er ſo ſchnell als möglich nach der City und nahm ſeinen frühern Poſten hinter dem Brunnen wieder ein, um auf Nicolaus zu warten,— denn Newman Noggs war nach ſeiner Art ſtolz und würde um keinen Preis ſich als Nickleby's Freund vor den Gebrüdern Cheeryble in dem ſchäbigen und elenden Zuſtande gezeigt haben, in welchem er ſich befand. Er hatte nicht viele Minuten auf ſeinem Poſten ge⸗ ſtanden, als er zu ſeiner großen Freude Nicolaus kom⸗ men ſah; er ſtürzte deshalb ſogleich aus ſeinem Verſtecke hervor und eilte ihm entgegen. Nicolaus ſeinerſeits war nicht minder erfreut, ſeinen alten Freund zu ſehen, mit dem er eine ziemlich lange Zeit nicht geſprochen hatte. »„Ich dachte in dieſem Augenblicke an Sie,« ſagte Nicolaus. „Das freut mich, und ich dachte an Sie,« entgegnete— Newman.„Ich konnte nicht anders, ich mußte Sie die⸗ ———.——₰—— ——————— —— O-—„———. — 8 G— ◻ 1 t u d d u u 735 Nicolaus Nickleby. 45 ſen Abend aufſuchen. Ich denke, ich habe etwas aus⸗ findig gemacht.« »Und was iſt das?« fragte Nicolaus, der ſich des Lächelns nicht enthalten konnte. »Ich weiß noch nicht, was es iſt, ich weiß wirklich noch nicht, was es iſt,« ſagte Newman; ves iſt ein Ge⸗ heimniß, bei dem Ihr Onkel betheiligt iſt, was aber dahinterſteckt, habe ich noch nicht herausbringen können, wenn ich gleich ſtarken Verdacht habe. Ich will dieſen jetzt aber nicht erwähnen, um Sie nicht etwa zu täuſchen.« »Mich zu täuſchen!« rief Nicolaus;»bin ich dabei betheiligt?« »Ich glaube es,« antwortete Newman.»Es ſchwant mir, daß es ſo ſein muß. Ich habe einen Mann ken⸗ nen gelernt, der offenbar mehr weiß, als er auf einmal ſagen mag, aber er ließ bereits einige Winke fallen, die mich ſtutzig machen, ich ſage, die mich ſtutzig machen,« wiederholte Newman, indem er ſeine rothe Naſe faſt wund kratzte und dabei Nicolaus unverwandt mit ſeinen Glotzaugen anſtierte. Niccolaus, der ſehr neugierig war, zu erfahren, was wohl ſeinen alten Freund ſo geheimnißvoll gemacht habe, verſuchte die Sache durch eine Reihe von Fragen aufzu⸗ klären, aber vergebens. Er vermochte Newman durch⸗ aus nicht zu einer deutlichern Angabe zu bewegen als zu einer Wiederholung der räthſelhaften Reden, und zu ei⸗ nem verworrenen guten Rathe, ſo vorſichtig als mög⸗ lich zu ſein, und zu der Erzählung, der luchsäugige Nalph habe ihn bereits mit jenem unbekannten Manne ſprechen ſehen, er aber, Newman, habe ſich, als ihn Ralph darüber zur Rede geſetzt, ſehr behutſam und klug benommen, da er darauf vorbereitet geweſen. Nicolaus Nickleby. Nicolaus, der ſeines Freundes ſchwache Seite wohl kannte,— die ihm jedoch Jedermann auf den erſten Blick an der rothen Naſe anſah— zog ihn jetzt mit ſich in ein abgelegenes Wirthshaus; hier gingen ſie nach. einiger Zeit den Anfang und den Fortgang ihrer Be⸗ kanntſchaft durch, wie es unter Freunden wohl bisweilen geſchieht, ſprachen von den kleinen Ereigniſſen, die wäh⸗ rend derſelben vorgekommen waren und gelangten end⸗ lich auch auf Fräulein Cäcilie Bobſter. „»Das bringt mich darauf,« ſagte Newman,»daß Sie mir den wirklichen Namen des Mädchens noch gar nicht genannt haben.« „»Madeline,« ſagte Nicolaus.„ „»Madeline?« rief Newman,»welche Madeline? Ihre anderen Namen— nennen Sie mir ihre anderen Namen!« „Bray,« ſagte Nicolaus ſehr verwundert. 3 „Es iſt dieſelbe!« rief Newman.„Traurige Ge⸗ ſchichte! Können Sie zuſehen und die unnatürliche Hei⸗ rath geſchehen laſſen, ohne einen Verſuch zu machen, ſie zu retten?« „Was wollen Sie damit ſagen?« fragte Nicolaus aufſpringend.»Heirath! Sind Sie verrückt?« „Sind Sie es? Iſt ſie es? Sind Sie blind, taub, ohne Beſinnung, todt?« fragte Newman.»Wiſſen Sie nicht, daß Madeline Bray binnen vierundzwanzig Stun⸗ den durch Vermittelung Ihres Oheims Ralph mit einem Manne verheirathet werden wird, der eben ſo ſchlecht iſt wie er und vielleicht ſogar noch ſchlechter, wenn es etwas Schlechteres giebt? Wiſſen Sie nicht, daß ſie, ſo gewiß als Sie lebendig hier ſtehen, geopfert, an ei⸗ nen grauköpſigen Schurken verkuppelt wird, der ein ein⸗ Niecolaus Rickleby. 47 gefleiſchter Teufel und auf Teufelswegen grau gewor⸗ den iſt?« „»Bedenken Sie wohl, was Sie ſagen,« antwortete Nicolaus,»um des Himmels willen bedenken Sie, was Sie ſagen! Ich bin allein hier, die, welche ſie vielleicht befreien könnten, ſind fern. Was wollen Sie mit Ih⸗ ren Reden ſagen?« 1 »Ich hörte ihren Namen vorher nicht,« ſagte New⸗ man, der vor Eifer kaum Athem holen konnte.»Warum nannten Sie mir ihn nicht? Wie konnte ich ihn kennen? Wir würden dann wenigſtens einige Zeit gehabt haben, darüber nachzudenken.« »Sagen Bie mir nur, was Ihre Reden bedeuten ſollen!« rief Nicolaus. Es war nicht leicht, eine genauere Erklärung zu er⸗ langen; nach vielen außerordentlichen pantomimiſchen Bewegungen aber, als Nicolaus faſt eben ſo aufgeregt war als Newman ſelbſt, drückte er dieſen auf den Stuhl nieder und hielt ihn da feſt, bis Noggs ſeine Erzählung begann. Wuth, Erſtaunen, Unwillen und ein Sturm von Lei⸗ denſchaften tobten in dem Herzen des Hörers, als ihm der ſchändliche Plan dargelegt wurde. Kaum hatte er denſelben begriffen, als er, todtenbleich im Geſicht und an allen Gliedern zitternd, aufſprang und aus dem Hauſe hinausſtürzte. »Haltet ihn auf!« rief Newman, der ihm nacheilte. „Er begeht etwas Fürchterliches,— er ermordet Je⸗ manden— hedal haltet ihn auf! haltet den Dieb! Hal⸗ tet den Dieb!⸗ 48 Nicolaus Nickleby. Achtzehntes Kapitel. Nicolaus verzweifelt an der Befreiung Madelinens, ſaßt jedoch neuen Muth und entſchließt ſich, einen Verſuch zu wa⸗ gen. Nachrichten von den Kenwigſen und Lillyvicks. Da Newman entſchloſſen zu ſein ſchien, das Weiter⸗ eilen ſeines Freundes auf jede Gefahr hin zu vereiteln, Nicolaus auch fürchtete, irgend ein gutmüthiger Menſch könne durch den Ruf:»Haltet den Dieb auf!« veran⸗ laßt werden, wirklich Hand an ihn zu legen und ihn in eine höchſt unangenehme Lage bringen, aus der er ſich dann wahrſcheinlich nur mit vieler Mühe herausarbeiten würde, ſo blieb er ſtehen und ließ Newman Noggs her⸗ ankommen, was demſelben auch gelang, doch war er ſo ganz außer Athem, daß er wahrſcheinlich keine Minute länger den Wettlauf ausgehalten hätte. »Ich werde direct zu Bray's gehen,« ſagte Nicolaus. »Ich will dieſen Mann aufſuchen, und wenn noch ein Funken von Mitleid in ſeiner Bruſt zurückgeblieben iſt, ein Funken von Achtung für ſein mutterloſes und freund⸗ loſes Kind, ſo werde ich ihn zu hellen Flammen an⸗ fachen.« „Das werden Sie nicht,« antwortete Newman;»das werden Sie gewiß nicht.« K „»Dann,« fuhr Nicolaus ſort, während er weiter ging,»dann thue ich, was ich gleich anfangs thun wollte und gehe gerade zu Ralph Nickleby.« „»Wenn Sie in ſeine Wohnung kommen, wird er im Bett liegen,« ſagte Newman.. „So reiße ich ihn heraus,« entgegnete Nicolaus au⸗ ber ſich. Nicolaus Nickleby. 49 „»Still! Still!« ſagte Noggs.»Beruhigen Sie ſich.« »Sie ſind mein beſter Freund, Newman,« entgegnete Nicolaus nach einer Pauſe, während er des Freundes Hand ergriff.»Ich habe manchen Leiden Trotz geboten, aber die Leiden Anderer, und zwar ſolche Leiden wie hier, treiben mich zur Verzweiflung, und ich erkläre Ihnen, daß ich nicht weiß, was ich thun werde.« Wirklich, die Sache ſchien hoffnungslos zu ſein. Die Dinge, welche Newman Noggs von ſeinem Verſtecke aus mit angehört hatte, ließen ſich unmöglich benutzen. Der bloße Umſtand der Uebereinkunft zwiſchen Ralph Nickleby und Arthur Gride würde die Ehe keineswegs ungültig oder Bray gegen dieſelbe abgeneigt machen, der gewiß ein ſolches Uebereinkommen muthmaßte, wenn er es nicht geradezu kannte. Der Wink über einen Be⸗ trug an Madelinen war von Arthur Gride in völligem Dunkel gelaſſen worden, und als er von Newman Noggs kam, durch den Dampf von deſſen Taſchenpiſtol noch mehr verhüllt, war er völlig unverſtändlich. »Es zeigt ſich auch nicht ein Strahl von Hoffnung,⸗ ſagte Nicolaus. »Um ſo nothwendiger iſt Ruhe, Kaltblütigkeit, Ueber⸗ legung und Nachdenken,« antwortete Newman, der nach jedem Worte eine lange Pauſe machte und ſeinem Freunde beſorgt in das Geſicht ſah.»Wo ſind die Brüder?« »Beide in dringenden Geſchäften abweſend und wer⸗ den vor einer Woche nicht zurückkommen.“ »Iſt es nicht möglich, ihnen die Sache mitzutheilen? Kann Keiner bis morgen Abend zurückkommen?« »Das iſt unmöglich! Die See liegt zwiſchen uns und ihnen. Auch bei dem beſten Winde, der jemals geweht hat, würden zur Hin⸗ und Herreiſe wenigſtens drei Tage nöthig ſein.«— Nieolaus Nickleby. VII. 4 50 Nicolaus Nickleby. „Ihr Neffe—« ſagte Newman,»ihr alter Buch⸗ halter.⸗« „Was könnten dieſe thun, das ich nicht auch zu thun vermag?« entgegnete Nicolaus.»Ich bin ſogar ver⸗ pflichtet, gerade gegen dieſe das tiefſte Stillſchweigen zu beobachten. Habe ich ein Recht, das Vertrauen zu verrathen, das ſie in mich ſetzten, wenn nichts als ein Wunder dieſe ſchändliche Aufopferung hindern kann?« „»Denken Sie nach,« ſagte Newman.»Giebt es denn gar kein Mittel?« „Keines,« erwiederte Nicolaus in gänzlicher Muth⸗ loſigkeit.»Keines. Der Vater dringt in ſie— und die Tochter willigt ein. Jene Teufel haben ſie in ihren Klauen; das geſetzliche Recht, die Macht, die Gewalt, das Geld und jeder Einfluß ſind auf ihrer Seite. Wie kann ich hoffen, die Arme zu retten?« „»Hoffen Sie bis zum letzten Augenblicke,“ ſagte Newman, indem er Nicolaus auf die Achſel klopfte. »Hoffen Sie immer, die Hoffnung läßt nicht zu Schan⸗ den werden. Geben Sie die Hoffnung nicht auf; es wäre dies gar nicht gut. Verſtehen Sie mich? es wäre gar nicht gut. Sie dürfen nichts unverſucht laſſen. Es iſt immer etwas, wenn Sie ſich ſagen können, daß Sie Alles gethan haben, was in Ihren Kräften ſtand. Ge⸗ ben Sie nur die Hoffnung nicht auf, ſonſt nützt Alles nichts. Hoffen, hoffen Sie bis ans Ende. Nicolaus bedurfte der Ermuthigung, denn das Uner⸗ wartete der Pläne der beiden Wucherer, die geringe Zeit, die zum Entgegenwirken übrig blieb, die Wahr⸗ ſcheinlichkeit, ja man konnte faſt ſagen, die Gewißheit, daß nach einigen Stunden Madeline Bray ihm entriſſen und ſie unausſprechlichem Elende, vielleicht einem früh⸗ zeitigen Tode übergeben werden würde— alles dies 3 — ———*— — Nicolaus Nickleby. 51 betäubte ihn und drückte ihn nieder. Jede Hoffnung in Bezug auf ſie, die er ſich gebildet und faſt unwillkürlich genährt hatte, ſchien abgewelkt und abgeſtorben zu ſei⸗ nen Füßen niederzufallen. Jeder Reiz, mit welchem ſeine Erinnerung oder ſeine Phantaſie ſie umgeben hatte, erſchien ihm jetzt, bloß um ſeine Angſt zu ſteigern und ſeine Verzweiflung noch qualvoller zu machen. Jedes Gefühl von Mitleid mit ihrer ſchrecklichen Lage und ſeine Bewunderung für ihre heldenmäßige Seelenſtärke erhö⸗ hete den Unwillen, der ihm jedes Glied zitternd bewegte und ſein Herz faſt zum Berſten erfüllte. Das Herz Newmans kam ihm in dieſer verzweiflungs⸗ vollen Lage zum Beiſtande. Es lag in ſeinen Vorſtel⸗ lungen und Ermahnungen ein ſolcher Ernſt, ſein ganzes Weſen war, wenn auch komiſch und bizarr wie immer, doch ſo wohlmeinend und eifrig, daß es Nicolaus neue Feſtigkeit gab und ihn befähigte, nachdem ſie eine Strecke ſchweigend mit einander gegangen waren, zu ſagen— »Sie haben mir eine gute Lehre gegeben, Newman, und ich werde ſie benutzen. Einen Schritt wenigſtens will ich thun, bin ich zu thun verpflichtet, und das ſoll morgen geſchehen.« »Was iſt das?« fragte Noggs.»Sie wollen doch nicht Ralph drohen?— doch nicht zu dem Vater gehen?2« »Zu der Tochter will ich gehen,« antwortete Nico⸗ laus,»und das Aeußerſte thun, was die Brüder thun könnten, wenn ſie hier wären. Gäbe doch Gott, ſie wä⸗ ren hier! Ich will mit ihr über dieſe abſcheuliche Ver⸗ bindung ſprechen und ihr alle Schrecken, alle QOualen und Leiden vorſtellen, denen ſie entgegen geht, vielleicht zu raſch und ohne die gehörige Ueberlegung; ich will ſie bitten, daß ſie wenigſtens noch eine Zeitlang anſteht. Sie kann Niemanden gehabt haben, der ihr Huten Rath . 52 Nicolaus Nickleby. gegeben, vielleicht kann ſelbſt ich ſie noch zurückhalten, obgleich ſie bereits am Rande des Verderbens ſteht.“ „»Brav geſprochen!« ſagte Newman.»Sehr gut! Sehr gut! Ja, ſehr gut.« „Und ich verſichere,« ſprach Nicolaus mit wirklicher Begeiſterung weiter,»daß mich bei dieſem Bemühen keine ſelbſtſüchtige oder perſönliche Rückſicht beſtimmt, ſondern nur das Mitleiden mit ihr und der Abſcheu und Unwillen vor dem herzloſen Plane. Ich würde eben ſo handeln, wenn ich mit zwanzig Nebenbuhlern zu käm⸗ pfen hätte und ich der geringſte und am wenigſten be⸗ günſtigte von allen wäre.« „Ich glaube es, daß Sie es thun würden,« entgeg⸗ nete Newman.»Aber wohin eilen Sie jetzt?“« „Nach Hauſe,« antwortete Nicolaus.»Wollen Sie mit mir gehen oder ſoll ich Ihnen gute Nacht ſagen?« „Ich begleite Sie noch eine Strecke, wenn Sie ge⸗ hen, nicht rennen wollen,« ſagte Newman. „Gehen kann ich heute Abend nicht,« entgegnete Ni⸗ colaus raſch.»Ich muß mich ſchnell bewegen, ſonſt komme ich nicht zu Athem. Ich werde Ihnen morgen erzählen, was ich geſagt und gethan habe.« Ohne auf eine Antwort zu warten, eilte er in ſchnel⸗ lem Schritte von dannen, ſtürzte ſich in das Menſchen⸗ gewühl in den Straßen und war Newman bald aus den Augen verſchwunden. b „Er iſt bisweihn ein ſehr heftiger junger Mann,«⸗. ſagte Newman ihm nachblickend,»und doch liebe ich ihn darum. Freilich hat er jetzt auch alle Urſache dazu. Hoffnung! Ich ſagte: hoffen Sie! Aber Ralph Nick⸗ leby und Gride mit ihren Köpfen auf der einen und— Hoffnung auf der andern Seite! Hu! hu!« Newman Noggs ſchloß dieſes Selbſtgeſpräch mit Nicolaus Nickleby. 53 einem ſehr melancholiſchen Lachen, mit einem ſehr melan⸗ choliſchen Kopfſchütteln und einem ſehr betrübten Ge⸗ ſichte, dann ging er in Gedanken ſeinen Weg weiter. Dieſer würde unter gewöhnlichen Umſtänden in ein kleines Wirthshaus oder in eine Branntweinſchenke ge⸗ führt haben, denn den Weg nach dieſen ging er am liebſten; jetzt aber waren Newmans Gefühle zu ſehr aufgeregt, als daß er ſelbſt zu dieſem Mittel hätte grei⸗ fen können, deshalb begab er ſich in traurigen und ver⸗ zweiflungsvollen Gedanken gerade nach Hauſe. Morlina Kenwigs hatte dieſen Nachmittag eine Ein⸗ ladung erhalten, am nächſten Tage auf einem Dampf⸗ boote von der Weſtminſterbrücke aus nach der Aalpaſte⸗ teninſel zu Twickenham zu fahren, ſich da an kalter Küche und Flaſchenbier zu ergötzen und unter freiem Himmel zur Muſik einer dahinbeſtellten herumziehenden Bande zu tanzen. Ein Tanzmeiſter mit vieler Kund⸗ ſchaft hatte das Dampfboot beſonders für ſeine zahlrei⸗ chen Zöglinge beſtellt. Dieſe Zöglinge dagegen bewieſen den hohen Werth, den ſie auf des Tanzmeiſters Leiſtun⸗ gen legten, dadurch, daß ſie Billets zu der Fahrt kauf⸗ ten und ihre Freunde veranlaßten, daſſelbe zu thun. Ei⸗ nes dieſer Billets hatte ein Nachbar der Morlina Keng⸗ wigs mit der Einladung geſchickt, die Fahrt mit ſeinen Töchtern mitzumachen, und Madame Kenwigs, die mit vollem Rechte meinte, die Ehre ihrer Familie verlange, daß Morlina trotz der ſo kurzen Einladung ſo glänzend als möglich erſcheine, auch dem Tanzmeiſter beweiſe, es gebe außer ihm noch andere Tanzlehrer, und den anwe⸗ ſenden Vätern und Müttern andeute, auch die Kinder anderer Leute könnten artig ſein, war in Folge der gro⸗ ßen Vorbereitungen zweimal ohnmächtig geworden, ar⸗ beitete jedoch, aufrecht erhalten durch den Entſchluß, dem 54 Nicolaus Nickleby. Familiennamen alle Ehre zu machen, oder bei dem Ver⸗ ſuche unterzugehen, noch fleißig, als Newman Noggs nach Hauſe kam. Das Ausplätten der Krauſen, das Beſetzen der Hös⸗ chen und Kleider, das Ohnmächtigwerden und Wiederzu⸗ ſichkommen dabei hatte Madame Kenwigs ſo ganz be⸗ ſchäftigt, daß ſie erſt vor einer halben Stunde bemerkte, wie die Flachszöpfe ihrer Morlina doch gar zu lang ge⸗ worden wären und, wenn ſie nicht in die Hände eines geſchickten Haarkünſtlers gerieth, ſie durchaus nicht den großen Triumph über die Töchter aller anderen Leute erringen, ſondern ſchmählich werde beſiegt werden. Dieſe Entdeckung brachte Madame Kenwigs zur Verzweiflung, denn der Haarkünſtler wohnte in ziemlicher Entfernung. Man konnte Morlina unmöglich allein dahin gehen laſſen, ſelbſt wenn ſich das geſchickt hätte, was Madame Kenwigs noch bezweifelte. Herr Kenwigs war vom Ge⸗ ſchäft noch nicht zurückgekehrt und Niemand konnte ſie alſo begleiten. Deshalb gab Madame Kenwigs ihrer Tochter zuerſt eine Ohrfeige, weil ſie die Urſache ihres Verdruſſes war, dann weinte ſie. 5 „Du undankbares Kind!« ſagte Madame Kenwigs, „nach dem, was ich dieſe Nacht zu Deinem Beſten gear⸗ beitet habe!«— „Ich kann ja nichts dafür, Mutter,« antwortete Mor⸗ lina ebenfalls weinend;„meine Haare wachſen doch einmal.« „Rede nicht, Du ungezogenes Kind!« ſagte Madame Kenwigs,»rede nicht. Könnte ich mich auch auf Dich verlaſſen und Du würdeſt nicht über den Haufen gerannt, ſo weiß ich doch, daß Du zur Laura Chopkins gingeſt (der Tochter des Nachbars, der ſie eingeladen hatte) und ihr erzählteſt, was Du morgen anziehen ſollſt. Du haſt Nieolaus Nickleby. 5⁵5 kein Ehrgefühl, und man darf Dich keinen Augenblick aus den Augen laſſen.« Während Madame Kenwigs mit dieſen Worten die ſchlimme Charakterrichtung ihrer Tochter beklagte, quol⸗ len von neuem bittere Thränen aus ihren Augen und ſie behauptete, es gäbe höchſt wahrſcheinlich kein menſch⸗ liches Weſen, das ſo geprüft werde und ſo viel leiden müſſe wie ſie. Darauf fing Morlina wieder an zu weinen und ſo ſchluchzten ſie mit einander. So ſtanden die Sachen, als Newman Noggs vor der Thür vorbeihinkte auf ſeinem Wege nach der Treppe. Madame Kenwigs ſchöpfte aus dem Schalle ſeiner Fuß⸗ tritte ſogleich wieder neue Hoffnung, entfernte von ih⸗ rem Geſichte ſo viele Spuren ihrer Thränen, als in der Eile wegzuwiſchen waren, trat ihm entgegen, ſtellte ihm ihre Noth vor und bat ihn, doch Morlina zu dem Haar⸗ künſtler zu begleiten. 1 „Ich würde Sie nicht darum erſuchen, Herr Noggs,⸗ ſagte Madame Kenwigs,»wüßte ich nicht, daß Sie ein ſo gutmüthiger Mann ſind,— nein, um keinen Preis. Ich bin eine ſchwache Frau, Herr Noggs, aber ich könnte eben ſo wenig um eine Gefälligkeit bitten, wo eine abs ſchlägige Antwort nur einigermaßen zu erwarten wäre, als ich meine Kinder durch Neid und Gemeinheit ernie⸗ drigt ſehen kann.“« Newman war zu gutmüthig, als daß er nicht einge⸗ willigt hätte, auch wenn Madame Kenwigs ihn nicht ſo mit ihrem Vertrauen beehrt. Nach wenigen Minuten alſo befand er ſich mit Morlina auf dem Wege zu dem Haarkünſtler. Es war kein eigentliches Coiffeur⸗Geſchäft; gemeine Leute nannten es vielleicht eine Barbierſtube, denn es wurden darin den Damen nicht bloß die Locken zierlich 56 Nicolaus Nickleby. gemacht und den Kindern ſorgfältig die Haare abge⸗ ſchnitten, ſondern man nahm den Herren auch den Bart ab. Doch war es ein ganz anſtändiges und feines Ge⸗ ſchäft,— es gehörte gewiſſermaßen zu den erſten ſeiner Art und in dem Fenſter ſtanden neben anderen elegan⸗ ten Dingen die Wachsbüſten einer ſehr weißen Dame und eines ſehr braunen Mannes, welche von der ganzen Nachbarſchaft bewundert wurden. Einige Damen waren wirklich ſo weit gegangen, zu behaupten, der braune Mann ſei ein Portrait des hübſchen jungen Beſiters des Geſchäftes und die große Aehnlichkeit zwiſchen dem Haarſchnitte Beider— Beide hatten ſehr glänzendes Haar mit einem ſchmalen geraden Scheitel in der Mitte und eine Menge Locken an beiden Seiten— begünſtigte allerdings dieſe Meinung. Die beſſer Unterrichteten un⸗ ter den Damen aber verlachten dieſe Behauptung, denn wie gern ſie auch— ſehr gern— dem hübſchen Geſichte und der hübſchen Figur des Beſitzers völlige Gerechtig⸗ keit widerfahren ließen, ſo hielten ſie doch das Geſicht des braunen Mannes im Fenſter für ein Ideal von männ⸗ licher Schönheit, das vielleicht bisweilen unter Engeln und Officieren vorkomme, aber ſehr ſelten wirklich ver⸗ körpert erſcheine, um die Augen der Sterblichen zu er⸗ freuen.— In dieſe Anſtalt nun brachte Newman Noggs Mor⸗ lina Kenwigs wohlbehalten, und der Beſitzer, dem es wohlbekannt war, daß das Mädchen drei Schweſtern, jede mit zwei Flachszöpfen, habe, die wenigſtens alle Monate einmal verkürzt werden müßten, ließ ſogleich einen alten Herrn im Stiche, den er eben eingeſeift hatte, und übergab denſelben dem Gehülfen(der unter den Damen wegen ſeines Alters und ſeiner Dicke gar nicht beliebt war), um das Mädchen ſelbſt zu bedienen. 5558— ν—— 8* 8 Nieolaus Nickleby. 57 Eben als dieſer Wechſel geſchehen war, erſchien, um ſich raſiren zu laſſen, ein dicker, runder, jovialer Kohlen⸗ träger mit der Pfeife im Munde, der mit der Hand über ſein Kinn fuhr und fragte, ob er raſirt werden könnte. Der Gehülfe, an welchen die Frage gerichtet wurde, ſah den jungen Beſitzer zweifelhaft an, dieſer dagegen warf dem Kohlenträger einen verächtlichen Blick zu und bemerkte zu gleicher Zeit: »Hier können Sie nicht raſirt werden, guter Freund.⸗ »Warum denn nicht?« fragte der Kohlenträger. »Wir raſiren Leute von Ihrem Stande nicht,« be⸗ merkte der junge Beſitzer. »Ich ſah Sie aber doch einen Bäcker raſiren, als ich vorige Woche durch das Fenſter hereinſchielte,« ſagte der Kohlenträger. »Irgendwo muß natürlich eine Grenzlinie ſein, gu⸗ ter Mann,« antwortete der junge Beſitzer.»Wir ziehen die Grenzlinie hier. Ueber Bäcker können wir nicht hinausgehen. Raſirten wir Leute unter den Bäckern, ſo würden uns die anderen Kunden verlaſſen und wir könnten den Laden zumachen. Sie müſſen alſo weiter gehen. Hier können Sie nicht raſirt werden.« Der Kohlenträger machte große Augen, lachte New⸗ man Noggs an, dem die Sache vielen Spaß zu machen ſchien, ſah ſich in dem Laden um, als verachte er die Pomadenbüchſen und die anderen da befindlichen Artikel, nahm ſeine Pfeife aus dem Munde, pfiff einmal laut, ſteckte die Pfeife wieder in den Mund und ging hinaus. Der alte Herr, der eben eingeſeift worden war und melancholiſch mit dem Geſichte nach der Wand zu da ſaß, ſchien das Zwiſchenſpiel gar nicht beachtet zu ha⸗ ben und überhaupt nichts um ſich her zu bemerken in 58 Nieolaus Nickleby. ſeinen tiefen Gedanken, welche nach den Seufzern, die ihm bisweilen entſchlüpften, jedenfalls ſehr trauriger Natur waren. Sein Beiſpiel ſteckte den jungen Beſitzer des Geſchäftes an, der das Haar der Mamſell Kenwigs zu beſchneiden anfing, während der Gehülfe auf dei Geſichte des alten Herrn umherſchabte und Newman Noggs ein altes Zeitungsblatt las— alle Drei in tie⸗ fem Schweigen, bis die Mamſell Kenwigs laut auf⸗ ſchrie. Newman Noggs ſchlug die Augen auf und be⸗ merkte, dieſer Schrei ſei durch den Umſtand hervorge⸗ bracht worden, daß der alte Herr ſich umgedreht und ſich als Lillyvick, der Einnehmer, ausgewieſen hatte. Es waren allerdings die Züge des Herrn Lillyvick, aber ſehr verändert. Wenn jemals ein alter Herr ſtreng darauf gehalten hatte, öffentlich nie anders als glatt ra⸗ ſirt und in weißer Wäſche zu erſcheinen, ſo war es Herr Lillyvick. Wenn jemals ein Einnehmer ſich als Einnehmer betragen und vor allen Leuten eine ernſte feierliche Würde angenommen hatte, als habe er die Welt in ſeinen Büchern und ſie ſei um zwei Quartale im Rückſtande, ſo war dieſer Einnehmer Herr Lillyvick. Und jetzt ſaß er da mit den Trümmern eines wenigſtens acht Tage alten Bartes am Kinne, mit einem ſchmutzi⸗ gen, zerknüllten Buſenſtreifen, der ſchlaff auf ſeiner Bruſt lag, ſtatt keck herauszuſehen, ſo niedergeſchlagen, ſo oh⸗ renhängeriſch, ſo muthlos, ſo de⸗ und wehmüthig, ſo traurig und verſchämt, daß, wenn die Seelen von vier⸗ zig Hausbeſitzern, denen das Waſſer abgeſchnitten wor⸗ den, weil ſie die Abgabe dafür nicht entrichteten, in ei⸗ nem einzigen Körper hätten vereinigt werden können, dieſer Körper kaum ſo mißmuthig und betrübt ausgeſe⸗ hen haben würde als die Perſon des Herrn Lillyvick, des Einnehmers. —— 9— 8 N N ν 8o 8d—6— — àA ⏑ N— a Nicolaus Nickleby. 59 Newman Noggs nannte den Namen und Herr Lilly⸗ vick ſeufzte, huſtete dann aber, um den Seufzer zu ver⸗ bergen. Aber der Seufzer war ein lüchtiger, derber, der Huſten jedoch nur ein Hüſteln. „Iſt Ihnen nicht wohl?« fragte Newman Noggs. »Wohl, Herr!« rief Herr Lillyvick.»Der Kelch des Lebens iſt leer und die Hefen ſind übrig geblieben.“ Da dieſe Rede— deren Styl Newman dem neuli⸗ chen Verkehre Lillyvicks mit Schauſpielern und Schau⸗ ſpielerinnen zuſchrieb— nicht ganz deutlich war, ſo machte Newman ein Geſicht, als wolle er noch einmal fragen; Lillyvick verhinderte es aber, indem er traurig ſein Haupt ſchüttelte. „Laſſen Sie mich raſiren,« ſagte Herr Lillyvick.»Es mag vor Morlina geſchehen,— es iſt Morlina, nicht wahr?« »Ja,« antwortete Newman. „Kenwigſens haben einen Knaben bekommen, nicht wahr?« fragte der Einnehmer. Newman antwortete wiederum:„Ja.« »Iſt es ein hübſcher Junge?« fragte der Einnehmer. „»Er iſt nicht ſehr häßlich,« entgegnete Newman, den die Frage ziemlich verlegen machte. »Suſanne Kenwigs ſagte immer,« fuhr der Einneh⸗ mer fort,»wenn ſie noch einen Sohn bekommen ſollte, ſo würde er, hoffe ſie, mir gleichen. Sieht der Junge mir ähnlich?« Das war eine kitzliche Frage, Newman umging ſie aber, indem er antwortete, er glaube, der Knabe werde dem Herrn Lillyvick einmal ähnlich werden. »Ich wünſche ſehr, Jemand zu ſehen, der mir ähn⸗ lich iſt, ehe ich ſterbe,« ſagte Herr Lillyvick. »Nun, Sie wollen doch jetzt noch nicht ſterben e⸗ fragte Newman. 60 Nicolaus Nickleby. Herr Lillyvick antwortete darauf mit feierlicher Stimme: „»Laſſen Sie mich raſiren,« überließ ſich von neuem den Händen des Barbiergehülfen und ſagte nichts mehr. Das war ein merkwürdiges Benehmen und es kam der Mamſell Morlina ſo merkwürdig vor, daß ſie, ſelbſt auf die Gefahr hin, ſich ein Ohr abſchneiden zu laſſen, nicht umhin konnte, ſich während des vorigen Geſprächs wenigſtens ein Dutzendmal umzudrehen. Herr Lillyvick dagegen nahm von ihr gar keine Notiz, ſuchte vielmehr (ſo kam es Newman Noggs wenigſtens vor) ihrer Beob⸗ achtung zu entgehen und ſich in ſich ſelbſt zurückzuziehen, ſobald er ihre Blicke auf ſich zog. Newman wunderte ſich ſehr, was wohl dieſes veränderte Benehmen von Seiten des Einnehmers veranlaßt haben möge, meinte jedoch bei ſich, er würde es höchſt wahrſcheinlich früher oder ſpäter erfahren, er könne ſchon warten und ließ ſich deshalb durch die Seltſamkeit des Benehmens des al⸗ ten Herrn ſehr wenig in ſeiner Ruhe 5 Gelaſſenheit ſtören. Nachdem das Haarabſchneiden und Locken endlich vorüber war, ſtand der alte Herr, der ſchon eine Zeit⸗ lang gewartet hatte, auf, um fortzugehen, ſchritt mit Newman und Morlina hinaus, nahm des Erſtern Arm und begleitete Beide eine Zeitlang, ohne irgend ein Wort zu ſagen. Newman, den in der Fähigkeit zu ſchweigen, wenige Perſonen übertrafen, machte keinen Verſuch, das Schweigen zu brechen, und ſo gingen ſie, bis ſie Morlina's Wohnung beinahe erreicht hatten. Da⸗ ſagte endlich Herr Lillyvick: „Sind Kenwigſens durch die Nachricht ſehr erſchreckt worden, Herr Noggs?« »Welche Nachricht?« entgegnete Newman. »Die von— meiner—« Nieolaus Nickleby. 61 »Heirath?« fragte Newman. „»Ach!« entgegnete Herr Lillyvick mit einem tiefen Seufzer, der dies Mal ſelbſt nicht durch ein Hüſteln ver⸗ heimlicht wurde. »Die Mutter weinte, als ſie es hörte,« fiel Morlina ein,»aber wir verſchwiegen es ihr lange, und der Va⸗ ter war ſehr mißmüthig und betrübt, jetzt geht es aber wieder beſſer. Ich war auch ſehr unwohl, befinde mich aber auch wieder beſſer.« „»Würdeſt Du Deinem Großonkel einen Kuß geben, wenn er Dich darum bäte, Morlina?« ſagte der Ein⸗ nehmer mit einiger Zögerung. »Ja, Onkel Lillyvick, ich würde es,« entgegnete Morlina raſch und eifrig, als wäre die Energie ihres Vaters und ihrer Mutter in ihr vereinigt,»aber nicht der Tante Lillyvick. Sie iſt nicht meine Tante und ich werde ſie nie ſo nennen.⸗ Kaum waren dieſe Worte ausgeſprochen, ſo nahm Herr Lillyvick Morlina auf ſeine Arme und küßte ſie, und da ſie ſich in dieſem Augenblicke gerade an der Thür des Hauſes befanden, in welchem Herr Kenwigs wohnte— welche Thür, wie ſchon früher erwähnt, ge⸗ wöhnlich ganz offen ſtand, ſo ſchritt er gerade in das Wohnzimmer hinein und ſetzte Morlina mitten in dem⸗ ſelben nieder. Herr und Madame Kenwigs verzehrten eben ihre Abendmahlzeit. Bei dem Anblick ihres unge⸗ treuen Verwandten wurde Madame Kenwigs blaß und faſt ohnmächtig, während Herr Kenwigs ſich majeſtä⸗ tiſch erhob. »Kenwigs,“ ſagte der Einnehmer,»die Hand!« »Herr,« antwortete Kenwigs,»es gab eine Zeit, da ich ſtolz darauf war, die Hand einem ſolchen Manne zu reichen, wie der iſt, der jetzt vor mir ſteht. Es gab 62 Nicolaus Nickleby. eine Zeit, Herr, da ein Beſuch von dieſem Manne in mir und der Bruſt meiner Familie natürliche Gefühle erweckte und erregte. Jetzt aber ſehe ich denſelben Mann mit Empfindungen an, die Alles übertreffen, und ich frage mich, wo iſt ſeine Ehre, wo iſt ſeine Geradheit und wo iſt ſein Menſchengefühl?« „Suſanne Kenwigs,“« ſagte Herr Lillyvick, indem er ſich demüthig zu ſeiner Nichte wendete,»haſt Du gar kein Wort für mich?« „Das vermag ſie nicht, Herr,« fuhr Herr Kenwigs fort, indem er ausdrucksvoll auf den Tiſch ſchlug.»Vier Kannen gutes Bier den Tag reichen kaum hin, ſie zu erhalten, da ſie ein geſundes Kind ſtillt und ſich über Ihr grauſames Benehmen grämt.⸗ „Es freut mich,« ſagte der arme Einnehmer ſanft, „daß es ein geſundes Kind iſt. Es freut mich ſehr.« Dieſe Worte berührten die Kenwigs an der em⸗ pfindlichſten Stelle. Madame Kenwigs fing an zu wei⸗ nen und Herr Kenwigs ſah ſehr gerührt aus. »Mein angenehmſtes Gefühl in der ganzen Zeit, als das Kind erwartet wurde,« ſagte Herr Kenwigs betrübt, »war der Gedanke: wenn es ein Knabe iſt, was es iſt, wie ich hoffe,— denn ich hörte ſeinen Onkel Lillyvick viele, viele Male ſagen, er würde es am liebſten ſehen, wenn wir das nächſte Mal einen Knaben bekämen,— wenn es ein Knabe iſt, was wird ſein Onkel Lillyvick ſagen,— wie wird er ihn wohl genannt wiſſen wollen, Peter oder Alexander, oder Pompejus, oder Diorgines oder wie ſonſt? Und jetzt, wenn ich es anſehe, das al⸗ lerliebſte, bewußtloſe, hülfloſe, ſchuldloſe Kind, dem die kleinen Aermchen zu nichts helfen, als um das Mützchen vom Köpfchen zu zerren, das die kleinen Beinchen zu nichts brauchen kann, als damit zu zappeln,— wenn ich 8 8 +₰ V N Nicolaus Nickleby. 63 ees auf dem Schooße der Mutter liegen ſehe, wie es in ſeiner Unſchuld die Händchen in das Mündchen ſteckt und ſich damit faſt erſtickt, wenn ich es ſo als ein Kind ſehe, das es iſt und bedenke, daß jener Onkel Lillyvick, der es früher ſo liebhaben konnte und wollte, ſich zurückge⸗ zogen hat, ſo überfällt mich ein ſolches Rachegefühl, das ſich nicht beſchreiben läßt und es iſt mir, als müſſe ich ſelbſt das unſchuldige Kindchen haſſen.« Dieſe rührende, herzergreifende Schilderung erſchüt⸗ terte Madame Keuwigs ſehr. Nach verſchiedenen un⸗ vollkommenen Worten, die ſich vergebens an das Ta⸗ geslicht herauszuwinden bemüheten, aber immer wieder von dem gewaltigen Strome ihrer Thränen erſäuft und weggeſchwemmt wurden, ſagte ſie: „Onkel, wenn ich daran denke, daß Sie ſich von mir und von meinen armen lieben Kindern und von Ken⸗ wigs abwendeten, dem ſie ihr Leben zu danken haben,— Sie, der Sie ſonſt ſo freundlich und liebreich waren,— wenn uns Jemand damals das geſagt hätte, wir wür⸗ den ihn geflohen ſein wie eine giftige Schlange,— Sie, nach dem unſer erſter Knabe an dem heiligen Altare ge⸗ nannt wurde— ach Gott!—« »War es uns um ſchnödes Geld zu thun?« fragte Herr Kenwigs.»Dachten wir jemals an irdiſche Güter?« „»Nein,« rief Madame Kenwigs, vich verachte ſie.“ »Auch ich,« ſetzte Herr Kenwigs hinzu,»und ich habe es immer gethan.« 8 »Mein Gefühl iſt verletzt worden,« ſagte Madame Kenwigs,»mein Herz wurde durch Kummer zerfleiſcht, ich erkrankte im Kindbett, mein armes unſchuldiges Kind mußte mit leiden, Morlina härmte und grämte ſich zu einem Schatten ab, Alles dies vergeſſe und vergebe ich, denn mit Ihnen, Onkel, kann ich nicht hadern. Aber 64 Nicolaus Rickleby. verlangen Sie nicht, daß ich ſie ſehe, nie, nie Onkel; denn ich will es nicht, ich kann es nicht, ich mag nicht, ich mag nicht.“ „Suſanne, liebe Suſanne,“ fiel Herr Kenwigs ein, „bedenke Dein Kind!“ 3 K »„Ja,« ſchrie Madame Kenwigs,»ich will mein Kind bedenken! Ich will mein Kind bedenken!— mein Kind, das mir alle Onkel in der Welt nicht nehmen können, mein gehaßtes, verſchmähetes, verlaſſenes, be⸗ trogenes Kind.« Hier wurde die Rührung und Erſchüt⸗ terung der Madame Kenwigs ſo groß, daß Herr Ken⸗ wigs bei ihr innerlich Hirſchhorn und äußerlich Wein⸗ eſſig anwenden, ein Schnürleibchen aufſchneiden und vier Unterrocksbänder, ſowie verſchiedene kleine Knöpfe auf⸗ machen mußte. Newman war ein ſtiller Zeuge dieſes Auftrittes ge⸗ weſen, denn Herr Lillyvick hatte ihm einen Wink gege⸗ ben, dazubleiben und Herr Kenwigs überdies ſeine Ge⸗ genwart durch ein einladendes Kopfnicken erbeten. Als Madame Kenwigs ſich einigermaßen wieder erholt und Newman, als ein Mann, der etwas über ſie vermochte, ihr Vorſtellungen gemacht und ſie gebeten hatte, ſich doch zu faſſen, ſagte Herr Lillyvick mit bebender Stimme: »Ich werde von Niemandem hier verlangen, meine — ich brauche das Wort nicht zu nennen, Ihr wißt, wmas ich meine— zu ſehen. Kenwigs, Suſanne, geſtern waren es acht Tage, daß ſie mit einem Kapitän auf Halbſold entwich.“« Herr und Madame Kenwigs fuhren auf. „Mit einem Kapitän auf Halbſold durchging,⸗ wie⸗ derholte Herr Lillyvick—»treulos und heimtückiſch mit einem Kapitän auf Halbſold entfloh, mit einem kupfer⸗ in d f. d L 9 d ſ h 9 n D ſ ſ Nicolaus Nickleby. 65 naſigen Kapitän, vor dem gewiß jeder Mann ſicher zu ſein geglaubt hätte. Hier in dieſem Zimmer,« fuhr Herr Lillyvick fort, indem er ſich betrübt umſah,»ſah ich Henriette Petowker zum erſten Male, und in dieſem Zimmer ſage ich mich für immer von ihr los.« Dieſe Erklärung änderte die ganze Sache vollkom⸗ men. Madame Kenwigs hing ſich an den Hals des al⸗ ten Herrn, machte ſich ſelbſt die bitterſten Vorwürfe, daß ſie eben ſo hart und grauſam geweſen und rief, wenn ſie früher gelitten habe, was werde er haben leiden müſſen! Herr Kenwigs ergriff die Hand des Einneh⸗ mers und gelobte ewige Freundſchaft und Reue. Ma⸗ dame Kenwigs entſetzte ſich vor dem Gedanken, daß ſie jemals an ihrem Buſen eine ſolche Schlange, Otter, Viper und Crocodil wie die Henriette Petowker getragen habe, und Herr Kenwigs meinte, ſie müſſe durchaus ſchlecht geweſen ſein, da ſie nicht beſſer geworden, ob⸗ gleich ſie das Beiſpiel der Tugenden ſeiner Frau ſo lange vor Augen gehabt habe. Madame Kenwigs er⸗ innerte ſich, daß Herr Kenwigs oft geſagt, er ſei mit dem Benehmen der Henriette Petowker nicht ganz zu⸗ frieden und ſich gewundert habe, wie ſeine Frau ſich durch eine ſolche Perſon habe verblenden laſſen können. Herr Kenwigs erinnerte ſich, er habe immer Mißtrauen gehegt und ſich gewundert, daß ſeine Frau nichts merke, da ſie doch die Keuſchheit, die Reinheit und Wahrheit ſelbſt, Henriette dagegen nichts als Gemeinheit, Falſch⸗ heit und Lüge ſei. Endlich ſagten Beide, Herr und Madame Kenwigs, mit der innigſten Theilnahme und mit Thränen in den Augen, es werde doch Alles zum Beſten gelenkt, und beſchwuren den guten Einnehmer, ſich nicht von nutzloſem Grame überwältigen zu laſſen, ſondern Troſt in der Geſellſchaft ſeiner ijn liebenden Nicolaus Nickleby. VII. 66 Nicolaus Nickleby. Verwandten zu ſuchen, deren Arme und Herzen ihm immer offen ſtänden. „Aus Liebe und Achtung gegen Euch, Suſanne und Kenwigs,“ ſagte Herr Lillyvick,»und nicht aus Rache und Haß gegen ſie, denn ſie ſteht tief darunter, werde ich morgen früh Euern Kindern das Geld ausſetzen, zahlbar wenn ſie mündig werden oder ſich verheirathen, das ich ihnen früher in meinem Teſtamente vermachen wollte. Das Dokument ſoll morgen ausgefertigt wer⸗ den und Herr Noggs einer der Zeugen ſein. Er hört jetzt mein Verſprechen und wird die Erfüllung deſſelben ſehen.“« Tief ergriffen von dieſem edeln und großmüthigen Anerbieten, fingen Herr Kenwigs, Madame Kenwigs und die kleine Morlina Kenwigs an zu ſchluchzen, und das Geräuſch dieſes ihres Schluchzens drang in das anſto⸗ ßende Gemach, wo die Kinder im Bette lagen, die ebenfalls zu weinen begannen. Herr Kenwigs eilte hin⸗ aus, trug ſie, zwei und zwei, auf ſeinen Armen herein, ſetzte ſie in ihren Nachtmützen und Nachtkappen vor Herrn Lillyvick nieder und befahl ihnen, ihm zu danken und ihn zu ſegnen. „Und nun,« ſagte Herr Lillyvick, nachdem dieſe herz⸗ ergreifende Scene überſtanden und die Kinder wieder fortgeſchafft waren,„gebt mir etwas zu eſſen. Es geſchah zwanzig Meilen von der Stadt. Ich kam heute früh hier an und bin den ganzen Tag in der Stadt herumgegangen, ohne mich ſo weit faſſen zu können, hereinzukommen und Euch zu ſehen. Ich ließ ſie in allem gewähren, ſie konnte thun, was ſie wollte und hat doch das began⸗ gen! Ich hatte zwölf Theelöffel und hundertundfunfzig Thaler in Gold— das vermißte ich zuerſt— es iſt ein harter Schlag,— ich fühle, ich werde nie wieder wich⸗ Nicolaus Nickleby. 67 tig an den Thüren anklopfen können, wenn ich meine Runde mache,— aber ſprecht nicht mehr davon— die Löffel waren wenigſtens— aber ich will es vergeſſen, will es vergeſſen.« Während er ſolche unzuſammenhängende Reden vor ſich hinſprach, vergoß der alte Mann einige Thränen, aber Herr und Madame Kenwigs brachten ihn in den Lehnſtuhl und vermochten ihn, ohne daß ſie lange in ihn zu dringen brauchten, ein tüchtiges Abendeſſen zu ſich zu nehmen. Nachdem er ſeine erſte Pfeife geraucht und ein halbes Dutzend Gläſer aus der Bowle Punſch getrun⸗ ken, die Herr Kenddigs zur Feier ſeiner Rückkehr in den Schooß ſeiner Familie beſtellt hatte, ſchien er, obgleich noch ziemlich de⸗ und wehmüthig, ſich ganz in ſein Schickſal ergeben zu haben und durch die Flucht ſeiner Frau ſogar um vieles erleichtert zu ſein. »Wenn ich dieſen Mann,« ſagte Herr Kenwigs, den einen Arm um Madame Kenwigs geſchlungen, mit der andern Hand die Tabakspfeife haltend— die ihn zum Blinzeln und Huſten reizte, denn er war kein Rau⸗ cher—, die Augen auf Morline geheftet, welche auf den Knieen ihres Onkels ſaß,»wenn ich dieſen Mann wieder in dem Speere(dieſer Sphäre wollte er ſagen) ſehe, den er ziert, wenn ich ſehe, wie ſeine Ge⸗ fühle ſich in richtiger Lage entwickeln, dann fühle ich es, ſeine Seele iſt ſo erhaben, wie ſeine Stellung vor dem Publikum als öffentlicher Charakter tadellos, und die Stimmen meiner nun verſorgten Kinder ſcheinen mir ſanft zuzuflüſtern: das iſt ein Ereigniß, auf das ſelbſt die Engel im Himmel mit Freudenthränen herunter⸗ ſehen.« 68 Nicolaus Nickleby. Viertes Kapitel enthält den weitern Fortgang des von Nalph Nickleby und Arthur Gride entworfenen Complottes. Mit der feſten Entſchloſſenheit, welche ſelbſt weit we⸗ niger reizbare und weit trägere Temperamente, als der Verehrer der Madeline Bray beſaß, durch außerordent⸗ liche Umſtände erhalten, ſprang Nicolaus mit Tages⸗ anbruche von ſeinem ruheloſen Lager auf, das in der vergangenen Nacht kein Schlaf beſucht hatte, und ſchickte ſich an, die letzte Ermahnung zu wagen, an deren ſchwa⸗ chen und unhaltbaren Faden ihre einzige noch übrige Hoffnung auf Rettung hing. Obgleich für ruheloſe Feuergeiſter der Morgen die geeignetſte Zeit zur Thätigkeit und Anſtrengung ſein mag, ſo iſt doch in ihr die Hoffnung keineswegs am ſtärkſten, noch der Geiſt am ſanguiniſcheſten geſtimmt. In prüfungsreichen und zweifelsvollen Lagen mindern die Gewöhnung und das muthige Anſchauen der Schwie⸗ rigkeiten um uns her, ſo wie das Vertrautwerden mit venſelben unmerklich unſere Beſorgniſſe und führen eine ziemliche Ruhe und Faſſung herbei, wenn nicht gar ein unbeſtimmtes, unklares Hoffen auf irgend eine Erleichte⸗ rung oder ein Rettungsmittel, wenn wir auch deſſen Beſchaffenheit nicht vorherzuſehen vermögen. Wenn wir aber am Morgen wieder an dieſe Dinge denken, wann die dunkele, ſtille Leere zwiſchen uns und geſtern liegt und jedes Glied der zerbrechlichen Hoffnungskette neu zu befeſtigen iſt, unſer glühender Enthuſiasmus nach⸗ ließ und an ſeine Stelle der kalte ruhige Verſtand trat, dann leben die Zweifel und Befürchtungen wieder auf.. ———— FG Grabe liegen. Nieolaus Nickleby. 69 Wie der Reiſende am Tage am weiteſten ſieht und die rauhen Gebirge wie die pfadloſen Ebenen erblickt, welche das freundliche Abenddunkel vor ſeinen Augen und ſei⸗ ner Seele verhüllte, ſo ſieht der Wanderer auf dem mühſeligen Pfade des menſchlichen Lebens mit jeder neu⸗ wiederkehrenden Sonne irgend ein neues Hinderniß, das zu überwinden, eine neue Höhe, die zu erklimmen iſt; Fernen breiten ſich vor ihm aus, welche er in der ver⸗ gangenen Nacht kaum ahnete, und das Licht, welches mit ſeinen freundlichen Strahlen die ganze Natur mit Goldglanz übergießt, ſcheint nur die traurigen Hinder⸗ niſſe zu beleuchten, welche noch zwiſchen ihm und dem So dachte Nicolaus, als er mit der in einer Lage gleich der ſeinigen natürlichen Ungeduld leiſe das Haus verließ. Gleich als verliere er eine höchſt koſtbare Zeit, wenn er im Bette bleibe, als fördere er dagegen den Zweck, den er vor Augen habe, wenn er auf ſei und ſich bewege, wanderte er nach London hinein, vbgleich er recht wohl wußte, daß noch Stunden vergehen müßten, ehe er mit Madelinen ſprechen könne, und er nichts zu thun vermöge, als die Zeit bis dahin wegzuwünſchen. Selbſt als er in den Straßen einherſchritt und ge⸗ dankenlos in das allmälig zunehmende Geräuſch und die Vorbereitungen für den Tag hineinblickte, ſchien alles ihm eine neue Urſache zur Muthloſigkeit zu wer⸗ den. In der vergangenen Nacht war ihm das Opfer eines ſo jungen, ſo liebenswürdigen und ſchönen Mäd⸗ chens an einen ſolchen erbärmlichen Menſchen und in einer ſolchen Sache zu ungeheuer und gräßlich vorge⸗ kommen, als daß es gelingen könnte, und je wärmer er wurde, um ſo vertrauensvoller fühlte und glaubte er, es müſſe eine Vermittelung ſie aus jenes Alten 70 Nieolaus Nickleby. Klauen reißen. Jetzt aber, als er bedachte, wie regel⸗ mäßig ſolche Dinge einen Tag und alle Tage vorkom⸗ men,— wie Jugend und Schönheit verblühen und hinwelken, während das häßliche Alter wankend fort⸗ lebt,— wie der ſchlaue Geiz reich wird und männliche redliche Herzen in Noth und Armuth ſchmachten,— wie wenige es ſind, die in ſtattlichen Paläſten wohnen, wie zahlreich die dagegen, die in widerlichen Hütten leben oder jeden Tag aufſtehen und in der Nacht ſich nieder⸗ legen, leben und ſterben, Vater und Sohn, Mutter und Kind, Geſchlecht nach Geſchlecht und Generation nach Generation ohne eine Heimath zu beſitzen, die ſie ſchü⸗ tzend aufnimmt, ohne daß ein einziger Menſch ſeine Kraft zu ihrer Hülfe anſtrengt,— wie Weiber und Kin⸗ der, getheilt in Klaſſen, ſo regelmäßig gezählt und be⸗ rechnet wie die Adelsfamilien und die Großen, in dieſer Stadt ſich finden, die von Kindheit auf zu den verbrecheri⸗ ſcheſten und ſchändlichſten Gewerben aufgezogen werden und keineswegs ein glänzendes und luxuriöſes Leben, ſondern nur die Mittel zu der elendeſten Exiſtenz zu er⸗ langen ſuchen,— wie die Unwiſſenheit beſtraft, nie aber belehrt wird,— wie die Gefängniſſe und die Galgen Tauſende aufnehmen, die zu denſelben durch Umſtände hingetrieben werden, welche wie finſtere Wolken ſich ſchon über ihrer Wiege erhoben, und die, wären jene Umſtände nicht geweſen, ehrlich ihr Brot erworben und in Frieden gelebt haben würden,— wie viele geiſtig ſterben und keine Hoffnung auf das Leben haben,— wie viele, die kaum ſich verirren können, wie laſterhaft ſie auch ſein mögen, ſich hochmüthig von dem niederge⸗ tretenen Unglücklichen abwenden, der kaum anders han⸗ deln konnte und der weit mehr zu bewundern geweſen ſein würde, wenn er gut gehandelt hätte, als jene, —²— 8 — NK Nicolaus Nickleby. 71 wenn ſie ſchlecht geworden wären,— wie viel Ungerechtig⸗ keit, Noth und Elend es giebt und die Welt doch von Jahr zu Jahr weiter rollt, gleich ſorglos und unbe⸗ kümmert, ohne daß es Jemand abzuändern oder wieder gut zu machen ſucht,— als er alles dies bedachte und aus der großen Maſſe den einzigen kleinen Fall aus⸗ wählte, der ſeine Gedanken vorzugsweiſe beſchäftigte, wurde es ihm immer deutlicher, wie wenig Grund zur Hoffnung ſei und warum nicht jener Fall ein Atom in der gewaltigen Maſſe von Kummer und Noth bilden und den ganzen Betrag um eine unbedeutende Kleinig⸗ keit vermehren ſollte. Indeß die Jugend iſt nicht geeignet, die dunkelſte Seite eines Bildes zu betrachten, wenn ſie daſſelbe um⸗ zudrehen vermag. Indem Nicolaus über das nachdachte, was ihm zu thun übrig war und ſo die Gedankenfolge wieder hervorrief, welche die Nacht unterbrochen hatte, raffte er allmälig ſeine höchſte Energie zuſammen, und da der Morgen unterdeß weit genug vorgerückt war, ſo nahm er ſich feſt vor, denſelben ſo gut als möglich zu benutzen. Nachdem er eilig gefrühſtückt und die Ge⸗ ſchäftsſachen abgemacht hatte, welche durchaus nicht ver⸗ ſchoben werden konnten, wendete er ſeine Schritte nach der Wohnung der Madeline Bray, wo er bald ankam. Er hatte wohl daran gedacht, daß man das junge Mädchen vielleicht verleugne, obgleich es ihm bei ihr noch nie begegnet war, und eben überlegte er, wie er wohl am ſicherſten in dieſem Falle Zutritt zu ihr er⸗ lange, als er an die Thür des Hauſes kam und dieſelbe offenſtehen ſah;— wahrſcheinlich war ſie von der Per⸗ ſon offen gelaſſen worden, die zuletzt herausgegangen war. Sein Beſuch war nicht von der Art, daß ſtreng die Etikette dabei befolgt zu werden brauchte; Nicolaus „ 1 72 Nicolaus Nickleby. benutzte deshalb den ihm gebotenen Vortheil, ging leiſe die Treppe hinauf und klopfte an die Thür des Zim⸗ mers an, in welches er gewöhnlich geführt worden war. Jemand rief von innen:»herein!« Nicolaus uſfrie alſo die Thür und trat ein. Bray und ſeine Tochter ſaßen allein da. Faſt ſeit drei Wochen hatte er ſie nicht geſehen, und in dem lie⸗ benswürdigen Mädchen vor ihm war eine Veränderung vorgegangen, die ihm deutlich genug ſagte, welche See⸗ lenleiden ſie in dieſer kurzen Zeit erduldet haben mochte. Die vollkommene Leichenbläſſe, die kalte geiſterhafte weiße Farbe des ſchönen Geſichtes, das ſich nach ihm wendete, als er eintrat, läßt ſich durch keine Worte beſchreiben und mit nichts in der Welt vergleichen. Ihr Haar war dunkelbraun, aber durch den ſtarken Contraſt mit dem Geſichte, das es beſchattete, und mit dem blendend wei⸗ ßen Halſe, auf den er fiel, ſah es rabenſchwarz aus. In dem dunkeln Auge lag etwas Unſtätes und Ruhelo⸗— ſes, aber auch noch derſelbe geduldige Blick, derſelbe 3 Ausdruck ſanfter Trauer, die er nicht vergeſſen hatte, und keine Spur von einer einzigen Thräne. So ſchön auch das Geſicht war, ſchöner vielleicht als je vorher, ſo las er doch in demſelben etwas, das ihm den Muth völlig benahm und das ſein Herz gewaltiger zu ergrei⸗ fen ſchien, als es der heftigſte Ausbruch von Kummer vermocht haben würde. Es war nicht bloß ruhig und gefaßt, ſondern ſtarr und kalt, als ob die gewaltige Anſtrengung, welche in Gegenwart des Vaters jene Ruhe erzwungen hatte, alle andern Gefühle nieder⸗ hielt, das Nachlaſſen dieſes Ausdrucks ſelbſt auf einen Augenblick verhindert und ihn feſtgebannt habe als ein. Zeichen des Triumphs. Der Vater ſaß ihr gegenüber,— ſah ihr aber nicht Nicolaus Nickleby. 73 gerade in das Geſicht, ſondern blickte ſie verſtohlen an, während er mit heiterer Miene ſprach, welche ſeine Angſt jedoch nicht zu verbergen vermochte. Die Zeich⸗⸗ nenmaterialien befanden ſich nicht auf dem gewöhnlichen Platze, noch waren die andern Zeichen ihrer Beſchäfti⸗ gungen zu ſehen. Die kleinen Vaſen, in denen er im⸗ mer friſche Blumen bemerkt hatte, waren leer oder ent⸗ hielten nur einige wenige vertrocknete Stengel und Blät⸗ ter. Der Vogel ſang nicht. Das Tuch, das ſeinen Käfig in der Nacht bedeckte, war nicht weggenommen. Seine Herrin hatte ihn vergeſſen. Es giebt Augenblicke, in denen die Seele zur Auf⸗ nahme von Eindrücken beſonders geneigt iſt und mit einem Blicke viel bemerkt werden kann. Einen ſolchen Augenblick hatte Nicolaus jetzt, denn er hatte ſich kaum umgeſehen und ſchon erkannte ihn Herr Bray, der un⸗ geduldig fragte:. »Was wünſchen Sie, Herr? Nennen Sie raſch Ih⸗ ren Auftrag, wenn's beliebt, denn meine Tochter und ich, wir ſind mit andern und wichtigern Dingen be⸗ ſchäftigt als Ihre Angelegenheiten ſein mögen. Machen Sie Ihre Geſchäfte ſchnell ab, mein Herr.« Es entging Nicolaus nicht, daß die Ungeduld und Gereiztheit, welche ſich in dieſen Worten ausſprachen, nur erheuchelt waren und Bray im Herzen jede Unter⸗ brechung willkommen hieß, welche die Aufmerkſamkeit ſeiner Tochter in Anſpruch nehmen konnte. Er ſah un⸗ unwillkürlich den Vater an, während derſelbe ſprach, und bemerkte die Unbehaglichkeit deſſelben wohl, denn er entfärbte ſich augenblicklich und wendete das Geſicht ab. Die Liſt, inſofern es eine Liſt war, um Madeline zu veranlaſſen, das Wort zu nehmen, gelang. Sie ſtand auf, ging Nicolaus entgegen, blieb jedoch auf 2 74 Nieolaus Nickleby. dem halben Wege ſtehen und ſtreckte die Hand aus, als erwarte ſie einen Brief. »Madeline,« ſagte ihr Vater ungeduldig,»liebes Kind, was thuſt Du?« »Fräulein Bray erwartet vielleicht einen beigeſchloſ⸗ ſenen Brief,« antwortete Nicolaus beſonders deutlich und ſo betont, daß ſie ihn kaum mißverſtehen konnte. »Mein Prinzipal iſt jetzt nicht in England, ſonſt würde ich wahrſcheinlich einen Brief mitgebracht haben. Ich hoffe, ſie wird mir einen Aufſchub, einen kleinen Auf⸗ ſchub gewähren,— ich bitte nur um einen ganz kleinen. Aufſchub.« „»Wenn Sie nur deswegen kommen, mein Herr,« ſagte Herr Bray,»ſo mögen Sie ſich darüber beruhi⸗ gen. Madeline, ich wußte nicht, daß dieſer Mann Dir noch etwas ſchuldig war.« »Eine Kleinigkeit,— glaube ich,« entgegnete Made⸗ line kaum hörbar. »Ich glaube, Sie ſind der Meinung,« ſagte Bray, indem er ſeinen Stuhl umdrehete und Nicolaus anſah, »wenn wir die Kleinigkeit nicht hätten, die Sie her⸗ bringen, da meine Tochter ihre Zeit auf dieſe Art ver⸗ wendet, müßten wir verhungern.« »Der Meinung bin ich keineswegs geweſen;« ant⸗ wortete Nicolaus. »Sind Sie nicht geweſen?« wiederholte der Kranke höhniſch,»Sie wiſſen recht wohl, daß das Ihre Mei⸗ nung geweſen iſt und daß Sie dies jedesmal geglaubt haben, wann Sie hierherkamen. Bilden Sie ſich nicht ein, junger Mann, ich wiſſe nicht, wie die beutelſtolzen Krämer ſind, wenn ſie durch glückliche Umſtände auf eine kurze Zeit die Oberhand gewonnen haben über anſtän⸗ dige Leute,— oder die Oberhand zu gewinnen gedenken.« —,—— —————— Nicolaus Nickleby. 75 „Ich habe mein Geſchäft mit einer Dame abzuma⸗ chen,« entgegnete Nicolaus artig. »Mit der Tochter eines angeſehenen Mannes, mein Herr,« erwiederte der Kranke,»und es bleibt ſich dem⸗ nach ganz gleich. Aber vielleicht bringen Sie Beſtel⸗ lungen, he? Haben Sie neue Beſtellungen für meine Tochter?« Nicolaus verſtand den Ton des Triumphs und den Hohn recht wohl, womit dieſe Fragen geſtellt wurden, aber er gedachte der Nothwendigkeit, ſeinem angenom⸗ menen Charakter treu zu bleiben, und nahm deshalb ein Papier heraus, als wären darauf einige Gegen⸗ ſtände zu Zeichnungen angegeben, welche ſein Prinzipal ausgeführt zu ſehen wünſche. Er hatte ſich für dieſen Fall ſchon vorbereitet. „Ah!« rief Herr Bray.»Das ſind alſo die Beſeel⸗ lungen, he 2« 3 »Wenn Sie es einmal ſo genannt wiſſen wollen, mein Herr,— ja,« antwortete Nicolaus. »Das mögen Sie Ihrem Herrn ſagen,« entgegnete Bray, indem er das Papier mit ſtolzem Lächeln fort⸗ ſchob,„daß es meiner Tochter— Fräulein Madeline Bray— nicht mehr gefällig iſt, ſich mit ſolchen Arbeiten zu beſchäftigen; daß ſie keineswegs ihm zu jeder Zeit dieſtwillig zu ſein nöthig hat; daß wir nicht von ſeinem Gelde leben, wie er ſich ſchmeichelt; daß er das, was er ihr ſchuldig iſt, dem erſten beſten Bettler, der an ſeinem Laden vorübergeht, geben oder auf ſeinen Ge⸗ winn ſchlagen mag, und daß er meinetwegen zum Teu⸗ fel gehen kann. Das iſt meine Antwort auf ſeine Be⸗ ſtellungen, mein Herr.« »Und das iſt die Unabhängigkeit eines Mannes, der ſeine Tochter verkauft!« dachte Nicolaus unwillig. 76 Nieolaus Nickleby. Der Vater war mit ſeiner triumphirenden Freude zu ſehr beſchäftigt, als daß er den Blick der Verachtung bemerken konnte, den Nicolaus auf einen Augenblick nicht zu unterdrücken vermochte und hätte er auf der Folter gelegen.»Sie haben nun,« fuhr Bray nach einer kurzen Pauſe fort,»Sie haben nun die Antwort und können wieder gehen,— wenn Sie nicht— ha! ha!— noch mehr Beſtellungen und Aufträge haben.« »Ich habe keine mehr,« antwortete Nicolaus ernſt, vauch in Rückſicht auf die Stellung, die Sie einmal ein⸗ nahmen, weder dies noch ein anderes Wort— wie un⸗ ſchuldig es auch an ſich ſein mochte— gebraucht, das ein Befehlen von meiner oder Abhängigkeit von Ihrer Seite angedeutet hätte. Ich habe keine Aufträge, aber Beſorg⸗ niſſe hege ich, und dieſe will ich ausſprechen, wie ſehr Sie auch auffahren mögen,— Beſorgniſſe, daß Sie die junge Dame da in eine noch ſchlimmere Lage bringen als die war, in welcher ſie Sie durch ihrer Hände Ar⸗ beit erhielt, hätte ſie ſich auch todt gearbeitet. Das ſind meine Beſorgniſſe und ich gründe ſie auf Ihr eigenes Benehmen. Ihr Gewiſſen wird Ihnen ſagen, mein Herr, ob ſie richtig ſind oder nicht.« „»Um Gottes Willen!« rief Madeline, die beſtürzt zwiſchen Beide trat.»Bedenken Sie, daß er ein kranker Mann iſt!« »Krank!« rief der Mann nach Athem ſchnappend. „»Krank! krank! Ein Ladendiener wagt ſo mit mir zu ſprechen und ſie bittet ihn, Mitleid mit mir zu haben und zu bedenken, daß ich krank ſei!« 1 Er bekam einen ſo heftigen Anfall ſeiner Krankheit, daß Nicolaus einige Minuten für das Leben deſſelben fürchtete; als er jedoch ſah, daß er ſich erholte, ent⸗ fernte er ſich, deutete jedoch dem jungen Mädchen durch 18 8 8N 8* 2——»n, u na— Nicolaus Nickleby. 77 einen Wink an, er habe ihr noch etwas Wichtiges mit⸗ zutheilen und werde vor der Thür auf ſie warten. Er konnte hören, daß der Kranke allmälig aber langſam wieder zu ſich kam und, ohne das Vorgefallene zu er⸗ wähnen, als erinnere er ſich defſelben gar nicht mehr, allein gelaſſen zu werden verlangte. »Ach!« dachte Nicolaus,»möge dieſe kleine Hoffnung nicht verloren ſein, möchte es mir möglich werden, ſie zu beſtimmen, nur noch eine Woche zu warten und ih⸗ ren Schritt noch einmal zu überlegen!« »Sie haben einen Auftrag an mich,« ſagte Made⸗ line, indem ſie in großer Aufregung erſchien.„»Drängen Sie mich jetzt nicht, ich bitte Sie. Kommen Sie— übermorgen wieder.« »Dann iſt es zu ſpät, zu ſpät für das, was ich zu ſagen habe,« entgegnete Nicolaus,»und Sie werden nicht mehr hier ſein. Ach, mein Fräulein, wenn Sie noch einen Gedanken für den haben, welcher mich ſen⸗ det, wenn der Frieden Ihrer Seele und die Ruhe Ihres Herzens Ihnen nur von einigem Werthe ſind, ſo laſſen Sie ſich um Gottes Willen bewegen und hören Sie mich an!« Sie verſuchte an ihm vorüberzugehen, aber Nico⸗ laus hielt ſie fanft zurück.. »Hören Sie mich an,“ ſagte Nicolaus, vich bitte Sie bloß, mich anzuhören,— nicht mich allein, ſon⸗ dern ihn, für den ich ſpreche, der weit von uns iſt und Ihre Gefahr nicht kennt. Um Gottes Willen hören Sie mich an!«. Die arme Magd ſtand dabei mit vom Weinen roth⸗ gewordenen und aufgeſchwollenen Augen und Nicolaus wendete ſich an ſie in ſo leidenſchaftlichen Ausdrücken, daß ſie eine Seitenthür öffnete, ihre Gebieterin in das 78 Nicolaus Nickleby. anſtoßende Zimmer führte und Nicolaus winkte, ihnen zu folgen. »Ich bitte Sie, Herr, verlaſſen Sie mich,« ſagte das junge Mädchen.. »Ich kann, ich darf Sie ſo nicht verlaſſen,« entgeg⸗ nete Nicolaus;»ich habe eine Pflicht zu erfüllen und ich muß Sie hier oder in dem Zimmer, aus dem wir eben kommen, wie geſährlich es auch für Herrn Bray ſein mag, beſchwören, noch einmal den gefährlichen Schritt zu überlegen, zu welchem Sie gezwungen wer⸗ den ſollen.« »Von welchem Schritte ſprechen Sie? Zu welchem Schritte ſoll ich gezwungen werden?« fragte das Mäd⸗ chen und bemühete ſich, einen ſtolzen Ton anzunehmen. »Ich meine die Heirath,« entgegnete Nicolaus,»die Heirath, die auf morgen von einem Manne feſtgeſetzt iſt, der in einer ſchlechten Sache ſich nie lange bedachte und eine gute nie unterſtützte; jene Heirath meine ich, deren Geſchichte mir beſſer, weit beſſer bekannt iſt als Ihnen ſelbſt. Ich weiß, welches Gewebe man um Sie geſchlungen hat. Ich kenne die Männer, von welchen dieſes Complott ausgegangen iſt. Sie werden verra⸗ then, für Geld verkauft, für Gold, auf das Thränen gefallen ſind, wenn es nicht gar von dem Blute der unglücklichen Männer geröthet iſt, welche aus Verzweif⸗ lung von ihren eigenen wahnſinnigen Händen fielen.⸗ »Sie ſagen, Sie hätten eine Pflicht zu erfüllen,« entgegnete Madeline feſt,»auch ich habe eine Pflicht zu erfüllen, und mit Gottes Hülfe werde ich ſie erfüllen.« »Sagen Sie lieber, durch die Hülfe von Teufeln,⸗ erwiederte Nicolaus,»durch die Hülfe von Männern, von denen einer Ihr zukünftiger Ehemann iſt, die aber—« ——— ——— ——O—⸗/pÿ=ÿ˖ —==— B———..ͤ.. ᷣx —— A — n—— u— ‿ —— Nicolaus Nickleby. 79 „Ich darf dies nicht anhören,⸗ ſagte das junge Mäd⸗ chen, das einen Schauer zu unterdrücken ſich bemühete, der ſchon durch dieſe leiſe Anſpielung auf Arthur Gride veranlaßt zu werden ſchien.»Dieſes Uebel, wenn es ein Uebel iſt, war meine eigene Wahl. Ich werde zu die⸗ ſem Schritte durch Niemanden gezwungen, ſondern folge ganz meinem eigenen freien Willen. Sie ſehen es, ich werde weder durch Drohungen noch durch Einſchüchte⸗ rung genöthiget. Melden Sie dies,« ſetzte Madeline hinzu,»meinem theuern Freunde und Wohlthäter, nehmen Sie mein Gebet und meinen Dank für ihn und für Sie ſelbſt mit ſich und— verlaſſen Sie mich auf immer.«⸗ »Nicht, bis ich Sie mit allem Ernſt und allem Eifer die mich drängen,« entgegnete Nicolaus, beſchworen habe, dieſe Heirath auf eine kurze Woche zu verſchieben; nicht, bis ich Sie erſucht ha, ernſtlicher als Sie es jetzt gethan haben, da Sie 3 von Andern beſtimmen ließen, über den Schritt nachzudenken, den Sie thun ſollen. Obgleich Ihnen die ganze Schurkerei und Schlech⸗ tigkeit des Mannes, dem Sie Ihre Hand geben ſollen, nicht bekannt ſein kann, ſo kennen Sie doch einige von ihm. Sie haben ihn ſprechen hören, und haben ſein Geſicht geſehen,— denken Sie, denken Sie, ehe es zu ſpät iſt, über den Spott nach, ihm am Altare Treue zu geloben, woran Ihr Herz keinen Theil haben kann,— feierliche Worte auszuſprechen, gegen die Natur und Vernunft ſich empören müſſen,— bedenken Sie, wie ſehr Sie ſich in Ihrer eigenen Achtung erniedrigen müſſen, und wie ſehr dieſe Erniedrigung jeden Tag zunehmen muß, je mehr ſein abſcheulicher Charakter Ihnen klarer wird. Halten Sie ſich von der ekelhaften Gemeinſchaft mit dieſen Elenden zurück wie vor Fäulniß und Krank⸗ heit. Dulden und leiden Sie, mühen Sie ſich ab, wenn Nicolaus Nickleby. Sie wollen, nur meiden Sie, meiden Sie ihn und Sie können glücklich ſein; denn glauben Sie mir, ich ſpreche die Wahrheit, die tiefſte Armuth, der elendeſte Zuſtand im menſchlichen Leben mit reinem und ſchuldloſen Sinne würde ein Glück ſein gegen das, was Sie als das Weib eines ſolchen Mannes werde ertragen und erfahren müſſen!« Lange ehe Nicolaus zu ſprechen aufgehört hatte, be⸗ deckte Madeline ihr Geſicht mit beiden Händen und ließ ihren Thränen freien Lauf. Mit einer Stimme, die anfangs aus tiefer Erſchütterung kaum hörbar war, allmälig aber wieder kräftiger und feſter wurde, ant⸗ wortete fie: »„Ich will es Ihnen nicht verbergen— obgleich ich es vielleicht ſollte— daß ich große Seelenpein erlitten habe, daß mir das Herz faſt gebrochen iſt, ſeit ich Sie das Letztemal ſah. Ich e jenen Mann nicht,— es iſt bei der Verſchiedenheit des Alters, der Neigungen und Gewohnheiten nicht möglich. Er weiß es, und ob⸗ gleich er es weiß, bietet er mir doch ſeine Hand. Da⸗ durch daß ich ſie annehme, und nur durch dieſen Schritt allein, kann ich meinen Vater frei machen, der hier au⸗ ßerdem ſtirbt, ſein Leben verlängern, vielleicht auf viele Jahre, ihm Wohlſein, ich kann faſt ſagen Ueberfluß, wie⸗ dergeben und einem edlen Manne die Laſt abnehmen, einen Mann zu unterſtützen, ver, wie ich mit Leidweſen ſagen muß, ſein edles Herz nicht verſteht. Denken Sie nicht ſo gering von mir, zu glauben, ich heuchele eine Liebe, die ich nicht fühle. Berichten Sie nicht ſo ſchlecht von mir, denn dies könnte ich nicht ertragen. Kann ich aber auch weder aus Gefühl noch aus Verſtand den Mann lieben, der ſeinen Preis für meine arme Hand zahlt, ſo kann ich doch die Pflichten eines Weibes erfüllen; Nicolaus Nickleby. 81 ich kann alles ſein, was er in mir ſucht, und ich will es ſein. Er iſt es zufrieden, mich zu nehmen wie ich bin. Ich habe mein Wort gegeben und ſollte mich freuen, nicht weinen, daß es ſo iſt. Die Theilnahme, die Sie einem ſo freundloſen und verlaſſenen Weſen ſchenken, wie ich es bin, das Zartgefühl, mit dem Sie ſich Ihres Auftrages entledigt, das gute Zutrauen, das Sie in mich geſetzt haben, verdienen meinen wärmſten Dank und rühren mich zu Thränen, während ich dieſe ſchwache Anerkennung Ihnen gebe. Aber ich bereue nicht, was ich gethan habe, ich bin auch nicht unglücklich. Ich bin vielmehr glücklich, wenn ich an alles das denke, was ich ſo leicht bewirken kann, und ich werde noch glücklicher ſein, wenn ich zurückblicken kann und alles iſt gethan.⸗ »Ihre Thränen fließen reichlicher, während Sie vom Glück ſprechen,« ſagte Nicolaus,„und Sie vermeiden die Betrachtung jener finſtern Zukunft, die Ihnen ſo gro⸗ ßes Elend bringen muß. Verſchieben Sie die Heirath auf eine Woche,— nur auf eine Woche!« »Er ſprach eben, als Sie jetzt zu uns kamen, mit ſolchen Lächeln, wie ich mich erinnere es früher geſehen zu haben, aber viele, viele Tage nicht mehr ſah, von der Freiheit, die er morgen wieder erlangen würde,⸗ ſagte Madeline mit augenblicklicher Feſtigkeit,»von der erſehnten Veränderung, von der freien Luft und von allen den neuen Scenen und Gegenſtänden, die friſches junges Leben in ſeine Adern bringen würden. Sein Auge wurde glänzend und ſein Geſicht heiterte ſich auf bei dem Gedanken. Herr, ich kann den Schritt nicht um eine Stunde verſchieben.« „Das alles iſt bloß berechnete Liſt, um Sie zu be⸗ ſtimmen,« ſprach Nicolaus. »Ich will nicht mehr hören,« ſagte Madeline ſchnell, Niicolaus Nickleby. VII. 6 82² Nicolaus Nickleby. ich habe ſchon zu viel gehört,— ſchon mehr als ich ſollte. Was ich Ihnen ſagte iſt ſo gut, als hätte ich es jenem theuern Freunde geſagt, dem Sie es, wie ich Ih⸗ nen vertraue, getreulich wiederholen werden. Nach eini⸗ ger Zeit, wenn ich ruhiger und an meine neue Lebens⸗ weiſe gewöhnt ſein werde, im Fall ich ſo lange lebe, will ich ihm ſchreiben. Bis dahin mögen alle heiligen Engel ihre Segnungen auf ihn ausſchütten und ihn be⸗ hüten!« Sie eilte raſch an Nicolaus vorüber, aber er trat vor ſie und beſchwur ſie, nur noch einmal über das Schickſal nachzudenken, dem ſie übereilt entgegengehe. »Dann können Sie nicht mehr zurück, ſagte Nicolaus flehentlich;»keine Reue nützt Ihnen, und ſie wird tief und bitter ſein. Was kann ich ſagen, das Sie bewegt, in dieſem letzten Augenblicke inne zu halten? Was kann ich thun, um Sie zu retten?« „Nichts,« antwortete ſie zerſtreut.»Dies iſt die här⸗ teſte, die ſchwerſte Prüfung, die ich erfahren. Haben Sie Barmherzigkeit mit mir, Herr, ich beſchwöre Sie, zerreißen Sie mir das Herz nicht durch ſolche Reden. Ich— ich höre ihn rufen; ich— ich darf, ich will kei⸗ nen Augenblick länger hier bleiben.« »Und wenn es nun ein Complott wäre,« ſagte Nico⸗ laus mit eben der großen Schnelligkeit, in welcher ſie ſprach, vein Complott, das mir ſelbſt noch nicht ganz klar iſt, das ich aber mit der Zeit aufklären könnte; wenn Sie(ohne Ihr Wiſſen) Anſpruch auf eigenes Ver⸗ mögen hätten, das wohl wieder zu erlangen wäre und das eben das bewirken könnte, was dieſe Heirath thun ſoll, würden Sie nicht zurücktreten?« »Nein, nein, nein! Es iſt unmöglich,— es iſt ein R — G Au — Nicolaus Nickleby. 83 Mährchen; je länger er hier bleibt, um ſo eher ſtirbt er. Er ruft wieder.« »Es kann das Letztemal ſein, daß wir uns auf dieſer Erde ſehen,« ſagte Nicolaus;»und für mich wird es auch beſſer ſein, wenn wir uns nie wiederſehen.« „»Für Beide,— für Beide,« antwortete Madeline, ohne zu bedenken, was ſie ſagte.»Es wird eine Zeit kommen, in welcher mich die Erinnerung an dieſe Stunde vielleicht zum Wahnſinn treibt. Aber ſagen Sie meinen theuern Freunden, daß Sie mich ruhig und glücklich ver⸗ ließen. Gott ſei mit Ihnen, Herr; mein dankbares Herz und mein Segen begleitet Sie.⸗ Mit dieſen Worten verſchwand ſie und Nicolaus, der aus dem Hauſe hinauswankte, kam der Auftritt, den er eben gehabt, wie ein Ereigniß in einem unruhigen Traume vor. Der Tag ſchritt weiter und Abends, als er ſeine Gedanken einigermaßen geſammelt hatte, ging er wieder fort.— Dieſe Nacht, die letzte in Arthur Gride's hageſtolzem Leben, fand ihn höchſt wohlgemuth, aufgeräumt und hei⸗ ter. Der flaſchengrüne Frack war für den nächſten Tag bereits rein gebürſtet. Grete Sliderskow hatte die Rech⸗ nung über ihre letzte Haushaltung abgelegt; die Vier⸗ groſchenſtücke waren genau nachgerechnet(eine größere Summe auf einmal wurde ihr nicht anvertraut, und nicht häufig kam eine ſolche Summe des Tages mehr als ein⸗ mal vor); jede Vorbereitung zu dem kommenden Feſte war getroffen und Arthur Gride hätte ſich hinſetzen und an ſein nahes Glück denken können, aber er zog es vor, dazuſitzen und die Ziffern in einem ſchmutzigen alten Buche mit roſtigen Klappen zu betrachten. „Hil hi!« kicherte er, während er auf ſeine Kniee ſank vor einer ſtarken auf dem Boden feſtgeſchraubten Geldkaſſe—, 6* 8⁴4 Nicolaus Nickleby. den Arm bis faſt an die Achſel hineinſteckte und lang⸗ ſam das ſchmutzige Buch hervorzog,»das iſt zwar meine ganze Bibliothek, aber es iſt eines der unterhaltendſten Bücher, die jemals geſchrieben wurden, ein herrliches Buch, und alles wahr und treu,— das iſt das Beſte daran,— ſo zuverläſſig, wie die Bank von England und ſo gut wie Gold und Silber,— geſchrieben von Arthur Gride— hil hil hi! Kein Romanſchreiber bringt jemals ein ſo gutes Buch zu Stande, dafür ſtehe ich. Es iſt bloß zum Privatgebrauch, bloß für mich zum Le⸗ ſen und für ſonſt Niemand. Hil hi!« Während Arthur dieſes Selbſtgeſpräch vor ſich hin⸗ murmelte, trug er das koſtbare Buch auf den Tiſch, legte es auf ein ſtaubiges Pult, ſetzte ſeine Brille auf und fing an, darin zu leſen. »'s iſt eine große Summe für Herrn Nickleby,« ſagte er in betrübtem Tone.»Die Schuld vollſtändig zu be⸗ zahlen, neunhundert und fünf und ſiebenzig Pfund ein Schilling und drei Pence, dazu per Wechſel fünfhundert Pfund, macht zuſammen eintauſend vierhundert und fünf und ſiebenzig Pfund vier Schilling und drei Pence, fällig morgen punkt zwölf Uhr. Auf der andern Seite dagegen das hübſche Mädchen. Es fragt ſich aber doch, ob ich die Sache nicht allein hätte abmachen können. „Ein blödes Herz gewinnt die Mädchen nicht. Warum war mein Herz ſo blöde? Warum ging ich nicht ſelbſt gerade zu Bray und erſparte eintauſend vierhundert und fünf und ſiebenzig Pfund vier Schilling drei Pence.⸗« Dieſer Gedanke betrübte den alten Wucherer ſo ſehr, daß er ſeiner Bruſt ein mehrmaliges ſchwaches Aechzen und Seufzen erpreßte und ihm den Ausruf abnöthigte, er werde gewiß noch in einem Armenhauſe ſterben müſſen. Ein weiteres Nachdenken erinnerte ihn jedoch daran, daß — Nicolaus Nickleby. 85 er unter allen Umſtänden die Schuld an Ralph würde haben bezahlen müſſen, und da er ſich auch nicht ganz gewiß zutrauete, daß ihm die Sache gelungen ſein würde, wenn er ſie allein unternommen, ſo kehrte allmälig ſeine Seelenruhe zurück und er erfreuete ſich an mehr zufrie⸗ denſtellenden Punkten, bis Grete Sliderskow eintrat und ihn unterbrach. »Aha, Grete!« ſagte Arthur;»was giebt es? Was giebt es jetzt, Grete?« »Die Taube,« antwortete Grete, indem ſie ihm einen Teller hinhielt, auf welchem eine kleine,— ſehr kleine — Taube lag, ein wahres Wunder von einer Taube, ſo klein und mager war ſie. »Ein ſchöner Vogel!« ſagte Arthur, nachdem er nach dem Preiſe gefragt und denſelben mit der Größe, oder vielmehr Kleinheit der Taube in Verhältniß gefunden hatte.»Mit einem Speckſtückchen und einem Ei„Kar⸗ toffeln und Gemüſe und einem Apfelpudding, Grete, und einem Bischen Käſe bekommen wir eine Mahlzeit für einen Kaiſer. Es ißt Niemand mit als ſie und ich, und Sie, Grete, wenn wir fertig ſind.⸗ »„Klagen Sie nur ſpäter nicht über den großen Auf⸗ wand,« bemerkte Frau Sliderskow mürriſch. »Ich fürchte, wir müſſen die erſte Woche koſtſpielig leben,« entgegnete Arthur mit einem tiefen Seufzer; „dann aber bringen wir es wieder ein. Ich werde nicht mehr eſſen als durchaus nöthig iſt, und ich weiß, Sie liebt Ihren alten Herrn zu ſehr, als daß Sie mehr äße, als Sie durchaus muß, nicht wahr, Grete?« »Was iſt nicht wahr?« fragte Grete. »Sie liebt Ihren alten Herrn zu ſehr—« »Nein, das iſt nicht wahr,« antwortete Grete. »Ich wollte, der Teufel holte das alte Weibl« mur⸗— 86 Nicolaus Nickleby.. melte Arthur;—»Sie liebt Ihren alten Herrn zu ſehr, als daß Sie viel äße, weil es ihn viel Geld koſtet.« „»Was ſoll ich koſten?« fragte Grete. »Sie hört doch niemals das wichtigſte Wort; alles andere verſteht ſie recht gut,« jammerte Gride:— 1 »weil es ihn viel Geld koſtet,— Sie Teufelsweib!« Da dieſe letztere Benennung nur ganz leiſe ausge⸗ ſprochen wurde, ſo gab die Frau ihre Zuſtimmung zu dem Vorhergehenden. In dieſem Augenblicke wurde die Klingel an der Hausthür gezogen. „»Da, die Klingel!« ſagte Arthur. „»Das weiß ich,« antwortete Grete. »Wenn Sie es weiß, warum geht Sie denn nicht?« ſagte Arthur laut. »Warum ſoll ich gehen?« entgegnete Grete,„bin ich Jemandem hier im Wege?« Arthur wiederholte ſtatt aller Antwort nur das Wort »Klingel« ſo laut als möglich, und als ſeine Meinung den tauben Ohren der Frau Sliderskow noch vernehm⸗ licher durch die Pantomime gemacht war, welche das Ziehen an einer Klingel ausdrücken ſollte, hinkte Grete hinaus, nachdem ſie vorher noch kreiſchend gefragt hatte, warum er ihr nicht gleich geſagt, daß geklingelt worden ſei, ſtatt daß er von allerhand unnützen Dingen geſpro⸗ chen habe, während ihr Nöſel Bier auf der Treppe ſchal werde. »Es iſt eine Veränderung mit Ihr vorgegangen, Frau Grete,« ſagte Arthur, der ihr nachſah.»Was ſie bedeutet, weiß ich noch nicht recht, wenn es aber dabei bleibt, werden wir uns wohl nicht lange mehr mit ein⸗ ander vertragen, wie ich ſehe. Sie wird verrückt, denke ich, und wenn das iſt, muß Sie gehen, Frau Grete, dder fortgebracht werden. Mir iſt es gleich. Während —, — — Nieolaus Nickleby. 87 er dies vor ſich hinmurmelte, blätterte er in ſeinem Buche und ſo ſtieß er bald auf etwas, das ſeine Auf⸗ merkſamkeit in Anſpruch nahm und über dem er Grete Sliderskow und alles Andere vergaß. Das Stübchen war nur durch den matten Schein einer alten, mit dickem Schmutz bedeckten Lampe beleuch⸗ tet, deren dünne kleine Flamme noch überdies von einem dunkeln Schirme verdeckt wurde, ſo daß die ſchwachen Strahlen nur auf einen ſehr beſchränkten Raum fielen und alles Andere in dunkelm Schatten blieb. Dieſe Lampe hatte der Wucherer ſo dicht an ſich gezogen, daß zwi⸗ ſchen ihr und ihm gerade Platz für das Buch war, über welches er ſich bückte. Da er die beiden Elbogen auf das Pult aufſtützte und ſeine ſpitzen Backenknochen auf ſeinen Händen ruheten, ſo wurden nur ſeine häßli⸗ chen Züge und der kleine Tiſch grell beleuchtet, während das tiefſte Dunkel den übrigen Raum erfüllte. Als Arthur Gride nach einiger Zeit die Augen aufſchlug und während er etwas im Kopfe rechnete, gerade vor ſich hin in das Dunkel ſah, begegnete ſein Blick den feſt auf ihn gerichteten Augen eines Unbekannten. »Diebe! Diebe!« rief der Wucherer, indem er auf⸗ ſprang und ſein Buch an ſeine Bruſt drückte;»Räuber! Mörder!« „»Was giebt es?« fragte der Fremde näher tretend. »Weg von mir! Weg von mirl« ſchrie der zitternde Elende.»Iſt es ein Menſch oder ein,— ein—« »Für was halten Sie mich, wenn ich kein Menſch ſein ſoll?« lautete die verächtliche Gegenfrage⸗ »Ja, ja,« ſprach Arthur Gride, indem er die Hand vor die Augen hielt,»es iſt ein Menſch und kein Geiſt. Es iſt ein Menſch. Räuber! Räuber!« 88 Nirolaus Nickleby. Warum ſchreien Sie?« ſagte der Fremde.»Kennen Sie mich? Ich bin kein Dieb, Mann.“« »Was ſind Sie ſonſt und warum kommen Sie hier⸗ her?« fragte Gride, etwas beruhigt, aber noch immer vor dem Fremden zurückweichend;»wie heißen Sie? Was wollen Sie?«. »Meinen Namen brauchen Sie nicht zu kennen,⸗ lautete die Antwort.»Ich kam hierher, weil mich die Frau unten hierher wies. Zch habe Sie ein Paarmal ange⸗ redet, aber Sie waren ſo ſehr in Ihr Buch vertieft, daß Sie mich nicht hörten und ich wartete alſo ruhig, bis Ihre Gedanken minder beſchäftigt ſein würden. Was mich zu Ihnen führt, werde ich Ihnen ſagen, wenn Sie ſich ſo viel wieder faſſen können, um mich anzuhören, und zu verſtehen.« Arthur Gride wagte es jetzt, den Unbekannten auf⸗ merkſamer und genauer zu betrachten, und als er ſich ſo überzeugte, daß der Fremde ein junger Mann von ganz anſtändigem Ausſehen war, kehrte er zu ſeinem Stuhle zurück, murmelte, es gäbe böſe Menſchen und frühere Verſuche, ihn zu beſtehlen, hätten ihn ängſtlich gemacht, und erſuchte den Unbekannten Platz zu nehmen. Dies wurde jedoch abgelehnt. „»Du lieber Gott! Ich bleibe keineswegs ſtehen, um gegen Sie im Vortheile zu ſein,« ſagte Nicolaus(denn Nicolaus war es), als er eine ängſtliche Geberde an Arthur Gride bemerkte.»Hören Sie mich an. Sie wollen ſich morgen früh verheirathen.« »N-n- nein,« antwortete Gride.»Wer ſagte das? Woher wiſſen Sie das 2 »Daran liegt nichts,« entgegnete Nicolaus,»genug, ich weiß es. Die junge Dame, welche Ihnen ihre Hand geben ſoll, haßt, verabſcheut und verachtet Sie. Das Nicolaus Nickleby. 89 Blut erſtarrt in ihren Adern, wenn ſie Ihren Namen hört,— der Geier und das Lamm, die Natte und die Taube können nicht weniger für einander paſſen, als Sie und das Mädchen. Sie ſehen, ich kenne ſie.« Gride ſah ihn an, als ſei er vor Erſtaunen verſtei⸗ nert, ſprach aber nicht, vielleicht weil er es nicht vermochte. »Sie und ein Anderer, Ralph Nickleby mit Namen, haben dieſes Complott zuſammen geſchmiedet,« fuhr Ni⸗ colaus fort;»Sie bezahlen ihn für ſeine Mitwirkung an dieſem Verkaufe Madelinens. Sie bezahlen ihn da⸗ für. Es zittert eine Lüge auf Ihren Lippen, ich ſehe es.« Er hielt inne, da aber Arthur nicht antwortete, ſo begann er von neuem: »Sie bezahlen ſich ſelbſt, indem Sie das Mädchen betrügen. Wie und auf welche Weiſe— ich verſchmähe es, ihre Sache durch eine Unwahrheit oder Täuſchung zu beflecken— weiß ich nicht, weiß ich in dieſem Augen⸗ blicke nicht, aber ich ſtehe nicht allein auf der Seite der Unſchuld. Wenn Ausdauer die Entdeckung Ihres Betrugs und Ihres Verraths vor Ihrem Tode zu be⸗ wirken vermag,— wenn Reichthum, Rache und gerech⸗ ter Haß Sie auf Ihren Schleichwegen verfolgen und einholen kann, ſo ſoll es Ihnen noch theuer zu ſtehen kommen, ſollen Sie ſchwer dafür büßen müſſen. Bereits ſind wir auf der Spur.⸗ Er hielt nochmals inne, aber auch diesmal ſtierte ihm Gride in das Geſicht, ohne ein Wort zu entgegnen. „»Wären Sie ein Mann an den ich mich wenden könnte mit einiger Hoffnung, ſein Mitleid, ſeine Menſchlichkeit zu bewegen,« fuhr Nicolaus fort,„ſo würde ich Sie be⸗ ſchwören, an die Hülfloſigkeit, an die Unſchuld, an die Jugend dieſes Mädchens, an ihre Würde und ihre Schönheit, ihre Kindesliebe und endlich an das zu den⸗ 90 Nicolaus Nickleby. ken, was Sie noch näher betrifft, an ihre Bitte an Sie um Gnade und Erbarmen. Aber ich betrete den einzigen Weg, der bei Ihnen zum Ziele führen kann, und ich frage Sie, welche Summe verlangen Sie, wenn Sie zurücktreten. Vergeſſen Sie die Gefahr nicht, welcher Sie ausgeſetzt ſind. Sie ſehen, ich weiß genug, um bald mehr zu wiſſen. Nehmen Sie einen ſichern Ge⸗ winn gegen die Gefahr, der Sie entgegen gehen und nennen Sie mir Ihre Forderung.« Der alte Arthur Gride bewegte ſeine Lippen, aber ſie bildeten bloß ein häßliches Lächeln und wurden wie⸗ der unbeweglich. „»Sie glauben,“ ſagte Nicolaus,»dieſer Preis würde nicht bezahlt werden? Fräulein Bray hat reiche Freunde, die ihr Hab und Gut hingeben, um ſie aus ſolcher Noth zu retten. Nennen Sie die Summe, die Sie verlangen, verſchieben ſie die Heirath nur auf wenige Tage und überzeugen Sie ſich, ob die, von denen ich ſpreche, die Bezahlung verweigern. Hören Sie mich?« Als Nicolaus anfing, war der erſte Gedanke Arthur Gride's, Ralph Nickleby habe ihn verrathen; als aber der junge Mann weiter ſprach, überzeugte ſich Gride, daß jener, wie er die Sache auch erfahren haben möge, in der Rolle, welche er ſpielte, mit Ralph durchaus nicht in Verbindung ſtehen konnte. Alles, was er zu wiſſen ſchien, beſtand darin, daß er, Gride, die Schuld Bray's an Ralph bezahle. Ueber den Betrug an Madelinen ſelbſt wußte der Unbekannte ſo wenig, daß er damit vielleicht bloß auf den Buſch ſchlug, jedenfalls hatte er keinen Schlüſſel zu dem Geheimniſſe und konnte ihm, der denſelben verborgen hielt, unmöglich damit ſchaden. Die Erwähnung von Freunden und das Geldbieten hielt Gride für nichts weiter als einen leeren Vorwand, um ‿ — —— αε̈—— ⏑— ——— Nicolaus Nickleby. 91 die Hochzeit zu verſchieben.»Selbſt wenn Geld zu be⸗ kommen wäre,« dachte Arthur Gride, während er Nico⸗ laus anſchielte und vor deſſen Kühnheit zitterte,»würde ich doch das liebliche appetitliche Kind zu meinem Weibe nehmen und Sie, junges, glattes Geſicht um das Mäd⸗ chen bringen.« Lange Gewohnheit, das zu erwägen und zu bemer⸗ ken, was die Kunden ſagten, das Für und Wider in Gedanken abzuwägen und vor ihren Augen zuſammenzu⸗ rechnen, ohne im mindeſten das Ausſehen zu haben, als ſei er auf dieſe Weiſe beſchäftigt, hatte den alten Gride befähigt, ſchnell Schlüſſe zu ziehen und von verworre⸗ nen, unklaren, oft einander widerſprechenden Vorder⸗ ſätzen zu ſchlauen Folgerungen zu gelangen. Deshalb folgte er den Worten des Unbekannten mit ſeinen eige⸗ nen Gedauken und war, als jener ſchwieg, ſo wohl vor⸗ bereitet, als habe er vierzehn Tage lang darüber nach⸗ gedacht. »Ich höre Sie,« antwortete er, indem er von ſeinem Sitze aufſprang„die Laden aufmachte und das Fenſter aufriß. Hülfe hier! Hülfe! Hülfe!« »Was beginnen Sie?« fragte Nicolaus, der den Alten am Arme faßte. »Ich ſchreie: Räuber! Diebe! Mörder! bringe die Nachbarſchaft in Aufruhr, wehre mich gegen Sie, ritze mich mit einem Meſſer und ſchwöre dann, Sie hätten mich berauben wollen, wenn Sie nicht augenblicklich mein Haus verlaſſen,« antwortete Gride mit einem ent⸗ ſetzlichen höhniſchen Grinſen;»das thue ich.« »Elender, erbärmlicher Menſch!« entgegnete Ni⸗ colaus. »Sie wollen hierher kommen und mir drohen 2« ſagte Gride, den die Eiferſucht auf Nicolaus und das 92 Nicolaus Nickleby. Bewußtſein ſeines eigenen Sieges zu einem wahren Teufel gemacht hatten.»Sie, der getäuſchte Liebhaber! Hil hi! hi!— Sie ſollen das Mädchen doch nicht ha⸗ ben und das Mädchen ſoll Sie nicht bekommen. Sie iſt meine Frau, mein liebes zärtliches Weibchen. Glauben Sie, ſie werde Sie vermiſſen? Glauben Sie, ſie werde weinen? Ah, ich werde ſie gern weinen ſehen, — ich achte nicht darauf. Sie ſieht noch viel hübſcher aus, wenn ſie weint.« »Schurke!« rief Nicolaus, der ſich kaum noch beherr⸗ ſchen konnte. »Noch eine Minute länger,« rief Arthur Gride,»und ich erhebe hier ein Geſchrei, das, würde es von einem anderen Menſchen erhoben, mich ſelbſt in den Armen meiner ſchönen Madeline erweckte.« »Sie niederträchtiger Böſewicht,« ſagte Nicolaus, wenn Sie jünger wären—« »Ach ja,« antwortete Arthur Gride höhniſch,»wenn ich nur jünger wäre, dann wäre es doch nicht ſo ſchlimm, aber meinetwegen, um mich, der ſo alt und häßlich iſt, um die kleine Madeline zu kommen—«α »Hören Sie mich an,« entgegnete Nicolaus, vund danken Sie Gott, daß ich mich ſo weit beherrſchen kann, um Sie nicht auf die Straße hinauszuſchleudern, was keine Hülfe verhindern könnte, ſobald ich Sie einmal ge⸗ faßt. Ich bin kein Liebhaber des Mädchens geweſen. Wir haben uns gegenſeitig nicht verpflichtet, kein Ge⸗ lübde abgelegt, kein Wort von Liebe geſprochen. Sie kennt nicht einmal meinen Namen.« »Ich werde ſie über alles dies fragen, unter Küſſen ſie bitten, mir alles zu erzählen,« ſagte Arthur Gride. »Ja, und ſie wird mir es erzählen, wird mir die Küſſe zurückgeben, wir werden mit einander lachen— eines — Nicolaus Nickleby. 93 in des andern Armen— und luſtig ſein, wenn wir an den armen Jüngling gedenken, der ſie auch gern haben wollte, aber nicht bekommen konnte, weil ſie ſchon mit mir verlobt war.« Dieſer Hohn brachte einen ſolchen Ausdruck in das Geſicht des Nicolaus, daß Arthur Gride offenbar fürch⸗ tete, derſelbe möge eine Andeutung ſein, daß der Fremde ſeine Drohung, ihn auf die Straße hinauszuwerfen, zur Ausführung bringe, denn er fuhr mit dem Kopfe durch das offene Fenſter, hielt ſich mit beiden Händen feſt und erhob ein entſetzliches Geſchrei. Nicolaus, der es nicht für nöthig hielt, den Erfolg dieſes Lärmes abzu⸗ warten, verließ nach einer herausfordernden Drohung das Zimmer und das Haus. Arthur Gride ſah ihn über die Straße nach, zog dann den Kopf wieder herein, ſchloß das Fenſter wie vorher wieder zu und ſetzte ſich nieder, um nun zu Athem zu kommen. »Wenn ſie jemals übellaunig oder verdrießlich wird, werde ich ſie mit dieſer Flamme⸗ aufziehen,« ſagte er, als er ſich wieder erholt hatte.»Sie wird ſich nicht träumen, daß ich etwas von ihm weiß, und wenn ich es klug anfange, kann ich durch dieſes Mittel ihren Muth brechen und ſie ganz unter den Pantoffel bekommen. Es iſt mir lieb, daß Niemand kam. Ich rief auch nicht ſehr laut. Ueber die Kühnheit, in mein Haus zu kom⸗ kommen und ſich mir zu entdecken!— Aber ich werde morgen meinen Triumph feiern und er hat das Nach⸗ ſehen, ſpringt vielleicht in das Waſſer oder ſchneidet ſich die Kehle ab. Mich wird es nicht wundern. Das würde die Sache vollſtändig machen,— ihr die Krone aufſetzen.« d 3 Nachdem er ſich durch dieſe und andere Auslegungen über ſeinen bevorſtehenden Triumph beruhigt und ſei⸗ 94 Niecolaus Rickleby. nen gewöhnlichen Zuſtand wieder erlangt hatte, legte Arthur Gride ſein Buch hin, ſchloß die Kaſſe ſehr ſorg⸗ fältig zu und ging in die Küche hinunter, um Grete Sliderskow aufzufordern, zu Bett zu gehen und ſie dafür auszuſchelten, daß ſie einen Fremden ſo ohne Umſtände hereingelaſſen. Grete, die von dem Vorfalle nichts wußte, begriff deshalb auch das Verſehen nicht, deſſen ſie ſich ſchuldig gemacht haben ſollte, und Arthur Gride befahl ihr end⸗ lich, das Licht zu halten, während er nach den Schlöſſern im Hauſe ſah, und die Hausthüre eigenhändig verſchloß und verriegelte. »Oben verriegelt,« murmelte Arthur und ſchob dabei die Riegel vor,»unten verriegelt,— den Schlüſſel zweimal umgedreht und dann abgezogen, um ihn unter mein Kopfkiſſen zu legen. So!—. Wenn noch mehrere abgewieſene Liebhaber kommen, mögen ſie ſich einen Weg durch das Schlüſſelloch ſuchen. Und nun will ich ſchlafen bis halb ſechs Uhr, dann muß ich aufſtehen, um mich trauen zu laſſen, Grete.“« Mit dieſen Worten ſtreichelte er die Frau Sliders⸗ kow am Kinne und ſchien einen Augenblick nicht abge⸗ neigt, das Ende ſeiner Hageſtolztage durch einen Kuß auf ihre welken Lippen zu feiern. Er überlegte jedoch die Sache zweimal, ehe er ſie ausführte, ſtreichelte dann das Kinn noch einmal, ſtatt ſich eine wärmere Vertrau⸗ lichkeit zu erlauben und ſchlich fort in ſein Bett. Nicolaus Nickleby. 95 Fuͤnftes Kapitel. Die Criſis des Complottes und deſſen Reſultat. Schwerlich verſchlafen viele Perſonen ihren Trauungs⸗ morgen ganz oder liegen in demſelben auch nur zu lange im Bette. Die Sage erzählt von einem Manne, der ſehr vergeßlich war und, als er an dem Tage erwachte, welcher ihm ein junges Weib geben ſollte, dies vergeſſen hatte und ſeine Diener ausſchalt, daß ſie ihm ſo ſchöne Kleidungsſtücke brachten, wie ſie zu der Feſtlichkeit be⸗ ſtellt worden waren. Ferner erzählt die Sage von ei⸗ nem jungen Manne, der die Kirchengeſetze über ſolche Dinge nicht vor Augen und im Herzen hatte und ſich in ſeine Großmutter verliebte. Beide Fälle ſind aber ſeltſam und ganz ſpeciell, und es dürfte ſehr zu bezwei⸗ feln ſein, ob ſpätere Generationen ſich veranlaßt ſehen, ſich dieſelben zum Muſter der Nachahmung dienen zu laſſen. Arthur Gride hatte ſich in den flaſchengrünen Hoch⸗ zeitsſtaat ſchon eine völlige Stunde vorher geworfen, ehe Frau Sliderskow ihren ſchwereren Schlaf abſchüttelte und an ſeiner Kammerthüre klopfte; auch war er ſchon in vollem Staate hinuntergehinkt und hatte ſeine Lippen an einem Schlückchen ſeines Lieblingslikörs erfreut, ehe die Alte die Küche mit ihrer Gegenwart beglückte. »Pfui!« ſagte Grete, indem ſie bei der Erfüllung ih⸗ rer häuslichen Obliegenheiten unter einem kleinen Häuf⸗ lein Aſche auf dem roſtigen Roſte herumſtörte,»alſo doch Hochzeit! Eine koſtbare Hochzeit! Eine Beſſere als die alte Grete ſoll ſich ſeiner annehmen? Und was 96 Nicolaus Nickleby. ſagte er viele, viele Male zu mir, damit ich mit der knappen Koſt, dem geringen Lohne und dem wenigen Feuer zufrieden ſein ſollte?»Mein Teſtament, Grete, mein Teſtament!« ſagte er.»Ich bin ein Junggeſell— hab' keine Freunde,— keine Verwandten, Grete!« Lü⸗ gen! Und nun will er eine Frau, ein junges Ding, in ſein Haus bringen! Konnte der Narr, wenn er durch⸗ aus eine Frau haben wollte, keine finden, die für ſein Alter paßte und ſchon wußte, wie er Alles wünſcht? Sie ſoll mir nicht in den Weg kommen, ſagt er. Nein, das ſoll ſie nicht, aber warum ſie es nicht ſoll, das denkt ſich der alte Narr wohl nicht.« Während Frau Sliderskow, in Folge vielleicht von einem Gefühle getäuſchter Hoffnung und aus Aerger darüber, daß ihr alter Herr einer Andern den Vorzug gegeben hatte, ſo in der Küche vor ſich hinmurmelte, dachte Arthur Gride in dem Wohnzimmer über das nach, was in der letztvergangenen Nacht vorgefallen war. »Ich kann es nicht enträthſeln, wie er das wohl aufgeleſen hat, was er weiß,« ſagte Arthur,»wenn ich mich nicht ſelbſt verrathen habe, vielleicht bei Bray's ei⸗ nen Wink fallen ließ, und Jemand zuhörte. Das könnte wohl möglich ſein. Ich würde mich nicht wundern, wenn es ſo iſt. Nickleby war oft bös, daß ich mit ihm auf der Straße von der Sache ſprach. Ich darf ihm nichts davon ſagen, ſonſt verdirbt er mir heute die gute Laune.« Ralph galt unter ſeines Gleichen allgemein für ei⸗ nen überlegenen Geiſt, für ein Genie, auf Arthur Gride aber hatte ſein ernſter, unbeugſamer Character und ſeine vollendete Schlauheit einen ſo tiefen Eindruck gemacht, daß er ſich wirklich vor ihm fürchtete. Von Natur ſchon —xꝝ Nicolaus Nickleby. 97 feig und kriechend, erniedrigte ſich Arthur Gride in den Staub vor Ralph Nickleby, und ſelbſt, wenn ſie bei der Sache nicht gleich betheiligt geweſen wären, würde er ihm lieber die Schuhe geleckt und auf den Boden vor ihm gekrochen ſein, als daß er wagte, ihm auf jedes Wort Antwort zu geben, oder ihm auf eine andere Weiſe als in der ſclaviſchſten und niedrigſten Schmeiche⸗ lei zu begegnen. Zu Ralph Nickleby begab ſich alſo jetzt Arthur Gride nach ihrer Verabredung und er erzählte ihm, wie in vo⸗ riger Nacht ein junger naſeweiſer Laffe, den er vorher nie geſehen, mit Gewalt in ſein Haus gedrungen ſei und verſucht habe, ihn von der feſtgeſetzten Heirath zu⸗. rückzuſchrecken,— ſagte in kurzen Worten, was Nico⸗ laus geſprochen und gethan hatte und verſchwieg das, was er zu verſchweigen für gut fand. »Nun, und dann?« fragte Ralph. »Weiter nichts,« antwortete Gride. »Er verſuchte, Sie einzuſchüchtern?« fragte Ralph verächtlich,»und Sie ließen ſich einſchüchtern, nicht wahr?« »Ich erſchreckte ihn, indem ich: Diebe! Mörder! ſchrie,“ antwortete Gride.»Einmal war es mein völli⸗ ger Ernſt, ich verſichere Sie, denn ich hatte mir ſchon halb und halb vorgenommen, zu ſchwören, er habe mir gedroht und mich umbringen wollen, wenn ich ihm nicht mein Geld gäbe.« 4 »Oho!« ſagte Ralph, indem er ihn von der Seite anſah.»Auch eiferſüchtig!« 1 »Du lieber Gott, wie Sie doch ſind!« entgegnete Arthur, indem er ſich die Hände rieb und ſich zum La⸗ chen zwingen wollte.— »Warum dieſe Grimaſſen, Mann? fuhr ihn Ralph Nicolaus Ricklebu. VII. 7 98 Nieolaus Nickleby. an;»Sie ſind eiferfüchtig und mit vollem Rechte, denke ich.«⸗ 1 »„Nein, nein, nein,— nicht mit vollem Rechte. Sie glauben das nicht, nicht wahr, nein 2 ſprach Arthur ſtotternd.»Denken Sie es doch? he?« „Nun, wie ſtehen die Sachen?« entgegnete Ralph. „Ein alter Mann, der einem jungen Mädchen zum Ehe⸗ mann aufgezwungen werden ſoll;— zu dieſem alten Manne kommt ein junger hübſcher Mann;— Sie ſag⸗ ten ja wohl, er ſei hübſch geweſen, nicht wahr?« »Nein,“« ſeufzte Arthur Gride. »Sol« entgegnete Ralph;»ich meinte, Sie hätten es geſagt. Schön oder nicht ſchön, genug, zu dem alten Manne kommt ein junger Menſch, der ihm keck heraus⸗ fordernd entgegentritt und ihm geradezu ſagt, das Mäd⸗ chen haſſe und verabſcheue ihn. Warum thut, warum ſagt er das? Aus purer Menſchenfreundlichkeit?« »Aus Liebe zu dem Mädchen nicht,« antwortete Gride,»denn er ſagte— ſeine eigenen Worte— ſie hätten kein Wort von Liebe mit einander geſprochen.« „Sagte er das?« erwiederte Ralph verächtlich.„»Aber er gefällt mir, weil er Sie ſo hübſch warnte, Ihr Püpp⸗ chen— oder wie nennen Sie das Mädchen?— unter Schloß und Riegel zu halten. Gride, ſehen Sie ſich vor, ſehen Sie ſich vor. Es iſt zwar ein Triumph, ſie einem jungen galanten Nebenbuhler zu entreißen, ein großer Triumph für einen alten Mann; aber die Haupt⸗ ſache bleibt doch, ſie auch zu behalten, wenn Sie ſie erſt haben,— nicht wahr?« »Was für ein Mann ſind Sie!« rief Arthur Gride, der ſich höchſt vergnügt ſtellte, während er ſich auf der ſchrecklichſten Folter befand. Dann ſetzte er ängſtlich 7 4 — u—— 272 Nicolaus Nickleby. 99 hinzu:»Ja, ſie zu behalten, das iſt die Hauptſache. Aber dazu gehört nicht viel, nicht wahr?« »Sehr viel!« antwortete Ralph höhniſch.»Weiß es doch Jedermann, wie leicht Frauenzimmer zu durchſchauen und zu hüten ſind. Aber kommen Sie, es iſt Zeit, daß Sie glücklich gemacht werden. Sie werden vermuthlich jetzt den Wechſel bezahlen, damit Sie ſpäter ſich damit nicht aufzuhalten brauchen.« »Was für ein Mann ſind Sie!« ſtöhnte Gride. »Warum nicht?« ſagte Ralph.„»Zwiſchen jetzt und zwölf Uhr zahlt Ihnen doch vermuthlich Niemand Zin⸗ ſen für das Geld?« »Auch Ihnen würde wahrſcheinlich in dieſer Zeit Niemand Zinſen dafür zahlen,« entgegnete Arthur, der Ralph ſo ſchlau anſah, als es ihm nur möglich war. »Außerdem,« ſagte Ralph, der ein Lächeln auf ſei⸗ nem Geſichte entſtehen ließ,»haben Sie das Geld nicht mitgebracht und waren darauf nicht vorbereitet; ſonſt hätten Sie es gewiß zu ſich geſteckt, denn Sie ſind ge⸗ gen Niemand pünktlicher und gefälliger als gegen mich. Ich weiß es. Wir trauen einander in gleichem Grade. Sind Sie nun bereit 2« Gride, welcher während der letzten Rede Ralphs ge⸗ lächelt und genickt hatte, bejahete die letzte Frage deſſel⸗ ben, und ſo ſtiegen ſie denn in einen Miethwagen, den Ralph bereit hielt und fuhren nach der Wohnung der ſchönen und unglücklichen Braut. Gride, dem der Muth mehr und mehr ſank, je näher und näher ſie dem Hauſe kamen, wurde durch die düſtere Trauerſtille, welche in demſelben herrſchte, gewaltig er⸗ 4 ſchreckt. Das Geſicht der armen Magd, der einzigen 5 Perſon, welche ſie ſahen, war durch Thränen und ſchlaf⸗ loſe Nächte entſtellt. Niemand empfing und bewiill⸗ 1 3 7* 10⁰ Nicolaus Nickleby. kommnete ſie; ſie gingen alſo leiſe und langſam hinauf in die Wohnſtube, mehr wie zwei Diebe als wie ein Bräutigam und deſſen Freund. „»Man könnte glauben,“« ſagte Ralph, der gegen ſei⸗ nen Willen leiſe ſprach, ves ſoll in dieſem Hauſe ein Begräbniß ſtattfinden, nicht aber eine Hochzeit.« „Hi! hi!« kicherte ſein Freund,—»Sie, Sie ſind ſehr ſpaßhaft.“ »„Ich ſollte es eigentlich ſein,« bemerkte Ralph tro⸗ cken,»denn hier iſt es ziemlich traurig und betrübt. Sehen Sie ein wenig lebhafter und muthiger aus, Mann, und laſſen Sie die Ohren nicht ſo hängen.« »Ja, ja, das will ich auch,« antwortete Gride. »Aber,— aber glauben Sie nicht, daß ſie jetzt kommen wird?« 3 »Sie wird wahrſcheinlich nicht eher kommen, bis ſie dazu genöthigt wird,« entgegnete Ralph, der nach ſei⸗ ner Uhr ſah,»und ſie hat noch eine gute halbe Stunde Zeit. Zähmen Sie immer Ihre Ungeduld.⸗ »Ich— ich— bin nicht ungeduldig,« ſtotterte Ar⸗ thur.»Um keinen Preis könnte ich hart gegen ſie ſein, gewiß um keinen Preis. Sie mag ſich immer Zeit neh⸗ men,— mag ſich Zeit nehmen. Sie wird noch zeitig genug die Meinige.“ Während Ralph ſeinem zitternden Freunde einen ſcharfen Blick zuwarf, der bewies, daß er den Grund von jener großen Rückſichtnahme recht wohl errathe, hörte man Fußtritte auf der Treppe, dann kam Bray ſelbſt auf den Zehen in das Zimmer und hielt die Hand mit einer Geberde der Vorſicht empor, als wäre eine kranke Perſon in der Nähe, die nicht geſtört werden ſollte. „Still!« ſagte er in leiſem Tone.»Sie war in Nieolaus Nickleby. 101 voriger Nacht ſehr unwohl. Ich fürchtete, das Herz werde ihr brechen. Sie iſt jetzt angekleidet und weint in ihrem Zimmer bitterlich; aber es geht beſſer mit ihr und ſie iſt ganz ruhig, das iſt die Hauptſache,« »Sie iſt bereit?« fragte Ralph. »Sie iſt bereit,« antwortete der Vater. »Und wird uns nicht durch eine Mädchenſchwäche,— Ohnmacht und dergleichen aufhalten?« fragte Ralph weiter. „»Wir können uns jetzt vollkommen auf ſie verlaſſen,⸗ entgegnete Bray.»Ich habe ſchon dieſen Morgen mit ihr geſprochen. Hier,— kommen Sie hierher.« Er zog Ralph Nickleby an das andere Ende des Zimmers und wies auf Gride, der in einer Ecke zu⸗ ſammengekauert daſaß, mit den Fingern an den Knöpfen ſeines Rockes herumgriff und ein Geſicht zeigte, auf welchem ſich ein tückiſcher und gemeiner Ausdruck mit der größten Angſt und Unruhe paarte. »Sehen Sie den Mann an,« flüſterte Bray ſcharf betonend.»Es iſt im Ganzen doch grauſam.“ „»Was iſt grauſam?« fragte Ralph mit einem ſo ein⸗ fältigen Geſichte, als wiſſe er wirklich nicht, was der Andere meine. »Dieſe Heirath,« antwortete Bray.»Fragen Sie nicht. Sie wiſſen es ſo gut als ich.« »Ralph zuckte die Achſeln in ſtiller Mißachtung des erwachenden Vatergefühles Bray's, zog die Augenbrauen empor, kniff die Lippen zuſammen, wie es die Leute thun, die wohl eine genügende Antwort auf irgend eine Bemerkung bereit haben, aber auf eine günſtigere Ge⸗ legenheit warten, ſie auszuſprechen, oder es kaum der MiOue werth halten, überhaupt eine Antwort zu geben. 102 Nicolaus Nickleby. »Sehen Sie ihn an. Scheint es nicht grauſam zu ſein?« ſagte Bray.— „»Nein!« antwortete Ralph keck. „Ich behaupte es doch,« entgegnete Bray einiger⸗ maßen gereizt.»Es iſt grauſam, mehr als ſchlecht und ſchändlich.« 3 Wenn Leute auf dem Punkte ſtehen, irgend eine Un⸗ gerechtigkeit zu begehen oder zu ſanctioniren, ſo ſprechen ſie nicht ſelten Mitleid mit dem Gegenſtande dieſes oder eines ähnlichen Verfahrens aus, und ſtellen ſich in die⸗ ſem Augenblicke ganz tugendhaft und moraliſch und weit über die erhaben, welche gar kein Mitleid zu erkennen geben. Es iſt dies eine Art, den Glauben über die Werke zu ſetzen und ſehr bequem. Ralph, dieſe Gerech⸗ tigkeit müſſen wir ihm widerfahren laſſen, machte ſich dieſer Heuchelei ſelten ſchuldig, verſtand aber die, welche es thaten, und ließ alſo Bray mehrmals mit großer Heftigkeit wiederholen, ſie begingen zuſammen eine ſchreckliche Grauſamkeit, ehe er wieder ein Wort ein⸗ fließen ließ. »Sie ſehen, was für ein ausgedörrter, welker, run⸗ zeliger alter Kerl er iſt,« entgegnete Ralph, als der An⸗ dere endlich ſchwieg. »Wäre er jünger, ſo könnte es grauſam ſein,— ſo aber, hören Sie, Herr Bray!l wird er bald ſterben und ſie zur reichen jungen Wittwe machen. Diesmal folgt Fräulein Madeline Ihrem Geſchmacke, das Nächſtemal mag ſie ihrem eigenen folgen.⸗« »Wahr, wahr,« ſagte Bray, der an den Nägeln kauete und offenbar ſich ſehr unheimlich fühlte.»Ich konnte für ſie nichts Beſſeres thun, als ihr rathen, dieſen Antrag anzunehmen, nicht wahr? Ich frage Sie, Herr 2— Nieolaus Rickleby. 103 Nickleby, als Mann von Welt, konnte ich etwas Beſſe⸗ res thun?« »Gewiß nicht,« antwortete Ralph.»Ich will Ihnen etwas ſagen: es giebt in einem Umkreiſe von einer Stunde hundert Väter in guten Umſtänden, wohl⸗ habende, reiche Männer, die dieſem Manne da, ob er gleich wie ein Affe und eine Mumie ausſieht, von Her⸗ zen gern Gehör und ihre Töchter dazu geben würden.⸗ »Dieſe giebt es,« rief Bray, der alles eifrig er⸗ faßte, was wie eine Rechtfertigung für ihn ausſah. »Dies habe ich ihr auch geſagt, in vergangener Nacht und heute ſchon.« „»Sie ſagten ihr die Wahrheit,« ſprach Ralph,»und Sie thaten wohl daran, obgleich ich hinzuſetzen muß, daß ich, hätte ich eine Tochter, und meine Freiheit, mein Vergnügen, ja mein Leben und meine Geſundheit hingen davon ab, daß ſie einen Mann heirathe, den ich ihr ausgeſucht, gewiß nicht nöthig hätte, noch andere Gründe anzuführen, um ſie zu bewegen, ſich meinem Wunſche zu fügen.« Bray ſah dabei Ralph an, als wolle er ſich über⸗ zeugen, ob er im Ernſt ſpreche, nickte zwei⸗ oder drei⸗ mal, um ſeine Zuſtimmung zu dieſem Ausſpruche zu er⸗ kennen zu geben, und ſagte: »Ich muß auf ein paar Minuten hinaufgehen, um das Ankleiden zu betreiben, und wenn ich wieder herun⸗ terkomme, werde ich Madelinen mit mir bringen. Wiſ⸗ ſen Sie, daß ich in voriger Nacht einen ſehr merkwür⸗ digen Traum hatte, an den ich erſt in dieſem Augen⸗ blicke wieder denké? Ich träumte, es war dieſer Mor⸗ gen, und Sie und ich hatten mit einander geſprochen wie eben in dieſer Minute, dann ging ich die Treppe hinauf in eben der Abſicht, welche mich jetzt hinaufführt; 104 Nicolaus Nickleby. ich ſtreckte meine Hand aus, um die Hand Madelinens zu faſſen und ſie herunterzuführen; da ſank der Boden unter mir ein, ich fiel eine unbeſchreiblich eutſetzliche Höhe herunter, wie ſie die Phantaſie nur im Traume denken kann und ſtürzte in ein Grab.⸗ „Uind Sie erwachten und überzeugten ſich, daß Sie auf dem Rücken lagen, oder daß Ihr Kopf an dem Bette heraushing oder daß Sie ſich den Magen ver⸗ dorben haben?« entgegnete Ralph.„»Bah, Herr Bray, machen Sie es wie ich(Sie werden jetzt Gelegenheit dazu haben, da ſich Ihnen eine Reihe von Freuden und Vergnügungen eröffnet), beſchäftigen Sie ſich bei Tage etwas mehr und Sie werden keine Zeit haben, an das zu denken, was Sie in der Nacht träumten.⸗ Ralph ſah ihm mit feſtem Blicke bis an die Thür nach, wendete ſich, als ſie wieder allein waren, an den Bräutigam und ſagte: ¹ »Merken Sie ſich, was ich Ihnen ſage, Gride, Sie werden ihm ſein Jahrgeld nicht lange zu zahlen brau⸗ chen. Sie haben immer im Kaufen ungeheuers Glück. Muß er die lange Reiſe nicht antreten, ehe viele Mo⸗ nate ins Land gehen, ſo will ich einen Kürbiß ſtatt eines Kopfes haben.« 2 Gride gab auf dieſe ſeinen Ohren ſo angenehme Prophezeiung keine andere Antwort als ein wohlgefäl⸗ liges Kichern. Ralph warf ſich auf einen Stuhl, und ſo warteten ſie Beide in tiefem Schweigen. Ralph dachte mit einem höhniſchen Lächeln auf ſeinen Lippen an das ganz veränderte Weſen Bray's an dieſem Tage, und wie bald ihr Bund zu einem ſchlechten Zwecke ſeinen Stolz heruntergebracht und eine gewiſſe Vertraulich⸗ keit zwiſchen ihnen herbeigeführt hatte, als ſein auf⸗ merkſames Ohr das Raſcheln eines weiblichen Anzuges au 2 8—— ͤ— uu N Nicolaus Nickleby. 105 auf der Treppe und die Tritte eines Mannes vernahm. „Wachen Sie auf,« ſagte er, während er ungedul⸗ dig mit dem Fuße auf den Boden ſtampfte,»und zeigen Sie, daß noch Leben in Ihnen iſt, Mann! Sie kom⸗ men. Bringen Sie Ihre alten morſchen Knochen hier⸗ her,— ſchnell, Mann, ſchnell! Gride ſtand auf, hinkte vorwärts und ſtand ſchielend und ſich verbeugend dicht neben Ralph, als die Thür aufgeriſſen wurde und eilig hereintrat— nicht Bray mit ſeiner Tochter, ſondem Nicolaus und deſſen Schweſter Käthchen. Hätte ſich eine ſcreckliche Erſcheinung aus der Schat⸗ tenwelt plötzlich ſeinen Augen dargeſtellt, Ralph Nick⸗ leby hätte ſich nicht mehr entſetzen können als über dieſe Ueberraſchung. Seine Hände ſanken ihm matt am Kör⸗ per herunter, er wankte zurück und ſtand da, ſie in ſprachloſer Wuth mit offenem Munde und leichenblaſſem Geſichte anſtierend. Seine Augen traten ſo weit aus ihren Höhlen heraus, ſein Geſicht wurde durch die Lei⸗ denſchaften, die in ihm wütheten, ſo verzerrt und ver⸗ ändert, daß man ſchwerlich in ihm den gefaßten, eis⸗ kalten, eiſenherzigen, ſtarren Mann wieder erkannt ha⸗ ben würde, der er noch eine Minute vorher geweſen war. „»Der Mann, der in voriger Nacht zu mir kam,⸗ flüſterte Gride, indem er Ralph am Elbogen zupfte. »Der Mann, der in voriger Nacht zu mir kam.« »Ich ſehe ihn,« murmelte Ralph,»ich kenne ihn. Ich hätte es vorher errathen können. Ueberall auf meinem Wege; ich mag gehen, wohin ich will, thun, was ich will, er ſtellt ſich ein.« Das Entweichen jeder Farbe von dem Geſichte, die weit ausgedehnten Naſenlöcher und das Beben der Lip⸗ 7 106 Nicolaus Nickleby. pen, die nicht ſtillhalten konnten, ſo feſt ſie auch auf einander gedrückt wurden, zeigten deutlich genug, welche gewaltigen Gefühle um die Herrſchaft in Nicolaus kämpf⸗ ten. Aber er hielt ſie nieder, drückte Käthchens Arm ſanft, um ſie wieder zu beruhigen und ſtand aufrecht und unerſchüttert ſeinem unwürdigen Verwandten gegen⸗ über. Da der Bruder und die Schweſter in edeler Hal⸗ tung neben einander ſtanden, zeigte ſich eine auffallende Aehnlichkeit zwiſchen ihnen, die vielleicht Vielen entgan⸗ gen wäre, die ſie getrennt ſahen. Die Miene, die Hal⸗ tung, der Blick und der Ausdruck des Bruders ſpiegel⸗ ten ſich in der Schweſter wieder, nur gemildert und verfeinert in weiblicher Zartheit und Anmuth. Noch auf⸗ fallender aber war eine gewiſſe nicht zu beſchreibende Aehnlichkeit mit Beiden in dem Geſichte Ralphs. Wäh⸗ rend ſie nie ſchöner geweſen waren und er nie häßlicher, während ſie nie in ſtolzerer Haltung erſchienen und er nie ſo ſehr demüthig dageſtanden, war doch dieſe Aehn⸗ lichkeit nie ſo bemerkbar, noch die Bosheit in ſeinem durch Schlechtigkeit der Seele häßlich gemachten Ge⸗ ſichte ſo offenbar geweſen. „Fort!« war das erſte Wort, das er ausſprechen konnte, während er buchſtäblich mit den Zähnen knirſchte. »Fort! Was führt Dich hierher, du Lügner— Schurke — Dieb!⸗«. »Ich bin hierher gekommen,« ſprach Nicolaus in lei⸗ ſer tiefer Stimme,»um Ihr Opfer zu retten, wenn ich es vermag. Ein Lügner und Schurke ſind Sie bei jeder Ihrer Handlungen geweſen und ein Dieb ſind Sie in Ihrem Geſchäft. Harte Worte erſchüttern mich nicht, eben ſo wenig harte Schläge. Hier ſtehe ich und weiche nicht, bis ich meine Aufgabe gelöſ't habe.⸗ ——- ——————————„—, 2ͤ— wWWn S nnun u dd 3 Nicolaus Nickleby. 107 »Mädchen,« ſagte Ralph,»entferne Dich. Gegen ihn können wir Gewalt brauchen, aber Dich möchte ich nicht verletzen, wenn ich es vermeiden kann. Geh, Du ſchwa⸗ ches albernes Mädchen; mit dem da werden wir ver⸗ fahren, wie er es verdient⸗ »Ich weiche nicht von hier,« antwortete Käthchen mit flammenden Augen, während hohe Röthe ihr Ge⸗ ſicht überzog.»Sie werden ihm kein Leid anthun, das er Ihnen nicht vergilt. Sie mögen Gewalt gegen mich brauchen; ich glaube auch, Sie werden es thun, denn ich bin ein Mädchen und es ſtände Ihnen gut an. Aber wenn ich ein ſchwaches Mädchen bin, ſo beſitze ich auch ein weibliches Herz und Sie ſind nicht der Mann, der dies in einer Sache wie dieſe von ſeiner Abſicht abzu⸗ lenken vermöchte.« »Und welches wäre denn dieſe Abſicht, erhabene Schöne?« fragte Ralph. »Dem unglücklichen Gegenſtande Ihres Verrathes in dieſem letzten Augenblicke,« entgegnete Nicolaus,»einen Zufluchtsort und eine Heimath zu bieten. Kann ſie durch näheres Anſchauen des Mannes, den Sie ihr ge⸗ ben wollen, nicht vermocht werden, ſo, hoffe ich, wird ſie ſich durch das Bitten und Flehen Einer von ihrem Geſchlechte rühren und beſtimmen laſſen. In jedem Falle ſollen ſie nicht geſpart werden, und während ich ihrem Vater geſtehe, von wem ich komme und von wem ich beauftragt bin, werde ich es für ihn zu einer noch grö⸗ ßern Niederträchtigkeit und Grauſamkeit machen, wenn er dann noch es wagt, ſie zu dieſer Heirath zu zwin⸗ gen. Ich warte hier, um ihn und ſeine Tochter zu ſe⸗ hen. Deßhab kam ich und brachte ſelbſt meine Schwe⸗ ſter vor Ihr böswilliges Geſicht. Wir haben die Abſicht 108 Nicolaus Nickleby. nicht, Sie aufzuſuchen und mit Ihnen zu ſprechen, mit Ihnen alſo reden wir kein Wort weiter.«. »Wirklich!« ſprach Ralph.»Sie verharren dabei, hier zu bleiben, Mamſell?« Der Buſen ſeiner Nichte hob ſich vor Unwillen, den er in ihr geweckt, aber ſie antwortete nicht. »Nun, Gride, ſehen Sie her,« fuhr Ralph fort.»Die⸗ ſer Menſch,— es thut mir leid—, meines Bruders Sohn, ein ausſchweifender, verworfener, mit jedem ge⸗ meinen Verbrechen befleckter Burſch,— dieſer Menſch kommt heute hierher, um eine feierliche Handlung zu ſtören, ob er wohl weiß, daß, wenn er zu ſolcher Zeit in das Haus eines Andern eindringt und ſich daraus nicht entfernen will, er auf die Straße hinausgeſtoßen und fortgeſchafft werden wird wie ein Vagabund, der er iſt,— dieſer Menſch, merken Sie wohl, bringt für ſich zum Schutze ſeine Schweſter mit, ohne zu bedenken, daß er das alberne Mädchen der Verachtung und Er⸗ niedrigung ausſetzt, die für ihn nichts Neues mehr ſind, behält ſie, wie Sie ſehen, bei ſich, nachdem ich ihr be⸗ merklich gemacht habe, was die Folge davon ſein muß und hält ſich an ihrem Kleide feſt, wie ein furchtſamer Knabe an der Schürze ſeiner Mutter. Er iſt der Mann, der ſo große Worte führen kann, wie Sie eben von ihm hörten!« „»Und wie ich in der vergangenen Nacht von ihm hörte,« ſagte Arthur Gride,»wie ich in vergangener Nacht von ihm hörte, als er ſich in mein Haus ſchlich und, hil hil hil ſehr bald wieder hinausſchlich, da ich ihn faſt zu Tode erſchreckte. Und er will Fräulein Ma⸗ deline heirathen! Du lieber Gott! Wünſcht er vielleicht ſonſt noch etwas,— können wir ſonſt noch etwas für ihn thun— als daß wir das Mädchen aufgehen? Sollen — Nicolaus Nickleby. 109 wir ihm vielleicht ſeine Schulden bezahlen oder ſeine Wohnung meubliren, wenn er eine hat? hil hil hi!« »Du willſt dableiben, Mädchen?« fragte Ralph, indem er ſich wieder an Käthchen wendete,»willſt Dich die Treppe hinunterwerfen laſſen,— was ſicher geſchieht, ich ſchwöre es Euch zu! wenn Ihr hier bleibt? Keine Antwort? Danke Deinem Bruder für die Folgen. Gride, rufen Sie Bray herunter und nicht ſeine Tochter. Sie ſoll oben bleiben.« »Wenn Ihnen Ihr Kopf lieb iſt,« ſagte Nicolaus, indem er eine Stellung an der Thür nahm, in dem früheren leiſen Tone ſprach und ohne äußerlich größere Leidenſchaft zu verrathen als vorher,»ſo bleiben Sie, wo Sie ſind.« »Hören Sie auf mich und nicht auf ihn und rufen Sie Bray herunter,“« ſagte Ralph. »Achten Sie mehr auf ſich ſelbſt als auf einen von uns, und bleiben Sie, wo Sie ſind,“ entgegnete Nico⸗ laus. »Werden Sie Bray herunterrufen?« rief Ralph hitzig. »Bedenken Sie, was Sie wagen, wenn Sie mir nahe kommen,« ſagte Nicolaus. Gride zögerte, Ralph, der in dieſem Augenblicke ſo wüthend war, wie ein gereizter Tiger, eilte nach der Thür zu und faßte, als wenn Käthchen vorüber⸗ gehen wollte, deren Arm rauh mit ſeiner Hand. Nico⸗ laus ergriff ihn, während Blitze aus ſeinen Augen ſchoſſen, am Kragen. In demſelben Augenblicke fiel oben mit großer Gewalt ein ſchwerer Körper auf den Boden und gleich darauf hörte man einen entſetzlichen herzzer⸗ reißenden Schrei. Alle ſtanden ſtill und ſahen einander an. Schrei folgte auf Schrei; man hörte oben ein haſtiges Hin⸗ 3 110 Nicolaus Nickleby. und Herlaufen und mehrere gellende Stimmen ſchrien laut: ver iſt todt!« »Aus dem Wege!« rief Nicolaus, der nun in die heftige Leidenſchaft losbrach, welche er bis jetzt zurück⸗ gehalten hatte,»wenn oben geſchehen iſt, was ich kaum zu hoffen wage, ſo ſeid Ihr Böſewichter in Euerm eig⸗ nen Netz gefangen.« Er eilte aus dem Zimmer hinaus, ſprang die Treppe hinauf nach der Gegend hin, aus welcher der Lärm kam, bahnte ſich einen Weg durch eine Menge Perſo⸗ nen, welche eine kleine Schlafkammer füllten und ſah Bray todt am Boden liegen, während Madeline den Leichnam umſchlungen hielt. »Wie geſchah dies?« fragte er, indem er ſich mit wildem Blick umſah. Mehrere Stimme antworteten zu gleicher Zeit, man habe ihn durch die halb offenſtehende Thür hindurch in einer ſeltſamen und unnatürlichen Stellung auf einem Stuhle ſitzen oder vielmehr lehnen ſehen, habe ihn mehr⸗ mals angeredet und da er nicht geantwortet, geglaubt, er ſei eingeſchlafen, bis Jemand hingegangen und ihn am Arme geſchüttelt, worauf er herunter auf den Bo⸗ den gefallen ſei und man ſich überzeugt habe, daß er geſtorben. »Wer iſt der Beſitzer dieſes Hauſes 2⸗ fragte Nico⸗ laus ſchnell. Man zeigte ihm eine ältliche Frau und zu dieſer ſagte er, während er niederkniete und ſanft Madelinens Arme von dem lebloſen Körper losmachte, um den ſie geſchlungen waren: vich vertrete hier dieſes Mädchens nächſte Freunde, wie es der Magd bekannt iſt, und muß ſie von dieſem ſchrecklichen Schauplatze entfernen. Dies iſt meine Schweſter, deren Pflege Sie die Arme anver⸗ —————— ——9————— ¶5——P—,„——,—— —ã oe— —— u— VB u—S u Nicolaus Nickleby. 111 trauen. Mein Name und meine Wohnung ſtehen auf dieſer Karte und Sie werden von mir die nöthigen An⸗ weiſungen zu den Anordnungen erhalten, die getroffen werden müſſen. Nun aber gehen Sie um Gottes Wil⸗ len! Alle und machen Sie mir Platz!« Die Leute wichen zurück und wußten nicht, worüber ſie ſich mehr verwundern ſollten, über das Vorgefallene oder über die Aufregung und Heftigkeit deſſen, der ſprach. Nicolaus dagegen nahm das beſinnungsloſe Mädchen auf ſeine Arme und trug ſie aus der Kammer und die Treppe hinunter in das Zimmer, das er eben verlaſſen hatte, gefolgt von ſeiner Schweſter und der treuen Magd, die er ſogleich nach einem Wagen ſchickte, während er und Käthchen ſich über ihren ſchönen Pfleg⸗ ling beugten und leider! vergebens ſich bemüheten, die Arme wieder ins Leben zurückgerufen. Die Magd rich⸗ tete ihren Auftrag ſo ſchnell aus, daß nach einigen Mi⸗ nuten die Kutſche bereit ſtand. Ralph Nickleby und Gride, durch das ſchreckliche Er⸗ eigniß betäubt und gelähmt, das ſo unerwartet ihre Pläne geſtürzt hatte(außerdem würde es wahrſcheinlich keinen ſo bedeutenden Eindruck auf ſie gemacht haben), und von der außerordentlichen Energie und Eile des Nicolaus bei Seite gedrängt, ſahen wie im Traume alles mit an, was geſchah. Erſt als alle Vorbereitun⸗ gen zum Fortbringen Madelinens beendiget waren, brach Ralph das Schweigen indem er erklärte, ſie dürfe nicht fortgebracht werden. 1 »Wer ſagt das?« fragte Nicolaus, indem er von ſeinen Knieen aufſprang und den beiden Männern ent⸗ gegentrat, aber immer Madelinens lebloſe Hand in der ſeinigen behielt. »Ich!« antwortete Ralph heiſer. 112 Nicolaus Nickleby⸗ »Still! ſtill!« rief der erſchrockene Gride, indem er ihn wieder am Arme faßte.»Hören Sie, was er ſagt.« »Ja,« ſagte Nicolaus, indem er ſeine freie Hand weit ausſtreckte,»hört, was er ſagt. Daß ſeine Schuld an Euch Beiden in der einzigen großen Schuld an die Natur bezahlt iſt,— daß der heute um zwölf Uhr fäl⸗ lige Wechſel ein nutzloſes Papier iſt,— daß Euer beab⸗ ſichtigter Betrug doch noch entdeckt werden ſoll,— daß Eure Entwürfe den Menſchen bekannt ſind und von Gott vereittelt werden, Ihr Elenden, und daß ich Euch herausfordere zu thun, was Euch beliebt.« „»Dieſer Mann,“ ſprach Ralph mit kaum vernehm⸗ licher Stimme,»dieſer Mann verlangt ſeine Frau und er muß ſie haben.« »Dieſer Mann verlangt, was nicht ſein iſt, und er wird ſie nicht bekommen, wäre er funfzig Männer und ſtänden ihm noch funfzig zur Seite,« ſagte Nicolaus. „Wer will ihn hindern?« „»Ich.«. »Nach welchem Rechte, daß möcht' ich wohl wiſſen?« ſagte Ralph.»Nach welchem Rechte, frage ich 2« »Nach dem Rechte, daß Ihr nach dem, was ich weiß, mich nicht weiter zu treiben ſuchen werdet,« ant⸗ wortete Nicolaus,»und nach dem Rechte, daß die, wel⸗ chen ich diene, und bei denen Sie mich anzuſchwärzen und zu beleidigen ſuchten, ihre nächſten und theueeſten Freunde ſind. In deren Namen bringe ich ſie fort. Platz da!« „Ein Wort noch!« rief Ralph mit Schaum vor dem Munde. „Nicht eines,« antwortete Nicolaus,»nicht eines höre ich von Ihnen. Denken Sie an ſich ſelbſt und beachten ————-——— Nicolaus Nickleby. 113 Sie die Warnung, die ich Ihnen gebe. Ihr Tag iſt vorüber und die Nacht kommt heran.« »Meinen Fluch auf Dich, Knabe!« „»Wann wird ein Fluch auf Ihr Geſuch eintreffen? Was ſchadet ein Fluch, was nützt ein Segen von Ihnen? Ich ſage Ihnen, daß Unglück und Entdeckung über Sie heranzie⸗ hen; daß die Gebäude, die Sie in Ihrem übelange⸗ wendeten Leben errichteten, in Staub zuſammenfallen; daß Ihr Pfad von Spionen bewacht wird; daß an die⸗ ſem Tage, heute, zehntauſend Pfund von Ihrem aufge⸗ häuften Reichthume mit einem Male verloren gingen.« „»Es iſt nicht wahr!« rief Ralph zurückweichend. „»Es iſt wahr; Sie werden ſich wohl überzeu⸗ gen. Ich habe keine Worte mehr zu verſchwenden. Platz an der Thür! Käthchen, geh' voran. Rühren Sie meine Schweſter oder dies Mädchen oder mich nicht an,— ſonſt wehe Ihnen!« Arthur Gride befand ſich in der Hausthür, ob ab⸗ ſichtlich oder aus Verwirrung ließ ſich nicht erkennen. Nicolaus ſchleuderte ihn mit ſolcher Gewalt bei Seite, daß er ſich in der Flur herumdrehete, endlich an eine ſcharfe Ecke der Wand taumelte und da niederſtürzte; dann nahm er ſeine ſchöne Bürde auf den Arm und eilte mit ihr hinaus. Niemand dachte daran, ihn auf⸗ zuhalten. Er bahnte ſich einen Weg durch das Volk, das ſich auf das Gerücht von dem Vorgefallenen vor dem Hauſe verſammelt hatte, trug Madeline in ſeiner großen Aufregung ſo leicht, als ſei ſie ein Kind, er⸗ reichte die Kutſche, in welcher Käthchen und die Magd bereits warteten, übergab ihnen die Ohnmächtige, ſchwang ſich neben den Kutſcher hinauf und trieb dieſen an, fortzufahren. Nicolaus Nickleby. VII. 8 114 Nicolaus Nickleby. Sechstes Kapitel Von Familienangelegenheiten, Sorgen, Hoffnungen und Täu⸗ ſchungen. Obgleich Madame Nickleby durch ihren Sohn und ihre Tochter von jedem ihnen bekannten Umſtande aus der Geſchichte der jungen Madeline Bray unterrichtet worden war; obgleich man ihr die verantwortliche Stellung ſorgfältig erklärt, in welcher ſich Nicolaus be⸗ fand, und ſie ſelbſt auf die Möglichkeit vorbereitet hatten, daß ſie das Mädchen könne in das Haus aufnehmen müſſen— ſo unwahrſcheinlich auch ein ſolches Reſultat einige Minuten, ehe es eintrat, geweſen,— ſo hielt ſie ſich doch von dem Augenblicke an, als ihr die Sache mitgetheilt wurde, und zwar ſpät am vergangenen Abende, für myſtifizirt oder doch für keineswegs aufgeklärt, und alle Erklärungen und Auseinanderſetzungen vermochten ſie nicht aus dieſem Zuſtande zu reißen. „»Aber, liebes Käthchen,« ſagte die gute Frau,»wenn die Herren Cheerybles nicht zugeben wollen, daß das junge Mädchen verheirathet werde, warum ſtellen ſie ſie nicht unter die Vormundſchaft des Lord Kanzlers und laſſen ſie der Sicherheit wegen nicht in das Flottenge⸗ fängniß bringen? Ich habe von ſolchen Dingen hun⸗ dertmal in den Zeitungen geleſen. Oder, wenn ſie das Mädchen ſo ſehr lieben, wie Nicolaus erzählt, warum heirathen ſie ſie nicht ſelbſt,— einer von ihnen näm⸗ lich? und ſelbſt angenommen, ſie wollten fie nicht ver⸗ heirathet ſehen, ſie wollten ſie auch nicht ſelbſt heirathen, — warum ſoll denn Nicolaus umherlaufen und die Hoch⸗ zeit anderer Leute ſtören?« Nicolaus Nickleby. 115 »Ich glaube, Du haſt die Sache noch nicht recht verſtanden,« ſagte Käthchen ſanft. »Nun, liebes Käthchen, Du biſt wirklich ſehr artig,⸗ antwortete Madame Nickleby.»Ich habe doch ſelbſt ge⸗ heirathet, hoffe ich, und habe auch andere Leute ſich ver⸗ heirathen ſehen. Ich ſoll die Sache nicht verſtehen!⸗ »Ich weiß es, liebe Mutter, daß Du darin ſehr er⸗ fahren biſt,« ſagte Käthchen;»ich meine aber, Du haſt noch nicht alle Umſtände in dieſem Falle verſtanden. Wir haben ſie Dir wahrſcheinlich nicht deutlich genug auseinandergeſetzt.« »Das iſt ſehr wahrſcheinlich,« entgegnete die Mut⸗ ter ſchnell.»Das iſt ſehr wahrſcheinlich. Mir darf man dabei die Schuld nicht zuſchreiben, obgleich ich, da die Umſtände für ſich ſelbſt ſprechen, mir die Freiheit nehmen will, meine Tochter, und Dir ſagen, daß ich ſie verſtehe, recht wohl verſtehe, was Ihr, Du oder Nico⸗ laus, auch von dem Gegentheile glauben möget. War⸗ um wird denn ſo viel Aufhebens davon gemacht, daß dieſe Madeline einen Mann heirathen ſoll, der älter iſt als ſie? Dein armer Vater war auch älter als ich,— fünftehalb Jahr.— Johanne Dibabs,— Dibabſens wohnten in dem ſchönen kleinen, ſtrohgedeckten, weißen Hauſe, das nur ein Stockwerk hatte, über und über mit Epheu und Kletterpflanzen bedeckt war, ein ſehr hübſches kleines Portal mit verſchlungenem Jelängerjelieber und allerhand hatte, wo Einem die Ohrwürmer an Sommer⸗ abenden gewöhnlich in den Thee ſielen und immer auf den Rücken ſtürzten, ſo daß ſie erſchrecklich zappelten, und wo die Fröſche hinter die Jalouſien krochen und dann durch die Fenſter hereinſahen wie Chriſten,— Johanne Dibabs heirathete auch einen Mann, der viel älter war als ſie, und wollte ihn heirathen, man mochte dage⸗ 8* 116 Nicolaus Nickleby. gen ſagen, was man wollte, und ſie war in ihn ſo ver⸗ liebt, wie ich in meinem Leben nicht desgleichen ge⸗ ſehen habe. Man machte kein Aufhebens wegen Jo⸗ hanne Dibabs, und ihr Mann war ein höchſt ehrenwer⸗ ther, vortrefflicher Mann und Jedermann wußte nur Gutes von ihm zu erzählen. Warum macht man denn ein ſo großes Aufheben wegen dieſer Madeline?« »Der Mann, den ſie heirathen ſoll, iſt viel älter; er iſt nicht ihre Wahl und ſein Character iſt das gerade Gegentheil von dem, welchen Du eben beſchrieben haſt. Siehſt Du nicht einen großen Unterſchied in den beiden Fällen?« ſagte Käthchen. Darauf antwortete Madame Nickleby weiter nichts als: ſie müſſe doch ſehr dumm ſein, und ſie ſei es ge⸗ wiß auch, denn ihre eigenen Kinder gäben es ihr jeden Tag deutlich genug zu verſtehen. Sie ſei freilich etwas älter als Beide, und unverſtändige Leute ſagten oder dächten vielleicht, ſie müſſe mehr wiſſen als ihre Kinder; aber ſie habe ohne Zweifel Unrecht, ja, ja, ſie habe Unrecht,— ſie habe immer Unrecht,— ſie könne nicht Recht haben,— von ihr laſſe ſich dies gar nicht erwar⸗ ten,— und ſie thue alſo beſſer, wenn ſie ſich nie wieder bloßgebe. Eine Stunde lang gab die gute Frau auf alle Bitten und Zugeſtändniſſe Käthchens keine andere Antwort als:— natürlich, ganz gewiß,— warum frag⸗ ten ſie ſie,— ihre Meinung ſei von gar keiner Be⸗ deutung,— es komme gar nichts darauf an, was ſie ſage,«— und dergleichen Reden mehr. In dieſer Stimmung(die ſich, als ſie endlich auf das Reden ganz und gar verzichtete, durch Nicken mit dem Kopfe, durch Aufblicken gen Himmel, durch kleine Anfänge zu Seufzern ausſprach, welche aber, ſobald ſie Aufmerkſamkeit erregten, in ein kurzes Hüſteln verwan⸗ 8 8— bö—6— 8898 88— n— AH 0 ⏑——y Nicolaus Nickleby. 117 delt wurden) blieb Madame Nickleby, bis Nicolaus und Käthchen mit dem Gegenſtande ihrer Sorgfalt zurück⸗ kehrten. Da ſie unterdeß bei ſich ihre eigene Wichtigkeit vertheidigt und angefangen hatte, Antheil an den Leiden eines ſo jungen und ſo ſchönen Mädchens zu nehmen, ſo zeigte ſie nicht bloß den größten Eifer und die äußerſte Sorgfalt, ſondern empfahl auch das Verfahren, welches ihr Sohn eingeſchlagen hatte, erklärte mehrmals mit einem ausdrucksvollen Blicke, es ſei ſehr gut, daß es ſo gekommen, wie es gekommen und deutete darauf hin, daß man es nie dahin gebracht haben würde, hätte ſie nicht ihren Sohn ermuntert und durch ihre klugen Rath⸗ ſchläge unterſtützt. Ohne weiter in die Sache einzugehen, ob Madame Nickleby ſo großen Antheil daran gehabt hatte oder nicht, daß die Sache ſo gekommen, iſt nur zu erwähnen, daß ſie alle Urſache hatte, ſich darüber zu freuen. Die Brüder machten nach ihrer Rückkehr dem Nicolaus ſo große Lobſprüche über ſein Verfahren und äußerten ſo große Freude über den veränderten Zuſtand der Dinge und über die Erlöſung ihrer jungen Freundin von ſo ſchrecklichen Leiden und ſo drohenden Gefahren, daß ſie, wie ſie ſich mehr als einmal gegen ihre Tochter äußerte, das Glück der Familie nun»für ſo gut als gemacht« anſehe. Herr Karl Cheeryble hatte wirklich, wie Ma⸗ dame Nickleby beſtimmt behauptete, im erſten Erſtaunen und in der erſten Freude dies„ſo gut als« geſagt, und ſie nahm, ohne ſich deutlich darüber auszuſprechen, was ſie eigentlich meine, ſobald ſie den Gegenſtand erwähnt hatte, eine ſo geheimnißvolle und wichtige Miene an, und ſah ſo viel Reichthum und eine ſo hohe Stellung in der Zukunft, daß ſie in dieſen Augenblicken faſt ſo glücklich war, als wäre für ſie nun dauernd und glän⸗ 118 Nicolaus Nickleby. zend geſorgt und als hätten alle ihre Sorgen ein Ende. Für Madelinens Kraft war der plötzliche und ſchreck⸗ liche Schlag, den ſie erlitten, zu viel, zumal er eintrat, nachdem ſie lange ſchmerzlich betrübt geweſen war und die höchſte Seelenangſt empfunden hatte. Zwar erholte ſie ſich aus der Betäubung, in welche der plötzliche Tod ihres Vaters ſie zum Glück verſetzt hatte, aber nur, um in eine heftige und gefährliche Krankheit zu verfallen. Wenn die zarten phyſiſchen Kräfte endlich nachgeben, welche durch eine übermäßige Anſtrengung der Geiſtes⸗ kraft und den feſten Entſchluß, nicht zu wanken, bisher aufrecht erhalten worden ſind, ſo ſteht meiſt ihre Nie⸗ derlage in Verhältniß zu der Größe der Anſtrengung, die es vorher gekoſtet hat, ſie aufrecht zu halten. Des⸗ halb war die Krankheit, welche Madelinen befiel, weder leicht noch ſchnell vorübergehend, ſondern bedrohte eine Zeitlang ihren Verſtand und— was kaum ſchlimmer iſt— ihr Leben. Wer, wenn er ſich langſam von einer ſo ſchweren und gefährlichen Krankheit erholt, hätte unempfindlich ſein können gegen die unabläſſige Aufmerkſamkeit einer ſolchen Pflegerin wie das ſanfte, zärtliche, ernſte Käth⸗ chen? Auf wen aber konnte die liebliche, ſanfte Stimme, der leiſe Tritt, die weiche Hand, das ruhige, freundliche, geräuſchloſe Vollbringen jener tauſend kleinen Handrei⸗ chungen und Aufmerkſamkeiten, die wir ſo tief empfinden in der Krankheit, und ſo leicht vergeſſen, wenn wir ge⸗ ſund ſind,— auf wen konnten ſie einen ſo tiefen Ein⸗ druck machen als auf ein junges Herz, das ſo reich war an reiner, echter Liebe, aber die Zärtlichkeit und Auf⸗ opferung ihres eigenen Geſchlechtes noch nie an ſich ſelbſt erfahren— nur geübt hatte, und durch Noth und Lei⸗ den für die ihm ſo lange unbekannte und ſo lange ver⸗ 1 V N—:iõ— „88 n— 3ͤ—— Nicolaus Nickleby. 119 gebens erſehnte Theilnahme ſo empfänglich geworden war? Iſt es zu verwundern, daß ſie in Tagen ſo feſt an einander gekettet wurden, als hätten ſie Jahre mit einander verlebt? Iſt es zu verwundern, daß ſie mit jeder Stunde der wiederkehrenden Geſundheit lieber und inniger das Lob anerkannte, welches Käthchen, wenn ſie ſich an ſonſtige Begebenheiten erinnerten,— ſie ſchienen jetzt ſchon längſt, ſchon jahrelang vorüber zu ſein— ih⸗ rem Bruder ertheilte? Wäre es ſelbſt zu verwundern geweſen, wenn jenes Lob eine ſchnelle Antwort in der Bruſt Madelinens gefunden hätte und wenn, da das Bild des jungen Mannes ihr ſo oft in den Zügen ſeiner Schweſter entgegentrat, daß ſie Beide kaum zu trennen vermochte, ihr es bisweilen ſchwer geworden wäre, Je⸗ dem von Beiden genau die Gefühle zuzutheilen, die ſie ihr anfänglich eingeflößt hatten, wenn ſie vielmehr un⸗ willkürlich mit der Dankbarkeit gegen Nicolaus etwas von dem wärmern Gefühle vermiſcht hätte, das ſie für Käthchen hegte? »Mein liebes Kind,« pflegte Madame Nickleby zu ſagen, indem ſie mit einer ſtudirten Vorſicht in das Zimmer trat, welche die Nerven eines Kranken mehr angreift, als es geſchehen würde, wenn ein Reiter her⸗ eingalopirte,»wie befinden Sie ſich heute Abend! Ich hoffe, es geht beſſer.⸗ »Faſt gut, Mutter,« antwortete Käthchen dann, indem ſie ihre Arbeit weglegte und Madelinens Hand in die ihrige nahm. »Käthchen,« ſagte dann Madame Nickleby vorwurfs⸗ voll,»ſprich nicht ſo laut.(Die würdige Frau ſelbſt ſprach in einem Geflüſter, das das Blut des ſtärkſten Mannes in den Adern hätte erſtarren können.) Käthchen nahm den Vorwurf ruhig hin und Madame 120 Nicolaus Nickleby. Nickleby ſetzte hinzu, während jede Diele knarrte, indem ſie vorſichtig umherſchritt:— »Eben iſt mein Sohn Nicolaus nach Hauſe gekom⸗ men und ich finde mich wie gewöhnlich ein, um von Ihren eigenen Lippen zu hören, wie Sie ſich befinden, denn mir glaubt er nicht und er wird mir nie glauben.« »Er kommt heute ſpäter als gewöhnlich,« antwortete vielleicht Madeline.»Wohl eine halbe Stunde.« „»Hab' ich doch in meinem Leben keine ſolche Leute geſehen, wie Sie manchmal ſind!« entgegnete dann Ma⸗ dame Nickleby in großem Erſtaunen;»ich kann Sie verſichern, mir iſt es durchaus nicht aufgefallen, daß Nicolaus länger geblieben wäre,— nicht im mindeſten. Herr Nickleby pflegte zu ſagen— ich meine Deinen ar⸗ men Vater, liebes Käthchen,— pflegte zu ſagen, Hun⸗ ger ſei der beſte Koch in der Welt, aber Sie haben kei⸗ nen Hunger, meine liebe Bray; ich wünſche, Sie hät⸗ ten Hunger und ich glaube auch wirklich, ſie müſſen et⸗ was einnehmen, das Sie hungerig macht. Ich weiß es nicht gewiß, ich denke aber, ich habe es gehört, daß zwei oder drei Dutzend Krebſe Appetit machen. Das iſt aber einerlei, denn meiner Meinung nach müſſen Sie ſchon Appetit haben, ehe Sie die Krebſe eſſen. Wenn ich Krebſe ſagte, ſo meine ich Auſtern; im Ganzen iſt es doch einerlei, aber wie Sie wußten, daß Nicolaus—« »Wir hatten eben von ihm geſprochen, liebe Mutter.« „»Du ſcheinſt mir nie von etwas Anderm zu ſprechen, Kälhchen, und ich wundere mich wirklich, daß Du ſo ganz gedankenlos biſt. Es giebt Dinge genug, über die man bisweilen ſprechen kann, und wenn Du weißt, wie viel darauf ankommt, Fräulein Bray bei gutem Muthe zu erhalten, ſie zu intereſſiren und Alles das, ſo kann ich wirklich nicht begreifen und es kommt mir ganz ſon⸗ ————--— 3 —& 2 Nicolaus Nickleby. 121 derbar vor, daß Du immer und ewig von einem und demſelben Dinge ſprichſt. Du biſt eine ſehr freundliche Krankenwärterin, Käthchen, und eine ſehr gute, und ich weiß es, Du meinſt es gut, aber ich ſage weiter nichts, als daß, wenn ich nicht wäre, ich nicht weiß, was aus Fräulein Bray's gutem Muthe werden ſollte, und das ſage ich dem Doctor alle Tage. Er meint, er wundere ſich, wie ich den meinigen erhalte, und ich wundere mich wirklich manchmal ſelbſt, wie mir es möglich iſt, immer ſo aufgeräumt zu ſein. Es iſt eine Anſtrengung, aber ich muß ſie machen, da ich recht gut weiß, wie viel von mir in dieſem Hauſe abhängt. Es iſt nichts dabei zu loben, es muß geſchehen und deshalb thue ich es.« Während dieſer Worte nahm Madame Nickleby einen Stuhl und ſprach etwa drei Viertelſtunden lang von ei⸗ ner großen Menge gar nicht zuſammenpaſſender Gegen⸗ ſtände in der unzuſammenhängendſten Weiſe, bis ſie ſich endlich mit Gewalt losriß und ſich dabei damit ent⸗ ſchuldigte, ſie müſſe nun gehen und Nicolaus unterhal⸗ ten, während er ſein Abendeſſen genieße. Nachdem ſie ihn durch die Nachricht erſchreckt hatte, ſie halte den Zu⸗ ſtand der Kranken beſtimmt für ſchlimmer, erzählte ſie, wie niedergeſchlagen, wie muthlos Fräulein Bray ſei, weil Käthchen alberner Weiſe immer nur von ihm und von Familienangelegenheiten mit ihm ſpreche. Wenn ſie durch ſolche und ähnliche Bemerkungen Nicolaus glücklich gemacht hatte, ließ ſie ſich weitläufig über die ſchweren Pflichten aus, welche ſie dieſen Tag erfüllt, und vergoß bisweilen wohl ſogar Thränen bei dem Ge⸗ danken, was wohl aus der Familie werden würde, wenn ihr ſelbſt etwas zuſtoße. Bisweilen, wenn Nicolaus Abends nach Hauſe kam, * . 122 Nicolaus Nickleby. begleitete ihn Herr Frank Cheeryble, der von den Brü⸗ dern den Auftrag erhalten hatte, ſich zu erkundigen, wie es Madeline dieſen Abend gehe. Bei dieſen Gelegen⸗ heiten(und ſie kamen ſehr häufig vor) hielt es Madame Nickleby für beſonders wichtig, allen ihren Geiſt und Scharfſinn zu zeigen; denn ſie muthmaßte ſchlan nach gewiſſen Zeichen und Merkmalen, die ihre Aufmerkſam⸗ keit auf ſich gezogen hatten, daß Herr Frank, ſo großen Antheil auch ſeine Oheime an Madeline nahmen, eben ſo ſehr komme, um Käthchen zu ſehen, als ſich nach Ma⸗ deline zu erkundigen, zumal da die Brüder immer mit dem Arzte verkehrten, ſehr häuſig ſelbſt kamen, um ſich zu überzeugen, und von Nicolaus jeden Morgen eine ausführliche Schilderung erhielten. Das war eine ſtolze Zeit für Madame Nickleby, und gewiß Niemand konnte halb ſo verſchwiegen und dabei halb ſo geheimnißvoll ſein. Sicherlich wurden nie tiefſinnigere, ſchlauere Pläne entworfen gleich den ihrigen, um ſich zu überzeugen, ob ihre Muthmaßungen begründet wären, und, wenn dies der Fall war, ihn zu bewegen, ſie ins Vertrauen zu zie⸗ hen und ſich ihrer Klugheit auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Das ſchwere und leichte Geſchütz war unge⸗ mein bedeutend, welches Madame Nickleby ſpielen ließ, um dieſe großen Pläne durchzuſetzen, und verſchiedenar⸗ tig, oft einander entgegengeſetzt die Mittel, die ſie an⸗ wendete, um den Zweck, den ſie vor Augen hatte, zu erreichen. Einmal war ſie die Herzlichkeit und Freund⸗ lichkeit ſelbſt, ein anderes Mal wieder ganz ſteif und kalt. Einmal ſchien ſie ihrem unglücklichen Opfer ihr ganzes Herz öffnen zu wollen und das nächſte Mal, wann ſie einander wiederſahen, empfing ſie ihn mit der ſtudirteſten Zurückhaltung, als ſei ihr ein neues Licht aufgegangen, als habe ſie ſeine Abſichten errathen und +ꝙs—- Sͤh— Sͤ ͤ—,— ———,————— 8 88F R R A8 N N&& ⏑ BSUE R B — N — ù n— Aà„— ——— Nieolaus Nickleby. 123 ſich vorgenommen, dieſelben im Keime zu erſticken, als halte ſie es für ihre Pflicht, mit ſpartaniſcher Unbeug⸗ ſamkeit zu handeln, und mit einem Male, wie für im⸗ mer, Hoffnungen zu vereiteln, die nie erfüllt werden könnten. Ein anderes Mal wieder, wenn Nicolaus nicht zugegen war und Käthchen ſich oben befand, emſig ihre kranke Freundin pflegend, ließ die würdige Frau einzelne dunkele Winke von einer Abſicht fallen, ihre Tochter nach Frankreich auf drei oder vier Jahre zu ſchicken oder nach Schottland, damit ſich dort ihr Ge⸗ ſundheitszuſtand beſſere, der durch die Anſtrengungen in der letzten Zeit ſehr gelitten habe, oder wohl gar nach Amerika auf einen Beſuch oder ſonſt irgend wohin, um eine lange und peinliche Trennung zu veranlaſſen. Ja ſie ging ſelbſt ſo weit, dunkel eine Neigung anzudeu⸗ ten, die der Sohn eines ihrer ehemaligen Nachbarn, ein gewiſſer Horatio Peltirogus(ein junger Menſch, der damals vier Jahre oder da herum alt ſein konnte) für ihre Tochter hege, und die Sache ſo darzuſtellen, als ſei ſie zwiſchen den Familien bereits abgemacht und warte⸗ ten ſie nur noch auf ihrer Tochter ſchließliche Entſchei⸗ dung, um ſie zur unausſprechlichen Freude und Zufrie⸗ denheit Aller durch den Segen der Kirche zu weihen. In allem Stolze und Ruhme darüber, dieſe letzte Mine eines Abends geſprengt zu haben, und zwar mit außerordentlichem Erfolge, benutzte Madame Nickleby die Gelegenheit, als ſie mit ihrem Sohne allein war, ehe ſie ſich zur Ruhe begaben, um ihn des Gegenſtandes wegen zu ſondiren, der ihre Gedanken ſo ſehr beſchäf⸗ tigte. Sie zweifelte nicht im mindeſten, daß ſie darüber vollkommen einer Meinung wären. Zu dieſem Zwecke ging ſie auf die Sache mit verſchiedenen rühmenden und 124 Nicolaus Nickleby. ganz geeigneten Bemerkungen über die Liebenswürdig⸗ keit des Herrn Frank Cheeryble im Allgemeinen los. „»Da haſt Du ganz Recht, Mutter,“ ſagte Nicolaus, „ganz Recht. Er iſt ein ſchöner junger Mann.« »Er ſieht recht gut aus,« ſagte Madame Nickleby. „»Ganz gewiß ſieht er recht gut aus,« antwortete Nicolaus. »Wie nennſt Du ſeine Naſe, lieber Sohn?« fuhr Madame Nickleby fort, welche ihren Sohn für die Sache vollkommen zu intereſſiren wünſchte. Wie ich ſie nenne? wiederholte Nicolaus. »Ja,« entgegnete die Mutter,»welcher Styl von Naſe,— welche Ordnung von Architektur, wenn man ſo ſagen darf. Ich bin in Naſen nicht ſehr gelehrt. Nennſt Du ſie eine griechiſche oder römiſche Naſe?« „»Wahrhaftig, Mutter,« ſagte Nicolaus lachend,„ſo weit ich mich ihrer erinnere, muß ich ſie eine gemiſchte nennen. Aber ich erinnere mich ihrer nicht ganz genau, will ſie jedoch, wenn Dir es Freude machen ſollte, ge⸗ nauer in Augenſchein nehmen und Dir meine Beobach⸗ tungen mittheilen.« „Thue das, lieber Sohn,« antwortete Madame Nickleby mit einein ernſten Blicke. »Sehr gern,« entgegnete Nicolaus.»Ich werde es nicht vergeſſen.« Nicolaus las in dem Buche weiter, das er in der Hand gehabt hatte, als das Geſpräch ſo weit gekommen war. Madame Nickleby fuhr jedoch fort, nachdem ſie eine Zeitlang nachgedacht hatte. „Er hängt ſehr an Dir, lieber Nicolaus.« Nicolaus entgegnete lächelnd, indem er das Buch zuſchlug, es freue ihn ſehr, dies zu hören, und bemerkte g⸗ 8, Niecolaus Nickleby. 125 dann, ſeine Mutter ſcheine bereits von dem neuen Freunde mit großem Vertrauen beehrt worden zu ſein. „»Hm!« ſagte Madame Nickleby;„das weiß ich ge⸗ rade nicht, lieber Sohn, aber ich halte es für ſehr noth⸗ wendig, daß Jemand ſein Vertrauen genieße,— für ſehr nothwendig.“ Ein neugieriger Blick ihres Sohnes, und das Be⸗ wußtſein, ein großes Geheimniß ganz allein zu beſitzen, erhob Madame Nickleby und ſie fuhr ſehr lebhaft fort: »Wirklich, lieber Nicolaus, ich begreife es nicht, wie Dir es hat entgehen können, wiewohl ich geſtehen muß, daß in ſolchen Dingen— bis zu einem gewiſſen Grade natürlich— viel liegt, beſonders im Anfange, was den Männern offenbar nicht bemerklich iſt, während die Frauenzimmer es ſogleich durchſchauen. Ich will nicht behaupten, daß ich in ſolchen Dingen einen beſonders ſcharfen Blick habe. Es iſt wohl möglich; wer um mich iſt, ſollte dies am beſten wiſſen, und vielleicht weiß man es auch. Ich will darüber keine Meinung ausſprechen, — es würde ſich für mich nicht ſchicken; ich laſſe dies ganz aus dem Spiele,— ganz und gar.« Nicolaus putzte die Lichter, ſteckte die Hände in die Taſchen, lehnte ſich in dem Stuhle zurück und nahm ein Ausſehen von leidender und trauriger Ergebung an. »Ich halte es für meine Pflicht, lieber Nicolaus,“« fuhr ſeine Mutter fort,»Dir zu ſagen, was ich weiß, nicht nur weil Du ein Recht haſt, es auch zu wiſſen und alles zu wiſſen, was in der Familie vorgeht, ſon⸗ dern weil es in Deiner Macht ſteht, die Sache ſehr zu fördern und zu unterſtützen, und ohne Zweifel iſt es immer beſſer, wenn man in ſolchen Dingen ſobald als möglich klar ſieht. Du kannſt viel und mancherlei dabei thun, 3. B. einen Spaziergang in den Garten machen, oder eine 126 Nicolaus Nickleby. Zeitlang in Deinem Zimmer oben bleiben, oder Dich manchmal ſtellen, als wäreſt Du eingeſchlafen, oder als hätteſt Du etwas vergeſſen und dann auf eine oder ein Paar Stunden fortgehen und den Smike mit Dir neh⸗ men. Das ſcheint ſehr unbedeutend zu ſein und ich glaube, Du lachſt darüber, daß ich eine ſo große Wich⸗ tigkeit darauf lege; ich kann Dich aber verſichern(und Du wirſt es ſelbſt noch einmal finden, wenn Du Dich jemals in ein Mädchen verliebſt, was, wie ich hoffe, ge⸗ wiß geſchieht, vorausgeſetzt, daß das Mädchen ein acht⸗ bares und guterzogenes iſt, wie es Dir denn gewiß nicht im Traume einfällt, Dich in eine Andere als eine ſolche zu verlieben), ich kann Dich verſichern, ſage ich, daß von dieſen Kleinigkeiten mehr abhängt als Du wohl für möglich hältſt. Lebte Dein armer Vater noch, ſo würde er Dir ſagen, wie viel davon abhängt, daß Ver⸗ liebte mit einander allein gelaſſen werden. Du darfſt natürlich nicht aus dem Zimmer gehen, als thät eſt Du es abſichtlich, ſondern als geſchähe es ganz zuſällig, und ſo mußt Du auch wieder zurückkommen. Wenn Du draußen huſteſt, ehe Du die Thüre aufmachſt, oder ſo vor Dich hinpfeifſt, oder ein Liedchen trällerſt oder ſonſt et⸗ was der Art thuſt, um Deine Ankunft anzumelden, wird es noch beſſer ſein, weil es, ob es gleich nicht nur na⸗- türlich, ſondern auch vollkommen in der Ordnung iſt, immer verlegen macht, wenn man junge Leute ſtört, die — die auf dem Sopha ſitzen und— und dergleichen, was vielleicht ſehr unſinnig iſt, aber ſie thun es nun einmal.“ Obgleich die große Verwunderung, mit welcher ſie ihr Sohn während dieſer langen Anrede betrachtete, allmälig ſich immer mehr ſteigerte, ſo brachte ſie Ma⸗ dame Nickleby doch nicht aus der Faſſung, ſondern er⸗ höhete vielmehr ihre Meinung von ihrer eigenen Klug⸗ —„.„ ſein.« Nicolaus Nickleby. 127 heit; deshalb hielt ſie auch bloß inne, um mit großer Selbſtgefälligkeit die Bemerkung zu machen, ſie habe es allerdings erwartet und vorausgeſehen, daß er überraſcht ſein werde, und ging dann in ihrer gewöhnlichen unzuſam⸗ menhängenden und den Zuhörer folternden Weiſe auf eine große Menge von Beweiſen über, welche über alle Zwei⸗ felsmöglichkeit darthun ſollten, daß Herr Frank Cheeryble in Käthchen verliebt ſei. 4 »In wen?« fragte Nicolaus. „In Käthchen,« wiederholte Madame Nickleby. »Wie! In unſer Käthchen,— meine Schweſter?« »Herr, Nicolaus!« entgegnete Madame Nickleby, „»welches Käthchen ſollte es ſonſt ſein, wenn nicht die unſerige, oder was würde es mich angehen, warum ſollte es mich intereſſiren, wenn es eine Andere als Deine Schweſter wäre?« „»Liebe Mutter,« ſagte Nicolaus,»das kann nicht »Nun, lieber Sohn,« antwortete Madame Nickleby mit großem Vertrauen,»ſo warte und ſiehe.« Nicalaus hatte niemals bis dieſen Augenblick im entfernteſten an die Möglichkeit eines ſolchen Vorfalles gedacht, der ihm jetzt mitgetheilt wurde, denn außer, daß er in der letztern Zeit wenig zu Hauſe und viel mit an⸗ deren Dingen beſchäftigt geweſen war, hatte ſeine ei⸗ gene eiferſüchtige Befürchtung in ihm auch den Argwohn erregt, eine geheime Theilnahme an Madelinen, die der ſehr ähnlich ſei, welche er ſelbſt empfand, verurſache Frank Cheeryble's Beſuche, die in der letztern Zeit ſo häufig geworden waren. Selbſt jetzt, obgleich er wohl wußte, daß die Bemerkung einer beſorgten Mutter in einem ſolchen Falle weit eher die richtige ſein konnte als die ſeinige, und obgleich ſie ihn an viele kleine Um⸗ 128 Nicolaus Nickleby. ſtände erinnerte, die, zuſammengenommen, wohl den Schluß rechtfertigten, den ſie ſo ſtolz gezogen hatte, war er noch nicht ganz überzeugt, daß ſie ſich nicht durch bloße gutmüthige und abſichtsloſe Galanterie erklären ließen, welche ein eben ſolches Benehmen gegen jedes andere junge und liebenswürdige Mädchen veranlaſſen könnte. Jedenfalls hoffte er dies, und deshalb bemühete er ſich, es auch zu glauben. „»Das, was Du mir da erzählſt, überraſcht mich ſehr,« ſagte Nicolaus nach kurzer Ueberlegung,»ob ich gleich noch immer hoffe, daß Du Dich geirrt haſt.« »Ich ſehe es nicht ein, warum Du dies hoffen ſollteſt,« antwortete Madame Nickleby;»Du⸗ kannſt Dich aber darauf verlaſſen, daß ich mich nicht irre.« „Wie ſteht es mit Käthchen?« fragte Nicolaus. „Das, lieber Sohn,« antwortete Madame Nickleby, viſt eben der Punkt, über welchen ich noch nicht im Kla⸗ ren bin. Während dieſer Krankheit iſt ſie fortwährend am Bette Madelinens geweſen,— ich habe nie zwei junge Mädchen geſehen, die einander ſo liebten, wie die beiden,— und wenn ich Dir die Wahrheit ſagen ſoll, Nicolaus, ich habe ſie bisweilen abſichtlich fern gehalten, weil ich es für einen guten Plan halte und die Ent⸗ fernung einen jungen Mann eher zur Erklärung bringt.« Sie ſagte dies mit einer ſolchen Freude und Selbſt⸗ zufriedenheit, daß es Nicolaus ungemein wehthat, ihre Hoffnungen zerſtören zu müſſen; da er aber die Ueber⸗ zeugung auch hegte, es gebe für ihn nur einen ehren⸗ vollen Weg, den er einſchlagen könnte, ſo hielt er ſich für verpflichtet, von demſelben nicht abzuweichen. Madame Nieckleby ſchüttelte ihr Haupt und ſagte un⸗ ter Thränen, Armuth ſei ja kein Verbrechen. „Rein,« entgegnete Nicolaus,»und eben deshalb =2 Nieolaus Nickleby. 129 ſollte die Armuth einen ehrenhaften Stolz erzeugen, da⸗ mit ſie uns nicht zu unwürdigen Handlungen treibe und verſuche, und damit wir die Selbſtachtung uns be⸗ wahren, die ein Holzhacker und Waſſerträger behaupten kann, welche auch beſſer thun, wenn ſie dieſelbe be⸗ haupten, als wenn der Monarch die ſeinige ſich erhält. Bedenke, was wir dabei den Brüdern ſchuldig ſind; bedenke, was ſie für uns gethan haben und noch jeden Tag thun mit einem Edelmuthe und einem Zartgefühle, die wir nur höchſt unvollkommen vergelten können, wenn wir ihnen auch unſer ganzes Leben widmen. Welche Vergeltung würde es ſein, wenn wir ihrem Neffen, ihrem einzigen Verwandten, den ſie für ihren Sohn anſehen, und für welchen ſie ganz ſicherlich— es wäre kindiſch, daran zu zweifeln— ſchon Pläne ent⸗ worfen haben, die zu der Erziehung, die er erhalten hat, und zu dem Vermögen paſſen, welches er erben wird,— ich ſage, wenn wir ihm erlauben wollten, ein Mädchen ohne Vermögen zu heirathen, das uns ſo nahe ſteht, daß der Schluß ganz natürlich ſein wird, wir hät⸗ ten ihn zu dieſem Schritte verlockt, wir drei hätten ihn durch einen eigennützigen liſtigen Plan dahin zu bringen gewußt! Ueberlege Dir dies wohl, Mutter. Wie würde Dir es zu Muthe ſein, wenn die Brüder einmal in ihrer Freundlichkeit zu uns kommen, und Du müßteſt ihnen die Sache offenbaren? Würdeſt Du Dir ſagen können, daß Du dabei eine ehrliche, redliche Rolle geſpielt?« Die arme Madame Nickleby, die heftiger und hefti⸗ ger weinte, äußerte kaum verſtändlich, Herr Frank werde natürlich ſeine Oheime erſt um ihre Einwilligung ange⸗ hen, ehe er ſich mit Käthchen verheirathe. „Das würde ihn wohl in eine beſſere Stellung zu ihnen bringen,« ſagte Nicolaus,»gegen uns aber könn⸗ Nicolaus Nickleby. VII. 9 130 Nicolaus Nickleby. ten ſie doch noch immer denſelben Argwohn hegenz der Abſtand zwiſchen uns und ihm würde noch immer ſo groß ſein und der Vortheil, den wir erlangten, im⸗ mer ſo deutlich vorliegen. Wir könnten bei der Sache die Rechnung ohne den Wirth machen,“ ſetzte er freund⸗ lich er hinzu,„und ich bin feſt überzeugt, daß wir dies thun. Iſt es anders, ſo habe ich zu Käthchen das Ver⸗ trauen, daß ſie eben ſo fühlt als ich, und zu Dir, liebe Mutter, daß Du nach einiger Ueberlegung zu derſelben Ueberzeugung gelangen wirſt.« Nach vielen weitern Vorſtellungen und Bitten er⸗ langte Nicolaus ein Verſprechen von Madame Nickleby, daß ſie alles aufbieten wolle, um zu gleicher Anſicht mit ihm zu gelangen, und, wenn Frank in ſeinen Aufmerk⸗ ſamkeiten fortfahren ſollte, dieſelben zu entmuthigen oder ihm doch wenigſtens nicht förderlich zu ſein. Er nahm ſich vor, gegen Käthchen von der ganzen Sache nichts zu er⸗ wähnen, bis er ſich vollkommen überzeugt, es ſei durch⸗ aus nöthig, daß er es thue; auch entſchloß er ſich, durch genaue Beobachtung ſo viel als möglich die Lage der Dinge ſelbſt zu ergründen. Das war ein ſehr kluger Vorſatz, nur wurde er durch eine neue Quelle von Un⸗ ruhe und Beſorgniß verhindert ihn auszuführen. Smike wurde beunruhigend krank, ſo erſchöpft, daß er ohne Beihülfe kaum von einem Zimmer in das an⸗ dere gehen konnte, und ſo abgemagert und ausgezehrt, daß ſein Ausſehen einen wahrhaft ſchmerzlichen Eindruck machte. Der Arzt, an welchen ſich Nicolaus zuerſt ge⸗ wendet hatte, ſagte ihm jetzt, es ſei nur dann noch mög⸗ lich und zu hoffen, daß er am Leben erhalten werde, wenn man den Kranken ſogleich von London wegbringe. Die Gegend von Devonſbire, in welcher Nicolaus ſelbſt erzogen worden war, wurde als der günſtigſte Aufent⸗ Nicolaus Nickleby. 131 haltsort genannt; doch gab der Arzt mit dieſem Rathe auch ſchonend die Andeutung, wer ihn dahin begleite, müſſe auf das Schlimmſte gefaßt ſein, denn alles deute auf galopirende Schwindſucht, und der Kranke könne auf dem Lande wohl ſterben. Die gütigen Brüder, welche die traurige Geſchichte des armen Knaben kannten, ſchickten den alten Timo⸗ theus zur Berathung darüber. Noch denſelben Morgen wurde Nicolaus in das Zimmer des Bruders Karl be⸗ ſchieden, der ihn alſo anredete: »Mein lieber Herr Nickleby, wir dürfen keine Zeit verlieren. Der arme Menſch ſoll nicht ſterben, wenn menſchliche Mittel, die in unſerer Kraft ſtehen, ſein Le⸗ ben retten können; auch ſoll er nicht allein an einem fremden Orte ſterben. Bringen Sie ihn morgen früh fort; ſorgen Sie dafür, daß ihm nichts fehle, was ſein Zuſtand verlangt und verlaſſen Sie ihn nicht,— verlaſſen Sie ihn nicht, lieber Nickleby, bis Sie wiſſen, daß er nicht mehr in Gefahr iſt. Es würde hart ſein, Sie jetzt zu trennen,— nein, nein. Timotheus wird heute Abend zu Ihnen kommen, Timotheus wird zu Ihnen kommen und Ihnen zum Abſchiede noch Einiges ſagen. Bruder Eduard, Herr Nickleby wartet, um Dir die Hand zu reichen und Abſchied zu nehmen; er wird nicht lange abweſend ſein; der arme Burſch wird bald beſſer werden,— ſehr bald beſſer werden, und dann wird er gute Landleute finden, bei denen er ihn laſſen kann, und wo er ihn von Zeit zu Zeit beſuchen mag, Eduard. Es iſt alſo kein Grund da, um niedergeſchla⸗ gen zu ſein, denn es wird bald beſſer mit ihm gehen, ſehr bald, nicht wahr, Bruder Eduard?« Was Timotheus dieſen Abend ſagte oder was er brachte, braucht nicht erwähnt zu werden. Am nächſten 9* 132 Nicolaus Nickleby. Morgen begann Nicolaus mit ſeinem ſchwachen Beglei⸗ ter die Reiſe.. Und wer außer dem einen, welcher nur von denen, die ſich jetzt um ihn drängten, einen freundlichen Blick erhalten und ein Wort des Mitleidens gehört hatte,— konnte ſagen, welcher Seelenſchmerz, welche traurigen Gedanken, welche trüben Sorgen dieſer Abſchied in ſich ſchloß! 5 „Siehe,« rief Nicolaus, als er aus dem Kutſchen⸗ fenſter ſah,»ſie ſteben noch an der Ecke des Gäßchens! Und Käthchen,— vas arme Käthchen, von welcher Du, wie Du ſagteſt, nicht Abſchied zu nehmen vermochteſt— winkt mit dem Taſchentuche. Reiſe nicht, fort ohne Käthchen Abſchied wenigſtens zuzuwinken!« »„Ich kann es nicht!« antwortete ſein zitternder Be⸗ gleiter, der auf ſeinen Sitz zurückſank und ſeine Augen bedeckte.»Sehen Sie ſie noch? Iſt ſie noch da 2« »Ja, ja,« entgegnete Nicolaus ernſt.»Sie winkt wieder mit der Hand. Ich habe für Dich geantwortet, — jetzt kann ich ſie nicht mehr ſehen. Betrübe Dich tnicht ſo ſehr, lieber Smike. Du wirſt ſie Alle wieder⸗ ſehen.⸗ Der, welchem er ſo Muth zuſprach, erhob ſeine ab⸗ gezehrten Hände und preßte ſie innig an einander. »Im Himmel,— ich bitte Gott inbrünſtig,— im Himmel!« 3. Es klang wie das Gebet eines gebrochenen Herzens. Nicolaus Nickleby. 133 Siebentes Kapitel. Ralph Nickleby, deſſen letzter Plan durch den Neffen vereitelt wurde, erdenkt einen Wiedervergeltungsplan, den ihm der Zufall eingiebt, und beſpricht ſich darüber mit einem er⸗ probten Helfer. Der Gang, den dieſe Abenteuer von ſelbſt nahmen und dem der Geſchichtſchreiber genau folgen muß, ver⸗ langt jetzt, daß wir uns zu der Stelle zurückbegeben, die ſie vor dem Beginne des letzten Kapitels erreicht hatten, als Ralph Nickleby und Arthur Gride allein in dem Hauſe blieben, wo der Tod ſo plötzlich ſeine ſchwarze ſchwere Fahne erhoben hatte. Mit geballten Fäuſten, die Zähne ſo feſt und dicht auf einander gedrückt, daß ſie Kinnbackenkrampf nicht feſter auf einander hätte halten können, ſtand Ralph einige Minuten lang in derſelben Stellung, in welcher er zum Letztenmale ſeinen Neffen angeredet hatte; er athmete ſchwer, ſtand aber ſonſt ſo ſtarr und regungslos da, als ſei er eine Statue von Erz. Nach einiger Zeit begann er allmälig nachzulaſſen, wie ein Menſch, der ſich nach und nach aus einem ſchweren Traume reißt. Einen Au⸗ genblick ſchüttelte er ſeine geballte Fauſt insgeheim, aber in wüthender Leidenſchaft, gegen die Thüre, durch welche Nicolaus verſchwunden war; dann ſteckte er die Hand unter den Rock auf die Bruſt, als wollte er mit Gewalt ſelbſt dieſe Aeußerung von Leidenſchaft verbergen, drehete ſich um und trat zu dem weniger heftigen Wucherer, der ſich noch nicht wieder von dem Boden aufgerichtet hatte. Der zuſammengekauert daliegende Elende, der noch an allen Gliedern bebte, und deſſen noch übrigen wenige 13⁴4 Nicolaus Nickleby. graue Haare auf dem Kopfe im höchſten Schrecken zit⸗ zerten, hob ſich mit Anſtrengung auf ſeine Füße, als er Ralphs Auge begegnete, hielt beide Hände vor das Ge⸗ ſicht und betheuerte, während er nach der Thür zu kroch, es ſei nicht ſeine Schuld. »Wer ſagt das?« entgegnete Ralph mit unterdrückter Stimme.»Wer ſagt das 2« „»Sie ſahen mich an, als meinten Sie, mich treffe ein Vorwurf,« ſagte Gride ſchüchtern. „»Bah!« murmelte Ralph mit einem erzwungenen Lächeln.»Ich mache ihm den Vorwurf, daß er nicht noch eine Stunde lebte,— eine Stunde noch wäre hin⸗ reichend geweſen.— Keinem andern Menſchen mache ich einen Vorwurf.“« „»Kei kei— nem andern?« fragte Gride. »Wegen dieſes Unfalls nicht,« antwortete Ralph. »Mit dem— mit dem jungen Menſchen, der Ihr Mäd⸗ chen mit ſich nahm, habe ich einen alten Streit auszu⸗ machen, aber das geht ſein jetziges Einſchreiten nicht an, denn wir würden ihn bald los geworden ſein, wäre jener verfluchte Unfall nicht eingetreten.“ In der erzwungenen Ruhe, mit welcher Ralph ſprach, lag etwas ſo Unnatürliches, wenn man ſie mit ſeinem bleifarbigen Geſichte und mit dem ſchrecklichen Ausdrucke in ſeinem Geſichte zuſammenhielt, in welchem jeder Nerv und jede Muskel in einem Kampfe zuckte, der durch keine Anſtrengung zu verbergen war und der den Zügen jeden Augenblick ein neues und ſchreckliches Ausſehen gab;— es lag etwas ſo Unnatürliches und Geſpenſter⸗ haftiges in dem Contraſte zwiſchen ſeiner rauhen, lang⸗ ſamen und feſten Sprache(die nur durch ein gewiſſes Ausbleiben des Athems verändert wurde, das ihn nö⸗ thigte, faſt nach jedem Worte inne zu halten wie ein Nicolaus Nickleby. 135 Betrunkener, der recht deutlich und vernehmlich ſprechen will), und jenen Aeußerungen der heftigſten und höchſten Leidenſchaft, ſo wie der Anſtrengung, die er machte, die⸗ ſelbe zu unterdrücken, daß, hätte der Leichnam, der oben lag, ſtatt ſeiner vor dem kauernden Gride geſtanden, er denſelben kaum mehr erſchreckt haben würde. »Der Wagen,“« ſagte Ralph nach einiger Zeit, wäh⸗ rend welcher er ſeine Wuth niederzukämpfen geſucht hatte. »Wir kamen in einem Wagen her. Iſt er— noch da?« Gride benutzte freudig dieſen Vorwand, nach dem Fenſter hinzugehen und ſich umzuſehen, und Ralph, der unverwandt in der entgegengeſetzten Richtung hinſah, riß an ſeinem Hemd mit der Hand, die er auf die Bruſt gelegt hatte und murmelte in heiſerem Geflüſter: »Zehntauſend Pfund! Er ſagte zehntauſend Pfund! Gerade die Summe, die ich geſtern für die beiden Pfän⸗ der zahlte und die morgen zu ſchweren Zinſen wieder ausgeliehen werde ſollten. Wenn das Haus gefallen wäre und er mir zuerſt die Nachricht davon gebracht hätte!— Iſt der Wagen da?« »Ja, ja,« antwortete Gride, den der heftige Ton der Frage aufſchreckte.»Er iſt da. Aber was für ein hefti⸗ ger Mann ſind Sie!« »Kommen Sie,« ſagte Ralph, indem er ihm winkte. „»Wir dürfen nicht verlegen ausſehen. Wir wollen Arm in Arm gehen.“« »Aber Sie drücken mich ja ſchwarz und blan,⸗ ent⸗ gegnete Gride, der ſich vor Schmerz krümmte. Ralph riß ungeduldig ſeinen Arm hinweg, ging mit ſeinem gewöhnlichen feſten und ſchweren Tritte die Treppe hinunter und ſtiel in den Wagen. Arthur Gride folgte, ſah Ralph zweifelhaft an, als der Kutſcher fragte, wohin er fahren ſollte, und nannte, da ſein Freund ſchwieg und 136 Nicolaus Nickleby. keinen beſondern Wunſch darüber ausſprach, ſein eigenes Haus. Dahin fuhren ſie denn. Ralph ſaß in der vorderſten Ecke mit übereinander⸗ geſchlagenen Armen und ſprach kein Wort. Sein Kinn war auf die Bruſt herabgeſunken, ſeine niedergeſchla⸗ genen Augen waren durch das Zuſammenziehen der buſchigen Augenbrauen ganz verſteckt, und man hätte glauben können, er ſei eingeſchlafen, Erſt als der Wa⸗ hen anhielt, richtete er den Kopf empor, ſah durch das Fenſter hinaus und fragte, wo ſie wären. »An meinem Hauſe,« antwortete der troſtloſe Gride, dem vielleicht vor der Einſamkeit dort ſchauderte.»Mein Haus!« »Ja,« entgegnete Nalph;»ich habe nicht auf den Weg gemerkt. Ich möchte wohl ein Glas Waſſer trin⸗ ken. Das werden Sie wohl in dem Hauſe haben.⸗ »Sie ſollen ein Glas haben,— ein Glas von allem was Sie wünſchen,« antwortete Gride ſeufzend.»Das Klopfen hilft nichts, Kutſcher. Klingeln Sie!« Der Kutſcher zog die Klingel und klingelte und klingelte wieder, dann klopfte er, daß es in der Straße wiederhallte und horchte an dem Schlüſſelloche in der Thüre. Es kam Niemand, und in dem Hauſe war es ſtill wie im Grabe. „»Wie geht das zu?« fragte Ralph ungeduldig. „Die Grete iſt ſo ſehr taub,« antwortete Gride mit einem ängſtlichen und beſorgten Blicke.»Klingeln Sie noch einmal, Kutſcher. Sie ſieht die Klingel.⸗ Der Kutſcher klingelte wieder und klopfte, und klopfte und klingelte nochmals. Einige der Nachbarn machten die Fenſter auf und riefen einander über die Straße zu, die Haushälterin des alten Gride müſſe geſtorben ſein. Andere ſammelten ſich an der Kutſche und ſprachen = 22—————-“ eit — ☛ᷣ Nicolaus Nickleby. 137 verſchiedene Muthmaßungen aus; Einige meinten, ſie werde ſchlafen; Andere äußerten, ſie habe ſich wahr⸗ ſcheinlich verbrannt und noch Andere ſagten, ſie werde ſich betrunken aben. Ein ſehr dicker Mann meinte, ſie habe gewiß etwas eſſen ſehen, das ſie ſo erſchreckt(weil ſie nicht daran gewöhnt ſei), daß ſie in Ohnmacht ge⸗ fallen ſei. Dieſe letztere Andeutung ergötzte die Umſte⸗ henden vorzugsweiſe, denn ſie lachten laut darüber und konnten nur mit Mühe abgehalten werden, die Thüre aufzubrechen, um ſich von der Sache zu über⸗ zeugen. Noch nicht genug; es war ruchbar geworden, daß Arthur Gride dieſen Vormittag würde getraut wer⸗ den. Man erlundigte ſich alſo ſehr angelegentlich nach der Braut, und die Meiſten waren der Meinung, ſie habe ſich verkleidet und ſet die neben Gride im Wagen ſitzende Perſon(Ralph Nickleby). Es erregte großen und lächer⸗ lichen Unwillen, daß eine Braut ſich öffentlich in Stie⸗ feln und Hoſen zeige, und es ließ ſich höhnendes Ge⸗ lächter hören. Endlich erhielten die beiden Wucherer ein Unterkommen in einem Nachbarhauſe. Hier verſchafften ſie ſich eine Leiter, ſtiegen mittelſt derſelben über die Mauer im Hofe, die nicht ſehr hoch war, und gelangten wohlbehalten auf der andern Seite hinunter. »Ich fürchte mich faſt hineinzugehen,« ſagte Arthur, zu Ralph gewendet, als ſie allein waren.»Wenn ſie ermordet wäre,— wenn ſie mit zerſchlagenem Hirnſchä⸗ del daläge— hel⸗ »Und wenn es nun wäre!« entgegnete Ralph heiſer. „Ich ſage Ihnen, ich wünſche, ſolche Dinge wären häu⸗ figer als ſie ſind und ſie ließen ſich leichter machen. Sie mögen mich anſtarren und ſchaudern,— ich wünſche es.⸗ Dann ging er zu einem Brunnen im Hofe, nahm da einen tüchtigen Schluck Waſſer, beſprützte ſich auch den 138 Nicolaus Nickleby. Kopf und das Geſicht, nahm ſein gewöhnliches Weſen wieder an und ging voran in das Haus hinein, wohin ihm Gride dicht auf den Ferſen folgte. Es war derſelbe düſtere Ort wie immer, jedes Zimmer ſchauerlich und öde wie gewöhnlich, und jedes geſpenſter⸗ hafte Meublesſtück auf dem gewohnien Platze. Die ei⸗ ſernen Räder der alten grauſigen Uhr klapperten unge⸗ ſtört durch alles Geräuſch draußen, ſchwer und mühſam in dem ſtaubigen Gehäuſe; die wackelnden Schränke zogen ſich wie gewöhnlich vor Aller Augen in ihre dunkeln Ecken und die Echos der Fußtritte wieder⸗ holten denſelben grauenhaften Schall; die langbeinige Spinne hielt in ihrem ſchnellen Laufe inne und hing, verſcheucht durch den Anblick von Menſchen in dieſem, ihrem öden Reiche, bewegungslos, ſich todt ſtellend, an der Wand, bis ſie vorübergegangen ſein würden. Die beiden Wucherer gingen vom Keller bis unter das Dach, öffneten jede knarrende Thüre und ſahen in jedes leere Gemach hinein. Es war keine Grete zu ſin⸗ den. Endlich ſetzten ſie ſich in dem Stübchen nieder, das Arthur Gride gewöhnlich bewohnte, um von ihren Nachforſchungen auszuruhen.. »Die Hexe iſt gewiß ausgegangen, um etwas zu Ihren Hochzeitsfeſtlichkeiten vorzubereiten,« ſagte endlich Ralph, als er fortgehen wollte.»Sehen Sie her. Ich zerreiße den Wechſel; wir werden ihn nun nicht mehr brauchen.« Gride, der unabläſſig forſchend in dem Stübchen um⸗ hergeſehen hatte, ſiel in dieſem Augenblicke vor einer großen Geldkaſſe auf ſeine Kniee nieder und ſtieß einen entſetzlichen Schrei aus. „Was giebt es?« fragte Ra ph, indem er ſich Vn umſah. Nicolaus Nickleby. 139 »Veraubt! Beraubt!« ſchrie Arthur Gride. »Beraubt! Geld?« „Nein, nein, nein. Schlimmer, weit ſchlimmer.« »Was ſonſt?« fragte Nalph. »Schlimmer als Geld, ſchlimmer als Geld la ſchrie der alte Mann, indem er die Papiere aus der Kaſſe warf wie ein wildes Thier, das die Erde aufſcharrt. „Es wäre beſſer geweſen, ſie hätte Geld geſtohlen,— mein ganzes Geld,— ich habe nicht viel. Es wäre beſſer geweſen, ſie hätte mich zum Bettler gemacht, als daß ſie dies gethan!« »Was gethan?« fragte Ralph.»Was zum Teufel hat ſie denn gethan?k« Gride antwortete noch immer nicht, ſondern wühlte unter den Papieren umher und ſchrie und jammerte wie ein gefolterter böſer Geiſt. »Sie vermiſſen etwas?« ſagte Ralph, indem er ihn heftig am Kragen ſchüttelte.»Was vermiſſen Sie?2 »Papiere, Documente. Ich bin ein geſchlagener Mann,— verloren! verloren! Ich bin beraubt, ich bin ruinirt! Sie ſah mich's leſen— letzthin leſen.— Ich las es ſehr oft.— Sie beobachtete mich— ſah, daß ich es in das Käſtchen legte, das hierein paßte,— das Käſtchen iſt fort,— ſie hat es geſtohlen. Verflucht ſei ſie, ſie hat mich beſtohlen l⸗ »Was hat ſie geſtohlen?“ rief Ralph, dem mit einem Male ein Licht aufzugehen ſchien, denn ſeine Augen fun⸗ kelten und ſein ganzer Körper zitterte vor Begierde, als er Gride mit ſeiner knochigen Fauſt packte.»Was hat ſie geſtohlen?« b »Sie weiß nicht, was es iſt; ſie kann nicht leſen!⸗ ſchrie Gride, ohne auf die Frage zu achten.»Nur auf eine Art kann es zu Geld gemacht werden,— wenn 14⁴0 Nicolaus Nickleby. man es ihr bringt. Es wird es Jemand für ſie leſen und ihr ſagen, was ſie damit thun ſoll. Sie und ihr Mitſchuldiger werden Geld dafür bekommen,— werden ſich ein Verdienſt überdies damit erwerben,— ſie wer⸗ den ſagen, ſie hätten es gefunden, hätten es gewußt, und werden gegen mich zeugen. Mich allein, mich al⸗ lein, allein wird der Schaden treffen.⸗ „Geduld!« ſagte Ralph, der ihn noch feſter faßte und ihn mit einem feſten und gierigen Blicke von der Seite anſah, der deutlich genug verrieth, daß er irgend eine geheime Abſicht bei dem hatte, was er ſagen wollte. „Nehmen Sie Vernunft an. Sie kann noch nicht lange fort ſein. Ich will die Polizei rufen. Nennen Sie nur, was ſie geſtohlen hat und man wird ſie ergreifen, ver⸗ laſſen Sie ſich darauf. Hierher!— Hülfe!« „Nein— nein— nein,« ſchrie der alte Mann, in⸗ dem er Ralphs Mund zuhielt.»Ich kann es nicht, ich darf es nicht.⸗ 6 »Hülfe! Hülfe!« rief Ralph. »Nein— nein— nein!« ſchrie der Andere, indem er mit der Kraft eines Wahnſinnigen mit den Füßen ſtampfte.»Ich ſage Ihnen, nein. Ich darf nicht,— ich darf es nicht.« „»Sie dürfen den Diebſtahl nicht bekannt werden laſſen?« fragte Ralph begierig. „Nein,« entgegnete Gride, die Hände ringend.„Still! Still! Kein Wort davon,— es darf kein Wort davon geſprochen werden. Ich bin verloren; es iſt um mich geſchehen! Ich mag mich wenden, wohin ich will, ich bin verloren. Ich bin verrathen. Man wird mich anzeigen. Ich werde in Newgate ſterben!« Mit wahnſinnigen Ausrufungen gleich dieſen und vielen andern, in welchen ſich Furcht, Trauer und Wuth Nicolaus Nickleby. 141 zu gleicher Zeit ausſprachen, ließ der von Angſt gequälte Wucherer allmälig im erſten lauten Schreien nach, bis er zu einem leiſen, verzweifelnden Aechzen gekommen war, in welches ſich nur bisweilen eine Art Geheul miſchte, je nachdem er bei der Unterſuchung der Kaſſe fand, daß dieſe Papiere ihm geblieben, jene dagegen verſchwunden waren. Ohne ſein ſchnelles Fortgehen zu entſchuldigen, entfernte ſich Ralph, täuſchte die draußen noch immer vor dem Hauſe ſtehenden Gaffer durch die Erklärung, daß nichts vorgefallen ſei, ſtieg wieder in den Wagen und ließ ſich nach Hauſe fahren. Auf ſeinem Tiſche lag ein Brief. Er ließ ihn eine Zeitlang liegen, als habe er den Muth nicht, ihn zu öff⸗ nen; endlich aber that er es doch und er wurde bei dem Leſen leichenblaß. »Das Schlimmſte iſt geſchehen,« ſagte er,„das Haus hat bankerott gemacht. Ich ſehe es,— man hat ſchon am vorigen Abend in der City davon geſprochen und jene Kaufleute haben es auch gehört. Ja,— ja.«⸗ Er ſchritt in dem Zimmer heftig auf und ab und blieb wieder ſtehen. »Zehntauſend Pfund! Und ſie lagen nur einen Tag da,— einen einzigen Tag! Wie viele angſtvolle Jahre gehörten dazu, wie viele Tage voll Entſagung und welche ſchlafloſe Nächte, ehe ich dieſe zehntauſend Pfund zuſammenbrachte!— Zehntauſend Pfund! Wie viele ſtolze geſchminkte Damen würden gelächelt, wie viele verſchwenderiſche Dummköpfe mir in das Geſicht ge⸗ ſchmeichelt und mich im Herzen verwünſcht haben, wäh⸗ rend ich dieſe zehntauſend Pfund in zwanzig verwan⸗ delte! Welche glattzüngigen Reden, freundliche Blicke und artige Briefe würde ich von ihnen erhalten haben, während ich darbte und mich einſchränkte und dieſe be⸗ 142 Nicolaus Nickleby. dürftigen Borger zu meinem Vergnügen und meinem Vortheile verwendete! Die Lügenwelt ſagt immer, Män⸗ ner wie ich, wir erlangten unſere Reichthümer durch Verſtellung, Heuchelei und Verrath, durch Schmeichelei, Kriechen und Bücken. Aber wie viele Lügen, welche niedrigen und niederträchtigen Ausflüchte, welches demü⸗ thige Benehmen von Emporkömmlingen, die— wäre es nicht des Geldes wegen— mich gewiß verächtlich bei Seite drängten, wie ſie es alle Tage mit Leuten thun, die weit beſſer ſind als ſie, würden mir dieſe zehntauſend Pfund eingebracht haben! Angenommen, ich hätte ſie verdoppelt, hundert Procent dabei verdient, für jedes Goldſtück ein anderes bekommen, ſo würde doch jedes Goldſtück in dieſem ganzen Haufen zehntau⸗ ſend gemeine und armſelige Lügen vertreten, welche— nicht von dem Gelddarleiher, ach nein!— ſondern von den Geldborgern geſprochen wurden, von den edelſinni⸗ gen, gedankenloſen, modiſchen Leuten, die um keinen Preis ſo gemein ſein und ein paar Groſchen erſparen können.« Ralph, der, wie es ſcheint, die Bitterkeit ſeines Ver⸗ druſſes in dieſem andern bittern Gedanken verſtecken wollte, ſchritt dabei fortwährend in dem Zimmer auf und ab, und ſein Weſen verrieth weniger und weniger Entſchloſſenheit, je mehr ſich ſein Sinn wieder ſeinem Verluſte zuwendete. Endlich ſank er in ſeinen Lehnſtuhl, faßte die Seiten deſſelben ſo gewaltig, daß ſie knackten, und murmelte zwiſchen den Zähnen: »Es gab eine Zeit, wo mich nichts ſo erſchüttert ha⸗ ben würde als der Verluſt dieſer großen Summe, nichts,— denn Geburten, Todesfälle, Heirathen und alle Vorfälle, die die meiſten ſchen intereſſiren, ha⸗ ben für mich kein Intereſſe, es müßts denn Geldverluſt Nicolaus Nickleby. 143 oder Geldgewinn damit zuſammenhängen. Jetzt aber kann ich ſchwören, eben ſo ſehr wie der Verluſt dieſes Geldes greift es mir ans Herz, daß er es mir geſagt, daß er es mir mit Triumph geſagt! Hätte er den Ver⸗ luſt herbeigeführt— und es iſt mir faſt, als hätte er es gethan— ich könnte ihn nicht mehr haſſen. Ich muß es ihm vergelten, und geſchähe es noch ſo allmä⸗ lig; und wenn ich ihn unter mich bekomme, wenn ich ſeine Wagſchale wieder hinaufſchnelle, werde ich das Geld verſchmerzen.« Er ſann lange und tief nach; endlich ſchickte er durch Newman einen Brief an Herrn Squeers im Sarazenen⸗ kopfe und trug dem Boten auf, zu fragen, ob Squeers in der Stadt angekommen ſei, und in dieſem Falle auf Antwort zu warten. Newman brachte die Antwort zu⸗ rück, Herr Squeers ſei dieſen Morgen mit der Poſt an⸗ gekommen, habe den Brief im Bette in Empfang ge⸗ nommen, laſſe ſich empfehlen und melden, daß er ſogleich aufſtehen und zu Herrn Nickleby kommen würde. Die Zeit zwiſchen der Ueberbringung dieſer Antwort und der Ankunft des Herrn Squeers war ſehr kurz, aber ehe er kam, hatte Ralph jede Spur von Aufregung unterdrückt und ſein gewöhnliches unbewegliches, rauhes und unbeugſames Weſen wieder erlangt, dem vielleicht kein kleiner Theil des Einfluſſes zuzuſchreiben war, den er, wenn er es wollte, ſelbſt auf viele Leute ausüben konnte, die in Hinſicht auf Moral nicht eben ſehr ſcru⸗ pulös waren.* »Nun, Herr Squeers,« ſagte er, indem er dieſen würdigen Mann mit ſeinem gewöhnlichen Lächeln be⸗ willkommnete, zu welchem ein ſcharfer Blick und ein ge⸗ dankenvolles Stirnrunzeln gehörte,»wie geht es Ihnen?« Mir, Herr Nickleby,« ſagte Squeers,»geht es recht 144 Nicolaus Nickleby. gut, ebenſo meiner Familie und den Jungen, bis auf eine Art Ausſchlag, der ſich in der Schule eingefunden hat und ihnen den Appetit verdirbt. Er kommt von ei⸗ nem böſen Winde her, der Niemandem Gutes bringt, und das ſage ich immer, wenn den Jungen was fehlt. Das iſt das Schickſal der Sterblichkeit. Die Sterblich⸗ keit ſelbſt iſt ein Schickſal. Die Welt iſt gerüttelt voll von Schickſalen und wenn ein Junge zu oft von ſolchen Schickſalen betroffen wird, dadurch ſeinem Lehrer Unan⸗ nehmlichkeiten verurſacht, muß er Kopfnüſſe bekommen. Das iſt ganz nach der Schrift, ganz.« »Herr Saueers,« ſagte Ralph trocken. „Herr Nickleby.« » Wir wollen dies Moraliſiren bei Seite laſſen und von Geſchäften ſprechen.« „Sehr gern, Herr Nickleby,« entgegnete Squeers; „zuerſt laſſen Sie mich ſagen—« „Erſt laſſen Sie mich reden.— Noggs!« Newman erſchien, nachdem der Ruf zwei⸗ bis drei⸗ mal wiederholt worden war, und fragte dann, ob Herr Nickleby gerufen habe. „»Allerdings. Geh' Er zu Tiſche und geh' Er ſogleich. Hört Er 2⸗ „Es iſt noch nicht Zeit,« antwortete Newman, der ſich dumm ſtellte. „»Meine Zeit iſt ſeine Zeit und ich ſage, es iſt Zeit,⸗ entgegnete Ralph. »Sie ändern die Zeit jeden Tag,«⸗ ſagte Newman. „Das iſt nicht gut.« »Er hält nicht viele Köche und kann ſ ſich leicht bei denſelben wegen der Störung entſchuldigen,« erwiederte Ralph.»Geh' Er!« RNalph gab dieſen Befehl nicht bloß auf höchſt 5 bei rte Nicolaus Nickleby. 145 peremptoriſche Weiſe, ſondern ging auch, unter dem Vor⸗ wande, einige Papiere in dem kleinen Comptoir zu ho⸗ len, hinaus, um zu ſehen, ob er vollzogen werde. Als Newman das Haus verlaſſen hatte, verſchloß er die⸗ Thür, um ihn zu verhindern, leiſe zurückzukommen. „»Ich habe Urſache, dem Menſchen zu mißtrauen,« ſagte Ralph, als er zurückkam,»und halte es für das Beſte, ihn von mir fern zu halten, bis ich das kürzeſte und am mindeſten unangenehme Mittel gefunden haben werde, ihn zu verderben.« »Meiner Meinung nach gehört nicht viel dazu, ihn zu verderben,« ſagte Squeers lachend. „Vielleicht nicht,« antwortete Ralph,»eben ſo wenig als dazu gehört, viele andere Leute zu verderben, die ich kenne. Sie wollten ſagen—« Ralphs ſummariſche Art, wie er dieſes Beiſpiel auf⸗ ſtellte und den Wink gab, der ihm folgte, blieb offenbar nicht ohne Wirkung auf Squeers(und ohne Zweifel war dieſe Wirkung bezweckt worden), denn er ſagte nach kurzer Zögerung und in einem weit unterwürfigeren Tone: »Ich wollte eben ſagen, Herr Nickleby, daß das Ge⸗ ſchäft wegen des undankbaren und hartherzigen Men⸗ ſchen, Snawley des Aeltern, mich ganz von meinem Wege abbringt und mir überdies eine, ich darf wohl ſagen, beiſpielloſe Unannehmlichkeit zuzieht, denn es macht meine Frau wochenlang zu einer völligen Wittwe. Es iſt zwar natürlich für mich ſehr angenehm, mit Ih⸗ nen zu handeln—« „»Natürlich,« ſagte Ralph trocken. »Ja, ich ſage natürlich,« fuhr Squeers fort, der ſich die Kniee rieb,»wenn aber dabei Jemand, wie ich es thue, über zweihundertundfunfzig Lisliſc) Milah reiſt 1 Nicolaus Nickleby. VII. 4 146 Nicolaus Nickleby. um etwas zu beſchwören, ſo büßt er viel ein, von der Gefahr gar nicht zu reden.« »Und wo liegt die Gefahr, Herr Squeers? 2 fragte Ralph. »Ich ſagte, von der Gefahr gar nicht zu reden,«⸗ antwortete Squeers ausweichend. »Und ich fragte, wo die Gefahr liege?k« »Ich klagte nicht, das wiſſen Sie, Herr Nickleby,«⸗ entſchuldigte ſich Squeers.»Auf mein Wort, ich habe in meinem Leben—« »Ich frage Sie, wo die Gefahr liegt?« wiederholte Ralph ſcharf betont. »Wo die Gefahr liegt?« entgegneté Gaueers, indem er ſeine Kniee noch ſtärker rieb.»Es iſt nicht nöthig, zu erwähnen,— von manchen Dingen ſchweigt man am liebſten. Sie wiſſen es ſchon, malche Gefahr ich meine.« »Wie oft habe ich Ihnen geſagt,« entgeguete Ralph, »und wie oft ſoll ich Ihnen noch ſagen, daß gar keine Gefahr dabei iſt? Was haben Sie beſchworen oder was haben Sie beſchwören ſollen, außer, daß zu der und der Zeit Ihnen ein Knabe, mit Namen Smike, über⸗ geben wurde, daß er eine gewiſſe Zahl von Jahren in Ihrer Schule war, unter den und den Umſtänden ver⸗ ſchwand, jetzt wiedergefunden und von Ihnen erkannt worden iſt da und da? Dies Alles iſt wahr— nicht wahr?⸗ Ja,⸗ antwortete Squeers,»das iſt Alles wahr? 24 „»Nun,⸗ fuhr Ralph fort,»welcher Gefahr ſetzen Sie ſich dabei aus? Wer ſchwört falſch außer Snawley, ein Mann, dem ich weit ehiger gegeben habe als Ihnen?⸗ ——8O— 2—8— — Nicolaus Nickleby. 142 »Ja, er that es wohlfeil, der Snawley,« bemerkte Squeers. »Er that es wohlfeil!« entgegnete Ralph,»ja, und er that es gut, mit einem heuchleriſchen Geſichte und ei⸗ nem frommheiligen Weſen, aber Sie— Gefahr! Was verſtehen Sie unter Gefahr? Die Zeugniſſe ſind alle echt, Snawley hatte noch einen Sohn, er war zwei⸗ mal verheirathet, ſeine erſte Frau iſt geſtorben, Nie⸗ mand, außer etwa ihr Geiſt, kann ſagen, daß ſie dieſen Brief nicht geſchrieben hat, Niemand außer Snawley ſelbſt kann ſagen, daß dies ſein Sohn nicht iſt, daß ſein Sohn längſt von den Würmern gefreſſen wurde. Es ſchwört Niemand falſch als Snawley, und ich glaube, er thut es nicht zum Erſtenmale. Wo liegt die Gefahr für Sie 2« 3. »Nun,« ſagte Squeers, der unruhig auf ſeinem Stuhle hin⸗ und herrückte,»„da Sie einmal davon re⸗ den, ſo ſagen Sie mir doch, wo liegt denn die Gefahr für Sie 2« »Fragen Sie lieber, wo iſt für mich Gefahr?« ant⸗ wortete Ralph.»Ich komme bei der Sache gar nicht zum Vorſchein,— eben ſo wenig wie Sie. Snawley hat auch weiter nichts zu thun, als bei der Geſchichte zu bleiben, die er erzählt hat, und die einzige Gefahr für ihn liegt darin, daß er im mindeſten davon ab⸗ weicht. Reden Sie von Gefahr bei der Sache!« „Nennen Sie es nicht ſo,« entgegnete Squeers, der ſich unruhig umſah,»thun Sie mir den Gefallen und nennen Sie es nicht ſo.« »Nennen Sie es, wie Sie wollen,« ſagte Ralph ärgerlich, vaber hören Sie mich an. Das Mährchen wwurde urſprünglich erſonnen, um einem Menſchen große Unannehmlichkeiten zu erregen, der Ihr Geſchäft ſtört 10* 148 Nicolaus Nickleby. und Sie halb todt prügelte, und um es Ihnen möglich zu machen, einen halbtodten Burſchen wiederzubekom⸗ men, den Sie wieder zu erhalten wünſchten, weil, wenn Sie Ihre Nache an ihm auslaſſen. Sie wiſſen, die Ueberzeugung, er befinde ſich wieder in Ihrer Ge⸗ walt, werde die empfindlichſte Strafe ſein, die Sie Ih⸗ rem Feinde zufügen können. Iſt es nicht ſo, Herr Squeers?« »Ja, Herr Nickleby,« entgegnete Squeers, faſt er⸗ ſchreckt durch den Entſchluß, den Ralph verrieth, alles gegen ihn ſprechen zu laſſen, und durch deſſen eiſerne unbeugſame Beſtimmtheit,„gewiſſermaßen war es ſo.⸗ „Was ſoll das heißen?« fragte Ralph ruhig. „»Nun, gewiſſermaßen, ſehen Sie, das heißt,« ant⸗ wortete Squeers,»es kann ſo ſein, es geſchah alles meinetwegen, weil Sie auch ſchon längſt einen Groll hatten.« „Glauben Sie, wenn ich den nicht gehabt hätte,“ ſagte Ralph, der ſich keineswegs ſchämte, daran erinnert zu werden,»ich würde Ihnen behülflich geweſen ſein?⸗ „Das glaube ich nicht,« antwortete Squeers; vich wünſchte bloß, daß dieſe Sache zwiſchen uns ganz glatt und gleich ſei.« „Wie kann es je anders ſein?« entgegnete Ralph. »Ich gab Geld, um meinen Haß zu ſtillen und Sie nahmen es, um den Ihrigen zu befriedigen. Sie ſind wenigſtens eben ſo geizig als Sie rachſüchtig ſind, und ſo bin ich. Wer ſteht am beſten? Sie, der Sie Geld bekommen und Ihre Nache zu gleicher Zeit mit befrie⸗ digen, in jedem Falle doch das Geld haben, wenn Ihnen die Rache entgehen ſollte, oder ich, der ich bloß gewiß Geld geben muß und höchſtens die nackte Rache gewin⸗ nen kann, ſonſt aber nichts?« — Nicolaus Nickleby. 1⁴9 Da Squeers auf dieſe Frage bloß durch Achſelzucken und Lächeln antworten konnte, ſo verlangte Ralph barſch, er ſolle nun ſchweigen und dankbar dafür ſein, daß er bei der Sache ſo gut wegkomme, dann ſah er ihn feſt und unverwandt an und erzählte: Erſtlich, daß Nicolaus ihm einen Plan vereitelt, den er wegen der Verheirathung eines jungen Mäd⸗ chens entworfen, und ſodann in der Verwirrung, die auf den plötzlich eingetretenen Tod ihres Vaters erfolgt, dieſes Mädchens ſich angenommen und ſie in Triumph fortgebracht habe. Zweitens, daß ſie durch ein Teſtament oder ſonſt, gewiß durch ein geſchriebenes Dokument, welches den Namen des jungen Mädchens enthalten müſſe und deß⸗ halb leicht unter andern Papieren werde herausgefun⸗ den werden können, wenn man an den Ort käme, wo es ſich befinde,— Anſpruch auf eine Beſitzung habe, die, erfahre ſie jemals die Exiſtenz dieſes Dokumentes, ihren Mann(und Ralph meinte, Nicolaus würde ſie gewiß heirathen) reich, unabhängig und zu einem höchſt gefährlichen Feinde machen würde. 3 Drittens, daß dieſes Dokument nebſt andern einem Manne entwendet worden ſei, der es ſelbſt betrügeri⸗ ſcher Weiſe erhalten oder verheimlicht habe und der ſich ſcheue, irgend einen Schritt zur Wiedererlangung deſſelben zu thun; daß er(Ralph) den Dieb kenne. Squeers hörte alles dies mit gierigem Ohre, wel⸗ ches jede Silbe verſchlang, mit weit aufgeriſſenem Auge und offenem Munde an, denn er wunderte ſich, aus wel⸗ chem Grunde er in ſo hohem Maße mit Ralphs Vertrauen beehrt werde und worauf es eigentlich abgeſehen ſei. »Nun,« fuhr Ralph fort, indem er ſich verneigte und ſeine Hand auf den Arm des Herrn Squeers legte, 150 Nicolaus Nickleby. „hören Sie den Plan an, den ich entworfen habe und ausführen muß, ich ſage muß, wenn ich ihn vollends zur Reife zu bringen vermag. Es kann von dem Do⸗ kumente durchaus Niemand einen Vortheil haben als das Mädchen ſelbſt oder ihr Mann, wenn ſie heirathet, und ſie müſſen das Dokument beſitzen, wenn ſie irgend ei⸗ nen Vortheil erlangen wollen. Das habe ich ermittelt und das ſteht über allem Zweifel. Ich möchte nun die⸗ ſes Dokument haben und gäbe dem Manne, der es mir bringt, funfzig Pfund Sterl. in Gold, um es vor ſei⸗ nen Augen zu verbrennen.« Squeers folgte mit ſeinem einen Auge der Handbe⸗ wegung Ralphs nach dem Kamine hin, der bereits that, als werfe er das Papier hinein, holte dann tief Athem und ſagte: »Ja, aber wer kann es bringen?« »Vielleicht Niemand, denn es iſt viel zu thun, be⸗ vor es zu erlangen iſt,« ſagte Ralph;»kann es Je⸗ mand thun, ſo ſind Sie es.« Die erſten Zeichen der Beſtürzung des Herrn Squeers und die Art, wie er die Sache völlig und rund von ſich abwies, würden die meiſten Perſonen wankend ge⸗ macht, vielleicht gar veranlaßt haben, den Plan ganz aufzugeben. Auf Ralph aber machten dieſe Zeichen durch⸗ aus gar keinen Eindruck. Als der Schulmeiſter ſich völ⸗ lig außer Athem geſprochen hatte, fuhr Ralph ſo ruhig und kaltblütig, als ſei er gar nicht unterbrochen wor⸗ den, fort, über dasjenige bei der Sache zu ſprechen, was er am meiſten hervorzuheben für vortheilhaft und räthlich hielt. Dies war das Alter, die Gebrechlichkeit und Schwäche der Frau Sliderskow, die große Unwahrſcheinlichkeit, daß ſie einen Mitſchuldigen oder ſelbſt einen Bekannten habe, weil ſie ganz und gar eingezogen lebe und ſo lange ſich in einem ſolchen Hauſe aufgehalten habe, wie das Gride's ſei, dagegen die Wahrſcheinlichkeit, daß der Diebſtahl keineswegs das Reſultat eines wohlangelegten Planes ſei, weil ſie ſonſt eine Gelegenheit abgepaßt haben würde, eine Summe Geldes fortzuſchaffen; die ſchwierige Lage, in welcher ſie ſich befinden würde, wenn ſie über das nachdenke, was ſie gethan, und ſich in Nicolaus Nickleby. 151 Beſitz von Dokumenten ſehe, deren Beſchaffenheit und Werth ihr ganz unbekannt ſei, und die vergleichsweiſe leichte Mühe, die es Jemanden koſten würde, der ihre Lage genau kenne, zu ihr zu gelangen, ſich in ihr Ver⸗ trauen einzuſchleichen,— im Nothfalle dadurch, daß er ihre Beſorgniß und Furcht vergrößere— und unter irgend einem Vorwande in Beſitz des Dokuments zu gelangen. Dazu kamen Betrachtungen über den fortwährenden Aufenthalt des Herrn Squeers in weiter Entfernung von London, wodurch ſeine Verbindung mit Frau Sliderskow zu einem bloßen Maskenſtreiche werde, in welchem ihn ſowohl jetzt als irgend einmal nicht leicht Jemand erkennen würde; die Unmöglichkeit, daß Ralph die Sache ſelbſt unternehme, weil ſie ihn ſchon von Anſehen kenne, und verſchiedene Aeußerungen über den ungewöhnlichen Takt und die Er⸗ fahrung des Herrn Squeers, dem es ein Spaß und Kinderſpiel ſein würde, eine alte Frau zu überliſten. Nach dieſem Beſtreben, den Schulmeiſter zu überreden, bot Ralph ſeine ganze Geſchicklichkeit auf, um eine leb⸗ hafte Schilderung von der Niederlage zu entwerfen, die Nicolaus erleiden würde, wenn ihnen der Plan gelinge, indem er ſich mit einer Bettlerin verbinde, während er eine reiche Erbin zu heirathen hoffe,— deutete die un⸗ endlich große Wichtigkeit an, die es für einen Mann wie Squeers haben müſſe, einen Mann wie ihn(Ralph) zum Freunde zu haben,— verweilte bei den mannich⸗ faltigen Vortheilen, die Squeers von ihm gehabt, ſeit ſie mit einander bekannt geworden„indem er zum Bei⸗ ſpiel günſtig über ſeine Behandlung eines kränklichen Knaben berichtet habe, der unter ſeinen Händen geſtor⸗ ben ſei(deſſen Tod für Ralph und deſſen Clienten ge⸗ rade recht gelegen kam, was er jedoch nicht ſagte), und deutete endlich darauf hin, daß die funfzig Pfund vielleicht auf fünfundſiebenzig und bei völligem Gelin⸗ gen wohl gar auf hundert erhöhet werden könnten. Als Nalph alle dieſe Argumente geltend gemacht hatte, ſchlug Squeers die Füße über einander, legte ſie wieder auseinander, kratzte ſich hinter den Ohren, rieb ſein Auge, beſah ſich ſeine Hände, kauete an den Nä⸗ geln, gab noch durch manche andere Zeichen ſeine Un⸗ entſchloſſenheit und Ruheloſigkeit zu erkennen und fragte, Nieolaus Nickleby. „ob hundert Pfund St. das Höchſte ſei, was Nickleby geben könnte?« Als er darauf eine bejahende Antwort erhalten hatte, wurde er von neuem ruhelos, vachte nochmals nach, fragte wiederum— vergebens— ob Ralph nicht noch funfzig zulegen könne, ſagte endlich, er glaube, er werde es verſuchen müſſen, und wolle, was er vermöge, für einen Freund thun, was ja ein⸗ mal ſein Grundſatz ſei, und übernahm glſo den Auftrag. „»Aber wie wollen Sie an die Frau kommen?« fragte er;»das kann ich noch nicht begreifen.⸗ „Es iſt möglich, daß ich nicht an ſie kommen kann,“ antwortete Ralph,»aber ich will es verſuchen. Ich habe Leute in dieſer Stadt ausfindig gemacht, die ſich beſſer verborgen halten als ſie, und ich kenne Oerter, wo eine oder ein paar Guineen, die man ſorgſam daran wendet, oft dunklere Räthſel löſen als dieſes, oder ſie— ver⸗ ſchweigen, wenn es ſein muß. Mein Schreiber klingelt an der Thür, wie ich höre. Wir können uns nun tren⸗ nen. Sie thun beſſer, wenn Sie nicht zu mir kommen, ſondern warten, bis Sie von mir hören.“« »Gut,« entgegnete Squeers;»aber Sie bezahlen, was ich im Sarazenen verzehre und vergüten mir mei⸗ nen Zeitverluſt, wenn Sie das Weib nicht ausfindig machen, he 2⸗ 3 »Ja,« antwortete Ralph,»vauch dies. Haben Sie ſonſt noch etwas zu ſagen?« Saueers ſchüttelte mit dem Kopfe, Ralph begleitete ihn bis an die Hausthür, wunderte ſich da wegen Newmans, daß ſie verſchloſſen ſei, als wäre es Nacht, ließ ihn berein und Squeers hinaus und kehrte dann in ſein Zimmer zurück. »Jetzt!« murmelte er vor ſich hin,»komme nun, was kommen will, ich ſtehe feſt und unerſchütterlich. Wenn ich nur dieſen einen kleinen Theil meines Verlu⸗ ſtes wieder einhole; wenn ich ihm nur dieſe eine Hoff⸗ nung zu Schanden mache, die ſeinem Herzen gewiß theuer iſt; wenn mir nur dies gelingt, ſo ſoll es das erſte Glied in einer Kette ſein, die ich um ihn ſchlingen will, wie noch keine von einem Menſchen geſchmiedet wurde.⸗ Ende des ſiebenten Theiles. 8 7. ———————— 4 1—— 5 4 4 ““ 3 6 4 8 1 4 4 2 8* 8 3 5 4½ 6 8 1 4