A. — 8 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und nfranzö öſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Ruabe eines geliehenen Buches wird von A jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ Jden angenommin. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe vefetnen, entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und heträgt: 1* für iuchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: Bücher: ee ————— auf 4 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pi. 2. Sf— 5. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und eascega, der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ve lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt — der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 1 ſ2 ſiit 1 Capt. Marryat's, Capt. Chamier's, Dr Harriſſon's(Samuel Warren's), Wilſon's, James Morier's, Boys u. A. Geſammelte Werke. Eine Sammlung der neueſten und ausgezeichnetſten Romane der engliſchen Literatur. Zweiundsiebenzigster Band. Leben und Abenteuer des Nicolaus Nickleby von Boz(Charles Dickens). Vierter Theil. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1839. * Bo z's (Charles Dickens) Geſammelte Werke. B Dreizehnter Theil. * Leben und Abenteuer des Nicolaus RNickleby. Vierter Theil. Mit einer Federzeichnung nach Phiz. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn, — und George Weſtermann. 1839. 2* Erſtes Kapitel. Madame Nickleby wird mit den Herren Pyke und Pluck be⸗ kannt, deren Liebe und Theilnahme grenzenlos ſind. Madame Nickleby hatte ſich lange nicht ſo ſtolz und wichtig gefühlt, als da ſie nach Hauſe kam und ſich ganz den freundlichen Träumen und Gedanken überließ, welche ſie auf ihrem Wege dahin begleitet hatten. Lady Mul⸗ berry Hawk, das war die vorherrſchende Idee. Lady Mulberry Hawk!—»Am vergangenen Dienſtag wurde in der Kirche zu St. Georgen von dem hochwürdigen Biſchof von Clandaff Sir⸗Mulberry Hawk von Mul⸗ berry Schloß in Nord⸗Wales mit Katharina, der einzi⸗ gen Tochter weiland Herrn Nicolaus Nickleby aus De⸗ vonſhire, ehelich verbunden.«“—»Wahrhaftig,« rief Madame Nickleby aus,»es klingt ganz gut.« Nachdem ſie mit der Trauung und allen dazu gehö⸗ rigen Feſtlichkeiten zu ihrer vollkommenen Zufriedenheit fertig war, malte ſich die ſanguiniſche Mutter in ihrer Phantaſie eine lange Reihe von Ehrenbezeigungen und Auszeichnungen vor, die Käthchen ſicherlich auf ihrer neuen und glänzenden Laufbahn erwarteten. An ihrem Geburtstage, den 19ten Juli(vzehn Minuten nach drei Uhr früh,« dachte Madame Nickleby in Parentheſe,»denn ich erinnere mich, daß ich fragte, welche Zeit es ſein) würde Sir Mulberry jedenfalls allen ſeinen Pächtern Nicolaus Nickleby. IV. 1 2 Nicolaus Nickleby. ein großes Feſtmahl geben und denſelben drei und ein halb Procent von der letzten halbjährigen Pacht erlaſſen, und dies würde dann gewiß ausführlich in den Zeitun⸗ gen zum grenzenloſen Jubel und zur Bewunderung aller Leſer erzählt und beſchrieben. Käthchens Portrait kam auch gewiß wenigſtens in ein Dutzend Taſchenbücher, und irgend ein vornehmer Herr ließ ein Gedicht»bei dem Anſchauen des Bildniſſes der Lady Mulberry Hawk⸗ dazu drucken. In einem andern Taſchenbuche konnte wohl auch einmal das Portrait der»Mutter der Lady Mulberry Hawk« mitgetheilt werden. O, es ſind noch unwahrſcheinlichere Dinge geſchehen. Als dieſer Gedanke der guten Frau einfiel, nahm ihr Geſicht unwillkürlich jenen ſchläfrigen Ausdruck an, der allen ſolchen Portraits eigen und vielleicht eine Urſache davon iſt, daß ſie im⸗ mer ſo reizend und angenehm ſind. Mit ſolchen brillanten Luftſchlöſſern beſchäftigte ſich Madame Nickleby den ganzen Abend nach ihrem zufäl⸗ ligen Bekanntwerden mit Ralphs vornehmen Freunden, und nicht minder prophetiſche, gleich glänzende Träume verſchönerten in der Nacht ihren Schlaf. Sie bereitete am nächſten Tage ihr beſcheidenes Mittagsmahl zu, noch immer in Gedanken mit denſelben Gegenſtänden beſchäftigt, wenn auch nicht mehr ſo ganz begeiſtert, als das Mädchen, die theils als Geſellſchafterin, theils als Gehülfin in der Wirthſchaft bei ihr war, in ungewöhn⸗ licher Aufregung in das Zimmer ſtürzte und meldete, es warteten unten in der Hausflur zwei Herren auf die Er⸗ laubniß, heraufkommen zu dürfen. »Ach, du grundgütiger Himmel!“« rief Madame Ni⸗ ckleby, indem ſie ſchnell ihr Häubchen und ihre Schürze in Ordnung brachte,—»wenn ſie es wären! Lieber Gott, und ſie müſſen ſo lange unten ſtehen! Warum NRicolaus Nickleby. 3 gehſt Du denn nicht, Du albernes Ding, und erſuchſt ſie, heraufzukommen?« 4 Während das Mädchen ging, ſchaffte Madame Nickleby ſchnell alle Spuren von Eſſen und Trinken in einen Schrank; kaum war ſie damit fertig und hatte ſo gefaßt als möglich ſich niedergeſetzt, als zwei ganz fremde Her⸗ ren erſchienen. »Wie geht es Ihnen?« fragte der Eine, indem er das zweite Wort der Frage ſtark betonte. „»Wie geht es Ihnen?« fragte der Zweite, der das erſte Wort betonte, um die Begrüßung verſchieden zu machen. Madame Nickleby knixte und lächelte und knixte wie⸗ der und bemerkte, während ſie ſich die Hände rieb,»ſie habe— wirklich, ſie habe die Ehre nicht—« »Uns zu kennen,« vervollſtändigte der eine Herr. „»Der Schaden iſt ganz auf unſerer Seite, Madame Ni⸗ ckleby. Nicht wahr, der Schaden iſt auf unſerer Seite geweſen, Pyke?« »Allerdings, auf unſerer Seite,« antwortete der an⸗ dere Herr. »Wir haben es ſehr oft bedauert, nicht wahr, Pyke?« ſagte der erſte Herr. »Sehr oft, Pluck,« antwortete der zweite. »Jetzt aber,« fuhr der erſte fort,»jetzt haben wir das Glück, nach dem wir uns ſo lange geſehnt, nach dem wir ſo lange geſchmachtet. Haben wir nicht nach dieſem Glück geſchmachtet und uns geſehnt, Pyke?« „Das haben wir, Pluck,« ſagte Pyke. „»Sie hören, was er ſagt, Madame,“ fuhr Pluck fort, indem er ſich umſah,»Sie hören das offenherzige Zeug⸗ niß meines Freundes Pyke,— doch das erinnert mich, — Formalitäten, Formalitäten dürfen in guter Geſell⸗ 1* 4 Nieolaus Nickleby. ſchaft nicht vernachläſſigt werden. Herr Pyke,— Ma⸗ dame Nickleby.« Herr Pyke legte die Hand auf das Herz und machte eine tiefe Verbeugung. »Ob ich mich ſelbſt mit derſelben Förmlichkeit ein⸗ führen ſoll,« ſagte Herr Pluck wieder,»ob ich bloß ſa⸗ gen ſoll, mein Name iſt Pluck, oder ob ich meinen Freund Pyke erſuche(der nun nach der Regel eingeführt iſt und dies wohl thun könnte), für mich zu ſagen, daß ich Pluck heiße; ob ich um Ihre Freundſchaft bloß wegen des gro⸗ ßen Antheils bitte, den ich an Ihrem Wohle nehme, oder ob ich mich Ihnen als den Freund Sir Mulberry Hawks vorſtelle, ſind Fragen, Madame Nickleby, deren Beantwortung ich Ihnen überlaſſe.« „Ein Freund Sir Mulberry Hawks bedarf bei mir keiner beſſern Empfehlung,« bemerkte Madame Nickleby freundlich. „Es iſt eine Freude, Sie ſo ſprechen zu hören,« ſagte Pluck, indem er einen Stuhl nahe an Madame Nickleby zog und darauf Platz nahm; ves iſt erquickend, zu wiſ⸗ ſen, daß Sie meinen vortrefflichen Freund, Sir Mul⸗ berry, ſo hoch achten. Ein Wort im Vertrauen, Ma⸗ dame Nickleby. Wenn es Sir Mulberry erfährt, iſt er ein glücklicher Mann, ja, Madame Nickleby, ein glückli⸗ cher Mann. Pyke, ſetzen Sie ſich.« „»Meine gute Meinung,“ ſagte Madame Nickleby, und die gute Frau glaubte etwas außerordentlich Feines zu ſagen,»meine gute Meinung kann einem Herrn wie Sir Mulberry von ſehr geringem Werthe ſein.⸗ »Von geringem Werthe!« rief Pluck.»Pyke, wel⸗ chen Werth hat die gute Meinung der Madame Nickleby für unſern Freund, Sir Mulberry?« »Welchen Werth?« wiederholte Pyke. Nicolaus Nickleby. 5 »Ja,“« ſagte Pluck,»hat ſie nicht den größten Werth für ihn?« „Den allergrößten Werth,« erwiederte Pyke. „»Es kann der Madame Nickleby nicht entgangen ſein,« ſagte Herr Pluck,»welchen ungeheuren Eindruck das liebe Mädchen—« „Pluck!« rief ſein Freund,»bedenken Sie!« „»Pyke hat recht,« murmelte Pluck nach einer kurzen Pauſe, vich ſollte nichts davon ſagen. Pyke hat voll⸗ kommen recht. Ich danke Ihnen, Pyke.« »Wahrhaftig,« dachte Madame Nickleby bei ſich, vein ſolches Zartgefühl habe ich noch nie gefunden!« Pluck, der einige Minuten lang in großer Verlegen⸗ heit zu ſein ſchien, begann endlich wieder mit der Bitte, Madame Nickleby möge nicht beachten, was er gedan⸗ kenlos geſagt habe und ihn für einen unvorſichtigen, übereilten Menſchen halten; doch möge ſie ihm glauben, daß er die beſten Abſichten dabei gehabt habe. »Wenn ich aber,« ſagte Pluck,»ſo viel Liebenswür⸗ digkeit und Schönheit auf der einen und ſo große Nei⸗ gung und Hingebung auf der andern Seite ſehe, ſo— verzeihen Sie, Pyke, ich wollte nicht wieder auf das Thema kommen. Sprechen Sie von etwas Anderm, Pyke.« 1 »Wir verſprachen Sir Mulberry und dem Lord Fre⸗ derick,« ſagte Pyke,»dieſen Vormittag zu Ihnen zu ge⸗ hen und uns zu erkundigen, ob Sie ſich am vorigen Abend den Schnupfen geholt.« »Vorigen Abend nicht den geringſten,« antwortete Madame Nickleby,»ich danke dem Lord und Sir Mul⸗ berry für die Ehre, welche ſie mir erweiſen„ſich da⸗ nach zu erkundigen; nicht den geringſten,— und das iſt um ſo merkwürdiger, da ich den Schnupfen ſehr leicht Nicolaus Nickleby. bekomme, wirklich— ſehr leicht. Ich hatte einmal einen Schnupfen,« fuhr Madame Nickleby fort,»ich denke, es war im Jahre achtzehnhundertſiebzehn; warten Sie, vier und fünf iſt neun, und— ja, achtzehnhundertſiebzehn, ei⸗ nen Schnupfen, den ich nicht wieder loszuwerden glaubte; ich glaubte wirklich und wahrhaftig, ich würde ihn nicht wieder loswerden. Endlich half mir noch ein Mittel, von dem Sie vielleicht noch nichts gehört haben, Herr Pluck. Sie nehmen eine Kanne Waſſer, ſo heiß, als Sie es nur aushalten können, thun ein Pfund Salz und für ſechs Pfennig der beſten Kleie hinein, und ſtellen je⸗ den Abend vor dem Bettegehen zwanzig Minuten lang den Kopf hinein,— nicht doch den Kopf, ich meine die Füße. Es iſt ein ganz außerordentliches Mittel, ein ganz außerordentliches Mittel, ſage ich Ihnen. Ich brauchte es,— ich erinnere mich ganz deutlich,— das Erſtemal am zweiten Weihnachtsfeiertage und in der Mitte des nächſten Aprils war der Schnupfen weg. Es ſieht aus wie ein Wunder, wenn man es recht überlegt, denn ich hatte ihn vom September an gehabt.« »Welches große, betrübende Leiden!« ſagte Herr Pyke. »Wirklich gräßlich!« rief Herr Pluck. »Aber es iſt ein Troſt, zu erfahren, daß Madame Nickleby ſich davon erholte, nicht wahr, Pluck?« fuhr Pyke fort. „Das iſt es eben, was die Sache ſo höchſt intereſ⸗ ſant macht,« antwortete Pluck. „Aber kommen Sie,« ſagte Pyke, als wenn er ſich plötzlich beſinne,»wir dürfen bei dem Reize dieſer Un⸗ terhaltung unſern Auftrag nicht vergeſſen. Wir kommen mit einem Auftrage, Madame Nickleby.« „»Mit einem Auftrage!“« rief die gute Frau, deren Nicolaus Nickleby. 7 Geiſt ſich augenblicklich mit lebhaften Farben eine förm⸗ liche Bewerbung um Käthchens Hand darſtellte. »Von Sir Mulberry,« erwiederte Pyke.»Sie müſ⸗ ſen viel Langeweile hier haben.« »Die Zeit wird mir allerdings bisweilen etwas lang, das muß ich geſtehen,“ ſagte Madame Nickleby. »Wir bringen eine Empfehlung von Sir Mulberry Hawk und die inſtändige Bitte, einen Platz in einer Loge im Theater heute Abend anzunehmen,“« ſagte Herr Pluck. „»Du lieber Gott!« entgegnete Madame Nickleby,»ich gehe nicht aus, niemals.« »Das eben iſt der Grund, meine liebe Madame Ni⸗ cklebyp, daß Sie heute Abend ausgehen ſollen,« erwie⸗ derte Pluck.»Pyke, bitten Sie doch Madame Nickleby.« „Ach, bitte, thun Sie es doch,« ſagte Pyke. »Sie müſſen,« meinte Pluck. »Sie ſind ſehr gütig,« antwortete Madame Nickleby zögernd, vaber—«. »Es iſt gar kein Aber bei der Sache, meine liebe Madame Nickleby,« entgegnete Herr Pluck,„wir haben kein ſolches Wort in unſerm Wörterbuche. Ihr Schwa⸗ ger wird ſich auch einfinden, Lord Frederick kommt, Sir Mulberry kommt, Pyke kommt,— Sie können durchaus keine abſchlägliche Antwort geben. Sir Mulberry ſchickt Ihnen einen Wagen,— Punkt zwanzig Minuten vor ſieben Uhr;— Sie werden nicht ſo grauſam ſein, der ganzen Geſellſchaft die Freude zu verderben, Madame Nickleby.« »Sie dringen ſo ſehr in mich, daß ich wirklich kaum weiß, was ich ſagen ſoll,« antwortete die würdige Frau. »Sagen Sie nichts, kein Wort, nicht ein Wort, theuerſte Madame,« drängte Pluck.»Madame Nickleby,«⸗ Nicolaus Nickleby. fuhr dieſer treffliche Mann leiſer fort;»ich mißbrauche das Vertrauen durch das, was ich Ihnen offenbaren will, aber es iſt wohl zu entſchuldigen,— und doch, wenn es mein Freund Pyke da hörte,— der Mann hat ein ſo zartes Ehrgefühl, daß er mich noch vor Tiſche herausfordern würde, Madame Nickleby.« Madame Nickleby warf einen furchtſamen Blick auf dieſen kampfluſtigen Herrn Pyke, der an das Fenſter ge⸗ treten war, und Herr Pluck, der ihre Hand drückte, fuhr fort: »Ihre Tochter hat eine Eroberung gemacht,— eine Eroberung, wegen welcher ich Ihnen wohl gratuliren darf. Sir Mulberry, meine liebe Madame, Sir Mul⸗ berry iſt ihr ganz ergebenſter Diener. Hm!« »Ha!« rief in dieſem Augenblicke Pyke, indem er mit theatraliſchen Geberden etwas von dem Kaminſimſe nahm.»Was iſt das? Was erblicken meine Augen?« „»Was erblicken Ihre Augen, lieber Freund?« fragte Herr Pluck. „Es ſind die Züge, es iſt das Geſicht, der Ausdruck,« rief Pyke, indem er mit einem Miniaturportrait in der Hand auf einen Stuhl ſank,»unvollkommen aufgefaßt, ſchwach wiedergegeben, aber doch die Züge, das Ge⸗ ſicht, der Ausdruck.⸗ »Ich erkenne es von weitem!« ſagte Pluck ganz en⸗ thuſiasmirt.»Iſt es nicht, meine werthe Madame, das ſchwache Ebenbild—« „Es iſt das Portrait meiner Tochter,« ſagte Madame Nickleby mit großem Stolze. Und ſo war es. Das kleine Fräulein La Crevy hatte es erſt vor zwei Tagen gebracht. 3 Herr Pyke hatte kaum erfahren, daß ſeine Vermu⸗ thung begründet ſei, als er ſich in die unerhörteſten Lo⸗ Nicolaus Nicklebw 9 beserhebungen gegen das himmliſche Original ergoß; in der Gluth ſeiner Begeiſterung küßte er das Bild tau⸗ ſendmal, während Herr Pluck die Hand der Madame Nickleby an ſein Herz drückte und ihr zu dem Beſitze einer ſolchen Tochter ſo ernſt und ſo theilnehmend Glück wünſchte, daß ihm die Thränen in die Augen traten oder zu treten ſchienen. Die arme Madame Nickleby, die anfangs mit beneidenswerther Selbſtgefälligkeit zuge⸗ hört hatte, wurde endlich von dieſen Beweiſen der Ach⸗ tung ihrer Familie und der Theilnahme an derſelben gänzlich überwältiget, und ſelbſt das Dienſtmädchen, das durch die Thür hereinſchielte, blieb vor Verwunderung über das Entzücken der beiden freundſchaftlichen Herren wie angewurzelt ſtehen. Allmälig ließ jedoch der Enthuſiasmus etwas nach und Madame Nickleby fing an, ihre Gäſte mit einem Lamento über ihr zerrüttetes Vermögen und einer male⸗ riſchen Beſchreibung ihres Hauſes auf dem Lande zu unterhalten. Dieſe Beſchreibung erſtreckte ſich bis auf die Schilderung der verſchiedenen Zimmer und der klei⸗ nen Vorrathskammer; ſie gab genau an, wie viele Stu⸗ fen man hinunterzugehen hatte, wenn man in den Gar⸗ ten treten wollte, auf welche Seite man ſich wendete, wenn man aus dem Geſellſchaftszimmer kam und wie es in der Küche ausſah. Dieſe letztere Erinnerung brachte ſie ganz natürlich auf das Waſchhaus, wo ſie über das Brauereigeräthe ſtolperte, und unter dieſem wäre ſie vielleicht eine Stunde lang umhergewandert, hätte nicht die bloße Erwähnung dieſer Dinge durch eine na⸗ türliche Ideenaſſociation Herrn Pyke auf den Gedanken gebracht, daß er entſetzlich durſtig ſei. „»Und ich will Ihnen etwas ſagen,« bemerkte Herr Pyke,»wenn Sie in das Wirthshaus hinüberſchicken Nicolaus Nickleby. und einen Krug Bier holen laſſen wollten, ſo würde ich ihn wahrhaftig und ohne Umſtände austrinken.« Und wahrhaftig, Herr Pyke trank ihn ohne Umſtände aus, Herr Pluck war ihm jedoch behülflich, während Madame Nickleby mit getheilter Verwunderung die Her⸗ ablaſſung der beiden Herren betrachtete, aus einem ge⸗ wöhnlichen zinnernen Bierkruge zu trinken. Um dieſes ſcheinbare Wunder zu erklären, muß hier bemerkt wer⸗ den, daß Leute, die, wie die Herren Pyke und Pluck, von ihrer Klugheit leben(wenn auch nicht gerade von ihrer eignen Klugheit, ſo doch von dem Mangel der Klugheit bei Andern), bisweilen ſehr herunterkommen und zu ſol⸗ chen Zeiten ihren Appetit auf die einfachſte und natür⸗ lichſte Weiſe ſtillen lernen. »Alſo zwanzig Minuten vor ſieben Uhr,« ſagte Herr Pyke, indem er aufſtand,„wird die Kutſche hier ſein. Noch einen Blick— einen kleinen Blick— auf dieſes liebliche Geſicht! Ach, hier iſt es! Unverändert, un⸗ verwandelt!« Dies war, nebenbei geſagt, ein höchſt merkwürdiger Umſtand, da Miniaturportraits bekanntlich den Ausdruck ſehr häufig wechſeln.»Ach Pluck! Pluck!« Herr Pluck antwortete weiter nichts, als daß er die Hand der Madame Nickleby mit tiefem Gefühle küßte, und als Pyke dem Beiſpiele gefolgt war, entfernten ſich die beiden Herren ſchnell. Madame Nickleby ſchrieb ſich gewöhnlich einen ziem⸗ lich hohen Grad von Scharfſinn zu, aber ſo zufrieden mit ihrem Scharfblicke, als an dieſem Tage, war ſie noch nie geweſen. Sie hatte ja an dem Abende vorher gleich alles errathen. Zwar hatte ſie Sir Mulberry und Käthchen nie beiſammen geſeyen, ja den Namen Sir Mulberry's vorher nie gehört, aber doch gleich im Anfange zu ſich geſagt, daß ſie errathe, wie die Sachen — — Nicolaus Nickleby. 11 ſtänden. Und welcher Triumph war das, denn jetzt konnte doch kein vernünftiger Menſch mehr daran zwei⸗ feln. Waren dieſe ſchmeichelhaften Aufmerkſamkeiten noch kein hinreichender Beweis, ſo hatte ja Sir Mul⸗ berry's Freund das Geheimniß in mehreren Worten deut⸗ lich genug verrathen.»Ich bin ganz verliebt in dieſen lieben Herrn Pluck, ja wahrhaftig ganz verliebt,« ſagte Madame Nickleby. Aber bei allem dieſen großen Glücke ſehlte doch eine große Unannehmlichkeit nicht,— ſie hatte Niemanden, dem ſie daſſelbe mittheilen konnte. Ein oder ein Paar⸗ mal hatte ſie ſich faſt entſchloſſen, geraden Weges zu dem Fräulein La Creevy zu gehen und derſelben Alles zu erzählen.»Ich kann es aber doch nicht thun,« ſagte ſie dann wieder zu ſich ſelbſt;»ſie iſt zwar eine recht achtungswerthe Perſon, ſie ſteht aber doch wohl zu tief unter dem Range Sir Mulberry's, als daß wir noch weiter mit ihr umgehen könnten. Das arme Dingl⸗ In Berückſichtigung dieſes wichtigen Grundes verwarf ſie alſo den Gedanken, die kleine Portraitmalerin in ihr Geheimniß zu ziehen, und begnügte ſich, gegen die Magd von verſchiedenen Hoffnungen in unbeſtimmten Andeu⸗ tungen zu ſprechen, die von jener mit großer Verwun⸗ derung und Ehrfurcht angehört wurden. Pünktlich zur beſtimmten Zeit kam der verſprochene Wagen, nicht etwa eine Miethkutſche, ſondern Privat⸗ equipage mit einem Bedienten hinten, deſſen Beine, wenn ſie auch für ſeinen Körper etwas zu groß waren, als abſtrakte Beine als Muſter in der königlichen Aka⸗ demie hätten aufgeſtellt werden können. Es war eine wahre Freude, das Geräuſch und den Lärm zu hören, womit er den Kutſchenſchlag aufriß, zuwarf und hinten aufſprang, als Madame Nickleby in dem Wagen ſaß, 2 Nicolaus Nickleby. und da die gute Frau nichts davon bemerkte, daß er den goldenen Knopf ſeines langen Stockes an ſeine Naſe hielt und ſo höchſt deſpektirlich dem Kutſcher über ihrem Kopfe telegraphiſche Zeichen gab, ſaß ſie ſehr ſteif und würdevoll und nicht wenig ſtolz da. Vor dem Theater ordnete ſich das lärmende Aufrei⸗ ßen und Zuſchlagen des Kutſchenſchlags, und an dem Eingange ſtanden die Herren Pyke und Pluck, um ſie in die Loge zu begleiten. Sie waren ſo höchſt artig, daß Herr Pyke unter vielen Eiden einen ſehr alten Mann zu erwürgen drohete, der ihnen mit einer Laterne zufällig in den Weg kam, ſo daß Madame Nickleby ſehr erſchrak und ſchon fürchtete, der alte Mann werde um ihretwil⸗ len ſein Leben einbüßen müſſen. Zum Glücke begnügte ſich jedoch Herr Pyke diesmal bloß mit der Drohung, und ſie gelangten zur Loge ohne eine andere ernſtliche Störung unterwegs, als daß derſelbe kampfluſtige Herr die heftigſten Drohungen gegen den Logenſchließer aus⸗ ſtieß, der ſich zufällig in der Nummer verſah. Madame Nickleby hatte kaum hinter dem Vorhange der Loge in einem Armſtuhle Platz genommen, als Sir Mulberry und Lord Veriſopht, vom Wirbel bis zu den Fingerſpitzen ihrer Handſchuhe und von den Fingerſpißen ihrer Handſchuhe bis zu den Zehen ihrer Stiefeln höchſt elegant und koſtbar gekleidet, erſchienen. Sir Mulberry war ein wenig heiſerer als am vorigen Tage, und Lord Veriſopht ſah ſehr ſchläfrig aus, woraus, ſo wie aus dem Umſtande, daß Beide nicht recht feſt auf den Füßen ſtehen konnten, Madame Nickleby ſchloß, ſie möchten wohl eben erſt vom Mittagstiſche kommen. »Wir haben— wir haben— die Geſundheit Ihrer liebenswürdigen Tochter getrunken, Madame Nickleby,⸗ flüſterte Sir Mulberry, der hinter ihr Platz nahm. Niecolaus Nickleby. 13 »Ah ha!« dachte die kluge Frau, vim Weine liegt Wahrheit. Sie ſind ſehr gütig, Sir Mulberry.⸗ „»Nein, nein, auf Seele!« erwiederte Sir Mulberry Hawk.»Sie ſind gütig, Sie ſind gütig, auf Seele! Sie waren ſo gefällig, heute Abend zu kommen.« »Sie waren ſo gütig, mich einzuladen, Sir Mul⸗ berry,« entgegnete Madame Nickleby, die den Kopf ſchüt⸗ telte und ein höchſt pfiffiges Geſicht machte. »Ich möchte ſo gern Sie kennen lernen und Ihr Wohlwollen gewinnen; ich wünſche ſo ſehr, daß ein freundliches Familienverſtändniß zwiſchen uns ſich aus⸗ bilde,« ſagte Sir Mulberry,»daß Sie nicht glauben dürfen, ich thue, was ich thue, ohne Eigennutz. Ich bin teufelmäßig eigennützig,— das bin ich, auf Seelel« »Ich bin überzeugt, Sie ſind nicht eigennützig, Sir Mulberry!« erwiederte Madame Nickleby.»Sie haben dazu ein viel zu offenes und gutmüthiges Geſicht.«⸗ »O welche ſcharfſinnige und außerordentliche Men⸗ ſchenkennerin ſind Sie!« ſagte Sir Mulberry Hawk. »Ach nein, gewiß nicht, ich durchſchaue die Dinge nicht ſogleich, Sir Mulberry,« erwiederte Madame Ni⸗ ckleby in einem Tone, aus welchem der Baronet ſchließen mußte, ſie durchſchaue die Dinge allerdings ſehr bald. »Ich fürchte mich vor Ihnen,« ſagte der Baronet. „Auf Seele!« wiederholte Sir Mulberry, indem er ſeine Begleiter der Reihe nach anſah, vich fürchte mich vor Madame Nickleby, ſie iſt gar zu ſchlau und ſcharfbli⸗ ckend.« Die Herren Pyke und Pluck ſchüttelten geheimnißvoll die Köpfe und bemerkten zugleich, das hätten ſie ſchon längſt wegbekommen, worauf Madame Nickleby kicherte, Siir Mulberry lächelte und Pyke und Pluck laut auf⸗ lachten. 3 14 Nicolaus Nickleby. „»Aber wo iſt mein Schwager, Sir Mulberry?« fragte Madame Nickleby.»Ohne ihn darf ich nicht hier ſein. Ich hoffe, er kommt noch.« „»Pyke,« fragte Sir Mulberry, indem er den Zahn⸗ ſtocher aus dem Munde nahm und ſich an ſeinen Stuhl zurücklehnte, als ſei er zu faul, um ſelbſt eine Antwort auf dieſe Frage zu erfinden,»wo iſt Ralph Nickleby?« „»Pluck,« ſagte Pyke, indem er die Geberde des Ba⸗ ronets nachmachte und die Lüge ſeinem Freunde zuſchob, „wo iſt Ralph Nickleby 2⸗ Herr Pluck wollte eben eine ausweichende Antwort geben, als das Geräuſch bei dem Eintritte einer Geſell⸗ ſchaft in die nächſte Loge die Aufmerkſamkeit aller vier Herren zu erregen ſchien, die vielbedeutende Blicke mit einander wechſelten. Als die neue Geſellſchaft unter ein⸗ ander zu ſprechen anfing, nahm Sir Mulberry mit Ei⸗ nemmale die Stellung eines höchſt aufmerkſamen Hörers an und erſuchte ſeine Freunde, nicht zu athmen,— nicht zu athmen. „Warum nicht?« fragte Madame Nickleby.»Was giebt es?⸗ „Still!« erwiederte Sir Mulberry, indem er ſeine Hand auf ihren Arm legte.„Lord Frederick, erkennen Sie den Ton jener Stimme?« „»Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich nicht glaube, es war die Stimme des Fräulein Nickleby.“« „»Herr mein Gott!« rief die Mutter des Fräulein Nickleby, indem ſie um den Vorhang herumſah.»Wirk⸗ lich,— Käthchen, mein liebes Käthchen!« „»Du hier, Mutter! Iſt es möglich?« „»Möglich, liebes Kind? Ja.“« »Aber wen, wen in des Himmels Namen! haſt Du bei Dir, Mutter?« fragte Käthchen, die zurückprallte, Nicolaus Nickleby. 15 als ſie einen Mann erblickte, der ihr lächelnd Küſſe zu⸗ warf. »Wen glaubſt Du wohl, liebes Kind?« erwiederte Madame Nickleby, indem ſie ſich nach Madame Witit⸗ terly bog und zur Erbauung dieſer Dame etwas lauter ſprach;»da iſt Herr Pyke, Herr Pluck, Sir Mulberry Hawk und Lord Frederick Veriſopht.« »Gnädiger Gott!« dachte Käthchen bei ſich;»wie kommt ſie in ſolche Geſellſchaft?« Käthchen dachte dies ſo ſchnell, die Ueberraſchung war ſo groß und erinnerte ſie ſo ſtark an das, was bei Ralphs Diner vorgekommen war, daß ſie außerordent⸗ lich blaß wurde und verlegen zu ſein ſchien. Madame Nickleby hatte dieſe Symptome kaum bemerkt, als die kluge Frau auch mit ſich darüber einig war, daß dieſel⸗ ben von großer Liebe verurſacht würden. Ob ſie nun aber gleich durch dieſe Entdeckung nicht wenig erfreut wurde, die ihrem Scharfſinne ſo ſehr zur Ehre gereichte, ſo verminderte ſie doch ihre mütterliche Beſorgniß Käth⸗ chens wegen nicht. Sie verließ deshalb in großer Her⸗ zensangſt ihre Loge, um in die der Madame Wititterly zu eilen. Madame Wititterly, welche vollkommen die Ehre zu würdigen wußte, einen Lord und einen Baro⸗ net zu ihren Bekannten und Gäſten zu zählen, verlor keine Zeit, ſondern winkte ſogleich Herrn Wititterly, die Thür zu öffnen, und ſo geſchah es, daß in weniger als dreißig Sekunden die Geſellſchaft der Madame Nickleby in der Loge der Madame Wititterly erſchien, die ſich ſo ſehr füllte, daß die Herren Pyke und Pluck wirklich nur noch ſo viel Platz fanden, um ihre Köpfe und ihre We⸗ ſten mit hineinzuſtecken. „»Mein liebes Käthchen,« ſagte Madame Nickleby, in⸗ dem ſie ihre Tochter liebevoll küßte.»Wie elend ſaheſt 16 Du vor einem Augenblicke aus! Du haſt mich ganz er⸗ ſchreckt, ſage ich Dir!« Nieolaus Nickleby. „Das dachteſt Du Dir bloß, Mutter, der— der Wiederſchein der Lichter vielleicht,« antwortete Käthchen, indem ſie ſich ängſtlich umſah, aber keine Möglichkeit erkannte, ihr eine Warnung oder Erklärung zuzuflüſtern. »Siehſt Du Sir Mulberry Hawk nicht, liebes Kind?« Käthchen verbeugte ſich leicht, biß ſich auf die Lippe und ſah nach der Bühne hin. Sir Mulberry Hawk ließ ſich jedoch ſo leicht nicht abweiſen, denn er trat mit vorgehaltener Hand näher, und da Madame Nickleby Käthchen von dieſem Umſtande gefällig unterrichtete, ſo mußte dieſe natürlich ihre Hand auch hinreichen. Sir Mulberry behielt dieſelbe in der ſeinigen, während er eine Fluth von Komplimenten flü⸗ ſterte, die Käthchen nach dem, was zwiſchen ihnen vor⸗ gefallen war, mit Recht für eben ſo viele Steigerungen der ihr bereits zugefügten Beleidigung anſah. Dann folgte die Erkennung des Lords Veriſopht, dann das Grüßen des Herrn Pyke, darauf jenes des Herrn Pluck, und endlich mußte ſie zu ihrem größten Verdruſſe auf das Verlangen der Madame Wititterly die verhaßten Perſonen vorſtellen, die ſie nur mit dem höchſten Un⸗ willen und Abſcheu betrachten konnte. »Madame Witiitterly iſt höchſt erfreut,« ſagte Herr Wititterly die Hände reibend,»ſehr erfreut, Mylord, über die Gelegenheit, eine Bekanntſchaft zu machen, die, wie ich hoffe, Mylord, ſich nicht bloß auf heute beſchrän⸗ ken wird. Liebe Julie, Du darfſt nicht zu ſehr aufge⸗ regt werden, das darfſt Du nicht, wahrhaftig das darfſt Du nicht. Madame Wititterly iſt höchſt reizbar, Sir Mulberry, die Schnuppe einer Kerze, der Docht einer Lampe, der Hauch auf einer Pfirſich, der Staub eines — -——2O 8— 8 Nicolaus Nickleby. 17 Schmetterlingsflügels.»Sie könnten ſie wegblaſen, My⸗ lord, Sie könnten ſie wegblaſen.« Sir Mulberry ſchien es ſehr angenehm zu finden, wenn die Madame Wititterly weggeblaſen werden könn⸗ te, ſagte jedoch, er und ſeine Freunde wären über die neue Bekanntſchaft nicht minder erfreut, Lord Veriſopht beſtätigte, daß er nicht minder erfreut ſei, und die Her⸗ ren Pyke und Pluck murmelten aus der Entfernung, daß auch ſie höchſt erfreut wären. »Ich nehme großes, ſehr großes Intereſſe an dem Schauſpiele, Mylord,« ſagte Madame Wititterly mit ei⸗ nem ſchwachen Lächeln. »Ja. Es iſt ſähr intereſſant,« erwiederte Lord Veri⸗ ſopht. »Nach Shakſpeare wird mir immer unwohl,» fuhr Madame Wititterly fort;»ich lebe am nächſten Tage kaum; ich finde die Reaction nach einem Trauerſpiele ſo groß, Mylord, und Shakſpeare iſt ein ſo herrlicher Menſch.« „»J— al« erwiederte Lord Veriſopht.„Er iſt ein ſähr geſchickter Mann.« »Wiſſen Sie, Mylord,« ſagte Madame Wititterly nach einer langen Pauſe,»ich finde noch weit mehr Inter⸗ eſſe an ſeinen Stücken, ſeit ich in dem lieben kleinen ſchlechten Häuschen war, in welchen er geboren wurde. Waren Sie ſchon dort, Mylord?« »Nein, niemals,« erwiederte Veriſopht. »So müſſen Sie wirklich dahin reiſen, Mylord,« entgegnete Madame Wititterly in ſehr mattem und gedehntem Tone.»Ich weiß nicht, wie es kommt, aber wenn man den Ort geſehen und ſeinen Namen in das kleine Buch geſchrieben hat, ſo ſcheint man auf irgend Ni kolaus Nickleby. IV. 2 18 eine Weiſe inſpirirt zu werden; es entzündet ſich in Einem gleichſam ein Feuer.« »J— a!« erwiederte Lord Veriſopht.»Ich würde hinreiſen.« »Julie, mein Leben,« fiel Hear Wititterly ein, »Du täuſcheſt den Lord,— ſie täuſchet Sie, Mylord, unabſichtlich. Dein dichteriſches Temperament, mein Engel,— Deine ätheriſche Seele,— Deine glühende Phantaſie ſtürzt Dich in eine geniale Aufregung. An dem Orte ſelbſt iſt nichts, mein Leben, nichts, gar nichts.⸗ »Ich denke doch, es iſt etwas an dem Orte,« ſagte Madame Nickleby, welche ſchweigend zugehört hatte, „denn bald nach meiner Verheirathung reiſete ich mit dem armen lieben Nickleby von Birmingham nach Strat⸗ ford in einem Poſtwagen,— war es ein Poſtwagen?« fragte ſich Madame Nickleby nachdenkend,—»ja, es muß ein Poſtwagen geweſen ſein, weil ich mich erinnere, ich bemerkte, der Poſtillon hatte einen grünen Schirm über dem linken Auge,— alſo von Birmingham in einem Poſtwagen, und als wir Shakſpeare's Grab und Haus beſehen hatten, kehrten wir in das Wirthshaus zurück, in dem wir dieſe Nacht ſchliefen, und ich erinnere mich, daß ich die ganze Nacht von nichts als von einem ſchwar⸗ zeu Manne in Lebensgröße von Gyps mit einem nieder⸗ geſchlagenen und mit zwei Troddeln zuſammengebunde⸗ nen Kragen träumte. Der Mann lehnte an einem Pfahle und dachte nach. Als ich früh aufwachte und ihn meinem ſeligen Manne beſchrieb, ſagte er, es ſei Shak⸗ ſpeare geweſen, geraàde ſo, wie er im Leben ausgeſehen. und das war gewiß merkwürdig. Stratford,— Strat⸗ ford,« fuhr Madame Nickleby nachdenkend fort,»ja, ich weiß das ganz genau; weil ich mich erinnere, daß ich damals mit meinem Sohne Nicolaus ging und an dem⸗ Nicolaus Nickleby. * Nicolaus Nickleby. 4 19 ſelben Morgen durch einen italieniſchen Gypsfigurenträger ſehr erſchreckt worden war. Wirklich, Madame,« ſetzte Madame Nickleby leiſe zu Madame Wititterly hinzu, vich fürchtete, das Kind könne ein Shakſpeare werden, und das wäre doch entſetzlich geweſen.« Als Madame Nickleby dieſe intereſſante Anekdote been⸗ digt hatte, ſchlugen Pyke und Pluck, welche immer den Vortheil ihrer Gönner im Auge hatten, eine Theilung der Geſellſchaft vor, und die Präliminarien wurden ſo geſchickt geführt, daß Käthchen, was ſie auch dagegen ſa⸗ gen oder thun mochte, keine andere Wahl blieb, als ſich von Sir Mulberry Hawk in die Nebenloge führen zu laſſen. Ihre Mutter und Herr Pluck begleiteten ſie, aber die würdige Frau, die ſich auf ihre Discretion et⸗ was einbildete, gab ſich alle mögliche Mühe, ihre Toch⸗ ter den ganzen Abend nicht anzuſehen, und ſtellte ſich, als höre ſie bloß auf die Scherze und die Unterhaltung des Herrn Pluck, der zu dieſem Zwecke ſeinen Poſten als Schildwache bei Madame Nickleby erhalten hatte, und durchaus nichts vernachläſſigte, um deren Aufmerk⸗ ſamkeit ſo viel als möglich in Anſpruch zu nehmen. Lord Frederick Veriſopht blieb in der nächſten Loge, um ſich von der Madame Wititterly anreden zu laſſen, und Herr Pyke mußte hier und da, wenn es nöthig war, ein Paar Worte einwerfen. Herr Wititterly war im ganzen Hauſe herum außerordentlich geſchäftig, in⸗ dem er allen ſeinen Freunden und Bekannten, die er ſah, erzählte, die beiden Herren oben, welche mit Ma⸗ dame Wititterly ſich unterhielten, wären der ausgezeich⸗ nete Lord Frederick Veriſopht und deſſen vertrauter Freund, der heitere Sir Mulberry Hawk,— eine Mit⸗ theilung, welche in mehreren achtbaren Hausfrauen die 2*ᷣ b 20 Nicolaus Nickleby. höchſte Eiferſucht erregte und ſechszehn unverheirathete Töchter an den Rand der Verzweiflung brachte. Die Vorſtellung ging— endlich!— zu Ende, aber Käthchen mußte ſich von dem verhaßten Sir Mulberry die Treppe hinunterführen laſſen, und die Herren Pyke und Pluck manövrirten ſo geſchickt, daß Käthchen und der Baronet die Letzten waren, und, ohne daß es wie abgekartet ausſah, ſelbſt etwas zurückblieben. »Eilen Sie nicht, eilen Sie nicht,« ſagte Sir Mul⸗ 3 berry, als Käthchen ihren Arm frei zu machen und den Andern nachzukommen ſich bemühete. Sie antwortete nicht, drängte aber immer vorwärts. »Nun denn—“« besnerkte Sir Mulberry kaltblütig, indem er ſie geradezu zurückhielt. »Sie würden ſehr wohlthun, wenn Sie mich nicht aufzuhalten ſuchten,« entgegnete Käthchen unwillig. »Warum nicht?« erwiederte Sir Mulberry.»Mein liebes Kind, warum ſtellen Sie ſich ſo lange unzu⸗ frieden?« »Stellen!« antwortete Käthchen empört.»Warum wagen Sie, mich anzureden,— in mich hineinzureden, Sir,— mir vor die Augen zu treten?« »Sie ſehen wirklich in Ihrem Zorne noch hübſcher aus, Mademoiſelle Nickleby,« ſagte Sir Mulberry Hawk, indem er ſich bückte, um ihr deutlicher in das Geſicht ſehen zu können. »Sie ſind mir im höchſten Grade verächtlich und zu⸗ wider, Sir,« entgegnete Käthchen.»Wenn Ihnen Blicke des Widerwillens und des Abſcheues gefallen, Sir, ſo — laſſen Sie mich augenblicklich zu meinen Freunden gehen. Welche Rückſichten mich auch ſo lange zurückge⸗ halten haben mögen, ſo werde ich doch durchaus keine mehr nehmen und Maßregeln ergreifen, die ſelbſt Ih⸗ — 2 — Nicolaus Nickleby. 21 nen empfindlich ſein dürften, wenn Sie mich nicht au⸗ genblicklich fortlaſſen.« Sir Mulberry lächelte, während er ihr fortwährend in das Geſicht ſah, ihren Arm hielt und mit ihr nach der Thür zuging. »Wenn keine Rückſicht für mein Geſchlecht und meine hülfloſe Lage Sie bewegen kann, Ihre unmännliche und beleidigende Nachſtellung aufzugeben,« ſagte Käthchen, die in dem Aufruhre ihrer Gefühle kaum wußte, was ſie ſagte,—»ſo habe ich einen Bruder, der mich einſt rächen wird.« »Auf Seele!« rief Sir Mulberry, als wenn er ru⸗ hig mit ſich ſelbſt ſpreche, während er ſeinen Arm um ſie ſchlang,»ſie iſt ſchöner und ſie gefällt mir viel beſ⸗ ſer noch in dieſer Stimmung, als wenn ſie die Augen niederſchlägt und vollkommen ruhig iſt.« 5 Wie Käthchen auf die Gallerie kam, wo ihre Freunde ſie erwarteten, wußte ſie nicht, aber ſie eilte fort, ohne dieſelben zu ſehen, riß ſich mit Einemmale von ihrem Begleiter los, ſprang in den Wagen, drückte ſich in die dunkelſte Ecke und brach in Thränen aus. Die Herren Pyke und Pluck, welche ihre Rolle kann⸗ ten, brachten die Geſellſchaft dadurch in große Bewe⸗ gung, daß ſie nach dem Wagen ſchrieen und heftigen Streit mit mehreren ganz unſchuldigen Zuſchauern an⸗ fingen; während dieſes Tumultes brachten ſie die er⸗ ſchrockene Madame Nickleby in ihren Wagen, und als ſie dieſelbe ſich auf dieſe Weiſe glücklich vom Halſe ge⸗ ſchafft hatten, wendeten ſie ſich zu Madame Wititterly, deren Aufmerkſamkeit ſie ebenfalls glücklich von dem jungen Mädchen abgewendet, indem ſie die zarte Dame in die höchſte Beſtürzung verſetzt hatten. Endlich rollte der Wagen, in welchem ſie gekommen war, mit ſeiner 22 Nicolaus Nickleby. Laſt davon, und die vier würdigen Männer, die allein unter dem Porticus zurückblieben, brachen nun in ein lautes Gelächter aus. »Da,« ſagte Sir Mulberry zu ſeinem edlen Freunde. »Sagte ich Ihnen nicht vorigen Abend, wenn wir durch Beſtechung eines Dieners herausbekämen, wohin ſie gin⸗ gen und unſern Platz mit der Mutter dicht daneben nähmen, würden wir die Leute in unſeren Händen ha⸗ ben? Es iſt geſchehen, in vierundzwanzig Stunden ausgeführt.“« „J— a,« antwortete der am Narrenſeil geführte Lord; vaber ich bin den ganzen Abend an die alte Frau ge⸗ bunden geweſen.« »Hört ihn nur,« ſagte Sir Mulberry, indem er ſich zu ſeinen beiden Freunden wendete.»Hört nur den unzufriedenen Murrkopf. Sollte man es da nicht ver⸗ ſchwören, ihm je wieder in ſeinen Plänen und Intri⸗ guen behülflich zu ſein? Iſt es nicht eine Sünde und Schande?« Pyke fragte Pluck, ob es nicht eine Sünde und Schande ſei, und Pluck fragte Pyke, aber keiner von Beiden antwortete. „»Iſt es nicht wahr?« fragte Veriſopht.»War es nicht ſo?« „»War es nicht ſo!« wiederholte Sir Mulberry.»Wie ſollte es denn anders ſein? Wie hätten wir nach dem erſten Sehen eine allgemeine Einladung erhalten kön⸗ nen—: kommen Sie, wann es Ihnen beliebt, gehen Sie, wann es ihnen beliebt, bleiben Sie ſo lange, als es Ihnen beliebt, thun Sie, was Ihnen beliebt,— wenn nicht Sie, der Lord, ſich der einfältigen Frau vom Hauſe erſt angenehm machten? Liegt mir etwas an dem Mädchen? Kümmere ich mich um daſſelbe nicht Nicolaus Nickleby. 23 bloß als Ihr Freund? Habe ich nicht den ganzen Abend ihr von Ihnen vorgeſchwatzt und Ihre ſchnippiſchen Ant⸗ worten mir gefallen laſſen? Aus welchem Stoffe ſoll ich denn beſtehen? Würde ich das für Jedermann thun? Verdiene ich nicht wenigſtens Dank dafür?« »Sie ſind ein verflucht guter Kärl,« ſagte der junge Lord, indem er den Arm des Freundes nahm.»Bei meinem Läben, Sie ſind ein prächtiger Kärl, Hawk.« »Habe ich nicht Recht gethan?« fragte Sir Mul⸗ berry. »Ganz rächt.« »Und ich bin ein armer dummer, gutmüthiger, freund⸗ ſchaftlicher Kärl, nicht wahr?« „J— a, ein Freund,“« erwiederte der Andere. »Nun,« antwortete Sir Mulberry,»ſo bin ich zufrie⸗ den. Aber jetzt wollen wir gehen und uns an dem deutſchen Barone und dem Franzoſen revanchiren, die Sie vorige Nacht ſo rein auszogen.« Mit dieſen Worten nahm er den Arm des Lords und führte ihn fort, drehete ſich aber dabei halb um und ſah blinzelnd und mit einem verächtlichen Lächeln die Herren Pyke und Pluck an, welche ſich die Taſchentücher in den Mund ſtopften, um dadurch ihre innerliche Freude über die ganze Sache anzudeuten, und ihrem Patron nebſt deſſen Freunde in geringer Entfernung folgten. 24 Nicolaus Nickleby. Zweites Kapitel. Mademoiſelle Nickleby wird durch die Nachſtellungen Sir Mul⸗ berry Hawks und verſchiedene Unfälle und Unannehm⸗ lichkeiten zur Verzweiflung gebracht, und wendet ſich, als letztes Mittel, um Schutz an ihren Oheim. Der folgende Morgen brachte Ueberlegung mit ſich, wie es der Morgen gewöhnlich thut, aber ſehr verſchie⸗ den waren die Gedanken, welche er in den verſchiede⸗ nen Perſonen weckte, die ſo unerwartet am vorigen Abende durch die kluge Thätigkeit der Herren Pyke und Pluck zuſammengebracht worden waren. Die Reflectionen Sir Mulberry Hawks,— wenn man die Gedanken des ſyſtematiſchen und berechnenden Wüſtlings ſo nennen kann, deſſen Freuden und Leiden, Schmerzen und Vergnügungen ſich ſämmtlich bloß auf ihn ſelbſt bezogen, und der von der Geiſteskraft nichts behalten zu haben ſchien, als die Fähigkeit, ſich zu er⸗ niedrigen und die Natur zu ſchänden, deren äußere Form und Geſtalt er an ſich hatte,— die Reflectionen Sir Mulberry Hawks beſchäftigten ſich mit Käthchen Nickleby und waren kurz folgende: daß ſie ohne Zweifel hübſch ſei, daß ihre Schüchternheit und Sprödigkeit von einem Manne von ſeiner Erfahrung und Gewandtheit leicht zu beſeitigen ſein müſſe, und daß die Verfolgung ſeines Zieles ihm Ehre machen und ſeinen Ruf in der Welt bedeutend erhöhen werde. Damit dieſe letztere Rückſicht⸗ nahme,— bei Sir Mulberry keine geringe und unter⸗ Defeee Nicolaus Nickleby. 25 geordnete— manchen Leuten nicht ſeltſam vorkomme, müſſen wir hier daran erinnern, daß die meiſten Män⸗ ner in einer eigenen Welt leben und nur in dieſem be⸗ ſchränkten Kreiſe Auszeichnung und Beifall zu erringen ſtreben. Sir Mulberry's Welt enthielt nichts als Wüſt⸗ linge, und demgemäß handelte er. Es kommen bei uns jeden Tag Fälle von Ungerech⸗ tigkeit, Bedrückung, Tyrannei und ausſchweifender Bi⸗ gotterie vor. Man pflegt große Verwunderung und großes Erſtaunen darüber auszuſprechen, daß die Haupt⸗ perſonen bei dieſen Vorfällen ſo ganz ſich gegen die Meinung der Welt auflehnen; aber es kann keinen grö⸗ ßern Irrthum geben; eben weil ſie nur die Meinung ihrer eigenen kleinen Welt zu Rathe ziehen, kommen ſolche Dinge vor und ſetzen die große Welt in ſtau⸗ nende Verwunderung. Die Gedanken der Madame Nickleby waren höchſt ſtolzer und ſelbſtgefälliger Art, und unter dem Einfluſſe ihrer angenehmen Selbſttäuſchung ſetzte ſie ſich ſogleich hin und ſchrieb einen langen Brief an Käthchen, in wel⸗ chem ſie ihre vollkommene Billigung der vortrefflichen Wahl ausſprach, die ſie getroffen, und Sir Mulberry bis in den Himmel hob. Sie verſicherte, um ihrer Mei⸗ nung nach dem Herzen ihrer Tochter etwas recht Ange⸗ nehmes zu ſagen, er ſei ganz der Mann, den ſie(Ma⸗ dame Nickleby) zu ihrem Schwiegerſohne gewählt haben würde, hätte ſie auch die Auswahl unter der ganzen Maännerwelt gehabt. Die gute Frau bemerkte ſodann, die Tochter werde wohl glauben, daß ſie, die Mutter, in ihrem langen Leben viele Erfahrungen gemacht habe und wiſſe, wie es in der Welt zugehe, und gab Käth⸗ chen demzufolge ſehr viele kluge, gute Regeln in Bezug auf ihre Liebſchaft, die ſie ihr zur genauen Beobachtung 26 Nieolaus Nickleby. dringend empfahl. Vor Allem empfahl ſie nur ſtrenge jungfräuliche Zurückhaltung, da dieſelbe nicht bloß an ſich etwas höchſt Lobenswerthes ſei, ſondern auch we⸗ ſentlich dazu beitrage, das Feuer eines Liebhabers zu unterhalten und noch mehr anzufachen.»Und ich habe mich in meinem Leben nie mehr gefreut,« ſetzte Ma⸗ dame Nickleby hinzu,»als da ich geſtern Abend be⸗ merkte, daß Dein Verſtand, meine liebe Tochter, Dir dies bereits ſelbſt geſagt hat.- Mit dieſer Erklärung und verſchiedenen Andeutungen über die Freude, welche ihr die Ueberzeugung gewähre, daß ihre Tochter einen ſo großen Theil von ihrem eigenen Scharfſinne und ih⸗ rer eigenen Klugheit erbe, ſchloß Madame Nickleby ihren ſehr langen und ziemlich unleſerlichen Brief. Das arme Käthchen war ſehr überraſcht, als ſie das Glückwünſchungsſchreiben von vier enggeſchriebenen Seiten über den Gegenſtand erhielt, um deſſentwillen ſie die ganze Nacht hatte kein Auge ſchließen können, ſondern in ihrem Stübchen gewacht und geweint hatte. Noch ſchlimmer aber war für ſie die Nothwendigkeit, ſich der Madame Wititterly angenehm zu machen, welche nach der Strapaze am vorigen Abend ſehr übellaunig war und deshalb von ihrer Geſellſchafterin erwartete (wofür bekam ſie Koſt und Lohn), daß ſie in der vor⸗ trefflichſten Stimmung ſei? Herr Wititterly ging den ganzen Tag in einer Art Verzückung umher, weil ein Lord ihm die Hand gereicht und er denſelben ſogar ein⸗ geladen habe, ihn in ſeinem Hauſe zu beſuchen. Der Lord ſelbſt, den das Denken nicht eben ſehr in⸗ kommodirte, erfreute ſich an einem Geſpräche mit den Herren Pyke und Pluck, die ihre Witze auf ſeine Koſten übten. Es war vier Uhr Nachmittags, d. h. des gewöhnli⸗ n—— 0———— —— u Nicolaus Nickleby. 27 chen Nachmittags der Sonne und der Uhren, und Ma⸗ dame Wititterly lag wie gewöhnlich auf dem Sopha in dem Geſellſchaftszimmer, während Käthchen einen neuen dreibändigen Roman:»Die Lady Flabella,« vorlas, den Alphons, der Zweifelhafte, am Vormittage aus der Leihbibliothek geholt hatte. Das Werk paßte vollkom⸗ men für eine Frau mit den Leiden der Madame Witit⸗ terly, da ſich darin vom Anfange bis ans Ende auch nicht eine Zeile befand, die irgend einen Menſchen hätte an⸗ oder aufregen können. Käthchen las: „»»Cheriſette, ſagte Lady Flabella, indem ſie ihre »vmäuschengleichen Füße in die blauen Atlaspantoffeln »yſteckte, welche unwillkürlich den halb ſcherzhaften, halb »„verdrießlichen Wortwechſel zwiſchen ihr und dem ju⸗ „„gendlichen Oberſt Beſtillaire am vorigen Abend in »»dem salon de danse des Herzogs von Mincefeuille »„veranlaßt hatten;»Chérizette, ma chère, donnez »»moi de l'eau de cologne, s'il vous plait, mon enfant. »»Mercie,— ich danke, ſagte Lady Flabella, als die »vraſche, aber ganz ergebene Cheriſette mit dem wohl⸗ vvriechenden Waſſer das mouchoir der Lady Flabella »»vom feinſten Batiſt reichlich beſprengte, das mit koſt⸗ »„baren Spitzen beſetzt und in den vier Ecken mit dem vyſtolzen Wappen der altadeligen Familie in reicher »»Stickerei geſchmückt war; mercie— ich danke.«« „»„In dieſem Augenblicke, als die Lady Flabella den »vköſtlichen Wohlgeruch noch einathmete, indem ſie ihr »vmouchoir an ihre ſchöne, gedankenvoll geformte Naſe v„hielt, wurde die Thür des boudoir geöffnet(welche »vdurch ſchwere Vorhänge von ſeidenem Damaſt in der »»Farbe des italieniſchen Himmels kunſtreich verſteckt »war) und mit geräuſchloſen Tritten näherten ſich zwei 28 Nicolaus Nickleby. »vvalets de chambre in prächtiger Livree, Pfirſichblüthe v»und Gold, gefolgt von einem Pagen in bas de soie vvſeidenen Strümpfen—, der, während jene in einiger »»Entfernung ſtehen blieben und die graziöſeſten Ver⸗ »„beugungen machten, ſich vor ſeiner liebenswürdigen „„Gebieterin auf ein Knie niederließ und ihr auf einem „goldenen prachtvoll getriebenen Teller ein parfümirtes „„Billet reichte.« „„Lady Flabella riß mit einer Unruhe, die ſie nicht vverbergen konnte, ſchnell die envelope ab und brach „„das wohlriechende Siegel auf. Es war von Beſtillaire „— dem jungen, dem flüſternden, ihrem Beſtillaire.« »Ach allerliebſt!« fiel Käthchens Gebieterin ein, welche bisweilen die Kennerin ſpielte.»Wirklich ſehr poetiſch. Leſen Sie die Schilderung noch einmal, Madewoiſelle Nickleby.« Käthchen gehorchte. »Herrlich, wirklich!« rief Madame Wititterly mit ei⸗ nem Seufzer.»So wonnig, nicht wahr, ſo ſüß!« »Ja, ich glaube, es iſt ſo,« erwiederte Käthchen aus Gefälligkeit,»ſehr ſüß.⸗ »Machen Sie das Buch zu, Mademoiſelle Nickleby,⸗ fuhr Madame Wititterly fort.»Ich kann heute nicht mehr hören und ich möchte auch nicht gern den Eindruck dieſer reizenden Schilderung ſtören. Machen Sie das Buch zu.« Käthchen gehorchte nicht ungern. Während ſie das Buch zuſchlug, erhob Madame Wititterly mit matter Hand die Lorgnette und bemerkte, ſie ſehe recht blaß aus. »Wahrſcheinlich von dem Schreck— über den Lärm und die Verwirrung am vorigen Abende,« erwiederte Käthchen. Nioolaus Nickleby.* 29 „»Wie ſonderbar!« rief Madame Wititterly mit ei⸗ nem Blicke der Verwunderung aus. Und gewiß, wenn man es recht bedenkt, ſo war es auch ſehr ſonderbar, daß eine»Geſellſchaftsmamſell« durch irgend etwas ſollte in Schrecken geſetzt und aus der Faſſung gebracht werden können. Es würde ein weit geringeres Wunder geweſen ſein, wenn eine Dampfmaſchine oder ein an⸗ derer ſinnreicher Mechanismus in Unordnung gekommen. „Wo und wie lernten Sie Lord Frederick und die anderen lieben Herren kennen, mein Kind?2« fragte Ma⸗ dame Wititterly und betrachtete dabei Käthchen fortwäh⸗ rend durch die Lorgnette. »Ich traf ſie bei meinem Onkel,« antwortete Käth⸗ chen, ärgerlich über ſich ſelbſt, als ſie fühlte, daß ſie hoch erröthete, aber doch nicht im Stande war, das Blut zurückzuhalten, das in ihr Geſicht ſtürzte, ſo oft ſie an jenen Mann dachte. „»Kennen Sie die Herren ſchon lange?« „Nein,“ entgegnete Käthchen,»nicht lange. ⸗ „Ich freute mich ſehr über die Gelegenheit, welche uns die achtbare Frau, Ihre Mutter, gab, die Herren auch kennen zu lernen,« fuhr Madame Wititterly mit hochgehaltener Naſe fort.„Einige Freunde von uns wollten uns eben denſelben vorſtellen, was gewiß ein merkwürdiges Zuſammentreffen iſt.« Dies wurde hinzugeſetzt, damit Mademoiſelle Nickleby nicht etwa ſtolz auf die Ehre werde, vier vornehme Herren(denn Pyke und Pluck wurden auch mit zu den lieben Herren gerechnet) gekannt zu haben, welche Ma⸗ dame Wititterly nicht kannte. Da jedoch dieſer Umſtand in keiner Art einen Eindruck auf Käthchen gemacht hatte, ſo war auch jene Bemerkung ganz vergebens. »Sie baten um die Erlaubniß, uns zu beſuchen,« Nicolaus Nickleby. ſagte Madame Wititterly,»und natürlich habe ich ihnen dieſelbe gegeben.« » Erwarten Sie die Herren heute?« wagte Käthchen zu fragen. Die Antwort der Madame Wititterly wurde von ei⸗ nem fürchterlichen Klopfen an der Hausthür übertäubt, und ehe daſſelbe noch ausgeklungen, raſſelte ein ſchönes Cabriolet heran, aus welchem Sir Mulberry Hawk und deſſen Freund, Lord Veriſopht, ſprangen. »Sie ſind bereits da,« ſagte Käthchen, indem ſie aufſtand und fortgehen wollte. 3 »Mademoiſelle Nickleby,« ſprach Madame Wititterly, höchſt beſtürzt über die Kühnheit einer Geſellſchafterin, das Zimmer verlaſſen zu wollen, ohne die Erlaubniß dazu nachgeſucht und erhalten zu haben.»Bleiben Sie.« »Sie ſind ſehr gütig,« entgegnete Käthchen, vaber—« »Um des Himmels willen, reizen Sie meine Ner⸗ ven nicht dadurch, daß ich ſo viel ſprechen muß,« ſagte Madame Wititterly ſehr empfindlich.»Mademoiſelle Nickleby, ich bitte—«⸗ Vergebens betheuerte Käthchen, ſie ſei unwohl, denn bereits ließen ſich die Tritte derer, welche geklopft hat⸗ ten, ſie mochten ſein wer ſie wollten, auf der Treppe hören. Sie ſetzte ſich alſo wieder nieder, und hatte dies kaum gethan, als der zweifelhafte Page in das Zimmer ſtürzte und die Herren Pyke und Pluck, Lord Veriſopht und Sir Mulberry Hawk anmeldete, die zu gleicher Zeit eintraten. »Das Außerordentlichſte in der Welt iſt geſchehen,« ſagte Herr Pluck, indem er die beiden Damen herzlich begrüßte,»das Außerordentlichſte in der Welt. Als Lord Frederick und Sir Mulberry an der Thür vorfuh⸗ ren, hatte ich eben geklopft.« — 8ᷣ 8⏑*³— 8 A8 N Nicolaus Nickleby. 31 »Eben geklopft,« wiederholte Pyke. »Wie Sie auch gekommen ſein mögen, genug, Sie ſind da,« ſagte Madame Wititterly, die, weil ſie drei und ein halbes Jahr auf einem und demſelben Sopha gelegen, eine ganze kleine Pantomime von graziöſen Attitüden erlernt hatte, und ſich jetzt in die effektvollſte der ganzen Serie warf, um ihre Gäſte in Verwunde⸗ rung zu verſetzen.»Ich bin ſehr erfreuet, ſehr er⸗ freuet.« »Und wie befindet ſich Fräulein Nickleby?« fragte Sir Mulberry Hawk Käthchen leiſe, jedoch laut genug, um von Madame Wititterly gehört zu werden. »Sie klagt über den Schreck von geſtern Abend,«⸗ antwortete die Dame,»und ich wundere mich aller⸗ dings nicht darüber, denn meine Nerven ſind wie zer⸗ riſſen.« »Und doch ſehen Sie,« entgegnete Sir Mulberry, indem er ſich umdrehete,„doch ſehen Sie—« »Unbeſchreiblich, unvergleichlich aus,« fiel Herr Pyke zur Unterſtützung ſeines Gönners ein. Pluck wiederholte natürlich die Worte. »Ich fürchte, Sir Mulberry iſt ein Schmeichler, My⸗ lord,« bemerkte Madame Wititterly, indem ſie ſich an dieſen jungen Mann wendete, der unterdeß den Knopf ſeines Stockes im Munde gehalten und ſchweigend Käth⸗ chen angeſtiert hatte.. „»Teuf mäßig,« antwortete Veriſopht, und als er dieſe geiſtreiche Antwort gegeben hatte, ſetzte er ſeine frühere Beſchäftigung fort. „»Auch Fräulein Nickleby hat ſich nicht zu ihrem Nach⸗ theile verändert,⸗ fuhr Sir Mulberry fort, indem er ſeine kecken Blicke auf das Mädchen heftete.»Sie war zwar immer hübſch, aber auf Seele! Madame, wahr⸗ 32 Nicolaus Nickleby. ſcheinlich iſt der Wiederſchein Ihrer Reize jetzt auf ſie gefallen.« Nach der Gluth, die ſich nach dieſen Worten über das Geſicht des Mädchens ergoß, hätte Madame Witit⸗ terly allerdings mit einiger Wahrſcheinlichkeit den Glau⸗ ben hegen können, etwas von der künſtlichen Blüthe ih⸗ rer eigenen Wangen Käthchen mitgetheilt zu haben. Madame Wititterly gab, wenn auch nicht mit dem al⸗ lerfreundlichſten Geſichte, zu, daß Käthchen hübſch ſei; doch kam ſie auch allmälig zu der Erkenntniß, daß Sir Mulberry doch nicht ſo ganz der angenehme Mann ſei, für den ſie ihn anfänglich gehaltenz denn wenn auch ein Schmeichler ein höchſt angenehmer Geſellſchafter iſt, ſo lange man ſeine Schmeicheleien allein hört, ſo wird ſein Geſchmack doch ſehr zweifelhaft, ſobald er anfängt, auch anderen Leuten Komplimente zu machen. „Pyke,« ſagte der aufmerkſame Pluck, als er den Eindruck bemerkte, den das Lob der Mademoiſelle Ni⸗ ckleby hervorgebracht hatte. »Nun, Pluck,« antwortete Pyke. „»Erinnern Sie ſich Jemandes,« fragte Herr Pluck geheimnißvoll,»Jemandes, den Sie kennen und dem Madame Wititterly ungemein ähnlich ſieht?« „Aehnlich ſieht?« wiederholte Pyke,»allerdings kenne ich eine ſolche Perſon.« „Wen meinen Sie?“ fragte Pluck eben ſo geheim⸗ nißvoll.»Die Herzogin von B. 2« „»Die Gräfin von B.,“ antwortete Pyke mit einer kaum bemerklichen Spur eines höhniſchen Lächelns. „Die ſchöne Schweſter iſt die Gräfin, nicht die Her⸗ zogin.« »Sehr richtig,« entgegnete Pluck,„die Gräſin von B. Iſt die Aehnlichkeit nicht wunderbar?« Nicolaus Nickleby. 33 »Täuſchend,« verſicherte Pyke. Welches Glück! Madame Wititterly ſollte, nach dem Zeugniſſe zweier wahrhafter und kompetenter Perſonen, eine täuſchende Aehnlichkeit mit einer Gräfin haben! Dies war eine der Folgen des Umgangs mit guter Ge⸗ ſellſchaft! Sie hätte ſich zwanzig Jahre unter gewöhn⸗ lichen Leuten bewegen können, ohne ſo etwas zu hören. Wie konnte ſie auch? Was wiſſen ſolche Leute von Gräfinnen? Als die beiden Herren aus der Begierde, mit welcher dieſe kleine Lockſpeiſe verſchluckt wurde, die Größe des Verlangens der Madame Wititterly nach Schmeichelei erkannt hatten, reichten ſie ihr die Waare in ſehr ſtarken Doſen, und gaben dadurch Sir Mulberry Hawk eine Gelegenheit, Fräulein Nickleby mit Fragen und Bemer⸗ kungen zu beläſtigen, auf welche ſie wohl antworten mußte. Lord Veriſopht erfreuete ſich unterdeß ungeſtört an dem Geſchmacke des goldenen Knopfes ſeines Stockes, und würde in dieſem Genuſſe wahrſcheinlich auch nicht geſtört worden ſein, wäre nicht Herr Wititterly nach Hauſe gekommen und von ihm das Geſpräch auf ſeinen Lieblingsgegenſtand gebracht worden. »Mylord,“« ſagte Herr Wititterly,„ich bin erfreut — hochgeehrt— ſtolz. Bitte, nehmen Sie wieder Platz, Mylord. Ich bin ſtolz, wahrhaftig ſehr ſtolz.« Madame Wititterly ärgerte ſich im Stillen darüber, daß ihr Mann ſo etwas ſagte, denn ob ſie ſich gleich vor Stolz und Hochmuth kaum zu laſſen wußte, hätte ſie doch ihre vornehmen Gäſte gern glauben laſſen, ihr Beſuch ſei etwas Gewöhnliches und ihr Haus ſehe alle Tage Lords und Baronets. Aber die Gefühle des Herrn Wititterly waren zu gewaltig, als daß ſie ſich hätten unterdrücken laſſen. Nicolaus Nickleby. IV. 3 34 Nicolaus Nickleby. »Es iſt eine große Ehre,« fuhr Herr Wititterly fort, vaber Julie, mein Herz, Du wirſt morgen dafür büßen müſſen.« »Büßen!“ rief Lord Veriſopht. »Die Reaktion, Mylord, die Reaktion!« exrläuterte Herr Wititterl)h.»Was folgt, nachdem dieſe heftige Nervenſpannung vorüber iſt, Mylord? Ein Nachlaſſen, eine Abſpannung, eine Mattigkeit, eine Schwäche. My⸗ lord, Sir Tumley Snuffim würde, wenn er dies zarte Weſen in dieſem Augenblicke ſehen ſollte, für ihr Leben nicht— nicht das geben.« Zur Erläuterung dieſer Be⸗ merkung nahm Herr Wititterly eine Priſe Schnupftaback aus ſeiner Doſe und ſtreute ſie leicht als Emblem der Unbeſtändigkeit in die Luft. „Nicht dies,« fuhr Herr Wititterly fort, indem er ſich mit einem ſehr ernſthaſten Geſichte umſah.»Sir Tum⸗ ley Snuffim würde nicht ſo viel für das Leben der Ma⸗ dame Wititterly geben.“ Herr Wititterly ſagte dies mit einer gewiſſen mäßi⸗ gen Begeiſterung, als ſei es keine kleine Auszeichnung für einen Mann, eine Frau in ſo verzweifeltem Zuſtande zu haben; Madame Wititterly dagegen ſeufzete und ſah ſich auch um, als fühlte ſie die Ehre wohl, ſei aber ent⸗ ſchloſſen, dieſelbe ſo demüthig und beſcheiden als möglich zu tragen. »Madame Wititterly,« ſagte der Mann,»iſt Sir Tumley Snuffims Lieblingspatientin, und ich glaube, die Verſicherung wagen zu dürfen, daß ſie zuerſt die neue Medicin genommen hat, an welcher in der Kenſington Kiesgrube eine ganze Familie geſtorben ſein ſoll. Ich glaube es. Wenn ich auch irre, liebe Julie, ſo wirſt Du mich zurechtweiſen.« »Ich glaube allerdings, ich war die erſte,« ent⸗ e Nicolaus Nickleby. 35 gegnete Madame Wititterly mit ſchwacher Stimme. Da ſein Gönner unentſchloſſen zu ſein ſchien, wie er wohl am beſten Theil an dem Geſpräche nehmen könne, ſo ſtürzte ſich der unermüdliche Pyke in die Breſche und fragte, um nur etwas auf den Gegenſtand— die er⸗ wähnte Medicin— Bezügliches zu ſagen, ob ſie ange⸗ nehm ſchmecke. »Nein, Sir, ſie ſchmeckt nicht angenehm. Sie em⸗ pfiehlt ſich nicht einmal dadurch,« antwortete Herr Wi⸗ titterly. »Madame Wititterly iſt eine wahre Märtyrerin,« be⸗ merkte Pyke mit einer Verbeugung. »Das bin ich allerdings wohl,« entgegnete Madame Wititterly lächelnd. 3 »Ja, das biſt Du, meine liebe Julie,« erwiederte der Mann in einem Tone, welcher ſagen zu wollen ſchien, er ſei zwar nicht eitel, dürfe ſich aber auch von ſeinem Vorrechte durchaus nichts vergeben.»Wenn Jemand, Mylord,« fuhr Herr Wititterly fort, indem er ſich nach dem jungen Lord umdrehete,»wenn mir Jemand eine größere Märtyrerin zeigt, als Madame Wititterly, ſo kann ich weiter nichts ſagen, als daß ich dieſen Märty⸗ rer oder dieſe Märtyrerin ſehen möchte, Mylord.⸗ Pyke und Pluck bemerkten ſogleich, daß ſo etwas nicht wohl möglich ſein werde, da aber der Beſuch be⸗ reits ziemlich lange gedauert hatte, ſo gehorchten ſie Sir Mulberry's Blick und ſtanden auf. Dies veranlaßte Sir Mulberry und Lord Frederick ebenfalls aufzuſtehen. Man gab einander von beiden Seiten zahlreiche Freundſchafts⸗ betheuerungen, ſprach ſich im Voraus über das Glück aus, das die Folge einer ſo angenehmen Bekanntſchaft ſein müſſe, und die Gäſte entfernten ſich unter erneuer⸗ ten Verſicherungen, die Wohnung Wititterly's werde ſich 3*¾ S2 36 Nicolaus Nickleby. zu allen Zeiten geehrt fühlen, ſie unter ihrem Dache zu ſehen. Daß ſie zu allen Tages⸗ und Jahreszeiten kamen, — daß ſie einen Tag zu Mittag, den nächſten zum Abend und den nächſten wieder zu Mittag da aßen und fortwährend in dem Hauſe aus⸗ und eingingen,— daß ſie Partien zum Beſuche öffentlicher Oerter arrangirten und einander zufällig auf Promenaden begegneten,— daß bei allen dieſen Gelegenheiten Fräulein Nickleby der fortwährenden und unabläſſigen Nachſtellung Sir Mul⸗ berry Hawks ausgeſetzt war, der es ſich nun zur Ehren⸗ fache machte, ihren ſpröden Stolz zu beugen, um nicht in den Augen ſeiner Gefährten an Anſehen zu verlie⸗ ren,— daß ſie keine Raſt und Ruhe hatte, außer in den Stunden, wann ſie in ihrem einſamen Stübchen ſaß und über die Verſuchungen des Tages weinte,— alles waren Folgen, die ſich natürlich aus dem wohlbedachten Plane Sir Mulberry's und der geſchickten Ausführung deſſelben durch ſeine Gehülfen, Pyke und Pluck, ergaben. So ging es ungefähr vierzehn Tage lang. Es braucht wohl kaum bemerkt zu werden, daß, was Jeder⸗ mann bei dem erſten Zuſammentreffen leicht erkennen mußte, Lord Veriſopht, obgleich er ein Lord, und Mul⸗ berry Hawk, obgleich er ein Baronet war, nicht die be⸗ ſten Geſellſchafter und keineswegs geeignet waren, durch ihr Benehmen, ihren Geſchmack und ihr Geſpräch in Damengeſellſchaft beſonders zu glänzen. Der Madame Wititterly genügten jedoch die beiden Titel vollkommen; Grobheit wurde Humor, Gemeinheit galt für die reizendſte Excentricität, und Unverſchämtheit trat als Mangel an Steifheit auf, die nur von ſolchen Leuten zu erlangen ſei, welche das Glück hätten, ſich in den höchſten Cirkeln zu bewegen. Nicolaus Nickleby. 37 Was konnte die Geſellſchafterin ſagen, wenn die Frau vom Hauſe das Benehmen ihrer neuen Freunde auf dieſe Weiſe auslegte? Wenn ſie ſich faſt ohne alle Rück⸗ ſicht vor der Frau vom Hauſe benahmen, mit wie viel größerer Frechheit konnten ſie gegen deren bezahlte Die⸗ nerin auftreten! Dies war noch nicht einmal das Schlimmſte. Da der verhaßte Sir Mulberry Hawk ſich immer unverhoblener an Käthchen wendete, ſo wurde Madame Wititterly endlich auf die mächtigern Reize der Mademoiſelle Nickleby eiferſüchtig. Wäre Käthchen in Folge dieſer Eiferſucht aus dem Geſellſchaftszimmer ver⸗ wieſen worden, ſobald ſolche Geſellſchaft kam, ſo würde ſie ſich über das Daſein dieſer Eiferſucht gefreut haben; leider, d. h. zum Unglücke für ſie, beſaß ſie die angeborne Grazie, die echte Artigkeit im Benehmen und jene tau⸗ ſend namenloſen Eigenſchaften, welche der weiblichen Geſellſchaft den größten Reiz geben, und die überall ſchätzenswerth ſind, dies aber beſonders hier waren, wo die Frau vom Hauſe nur eine belebte Puppe war. Dem zufolge hatte Käthchen den doppelten Verdruß, ein un⸗ entbehrlicher Theil der Geſellſchaft zu ſein, ſo oft Sir Mulberry und deſſen Freunde ſich einfanden, ſich aber auch und gerade deswegen der ganzen übeln Laune und Verdrießlichkeit der Madame Wititterly ausgeſetzt zu ſehen, ſobald die Herren ſich entfernt hatten. Sie fühlte ſich völlig und unbeſchreiblich unglücklich. Madame Wititterly hatte in Hinſicht auf Sir Mul⸗ berry nie die Maske abgenommen, und wenn ſie übel⸗ launiſcher war als gewöhnlich, ſo ſchob ſie es, wie es die Frauen bisweilen thun, auf die Reizbarkeit ihrer Nerven; als jedoch der ſchreckliche Gedanke, daß auch Lord Veriſopht in Käthchen verliebt ſei und ſie, Madame Wititterly, dabei eine ganz untergeordnete Rolle ſpiele, 38 Nicolaus Nickleby. in dem Geiſte der Frau empordämmerte und ſich allmä⸗ lig klarer und deutlicher entwickelte, rüſtete ſie ſich mit einer gewaltigen Quantität höchſt ſchicklichen und höchſt tugendſamen Unwillens und hielt es für ihre Pflicht, als verheirathete Frau und moraliſches Glied der Geſell⸗ ſchaft, dieſen Umſtand»der jungen Perſon« ohne Ver⸗ zug vorzuhalten. Demnach begann Madame Wititterly am andern Mor⸗ gen während einer Pauſe in der Damenlectüre. »Mademoiſelle Nickleby,« ſagte Madame Wititterly, vich möchte ein ernſtes Wort mit Ihnen reden. Es thut mir leid, daß ich dazu genöthigt bin, wahrhaftig, es thut mir leid, aber Sie laſſen mir keine andere Wahl, Mademoiſelle Nickleby.“ Madame Wititterly ſchüttelte dabei den Kopf, nicht vor Leidenſchaft, ſondern als tu⸗ gendreiche Frau, und bemerkte mit einer gewiſſen Auf⸗ regung, ſie fürchte, ſie werde wieder ihr ſchreckliches Herzklopfen erhalten. »Ihr Benehmen, Mademoiſelle Nickleby,« fuhr die Dame darauf fort,„gefällt mir durchaus nicht— nein durchaus nicht. Ich wünſche von Herzen, daß es Ihnen wohl ergehen möge, aber verlaſſen Sie ſich darauf, Ma⸗ demoiſelle Nickleby, es kann Ihnen nicht gut gehen, wenn Sie ſo fortfahren.« »Madame!« rief Käthchen in edelm Stolze. »Erhitzen Sie mich nicht durch ſolches Reden, Ma⸗ demoiſelle Nickleby,« entgegnete Madame Wititterly mit ziemlicher Heftigkeit, oder Sie zwingen mich zu klin⸗ geln.« Käthchen ſah ſie an, ſagte aber kein Wort. »Sie dürfen nicht glauben,« fuhr Madame Witit⸗ terly fort,»dadurch, daß Sie mich ſo anſehen, könnten Sie mich hindern, Ihnen das zu ſagen, was ich ſagen — u—— Nicolaus Nickleby. 39 will und was zu ſagen ich für meine heilige Pflicht halte. Sie brauchen Ihre Blicke nicht auf mich zu heften,« ſagte Madame Wititterly mit plötzlich ausbrechendem Hohne, ich bin weder Sir Mulberry, noch Lord Frede⸗ rick Veriſopht, Mademoiſelle Nickleby, ich bin auch we⸗ der Herr Pluck noch Herr Pyke.⸗ Käthchen ſah ſie wiederum an, aber minder feſt als vorher. Sie ſtützte ihren Elbogen auf den Tiſch und bedeckte ihre Augen mit der Hand. »Wenn ſo etwas geſchehen wäre, als ich ein junges Mädchen war,« fuhr Madame Wititterly fort(das mußte freilich, nebenbei geſagt, ſchon eine hübſche Zeit her ſein), würde es ſicherlich Niemand für möglich gehalten haben.« »Ich glaube es auch,« flüſterte Käthchen.»Ich bin aber auch der Meinung, daß Niemand, der ſich nicht ſelbſt überzeugt, glauben wird, was ich zu erdulden habe.« „Reden Sie nicht vom zu erdulden haben“, Made⸗ moiſelle Nicklepyp, wenn Sie mir einen Gefallen thun wollen,« entgegnete Madame Wititterly in ſo kreiſchen⸗ dem Tone, daß derſelbe bei einer ſo kranken Perſon höchlich überraſchen mußte.»„Ich will keine Antwort haben, Mademoiſelle Nickleby. Ich bin es weder ge⸗ wohnt, daß man mir ſo antwortet, noch werde ich es auch nur einen Augenblick dulden. Hören Sie?« ſetzte ſie hinzu und wartete in augenſcheinlicher Inkonſequenz auf eine Antwort. »Ich höre Sie, Madame,« erwiederte Käthchen,»und ſehr verwundert, in größerer Verwunderung, als ich auszudrücken vermag.“« »Ich habe Sie immer für eine nach Ihrem Stande und Ihren Verhältniſſen beſonders gut erzogene Perſon 40 Nicolaus Nickleby. gehalten,« ſagte Madame Wititterly,»und da Sie ſich zu benehmen wiſſen, da Sie ein geſundes Ausſehen ha⸗ ben, ſich nett kleiden u. ſ. w., ſo intereſſirte ich mich für Sie, wie ich es auch jetzt noch thue, da ich es gewiſſer⸗ maßen für eine Pflicht gegen die alte achtbare Frau, Ihre Mutter, halte. Aus dieſen Gründen, Mademoiſelle Nickleby, muß ich Ihnen ein für allemal ſagen, und ich bitte Sie, ſich dies wohl zu merken, daß ich auf einer ſofortigen Aenderung Ihres Benehmens gegen die Her⸗ ren beſtehe, welche unſer Haus beſuchen. Es ſchickt ſich wahrhaftig nicht,« ſagte Madame Wititterly, und ſie ſchloß, während ſie ſprach, ihr keuſches Auge,»es iſt unſchicklich— ganz unſchicklich.« „»Ach!« rief Käthchen, die aufwärts blickte und ihre Hände faltete,»iſt dies, iſt dies nicht zu grauſam, zu ſchwer zu tragen! Iſt es nicht genug, daß ich bereits Tag und Nacht gelitten, daß ich bereits in meiner eige⸗ nen Achtung geſunken bin aus Schaam darüber, mit ſol⸗ chen Menſchen in Berührung gekommen zu ſein! Muß ich auch noch dieſe ungerechte und völlig ungegründete Beſchuldigung anhören!« »Sie werden die Güte haben und bedenken, Made⸗ moiſelle Nickleby,« ſagte Madame Wititterly,»daß, wenn Sie ſich ſolcher Ausdrücke wie hungerecht“ und' unge⸗ gründet“ bedienen, Sie mich geradezu beſchuldigen, ich rede Unwahrheit.« »Das thue ich auch,« entgegnete Käthchen mit wirk⸗ lichem Unwillen.»Es iſt mir ganz einerlei, ob Sie dieſe Beſchuldigung ſelbſt machen oder Andere Sie dazu veranlaßt haben. Ich ſage, es iſt eine ſchändliche, plumpe, empörende Lüge. Iſt es möglich,« fuhr Käthchen fort, „daß eine Perſon meines Geſchlechts zugegen war, ohne die Leiden zu bemerken, welche mir dieſe Herren verur⸗ u N — —— Nicolaus Nickleby. 41 ſacht haben? Iſt es möglich, daß Ihnen, Madame, die empörende Frechheit entging, die aus jedem Blicke der⸗ ſelben ſprach? Konnte es Ihnen entgehen, daß jene Wüſtlinge mit gänzlicher Rückſichtsloſigkeit gegen Sie und mit völliger Mißachtung eines anſtändigen Beneh⸗ mens, ja gegen alle Schaam und Scheu, nur eine Ab⸗ ſicht hatten, um derentwillen ſie ſich hier einführten, die Abſicht, ihren Zweck an einem freund⸗ und ſchutzloſen armen Mädchen zu erreichen, das ohne dieſes demüthi⸗ gende Geſtändniß hätte hoffen können, bei der ältern Gebieterin Theilnahme und Schutz zu finden? Ich will, ich mag es nicht glauben.« Hätte vas arme Käthchen nur im Geringſten die Welt und die Menſchen gekannt, ſo würde ſie trotz dem Un⸗ willen, der in ihr erregt worden war, nicht gewagt ha⸗ ben, eine ſo unbedachte Sprache zu führen. Die Wir⸗ kung derſelben war genau ſo, wie ein erfahrenerer Beo⸗ bachter vorausgeſehen haben würde. Madame Witttt⸗ terly duldete den Angriff gegen ihre Wahrhaftigkeit mit exemplariſcher Gelaſſenheit, und hörte mit heldenmüthi⸗ ger Seelenſtärke den Bericht Käthchens über ihre Leiden an. Als Käthchen aber andeutete, daß die Herren ſie mißachteten und gar nicht berückſichtigten, wurde ſie hef⸗ tig erſchüttert, und als auf dieſen erſten Schlag gleich darauf die Anſpielung auf ihr Alter folgte, ſank ſie mit einem entſetzlichen Weherufe auf das Sopha zurück. »Was giebt es?« rief Herr Wititterly; der in das Zimmer ſtürzte.»Himmel, was ſehe ich! Julie! Julie! blicke auf, mein Leben, blicke auf!« Aber Julie blickte ausdauernd nieder und ſchrie nur um ſo lauter. Herr Wititterly klingelte alſo, trippelte und ſprang wie wahnſinnig um das Sopha herum, auf welchem Madame Wititterly lag, rief fortwährend nach 42 Nicolaus Nickleby. Sir Tumley Snuffim und vergaß dabei ganz und gar, nach einer Erklärung des Auftrittes zu fragen. „»Lauf' zu Sir Tumley,« rief Herr Wititterly dem Pagen zu, den er mit beiden Fäuſten bedrohete.»Ich weiß es, Mademoiſelle Nickleby,« ſagte er, indem er ſich mit melancholiſchem Triumphe umſah,»dieſe Geſellſchaft iſt für ſie zu viel geweſen. Sie wiſſen, ſie iſt ganz Seele, ganz Geiſt.« Während dieſer Verſicherung hob Herr Wititterly ſeine ausgeſtreckt auf dem Sopha lie⸗ gende Frau auf und trug ſie fort in das Bett. Käthchen wartete, bis Sir Tumley Snuffim ſeinen Beſuch gemacht und dann gemeldet hatte, Madame Wi⸗ titterly ſei durch eine unmittelbare Einwirkung der gnä⸗ digen Vorſehung(ſo drückte ſich Sir Tumley aus) in Schlaf geſunken. Dann kleidete ſie ſich ſchnell zum Aus⸗ gehen an, ſagte, ſie würde in einem Paar Stunden wie⸗ der zurück ſein und eilte nach der Wohnung ihres Oheims. Ralph Nickleby hatte einen guten,— einen glückli⸗ chen Tag gehabt und ſein Mund war in ein ſteifes Lä⸗ cheln verzogen, während er, die Hände auf dem Rücken über einander gelegt, in dem kleinen Hinterſtübchen auf⸗ und abging und im Kopfe die Summe zuſammenrech⸗ nete, die er bei den ſeit dem Morgen abgemachten Ge⸗ ſchäften verdient habe oder verdienen werde. Die Fe⸗ ſtigkeit der Linien und Curven, welche jenes Lächeln bil⸗ deten, ſo wie der ſchlaue Blick des kalten glänzenden Auges ſchienen zu ſagen, wenn irgend ein Entſchluß oder eine Liſt jenen Gewinn zu ſteigern vermöchten, würden ſie jedenfalls benutzt werden. »Sehr gut,« ſagte Ralph, ohne Zweifel in Bezug auf ein den Tag über vorgekommenes Geſchäft.»Er trotzt dem Wucherer wirklich? Nun, wir werden wohl ₰ — — N— ua n— — üu Nicolaus Nickleby. 43 ſehen. Ehrlich währt am längſten! ob es wohl wahr iſt? Wir werden ja ſehen.« Er blieb ſtehen und ſetzte dann ſein Auf⸗ und Abge⸗ hen fort. »Er begnügt ſich,« fuhr Ralph lächelnd fort,»ſeinen bekannten Charakter und ſein Betragen gegen die Macht des Geldes zu ſetzen,— des Drecks, wie er es nennt. Welcher dumme Narr muß dieſer Menſch ſein! Dreck! — Geld Dreck!— Wer iſt da?« »Ich,« antwortete Newman Noggs, der den Kopf hereinſteckte.»Ihre Nichte.«⸗ »Was iſt mit ihr?« fragte Ralph rauh. »Sie iſt hier.« »Hier?« Newman winkte mit dem Kopfe nach ſeiner kleinen Kammer, um anzudeuten, daß ſie dort warte. »Was will ſie?« fragte Ralph. »Das weiß ich nicht,« entgegnete Newman und ſetzte ſchnell hinzu:»ſoll ich fragen?« »Nein,« antwortete Ralph.»Führe ſie her— halt!« Er ſtellte ſchnell einen verſchloſſenen Geldkaſten weg, der auf dem Tiſche ſtand und legte dafür einen leeren Beutel hin.»So,« ſagte Ralph.»Nun kann ſie kom⸗ men.« Newman winkte mit einem grinſenden Lächeln das junge Mädchen herein, ſtellte einen Stuhl für ſie hin und ging, ſah aber verſtohlen Ralph über die Achſel an, als er langſam hinaus hinkte. „Nun,“« ſagte Ralph ziemlich rauh, aber doch noch freundlicher als er gegen jeden andern Menſchen gewe⸗ ſen ſein würde.»Nun, meine— Liebe! Was ſoll's?2« Käthchen ſchlug die Augen auf, die mit Thränen ge⸗ füllt waren, bemühete ſich, ihrer Gefühle Herr zu wer⸗ 44 Nicolaus Nickleby. den und verſuchte zu ſprechen, aber vergebens. Sie ließ das Köpfchen wieder ſinken und ſchwieg. Ihr Geſicht war vor Ralph zwar verborgen, aber er konnte doch ſe⸗ hen, daß ſie weinte. »Ich kann die Urſache davon errathen!« dachte Ralph, nachdem er ſie eine Zeitlang ſchweigend betrachtet hatte. »Ich kann,— ich kann die Urſache errathen. Nun!« dachte er weiter und verlor bei dem Anblicke der Angſt ſeiner ſchönen Nichte ganz und gar ſeine Faſſung.»Was ſchadet es aber? Ein Paar Thränen, und es iſt eine gute Lehre für ſie,— eine treffliche Lehre.« »Nun, was giebt's?« fragte Ralph, indem er einen Stuhl ihr gegenüber rückte und ſich ſetzte. Er erſchrak aber über die Entſchloſſenheit, mit wel⸗ cher Käthchen aufblickte und ihm antwortete. »Die Sache, die mich zu Ihnen treibt,« ſagte ſie, wiſt von der Art, daß ſie Ihnen das Blut in das Geſicht treiben ſollte, während Sie davon hören, wie ich nur erröthend davon ſprechen kann. Mir iſt großes Unrecht geſchehen, mein Gefühl iſt empört und unheilbar ver⸗ letzt worden und zwar durch Ihre Freunde.« Freunde!« wiederholte Ralph ernſt.»Ich habe keine Freunde, Mädchen.« „»Durch die Herren alſo, welche ich hier ſah,«ent⸗ gegnete Käthchen ſchnell.»Waren ſie Ihre Freunde nicht, und Sie wußten, was ſie ſind, ſo iſt es um ſo ſchmachvoller für Sie, Onkel, daß Sie mich unter die⸗ ſelben brachten. Sie mußten ſich ernſtlich entſchuldigen, daß Sie mich dem ausſetzten, was ich hier erfuhr, wenn es aus ungehörigem Vertrauen in Ihre Gäſte oder in Folge von unzureichender Kenntniß derſelben geſchah; kannten Sie die Herren aber, und Sie thaten es doch, Nicolaus Nickleby. 45 — wie ich es jetzt glaube,— ſo war es ganz abſcheu⸗ lich und mehr als grauſam.« Ralph rückte in höchſter Verwunderung über dieſe offene Sprache zurück und maß das Mädchen mit ſeinem finſterſten Blicke. Aber ſie hielt denſelben ſtolz und feſt aus, und obgleich ihr Geſicht ſehr blaß war, ſo ſah es doch noch edeler und ſchöner aus als je vorher. »Es iſt etwas von dem Blute Deines Bruders in Dir, wie ich ſehe,« ſagte Ralph in ſeinem rauheſten Tone, als ihn etwas in dem funkelnden Auge an Ni⸗ colaus bei ihrem letzten Zuſammenſein erinnerte. „»Das hoffe ich!« antwortete Käthchen.»Ich würde ſtolz darauf ſein, wäre es der Fall. Ich bin jung, On⸗ kel, und die zahlreichen Beſchwerden und Leiden meiner Stellung haben es niedergehalten, aber heute bin ich über alle Maaßen aufgeregt worden und, komme was da will, ich werde dieſe Kränkungen nicht länger ertra⸗ gen, da ich das Kind Ihres Bruders bin.« »Welche Kränkungen, Mädchen?« fragte Ralph kalt. »Erinnern Sie ſich an das, was hier geſchah und fragen Sie ſich ſelbſt,« entgegnete Käthchen hoch errö⸗ thend.»Onkel, Sie müſſen— und ich bin überzeugt, daß Sie es thun— Sie müſſen mich von der empören⸗ den, gemeinen, verletzenden Geſellſchaft befreien, der ich jetzt ausgeſetzt bin. Es iſt nicht mein Wille,« ſagte Käthchen, indem ſie zu dem alten Manne eilte und ihren Arm auf ſeine Achſel legte,»es iſt nicht mein Wille, heftig zu ſein; ich bitte Sie um Verzeihung, wenn es ſchien, als ſei ich es, lieber Onkel,— aber Sie wiſſen nicht, was ich ertragen habe, nein, Sie wiſſen es nicht. Sie wiſſen nicht, was das Herz eines jungen Mädchens iſt,— ich darf nicht erwarten, daß Sie es wiſſen, wenn 46 Nicolaus Nickleby. ich Ihnen aber ſage, daß ich höchſt unglücklich bin und daß mein Herz bricht, ſo werden Sie mir gewiß helfen, ich weiß es, Sie werden mir helfen.« Ralph ſah ſie einen Augenblick an, dann wendete er ſein Geſicht ab und ſtampfte heftig mit dem Fuße auf den Boden. »Ich habe Tag für Tag geſchwiegen,« ſagte Käth⸗ chen, indem ſie ſich über ihn bog und ſchüchtern ihre kleine Hand in die ſeinige legte,»weil ich hoffte, die Nachſtellung würde ein Ende nehmen; ich habe geſchwie⸗ gen und mußte heiter und vergnügt ausſehen, während ich höchſt unglücklich war. Ich hatte Niemanden, der mir mit Rath beiſtand und mich beſchützte. Die Mutter hält jene Herren für ehrenwerthe Männer, für reich und angeſehen, und wie iſt es mir möglich, ihr dieſen Wahn zu benehmen,— da ſie ſich in dieſer Selbſttäu⸗ ſchung glücklich fühlt und dieſes Glück das einzige iſt, das ſie erfreut? Die Dame, zu welcher Sie mich brach⸗ ten, iſt die Perſon nicht, der ich ſo delikate Dinge an⸗ vertrauen könnte, und ſo bin ich denn endlich zu Ihnen gekommen als dem einzigen Freunde in der Nähe, ja faſt dem einzigen Freunde, den ich habe—; um Sie zu bitten und anzuflehen, mir zu helfen.« »Wie kann ich Dir beiſtehen, Kind?« fragte Ralph, indem er von ſeinem Stuhle aufſtand und wie vorher in dem kleinen Zimmer auf⸗ und abging. »Sie haben Einfluß auf einen dieſer Männer, ich weiß es,« entgegnete Käthchen.»Würde nicht ein Wort von Ihnen ſie vermögen, ihr unmännliches Betragen ge⸗ gen mich zu ändern?« »Nein,« antwortete Ralph und drehete ſich ſchnell um,»wenigſtens,— ich kann das Wort nicht ausſpre⸗ chen, wenn ich es auch wollte.« Nieolaus Nickleby. 47 „Sie können es nicht ausſprechen 2« »Nein,« wiederholte Ralph, der unbeweglich daſtand und ſeine Hände noch feſter auf den Rücken ineinander⸗ legte;»ich kann es nicht ausſprechen.« Käthchen wich einige Schritte zurück und ſah ihn an, als traue ſie ihren Ohren nicht. »Wir ſtehen mit einander in Geſchäftsverbindung,« ſagte Ralph, indem er ſich abwechſelnd auf den Zehen und den Abſätzen ſchaukelte und kaltblütig ſeiner Nichte in das Geſicht ſah,»in Geſchäftsverbindung, und ich darf ihn nicht beleidigen. Und was iſt es am Ende auch? Wir haben alle unſere Prüfungen zu beſtehen und unſere Widerwärtigkeiten zu ertragen. Manche Mädchen würden ſogar ſtolz ſein, wenn ſolche Männer zu ihren Füßen lägen.« »Stolz!“« rief Käthchen. »Ich will nicht ſagen,« entgegnete Ralph, indem er ſeinen Zeigefinger emporhielt,»ich will nicht ſagen, Du thäteſt Unrecht, wenn Du ſie verachteſt, nein, Du ver⸗ räthſt darin Dein geſundes Urtheil und ich erwartete dies ſogleich von Dir. Gut. In jeder andern Hinſicht biſt Du vortheilhaft geſtellt. Es iſt nicht zu ſchwer zu tragen. Folgt Dir dieſer junge Lord überall nach und flüſtert Dir alberne Reden zu, was iſt es denn? Es mag ein nicht zu entſchuldigender Zweck dabei zu Grunde liegen. Laß es; er wird ſich nicht lange bemühen. Es wird ihm etwas Neues entgegenkommen und Du biſt erlöſet. Unterdeſſen—« „»ulnterdeſſen,« fiel Käthchen mit edelm Stolze und Unwillen ein,»bin ich der Spott meines Geſchlechtes und das Spielwerk der Andern, mit Recht von allen Frauen und Mädchen verurtheilt, die ein Gefühl für Zucht und Sitte haben, wie von allen rechtlichen und 48 Nicolaus Nickleby. ehrenwerthen Männern verachtet, geſunken in meiner ei⸗ genen Achtung und gefallen in jedem Auge, das mich anblickt. Nein, und ſollte ich arbeiten, daß das Blut aus meinen Fingern ſpritzt, nein, und wenn ich die be⸗ ſchwerlichſte und härteſte Arbeit verrichten müßte! Ver⸗ ſtehen Sie mich nicht falſch. Ich will Ihrer Empfehlung keine Schande machen, ich will in dem Hauſe bleiben, in welches Sie mich brachten, bis mein Contract abge⸗ laufen iſt und ich ein Recht habe, dieſes Verhältniß auf⸗ zugeben, aber merken Sie ſich dies, ich ſehe jene Män⸗ ner nicht weiter. Verlaſſe ich das Haus, ſo will ich mich vor jenen und vor Ihnen verbergen, mich bemühen, meine Mutter durch meiner Hände Arbeit zu ernähren, und ſo wenigſtens in Frieden leben und auf Gottes Hülfe vertrauen.« Bei dieſen Worten winkte ſie mit der Hand und ver⸗ ließ das Zimmer, in welchem Ralph Nickleby bewegungs⸗ los wie eine Bildſäule ſtehen blieb. Die Ueberraſchung, mit welcher Käthchen, als ſie die Thür zumachte, dicht an derſelben Newman Noggs ker⸗ zengerade in einer kleinen Mauerniſche ſtehen ſah, wie eine Vogelſcheuche, die den Winter da aufbewahrt wird, war ſo groß, daß ſie faſt laut aufſchrie. Newman legte jedoch einen Finger auf ſeinen Mund, und ſie hatte ſo viel Geiſtesgegenwart, um an ſich zu halten. »Weinen Sie nicht, weinen Sie nicht,« ſagte New⸗ man, indem er aus ſeinem Verſteck herausſchlüpfte und ſie durch die Hausflur begleitete; aber über ſein eigenes Geſicht rollten dabei zwei große Thränentropfen. »Ich ſehe, wie es ſteht,« ſagte der arme Noggs, in⸗ dem er aus ſeiner Taſche etwas zog, das einem alten Wiſchlappen glich und damit Käthchens Augen ſo ſanft abwiſchte, als wäre ſie ein Kind.»Jetzt können Sie d— a Nicolaus Nickleby. 49 nicht mehr an ſich halten. Ja, ja, recht gut; das iſt recht, mir gefällt das. Recht war's, daß Sie in ſeiner Gegenwart nicht weinten. Ja, ja! Hal ha! ha! Ja, ja! Armes Ding!« Während dieſer unzuſammenhängenden Ausrufungen trocknete Newman ſeine eigenen Augen mit dem erwähn⸗ ten Wiſchlappen ab, hinkte nach der Hausthür zu und machte ſie auf, um Käthchen hinaus zu laſſen. »Weinen Sie nicht mehr!« flüſterte Newman.»Ich werde Sie bald beſuchen. Ha! ha! ha! Auch woch Je⸗ mand wird kommen. Ja, ja. Ho! ho!« »Gott ſegne Sie,« antwortete Käthchen, indem ſie raſch hinaustrat;»Gott ſegne Sie!« »Gleichfalls!« entgegnete Newman, der die Thür wieder etwas aufmachte, um ihr dies nachzurufen.»Ha! ha! ha! Ho! ho!l ho!« Und Newman Noggs machte die Thür noch einmal auf, um freundlich zu nicken und zu lachen, verſchloß ſie dann aber, um betrübt den Kopf zu ſchütteln und zu weinen. Ralph blieb in derſelben Stellung, bis er die Thür verſchließen hörte, dann zuckte er die Achſeln, ging noch Einigemale in dem Zimmer auf und ab, erſt raſch, dann langſamer und langſamer in dem Verhältniſſe, wie er ruhiger wurde, und ſetzte ſich endlich an ſein Pult. Es iſt eines der Räthſel der menſchlichen Natur, die man anführen, aber nicht löſen kann; obgleich Ralph in dieſem Augenblicke keine Reue über ſein Benehmen gegen das unſchuldige treuherzige Mädchen fühlte, obgleich die Wüſtlinge, ſeine Kunden, genau das gethan hatten, was er erwartete, genau das, was er gewünſcht, und genau das, was für ihn am vortheilhafteſten ſein mußte, ſo haßte er ſie doch deshalb aus Herzensgrunde. Nicolaus Nickleby. IV. 4 50 Nicolaus Nickleby. „Uff!« ſagte Ralph, indem er ſich mit finſterm Blicke umſah und ſeine geballten Fäuſte ſchüttelte, als er im Geiſte die beiden Wollüſtlinge vor ſich ſah;»dafür ſollt Ihr mir büßen!« Während der Wucherer Troſt in ſeinen Büchern und Papieren ſuchte, ging draußen vor ſeiner Comtoirthür etwas vor, das ihn nicht wenig überraſcht haben würde, hätte er Kenntniß davon erhalten können. Newman Noggs war allein. Er ſtand in geringer Entfernung von der Thür, das Geſicht gegen dieſelbe gerichtet, hatte die Aermel ſeines Rockes am Handgelenke zurückgeſchlagen und theilte in der Luft die kräftigſten Hiebe aus. Beim erſten Anblicke hätte man dies für eine heil⸗ ſame Körperbewegung anſehen können, um die Bruſt zu kräftigen und die Muskeln ſeiner Arme zu ſtärken, was ihm bei ſeinem vielen Sitzen nöthig war; aber der große Eifer und die Freude, welche ſich auf dem Ge⸗ ſichte des Newman Noggs ſpiegelte, das mit Schweiß bedeckt war; die überraſchende Kraft, mit welcher er eine endloſe Menge von Schlägen gegen ein beſonderes Feld der Thür richtete, und die Ausdauer, die er dabei be⸗ kundete, würden es dem aufmerkſamen Beobachter klar gemacht haben, daß er in der Einbildung ſeinen Brot⸗ herrn, Ralph Nickleby, durchprügelte. — Nicolaus Nickleby. 51 Drittes Kapitel. Von dem Verfahren Nicolaus Nickleby's und gewiſſen Zwiſtig⸗ keiten in der Geſellſchaft des Herrn Vincens Crummles. Der unerwartete Erfolg und der Beifall, die ſein Verſuch in Portsmouth gefunden hatte, veranlaßten Herrn Crummles, ſeinen Aufenthalt in dieſer Stadt vierzehn Tage über die Zeit zu verlängern, welche er daſelbſt zu bleiben ſich vorgenommen gehabt. Nicolaus trat wäh⸗ rend dieſer Zeit in einer Menge von Rollen mit unge⸗ mindertem Beifalle auf und zog ſo viele Leute in das Theater, die man früher nie in demſelben geſehen hatte, daß der Direktor eine Benefizvorſtellung für eine höchſt vortheilhafte Spekulation halten mußte. Nicolaus wil⸗ ligte in die ihm vorgelegten Bedingungen, das Benefiz wurde gegeben, und er erhielt als ſeinen Antheil von der Einnahme nicht weniger als hundert und dreißig Thaler. Im Beſitz dieſes unerwarteten Reichthums ſchickte er ſogleich dem braven Browdie die Summe, welche ihm dieſer aus Freundſchaft geliehen, und begleitete das Geld mit Verſicherungen ſeines Dankes und ſeiner Ach⸗ tung, ſo wie mit vielen herzlichen Wünſchen für ſein eheliches Glück. An Newman Noggs ſandte er die Hälfte der erhaltenen Summe mit der Bitte, dieſelbe Käthchen im Geheimen zu übergeben und ihr dabei die Verſicherung ſeiner Liebe zu wiederholen. Er verſchwieg 4* 52 Nicolaus Nickleby. jedoch die Art, wie er das Geld verdient und womit er ſich beſchäftigt, meldete Newman bloß, ein Brief, der unter ſeinem angenommenen Namen an die Poſtanſtalt in Portsmouth geſandt werde, würde ſicher in ſeine Hände kommen, und erſuchte dieſen würdigen Freund, ihm ausführlich über die Lage ſeiner Mutter und Schwe⸗ ſter, ſo wie über die großen Dinge zu ſchreiben, welche Ralph Nickleby ſeit ſeiner Abreiſe von London für die⸗ ſelben gethan habe. »Sie ſind mißmüthig,« ſagte Smike an dem Abende, nachdem der Brief abgeſendet war. »Keineswegs,« antwortete Nicolaus mit erheuchelter Heiterkeit, denn das Geſtändniß würde dem Knaben eine ſchlafloſe Nacht gemacht haben;»ich dachte an meine Schweſter, Smike.« „»Schweſter!« .»Ja.« „Gleicht ſie Ihnen,« fragte Smike. »Man ſagt es,« antwortete Nicvlaus lachend;»nur daß ſie um vieles hübſcher iſt.« „»Dann muß ſie ſehr ſchön ſein,« entgegnete Smike, nachdem er eine Zeitlang mit gefalteten Händen nach⸗ gedacht und die Augen auf ſeinen Freund geheftet hatte. »Wer Dich nicht ſo kennte, wie ich, mein lieber Freund, würde glauben, Du wäreſt ein vollendeter Hof⸗ mann,« ſagte Nicolaus. »Ich weiß nicht einmal, was dies iſt,« antwortete Smike kopfſchüttelud.»Werde ich Ihre Schweſter auch ſehen?2« »Gewiß,« antwortete Nicolaus,»wir werden irgend einmal Alle beiſammen ſein— wenn wir reich ſind, Smike.« Nicolaus Nickleby. »Wie kommt es, daß Sie, der Sie ſo freundlich und gut gegen mich ſind, Niemanden haben, der gut und freundlich gegen Sie iſt?« fragte Smike.»Ich kann mir das nicht erklären.« „Das iſt eine lange Geſchichte,« antwortete Nicolaus, vund ich fürchte, Du würdeſt ſie nicht einmal verſtehen. Ich habe einen Feind— Du weißt, was das iſt?« »Ach ja, das weiß ich,« ſagte Smike. »Nun, dieſer Feind iſt Schuld daran. Er iſt reich und kann nicht ſo leicht gezüchtiget werden, wie Dein ſonſtiger Feind, Herr Squeers. Er iſt mein Oheim, aber ein Schurke, und hat mir viel Uebels gethan.« »Hat er das?« fragte Smike, indem er ſich begierig hörend verbog.»Wie heißt er? Nennen Sie mir ſei⸗ nen Namen.« „»Ralph—, Ralph Nickleby.« „Ralph Nickleby,« wiederholte Smike.»Ralph. Den Namen werde ich auswendig lernen.« Er hatte den Namen vielleicht zwanzig Male vor ſich hin geſagt, als er in ſeiner Beſchäftigung durch ein ſtar⸗ kes Pochen an der Thür geſtört wurde. Ehe er dieſelbe öffnen konnte, ſteckte Herr Folair, der Tänzer, den Kopf herein. Der Kopf des Herrn Folair war gewöhnlich mit ei⸗ nem ungewöhnlich hohen, runden Hute mit ganz ſchma⸗ len Krämpen geziert. Diesmal trug er denſelben ſehr auf einer Seite, die Vorderſeite nach hinten gedreht, weil die hintere weniger abgegriffen war. Um den Hals hatte er einen feuerrothen Shawl geſchlungen, deſſen Zipfel unter ſeinem fadenſcheinigen Rocke hervorſahen, der ſehr eng und von unten bis oben zugeknöpft war. In der Hand hielt er einen ſehr ſchmutzigen Handſchuh und einen wohlfeilen Stock, kurz er war ungewöhnlich 54 Nicolaus Nickleby. ſtutzerhaft gekleidet und ſchien eine weit größere Sorg⸗ falt auf ſeine Toilette gewendet zu haben, als er derſel⸗ ben gemeiniglich ſchenkte. „»Guten Abend,“« ſagte Herr Folair, indem er ſeinen hohen Hut abnahm und mit den Fingern durch ſein Haar fuhr.»Ich bringe eine Mittheilung, hm!“ „»Von wem und worüber?« fragte Nicolaus.»Sie halten heute Abend ungewöhnlich hinter dem Berge und ſind ſehr geheimnißvoll.« „Kalt vielleicht,« entgegnete Herr Folair,»kalt viel⸗ leicht. Das liegt in meiner Stellung, nicht an mir ſelbſt, Herr Johnſon, in meiner Stellung, wie ſie nicht anders ſein kann, da ich beider Freund bin.« Herr Fo⸗ lair hielt inne, machte ein ſehr ausdrucksvolles Geſicht, griff tief in den mehrerwähnten Hut hinein, nahm ein Stück merkwürdig zuſammengelegten weißlichbraunen Papieres heraus, wickelte aus dieſem ein Billet, das darin hatte rein bleiben ſollen, übergab dieſes Nicolaus und ſagte: „Haben Sie die Gefälligkeit, dies zu leſen.« Nicolaus nahm in großer Verwunderung das Billet, erbrach das Siegel und ſah dabei den Herrn Folair an, der die Augenbrauen zuſammenkniff, das Geſicht in ſehr würdevolle Falten zog und die Augen an die Decke geheftet daſaß. Das Billet war adreſſirt an:»Herrn Johnſon, durch Herrn Auguſt Folair,« und die Verwunderung Nicolaus' wurde keineswegs verringert, als er folgenden lakoni⸗ ſchen Inhalt las: »Portsmouth, Dienſtag Abend. „Lenville empfiehlt ſich dem Herrn Johnſon und wird ves für eine Gefälligkeit anſehen, wenn er ihn wiſſen „laſſen will, zu welcher Stunde es ihm am bequemſten “ —— ———=— n. 8 — Nicolaus Nickleby. 55 »iſt, Lenville in dem Theater zu ſehen und ſich von dem⸗ „ſelben in Gegenwart der Geſellſchaft die Naſe breit „ſchlagen zu laſſen. »Lenville bittet den Herrn Johnſon, ſich pünktlich zu „der beſtimmten Zeit einzufinden, da er einige Freunde veingeladen hat, Zeugen dieſer Ceremonie zu ſein und „die Erwartung derſelben nicht getäuſcht zu ſehen wün⸗ „ſchen kann.“ So ſehr ihn dieſe Impertinenz auch empörte, ſo lag doch etwas ſo ausgeſucht Dummes in dieſer Herausfor⸗ derung, daß Nicolaus ſich in die Lippen beißen und das Billet mehrmals überleſen mußte, ehe er ſo viel Ernſt und Ruhe gewinnen konnte, um den feindlichen Boten anzureden, der ſeine Augen von der Decke nicht abge⸗ wendet, auch den Ausdruck ſeines Geſichts nicht im min⸗ deſten geändert hatte. „»Kennen Sie den Inhalt dieſes Briefes?« fragte er endlich. »Ja,« antwortete Folair, indem er ſich einen Au⸗ genblick umſah, dann aber die Augen ſogleich wieder zu der Decke emporhob. » Und wie konnten Sie wagen, mir dieſen Wiſch zu überbringen?« fragte Nicolaus, indem er das Papier in tauſend Stücke zerriß und dieſelben dem Ueberbringer in das Geſicht warf.»Fürchteten Sie nicht, die Treppe hinuntergeworfen zu werden?« Folair wendete den Kopf, der jetzt mit einigen Bruch⸗ ſtücken des Briefes geſchmückt war, nach Nicolaus hin und antwortete mit derſelben unverwüſtlichen Kaltblü⸗ tigkeit:»nein!« »So,« ſagte Nicolaus, indem er den hohen Hut nahm und denſelben nach der Thür hinwarf,»ſo werden Sie am beſten thun, wenn Sie Ihrem Hute folgen, ſonſt 56 Nicolaus Rickleby. möchten Sie ſich auf ſehr unangenehme Weiſe enttäuſcht ſehen, und dies in wenigen Sekunden.« »Johnſon,« entgegnete Folair, der ſein würdevolles Ausſehen nicht länger behaupten konnte,»nur keine ſol⸗ chen Späße mit meiner Garderobe.« »Verlaſſen Sie das Zimmer,« wiederholte Nicolaus. »Wie konnten Sie ſich erdreiſten, mir eine ſolche Bot⸗ ſchaft zu überbringen?« »Bah! Bah!« ſagte Folair, indem er ſeinen Shawl abwand und ſich allmälig aus demſelben herauswickelte. » Es iſt genug.“ »Genug!« rief Nicolaus, indem er auf Folair zu⸗ ſchritt.»Entfernen Sie ſich, oder—« „»Bah! Bahl ſage ich,« entgegnete Folair mit einer Handbewegung, als wolle er jeden weitern Zornausbruch abwenden.»Es war ja kein Ernſt. Ich brachte das Briefchen nur im Spaße.« »Dann hüten Sie ſich, ſolche Späße wieder mit mir zu machen,« erwiederte Nicolaus,»ſonſt möchte es Sie gereuen, mich zum Gegenſtande derſelben gewählt zu haben. Wurde der Wiſch auch im Spaße geſchrie⸗ ben?« „»Nein, nein, das iſt ja eben die Hauptſache,« ent⸗ gegnete der Schauſpieler,»in purem blanken Ernſt, glau⸗ ben Sie mir.«— Nicolaus konnte ſich eines Lächelns bei dem Anblicke der komiſchen Figur nicht enthalten, die immer Lachen zu erregen hatte und beſonders drollig in dieſem Augen⸗ blicke ausſah, als Folair, mit einem Kniee auf dem Bo⸗ den, ſeinen alten Hut um die Hand herumdrehete und denſelben mit beſorgter Angſt oder ängſtlicher Beſorgniß betrachtete, ob wohl auch ein Paar Haare davon zum Teufel gegangen, während ſich der Hut dieſes Schmuckes Nicolaus Nickleby. 5 7 bereits ſeit mehreren Monaten nicht mehr zu erfreuen hatte. »Nun,“ ſagte Nicolaus, der gegen ſeinen Willen la⸗ chen mußte,»haben Sie die Güte, mir die Sache zu er⸗ klären.« »Ich will Ihnen ſagen, wie die Sache zuſammen⸗ hängt,« antwortete Folair, indem er ſich ganz kaltblütig wieder auf dun Stuhl ſetzte.»Seit Sie hier ſind, hat Lenville nur in untergeordneten Rollen auftreten können, und ſtatt jeden Abend einen Empfang zu haben, wie ſonſt, hat man ihn auftreten laſſen, als ſei er gar Nie⸗ mand.« »Was verſtehen Sie unter einem Empfange?« fragte Nicolaus. »Jupiter!« rief Folair,»welche Unſchuld, Johnſon! — Klatſchen der Zuſchauer, wenn man das Erſtemal auftritt. So hat er geſpielt einen Abend und alle Abende, ohne daß ſich eine Hand rührte, während bei Ihnen das Publikum wüthend applaudirte, bis er end⸗ lich ganz desperat geworden iſt und vorigen Abend halb und halb entſchloſſen war, Tybalt mit einem wirklichen Degen zu ſpielen und Sie zu ſtechen— nicht gefährlich, aber doch ſo, daß Sie einen oder ein Paar Monate hätten liegen müſſen.« »Sehr gut ausgedacht,« bemerkte Nicolaus. »Nun, ſein Künſtlerruhm ſtand auf dem Spiele,« entgegnete Folair ganz ernſtz« aber der Muth verließ ihn und er dachte über ein anderes Mittel nach, Ihnen zu ſchaden und unterdeß die Gunſt des Publikums wie⸗ der zu erobern,— denn das iſt die Hauptſache. Ruhm, Ruhm iſt die Sache. Sehen Sie, hätte er Sie ver⸗ wundet,« ſagte Herr Folair und hielt dann inne, um ei⸗ nen Ueberſchlag zu machen,»ſo hätte er zwei bis drei 58 Nicolaus Nickleby. Thaler wöchentlich für ſich mehr gehabt. Die ganze Stadt würde in das Theater geſtrömt ſein, um den Schauſpieler zu ſehen, der einen andern aus Verſehen beinahe erſtochen hätte; ich würde mich nicht gewundert haben, hätte es ihm ein Engagement in London einge⸗ tragen. Er mußte jedoch einen andern Weg einſchlagen, um ſich populär zu machen und ſo fiel ihm dieſes ein. Es iſt gewiß ein guter Gedanke. Wären Sie furchtſam geweſen und er hätte ſeinen Zweck erreicht, ſo würde er die Sache in die Zeitung gebracht haben, und es wäre über ihn ſo viel geſprochen worden wie über Sie; ver⸗ ſtehen Sie nun?« »Vollkommen,« antwortete Nicolaus,»aber geſetzt den Fall, ich hätte ihm die Naſe eingeſchlagen, was dann? Würde das auch ſein Glück gemacht haben?« »Das nun wohl nicht,« entgegnete Folair, der ſich hinter den Ohren kratzte,»weil dies ihn nicht eben zu ſeinem Vortheile bekannt machen würde. Er rechnete je⸗ doch darauf nicht, wenn ich Ihnen die Wahrheit gerade heraus ſagen ſoll, denn Sie haben ſich immer ſo ſanft gezeigt und ſind bei den Damen ſo beliebt, daß wir gar nicht daran dachten, Sie könnten ſich zur Wehre ſetzen. Thun Sie es doch, ſo weiß er ein Mittel, ſich leicht aus der Affaire zu ziehen, verlaſſen Sie ſich darauf.« »Weiß er wirklich eins?« entgegnete Nicolaus. »Morgen früh werden wir es verſuchen. Unterdeſſen mögen Sie von unſerer Unterredung ſagen, was Sie für das Beſte halten. Gute Nacht!« Da Folair unter ſeinen Kollegen als ein Mann be⸗ kannt war, der ihnen gern einen Poſſen ſpielte und die Mittel dazu nicht eben ängſtlich bedachte, ſo zweifelte Nicolaus nicht im mindeſten, er ſelbſt habe den Helden⸗ ſpieler erſt angeſpornt und würde ſeinen Auftrag auf —— —— Nieolaus Nickleby. 59 höchſt hochfahrende Weiſe vollzogen haben, wäre er nicht durch die unerwarteten Demonſtrationen, mit denen der⸗ ſelbe aufgenommen, ins Bockshorn gejagt worden. Es verlohnte ſich jedoch der Mühe nicht, ernſthaft mit ihm zu verfahren, und er entließ deshalb den Tänzer mit der Andeutung, wenn er ihn wieder beleidige, ſo möge er ſeinen Schädel in Acht nehmen, und Folair, der die Warnung ſehr gut aufnahm, ging, um Bericht von ſei⸗ ner Sendung abzuſtatten. Ohne Zweifel hatte er erzählt, Nicolaus ſei im höch⸗ ſten Grade erſchrocken und in Furcht gerathen; denn als dieſer am nächſten Morgen zur gewöhnlichen Stunde in das Theater ging, fand er dort die ganze Geſellſchaft offen⸗ bar in geſpannter Erwartung bereits verſammelt, während Lenville mit dem ſtrengſten Theatergeſichte majeſtätiſch an einem Tiſche ſaß und herausfordernd pfiff. Die Damen hatten die Partei Nicolaus', die neidi⸗ ſchen Herren dagegen die des Heldenſpielers, ihres Kol⸗ legen, genommen, ſo daß die Letzteren eine kleine Gruppe um den fürchterlichen Lenville bildeten, und die Erſteren in einiger Entfernung, vor Angſt zitternd, zuſahen. Als Nicolaus ſie grüßend eintrat, ſchlug Lenville ein verächt⸗ liches Gelächter auf und machte einige allgemeine Be⸗ merkungen über die Naturgeſchichte der Affen. »Ah,« ſagte Nicolaus, indem er ſich umſah,»ſind Sie da 2 »Sklav!« entgegnete Lenville, indem er mit ſeinem rechten Arm in der Luft herumfuhr und mit theatrali⸗ ſchem Schritte auf ihn zu trat. Aber gerade in dieſem Augenblicke ſchien er mit Schrecken zu bemerken, daß Nicolaus doch nicht ganz ſo furchtſam ausſehe, wie er erwartet hatte, machte deshalb ſehr linkiſch Halt, ſo daß die Damen in ein lautes Gelächter ausbrachen. 60 Nicolaus Nickleby. »Gegenſtand meines Haſſes und meiner Verachtung,« ſagte Herr Lenville,»ich verabſcheue Sie.«⸗ Nicolaus mußte über dieſen poſſirlichen Anfang herz⸗ lich lachen, und die ſo ermuthigten Damen lachten lau⸗ ter als vorher, ſo daß Herr Lenville ſeine höhniſche Lach⸗ miene annahm und ſie Schätzchen nannte. „»Aber ſie ſollen Sie nicht ſchützen,« ſagte der Held, indem er Nicolaus zuerſt von den Stiefeln bis an den Scheitel und dann von dem Scheitel bis zu den Füßen mit dem Auge maß, was, wie Jedermann weiß, auf den Brettern Herausforderung ausdrückt,»ſie ſollen Sie nicht ſchützen.« Bei dieſen Worten legte Herr Lenville die Arme auf der Bruſt übereinander und nahm gegen Nicolaus die Miene an, mit welcher er in melodramatiſchen Rollen die tyranniſchen Könige anſah, wenn ſie ſprachen:»Hin⸗ weg mit ihm in das tiefſte Burgverließ.« Dieſe Miene, verbunden mit einigem Feſſelgeklirr, hatte zu ſeiner Zeit immer großen Effekt gemacht. Jetzt machte dieſe Miene— vielleicht weil die Feſ⸗ ſeln fehlten— auf Lenville's Gegner gar keinen tiefen Eindruck, ſchien vielmehr die gute Laune zu erhöhen, welche ſich auf deſſen Geſichte ausſprach. Einige Herren, die ausdrücklich hergekommen waren, um das Breitſchla⸗ gen der Naſe Johnſons mit anzuſehen, wurden bereits ungeduldig und murmelten, wenn es überhaupt geſche⸗ hen ſollte, ſo möge es bald geſchehen, wolle es Herr Lenville aber nicht thun, ſo möge er es lieber gerade herausſagen, damit ſie nicht länger zu warten brauchten. So gedrängt und angetrieben ſchlug der Heldenſpieler den rechten Rockärmel zurück, um die Operation vorzu⸗ nehmen, und trat ſtolzen Schrittes zu Nicolaus, der ihn Nicolaus Nitkleby. 61 bis in die gehörige Nähe kommen ließ und dann ganz ruhig und mit einem Schlage zu Boden ſtreckte. Ehe der gefallene Held ſeinen Kopf von den Brettern emporheben konnte, ſtürzte Madame Lenville(die, wie ſchon vorher angedeutet, ſich in geſegneten Umſtänden befand) unter der Schaar der Damen hervor und warf ſich mit einem herzzerreißenden Schrei auf den Gatten. »Sehen Sie dies, Unmenſch? Sehen Sie dies?« rief Herr Lenville, indem er ſich aufſetzte und auf ſeine daliegende Ehehälfte deutete, die ihn feſt umſchlungen hielt. Nicolaus nickte und ſagte:»Bitten Sie um Entſchul⸗ digung wegen des unverſchämten Briefes, den Sie mir geſtern Abend ſchickten, und verſchwenden Sie die Zeit nicht mit unnützen Reden.« »Nie!« entgegnete Herr Lenvillle. »Ja— ja— ja,« rief ſeine Frau.»Um meinetwil⸗ len,— um meinetwillen, Lenville, unterziehe Dich allen leeren Förmlichkeiten, ſonſt ſiehſt du mich todt zu Deinen Füßen liegen.« 3 „»Dem freilich kann ich nicht widerſtehen,« ſagte Len⸗ ville, indem er ſich umſah und mit dem Rücken der Hand über die Augen fuhr.„»Die Bande der Natur find ſtark. Der ſchwache Gatte und der Vater— der Vater in spe giebt nach. Ich bitte um Vergebung.“« »Demüthig und reuig?« fragte Nicolaus. »Demüthig und reuig,« entgegnete der Held mit ei⸗ nem finſtern Blicke;—»aber bloß um dieſe da zu ret⸗ ten,— denn es wird eine Zeit kommen—« »Ganz gut,« ſagte Nicolaus.»Ich hoffe, es möge Madame Lenville zu ihrer Zeit gut ergehen, und wenn dieſe Zeit kommt und Sie Vater ſind, mögen Sie wi⸗ derrufen, wenn Sie den Muth dazu haben. Ein ande⸗ 62 Nicolaus Nickleby. res Mal bedenken Sie beſſer, ehe Sie ſich von dem Neide fortreißen laſſen und überzeugen Sie ſich vorher von dem Temperamente Ihres Nebenbuhlers, ehe Sie zu viel wagen.« Mit dieſem guten Rathe zum Abſchiede nahm Nicolaus den Stock Lenville's, dem derſelbe aus der Hand geflogen war, zerknickte ihn, warf ihm die Stücke vor die Füße, verbeugte ſich leicht vor den An⸗ weſenden und ſchritt hinaus. Am Abend dieſes Tages behandelte man Nicolaus mit der größten Zuvorkommenheit, und ſelbſt diejenigen, die am eifrigſten gewünſcht hatten, ihm die Naſe breit ſchlagen zu ſehen, benutzten die erſte beſte Gelegenheit, um ihn bei Seite zu nehmen und ihm zu ſagen, wie ſehr ſie erfreut ſeien, daß er Herrn Lenville dieſe derbe Lektion gegeben, der ein höchſt unverträglicher Menſch ſei und dem jeder von ihnen merkwürdiger Weiſe irgend einmal eine derbe Züchtigung zugedacht habe, die ihm auch nur aus Mitleiden geſchenkt worden ſei. Wenn man nach dem unfehlbaren Ende aller dieſer Erzählun⸗ gen ſchließen durfte, ſo gab es keine mitleidigern und weichherzigern Menſchen, als die männlichen Mitglieder der Schauſpielertruppe des Herrn Crummles. Nicolaus benahm ſich in ſeinem Triumphe wie er ſich bei ſeinem Erfolge in der kleinen Theaterwelt benom⸗ men hatte, mit der größten Mäßigung und Beſcheiden⸗ heit. Der entmuthigte Lenville machte noch einen Ver⸗ ſuch, ſeine Rache zu befriedigen, indem er einen Jungen auf die Gallerie ſchickte, der pfeifen ſollte; aber dieſer, ſein Abgeſandter, wurde ein Opfer des allgemeinen Un⸗ willens und aus dem Theater hinausgebracht, ohne daß er ſein Geld wieder erhielt. „»Nun, Smike,« ſagte Nicolaus, als das erſte Stück Nicolaus Nickleby. 63 zu Ende war und er ſich faſt angekleidet hatte, um nach Hauſe zu gehen,»iſt ein Brief angekommen?« „»Ja,« erwiederte Smike;»den da habe ich von der Poſt geholt.« „»Von Newman Noggs,« ſagte Nicolaus, indem er die Adreſſe anſah; ves iſt nicht leicht, dieſe Buchſtaben zu errathen. Laß doch ſehen,— laß doch ſehen.« Als er eine halbe Stunde über dem Briefe ſtudirt hatte, wußte er ſo ziemlich, was darin ſtand, aber dies war eben nicht geeignet, ihn zu beruhigen. Newman hatte es über ſich genommen, die fünfundſechzig Thaler zurückzuſchicken, indem er bemerkte, er habe in Erfah⸗ rung gebracht, daß weder Madame Nickleby noch Käth⸗ chen für den Augenblick des Geldes bedürften, es könne dagegen in Kurzem eine Zeit kommen, in welcher Nico⸗ laus daſſelbe nothwendiger ſelbſt brauche. Er erſuchte ihn, ſich über das, was er ſchreibe, nicht zu ängſtigen; er wiſſe keine übeln Nachrichten,— ſie wären geſund, aber er glaube, es könnten Umſtände eintreten, oder wären vielleicht ſchon eingetreten, die es durchaus noth⸗ wendig machten, daß Käthchen auf den Schutz ihres Bruders rechnen könne; wenn dies geſchehe, ſagte New⸗ man, würde er ihm deshalb ſchreiben und zwar mit der nächſten oder doch mit der zweiten Poſt. Nicolaus las dieſe Stelle ſehr oft, und je mehr er darüber nachdachte, um ſo mehr fürchtete er irgend eine Schlechtigkeit von Seiten Ralphs. Ein Paarmal fühlte er ſich verſucht, auf jeden Fall und ohne Verzug ſich nach London zu begeben, aber einige Ueberlegung brachte ihn wieder zu der Ueberzeugung, wenn dies nö⸗ thig ſei, würde Newman ihm die Sache ſicherlich ſogleich mitgetheilt haben.— „Für alle Fälle werde ich die Leute hier auf die Mög⸗ 64 Nicolaus Nickleby.— lichkeit vorbereiten müſſen, daß ich ſie plötzlich verlaſſe,« ſagte Nicolaus,»und ich werde damit keine Zeit verlie⸗ ren.« Und als ihm dies einfiel, nahm er ſeinen Hut und trat in das Ankleidezimmer. »Nun, Herr Johnſon,« ſagte Madame Crummles, die in vollem Königsſtaate daſaß und das Wunderkind in ihren Mutterarmen hielt,»nächſte Woche geht es nach Ryde, dann nach Wincheſter, dann nach—« »Ich habe Grund zu fürchten,« unterbrach ſie Nico⸗ laus,„daß, ehe Sie dieſen Ort verlaſſen, meine Lauf⸗ hahn bei Ihnen beendigt ſein wird.« „»Beendigt!« rief Madame Crummles, indem ſie ver⸗ wundert die Hände emporhob, »Beendigt!« rief Fräulein Snevellicci, die ſo ſtark zitterte, daß ſie ihre Hände auf die Achſel der Frau Di⸗ rektrice legen mußte, um nicht zu fallen. »Er will damit nicht ſagen, daß er fortgehen will!« rief Madame Grudden, indem ſie zu Madame Crumm⸗ les trat.»Dummes Zeug!« Das Wunderkind, das von zarter und reizbarer Na⸗ tur war, ſtieß einen lauten Schrei aus, und Fräulein Belwowney, und Fräulein Bravaſſa weinten wirkliche Thränen. Selbſt die Herren unterbrachen ihr Geſpräch und wiederholten das Wort»gehen!« obgleich einige unter ihnen(gerade die, welche ihre Glückwünſche heute am lauteſten abgegeben hatten) einander zuwinkten, als ſähen ſie es gar nicht ungern, einen ſo begünſtigten Ne⸗ benbuhler zu verlieren,— eine Meinung, welche der offenherzige Folair, der bereits als Wilder gekleidet war, offen gegen einen Teufel ausſprach, mit dem er eben einen Krug Bier trank. Nicolaus antwortete mit kurzen Worten, er fürchte, daß es ſo kommen werde, obgleich er ſich noch nicht mit Nicolaus Nickleby. 65 Beſtimmtheit darüber ausſprechen könnte, dann empfahl er ſich und ging nach Hauſe, um Newmans Brief noch einmal durchzuſtudiren und über den Inhalt von neuem nachzudenken. Wie unbedeutend kam ihm Alles, was ſeine Zeit und ſeine Gedanken ſo viele Wochen beſchäftigt hatte, in dieſer ſchlafloſen Nacht vor und wie unaufhörlich ſtand der eine Gedanke vor ihm, daß Käthchen vielleicht ſchon in dieſem Augenblicke in irgend einer Noth und Gefahr auf ihn— vergebens auf ihn— blicke und hoffe! Viertes Kapitel. Feſtlichkeiten zu Ehren Nickleby's, der ſich plötzlich aus der Geſellſchaft des Herrn Vincenz Erunnmles und ſeiner Col⸗ legen entfernt. Herr Vincenz Crummles hatte kaum von der Anzeige gehört, daß Nicolaus wahrſcheinlich bald aufhören werde, ein Mitglied der Geſellſchaft zu ſein, als er ſeinen Kum⸗ mer und ſeine Beſtürzung darüber auf vielfache Weiſe zu erkennen gab, ja in ſeiner Verzweiflung gewiſſe un⸗ beſtimmte Verſprechungen baldiger Verbeſſerung nicht nur der regelmäßigen Gage, ſondern auch in dem Ho⸗ norar für die Bühnenarbeiten fallen ließ. Da er ſich jedoch überzeugte, daß Nicolaus feſt entſchloſſen ſei, die Geſellſchaft zu verlaſſen,— denn dieſer hatte ſich nun vorgenommen, auch wenn keine weitere Nachricht von Newman eingehe, jedenfalls ſeine Beſorgniſſe durch eine Nitkolaus Nickleby. IV. 5 66 Nicolaus Nickleby. Reiſe nach London zu beruhigen und ſich mit eigenen Augen von der Lage ſeiner Schweſter zu überzeugen,— ſo mußte er ſich begnügen, auf die Rückkehr deſſelben zu hoffen und ſchnelle, energiſche Maßregeln zu ergreifen, um ihn vor ſeiner Entfernung noch ſo gut als möglich zu benutzen. »Laß doch ſehen,« ſagte Crummles, indem er die Perrücke des Verbannten abnahm, um die Sache bei käl⸗ terem Blute zu überlegen.»Laß doch ſehen. Heute ha⸗ ben wir Mittwoch. Morgen ganz früh müſſen Zettel angeklebt ſein, welche Ihr letztes Auftreten anzeigen.⸗ »Vielleicht iſt es doch mein letztes Auftreten noch nicht,« antwortete Nicolaus.»Werde ich nicht abgeru⸗ fen, ſo will ich Ihnen keine Ungeſegenheiten machen und bis zu Ende der Woche bleiben.« »Deſto beſſer,« entgegnete Crummles.»Wir haben Ihr letztes Auftreten am Donnerſtage— nochmaliges Engagement für einen Abend, am Freitage, und endlich bauf allgemeines Verlangen zum Sonnabend. Das wird uns drei volle Häuſer machen.« »Dann ſoll ich alſo dreimal zum Letztenmale auftre⸗ ten?« ſagte Nicolaus lächelnd. »Allerdings,« entgegnete der Direktor, der ſich mit einiger Verlegenheit hinter den Ohren kratzte,»dreimal iſt nicht genug, wir ſollten ein nochmaliges zum Letz⸗ tenmale“ haben, wenn es aber nicht geht, ſo können wir es nicht ändern und das Reden nützt nichts. Et⸗ was Neues dazu würde gewaltig ziehen. Könnten Sie nicht vielleicht ein komiſches Liedchen auf den Einſpän⸗ ner ſingen?« »Nein,“« antwortete Nicolaus,»das kann ich nicht.“ »Es hat ſchon einmal Geld gebracht,« meinte Crumm⸗ les, mit einem Geſichte, auf welchem ſich getäuſchte ‿ 8— ———e—, Nicolaus Nickleby. 67 Hoffnung deutlich ausſprach.»Was ſagen Sie zu ei⸗ nem brillanten Feuerwerke?« »Das würde zu koſtſpielig ſein,« antwortete Nico⸗ laus trocken. »Mit acht Groſchen läßt ſich viel Spectakel und Qualm machen,« entgegnete Crummles.»Sie ſtehen oben auf einer Erhöhung mit dem Wunderkinde in ei⸗ ner Attitüde; hinten lieſ't man auf einem Transparent „Lebewohl⸗; an den Couliſſen neun Leute mit einem Schwärmer in jeder Hand, die alle auf einmal losge⸗ hen,— es würde ſich von vorn aus großartig, ſchauer⸗ lich ausnehmen.« Da Nicolaus die Feierlichkeit und Großartigkeit des vorgeſchlagenen Knalleffectes nicht einzuſehen ſchien, im Gegentheil ſehr unehrerbietig und laut darüber lachte, ſo gab Crummles den Plan wieder auf und bemerkte verſtimmt, ſo müßten ſie den beſten Zettel zu Stande zu bringen ſuchen und Kämpfe, Nationaltänze u. dergl⸗ aufwenden. Um dieſen Gedanken ſogleich in Ausführung zu brin⸗ gen, begab ſich der Direktor in ein anſtoßendes kleines Ankleidezimmer, wo Madame Crummles eben ihre Tracht als Kaiſerin eines Melodrama mit dem gewöhn⸗ lichen Frauenanzuge des neunzehnten Jahrhunderts ver⸗ tauſchte. Unter dem Beiſtande dieſer Dame und der ge. wandten und erfahrenen Madame Grudden(die eine ganz beſondere Anlage hatte, gute Comödienzettel zu machen) ging er ernſtlich an die Verfaſſung des Anſchla⸗ gezettels. »Ach!“« ſeufzte Nicolaus, indem er ſich auf dem Stuhle des Souffleurs zurücklehnte, nachdem er Smike die nöthigen Winke gegeben, der in einer Poſſe einen dürren Schneider mit einer Maße in der einen und ei⸗ 5* 68 Nicolaus Nickleby. nem Tuche mit einem großen Loche in der andern Taſche, einer wollenen Nachtmütze, einer rothen Naſe und andern charakteriſtiſchen Kennzeichen der Schneider, auf der Bühne geſpielt hatte.»Ach, ich wollte, es wäre vorbei!« »Vorbei, Herr Johnſon!“« wiederholte eine weibliche Stimme hinter ihm in dem Tone betrübter Ueberra⸗ ſchung. »Es war allerdings ungalant von mir,« ſagte Nico⸗ laus, indem er ſich nach der Sprecherin umſah und Fräulein Snevellicci erkannte,»und ich würde mitch nicht ſo ausgedrückt haben, hätte ich ahnen können, daß Sie mich hörten.« »Ein lieber Menſch der Herr Digby!« ſagte Fräu⸗ lein Snevellicci, als der Schneider nach Beendigung des Stückes unter großem Applaus an der entgegenge⸗ ſetzten Seite abging.(Smike hatte den Namen Digby angenommen.) „»Um ihm eine Freude zu machen, werde ich ihm ſo⸗ gleich dieſe Ihre Aeußerung mittheilen,« entgegnete Ni⸗ colaus. »Sie böſer Mann,« fiel Fräulein Snevellicci ein. »Es liegt mir wirklich wenig daran, ob er weiß, was ich von ihm halte; bei andern Leuten freilich iſt es et⸗ was anderes—« Fräulein Snevellicci hielt hier inne, als erwartete ſie, gefragt zu werden; aber es kam keine Frage, denn Nicolaus hatte an ernſtere Dinge zu denken. »Es iſt doch recht freundlich von Ihnen,« fuhr Fräu⸗ lein Snevellicci nach kurzem Schweigen fort,»da zu ſi⸗ tzen einen Abend wie den andern und auf ihn zu war⸗ ten, wie ermüdet Sie auch ſein mögen, ſich ſo viel Mühe mit ihm zu geben, und dies ſo gern und bereit⸗ Nicolaus Nickleby. 69 willig zu thun, als bekämen Sie goldenen Lohn dafür.« »Er verdient aber der Freundlichkeit, die ich ihm zei⸗ gen kann, und noch weit mehr,« antwortete Nicolaus. „Er iſt der dankbarſte, herzlichſte, liebevollſte Menſch, der jemals athmete.« »Und ſo komiſch,« bemerkte Fräulein Snevellicci, „nicht wahr?« »Gott ſtehe ihm bei und auch denen, die ihn dazu machten!« entgegnete Nicolaus kopfſchüttelnd. »Er iſt ſo verflucht verſchwiegen,« meinte Folair, der kurz vorher näher getreten war und ſich jetzt in das Geſpräch miſchte.»Man kann durchaus nichts von ihm herausbekommen.« »Was will man denn von ihm herausbekommen?« fragte Nicolaus, indem er ſich ziemlich raſch umdrehete. »Oho, Johnſon, nur nicht gleich Feuer und Flamme!« entgegnete Folair, indem er ſeinen Tanzſchuh an der Ferſe emporzog.»Ich meine bloß die natürliche Neu⸗ gierde der Leute hier, die doch etwas von ſeinem Leben wiſſen möchten.« »Der arme Burſch! Ich denke, es liegt auf der Hand, daß ſein Verſtand nicht von der Art iſt, um Ih⸗ nen oder ſonſt Jemanden von Wichtigkeit ſein zu kön⸗ nen,“« ſagte Nicolaus. »Allerdings,« entgegnete der Tänzer, der dabei ſein Geſicht in einem Lampenreflector beſchauete,„aber die ganze Frage iſt auch höchſt einfach.« »Welche Frage?« meinte Nicolaus. »Nun, wer und was er iſt und wie es kam, daß Sie Beide bei Ihrer großen Verſchiedenartigkeit doch ſo innige Freunde wurden,« entgegnete Folair, der freudig die Gelegenheit benutzte, etwas Unangenehmes zu ſagen⸗ „»Das iſt in Aller Munde.« 70 Nicolaus Nickleby. »In„Aller“ beim Theater wahrſcheinlich?« ſagte Ni⸗ colaus verächtlich. »In und außer dem Theater,« erwiederte der Schau⸗ ſpieler.»Lenville ſagt, wie Sie wiſſen—« 4 »Ich glaubte ihn zum Schweigen gebracht zu ha⸗ ben,“ unterbrach ihn Nicolaus erröthend. »Vielleicht,« fuhr Folair kaltblütig fort;»iſt es wirklich der Fall, ſo wird er es wohl vorher geſagt ha⸗ ben. Lenville ſagte alſo, Sie wären ein gewöhnlicher Schauſpieler, nur das Geheimniß, in das Sie ſich hül⸗ len, habe Ihr Glück gemacht, und Crummles ſuche, zu ſeinem Vortheile, das Geheimniß zu bewahren; er, Len⸗ ville, glaube dagegen nicht, daß etwas weiter daran ſei, als daß Sie irgendwo tief in der Tinte geſeſſen ha⸗ ben und davon gelaufen ſind.« »Ahl« ſagte Nicolaus mit erzwungenem Lächeln. »Das iſt ein Theil von dem, was er ſagt,« fuhr Folair fort.»Ich erwähne es als Freund der beiden Parteien und im ſtrengſten Vertraun. Ich ſtimme mit ihm nicht überein, das wiſſen Sie. Er behauptet ferner, Digby ſei gar nicht ſo dumm ats er ſich ſtelle; und der alte Fluggers, unſer dienſtbarer Geiſt, erzählt, als er im vorigen Jahre in Covent Garden etwas auszurichten gehabt, habe ſich da, wo die Wagen ſtehen, ein Tagedieb umhergetrieben, der dem Digby ſo ähnlich geſehen, wie ein Ei dem andern, wenn auch, wie er mit Recht hinzu⸗ ſetzt, Digby nicht derſelbe, ſondern nur ſein Bruder oder irgend ein naher Verwandter ſein möge.“« »Ah!“ rief Nicolaus noch einmal. »Ja,« fuhr Folair mit unveränderter Ruhe fort,»ſo reden die Leute und ich glaubte, es Ihnen mittheilen zu müſſen.— Ah, da kommt endlich das liebe Wunder⸗ kind,— ich wollte, Du wärſt, wo der Pfeffer wächſt!— ————— 4 44 Nicolaus Nickleby. 71 Ich komme gleich, mein Engel!— Den Vorhang auf!« Die Worte, welche das Wunderkind gern hören mochte, ſprach Folair ſehr laut, die andere Bemerkung aber flüſterte er Nicolaus'bei Seite“ zu. Dann folgte 4 er mit den Blicken dem ſich erhebenden Vorhange, machte ein höhniſches Geſicht über den Empfang des Wunderkindes von Seiten des Publikums, trat ein Paar Schritte zurück, um mit beſſerem Effect vortreten zu können, ſtieß einen heulenden Ton aus, knirſchte mit den Zähnen und begann, den Tomahawk ſchwingend, ſeine Rolle als Wilder. „Das ſind alſo einige von den Geſchichtchen, die ſie über uns erſinnen, und von Mund zu Munde tragen,“ dachte Nicolaus.»Will Jemand eine Geſellſchaft, ſie mag groß oder klein ſein, gegen ſich aufbringen, ſo braucht er nur Glück zu haben. Man vergiebt ihm eher jedes andere Verbrechen als dieſes.“ »Sie achten gewiß nicht auf das, was dieſer mali⸗ ciöſe Menſch ſagt, Herr Johnſon,« bemerkte Fräulein Snevellicci im ſchmeichelndſten Tone. »Nein,« antwortete Nicolaus.»Wenn ich hier bliebe, würde ich es allerdings der Mühe werth halten, einige Worte darüber zu verlieren. Da die Sachen aber an⸗ ders ſtehen, ſo mögen ſie ſchwatzen, bis ſie heiſer ge⸗ worden ſind. Da aber,“ ſetzte Nicolaus hinzu, als Smike kam,»kommt der, welchem ſie einen Theil ihrer Freundſchaft zuwenden und wir können Ihnen alſo zu⸗ ſammen gute Nacht!“ ſagen.« »Das dürfen Sie nicht,« entgegnete Fräulein Sne⸗ vellicci.»Sie müſſen mich nach Hauſe begleiten und meine Mutter kennen lernen, die erſt heute nach Ports⸗ mouth gekommen iſt und ſich außerordentlich ſehnt, Sie 72 Nicolaus Nickleby. zu ſehen. Liebe Ledrook, komm und hilf mir, Herrn Johnſon bitten.« »Ich?« fiel Fräulein Ledrook mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit ein;»„wenn Du ihn nicht bereden kannſt—« Weiter ſagte Sie nichts, aber ſie deutete es recht ver⸗ ſtändlich an, wie ſie meine, wenn Fräulein Snevellicci nichts über Nicolaus vermöge, bleibe für eine andere Perſon durchaus keine Hoffnung. »Herr und Madame Lillyvick haben ſich in unſerm Hauſe eingemiethet und werden uns heute Abend auch beſuchen,« fuhr Fräulein Snevellicci fort.»Kann viel⸗ leicht dies Sie beſtimmen?« »Das nicht,« entgegnete Nicolaus,»denn was könnte für mich größern Werth haben, als Ihre Einladung?⸗ »Oh!« entgegnete Fräulein Snevellicci verſchämt und Fräulein Ledrook bemerkte:»Da hört man es jal« ſetzte aber ſogleich hinzu:»Nun kommen Sie aber, es iſt hohe Zeit, daß wir gehen; die arme Madame Snevel⸗ licci glaubt ſonſt, Sie haben ihre Tochter entführt, Herr Johnſon.« »Liebe Ledrook,« entgegnete Fräulein Snevellicci, »rede nicht ſo,« aber man ſah es ihr an, ſie hörte ſie ſehr gern in dieſem Tone reden. Die Ledrook antwortete nicht, ſondern nahm Smike's Arm und überließ es ihrer Freundin und Nicolaus nach Belieben zu folgen. Es beliebte ihnen allerdings, we⸗ nigſtens Nicolaus, der durchaus keine Luſt zu einem téte à tôte unter dieſen Umſtänden hatte. Es fehlte nicht an Stoff zur Unterhaltung, als ſie auf die Straße kamen, denn Fräulein Snevellicci hatte ein Körbchen nach Hauſe zu tragen und Fräulein Led⸗ rook eine kleine Schachtel mit allerhand kleinen Toilet⸗ teartikeln, welche die Schauſpielerinnen gewöhnlich je⸗ — — Nicolaus Nickleby. 73 den Abend mit in das Theater und von da wieder mit nach Hauſe nehmen. Nicolaus beſtand darauf, das Körb⸗ chen zu tragen und Fräulein Snevellicci wollte es ihm nicht geben; daraus entſtand ein edler Wettſtreit, in wel⸗ chem Nicolaus das Körbchen und die Schachtel überdies eroberte. Dann meinte er, er möchte wohl wiſſen, was das Körbchen enthalte, und verſuchte, hinein zu ſehen, aber Fräulein Snevellicci jammerte darüber und erklärte, wenn ſie wüßte, daß er etwas geſehen habe, falle ſie ge⸗ wiß in Ohnmacht. Nach dieſer Erklärung folgte ein ähnlicher Verſuch mit der Schachtel und eine ähnliche Demonſtration von Seiten des Fräulein Ledrook, und endlich verſicherten die beiden Damen, ſie würden keinen Schritt weiter mit Nicolaus gehen, bis er verſpreche, nicht wieder hineingucken zu wollen. Nicolaus gab nach einigen Sträuben das Verſprechen, ſeine Neugierde zu zügeln und ſie gingen weiter, während die beiden Mäd⸗ chen viel kicherten und behaupteten, ſie hätten in ihrem ganzen Leben noch keinen ſo böſen Menſchen geſehen. Mit ſolchem Scherz verkürzten ſie den Weg und ſie gelangten in ganz kurzer Zeit in das Haus des Schnei⸗ ders, wo ſie außer Herrn und Madame Lillyvick nicht bloß die Mutter, ſondern auch den Vater des Fräuleins Snevellicci trafen. Der Vater war ein ungewöhnlich ſchöner Mann mit einer Adlernaſe, einer weißen Stirn, ſchwarzem Lockenhaar, hohen Backenknochen undz einem ganz hübſchen Geſichte, nur etwas blüthenreich vom Trin⸗ ken. Er hatte eine ſehr breite Bruſt und trug einen fa⸗ denſcheinigen blauen Frack, der mit goldenen Knöpfen bis oben hinauf ſehr knapp zugeknöpft war. Sobald er Nicolaus in das Zimmer treten ſah, ſteckte er die beiden erſten Finger der rechten Hand in den Frack zwi⸗ ſchen den beiden mittelſten Knöpfen, ſtemmte den andern 74 Nieolaus Nickleby. Arm anmuthig in die Seite und ſchien ſo zu ſagen: »Nun, da bin ich, was haben Sie mir zu ſagen?« Das war und in dieſer Stellung ſaß der Vater des Fräuleins Snevellicci, der von Kindesbeinen an auf den Brettern geweſen war, ein wenig ſingen, ein wenig tan⸗ zen, ein wenig fechten, ein wenig ſpielen konnte, von Allem etwas, aber nicht viel verſtand; in jedem Theater Londons bald in dem Ballet, bald in dem Chor geweſen war; ſeiner Figur wegen immer gern ſtumme Offiziere und Adelige ſpielte, immer ſehr knapp gekleidet und Arm in Arm mit einer netten Frau in kurzem Kleide ging und ſich dabei ſo gut machte, daß die Leute oft Bravo!“ gerufen, weil ſie ihn für was Rechtes⸗ gehalten hat⸗ ten. Das war der Vater des Fräuleins Snevellicci, den gewiſſe boshafte Menſchen beſchuldigten, er ſchlage bis⸗ weilen ſeine Frau, die noch immer Tänzerin war, eine niedliche Figur und einige Ueberreſte von früherer Schön⸗ heit hatte. Dieſen guten Leuten wurde Nicolaus mit aller Förm⸗ lichkeit vorgeſtellt. Nach dieſer Ceremonie ſagte der Vater des Fräuleins Snevellicci(der bedeutend nach Rum und Waſſer roch), er freue ſich ſehr, einen ſo talentvollen Künſtler kennen zu lernen und verſicherte, es ſei noch Niemand mit ſo entſchiedenem Glücke und Talente aufgetreten ſeit ſeinem Freunde Glavormelly. »Haben Sie dieſen geſehen?« fragte er. »Nein, niemals,« antwortete Nicolaus. »Sie ſahen meinen Freund Glavormelly nicht!« rief der Vater des Fräuleins Snevellicci.»Dann haben Sie noch keinen Schauſpieler geſehen. Wäre er am Leben geblieben—« »Ach, er iſt geſtorben!« unterbrach ihn Nicolaus. » Leider,« antwortete Herr Snevellicci;»aber Sie — Nicolaus Nickleby. 75 finden ihn nicht in der Weſtminſterabtei. Es iſt eine Schande. Er war ein— doch genug. Er iſt nach dem Lande gereiſ't, von welchem Niemand wiederkehrt. Ich hoffe, daß er dort nach Verdienſt gewürdigt wird.« Während er ſo ſprach, rieb Herr Snevellicci die Spitze ſeiner Naſe mit einem ſehr gelben ſeidenen Ta⸗ ſchentuche und gab der Geſellſchaft zu verſtehen, daß die Erinnerung ihn überwältige. „»Nun, Herr Lillyvick,« ſagte Nicolaus,»wie befinden Sie ſich 2« „Ganz wohl,« antwortete der Einnehmer.»Es geht nichts über den Eheſtand, verlaſſen Sie ſich darauf.“« »Wirklich!« antwortete Nicolaus lächelnd. „»Nein, es kommt ihm nichts gleich,« fuhr Lillyvick feierlich fort.»Was meinen Sie,« flüſterte ihm der Einnehmer zu,»wie ſieht ſie dieſen Abend aus?« »So hübſch wie immer,« antwortete Nicolaus mit einem Blicke auf die ſonſtigen Petowker. »Es liegt etwas in ihr, es ſchwebt etwas um ſie,« flüſterte der Einnehmer weiter,»was ich noch bei keinem Menſchen bemerkt habe. Sehen Sie nur, mit welcher Grazie ſie den Theekeſſel handhabt! Iſt es nicht zum Entzücken?« »Sie ſind ein glücklicher Mann,“« entgegnete Nico⸗ laus. »Ha! hal ha!« lachte der Einnehmer.»Nein. Hal⸗ ten Sie mich wirklich für glücklich? Vielleicht bin ich es, vielleicht auch nicht. Ich hätte nicht beſſer thun kön⸗ nen, wäre ich ein Jüngling geweſen, nicht wahr? Sie ſelbſt hätten nicht beſſer thun können, nicht wahr? He?⸗ Unter ſolchen Fragen und vielen andern ſtieß Herr Lilly⸗ 76 Nicolaus Nickleby. vick Nicolaus in die Seite und lachte heimlich ſo lange bis er ganz roth im Geſichte wurde. Unterdeß war durch die vereinten Bemühungen aller Damen das Tiſchtuch auf zwei an einander geſchobene Tiſche gelegt worden, von denen der eine hoch und ſchmal, der andere niedrig und breit war. Obenan ſtanden Auſtern, unten Würſtchen, in der Mitte hatte man eine Lichtputze gelegt und überall, wo es anging, Kartoffeln hingeſtellt. Aus der Schlafkammer wurden zwei Stühle hereingeholt. Fräulein Snevellicci ſaß oben an und Herr Lillyvick am untern Ende. Nicolaus hatte nicht bloß die Ehre, neben Fräulein Snevellicci zu ſitzen, ſondern auch zwiſchen der Madame und dem Herrn Sne⸗ vellicci. Kurz er war der Held des Feſtes, und als der Tiſch abgeräumt und etwas Warmes gebracht worden war, ſtand der Vater des Fräulein Snevellicci auf und brachte eine Geſundheit aus auf ihn in einer Rede, die viele ſo rührende Anſpielungen auf ſeine baldige Abreiſe enthielt, daß Fräulein Snevellicci weinte und in die Schlafkammer gehen mußte. „Achten Sie weiter nicht darauf,« ſagte Fräulein Led⸗ rook, indem ſie aus der Schlafkammer in das Zimmer hereinſchielte;»ſagen Sie aber, wenn ſie wieder kommt, ſie ſtrenge ſich zu ſehr an.« Fräulein Ledrook ſprach dieſe Worte mit ſo vielfa⸗ chem geheimnißvollen Nicken und Blinzeln, ehe ſie die Thüre wieder zu machte, daß die ganze Geſellſchaft ſtill wurde, während der Vater des Fräuleins Snevellicci ſich ſehr aufblies, alle Anweſenden, eine Perſon nach der andern, beſonders Nicolaus, anſah, und dabei fortwäh⸗ rend ſein Glas austrank und wieder vollſchenkte, bis die Damen in eine Gruppe zuſammentraten uͤnd Fräulein Snevellicci in die Mitte nahmen. —— Nieolaus Nickleby. 77 „Sie brauchten ſich nicht zu ängſtigen, Herr Snevel⸗ lieci,« ſagte Madame Lillyvick.»Sie iſt bloß etwas ſchwach und angegriffen und iſt ſeit heute früh ſo ge⸗ weſen.« »Weiter iſt es alſo nichts?« antwortete Herr Sne⸗ vellieci. „»Nein, weiter iſt es nichts. Machen Sie keinen Spektakel darüber,« ſagten alle Damen. Dieſe Antwort paßte nun durchaus nicht für Herrn Snevellicci's Bedeutung als Mann und Vater; er zog alſo die unglückliche Madame Snevellicci aus der Gruppe heraus und fragte ſie, was zum Teufel ſie damit meine, daß ſie ſo mit ihm rede. „»Lieber Mann, lieber Mann—,« ſagte Madame Snevellicci. „»Nenne mich nicht, lieber Mann,“ entgegnete Herr Snevellicci. »Ach, Vater,« fiel Fräulein Snevellicci ein. „»Was willſt Du, mein Kind?« »Sprich nicht ſo.« „Warum nicht?« entgegnete Herr Snevellicci.»Ich hoffe, es iſt Niemand hier, der mich hindern kann, zu reden, wie es mir gefällt.« „»Das wird Niemand thun, Vater,« antwortete be⸗ ſänftigend die Tochter. »Allerdings wird und kann das Niemand thun,« fuhr Herr Snevellicci fort.»Ich ſchäme mich meiner nicht. Ich heiße Snevellicci, und man findet mich an Broad⸗ Court, Bow Street, wenn ich in London bin. Sollte ich nicht zu Hauſe ſein, ſo braucht man nur an dem Theater nach mir zu fragen. Da kennen mich die Leute. Die Meiſten haben mein Portrait in dem Cigarrenladen an der Ecke geſehen. Schon vor langer Zeit haben die 78 Nieolaus Nickleby. Zeitungen von mir geſprochen. Reden! Ich ſage es frei heraus, wenn ich finde, daß Jemand mit dem Her⸗ zen meiner Tochter geſpielt hat, ſo werde ich kein Wort ſagen, aber ihn ohne Worte zur Verwunderung zwin⸗ gen. Das iſt meine Art.« Bei dieſen Worten ſchlug Herr Snevellicci mit der geballten rechten Fauſt dreimal gewaltig in ſeine flache linke Hand, legte den rechten Daumen und Zeigeſinger an die Naſe und trank ein Glas in einem Zuge aus. »Das iſt meine Art,« wiederholte er. Die meiſten öffentlichen Perſonen haben irgend einen Fehler an ſich und ich muß hier geſtehen, daß Herr Snevellicci dem Trunke etwas ergeben war, ja daß, wenn ich die ganze Wahrheit ſagen ſoll, er ſelten nüch⸗ tern war. Er kannte drei beſtimmte Grade der Berau⸗ ſchung,— den würdevollen,— ven zankſüchtigen,— und den verliebten. Oeffentlich ging er nie über den würdevollen; in Privatgeſellſchaften aber machte er alle drei durch und ging ſo ſchnell von dem einen zu dem an⸗ dern, daß die Leute, welche nicht die Ehre hatten ihn zu kennen, durchaus nicht wußten, was ſie aus ihm machen ſollten. Herr Snevellicci hatte kaum noch ein Glas geleert, als er alle Anweſenden freundlich anlachte, nichts mehr davon wußte, daß er eben ſtreitſüchtig geweſen war und, höchſtauf geregt, eine Geſundheit auf die Damen ausbrachte. »Ich liebe ſie,« ſagte Herr Snevellicci, indem er ſich umſah,»ich liebe ſie und jede einzelne.« »Nicht jede,« meinte Herr Lillyvick ſanft. „»O ja, jede,« wiederholte Herr Snevellicci. »Da müßten Sie auch die verheiratheten mit lieben,« fuhr Herr Lillyvick fort. —— Nicolaus Nickleby. 79 „Allerdings, die liebe ich auch,« ſagte Herr Sne⸗ vellicci. Der Einnehmer ſah die Geſichter umher mit ernſter Verwunderung an, als wolle er ſagen:»das iſt ein ſon⸗ derbarer Mann!« und ſchien nicht wenig darüber er⸗ ſtaunt zu ſein, daß ſeine Frau, Madame Lillyvick, durch⸗ aus keinen Abſcheu oder Unwillen äußerte. „Eine Liebe iſt der andern werth,« ſagte Herr Sne⸗ vellicci.»Ich liebe ſie und ſie lieben mich.« Und als ob dieſes Geſtändniß nicht ſchon allein aller Moral Hohn genug ſpreche, was that Herr Snevellicci? Er winkte,— winkte offen und ohne Scheu,— winkte mit ſeinem rechten Auge der Madame Henriette Lillyvick. Dem Einnehmer war dies zu viel; er ſank an die Lehne ſeines Stuhles zurück. Hätte Jemand dem Mäd⸗ chen Henriette Petowker zugeblinzelt, ſo würde das im höchſten Grade unſchicklich geweſen ſein, und nun gar der Madame Lillyvick! Während er im kalten Schweiße darüber nachdachte und überlegte, ob es wohl möglich ſei, daß er träume, winkte und blinzelte Herr Snevel⸗ licci noch einmal, trank ſtumm der Madame Lillyvick zu und warf ihr ein Kußhändchen zu. Herr Lillyvick ſtand auf, ging gerade an das andere Ende des Tiſches und fiel— buchſtäblich!— fiel ſogleich über ihn her. Herr Lillyvick war nicht leicht, und als er auf Snevellicci ſtürzte, fiel dieſer ganz natürlich unter den Tiſch. Herr Lillyvick folgte ihm dahin und die Damen ſchrieen laut auf. »Was haben denn die Herren?— ſind ſie nicht bei Sinnen?“« rief Nicolaus, indem er ſich unter den Tiſch bückte, den Einnehmer mit Gewalt emporzog und den⸗ ſelben, als wäre er eine ausgeſtopfte Figur geweſen, 80 Nicolaus Nick eby. auf einen Stuhl drückte.„»Was wollen Sie denn? Was machen Sie denn? Was iſt Ihnen?« Während Nicolaus den Einnehmer aufhob, hatte Smike den Herrn Snevellicci unter dem Tiſche hervor⸗ gezogen und dieſer, Snevellicei nämlich, ſah ſeinen Geg⸗ ner in trunkener Verwunderung an. »Sehen Sie her, Herr,« ſagte Lillyvick, indem er auf ſeine erſtaunte Frau deutete;»Sie haben die per⸗ ſonifizirte Unſchuld gekränkt und verletzt.« »Welchen Unſinn der Mann ſchwatzt!« rief Madame Lillyvick in Antwort auf Nickleby's fragenden Blick.»Es hat kein Menſch etwas zu mir geſagt.« »Geſagt, Henriette!« entgegnete der Einnehmer. »Sahen nicht meine Augen, wie er—«Herr Lillyvick konnte das ſchreckliche Wort nicht über ſeine Lippen bringen, machte aber das Augenblinzeln nach. »Nun,« fiel Madame Lillyvick ein;»meinſt du denn, es ſolle mich Niemand anſehen? Wer würde eine Frau ſein mögen, wenn das verboten wäre!« »Du machteſt Dir nichts daraus?« rief der Ein⸗ nehmer. »Daraus machen!« wiederholte Madame Lillyvick verächtlich.»Du ſollteſt eigentlich auf den Knieen Alle um Verzeihung bitten; ja, das ſollteſt Du.⸗ »Um Verzeihung bitten, liebe Frau?« fragte der er⸗ ſchrockene Einnehmer. »Ja, und mich zuerſt,« entgegnete Madame Lillyvick. »Glaubſt Du denn nicht, daß ich am beſten beurtheilen kann, was ſich ſchickt und was ſich nicht ſchickt?« »Allerdings, allerdings,« fielen alle Damen einſtim⸗ mig ein.»Glauben Sie denn, wir würden nicht zuerſt geſprochen haben, wenn etwas vorgefallen wäre, das gerügt zu werden verdient hätte?« — ͦj Nicolaus Nickleby. 8¹1 »Glauben Sie, die Damen wüßten es nicht?« be⸗ merkte der Vater des Fräuleins Snevellicei, indem er ſeinen Kragen wieder in Ordnung brachte und etwas von Züchtigung murmelte und, wie er ſich nur aus Rück⸗ ſicht auf das Alter abhalten laſſe. Dabei ſah Herr Sne⸗ vellicci den Herrn Lillivyck einige Secunden lang feſt und unverwandt an, dann erhob er ſich bedächtig von ſeinem Stuhle, küßte die ſämmtlichen Damen und fing bei der Madame Lillivyck an. Der unglückliche Einnehmer warf ſeiner Frau einen jammervollen Blick zu, als wolle er ſehen, ob in der Madame Lillivyck noch ein Zug von dem Fräulein Pe⸗ towker übrig geblieben ſei. Da er ſich überzeugte, daß dies keinesweges der Fall ſei, ſo bat er die ganze Ge⸗ ſellſchaft höchſt demüthig um Verzeihung und ſetzte ſich entmuthigt nieder, als wiſſe er, daß er ſich zum Ge⸗ genſtande des Spottes gemacht habe. Herr Snevellicci, welcher auf dieſen ſeinen Triumph höchlich ſtolz wurde, der ſeine Beliebtheit bei dem ſchö⸗ nen Geſchlechte ſo ſchlagend dargethan hatte, wurde höchſt vergnügt, um nicht zu ſagen ausgelaſſen luſtig, ſang mehr als ein beveutend langes Lied und unter⸗ hielt die Geſellſchaft in den Pauſen mit Erinnerungen an verſchiedene ſchöne Frauen, die man in Verdacht gehabt haben ſollte, in ihn verliebt zu ſein. Mehrere nannte er bei Namen und dabei machte er die Bemerkung, wenn er ſeine Intereſſe damals beſſer zu benutzen verſtanden habe, könne er jetzt mit Vieren fahren. Dieſe Erinne⸗ rungen ſchienen dem Herzen der Madame Snevellicci nicht eben wohlzuthun, welche unſerm Helden die vielfäl⸗ tigen Talente und Verdienſte ihrer Tochter auseinander ſetzte und rühmte. Das junge Mädchen verfehlte auch keinesweges, alle ihre Reize zu entfalten, dennoch aber 6 Nicolaus Nickleby. IV. 82 Nicolaus Nickleby. vermochte ſie nicht, die Aufmerkſamkeiten Nicolaus' zu ſteigern, dem das Fräulein Squeers noch zu deutlich vor der Seele ſtand, der deshalb gegen alle Reize unem⸗ pfindlich blieb und ſein Benehmen ſo ſorgfältig beobach⸗ tete, daß, als er ſich endlich entfernt hatte, alle Damen ihn für den kälteſten und gefühlloſeſten Menſchen er⸗ klärten. Am nächſten Tage erſchienen die Anſchlagezettel zu der gehörigen Zeit und das Publikum wurde in allen Farben des Regenbogens und in nach allen Seiten ver⸗ zerrten Buchſtaben benachrichtigt, Herr Johnſon werde die Ehre haben, dieſen Abend zum Letztemmale aufzu⸗ treten, und man möge ſich zeitig nach Billets bemühen, weil höchſt wahrſcheinlich der Zudrang ſehr bedeutend werden würde, Es iſt eine bemerkenswerthe, lange über alle Zweifel erhabene Thatſache in der Geſchichte des Theaters, daß man die Leute nicht beſſer in das Theater ziehen kann, als wenn man ſie zu der Meinung bringt, ſie würden keinen Platz darin erhalten. Nicolaus wußte, als er dieſen Abend in das Theater kam, einige Zeitlang nicht, wie er ſich die auf allen Ge⸗ ſichtern der Künſtler ſichtbare Unruhe und Aufregung erklären ſollte, aber die Urſache davon blieb ihm nicht lange verborgen, denn ehe er deswegen fragen konnte, trat Crummles zu ihm und theilte ihm mit bewegter Stimme mit, es ſei ein Theaterdirektor aus London in einer Loge. »Wegen des Wunderkindes, glauben Sie mir,« ſagte Herr Crummles, indem er Nicolaus zu dem kleinen Loche in dem Vorhange führte, damit er von da den Londo⸗ ner Direktor betrachte.»Ich bin vollkommen überzeugt, — wegen des Wunderkindes. Der dort iſt es in dem großen Ueberrocke ohne Vatermörder. Wenn er nicht Nicolaus Nickleby. 83 zehn Pfund die Woche giebt, darf das Wunderkind keine Londoner Bühne betreten. Auch laſſe ich das Kind nicht engagiren, wenn man nicht auch meine Frau engagirt, — zwanzig Pfund wöchentlich für beide. Wenn er dreißig giebt, ſo bekommt er auch mich und die beiden Jungens, die ganze Familie. Wohlfeiler, billiger kann ich doch unmöglich ſein. Man muß uns alle zuſammen nehmen, eines ohne das andere geht nicht. Dreißig Pfund die Woche, Johnſon,'s iſt zu wohlfeil,'s iſt ſpottwohlfeil.« Nicolaus beſtätigte dies. Herr Vincenz Crummles dagegen nahm mehrere große Priſen, um ſeine Gefühle zu beſänftigen und eilte dann zu ſeiner Frau, um ihr zu ſagen, er ſei mit ſich über die Bedingungen einig geworden, unter denen er ein Engagement annehmen könne. Als Alle angekleidet waren und der Vorhang aufge⸗ zogen wurde, ſteigerte ſich die durch die Anweſenheit des Londoner Direktors veranlaßte Aufregung tauſendfach. Jedermann wußte, derſelbe ſei bloß deshalb hergereiſſt, um ihn oder ſie ſelbſt ſpielen zu ſehen und Alle waren in der höchſten Angſt und Erwartung. Einige von de⸗ nen, welche nicht gleich in den erſten Auftritten beſchäf⸗ tigt waren, eilten in die Couliſſen und machten da lange Hälſe, um den Londoner Direktor zu ſehen; andere ſchlichen ſich in die beiden kleinen Logen für die Schau⸗ ſpielerinnen, um ihn von da aus zu muſtern. Einmal, das ſah man, lachte der Londoner Direktor, als der ko⸗ miſche Bauerburſch nach einer Flaſche griff, während Madame Crummles gerade eine höchſt effectvolle Scene hatte.»Warte,« murmelte Crummles vor ſich hin. Als der Komiker abtrat, machte ihm Crummles eine Fauſt 6* 84 Nicolaus Nickleby. und ſagte zu ihm:»nächſten Sonnabend verlaſſen Sie die Geſellſchaft.« So ſah jeder und jede Auftretende kein Publikum, ſondern nur den Londoner Direktorz für ihn allein ſpiel⸗ ten alle. Als Lenville im Ausbruche der Leidenſchaft den Kaiſer einen Böſewicht nannte, dann aber in den Hand⸗ ſchuh biß und ſagte: vaber ich muß mich verſtellen,« ſah er nicht finſter auf die Bretter, wie es in ſolchen Fällen gewöhnlich iſt, ſondern heftete ſeine Blicke unverwandt auf den Londoner Direktor. Als Fräulein Bravaſſa ihr Lied vor ihrem Geliebten ſang, der, nach der Gewohnheit ſchon bereit ſtand, um ihr zwiſchen den Verſen die Hand zu reichen, ſahen ſie nicht einander, ſondern den Londo⸗ ner Direktor an. Herr Crummles ſtarb und wendete noch im Sterben die Augen nach ihm; ja als die beiden Wächter hereinkamen, um den Leichnam hinauszutragen, ſchlug er noch einmal die Augen auf und ſah den Londo⸗ ner Direktor an. Endlich bemerkte man, daß der Londo⸗ ner Direktor eingeſchlafen ſei, kurz darauf, daß er er⸗ wache und ſortgehe und nun fiel die ganze Gefellſchaft über den armen Komiker her, weil deſſen Dummheit al⸗ lein die Urſache davon ſein ſollte. Crummles erklärte ſogar, er habe lange Geduld gehabt, aber nun könne er es nicht länger ertragen und der Herr werde ihm einen Gefallen thun, wenn er ſich nach einem andern Engage⸗ ment umſehe. Alles dies gewährte Nicolaus viel Unterhaltung. Er ſpielte wie gewöhnlich ſo gut als er es vermochte, wurde mit beiſpielloſem Beifall empfangen— ſo ſagten die Zettel für den nächſten Tag, welche ein Paar Stunden vorher gedruclt worden waren— nahm dann Smike's Arm und ging nach Hauſe zu Bett. »Ja, ich will es,« ſagte Nicolaus am andern Mor⸗ Nicolaus Nickleby. 85 gen.»Der Himmel weiß es, daß ich gegen meinen Willen hier geblieben bin, aber doch zögerte ich viel⸗ leicht ſchon zu lange. Was kann geſchehen ſein? Smike, lieber Freund, da, nimm meinen Beutel. Packe unſere Habſeligkeiten zuſammen, bezahle unſere kleinen Schul⸗ den,— ſchnell, damit wir noch heute früh mit der Poſt reiſen können. Ich werde bloß anmelden, daß wir ge⸗ hen und bin ſogleich wieder zurück.« Mit dieſen Worten nahm er ſeinen Hut, eilte nach der Wohnung des Direktors Crummles, klopfte ſo derb, daß der Lotſe Bulph erſchrocken öffnete, eilte ohne Um⸗ ſtände die Treppe hinauf und ſtürzte in das dunkele erſte Zimmer, wo eben die beiden jungen Crummles aus ih⸗ rem Bett auf dem Sopha und in die Kleider ſprangen, in der Meinung, es brenne in dem Nachbarhauſe. Ehe er ſie beruhigen konnte, kam Herr Crummles ſelbſt im Flanell⸗Schlafrock und der Nachtmütze, und Nicolaus ſetzte ihm in der Kürze auseinander, daß Um⸗ ſtände eingetreten wären, die ihn nöthigten, ſogleich nach London abzureiſen.»Leben Sie alſo wohl, leben Sie wohl,« ſetzte er hinzu. Er war die Treppe halb hinunter, ehe ſich Crummles von ſeiner Ueberraſchung ſo weit erholt hatte, um etwas von den Zetteln äußern zu können. »Ich kann es nicht ändern,« antwortete Nicolaus. „»Nehmen Sie, was ich dieſe Woche verdient habe und wenn das nicht genügt, ſo ſagen Sie, wie viel Sie ha⸗ ben wollen. Aber ſchnell, ſchnell!« »Wir wollen quitt ſein,« entgegnete Crummles; »aber können wir denn wirklich nicht noch ein letztes Mal’ haben?« »Nicht eine Stunde, nicht eine Minute länger kann ich bleiben,« antwortete Nicolaus ungeduldig. 86 Nicolaus Nickleby. »Wollen Sie nicht von meiner Frau Abſchied neh⸗ men?“ fragte der Direktor, indem er auch die Treppe hinunterging. »Ich darf nicht zögern und wenn ich mein Leben da⸗ durch um zehn Jahre verlängern könnte. Hier meine Hand und damit meinen herzlichſten Dank. Ach, daß ich hier Narrenspoſſen getrieben habe!« Er begleitete dieſe Worte mit einem ungeduldigen Aufſtampfen auf den Boden, riß ſich von dem Direktor los, der ſeine Hand feſthielt, ſtürzte auf die Straße hin⸗ aus und war im Nu verſchwunden. »Du lieber Gott!« murmelte Crummles vor ſich hin, während er betrübt nach der Stelle blickte, wo Nicolaus verſchwunden war.»Er iſt mir ſehr nützlich geweſen aber er weiß nicht, was für ihn gut iſt. Er iſt ein un⸗ geſtümer, unbedachtſamer junger Menſch und junge Leute ſind nun einmal ſo.« Da Herr Crummles in das Moraliſiren gekommen war, ſo würde er vielleicht noch einige Minuten länger moraliſirt haben, hätte er nicht mechaniſch nach der We⸗ ſtentaſche gegriffen, wo er ſeinen Schnupftaback aufzube⸗ wahren pflegte. Der Mangel einer Taſche in der ge⸗ wöhnlichen Richtung erinnerte ihn plötzlich daran, daß er gar keine Weſte anhabe; dies führte ihn zu der Be⸗ trachtung ſeines Anzuges überhaupt und er ſchloß ſchnell die Thür zu, um die Treppe hinauf zu eilen. Smike war während der Abweſenheit Nickleby's ſehr rührig geweſen und hatte alles zur Abreiſe vorbereitet. Sie nahmen ſich kaum noch ſo viel Zeit, um etwas zum Frühſtück zu eſſen, und in weniger als einer halben Stunde befanden ſie ſich, aber athemlos von dem ſchnel⸗ len Laufe, an dem Fahrpoſtamte. Es war auch wirk⸗ lich keine Zeit mehr zu verlieren geweſen, denn Nicolaus Nicolaus Nickleby. 87⁷ konnte kaum noch zu einem Kleiderhändler in der Nähe gehen, um Smike einen Ueberrock zu kaufen. Zwar wäre der Rock für einen dicken Pachter groß genug ge⸗ weſen, da Nicolaus aber höchſt ungeduldig war, ſo würde er den Rock gekauft haben, wenn er auch noch einmal ſo groß geweſen. Als Nicolaus eben ſeinen Platz im Wagen einnehmen wollte, fühlte er ſich plötzlich und ſo heftig umarmt, daß er faſt über den Haufen gefallen wäre. Seine Verwun⸗ derung minderte ſich auch nicht, als er die Stimme des Direktors Crummles hörte, der rief:»er iſt es, mein Freund, mein Freund!« „»Um Gotteswillen, was wollen Sie?« fragte Ni⸗ colaus, der ſich aus der Umarmung frei zu machen ſuchte. Der Direktor antwortete nicht, ſondern drückte ihn nochmals an ſeine Bruſt und rief:»Leben Sie wohl, mein lieber, edler Freund!« Crummles, der keine Gelegenheit unbenutzt vorüber⸗ gehen zu laſſen pflegte, war in der Abſicht nach der Poſt geeilt, um öffentlich Abſchied von Nicolaus zu nehmen, und um dieſen Abſchied noch viel rührender zu machen ſuchte er den armen Nicolaus mit einer Menge theatra⸗ liſcher Umarmungen heim, die, wie Jedermann weiß, ſo gemacht werden, daß der oder die Umarmende ſein oder ihr Kinn auf die Achſel des Gegenſtandes der Zärt⸗ lichkeit legt und über dieſelbe hinweg ſieht. Dies that denn auch Herr Crummles höchſt melodramatiſch, wäh⸗ rend ſeine Lippen von den rührendſten Abſchiedsworten überſtrömten, auf die er ſich gerade beſinnen konnte. Noch nicht genug; der ältere Sohn des Direktors machte dieſelbe Ceremonie mit Smike durch, während der jün⸗ gere Crummles dabei ſtand wie ein Diener der Gerech⸗ 88 Nicolaus Nickleby. tigkeit, der die beiden Opfer auf das Blutgerüſt gelei⸗ ten ſollte. Die Zuſchauer lachten aus Herzensgrunde, und da es in jedem Falle am beſten war, gute Miene zum böſen Spiele zu machen, ſo lachte Nicolaus auch, nachdem er ſich frei gemacht hatte. Dann befreite er den armen Smike, ſtieg in den Wagen, küßte zu Ehren der abwe⸗ ſenden Madame Crummles die Hand und rollte davon. Fuͤnftes Kapitel. Von Ralph Nickleby und Newman Noggs, ſo wie von einigen klugen Vorſichtsmaßregeln, deren Erfolg ſich in der Folge zeigen wird. Ohne zu wiſſen und zu ahnen, daß ſein Neffe mit vier guten Pferden in ſchnellſter Eile ſeinem Wirkungs⸗ kreiſe zufliege und jede Minute die Entfernung zwiſchen ihnen verringere, ſaß Nalph Nickleby dieſen Morgen bei ſeinem gewöhnlichen Geſchäfte, konnte es aber nicht ver⸗ hindern, daß ſeine Gedanken von Zeit zu Zeit ſich zu dem Auftritte zurückwendeten, den er am vergangenen Tage mit ſeiner Nichte gehabt hatte. Wann dies ge⸗ ſchah, murmelte Ralph noch einige Minuten etwas vor ſich hin und wendete ſich dann mit erhöheter Aufmerk⸗ ſamkeit zu dem Hauptbuche, das vor ihm lag, aber im⸗ mer von neuem kehrte derſelbe Ideengang trotz ſeiner Bemühungen zurück, ſtörte ihn bei ſeinem Rechnen und zog ſeine Aufmerkſamkeit von den Ziffern ganz ab. End⸗ lich legte er die Feder nieder und lehnte ſich in ſeinem Nicolaus Nickleby. 89 Stuhle zurück, als habe er ſich darin ergeben, jenem Gedankenſtrom völlig freien Lauf zu laſſen und ſich auf dieſe Weiſe endlich von demſelben zu befreien. „Ich bin nicht der Mann, der ſich durch ein hübſches Geſichtchen bewegen läßt,« murmelte Ralph finſter vor ſich hin.»Dahinter liegt ein grinſender Schädel, und Männer, wie ich, welche unter die Oberfläche blicken, ſehen ihn und nicht die zarte dünne Decke. Und doch iebe ich das Mädchen oder würde ſie lieben, wenn ſie minder hoffärtig erzogen wäre. Wäre der Junge er⸗ trunken oder gehangen und die Mutter todt, ſo ſollte dieſes Haus ihre Heimath ſein. Ich wollte, ſie wären es, wahrhaftig!« Trotz dem tödlichen Haſſe Ralphs gegen Nicolaus und der tiefen Verachtung gegen die arme Madame Nickleby,— trotz der Niederträchtigkeit, die er Käthchen ſelbſt gegenüber gezeigt hatte, noch zeigte und wieder zeigen würde, wenn es ſein Vortheil erheiſchte, ſo lag doch, ſo ſeltſam es auch ſcheinen mag, etwas Freundliches und ſelbſt Sanftes in dieſem Augenblicke in ſeinen Ge⸗ danken. Er bedachte, was wohl ſein Haus wäre, wenn Käthchen darin weilte; er ſetzte ſie auf den leeren Stuhl, ſah ſie vor ſich und hörte ihre Stimme; er fühlte von Neuem auf ſeinem Arme den ſanften Druck der zittern⸗ den Hand; er ſchmückte ſeine koſtbaren Zimmer mit den hundert ſtillen Zeugen des Schaltens und Waltens eines weiblichen Weſens; er kehrte zurück zu dem kalten Ka⸗ mine und dem öden traurigen Glanze, und in dieſem ein⸗ zigen Durchblicke einer beſſern Natur fühlte der reiche Mann ſich freundlos, kinderlos, verlaſſen und allein. Das Gold verlor für den Augenblick den Glanz in ſei⸗ nen Augen, denn er erkannte es, daß es zahlloſe Schätze des Herzens gäbe, die damit nicht zu erkaufen ſind. 90 Nicolaus Nickleby. Ein ganz unbedeutender Gegenſtand reichte hin, ſolche Gedanken aus dem Geiſte eines ſolchen Mannes zu verbannen. Als Ralph über den Hof nach dem Fen⸗ ſter des andern Comptoirs ſah, bemerkte er, wie er von Newman Noggs beobachtet werde, der mit ſeiner rothen Naſe faſt das Glas der Fenſter berührte, ſich ſtellte, als corrigire er eine Feder mit einem verroſteten und zerbro⸗ chenen Federmeſſer, in der Wirklichkeit aber ſeinen Brot⸗ herrn mit forſchendem Blicke beobachtete. Ralph nahm ſtatt ſeiner nachdenklichen Stellung ſo⸗ gleich ſeine gewöhnliche Geſchäftshaltung an; das Geſicht Newmans verſchwand und der Ideengang nahm augenblicklich eine ganz andere Richtung. Nach wenigen Minuten klingelte Ralph. Newman folgte dem Rufe und Ralph ſah ihm verſtohlen ins Ge⸗ ſicht, als fürchte er darauf zu leſen, der Diener kenne ſeine Gedanken. Das Geſicht des Newman Noggs verrieth jedoch nicht die mindeſte Veränderung. Kann es einen Men⸗ ſchen geben, der zwei Augen im Kopfe hat und beide weit aufſperrt, aber nach gar keiner Richtung hinſieht und nichts erblickt, ſo war höchſt wahrſcheinlich New⸗ man dieſer Menſch, als Ralph Nickleby ihn anſah. »Was giebt's?« murmelte Ralph. »Hm!« ſagte Newman, der auf einmal etwas Ver⸗ ſtand in ſeine Augen legte und dieſelben auf ſeinen Herrn richtete.»Ich glaubte, Sie hätten geklingelt.« Nach dieſer lakoniſchen Bemerkung drehete ſich Newman um und hinkte fort. »Bleib,« ſagte Ralph. Newman blieb ſtehen, ohne im mindeſten die Geiſtes⸗ gegenwart zu verlieren. »Ich klingelte.« Nicolaus Nickleby. 91 »Ich wußte es.« »Warum willſt Du alſo fortgehen, wenn Du es weißt?« „Ich dachte, Sie hätten geklingelt, um mir zu ſa⸗ gen, Sie hätten nicht geklingelt,« antwortete Newman. „So machen Sie es ja oft.« »Wie kannſt Du wagen, mich ſo anzuſtieren, he?⸗ fragte Ralph.. »Anſtieren!« rief Newman,»Sie! Hal hal⸗« Eine weitere Erklärung geruhete Newman nicht zu geben. „»Nimm Dich zuſammen,“« ſagte Ralph, indem er ihn feſt anblickte.»Betrunkene Leute kann ich nicht brauchen. Siehſt Du das Packet da?« »Es iſt groß genug dazu,« antwortete Newman. „ Trage es in die City, zu Croß in Broad⸗Street, — ſchnell. Hörſt Du?« Newman nickte, um damit eine bejahende Antwort zu geben; dann verließ er das Zimmer auf einige Se⸗ kunden und kam darauf mit ſeinem Hute zurück. Nach⸗ dem er ſich eine Zeitlang vergebens bemüht hatte, das Packet(das zwei Fuß im Quadrat hatte) in den Hut hineinzudrücken, nahm er es unter den Arm; darauf zog er ſeine Handſchuh ohne Finger ſehr bedächtig an, ver⸗ wendete aber dabei die Augen nicht einmal von Ralph Nickleby, ſetzte ſeinen Hut ſo ſorgfältig verſchonend auf, als wäre derſelbe ganz neu und theuer, und ging. Er entledigte ſich ſeines Auftrags ſehr pünktlich und raſch und ſprach nur auf eine halbe Minute in einem Wirthshauſe ein, das ganz auf ſeinem Wege lag, denn er ging durch die eine Thür hinein und kam zu der andern auf der entgegengeſetzten Seite wieder heraus; auf dem Rückwege aber und als er das Haus ſeines Herrn ziemlich wieder erreicht hatte, fing er an langſam 92 Nicolaus Nickleby. zu gehen und zu zögern wie Jemand, der nicht weiß, ob er ſtehen bleiben oder weiter gehen ſoll. Nach kur⸗ zer Ueberlegung gewann die erſtere Neigung das Ueber⸗ gewicht, Newman wendete ſich nach dem Orte, den er im Sinne gehabt hatte und klopfte an die Thür des Fräuleins La Creevy. Die Thür wurde durch ein Dienſtmädchen geöffnet, auf welches die ſeltſame komiſche Figur des Fremden nicht eben den günſtigſten Eindruck zu machen ſchien, denn ſie hatte ihn kaum erblickt, als ſie die Thür faſt ganz wieder zumachte, ſich vor die ſchmale Lücke ſtellte und fragte, was er wolle. Newman antwortete bloß die eine Sylbe Noggs“, als wäre ſie ein cabbaliſtiſches Wort, auf deſſen Klang die Riegel ſich zurückziehen und die Thüren auffliegen müßten, trat ohne Umſtände ein und gelangte an die Thür des Wohnzimmers des Fräu⸗ leins, ehe das verwunderte Dienſtmädchen ihm Wider⸗ ſtand leiſten konnte. »Herein!« rief Fräulein La Creevy auf Newmans Klopfen und er ſchritt hinein. »Gott ſteh' mir bei!« rief das Fräulein erſchrocken, als Newman hereinſtürzte;»was wollen Sie 2« »Sie kennen mich nicht mehr,« ſagte Newman, indem er den Kopf neigte;»es wundert mich. Daß mich Nie⸗ mand wiedererkennt, der mich in früheren Zeiten gekannt hat, iſt zwar ſehr natürlich; aber wenige, die mich jetzt ſehen, dürften mich wieder vergeſſen.« Dabei blickte er auf ſeinen ſchäbigen Anzug und auf ſein lahmes Bein und ſchüttelte den Kopf. „Ich kenne Sie allerdings nicht mehr,« ſagte Fräu⸗ lein La Creevy, während ſie aufſtand und Newman ent⸗ gegen ging,»und ich ſchäme mich deſſen, denn Sie ſind ein guter Mann, Herr Noggs. Setzen Sie ſich und ſa⸗ RMicolaus Nickleby. 93 gen Sie mir Alles, was Sie von Fräulein Nickleby wiſſen. Das arme Mädchen! Ich habe ſie viele Wo⸗ chen nicht geſehen.« „Wie kommt das?« fragte Newman. »Ich habe, zum Erſtenmale ſeit funfzehn Jahren, ei⸗ nen Beſuch gemacht, Herr Noggs,« entgegnete die kleine La Creevy. »Das iſt eine lange Zeit,« bemerkte Newman traurig. „Freilich iſt es eine lange Zeit, wenn man zurück⸗ blickt, aber, Gott ſei Dank! Die einſamen Tage verge⸗ hen friedlich und glücklich genug,« entgegnete die Minia⸗ turmalerin.»Ich habe einen Bruder, Herr Noggs, den einzigen Verwandten, der mir geblieben iſt, und ich ſah ihn jene ganze Zeit nicht. Nicht, daß wir uns jemals veruneinigten, aber er kam weit fort in die Lehre, ver⸗ heirathete ſich dort, neue Bande und neue Liebe feſſelten ihn und ſo vergaß er mich kleines Ding, was wohl nicht zu verwundern iſt. Ich beklage mich auch nicht darüber, denn ich habe immer zu mir geſagt:»es iſt ganz in der Ordnung, der arme liebe Jackhilft ſich auf ſeine Weiſe in der Welt fort und hat eine Frau, der er ſeine Sorgen und ſein Leid klagt, und Kinder, die um ihn ſpielen, ſo ſegne ihn der liebe Gott und ſie und füge es, daß wir einmal wieder zuſammen kommen, um nie wieder von einander zu ſcheiden. Aber was ſagen Sie dazu, Herr Noggs,« fuhr die Miniaturmalerin fort, de⸗ ren Züge ſich aufheiterten und die dabei in die Hände ſchlug, derſelbe Bruder kam letzthin nach London und ruhete nicht eher, bis er mich ausfindig gemacht hatte; er kam daher, ſaß dahier auf dieſem Stuhle und weinte wie ein Kind vor Freude darüber, daß er mich wieder⸗ ſah; er beſtand darauf, mich mit ſich fort in ſein Haus 94 Nicolaus Nickleby. zu nehmen— ein prächtiges Haus, Herr Noggs, mit einem großen Garten und ich weiß nicht, wie viel Feld, einem Livréebedienten, der bei Tiſche auſwartet, und Kühen, Pferden, Schweinen, und ich weiß nicht, was noch— um wenigſtens einen Monat bei ihm zu blei⸗ ben. Als ich dort war, drang er in mich, für immer bei ihm zu bleiben, mein ganzes Lebenlang; ſeine Frau bat ebenfalls und die Kinder baten,— es waren vier und das eine, das älteſte Mädchen, hatten ſie vor acht Jahren nach mir genannt. Ich bin niemals, niemals in meinem Leben ſo glücklich geweſen.“ Die würdige Seele verhüllte ihr Geſicht in dem Taſchentuche und ſchluchzte laut, denn es war die erſte Gelegenheit, die ſie hatte, ihr Herz auszuſchütten. »Aber Du lieber Gott,« fuhr Fräulein La Creevy fort, indem ſie nach einer Pauſe ihre Augen trocknete und ihr Taſchentuch in die Taſche ſteckte,»Sie müſſen mich für eine rechte Thörin halten, Herr Noggs. Ich hätte gar nichts davon ſagen ſollen und wollte Ihnen nur erklären, warum ich Käthchen Nickleby nicht geſehen habe.« „Haben Sie die Alte geſehen?« fragte Newman. »Sie meinen Madame Nickleby?« entgegnete Fräu⸗ lein La Creevy.»Dann muß ich Ihnen ſagen, Herr Noggs, wenn Sie Freundſchaft mit ihr halten wollen, ſo hüten Sie ſich, dieſelbe die Alte zu nennen, denn, wenn ich mich nicht irre, würde ſie dies ſehr ſchlecht aufnehmen. Ja ich war am vorletzten Abend dort, aber ſie ſaß auf dem großen Pferde und that ſehr geheimniß⸗ voll, ſo daß ich nicht wußte, was ich aus ihr machen ſollte, auch großthat und ſo fortging. Ich glaubte, ſie würde mich wieder beſuchen, aber ſie iſt nicht hier ge⸗ weſen.« Nieolaus Nickleby. 95 »Wegen Fräulein Nickleby—« ſagte Newman. »Sie iſt in meiner Abweſenheit zweimal hier gewe⸗ ſen,« entgegnete Fräulein La Creevy.»Ich fürchtete, ſie werde mich nicht wieder beſuchen, ſeit ſie unter den vor⸗ nehmen Leuten lebt, und ſo hatte ich mir vorgenommen, noch einige Tage zu warten, ob ich ſie vielaicht äbe, und dann an ſie zu ſchreiben. 3 »Ahl« rief⸗Newman, indem er Fee Finger at, „Ich wünſche nun, etwas Neies über ſie von Ihnen zu hören,« ſagte Fräulein La Creevy.»Was thut Ihr alter rauher Herr? Es geht ihm ohne Zweifel wohl, wie allen Leuten ſeiner Art. Ich meine nicht ſein Be⸗ finden, ſondern ſein Benehmen.«⸗ »Gott verdamm' ihn!« rief Noggs, indem er ſeinen geliebten Hut auf den Boden warf, ver iſt ein falſcher Hund.“ „Sie erſchrecken mich, Herr Noggs!“« rief Fräulein La Creevy erbleichend. »Ich hätte ihm geſtern Nachmittag die Augen aus⸗ gekratzt, wenn es angegangen wäre,« ſagte Newman, der ſich ruhelos hin⸗ und herbewegte und die Fauſt ge⸗ gen ein Portrait Cannings ſchüttelte, das an der Wand hing.»Ich war nahe daran, ihn durchzuprügeln und mußte die Hände in die Taſche ſtecken und da recht feſt halten. Ich thue es auch noch einmal in dem klei⸗ nen Comptoir im Hofe, gewiß ich thue es. Ich hätte es ſchon längſt gethan, wenn ich nicht gefürchtet, die Sache noch ſchlimmer zu machen. Ich werde mich mit ihm einſchließen und es ausmachen, ehe ich ſterbe, ſo wahr ich lebe.“« „Ich werde um Hülfe rufen, wenn Sie ſich nicht be⸗ ruhigen, Herr Noggs,“« ſagte Fräulein La Creevy, 2i0 kann nicht anders.« 96 Nicolaus Nickleby. »Achten Sie nicht darauf,« entgegnete Newman, der wild und ungeſtüm in dem Zimmer umherfuhr.»Er kommt dieſe Nacht an, ich ſchrieb an ihn. Er denkt es ſich nicht, daß ich etwas weiß und daß ich mich darum kümmre. Der pfiffige Schurke,— er denkt nicht daran, nein, nein. Ich werde ihn züchtigen, ich, Newman Noggs. Der Spitzbube!« Newman Noggs ſteigerte ſo ſeine Wuth bis zum höchſten Grade und fuhr in der excentriſchſten Bewe⸗ gung, die man jemals an einem menſchlichen Weſen ge⸗ ſehen, in dem Zimmer umher. Bald ballte er die Fäuſte gegen die kleinen Miniaturgemälde an der Wand, bald gab er ſich ſelbſt die heftigſten Püffe an den Kopf, als wolle er die Illuſion dadurch erhöhen, bis er ganz athemlos und erſchöpft wieder auf den Stuhl ſank. »So,« ſagte Newman, indem er ſeinen Hut aufhob, „das hat mir wohl gethan. Jetzt iſt mir leichter und beſſer und ich will Ihnen Alles erzählen.“ Es dauerte eine Weile, ehe Fräulein La Creevy ſich wieder beruhigte, welche durch das ungeberdige Weſen Newmans ganz außer ſich gebracht worden war; als dies endlich geſchehen war, erzählte Newman getreulich Alles, was zwiſchen Käthchen und deren Oheim geſche⸗ hen war, ſchickte dieſem Berichte aber vorher, wie er ſchon früher Argwohn gehegt und welche Gründe er dazu gehabt habe und ſchloß mit der Mittheilung des Schrit⸗ tes, den er gethan, ins Geheim an Nicolaus zu ſchreiben. Obgleich der Unwille der kleinen La Creevy ſich nicht auf ſo ſeltſame und ungewöhnliche Art äußerte wie bei Newman, ſo war er doch kaum minder ſtark und tief. Wäre Ralph Nickleby in dieſem Augenblicke in das Zim⸗ mer getreten, ſo würde er höchſt wahrſcheinlich in der 1 Nicolaus Nickleby. 97 kleinen La Creevy einen noch gefährlichern Gegner, als ſelbſt Rewman Noggs war, haben kennen lernen. »Gott vergebe mir meine Sünde,“« ſagte Fräulein La Creevy, um ihren Unwillen auf einmal auszuſprechen, »aber ich glaube wirklich, ich könnte ihn mit Vergnügen damit durchbohren.« Die Waffe, welche Fräulein La Creevy in der Hand hielt, war freilich keine ſehr gefährliche— ein einfacher Bleiſtift; als ſie aber ihren Irrthum bemerkte, ver⸗ tauſchte ſie den Bleiſtift mit einem kleinen Obſtmeſſer, mit dem ſie ſchwerlich Krume von einem Brote hätte ſchneiden können. »Sie wird von heute an nicht länger bleiben, wo ſie iſt,“ ſagte Newman;»das iſt ein Troſt.« »Bleiben!« rief Fräulein La Creevy;»ſie hätte ſchon längſt fort ſein ſollen.“« »Hätten wir es gewußt,« entgegnete Noggs.»Aber wir wußten nichts. Es konnte ſchicklicherweiſe Nie⸗ mand dazwiſchentreten als ihre Mutter oder ihr Bru⸗ der. Die Mutter, die Arme, iſt ein ſchwaches Weib. Der liebe junge Mann wird dieſe Nacht hier ſein.⸗« »Ach, mein. Gott!« rief Fräulein La Creevy; der wird etwas Verzweifeltes thun, Herr Noggs, wenn Sie ihm Alles ſagen.« Newman hörte auf die Hände zu reiben und nahm eine nachdenkliche Miene an.— „»Verlaſſen Sie ſich darauf,« ſagte die La Creevy ernſthaft;„wenn Sie ihm die Wahrheit nicht ſehr be⸗ hutſam mittheilen, wird er ſich an ſeinem Oheim oder einem der Herren vergreifen, und das kann ihn ſelbſt ins Unglück ſtürzen, wie es uns Allen Sorge und Noth ma⸗ chen wird.« „Daran habe ich nicht gedacht,« entgegnete Newman, Nicolgus Nickleby. IV. 7 98 deſſen Geſicht immer muthloſer und betrübter wurde. »Ich kam hierher, um Sie zu bitten, ſeine Schweſter aufzunehmen, wenn er ſie herbringen ſollte, aber—⸗ „Das iſt eine viel wichtigere Sache,« unterbrach ihn Fräulein La Creevy;»und das Ende läßt ſich nicht vor⸗ herſehen, wenn Sie nicht ſehr behutſam verfahren.« „»Was kann ich thun?« rief Newman, der ſich in der größten Verlegenheit hinter den Ohren kratzte.»Wenn er ſpricht, er wolle ſie alle erſchießen, ſo muß ich doch ſagen: ja, treffen ſie nur gut.«“ Fräulein La Creevy konnte einen ſchwachen Schrei nicht unterdrücken, als ſie dies hörte, und fing ſogleich an, ein feierliches Verſprechen von Newman zu verlan⸗ gen, daß er Alles aufbieten wolle, um den Zorn Nico⸗ laus' zu beſänftigen, und er gab es endlich. Dann be⸗ riethen ſie ſich mit einander, wie es wohl am ſicherſten und gefahrloſeſten ſei, ihm die Umſtände mitzutheilen, welche ſeine Anweſenheit nöthig gemacht. „Er muß Zeit haben, ſich abzukühlen, ehe es ihm möglich wird, etwas zu thun,« ſagte die kleine La Creevy. „»Das iſt von der größten Wichtigkeit. Man darf es ihm nicht eher ſagen, bis es ſpät in der Nacht iſt.⸗ „Aber er wird zwiſchen ſechs und ſieben Uhr Abends hier ankommen,« antwortete Newman.» Ich kann es ihm nicht verſchweigen, wenn er mich fragt.⸗ »Dann müſſen Sie ausgehen, Herr Noggs. Sie können ſehr wohl durch Geſchäfte abgehalten worden ſein und dürfen vor beinahe Mitternacht nicht zurück⸗ kommen.« »In dieſem Falle wird er gerade zu Ihnen gehen.« „Das vermuthe ich auch; aber er wird mich nicht zu Hauſe finden, denn ich werde ſogleich jetzt in die City gehen, mich mit Madame Nickleby beſprechen und Nieolaus Nickleby. Nicolaus Nickleby. 99 ſie mit in das Theater nehmen, ſo daß er nicht einmal erfahren kann, wo ſich ſeine Schweſter aufhält.« Nach weiterer Berathung ſchien dies das ſicherſte und leichteſte Verfahren zu ſein, das ſie einſchlagen konn⸗ ten, und ſie kamen überein, ſo zu handeln. Newman entfernte ſich, kehrte in das Haus ſeines Herrn zurück und dachte unterwegs an viele Möglichkeiten und Un⸗ möglichkeiten, die ihm im Kopfe herum gingen. Sechstes Kapitel, handelt hauptſächlich von einem merkwürdigen Geſpräche und von einem merkwürdigen Verfahren, das dadurch veran⸗ laßt wurde. »Endlich haben wir London!« rief Nicolaus, indem er ſeinen Ueberrock zurückſchlug und Smike aus tiefem Schlafe weckte.»War es mir doch, als könnten wir es nie erreichen!« »Doch ſind die Pferde tüchtig gelaufen,« bemerkte der Kutſcher, der mit einem nicht eben ſehr freundlichen Geſichte nach Nicolaus zurückſah. »Ich weiß es,« entgegnete dieſer,»aber es liegt mir ſehr viel daran, ſobald als möglich an das Ziel meiner Reiſe zu kommen und deshalb iſt mir der Weg lang vor⸗ gekommen.« »Wenn Ihnen,« fuhr der Kutſcher fort,»der Weg bei ſolchen Pferden lang wird, ſo müſſen Sie freilich ſehr große Eile haben. Während dieſer Worte ergriff er die Peitſche und ſchlug mit deren Stiele einen Kna⸗ 7* —— .₰ 100 Nicolaus Nickleby. ben auf die Wade, um ſeiner Rede mehr Nachdruck zu geben. Sie raſſelten weiter durch die geräuſchvollen, von Menſchen gefüllten Straßen Londons, die jetzt eine dop⸗ pelte Reihe hellbrennender Lampen zeigten und überdies hier und da durch die glänzende Fluth erleuchtet waren, welche aus den Fencern r Laden ſtrömte, in denen funkelnde Juwe. nd Sammet in den reichſten Farben, die einladendſten Delikateſſen und die prachtvoll⸗ ſten Gegenſtände des Schmuckes in flimmernder Menge zur Schau ausgeſtellt lagen. Volksmaſſen, ſcheinbar ohne Ende, ſtrömten hin und her, rannten aneinander in geſchäftiger Eile und ſchienen die Reichthümer um ſie her gar nicht zu beachten, während Fuhrwerke von jeder Form und Geſtalt, unter einander gemengt in einer Maſſe wie fließendes Waſſer, das Geräuſch und den Tu⸗ mult durch ihr Rollen und Raſſeln noch vermehren hal⸗ fen. Merkwürdig war die Aufeinanderfolge der Gegen⸗ ſtände, die blitzſchnell wechſelnd und immer verſchieden an ihren Augen vorüberzogen. Aufgeſtapelte glänzende Kleidungsßücke, deren Material aus allen Theilen der Welt herbeigebracht war; lockende Vorräthe von allen Dingen, welche den geſättigten Magen zu reizen und das oft wiederholte Mahl wieder pikant zu machen vermö⸗ gen; Geräthe von funkelndem Gold und Silber in den ſchönſten Vaſen⸗Teller⸗ und Becherformen; Flinten, Degen, Piſtolen und andere Werkzeuge der Zerſtörung; Schrauben und Eiſen für die Verkrümmten, Wäſche für neugeborene Kinder, Arzneien für die Kranken, Särger für die Todten, und Gottesäcker für die Begrabenen,— Alles dies und mehr noch hüpfte in buntem Tanze gleich den phantaſtiſchen Gruppen des alten holländiſchen Ma⸗ 4 Nicolaus Nickleby. 101 lers und mit derſelben ernſten Lehre für die unachtſame ruheloſe Menge vorüber. Auch in der Volksmenge ſelbſt fehlte es nicht an Ge⸗ genſtänden, die in der wechſelnden Scene gleichſam einen Haltpunkt gewährten. Die Lumpen des abgezehrten Bänkelſängers flatterten in dem reichen Lichte, das die Schätze des Goldſchmiedes zeigte; bleiche gierige Geſich⸗ ter drängten ſich an den Fenſtern, hinter denen lockende Speiſen lagen; hungerige Augen muſterten die reiche Fülle, die nur durch eine dünne Glasſcheibe— eine ei⸗ ſerne Mauer für ſie— von ihnen getrennt war; halb⸗ nackte, fröſtelnde Geſtalten ſtanden da und ſtaunten einen chineſiſchen Shawl und goldene Zeuge aus Indien an. Bei dem größten Sargfabrikanten wurde Kindtaufe ge⸗ halten, und die Vorrichtungen zu einem Begräbniſſe hat⸗ ten die großartigen Bauveränderungen in einem Palaſte ins Stocken gebracht. Leben und Tod gingen Hand in Hand; Reichthum und Armuth ſtanden neben einander; Ueberſättigung und Hunger ſanken zuſammen nieder. Es war London, und die alte Dame vom Lande im Wagen, die ſchon eine halbe Stunde vor Kingſton den Kopf durch den Kutſchenſchlag herausgeſteckt und dem Kutſcher zugerufen hatte, er ſei gewiß darüber hinweg⸗ gefahren und habe vergeſſen, ſie abzuſetzen, gab ſich end⸗ lich zufrieden. Nicolaus nahm ein Bett für ſich und Smike in dem Wirthshauſe, in welchem der Kutſcher einkehrte, und be⸗ gab ſich, ohne eine Minute länger zu zögern, in die Wohnung Newman Noggs', denn ſeine Angſt und Un⸗ geduld waren mit jeder Minute geſtiegen und ließen ſich durchaus nicht mehr beſchwichtigen. In Newmans Dachſtübchen brannte das Feuer und ein Licht; die Dielen waren rein gekehrt, das Stübchen 102 Nicolaus Nickleby. ſo nett und wohnlich eingerichtet, als es bei einem ſol⸗ chen Stübchen möglich war, und Eſſen und Trinken ſtand auf dem Tiſche bereit. Alles zeigte von der liebevollen Sorfgalt und Aufmerkſamkeit Newmans, er ſelbſt aber war nicht zu ſehen. „Wiſſen Sie nicht, wann er nach Hauſe kommt?« fragte Nicolaus, indem er an die Thür des Nachbars, ſeines alten Freundes, klopfte. »Ah, Herr Johnſon!« rief Crowl.»Willkommen! Willkommen! Ei, wie Sie wohl ausſehen! Ich hätte nie geglaubt—« „Entſchuldigen Sie,« fiel Nicolaus ein.»Meine Frage— es liegt mir ungemein viel daran.« „Er hat eine ſchlimme Sache abzumachen,« antwor⸗ tete Crowl,»und wird ſchwerlich vor zwölf Uhr zurück⸗ kommen. Er ging ſehr ungern fort, das kann ich Ihnen ſagen, aber es ließ ſich nicht ändern. Er bat mich aber, Ihnen zu ſagen, Sie möchten es ſich bequem machen, bis er zurückkomme, und ich ſoll Sie unterhalten, was ich denn ſehr gern thun werde.“« Zum Beweis, wie bereit er ſei, ſein Möglichſtes bei der Unterhaltung zu thun, rückte Herr Crowl, während er noch davon ſprach, einen Stuhl an den Tiſch, langte ohne Umſtände von der kalten Küche reichlich zu und forderte Nicolaus und Smike auf, ſeinem Beiſpiele zu folgen.— Nicolaus, deſſen Erwartung ſo getäuſcht war konnte keinen Biſſen anrühren, ging deshalb, nachdem Smike am Tiſche Platz genommen hatte, und trotz den Abmah⸗ nungen, mit denen ihn Crowl mit vollem Munde be⸗ ſtürmte, fort und trug Smike auf, Newman nicht wieder ausgehen zu laſſen, falls er zuerſt komme. Nicolaus ging, wie Fräulein La Creevy gemuthmaßt —— Nicolaus Nickleby. 103 hatte, geraden Wegs zu ihr; da er ſie aber nicht zu Hauſe fand, ſo überlegte er bei ſich, ob er zu ſeiner Mutter gehe und ſie dadurch mit Ralph Nickleby verfeinde. In der vollen Ueberzeugung, daß Newman ihn nicht er⸗ ſucht haben würde, nach Hauſe zu kommen, wenn nicht triftige Gründe ſeine Anweſenheit hier nöthig machten, entſchloß er ſich denn, dahin zu gehen, und er eilte ſo ſchnell als möglich oſtwärts. Madame Nickleby würde, ſagte das Dienſtmädchen, vor zwölf Uhr ſchwerlich nach Hauſe kommen. Sie glaubte, Fräulein Nickleby befinde ſich wohl, und er⸗ zählte, daß dieſelbe jetzt nicht bei der Mutter wohne, dieſe auch nur ſelten beſuche. Wo ſie wohnte, konnte ſie nicht ſagen, gewiß aber nicht bei Madame Man⸗ talini. Sein Herz klopfte gewaltig; er fürchtete, er wußte nicht welches Unglück, und kehrte dahin zurück, wo er Smike verlaſſen hatte. Newman war noch nicht da. Vor zwölf Uhr kam er gewiß nicht. War es nicht mög⸗ lich, ihn, und wäre es nur auf eine Minute, nach Hauſe zu holen oder ihm ein Paar Zeilen zu ſchicken, auf die er eine kurze mündliche Antwort geben konnte? Das ließ ſich durchaus nicht thun, denn bei Ralph. Nickleby war er nicht und er hatte wahrſcheinlich einen Auftrag irgendwo auszurichten. Nicolaus verſuchte, ruhig da, wo er war, zu bleiben, aber ſeine Aufregung war ſo groß, daß er nicht ſtill ſitzen konnte. Er glaubte, koſtbare Zeit zu verlieren, wenn er ſich nicht bewege. Er wußte, daß dies eine thörichte Einbildung ſei, aber er konnte derſelben nicht widerſtehen. Er nahm alſo ſeinen Hut und ging noch⸗ mals fort. Diesmal wendete er ſich nach Weſten und ging in ——y’a 104 Nicolaus Nickleby. den langen Straßen eilenden Schrittes und unter tau⸗ ſend ſchlimmen Ahnungen und Befürchtungen hin, der er nicht Herr zu werden vermochte. Er gelangte in den Hyde Park, der jetzt ſtill und öde war, und beſchleunigte ſeine Schritte, als könne er ſeinen Gedanken entfliehen. Aber ſie folgten ihm unabweislich und nur noch eifriger denn vorher, da keine andere Gegenſtände ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit in Anſpruch nahmen; alle beherrſchte die Furcht, es müſſe ein Unglück geſchehen ſein, ſo ſchrecklich, daß Jedermann ſich ſcheue, ihm daſſelbe zu offenbaren. Dann kam immer und immer die alte Frage wieder — was konnte es ſein? Nicolaus ging bis er müde war; aber klüger war er dadurch nicht um ein Haar geworden, ja, er verließ den Park nur noch beſtürzter und verwirrter, als er denſelben betreten hatte. Seit dem frühen Morgen hatte er kaum etwas ge⸗ geſſen und getrunken und er fühlte ſich jetzt ganz ermat⸗ tet und erſchöpft. Als er langſam zurückkehrte, kam er in einer der Durchfahrten zwiſchen Park Lane und Bond Street an ein ſchönes Hotel, und vor dieſem blieb er mechaniſch ſtehen. »Wahrſcheinlich ein theurer Ort,« dachte Nicolaus, »aber ein Schoppen Wein und ein Zwieback koſten nicht viel, wo man ſie auch verkauft. Und doch— weiß ich nicht.« Er ging wieder ein Paar Schritte, ſah aber betrübt an der langen Reihe Gaslampen vor ihm hinunter, be⸗ dachte, wie lange es wohl dauere, ehe er das Ende er⸗ reiche, kehrte wieder um und trat in das Kaffeehaus,— da er ſich ja in der Stimmung befand, in welcher der Menſch am leichteſten dem erſten Antriebe nachgiebt, und ſich übrigens theils durch Neugierde, theils durch mancherlei Gefühle, von denen er ſich ſelbſt keine Re⸗ Nicolaus Nickleby.„ 105 chenſchaft zu geben vermochte, nach dem Hauſe hingezo⸗ gen fühlte. Es war ſehr ſchön eingerichtet. Die Wände waren mit den ſchönſten franzöſiſchen Tapeten überkleidet und mit einem zierlichen vergoldeten Sims verziert. Den Fußboden verhüllte ein koſtbarer Teppich, und zwei herr⸗ liche Spiegel, einer über dem Kamine und der andere am entgegengeſetzten Ende des Zimmers, von der Decke bis an den Boden reichend, vervielfachten die andern Schönheiten und erhöheten die Pracht des Ganzen. Ne⸗ ben dem Kamine befand ſich eine ziemlich laute Geſell⸗ ſchaft von vier Herren. Außerdem waren nur noch zwei andere Perſonen, beide ältliche Herren, die jeder für ſich ſaßen, anweſend. Nicolaus, der dies alles mit dem erſten muſternden Blicke erkannte, den ein Fremder auf einen Ort zu wer⸗ fen pflegt, der ihm neu iſt, nahm Platz neben der lau⸗ ten Geſellſchaft, mit dem Rücken gegen dieſelbe gewen⸗ det, verſchob es, den Wein zu verlangen, bis der Auf⸗ wärter und einer der ältlichen Herrn eine Streitſache über den Preis irgend eines Gegenſtandes ausgeglichen haben würden, nahm ein Zeitungsblatt und fing an zu leſen. Noch hatte er nicht zwanzig Zeilen geleſen und war faſt eingeſchlummert vor Müdigkeit, als er bei der Erwähnung des Namens ſeiner Schweſter auffuhr. Er hörte die Worte:„das kleine Käthchen Nickleby,« rich⸗ tete erſtaunt den Kopf empor und ſah bei dieſer Bewe⸗ gung in dem gegenüber hängenden Spiegel, daß zwei von der Geſellſchaft aufgeſtanden und vor das Feuer getreten waren.»Einer von ihnen muß die Worte ge⸗ ſprochen haben,« dachte Nickleby. Er horchte mit einem ziemlich unwilligen Geſichte auf mehr, denn der Ton 106 Nicolaus Nickleby. der Worte war nichts weniger als achtungsvoll geweſen, und der Herr, der ſie ſeiner Muthmaßung nach geſpro⸗ chen hatte, ſah nicht eben empfehlenswerth aus. Dieſer Mann— ſo bemerkte Nicolaus ebenfalls in dem Spiegel— ſtand mit dem Rücken am Feuer und ſprach mit einem Jüngern, der den übrigen den Rücken zukehrte, den Hut auf dem Kopfe hatte und ſeine Va⸗ termörder vor dem Spiegel zurecht zupfte. Sie ſpra⸗ chen leiſe und lachten bisweilen laut auf, aber Nicolaus konnte keine Wiederholung der Worte noch irgend etwas vernehmen, das wie jene Worte klang, welche ſeine Auf⸗ merkſamkeit erregt hatten. Endlich ſetzten ſich die Beiden wieder, es wurde mehr Wein beſtellt und die Luſtigkeit der Geſellſchaft wie ihr Lärm ſteigerten ſich mehr und mehr. Indeſſen erwähn⸗ ten die Herren Niemanden, den Nicolaus kannte, und er glaubte endlich, ſeine aufgeregte Phantaſie habe ihm den Ton jener Worte ganz und gar vorgegaukelt oder an⸗ dere Worte in den Namen umgewandelt, mit dem ſich ſeine Gedanken eben ſo lebhaft beſchäftigt hatten. „Es iſt doch merkwürdig,« dachte Nicolaus,»wäre esKäthchen oder Käthchen Nickleby geweſen, ſo würde ich nicht ſo ſehr überraſcht worden ſein; aber das kleine Käthchen Nickleby!“« Der Aufwärter brachte in dieſem Augenblicke den Wein und Nicolaus konnte ſeine Gedanken nicht ganz vollenden. Er trank einmal und nahm das Zeitungs⸗ blatt wieder. In dieſem Augenblicke rief eine Stimme hinter ihm:'das kleine Käthchen Nickleby!“ „Ich hatte doch Recht!« murmelte Nicolaus, wäh⸗ rend ihm das Zeitungsblatt aus der Hand fiel.»Und es war der Mann, auf den ich es dachte!« „Unrecht wäre es geweſen, ihre Geſundheit in einer —— — —— — Nicolaus Nickleby. 107 Neige zu trinken,« ſprach die Stimme;»alſo für ſie das erſte Glas aus der vollen Flaſche! Die kleine Ni⸗ ckleby!« „Die kleine Nickleby!« riefen die andern drei und die Gläſer wurden geleert. Der Ton und die Art, wie man ſo leichtfertig ſeiner Schweſter Namen an einem öffentlichen Orte nannte, ſchnitt Nicolaus ins Herz und trieb ihm das Blut in den Kopf, aber er bot ſeine ganze Kraft auf, um ruhig zu bleiben und drehete ſich nicht einmal um. w's iſt ein verfluchtes Mädchen,“ fuhr die Stimme fort, die vorher geſprochen hatte,— veine echte Nickleby, eine würdige Nachahmerin ihres alten Onkels Ralph. Sie zieht ſich zurück, um eifriger verfolgt zu werden, ja. ja. Man bekommt auch von dem alten Ralph nichts, wenn man ihm nicht lange nachſtellt, und dann macht er deſto härtere Bedingungen, denn man braucht das Geld dringend, und er hat keine Eile, daſſelbe her zu geben. Sie ſind Beide pfiffig genug.« 3 Nicolaus war außer ſich, als die beiden ältlichen Herren gegenüber nach einander aufſtanden und fortgin⸗ gen, denn er fürchtete, ſie möchten ſo viel Geräuſch ma⸗ chen, daß er ein Wort von dem, was geſprochen werde, überhöre. Das Geſpräch wurde jedoch eingeſtellt, wäh⸗ rend die Beiden fortgingen, und als ſie ſich entfernt hatten, um ſo ungenirter fortgeſetzt. »Ich fürchte,« ſagte der jüngere Herr,»die Alte iſt eiferſüchtig geworden und hat die Nickleby eingeſchloſſen. Auf Seele! es ſieht ganz ſo aus.“« »Wenn ſie ſich veruneinigen und die kleine Nickleby geht wieder zu ihrer Mutter, ſo iſt es deſto beſſer,“ entgegnete der Erſte.»Ich kann mit der Alten thun, was ich will. Sie glaubt jedes Wort, das ich ihr ſage.⸗ 108 Nicolaus Nickleby. »Das iſt wahr!« erwiederte die andere Stimme. „»Hal hal ha!« Die beiden andern Stimmen, welche immer zugleich einfielen, ſchloſſen ſich dem Gelächter an, das ſo auf Koſten der Madame Nickleby allgemein wurde. Nico⸗ laus drehete ſich zornglühend um, beherrſchte ſich aber doch noch einmal und wartete um mehr zu hören. Was er hörte, brauchen wir hier nicht zu wiederho⸗ len. Als der Wein die Herren mehr und mehr erhitzte, vernahm er genug, um den Charakter und die Päne derer zu errathen, deren Worte er mit anhörte, um völ⸗ lig Ralphs Niederträchtigkeit kennen zu lernen und den wirklichen Grund zu erfahren, warum ſeine Anweſenheit in London erfordert wurde. Er hörte alles dieſes und mehr. Er hörte, wie das Leiden ſeiner Schweſter ver⸗ höhnt, ihr tugendhaftes Benehmen verſpottet und auf wüſtlingsweiſe falſch gedeutet wurde; ja er mußte es mit anhören, wie man ſie zu einem Gegenſtande der frechſten Reden, der unzüchtigſten Scherze und der ſchamloſeſten Wetten machte. Der Mann, welcher zuerſt geſprochen hatte, leitete das Geſpräch, führte das Wort faſt allein, und wurde nur von Zeit zu Zeit durch eine geringfügige Bemer⸗ kung eines oder des andern ſeiner Gefährten unter⸗ brochen. An ihn alſo wendete ſich Nicolaus, als er ſich in ſo weit geſammelt hatte, um vor den Herren ſtehen und die Worte aus ſeiner zuſammengeſchnürten Kehle über die zitternden Lippen bringen zu können. »Ich habe ein Wort mit Ihnen zu ſprechen, Herr,« ſagte Nicolaus. »Mit mir?« entgegnete Sir Mulberry Hawk, indem er ihn mit verächtlicher Ueberraſchung anſah. »Mit Ihnen, allerdings,« wiederholte Nicolaus, der 109 kaum zu ſprechen vermochte, ſo ſchnürte ihm die Leiden⸗ ſchaft die Kehle zuſammen. »Ein geheimnißvoller Fremder, auf Seele!“« rief Sir Mulberry, indem er ſein Weinglas an die Lippen hob 8 und einen ſeiner Freunde nach dem andern anſah. »Wollen Sie einen Augenblick mit mir bei Seite ge⸗ hen, oder wollen Sie es nicht?« fragte Nicolaus ernſt. Sir Mulberry hielt bloß im Trinken inne und for⸗ derte ihn auf, entweder ſeinen Namen zu nennen oder ſich von dem Tiſche zu entfernen. Nicolaus nahm eine Karte aus der Taſche und warf ſie auf den Tiſch. »Da, Sir,“ ſagte er;»was ich mit Ihnen zu ſpre⸗ chen habe, werden Sie nun errathen.« Auf dem Geſichte Sir Mulberry's ſpiegelte ſich, als er den Namen las, für einen Augenblick Erſtaunen und wohl auch einige Verlegenheit; aber er faßte ſich ſogleich wieder, warf die Karte dem Lord Veriſopht zu, der ihm gegenüber ſaß, nahm einen Zahnſtocher aus einem vor ihm ſtehenden Glaſe und fing an, ſehr gemächlich damit in den Zähnen herum zu ſtochern. »Ihr Name und Ihre Adreſſe?« fragte Nicolaus, der um ſo bläſſer wurde, je höher ſeine Leidenſchaft ſtieg. »Ich werde Ihnen weder den einen noch die andere nennen,“« erwiederte Sir Mulberry. »Wenn ein Ehrenmann in dieſer Geſellſchaft iſt,« ſagte Nicolaus, indem er ſich umſah, aber die Worte kaum über ſeine bleichen Lippen bringen konnte, »ſo wird er mir den Namen und die Wohnung dieſes Mannes nicht verheimlichen.« Niemand entgegnete ein Wort. »Ich bin der Bruder des jungen Mädchens, das der Nicolaus Nickleby. 110 Nieolaus Nickleby. Gegenſtand des Geſpräches hier geweſen iſt,« ſagte Ni⸗ colaus.»Ich erkläre dieſen Mann für einen Lügner und nenne ihn einen feigen Schurken. Hat er einen Freund hier, ſo wird er ihm die Schande des gemeinen Verſuches erſparen, ſeinen Namen zu verheimlichen,— der überdies ganz nutzlos iſt, denn ich werde ihn ermit⸗ teln; ich verlaſſe den Mann nicht, bis ich weiß, wer er iſt.« Sir Mulberry ſah ihn über die Achſel an und ſagte zu ſeinen Gefährten: „Laßt den Menſchen reden; ich habe Knaben ſeines Standes nichts Ernſthaftes zu ſagen. Nur ſeiner hüb⸗ ſchen Schweſter hat er es zu verdanken, daß ich ihm nicht ein Loch in den Kopf ſchlage, wenn er noch länger ſchwatzt.« „Sie ſind ein feiger, niederträchtiger Schurke!“ ſagte Nicolaus,»und als ſolchen werde ich Sie der Welt bloß ſtellen. Ich will Sie kennen und werde Ihnen bis in Ihre Wohnung nachgehen, wanderten Sie auch bis zum nächſten Morgen umher.⸗ 4 Sir Mulberry's Hand faßte unwillkürlich die Wein⸗ flaſche und er ſchien einen Augenblick die Abſicht zu ha⸗ ben, ſie ſeinem Herausforderer an den Kopf zu werfen. Er ſchenkte ſich aber bloß ſein Glas von neuem voll und lachte ſpöttiſch. Nicolaus ſetzte ſich wieder der Geſellſchaft gerade ge⸗ genüber, rief den Aufwärter und bezahlte, was er ſchul⸗ dig war. „Kennen Sie den Namen dieſes Mannes?“« fragte er den Aufwärter hörbar, während er auf Sir Mulberry wieß. Dieſer lachte wieder, und die beiden Stimmen, die K Nicolaus Nickleby. 111 immer gleichzeitig geſprochen hatten, bildeten auch dies⸗ mal das Echo, aber nur ſchwach. »Den Herrn da?“« wiederholte der Aufwärter, der ohne Zweifel erkannte, wen er vor ſich hatte, und mit ſo wenig Achtung, aber mit ſo viel Impertinenz, als nur die perſönliche Sicherheit erlaubte, antwortete:»nein, ich kenne ihn nicht.« »Hören Sie, Marqueur,« rief ihm Sir Mulberry nach, als er fortging,»kennen Sie dieſen Menſchen?« »Menſchen, Sir? Nein, Sir.“« »Da leſen Sie ſeinen Namen,« fuhr Mulberry fort, indem er dem Aufwärter Nicolaus' Karte zuwarf;»und wenn Sie geleſen haben, ſo werfen Sie das Ding ins Feuer,— hören Sie?« Der Aufwärter verzog ſein Geſicht zum Lachen, warf Nicolaus einen mißtrauiſchen Blick zu, und machte die Sache dadurch noch ärger, daß er die Karte an den Spiegel ſteckte. Als dies geſchehen war, ging er. Nicolaus ſchlug die Arme über einander, biß ſich in die Lippen und ſaß vollkommen ruhig, drückte aber durch ſein ganzes Weſen den feſten Entſchluß aus, ſeine Dro⸗ hung, dem Sir Mulberry nachzugehen, gewiß in Aus⸗ führung zu bringen. Aus dem Tone, in welchem der Jüngſte in der Ge⸗ ſellſchaft ſeinem Freunde Vorſtellungen zu machen ſchien, konnte man ſchließen, daß er ihn wegen des Verfahrens tadelte und in ihn drang, der Aufforderung des Fremden zu genügen. Sir Mulberry war jedoch nicht mehr ganz nüchtern, verharrte in ſeinem hartnäckigen Widerſtreben, brachte die Vorſtellungen ſeines jungen Freundes bald zum Schweigen und ſchien— vielleicht um ſich die Wie⸗ derholung derſelben zu erſparen— darauf zu dringen, daß man ihn allein laſſe. War dies wirklich der Fall 8 112 Nicolaus Nickleby. oder nicht, genug, der junge Herr und die beiden andern, welche immer gleichzeitig geſprochen hatten, ſtanden bald darauf wirklich auf, um fort zu gehen, was ſie denn auch thaten und ſo ihren Freund mit Nicolaus allein ließen. Man wird ſich leicht denken, daß für einen in der Lage, in welcher ſich Nicolaus befand, die Minuten Blei an den Flügeln zu haben ſcheinen mußten. Aber er blieb ruhig ſitzen, während Sir Mulberry ſich auf ſei⸗ nem frühern Sitze an der entgegengeſetzten Seite des Zimmers dehnte, die Füße auf die Kiſſen legte, das Ta⸗ ſchentuch nachläſſig über die Kniee hängen ließ und ſeine Flaſche Wein mit der größten möglichen Gleichgültigkeit und Kaltblütigkeit austrank. So ſaßen ſie, ohne auch nur ein Wort zu ſprechen, wohl eine Stunde. Nicolaus würde geglaubt haben, daß wenigſtens drei Stunden vergangen wären, aber die Stutzuhr hatte nur viermal geſchlagen. Zwei⸗ oder dreimal ſah er ſich ärgerlich und ungeduldig um, aber Sir Mulberry befand ſich noch immer in derſelben Stel⸗ lung, nahm das Glas bisweilen an den Mund, und ſah gedankenlos die Wand an, als wiſſe er gar nicht, daß noch irgend ein lebendiges Weſen zugegen ſei. Endlich gähnte er, ſtreckte ſich und ſtand auf, dann ſchritt er gemächlich an den Spiegel, beſah ſich darin, drehete ſich um und beehrte Nicolaus mit einem langen verächtlichen Blicke. Nicolaus ſah ihn unverwandt und ernſt in das Geſicht; Sir Mulberry zuckte die Achſeln, lächelte, klingelte und befahl dem Aufwärter, ihm beim Anziehen ſeines Oberrocks behülflich zu ſein. Der Aufwärter that dies und öffnete ihm die Thür. »Sie brauchen nicht zu warten,« ſagte Sir Mul⸗ berry und er war wieder mit Nicolaus allein. 4 Nicolaus Nickleby. 113 Sir Mulberry ging mehrmals in dem Saale auf und ab, pfiff dazu, blieb dann ſtehen, um das letzte Glas Wein auszutrinken, das er ſich wenige Minuten vorher eingeſchenkt hatte, ging wieder auf und ab, ſetzte ſeinen Hut auf, trat vor den Spiegel, zog die Handſchuhe an und ſchritt endlich langſam hinaus. Nicolaus, der vor Wuth faſt außer ſich war, ſprang von ſeinem Sitze auf und folgte ihm ſo dicht auf den Ferſen, daß er mit Sir Mulberry faſt gleichzeitig draußen auf der Straße ſtand. Hier wartete das Cabriolet ſeines Gegners; der Kut⸗ ſcher ſchlug das Leder zurück und ſprang hinunter, um das Pferd zu halten. »Werden Sie ſich mir zu erkennen geben?« fragte Nicolaus mit faſt erſtickter Stimme. »Nein,“ autwortete der Andere trotzig, und bekräf⸗ tigte die Weigerung durch einen Eid.»Nein.« »Wenn Sie ſich auf die Schnelligkeit Ihres Pferdes verlaſſen, ſo werden Sie ſich irren,« ſagte Nicolaus. „Ich werde Sie begleiten, beim Himmel! Das werde ich. Ich hänge mich hinten an.« „»Dann werden Sie die Peitſche fühlen,« entgegnete Sir Mulberry. »Sie ſind ein Schuft,« ſprach Nicolaus. 3 »Und Sie wahrſcheinlich nichts als ein Laufjunge,« entgegnete Sir Mulberry Hawk. »Ich bin der Sohn eines Ehrenmannes vom Lande,« fiel Nicolaus ein,»Ihnen gleich an Geburt und Bil⸗ dung, in allen andern aber gewiß überlegen. Ich ſage Ihnen noch einmal, daß Käthchen Nickleby meine Schwe⸗ ſter iſt. Wollen Sie mir wegen Ihres unmännlichen und rohen Benehmens Rechenſchaft geben oder nicht?« »Einem paſſenden Gegner— ja;— Ihnen nicht,« entgegnete Sir Mulberry, indem er die Zügel in die Nicolaus Nickleby. IV. 8 114 Nicolaus Nickleby. Hand nahm.»Aus dem Wege, Lump! William, laß das Pferd laufen.« »Es würde beſſer ſein, Sie gehorchten nicht,“ rief Nicolaus dem Kutſcher zu, trat auf den Tritt, während Sir Mulberry in den Wagen ſprang, und griff nach den Zügeln.»Er kann das Pferd nicht regieren. Sie dür⸗ fen nicht von der Stelle,— ich ſchwöre es Ihnen zu, bis Sie mir geſagt haben, wer Sie ſind.“« Der Kutſcher zögerte, denn das Pferd war ſo feurig und unruhig, daß er es kaum anhalten konnte. „Laß es los, ſage ich Dir?« donnerte ſein Herr. Der Kutſcher gehorchte. Das Pferd bäumte ſich und ſchlug aus, als wolle es den Wagen in tauſend Stücken ſchlagen, Nicolaus aber, der durchaus nicht an die Ge⸗ fahr dachte und ganz von ſeiner Leidenſchaft beherrſcht wurde, blieb auf ſeinem Platze und ließ auch die Zügel nicht los. »Werden Sie Ihre Hand wegthun?« »Werden Sie mir ſagen, wer Sie ſind?⸗ „»Nein.“ »Nein?« Dieſe Worte wurden ſchneller gewechſelt, als die ge⸗ läufigſte Zunge ſie auszuſprechen vermag und Sir Mul⸗ berry ſchlug mit der Peitſche mit aller Kraft Nicolaus an den Kopf und auf die Schultern. Sie zerbrach da⸗ bei; Nicolaus aber erfaßte das dicke Ende des Stieles und ſchlug damit ſeinen Gegner in das Geſicht, daß die Wange von dem Auge bis an die Lippen aufſprang. Er ſah die Wunde; er wußte, daß das Pferd in tollem Ga⸗ lop davon jagte; hundert Lichter tanzten vor ſeinen Augen und er ſtürzte zu Boden. Er fühlte ſich unwohl, ihm ſchwindelte, aber er ſprang ſogleich wieder auf die Füße, denn die Leute auf der Nicolaus Rickleby. 115 Straße ſchrieen laut, man möge aus dem Wege gehen. Er wußte, daß eine große Menſchenmenge raſch vorüber ſtürzte,— er ſah, als er emporblickte, wie das Pferd mit entſetzlicher Schnelligkeit mit dem Cabriolet an dem Trottoir hinjagte,— dann hörte er einen lauten Schrei, — das Aufſchlagen eines ſchweren Körpers und das Klir⸗ ren von Glas,— die Menge ſchloß ſich in der Ferne und er ſah und hörte nichts weiter. Die allgemeine Aufmerkſamkeit war von ihm ganz ab und auf den Mann im Wagen gelenkt worden, und er ſtand ganz allein da. Da bedachte er, daß es unter ſolchen Umſtänden Wahnſinn ſein würde, den Gegner weiter zu verfolgen und wendete ſich deshalb durch ein Gäßchen nach dem nächſten Haltplatze von Lohnwagen, weil er ſich bald überzeugte, daß er wie ein Betrunkener wankte und jetzt erſt das Blut bemerkte, das ihm am Geſichte herunterſtrömte. Siebentes Kapitel. Herr Ralph Nickleby wird mit einem Male von allem Verkehr mit ſeinen Verwandten befreit. Smike und Newman Noggs, der in ſeiner Ungeduld lange vor der verabredeten Zeit nach Hauſe gekommen war, ſaß vor dem Kamine und horchte geſpannt auf je⸗ den Fußtritt auf der Treppe und auf das leiſeſte Geräuſch im Hauſe, das die Ankunft ſeines jungen Freundes Ni⸗ colaus verkünden konnte. Die Zeit verging und es 8* 116 Nieolaus Nickleby. wurde ſpät. Er hatte verſprochen, in einer Stunde zu⸗ rück zu ſein und ſeine längere Abweſenheit fing an, Beide ſehr zu beunruhigen, wie man an den Blicken ſehen konnte, die ſie einander zuwarfen, wenn ſie ſich wieder einmal in ihrer Erwartung getäuſcht ſahen. Endlich hörte man einen Wagen anhalten und New⸗ man eilte hinaus, um Nicolaus die Treppe herauf zu leuchten, blieb aber, als er ihn in dem Zuſtande erblickte, wie wir ihn zu Ende des vorigen Kapitels beſchrieben haben, vor Verwunderung und Beſtürzung wie verſtei⸗ nert ſtehen. „Aengſrigen Sie ſich nicht,« rief ihm Nicolaus zu, indem er ihn in das Zimmer drängte,»es iſt mir kein Schaden geſchehen, außer dem, welchen das Waſſer weg⸗ nehmen wird.« „»Kein Schaden!« rief Newman, indem er eilig über den Rücken und die Arme ſeines jungen Freundes ſtrich, als wolle er ſich überzeugen, ob derſelbe keinen Knochen gebrochen habe.»Und was haben Sie gethan?« „Ich weiß alles,« unterbrach ihn Nicolaus;»veinen Theil davon habe ich gehört und das Uebrige errathen; aber ehe ich einen Tropfen von dieſem Blute abwaſche, muß ich das Ganze von Ihnen hören. Sie ſehen, ich bin gefaßt. Mein Entſchluß ſteht feſt. Sprechen Sie, guter Freund, denn es iſt keine Zeit mehr zur Bemänte⸗ lung und zur Verheimlichung, und nichis kann Ralph Nickleby mehr nützen.« »Ihr Rock iſt an mehreren Stellen zerriſſen, Sie hin⸗ ken und haben gewiß Schmerz,« ſagte Newman.»Laſ⸗ ſen Sie mich erſt Ihre Wunden ſehen.“ »Ich habe keine Wunden zu beſehen, bis auf einige blaue Flecke und Ritzen, die bald vergehen werden,« ant⸗ wortete Nicolaus, indem er ſich mit Mühe ſetzte.»Hätte —'— „ — Nicolaus Nickleby. 117 ich aber auch jedes Glied gebrochen und meine Sinne noch beiſammen, ſo würden Sie mich doch nicht verbin⸗ den dürfen, bis Sie mir erzählt, was ich zu wiſſen ein Recht habe. Kommen Sie!« fuhr Nicolaus fort, indem er Noggs die Hand reichte.»Sie hatten ſelbſt einmal eine Schweſter, wie Sie mir erzählten, die ſtarb, ehe Sie von dem Unglücke betroffen wurde. Denken Sie an dieſe und erzählen Sie ner, Newman.« „Ja, ich will es, ich will es,« ſagte Noggs,»ich will Ihnen die reine Wahrheit ſagen.« Newman that es. Nicolaus nickte von Zeit zu Zeit mit dem Kopfe, wenn Noggs das beſtätigte, was er be⸗ reits gemuthmaßet hatte, aber er heftete dabei die Augen auf das Feuer und ſah ſich nicht einmal um. Nachdem er ſeine Erzählung beendigt hatte, beſtand Newman darauf, daß ſein junger Freund den Rock aus⸗ ziehe und die Wunden, welche er erhalten, ſie möchten leicht oder ſchwer ſein, gehörig behandeln laſſe. Nach einigem Wiederſtreben gab Nicolaus nach und erzählte, während die zahlreichen Beulen am Arme und auf den Schultern mit Oel und Weineſſig und andern wirkſamen Mitteln eingerieben wurden, die Newman von verſchie⸗ denen Perſonen im Hauſe borgte, auf welche Weiſe er zu dieſen Verletzungen gekommen ſei. Die Erzählung machte einen tiefen Eindruck auf die lebhafte Phantaſie Newmans, denn als Nicolaus zu dem wirklichen Kampfe kam, rieb Newman ſo heftig, daß er ſeinem Freunde großen Schmerz verurſachte, was er um keinen Preis gethan haben würde, wäre er nicht für den Augenblick der Meinung geweſen, er bearbeitete den Rücken Sir Mulberry Hawks. Als dieſes Märtyrerthum überſtanden war, kam Ni⸗ colaus mit Newman überein, daß, während er am näch⸗ 118 Nicolaus Nickleby. ſten Morgen auf andere Weiſe beſchäftiget ſei, Anſtalten getroffen werden ſollten, ſeine Mutter ſogleich aus ihrer jetzigen Wohnung weg zu bringen, und daß Mademoi⸗ ſelle La Creevy abgeſchickt werde, um ihr den Stand der Sache mitzutheilen. Dann begab er ſich mit Smike in das Wirthshaus, wo ſie die Nacht bleiben wollten und wo er(nachdem er einige Zeilen an Nalph geſchrieben hatte, die demſelben am nächſten Tage durch Newman übergeben werden ſollten) die Ruhe zu finden hoffte, deren er ſo ſehr bedurfte. Betrunkene können, wie man ſagt, in tiefe Abgründe hinabſtürzen, ohne ſich bedeutend verletzt zu fühlen, wenn ſie wieder zu ſich kommen. Dieſe Bemerkung läßt ſich vielleicht auch auf die Verletzungen anwenden, welche Perſonen bei anderer großer Aufregung erhalten, wenig⸗ ſtens iſt ſo viel gewiß, daß Nicolaus zwar einigen Schmerz fühlte, als er am Morgen erwachte, aber als die Glocke die ſiebente Stunde ſchlug, faſt ohne Be⸗ ſchwerde aus dem Bette ſprang und bald ſo munter und beweglich war, als ſei gar nichts vorgefallen. Er ſah bloß in das Schlafgemach Smike's hinein, um ihm zu ſagen, Newman Noggs werde bald zu ihm kom⸗ men, eilte dann auf die Straße hinunter, rief einen Miethwagen und befahl dem Kutſcher, nach dem Hauſe der Madame Wititterly zu fahren, das ihm Newman Noggs in der vorigen Nacht beſchrieben hatte. Drei Viertel auf acht Uhr erreichte er den Cadogan⸗ Platz und er fing an zu fürchten, es möchte ſo früh noch Niemand in dem Hauſe auf ſein, ſah aber eine Magd die Stufen vor der Thüre ſcheuern. Von dieſer Magd wurde er an den zweifelhaften Pagen gewieſen, der mit verworrenem Haar und einem rothen, glühenden Geſichte erſchien, als ſei er eben aus dem Bette geſtiegen. Nicolaus Nickleby. 119 Von dieſem jungen Menſchen erfuhr Nicolaus, daß Mademoiſelle Nickleby eben ihren Morgenſpaziergang in dem Garten hinter dem Hauſe mache. Auf die Frage, ob er wohl gehen und ſie aufſuchen wolle und könne, ſchien der Page eine verneinende Antwort geben zu wol⸗ len; als er aber einen Schilling erhielt, beſann er ſich geſchwind anders und ſagte, er werde ſie wohl ſuchen können und finden. »Sagen Sie der Mademoiſelle Nickleby, ihr Bruder ſei da und wünſche ſehr, ſie zu ſehen,« ſagte Nicolaus. Der Page entfernte ſich mit ganz ungewöhnlicher Schnelligkeit und Nicolaus ging in dem Zimmer unten im Hauſe in ſieberiſcher Aufregung umher, die ihm ſelbſt eine minutenlange Zögerung unerträglich machte. Bald hörte er jedoch einen leichten Tritt, der ihm wohlbekannt war und ehe er ihr entgegengehen konnte, lag Käthchen in ſeinen Armen und weinte. „Meine theure Schweſter!« rief Nicolaus, während er ſeine Arme um ſie ſchlang.»Wie blaß ſiehſt Du aus!« »Ich bin hier ſo unglücklich geweſen, lieber Bruder!« ſchluchzte das arme Käthchen;»ach, es iſt mir ſo ſehr, ſehr ſchlecht ergangen. Laß mich nicht hier, lieber Ni⸗ colaus, oder ich ſterbe vor Gram.« »Ich werde Dich nirgends mehr allein laſſen,« ant⸗ wortete Nicolaus,»mich nicht mehr von Dir trennen, Käthchen,« fuhr er fort, unwillkürlich bewegt, während er ſie an ſein Herz drückte.»Sage mir, daß ich han⸗ delte, ſo gut als ich es konnte. Sage mir, daß wir uns trennten, weil ich Dich ins Unglück zu bringen fürchtete, daß es für mich nicht weniger als für Dich eine Prüfung war, und daß, wenn ich Unrecht that, nur mein Mangel an Menſchenkenntniß Schuld daran war.“« 8 120 Nicolaus Nickleby. »Warum ſoll ich Dir ſagen, was wir ſchon wiſſen?« entgegnete Käthchen beſänftigend.»Nicolaus, theurer Nicolaus, wie kannſt Du Dich ſo erſchüttern laſſen?⸗ »Ach es iſt ein bitterer Vorwurf für mich, zu wiſſen, das und was du gelitten haſt,« entgegnete ihr Bruder, »— dich ſo verändert und doch ſo freundlich und gedul⸗ dig zu ſehen. Gott!« rief Nicolaus, indem er die Fauſt ballte und plötzlich einen andern Ton und ein anderes Weſen annahm, ves treibt mir wieder das ganze Blut nach dem Kopfe. Du mußt ſogleich mit mir gehen; Du hätteſt ſchon vorige Nacht nicht mehr hier ſchlafen dür⸗ fen, wenn ich nicht Alles erſt zu ſpät erfahren. Mit wem kann ich ſprechen, ehe wir fortfahren?2« Dieſe Frage kam ſehr gelegen, denn in demſelben Augenblicke trat Herr Wititterly herein, den Käthchen ih⸗ rem Bruder vorſtellte, welcher ſogleich ſeinen Entſchluß ausſprach und auf der ſofortigen Ausführung deſſelben beſtand. »Das Vierteljahr iſt noch nicht um,« ſagte Herr Wi⸗ titterly in dem Ernſt eines Mannes, der das Recht auf ſeiner Seite hat;»deshalb—« »Deshalb,« fiel Nicolaus ein,»muß der vierteljähr⸗ liche Lohn aufgegeben werden. Sie werden dieſe unge⸗ meine Eile entſchuldigen, Umſtände aber verlangen, daß ich meine Schweſter unmittelbar fortbringe und ich habe keine Zeit zu verlieren. Das, was Sie mit hierher brachte, werde ich im Laufe des Tages abholen laſſen, wenn Sie erlauben.« Herr Wititterly verbeugte ſich, machte aber keine Einwendung gegen den ſofortigen Weggang Käthchens, der ihm vielmehr angenehm war, da Sir Tumley Snuf⸗ fim die Meinung geäußert hatte, ſie paſſe nicht zu der Conſtitution der Madame Wititterly. — Nicolaus Nickleby. 121 „»Was die Wenigkeit des Lohnes betrifft,« ſagte Herr Wititterly,»ſo will ich denſelben«— hier wurde er durch einen heftigen Huſtenanfall unterbrochen,—„ſo will ich denſelben der Mademoiſelle Nickleby— ſchuldig bleiben.« Herr Wititterly hatte, wie wir hier bemerken müſſen, die Gewohnheit, kleine Rechnungen gern und ſo lange als möglich ſchuldig zu bleiben. Alle Menſchen haben eine Eigenthümlichkeit, und dies war die Eigenthümlich⸗ keit des Herrn Wititterly. »Wie es Ihnen gefällig iſt,« antwortete Nicolaus, der nochmals die ſo ſchnelle Wegnahme ſeiner Schweſter eilig entſchuldigte, Käthchen zu dem Wagen führte und dem Kutſcher auftrug, ſo ſchnell als möglich nach der City zu fahren. Nach der City alſo ging es ſo ſchnell als es die Miethskutſche ermöglichen konnte; da aber die Pferde zufällig dort ihren Stall hatten und dort ihr Morgen⸗ futter bekamen, wenn ſie nämlich Morgenfutter bekamen, ſo legten ſie den Weg dahin ſchneller zurück, als man mit Grund hätte erwarten können. Nicolaus ſchickte Käthchen zuerſt hinauf, damit ſein unerwartetes Erſcheinen ſeine Mutter nicht erſchrecke, und er erſchien, nachdem der Weg gebahnt war, mit der gebührenden Liebe und Ehrerbietung. Newman war nicht müſſig geweſen, denn es ſtand ein kleiner Karren an der Thür und die Habſeligkeiten wurden bereits auf⸗ geräumt. Madame Nickleby war freilich nicht die Perſon, der etwas in Eile geſagt werden konnte, oder die etwas be⸗ ſonders Delikates oder Wichtiges nach einer flüchtigen Andeutung ſogleich begriff. Obgleich die gute Frau be⸗ reits eine volle Stunde lang von der kleinen Mademoi⸗ 122 Nicolaus Nickleby. ſelle La Creevy vorbereitet worden war und obgleich jetzt Nicolaus und deſſen Schweſter ſehr deutlich mit ihr redeten, ſo befand ſie ſich doch noch immer in großer Confuſion und man konnte ihr durchaus nicht begreiflich machen, warum denn alles ſo ſchnell vor ſich gehen müſſe. „»Warum fragſt Du denn den Onkel nicht, lieber Ni⸗ colaus, was er wohl damit meint?« bemerkte die Mut⸗ ter. „»Liebe Mutter,« entgegnete Nicolaus,»es iſt jetzt keine Zeit zum Reden. Wir können bloß einen Schritt thun, nämlich von dem Onkel mit der Verachtung und dem Unwillen, den er verdient, uns gänzlich loszuſagen. Deine eigene Ehre und Dein guter Name verlangen, daß Du ihm nach der Entdeckung ſeiner niederträchti⸗ gen Handlungsweiſe auch nicht eine Stunde länger ſelbſt für den Aufenthalt zwiſchen dieſen nackten vier Wänden verpflichtet bleibſt.« »Ja,“ ſagte Madame Nickleby,»er iſt ein Unmenſch, und die Wände ſind ſehr kahl, nicht einmal angeſtrichen und die Decke habe ich ſelbſt weißen laſſen auf meine Koſten, was eine Schande iſt, da ſo viel in die Taſche des Onkels gefloſſen iſt. Ich hätte es niemals geglaubt, — niemals.« »Auch ich nicht und Niemand,“« entgegnete Nico⸗ laus. 4 »Der liebe Gott ſei mir gnädig!« rief Madame Nicklebpp.»Wer hätte geglaubt, daß Sir Mulberry Hawk ein ſo ſchlechter Menſch ſei, wie er nach der Schil⸗ derung der La Creevy ſein ſoll, als ich mir Glück dazu wünſchte, daß er ein Anbeter unſeres lieben Käthchens ſei, und bedachte, wie gut es für die Familie ſein würde, wenn er Käthchen heirathe und ſeinen Einfluß aufbiete, Nicolaus Nickleby.⸗ 123 um für Dich eine Anſtellung bei der Regierung zu er⸗ halten. Ich weiß es, es ſind viele hübſche Aemter am Hofe zu bekommen, denn der Bruder einer Freundin von uns(Mademoiſelle Cropley in Exeter, wie Du Dich er⸗ innern wirſt, Käthchen,) hatte eines, und die Hauptſache bei dieſem Amte war, daß er ſeidene Strümpfe und eine Zopfperrücke trug. Die Freude könnte mich umbringen, wenn Du einmal auch ſo ein Amt bekämeſt, lieber Ni⸗ colaus.“ Darauf kam Madame Nickleby wieder auf ihre traurige Lage und ſie weinte bitterlich. Da Nicolaus und ſeine Schweſter die Aufſicht über das Ausräumen der wenigen Habſeligkeiten führen muß⸗ ten, ſo übernahm es Mademoiſelle La Creevy, die Ma⸗ trone zu tröſten und bemerkte mit großer Freundlichkeit, ſie müſſe ſich Gewalt anthun und wieder heiter werden. »Ach, Mademoiſelle La Creevy,« entgegnete Madame Nickleby in ſcherzendem Tone, der in ihrer unglücklichen Lage nicht natürlich war,»es iſt ſehr leicht, Jemandem zu ſagen, er müſſe ſich aufheitern,— aber wenn Sie ſo viele Gelegenheiten gehabt hätten, wie ich, heiter zu ſein— und nun—. Wenn ich an die Herren Pyke und Pluck denke, die beiden vollkommenſten Männer, die ich jemals geſehen habe,— was ſoll ich ihnen ſagen? Wenn ich Ihnen ſagen wollte: ich habe erfahren, daß Ihr Freund Sir Mulberry ein ſchlechter Menſch iſt, ſo würden Sie mich auslachen.« »Sie werden nicht wieder über uns lachen, gewiß nicht,« entgegnete Nicolaus.»Komm, Mutter, der Wa⸗ gen ſteht an der Thür und bis Montag kehren wir je⸗ denfalls in unſere alte Wohnung zurück. »Wo alles bereit iſt und ein herzliches Willkommen Sie erwartet,« ſetzte Mademoiſelle La Creevy hinzu. „Jetzt begleite ich Sie hinunter.⸗ 124 Nicolaus Nickleby. Aber Madame Nickleby war nicht ſo ſchnell fortzu⸗ bringen; erſt wollte ſie auf den Boden gehen, um zu ſehen, ob nichts zurückgelaſſen worden ſei und dann hin⸗ unter, um ſich zu überzeugen, daß man auch Alles mit⸗ genommen habe. Als ſie endlich in den Wagen ſtieg, dachte ſie daran, daß in der Küche ein Kaffeetopf ver⸗ geſſen worden ſei, und als ſie im Wagen ſaß, ſiel ihr gar noch ein vergeſſener grüner Sonnenſchirm ein. Ni⸗ colaus befahl endlich in völliger Verzweiflung dem Kut⸗ ſcher fortzufahren, und bei dem unerwarteten Ruck ver⸗ lor Madame Nickleby einen Schilling in dem Stroh, der zum Glück ihre Aufmerkſamkeit auf die Kutſche feſſelte, bis es zu ſpät war, an etwas anderes zu denken. Nachdem Nicolaus geſehen, daß Alles herausgeſchafft ſei, die Magd entlaſſen und die Thür verſchloſſen hatte, ſprang er in ein Cabriolet und fuhr nach einem Platze in der Nähe des Hauſes ſeines Onkels, wo er Noggs zu treffen verſprochen hatte. Es war Alles ſo ſchnell abgemacht worden, daß er halb zehn Uhr bereits an Ort und Stelle eintraf. „Da iſt ein Brief an Ralph,« ſagte Nicolaus,»und hier der Schlüſſel. Wenn Sie dieſen Abend zu mir kommen, ſo erwähnen Sie kein Wort von voriger Nacht. Böſe Kunde wandert ſchnell und ſie werden bald genug davon hören. Haben Sie vielleicht erfahren, ob er ſich ſehr verletzt hat?« Newman ſchüttelte den Kopf. „Ich werde mich ſelbſt ohne Zeitverluſt darnach er⸗ kundigen,« fuhr Nicolaus fort. »Sie würden beſſer thun, wenn Sie ausruheten,« entgegnete Newman.»Sie haben das Fieber und ſind krank.« Nicolaus machte eine abwehrende Bewegung mit der — —— Nicolaus Nickleby. 125 . Hand, verheimlichte das Unwohlſein, das er wirklich fühlte, nachdem die Aufregung vorüber war, die ihn auf⸗ recht gehalten hatte, nahm Abſchied von Newman Noggs und verließ ihn. Newman befand ſich kaum hundert Schritt von dem Hauſe Ralphs; während dieſer hundert Schritte aber nahm er den Brief wohl zwanzig mal aus ſeinem Hute und legte ihn wieder hinein. Erſt war die Vorderſeite, dann die Rückſeite, dann die Aufſchrift, dann das Siegel Gegenſtand ſeiner Bewunderung. Darauf hielt er den Brief ſo weit er reichen konnte vor ſich, um ſich im Ganzen daran zu ergötzen und endlich rieb er die Hände vor Freude über ſeinen Auftrag. Er kam in das Comptoir zurück, hing den Hut an den Nagel, legte den Brief und den Schlüſſel auf das Pult und wartete ungeduldig auf Ralph Nickleby. Nach wenigen Minuten hörte er das wohlbekannte Stiefel⸗ knarren auf der Treppe und dann wurde die Klingel ge⸗ zogen. »Iſt die Poſt angekommen?« „»Nein.« »Sind Briefe da 2« „»Einer.« Newman betrachtete ihn aufmerkſam und legte den Brief auf das Pult. »Was iſt das?« fragte Ralph, indem er nach dem Schlüſſel griff. »Wurde mit dem Briefe abgegeben,— ein Junge brachte es vor einer Viertelſtunde.⸗ Ralph erbrach den Brief und las, wie folgt: »Ich kenne Sie nun. Welche Vorwürfe ich Ihnen vauch machen könnte, ſie würden doch nicht ein Tauſend⸗ „theil von der Schande wegnehmen, welche dieſes Be⸗ „»wußtſein ſelbſt in Ihrer Bruſt erwecken wird. 126 Nicolaus Nickleby. »Die Wittwe Ihres Bruders und die vaterloſe Toch⸗. „ter derſelben verſchmähen den Schutz Ihres Daches und „meiden Sie mit Abſcheu und Widerwillen. Ihre Ver⸗ vwandten ziehen ſich von Ihnen znrück, denn ſie kennen keine Schande, als die Verwandtſchaft mit Ihnen. »Sie ſind ein alter Mann und ich überlaſſe Sie dem „»Grabe. Möge jede Erinnerung aus Ihrem Leben ſich „feſt an Ihr falſches Herz hängen und ihren Schatten vauf Ihr Sterbebett werfen.⸗ Ralph Nickleby las dieſen Brief zweimal, zog dann die Stirn in tiefe Falten und ſaß lange ſchweigend da; das Papier entfiel ſeiner Hand und ſank auf den Bo⸗ den, aber er hielt die Finger noch immer zuſammen, als habe er es zwiſchen denſelben. Mit Einemmal ſprang er auf, raffte den Brief auf, ſteckte ihn zerdrückt in die Taſche und wendete ſich auf⸗ gebracht nach Newman Noggs, als wolle er ihn fragen, was er da laure. Newman ſtand aber bewegungslos da, den Rücken ihm zugekehrt, zeigte mit dem abge⸗ ſchriebenen ſchwarzen Federſtumpfe auf einige Zahlen auf einer Zinstabelle, welche an der Wand hing und ſchien ſeine ganze Aufmerkſamkeit darauf zu heften. Achtes Kapitel. Ralph Nickleby wird von Perſonen beſucht, die dem Leſer be⸗ kannt ſind. »Wie verteufelt lange haben Sie mich an dieſem ver⸗ maledeiten alten geſprungenen Theekeſſel von einer Klin⸗ —4— tieslaus Nickleby. 127 gel ziehen taſfen, bei deren Bimmeln der ſtärkſte Mann Krämpfe bekommen kann, auf Ehre—,« ſagte Herr Mantalini zu Newman Noggs, und ſtrich ſich dabei die Stiefel auf den Abtreter vor Ralph Nickleby's Thür ab. »Ich hörte die Klingel nur einmal,« entgegnete New⸗ man. »Dann ſind Sie ungeheuer und unverſchämt taub,« ſagte Herr Mantalini,»taub wie ein Zaunspfahl.« Herr Mantalini war unterdeß in die Hausflur ge⸗ treteu und ſchritt ohne Umſtände nach der Thür des Comptoirs Ralphs, aber Newman vertrat ihm noch zei⸗ tig genug den Weg, deutete an, daß Herr Nickleby ſich nicht ſtören laſſen wolle und fragte, ob ſein Geſchäft dringend ſei. »Ungeheuer,« antwortete Herr Mantalini,»denn es ſollen einige Streifen ſchmutzigen Papiers in funkelnde, glänzende, klingende Münze verwandelt werden.« Newman gab ein bedeutungsvolles Grunzen von ſich, nahm die ihm von Mantalini dargereichte Karte und hinkte damit in ſeines Herrn Comptoir. Als er den Kopf durch die halbgeöffnete Thür hineinſteckte, bemerkte er, daß Ralph die nachdenkende Stellung wieder ange⸗ nommen hatte, in welche er nach Durchleſung des Brie⸗ fes ſeines Neffen verfallen war, und daß er denſelben noch einmal geleſen zu haben ſchien, weil er ihn wieder in der Hand hielt. Augenblicklich aber drehete Ralph ſich um und fragte nach der Urſache der Störung. Während Newman noch berichtete, tänzelte die Ur⸗ ſache ſelbſt, Herr Mantalini, in das Comptoir, ergriff Ralphs hornige Hand mit ungemeiner Zärtlichkeit und verſicherte, derſelbe habe noch nie ſo wohl ausgeſehen. »Es liegt wahrhaftig eine gewiſſe Jugendblüthe auf Ihrem Geſichte,« ſagte Herr Mantalini, indem er ſich, 128 Nicolaus Nickleby. ohne die Aufforderung dazu abzuwarten, ſetzte und ſein Haar, wie ſeinen Backenbart ſtrich.»Sie ſehen ganz jugendlich friſch aus, wahrhaftig!⸗ »Wir ſind allein,« unterbrach ihn Ralph unwirſch; »was wünſchen Sie von mir?« »Gut!« rief Herr Mantalini, indem er die Zähne zeigte.»Was ich wünſche! Ja. Ha! ha! Sehr gut. Was ich wünſche? Ha! Ha! Ahl« »Was wollen Sie, Herr?« fragte Ralph ernſt. »Da, dies ſollen Sie discontiren,« entgegnete Man⸗ talini lächelnd, während er ſpaßhaft den Kopf ſchüt⸗ telte. »Das Geld iſt rar,« ſagte Ralph. „Verflucht rar, ſonſt brauchte ich keines,« fiel Herr Mantalini ein. »Die Zeiten ſind ſchlecht und man weiß kaum, wen man trauen ſoll,« fuhr Ralph fort.»Es liegt mir gar nichts daran, jetzt Geſchäfte zu machen, wahrhaftig, es liegt mir nichts daran; da Sie aber ein Freund ſind— wie viele Wechſel haben Sie?« »Zwei,« antwortete Herr Mantalini. »Und wie viel betragen ſie zuſammen?« »Verflucht wenig,— ſechshundert Thaler.⸗ »Wie lange haben ſie noch zu laufen 2« „»Zwei Monate.« „Nun ich will es für Sie thun,— merken Sie, für Sie. Ich würde es nicht für viele Andere thun. Alſo 600 Thaler?« ſagte Ralph bedächtig.—»Für zweihun⸗ dert Thaler will ich es thun.« „»Verflucht!« rief Herr Mantalini, deſſen Geſicht bei dieſem ſchönen Vorſchlage um ein bedeutendes länger wurde. »Es bleiben Ihnen ja noch vierhundert,« entgegnete Nicolaus Nickleby. 129 Ralph.»Was verlangen Sie? Laſſen Sie mich die Namen ſehen.« »Sie ſind verflucht hart, Nickleby,« warf Mantalini ein. »Zeigen Sie mir die Namen,“ antwortete Ralph, der ungeduldig die Hand nach den Wechſeln ausſtreckte. „»Hm! Sicher ſind ſie nicht, aber doch ſo ziemlich gut. Willigen Sie in meinen Vorſchlag und, wollen Sie das Geld nehmen? Sie brauchen es nicht zu thun. Es iſt mir ſogar lieb, wenn Sie es nicht thun.“ »Verflucht, Nickleby, können Sie nicht wenigſtens—,«⸗ fing Mantalini an. »Nein,« unterbrach ihn Ralph.»Ich kann nicht. Wollen Sie das Geld haben,— ſo geben Sie her die Papiere; bedenken Sie ſich nicht erſt lange und ſtellen Sie ſich nicht, als wollten Sie vorher mit einem An⸗ dern handeln, der gar nicht exiſtirt und nie exiſtirt hat. Sind wir einig oder nicht?« Ralph ſchob, während er ſo ſprach, einige Papiere bei Seite und ſtieß wie zufällig an ſeine Geldkaſſe. Dieſem Tone konnte Mantalini nicht widerſtehen. Kaum hatte derſelbe ſeine Ohren berührt, ſo ſchloß er den Han⸗ del ab und Ralph zählte das Geld auf den Tiſch. Kaum war dies geſchehen und Mantalini hatte noch nicht alles zu ſich genommen, als man die Hausklingel hörte und Newman unmittelbar darauf Niemand anders als Madame Mantalini hereinführte, bei deren Anblicke Herr Mantalini ziemlich verlegen wurde und das Geld mit großer Gewandtheit in ſeine Taſche gleiten ließ. »So biſt Du doch hier,« ſagte Madame Mantalini kopfſchüttelnd. »Ja, mein Leben, ich bin da,« antwortete ihr Mann, indem er ſich auf die Kniee niederließ und wie eine Katze Nicolaus Nickleby. IV. 9 130 Nieolaus Nickleby. nach einem fortrollenden Louisd'or haſchte;„ ich bin da, Freude meiner Seele, und leſe eben das verwünſchte Geld auf.« »Ich ſchäme mich Deiner,« ſagte Madame Mantalini ſehr unwillig. »Schämen— meiner, Leben? Die Stimme klingt ſo ſüß, aber die Worte ſind bitter,« entgegnete Manta⸗ lini.»Aber ich weiß es, Du ſchämſt Dich Deines Heiß⸗ geliebten nicht.« Welches auch die Umſtände ſein mochten, die ein ſolches Reſultat herbeigeführt hatten, offenbar ſchien ſich der Heißgeliebte“ in dem Grade der Zärtlichkeit ſeiner Frau verrechnet zu haben. Madame Mantalini ſah ihn ernſt und verächtlich an; dann wendete ſie ſich an Ralph, bat ihn, er möge entſchuldigen, daß ſie ihn geſtört und ſetzte hinzu:»die Urſache davon liegt allein in dem un⸗ verantwortlichen Betragen des Herrn Mantalini.« »In dem meinigen, mein ſüßer Apfelſinenſaftl« »In dem Deinigen,« entgegnete ſeine Frau.»Aber ich werde es nicht zugeben, ich will mich nicht durch die Verſchwendung und Ausſchweifung eines Mannes ruini⸗ ren laſſen. Ich rufe Herrn Nickleby als Zeugen des Verfahrens auf, das ich gegen Dich einſchlagen werde.« »Mich verſchonen Sie mit jedem Zeugniſſe, Mada⸗ me,« antwortete Ralph.»Vergleichen Sie ſich unter einander. Vergleichen Sie ſich unter einander.« »Nein, aber ich muß Sie um die Gefälligkeit erſu⸗ chen,« fuhr Madame Mantalini fort,»mit anzuhören, wie ich zu handeln mir feſt vorgenommen habe,— un⸗ erſchütterlich feſt, Herr,« wiederholte Madame Manta⸗ lini, indem ſie ihren Manne einen zornigen Blick zu⸗ warf. »Mich will ſie Herr’ nennen!« rief Mantalini,»mich, Nicolaus Nickleby. 131 der ich ſie ſo heiß geliebt, ſie auf den Händen getragen habe,— ſie, die ihre Reize um mich ſchlingt wie eine unſchuldige, engelreine Klapperſchlange! Mein Gefühl wird das nicht ertragen können; ſie wird mich zur Ver⸗ zweiflung bringen.« »Sprich Du nicht von Gefühl,« entgegnete Madame Mantalini, indem ſie ſich ſetzte und ihm den Rücken zu⸗ drehete.»Schonſt Du das meinige?« „Ich berückſichtige das Deinige, mein Leben,« ſprach Mantalini. »Nein,« erwiederte ſeine Frau. Und trotz verſchiede⸗ nen Schmeichelreden von Seiten des Herrn Mantalini ſagte ſie fortwährend nein, und zwar mit ſo beſtimmter und entſchloſſener Unfreundlichkeit, daß Herr Mantalini wirklich beſorgt zu werden anfing. »Seine Verſchwendung, Herr Nickleby,« ſagte Ma⸗ dame Mantalini zu Ralph, der, die Hände auf dem Rücken übereinander gelegt, an ſeinem Armſtuhle lehnte und das liebenswürdige Paar mit einem Lächeln der tiefſten Verachtung betrachtete,—»ſeine Verſchwendung iſt grenzenlos.« »Das hätte ich kaum für möglich gehalten,« antwor⸗ tete Ralph ſarkaſtiſch. »Ich verſichere Sie, Herr Nickleby, es iſt ſo,« ent⸗ gegnete Madame Mantalini.»Er macht mich unglück⸗ lich; ich ſchwebe in fortwährender Angſt und bin ſtets in Verlegenheit. Selbſt dies,« fuhr ſie fort, indem ſie mit dem Taſchentuche über die Augen fuhr, v»iſt noch nicht das Schlimmſte. Er nahm heute Morgen einige werth⸗ volle Papiere aus meinem Pulte, ohne mich um Erlaub⸗ niß zu fragen.« Herr Mantalini ſeufzte ein wenig und knöpfte ſeine Taſchen zu. 9* 132 Nicolaus Nickleby. „Ich muß,« fuhr Madame Mantalini fort,»ſeit un⸗ ſerm letzten Unglücke der Mademoiſelle Knap viel Geld dafür zahlen, daß ſie ihren Namen zum Geſchäfte her⸗ giebt, und es iſt mir nicht möglich, meinem Manne die Mittel zu ſeiner unſinnigen Verſchwendung zu geben. Da ich nicht zweifele, daß er direkt zu Ihnen kam, Herr Nickleby, um die erwähnten Papiere zu verſilbern, Sie uns vorher oft unterſtützten und in ſolchen Sachen in häufiger Verbindung mit uns ſtehen, ſo muß ich Ih⸗ nen den Entſchluß mittheilen, zu dem mich ſein Beneh⸗ men genöthigt hat.« Herr Mantalini ſeufzete noch einmal hinter dem Hute ſeiner Frau, hielt ein Goldſtück vor ein Auge und winkte mit dem andern Ralph zu. Als dies ſehr ge⸗ ſchickt geſchehen war, ließ er das Gold wieder in ſeine Taſche gleiten und ſeufzete von neuem mit erhöheter Treumüthigkeit. „Ich habe mich entſchloſſen,« ſagte Madame Man⸗ talini, als ſich Spuren der Ungeduld auf dem Geſichte Ralphs zeigten,»ihm etwas auszuſetzen.« „»Was willſt Du thun, meines Lebens Freude?« fragte Mantalini, der die Worte nicht verſtanden zu ha⸗ ben ſchien. »Ich habe mich entſchloſſen,« wiederholte Madame Mantalini, welche dabei Ralph anſah und ſich wohl⸗ weislich hütete, auch nur einen Blick auf ihren Mann zu werfen, damit deſſen vielfältige Reize ſie in ihrem Entſchluſſe nicht wankend machen möchten,»ihm eine be⸗ ſtimmte Summe auszuſetzen, und wenn er achthundert Thaler jährlich zu ſeiner Kleidung und als Taſchengeld erhält, kann er ſich glücklich ſchätzen«*). **) Dieſe Summe wird den Leſern groß vorkommen; ſie Nicolaus Nickl eby. 133 Herr Mantalini wartete ganz ruhig, um den Betrag der auszuſetzenden Summe zu vernehmen; als er ſie aber gehört hatte, warf er ſeinen Hut und Stock auf den Boden, zog ſein Taſchentuch hervor und ließ ſein Gefühl in ein entſetzliches Aechzen ausbrechen. „» Verflucht!« rief Mantalini, indem er plötzlich von dem Stuhle aufſprang und ebenſo plötzlich wieder auf denſelben ſank, was die Nerven der guten Frau gewal⸗ tig angriff.»Aber nein. Es iſt nur ein ſchrecklicher Traum. Es iſt nicht Wirklichkeit. Nein.« Mit dieſer Verſicherung tröſtete ſich Mantalini, ſchloß dazu die Augen und wartete geduldig, bis es Zeit ſein werde, ſie wieder aufzuſchlagen. »Eine ganz kluge Einrichtung,« bemerkte Ralph höh⸗ niſch,»wenn ſich Ihr Mann in den ihm geſtellten Schran⸗ ken hält, Madame, was ich nicht bezweifele.« »Ah!« rief Mantalini, indem er bei dem Klange der Stimme Ralphs die Augen wieder aufſchlug,»es iſt nur zu wahr, es iſt gräßliche Wirklichkeit. Da ſitzt ſie vor mir. Ich ſehe ihre reizende Geſtalt; ich kann mich nicht irren, denn es giebt nichts, das ihr gleich wäre. Die beiden Gräfinnen und die Wittwe waren gleich Schatten im Verhältniß zu ihr. Warum iſt ſie ſo pei⸗ nigend reizend, daß ich ſelbſt jetzt ihr nicht zürnen kann!« »Du haſt es ſelbſt dahin gebracht, Alfred,« entgeg⸗ nete Madame Mantalini, noch immer vorwurfsvoll, aber in milderm Tone. »Ja, ich bin ein abſcheulicher, ein verruchter Menſch!⸗ müſſen aber nie aus den Augen verlieren, daß die Ge⸗ ſchichte in England ſpielt, wo 800 Thaler nicht mehr be⸗ deuten, als bei uns etwa 150 Thaler.— 8 d. Ueberſ. 134 Nicolaus Nickleby. rief Herr Mantalini, indem er ſich an die Stirn ſchlug. »Ich will ein Goldſtück in die kleinſte Münze umwech⸗ ſeln, dieſe in die Taſche ſtecken und mich in die Themſe ſtürzen, aber zürnen kann und mag ich ſelbſt jetzt nicht mit ihr. Auf dem Wege nach der Themſe will ich ein Briefchen an ſie auf die Poſt geben, damit ſie erfahre, wo ſie meinen Leichnam finden kann. Ach, ſie wird eine liebenswürdige Wittwe ſein! Wenn ich eine Leiche bin, werden viele ſchöne Frauen weinen nnd wehklagen, und nur ſie wird lachen.« »Alfred, Du grauſamer, grauſamer Mann,« ſagte Madame Mantalini, die bei dieſer ſchrecklichen Schilde⸗ rung laut ſchluchzte. »Sie nennt mich grauſam,— mich, mich, der um ihretwillen ein naſſer, entſtellter Leichnam werden will!« rief Mantalini. „»Du weißt, es bricht mir faſt das Herz, wenn ich Dich von ſolchen Dingen nur reden höre,« antwortete Madame Mantalini. »Kann ich leben, wenn man mir mißtrauet?« rief ihr Mann.»Habe ich mein Herz in eine Menge kleiner Stücke zerſchnitten und eines nach dem andern der rei⸗ zenden kleinen Zauberin übergeben und kann ich leben, wenn ihr Mißtrauen auf mir laſtet! Nein, das kann ich nicht!« »Frage Herrn Nickleby, ob nicht die Summe, die ich genannt habe, eine recht anſtändige iſt,« entgegnete Ma⸗ dame Mantalini. »Ich brauche gar kein Geld mehr,« antwortete ihr troſtloſer Gemahl,»ich werde gar kein Geld mehr brau⸗ chen, da ich bald eine Leiche bin.« Bei dieſer Wiederholung der Drohung Mantalini's rang ſeine Gattin die Hände und bat Ralph Nickleby Nicolaus Nickleby. 135 um Vermittelung. Nach vielen Thränen und Worten, ſowie verſchiedentlichen Verſuchen Mantalini's, an die Thür zu gelangen, um ſogleich Hand an ſich ſelbſt zu legen, vermochte man denſelben endlich mit vieler Mühe, daß er verſprach, ſich kein Leid anzuthun. Nachdem dies erlangt war, kam Madame Mantalini wieder auf das Ausſetzen einer beſtimmten Summe. Herr Mantalini dagegen betheuerte, er könne recht wohl von Brod und Waſſer leben und ſeinen Körper mit Lumpen behängen, unmöglich aber ſei es ihm, das Daſein zu ertragen, wenn die Laſt auf ihm ruhe, daß der Gegenſtand ſeiner wärmſten und uneigennützigſten Liebe Mißtrauen gegen ihn hege. Dies brachte neue Thränen in die Augen der Madame Mantalini, die ihr erſt ein ganz klein we⸗ nig über die Fehler ihres Mannes geöffnet worden wa⸗ ren und deshalb ſehr leicht wieder geſchloſſen werden konnten. Das Reſultat war, daß Madame Mantalini, ohne die Sache von der beſtimmten Summe ganz auf⸗ zugeben, die weitere Berückſichtigung derſelben vor der Hand verſchob, und Ralph erkannte deutlich genug, daß Herr Mantalini noch einmal Gnade gefunden und die Mittel zu ſeinem ausſchweifenden Leben erhalten habe. Wie weit ſein endlicher Sturz hinausgerückt ſei, konnte er freilich nicht ermeſſen. »Er wird jedenfalls bald genug kommen,« dachte Ralph;»jede Liebe— Bah! daß ich dies Wort der Knaben und Mädchen brauche!— viſt flüchtig, obgleich die, welche bloß in der Bewunderung eines Backenbarts⸗ geſichtes gleich dem jenes Pavians wurzelt, vielleicht noch am längſten dauert, da ſie aus größerer Verblen⸗ dung ſtammt und durch die Eitelkeit genährt wird. In⸗ deß die Narren bringen Korn auf meine Mühle, ſo mö⸗ 136 Nievlaus Nickleby. gen ſie denn leben; je länger, deſto beſſer iſt es für mich.« Mit dieſem angenehmen Gedanken beſchäftigte ſich Ralph Nickleby, während die Gegenſtände dieſer ſeiner Gedanken ſich, als wären ſie allein oder würden ſie nicht geſehen, zärtlich liebkoſeten. »Wenn Du dem Herrn Nickleby ſonſt nichts zu ſagen haſt, lieber Mann,« begann Madame Mantalini,»ſo wollen wir gehen. Wir haben ihn ſo ſchon zu lange abgehalten.« Herr Mantalini antwortete anfangs nur damit, daß er ſeine geliebte Frau einige Male auf die Naſe tippte, dann aber erklärte er in Worten, daß er nichts mehr zu ſagen habe. »Und doch habe ich noch etwas vergeſſen,« ſetzte er faſt unmittelbar darauf hinzu, indem er Ralph bei Seite nahm.»Etwas von unſerm Freund Sir Mulberry, ſo etwas verflucht Außerordentliches wie noch niemals — he?« »Was meinen Sie?« fragte Ralph. „»Wiſſen Sie es nicht?« fragte Mantalini dagegen. »Ich leſe in der Zeitung, daß er vorige Nacht aus ſeinem Cabriolet geſtürzt iſt, daß er ſich bedeutend ver⸗ letzte und daß ſein Leben in Gefahr ſchwebt,« antwor⸗ tete Ralph ganz ruhig;»darin ſehe ich gar nichts Au⸗ ßerordentliches,— Unglücksfälle ſind keine Wunder, wenn die Leute viel trinken und dann fahren!« »Hi!« entgegnete Herr Mantalini, indem er laut pfiff.»Dann kennen Sie die Geſchichte nicht.« „»Allerdings nicht, wenn ſie nicht ſo war, wie ich ſie mir dachte,« erwiederte Ralph, der dabei nachläſſig die Achſeln zuckte, als wolle er dadurch dem Fragenden zu verſtehen geben, er ſei durchaus nicht neugierig. Nicolaus Nickleby. 137 »Sie ſetzen mich in Erſtaunen,« ſprach Mantalini. Ralph zuckte die Achſeln nochmals, als ſei es gar keine große Heldenthat, den Herrn Mantalini in Erſtau⸗ nen zu ſetzen, und warf einen Blick auf das Geſicht Newmans, das ſich mehrmals hinter den Glasſcheiben in der Thüre gezeigt hatte, da es zu den Geſchäften deſſelben gehörte, öfters, wenn zudringliche Menſchen bei ſeinem Herrn waren, ſich zu ſtellen, als habe er ge⸗ glaubt, es ſei ihm geklingelt worden, um die Leute hin⸗ aus zu begleiten. »Wiſſen Sie nicht,« fuhr Mantalini fort, indem er Ralph an einem Knopfe faßte,»daß es durchaus kein Zufall, ſondern ein meuchelmörderiſcher, blutdürſtiger Anfall war, den Ihr Neffe gegen ihn machte?« „»Was?« rief Ralph, der die Fauſt ballte und lei⸗ chenblaß wurde. »Oho, Nickleby, Sie ſind eben ſo ein wilder Tiger wie er,« ſagte Mantalini, der über jene Demonſtration erſchrak. »Weiter! Weiter!« rief Ralph außer ſich.»Sagen Sie mir Alles. Wie verhält ſich die Sache? Wer er⸗ zählte ſie Ihnen? Reden Sie!— Hören Sie?« »Nickleby,« ſprach Mantalini, der nach ſeiner Frau zu retirirte,»welcher böſe Geiſt ſteckt in Ihnen? Sie können meine liebe kleine Frau zu Tode erſchrecken durch Ihre hellauflodernde Zornesgluth, die ich noch niemals ſo geſehen.« »Bah!« entgegnete Ralph mit erzwungenem Lächeln. »Es iſt bloß Angewöhnung.« »Eine verteufelt unbequeme Tollhaus⸗Angewohnheit iſt das,« antwortete Herr Mantalini, indem er ſeinen Stock aufhob. Ralph that, als lache er und fragte nochmals, von wem Mantalini die Nachricht habe. 138 Nicolaus Nickleby. „»Von Pyke, und das iſt ein verteufelt ſchlauer netter Mann,“« antwortete Mantalini. „»Und was ſagte er?« fragte Ralph, indem er die Augenbrauen zuſammenkniff. »Es kam ſo. Ihr Neffe traf ihn in einem Kaffee⸗ hauſe, fiel ihn mit fürchterlicher Wuth an, folgte ihm in ſein Cabriolet, und ſchwur, er würde ihn nach Hauſe begleiten, es möge geſchehen, auf welche Weiſe es wolle, ſchlug ihn in das hübſche Geſicht und machte das Pferd wild, ſo daß er ſelbſt und Sir Mulberry herausſtürz⸗ ten und—« »Er todt auf dem Paatze blieb?« fragte Ralph mit ſtrahlendem Auge.»Nicht wahr? Er iſt todt?« Mantalini ſchüttelte den Kopf. »Hm!« ſagte Ralph, indem er das Geſicht abwen⸗ dete.»Dann hat er nichts gethan,— warten Sie,« ſetzte er hinzu, während er ſich wieder umdrehete.»Er brach ein Bein oder einen Arm, oder verrenkte ſich die Schulter, oder brach das Schlüſſelbein, oder eine oder ein Paar Rippen? Sein Hals wurde für den Strick er⸗ halten, aber er holte ſich für ſeine Mühe eine ſchmerz⸗ hafte und ſchwerheilende Verletzung— nicht wahr? Sie haben gewiß etwas davon gehört.« „»Nein,« entgegnete Mantalini, indem er nochmals den Kopf ſchüttelte.»Wenn er nicht in ſo kleine Stücke zerſchlagen wurde, daß der Wind ſie forttrieb, blieb er unverletzt, denn er ſtand auf und ging ſo ruhig und wohlbehalten fort, wie— wie—« Herr Man⸗ talini fand keinen Vergleich. »Und was,« fragte Ralph ziemlich zögernd,»was war die Veranlaſſung zu dem Streite?« „Ah, Sie ſind ein Pfifficus,« entgegnete Mantalini im Tone der Bewunderung,»der ſchlaueſte, pfiffigſte, Nicolaus Nickleby. 139 feinſte alte Fuchs,— Sie ſtellen ſich, als wüßten Sie nicht, daß es die kleine, helläugige Nichte war, das ſanfteſte, ſüßeſte, hübſcheſte—« „»Alfred!« fiel Madame Mantalini ein. »Sie hat immer Recht,« entgegnete Mantalini begü⸗ tigend, und wenn ſie ſagt, es iſt Zeit zum Gehen, ſo iſt es Zeit und ſie wird gehen; geht ſie auf der Straße, glänzend wie eine Tulpe, ſo werden die Frauen ſagen; ah! hat die einen hübſchen Mann! und die Männer werden ausrufen in Entzücken: ah! hat der ein ſchönes Weib!— und beide haben Recht, auf Ehre und Se⸗ ligkeit!« Nach dieſen Bemerkungen und noch vielen andern ebenſo geiſtreichen und paſſenden, küßte Herr Mantalini die Fingerſpitzen ſeiner Handſchuhe gegen Ralph Nickleby, nahm den Arm ſeiner Frau und führte ſie zärtlich hinaus. »So, ſo,“ murmelte Ralph, indem er auf einen Stuhl ſank,»der Teufel iſt alſo wieder los und durchkreuzt wie ⸗mmer meine Plane. Er ſagte einmal zu mir, es würde ein Tag kommen, an welchem wir mit einander abrech⸗ neten, früher oder ſpäter. Er ſoll Recht gehabt haben, denn ein ſolcher Tag wird gewiß kommen.« »Sind Sie zu Hauſe?« fragte Newman, der plötzlich den Kopf hereinſteckte. »Nein,« antwortete Ralph ebenſo abgebrochen. Newman zog den Kopf zurück, ſteckte ihn aber ſo⸗ gleich wieder herein. „»Wiſſen Sie es auch gewiß, daß Sie nicht zu Hauſe ſind?« fragte Newman. »Was will der Dummkopf?« rief Ralph. »Er hat faſt ſo lange gewartet, als der erſte hier war und vielleicht Ihre Stimme gehört,« ſprach New⸗ man, indem er die Hände rieb. 140 Nicolaus Nickleby. »Wer hat?« fragte Ralph weiter, deſſen Zorn durch die eben gehörten Worte und durch die empörende Kälte ſeines Schreibers noch um ein Bedeutendes geſteigert wurde. Die Antwort wurde durch den unvorhergeſehenen Ein⸗ tritt eines Dritten unnöthig gemacht— eben der fragli⸗ chen Perſon,— der ſein Auge(er hatte nur eines) auf Ralph Nickleby zu richten ſuchte, viele Verbeugungen machte, ſich dann in einen Armſtuhl ſetzte, die Hände auf die Kniee legte und die kurzen ſchwarzen Beinkleider bei dem Niederſitzen ſo hoch an den Beinen hinaufzog, daß ſie kaum noch bis an die Stiefeln reichten. „»Das nenn' ich eine Ueberraſchung,« ſagte Ralph, in⸗ dem er den Fremden anſah und dabei halb lächelte;»ich ſollte Ihr Geſicht kennen, Herr Squeers.« »Ach ja,« antwortete der würdige Mann,»es würde Ihnen beſſer bekannt geweſen ſein, hätte ich das nicht erfahren, was ich erfahren.— Heben Sie doch den klei⸗ nen Jungen von dem hohen Stuhle hinten im Comptoir und ſagen Sie ihm, er möge hierher kommen, he?⸗ fuhr Squeers zu Newman gewendet fort.„Ah, er iſt ſelber heruntergeklettert! Mein Sohn, Sir, der kleine Wackford. Was ſagen Sie zu ihm, als ein Muſter der Pflege in Todtenbuſchhall? Iſt er nicht ſo dick und rund, daß die Nähte an ſeinem Anzuge platzen und die Knöpfe abſpringen möchten? Das iſt Fleiſch!« rief Squeers, in⸗ dem er den Knaben herumdrehete und auf die vollſten Theile des Körpers deſſelben klatſchte, zum großen Miß⸗ behagen ſeines Sohnes und Erben.„Das iſt feſt und kräftig. Man kann nicht ſoviel zwiſchen den Daumen und einen andern Finger faſſen, um ihn zu kneipen, ſo drall iſt alles.« Wie gut der junge Squeers auch ſonſt beſchaffen ſein Nicolaus Nickleby. 141 mochte, ſo beſonders drall und compact war er nicht, denn als ſein Vater mit dem Daumen und Zeigefinger zugriff, um ſeine Bemerkung praktiſch zu erläutern, ſchrie der Junge laut auf und rieb ſich die geknippene Stelle höchſt natürlich. »Diesmal faßte ich doch etwas,« bemerkte Squeers mit einiger Verlegenheit,»aber wir frühſtückten auch heute ſehr früh und er hat noch nichts wieder bekommen. Hat er ſeine richtige Mahlzeit im Leibe, ſo können Sie ihn zwiſchen eine Thür klemmen, Sie werden von ſei⸗ nem Fleiſche nichts faſſen. Sehen Sie'mal die Thräne an,« fuhr Squeers mit triumphirender Miene fort, wäh⸗ rend der junge Wackford ſich die Augen mit dem Aermel ſeiner Jacke wiſchte,»wie Oel!« »Ja, er ſieht wohl aus,« entgegnete Ralph, der es aus beſondern Gründen mit dem Schulmeiſter nicht ver⸗ derben zu wollen ſchien.»Aber wie geht es der Ma⸗ dame Squeers und wie geht es Ihnen ſelbſt?« »Meine Frau,« antwortete der Beſitzer von Todten⸗ buſchhall,»iſt was ſie immer war,— eine Mutter für die Knaben, und der Segen, die Freude für Alle, die ſie kennen. Einer unſerer Zöglinge,— der ſich den Magen überladen hatte und dann krank wurde,— das iſt ſo ihre Art!— bekam vorige Woche eine Schwäre. Da hätten Sie ſehen ſollen, wie ſie ihn mit einem Feder⸗ meſſer operirte! Ach Gott!« rief Squeers mit einem Seufzer und während er ſehr viele Male mit dem Kopfe nickte,»was für ein Weib iſt dies!« Herr Squeers warf ungefähr eine Viertelminute lang einen Blick in die Vergangenheit, als habe die Erwäh⸗ nung ſeiner vortrefflichen Frau ſeinen Geiſt ganz natür⸗ lich zu dem ſtillen friedlichen Dorfe Todtenbuſch in York⸗ * 142 Nicolaus Nickleby. ſhire zurückgeführt, dann ſah er Ralph an und ſchien von dieſem irgend eine Bemerkung zu erwarten. »Haben Sie ſich von dem Anfalle des Böſewichtes ganz wieder erholt?« fragte Ralph. „»Nur eben jetzt erſt,« antwortete Squeers;»ich war eine große Beule von hier bis dahin,« ſagte er, indem er zuerſt den Kopf und dann die Spitzen ſeiner Stiefeln berührte.»Umſchläge, Umſchläge von früh bis in die Nacht. Es lag ein ganzer Haufen davon in der Küche. Aechzte und jammerte ich laut, Wackford, oder leiſe?« fragte Squeers ſeinen Sohn. »Laut,« antwortete Wackford. »Waren die Knaben betrübt, als ſie mich in einem ſolchen ſchrecklichen Zuſtande ſahen, Wackford, oder wa ren ſie froh darüber?« fragte Squeers ſehr ſentimental. „»Sie waren fr—« „»Was?« rief Squeers, und drehete ſich ſchnell um. »Betrübt,« verbeſſerte ſein Sohn. »Na,« fuhr ihn Squeers an und gab ihm eine derbe Ohrfeige;»nimm die Hände aus den Hoſentaſchen und ſtottere nicht, wenn Du gefragt wirſt. Willſt Du ſtill ſitzen in dem Comptoir eines Herrn, oder ich laufe von meiner Familie fort und komme nie zurück! Was würde aus den verlaſſenen Kindern werden, wenn ſie ohne ih⸗ ren beſten Freund in die Welt hinausgeſtoßen würden!« „»Mußten Sie ärztliche Hülfe annehmen?« fragte Ralph. »Freilich mußte ich das,« antwortete Squeers,»und der Arzt hat mir eine ſchreckliche Rechnung gemacht; aber ich habe ſie doch bezahlt.« Ralph zog die Augenbrauen in die Höhe, ſo als wolle er Theilnahme oder Verwunderung ausdrücken. Man konnte die Sache nehmen, wie man wollte. »Ja, ich bezahlte ſie von Heller zu Pfennig,« fuhr Nieolaus Nickleby. 143 Squeers fort, der den Mann, mit welchem er es zu thun hatte, zu gut zu kennen ſchien, als daß er geglaubt hätte, derſelbe werde irgend etwas zu dieſen Koſten beitragen wollen.»Es ging aber nicht aus meiner Taſche.« »Nicht?« fragte Ralph. »Kein Pfennig,« antwortete Squeers.»Bei mir zahlen die Zöglinge nur für eins extra, nemlich für den Arzt, wenn ſie krank waren und auch dann nur, wenn wir un⸗ ſerer Leute ſicher ſind. Verſtehen Sie?« »Ich verſtehe,« ſagte Ralph. »Nun gut,« fuhr Squeers fort.»Wir nahmen fünf kleine Jungen,(Söhne von Handwerkern, die ſicher zah⸗ len,) welche das Scharlachfieber noch nicht gehabt hatten, und ſchickten einen in ein Bauerhaus, wo Kinder am Scharlach krank lagen. Er bekam es und wir ließen die vier andern bei ihm ſchlafen, ſo daß ſie es auch beka⸗ men. Der Arzt behandelte ſie alle auf einmal; ich ver⸗ theilte die Summe, welche ich an den Arzt zu zahlen hatte, mit auf ihre Rechnung und die Aeltern bezahlten. Ha! hal hal« »Ein guter Plan,« ſagte Ralph, der den Schulmei⸗ ſter dabei von der Seite anſah. „»Ich glaube es auch,« entgegnete Squeers.»Wir machen es immer ſo. Als meine Frau mit dem kleinen Wackford danieder kam, mußten fünf bis ſechs Jungen den Keuchhuſten bekommen, und wir trugen die Koſten der Niederkunft und der Wartefrau auf ihre Rechnung mit über. Ha! ha! hal« Ralph lachte ſonſt nie, bei dieſer Gelegenheit kam er aber dem Lachen ſo nahe, als es ihm nur möglich war. Dann wartete er, bis Herr Squeers ſelbſt ſich ſatt ge⸗ lacht hatte und fragte, was ihn in die Stadt geführt habe. * 144 Nicolaus Nickleby. »Eine ſchlimme Rechtsſache,« antwortete Squeers, indem er ſich hinter den Ohren kratzte,»ein Proceß, den man mir wegen Fahrläſſigkeit in Hinſicht auf einen Jungen angehängt hat. Ich verſtehe nicht, was man damit meint. Der Junge hatte ſo gute Weide, als es bei uns nur giebt.⸗« Ralph machte ein Geſicht, als verſtehe er die letztern Worte nicht. „»Weide« wiederholte Squeers lauter, weil er glaubte, Ralph müſſe nicht gut hören, wenn er ihn nicht verſtehe. »Wenn ein Junge ſchwach und krank wird und das Eſ⸗ ſen ſchmeckt ihm nicht, ſo laſſen wir einen Diätwechſel eintreten und ſchicken ihn täglich etwa eine Stunde in das Rübenfeld eines Nachbars oder, wenn der Fall ſchlimm iſt, abwechſelnd in ein Rübenfeld und ein Möh⸗ renbeet, wo er ſo viel verzehren darf, als er Luſt hat. Der Junge hatte ſeine Weide auf dem beſten Felde in der ganzen Gegend, und doch erkältet er ſich, verdirbt ſich den Magen und was weiß ich? und ſeine Verwand⸗ ten verklagen darauf mich. Man ſollte es nicht glau⸗ ben,« ſetzte Squeers hinzu, der mit der Ungeduld ei⸗ nes ganz verkannten Menſchen auf dem Stuhle her⸗ umrückte,„daß die Undankbarkeit der Menſchen ſo weit gehen könnte.« »Es iſt ein ſchlimmer Fall,« meinte Ralph. »Sie ſagen da nur die Wahrheit,« antwortete Squeers. »Ich bezweifele es ſehr, ob noch ein Menſch lebt, der mit ſo viel Liebe an den Kindern hängt als ich. Ich habe jetzt Kinder für 800 Pfund Sterling in Todten⸗ buſchhall. Ich nähme aber für Sechszehnhundert, wenn ich ſie bekommen könnte, und wollte jede einzelne 20 Pfund Sterling darunter unendlich lieb haben.« V Nicolaus Nickleby. 145 »Wohnen Sie noch in Ihrem alten Logis?« fragte Ralph. »Ja, wir wohnen in dem'Sarazenen“,« antwortete Squeers,»und da das halbe Jahr bald um iſt, ſo werden wir da bleiben, bis ich das Geld eincaſſirt und wo mög⸗ lich noch einige Jungen erhalten habe. Ich habe den kleinen Wackford mitgebracht, um ihn den Aeltern und Vormündern zu zeigen; auch will ich ihn in Holz ſchnei⸗ den und ſein Bild der Annonce in den Zeitungen bei⸗ drucken laſſen. Sehen Sie nur einmal den Jungen an — er iſt auch ein Zögling— wie wohl genährt! Nicht wahr?« —»Ich möchte ein Wort mit Ihnen ſprechen,“ ſagte Ralph, der ſeit einiger Zeit nur mechaniſch geſprochen und gehört hatte, und ſich in Gedanken mit etwas ganz andern beſchäftigt zu haben ſchien. „So viele Worte als Ihnen beliebt,« antwortete Squeers.»Wackford, geh' und ſpiele hinten in dem Comptoir, bewege Dich aber nicht zu viel, ſonſt wirſt Du mager und das iſt gar nicht gut. Haben Sie nicht vielleicht eine kleine Kupfermünze, Herr Nickleby?« ſagte Squeers, während er mit einem Schlüſſelbunde in der Taſche klimperte und dabei murmelte, er habe nur Sil⸗ ber bei ſich. »Ich denke, ja,« ſagte Ralph ſehr langſam, und nach⸗ dem er lange in einer alten Kommode herumgeſucht hatte, brachte er ein paar Pfennige. »Ich danke,« entgegnete Squeers, indem er die Pfen⸗ nige ſeinem Sohne gab.»Da geh' und kauf' Dir ein Törtchen,— Herrn Nickleby's Schreiber wird Dir es zeigen, wo,— aber ein recht fettes— Backwerk,; ſetzte er hinzu, indem er die Thür hinter ſeinem Sohne zu⸗ Nicolaus Nickleby. IV. 10 146 Nicolaus Nickleby. machte,»macht die Haut glänzend und die Aeltern hal⸗ ten dies für ein geſundes Ausſehen.« Mit dieſer Erklärung und einem bedeutungsvollen Blicke dazu rückte Herr Squeers ſeinen Stuhl ganz nahe Nickleby gegenüber und ſetzte ſich darauf. »Hören Sie mich an,« begann Ralph, indem er ſich ein wenig vorbog. Sqgueers nickte. »Ich kann mir nicht denken,« fuhr Ralph fort,»daß Sie die Gewaltthat, die an Ihnen begangen worden iſt, ſobald vergeben und vergeſſen wollen.« »Das werde ich nie und nimmermehr,« antwortete Squeers mit Würde. »Auch werden Sie gewiß keine Gelegenheit verſäu⸗ men, ihn mit Zinſen zu bezahlen, wenn ſich eine findet,« fuhr Ralph fort.— »Zeigen Sie mir eine und machen Sie einen Ver⸗ ſuch,« entgegnete Squeers. »Hat Sie irgend etwas der Art zu mir geführt?« fragte Ralph, indem er den Schulmeiſter in das Geſicht ſah. »N—n— nein, daß ich nicht wüßte,« antwortete Squeers.»Ich glaubte, Sie könnten mir außer der Kleinigkeit, die Sie mir ſchickten, noch eine Entſchädi⸗ gung—« »Ahl« unterbrach ihn Ralph;»ſprechen Sie nicht weiter.. Nach einer langen Pauſe, während welcher Ralph in tiefe Gedanken verſunken zu ſein ſchien, brach er endlich das Schweigen wieder durch die Frage: „Wer iſt der Knabe, den er mit ſich nahm 2« Squeers nannte den Namen. »War er jung oder alt, geſund oder kränklich, gehor⸗ Nicolaus Nickleby. 147 ſam oder ungehorſam? Reden Sie!« fuhr Ralph ſchnell fort. »Hm,« antwortete Squeers,»jung war er nicht, d. h. nicht jung für einen Knaben.« »Er war wohl überhaupt kein Knabe mehr?« unter⸗ brach ihn Ralph. »Nun,“« antwortete Squeers, als erleichtere ihm dieſe Vermuthung das Herz, ver konnte mehr an die Zwanzig ſein. Wer es nicht wußte, hielt ihn aber nicht für ſo alt, denn es fehlte ihm hier etwas«— und Squeers wies auf die Stirn,»es war da Niemand zu Hauſe, man mochte anpochen, wenn man wollte.« »Sie pochten wohl ziemlich oft an?« murmelte Ralph. »Allerdings,“ antwortete Squeers, indem er das Ge⸗ ſicht zu einem häßlichen Lächeln verzog. »Als Sie mir den Empfang der Kleinigkeit beſchei⸗ nigten, w,« Sie jene Geldſumme nennen,« fuhr Ralph fort,»ſchrieben Sie mir, ſeine Freunde hätten ihn ſchon längſt verlaſſen und Sie könnten durchaus nicht ſagen oder errathen, wer er ſei. Iſt dies die Wahrheit?« „»Leider iſt es die Wahrheit,« entgegnete Squeers, der immer zutraulicher wurde, mit je weniger Zurück⸗ haltung Ralph ſeine Fragen fortſetzte.»Nach meinem Buche iſt es nun vierzehn Jahre, ſeit ihn ein fremder Mann in einer Herbſtnacht zu mir brachte und das Ho⸗ norar auf ein Vierteljahr vorausbezahlte. Er mochte damals fünf bis ſechs Jahre alt ſein,— älter nicht.« »Was wiſſen Sie ſonſt noch von ihm?« fragte Ralph. „Leider verflucht wenig,« entgegnete Squeers.»Das Geld wurde ſechs bis acht Jahre für ihn bezahlt, dann blieb es aus. Der Fremde hatte mir eine Adreſſe in London angegeben; aber als ich mich dahin wendete, 10*† 148 Nicolaus Nickleby. wollte Niemand etwas wiſſen. Ich behielt alſo den Jungen aus— aus—« 3 „»Aus Mitleid?« rieth Ralph. »Allerdings aus Mitleid,« wiederholte Squeers, in⸗ dem er ſich die Kniee rieb, und als ich ihn hier und da zu etwas brauchen konnte, kam der Böſewicht von Nickleby und nahm ihn mit fort. Das Aergerlichſte und Ver⸗ drießlichſte aber bei der ganzen Sache,⸗ fuhr Squeers leiſer fort und rückte ſeinen Stuhl noch näher an Ralph, viſt, daß vor kurzem— nicht bei mir, ſondern bei den Leuten in unſerm Dorfe, nach ihm gefragt worden iſt, ſo daß gerade da, als ich vielleicht das rückſtändige Geld und vielleicht, vielleicht,— wer weiß! es iſt ſo etwas in unſerm Geſchäfte ſchon vorgekommen— ein Geſchenk überdies dafür erhalten hätte, daß ich ihn zu einem Bauer oder auf ein Schiff brachte, damit er nicht wieder zurückkomme und ſeine Eltern in Verlegenheit bringe— denn er iſt doch nur ein Fallkind, wie ese Jungen bei mir meiſt ſind— der verdammte Nuclleby ihn ent⸗ führen mußte, wodurch ich ſo gut beſtohlen wurde, als hätte er mir das Geld aus der Taſche genommen.“« »Wir werden Beide in Kurzem mit ihm quitt ſein,« ſagte Ralph, indem er die Hand auf den Arm des Schul⸗ meiſters aus Yorkſhire legte. »Quitt!« wiederholte Squeers.»Ah, ich möchte ihm gern noch einen Ueberſchuß laſſen, den er berichtigen könnte, wenn ſich ihm eine Gelegenheit bietet. Ich wünſche bloß, daß er meiner Frau in die Hände fliehe. Herr Nickleby, ſie ermordete ihn, wahrhaftig, ſie er⸗ mordete ihn.« »Wir ſprechen weiter von dieſer Sache,« ſagte Ralph. »Ich muß erſt Zeit haben, darüber nachzudenken. Ihn durch ſeine eigenen Neigungen oder Schwächen zu ver⸗ Nicolaus Nickleby. 149 wunden—! Wenn ich ihn durch jenen Knaben faſſen könnte—« »Laſſen Sie ihn, wenn Sie es können,“« fiel Squeers ein,»ſchlagen Sie aber derbe zu, wenn Sie ihn einmal haben, und damit guten Morgen!— Holen Sie doch den Hut meines kleinen Sohnes dort von dem Haken herunter und heben Sie ihn auf den Stuhl, wollen Sie 2«⸗ Dieſes Geſuch rief Squeers Newman Noggs zu, dann ging er ſelbſt in das kleine hintere Comptoir und ſetzte mit väterlicher Zärtlichkeit dem Knaben den Hut auf, während Newman, die Feder hinter dem Ohre, ſteif und unbeweglich auf ſeinem Stuhle ſaß und ab⸗ wechſelnd den Vater und den Sohn anſtierte. „»Ein hübſcher Junge, nicht wahr?« ſagte Squeers, der dabei den Kopf etwas auf die Seite warf und ei⸗ nige Schritte rückwärts an das Pult trat, um den klei⸗ nen Wackford in beſſerem Lichte beſehen zu können. »Sehr,« ſagte Newman. »Voll und rund, nicht wahr?« fuhr Squeers fort. »Er hat das Fett von zwanzig Jungen an ſich, nicht wahr?« »Ja,« antwortete Newman, indem er plötzlich ſein Geſicht dicht an das des Herrn Squeers ſchob,»das hat er,— das Fett von zwanzig und mehr. Er hat alles bekommen. Gott ſteh' den Andern bei! Ha! ha! Ach Gott!« Nach dieſen fragmentariſchen Beobachtungen knickte Newman wieder zuſammen auf das Pult und fing an außerordentlich ſchnell zu ſchreiben. »Was will der Menſch damit ſagen?« fragte Squeers erröthend.»Iſt er betrunken?« Newman antwortete nicht. »Iſt er verrückt?« fragte Squeers weiter. 150 Nicolaus Nickleby. Newman that, als wiſſe er gar nicht, daß außer ihm noch Jemand da ſei, und Squeers tröſtete ſich mit der Behauptung, der Menſch müſſe betrunken und verrückt ſein. Dann führte er ſeinen hoffnungsvollen Sohn fort. In demſelben Verhältniß, wie ſich Ralph Nickleby einer unwillkürlichen Zuneigung für Käthchen bewußt wurde, hatte ſein Haß gegen Nicolaus zugenommen. Vielleicht hielt er es für nothwendig, daß er, um die Schwachheit einer Zuneigung für irgend Jemanden wie⸗ der gut zu machen, eine andere mehr als vorher haſſe; genug es war ſo. Die Ueberzeugung, daß man ihm trotze, ihn verachte, daß man ihn Käthchen in den dun⸗ kelſten und abſtoßendſten Farben ſchildern werde, daß man ſie lehre, ihn zu haſſen und zu verabſcheuen, ſeine Berührung für Befleckung und ſeine Geſellſchaft für ver⸗ giftend zu halten,— die Ueberzeugung, daß der Urheber von alle dem der knabenhafte arme Verwandte ſei, der ihm gleich das Erſtemal keck gegenübertrat und ihm ſeitdem offen trotzte, trieb ſeine ſonſt ruhige und gelaſ⸗ ſene Böswilligkeit auf einen ſolchen Grad, daß er gewiß alles geopfert haben würde, um ſeinen Haß zu befriedi⸗ gen, hätte er nur ein Mittel dazu geſehn. Zum Glück für Nicolaus ſah Ralph Nickleby kein Mittel, und ob er gleich den ganzen Tag über brütete und die Sache bei allen ſeinen Geſchäften und Rechnun⸗ gen nicht ganz aus dem Sinne verlor, ſo war er doch Abends noch nicht weiter gekommen und verfolgte die⸗ ſelben Gedanken noch immer vergeblich. »Als mein Bruder ſo war, wie ſein Sohn jetzt iſt,« ſagte Ralph,»fing man an Vergleiche zwiſchen uns an⸗ zuſtellen, und immer zu meinem Nachtheile. Er ſollte offen, freigebig, edelherzig und heiter, ich dagegen ein Klumpen Fleiſches und trägen, kalten Blutes ſein und Nicolaus Nickleby. 151 keine Leidenſchaft, als Geiz und Habſucht haben. Ich dachte daran, als ich dies Bürſchchen ſah, noch deutlicher erinnere ich mich aber jetzt.« Er hatte dabei das Billet ſeines Neffen Nicolaus in ganz kleine Stückchen zerriſſen und dieſelben um ſich her⸗ umgeſtreut.. »Solche Erinnerungen,« fuhr Ralph mit einem bit⸗ tern Lächeln fort,»dringen, wenn ich Ihnen nachgebe, in Schaaren und von allen Seiten auf mich ein. Da manche Leute ſich ſtellen, als verachteten ſie die Macht des Geldes, ſo muß ich ſie verſuchen und ihnen zeigen, was ſie vermag.« So hatte er ſich endlich beruhiget und ſeinen Geiſt in einen Zuſtand verſetzt, daß er ſchlaſen konnte. Ralph Nickleby ging alſo zu Bett. Neuntes Kapitel. Madame Nickleby und Käthchen lernen Smike kennen, auch Nicolaus macht neue Bekanntſchaften und es ſcheint ſich eine freundliche Zukunft für die Familie zu eröffnen. Nachdem Nicolaus ſeine Mutter und Schweſter in das Haus der gutmüthigen Portraitmalerin gebracht und ſich überzeugt hatte, daß Sir Mulberry Hawk keineswegs in Lebensgefahr ſchwebe, dachte er auch wieder an den armen Smike, der mit Newman Noggs gefrühſtückt und dann in einem troſtloſen Zuſtande in der Wohnung deſ⸗ ſelben auf weitere Nachrichten von ſeinem Beſchützer ge⸗ wartet hatte. »Da er zu unſerm kleinen Haushalte gehören wird, 152 Nicolaus Nickleby. wo wir auch leben und was das Schickſal uns vorbe⸗ halten haben mag,« dachte Nicolaus,»ſo muß ich den armen Menſchen in gehöriger Form vorſtellen. Sie wer⸗ den um ſeiner ſelbſt willen freundlich gegen ihn ſein und wäre dies(bloß aus dieſem Grunde) nicht ganz ſo der Fall, wie ich es wünſche, ſo werden ſie um meinetwillen ein Uebriges thun.⸗ Nicolaus ſagte»ſie werden«, aber ſein Mißtrauen beſchränkte ſich nur auf eine Perſon. Käthchens war er ſicher, aber er kannte auch die Eigenheiten ſeiner Mutter und wußte deshalb nicht gewiß, ob Smike in den Augen der Madame Nickleby Gnade finden würde.— »Sie muß,« dachte Nicolaus, als er ſich auf den Weg machte,»ihn lieben lernen, wenn ſie erfährt, wie treu und gutmüthig er iſt; dieſe Entdeckung wird ſie ſehr bald machen und ſeine Prüfungszeit alſo von keiner lan⸗ gen Dauer ſein.« »Ich fürchtete ſchon,« ſagte Smike in unbeſchreiblicher Freude, als er ſeinen Freund wiederſah,»Sie wären von neuem in Ungelegenheiten gerathen; die Zeit wurde mir zuletzt ſo lang, daß ich fürchtete, Sie gar„biht wie⸗ derzuſehen.« »Gar nicht wiederſehen!« entgegnete Nicolaus heiter. »Du wirſt mich ſo leicht nicht los, das kann ich Dir ſagen. Ich werde noch gar viele Male wieder empor⸗ kommen und je ſtärker der Schlag iſt, der mich nieder⸗ wirft, um ſo raſcher und kräftiger ſchnelle ich wieder auf, Smike. Aber komm; ich wollte Dich nach Hauſe abholen.«⸗ »Nach Hauſe!« ſtammelte Smike und er zog ſich ſchüchtern zurück. »Ja,« entgegnete Nicolaus, indem er ihn am Arme nahm;»warum nicht?« Nicolaus Nickleby. 153 »Sonſt hoffte ich das,« ſagte Smike,»Tag und Nacht, Tag und Nacht, viele Jahre lang. Ich ſehnte mich nach Hauſe, bis ich müde war und härmte mich ab, aber jetzt—« „»Was jetzt?« fragte Nicolaus, indem er ihn freund⸗ lich anſah.»Was jetzt, lieber Smike?« »Ich könnte Sie nicht verlaſſen und fände ich auch eine Heimath irgendwo,« antwortete Smike, indem er ihm die Hand drückte,»eine ausgenommen, eine ausge⸗ nommen. Ich werde kein alter Mann werden; wenn Ihre Hand mich in das Grab legte und ich könnte, ehe ich ſtürbe, denken, Sie würden es bisweilen beſuchen und mit Ihrem freundlichen Lächeln anſehen, im Som⸗ mer, wann alles lebendig iſt— nicht todt wie ich,— dann ginge ich in dieſe Heimath faſt ohne Thräne.« »Wie kommt es, daß Du ſolche Reden führſt, da wir doch ganz glücklich bei einander leben?« fragte Nicolaus. »Auf dem Kirchhofe ſind wir einander Alle gleich,« antwortete Smike,»hier aber giebt's Keinen ſo wie ich bin. Ich bin ein armſeliger Menſch und weiß es recht wohl.« 3 »Du biſt ein alberner, einfältiger Menſch,« entgeg⸗ nete Nicolaus freundlich.»Meinſt Du das, ſo ſollſt Du Recht haben. Ein ſolches Jammergeſicht für Damenge⸗ ſellſchaft— für meine hübſche Schweſter, nach der Du mich ſo oft gefragt haſt! Schäme Dich! Schäme Dich!« Smike's Geſicht klärte ſich auf und lächelte. „»Wenn ich von einer Heimath ſpreche,« fuhr Nico⸗ laus fort,»ſo meine ich die meinige, die auch die Dei⸗ nige iſt. Wäre ſie durch beſondere vier Wände und ein Dach begrenzt, ſo würde mir es freilich ſchwer werden, wenn ich ſagen ſollte, wo ich liege; aber ſo meine ich es nicht. Wenn ich von einer Heimath ſpreche, ſo ver⸗ 154 Nicolaus Nickleby. ſtehe ich darunter den Ort, wo— in Ermangelung ei⸗ nes beſſern— meine Lieben beiſammen ſind; wäre die⸗ ſer Ort auch ein Zigeunerzelt oder eine Scheune; ich würde ihm doch dieſen theuern Namen geben. Meine jetzige Heimath wird Dich, wie beunruhigend auch Deine Erwartungen dazu ſein mögen, weder durch ihre Größe noch durch ihre Pracht erſchrecken.« Mit dieſen Worten nahm Nicolaus ſeinen jungen Freund am Arme, ſprach noch vielerlei in derſelben Art zeigte ihm unterwegs mancherlei, das ihn unterhalten oder intereſſiren konnte und führte ihn in das Haus des Fräulein Creevy. »Dies, Käthchen,« ſagte Nicolaus, indem er in das Zimmer trat, in welchem ſeine Schweſter allein war, viſt der treue Freund und liebevolle Reiſegefährte, von dem ich Dir ſchon erzählt habe.« Der arme Smike war im Anfange ſehr ängſtlich, linkiſch und blöde, Käthchen ging ihm aber ſo freundlich entgegen und erzählte mit ſo lieblicher Stimme, wie ſehr ſie nach dem, was ihr Bruder ihr geſagt, gewünſcht habe, ihn zu ſehen, und wie viel Dank ſie ihm dafür ſchuldig ſei, daß er als lieber treuer Freund bei Nicolaus in ſchlimmer Zeit ausgehalten,— daß er gar nicht wußte, ob er weinen ſollte oder nicht und nur noch verlegener wurde. Endlich brachte er aber doch mit ſehr gerührter Stimme heraus, Nicolaus ſei ſein einziger Freund in der Welt und er würde gern ſein Leben hingeben, wenn er ihm dadurch nützen könne, und Käthchen ſchien ſeine Verlegenheit und Angſt ſo gar nicht zu bemerken, daß er ſich ſehr bald erholte und heimiſch fühlte. Dann kam Fräulein La Creevy herein und ihr wurde Smike ebenfalls vorgeſtellt. Fräulein La Creevy war auch ſehr freundlich und außerordentlich geſprächig, nicht Nicolaus Nickleby. 155 gegen Smike, denn dies würde ihn anfangs verlegen gemacht haben, ſondern gegen Nicolaus und deſſen Schweſter. Nach einiger Zeit redete ſie auch Smike bis⸗ weilen an und fragte ihn, ob er ein Kenner von Por⸗ traits ſei, ob er glaube, daß das Bild an der Wand ihr ähnlich ſei, ob er nicht glaube, daß es beſſer ausge⸗ ſehen haben würde, wenn ſie ſich zehn Jahre jünger ge⸗ macht habe, und ob er nicht überhaupt der Meinung ſei, daß junge Frauen, ſowohl auf Gemälden als im Leben, beſſer ausſähen als alte. Daran ſchloß ſie noch viele Scherze und ſpaßhafte Bemerkungen, und ſie brachte die⸗ ſelben mit ſo gutem Humor und ſolcher Heiterkeit vor, daß Smike ſie für die liebenswürdigſte Dame hielt, die er jemals geſehen, für noch liebenswürdiger als die Ma⸗ dame Grudden bei der Schauſpielergeſellſchaft ves Herrn Crummles, die doch gewiß auch liebenswürdig war und vielleicht noch mehr, gewiß aber lauter ſprach, als Fräu⸗ lein La Creevy. Endlich wurde die Thür wieder geöffnet und es er⸗ ſchien eine Frau in Trauerkleidung, Nicolaus küßte dieſe trauernde Frau liebevoll, nannte ſie ſeine Mutter und führte ſie zu dem Stuhle, von welchem Smike bei ih⸗ rem Eintritte aufgeſtanden war. »Du biſt immer gutherzig und bereit, den Unterdrück⸗ ten beizuſtehen, liebe Mutter,« ſagte Nicolaus,»Du wirſt alſo gewiß auch freundlich gegen ihn ſein.« »Allerdings, mein lieber Nicolaus,« antwortete Ma⸗ dame Nickleby, welche ihren neuen Freund ſehr ſcharf anſah und etwas majeſtätiſcher, als die Gelegenheit zu erfordern ſchien, auf ihn herabblickte,»allerdings hat je⸗ der Deiner Freunde, wie dies nicht anders ſein kann und darf, einen großen Anſpruch auf mich, und natürlich macht es mir großes Vergnügen, Jemanden kennen zu 156 Nicolaus Nickleby. lernen, an welchem Du Antheil nimmſt,— darüber kann kein Zweifel ſein, durchaus nicht, nicht der allergeringſte,e ſagte Madame Nickleby.»Zugleich muß ich Dir aber ſagen, mein Sohn, was ich Deinem armen lieben Vater immer ſagte, wenn er Tiſchgäſte mich nach Hauſe brin⸗ gen wollte und wir hatten nichts im Vorrath, wenn er geſtern gekommen wäre,— nein, jetzt meine ich nicht geſtern, ich wollte ſagen, wenn er vor ein paar Jahren gekommen wäre, hätten wir ihn freilich beſſer aufneh⸗ men können.«⸗ Nach dieſer Bemerkung wendete ſich Madame Nickleby zu ihrer Tochter und fragte leiſe aber recht wohl hörbar, ob der Menſch die ganze Nacht dableibe. „Weil, wenn dies ſein ſoll, liebes Käthchen,« ſagte Madame Nickleby,»ich keine Möglichkeit ſehe, ihn ir⸗ gendwo ſchlafen zu laſſen.« Käthchen trat anmuthig vor und flüſterte, ohne im mindeſten Aerger oder Verdrießlichkeit zu zeigen, ihrer Mutter etwas in das Ohr. »Aber, Käthchen,« antwortete Madame Nickleby, in⸗ dem ſie zurückfuhr,»Du kitzelſt mich. Das weiß ich, ohne daß Dn es mir ſagſt; ich ſagte es auch dem Nico⸗ laus ſchon; ich bin ſehr erfreut. Aber, lieber Nico⸗ laus,« ſetzte Madame Nickleby hinzu, indem ſie ſich we⸗ niger ſteif, als ſie ſich bis jetzt benommen hatte, um⸗ drehete,»Du haſt mir noch nicht geſagt, wie Dein Freund heißt.« „»Sein Name iſt Smike,« antwortete Nicolaus. Die Wirkung dieſer wenigen Worte ließ ſich nicht vorherſehen. Kaum war der Name ausgeſprochen, als Madame Nickleby auf einen Stuhl ſank und laut zu weinen anfing. Nieolaus Nickleby. 157 „Was iſi geſchehen? Was bedeutet das?« fragte Nicolaus, während er zu ihrem Beiſtande hinzueilte. »Ach, er klingt beinahe wie Pyke,« antwortete Ma⸗ dame Nickleby,»faſt ganz wie Pyke. Laß mich,— ich werde mich gleich wieder erholen.« Nachdem ſie jedes Symptom langſamer Erquickung, in allen Stadien derſelben, durchgemacht, ungefähr einen Theelöffel voll Waſſer aus einem vollen Glaſe getrun⸗ ken und das übrige verſchüttet hatte, erholte ſich Ma⸗ dame Nickleby wirklich und äußerte darauf mit einem ſchwachen Lächeln, ſie wiſſe, daß ſie eine große Thö⸗ rin ſei. „Es iſt dies eine ſchwache Seite in unſerer Familie,« ſagte Madame Nickleby,»und ich kann mir deshalb kei⸗ nen Vorwurf darüber machen. Deine Großmutter, Käth⸗ chen, war ganz ſo, accurat ſo. Die geringſte Aufre⸗ gung, die kleinſte Ueberraſchung und— ſie fiel in Ohn⸗ macht. Ich habe ſie oft, ſehr oft erzählen hören, daß ſie einmal, als ſie noch ein junges Mädchen und nicht verheirathet war, um eine Straßenecke bog und hier an ihren eigenen Friſeur anſtieß, der vor einem Bären floh, — und wegen dieſes plötzlichen Zuſammenſtoßes fiel ſie in Ohnmacht. Aber warte,« ſetzte Madame Nickleby hinzu, die inne hielt, um genauer nachzudenken, vich muß mich erſt überzeugen, ob ich auch recht erzähle. Floh der Friſeur vor einem Bären oder hatte ſich ein Bär bei dem Friſeur losgeriſſen? Ich kann mich wahr⸗ haftig jetzt nicht beſinnen, aber der Friſeur war ein ſehr ſchöner Mann, ſo viel ich weiß, und dabei in ſeinem Benehmen ſehr artig; ſeinetwegen wird alſo meine Mut⸗ ter wohl nicht in Ohnmacht gefallen ſein.« Madame Nickleby war ſo auf ihre Erinnerungen aus der Vergangenheit gekommen; dies heiterte ſie wie ge⸗ 158 Nieolaus Nickleby. wöhnlich auf und ſie kam, indem ſie dem Geſpräche ge⸗ legentlich eine andere Richtung gab, auf verſchiedene an⸗ dere Anecdoten, die eben ſo gut paßten, wie die eben angeführte. »Herr Smike iſt aus Yorkſhire, lieber Nicolaus?« fragte Madame Nickleby nach Tiſche und nachdem ſie ziemlich lange geſchwiegen hatte. „»Aus Yorkſhire, liebe Mutter,« antwortete Nicolaus. »Ich ſehe, Du haſt ſeine traurige Geſchichte nicht ver⸗ geſſen.« »Du lieber Gott, nein!« ſagte Madame Nickleby. „»Ach ja, traurig.— Haben Sie nicht vielleicht zufällig einmal bei dem Herrn Grimble von Grimble Hall im North Riding gegeſſen?« fragte die gute Frau.»Ein ſehr ſtolzer Mann, der Herr Thomas Grimble, und hat ſechs erwachſene höchſt liebenswürdige Töchter und den ſchönſten Park in der ganzen Gegend.“ „»Glaubſt Du denn, liebe Mutter,« entgegnete Nico⸗ laus,»daß der unglückliche Zögling von Todtenbuſchhall viele Einladungen von dem hohen und niedern Adel in der Umgegend erhielt?« „»Nun, lieber Sohn,« ſagte Madame Nickleby,»warum ſollte denn das etwas ſo Außerordentliches ſein? Als ich noch in der Schule war, ging ich jedes Vierteljahr ein⸗ mal zu Hawkins in Taunton Vale, die noch viel reicher als Grimbles und mit denſelben verſchwägert ſind. Du ſiehſt alſo, daß es gar nicht ſo unwahrſcheinlich iſt.⸗ Nachdem ſie Nicolaus auf ſo ſiegreiche Weiſe völlig geſchlagen hatte, vergaß Madame Nickleby mit Einem⸗ male Smike's Namen und nannte ihn Herr Slammons, was ſie durch die auffallende Aehnlichkeit dieſer beiden Namen, dem Klange nach, erklärte, da beide mit einem S anfingen und beide überdies mit einem M geſchrie⸗ Nicolaus Nickleby. 159 ben würden. Wie ſehr dies auch bezweifelt werden konnte, ſo unterlag es doch durchaus gar keinem Zweifel, daß Smike ein köſtlicher Zuhörer ſei. Dies trug viel dazu bei, ihn bei der Madame Nickleby in Gunſt zu bringen, ſo daß ſie ſich endlich im Allgemeinen über ihn ſehr vor⸗ theilhaft äußerte. So blieb der kleine Kreis auf dem freundſchaftlich⸗ ſten und angenehmſten Fuße bis nächſten Montag früh, zu welcher Zeit Nicolaus ſich zurückzog, um ernſtlich über den Stand ſeiner Angelegenheiten nachzudenken und ſich wo möglich für eine Laufbahn zu beſtimmen, welche es ihm möglich mache, die Seinigen zu unterſtützen, die jetzt ganz auf ihn gewieſen waren. Mehr als einmal dachte er an den Director Crumm⸗ les; aber wenn auch Käthchen die Geſchichte ſeiner Ver⸗ bindung mit dieſem Herrn kannte, ſo wußte doch ſeine Mutter noch nichts davon und er ſah es voraus, daß ſie tauſenderlei Einwürfe gegen das Schauſpielerleben vorbringen würde. Auch ernſtere Gründe ſprachen gegen ſeine Rückkehr zur Bühne. Wie konnte er, den ſpärli⸗ chen und unſichern Verdienſt dabei, ſo wie ſeine innere Ueberzeugung, daß er nie ein ausgezeichneter Schauſpie⸗ ler werden würde, gar nicht zu erwähnen, ſeine Schwe⸗ ſter von einer Stadt zur andern, von einem Orte zum andern bringen und ſie von den Genoſſen fern halten, mit denen er dann faſt ohne Ausnahme leben mußte? »Es geht nicht,« ſagte Nicolaus kopfſchüttelnd;»ich muß es mit etwas Anderm verſuchen.«⸗ Freilich war es leichter, dieſen Vorſatz zu faſſen, als ihn auszuführen. Was konnte er bei der geringen Er⸗ fahrung und Weltkenntniß, die er ſich in ſeiner kurzen Prüfungszeit erworben hatte, bei ſeiner unbeſonnenen Raſchheit und Uebereilung—(Eigenſchaften, die in ſei⸗ 160 Nicolaus Nickleby. nem Alter nicht ſelten ſind)— mit ſeinem geringen Geldvorrathe und bei ſo wenigen Freunden vornehmen? »Nun,« dachte Nicolaus endlich, vich will es noch ein⸗ mal mit dem Verſorgungs⸗ und Nachweiſungsbüreau verſuchen.« Er lächelte über ſich ſelbſt, als er ſchnellen Schrittes fortging, denn einen Augenblick vorher hatte er ſich we⸗ gen ſeiner Uebereilung Vorwürfe gemacht. Sein Vorſatz wurde indeß durch ſein Lächeln nicht erſchüttert, denn er ging weiter, ſtellte ſich, als er dem Orte näher kam, allerlei glänzende Möglichkeiten und Unmöglichkeiten vor und ſchätzte ſich, vielleicht mit gutem Grunde, glücklich, einen ſo leichten Sinn und ein ſo ſanguiniſches Tempe⸗ rament zu haben. Das Nachweiſungsbüreau ſah noch eben ſo aus wie damals, als er es das Letztemal verließ und es ſchienen auch ſo ziemlich noch dieſelben Zettel an den Fenſtern zu hängen. Noch immer ſuchten ſündloſe Herren und Her⸗ rinnen tugendhafte Dienſtleute, wie tugendhafte Dienſt⸗ leute tadelloſe Herrſchaften; es waren noch immer die⸗ ſelben herrlichen Güter da, auf welche man Geld aufzu⸗ nehmen ſuchte; es gab noch immer ſo ungeheuer viel Geld, das auf Güter angelegt werden ſollte, kurz, es fanden ſich noch immer dieſelben Gelegenheiten für alle Arten Leute, welche ihr Glück machen wollten. Gewiß konnte es für einen Beweis des allgemeinen Wohlbefin⸗ dens des Volkes gelten, daß noch Niemand die angebo⸗ tenen ſeltenen Vortheile benutzt hatte. Als Nicolaus vor den Fenſtern ſtehen blieb, um die ausgehängten Zettel zu leſen, blieb auch zufällig ein al⸗ ter Herr ſtehen. Sobald er denſelben gewahrte, wende⸗ ten ſich unwillkürlich ſeine Blicke von dem Fenſter ab, um den alten Herrn genauer zu betrachten. 8 / 4 Nicolaus Nickleby. 161 Er war ein ſtämmiger alter Mann in einem breit⸗ ſchößigen, weiten bequemen blauen Rocke; braungraue kurze Hoſen und lange Gamaſchen bedeckten die dicken Beine, und den Kopf ſchützte ein niedriger, breitkräm⸗ piger weißer Hut, ſo wie ihn vielleicht ein wohlhabender Landmann trägt. Den Rock hatte er zugeknöpft und das Doppelkinn mit dem Grübchen ruhete in den Falten ei⸗ nes weißen Halstuches, nicht einer neumodiſchen, ſteifge⸗ ſtärkten, ſchlagflüſſigen Cravatte, ſondern eines bequemen altväteriſchen weißen Halstuches, das man im Bett um⸗ behalten kann, ohne daß es hinderlich und läſtig wird. Beſonders angezogen fühlte ſich Nicolaus durch das Auge des alten Herrn,— es konnte kein klareres, freundliche⸗ res, ehrlicheres, heitereres, glücklicheres Auge geben. Da ſtand er und ſah ein wenig empor, während er die eine Hand zwiſchen zwei Knöpfen ſeines Rockes auf der Bruſt hineingeſteckt hatte und die andere mit der altmo⸗ diſchen goldenen Uhrkette ſpielte. Den Kopf hatte er ein wenig auf eine Seite geworfen und den Hut noch etwas mehr auf eine Seite gerückt, als den Kopf—(offenbar zufällig, denn es ſchien nicht ſeine gewöhnliche Art zu ſein). Um ſeinen Mund ſpielte ein ſo freundliches Lä⸗ cheln und in dem jovialen alten Geſichte lag ein ſo ko⸗ miſcher Ausdruck von Schlauheit, Einfalt, Gutmüthigkeit und guter Laune, daß Nicolaus bis zum Abend hätte daſtehen, ihn anſehen und darüber vergeſſen können, daß es in der weiten Welt noch ein verdrießliches Geſicht und ein verſauertes Gemüth gebe. Aber ſelbſt eine entfernte Annäherung zu dieſem Ge⸗ nuſſe ließ ſich nicht erwarten, denn der alte Herr ſah, obgleich er es nicht zu wiſſen ſchien, daß er beobachtet worden ſei, Nicolaus zufällig an, und der Letztere wen⸗ Nicolaus Nickleby. IV. 11 162 Nieolaus Nickleby. dete, um jenen nicht zu beleidigen, ſeine Blicke wieder auf das Fenſter. Der alte Herr ſtand noch immer da, ſah einen Zettel nach dem andern an und Nicolaus konnte ſich nicht ent⸗ halten, ſeine Augen wieder nach dem Geſichte deſſelben zu richten. Neben der Schlauheit und der Jovialität in dieſem Geſichte ſprach aus ihm etwas ſo unbeſchreiblich Einnehmendes und innern Werth Verkündigendes, und um die Mund⸗ und Augenwinkel hüpften ſo viele Lich⸗ terchen, daß es keineswegs eine bloße Unterhaltung, ſon⸗ dern eine wirkliche Freude und ein Vergnügen war, ihn anzuſehen. Natürlich begegneten die Blicke des alten Herrn denen Nickleby's mehr als einmal. Nicolaus erröthete dann und ſah verlegen aus, denn er hatte eben daran gedacht, ob wohl der alte Herr vielleicht gar einen Commis oder Secretair ſuche, und als er dies dachte, war es ihm auch, als müſſe der Fremde dieſen ſeinen Gedanken kennen 8 viel Zeit wir auch zur Erzählung gebraucht ha⸗ ben, ſo waren doch höchſtens ein paar Minuten vergan⸗ gen. Eben als der Fremde fortging, begegnete Nicolaus den Blicken deſſelben noch einmal und er ſtotterte in ſeiner Verlegenheit eine Entſchuldigung hervor. »Nicht Urſache— oh nicht Urſache,« entgegnete der alte Herr. Dies wurde in einem ſo herzlichen Tone geiprochen und die Stimme war ganz ſo, wie man ſie von einem ſolchen Manne erwarten mußte, daß Nicolaus ermuthi⸗ get wurde, wieder zu reden. „Es giebt hier manches Unterkommen,« ſagte er halb lächelnd, nach den Fenſtern hindeutend. »Gar Viele, die ſich nach einem Unterkommen ſehnen, Nicolaus Nickleby. 163 haben wahrſcheinlich oft im Ernſt ſo gedacht,« antwor⸗ tete der alte Herr.»Die armen Teufel!« Er ſchritt mit dieſen Worten weiter, als er aber ſah, daß Nicolaus noch etwas ſagen wollte, ging er gutmü⸗ thig genug langſamer, als thue es ihm leid, ihm das Wort abzuſchneiden. Nach einer kurzen Zögerung der Art, wie man ſie bisweilen auf der Straße zwiſchen zwei Perſonen beobachten kann, die einander zugenickt haben und beide nicht wiſſen, ob ſie ſich umdrehen und mit einander ſprechen ſollen oder nicht, ſtand Nicolaus neben dem alten Herrn. »Sie wollten etwas ſagen; was wollten Sie ſagen?« »Bloß, daß ich faſt hoffte,— ich wollte ſagen, dachte, — Sie hätten irgend eine Urſache, weshalb Sie ſich unter dieſen Ankündigungen umſahen,« antwortete Ni⸗ colaus. „»Hm! Welche Urſache wohl,— welche Urſache?« fragte der alte Herr weiter, indem er Nicolaus verſchmitzt anſah. »Glaubten Sie, ich ſuche eine Anſtellung, he? Glaub⸗ ten Sie das 2« Nicolaus ſchüttelte den Kopf. »Ha! ha!« lachte der alte Herr und rieb ſich dazu die Hände, als waſche er ſie.»Freilich ein ganz natür⸗ licher Gedanke, da Sie ſahen, daß ich die Zettel da las. Ich glaubte anfangs daſſelbe von Ihnen, auf mein Wort, ich glaubte das.« „»Wenn Sie dies geglaubt haben, ſo trafen Sie den Nagel auf den Kopf,« entgegnete Nicolaus. »He?« ſagte der alte Herr, indem er ihn vom Kopfe bis zu den Füßen muſterte.»Was? Nein, nein! Junge Leute, die etwas gelernt haben und ſich gut aufführen, ſollten in eine ſolche Nothwendigkeit verſetzt werden? Nein, nein, nein, nein.« 11* 164 Nicolaus Nickleby. Nicolaus verbeugte ſich, wünſchte dem alten Herrn einen guten Morgen und drehete ſich um. »Warten Sie,« entgegnete der Alte, indem er ihn in ein Gäßchen winkte, wo ſie ungeſtörter mit einander ſprechen konnten.»Was meinten Sie? Was meinten Sie?« »Ihr freundliches Geſicht und Ihr gutherziges We⸗ ſen,— wie ich noch niemals geſehen,— verleiteten mich zu einem Geſtändniſſe, das ich keinem einzigen andern Fremden in dieſer Wildniß London gethan haben würde,⸗ antwortete Nicolaus. „Wildniß! Ja, das iſt es, das iſt es. Gut. Es iſt eine Wildniß,« ſagte der alte Herr ſehr lebhaft.»Auch für mich war es einſt eine Wildniß. Ich kam barfuß hierher,— und habe es nie vergeſſen. Gott ſei Dank!« und er nahm ſeinen Hut ab und ſah ſehr ernſt dazu aus.—»Was fehlt Ihnen?— was fehlt Ihnen?— Wie wurden Sie ſo weit heruntergebracht?« fragte er dann weiter, indem er die Hand auf die Schulter Nico⸗ laus' legte und mit ihm in dem Gäßchen weiter ging. »Sie ſind—, he?«— und er ſtrich mit den Fingern auf dem Aermel des ſchwarzen Rockes ſeines jungen Freun⸗ des hin.»Sie trauern— he?⸗ „»Um meinen Vater,« antwortete Nicolaus. »Ach!« entgegnete der alte Herr ſchnell.»Es iſt ſchlimm für einen jungen Mann, ſeinen Vater zu ver⸗ lieren. Vielleicht eine verwittwete Mutter?« Nicolaus ſeufzte. „»Auch Brüder und Schweſtern— he?« „Eine Schweſter,« antwortete Nicolaus. »Das arme Kind! Das arme Kind! Sie haben et⸗ was Luchtiges gelernt, nicht wahr?« fuhr der Alte fort, indem er dem jungen Manne theilnehmend in das Ge⸗ ſicht ſah. Nicolaus Nickleby. 165 „Ich habe eine recht gute Erziehung genoſſen,« ant⸗ wortete Nicolaus. „Das iſt etwas Schönes,« ſagte der alte Herr,»die Erziehung iſt etwas Großes,— etwas ſehr Großes,— ich habe keine genoſſen. Deſto mehr ſchätze und bewun⸗ dere ich ſie an Andern. Es iſt ein etwas Schönes um die Erziehung— ja, ja. Erzählen Sie mir mehr von Ihrer Geſchichte. Laſſen Sie mich dieſelbe ganz hören. Es iſt keine zudringliche Neugierde,— nein, nein, nein.⸗ Es lag etwas ſo Ernſtes und Natürliches in der Art, wie dies geſagt wurde, etwas ſo ganz Anderes, als die conventionelle Zurückhaltung und Kälte, daß Nicolaus nicht widerſtehen konnte. Leute mit geſundem echten Ge⸗ fühle werden von nichts leichter angeſteckt, als von echter Treuherzigkeit. Auch Nicolaus wurde ſogleich angeſteckt und theilte die Hauptſachen ſeiner kleinen Geſchichte ohne Rückhalt mit; er unterdrückte bloß Namen und ging ſo leicht als möglich über die Behandlung hin, welche Käth⸗ chen von ſeinem Oheim erfahren hatte. Der alte Herr hörte ihn aufmerkſam an und nahm ihn redlich treuher⸗ zig am Arme. »Nun ſagen Sie kein Wort weiter,— kein Wort weiter,« fiel er ein.»Kommen Sie mit mir. Wir dür⸗ fen keine Minute verlieren.«⸗ Mit dieſen Worten zog ihn der alte Herr zurück auf die Straße, rief einen Omnibus an, der eben nach der City fuhr, ſchob Nicolaus hinein und folgte ſelbſt. Da der alte Herr in ganz außerordentlicher und ru⸗ heloſer Aufregung zu ſein ſchien, und ſo oft Nicolaus zu reden anſing, ihn mit den Worten unterbrach:»nun ſa⸗ gen Sie kein Wort mehr, junger Freund, gar keines, kein Wort mehr,«— ſo hielt es Nicolaus für das Beſte, gar keinen weitern Verſuch zu einem Geſpräche zu ma⸗ IS 166 Nieolaus Nickleby. 1 chen. Sie fuhren alſo nach der City, ohne ein Wort zu wechſeln und je weiter ſie fuhren, um ſo neugieriger wurde Nicolaus, wie ſich wohl das Abenteuer endigen werde. Bei der Bank ſtieg der alte Herr ſehr eilfertig aus, dann nahm er Nicolaus wieder am Arme und zog ihn durch mehrere Gäßchen, bis ſie einen ſtillen, ſchattigen kleinen viereckigen Platz erreichten. Hier ging er in das älteſte und am reinlichſten ausſehende Haus. Ueber der Thür befand ſich ein einfaches Schild mit den Worten»Ge⸗ brüder Cheeryble,« und nach einem flüchtigen Blicke auf die Adreſſen auf einigen daliegenden Packen glaubte Nico⸗ laus, die Gebrüder Cheeryble wären Kaufleute, die nach Deutſchland handelten. Nachdem ſie durch ein Waarenlager gegangen waren, das ein bedeutendes Geſchäft anzeigte, führte ihn Herr Cheeryble(denn für einen ſolchen hielt Nicolaus jetzt den alten Herrn in Folge der Ehrfurcht, welche ihm alle Leute in dem Waarenlager erwieſen hatten) in ein klei⸗ nes Comptoir, das wie ein großer Glaskaſten ausſah, und in dem ſo unbeſtäubt und rein, als wenn er in den Glaskaſten hineingebracht worden wäre, ehe man die Decke darauf gemacht, und er denſelben ſeitdem nie wie⸗ der verlaſſen hätte, ein dicker ältlicher Buchhalter mit einem Vollmondsgeſichte, einer ſilbernen Brille und ge⸗ pudertem Haar ſaß. »Iſt mein Bruder in ſeinem Comptoir, Timotheus?« fragte Herr Cheeryble eben ſo frei dlich und gutmüthig, wie er ſich bis jetzt gegen Nicolaus gezeigt hatte. „Ja,« antwortete der dicke Buchhalter, indem er die Brille nach ſeinem Prinzipale und die Augen auf Nico⸗ laus richtete, vaber Herr Trimmers iſt bei ihm.« Nicolaus Nickleby. 167 »Ah ſo. Und was will er, Timotheus?« ſagte Herr Cheeryble. »Er ſammelt Unterzeichnungen für die Wittwe und die Kinder eines Mannes, der dieſen Morgen in den Oſtindien⸗Docks um's Leben kam,« antwortete Timotheus. »Er wurde von einem Faß Zucker erſchlagen.« »Er iſt ein guter Menſch,« ſagte Herr Cheeryble ſehr ernſt,»eine gutmüthige Seele, und ich bin dem Herrn Trimmers ſehr dankbar. Trimmers iſt einer der beſten Freunde, die wir haben. Er macht uns mit ſo manchen Fällen bekannt, von denen wir ſonſt nichts erfahren ha⸗ ben würden. Ich bin dem Herrn Trimmers ſehr dank⸗ bar.« Bei dieſen Worten rieb ſich Herr Cheeryble die Hände mit inniger Freude, und da Trimmers eben fort und an der Thür vorbeiging, ſo eilte er demſelben nach und hielt ihn an der Hand zurück. 3 »Ich bin Ihnen tauſend Dank ſchuldig, Trimmers, — zehntauſend Dank;— es iſt ſehr freundſchaftlich von Ihnen,— ſehr freundſchaftlich. Wie viele Kinder hin⸗ terläßt der Mann und was hat mein Bruder gegeben, Trimmers?« »Sechs Kinder,“« antwortete der Gefragte,»und Ihr Herr Bruder hat hundert Thaler gegeben.« »Mein Bruder iſt ein braver Mann, und Sie ſind auch ein braver Mann, Trimmers, ſagte der alte Herr, indem er ihm, zitternd vor Eifer, beide Hände drückte und ſchüttelte.»Schreiben Sie mich auch noch mit 100 Thalern auf— oder— warten Sie, warten Sie. Es darf nicht ſo prahleriſch ausſehen; ſchreiben Sie mich mit 50 und Timotheus Linkinwater mit 50 Thalern auf. Timotheus, eine Anweiſung auf 100 Thaler für Herrn Trimmers! Gott vergelte es Ihnen, Trimmers und— kommen Sie doch dieſe Woche einmal zu Tiſche zu uns; 168 Sie finden immer ein Meſſer und eine Gabel und ein freundliches Willkommen.— Da iſt die Anweiſung! Durch ein Zuckerfaß erſchlagen und ſechs arme Kinder, Du lie⸗ ber Gottla. In dieſer Weiſe ſprach er ſo ſchnell, als ihm mög⸗ lich war, um alle freundſchaftlichen Vorſtellungen des Einſammlers gegen das zu große Geſchenk zu verhin⸗ dern, und führte dann Nicolaus, der durch das, was er in ſo kurzer Zeit geſehen und gehört hatte, ebenſo über⸗ raſcht als gerührt war, an die halbgeöffnete Thür eines andern Comptoirs. »Bruder Eduard,« ſagte Herr Cheeryble, indem er anklopfte und ſich bückte, um zu horchen,»biſt Du ſehr beſchäftigt oder haſt Du Zeit zu einem paar Worten für mich?« »Bruder Karl,“« antwortete eine Stimme von Innen, die im Tone derjenigen, welche eben geſprochen hatte, ſo glich, daß Nicolaus erſchrak und faſt glaubte, es ſei die⸗ ſelbe.»Frage nicht ſo, ſondern komm' herein.“« Sie traten alſo ein. Wie groß war aber die Ueber⸗ raſchung des jungen Nickleby, als ſein Führer herzlich einen andern alten Herrn begrüßte, der jenem ſo ähn⸗ lich ſah, wie ein Ei dem andern,— daſſelbe Geſicht, dieſelbe Figur, derſelbe Rock, dieſelbe Weſte, daſſelbe Halstuch, dieſelben Beinkleider und Gamaſchen, ja der⸗ ſelbe weiße Hut an der Wand. Als ſie einander die Hand drückten, ſtrahlte aus dem Geſichte eines Jeden zärtliche Liebe, die bei Kindern ein höchſt erfreulicher Anblick geweſen ſein würde, bei ſo al⸗ ten Männern aber unbeſchreiblich rührend war, und Nicolaus konnte bemerken, daß der letztere alte Herr et⸗ was ſtärker ſei, als der Bruder; dies und ein klein we⸗ nig mehr Schwerfälligkeit im Gange und in der Hal⸗ Nicolaus Nickleby. Nicolaus Rickleby. 169 tung war aber auch der einzige bemerkbare Unterſchied zwiſchen Beiden. Niemand konnte daran zweifeln, daß ſie Zwillingsbrüder ſeien. »Bruder Eduard,« ſagte der Freund Nicolaus', in⸗ dem er die Thüre zumachte,»ich bringe da einen jungen Freund, den wir unterſtützen und den wir durch die Welt helfen müſſen. Wir müſſen uns, wie es die Ord⸗ nung erfordert, erkundigen, ob das, was er mir geſagt, die Wahrheit iſt und wenn ſich dies beſtätigt,— was gewiß der Fall ſein wird, ſo müſſen wir etwas für ihn thun; wir müſſen etwas für ihn thun, Bruder Eduard.« »Es reicht vollkommen hin, lieber Bruder, daß Du ſagſt, wir müßten,« entgegnete der Andere.»Wenn Du dies ſagſt, ſo ſind weitere Erkundigungen unnöthig. Es ſoll etwas für ihn gethan werden. Was fehlt ihm und was braucht er? Wo iſt Timotheus Linkinwater? Er ſoll herkonmmen.⸗ Die beiden Brüder ſprachen, wie wir hier bemerken müſſen, ſehr bedächtig und ernſthaft; beide hatten faſt dieſelben Zähne verloren, dadurch bekam ihre Sprache die gleiche Eigenthümlichkeit, und beide ſprachen, als wenn ſie, außer daß ſie die vollkommenſte Gemüthshei⸗ terkeit beſaßen, die Pflaumen aus dem prächtigſten Pud⸗ ding Fortunas herausgeſucht und einige davon im Munde behalten hätten. »Wo iſt Timotheus Lintintyatere fragte Bruder Eduard. »Halt! halt! halt!« agte Bruder Karl, und nahm den andern bei Seite.»Ich habe einen Plan, lieber Bruder, ich habe einen Plan. Timotheus wird alt und Timotheus iſt ein treuer Diener geweſen, Bruder Eduard; ich glaube nicht, daß ſeine treuen Dienſte hinlänglich dadurch belohnt wurden, daß wir ſeiner Mutter und 170 Nicolaus Nickleby. Schweſter eine Penſion geben und für die Familie ein kleines Grab kauften, als ſein armer Bruder ſtarb.« »Nein, nein, nein,« antwortete der Andere;»gewiß nicht, nicht zur Hälfte, nicht zur Hälfte.« »Wenn wir dem Timotheus die Arbeit erleichtern könnten,« ſagte der alte Herr,»und ihn vermöchten, dann und wann auf's Land zu gehen und überdies in der fri⸗ ſchen reinen Luft zu ſchlafen, vielleicht zwei⸗ oder dreimal in der Woche(was er könnte, wenn er früh eine Stunde ſpäter in das Geſchäft käme), würde der alte Timotheus Linkinwater mit der Zeit wieder jung werden, und er iſt drei volle Jahre älter als wir. Der alte Timotheus Linkinwater wieder jung! He, Bruder Eduard, he? Ich kann mich erinnern, daß der alte Timotheus noch ein ganz kleiner Junge war. Hal hal ha! Der arme Ti⸗ motheus! Der arme Timotheus!« Und die alten Herren lachten herzlich mit einander, während jedem eine Thräne der Achtung für den alten Timotheus im Auge ſtand. »Erſt höre aber das,— erſt höre das, Bruder Eduard,« ſagte der alte Herr raſch, indem er zwei Stühle zuſam⸗ menrückte, einen zur Rechten, den andern zur Linken von Nicolaus.»Ich will Dir es ſelbſt erzählen, Bruder Eduard, weil der junge Mann da beſcheiden iſt und et⸗ was Tüchtiges gelernt hat, es alſo nicht Recht ſein würde, ſollte er uns ſeiner Geſchichte noch einmal ſelbſt erzählen, als ſei er ein Rettler oder als glaubten wir ihm nicht. Nein, nein, nein.⸗ „»Nein, nein, nein,« entgegnete der Andere, der gra⸗ vitätiſch mit dem Kopfe nickte.»Ganz richtig, Bruder Karl, ganz richtig.« »Er wird es berichtigen, wenn ich falſch erzähle oder ein Verſehen mache,« ſagte der Freund des jungen Nickleby. Nieolaus Nickleby. 171 »Gewiß geht Dir aber die Geſchichte ſehr zu Herzen, Bruder Eduard, wenn Du dabei an die Zeit gedenkſt, als wir auch zwei freundloſe Jünglinge waren und un⸗ ſern erſten Schilling in dieſer großen Stadt verdienten.⸗ Die Brüder drückten einander ſtill die Hände und Bruder Karl erzählte dann in ſeiner treuherzigen Weiſe das, was er von Nicolaus gehört hatte. Die darauf folgende Unterredung dauerte ziemlich lange, und nach derſelben wurde eine faſt eben ſo lange geheime Confe⸗ renz zwiſchen Bruder Eduard und Timotheus Linkinwater in einem andern Zimmer gehalten. Es gereicht Nico⸗ laus gewiß nicht zum Nachtheile, wenn wir ſagen, daß er, nachdem er kaum zehn Minuten bei den beiden Brü⸗ dern geweſen war, bei jeder neuen Aeußerung von Freund⸗ lichkeit und Theilnahme nur eine Bewegung mit der Hand machen und ſchluchzen konnte wie ein Kind. Endlich kamen Bruder Eduard und Timotheus Lin⸗ kinwater mit einander zurück; der letztere ging ſogleich auf Nicolaus zu und flüſterte ihm mit wenigen Worten (denn Timotheus war kein Freund von vielen Worten) in das Ohr, er habe ſeine Adreſſe aufgeſchrieben und werde dieſen Abend um acht Uhr zu ihm kommen. Als dies geſchehen war, wiſchte Timotheus ſeine Brille ab, ſetzte fie auf und wartete dann, ob die Gebrüder Chee⸗ ryble noch etwas zu ſagen hätten. »Timotheus,« ſagte Bruder Karl,»Sie merken wohl, daß wir die Abſicht haben, dieſen jungen Mann in unſer Geſchäft zu nehmen?« Bruder Eduard bemerkte, Timotheus ſei von dieſer Abſicht bereits unterrichtet und billige ſie; Timotheus nickte dazu und beſtätigte die Worte des Herrn Chee⸗ ryble noch ausdrücklich, dann richtete er ſich gerade auf 172 Nicolaus Nickleby. und that beſonders dick und wichtig. Darauf folgte eine tiefe Stille. »Ich werde deshalb des Morgens keineswegs eine Stunde ſpäter kommen, das wiſſen Sie,« ſagte Timo⸗ theus, der ſo die Pauſe mit Einemmale unterbrach und dazu ein ſehr entſchloſſenes Geſicht machte.»Ich werde auch nicht in friſcher reiner Luft ſchlafen und mag nicht auf das Land gehen. Ich thue es nicht.« »Sie eigenſinniger, hartköpſiger Menſch, Timotheus Linkinwater,« ſagte Bruder Karl, der ihn aber ohne die geringſte Spur von Aerger und mit einem Geſichte an⸗ ſah, aus welchem die Liebe zu dem alten treuen Buch⸗ halter hell hervorleuchtete.»Eigenſinniger, hartköpfiger Menſch! Was wollen Sie mit Ihrem Eigenſinn?« »Nächſten Mai werden es vierzig Jahr,« ſagte Ti⸗ motheus, indem er mit der Feder in der Luft eine Be⸗ wegung machte,»ſeit ich die Bücher der Gebrüder Chee⸗ ryble führe. Ich bin dieſe Zeit über jeden Morgen(die Sonntage ausgenommen) mit dem Glockenſchlag Neun hier geweſen und jede Nacht halb elf Uhr(ausgenom⸗ men an ſtarken Poſttagen und dann zwanzig Minuten vor Zwölf) in dem Hauſe umhergegangen, um nachzuſe⸗ hen, ob jede Thür verſchloſſen und das Feuer aus ſei. Nicht eine einzige Nacht habe ich außerhalb des Hauſes geſchlafen. In der Mitte des Fenſters ſteht noch immer das Schächtelchen nebſt den vier Blumentöpfen, zwei an jeder Seite, die ich mitbrachte. Es giebt,— ich habe es Vielemale geſagt und werde es noch Vielemale ſa⸗ gen, keinen ſolchen Platz wie den unſerigen in der gan⸗ zen Welt. Ich weiß es, daß es keinen giebt,« fuhr Ti⸗ motheus mit Nachdruck und ernſten Blicken fort.»Keinen einzigen. Sowohl in geſchäftlicher Hinſicht als zum Ver⸗ gnügen, im Sommer wie im Winter,— mir ganz gleich— Nieolaus Nickleby. 173 giebt es nichts, das ihm gleich käme. Es giebt in ganz England keine ſolche Quelle wie unſern Brunnen unter dem Thorwege. Es giebt keine ſolche Ausſicht in Eng⸗ land, als die von meinem Fenſter aus: ich habe mich daran erfreut, jeden Morgen, ehe ich mich raſirte, und ich muß ſie alſo wohl genau kennen. Ich habe in die⸗ ſem Zimmer,“« ſetzte Timotheus leiſer und gewiſſermaßen gerührt hinzu,»vier und vierzig Jahre lang geſchlafen, und ich bitte deshalb, wenn es dem Geſchäfte keinen Schaden bringt, mich da ſterben zu laſſen.« „»Timotheus Linkinwater, wie können Sie vom Ster⸗ ben zu reden wagen?« ſielen die Zwillingsbrüder zu⸗ gleich laut ein und ſie ſchnaubten ſich beide heftig die Naſe dazu. »Das iſt es, was ich zu ſagen habe, Herr Eduard und Herr Karl Cheeryble,« ſprach Timotheus, indem er ſeine Schultern wieder ausbreitete.»Sie ſprechen nicht das Erſtemal von meiner Entfernung; es möge nun das Letztemal ſein. Laſſen Sie gefälligſt die Sache ruhen.⸗ Die Brüder ſahen einander an und huſteten ein hal⸗ bes Dutzendmal, ohne aber etwas zu ſagen. »Es muß etwas mit ihm geſchehen, Bruder Eduard,⸗ ſagte der Andere warm;»wir dürfen auf ſeine alten Be⸗ denklichkeiten keine Rückſicht nehmen; ſie ſind unerträg⸗ lich. Wir wollen ihn als Compagnon aufnehmen, und wenn er es nicht gutwillig geſchehen laſſen will, Bruder Eduard, ſo brauchen wir Gewalt.“« »Ganz recht,« antwortete Bruder Eduard und winkte wie ein feſt entſchloſſener Mann,»ganz recht, lieber Bru⸗ der. Will er nicht Vernunft annehmen, will er nicht auf Gründe hören, ſo müſſen wir es gegen ſeinen Wil⸗ len thun und ihm zeigen, daß wir entſchloſſen ſind, un⸗ 174 Nicolaus Nickleby. ſere Gewalt zu gebrauchen. Wir zanken uns mit ihm, Bruder Karl.« „»Wir zanken uns, ja gewiß wir zanken uns mit dem alten Timotheus Linkinwater,« ſagte der Andere.»Aber unterdeß halten wir unſern jungen Freund da auf, und ſeine arme Mutter und Schweſter werden ängſtlich auf ihn warten. Wir wollen vor der Hand Abſchied von ihm nehmen und da— da— nehmen Sie dies Käſt⸗ chen, lieber Herr,— kein Wort weiter! Achten Sie auf die Gäßchen und—« Mit vielen zuſammenhangsloſen Wörtern, die Nico⸗ laus hindern ſollten, ſeinen Dank auszuſprechen, beglei⸗ teten die Brüder ihn hinaus, drückten ihm unterwegs mehrmals die Hand und ſtellten ſich ganz vergebens— ſie hatten es in der Täuſchung nicht weit gebracht— als ahneten und merkten ſie von den Gefühlen nichts, die ihn ganz überwältigten. Das Herz des jungen Nickleby war zu voll, als daß er hätte auf die Straße treten können, ehe er ſich in et⸗ was wieder beruhiget. Als er endlich aus der dunkeln Ecke des Thorweges hervortrat, in welcher er hatte ſte⸗ hen bleiben müſſen, erblickte er die beiden Brüder, die an einer Ecke des Comptoirfenſters hineinſchielten. Of⸗ fenbar waren ſie noch nicht mit ſich einig, ob ſie ihren letzten Angriff auf den alten Buchhalter erneuern, oder für jetzt die Fortſetzung der Belagerung deſſelben unter⸗ laſſen ſollten. Es liegt nicht in dem Plane unſeres Werkes, die Freude und Verwunderung zu beſchreiben, welche die eben erzählten Umſtände in dem Hauſe des Fräuleins La Creevy hervorbrachten, oder Alles zu erwähnen, was in Folge davon gethan, geſagt, gedacht, erwartet, ge⸗ hofft und prophezeiet wurde. Es wird hinreichen, wenn Nicolaus Nickleby. 175 wir in der Kürze anführen, daß Herr Timotheus Linkin⸗ water pünktlich zu der angegebenen Stunde ſich einfand und, ſo ſonderbar es auch war, und ſo eifrig er auch über die richtige Anwendung zu großer Gutherzigkeit ſei⸗ ner Prinzipale wachen mußte, einen für Nicolaus ſehr günſtig lautenden Bericht erſtattete. Nicolaus wurde in Folge davon am nächſten Tage in das Comptoir der Gebrüder Cheeryble eingeführt. Sein Salair ſollte ſich für den Anfang auf 800 Thaler belaufen. »Und ich dächte, lieber Bruder,« ſagte ſein erſter Freund,»wenn wir ihnen nun das Häuschen unten ein⸗ räumten, das jetzt leer ſteht,— vielleicht etwas unter dem gewöhnlichen Miethzinſe—? Was meinſt Du, Bru⸗ der Eduard?« »Ich denke, wir laſſen es ihnen ganz umſonſt,« ſagte Bruder Eduard.»Wir ſind reich und müſſen uns ſchä⸗ men, wenn wir Miethzins unter ſolchen Umſtänden an⸗ nehmen. Wo iſt Timotheus Linkinwater?— Umſonſt, lieber Bruder, umſonſt.« „»Vielleicht wäre es doch beſſer, wenn wir etwas nehmen, Bruder Eduard,“« entgegnete der Andere ſanft; es wird dazu dienen, ſie mäßig und ſparſam zu erhal⸗ ten, ſiehſt Du, und überdies das drückende Gefühl gro⸗ ßer Dankbarkeit entfernen. Wir wollen 50 oder 60 Tha⸗ ler nehmen und wenn ſie dies Geld pünktlich bezahlen, ihawaſſelbe auf andere Weiſe wieder einbringen. Ich dagegen einen kleinen Vorſchuß geben, da⸗ mit ſie ſich einrichten können;— auch Du könnteſt— ganz in Geheim— einen ſolchen kleinen Vorſchuß ma⸗ chen, Bruder Eduard, und wenn wir ſehen, daß es gut mit ihnen geht, wie es gewiß gehen wird,— wir haben ſicherlich nichts zu befürchten, können wir die Vorſchüſſe * Nicolaus Nickleby. in Geſchenke verwandeln,— vorſichtig natürlich, Bruder Eduard, und allmälig. Was ſagſt Du dazu?« Bruder Eduard gab ſeine Hand darauf und ſagte nicht bloß, es ſolle ſo geſchehen, ſondern that auch dar⸗ nach. In derſelben Woche nahm auch Nicolaus Beſitz von dem leeren Comptoirſtuhle, wie Madame Nickleby und Käthchen von dem kleinen Hauſe. Alles war Freude und Hoffnung. Sicherlich hat es noch keine an Entdeckungen und Ueberraſchungen ſo reiche Woche gegeben, als dieſe erſte in dem kleinen Hauſe. Jeden Abend, wenn Nicolaus nach Hauſe kam, war etwas Neues ausfindig gemacht worden. Den einen Tag war es ein Weinſtock, den an⸗ dern ein Keſſel und ſo fort durch hunderterlei Dinge. Dann wurde das Wohnzimmer mit einem Muslinvor⸗ hange geſchmückt und durch Jalouſten ganz elegant ge⸗ macht. Sie vernachläſſigten durchaus keine Verbeſſerun⸗ gen, die möglicherweiſe anzubringen waren. Dann kam Fräulein La Creevy in einem Omnibus an, um ein paar Tage dazubleiben und zu helfen. Sie lief geſchäftig in dem ganzen Hauſe umher, ordnete Dies und ordnete Jenes, ſteckte da etwas feſt und hämmerte dort;— wäh⸗ rend Madame Nickleby fortwährend ſprach, und dann und wann etwas that aber nicht oft, Käthchen dagegen ſtill und geräuſchlos überall thätig war und Gefallen an Allem fand. Smike arbeitete in dem Garten, daß der⸗ ſelbe ein ganz freundliches Ausſehen erhielt, un f 9. laus half überall und ſprach Allen Ermuthigun Der Friede und die Heiterkeit waren ſo wieder in die arme Familie zurückgekehrt, und alle Glieder derſelben erquickten ſich daran nach den überſtandenen Leiden um ſo mehr. Der reiche Nickleby dagegen war allein und elend. Ende des vierten Theiles. ————— 7.