ͤ 0 0 9 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 von.. Eduard Okftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leiß- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 1 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8 auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „ 3„„—„ 3„—„.—. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 1 — N Capt. Marryat's, Capt. Chamier's, Dr. Harriſſon's(Samuel Warren's), Wilſon's, James Morier's, Boz's u. A. Geſammelte Werke. Eine Sammlung 4 der 3 neueſten und ausgezeichnetſten 36 Romane 3 der engliſchen Literatur. Dreiundsiebenzigster Band. Leben und Abenteuer des Nicolaus Nickleby von Boz(Charles Dickens). 8 Fuͤnfter Theil. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1839. —„ Boz's (Charles Dickens) Geſammelte Werke. Vierzehnter Theil. Leben und Abenteuer des Nicolaus Nickleby. Fünfter Theil. Mit einer Federzeichnung nach Phio. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn, und George Weſtermann. 1839. —*— 2———————————&ᷣ ᷣ⏑ H Erſtes Kapitel. Vertrauliche Mittheilungen über Familienangelegenheiten. Es zeigt auch, wie Herr Kenwigs eine heftige Bewegung er⸗ fuhr und Madame Kenwigs ſich ſo wohl befand, als man erwarten konnte. Es mochte gegen ſieben Uhr Abends ſein und es wurde bereits dunkel, als Herr Kenwigs ein Paar der wohlfeilſten weißen Handſchuhe holen ließ, den ſtärkſten davon nahm,— welches der rechte war—, die Treppe mit ziemlich wichtiger Miene und etwas aufgeregt hin⸗ unterging und den Thürklopfer mit dieſem Handſchuhe zu umwickeln anfing. Als er dies recht nett ausgeführt hatte, zog Herr Kenwigs die Thür hinter ſich zu und ging über die Straße hinüber, um zu ſehen, wie ſich die Sache von weitem ausnehme. Er überzeugte ſich, daß nichts in ſeiner Art beſſer ausſehen könne, ging dann wieder zurück, rief durch das Schlüſſelloch Morlina zu, ſie möge ihm die Thür aufmachen, verſchwand in das Haus und wurde nicht mehr geſehen. Betrachten wir die Sache näher, ſo hatte Herr Ken⸗ wigs eben ſo wenig einen triftigen Grund, den Klopfer an ſeiner Thür zu umbinden, als wenn er den Klopfer an einem unbewohnten Hauſe hätte umbinden wollen, denn zur größeren Bequemlichkeit der zahlreichen Haus⸗ bewohner ſtand die Hausthür immer ganz offen und 8 Nicolaus Nickleby. der Klopfer wurde deshalb gar nicht gebraucht. Zu je⸗ der Etage, zu der erſten, der zweiten und dritten, ging eine beſondere Klingel. Die Leute in dem Dachſtübchen bekamen niemals Beſuch, und die Küche hatte einen be⸗ ſondern Eingang. Das Umbinden des Klopfers war alſo in Hinſicht auf Nothwendigkeit und Nützlichkeit durch⸗ aus unbegreiflich. Thürklopfer können indeß auch aus andern Gründen als denen bloßer Nützlichkeit umbunden werden, wie der vorliegende Fall deutlich beweiſ't. Es beſtehen in dem civiliſirten Leben gewiſſe Höflichkeitsformen und Ceremo⸗ nien, die beachtet werden müſſen, wenn die Menſchen nicht wieder in die urſprüngliche Rohheit zurückverſinken ſollen. Noch keine Frau von einiger Bildung wurde ent⸗ bunden,— ja in einem gebildeten Hauſe iſt eine Ent⸗ bindung gar nicht möglich— ohne das begleitende Symbol eines umbundenen Thürklopfers. Madame Kenwigs machte einige Anſprüche auf Bildung und Ma⸗ dame Kenwigs war entbunden worden. Deshalb band Herr Kenwigs einen weißen Handſchuh um den Thür⸗ klopfer. »Ich bin noch nicht recht mit mir einig,« dachte Herr Kenwigs bei ſich, während er die Vatermörder gerade zupfte und langſam die Treppe hinaufging,»ob ich es in die Zeitungen ſetzen laſſe, da es ein Knabe iſt.« In tiefen Gedanken über die Rathſamkeit dieſes Schrittes und die Senſation, die derſelbe gewiß in der Nachbarſchaft machte, begab ſich Herr Kenwigs in das Wohnzimmer, wo verſchiedene außerordentlich kleine Klei⸗ dungsſtücke auf einem Geſtelle vor dem Feuer hingen und Herr Lumbry, der Doctor, ein kleines Kind auf den Knieen ſchaukelte, d. h. ein älteres, nicht das jüngſte. — Nieolaus Nickleby. 9 »Ein hübſcher Junge, Herr Kenwigs,« ſagte Herr Lumbry, der Doctor. »Sie halten ihn für einen hübſchen Jungen?« fragte Herr Kenwigs. »Er iſt der hübſcheſte Junge, den ich in meinem Le⸗ ben geſehen habe,« entgegnete der Doctor.»Ich habe nie ein ſolches Kind geſehen.« Es iſt höchſt erfreulich und widerlegt ſchlagend die⸗ jenigen, welche behaupten, das menſchliche Geſchlecht arte immer mehr aus,— daß jedes Kind, das geboren wird, hübſcher iſt als das vorhergehende. »Ich habe niemals ein ſolches Kind geſehen,« wieder⸗ holte Lumbry, der Doctor. »Morlina war ein ſchönes Kind,« bemerkte Herr Ken⸗ wigs, als liege in der wiederholten Verſicherung des Doctors ein verſteckter Angriff gegen die übrigen Fami⸗ ienglieder. »Sie waren alle ſchöne Kinder,« meinte Herr Lum⸗ bry, der den Knaben mit einem gedankenvollen Blicke anſah. Vielleicht rechnete er eben nach, wie viel er wohl für die Behandlung in ſeiner Liquidation anſetze. Während dieſes kurzen Geſprächs hatte Morlina, die älteſte Tochter und natürliche Stellvertreterin der Mut⸗ ter während deren Unwohlſein, die drei jüngern Schwe⸗ ſtern faſt ohne Unterbrechung geſtoßen und geſchlagen. Dieſes umſichtige und beſorgte Regiment rührte Herrn Kenwigs zu Thränen und er erklärte, das Kind ſei dem Verſtande und Benehmen nach bereits ein erwachſenes Mädchen. »Sie wird ein wahrer Schatz für den Mann ſein, dem ſie ihre Hand giebt,« ſagte Herr Kenwigs halb bei Seite;»ſie heirathet gewiß über ihren Stand, Herr Lumbry.« Nicolaus Nickleby. »Das ſollte mich gar nicht wundern,« antwortete der Doctor. »Haben Sie das Mädchen noch nicht tanzen ſehen?⸗ fragte Herr Kenwigs. Der Doctor ſchüttelte den Kopf. „Ahl« rief da Kenwigs, als bedauere er ihn von Herzensgrunde,»dann wiſſen Sie nicht, was ſie ver⸗ mag.«. Dieſe ganze Zeit über war durch die andere Thür viel hinein und herausgegangen worden; man hatte ſie leiſe(Madame Kenwigs mußte ruhig gehalten werden) wohl zwanzigmal in der Minute auf und zu gemacht und das neugeborne Kind war einem bis zwei Dutzenden guter Freundinnen gezeigt worden, welche in der Haus⸗ flur und an der Thür ſtanden und nach einander her⸗ aufkamen. Ja die Aufregung verbreitete ſich über die ganze Straße und man konnte Gruppen von Frauen an den Thü⸗ ren ſtehen ſehen;— einige davon befanden ſich in dem⸗ ſelben intereſſanten Zuſtande, in welchem Madame Ken⸗ wigs in der letzten Zeit erſchienen war, und erzählten ihre Erfahrungen bei ähnlichen Vorfällen. Einige brü⸗ ſteten ſich ſehr, weil ſie vor einem Paar Tagen genau vorhergeſagt hatten, wann es vor ſich gehen werde, an⸗ 10 dere erzählten wieder, ſie hätten ſogleich errathen, was geſchehe, als Herr Kenwigs ganz blaß und ſo ſchnell als möglich in der Straße hingelaufen ſei. Einige ſagten dies, andere das, alle aber ſprachen zu gleicher Zeit und alle kamen in zwei Punkten überein, erſtens: es ſei ſehr verdienſtlich und rühmenswerth von Madame Ken⸗ wigs, ſo zu handeln wie ſie gehandelt, und zweitens: es gebe keinen ſo geſchickten und ſo gebildeten Arzt, als den Doctor Lumbry. Während dies draußen geſchah, ſaß Doctor Lumbry, d .— ☛ 8 *8 — 2 . — ☛, — Nicolaus Niclleby. 11 wie bereits erwähnt, in dem Zimmer und unterhielt ſich mit Herrn Kenwigs. Er war ein ſtemmiger Mann mit einem Vollmondsgeſichte und ohne Vatermörder, d. h. Kragen, aber mit einem Barte, der ſeit dem vori⸗ gen Tage früh ſtand, denn Doctor Lumbry war beliebt und die Nachbarſchaft fruchtbar; es waren in einer Zeit von vier und zwanzig Stunden nicht weniger als noch drei andere Thürklopfer umwickelt worden. »Nun, Herr Kenwigs,« ſagte Doctor Lumbry,»das iſt das ſechste. Sie werden mit der Zeit eine hübſche Familie bekommen.« »Ich denke, ſechs iſt faſt genug,« entgegnete Herr Kenwigs. »Bah!« antwortete der Doctor;»dummes Zeug! Kaum die Hälfte.« Dazu lachte der Doctor, aber nicht halb ſo ſehr als eine Freundin der Madame Kenwigs, die eben aus dem Wochenzimmer gekommen war, um Bericht abzuſtatten und eintnal zu trinken, und die jene Bemerkung des Doctors für einen der beſten Späße zu halten ſchien. »Nun, ſie ſind nicht ganz ohne Vermögen,« ſagte Herr Kenwigs, indem er ſeine zweite Tochter auf die Kniee nahm;„ſie haben etwas zu erwarten.⸗ »Wirklich?« fragte Lumbry, der Doctor. »Und etwas Anſtändiges, glaube ich, nicht wahr?« fragte die Freundin. »Ich vermag es nicht zu ſagen, Madame,« antwor⸗ tete Herr Kenwigs,»wie viel es genau betragen wird. Es iſt nicht meine Art, mich irgend einer Familie zu rühmen, mit der ich verwandt zu ſein die Ehre habe; Madame Kenwigs aber,— ich kann wohl ſagen,« fuhr Herr Kenwigs fort, der ſich unterbrach und die Stimme erhob,„daß jedes meiner Kinder vielleicht 500 Thaler Nicolaus Nickleby. V. 2 Nicolaus Nickleby. bekommt, vielleicht mehr, gewiß aber wenigſtens ſo viel.« »Das iſt ſchon ein hübſches kleines Vermögen,« ſagte die Freundin. »Meine Frau hat Verwandte,« fuhr Herr Kenwigs fort, indem er eine Priſe aus der Doſe des Doctors nahm und darauf heftig nieſete, weil er nicht daran ge⸗ wöhnt war,»die wohl von zehn Perſonen jeder 500 Thaler geben könnten, ohne daß ſie ſelbſt darauf brauch⸗ ten betteln zu gehen.« „»Ach, ich weiß, wen Sie meinen,« entgegnete die Freundin nickend. »Ich nenne keine Namen und wiünſche auch nicht, daß Namen genannt werden,« ſagte Herr Kenwigs dar⸗ auf mit einer geheimnißvollen Miene.»Viele meiner Freunde haben hier in dieſem Zimmer einen Verwandten meiner Frau getroffen, der jeder Geſellſchaft Ehre ma⸗ chen würde; weiter ſage ich nichts.« »„Ich habe ihn auch da geſehen,« bemerkte die Freun⸗ din mit einem Blicke auf Doctor Lumbry.* „»Es ſchmeichelt natürlich meinem Vatergefühle, wenn ich ſehe, daß ein ſolcher Mann meine Kinder beachtet und ſie ſogar küßt,« fuhr Herr Kenwigs fort.»Es thut aber auch meinem Gefühle als Menſch wohl, dieſen Mann zu kennen, und es wird meinem Gefühle als Ehe⸗ mann wohlthun, ihm mit dieſem Familienereigniſſe be⸗ kannt zu machen.« Nachdem er ſeine Gefühle in ſolchen Worten ausge⸗ ſprochen hatte, ſtrich er die Flachszöpfe ſeiner zweiten Tochter glatt und bat ſie, ein gutes Kind zu ſein und zu thun, was ihr die Schweſter Morlina ſage. „»Das Mädchen wird der Mutter mit jedem Tage ähnlicher,« ſagte Lumbry, den mit Einemmale eine be⸗ ſondere Bewunderung Morlina's erfaßte. Nicolaus Nickleby. 13 »Da haben wir's!« fiel die Freundin ein.»Habe ich es nicht immer geſagt?— habe ich es nicht immer geſagt? Sie iſt ihr wie aus den Augen geſchnitten.« Nachdem die Freundin auf dieſe Weiſe die Aufmerkſam⸗ keit auf das junge Mädchen gerichtet hatte, benutzte ſie die Gelegenheit, noch einen Schluck, und zwar einen ſehr langen Schluck Grog zu nehmen. »Ja, ſie iſt ihr Ebenbild,« ſagte Kenwigs nach eini⸗ gem Nachdenken.»Was für ein Mädchen war aber auch meine jetzige Frau! Ach, ſo ein Mädchen—!« Herr Lumbry ſchüttelte ſehr feierlich den Kopf, als wolle er andeuten, er vermuthe, ſie ſei eine wahre Zau⸗ berin, eine blendende Schönheit geweſen. »Und dabei ſo feine Sitten! So naiv und doch ſo ſtreng anſtändig! Und ihr Geſicht! Es iſt nicht allge⸗ mein bekannt,« fuhr Kenwigs leiſer fort,»aber ihr Ge⸗ ſicht war damals ſo ſchön, daß die Figur der Britannia in Holloway Road nach ihr gemalt wurde.« »Sehen Sie doch nur, wie ſie noch jetzt iſt,« warf die Freundin ein;»ſieht man es ihr an, daß ſie ſechs Kinder gehabt hat.« „Lächerlich!« rief der Doctor. „Sie ſieht aus, wie ihre eigene Tochter,“« ſetzte die Freundin hinzu. „Allerdings,« beſtätigte Herr Lumbry,„ganz ſo.⸗ Herr Kenwigs wollte noch einige andere Bemerkun⸗ gen machen, wahrſcheinlich zur Beſtätigung dieſer An⸗ ſicht, als eine andere Frau, welche ſich eingefunden hatte, um die Wöchnerin zu unterhalten und eſſen und trinken zu helfen, den Kopf hereinſteckte und ſagte, ſie ſei eben unten an der Thür geweſen, wo ſich ein Herr befinde, der dringend mit Herrn Kenwigs zu ſprechen wünſche. Herr Kenwigs dachte an den geliebten Verwandten 2* 14 Nicolaus Nickleby. als man ihm dieſe Botſchaft brachte und ſchickte ſogleich Morlina ab, um den Herrn in das Zimmer zu beglei⸗ ten. „Ah,“ ſagte Herr Kenwigs, welcher der Thür gegen⸗ über ſtand, damit er den Ankommenden ſogleich erblicke, wenn er die Treppe heraufſteige,»Herr Johnſon! Wie befinden Sie ſich 2« Nicolaus drückte ihm die Hand, küßte ſeine ehemali⸗ gen Schülerinnen, übergab der ältern ein großes Packet Spielſachen, verbeugte ſich vor dem Doctor und den Freundinnen und erkundigte ſich nach Madame Kenwigs ſo theilnehmend, daß es die Wartefrau tief rührte, welche eben hereingekommen war, um eine räthſelhafte Mi⸗ ſchung in einer kleinen Pfanne über dem Feuer zu wär⸗ men. »Ich muß ſehr um Entſchuldigung bitten, daß ich zu einer ſolchen Zeit komme,« ſagte Nicolaus,»aber ich erfuhr es erſt, nachdem ich geklingelt hatte, und meine Zeit iſt jetzt ſo beſchränkt, daß ich fürchtete, es könnten mehrere Tage vergehen, ehe mir es möglich werde, wie⸗ der zu kommen.« „»Oh, die Umſtände meiner Frau,“ ſagte Herr Ken⸗ wigs,»hindern durchaus eine kleine Unterhaltung zwi⸗ ſchen Ihnen und mir nicht.« „Sie ſind ſehr gütig,« entgegnete Nicolaus. In dieſem Augenblicke kam eine andere Freundin, um zu melden, daß das neugeborne Kind ſehr geſchickt eſſe, worauf die beiden ſchon erwähnten Frauen ſich eilig in das Wochenzimmer begaben, um dieſe Merkwürdigkeit mit anzuſehen. »Ich komme,« begann nun Nicolaus,» weil ich ei⸗ nen Auftrag an Sie erhielt, als ich den Ort verließ, wo ich mich in der letztern Zeit aufhielt.« eich lei⸗ een⸗ icke, Wie ali⸗ icket den digs lche Mi⸗ är⸗ zu ich eine aten vie⸗ den⸗ zwi⸗ um eſſe, g in gkeit ei⸗ ließ, Nicolaus Nickleby. 15 »Ah!« entgegnete Herr Kenwigs. „»Ich bin bereits einige Tage in der Stadt,« fuhr Nicolaus fort,»konnte aber bis dieſen Augenblick keine Gelegenheit finden, ihn auszurichten.« „S macht gar nichts aus, Herr Johnſon. Ein Auf⸗ trag von außerhalb London!« ſagte Herr Kenwigs nach⸗ denkend;»'s iſt merkwürdig. Ich kenne keine Menſchen⸗ ſeele außerhalb London.⸗ »Fräulein Petowker,« warf Nicolaus hin. »Ah von der?« ſagte Herr Kenwigs.»Ih, ſehen Sie! Meine Frau wird ſich freuen, von ihr zu hören. Henriette Petowker, nicht wahr? Wie närriſch es doch in der Welt zugeht! Daß Sie die Petowker draußen in der Provinz treffen mußten!« Die vier Töchter des Herrn Kenwigs drängten ſich um Nicolaus, als ſie den Namen ihrer Freundin hörten und ſperrten Mund und Naſe auf. Auch Herr Kenwigs ſelbſt ſah etwas neugierig aus, ohne aber im mindeſten etwas zu ahnen. »Der Auftrag betrifft Familienangelegenheiten,« ſagte Nicolaus zögernd. »Geniren Sie ſich nicht,« fiel Kenwigs ein, indem er einen Blick auf Lumbry warf, der das jüngſte Kind auf den Schooß genommen hatte und nun Niemanden ſah, der es ihm wieder abnehme;»Lauter Freunde!« Nicolaus begann ein paar mal mit hm! und es ſchien ihm ſchwer zu werden, fortzufahren. »Henriette Petowker iſt in Portsmouth?« fragte Herr Kenwigs. »Ja,« antwortete Nicolaus.»Auch Herr Lillyvick iſt dort.« Herr Kenwigs wurde blaß, erholte ſich aber und ſagte: dies ſei ein merkwürdiges Zuſammentreffen. 16 Nicolaus Nickleby. „Der Auftrag iſt von ihm,« ſagte Nicolaus. Herr Kenwigs ſchien wieder aufzuleben. Herr Lilly⸗ vick wußte, daß ſeine Nichte ſich in beſondern Umſtän⸗ den befinde und hatte wahrſcheinlich durch Johnſon den Wunſch überbringen laſſen, man möge ihm ausführlich ſchreiben. Ja, das war ſehr freundlich von ihm und ſah ihm ganz ähnlich. „Er wünſchte, ich möge Sie ſeiner Liebe verſichern?« ſagte Nicolaus. »Ich bin ihm ſehr verbunden. Euer Großonkel, Lillyvick, lieben Kinder,« erklärte Herr Kenwigs den Kleinen. „Sie ſeiner Liebe verſichern,« fuhr Nicolaus fort, „und Ihnen melden, er habe keine Zeit zu ſchreiben, ſei aber mit Henriette Petowker getrauet.« Herr Kenwigs ſprang auf, als habe ihn eine Schlange gebiſſen, ergriff ſeine zweite Tochter an dem Flachszopfe und bedeckte ſein Geſicht mit dem Taſchentuche. Morlina fiel ſteif und ſtarr in den Kinderſtuhl, wie ſie ihre Mut⸗ ter hatte fallen ſehen, wenn ſie ohnmächtig wurde, und die beiden andern kleinen Kenwigſe ſchrieen jammernd auf. „Meine Kinder, meine betrogenen Kinder!« jammerte Herr Kenwigs, der dabei in ſeiner Verzweiflung ſo hef⸗ tig an dem Flachszopfe ſeiner zweiten Tochter zog, daß er ſie emporhob.»Böſewicht! Eſel! Verräther!« „Mann! Mann!“ rief die Wartefrau unwillig;»ſo machen Sie doch keinen ſolchen Lärm hier!« „Still, Frau!« gebot Kenwigs wild. „Ich will aber nicht ſtill ſein,« entgegnete die War⸗ tefrau.»Erſt müſſen Sie ſtill ſein, Sie Rabenvater! Nehmen Sie denn gar keine Rückſicht auf ihr Kind?« „»Nein,« antwortete Herr Kenwigs. 8 O8 R=A 8 2 — Nicolaus Nickleby. 17 »Schämen Sie ſich,« erwiederte die Wartefrau, „ſchämen Sie ſich, Sie Rabenvater.« „»Mag es ſterben,« fuhr Kenwigs in ſeinem Zorne fort,»mag es ſterben. Es hat ſo nichts mehr zu hof⸗ fen und zu erwarten. Wir brauchen keine Kinder hier. Tragt ſie ins Findelhaus,— ins Findelhaus!« Mit dieſen ſchrecklichen Worten ſetzte ſich Herr Ken⸗ wigs auf einen Stuhl und trotzte der Wartefrau, die aus dem Wochenzimmer eine Schaar Weiber herbei⸗ holte und verſicherte, Herr Kenwigs habe läſterlich von ſeiner Familie geſprochen und müſſe rein verrückt ſein. Der Schein war allerdings gegen Herrn Kenwigs, denn er war von dem ſo heftigen Sprechen ganz kirſch⸗ braun im Geſicht geworden, zumal daſſelbe von der Auf⸗ regung an dieſem Tage und dem ungewohnten Genuſſe ſtarker Getränke zur Feier deſſelben ſchon vorher aufge⸗ dunſen geweſen. Nicolaus und der Doctor(die ſich an⸗ fangs ganz ruhig verhalten hatten, da ſie nicht wußten, ob Herr Kenwigs im Ernſt ſo tobe), erklärten jetzt die Urſache ſeines Zuſtandes, und der Unwille der Frauen verwandelte ſich in Mitleid. Sie baten ihn, ruhig zu Bett zu gehen. »Wie aufmerkſam,« ſagte Herr Kenwigs, indem er mit einer Jammermiene im Kreiſe herumblickte,»wie aufmerkſam bin ich gegen den Mann geweſen! Welche Auſtern hat er bei uns gegeſſen, wie viel Bier hier ge⸗ trunken!« » Es iſt freilich ſehr ſchlimm,« ſagte eine der Frauen, »aber denken Sie an Ihre liebe Frau.« »Ja wohl und was ſie heute gelitten hat,« ſagten die andern. »Die Geſchenke, die ich ihm gemacht habe!« fuhr Herr Kenwigs fort, der ſein Unglück nicht aus dem Sinne 4. 18 Nicolaus Nickleby. bringen konnte;»die Pfeifen, die Schnupftabacksdoſen, — ein Paar Gummi⸗Ueberſchuhe—« „Denken Sie nicht daran,« fielen die Frauen ein; „es wird ihm ſchon vergolten werden.« Herr Kenwigs ſah die Frauen an, als wäre es ihm weit lieber, wenn es ihm vergolten würde, was er ge⸗ than; aber er ſagte nichts, ſtützte den Kopf in die Hand und ſchien zu ſchlummern. Die Frauen beriethen ſich von neuem darüber, ob es nicht am beſten ſei, der gute Mann werde zu Bett ge⸗ bracht. Sie bemerkten, er werde ſich am nächſten Mor⸗ gen wohl beſſer befinden, er brauche ſich des Vorgelal⸗ lenen gar nicht zu ſchämen, durchaus nicht, im Gegen⸗ theil, er habe dadurch ſein gutes Herz gezeigt. Eine Frau erzählte als ganz hierher paſſendes Beiſpiel, ihr Mann verliere, wenn ſie entbunden werde, aus Angſt meiſt ganz den Kopf und einmal, als ſie mit ihrem klei⸗ nen John niedergekommen, ſei der gute Mann erſt nach acht Tagen wieder zu ſich gekommen und habe dieſe ganze Zeit über in einem Tone, der allen Leuten zu Herzen gegangen, gerufen:»iſt es ein Knabe? iſt es ein Knabe?« Endlich meldete Morlina(die ganz vergaß, daß ſie in Ohnmacht gefallen, als ſie fand, daß Niemand dar⸗ auf achtete), es ſei ein Zimmer für ihren armen Vater bereit. Herr Kenwigs nahm, nachdem er ſeine vier Töchter an ſeiner Bruſt faſt erdrückt hatte, an der einen Seite den Arm des Doctors und an der andern den Arm Johnſons an und wurde die Treppe hinauf in ein Schlafzimmer geführt. Nachdem Nicolaus ſich überzeugt, daß Herr Kenwigs feſt ſchlafe und ſchnarche, und darauf noch die Spielſa⸗ chen unter die kleinen Kenwigſe vertheilt hatte, entfernte Nieolaus Nickleby. 19 er ſich wieder. Die Frauen gingen allmählig auch fort, bis auf ſechs oder acht ganz intime Freundinnen, welche ſich vorgenommen hatten, die ganze Nacht da zu bleiben; die Lichter in den Häuſern verſchwanden allmählig; das letzte Bulletin, daß Madame Kenwigs ſich nach den Um⸗ ſtänden ganz wohl befinde, wurde ausgegeben, und die ganze Familie begab ſich zur Ruhe. Zweites Kapitel. Nicolaus ſteigt in der Gunſt der Gebrüder Cheeryble und des Herrn Timotheus Linkinwater. Die Brüder geben ein jährliches Feſtmahl und Nicolaus erhält nach der Rück⸗ kunft von demſelben eine wichtige Mittheilung von den Lippen ſeiner Mutter. Der Platz, an welchem ſich das Haus der Gebrüder Cheeryble befand, würde freilich den ſanguiniſchen Er⸗ wartungen wenig entſprechen, die ein Fremder nach der Anhörung der begeiſterten Lobeserhebungen deſſelben durch Timotheus Linkinwater hegen könnte, war aber doch ein recht wünſchenswerther ſtiller Raum mitten in einer ſo geſchäftigen und geräuſchvollen Stadt wie London, und ſtand ziemlich hoch in den freundlichen Erinnerun⸗ gen gar mancher ernſten Perſonen, die in der Nähe wohnten. Dieſe freundlichen Erinnerungen tnüfen ſch indeß keineswegs an Blätter, wären ſie auch noch ſo ſehr be⸗ ſtäubt und vergelbt, oder an wenn auch dünnen und kahlen Raſen. Die Plätze in der City haben keinen Baum außer dem Laternenpfahle und kein Gras außer den wenigen Stengeln, die am Fuße deſſelben empor⸗ 20 Nicolaus Nickleby. ſprießen. Er iſt ein ruhiger, wenig beſuchter, entlege⸗ ner, der Melancholie, dem Nachdenken und lang aus⸗ bleibenden Anſtellungen günſtiger Ort; auf⸗ und nieder⸗ wandelt an jeder Seite der auf Anſtellung Wartende ſtundenlang, erweckt das Echo durch den eintönigen Schall ſeiner Fußtritte auf den glattgetretenen Steinen und zählt erſt die Fenſter und dann ſelbſt die Mauer⸗ ſteine an den großen ſtillen Häuſern umher. Im Win⸗ ter liegt hier der Schnee noch, nachdem er von den be⸗ ſuchteren Straßen längſt verſchwunden iſt. Die Sommer⸗ ſonne hat einige Rückſicht für dieſen Platz, denn ſie wirft nur wenige freundliche Strahlen auf ihn und behält ih⸗ ren blendenden Glanz wie ihre feuerige Gluth für ge⸗ räuſchvollere minder impoſante Orte. Es iſt ſo ſtill hier, daß man faſt das Picken der Uhr in der Taſche hören kann, wenn man ſtehen bleibt, um ſich in der erfriſchenden Luft abzukühlen. In der Ferne hört man ein Summen von Wagen, nicht von Inſekten; kein an⸗ derer Laut ſtört die Stille des Platzes. Der Eckenſteher lehnt träge an dem Eckpfahle in gemüthlicher Wärme, obgleich der Tag glühend heiß iſt. Seine weiße Schärpe flattert ſchlaff in der Luft; ſein Kopf ſinkt ihm allmälig auf die Bruſt; die Augenlieder fallen ihm zu und er hebt ſie nur bisweilen matt wieder empor; er vermag dem ſchlafmachenden Einfluſſe des Platzes nicht zu wi⸗ derſtehen und ſinkt allmälig in Schlummer. Bald aber fährt er völlig erwacht auf, tritt ein paar Schritte zu⸗ rück und blickt forſchend umher. Sieht er einen Geiſt, oder hört er einen Leierkaſten? Nein, es iſt eine noch ungewohntere Erſcheinung;— ein Schmetterling fliegt auf dem Platze umher, ein wirklicher leibhaftiger Schmet⸗ terling, der, fern von Blumen, an den Eiſenſpitzen des ſtaubigen Platzgeländers flattert. Nieolaus Nickleby. 21 Wenn nun aber auch unmittelbar vor dem Hauſe der Gebrüder Cheeryble nicht viel Gegenſtände die Aufmerk⸗ ſamkeit des jungen Commis feſſeln oder ſeine Gedanken abziehen konnten, ſo waren innerhalb nicht wenige ge⸗ eignet, ſeine Theilnahme zu erregen und ihn zu erfreuen. Kaum gab es wohl einen belebten oder lebloſen Gegen⸗ ſtand daſelbſt, der nicht einigermaßen von der ſcrupulö⸗ ſen Methode und Pünktlichkeit des Timotheus Linkinwa⸗ ter berührt worden wäre. Pünktlich wie die Comptoir⸗ uhr, die er für die ſicherſte in London nach der an einer alten verſteckten unbekannten Kirche in der Nähe hielt, verrichtete der alte Buchhalter die geringfügigſten Handlun⸗ gen des Tages und erhielt die kleinſten Gegenſtände in dem kleinen Comptoir in ſo genauer und regelmäßiger Ordnung, daß ſie nicht beſtimmter hätte ſein können, wäre das Comptoir auch wirklich ein Glaskaſten mit ausgeſuchten Curioſitäten geweſen. Papier, Federn, Tinte, Lineal, Siegellack, Oblaten, Petſchaft, Bindfaden⸗ büchſe, Feuerzeug, ſein Hut, ſeine ſorgfältig zuſammen⸗ gelegten Handſchuhe, ſein anderer Rock,— der an der Wand genau ſo ausſah wie Timotheus ſelbſt von hin⸗ ten— Alles hatte ſeinen genau beſtimmten und abge⸗ grenzten Platz. Außer der Uhr exiſtirte kein ſo accura⸗ tes und untadeliges Inſtrument als der kleine Thermo⸗ meter, der hinter der Thüre hing. Kein Vogel in der Welt war ſo methodiſch und ſo geſchäftlich als die blinde Amſel, welche ihre Tage in einem netten Käfige ver⸗ träumte und verſchlief und ihre Stimme vor Alter be⸗ reits verloren hatte, als ſie Timotheus kaufte. In den ganzen Anekdotenſchatze des Buchhalters gab es keine ſo begebnißreiche Geſchichte als die von der Erwerbung eben dieſes Vogels; wie er denſelben aus Mitleid mit des Armen ausgehungerten und leidenden Ausſehen in 1 22 Nieolaus Nickleby. der Abſicht gekauft, ſeinem elenden Leben ein Ende zu machen; wie er ſich entſchloſſen, drei Tage zu warten, um zu ſehen, ob der Vogel ſich erhole; wie der Vogel ſich wirklich erholte, ehe die Hälfte dieſer Zeit abgelaufen war; wie er ſich immer mehr erholte, ſeinen Appetit und ſein gutes Ausſehen wieder erhielt bis er allmälig wurde—»wie Sie ihn jetzt ſehen«, ſagte Ti⸗ motheus mit einem ſtolzen Blicke auf den Käfig. Dabei pfiff Timotheus ſehr melodiös und rief»Mätzchen«; Mätzchen dagegen, das man vorher für eine hölzerne oder ausgeſtopfte Amſel hätte halten können, kam hü⸗ pfend an die Seite des Käfigs, ſteckte den Schnabel zwiſchen den Drähten durch und wendete ſein blindes Köpfchen nach ſeinem alten Herrn. In dieſem Augen⸗ blicke würde es ſchwer zu entſcheiden geweſen ſein, wer von Beiden das glücklichſte Geſchöpf war, der Vogel oder Timotheus Linkinwater. Das war noch nicht alles. Alles reflectirte über dies gewiſſermaßen den freundlichen Sinn und die Gutmü⸗ thigkeit der beiden Brüder. Die Arbeiter in der Nieder⸗ lage und die Träger waren ſo kräftige blühende Bur⸗ ſche, daß man ſeine Freude an ihnen haben mußte. Ne⸗ ben den Schiffliſten und Preiscouranten an den Wän⸗ den in dem Comptoir ſah man Subſcriptionseinladun⸗ gen zu mildthätigen Werken und Pläne zu neuen Ar⸗ men⸗ und Krankenhäuſern. Ueber dem Kamine hingen zum Schrecken aller Uebelthäter zwei Degen und eine Muskete, aber die letztere war verroſtet und unvollſtän⸗ dig, und die erſten waren ſtumpf und ſchartig. An ei⸗ nem andern Orte würde man über dieſe ſo offen aufge⸗ hangenen unbrauchbaren Waffen gelacht haben; hier aber ſchien es, als ob ſelbſt Wehr und Waffen ſich dem Nicolaus Nickleby. 23 herrſchenden Einfluſſe nicht entziehen könnten und Zei⸗ chen der Milde und Schonung würden. Solche Gedanken beſchäftigten Nicolaus an dem Morgen, als er zum Erſtenmale Beſitz von dem leeren Stuhle nahm und frei und ungehindert ſich umſah. Vielleicht ermuthigten und ſtachelten ſie ihn zur Thätig⸗ keit, denn in den nächſten zwei Wochen wendete er alle ſeine freien Stunden ſpät in der Nacht und früh am Morgen unabläſſig darauf, die Geheimniſſe des Buch⸗ haltens und einige andere Formen der Handels⸗Rechen⸗ kunſt zu erlernen. Er beſchäftigte ſich damit ſo fleißig und ſo ausdauernd, daß er trotz ſeinen unbedeutenden Vorkenntniſſen von der Schule her nach vierzehn Tagen dem Herrn Linkinwater Bericht von ſeinen Fortſchritten abſtatten und deſſen Verſprechen in Anſpruch nehmen konnte, ihm bei den ſchweren Arbeiten behülflich ſein zu dürfen. Es war ſehenswerth, wie Timotheus Linkinwater langſam ein ſchweres Hauptbuch und eine Strazze her⸗ beibrachte, dieſelben nach allen Seiten drehete und be⸗ ſah, ſorgfältig abſtäubte, aufſchlug und halb traurig halb ſtolz auf die ſchöngeſchriebenen und fleckenlos ein⸗ getragenen Poſten blickte. „Vierundvierzig Jahre wird's nächſten Mai!« ſagte Timotheus.»Viele neue Hauptbücher ſeitdem. Vier⸗ undvierzig Jahre!« Timotheus ſchlug das Buch wieder zu. „Kommen Sie,“« ſagte Nicolaus,»ich möchte nun gern anfangen.“ Timotheus Linkinwater ſchüttelte mit mildem Vor⸗ wurfe ſein Haupt. Herr Nickleby fühlte die Wichtigkeit und tiefe Bedeutung ſeines Unternehmens noch nicht hin⸗ 24 Nieolaus Nickleby. länglich. Wenn ein Verſehen vorkäme! Wenn etwas ausradirt werden müßte! Die jungen Leute ſind wa⸗ geluſtig; es iſt merkwürdig, was ſie bisweilen unter⸗ nehmen und wie ſie es unternehmen. Selbſt ohne die Vorſicht zu gebrauchen, ſich auf den Stuhl zu ſetzen, ſondern gemächlich an den Pult ſtehend und mit einem Lächeln im Geſichte,— wirklich einem Lächeln (es war durchaus kein Irrthum, denn Linkinwater hat es ſpäter oft erwähnt), tauchte Nicolaus die Feder in das vor ihm ſtehende Tintefaß und fing an, in die Bü⸗ cher der Gebrüder Cheeryble zu ſchreiben. Timotheus Linkinwater wurde leichenblaß, zog ſeinen Stuhl neben Nicolaus und ſah dieſem in athemloſer Angſt über die Achſel. Bruder Karl und Bruder Eduard traten mit einander in das Comptoir; Timotheus Lin⸗ kinwater aber winkte, ohne ſich umzudrehen, ungeduldig mit der Hand, um anzudeuten, es müſſe die tiefſte Stille beobachtet werden und folgte dem Schnabel der ungeübten Feder mit eifrigem forſchenden Auge. Die Brüder ſahen lächelnd zu, Timotheus aber lä⸗ chelte nicht, ja einige Minuten lang rührte er ſich nicht. Endlich holte er tief und langſam Athem, behielt jedoch ſeine Stellung auf dem vorgelehnten Stuhle bei, ſah Bruder Karl an, wies mit der Fahne ſeiner Feder nach Nicolaus und nickte entſchloſſen und ernſt, als wolle er ſagen:»es wird gehen.« Bruder Karl nickte wieder und wechſelte einen la⸗ chenden Blick mit Bruder Eduard. In dieſem Augen⸗ blicke hielt Nicolaus inne, um ein Blatt umzuſchlagen; Timotheus Linkinwater, der ſeine Zufriedenheit nicht länger bei ſich behalten konnte, ſtieg von ſeinem Stuhle herunter und faßte entzückt ſeine Hand. »Er hat es gethan,« ſagte Timotheus, indem er Nicolaus Nickleby. 25 ſeine Prinzipale anſah und ſeinen Kopf triumphirend ſchüttelte.»Seine großen B und D ſind gerade wie die meinigen; über alle kleine i macht er den Punkt und durch alle t den Querſtrich. Es giebt nicht noch einen jungen Mann gleich ihm in London,« ſagte Ti⸗ motheus, indem er Nicolaus auf die Achſel klopfte; »nicht einen. Die City kann keinen ſolchen aufweiſen. Ich fordere die City auf, mir einen gegenüber zu ſtellen!« Bei dieſer Ausforderung ſchlug Timotheus Linkin⸗ water mit der geballten Fauſt ſo heftig auf das Pult, daß die alte Amſel vor Schreck von der Stange in den Käfig fiel und ſogar einen ſchwachen krächzenden Ton von ſich gab. »Gut geſagt, Timotheus, wirklich gut geſagt, Timo⸗ theus Linkinwater,« entgegnete Bruder Karl, der ſich kaum weniger freute als Timotheus ſelbſt und während des Sprechens leicht in die Hände klatſchte.»Ich wußte, daß unſer junger Freund ſich Mühe geben würde, und war überzeugt, daß er ſich in ganz kurzer Zeit einar⸗ beite. Sagte ich es nicht, Bruder Eduard 2⸗ »Du ſagteſt es, lieber Bruder, allerdings, lieber Bruder, Du haſt es geſagt und hatteſt ganz recht,« ent⸗ gegnete Eduard.»Ganz recht. Timotheus Linkinwater iſt aufgeregt, aber ganz mit Recht. Timotheus iſt ein prächtiger Menſch,— Timotheus Linkinwater, Sie ſind ein prächtiger Menſch.“« „»Das iſt eine Freude für mich,« ſagte Timotheus ohne auf dieſe Anrede zu achten, während er von dem Hauptbuche auf⸗ und nach den Brüdern ſah.»Es iſt eine Freude. Glauben Sie nicht, daß ich oftmals daran gedacht habe, was aus dieſen Büchern werden würde, wenn ich nicht mehr ſei? Glauben Sie nicht, daß mir 26 Nicolaus Nickleby. oftmals der Gedanke ſchwer auf dem Herzen gelegen hat, es könne nach meiner Zeit unordentlich und unge⸗ hörig hier zugehen? Jetzt,« fuhr er fort, indem er ſeinen Zeigefinger nach Nicolaus ausſtreckte,»jetzt bin ich zu⸗ frieden, ſobald ich ihm noch einige Anleitung gegeben. Das Geſchäft wird nach meinem Tode fortgehen, wie es bei meinen Lebzeiten ging,— ganz ſo und ich werde die Ueberzeugung behalten, daß es niemals, niemals ſolche Bücher gegeben hat. Ja es wird auch nirgends ſolche Bücher geben, wie die Bücher der Gebrüder Cheeryble.“ Nachdem er ſo ſeine Gefühle ausgeſprochen hatte, lachte Timotheus Linkinwater, um anzudeuten, daß er die Städte London und Weſtminſter gegen ſeine Be⸗ hauptung herausfordere; dann wendete er ſich wieder ruhig zu ſeinem Pulte und ſetzte ſeine Arbeit fort. „»Timotheus Linkinwater,« ſagte Bruder Karl,»geben Sie mir Ihre Hand. Es iſt heute Ihr Geburtstag. Wie können Sie von irgend etwas anderm reden, ehe wir Ihnen eine noch oftmalige glückliche Wiederkehr die⸗ ſes Tages gewünſcht haben, Timotheus Linkinwater? Gott ſei mit Ihnen, Timotheus! Gott ſei mit Ihnen!« „Lieber Bruder,« ſagte darauf der Andere, indem er Linkinwaters noch freie Hand faßte,»Timotheus Linkin⸗ water ſieht heute zehn Jahre jünger aus als an ſeinem letzten Geburtstage.« »Bruder Eduard,« fiel der andere Alte ein, v»ich glaube, Timotheus Linkinwater iſt als hundertundfunf⸗ zigjähriger Mann zur Welt gekommen und lebt allmälig herunter bis auf fünfundzwanzig, denn er ſieht an je⸗ dem Geburtstage jünger aus als an dem vorhergehen⸗ den.« 8 »So iſt es, Bruder Karl, ſo iſt es,« antwortete Bruder Eduard;»ohne Zweifel.« Nicolaus Nickleby. 27 „Vergeſſen Sie nicht, Timotheus,« fuhr Bruder Karl fort,»daß wir heute halb ſechs Uhr eſſen ſtatt um fünf Uhr; wir gehen an dieſem Tage, wie Sie wiſſen, Ti⸗ motheus Linkinwater, jedesmal von unſerer gewöhnli⸗ chen Weiſe ab. Herr Nickleby, Sie eſſen heute auch bei uns. Timotheus, geben Sie mir Ihre Schnupftabacks⸗ doſe als ein Andenken für Bruder Eduard und mich ſelbſt an einen treuen und anhänglichen Freund und neh⸗ men Sie dafür dieſe als ein geringes Zeichen unſerer Liebe und Achtung, machen Sie dieſelbe aber nicht eher auf, als bis Sie zu Bett gehen und ſagen Sie kein Wort darüber, oder ich mache die Amſel todt. Sie hätte ſchon vor einem halben Dutzend Jahre ein goldenes Bauer haben ſollen, wäre ſie oder ihr Herr dadurch um etwas glücklicher zu machen geweſen. Nun, Bruder Eduard, bin ich bereit. Alſo halb ſechs Uhr, vergeſſen Sie nicht, Herr Nickleby. Timotheus Linkinwater, brin⸗ gen Sie Herrn Nickleby halb ſechs Uhr mit. Nun, Bru⸗ der Eduard.« Mit ſolchem Geplauder, durch das ſie wie gewöhn⸗ lich jede Dankesäußerung verhindern wollten, gingen die beiden Brüder Arm in Arm fort, nachdem ſie ihrem Buchhalter Timotheus Linkinwater eine koſtbare goldene Schnupftabacksdoſe mit einer Banknote darin verehrt hatten, die zehnmal mehr werth war als die Doſe. Ein Viertel nach fünf kam pünktlich auf die Minute die Schweſter Linkinwaters und es entſtand ein gewal⸗ tiger Streit zwiſchen dieſer Schweſter und der alten Haushälterin wegen des Häubchens der Schweſter, das dieſe von ihrer Wohnung durch einen Jungen daher ge⸗ ſchickt hatte, aber noch nicht angekommen war, obgleich das Häubchen in eine Schachtel gelegt, die Schachtel in ein Tuch geſchlungen und bieſes Tuch an den Arm Nicolaus Nickelbiy. V. 3 28 Nicolaus Nickleby. des Knaben gebunden, ja überdies der Beſtimmungs⸗ ort deutlich und ausführlich auf die Rückſeite eines alten Couverts geſchrieben und dem Knaben unter Bedrohung entſetzlicher Strafe, deren Ausdehnung ein menſchliches Auge nicht überſehen konnte, eingeſchärft worden war, das Tuch mit der Schachtel und dem Häubchen ſo ſchnell als möglich abzuliefern und unterwegs ſich nicht aufzu⸗ halten. Die Schweſter Linkinwaters jammerte, die Haus⸗ hälterin bedauerte, und Beide ſahen im zweiten Stock durch das Fenſter, um den Jungen kommen zu ſehen, was gewiß ein großes Vergnügen und überdies ſo viel geweſen ſein würde, als wäre er ſchon da, weil die Entfernung von der Ecke bis an das Haus kaum fünf Ellen betrug. Plötzlich und als es am wenigſten erwar⸗ tet wurde, erſchien der Bote, der die Schachtel unge⸗ mein ſorgſam trug, athemlos und hochroth in der ge⸗ rade entgegengeſetzten Richtung, denn er hatte ſich erſt hinten auf eine Kutſche geſetzt, war ein großes Stück weit mit gefahren und dann Seiltänzern nachgelaufen. Die Haube befand ſich jedoch in gutem Zuſtande,— das war ein Troſt,— und der Knabe brauchte nicht ausge⸗ zankt zu werden,— das war der zweite.— So ging der Knabe vergnügt ſeinen Weg weiter, und die Schwe⸗ ſter Linkinwaters zeigte ſich der Geſellſchaft gerade fünf Minuten nach halb ſechs Uhr. Die Geſellſchaft beſtand aus den beiden Brüdern Cheeryble, Timotheus Linkinwater, einem rothbackigen, weißköpfigen Freunde deſſelben(einem alten Commis bei der Bank) und Nicolaus, welcher der Schweſter Linkin⸗ waters feierlichſt und höchſt gravitätiſch vorgeſtellt wurde. Als ſie Alle beiſammen waren, klingelte der Bruder Eduard und führte, nachdem kurz darauf gemeldet wor⸗ den, daß der Tiſch gedeckt ſei, die Schweſter des Ti⸗ „ — — %PSSͤSGESͤSGA=Z Z — u nu— 2—— — 515—— E„NR N N η⏑ — F Nicolaus Nickleby. 29 motheus Linkinwater in das anſtoßende Zimmer, wo man große Eßanſtalten bemerkte. Bruder Eduard ſetzte ſich an der Tafel oben⸗ und Bruder Karl untenan; die Schweſter des Timotheus Linkinwater erhielt ihren Platz zur Linken des Bruders Eduard und Linkinwater den ſeinigen zur Rechten. Ein ehemaliger Kellner von ſchlag⸗ flüſſigem Ausſehen mit ſehr kurzen Beinen faßte hinter dem Stuhle des Bruders Eduard Poſto und ſtand ker⸗ zengerade, bewegungslos da. »Für alle dieſe und andere Gaben, Bruder Karl,« ſagte Eduard. »Laß uns, Gott, dir dankbar ſein,« ſchloß Bruder Karl. Darauf riß der ſchlagflüſſige Kellner den Deckel von der Suppenterrine und ging mit Einemmale in einen Zuſtand außerordentlicher Thätigkeit über. Es wurde viel geſprochen und zur Befürchtung, die Unterhaltung werde ins Stocken gerathen, ſchien gar keine Urſache da zu ſein, denn die gute Laune der bei⸗ den Brüder war unerſchöpflich und die Schweſter des Timotheus Linkinwater begann eine lange und umſtänd⸗ liche Schilderung der Jugend ihres Bruders— gerade nach dem erſten Glaſe Champagner—, wobei ſie jedoch wohlbedächtig vorausſchickte, daß ſie viel jünger ſei als Timotheus und die Thatſache aus der Jugendgeſchichte deſſelben in der Familie erfahren habe. Nach Beendi⸗ gung dieſer Erzählung erwähnte Bruder Eduard, wie vor gerade fünfunddreißig Jahren Timotheus in dem Verdachte geſtanden, einen Liebesbrief erhalten zu ha⸗ ben, und wie dieſes Gerücht dadurch in das Comptoir gekommen ſei, daß man ihn eines Tages mit einem ſehr hübſchen Mädchen habe gehen ſehen. Darüber ent⸗ ſtand ein lautes Gelächter; Timotheus erröthete bis an 3*⁴ 30 Nicolaus Nickleby. die Ohren, wurde aufgefordert, Rechenſchaft abzulegen, und verſicherte, die Beſchuldigung ermangele aller Be⸗ gründung, ſetzte aber hinzu, es würde nichts Unrechtes geweſen ſein, wenn die Sache auch wahr geweſen. Dar⸗ über lachte denn der alte Bankcommis ganz unmäßig und erklärte, er habe in ſeinem Leben nichts Beſſeres gehört und Timotheus Linkinwater könne viel reden, ehe er wieder etwas ſo Geſcheites zum Vorſchein bringe. An dieſem Tage pflegte eine kleine Ceremonie ſtatt⸗ zufinden, die jedoch einen tiefen Eindruck auf Nicolaus machte. Nachdem das Tiſchtuch weggenommen und die Flaſche das Erſtemal herumgegangen war, trat eine tiefe Stille ein und auf den jovialen Geſichtern der bei⸗ den Brüder zeigte ſich ein Ausdruck von, wenn auch nicht gerade Trauer, doch ruhigen Nachdenken, das an einer Feſttafel doch wenigſtens ungewöhnlich iſt. Als Nicolaus, dem dieſe plötzliche Veränderung nicht wenig auffiel, mit Verwunderung darüber nachdachte, was ſie wohl bedeute, ſtanden die beiden Brüder auf, Eduard bog ſich über den Tiſch hinweg nach Karl zu, ſprach ſo leiſe, als ſolle nur der Bruder die Worte hören und ſagte: „Lieber Bruder Karl, dieſer Tag weckt einen andern Gedanken, den wir Beide nie vergeſſen können, nie ver⸗ geſſen dürfen. Dieſer Tag, welcher einen höchſt getreuen, vortrefflichen und exemplariſchen Menſchen in die Welt ein⸗ führte, rief von ihr die freundlichſte, die beſte Mutter, — unſere gute Mutter ab. Ich wünſche, ſie hätte un⸗ ſern Wohlſtand geſehen und getheilt und das Glück ge⸗ habt zu wiſſen, wie ſehr wir ſie liebten, wie damals als wir zwei arme Jungen waren, aber es ſollte nicht ſein. Mein lieber Bruder, auf das Andenken an unſere Mutter!« Nicolaus Nickleby. 31 „»Guter Gott,« dachte Nicolaus,»viele Leute von ihrem eigenen Stande, die dies alles und noch zwanzig⸗ tauſendmal mehr wiſſen, würden dieſe Männer nicht zu Tiſche laden, weil ſie mit den Meſſern eſſen und nie⸗ mals in die Schule gingen.« Er hatte jedoch keine Zeit, moraliſche Betrachtungen anzuſtellen, denn die Jovialität brach ſich wieder Bahn, und als der Portwein zu Ende ging, klingelte Bruder Eduard, worauf ſogleich der ſchlagfläſſige Kellner er⸗ ſchien. »David,« ſagte Bruder Eduard. „Herr,“ antwortete der Kellner. „Eine Flaſche vom beſten, David, um die Geſund⸗ heit des Herrn Linkinwater zu trinken.« Augenblicklich, gewandt wie ein Taſchenſpieler, ſo daß er von der ganzen Geſellſchaft bewundert wurde, wie es bereits ſeit mehrern Jahren an dieſem Tage ge⸗ ſchehen war, brachte der ſchlagflüſſige Kellner die linke Hand hinter dem Rücken mit einer Flaſche vor, in wel⸗ cher der Korkzieher bereits eingeſchraubt war, entkorkte ſie mit einem Ruck und ſtellte ſie mit der Würde ſelbſt⸗ bewußter Geſchicklichkeit vor ſeinen Herrn. „»Ha!« ſagte Bruder Eduard, der erſt den Kork be⸗ ſah und dann ſein Glas füllte, während der alte Kell⸗ ner ſelbſtgefällig und freundlich zuſah, als wenn der Wein aus ſeinem Keller käme, er denſelben der Geſell⸗ ſchaft aber herzlich gern gebe,»der ſieht gut aus, Da⸗ vid.« »Das wollt' ich meinen,« erwiederte David.»Man wird nicht leicht noch ſo ein Weinchen finden und Herr Linkinwater weiß das recht gut. Mein Herren, der Wein wurde eingelegt, als Herr Linkinwater in das Geſchäft kam.« 32 Nieolaus Nickleby. „»Nein, David, nein,« ſiel Bruder Karl ein. »Ich habe es ſelbſt im Kellerbuche eingetragen, wenn Sie erlauben,« ſagte David in dem Tone eines Man⸗ nes, der ſeiner Sache gewiß iſt. »David hat ganz Recht,— ganz Recht, Bruder Karl,« ſagte Eduard.»Sind die Leute da, David 2« „Vor der Thür, Herr,« erwiederte der Kellner. »Bring' ſie herein, David, bring' ſie herein.« Auf dieſe Aufforderung ſtellte der alte Kellner einen Präſentirteller mit vielen Gläſern vor ſeinen Herrn, machte die Thür auf und ließ die rüſtigen Arbeiter der Herren Gebrüder Cheeryble herein, welche Nicolaus un⸗ ten geſehen hatte. Es waren im Ganzen vier; ſie traten unter vielen Bücklingen, lachend und roth bis an die Ohren ein und ihnen folgte die Haushälterin, die Köchin und die Jungemagd. »Sieben,« ſagte Bruder Eduard, indem er eben ſo viele Gläſer aus der guten Flaſche füllte,»und David, acht,— da. Ihr ſollt hier alle auf die Geſundheit Eures beſten Freundes, des Herrn Timotheus Linkin⸗ water, trinken, ihm Wohlergehen, langes Leben und noch oftmalige Wiederkehr dieſes Tages wünſchen, ſo⸗ wohl um ſeinetwillen als wegen Eurer alten Herren, die ihn für eine unſchätzbare Gabe Gottes halten. Timo⸗ theus Linkinwater, Ihre Geſundheit! Hol' Sie der Teu⸗ fel, Timotheus, der liebe Gott ſoll Ihnen ſeinen Se⸗ gen geben.« Zu dieſem ſeltſamen Widerſpruche in Worten gab Bruder Eduard dem alten Timotheus Linkinwater einen Schlag auf den Rücken, daß er einen Augenblick eben ſo ſchlagflüſſig ausſah wie der Kellner und leerte dar⸗ auf ſein Glas in einem Zuge. Der Toaſt war kaum mit allen Ehren auf Timo⸗ Nicolaus Nickleby. 33 theus Linkinwater getrunken, als der vierſchrötigſte und kräftigſte der Arbeiter ſich mit den Elbogen etwas Platz unter ſeinen Kameraden machte, ſein hochgeröthetes Ge⸗ ſicht zeigte, einen einzelnen Büſchel grauer Haare in der Mitte der Stirn ſtrich— als ehrerbietige Begrüßung der Geſellſchaft— dann die Hände auf einem blau kat⸗ tunenen Schnupftuche ſtark an einander rieb und alſo zu reden begann: „»Wir dürfen uns im Jahre einmal eine Freiheit vrausnehmen, meine Herren, und wenn Sie erlauben, wollen wir uns jetzt dieſe Freiheit nehmen; da keine Zeit ſo gut iſt wie die jetzige und zwei Sperlinge in der Hand nicht ſo viel werth ſind als einer auf dem Dache, wie bekannt, oder umgekehrt, es bleibt ſich aber immer gleich——(Eine Pauſe,— der Kellner war von der Sache noch nicht recht überzeugt.) Wir wollen nämlich damit ſagen, daß es niemals(— hier ſah er den Kellner an—) ſolche(— jetzt warf er die Augen auf die Köchin—) edele, vortreffliche(jetzt ließ er die Blicke im Kreiſe her⸗ umſchweifen, ſah aber doch Niemanden), gutmüthige, brave Herren gegeben hat wie die, welche uns an ei⸗ nem ſo ſchönen Tage tractiren. Und wir wollen Ihnen hiermit für alle ihre viele und große Güte danken, und wir wünſchen, Sie mögen lange leben und ſelig ſter⸗ ben.« Nach Beendigung dieſer Rede, die gewiß weit zier⸗ licher und weit umfaſſender hätte ſein können, ſtimmte die ganze Schaar der dienenden Geiſter unter der An⸗ führung des ſchlagflüſſigen Kellners ein dreimaliges Hurrah an, das zu großem Aerger dieſes braven Man⸗ nes nicht ganz regelmäßig ging, da die Frauenzimmer auf eigene Rechnung, ohne alle Rückſicht auf den Tact, viele kleine gellende Hurrahs hineinſchrieen. Dann tra⸗ 34 Nieolaus Nickleby. ten ſie wieder ab; balb darauf entfernte ſich auch die Schweſter des Timotheus Linkinwater, und in der gehö⸗ rigen Zeit ſtand auch die männliche Geſellſchaft auf, um Thee und Kaffee zu trinken und ein Spielchen zu machen. Halb elf Uhr— in dieſem Hauſe eine ſpäte Zeit— erſchien ein Teller mit Brotſchnittchen und eine Bowle Biſchoff, welcher Biſchoff nach dem ſchon genoſſenen Weine eine ſolche Wirkung auf Timotheus Linkinwater machte, daß er Nicolaus bei Seite nahm und ihm im Vertrauen zu verſtehen gab„ es habe mit dem hübſchen Mädchen doch ſeine Richtigkeit gehabt, ſie ſei auch im Ganzen wirklich ſo hübſch geweſen, als ſie beſchrieben worden,— vielleicht noch hübſcher— habe aber ſo viel Eile gezeigt, ſich zu verändern, daß ſie, während er, Timotheus, reiflich über die Sache nachdachte und dabei den Liebhaber ſpielte, ſich mit einem Andern verhei⸗ rathete.»Ich muß geſtehen, es war meine Schuld,⸗ ſagte Timotheus.»Ich will Ihnen ein Bild zeigen, das ich oben habe. Es koſtete mich fünf Thaler. Ich kaufte— es bald darauf, als das Verhältniß zwiſchen uns ſich auflöſete. Sagen Sie nichts davon, aber das Bild iſt dem Mädchen zufällig ungemein ähnlich, wahrhaftig als wäre es ihr Portrait.« Unterdeß war elf Uhr vorübergegangen, und da die Schweſter des Timotheus Linkinwater erklärte, ſie hätte eigentlich ſchon vor einer ganzen Stunde zu Hauſe ſein ſollen, ſo wurde ein Wagen geholt, in welchen Bruder Eduard ſie außerordentlich artig hineinhob, während Bruder Karl dem Kutſcher vordemonſtrirte, wohin er fahren ſolle, ihm überdies ein Achtgroſchenſtück über das eigentliche Fuhrlohn gab, damit er ja recht ſorgfältig und behutſam mit der Dame umgehe, und ihm ein Glas Nicolaus Nickleby. 35 voll ungemein ſtarken Branntwein aufnöthigte, der dem Kutſcher die Kehle faſt verbrannte. Endlich rollte der Wagen fort und Nicolaus wie der Freund des Timotheus Linkinwater verabſchiedeten ſich darauf ebenfalls, damit die beiden würdigen Brüder und Timotheus ſich zur Ruhe begeben zönnten. Da Nicolaus ziemlich weit zu gehen hatte, ſo war Mitternacht längſt vorüber, als er zu Hauſe ankam, wo ſeine Mutter und Smike noch aufwaren, um ihn zu er⸗ warten. Ihre gewöhnliche Schlafzeit war längſt vor⸗ über und ſie hatten bereits wenigſtens zwei Stunden auf ihn gewartet; aber die Zeit war ihnen nicht lang vorgekommen, denn Mad. Nickleby hatte Smike mit ei⸗ nem genealogiſchen Berichte von ihrer Familie mütter⸗ licher Seite unterhalten, dem es an biographiſchen Skizzen der vorzüglichſten Mitglieder nicht fehlte, und Smike war ungewiß geweſen, was das Alles be⸗ deute, ob es aus einem Buche auswendig gelernt ſei, oder ob Mad. Nickleby Alles aus dem Kopfe ſpreche, ſo daß ſie ſich Beide recht angenehm amüſirten. Nicolaus konnte nicht zu Bett gehen, ohne von den vortrefflichen Herzen und der Freigebigkeit der Gebrüder Cheeryble zu erzählen und von dem großen Erfolge zu berichten, der ſeine Bemühungen an dieſem Tage ge⸗ krönt hatte. Ehe er aber zwölf Worte geſprochen hatte, bemerkte Mad. Nickleby mit vielen ſchlauen Winken und häufigem Nicken, daß Smike ganz gewiß ſehr müde ſei, und ſie darauf beſtehen müſſe, daß er keine Minute län⸗ ger aufbleibe. »Er iſt gewiß eine recht gute Seele,« ſagte Madame Nickleby, als Smike ihnen eine gute Nacht gewünſcht und das Zimmer verlaſſen hatte;»aber, ich weiß, Du wirſt mir's nicht übel nehmen, lieber Nicolaus, ich kann 36 Nicolaus Nickleby. es vor einer dritten Perſon nicht thun. Auch würde es ſich vor einem jungen Manne wohl nicht paſſen, ob ich gleich, wenn man alles recht bedenkt, nicht weiß, was es eigentlich ſchaden ſoll, ausgenommen, daß es nicht recht ſchicklich iſt, obgleich viele Leute es dafür halten, und ich weiß wirklich nicht, warum es das nicht ſein ſollte, wenn alles daran in Ordnung und die Garni⸗ rung in kleine Falten gelegt iſt; davon hängt natürlich viel ab.« Nach dieſer Vorrede nahm Mad. Nickleby ihre Nacht⸗ mütze zwiſchen den Blättern eines ſehr großen Gebet⸗ buches hervor und fing an, dieſelbe aufzuſetzen, wobei ſie aber nach ihrer gewöhnlichen Weiſe unausgeſetzt ſchwatzte. »Die Leute mögen ſagen, was ſie wollen,« bemerkte Madame Nickleby,»aber eine gute Nachtmütze iſt doch etwas Schönes und Bequemes, wie Du mir gewiß zugeben würdeſt, lieber Nicolaus, wenn Du an die Dei⸗ nige nur einmal Bänder machen laſſen und ſie wie ein guter Chriſt tragen, ſie aber nicht oben auf den Wirbel etzen wollteſt wie ein Waiſenknabe. Du brauchſt es gar nicht für unmännlich zu halten, wegen Deiner Nacht⸗ mütze eigen zu ſein, denn ich habe Deinen guten Vater und den Herrn Pfarrer, wie heißt er doch? der gewöhn⸗ lich die Gebete in jener alten Kirche mit dem ſeltſamen kleinen Thurme las, von dem der Blitz die Woche vor Deiner Geburt die Fahne herunterſchlug, ich habe ſie oft ſagen hören, die jungen Leute auf der Univerſität wären wegen ihrer Nachtmützen ganz beſonders eigen⸗ ſinnig und die Oxforder Nachtmützen wegen ihrer Güte und Dauerhaftigkeit berühmt, ſo daß es den jungen Leu⸗ ten gar nicht einfällt, ohne ihre Nachtmütze zu Bett zu gehen, und darüber iſt man wohl allgemein einig, daß Nicolaus Nickleby. 37 ſie wiſſen, was gut iſt und ſie ſich nicht verzärteln.“« Nicolaus lachte, ging nicht weiter in den Gegen⸗ ſtand dieſer langen Rede ein und fing wieder von der kleinen Geburtstagsgeſellſchaft an; auch beſchrieb er die Feſtlichkeiten und die Vorfälle am Vormittage ausführ⸗ lich, da ſeine Mutter ſogleich ſehr neugierig wurde und ihm eine große Menge Fragen vorlegte, was ſie gegeſ⸗ ſen hätten, wie die Speiſen aufgetragen worden wären, ob ſie verſalzen oder nicht genug geſalzen geweſen, wer da geweſen, was die Herren Cheerybles geſagt, was Nicolaus geſagt und was die Herren Cheerybles wieder darauf geſagt hätten. »So ſpät es auch ſchon iſt,« ſagte endlich Nicolaus, „ſo bin ich doch ſelbſtſüchtig genug zu wünſchen, Käth⸗ chen wäre aufgeblieben, damit ſie alles Dies mit ange⸗ hört hätte. Ich ſehnte mich ſehr, ihr Alles zu er⸗ zählen.« »Käthchen,« entgegnete Madame Nickleby, indem ſich die Füße an den Kamin ſtemmte und ihren Stuhl nahe hinzog, als wolle ſie ſich zu noch recht langen Plaudern zurechtſetzen,—»Käthchen iſt ſchon— ja gewiß— ein paar Stunden im Bett, und es freut mich ſehr, lieber Nicolaus, daß ich ſie dahin brachte, nicht aufzubleiben, denn ich wünſchte ein paar Worte mit Dir allein zu reden. Es macht mir viel Sorge und es iſt für mich alſo ſehr erfreulich und tröſtlich, einen erwachſenen Sohn zu haben, dem man etwas anvertrauen, mit dem man etwas beſprechen kann, und wirklich, ich wüßte auch nicht, warum man überhaupt Söhne haben ſollte, wenn man ihnen nichts anvertrauen kann.⸗« Nicolaus hielt mitten in einem ſchläfrigen Gähnen inne, als ſeine Mutter ſo anfing, und ſah ſie mit ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit an. 38 Nicolaus Nickleby. »In unſerer Nähe wohnte eine Dame,« ſagte Ma⸗ dame Nickleby,— ves fällt mir ein, da wir von Söh⸗ nen ſprechen,— in unſerer Nähe wohnte eine Dame, als wir bei Dawliſh wohnten, ich denke ſie hieß Ro⸗ gers,— Murphy hieß ſie gewiß nicht, und das iſt der einzige Zweifel, den ich dabei habe—« „»Ueber ſie wollteſt Du mit mir ſprechen, Mutter?« fragte Nicolaus ruhig. „»Ueber ſie!« rief Madame Nickleby.»Guter Gott, Nicolaus, wie kannſt Du Dich ſo lächerlich machen? So machte es aber gerade Dein Vater auch, gerade ſo, immer wanderten die Gedanken umher, nicht zwei Mi⸗ nuten lang konnte er ſie bei einem Gegenſtande feſthal⸗ ten. Ich ſehe ihn vor mir!« fuhr Madame Nickleby fort, während ſie mit der Hand über die Augen ſtrich. »Er ſah mich an, wenn ich von ſeinen Geſchäften mit ihm ſprach, gerade als wären ihm die Gedanken im Kopfe geronnen. Jedermann, der plötzlich hereingetre⸗ ten wäre, würde geglaubt haben, ich mache ihn ver⸗ wirrt, da ich ihm doch die Dinge deutlicher auseinander zu ſetzen ſuchte.« »Es thut mir leid, Mutter, daß ich gerade dieſes langſame Begreifen von ihm geerbt habe,« entgegnete Nicolaus ſanft,»aber ich will thun, was ich vermag, Dich zu verſtehen, wenn Du gerade foriſprichſt.« »Dein armer Vater!« rief Madame Nickleby, ge⸗ rührt den Kopf ſchüttelnd.»Er wußte es nie, bis es zu ſpät war, zu was ich ihn hätte bewegen mögen.« Das war ohne Zweifel der Fall, zumal der verſtor⸗ bene Herr Nickleby die Sache nicht erfahren hatte als er ſtarb. Madame Nickleby wußte es eigentlich auch nicht, und dies möchte den Umſtand wohl einigermaßen erklären.⸗ 2— nunu— Nicolaus Nickleby. 39 »Jedoch,« ſagte Madame Nickleby, ihre Thränen trocknend,»dies geht, gewiß dies geht dem Herrn in dem Nachbarhauſe nichts an.« »Ich ſollte meinen,« bemerkte Nicolaus,»daß der Herr in dem Nachbarhauſe uns überhaupt nichts an⸗ gehe.« »Es unterliegt keinem Zweifel,« fuhr Madame Nick⸗ leby fort,»daß er ein Herr, ein anſtändiger Herr iſt, ſich wie ein anſtändiger Herr benimmt und wie ein an⸗ ſtändiger Herr ausſieht, wenn er auch kurze Beinkleider und graue wollene Strümpfe trägt. Das kann eine Marotte ſein oder er bildet ſich etwas auf ſeine Waden ein. Ich ſehe nicht ein, warum dies nicht der Fall ſein könnte. Der Prinz Regent war auch auf ſeine Beine ſtolz, wie Daniel Lambert, der auch ein dicker Mann war; der war auf ſeine Beine ſtolz. So ging es mit Miß Biffin; aber nein,« verbeſſerte ſich Madame Nick⸗ leby ſelbſt,»die hatte wohl bloß Zehen; indeß in der Hauptſache bleibt es ſich doch gleich.« Nicolaus war über das Herbeiziehen dieſes neuen Themas ganz verwundert, und Madame Nickleby ſchien dies allerdings von ihm erwartet zu haben. »Ich wundere mich nicht, mein lieber Nicolaus,« ſagte ſie,„daß es Dich überraſcht, im Gegentheil ich war im voraus davon überzeugt. Ich kam ganz uner⸗ wartet dahinter und erſchrak gewaltig darüber. Sein Garten ſtößt an den unſrigen und ich hatte ihn deshalb mehrmals unter den Schwertbohnen in ſeiner kleinen Laube ſitzen oder an ſeinen kleinen Miſtbeeten arbeiten ſehen. Ich glaubte gleich zu bemerken, daß er große Augen machte, nahm aber keine beſondere Notiz davon, da wir erſt eingezogen waren und er wohl zuſehen konnte, was für Leute wir wären. Als er aber an⸗ 40 Nicolaus Nickleby. fing, ſeine Gurken über unſere Mauer zu werfen—«⸗ »Seine Gurken über unſere Mauer zu werfen!« wie⸗ derholte Nicolaus in höchſter Verwunderung. »Ja, lieber Nicolaus,« fuhr Madame Nickleby ſehr ernſt fort,»ſeine Gurken über unſere Mauer, und andere dergleichen Dinge.« »Der unverſchämte Menſch!« rief Nicolaus erzürnt; „was ſoll das heißen?« „Ich glaube nicht, daß er es böſe meint,« antwortete Madame Nickleby. »Was?« rief Nicolaus,»Gurken und dergleichen über die Mauer den Leuten an den Kopf zu werfen, wenn ſie in ihrem eigenen Garten ſpazieren gehen und nicht böſe meinen! Mutter—« Nicolaus hielt mit Einemmale inne, denn unter der Garnitur der Nachtmütze der Madame Nickleby zeigte ſich ein unbeſchreiblicher Ausdruck von ſtiller Freude, ver⸗ bunden mit züchtiger Verlegenheit, der ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit mit Einemmale feſſelte. „Er muß ein ſehr ſchwachköpfiger, alberner und un⸗ bedachtſamer Menſch ſein,« ſagte Madame Nickleby, „wirklich tadelnswerth, wenigſtens würden ihn andere Leute gewiß dafür halten. Von mir kann man natür⸗ lich nicht erwarten, daß ich eine Meinung über dieſen Punkt äußere, beſonders da ich Deinen guten armen Vater immer vertheidigte, wenn die Leute ihn tadelten, daß er mir Anträge gemacht, und ganz gewiß hat er eine ſehr ſeltſame Art angenommen, das zu zeigen. Seine Aufmerkſamkeiten ſind jedoch zu gleicher Zeit noch,— das heißt, ſo weit es geht und alſo in einer gewiſſen Ausdehnung— etwas Schmeichelhaftes, und obgleich mir es nie im Traume eingefallen wäre, mich — e—=h——.——r—„. & ,;/2 Nicolaus Nickleby. 41 wieder zu verheirathen, ſo lange eine ſo geliebte Toch⸗ ter, wie Käthchen, noch nicht verſorgt iſt—« »Ein ſolcher Gedanke iſt Dir gewiß auch nicht einen Augenblick in den Sinn gekommen,“« unterbrach ſie Ni⸗ colaus. „»Lieber Nicolaus,« entgegnete ſeine Mutter in etwas empfindlichem Tone,»iſt denn das nicht eben das, was ich ſagen wollte, wenn Du mich nur reden ließeſt? Ich habe niemals zweimal daran gedacht und es überraſcht mich, es ſetzte mich in Verwunderung, daß Du mir der⸗ gleichen zutraueſt. Ich ſage weiter nichts, als wie mache ich es am beſten, daß ich dieſe Aufmerkſamkeiten, die et⸗ was bedeuten, delikat und artig zurückweiſe, ohne ſein Herz zu tief zu verwunden und ohne ihn zur Verzweif⸗ lung zu treiben oder dergleichen? Du lieber Gott!« rief Madame Nickleby mit einem Seufzer,»wenn ich mir denke, er könnte ſich ein Leid anthun, ich würde in mei⸗ nem Leben nicht wieder froh, Nicolaus.« Trotz ſeinem Aerger und trotz der Wichtigkeit der Sache konnte Nicolaus nur mit Mühe ein Lächeln unter⸗ drücken, als er entgegnete:„glaubſt Du denn, Mutter, daß ſich ſelbſt von der grauſamſten Abweiſung ein ſol⸗ ches Reſultat erwarten laſſe?« „»Auf mein Wort, lieber Sohn, das weiß ich nicht,« erwiederte Madame Nickleby,»das weiß ich wirklich nicht. Ich erinnere mich aber in dem vorgeſtrigen Zei⸗ tungsblatte einen ſolchen Fall geleſen zu haben, der aus einer franzöſiſchen Zeitung angeführt wurde. Ein Schuh⸗ machergeſelle war eiferſüchtig auf ein junges Mädchen in einem nahen Dorfe, weil ſie ſich nicht mit ihm in ein Zimmerchen einſchließen und durch Kohlendampf erſticken wollte; er ging alſo und verſteckte ſich in einem Walde mit einem ſcharfen ſpitzigen Meſſer, ſtürzie her⸗ 42 Nicolaus Nickleby. aus, als ſie mit einigen Freundinnen vorbeiging und erſtach zuerſt ſich ſelbſt vor Aller Augen, dann alle ihre Freundinnen und endlich ſie,— nein, er erſtach zuerſt alle Freundinnen, dann ſie und endlich ſich ſelbſt,— was doch ganz entſetzlich iſt.— Gewiſſermaßen,« ſetzte Madame Nickleby nach einer kurzen Pauſe hinzu, „ſind es immer Schuhmachergeſellen, die in Frankreich ſo etwas thun, wie die Zeitungen erzählen. Ich weiß es nicht, woher es kommt,— ich denke, es muß in dem Leder liegen.“ „»Was hat aber dieſer Mann, der kein Schuhmacher iſt, gethan und was hat er geſagt, Mutter?« fragte Nicolaus, der ſeinen Aerger kaum noch verbergen konnte, aber faſt ſo gelaſſen und geduldig ausfah wie Madame Nickleby ſelbſt.»So viel ich weiß, liegt nach keiner Blumenſprache in einer Gurke eine Liebeserklärung oder gar ein Heirathsantrag.« „Mein Sohn,« antwortete Madame Nickleby, indem ſie ihr Haupt ſchüttelte und in die glühende Aſche ſah, ver hat allerlei geſagt und gethan.« „»Haſt Du Dich nicht vielleicht geirrt?« fragte Nico⸗ laus. „Geirrt!« rief Madame Nickleby.»Mein Gott, lie⸗ ber Nicolaus, wie kannſt Du glauben, ich wiſſe nicht, ob ein Mann ernſte Abſichten hat oder nicht?« „Nun gut, gut!« murmelte Nicolaus. „So oft ich an das Fenſter trete,« erzählte Madame Nickleby,»küßt er die eine Hand und legt die andere auf ſein Herz,— es iſt freilich ſehr albern von ihm, dies zu thun und ich weiß, Du wirſt ſagen, er thue ſehr Unrecht daran, aber er thut es höchſt ehrerbietig, wirklich höchſt ehrerbietig, und auch ſehr zärtlich, aller⸗ dings außerordentlich zärtlich. So weit verdient er die Nieolaus Nickleby. 43 höchſte Achtung; darüber kann kein Zweifel ſein. Dann die Geſchenke, die jeden Tag über die Mauer fallen und die ganz gewiß ſehr ſchön ſind, ſehr ſchön. Wir haben von einer der Gurken geſtern Sallat gemacht und die anderen will ich einlegen. Letzthin Abends,« fuhr Madame Nickleby mit geſteigerter Verlegenheit fort, »rief er leiſe über die Mauer herüber, als ich in dem Garten ſpazieren ging, machte mir einen Heirathsantrag und wollte mich entführen. Seine Stimme iſt ſo rein wie eine Glocke oder eine Harmonika, mehr noch wie eine Harmonika, aber ich hörte natürlich nicht darauf. Nun fragt ſich, mein lieber Nicolaus, was ſoll und muß ich thun?«⸗ »Weiß Käthchen davon?« fragte Nicolaus. »Ich habe noch kein Wort geſagt,« antwortete ſeine Mutter.. »Dann thue es auch um des Himmels willen nicht,« fuhr Nicolaus fort,»Du würdeſt ſie höchſt unglücklich machen. Was Du thun ſollſt, liebe Mutter? Handeln nach Deinem eigenen beſſern Gefühle und ſo wie Dir es das Andenken an meinen Vater eingiebt. Du kannſt auf tauſenderlei Weiſe Dein Mißfallen über dieſe abge ſchmackten und albernen Aufmerkſamkeiten zu erkennen geben. Trittſt Du ſo beſtimmt auf, wie Du es ſollteſt, und ſie hören nicht auf, ſo werde ich ihnen bald ein Ende machen. Ich werde mich jedoch erſt dann in eine ſo lächerliche Geſchichte miſchen und ihr eine Wichtigkeit beilegen, wenn Dein Einſchreiten vergebens geweſen iſt. Einer Frau in Deinem Alter und von Deinem Stande muß es unter ſolchen Umſtänden gar nicht ſchwer wer⸗ den. Ich möchte Dich nicht beſchämen dadurch, daß ich mir die Sache zu Herzen zu nehmen ſchiene oder ſie Nicolaus Nickleby. V. 4 4⁴ Nicolaus Nickleby. auch nur einen Augenblick ernſtlich behandelte. Der alte Eſell« Nach dieſen Worten küßte Nicolaus ſeine Mutter, wünſchte ihr eine gute Nacht und eide begaben ſich in ihre Schlafgemächer. Wir müſſen der Madame Nickleby die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ihre Liebe zu ihren Kindern ſie abgehalten haben würde, ernſtlich an eine zweite Heirath zu denken, ſelbſt wenn es ihr möglich geweſen wäre, ihren erſten Mann ſo weit zu vergeſſen, um wirk⸗ lich Luſt zu einem zweiten zu haben. Aber wenn auch das Herz der Madame Nickleby nicht ſchlecht, auch gar nicht eben ſelbſtſüchtig war, ſo beſaß ſie doch einen ſchwachen und eiteln Kopf, und noch zu ſolcher Zeit Heirathsanträge zu erhalten, ſchmeichelte ihr ſo ſehr, daß ſie die Liebe des Unbekannten keineswegs ſo kurz und leicht abweiſen konnte, wie es Nicolaus für ſchick⸗ lich zu halten ſchien. „»Daß er abgeſchmackt, albern und lächerlich ſein ſoll⸗ te,« dachte Madame Nickleby, als ſie in ihrem Zimmer allein war,»ſeh' ich wirklich nicht ein. Hoffnungen kann er ſich freilich nicht machen, aber deswegen iſt er doch kein alter Eſel. Man kann nicht annehmen, daß er es wiſſe, er liebe hoffnungslos. Der arme Mann, er iſt zu bedauern, denke ich.« Nach dieſen Reflectionen ſah Madame Nickleby in ihren kleinen Spiegel, trat einige Schritte von demſel⸗ ben zurück und bemühete ſich, ſich zu erinnern, wer es einſt geäußert, daß Nicolaus, wenn er einundzwanzig Jahre alt ſein würde, nicht wie ihr Sohn, ſondern wie ihr Bruder ausſehen werde. Sie konnte ſich aber durch⸗ aus nicht beſinnen, löſchte alſo ihr Licht aus und ſchob —— Nicolaus Nickleby. 45 den Fenſterladen auf, um das Licht des Morgens einzu⸗ laſſen, der bereits zu grauen anfing. „In dieſem Zwielichte kann man die Gegenſtände nicht gut erkennen,« murmelte Madame Nickleby für ſich hin, indem ſie in den Garten hinausſah,»und meine Augen ſind nicht gut mehr,— ich war ſchon als Kind kurzſichtig—, aber, wahrhaftig, da liegt wieder etwas oben auf der Mauer!« Drittes Kapitel enthält gewiſſe Umſtände in Folge eines Condolenzbeſuches, die ſpäter wichtig werden können. Smike trifft unerwartet einen ſehr alten Freund, der ihn in ſein Haus einladet und keine abſchlägige Antwort annehmen will. Käthchen Nickleby, die nichts von den Demonſtratio⸗ nen ihres verliebten Nachbarn wußte und eben ſo wenig von dem Eindrucke derſelben auf das empfängliche Herz ihrer Mutter ahnete, hatte unterdeß allmälig angefan⸗ gen, ein gewiſſes Gefühl von behaglicher Ruhe und ſtil⸗ lem Glück zu empfinden, das ſie lange nicht mehr ge⸗ kannt hatte. Da ſie unter einem Dache mit ihrem ge⸗ liebten Bruder lebte, von dem ſie ſo plötzlich und ſo grauſam getrennt worden war; da ſie ſich frei von Sor⸗ gen, beſonders vor Nachſtellungen fühlte, welche die Schamröthe auf ihre Wagen treiben mußte, ſo war es ihr, als ſei ſie in einen ganz neuen Zuſtand übergegan⸗ gen. Ihre frühere Heiterkeit kehrte zurück, ihr Gang er⸗ hielt ſeine Elaſticität und Leichtigkeit wieder, die blü⸗ hende Farbe, welche von ihren Wangen gewichen war, 4* 46 fand ſich von neuem ein und ſie ſah ſchöner aus als jemals. Das war das Reſultat, zu welchem Fräulein La Creevy durch Nachdenken und Beobachtungen kam, als das Häuschen, wie ſie ſich ausdrückte, von dem Schornſteine oben bis zu dem Abtreter vor der Thür ſein Recht erhalten hatte und das geſchäftige kleine We⸗ ſen endlich einen Augenblick Zeit gewann, um auch an die Bewohner zu denken. »Und ich habe keinen ſolchen Augenblick gehabt, ſeit ich daher gekommen bin,“ ſagte Fräulein La Creevy, „denn ich habe früh, Mittags und Abends, an nichts gedacht als an Hammer, Nägel, Schraubenzieher und Bohrer.« »Ich glaube, Sie denken niemals an ſich ſelbſt,⸗ entgegnete Käthchen lächelnd. „»Nun, liebes Käthchen, ich möchte auch eine Gans ſein, wenn ich es thun wollte, ſo lange ich noch an an⸗ genehmere Dinge denken kann,« ſagte Fräulein La Creevy. „Aber ich habe doch noch an Jemanden gedacht. Wiſſen Sie, daß ich an Jemandem in der Familie eine große Veränderung bemerkt habe,— eine ſehr große Verän⸗ derung?« »An wem?« fragte Käthchen ängſtlich.»Doch nicht an—« „»An Ihrem Bruder nicht, nein, liebes Käthchen,«⸗ entgegnete Fräulein La Creevy, welche dem Schluſſe der Frage zuvorkam,»denn er iſt immer derſelbe liebevolle, gutmüthige, geſcheite Menſch— mit einem Anfluge von—, ich will es nicht ſagen, wenn es die Ge⸗ legenheit giebt, wie ich ihn immer gekannt habe. Nein. Smike, wie er genannt ſein will, der arme Menſch! Nicolaus Nickleby. der le, ige Ge⸗ Nicolaus Nickleby. 47 denn er mag kein„Herr⸗ vor ſeinem Namen hören, Smike iſt in dieſer kurzen Zeit ſehr verändert.⸗ »Wie?« fragte Käthchen.»Doch nicht an der Ge⸗ ſundheit zu ſeinem Nachtheile?« »N— ein,— vielleicht nicht gerade an ſeiner Ge⸗ ſundheit,« ſagte die kleine La Creevy nach einer kurzen Pauſe,»obgleich er ein abgezehrter ſchwacher Menſch iſt und etwas in ſeinem Geſichte hat, das meinem Her⸗ zen wehe thun würde, ſähe ich es auf dem Ihrigen. Nein, nicht an der Geſundheit.« »Wie denn ſonſt?« „Ich weiß es kaum ſelbſt,⸗ ſagte die Miniaturmalerin; vaber ich habe ihn beobachtet und es ſind mir dabei oft⸗ mals die Thränen in die Augen getreten. Das iſt frei⸗ lich nichts Ungewöhnliches, denn die Thränen kommen bei mir ſehr leicht; hier aber, denke ich, kamen ſie mit vollem Rechte. Ich bin feſt überzeugt, daß er, ſeit er hier iſt, durch irgend eine mächtige Veranlaſſung die Schwäche ſeines Verſtandes ſelbſt deutlicher erkannt hat. Er fühlt es mehr. Es ſchmerzt ihn tiefer, zu wiſſen, daß ſeine Gedanken bisweilen abweſend ſind und er ganz einfache Dinge nicht begreifen kann. Ich habe ihn beobachtet, wenn Sie nicht dabei waren, liebes Käth⸗ chen; er ſaß dann in ſich verſunken mit einer ſo ſchmer⸗ zensvollen Miene da, daß ich es kaum mit anſehen konnte, ſtand endlich auf und ging hinaus, ſo betrübt, ſo niedergeſchlagen, daß ich Ihnen nicht beſchreiben kann, wie ſehr es mir zu Herzen ging. Vor kaum drei Wochen war er ein leichtſinniger geſchäftiger Menſch, der ſich im Lärme außerordentlich wohl befand und den ganzen langen Tag glücklich war. Jetzt iſt er ein ganz Anderer geworden,— wohl noch immer gewillig, harm⸗ 48 los, treu und liebevoll,— aber auf eine andere Art als ſonſt.« »Das wird gewiß wieder vergehen,« ſagte Käthchen. „Der arme Smike!« »„Ich will es hoffen,« entgegnete ihre kleine Freundin mit einem an ihr ganz ungewöhnlichen Ernſte; vich will es um des armen Burſchen willen hoffen. Doch,“ ſetzte ſie mit ihrem gewöhnlichen heitern Tone hinzu,»ich habe meine Sache geſagt, die lang genug war und mir ſchwer geworden iſt. Heute Abend will ich ihn auf je⸗ den Fall aufheitern, denn da er mich nach Hauſe beglei⸗ tet, ſo werde ich plaudern und plaudern und nicht eher aufhören, bis ich ihn einmal wenigſtens zum Lachen ge⸗ bracht habe. Je eher er geht, deſto beſſer für ihn, und je eher ich gehe, deſto beſſer für mich, denn ſonſt wird mein Mädchen mit irgend Jemanden ſcharmuziren, der mich dann beſtehlen kann,— obgleich außer Tiſchen und Stühlen bei mir nichts wegzubringen iſt, als etwa Miniaturgemälde, und es müßte ein ſehr geſcheiter Dieb ſein, der ſie mit großem Vortheile loswerden könnte, da ich es ſelbſt nicht kann, wie ich ganz auf⸗ richtig geſtehe.« Während ſie noch ſo ſchwatzte, verſteckte die kleine La Creevy ihr Geſicht unter einem ſehr niedrigen Hute und ſich ſelbſt in einem ſehr großen Shawl, befeſtigte ſich durch eine große Nadel feſt an denſelben und er⸗ klärte, der Omnibus könne nun kommen, wenn es ihm gefällig ſei, denn ſie ſei bereit. Aber ſie hatte erſt noch von Madame Nickleby Ab⸗ ſchied zu nehmen und lange vorher, ehe die gute Frau mit einigen Erinnerungen zu Ende kam, welche ihr ge⸗ rade einfielen und auch daher paßten, rollte der Omni⸗ bus an. Dies brachte die kleine Malerin in gewaltige Nicolaus Nickleby. Nicolaus Nickleby. 49 Unruhe, wobei ihr, da ſie dem Dienſtmädchen hinter der Hausthür insgeheim ein kleines Trinkgeld zuſteckte, ein paar Groſchen in vieler kleiner Münze aus ihrem Beu⸗ tel fielen, die nicht gleich wieder aufgeſucht waren. Dann folgte natürlich ein nochmaliges Küſſen mit Käthchen und Madame Nickleby; es mußte wiederholt nach dem Körbchen und dem in Papier eingeſchlagenen Päckchen geſehen werden und der Kutſcher fluchte unterdeß, wie die kleine La Creevy verſicherte, ſo entſetzlich, daß ei⸗ nem dabei hätte die Haut ſchaudern können. Endlich that er, als wolle er fortfahren, und die kleine La Creevy ſtürzte erſt aus dem Hauſe hinaus, dann in den Wagen hinein, wo ſie ſich mit großer Zungenfertigkeit bei allen Darinſitzenden entſchuldigte und verſicherte, es ſei durch⸗ aus und keineswegs ihre Abſicht geweſen, ſie auch nur einen Augenblick aufzuhalten. Während ſie ſich nach ei⸗ nem bequemen Platze umſah, wurde Smike in den Wa⸗ gen hineingeſchoben; der Hintenaufſtehende rief dem Kut⸗ ſcher zu, es ſei Alles in Ordnung— ob es gleich nicht wahr war— und das rieſenhafte Fuhrwerk raſſelte weiter. Wir wollen den Omnibus nach dem Gefallen des Schaffners, der gemächlich auf ſeinem Plätzchen hinten ſaß, und eine lieblich duftende Cigarre rauchte, ſeinen Weg fortſetzen laſſen; er mag anhalten, weiter fahren, galopiren oder ſchleichen, wie es eben der Schaffner für nützlich und räthlich hält,— wir wollen die Gelegen⸗ heit benutzen, um zu ſehen, wie ſich Sir Mulberry Hawk befindet und in wie weit er ſich unterdeß von den Verletzungen erholt hat, die er unter den erzählten Umſtänden durch den gewaltſamen Sturz aus dem Wa⸗ gen erhalten hatte. Mit einem gebrochenen Beine, einem bedeutend ge⸗ 50 Nicolaus Nickleby. quetſchten Körper, einem durch halbgeheilte Wunden verſtellten Geſichte und bleich in Folge des ertragenen Schmerzes und des Fiebers, lag Sir Mulberry Hawk auf dem Rücken auf ſeinem Lager, auf dem er noch meh⸗ rere Wochen auszuhalten verurtheilt war. Die Herren Pyke und Pluck ſaßen zechend in dem Nebenzimmer und variirten das eintönige Gemurmel ihrer Unterhaltung gelegentlich durch ein halbunterdrücktes Lachen, während der junge Lord,— der einzige in der Geſellſchaft, der nicht völlig verdorben war und wirklich ein gutes Herz hatte— neben ſeinem Freund und Führer ſaß, eine Ci⸗ garre im Munde hielt und ihm bei Lampenſchein ſolche Stellen aus einem Zeitungsblatte vorlas, die ihn wohl intereſſiren oder unterhalten konnten. „»Verflucht ſollen dieſe Hunde ſein!« rief der Kranke, indem er ärgerlich nach dem Nebenzimmer ſah;»ſind denn ihre verdammten Kehlen nicht zum Schweigen zu bringen?« Die Herren Pyke und Pluck hörten den Aus⸗ ruf und ſchwiegen augenblicklich, blinzelten einander da⸗ bei zu und füllten gewiſſermaßen zur Entſchädigung für das verbotene Sprechen ihre Gläſer bis an den Rand. »Verflucht!« murmelte der Kranke zwiſchen den Zäh⸗ nen, indem er ſich ungeduldig in dem Bette krümmte; viſt die Matratze nicht hart genug, iſt das Zimmer nicht dumpf genug, iſt der Schmerz nicht ſtark genug, daß ſie mich auch noch quälen müſſen? Welche Zeit iſt es?« »Halb neun Uhr,« antwortete ſein Freund. »Komm, rücke den Tiſch näher und laß uns die Kar⸗ ten noch einmal verſuchen,« ſagte Sir Mulberry.»Noch etwas Piquet. Komm.« Es war merkwürdig, wie eifrig der Kranke, der ſeine Lage im Bett weiter nicht verändern als ſeinen Kopf herüber und hinüber wenden konnte, jede Bewegung ſei⸗ 8G— O 9-O— S J 8— 8— N A f Nicolaus Nickleby. 51 nes Freundes bei dem Spiele verfolgte, mit welcher Be⸗ gierde und welchem Intereſſe und doch wie vorſichtig und ruhig er ſpielte. Seine Gewandtheit und Geſchick⸗ lichkeit waren dem Gegner mehr als zwanzigfach gewach⸗ ſen, der wenig gegen ihn ausrichten konnte, ſelbſt wenn ihm das Glück mit guten Karten begünſtigte, was gar nicht oft der Fall war. Sir Mulberry gewann jedes Spiel, ſtreckte, als ſein Gegner die Karten hinwarf und ſich weigerte weiter zu ſpielen, ſeinen lahmen Arm aus und ſtrich den Gewinn mit einem prahleriſchen Eide und demſelben heiſern, wie auch weniger lauten, Lachen ein, welches vor Monaten in Ralph Nickleby's Speiſezimmer gehört worden war. Während er noch ſo beſchäftigt war, erſchien ſein Bedienter, der meldete, Herr Ralph Nickleby ſei unten und erkundige ſich, wie es gehe. »Beſſer,« ſagte Sir Mulberry ungeduldig. »Herr Nickleby wünſcht zu wiſſen, Sir—« »Ich ſage ja, beſſer,« antwortete Sir Mulberry, in⸗ dem er mit der Hand auf den Tiſch ſchlug. Der Bediente zögerte einen Augenblick, und ſagte endlich, Herr Nickleby habe gewünſcht, Sir Mulberry Hawk beſuchen zu dürfen, wenn es ihm nicht ungele⸗ gen ſei. »Es iſt mir ungelegen. Ich kann ihn nicht ſehen. Ich kann Niemanden ſehen,“ ſagte ſein Herr noch hefti⸗ ger als vorher;»Du weißt es ja längſt, Dummkopf.“« »Es thut mir leid, Sir,« entgegnete der Bediente, vaber Herr Nickleby drang ſo ſehr in mich, Sir—« Ralph Nickleby hatte den Bedienten beſtochen; dieſer wollte das Geld ſo verdienen, daß er Hoffnung auf mehr habe, behielt alſo die Thür in der Hand und wagte, noch länger zu zögern. 52 Nicolaus Nickleby. „Sagte er, ob er wegen Geſchäften mit mir ſprechen wolle 2«fragte Sir Mulberry nach einer kurzen ungedul⸗ digen Ueberlegung⸗ »Nein, Sir. Er ſagte bloß, er wünſche Sie zu ſehen.⸗ „»Nun ſo laß ihn herauf kommen; aber,« ſagte Mul⸗ berry, indem er den Bedienten zurückrief und mit der Hand über ſein entſtelltes Geſicht ſtrich,»nimm die Lampe hier weg und ſtelle ſie hinter mich. Rücke den Tiſch weg und ſtelle einen Stuhl her— noch weiter. So.« Der Bediente that wie ihm befohlen wurde, als wenn er den Grund errathe, warum er es thun ſollte, und ging ſodann. Lord Veriſopht bemerkte, er würde ſogleich wie⸗ derkommen, ging in das Nebenzimmer und machte die Flügelthüren hinter ſich zu. Gleich darauf hörte man einen leiſen Tritt auf der Treppe und Nalph Nickleby kam, den Hut demüthig in der Hand haltend, tief vorwärts gebeugt, die Augen feſt auf das Geſicht eines würdigen Geſchäftsfreundes gehef⸗ tet, in das Zimmer hereingeſchlichen. „Ja, Nickleby,« ſagte Sir Mulberry, indem er ihn nach einem Stuhle neben ſeinem Lager winkte und mit erheuchelter Sorgloſigkeit die Hand bewegte, ves iſt mir ſchlecht ergangen, wie Sie ſehen.« »„Ich ſehe es,« erwiederte Ralph mit demſelben ſtie⸗ ren Blicke,»wirklich ſchlecht. Ich hätte Sie faſt nicht wieder erkannt, Sir Mulberry. Du lieber Gott! Das nenne ich ſchlecht!« 3 Ralph benahm ſich auf das Demüthigſte und Reſpekt⸗ vollſte und ſprach ſo leiſe, wie ein theilnehmender Freund aus zarter Rückſicht für einen Kranken nur immer ſpre⸗ chen kann. Aber der Ausdruck ſeines Geſichtes zeigte, ſobald es ſich von Sir Mulberry abwendete, einen ge⸗ u—— 5 Nicolaus Nickleby. 53 waltigen Contraſt, denn wenn er in ſeiner gewöhnlichen Haltung daſtand und ruhig auf den daliegenden Kranken ſah, lag in dem ganzen Theile ſeiner Züge, auf die ſeine vorſtehenden und zuſammengekniffenen Brauen keine Schatten warfen, ein höhniſches Lächeln. »Setzen Sie ſich,« ſagte Sir Mulberry, der ſich nach ihm hinwendete, als koſte es ihm ungemeine Anſtrengung. »Bin ich denn eine Curioſität, daß Sie vor mir ſtehen bleiben und mich anſtarren?« Als er ſich umdrehete, trat Ralph ein Paar Schritte zurück, that, als könne er die Aeußerung ſeines Erſtau⸗ nens nicht bergen, war aber entſchloſſen, dies nicht zu thun, und ſetzte ſich mit gut erheuchelter Verlegenheit nieder. »Ich habe mich jeden Tag an der Thüre erkundigt, Sir Mulberry,« ſagte Ralph,»im Anfange gar täglich zweimal; heute Abend aber konnte ich, da wir ja alte Bekannte ſind und viele für uns Beide vortheilhafte Ge⸗ ſchäfte mit einander gemacht haben, dem Wunſche nicht widerſtehen, Sie ſelbſt zu ſehen. Haben Sie— haben Sie viel gelitten?« fragte er, während er ſich vorbeugte und, als der andere ſeine Augen ſchloß, das erwähnte ſpöttiſche Lächeln wiederum auf ſeinem Geſichte erſchien. »Mehr als mir lieb iſt und weniger als Manchen lieb war, die wir Beide kennen,« entgegnete Sir Mul⸗ berry, der ſeine Arme ruhelos auf dem Deckbette hin und her bewegte. Ralph zuckte die Achſeln, als bedaure er die unge⸗ meine Gereiztheit, mit welcher dies geſprochen wurde, denn es lag eine ſchauerliche Kälte in ſeinen Worten und ſeinem Weſen, welches der Kranke kaum ertragen konnte. »Was von den vortheilhaften Geſchäften“ brachte Sie heute Abend zu mir?« fragte Sir Mulberry. 54 Nicolaus Nickleby. »Nichts,« antwortete Ralph.»Ich habe zwar einige Wechſel von dem Lord, die prolongirt werden müſſen, aber ich werde damit warten bis Sie wieder wohl ſind. Ich— ich kam beſonders,“ ſetzte Ralph noch langſamer und mit ſchneidenderer Deutlichkeit hinzu,»ich kam be⸗ ſonders, um Ihnen zu ſagen, wie leid es mir thut, daß ein Verwandter von mir, wenn er auch von mir ver⸗ ſtoßen iſt, Ihnen eine ſo derbe Züchtigung—« »Züchtigung!« unterbrach ihn Sir Mulberry. »Ich weiß, daß ſie ſehr derb geweſen iſt,« fuhr Ralph fort, der abſichtlich die Bedeutung der Unterbrechung ver⸗ kannte,»und dies erhöhete meinen Wunſch, Ihnen zu ſagen, daß ich jenen Landſtreicher ganz verſtoße, ihn gar nicht für meinen Verwandten anerkenne und Ihnen und jedem Andern überlaſſe, wie ſie mit ihm verfahren wollen. Sie können ihm den Hals umdrehen, wenn es Ihnen gefällt, ich werde nichts dagegen thun.«⸗ »Man hat alſo die Geſchichte ſo, wie Sie mir die⸗ ſelbe erzählen, unter die Leute gebracht?« fragte Sir Mulberry, der die Fäuſte ballte und mit den Zähnen knirſchte. »Es iſt nirgends ein Geheimniß mehr,« antwortete Ralph.»Jeder Clubb und jedes Spielhaus iſt voll da⸗ von. Man hat ſogar, wie ich hörte, ein hübſches Lied darauf gemacht,« ſagte Ralph mit forſchendem Blick auf den Armen, den er ſo folterte.»Ich habe es zwar nicht ſelbſt gehört, da ich nicht an Orte komme, wo ſo etwas zu hören iſt, aber es ſoll ſelbſt gedruckt und auf dieſe Weiſe in der ganzen Stadt verbreitet worden ſein.« »Es iſt eine Lüge!« rief Sir Mulberry;»ich ſage Ihnen, es iſt eine Lüge. Mein Pferd wurde ſcheu.« »Man ſagt, er habe es ſcheu gemacht,« bemerkte Ralph in derſelben ruhigen kalten Weiſe;»Manche ſa⸗ —-V⏑——— Nicolaus Nickleby. 55 gen ſogar, er habe Sie furchtſam gemacht, aber dies iſt ganz gewiß eine Lüge. Ich habe es auch wohl zwan⸗ zigmal kühn behauptet. Ich bin ein friedfertiger Mann, aber ich kann es nicht mit anhören, daß die Leute ſolche Dinge von Ihnen ſprechen;— nein, nein!« Als Sir Mulberry endlich einige unzuſammenhän⸗ gende Worte ſprechen konnte, legte Ralph die Hand an das Ohr und beugte ſich nach ihm hin mit einem ſo ru⸗ higen und unveränderlichen Geſichte, als wäre es aus Eiſen gegoſſen. »Habe ich nur erſt dieſes verfluchte Bett verlaſſen,« ſagte der Kranke, der wirklich in der höchſten Leiden⸗ ſchaft auf ſein Bein ſchlug,»ſo werde ich mich rächen, wie ſich noch Niemand gerächt hat. Bei Gott, das werde ich! Ihn begünſtigte der Zufalt und er zeichnete mich auf ein paar Wochen, aber ich will ihm ein Zeichen an⸗ hängen, das er mit in das Grab nehmen ſoll. Die Naſe und die Ohren ſchlitze ich ihm auf,— peitſchen will ich ihn und auf lebenslang verſtümmeln. Ja, mehr noch werde ich thun; ich werde dieſes Muſter von Keuſchheit, die Krone der Spröden, jene ſanfte Schweſter durch—⸗ Es iſt möglich, daß ſelbſt Ralphs kaltes Blut in die⸗ ſem Augenblick aufwallte; es iſt möglich, daß Sir Mul⸗ berry bedachte, Ralph habe, ob er gleich jetzt ein Schurke und Wucherer ſei, in der Jugend gewiß einmal den Arm um ihres Vaters Hals geſchlungen; genug er hielt inne, machte eine drohende Bewegung mit der Hand und be⸗ ſtätigte die nicht ausgeſprochene Drohung durch einen entſetzlichen Schwur. »Ich glaube es, es ſchmerzt gewiß,« ſagte Ralph nach einer kurzen Pauſe, in welcher er den Kranken ſcharf beob⸗ achtet hatte,»wenn ein Mann bei der Stadt, wie man zu ſagen pflegt, ein rousé, der ſchon ſeit zwanzig Saiſons 56 Nicolaus Nickleby. bekannt iſt, durch einen bloßen Knaben ſo weit gebracht wird.« „Sir Mulberry warf ihm einen zornigen Blick zu, aber Ralphs Augen ſchaueten an den Boden, und auf ſeinem Geſichte bemerkte man keinen andern Ausdruck als den des Nachdenkens. »Ein nichtsnutziger Springinsfeld,« fuhr Ralph fort, „gegen einen Mann, der ihn durch die bloße Schwere ſeines Körpers zerquetſchen könnte, ſeiner Geſchicklichkeit zu geſchweigen im— denn ich glaube gewiß,« ſagte Ralph, indem er emporſah,»Sie waren einmal in der Fechtſchule ausgezeichnet.«. Der Kranke machte eine ungeduldige Geberde, welche Nalph für eine zuſtimmende nahm. »Ja, ja,« ſagte er,»ich dachte mir es wohl, daß war freilich in einer Zeit, als ich Sie noch nicht kannte, aber irren konnte ich mich darin nicht. Er iſt gewandt und ſchnellfüßig, glaube ich, aber dies ſind unbedeutende Vortheile in Vergleich mit den Ihrigen. Glück, Glück haben dieſe nichtsnutzigen Subjecte.« »Er wird ſein höchſtes Glück aufbieten müſſen, wenn ich wieder geſund bin,« ſagte Sir Mulberry Hawk; v»er mag fliehen, wohin er will.« „Ah,« entgegnete Ralph ſchnell,»das fällt ihm nicht im Traume ein. Er iſt hier, guter Herr, und wartet auf Sie, hier in London, geht bei hellem Mittag in den Straßen umher, brüſtet ſich, und ſieht ſich nach Ihnen um. Wahrhaftig,« ſagte Ralph, während ſein Geſicht ſich in finſtere Falten zog und ſein eigener Haß zum Erſtenmale die Oberhand gewann,„wahrhaftig, wenn wir in einem Lande lebten, wo es ohne Gefahr geſchehen könnte, ich gäbe ein gut Stück Geld darum, damit ihm ein Dolch in das Herz geſtoßen würde.« —— Nicolaus Nicklebv. 57 Eben als Ralph zu nicht ganz geringer Verwunde⸗ rung ſeines alten Kunden dieſen ſeinen Verwandtſchafts⸗ gefühle auf ſolche Weiſe Luft machte, und ſeinen Hut nahm um wieder zu gehen, trat Lord Frederick Veriſopht herein. »In drei Teufels Namen, von was haben Sie, Hawk und Nickleby, geſprochen?« fragte der junge Mann.»Habe ich doch in meinem Leben noch keinen ſolchen Höllenlärm gehört. Hau! Hau! Wau! Wau! Was hat denn das zu bedeuten?« »Sir Mulberry iſt bös geweſen, Mylord,« ſagte Ralph, indem er nach dem Lager hinſah. »Doch nicht wegen Geldſachen, will ich hoffen? Es iſt im Geſchäft alles gut gegangen, Nickleby, nicht wahr?« „»Ja, Mylord, ja,« entgegnete Ralph.»In dieſem Punkte ſtimmen wir immer überein. Sir Mulberry dachte an ſeine Geſchichte mit—« Ralph brauchte nicht weiter zu ſprechen, ja, er konnte es nicht einmal, denn Sir Mulberry nahm ſelbſt den Faden auf und ſtieß noch entſetzlichere Drohungen und Schwüre gegen Nicolaus aus als vorher. Ralph, der kein gewöhnlicher Beobachter war, ſah mit Verwunderung, daß während dieſer Tirade in dem Weſen des Lord Veriſopht, der im Anfange höchſt ſtutzer⸗ haft und ſorglos ſeinen Schnurrbart gedrehet hatte, eine völlige Veränderung vorging. Noch mehr überraſchte es ihn, als der junge Lord, nachdem Sir Mulberry auf⸗ gehört hatte, unwillig und faſt lieblos verlangte, man ſolle dieſe Sache in ſeiner Gegenwart nicht wieder er⸗ wähnen. »Merken Sie ſich's, Hawk,“« ſetzte er mit ungewöhn⸗ licher Energie hinzu,»ich werde niemals an einem heim⸗ Nicolaus Nickleby. tückiſchen Angriff gegen den jungen Mann Theil nehmen noch ihn zugeben, wenn ich es verhindern kann.« „»Heimtückiſch, Lord Veriſopht!« unterbrach ihn ſein Freund. „J— a,« ſagte der Andere, indem er ihm ungeſcheut ins Auge ſah.»Hätten Sie ihm geſagt, wer Sie ſind, hätten Sie ihm Ihre Karte gegeben und ſpäter gefunden, daß Sie ſeines Standes und Charakters wegen ſich nicht mit ihm ſchlagen könnten,— ſo wäre es ſchon ſchlecht genug geweſen, auf Seele! wäre es ſchon ſchlecht genug geweſen. Ihr Benehmen gegen ihn war höchſt unbillig, und es war auch unrecht von mir, daß ich mich nicht in das Mittel ſchlug; es thut mir jetzt noch leid, wahrhaf⸗ tig es thut mir leid. Was Ihnen ſpäter geſchah, war eben ſo gut Folge von Zufall als von Abſicht, und mehr Ihre eigene Schuld als die ſeinige; deshalb ſoll er auch, mit meinem Vorwiſſen wenigſtens, dafür nicht noch büßen müſſen.«. Mit dieſen Worten drehete ſich der junge Mann auf den Abſätzen um, kam jedoch, ehe er das Nebenzimmer erreicht hatte, noch einmal zurück und ſagte mit noch grö⸗ ßerer Heftigkeit als vorher: »Ich glaube jetzt, auf meine Ehre! ich glaube jetzt, daß die Schweſter eben ſo tugendhaft und unbeſcholten als ſchön iſt, und der Bruder, das behaupte ich, han⸗ delte, wie er als ihr Bruder handeln mußte, männlich und muthig. Ich wünſche von ganzem Herzen, daß je⸗ der von uns bei dieſer Geſchichte ſo rein und ehrenvoll daſtehen möge, wie er.« Mit dieſen Worten ſchritt Lord Frederick Veriſopht aus dem Zimmer hinaus und ließ Ralph Nicklepyh und Sir Mulberry in höchſt unangenehmer Verwunderung zurück. Nicolaus Nickleby. 59 „Iſt dies Ihr Zögling?« fragte Ralph leiſe, voder einer, der eben von einem Landprediger kommt?« »Gelbſchnäbel haben manchmal ſolche Anfälle,« ant⸗ wortete Sir Mulberry Hawk, indem er ſich auf die Lip⸗ pen biß und nach der Thüre wies.»Er wird bei mir ſchon anders werden.« Ralph wechſelte einen vertrauten Blick mit ſeinem Freunde, denn ſie waren bei dieſem beunruhigenden Vor⸗ falle plötzlich wieder vertraut mit einander geworden und trat gedankenvoll und langſam den Rückweg nach ſeinem Hauſe an. Während dies geſchah und geſprochen wurde und lange vorher, ehe ſie zu Ende waren, hatte der Omnibus Fräulein La Creevy und ihren Begleiter ausgeſetzt, und ſie kamen an der Thüre ihres Hauſes an. Die Gutmü⸗ thigkeit der kleinen Miniaturmalerin erlaubte aber nicht, daß Smilke zurückgehe, ehe er ſich durch einen Trank und einen Inbiß geſtärkt habe; Smike dagegen hatte gegen den Genuß eines herzſtärkenden Getränkes und eines Zwiebacks oder dergleichen durchaus nichts einzuwenden, ja er war ſogar der Meinung, dieſe Dinge würden eine recht nützliche Vorbereitung zu ſeinen weiten Wege ſein, und daher kam es, daß er viel länger zögerte, als er eigentlich die Abſicht gehabt hatte, und daß es bereits ſeit einer halben Stunde dunkel war, als er endlich ſei⸗ nen Rückweg antrat. Daß er ſich verirren könnte, war durchaus nicht wahrſcheinlich, denn er brauchte nur im⸗ mer geradeaus zu gehen, und er war den Weg mit Ni⸗ colaus und allein faſt jeden Tag gegangen. Er und Fräulein La Creevy drückten alſo einander freundlich die Hände; ſie trug ihm noch Empfehlungen an Madame und Käthchen Nicklepy auf, und Smike ging. Am Fuße des Ludgate Hügels bog er ein wenig von Nicolaus Nickleby. V. 5 60 Nicolaus Nickleby. der Straße ab, um ſeine Neugierde zu befriedigen und ſich Newgate anzuſehen. Nachdem er einige Minuten lang die düſtern Mauern von der entgegengeſetzten Seite der Straße aus aufmerkſam und mit einigem Schauder be⸗ trachtet, kehrte er auf ſeinen Weg zurück und ſchritt ſchnell durch die City. Nur hier und da blieb er einmal ſtehen, um durch die Glasſcheiben irgend eines beſonders anzie⸗ henden Ladens zu ſehen, dann trabte er wieder ein Stück, blieb wieder ſtehen und ſo fort, wie es jeder Burſche vom Lande gethan haben würde. Lange hatte er durch die Fenſter eines Juweliers ge⸗ ſehen, ſich dabei gewünſcht, er könne einige der Koſtbar⸗ keiten als ein Geſchenk mit nach Hauſe nehmen, und ſich in Gedanken an der Freude ergötzt, welche ſie erregen würden, als die Uhren drei Viertel auf Neun ſchlugen. Er raffte ſich bei dieſem Tone zuſammen, ging ſehr raſch weiter, ſchoß an der Ecke eines Gäßchens vorbei und ſtieß ſo heftig an Jemanden an, daß er ſich an den Laternenpfahle halten mußte, um nicht umzufallen. In dem⸗ ſelben Augenblicke klammerte ſich ein Knabe feſt an ſein Bein und ſchrie, daß ihm die Ohren gellten:»Vater! Vater! Da iſt er!« Smike kannte dieſe Stimme nur zu gut, und ſah mit verzweifelndem Blicke und ſchaudernd auf die Geſtalt, von welcher ſie ausgegangen war, hinunter. Herr Squeers hatte ihn mittelſt des Griffes ſeines Regenſchirmes am Kragen gefaßt und hing mit aller Macht am andern Ende. Das Triumphgeſchrei aber hatte Monſieur Wack⸗ ford ausgeſtoßen, der unempfindlich gegen die Fußtritte des Gefangenen, wie ein Dogge feſt an ihm hing. Ein einziger Blick zeigte ihm dies, und dieſer einzige Blick nahm dem Erſchrockenen alle Kraft, wie die Fähig⸗ keit zu reden. — u— 10o 8—— 88—— Nicolaus Nickleby. 61 »Warte, Bube!« rief Squeers, der allmälig mit den Händen an dem Regenſchirme weiter und weiter hinun⸗ tergriff, und denſelben erſt dann loshakte, als er ſelbſt des Gefangenen Kragen gefaßt hatte.»Warte Bube! Wackford, mein Sohn, rufe einmal eine Kutſche an!⸗ „»Eine Kutſche, Vater?« fragte der kleine Wackford. Ja, eine Kutſche, mein Sohn,« antwortete Squeers, der ſeine Augen an dem Geſichte des armen Smike wei⸗ dete.»Koſtet zwar Geld, aber wir ſtecken ihn in eine Kutſche.« »Was hat er denn verbrochen?« fragte ein Arbeiter mit einer Laſt Mauerſteine, gegen den und deſſen Came⸗ raden Squeers bei dem erſten Anrennen geprallt war. »Alles!“ antwortete Squeers, indem er ſeinen ehe⸗ maligen Zögling mit einem gewiſſen Entzücken anſah,— valles; er iſt davon gelaufen,— hat Antheil an einem mörderiſchen Angriffe gegen ſeinen Lehrer genommen, kurz, mein guter Mann, es giebt kein Verbrechen, das er nicht begangen hätte. Ich habe da einen prächtigen Fang gethan!« Der Arbeiter ſah bald Squeers, bald Smike an, welchen Letztern die wenigen Fähigkeiten, die er beſaß, vollends völlig verlaſſen hatten. Die Kutſche kam heran; Monſieur Wackford ſtieg hinein; Squeers ſchob ſeinen Gefangenen nach, folgte demſelben dicht auf den Ferſen und zog das Schiebfenſter zu. Der Kutſcher ſetzte ſich auf den Bock und fuhr langſam fort, während die beiden Arbeiter, eine alte Apfelhökerin und ein Knabe, der aus der Schule kam,— die einzigen Zeugen des Auftrittes — zurückblieben, um über den Vorfall nachzudenken. Squeers ſetzte ſich dem unglücklichen Smike gegen⸗ über, ſtemmte ſeine Hände feſt auf ſeine Kniee und ſtierte ihn wohl fünf Minuten lang an, bis er wie aus 5* 62 Nicolaus Nickleby. einem Traume erwachte, laut auflachte, und ſeinem ehe⸗ maligen Zöglinge mehrere Ohrfeigen gab, abwechſelnd auf die rechte und die linke Seite. „Es iſt kein Traum!« ſagte Squeers;»es iſt wirk⸗ lich Fleiſch und Blut, ich habe das im Griffe.“ Damit wiederholte er das Experiment mit den Ohrfeigen noch Einigemale und lachte bei jeder lauter und länger. »Deine Mutter wird vor Freude aus der Haut fah⸗ ren und ſich daneben ſetzen, wenn ſie dies erfährt, mein Sohn,“« ſagte Squeers zu ſeinem Sohne. „»Wird ſie das wirklich thun, Vater?« antwortete Monſieur Wackford. »Wer hätte das gedacht?«— ſagte Squeers—»daß wir durch ein Gäßchen gehen und gerade an ihn anren⸗ nen mußten! Und daß ich ihn gleich mit dem Griffe des Regenſchirmes faſſen konnte? Ha! hal⸗ »Ja, ich habe ihn aber auch an einem Beine feſtge⸗ halten, Vater,« ſagte der kleine Wackford. »Das haſt Du gethan, wie ein guter Sohn,« entgeg⸗ nete Squeers, indem er ſeinen Sohn ſtreichelte;„dafür ſollſt Du auch die beſte Jacke und Weſte haben, welche der nächſte Junge mitbringt,— merke Dir's. Bleibe im⸗ mer auf dieſem Wege und thue, was Du Deinen Vater thun ſiehſt, dann wirſt Du auch, wenn Du ſtirbſt, ge⸗ radenwegs in den Himmel kommen, ohne erſt viele Fra⸗ gen beantworten zu müſſen.“« Dabei klopfte Squeers ſeinen Sohn aus Wohlgefallen auf den Kopf,— dann klopfte er auch Smike auf den Kopf, nur etwas derber, und fragte denſelben im höhni⸗ ſchen Tone, wie es ihm gefalle. »„Ich muß nach Hauſe,« antwortete Smike, der ſich ängſtlich umſah. „Allerdings mußt Du das, Du biſt auch auf dem —— Nicolaus Nickleby. 63 rechten Wege dahin,« ſagte Squeers.»Du wirſt ſehr bald nach Hauſe kommen und in weniger als einer Woche in dem friedlichen ſtillen Dorfe Todtenbuſchhall in York⸗ ſhire ſein, mein junger Freund. Das Nächſtemal, wenn Du wieder fortgehſt, werde ich Dir die Erlaubniß geben wegzubleiben. Wo ſind die Kleidungsſtücke, in denen Du davon liefeſt, Du undankbarer Spitzbube?« fragte Squeers in ſtrengem Tone. Smike ſah den netten Anzug an, den ihm Nicolaus hatte machen laſſen und rang die Hände. »Weißt Du, daß ich Dich aufhängen könnte, weil Du mit dieſen Gegenſtänden davon liefeſt?« fuhr Squeers fort.»Weißt Du, daß dies den Galgen bringt?— ich weiß nicht, ob nicht auch der Leichnam eines ſolchen Ge⸗ hangenen der Anatomie ausgeliefert werden muß.— He, weißt Du das? Was iſt denn etwa der Anzug werth, den Du jetzt trägſt?«— Dabei ſtieß er ihm mit dem Regenſchirme an die Bruſt und gab ihm mit demſelben Inſtrumente einen derben Schlag auf die Schultern. »Ich habe noch niemals einen Knaben in einer Mieths⸗ kutſche geſchlagen,« ſagte Herr Squeers, als er aufhörte, um auszuruhen; ves ſchickt ſich nicht, aber weil es etwas Neues iſt, ſo hat es auch einen gewiſſen Reiz.⸗ Armer Smike! Er parirte die Hiebe ſo gut als er es vermochte und drückte ſich, den Kopf in die Hände und die Elbogen auf die Knie geſtützt, in eine Ecke des Wa⸗ gens. Er war ganz betäubt und hatte keine Idee davon, daß er etwas thun könne, um zu entfliehen und ſeine Freiheit wieder zu gewinnen. Die Fahrt ſchien kein Ende zu nehmen; eine Straße nach der andern blieb zurück, und ſie rollten immer wei⸗ ter. Endlich fing Squeers an, jede halbe Minute den Kopf durch das Kutſchenfenſter hinauszuſtecken und dem 64 Nicolaus Nickleby. Kutſcher zu ſagen, wohin er fahren ſolle. Nachdem ſie ſo mit einiger Mühe durch mehrere kleine Straßen ge⸗ fahren waren, deren Häuſer vor Kurzem erſt neu gebaut worden zu ſein ſchienen, zog Squeers mit aller Macht an der Schnur und rief:»Halt!« „Warum wollen Sie mir denn den Arm abreißen?« ſagte der Kutſcher, indem er ſich ärgerlich umdrehete. »Hier iſt das Haus,« antwortete Squeers,»das zweite von dieſen vier kleinen Häuſern, eine Treppe hoch, mit den grünen Laden;— an der Thüre ſieht man ein Me⸗ tallſchild, auf welchem der Name Snawley ſteht.⸗ „Konnten Sie das nicht ſagen, ohne mir die Glieder am Leibe zu zerren?a fragte der Kutſcher. „»Nein!« brüllte Squeers.»Wenn Du noch ein Wort ſagſt, verklage ich Dich, weil Du ein zerbrochenes Fen⸗ ſter haſt. Halt!« Die Kutſche hielt an der Thüre Snawley's. Snaw⸗ ley war, wie man ſich erinnern wird, der fromme Mann, der zwei Söhne(Stiefſöhne) der Pflege des Herrn Squeers anvertrauete, wie wir im vierten Kapitel des erſten Bandes erzählt haben. Snawley's Haus ſtand an dem äußerſten Ende des neuen Anbaues, bei Somers Town, und Squeers ſtieg daſelbſt ab, wenn er länger als gewöhnlich in der Stadt blieb, beſonders da der Wirth in dem Gaſthauſe, wo er ſonſt wohnte, den jungen Wackford bei Tiſche nicht anders als einen Erwachſenen zulaſſen wollte, nachdem er die Erfahrung gemacht, wie viel der Burſche vermochte. „Da ſind wir!« ſagte Squeers, indem er Smike ſchnell in ein kleines Zimmer führte, wo Snawley mit ſeiner Frau eben eine Krebsſuppe aß;»da iſt der Vaga⸗ bund, der Taugenichts, der Empörer, das Ungeheuer an Undankbarkeit.⸗ ike nit Nicolaus Nickleby. 65 „Was? der Junge, der davon lief?« rief Snawley, indem er Meſſer und Gabel gerade vor ſich hin auf den Tiſch ſtellte und die Augen weit aufriß. „Derſelbe,« antwortete Squeers, der ſeine geballte Hand dicht an Smike's Naſe hielt, ſie dann zurückzog und dies mehrmals hintereinander wiederholte.»Wäre nicht eine Dame zugegen, ich würde ihm eine— geben; aber es ſchadet nichts, er hat ſie gut.« „Herr Squeers erzählte, wie und auf welche Weiſe, wann und wo er den Davongelaufenen aufgefangen habe. „Da ſieht man deutlich den Finger Gottes,« bemerkte Snawley, indem er demüthig die Augen niederſchlug und die Gabel mit einem Stück Krebsfleiſch daran hoch empor hob. „Der liebe Gott iſt ohne Zweifel gegen ihn,« ant⸗ wortete Squeers, indem er ſich die Naſe rieb;»es ließ ſich ſo vorausſehen wie es gekommen iſt.« »Ja, ehrlich währt am längſten und unrecht Gut ge⸗ deihet nicht,« warf Snawley ein. „»Niemand wird noch jemals ſo etwas gehört haben,« entgegnete Squeers, der in ſein Taſchenbuch nach den Banknoten ſah, um ſich zu überzeugen, ob ſie noch alle da wären.»Madame Snawley,« fuhr er dann fort, als er über dieſen Punkt zufrieden geſtellt war, vich bin die⸗ ſes undankbaren Buben Wohlthäter geweſen, habe ihn gebildet, genährt und erzogen; ich war des Buben claſ⸗ ſiſcher, commercieller, mathematiſcher, philoſophiſcher und trigonometriſcher Freund. Mein Sohn, mein einziger Sohn, Wackford da, iſt ſein Bruder geweſen; meine Frau vertrat an ihm Mutter⸗, Großmutter⸗ und Tanten⸗ ſtelle. Sie hing an keinem Kinde, ausgenommen Ihren beiden liebenswürdigen Knaben, ſowie an dieſem Buben. K 66 Nicolaus Nickleby. Und was iſt mein Dank dafür? Was iſt aus der Milch meiner übermenſchlichen Güte geworden? Sie zerrinnt und ſäuert, wenn ich ihn anſehe.« »Das iſt wohl zu glauben,« ſagte Madame Snawley; vja, das iſt wohl zu glauben.“ »Wo iſt er die ganze Zeit über geweſen?« fragte Snawley.»War er bei— 2. »Bube Du,« fiel Squeers ein, indem er das Fauſt⸗ ſpiel von neuem begann,»biſt Du bei dem verdammten Nickleby geweſen?2« Aber weder durch Drohungen noch durch Prügel war ein Wort aus Smike herauszubringen, denn er hatte ſich feſt vorgenommen, lieber in dem verhaßten Kerker, in welchen er wahrſcheinlich wieder abgeführt werden würde, umzukommen, als eine Sylbe zu äußern, welche ſeinen erſten und beſten Freund compromittiren könnte. Er hatte bereits an das ſtrenge Verbot gedacht, das ihm Nicolaus auflegte, als ſie Yorkſhire verließen, von ſeinem früheren Leben etwas verlautbaren zu laſſen, und eine unklare Vorſtellung, ſein Wohlthäter könnte wohl ein ſchreckliches Verbrechen dadurch begangen haben, daß er ihn mit ſich genommen, und einer ſchweren Strafe aus⸗ geſetzt ſein, wenn er ausfindig gemacht werde, trug eben⸗ falls dazu bei, den Armen in ſeinem Vorſatze, unwan⸗ delbar zu ſchweigen, noch zu beſtärken. Solche Gedanken,— wenn man die unvollkommenen und unklaren Vorſtellungen, welche durch ſein ſchwaches Gehirn zogen, ſo nennen darf,— beſchäftigten Smike, und machten ihn der Furcht wie der Ueberredung unzu⸗ gänglich. Squeers führte ihn alſo endlich, da er ſich überzeugte, daß jede Bemühung vergeblich ſei, in ein kleines Kämmerchen nach dem Hofe zu, wo er die Nacht verbringen ſollte, brauchte die Vorſicht, ihm die Schuhe, 8⁸— 8 K A 8 —— —— Nicolaus Nickleby. 67 den Rock und die Weſte wegzunehmen, ſowie die Thüren von außen zuzuſchließen, damit der Gefangene nicht etwa entfliehe, und überließ ihn dann ſeinen Gedanken. Welche Gedanken er hatte, und wie weh ihm um das Herz wurde, als er— und welchen Augenblick hätte er nicht daran gedacht?— an ſeine letzte Heimath, an die theuern Freunde und die lieben Züge derſelben gedachte, können wir nicht beſchreiben. Soll der Geiſt zu einem ſo ſchweren Schlafe vorbereitet werden, muß man ſein Wachsthum in der Kindheit durch Härte und Grauſam⸗ keit unterdrücken; Jahre voll Elend und Leiden dürfen durch keinen Strahl der Hoffnung erhellt werden; die Saiten des Herzens, die ſo leicht und ſchnell auf die Stimme der Liebe die gute Antwort geben, müſſen an ihren ge⸗ heimſten Punkten verroſtet und zerriſſen ſein und auch nicht das ſchwächſte Echo eines früheren freundlichen Wor⸗ tes nachklingen laſſen. Trübe muß der kurze Tag, und düſter das lange, lange Zwielicht geweſen ſein, das einer ſolchen Verſtandesnacht, wie die ſeinige war, vorausgeht. Wohl hätten ihn ſelbſt damals noch manche Stimmen zu erwecken vermocht, aber ihre willkommenen Töne drangen nicht hierher und er kroch wieder als ein ſo gedanken⸗ und hoffnungsloſes Geſchöpf, wie ihn Nicolaus in der Schule in Yorkſhire gefunden hatte, in das Bett. Viertes Kapitel. Ein anderer Freund trifft ſehr gelegen den armen Smitke. Nach dieſer, für eine unglückliche Menſchenſeele ſo grauenvollen Nacht erſchien ein heller, wolkenloſer Som⸗ 68 Nicolaus Rickleby. mermorgen und eine aus dem Norden Englands ankom⸗ mende Poſtkutſche raſſelte munter durch die noch todten⸗ ſtillen Straßen Islingtons, während ſchmetternde Horn⸗ klänge ihre Annäherung verkündigten. Der einzige Paſſagier außen auf derſelben war ein dicker, ehrlich ausſehender Landmann, der ſeine Augen auf die Kuppel der Paulskirche heftete, und ſo in Be⸗ und Verwunderung verſunken zu ſein ſchien, daß er das Abpacken des Wagens am Poſtamte gar nicht bemerkte, bis ein Schiebfenſter in dem Wagen haſtig niedergelaſſen wurde. Da ſah er ſich um und erblickte ein hübſches Frauengeſicht, das eben aus dem Wagen herausſah. »Sieh Dich mal um, Frau,« ſchrie der Mann, indem er nach dem Gegenſtande ſeiner Bewunderung zeigte. »Das iſt die Paulskirche!« „Du meine Güte, John! Ich hätte in meinem Leben nicht geglaubt, daß ſie halb ſo groß ſein könnte. Es iſt ja ein wahres Unthier.« „Ein Unthier! Da triffſt Du den Nagel auf den Kopf, mein' ich, Frau,“ ſagte der Landmann gut gelaunt, indem er langſam herunterſtieg;»was meinſt Du aber wohl, daß das da für ein Haus iſt, wo wir eben ſind? das wirſt Du nicht errathen, und wenn Du drei Viertel Jahre räthſt. Es iſt nur ein Poſtamt. Ein Poſtamt! was ſagſt Du dazu? Wenn das ein Poſtamt iſt, möcht' ich einmal das Haus ſehen, wo der Lordmayor von London wohnt.« Mit dieſen Worten machte John Browdie, denn er war es, den Kutſchenſchlag auf, ſtreichelte ſeiner Frau die Backen, als er hineinſah und brach in ein unmäßiges Gelächter aus. „Ja wahrhaftig,« ſagte John,»ſie ſchläft ſchon wieder. ———— Nicolaus Nickleby. 69 „Sie hat die ganze Nacht geſchlafen und geſtern den ganzen Tag außer hier und da ein paar Minuten,“ ant⸗ wortete Browdie's Frau. Der Gegenſtand dieſer Bemerkungen war eine ſchla⸗ fende, aber ſo in Tücher und einen Mantel gehüllte Ge⸗ ſtalt, daß es rein unmöglich geweſen ſein würde, das Geſchlecht derſelben zu errathen, hätte nicht ein brauner Hut mit grünem Schleier ihr Haupt geziert, der während der Fahrt von 250 Meilen in der Wagenecke, aus wel⸗ cher die ſchnarchenden Töne hervorkamen, ſo zerquetſcht und zerdrückt worden war und wirklich ſo komiſch aus⸗ ſah, daß er auch minder gefügige Lachmuskeln bewegt haben würde als die des jovialen Geſichts Browdie's. »Heda!« rief John, indem er an dem einen Ende des Schleiers zerrte;»komm, wach' auf!« Nach mancherlei duckenden Bewegungen in der Ecke und vielen Ausrufungen der Ungeduld und der Müdig⸗ keit raffte ſich die Geſtalt in eine ſitzende Stellung empor, ſo daß man unter dem zerdrückten Filzhute das von ei⸗ nem Halbkreiſe blauer Lockenwickel umgebene Geſicht des Fräulein Fanny Squeers erkennen konnte. »Ach, Tildchen!« rief Fräulein Squeers,»wie haſt Du mich die ganze Nacht über zuſammengedrängt.⸗ „»Nun das gefällt mir, haſt Du doch beinahe die ganze Kutſche allein eingenommen.« „»Tildchen,« wiederholte Fräulein Squeers,»läugne es nicht, Du haſt mir faſt gar keinen Platz gelaſſen. Viel⸗ leicht freilich weißt Du es nicht, da Du ſchliefſt; ich aber habe die ganze Nacht kein Auge zugethan und denke alſo, Du wirſt mir glauben.« Damit ſuchte Fräulein Squeers Hut und Schleier wieder in Ordnung zu bringen, der, ohne alle Geſetze der Natur umzukehren, keine regelmäßige Form wieder 70 Nicolaus Nickleby. annehmen zu können ſchien, ſchüttelte die Krümchen ab, welche ſich auf ihrem Schooße geſammelt ſtatten, hielt ſich an dem dargebotenen Arm John Browdie's und ſtieg aus der Kutſche heraus. »Nün,“ ſagte John, als eine Miethkutſche herbeige⸗ rufen und die Damen wie die Packereien hineingeſchafft waren,»nach Sarahs Kopfe.« »Wohin?« fragte der Kutſcher. »Dummkopf, Browdie!« fiel Fräulein Squeers ein. „»Nach dem Sarazenenkopfe.«⸗ »Ich weiß nicht, ob es Sarahs Kopf oder Sarahs Sohns Kopf heißt. Weißt Du, wo das iſt?« »O ja, das weiß ich,« antwortete der Kutſcher und warf den Schlag zu. „»Liebes Tildchen,« meinte Fräulein Squeers,»man wird uns ich weiß nicht für was halten.«⸗ »Die Leute mögen uns halten für was ſie wollen,⸗ ſagte John Browdie;»wir ſind nach London gekommen, bloß um uns luſtig zu machen. Ich bin erſt ein paar Tage ein Ehemann, weil der Alte die Hochzeit immer weiter'ausſchob. Hier iſt die ganze Hochzeitsgeſell⸗ ſchaft beiſammen, die Braut, die Brautjungfer und der Bräutigam; wenn ein Mann da nicht luſtig ſein ſoll, darf er's in ſeinem Leben nicht ſein.« So, um gleich anzufangen mit dem Vergnügen und keine Zeit zu verlieren, gab Browdie ſeiner Frau einen derben Schmatz und nahm einen andern dem Fräulein Squeers, nachdem dieſe ſich lange jüngferlich und zim⸗ pferlich gewehrt und gekratzt hatte, was noch nicht ganz vorüber war, als ſie an dem Gaſthauſe zum Saraze⸗ nenkopfe ankamen. Hier begaben ſie ſich geradenwegs ins Bett, da ſie die Erholung des Schlafes nach einer ſo langen Reiſe Nicolaus Nickleby. 71 für höchſt nöthig hielten, und trafen gegen Mittag bei einem tüchtigen Frühſtücke wieder zuſammen, das auf die Veranſtaltung Browdie's in einem kleinen Zimmer oben aufgetragen war, von welchem man eine unbe⸗ ſchränkte Ausſicht auf die Ställe hatte. Der Anblick des Fräuleins Squeers, die den braunen Filzhut, den grünen Schleier und die blauen Lockenwi⸗ ckel abgelegt hatte, und dafür in allem jungfräulichen Glanze eines weißen Kleides und Spenzers erſchien, mit einem weißen Muſſelinhute, unter und über deſſen Schirm ſich niedliche Röschen wiegten, über der üppigen Locken⸗ fülle,— dieſer Anblick, ſage ich, und der weite ſeidene Gürtel um ihre ſchlanke Taille, der ſehr geſchickt die Kürze des Spenzers hinten verſteckte,— die Korallen⸗ armbänder(die freilich nicht ſehr reichlich ausgefallen waren, ſo daß man die ſchwarzen ſeidenen Fäden ſah), welche ſich um ihre Arme ſchlagen, und das Korallen⸗ band, das an ihrem Halſe hing und vorn auf dem Spenzer ein Herz von Granaten trug,— gleich als wolle ſie dadurch anzeigen, hier ſei noch ein Herz zu vergeben,— dieſer Anblick, ſage ich noch einmal, müßte gewiß das Eis des Alters aufthauen und dem Feuer der Jugend neue und unverlöſchliche Nahrung geben. Der Aufwärter wurde ergriffen. Ob er gleich nur ein Aufwärter war, ſo hatte er doch auch menſchliche Lei⸗ denſchaften und Gefühle und er ſah Fräulein Squeers ſehr ſcharf an, als er die Muffins herumgab. »Wiſſen Sie, ob mein Vater hier iſt?« fragte ſie höchſt würdevoll. »Bitte um Entſchuldigung, mein Fräulein.« »Mein Vater,« wiederholte Fräulein Squeers;»iſt er hier?« »Wo hier, mein Fräulein?« 72 Nicolaus Nickleby. »Hier,— in dem Hauſe!« entgegnete Fräulein Squeers.»Mein Vater, Herr Wackford Squeers, der doch immer hier wohnt. Iſt er zu Hauſe?« „Es iſt mir nicht bekannt, daß ein Herr dieſes Na⸗ mens hier im Hauſe wohne,« antwortete der Aufwärter. „Vielleicht iſt er in dem Kaffeezimmer.«⸗ Vielleicht! Eine ſchöne Geſchichte! das Fräulein Squeers, das auf dem ganzen Wege ihre Freunde da⸗ mit unterhalten hatte, wie ehrerbietig man ihnen ſogleich entgegenkommen werde, wenn ſie nur ihren Namen nenne, muß da hören, ihr Vater könne vielleicht da ſein!»Als ſei er ein Holzhacker!« bemerkte Fräulein Squeers in höchſten Unwillen. „»Fragen Sie doch, mein Lieber,« ſagte John Brow⸗ die, und bringen Sie noch eine Taubenpaſtete, he? Verflucht ſoll der Kerl ſein!« fuhr er fort, als der Auf⸗ wärter ſich entfernt hatte und John die leere Schüſſel betrachtete,»das nennt er eine Paſtete?— drei junge Tauben, ein Bischen Zeug darum und eine Decke ſo dünn, daß man nicht weiß, ob man ſie im Munde hat, oder ob ſie ſchon fort iſt! Ich möchte wiſſen, wie viele Paſteten hier zu einem Frühſtücke gehören!« Nach einer kurzen Zwiſchenzeit, welche John Brow⸗ die auf den Schinken und ein Stück kalten Rinderbraten verwendete, kam der Aufwärter mit einer zweiten Pa⸗ ſtete und der Meldung zurück, Herr Squeers wohne nicht in dem Hauſe, komme aber jeden Tag daher und ſolle heraufgewieſen werden, ſobald er erſcheine. Dar⸗ auf ging er wieder, war aber kaum zwei Minuten fort, als er den Herrn Squeers und deſſen hoffnungsvollen Sohn heraufbrachte. »Wer hätte das gedacht?« ſagte Squeers, nachdem er die Geſellſchaft begrüßt und einige Mittheilungen ————— Nicolaus Nickleby. 73 über Familienangelegenheiten von ſeiner Tochter erhal⸗ ten hatte. »Freilich!« entgegnete ſeine Tochter;»aber, wie Du ſiehſt, Tildchen iſt nun verheirathet.« »Und ich mußte durchaus London ſehen, Schulmei⸗ ſter,« ſagte John Browdie, der ſich muthig über die Paſtete hermachte. »So geht es den jungen Männern gewöhnlich, wenn ſie ſich verheirathen,« bemerkte Squeers,»und ſie ver⸗ thun dabei eine Menge Geld. Wäre es nicht beſſer, ſie ſparten es z. B. zur Erziehung ihrer Söhne? Sie wer⸗ den Euch über den Hals kommen, ehe Ihr's merkt,« fuhr er in predigendem Tone fort, ves iſt mir ſelbſt ſo gegangen.« „Wollen Sie miteſſen?« fragte John. »Ich ſelbſt danke,« antwortete Squeers;»wenn Sie aber dem kleinen Wackford da etwas Fettes geben wol⸗ len, werden Sie mich verbinden. Geben Sie es ihm nur in die Hand, ehe der Marqueur wiederkommt und es mitnimmt. Wenn der Marqueur kommt, mein Sohn, ſo ſteckſt Du es geſchwind in die Taſche und ſiehſt durch das Fenſter hinaus, hörſt Du 2 »Ich ſchlafe nicht,« antwortete der gute Sohn. »Nun,« ſagte Squeers zu ſeiner Tochter,„nun wird die Reihe im Heirathen an Dich kommen. Du mußt Dich dazu halten.« »Ach, es hat keine Eile,« ſagte Fräulein Squeers ſehr ſpitzig. „»Nicht, Fanny?« fragte die Freundin etwas über⸗ raſcht. »Nein, Tildchen,« entgegnete Fräulein Squeers hef⸗ tig den Kopf ſchüttelnd.»Ich— kann warten.⸗ Nicolaus Nickleby. „Auch die jungen Männer ſcheinen dies zu können, Fanny,« entgegnete Madame Browdie. „Ich ziehe ſie nicht an den Haaren herbei, Tildchen,« ſagte Fräulein Squeers.— „Du magſt ganz recht haben, daß Du ſie nicht an⸗ ziehſt,“ erwiederte die Freundin. Der bittere Ton dieſer Antwort hätte eine ſcharfe Entgegnung von Seiten des Fräunleins Squeers veran⸗ laſſen können, die, an ſich etwas grillenhaft und bos⸗ haft, durch die Reiſe und das Stoßen des Wagens noch verdrießlicher geworden und durch den Gedanken an ihr verſchlagenes eigenes Angeln nach dem Herrn Browdie gereizt war; dieſe ſcharfe Entgegnung würde vielleicht viele andere bittere Reden herbeigeführt haben, die, der Himmel weiß es, was! verurſachen konnten,— hätte nicht Herr Squeers ſelbſt der Unterhaltung gerade in dieſem Augenblicke eine andere Richtung gegeben. „Was meinſt Du, Fanny,“ ſagte er,»rathe einmal, wen wir, Wackford und ich, gefangen haben 2« „Vater! doch nicht Herrn— 2 Fräulein Squeers konnte den Namen nicht ausſprechen, ſo that es denn für ſie Madame Browdie, welche hinzuſetzte:»Nick⸗ leby?2« „Nein,« ſagte Squeers,»aber nahe daran.“ „Smike meinſt Du doch nicht?« rief Fräulein Squeers, indem ſie die Hände zuſammenſchlug. „»Ja, den kann ich doch meinen,⸗ antwortete ihr Vater; vich habe ihn feſt.«. „Was 2« rief John Browdie, der den Teller bei Seite ſchob.»Sie haben den armen Kerl erwiſcht? wo haben Sie ihn denn?« „In einem Kämmerchen in meiner Wohnung,« ant⸗ wortete Squeers,»und wohl verwahrt.⸗ Nicolaus Nickleby. 75 »In Ihrer Wohnung? Sie haben ihn in Ihrer Wohnung? Der Schulmeiſter gegen ganz England! Ge⸗ ben Sie mir die Hand, Schulmeiſter, dafür! Haben ihn in Ihrer Wohnung!« „»Ja,« antwortete Squeers, der unter der Rieſen⸗ fauſt des kräftigen Yorkſhirers auf dem Stuhle wankte; wich danke für die Theilnahme, aber ſo drücken Sie mir die Hand nicht wieder; ich weiß, Sie meinen es gut, aber— verflucht! es thut weh.« »Aber wie war es?« fragte John, der ganz nahe an Squeers rückte; verzählen Sie.« Ob er gleich mit der Ungeduld John Browdie's nicht Schritt halten konnte, erzählte Squeers doch ſo ſchnell und dabei ſo ausführlich als möglich, wie ihm Smike in die Hände gefallen ſei, und hielt nicht inne, außer wenn er durch Verwunderungsausrufungen ſeiner Zuhö⸗ rer unterbrochen wurde, bis er mit der intereſſanten Geſchichte zu Ende war. »Damit er mir nun nicht etwa wieder entwiſcht,« ſetzte Squeers, als er zu Ende war, mit einem pfiffi⸗ gen Geſichte hinzu,»habe ich für morgen früh drei Plätze auf den Poſtwagen beſtellt, für Wackford, für ihn und für mich, und übertrage die Abrechnung und die neuen Zöglinge meinem Geſchäftsfreunde hier. Es iſt alſo ein ſehr glücklicher Zufall, daß Sie heute an⸗ kommen, ſonſt würden wir uns verfehlt haben, und wenn Sie nicht heute Abend Thee mit mir trinken wollen, werde ich Sie vor der Abreiſe nicht wieder ſehen.« »Kein Wort weiter,« antwortete der Kornmäkler, in⸗ dem er dem Schulmeiſter die Hand ſchüttelte;»wir kom⸗ men und wenn es zwanzig Meilen weit wäre.« „»Alſo doch?« entgegnete Squeers, der nicht erwartet hatte, daß ſeine Einladung ſo ſchnell werde angenom⸗ Nicolaus Nickleby. V. 6 * 76 men werden, ſonſt hätte er ſich, ehe er ſie gab, gewiß zweimal beſonnen. John Browdie's einzige Antwort war ein neuer Händedruck und eine Verſicherung, ſie würden erſt mor⸗ gen anfangen London zu beſehen, deshalb unfehlbar um ſechs Uhr bei Snawley ſein. Bald darauf ging Herr Squeers mit ſeinem Sohne. Den ganzen Tag über war Browdie ſehr aufge⸗ räumt; gelegentlich brach er in ein ſchallendes Gelächter aus, ſetzte dann den Hut auf und lief in den Hof hin⸗ unter, um ſelbſt zu ſehen, wie die Sache zuſammen⸗ hänge. Auch hatte er nirgends Ruhe, denn bald ging er, bald kam er wieder, ſchnappte mit den Fingern, hüpfte, ziemlich wie ein Bär, tanzend in dem Zimmer umher, kurz er benahm ſich ſo ganz ungewöhnlich, daß Fräulein Squeers fürchtete, er werde nächſtens über⸗ ſchnappen, ihr liebes Tildchen deshalb vorſichtig bat, nicht zu erſchrecken und ihr dann ihre Beſorgniß mit⸗ theilte. Madame Browdie dagegen wollte in dieſem Benehmen nichts Ungewöhnliches finden und bemerkte, ſie habe ihn ſchon oft ſo geſehen, er werde zwar darauf gewöhnlich etwas unwohl, aber es habe gar nichts zu beveuten und es ſei am beſten, man laſſe ihn thun, was ihm gefalle. Die Folge zeigte, daß ſie vollkommen recht hatte; denn als ſie Abends in dem Zimmer des Herrn Snaw⸗ ley ſaßen, und eben als es dunkel zu werden anfing, wurde es John Browdie ſo übel und es ſtellte ſich bei ihm ein ſo bedeutender Schwindel ein, daß die ganze Geſellſchaft höchſt beſtürzt darüber wurde. Seine Frau war die einzige, welche Geiſtesgegenwart genug behielt, um zu bemerken, wenn man ihm erlauben wolle, eine Nieolaus Nickleby.⸗ oder ein paar Stunden auf dem Bette des Herrn Squeers * — ð ——( S—S 8 88— —————— — —— Nicolaus Nickleby. 77 zu liegen, werde er ſich ſicherlich ſo ſchnell wieder erho⸗ len, als er unwohl geworden ſei. Niemand konnte et⸗ was dagegen einwenden, einen Verſuch mit dieſem ganz verſtändigen Vorſchlage zu machen, ehe man nach dem Arzte ſchicke. John wurde demnach mit großer Anſtren⸗ gung, weil er entſetzlich ſchwer war und regelmäßig zwei Stufen zurücktaumelte, wenn man ihn drei hinauf⸗ geſchoben und gezogen hatte, die Treppe hinaufgebracht, auf das Bett gelegt und der Pflege ſeiner Frau über⸗ laſſen, die bald darauf ebenfalls in dem Geſellſchafts⸗ zimmer wieder erſchien und meldete, er ſchlafe feſt. Aber gerade in dieſem Augenblicke ſaß John Brow⸗ die auf dem Bette ſo roth im Geſichte, wie man ihn noch niemals geſehen hatte, und ſtopfte ſich den Bett⸗ zipfel in den Mund, um nicht laut aufzulachen. Sobald es ihm gelungen war, ſeine Lachluſt zu unterdrücken, zog er die Schuhe aus, ſchlich zur anſtoßenden Kam⸗ mer, in welcher ſich der Gefangene befand, drehete den Schlüſſel um, der außen anſtak, fuhr dann hinein und hielt Smike mit ſeiner großen Hand den Mund zu, ehe derſelbe einen Laut von ſich geben konnte.»Kennſt Du mich nicht, Junge 2« flüſterte Browdie dem zitternden Smike zu.»Browdie, he 2⸗ »Ach ja, ja,« ſagte Smike;»helfen Sie mir!« »Ich ſoll Dir helfen!« antwortete John, der ihm ſo⸗ gleich wieder den Mund zuhielt.»Du brauchteſt meine Hülfe gar nicht, wenn Du nicht der dümmſte Junge wärſt, den die Sonne jemals beſchienen hat. Warum kamſt Du denn hierher?« »Er brachte mich her, er brachte mich her!⸗ »Er brachte Dich her! entgegnete John.»Warum ſchlugſt Du ihn nicht auf den Kopf oder legteſt Dich nieder, ſchlugſt mit den Beinen um Dich und riefeſt 6* 78 nach der Polizei? Ich hätte es mit einem Dutzend ſol:⸗ n cher Schulmeiſter aufgenommen, als ich in Deinem Alter S war. Aber Du biſt ein armer Teufel,« ſagte John be⸗ trübt. k Smike öffnete den Mund und wollte etwas ſagen, n aber John Browdie erlaubte es nicht. V»„Steh' ſtill,« ſagte der Yorkſhirer,»und rede kein Nicolaus Nickleby. Wort, bis ich Dir's ſage.⸗ 4 Nach dieſer Warnung ſchüttelte John Browdie be⸗. deutungsvoll den Kopf, nahm einen Schraubenzieher aus 2 der Taſche, ſchraubte damit bedächtig und geſchickt das 2 Schloß ab und legte daſſelbe wie den Schraubenzieher n auf die Diele. 4 »Siehſt Du?« ſagte John.»Das haſt Du gethan. f Nun mach', daß Du fortkommſt.« 1 Smike ſtarrte ihn gedankenvoll an, als verſtehe er f nichts. „»Ich ſage, mach', daß Du fortkommſt,« wiederholte John haſtig.»Weißt Du, wo Du wohnſt? Ja? Nun gut. Sind die Kleider Dein oder dem Schulmeiſter?« „»Mein,“« antwortete Smike, während Browdie ihn raſch in das anſtoßende Zimmer zog und auf ein paar 1 Schuhe und einen Rock wies, die auf einem Stuhle lagen. 3 „»Nimm ſie und fort!« ſagte John, indem er ihm den linken Arm in den rechten Aermel ſteckte und ihm die Schöße des Rockes um den Hals ſchlang.»Folge mir, und wenn Du aus dem Hauſe hinaus biſt, ſo gehe rechts und man wird Dich nicht ſehen.« 3 3 „Aber,— aber er wird es hören, wenn ich die Thür zumache,« bemerkte Smike, der am ganzen Körper zitterte. 1 „So mach' ſie nicht zu,« entgegnete Browdie.»Du Nicolaus Nickleby. 79 wirſt Dich doch nicht fürchten, dem Schulmeiſter einen Schnupfen zuzuziehen?« »Nein,« ſagte Smike, dem die Zähne im Munde klapperten;»aber er holt mich zurück und wird mich wieder zurückholen. Gewiß, gewiß.« »Gewiß! gewiß!« wiederholte John ungeduldig.»Er wird Dich nicht zurückholen. Ich werde nicht ſagen, daß ich Dich herausgelaſſen habe, wenn er auch da aus dem Zimmer heraustritt, während Du davonläufſt, wird er Dir doch nicht nachlaufen können; ich rühre mich nicht. Wenn Du gut läufſt, wirſt Du nach Hauſe ſein, ehe ſie merken, daß Du fort biſt.« Smike, der von dieſen Worten ſo viel verſtand, daß ſie ihm als Ermuthigung dienen ſollten, wollte eben mit wankenden Füßen fortgehen, als ihm John ins Ohr flüſterte: »Sage Deinem jungen Herrn, daß ich mit Tildchen Price verheirathet bin, daß er mit mir im Sarazenen⸗ kopfe ſprechen kann und ich nicht eiferſüchtig auf ihn bin.« John Browdie hatte wieder Mühe, das Lachen zu unterdrücken; doch gelang es ihm. Er ſchlich gleich dar⸗ auf die Treppe hinunter und zog Smike hinter ſich her. Dann ſtellte er ſich dicht an die Thür des Geſellſchafts⸗ zimmers, damit in dieſem Augenblicke Niemand heraus⸗ könne und winkte Smike zu gehen. Als dieſer einmal ſo weit war, brauchte man ihm das Fortgehen nicht zweimal zu heißen. Er machte leiſe die Hausthür auf, warf noch einen Blick voll Dankbar⸗ keit und Schrecken auf ſeinen Befreier, ſchlug die ihm von dem Letztern angedeutete Richtung ein und rannte davon ſo ſchnell als ihn die Beine tragen konnten. John Browdie blieb noch einige Minuten auf ſeinem 80 Poſten ſtehen; als er ſich aber überzeugte, daß in dem Zimmer keine Pauſe in dem Geſpräche eintrete, ſchlich er wieder die Treppe hinauf und ſtand horchend eine ganze Stunde an dem Treppengeländer. Da alles voll⸗ kommen ruhig blieb, ſo legte er ſich noch einmal auf das Bett des Schulmeiſters, zog das Kiſſen über den Kopf und lachte, daß er faſt erſtickte. Hätte Jemand geſehen, wie das Bett zitterte, aus. dem das große rothe Geſicht und der runde Kopf des dicken Yorkſhirers bisweilen herausguckte wie ein lachen: des Seeungeheuer, das den Kopf aus dem Waſſer ſteckt, um Athem zu ſchöpfen; wie das Geſicht, vom Lachen verzogen, wieder unter die Bettdecke fuhr und darauf von neuem hervorkam, der Jemand hätte eben ſo laut lachen müſſen wie John Browdie ſelbſt. Nicolaus Nickleby. Fuͤnftes Kapitel. Nicolaus verliebt ſich und bedient ſich einer Mittelsperſon, de⸗ ren Bemühungen mit unerwartetem Erfolge, eine Haupt⸗ ſache ausgenommen, gekrönt werden. Als Smike einmal wieder aus den Händen ſeines alten Verfolgers war, bedurfte er keines beſondern An⸗ triebes, um die äußerſte Kraft und Anſtrengung aufzu⸗ bieten, deren er fähig war. Ohne auch nur einen Au⸗ genblick ſtill zu ſtehen, um darüber nachzudenken, welchen Weg er einzuſchlagen habe, und ob der, welchem er eben folgte, ihn nach Hauſe führen werde oder nicht, floh er mit überraſchender Schnelligkeit und Ausdauer dahin, Nicolaus Nickleby. 81 denn ihn trugen nicht bloß Flügel, welche nur die Furcht geben kann, es jagte ihn auch eingebildetes Geſchrei in der wohlbekannten Stimme Squeers', der nach den zerrütteten Sinnen des armen Teufels mit einer Schaar von Verfolgern ihm bald hart an den Ferſen zu ſein ſchien, bald weiter zurückblieb, bald ihm immer näher und näher kam, je nachdem das Gefühl der Hoffnung oder der Angſt in ſeinem Herzen die Oberhand hatte. Lange nachdem er ſich überzeugt hatte, daß jene Töne nichts als ein Erzeugniß ſeines aufgeregten Kopfes wa⸗ ren, lief er noch in einem Schritte weiter, den kaum die Schwäche und Erſchöpfung verzögern konnten. Erſt als das Dunkel und die Stille einer Landſtraße ihn be⸗ fähigten, ſeine Sinne auf die Gegenſtände um ihn her zu richten, und der Sternenhimmel oben ihm die Flüch⸗ tigkeit der Zeit andeutete, blieb er, keuchend, faſt athem⸗ los und mit Staub bedeckt, ſtehen, um zu horchen und ſich umzuſehen.. Alles war ſtill und ruhig. Ein heller Lichtſchein in der Ferne, den der Himmel zurückſtrahlte, deutete den Ort an, wo die Rieſenſtadt lag. Einſame Felder, die durch Hecken und Gräben von einander geſchieden waren — über einige derſelben war er geſtolpert, geſprungen, geklettert, gekrochen, gefallen— lagen an der Straße zu beiden Seiten. Es war ſchon ſpät. Unmöglich konnten ſie ihm auf den Wegen folgen, die er eingeſchlagen hatte, aber wenn er vermögen ſollte, ſeine Wohnung wiederzu⸗ finden, ſo müßte es gewiß in ſolcher Zeit und im Schutze der Nacht geſchehen. Dies wurde allmälig ſelbſt dem Verſtande Smike's ſo ziemlich klar. Anfangs hatte er den unbeſtimmten and kindiſchen Gedanken gehegt, zehn oder zwölf engliſche Meilen weit ins Land hineinzulaufen und dann auf einem weiten Umwege nach Hauſe zurück⸗ 82 Nicolaus Nickleby. zukehren, ſo ſehr fürchtete er ſich, allein durch die Stra⸗ ßen Londons zu gehen, in denen er ſeinem Todfeind von neuem hätte begegnen können; endlich aber kehrte er doch um, obgleich nicht ohne mancherlei Beſorgniß und trübe Ahnung, und wanderte kaum weniger ſchnell, als er von Squeers' Wohnung aus gegangen war, London zu. Als er am weſtlichen Ende der Stadt dieſelbe wieder betrat, waren die meiſten Läden geſchloſſen und nur noch Wenige von der Menſchenmenge, die nach der Hitze des Tages ſich in das Freie hinausgelockt gefühlt hatte, ſchlen⸗ derten in den Straßen hin nach Hauſe. Dieſe fragte er von Zeit zu Zeit, und nach vielen Fragen erreichte er endlich die Wohnung von Newman Noggs. Newman hatte den ganzen Abend in allen Winkeln und Gäßchen nach derſelben Perſon geſucht, welche jetzt an ſeine Thüre klopfte, während Nicolaus in einer an⸗ dern Richtung gleiche Nachſuchungen anſtellte. Er ſaß eben mit traurigem Geſichte bei ſeinem ärmlichen Abend⸗ eſſen, als er Smike's unſicheres und ſchüchternes Klopfen hörte. Da er in ſeinem Zuſtande ängſtlicher Erwartung auf jeden Ton lauſchte, ſo eilte er ſogleich die Treppe hinunter, zog mit einem Rufe freudiger Ueberraſchung den willkommenen Gaſt in die Hausflur hinein und die Treppe hinauf und ſagte kein Wort, bis er ihn ſicher in ſeinem Dachſtübchen und die Thüre zugeſchloſſen hatte. Da miſchte er zuerſt ein großes Glas voll Waſſer und Brann⸗ tewein, hielt dies Smike an den Mund, wie man etwa einem Kinde, das nicht einnehmen mag, einen Löffel mit Medicin an die Lippen hält, und gebot ihm, das Glas in einem Zuge zu leeren. Newman machte ein Geſicht, als ſei er eben aus den Wolken gefallen, als er ſah, daß Smike kaum die Lippen benetzte mit dem koſtbaren Tranke, und hob eben mit — 8 ᷣ 8 — 8 u 8 28ESoZNR — —— Nicolaus Nickleby.⸗ 83 einem tiefen Seufzer des Mitleides über ſeines Freundes Schwäche das Glas an ſeine eignen Lippen, aber da be⸗ gann Smike die Abenteuer zu erzählen, die ihm begeg⸗ net waren, und ſo hielt er auf halbem Wege ſtill und ſtand aufhorchend da. Einen komiſchen Anblick gewährte die Veränderung, die mit Newman vorging, während Smitke erzählte. An⸗ fangs wiſchte er ſich den Mund mit dem Rücken der Hand als Einleitung zu den Vorbereitungen zum Trin⸗ ken; dann, als Squeers erwähnt wurde, nahm er den Glaskrug unter den Arm, riß die Augen weit auf und ſtierte Smike in höchſter Verwunderung an. Als dieſer von den Prügeln im Wagen ſprach, ſetzte er haſtig den Krug auf den Tiſch, hinkte in der größten Aufregung in dem Stübchen auf und ab, und hielt ſich bisweilen mit einem Rucke an, um noch aufmerkſamer zuzuhören. Als die Rede auf John Browdie kam, ließ er ſich langſam und allmälig auf einen Stuhl nieder, rieb die Hände auf den Knieen,— immer ſchneller und ſchneller, je nä⸗ her die Geſchichte der Entwickelung kam,— und brach dann in ein lautes, kräftiges Lachen aus. Als dies ge⸗ ſchehen war, verfinſterte ſich plötzlich ſein Geſicht und er fragte in der äußerſten Beſorgniß, ob es wohl zwiſchen John Browdie und Squeers zu Schlägen gekommen wäre. »Nein, das glaube ich nicht,« antwortete Smike. »Er wird mich nicht vermißt haben, bis ich ganz fort war.“« Newman kratzte ſich hinter den Ohren mit einer Miene, als ſei ihm dies ſehr unangenehm, nahm dann den Krug wieder zur Hand, ſetzte ihn an die Lippen und grinſete dabei Smike mit einem geſpenſterhaften Lächeln über den Rand weg an. 84 Nicolaus Nickleby. »Du bleibſt hier,« ſagte Newman,»Du biſt müde. Ich werde es aber melden, daß Du wieder dabiſt. Sie ſind ganz außer ſich Deinetwegen geweſen. Herr Nico⸗ laus—« »Der liebe Gott ſegne ihn!« fiel Smike ein. »Amen!“« ſetzte Newman hinzu; ver iſt keine Minute ruhig geweſen, wie auch die Alte und das junge Fräu⸗ lein.« »Nein, nein. Sie hat auch an mich gedacht?« fragte Smike.»Sie hat an mich gedacht? doch?— hat ſie, hat ſie wirklich? Sagen Sie mir ſo etwas nicht, wenn es nicht wahr iſt.« »Sie hat es gethan,« rief Newman;»das Mädchen iſt ſo weichmüthig als es ſchön iſt.« »Ja, ja,« meinte Smike;»da haben Sie ganz Recht.« »So ſanft und mild,« fuhr Newman fort. »Ja, ja,« ſagte Smike mit ſteigendem Eifer. „Und dabei ſo edel und feſt,« ſetzte Newman hinzu. Er fuhr ſo in ſeiner Begeiſterung noch eine Zeitlang fort, bis zufällig ſeine Blicke auf Smike fielen und er ſah, daß dieſer ſein Geſicht mit beiden Händen bedeckt hatte und ihm Thränen zwiſchen den Fingern hindurchdrangen. Eine Minute vorher funkelten die Augen des Kna⸗ bens in ungewöhnlichem Feuer und jeden Zug überſtrahlte eine Aufregung, ſo daß er auf einen Augenblick wie ein ganz anderer Menſch ausſah. »Ja, ja,« murmelte Newman, als ſei er etwas ver⸗ legen,»es hat mich mehr als einmal ergriffen, wenn ich daran dachte, daß eine ſolche Natur ſolchen Prüfungen und Leiden ausgeſetzt ſein ſoll. Der arme Burſche da, — ja, ja,—, er fühlt das auch,— es rührt ihn, es erinnert ihn an ſeine frühere erbärmliche Lage. Das iſt es, ja, das iſt es. Hm!« — WW A Nicolaus Nickleby. 85 Aus dem Tone dieſer abgebrochenen Reflexionen er⸗ gab es ſich keineswegs ganz klar, daß ſie nach der Mei⸗ nung des Newman Noggs vollkommen genügend die Rührung erklärten, welche dieſelben veranlaßt hatte. Eine Zeitlang blieb er nachdenkend ſitzen und ſah Smike bisweilen mit einem beſorgten und zweifelnden Blicke an, der hinlänglich bewies, daß derſelbe in gar nicht fernem Zuſammenhange mit ſeinen Gedanken ſtehe. Endlich wiederholte er ſeinen Vorſchlag, daß Smike die Nacht dableiben ſolle, er aber(Noggs) ſogleich die Familie Nickleby benachrichtigen wolle, damit dieſelbe ſich nicht länger ängſtige. Da Smike jedoch davon nichts hören mochte, ſondern ſeine Freunde durchaus ſobald als möglich ſehen wollte, ſo machten ſie ſich endlich Beide mit einander auf den Weg. Die Nacht war aber unterdeß ſo weit vorgerückt, und Smike ſo müde und lahm, daß er kaum noch gehen konnte; deshalb erreichten ſie den Ort ihrer Beſtimmung erſt eine Stunde vor Sonnen⸗ aufgang. Bei dem erſten Tone ihrer Stimmen vor dem Hauſe ſprang Nicolaus, der die Nacht ſchlaflos verbracht und über Mittel und Wege nachgedacht hatte, wie er den Verlornen wiederfinde, aus dem Bette und ließ ſie freu⸗ dig ein. Das Geſpräch, das Glückwünſchen und die Aeußerung des Unwillens waren ſo laut, daß auch die übrige Familie bald erwachte, und Smike wurde nicht bloß von Käthchen, ſondern auch von Madame Nickleby herzlich ind freudig bewillkommt, welche ihn für die Zu⸗ kunft ihrer Gunſt und Achtung verſicherte, auch ſo gefäl⸗ lig war, zu ſeiner und aller Anweſenden Unterhaltung aus einem Buche, deſſen Titel ſie nicht kannte, eine höchſt merkwürdige Schilderung einer wunderbaren Rettung eines Officiers, deſſen Namen ſie vergeſſen hatte, aus 86 einem Gefängniſſe mitzutheilen, in welchem er, wegen welches Verbrechens wußte ſie nicht mehr, gefangen ge⸗ halten worden war. Im Anfange war Nicolaus geneigt, ſeinen Oheim des Antheils an dieſem kühnen, auch faſt gelungenen Verſuche, Smike zu entführen, zu beſchuldigen, nach reif⸗ licherer Ueberlegung glaubte er aber, das ganze Verdienſt deſſelben dem Herrn Squeers zuſchreiben zu müſſen. Mit dem Vorſatze, wo möglich durch John Browdie zu er⸗ mitteln, wie die Sache eigentlich ſtehe, ging er an ſeine Beſchäftigung und überdachte unterwegs eine Menge Pläne zur Züchtigung des Schulmeiſters aus Jorkſhire, welche ſich alle auf die ſtrengſten Grundſätze des Wieder⸗ vergeltungsrechtes ſtützten und bloß das Nachtheilige hat⸗ ten, daß ſie unausführbar waren. »Ein ſchöner Morgen heute, Herr Linkinwater,« ſagte Nicolaus, als er in das Comptoir trat. »Ahl« antwortete Timotheus,»reden Sie auch vom Lande? Was ſagen Sie zu dem heutigen Tage in Lon⸗ don, he 2 »Außerhald der Stadt iſt es doch etwas klarer und heller,« meinte Nicolaus. „»Klarer!« wiederholte Linkinwater.»Sie ſollten ihn nur von dem Fenſter meines Schlafzimmers aus ſehen!« „Sie ſollten ihn von dem meinigen aus ſehen!« ent⸗ gegnete Nicolaus lächelnd. „Bah! bah!« ſagte Timotheus Linkinwater,»reden Sie nicht vom Lande.(Die Vorſtadt war in Linkinwa⸗ ters Auge ſchon nichts weiter als Dorf.)»Unſinn! Was können Sie auf dem Lande haben als friſchgelegte Eier und Blumen? Ich kann hier auf dem Markte jeden Morgen vor dem Frühſtück friſchgelegte Eier kaufen, und wenn Sie Blumen ſehen wollen, ſo brauchen Sie nur Nicolaus Nickleby. — 8 ⁸ε 8— 2 —— Nicolaus Nickleby. 87 die Treppe hinaufzugehen, da ſteht meine Reſeda und in dem Fenſter Nr. 6 im Hofe ein voller Nelkenſtock.« In Nr. 6 im Hofe ſteht ein voller Nelkenſtock?« fragte Nicolaus. „»Allerdings,« antwortete Timotheus,»in einem ge⸗ ſprungenen Kruge. Voriges Frühjahr gab es Hyazinthen dort, die wirklich blüheten— aber Sie werden darüber lachen.« »Worüber?« „Daß ſie in alten Wichsflaſchen blüheten,« ſagte Ti⸗ motheus.« „»Darüber lache ich gewiß nicht,« entgegnete Nicolaus. Timotheus ſah ihn einen Augenblick an, als fühle er ſich durch den Ton der Antwort ermuthiget, noch mehr über dieſen Gegenſtand zu ſprechen. Er ſteckte alſo die Feder, die er ſich eben geſchnitten hatte, hinter das Ohr, ließ das Federmeſſer ſcharf zuklappen und ſagte: »Sie gehören einem kränklichen, bettlägerigen, buckeli⸗ gen Jungen und ſcheinen die einzige Freude in ſeinem traurigen Leben zu ſein, Herr Nickleby. Wie viele Jahre mögen es wohl ſein,« fuhr Timotheus nachdenkend fort, „daß ich ihn das Erſtemal als ein kleines Kind bemerkte, das ſich auf einem Paare kleiner Krücken fortſchleppte? Ja, es ſind nicht viele; aber wenn ſie mir auch wie nichts vorkommen, wenn ich an andere Dinge denke, ſo ſcheinen ſie doch lang, ſehr lang zu ſein, wenn ich mich in ſeine Lage verſetze. Es iſt traurig,« ſagte abbrechend Timotheus,»ein kleines gebrechliches Kind, getrennt von andern Kindern ſitzen zu ſehen, die lebendig und heiter ſind, und nur auf ihre Spiele achten, an denen jenes Arme aus Mangel an Kraft nicht Theil nehmen kann. Das Herz hat mir oft weh gethan, wenn ich es ſah.« »Das Herz iſt gut,« ſagte Nicolaus,»welches ſich 88 Nicolaus Nickleby. von den gewöhnlichen Berufsgeſchäften ſo weit losreißen kann, um auf ſolche Dinge zu achten. Sie ſagten—« „Weiter nichts, als daß die Blumen jenem armen Knaben angehören,“« antwortete Timotheus.« Iſt das Wetter ſchön, und er kann aus dem Bette kriechen, ſo zieht er ſich einen Stuhl dicht an das Fenſter, ſitzt da, ſieht ſeine Blumen an und putzt den ganzen Tag an den⸗ ſelben herum. Anfangs nickten wir, dann ſprachen wir auch mit einander. Früher lächelte er, wenn ich früh zu ihm kam und ihn fragte wie es ihm gehe, und er ſagte „beſſer;« jetzt ſchüttelt er den Kopf und neigt ſich nur dichter über ſeine alten Blumen. Es muß traurig ſein, ſo viele Monate lang die Dächer zu betrachten und die Wolken vorüberziehen zu ſehen; aber er iſt ſehr ge⸗ duldig.« „Iſt Jemand in dem Hauſe, der ihn pflegt und war⸗ tet?« fragte Nicolaus. »„Ich glaube, ſein Vater wohnt da und auch noch an⸗ vere Leute,« antwortete Timotheus,» aber Niemand ſcheint ſich viel um den armen kranken Krüppel zu be⸗ kümmern. Ich habe ihn oft gefragt, ob ich etwas für ihn thun könne, er hat mir aber immer dieſelbe Antwort gegeben,»nichts.« In der letzten Zeit iſt ſeine Stimme ſchwach geworden, aber ich ſehe es, daß er noch immer keine andere Antwort giebt. Jetzt kann er ſein Bett gar nicht verlaſſen; man hat es ihm deshalb dicht an das Fenſter gerückt und da liegt er nun den ganzen Tag, ſieht bald den Himmel, bald ſeine Blumen an und ſucht ſie noch immer ſelbſt zu putzen und zu begießen. Abends, wenn er Licht bei mir ſieht, zieht er ſeinen Vorhang zu⸗ rück und läßt ihn ſo, bis ich in das Bett bin. Es ſcheint ihm geſelliger zu ſein, wenn er weiß, daß ich da bin, und ich bleibe deshalb oft eine oder ein paar Stunden —— d —— 4 Nicolaus Nickleby. 89 länger am Fenſter ſitzen, damit er ſehe, daß ich noch wache. Manchmal ſtehe ich ſelbſt in der Nacht auf, um nach dem düſtern, traurigen Lichte in ſeinem Stübchen zu ſehen und ich denke darüber nach, ob er wohl wache oder ſchlafe.— Bald wird wohl die Nacht kommen,« fuhr Timotheus fort,»in der er ſich zum Schlafen hin⸗ legt, ohne auf Erden wieder zu erwachen. Wir haben einander niemals auch nur die Hand gereicht, und doch werde ich ihn vermiſſen wie einen alten Freund. Glau⸗ ben Sie, daß auf dem Lande Blumen mich ſo intereſſiren können wie dieſe? Oder meinen Sie, daß mir das Ver⸗ welken von hundert Arten der ſchönſten Blumen, welche die ſchwerſten lateiniſchen Namen führen, die jemals er⸗ funden worden ſind, auch nur einen Bruchtheil des Schmerzes verurſachen würden, den ich fühlen werde, wenn man die alten Krüge und Flaſchen wegwirft? Das Land!« rief Timotheus mit verächtlicher ſcharfer Beto⸗ nung;»könnte ich wohl irgendwo anders als in London einen ſolchen Hof unter dem Fenſter meines Schlafzim⸗ mers haben?« 3 Mit dieſer Frage drehete Timotheus ſich um, that als vertiefe er ſich in ſeine Rechnungen, benutzte aber eine Gelegenheit, um geſchwind mit der Hand über die Augen zu fahren, als er glaubte, Nicolaus ſehe auf die entge⸗ gengeſetzte Seite. Ob nun die Rechnungen Linkinwaters dieſen Vor⸗ mittag verwickelter waren als gewöhnlich, oder ob es daher kam, daß ſeine gewöhnliche Heiterkeit durch die er⸗ wähnten Gedanken und Erinnerungen etwas getrübt wor⸗ den, genug als Nicolaus von einem Auftrage zurückkam und fragte, ob Herr Karl Cheeryble allein in ſeinem Comptoire ſei, bejahete Timotheus dies ſogleich und ohne alles Bedenken, obgleich nicht zehn Minuten vorher 90 Nicolaus Nickleby. Jemand in das Comptoir gegangen war, und Timotheus beſonders darauf achtete, die Brüder nicht ſtören zu laſ⸗ ſen, wenn ſie mit irgend Jemand ſprachen. „Wenn das der Fall iſt,« ſagte Nicolaus,»werde ich ihm dieſen Brief ſogleich übergeben.« Er ging nach dem Comptoire und klopfte an die Thüre. Keine Antwort. Er klopfte noch einmal; auch da erfolgte keine Ant⸗ wort. „Er kann nicht da ſein,“« dachte Nicolaus.»Ich will ihm den Brief auf den Tiſch legen.« Nicolaus öffnete demnach die Thüre, trat ein, und drehete ſich ſchnell um, um wieder herauszugehen, als er zu ſeinem großen Erſtaunen und mit nicht geringerer Verlegenheit ein junges Mädchen vor dem Herrn Chee⸗ ryble knieen ſah, der ſie erſuchte aufzuſtehen, und eine dritte Perſon, welche die Dienerin des jungen Mädchens zu ſein ſchien, bat, daſſelbe zum Aufſtehen zu bewegen. Nicolaus ſtotterte eine linkiſche Entſchuldigung und zog ſich eilig zurück, als das junge Mädchen den Kopf ein wenig drehete und ihm die Züge des liebenswürdi⸗ gen Mädchens zeigte, das er vor ziemlich langer Zeit bei ſeinem erſten Beſuche in dem Verſorgungs⸗ und Nachweiſungscomptoir geſehen hatte. Als er darauf die Magd anſah, erkannte er dieſelbe plumpe Geſtalt, welche ſte damals begleitete und in Folge ſeiner Bewunderung der Schönheit der jungen Dame, ſo wie der Verlegen⸗ heit und Ueberraſchung blieb er unbeweglich ſtehen, denn es fehlte ihm für den Augenblick die Fähigkeit, ein Wort zu ſprechen oder ein Glied zu rühren. »Meine liebe junge Dame,« ſagte Bruder Karl in heftiger Bewegung,— vich bitte, kein Wort weiter; ich Nicolaus Nickleby. 91 beſchwöre Sie. Ich bitte Sie, ich flehe Sie an, ſtehen Sie auf. Wir ſind nicht allein.« Dabei hob er die junge Dame auf, welche zu einem Stuhle wankte und in Ohnmacht fiel. »Sie iſt ohnmächtig geworden,« ſagte Nicolaus und eilte hinzu. »Du liebe arme Seele!« rief der Bruder Karl.»Wo iſt mein Bruder Eduard? Eduard, lieber Bruder, komm her.« »Lieber Bruder Karl,« antwortete der Bruder, indem er ſchnell hereintrat,»was giebt's denn?— ach, was— 2 »Still! Still! Bei Leibesleben kein Wort, Bruder Eduard,« entgegnete der Andere.»Klingele der Haus⸗ hälterin, lieber Bruder,— rufe den Timotheus Linkin⸗ water! Da, Timotheus,— Herr Nickleby, lieber Herr Nickleby, ich bitte und beſchwöre Sie, entfernen Sie ſich.⸗ »Ich glaube, ſie erholt ſich wieder,« ſagte Nicolaus, der die Ohnmächtige ſo aufmerkſam beobachtete, daß er die Bitte nicht gehört hatte. „»Arme Seele!« rief Bruder Karl, der ihre Hand ſanft in die ſeinige nahm und ihren Kopf auf ſeinen Arm legte. »Bruder Eduard, Du wirſt Dich wundern, dies in Ge⸗ ſchäftsſtunden zu ſehen, aber—,« da dachte er wieder an die Anweſenheit Nickleby's, ſchüttelte dieſem die Hand und erſuchte ihn ernſtlich, das Zimmer zu verlaſſen und Timotheus Linkinwater ſogleich herzuſchicken. Nicolaus entfernte ſich augenblicklich und begegneie auf dem Wege der Haushälterin und Timotheus Linkin⸗ water, die in dem Gange an einander ſtießen und mit ungewöhnlicher Eile dahin ſich begaben, wo man ſie er⸗ wartete. Timotheus Linkinwater ſtürzte, ohne die Meldung Nicolaus Nickleby. V. 7 92 Nieolaus Nickleby. anzuhören, in das Zimmer hinein und Nicolaus hörte gleich darauf die Thüre zumachen und von innen ver⸗ riegeln. Er hatte Zeit vollauf, um über dieſe Entdeckung nach⸗ zudenken, denn Timotheus Linkinwater blieb beinahe eine Stunde weg, während Nicolaus an weiter nichts dachte, als an die junge Dame, deren ungewöhnliche Schönheit, was ſie wohl daher geführt haben möge und warum man die Sache gar ſo geheimnißvoll behandele. Je mehr er über alles dies nachdachte, um ſo confuſer wurde er, und um ſo mehr wünſchte er zu wiſſen, wer oder was ſie ſei.»Ich würde ſie unter Tauſenden erkannt haben,“ dachte Nicolaus, während er in dem Comptoire auf und abging, ſich ihr Geſicht und ihre Geſtalt im Geiſte vergegenwärtigte, alle andere Gegenſtände aus ſeinen Gedanken verbannte und ſich nur mit dieſem einen beſchäftigte. Endlich kam Timotheus Linkinwater zurück,— aus⸗ nehmend kalt, mit Papieren in der Hand und einer Fe⸗ der im Munde, gerade als ſei gar nichts vorgefallen. »Hat ſie ſich ganz wieder erholt?« fragte Nicolaus ungeſtüm. »Wer?« entgegnete Timotheus Linkinwater. „»Wer!« wiederholte Nicolaus.»Die junge Dame.« »Wie viel iſt, Herr Nickleby,« entgegnete Timotheus, indem er die Feder aus dem Munde nahm,»wie viel iſt vierhundert ſieben und zwanzig mal dreitauſend zweihun⸗ dert acht und dreißig?« „Erſt meine Frage! Ich fragte Sie—« „»Ueber die junge Dame,« ſagte Timotheus Linkinwater, indem er die Brille aufſetzte,»allerdings, ja. Ach, ſie befindet ſich ſehr wohl.«* »Sehr wohl?« fragte Nicolaus weiter. — — Nicolaus Nickleby. 93 »Sehr wohl,“ antwortete Linkinwater ernſt. »Wird ſie heute nach Hauſe gehen können?« fragte Nicolaus. „»Sie iſt ſchon gegangen,« antwortete Timotheus. »Schon gegangen!« „»Ja.« „Ich hoffe, ſie hat nicht weit zu gehen,« ſagte Nico⸗ laus, indem er den Andern ernſthaft anſah. „Ich hoffe es auch,« entgegnete der unveränderliche Timotheus. Nicolaus wagte noch einige Bemerkungen, Timotheus Linkinwater hatte aber offenbar beſondere Gründe, nicht über dieſen Gegenſtand zu ſprechen, und ſchien entſchloſſen zu ſein, keine weitere Auskunft über die ſchöne Unbe⸗ kannte zu geben, welche in dem Herzen ſeines jungen Freundes ſo große Neugierde erregt hatte. Nicolaus ließ ſich jedoch dadurch nicht abſchrecken, ſondern erneuerte den Angriff am nächſten Tage, als Herr Linkinwater gerade ſehr geſprächig und mittheilend war; aber kaum hatte er dieſen Gegenſtand berührt, ſo verſank Timotheus in das hartnäckigſte Schweigen; erſt antwortete er einſilbig und endlich antwortete er gar nicht mehr, außer daß er eini⸗ gemal ernſthaft nickte oder die Achſeln zuckte, ſo daß die Neugierde des armen Nicolaus, welche bereits eine höchſt bedeutende Höhe erreicht hatte, nur noch mehr geſteigert wurde. Da ihm dieſe Verſuche fehl ſchlugen, ſo mußte er ſich damit begnügen, auf den nächſten Beſuch der jungen Dame zu warten; aber da ſah er ſich leider wieder ge⸗ täuſcht. Ein Tag nach dem andern verging und ſie kam nicht wieder. Er beſah die Adreſſen auf allen Briefen höchſt ſorgfältig, aber keine darunter ſchien von ihr ge⸗ ſchrieben worden zu ſein. Mehrmals hatte er Geſchäfte 7⅔. 94 Nicolaus Nickleby. zu verrichten, die ihn ziemlich weit von dem Hauſe weg⸗ führten und die früher von Timotheus Linkinwater be⸗ ſorgt worden waren. Nicolaus konnte ſich deshalb des Gedankens nicht erwehren, man ſchicke ihn aus irgend einem Grunde abſichtlich fort und die junge Dame komme während ſeiner Abweſenheit. Doch erfuhr er durchaus nichts, was ſeinen Verdacht hätte beſtätigen können, und Timotheus ließ ſich durchaus zu keinem Geſtändniſſe, zu keiner Erklärung verleiten, wodurch ſeine Muthmaßung auch nur im geringſten unterſtützt worden wäre. Geheimniß und getäuſchte Hoffnung ſind zum Wachs⸗ thum der Liebe nicht gerade unumgänglich nöthig, aber oft befördern ſie daſſelbe bedeutend.»Aus den Augen, aus dem Sinna« iſt ein auf die Freundſchaft vollkommen anwendbares Sprichwort, obgleich die Entfernung nicht einmal immer nöthig iſt, um Kälte zwiſchen Freunden herbeizuführen, und Wahrheit und Aufrichtigkeit, wie die Sdelſteine, in der Entfernung leichter täuſchen, in welcher die nachgemachten oft für echte gelten. Die Liebe dage⸗ gen wird weſentlich durch eine warme und lebhafte Phan⸗ taſie unterſtützt, die ein langes Gedächtniß hat, und er⸗ hält ſich nicht bloß, ſondern gedeiht ſogar eine ziemliche Zeitlang bei ſehr ſchmaler und leichter Nahrung. Daher kommt es, daß ſie oft ihre üppigſte Fülle in der Tren⸗ nung und unter den ſchwierigſten Umſtänden erreicht. So war es bei Nicolaus, der jeden Tag und jede Stunde an nichts dachte als an die junge ſchöne Unbekannte, und endlich gar ſich einredete, er ſei ſterblich in ſie verliebt und es habe nie einen unglücklichern und hülfloſern Lieb⸗ haber gegeben, als ihn. Obgleich nun aber Nicolaus nach den allerorthodoxe⸗ ſten Muſtern liebte und ſchmachtete, und nur durch den Umſtand abgehalten wurde, Käthchen zu ſeiner Vertrauten 1 ͤͤ—,—e ——— — — 1 Nicolaus Rickleby. 95 zu machen, daß er nie ein Wort mit dem Gegenſtande ſeiner Liebe geſprochen, ja denſelben nur zweimal geſehen hatte, in welchen beiden Fällen ſie überdies wie der Lichtſchein eines Blitzes gekommen und verſchwunden war, oder, wie ſich Nicolaus bei den zahlreichen Unter⸗ redungen ausdrückte, die er mit ſich ſelbſt hielt, wie eine für dieſe Erde viel zu herrliche und himmliſche, jugend⸗ liche, ſchöne Erſcheinung,— ſo fand ſeine Treue, ſeine Gluth und ſeine Hingebung doch keinen Lohn. Die junge Unbekannte erſchien nicht wieder, ſo daß ſehr viel Liebe verbraucht wurde(vollkommen genug, um ein halbes Dutzend gewöhnliche junge Herren hinreichend damit aus⸗ zuſtatten), ohne irgend Jemandem Nutzen zu bringen, nicht einmal dem armen Nicolaus ſelbſt, der im Ge⸗ gentheile jeden Tag melancholiſcher und ſentimentaler wurde.. Während die Sachen noch ſo ſtanden, nöthigte der Bankerott eines Handelsfreundes der Gebrüder Cheeryble in Deutſchland Timotheus Linkinwater und Nicyolaus, eine langwierige und verwickelte Rechnung anzuſtellen, welche eine ziemlich lange Zeit in Anſpruch nahm. Um ſchneller damit zu Ende zu kommen, machte Timotheus Linkinwater den Vorſchlag, etwa eine Woche lang bis zehn Uhr Abends in dem Comptoire zu bleiben, und Nicolaus willigte gern ein, da ſein Eifer im Dienſte ſeiner freundlichen Prinzipale durch nichts zu ſchwächen war, nicht einmal durch die Liebe, die ſich doch ſonſt we⸗ nig mit Arbeit verträgt. Gleich am erſten Abende, als ſie länger im Geſchäfte blieben, gerade um neun Uhr, kam— nicht die junge Unbekannte, aber deren Magd, die eine Zeitlang mit Bruder Karl eingeſchloſſen wurde, dann wieder ging, den nächſten Abend um dieſelbe Stunde wieder kam und ſo fort am dritten und vierten Abende. 96 Nicolaus Nickleby. Dieſe wiederholten Beſuche trieben die Neugierde Nickleby's auf den höchſten Punkt. Er litt ſo viel, wenn nicht mehr als Tantalus, konnte aber doch das Geheim⸗ niß nicht ergründen, ohne ſeine Pflicht zu vernachläſſigen, vertrauete deshalb redlich die ganze Sache ſeinem Freunde Newman Noggs an, und erſuchte dieſen, in der nächſten Nacht Wache zu ſtehen, dem Mädchen nachzugehen, daſſelbe über den Namen, den Stand und die Geſchichte der jun⸗ gen Dame ſo weit auszufragen, als es ohne Verdacht zu erregen möglich ſei, und ihm den Erfolg ſo ſchnell als nur möglich zu melden. Newman Noggs, der auf dieſen Auftrag über die Maßen ſtolz war, faßte am nächſten Abende eine volle Stunde ehe es nöthig war, auf dem Platze hinter dem Brunnen Poſto, zog den Hut über die Augen und fing mit ſo auffallender Geheimthuerei an aufzupaſſen, daß Jedermann aufmerkſam werden mußte. Mehrere Dienſt⸗ mädchen, die Waſſer holen, und Knaben, welche trinken wollten, wurden wirklich durch Newman Noggs außer⸗ ordentlich erſchreckt, wenn er verſtohlen um den Brunnen herumſah, wobei von ihm nichts als ſein Geſicht erkannt werden konnte, das wirklich wie das eines lauernden Währwolfs ausſehen mochte. Die Magd kam pünktlich zu der beſtimmten Zeit wie⸗ der und entfernte ſich, nachdem ſie länger als gewöhnlich in dem Hauſe geblieben. Newman hatte Nicolaus ver⸗ ſprochen, im Falle ſein Unternehmen mit Erfolg gekrönt werde, ihm ſchon am nächſten Abend Nachricht zu geben, in jedem Falle aber in der darauf folgenden Nacht. In der erſten Nacht war er nicht auf dem Platze, wo ſie einander treffen wollten— in einem gewiſſen Wirths⸗ hauſe,— in der zweiten aber hatte er ſich ſchon vor Nicolaus Nickleby. 97 Nicolaus eingefunden und empfing denſelben mit offenen Armen. „»Alles in Richtigkeit!« flüſterte Newman.»Setzen Sie ſich,— ſetzen Sie ſich, ich will Ihnen Alles er⸗ zählen.« Nicolaus ließ ſich dies nicht zweimal ſagen und fragte begierig, wie die Nachrichten lauteten. „Es giebt viel zu erzählen, ſehr viel,« ſagte Newman in völliger Verzückung.„Alles iſt in Richtigkeit. Aeng⸗ ſtigen Sie ſich nicht. Ich weiß nicht, wo ich anfangen ſoll. Nur guter Dinge! Es iſt alles in Richtigkeit.⸗ „»Gut?« fragte Nicolaus begierig.»Ja?« »Ja,« antwortete Newman,»das iſt es.“« „Was iſt es?« fragte Nicolaus.»Der Name? Nur geſchwind den Namen, lieber Freund! Wie heißt ſie?« „»Bobſter!« antwortete Newman. »Bobſter!?« wiederholte Nicolaus unwillig. »„So heißt ſie,« verſicherte Newman. „Bobſter!« wiederholte Nicolaus noch einmal, und zwar noch ſchärfer betonender.»So wird die Magd heißen.« 1 »Nein, nein,« ſagte Newman, indem er, als ſei er ſeiner Sache ganz gewiß, den Kopf ſchüttelte,„Cäcilie Bobſter.⸗ „Cäcilie?« entgegnete Nicolaus, indem er die beiden Namen viele Male in jedem Tone vor ſich hin wieder⸗ holte, um zu verſuchen, wie ſie wohl zuſammen klingen möchten.»Nun, Cäcilie iſt ein ſchöner Name.⸗ »Sehr; aber das Mädchen iſt auch hübſch,« meinte Newman. »Welches Mädchen?« fragte Nicolaus. „»Fräulein Bobſter.“ „»Haben Sie das Mädchen geſehen?« fragte Nicolaus. 98 Nicolaus Nickleby. »Freilich, freilich,« entgegnete Newman, indem er Nicolaus auf die Achſel klopfte,»freilich habe ich ſie ge⸗ ſehen. Sie ſollen ſie auch ſehen. Ich habe Alles verabredet.⸗ „Liebſter Newman,« ſprach Nicolaus, indem er die Hand deſſelben ergriff,»im Ernſt?« »Im Ernſt,« antwortete Newman.»Alles iſt Ernſt; jedes Wort. Morgen Abend ſollen Sie ſie ſehen. Sie iſt es zufrieden, daß Sie für ſich ſelbſt das Wort führen. Ich habe ſie dazu überredet. Ach, ſie iſt ſo freundlich, ſo gutmüthig, ſo ſanft und— ſo ſchön!« »Ja, das iſt ſie, das muß ſie ſein, Newman,« ſagte Nicolaus, der ſich die Hände rieb. »Sie haben Recht,« entgegnete Newman. »Wo wohnt ſie?« fragte Nicolaus.»Was haben Sie von ihrer Geſchichte gehört? Hat ſie einen Vater,— eine Mutter,— Brüder,— Schweſtern? Was ſagte ſie? Wie kamen Sie zu ihr? Wunderte ſie ſich nicht ſehr? Sagten Sie ihr, wie ſehr ich mich geſehnt, mit ihr zu ſprechen? Sagten Sie ihr, wo ich ſie geſehen? Sagten Sie ihr, wie, wann, wo, wie lange und wie oft ich an das En⸗ gelsgeſicht gedacht, das mir in meiner größten Noth wie ein Strahl aus einer beſſern Welt erſchien? Sagten Sie ihr das, Newman,— ſagten Sie ihr das?« »Der arme Noggs, der bei dieſer über ihn herab⸗ ſtürzenden Fluth von Fragen buchſtäblich nach Athem ſchnappte und bei jeder neuen Frage krampfhaft auf dem Stuhle hin⸗ und herrückte, ſtarrte unterdeß den Fragenden mit dem lächerlichſten verlegenen Geſichte an. »Nein,« antwortete er endlich,»das habe ich ihr nicht geſagt.« »Was ſagten Sie ihr nicht?« fragte Nicolaus. »Das von dem Strahle aus einer beſſeren Welt,« antwortete Newman.„»Auch ſagte ich ihr nicht, wer Sie Nieolaus Nickleby. 99 wären und wo Sie ſie geſehen. Ich ſagte ihr bloß, daß Sie ſie raſend liebten.« „Das iſt wahr, Newman,“« entgegnete Nicolaus mit ſeiner gewöhnlichen Heftigkeit;»der Himmel weiß es!« »Ich ſagte ihr auch, Sie hätten ſie ſchon lange im Stillen bewundert,« fuhr Newman fort. »Ja, ja. Und was ſagte ſie dazu?« fragte Nicolaus. »Sie wurde roth,« antwortete Newman. »Natürlich, ja, das glaube ich,« ſagte Nicolaus bei⸗ fällig. Newman erzählte darauf weiter, die junge Dame ſei ein einziges Kind, ihre Mutter ſei geſtorben, ſie wohne bei ihrem Vater, und ſie ſei nur durch die Vermittelung der Magd, die viel über ſie vermöge, bewogen worden, ihrem Liebhaber eine geheime Zuſammenkunft zu geſtatten. Ferner erzählte er, es ſei ſchwer geweſen und es habe viel Beredſamkeit aufgeboten werden müſſen, ehe ſie da⸗ hin habe gebracht werden können; ſie habe ſich ausdrücklich ausbedungen, Nicolaus ſolle bloß eine Gelegenheit in dieſer Bewilligung ſehen, ſeine Liebe ihr zu geſtehen und ſie könne ſich durchaus nicht im Voraus verpflichten, dieſe ſeine Liebeserklärung günſtig aufzunehmen. Das Ge⸗ heimniß ihrer Beſuche bei den Gebrüdern Cheeryble blieb völlig unaufgeklärt, denn Newman hatte nicht davon ge⸗ ſprochen, weder bei ſeinen vorläufigen Unterredungen mit der Magd, noch bei dem ſpätern Zuſammenſein mit der Dame ſelbſt, indem er bloß bemerkt, er habe den Auftrag erhalten, dem Mädchen nachzugehen und für ſeinen jun⸗ gen Freund zu ſprechen, nicht aber erwähnt hatte, wie weit und von welchem Punkte aus er ihr gefolgt. New⸗ man deutete jedoch an, nach einzelnen Worten der Ver⸗ trauten ſchiene das Mädchen ſehr unglücklich zu ſein und unter ſtrenger Aufſicht ihres Vaters zu ſtehen, der heftig 100 Nicolaus Nickleby. und roh ſein müſſe, weshalb ſie wahrſcheinlich ſowohl den Schutz und die Freundſchaft der beiden Brüder ge⸗ ſucht, als auch habe vermocht werden können, die erbe⸗ tene Zuſammenkunft zu bewilligen. Das letztere hielt er für eine ganz natürliche Folge aus den Prämiſſen, zu⸗ mal da es doch ganz natürlich ſei, daß ein junges Mäd⸗ chen, welches in unangenehmen Verhältniſſen lebe, mehr noch als ein anderes wünſchen müſſe, ſich ſobald als möglich zu verändern. Nach weitern Fragen,— denn nur durch einen ſehr ſchwierigen und langwierigen Proceß konnte alles dies aus Newman Noggs herausgebracht werden—, ergab es ſich, daß Newman, um ſein ſchäbiges Ausſehen zu recht⸗ fertigen, geſagt, er habe ſich aus ganz gewichtigen Grün⸗ den verkleidet. Auf die fernere Frage, wie es gekommen, daß er ſeinen Auftrag überſchritten und eine Zuſammen⸗ kunft erbeten und vermittelt habe, antwortete er, das Mäd⸗ chen habe bereit geſchienen, dieſelbe zu bewilligen, und er ſich deshalb für verpflichtet gehalten, dieſe ſo günſtige Gelegenheit zu benutzen, damit Nicolaus ſeine Bewer⸗ bung weiter fortſetzen könne. Nachdem dieſe und alle möglichen Fragen gefragt und beantwortet waren, und nicht bloß ein⸗, ſondern zehnmal, trennten ſie ſich, kamen aber vorher überein, einander am nächſten Abende halb elf Uhr wiederzutreffen, um zu dem Rendezvous zu ge⸗ hen, das um elf Uhr ſtattfinden ſollte. »Es iſt alles ſehr ſonderbar,« dachte Nicolaus auf dem Wege nach Hauſe.»Ich dachte nie an etwas der Art, träumte nicht einmal, daß es nur möglich ſein könnte. Meine Wünſche erſtreckten ſich nicht weiter, als etwas von der Geſchichte eines Mädchens zu erfahren, an der ich Antheil nehme, ſie auf der Straße zu ſehen, vor dem Hauſe vorüber zu gehen, in welchem ſie wohnt, ihr bis⸗ R ðR —— N8S 2 X 8 Nicolaus Rickleby. 101 weilen zu begegnen und zu hoffen, einmal in die Lage zu kommen, daß ich ihr meine Liebe geſtehen könnte. Und jetzt—, aber ich wäre ein Narr, wollte ich mich grämen, daß mir das Glück einmal lächelt. Nicolaus war dennoch nicht zufrieden geſtellt, und in ſeiner Unzufriedenheit lag mehr als bloßer Widerwille des Gefühls. Er zürnte mit der jungen Dame, daß ſie ſich ſo leicht gewinnen ließ,„weil,« ſo dachte Nicolaus bei ſich,„ſie doch nicht wußte, daß ich es ſei und es auch irgend ein Anderer ſein konnte.«⸗ Den nächſten Augen⸗ blick war er über ſich ſelbſt unwillig darüber, daß er ſol⸗ che Gedanken hege, und ſuchte ſich einzureden, in einem ſolchen Tempel könne nichts als Gutes wohnen, wie denn auch ſchon das Benehmen der Gebrüder hinreichend von der Achtung zeige, in welcher ſie bei ihnen ſtehe.»Mit einem Worte, ſie iſt ein Räthſel,“ ſagte Nicolaus. Dies genügte aber eben ſo wenig als der frühere Gang ſeiner Gedanken, und trieb ihn nur auf ein neues Meer von Muthmaßungen, auf welchem er in großer Herzensunbe⸗ haglichkeit herumgeſchaukelt und herumgeworfen wurde, bis es zehn Uhr ſchlug und die Stunde der Zuſammen⸗ kunft heranrückte. 4 Nicolaus hatte ſich ſehr ſorgfältig angekleidet und ſelbſt Rewman Noggs ſich ein wenig herausgeputzt, denn auf ſeinem Rocke zeigten ſich— eine große Seltenheit! — zwei Knöpfe und die Stecknadeln, welche die übrigen vertraten, waren in ziemlich regelmäßigen Zwiſchenräu⸗ men angebracht. Auch ſeinen Hut trug er nach dem neueſten Geſchmacke, und hatte ein Taſchentuch in denſel⸗ ben hineingeſteckt, von dem ein zuſammengedreheter Zipfel hinten wie ein Zöpfchen herausbaumelte, obgleich er keinen Anſpruch auf die Ehre machen konnte, dieſen letz⸗ tern Putz erfunden zu haben, weil er gar nichts davon 102 Nicolaus Nickleby. wußte. Er befand ſich nämlich in einem ſo aufgeregten Zuſtande, daß er auf gar nichts außer dem wichtigen Gegenſtande des Unternehmens achtete. Im tiefſten Schweigen ſchritten ſie über die Straße, und ſie gelangten, nachdem ſie eine Strecke weit recht wacker gegangen waren, in eine düſtere, ſehr wenig be⸗ ſuchte Gaſſe. „»Nummer Zwölf,« ſagte Newman. »Ah!« antwortete Nicolaus, indem er ſich umſah. „»Gute Straße?« fragte Newman. »Ja,“« antwortete Nicolaus,»ziemlich trübſelig.« Newman gab keine Antwort auf dieſe Bemerkung, ſondern blieb mit Einemmale ſtehen, ſtellte Nicolaus mit dem Rücken an ein Geländer und deutete ihm an, hier müſſe er, ohne Hand oder Fuß zu regen, ſtehen blei⸗ ben, bis er ſich hinreichend überzeugt habe, daß Alles ſicher ſei. Als dies geſchehen war, hinkte Noggs eilig fort, ſah ſich jeden Augenblick um, als wollte er ſich über⸗ zeugen, daß Nicolaus ſeiner Weiſung auch Folge leiſte, ſtieg die Stufen vor einem Hauſe in einiger Entfernung hinauf, und kam ſo dem harrenden Nicolaus aus dem Geſichte. Nach kurzer Zeit zeigte er ſich jedoch von neuem, hinkte wieder zurück, blieb in der Mitte der Entfernung zwiſchen Nicolaus und dem Hauſe ſtehen und winkte ſei⸗ nem Freunde, ihm zu folgen. „»Nun?« fragte Nicolaus, indem er ihm auf den Zehen nachſchlich. „Alles richtig,« antwortete Newman ganz verklärt; »alles in Ordnung; Niemand zu Hauſe. Könnte nicht beſſer ſein. Ha! ha!« Mit dieſer beruhigenden und ermuthigenden Verſiche⸗ rung ſchlich er ſich hinter eine Hausthüre, auf welcher — A Nicolaus Nickleby. 103 Nicolaus auf einer Meſſingplatte»B obſter« in ſehr großen Buchſtaden las, blieb an der offenen Küchenthüre ſtehen und winkte ſeinem jungen Freunde hinunter zu gehen. „»Was zum Teufel!“« rief Nicolaus zurücktretend, „ſollen wir in die Küche ſchleichen, als kämen wir der ſilbernen Löffel wegen?«. „Still!« entgegnete Newman.»Der alte Bobſter,— wilder Türke.— Er ſchlüge ſie Alle todt,— gäbe der jungen Dame Ohrfeigen, was er— oft thut.« „Was?« rief Nicolaus empört,»wollen Sie mir weißmachen, irgend ein Menſch könne wagen, einem ſolchen Mädchen Ohrfeigen zu geben?“« Noch war er aber mit ſeiner Frage nicht zu Ende, als ihm Newman einen gelinden Stoß gab, ſo daß er beinahe kopfüber die Küchenſtufen hinunter ſtürzte. Nico⸗ laus hielt es für das Beſte, dem freundſchaftlichen Winke zu folgen und ſtieg deshalb ohne weitere Einwendung hinunter, freilich mit einem Geſichte, das alles Andere, nur nicht die Hoffnung und das Entzücken eines leiden⸗ ſchaftlich Verliebten verrieth. Newman folgte ihm— ohne die zeitige Beihülfe Nickleby's würde er mit dem Kopfe vorangekommen ſein—, faßte ihn an der Hand und führte ihn durch einen völlig finſtern ſteinernen Gang in einen Raum hinter der Küche, eine Art Keller, wo pechſchwarze Finſterniß herrſchte und wo ſie blieben. „»Nun,« ſagte Nicolaus in unzufriedenem Flüſtern, „das iſt hoffentlich nicht Alles?« Nein, nein,« entgegnete Noggs;»ſie werden ſogleich da ſein. Es iſt Alles in Ordnung.« „Es freut mich, dies zu hören,“ ſagte Nicolaus;»ich hätte es nicht gedacht, ich muß es geſtehen.« Nun wurde kein Wort mehr gewechſelt und da ſtand 104 Nieolaus Nickleby. Nicolaus, horchte auf das laute Athmen Newmans und glaubte, die Naſe deſſelben glühe wie eine brennende Kohle, ſelbſt mitten in der ſie umhüllenden Dunkelheit. Plötzlich aber erregte der Schall von vorſichtigen Fuß⸗ tritten ſeine Aufmerkſamkeit und gleich darauf fragte eine weibliche Stimme, ob der Herr da ſei. »Ja,« antwortete Nicolaus, indem er ſich nach dem Winkel umdrehete, aus welchem die Stimme kam.»Wer fragt?« »Bloß ich, Herr,« antwortete die Stimme.»Wenn es gefällig iſt, Nadame—« Es fiel ein Lichtſtrahl in den Raum und dann er⸗ ſchien die Magd mit einem Lichte, der die junge Gebie⸗ terin folgte, welche von Schaam und Verlegenheit ganz überwältigt zu ſein ſchien. Nicolaus fuhr bei dem Anblicke der jungen Dame zurück und erröthete; ſein Herz ſchlug gewaltig und er ſtand da wie in den Boden gewurzelt. In dieſem Au⸗ genblicke und faſt gleichzeitig mit ihrer und des Lichtes Ankunft hörte man ein heftiges Pochen an der Hausthüre, ſo daß Newman Noggs außerordentlich geſchwind von dem Bierfaſſe herunter ſprang, auf dem er geſeſſen hatte und mit einem abſcheulichen Geſichte ausrief:»Du lieber Gott, Bobſter!« Die junge Dame ſtieß einen Angſtſchrei aus, die Magd rang die Hände, Nicolaus ſtierte bald die eine, bald die andere an und Newman rannte hin und her, während er die Hände in alle ſeine Taſchen nach einan⸗ der ſteckte und im Uebermaße ſeiner Unentſchloſſenheit das Futter aus jeder herauszog. Es war nur ein Augenblick, aber die Verwirrung, die ſich in dieſem einzigen Augen⸗ blick drängte, läßt ſich durch keine Einbildung übertreiben. »Verlaſſen Sie das Haus um Gotteswillen! Wir A 9—— ſen,⸗ ſagte Newman keuchend. Nicht ſo niedergeſchlagen! Nicolaus Nickleby. 105 haben Unrecht gethan,— wir verdienen es!« rief die junge Dame.»Verlaſſen Sie das Haus oder ich bin auf ewig unglücklich.⸗ »Wollen Sie nicht wenigſtens ein Wort von mir anhören?« fragte Nicolaus;„nur ein einziges? Ich werde Sie nicht aufhalten. Soll ich Ihnen mit einem Worte dieſen Unfall erklären?« Aber Nicolaus hätte eben ſowohl mit dem Winde ſprechen können, denn die junge Dame eilte unaufhaltſam und entſetzt die Stufen hinauf. Er wäre ihr wielleicht gefolgt, aber Newman packte ihn mit aller Kraft am Rockkragen und zog ihn nach dem Gange hin, durch den ſie hereingekommen waren. »In drei Teufels Namen, Newman, laſſen Sie mich los!« rief Nicolaus.»Ich muß,— ich will mit ihr ſprechen; ich werde nicht eher das Haus verlaſſen.« »Ruf— Charakter— Gewaltthätigkeit— bedenken Sie,« ſagte Nowman, der ihn mit beiden Armen um⸗ klammerte und ihn ſchnell mit ſich fortzog.»Sie mögen die Hausthüre aufmachen und wir gehen wie wir kamen, ſobald ſie wieder zu iſt. Kommen Sie! Hierher. Hier.⸗ Die Vorſtellungen Newmans, die Thränen und Bit⸗ ten der Magd und das entſetzliche Pochen oben, das kei⸗ nen Augenblick aufgehört hatte, waren mehr als Nicolaus ertragen konnte; er ließ ſich alſo fortziehen, und eben als Bobſter durch die Hausthüre hereintrat, ſchlichen ſie durch die Hofthüre hinaus. Ohne zu warten, ohne ein Wort zu ſprechen, eilten ſie durch mehrere Straßen. Endlich machten ſie aber doch Halt und ſie traten dann mit bleichen, reuigen Ge⸗ ſichtern einander gegenüber. „Laſſen Sie ſich darüber keine grauen Haare wach⸗ 106 Nicolaus Nickleby. Es iſt Alles in Ordnung. Das nächſte Mal beſſer. Es ging nicht anders. Ich that, was ich thun konnte.“« »Ganz vortrefflich,« antwortete Nicolaus, indem er die Hand des treuen Freundes ergriff;»vortrefflich, und ganz wie der treue, eifrige Freund, der Sie ſind. Meine Hoffnung iſt nicht getäuſcht, Newman, und meine Dank⸗ barkeit gegen Sie unverändert, aber— es war nicht die rechte Dame.« „»Wa-— was?« fragte Newman.»Von der Magd angeführt?« »Newman, Newman,“ ſagte Nicolaus, indem er die Hand auf die Achſel deſſelben legte,»es war auch nicht die rechte Magd.« Newmans Kinnlade ſank herab, und er ſtierte Nico⸗ laus mit dem geſunden Auge bewegungslos an. »Nehmen Sie ſich's nicht zu Herzen,“« ſagte Nicolaus, es hat nichts auf ſich. Sie ſehen, daß ich mir nichts daraus mache; Sie gingen einer falſchen Perſon nach, das iſt alles.« Das war alles. Ob Newman Noggs ſo lange ſchief um den Brunnen geſehen, bis ſeine Sehkraft gelitten hatte, ob er ſich, als er ſah, daß er noch Zeit genug übrig habe, mit einigen Tropfen einer Flüſſigkeit geſtärkt, die ſtärker war als die, welche der Brunnen geben konnte, oder wie es ſonſt zugegangen war, genug, er hatte ſich in der Perſon geirrt. Nicolaus ging nach Hauſe und dachte an die Reize der jungen Dame, die ihm nun wieder ferner war als je. ͤgũâ— Nicolaus Nickleby. 107 Sechstes Kapitel. Enthäalt einige romantiſche Vorgänge zwiſchen Madame Nickleby und dem Nachbar in den kurzen Beinkleidern. Madame Nickleby hatte ſeit der letzten wichtigen Un⸗ terredung mit ihrem Sohne allmälig angefangen, eine ungewöhnliche Sorgfalt auf das Herausputzen ihrer Per⸗ ſon zu verwenden, indem ſie nach und nach an der ma⸗ tronenhaften Tracht, welche bis dahin ihren gewöhnlichen Anzug gebildet hatte, eine Menge Ausputz und Aus⸗ ſchmückungen anbrachte, die an ſich wohl allerdings un⸗ bedeutend ſein mochten, zuſammengenommen aber, und in Rückſicht auf ihre damalige Eröffnung von nicht ge⸗ ringer Wichtigkeit waren. Selbſt ihr ſchwarzer Anzug erhielt ein etwas mattlebhaftes Ausſehen durch die Art, wie ſie ihn jetzt trug, und obgleich die Reize deſſelben bereits abgenutzt waren, ſo wußte ſie doch durch die Verwendung gewiſſer Putzſachen aus der Jugendzeit von geringem oder gar keinem Werthe, die eben deshalb dem allgemei⸗ nen Verderben entgangen waren und ruhig in den Win⸗ keln alter Kommodenkaſten oder in Schachteln gelegen hatten, wohin ſelten das Tageslicht drang, ihrer Trauer⸗ kleidung ein ganz neues Ausſehen zu geben, welche bis⸗ her das äußere Zeichen ihrer Achtung für den Todten und ihres Grames geweſen war, ſo aber in eine Andeu⸗ tung ſehr gefährlicher Abſichten auf die Lebendigen um⸗ gewandelt wurde. „Madame Nickleby konnte zu dieſem Verfahren durch hohes Pflichtgefühl und durch unbeſtreitbar vortreffliche Abſichten gebracht worden ſein. Es war wohl möglich, Nicolaus Nicklebn. V. 8 108 Nicolaus Nickleby. daß ſie gerade jetzt es recht lebhaft empfand, wie ſünd⸗ haft und unrecht es ſei, ſich ſo lange nutzloſem Grame hinzugeben, wie ſie dagegen ihrer aufblühenden Tochter ein Beiſpiel von zierlicher und immer netter Kleidung geben müſſe. Die Veränderung konnte aber auch, das erwähnte Pflichtgefühl ganz bei Seite geſetzt, ihren Ur⸗ ſprung in dem reinſten und uneigennützigſten Mitleiden haben. Der Herr im Nebenhauſe war von Nicolaus geſchmähet, rückſichtslos als Geck und Eſel gebranndmarkt worden und Madame Nickleby war für dieſe Angriffe auf ſeinen Verſtand gewiſſermaßen verantwortlich. Sie konnte demnach wohl fühlen, es ſei Chriſtenpflicht, ſo viel als ſie vermöchte, darzuthun, daß der Beleidigte we⸗ der das Eine noch das Andere ſei. Und wie konnte ſie dieſen tugendhaften und lobenswerthen Zweck beſſer er⸗ reichen, als wenn ſie an ſich ſelbſt allen Menſchen be⸗ wies, ſeine Liebe ſei die vernünftigſte und verſtändigſte von der Welt, und gerade die Folge davon, daß ſie un⸗ vorſichtig und ohne Rückhalt ihre ſehr reifen Reize vor den Augen eines feurigen und zu leicht empfänglichen Mannes zeigte?— »Ach!« ſagte Madame Nickleby, indem ſie ernſt ihr Haupt ſchüttelte,»wenn Nicolaus wüßte, was ſein armer lieber Vater litt, ehe wir verlobt waren, als ich ihn nicht leiden konnte, er würde etwas mehr Mitleiden ha⸗ ben. Niemals werde ich den Morgen vergeſſen, als ich ihn verächtlich anſah, weil er mir den Sonnenſchirm tragen wollte. Auch den Abend nicht, als ich bös mit ihm war. Es kränkte ihn ſo, daß er hätte auswandern können, und beinahe hätte er es auch gethan.⸗ Ob der Verſtorbene nicht beſſer gethan hätte, wenn er vor ſeiner Verheirathung ausgewandert wäre, war eine Frage, die ſeine hinterlaſſene Wittwe jetzt nicht un⸗ ————ß u ꝑ — Nicolaus Nickleby. 109 terſuchen konnte, denn eben trat Käthchen in das Zim⸗ mer, und eine weit unbedeutendere Unterbrechung, ja gar keine Unterbrechung würde zu jeder Zeit den Gedan⸗ ken der Madame Nickleby eine andere Richtung gegeben haben. „Liebes Käthchen,« ſagte Madame Nickleby,»ich weiß nicht, wie es zugeht, aber ein ſchöner warmer Sommer⸗ tag wie der heutige, wenn die Vögel überall ſingen, er⸗ innert mich immer an Schweinebraten mit Salbei und Zwiebelbrühe.« „»Das iſt eine ſonderbare Ideenverbindung, Mutter, nicht wahr?« »Ich weiß es wahrhaftig nicht, liebes Käthchen,⸗ antwortete Madame Nickleby.»Schweinebraten!— hm! Laß doch ſehen. Gerade fünf Wochen nach Deinem Tauf⸗ tage hatten wir einen Braten,— aber Schweinebraten kann es nicht geweſen ſein, denn ich erinnere mich, als ſei es heute, wir hatten zwei, und zwei Schweinebraten habe ich mit Deinem Vater nie auf einmal auf dem Tiſche gehabt; es werden alſo wohl gebratene Rebhühner geweſen ſein. Schweinebraten! Ich glaube gar, wir haben niemals Schweinebraten gegeſſen; ja, ja, jetzt fällt mir es ein, denn Dein Vater konnte nie geſchlach⸗ tete Ferkel ſehen. Er ſagte immer, ſie ſähen aus wie kleine Kinder, nur daß ſie eine weißere Haut hätten. Die kleinen Kinder aber konnte er gar nicht leiden, weil er keine Vermehrung ſeiner Familie wünſchte und über⸗ haupt eine natürliche Abneigung dagegen hatte. Es iſt komiſch, wie mir dies gerade jetzt einfällt. Ich befinne mich, ich aß einmal bei Madame Beran in der Breiten⸗ gaſſe, um die Ecke bei dem Kutſchenfabrikanten, wo der Betrunkene ungefähr eine Woche vor dem Quartalstage in einem leeren Hauſe durch die Kellerthüre in den Keller 8*⅔ Nicolaus Nickleby. ſtürzte und liegen blieb, bis der neue Miethsmann ein⸗ zog,— da hatten wir Schweinebraten. Ja, das muß mich darauf bringen, beſonders da ein kleiner Vogel in dem Zimmer war, der immer ſtark ſang, ſo lange wir aßen; ganz klein war indeß der Vogel nicht, denn es war ein Papagei; auch ſang er ſo eigentlich nicht, ſon⸗ dern er ſchwatzte und fluchte entſetzlich; aber das muß es ſein. Ja, ich weiß es, das iſt es. Meinſt Du es nicht auch, liebes Käthchen?« »Ich ſollte denken, das unterliege gar keinem Zwei⸗ fel, Mutter,« entgegnete Käthchen mit einem freundlichen Lächeln. „»Nein; aber meinſt Du es wirklich, Käthchen?« ſagte Madame Nickleby ſo ernſt, als handele es ſich um eine höchſt wichtige Sache, die durchaus ins Reine gebracht werden müſſe.»Wenn es Deine Meinung iſt, ſo ſage es lieber gleich, denn man muß immer genau ſein und die Wahrheit ſagen, zumal in ſolchen Sachen, die doch gewiß ſehr merkwürdig ſind und es verdienen, vollkommen ins Reine gebracht zu werden.« Käthchen entgegnete lächelnd, ſie ſei vollkommen über⸗ zeugt, und da ihre Mutter noch immer unentſchloſſen zu ſein ſchien, ob es nicht nothwendig beſſer ſei, die Sache noch einmal von vorn an durchzuſprechen, ſo ſchlug ſie vor, mit der Arbeit in den Garten zu gehen und den ſchönen Nachmittag ruhig zu genießen. Madame Nickleby gab gern ihre Einwilligung dazu, und ſo gingen ſie ohne weitere Erörterung in den Garten. »Ja, ich behaupte es,« bemerkte Madame Nickleby, als ſie ſich ſetzte, ves hat niemals einen ſo gutmüthigen Menſchen gegeben als Smike. Wahrhaftig, die Mühe, die er ſich gegeben hat, um die kleine Laube in Stand zu ſetzen und die lieblichſten Blumen darum her zu ziehen, — —— — ———— — Nicolaus Nickleby. 111 iſt mehr, als ich je hätte—, wenn er nur nicht allen Sand auf Deine Seite, Käthchen, gebracht, und mir die bloße feuchte Erde gelaſſen hätte!« „Liebe Mutter, ſetze Dich hierher,« entgegnete Käth⸗ chen ſogleich,»bitte, Mutter.« „Nein, meine Tochter, ich bleibe auf meiner Seite,« erwiederte Madame Nickleby.»Gewiß, ich bleibe.« Käthchen ſah fragend auf. „Wenn er nicht,« fuhr Madame Nickleby fort,»irgend woher ſich ein paar Knollen von der Blume verſchafft hat, die ich vor Kurzem meine Lieblingsblume nannte, und worauf er fragte, ob Du ſie nicht auch gern hätteſt, — nein, Du ſagteſt, es wären Deine Lieblingsblumen und er fragte mich, ob ich ſie auch liebe,— nun, das iſt einerlei,— wahrhaftig das iſt freundlich und aufmerk⸗ ſam von ihm. Ich ſehe,« ſetzte Madame Nickleby hinzu, indem ſie ſich umblickte, keine an meiner Seite; wahr⸗ ſcheinlich aber wachſen ſie bei dem Sande am beſten. Du kannſt Dich darauf verlaſſen, Käthchen, am Sande wachſen ſie am beſten, und deshalb ſtehen ſie auch alle in Deiner Nähe, und den Sand hat er dahin gebracht, weil es die ſonnige Seite iſt. Es iſt ſehr klug ausge⸗ dacht. Ich wäre nicht halb ſo geſcheit geweſen.« »Mutter,« ſagte Käthchen haſtig, indem ſie ſich auf ihre Arbeit bog, ſo daß man ihr Geſiccht faſt gar nicht ſehen konnte,»als Du noch nicht verheirathet warſt—⸗ „»Liebes Käthchen!« unterbrach ſie Madame Nickleby, »was, in des grundgütigen Gottes Namen! bringt Dich auf die Zeit vor meiner Verheirathung, wenn ich von ſeinem Nachdenken und ſeiner Aufmerkſamkeit gegen mich ſpreche? Du ſcheinſt Dich auch nicht im Geringſten für den Garten zu intereſſiren.« 112 Nicolaus Nickleby. „»Ach, Mutter,« ſagte Käthchen, indem ſie wieder emporſah,»Du weißt es, wie er mir gefällt.« „Warum lobſt Du es denn nicht, wie hübſch und nett er gehalten iſt?« fragte Madame Nickleby.»Du biſt ein ſonderbares Mädchen.« »Ich lobe es auch, Mutter,« antwortete Käthchen ſanft.»Der arme Menſch!« »Ich höre ſelten dergleichen von Dir,« entgegnete Madame Nickleby, die nun aber lange genug ſich bei einem Gegenſtande verweilt hatte, deshalb durch die kleine Falle, die ihr die Tochter gelegt hatte,— wenn es eine Falle war— auf einen andern gebracht wurde und fragte, was ſie habe ſagen wollen. »Worüber denn, Mutter?« ſagte Käthchen, die ſich ſtellte, als habe ſie ihre Abſchweifung ganz vergeſſen. „»Nun, Käthchen,« entgegnete ihre Mutter,»haſt Du denn im Schlafe geredet? Du fingſt von der Zeit an, als ich noch nicht verheirathet war.« „Ach ja,« antwortete Käthchen,»ich beſinne mich. Ich wollte Dich fragen, ob Du Freier hatteſt, ehe Du Dich verheiratheteſt.« „Freier, Käthchen!« entgegnete Madame Nickleby mit einem ungemein freundlichen Lächeln,»zum wenigſten ein Dutzend.« „»Mutter!« warf Käthchen im Tone der Ermahnung ein. „Gewiß, liebe Tochter,« ſagte Madame Nickleby, „»Deinen armen Vater und einen jungen Mann gar nicht gerechnet, der mit mir in die Tanzſtunde ging und gol⸗ dene Uhren und Armbänder in goldberändertem Papiere in unſer Haus ſchicken wollte, dies aber immer wieder zurück erhielt. Später reiſete er unglücklicher Weiſe auf einem Sträflingſchiffe nach Botanzbai, entfloh dort in den Wald und tödtete Schafe(ich weiß nicht, wie ſie 2 2=Z 82& ————,— H̊ ———„ Nicolaus Nickleby. 113 dahin kommen). Dafür ſollte er gehenkt werden, aber er erwürgte ſich und die Regierung begnadigte ihn. Dann war der junge Lukin,« ſagte Madame Nickleby, in⸗ dem ſie an dem linken Daumen anfing und die Namen an den folgenden Fingern abzählte,—»Mogley,— Tipslark,— Cabbery,— Smifſer—« Als ſie den kleinen Finger erreicht hatte, wollte ſie die Rechnung auf die andere Hand übertragen, aber da wurde ſie und ihre Tochter durch ein lautes„hem!« das aus dem Grunde der Gartenmauer zu kommen ſchien, erſchreckt. »Mutter, was war das?« fragte Käthchen leiſe. »Wahrhaftig, liebes Kind,« entgegnete Madame Nickleby, ebenfalls ſehr erſchrocken,»wenn es nicht der Herr nebenan war, ſo weiß ich nicht, was es geweſen ſein mag—« »Hem! hem!« rief dieſelbe Stimme, und zwar nicht in dem Tone, in welchem man gewöhnlich die Kehle rei⸗ nigt, ſondern ſchreiend, ſo daß alle Echo's in der Nach⸗ barſchaft aufgeſtört wurden, und der Urheber des Geſchreies ſich gewaltig ſchämen mußte. »Jetzt weiß ich es, liebes Käthchen,« ſagte Madame Nickleby, indem ſie ihre Hand auf die ihrer Tochter legte;»erſchrecke nicht, es gilt nicht Dir, und es ſoll Niemand darüber erſchrecken. Jedem das Seinige, Käth⸗ chen, das iſt mein Wahlſpruch.« Dabei nickte Madame Nickleby, patſchte vielmal auf den Händerücken ihrer Tochter und machte ein Geſicht, als könne ſie etwas außerordentlich Wichtiges ſagen, wenn ſie wolle, beſitze aber, Gott ſei Dank! Selbſtver⸗ läugnung und würde es nicht thun.« »Was willſt Du damit ſagen, Mutter?« fragte Käth⸗ chen überraſcht und verwundert. 114 Nicolaus Nickleby. »Aengſtige Dich nur nicht, liebes Kind,« antwortete Madame Nickleby, indem ſie nach der Gartenmauer ſchielte;»Du ſiehſt ja, daß ich ruhig bin, und wenn es ſich an irgend Jemand entſchuldigen ließe, ſich zu ängſti⸗ gen, ſo würde es ſich gewiß— unter allen Umſtänden — bei mir entſchuldigen laſſen, aber ich bin nicht ängſt⸗ lich, Käthchen, nicht im geringſten.« »Es ſcheint dazu beſtimmt zu ſein, unſere Aufmerk⸗ ſamkeit zu erregen,« ſagte Käthchen. »Es ſoll wirklich unſere Aufmerkſamkeit erregen, liebes Kind,— wenigſtens,« entgegnete Madame Nickleby, indem ſie ſich aufrichtete und ihrer Tochter Hand noch freundlicher ſtreichelte und patſchte,—»wenigſtens die Aufmerkſamkeit einer von uns. Hm! Du brauchſt durch⸗ aus nicht beſorgt zu ſein.« Käthchen ſah ſehr verlegen aus und wollte offenbar ſich weitere Erklärung ausbitten, als ein Rufen und Latſchen im Sande oder ein Aufſchlagen auf den Sand ſich in derſelben Richtung wie die erſteren Töne hören ließ, Ehe dies noch aufgehört hatte, flog eine große Gurke ſchnell und heftig wie eine Rakete in die Luft empor, aus welcher ſie endlich wieder herunter und zwar zu Madame Nickleby's Füßen fiel. Dieſer merkwürdigen Erſcheinung folgte bald darauf eine durchaus ähnliche, denn eine ſchöne ungewöhnlich große Melone wirbelte empor und plumpte herunter; dann flogen mehrere Gurken auf einmal empor und end⸗ lich wurde die Luft durch einen Hagel von Zwiebeln, Radieschen und anderes dergleichen Gewächs faſt ver⸗ dunkelt, das nach allen Seiten hin herabfiel und herum⸗ rollte. Als Käthchen ziemlich ängſtlich aufſtand und die Hand Nicolaus Nickleby. 115 ihrer Mutter ergriff, um mit ihr nach dem Hauſe fort⸗ zueilen, fühlte ſie ſich eher zurückgehalten als unterſtützt. Sie folgte der Richtung der Augen ihrer Mutter und entſetzte ſich faſt über die Erſcheinung einer ſchwarzen Sammetmütze, die allmälig, als ob der Inhaber derſel⸗ ben auf einer Leiter oder auf Stufen emporſteige, über die Mauer kam, welche den Garten von dem benachbar⸗ ten ſchied(der ebenfalls zu einem einzelnen Häuschen gehörte) und der allmälig ein gewaltig großer Kopf und ein altes Geſicht folgte, in welchem zwei der außeror⸗ ventlichſten grauen Augen lagen, die weit aufgeriſſen wa⸗ ren, mit einem dummen, ſchmachtenden und ſchielenden Blicke in ihren Höhlen umherrollten und gräßlich anzuſe⸗ hen waren. »Mutter!« ſagte jetzt wirklich erſchrocken Käthchen, »warum bleibſt Du noch, warum zögerſt Du auch nur einen Augenblick? Mutter, komm, ich bitte Dich darum.« „»Liebes Käthchen,« antwortete die Mutter, die noch immer nicht fortzubringen war,»wie kannſt Du ſo thö⸗ richt ſein? Ich ſchäme mich Deiner. Wie gedenkſt Du durch die Welt zu kommen, wenn Ou ſo furchtſam biſt? — Was wünſchen Sie, mein Herr?« redete ſie darauf den Unbekannten geziert und mit erheucheltem Mißfallen an.»Wie können Sie wagen, in unſeren Garten her⸗ überzuſehen?« »Königin meines Herzens!“ entgegnete der Unbekannte, indem er die Hände an einander legte,»trink' aus die⸗ ſem Becher.« „»Dummes Zeug!« ſagte Madame Nickleby.—»Liebes Käthchen, ſo ſei doch ruhig.« »Sie wollen nicht aus dieſem Becher trinken 2α wie⸗ derholte der Fremde, indem er flehentlich bittend den Kopf auf eine Seite hängen ließ und die rechte Hand 116 3 Nicolaus Nickleby. auf die Bruſt legte;»ach, trinken Sie aus dieſem Becher!« »Ich werde nie einwilligen, etwas der Art zu thun,« entgegnete Madame Nickleby mit hochmüthiger Geberde. »Entfernen Sie ſich.«. »Woher kommt es, ſagte der Alte, indem er mehrere Stufen höher emporkam und die Elbogen auf die Mauer ſtützte, als ſehe er durch ein Fenſter hinaus,»woher kommt es, daß die Schönheit immer hartherzig iſt, ſelbſt wenn die Bewunderung ſo ehrbar und ehrerbietig iſt, wie die meinige?« dabei lachte er, küßte ſeine Hand und verbeugte ſich mehrmals tief.»Liegt es an den Bienen, die, wenn die Honigzeit vorüber iſt und man glaubt, ſie mit Schwefel umgebracht zu haben, wirklich in die Barbarei fliegen und die gefangenen Mauren mit ihren ſchläfrigen Liedern einlullen? Oder kommt es daher,“ ſetzte er faſt flüſternd hinzu,„daß man die Statue zu Charing⸗Croß neulich um Mitternacht Arm in Arm mit der Pumpe von Aldgate im Reitanzuge auf der Börſe geſehen hat?« »Mutter,« flüſterte Käthchen,»hörſt Du ihn?« »Still, liebes Kind,« antwortete Madame Nicklehy in demſelben Tone,»er iſt ſehr artig und ich glaube, er führte eine Stelle aus den Dichtern an. Aber zerr' mich nicht ſo; Du drückſt ja meinen Arm grün und blau. Gehen Sie, Herr.« »Ganz fort?« fragte der Mann mit einem ſchmachten⸗ den Blicke.»Ach! ganz fort?« »Ja,« entgegnete Madame Nickleby, vallerdings. Sie haben hier nichts zu ſchaffen. Das iſt Privateigenthum; Sie ſollten dies wiſſen.« »Ich weiß,« ſagte der Alte, indem er ſeine Finger mit höchſt tadelnswerther Vertraulichkeit an ſeine Naſe —— △ꝙ Nicolaus Nickleby. 117 legte,»daß dies eine geweihete, eine bezauberte Stelle iſt, wo die himmliſcheſten Reize«— hier küßte er wieder ſeine Hand und verbeugte ſich—»Honigflüſſigkeit über des Nachbars Garten wehen und das Obſt und Gemüſe früh reif machen. Dies iſt mir bekannt. Aber reizend⸗ ſtes Geſchöpf, wollen Sie mir nur eine einzige Frage erlauben in Abweſenheit des Planeten Venus, der ſich in Geſchäften eben in das Kriegsminiſterium begeben hat, ſonſt— aus Eiferſucht auf ihre höhern Reize— ſich zwiſchen uns ſtellen würde?« „»Käthchen,« bemerkte Madame Nickleby, ves iſt wirk⸗ lich recht Unrecht. Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich dem Herrn ſagen ſoll und höflich muß man doch ſein.« „»Liebe Mutter,« entgegnete Käthchen,„ſage gar nichts zu ihm; wir wollen lieber ſo ſchnell als möglich fortge⸗ hen und uns einſchließen, bis Nicolaus nach Hauſe kommt.« Madame Nickleby erwiederte auf dieſen demüthigen⸗ den Vorſchlag nichts als einen großartigen, um nicht zu ſagen, verächtlichen Blick, wendete ſich zu dem alten Herrn, der ſie während dieſes Geflüſters mit geſpannter Aufmerkſamkeit beobachtet hatte und ſagte:— »Wenn Sie ſich benehmen wollen wie ein anſtändiger Mann, der Sie der Sprache nach und— auch nach dem Ausſehen ſind(— ganz das Ebenbild von Deinem Großvater, liebes Käthchen, in ſeinen beſten Tagen!—) und wenn Sie Ihre Frage in einfachen Worten ausſpre⸗ chen, ſo werde ich darauf antworten.« Wenn der vortreffliche Vater der Madame Nickleby in ſeinen beſten Tagen Aehnlichkeit mit dem Nachbar hatte, der jetzt über die Mauer ſah, ſo muß er, am aller⸗ gelindeſten ausgedrückt, eine höchſt ſeltſame Figur geſpielt haben. Vielleicht dachte dies Käthchen auch, denn ſie 118 Nieolaus Nickleby. betrachtete ſein lebendiges Ebenbild mit einiger Auf⸗ merkſamkeit, als er ſeine ſchwarze Sammetmütze abnahm, einen vollkommen kahlen Kopf darunter zeigte, und eine lange Reihe von Verbeugungen machte, jede mit einem Handkuſſe. Nachdem er ſich allem Anſcheine nach durch dieſes anſtrengende Manöver erſchöpft hatte, ſetzte er ſeine Mütze wieder auf, zog ſie ſorgfältig über die Oh⸗ ren, nahm ſeine früher. Stellung wieder an und ſagte: „»Die Frage iſt—« Hier unterbrach er ſich, um ſich nach allen Seiten umzuſehen und wahrſcheinlich um ſich zu überzeugen, daß keine Lauſcher ihn hören könnten. Als er ſich darüber beruhiget, ſchlug er ſich mehrmals an die Naſe, machte dazu ein ſehr pfiffiges Geſicht, als wenn er ſich ſelbſt wegen ſeiner Vorſicht Glück wünſche, ſtreckte dann den Hals aus und ſagte laut flüſternd: „Sind Sie eine Prinzeſſin?« »Sie ſpotten über mich,« antwortete Madame Nickleby, indem ſie ſich ſtellte, als wolle ſie fortgehen. »Nicht? Sie ſind es nicht?« fragte der Alte. »Sie wiſſen, daß ich es nicht bin,« antwortete Ma⸗ dame Nickleby. »So ſind Sie mit dem Erzbiſchof von Canterbury verwandt?« fragte der Alte mit großer Angſt,»oder mit dem Papſte in Rom? oder mit dem Sprecher im Unterhauſe? Entſchuldigen Sie mich, wenn ich mich irre, aber man ſagte mir, Sie wären die Nichte der Stra⸗ ßenpflaſterungscommiſſion, und die Schwiegertochter des Lord Mayors und des Rügengerichts, was Ihre Ver⸗ wandtſchaft mit allen Dreien erklären würde.« »Wer auch ſolche Gerüchte ausgeſprengt haben mag,« entgegnete Madame Nickleby etwas warm, ver hat mei⸗ nen Namen gemißbraucht, was mein Sohn Nicolaus, Nicolaus Nickleby. 119 wenn er es erführe, keinen Augenblick dulden würde. Der Gedanke!« ſagte Madame Nickleby, indem ſie ſich aufrichtete,»Nichte der Straßenpflaſterungscommiſſion!« »„Ich bitte Dich, liebe Mutter, komm, laß uns gehen,« ſagte Käthchen. »Ich bitte Dich, liebe Mutter!« Dummes Zeug, Käthchen,« entgegnete Madame Nickleby ärgerlich,»aber ſo geht es. Du würdeſt Dich nicht grämen, wenn man auch ſagte, ich wäre die Nichte eines pfeifenden Gimpels! Mit mir hat einmal Niemand Mitleiden,« ſetzte ſie ſchluchzend hinzu,»und ich erwarte auch keines.«⸗ »Thränen!« rief der Alte mit einem ſo kräftigen Sprunge, daß er ein Paar Stufen hinunterfiel und ſich das Kinn an der Wand aufrieb.»Fangt die Kryſtall⸗ kügelchen auf!— fangt ſie auf— füllt ſie in ein Fläſch⸗ chen— ſtöpſelt es gut zu— ſiegelt es zu— ſiegelt es mit einem Liebesgotte— ſchreibt darauf:»beſte Quali⸗ tät«— legt es in den Keller und macht eine eiſerne Stange als Blitzableiter darauf!« Während er dieſe Befehle gab, als ſtänden zwölf Diener bereit, dieſelben ſchnell auszuführen, wendete er ſeine Pelzmütze um, ſetzte ſie ſo verkehrt höchſt bedächtig auf, daß ſie ſein rechtes Auge und drei Viertel von ſei⸗ ner Naſe bedeckte, ſtemmte die Arme in die Seiten und ſah wild einen in der Nähe ſitzenden Sperling an, bis der Vogel fortflog. Dann ſteckte er ſeine Mütze mit großer Selbſtzufriedenheit in die Taſche und wendete ſich wieder ehrerbietig an Madame Nickleby. »Schöne Frau,«— das waren ſeine Worte—»wenn ich mich in Hinſicht auf Ihre Familie oder Ihre Ver⸗ wandten geirrt habe, ſo bitte ich demüthig um Verge⸗ bung. Wenn ich der Meinung war, Sie müßten mit fremden Mächten oder inländiſchen Behörden verwandt 120 Nicolaus Nickleby. ſein, ſo geſchah es nur, weil Sie ein Weſen, eine Hal⸗ tung, etwas ſo Würdevolles haben, daß— Sie entſchul⸗ digen mich— Niemand Ihnen gleichkommt, außer etwa die tragiſche Muſe, wenn ſie auf der Drehorgel auf der Straße extemporirt. Ich bin kein Jüngling mehr, Ma⸗ dame, wie Sie ſehen, und obgleich Weſen gleich Ihnen niemals alt werden können, ſo wage ich doch die Ver⸗ muthung auszuſprechen, daß wir wohl für einander paſſen werden.« „Wirklich, liebes Käthchen!« ſagte Madame Nickleby leiſe, während ſie nach einer andern Seite hinſah. »Ich habe Güter, Madame,« ſagte der Alte, indem er ſeine rechte Hand nachläſſig hin und her bewegte, als mache er ſich aus ſolchen Dingen nichts, und ſehr ſchnell ſprach:»Juwelen, Leuchtthürme, Teiche, eine eigene Wallfiſcherei in der Nordſee und mehrere ſehr ergiebige Auſternbänke im ſtillen Meere. Wenn Sie die Gefällig⸗ keit haben wollen, ſich nach der königlichen Börſe zu be⸗ mühen und den dreieckigen Hut von dem Kopſe des ſtäm⸗ migſten Büttels zu nehmen, ſo werden Sie meine Karte in dem Hutfutter finden. Sie iſt in ein Stück blauen Papieres eingewickelt. Auch mein Spazierſtock iſt zu ſehen, wenn man ſich an den Kaplan des Unterhauſes wendet, dem es ſtreng verboten iſt, für das Vorzeigen deſſelben Geld zu nehmen. Ich habe Feinde um mich her, Madame,«— er ſah nach ſeinem Hauſe und ſprach ſehr leiſe—»die mich bei jeder Gelegenheit angreifen und mein Vermögen an ſich reißen wollen. Wenn Sie mich mit Ihrer Hand und Ihrem Herzen beglücken, ſo können Sie ſich an den Lord Kanzler wenden oder das Militair, wenn es nöthig ſein ſollte, herbeirufen— es reicht hin, wenn Sie dem Oberbefehlshaber meine Zahn⸗ ſtocher ſchicken— und ſo das Haus von ihnen reinigen, 3 N àA— u—2 A — — 892 8— 8———O 8 39O0W N 8½ K⏑—* * Nicolaus Nickleby. 121 ehe die Ceremonie vorüber iſt. Dann Liebe, Segen und Entzücken; Entzücken, Liebe und Segen! Werden Sie die meinige! Werden Sie die meinige!« Während der alte Herr dieſe letztern Worte mit großem Entzücken und mit Begeiſterung wiederholte, ſetzte er ſeine ſchwarze Sammetmütze wieder auf, ſah haſtig an den Himmel hinauf und ſagte etwas nicht ganz Verſtändliches über einen Luftballon, den er erwarte und der lange über ſeine Zeit ausbleibe. »Werden Sie die meinige!« wiederholte der Alte. „»Liebes Käthchen,« ſagte Madame Nickleby,»ich kann kaum ſprechen, aber das Wohl aller dabei Betheiligten verlangt, daß die Sache für immer in Ordnung gebracht werde.« 3. »Du brauchſt doch gewiß kein einziges Wort dazu zu ſagen, Mutter,« meinte Käthchen. »Du wirſt wohl ſo gut ſein und mich meine Angele⸗ genheiten ſelbſt beurtheilen laſſen,« entgegnete Madame Nickleby. »Werden Sie die meinige!« rief der alte Herr. »Man kann doch kaum erwarten,« ſagte Madame Nickleby, indem ſie ihre Augen züchtig niederſchlug, daß ich einem Fremden ſagen werde, ob ich mich durch ſolche Anträge geſchmeichelt und verpflichtet fühle oder nicht. Sie werden mir ohne Zweifel unter ſehr ungewöhnlichen Umſtänden gemacht; doch müſſen ſie in einer gewiſſen Ausdehnung(Madame Nickleby's gewöhnlicher Ausdruck) dem Gefühle angenehm und wohlthuend ſein.« „»Werden Sie die meinige!« rief der alte Herr. »Gog und Magog! Gog und Magog! Werden Sie die Meinigele es wird wohl vollkommen hinreichend ſein, wenn ich Ihnen ſage,“ entgegnete Madame Nickleby in völligem 122 Nicolaus Nickleby. Ernſt,—»und ich bin überzeugt, Sie werden es für ſchicklich halten, nach dieſer Antwort ſich zu entfernen,— daß ich mich feſt entſchloſſen habe, Wittwe zu bleiben und mich ganz meinen Kindern zu widmen. Sie glau⸗ ben es vielleicht nicht, daß ich die Mutter von zwei Kin⸗ dern bin,— ja, es haben ſchon manche Leute nicht daran glauben wollen und betheuert, ſie würden dies ihr Leben⸗ lang für unmöglich halten,— es iſt aber doch ſo, und Beide ſind bereits erwachſen. Wir werden uns ſehr freuen, Sie zum Nachbar zu haben,— ſehr freuen; es wird uns wirklich außerordentlich angenehm ſein, aber mehr können Sie uns nicht werden; das iſt unmöglich. Ob ich noch jung genug bin, um wieder heirathen zu können, will ich nicht unterſuchen; es kann ſein, es kann auch nicht ſein; daran denken aber kann ich keinen Au⸗ genblick, unter keinerlei Umſtänden. Ich ſagte, ich würde niemals wieder heirathen und ich werde es halten. Es iſt ſehr peinlich, Anträge zurückweiſen zu müſſen, und ich wollte lieber, es wäre mir keiner gemacht worden. Dies iſt zugleich meine Antwort, die ich zu geben längſt ent⸗ ſchloſſen war und dieſe Antwort werde ich immer geben.“ Die Bemerkungen wurden zum Theil an der alten Herren, zum Theil an Käthchen gerichtet, zum Theil aber auch wie im Selbſtgeſpräch geſprochen. Gegen den Schluß hin verrieth der Bewerber einen ſehr unanſtän⸗ digen Grad von Unachtſamkeit, und Madame Nickleby hatte ihre Antwort kaum zu Ende gebracht, als er zum großen Schrecken ſowohl der Mutter als ihrer Tochter mit Einemmale den Rock auszog, auf die Mauer hinauf⸗ ſtieg, eine Stellung annahm, welche ſeine kurzen Bein⸗ kleider und grauen Strümpfe im, vortheilhafteſten Lichte zeigte, endlich auf einem Beine ſtand und ſein Hem⸗Schreien mit geſteigerter Heftigkeit von Neuem begann. reien Nicolaus Nickleby. 123 Während er noch den letzten Ton aushielt und ihn mit einer langen Cadenz ausſchmückte, ſah man eine ſchmutzige Hand ſchnell und vorſichtig an dem Mauerande hingleiten, als wolle ſie eine Fliege haſchen, dann aber außerordentlich gewandt einen Fuß des Alten ergreifen. Als dies geſchehen war, erſchien auch die zweite dazu gehörige Hand und faßte den andern Fuß. Der Alte, der ſich ſo gefeſſelt ſah, hob die Beine ein paarmal ungeſchickt empor, als wären ſie plumpe und unvollkommene Stücke einer Maſchine, ſah dann von der Mauer in ſeinen Garten hinunter und brach in ein lau⸗ tes Gelächter aus. „Sind Sie es, he?« fragte der alte Herr. „Ja, ich bin es,« antwortete eine rauhe Stimme. „Wie beſindet ſich der Kaiſer der Tatarei?« fragte der alte Herr weiter. »Ganz wie gewöhnlich,« lautete die Antwort;„nicht beſſer und nicht ſchlechter.“« »Und der junge Prinz von China?« fuhr der alte Herr mit großer Theilnahme fort.»Hat er ſich mit ſei⸗ nem Schwiegervater, dem großen Kartoffelhändler, aus⸗ geſöhnt?« „Rein,« antwortete die rauhe Stimme,»auch ſagte er, er werde ſich nie mit demſelben verſöhnen. „»Wenn das der Fall iſt,« bemerkte der Alte,»ſo werde ich wohl beſſer thun, ich komme hinunter.« »Allerdings,« ſagte der Mann auf der andern Seite, „das iſt meine Meinung auch.« 3 Eine Hand wurde darauf vorſichtig von dem Fuße losgelaſſen, und der alte Herr ließ ſich in eine ſitzende Stellung nieder, während er ſich umſah, Madame Nickleby anlächelte und Verbeugungen gegen ſie machte. Darauf Nicolaus Nickleby. V. 9 124 Nicolaus Nickleby. verſchwand er ſehr raſch, als würde er an den Füßen hinuntergezogen. Käthchen, die nun erſt wieder frei aufathmete, drehete ſich um und wollte ihrer Mutter eiwas ſagen, als die ſchmutzigen Hände wieder ſichtbar wurden, denen unmit⸗ telbar darauf ein dicker kleiner Mann folgte, welcher auf den Stufen heraufſtieg, auf denen vorher der wunderliche Nachbar geſtanden hatte. »Ich bitte die Damen um Verzeihung,« ſagte der Mann mit grinſendem Lächeln, während er an ſeinen Hut griff.»Hat er Einer von Ihnen Liebesanträge ge⸗ macht?« »Ja,« antwortete Käthchen. »Ach!« entgegnete der Mann, der ſein Taſchentuch aus dem Hute nahm und damit ſein Geſicht abwiſchte, „das thut er immer, müſſen Sie wiſſen. Nichts hindert ihn, den Verliebten zu ſpielen.« »Ich brauche wohl gar nicht zu fragen, ob es bei ihm nicht recht richtig iſt,« ſagte Käthchen. „»Allerdings nicht,« antwortete der Mann, indem er in ſeinen Hut hineinſah, ſein Taſchentuch hineinwarf und ihn wieder aufſetzte, ves iſt klar, daß er verrückt iſt.« »Iſt er es ſchon lange geweſen?« fragte Käthchen. »Schon ziemlich lange.« „»Und iſt nicht zu hoffen, daß er geheilt werde?« fragte Käthchen mitleidig. »Nein, er verdient es auch nicht,« antwortete der Mann.»Er iſt viel angenehmer verrückt, als er es bei Verſtande war. Er war der grauſamſte, boshafteſte und abſcheulichſte alte Mann, der jemals Athem geholt hat.« „»Wirklich?« fragte Käthchen. »Bei St. Georg!« erwiederte der Wärter des Ver⸗ rückten, indem er ſo bedeutend den Kopf ſchüttelte, daß Nicolaus Nickleby. 125 er die Stirn in große Falten ziehen mußte, um nicht den Hut dabei zu verlieren.»Ein ſolcher Böſewicht iſt mir noch nicht vorgekommen, und mein Camerad ſagt daſſelbe. Er hat ſeiner eigenen Frau das Herz gebrochen, ſeine Töchter aus dem Hauſe gejagt und ſeine Söhne in die Welt hinausgeſtoßen. Es war ein großes Glück, daß er nach ſeinem Toben, ſeinem Geize und ſeinem Trinken endlich verrückt wurde, ſonſt würden wahrſcheinlich meh⸗ rere Andere den Verſtand verloren haben. Hoffnung für ihn! Das fehlte noch.« Nach dieſem ſeinem Glaubensbekenntniſſe ſchüttelte der Wärter des Verrückten ſeinen Kopf wiederum, griff ärgerlich in den Hut,— denn er hatte durch dieſe Er⸗ zählung ſeine gute Laune verloren— ſtieg auf der Leiter hinunter und trug dieſelbe fort. Madame Nickleby hatte während dieſes Geſprächs den Mann unverwandt und mit ſtrengem Blicke angeſe⸗ hen. Jetzt ſtieß ſie einen tiefen Seufzer aus, preßte die Lippen zuſammen und ſchüttelte langſam, bedächtig und zweifelhaft ihr Haupt. »Der arme Mann!« ſagte Käthchen. »Ach, ja wohl, der Arme!« entgegnete Madame Nickleby. „ Es iſt eine Schande, daß ſolche Dinge geduldet werden! Eine Schande iſt es!« „»Wie läßt ſich das ändern, Mutter?« fragte Käthchen traurig.»Die Schwächen der Natur—« »Natur!« wiederholte Madame Nickleby.»Was! Hältſt auch Du den armen Mann für verrückt?« „»Kann Jemand, der ihn ſieht, eine andere Meinung von ihm haben, Mutter?« »Nun ſo will ich Dir ſagen, Käthchen,« entgegnete Madame Nickleby,»daß an allen dem kein wahres Wort iſt und ich mich wundere, wie Du Dich durch eine ſo 9* 126 Nicolaus Nickleby. plumpe Lüge kannſt täuſchen laſſen. Jene Menſchen ha⸗ ben ſich verſchworen, um ſich das Vermögen des Mannes anzueignen,— ſagte er es nicht ſelbſt? Er kann etwas wunderlich und unbeſtändig ſein, Du lieber Gott! das find gar viele Leute;— aber geradezu verrückt! Drückt er ſich doch ganz ehrbar und in einer wahrhaft poetiſchen Sprache aus und macht Anträge mit ſo viel Bedacht⸗ ſamkeit, Sorgfalt und Klugheit! Ein Verrückter würde auf die Straße hinausgerannt und vor dem erſten beſten jungen Dinge von einem Mädchen auf die Kniee gefallen ſein. Nein, nein, Käthchen; in ſeiner Verrücktheit liegt zu viel Methode, verlaß Dich darauf, liebe Tochter.« Siebentes Kapitel. 4 Ein neues Beiſpiel von dem Erfahrungsſatze, daß ſich oft die beſten Freunde trennen müſſen. Das Straßenpflaſter war den ganzen Tag in der Sonnengluth gebacken und gebraten und die zwei Sara⸗ zenenköpfe, welche das Thor des Wirthshauſes hüteten, das nach ihnen genannt war, ſahen— wenigſtens in den Augen der müden und lahmen Vorübergehenden— noch grauſenhafter aus als gewöhnlich, nachdem ſie die Sonne geſengt und gebrannt hatte, als in einem der kleinſten Zimmer des Gaſthauſes, aus deſſen offenem Thore in greifbarem Dampf die geſunden Ausdünſtun⸗ gen von keuchenden Pferden herauszogen, das gewöhn⸗ liche Zubehör eines Theetiſches in netter und einladender Ordnung ſich zeigte, nebſt Gebratenem und Gekochtem, —— ——— α 8 Gr SͤaS — — 80 G B— 8&&☛&d A — —— Nicolaus Nickleby. 127 einer Zunge, einer Taubenpaſtete, einem kalten Huhn, einem Kruge Bier und andern derartigen Gegenſtänden, die in entarteten Städten gewöhnlich zu einem Mittags⸗ eſſen oder auch zu einem beſonders ſoliden Frühſtücke ge⸗ rechnet werden. John Browdie ging, die Hände in den Taſchen, ruhe⸗ los um dieſe Delikateſſen herum, blieb gelegentlich ein⸗ mal ſtehen, um die Fliegen mit dem Tuſchentuche ſeiner Frau von der Zuckerdoſe zu verjagen, oder einen Thee⸗ löffel in die Milchkanne zu tauchen und ihn ſodann an den Mund zu führen, oder ein Stückchen von der Rinde des Brotes nebſt einer Ecke vom Fleiſche abzuſchneiden und dies mit einem Schlucke hinunterzuſchaffen wie zwei Pillen. So oft er auf dieſe Weiſe den Speiſen den Hof machte, ſah er nach ſeiner Uhr und erklärte mit ganz pathetiſchem Ernſt, nun könne er es unmöglich doch zwei Minuten länger aushalten. »Tildchen!« ſagte John zu ſeiner Frau, die halb wa⸗ chend halb ſchlafend auf einem Sopha lag. „»Ja, John. »»Ja, John!«« wiederholte ihr Mann ungeduldig. »Biſt Du hungrig, Frauchen?« »Nicht ſehr,« antwortete ſie. „„Nicht ſehr,«« wiederholte John, indem er an die Decke hinauf ſah.»Nun hör' ein Menſch! Nicht ſehr! Und wir haben um drei Uhr zu Mittag und dann gegen Abend Paſtete gegeſſen, die einen Menſchen hungrig ſtatt ſatt macht.»Nicht ſehr!«« »Es will ein Herr zu Ihnen,“« ſagte der Aufwärter, indem er den Kopf zwiſchen der halbgeöffneten Thüre hereinſteckte. „»Was? für mich?« ſagte John, als denke er, es müſſe ein Brief oder ein Packet ſein. 128 Nicolaus Nickleby. „Ein Herr.« „Sterne und Bänder, Mann!« rief John.»Warum kommſt Du deshalb und ſagſt's mir? Herein mit ihm!« »Sind Sie zu Hauſe?« »Zu Hauſe!« rief John;»ich wollte, ich wär's, dann hätte ich meinen Thee ſchon vor zwei Stunden im Leibe. Ich habe es doch Deinem Cameraden geſagt, er ſolle ſich draußen umſehen und ihm ſagen, ſobald er kommt, mir würde vor Hunger ganz ohnmächtig. Herein mit ihm!— Ahal die Hand, Herr Nickleby! das iſt der prächtigſte Tag in meinem Leben. Wie geht es zu Hauſe? Es freut mich! Es freut mich!« John Browdie, der über dieſer herzlichen Begrüßung ſelbſt ſeinen Hunger vergaß, ſchüttelte die Hand Nickleby's immer wieder von neuem und ſchlug vorher jedesmal tüchtig ein, damit der Empfang deſto wärmer ſei. „Ja, da iſt ſie,« ſagte John, als er bemerkte, daß Nicolaus nach der jungen Frau ſah.»Da iſt ſie,— wir werden uns nicht mehr um ſie veruneinigen,— he? Wahrhaftig, wenn ich daran denke,— aber Du wirſt Hunger haben. Komm her, Mann, komm her; wir wollten zwar mit—« Das Tiſchgebet war ohne Zweifel geſprochen, man hörte nichts mehr, denn John hatte bereits angefangen, ſo mit Meſſer und Gabel zu arbeiten, daß an das Sprechen für eine Zeitlang nicht zu denken war. »Ich werde mir die gewöhnliche Freiheit nehmen, Herr Browdie,« ſagte Nicolaus, indem er einen Stuhl für die Frau hinſtellte. „»Nimm, was Dir gefällt, und wenn etwas auf iſt, ſo laß mehr bringen.« Ohne ſich die Zeit zu nehmen, ſich erſt näher zu er⸗ Nicolaus Nickleby. 129 klären, küßte Nicolaus die erröthende Madame Browdie und führte ſie zu ihrem Sitze. »Ich meine,« ſagte John, der für den Augenblick ganz verſteinert war,»thu' ganz, als wärſt Du zu Hauſe; nicht wahr?« »„Ich werde dies gewiß thun,« antwortete Nicolaus, vaber unter einer Bedingung.« „»Und die wäre?« fragte John. »Daß Ihr mich zu Gevatter bittet, ſobald Ihr einen braucht.« „»Hörſt Du, Frau?« rief John, indem er Meſſer und Gabel hinlegte.»Gevatter! Ho! ha! ha! Tildchen!— hör' mal!—'n Gevatter! darüber geht nichts! Wenn wir einen brauchen!—'n Gevatter! Ha! ha! ha!« Niemals hat wohl ein alter Scherz Jemanden ſo zum Lachen gereizt, als dieſer den John Browdie. Er kicherte,— er ſchrie laut auf und erſtickte bei dem Lachen faſt, denn er hatte noch einen großen Biſſen Rindfleiſch in der Kehle, lachte wieder laut auf, wollte durchaus zu glei⸗ cher Zeit mit eſſen, wurde roth im Geſicht und braun auf der Stirn, huſtete, ſchrie, erholte ſich, fing wieder inner⸗ lich zu lachen an, verſchlimmerte es, würgte ſich, ſtampfte mit den Beinen, erſchreckte ſeine Frau, kam völlig er⸗ ſchöpft wieder zu ſich, während ihm das Waſſer über die Backen aus den Augen ſtrömte, rief aber immer noch, trotz ſeiner Schwäche,»'n Gevatter!—'n Gevatter, Tildchen!« in einem Tone, der deutlich verrieth, wie ſehr ihm der Spaß gefiel. „Sie werden ſich des Abends erinnern, als wir das Erſtemal Thee mit einander tranken,« ſagte Nicolaus. »Wie könnte ich das vergeſſen, Mann?« antwortete John Browdie. „»An dem Abende war er aber doch ganz wild, nicht 130 Nicolaus Nickleby. wahr, Madame Browdie? Ganz verzweifelt,« fuhr Ni⸗ colaus fort. »Sie hätten ihn erſt hören ſollen, als wir nach Hauſe gingen, Herr Nickleby,« ſagte die junge Frau.»Ich habe mich in meinem ganzen Leben nicht ſo gefürchtet.« »Komm, komm,“ ſagte John lachend,»Du wußteſt, daß es nicht ſo bös gemeint war.« »Ich fürchtete mich wirklich,« antwortete Madame Browdie.»Ich ergab mich ſchon faſt darin, nie wieder mit Ihnen zu ſprechen.« »Faſt!« ſagte John noch wohlgefälliger lachend.»Sie ergab ſich faſt darin! Und ſie ſchmeichelte und ſtreichelte und ſtreichelte und ſchmeichelte den ganzen lieben Weg. „Warum ließeſt Du jenen Menſchen ſich in Dich verlie⸗ ben?“ fragte ich ſie.„Ich kann nichts dafür,“ ſagte ſie und drückte meinen Arm.»Du kannſt nichts dafür?⸗ ſagte ich.»Nein,“ ſagte ſie und drückte wieder meinen Arm.« »J, John!« unterbrach ihn die hübſche Frau, die über und über roth wurde.»Wie kannſt Du ſolches dummes Zeug ſchwatzen? So was zu thun iſt mir nicht im Traume eingefallen.« »Ob Du einmal davon geträumt haſt, weiß ich nicht, ſo unwahrſcheinlich aber iſt es nicht,« antwortete John; „»gethan haſt Du es. Du biſt ein unbeſtändiges, flat⸗ terhaftes und wetterwendiſches Mädchen, ſagte ich. „Nein, unbeſtändig bin ich nicht, John,⸗ ſagte ſie. Ja,“ ſagte ich, unbeſtändig, ſehr unbeſtändig. Jetzt rede nur gar nicht davon, denke nur an den Menſchen bei Schul⸗ meiſters, ſagte ich.„Er!⸗ ſagte ſie.„Ja er,“ ſagte ich. John,“ ſagte ſie, und dabei drängte ſie ſich viel dichter an mich und drückte noch ſtärker als vorher, hältſt Duss denn für möglich, daß mir an jenem Gebackenen⸗ Nicolaus Nickleby. 131 Pflaumen⸗Männchen etwas liegt, da ich einen ſo hübſchen Mann wie Dich habe, der mir Geſellſchaft leiſtet? ſagte ſie. Ha! ha! ha! Gebackenes⸗Pflaumen⸗Männchen ſagte ſie!„Wenn's ſo iſt, ſagte ich,'ſo mag's hingehen.“ Hal ha! hal« Nicolaus lachte herzlich über dieſe Geſchichte, da er der Madame Browdie das Erröthen erſparen wollte, de⸗ ren Gegenbetheuerungen von dem lauten Gelächter ihres Mannes übertäubt wurden. Sie beruhigte ſich jedoch bald, als ſie ſah, daß er nichts übelnahm, und lachte, ob ſie gleich die Beſchuldigung noch immer läugnete, ſo herzlich darüber, daß Nicolaus die Genugthuung hatte und die Ueberzeugung gewann, ſie ſei in der Hauptſache vollkommen richtig. »Es iſt das Zweitemal,« ſagte Nicolaus,»daß wir mit einander eſſen, und erſt das Drittemal, daß wir ein⸗ ander ſehen, gleichwohl iſt es mir, als befände ich mich unter alten Freunden.« »Ja,“ bemerkte der Yorkſhirer,„das ſage ich auch.« »Mir iſt es wirklich auch ganz ſo,“« ſetzte die junge Frau hinzu. »Ich habe aber auch den beſten Grund zu dieſem Ge⸗ fühle,« ſagte Nicolaus,»denn ohne Ihre Gutmüthigkeit, lieber Freund, die ich weder ein Recht noch einen Grund hatte zu erwarten, wer weiß, was aus mir geworden wäre oder wo ich mich jetzt befände.« »Rede von etwas Anderem,« antwortete John ver⸗ drießlich,»und mach' mich nicht ärgerlich.« »Es muß ein neues Lied nach der alten Melodie ſein,« ſagte Nicolaus.»Ich ſchrieb in meinem Briefe, wie dankbar ich Ihre Theilnahme für den armen Bur⸗ ſchen fühlte und bewunderte, den Sie auf die Gefahr hin befreieten, ſich ſelbſt in Unannehmlichkeiten zu ver⸗ 132 Nicolaus Nickleby. wickeln; ich kann Ihnen nicht ſagen, wie dankbar ich Ihnen dafür bin, wie dankbar er nebſt Andern iſt, die Sie nicht kennen, daß Sie ſich ſeiner erbarmten.« „Wahrhaftig!« entgegnete John Browdie, indem er mit ſeinem Stuhle näher rückte,»ich kann Ihnen nicht ſagen, wie dankbar manche Leute, die wir kennen, eben⸗ falls ſein würden, wenn ſie wüßten, daß ich mich ſeiner erbarmte.« „»Ach, was ich dieſen Abend ausgeſtanden habe!« rief Madame Broydie. »War man geneigt, Ihnen Schuld zu geben, Sie wären ihm bei der Flucht behülflich geweſen?« fragte Nicolaus den John Browdie. „Nicht im geringſten,« entgegnete der Yorkſhirer, in⸗ dem er ſeinen Mund von einem Ohre bis zum andern ausdehnte.»Ich lag gemächlich auf dem Bette des Schulmeiſters noch lange, als es ſchon finſter war und es kam Niemand dahin. Nun, dachte ich, jetzt muß er einen guten Vorſprung haben, und wenn er noch nicht nach Hauſe iſt, kommt er ſein Lebtagelang nicht hin; Ihr könnt alſo kommen, Ihr werdet mich bereit finden, daß heißt, verſtehen Sie mich, der Schulmeiſter mochte immerhin kommen.“ »„Ich verſtehe,« ſagte Nicolaus. „Und richtig,« fuhr John fort, ver kam. Ich hörte, wie man unten die Thüre zumachte und wie Jemand ſich im Finſtern heraufarbeitete. Nur langſam voran! dacht' ich bei mir ſelbſt, nimm Dir Zeit, Mann, übereil' Dich nicht. Er kam an die Thüre, drehete den Schlüſſel um,— rund herum, weil ja kein Schloß mehr an der Thür inwendig war und rief: Heda!— Ja, dacht' ich, Du kannſt noch lange ſo ſchreien, es wird Niemand hö⸗ ren.— Holla! Heda! rief er wieder und horchte dann.— —— —. —j,-— Nicolaus Nickleby. 133 Du würdeſt beſſer thun, wenn Du mich nicht böſe machteſt, ſagte der Schulmeiſter nach einiger Zeit. Ich zerbreche Dir jeden Knochen am Leibe, Smike, ſagte er wieder nach einer Weile. Mit einem Male rief er nach Licht, und als das kam, was für ein Holterpolter ent⸗ ſtand da!— Was giebt's denn? fragte ich.'Er iſt fort!“ ſagte er, wie verrückt vor Wuth.„Haben Sie nichts gehört?— O ja, ſagte ich, ich hörte vor gar nicht langer Zeit die Hausthüre zumachen. Ich hörte Je⸗ manden dahinwärts laufen— und ich wies dabei gerade nach der entgegengeſetzten Seite—„Hülfe!“ rief er.— Ich will helfen, ſagte ich, und fort liefen wir auf dem falſchen Wege hin. Ha! ha! hal« »Gingen Sie weit?« fragte Nicolaus. »Weit!« antwortete John.»Ich ließ ihn in einer Viertelſtunde ſich wie die Beine weglaufen. Du hätteſt omal den Schulmeiſter ſehen ſollen, ohne Hut, wie er bis an die Kniee in Dreck und Waſſer watete, über Zäune ſtolperte, in Gräben fiel, dazu ſchrie wie toll, mit ſeinem einen Auge immer nach dem Jungen ſtierte, wie ſeine Rockſchöße hintenausflogen und der ganze Mann von unten bis oben beſpritzt war;— ich dachte, ich müßte umfallen und ſterben vor Lachen.« John lachte bei der bloßen Erinnerung daran ſo herz⸗ haft, daß er ſeine Frau und Nicolaus anſteckte, und alle drei ſo heftig und ſo lange lachten, bis ſie nicht mehr lachen konnten. »'s iſt ein ſchlechter Kerl,« ſagte John, indem er ſich die Augen wiſchte, vein ſchlechter Kerl, der Schulmeiſter.« »Ich ſehe ihn nicht gern an,« ſetzte ſeine Frau hinzu. „»Sei ſtill,« ſagte John,»wenn Du nicht wareſt, kenn⸗ ten wir ihn gar nicht. Du haſt ihn zuerſt gekannt“ Tildchen.« 3 134 Nicolaus Nickleby. »„Ich kannte die Fanny Squeers,« antwortete die Frau,»wir ſpielten als Kinder mit einander, Du weißt es ja.« „»Nun freilich, das ſage ich eben,« meinte John.»Gut nachbarlich muß man leben und alte Bekannte darf man nicht vergeſſen. Nur nicht Zank, wenn es möglich iſt. Iſt das nicht auch Deine Meinung, Nickleby?« „Allerdings,« entgegnete Nicolaus,»und Sie handel⸗ ten ſo, als ich Sie nach jenem denkwürdigen Abende zu Pferde auf der Straße traf.« »Ja,« fagte John.»Was ich ſage, das thu' ich auch.« „»Das iſt ſchön und männlich,« meinte Nicolaus.— »Mademoiſelle Squeers wohnt bei Ihnen?« „»Ja,« antwortete John,»ſie iſt ja Tildchens— lächer⸗ liche— Brautführerin. Selbſt eine Braut wird ſie aber wohl ſo bald nicht werden, denke ich.« „Eben weil ſie hier iſt, Herr Nickleby,« ſagte die junge Frau,»ſchrieb John an Sie, und beſtimmte heute Abend, weil wir glaubten, es würde Ihnen angenehm ſein, nach dem, was vorgefallen iſt, ſie wiederzuſehen—« „Allerdings, Sie hatten darin ganz Recht,« unter⸗ brach ſie Nicolaus. „Beſonders,« bemerkte Madame Browdie, und ſie ſah dabei ſehr ſchelmiſch aus,»nach dem, was wir von früheren Liebſchaften wiſſen.« „Liebſchaften? Nun ja,« ſagte Nicolaus kopfſchüttelnd. „Sie ſcheinen gern ein wenig ſchadenfroh zu necken.« „Das thut ſie,« ſagte John Browdie, indem er ſeinen dicken Zeigefinger durch eine zierliche Locke ſeiner Frau ſteckte und ſehr ſtolz auf ſie zu ſein ſchien;»ſie war immer ſchadenfroh und neckiſch wie—« „Nun, wie was?« fragte die junge Frau. ——Ny— — Nicolaus Nickleby. 135 »Wie ein Frauenzimmer,“« antwortete John. »Wir ſprachen von Mademoiſelle Squeers,« ſagte Nicolaus,»um den flitterwochentlichen vertraulichen Zärt⸗ lichkeiten ein Ende zu machen, die zwiſchen Herrn und Madame Browdie begannen, und die Lage einer dritten Perſon ziemlich unangenehm und läſtig machten. „Ach ja,« entgegnete Madame Browdie,»John that es, John beſtimmte heute Abend, weil ſie da zu ihrem Vater gehen und den Thee dort trinken wollte. Damit wir nun ganz ſicher allein unter uns wären, verſprach er, dahin zu kommen und ſie nach Hauſe zu holen.« »Das iſt ſehr gut eingerichtet,« ſagte Nicolaus,»ob es mir gleich Leid thut, daß ich Ihnen ſo viele Mühe verurſache.« „Nicht im Geringſten,« entgegnete Madame Browdie, »denn wir ſehnten uns— John und ich— Sie zu ſe⸗ hen, und wir freueten uns auf das Vergnügen. Wiſſen Sie, Herr Nickleby,« ſagte Madame Browdie mit ihrem ſchalkhafteſten Lächeln, vdaß Fanny Squeers wirklich in Sie verliebt war?« »Ich bin ihr ſehr verbunden,« ſagte Nicolaus, vaber auf mein Wort! es kam mir nie in den Sinn, einen Eindruck auf ihr jungfräuliches Herz zu machen.« »Was Sie da ſagen,« kicherte Madame Browdie. »Wiſſen Sie jetzt im Ernſte und ohne allen Scherz,— daß mir Fanny ſelbſt zu verſtehen gab, Sie hätten ihr Liebesanträge gemacht und Sie würden Beide nächſtens förmlich verlobt werden?« „»Gab man Ihnen zu verſtehen, Madame— wirk⸗ lich—« rief eine gellende weibliche Stimme,„gab man Ihnen zu verſtehen, daß ich mit einem Mörder und Diebe verlobt werden würde, der das Blut meines Va⸗ ters vergoß? Glauben— Glauben Sie, Madame, daß 136 Niecolaus Nickleby. ich Wohlgefallen an ſolchem Schmutze unter meinen Füßen fand, den ich nicht mit einer langen Zange be⸗ rühren konnte, ohne mich zu beſudeln? Glauben Sie, Madame, Glauben Sie? O Du gemeine Creatur!« Mit dieſen Vorwürfen riß Mademoiſelle Squeers die Thüre weit auf, und zeigte den erſtaunten Browdie's und Nicolaus nicht nur ihre eigene, wohlproportionirte Geſtalt in dem züchtigen weißen, ſchon vorher beſchriebe⸗ nen, nur etwas ſchmutziger gewordenen Kleide, ſondern auch die Geſtalt ihres Bruders und Vaters. 4 „Iſt dies der Lohn, der Lohn,« fuhr Mademoiſelle Saueers fort, die in ihrer Heftigkeit die Worte häufig wiederholte,»iſt dies der Lohn für meine Nachſicht und Freundſchaft für dieſes achſelträgeriſche Geſchöpf,— dieſe Schlange, dieſe— dieſe Seejungfer.“(Madewoiſelle Squeers zögerte lange, ehe ſie das letzte Wort ausſprach und ſchleuderte es endlich ſo triumphirend heraus, als wäre damit jede Entgegnung abgeſchnitten.)»Iſt dies der Dank dafür— he?— daß ich ihre Falſchheit, ihre Gemeinheit, ihre Angeln nach der Gunſt gemeiner Men⸗ ſchen ertrug? Freilich, ſie betrug ſich ſchon längſt auf eine Art, daß ich hätte ſchamroth werden ſollen im Namen meines—« „Geſchlechts,« half Squeers ein, der die Anweſenden mit einem, wirklich mit einem grimmigen Auge anſah. „Ja,« ſagte Mademoiſelle Squeers,»aber ich danke Gott, daß meine Mutter ebenfalls—« „Hört! Hört!« rief Squeers; vich wünſche, ſie wäre hier, um dieſer Geſellſchaft die Wahrheit zu ſagen.« »Iſt dies der Dank dafür— he?«— fuhr Mademoi⸗ ſelle Squeers fort, welche den Kopf gewaltig ſchüttelte und verächtlich zu Boden ſah,»daß ich nur Notiz von dieſer gemeinen Creatur nahm und ſie begünſtigte 2 Nicolaus Nickleby. 137 »Komm,« fiel Madame Browdie trotz allen Bemü⸗ hungen ihres Mannes, ſie zurückzuhalten, ein, während ſie vortrat,»rede kein ſo albernes Zeug.⸗ »Habe ich Sie nicht begünſtigt, Madame?« fragte Mademoiſelle Squeers. »Nein,« entgegnete Madame Browdie. »Freilich, ich darf hier kein Erröthen ſuchen,« ſagte Mademoiſelle Squeers ſtolz,»denn dies Geſicht kennt nur Gemeinheit und freche Keckheit.« »Nun ſage ich,« fuhr John Browdie dazwiſchen, den dieſe gehäuften Schmähungen ſeiner Frau allmälig in den Harniſch brachte,»ſachte! ſachte!« »Sie, Herr Browdie,« entgegnete Mademoiſelle Squeers raſch,»Sie bedaure ich, Sie kann ich ich nur bemitleiden.« »O ho!« meinte John. »Nein,« fuhr Mademoiſelle Squeers fort, indem ſie ihren Vater von der Seite anſah,»wenn ich auch eine lächerliche Brautführerin bin und ſobald nicht Braut werden ſoll, ſo fühle ich für Sie doch weiter nichts als Mitleiden.“« Hier ſchielte Mademoiſelle Squeers wieder nach ih⸗ rem Vater, der wiederum ſie anſchielte, als wollte er ſagen:»das war Recht!« »Ich weiß,« ſagte Mademoiſelle Squeers, indem ſie heftig ihre Locken ſchüttelte,»was Sie haben ausſtehen müſſen, ich weiß, was Sie zu erwarten haben, und wenn Sie mein ſchlimmſter Todfeind wären, ich könnte Ihnen nichts Aergeres wünſchen.« »Könnteſt Du in dieſem Falle nicht wünſchen, er hätte Dich ſelbſt zur Frau?« fragte Madame Browdie ſehr ruhig und ſanft. »Ach, Madame, wie witzig Sie ſind!« entgegnete 138 Nieolaus Nickleby. Mademoiſelle Squeers mit einer tiefen Verbeugung, „beinahe ſo witzig, Madame, wie Sie geſchickt und klug ſind. Wie klug war es von Ihnen, Madame, eine Zeit zu wählen, in der ich bei meinem Vater zum Thee war und Sie ſicher ſein zu können glaubten, ich würde nicht eher kommen bis man mich hole! Nur Schade, daß Sie nicht daran dachten, andere Leute könnten auch ſo klug ſein und Ihre Pläne vereiteln!« „Kind,« ſagte Madame Browdie, welche die Erfahre⸗ nere und Vernünftigere ſpielte,»Du ärgerſt mich auf dieſe Art nicht.« „Madame, ich bin kein Kind,« entgegnete Mademvi⸗ di Squeers ſpitzig.»Das dulde ich nicht. Iſt das der 0—.α „Bahl« rief John Browdie ungeduldig.»Sag' ge⸗ rade heraus, was Du zu ſagen haſt, Fanny; ſag', es iſt dinj Lehn und frag' die Leute nicht erſt, ob es iſt oder nicht iſt.« „Ich danke Ihnen für Ihren guten Rath, Herr Browdie, um den ich Sie aber nicht erſucht hatte,« ent⸗ egnete Mademoiſelle Squeers mit erzwungener Artig⸗ leit;»haben Sie die Gefälligkeit und nehmen Sie mei⸗ nen Taufnamen nicht in den Mund. Trotz meinem Mitleiden werde ich doch nie vergeſſen, was mir gebührt, Herr Browdie.— Madame,“ ſagte Mademoiſelle Squeers mit plötzlich ſo ſehr geſteigerter Heftigkeit, daß John aufſprang; vich ſage mich auf immer von Ihnen los, ich kenne Sie nicht mehr, ich verlaſſe Sie. Ich möchte kein Kind,« ſetzte Mademoiſelle Squeers höchſt feierlich hinzu,»ich möchte kein Kind Mathilde nennen und könnte ich es dadurch von dem Tode retten.« „»Nun, was das betrifft,« warf John ein,»ſo wird es Zeit genug ſein, über den Namen des Kindes nach⸗ zudenken, wenn es kommt.« „»John!« ſagte die junge Frau,»mach' ſie nicht böſe?2 „»Ohl Böſe machen! Ja,«rief Mademoiſelle Squeers außer ſich.»Böſe machen! Er! Erl Nun ja, böſe ma⸗ chen! Nein, mach' ſie nicht böſe. Schone ihr Gefühl!« »Da es nun einmal nicht anders iſt, als daß der Horcher an der Wand ſeine eigene Schande hört,« ſagte Madame Browdie,»ſo kann ich es nicht ändern, ſo lei A 2 — 8 8USSSA Nicolaus Nickleby. 139 es mir auch thut. Aber, Fanny, ich habe unzählige Male hinter Deinem Rücken ſo freundlich von Dir geſprochen, daß ſelbſt Du nichts gegen meine Worte würdeſt einzu⸗ wenden gehabt haben.«— „Ah, ganz gewiß nicht, Madame,« ſagte Mademoi⸗ ſelle Squeers, indem ſie wieder einen Knix machte. »Nehmen Sie meinen beſten Dank für Ihre Güte und erhören Sie meine Bitte, daß Sie ein andermal nicht hart mit mir verfahren.« 4 »Ich weiß übrigens gar nicht,« begann Madame Browdie wieder,»daß ich etwas ſo Schlimmes von Dir geſagt hätte, ſelbſt jetzt; in jedem Falle war alles, was ich ſagte, die reine Wahrheit. Habe ich etwas Schlim⸗ mes geſagt, ſo thut es mir Leid und ich bitte um Ver⸗ zeihung. Du haſt zwanzigmal weit Schlimmeres von mir geſagt, Fanny, und ich bin doch nie deshalb über Dich böſe geworden. Ich hoffe alſo, Du wirſt es mir nicht übel nehmen.« Mademoiſelle Squeers gab keine beſtimmte Antwort, ſondern hetrachtete ihre frühere Freundin von oben bis unten und zog ihre Naſe mit unbeſchreiblicher Verach⸗ tung empor. Doch entſchlüpften ihr einige nicht ganz deutliche Anſpielungen auf eine»Katze« und der Aus⸗ druck»verächtliches Geſchöpf.« Dies, nebſt dem heftigen Zuſammenbeißen der Lippen, einer großen Beſchwerde im Schlucken und ſchnellem Athmen, ſchien zu verrathen, daß in dem Buſen der Mademoiſelle Squeers Gefühle ſich regten, die zu mächtig waren, als daß ſie mit Wor⸗ ten ausgeſprochen werden könnten. Während der erwähnte Wortwechſel geführt wurde, hatte ſich der junge Wackford, da er unbemerkt zu ſein glaubte und ſeine vorherrſchende Neigung ſehr ſtark und unabweislich wurde, allmälig an den Tiſch geſchli⸗ chen und mit kleinen Scharmützeln die daſtehenden Eß⸗ barkeiten angegriffen, indem er mit den Fingern über die Teller ſtrich, dann ſie mit unendlichem Wohlbehagen ableckte,— das Brot abknipp, die Stückchen an der Butter rieb— Stückchen Zucker einſteckte, und während er dies that, ſich ſtellte, als ſei er in tiefen Gedanken verſunken. Als er ſah, daß man ihn bei dieſen kleinen Freiheiten, die er ſich herausnahm, nicht ſtörte, wurde er Nicolaus Nickleby. V. 10 140 Nicolaus Nickleby. allmälig kecker, griff ſtärker zu, hielt eine recht anſtändige Mahlzeit und hatte ſich eben tief in eine Paſtete hinein⸗ gearbeitet. Nichts davon war dem Herrn Squeers entgangen, der, ſo lange die Aufmerkſamkeit der Geſellſchaft auf an⸗ dere Gegenſtände gerichtet war, ſich mit dem Gedanken tröſtete, ſein Sohn und Erbe könne ſich wohl auf Koſten des Gegners dick und ſatt eſſen; als aber eine augen⸗ blickliche Ruhe einzutreten ſchien, während welcher die Operation des kleinen Wackford unmöglich dem Bemerkt⸗ werden entgehen konnte, that er, als bemerke er den Umſtand zum Erſtenmale und gab dem jungen Herrn eine Maulſchelle, daß die Theetaſſen klirrten. „Eſſen!« rief Herr Squeers,»von dem eſſen, was Deines Vaters Feinde übrig gelaſſen haben! Damit kannſt Du Dich vergiften, Du unnatürlicher Bube!« »Es wird ihm nichts ſchaden,« ſagte John, den offen⸗ bar die Ausſicht das Herz erleichterte, mit einem Manne zanken zu können;»er mag immer eſſen. Ich wollte, die ganze Schule wär' da; ich würde den armen Jungen etwas zur Stärkung ihrer unglücklichen Magen geben, und ſollte es mich den letzten Pfennig koſten.« Squeers ſah ihn mit dem boshafteſten Ausdrucke an, deſſen ſein Geſicht fähig war,— und das Geſicht ver⸗ mochte viel in dieſer Art— und ballte hinter dem Rücken die Fauſt, doch ſo, daß man es wohl ſehen konnte. „Schulmeiſter! Schulmeiſter!« ſagte John,„mach' Dich nicht ſelbſt zum Narren. Wenn ich meine Fauſt nur einmal bewege, nur einmal, ſo fällſt du von dem bloßen Winde um, den ſie macht.« „»Sie waren's, nicht wahr,⸗ ſagte Squeers,„der unſdenn entlaufenen Jungen forthalf? Sie waren's, nicht wahr?“ „»Ich!« antwortete John laut.»Ja, ich war's, und was nun?« „»Du hörſt es, Kind, er ſagt es ſelbſt,« ſagte Squeers Wnſeiner Tochter.»Du hör es, er war es, er ſagt es ſelbſt.« »„Ich war's!« rief John.»Ich will Dir noch mehr ſagen, höre auch das noch. Wenn Du wieder einen entlaufenen Jungen einfängſt, ſo werde ich ihm noch — 6* Nicolaus Nickleby. 141 einmal forthelfen. Wenn Du zwanzig entlaufene Jun⸗ gen einfängſt, werde ich allen zwanzig forthelfen und noch zwanzigmal. Ich will Dir noch mehr ſagen,« fuhr John fort,»da mein Blut einmal warm geworden iſt; Du biſt ein alter Schuft. Und es iſt ein Glück für Dich, daß Du alt biſt, ſonſt hätte ich Dich zu Brei geſchlagen, als Du einem ehrlichen Mas ne erzählteſt, wie Du den ar⸗ men Jungen in dem Wagen gemißhandelt haſt.« »Einem ehrlichen Manne!« rief Squeers höhniſch. »Ja, einem ehrlichen Manne!« entgegnete John, „der ehrlich iſt, trotz dem, daß er die Beine unter einen Tiſch mit Dir geſteckt hat.« „Injurien,« rief Squeers jubelnd.»Zwei Zeugen dafür. Wackford weiß, was ein Eid iſt, er weiß es— wir wollen Sie—! Schuft, he?« Herr Squeers nahm ſein Notizbuch aus der Taſche und ſchrieb es auf.— »Sehr gut. Ich glaube, das koſtet bei den nächſten Aüſihn allein zwanzig Pfund,— ohne die Ehrlichkeit, err!« » Siſen!« rief John;»Du thäteſt beſſer, wenn Du die Siſen gar nicht erwähnteſt. Mann, manche Schulen in Yorkſhire ſind ſchon vor die Siſen gekommen und es dürfte Dir wohl nicht eben angenehm ſein, wenn man die Sache wieder aufrührte, das kann ich Dir ſagen.« Herr Squeers ſchüttelte drohend den Kopf und wurde vor Wuth ganz blaß. Dann nahm er den Arm ſeiner Tochter, zog den kleinen Wackford an der Hand nach und ging nach der Thüre zu. „»Und Sie,« ſagte Squeers, indem er ſich noch ein⸗ mal umdrehete und Nicolaus anredete, der ſich abſichtlich enthielt, Antheil an dem Wortwechſel zu nehmen, da er den Schulmeiſter bei einer früheren Gelegenheit derbe genug gezüchtiget hatte,„»Sie mögen ſich vorſehen, daß ich nicht bald über Sie komme. Wollen Sie wieder Kinder ſtehlen und entführen, he? Nehmen Sie ſich in Acht, daß nicht die Väter derſelben aufſtehen— merken Sie das!— Nehmen Sie ſich in Acht, daß nicht die Väter derſelben aufſtehen und ſie mir, Ihnen zum Trotze, zurückſchicken, mit der Ermächtigung, mit ihnen vorzuneh⸗ men was mir beliebt.« 10*¾ 142 Nicolaus Nickleby. „Davor fürchte ich mich nicht,« antwortete Nicolaus achſelzuckend und drehete ſich um. »Sie fürchten ſich nicht?« entgegnete Squeers mit einem teufliſchen Blicke.»Kommt, Kinder!« »Ich verlaſſe ſolche Geſellſchaft mit neinem Vater für immer,« ſagte Mademoiſelle Squeers, indem ſie ſich verächtlich und hochmüthig umſah.»Ich verpeſte mich, wenn ich dieſelbe Luft wie ſolche Menſchen athme. Armer Herr Browdie! Hil hil hi! Ihn bedaure ich, ihn be⸗ daure ich;— er iſt ſo gräßlich betrogen. Hil hil hi! Sie— heimtückiſches, intrigantes Weib!« In dieſem Rückfalle in den majeſtätiſchſten und ſchreck⸗ lichſten Zorn eilte Mademoiſelle Squeers aus dem Zim⸗ mer hinaus. Nachdem ſie aber ihre Würde ſo bis zu dem letzten Augenblicke aufrecht gehalten hatte, hörte man ſie auf dem Gange weinen und ſchluchzen und jammern. John Browdie blieb hinter dem Tiſche ſtehen und ſah bald ſeine Frau bald Nicolaus, dann Nicolaus und ſeine Frau mit offenem Munde an, bis ſeine Hand zu⸗ fällig auf den Bierkrug fiel. Dieſen ergriff er, hob ihn empor, verdunkelte auf einige Zeit damit ſein Geſicht, Polis Jiaſ Athem, reichte ihn Nicolaus hin und zog die ingel. »Heda, Aufwärter!« rief John.»Komm mal hier⸗ her. Schaff' dieſe Geſchichten fort und bring' uns was Gebratenes zum Abendeſſen, was Gutes und viel— um zehn Uhr. Bring' auch Branntwein und Waſſer— und ein Paar Pantoffeln,— die größten im Hauſe,— und geſchwind. Soll mich der und jener— le ſagte John, indem er ſich die Hände rieb,»nun brauch' ich heute Abend nicht auszugehen, um Jemanden zu holen, und ich will mir hier in aller Bequemlichkeit und Ruhe mal eine Güte thun.« —— „—„—, X& SSZAAASSͤSA Xaeen S2 1 11