— Eet a ge 3——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ . pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von A jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme es Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe ſ binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. d 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 1 Capt. Marryat's, Capt. Chamier's, Dr Harriſſon's(Samuel Warren's), Wilſon's, James Morier's, Boz's u. A. Eine Sammlung der neueſten und ausgezeichnetſten Romane der engliſchen Literatur. Vierundsiebenzigster Band. Leben und Abenteuer des Nicolaus Nickleby von Boz(Charles Dickens). Sechster Theil. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1839 Bo z's (Charles Dickens) Geſammelte Werke. Funkzehnter Theil. Leben und Abenteuer des Nicolaus Nickleby. Sechster Theil. Mit einer Federzeichnung nach Phiz. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn, und 4 George Weſtermann. 1839. ¹ 4 3 8 5 I „ 4 1 * Leben und Abenteuer des Nicolaus Nickleby. Von Boz(Charles Dickens), dem Verfaſſer der Pickwicker, des Oliver Twiſt, der humoriſtiſchen Genrebilder ꝛc. Aus dem Engliſchen von 3 K. H. Hermes. Fortgeſetzt 4 von—— Dr. A. Diezmann. Sechster Theil. Zweite Auklagre. Mit einer Federzeichnung nach Phiz. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn, und George Weſtermann. 1839. Erſtes Kapitel bringt verſchiedene Perſonen zuſammen. Längſt ſchon war die tiefſte Ruhe auf den Sturm ge⸗ folgt, der Abend ziemlich weit vorgerückt, das Abendeſſen vorüber, und die Verdauung ging ſo vortrefflich von Statten, wie ſie unter dem Einfluſſe von vollkommener Ruhe, freundlichen Geſprächen und einem mäßigen Ge⸗ nuſſe von Branntwein und Waſſer nach der Meinung der Männer nur immer vor ſich gehen kann, welche mit der Anatomie und den Verrichtungen der menſchlichen Organe vertraut ſind, als die drei Freunde, oder viel⸗ mehr, wie man in bürgerlichem oder religiöſem Sinne mit der gehörigen Rückſicht auf den heiligen Eheſtand wohl ſagen ſollte, die beiden Freunde(Herr und Ma⸗ dame Browdie zählten doch nur noch als eine Perſon) durch den Lärm lauter und heftiger Drohungen aufmerk⸗ ſam gemacht wurden, die bald einen ſo hohen Grad er⸗ reichten und überdies in ſo gewaltig wilder und leiden⸗ ſchaftlicher Sprache ausgeſtoßen wurden, daß ſie kaum ärger hätten ſein können, wäre ein wirklicher Sarazenen⸗ kopf auf den Schultern und dem Leibe eines lebendigen, echten, aufgebrachten und unverſöhnlichen Sarazenen im Hauſe geweſen. Dieſer Lärm nahm, ſtatt ſchnell nach dem erſten Aus⸗ bruche(wie Lärm ſocher Art in Wirthshäuſern, geſetzge⸗ Nicolaus Nickleby. VI. 1 8 Nicolaus Nickleby. benden Verſammlungen und dergleichen), in ein grellen⸗ des und murmelndes Gezänk überzugehen, jeden Augenblick noch mehr zu, und obgleich er nur von einem einzigen Lungenpaare gemacht zu werden ſchien, ſo war dieſes eine Paar doch ein ſo gewaltiges, und wiederholte Worte wie»Schuft,«»Schurke,«»unverſchämter Kerl« und viele andere für die Perſon, welcher ſie galten, nicht minder ſchmeichelhafte Ausdrücke, mit ſo großem Wohlgefallen und ſo ſtarker Betonung, daß ein Dutzend Stimmen, die ſich unter gewöhnlichen Umſtänden zu gleicher Zeit ver⸗ nehmen laſſen, weit weniger Lärm gemacht und weit ge⸗ ringere Beſtürzung erregt haben würden. »Was giebt es?« fragte Nicolaus, der nach der Thür eilte. John Browdie ſchritt in eben der Richtung hin, als Madame Browdie blaß wurde, ſich auf ihrem Stuhle zurücklehnte und ihn mit ſchwacher Stimme zu bemerken bat, wenn er ſich irgend einer Gefahr ausſetze, würde ſie unfehlbar und augenblicklich Krämpfe bekommen und die Folgen davon könnten ernſthafter ſein, als er ſich jetzt einbilde. John machte nach dieſer Andeutung ein ziem⸗ lich langes Geſicht, obgleich ſich darauf zu gleicher Zeit ein heimliſches Lächeln zeigte; nahm, da er unmöglich von dem Schauplatze fern bleiben konnte, den Arm ſeiner Frau unter den ſeinigen, und folgte ſo in ihrer Beglei⸗ tung ſo ſchnell als möglich Nicolaus die Treppe hin⸗ unter. Der Schauplatz des Lärmes war der Gang außen vor dem Kaffeezimmer, und dahin hatten ſich die Gäſte aus dem Kaffeezimmer, ſowie die Aufwärter nebſt zwei oder drei Kutſchern und Andern aus dem Hofe gedrängt und zwar um einen jungen Mann, der ſeinem Ausſehen nach ein oder ein paar Jahr älter als Nicolaus ſein Nieolaus Nickleby. 9 mochte und nachdem er die erwähnten Drohungen und Ausdrücke herausgeſchleudert hatte, in ſeinem Zorne ſelbſt noch weiter gegangen zu ſein ſchien, denn ſeine Füße hatten keine andere Bedeckung als Strümpfe, während ein Paar Pantoffeln nicht weit von dem Kopfe einer in der entgegengeſetzten Ecke liegenden Figur lag, die ver⸗ mittelſt eines Fußtrittes an ihren gegenwärtigen Aufent⸗ haltsort geſchleudert worden zu ſein und die Ehre ge⸗ habt zu haben ſchien, daß ihr die Pantoffeln um die Ohren geſchlagen wurden. Die Gäſte aus dem Kaffeezimmer, die Aufwärter, die Kutſcher und Arbeiter— ein Schenkmädchen gar nicht zu erwähnen, die hinter einem offenen Schiebfenſter zu⸗ ſah— ſchienen in dieſem Augenblicke, wenn man nach ihrem Winken, ihrem Nicken und ihren halbunterdrückten Ausrufungen ſchließen durfte, große Luſt zu haben, gegen den jungen Mann in den Strümpfen Partei zu ergreifen. Als Nicolaus dies bemerkte, ſowie, daß der junge Mann ſo ziemlich von ſeinem eigenen Alter war, und keineswegs ein gewöhnlicher Krakeeler zu ſein ſchien, fühlte er ſich, wie es jungen Leuten bisweilen ergeht, ſtark verſucht, ſich auf die Seite der ſchwächeren Partei zu ſchlagen, drängte ſie deshalb ſogleich in die Mitte der Gruppe und fragte in einem vielleicht pathetiſcheren Tone, als die Umſtände gerade nöthig machten, was die Urſache all' dieſes Lärmes ſei. »Hallo!« rief einer der Männer aus dem Hofe,»da kommt ein Verkleideter!«. „»Platz für den älteſten Sohn des Kaiſers aller Reußen, meine Herren!« rief ein Anderer. Ohne auf dieſe Ausfälle und Sticheleien zu achten, die ungemein gut aufgenommen worden, wie es mit Sti⸗ cheleien auf die am beſten gekleideten Perſonen in einem Nicolaus Nickleby. Gedränge meiſt geſchieht, ſah ſich Nicolaus aufmerkſam um, wendete ſich an den jungen Mann, der unterdeß ſeine Pantoffeln wieder aufgehoben und die Füße in die⸗ ſelben geſteckt hatte und wiederholte artig ſeine Frage. »Eine bloße Lumperei,« antwortete er. Die Zuſchauer erhoben darüber ein Gemurmel und einige der Keckſten riefen:»wahrhaftig! Weiter nichts? Eine Lumperei! Das nannte er eine Lumperei? Wohl ihm!« Als endlich dieſe und andere Ausdrücke ironiſcher Mißbilligung erſchöpft waren, fingen einige an, Nicolaus und den jungen Mann zu ſtoßen, welcher den Lärm ge⸗ macht hatte, ſtolperte wie zufällig gegen ſie, traten ſie auf die Füße und dergl. Da dies Spiel ſich jedoch nicht nothwendig auf drei oder vier Theilnehmende zu be⸗ ſchränken brauchte, ſo ſtand der Eintritt auch dem John Browdie frei, der denn auch— zum großen Schrecken ſeiner jungen Frau— in den kleinen Menſchenknäuel hinein⸗ drängte, in allen Richtungen, bald rechts, bald links, bald vorwärts, bald rückwärts, fiel, wie zufällig mit dem Elbogen durch den Hut des ſtärkſten Arbeiters ſtieß, der ſich beſonders thätig gezeigt hatte und ſo der Stel⸗ lung der beiden Parteien ein ganz verſchiedenes Ausſehen gab, während mehr als ein ſtämmiger Burſche in eine ſichere Entfernung hinkte und mit Schmerzensthränen in den Augen, den ſchweren Tritt und die gewichtigen Füße des runden Yorkſhirers verfluchte. »Er ſoll es doch noch einmal thun!« ſaoe der, wel⸗ cher in die Ecke geworfen worden war und dabei auf⸗ ſtand, wahrſcheinlich mehr aus Furcht, John Browdie möge aus Unvorſicht einmal auf ihn treten, als in dem Wunſche, ſich ſeinem früheren Gegner wieder entgegen zu ſtellen.»Er ſoll es doch noch einmal verſuchen!« „»Wenn ich jene Bemerkungen noch einmal höre,« Nicolaus Nickleby. 11 entgegnete der junge Mann, ſo werde ich Dir den Kopf unter den Weingläſern dort hinter Dir zerſchlagen.⸗ Jetzt beſchwor ein Aufwärter, der ſich die Hände in großer Freude über den Auftritt gerieben hatte, ſo lange es ſich bloß von Hirnſchädeleinſchlagen handelte, die Zu⸗ ſchauer in vollem Ernſte, die Polizei zu holen, und er⸗ klärte, es komme ſonſt noch gewiß zu Mord und Todt⸗ ſchlag, und er ſei für alle Gläſer da verantwortlich. »Es braucht ſich Niemand zu bemühen,« ſagte der junge Mann,»ich werde die ganze Nacht hier im Hauſe bleiben und man wird mich morgen früh da finden, wenn man mich vor Gericht laden will.« »Warum ſchlugen Sie ihn denn?« fragte einer der Zuſchauer. »Ja, warum ſchlugen Sie ihn?« ſtimmten die An⸗ dern ein. Der junge Mann ſah ſich kaltblütig um, wendete ſich an Nicolaus und ſagte:— »„Sie fragten eben, was es hier gäbe. Die Sache iſt einfach die. Jener Menſch, der mit einem Freunde hier in dem Kaffeehauſe trank, als ich eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen dahin kam(ich bin nämlich eben von einer Reiſe zurückgekommen und zog vor, die Nacht lie⸗ ber hier zu bleiben, als ſo ſpät nach Hauſe zu gehen, wo ich erſt morgen erwartet werde), ſprach in ſehr un⸗ ehrerbietigen und unverſchämt vertraulichen Ausdrücken von einem jungen Mädchen, das ich aus ſeiner Beſchrei⸗ bung und andern Umſtänden erkannte und das ich zu kennen die Ehre habe. Da er ſo laut ſprach, daß es wohl auch die andern Gäſte hören konnten, welche zuge⸗ gen waren, ſo machte ich ihm ſehr artig bemerklich, er irre in ſeinen Vermuthungen, die übrigens beleidigend wären, und erſuchte ihn, ſeine Zunge im Zaume zu 12 Nicolaus Nickleby. halten. Eine kurze Zeit that er es, da er aber, als er 8 fortging, ſeine Rede von neuem aufnahm und zwar auf eine noch beleidigendere Weiſe als vorher, ſo konnte ich mich nicht enthalten, ihm nachzugehen und ſeine Entfer⸗ nung durch einen Fußtritt zu beſchleunigen, welcher ihn in die Lage verſetzte, in der Sie ihn eben ſahen. Ich weiß am beſten, was ich thue,« fuhr der junge Mann fort, deſſen Hitze ſich offenbar noch nicht völlig gelegt hatte;»will Jemand dieſen Streit aufnehmen, ſo habe ich nicht das mindeſte von der Welt dagegen.⸗ Nicolaus hielt in ſeiner damaligen Stimmung dieſes Verfahren unter den erzählten Umſtänden für das aller⸗ lobenswertheſte. Wenige Gegenſtände des Streites würden in dieſem Augenblicke einen mächtigern Ein⸗ druck auf ſein Herz gemacht haben, und jedenfalls hätte er eben ſo gehandelt, wenn ein muthwilliger Schwätzer gewagt, in ſeiner Gegenwart verächtlich von der Unbe⸗ kannten zu ſprechen, die ſeine Gedanken ſo ausſchließlich beſchäftigte. In Folge dieſer Betrachtungen machte er dem Streit des jungen Mannes mit vieler Wärme zu den ſeinigen, behauptete, derſelbe habe ganz recht ge⸗ handelt und er achte ihn darum hoch, was John Brow⸗ die(dem das Verdienſtliche jedoch nicht ganz ſo klar war) ebenfalls ſogleich betheuerte, und zwar mit nicht minder großer Heftigkeit. »Er mag ſich nur in Acht nehmen, weiter ſage ich nichts,« meinte der Geſchlagene, der von einem Aufwär⸗ ter nach dem Falle auf die ſtaubigen Dielen abgebürſtet wurde.»Er hat mich nicht umſonſt dahin geworfen, das kann ich ihm ſagen. Es wär' doch eine ſchöne Sache, wenn man ein hübſches Mädchen nicht bewundern dürfte ohne dafür geprügelt zu werden.« Dieſe Bemerkung ſchien dem Mädchen am Schenk⸗ Nicolaus Nickleby. 13 tiſche von beſonderem Gewichte zu ſein. Sie zupfte, während ſie ſprach, am Häubchen, ſah in den Spiegel und ſagte, das wäre allerdings eine ſchöne Sache; ſoll⸗ ten alle Leute wegen ſo unſchuldiger und natürlicher Handlungen geſtraft werden, ſo würden Mehrere Prügel zu bekommen haben als Prügelaustheilende da wären, überhaupt wiſſe ſie nicht, was der Herr damit gemeint habe, ſie wiſſe es wirklich nicht. »Mein liebes Mädchen,« ſagte der junge Mann ſanft, während er an das Schiebfenſter trat. »Dummes Zeugl!“ antwortete ſie ſpitz, aber ſie lä⸗ chelte doch als ſie wegſah und ſich auf die Lippe biß, weshalb Madame Browdie, die noch immer auf der Treppe ſtand, ihr einen Blick der Verachtung zuwarf und ihren Mann wegrief. „Nein, aber hören Sie mich an,« ſagte der junge Mann.»Wäre die Bewunderung eines hübſchen Ge⸗ ſichtes ſtrafbar, ſo wäre ich ſelbſt der hoffnungsloſeſte Menſch unter dem Monde, denn ich kann keinem wider⸗ ſtehen. Ein hübſches Geſicht macht den außerordentlich⸗ ſten Eindruck auf mich und bringt mich in der größten Wuth zu mir ſelbſt. Sie ſehen, welche Wirkung das Ihrige bereits auf mich gemacht hat.«⸗ »Ah, das iſt ſehr hübſch,« entgegnete das junge Mäd⸗ chen, den Kopf hin und her bewegend,»aber—« »Nicht wahr, das wäre ſehr hübſch?« fragte der junge Mann, indem er dem Schenkmädchen mit bewun⸗ derndem Blicke in das Geſicht ſah.»Von der Schönheit muß man immer mit Achtung ſprechen, mit Achtung, in paſſenden Ausdrücken und in dem gehörigen Gefühle ihres Werthes und ihrer Vortrefflichkeit, wovon aber dieſer Menſch nicht mehr weiß—« Das Mädchen unterbrach hier die Rede, indem ſie 14 Nicolaus Nickleby. den Kopf durch das Schiebfenſter heraus ſteckte und den Aufwärter mit gellender Stimme fragte, ob der junge Menſch, der zu Boden geworfen worden, die ganze Nacht in der Hausflur ſtehen ſolle oder ob der Weg für andere Leute frei gemacht werden würde. Die Aufwärter ver⸗ ſtanden dieſen Wink und theilten ihn den Hausknechten u. ſ. w. mit, welche ebenfalls ſogleich ihren Ton änder⸗ ten, und das Reſultat war, daß das unglückliche Opfer in einem Augenblicke hinaustransportirt wurde. „Ich glaube dieſen Menſchen ſchon geſehen zu haben,⸗ ſagte Nicolaus. „Wirklich?« fragte ſein neuer Bekannter. „Ich bin überzeugt davon, entgegnete Nicolaus, der ſich zu erinnern ſuchte.»Wo mag das geweſen ſein?— halt!— ja, gewiß. Er gehört in ein Verſorgungs⸗ Comptoir am Weſtende der Stadt. Ich wußte doch, daß ich das Geſicht ſchon geſehen habe. ⸗ Es war wirklich Tom, der häßliche Secretair. „Ich bin Ihnen verbunden dafür, daß Sie ſich mei⸗ ner Sache annahmen, als ſie einer Unterſtützung ſo ſehr bedurfte,« ſagte der junge Mann lachend, indem er eine Karte aus der Taſche nahm.»Wollen Sie mir nun auch die Gefälligkeit erzeigen und mich wiſſen laſſen, wo ich Ihnen danken kann?« — Nicolaus nahm die Karte, warf, während er das Compliment erwiederte, unwillkürlich einen Blick nach dem Namen und äußerte große Ueberraſchung. „Herr Frank Cheeryble!« rief Nicolaus.„Doch nicht der Neffe der Gebrüder Cheeryble, deſſen Rückkehr mor⸗ gen erwartet wird 2« „Allerdings nenne ich mich für gewöhnlich nicht den Neffen der Firma,« entgegnete Herr Frank in guter Laune, „ſondern der beiden trefflichen Männer, die ſie bilden; ‿ Nicolaus Nickleby. 15 ja, ich bin ſtolz darauf, der Neffe derſelben zu ſein. Und Sie ſind, wie ich ſehe, Herr Nickleby, von dem ich ſo viel gehört habe! Es iſt zwar ein höchſt unerwartetes Zuſammentreffen, mir aber doch nichts deſto weniger ſehr erfreulich.« Nicolaus erwiederte dieſe Complimente mit andern ähnlichen, und ſie drückten einander Beide warm die Hände. Dann ſtellte er John Browdie vor, der von ſeiner gewaltigen Verwunderung noch nicht zurückgekom⸗ men, ſeit das junge Mädchen am Schenktiſche ſo geſchickt für die rechte Partei gewonnen worden war. Darauf wurde auch Madame Browdie vorgeſtellt, und endlich gingen alle mit einander die Treppe hinan und blieben eine halbe Stunde recht vergnügt und zufrieden beiſam⸗ men. Madame Browdie begann die Unterhaltung mit der Erklärung, daß das Mädchen unten von allen menſch⸗ lichen Geſchöpfen, die ſie jemals geſehen, das eitelſte ſei. Herr Frank Cheeryble, obgleich nach dem zu ſchließen, was eben vorher vorgefallen war, ein heißblütiger jun⸗ ger Mann, war aufgeräumt, gut gelaunt und höchſt an⸗ genehm im Umgangez in ſeinem Geſichte, wie in ſeinem ganzen Weſen lag etwas, das Nicolaus lebhaft an die beiden gutherzigen alten Brüder erinnerte. Er benahm ſich ſo ungezwungen, ſo natürlich, ſo herzlich, daß er bei Jedermann, der in ſeinem Charakter ebenfalls etwas Edles beſaß, ſogleich ein günſtiges Vorurtheil für ſich erweckte. Dazu nehme man noch, daß er recht hübſch, ſehr gebildet, ziemlich lebhaft und munter war, und ſich nach fünf Minuten ſo in John Browdie's Seltſamkeiten gefunden hatte, als habe er denſelben von Kindheit an gekannt, und man wird ſich nicht eben ſehr wundern, daß er einen ſehr vortheilhaften Eindruck machte, nicht bloß auf den würdigen Jorkſyirer und deſſen Frau, ſondern Nicolaus Nickleby. auch auf Nicolaus, der auf ſeinem Heimwege über das Vorgefallene bei ſich nachdachte und zu dem Schluſſe kam, 1 er habe an dieſem Abende den Grund zu einer höchſt angenehmen und wünſchenswerthen Bekanntſchaft gelegt. „Höchſt ſeltſam aber iſt es doch mit jenem Menſchen aus dem Nachweiſungscomptoir!« dachte Nicolaus. »Sollte dieſer Neffe wohl etwas von jenem ſchönen Mädchen wiſſen? Als mir Timotheus Linkinwater letzt⸗ 5 hin andeutete, er werde zurückkommen und in das Ge⸗ 4 ſchäft hier eintreten, ſagte er, der junge Mann habe das 1 Geſchäft in Deutſchland vier Jahre lang geführt und im den letzten ſechs Monaten ein Filial in dem Norden von England angelegt. Das giebt vier und ein halbes Jahr f — vier und ein halbes Jahr. Sie kann nicht über ſiebzehn Jahre alt ſein, höchſtens achtzehn. Sie muß alſo faſt noch ein Kind geweſen ſein, als er abreiſete. Ich möchte wohl behaupten, er wiſſe nichts von ihr und habe ſie nie geſehen; er wird mir alſo auch keine Aus⸗ kunft von ihr geben können. In jedem Falle,« dachte Nicolaus, der dabei zur Hauptſache kam,»kann von die⸗ ſer Seite keine Gefahr von einer frühern Beſchäftigung ihres Herzens zu fürchten ſein, das iſt klar.« Iſt der Eigennutz ein nothwendiger Beſtandtheil der Leidenſchaft, welche man Liebe nennt, oder verdient ſie aalle die ſchönen Sachen, welche Dichter in der Ausübung ihres unbezweifelten Berufes von ihr geſagt haben? Es ſind ohne Zweifel wohl verbürgte Beiſpiele vorhanden, daß Herren Damen und umgekehrt Damen Herren mit einer Art Großmuth und Edelſinn an verdienſtvolle Ne⸗ benbuhler und Nebenbuhlerinen abtraten, aber es ſteht wohl auch feſt, daß die Mehrzahl dieſer Damen und Herren aus der Noth eine Tugend machten und großmü⸗ thig dem entſagten, was ſie ſelbſt nicht erreichen konnten, Nicolaus Nickleby. 17 wie wenn ein gemeiner Soldat etwa das Gelübde thäte, nie den Hoſenband⸗Orden anzunehmen, oder ein armer wahrhaft frommer und gelehrter Geiſtlicher ohne Familie — ausgenommen eine zahlreiche Familie von Kindern— einem Bisthume entſagte. So war Nicolaus Nickleby, der mit Unwillen den Ge⸗ danken zurückgewieſen haben würde, zu berechnen, welche Gelegenheit ihm durch die Rückkehr dieſes Neffen gege⸗ ben ſei, in der Gunſt der Gebrüder Cheeryble zu ſteigen, tief in Berechnungen verſunken, ob wohl dieſer Neffe ſein Nebenbuhler um die Neigung der ſchönen Unbe⸗ kannten werden könnte, und er berieth ſich mit ſich ſelbſt darüber ſo ernſt, als wäre alles, bis auf dieſen einzigen Punkt, in der vollkommenſten Ordnung. Immer und immer kam er wieder auf dieſen Gegenſtand zurück, ja der bloße Gedanke empörte ihn endlich, es könne Jeman⸗ dem nur einfallen, ein Mädchen lieben zu wollen, das er liebte, obgleich er noch nicht ein einziges Mal mit ihr geſprochen hatte. Er ſchlug jedenfalls die Verdienſte ſeines neuen Bekannten eher zu hoch als zu niedrig an, — hielt es aber dennoch wiederum für eine Art geſetzli⸗ cher Beleidigung, daß derſelbe überhaupt Verdienſt haben ſollte— d. h. in den Augen jener Unbekannten. Sonſt mochte er ſo viele Verdienſte haben, als ihm geſtel. Daraus ſprach nun der offenbarſte Eigennutz, die deut⸗ lichſte Selbſtſucht, und dennoch war Nicolaus der edelher⸗ zigſte Menſch, mit ſo wenigen niedrigen oder habſüchti⸗ gen Gedanken, als ein Menſch nur haben kann, und es giebt keinen Grund zu der Vermuthung, er habe als Verliebter anders gefühlt und gedacht als andere Leute in demſelben Zuſtande. Er blieb nicht ſtehen, um ſeinen Gedankengang oder ſeinen Gefühlszuſtand durch eine Frage zu unterbrechen, Nicolaus Nickleby. VI. 2 Nieolaus Nickleby. ſondern ſchritt in fortwährendem Nachdenken dahin, und träumte in gleicher Weiſe die ganze Nacht fort. Als er ſich darüber beruhigt hatte, daß Frank Cheeryble gar keine Kenntniß von der geheimnißvollen jungen Dame, noch weniger eine Bekanntſchaft mit ihr haben könne, ſiel ihm wieder die Möglichkeit ein, daß er ſelbſt ſie viel⸗ leicht nicht wiederſehe, und auf dieſe Hypotheſe bauete er ſogleich eine höchſt ſinnreiche Reihe von peinigenden Vorſtellungen, welche ihn denn im Schlafe und im Wa⸗ chen quälten und keine Ruhe ließen. Trotz Allem, was vom Gegentheile geſagt und ge⸗ ſungen worden iſt, giebt es doch kein feſtſtehendes Bei⸗ ſpiel, daß der Morgen ſeine Ankunft auch nur um eine Stunde verzögert oder beſchleunigt habe, bloß wegen eines harmloſen Liebhabars; die Sonne iſt vielmehr in der Erfül⸗ lung ihrer öffentlichen Pflicht, wie die Bücher der Geſchichte lehren, ſtets unfehlbar nach dem Kalender aufgegangen, ohne ſich durch Privatrückſichten irre machen zu laſſen. Auch diesmal kam der Morgen wie gewöhnlich, mit ihm die Geſchäftsſtunden, mit dieſen Herr Frank Cheeryble und mit ihm eine lange Reihe von Lächeln und Will⸗ kommen von Seite der würdigen Brüder, ſo wie ein ernſterer, buchhalterartiger, wenn auch nicht minder herz⸗ licher Empfang von Seiten des Timotheus Linkinwater. „»Daß Herr Frank und Herr Nickleby vergangene Nacht,« ſagte Herr Timotheus Linkinwater, indem er bedächtig von ſeinem Stuhle herunterſtieg, ſich mit dem Rücken an das Pult lehnte und ſich in dem Comptoire umſah, wie er ſtets zu thun pflegte, wenn er etwas ganz Beſonderes zu ſagen hatte,»daß dieſe beiden jungen Herren vergangene Nacht auf eine ſolche Weiſe einander kennen lern⸗ ten, ſage ich, iſt ein Zuſammentreffen, ein merkwürdiges Zuſammentreffen.— Ja, ja, ich glaube,“« ſetzte Timotheus „—9 u—* Nicolaus Nickleby. 19 hinzu, indem er ſeine Brille abnahm und mit gewiſſer Selbſtzufriedenheit lächelte,»ich glaube, es giebt in der ganzen Welt keinen ſolchen Ort für ein Zuſammentreffen, wie London!« »Ich verſtehe mich darauf zwar nicht,« entgegnete Frank, vaber—« »Sie verſtehen nichts davon, Frank?« unterbrach ihn Timotheus.»So ſagen Sie doch einmal an! Giebt es einen geeigneteren Ort dazu und wo? In Europa? Nein, da giebt es gewiß keinen. In Aſien? Dort gewiß nicht. In Afrika? Kein Gedanke daran! In Amerika? Sie wiſſen das beſſer. Nun,« ſagte Timotheus, indem er entſchloſſen die Arme über einander ſchlug,»wo liegt der Ort?« »Ich wollte die Sache gar nicht beſtreiten, Timo⸗ theus,« antwortete der junge Cheeryble lachend.»Ich bin kein ſolcher Ketzer. Ich wollte bloß bemerken, daß mir dieſes Zuſammentreffen ſehr angenehm iſt.«, »Ah, wenn Sie nicht darüber ſtreiten wollen„ ent⸗ gegnete ganz zufriedengeſtellt Timotheus,»ſo iſt die Sache ganz anders. Ich muß Ihnen aber doch etwas ſagen,— ich wünſche, Sie hätten geſtritten, Sie oder irgend Jemand. Ich wollte dieſen Jemand,« fuhr Ti⸗ motheus fort, indem er mit dem Zeigefinger ſeiner lin⸗ ken Hand gravitätiſch auf ſeine Brille klopfte, vmit Grün⸗ den ſo in die Enge treiben——« Es war rein unmöglich, Worte zu finden, welche den Grad der geiſtigen Niederlage ausdrückten, die der ſtreit⸗ ſüchtige Jemand in dem hitzigen Kampfe mit Timotheus Linkinwater erlitten haben würde, daß dieſer den Schluß ſeiner Rede, eben bloß aus Mangel an Worten, aufgab und ſich wieder auf ſeinen Stuhl ſetzte. »Wir können uns glücklich ſchätzen, Bruder Eduard,⸗ 2* 20 Nieolaus Nickleby. ſagte Karl, nachdem er Timotheus Linkinwater beifällig auf den Rücken geklopft hatte,»daß wir zwei ſolche junge Männer wie unſeren Neffen Frank und den Herrn Nick⸗ leby um uns haben. Es muß dieß für uns wirklich ein Grund zu großer Zufriedenheit und Freude ſein.⸗ „Gewiß, Karl, gewiß,« entgegnete der Andere. 4„»Von Timotheus,“« ſetzte Bruder Eduard hinzu,»ſage ich gar nichts, weil er ein bloßes Kind— ein Säugling — ein Niemand iſt, an den wir nie denken, und auf den wir nie mit rechnen. Timotheus, Spitzbube, was ſagt Ihr dazu?« „Ich bin neidiſch und eiferſüchtig auf Beide,« ant⸗ wortete Timotheus,»und gedenke mich nach einer an⸗ deren Stelle umzuſehen. Sehen auch Sie ſich vor, meine Herren, wenn es Ihnen beliebt.« Timotheus hielt dies für einen ſo außerordentlich gu⸗ ten und beiſpielloſen Witz, daß er die Feder quer über das Dintenfaß legte, von ſeinem Stuhle nicht mit ſeiner gewöhnlichen Bedächtigkeit herunterſtieg, ſondern faſt herunterfiel, ſo lachte, daß er keinen Athem mehr hatte und dabei den Kopf ſo heftig ſchüttelte, daß der Puder davon in dem ganzen Comptoire herumflog. Die beiden Brüder blieben nicht zurück, denn ſie lachten über die ſpaßhafte Idee einer freiwilligen Trennung zwiſcher ih⸗ nen und dem alten Timotheus faſt eben ſo herzle Nicolaus und Frank lachten laut auf, vielleicht un andere Empfindung dahinter zu verbergen, welche kleine Vorfall in ihnen geweckt hatte— auch die drei Alten lachten laut auf nach dem erſten Ausbruche dieſes Lachen that dem kleinen Kreiſe vielleicht eb wohl und wohler, als einer feinen, noblen Geſellſcha der beißendſte Witz, der auf Koſten irgend einer Perſon gemacht wird. 5 dlich. — Nicolaus Nickleby. 21 »Herr Nickleby,« ſagte Bruder Karl, indem er ihn bei Seite rief und freundlich an der Hand nahm,— vich — ich wünſche, mein lieber Herr Nickleby, Sie anſtändig und recht wohnlich in dem Häuschen eingerichtet zu ſe⸗ hen. Wir können nicht zugeben, daß diejenigen, die fleißig und nützlich für uns arbeiten, irgend eine Entbeh⸗ rung oder einen Zwang leiden, wenn wir es abzuwen⸗ den vermögen. Ich wünſche auch, Ihre Mutter und Schweſter zu ſehen,— ſie kennen zu lernen, Herr Nickleby, und eine Gelegenheit zu finden, ihr Herz durch die Ver⸗ ſicherung zu erleichtern, daß die unbedeutende Gefällig⸗ keit, die wir Ihnen zu erweiſen vermochten, durch den Eifer und Fleiß, die Sie zeigen, mehr als ausgeglichen iſt. Kein Wort, lieber Nickleby,— thun Sie mir den Gefallen. Morgen iſt Sonntag. Ich werde da zur Theezeit ausgehen und ſinde Sie vielleicht zu Hauſe. Sind Sie nicht zu Hauſe, oder wäre es vielleicht den Frauen unangenehm, geſtört zu werden, oder wollten Sie ſich mir noch nicht zeigen,— ſo kann ich ein an⸗ deresmal wiederkommen; jede andere Zeit iſt mir an⸗ genehm. Dabei wollen wir es laſſen. Bruder Eduard, komm' einmal her, ich habe ein Paar Worte mit Dir zu ſprechen.« Die Zwillingsbrüder gingen Arm in Arm aus dem Comptoire hinaus und Nicolaus, der in dieſer Freund⸗ lichkeit ſo wie in vielen andern, deren Gegenſtand er dieſen Morgen geweſen war, bei der Ankunft des Neffen zart wiederholte Erneuerungen der Verſicherung ſah, die ihm die Brüder in der Abweſenheit deſſelben gegeben hatten, konnte dieſes wahrhaft ſeltene Benehmen kaum bewunde en genug, und wußte nicht, wie er ſeine Dank⸗ t genügend äußern ſollte. Die Nachricht, daß ſie einen Gaſt haben ſollte— und Nicolaus Nickleby. 22 einen ſolchen Gaſt!— erweckte in dem Herzen der Ma⸗ dame Nickleby ein gemiſchtes Gefühl von Stolz und Be⸗ dauern, denn während ſie dieſelbe auf der einen Seite als Andeutung bewillkommnete, daß ſie ſich bald wieder in guter Geſellſchaft bewegen und das faſt vergeſſene Vergnügen von Morgen⸗Beſuchen und Abend⸗Theegeſell⸗ ſchaften von nun an haben würde, mußte ſie doch auch auf der andern mit Betrübniß an den Mangel einer ſil⸗ bernen Thee⸗ und dazu paſſenden Milchkanne denken, welche in früherer Zeit der Stolz ihres Herzens geweſen waren und Jahr aus Jahr ein, in Waſchleder eingeſchla⸗ gen, auf einem gewiſſen Simſe geſtanden hatten, den ſie in dieſem Augenblicke deutlich und leibhaftig vor ſich ſah. „Ich möchte wohl wiſſen, wer das Gewürzkäſtchen hat,« fuhr Madame Nickleby kopfſchüttelnd fort.»Es ſtand in der linken Ecke, zwei Stellen von den einge⸗ machten Zwiebeln. Du mußt Dich noch an dieſes Ge⸗ würzkäſtchen erinnern, Käthchen.« „»Vollkommen, Mutter.« „Ich hätte nicht geglaubt, Käthchen,⸗ entgegnete Ma⸗ dame Nickleby in ſtrengem, vorwurfsvollem Tone,»daß Du ſo kalt und gefühllos davon ſprechen könnteſt! Wenn bei dieſem Verluſte mich etwas noch mehr ſchmerzt, als die Verluſte ſelbſt,« ſagte Madame Nickleby, die ihre Naſe heftig bei dieſen Worten rieb,»ſo iſt es der Um⸗ ſtand, daß ich Perſonen um mich habe, welche die Dinge ſo empörend ruhig hinnehmen und davon reden.⸗ „Liebe Mutter,« antwortete Käthchen, die langſam ihren Arm um den Hals der Mutter ſchlang,»warum ſprichſt du von Dingen, die Du gewiß nicht ernſtlich meinſt, ſo mit mir, und zürnſt mir, daß ich glücklich und zufrieden bin? Ich habe Dich und Nicolaus noch, wir ſind wieder bei einander; was kümmern mich einige Kleinigkei Nicolaus Nickleby. 23 ten, deren Mangel wir nicht empfinden? Kannſt Du Dich wundern, nachdem ich alle Noth und Troſtloſigkeit kennen lernte, welche der Tod zu bringen vermag, nachdem ich er⸗ fahren, was es heißt, mitten unter Menſchen einſam und allein zu ſein, nachdem ich in Gram und Armuth den Schmerz der Trennung empfinden mußte, gerade als wir eine der andern Troſt und Hülfe am meiſten bedurften, daß ich bei unſerm jetzigen ruhigen und ſorgenfreien Leben mir nichts mehr wünſche und mich nach nichts ſehne? Es gab gar wohl eine Zeit,— und ſie iſt noch nicht lange vergangen—, da ich an alle Gemächlichkeiten unſerer Heimath oft dachte, ich geſtehe es, ſehr oft, öfterer, als Du es vielleicht glaubſt,— aber ich ſtellte mich, als habe ich Alles vergeſſen, damit Du Dich weniger ſchmerz⸗ lich darnach zurückſehnteſt. Liebe Mutter,« ſetzte Käth⸗ chen in großer Aufregung hinzu,»ich fühle keinen Un⸗ terſchied zwiſchen unſerer jetzigen Heimath und jener, in welcher wir Alle ſo viele Jahre ſo glücklich waren, als daß das edelſte, das beſte Herz, das jemals auf dieſer Erde Schmerzen litt, nun im Grabe Ruhe gefunden hat.« »Käthchen, mein liebes, gutes Käthchen!« rief Madame Nickleby, indem ſie die Tochter in ihre Arme ſchloß. »Ich habe ſo oft,« ſchluchzte Käthchen,»an alle ſeine freundlichen Worte gedacht,— an das Letztemal, daß er in mein Stübchen ſah, als er die Treppe hinauf zu Bett ging und ſagte:»Gott behüte Dich, mein Kind!« Er ſah ſo blaß aus, Mutter— das kummervolle Herz— gewiß davon war es— aber damals wußte ich noch nichts davon—« Ein Thränerſtrom erleichterte ihr Herz, ſie lehnte ihr Köpfchen an die Bruſt der Mutter und weinte wie ein Kind. Es iſt ein ſchöner, ein herrlicher Zug in unſerer Na⸗ tur, daß, wenn das Herz durch ein ruhiges Glück oder 24 Nicolaus Nickleby. ein freundliches Gefühl gerührt und erleichtert wird, auch die Erinnerung an die verſtorbenen Lieben erwacht. Es ſcheint faſt, als wären unſere beſſeren Gedanken und Gefühle Zauberkräfte, welche die Seele in den Stand ſetzen, mit den Geiſtern Derer, welche wir im Leben liebten, auf eine unklare und geheimnißvolle Weiſe zu verkehren. Ach, wie oft und wie lange mögen jene ge⸗ duldigen Engel um uns ſchweben und auf den Zauber warten, der ſo ſelten geſprochen und ſo bald wieder ver⸗ geſſen wird! Die arme Madame Nickleby, die alles ſogleich auszu⸗ ſprechen gewohnt war, was ihr in den Sinn kam, hatte nie an die Möglichkeit gedacht, daß ihre Tochter im Stillen ſich wohl mit ſolchen Gedanken tragen könne, beſonders da keine harte Prüfung und kein vorwurfs⸗ voller Tadel ihr dieſelben entlockt hatte. Jetzt aber, als das Gefühl des Glückes über alles, was Nicolaus ihnen eben geſagt, und die Freude über ihr neues friedliches Leben jene Erinnerungen in Käthchen ſo gewaltig auf⸗ regten, daß ſie dieſelben nicht mehr unterdrücken, nicht verheimlichen konnte, ging der Madame Nickleby all⸗ mälig ein Licht auf, daß ſie wohl bisweilen recht blind und gedankenlos geweſen ſei, und ſie fühlte etwas wie Reue, indem ſie die Tochter umarmte und ſich den Ge⸗ fühlen hingab, welche ein ſolches Geſpräch natürlich er⸗ weckte. An dieſem Abend ging es gewaltig unruhig her, und es wurden eine Menge Anſtalten zur Aufnahme des er⸗ warteten Gaſtes gemacht. Von einem Gärtner in der Nähe hatte man einen ſehr großen Blumenſtrauß, und dieſer wurde in mehrere kleinere zertheilt, mit denen Ma⸗ dame Nickleby das kleine Wohnzimmer auf eine Art aus⸗ geſchmückt haben würde, das gewiß eines Jeden Aufmerk⸗ Nicolaus Nickleby. 25 ſamkeit erregt worden wäre, hätte nicht Käthchen ſich er⸗ boten, ihr die Mühe zu erſparen und die Blumen auf die gefälligſte Weiſe aufgeſtellt. Wenn das Häuschen jemals hübſch ausgeſehen, ſo muß es an einem ſo hellen, ſonnigen Tage geweſen ſein, wie der nächſte einer war. Aber Smike's Stolz auf den Garten, Madame Nickleby's Stolz auf den Zuſtand der Meubles, und Käthchens freu⸗ diges Gefühl über alles, war nichts in Vergleich mit dem Stolze, in welchem Nicolaus ſeine Schweſter be⸗ trachtete, und gewiß für das koſtbarſte, herrlichſte Schloß in ganz England wäre des Mädchens ſchönes Geſicht und anmnthige Geſtalt der höchſte und reizendſte Schmuck geweſen. Gegen 6 Uhr Nachmittags wurde endlich Madame Nickleby durch das längſt erwartete Klopfen an der Thüre in große Unruhe verſetzt, und dieſe Unruhe ver⸗ ſchwand keinesweges, als ſie die Tritte von zwei Paaren Stiefeln in der Hausflur hörte, welche, wie Madame Nickleby in ihrem athemloſen Zuſtande vermuthete,»die beiden Herren Cheeryble« ſein mußten. Und ſo war es wirklich, wenn auch nicht ganz ſo, wie Madame Nickleby erwartete; denn es erſchien Herr Karl Cheeryble und deſſen Neffe, Herr Frank, der ſeine Zudringlichkeit tau⸗ fendfach entſchuldigte, was denn Madame Nickleby auch gern gelten ließ, da ſie Theelöffel genug hatte. Das Erſcheinen dieſes unerwarteten Gaſtes verurſachte nicht die geringſte Verlegenheit(ausgenommen in Käthchen, die übrigens auch bloß im Anfange ein⸗ oder zweimal erröthete), denn der alte Herr war ſo freundlich und herzlich, und der junge Herr ahmte den alten darin ſo genau nach, daß die gewöhnliche Steifheit und Förm⸗ lichkeit eines erſten Beſuches gar nicht zum Vorſchein 26 Nicolaus Nickleby. kamen und Käthchen ſich wirklich mehr als einmal ver⸗ wunderte, ob ſie nicht noch kommen würden. Am Theetiſche wurde vielerlei und mancherlei über ſehr verſchiedene Gegenſtände geſprochen; es fehlte auch nicht an ſpaßhafter Unterhaltung; denn als zufällig der neuliche Aufenthalt des jungen Cheeryble in Deutſch⸗ land erwähnt worden war, theilte der alte Herr der Ge⸗ ſellſchaft mit, der genannte junge Herr Cheeryble ſtehe in dem Verdachte, ſich leidenſchaftlich in die Tochter ei⸗ nes gewiſſen deutſchen Bürgermeiſters verliebt zu haben. Dieſe Beſchuldigung wieß der junge Cheeryble mit gro⸗ ßem Unwillen zurück, worauf Madame Nickleby ſehr klug bemerkte, gerade aus der Wärme, mit welcher er läugne, müſſe ſie ſchließen, daß etwas an der Sache ſei. Der junge Cheeryble erſuchte darauf ſeinen Oheim ganz im Ernſt, er möge nur geſtehen, daß alles Scherz geweſen ſei, was denn der alte Herr endlich auch that, da der junge Mann ſo ernſt bat, daß— wie Madame Nickleby ſpäter, wenn ſie darauf zurückkam, tauſendmal erwähnte — er ganz roth wurde, was ſie mit Recht für einen merkwürdigen Umſtand hielt, der wohl zu beachten ſei, da die jungen Herren ſich keinesweges durch Beſcheiden⸗ heit und Selbſtverleugnung auszeichnen, beſonders wenn ein junges Mädchen im Spiele iſt; im Gegentheil, lie⸗ ber die Sache noch ärger darſtellen, als ſie eigentlich ſich verhält. Nach dem Thee machte man einen Spaziergang in den Garten, und da der Abend ſehr ſchön und mild war, ſo gingen ſie durch die Gartenthür hinaus in ei⸗ nige Gäßchen und wanderten ſo auf und ab, bis es ganz finſter geworden war. Die Zeit ſchien Jedem in der Geſellſchaft ſehr ſchnell zu vergehen. Käthchen ging vor⸗ an an ihres Bruders Arm und ſprach mit ihm und Herrn Nicolaus Nickleby. 27 Frank Cheeryble; Madame Nickleby und der alte Herr folgten in geringer Entfernung, und der gewöhnliche un⸗ aufhaltſame Fluß ihrer Rede war durch die Gutherzigkeit des Kaufmanns, durch ſeinen Antheil an dem Wohle Nico⸗ laus' und ſeine Bewunderung Käthchens in ſehr enge Grän⸗ zen gedämmt, und Smike(der, war er in ſeinem Leben je⸗ mals ein Gegenſtand der Theilnahme und des Mitleides ge⸗ weſen, es dieſen Tag war) begleitete ſie, ſchloß ſich bald dieſer, bald jener Gruppe an, je nachdem Bruder Karl ihn auf die Achſel klopfte und erſuchte, mit ihm zu gehen, oder Nicolaus ihm zulächelte und winkte, zu ihm zu kommen und mit dem alten Freunde zu ſprechen, der ihn am beſten verſtand und ein Lächeln auf das kummervolle Geſicht locken konnte, wenn es ſonſt Niemand vermochte. Der Stolz iſt eine der Todſünden, gewiß iſt es aber der Stolz einer Mutter auf ihre Kinder nicht, da dieſer aus zwei Cardinaltugenden— Glauben und Hoffnung — beſteht. Dies war der Stolz, welcher an dieſem Abende Madame Nickleby's Herz ſchwellte und auf ihrem Geſichte Spuren von den dankbarſten Thränen zurückließ, die ſie jemals geweint hatte und die auf ihrem Geſichte in dem Lichte glänzten, als ſie wieder in das Zimmer zurückkamen. Bei dem kleinen Abendeſſen herrſchte eine ruhige Hei⸗ terkeit, welche genau zu jenem Gefühle ſtimmte, und end⸗ lich entfernten ſich die beiden Herren. Ein Umſtand aber bei dem Abſchiednehmen verurſachte viel Lachen und mancherlei Scherze; der Herr Frank Cheeryble reichte Käthchen nämlich zweimal die Hand, und ſchien ganz vergeſſen zu haben, daß er ſchon einmal von ihr Ab⸗ ſchied genommen hatte. Dies hielt der ältere Herr Cheeryble für einen unwiderleglichen Beweis dafür, daß er an ſeine deutſche Flamme denke, und dieſer Scherz ver⸗ 28 Nicolaus Nickleby. anlaßte unauslöſchliches Gelächter. So leicht iſt es, fröhliche Herzen zu bewegen. Mit einem Worte, es war ein Tag heitern und ſtillen Glückes, und wie wir Alle irgend einen oder einige hell⸗ glänzende Tage haben— hoffentlich wenigſtens Viele von uns— an welche wir mit beſonderem Wohlgefallen zurückdenken, ſo war dieſer einer, auf welchen die, welche ſein Glück getheilt hatten, noch lange nachher gern zu⸗ rückblickten. Nur Einer machte eine Ausnahme, und gerade der, welcher hätte am glücklichſten ſein ſollen. Wer war der, welcher in der Stille ſeines Zimmers auf die Knie ſank, um zu beten, wie es ſein erſter Freund ihm gelehrt hatte, ſeine Hände faltete, ſie dann in gro⸗ ßer Aufregung ausſtreckte und endlich in übergroßem Kummer auf ſein Angeſicht fiel? Zweites Kapitel. Nalph Nickleby bricht mit einem alten Bekannten. Auch ſcheint ſich aus dem Inhalte zu ergeben, daß ein Scherz ſelbſt unter Eheleuten zu weit getrieben werden kann. Es giebt Menſchen, welche nur den einzigen Zweck im Leben haben, ſich zu bereichern, durch welche Mittel es auch geſchehen möge; die recht wohl wiſſen, daß die Mittel, deren ſie ſich täglich zur Erreichung ihres Zweckes bedienen, ſchändlich und niederträchtig ſind, und dennoch — ſogar gegen ſich ſelbſt— einen Ton von hoher mo⸗ raliſcher Würde und Rechtlichkeit annehmen, und über die Verdorbenheit der Welt ſeufzen und den Kopf ſchütteln. Einige der verſchlagenſten Schurken, die jemals auf der — — Nicolaus Nickleby. 29 Erde gingen oder vielmehr— denn zu dem Gehen ge⸗ hört doch wenigſtens eine aufrechte, gerade Stellung und eine menſchliche Haltung— auf ſolchen ſchmutzigen und dunkelſten Wegen durch dieſes Leben krochen und ſich wanden, ſchreiben wohl in Tagebüchern ernſthaft die Ereigniſſe jedes Tages auf und halten regelmäßig Buch über Schulden und Guthaben mit dem Himmel, ſo daß ſich immer eine für ſie günſtige Bilanz herausſtellt. Ob dies ein unſchuldiger(und der einzige unſchuldige) Theil der Falſchheit, der Liſt und des Betruges in dem Leben ſolcher Menſchen iſt, oder ob ſie wirklich hoffen, ſelbſt den Himmel zu betrügen und in der andern Welt Schätze auf dieſelbe Art zu ſammeln, wie ſie es in dieſer zu thun vermögen und gewohnt ſind, wollen wir hier nicht unterſuchen; genug es iſt ſo. Ohne Zweifel muß auch eine ſolche Buchführung(wie gewiſſe Selbſtbiographien, welche die Welt aufgeklärt haben) von Nutzen ſein, we⸗ nigſtens in der einen Rückſicht, daß ſie dem aufzeichnen⸗ den Engel einige Mühe und Arbeit erſpart. Ralph Nickleby war kein ſolcher Menſch. Bei ſeinem finſtern Ernſte, ſeiner hartnäckigen Verſtocktheit und ſeiner Verſchloſſenheit lag ihm im Leben und weiter hinaus nichts am Herzen, als die Befriedigung zweier Leiden⸗ ſchaften, der Habſucht, der erſten und vorherrſchenden Begierde in ſeinem Weſen, und des Haſſes, der zweiten. Da er ſich bemühete, ſich nur als einen Menſchen anzu⸗ ſehen, wie die Menſchen eigentlich ſind, ſo wurde es ihm nicht ſchwer, ſeinen eigentlichen Charakter vor der Welt im Allgemeinen zu verbergen, und im Herzen pflegte er jeden ſchlechten Plan, der entſtand, und freuete ſich dar⸗ über. Die einzige Ermahnung der heiligen Schriſt, welche Ralph Nickleby beachtete, war die:»erkenne Dich ſelbſt!« Er kannte ſich ſelbſt ſehr gut und er haßte alle 30 Menſchen, weil er glaubte, alle Menſchen wären eben ſo wie er; denn obgleich ein Menſch ſich ſelbſt nicht haßt, da der kälteſte unter uns dazu zu viele Eigenliebe be⸗ ſitzt, ſo beurtheilen doch die meiſten Menſchen unbewußt die Welt nach ſich ſelbſt, und man wird bei genauerer Aufmerkſamkeit gewöhnlich finden, daß die, welche die Nicolaus Nickleby. maenſchliche Natur zu verachten und zu verſpotten pflegen, ſelbſt die ſchlechteſten Menſchen und deshalb haſſenswerth ſind. Doch jetzt haben wir es mit Ralph ſelbſt zu thun, der da ſtand und Newman Noggs mit finſterer Stirne anſah, während dieſer ehrliche Kauz ſeine fingerloſen Handſchuhe auszog, dieſelben ſorgfältig in die linke hohle Hand legte, mit der rechten darauf drückte, um die Fal⸗ ten daraus zu entfernen und ſie endlich ſo zerſtreut zu⸗ ſammenwickelte, als achte er auf gar nichts um ſich her, außer auf dieſes, ſein wichtiges Geſchäft. »Aus der Stadt!« ſagte Ralph langſam.»Ex wird ſich geirrt haben. Geh' Er noch einmal hin!« »Nicht geirrt,« antwortete Newman.»Er iſt fort— fort!« »Iſt er ein Weib oder ein Kind geworden?« mur⸗ melte Ralph zwiſchen den Zähnen mit unwilliger Ge⸗ berde. „Das weiß ich nicht,« ſagte Newman, v»aber er iſt fort— fort.« Die Wiederholung des Wortes»fort« ſchien dem Newman Noggs unausſprechliches Vergnügen zu machen, während es Ralph Nickleby in gleichem Maße ärgerte. Er ſprach das Wort ſo rund, voll und vernehmlich aus, er dehnte es ſo lang, als er es ſchicklicher Weiſe thun konnte, und wenn er es nicht länger dehnen konnte, ohne Nicolaus Nickleby. 31 Aufmerkſamkeit zu erregen, ſchluckte er es gleichſam noch in ſich hinein, als wäre auch das noch ein Vergnügen. »Und wohin iſt er?« fragte Ralph. »Frankreich!« antwortete Newman.„Gefahr eines zweiten Anfalls der Roſe— ein böſer Anfall— Kopf⸗ roſe. So ſchickten ihn die Doctors fort. Und ſo iſt er fort— fort.« » Und Lord Frederick— 2« begann Ralph wieder. »Iſt auch fort— fort,« antwortete Newman. »Und er nimmt die Prügel mit, hel« ſprach Ralph abgewandt,—„ſteckt die blauen Flecken ein und ſchleicht ſich fort, ohne ein Wort wieder zu vergelten, ohne die geringſte Genugthuung zu ſuchen!« »Er iſt zu krank,« ſagte Newman. »Zu krank!« wiederholte Ralph.»Ich müßte Ge⸗ nugthuung haben und wenn ich im Sterben läge; ja in dem Falle würde ich nur um ſo feſter darauf beſtehen, — auf einer Genugthuung ohne Zögern,— wenn ich er wäre. Aber er iſt zu krank! Der arme Sir Mul⸗ berry! Zu krank!« Während er dieſe Worte mit der tiefſten Verachtung und in höchſt gereizter Stimmung ſprach, deutete er Newman haſtig an, er möge das Zimmer verlaſſen. Dann warf er ſich auf einen Stuhl und ſchlug die Füße ungeduldig auf den Boden. »Es iſt, als wenn ein Zauber um den Jungen läge,⸗ ſagte Ralph vor ſich hin, und er knirſchte dabei mit den Zähnen.»Alle Umſtände verbinden ſich, um ihm zu helfen. Nun ſpreche einer von der Gunſt Fortuna's! Nicht einmal das Geld vermag etwas gegen ſolch' teu⸗ felmäßiges Glück.« Er fuhr ungeduldig mit den Händen in die Taſchen und fand da wohl einigen Troſt trotz ſeiner vorherge⸗ Nicolaus Nickleby. henden Bemerkung, denn ſein Geſicht heiterte ſich ein wenig auf, und obgleich in ſeinen zuſammenengekniffenen Brauen noch immer finſterer Unwille lag, ſo ſchien er doch mehr gemacht, als von freien Stücken und Verdruß entſtanden zu ſein. „Dieſer Hawk wird aber doch wiederkommen,“ mur⸗ melte Ralph vor ſich hin, vund wenn ich den Mann kenne,— ich denke wohl, daß ich ihn kenne— wird ſein Unwille unterdeß nicht an Heftigkeit verloren haben. Er mußte ruhig und einſam leben,— die Einförmigkeit ei⸗ nes Krankenzimmers für einen Mann von ſeiner Lebens⸗ weiſe,— kein Leben,— nichts zu trinken,— kein Spiel, — nichts was ihm gefällt und von dem er lebt. Er wird es nicht ſo leicht vergeſſen, was er dem Urheber von allem dem ſchuldig iſt. Wenige Menſchen würden es; aber er von allen andern— nein, nein!« Er lächelte und ſchüttelte den Kopf, ſtützte dann das Kinn auf ſeine Hand, verſank in Nachdenken und lächelte wieder. Nach einiger Zeit ſtand er auf und klingelte. »Der Squeers—, iſt er da geweſen?« fragte Ralph. „Vorigen Abend war er hier. Ich ließ ihn da, als ich nach Hauſe ging,“« entgegnete Newman. „Das weiß ich, Er Narr!« fuhr Ralph ihn zornig an. „Iſt er ſeitdem wieder dageweſen? War er dieſen Vor⸗ mittag hier?« „Nein,« rief Newman, oder er ſchrie vielmehr. „»Wenn er kommt, und ich bin ausgegangen,— er wird gewiß heute Abend gegen neun Uhr hier ſein,— ſoll er warten. Kommt noch ein anderer Mann mit ihm, wie das vielleicht geſchieht— vielleicht,« fuhr Ralph ab⸗ gebrochen fort,—»ſo ſoll er auch warten.“« „Beide ſollen warten?« fragte Newman. „Ja,« antwortete Ralph, der ihm einen zornigen 1 Nicolaus Nickleby. 33 Blick zuwarf.»Helß Er mir den Rock anziehen und plap⸗ pere Er mir die Worte nicht nach wie ein Papagei.⸗ »Ich wünſche, ich wäre ein Papagei,« ſagte New⸗ man traurig. »Ich wünſche es auch,« entgegnete Ralph, indem er den Rock ungeduldig anzog,»ich hätte Ihm dann längſt ſchon den Hals umgedreht.« Newman antwortete nichts auf dieſes Kompliment, ſondern ſah einen Augenblick über Ralphs Achſel(er legte eben den Kragen des Rocks hinten ordentlich), als fühle er ſich ſtark verſucht, ihn an der Naſe zu zwicken. Als er aber Ralphs Blicke begegnete, zog er die her⸗ ausfahrenden Finger ſchnell zurück und rieh ſich ſeine eigene rothe Raſe mit einer wirklich bewundernswürdi⸗ gen Heftigkeit. Ralph nahm keine weitere Notiz von ſeinem über⸗ ſpannten Gehülfen, als daß er ihm einen drohenden Blick zuwarf, ihm auftrug, aufmerkſam zu ſein und kein Verſehen zu machen, griff dann nach ſeinem Hute und ſeinen Handſchuhen und ging fort. Er ſchien ganz ungewöhnliche und gemiſchte Bekannt⸗ ſchaften zu haben und machte äußerſt ſeltſame Beſuche, — in vornehmen, reichen Familien und in gemeinen ar⸗ men, alle aber aus einem einzigen Grunde,— des Gel⸗ des wegen. Sein Geſicht war ein Talisman gegen die Thürſteher und Diener ſeiner angeſehenern Kunden und verſchaffte ihm ſchnell Einlaß, wenn er auch zu Fuße kam, während Andere abgewieſen wurden, die in glän⸗ zenden Equipagen an die Thür raſſelten. Hier war er die Sanftmuth und kriechende Artigkeit ſelbſt; er trat ſo leiſe auf, daß man ſeinen Tritt auf den dicken Teppichen kaum hörte, und ſprach dabei ſo ſanft, daß Niemand außer der Perſon, an welche er ſich wendete, ihn ver⸗ Nicolaus Nickleby. VI. 3 34 Nicolaus Nickleby. ſtehen konnte. In ärmern Häuſern war Ralph ein ganz anderer Mann; ſeine Stiefeln knarrten in der Flur, wenn er keck hineintrat, ſeine Stimme war hart und laut, wenn er das Geld verlangte, das man ihm ſchon über die Zeit ſchuldig war, und er ſprach ſeine Drohun⸗ gen unwillig und rückſichtslos aus. Mit einer andern Klaſſe von Kunden war Ralph wiederum ein anderer Mann, nämlich gegen Advokaten von mehr als zweifel⸗ haftem Rufe, welche ihm zu neuen Geſchäften behülflich waren oder in alten neuen Gewinn verſchafften. Mit ihnen war Ralph vertraulich und ſcherzhaft,— humo⸗ riſtiſch über Tagesneuigkeiten und beſonders angenehm über Bankerotte und Geldverlegenheiten, wobei etwas zu verdienen war. Mit einem Worte, es würde ſchwie⸗ rig geweſen ſein, denſelben Mann unter dieſen verſchie⸗ denen Anſichten wieder zu erkennen, hätte er nicht in jedem Hauſe ein umfängliches, dickbauchiges ledernes Taſchenbuch mit Wechſeln und Noten hexvorgezogen und fortwährend, nur im Ton und Styl verändert, dieſelbe Klage wiederholt, daß vie Welt ihn für reich halte und er es vielleicht auch wäre, wenn er das Seinige erhalten könnte; aber ſobald das Geld einmal weggegeben ſei, könne er es nicht wieder zurückerhalten, weder Kapital noch Zinſen, und es werde ihm ſchwer, ſich durch das Leben durchzuſchlagen. Es war Abend, ehe er mit einer langen Reihe ſol⸗ cher Beſuche, die nur durch ein ärmliches Mittagseſſen in einem Wirthshauſe unterbrochen wurde, im Publico aufhörte und dann nach Hauſe zurückkehrte. Er trug ſich mit einigen ſchlau⸗ und feinangelegten Plänen, wie die zuſammengezogenen Brauen und der feſtgeſchloſſene Mund deutlich verrathen haben würden, wenn er nicht auch ſo ganz unachtſam auf alles um ihn u— ¼—9—— ⁵ 9— u y 8⏑——— —2 —— Nieolaus Nickleby. 35 her und gleichgültig dagegen geweſen wäre. Er war ſo tief in ſeine Gedanken verſunken, daß er, obgleich ſonſt ein Mann mit dem ſchärfſten Auge, eine Geſtalt nicht bemerkte, welche ihm ſolgte, bald mit geräuſchloſem Tritte ſich hinter ihm ſchlich, bald ihm einige Schritte vorauseilte und dann wieder neben ihm hinging, immer aber ihn mit ſcharfem, aufmerkſamem Blicke betrachtete. Der Himmel war ſeit einiger Zeit immer dunkeler und dunkeler geworden, die Wolken ſenkten ſich tiefer und tiefer und der Anfang eines heftigen Regenguſſes zwang Ralph, unter einem Baume Schutz zu ſuchen. An dieſen lehnte er ſich mit übereinandergeſchlagenen Armen, noch immer mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, bis er zu⸗ fällig die Augen aufſchlug und den Blicken eines Man⸗ nes begegnete, der um den Baumſtamm herumſchlich und dem Wucherer mit forſchendem Auge in das Geſicht ſtierte. Es lag in dieſem Augenblicke in dem Geſichte Ralphs etwas, das dem Fremden wohl bekannt zu ſein ſchien, denn es brachte ihn zu einem Entſchluſſe; er trat dicht an Ralph heran und ſprach den Namen deſſelben aus. Ralph erſchrak für den Augenblick, wich ein Paar Schritte zurück und muſterte den Andern vom Kopfe bis zu den Füßen. Ein hagerer, zuſammengewelkter Mann, etwa von ſeinem eigenen Alter, mit einem ge⸗ bückten Körper und einem ſehr unheimlichen von der Sonne verbrannten, eingefallenen, hungerigen Geſichte, dicken ſchwarzen Augenbrauen, deren Schwärze um ſo greller von dem völlig weißem Haupthaare abſtach, in ſchäbiger, ärmlicher Kleidung von ungeſchicktem, ſeltſa⸗ men Schnitte, ein Mann, der tief in Elend und Ver⸗ brechen verſunken zu ſein ſchien, war für den Augenblick alles, was er ſah. Aber er blickte von neuem hin und das 3* 36 Nicolaus Nickleby. Geſicht, wie die ganze Perſon ſchien ihm allmälig minder fremdartig vorzukommen, während er ſo hinſah, ſich in ihm wohlbekannte Züge zu verändern und zu mildern, bis ſie ſich endlich, wie durch eine merkwürdige optiſche Täuſchung in die eines Mannes auflöſeten, den er viele Jahre gekannt, dann vergeſſen und ſeit faſt eben ſo langer Zeit aus dem Geſichte verloren hatte. Der Mann ſah, daß die Erkennung gegenſeitig war, winkte Ralph zu, er möge ſeinen frühern Platz unter dem Baume wieder einnehmen und nicht in dem herab⸗ ſtrömenden Regen ſtehen bleiben, den er in der erſten Ueberraſchung gar nicht beachtet hatte, und redete ihn endlich mit heiſerer ſchwacher Stimme an. »Wie es ſcheint, würden Sie mich wohl ſchwerlich an der Stimme wieder erkannt haben, Herr Nickleby?⸗ ſagte er. »Nein,« entgegnete Ralph mit einem finſtern Blicke auf den Mann, v»obgleich etwas darin liegt, das mir jetzt bekannt vorkommt.« »Ich habe auch nur wenig an mir, das Sie vor acht Jahren an mir geſehen haben werden,“ ſetzte der Andere hinzu. »O vollkommen genug,“ entgegnete Ralph nachläſſig, indem er ſein Geſicht abwandte,»mehr als genug.«⸗ »Wäre ich in Zweifel über Sie geweſen, Herr Nick⸗ leby,« ſagte darauf der Andere,»ſo würde mich dieſer Empfang und Ihre Art ſehr bald zur Ueberzeugung gebracht haben.« »Erwarteten Sie eine andere?« fragte Ralph ſchnei⸗ dend. »Nein,« antwortete der Mann. »Sie hatten Recht,« entgegnete Ralph,»und da Sie Nicolaus Nickleby. 37 ſonach nicht überraſcht ſind, ſo brauchen Sie auch keine Ueberraſchung zu äußern.« »Herr Nickleby,« fuhr der Andere nach einer Pauſe fort, während welcher er mit der Luſt zu kämpfen ſchien, ihm mit einem Vorwurfe zu antworten,»wollen Sie ein paar Worte anhören, die ich Ihnen zu ſagen habe 2 »Ich muß hier bleiben, bis der Regen etwas nach⸗ läßt,« ſagte Ralph, indem er ſich umſah.»Reden Sie unterdeß, ſo werde ich mir die Ohren nicht zuhalten, obgleich Sie vielleicht eben ſo vergebens reden, als hielte ich mir die Ohren wirklich zu.« »Ich beſaß einſt Ihr Vertrauen—« begann der Fremde. Ralph ſah herum und lächelte unwillkürlich. »Wenigſtens ſo viel von Ihrem Vertrauen, als Sie jemals einem Menſchen geſchenkt haben.⸗ „»Ach!l« entgegnete Ralph, der die Arme über einan⸗ der ſchlug,—»das iſt etwas Anderes,— ganz etwas Anderes.« „»Laſſen Sie uns nicht mit Worten ſpielen, Herr Nickleby, um aller Barmherzigkeit willen!« „Um was?« fragte Ralph. »Um der Barmherzigkeit willen,« antwortete der Andere finſter.»Ich leide Hunger und bin in großer Noth. Wenn die Veränderung, die Sie nach einer ſo langen Abweſenheit an mir bemerken müſſen,— bemer⸗ ken müſſen, ſage ich, denn ich ſelbſt ſehe und kenne ſie, ob ſie gleich langſam und ganz allmälig ſich einſtellte— Sie nicht zum Mitleiden bewegt, ſo erfahren Sie, daß ich heute nicht einmal Brot habe,— nicht das tägliche Brot des Vaterunſers, unter dem man, wie es in Städten gleich dieſer gebetet wird, die Hälfte aller Lurxusgegenſtände der Welt für die Reichen und gerade ſo viel grobe 38 Nicolaus Nickleby. Speiſe für die Armen verſteht, daß ſie nicht verhun⸗ gern,— dies meine ich nicht, nein, ich habe nicht ein⸗ mal eine dürre trockene Brotrinde. Laſſen Sie ſich da⸗ von rühren, wenn es ſonſt nichts vermag.« »Wenn dies die gewöhnliche Art iſt, in welcher Sie betteln,« antwortete Ralph,»ſo haben Sie Ihre Rolle gut ſtudirt; wollen Sie aber einen guten Rath von ei⸗ nem Mann annehmen, der die Welt und ihre Art und Weiſe ſo ziemlich kennt, ſo würde ich Ihnen einen de⸗ müthigern, etwas demüthigern und leiſern Ton empfeh⸗ len, ſonſt ſetzen Sie ſich der Gefahr aus, in vollem Ernſt zu verhungern.« Während er dies ſagte, faßte Ralph ſein linkes Hand⸗ gelenk feſt mit der rechten Hand, neigte den Kopf ein wenig auf eine Seite, ließ das Kinn auf die Bruſt ſin⸗ ken und ſah den Bittenden mit einem unwilligen, fin⸗ ſtern, kalten Geſichte an,— das wahrhafte Ebenbild eines Mannes, den nichts zu rühren und zu erweichen vermag. »Geſtern erſt kam ich in London an,« ſagte der alte Mann mit einem Zlicke auf ſeinen beſtaubten Anzug und ſeine zerriſſenen Schuhe. »Meiner Anſicht nach wäre es für Sie am beſten, wenn dieſer Tag auch Ihr letzter in London geweſen,« entgegnete Ralph. „Ich habe Sie ſogleich und bis dieſen Augenblick an allen Orten geſucht, wo ich Sie am erſten zu finden glaubte,« fuhr der Andere demüthiger fort; vendlich traf ich Sie hier, nachdem ich die Hoffnung faſt aufgegeben hatte, Sie zu finden, Herr Nickleby.« Er ſchien auf eine Antwort zu warten, da Ralph aber keine gab, ſo fuhr er fort— »Ich bin ein höchſt elender und erbärmlicher Ausge⸗ Nicolaus Nickleby. 39 ſtoßener, faſt ſechszig Jahre alt und ſo arm und hülflos wie ein Kind von ſechs Jahren.« »Ich bin auch ſechszig Jahre alt,« antwortete Ralph, vaber weder arm noch hülflos. Arbeiten Sie. Halten Sie keine Schauſpielerreden über das tägliche Brot, ſondern verdienen Sie es.“« »Wie denn?« fragte der Andere.»Wo? Zeigen Sie mir nur die Mittel. Wollen Sie mir Gelegenheit dazu geben? Sie?« »Ich that es ſchon einmal,« antwortete Ralph ge⸗ laſſen;»Sie brauchen mich kaum zu fragen, ob ich es noch einmal thun will.« „»Es ſind zwanzig Jahre vergangen oder mehr,« ſagte der Mann mit halb erſtickter Stimme,»ſeit wir mit ein⸗ ander zerfielen. Gedenken Sie noch daran? Ich ver⸗ langte einen Antheil von dem Gewinne bei einem Ge⸗ ſchäfte, das ich Ihnen zuwies, und als ich darauf be⸗ ſtand, ließen Sie mich wegen eines frühern Vorſchuſſes von einigen Thalern und Groſchen und den ſeitdem aufgelaufenen Zinſen zu fünf Procent verhaften.« „Ich erinnere mich an ſo etwas,« entgegnete Ralph nachläſſig.»Was dann?« „Das trennte uns noch nicht,« fuhr der Mann fort. »Ich gab nach, da ich mich hinter den Schlöſſern und Riegeln befand; und da Sie damals noch nicht der ge⸗ machte Mann waren, der Sie jetzt ſind, ſo waren Sie froh, daß Sie einen Gehülfen wieder bekamen, der ein ziemlich weites Gewiſſen hatte und etwas von den Ge⸗ ſchäften verſtand, die Sie betrieben.« »Sie baten und bettelten und ich ließ mich erwei⸗ chen,« erwiederte Ralph.»Das war gutmüthig von mir. Vielleicht brauchte ich Sie auch,— ich weiß es nicht mehr. Wahrſcheinlich brauchte ich Sie, ſonſt wür⸗ 40 Nicolaus Rickleby. den Sie gewiß vergebens gebettelt und gebeten haben. Sie waren mir nützlich,— nicht eben ſehr ehrlich, nicht ſehr bedenklich und gewiſſenhaft,— aber nützlich.« „»Nützlich, ja!« ſagte der Mann.»Obgleich Sie mich einige Jahre vorher gepeinigt und gequält, ich diente Ihnen aber dennoch treu und ehrlich bis zu jener Zeit, trotz dem, daß Sie mich wie einen Hund behandelten; iſt dies nicht wahr?« Ralph antwortete nicht. »Iſt dies nicht die Wahrheit?« fragte der Mann nochmals. »Sie haben Ihren Lohn bekommen,« entgegnete Ralph, »und dafür Ihre Arbeit gethan. Soweit waren wir mit einander vollkommen quitt.« „»Damals, aber nicht ſpäter,« ſetzte der Andere hinzu. »Später allerdings nicht, aber auch damals nicht, denn, wie Sie eben ſelbſt ſagten, Sie waren mir Geld ſchuldig und ſind es noch,« antwortete Ralph. »Das iſt nicht Alles,« ſagte der Mann, der jetzt ei⸗ friger wurde.»Das iſt nicht Alles. Merken Sie wohl. Ich vergaß dieſe alte Wunde nicht, glauben Sie mir. Theils weil ich das wußte, theils um einſt Geld zu be⸗ kommen, benutzte ich meine Stellung bei Ihnen und wußte ſo ein Geheimniß zu erforſchen, für das Sie die Hälfte Ihres Vermögens geben würden und das Sie nur durch mich erfahren können. Ich verließ Sie,— be⸗ denken Sie, lange nachher,— und wurde einer armſe⸗ ligen Betrügerei wegen, welche vor die Gerichte kam, aber gar nichts gegen das war, was Wucherer und der⸗ gleichen alle Tage thun, auf ſieben Jahre deportirt. So wie Sie mich ſehen, bin ich zurückgekommen. Nun, Herr Nickleby,« ſagte der Mann mit einer ſeltſamen Miſchung von Unterwürfigkeit und Machtgefühl,»welche Hülfe Nicolaus Nickleby. 41 und Unterſtützung wollen Sie mir gewähren, womit wollen Sie mich beſtechen? Offen geſagt, meine Erwar⸗ tungen ſind nicht gar zu hoch geſpannt, aber ich muß leben und zu dem Leben gehört Eſſen und Trinken. Sie haben Geld, ich habe Hunger und Durſt. Sie können den Handel leicht abſchließen.⸗ »Iſt das Alles 2« fragte Ralph, der den Andern mit demſelben feſten Blicke anſah und nichts bewegte als die Lippen. »Es hängt ganz von Ihnen ab, Herr Nickleby, ob dies alles ſein ſoll oder nicht,« lautete die Antwort. »Nun, ſo hören Sie, Herr—, ich weiß nicht, wel⸗ chen Namen ich Ihnen geben ſoll,« ſagte Ralph. »Meinen ſonſtigen, wenn es Ihnen beliebt.« »Nun, ſo hören Sie, Herr Brooker,« ſagte Ralph in ſeinem rauheſten Tone,»und erwarten Sie nicht, mir eine andere Antwort abzulocken,— hören Sie. Ich kenne Sie von jeher als einen Schurken, aber Herz im Leibe hatten Sie nie, und die harte Arbeit, vielleicht mit Ketten an Ihren Beinen da, und knappere Koſt als damals, da ich Sie peinigte und quälte, hat Ihre Schlauheit abgeſtumpft, ſonſt würden Sie zu einem Manne, wie ich bin, nicht mit einem ſolchen albernen Mährchen gekommen ſein. Sie ein Geheimniß von mir! Behalten Sie es in Gottes Namen bei ſich oder theilen Sie es der Welt mit, wie es Ihnen gefällt.« »Das kann ich nicht,« fiel Brooker ein.»Damit wäre mir nicht gedient.« »Nicht?« fragte Ralph.»Es wird Ihnen eben ſo viel nützen, als wenn Sie es mir bringen, das verſpreche ich Ihnen. Ich kann offen mit Ihnen reden, ich bin ein ſorgſamer Mann und kenne meine Geſchäfte genau. Ich kenne die Welt und die Welt kennt mich. Was Sie 42 Niecolaus Nickleby. auch hörten oder ſahen, als Sie in meinem Dienſte ſtan⸗ den, die Welt weiß es bereits und übertreibt es. Sie können ihr nichts offenbaren, was ſie überraſchen wür⸗ de,— es müßte mir denn zur Ehre gereichen, und dann würde dieſelbe Sie einen Lügner nennen und Ihnen nicht glauben. Dennoch gehen die Geſchäfte nicht ſchlecht und die Kunden bedenken ſich nicht lange. Im Gegentheile. Jeden Tag macht mich der oder jener herunter oder droht mir,« ſagte Ralph,»aber es geht einen Tag wie den andern im alten Gleiſe weiter, und ich werde nicht ärmer dabei.« »Ich mache Sie weder herunter, noch drohe ich,« entgegnete der Mann.»Ich kann Ihnen etwas nennen, das Sie durch mich verloren, das ich allein zurückgeben kann, das, wenn ich ſterbe, ohne es zurückgegeben zu haben, mit mir ſtirbt und nie wieder zu erlangen iſt.⸗ »Ich zähle mein Geld ſehr genau und habe es meiſt in meiner eigenen Verwahrung,« ſagte Ralph.»Ich habe ein ſcharfes Auge auf die meiſten Perſonen, mit denen ich zu thun habe und das ſchärfſte hatte ich auf Sie. Ich laſſe Ihnen gern alles, was Sie von mir haben.« »Sind Ihnen diejenigen theuer, welche Ihren Na⸗ men führen?« fragte der Mann mit ſtarker Betonung. „Wenn ſie es ſind-«* »Sie ſind es nicht,« entgegnete Ralph, den dieſe Hartnäckigkeit endlich aufbrachte, zumal aber der Ge⸗ danke an Nicolaus, den die letzte Frage weckte.»Sie ſind es nicht. Wären Sie als gewöhnlicher Bettler zu mir gekommen, ſo hätte ich Ihnen vielleicht ein Geld⸗ ſtück zugeworfen— wegen früherer Zeiten, in denen ich Sie mitunter wohl brauchen konnte—, da Sie ſich aber bemühen, ſolche abgedroſchene Kunſtſtückchen bei einem 8 7 - SD)—.—O Aa dA a — Nicolaus Nickleby. 43 Manne zu verſuchen, den Sie beſſer kennen ſollten, ſo werden Sie keinen Pfennig von mir bekommen, und wenn ich Sie vom Verfaulen retten könnte. Und mer⸗ ken Sie wohl, Galgenvogel,« ſagte Ralph mit einer drohenden Handbewegung,»wenn wir einander wieder begegnen und Sie bemerken mich, wäre es auch bloß durch eine bettelnde Geberde, ſo machen Sie noch ein⸗ mal mit dem Gefängniſſe Bekanntſchaft, in dem auch das Geheimniß, mit dem Sie ſich brüſten, ſicher aufge⸗ hoben ſein wird. Das iſt meine Antwort auf Ihr Ge⸗ ſchwätz.« Mit einem verächtlichen Blicke auf den Gegenſtand ſeines Aergers, der ihn anſah, aber kein Wort ſprach, ging Ralph in ſeinem gewöhnlichen Schritte fort, ohne im geringſten neugierig zu ſein, was wohl aus dem Manne wurde, mit dem er eben geſprochen, ja ohne ſich ein Einzigesmal umzuſehen. Der Fremde blieb ſte⸗ hen und ſah dem fortgehenden Ralph unverwandt nach, bis er ihm aus den Augen verſchwunden war; dann legte er die Arme feſt über ſeiner Bruſt zuſammen, als wolle er ſich wärmen oder das Verlangen ſeines Her⸗ zens mit Gewalt zurückdrängen, ſchlich langſamen Schrittes am Wege hin und bat die Vorübergehenden um Almoſen.. Ralph, der über das, was eben geſchehen, keines⸗ wegs mehr beunruhigt war, als er ſich ſchon ſelbſt ausgeſprochen hatte, ſchritt bedächtig weiter dem Weſt⸗ ende der Stadt zu, bis er in die Straße gelangte, wo ſich die Wohnung der Madame Mantalini befand. Der Name dieſer Frau ſtand nicht mehr auf dem blanken Thürſchilde, da jener der Mademoiſelle Knag dafür hin⸗ geſchrieben war; aber noch ſah man die Hüte, Häub⸗ chen zc. durch die Fenſter des erſten Stockes undeutlich 44 Nicolaus Nickleby. in dem abnehmenden Lichte eines Sommerabends und, jene ſcheinbare Veränderung der Eigenthümerin abge⸗ rechnet, hatte das Geſchäft noch ganz das frühere Aus⸗ ſehen. „»Hm!« murmelte Ralph, indem er mit einer Ken⸗ nermiene mit der Hand über den Mund ſtrich und das Haus von oben bis unten betrachtete; ves ſieht bei die⸗ ſen Leuten noch recht gut aus. Sie können's freilich nicht lange mehr treiben; indeß wenn ich ihren Fall zei⸗ tig genug erfahre, bin ich geborgen und mache noch ei⸗ nen hübſchen Profit dabei. Ich muß ſie genau im Auge behalten.« Ralph nickte wohlgefällig mit dem Kopfe und wollte eben weiter gehen, als ſein ſcharfes Ohr ein Geräuſch von mehrern Stimmen und ein gewaltiges Treppauf⸗, Treppniederlaufen in eben dem Hauſe vernahm, welches der Gegenſtand ſeiner Betrachtungen geweſen war. Während er noch zögerte, ob er an der Thür anklopfe oder noch ein Weilchen länger an dem Schlüſſelloche lauſche, riß eine Magd der Madame Mantalini(die er öfters geſehen hatte) ſchnell die Thür auf und ſtürzte heraus, ſo daß die blauen Häubchenbänder in der Luft flatterten. »Heda! Halt!« rief Ralph.»Was giebt's? da bin ich. Hörte Sie mich nicht klopfen 2« »Ach, Herr Nickleby!« entgegnete das Mädchen. »Gehen Sie hinauf, um Gottes Willen gehen Sie hin⸗ auf. Der Herr hat es wieder gethan.« »Was hat er gethan?« fragte Ralph begierig.»Was meint Sie 2«— »Ich wußte wohl, er würde es thun, wenn man ihn dazu trieb,« ſagte das Mädchen.»Ich habe es auch lange ſchon geſagt.« N Wnyn d& n G Nicolaus Nickleby. 45 »So komm' Sie doch her, albernes Ding,« ſagte Ralph, indem er das Mädchen am Arme faßte;»trag' Sie Familienereigniſſe nicht zu den Nachbarn; Sie ver⸗ nichtet ja den Credit des Hauſes. Komm' Sie her; hört Sie 2« Ohne weitere Erklärung führte oder zog er vielmehr das Mädchen in das Haus und verſchloß die Thür; dann gebot er ihr, vor ihm die Treppe hinauf zu gehen, und er ſelbſt folgte ohne Umſtände. Der Lärm der vielen Stimmen, die alle zu gleicher Zeit ſprachen, leitete ihn; ehe ſie aber viele Stufen hinauf gegangen, war er in ſeiner Ungeduld dem Mädchen vorangeeilt, und ſo erreichte Ralph bald das Wohnzimmer, wo er in hohem Grade über die uner⸗ klärliche Scene erſtaunte, die ſich ſeinen Blicken darbot. Es befanden ſich hier alle Putzmacherinnen, einige mit Hüten, andere ohne dieſelben, in verſchiedenen Stellungen, welche Unruhe und Beſtärzung ausdrück⸗ ten; einige ſtanden um Madame Mantalini herum, die weinend auf einem Stuhle ſaß; andere hatten Made⸗ moiſelle Knag umringt, die mit Oppoſitionsthränen auf einem andern Stuhle ſaß; noch andere ſtanden bei Herrn Mantalini, der vielleicht die auffallendſte Figur in der ganzen Gruppe bildete, denn ſeine Beine waren ihrer ganzen Länge nach auf dem Fußboden ausgeſtreckt, wäh⸗ rend ſeinen Kopf und Schultern ein kräftiger Bediente hielt, der wirklich nicht zu wiſſen ſchien, was er damit anfangen ſollte. Die Augen des Herrn Mantalini wa⸗ ren geſchloſſen, ſein Geſicht blaß, ſein Haar ſo ziemlich ungelockt, ſein Schnurr⸗ und Backenbart hing wirr um⸗ her und ſeine Zähne waren zuſammengebiſſen; in der rechten Hand hielt er ein Fläſchchen und in der linken einen kleinen Theelöffel. Seine Hände, ſeine Arme, ſeine 46 Achſeln und Beine waren ganz ſteif und kraftlos. Den⸗ noch weinte Madame Mantalini nicht an ſeiner Seite, ſondern zankte heftig auf ihrem Stuhle, und alles dies unter einem wahrhaft betäubenden Schreien und Spre⸗ chen, was den unglücklichen Bedienten wirklich an den Rand der Verzweiflung gebracht zu haben ſchien. »Was iſt hier geſchehen?« fragte Ralph, indem er ſich vordrängte. Dieſe Frage ſteigerte den Lärm zwanzigfach, und eine gellende Stimme überſchrie die andere:»er hat ſich vergiftet;«—»es iſt nicht wahr;«—»man ſchicke doch nach dem Arzte;«— ves iſt nicht nöthig;«—„er wird ſterben;«— ves iſt nicht wahr, er ſtellt ſich nur ſo.« Alle dieſe und viele andere Ausrufungen wurden mit einer wunderbaren Zungengeläufigkeit ausgeſtoßen, bis man ſah, daß Madame Mantalini ſich an Ralph wandte, die weibliche Neugierde die Oberhand gewann, zu erfahren, was ſie wohl ſagen werde, und, wie durch ein allgemeines Uebereinkommen, augenblicklich eine Todtenſtille eintrat, welche nur durch ein einzelnes Flü⸗ ſtern unterbrochen wurde. „»Herr Nickleby,« ſagte Madame Mantalini,»ich weiß nicht, welcher Zufall Sie hierher führte.« In dieſem Augenblicke hörte man— als ſpreche ein Kranker irr— die Worte ausrufen:—„ah, die himm⸗ liſche Schöne!« aber Niemand achtete darauf außer dem Bedienten, der ſo ſehr erſchrak, als er dieſe Worte in einem hohlen Grabestone gleichſam zwiſchen ſeinen Fin⸗ gern hervorkommen hörte, daß er den Kopf ſeines Herrn ziemlich hörbar auf den Fußboden ſinken ließ, und dann, ohne den Verſuch zu machen, ihn wieder aufzuheben, die Anweſenden anſtierte, als habe er etwas ganz unge⸗ wöhnlich Kluges oder Geſchicktes gethan. Nicolaus Nickleby. Nicolaus Nickleby. 47 »Ich ſage es jedoch hier,« fuhr Madame Mantalini, während ſie ihre Augen trocknete, im Tone des tiefſten Unwillens fort,»in Ihrer Gegenwart und vor allen andern Anweſenden, zum Erſtenmale und ein für alle⸗ mal, daß ich dieſes Menſchen Schlechtigkeiten und Ver⸗ ſchwendungen nicht wieder unterſtütze. Ich habe mich lange genug von ihm ausplündern laſſen. In Zukunft mag er für ſich ſelbſt ſorgen, wenn er es kann, und dann ſo viel Geld, als ihm gefällig iſt, und auf jede beliebige Weiſe ausgeben; von mir bekommt er nichts mehr und Sie, Herr Nickleby, mögen ſich alſo fernerhin erſt bedenken, ehe Sie ihn unterſtützen.« Darauf zählte Madame Mantalini, ohne ſich von den höchſt pathetiſchen Klagen ihres Mannes über den Apotheker ſtören oder rühren zu laſſen„ daß er ihm die Blauſäure nicht ſtark genug gegeben habe und er noch ein oder zwei Fläſchchen werde ausleeren müſſen, ehe er zu ſeinem Ziele gelange, die Liebſchaften, Täuſchungen, Ausſchweifungen und die Untreue des liebenswürdigen Mannes auf(beſonders die letztern), proteſtirte gegen die Meinung, ſie hege noch die geringſte Achtung für ihn und führte als Beweis des veränderten Zuſtandes ihrer Neigung den Umſtand an, daß er ſich ſeit den letzten vierzehn Tagen unter vier Augen nicht weniger als ſechsmal vergiftet und ſie kein Wort aufgewendet habe, um ſein Leben zu retten. »Und ich beſtehe darauf, von ihm getrennt zu wer⸗ den und allein zu leben,« ſetzte Madame Mantalini ſchluchzend hinzu.»Weigert er ſich, in die Trennung zu willigen, ſo werde ich die Gerichte zu Hülfe rufen, — ich kann es— und ich hoffe, alle Mädchen, die Zeu⸗ gen geweſen ſind, werden ſich die Sache zur Warnung dienen laſſen.⸗— 48 Nicolaus Nickleby. Mademoiſelle Knag, die ohne Zweifel das älteſte Mädchen in der Geſellſchaft war, entgegnete darauf höchſt feierlich, ſie würde ſich die Sache zur Warnung dienen laſſen. Die Mädchen im allgemeinen wiederhol⸗ ten dieſe Worte, ausgenommen zwei, welche noch un⸗ gewiß zu ſein ſchienen, ob ein ſolcher Backenbart wohl ſo ſchlimm ſein könnte. „»Warum ſagen Sie aber alles dies vor ſo vielen Zuhörerinnen?« fragte Ralph leiſe.»Die Mädchen wiſ⸗ ſen es alle, daß es Ihr Ernſt nicht iſt.« „Es iſt wirklich mein Ernſt,« antwortete Madame Mantalini laut, indem ſie ſich nach Mademoiſelle Kuag zurückzog. »Gut, aber bedenken Sie die Sache wohl,« ſprach Nalph, der bei der Sache ſehr intereſſirt war.»Ueber⸗ legen Sie ſich alle Umſtände. Eine verheirathete Frau beſitzt kein Eigenthum.« „»Ich weiß es wohl,« entgegnete Madame Mantalini kopfſchüttelnd;»ich beſitze wirklich nichts. Das Geſchäft, die Vorräthe, dieſes Haus und alles darin, alles ge⸗ hört der Mademoiſelle Knag.— „»Das iſt ganz richtig, Madame Mantalini,« erwie⸗ der Mademoiſelle Knag, mit welcher ihre frühere Prin⸗ zipalin im Geheimen ein freundſchaftliches Uebereinkom⸗ men deshalb getroffen hatte.»Ganz richtig, Madame Mantalini, ganz richtig. Und ich habe mich in meinem Leben nicht mehr gefreuet, daß ich Seelenſtärke genug beſaß, um Heirathsanträge zurückzuweiſen, wie vortheil⸗ haft ſie auch ſein mochten, als in dieſem Augenblicke, wenn ich meine jetzige Lage mit Ihrer unglückſeligen vergleiche, die Sie ſo wenig verdient haben, Madame Mantalini.« »Verdammt!« rief Herr Mantalini, indem er das — ¼—6—N Nicolaus Nickleby. 49 Geſicht nach ſeiner Frau hin wendete;»der Neid ſpricht aus der alten Jungfer, welche das Glück der Ehe nicht kennt.« 3 Aber die Zeiten des Glückes waren für Herrn Man⸗ talini vorüber.»Mademoiſelle Knag,“« ſagte ſeine Frau, viſt meine beſte Freundin,« und obgleich Herr Mantalini bei Seite ſchielte, bis ſeine Augen in Gefahr zu ſein ſchienen, ihre eigentliche Stellung nie wieder zu finden, zeigte Madame Mantalini doch durchaus keine Neigung, ſich beſänftigen zu laſſen. Wir müſſen der vortrefflichen Mademoiſelle Knag die Gerechtigkeit widerfahren laſſen und geſtehen, daß dieſer veränderte Zuſtand der Dinge hauptſächlich durch ſie bewirkt worden war; denn da ſie ſich durch die täg⸗ liche Erfahrung überzeugte, es laſſe ſich durchaus kein Gedeihen des Geſchäftes, ja nicht einmal das Fortbe⸗ ſtehen deſſelben erwarten, ſo lange Herr Mantalini mit in die Kaſſe greifen könnte, ſie dagegen an dem Gedei⸗ hen des Geſchäftes ein großes Intereſſe hatte, bemühete ſie ſich emſig, gewiſſe Punkte in dem Privatleben des Herrn Mantalini zu erforſchen. Dieſe ſtellte ſie dann in ein ſo helles Licht und zugleich der Madame Man⸗ talini mit ſo viel Kunſt und ſo eindringlich vor, daß derſelben die Augen weiter geöffnet wurden, als es durch das philoſophiſcheſte Räſonnement in Jahren hätte geſchehen können. Dazu hatte unter andern die zufäl⸗ lige Entdeckung von Liebesbriefen viel beigetragen, wel⸗ che Mademoiſelle Knag fand und in denen Herr Man⸗ talini ſeine Frau»alt« und»gewöhnlich« nannte. Trotz ihrer Feſtigkeit weinte jedoch Madame Manta⸗ lini bitterlich, und als ſie ſich auf Mademoiſelle Knag ſtützte und auf die Thür wies, bemüßhete ſich dieſe Freundin nebſt den andern jungen Mädchen, die ſämmt⸗ Nicolaus Nicklebn. VI. 4 50 lich die theilnehmendſten Geſichter machten, die unglück⸗ liche Frau hinaus zu geleiten. „Nickleby,« ſagte darauf Herr Mantalini mit Thrä⸗ nen in den Augen,»Sie ſind Zeuge dieſer ungeheuern Grauſamkeit der liebenswürdigſten, reizendſten Zau⸗ berin geweſen, die jemals lebte. Ich— ich vergebe ihr.« »Vergeben!« wiederholte Madame Mantalini un⸗ willig. »Ich vergebe ihr, Nickleby, ich vergebe ihr wahr⸗ haftig,« verſicherte Mantalini nochmals.»Sie werden mich darum tadeln, die Welt wird mich tadeln, die Da⸗ men beſonders werden mich darum tadeln; jedermann wird lachen und ſpotten und lächeln und höhnen. Man wird ſagen:»Sie beſaß in ihm einen wahren Schatz, ohne daß ſie es wußte. Er war zu ſchwach; er war zu gutmüthig; er war ein ſchöner Mann, aber er liebte ſie zu heftig; er konnte es nicht ertragen, daß ſie ihm zürnte, daß ſie ihn ſchalt. Es war ein merkwürdiger Fall,'s hat keinen merkwürdigern gegeben.— Aber ich vergebe ihr.« Nach dieſer rührenden Rede fiel Herr Mantalini der Länge nach wieder nieder und lag allem Anſcheine nach bewußt⸗ und bewegungslos da, bis alle Mädchen das Zimmer verlaſſen hatten. Dann richtete er ſich allmälig in eine ſitzende Stellung auf und wendete ſich mit ei⸗ nem ganz blaſſen Geſichte, während er das Fläſchchen noch immer in der einen und den Theelöffel in der an⸗ dern Hand hielt, an Ralph. »Nun können Sie dieſe Narrheiten wieder bei Seite legen und zuſehen, wie Sie ſich durch das Leben ſchla⸗ gen,« ſagte Ralph, der ganz gelaſſen ſeinen Hut auf⸗ ſetzte. Nicolaus Nickleby. Nicolaus Nickleby. 51 »Iſt das Ihr Ernſt, Nickleby, wahrhaftig?« »Ich ſcherze ſelten,« antwortete Ralph.»Gute Nacht.« „»Nein, aber Nickleby—« ſagte Mantalini. »Ich irre mich vielleicht,« entgegnete Ralph.»Ich hoffe es. Sie müſſen es am beſten wiſſen. Gute Nacht.« Ralph that als höre er die Bitten nicht, doch zu bleiben und ihm guten Rath zu geben, überließ viel⸗ mehr den ganz kleinmüthig gewordenen Mantalini ſeinen Gedanken und ſchritt ruhig aus dem Hauſe hinaus. »Oho!« ſagte er bei ſich;»ſetzt ſich der Wind ſo⸗ bald dahin um? halb Schurke, halb Narr und als bei⸗ des entlarvt,— hm!— Ich denke, mit Ihnen iſt es vorbei, mein Herr.« Während er dies murmelte, machte er eine Bemer⸗ kung in ſeinem Taſchenbuche, in welchem der Name des Herrn Mantalini ſehr deutlich zu leſen war. Darauf ſah er nach ſeiner Uhr, und als er fand, daß es zwi⸗ ſchen neun und zehn Uhr war, eilte er ſo ſchnell als möglich nach Hauſe. »Sind ſie da?« fragte er, als er kaum eingetreten war, den Newman Noggs. Newman nickte.»Eine halbe Stunde dageweſen.“ „»Zwei? Einer ein dicker glatter Mann?« »Ja,« antwortete Newman.»In Ihrem Zimmer.« »Gut,« ſagte Ralph.„Beſorge Er mir einen Wa⸗ gen.« »Einen Wagen!— Wollen Sie— nach— he?e« ſtotterte Newman. Ralph wiederholte unwillig ſeine Befehle; Noggs, der wohl Entſchuldigung verdient, wenn er ſich über einen ſo ungewöhnlichen und außerordentlichen Umſtand wunderte— er hatte Ralph nie in einer Kutſche geſe⸗ 52 Nicolaus Nickleby. hen— ging fort, um die Beſtellung auszurichten, er kam gleich darauf mit dem Wagen zurück. In den Wagen ſtiegen Squeers, Ralph und der Dritte, den Newman Noggs vorher nie geſehen hatte. Newman ſtand auf der Thürſchwelle, um ſie abfahren zu ſehen, ohne aber im geringſten neugierig zu ſein, welches Geſchäft ſie wohl abmachen und wohin ſie ſich begeben wollten, bis er Ralph zufällig die Adreſſe nen⸗ nen hörte, wohin der Kutſcher fahren ſollte. Schnell wie der Blitz und in der größten Verwun⸗ derung, ſchoß Newman in ſein kleines Comptoir, um ſeinen Hut zu holen, dann hinkte er der Kutſche nach, als habe er die Abſicht, ſich hinten aufzuſetzen; das ge⸗ lang ihm jedoch nicht, denn ſie hatte bereits einen zu weiten Vorſprung vor ihm, ſo daß er bald keuchend und faſt athemlos auf der leeren Straße ſtehen blieb. »Ich weiß doch nicht,« ſagte Noggs, während er wieder zu Athem zu kommen ſuchte,»ob es gut ſein würde, wenn ich auch hinginge. Er würde mich doch dort ſehen. Dahin alſo fahren ſie! Was kann daraus entſtehen? Hätte ich es nur geſtern gewußt, würde ich ſie vorbereitet haben. Dahin fahren ſie! Dahinter ſteckt nichts Gutes, gewiß nichts Gutes.« 4 Seeine Gedanken wurden durch einen alten Mann von auffallendem, aber keineswegs einnehmenden Aeu⸗ ßern unterbrochen, der ſich an ihn ſchlich und ihn um Unterſtützung bat. Newman, der noch mit ſeinen Gedanken beſchäftigt war, wendete das Geſicht ab und ging weiter, aber der Mann folgte ihm und erzählte ihm eine ſo jammer⸗ volle Geſchichte, daß Newman(der eben nicht der Mann zu ſein ſchien, von dem Jemand eiwas erhalten könnte, und der wenig genug zu geben hatte) in ſeinem Hute Nicolaus Nickleby. 53 ſich nach einer kleinen Münze umſah, die er, wenn er eine hatte, in einem Zipfel ſeines Taſchentuches einge⸗ bunden bei ſich zu tragen pflegte. Während er den Knoten mit den Zähnen aufzuziehen ſich bemühte, ſagte der Mann etwas, das ſeine Auf⸗ merkſamkeit erregte. Mochte dies etwas ſein, was es wollte, es führte zu etwas, und endlich ging Newman mit dem Manne fort, der eifrig ſprach, während New⸗ man ihn aufmerkſam anhörte. Drittes Kapitel. Enthält überraſchende Dinge. »Da wir morgen Abend London verlaſſen und ich nicht weiß, wann ich in meinem Leben einmal ſo glück⸗ lich geweſen wäre, Herr Nickleby, ſo trinke ich noch ein Glas auf unſer nächſtes fröhliches Beiſammenſein!« So ſagte John Browdie, während er ſich mit großer Freudigkeit die Hände rieb und mit ſeinem rothen glän⸗ zenden Geſichte ſich umſah. Die Zeit, als John ſich in dieſem beneidenswerthen„ Zuſtande befand, war derſelbe Abend, von welchem im letzten Kapitel die Rede war, und der Ort die Wohnung Nickleby's, wo Nicolaus, Madame Nickleby, Madame Browdie, Käthchen Nickleby, John Browdie und Smike beiſammen waren. Sie waren ſehr vergnügt geweſen. Madame Nick⸗ leby, welche wußte, welche Verpflichtungen ihr Sohn gegen den braven Jorkſhirer hatte, war nach einigen 54 Nicolaus Nickleby. Weigerungen vermocht worden, ihre Einwilligung zur Einladung des Herrn und der Madame Browdie zu ge⸗ ben. Im Anfange machte ſie viele Schwierigkeiten, weil ſie, wie ſie ſagte, keine Gelegenheit gehabt hatte, der Madame Brondie vorher einen Beſuch zu machen; denn obgleich Madame Nickleby mit großer Selbſtgefälligkeit ſehr häufig bemerkte(wie es die förmlichen Leute zu thun pflegen), ſie ſei nicht im mindeſten ſtolz oder förm⸗ lich, ſo legte ſie doch einen ungemein großen Werth auf alles Würdevolle und Ceremoniöſe, und da ſie offenbar, ehe ein Beſuch gemacht worden, gar nicht wiſſen durfte (nach den Geſetzen der Höflichkeit), daß eine Madame Browdie exiſtire, ſo kam ihr ihre Lage ganz beſonders kritiſch und ſchwierig vor. »Der Beſuch muß vorausgehen, lieber Sohn,« ſagte Madame Nickleby,»das iſt durchaus nöthig. Ich muß nothwendig eine Art Herablaſſung von meiner Seite zeigen, lieber Sohn, und der jungen Frau beweiſen, ich ſei bereit, Notiz von ihr zu nehmen.— Da iſt ein recht reſpectabel ausſehender junger Mann,« ſetzte Madame Nickleby hinzu, nachdem ſie eine Zeitlang nachgedacht, »Schaffner bei einem der Omnibus, die hier vorbei⸗ fahren, und der einen Glanzhut trägt,— Deine Schwe⸗ ſter und ich haben ihn oft bemerkt,— er hat eine Waze auf der Naſe, weißt Du, Käthchen, gerade wie ein Bedienter bei einer Herrſchaft.« »Haben denn alle Bedienten der Herrſchaften Warzen auf den Naſen, Mutter?« fragte Nicolaus. »Lieber Nicolaus, wie albern biſt Du doch!« ent⸗ gegnete ſeine Mutter,— v»ich meine natürlich, ſein Glanzhut ſieht aus wie ein Bedienter bei einer Herr⸗ ſchaft und nicht die Warze auf ſeiner Naſe,— obgleich ſelbſt das nicht ſo lächerlich iſt, als es Dir vorkommen ——— v Nicolaus Nickleby. 55 mag; denn wir hatten einmal einen Lackai, der nicht bloß eine Warze, ſondern auch ein Ueberbein und noch dazu ein recht großes Ueberbein hatte und deshalb Zu⸗ lage zu ſeinem Lohne verlangte. Nun wart' einmal. Ja. Es wird am beſten ſein, wenn wir eine Karte und eine Empfehlung durch dieſen jungen Mann in das Wirthshaus ſchickten,— hält ihn der Markör für einen herrſchaftlichen Bedienten, deſto beſſer. Dann brauchte Madame Browdie nur ihre Karte zu ſchicken und die Sache wäre abgemacht. „Liebe Mutter,« ſagte Nicolaus darauf,»ich glaube nicht, daß ſo einfache Leute wie dieſe eine Karte haben oder haben werden.“ „Das, lieber Nicolaus,« entgegnete Madame Nick⸗ leby,»das iſt freilich etwas anderes. Wenn die Sache ſo ſteht, ſo habe ich nichts weiter zu ſagen, als daß ich nicht daran zweifle, daß ſie recht gute Leute ſind und ich nichts dagegen habe, daß ſie zum Thee hierher kommen, wenn es ihnen gefällt; ich werde mir es ſogar angelegen ſein laſſen, ſehr artig gegen ſie zu ſein, wenn ſie kommen.« Als die Sache auf dieſe Weiſe abgemacht und Ma⸗ dame Nickleby gehörig in die mild herablaſſende Stel⸗ lung gebracht war, welche ihrem Range und ihren Jah⸗ ren gebührte, wurden Herr und Madame Browdie zum Thee eingeladen, und ſie kamen. Da ſie nun auch ſehr demüthig gegen Madame Nickleby waren, deren Größe gehörig zu würdigen ſchienen und alles ſehr wohlgefällig bewunderten, ſo flüſterte die gute Frau Käthchen mehr⸗ mals zu, ſie halte die Leute für die trefflichſten, welche ſie jemals geſehen habe, und finde auch, daß ſie ſich ſehr gut benähmen. Auch John Browdie erklärte, nach dem Eſſen wohl 56 Nicolaus Nickleby. zu merken, zwanzig Minuten vor elf Uhr Nachts, er ſei in ſeinem ganzen Leben nicht ſo glücklich geweſen. Madame Browdie ſtand ihrem Manne in dieſer Hin⸗ ſicht nicht nach, denn die junge Frau,— deren ländliche Schönheit ſehr hübſch von der zierlichen Lie⸗ benswürdigkeit Käthchens abſtach, ohne daß Beide bei dem Vergleiche litten, denn eine hob die andere und diente ihr als Schmuck— konnte das herzgewinnende, liebliche Weſen der jungen und die freundliche Geſprächig⸗ keit der ältern Dame nicht genug bewundern. Dann beſaß Käthchen die Geſchicklichkeit, das Geſpräch auf Gegenſtände zu lenken, in denen die junge Frau vom Lande, die anfangs in fremder Geſellſchaft ſehr verlegen war, ſich heimiſch fühlen konnte; und wenn auch Ma⸗ dame Nickleby bisweilen in der Wahl der Geſprächs⸗ gegenſtände nicht ſo glücklich war, oder wenn ſie auch, wie ſich Madame Browdie ausdrückte,„zu hoch« ſprach, ſo konnte ſie doch unmöglich freundlicher ſein; und daß ſie wirklich großen Antheil an dem jungen Paare nahm, ergab ſich aus den langen Vorleſungen über die Wirth⸗ ſchaft, mit denen ſie gefällig genug Madame Browdie unterhielt, und die ſie durch viele Beiſpiele aus der Wirthſchaftsführung in ihrer Wohnung erläuterte, an welcher(da dies ausſchließlich das Amt Käthchens war) die gute Frau, weder der Theorie noch der Praxis nach, mehr Antheil habe als eine der Statuen der zwölf Apo⸗ ſtel, welche das Aeußere der St. Paulskirche zieren. »Herr Browdie,« ſagte Käthchen zu der jungen Frau, viſt der gutmüthigſte, heiterſte und herzlichſte Mann, den ich jemals geſehen habe. Und drückten mich auch noch ſo viele Sorgen, es würde mich glücklich machen, wenn ich ihn nur anſähe.« elr ſcheint wirklich, auf mein Wort, ein ganz vor⸗ — u— ————, d— Nicolaus Nickleby. 57 trefflicher Mann zu ſein, Käthchen,« ſagte Madame Nickleby,»ein ganz vortrefflicher Mann. Es wird mir auch jederzeit Vergnügen machen,— wirkliches Vergnü⸗ gen— wenn Sie, Madame Browdie, mich ſo ohne Umſtände beſuchen wollen. Wir machen keinen Auf⸗ wand,« ſetzte ſie hinzu mit einer Miene, die ſie wahr⸗ ſcheinlich zu dem Glauben bereden ſollte, ſie könnten be⸗ deutenden Aufwand machen, wenn ſie nur wollten,— „wir machen keinen Aufwand und keine Umſtände; ich würde das nie zugeben. Ich ſagte, liebes Käthchen, ſagte ich, Madame Browdie würde ſich nur unbehaglich fühlen, und das wäre doch ſehr unfreundlich und herzlos von uns.« »Ich bin Ihnen ſehr verbunden, Madame,“« entgeg⸗ nete Madame Browdie dankbar.»Aber, John, es iſt beinahe elf Uhr. Ich fürchte, wir halten die Madame zu lange von ihrer Ruhe ab.« »Lange!« rief Madame Nickleby mit einem gellenden dünnen Lachen und einem kurzen Hüſteln am Ende, als einer Art Ausrufungszeichen.»Das iſt bei uns noch ſehr zeitig. Ach, wir blieben ſonſt ſehr lange auf. Zwölf, eins, zwei, drei Uhr war nichts bei uns. Bälle, Di⸗ ners, Spielpartien,— es giebt keine luſtigern Leute als die waren, wo wir wohnten. Ich denke noch jetzt oft daran und wundere mich, wie wir es nur aushalten konnten;— das iſt eben das Schlimme, wenn man viele Bekannte hat und viel geſucht iſt; ich rathe allen jungen Eheleuten, ja ſolchen Verſuchungen ſtandhaft zu widerſtehen, obgleich natürlich, und es iſt auch recht gut, meiner Meinung nach, wenige junge Ehepaare in ſolche Verſuchungen kommen können. Ich erinnere mich beſonders einer Familie, die etwa ein Viertelſtündchen von uns wohnte,— nicht gerade auf der Straße hin, ſon⸗ 58 Nicolaus Rickleby. dern links um die Ecke bei dem Schlagbaume, wo die Plymouther Poſt den Eſel überfuhr— dieſe Leute gaben die koſtſpieligſten Geſellſchaften und hatten dabei künſtliche Blumen und Champagner und bunte Lampen, kurz alle Delikateſſen im Eſſen und Trinken, die der eifrigſte Epi⸗ kurer wünſchen konnte. Es kann unmöglich ſo mehr ſolche Leute geben wie jene Paltiroguſſens. Erinnerſt Du Dich Paltiroguſſens, Käthchen 2 Käthchen ſah ein, daß es der Ruhe ihrer Gäſte we⸗ gen die höchſte Zeit ſei, dieſen Strom von Erinnerun⸗ gen zu hemmen und antwortete deshalb, ſie erinnere ſich an Paltiroguſſens noch ganz deutlich und lebhaft, und ſetzte dann hinzu, Madame Browdie habe vor eini⸗ ger Zeit ſchon halb und halb verſprochen, ein Liedchen aus ihrer Heimath zu ſingen. Sie erſuche ſie deshalb, ihr Verſprechen doch ja zu halten, weil ſie überzeugt ſei, es würde ihrer Mutter dadurch ein großes Vergnü⸗ gen gemacht werden. Madame Nickleby beſtätigte dies mit aller ihr mög⸗ lichen Grazie— denn auch darin lag ja eine Art Pro⸗ tection und ſogar die Vorausſetzung, ſie habe in ſolchen Dingen ein beſonders richtiges Urtheil und geläuterten Geſchmack.— John Browdie bemühete ſich alſo, ſich an den Text eines Liedchens aus ſeiner Gegend zu erinnern und ſeine Frau daran zu erinnern. Als dies geſchehen war, machte er einige unſchöne Bewegungen auf ſeinem Stuhle, ſuchte ſich unter den an der Decke ſitzenden und dort ſchlafenden Fliegen eine beſondere aus, heftete ſeine Augen auf dieſelbe und fing an, von ſchmachtenden Ge⸗ fühlen(die ein ſentimentaler vor Liebe und Verzweif⸗ lung faſt vergehender Liebhaber ausſprechen ſoll) mit ei⸗ ner Donnerſtimme zu brüllen. Nach dem erſten Verſe hörte man, als habe draußen 8 N 2 S A R —————— u dU Niecolaus Nickleby. 59 Jemand gewartet, bis er ſich bemerkbar machen könne, ein lautes heftiges Pochen an der Hausthür, ſo laut und heftig, daß die Damen gleichzeitig zuſammenfuhren und John Browdie innehielt. „»Das muß ein Irrthum ſein,« ſagte Nicolaus unbe⸗ ſorgt.»Wir kennen Niemanden, der noch um dieſe Zeit kommen könnte.« Madame Nickleby äußerte jedoch, vielleicht ſei das Comptoir in Feuer aufgegangen oder„die Cheerybles⸗« ſchickten, um Nicolaus als Compagnon aufzunehmen (was zu dieſer Zeit der Nacht gewiß ſehr wahrſcheinlich war), oder Herr Linkinwater ſei mit der Kaſſe durchge⸗ gangen, oder Mademoiſelle La Creevy ſei krank gewor⸗ den, oder— Aber ein haſtiger Ausruf Käthchens unterbrach ſie mit Einemmale in ihren Vermuthungen und Ralph Nick⸗ leby trat in das Zimmer herein. »Bleib,« ſagte Ralph, als Nicolaus aufſtand und Käthchen zu dieſem eilte, um ſich an ſeinem Arm zu halten.»Ehe der Knabe ein Wort ſpricht, hört mich.« Nicolaus biß ſich auf die Lippe und ſchüttelte dro⸗ hend den Kopf, ſchien aber für den Augenblick unfähig zu ſein, ein Wort ſprechen zu können. Käthchen hielt fich feſter an ſeinem Arm, Smitke retirirte hinter ſie und John Browdie, der von Ralph ſchon gehört hatte und denſelben ohne Mühe erkannt zu haben ſchien, ſtellte ſich zwiſchen den alten Mann und ſeinen jungen Freund, 8 wolle er Beide verhindern, einen Schritt weiter zu thun. 4 1»Hört mich, ſage ich,« wiederholte Ralph,»und nicht ihn.⸗ »Sag' was Du zu ſagen haſt, Mann,“ fiel ihm John in die Rede,»und hüte Dich, kein böſes Blut zu 60 Nicolaus Nickleby. machen, denn es wird beſſer für Dich ſein, es bleibt ruhig« hes. ſollte ich an Ihrer Sprache und ihn(auf Smike zeigend) an ſeinem Ausſehen kennen,« ſagte Ralph. „Reden Sie nicht mit ihm,« ſagte Nicolaus, der die Stimme wiedergefunden hatte.»Ich dulde es nicht. Ich mag ihn nicht hören. Ich kenne den Mann nicht. Ich kann die Luft nicht athmen, die er verpeſtet. Seine Gegenwart iſt eine Beleidigung für meine Schweſter. Es iſt eine Schmach, ihn zu ſehen. Und ich dulde ſie nicht, bei—« „»Halt!« rief John, der ihm die ſchwere Hand auf die Bruſt legte. »So ſchaffen Sie ihn auf der Stelle hinaus,« ent⸗ gegnete Nicolaus ſich wehrend.»Ich will nicht Hand an ihn legen, aber er ſoll ſich entfernen. Ich mag ihn nicht hier haben. John— John Browdie— das iſt mein Haus— bin ich ein Kind? Wie er ſo daſteht,« rief Nicolaus, deſſen Geſicht vor Zorn glühete,»und ſo ruhig und kalt die anſieht, welche ſein ſchwarzes ſchlechtes Herz kennen, treibt er mich zum Wahnſinn.« Auf alle dieſe Ausrufungen antwortete John Brow⸗ die kein Wort, hielt aber Nicolaus noch immer zurück; als dieſer ſchwieg, ſagte er: „»Es iſt mehr zu ſagen und zu hören, als Du denkſt,« meinte John.»Ich merke das ſchon. Was iſt denn das für ein Schatten vor der Thür draußen? Schulmeiſter, zeige Dich; ſchäme Dich nicht, Mann. Alter Mann, laß den Schulmeiſter auch herein.« Als Squeers dieſe Anrede hörte, der vor der Thür gezögert hatte, um eine Zeit abzupaſſen, in welcher er mit einem gewiſſen Effecte hereintreten könnte, mußte er in einer etwas würdeloſen hereinſchleichen, worüber Nicolaus Nickleby. 61 John Browdie ſo laut aus Herzensgrunde lachte, daß ſelbſt Käthchen, trotz ihrer peinlichen Angſt und Furcht, und obgleich ihr die Thränen in den Augen ſtanden, die Luſt ankam, einzuſtimmen. »Haben Sie ſich nun einen Spaß gemacht?« fragte endlich Ralph. „»Für diesmal einen prächtigen, Mann,« antwortete John. »Ich kann warten,« fuhr Ralph fort.»Lachen Sie ſich nur erſt ſatt.« Ralph wartete, bis alles vollkommen ruhig war, dann wandte er ſich an Madame Nickleby, blickte aber Käthchen ſcharf an, als liege ihm beſonders daran, wel⸗ chen Eindruck er auf dieſe mache und ſagte:— »Hören Sie mich an, Madame. Ich glaube nicht, daß Sie etwas von den ſchönen Worten wußten, die mir Ihr Knabe da ſchickte, weil Sie meiner Meinung nach unter ſeiner Leitung gar keinen eigenen Willen ha⸗ ben, oder Ihr Rath, Ihre Anſicht, Ihre Bedürfniſſe, Ihre Wünſche— irgend etwas, das der Natur und Vernunft nach(wozu nützte denn ſonſt Ihre große Er⸗ fahrung) Gewicht bei ihm haben ſollte, den geringſten Einfluß oder das geringſte Gewicht hat oder auch nur einen Augenblick berückſichtigt wird.“ Madame Nickleby ſchüttelte ihr Haupt und ſeufzete, als wenn er gar nicht ſo Unrecht habe. »Aus dieſem Grunde,« fuhr Ralph fort,»wenderich mich an Sie, Madame. Theils aus dieſem Grunde und theils weil ich nicht wünſche, durch die Handlungen eines Kiekindiewelt entehrt zu werden, den ich verſtoßen mußte und der dann in ſeinem knabenhaften Stolze ſich ſtellt— ha! hal ha!— als verſtoße er mich, erſcheine ich heute Abend hier. Ich habe auch noch einen andern 62 Nicolaus Nickleby. Grund— einen Grund der Menſchlichkeit. Ich komme hierher,« ſagte Ralph, indem er ſich mit einem höhni⸗ ſchen und triumphirenden Lächeln umſah und die Worte ſo lang als möglich dehnte, als könne er ſich von dem Vergnügen nicht trennen, ſie auszuſprechen, um einem Vater ſein Kind wiederzugeben. Ja,« fuhr er fort, in⸗ dem er ſich vorbog und ſich an Nicolaus wendete, da er die Veränderung in deſſen Züge bemerkte,»um einem Vater ſein Kind— ſeinen Sohn wiederzugeben,— den Du verführt, verlockt, geraubt haſt, um ihm einſt das Bischen Vermögen zu entreißen, das er vielleicht erbt.« „»Darin lügen Sie und das wiſſen Sie ſelbſt,« ſagte Nicolaus ſtolz. »Darin ſpreche ich die Wahrheit,— ich habe ſeinen Vater mit hier,« entgegnete Ralph. »Da hier,« lachte Squeers, indem er vortrat.»Hö⸗ ren Sie das? Hier! Sagte ich Ihnen nicht, Sie möch⸗ ten ſich in Acht nehmen, daß nicht ſein Vater erſcheine und ihn mir zurückſchicke? Sein Vater iſt mein Freund; — er muß ſogleich mit mir zurückkehren. Was ſagen Sie dazu? he? Nun? Was ſagen Sie dazu? Thut es Ihnen nicht leid, ſich ſo viel Mühe umſonſt gegeben zu haben? Nicht wahr? Nicht wahr?« »Sie tragen an Ihrem Körper gewiſſe Kennzeichen, die ich Ihnen gab,« ſagte Nicolaus, indem er gelaſſen wegſah,»und dafür können Sie ſo viel reden als Ih⸗ nen beliebt. Sie können lange reden, ehe Sie dieſe Zei⸗ chen loswerden, Herr Squeers.« Der achtungswerthe eben genannte Mann warf ſchnell einen Blick auf den Tiſch, als treibe ihn jene Antwort an, Nicolaus einen Krug oder eine Flaſche an den Kopf zu werfen, wurde aber in dieſer Abſicht(wenn er ſie wirklich hatte) von Ralph unterbrochen, der ihn ——— Nicolaus Nicklebn. 63 mit dem Elbogen ſtieß, und erſuchte ihn, dem Vater zu ſagen, er möge nun kommen und ſeinen Sohn in An⸗ ſpruch nehmen. Da dies rein ein Wort der Liebe war, ſo fügte ſich Squeers ſogleich, verließ deshalb das Zimmer und kehrte faſt augenblicklich mit einem Manne mit fettigem Geſichte zurück, der ſich von ihm losmachte, die Geſtalt und das Geſicht des Herrn Snawley zeigte, gerade auf Smike zuging, den Kopf dieſes armen Teufels in einer ſehr ungelenken und plumpen Umarmung unter ſeinen Arm drückte, ſeinen breitkrämpigen Hut armslang in die Luft ſtreckte zum Zeichen ſeines frommen Dankes und dabei ausrief:»Wie wenig dachte ich an dieſes fröhliche Wiederſehen als ich ihn das Letztemal ſah. Oh wie we⸗ nig dachte ich daran!« »Nun faſſen Sie ſich, Herr,« ſagte Ralph mit einem komiſchen Ausdrucke von Mitgefühl,»„Sie haben ihn.« »Ich habe ihn! Habe ich ihn nicht? Habe ich ihn doch?« rief Herr Snawley, als könne er es gar nicht glauben und faſſen.»„Ja, da iſt er, mein Fleiſch und Blut, mein Fleiſch und Blut.« »Sehr wenig Fleiſch,« ſagte John Browdie.— Snawley war zu ſehr mit ſeinen Vatergefühlen be⸗ ſchäftigt, als daß er dieſe Bemerkung beachten konnte, und um ſich noch vollſtändiger von dem Wiederbeſitze ſeines Sohnes zu überzeugen, drückte er den Kopf deſſel⸗ ben noch einmal unter ſeinen Arm, ließ ihn aber dies⸗ mal nicht wieder los. „Deshalb,« ſagte Snawley,»deshalb nahm ich ſo großen Antheil an ihm, als ihn dieſer würdige Jugend⸗ lehrer in mein Haus brachte. Darum juckte mir im ganzen Leibe der Wunſch, ihn tüchtig dafür zu züchti⸗ 64 Nicolaus Nickleby. gen, daß er von ſeinen beſten Freunden und ſeinem Lehrer davongelaufen. Jetzt erſt begreife ich es.« »Es war das Vatergefühl, Herr,« bemerkte Squeers. »Ja, das war es,« entgegnete Snawley, das erha⸗ bene Gefühl, das Gefühl der alten Griechen und Römer, das Gefühl der Thiere auf dem Felde und der Vögel in der Luft— mit Ausnahme der Kaninchen und der Kater, welche ihre Jungen bisweilen verzehren. Mein Herz ſehnte ſich nach ihm. Ich hätte ihm können—, ich weiß nicht, was ich ihm im Aerger eines Vaters hätte thun können.« »Es heugt von der wunderbaren Macht der Natur,« bemerkte Squeers.»Sie iſt ungeheuer mächtig, die Natur.« »Sie iſt etwas Heiliges,« bemerkte Snawley. „Ich glaube Ihnen,“ ſetzte Squeers mit einem mo⸗ raliſchen Seufzer hinzu.»Ich möchte wiſſen, wie wir ohne ſie leben könnten. Die Natur,« ſagte Squeers feierlich,»läßt ſich leichter denken als beſchreiben. Ach und wie herrlich iſt es, in dem Zuſtande der Natur zu ſein!« Während dieſes philoſophiſchen Geſpräches waren die Anweſenden vor Erſtaunen ganz regungslos gewe⸗ ſen, während Nicolaus mit Abſcheu, Zweifel und Ueber⸗ raſchung bald Snawley, bald Squeers, bald Ralph an⸗ ſah. Smike dagegen benutzte einen günſtigen Augen⸗ blick, machte ſich von ſeinem Vater los, flüchtete zu Nicolaus und bat dieſen in den rührendſten Ausdrücken, ihn nicht wegzugeben, ſondern ihn bei ihm leben und ſterben zu laſſen. »Sind Sie wirklich der Vater dieſes Knaben,« ſagte Nicolaus,»ſo ſehen Sie, was aus ihm geworden iſt, und ſagen Sie mir dann, daß Sie die Abſicht haben, —— a A Nͤ— .— · AaNn Nirolaus Nickleby. 65 ihn in den gräßlichen Kerker zurückzuſchicken, aus wel⸗ chem ich ihn befreiete.« „»Die Beleidigung!« rief Squeers;»wären Sie einen Schuß Pulver werth, wahrhaftig, ich würde Sie zwin⸗ gen, mit mir einen Gang zu gehen.« »Halt!« rief Ralph, als Snawley ſprechen wollte. „»Laſſen Sie uns die Sache kurz machen und keine Worte an dieſe hirnverbrannten Menſchen verſchwenden. Das iſt Ihr Sohn, was Sie beweiſen können,— und Sie, Herr Squeers, Sie wiſſen, daß dieſer Junge derſelbe iſt, der unter dem Namen Smitke ſich mehrere Jahre bei Ihnen befand. Nicht wahr?« »Allerdings,« antwortete Squeers.»Nicht wahr?« »Nun gut,« ſagte Ralph,»ſo reichen wenige Worte hier hine Sie hatten einen Sohn von Ihrer erſten Frau, Herr Snawley.« „Den hatte ich,« entgegnete der Mann,»und hier ſteht er.« »Dies wollen wir ſogleich beweiſen,« fuhr Ralph fort.»Sie und Ihre Frau wurden geſchieden und ſie behielt den Knaben bei ſich, da er erſt ein Jahr alt war. Nach einem oder zwei Jahren erhielten Sie die Nachricht von ihr, der Knabe ſei geſtorben, und Sie glaubten es 2 »Ja, ich glaubte es,« antwortete Snawley.»Wie groß iſt alſo die Freude—« „»Beruhigen Sie ſich,« ſagte Ralph.»Das iſt eine Geſchäftsſache, und Entzücken paßt ſich nicht dazu. Dieſe Frau nun ſtarb anderthalb Jahr ungefähr darauf an ir⸗ gend einem entlegenen Orte, wo ſie in einer Familie Haushälterin war. Iſt dies wahr?« »Das iſt die Wahrheit,« antwortete Snawley.⸗ »Sie hatte auf ihrem Sterbebette einen Brief oder Nicolaus Nickleby. VI. 5 66 Nicolaus Nickleby. ein Geſtändniß über dieſen Knaben geſchrieben, da aber auf der Aufſchrift nur Ihr Name ſtand, ſo erhielten Sie den Brief nach langem Umlaufe deſſelben erſt vor weni⸗ gen Tagen?« „»So iſt es,« ſagte Snawley,»ganz genau ſo.« „Und dieſes Geſtändniß,« fuhr Ralph fort,»enthielt die Angabe, ſein Tod ſei von ihr nur erdichtet worden, um Sie zu betrüben; es war ein Theil des Aerger⸗ ſyſtems, das Sie gegen einander ausgeübt zu haben ſcheinen. Sie geſtand, der Knabe lebe, ſei aber ſchwach an Körper und an Geiſt; ſie habe ihn durch einen zu⸗ verläſſigen Mann in eine wohlfeile Schule in Yorkfhire bringen laſſen und einige Jahre dort für ihn bezahlt, ſpäter aber, da ſie arm geworden und weit weggezogen ſei, ihn allmälig verlaſſen, wofür ſie jetzt um Ihre Verzeihung bitte.« Snawley nickte mit dem Kopfe und wiſchte ſich die Augen, das erſte gelind, das letztere heftig. »Die erwähnte Schule war die des Herrn Squeers,« fuhr Ralph fort;„der Knabe führte dort den Namen Smike. Es wurde eine genaue Beſchreibung gegeben, die Angaben und die Zeit ſtimmen genau mit den Bü⸗ chern des Herrn Squeers überein. Herr Squeers wohnt jetzt bei Ihnen; Sie haben noch zwei andere Knaben in ſeiner Schule. Sie theilen ihm die ganze Entdeckung mit und er brachte Sie zu mir, weil ich ihm den Ent⸗ führer Ihres Kindes empfohlen hatte. Ich führte Sie wiederum hierher. Iſt alles ſo?« »Sie ſprechen wie ein gutes Buch, das nichts als Wahrheit enthält,« erwiederte Snawley.„Dies iſt Ihr Taſchenbuch,« ſagte Ralph, indem er ein ſolches aus ſeiner Rocktaſche zog;»darin befinden ſich Ihr Trauſchein und das Taufzeugniß des Knaben, die beiden Briefe Nicolaus Nickleby. 67 Ihrer Frau und alle andern Papiere, welche dieſe An⸗ gaben direkt oder indirekt unterſtützen, nicht wahr?« „Alle, Herr Nickleby.« „Und Sie haben nichts dagegen, daß man ſie hier unterſucht, damit dieſe Leute überzeugt werden, Sie könnten allerdings Ihre Anſprüche vor jedem Gerichte geltend machen und die Auslieferung Ihres Sohnes ohne Verzug verlangen? Sie meinen es ſo?« »Ich meine es allerdings ſo.« »Nun denn,“« fuhr Ralph fort, indem er das Ta⸗ ſchenbuch auf den Tiſch warf.»Sie mögen die Papiere beſehen, wenn Sie Luſt haben. Da es aber die Originale ſind, ſo rathe ich Ihnen, ſich in die Nähe zu ſtellen, damit Ihnen keines davon verloren geht.« Mit dieſen Worten nahm Ralph ungeheten Platz, ſchloß die Lippen, welche einen Augenblick durch ein Lächeln geöffnet worden waren, ſchlug die Arme über einander und ſah zum Erſtenmale ſeinen Neffen an. Nicolaus, den die letzte Bemerkung erbittert hatte, warf ihm einen zornigen Blick zu; er beherrſchte ſich je⸗ doch ſo viel als möglich und begann eine ſorgfältige Prüfung der vorgelegten Papiere, wobei ihn John Browdie unterſtützte. Es konnte nichts an denſelben in Zweifel gezogen werden. Die Zeugniſſe waren gehörig unterzeichnet als Auszüge aus den Kirchenbüchern; der erſte Brief ſah wirklich aus, als ſei er vor einigen Jah⸗ ren geſchrieben und ſeitdem aufbewahrt worden; die Handſchrift des zweiten ſtimmte mit jener des erſten genau überein(beſonders wenn man berückſichtigte, daß er von einer Perſon auf dem Sterbebette geſchrieben worden), und außerdem fanden ſich noch einige andere beſtätigende Papiere u. ſ. w., Rechnungen, die ebenfalls nicht in Zweifel gezogen weden konnten. 5 68 Nicolaus Nickleby. „Lieber Nicolaus,« flüſterte Käthchen, die ihm ängſt⸗ lich beſorgt über die Achſel geſehen hatte,»kann dies wirklich möglich ſein? Iſt dieſe Angabe wahr?« »Ich fürchte es,« antwortete Nicolaus.»Was mei⸗ nen Sie, John? John kratzte ſich hinter den Ohren und ſchüttelte den Kopf, ſagte aber gar nichts. »Sie werden bemerken, Madame,« ſagte Ralph zu Madame Nickleby,»daß wir, da der Junge unmündig und ſchwach von Verſtand iſt, mit Dienern der Gerech⸗ tigkeit hätten kommen können. Ich würde es auch un⸗ fehlbar gethan haben, hätte ich nicht Sie und— Ihre Tochter ſchonen wollen.« »Sie haben bereits bewieſen, welche Rückſicht Sie auf ihr Gefühl nehmen,« antwortete Nicolaus, indem er ſeine Schweſter an ſich zog. »Ich danke,« antwortete Ralph.»Dein Lob iſt al⸗ lerdings eine Empfehlung.« »Nun,“ fiel Squeers ein,»was ſoll nun geſchehen? Die Miethpferde werden ſich erkälten, wenn wir nicht an den Aufbruch denken; es nieſ't ſchon eins ſo ſtark, daß die Hausthür von der Erſchütterung aufſpringen könnte. Was ſoll geſchehen— he? Soll der junge Snawley mit uns gehen?« „»Nein, nein, nein,« antwortete Smike, der ſich zu⸗ rückzog und ſich an Nicolaus anhielt.»Nein, ich bitte, nein. Ich mag nicht mit den Leuten von Ihnen fort⸗ gehen. Nein, nein.“ »Es iſt grauſam,« ſagte Snawley, indem er wie um Hülfe ſeine Freunde anſah.»Haben die Aeltern ihre Kinder dazu?« »Haben die Aeltern ihre Kinder für den?« erwie⸗ derte John, indem er auf Squeers zeigte. Nicolaus Nickleby. 69 „»Kümmern Sie ſich nicht um mich,« entgegnete die⸗ ſer, indem er höhniſch ſich an die Naſe klopfte. „»Es wäre gut, wenn ſich gar Niemand um Dich kümmerte, Schulmeiſter.— Wohin willſt Du? Komm mir nicht nahe, Mann!« Um ſeinen Worten mehr Nachdruck zu geben, ſtieß John Browdie den Herrn Squeers, welcher auf Smike zuging, mit dem Elbogen an die Bruſt und zwar ſo geſchickt und kräftig, daß der Schulmeiſter taumelte und zurück auf Ralph Nickleby fiel, ſich auch da noch nicht wieder ins Gleichgewicht finden konnte, Ralph vom Stuhle herunterſtieß und über ihn ſtolperte. Dieſes zufällige Ereigniß war das Signal zu einem entſcheidenden Verfahren. Unter großem Lärm, der durch das Bitten und Jammern Smike's, das Schreien der Frauen und die Heftigkeit der Männer verurſacht wurde, machte man Demonſtrationen, den verlorenen Sohn mit Gewalt fortzubringen. Squeers hatte denſelben auch wirklich ſchon hinausgezogen, als Nicolaus(der dieſen Augenblick nicht gewußt zu haben ſchien, was er thun ſolle) ihn am Kragen fäßte, und ihn ſo gewaltig ſchüt⸗ telte, daß alle Zähne, die er noch beſaß, ihn im Munde klapperten, ihn höflich an die Zimmerthür begleitete, in den Vorſaal hinausſtieß und die Thür zumachte. »Nun,« ſagte Nicolaus zu den beiden Andern,»ha⸗ ben Sie die Gefälligkeit, Ihrem Freunde zu folgen.« »Ich muß meinen Sohn haben,« ſagte Snawley. »Ihr Sohn,« antwortete Nicolaus,»möge ſelbſt wählen. Will er hier bleiben, ſo wird er bleiben.“« „Sie wollen ihn nicht herausgeben?« fragte Snawley. »Nicht gegen ſeinen Willen ſoll er das Opfer ſolcher Rohheit werden, der Sie ihn überweiſen würden,« ant⸗ wortete Nicolaus,»und wäre er ein Hund.« 70 Niecolaus Nickleby. »Schlagt doch den Nickleby mit einem Leuchter auf den Kopf,« rief Squeers durch das Schlüſſelloch hinein, »und bringe mir Einer meinen Hut heraus, ſonſt komme ich darum.⸗ »Es thut mir ſehr leid,« ſagte Madame Nickleby, die mit Madame Browdie ängſtlich und weinend in einer Ecke geſtanden hatte, während Käthchen, blaß aber vollkommen ruhig, ſo nahe als möglich bei ihrem Bru⸗ der geblieben war;»es thut mir alles ſehr leid. Ich weiß wahrhaftig nicht, was hier das Beſte iſt und was man zu thun hat. Nicolaus muß es am beſten wiſſen und er wird es auch wiſſen. Es iſt freilich hart, ande⸗ rer Leute Kinder zu ernähren, obgleich der jung Snaw⸗ ley ſo nützlich und gewillig iſt als möglich,— aber wenn man ſich in Guten vereinigen könnte, wenn z. B. Herr Snawley etwas Gewiſſes für Tiſch und Logis gäbe und man es ſo einrichtete, daß wir zweimal in der Woche Fiſche, zweimal Pudding haben könnten, ſo würde es, meiner Anſicht nach, für alle Theile ange⸗ nehm ſein.« Niemand beachtete dieſen Vermittelungsvorſchlag, der unter vielen Thränen und Seufzern gethan wurde, und die arme Madame Nickleby fing deshalb an, Madame Brow⸗ die über die Vortheile eines ſolchen Uebereinkommens aufzuklären, ſo wie ſich über die unſeligen Folgen aus⸗ zuſprechen, die niemals ausblieben, wenn man ſie nicht zu Rathe ziehe oder ihren Rath nicht befolge. »Und Du,“ ſagte Snawley zu dem zitternden Smike, »Du biſt ein unnatürlicher, undankbarer, unliebenswür⸗ diger Sohn. Du willſt Dich nicht von mir lieben laſ⸗ ſen, wie ich Dich lieben will. Willſt Du nicht mit nach Hauſe kommen— he?« — Nicolaus Nickleby. 71 »Nein, nein, nein,« rief Smike, immer weiter zu⸗ rückweichend. »Er hat noch niemals Jemanden geliebtze ſchrie Squeers durch das Schlüſſelloch.»Er liebte mich nicht, und liebte Wackford nicht, der doch beinahe ein Engel iſt. Wie können Sie erwarten, daß er ſeinen Vater lieben werde? Er wird ſeinen Vater niemals lieben, niemals. Er weiß gar nicht, was es heißt, einen Vater zu haben. Er verſteht es nicht. Es liegt nicht in ihm.« Snawley ſah ſeinen Sohn eine volle Minute lang unverwandt an, dann bedeckte er ſeine Augen mit der Hand, fuhr noch einmal mit dem Hute in die Höhe und ſchien den ſchwarzen Undank ſeines Sohnes tief und ſchwer zu beklagen. Dann fuhr er mit dem Aermel über die Augen, nahm den Hut des Herrn Squeers unter den einen und den ſeinigen unter den andern Arm und ſchritt langſam und betrübt hinaus. „»Dein Roman,« ſagte Ralph, der einen Augenblick zögerte,»iſt zerſtört, verlaß Dich darauf. Es iſt kein unbekannter, kein verfolgter Sohn eines Mannes von hohem Stande, ſondern der blödſinnige Sohn eines armen Kleinkrämers. Wir wollen nun ſehen, ob Deine Theilnahme auch vor der nackten Wahrheit Stand hält.« »Sie werden es ſehen,« ſagte Nicolaus, indem er nach der Thür wieß. »Und verlaß Dich darauf,“« ſetzte Ralph hinzu, vich habe es nicht erwartet, daß Du ihn heute Abend her⸗ ausgeben würdeſt. Es ſtanden dem Stolz, Hartnäckig⸗ keit und ein ungebildetes Zartgefühl entgegen. Dieſe müſſen heruntergebracht, gedemüthiget werden und dies ſoll bald geſchehen. Ich werde Dich prüfen mit der langwierigen Angſt und den endloſen Koſten des Pro⸗ zeſſes in der drückendſten Geſtalt, mit der ſtündlichen 72 Pein deſſelben, mit ſeinen langen Tagen und ſchlafloſen Nächten, und damit Deinen Hochmuth beugen, ſo ſtark er jetzt auch ſein mag. Machſt Du dieſes Haus zur Hölle und ziehſt ſolche Leiden auf die Arme da(— Du wirſt es thun, ich kenne Dich—) und auf die, welche Dich jetzt für einen jungen Helden halten, dann wollen wir mit einander abrechnen und zuſehen, wer der Schuldner iſt und wer— ſelbſt vor der Welt— am beſten ſteht.« Ralph Nickleby ging, Squeers aber, der einen Theil von dieſer letzten Anrede gehört und deſſen ohnmächtige Bosheit nun einen vorher kaum geahneten hohen Grad erreicht hatte, konnte nicht umhin, in das Zimmer wie⸗ der hereinzukommen und einige Dutzend Capriolen mit verſchiedenen häßlichen Grimaſſen zu machen, welche ſeine triumphirende Ueberzeugung von dem Sturze und der Demüthigung Nickleby's ausdrücken ſollten. Nachdem er dieſen Kriegstanz geendet hatte, in wel⸗ chem ſeine kurzen Beinkleider und großen Stiefeln eine ſehr vorſtechende Rolle ſpielten, folgte Squeers ſeinen Freunden, und die Familie hatte nun Muße und Ruhe, um über die letzten Ereigniſſe nachzudenken. Nicolaus Nickleby. Viertes Kapitel wirft einiges Licht auf die Liebe Nickleby's, ob aber zum Gu⸗ ten oder zum Böſen, das muß der Leſer entſcheiden. Nachdem Nicolaus lange und ſorgfältig über die peinliche Lage nachgedacht hatte, in welcher er ſich be⸗ fand, hielt er es für das Beſte, ſich ohne Zeitverluſt Nicolaus Nickleby. 73 und ohne Rückhalt den gutmüthigen Brüdern zu offen⸗ baren. Er benutzte auch wirklich die erſte Gelegenheit, als er mit Karl Cheeryble allein war, am Abend des nächſten Tages, erzählte ihm die kleine Geſchichte Smi⸗ ke's und ſprach beſcheiden aber zuverſichtlich die Hoff⸗ nung aus, der gute alte Herr werde ihn unter ſolchen Umſtänden, wie er ſie angegeben habe, für gerechtferti⸗ get halten, daß er das Aeußerſte gewagt, ſich zwiſchen Vater und Sohn eingemiſcht und den letztern in ſeinem Ungehorſame unterſtützt habe. „»Sein Abſcheu vor dieſem Manne und ſein Wider⸗ wille gegen denſelben iſt ſo tief gewurzelt,« ſetzte Nico⸗ laus hinzu,»daß ich kaum glauben kann, er ſei wirklich der Sohn deſſelben. Die Natur ſcheint in ſeine Bruſt auch nicht einen Funken von Liebe gelegt zu haben, und die Natur kann niemals irren.« „Mein lieber junger Freund,« antwortete Bruder Karl,»Sie verfallen in den ſehr gewöhnlichen Irrthum, der Natur Dinge aufzubürden, mit denen ſie in gar keiner Verbindung ſteht und für die ſie durchaus nicht verantwortlich iſt. Die Menſchen ſprechen von der Na⸗ tur wie von einem abſtracten Etwas und ſehen unterdeß das wirklich Natürliche nicht. Wir haben da einen ar⸗ men Jungen, der nie etwas von Vaterſorge und Vater⸗ liebe empfunden, der in ſeinem Leben kaum etwas an⸗ deres als Leiden und Noth gekannt hat, und nun einem Manne vorgeſtellt wird, der, wie man ihm ſagt, ſein 4 Vater iſt und gleich damit den Anfang macht, daß er ihm das Ende ſeines kurzen Glücks, die Rückkehr zu ſeinem frühern Schickſale und das Scheiden von dem einzigen Freunde ankündiget, den er jemals gehabt hat, — von Ihnen. Wenn die Natur in einem ſolchen Falle in die Bruſt des Jungen ein geheimes Gefühl legte, 4 das ihn nach ſeinem Vater hin und von Ihnen fort⸗ zoͤge, würde ſie eine Lügnerin und Thörin ſein.⸗ Nicolaus war hoch erfreuet, als er ſah, daß der alte Herr ſo warm ſprach und in der Hoffnung, er werde noch mehr ſprechen, antwortete er nicht. „»Derſelbe Irrthum zeigt ſich mir in dieſer oder je⸗ ner Geſtalt überall,« fuhr Bruder Karl fort.„Aeltern, die ihre Liebe nie bethätigten, beklagten ſich über Man⸗ gel an natürlicher Zuneigung an ihren Kindern;— Kin⸗ der, die nie ihre Pflicht thaten, beſchweren ſich über den Mangel an natürlichem Gefühle an ihren Aeltern, und Geſetzgeber, die beide ſo elend finden, weil ihre Nei⸗ gungen nie Lebensſonne genug zur vollen Entwickelung hatten, moraliſiren ebenfalls laut über Aeltern und Kin⸗ der und ſchreien, ſelbſt die Bande der Natur würden nicht beachtet. Natürliche Neigungen und Inſtinkte, mein werther junger Freund, ſind die ſchönſten Schöpfungen des Allmächtigen, aber ſie müſſen wie ſeine andern ſchö⸗ nen Werle gehegt und gepflegt werden, oder es iſt eben ſo natürlich, daß ſie ganz verdunkelt werden und daß andere Gefühle an ihre Stelle traten, als daß die herrlichſten Erzeugniſſe der Erde, ſich ſelbſt über⸗ laſſen und ohne Pflege, durch Unkraut erſtickt und ver⸗ drängt werden. Ich wünſche, die Menſchen könnten da⸗ hin gebracht werden, daß ſie dies berückſichtigten, daß ſie ſich zu rechter Zeit der natürlichen Pflichten mehr erinnerten und zu unrechter Zeit weniger davon ſchwatz⸗ ten.« Bruder Karl, der ſich ſehr warm geſprochen hatte, hielt inne, um ſich wieder etwas abzukühlen, und fuhr dann alſo fort: »Ich glaube, Sie wundern ſich, lieber Freund, daß Nicolaus Nickleby. ich Ihre Erzählung mit ſo wenig Erſtaunen angehört Nicolaus Nickleby. 75 habe. Das iſt leicht erklärt,— Ihr Onkel war dieſen Morgen hier.« Nicolaus wechſelte die Farbe und trat ein paar Schritte zurück. »Ja,« fuhr der alte Herr fort, indem er emphatiſch auf das Pult klopfte,»hier, in dieſem Comptoir. Er wollte weder auf Vernunft, noch Gefühl, noch Recht hören, trotz dem daß ihm Bruder Eduard derb zuſetzte, — Bruder Eduard hätte können einen Pflaſterſtein er⸗ weichen.« »Er kam zu Ihnen, um—,« ſagte Nicolaus. »Um ſich über Sie zu beklagen, entgegnete Bruder Karl,»um das Gift der Verleumdung und Lüge uns einzuflößen, aber ſein Gang war vergeblich er nahm überdies noch einige wohlthätige Wahrheiten mit, die er anhören mußte. Bruder Eduard, mein guter Herr Nicklebyh, Bruder Eduard iſt ein wahrer Löwe. Das iſt auch Timotheus Linkinwater,— ein wahrer Löwe iſt er. Timotheus war mit ihm erſt allein und er hatte mit ihm angebunden, ehe Sie ein Vaterunſer ſa⸗ gen können.«⸗ »Wie kann ich Ihnen jemals danken genug für alle die Verbindlichkeiten, die Sie mir jeden Tag auferle⸗ gen?« ſagte Nicolaus. »Wenn Sie darüber ſchweigen, mein junger Freund,« entgegnete Bruder Karl.»Sie ſollen Ihr gutes Recht behaupten, wenigſtens ſoll Ihnen kein Unrecht geſchehen. Kein Haar ſollen ſie krümmen auf Ihrem Haupte, auf dem Haupte des Knaben, Ihrer Mutter und Ihrer Schweſter, das habe ich geſagt, das hat Bruder Eduard und Timotheus geſagt. Wir haben es alle geſagt und was wir ſagen, das halten wir. Ich habe den Vater geſehen— wenn er der Vater iſt,— und ich glaube, er 3 76 iſt es. Er iſt ein roher und heuchleriſcher Menſch, Herr Nickleby. Ich ſagte ihm:„Herr, Sie ſind ein Barbar.“ Das that ich. Ich ſagte: Sie ſind ein Barbar. Und ich freue mich, ich freue mich ſehr, daß ich ihm dies geſagt habe; ſehr freue ich mich!« Bruder Karl war in ſeinem Unwillen ſo warm ge⸗ worden, daß Nicolaus glaubte, er könne nun ein Wort mit einfließen laſſen, aber ſobald er dies verſuchen wollte, legte ihm Herr Cheeryble ſanft die Hand auf den Arm und wies auf einen Stuhl. „Für jetzt iſt die Sache abgemacht,« ſagte der alte Herr, indem er ſein Geſicht abtrocknete.„»Rühren Sie dſiihe durch kein Wort wieder auf. Jetzt will ich mit Ihnen von etwas anderm ſprechen,— im Vertrauen, Herr Nickleby. Wir müſſen aber erſt wieder ruhig wer⸗ den, wieder ruhig werden.« Er ging einige Male im Zimmer auf und ab, ſetzte ſich dann wieder, zog ſeinen Stuhl näher an den, auf welchem Nicolaus ſaß und ſagte:— »Ich habe die Abſicht, Ihnen in einer delikaten Sache einen Auftrag zu geben.« »Fähigere werden Sie dazu wohl finden, ſchwerlich aber Zuverläſſigere und Eifrigere, das wage ich zu behaupten,« entgegnete Nicolaus. »Davon bin ich vollkommen überzeugt,« entgegnete Bruder Karl,»vollkommen überzeugt. Und Sie werden mir es auch glauben, daß ich es bin, wenn ich Ihnen ſage, daß der Gegenſtand dieſer Sendung eine junge Dame iſt.« »Eine junge Dame?« rief Nicolaus, der in dieſem Augenblicke vor Begierde zitterte, mehr zu hör »Eine ſehr ſchöne junge Dame,“ ſetzte Herr Chee⸗ ryble erſt hinzu. Nicolaus Nickleby. Nicolaus Nickleby. 77 »Weiter, weiter!« entgegnete Nicolaus. »Ich denke eben darüber nach, wie ich weiter ſpreche,⸗ ſagte Bruder Karl— traurig und, wie es ſeinem jun⸗ gen Freunde vorkam, mit einem gewiſſen Ausdrucke von Schmerz.»Sie ſahen eines Morgens, mein werther Freund, hier eine junge Dame in Ohnmacht ſinken. Erinnern Sie ſich? Vielleicht haben Sie es vergeſſen—« »Ach nein, nein,« entgegnete Nicolaus ſchnell.»Ich — ich erinnere mich ſehr deutlich.« »Sie iſt die Dame, welche ich meine,« fuhr Bru⸗ der Karl fort. Wie der berühmte Papagei dachte Nico⸗ laus viel dabei, konnte aber kein Wort über die Lippen bringen. »Sie iſt die Tochter,« ſagte Herr Cheeryble,»einer Dame, die ich, als ſie ſelbſt noch ein ſchönes Mädchen und ich viele Jahre jünger war— das Wort klingt jetzt in meinem Munde ſeltſam— von ganzem Herzen liebte. Sie werden vielleicht lächeln, wenn Sie einen alten Mann mit grauem Haar von ſolchen Dingen re⸗ den hören; Sie beleidigen mich aber nicht, wenn Sie es thun, denn ich würde es auch gethan haben als ich noch ſo jung war, zie jetzt ſind.⸗ »Es kommt mi in den Sinn, darüber zu la⸗ chen,« ſagte Nicolaus. 3 »Mein lieber Bruder Eduard,« fuhr Herr Cheeryble fort,»ſollte ihre Schweſter heirathen, aber ſie ſtarb. Sie ſelbſt iſt nun auch todt, ſchon viele Jahre. Sie heirathete— nach ihrer Wahl und ich wünſche, ich könnte hinzuſetzen, ſie ſei in ihrem ſpätern Leben ſo glücklich geweſen, als ich es ihr immer gewünſcht habe.« Es folgte eine kurze Pauſe, die auch Nicolaus nicht zu unterbrechen ſuchte. »Wenn Prüfungen und Leiden ihren Mann in ſo 78 Nicolaus Rickleby. geringer Anzahl und Schwere heimgeſucht hätten, als ich im tiefſten Herzen aufrichtig hoffte, daß es geſchehen möge(um ihretwillen), ſo würde ſein Leben ein voll⸗ kommen geruhiges und glückliches geweſen ſein,« ſagte der alte Mann gelaſſen.»Es wird aber genug ſein, wenn ich hinzuſetze, daß dies nicht der Fall war,— daß ſie nicht glücklich wurde,— daß ſie in mancherlei Noth und Verlegenheiten geriethen,— daß ſie ſogar, ein Jahr vor ihrem Tode, ſich an meine ſonſtige Freund⸗ ſchaft wendete. Ich fand ſie da traurig verändert, muth⸗ los in Folge ihrer Leiden und der ſchlechten Behand⸗ lung, die ſie erfahren hatte, abgezehrt vor Gram und tief in Trauer verſunken. Er nahm ihr das Geld, das haben würde, hätte ich ihr damit nur auf eine Stunde den Frieden der Seele wiederbringen können; ja er ſchickte ſie öfters zu mir, damit ſie mehr hole; aber während er dies verſchwendete, gründete er eben auf dieſe Gaben, welche ſie von mir erhielt, grauſame neue Quälungen, indem er behauptete, er wiſſe wohl, daß ſie bitter ihre Wahl bereue, die ihn zu ihrem Gatten gemacht, und daß ſie ihn nur ſelbſtſüchtigen Abſich⸗ be(— er war ein hübſcher junger Mann und hatte viele vornehme Freun⸗ Worte, er legte auf jede ungerechte und unfreundliche allein durch ſeine Verſchwendung herbeigeführt hatte. Damals war die junge Dame, welche ich meine, noch ein Kind, und ich ſah ſie nicht wieder als an jenem Morgen, da Sie dieſelbe auch ſahen; mein Neffe, Frank, aber—« Nicolaus richtete ſich raſch empor, bat ſtotternd um ich ihr gab und das ich ihr mit vollen Händen gegeben. de, als ſie ſich mit ihm verheirathete). Mit einem Art ihr die Verarmung und das Elend zur Laſt, die er Nicolaus Nickleby. 79 M Entſchuldigung der Unterbrechung und erſuchte ſeinen Gönner fortzufahren. .»Mein Neffe Frank, ſage ich,« begann Herr Chee⸗ 1b ryble von neuem,»begegnete ihr zufällig, verlor ſie 1 aber auch gleich darauf wieder aus den Augen und 1 zwar in den erſten Tagen nach ſeiner Rückkehr nach — England. Ihr Vater befand ſich, um ſeinen Gläubigern 88 zu entgehen, in einem Verſteck, von Krankheit und Ar⸗ muth an den Nand des Grabes gebracht, und ſie, ein Kind, das— könnten wir faſt denken, wenn wir nicht feſt von der Weisheit aller Beſchlüſſe des Himmels über⸗ zeugt wären— die Freude und der Stolz eines Beſſern hätte ſein können,— ertrug ſtandhaft und geduldig Entbehrung, Demüthigung und alles, was dem Herzen 3 eines ſolchen jungen zartfühlenden Mädchens ſchrecklich ſein kann, bloß um ihn zu unterſtützen. Sie hatte in dieſer Noth,« fuhr Bruder Karl fort, veine treue Seele bei ſich, ein Mädchen, die ſonſt Köchin in der Familie geweſen und jetzt ihre einzige Dienerin war, die aber, der echten Treue ihres Herzens nach,— die, ja, die Frau des Timotheus Linkinwater hätte ſein können.⸗ Bruder Karl ſetzte dieſe Lobeserhebung des armen Mädchens ſo kräftig und mit ſo innigem Behagen fort, daß es ſich nicht durch Worte beſchreiben läßt, lehnte ſich dann in dem Stuhle zurück und erzählte das Uebrige ruhiger und kaltblütiger. 33 lun dieſer ſeiner Erzählung ging nun herdor:— das junge Mädchen hatte ſtolz alle Anerbietungen dauern⸗ der Hülfe und Unterſtützung durch die Freunde ihrer ver⸗ ſtorbenen Mutter von ſich gewieſen, weil ſie an die Be⸗ dingung geknüpft waren, daß ſie den Elenden, ihren Vater, verlaſſe, dem kein einziger Freund geblieben war, ſie hatte ſich aus Zartgefühl nicht an das treue, edele 80 Herz wenden mögen, das er haßte und das er, gerade wegen der größten und reinſten Güte deſſelben, durch Verläumdung und böswillige Andeutungen ſo tief ver⸗ letzt; ſie hatte vielmehr allein und ohne Beihülfe ſich be⸗ mühet, ihn durch ihrer Hände Arbeit zu erhalten. Sie hatte ſich durch die äußerſten Tiefen der Armuth und des Kummers hindurchgearbeitet; war keinen Augenblick von ihrer Pflicht gewichen und nie der finſtern Stim⸗ mung eines kranken Mannes überdrüſſig geworden, den weder tröſtende Erinnerungen an die Vergangenheit noch Hoffnungen auf die Zukunft aufrecht hielten; hatte ſich nie nach den Bequemlichkeiten und Genüſſen geſehnt, die ſie von ſich gewieſen und nie über das harte Loos geklagt, dem ſie ſich ſelbſt und freiwillig unterworfen. Sie hatte jede Kenntniß und jede Kunſt, die ſie in glück⸗ lichern Tagen erworben, zu dieſem Zwecke aufgeboten und in Anwendung gebracht. Zwei lange Jahre hatte ſte ſo ſich bei Tage und oft auch in der Nacht abgemü⸗ het, mit der Nadel, dem Pinſel und der Feder gearbei⸗ tet, und ſich als Lehrerin den Launen und der unwürdi⸗ gen Behandlung unterworfen, welche Frauen(auch wenn ſie ſelbſt Töchter haben) ſo gern denen ihres eigenen Geſchlechtes widerfahren laſſen, die Gouvernanten und Lehrerinnen ſein müſſen, gleich als wären ſie neidiſch auf die höhere Bildung, die jene nothwendig beſitzen müßten, jener unwürdigen Behandlung, welche in hun⸗ dert Fällen neunundneunzig Perſonen trifft, die un⸗ Nicolaus Nickleby. ermeßlich und unberechenbar beſſer ſind, welche aber in Vergleich weit ſchlimmer iſt als die, welche der herzlo⸗ ſeſte Pferdehändler ſeinem Knechte angedeihen läßt. Zwei lange Jahre hatte ſie in allen dieſen Fächern gearbeitet, ohne in einem zu ermüden, aber dennoch das einzige Ziel, den einzigen Zweck ihres Lebens nicht erreicht, 8¹1 ſondern war, als Täuſchungen, Hinderniſſe und Schwierig⸗ keiten aller Art auf ſie eindrangen, endlich genöthigt geweſen, den alten Freund ihrer Mutter aufzuſuchen und mit tiefem Weh im Herzen ihm ſich anzuvertrauen. „»Wäre ich arm geweſen,« ſagte Bruder Karl mit funkelnden Augen,»wäre ich arm geweſen, Herr Nick⸗ leby, mein lieber Freund, was ich, Gott ſei Dank! nicht bin, ich würde mir ſelbſt alle Entbehrungen auf⸗ Zelegt haben,— Jedermann würde es natürlich gethan haben— ich würde mir das Nothwendigſte verſagt ha⸗ ben, um ihr helfen zu können. Wie die Sachen aber ſtehen, iſt das eine ſchwierige Aufgabe. Wäre ihr Va⸗ ter todt, ſo würde nichts leichter ſein; ſie müßte dann die glücklichſte Heimath theilen, die wir, Bruder Eduard und ich, bieten könnten, als wäre ſie unſer Kind oder unſere Schweſter. Aber er lebt noch. Niemand kann ihm helfen,— es iſt tauſendmal verſucht worden; er wurde nicht ohne guten Grund von Allen verlaſſen und aufgegeben.« »Kann man ſie nicht überreden, ihn—.«— Nico⸗ laus zögerte, als er ſo weit gekommen war. »Ihn zu verlaſſen?« fragte Bruder Karl.»Wer könnte ein Kind bereden, ſeinen Vater zu verlaſſen? Man hat ſie bereits inſtändig gebeten,— nicht ich— ihn zu verlaſſen und ihn gelegentlich zu beſuchen, aber immer mit demſelben Reſultate. ſt er freundlich gegen ſie?« fragte Nicolaus.»Ver⸗ gilt und erwiedert er ihre Liebe 2⸗ »Wahre Liebe, wohlbedachte ſich ſelbſtverleugnende Liebe liegt nicht in ſeiner Natur,« antwortete Herr Cheeryble.»Ich glaube jedoch, er behandelt ſie mit Freundlichkeit und Liebe, wie er ſie kennt und fühlt. Die Mutter war ein ſanftes, liebevolles, vertrauendes Nicolaus Nickleby. VI. 6 Nicolaus Nickleby. 82 Nicolaus Nickleby. Weſen, und obgleich er ſie von der Verheirathung an bis zu ihrem Tode ſo grauſam und muthwillig verletzte und kränkte, wie es je ein Mann einer weichlichen Seele gethan hat, ſo hörte ſie doch nicht auf, ihn zu lieben. Sie empfahl ihn auf ihrem Sterbebette der Liebe und Pflege ihrer Tochter. Dieſe Tochter hat es nie vergeſ⸗ ſen und wird es nie vergeſſen.« »Vermögen Sie etwas über ihn?« fragte Nico⸗ laus. »Ich, mein lieber Freund! Ich bin der Letzte in der Welt, der etwas über ihn vermag. Seine Eiferſucht und ſein Haß gegen mich ſind ſo groß, daß, wenn er wüßte, ſeine Tochter habe mir ihr Herz geoffenbart, er ſie durch ſeine Vorwürfe noch unglücklicher machen wür⸗ de, ob er gleich— ſo inconſequent und eigennützig iſt ſein Charakter— obgleich er, wenn er auch wüßte, daß jeder Pfennig, den ſie hat, von mir kam, nicht ei⸗ nen perſönlichen Wunſch opfern würde, der durch die rückſichtsloſeſte Verſchwendung ihres geringen Vorrathes zu befriedigen iſt.⸗ »Ein unnatürlicher, nichtswürdiger Menſch!« rief Nicolaus unwillig aus. »Wir wollen uns keiner harten Worte bedienen,« ſagte Bruder Karl mit ſanftem Tone,»ſondern uns in die Umſtände fügen, in denen ſich das Mädchen befin⸗ det. Die Unterſtützung, zu deren Annahme ich ſie ver⸗ mögen konnte, mußte ich ihr, auf ihr eigenes ernſtes Bitten, in ganz kleinen Gaben reichen, damit er nicht, wenn er ſähe, wie leicht Geld herbeizuſchaffen ſei, daſ⸗ ſelbe noch leichtſinniger verſchwende, als er es an ſich zu thun pflegt. Selbſt um dies Wenige zu holen, iſt ſie nur ſelten, insgeheim und bei Nacht gekommen; ich— aber kann es nicht länger mit anſehen, daß es ſo fort⸗ N Nicolaus Nickleby. 83 geht, Herr Nickleby,— ich kann es wirklich nicht länger mit anſehen.« Dann kam es allmälig heraus, wie die beiden Brü⸗ der in ihren guten alten Köpfen mancherlei Pläne ge⸗ macht hatten, um das Mädchen auf die beſte und zart⸗ ſinnigſte Weiſe zu unterſtützen, ſo, daß ihr Vater die Quelle nicht ahne, aus welcher die Hülfe fließe, und ſie endlich zu dem Entſchluſſe gekommen waren, ſie wür⸗ den nicht beſſer thun können, als wenn ſie zum Schein ihre kleinen Zeichnungen und Arbeiten zu einem hohen Preiſe ankauften und immer mehr davon beſtellten. Um dieſen Plan zur Ausführung zu bringen und dieſen Zweck zu erreichen, mußte Jemand einen Handelsmann vorſtel⸗ len, der mit ſolchen Dingen Geſchäfte mache, und nach langer Ueberlegung waren ſie auf Nicolaus gefallen, der dieſe Rolle übernehmen ſollte. »Er kennt mich,« ſagte Bruder Karl,»und er kennt meinen Bruder Eduard. Es kann dies alſo Keiner von uns Beiden thun. Frank iſt ein recht guter Menſch,— ein ganz prächtiger Menſch, aber wir fürchten, er könne in einer ſo delicaten Sache etwas zu haſtig und un⸗ überlegt verfahren, oder ſich vielleicht gar— mit ei⸗ nem Worte, er könne zu reizbar, zu empfänglich ſein (denn er iſt ein ſchöner junger Mann, er gleicht ganz ſeiner armen Mutter), ſich in ſie verlieben, ehe er es ſelbſt merke, und dem unſchuldigen Herzen, das wir all⸗ mälig glücklicher zu machen uns bemühen, Schmerzen und Leiden bringen. Er intereſſirte ſich außerordentlich für ſie und ihr Schickſal, als er ſie das erſte Mal traf, und aus den Erkundigungen, die wir über ihn eingezo⸗ gen, haben wir erfahren, daß er ihretwegen den Lärm machte, der Ihre beiderſeitige Bekanntſchaft herbei⸗ * führte. cc — Nicolaus Nickleby Nicolaus ſtotterte, er habe ſo etwas bereits für möglich gehalten, und um zu erklären, daß der Gedanke ihm nicht fremd ſei, beſchrieb er, wie und wo er ſelbſt das junge Mädchen bereits geſehen. »Nun, da ſehen Sie ja,« fuhr Bruder Karl fort, „daß es mit ihm auch nicht geht. Timotheus Linkinwa⸗ ter müſſen wir ganz aus dem Spiele laſſen, denn Ti⸗ motheus, lieber Nickleby, iſt ein ſo entſetzlicher Menſch, daß er nicht würde an ſich halten können, ſondern gewiß mit dem Vater zuſammen geriethe, ehe er fünf Minuten dort geweſen. Ja, Sie kennen Timotheus noch gar nicht, Sie wiſſen nicht, was aus ihm wird, wenn etwas ihn aufregt, das ſeine Gefühle ſtark angreift; dann iſt er ſchrecklich, Herr Nickleby, dann iſt der Timotheus wahrhaft fürchterlich. Auf Sie dagegen, Herr Nickleby, können wir ganz ruhig unſer volles Vertrauen ſetzen; bei Ihnen haben wir häusliche Tugenden, Zuneigungen und Zartgefühl geſehen, das Sie zu einem ſolchen Auf⸗ trage ganz beſonders fähig macht; ich ſage, wir haben dies an Ihnen geſehen, wenigſtens habe ich es geſehen, und das iſt daſſelbe, denn ein Unterſchied zwiſchen mei⸗ nem Bruder Eduard und mir findet nicht Statt, außer dem, daß er der beſte Menſch auf Gottes Erdboden iſt und daß nicht ſobald Jemand wieder auftreten wird, der ihm gleicht. Nicht wahr, Sie willigen ein, Herr Nickleby?« „»Das junge Mädchen,« ſagte Nicolaus, der ſo ver⸗ legen war, daß es ihm ſchwer wurde, überhaupt etwas zu ſagen,„weiß— iſt ſie in den unſchuldigen Betrug eingeweihet 2« »Ja, ja,« entgegnete Herr Cheeryble,»wenigſtens weiß ſie, daß Sie von uns kommen; ſie weiß aber wei⸗ ter nichts, als daß wir jene kleine Arbeit abſetzen kön⸗ 84 d A a b Nicolaus Nickleby. 85 nen, die Sie ihr von Zeit zu Zeit abkaufen ſollen, und vielleicht, wenn Sie Ihre Sache recht gut machen(d. h. allerdings ſehr gut), vielleicht kommt ſie auf den Ge⸗ danken, wir machten für uns einen Gewinn dabei. He? he?« In dieſer ſo freundlichen und ſchuldloſen Einfalt war Bruder Karl ſo glücklich; die Möglichkeit, das junge Mädchen zu dem Glauben zu bringen, ſie habe keine Verpflichtungen gegen ihn, kam ihm ſo wahrſcheinlich vor und er ergötzte ſich ſo ſehr daran, daß es Nicolaus nicht über ſich gewinnen konnte, ſeine Freude durch einen Zweifel zu ſtören. Die ganze Zeit über aber ſchwebte ihm das Geſtänd⸗ niß auf der Zunge, derſelbe Einwurf, der Herrn Chee⸗ ryble abgehalten habe, ſeinem Neffen jenen Auftrag zu geben, könne eben ſo wohl auch gegen ihn ſelbſt gemacht werden, und hundertmal ſtand er auf dem Punkte, den wirklichen Zuſtand ſeiner Gefühle zu offenbaren und zu bitten, mit dem Auftrage verſchont zu werden. Aber ſo oft er dieſem Drange hatte nachgeben wollen, hatte ihn ein anderes Gefühl zurückgehalten und ihn veran⸗ laßt, ſein Geheimniß in ſeinem Herzen zu verwah⸗ ren.»Warum,« dachte Nicolaus,»warum ſollte ich dieſem wohlwollenden, hochherzigen Plane Hinderniſſe in den Weg legen? Wenn ich auch dieſes brave und lie⸗ benswürdige Mädchen liebe und verehre, würde ich nicht als ein arroganter, hohlköpfiger Narr erſcheinen, wollte ich im Ernſt warnen, es ſei wohl möglich und gefähr⸗ lich, daß ſie ſich in mich verliebe? Und habe ich denn kein Vertrauen auf mich ſelbſt? Zwingt mich nicht die Ehre, jetzt meine Gefühle und Gedanken zurückzuhalten? Hat dieſer vortreffliche Mann nicht ein Recht auf meine beſten und bereitwilligſten Dienſte, und darf irgend eine 86 Nieolaus Nickleby. ſelbſtſüchtige Rückſichtnahme mich abhalten, ſie ihm zu leiſten 2« Nicolaus legte ſich ſolche Fragen gleich dieſen vor und antwortete ſich mit großer Emphaſe:»nein!« Auch überredete er ſich, er ſei ein höchſt gewiſſenhafter und ruhmwürdiger Märtyrer, edelmüthig entſchloſſen, das zu thun, was er— nicht laſſen konnte, wie er ſich bald überzeugt haben würde, hätte er ſein eigenes Herz nur etwas ſorgfältiger geprüft. Solche Taſchenſpielerſtück⸗ chen ſpielen wir uns ſelbſt: wir verwandeln ſelbſt unſere Schwächen in die heldenmäßigſten und großartigſten Tu⸗ genden! Herr Cheeryble, der natürlich durchaus von den Ge⸗ danken nichts ahnete, welche in dem Kopfe ſeines jungen Freundes ſpukten, gab demſelben endlich die nöthige Voll⸗ macht, Andeutungen und Inſtructionen zu dem erſten Beſuche, der den nächſten Morgen gemacht werden ſollte. Als alle Präliminarien beendigt waren und der Bruder Karl ihm nochmals die ſtrengſte Verſchwiegenheit zur Pflicht gemacht hatte, ging Nicolaus, und zwar ſehr ge⸗ dankenvoll, nach Hauſe. Der Ort, an welchen Herr Cheeryble ihn gewieſen hatte, war eine Reihe ſchlechter und nicht übermäßig reinlicher Häuſer im Bezirke des Gefängniſſes von Kings Bench und kaum hundert Schritte von dem Obelisk in St. Georgs⸗Fields. Zu dem Bezirke des Gefängniſſes ge⸗ hören etwa ein Dutzend Straßen, in welchen die Schuld⸗ ner, welche das Geld zu großen Koſten aufbringen kön⸗ nen, von denen ihre Gläubiger durchaus keinen Vortheil haben, nach den weiſen Verordnungen deſſelben weiſen Geſetzes wohnen dürfen, welches den Schuldner, der kein Geld auftreiben kann, in dem Gefängniſſe ohne Nahrung, ohne Kleidung und Heizung ſchmachten läßt, — 8 àA DW A 8& △. — u— u Nicolaus Nickleby. 87 während dies Verbrecher, welche die ſchrecklichſten Schand⸗ thaten begingen, in reichem Maße erhalten. Nach dieſer Häuſerreihe, die ihm Herr Cheeryble an⸗ gedeutet hatte, wendete Nicolaus ſeine Schritte, ohne dabei viel an das ebenerwähnte Geſetz und deſſen Be⸗ ſtimmungen zu denken, und dieſe Häuſerreihe erreichte er endlich mit klopfendem Herzen, nachdem et vorher durch eine ſehr ſchmutzige und ſehr ſtaubige Vorſtadt gegan⸗ gen war, deren hauptſächlichſten und vorſtechendſten Züge Pfennigtheater, Schellfiſche, Pfefferkuchen, Gemüſehänd⸗ ler und Pfandverleiher zu bilden ſchienen. Vor den Häuſern befanden ſich kleine Gärten, die in jeder Hin⸗ ſicht vernachläſſigt waren und zu nichts weiter als zur Aufbewahrung des Staubes dienten, bis der Wind um die Ecke herumkommen und ihn die Straße hinunter blaſen würde. Nicolaus öffnete eine lahme Gartenthüre, welche an ihren zerbrochenen Angeln hing und den An⸗ kommenden halb einließ und halb zurückhielt, und klopfte mit zitternder Hand an der Hausthüre an. Es war allerdings ein von außen ſehr ſchäbig aus⸗ ſehendes Haus mit ſehr bleichen Fenſtern im Erdgeſtocke, kleinen Jalouſieen und ſehr ſchmutzigen Mouſſelinvorhän⸗ gen, die man an den unteren Scheiben ſah. Das In⸗ nere ſchien, als die Thür geöffnet wurde, mit dem Aeu⸗ ßern auch gar nicht im Widerſpruche zu ſtehen, denn auf der Treppe lag ein verſchoſſener Teppich und auf der Flur verſchoſſenes Wachstuch. In dem Zimmer par⸗ terre rauchte ein Mann ſehr ſtark Taback, während die Frau vom Hauſe ſehr geſchäftig war, die auseinanderge⸗ nommenen Theile einer Bettſtelle an der Thür eines andern Zimmers mit Terpentin einzuſchmicren, als er⸗ warte ſie noch einen andern Bewohner des Hauſes. Nicolaus hatte Zeit genug, dieſe Beobachtungen zu 88. Nicolaus Nickleby. machen, während der kleine Burſch, welcher die Gänge für die hier Wohnenden ging, die Küchenſtufen hinunter⸗ klapperte und man ihn, wie in einem fernen Keller, nach der Magd der»Mamſell Bray« ſchreien hörte, welche ſogleich erſchien, ihn erſuchte, ihr zu folgen, und in grö⸗ ßere Unruhe und Verlegenheit verſetzt zu ſein ſchien, als eine ſo einfache und natürliche Sache, daß er nämlich nach der jungen Dame fragte, eigentlich wohl zu be⸗ wirken im Stande iſt. Er ging die Treppe hinauf und wurde in ein Zim⸗ mer nach der Straße hinaus gewieſen. Hier ſaß vor ei⸗ nem kleinen Tiſche an dem Fenſter, auf welchem Zeich⸗ nenmaterialien lagen, welche ſie eben benutzt zu haben ſchien, das ſchöne Mädchen, welches ſeine Gedanken ſo ſehr beſchäftigt hatte, und, zumal bei dem lebhaftem In⸗ tereſſe, das Nicolaus an ihrer Geſchichte nahm, in fei⸗ nen Augen noch tauſendmal ſchöner zu ſein ſchien, als er ſie jemals gehalten hatte. Wie wurde ſein Herz von der Anmuth und der Net⸗ tigkeit ergriffen, welche ſich überall in dem ärmlich ein⸗ gerichteten Stübchen ſichtbar machten. Blumen, Pflan⸗ zen, Vögel, die Harfe, das alte Piano, deſſen Töne in vergangenen Zeiten viel angenehmer geklungen,— wie viele Kämpfe hatte es ſie gekoſtet, dieſe beiden letzten Glieder der zerriſſenen Kette zu behalten, die ſie noch jetzt an die Heimath feſſelte! Wie ſo manches geduldig ertragene Leid, wie manches Liebesgefühl knüpfte ſich an jeden einfachen Schmuck, die Beſchäftigung ihrer Muße⸗ ſtunden, worin jener ganze liebliche Reiz lag, den jedes kleine geſchmackvolle Werk von Frauenhand hat! Es war ihm, als ruhe Himmelslächeln auf dieſem kleinen Ge⸗ mache; als wenn die ſeltene Aufopferung eines ſo jun⸗ gen und ſchwachen Geſchöpfes einen Strahl ihres Glan⸗ —————, 8ddA Nicolaus Nickleby. 89 zes auf die lebloſen Gegenſtände umher werfe und ſie gleich ſchön mache; als wenn der Heiligenſchein, mit wel⸗ chem alte Maler die glänzenden Engel einer ſündenloſen Welt umgeben, auch um ein Weſen ſpiele, das demſel⸗ ben gleich war.. Und doch befand ſich Nicolaus in dem Bezirke des Gefängniſſes von Kings Bench. Wäre er noch in Ita⸗ lien geweſen, zur Zeit des Sonnenunterganges, auf ei⸗ ner ſtattlichen Terraſſe!— aber hier in London liegt ein breiter grauer Himmel über der Erde, und er hatte alſo vielleicht mit ſeinem Gedanken nicht Unrecht. Daß er Alles um ſich her mit einem Blicke erfaßte, läßt ſich nicht vermuthen, denn noch hatte er die Anwe⸗ ſenheit eines kranken Mannes nicht bemerkt, der, von Kiſſen geſtützt, in einem Lehnſtuhle ſaß, ſich ruhelos und ungeduldig hin und her bewegte und dadurch endlich ſeine Aufmerkſamkeit erregte. Der Mann war vielleicht kaum funfzig Jahre alt, aber ſo abgemagert, daß er viel älter ausſah. An ſeinen Zügen waren Spuren von früherer Schönheit zu finden, aber leichter ließen ſich in dem Geſichte die glim⸗ menden Ueberreſte ſtarker und heftiger Leidenſchaften er⸗ kennen, als irgend ein Ausdruck, der ſelbſt ein weit ein⸗ facheres Geſicht einnehmender gemacht haben würde. Seine Blicke waren ſehr unſtät und die Glieder ſeines Körpers buchſtäblich bis auf die Knochen abgezehrt, trotz dem aber zeigte ſich noch etwas von dem ſonſtigen Feuer in den großen eingeſunkenen Augen, das neu aufzuflackern ſcchien, als er mit einem dicken Stocke, der ihm bei ſei⸗ nem Sitze als Stütze zu dienen ſchien, zwei⸗ oder drei⸗ mal auf den Fußdoden ſchlug und ſeine Tochter beim Namen rief. » Madeline, wer iſt dies? Was ſucht man hier? 90 Nicolaus Nickleby. Wer ſagte einem Fremden, daß er zu uns kommen dürfe? Was bedeutet das?« »Ich glaube,«— begann das junge Mädchen, wäh⸗ rend ſie das Köpfchen mit einiger Verlegenheit neigte, um den Gruß Nickleby's zu erwiedern.. »Du glaubſt immer,« entgegnete der Vater mürriſch. »Was giebt es?« Nicolaus hatte unterdeß wieder ſo viel Geiſtesgegen⸗ wart gewonnen, um für ſich ſelbſt ſprechen zu können, und ſo ſagte er(wie er nach dem Uebereinkommen ſa⸗ gen ſollte), er ſei wegen eines Paares Lichtſchirme und eines Stückes gemalten Sammets zu einer Ottomane gekommen, welche ſo zierlich und fein als möglich ge⸗ malt ſein müßten, weshalb es ihen auch nicht im gering⸗ ſten auf die Zeit der Ablieferung oder auf den Preis ankomme. Er habe ferner die zwei Zeichnungen zu be⸗ zahlen und ſeinen beſten Dank dafür abzuſtatten. Er trat dabei an das Tiſchchen und legte eine Banknote in einem verſiegelten Couvert hin. »Sieh, ob das Geld richtig iſt, Madeline,« ſagte der Vater,»verbrich das Couvert, mein Kind.⸗ »Es iſt ganz richtig, Vater, ich weiß es ſchon.« „Gieb es her,« ſagte Herr Bray, indem er die Hand ausſtreckte und die Knochenfinger mit reizbarer Ungeduld auf⸗ und zumachte.»Laß mich ſehen. Was ſprichſt Du von ſchon wiſſen, Madeline? Wie kannſt Du ſo etwas wiſſen? Fünf Pfund! Iſt das richtig?« 4 »Ganz richtig,« erwiederte Madeline, indem ſie ſich über ihn neigte. Sie beſchäftigte ſich mit dein Zurecht⸗ legen der Kiſſen ſo eifrig, daß Nicolaus ihr Geſicht nicht ſehen konnte, aber als ſie ſich bückte, glaubte er eine Thräne zu bemerken.. »Zieh' die Klingel, zieh' die Klingel,« ſagte der GUͤO-9 E=S O———— ₰ 2288 Nicolaus Nickleby. 91 Kranke mit derſelben reizbaren Unruhe und Haſt, wäh⸗ rend er mit zitternder Hand, ſo daß die Banknote in der Luft knitterte, nach der Klingel hindeutete. Sag' ihr, ſie ſolle dies wechſeln laſſen,— mir eine Zeitung holen,— einige Trauben kaufen,— und noch eine Flaſche von dem Weine, den wir vorige Woche hatten, — und— und, ich vergeſſe die Hälfte von dem, was ich brauche, aber ſie kann dann noch einmal gehen. Erſt mag ſie das holen,— erſt das. Maveline, liebes Kind, ſchnell, ſchnell! Lieber Gott, wie langſam Du auch biſt!« »An das, was ſie braucht, denkt er nicht,« dachte Nicolaus. Vielleicht ſprach ſich etwas von dieſem Ge⸗ danken auf ſeinem Geſichte aus, denn der Kranke wen⸗ dete ſich ſehr barſch und rauh nach ihm und fragte, ob er auf eine Quittung warte. » Es iſt nicht nöthig,« ſagte Nicolaus. „»Nicht nöthig? Was meinen Sie damit, Herr?« lautete die ſpitzige, ſtolze Antwort.»Nicht nöthig? Denken Sie, Sie bringen Ihr armſeliges Geld als ein Geſchenk, als eine Gabe des Mitleides hierher? oder iſt es eine Geſchäftsſache und bezahlen Sie damit Eiwas, was Sie dafür empfingen? Herr, denken Sie, Sie verſchenken Ihr Geld, weil Sie die Zeit und den Ge⸗ ſchmack nicht zu würdigen verſtehen, welche auf die Dinge gewendet ſind, die Sie verkaufen? Wiſſen Sie, Herr, daß Sie mit einem Mann ſprechen, der einmal funfzig ſolche Krämer, wie Sie ſind, auskaufen konnte? Was meinen Sie damit?« »Ich meine damit weiter nichts, als daß ich die junge Dame mit ſolchen Förmlichkeiten nicht plagen will, da ich hoffentlich mit ihr, wenn ſie es geſtattet, noch viele ähnliche Geſchäfte zu machen gedenke,« ant⸗ wortete Nicolaus.— 92 Nicolaus Nickleby. „»Dann meine ich, es müſſen alle mögliche Förm⸗ lichkeiten beobachtet werden,« entgegnete der Vater. »Meine Tochter, mein Herr, braucht weder Sie noch irgend Jemanden um eine Gefälligkeit zu bitten. Ha⸗ ben Sie die Güte und beſchränken Sie ſich ausſchließ⸗ lich auf das Geſchäftliche und gehen Sie nicht darüber hinaus. Madeline, liebes Kind, gieb ihm eine Quittung und vergiß nicht, dies ſtets zu thun.« Während ſie ſich ſtellte, als ſchreibe ſie die Quittung und Nicolaus über den außerordentlichen, keineswegs aber ungewöhnlichen Character nachdachte, der ſich ſei⸗ ner Beobachtung darbot, ſank der Kranke, der bisweilen heftige körperliche Schmerzen zu leiden ſchien, in ſeinem Stuhle zurück und wehklagte leiſe, daß das Mädchen nun ſchon eine Stunde fort ſei und daß Alle ſich mit einander verbänden, um ihn zu ärgern und zu quälen. „»Wann,“« fragte Nicolaus, indem er das Stück Pa⸗ pier nahm,„wann darf ich wieder nachfragen?« Die Frage war an die Tochter gerichtet, aber der Vater antwortete ſogleich: „»Wann man Sie rufen wird, Herr, und nicht eher. Quälen und beläſtigen Sie nicht. Liebe Madeline, wann kann dieſer Mann wiederkommen?« „»O, ſo bald nicht,— nicht vor drei bis vier Wo⸗ chen.— Sie brauchen überhaupt nicht nachzufragen, ich werde aus eigenem Antriebe fleißig ſein,« antwortete das Mädchen ziemlich lebhaft. »Was denkſt Du, Madeline?« fiel ihr Vater leiſe ein.»Drei bis vier Wochen? Drei bis vier Wochen!« „Dann früher— früher, wie es Ihnen gefällig iſt,« ſagte das junge Mädchen zu Nicolaus gewendet. »Drei bis vier Wochen!« murmelte der Vater. V 2=œæ⏑ 2 ⁹ A Nicolaus Nickleby. 93 »Madeline, um's Himmels Willen— drei bis vier Wochen!« »Es iſt eine lange Zeit, mein Fräulein,« ſagte Ni⸗ colaus. »Das denken Sie!« fiel der Vater ärgerlich ein. »Wenn ich bitten wollte, Herr, wenn ich mich demüthi⸗ gen und Leute, die ich verachte, um Unterſtützung ange⸗ hen wollte, würden drei bis vier Monate keine lange Zeit ſein,— würden drei bis vier Jahre keine lange Zeit ſein. Verſtehen Sie mich wohl, wenn ich von Leu⸗ ten abhängen wollte; da ich dieſes aber nicht mag, ſo können Sie nach acht Tagen wiederkommen.« Nicolaus verbeugte ſich tief vor dem jungen Mäd⸗ chen und entfernte ſich, während er über des Herrn Bray's Vorſtellung von Unabhängigkeit nachdachte und aufrich⸗ tig hoffte, es möchte unter den Menſchen recht wenige ſolche unabhängige Geiſter geben. Er hörte einen leiſen Tritt über ihm, als er die Treppe hinunterging, drehete ſich um und erblickte das junge Mädchen, die daſtand, ſchüchtern ihm nachſah und nicht zu wiſſen ſchien, ob ſie ihn zurückrufen ſolle oder nicht. Die Sache konnte am beſten dadurch zur Ent⸗ ſcheidung gebracht werden, daß er ſelbſt zurückging und das that denn Nicolaus. »Ich weiß nicht, ob ich Recht thue, wenn ich Sie erſuche,« ſagte Madeline ſchnell,»aber bitte— bitte, er⸗ wähnen Sie gegen die theuern Freunde meiner armen Mutter nichts von dem, was Sie gehört haben. Er hat viel gelitten und befindet ſich dieſen Morgen ſchlechter als gewöhnlich. Ich bitte Sie darum, aus Freundſchaft zu mir ſagen Sie nichts,« »Sie haben einen Wunſch nur anzudeuten,« entgeg⸗ 94 Nicolaus Nickleby. nete Nicolaus eifrig,» und ich werde ſtets mein Leben daran ſetzen, um ihn zu erfüllen.« »Sie ſprechen ſehr übereilt.« „»Nur die Wahrheit,« entgegnete Nicolaus, deſſen Lippen zitterten, während die Worte über dieſelben gin⸗ gen,»ſo gewiß die Wahrheit als irgend Jemand. Ich bin nicht erfahren in der Kunſt, meine Gefühle zu ver⸗ bergen, und wäre ich es auch, vor Ihnen könnte ich mein Herz doch nicht verhüllen. Theures Mädchen, ich 1 kenne Ihre Geſchichte, ich fühle wie Menſchen und En⸗ gel fühlen müſſen, die ſolche Dinge ſehen und hören, und beſchwöre Sie, glauben Sie mir, daß ich bereit bin, Ihnen ſelbſt mit meinem Leben zu dienen.« Das junge Mädchen wendete ihr Geſicht ab und weinte offenbar. »Verzeihen Sie mir,« ſagte Nicolaus mit ehrfurchts⸗ vollem Ernſt,„wenn ich zu viel zu ſagen ſcheine oder würdig und treulos dem Gefühle, das mir dieſe Worte eingiebt. Sie winkte mit der Hand, damit er gehe, antwortete aber keine Sylbe. Auch Nicolaus konnte nichts mehr ſagen und entfernte ſich ſchweigend. So endete ſeine erſte Zuſammenkunft mit Madeline Bray. —— Nieolaus Nickleby. Fuͤnftes Kapitel. Herr Ralph Nickleby hat eine vertrauliche Unterredung mit ei⸗ nem andern alten Freunde. Sie kommen über einen Plan überein, der ein gutes Reſultat für Beide verſpricht. »Drei Viertel vorüber!« murmelte Newman Noggs, indem er auf die Schläge der Uhr einer benachbar⸗ ten Kirche horchte,»und meine Eſſenszeit iſt zwei Uhr! Er thut es abſichtlich. Es ſieht ihm ganz ähnlich.« Dieſes Selbſtgeſpräch hielt Newman in ſeiner klei⸗ nen Bude von Comptoir und auf ſeinem Comptoirſeſſel; das Selbſtgeſpräch aber bezog ſich, wie die meiſten grol⸗ lenden Selbſtgeſpräche Newmans, auf Ralph Nickleby. „»Ich glaube, er hat niemals Appetit,« fuhr Newman fort,»außer nach Pfunden und Schillingen, und nach dieſen hat er einen wahren Wolfshunger. Ich wollte, ich könnte ihn zwingen, ein Stück von jeder engliſchen Münze zu verſchlingen. Die Krone würde ein herrlicher Biſſen ſein, ha! hal« Der Gedanke, Ralph Nickleby werde genöthigt, ein Fünfſchillingſtück zu verſchlucken, gab dem Newman eini⸗ germaßen ſeine gute Laune wieder und er holte langſam aus ſeinem Pulte eines der Fläſchchen hervor, die man im gemeinen Leben Taſchenpiſtolen nennt, ſchüttelte ſie dicht an ſeinem Ohre, ſo daß ein höchſt angenehmer kühler plätſchernder Ton entſtand, gab ſeinen Zügen eine freund⸗ lichere Lage und nahm einen gurgelnden Schluck, der das Geſicht noch freundlicher machte. Dann ſtöpſelte er die Flaſche wieder zu, ſchmatzte zwei⸗ oder dreimal mit innigem Wohlbehagen mit den Lippen und kehrte, da 96 Nieolaus Nickleby. der Geſchmack des Getränkes unterdeß verſchwunden war, zu ſeinen früheren Klagen zurück. »Fünf Minuten vor Drei!« brummte Newman, „mehr kann nicht mehr daran fehlen: ich habe um Acht gefrühſtückt,— wie gefrühſtückt!— und meine eigent⸗ liche Eſſenszeit iſt zwei Uhr! Unterdeß verdirbt mir zu Hauſe ein guter Biſſen warmer Braten,— wie kann er wiſſen, daß ich keinen habe?'Er geht nicht fort, bis ich zurückkomme.“ Er geht nicht fort, bis ich zu⸗ rückkomme,“ ſo heißt es einen Tag wie alle Tage. War⸗ um geht er denn immer zur Eſſenszeit aus? Weiß er nicht, daß er es dadurch nur ſchlimmer macht, he?« Dieſe Worte wurden zwar ſehr laut geſprochen, aber nur an die Wand gerichtet. Die Aufzählung ſeiner Qua⸗ len und Leiden ſchien jedoch Newman Noggs faſt zur Verzweiflung zu treiben, denn er drückte ſeinen alten Hut auf dem Kopfe platt, zog die ewig haltenden Hand⸗ ſchuhe an und erklärte mit großer Heftigkeit, er werde, möge geſchehen, was da wolle, noch dieſe Minute zu Tiſche gehen. Augenblicklich führte er auch dieſen Vorſatz aus, und er war bis in die Hausflur gekommen, als er hörte, daß man die Thürklinke an der Thür berührte, und ei⸗ lig in ſein kleines Comptoir zurückkehrte. »Er kommt,« brummte Newman,»und noch Jemand mit. Nun wird es heißen:„Bleibe Er, bis der Herr fort iſt! Aber ich thue es nicht, ich thue es platter⸗ dings nicht.« Während er dies ſagte, ſchlüpfte Noggs in einen gro⸗ ßen leeren Schrank, der mit zwei Halbthüren geſchloſſen wurde und ſchloß ſich ſo ein, um ſogleich wieder heraus⸗ zutreten, ſobald Ralph ſein Zimmer erreicht haben werde. ———„—„—— J9 c““ „ Nicolaus Nickleby. 97 »Noggs!« rief Ralph;»wo iſt der Menſch?— Noggs!« Newman ſagte kein Wort und rührte ſich nicht. „»Der Kerl iſt zum Eſſen gegangen, ob ich ihm gleich ſagte, er ſolle bleiben,« murmelte Ralph, indem er in das Comptoir ſah und ſeine Uhr hervorzog.»Hm! Kom⸗ men Sie hier herein, Gride. Mein Schreiber iſt fort und die Sonne ſcheint heiß in meiner Stube. Hier iſt es kühl und ſchattig, wenn Sie keinen Anſtoß daran nehmen.« »Oh keineswegs, Herr Nickleby, keineswegs. Mir iſt jeder Ort recht und gleich. Ach, ſehr nett; ſehr nett!« Die Perſon, welche dieſe Antwort gab, war ein klei⸗ ner alter Mann von ſiebenzig bis fünfundſiebenzig Jah⸗ ren mit ſehr hagerem Geſichte, der bedeutend gebückt ging und etwas verwachſen war. Er trug einen grauen Frack mit ſehr ſchmalem Kragen, eine altmodiſche Weſte von geripptem ſchwarzen Seidenzeuge und enge Bein⸗ kleider, welche ſeine dürren Spindelbeine in ihrer gan⸗ zen Häßlichkeit zeigten. Die einzigen Gegenſtände von Putz und Verzierung an ſeiner Kleidung waren eine ſtäh⸗ lerne Uhrkette, an welcher einige große goldene Petſchafte hingen, und ein ſchwarzes Band, mit welchem nach einer alten, jetzt wohl kaum noch vorkommenden Mode ſeine grauen Haare hinten zuſammengebunden waren. Seine Naſe und ſein Kinn ſtanden ſcharf und ſpitzig vor, ſeine Kinnladen waren in Folge des Zahnmangels eingeſun⸗ ken, ſein Geſicht runzelig und gelb, außer da, wo die Backen Streifen in der Farbe eines gedörrten Winter⸗ apfels hatten, und wo ſonſt ſein Bart geſtanden hatte, zeigten ſich noch einige wenige graue Büſchel, welche, wie die ſtruppigen Augenbrauen, von der ſchlechten Be⸗ Niieolaus Nickleby. VI. 7 98 Nicolaus Nickleby. ſchaffenheit des Bodens zu zeugen ſchienen, aus dem ſie entſproſſen waren. Das ganze Ausſehen und Weſen der Geſtalt verrieth eine ſchleichende katzenähnliche Gefügig⸗ keit; der ganze Ausdruck des Geſichtes war in einen runzeligen Schielblick concentrirt, der aus Pfiffigkeit, Lü⸗ ſternheit, Schlauheit und Geiz beſtand. Das war der alte Arthur Gride, in deſſen Geſichte jede Runzel, in deſſen Anzuge jede einzelne Falte den habſüchtigſten und knickerigſten Geiz verrieth und deut⸗ lich anzeigte, daß er zu derſelben Klaſſe gehörte, deren Mitglied auch Ralph Nickleby war. Und ſo ſaß der alte Arthur Gride auf einem niebrigen Stuhle, Ralph Nickleby in das Geſicht blickend, der auf ſeinem hohen Comptoirſtuhle ſaß, die Arme auf die Kniee ſtützte und hinunter in das Geſicht Gride's ſah, der ihm gewachſen war, in welcher Abſicht er auch gekommen ſein mochte. »Und wie iſt es Ihnen ergangen?« fragte Gride, der ſich ſtellte, als nehme er großen Antheil an Ralphs Geſundheitszuſtande.»Ich habe Sie lange nicht geſe⸗ hen, wohl—« „Es iſt nicht ſehr lange her,« ſagte Ralph mit einem eigenthümlichen Lächeln, in welchem er andeutete, er wiſſe wohl, ſein Freund ſei keineswegs bloß eines Höf⸗ lichkeitsbeſuchs wegen gekommen.»Beinahe hätten Sie mich übrigens nicht getroffen, denn ich war eben erſt an der Thür angekommen, als Sie um die Ecke kamen.⸗ »Ich habe viel Glück,« bemerkte Gride. »So ſagen die Leute,« entgegnete Ralph trocken. Der ältere Wucherer wackelte mit dem Kinne und lächelte, brachte aber keine neue Bemerkung weiter vor, und ſie ſaßen eine kurze Zeit lang da, ohne ein Wort zu ſprechen. Jeder lauerte, um an dem Andern eine Blöße zu entdecken und ſie für ſich zu benutzen. — Nicolaus Nickleby. 99 »Nun, Gride,« ſagte Ralph endlich,»welche Fährte haben Sie heute?« »Aha! Sie ſind ein raſcher, kecker Mann, Herr Nickleby,« entgegnete der Andere, dem ein Stein von dem Herzen genommen zu ſein ſchien, da Ralph ſo den Weg zu dem Geſchäfte bahnte.»Sie ſind ein raſcher, kecker Mann, lieber Freund.« »Ich ſehe bloß ſo aus, weil Sie heute ſehr bedächtig und lauernd ſind,« ſagte Ralph.»Ich weiß recht wohl, daß Ihre Manier weit beſſer iſt als die meinige, mir fehlt aber die Geduld dazu.⸗ 4 »Sie ſind ein geborenes Genie, Herr Nickleby,« ent⸗ gegnete der alte Arthur.»Klug, klug, klug! Ahl« „Allerdings ſo klug,« erwiederte Ralph,»um zu wiſſen, daß ich alle meine Klugheit zuſammen nehmen muß, wenn Leute, wie Sie, anfangen, Complimen a2u machen. Sie wiſſen es, ich bin dabei geweſen, wann Sie Anderen ſchmeichelten und ſie becomplimentirten, und ich erinnere mich recht wohl, welche Folgen dies hatte.« »Hal ha! ha!« entgegnete Arthur, indem er ſich die Hände rieb.»Das thun Sie auch, das thun Sie auch, ohne Zweifel. Kein Menſch verſteht das beſſer. Ach, und es freut mich, daß Sie an die alten Zeiten geden⸗ ken, lieber Freund!« »Nun,« ſagte Ralph ruhig;»welche Fährte haben Sie heute, frage ich noch einmal? Was giebt es?« „»Da ſehe Einer!« fiel der Andere ein;»er kann die Geſchäfte nicht einmal laſſen, während wir von vergan⸗ genen Dingen ſprechen. Lieber Freund, was für ein Mann ſind Sie!« »Welches von den vergangenen Dingen wollen Sie wieder in Erinnerung bringen?⸗ fragte Ralph.»Ganz ge⸗ wiß iſt es eines derſelben, ſonſt ſprächen Sie nicht davon.⸗ 7 100 Nicolaus Nickleby. »Er traut mir nicht einmal!« rief der alte Arthur, indem er die Hände emporhob.»Nicht einmal mir, Du lieber Gott! nicht einmal mir. Was iſt das für ein Mann! Ha! ha! ha! Was das für ein Mann iſt! Herr Nickleby gegen die ganze Welt,— es kommt ihm Nie⸗ mand gleich. Er iſt ein Rieſe unter Zwergen,— ein Rieſe,— ein Rieſe!« Ralph ſah den alten Fuchs mit einem ruhigen Lä⸗ cheln an und Newman Noggs in dem Schranke wurde ganz und gar muthlos, da die Ausſicht auf das Mittags⸗ eſſen immer weiter in die Ferne trat. „Ich muß ihn aber darum loben,« fuhr der alte Ar⸗ thur fort,»und ich werde ſeinem Beiſpiele folgen; er ſpricht immer von Geſchäften und will ſeine Zeit nicht ungenützt vergehen laſſen. Er hat Recht. Zeit iſt Geld,— Zeir iſt Geld.« »Meiner Meinung nach war der gewiß auch einer der Unſrigen, welcher dieſen Spruch aufbrachte,« ſagte Ralph. »Zeit iſt Geld und noch dazu ſehr gutes Geld für die, welche die Zinſen davon berechnen. Zeit iſt Geld. Ja, und die Zeit koſtet Geld,— ſie iſt ein ſehr koſtſpieliger Artikel für manche Leute, die wir nennen könnten, oder ich verſtehe das Handwerk nicht.« Als Antwort auf dieſe Bemerkungen erhob der alte Arthur von neuem die Hände und rief wiederum aus: »Was das für ein Mann iſt.« Als dies geſchehen war, zog er ſeinen niedrigen Stuhl etwäs näher an den ho⸗ hen Stuhl Ralphs, ſah in deſſen unbewegliches Geſicht hinauf und ſagte: „»Was würden Sie ſagen, wenn ich Ihnen erzählte, daß ich— daß ich— daß ich mich verheirathen will?« »Ich würde Ihnen ſagen,« antwortete Ralph, der kaltblütig auf ihn hinunterſah,»daß Sie aus irgend einer X Nicolaus Nickleby. 101 eigennützigen Abſicht eine Lüge erzählten, daß es nicht das erſte Mal war und nicht das letzte Mal ſein wird, daß es mich nicht überraſchen, daß ich dadurch mich nicht irreführen laſſe.« „»So ſage ich Ihnen denn in vollem Ernſt, daß ich mich verheirathen will.«⸗ „Und ich ſage Ihnen im Ernſt,« entgegnete Ralph, »was ich Ihnen eben ſchon geantwortet habe. Warten Sie'mal. Ich muß Sie genauer anſehen. Es liegt et⸗ was verflucht Lüſternes in Ihrem Geſichte,— was be⸗ deutet das?« „»Sie verſuche ich nicht zu täuſchen, das wiſſen Sie,« grinſelte Arthur Gride,»ich kann es nicht über das Herz bringen, es geht nicht. Ich— ich Herrn Nickleby täu⸗ ſchen! Der Zwerg den Rieſen hintergehen und über⸗ wältigen! Ich frage noch einmal— hil hi! hi!— was würden Sie ſagen, wenn ich Ihnen erzählte, daß ich mich verheirathen will?« „Mit einer alten Hexe?« fragte Ralph. »O nein, nein,« rief Arthur, der ihn unterbrach und die Hände in Begeiſterung rieb.»Wieder fehl geſchoſſen! Wieder fehl geſchoſſen! Herr Nickleby hat ſich noch ein⸗ mal geirrt, ganz und gar, ganz und gar!— Mit ei⸗ nem jungen ſchönen Mädchen, ſage ich Ihnen, mit einem friſchen, lieblichen, bezaubernden Mädchen, das noch nicht neunzehn Jahre alt iſt. Dunkele Augen— lange Wimpern— rothe Lippen, die man nicht anſehen kann, ohne den Wunſch zu fühlen, ſie zu küſſen,— ſchönes üppiges Haar, daß Einem die Finger jucken, damit zu ſpielen,— eine Taille, daß ein Mann unwillkürlich die Arme ausbreitet, Jun ſie zu umfaſſen,— niedliche Füßchen, die ſo leicht ingleiten, daß ſie den Boden gar hichtns zu berühren Nalph machte, oder welchen Eindruck ſie wirklich machte, 1 102 Nicolaus Nickleby. ſcheinen,— alles dies zu heirathen, Herr,— alles dies, juchhei!« „»Das iſt etwas mehr als gewöhnlicher Spaß,« ſagte Ralph, der mit eingebiſſener Lippe der begeiſterten Schilderung des alten Sünders zugehört hatte.»Und das Mädchen heißt?« »O den Heuchler! Sehe man, wie er ſich verſtellt!« rief der alte Arthur.»Er weiß, daß ich ſeine Hülfe brauche, er weiß, daß er ſie mir geben kann, er weiß, es muß zu ſeinem Vortheile ſein, er hat Alles längſt er⸗ rathen. Sie heißt— kann uns Jemand hier hören?⸗ »Wer zum Teufel ſollte denn hier ſein?« entgegnete Ralph. »Ich weiß es nicht, es könnte aber doch Jemand die Treppe hinauf oder heruntergehen,« ſagte Arthur Gride, nachdem er zur Thür hinausgeſehen und dieſelbe ſorg⸗ fältig wieder verſchloſſen hatte,»oder Ihr Schreiber hätte ja wohl wieder zurückgekommen ſein und draußen horchen können,— Schreiber und Dienſtleute horchen gern, und es wäre mir gar nicht lieb, wenn Herr Noggs—« „Verflucht ſei der Noggs,« ſagte Ralph ärgerlich, verzählen Sie raſch, was Sie zu erzählen haben.« „Ja, ja, verflucht ſei der Noggs,« wiederholte der alte Arthur Gride,»ich habe durchaus dagegen gar nichts. Sie heißt—⸗ „»Nun,« fragte Ralph, der noch ärgerlicher wurde, als der alte Arthur nochmals inne hielt,„wie heißt ſie 2⸗ »Madeline Bray.“ Welche Gründe es nun auch ſein mochten,— und Arthur Gride ſchien einige voraus geahnt zu haben daß die Erwähnung dieſes Namens einen Eindruck auf u Nicolaus Nickleby. er ließ ſich durchaus nichts davon merken, ſondern wie⸗ derholte gelaſſen den Namen mehrmals, als denke er darüber nach, wann und wo er ihn bereits gehört habe. »Bray!« ſagte Ralph.»Bray,— ich kannte einen jungen Bray in— aber nein, der hatte keine Tochter.“ »Sie erinnern ſich Bray's?« entgegnete Arthur Gride. „Nein,« ſagte Ralph, der ihn in Gedanken anblickte. »Sie erinnern ſich Walter Bray's nicht? Des Mode⸗ mannes, der ſeine hübſche Frau ſo ſchlecht behandelte?« »Wenn Sie mich durch einen ſolchen Zug an einen beſondern Modemann erinnern wollen,« ſagte Ralph, der die Achſeln zuckte,»ſo werde ich ihn mit neun Zehn⸗ theilen der Modemänner verwechſeln, die ich jemals ge⸗ kannt habe.⸗ „»Hm! hm! Der Bray, der jetzt im Bezirke des Ge⸗ fängniſſes von Kings Bench wohnt,« ſagte der alte Ar⸗ thur.»Sie können Bray nicht vergeſſen haben. Wir machten Beide Geſchäfte mit ihm. Er iſt Ihnen ſogar noch Geld ſchuldig—« „»Ach derl« fiel Ralph ein.»Ja, ja. Nun, ſprechen Sie! Ah! Seine Tochter, he?« So ganz einfach und natürlich dieſe Worte waren, ſo wurden ſie doch nicht ſo natürlich geſprochen, daß nicht ein verwandter Geiſt, wie der alte Arthur Gride, die Abſicht bei Ralph hätte merken können, ihn zu deut⸗ licheren Angaben und Erklärungen zu veranlaſſen, als er eigentlich ſelbſt zu geben geneigt war, und Ralph aller Wahrſcheinlichkeit nach auf anderen Wegen erhalten konnte. Der alte Arthur war indeß ſo mit ſeinen eige⸗ nen Plänen beſchäftigt, daß er ſich überliſten ließ und nicht anders glaubte, als ſein guter Freund ſpreche im Ernſt. 104 Nicolaus Nickleby. »Ja, ich wußte es wohl, Sie konnten ihn nicht ver⸗ geſſen haben, wenn Sie einen Augenblick nachdachten,« ſagte er. »Sie haben Recht,« antwortete Ralph.»Aber der alte Arthur Gride und Heirathen iſt eine gar zu unge⸗ wöhnliche Zuſammenſtellung von Worten; der alte Ar⸗ thur Gride und dunkele Augen und Augenwimpern und Lippen, die er nicht anſehen kann, ohne ſie küſſen zu wol⸗ len, und üppiges Haar, mit dem er ſpielen, und eine Taille, die er umfaſſen möchte, und kleine Füße, die den Boden nicht berühren;— der alte Arthur Gride und ſolche Dinge iſt noch ungereimter; daß aber der alte Arthur Gride die Tochter eines verarmten»Modeman⸗ nes« im Bezirk des Gefängniſſes heirathen will, das iſt das Ungereimteſte und Unglaublichſte von allen. Gerade heraus, Freund Arthur Gride, wenn Sie meiner Hülfe bei dieſer Sache benöthigt ſind(was gewiß der Fall iſt, ſonſt wären Sie nicht hier), ſo ſprechen Sie es aus und kommen Sie zum Zwecke. Vor Allem aber ſagen Sie nicht, daß es mir zum Vortheil gereiche, denn ich weiß, daß es auch zu dem Ihrigen gereichen muß, und zwar zu einem recht anſehnlichen, ſonſt würden Sie ſich in eine ſolche Sache nicht einlaſſen.« Es lag ſo viel Bitterkeit und Anzüglichkeit nicht bloß in dem, was Ralph ſagte, ſondern auch in dem Tone der Stimme, mit welchem er es ſagte, und in den Blicken, mit denen er die Worte begleitete, daß wohl ſelbſt das kalte Blut des alten Wucherers hätte erwärmt und nach ſeinen runzeligen Wangen getrieben werden können. Aber der Alte verrieth durchaus keinen Unwil⸗ len, ſondern begnügte ſich mit ſeinem gewöhnlichen Aus⸗ rufe:»Was iſt das für ein Mann!« und ließ den Kopf von einer Seite zur andern ſinken, als ſei er in der beſten Nicolaus Nickleby. 105 Laune von der Welt. Da er indeß in dem Ausdrucke der Züge Ralphs erkannte, er werde am beſten thun, wenn er ſo ſchnell als möglich zur Hauptſache komme, ſchickte er ſich zu ernſtlicher Geſchäftsverhandlung an und ging genauer in die Sache ein. Zuerſt ließ er ſich darüber aus, daß Madeline Bray ſich ganz der Unterſtützung und Unterhaltnng ihres Va⸗ ters widme, der außer ihr keinen Freund auf Erden habe und dem ſie jeden Wunſch zu erfüllen ſich bemühe, worauf Ralph bemerkte, er habe ſchon früher ſo etwas gehört; wenn aber das Mädchen die Welt etwas beſſer kenne, würde ſie keine ſolche Närrin ſein.« Zweitens ſchilderte er ausführlich den Character ih⸗ res Vaters, aus dem er ſchloß, daß, ſelbſt angenommen, er liebe ſie ſo ſehr als es ihm möglich ſei, er ſich doch beſtimmt ſelbſt noch weit mehr liebe, worauf Ralph äu⸗ ßerte, darüber etwas weiter zu ſagen ſei ganz unnöthig, da dies ganz natürlich und wahrſcheinlich genug wäre. Und drittens ſchickte der alte Arthur Gride voraus, das Mädchen ſei zart und ſchön und er habe wirklich ein Lüſtchen, ſie zur Frau zu haben. Darauf gab Ralph keine andere Antwort als ein Lächeln und einen Blick auf den zuſammengeſchrumpften, vertrockneten Alten vor ihm, die jedoch beide ausdrucksvoll genug waren. »Nun,“« ſagte Gride,»von dem Plänchen, das ich mir ausgedacht habe, um dies auszuführen, weil ich noch nicht einmal mit dem Vater darüber geſprochen habe, wie ich zu erwähnen vergaß. Aber das haben Sie be⸗ reits errathen. Ah, lieber Freund, Sie ſind ein feiner Hecht!« »Deshalb wird er nicht ſo leicht ins Netz gehen,« ſagte Ralph ungeduldig. „Immer eine Antwort auf der Zunge!“« rief der alte 106 Nicolaus Nickleby. Arthur, indem er die Hände und Augen bewundernd in die Höhe hob.»Er iſt immer vorbereitet. Ach, lieber Freund, welches Glück, immer Witz, und immer Geld vorräthig zu haben, um ihn zu unterſtützen!« Mit Ei⸗ nemmale aber änderte er den Ton und ſprach weiter: »ich bin in den letzten ſechs Monaten mehrmals in Bray's Wohnung geweſen. Es iſt gerade ein halbes Jahr, ſeit ich dieſen delikaten Biſſen ſah, und, Freund, wie delikat iſt der Biſſen! Doch das gehört nicht hier⸗ her. Ich bin der Gläubiger, der ihn wegen funfzehn⸗ hundert Pfund St. gefangen hält.⸗ »Sie ſprechen, als wären Sie der einzige,« ſagte Ralph, indem er ſein Notizbuch herausnahm.»Ich habe ihn ebenfalls wegen 977 Pfund 4 Sh. 3 Pence ſetzen laſſen!« »Sie ſind auch der einzige Andere, Herr Nickleby,« fiel der alte Arthur raſch ein,»der einzige Andere. Kein Anderer wagte die Koſten daran, denn Alle waren überzeugt, wir würden ihn ſchon feſthalten. Wir Beiden fingen uns in einer und derſelben Schlinge; ach, Freund, welche Schlinge war das! Es ruinirte mich faſt. Und ich gab ihm das Geld auf Wechſel, auf denen nur noch ein Name außer dem ſeinigen ſtand, den freilich Jeder⸗ mann für gut, für ſo gut wie baar Geld hielt, der aber— nun Sie wiſſen es. Gerade als ich mich an ihn halten wollte, ſtarb der Mann inſolvent. Ach, es ruinirte mich faſt,— der Verluſt ruinirte mich faſt.« »Nur weiter mit dem Plane,« ſagte Ralph.»Es nützt nichts, das Feldgeſchrei unſeres Handwerks jetzt zu erheben; es hört uns Niemand.. »Es iſt immer gut, in der Art zu ſprechen,« entgeg⸗ nete der alte Arthur, ves mag uns Jemand hören oder nicht. Uebung macht den Meiſter, wiſſen Sie. Nun, Nicolaus Nickleby.. 107 wenn ich mich dem Bray als Schwiegerſohn unter der einfachen Bedingung antrage, daß er von dem Augen⸗ blicke meiner wirklichen Verheirathung mit ſeiner Toch⸗ ter an freigelaſſen werde und jährlich eine Summe er⸗ halte, von welcher er an der andern Seite des Fluſſes ganz anſtändig leben kann(— lange kann er nicht mehr leben, ich habe ſeinen Arzt gefragt, der mir ſagte, er leide an einer Herzkrankheit und könne nicht wieder her⸗ geſtellt werden—), wenn die Vortheile dieſer Bedingung ihm recht klar vorgeſtellt werden, glauben Sie, daß er mir widerſtehe? Und wenn er mir nicht widerſtehen kann, glauben Sie, daß ſeine Tochter ihm widerſtehen werde? Sollte ſie nicht Madame Gride,— die ſchöne Madame Gride,— ein Prachtexemplar— binnen ein paar Wochen, binnen einem Monat ſein, zu jeder Zeit, die ich beſtimme 2« »Weiten, weiter,« ſagte Ralph, der bedächtig nickte und in einem Tone ſprach, deſſen ſtudirte Kälte einen ſeltſamen Kontraſt mit dem Entzücken bildete, in wel⸗ ches ſich ſein Freund allmälig hineinredete.»Weiter! Sie kamen nicht hierher, um mir dieſe Fragen vorzu⸗ legen.« »Lieber Freund, wie Sie reden!« rief der alte Ar⸗ thur, der noch dichter an Ralph rückte.»Sie haben Recht, deshalb kam ich nicht, ich behaupte es nicht. Ich kam, um Sie zu fragen, was ich Ihnen, wenn mir die Sache mit dem Vater gelingt, für Ihre Schuld gebe, fünfundzwanzig Procent?— fünfunddreißig— funfzig? Bei einem ſolchen Freunde, wie Sie ſind, würde ich bis funfzig Procent gehen, denn wir haben immer auf dem beſten Fuße mit einander geſtanden; aber Sie wer⸗ den hier nicht ſo hart gegen mich ſein, ich kenne Sie. Nun, wollen Sie?« 108 Nicolaus Nickleby. „Darüber läßt ſich noch mehr ſagen;« antwortete Ralph ſo ſteinhart und unerſchütterlich als je. »Ja, ja, es iſt wahr, aber Sie ließen mir ja keine Zeit dazu,« erwiederte Arthur Gride.»Ich brauche eine Stütze bei dieſer Sache,— Jemanden, der reden, drän⸗ gen, treiben kann, und dies können Sie beſſer als ir⸗ gend Jemand. Ich kann es nicht, ich bin ein armſeli⸗ ges, ſchüchternes, weichmüthiges Geſchöpf. Nicht wahr, wenn Sie ein gutes Uebereinkommen wegen dieſer Schuld treffen können, die Sie lange für verloren ge⸗ geben haben, ſtehen Sie mir als Freund bei und helfen mir? Nicht wahr?« „»So weit ſind wir noch nicht,« ſagte Ralph. „»Und doch, doch,« meinte Arthur Gride. „»Nein, nein; ich ſage Ihnen, nein,« wiederholte Ralph. »Oh,« entgegnete der alte Arthur, der ſich ſtellte, als ſehe er eben ein, was ſein Freund meine.»Sie meinen, ich habe noch mehr über mich und meine Ab⸗ ſichten zu ſagen. Ja, da haben Sie Recht. Soll ich noch mehr davon mittheilen?« »Ich halte dies allerdings für beſſer,« antwortete Ralph trocken. »Ich glaubte, ich dürfe Sie damit nicht beläſtigen, weil ich meinte, Ihr Intereſſe an der Sache würde auf⸗ hören, ſobald Sie nicht mehr dabei betheiligt ſind,« ſagte Arthur Gride.»Es iſt ſehr freundlich von Ihnen, daß Sie weiter fragen. Ach, Freund, wie gütig, wie theilnehmend Sie ſind! Nun, nehmen Sie an, ich hätte Kenntniß von einer Beſitzung, einer kleinen Beſitzung, einer ſehr kleinen, auf welche das hübſche Kind An⸗ ſprüche hat,— was in dieſem Augenblicke Niemand weiß und wiſſen kann. Der Mann kann dies in die + 8a 8 Nicolaus Nickleby. 109 Taſche ſtecken, wenn er ſo viel davon weiß als ich,— können Sie ſich nun den Zuſammenhang erklären?« „»Vollkommen,« antwortete Ralph abgebrochen.»Nun, wollen wir auch wieder zur Hauptſache kommen und bedenken, was ich wohl fordern kann, wenn ich Ihnen behülflich bin.« „Aber nicht hart gegen mich, Freundchen,« rief der alte Arthur, indem er die Hände mit flehentlicher Ge⸗ berde emporhob und mit bebender Stimme ſprach,„han⸗ deln Sie nicht hart gegen mich. Es iſt wirklich nur eine ganz kleine Beſitzung. Sagen Sie funfzig Procent und der Handel iſt abgeſchloſſen. Es iſt mehr als ich eigent⸗ lich geben ſollte,— aber Sie ſind ein guter Freund,— wollen wir ſagen, funfzig Procent? Sagen Sie funfzig.“« Ralph nahm von dieſem Bitten gar keine Notiz, ſon⸗ dern ſaß drei bis vier Minuten lang in tiefem Nach⸗ denken da, während er die Perſon, welche bat, gedan⸗ kenvoll anblickte. Nach hinreichender Ueberzeugung brach er das Schweigen, und es läßt ſich ihm der Vorwurf nicht machen, daß er ſich nutzloſer Umſchweife bediente oder nicht geradezu auf den Gegenſtand einging. »Wenn Sie das Mädchen ohne meine Beihülfe hei⸗ rathen,« ſagte Ralph,»ſo müſſen Sie meine Forderung vollſtändig bezahlen, weil Sie außerdem ihren Vater nicht in Freiheit ſetzen können. Es iſt klar, daß ich den ganzen Betrag ohne irgend einen Abzug oder eine lä⸗ ſtige Bedingung haben muß, ſonſt würde ich ſtatt durch das Vertrauen zu gewinnen, mit dem Sie mich beeh⸗ ren, dadurch nur verlieren. Das iſt der erſte Artikel in unſerm Vertrage. Zweitens bedinge ich mir für meine Mühe bei der Unterhandlung und Ueberredung und dafür, daß ich Ihnen zu jenem Vermögen verhelfe, fünfhundert Pfund St. aus,— das iſt ſehr wenig, weil 110 Nicolaus Nickleby. Sie dafür die rothen Lippen, das üppige Haar und wer weiß was ſonſt noch für ſich erhalten. Zum Dritten und Letzten verlange ich, daß Sie mir noch heute eine Verſchreibung ausſtellen, in welcher Sie ſich zur Bezah⸗ lung dieſer beiden Summen am Tage Ihrer Verheira⸗ thung mit Madeline Bray verpflichten. Sie haben ge⸗ ſagt, ich könnte beſonders drängen und treiben. Ich beſtehe auf dieſem einzigen Punkte und werde nichts anderes annehmen und anhören als dieſe Bedingungen⸗ Nehmen Sie dieſelben an oder nicht, wie Sie wollen. Wenn nicht, ſo heirathen Sie ohne meine Hülfe, wenn Sie können. Ich bekomme dann doch mein Geld auch.« Gegen alle Bitten und Vorſtellungen und Anerbie⸗ tungen eines Vergleichs zwiſchen ſeinen eigenen Vor⸗ ſchlägen und denen, welche Arthur Gribde zuerſt gemacht hatte, war Ralph völlig taub. Er wollte über die Sache nichts weiter hören oder ſprechen, und ſaß, wäh⸗ rend der alte Arthur ſich weitläufig über das Ungeheuer⸗ liche der Forderung ausließ und Modiffkationen derſel⸗ ben vorſchlug, welche den Bedingungen, die er be⸗ kämpfte, immer näher und näher kamen, vollkommen ſtumm da, und muſterte ruhig, als gehe ihm die Sache gar nicht an, die Papiere und Notizen in ſeinem Ta⸗ ſchenbuche. Als er endlich ſich überzeugte, es ſei un⸗ möglich, einen Eindruck auf ſeinen unbeugſamen Freund zu machen, willigte Arthur Gride, der auf ein ſolches Reſultat ſchon vorbereitet war, eh' er kam, mit ſchwe⸗ rem Herzen in den vorgelegten Vertrag und füllte auf der Stelle die Verſchreibung aus(Ralph hatte ſolche Formulare vorräthig), nachdem er noch die Bedingung erlangt hatte, daß Herr Nickleby ſogleich mit in die Wohnung Bray's gehe und auch unmittelbar die Unter — ꝑ 8———· dE S x R . NR Qꝗ̃—— AaAͤ u dN Nicolaus Nickleby. 111 handlung beginne, wenn die Umſtände günſtig und vor⸗ theilhaft für ihre Pläne ſich zu geſtalten ſchienen. In Folge ihres letztern Uebereinkommens gingen die beiden würdigen Männer bald darauf mit einander fort und Newman Noggs trat mit der Flaſche in der Hand aus den Schranke wieder heraus, aus deſſen oberer Thür er, auf die Gefahr hin entdeckt zu werden, mehr⸗ mals ſeine rothe Naſe hervorgeſteckt hatte, wenn gerade ein Gegenſtand beſprochen wurde, der ihn vorzugsweiſe intereſſirte. „Nun habe ich keinen Appetit,« ſagte Newman zu ſich ſelbſt, indem er die Flaſche in die Taſche ſteckte. »Ich habe das Meinige genoſſen.« Nachdem er dieſe Bemerkung in ſehr traurigen und kummervollen Tone ausgeſprochen hatte, hinkte er nach der Thür, kam aber im nächſten Augenblicke zurück. »Ich weiß nicht, wer ſie und was ſie ſein mag,⸗ ſagte er,»aber ich bedauere ſie von ganzem Herzen, und ich kann ihr nicht helfen, eben ſo wie den Leuten, gegen welche jeden Tag hundert Anſchläge entworfen werden, die alle abſcheulich, wenn auch nicht ſo nieder⸗ trächtig ſind wie dieſer. Die Sache iſt nicht ſchlimmer, weil ich ſie kenne, und ſie macht mich ſo unruhig wie ſie. Gride und Nickleby!« Ein liebenswürdiges Paar! O Schurkerei! Schurkerei! Schurkerei!« Mit dieſen Betrachtungen und einem derben Schlage auf ſeinen unglücklichen Hut bei jeder Wiederholung des letzten Wortes ging Newman Noggs, deſſen Gehirn ſich ihm im Kopfe zu drehen anfing, in Folge des Inhaltes der Flaſche, der während des Verſteckes ſeinen Weg da⸗ hin gefunden hatte, fort, um den Troſt aufzuſuchen, den er bei Fleiſch und Gemüſe in irgend einem wohlfeilen Speiſehauſe finden konnte. 112 Nicolaus Nickleby. Unterdeſſen hatten ſich die beiden Verſchwörer nach demſelben Hauſe begeben, das Nicolaus zum Erſtenmale vor einigen Tagen aufſuchte, und, nachdem ſie ein⸗ und vor den Herrn Bray gelaſſen worden, deſſen Tochter zufällig nicht zu Hauſe war, in Folge der meiſterhafte⸗ ſten Approchen, welche Ralphs unvergleichliche Geſchick⸗ lichkeit erſinnen konnte, das Geſpräch auf den eigent⸗ lichen Zweck ihres Beſuches gebracht. »Da ſitzt er, Herr Bray,« ſagte Ralph, als der Kranke, der ſich von der Ueberraſchung noch nicht wie⸗ der erholt hatte, in den Seſſel zurücklehnte und abwech⸗ ſeld ihn und Arthur Gride anſah.»Wenn er das Un⸗ glück gehabt hat, die eine Urſache Ihres gezwungenen ufenthaltes hier zu ſein,— ich bin die andere gewe⸗ ſen. Man muß leben; Sie ſind zu ſehr Mann von Welt, um dies nicht in dem wahren Lichte zu betrachten. Wir wollen die Sache auf die beſte Weiſe wieder gutmachen, die in unſern Kräften ſteht. Sie haben hier einen Hei⸗ rathsantrag, den mancher betitelte und begüterte Vater mit Freuden für ſein Kind annehmen würde. Herr Ar⸗ thur Gride mit einem fürſtlichen Vermögen. Denken Sie, welche Partie!« „Meine Tochter, Herr,« entgegnete Bray ſtolz, „würde, wie ich ſie erzogen habe, eine reichliche Ent⸗ ſchädigung für das größte Vermögen ſein, das ein Mann für ihre Hand bieten kann.« „Gerade das ſagte ich Ihnen,« antwortete der ſchlaue Ralph, indem er ſich zu ſeinem Freunde, dem alten Arthur, wendete.»Das iſt es eben, weshalb ich die Sache für vollkommen paſſend hielt. Es bleibt auf kei⸗ ner Seite eine Verpflichtung. Sie haben Geld und Fräulein Madeline beſitzt Schönheit und Würde. Sie beſitzt Jugend, Sie haben Geld. Sie beſitzt kein Geld, ——... wo 8 8— A K Nicolaus Nickleby. 3 113 Sie haben keine Jugend. Das für das,— quitt,— eine Ehe, wie ſie der Himmel nicht beſſer machen kann.« „»Die Ehen ſollen im Himmel geſchloſſen werden, ſagt man,“ ſetzte Arthur Gride hinzu, indem er auf ſei⸗ nen gewünſchten Schwiegervater einen häßlichen Schiel⸗ blick warf.»Werden wir ein Paar, ſo wird demnach nur eine Beſtimmung des Schickſals erfüllt.« »Dann bedenken Sie, Herr Bray,« ſagte Ralph, der ſchnell dieſem Argumente Berückſichtigungen unterſchob, welche in näherer Verbindung mit der Erde ſtanden, „bedenken Sie, was bei der Annahme oder Verwerfung der Anträge meines Freundes zu gewinnen und zu ver⸗ lieren iſt.·⸗— »Wie kann ich annehmen oder abweiſen,⸗ unterbrach ihn Herr Bray mit dem Bewußtſein, daß die Entſchei⸗ dung doch nur von ihm abhänge.„Hier hat nur meine Tochter anzunehmen oder abzuweiſen, nur meine Toch⸗ ter. Das wiſſen Sie.« »Sehr wahr,“« entgegnete Ralph pathetiſch;„»Ihnen bleibt aber doch immer die Macht, Rath zu ertheilen, die Gründe für und wider anzugeben, einen Wunſch auszudrücken.« »Einen Wunſch auszudrücken, Herr!« unterbrach der Schuldner, der abwechſelnd ſtolz und gemein, immer aber ſelbſtſüchtig war;„ich bin ihr Vater, nicht wahr? Warum ſollte ich einen Wunſch andeuten und auf den Buſch ſchlagen? Meinen Sie wie die Freunde ihrer Mutter und meine Feinde— verflucht ſollen ſie alle ſein!— ſie habe in dem, was ſie für mich gethan, et⸗ was anderes als ihre Pflicht gethan, etwas anderes als ihre Pflicht? Oder glauben Sie, weil ich unglücklich ge⸗ weſen, unſere beiderſeitige Stellung gegen einander ſei verändert worden, ſie können befehlen und ich müſſe ge⸗ Nicolaus Nickleby. WI. 8 114 Nieolaus Nickleby. horchen? Nun ja, einen Wunſch äußern! Vielleicht den⸗ ken Sie, weil Sie mich hier ſehen, kaum im Stande, dieſen Stuhl ohne Beiſtand zu verlaſſen, ich ſei ein ent⸗ muthigter abhängiger Menſch, der weder den Muth noch die Macht habe, das zu thun, was ich für mein Kind am vortheilhafteſten halte? Noch die Macht, einen Wunſch zu äußern! Ich hoffe es.“ „»Verzeihen Sie mir,« entgegnete Ralph, der ſeinen Mann genau kannte und ſeine Stellung darnach genom⸗ men hatte,»Sie laſſen mich nicht ausreden. Ich wollte ſagen, wenn Sie einen Wunſch äußerten, einen Wunſch nur andeuteten, ſo würde dies ſo viel ſein als ein Be⸗ fehl.« „»Das würde es allerdings ſein,« erwiederte Herr Bray im Tone des Unwillens.»Wenn Sie nicht zufäl⸗ lig von der Zeit gehört haben, ſo will ich Ihnen ſagen, daß es eine Zeit gab, in welcher ich Alles, Alles gegen die ganze Familie ihrer Mutter durchſetzte, ob ſie gleich die Macht und das Vermögen auf ihrer Seite hatten,— bloß durch meinen Willen.⸗ »Noch immer,« entgegnete Ralph ſo mild und ſanft als ſeine Natur es ihm geſtattete,„noch immer haben Sie mich nicht ausgehört. Sie ſind ein Mann, der noch immer in Geſellſchaften glänzen kann, und noch viele Jahre zu leben hat, das heißt, wenn Sie in freie⸗ rer Luft und unter heitererm Himmel leben und ſich Ihre Geſellſchafter ſelbſt wählen. Die vornehme Welt iſt Ihr Element und Sie haben früher darin geglänzt. Die Mode und Freiheit für Sie. Frankreich und ein Jahrgeld, von dem Sie dort glänzend leben könnten, würden Ihnen neue Lebenskraft geben, Sie in eine neue Erxiſtenz verſetzen. Die Stadt war ſonſt voll von Ihren koſtſpieligen Vergnügungen, und Sie könnten auf Nicolaus Nickleby. 115 einem neuen Schauplatze glänzen, wo Sie überdies die Erfahrung neben ſich hätten und ein wenig auf Anderer Koſten leben könnten, ſtatt Andere auf die Ihrigen leben zu laſſen. Und was zeigt die Rückſeite des Bildes? Was finden Sie da? Ich weiß nicht, welches der nächſte Gottesacker iſt, aber ein Grabſtein dort, wo er auch ſein mag, und die Jahrzahl,— vielleicht in zwei Jah⸗ ren ſchon, vielleicht erſt in zwanzig.⸗ Herr Bray ſtemmte ſeinen Elbogen auf die Armlehne des Stuhles und hielt die Hand über das Geſicht. „Ich ſpreche offen und deutlich,« ſagte Ralph, der ſich neben ihn⸗ niederſetzte,»weil ich lebhaft fühle. Es iſt mein Vortheil, daß Sie Ihre Tochter mit meinem Freunde Gride verheirathen, weil er dann dafür ſorgen wird, daß ich bezahlt werde, wenigſtens zum Theil. Ich verheimliche nichts. Ich erkenne es offen an. Aber welches Intereſſe haben Sie, ihr einen ſolchen Schritt anzuempfehlen? Das behalten Sie wohl im Auge. Sie könnte wohl Einwendungen machen, Thränen vergießen, darauf hinweiſen, daß er zu alt ſei und verſichern, ſie werde für ihr ganzes Leben unglücklich gemacht. Aber wie iſt es jetzt?« Einige leichte Geberden von Seiten des Kranken zeigten, daß dieſe Gründe in ihm ihre Wirkſamkeit nicht verfehlaten, ber es entging auch nicht das Geringſte in ſeinem Benehmen den aufmerkſamen Ralph. »Was iſt ihr Leben jetzt, frage ich?« fuhr der ſchlaue Wucherer fort,»oder welche Ausſicht hat ſie auf eine Verbeſſerung? Wenn Sie ſterben, nun ja, da werden die Leute, welche Sie haſſen, ſie glücklich machen. Aber können Sie den Gedanken daran ertragen?« »Nein!« entgegnete Herr Bray im Rachedurſte, den er nicht zu unterdrücken vermochte. 116 Nicolaus Nickleby. »Ich kann es mir denken,« fuhr Ralph ruhig fort. »Wenn ſie einen Gewinn durch Jemandes Tod haben ſoll«— dies ſagte er in leiſerm Tone—,»ſo mag es durch den ihres Mannes geſchehen. Sorgen Sie dafür, daß ſie nicht nach dem Ihrigen ſich ſehnt als einer Zeit, von welcher an für ſie ein glücklicheres Leben beginnen könnte. Wo iſt der Einwurf? Sprechen Sie ihn aus. Wie heißt der Einwand? Daß der Bewerber ein alter Mann iſt? Wie oft verheirathen Männer von Fa⸗ milie und Vermögen, denen Ihre Entſchuldigung ganz abgeht, denen vielmehr alle Hülfsmittel und jeder Ueber⸗ fluß im Leben zu Gebote ſtehen, wie oft verheirathen ſie, ſage ich, ihre Töchter an alte Männer oder(was noch ſchlimmer iſt) an junge Männer ohne Kopf und Herz, bloß um irgend einer Eitelkeit zu kitzeln, irgend ein Familienintereſſe zu befeſtigen oder ſich einen Sitz im Parlemente zu ſichern. Leiten Sie Ihre Tochter durch Ihr Urtheil. Sie müſſen ſolche Dinge am beſten ver⸗ ſtehen und ſie wird es Ihnen ſpäter noch Dank wiſſen.« »Still! Still!« rief Bray, der ſich plötzlich aufrich⸗ tete und Ralph mit zitternder Hand den Mund zuhielt. »Ich höre ſie an der Thür.« Es lag in der Schaam und dem Schrecken dieſer ha⸗ ſtigen Handlung ein Strahl von Gewiſſen, der in einem Augenblicke die ſchwache Nebelhülle der Sophiſterei von dem grauſamen Plane verſcheuchte und denſelben in ſei⸗ ner ganzen Niederträchtigkeit und herzloſen Abſcheulich⸗ keit erkennen ließ. Der Vater ſank bleich und zitternd in den Stuhl zurück; Arthur Gride zupfte und ſtrich an ſeinem Hute herum und wagte gar nicht die Augen von dem Boden zu erheben; ſelbſt Ralph zog ſich einen Au⸗ genblick zuſammen wie ein geſchlagener Hund, als das unſchuldige junge Mädchen erſchien. t — ¶ Aà— Qo u— Nicolaus Nickleby. 117 Die Wirkung war jedoch eben ſo kurz als plötzlich. Ralph faßte ſich zuerſt wieder, bat das arme Mädchen, als er deren ängſtliches und beſorgtes Ausſehen be⸗ merkte, ſich zu beruhigen und verſicherte, es ſei durch⸗ aus kein Grund zu Beſorgniß vorhanden. »Ein plötzlicher Krampfanfall,« ſagte Ralph mit ei⸗ nem Blicke auf Bray.»Es iſt bereits wieder vorüber.« Der Anblick, wie das junge ſchöne Mädchen, über deren ſicheres Elend ſie ſich noch eine Minute vorher berathen hatten, ihre Arme um den Hals des Vaters ſchlang und Worte der zärtlichſten Theilnahme und Liebe ſprach, die ſüßeſten, welche eines Vaters Ohr hören oder die Lippen eines Kindes bilden kann, war wohl geeignet, ein hartes, weltliches Herz zu rühren. Ralph ſah es kaltblütig mit an; Arthur Gride, deſſen Trief⸗ augen nur nach den körperlichen Reizen lüſtern blinzel⸗ ten und blind gegen den Geiſt waren, der in dem ſchö⸗ nen Körper waltete, zeigte allerdings eine gewiſſe Wärme, aber freilich nicht die Gefühlswärme, welche gewöhnlich der Anblick der Tugend erregt. »Madeline,« ſagte endlich ihr Vater, indem er ſich ſanft von ihr losmachte,»es war nichts.⸗ »Aber Du hatteſt den Krampf ſchon geſtern und es iſt ſchrecklich, Dich ſo leiden zu ſehen. Kann ich nichts für Dich thun?« „Jetzt nichts. Hier ſind zwei Herren, von denen Du den Einen bereits früher geſehen haſt. Sie ſagte oft,« ſetzte Herr Bray, an Arthur Gride gewendet, hinzu, »mein Zuſtand verſchlimmere ſich immer, wenn ich⸗Sie geſehen. Das war natürlich nach dem, was ſie von unſerer Verbindung und deren Folgen wußte. Vielleicht ändert ſie ihre Anſicht darüber; Sie wiſſen, den Mäd⸗ 118 Nicolaus Nickleby. chen erlaubt man ſchon einen Wechſel ihrer Anſichten. Du biſt wohl ſehr ermüdet?« »O nein, gar nicht.« »Du biſt es doch. Du arbeiteſt zu viel.« »Ich wünſche, ich könnte noch mehr thun.⸗ »Das weiß ich wohl, aber Du ſtrengſt Deine Kräfte zu ſehr an. Dieſes armſelige Leben, liebes Kind, von täglicher Arbeit und Anſtrengung iſt mehr als Du er⸗ tragen kannſt, ich weiß es recht wohl. Arme Madelinel⸗« Mit dieſen und vielen andern freundlichen Worten zog Herr Bray ſeine Tochter an ſich und küßte ſie liebe⸗ voll auf die Wange. Ralph, der ihn unterdeß ſcharf und genau beobachtete, ging nach der Thür zu und winkte Gride, ihm zu folgen. »Sie werden mit uns wieder darüber ſprechen?⸗ fragte Ralph. »Ja, ja,“ entgegnete Bray, der haſtig ſeine Tochter bei Seite ſchob.»In einer Woche. Geſtatten Sie mir eine Woche Zeit.« »Eine Woche,« ſagte Ralph zu ſeinem Begleiter, »von heute an. Guten Morgen. Fräulein Madeline, ich küß' Ihnen die Hand.«⸗ »Ihre Hand, Herr Gride,« ſagte Herr Bray, der die ſeinige ausſtreckte, als ſich der alte Arthur verbeugte. »Wenn ich Ihnen Geld ſchuldig war, ſo war dies nicht neine Schuld. Madeline, liebes Kind, Deine Hand—« »Ah! Wenn das ſchöne Fräulein erlauben wollte,— nur die Spitzen ihrer Finger,« ſagte Arthur zögernd und ſcheu zurücktretend. Madeline ſchrak unwillkürlich vor der Koboldgeſtalt zurück, legte jedoch die Finger⸗ ſpitzen in ſeine Hand und zog ſie ſchnell wieder zurück. Nach einem vergeblichen Griffe, der dieſelben feſthalten und an ſeine Lippen führen ſollte, küßte der alte Arthur —-—— n. —-—— Nicolaus Nickleby. 119 ſeine eigenen Finger, verzerrte verliebt und lüſtern das Geſicht und folgte ſeinem Freunde, der unterdeß ſchon die Straße erreicht hatte. »Was ſagt er, was ſagt er, was ſagt der Rieſe zu dem Zwerge?« fragte Arthur Gride, indem er Ralph nachhinkte. »Was ſagt der Zwerg zu dem Rieſen?« entgegnete Ralph, der die Augenbrauen emporzog und auf den Fragenden hinunterblickte. »Er weiß nicht, was er ſagen ſoll,« antwortete Ar⸗ thur Gride.»Er hofft und fürchtet. Aber iſt ſie nicht ein wahrer Leckerbiſſen?« 4 »Ich verſtehe mich nicht ſehr auf Schönheit,« brummte Ralph. »Aber ich,« entgegnete Arthur, der ſich die Hände rieb.»Ach, lieber Gott; Wie ſchön waren ihre Augen, als ſie ſich über ihn bog— ſolche lange Wimpern, ſo ſchöne Lieder! Sie— ſie ſah mich ſo ſanft an!« »Nicht eben übermäßig liebevoll, denke ich,« meinte 2ʃ Ralph.»Nicht wahr?« »Sie meinen nicht?« erwiederte der alte Arthur. »Glauben Sie aber nicht, daß es dahin gebracht wer⸗ den kann— glauben Sie es nicht?« Ralph ſah ihn mit einem verächtlichen finſtern Blicke an und antwortete, zwiſchen den Zähnen murmelnd: »Bemerkten Sie, daß er ihr ſagte, ſie ſei ſehr er⸗ ſchöpft, und arbeite zu viel und ſtrenge ihre Kräfte zu ſehr an?« »Ja, ja. Was iſt damit?« »Glauben Sie, daß er dies jemals vorher geſagt hat? Das Leben iſt mehr als ſie ertragen kann. Ja, ja. Er wird es für ſie ändern.« »Meinen Sie, es werde gehen?« fragte der alte 120 Nicolaus Nickleby. Arthur, indem er ſeinen Begleiter mit halb zugedrückten Augen ſcharf in das Geſicht ſah. »Ich bin feſt davon überzeugt,« antwortete Ralph. »Er verſucht ſich ſelbſt zu täuſchen, ſelbſt vor unſern Augen, bereits,— er redete ſich ein, er denke nur an ihr Wohl, nicht an das ſeinige,— er ſpielte den Tugend⸗ haften, und zwar ſo überlegt, ſo liebevoll, daß ſeine Tochter an ihm ganz irre ward. Ich ſah eine Thräne der Ueberraſchung in ihren Augen. Sie wird in Kurzem noch einige Thränen der Ueberraſchung vergießen müſ⸗ ſen, freilich einer andern Art. Wir können dem feſtge⸗ ſetzten Tage mit Vertrauen entgegenſehen.⸗ Sechstes Kapitel. Zum Vortheil für Herrn Vincenz Erummles und deſſen unwi⸗ derruflich letztes Auftreten auf dieſem Schauplatze. Mit ſehr betrübtem und ſchweren Herzen, unter man⸗ cherlei peinlichen Gedanken, kehrte Nicolaus zurück nach 4 dem Comptoire der Gebrüder Cheeryble. Alle eiteln Hoff, nungen, die er gehegt, alle gefälligen, freundlichen Träume, die in ſeinem Herzen entſtanden waren und ſich um das liebliche, reizende Bild der Madeline Bray gruppirt hatten, waren nun verſchwunden und hatten keine Spur von ihrem heitern Glanze zurückgelaſſen. Es wäre ein ärmliches Kompliment für die beſſere Natur Nickleby's, eins, das er überdies durchaus nicht verdiente, wenn man andeuten wollte, die Löſung und zwar eine ſolche Löſung des Geheimniſſes, das Made⸗ Nicolaus Nickleby. 121 linen Bray umgeben hatte, als er noch nicht einmal ihren Namen kannte, habe ſeinen Eifer gedämpft oder die Gluth ſeiner Bewunderung abgekühlt. Hatte er ſie früher mit der Leidenſchaft betrachtet, wie ſie junge Män⸗ ner fühlen mögen, die ſich durch bloße Schönheit und Eleganz beſtechen laſſen, ſo war er ſich jetzt tieferer und ſtärkerer Gefühle bewußt. Aber die Ehrfurcht vor der Reinheit und Wahrheit ihres Herzens, die Achtung für die Hülfloſigkeit und Verlaſſenheit ihrer Lage, die Theil⸗ nahme an den Leiden eines ſo jungen und ſo ſchönen Mädchens und die Bewunderung ihres großen und edeln Geiſtes, alles ſchien ſie weit, weit über ihn zu heben und, während es ſeiner Liebe mehr Innigkeit und Adel gab, ihm zuzuflüſtern, ſie ſei hoffnungslos. »Ich werde das Verſprechen halten, das ich ihr ge⸗ geben habe,« ſagte Nicolaus männlich ſtark.»Es iſt kein gewöhnlicher Auftrag, den ich zu erfüllen habe, und ich werde die doppelte Pflicht, die mir auferlegt iſt, ge⸗ wiſſenhaft und genau vollziehen. Meine eigenen Ge⸗ fühle verdienen in einem Falle wie dieſer keine Berück⸗ ſichtigung, und ſie ſollen auch keine finden.« Seine eigenen Gefühle beſtanden indeß fort wie vor⸗ her, und im Stillen begünſtigte Nicolaus ſie mehr als 1 ſonſt, indem er dachte(wenn er überhaupt dachte), ſie 4 könnten Niemandem außer höchſtens ihm ſelbſt ſchaden, und wie er ſie aus Pflichttreue für ſich ſelbſt behalte, habe er noch ein beſonderes Recht, ſie zu hegen als ei⸗ nen Lohn für ſeinen Heldenmuth. Alle dieſe Gedanken, verbunden mit dem, was er die⸗ ſen Morgen geſehen hatte und dem, was wohl ſein nächſter Beſuch bringen würde, beſchäftigten ihn ſo, daß er auf nichts um ſich her achtete, ſo, daß Timotheus Linkin⸗ water muthmaßte und fürchtete, er möge ſich irgendwo ““ 1 8 122 Nicolaus Nickleby. in einer Zahl geirrt haben, was ihm nun keine Ruhe laſſe, und ihn deshalb ernſtlich erſuchte, wenn dies der Fall ſei, mit der Sprache herauszugehen und die falſche Zahl lieber auszukratzen als ſich ſein ganzes Leben durch die Qualen der Reue verbittern zu laſſen. In Erwiederung auf dieſe klugen Vorſtellungen und viele andere, die ihm ſowohl Timotheus als Frank machte, entgegnete Nicolaus durchaus nichts weiter, als daß er in ſeinem Leben nicht heiterer und vergnügter geweſen ſei. So ging es den ganzen Tag fort und ſo ging er Abends nach Hauſe, immer mit einem und dem⸗: ſelben Gegenſtande beſchäftiget, immer an ein und daſ⸗ ſelbe denkend und immer wieder zu demſelben Schluſſe gelangend. In dieſem gedankenvollen, ungewiſſen Zuſtande pflegt man umherzuſchlendern ohne zu wiſſen warum, Anſchlags⸗ zettel an den Mauern mit großer Aufmerkſamkeit zu le⸗ ſen, ohne im mindeſten eine Idee von einem Worte ih⸗ res Inhaltes zu haben, und ſehr ernſt durch Ladenfen⸗ ſter auf Dinge zu ſtarren, die man dennoch nicht ſieht. So geſchah es auch, daß Nicolaus mit dem höchſten Intereſſe einen großen Theaterzettel anſah, der an einem der kleinern Theater hing, an welchem er auf ſeinem Wege nach Hauſe vorübergehen mußte, und ein Ver⸗ zeichniß von Schauſpielern und Schauſpielerinnen las, welche verſprachen, alle ihre Kräfte aufzubieten, ſo ernſt las, als wäre das Buch des Schickſals vor ihm aufge⸗ ſchlagen und als ſuche er nach ſeinem eigenen Namen. Mit einem Lächeln über ſeine Einfalt warf er endlich noch einen Blick auf das obere Ende des Zettels, als er eben weiter gehen wollte, und ſah da mit mächtig gro⸗ ßen Buchſtaben angekündiget,»unwiderruflich das aller⸗ letzte Auftreten des Herrn Vincenz Crummles.« 1 Nieolaus Nickleby. 123 „»Dummes Zeug!“« dachte Nicolaus bei ſich, indem er ſich wieder umdrehete.»Es kann nicht ſein.«⸗ Es war aber doch ſo. In einer Zeile ſtand die An⸗ kündigung der erſten Aufführung eines neuen Melodra⸗ ma's; in einer andern die Ankündigung eines alten für die nächſten ſechs Abende; eine dritte meldete das neue Engagement des unvergleichlichen afrikaniſchen Meſſer⸗ verſchluckers, der die Gefälligkeit gehabt habe, ſich über⸗ reden zu laſſen, vor dem Antritte ſeines Engagements in der Provinz noch eine Woche länger hier zu bleiben; eine vierte Zeile machte bekannt, daß Herr Snittle Tim⸗ berry, nach ſeiner Geneſung von ſchwerer Krankheit, die Ehre haben werde, dieſen Abend zum Erſtenmale wieder aufzutreten, und eine fünfte Zeile endlich erklärte, daß Herr Vincenz Crummles dieſen Abend unfehlbar zum Letzten⸗ male erſcheinen werde. „»Es muß derſelbe Mann ſein,« dachte Nicolaus. »Zwei Vincenz Crummles hat die Natur nicht geſchaffen.⸗ Um über die Sache ins Reine zu kommen, wendete er ſich noch einmal an den Zettel, und als er da fand, daß in dem erſten Stücke ein Baron vorkomme und daß Roberto(ſein Sohn) von einem Herrn Crummles, und Spalatro(ſein Neffe) von einem Herrn Perchy Crummles — beider letztes Auftreten— geſpielt werden würde, daß in das Stück ein Charaktertanz und ein Caſtagnetten⸗ pas seul, ausgeführt von dem Wunderkinde— zum Letz⸗ tenmale— eingelegt ſei, zweifelte er nicht länger. Er ging an die zur Bühne führende Thür, ſchickte ein Stück⸗ chen Papier hinein, auf das er mit Bleiſtift»Johnſon« geſchrieben hatte, und wurde gleich darauf von einem Räuber mit einem ſehr breiten Gürtel, einem Jagdhorn und großen Fauſthandſchuhen, zu ſeinem frühern Direk⸗ tor geführt. 124 Nicolaus Nickleby. Herr Crummles freute ſich aufrichtig, ihn zu ſehen, ſprang vor einem kleinen Spiegel auf, obgleich er eine ſehr buſchige Augenbraue krumm über das linke Auge gelegt hatte und die für das andere Auge beſtimmte, ſo wie die Wade von einem Beine in der Hand hielt, um⸗ armte ihn herzlich und bemerkte zu gleicher Zeit, Ma⸗ dame Crummles werde ſich ſehr freuen, vor der Abreiſe von ihm Abſchied nehmen zu können. „»Sie waren immer ein Liebling von ihr, Herr John⸗ ſon,« ſagte Erummles,»immer und vom Anfange an. Ich war Ihretwegen von dem Tage an, da Sie zuerſt bei uns aßen, ganz unbeſorgt, denn jeder, für welchen Madame Crummles eine Vorliebe faßte, ſchlug vollkom⸗ men ein. Ah, Johnſon, das iſt eine Frau!« „Ich bin ihr aufrichtig verbunden für ihre Freund⸗ lichkeit in dieſer und jeder andern Hinſicht,« ſagte Nico⸗ laus.»Aber wohin reiſen Sie, da Sie vom Abſchied⸗ nehmen ſprechen?« »Haben Sie es nicht in den Zeitungen geleſen?e fragte Crummles mit einer gewiſſen Würde. „»Nein,« antwortete Nicolaus. »Das wundert mich,« ſetzte der Direktor hinzu.»Es ſtand unter den vermiſchten Nachrichten. Ich habe den Artikel gehabt, wo denn gleich?— Ach ja, da iſt er.« Mit dieſen Worten zog Crummles, nachdem er ver⸗ ſichert, er ſei der Meinung geweſen, das Papier verlo⸗ ren zu haben, ein zollgroßes Stück von einer Zeitung aus der Taſche der Beinkleider, die er im Privatleben trug(die nebſt den Privatkleidungsſtücken einiger anderer Herren auf Tiſchen und Stühlen umherlagen) und gab es Nicolaus, der dann las: „»Der talentvolle Vincenz Crummles, lange vortheil⸗ haft als Provinzialbühnendirektor und Künſtler von nicht —— —— Nieolaus Nickleby. 125 gewöhnlicher Art bekannt, wird auf einer Bühnenexpedi⸗ tion über den Ocean ſegeln. Crummles wird, wie wir hören, von ſeiner Frau und talentvollen Familie be⸗ gleitet werden. Wir kennen Niemand, der Crummles in ſeinem Fache überträfe und Keinen, der als öffent⸗ licher Charakter wie als Privatmann die beſten Wünſche einer größern Anzahl von Freunden mit ſich nehmen könnte. Der Erfolg iſt ihm gewiß.« »Da iſt noch ein Stück,« ſagte Crummles, indem er Nicolaus ein noch kleineres Streiſchen reichte, der laut las: »Philodramaticus— Crummles, der Provinzialbüh⸗ nendirektor und Schauſpieler, kann nicht über 43 oder 44 Jahre alt ſein. Crummles iſt kein Preuße, ſon⸗ dern in Chelſea geboren.«“—„»Das iſt eine ſeltſame Anzeige,« meinte Nicolaus. »Sehr,« entgegnete Crummles, indem er ſich an ei⸗ nem Naſenflügel kratzte und Nicolaus mit einer ſehr wichtigen Miene anſah.»Ich kann es mir nicht denken, wer ſolche Sachen in die Zeitungen ſetzen läßt. Ich begreife es nicht.« »Dabei ſchüttelte Crummles, ohne die Augen von Nicolaus abzuwenden, einigemal höchſt gravitätiſch den Kopf und bemerkte, er könne ſich durchaus nicht erklären, wie die Zeitungen ſolche Dinge ausfindig machten. Dann legte er die Zeitungsſtückchen zuſammen und ſteckte ſie wieder in die Taſche. »„Ich bin über dieſe Neuigkeit ganz erſtaunt,« ſagte Nicolaus.»Nach Amerika! Sie dachten daran noch nicht als ich bei Ihnen war.⸗ »Nein,« antwortete Crummles,»damals ging ich noch nicht mit dieſer Idee um. Eigentlich hat Madame Crummles— eine außerordentliche Frau, Johnſon⸗— 126 Nicolaus Nickloeby. hier brach er ab und flüſterte Nicolaus etwas in das Ohr. »Ahl« ſagte dieſer lächelnd.»Die Ausſicht auf eine Vermehrung Ihrer Familie?« »Das ſiebente, Johnſon,« entgegnete Herr Crummles feierlich.»Ich glaubte, nach einem Kinde wie das Wun⸗ dermädchen könne nichts mehr kommen; es ſcheint aber, wir ſollen noch eins erhalten. Sie iſt ein ganz unge⸗ wöhnliches Weib.« »Ich gratulire,« ſagte Nicolaus,»und hoffe, es werde ebenfalls ein Wunderkind ſein.« „»Das es etwas Ungewöhnliches wird, bin ich ſo ziemlich überzeugt,“ entgegnete Crummles.»Das Talent der drei andern zeigt ſich hauptſächlich im Kampfe und ernſter Pantomime. Mir wäre es recht, wenn das An⸗ kommende Anlage zur Tragödie hätte; ich höre, ſo et⸗ was fehlt in Amerika ganz und gar. Indeſſen wir müſ⸗ ſen nehmen, was wir bekommen und Gott für alles danken. Vielleicht hat das Kind Anlage zum Seiltanz. Etwas Ausgezeichnetes muß es ſein, Herr Johnſon, wenn es nach der Mutter geräth, denn ſie iſt ein Uni⸗ verſalgenie, und das Genie mag ſich zeigen, wo und in was es will, entwickelt ſoll es gewiß werden.« Während er ſo ſprach, befeſtigte Herr Crummles die beiden buſchigen Augenbrauen und die Wade und zog dann die fleiſchfarbigen Tricots an, welche an den Knieen von dem häufigen Niederfallen bei Schwören, Beten, letzten Kämpfen ꝛc. ziemlich ſchmutzig waren. Dann erzählte er Nicolaus, er werde ſich in Amerika ziemlich gut ſtehen, da es ihm gelungen ſey, ein ſehr vortheilhaftes Engagement zu erhalten, und er habe ſich vorgenommen, da er und ſeine Frau nicht hoffen könn⸗ ten, ewig zu ſpielen, weil ſie ja nicht unſterblich wä⸗ SSͤSn —.—— Nicolaus Nickleby. 127 ren— außer im Munde der Fama und im ſigürlichen Sinne—, dort zu bleiben, weil er hoffe, ſich ein Stück Land kaufen zu können, das ſie im Alter nähre und das er einmal ſeinen Kindern hinterlaſſen könne. Nicolaus lobte dieſen Vorſatz ſehr und Crummles gab ihm ſodann Auskunft über ihre beiderſeitigen Freunde; unter anderm erzählte er, Fräulein Snevellicei ſei glücklich verheira⸗ thet mit einem wohlhabenden jungen Seifenſieder, wel⸗ cher die Lichter für das Theater geliefert habe, und Herr Lillyvick dürfe nicht behaupten, ſeine Seele ſei ſein Ei⸗ genthum, ſo tyranniſch und unbeſchränkt herrſche Ma⸗ dame Lillyvick über ihn. Nicolaus erwiederte dieſes Vertrauen von Seiten des Herrn Crummles dadurch, daß er ihm ſeinen wah⸗ ren Namen, ſeinen Stand und ſeine Ausſichten entdeckte, und mit ſo wenigen Worten als möglich die Umſtände mittheilte, welche zu ihrer erſten Bekanntſchaft gefuͤhrt haben. Nachdem ihm Crummles wegen ſeiner verbeſſer⸗ ten Lage Glück gewünſcht, ſagte eer ihm, er werde am nächſten Tage nach Liverpool aufbrechen, wo das Schiff liege, das ihn von England forttragen ſolle, und wenn Nicolaus wünſche, der Madame Crummles ein letztes Lebewohl zu ſagen, müſſe er ihn noch dieſen Abend zu einem Abſchiedsabendeſſen begleiten, das in einem Wirthshauſe in der Nähe zu Ehren der Familie gegeben werde. Da das Ankleidezimmer jetzt ziemlich warm und auch ziemlich voll war, indem vier Herren ſich eingefunden, die einander ſich in dem aufgeführten Stücke eben umge⸗ bracht hatten, ſo nahm Nicolaus die Einladung an und verſprach nach dem Schluſſe der Vorſtellung wiederzu⸗ kommen, indem er die kühle Luft und das Zwielicht draußen dem Geruch von Gas, Apfelſinenſchalen und 128 Nicolaus Nickleby. Schießpulver vorzog, welcher das ganze glühendheiße Theater erfüllte. Er benutzte dieſe Zwiſchenzeit, um eine ſilberne Schnupftabacksdoſe, die beſte, welche ſein Geldvorrath geſtattete, als ein Erinnerungszeichen für Herrn Crumm⸗ les zu kaufen, ferner ein Paar Ohrringe für Madame Crummles, ein Halsband für das Wundermädchen und eine blitzende Buſennadel für jeden der jungen Herren Crummles, dann erfriſchte er ſich durch einen Spazier⸗ gang, kam etwas nach der beſtimmten Zeit zurück, fand die Lichter verlöſcht, das Theater leer, den Vorhang heruntergelaſſen und Herrn Crummles, ihn erwartend, auf der Bühne auf⸗ und abgehend. »Timberry wird bald kommen,« ſagte Crummles. »Er war bis zuletzt auf der Bühne, ſpielte einen treuen Neger im letzten Stücke und er braucht nur eine etwas längere Zeit, um ſich wieder rein zu waſchen.“ »Eine ſehr unangenehme Rolle, meiner Meinung nach,« bemerkte Nicolaus. »Daß ich nicht wüßte,« entgegnete Herr Crummles, „die Farbe geht leicht wieder ab, und es iſt ja auch nur das Geſicht und der Hals zu ſchwärzen. Wir haben aber einmal in unſerer Geſellſchaft einen erſten Helden, der, wenn er den Othello ſpielte, ſich über und über ſchwarz machte. Das iſt Geſchmacksſache.« Jetzt erſchien Herr Snittle Timberry, Arm in Arm mit dem afrikaniſchen Meſſerverſchlinger, hob, als er Nicolaus vorgeſtellt war, ſeinen Hut eine halbe Elle empor und ſagte, er ſei ſtolz darauf, ihn kennen zu ler⸗ nen. Daſſelbe ſagte der Meſſerverſchlinger, der einem Irländer merkwürdig ähnlich ſah und auch wie ein ſol⸗ cher ſprach. 4 „Ich ſehe auf dem Zettel, daß Sie krank geweſen — Nicolaus Nickleby. 129 ſind,« ſagte Nicolaus zu Timberry,»und hoffe, die heu⸗ tige Anſtrengung möge Ihnen nicht nachtheilig geweſen ſein.« 4 Herr Timberry ſchüttelte als Antwort betrübt den Kopf, ſchlug mehrmals ſehr bedeutungsvoll auf ſeine Bruſt, zog den Mantel feſter um ſich und ſagte:»Hat nichts zu bedeuten,— hat nichts zu bedeuten. Fort nun!« »Das iſt eine Freude, die ich nicht erwartet hatte,« ſagte Madame Crummles, als Nicolaus ihr vorgeſtellt wurde. »Auch ich konnte ſie nicht hoffen,« entgegnete Ni⸗ colaus.»Ein bloßer Zufall giebt mir die Gelegen⸗ heit, Sie zu ſehen, obgleich ich gern ein Opfer gebracht hätte, dies möglich zu machen.« »Hier iſt auch Jemand, den Sie kennen,« ſagte Ma⸗ dame Crummles, indem ſie das Wundermädchen herbei⸗ zog, das ein blaues Gazekleid mit großen Falbeln und gleiche Beinkleider trug,„und da noch Einer— und noch Einer,« wobei ſie ihre hoffnungsvollen Söhne vor⸗ ſtellte.»Wie geht es Ihrem Freunde, dem treuen Digby? »Digby?« fragte Nicolaus, der in dieſem Augen⸗ blicke ſich nicht erinnerte, daß dies Smike's Schauſpie⸗ lername geweſen war.—»Ach ja. Er iſt— wie ſoll ich ſagen?— er iſt vom Wohlbefinden weit entfernt.« „»Wie?« rief Madame Crummles, indem ſie tragiſch zurückfuhr. »Ich fürchte,« ſagte Nicolaus kopfſchüttelnd und in⸗ dem er zu lächeln verſuchte,»Ihre beſſere Hälfte würde jetzt vor ihm ſich noch mehr entſetzen als je.⸗ »Was meinen Sie damit?« erwiederte Madame Crummles.»Woher dieſer ganz veränderte Ton?«⸗ Nicolaus Nickleby. VI. 9 Nicolaus Nickleby. »„Ich meine, ein boshafter Feind hat durch ihn mich zu treffen geſucht und verurſacht ihm, während er mich zu quälen glaubt, ſolche Schreckenspein,— aber Sie entſchuldigen mich gewiß,« unterbrach ſich Nicolaus. »„Ich ſollte davon nicht ſprechen, ich thue es eigentlich auch nur gegen die, welche die Umſtände kennen und vergaß mich jetzt nur einen Augenblick.« Nach dieſer Entſchuldigung bückte ſich Nicolaus, um das Wunderkind zu begrüßen und brachte das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand, während er bei ſich ſeine Uebereilung verwünſchte und ſich fragte, was wohl Ma⸗ dame Crummles über dieſen plötzlichen Ausbruch denken möge. Dieſe Frau ſchien daran ſehr wenig zu denken, denn da in dieſem Augenblicke aufgetragen wurde, reichte ſie Nicolaus ihre Hand und begab ſich mit ſtattlichem Schritte an die linke Hand des Vorſitzenden, Herrn Snittle Timberry. Herr Crummles ſaß zur Rechten deſſelben, während die Kinder neben dem Vicepräſidenten, dem afrikaniſchen Meſſerverſchlinger, ihren Platz hatten. Die Geſellſchaft beſtand aus fünfundzwanzig bis dreißig Perſonen, den engagirten und nicht engagirten Mitgliedern des Theaters oder Bühnenkünſtlern, welche zu den vertrauteſten Freunden des Herrn und der Ma⸗ dame Crummles gehörten. Die Zahl der Herren und Damen war ſich ziemlich gleich; die Koſten des Abend⸗ eſſens wurden von den Erſtern beſtritten, von denen Jeder d.s Recht hatte, eine der Letztern als Gaſt mitzubringen. Im Ganzen war die Geſellſchaft eine ſehr ausge⸗ zeichnete, denn außer den kleinern Bühnenlichtern, welche bei dieſer Gelegenheit um Snittle Timberry ſich grup⸗ pirt hatten, war auch ein Dichter anweſend, der bereits zweihundert und ſiebenundvierzig Erzählungen, gleich 130 —†p —— —˖— —2— 4u ⁹ ⁸ Nicolaus Nickleby. 131 nach dem Erſcheinen derſelben, manche noch früher, dra⸗ matiſirt hatte und der demzufolge wirklich ein Dichter war. Dieſer Herr ſaß Nicolaus zur Linken, dem er von ſeinem Freunde, dem afrikaniſchen Verſchlinger, unten von der Tafel herauf mit einem gewaltigen Lobpſalme vorgeſtellt wurde. „Ich ſchätze mich glücklich, einen ſo ausgezeichneten Mann kennen zu lernen,« ſagte Nicolaus artig. »Mein Herr,« antwortete der Schöngeiſt,»Sie ſind hier gewiß ſehr willkommen. Die Ehre iſt gegenſeitig, wie ich zu ſagen pflege, wenn ich ein Buch dramatiſire. Hörten Sie jemals eine Definition von Ruhm?2« »Ich habe allerdings einige gehört,« antwortete Ni⸗ colaus mit einem Lächeln.»Wie lautet die Ihrige?« „»Wenn ich ein Buch dramatiſire,« ſagte der Bühnen⸗ dichter,»ſo iſt das Ruhm— für den Verfaſſer.«⸗ »Wirklich?« entgegnete Nicolaus. »Das iſt Ruhm,« wiederholte der Dichter. »Shakſpeare dramatiſirte allerdings auch Geſchich⸗ ten, die vorher im Druck erſchienen waren,« bemerkte Nicolaus. »Ja, das that er, er ſchnitt für die Bühne zu und bisweilen gar nicht übel, wenn man bedenkt—« »Ich wollte ſagen,« erwiederte Nicolaus,»Shakſpeare nahm das Sujet zu einigen ſeiner Stücke aus alten all⸗ gemein bekannten Geſchichten und Erzählungen, einige von Ihnen aber ſcheinen ihn ſehr weit übertroffen zu haben e „»Da haben Sie völlig Recht,« unterbrach ihn der Bühnendichter, indem er ſich in dem Stuhle zurücklehnte und ſeinen Zahnſtocher handhabte.»Der menſchliche Geiſt 9*. 132 Nicolaus Nickleby. hat ſeitdem Fortſchritte gemacht, ſchreitet noch fort, wird noch weiter fortſchreiten.«⸗— »Ihn übertroffen zu haben, mein' ich,« nahm Nico⸗ laus wieder das Wort,»in ganz anderer Hinſicht, denn während er in den Zauberkreis ſeines Genies Sagen zog, die ſich für ſeinen Zweck beſonders eigneten und gewöhnliche Dinge in Zuſammenſtellungen brachte, welche die Welt auf Jahrhunderte erleuchten ſollten, ziehen Sie in den Zauberkreis Ihrer Albernheit Gegenſtände, die ſich gar nicht für die Bühne eignen und erniedrigen, ſtatt daß er erhöhete. Sie nehmen z. B. die unvollendeten Bücher noch lebender Schriftſteller friſch ihm aus den Händen, naß aus der Preſſe, ſchneiden, zerren und zie⸗ hen ſie, um ſie den Fähigkeiten Ihrer Schauſpieler und Ihren Theatern anzupaſſen, vollenden unvollendete Werke, flicken an Ideen herum, die von ihrem urſprünglichen Urheber noch nicht völlig ausgearbeitet ſind, die ihm aber gewiß manches Nachdenken und manche ſchlafloſe Nächte gekoſtet haben; ſtrengen ſich an, aus gewiſſen Ereigniſſen, Andeutungen und Geſprächen bis zu dem letzten Worte, das der Verfaſſer vielleicht vor vierzehn Tagen ſchrieb, die endliche Entwickelung zu errathen, und alles dies ohne ſeine Erlaubniß und gegen ſeinen Willen, und geben dann, um dem Ganzen die Krone aufzuſetzen, in einem ärmlichen Heftchen einen Miſchmaſch von unzuſammenhängenden Auszügen aus ſeinem Werke heraus, worauf Sie Ihren Namen als Verfaſſer nebſt der ehrenwerthen Auszeichnung ſetzen, daß Sie ſchon hundert andere ſolche Abſcheulichkeiten begangen haben. Nun ſagen Ste mir, was für ein Unterſchied findet zwi⸗ ſchen dieſer Plünderung und einem Taſchendiebſtahle auf der Straße Statt, wenn er nicht darin liegt, daß die Ge⸗ ſetze die Taſchentücher ſchützen, den Hirnſchädel der Leute Nicolaus Nickleby. aber, außer wenn man ihn mit Gewalt einſchlägt, ſchutz⸗ los laſſen*).« »Die Leute wollen leben,« antwortete der Bühnen⸗ dichter achſelzuckend. »Das ließe ſich auf beiden Seiten ſagen,« entgegnete Nicolaus,»wenn Sie aber die Sache auf dieſes Gebiet ſpielen, ſo habe ich darauf nichts zu antworten, als daß ich, wäre ich ein Schriftſteller und Sie ein durſtiger Bühnendichter, lieber Ihre Wirthshauszeche, ſo groß ſie auch ſein mag, auf ein halbes Jahr bezahlen, als einen Platz in dem Tempel des Ruhmes für ſechshundert Ge⸗ nerationen erhalten möchte, wenn Ihr Name, und wäre es noch ſo unmerklich, an meinem Piedeſtale ſtände.« Das Geſpräch drohete, als es ſo weit gekommen war, heftig und bitter zu werden, Madame Crummles bemühete ſich jedoch, einen gewaltſamen Ausbruch zu verhindern, indem ſie den Bühnendichter nach den Su⸗ jets der ſechs neuen Stücke fragte, die er in Folge eines Contractes geſchrieben, um dem afrikaniſchen Meſſerver⸗ ſchlinger Gelegenheit zu geben, ſeine verſchiedenen un⸗ vergleichlichen Kunſtleiſtungen zu zeigen. Dies brachte ihn ſogleich in eine lebhafte Unterhaltung mit der Dame, wobei er denn den Wortwechſel mit Nicolaus ſchnell völlig vergaß. Als die mehr ſubſtantiellen Gegenſtände von der Ta⸗ fel verſchwunden waren und Punſch, Wein u. dergl. er⸗ ſchienen und herumgegeben wurden, entſtand unter den Gä⸗ *) Dieſen heftigen Ausfall führt der Verfaſſer aus Nothwehr, denn die unberufenen Dramatiſeurs ſind heißhungrig über ſeine Schriften hergefallen und haben namentlich Sce⸗ nen ꝛc. aus dem vorliegenden Werke ſchon auf die Bühne gebracht, als daſſelbe noch nicht zur Hälfte vollendet war. „Der Ueberſ. 134 Nicolaus Nickleby. ſten, die ſich bisher in kleinen Gruppen von drei und vier Perſonen unterhalten hatten, eine Todtenſtille, wäh⸗ rend die meiſten von Zeit zu Zeit den Herrn Snittle Timberry anſahen und die Keckſten denſelben ſogar auffor⸗ derten, nun einen Toaſt auszubringen, denn Aller Glä⸗ ſer wären gefüllt. Auf dieſe Ermahnungen und Vorſtellungen gab Herr Timberry keine andere Antwort, als daß er auf ſeine Bruſt ſchlug, nach Athem ſchnappte und auf verſchiedene andere Weiſe andeutete, er ſei noch immer krank, denn ein Mann darf ſich nicht ſo wohlfeilen Kaufes hingeben, ſowohl auf der Bühne als außerhalb derſelben, während Herr Crummles, der recht wohl wußte, er werde der Gegenſtand des Toaſtes ſein, graziös auf dem Stuhle ſaß, einen Arm nachläſſig über die Lehne deſſelben ge⸗ ſchlagen hatte, gelegentlich ſein Glas an den Mund führte und ein Schlückchen Punſch nahm mit derſelben Miene, mit welcher er in langen Zügen aus Pappenbechern auf der Bühne— nichts zu trinken pflegte. Endlich erhob ſich Herr Snittle Timberry in der ſtattlichſten Haltung, die eine Hand auf der Bruſt unter die Weſte, die andere auf die nächſte Schnupftabacksdoſe gelegt, wurde mit großer Begeiſterung empfangen und ſchlug unter endloſen Citaten aus Bühnenſtücken einen Toaſt auf Vincenz Crummles vor, worauf er noch eine ziemlich lange Rede hielt, die rechte Hand auf die eine und die linke auf die andere Seite ausſtreckte und mehr⸗ mals Herrn und Madame Crummles aufforderte, dieſe Hände zu ergreifen. Als dies geſchehen war, dankte Herr Crummles, worauf der afrikaniſche Meſſerverſchlin⸗ ger die Geſellſchaft in rührenden Worten aufforderte, die Geſundheit der Madame Crummles zu trinken. Da ſchluchzten und weinten Madame Crummles und die — Nicolaus Nickleby. 135 Damen, trotzdem aber beſtand dieſe heroiſche Frau darauf, ihren Dank ſelbſt auszuſprechen, was ſie denn in einer Rede that, die nie übertroffen und ſelten erreicht worden iſt. Dann war es die Pflicht des Herrn Snittle Timberry, die Geſundheit der Kinder Crummles zu trinken, worauf der Vater, Herr Vincenz Crummles, noch eine Rede an die Geſellſchaft hielt, die Vortrefflichkeit und Liebenswürdigkeit ſeiner Kinder rühmte und wünſchte, ſie möchten die Kinder der Geſellſchaft ſein. Dieſen Feierlichkeiten folgte eine Pauſe mit Muſik und anderen Unterhaltungen, dann ſchlug Herr Crummles vor, die Geſundheit des Herrn Timberry, der Zierde der Kunſt, zu trinken, und nach einiger Zeit die des afrika⸗ niſchen Meſſerverſchluckers, einer anderen Zierde der Kunſt, ſeines Freundes, wenn er ihn ſo nennen dürfe, was der afrikaniſche Meſſerverſchlucker denn freundlich geſtattete, da kein Grund vorlag, warum er es abſchla⸗ gen ſollte. Dann ſollte die Geſundheit des Bühnendich⸗ ters getrunken werden; da man aber fand, daß er be⸗ trunken war und auf der Erde lag und ſchlief, gab man die Abſicht auf und trank die Geſundheit der Da⸗ men. Endlich ſtand Herr Snittle Timberry vom Stuhle auf und die Geſellſchaft zerſtreute ſich nach vielen Lebe⸗ wohlen und Umarmungen. Nicolaus wartete bis zuletzt, um ſeine kleinen Ge⸗ ſchenke zu übergeben. Als er Allen gute Nacht gewünſcht hatte und zu Herrn Crummles kam, mußte er den Unter⸗ ſchied ihrer gegenwärtigen Trennung und des Abſchiedes in Portsmouth bemerken. Vom theatraliſchen Weſen war gar nichts geblieben; er ſtreckte Nicolaus die Hand herzlich entgegen, und als dieſer ſie ihm mit wahrer Wärme ſchüttelte, ſchien er tief gerührt zu ſein. 3 „»Wir waren eine ſehr glückliche kleine Geſellſchaft⸗ 136 Johnſon,« ſagte der arme Crummles.»Wir haben uns nie mit einem Worte veruneinigt. Der Gedanke, daß ich Sie wiedergeſehen, wird mir morgen bei der Abreiſe wohlthun, jetzt aber wünſche ich faſt, es wäre nicht ge⸗ ſchehen.« Nicolaus wollte eine herzliche Antwort geben, wurde aber durch das plötzliche Erſcheinen der Frau Grudden geſtört, welche es abgelehnt zu haben ſchien, an dem Abendeſſen Theil zu nehmen, um am nächſten Morgen zeitiger aufſtehen zu können, und jetzt aus einem anſto⸗ ßenden Schlafzimmer, in einem ganz außerordentlichen weißen Gewande hervorſtürzte, ihre Arme um ſeinen Hals ſchlang und ihn mit gewaltiger Zärtlichkeit an ihr Herz drückte. „»Was? Sie reiſen auch mit?« fragte Nicolaus, der ſich die Umarmung ſo geduldig gefallen ließ, als wäre ſie das hübſcheſte junge Mädchen geweſen. »Mitreiſen 2« entgegnete Frau Grudden.»Du lieber Gott, glauben Sie denn, man könnte ohne mich aus⸗ kommen?« Nicolaus ließ ſich eine zweite Umarmung gefal⸗ len und machte ſelbſt ein noch freundlicheres Ge⸗ ſicht dazu als zu der erſten, wenn dies möglich war, dann ſchwenkte er ſeinen Hut und entfernte ſich von Vincenz Crummles. Nicolaus Nickleby. e,— —————— Nieolaus Nickleby. Siebentes Kapitel erzählt, wie es der Familie Nickleby weiter erging und die Folge des Abenteuers des Herrn in den kurzen Beinkleidern. Während Nicolaus, mit dem einen Alles verdrän⸗ genden Gegenſtande der Theilnahme beſchäftigt, der ſich ihm ſeit Kurzem dargeboten hatte, ſeine Mußeſtunden mit Gedanken an Madeline Bray ausfüllte und dieſelbe in Folge der Aufträge, die ihm die Sorgfalt des Bru⸗ ders Karl für ihr Wohl übertrug, gelegentlich ſah und zwar jedes Mal mit größerer Gefahr für den Frieden ſeiner Seele und mit mehr und mehr erſchütternder Wirkung auf die Entſchlüſſe, die er gefaßt, lebten Ma⸗ dame Nickleby und Käthchen in Ruhe und Frieden fort, ohne irgend eine Sorge außer denen in Folge der Maß⸗ regeln des Herrn Snawley zur Wiedererlangung ſeines Sohnes und außer der Beſorgniß um Smilke ſelbſt, deſſen längſt ſchon wankende Geſundheit durch die Furcht und Ungewißheit ſo angegriffen worden war, daß Beide und ſelbſt Nicolaus bisweilen das Schlimmſte fürchteten. Der arme Menſch ſelbſt ſtörte freilich ihre Ruhe durch keine Klage. Er war immer eifrig in dem leich⸗ ten Dienſte, den er verrichten konnte, beſtrebte ſich un⸗ ausgeſetzt und ohne Unterlaß, ſeinen Wohlthätern mit freundlichen, heiteren und glücklichen Mienen entgegen zu treten, und minder freundſchaftlich beſorgte Augen hätten deshalb ſchwerlich irgend eine Urſache zu ernſt⸗ lichen Beſorgniſſen bemerkt; aber es gab Zeiten— und oftmals— in denen das eingeſunkene Auge zu funkelnd, die hohle Wange zu hochroth gefärbt, der Athem zu 138 Nicolaus Nickleby.*. ſchwer, der ganze Körper zu ſchwach und erſchöpft war, 6 als daß es der Aufmerkſamkeit hätte entgehen können.„ Es giebt eine ſchreckliche Krankheit, welche ihr Opfft. gleichſam zum Tode vorbereitet, daſſelbe von dem grö-⸗- bern Ausſehen läutert und faſt nur übexirdiſche Andeu⸗ tungen von der nahenden Veränderung giebt,— eine ſchreckliche Krankheit, bei welcher der Kampf zwiſchen der Seele und dem Körper ſo allmälig, ſo ruhig, ſo feierlich und das Reſultat ſo ſicher iſt, daß Tag für Tag und Gran für Gran der ſterbliche Theil hinwelkt und ſchwin⸗ det, der Geiſt aber in Folge der erleichterten Laſt freier und leichter wird und die nahe Unſterblichkeit ahnet,— eine Krankheit, in welcher Tod und Leben ſo unerkenn⸗ bar mit einander verſchmolzen ſind, daß der Tod die Farbe und Wärme des Lebens, das Leben dagegen die ſchreckbare, dürre Geſtalt des Todes annimmt,— eine Krankheit, welche die Arzneikunſt nicht zu heilen weiß, die durch keinen Reichthum abzuwenden iſt, und die auch die Armuth nicht verſchont,— die bisweilen mit Rie⸗ ſenſchritten einherſchreitet, bisweilen träge und langſam ſchleicht, aber immer, ſie mag ſchnell oder langſam wir⸗ ken, ihr Ziel ſicher und gewiß erreicht. Nicolaus hatte bei ſich ſchon an dieſe Krankheit ge⸗ dacht, ob er es gleich ſich ſelbſt noch nicht geſtehen wollte, und deshalb ſeinen treuen Gefährten zu einem berühmten Arzte geführt. Unmittelbar ſei vor der Hand nichts zu fürchten, ſagte dieſer. Es äußerten ſich noch keine Symptome, welche einen ſolchen Schluß rechtfer⸗ tigten. Die Conſtitution habe in der Jugend ſehr ge⸗ litten, aber noch ſei es möglich, daß es jene Krank⸗ heit nicht ſei. Es verſchlimmerte ſich nicht mit ihm, und da ſich die Symptome von Krankheit recht wohl durch die Erſchüt⸗ 8⁸ — L — α—△⏑—0—— —— „ Nicolaus Nickleby. 139 terung Kund Aengſtigung erklären ließen, welche er in der letztern Zeit erfahren hatte, ſo tröſtete ſich Nicolaus mit der Hoffnung, ſein armer Freund werde ſich bald wieder erholen. Dieſe Hoffnung theilten ſeine Mutter und ſeine Schweſter mit ihm, und da der Gegenſtand ihrer gemeinſamen Beſorgniß ſelbſt nicht ängſtlich oder muthlos zu ſein ſchien, ſondern jeden Tag mit ruhigem Lächeln erwiederte, er fühle ſich beſſer als am Tage vor⸗ her, ſo ließ ihre Beſorgniß nach und die allgemeine glückliche Heiterkeit kehrte allmälig zurück. Viele, viele Male blickte Nicolaus in ſpäteren Jah⸗ ren auf dieſe Zeit ſeines Lebens zurück und verſetzte ſich in die beſcheidenen häuslich glücklichen Scenen, als lebe er ſie noch einmal durch. Viele, viele Male wanderten ſeine Gedanken in dem Zwielichte eines Sommerabends oder neben dem flackernden Winterfeuer— aber dann nicht ſo oft und nicht ſo betrübt— zurück zu jenen frü⸗ hern Tagen, und weilten mit freundlicher Sorge auf jeder kleinen Erinnerung, die ſie in Menge mit ſich brachten. Das kleine Zimmer, in welchem ſie ſo oft ge⸗ ſeſſen, nachdem es ſchon längſt dunkel geworden, und von einer glücklichen Zukunft geträumt hatten,— Käth⸗ chens liebliche Stimme und fröhliches Lachen, und wie ſie, wenn ſie ausgegangen war, da zu ſitzen, auf ihre Rückkehr zu warten und kaum etwas Anderes zu ſagen pflegten, als wie öde und ſtill es ohne ſie ſei,— die Freude, mit welcher der arme Smike aus der dunkeln Ecke aufſprang, in welcher er zu ſitzen pflegte, und fort⸗ eilte, um ſie hereinzulaſſen,— und die Thränen, die ſie oft auf ſeinem Geſichte ſahen, während er doch ſo heiter und ſo ſtillglücklich zu ſein ſchien,— jeder kleine Vorfall, ſelbſt unbedeutende Worte und Blicke aus jenen ſonſtigen Tagen, die damals wenig beachtet wurden, 140 Nicolaus Nickleby. deren er aber wohl gedachte, als die Sorgen und Prü⸗ fungen ganz vergeſſen waren, alles dies trat viele, viele Male friſch vor ſein geiſtiges Auge. Aber es ſtanden andere Perſonen mit dieſen Erin⸗ nerungen in Verbindung und mancherlei war geſchehen, ehe ſie ſich einfinden konnten, deshalb kehren wir zu dem gehörigen Verlaufe dieſer Abenteuer zurück, vermeiden alle flüchtige Andeutungen und alles nutzloſe Umher⸗ ſchweifen und fahren in unſerer Erzählung fort. Wenn die Gebrüder Cheeryble, da ſie Nicolaus ih⸗ res Vertrauens würdig fanden, ihm jeden Tag einen neuen Beweis von ihrer Liebe gaben, ſo dachten ſie auch nicht minder an die, welche von ihm abhingen. Ver⸗ ſchiedene kleine Geſchenke an Madame Nickleby— immer Dinge, die ſie gerade am nöthigſten brauchten,— tru⸗ gen nicht wenig zur Ausſchmückung und zum Wohnlicher⸗ machen ihres Häuschens bei. Käthchens kleiner Vorrath von Schmuckſachen wurde wahrhaft blendend, und was die Geſellſchaft betrifft—! Wenn es Bruder Karl und Bruder Eduard unterließen, wenigſtens auf ein paar Minuten jeden Sonntag einzuſprechen oder an einem Abende in der Woche, ſo kam Herr Timotheus Linkin⸗ water,(der in ſeinem Leben nicht ein halbes Dutzend andere Bekanntſchaften gemacht hatte und ſo großes Wohlgefallen an ſeinen neuen Freunden fand, daß es durch Worte gar nicht auszudrücken iſt,) um nach ſeinem allabendlichen Spaziergange bei ihnen auszuruhen, wäh⸗ rend Herr Frank Cheeryble merkwürdiger Weiſe in Folge dieſes oder jenes Geſchäftes wenigſtens dreimal in der Woche und zwar immer Abends in das Häuschen kam. „Er iſt der aufmerkſamſte junge Mann, den ich je⸗ mals geſehen habe, Käthchen,« ſagte Madame Nickleby zu ihrer Tochter eines Abends, als der zuletzt genannte — 8e 9 o—9——— ( 2P2—·— N 8 R —— S Nicolaus Nickleby. 141 junge Herr ſchon einige Zeit lang der Gegenſtand des Lobes der würdigen Frau geweſen war und Käthchen, ohne ein Wort zu ſagen, dageſeſſen hatte. „Aufmerkſam, Mutter?« antwortete Käthchen. „ Du mein lieber Gott, Käthchen!« rief Madame Nickleby,»biſt Du doch über und über roth geworden!« »Mutter, Du irrſt Dich.“« „»O nein, ich irre mich nicht, liebes Käthchen, ich habe es ganz genau geſehen,« entgegnete die Mut⸗ ter.„»Jetzt freilich hat ſich das Erröthen wieder ver⸗ loren und wir wollen nicht darüber ſtreiten, ob Du wirklich roth geworden biſt oder nicht. Von was ſpra⸗ chen wir doch? Ach ja, von dem Herrn Frank. Ich ſah in meinem Leben noch keine ſolche Aufmerkſamkeit.« „Gewiß ſprichſt Du nicht im Ernſte,« erwiederte Käthchen, die wieder erröthete und diesmal ganz unbe⸗ zweifelt. „»Nicht im Ernſte 2e entgegnete Madame Nickleby; „warum ſollte ich nicht im Ernſte ſprechen? Ich habe nie ernſter geſprochen. Ich wollte ſagen, daß dieſe Ar⸗ tigkeit und Aufmerkſamkeit gegen mich das Erfreulichſte und Wohlthuendſte iſt, das ich in meinem langen Leben erfahren habe. Man findet ein ſolches Benehmen an jungen Männern nicht oft, deshalb fällt es um ſo mehr auf, wenn man es einmal findet.« „»Ah, Du meinſt ſeine Aufmerkſamkeit gegen Dich, Mutter,« entgegnete Käthchen ſchnell.»Ja wohl.⸗ „Liebes Käthchen,« erwiederte Madame Nickleby, vich weiß nicht, was für ein ſonderbares Mädchen Du biſt. Konnteſt Du denn glauben, ich ſpreche von ſeiner Auf⸗ merkſamkeit gegen eine andere Perſon? Ich geſtehe, ich denke mit Beſorgniß daran, daß er ſich wohl in ein Mädchen in Deutſchland verliebt hat.« 142 Nicolaus Nickleby. »Er hat ja doch ganz beſtimmt erklärt, dies ſei nicht der Fall, Mutter,« entgegnete Käthchen.»Erinnerſt Du Dich nicht, daß er dies gleich am erſten Abende behaup⸗ tete, als er hier war? Uebrigens,« ſetzte ſie in wei⸗ cherm Tone hinzu,»warum ſollte es uns leid thun, wenn es auch der Fall wäre? Was liegt uns daran, Mutter?« »Uns vielleicht nichts, Käthchen,« antwortete Ma⸗ dame Nickleby ſehr bedeutungsvoll, vaber mir wohl, ich geſtehe es. Ich habe es gern, wenn Engländer ganz und gar Engländer und nicht halb Engländer und halb wer weiß was ſonſt ſind. Das nächſte Mal, wann er zu uns kommt, werde ich ihm gerade heraus ſagen, ich wünſchte ſehr, er möge eine Landsmännin heirathen, und ich bin neugierig, was er darauf antwortet.« »Ach, ich bitte, das thue nicht, Mutter,« entgegnete Käthchen ſchnell;»um keinen Preis in der Welt. Be⸗ denke nur— wie ſehr—« „»Nun, liebes Kind, wie ſehr was?« fragte Madame Nickleby, die vor Verwunderung große Augen machte. Ehe Käthchen etwas darauf erwiedern konnte, kün⸗ digte ein Doppelſchlag an der Hausthür an, daß Fräu⸗ lein La Creevy gekommen ſei, um ſie zu beſuchen, und als die kleine Portraitmalerin ſelbſt erſchien, vergaß Madame Nickleby, obgleich ſie große Luſt hatte, ſich noch weiter über den vorher beſprochenen Gegenſtand auszu⸗ laſſen, Alles um ſich her in einer Menge von Vermu⸗ thungen über die Kutſche, in welcher ſie angekommen war, ob nämlich der Kutſcher, welcher ſie gefahren, ent⸗ weder der in den Hemdeärmeln oder jener mit dem ſchwarzen Auge ſei; ob er, wer er auch ſein möge, wohl den Sonnenſchirm gefunden habe, den ſie in vori⸗ ——6 2ASS a e ͤ& a ſn Nieolaus Rickleby. 143 ger Woche in einer Miethkutſche vergeſſen, und endlich, ob ſie unterwegs Nicolaus begegnet wären. »Ihn habe ich nicht geſehen,« antwortete Fräulein La Creevy, vaber dagegen bemerkte ich den lieben alten Herrn Linkinwater.⸗ »Ganz gewiß machte er ſeinen gewöhnlichen Abend⸗ ſpaziergang, und er wird bei uns einſprechen, ehe er in die Stadt zurückkehrt,« ſagte Madame Nickleby. „Das meine ich allerdings auch,« entgegnete Fräu⸗ lein La Creevy,»zumal auch der junge Herr Cheeryble bei ihm war.« „»Das iſt doch gewiß kein Grund, warum Herr Lin⸗ kinwater zu uns koenmen ſollte,« bemerkte Käthchen. »Meiner Anſicht nach iſt dies allerdings ein Grund,⸗ entgegnete Fräulein La Creevy.»Für einen jungen Mann iſt Herr Frank kein ſonderlicher Spaziergänger, und ich glaube, er wird meiſt müde und muß lange aus⸗ ruhen, wenn er ſo weit, bis hierher, gegangen iſt. Aber wo iſt mein Freund?« fragte die kleine Malerin, indem ſie ſich umſah, nachdem ſie Käthchen lächelnd einen Blick zugeworfen hatte.»Er iſt doch nicht ſchon wieder ent⸗ führt worden?« „»Ja, wo iſt denn der Smike?« wiederholte Madame Nickleby; ver war doch noch in demſelben Augenblicke hier.« Nach weiterer Nachforſchung ergab es ſich zu der guten Frau unbegrenztem Erſtaunen, daß Smike ſo eben zu Bett gegangen war. »Nun ſehe Jemand,« ſagte Madame Nickleby, ver iſt doch der ſeliſamſte Menſch! Vorigen Dienſtag— war es Dienſtag?— ja, es war gewiß Dienſtag, Du erinnerſt Dich, liebes Käthchen, das letzte Mal, als der junge Herr Cheeryble hier war,— vorigen Dienſtag 144 Nieolaus Nickleby. alſo ſchlich er ſich eben ſo ſonderbar fort, als er unten klopfen hörte. Es kann nicht daher kommen, daß er ſich vor den Leuten ſcheut, denn er liebt ſtets die Perſonen, welche den Nicolaus lieben, und der junge Herr Chee⸗ ryble liebt den Nicolaus gewiß. Das Merkwürdigſte dabei iſt, daß er nicht zu Bett geht, alſo kann er ſich auch nicht der Müdigkeit wegen entfernen. Ich weiß beſtimmt, daß er nicht zu Bett geht, weil mein Schlaf⸗ zimmer an das ſeinige ſtößt; und als ich vorigen Dienſtag mehrere Stunden nach ihm hinaufkam, überzeugte ich mich, daß er nicht einmal die Schuhe ausgezogen hatte. Er hatte auch kein Licht, mußte alſo die ganze Zeit über in Gedanken im Dunkeln dageſeſſen haben. Ich kann Ihnen mein Wort geben,« ſchloß Madame Nieckleby, „wenn ich daran denke, finde ich das ſehr ſonderbar.« Da die beiden Zuhörerinnen ihre Zuſtimmung zu die⸗ ſer Meinung nicht ausſprachen, ſondern in tiefem Schwei⸗ gen verharrten, entweder weil ſie nicht wußten, was ſie ſagen ſollten, oder weil ſie Madame Nickleby nicht un⸗ terbrechen wollten, fuhr dieſe in ihrer Rede nach ihrer Weiſe fort. „Ich hoffe,« ſagte die würdige Frau,»dieſes uner⸗ klärliche Benehmen möge nicht der Anfang davon ſein, daß er das Bett allem Uebrigen vorzieht und ſein gan⸗ zes Leben darin verbringt, wie man doch ſchon manche Beiſpiele gehört hat. Der Geiſt im Hahnengäßchen z. B., der es ſo machte, ſtand ſelbſt einigermaßen mit unſerer Familie in Verbindung. Ohne in einigen alten Briefen nachzuſehen, die ich oben habe, weiß ich nicht, ob es mein Urgroßvater war, der mit dem Geiſte im Hahnen⸗ gäßchen in die Schule ging, oder ob meine Großmutter mit einer ſolchen Frau die Schule beſuchte. Mademoi⸗ ſelle La Creevy, Sie wiſſen es. Wer war es, der es Nicolaus Nickleby. 145 nicht beachtete, was der Geiſtliche ſagte? Der Hahnen⸗ gäßchen⸗Geiſt oder die durſtige Frau?« »Ich glaube, der Hahnengäßchen⸗Geiſt.« »Dann zweifle ich auch nicht,« fuhr Madame Nickleby fort,„daß mein Urgroßvater mit ihm in die Schule ging, denn ich weiß, der Schullehrer war ein Diſſenter, und daraus ließe es ſich recht wohl erklären, warum ſich der Hahnengäßchen⸗Geiſt ſo unmanierlich gegen den Geiſt⸗ lichen benahm, als er größer geworden war. Ach, einen Geiſt zu erziehen, ich meine ein Kind—« Die weitere Beſprechung dieſes ergiebigen The⸗ mas wurde durch die Ankunft des Timotheus Linkinwa⸗ ter und des Herrn Frank Cheeryble unterbrochen, bei deren Bewillkommnung Madame Nickleby alles Andere vergaß und aus dem Geſichte verlor. „ Es thut mir ſo leid, daß Nicolaus nicht zu Hauſe iſt,« ſagte Madame Nickleby.»Liebes Käthchen, Du mußt die Stelle Deines Bruders mit vertreten.« „»Fräulein Nickleby braucht bloß ſie ſelbſt zu ſein,« antwortete Frank.»Ich widerſetze mich— wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf— jeder Veränderung in ihr.« »Dann mag ſie jedenfalls Sie bitten, bei uns zu bleiben,« entgegnete Madame Nickleby.»Herr Linkin⸗ water ſagt, zehn Minuten, aber ich kann Sie unmöglich ſo bald fortlaſſen; denn Nicolaus würde es gewiß ſehr leid thun. Käthchen, liebe Tochter—« Um dem unaufhörlichen Zunicken und Zuwinken ihrer Mutter zu gehorchen, begann auch Käthchen, die beiden Herren zu bitten, doch zu bleiben; man konnte aber be⸗ merken, daß ſie ihre Bitten bloß an Timotheus Linkin⸗ water richtete, und überdies zeigte ſich eine gewiſſe Ver⸗ legenheit in ihrem ganzen Weſen, die ſelbſt der Madame Nicolaus Nicklebn. VI. 10 146 Nicolaus Nickleby. Nickleby nicht entging, obgleich ihre Anmuth dadurch eben ſo wenig beeinträchtigt wurde, als das Roth, das ihre Wangen überflog, ihre Schönheit verringerte. Da jedoch die Mutter mit Muthmaßungen und Nachdenken ſich nicht ſehr abzugeben pflegte, außer wenn ſie dieſel⸗ ben in Worte faſſen und ausſprechen konnte, ſo ſchrieb ſie die Aengſtlichkeit und Verlegenheit ihrer Tochter dem Umſtande zu, daß ſie nicht ihr beſtes Kleid anhabe,»ob ſie gleich, meiner Meinung nach, nie beſſer ausgeſehen hat,« ſetzte ſie in ihren Gedanken hinzu. Nachdem ſie die Sache auf dieſe Weiſe in Ordnung gebracht, über⸗ zeugt, daß ihre Vermuthung, wie immer, die allein rich⸗ tige ſei, entließ ſie dieſelbe aus ihren Gedanken und wünſchte ſich im Stillen Glück, daß ſie eine ſo geſcheite Frau ſei. Nicolaus kam nicht nach Hauſe und Smikke erſchien nicht wieder, aber beide Umſtände hatten, aufrichtig ge⸗ ſagt, keinen großen Einfluß auf die kleine Geſellſchaft, welche ſo gut gelaunt und ſo vergnügt war als nur möglich. Es kam ſelbſt zu einer Liebelei zwiſchen Fräu⸗ lein La Creevy und Timotheus Linkinwater, der tauſen⸗ derlei ſpaßhafte und witzige Dinge ſagte und allmälig ganz galant, um nicht zu ſagen zärtlich, wurde. Die kleine La Creevy ihrerſeits war ganz beſonders guter Laune und neckte Timotheus, daß er ſein Lebenlang ein Hageſtolz geblieben, mit ſo viel Erfolg, daß Timotheus wirklich erklären mußte, wenn er ein Frauenzimmer finde, das ihn haben wollte, ſo ſei es wohl möglich, daß er ſich ſelbſt jetzt noch verändere. Fräulein La Creevy empfahl ihm darauf in allem Ernſt eine Dame, die ſie kenne und die ganz und gar für den Herrn Linkinwater paſſen werde, auch ein recht hübſches Vermögen habe; aber die letztere Eigenſchaft machte auf Timotheus ſehr 8 2 8—— B y— 8&⏑ Nicolaus Nickleby. 147 geringen Eindruck, ja er verſicherte, auf Vermögen werde er durchaus keine Rückſicht nehmen, denn der innere Werth, Gemüthlichkeit und Sanftmuth ſei die Hauptſache, welche der Mann bei der Wahl einer Gattin zu beach⸗ ten habe; habe er nur dies, ſo werde er wohl ſo viel Geld finden, als zu den mäßigen Bedürfniſſen Beider hinreiche. Dieſes Geſtändniß hielt man für ſo ehrenvoll für Timotheus, daß weder Madame Nickleby noch Fräu⸗ lein La Creevy daſſelbe hoch genug erheben und rühmen konnten. Dieſe Lobeserhebung veranlaßte Timotheus, noch mehrere andere Erklärungen von ſich zu geben, welche ebenfalls von ſeiner Uneigennützigkeit und ſeiner großen Verehrung für das ſchöne Geſchlecht zeugten und deshalb mit eben ſo großem Beifalle aufgenommen wur⸗ den. Dies Alles geſchah mit einer komiſchen Vermi⸗ ſchung von Scherz und Ernſt, veranlaßte viel Lachen und ſtimmte ſie Alle ſehr heiter. Käthchen war zu Hauſe meiſt das Leben und die Seele der Unterhaltung, bei dieſer Gelegenheit aber viel ſtiller und ſchweigſamer als gewöhnlich,— vielleicht weil Timotheus und Fräulein La Creevy das Wort faſt ganz allein führten— hielt ſich fern von den Sprechen⸗ den, ſaß am Fenſter, beobachtete die Schatten, während es immer dunkler wurde, und ergötzte ſich an der heitern Schönheit des Abends, welche kaum weniger Reize für Frank zu haben ſchien, der anfänglich in ihrer Nähe ſtand, dann aber ſich neben ſie ſetzte. Es läßt ſich ohne Zweifel ſehr viel Schönes und Paſſendes über einen Sommerabend ſagen, ohne Zweiſel ſagt ſich dies auch am beſten leiſe, weil es mit der Stille und der Ruhe in der Natur vollkommen übereinſtimmt; auch werden gelegentliche lange Pauſen, dann ein ernſtes Wort und dann wieder eine Pauſe, die nicht immer ganz ein 10* 148 Nicolaus Nickleby. Pauſe zu ſein ſcheint, vielleicht bisweilen ein ſchnelles Hinwegwenden des Kopfes oder das Niederſchlagen der Augen,— alle dieſe kleinen Umſtände, nebſt dem Wider⸗ willen gegen Lichtanzünden und der Neigung, Stunden mit Minuten zu verwechſeln, bloß durch die Tageszeit veranlaßt, wie viele liebenswürdige Lippen bezeugen können und bezeugen werden. Es iſt ferner nicht der leiſeſte Grund vorhanden, warum Madame Nickleby ſich hätte wundern ſollen, als— da endlich Licht hereinge⸗ bracht wurde— Käthchens ſchöne Augen das Licht nicht ertragen konnten, ſo daß ſie das Geſicht abwenden und ſelbſt auf eine kurze Zeit das Zimmer verlaſſen mußte; denn wenn Jemand lange im Dunkel geſeſſen hat, ſo blendet das Licht wirklich, und es kann auch nichts na⸗ türlicher ſein, als daß ſo etwas geſchieht, wie alle ge⸗ bildeten jungen Leute wiſſen. Alte Leute wiſſen es auch oder wußten es doch früher einmal, aber ſie vergeſſen bisweilen ſolche Dinge und das iſt ſehr Schade. Die gute Frau wunderte ſich, und ihre Verwunde⸗ rung endigte hier nicht einmal. Sie wurde noch bedeu⸗ tend geſteigert, als man fand, daß Käthchen auch nicht den geringſten Appetit zum Abendeſſen mitbrachte,— eine Entdeckung, die ſo beunruhigend war, daß ſich nicht vorherſehen läßt, in welchem Redeſtrome Madame Nickleby ihre Beſorgniſſe ausgeſprochen haben würde, wäre nicht in dieſem Augenblicke die allgemeine Aufmerk⸗ ſamkeit durch ein ſeltſames und ungewöhnliches Geräuſch in Anſpruch genommen worden, das, wie das bleiche und zitternde Dienſtmädchen verſicherte und wie eines Jeden Gehör zu beſtätigen ſchien, in dem Kamine des anſto⸗ ßenden Zimmers gerade herunter kam. Da es allen beſorgten Anweſenden ganz unbeſtreit⸗ bar zu ſein ſchien, daß, wie ungewöhnlich und unwahr⸗ Nicolaus Nickleby. 149 ſcheinlich es auch ſein möge, das Geräuſch wirklich aus dem fraglichen Kamine komme, da ferner das Geräuſch, ein durch den Kamin gedämpftes Rutſchen, Ziehen, Rumpeln und Zappeln, noch immer fortdauerte, ſo nahm Herr Frank Cheeryble ein Licht und Timotheus Linkin⸗ water die Feuerzange, und ſie würden Beide ſchnell die Urſache der Störung ermittelt haben, wäre nicht Ma⸗ dame Nickleby halb ohnmächtig geworden, die durchaus nicht allein zurückbleiben wollte. Dies veranlaßte ein kurzes Hin⸗ und Herreden, und endlich begaben ſich Alle ſammt und ſonders in das unſichere Zimmer mit Aus⸗ nahme des Fräulein La Creevy, die bei dem Dienſt⸗ mädchen zurückblieb, um im Nothfalle dieſem beizuſte⸗ hen, weil das Mädchen von freien Stücken geſtand, ſie habe als Kind mehrmals Anfälle vom böſen Weſen gehabt. Die Geſellſchaft begab ſich alſo nach der Thür zu dem Spukzimmer zu und wunderte ſich nicht wenig, als ſie eine menſchliche Stimme hörte, welche im höchſten Ausdrucke der Melancholie und in Erſtickungstönen, wie ſie eine menſchliche Stimme vielleicht unter fünf bis ſechs der beſten Federbetten hervorbringt, das einſt ſo beliebte Lied ſang:»So hat ſie mir die Treu' gebro⸗ chen.« Man ging ohne langes Parlementiren in das Zimmer hinein und das allgemeine Erſtaunen wurde allerdings durch die Entdeckung nicht gemindert, daß dieſe romantiſchen Töne allerdings aus der Kehle eines Menſchen oben in dem Schornſteine kamen, von dem man jedoch weiter nichts ſah als ein paar Beine, welche da herumbaumelten und offenbar mit großer Angſt nach einem feſten Stützpunkte fühlten, auf den ſie ſicher treten könnten. »Es muß ein Betrunkener ſein,« ſagte Frank.»Ein Dieb würde ſeine Gegenwart nicht ſo verrathen.⸗ 150 Nicolaus Nickleby. Während er dies in großem Unwillen ſagte, leuchtete er mit dem Lichte weiter hinauf, um die fraglichen Beine genauer beſichtigen zu können, und wollte eben zugrei⸗ fen, um ſie ohne viele Umſtände herunterzuziehen, als Madame Nickleby die Hände zuſammenſchlug, einen gel⸗ lenden Ton ausſtieß, der halb Angſtſchrei, halb ein ge⸗ wöhnlicher Ausruf der Verwunderung war und zu wiſ⸗ ſen verlangte, ob die geheimnißvollen Beine nicht in kurzen Beinkleidern und grauen wollenen Strümpfen ſich befänden, oder ob ihre Augen ſie täuſchten. »Ja, ja,« ſagte Frank, der etwas genauer hinſah, »Allerdings kurze Beinkleider, und— und rauhe graue Strümpfe. Kennen Sie ihn, Madame?« »Käthchen, liebes Kind,« ſagte Madame Nickleby, in⸗ dem ſie ſich mit einer gewiſſen verzweifelten Reſigna⸗ tion, die anzudeuten ſchien, die Sache ſei nun zu einer Kriſis gekommen und alle Verſtellung nütze nichts mehr, bedächtig auf einen Stuhl ſetzte,—»Du wirſt ſo gut ſein, mein Kind, und erzählen, wie die Sachen ſtehen und zuſammenhängen. Ich habe ihn nicht ermuthiget, durchaus nicht, auch nicht im allergeringſten. Du weißt das, liebes Käthchen, ſo gut wie ich. Er war ſehr ehr⸗ erbietig,— außerordentlich ehrerbietig— als er ſeine Erklärung vorbrachte, wie Du es ſelbſt bezeugen kannſt; aber ich weiß wirklich nicht, was aus mir werden ſoll, wenn man mir auf dieſe Weiſe nachſtellt, wenn man mir wer weiß welche Gartengewächſe draußen auf den Weg wirft und wenn die Herren durch die Schornſteine zu mir in das Haus hereinkriechen,— wahrhaftig, ich weiß nicht, was aus mir werden ſoll. Es iſt ein ſehr ſchlimmer Fall, ſchlimmer als alles, was ich erfuhr, ehe ich Deinen armen guten Vater heirathete, obgleich ich auch damals vieles leiden mußte, aber damals war ich — Nicolaus Nickleby. 151 darauf vorbereitet und hatte mich drein ergeben. Als ich noch nicht ganz ſo alt war, wie Du jetzt biſt, liebes Käthchen, ſchnitt ein junger Mann, der in der Kirche neben uns ſaß, faſt jeden Sonntag meinen Namen mit großen Buchſtaben während der Predigt vorn auf die Bank. Es war dies für mich natürlich ſehr ſchmeichel⸗ haft, aber doch auch läſtig und unangenehm, weil der Sitz in der Kirche ſehr ſichtbar war und der junge Mann einigemale vor allen Leuten dieſes Schneidens wegen aus der Kirche hinausgeführt wurde. Das war jedoch nichts gegen das, was mir jetzt geſchieht. Das iſt viel ſchlimmer, viel unangenehmer. Ich wollte lie⸗ ber, mein gutes Käthchen,« ſetzte Madame Nickleby ſehr feierlich und unter einem Strome von Thränen hinzu, vich wollte lieber, ich wäre grundhäßlich, als daß ich ſolchen Dingen ausgeſetzt ſei.« Frank Cheeryble und Timotheus Linkinwater ſahen mit unausſprechlicher Verwunderung erſt einander, dann Käthchen an, die wohl fühlte, daß eine Aufklärung nö⸗ thig ſei, aber zwiſchen dem Schrecken über das Erſchei⸗ nen der Beine, ihrer Beſorgniß, daß der Eigenthümer derſelben erſticke, und ihrem Wunſche, das Räthſel auf eine ſo wenig als möglich lächerliche Weiſe zu löſen, kein Wort über ihre Lippen bringen konnte. »Er verurſacht mir großes Leid,« fuhr Madame Nickleby fort, indem ſie die Augen trocknete,»großes Leid, aber ich bitte Sie doch, krümmen Sie ihm kein Haar auf ſeinem Haupte; in keinem Falle krümmen Sie ihm ein Haar auf ſeinem Haupte.« Es würde unter den beſtehenden Umſtänden nicht ganz ſo leicht geweſen ſein, ein Haar auf dem Haupte des Mannes zu krümmen, als ſich Madame Nickleby einzubilden ſchien, weil dieſer Theil ſeiner Perſon ſich 152 Nicolaus Nickleby. einige Fuß hoch oben in dem Schornſtein befand und dieſer keineswegs weit war. Da er jedoch die ganze Zeit über nicht aufhörte, von der Treuloſigkeit und Wortbrüchigkeit ſeiner Schönen zu ſingen und jetzt nicht bloß anfing, ganz ſchwach zu ſtöhnen, ſondern auch mit großer Heftigkeit zu zappeln, als würde es ihm ſchwer Athem zu holen, zog Frank Cheeryble ohne weitere Zö⸗ gerung an den kurzen Beinkleidern und grauen Strüm⸗ pfen ſo herzhaft, daß er den Unbekannten ſchneller in das Zimmer herunterbrachte, als es eigentlich ſeine Ab⸗ ſicht geweſen war. »Ach ja, ja,« rief Käthchen als die ganze Figur des ſeltſamen Gaſtes auf ſo unerwartet ſchnelle Art zum Vorſchein kam.»Ich weiß, wer er iſt, und bitte, gehen Sie nicht rauh mit ihm um. Iſt er verletzt? Ich hoffe es nicht; ach, bitte, ſehen Sie nach, ob er ſich ver⸗ letzt hat.« »Er hat ſich nicht verletzt, ich verſichere Sie,« ant⸗ wortete Frank, der den Gegenſtand ſeiner Ueberraſchung nach dieſer Aufforderung mit Einemmale ſehr behutſam und rückſichtsvoll behandelte.»Er hat ſich durchaus nicht verletzt.« »Aber laſſen Sie ihn nicht näher kommen,« ſagte Käthchen, die ſo weit als möglich zurückwich. »Nein, nein, er ſoll Ihnen nicht zu nahe kommen,« entgegnete Frank.»Sie ſehen, ich halte ihn feſt. Aber darf ich Sie fragen, was alles dies zu bedeuten hat und ob Sie den Alten erwarteten.« »Ach nein, durchaus nicht,« antwortete Käthchen; vaber er— die Mutter freilich will es nicht glauben, fürcht' ich— er iſt ein Wahnſinniger, der aus dem Nachbarhauſe entflohen iſt, und Gelegenheit Leiunden haben muß, ſich hier zu verbergen.⸗ —-—õ Nicolaus Nickleby. 153 »Käthchen,« fiel Madame Nickleby mit ſtrenger Würde ein,»ich wundere mich ſehr über Dich.⸗ „Liebe Mutter—« bat Käthchen ſanft. „Ich wundere mich über Dich,« wiederholte Madame Nickleby,»wahrhaftig, Käthchen, ich bin ganz erſtaunt, daß Du Dich auch den Verfolgern dieſes unglücklichen Mannes anſchließeſt, da Du doch ſehr wohl weißt, daß ſie die abſcheulichſten Abſichten auf ſein Vermögen haben und daß dies das ganze Geheimniß iſt. Es würde viel freundlicher von Dir ſein, Käthchen, wenn Du Herrn Linkinwater oder Herrn Cheeryble erſuchteſt, ſich für ihn zu verwenden und dafür zu ſorgen, daß er ſein Recht behaupte. Du ſollteſt Dich durchaus von Deinem Ge⸗ fühle nicht beſtimmen laſſen, es iſt dies gar nicht recht, gar nicht recht. Was muß ich denn dabei fühlen? Wenn Jemand unwillig ſein kann, ſo habe ich gewiß die größte Veranlaſſung dazu. Aber ich könnte doch um keinen Preis eine ſolche Ungerechtigkeit begehen. Nein,⸗ fuhr Madame Nickleby fort, indem ſie ſich aufrichtete und mit einer gewiſſen verſchämten Würde bei Seite ſah,»der Herr wird mich verſtehen, wenn ich ihm ſage, daß ich die Antwort wiederhole, welche ich ihm vor ei⸗ niger Zeit gegeben habe,— daß ich ſie immer wieder⸗ holen werde, obgleich ich wirklich glaube, er meint es aufrichtig, da er ſich meinetwegen in eine ſolche ſchreck⸗ liche Lage gebracht hat,— und daß ich ihm erſuche, ſo gefällig zu ſein und ſich ſogleich zu entfernen, ſonſt wird es mir unmöglich ſein, ſein Benehmen meinem Sohne Nicolaus zu verſchweigen. Ich bin ihm verbunden, ſehr verbunden, aber ich kann in dieſem Augenblicke ſeine Reden und Anträge nicht anhören. Es iſt rein un⸗ möglich.« Während Madame Nickleby dieſe Worte von ſich 154 Nicolaus Nickleby. gab, ſaß der alte Herr mit großen Rußflecken auf der Naſe und den Backen und mit übereinandergeſchlagenen Armen am Boden und ſah die Umſtehenden in tiefem Schweigen, aber mit ganz majeſtätiſcher Haltung an. Von dem, was Madame Nickleby ſprach, ſchien er nicht die geringſte Notiz zu nehmen, als ſie aber aufgehört hatte, ſtarrte er ſie lange an und fragte, ob ſie nun endlich fertig ſei. »Ich habe nichts weiter hinzuzuſetzen,« antwortete Madame Nickleby beſcheiden.»Ich habe wirklich nichts mehr zu ſagen.« »Sehr gut,« entgegnete darauf der alte Herr ſehr laut,»ſo bringe man den auf Flaſchen gezogenen Blitz, ein reines Glas und einen Korkzieher.“ Da Niemand dieſen Befehl vollzog, ſo erhob der Alte nath kurzer Pauſe ſeine Stimme nochmals und ſchrie nach geröſtetem Donner. Auch dieſer Artikel wurde nicht gebracht, und er verlangte nun Fricaſſee von Stie⸗ felſtolpen und Goldfiſchſauce. Dann lachte er aus Her⸗ zensgrunde in einem höchſt melodiſchen Gebelle ſehr laut und ſehr lange. Als Antwort auf die bedeutungsvollen Blicke aller Anweſenden ſchüttelte Madame Nickleby noch immer den Kopf, als wolle ſie damit andeuten, ſie ſehe in allen dem weiter nichts, als ein etwas excentriſches Weſen. Sie hätte vielleicht dieſe Meinung bis zum letzten Au⸗ genblicke ihres Lebens gehegt, wären nicht einige Um⸗ ſtände eingetreten, welche, ſo trivial ſie auch waren, doch die ganze Sachlage veränderten. Da Fräulein La Creevy ihre Patientin in einem nicht eben gefahrdrohenden Zuſtande ſah und die Neu⸗ gierde, zu wiſſen, was drinnen vorgehe, ihr keine Ruhe ließ, ſo begab ſie ſich in das Nebenzimmer eben in dem — Nicolaus Nickleby. 155 Augenblicke, als der Alte ſein bellendes Lachen hören ließ. Sobald der Alte ſie erblickte, unterbrach er ſich, fiel auf ſeine Knie und fing an ſeine Hand heftig zu küſeen, ein Benehmen, das die kleine Portraitmalerin ganz außer ſich brachte und ſie veranlaßte, ſich ſchnell hinter Timotheus Linkinwater zu begeben. »Aha!« ſagte der alte Herr, indem er die Hände faltete und dieſelben heftig zuſammendrückte,»jetzt ſehe ich ſie, jetzt ſehe ich ſie. Meine Geliebte, mein Leben, meine Braut, meine unvergleichliche Schönheit. Endlich iſt ſie gekommen— endlich— Potz Gas und Gamaſchen!⸗ Madame Nickleby ſah einen Augenblick recht verle⸗ gen aus, ſammelte ſich aber ſogleich wieder, nickte dem Fräulein La Creevy und den andern Anweſenden mehr⸗ mals zu, zog die Stirn in finſtere Falten, lächelte wie⸗ der und deutete an, ſie ſehe, wo der Irrthum liege und würde ihn in einer Minute ausgleichen. „Sie iſt gekommen!« wiederholte der alte Herr, in⸗ dem er die Hand auf das Herz legte.»Potz Gas und Gamaſchen! Sie iſt gekommen! Was ich beſitze, iſt ihr eigen, wenn ſie mich zu ihren Sclaven annehmen will. Wo giebt es Grazie, Schönheit und Reize gleich die⸗ ſen? An der Kaiſerin von Madagascar? Nein. An der Königin von Diamanten? Nein. An Madame Rowland, die ſich jeden Morgen umſonſt in Kalydor*) baden kann? Nein. Alle dieſe ſchmelze man in eins zuſammen mit den drei Grazien und neun Muſen und vierzehn Zwiebackbäckermädchen und mache ein Weib daraus, das nur halb ſo liebenswürdig iſt! Bah! Ich fordere jeden heraus!« 5) Rowland's Kaiydor, ein bekanntes engliſches Schön⸗ heitsmittel. Der Ueberſ. 156 Nicolaus Nickleby. „Nach dieſer Rhapſodie ſchnippte der Alte mit den Fingern wohl zwanzig⸗ bis dreißigmal; dann verſank er in eine entzückte Betrachtung der Reize des Fräu⸗ leins La Creevy. Dies war eine günſtige Gelegenheit für Madame Nickleby, eine Erklärung zu geben und dies that ſie denn auch auf der Stelle. »Es iſt gewiß,« ſagte die würdige Frau, nachdem ſie zur Einleitung einige Male gehuſtet hatte,»es iſt gewiß eine große Erleichterung unter ſolchen Umſtänden, daß Jemand für mich gehalten wird,— eine ſehr große Erleichterung, und ein Umſtand, der noch nie vorge⸗ kommen iſt, obgleich ich mehrmals für meine Tochter Käthchen gehalten worden bin. Die Leute mögen wohl Narren geweſen ſein und ſie hätten es beſſer wiſſen ſollen, aber es bleibt doch wahr, daß man mich auch für ſie hielt. Meine Schuld war es gewiß nicht und es würde ſehr hart ſein, wollte man mich dafür verant⸗ wortlich machen. In dieſem Falle aber würde ich ſehr Unrecht thun, wenn ich zugeben wollte, daß Jemand, beſonders eine Perſon, der ſich große Verbindlichkeiten ſchuldig bin, meinetwegen in Verlegenheit gebracht würde, deßhalb halte ich es denn für meine Schuldigkeit, dem Herrn zu ſagen, er irre ſich, und ich ſei die Frau, die, wie ihm impertinente Leute geſagt, die Nichte der Straßenpflaſterungskommiſſion ſein ſollte, und ihn zu bitten und zu erſuchen, ruhig fortzugehen, bloß«— hier zögerte Madame Nickleby einen Augenblick—»mei⸗ netwegen.« Man hätte erwarten können, der alte Herr würde das Zartgefühl dieſer Aufforderung tief empfinden und wenigſtens eine höfliche und paſſende Antwort geben. Wie ſchrecklich war demnach die Verletzung, welche Ma⸗ dame Nickleby erfuhr, als er ſich auf unverkennbare “ Nicolaus Nickleby. 157 Weiſe an ſie wendete und mit lauter voller Stimme antwortete:»fort, hinaus— Katze!« »Herr!« rief Madame Nickleby in ſchwachem Tone. »Katze!« wiederholte der alte Herr.»Mietzchen, Kiezchen, Zyper, Schecke— Kätz' aus!« Den letzten Ausruf dehnte er lange mit einem ziſchenden Tone, ſchwang die Arme heftig rund herum und trat dabei bald näher auf Madame Nickleby zu, bald wieder von ihr zurück in jenem wilden Tanze, in welchem Knaben Schweine, Schafe oder andere Thiere zurückzuſchrecken und fortzutreiben ſuchen. Madame Nickleby verſchwendete keine Worte, ſon⸗ dern ſtieß einen Ausruf des Schreckens und der Ueber⸗ raſchung aus und fiel darauf in Ohnmacht. „Ich werde bei der Mutter bleiben,« ſagte Käthchen ſchnell;»ich bin durchaus nicht erſchrocken, aber haben Sie die Güte, bringen Sie den Mann fort, bringen Sie ihn fort.« Frank getrauete ſich nicht, dieſen Wunſch zu erfüllen, bis ihm die Liſt einfiel, Fräulein La Creevy einige Schritte vorausgehen zu laſſen und den Alten zu nöthi⸗ gen, ihr zu folgen. Dies gelang vortrefflich; er ent⸗ fernte ſich in entzückter Bewunderung unter der Bede⸗ ckung von Frank und Timotheus Linkinwater, welche ihn in die Mitte nahmen. „Käthchen,« flüſterte Madame Nickleby als das Feld rein war,»iſt er fort?« Sie erhielt eine bejahende Antwort. »Ich werde mir nie vergeben, Käthchen,« ſagte Ma⸗ dame Nickleby,»nie! Dieſer Mann hat den Verſtand verloren und ich, ich bin die unglückliche Urſache.« „»Du die Urſache?« fragte Käthchen mit großer Ver⸗ wunderung. 158 Nicolaus Nickleby. „Ich, liebes Kind,« entgegnete Madame Nickleby in verzweifelter Ruhe.»Du haſt es ja geſehen, wie er letzthin war und wie er jetzt iſt. Ich habe es Deinem Bruder ſchon vor mehreren Wochen geſagt, Käthchen, daß ich fürchtete, die Täuſchung werde für ihn zu viel ſein. Du ſiehſt nun, was aus ihm geworden iſt. Du weißt, wie verſtändig, wie gefühlvoll und ehrenhaft er ſprach, als wir ihn in den Garten ſahen, und haſt den entſetzlichen Unſinn gehört, den er heute Abend geſchwatzt hat, haſt auch geſehen, wie er ſich gegen die arme un⸗ glückliche kleine alte La Creevy benahm. Kann Jemand daran zweifeln, wie alles dies geſchehen iſt?« „Ich möchte es kaum glauben,« antwortete Käthchen ſanft. „Auch ich möcht' es kaum glauben,« fuhr die Mutter fort.»Wenn ich aher auch die unglückliche Urſache da⸗ von bin, ſo habe ich doch das beruhigende Bewußtſein, deshalb keinen Tadel zu verdienen. Ich erzählte es Ni⸗ colaus,— ich ſagte ihm, Nicolaus, mein lieber Sohn, wir müſſen es wohl überlegen, wie wir verfahren. Er wollte mich aber kaum anhören. Wenn man die Sache gleich im Anfange recht angegriffen hätte, wie es mein Wunſch war zu— Aber ihr Beide ſeid ganz wie Euer armer ſeliger Vater. Ich habe jedoch meinen Troſt und das muß mir genug ſein.“« Madame Nickleby wuſch ſo ihre Hände in Unſchuld, wies jede Verantwortlichkeit für jetzt und für ſpätere Zeiten von ſich, und ſetzte dann hinzu, ſie hoffe, ihre Kinder möchten nie größere Urſache haben, ſich Vorwürfe zu machen, als ſie habe, und ſchickte ſich an, die Bedeckung zu empfangen, die bald darauf mit der Nachricht zurück⸗ kam, daß der Alte ſicher untergebracht ſei und ſeine Nieolaus Nickleby. 159 Wärter, die mit einigen Freunden getrunken, ſeine Ab⸗ weſenheit gar nicht gekannt hätten. Nachdem ſo die Ruhe wieder hergeſtellt war, ver⸗ ging eine herrliche halbe Stunde,— ſo nannte ſie Frank im Verlaufe eines ſpätern Geſprächs mit Timotheus Linkinwater auf ihrem Heimwege— in traulichem Ge⸗ ſpräche, und als die Uhr dem Herrn Linkinwater anzeigte, es ſei hohe Zeit zum Aufbruche, verließ man die Da⸗ men, obwohl ſich Frank bereitwillig erboten hatte zu bleiben bis Nicolaus komme, wenn es auch noch ſo ſpät ſei, im Fall ſie ſich im geringſten fürchteten. Da ſie je⸗ doch durchaus nichts zu fürchten hatten, ſo blieb ihm kein Vorwand, länger zu verweilen, und er nußte ſich alſo mit dem treuen Timotheus entfernen. Faſt drei Stunden lang vergingen in völliger Stille und Käthchen erröthete, als ſie bei ihres Bruders An⸗ kunft fand, wie lange ſie allein, nur mit ihren Gedan⸗ ken beſchäftigt, dageſeſſen hatte. „Ich glaubte wirklich, es ſei keine halbe Stunde ge⸗ weſen,“ ſagte ſie. „Es müſſen angenehme Gedanken geweſen ſein, Käthchen,« entgegnete Nicolaus heiter,»da Dir die Zeit ſo ſchnell dabei vergangen iſt. Was betrafen ſie denn 2« Käthchen war verlegen; ſie ſpielte mit irgend etwas auf dem Tiſche, ſah empor und lächelte, ſchlug die Au⸗ gen wieder nieder und ließ eine Thräne fallen. „»Nun, lieb Käthchen,« ſagte Nicolaus, der die Schwe⸗ ſter an ſich zog und ſie küßte,»laß auch Dein Geſicht ſehen. Nicht? Ah, das war nur ein Blick; ſieh mich an, Käthchen, ſieh mich an, daß ich Deine Gedanken in Deinen Augen leſe.« Es lag in dieſen Worten, obgleich ſie ganz ohne eine beſtimmte Andeutung und bewußtlos geſprochen 160 Nicolaus Nickleby. wurden, etwas, das ſeine Schweſter ſo beunruhigte, daß Nicolaus lachend das Geſpräch abbrach und auf häusliche Angelegenheiten brachte, wobei er denn allmä⸗ lig erfuhr, als ſie das Zimmer verließen und mit ein⸗ ander die Treppe hinaufgingen, wie einſam Smike den ganzen Abend geweſen, und zwar ſehr allmälig, denn aui ühe dieſen Gegenſtand ſchien Käthchen nicht gern zu ſprechen. „Der arme Menſch!« ſagte Nicolaus, indem er leiſe an die Thür klopfte;»was mag die Urſache davon ſein? Käthchen hing an dem Arme ihres Bruders und hatte ſich, da die Thür ſchnell aufgemacht wurde, noch nicht losgemacht, als Smike, blaß und völlig angeklei⸗ det, vor ihnen ſtand. „Biſt Du nicht im Bett geweſen?« fragte Nicolaus. „Nein, nein,« antwortete Smike. Nicolaus hielt ſeine Schweſter ſanft zurück, die fort⸗ gehen wollte, und fragte:»warum nicht?« »„Ich konnte nicht ſchlafen,« ſagte Smike, der die Hand faßte, die ſein Freund ihm reichte. „Biſt Du nicht wohl?« fragte Nicolaus. 1 »Mir iſt beſſer,— viel beſſer,« erwiederte Smike raſch. „»Warum läſſeſt Du Dich denn von ſolcher Traurig⸗ keit übermannen?« fragte Nicolaus ganz freundlich wei⸗ ter,»warum ſagſt Du uns die Urſache nicht? Du wirſt ganz anders, Smike.« »Ja, es iſt wahr, ich weiß es,« antwortete er.»Ich will Ihnen den Grund einmal ſagen, aber nicht jetzt. Ich haſſe mich ſelbſt deswegen; Sie ſind alle ſo gütig und freundlich. Aber ich kann es nicht ändern. Mein Herz iſt ſehr voll,— Sie wiſſen es nicht, wie voll es iſt.« Er drückte die Hand ſeines Freundes, ehe er ſie los⸗ ließ, blickte einen Augenblick Bruder und Schweſter an, die neben einander ſtanden, als rühre ihn deren gegen⸗ ſeitige Liebe zu einander ſehr, ging dann in ſeine Kam⸗ mer zurück und wachte bald nur noch allein unter die⸗ ſem friedlich⸗ſtillen Dache. Ende des ſechsten Theiles.