Leihbibliothek Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eiß- und Jeſebedingungen. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen... „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Norgens den angenommen.. 3 8 ,3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe iterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 3 3 2 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und t. 1 pchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 8„ 5„ u—„,„ 1—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und eeecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der denpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ vrene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3— „7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem iejenigen, welche die⸗ elben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur— 5 Pot 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zu Em⸗ 2 jedem Tag 5 f. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ e Einundsiebenzigster Band. Capt. Marryat's, Capt. Chamier's, Dr. Harriſſon's(Samuel Warren’s), Wilſon's, James Morier's, Boz's u. A. 4 Geſammelte Werke. v— 3 Eine Sammlung 6 der neueſten und ausgezeichnetſten Romane der engliſchen Literatur.— Leben und Abenteuer des Nicolaus Nickleby von Boz(Charles Dickens). Dritter Theil. Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. Braunſchweig, 1839. ———;—˖———-n— V 1 1 . 8. Boz's (Charles Dickens) Geſammelte Werke. Zwölkter Theil. Leben und Abenteuer des Nicolaus Nickleby. Dritter Theil. Mit einer Federzeichnung nach Phiz. Braunſchweig, ODruck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn, und George Weſtermann. 1839. Erſtes Kapitel. Mademoiſelle Knag entſchließt ſich, nachdem ſie Käthchen Nick⸗ leby den ganzen Tag zärtlich geliebt hatte, den tödtlichſten Haß auf dieſelbe zu werfen. Die Urſachen, welche Ma⸗ demoiſelle Knag veranlaſſen, dieſen Entſchluß zu faſſen. Es giebt Lebensumſtände voll von Schmerz, Noth und Leiden, die für Niemand als den, der ſich in den⸗ ſelben befindet, ein aufregendes Intereſſe haben, und die deshalb ſelbſt von ſolchen Perſonen nicht beachtet wer⸗ den, welche nichts weniger als gedanken⸗ und gefühllos ſind, die aber ihr Mitleid verzärteln und ſtarker Reiz⸗ mittel bedürfen, wenn daſſelbe geweckt werden ſoll. Auch von jenen edleren Gemüthern, die ſich die Er⸗ füllung der Pflichten der Menſchenliebe zur Aufgabe ge⸗ ſetzt haben, verlangen nicht wenige eine eben ſo erkün⸗ ſtelte äußere Anregung, als die anderen, die nur dem Vergnügen nachgehen. Daher kommt es, daß krank⸗ hafte Theilnahme und kränkelndes Mitgefühl täglich an Dinge verſchwendet werden, die völlig außerhalb des Weges liegen, während die gerechteſten Anſprüche an die Ausübung dieſer Tugenden in ihrem geſunden Zu⸗ ſtande überſehen werden, wenn ſie ſich auch den Blicken des Kurzſichtigſten aufdrängen. Die Liebe will ihr ro⸗ mantiſches Intereſſe haben, wie der Roman oder das Drama daſſelbe haben will. Ein Dieb im groben Kit⸗ b Nicolaus Nickleby. tel iſt ein gemeiner Charakter, an den Perſonen von feinerer Bildung kaum denken mögen; aber kleide man ihn in grünen Sammt mit einem hohen Federhute, und verlege man den Schauplatz ſeiner Thätigkeit aus der dicht bevölkerten Stadt auf die einſame Bergſtraße, und man wird in ihm den würdigſten Helden der Dich⸗ tung und des Abenteuers ſehen. So geht es auch mit jener erſten und vornehmſten Tugend, die, wenn ſie ge⸗ hörig gepflegt und geübt wird, zu allen übrigen führt, wenn ſie dieſelben nicht ſchon in ſich begreift. Sie will ihr romantiſches Intereſſe haben, und je weniger ſich von dem wirklichen hartkämpfenden Werkeltagsleben in dieſes romantiſche Intereſſe miſcht, um ſo beſſer. Das Leben, dem das arme Käthchen Nickleby ſich ergeben hatte, war ein ſehr beſchwerliches; aber damit die Einförmigkeit, das ungeſunde Sitzen im Zimmer und die körperliche Anſtrengung, welche den weſentlichſten Inhalt deſſelben ausmachten, die Theilnahme der gro⸗ ßen Maſſe von mitleidigen und fühlenden Herzen nicht lähmen, wollen wir lieber bei der Perſon des unglück⸗ lichen Mädchens verweilen, als uns in eine genauere und ausführlichere Beſchreibung der Anſtalt einlaſſen, in die ſie eingetreten war. „Wirklich, Madame Mantalini,« ſagte Mademoi⸗ ſelle Knag, während Käthchen, am erſten Abende nach ihrem Eintritte, ihren traurigen Weg nach Hauſe nahm, „»dieſe Mademoiſelle Nickleby iſt eine ſehr achtbare junge Perſon,— wirklich eine ſehr achtbare Perſon— hm! — auf mein Wort, Madame Mantalini, es macht ſelbſt Ihrer Klugheit viele Ehre, daß Sie ein ſo ausgezeich⸗ netes, ein ſo ſittſames, ein— hm!— ſo beſcheidenes junges Frauenzimmer gefunden haben, um bei dem An⸗ probiren zu helfen. Ich habe junge Frauenzimmer ge⸗ Nicolaus Nickleby. 9 ſehen, die, wenn ſie Gelegenheit hatten, ſich vor vor⸗ nehmen Leuten zu zeigen, ſich auf eine Weiſe benahmen — oh, mein Gott— gut— aber Sie haben immer Recht, Madame Mantalini, immer; und wie ich oft den jungen Damen ſage, für mich iſt es ein Geheimniß, wie Sie es anfangen, immer Recht zu haben, während ſo viele Leute ſo oft Unrecht haben.« »Heute hat Mademoiſelle Nickleby doch, ſo viel ich weiß, eben nichts Beſonderes gethan, außer daß ſie eine ſehr gute Kunde in üble Laune gebracht hat,« be⸗ merkte Madame Mantalini zur Erwiederung. »Lieber Himmel,« ſagte Mademoiſelle Knag,»Sie müſſen das ihrer Unerfahrenheit zurechnen, das wiſſen Sie ja.« »Und ihrer Jugend?« fragte Madame. »Nun, davon ſage ich nichts, Madame Mantalini,« erwiederte Mademoiſelle Knag erröthend;»denn wenn die Jugend eine Entſchuldigung wäre, ſo hätten Sie keine—« »Keine ſo gute Direktrice, wie ich habe, denke ich,⸗ ergänzte Madame. »Ich habe wirklich nie eine Dame gekannt, wie Sie, Madame Mantalini,“« verſetzte Mademoiſelle Knag ſehr geſchmeichelt,»und das iſt wahr, denn Sie wiſſen, was man ſagen will, ehe es zu den Lippen heraufge⸗ ſtiegen iſt. Ach, ſehr gut. Ha! ha!l hal« »Was mich betrifft,« bemerkte Madame Mantalini, indem ſie die Miene annahm, als achtete ſie nicht auf ihre Gehülfin, und ſich dabei ins Fäuſtchen lachte,»was mich betrifft, ich halte Mademoiſelle Nickleby für das ungeſchickteſte Mädchen, das ich in meinem Leben ge⸗ ſehen habe.« „»Das arme liebe Ding!“« entgegnete Mademoiſelle Nicolaus Nickleby. Knag, v»es iſt nicht ihre Schuld. Wenn es das wäre, ſo könnten wir hoffen, ſie davon zu befreien; aber da es ihr Unglück iſt, Madame Mantalini,— nun, Sie wiſſen ja, was der Mann von dem blinden Pferde ſagte— ſo müſſen wir es verzeihen und dulden.« „»Ihr Oheim ſagte mir, ſie habe für hübſch gegol⸗ ten,« ſagte Madame Mantalini.»Mir ſcheint ſie eines der gewöhnlichſten Mädchen zu ſein, die mir noch vor⸗ gekommen ſind.« „»Gewöhnlich!« rief Mademoiſelle Knag mit einem Geſichte aus, das vor Freude ſtrahlte,»und unge⸗ ſchickt! Aber ich muß Ihnen ſagen, Madame Manta⸗ lini, daß ich das arme Mädchen recht lieb habe; ſähe ſie auch noch gewöhnlicher aus und wäre ſie noch ein⸗ mal ſo ungeſchickt, als ſie iſt, ſo würde ich nur um ſo mehr ihre Freundin ſein, ganz gewiß.« Mademoiſelle Knag hatte wirklich eine angehende Zuneigung für Käthchen gefaßt, nachdem ſie den miß⸗ lungenen Verſuch am Morgen mit angeſehen, und die⸗ ſes kurze Geſpräch mit ihrer Gebieterin ſteigerte ihr günſtiges Vorurtheil für das Mädchen zu einem außer⸗ ordentlich hohen Grade, was um ſo merkwürdiger war, da ſie bei dem erſten Anblicke Käthchens eine gewiſſe Ahnung gefühlt hatte, daß ſie nicht auf dem beſten Fuße miteinander leben würden. „ Ja, ja,« ſagte Mademoiſelle Knag, indem ſie ſich in einem Spiegel betrachtete,»ich habe ſie lieb, recht lieb, und kann es Ihnen nicht verſchweigen.“ Dieſe Freundſchaft war ſo ganz uneigennütziger Art und über die kleine Schwachheit der Schmeichelei oder Böswilligkeit ſo hoch erhaben, daß die gutmüthige Ma⸗ demoiſelle Knag am andern Tage Käthchen Nickleby geradezu ſagte, ſie ſehe, ſie, Käthchen, ſei durchaus für Nicolaus Nickleby. 13 fuhr Mademoiſelle Knag fort,»denn Sie müſſen doch faſt an unſerm Hauſe vorbei, und da es ziemlich dun⸗ kel iſt und unſere letzte Magd vor acht Tagen mit der Geſichtsroſe in das Hoſpital gebracht werden mußte, ſo freut es mich, den Weg nicht allein wandern zu müſſen.« Käthchen hätte dieſer ſchmeichelhaften Begleitung gern entbehrt, Mademoiſelle Knag nahm aber, nach⸗ dem ſie ſich den Hut zu ihrer Zufriedenheit aufgeſetzt hatte, ihren Arm mit einer Miene, in welcher ſich voll⸗ kommen deutlich das Bewußtſein ausſprach, welche Ehre ſie Käthchen erweiſe, und ehe dieſe etwas ſagen konnte, befanden ſie ſich unten auf der Straße. „»Ich fürchte,« ſagte Käthchen zögernd,»Mama— meine Mutter wartet hier auf mich.« »O deshalb brauchen Sie ſich nicht zu entſchuldigen, meine Liebe,“« fiel Mademoiſelle Knag ſogleich mit einem ſüßen Lächeln ein;»ſie iſt gewiß eine recht achtbare alte Frau, und es wird mir— hm!— recht angenehm ſein, ſie kennen zu lernen.« Da die arme Madame Nickleby wirklich an der Stra⸗ ßenecke wartend und frierend ſtand, ſo blieb Käthchen nichts übrig, als ſie der Mademoiſelle Knag vorzuſtellen, welche, als Direktrice einer ſo angeſehenen Putzhand⸗ lung, ſehr herablaſſend und artig war. Dann gingen alle Drei, Mademoiſell Knag in der Mitte, Arm in Arm und recht vertraut weiter.— »Sie können es nicht glauben, Madame Nickleby, wie lieb ich Ihre Tochter gewonnen habe,« ſagte Ma⸗ demoiſelle Knag, nachdem ſie eine Weile in würdevol⸗ lem Schweigen gegangen waren. »Es freut mich, dies zu hören,« antwortete Ma⸗ dame Nickleby,»obgleich es nichts Neues iſt, daß wild⸗ Nicolaus Nickleby. fremde Perſonen Käthchen auf den erſten Blick liebge⸗ winnen.« »Hm!« ſagte Mademoiſelle Knag. »Sie werden ſie noch lieber haben, wenn Sie erſt wiſſen, wie gut ſie iſt,« fuhr Madame Nickleby fort. »Es gewährt mir in meinem Unglücke großen Troſt, ein Kind zu haben, das weder ſtolz noch eitel iſt, ob es wohl nach der Erziehung, die es genoſſen, Urſache dazu hätte. Ach, Sie wiſſen es nicht, Mademoiſelle Knag, was es heißt, einen Mann zu verlieren.« Da Mademoiſelle Knag noch nicht einmal wußte, was es heißt, einen Mann zu bekommen, ſo iſt es wohl eine ganz natürliche Folge, daß ſie nicht wußte, was es heißt, einen zu verlieren, und ſie antwortete deshalb ziemlich ſchnell,»nein, das weiß ich nicht,« aber mit einer Miene und in einem Tone, aus denen es ſich deutlich ergab, wie gern ſie einen Mann ge⸗ nommen hätte. »Käthchen hat ſelbſt in dieſer kurzen Zeit gewonnen,«⸗ ſprach Madame Nickleby weiter, während ſie ſtolz ihre Tochter anſah.. »Meinen Sie wirklich?« entgegnete Mademoiſelle Knag. „»Ja, und ſie wird ſich gewiß noch mehr zu ihrem Vortheile ausbilden,« ſetzte Madame Nickleby hinzu. »Gewiß, gewiß,« erwiederte Mademoiſelle Knag, indem ſie aus Scherz Käthchens Arm drückte. »Sie war immer ſo klug und geſchickt,« fuhr Madame Nickleby mit freudeſtrahlendem Geſichte fort,»immer von Kindheit an. Ich erinnere mich, als ſie erſt dritte⸗ halb Jahr alt war, daß ein Herr, der in unſerm Hauſe aus⸗ und einzugehen pflegte,— Herr Watkins, Du weißt es Käthchen, für den unſer armer Vater ſich verbürgte, Nicolaus Nickleby. 15 der ſpäter nach den Vereinigten Staaten auswanderte und uns von dort ein Paar Schneeſchuhe und einen ſo rührenden Brief ſchickte, den Dein Vater nicht ohne Thränen leſen konnte; Du wirſt Dich noch des Briefes erinnern? Er ſchrieb darin, es thue ihm ſehr leid, daß er die dreihundert Thaler gerade jetzt nicht bezahlen— könne, da er ſein ganzes Vermögen verborgt habe; er ſei auf dem beſten Wege, ein reicher Mann zu werden, habe es aber nicht vergeſſen, daß Du ſein Pathchen wä⸗ reſt, und würde es ſehr übel nehmen, wenn wir nicht auf ſeine alte Rechnung ein ſilbernes Beſteck für Dich kauften, weißt Du es nicht mehr? Und wie liebevoll ſprach er von dem alten Portwein, von dem er jedesmal, wann er kam, anderthalb Flaſchen zu trinken pflegte; erinnerſt Du Dich nicht, Käthchen?« »Ja, wohl, Mutter; aber was war mit ihm?« »Nun, dieſer Herr Watkins, liebes Käthchen,« fuhr Madame Nickleby langſam fort, als koſte es ihr außer⸗ ordentliche Anſtrengung, ſich an etwas ganz beſonders Wichtiges zu erinnern,—»dieſer Herr Watkins— Sie müſſen wiſſen, Mademoiſelle Knag, er war mit den Wat⸗ kins, die die Schenke in dem Dorfe hatten, nicht ver⸗ wandt, ich weiß nicht, ob ſie der alte Eber oder Georg IV. hieß, es thut auch nichts zur Sache— dieſer Herr Watkins ſagte, als Du erſt drittehalb Jahr alt warſt, Du wäreſt eins der klügſten Kinder, die er in ſeinem Leben geſehen, das ſagte er, Mademoiſelle Knag, und er war keineswegs ein Kinderfreund, und hatte nicht die geringſte Urſache dazu. Ich weiß es aber ganz gewiß, daß er dies ſagte, weil ich mich erinnere, als wäre es erſt geſtern geweſen, daß er den Augenblick darauf von dem armen Vater 150 Thlr. borgte.« Als Madame Nickleby dieſes außerordentliche und Nicolaus Nickleby. ganz und gar uneigennützige Zeugniß für die ungewöhn⸗ liche Klugheit ihrer Tochter erzählt hatte, ſchwieg ſie, um wieder zu Athem zu kommen, und Mademoiſelle Knag benutzte die Gelegenheit, da das Geſpräch einmal auf das Familienglück gekommen war, eine Erinnerung aus ihrer Familie anzubringen. »Sprechen Sie nicht vom Geldverborgen, Madame Nickleby,« begann Mademoiſelle Knag,»oder Sie brin⸗ gen mich zur Verzweiflung. Meine Mutter— hm!— war die liebenswürdigſte und ſchönſte Frau mit der ta⸗ delloſeſten, vollkommenſten—hm!— der ſchönſten Naſe, die jemals ein menſchliches Geſicht zierte, glaube ich, Madame Nickleby(hier rieb Mademoiſelle Knag aus Sympathie ihre eigene Naſe), die herrlichſte, die vor⸗ trefflichſte Frau, die es jemals gegeben hat, aber ſie hatte den Fehler, Geld zu verborgen, und ſie trieb dieſen Feh⸗ ler ſo weit, daß ſie— hm!— ach! Tauſende, unſer gan⸗ zes kleines Vermögen verborgte, und was das Schlimmſte iſt, Madame Nickleby, ich glaube nicht, daß wir jemals etwas wiederbekommen, und wenn wir— hm! bis an den jüngſten Tag lebten; ich glaube es nicht.« Kaum hatte Mademoiſelle Knag dieſen Beweis von ihrer Erfindungskraft gegeben, ohne dabei unterbrochen worden zu ſein, als ihr noch mehrere ſolche Gegenſtände einfielen, die eben ſo intereſſant als wahr waren; verge⸗ bens bemühete ſich Madame Nickleby, den Strom ihrer Rede zu hemmen; ſie konnte dies nicht anders bewerk⸗ ſtelligen, als, indem ſie die erſte beſte kleine Pauſe be⸗ nutzte und eine Erinnerung aus ihrem eigenen Leben einſchob. So gingen ſie plaudernd und ganz zufrieden weiter, und der einzige Unterſchied zwiſchen ihnen beſtand darin, daß Mademoiſelle Knag, wenn ſie ſprach, ſich an Käthchen wendete und ſehr kant redete, Madame Nickleby Nicolaus Nickleby. 17 dagegen eintönig und ununterbrochen fortplauderte, ohne ſich viel darum zu kümmern, ob Jemand ſie anhöre oder nicht. So gingen ſie miteinander, bis ſie bei dem Bruder der Mademoiſelle Knag ankamen, der mit buntem Pa⸗ pier handelte, eine kleine Leihbibliothek beſaß, einen klei⸗ nen Laden in einem kleinen dunkeln Gäßchen hatte und auf Tage, Wochen und Monate die neueſten aller Ro⸗ mane verlieh, deren Titel außen an der Thür auf einem Pappbogen aufgeklebt waren. Da Mademoiſelle Knag in dieſem Augenblicke mitten in der Erzählung von dem zweiundzwanzigſten höchſt vortheilhaften Heirathsantrage ſtand, den ſie erhalten hatte, ſo lud ſie ihre beiden Be⸗ gleiterinnen ein, einen Löffel Suppe bei ihr zu eſſen. »Bleibe nur, Mortimer,« ſagte Mademoiſelle Knag, als ſie in den Laden traten.»Es iſt nur eines unſerer Putzmachermädchen mit ihrer Mutter, Madame und Mamſell Nickleby.« »Ah— ahl!« ſagte Herr Mortimer Knag, der nach dieſen Ausrufungen, welche er mit einer ſehr tiefſinnigen Miene gemacht hatte, zwei Küchenlampen auf dem La⸗ dentiſche und zwei andere in dem Fenſter, dann ſeine Naſe putzte und zuletzt eine Priſe aus der Weſtentaſche nahm. Es lag etwas ſehr Schauerliches in der geſpenſter⸗ haften Art, mit welcher alles dies geſchah, und da der Herr Knag ein ziemlich langer, hagerer Mann mit ſehr ernſthaftem Geſichte war, eine Brille trug und weit we⸗ niger Haar auf dem Kopfe hatte, als Leute von vierzig Jahren gewöhnlich haben, ſo flüſterte Madame Nickleby ihrer Tochter zu, ſie glaube, er habe Haare auf den Zäh⸗ nen und ſei ein ſehr gelehrter Mann. Nicolaus Nickleby. III. 2 18 Nicolaus Nickleby. »Zehn Uhr vorbei,« ſagte Herr Knag, indem er nach ſeiner Uhr ſah.»Thomas, mache das Comptoir zu.⸗ Thomas war ein Junge von der Größe eines Fen⸗ ſterladens, und das Comptoir hatte etwa den Umfang ei⸗ ner Miethskutſche. „»Ah!« wiederholte Herr Knag mit einem tiefen Seuf⸗ zer, indem er das Buch, in welchem er geleſen hatte, auf das Bret ſtellte,»ich glaube, das Abendeſſen iſt fer⸗ tig, Schweſter.⸗ Mit einem andern Seufzer nahm Herr Knag die Küchenlampe von dem Ladentiſche und ging den Damen mit feierlichen Schritten voraus in ein Hinterſtübchen, wo eine Aufwärterin an der Stelle der kranken Magd den Tiſch deckte. „»Frau Blockſon,« ſagte Mademoiſelle Knag in vor⸗ wurfsvollem Tone,»wie oft habe ich Sie gebeten, nicht mit dieſer Mütze in die Stube zu kommen!« „»Ich kann mir nicht helfen, Mamſellchen,« antwor⸗ tete die ſchnippiſche Aufwärterin,»wenn es Ihnen nicht anſteht, ſo ſehen Sie ſich nach einer Andern um, es giebt ſo zu viel Arbeit und zu wenig Lohn hier.« »Keine Bemerkungen!« fiel Mademoiſelle Knag ein. »Iſt Feuer in der Küche zu heißem Waſſer?« »Nein, Mamſell Knag,« autwortete die Aufwärterin, vich ſage Ihnen die Wahrheit rein heraus.⸗ »Und warum iſt kein Feuer angemacht worden?⸗ fragte Mademoiſelle Knag weiter. „»Weil keine Kohlen daſind; könnte ich Kohlen ma⸗ chen, ſo hätte ich es längſt ſchon gethan, Mamſellchen.⸗ »Will Sie Ihr Maul halten— Wlbsbild?« fiel Herr Mortimer Knag ein. »Mit Ihrer Erlaubniß, Herr Knag,« antwortete die Aufwärterin, indem ſie ſich nach dieſem umdrehete;»ich ·I ☛ Nicolaus Nickleby. 14149 ſpreche in dieſem Hauſe ſehr gern gar nicht, ſobald ich nicht gefragt werde, und wenn ich ein Weibsbild bin, Herr, was ſind Sie denn, wenn ich fragen darf?« »Ein elender Menſch!« rief Herr Knag, indem er ſich mit der flachen Hand an die Stirne ſchlug;»ein elender Menſchle »Es freut mich, daß Sie wiſſen, was Sie ſind; Sie haben ganz Recht, Herr,« erwiederte Frau Blockſon,»und da ich gerade geſtern vor ſieben Wochen Zwillinge bekam und mein kleines Karlchen vorigen Montag aus dem Bettchen fiel und ſich den Elbogen verrenkte, ſo werden Sie mir meinen Wochenlohn ſchicken, ehe es morgen früh zehn Uhr ſchlägt.« Mit dieſen Abſchiedsworten verließ die Frau die Stube und ließ die Thür weit offen ſtehen, während Herr Knag in das»Comptoir⸗ ſtürzte und lant jam⸗ merte. 4 »Was fehlt Ihrem Herrn Bruder?⸗ fragte Madame Nickleby, welche durch die Jammertöne ſehr geängſtigt wurde. „»Iſt er krank?« fragte Käthchen wirklich beſorgt. »Still!« antwortete Mademoiſelle Knag,»es iſt eine traurige Geſchichte. Er ſtand ſonſt in ſehr vertrautem Verhältniſſe mit— hm!— mit Madame Mantalini.⸗ »Was Sie ſagen!« rief Madame Nickleby. „»Ja,« fuhr Mademoiſelle Knag fort,»ſeine Bewer⸗ bung wurde auch ſehr gut aufgenommen, und er hoffte zuverſichtlich, ſie zu heirathen. Er beſitzt ein höchſt ge⸗ fühlvolles Herz, Madame Nicklebh, wie— hm!— wir Alle, in unſerer Familie, und die Vernichtung ſeiner Hoffnung war ein fürchterlicher Schlag für ihn. Er iſt ein wunderbar gelehrter Mann,— ganz außerordentlich gelehrt, und lieſet, denken Sie ſich! jeden Roman, der 2* Nicolaus Nickleby. herauskommt, das heißt natürlich jeden Roman, der mo⸗ diſch iſt. Er findet nun aber in den Büchern, die er lieſet, ſo viel, was ganz für ſein eigenes Unglück paßt, er findet in jeder Hinſicht ſo große Aehnlichkeit zwiſchen dem Helden und ſich ſelbſt— natürlich, weil er ſeine vorzüglichen Eigenſchaften kennt, wie wir andern auch—, daß er alles andere verachtet und ein Genie geworden iſt; ja ich bin faſt überzeugt, daß er in dieſem Augen⸗ blicke ſelbſt ein Buch ſchreibt.« »Selbſt ein Buch!« wiederholte Käthchen, als Ma⸗ demoiſelle Knag ſo lange innehielt, daß ein Anderer auch ein Wort reden konnte. »Ja,« fuhr Mademoiſelle Knag mit einem ſtolzen Nicken fort,»ein Buch in drei Bänden, Octav. Er hat bei der Ausarbeitung dieſes Buchs, und namentlich bei den kleinen faſhionablen Beſchreibungen darin— hm!— den Vortheil, meine Erfahrung benutzen zu können; we⸗ nige Schriftſteller, die über ſolche Dinge ſchreiben, kön⸗ nen ſo genau damit bekannt ſein, als ich es bin. Er hat ſich nun ſo in das poetiſche Leben hineingedacht, daß die geringſte Anſpielung auf Geſchäfte und zumal Wirth⸗ ſchaftsangelegenheiten, wie die der Frau eben zum Bei⸗ ſpiel, ihn völlig aus der Faſſung bringt. Ich denke je⸗ doch und ſage es oft, jene getäuſchte Hoffnung war ein Glück für ihn, denn wäre ſie nicht eingetreten, ſo hätte ſich ſein Genie wohl gar nicht entwickelt.⸗ Was Mademoiſelle Knag noch alles geſchwatzt und verrathen haben würde, wenn die Umſtände günſtiger ge⸗ weſen, läßt ſich unmöglich errathen; da man aber ſo traurige Töne aus dem Comptoir herüberſchallen hörte und Feuer angemacht werden mußte, ſo hatten ihre Mit⸗ theilungen für den Augenblick ein Ende. Es dauerte ſehr lange, ehe das Waſſer warm wurde, endlich erſchien Nicolaus Nickleby. 21 jedoch ein wenig Grog, und die Gäſte nahmen bald Ab⸗ ſchied, nachdem ſie mit kaltem Schöpſenbraten, Brot und Käſe traktirt worden waren. Käthchen dachte den gan⸗ zen Weg über bis in ihre Wohnung an den Herrn Mor⸗ timer Knag, den ſie in tiefen Gedanken in dem Comp⸗ toir hatte ſitzen ſehen, und Madame Nickleby überlegte bei ſich, ob die Putzmachereifirma zuletzt noch»Manta⸗ lini, Knag und Nickleby,« oder»Mantalini, Nickleby und Knag« heißen werde. Auf dieſem hohen Grade hielt ſich Mademoiſelle Knags Freundſchaft drei ganze Tage lang zur großen Verwunderung der Putzmacherinnen der Madame Man⸗ talini, welche bei ihr nie, ſo lange ſie denken konnten, eine ſolche Beſtändigkeit geſehen hatten, am vierten aber erhielt ſie einen eben ſo heftigen als unerwarteten Stoß, und zwar auf folgende Weiſe. Ein alter Lord aus alter Familie, der auf dem Punkte ſtand, ſich mit einem jungen Mädchen aus keiner beſon⸗ dern Familie zu verheirathen, erſchien mit ſeiner Braut und deren Schweſter bei Madame Mantalini, um dem Aufprobiren zweier Hochzeitshüte beizuwohnen, welche den Tag vorher beſtellt worden waren. Madame Man⸗ talini meldete die Herrſchaften in ihrem gellendſten Tone durch das Sprachrohr an, welches mit dem Arbeitszim⸗ mer in Verbindung ſtand, und gleich darauf erſchien Ma⸗ demoiſelle Knag mit einem Hute in jeder Hand in dem Putzzimmer. Kaum waren die Hüte aufgeſetzt, als Ma⸗ demoiſelle Knag und Mantalini in laute Bewunderung ausbrachen. »Höchſt elegant,« bemerkte Madame Mantalini. »Ich ſah in meinem Leben nichts ſo Wunderniedli⸗ ches,« meinte Mademoiſelle Knag. Der alte Lord, der ein ſehr alter Lord war, ſagte Nicolaus Nickleby. gar nichts, ſondern murmelte, und ſchnalzte nur höchſt wohlgefällig vor ſich hin, nicht bloß über die Hüte und die Trägerinnen derſelben, ſondern auch über ſein Glück, ein ſo ſchönes Mädchen zur Frau zu bekommen; die junge Dame dagegen, die eine ſehr lebhafte junge Dame war, trieb, als ſie das Entzücken des alten Lords be⸗ merkte, denſelben hinter einen großen Stellſpiegel, und küßte ihn, während Madame Mantalini und die andere junge Dame wegſahen. Mademoiſelle Knag jedoch, die ſehr neugierig war, trat zufällig auch hinter den Spiegel, und zwar eben in dem Augenblicke, als die junge Dame den alten Lord küßte. Die junge Dame murmelte etwas von»alter Jungfer«,» alter Perſon« und»großer Imperlinenz«, warf der Mademoiſelle Knag einen mißfälligen Blick zu und lächelte verächtlich dabei. »Madame Mantalini,« ſagte die junge Dame. »Mein Fräulein,« antwortete Madame Mantalini. „»Rufen Sie doch gefälligſt das junge hübſche Mäd⸗ chen, das wir geſtern ſahen.« »Ach ja, thun Sie das,« ſetzte die Schweſter hinzu. »Nichts in der Welt, Madame Mantalini,« fuhr die Braut des alten Lords fort, indem ſie ſich ſchmachtend auf eine Ottomane warf,»iſt mir ſo uuwider⸗ als von altlichen Perſonen bedient zu werden. Ich wünſche ſtets, wann ich komme, jenes hübſche junge Mädchen zu ſehen.⸗ „Ja, ja,« bemerkte der alte Lord,„d. liebenswür⸗ dige junge Ding, ja, ja.« »Jedermann ſpricht von ihr,« fuhr die junge Dame in derſelben nachläfſigen Manier fort,»und Mylord, der ein großer Bewunderer aller Schönheiten iſt, muß ſie durchaus ſehen.« „Sie wird allerdings allgemein bewundert,« erwie⸗ Nicolaus Nickleby. 23 derte Madame Mantalini.»Mademoiſelle Knag, ſchicken Sie doch Mademoiſelle Nickleby herauf. Sie ſelbſt brau⸗ chen nicht wieder zu kommen.«⸗ »Ich bitte um Entſchuldigung, Madame Mantalini, was ſagten Sie zuletzt?« fragte Mademoiſelle Knag zitternd. »Sie brauchen nicht wieder zu kommen,« wiederholte Madame Mantalini ſcharf betonend. Mademoiſelle Knag entfernte ſich, ohne weiter ein Wort zu ſagen; an ihrer Statt erſchien bald darauf Käthchen, welche den Damen die neuen Hüte abnahm und die alten wieder aufſetzte, aber hoch erröthete, als ſie ſah, daß der alte Lord und die beiden Damen ſie fortwährend anblickten. 3 »Wie Sie roth werden, Kind!« bemerkte die Braut des alten Lords. »Sie iſt an ihr Geſchäft noch nicht gewöhnt, wie ſie es in ein Paar Wochen ſein wird,« entgegnete Ma⸗ dame Mantalini mit freundlichem Lächeln. »Sie haben ihr gewiß einige Ihrer ſcharfen Blicke zugeworfen, Mylord,« ſagte die Braut. »Nein, nein, nein,« ſagte der alte Lord,»nein, nein, ich verheirathe mich und werde nun ein ganz neues Leben anfangen. Ha! hal ha! ein ganz neues Leben! ha! ha! hal« Es war ſehr erfreulich, zu hören, daß der alte Lord ein neues Leben anfangen wollte, denn daß das alte nicht lange mehr dauern konnte, mußte Jedermann ſehen. Die bloße Anſtrengung des wohlgefälligen Murmelns und Schnalzens zog ihm einen gefährlichen Huſtenanfall zu, und es währte mehrere Minuten, ehe er wieder ſo viel Athem fand, um zu bemerken, das Mädchen ſei für eine Putzmacherin zu hübſch. 24 Nicolaus Nickleby. »Ich hoffe nicht, daß Sie ein hübſches Geſicht für einen Beweis der Unfähigkeit für das Geſchäft halten,⸗ fiel Madame Mantalini mit verdrießlichem Geſichte ein. »Keineswegs,« entgegnete der alte Lord,»ſonſt hät⸗ ten Sie es längſt aufgegeben.« »Sie böſer Mann!« ſagte die lebhafte junge Dame, indem ſie den alten Lord mit ihrem Sonnenſchirme ſtach, vich kann es nicht dulden, daß Sie jeder hübſchen Dame Komplimente machen.« Bei dieſen Worten ſtach ſie den alten Lord wieder und wieder; er faßte endlich den Schirm und wollte ihn nicht hergeben, ſo daß die Schweſter der Braut zu Hülfe kommen mußte und die Neckerei allgemein wurde. »Sie werden dieſe kleine Aenderung beſorgen laſſen, Madame Mantalini,« ſagte endlich die junge Dame. »Mylord, Sie müſſen durchaus vorangehen, denn ich kann Sie nicht eine halbe Sekunde mit dem hübſchen Mädchen allein laſſen. Ich kenne Sie. Liebe Johanne, laß ihn vorangehen, damit wir ihn vor uns ſehen.« Der alte Lord, den dieſer Verdacht offenbar ſehr ſchmeichelte, warf Käthchen im Vorbeigehen einen ver⸗ liebten Blick von der Seite zu, erhielt dafür ein Kläpps⸗ chen mit dem Sonnenſchirme, und wankte dann die Treppe hinunter an die Thür, wo er von zwei rüſtigen Bedienten in den Wagen gehoben und geſchoben wurde. »Wie der jemals in einen Wagen ſteigen kann, ohne an den Leichenwagen zu denken, kann ich nicht begreifen,⸗ ſagte Madame Mantalini.»Nimm dieſe Hüte wieder mit, Liebe.« Käthchen, welche während der ganzen Zeit die Augen beſcheiden niedergeſchlagen hatte, freute ſich ſehr über die Erlaubniß, ſich entfernen zu dürfen, und eilte vergnügt in das Reich der Demoiſelle Knag hinunter. Nicolaus Nickleby. 25 Die Angelegenheiten dieſes kleinen Reiches hatten ſich während ihrer kurzen Abweſenheit ſehr bedeutend umge⸗ ſtaltet. Statt daß Mademoiſelle Knag auf ihrem ge⸗ wöhnlichen Platze in aller Würde und Größe der Stell⸗ vertreterin der Madame Mantalini thronte, lag ſie, in Thränen gebadet, auf einer großen Schachtel, während mehrere der jungen Mädchen mit Hirſchhorn, Weineſſig u. dgl. um ſie herumſtanden, woraus man ſchließen konnte, auch ohne daß man ihren zerrütteten Haarputz ſah, ſie ſei in Ohnmacht gefallen. »Gütiger Gott!« rief Käthchen, indem ſie ſchnell naͤ⸗ her trat,»was iſt geſchehen?« Dieſe Frage verurſachte der Mademoiſelle Knag faſt Krämpfe; einige junge Mädchen rieben ſie eifriger mit Weineſſig und Hirſchhorn, warfen Käthchen dabei un⸗ willige Blicke zu und ſagten: es ſei eine Schande. »Was iſt eine Schande?« fragte Käthchen.»Was iſt geſchehen? Sprecht!« »Geſchehen!« ſprach endlich Mademoiſelle Knag, in⸗ dem ſie ſich mit Einemmale aufrichtete.»Geſchehen! Pfui über Sie, abſcheuliches Geſchöpf!« »Gnädiger Gott!« rief Käthchen, faſt gelähmt von der Heftigkeit, mit welcher dieſe Worte zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen der Mademoiſelle Knag her⸗ vorgeſchleudert wurden;„habe ich Sie beleidigt?« »Sie mich beleidigen!« wiederholte Mademoiſelle Knag;»Siel eine Anfängerin, ein Kind! ach ja, hal hal⸗ Da Mademoiſelle Knag lachte, ſo mußte ſie natür⸗ lich etwas für ſehr ſpaßhaft halten, und da die jungen Mädchen ſich in Allem nach ihrer Vorgeſetzten richteten, ſo ſtimmten ſie Alle augenblicklich ein lautes Gelächter an, wozu ſie nickten und einander ſarkaſtiſche Blicke zu⸗ warfen, als wollten ſie ſagen, wie närriſch dies ſei. 26 Nicolaus Nickleby. „Da ſeht ſie,« fuhr Mademoiſelle Knag fort, indem ſie ſich von der Schachtel erhob und Käthchen ceremo⸗ niös und mit vielen tiefen Verbeugungen der lachenden Mädchenſchaar vorſtellte,„da ſeht ſie,— Jedermann ſpricht von ihr,— die Schönheit, das hüͤbſche Kind,— pfui, Sie freche Stirn!« Bei dieſer Kriſis konnte Mademoiſelle Knag einen Tugendſchauer nicht unterdrücken, der ſich ſogleich auf die jungen Mädchen fortpflanzte; dann lachte Mademoi⸗ ſelle Knag wieder, und endlich fing ſie von neuem an zu weinen. »Funfzehn Jahre lang,« ſprach Mademoiſelle Knag, während ſie herzzerreißend ſchluchzte,»funfzehn Jahre lang bin ich die Stütze und die Zierde des Arbeits⸗ und des Putzzimmers geweſen. Gott ſei Dank,« fuhr ſie fort, indem ſie erſt mit dem rechten, dann mit dem lin⸗ ken Fuße ſtampfte,»in dieſer ganzen Zeit bis jetzt bin ich nie den Künſten, den gemeinen Künſten eines Ge⸗ ſchöpfes ausgeſetzt geweſen, das uns Alle ſchändet und uns zwingt, über unſere Geſellſchaft zu erröthen.“« Hier ſprach Mademoiſelle Knag höchſt gerührt, die jungen Mädchen verdoppelten ihre Aufmerkſamkeit, flü⸗ ſterten, ſie müſſe über ſolche Dinge erhaben ſein, ſie für ihren Theil verachteten dieſelben, und hielten es unter ihrer Würde, ſie zu beachten, deshalb wahrſcheinlich rie⸗ fen ſie auch lauter als vorher, es ſei eine Schande, und ſie wären ſo empört, daß ſie nicht wüßten, was ſie thun ſollten. »Habe ich ſo lange gelebt, um mich eine ältliche Per⸗ ſon nennen zu laſſen!« rief Mademoiſelle Knag in Krämpfen. »Ach, nein, nein,« antwortete der Chor,»ſprechen Sie nicht ſo.« — Nicolaus Nickleby. 27 »Habe ich es verdienk, eine alte Jungfer genannt zu werden?« ſchrie Mademoiſelle Knag, die ſich in den Armen der Mädchen wand. »Denken Sie nicht daran,« antwortete der Chor. »Ich haſſe Sie,« fuhr Mademoiſelle Knag fort,» ich haſſe und verabſcheue Sie. Ich ſpreche kein Wort mehr mit ihr, und Alle, die mich lieb haben, reden ferner nicht mehr mit ihr; ſie iſt eine Dirne, eine unverſchämte Dirne.« Nachdem ſie ihrem Haſſe mit dieſen Ausdrücken Luft gemacht hatte, ſchrie Mademoiſelle Kuag noch ein⸗ mal auf, ſchluchzte dreimal und ſchluckte mehrmals, als wolle ſie erſticken, machte die Augen zu, ſchanderte, er⸗ wachte, kam zu ſich, orduete ihren Haarputz und erklärte, ſie befinde ſich wieder ganz wohl. Das arme Käthchen hatte im Anfange ſehr beſtürzt zugeſehen, war abwechſelnd roth und blaß geworden und hatte ein Paarmal verſucht, zu ſprechen; als aber der eigentliche Grund dieſes plötzlich veränderten Benehmens zum Vorſcheine kam, trat ſie einige Schritte zurück und ſah ruhig zu, ohne ſich zu einer Antwort herabzuwürdigen. Obgleich ſie aber ſtolz nach ihrem Sitze hinging und der Schaar der kleinen Trabanten, welche ſich um ihren Planeten in der eutfernteſten Ecke des Zimmers drängle, den Rücken zukehrte, ſo entquol⸗ len ihren Augen doch einige ſo bittere Thränen, daß ſie Mademoiſelle Knags Herz erfreuet haben würden, hätte ſie dieſelben können fallen ſehen. Nicolaus Nickleby. Zweites Kapitel enthält die Beſchreibung eines Mittagseſſens bei Ralph Nickleby und der Art, wie ſich die Gäſte vor, während und nach demſelben unterhielten. Der Unmuth und der Haß der würdigen Made⸗ moiſelle Knag erlitt in den folgenden Tagen keine Ab⸗ nahme, ſteigerte ſich vielmehr von Stunde zu Stunde; der Unwille der jungen Mädchen wuchs, oder ſchien doch im Verhältniß mit dem ihrer Vorgeſetzten zu wachſen, und erreichte jedesmal den höchſten Grad, wann Käthchen Nickleby in das Putzzimmer hinaufgeru⸗ fen wurde; man kann ſich alſo denken, daß Käthchen keineswegs ein beneidenswerthes Leben führte. Sie freuete ſich auf den Sonnabend Abend, wie der Gefan⸗ gene ſich etwa auf einige Stunden Freiheit freuen würde, und meinte, ihr erſter geringer Wochenlohn ſei ſauer verdient, wäre er auch dreifach höher geweſen. Als ſie an dieſem Tage wie gewöhnlich ihre Mut⸗ ter an der Straßenecke fand, wunderte ſie ſich nicht wenig, ſie im Geſpräch mit Herrn Ralph Nickleby zu ſehen; ihre Verwunderung ſtieg jedoch noch höher, als ſie den Inhalt des Geſprächs erfuhr, beſonders aber den ganz veränderten freundlichen Ton Ralph Nickleby's bemerkte. „Ach liebes Kind,« ſagte Ralph,»wir ſprachen eben von Dir.⸗ „Wirklich!« entgegnete Käthchen, indem ſie, ohne recht zu wiſſen, warum, vor dem kalten, funkelnden Auge des Oheims zurückſchreckte. 1 Nicolaus Nickleby. 29 »Eben wollte ich in das Haus gehen,« fuhr Ralph fort,»um Dich abzuholen; ich ſprach jedoch mit Deiner Mutter von Familienangelegenheiten, und die Zeit ver⸗ ging darüber ſo ſchnell—« »Ja, ſo ſchnell!“ wiederholte Madame Nicckleby, welcher der ſarkaſtiſche Ton der letzten Bemerkung Ralphs entging.»Wahrhaftig, ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß eine ſolche—, Käthchen, Du ſollſt mor⸗ gen halb ſieben Uhr zu Deinem Onkel zu Tiſche kom⸗ men.« In ihrer Freude, dieſe außerordentliche Neuigkeit zuerſt mitgetheilt zu haben, nickte und lachte Madame Nickleby mehrmals und ging dann ſogleich zu den Mit⸗ teln und Wegen über. »Laß einmal ſehen,« begann die gute Frau;»„Dein ſchwarzſeidenes Kleid wird mit dem hübſchen kleinen Shäwlchen und einem einfachen Bande im Haar, und ſchwarzſeidenen Strümpfen, ganz gut ſein,— ach, lie⸗ bes Kind, hätte ich nur meine unglücklichen Amathyſte noch,— Du erinnerſt Dich ihrer gewiß, Käthchen,— wie ſie funkelten, weißt Du?— aber Dein Vater, Dein armer guter Vater,— ach! kein Opfer wurde mir ſo ſchwer, als jene Juwelen, keines!« Ueberwältigt von dieſem traurigen Gedanken, ſchüttelte Madame Nickleby ihr Haupt, und hielt ihr Schnupftuch auf die Augen. »Ich brauche ſie nicht, liebe Mutter; vergiß, daß Du ſie beſaßeſt.« „»Ach Gott! Käthchen,« entgegnete Madame Nickleby, „Du ſprichſt wie ein Kind. Vierundzwanzig ſilberne Thee⸗ löffel, Schwager, zwei Milchkannen, vier Salzfäßchen und alle Amathyſte, Halsband, Broche und Ohrringe— alles auf einmal fort, während ich faſt auf den Knieen Nicolaus Nickleby. zu der guten Seele ſagte, aber warum thuſt Du denn nicht etwas, Nicolaus? Warum triffſt Du nicht ein Arrangement?“ Ich bin überzeugt, daß jedermann von den Leuten, die damals um uns waren, mir die Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen und geſtehen wird, daß ich dies nicht ein⸗, ſondern funfzigmal des Tages ſagke. Sagte ich es nicht, Käthchen? Ließ ich nur eine Ge⸗ legenheit vorbeigehen, ohne Deinen armen Vater drin⸗ gend darauf aufmerkſam zu machen?« „Keine, Mutter, keine,« antwortete Käthchen.— Um Madame Nickleby Gerechtigkeit widerfahren zu laſ⸗ ſen, müſſen auch wir geſtehen, daß ſie keine Gelegenheit vorübergehen ließ, wie denn Frauen überhaupt, dieſe Gerechtigkeit muß man ihnen widerfahren laſſen, bei je⸗ der Gelegenheit ſolche goldene Regeln wiederholen, die nur den Fehler haben, daß ſie etwas undentlich und dunkel entwickelt werden. »Ja,« ſprach Madame Nickleby in großem Eifer, vwäre mein Rath gleich im Anfange befolgt worden,— nun, ich habe wenigſteus immer meine Pflcht gethan, und das iſt auch ein Troſt.⸗ Als Madame Nickleby auf dieſen Gedanken kam, ſeufzte ſie, rieb die Hände, hob die Augen gen Himmel und nahm endlich eine Miene der Ergebenheit und Faſ⸗ ſung an, wodurch ſie wahrſcheinlich andeuten wollte, ſie ſei eine verfolgte Heilige, aber ſie wolle nicht erſt darauf aufmerkſam machen. 3 „Um wieder auf die Sache zurückzukommen, von der wir uns verirrt haben,« ſagte Ralph mit einem Lächeln, das, wie alle andere Gefühlsandeutungen auf ſeinem Ge⸗ ſichte nur zu lauſchen ſchien, ſtatt frei auf demſelben zu ſpielen,—»ich habe eine kleine Geſellſchaft von— von Herren, mit denen ich gerade jetzt in Geſchäften ſtehe, ꝙ 82 Nicolaus Nickleby. 31 auf morgen zu mir gebeten, und Deine Mutter ver⸗ ſprach mir, daß Du die Honnenrs für mich machen ſoll⸗ teſt. Ich bin an Geſellſchaften nicht ſehr gewöhnt; die morgende wird nur der Geſchäfte wegen gehalten, denn ſolche Narrheiten vermögen bisweilen ſehr viel. Wirſt Du mir den Gefallen thun?« »Ob ſie wird!« rief Madame Nickleby.»Liebes Käthchen—« »Bitte,« unterbrach ſie Ralph, ich ſprach mit mei⸗ mer Nichte—« »Ich werde es gern thun, Onkel,“ antwortete Käth⸗ chen;»ich fürchte aber, Sie werden mich ſehr unge⸗ ſchickt finden.« „»Ach nein,« entgegnete Ralph;»komm, wann Du willſt, in einer Miethkutſche,— ich werde ſie bezahlen. Gute Nacht,— Gott behüte Euch!« Dieſer fromme Wunſch ſchien dem Onkel Ralph in der Kehle ſtecken zu bleiben, als waͤre ſeine Zunge gar nicht daran gewöhnt, dergleichen auszuſprechen. End⸗ lich fand er aber doch den Weg über die Zähne und Lippen, wenn er gleich auch da noch ſtolperte; dann reichte der Alte den beiden Verwandten die Hand und verließ ſie. »Was für ein ſcharf markirtes Geſicht der Oukel hat!« ſagte Madame Nickleby, welcher ſein letzter Blick auffiel.»Ich finde nicht die geringſte Aehnlichkeit zwi⸗ ſchen ihm und ſeinem armen Bruder; nein gewiß nicht; aber ſehr ehrlich iſt das Geſicht doch.« Die würdige Frau ſprach dieſe Bemerkung mit be⸗ ſonderer Betonung aus, als habe es ihr viel Mühe und Scharfſinn gekoſtet, dieſe Entdeckung zu machen, die al⸗ lerdings zu den außerordentlichſten unſerer Zeit gehören Nicolaus Nickleby. dürfte. Käthchen ſah ſchnell empor, ſchlug aber eben ſo ſchnell die Augen wieder nieder. »Was iſt Dir geſchehen, liebes Kind, in des Him⸗ mels Namen!« fragte Madame Nickleby, als ſie eine Zeitlang ſchweigend neben einander gegangen waren. »Ich dachte bloß nach, Mutter,« antwortete Käth⸗ chen. »Nachdenken!« wiederholte Madame Nickleby;»Du haſt wirklich alle Urſache, nachzudenken. Dein Onkel hat Dich ſehr lieb gewonnen, das iſt offenbar, und es ſollte mich ſehr wundern, wenn Du nicht einmal noch⸗ Dein Glück machſt.« Dies war eine Gelegenheit, man⸗ cherlei Anekdoten zu erzaͤhlen, wie jungen Mädchen Tauſendpfundnoten von ihren Onkeln in die Täſchchen geſteckt worden wären; wie junge Mädchen zufällig lie⸗ benswürdige, unermeßlich reiche Männer in dem Hauſe ihrer Onkel getroffen und mit denſelben ſich verheirathet hätten, und Käthchen, die erſt gleichgültig, dann auf⸗ merkſamer zuhörte, fühlte, wie allmälig etwas von den ſangniniſchen Hoffnungen ihrer Mutter auf ſie ſelbſt überging, und fing an zu glauben, ihre Zukunft könne ſie doch wohl auch wieder aufheitern und beſſere Tage bringen. Das iſt die Hoffnung, welche der Himmel den kämpfenden Sterblichen gegeben, die wie ein Thau vom Himmel alle Dinge, gute und böſe, durchdringt, allge⸗ mein iſt wie der Tod, und anſteckender als Krankheit. Die matte Winterſonne, und die Winterſonne iſt in London ſehr matt, hätte glänzender und wärmer ſchei⸗ nen mögen, als ſie durch die trüben Fenſterſcheiben des alten großen Hauſes blickte, und das ungewöhnliche Schauſpiel in einem halbmeublirten Zimmer deſſelben ſah. In einem dunkeln Winkel, wo Jahre lang ein ſtil⸗ ler ſtaubiger Waarenhaufen gelegen, welcher eine Colv⸗ Nicolaus Nickleby. 33 nie von Mänſen geborgen hatte, war jetzt ſorgfältig der geſammte geringe Schmuck Käthchens ausgebreitet; an der Stelle eines Ballens vermoderter Waaren lag das ſchwarzſeidene Kleid, das an ſich ſchon eine zierliche Fi⸗ gur bildete; die niedlichen Schuhe, an denen man den Druck der Zehen bemerkte, ſtanden an der Stelle, wo alte eiſerne Gewichte Löcher in die Dielen gedrückt hat⸗ ten, und ein Haufen hartes Leder hatte den kleinen ſchwarzſeidenen Strümpfen Platz gemacht, um die Ma⸗ dame Nickleby ſo beſonders beſorgt war. Die Ratten, die Mäuſe und anderes kleines Wildpret war längſt verhungert oder in geſegnetere Gegenden ausgewandert, und an ihrer Statt erſchienen Handſchuhe, Bänder, Shawlchen, Haarnadeln und andere Kleinigkeiten, welche die Menſchen oft eben ſo ſehr zu quaͤlen wiſſen, als Ratten und Mäuſe. Unter dieſen Herrlichkeiten herum bewegte ſich Käthchen ſelbſt, der ungewohnteſte und der ſchönſte Schmuck dieſes alten finſtern Gebäudes. Bei guter Zeit oder bei ſchlechter Zeit, wie es dem Leſer beliebt, denn Madame Nickleby's Ungeduld ging weit ſchneller, als die Uhren in dieſem Theile der Stadt, und Käthchen war bis auf die letzte Haarnadel volle anderthalb Stunden vorher angekleidet, ehe es nöthig wurde, allmaͤlig an das Ankleiden zu denken,— bei guter Zeit alſo, oder bei ſchlechter Zeit war die Toilette beendigt; als endlich die Stunde erſchien, die man zum Aufbruche feſtgeſetzt hatte, holte der Milchmann eine Kutſche von der nächſten Miethwagenſtation, Käthchen ſtieg, nachdem ſie vielmals ihrer Mutter Lebewohl ge⸗ ſagt und derſelben viele freundliche Grüße an Made⸗ moiſelle La Creeby aufgetragen hatte, welche zum Thee kommen wollte, hinein, ſetzte ſich und fuhr fort. Die Kutſche, der Kutſcher und die Pferde raſſelten, klingel⸗ Nicolaus Nickleby. III. 3 Nicolaus Nickleby. ten, peitſchten und fluchten und ſtolperten, bis ſie Gol⸗ den Sauare erreichten. Der Kutſcher pochte zweimal gewaltig derb an die Thür, die geöffnet wurde, ehe er damit fertig war, als habe Jemand wartend dahinter geſtanden. Käthchen, die keine ungewöhnlichere Erſcheinung erwartet hatte, als Newman Noggs in weißem Hemd, wunderte ſich nicht wenig, als ſie ſah, daß der Oeffner der Thür ein Bedienter in ſchöner Lioree war, und noch einige ſolcher Livreebedienten in dem Hauſe umherrannten. In dem Hauſe konnte ſie ſich nicht geirrt haben, denn an der Thür war der Name zu leſen; ſie nahm deshalb den betreßten Rockärmel an, der ihr gereicht wurde, trat in das Haus ein, und ließ ſich die Treppe hinauf in ein Zimmer führen, wo ſie zuerſt allein blieb. Hatte ſie ſich über das Daſein eines Bedienten ge⸗ wundert, ſo kam ſie über den Reichthnm und den Glanz der Menbles in dieſem Zimmer ganz außer ſich. Die weichſten und eleganteſten Teppiche, die herrlichſten Ge⸗ mälde, die koſtbarſten Spiegel, die reichſten Verzierun⸗ gen in blendender Schönheit und verſchwenderiſcher Menge boten ſich auf allen Seiten ihren Blicken dar. Selbſt auf der Treppe bis faſt an die Flurthür hinun⸗ ter waren ſchöne und herrliche Dinge in Menge aufge⸗ ſtellt, als ſei das Haus ſo voll davon, daß ſie auf die Straße fallen müßten, wenn nur noch wenig dazu komme. Bald darauf hörte ſie mehrmals zweimal an die Hausthür klopfen, und nach jedesmaligem Klopfen eine neue Stimme in dem anſtoßenden Zimmer. Im An⸗ fange war die Stimme des Herrn Ralph Nickleby deut⸗ lich zu unterſcheiden, allmälig aber entſtand ein ver⸗ worrenes Geſumme, und ſie konnte weiter nichts ver⸗ Nicolaus Nickleby. 35 nehmen, als daß mehrere Herren mit nicht eben muſi⸗ kaliſchen Stimmen dawaren, welche ſehr laut ſprachen, von Herzensgrunde lachten und mehr ſchwuren, als wohl eigentlich nöthig geweſen wäre. Das war jedoch Geſchmacksſache. Endlich wurde die Thür geöffnet, und Ralph ſelbſt, nicht in Stiefeln, ſondern feſtlich in Schuhen und ſchwarzſeidenen Strümpfen, ſteckte ſein ſchlaues Geſicht herein.. »Ich konnte nicht früher zu Dir kommen, liebes Kind,« ſagte er leiſe, indem er nach dem anſtoßenden Zimmer wies.»Ich mußte ſie empfangen. Darf ich Dich nun einführen?« „»Aber, lieber Onkel,« ſagte Käthchen, etwas verle⸗ gen, wie es wohl ſelbſt Perſonen ſind, die öfterer in Geſellſchaften kommen, wann ſie in ein Zimmer voll fremder Menſcheu treten ſollen, beſonders wenn ſie erſt haben daran denken können,» und auch Damen da? „»Nein,« antwortete Ralph kurz; vich kenne keine Damen.« »Muß ich ſogleich hineingehen?« fragte Käthchen weiter, indem ſie ein Paar Schritte zurücktrat. »Wie Du willſt,« antwortete Ralph achſelzuckend. »Die Geladenen ſind alle da, und ſobald Du kommſt, geht es zu Tiſche.« Käthchen hätte gern noch ein Paar Minuten gezö⸗ gert, ſie bedachte aber, ihr Onkel ſehe vielleicht die Be⸗ zahlung des Miethwagens für eine Art Contract für ihre Pünktlichkeit an, ließ alſo ihren Arm in den ſeini⸗ gen legen und ſich fortführen. Als ſie eintraten, ſtanden ſieben bis acht Herren an dem Kamine; ſie ſprachen ſehr laut und bemerkten die Ankunft des Paares nicht, bis Herr Ralph Nick⸗ . 3* 36 leby einen an dem Aermel zupfte und laut ſagte, als wolle er alle aufmerkſam machen: »Lord Frederick Veriſopht, meine Nichte, Fräulein Nickleby.« Die Gruppe prallte auseinander, der angeredete. Herr drehete ſich um und zeigte einen höchſt faſhio⸗ nablen Anzug, einen eben ſolchen Backenbart, einen Schnurrbart, einen Lockenkopf und ein junges Geſicht. »Ih!l« ſagte der Herr.»Was der Teufel!« Mit dieſen Worten hielt er die Lorgnette vor das Auge und ſah Fräulein Nickleby höchſt überraſcht an, „»Meine Nichte, Mylord,« wiederholte Ralph. »So täuſchen mich meine Ohren nicht, und es iſt kein Wachsbild!« rief der Lord aus.»Es freut mich außerordentlich.“ Damit drehete er ſich um und flü⸗ ſterte zu einem andern Herrn, der etwas länger, etwas ſtärker und etwas röther im Geſicht war, ſo laut zu, daß es das Mädchen hören konnte,»ſie ſei verflucht hübſch.« »Stellen Sie mich vor, Nickleby,« ſagte dieſer zweite Herr, der am Feuer lehnte und ſeine beiden El⸗ bogen auf den Kamin ſtemmte. „»Sir Mulberry Hawk,« ſagte Ralph. »In der ganzen Stadt bekannt wie der bunte Hund, Fräulein Nickleby,« ſetzte Lord Frederick Veriſopht hinzu. »Vergeſſen Sie mich nicht, Nickleby!« rief dann ein Mann mit einem langen eckigen Geſichte, der auf einem niedrigen Stuhle mit einer hohen Lehne ſaß und ein Zeitungsblatt las. „»Herr Pyke,« ſagte Ralph. „Auch mich nicht, Nickleby,« rief ein anderer mit Nicolaus Nickleby. Nicolaus Nickleby. 37 einem aufgedunſenen rothen Geſichte neben Sir Mul⸗ berry Hawk. „»Herr Pluck,« ſagte Ralph, der ſich darauf nach ei⸗ nem Herrn mit einem Storchshalſe und ganz eigen⸗ thümlichen Beinen wendete, denſelben als Herrn Snobb vorſtellte, ſo wie endlich einen Mann mit weißem Ko⸗ pfe an dem Tiſche als den Oberſt Chowſer. Der Oberſt ſprach eben mit einem Andern, der nur ein Lückenbüßer zu ſein ſchien und nicht vorgeſtellt wurde. Zwei Umſtände ſielen ſchon jetzt Käthchen auf, ſo daß ſie hoch erröthete, nämlich die Verächtlichkeit, mit welcher die Gäſte ihren Onkel offenbar behandelten, und zweitens das freie Benehmen gegen ſte. Daß der erſte Umſtand den zweiten noch verſchlimmern mußte, ließ ſich ohne großen Scharfſinn vorausſehen. Und hier hatte Herr Ralph Nickleby die Rechnung ohne den Wirth gemacht, denn wie unerfahren, wie unbekannt ein junges Mädchen auch mit conventionellem Beneh⸗ men ſein mag, ſo ſagt ihr doch ein inneres Gefühl ſo laut und deutlich, was ſich im Leben ſchicke, als habe ſie ein Dutzend Seaſons in London mit durchgelebt, und vielleicht noch deutlicher, denn man kennt Bei⸗ ſpiele, daß dieſes Gefühl durch lange Uebung abge⸗ ſtumpft worden iſt. Nachdem die Ceremonie des Vorſtellens zu Ende war, führte Ralph ſeine erröthende Nichte an ihren Platz, und ſah ſich dabei um, als wolle er ſich über⸗ zeugen, welchen Eindruck ihre unerwartete Erſcheinung gemacht habe. »Ein ganz unerwartetes Vergnügen, Nickleby,« be⸗ merkte Lord Frederick Veriſopht, indem er das Glas von dem rechten Auge nahm, mit dem er bis zu dieſem 38 Nicolaus Nickleby. Augenblick Käthchen betrachtet hatte, und daſſelbe an das linke hielt, um Ralph anzuſehen. „»Es wollte uns überraſchen, Lord Frederick,« ſagte Herr Pluck. „Keine übele Idee,« entgegnete Mylord,»die ihm vielleicht noch außerordentliche drittehalb Procent ein⸗ bringt.« „Nickleby,« ſagte Sir Mulberry Hawk mit ſeiner heiſern dicken Stimme,„benutzen Sie den Wink, rech⸗ nen Sie es zu den anderen fünfundzwanzig oder wie viel es iſt, und geben Sie mir die Hälfte für den gu⸗ ten Rath.« Sir Mulberry ſchmückte ſeine Rede mit einem lau⸗ ten Gelächter, und ſchloß ſie mit einem liebenswürdi⸗ gen Schwure in Bezug auf Nickleby's Gliedmaßen, worüber die Herren Pyke und Pluck ungemein lachten. Die Herren hatten ſich von ihrem Lachen noch nicht ganz wieder erholt, als gemeldet wurde, daß aufgetra⸗ gen ſei, und ſie über eine ähnliche Veranlaſſung noch⸗ mals in Lachen geriethen, denn Sir Mulberry Hawk eilte gewandt vor Lord Frederick Veriſopht vorbei, der Käthchen eben die Treppe hinunter in das Speiſezim⸗ mer führen wollte, und nahm den Arm derſelben. „Nein, Veriſopht, das geht nicht; ehrliches Spiel iſt die Hauptſache. Fräulein Nickleby und ich ſind be⸗ reits vor zehn Minuten darüber mit einander überein⸗ gekommen.“ „Ha! ha! ha!« lachte Snobb,»ſehr gut, ſehr gut!« Sir Mulberry Hawk, deſſen gute Laune durch die⸗ ſen Beifall noch erhöht wurde, ſah ſeine Freunde ſehr ſchalkhaft von der Seite an und führte Käthchen ſo vertraulich die Treppe hinunter, daß ſich in des Mäd⸗ Nicolaus Nickleby. 39 chens Bruſt ein faſt unüberwindlicher Unwille regte. Dieſes Gefühl des Unwillens minderte ſich nicht, als— ihr der Platz obenan zwiſchen Sir Mulberry Hawk und Lord Veriſopht angewieſen wurde. »Haben Sie doch den Weg in unſere Nähe gefun⸗ den?« ſagte Sir Mulberry, als der Lord ſich ſetzte. »Natürlich,« antwortete Lord Frederick, Käthchen anſtierend,»wie können Sie fragen?« „So beſchäftigen Sie ſich nur ganz mit Ihren Tel⸗ lern,« fuhr Sir Mulberry fort,» und achten Sie nicht auf Fräulein Nickleby und mich, da wir wenig zur Unterhaltung beitragen werden.« »Hier ſollten Sie einſchreiten, Nickleby,« ſagte Lord Veriſopht. »Um was handelt es ſich denn, Mylord?« fragte Ralph von dem untern Ende der Tafel hinauf, wo er zwiſchen den Herren Pyke und Pluck ſaß. »Dieſer Menſch, Hawk, will Ihre Nichte ganz al⸗ lein haben,« antwortete Lord Frederick. »Er hat ja ſo großen Antheil an dem, worauf Sie Anſpruch machen,« meinte Ralph mit einem Lächeln. „Leider!« antwortete der junge Mann;»„der Teufel ſoll mich holen, wenn ich weiß, wer eigentlich in mei⸗ nem Hauſe Herr iſt, er oder ich.« »Ich weiß es,« murmelte Ralph. »Ich denke, er ſoll bald abgefertigt ſein mit— nichts,« ſagte der junge Mann im Scherze. »Nein, nein,« entgegnete Sir Mulberry.»Wenn es bis zu dem Nichts gekommen iſt, werde ich Sie ſehr ſchnell abfertigen, verlaſſen Sie ſich darauf; bis dahin aber werde ich nicht von Ihnen weichen.⸗ Dieſe Neckerei(die ſich auf eine Thatſache gründete) wurde laut belacht, am lauteſten von den Herren Pyke —— —— 40 Nicolaus Nickleby. und Pluck. Es ließ ſich leicht erkennen, daß die Mei⸗ ſten in der Geſellſchaft den unglücklichen jungen Lord rupften und zum Stichblatt nahmen, der wohl ſchwach und nicht eben klug, aber auch noch der unverdorbenſte war. Sir Mulberry Hawk beſaß eine beſondere Fer⸗ tigkeit, allein und mit Hülfe ſeiner Helfershelfer junge Herren von Vermögen zu ruiniren— ein ſehr anſtän⸗ diges Handwerk. Mit der Kühnheit eines Original⸗ genies hatte er eine neue, der gewöhnlichen Methode ganz entgegengeſetzte Verfahrungsweiſe erdacht, da er, ſobald er ſeine Beute feſt gefaßt hatte, dieſelbe mehr niederzuhalten, als ihr Freiheit zu geſtatten, und ſeine Gewandtheit offen und ohne Rückhalt an ihr zu üben pflegte. So benutzte er ſie doppelt, denn während er den Unglücklichen den Beutel leerte, zwang er ſie auch, zur Unterhaltung der Geſellſchaft beizutragen. Das Diner zeichnete ſich durch Glanz und Fülle aus, und die Geſellſchaft ſprach ihm tüchtig zu; zu den erſten und tapferſten in dieſer Hinſicht gehörten die Herren Pyke und Pluck, welche von jedem Gerichte aßen, aus jeder Flaſche tranken, und dabei eine wirklich ſtaunens⸗ werthe»Faſſungskraft« und Ausdauer verriethen. Sie hielten ſich trefflich bis zu Ende, und als das Deſſert er⸗ ſchien, fingen ſie wieder an, als hätten ſie ſeit dem Früh⸗ ſtück noch gar nichts Ordentliches zu ſich genommen. »Wenn dies ein Discontirungseſſen iſt,« ſagte Lord Frederick bei dem erſten Glaſe Portwein,»ſo denke ich, hol mich der Teufel, es wäre gut, wenn wir alle Tage ſolche Discontogeſchäfte machten.⸗ „»Es wird Ihnen zu ſeiner Zeit ſchon angerechnet werden,« entgegnete Sir Mulberry Hawk;»Nickleby wird es Ihnen nicht vergeſſen.« Nicolaus Nickleby. 41 »Was meinen Sie, Nickleby?« fragte der junge Mann, „bin ich eine gute Kunde?« »Das hängt ganz von den Umſtänden ab, Mylord,« antwortete Ralph. »Auf die Umſtände, Mylords!« fiel Oberſt Chowſer ein, der dabei die Herren Pyke und Pluck anſah, als glaube er, ſie müßten über ſeinen Witz lachen, da dieſe Herren aber nur die Verpflichtung hatten, für Sir Mul⸗ berry Hawk zu lachen, ſo blieben ſie zu ſeinem großen Mißvergnügen ſo ernſthaft wie zwei Leichenbitter. Um dieſe Niederlage noch vollſtändiger zu machen, betrachtete Sir Mulberry Hapk, der ſolche Verſuche für Eingriffe in ſeine Rechte hielt, den Uebelthäter durch ſein Glas, als ſei er über ſolche Anmaßung höchlich verwundert, und Lord Frederick, den dies ermuthigte, nahm ebenfalls ſein Glas und ſah den Getadelten an, als ſei derſelbe ein wildes, fremdartiges Thier, das zum Erſtenmale ge⸗ zeigt wird. Natürlich ſtierten die Herren Pyke und Pluck den Mann auch an, den Sir Mulberry ſo unverwandt anſah, ſo daß der arme Oberſt, um ſeine Verlegenheit zu verbergen, ſeinen Portwein vor das rechte Auge hal⸗ ten mußte, als betrachte er die Farbe deſſelben höchſt ſorgfältig. Dieſe ganze Zeit über hatte Käthchen ſo ſtill als möglich dageſeſſen und die Augen kaum aufzuſchlagen ge⸗ wagt, damit ſie den bewundernden Blicken des Lords Frederick Veriſopht oder gar den lüſternen Augen des Herrn Mulberry Hawk nicht begegne. Der Letztere war ſo gefällig, die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſie zu lenken. „Da ſitzt Fräulein Nickleby,« bemerkte er,»und wun⸗ dert ſich, warum ihr Niemand die Cour macht.« »Oh keineswegs,« antwortete Käthchen, indem ſie —— —— 42 Nicolaus Nickleby. ſchnell aufſah,»ich—« dann hielt ſie inne, als fühle ſie, es werde beſſer ſein, wenn ſie gar nichts ſage. »Ich wette gegen Jedermann funfzig Pfd. St.,« fuhr Sir Mulberry fort,„daß mir Fräulein Nickleby nicht in das Geſicht ſehen und leugnen kann, ſie habe dies gedacht.“ »Ich halte die Wette,« antwortete der Lord;»binnen zehn Minuten thut ſie es.“« „»Gut,« entgegnete Sir Mulberry. Das Geld wurde von beiden Parteien aufgezählt und Herr Snobb als Bewahrer der Einlagen und als Uhrenbeobachter erwählt. »Ich bitte,« ſagte Käthchen in großer Verlegenheit während dieſer Vorbereitungen,»machen Sie mich nicht zu dem Gegenſtande einer Wette. Onkel, ich kann wirk⸗ lich nicht--. „»Warum nicht, liebes Kind?« antwortete Ralph, in deſſen krächzender Stimme aber etwas lag, als wünſche er, der Vorſchlag ſei nicht gemacht worden.»In einem Augenblicke iſt es geſchehen; es iſt ja nichts Böſes. Wenn die Herren durchaus wollen—« »Ich will es nicht durchaus,« ſagte Sir Mulberry laut lachend,»das heißt, ich will keineswegs, daß Fräu⸗ lein Nickleby leugnet, denn wenn ſie es thut, verliere ich; aber ich möchte gar gern ihre ſchönen Augen einmal ſe⸗ hen, da ſie nur den Tiſch ihrer Blicke würdigt.“ „Das thut ſie, und es iſt gar nicht Recht von Ihnen, Fräulein Nickleby,« ſagte der junge Lord. »Grauſam ſogar,“« ſetzte Herr Pyke hinzu. »Entſetzlich grauſam,« meinte Herr Pluck. »Es iſt mir ganz recht, wenn ich verliere,« fuhr Sir Mulberry fork,»denn ein Blick in des Fräuleins Auge iſt noch einmal ſo viel werth.« »Wahr,« ſagte Herr Pyke. Nicolaus Nickleby. 43 »Weit mehr,« ſagte Herr Pluck. »Wie ſteht es mit dem Feinde, Snobb?« fragte Sir Mulberry Hawk. „Vier Minuten vorbei.« „»Bravo!« „»Wollen Sie nicht einen Verſuch für mich machen, Fräulein Nickleby?« fragte Lord Frederick nach einer kur⸗ zen Pauſe. »Sie brauchen ſich mit ſolchen Fragen gar nicht zu bemühen, Lieber,« antwortete Sir Mulberry;»Fräulein Nickleby und ich, wir verſtehen einander ſchon; ſie erklärt ſich für mich und zeigt ihren Geſchmack. Sie brauchen ſich durchaus keine Hoffnung zu machen. Wie viel Zeit?«⸗ »Acht Minuten vorbei.« »Machen Sie das Geld bereit,« ſagte Sir Mul— berry,« Sie werden es ſogleich hergeben müſſen.« »Ha! ha! ha!« lachte Herr Pyke. »Herr Pluck, der immer nachfolgte und ſeinen Vor⸗ gänger überbot, lachte laut auf. Das arme Mädchen, daß ſo verlegen war, daß es nicht wußte, was es that, hatte ſich vorgenommen, ganz ruhig zu bleiben; da es aber auch fürchtete, wenn es dies thue, den Schein auf ſich zu werfen, als begünſtige tes Sir Mulberry, ſo ſchlug es endlich die Augen auf und ſah ihm in das Geſicht. In dem Blicke aber, dem Käthchen begegnete, lag etwas ſo Gehäſſiges, ſo Unver⸗ ſchämtes, ſo Widerwärtiges, daß ſie, ohne eine Sylbe ſprechen zu können, aufſtand und ſich aus dem Zimmer entfernte. Es koſtete ihr viel Mühe, die Thränen zu⸗ rückzuhalten, bis ſie in dem obern Zimmer angekommen war, wo ſie ihnen freien Lauf ließ. „»Capital!« ſagte Sir Mulberry Hawk, indem er das —— 44 Nicolaus Nickleby. Geld einſteckte.»Das iſt ein kluges Mädchen, und wir müſſen ihre Geſundheit trinken.« Es iſt wohl kaum nöthig zu bemerken, daß Pyke und Comp. dieſen Vorſchlag mit beſonderer Wärme aufnah⸗ men und der Toaſt unter mancherlei kleinen Andeutun⸗ gen von ihrer Seite über die Vollſtändigkeit der Erobe⸗ rung Sir Mulberry's getrunken wurde. Ralph, der die Hauptperſon in der vorigen Scene, als die Aufmerkſam⸗ keit der ganzen Geſellſchaft auf dieſelbe gerichtet war, wie ein Wolf beobachtet hatte, ſchien freier zu athmen, ſeit ſeine Nichte ſich entfernt hatte. Während die Glä⸗ ſer gefüllt, geleert und wieder gefüllt wurden, lehnte er ſich in ſeinem Stuhle zurück und ſah einen Sprecher nach dem andern, die der Wein mehr und mehr erhitzte, ſo ſcharf an, als wolle er ſeine Blicke bis in ihr Herz hineinbohren und alle Gedanken darin erkennen. Käthchen, die ſich ganz überlaſſen war, hatte ſich un⸗ terdeß einigermaßen wieder erholt. Eine Magd ſagte ihr, ihr Onkel wünſche noch einmal mit ihr zu ſprechen, ehe ſie ſich entferne; auch erfuhr ſie, daß die Herren den Kaffee gleich an dem Tiſche trinken würden, die Hoff⸗ nung, dieſelben nicht wieder zu ſehen, trug viel dazu bei, ſie zu beruhigen; ſie nahm nach einiger Zeit ein Buch und wollte leſen. Wenn die Thür des Speiſezimmers ſchnell geöffnet wurde und aus demſelben ein wilder Lärm zu ihr hin⸗ aufſchallte, fuhr ſie zuſammen und ſtand wohl auch auf, da ſie bisweilen Tritte die Treppe heraufkommen zu hö⸗ ren glaubte. Es geſchah jedoch nichts dergleichen; ſie verſuchte alſo ihre Aufmerkfamkeit ganz dem Buche zu⸗ zuwenden, das ſie zu intereſſiren begann, hatte mehrere Kapitel geleſen und dabei ganz vergeſſen, wo ſie war, Nicolaus Nickleby. 45 als mit einem Male dicht neben ihr ihr Name von ei⸗ ner männlichen Stimme genannt wurde. Das Buch fiel ihr aus der Hand. Dicht neben ihr ſtand Sir Mulberry Hawk, den der Wein noch kühner gemacht hatte. »Ach, ſo fleißig und ſo vertieft!« ſagte der Herr. »Laſen Sie wirklich, mein Engel, oder thaten Sie nur ſo, um die ſchönen Augenlieder zu zeigen?« Käthchen biß ſich auf die Lippen, blickte ängſtlich nach der Thüre und antwortete nicht. „Ich habe Sie fünf Minuten lang betrachtet,« fuhr Sir Mulberry fort.»Auf Seele! Sie ſind tadel⸗ los. Warum ſprach ich auch und ſtörte dadurch das allerliebſte Bild!« »Haben Sie die Güte und ſchweigen Sie, Sir,⸗ entgegnete Käthchen. »Ach, nicht doch,« ſagte Sir Mulberry, indem er ſich dicht neben ihr auf das Sopha ſetzte.»Auf Seele, Fräulein Nickleby, es iſt ſehr Unrecht, ſehr grauſam, Ihren Sclaven ſo hart zu behandeln.« »Ich möchte Ihnen zu verſtehen geben, Sir,« ſagte Käthchen, die gegen ihren Willen zitterte und im tief⸗ ſten Unwillen ſprach,»daß Ihr Benehmen mir wider⸗ wärtig iſt und mich beleidigt. Wenn Sie noch einen Funken von Ehrgefühl beſitzen, ſo verlaſſen Sie mich augenblicklich.« „»Warum wollen Sie ſich denn ſo lange ſo verſtellen, lieber Engel? Spielen Sie die Spröde nicht, Fräulein Nickleby, kommen Sie her.« 1 Käthchen ſtand ſchnell auf, aber Sir Mulberry faßte ſie am Kleide und hielt ſie mit Gewalt zurück. » Laſſen Sie mich los!« rief ſie, und ihr Herz 46 Nicolaus Nickleby. wollte vor Unwillen zerberſten.»Hören Sie? Sogleich — augenblicklich.« »Setzen Sie ſich nur, ſetzen Sie ſich,« fuhr Sir Mulberry fort;»ich habe etwas mit Ihnen zu ſprechen.⸗« „Laſſen Sie mich augenblicklich los!« wiederholte Käthchen. »Nicht um die Welt,« entgegnete Sir Mulberry. Während er dies ſagte, bog er ſich vorwärks, um ſie wieder aufs Sopha zu ziehen, das Mädchen machte aber in dieſem Augenblicke eine kräftige Anſtrengung, um ſich loszureißen, er verlor das Gleichgewicht und fiel der Länge nach hin. Während Käthchen fortſprang, um aus dem Zimmer zu eilen, trat ihr in der Thür Ralph Nickleby entgegen. „Was iſt das?« fragte er. „In dem Hauſe,« antwortete Käthchen in höchſter Aufregung,„wo ich, ein hülfloſes Mädchen, das Kind Ihres verſtorbenen Bruders, hätte Schutz finden ſollen, bin ich der ſchändlichſten Beſchimpfung ausgeſetzt gewe⸗ ſen. Laſſen Sie mich gehen.« Ralph erbebte, als das empörte Mädchen ihr fun⸗ kelndes Auge auf ihn heftete, aber ihre Bitte erfüllte er nicht, denn er führte ſie auf einen entfernter ſtehenden Stuhl, trat dann zu Sir Mulberry Hapk, der unter⸗ deß wieder aufgeſtanden war und zeigte nach der Thür. „Da iſt Ihr Weg, Sir,« ſprach Ralph mit halb erſtickter Stimme. „Was ſoll das heißen?« fragte erzürnt ſein Freund. Wie Sehnen ſtanden die aufgeſchwollenen Adern auf der runzeligen Stirn Ralphs, und ſeine Lippen zuck⸗ ten wie in unertraͤglichem Schmerze, aber er lächelte verächtlich und wies wiederholt nach der Thür. „Wiſſen Sie, wer ich bin?« fragte Sir Mulberry. Nicolaus Rickleby. 47 „»„Recht wohl,« antwortete Ralph. Der faſhionable Taugenichts zitterte einen Augenblick unter dem feſten Blicke des alten Sünders, ſchritt dann nach der Thüre zu und murmelte dabei.»Auf den Lord war es abge⸗ ſehen? he?« fragte er, blieb in der Thür ſtehen, als ſei ihm plötzlich ein Licht aufgegangen, und trat Ralph von neuem entgegen,» und ich war im Wege, nicht wahr?« Ralph lächelte wieder, antwortete aber nicht. »Wer brachte ihn zuerſt zu Ihnen?« fuhr Sir Mulberry fort,»und wie hätten Sie ihn jemals in Ihr Netz bringen können ohne meine Hülfe?« „Das Net iſt groß nnd ziemlich voll,« ſagte Ralph. „»Nehmt Euch in Acht, daß Keiner in den Maſchen ſich erwürgt.« »Sie ſind im Stande, Ihr Fleiſch und Blut zu ver⸗ ſchachern, und ſich ſelbſt, wenn Sie ſich nicht bereits dem Teufel verkauft hätten,« entgegnete der Andere. »Läugnen Sie, wenn Sie können, daß Sie Ihre hübſche Nichte als Lockſpeiſe für den betrunkenen Knaben unten herbrachten!« Obgleich das Zwiegeſpräch auf beiden Seiten ziemlich leiſe geführt wurde, ſo ſah ſich Ralph doch unwillkürlich um, um ſich zu überzeugen, ob Käthchen ſich von ihrem Stuhle entfernt habe und die Worte hören könne. Sein Gegner erkannte den Vortheil, den er gewonnen und benutzte denſelben. »Wollen Sie wirklich behaupten, es ſei nicht ſo?« fragte er wieder.»Werden Sie es läugnen, daß, wenn er den Weg hierher gefunden, Sie blinder, tauber und gewählter in ihren Ausdrücken geweſen ſein würden? Antworten Sie mir einmal, Nickleby!« — 48 Nicolaus Nickleby. „Wenn ich ſie eines Geſchäftes wegen kommen ließ — antwortete Ralph. »„Richtig, das iſt der rechte Ausdruck,⸗ unterbrach ihn Sir Mulberry lachend.»Jetzt werden Sie wieder Sie ſelbſt.« »— eines Geſchäftes wegen kommen ließ,« fuhr Ralph langſam und feſt fort, wie ein Mann, der ent⸗ ſchloſſen iſt, nicht mehr zu ſagen,» weil ich glaubte, ſie werde einen Eindruck auf den thörichten jungen Mann machen, den Sie ins Verderben zu ſtürzen ſo bemüht ſind, ſo wußte ich,— wie ich ihn kenne,— daß er des Mädchens Gefühle nicht verletzen und, wenn er auch durch ſeine Albernheit ihr läſtig ſiel, doch das Geſchlecht und die Unſchuld ſelbſt in der Nichte ſeines Wucherers ehren würde. Wenn ich ihn durch ſie auf ſanftere Weiſe anlocken wollte, ſo kam er mir doch nicht in den Sinn, das Mädchen der Lüſternheit und Rohheit eines Mannes wie Sie auszuſetzen. Nun werden wir uns verſtehen.« »Beſonders, da nichts dabei zu verdienen war, he?« ſetzte Sir Mulberry ſpöttiſch hinzu. „Allerdings,« antwortete Ralph. Er hatte ſich um⸗ gedrehet und ſah bei dieſer letzten Antwort über die Achſel zurück. Die Blicke der beiden würdigen Männer begegneten einander mit einem Ausdrucke, als fühle Je⸗ der, daß es unmöglich ſei, ſich vor dem Andern zu ver⸗ bergen. Sir Mulberry zuckte die Achſeln und ſchritt langſam hinaus. Sein Freund machte die Thür zu und blickte unru⸗ hig nach der Stelle, wo ſeine Nichte noch in derſelben Haltung ſaß, in welcher er ſie verlaſſen hatte. Sie hatte ſich auf ein Sopha geworfen, drückte ihren Kopf in ein Kiſſen und ihr Geſicht in ihre Hände und ſchien Nicolaus Nickleby. 49. noch immer vor Schaam und Gram zu weinen.— Ralph würde ganz ruhig in die Wohnung eines ar⸗ men Schuldners gegangen und denſelben dem Gerichts⸗ diener überwieſen haben, wenn er auch an dem Kranken⸗ oder Sterbebette ſeines Kindes geſeſſen, denn dies wäre etwas geweſen, was in den Geſchäften nicht ſelten vor⸗ kommt, und der Mann hätte gegen das einzige Sitten⸗ geſetz geſündigt, das Ralph anerkannte; hier ſaß aber ein junges Mädchen, das nichts verbrochen hatte, als daß es lebendig zur Welt gekommen war; das ſich ge⸗ duldig in alle ſeine Wünſche gefügt, ſo viel ertragen hatte, um ihm gefällig zu ſein, und das— die Haupt⸗ ſache— ihm kein Geld ſchuldig war,— und es wurde ihm unheimlich zu Muthe. Ralph ſetzte ſich auf einen Stuhl in einiger Entfer⸗ nung, dann auf einen andern etwas näher, rückte den⸗ ſelben darauf noch näher, und noch etwas näher, ſetzte ſich endlich auch auf das Sopha und legte ſeine Hand auf Käthchens Arm. »Nun ſei nur ſtill, liebes Kind,« ſagte er, als ſie den Arm zurückzog und von neuem heftiger zu ſchluch⸗ zen anfing;»ſei ſtill, denke nicht mehr daran.« »Um Gotteswillen laſſen Sie mich nach Hauſe gehen,« rief Käthchen.»Laſſen Sie mich fort aus die⸗ ſem Hauſe.« „Ja, ja,« antwortete Ralph.»Du ſollſt es, aber Du mußt erſt Deine Augen trocknen und Dich wieder faſſen. Komm, richte den Kopf empor, ſo, ſo!« »Ach, Onkel!« rief Käthchen händeringend.»Was habe ich gethan,— was habe ich gethan, daß ich dies leiden mußte? Und wenn ich Sie in Gedanken, in Worten oder Thaten beleidiget haͤtte, wäre es zu grau⸗ Nicolaus Nickleby. III. 4 —— ——— 50 Nicolaus Nicklebv. ſam gegen mich und das Andenken eines Mannes ge⸗ weſen, den Sie früher geliebt haben müſſen; aber—« „»So höre mich doch nur einen Augenblick an,« un⸗ terbrach ſie Ralph, ernſtlich über ihre heftige Aufregung beſorgt.»Ich wußte es nicht, daß es ſo kommen würde; ich konnte es unmöglich vorausſehen. Ich that, was ich nur thun konnte. Komm, wir wollen umhergehen. Die Zimmerluft und die Wärme von dieſen Lampen macht Dich unwohl; es wird Dir beſſer werden, wenn Du Dir einige Bewegung machſt.« „Ich will Alles thun,“ antwortete Käthchen,»wenn Sie mich nach Hanſe ſchicken wollen.⸗ „Ja, ja, ich will es,“ ſagte Ralph; aber Du mußt erſt Dein gewöhnliches Ausſehen wieder erhalten, das jetzige erſchreckt die Deinigen, und es darf Niemand außer Dir und mir von dem Vorgefallenen etwas wiſſen. So, jetzt gehen wir dahin. Du ſiehſt ſchon wieder beſſer aus.“ Unter ſolchem Zureden ging Ralph Nickleby im Zimmer auf und ab, während ſeine Nichte ſich an ſeinen Arm hing und er unter ihrer Berührung zitterte. Eben ſo führte er ſie, als es für gerathen hielt, ſie fortzulaſſen, die Treppe hinunter, zupfte ihr den Shawl zurecht, und war ihr auf andere Weiſe in dieſer Art, wahrſcheinlich zum Erſtenmale in ſeinem Leben, be⸗ hülflich. Auch über die Hausflur und die Stufen vor dem Hauſe hinunter geleitete er ſie, und nicht eher ließ er ſie los, bis ſie in dem Wagen ſaß. Als der Kutſchenſchlag zugeworfen wurde, ſtel ein Kamm aus Käthchens Haar und gerade vor des Onkels Füßen nieder; er bückte ſich, um ihn aufzuheben und gab ihr denſelben in die Hand. In dieſem Augenblicke fiel das Licht einer Lampe in der Nähe gerade auf ihr . Nicolaus Nickleby. 51 Geſicht. Die Locke, welche frei geworden war und loſe über ihre Stirn hing, die kaum abgetrockneten Thränen⸗ ſpuren, die gerötheten Wangen, das kummervolle Aus⸗ ſehen, alles dies weckte eine Reihe ſchlummernder Erin⸗ . nerungen in des alten Mannes Bruſt; er glaubte das Geſicht ſeines verſtorbenen Bruders vor ſich zu ſehen, wie es war, wenn irgend eine kindliche. Sorge daſſelbe be⸗ trübte. Ralph Nickleby, der taub gegen jede Stimme des Blutes und der Verwandtſchaft, und gegen jede Erzäh⸗ lung von Sorge und Noth geſtählt war, wankte bei dieſem Anblicke und taumelte in ſein Haus zurück wie ein Mann, der einen Geiſt aus einer Welt jenſeits des Grabes geſehen hat. G 3 Drittes Kapitel. . Nicolaus kommt endlich mit ſeinem Oheim zuſammen und ſagt e ihm ſeine Meinung rund heraus. Sein Entſchluß. 3 Am Montag Vormittag ziemlich früh— am Tage . nach jenem verhängnißvollen Mittageſſen— trippelte 8 das kleine Fräulein La Creevy ſchnell durch verſchiedene 56. Straßen im Weſtende der Stadt, um Madame Man⸗ talini die Nachricht zu überbringen, Fräulein Nickleby in ſei zu unwohl, als daß ſie an dieſem Tage ſich in dem s Geſchäfte einfinden könne, hoffe aber, den nächſten Tag 8 wieder auf ihrem Platze zu ſein. Während Fraäulein ke La Creevy ſo dahin wanderte, dachte ſie nicht bloß über hr verſchiedene zierliche Redensarten und Ausdrücke nach, 4* 52 Nicolaus Nickleby. 52 um die beſten auszuwählen und darin ihren Auftrag einzurichten, ſondern auch über die wahrſcheinliche Ur⸗ ſache des Unwohlſeins ihrer Freundin. „Ich weiß nicht, was ich daraus machen ſoll,« ſagte Fräulein La Creevy vor ſich hin.„Ihre Augen ſahen geſtern Abend ſehr roth aus. Sie klagte über Kopfweh, aber Kopfweh macht keine rothe Augen. Sie muß ge⸗ weint haben.« Als ſie zu dieſem Schluſſe gekommen war, bei wel⸗ chem ſie übrigens ſchon am vorigen Abend ſtehen ge blieben war, dachte Fräulein La Creevy weiter darüber nach, wie ſie es ſchon faſt die ganze vorige Nacht ge⸗ than hatte, welches neue Unglück wohl ihre junge Freun⸗ din betroffen haben möge. 4 »Ich kann mir nichts denken,« ſagte die kleine Por⸗ traitmalerin,„durchaus nichts, wenn es nicht das Be⸗ nehmen des alten Bären geweſen iſt. Märriſch gegen ſie? Ein unangenehmer roher Menſch!« Dieſe Aeußerung ihrer Meinung erleichterte ihr Herz, obgleich ſie nur in den Wind geſprochen wurde, und Fräulein La Creevy eilte weiter zu Madame Mantalini. Hier erfuhr ſie, daß die Regentin noch nicht aufgeſtan⸗ den ſei, und bat deshalb um eine Audienz bei der Stellvertreterin derſelben, worauf Mademoiſelle Knag erſchien. „Meinetwegen,« ſagte Mademoiſelle Kuag, als der Auftrag mit ſehr wohl geſetzten Worten ausgerichtet war,»brauchte Mademoiſelle Nickleby gar nicht wieder⸗ zukommen.« „Wirklich?“ entgegnete Fräulein La Creevy, in hohem Grade beleidigt.„Da ſie aber bekanntlich nicht Herrin des Geſchäftes ſind, ſo iſt Ihre Meinung von keiner Bedeutung.“« Nicolaus Nickleby. 53 »Haben Sie ſonſt noch etwas zu ſagen?« fragte Mademoiſelle Knag. »Nichts,« erwiederte Fräulein La Creevy. »Dann guten Morgen,« fuhr Mademoiſelle Knag fort »Ich wünſche Ihnen einen guten Morgen, und Dank für Ihre ungemeine Artigkeit und feine Behandlung;⸗ entgegnete Fräulein La Creevy. So endigte die Zuſammenkunft, in welcher die beiden Mädchen ſehr gezittert hatten und außerordentlich höf⸗ lich geweſen waren; was gewiſſe Zeichen ſind, daß ſie nahe daran waren, in einen heftigen Zank zu gerathen. Fräulein La Creevy eilte aus dem Zimmer hinaus und auf die Straße. »Ich möchte wiſſen, wer die alte Jungfer iſt,« dachte die kleine La Creevy.„Eine allerliebſte Perſon! Ich wollte, ich könnte ſie malen; die wollte ich abconterfeien!“ Damit glaubte ſie der Mademoiſelle Knag etwas unge⸗ mein Schlimmes gewünſcht zu haben, denn ſie lachte laut und ging ſehr gut gelaunt nach Hauſe zum Früh⸗ ſtück. Es war ein großer Vortheil, daß ſie ſo lange allein gelebt hatte. Das kleine queckſilbrige, lebhafte, freundliche Weſen lebte ganz in ſich ſelbſt, ſprach mit ſich ſelbſt, machte für ſich die beißendſten Bemerkungen über die Leute, welche ſie beleidigten oder die ihr ſonſt nicht zuſagten, geſiel ſich ſelbſt und that Niemandem etwas zu Leide. Sagte ſle den Leuten auch Böſes nach, ſo litt doch Niemandes Ruf darunter, und wenn ſie ſich eine kleine Rache er⸗ laubte, ſo empfand es Niemand. Die arme Künſtlerin gehörte zu den Vielen, für welche London, da ſie ſich ihrer Armuth wegen nicht in der Geſellſchaft bewegen können, die ſie ſich wünſchen, und in die Geſellſchaft 54 Nicolaus Nickleby. nicht miſchen mögen, welche ſie haben könnten, eine ſo vollkommene Einöde iſt, wie die Wüſten Syriens; ſie war ihren Weg viele Jahre lang einſam und zufrieden gewandert, und hatte, bis das beſondere Unglück der Familie Nickleby ihre Aufmerkſamkeit erregte, keine Freunde, obgleich ihr Herz von den freundſchaftlichſten Geſinnungen gegen Jedermann überſtrömte. Gar viele warme Herzen müſſen ſo einſam ſchlagen, wie das des armen Fräuleins La Creevy. Doch das gehört nicht hierher. Sie ging nach Hauſe zum Frühſtück, und hatte kaum von der erſten Taſſe Thee genippt, als die Magd einen Herrn meldete. Fräu⸗ lein La Creevy, die eine neue Kunde erwartete, konnte ſich gar nicht zufrieden geben, daß das Theegeſchirr noch daſtand. „Da, nimm es mit fort, lauf damit in das Schlaf⸗ zimmer oder wohin Du ſonſt willſt,“ ſagte Fräulein La Creevy.»Daß ich gerade heute ſo ſpät frühſtücken muß, während ich drei Wochen lang von halb neun Uhr an bereit war und keine Seele erſchien.“« „Ich bitte, laſſen Sie ſich nicht ſtören,« ſprach eine Stimme, welche Fräulein La Creevy kannte.»Ich ſagte der Magd, ſie möge meinen Namen nicht nennen, weil ich Sie zu überraſchen wünſchte. ⸗ »Herr Nicolaus!« rief Fräulein La Creevy, die in großer Verwunderung aufſprang. „Sie haben mich alſo doch nicht vergeſſen,« erwiederte Nicolaus, indem er ihr ſeine Hand reichte. „Ach, ich würde Sie erkannt haben, wenn ich Ihnen auf der Straße begegnet wäre,“ ſagte Fraͤnlein La Creevy lächelud.»Hanne, noch eine Taſſe! Aber nun muß ich Ihnen gleich etwas ſagen; wiederholen Sie die Kühn⸗ Nicolaus Nickleby. 55 heit nicht, deren Sie ſich an dem Morgen ſchuldig mach⸗ ten, als Sie abreiſeten.⸗ »Sie würden darüber nicht ſehr böſe ſein,« ſagte Nicolaus. »Ich würde nicht?« ſagte Fräulein La Creevy. „Verſuchen Sie es einmal.«⸗ „ Nicolaus nahm mit gebührender Galanterie Fräu⸗ lein La Creevy ſogleich bei dem Worte und küßte ſie; ſie machte einen Verſuch zum Schreien und ſchlug ihm in das Geſicht, aber der Schlag war nicht ſehr fühlbar.« »In meinem Leben ſah ich keinen ſo kecken Menſchen!⸗ rief Fräulein La Creevy. »Sie ſagten mir, ich möge es verſuchen,« antwortete Nicolaus. „»Das ſagte ich ironiſch,« entgegnete Fräulein La Creevy. »O dann iſt es etwas anderes!« meinte Nicolaus; „das hätten Sie mir vorher ſagen ſollen.« »Sie wußten das, auch ohne daß ich es Ihnen ſagte,⸗ entgegnete Fräulein La Creevy.»Aber Sie ſind mage⸗ rer geworden, ſeit ich Sie das Letztemal ſah, und Ihr Geſicht iſt blaß. Warum haben Sie Yorkſhire ver⸗ laſſen?« Sie hielt inne, denn es ſprach aus ihrem Tone ſo viel Theilnahme, daß Nicolaus ganz gerührt wurde. »Es iſt kein Wunder, wenn ich mich etwas verän⸗ dert habe,« entgegnete er nach einer kurzen Pauſe, „denn ich habe Körper⸗ und Seelenleiden geduldet, ſeit ich London verließ. Ich bin ſehr arm geweſen und der Mangel hat mich ſehr gedrückt.« 3 »Gott im Himmel, Herr Nicolaus!« rief Fräulein La Creevy;»was ſagen Sie?⸗ »Ich kam jedoch nicht hierher, um über mein Schick⸗ 56 Nicolaus Nickleby. ſal zu klagen, ſondern wegen einer ganz andern Sache. Ich möchte meinem Oheim gegenübertreten. Ich mußte Ihnen dies vorausſagen.« „Dann habe ich weiter nichts zu ſagen, als daß ich Sie nicht beneide,« antwortete Fräulein La Creevy; „ſchon wenn ich mit ſeinen Stiefeln in einem und dem⸗ ſelben Zimmer ſein müßte, würde ich auf vierzehn Tage meine Heiterkeit verlieren.« „So weit durften wir ſo ziemlich einer Meinung ſein,⸗ ſagte Nicolaus,»Sie werden aber auch einſehen, daß ich wünſchen muß, mich zu rechtfertigen und ihm ſeine Schlech⸗ tigkeit vorzuhalten.« „»Das iſt etwas anderes,«⸗ entgegnete Fräulein La Creevy.»Gott vergieb mir die Sünde, aber ich würde mich nicht eben grämen, wenn ihn der Schlag darüber rührte.« »„Ich ging deshalb heute Morgen zu ihm,« fuhr Ni⸗ colaus fort.»Er iſt erſt am Sonnabend von London zurückgekommen und ich erfuhr dies ſpät in vergangener Nacht.« 1 »Sahen Sie ihn?« fragte Fräulein La Creevy. „Nein,« antwortete Nicolaus.»Er war ausgegangen.⸗ »Ha, wahrſcheinlich in irgend einer mildthätigen Ab⸗ ſicht,« meinte Fräulein La Creevy. »Ich habe Urſache,« fuhr Nicolaus fort,»nach dem, was mir ein Freund ſagte, der ihn genau kennt, zu glau⸗ ben, daß er die Abſicht hat, meine Mutter und Schwe⸗ ſter heute zu beſuchen und ihnen nach ſeiner Art das Vorgefallene zu erzählen. Da will ich ihn denn treffen.“« „»Das iſt Recht,« ſagte Fräulein La Creevy, indem ſie ſich die Hände rieb,—»und doch, ich weiß nicht,“ ſetzte ſie hinzu, viſt es doch noch zu bedenken, anderer Perſo⸗ nen wegen.« Nicolaus Nickleby. 57 »Auch ich habe daran gedacht,« fuhr Nicolaus fort; vaber nichts kann mich abhalten, da meine Ehre und Ehrlichkeit auf dem Spiele ſtehen.« »Das müſſen Sie freilich am beſten wiſſen,« bemerkte Fräulein La Creevy. »Das hoffe ich,« antwortete Nicolaus,»und ich er⸗ ſuche Sie, meine Mutter und Schweſter auf meine An⸗ kunft vorzubereiten. Sie glauben, ich ſei weit von ih⸗ nen, und wenn ich ſo ganz unerwartet komme, könnten ſie erſchrecken. Wenn Sie ſo viel Zeit entbehren können, um ihnen zu ſagen, Sie hätten mich geſehen und ich würde in einer Viertelſtunde bei ihnen ſein, ſo erwieſen Sie mir einen großen Gefallen.« »Könnte ich Ihnen oder den Ihrigen nur einen grö⸗ ßern thun,« ſagte Fräulein La Creevy,»aber die Macht, jedem Andern gefällig zu ſein, iſt ſo ſelten mit dem Wil⸗ len, wie der Wille mit der Macht vereint.« Während ſo Fräulein La Creevy ſehr ſchnell und ſehr viel ſprach, trank ſie doch dabei ihren Thee; dann räumte ſie das Theegeſchirr weg, ſetzte ihren Hut wieder auf, nahm den Arm unſers Freundes Nicolaus und machte ſich ſogleich mit ihm auf den Weg nach der City. In der Nähe der Wohnung ſeiner Mutter verließ ſie Nico⸗ laus und verſprach, in einer Viertelſtunde zurückzukommen. Zufällig war Ralph Nickleby, der es endlich nach ſei⸗ nen Abſichten für gerathen hielt, die Schändlichkeiten, deren ſich Nicolaus ſchuldig gemacht haben ſollte, mitzu⸗ theilen(ehe er auf Geſchäfte ſich nach einem andern Stadttheile begebe, wie Newman Noggs vermuthet hatte), geradenwegs zu ſeiner Schwägerin gegangen. Fräulein La Creevy fand alſo, als ſie eintrat, Madame Nickleby und Käthchen in Thränen, während Ralph ſeine Erzählung von der ſchlechten Aufführung ſeines Neffen 58 Nieolaus Nickleby. eben beſchloß. Käthchen winkte ihr zu bleiben und Fräͤu⸗ lein La Creevy ſetzte ſich ſchweigend nieder. „Sie ſind ſchon hier?« dachte die Kleine;»dann mag er ſich ſelbſt anmelden, und wir wollen ſehen, welchen Eindruck das auf ſie macht.“« „Das iſt ſchön,« ſagte Ralph, indem er den Brief des Fräulein Saueer zuſammenlegte,„ſehr ſchön. Ich empfahl ihn— gegen meine Ueberzeugung, denn ich wußte, daß er ſich nicht zum beſten betragen würde— einem Manne, bei dem er ſich Jahrelang hätte wohlbe⸗ finden können. Und was geſchieht? Er beträgt ſich auf eine Art, die ihn ins Zuchthaus bringen kann.« „Ich kann es nicht glauben,« ſagte Käthchen empört, „ich kann es nicht glauben. Es iſt eine niederträchtige Intrigue, die ſich ſelbſt verräth.« „Liebes Kind,« ſagte Ralph,»Du thuſt dem würdigen Manne unrecht. Die Sache iſt nicht erfunden; der Mann iſt üͤberfallen worden und Dein Bruder nirgends zu finden, der Junge, von dem ſie ſprechen, iſt mit ihm fort,— be⸗ denke doch.« „Es iſt nicht möglich!« rief Käthchen.»Nicolaus— und ein Dieb! Mutter, kannſt Du ſo etwas mit an⸗ hören?« Die arme Madame Nickleby, die ſich nie durch einen beſonders hellen Verſtand ausgezeichnet hatle, und durch die neuliche Veränderung in ihren Umſtänden vollends faſt betäubt worden war, antwortete hinter einem großen Taſchentuche hervor weiter nichts, als daß ſie es nie für möglich gehalten haben würde und überließ es den Zu⸗ hörern, ob ſie glauben wollten, ſie halte es auch jetzt noch für unmöglich. „»Es würde meine Pflicht ſein, ihn der Gerechtigkeit zu überliefern, wenn er mir in den Weg kommt,“« ſagte —₰ —2 Nicolaus Rickleby. 59 Ralph;»als Geſchäftsmann und Staatsbürger könnte ich eigentlich nicht anders; aber,« fuhr er fort, während er Käthchen verſtohlen aber feſt anblickte,»ich werde es nicht thun,— ſeiner Schweſter wegen und ſeiner Mut⸗ ter,« ſetzte er nach einiger Zeit hinzu. Käthchen verſtand es ſehr wohl, daß ſie dadurch be⸗ ſtochen werden ſollte, das ſtrengſte Stillſchweigen über das zu beobachten, was in der vorigen Nacht geſchehen war. Unwillkürlich ſah ſie Ralph an, als derſelbe aufge⸗ hört hatte zu ſprechen, aber er wendete ſeine Augen ab, und ſchien einen Augenblick gar nicht zu wiſſen, daß ſie zugegen ſei. »Alles,« ſagte Ralph nach einer langen Pauſe, in welcher man nur das Schluchzen der Madame Nickleby gehört hatte,»Alles vereinigt ſich, um die Wahrheit die⸗ ſes Briefes zu beſtätigen, wenn es ja möglich wäre, die⸗ ſelbe in Zweifel zu ziehen. Stehlen ſich Unſchuldige von ehrlichen Leuten weg und verbergen ſich wie Geächtete? Verführen unſchuldige Kinder und ziehen im Lande herum wie Spitzbuben? Mißhandlung, Verführung, Diebſtahl, du lieber Gott! was bedeutet das?« „Eine Lüge!« rief eine zornige Stimme, während die Thür aufgeriſſen wurde, und Nicolaus mitten in das Zimmer trat. In der erſten Ueberraſchung, vielleicht auch in der er⸗ ſten Furcht ſtand Ralph auf und prallte ein Paar Schritte beſtürzt über dieſe plötzliche Erſcheinung zurück. Im näch⸗ ſten Augenblicke ſtand er aber feſt und unbeweglich mit übereinandergeſchlagenen Armen da, und ſah ſeinen Nef⸗ fen mit einem Blicke tödtlichen Haſſes an, während Käth⸗ chen und Fräulein La Creevy ſich zwiſchen Beide ſtürzten, um eine Gewaltthat zu verhindern, welche das wüthige Weſen Nicolaus' zu drohen ſchien. 60 Nicolaus Nickleby. „Lieber Nicolaus!« rief ſeine Schweſter, indem ſie ſich an ihn klammerte,»ſei ruhig, bedenke—« »Bedenke, Käthchen,« entgegnete Nicolaus, indem er in ſeinem Zorne ihre Hand ſo feſt drückte, daß ſie den Schmerz kaum zu ertragen vermochte;»wenn ich Alles bedenke und überlege, was geſchehen iſt, ſo müßte ich von Stahl ſein, könnte ich ruhig bleiben.«⸗ »Eine eiſerne Stirn gehört allerdings dazu, ſo aufzu⸗ treten,« entgegnete Ralph ruhig. »Ach, lieber Sohn,« rief Madame Nickleby,»daß ſo etwas gerade jetzt geſchehen mußte!« »Wer ſpricht in einem Tone, als wenn ich etwas Un⸗ rechtes gethan und Euch Schande gebracht hätte?« ent⸗ gegnete Nicolaus, indem er ſich umdrehte. »Deine Mutter, Menſch,« antwortete Ralph, indem er nach ihr wies. »In deren Herz Sie Gift gegoſſen haben,« ſagte Ni⸗ colaus,»Sie, der Sie unter dem Vorwande, den Dank zu verdienen, den ſie gegen Sie ausſprach, jede Schande und Schmach auf mich gehäuft haben; Sie, der Sie mich in eine Hölle ſchickten, wo die ſchändlichſte, Ihrer würdige Grauſamkeit getrieben und die Jugend vergiftet wird. Ich rufe Gott zum Zeugen an,« fuhr Nicolaus fort, indem er ſich rund umſah,„daß ich ſolche Dinge geſehen habe und dieſer Mann es weiß.« »Widerlege dieſe Verläumdungen,« ſagte Käthchen, »und ſei ruhiger, damit Du auch den Schein meideſt. Erzähle, was Du wirklich thateſt, und zeige, daß man gelogen hat.« »Weſſen hat er, hat man mich beſchuldigt?« fragte Nicolaus. »Zuerſt, daß Du Deinen Prinzipal überfallen und Dich faſt zum Mörder gemacht haſt,« fiel Ralph ein. Nicolaus Rickleby. 61 „Ich rede von der Leber weg, junger Menſch, tobe, wie Du willſt.« »Ich ſchritt ein,« ſagte Nicolaus,»um einen armen Knaben der empörendſten Grauſamkeit zu entreißen. Dabei erhielt ein erbärmlicher Menſch eine Züchtigung, die er ſobald nicht vergeſſen wird, ob er gleich eine noch weit härtere verdient hatte. Sollte derſelbe Auftritt noch einmal vorkommen, ſo würde ich nochmals ſo handeln, wie ich gehandelt habe, aber weit kräftiger zuſchlagen, daß er die Spuren davon mit in das Grab nehmen ſollte, wenn er auch noch ſo lange lebte.« »Hören Sie?« ſagte Ralph zu Madame Nickleby. „Das iſt Reuel« »Ach,« rief Madame Nickleby,»ich weiß nicht, was ich denken ſoll, ich weiß es wirklich nicht.« »Mutter, ſprich jetzt nicht, ich bitte Dich,« ſagte Käth⸗ chen.»Lieber Nicolaus, ich erzähle Dir bloß, damit Du weißt, was die Bosheit der Menſchen erſinnt, aber ſie beſchuldigen Dich,— es fehlt ein Ring, und ſie wagen zu behaupten, Du—« »Das Weib,« antwortete Nicolaus ſtolz,„die Frau des Mannes, von dem dieſe Beſchuldigungen ausgehen, ließ— wie ich vermuthe— einen werthloſen Ring un⸗ ter meine Sachen an dem Morgen fallen, als ich mich aus dem Hauſe entfernte. Wenigſtens weiß ich, daß ſie in dem Schlafzimmer war und ſich mit einem unglückli⸗ chen Kinde herumzerrte, und daß ich ihn fand, als ich mein Bündel unterwegs aufmachte. Ich ſchickte ihn ſo⸗ gleich mit der Poſt zurück und ſie haben ihn jetzt.« »Ich wußte es! ich wußte es!« rief Käthchen mit ei⸗ nem Blicke auf ihren Onkel.»Und der Knabe, lieber Bruder, mit dem Du fortgegangen ſein ſollſt?« „Dieſer Knabe, der durch Mißhandlung ſchwach und 62 Nicolaus Nickleby. faſt dumm geworden, iſt noch bei mir,⸗ antwortete Ni⸗ colaus. »Hören Sie?« ſagte Ralph zu der Mutter,»Alles bewieſen, ſelbſt durch ſein eigenes Geſtändniß. Wirſt Du den Knaben zurüͤckgeben?« „»Nein,« antwortete Nicolaus. »Nicht?« fragte Ralph höhniſch. »Nein,« wiederholte Nicolaus,»wenigſtens nicht an den Mann, bei welchem ich ihn fand. Ich möchte wiſ⸗ ſen, wem er ſein Leben zu verdanken hat; ich wollte ihm das Gewiſſen rühren, wenn er auf die Stimme der Na⸗ tur nicht hörte.⸗ »Wirklich?« ſprach Ralph.»Nun wirſt Du wohl aber auch ein Paar Worte von mir anhören.⸗ »Sie können ſprechen, wann es und was Ihnen ge⸗ fällig iſt,« erwiederte Nicolaus, indem er ſeine Schweſter küßte.»Ihre Worte oder Drohungen ſind mir ſehr gleich⸗ gültig.“« »Wohl möglich,« entgegnete Ralph,»andere Leute könnten es aber doch der Mühe werth halten, darauf zu hören und darüber nachzudenken. Ich werde mich an Deine Mutter wenden, welche die Welt kennt.« »Ach ja, wollte Gott, ich hätte ſie nicht kennen ge⸗ lernt!« ſchluchzte Madame Nickleby. Der Umfang ihrer Erfahrung und Weltkenntniß war jedoch wenigſtens ſehr unbeſtimmt; ſo ſchien auch Ralph zu denken, denn er lächelte, als er dies ſagte. Dann ſah er abwechſelnd ſie und Nicolaus an und ſprach: »Ich ſage kein Sylbe von dem, was ich für Sie, Madame, und meine Nichte gethan habe oder zu thun gedachte. Ich habe nichts verſprochen, und ſo mögen Sie ſelbſt urtheilen. Ich will jetzt auch nicht drohen, aber das ſage ich, daß der eigenſinnige, liederliche Burſche da * * Nicolaus Nickleby. 63 keinen Pfennig von meinem Gelde und keinen Biſſen von meinem Brote bekommen wird, und könnte ich ihn damit vom Galgen retten. Ich will ihn nicht mehr ſehen, ſei⸗ nen Namen nicht mehr hören; ich mag ihm nicht helfen und Denen nicht, die ihm beiſtehen. Ob er gleich recht gut weiß, was er durch ſeine That über Sie gebracht hat, kommt er doch zurück, um Ihre Sorgen zu vermeh⸗ ren, Ihnen zur Laſt zu fallen und von dem geringen Ver⸗ dienſt ſeiner Schweſter zu zehren. Ich bedaure, daß ich Sie verlaſſen muß, noch mehr bedaure ich, meine Nichte verlaſſen zu müſſen, aber ich will dieſen Menſchen in ſi⸗ ner Lebensweiſe nicht beſtärken, und da ich nicht verlan⸗ gen kann, daß Sie ihn verſtoßen, ſo werden Sie mich nicht wieder ſehen.« Wenn Ralph ſeine Macht, die, welche er haßte, zu verwunden, nicht gekannt und gefühlt hätte, ſo würden ſie ihm ſeine Blicke auf Nicolaus während dieſer Anrede deutlich genug gezeigt haben. So unſchuldig der junge Mann auch war, ſo ging ihm doch jedes dieſer wohlbe⸗ dachten bitteren Worte durch und durch, und als Ralph ſein Geſicht bleich werden, ſeine Lippen zittern ſah, er⸗ kannte er es, wie gut er die Pfeile gewählt hatte, die ein junges edles Herz verwunden. „»Ich kann mir nicht helfen,« ſagte Madame Nickleby; vich weiß es, daß Sie ſehr gütig gegen uns waren und es mit meiner lieben Tochter gut meinten. Aber, Sie wiſſen es, Schwager, verſtoßen kann ich meinen eigenen Sohn nicht, hätte er auch alles gethan, was Sie von ihm ſagen,— nein, ich kann es nicht, und ſo müſſen wir unſerm Unglücke entgegengehen, liebes Käthchen. Ich kann es ertragen, ich weiß es.⸗ Waͤhrend ſie dieſe Worte und noch viele andere unzuſammenhaͤngende ſprach, die keine menſchliche Macht außer der Madame Nickleby zuſammen 64 Nicolaus Nickleby. zu bringen vermocht hätte, rang ſie wie verzweifelt die Hände, und ihre Thränen überſtrömten ihre Wangen. »Wie kannſt Du nun ſagen,'wenn Nicolaus gethan hätte, was er gethan haben ſoll, Mutter?« fragte Käth⸗ chen mit wirklichem Unwillen.»Du weißt ja, daß er es nicht gethan hat.« »Ich weiß nicht, was ich denken ſoll, dies oder jenes, liebe Tochter, antwortete Madame Nickleby;»Nicolaus iſt ſo heftig, und Dein Onkel bleibt ſo ruhig, daß ich nur hören kann, was er ſagt, nicht was Nicolaus ſagt. Wir wollen nicht mehr davon reden. Wir können ja in das Ar⸗ beitshaus gehen oder um Aufnahme in dem Armenhauſe bit⸗ ten, und je eher wir es thun, deſto beſſer wird es ſein.« Und Madame Nickleby ließ ihren Thränen wiederum freien Lauf. »Halt!« rief Nicolaus, als Ralph gehen wollte.»Sie dürfen dieſen Ort nicht verlaſſen, denn er ſoll von mei⸗ ner Gegenwart befreit werden, und es wird eine lange Zeit vergehen, ehe ich dieſe Schwelle wieder betrete.« »Nicolaus,« rief Käthchen, indem ſie ſich in des Bru⸗ ders Arme warf,»ſprich nicht ſo. Theuerſter Bruder, Du wirſt mir das Herz nicht brechen wollen. Mutter, rede ihm doch zu. Rechne es ihr nicht an, Nicolaus; ſie meint es nicht ſo. Onkel, um Gotteswillen, reden Sie mit ihm.« „»Liebes Käthchen,« antwortete Nicolaus gerührt, ves war nie mein Wille, bei Euch zu bleiben. Ich kann die Stadt vielleicht ein Paar Stunden eher verlaſſen, als ich es eigentlich wollte, aber was iſt dies? Wir werden einander deshalb doch nicht vergeſſen, und es wird wie⸗ der eine beſſere Zeit kommen, in der wir wieder bei ein⸗ ander ſein können. Faſſe Dich, Käthchen,« flüſterte er ihr zu,»damit ich den Muth nicht verliere, wann er es ſieht.⸗ »Nein, nein, Du darfſt uns nicht verlaſſen! Ach, Nicolaus Nickleby. 65 denke an alle die glücklichen Tage, die wir mit einander verlebt haben, ehe das Unglück uns betraf; gedenke der Freuden der Heimath und der Prüfungen, die wir jetzt zu ertragen haben; bedenke, daß wir keinen Beſchützer haben, und Du wirſt uns nicht allein zurücklaſſen, um Spott und Schmach zu tragen, die den Armen ſo reich⸗ lich zu Theil werden.« »Ihr werdet Unterſtützung finden, wenn ich fort bin,« antwortete Nicolaus ſchnell;»ich kann Euch kein Helfer und kein Beſchützer ſein; ich würde Euch nichts als Sorgen, Noth und Mangel bringen. Die Mutter ſieht es ein, und ihre Liebe zu Dir, ihre Beſorgniſſe um Dich deuten mir den Weg an, den ich einzuſchlagen habe. Alſo, alle guten Engel mögen Dich behüten, mein Käth⸗ chen, bis ich eine Heimath gefunden habe, in die ich Dich einführen kann, in der wir das Glück, das uns jetzt verſagt iſt, wieder genießen und von den überſtan⸗ denen Prüͤfungen ſprechen können. Lebe wohl, theure Schweſter!« Die Arme, die ihn umſchlungen und feſtgehalten hat⸗ ten, ſanken, und Käthchen wurde an ſeiner Bruſt ohn⸗ mächtig. Nicolaus bog ſich einige Sekunden über ſie, ſetzte ſie ſanft auf einen Stuhl und überließ ſie ihrer Freundin. »Ich brauche Sie nicht erſt um Ihre Theilnahme zu bitten,« ſagte er, indem er derſelben die Hand drückte, „denn ich kenne Ihr Herz. Sie werden ſie nie ver⸗ geſſen.« Dann trat er zu Ralph, der noch immer in der er⸗ ſten Stellung daſtand und keinen Finger rührte. »Welchen Schritt Sie auch thun mögen,« ſagte er ſo leiſe, daß es außer ihnen Niemand hören konnte, vich werde es nie vergeſſen. Ich überlaſſe ſie Ihnen, wie Nicolaus Nickleby. IIl. 5 66 Nicolaus Nickleby. Sie es wünſchten. Früher oder ſpäter wird ein Tag der Rechenſchaft kommen, und wehe Ihnen, wenn ſie klagen.« Ralph ließ durch keinen Muskel ſeines Geſichtes ver⸗ rathen, daß er ein Wort von dieſer Anrede hörte. Er wußte kaum, daß geſprochen war, und Madame Nickleby hatte ſich eben entſchloſſen, ihren Sohn im Nothfalle mit Gewalt zurückzuhalten, als Nicolaus bereits ver⸗ ſchwunden war. Während er durch die Straßen ſeiner ſchlechten Woh⸗ nung zueilte und gleichſam mit dem Sturme ſeiner Ge⸗ danken Schritt zu halten ſuchte, erhoben ſich in ſeinem Herzen mancherlei Zweifel und Bedenken, und verſuchten ihn faſt, wieder umzukehren. Aber was würden die Sei⸗ nigen dadurch gewinnen?»Nein,« dachte Nicolaus,»es iſt ſo am beſten.« Ehe er jedoch fünfhundert Schritte gegangen war, regten ſich andere Gefühle in ihm; er zögerte von neuem, zog den Hut über die Augen und hing den trüben Ge⸗ danken nach, die ihn beſtürmten. Nichts verbrochen zu haben und doch ſo allein in der Welt zu ſtehen; von den einzigen Weſen getrennt zu ſein, die er liebte; ſich geächtet zu wiſſen gleich einem Verbrecher, während ihm noch vor ſechs Monaten alle Freuden lächelten und er für die größte Hoffnung ſeiner Familie galt,— ach, das war nicht zu ertragen, und er hatte es auch nicht ver⸗ dient. Aber eben dies tröſtete ihn, und der arme Nico⸗ laus fühlte ſein Herz bald erleichtert, bald belaſtet, je nachdem die ſchnell wechſelnden Gedanken ihm Licht oder Schatten brachten. In dieſem Wechſel von Hoffnung und Gram, den gewiß Jeder empfunden hat, dem das Glück nicht immer lächelte, gelangte Nicolaus endlich in ſeine ärmliche Woh⸗ ———-— 2 S. S Sͤ—OꝛS—,— Nicolaus Nickleby. 67 nung, wo er ſich auf ſein Bett warf, das Geſicht der Wand zukehrte und den Gefühlen, die ſein Herz beſtürm⸗ ten, freien Lauf ließ. Er hatte Niemanden eintreten hören und merkte die Anweſenheit Smike's nicht, bis er zufällig den Kopf em⸗ porrichtete, denſelben im Zimmer ſtehen und nach ihm hinblicken ſah. Smike wendete die Augen ab, als er ſah, daß er beobachtet wurde, und that, als beſchäftige er ſich mit der Zubereitung ihrer Mahlzeit. »Nun, Smike,« ſagte Nirolaus ſo freundlich, als es ihm möglich war, verzähle mir, welche neue Bekannt⸗ ſchaften Du dieſen Vormittag gemacht oder welches neue Wunderding Du in der Stadt entdeckt haſt.« »Nichts,« ſprach Smike, indem er traurig den Kopf ſchüttelte; vich muß Ihnen aber etwas Anderes ſagen.⸗ »So ſprich,« antwortete Nicolaus. »Ich weiß, Sie ſind unglücklich,« ſagte Smike,»und haben ſich große Ungelegenheit dadurch gemacht, daß Sie mich mit fortgenommen. Sie hätten thun ſollen, was Sie thaten, aber mich laſſen müſſen;— ich wäre auch geblieben, wenn ich damals daran gedacht hätte. Sie— Sie— ſind nicht reich,— Sie haben nicht genug für ſich ſelbſt, und ich ſollte nicht hier ſein. Sie werden,⸗ fuhr der Knabe fort, indem er ſchüchtern ſeine Hand in die Nickleby's legte, valle Tage bläſſer, und Ihre Augen ſinken immer tiefer. Das zu ſehen, kann ich nicht län⸗ ger ertragen mit dem Bewußtſein, daß ich Ihnen zur Laſt bin. Ich wollte heute ſchon einmal fortgehen, aber die Erinnerung an Ihr freundliches Geſicht hielt mich zurück. Ich konnte Sie nicht verlaſſen, ohne Abſchied von Ihnen zu nehmen.« Weiter konnte der arme Knabe nicht ſprechen, denn ſeine Augen füllten ſich mit Thränen und ſeine Stimme verſagte ihm. 5*† 68 Nicolaus Nickleby. „Das Wort, welches uns trennt,« antwortete Nico⸗ laus, indem er ſeine Hand freundlich auf des Knaben Achſel legte,»ſoll nie von mir ausgeſprochen werden, denn Du biſt mein einziger Troſt und meine Stütze. Um alle Schätze der Welt möchte ich Dich jetzt nicht verlieren. Der Gedanke an Dich hat mich in allem dem aufrecht erhalten, was ich heute gelitten habe, und er wird mich ferner aufrecht erhalten. Gieb mir Deine Hand! Mein Herz iſt an das Deinige gekettet. Ehe die Woche aus iſt, reiſen wir mit einander fort. Weil ich arm bin, willſt Du mich verlaſſen? Du erleichterſt mir die Armuth, und wir tragen ſie mit einander.⸗ Viertes Kapitel. Madame Mantalini kommt in eine etwas ſchwierige Stellung, und Fräulein Nickleby verliert die ihrige ganz und gar. Die Gemüthsbewegung, welche ſie erfahren, machte es Käthchen Nickleby drei Tage lang unmöglich, ihren Obliegenheiten in dem Putzeſchäfte nachzukommen; nach dieſer Zeit begab ſie ſich aber wieder zu der gewöhnlichen Stunde und mit modernem Schritt in den Tempel der Mode, in welchem Madame Mantalini unumſchränkt herrſchte. Die Abneigung der Mademoiſelle Knag hatte in der Zwiſchenzeit nichts von ihrer Stärke verloren, denn die jungen Mädchen hielten ſich noch immer ängſtlich von aller Gemeinſchaft mit ihrer verklagten Mitarbeiterin fern, und als jene exemplariſche Directrice wenige Minu⸗ Nicolaus Nickleby. 69 ten darauf ebenfalls erſchien, verbarg ſie das Mißfallen nicht, mit welchem ſie Käthchens Wiederkehr bemerkte. »Ich hatte wirklich geglaubt,« ſagte Mademoiſelle Knag, als die Mädchen ſich um ſie drängten, um ihr den Hut und den Shawl abzunehmen,»gewiſſe Leute würden ſo viel Einſicht haben, um ganz wegzubleiben, wenn ſie wiſſen, wie widerwärtig rechtſchaffenen Leuten ihre Ge⸗ genwart iſt. Aber es iſt eine verkehrte Welt, eine ver⸗ kehrte Welt!« Als Mademoiſelle Knag dieſen Ausſpruch über die Welt in demſelben Tone von ſich gegeben hatte, in wel⸗ chem die meiſten Leute ſich über die Welt ausſprechen, wenn ſie übeler Laune ſind, nämlich als gehörten ſie gar nicht zu dieſer Welt, ſchloß ſie mit einem Seufzer, mit welchem ſie ihr Bedauern über die Verdorbenheit der Menſchen ausdrücken zu wollen ſchien. Die übrigen Mädchen wiederholten, wie eben ſo viele Echo's, jenen Seufzer, und Mademoiſelle Knag ſchien eben noch einige andere moraliſche Betrachtungen aus⸗ ſprechen zu wollen, als die Stimme der Madame Man⸗ talini, durch das Sprachrohr, Fräulein Nickleby zum Aufräumen in dem Putzzimmer abrief, über welche Aus⸗ zeichnung Mademoiſelle Knag den Kopf ſo ſehr ſchüttelte und ſich ſo derb auf die Lippe biß, daß ihr auf einige Zeit das Sprechen unmöglich wurde. »Nun, Mademoiſelle Nickleby,« redete Madame Man⸗ talini Käthchen an,»ſind Sie wieder ganz wohl?« »Wenigſtens iſt mir es um vieles beſſer, ich danke Ih⸗ nen,« entgegnete Käthchen. »Ich wünſche, ich könnte daſſelbe ſagen,« bemerkte Madame Mantalini, indem ſie ſich höchſt betrübt ſetzte. »Sind Sie krank,« fragte Käthchen.»Es thut mir ſehr leid.« 70 Nicolaus Nickleby. „»Krank eigentlich nicht, aber kummervoll, Kind, kum⸗ mervoll,« antwortete Madame Mantalini. »Dann muß ich Sie noch mehr bemitleiden,« ſagte Käthchen theilnehmend,»denn körperliches Leiden läßt ſich noch leichter ertragen als Gemüths⸗Leiden.« »Ach ja, und noch leichter läßt es ſich davon reden,« erwiederte Madame, indem ſie ſich die Naſe ſehr ver⸗ drießlich rieb.»So, nun geh' an die Arbeit, Kind, und räume auf.« Während Käthchen bei ſich darüber nachdachte, was wohl dieſe Zeichen von ungewöhnlicher Verdrießlichkeit bedeuten möchten, ſteckte Herr Mantalini zuerſt die Spi⸗ tzen ſeines Schnurbartes, und darauf allmälig den Kopf durch die halb offen ſtehende Thür und rief mit zärtlicher Stimme: »Iſt mein Leben und meine Seele hier?« »Nein,« antwortete ſeine Frau. »Wie kannſt Du ſo ſprechen, da Du blühend hier in dem Zimmer ſtehſt wie eine Roſe in einem Blumentopfe?« entgegnete Mantalini.»Darf Deine Puppe hereinkom⸗ men und ſprechen?« »Nein, nein,« antwortete Madame,»Du weißt, daß ich Dich hier nicht dulde. Gehl« Die Puppe wagte jedoch, vielleicht ermuthigt durch den minder ſtrengen Ton dieſer Antwort, ungehorſam zu ſein, ſchlüpfte in das Zimmer herein, ſchlich auf den Zehen bis zu Madame Mantalini und raubte derſelben ſchnell einen Kuß. »Warum will ſie böſe ſein und ihr kleines Geſicht einem niedlichen Nußknacker ähmlich machen?« ſagte Mantalini, indem er den linken Arm um ſein Leben und ſeine Seele ſchlang und mit der rechten ſie an ſich zog. p △⏑ N àa N—9 RN+₰&⸗ Nicolaus Nickleby. 71 „Ach, geh, Du biſt unausſtehlich,« antwortete ſeine Frau. »Un— unausſtehlich? ich?« rief Mantalini.»Still, Poſſen! Kein lebendes Frauenzimmer vermag mir das in das Geſicht— in mein Geſicht zu ſagen.« Herr Man⸗ talini griff ſich bei dieſen Worten an das Kinn und blickte ſelbſtgefällig in den gegenüberſtehenden Spiegel. »Solche unmäßige Eitelkeit!« murmelte ſeine Frau vor ſich hin. 1 »Bloß aus Freude darüber, daß ich ein ſo liebens⸗ würdiges Weibchen, eine ſolche kleine Venus, eine ſolche bezaubernde, entzückende, beſtrickende, reizende kleine Ve⸗ nus gewonnen habe,« entgegnete Mantalini. »Ja, ſieh' nun auch, in welche Lage Du mich ge⸗ bracht haſt!« fiel ſeine Frau ein. „»Es wird, es ſoll meinem Engel kein Leid geſchehen;« erwiederte Herr Mantalini.»Es iſt alles vorbei, es wird nichts geſchehen; es wird Geld angeſchafft werden, und wenn es nicht ſchnell genug geht, ſo muß der alte Nick⸗ leby wieder herhalten, oder wehe ſeiner Kehle, wenn er meiner kleinen lieben—« „Still!« fiel Madame ein.»Siehſt Du nicht?« Herr Mantalini, der in ſeinem Eifer, ſeine Frau zu beruhigen, Fräulein Nickleby überſehen oder nicht beach⸗ tet hatte, verſtand den Wink, legte die Finger auf die Lippe und ſprach noch leiſer. Es wurde viel geflüſtert, und Madame Mantalini ſchien mehrmals gewiſſe Schul⸗ den, die Herr Mantalini früher gemacht, und ihre Be⸗ zahlung derſelben, ſo wie gewiſſe angenehme Schwach⸗ heiten dieſes Herrn zu erwähnen, als Spielen, Nichts⸗ thun, Wetten ꝛc. Jede dieſer Anklagen beſeitigte Herr Mantalini mit einem oder mehreren Küſſen, je nachdem ſie wichtig waren, und die Folge davon war, daß Ma⸗ 72 Nicolaus Nickleby. dame Mantalini ganz entzückt über ihn wurde und zum Frühſtuͤcke mit ihm fortging. Käthchen beſchäftigte ſich emſig mit ihrer Arbeit, und ordnete die verſchiedenen Artikel des Putzes nach ihrem beſten Geſchmacke, als ſie plötzlich durch die Stimme eines Mannes in dem Zimmer geſtört wurde und, indem ſie ſie ſich umſah, bemerkte, daß auch ein weißer Hut, ein rothes Halstuch, ein großes, rundes Geſicht, ein großer Kopf und ein Stück von einem grünem Rocke in dem Zimmer wareu. »Erſchrecken Sie nicht, Mamſellchen,« begann der Inhaber dieſer Gegenſtände, vich wollte nur fragen, ob hier die Putzhandlung iſt.« »Ja,« antwortete Käthchen ſehr verwundert.»Was wünſchen Sie?« Der Fremde antwortete nicht, ſondern ſah ſich erſt um, als winke er einer andern noch unſichtbaren Perſon draußen, und trat dann ſehr bedächtig in das Zimmer herein. Ihm folgte dicht auf dem Fuße ein Männchen in einem braunen ſehr abgetragenen Rocke, der einen Ge⸗ ruch von Taback und Zwiebeln mit ſich brachte. Der Anzug des kleinen Mannes hing voll von Federn, und ſeine Schuhe, Strümpfe und Hoſen von unten bis an den Bund waren reichlich mit Kothſpritzeln bedeckt,— noch von vierzehn Tagen her, ehe das gute Wetter eintrat. »Käthchen war anfangs der wohl ſehr natürlichen Meinung, dieſe liebenswürdigen Perſonen wären in der Abſicht gekommen, ſich unrechtmäßiger Weiſe diejenigen beweglichen und tragbaren Gegenſtände anzueignen, die ihnen gerade gefielen. Sie verſuchte auch nicht, dieſe Befürchtung zu verheimlichen, und machte eine Bewegung nach der Thür zu.. »Warten Sie doch ein Minütchen,« ſagte der Mann ———— Nicolaus Nickleby. 73 in dem grünem Rocke, indem er die Thür leiſe zumachte und ſich daran lehnte.»Es iſt eine unangenehme Sache. Wo iſt der Herr— Mantellene? Was iſt aus ihm ge⸗ worden? Iſt er zu Hauſe?« »Er iſt oben, glaube ich,« antwortete Käthchen, durch dieſe Frage etwas beruhigt.»Wollen Sie ihn ſprechen?« »Das iſt nicht gerade nöthig,« entgegnete der Unbe⸗ kannte,»wenn er nur giebt. Geben Sie ihm dieſe Karte und ſagen Sie ihm, wenn er mit mir ſprechen und ſich Ungelegenheiten erſparen wolle, ſo möge er kommen, ich ſei da.« Mit dieſen Worten übergab er Käthchen eine dicke viereckige Karte, wendete ſich dann an ſeinen Freund und bemerkte ganz ruhig, die Zimmer in dem Hauſe wären ſehr hoch. Dieſer Bemerkung ſtimmte der Freund auch bei und ſetzte zur Erläuterung hinzu, es ſei Raum genug, daß ein kleiner Knabe darin zum Manne heranwachſen könne, ohne fürchten zu müſſen, ſeinen Kopf jemals mit der Decke in Berührung zu bringen. Käthchen zog die Klingel, welche Madame Mantalini galt, blickte dann auf die Karte und ſah auf derſelben den Namen»Scaley« nebſt einigen Bemerkungen, die ſie noch nicht überleſen hatte, als ihre Aufmerkſamkeit durch den Herrn Scgaley ſelbſt in Anſpruch genommen wurde, der an einen der großen Stellſpiegel trat und mit ſeinem Stocke ſo derb in die Mitte deſſelben klopfte, als wäre er von Gußeiſen. »Gutes Glas das, Tir,« ſagte Herr Scaley zu ſei⸗ nem Freunde. »Ah,« entgegnete Tir, indem er ein Stück himmel⸗ blaues ſeidenes Zeug anfühlte,»der Artikel iſt auch nicht übel.« Von der Seide wendete ſich ſeine Bewunderung auf 74 Nicolaus Nickleby. einige elegante Artikel weiblichen Putzes, während Sca⸗ ley ſein Halstuch gemächlich vor⸗dem Spiegel zurecht⸗ zupfte und dann ein Blütchen an ſeinem Kinne beſah. Mit dieſer wichtigen Unterſuchung war er noch beſchäf⸗ tigt, als Madame Mantalini in das Zimmer trat und ein lautes»Ahl« der Ueberraſchung ausſtieß, das ihn weckte. »Iſt das die Madame?« fragte Scaley. »Es iſt Madame Mantalini,« antwortete Käthchen. »Ich habe da,« fuhr Scaley fort, indem er ein Pa⸗ pier aus der Taſche nahm und daſſelbe langſam ausein⸗ ander ſchlug,»eine Anweiſung zur Auspfändung, und wenn Sie nicht zahlen, ſo wollen wir gleich durch das Haus gehen und ein Verzeichniß von den Sachen auf⸗ nehmen.⸗ Die arme Madame Mantalini rang die Hände und klingelte ſodann ihrem Manne, worauf ſie auf einen Stuhl und zugleich in Ohnmacht ſank. Die beiden Män⸗ ner ließen ſich dadurch gar nicht ſtören, denn Scaley bog ſich über ein Geſtell, auf welchem eine prachtvolle Man⸗ tille hing(ſo daß ſeine Schultern darüber hinausragten, wie die Schultern der Dame darüber hinausgeragt ha⸗ ben würden, für welche ſie gearbeitet worden war), ſchob ſeinen Hut auf eine Seite und kratzte ſich ganz ruhig auf dem Kopfe, während ſein Freund Tir die Gelegen⸗ heit benutzte, vor dem eigentlichen Beginne des Geſchäf⸗ tes einen allgemeinen Ueberſchlag zu machen, mit dem Inventarbuche unter dem Arme und dem Hute in der Hand daſtand und in Gedanken jeden Gegenſtand taxirte, den er erblickte. So ſtanden die Sachen, als Herr Mantalini herein⸗ ſtürzte und, da er vor ſeiner Verheirathung in vielfache Berührung mit Herrn Scaley gekommen, auf den jetzi⸗ Nicolaus Nickleby. 75 gen Vorfall auch bereits vorbereitet war, bloß die Ach⸗ ſeln zuckte, die Hände tief in die Taſchen hineinſteckte, die Augenbrauen hinaufzog, den Anfang eines Liedchens pfiff, ein Paarmal ſchwur, ſich auf einen Stuhl ſetzte, die Füße weit vorſtreckte und mit großer Faſſung gute Miene zum böſen Spiele machte. »Was beträgt das Ganze?« fragte er zuerſt. »Funfzehnhundert ſiebenundzwanzig Pfund, vier Schillinge, neun Pence und einen halben Penny,« ant⸗ wortete Scaley, ohne ein Glied zu rühren. »Bleibt mir mit dem halben Penny vom Leibe,« rief Mantalini ungeduldig. »Wenn Sie es wünſchen, recht gern, auch mit den neun Pence,« entgegnete Scaley. „»Uns wäre es recht, wenn auch die 1527 Pfd. St. wegblieben,« fiel Herr Tir ein. »Kein Penny mehr,« meinte Scaley, der nach einer Pauſe fortfuhr:»Was ſoll geſchehen— etwas?— Nichts? Nun, lieber Tom Tirx, ſo müſſen Sie Ihre liebe Frau und liebe Familie benachrichtigen, daß Sie in den nächſten drei Nächten nicht zu Hauſe ſchlafen, ſondern hier bleiben würden.—»Was jammert die Frau?« fuhr Scaley fort, als Madame Mantalini ſchluchzte.»Die Hälfte von allem dem da iſt doch gewiß nicht bezahlt, und dies, ſollte ich meinen, könnte doch ein Troſt für ſie ſein.« Mit dieſer Bemerkung, die eben ſo ſpaßhaft als mo⸗ raliſch und tröſtend war, begann Herr Scaley, das In⸗ ventarium zu machen, wobei ihm der ungewöhnliche Tact und die Erfahrung des Herrn Tix ſehr zu Statten kamen. »Meine Schickſalsverſüßerin,« ſagte Mantalini, in⸗ dem er wie ein reuiger Sünder zu ſeiner Frau trat, willſt Du mich auf zwei Minuten anhören?« . 76 Nicolaus Nickleby. »Ach, laß mich,« antwortete ſie ſchluchzend;»Du haſt mich doch ins Unglück geſtürzt.« Mantalini, der ohne Zweifel ſeine Rolle wohl durch⸗ dacht, hatte kaum dieſe Worte in einem Tone des Grau⸗ ens und des Vorwurfes ausſprechen hören, als er einige Schritte zurückprallte, die Miene der äußerſten Verzweif⸗ lung annahm, kopfüber aus dem Zimmer ſtürzte, und wie man bald darauf zörte, die Thür im Wohnzimmer heftig zuwarf. »Mademoiſelle Nickleby,« rief Madame Mantalini, als ſie dies hörte,»eilen Sie um des Himmels willen, er thut ſich ein Leid an! Ich ſprach unfreundlich gegen ihn und das kann er von mir nicht ertragen. Ach Al⸗ fred, mein theurer Alfred!« Mit ſolchen Ausrufungen eilte ſie die Treppe hinauf. Käthchen folgte und war allerdings etwas unruhig, wenn ſie auch die Beſorgniſſe der zärklichen Gattin nicht theilte. Die Thür zum Wohnzimmer wurde raſch aufgeriſſen, und ſie ſahen den Herrn Mantalini, der den Hemdkra⸗ gen glatt zurückgeſchlagen hatte, ein Meſſer auf einem Riemen ſchärfen. »Ah,« rief Herr Mantalini,»geſtört!« Und raſch wanderte das Meſſer in ſeine Taſche, während ſeine Au⸗ gen wild rollten und ſein Haar in Unordnung ihm um den Kopf hing. »Alfred!« ſagte ſeine Gattin, indem ſie ihre Arme um ihn ſchlang, vich meinte es nicht ſo, ich meinte es nicht ſo.« „»Ins Unglück geſtürzt!« wiederholte Mantalini.»Habe ich das unſchuldigſte, das reinſte Weſen, das je einen Elenden beglückte, ins Unglück geſtürzt!« Bei dieſer Kriſis griff er wieder nach dem Meſſer in der Taſche und verſuchte, als ihn ſeine Frau daran hinderte, ſeinen Kopf Nicolaus Nickleby. 77 an die Wand zu rennen, ſah ſich aber wohl vor, daß er wenigſtens drei Ellen davon entfernt blieb. »Beruhige Dich, mein Engel,« ſagte Madame.»Es iſt Niemand beſonders daran Schuld, ich trage ſie ſo gut als Du; es wird aber doch auch weiter gehen. Komm, Alfred, komm.« Herr Mantalini hielt es nicht für zweckmäßig, ſo⸗ gleich zu kommen, nachdem er aber mehrmals nach Gift gerufen und verlangt hatte, es ſolle ihm irgend Jemand eine Kugel durch den Kopf jagen, gewannen ſanftere Gefühle wieder die Oberhand und er weinte ſehr pathe⸗ tiſch. In dieſer weicheren Stimmung widerſetzte er ſich der Wegnahme des Meſſers nicht, das er, die Wahrheit zu geſtehen, herzlich gern hingab, da es doch immer ge⸗ fährlich war, ein ſolches Inſtrument in der Taſche ſo nahe an der Haut zu haben, und endlich ließ er ſich von ſeiner zärtlichen Gattin fortführen. Nach einigen Stunden ſagte man den jungen Mäd⸗ chen, daß man ihrer Dienſte bis auf Weiteres nicht be⸗ dürfe, und nach zwei Tagen erſchien der Name Manta⸗ lini in der Liſte der Bankerotte. Fräulein Nickleby da⸗ gegen erhielt an demſelben Morgen durch die Poſt die Anzeige, daß das Geſchäft unter dem Namen der Ma⸗ demoiſelle Knag fortgeſetzt werden würde, ihre Mitwir⸗ kung dabei aber nicht nöthig ſei. Madame Nickleby er⸗ klärte, ſobald ſie dies erfahren, ſie habe es längſt erwar⸗ tet, und führte verſchiedene unbekannte Fälle an, in denen ſie ebenfalls richtig prophezeit habe. »Und ich ſage es noch einmal,« bemerkte Madame Nickleby(die, wie wir wohl kaum zu erwähnen brauchen, vorher nichts geſagt hatte),»ich ſage es noch einmal, das Putzmachergeſchäft iſt das allerletzte, zu dem Du Dich hätteſt wenden ſollen, Käthchen. Ich mache Dir 1 78 Nicolaus Nickleby. zwar keinen Vorwurf darüber, aber ich ſage es noch ein⸗ mal, hätteſt Du Deine Mutter um Rath gefragt—« »Nun, liebe Mutter?« fragte Käthchen ſanft,»was empfiehlſt Du mir nun?« »Was ich empfehle?« wiederholte Madame Nickleby; »von allen Beſchäftigungen in dieſer Welt, liebe Tochter, die ſich für ein junges Mädchen von Deinem Stande eignen, iſt wohl die einer Geſellſchafterin bei irgend einer freundlichen Dame das, für was Du nach Deiner Erzie⸗ hung, Deinem Benehmen, Deinem Aeußern und allem Uebrigen am beſten paſſeſt. Hörteſt Du Deinen lieben ſeligen Vater nie von dem jungen Mädchen erzählen, das in demſelben Hauſe wohnte, in welchem er wohnte, als er noch nicht verheirathet war?— Wie hieß ſie doch gleich? Der Name fing mit einem B an und endigte ſich mit einem g, aber ich weiß doch nicht, ob er Wa⸗ ters hieß oder— nein, ſo kann es nicht ſein, ge⸗ nug, ſie mag heißen wie ſie will, weißt Du nicht, daß jenes junge Mädchen Geſellſchafterin bei einer verheira⸗ theten Dame wurde, die bald darauf ſtarb, daß ſie den Mann dann heirathete und einen der hübſcheſten kleinen Knaben bekam, den man je geſehen,— alles in andert⸗ halb Jahren?2« Käthchen wußte recht wohl, daß dieſer Fluß von gün⸗ ſtigen Erinnerungen nicht zu hindern war, ſie wartete alſo geduldig, bis alle Erinnerungen und Anekdoten, die ſich auf dieſen Gegenſtand bezogen oder nicht, erſchöpft waren, und wagte endlich zu fragen, ob ſie vielleicht eine Entdeckung gemacht habe. Da kam denn die Wahrheit an den Tag. Madame Nickleby hatte dieſen Vormittag ein achtbares Zeitungsblatt von dem vorigen Tage zu⸗ fällig in die Hände bekommen, und in dieſem Zeitungs⸗ blatte befand ſich eine Ankündigung in dem reinſten und Nieolaus Nickleby. 79 ganz grammatikaliſch richtigen Engliſch, daß eine verhei⸗ rathete Dame ein gebildetes junges Mädchen als Geſeell⸗ ſchafterin ſuche, und daß der Name und die Wohnung dieſer Dame in einer gewiſſen genannten Bibliothek im Weſtende der Stadt zu erfahren ſei. »Und ich denke,« ſagte Madame Nickleby, indem ſie das Zeitungsblatt im Triumph weglegte,»wenn Dein Onkel nichts dagegen hat, machen wir wohl einen Verſuch.« Käthchen fühlte in Folge des heftigen Herumſtoßens in der Welt, das ſie bereits erfahren hatte, ſolches Weh im Herzen, und das Schickſal, das ihr noch vorbehalten ſein konnte, war ihr in dieſem Augenblicke ſo gleichgil⸗ tig, daß ſie keinen Einwand machte. Herr Ralph Nick⸗ leby machte ebenfalls keinen, im Gegentheil, er billigte den Entſchluß vollkommen; auch wunderte er ſich gar nicht über Madame Mantalini's ſchnellen Bankerott. Es wäre freilich ſeltſam geweſen, wenn er ſich darüber hätte wundern wollen, da er ihn durch ſein Drängen nach Geld hauptſächlich veranlaßt hatte. Der Name und die Adreſſe wurden deshalb ohne Verzug ermittelt, und Fräulein Nickleby und ihre Mutter machten ſich noch denſelben Vormittag auf, um Madame Wititterly, Cadoganplatz, Sloan⸗Straße, aufzuſuchen. Der Cadoganplatz iſt das einzige ſchwache Band, welches zwei gewaltige Ertreme verbindet, das Mittel⸗ glied zwiſchen dem ariſtokratiſchen Belgrave⸗Platze und dem rohen Chelſea. Die Leute am Cadogan⸗Platze hal⸗ ten ſich zur großen Welt; zwar ſtehen ſie nicht auf gleichem Fuße mit den Bewohnern von Belgrave und Grosvenor, aber zu denſelben doch in dem Verhältniſſe, wie die unehelichen Kinder der Großen, welche ſich gern ihrer Verwandten rühmen, wenn ſie auch von dieſen nicht anerkannt werden. Die Leute vom Endogan⸗ 80 Nicolaus Nickleby. Platze geben ſich ein gewaltig vornehmes Air, gehören aber eigentlich dem Mittelſtande an. Sie ſind gleich⸗ ſam das Band, welches die ſiameſiſchen Zwillinge ver⸗ bindet, etwas von dem Leben und dem Weſen beider Körper in ſich hat, aber doch keinem von beiden aus⸗ ſchließlich angehört. Auf dieſem zweifelhaften Boden lebte Madame Wi⸗ titterlh, und an der Hausthür derſelben klopfte Käth⸗ chen mit zitternder Hand an. Die Thür wurde von einem dicken Bedienten geöffnet, deſſen Kopf mit Mehl, Kalk oder ſonſt etwas beſtreuet war— wie echter Pu⸗ der ſah es nicht aus— und der dicke Bediente gab die Karte einem kleinen Pagen, der ganz mit kleinen Knöpfen bedeckt war. Dieſer kleine Page trug die Karte auf einem Präſentirteller die Treppe hinauf, und bis zu ſeiner Rückkunft wurden Käthchen und ihre Mutter in ein ziemlich ſchmutziges und ärmliches Speiſezimmer ge⸗ führt, das eher zu jedem anderen Zwecke zu paſſen ſchien als zu einem Speiſezimmer. Nach dem gewöhnlichen Gange der Dinge und nach allen authentiſchen Schilderungen der vornehmen Ge⸗ ſellſchaft in Büchern, hätte Madame Wititterly in ih⸗ rem Bondoir ſein ſollen; vielleicht raſirte ſich aber Herr Wititterly eben in dieſem Bondoir, oder es war ein anderes Hinderniß eingetreten, genug, Madame Witit⸗ terly gab in dem Geſellſchaftszimmer Audienz, worin alles, ſelbſt die Vorhänge und die Sopha⸗ und Stuhl⸗ überzüge von roſa Farbe war, damit ein zarter Wider⸗ ſchein auf Madame Wititterly's Geſicht falle, und wo ſich ein Hündchen, das zur Unterhaltung der Madame Wititterly die Fremden in die Waden knipp, nebſt dem vorher erwähnten Pagen befand, welcher der Madame Wititterly Chocolade zu reichen hatte. —8— Nicolaus Nickleby. 81 Die Dame ſah fad⸗ſüßlich, ſchmachtend⸗blaß und ziemlich verblühet aus, wie die Meubles verſchoſſen wa⸗ ren und ihren Glanz verloren hatten; das ganze Haus ſchien früͤher in beſſern Umſtänden geweſen zu ſein. Sie ruhete auf einem Sopha in eben ſo natürlicher Stel⸗ lung wie eine Tänzerin, welche in der erſten Scene ei⸗ nes Ballets aufzutreten hat und nur auf das Empor⸗ fliegen des Vorhanges wartet. »Nehmen Sie Platz.« Der Page ſetzte Stühle bereit. »Geh, Alphons.« Der Page verließ das Zimmer und Käthchen ſagte nach einer kurzen Pauſe:»ich habe zu ſtören gewagt, Madame, in Folge Ihrer Anzeige.“« „»Ja,« antwortete Madame Wititterly,»ich ließ ſie von einem meiner Leute in die Zeitung einrücken.— Ja.« 4 »Ich glaubte,« fuhr Käthchen beſcheiden fort,»Sie hätten vielleicht noch nicht gewählt, und würden mir eine Anfrage verzeihen.« »Ja,« antwortete Madame Wititterly wieder ſehr gedehnt. »Wenn Sie bereits gewählt haben—« »Nein, mein Kind, ich bin nicht ſogleich zufrieden geſtellt. Ich weiß wirklich nicht was ich ſagen ſoll. Sind Sie ſchon Geſellſchafterin geweſen?« Madame Nickleby, die nur auf eine Gelegenheit ge⸗ wartet hatte, ſiel ſchnell ein, ehe Käthchen antworten konnte.»In keiner fremden Familie, Madame,“« ſagte die gute Frau,»aber meine Geſellſchafterin iſt ſie einige Jahre geweſen. Ich bin ihre Mutter, Madame.“« »Ah,« antwortete Madame Wititterly, vich ver⸗ ſtehe.« Nicolaus Nickleby. III 6 82 Nicolaus Nickleby. »Ich verſichere Sie, Madame,« fuhr Käthchens Mutter fort,»daß ich früher nicht geglaubt habe, meine Tochter werde noch einmal unter die Leute gehen müſ⸗ ſen, denn ihr armer lieber Vater war ein wohlhabender Mann, und würde es noch jetzt ſein, hätte er in Zeiten. auf meine beſtändigen Bitten und—« »Liebe Mutter,« ſagte Käthchen leiſe. »Liebes Käthchen, wenn Du mich ſprechen laſſen willſt,« antwortete Madame Nickleby,»ſo werde ich mir die Freiheit nehmen, der Dame auseinanderzu⸗ ſetzen—« 3 »Das wird ganz unnöthig ſein, Mutter.⸗ Trotz dem Stirnrunzeln und dem Winken, womit Madame Nickleby andeutete, ſie wolle etwas ſagen, wodurch die Sache ſogleich abgemacht werden würde, behauptete Käthchen ihren Willen mit einem ausdrucks⸗ vollen Blicke, und Madame Nickleby konnte wieder nicht reden, obgleich es ihr das Herz abdrückte. »Was verſtehen Sie?« fragte Madame Wititterly mit geſchloſſenen Augen. Käthchen erwähnte erröthend ihre hauptſächlichſten Fähigkeiten, und Madame Nickleby zählte an den Fin⸗ gern nach, da ſie die Zahl ſchon vorher berechnet hatte. Zum Glück ſtimmte die Aufzählung und Madame Nickleby hatte alſo keinen Grund zum Sprechen. »Sie ſind von gutem Charakter?« fragte Madame Wititterly wieder, während ſie die Augen auf einen Au⸗ genblick aufſchlug, ſie aber ſogleich wieder ſchloß. »Ich hoffe es,« antwortete Käthchen. »Auch beſitzen Sie, wie ich hoffe, eine gute Em⸗ pfehlung?« Käthchen legte die Karte ihres Onkels auf den Tiſch. 2—= — ² ½$ 1 ⏑ Nicolaus Nickleby. 8³ »Haben Sie die Güte, Ihren Stuhl etwas näher zu mir zu rücken, damit ich Sie genauer ſehen kann,⸗ fuhr Madame Wititterly fort;»ich bin ſo kurzſichtig, daß ich von hier aus Ihre Züge nicht erkennen kann.⸗ Käthchen gehorchte, wenn auch mit einiger Verle⸗ legenheit, und Madame Wititterly hielt mit mattem Blicke eine Muſterung ihres Geſichtes, was zwei bis drei Minuten währte. »Ihr Ausſehen gefällt mir,« ſagte die Dame dar⸗ auf, indem ſie klingelte.»Alphons, bitte doch Deinen Herrn, hierher zu kommen.« Der Page verſchwand nach dieſem Auftrage, und nach einer kurzen Zeit, in welcher von beiden Seiten kein Wort geſprochen wurde, öffnete ſich die Thür, um einen Mann von etwa achtunddreißig Jahren und ei⸗ nem ziemlich gemeinen Geſichte und ſehr wenig Haar auf dem Kopfe einzulaſſen, der ſich einige Augenblicke über Madame Wititterly bog und mit derſelben flüſterte. »Ah,« ſagte er, indem er ſich umſah,„»ja. Es iſt eine ſehr wichtige Sache. Madame Wititterly iſt ſehr reizbarer Natur, ſehr zart und kränklich, eine Treib⸗ hauspflanze, ein ſeltenes, erotiſches Gewächs.“« »Ach, lieber Heinrich!« fiel Madame Wititterly ein. „»Das biſt Du, mein Engel, Du weißt es, daß Du es biſt; ein Hauch—« ſagte Herr Wititterly und that als blaſe er eine Feder weg—»puh! und Du biſt nicht mehr.« Die Dame ſeußzte. „Dein Geiſt iſt zu groß für Deinen Körper,« fuhr Wititterly fort;»Dein Verſtand reibt Dich auf, alle Aerzte ſagen es; Du weißt es, jeder Arzt iſt ſtolz dar⸗ auf, zu Dir gerufen zu werden. Und was erklären ſie einſtimmig?„Mein lieber Doktor,“ ſagte ich zu Sir 6* 8⁴ Nicolaus Nickleby.— Tumley Snuffim hier in dieſem Zimmer das Letztemal als er hier war. Sind es die Nerven?—„Mein lieber Mann,“ antwortete er, Sie können ſtolz auf dieſe Frau ſein; halten Sie dieſelbe hoch, ſie iſt eine Zierde für die faſhionable Welt und für Sie. Ihr Leiden iſt der Geiſt. Er dehnt ſich aus, ſchwillt auf, breitet ſich, — das Blut wird heiß, der Puls ſchlägt raſch und raſcher, die Aufregung wächſt—»hier zog Herr Witit⸗ terly, der im Feuer der Beſchreibung mit der rechten Hand ganz nahe an Madame Nickleby's Hut gekom⸗ men war, dieſelbe zurück und ſchnaubte ſich ſo gewaltig, als geſchähe es mit einer Dampfmaſchine. „»Du machſt es ſchlimmer als es iſt, Heinrich,« ent⸗ gegnete Madame Wititterly mit einem ſchwachen Lä⸗ cheln. „Das thue ich nicht, Julie, nein,« ſagte Herr Wi⸗ titterly.»Die Geſellſchaft, in welcher Du Dich be⸗ wegſt,— wegen Deiner Stellung, Deiner Verwandt⸗ ſchaft und Deines Geiſtes Dich nothwendig bewegen mußt,— iſt ein Wirbel der höchſten Aufregung. Möge mir Gott helfen, wenn ich jemals die Nacht vergeſſe, in welcher Du auf dem Wahlballe mit dem Neffen des Baronets tanzteſt! Es war unglaublich.« »Ich leide nach ſolchem Triumphe ſtets,« meinte Madame Wititterly. „Eben deswegen,« ſetzte der Herr Gemahl hinzu, »mußt Du eine Geſellſchafterin haben, die höchſt ſanft und zartfü hlend, außerordentlich theilnehmend und völlig ruhig iſt.« Damit hörten Herr und Madame Wititterly, welche mehr zu den beiden Nickleby's als zu einander geſpro⸗ chen hatten, auf zu reden und ſahen ihre beiden Zuhö⸗ Nicolaus Nicklebph.. 85 rerinnen mit einer Miene an, welche zu ſagen ſchien: »nun, was denkt Ihr dazu?« »Madame Wititterly,« fuhr ſodann der Herr Ge⸗ mahl zu Madame Nickleby gewendet fort,»wird von den glänzendſten Geſellſchaften geſucht. Um ſie bemühen ſich die Oper, das Drama, die ſchönen Künſte und— und— und—« »Der Adel, mein Herz,« half ihm Madame Witit⸗ terly ein. »Ja, der Adel,« wiederholte der Gemahl,»und das Militair. Sie bildet ſich und äußert eine endloſe Menge von Meinungen über eine endloſe Menge von Gegen⸗ ſtänden. Wenn einigen Leuten im öffentlichen Leben die wirkliche Meinung der Madame Wititterly über ſie be⸗ kannt wäre, ſo würden ſie die Naſe nicht ſo hoch tra⸗ gen, wie ſie es thun.« „Still, Heinrich,« ſagte die Dame,»das iſt nicht hübſch.« »Ich nenne keine Namen, Julie,« antwortete Herr Wititterl),„und Niemand wird alſo beleidigt. Ich erwähne bloß den Umſtand, um zu zeigen, daß Du keine gewöhnliche Frau biſt, daß eine fortwährende Reibung zwiſchen Deinem Geiſte und Deinem Körper ſtattfindet, und daß Du deshalb ſehr zart behandelt werden mußt. Und nun theile mir ruhig und leidenſchaftlos die Eigen⸗ ſchaften des jungen Mädchens mit, welche daſſelbe für die Stelle paſſend machen.« Die Qualificationen wurden noch einmal durchge⸗ gangen, wenn auch mit vielen Unterbrechungen und Kreuzfragen des Herrn Wititterly. Endlich kam man überein, daß man Erkundigungen einziehen wolle, und Fräulein Nickleby binnen zwei Tagen entſcheidende Ant⸗ wort erhalten ſolle. Darauf begleitete ſie der Page —— 86 Nicolaus Nickleby. wieder hinunter bis in die Hausflur, wo ſie der dicke Bediente in Empfang nahm und ſicher auf die Straße brachte. »Es ſind ſehr vornehme Leute, gewiß,« meinte Ma⸗ dame Nickleby, als ſie ihrer Tochter Arm nahm.»Eine ausgezeichnete Dame, die Madame Wititterly!« „»Meinſt Du?« entgegnete Käthchen. „Ganz gewiß, Käthchen, ſie iſt ja ſo blaß und ſieht ſo angegriffen aus. Ich will nicht hoffen, daß ſie bald ſtirbt, aber ich fürchte es.« Dies führte die ſcharfſinnige Frau zu einer Berech⸗ nung der wahrſcheinlichen Dauer des Lebens der Ma⸗ dame Wititterly und der Möglichkeit, daß der troſtloſe . Wittwer ſeine Hand ihrer Tochter gebe. Ehe ſie ihre Wohnung erreichten, hatte ſie Madame Wititterly's Seele von allen körperlichen Leiden befreiet, Käthchen mit Glanz verheirathet und nur die geringere Frage noch nicht entſchieden, ob ſie für ihre Tochter die Ma⸗ hogoni Bettſtelle in der zweifenſterigen Hinterſtube oder in dem dreifenſterigen Zimmer vorn heraus aufſtellen laſſe; über die Wahl dieſer beiden Zimmer konnte ſie durchaus nicht mit ſich einig werden und ſo nahm ſie ſich endlich vor, die Sache der Entſcheidung ihres Schwiegerſohnes zu überlaſſen. Die Erkundigung wurde angeſtellt, und die Ant⸗ wort fiel— nicht eben zu Käthchens Freude— gün⸗ ſtig aus. Eine Woche ſpäter zog ſie mit allen ihren Habſeligkeiten in dem Hauſe der Madame Wititterly ein, und dort wollen wir ſie für jetzt laſſen. — Nieolaus Nickleby. 87 Fuͤnftes Kapitel. Nicolaus bricht mit Smike auf, um ſein Glück zu ſuchen, und lernt den Herrn Vincenz Crummles kennen. Die ganze Summe, welche Nicolaus beſaß, nach⸗ dem er den Miethzins und den Trödler bezahlt hatte, von welchem er ſeine wenigen Meubles geliehen hatte, betrug etwa ſieben Thaler; dennoch hieß er den Mor⸗ gen, an welchem er London verlaſſen wollte, mit leich⸗ tem Herzen willkommen und ſprang mit der Hoffnung und Elaſticität des Geiſtes aus dem Bette, welche glücklicher Weiſe der Iugend eigen ſind, denn ſonſt würde die Welt nie alte Leute ſehen. Es war ein kalter, ſcharfer, nebeliger Morgen im erſten Frühling; nur wenige dünne Schatten bewegten ſich in den Straßen hin und her, und bisweilen erſchien in dem dicken Nebel die ſchwere Geſtalt irgend einer Miethkutſche, die auf dem Heimwege langſam näher kam, vorbei raſſelte, den Reif von ihrem weißgeworde⸗ nen Dache ſchüttelte und allmälig wieder in der Wolke verſchwand. Gelegentlich hörte man Tritte in Pantof⸗ feln und den froſtigen Ruf des armen Schornſteinfeger⸗ jungen, der da ſchauernd und zähneklappernd an ſeine frühe Arbeit ging; den ſchweren Fußtritt des Nacht⸗ wächters, der langſam auf⸗ und abſchritt und die trä⸗ gen Stunden verwünſchte, die ihn noch von dem Schlafe trennten; das Rumpeln ſchwerer Laſtwagen und Kar⸗ ren, und das Rollen leichterer Fuhrwerke, welche Käu⸗ fer und Verkäufer nach den verſchiedenen Märkten brach⸗ — 88 Nicolaus Nickleby. ten, und das vergebliche Klopfen müder Nachtſchwär⸗ mer, die erſt nach Hauſe kamen;— alle dieſe verſchie⸗ denen Töne vernahm das Ohr, aber alle ſchienen durch den Nebel gedämpft zu werden. Dieſer wurde immer dicker, je näher der Tag kam, und die, welche den Muth hatten aufzuſtehen und von ihren verhangenen Fenſtern auf die Straße hinauszuſehen, krochen wieder in das Bett, um noch einmal zu ſchlafen. Noch ehe ſelbſt dieſe Spuren des nahenden Mor⸗ gens in dem geſchäftigen London häufiger wurden, war Nicolaus allein nach der City gegangen und ſtand un⸗ ter den Fenſtern der Wohnung ſeiner Mutter. Sie waren dunkel und kahl, aber für ihn hatten ſie Licht und Leben, denn hinter ihnen ſchlug wenigſtens ein Herz, zu dem Beleidigung und Schande daſſelbe Blut mit Macht trüben würde, das in ſeinen Adern floß. Er ging über die Straße hinüber und ſah an das Fenſter des Zimmers hinauf, in welchem, wie er wußte, ſeine Schweſter ſchlief. Es war dunkel.»Armes Mäd⸗ chen,« dachte Nicolaus,»Du ahneſt nicht, wer jetzt hier lauſcht!« 3 Er ſah noch einmal hin, und wurde faſt verdrieß⸗ lich darüber, daß Käthchen nicht dawar, um ihm ein Abſchiedswort zuzurufen.»Du lieber Gott,« dachte er dann wieder,»bin ich nicht ein Kind!— Es iſt beſ⸗ ſer ſo wie es iſt,« ſagte er zu ſich, nachdem er Einige⸗ male auf⸗ und abgegangen war.»Als ich ſie das Letzte⸗ mal verließ und tauſendmal Lebewohl hätte ſagen kön⸗ nen, erſparte ich ihnen das Abſchiednehmen; warum nicht auch jetzt?« Während er ſo mit ſich ſprach, war es ihm, als bewege ſich der Vorhang und als ſei Käth⸗ chen,am Fenſter, und in Folge eines der ſeltſamen ein⸗ ander widerſprechenden Gefühle, welche uns allen ge⸗ Nicolaus Nickleby. 89 mein ſind, zog er ſich unwillkürlich in einen Thorweg zurück, damit er von ihr nicht geſehen werde. Dann lächelte er über ſeine eigene Schwachheit, ſagte:»Gott behüte ſie!« und ſchritt mit leichterem Herzen davon. Smike hatte ihn ängſtlich erwartet, als er wieder in ſeine Wohnung kam, wie Newman, der den Ver⸗ dienſt eines Tages auf eine Kanne Rum und Milch für ſie auf den Weg gewendet hatte. Die Habſeligkeiten waren zuſammengebunden, Smike nahm das Bündel auf die Achſel und fort gingen ſie, begleitet von New⸗ man Noggs, der es ſich nicht nehmen ließ, ſo weit als möglich mit ihnen zu gehen. »Welchen Weg?« fragte Newman. »Zuerſt nach Kingſton,« antwortete Nicolaus. »Und wohin dann?« fragte Newman weiter.»War⸗ um wollen Sie mir es nicht ſagen?« »Weil ich es kaum ſelbſt weiß, guter Freund,« ent⸗ gegnete Nicolaus, der ſeine Hand ihm auf die Achſel legte,»und wenn ich es auch wüßte, ſo habe ich doch bis jetzt noch weder einen Plan noch eine Ausſicht.« »Ich fürchte, Sie haben etwas im Sinne,« ſagte Newman ungewiß. „Jetzt nicht; aber zu was ich mich auch entſchließe, verlaſſen Sie ſich darauf, daß ich es Ihnen bald ſchreibe.« »Wollen Sie das nicht vergeſſen?« »Gewiß nicht. Ich habe nicht ſo viele Freunde, daß ich meine beſten darunter vergeſſen könnte.« Unter ſolchen Geſprächen gingen ſie ein Paar Stun⸗ den fort, und ſie wären vielleicht ein Paar Tage ge⸗ gangen, hätte ſich Nicolaus nicht auf einen Stein an der Straße geſetzt und feſt erklärt, er würde keinen Schritt weiter gehen, bevor nicht Newman Noggs um⸗ 90 Nicolaus Nickleby. kehre. Nachdem Newman erſt noch um zehn Minuten, dann um fünf Minuten länger gebeten, gab er endlich nach und ging nach einem herzlichen Abſchiede zurück, drehete ſich aber vielmal um und winkte den beiden Wanderern noch mit dem Hute, als ſie bloß noch wie ſchwarze Punkte in der Entfernung ausſahen. »Nun höre mich an, Smike,“« ſagte Nicolaus, wäh⸗ rend ſie muthig weiter ſchritten.»Wir gehen nach Portsmouth.“« Smitke nickte und lächelte, äußerte aber ſonſt keine Meinung darüber, denn es war ihm, blieben ſie nur bei einander, gleichgültig, ob ſie nach Portsmouth oder nach Port Royal gingen. »Ich verſtehe nicht viel davon,“ fuhr Nicolaus fort, »aber Portsmouth iſt eine Seehafenſtadt, und wenn wir dort keine andere Beſchäftigung finden, ſo nimmt uns doch vielleicht ein Schiff auf. Ich bin jung und thätig und könnte in mancher Hinſicht nützlich werden; Du auch.“ »Das hoffe ich,« antwortete Smike.»Als ich in—, Sie wiſſen ſchon, was ich meine.« 3 „»Ja, ich weiß es,« entgegnete Nicolaus.»Nenne den Ort nicht.« „»Nun, als ich dort war,« fuhr Smike fort und ſeine Augen funkelten bei der Ausſicht, ſeine Fähigkei⸗ ten aufzuzählen,»konnte ich eine Kuh melken und ein Pferd abwarten ſo gut als irgend Jemand.« »Ha!« entgegnete Nicolaus ernſt.»Ich fürchte nur, man hält auf den Schiffen gewöhnlich nicht viel Thiere dieſer Art, und ſelbſt wenn man Pferde an Bord hat, ſo werden ſie nicht geputzt und geſtriegelt; aber Du kannſt etwas anderes verrichten lernen. Was der Menſch will, das kann er auch.« 3 Nicolaus Nickleby. »Ach, ich will alles,« antwortete Smike mit freude⸗ ſtrahlendem Geſichte. »Das weiß Gott!« entgegnete Nicolaus;»findet ſich indeß für Dich nichts, ſo werde ich mich bemühen, für uns Beide genug zu thun.« »Gehen wir heute den ganzen Weg?« fragte Smike nach kurzer Pauſe. »Das wäre ein zu ſtarkes Stück ſelbſt für Deine gewilligen Beine,« antwortete Nicolaus mit einem gut⸗ müthigen Lächeln.»Nein, Godalming liegt dreißig und einige Meilen von London— wie ich auf einer geborg⸗ ten Karte ſah,— und dort wollen wir Nachtquartier machen. Morgen müſſen wir weiter, denn wir ſind nicht reich genug, um uns lange an einem Orte auf⸗ halten zu können. Jetzt will ich Dich ablöſen und das Bündel tragen.« »Nein, nein,« entgegnete Smike, indem er einige Schritte zurückblieb.»Verlangen Sie nicht, daß ich es Ihnen geben ſoll.«⸗ »Warum nicht,« fragte Nicolaus. »Laſſen Sie mich doch wenigſtens etwas für Sie thun,« entgegnete Smike.»Sie glauben es nicht, wie ich Tag und Nacht ſinne, auf welche Weiſe ich Ihnen wohl gefällig ſein könnte.« »Du biſt ein närriſcher Menſch, ich weiß es ja und ſehe es, ich müßte ſonſt blind und gefühllos ſein. Jetzt laß Dir aber, da ich gerade daran denke und wir allein ſind, eine Frage vorlegen,“ ſagte Nicolaus, indem er dem Knaben feſt in das Geſicht ſah.»Haſt Du ein gutes Gedächtniß?« »Das weiß ich nicht,“ antwortete Smike, indem er bekümmert den Kopf ſchüttelte.»Früher, glaube ich, hatte ich ein recht gutes,— jetzt iſt es aber hin.« 5 92 Nicolaus Nickleby. „Warum glaubſt Du, früher ein ſolches gehabt zu haben,“« fragte Nicol laus, indem er ſich raſch zu ihm umdrehete. »Weil ich mich der Zeit erinnern konnte, als ich noch ein Kind war,« ſagte Smike,»aber das iſt lange, ſehr lange her, oder es ſcheint wenigſtens ſo. Ich war immer verdutzt und wie ſchwindelig an dem Orte, von dem Sie mick wegbrachten, konnte mich nie erinnern, bisweilen nicht einmal verſtehen, was man mir ſagte. Ich— warten Sie, warten Sie—« »Du träumſt wohl,« fragte Nicolaus und zupfte ihn am Arme. „»Nein,« antwortete fein Gefährte mit einem ſtieren Blicke;»ich dachte bloß darüber nach, wie—« und er ſchauderte unwillkürlich. »Henke nicht mehr an jenen Ort, denn es iſt vor⸗ bei,« entgegnete Nicolaus, der dabei ſeinem Gefährten feſt in das Auge ſah, welches einen nichtsſagenden Blick annehmen wollte, wie es ſonſt faſt immer geſche⸗ hen war und auch jetzt noch nicht ſelten vorkam.»Was weißt Du von dem Tage, an welchem Du nach York⸗ ſhire kamſt?« »He!« rief der Burſche. »Das war vorher, ehe Du Dein Gedächtniß ver⸗ lorſt« ſagte Nicvlaus ruhig.»War es an dem Tage warm oder kalt?« »Naß,« antwortete der Knabe,»ſehr naß. Ich habe immer geſagt, wenn es ſehr regnete, es ſei wie in der Nacht, als ich ankam, und die Jungen drängten ſich um mich, wenn es ſehr regnete, um mich weinen zu ſehen. Ich ſei wie ein Kind, ſagten ſie, und nun dachte ich erſt recht daran. Bisweilen überlief mich ein kalter Nicolaus Nickleby. 93 Schauer, denn ich konnte mich ſehen, wenn ich durch dieſelbe Thür eintrat.« »Wie warſt Du damals?« fragte Nicolaus anſchei⸗ nend ganz gleichgültig. »Ach ein ſo kleines Kind,« antwortete Smike,»daß ſie hätten Mitleiden haben ſollen.« „Du fandeſt den Weg dahin doch nicht allein?« bemerkte Nicolaus. »Nein,« erwiederte Smike,»ach nein.⸗ »Wer war denn bei Dir?« »Ein Mann,— ein finſterer runzeliger Mann; ſo ſagten ſie in der Schule und ich beſann mich früher auch darauf. Ich freute mich, von ihm loszukommen, denn ich fürchtete mich vor ihm; aber bald fürchtete ich mich mehr vor jenen, denn ſie mißhandelten mich noch mehr.«. »Sieh' mich einmal an,« ſagte Nicolaus, der ſeine ganze Aufmerkſamkeit erregen wollte.„„Da, wende Dich nicht ab. Kannſt Du Dich nicht auf eine Frau, eine gute alte Frau beſinnen, die ſich einmal über Dich bog, Dich auf die Lippen küßte und Dich ihr Kind nannte?« »Nein,“« ſagte der arme Knabe kopfſchüttelnd,»nein, nein.« „Auch nicht auf ein anderes Haus außer jenem in Yorkſhire?« »Nein,« antwortete der Knabe betrübt,»aber auf ein Zimmer,— ich erinnere mich, ich ſchlief in einem großen öden Zimmer hoch oben in einem Hauſe, wo in der Decke eine Fallthür war. Ich habe oft das Bett über die Augen gezogen, um ſie nicht zu ſehen, denn ich, ein kleines Kind ganz allein, fürchtete mich vor dieſer Fallthür und war neugierig, was wohl dahinter 94 Nicolaus Nickleby. ſei. Auch eine Uhr, eine alte Uhr ſtand in einer Ecke. Ich beſinne mich. Dieſes Zimmer habe ich nie vergeſ⸗ ſen; denn wenn ich böſe Träume habe, ſehe ich es im⸗ mer wieder, wie es war. Ich ſehe dann zwar auch Dinge und Leute darin, die ich damals nie geſehen, aber das Zimmer iſt immer gerade ſo wie es war; dies verändert ſich nie.“ »Willſt Du mir nun das Bündel laſſen?« fragte Nicolaus mit Einemmale, um dem Geſpräche eine an⸗ dere Wendung zu geben. .»Nein,« antwortete Smike,»nein. Kommen Sie, laſſen Sie uns weiter gehen.« Er ging ſchueller während er dies agte, da er wahrſcheinlich glaubte, ſie hätten während des Ge⸗ ſpräches geſtanden. Nicolaus hatte ihn aufmerkſam an⸗ gehört, und jedes Wort blieb unvertilgbar in ſeinem Gedächtniſſe. Es war nun faſt Mittag und in dem freien Felde hell und ſchön, obgleich noch immer ein dichter Nebel⸗ die Stadt umhüllte, welche ſie verlaſſen hatten, als ob der Athem ihrer emſigen Bewohner um die Schatten ihres Gewinnes ſchwebe und da größere Anziehung finde, als in der ruhigen Region darüber. Bisweilen trafen ſie zwar in Niederungen auf einige Nebelwol⸗ ken, welche die Sonne noch nicht zu vertreiben ver⸗ mocht hatte, aber durch dieſe ſchritten ſie bald hindurch und als ſie auf die Hügel jenſeits kamen, gewährten die trägen Maſſen, welche ſchwerfällig der Kraft des Ta⸗ ges wichen, einen gefälligen Anblick. Die volle freund⸗ liche Sonne beleuchtete die grünen Wieſen und gab dem Waſſer einen ſommerhaften Schein, während ſie den Reiſenden die erquickende Friſche dieſer frühen Jah⸗ reszeit ungeſchmälert ließ. Der Boden ſchien unter ih⸗ Nicolaus Nickleby. 95 ren Füßen elaſtiſch zu ſein; die Schafglöckchen waren Muſik in ihren Ohren, und erheitert durch die Bewe⸗ gung, angetrieben durch die Hoffnung, ſchritten ſie mit Löwenkraft weiter. Der Tag ſank; ſeine glänzenden Farben erbleichten und nahmen mattere Tinten an, wie junge Hoffnun⸗ gen, die durch die Zeit gedämpft werden, oder jugend⸗ liche Züge, welche ſich allmälig zu der ruhigen Heiter⸗ keit des Alters ausbilden. Kaum waren ſie jedoch min⸗ der ſchön in ihrem allmäligen Erbleichen, als ſie es in ihrem entſtehenden Glanze geweſen; denn die Natur giebt jeder Zeit des Tages und des Jahres irgend eine eigenthümliche Schönheit, und vom Morgen bis zum Abende, wie von der Wiege bis zum Grabe, geht eine ununterbrochene Reihe ſtiller, kaum bemerklicher Verän⸗ derungen vor. Endlich gelangten ſie nach Godalming, wo ſie um zwei geringe Betten handelten und prächtig ſchliefen. Am Morgen waren ſie zeitig munter, wenn auch nicht ganz ſo früh wie die Sonne, und wieder auf den Bei⸗ nen, wenn auch nicht ſo friſch wie am vorigen Tage, doch noch mit hoffnungsvollem Muthe, der ſie heiter aufrecht hielt. Die Wanderung an dieſem Tage war beſchwerlicher und mühſeliger als die erſte, denn ſie mußten lange und ermüdende Berge erſteigen, und auf Reiſen, wie im Leben, iſt es um vieles leichter, hinab als hinauf zu ſteigen. Dennoch hielten ſie muthig aus, und der Berg hat ſich noch nicht gen Himmel geſtreckt, deſſen Gipfel durch Ausdauer nicht zu erreichen wäre. Sie gingen am Rande der»Punſchbowle des Teu⸗ fels« hin und Smike horchte begierig, als Nicolaus die Inſchrift auf dem Steine las, welcher an dieſer wilden B 96 Nicolaus Nickleby. Stelle errichtet iſt und Kunde von einem ſchanderſchaf⸗ ten verrätheriſchen Morde giebt, der in der Nacht hier begangen wurde. Das Gras, auf welchem ſie ſtanden, war einmal von dem Blute roth gefärbt worden, das tropfenweiſe in die Höhle hinnnter gefloſſen war, die dem Orte den Namen giebt.»Des⸗Teufels Bowle,« dachte Nicolaus, als er in die Tiefe hinunter ſah,»hat nie eine paſſendere Flüſſigkeit enthalten, als dieſe.« Weiter ſchritten ſie mit feſtem Schritte, und gelang⸗ ten endlich in eine weite und geräumige Dünenfläche, wo kleine Hügel und Ebenen dem grünen Lande bei jedem Schritte ein anderes Ausſehen gaben. Hier ſtieg faſt perpendikulär nach dem Himmel eine ſo ſteile An⸗ höhe empor, daß ſie faſt nur den Schafen und Ziegen zugänglich war, welche an den Seiten weideten; dort ſtand dagegen ein grüner Hügel, der ſo allmälig ſich emporrichtete und ſo ſanft mit der Ebene wieder ver⸗ ſchmolz, daß die Grenzen beider kaum anzugeben waren. Ueber einander hinaus ſchwellende Hügel, zierlich und ungeſchlacht, glatt und rauh, anmuthig und wild, rück⸗ ſichtslos unter einander geworfen, begrenzten die Ausſicht nach jeder Richtung hin, während öfters mit unerwarte⸗ tem Getöſe Krähenſchaaren ſich von dem Boden erhoben, krächzend im Kreiſe um die nächſten Hügel herumflogen, als wüßten ſie nicht, wohin ſie ſich wenden ſollten, und plötzlich in einem langen Thale, ſo ſchnell wie das Licht, ſelbſt, dahin ſchoſſen. Allmälig wich der Horizont zu allen Seiten mehr und mehr zurück, und ſie gelangten von neuem in das offene Land. Die Ueberzeugung, daß ſie dem Orte ihrer Beſtimmung näher und näher kamen, gab ihnen friſchen Muth zum Weiterſchreiten; aber der Weg war beſchwer⸗ lich geweſen, ſie hatten gezögert und Smike war müde. — ⏑— Niecolaus Nickleby. 97 Deshalb war es bereits dunkel, als ſie den Weg nach der Thür der Schenke am Wege nahmen, die zwölf (engliſche) Meilen vor Portsmouth liegt. „»Zwölf Meilen,« ſagte Nicolaus, indem er ſeine bei⸗ den Hände auf den Stock ſtützte und Smike zweifelnd anſah. „Zwölf lange Meilen,« wiederholte der Wirth. „Iſt der Weg gut?« fragte Nicolaus. »Sehr ſchlecht,« antwortete der Wirth, wie er als Wirth nicht anders antworten konnte. »Ich möchte wohl weiter gehen,« bemerkte Nicolaus zögernd,»weiß aber wirklich nicht, was ich thun ſoll.« »Ich will Sie zu nichts bereden,« entgegnete der Wirth;»ich würde aber nicht weiter gehen.« »Sie würden nicht weiter gehen?« fragte Nicolaus in derſelben Unentſchloſſenheit. »Gewiß nicht, wenn ich wüßte, daß ich an einem Orte gut aufgehoben ſei,« antwortete der Wirth. Als er dies geſagt hatte, hob er ſeine Schürze auf, ſteckte die Hände in die Taſchen, ging ein Paar Schritte in das Haus hinein und ſah mit ſcheinbar großer Gleich⸗ gültigkeit die dunkele Straße hinunter. Ein Blick auf den ganz ermatteten Smike beſtimmte Nicolaus, und er nahm ſich alſo vor, zu bleiben, wo er war. Der Wirth führte ſie in die Küche, und da dort ein gewaltiges Feuer praſſelte, ſo bemerkte er, es ſei ſehr kalt. Wäre zufällig nur ein kleines oder gar kein Feuer ageweſen, ſo würde er wahrſcheinlich geſagt haben, es ſei ſehr warm. »Was können Sie uns zum Abendeſſen geben?«r war ie natürliche Frage Nicolaus'. Nicolaus Nickleby. III. 7 98 1 Nicolaus Nickleby. »Nun, was wünſchen Sie?« lautete des Wirthes nicht minder natürliche Antwort. Nicolaus verlangte alſo kalten Braten, aber kalter Braten war nicht zu haben,— Eier auf Butter, aber Eier gab es gar nicht,— Schöpſenbraten, aber im Umkreiſe von einer Stunde war kein Schöpſenbraten aufzutreiben, während man in voriger Woche ſo viel da⸗ von gehabt hatte, daß man nicht gewußt, was damit anfangen, und den nächſten Tag wieder Vorrath in Menge daſein würde. »So muß ich es Ihnen ganz überlaſſen,« ſagte Ni⸗ colaus,»wie es gleich im Anfange mein Wille war.« »Ich will Ihnen etwas ſagen,« entgegnete der Wirth. »In der Gaſtſtube iſt ein Herr, der um neun Uhr einen warmen Beefſteak⸗Pudding mit Kartoffeln beſtellt hat. Wir haben mehr davon, als er verarbeiten kann, und ich glaube, er wird es erlauben, daß Sie mit ihm eſſen. Ich will ihn ſogleich fragen.« »Nein, nein,« fiel Nicolaus ein, und hielt ihn zurück. »Das will ich nicht. Ich— wenigſtens— nun, warum ſoll ich es nicht ſagen? Sie ſehen, daß ich ſehr beſchei⸗ den reiſe und zu Fuße hierher gekommen bin. Es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß dem Herrn an meiner Ge⸗ ſellſchaft nichts liegt, und ſo beſtaubt ich auch ausſehe, ſo bin ich doch zu ſtolz, um mich ihm aufzudrängen.“« »Ach, Du lieber Gott!« ſagte der Wirth,»es iſt bloß Herr Crummles, und der iſt nicht hochmüthig.« »Iſt er es nicht?« fragte Nicolaus, anf den, die Wahrheit zu geſtehen, die Ausſicht auf einen wohlſchme⸗ ckenden Pudding einen tiefen Eindruck gemacht hatte. »Keineswegs,« erwiederte der Wirth.»Er wird ſich gewiß gern mit Ihnen unterhalten. Wir wollen es gleich ſehen. Warten Sie nur eine Minute.⸗ 3 Nicolaus Nickleby. 99 Ohne weiter auf Erlaubniß zu warten, eilte der Wirth in die Gaſtſtube, und Nicolaus hielt ihn auch nicht zurück, denn er meinte, das Abendeſſen ſei unter dieſen Umſtänden ein zu wichtiger und ernſter Gegen⸗ ſtand, als daß man damit ſcherzen dürfe. Der Wirth kam bald zurück. »Alles in Ordnung,« ſagte er leiſe.»Ich dachte es gleich. Sie werden auch etwas Sehenswerthes darin finden. Wie das geht!« Es war keine Zeit zu fragen, worauf ſich dieſer Ausruf beziehe, den der Wirth in ganz entzücktem Tone von ſich gab, denn er hatte bereits die Thür der Gaſt⸗ ſtube aufgeriſſen, in welche denn Nicolaus und Smike, mit dem Bündel auf der Achſel(er trug es ſo ſorgfältig immer bei ſich, als wäre es ein Beutel mit Gold gewe⸗ ſen), ſogleich hineintraten. Nicolaus war auf etwas Seltſames und Komiſches vorbereitet, aber nicht auf etwas ſo Seltſames, als er erblickke. Am obern Ende des Zimmers ſtanden zwei Knaben, ein ſehr großer und ein ſehr kleiner, beide in Matroſenkleidung,— wenigſtens in theatraliſcher, mit Gürteln, Schnallen, Zöpfen und Piſtolen,— die mit kurzen breiten Schwertern miteinander kämpften. Der kleine Knabe hatte einen großen Vortheil über den gro⸗ ßen erlangt, der überwunden wurde, und die Aufſicht über Beide führte ein breitſchulteriger rieſenhafter Mann, der au einem Tiſche lehnte und ſie mit wichtiger Miene aufforderte, mehr Funken mit den Schwertern zu ſchla⸗ gen, es könne dann nicht fehlen, daß das Publikum voll⸗ ſtändig beſtochen werde. »Herr Vincenz Crummles,⸗ ſagte der Wirth mit ſehr demüthiger Miene,»da iſt der junge Mann.⸗ Derr Vincenz Crummles empfing Nicolaus mit einem * 7* — 100 Nicolaus Nickleby. Kopfnicken, das zwiſchen dem Gruße eines römiſchen Kaiſers und dem Nicken eines Trinkgenoſſen im Wirths⸗ hauſe die Mitte hielt, und erſuchte dann den Wirth, die Thür zuzumachen und ſeinen Weg zu gehen. »Das iſt ein prächtiges Stück,« ſagte Herr Crumm⸗ les, indem er Nicolaus winkte, nicht zu nahe hin zu ge⸗ hen;»der Kleine hat'n; wenn'n der Große in drei Sekunden nicht niederbringt, iſt er verloren. Macht das noch'nmal, Jungens.« Die beiden Fechter fingen alſo von vorn an, und hackten ſo lange, bis die Funken um die Schwerter ſprü⸗ heten, was nach Herrn Crummles eine Hauptſache war. Der Zweikampf begann mit etwa zweihundert Hieben, abwechſelnd von dem kleinen und von dem großen Ma⸗ troſen, ohne Reſultat, bis der kleine Matroſe auf ein Knie ſtürzte. Dies war ihm jedoch ganz gleichgültig, denn er rutſchte ſehr geſchickt auf dem einen Knie umher, das er mit der linken Hand unterſtützte, und focht ſo ganz verzweifelt, bis ihm der große Matroſe das Schwert aus der Hand ſchlug. Jetzt hätte der kleine Matroſe der Sache ein Ende machen und um Pardon bitten können; das that er aber keinesweges, ſondern riß ſchnell ein großes Piſtol aus ſeinem Gürtel und hielt daſſelbe dem großen Matroſen vor das Geſicht, der das nicht erwartete, und ſo in Furcht gerieth, daß der kleine Matroſe ſein Schwert wieder aufheben und von neuem anfangen konnte. Das Hacken fing alſo wieder von vorn an, und es wurden Hiebe nach allen Richtungen ausgetheilt, bis der kleine Matroſe einen kräftigen Hieb nach den Beinen des Großen führte; dieſer aber wußte ſich zu helfen und ſprang über des Gegners Schwert hinweg, um dem Hiebe zu entgehen. Dann verſuchte der große Matroſe denſelben Hieb, und der Kleine ſprang 2 Nicolaus Nickleby. 101 ihm über die Klinge. Darauf folgte wieder ein langes Hacken und Emporziehen der Hoſen, da dieſe durch keine Hoſenträger gehalten wurden, bis der kleine Matroſe (der offenbar der Geſchicktere war, weil er ſich immer im Vortheil befand) eine gewaltige Anſtrengung machte und den großen Matroſen packte, der nach kurzer ver⸗ geblicher Gegenwehr ſtürzte und unter ſchrecklichen Krämpfen den Geiſt aufgab, als der kleine Matroſe ihm den Fuß auf die Bruſt ſetzte und ihn mit ſeinem Schwerte durchbohrte. »Das wird zweimal Dacapo verlangt werden, wenn Ihr's gut macht, Jungens,« ſagte Herr Crummles. »Jetzt kommt wieder zu Athem und zieht Euch aus.« Nach dieſen Worten an die Fechter begrüßte er Ni⸗ colaus, der nun bemerkte, daß das Geſicht des Herrn Crummles mit der Größe des übrigen Körpers in ganz richtigem Verhältniß ſtand, und derſelbe eine ſehr dicke Unterlippe, eine heiſere Stimme, als pflege er immer ſehr zu ſchreien, und ſehr kurzes ſchwarzes Haax hatte, das faſt ganz glatt abgeſchoren war, damit er(wie Ni⸗ colaus ſpäter erfuhr) bequeme Charakterperrücken von je⸗ der Form und Geſtalt tragen könne. »Was meinen Sie dazu?« fragte Herr Crummles. »Es iſt wirklich ſehr gut,— ausgezeichnet,« ent⸗ gegnete Nicolaus. »Ja, ſolche Jungens, wie die da, ſieht man nicht alle Tage,« meinte Herr Crummles. Nicolaus ſtimmte bei, bemerkte aber:»wenn ſie mehr paßten—« »Paßten?« rief Herr Crummles. »Ich meine, wenn ſie mehr von gleicher Größe wä⸗ ren,« erklärte Nicolaus. »Größe!« wiederholte Herr Crummles;»das iſt ge⸗ LLENNIA 102 Nieolaus Nickleby. rade die Hauptſache bei dem Kampfe, daß einer einen oder ein Paar Fuß größer iſt als der andere. Wie wol⸗ len Sie die Sympathie des Publikums auf erlaubte Weiſe erlangen, wenn nicht'n Kleiner gegen'n Großen fechtet, mir müßten denn wenigſtens fünf gegen einen auftreten laſſen, und dazu haben wir in unſerer Geſell⸗ ſchaft nicht Leute genug.« »Ich ſehe es ein,« antwortete Nicolaus,»und bitte um Nachſicht. Daran dachte ich wirklich nicht.« »Es iſt die Hauptſache,« meinte Crummles.»Mor⸗ gen geben wir in Portsmouth die erſte Vorſtellung. Wenn Sie dahin reiſen, ſo kommen Sie in das Theater und ſehen, wie ſich's macht.« Nicolaus verſprach, dies zu thun, wenn es ihm möglich ſei, rückte einen Stuhl an das Feuer und ge⸗ rieth in ein Geſpräch mit dem Direktor. Er war ſehr redſelig, vielleicht nicht nur aus Gewohnheit und Nei⸗ gung, ſondern auch in Folge des Grogs, den er ſehr reichlich genoſſen hatte, oder des Schnupftabacks, den er in hänfigen ſtarken Priſen aus einem braunen Pa⸗ pier in der Weſtentaſche nahm und in die Naſe ſtopfte. Er legte ihm ſeine Angelegenheiten ohne den geringſten Rückhalt vor und ließ ſich weitläufig über die Trefflich⸗ keit ſeiner Geſellſchaft und die Talente ſeiner Familie aus, von welcher die beiden Jungen mit den breiten Schwertern einen ehrenvollen Theil bildeten. Die ver⸗ ſchiedenen Künſtler und Künſtlerinnen ſollten am näch⸗ ſten Tage in Portsmonth zuſammentreffen, wohin ſich auch der Vater mit den beiden Söhnen begab, nachdem ſie in einer kleinen Stadt in der Nähe mit ungeheurem Beifalle Gaſtrollen gegeben hatten. »Sie gehen auch den Weg?« fragte der Direktor. »Ja, allerdings,« antwortete Nicolaus. »Kennen Sie die Stadt bereits?« fragte der Direk⸗ Nicolaus Nickleby. 103 tor weiter, der daſſelbe Vertrauen zu verdienen glaubte, mit welchem er dem Fremden entgegengekommen war. „»Nein,“ antwortete Nicolaus. „Waren nie dort?« »Niemals?«. 3 Der Herr Direktor Crummles hüſtelte einigemale, als wollte er damit ſagen: wenn du Heimlichkeiten haſt, ſo behalte ſie, und nahm ſo viele Priſen Schnupftaback, eine nach der andern, aus der Weſtentaſche, daß Ni⸗ colaus ſich wirklich wunderte, wie die Naſe alles zu faſſen vermöge. Während er die Priſen nahm, ſah Crummles bis⸗ weilen den jungen Smike mit beſonderem Intereſſe an, der ihm gleich im Anfange ſehr aufgefallen zu ſein ſchien. Smike war eingeſchlafen und nickte auf dem Stuhle. „Erlauben Sie mir eine Bemerkung,« ſagte der Direktor endlich leiſe zu Nicolaus, indem er ſich zu dieſem bog;»Ihr Freund da hat ein Capitalgeſicht.« „Der arme Teufel!« entgegnete Nicolaus mit einem Lächeln;»es könnte freilich nicht ſchaden, wenn es etwas voller wäre.⸗ „Voller!« rief der Direktor,»warum nicht gar! Da würde es für immer verdorben.« »Meinen Sie?« „Das iſt klar. So wie er jetzt iſt,« entgegnete der Direktor und ſchlug auf ſein Knie,»könnte er ohne Schminke die Halbverhungerten ſpielen, wie man es im Lande noch nicht geſehen. Mit einem Pünktchen Roth auf der Naſenſpitze würde er als Apotheker in Romeo und Julie beim erſten Auftreten Furore machen.“ »Sie ſehen ihn mit kunſtverſtändigem Auge an,⸗ ſagte Nicolaus lachend. „»Ja,« fuhr der Direktor fort,»ich habe in meinem Leben keinen jungen Menſchen geſehen, den die Natur 104 Nicolaus Nickleby. ſo ganz für dieſe Rolle geſchaffen hätte, ſo lange ich bei dem Theater bin, und ich ſpielte ſchon Kinderrollen, als ich noch nicht zwei Jahre alt war.“ Das Erſcheinen des Beefſteak⸗Pudding, dem die jüngern Crummleſſe auf dem Fuße folgten, gab dem Geſpräche eine andere Richtung und unterbrach es eine Zeitlang ganz. Die jungen Crummleſſe handhabten ihre Meſſer und Gabeln mit kaum geringerer Fertigkeit, als die Schwerter; und da die ganze Tiſchgeſellſchaft gleich großen Hunger hatte, ſo war keine Zeit zum Re⸗ den, bis der Pudding abgethan war. Die Crummleſſe hatten kaum den letzten Biſſen, den ſie erlangen konnten, verſchluckt, als ſie durch häufiges halbunterdrücktes Gähnen und Dehnen ihren Wunſch zu erkennen gaben, ſich zur Ruhe zu begeben, welchen Wunſch Smike für ſich ſchon früher noch deutlicher kundgegeben hatte, da er mehrmals während des Eſſens eingenickt war. Nicolaus wollte deshalb ſogleich auf⸗ brechen, aber der Direktor mochte davon nichts hören und erklärte, er habe ſich das Vergnügen vorbehalten, ſeinen neuen Freund auf eine Bowle Punſch einzuladen und werde eine abſchlägliche Antwort gar nicht anneh⸗ men. „»Laſſen Sie die Jungen gehen,« ſagte Herr Crumm⸗ les,»wir ſitzen um ſo traulicher beiſammen.“ Nicolaus war zu unruhig, als daß er Neigung zum Schlafe geſpürt hätte, er nahm alſo die Einladung nach einiger Zögerung an. Nachdem er den jungen Crummleſſen die Hand gereicht und der Direktor Smike ein herz iches»Gute Nacht« nachgerufen hatte, ſetzten ſich Beide einander am Kamine gegenüber, um gemäch⸗ lich die Bowle leeren zu können, die bald mit reizen⸗ dem Dampfe erſchien und einen höchſt angenehmen Ge⸗ ruch um ſich verbreitete. r Nicolaus Nickleby. 105 Trotz dem Punſche und dem Theaterdirektor, der eine Menge Geſchichtchen und Anekdoten erzählte und Taback zum Verwundern rauchte und ſchnupfte, war Nicolaus zerſtreut und in Gedanken abweſend. Seine Gedanken ſchweiften zu ſeiner erſten Heimath, und als ſie zu ſeiner jetzigen Lage zurückkehrten, breitete die Un⸗ ſicherheit ſeiner Zukunft einen trüben Schatten über ihn, den er durchaus nicht zu verſcheuchen vermochte. Er hörte zwar die Stimme des Direktors, war aber taub gegen das, was derſelbe ſprach, und als Herr Vincenz Crumm⸗ les die Geſchichte eines langen Abenkeuers mit einem lau⸗ ten Gelächter und der Frage ſchloß, was Nicolaus un⸗ ter ſolchen Umſtänden gethan haben würde, mußte der⸗ ſelbe um Verzeihung bitten und geſtehen, daß er nicht wiſſe, wovon die Rede geweſen ſei. »Hm!« bemerkte der Direktor.»Es geht Ihnen nicht wohl, wie es ſcheint. Wo fehlt's?« Nicolaus lächelte über dieſe naive Frage und geſtand, er fürchte, er werde den Zweck nicht erreichen, der ihn in dieſe Gegeud geführt habe. „Welchen Zweck?« fragte der Direktor weiter. „Eine Beſchäftigung zu erlangen, die mir und meinem armen Reiſegefährten nur das Nothdürftigſte im Leben einbringt,« antwortete Nicolaus.»Sie werden es längſt errathen haben, und ich brauche mich alſo nicht zu ſchä⸗ men, es offen zu geſtehen.“« »Welche Beſchäftigung können Sie in Portsmouth finden, die jeder andere Ort nicht auch geben kann?« fragte Herr Crummles, während er das Siegellack am geſprungenen Pfeifenſtiele warm machte, damit es beſſer klebe. »Ich denke, es liegen viele Schiffe dort im Hafen,« antwortete Nicolaus;»vielleicht finde ich auf einem ein 106 Nicolaus Nickleby. Unterkommen und erhalte wenigſtens Eſſen und Trin⸗ ken.« »Salzfleiſch undzjungen Rum, Erbſenſuppe und alten Zwieback,« antwortete der Theaterdirektor, indem er ei⸗ nen brennenden Fidibus an ſeine Pfeife hielt. »Es giebt Leute, die noch weniger haben,« meinte Nicolaus.»Ich denke es eben ſo gut ertragen zu kön⸗ nen, als viele Andere in meinem Alter, die eben ſo we⸗ nig vorher daran gewöhnt waren, als ich.« »Sie müſſen auch Kräfte haben und mancherlei per⸗ ſtehen, wenn Sie zu Schiffe gehen wollen,« erwiederte der Direktor;»das ſcheint Ihnen aber zu fehlen.« „Warum? »Jeder Lieutenant wird Ihnen nicht gern das Salz geben, wenn er eine geübte Hand erhalten kann,« meinte der Direktor;»und ſolche erfahrene Leute ſind ſo wenig ſelten, wie die Auſtern.« „Wie meinen Sie das?« fragte Nicolaus, überraſcht durch dieſe Prophezeiung und den gutmüthigen Ton, in welchem ſie ausgeſprochen wurde.»Es fällt kein Mei⸗ ſter vom Himmel, und jeder gute Seemann iſt ein ſol⸗ cher nur durch Uebung geworden.« Herr Vincenz Crummles nickte.»Ganz recht; aber nur fingen ſie nicht in Ihrem Alter an und als junge Herrchen.⸗ Es trat eine Pauſe ein. Nicolaus blickte trübſelig in das Feuer. »Fällt Ihnen kein anderer Ausweg ein, kein Stand, für welchen Sie ganz geſchaffen zu ſein ſcheinen und in dem Sie die Welt von der vortheilhafteſten Seite ken⸗ nen lernen können?« fragte der Direktor. »Nein,« antwortete Nicolaus kopfſchüttelnd. »Nun, ſo will ich Ihnen ſagen, was Sie wählen Nicolaus Nickleby. 107 können und wählen müſſen,« ſprach Crummles in maje⸗ ſtätiſchem Tone.»Das Theater!« „»Das Theater!« wiederholte Nicolaus faſt eben ſo laut. »Ja, den Schauſpielerſtand,« fuhr Herr Crummles fort.»Ich bin beim Theater, meine Frau iſt beim Thea⸗ ter, und meine Kinder ſind beim Theater. Ich hatte ei⸗ nen Hund, der von Jugend auf beim Theater war, und mein Einſpänner tritt in der»Stumme« auf. Ich nehme Sie auf und Ihren jungen Freund. Schlagen Sie ein. Ich brauche'was Neues.« »Ich verſtehe nichts vom Theater,« entgegnete Nico⸗ laus, dem über dieſen unerwarteten Vorſchlag der Athem faſt ausgegangen war.»Ich bin nie öffentlich aufgetre⸗ ten, außer in der Schule.« »In Ihrem Gange und Weſen liegt feines Luſtſpiel, in Ihrem Auge jugendliche Tragödie und in Ihrem La⸗ chen die tollſte Poſſe,« meinte Herr Vincenz Crummles. „Es geht, ſage ich Ihnen, als hätten Sie von Kindes⸗ beinen an an nichts gedacht, als an die Lampen.“« Nicolaus dachte an die kleine Summe kleiner Münze, die in ſeiner Taſche bleiben würde, wenn er die Zeche bezahlte, doch zögerte er. „Sie können uns auf hunderterlei Art nützlich wer⸗ den,« fuhr der Direktor fort.»Bedenken Sie, welche Capitalzettel ein Mann von Ihren Kenntniſſen ſchreiben könnte!« »So etwas, denke ich, könnte ich wohl thun,« meinte Nicolaus. »Ganz gewiß können Sie das,« erwiederte Crumm⸗ les.»Und Ankündigungen zum Ziehen. Auch Stücke, denke ich, ja Sie könnten uns ein Stück ſchreiben, in welchem das ganze Perſonal auftritt.« 108 Nicolaus Nickleby. »Darin bin ich doch nicht ſo gewiß,« antwortete Ni⸗ colaus;»aber ich glaube wohl, daß ich bisweilen etwas ſchreiben könnte, das für Sie paßte.« »Wir woll'n einmal gleich ein Prachtſtück durchgehen,⸗ ſagte der Direktor.»Warten Sie. Sie müſſen eine wirkliche Pumpe und zwei Waſchtröge darin anbringen.« »In dem Stücke?« fragte Nicolaus. »Ja wohl. Ich erſtand ſie vor ein Paar Tagen wohlfeil in einer Auction, und ſie werden Effect machen. So macht man's in London. Man ſieht da einige An⸗ züge, einige Decorationen und ſo etwas an, wählt es aus und läßt ein Stück dazu ſchreiben. Die meiſten Theater halten einen Theaterdichter.« »Wirklich?« fragte Nicolaus.. »Ja, ja,« entgegnete der Direktor,»das iſt was Ge⸗ wöhnliches. Und es ſieht auf den Zetteln gewiß gut aus, mit großen Buchſtaben: Wirkliche Pumpe! Neue Waſchfäſſer!— So'was zieht! Nur immer aus dem gemeinen Leben! Sind Sie nicht vielleicht auch ein Stück Künſtler, Maler etwa?« »Nein,« antwortete Nicolaus. »Schade drum! Wären Sie ſo etwas geweſen, ſo hätten wir eine große Abbildung der letzten Scene im Holzſchnitt auf den Zetteln geben können,— die ganze Bühne mit der Pumpe und den Waſchfäſſern in der Mitte. Schade drum!« »Und was erhielte ich wohl für alles dies!« fragte Nicolaus nach einiger Ueberlegung.»Könnte ich davon leben 2« „»Davon leben!« wiederholte der Direktor.»Wie ein Fürſt. Mit Ihrer Gage und der Gage Ihres Freun⸗ des, und mit dem Honorar für Ihr Schreiben könnten 4 — ⏑ X&Kͤ Nicolaus Nickleby. 109 Sie es— hm!l gewiß bis auf fünf Thaler die Woche bringen.« »Sie ſpaßen mit mir!« »Nein, nein; wenn wir volle Häuſer haben, könnten Sie es wohl gar bis auf das Doppelte bringen.« Nicolaus zuckte die Achſeln, aber die vollſtändigſte Armuth ſtand vor ihm. Und hätte er auch ſelbſt die äußerſte Noth zu ertragen vermocht, warum hatte er ſeinen hülfloſen Begleiter befreiet, wenn derſelbe ein eben ſo drückendes Schickſal ertragen ſollte, als das, dem er ihn entriſſen? Ohne längere Ueberlegung erklärte er ſich alſo bereit, den Handel einzugehen, und gab dem Herrn Direktor Crummles die Hand darauf. Sechstes Kapitel handelt von der Geſellſchaft des Herrn ECrummles und deſſen Angelegenheiten, häuslichen ſowohl als theatraliſchen. Da Herr Crummles ein gewiſſes vierbeiniges Thier in dem Wirthshausſtalle ſtehen hatte, das er ſeinen Ein⸗ ſpänner nannte, auch eine Art Fuhrwerk beſaß, dem er den Namen Phaëton gab, ſo konnte Nicolaus am an⸗ dern Morgen ſeine Reiſe gemächlicher fortſetzen, als er erwartet hatte. Er ſaß mit dem Direktor auf dem Vor⸗ derſitze, und die jungen Crummleſſe mit Smike wurden zuſammen dahinter aufgepackt, nebſt einem Korbe, der ge⸗ gen die Feuchtigkeit durch ein Stück Wachsleinwand ge⸗ ſchützt war, in welchem ſich die kurzen Schwerter, die Piſtolen, die Zöpfe, die Matroſenanzüge und andere Standesbedürfniſſe der genannten jungen Herren befanden. 110 Nicolaus Nickleby. Der Einſpänner nahm ſich Zeit auf dem Wege und äußerte— vielleicht in Folge ſeiner theatraliſchen Bil⸗ dung— häufig den Wunſch, ſich niederzulegen. Herr Vincenz Crummles wußte ihn jedoch immer auf den Beinen zu erhalten, theils indem er ihm einige tüchtige Rucke mit dem Zügel gab, theils indem er die Peitſche brauchte; ſchlugen dieſe beiden Mittel nicht an, und das Thier blieb ſtehen, ſo ſtieg der aͤltere Crummles aus und ſtach es. Durch ſolche Ermahnungen wurde denn der Einſpänner vermocht, ſich weiter zu bewegen, und ſie trollten, wie Herr Crummles meinte, auf dieſe Weiſe ge⸗ mächlich für Alle dahin. 62 »Von Character iſt das Thier doch gut,« ſagte Herr Crummles zu Nicolaus. Der Character des Einſpänners mochte wirklich gut ſein, das Aeußere war es aber gewiß nicht, denn er ſah häßlich und rauh aus wie ein Pudel. Nicolaus antwor⸗ tete alſo bloß, er wundere ſich darüber gar nicht. »Viele, viele Reiſen habe ich mit dem Einſpänner gemacht,« fuhr Herr Crummles fort.»Er gehört mit zu unſerer Geſellſchaft. Schon ſeine Mutter war beim Theater.« „»Wirklich?« fragte Nicolaus. »Sie fraß wohl vierzehn Jahre lang Torte in einem Circus,« fuhr der Direktor fort,»ſchoß Piſtolen ab und legte ſich mit einer Nachtmütze auf dem Kopfe nieder; kurz ihr Fach war das Niedrig⸗Komiſche. Sein Vater war ein Tänzer.« »Ein ausgezeichneter?« »Das nicht,« antwortete der Direktor.»Es war ein ziemlich gemeines Pferd, wurde am Tage vermiethet und konnte ſich ſeine alten Unarten nie ganz abgewöhnen. Doch war er auch im Melodrama zu gebrauchen, wenn — Nicolaus Nickleby. 111 er auch immer zu gemein blieb— zu gemein. Als die Mutter ſtarb, übernahm er das Weingeſchäft.« »Das Weingeſchäft?« fragte Nicolaus verwundert. »Ja, er ſoff Wein mit dem Hanswurſt,« erklärte der Direktor,»war aber zu gierig, zerbiß einmal das Glas, verſchluckte die Stücken davon und erſtickte daran.« Der Nachkomme dieſes unglücklichen Geſchöpfes ver⸗ langte jetzt größere Aufmerkſamkeit von Herrn Crumm⸗ les, ſo daß dieſem wenig Zeit zum Reden übrig blieb, und Nicolaus hatte alſo Muße, ſich mit ſeinen eigenen Gedanken zu unterhalten, bis ſie am Thore von Ports⸗ mouth ankamen, wo Crummles abſtieg. „»Wir wollen hier ausſteigen,« ſagte der Direktor,»die Jungen mögen das Gepäck in meine Wohnung und das Pferd in den Stall bringen. Laſſen Sie Ihre Sieben⸗ ſachen auch mitnehmen.⸗ Niicolaus dankte für dieſes gefällige Anerbieten, ſprang aus dem Wagen, gab Smike ſeinen Arm und begleitete mit Herzklopfen den Direktor auf dem Wege nach dem Theater. Sie bemerkten in den Straßen viele Anſchlagezettel, auf denen die Namen des Herrn Vincenz Crummles, der Madame Crummles, der Herren P. und L. Crumm⸗ les und der Mlle. Crummles in ſehr großen Buchſtaben zu leſen waren, gelangten endlich durch eine Thür in einen ſchmalen Gang, wo es bedeutend nach Oel roch, tappten im Dunkeln fort, ſtiegen einige Stufen hinauf, ſtolperten über Couliſſen und Schminktöpfchen und be⸗ fanden ſich endlich auf der Bühne des Theaters von Portsmouth. »Da ſind wir,« ſagte Herr Crummles. Nicolaus ſtand dicht an dem Soufleurkaſten zwiſchen nackten Wänden, ſtaubigen Couliſſen, beſchimmelten Wol⸗ 112 ken, grob bepinſelter Leinwand und ſchmutzigen Brettern. Er ſah ſich um und fand Alles, die Decke, das Parterre, die Gallerieen, das Orcheſter, die Decorationen ärmlich, kalt und düſter. »Das iſt ein Theater?« fragte Smike verwundert; vich dachte, das blitzte und flimmerte Alles.« „»So iſt es auch,« antwortete Nicolaus, faſt nicht weni⸗ ger betroffen,»aber nicht am Tage, Smike, nicht am Tage.“« Die Stimme des Direktors rief ihn von einer genauen Muſterung des Hauſes ab an die entgegengeſetzte Seite des Proſceniums, wo an einem kleinen länglichen Tiſche mit lahmen Beinen eine große kräftige Frau von vier⸗ zig bis funfzig Jahren in einem verſchoſſenen ſeidenen Mantel ſaß, die ihren Hut an den Bändern in der Hand hielt und ihr volles Haar in großen Flechten über jeden Schlaf gelegt hatte. »Herr Johnſon,« ſagte der Direktor(denn Nicolaus hatte den Namen angenommen, welchen ihm Newman Noggs in ſeinem Geſpräche mit Madame Kenwigs ge⸗ geben),»Madame Crummles, meine Frau.“« »Ich bin ſehr erfreut, Sie kennen zu lernen,« ſprach Madame Crummles in hohlem Grabestone.»Ich bin ſehr erfreut Sie kennen zu lernen und noch glücklicher, Sie als ein vielverſprechendes Mitglied unſerer Geſellſchaft begrüßen zu können.⸗ Die Dame reichte Nicolaus die Hand, während ſie ihn ſo anredete; zwar hatte er es ſchon bemerkt, daß dieſe Hand nicht zu den kleinſten gehörte, aber einen ſo eiſernen Fauſtſchlag wie der, mit welchem ſie ihn beehrte, erwartete er nicht. „Und dies,« fuhr die Dame fort, indem ſie mit tra⸗ giſchem Schritte auf Smike zuging,»dies iſt der Andere? Auch Sie ſind mir willkommen.« Nicolaus Nickleby. Nicolaus Nickleby. 113 „Ich denke, der wird ſich machen, liebe Frau,“« ſagte der Direktor, während er eine Priſe Taback nahm. »Vortrefflich,« entgegnete die Dame,»wirklich eine Acquiſition.« Als Madame Crummles an ihren Tiſch zuruͤckſchritt ſprang aus einem verborgenen Eingange ein kleines Mädchen in einem ſchmutzigen weißen Kleide, kurzen Beinkleidern, Sandalen, weißem Spencer, rothem Gaze⸗ hut, grünem Schleier und Lockenwickeln auf die Bühne, machte eine Pirouette, hüpfte zweimal in die Höhe, machte noch eine Pirouette, ſah dann nach der entge⸗ gengeſetzten Couliſſe, ſchrie, flog bis ganz nahe an die Proſceniumslampen vor und nahm eine graziöſe Stellung des Schreckens an, als ein ſchäbiger Mann in alten Tanzſchuhen mit gewaltigen Schritten hereintrat, mit den Zähnen knirſchte und einen Spazierſtock ſchwang. » Sie probiren den ˙Wilden und das Mädchen!“« ſagte Madame Crummles. »Aha,« bemerkte der Direktor,»das kleine Zwiſchen⸗ ballet. Sehr gut. Nur weiter. Treten Sie aus dem Wege, Herr Johnſon. Das wird ziehen. Nun?« Der Direktor klatſchte in die Hände zum Zeichen, daß die Beiden fortfahren ſollten, und der Wilde, der immer wilder wurde, ſchritt auf das Mädchen zu, dieſes aber entging ihm durch ein ſechsmaliges Umdrehen, und blieb bei dem letzten auf den Zehenſpitzen ſtehen. Dies ſchien einigen Eindruck auf den Wilden zu machen, denn nachdem er das Mädchen noch eine Zeitlang aus einem Winkel in den andern getrieben hatte, fing er an abzu⸗ laſſen, ſtemmte den rechten Daumen auf die eine Backe und ſchlug ſich mit den andern vier Fingern auf die andere Backe, wodurch er andeuten wollte, er ſei von der Schönheit des Mädchens ganz atzüct Dann Nicolaus Nicklebv. III. 114 Nicolaus Nickleby. ſchlug er ſich mehrmals auf die Bruſt und zeigte auf andere ähnliche Weiſe, daß er ungeheuer verliebt ſei; da dies jedoch eine ſehr proſaiſche Liebeserklärung war, ſo brauchte man ſich nicht zu wundern, daß das Mädchen ſich hinlegte und einſchlief. Der Wilde hielt, als er dies ſah, die linke Hand an das linke Ohr und nickte bei Seite, um allen, die ſich vielleicht dafür intereſſirten, anzudeuten, ſie ſchlafe wirklich. Der Wilde, der nun allein war, tanzte allein, und gerade, als er aufhörte, erwachte das Mädchen, rieb ſich die Augen, ſtand auf und tanzte auch allein, aber ſo, daß der Wilde ſie den ganzen Tanz über entzückt und ver⸗ zückt anſah, dann von einem Baume in der Nähe eine botaniſche Merkwürdigkeit nahm, die wie ein kleines Krauthaupt ausſah, und dieſes dem Mädchen anbot. Das Mädchen wollte es im Anfange nicht annehmen, ließ ſich aber durch die Thränen des Wilden erweichen. Dann hüpfte der Wilde vor Freuden und das Mädchen hüpfte vor Entzücken über den angenehmen Geruch des kleinen Krauthauptes. Dann tanzten der Wilde und das Mädchen ſehr heftig mit einander, bis zuletzt der Wilde ſich auf ein Knie niederließ und das Mädchen auf ſeinem andern Kniee auf einem Beine ſtand. Da⸗ mit endigte dieſes Ballet, und die Zuſchauer blieben in angenehmer Ungewißheit, ob das Mädchen den Wilden noch heirathe, oder zu ihren Freunden zurückkehre. »Sehr gut,« rief Herr Crummles,»Bravo!« »Bravo!« wiederholte Nicolaus, der ſich vorgenom⸗ men hatte, alles ſchön und vortrefflich zu finden.»Sehr ſchön!« 8 »Dies,« ſagte Herr Crummles, indem er das Mäd⸗ chen vorführte,»iſt das Wunderkind— Ninette Crummles.« Nicolaus Nickleby. 115 »Ihre Tochter?« fragte Nicolaus.— »Meine Tochter, meine Tochter,« antwortete der Direktor,»der Abgott jedes Ortes, an welchem wir uns aufhalten. Wir haben Glückwünſchungsſchreiben über dieſes Mädchen von dem hohen Adel und den angeſe⸗ henſten Bürgern in faſt allen Städten Englands.« »Das wundert mich gar nicht,« entgegnete Nicolaus; „ſie muß wirklich ein gebornes Genie ſein.« »Wirklich ein—«Herr Crummles hielt inne; die Sprache genügte nicht, das Wunderkind zu beſchreiben. „Ich will Ihnen'was ſagen,« fuhr er fort;»das Ta⸗ lent dieſes Kindes kann man ſich gar nicht denken. Man muß es ſehen, Herr, ſehen, um es nur einigermaßen würdigen zu können. So, nun geh' zu Deiner Mutter, Kind.« „Darf ich fragen, wie alt das Mädchen iſt?« fragte Nicolaus. »Das können Sie,« antwortete Herr Crummles und ſah den Fragenden feſt in das Geſicht, wie es manche Leute zu thun pflegen, wenn ſie nicht recht ſicher ſind, ob man ihnen auch glauben werde, was ſie eben ſagen wollen.»Sie iſt zehn Jahre alt.« „» Nicht älter?« »Keinen Tag.« »„Das iſt wirklich merkwürdig!« meinte Nicolaus. Es war allerdings merkwürdig, denn das Wunder⸗ kind war zwar klein, hatte aber doch ein ziemlich altes Geſicht und war, wenn auch nicht ſo lange als die älte⸗ ſten Perſonen denken konnten, doch wenigſtens vor fünf Jahren auch ſchon gerade ſo alt geweſen. Man hatte ſie aber von Kindheit an nicht viel ſchlafen laſſen und ihr ſehr viel Grog zu trinken gegeben, damit ſie nicht groß und ſtark werde, und vielleicht war in Folge dieſes . 8* 116 Nicolaus Nickleby. Erziehungsſyſtems das Wunderkind ein Kind geblieben. Während dieſes kurzen Geſprächs trat der Mann, welcher den Wilden geſpielt hatte, mit den Tanzſchuhen in der Hand näher, als wünſche er, an der Unterhal⸗ tung auch mit Antheil zu nehmen, und als er eine gute Gelegenheit erſehen zu haben glaubte, gab er ſein Wort dazu. „Die hat Talent, Sir,« ſagte der Wilde, indem er nach dem Wunderkinde hin nickte. Nicolaus gab ſeine Zuſtimmung.. „Ah!« fuhr der Tänzer fort, indem er die Zähne aufeinanderſetzte und den Athem mit einem pfeifenden Tone durchzog,»ſie ſollte nur nicht in der Provinz bleiben.⸗ „»Was meinen Sie damit?« fragte der Direktor. »Ich meine,« antwortete der Andere,„ſie iſt zu gut für die Bretter der Provinzialbühnen; ſie ſollte bei ei⸗ nem der großen Theater in London oder ſonſt wo ſein; wenn nicht Neid und Eiferſucht dagegen wirkten; Sie wiſſen, was ich meine. Wollen Sie mich dem Herrn da vorſtellen, Herr Crummles?« „»Herr Folair,« ſagte Crummles zu Nicolaus. „Es freuet mich, Sie kennen zu lernen,« antwortete dieſer. Herr Folair griff mit dem Zeigefinger an die Hutkrempe und gab Nicolaus darauf die Hand.»Ein Rekrut?⸗ „Ein unwürdiger,« entgegnete Nicolaus. „Haben Sie jemals einen ſolchen Affen geſehen?« flüſterte der Schauſpieler, als Crummles weggegangen war, um mit ſeiner Frau zu ſprechen. „»Was meinen Sie?« Herr Folair machte ein närriſches Geſicht, wie in dem Ballet, und wies über die Achſel. Nicolaus Ni eby. 117 „»Sie meinen doch das Wunderkind nicht?« »Ah,« entgegnete Herr Folair,»jedes Mädchen in einer Armenſchule, wenn es ſeine fünf Sinne beiſammen hat, macht es beſſer. Sie kann es Gott nicht genug danken, daß ſie die Tochter eines Direktors iſt.« »Sie ſcheinen die Sache ſehr ernſt zu nehmen,“ be⸗ merkte Nicolaus lächelnd. »Allerdings, und ich habe Urſache dazu,« fuhr Herr Folair fort, indem er den Arm des neuen Bekannten nahm und mit demſelben auf der Bühne auf⸗ und ab⸗ ging.»Soll ein Mann nicht rappelköpfiſch werden, wenn er ſieht, daß dieſes kleine Zappelding jeden Abend in den beſten Stücken auftritt und die Leute abſchreckt, das Theater zu beſuchen, während man andere Tänzer nicht beſchäftigt? Iſt es nicht merkwürdig, daß ſich ein Mann durch Affenliebe gegen ſein eigenes Intereſſe ver⸗ blenden läßt? Ich weiß, daß im vorigen Monat Leute bloß deshalb in das Theater gekommen ſind, um mich den hochländiſchen Fling tanzen zu ſehen. Dennoch konnte ich ſeitdem nicht wieder auftreten, während das „»Wunderkind“ jeden Abend auf der Bühne umherhüpfte, wenn auch nur fünf Perſonen im Parterre und zwei Jungen auf der Gallerie waren.« „Wenn ich nach dem urtheilen darf, was ich eben von Ihnen geſehen habe,« ſagte Nicolaus,»ſo müſſen Sie ein ſehr nützliches Mitglied der Geſellſchaft ſein.« »Oh,« entgegnete Herr Folair, indem er ſeine Schuhe aneinanderſchlug, um den Staub herauszuklopfen,»ich verſtehe mein Fach, vielleicht beſſer, als irgend einer, aber in einer Stellung, wie hier, tanzt man wie mit Feſſeln an den Beinen.— Nun, alter Kerl, wie geht's Euch?« Der mit dieſen letztern Worten Angeredete war ein ſehr bräͤuner Mann mit langem, dichten ſchwarzen Haar, 118 Nicolaus Nickleby. deutlichen Spuren eines ſteifen Bartes und eben ſo dun⸗ kelm Schnurrbarte. Er ſchien nicht über dreißig Jahre alt zu ſein, obgleich man ihn nach dem erſten Blicke hätte für älter halten können, da ſein Geſicht lang und von dem häufigem Gebrauche der Schminke ſehr blaß war. Er trug ein buntes Hemd, einen alten grünen Rock mit neuen gelben Knöpfen, ein Halstuch mit breiten rothen und grünen Streifen und hellblaue Beinkleider. In der Hand hielt er einen gewöhnlichen Stock, wie es ſchien, mehr zum Staate als des wirklichen Gebrauches wegen, denn bald drehte er das gekrümmte obere Ende nach unten, bald erhob er ihn wieder, nahm eine Fechter⸗ ſtellung an und machte ein Paar Stöße nach den Cou⸗ liſſen oder irgend einem lebenden oder lebloſen Gegen⸗ ſtand, der gerade ſich in ſeiner Nähe ſich befand. »Nun, Thomas,“ ſagte dieſer Herr, indem er nach ſeinem Freunde ſtieß, der geſchickt mit dem Schuhe pa⸗ rirte,»was giebt's Neues?« „Ein neues Mitglied, ſonſt nichts,« antwortete Herr Folair, auf Nicolaus zeigend. »Macht die Honneurs, Thomas, macht die Honneurs,⸗ fuhr der Andere fort, indem er dem Freunde vorwurfsvoll mit dem Stocke auf den Hut klopfte. »Herr Lenville, unſer erſter Held, Herr Johnſon,« ſagte der Tänzer. »Außer wenn der Alte es ſich einfallen läßt, ſelbſt als erſter Held aufzutreten, ſolltet Ihr hinzuſetzen, Folair,⸗ bemerkte Herr Lenville.»Sie wiſſen wahrſcheinlich ſchon, wer der Alte iſt?« »Nein,« antwortete Nicolaus. „So nennen wir Crummles,« ſagte Herr Lenville. „»Es muß aber doch nicht ſo leicht ſein, denn er hat mir eine ſehr lange Rolle zugeſchickt, die ich morgen ſchon 2. r n Nicolaus Rickleby. 119 ſpielen ſoll, obgleich ich noch nicht Zeit gehabt habe, ſie anzuſehen. Doch ich habe ein famoſes Gedächtniß, und das iſt ein Troſt.« Herr Lenville nahm bei dieſen Worten eine zerknüllte und ſchmutzige Papierrolle aus der Taſche, brachte ſeinem Freunde noch einen Stoß mit dem Stocke bei, ging dann auf und ab, überlas die Rolle und machte dabei Geſticulationen wie ein Windmühlenflügel. Unterdeß waren noch mehrere Mitglieder der Geſell⸗ ſchaft erſchienen, nämlich ein junger ſchmächtiger Mann mit ſchwachen Augen, der die blöden Jünglinge und ver⸗ ſchmähten Liebhaber ſpielte, auch Tenorpartieen ſang und ſich in einem Armſtuhl mit dem Komiker geſetzt hatte, einem Manne mit einer Stulpnaſe, einem großen Munde, breitem Geſicht und großen Glotzaugen. Den Liebens⸗ würdigen ſpielte bei dem Wunderkinde ein angetrunkener aäͤltlicher, ſehr ſchäbiger Mann, der die ruhigen und tu⸗ gendhaften Alten ſpielte, jene Oheime, die liederliche Nef⸗ fen haben und dieſelben durchaus mit reichen Erbinnen verheirathen wollen. Außer dieſen war ein ziemlich ver⸗ ſtört ausſehender Mann in einem dicken Ueberziehrocke da, der vor den Lampen auf⸗ und abſchritt, mit einem Stocke herumfocht und ſehr lebhaft in einem ſehr näſeln⸗ den Tone declamirte. Er war nicht mehr ſo jung als er geweſen war; doch ſah er ſehr ſtutzerhaft aus, woraus man ſchließen konnte, daß er junge Wildfange, Lebemän⸗ ner, Elegants ꝛc. ſpielte. Ferner ſtand eine Gruppe von einigen jungen Männern mit hohlen Wangen und dicken Augenbrauen in einer Ecke, die mit einander ſprachen und lachten; ſie ſchienen von untergeordneter Bedeutung zu ſein, denn Niemand kümmerte ſich um ſie. Die Damen ſammelten ſich um den oben erwähnten lahmen Tiſch herum. Da war Fräulein Snevellicci, die 8 120 Alles ſpielte, von dem unſchuldigen Landmädchen bis zu Lady Macbeth, unter ihrem ſchwarzen Strohhute hervor ſcharfe Blicke auf Nicolaus warf, aber aufmerkſam eine drollige Geſchichte anzuhören ſchien, welche ihr Fräulein Ledrook erzählte, die ihre Arbeit mitgebracht hatte und an einem Kragen nähete. Ferner ſah man Fräulein Bel⸗ vawney, die gewöhnlich ſtumme Rollen ſpielte, Pagen in weißſeidenen Hoſen, dabei mit einem eingeknickten Beine dazuſtehen und das Publikum zu betrachten pflegte, oder in hohen Tragödien dem Herrn Crummles folgte. Sie drehte jetzt die Locken des ſchönen Fräulein Bravaſſa, das einmal von dem Lehrlinge eines Lithographen por⸗ traitirt worden war. Abdrücke dieſes Portraits hingen an ihrem Benefiztage ſtets am Fenſter des Schweizer⸗ Bäckers, in der Leihbibliothek und an der Caſſe. Außer⸗ dem waren zugegen Madame Lenville in Hut und Schleier, Fräulein Gazingi mit einer nachgemachten Hermelinboa, die loſe um ihren Hals geſchlungen war und mit deren Enden ſie den jüngern Crummles neckend ſchlug. Zuletzt kam Madame Grudden in braunem Tuchkleide und Filz⸗ hute, welche Madame Crummles in ihrem Hausweſen unterſtützte, Geld an der Caſſe einnahm, die Damen an⸗ kleidete, das Haus fegte, ſouflirte, wenn alle Andere be⸗ ſchäftigt waren, jede Rolle ſpielte, die man ihr zutheilte, ohne je zu memoriren, und auf den Zetteln bald unter dem, bald unter jenem Namen aufgeführt wurde, wie es nach Crummles Anſicht gedruckt ſich gerade gut ausnahm. Nachdem Herr Folair dies Alles Nicolaus mitgetheilt hatte, verließ er ihn, um ſich unter ſeine Collegen zu miſchen und das Vorſtellen wurde von dem Direktor übernommen, der den neuen Schauſpieler als ein Wun⸗ der von Genie und Gelehrſamkeit anpries. »Entſchuldigen Sie, mein Herr,« ſagte Fräulein Sne⸗ Nieolaus Nickleby. Nicolaus Nickleby. 121 vellicci bei Seite zu Nicolaus,»ſpielten Sie nicht einmal zu Canterbury?« »Nie,« antwortete Nicolaus. »Ich erinnere mich,« fuhr Fräulein Snevellicci fort, vin Canterbury einen Herrn geſehen zu haben, freilich nur auf Augenblicke, denn ich verließ die Geſellſchaft, als er dazukam, der Ihnen ſo ähnlich war, daß ich gewiß glaubte, Sie wären derſelbe.« »Ich ſehe Sie zum Erſtenmale,« entgegnete Nicolaus ſo galant als möglich.»Nie ſah ich Sie vorher, denn gewiß würde ich Ihre Züge nie wieder vergeſſen haben.«⸗ »Ah, das iſt ſehr ſchmeichelhaft von Ihnen geſagt,« erwiederte Fräulein Snevellicci mit einer graziöſen Ver⸗ beugung.»Allerdings, nun da ich Sie genauer anſehe, bemerke ich, daß Sie andere Augen haben als jener Herr in Canterbury. Aber Sie werden mich gewiß für ſehr albern halten, daß ich auf ſolche Dinge achte.« »Keineswegs,« antwortete Nicolaus.»Ich muß mich nur geſchmeichelt fühlen, wenn Sie mich beachten.« »O, die Männer ſind doch alle ſo eitele Geſchöpfe!« rief Fräulein Snevellicci. Dann wurde ſie reizend ver⸗ legen, nahm ihr Taſchentuch aus einem verſchoſſenen rothſeidenen Beutel und rief:»Liebe Ledrook!« »Was giebt es?« fragte Fräulein Ledrook. »Er iſt nicht derſelbe.« »Welcher derſelbe?« »Der von Canterbury.— Sie wie ſchon, wen ich meine. Kommen Sie einmal her, ich habe Ihnen etwas zu ſagen.« Fräulein Ledrook hatte dazu keine Luſt, und ſo mußte die Snevellicci zu der Ledrook gehen, was ſie denn auf ſehr graziöſe Weiſe that. Die Ledrook neckte nun offenbar die Snevellicci mit Nicolaus, denn nach 122 Nicolaus Nickleby. einigem Flüſtern ſchlug die Snevellicci die Ledrook auf die Hand und entfernte ſich in reizender Verlegenheit. »Meine Herren und Damen,« ſprach jetzt Herr Vincenz Crummles, der unterdeß geſchrieben hatte.»Morgen um zehn Uhr iſt Probe. Alles iſt einſtudirt und es iſt nur eine nöthig. Alſo um zehn Uhr, wenn es gefällig iſt.« »Um zehn Uhr!« wiederholte Madame Grudden. »Nächſten Montag früh leſen wir ein neues Stüůck,« fuhr Herr Crummles fort;»der Titel iſt noch nicht be⸗ kannt, Jeder wird aber eine dankbare Rolle erhalten. »Herr Johnſon wird es liefern.« »Ich?« fuhr Nicolaus auf. »Nächſten Montag früh,« wiederholte der Direktor mit ſtärkerer Stimme, damit man des Herrn Johnſons Einwendungen nicht höre.»Auf Wiederſehen, meine Her⸗ ren und Damen.« Die Herren und Damen entfernten ſich, und nach wenigen Minuten befanden ſich auf der Bühne nur noch die Familie Crummles, Nicolaus und Smilke. »Wahrhaftig,« ſagte Nicolaus, indem er den Direktor bei Seite nahm,»bis Montag kann ich nicht fertig werden.« »Bahl« entgegnete Crummles. »Wahrhaftig nicht! ich bin in ſolchen Erfindungen noch nicht geübt, ſonſt—« »Erfindung! Mit Erfindung haben wir gar nichts zu thun,“« fiel der Direktor ein. »Sie iſt die Hauptſache, lieber Herr.« »Keineswegs, mein Lieber,« entgegnete der Direktor ungeduldig.»Verſtehen Sie franzöſiſch?« »Vollkommen.« »Nun gut,« fuhr der Direktor fort, indem er den Kaſten aus dem lahmen Tiſche zog und Nicolaus ein d or Nicolaus Nickleby. 123 kleines Buch daraus gab.»Da, das überſetzen Sie und ſchreiben vorn Ihren Namen darauf. Das Beſte wäre es freilich, alle Schauſpieler und Schauſpielerinnen ver⸗ ſtänden die franzöſiſche Sprache; ſie könnten dann ihre Rollen im Original memoriren und in der Mutterſprache ſpielen. Auf dieſe Weiſe würden alle Ueberſetzer erſpart.« Nicolaus lächelte und ſteckte das Stück ein. »Was denken Sie vor der Hand wegen Ihrer Woh⸗ nung vorzunehmen?« fragte Herr Crummles. Nicolaus glaubte, in der erſten Woche ſich recht wohl mit einem Bette begnügen zu können, antwortete aber, er habe noch gar nicht daran gedacht. »So kommen Sie mit mir,« fuhr Crummles fort, » und meine Jungens mögen Sie nach Tiſche dahin füh⸗ ren, wo Sie die beſte Wohnung finden werden.« Das Anerbieten konnte nicht zurückgewieſen werden. Nicolaus und Herr Crummles gaben jeder der Madame Crummles einen Arm und ſo wanderten ſie ſtattlich die Straßen hinab. Smike, die Jungens und das Wunder⸗ kind gingen auf einem kürzeren Wege nach Hauſe und nur Madame Grudden blieb im Theater zurück. Madame Crummles ſchritt auf dem Steinpflaſter da⸗ hin, als würde ſie zum Schaffot geführt, aber mit dem beruhigenden Bewußtſein der Unſchuld und mit dem Hel⸗ denmuthe, den nur die Tugend geben kann. Herr Crumm⸗ les dagegen nahm den Gang und die Miene eines hart⸗ herzigen Tyrannen an; da ſie aber Beide von manchem Vorübergehenden genauer als andere Leute betrachtet wurden und manche Jungen ſie anſtierten, wie merkwür⸗ dige Thiere, ſo nahmen allmälig ihre Züge größere Freund⸗ lichkeit an, denn ſie fühlten die Wonne, populair zu ſein. Herr Crummles wohnte in dem Hauſe eines Lootſen, Bulph, der den kleinen Finger eines Ertrunkenen nebſt 124 Nicolaus Nickleby. andern See⸗ und Naturſeltenheiten in einem Zimmer aufgeſtellt hatte. An der Thür des Hauſes befanden ſich ein blank geputzter Meſſingklopfe und ein gleicher Klin⸗ gelzug, und im Hofe ſtand ein großer Maſt mit einem Fähnchen darauf. »Willkommen,« ſprach Madame Crummles zu Nico⸗ laus, als ſie in ihrer Wohnung angekommen waren. Nicolaus verbeugte ſich dankend und ſah mit aufrich⸗ tiger Freude den Tiſch decken. »Wir haben bloß eine Schöpskeule mit Zwiebelbrühe,⸗ fuhr Madame Crummles in ihrer gewöhnlichen hohlen Grabesſtimme fort.»Wollen Sie Theil daran nehmen, ſo ſind Sie uns willkommen.“ »Sie ſind ſehr gütig,« entgegnete Nicolaus,»ich werde ihr tüchtig zuſprechen.« »Vincenz,« fragte Madame,»was iſt die Uhr?« »Fünf Minuten über die Tiſchzeit,« antwortete Herr Crummles. Madame klingelte und befahl, die Schöpſenkeule mit der Zwiebelbrühe zu bringen, welche nicht lange auf ſich warten ließ. „Sind die Leute hier fleißige Theaterbeſucher?« fragte Nicolaus. »Nein,« antwortete Crummles kopfſchüttelnd,»kei⸗ neswegs,— keineswegs.“ »Ich bedaure ſie,« bemerkte Madame. »Auch ich,« entgegnete Nicolaus,» wenn ſie kei⸗ nen Sinn für ein gutes Theater haben.“ »Sie haben keinen Sinn dafür,« meinte Herr Crumm⸗ les.»Beim Beneſiz meiner Tochter im vorigen Jahre, wobei ſie in drei ihrer beliebteſten Rollen auftrat, ſo wie in dem'bezauberten Stachelſchweine“, das von ihr Nicolaus Nickleby. 125 zuerſt auf die Bühne gebracht wurde, kam nicht mehr als fünfundzwanzig Thaler acht Groſchen ein.« „»Iſt es möglich?« rief Nicolaus. „Meine Frau hat ſelbſt vor einer Handvoll Zu⸗ ſchauer geſpielt.“ » Das Publikum iſt jedoch ein empfängliches, Vin⸗ cenz,« entgegnete die Frau Direktorin. „Das iſt jedes Publikum bei gutem Spiele— wirk⸗ lich gutem Spiele,« bemerkte Herr Crummles. »Geben Sie Unterricht, Madame?« fragte Nico⸗ laus. »Allerdings.“ „Haben Sie auch hier Zöglinge gehabt?« „Die Tochter eines Kleinkrämers; es ergab ſich aber ſpäter, daß ſie wahnſinnig geweſen war, als ſie das Erſtemal zu mir gekommen, was gewiß ſehr merkwür⸗ dig war.« Nicolaus hielt es für das beſte, darauf gar nicht zu antworten. „Was meinen Sie,« fuhr der Direktor nach einigem Nachdenken fort,»wollen Sie zuerſt in einer hübſchen kleinen Rolle mit dem Kinde auftreten?« „Sie ſind ſehr gütig,« antwortete Nicolaus ſchnell, wich halte es aber für beſſer, zum Erſtenmale mit Je⸗ mandem von meiner Größe aufzutreten. Ich würde mich dann jedenfalls in geringerer Verlegenheit befin⸗ den.« »Da haben Sie Recht. Wiſſen Sie was? Sie ſtu⸗ diren den Romeo ein— Inlie, die Snevillicci, die alte Grudden die Amme. Ja das geht. Dann Caſſio, und den Räuber und Jeremias Diddler. Das Memo⸗ riren geht raſch, eine Rolle unterſtützt die andere. Da ſind ſie wit den Stichwörtern.« 126 Nicolaus Nickleby. Herr Crummles ſteckte dabei Nicolaus einige kleine Rollen zu, befahl dann ſeinem älteſten Sohne, mit dem Herrn zu gehen und ihm zu zeigen, wo Wohnungen zu haben wären, reichte ihm die Hand und wünſchte ihm eine gute Nacht.. Es fehlt in Portsmuth nicht an hübſchen meublir⸗ ten Zimmern, auch findet man leicht ſolche, die für die ſchlechteſten pecuniären Verhältniſſe paſſen, die er⸗ ſteren waren jedoch zu gut und die letzteren zu ſchlecht, und ſie gingen in ſo viele Häuſer, die ſie unbefriedigt wieder verlaſſen mußten, daß Nicolaus ernſtlich zu glau⸗ ben anfing, er werde um die Erlaubniß bitten müſſen, die Nacht im Theater zu ſchlafen. Endlich fanden ſie jedoch ein Paar kleine Stübchen drei Treppen, oder vielmehr zwei Treppen und eine Leiter hoch, bei einem Tabackshändler in einer ſchmutzi⸗ gen Straße, die zu den Docks führt. Dieſe miethete Nicolaus und freuete ſich, daß man die Miethe nicht auf eine Woche voraus bezahlt haben wollte. »So, lege unſere Habſeligkeiten nieder, Smike,⸗ ſagte Nicolaus, nachdem der junge Crummles ſich wie⸗ der entfernt hatte.»Wir ſind in ſeltſame Verhältniſſe gerathen, und Gott weiß, wie ſie enden werden; ich bin jedoch von den Ereigniſſen der drei letzten Tage ſo ermattet, daß ich das Nachdenken darüber bis auf mor⸗ gen verſchieben will— wenn es möglich iſt.« Nicolaus Nickleby. 127 Siebentes Kapitel. Von der großen Einladung zu dem Benefiz des Fräulein Sne⸗ vellicci und von dem erſten theatraliſchen Verſuche unſers Nicolaus'. Nicolaus war den andern Morgen ſehr früh auf, hatte aber doch kaum angefangen, ſich anzukleiden, als er Tritte auf der Treppe und die Stimme der Herren Folair, des Tänzers, und des erſten Helden, Lenville, hörte. „»Zu Hauſe?« rief Folair. »Hier?« ſprach Lenville in tiefem Baß. »Hol' der Guckuk die Menſchen!« dachte Nicolaus; „ſie ſind gewiß gekommen, um bei mir zu frühſtücken. — Ich mache ſogleich auf, warten Sie nur einen Au⸗ genblick.« Die Herren erſuchten ihn, ſich nicht zu übereilen, und um ſich die Zeit zu vertreiben, fochten ſie auf dem ſchmalen Vorſaale mit ihren Stöcken, zum großen Ver⸗ druſſe der darunter wohnenden Leute. „»Treten Sie ein,« ſagte Nicolaus, als er mit ſeiner Toilette zu Ende war.»Im Namen alles Gräßlichen, ma⸗ chen Sie aber keinen ſolchen Heidenlärm da außen!« »Ein ungewöhnlich niedliches Zimmerchen,« ſagte Herr Lenville, indem er eintrat, was er aber nur thun konnte, nachdem er den Hut abgenommen hatte.»Verflucht niedlich!« »Derjenige, welcher in ſolchen Dingen eigenſinnig iſt, könnte es allerdings für etwas zu niedlich halten,« ent⸗ gegnete Nicolaus; denn wenn es auch ſehr bequem iſt, in dem Zimmer alles, was man braucht, an der Decke 128 Nicolaus Nickleby. oder am Boden oder an den vier Wänden mit den Hän⸗ den ergreifen zu können, ohne von dem Stuhle aufzu⸗ ſtehen, ſo kann man doch dieſe Vortheile nur in einem ganz kleinen Zimmer haben.« »Für einen einzelnen Herrn iſt es durchaus nicht zu klein,« erwiederte Lenville,»aber das erinnert mich an meine Frau— Herr Johnſon, ich hoffe, ſie bekömmt eine gute Rolle in Ihrem Stücke.« »Ich las vorigen Abend in dem franzöſiſchen Origi⸗ nal,« antwortete Nicolaus; ves ſcheint ſehr gut zu ſein.« »Was denken Sie für mich zu thun?« fragte Lenville weiter, indem er mit ſeinem Stocke das Feuer umſtörte, und denſelben dann an ſeinem Rocke abwiſchte,»Giebt es etwas Tyranniſches, etwas zu ſchreien?« »Sie werfen Ihre Frau mit dem Kinde zum Hauſe hinaus,« antwortete Nicolaus,»und erdolchen Ihren äl⸗ teſten Sohn in einem Anfalle von Eiferſucht.« »Wirklich?« rief Lenville;»das freut mich.« »Dann,« fuhr Nicolaus fort,»werden Sie von der Reue gequält bis zu dem letzten Acte, in welchem Sie ſich endlich entſchließen, Ihrem Leben ein Ende zu ma⸗ chen; aber eben, als Sie das Piſtol an die Stirn ſetzen, ſchlägt eine Uhr— zehn.⸗« »Ich höre, ich ſehe es,« rief Lenville.»Sehr gut.« »Sie halten ein,« fuhr Nicolaus fort,»Sie erinnern ſich, in Ihrer Jugend einmal eine Uhr zehn ſchlagen ge⸗ hört zu haben. Das Piſtol fällt Ihnen aus der Hand, — Sie ſind von Gefühlen überwältigt,— Sie brechen in Thränen aus, und werden von dieſer Zeit an ein tu⸗ gendhafter, eremplariſcher Menſch.« „»Capital!« rief Lenville,»das muß greifen.« »Iſt auch etwas Gutes für mich darin?« fragte Fo⸗ lair beſorgt. Nicolaus Nickleby. 129 »Laſſen Sie ſehen,« antwortete Nicolaus;»Sie ſpie⸗ len den treuen Diener, und werden mit der Gattin und dem Kinde verſtoßen.« »Immer mit dem vermaledeiten Wunderkinde zuſam⸗ men,“« ſeufzte Folair;»wir nehmen dann eine armliche Wohnung, wo ich keinen Lohn bekomme, und reden ſen⸗ timental, nicht wahr?« »Allerdings,« antwortete Nicolaus;»ſo verläuft da Stück.« »Ich muß einen Tanz bekommen,« meinte Folair; »Sie werden einen für das Wunderkind anbringen müſ⸗ ſen, und beſſer thun, wenn Sie ihn gleich zu einem pas de deux machen.« »Nichts leichter als das,« fiel Lenville ein, als er das verlegene Geſicht des jungen Bühnendichters ſah. »Ich ſehe es wirklich nicht ein, wie ein Tanz anzu⸗ bringen wäre,« antwortete Nicolaus. »Nichts leichter,« fuhr Lenville fort.»Sie ſchicken die unglückliche Frau mit dem Kinde und dem treuen Diener in eine ärmliche Wohnung, nicht wahr? Nun gut. Dis unglückliche Frau ſinkt auf einen Stuhl und verbirgt ih Geſicht hinter ihrem Taſchentuche.„Warum weinſt Dn Mutter?« fragt das Kind.„Weine nicht, Mutter, ich muß ſonſt auch weinen.⸗— Ach, und ich auch,“ fällt der eue Diener ein, indem er mit dem Rockärmel über die ugen fährt.— Was können wir thun, um Dich auf⸗ ſenran, liebe Mutter? fragt das Kind.— Ja, was önnen wir thun?“ fragt auch der treue Diener.—„Ach, gean, antwortet die unglückliche Frau,'ach könnte ich doch die ſchmerzl lichen Gedanken verſcheuchen!— Ma⸗ chen Sie einen Verſuch, Madame, machen Sie einen Derſuch,“ ſagt der treue Diener;'raffen Sie ſich auf, MNadame, erheitern Sie ſich.⸗»Das will ich,“ ſagt Nikolaus Nickleby. III. 9 * * 130 Nicolaus Nickleby. die Frau,'ich will mein Unglück muthig zu ertragen ſuchen. Erinnerſt Du dich jenes Tanzes, treuer Freund, den Du in glücklichen Zeiten ſo oft mit dieſem lieben En⸗ gel tanzteſt? Er beruhigte damals ſtets mein Herz. Ach, laßt mich ihn noch einmal ſehen, ehe ich ſterbel— Das 'ehe ich ſterbe“ iſt das Zeichen für das Orcheſter, und der Tanz beginnt. So iſt es ganz in der Ordnung, nicht wahr, Folair?« „Ganz in der Ordnung,« antwortete Folair.»Ueber⸗ wältigt von den Erinnerungen an frühere Zeiten, fällt die unglückliche Frau nach Beendigung des Tanzes in Ohnmacht, und Sie ſchließen das Stück mit einer rei⸗ zenden Gruppirung.« Nicvlaus nahm ſich dieſe und andere gute Lehren, das Reſultat der Bühnenkenntniß der beiden Schauſpieler, zu Herzen, und gab ihnen ein Frühſtück, ſo gut er es geben konnte. Als ſie endlich wieder fort waren, ging er an die Arbeit und fand zu ſeinem Vergnügen, daß ſie weit leichter war, als er im Anfange geglaubt hatte. Er ar⸗ beitete den ganzen Tag ſehr fleißig, und verließ ſein Zim⸗ mer erſt gegen Abend, um in das Theater zu gehen, wo⸗ hin ihm Smike mit einem andern vorausgegangen war. Hier waren alle Perſonen ſo ſehr verändert, daß er ſie kaum wieder erkannte;— falſches Haar, falſche Farbe, falſche Waden, falſche Muskeln,— es waren ganz ver⸗ ſchiedene Geſchöpfe. Herr Lenville war ein blühender, jugendlicher Held; Herr Crummles, mit einer Maſſe ſchwarzen Haares in ſeinem großen Geſichte, ein hoch⸗ ländiſcher Verbannter von majeſtätiſchem Ausſehen; einer der alten Herren ein Kerkermeiſter, der andere ein ehr⸗ würdiger Patriarch; der Komiker ein humoriſtiſcher Bra⸗ marbas; jeder der jungen Crummleſſe ein Prinz, und der blöde Liebhaber ein verzweifelnder Gefangener. Ein pracht⸗ Nicolaus Nickleby. 131 volles Bankett war für den dritten Aect bereit, und be⸗ ſtand aus zwei Vaſen von Pappe, einem Teller voll Zwieback, einer ſchwarzen Flaſche und einem Eſſigkruge, — kurz, alles war auf das Glänzendſte eingerichtet. Nicolaus ſtand mit dem Rücken nach dem Vor⸗ hange zu, betrachtete die Decoration zur erſten Scene, ein gothiſches Thor, das nur etwa zwei Fuß kürzer war, als Herr Crummles, der durch daſſelbe auf die Bühne treten mußte, hörte auch ein Paar Perſonen, die auf der Gallerie Nüſſe knackten, und war zweifelhaft, ob dieſelben wohl das ganze Publikum wären, und der Direktor ſelbſt freundlich zu ihm trat und ihn fragte:»Sind Sie im Hauſe geweſen?« »Noch nicht,« antwortete Nicolaus.»Ich wußte auf der Bühne zu bleiben.« »Wir haben ein ziemlich volles Haus,« fuhr Herr Crummles fort;»vier Sperrſitze und die ganze Seiten⸗ loge beſetzt.« »Eine Familie wahrſcheinlich?« »Ja,« antwortete der Direktor,»ja es iſt rührend. Es ſind ſechs Kinder, und ſie kommen nur, wenn das Wun⸗ derkind ſpielt.« 3. Es würde für Jedermann ſchwer geweſen ſein, das Theater zu beſuchen, wenn das Wunderkind nicht ſpielte, da es immer wenigſtens eine, öfters auch zwei und drei Rollen jeden Abend zu ſpielen hatte; Nicolaus achtete jedoch das Vatergefühl, und enthielt ſich einer Anſpielung auf dieſen Umſtand, während der Direktor ungeſtört fortfuhr: »Sechs Kinder, der Vater und die Mutter acht, die Tante neun, die Gouvernante zehn, der Großvater und die Großmutter zwölf. Dazu kommt noch der Bediente, der mit einem Körbchen mit Apfelſinen und einer Flaſche Brotwaſſer 9* 0 13² Nicolaus Nickleby. draußen ſteht, und das Stück unentgeltlich durch ein Glas⸗ fenſter in der Logenthür mit anſieht,— es iſt gewiß wohlfeil für drei Thaler, und die Leute profitiren, wenn ſie eine Loge nehmen.« »Ich wundere mich, daß Sie für dieſen Preis ſo Viele einlaſſen.⸗« »Das läßt ſich nicht ändern; man erwartet dies in der Provinz. Hat eine Familie ſechs Kinder, ſo kommen ſechs Erwachſene, damit jede Perſon eins auf den Schooß nehmen kann.— Klingeln Sie dem Orcheſter, Grudden.“« „Dieſe nützliche Frau that, was ihr befohlen wurde, und bald darauf hörte man drei Violinen ſtimmen. Nach⸗ dem dies ſo lange gedauert hatte, als es die Geduld des Publikums möglicher Weiſe ertragen konnte, wurde zum Zweitenmale geklingelt, und das Orcheſter ſpielte dar⸗ auf verſchiedene Lieblingsſtücke mit unwillkürlichen Varia⸗ tionen. Hatte ſich Nicolaus über die Veränderung der Schau⸗ ſpieler zu ihrem Vortheile gewundert, ſo war die der Schauſpielerinnen noch weit außerordentlicher. Als er Fräulein Snevellicci in aller Pracht des weißen Mus⸗ lins mit einem Goldſaume und Madame Erummles in aller Würde der Gattin des Verbannten, Fräulein Bravaſſa in aller Anmuth der vertrauten Freundin des Fräulein Snevellicci, und Fräulein Belvawney in den weißſeidenen Beinkleidern eines Pagen erblickte, konnte er ſeine Verwunderung kaum mäßigen, die ſich in gro⸗ ßem Applaus und in der geſpannteſten Aufmerkſamkeit äußerte. Das Stück war höchſt intereſſant. Es gehörte keinem beſondern Zeitalter, keinem einzelnen Volke oder Lande an und war vielleicht deshalb um ſo werthvoller, da Niemand vorher den Inhalt und Ausgang zu ahnen vermochte. Es war einem Verbannten gelungen, etwas Nicolaus Nickleby. 133 irgendwo zu thun, und er kehrte im Triumph unter Ju⸗ belgeſchrei und Trompetenklang in ſeine Heimath zurück, um ſein Weib zu begrüßen, eine Frau von männlichem Geiſte, die viel von ihres Vaters Gebeinen ſprach, welche unbeerdigt zu ſein ſchienen, obgleich man nicht erfuhr, ob es der alte Mann ſo gewünſcht hatte, oder ob eine tadelnswerthe Nachläſſigkeit ſeiner Nachkommen die Schuld davon trug. Dieſe Frau des Verbannten ſtand auf irgend eine Weiſe in Verbindung mit einem Pa⸗ triarchen, der auf einem weit entlegenen Schloſſe wohnte und der Vater einiger der auftretenden Perſonen war; aber er wußte nicht genau, welcher, und war ungewiß, ob er ſeine rechten Kinder in ſeinem Schloſſe erzogen habe oder unrechte, ſchien ſich aber mehr der letztern An⸗ ſicht zuzuneigen. In ſeiner Beſorgniß wollte er ſich bei einem Bankett erholen, und während dieſes Banketts rief Jemand in einem Mantel:„»ſieh Dich vor!« Nie⸗ mand(außer dem Publikum) wußte, daß dieſer Jemand der Verbannte ſelbſt war, welcher aus unbekannten Grün⸗ den dahin gekommen war, wahrſcheinlich aber ein Auge auf die Löffel hatte. Eine angenehme Unterbrechung und Unterhaltung gewährten einige Liebesſcenen zwiſchen dem verzweifelnden Gefangenen und Fräulein Snevellicci, dem humoriſtiſchen Fechter und Fräulein Bravaſſa; au⸗ ßerdem hatte Herr Lenville einige hochtragiſche Scenen im Finſtern auf Raub⸗ und Mordunternehmungen, welche alle durch die Geſchicklichkeit und Tapferkeit des humo⸗ riſtiſchen Fechters(der Alles hörte, was im Stücke ge⸗ ſprochen wurde) und die Unerſchrockenheit des Fräuleins Snevellicci vereitelt wurden, die ſich mit einem Körbchen mit Lebensmitteln und einer Blendlaterne in den Ker⸗ ker ihres gefangenen Geliebten begab. Endlich kam es an den Tag, daß der Patriarch derjenige geweſen, 134 Nicolaus Nickleby. welcher die Gebeine des Schwiegervaters des Verbann⸗ ten ſo deſpectirlich behandelt hatte, weshalb die Frau des Verbannten ſich auf ſein Schloß begab, um ihn zu ermorden, und in ein dunkles Gemach kam, wo nach langem Umhertappen jeder Anweſende einen andern An⸗ weſenden ergriff, aber für einen andern hielt, wodurch große Verwirrung entſtand; dann folgten Schüſſe und es erſchienen Leute mit Fackeln. Darauf kam der Pa⸗ triarch und bemerkte mit einem klugen Geſichte, daß er nun Alles wegen ſeiner Kinder wiſſe und ihnen dies ſa⸗ gen wolle, wenn ſie ſich an einem andern Orte befänden; auch ſetzte er hinzu, es gebe keine beſſere Gelegenheit, als dieſe, die jungen Leute zu verheirathen, deshalb legte er ihre Hände in einander mit voller Bewilligung des unermüdlichen Pagen, der, als die einzige Andere überle⸗ bende Perſon, mit ſeinem Barett nach den Wolken und mit der rechten Hand nach dem Boden wies, womit er zugleich einen Segen herabrief und dem Vorhange winkte, herabzufallen, was derſelbe denn auch unter allgemeinem Beifalle that. »Was ſagen Sie dazu?« fragte Herr Crummles Ni⸗ colaus, als dieſer wieder auf der Bühne umherging. Herr Crummles war ſehr roth und ſehr erhitzt, denn die Verbannten müſſen bekanntlich ungeheuer ſchreien. »Ein Capitalſtück,« antwortete Nicolaus;»Fräulein Snevellicci beſonders war ungemein gut.« »Sie iſt ein geniales Mädchen,« behauptete der Di⸗ rektor,»ein geniales Mädchen, ſage ich Ihnen, und ne⸗ benbei geſagt, ich denke, Ihr Stück zu ihrem Beneſiz zu geben.« „»Wann?« fragte Nicvlaus. »Zu ihrem Benefiz, wann ihre Gönner und Freunde das Theater beſuchen. Bei dieſer Gelegenheit geht's ge⸗ —— Nicolaus Nickleby. 135 wiß, und ſollte es doch nicht ſo greifen, wie wir er⸗ warten, ſo hat ſie es zu verantworten.— Bis zum Montag werden Sie damit fertig ſein und die Liebhaber⸗ rolle einſtudirt haben.« »Ich glaube und hoffe es.« »Das wäre alſo abgethan. Nun aber muß ich Sie um etwas Anderes erſuchen. Bei einem Benefiz darf eine beſondere Anziehungskraft nicht fehlen. Sie hatte ein Benefiz, als ihre Stiefmutter ſtarb, und eines nach dem Tode ihres Onkels; ich und meine Frau haben Be⸗ nefize gehabt am Jahrestage der Geburt des Wunder⸗ kindes und unſerer Hochzeit, und es iſt alſo ſchwer, et⸗ was Neues zu erfinden. Wollen Sie dem armen Mäd⸗ chen nicht beiſtehen, Herr Johnſon?« ſagte der Direktor, indem er ſich auf eine Trommel ſetzte und eine große Priſe nahm, während er ihm feſt in das Geſicht ſah. »Wie meinen Sie das?« fragte Nicolaus. »Können Sie morgen Vormittag nicht ein halbes Stündchen entbehren, um ſie zu einigen der Angeſehen⸗ ſten zu begleiten?« murmelte der Direktor in überreden⸗ dem Tone. „»Das würde ich ſehr ungern thun,« antwortete Ni⸗ colaus. »Das Kind wird ſie auch begleiten,« fuhr Herr Crummles fort,»und ich erlaubte dies ſogleich;— Fräu⸗ lein Snevellicci, Herr Johnſon, iſt ein höchſt achtbares Mädchen. Es würde von großem Nutzen ſein,— der Herr aus London— Verfaſſer des neuen Stücks, der ſelbſt in demſelben ſpielt, den erſten theatraliſchen Ver⸗ ſuch macht,— es würde viele Leute in das Theater lo⸗ cken, Herr Johnſon.« »Ich verderbe Niemandem gern eine Freude, am al⸗ lerwenigſten einer Dame,« antwortete Nicolaus,»aber 136 Nicolaus Nickleby. bei der Partie, zu welcher Sie mich beſtimmen, kann ich wirklich nicht ſein.« »Was ſagt Herr Johnſon, Vincenz?« fragte eine Stimme dicht neben ihm, und als er ſich umdrehete, ſah er Madame Crummles und Fräulein Snevellicci hinter ſich ſtehen. »Er macht Einwendungen,« antwortete Crummles mit einem Blicke auf Nicolaus. „Einwendungen?« rief Madame Crummles;»nicht möglich!«. »Ich hoffe es nicht,« fiel Fräulein Snevellicci ein; „ſo grauſam ſind Sie gewiß nicht.— Ach, ſo getäuſcht zu werden, wenn man ſich ſo ſicher der Hoffnung über⸗ laſſen hat!« »Herr Johnſon wird ſich erbitten laſſen,« meinte Madame Crummles.»Denken Sie beſſer von ihm. Galanterie, Mitleid und alle beſſeren Gefühle ſeines Herzens müſſen ihn beſtimmen, Ihnen ſeinen Beiſtand nicht zu verſagen.« »Da ſich ſogar ein Direktor bewegen läßt,« bemerkte Herr Crummles lächelnd. »Und die Frau des Direktors,« ſetzte Madame Crumm⸗ les in ihrem gewöhnlichen tragiſchen Tone hinzu.»Kom⸗ men Sie, ſagen Sie ja.« „»Es iſt mir nicht gegeben,« antwortete Nicolaus, veiner Bitte zu widerſtehen, wenn ſie nicht etwas Un⸗ rechtes verlangt, und außer einem Gefühle von Stolz hindert mich nichts, das zu thun, was Sie verlangen. Ich kenne Niemanden hier und mich kennt Niemand. So ſei's denn. Ich füge mich.« Fräulein Snevellicci konnte nicht hoch genug erröthen und wußte nicht, wie ſie ihren Dank ausſprechen ſollte, mit welcher Waare auch Herr und Madame Crummles h — Nicolaus Nickleby. 137 nicht geizig waren. Man kam überein, daß Nicolaus ſie den nächſten Morgen um elf Uhr in ihrer Wohnung ab⸗ holen ſolle, und bald darauf ſchieden ſie, Nicolaus, um an ſeine Arbeit zu gehen, Fräulein Snevellicci, um ſich für das zweite Stück umzukleiden, und der uneigennützige Direktor, um mit ſeiner Frau über den wahrſcheinlichen Gewinn des Beneſizes zu ſprechen, von dem ihnen nach dem Vertrage zwei Drittel zukamen. Zur beſtimmten Stunde am nächſten Vormittage be⸗ gab ſich Nicolaus in die Wohnung des Fräulein Sne⸗ vellicci, die ſich im Hauſe eines Schneiders befand. Auf dem kleinen Vorſaale roch es ſtark nach Bügeleiſen, und die Tochter des Schneiders ſchien ſo ungemein beſchäf⸗ tigt zu ſein, wie es die Frauen und Mädchen immer ſind, wenn im Hauſe gewaſchen wird. »Wohnt Fräulein Snevellicci hier?« fragte Nicolaus, als die Thür aufgemacht wurde. Die Tochter des Schneidermeiſters bejahete dies. »So haben Sie doch die Gefälligkeit, dem Fräulein zu ſagen, Herr Johnſon ſei da,« fuhr Nicolaus fort. »Ah, Sie ſollen nur heraufkommen,« antwortete die Schneidekstochter mit einem Lächeln. Nicolaus folgte ihr und wurde in ein kleines Zimmer im erſten Stock gewieſen, an welchem ſich ein Alkoven befand, in dem, wie Nicolaus aus dem Taſſengeklirre ſchloß, Fräulein Snevellicci ihr Frühſtück im Bette ein⸗ nahm. »Sie ſollen die Gefälligkeit haben, zu warten,« ſagte die Schneiderstochter, als ſie aus dem Alkoven wieder zurückkam, in welchem er ein kurzes Geflüſter gehört hatte;»ſie wird nicht lange bleiben.« Während ſie dies ſagte, öffnete ſie die Jalouſieen, und als ſie dadurch(wie ſie meinte) die Aufmerkſamkeit des 138 Nicolaus Nickleby. Herrn Johnſon von dem Zimmer ab und auf die Straße gelenkt hatte, nahm ſie einige Gegenſtände weg, welche im Zimmer aufgehangen waren und wie Strümpfe aus⸗ ſahen, und entfernte ſich. Da ſich auf der Straße nicht viele intereſſante Ge⸗ genſtände befanden, ſo ſah ſich Nicolaus in dem Zimmer mit größerer Neugierde um, als er außerdem darauf gewendet haben würde. Auf dem Sopha lag eine alte Guitarre nebſt abgegriffenen Muſikblättern, einer Menge Lockenwickel, einem Haufen Theaterzettel und einem Paar ſchmutziger weißer Atlasſchuhe mit großen blauen Ro⸗ ſetten. Ueber einer Stuhllehne hing ein halbfertiges Muslinſchürzchen mit roth eingefaßten Täſchchen, wie ſie Kammermädchen auf der Bühne, ſonſt aber nirgends, zu tragen pflegen. In einem Winkel ſtanden die kleinen Stolpenſtiefeln, welche Fräulein Snevellicci als kleiner Jockei zu tragen pflegte, und daneben lag ein Bündel⸗ chen, das ganz wie die dazu gehörigen kurzen Hoſen ausſah. Der intereſſanteſte Gegenſtand aber war vielleicht das aufgeſchlagene Album zwiſchen kleinen Theaterſtücken auf dem Tiſche, in welches Album verſchiedene Kritiken über Fräulein Snevellicci's Spiel aus verſchiedenen Wochenblättern kleiner Städte und Verſe geklebt waren, mit denen man ſie angeſungen hatte. Ueber dieſen poe⸗ tiſchen Herzensergießungen befanden ſich in dem Buche auch zahlloſe ſchmeichelhafte Anſpielungen aus Zeitungen, z. B.:»Wir erſehen aus einer Ankündigung in unſerm heutigen Blatte, daß die reizende und höchſt talentvolle Snevellicci nächſten Mittwoch ihre Benefizvorſtellung giebt und zu derſelben Stücke gewählt hat, welche ſelbſt einen Miſanthropen zum Lachen zwingen werden. Im Vertrauen, daß unſere Mitbürger Künſtlertalent und Nicolaus Nickleby. 139 Privattugend auch diesmal, wie ſie es ſchon bei vielen Gelegenheiten gethan haben, zu ehren wiſſen werden, verſprechen wir der reizenden Künſtlerin ein ſehr gefüll⸗ tes Haus.«—»J. S. iſt falſch unterrichtet, wenn er glaubt, die talentvolle und ſchöne Snevellicci, die jeden Abend alle Herzen in unſerm hübſchen Theater gewinnt, ſei nicht dieſelbe, der vor kurzem der junge Mann von ungeheurem Vermögen ſeine Hand angetragen hat. Wir wiſſen, daß Fränulein Snevellicci die Dame wirklich iſt, welcher jener Antrag gemacht wurde und deren Beneh⸗ men in dieſer Sache ihrem Kopfe und Herzen nicht we⸗ niger Ehre machte, als ihre Triumphe auf der Bühne ein Zeichen ihres großen Geiſtes ſind.« Eine ſehr reich⸗ haltige Sammlung von ſolchen Stellen nebſt langen Theaterzetteln von ihren Benefizvorſtellungen, auf denen allen unten zuletzt in ſehr großen Buchſtaben ſtand: »man komme zeitig,“« bildete den Hauptinhalt des Albums des Fräulein Snevellicci. Nicolaus hatte viele dieſer Dinge geleſen und ſich eben in die Lectüre eines Artikels vertieft, in welchem mit großem Bedauern berichtet wurde, daß ſie ſich auf der Bühne in Wincheſter den Fuß vertreten habe,— als die junge Dame ſelbſt im ſchwarzen Strohhute und ſonſt vollſtändig gekleidet, in das Zimmer trat und ſich in tauſend Entſchuldigungen darüber ergoß, daß ſie ihn über die feſtgeſetzte Zeit habe warten laſſen. „Aber,“« ſetzte Fräulein Snevellicci hinzu,»meine liebe Ledrook, die hier bei mir wohnt, wurde dieſe Nacht ſo unwohl, daß ich glaubte, ſie wuͤrde in meinen Armen ſterben.« »Ein ſolches Schickſal wäre faſt zu beneiden,« ent⸗ gegnete Nicolaus;„doch thut mir es leid, daß das Fräulein leidet.« 140 Nicolaus Nickleby. »Sie Schmeichler!« erwiederte Fräulein Snevellicci, indem ſie in holder Verſchämtheit den Handſchuh zu⸗ knöpfte. »Wenn es Schmeichelei iſt, Ihre Reize und Ta⸗ lente zu bewundern,« entgeguete Nicolaus, indem er die Hand auf das Album legte,»ſo haben Sie hier beſſere Proben davon.“« »Sie haben darin geleſen, Grauſamer? So muß ich mich faſt ſchämen, Ihnen in das Geſicht zu ſehen,« ſagte Fräulein Snevellicci, indem ſie das Buch nahm und in ein Schränkchen ſchloß.»Wie nachläſſig von der Ledrook! Wie konnte ſie mir das thun!« »Ich glaubte, Sie hätten es aus Abſicht liegen laſ⸗ ſen, damit ich darin leſe,« antwortete Nicolaus. „Nicht um die Welt hätte ich es Ihnen zeigen mö⸗ gen!« erwiederte Fräulein Snevellicci.»Es hat mich in die größte Verlegenheit gebracht. Aber ſo nachläſſig iſt ſte; man kann ihr nichts anvertrauen.« Das Geſpräch wurde hier durch den Eintritt des Wunderkindes unterbrochen, das bis dieſen Augenblick in dem Schlafzimmer geblieben war und jeßt graziös, einen kleinen grünen Sonnenſchirm mit einer breiten Franſe am Rande in der Hand, hereinhüpfte. Nach ei⸗ nigen wenigen andern Worten gingen ſie. Das Wunderkind war eine ſehr läſtige Begleitung, denn erſt verlor es den rechten, dann den linken Schuh, und als dieſen Unfällen abgeholfen war, ergab es ſich, daß das eine Bein der weißen Beinkleider länger als das andere war; außerdem ließ das Kind den Sonnen⸗ ſchirm in die Goſſe fallen und konnte ihn nur mit gro⸗ ßer Mühe wieder herausfiſchen. Dennoch durfte man das Kind nicht auszanken, da es die Tochter des Di⸗ rektors war; Nicolaus ertrug deshalb Alles mit wah⸗ Nicolaus Nickleby. 141 rer Engelsgeduld und ſchritt weiter, an der einen Seite Arm in Arm mit Fräulein Snevellicci, und an der an⸗ dern Seite das Kind führend. Das erſte Haus, nach dem ſie ſich wendeten, war ein recht anſehnliches. Auf Fräulein Snevellicci's zwei⸗ maliges Klopfen erſchien ein Lakai, der auf ihre Frage, ob Madame Curdle zu ſprechen ſei, die Augen weit auf⸗ riß, dann lächelte und antwortete, er wiſſe es nicht, wollte aber fragen. Darauf wies er ſie in ein Zimmer, wo ſie warten mußten und in das zwei Mägde unter verſchiedenen Vorwänden kamen, um die Schauſpieler zu ſehen, und endlich ging er die Treppe hinauf, um Fräulein Suevellicci anzumelden. Madame Curdle ſollte nach der Meinung derer, welche in ſolchen Dingen für vollkommen gut unterrich⸗ tet galten, in Hinſicht auf Drama und Literatur ganz den Londoner Geſchmack beſitzen; Herr Curdle dagegen hatte eine Flugſchrift von 64 S. 8. über den Charakter des verſtorbenen Mannes der Amme in Romeo und Julie geſchrieben, und darin unterſucht, ob derſelbe in ſeinem Leben wirklich ein'luſtiger Mann“ geweſen ſei, oder ob ihn die Wittwe nur aus Liebe und Parteilich⸗ keit als ſolchen ſchildere. Er hatte auch bewieſen, daß durch die Aenderung der gewöhnlichen Interpunktion jedes Stück von Shakſpeare ganz anders gemacht und der Sinn vollkommen umgewandelt werden könne. Nie⸗ mand wird darnach bezweifeln, daß er ein großer Kriti⸗ ker und ein tiefer, höchſt origineller Denker war. »Nun, Fräulein Snevellicci,« ſagte Madame Curdle, als ſie in das Zimmer trat,»wie geht es Ihnen?« Fräulein Snevellicci machte einen graziöſen Knix und äußerte die Hoffnung, Madame Curdle wie Herr Curdle, der in dieſem Augenblicke erſchien, befänden ſich 142 vollkommen wohl. Madame Curdle erſchien in ihrem Morgennegligé und einem kleinen Häubchen, das ganz oben auf dem Wirbel ſaß; Herr Curdle trug einen Schlafrock und hielt den rechten Zeigefinger auf die Stirn, wie Sterne gewöhnlich abgebildet iſt, mit dem er, wie ihm Jemand geſagt hatte, eine auffallende Aehn⸗ lichkeit haben ſollte. »Ich kam, um die Anfrage zu wagen, ob Sie wohl mein Benefiz mit Ihrer Gegenwart beehren wollen, Madame,« fragte Fräulein Snevellicci.. »Ich weiß wirklich nicht, ob ich mich entſchließen kann. Es iſt nicht mehr wie in den Glanzzeiten des Theaters,— ſetzen Sie ſich doch, Fräulein Snevel⸗ licci—, mit dem Drama iſt es vorbei, ganz vorbei.« »Als eine herrliche Verkörperung der Phantaſiege⸗ bilde des Dichters, als eine Verwirklichung der Geiſtes⸗ kraft des Menſchen, die mit hellem Lichte unſere träu⸗ meriſchen Augenblicke vergoldete und vor dem geiſtigen Auge eine neue, zauberiſche Welt öffnete, iſt das Drama vorbei, vollkommen vorbei,« ſetzte Herr Curdle hinzu. »Wo iſt der Mann, der alle wechſelnden und pris⸗ matiſchen Farben uns zur Anſchauung bringen könnte, die in dem Charakter Hamlets liegen?« rief Madame Curdle. »Wo iſt der Mann— auf der Bühne?« wieder⸗ holte Herr Curdle mit einer kleinen Reſervation für ſich ſelbſt.»Hamlet! ach! lächerlich! Hamlet iſt vorbei, vollkommen vorbei.« Ganz niedergedrückt von dieſen traurigen Betrach⸗ tungen, ſeufzeten Herr und Madame Curdle und ſaßen eine Zeitlang da, ohne ein Wort zu ſprechen. Endlich Nicolaus Nickleby. wendete ſich jedoch die Dame an Fräulein Snevellicci N— Nicolaus Nickleby. 143 und fragte, welches Stück ſie zur Aufführung gewählt habe. »Ein ganz neues,« antwortete Fräulein Snevel⸗ licci,»das dieſen Herrn da zum Verfaſſer hat, welcher darin auch ſpielen, und zwar ſeinen erſten theatraliſchen Verſuch machen wird. Herr Johnſon iſt ſein Name.« »„Ich hoffe, Sie haben die Einheiten in Ihrem Stücke beachtet?« ſagte Herr Curdle. »Das Original iſt franzöſiſch,« antwortete Nicolaus, v»reich an Handlung, hat einen lebendigen, geiſtreichen Dialog, ſcharf gezeichnete Charaktere—« »Nützt Alles nichts ohne die genaue Beobachtung der Einheiten,« entgegnete Herr Curdle.»Die Haupt⸗ ſache in einem Drama ſind die Einheiten.« »Dürfte ich Sie wohl fragen, was die Einheiten ſind?« Herr Curdle huſtete und dachte eine Zeitlang nach. »Die Einheiten,« begann er endlich,»ſind eine Voll⸗ ſtändigkeit, ein gewiſſes allgemeines Ineinandergreifen in Rückſicht auf Raum und Zeit,— ein gewiſſes allge⸗ meines Einsſein, wenn ich mich dieſes Ausdruckes bedie⸗ nen darf. Das halte ich für die dramatiſchen Einhei⸗ ten, ſo weit ich mein Nachdenken habe darauf richten können, und ich habe viel darüber gedacht und viel ge⸗ leſen. Ich finde, wenn ich die Leiſtungen dieſes Kindes überdenke,« ſetzte er, auf das Wundermädchen deutend, hinzu,»eine Einheit des Gefühls, ein Licht und einen Schatten, ein warmes Colorit, einen Ton, eine Harmo⸗ nie, eine Gluth, eine künſtleriſche Entwickelung originel⸗ ler Auffaſſungen, die ich vergebens bei den ältern Schau⸗ ſpielern ſuche, ich weiß nicht, ob Sie mich verſtehen?« „Vollkommen,« antwortete Nicolaus. »Nun ſehen Sie,« fuhr Herr Curdle fort, indem er 144 Nicolaus Nickleby. ſein Halstuch feſter zog,»das iſt meine Definition der dramatiſchen Einheiten.« G Madame Curdle war dieſer klaren Auseinander⸗ ſetzung mit großer Zufriedenheit gefolgt, und fragte, als ſie zu Ende war, ob Herr Curdle Willens ſei, Billets zu nehmen. »Ich weiß es wirklich nicht, liebe Frau, wahrhaftig ich weiß es nicht. Wenn wir es thun, ſo geſchieht es nur, um Fräulein Snevellicci ein Zeichen unſerer Ach⸗ tung zu geben.— Können Sie mir auf eine halbe. Krone herausgeben, mein Fräulein?« Fräulein Snevellicci ſuchte in allen Ecken ihres roſa Beutels, ohne aber etwas finden zu können. Nicolaus machte eine witzige Anſpielung anf ſeinen Stand als Schriftſteller und hielt es für das Beſte, ſeine Taſchen gar nicht zu durchſuchen. »Nun, mein Fräulein, die Preiſe ſind überdies zu hoch bei dem jetzigen Zuſtande der Bühne, und wir wol⸗ len uns um die Paar Groſchen nicht plagen; ich gebe Ihnen nur drei Kronen, damit ſind die zwei Plätze voll⸗ kommen bezahlt.« Die arme Snevellicci nahm das Geld mit wieder⸗ holtem Lächeln und Verbeugen, Madame Curdle em⸗ pfahl ihr, die Plätze hübſch abbürſten und zwei Zettel hinlegen zu laſſen, und klingelte ſodann zum Zeichen, daß die Audienz beendigt ſei. »Naͤrriſche Leute,« ſagte Nicolaus, als ſie wieder aus dem Hauſe hinaus waren. »Ich verſichere Sie,« ſagte Fräulein Snevellicci, während ſie ſeinen Arm nahm,»ich ſchätze mich ſehr glücklich, daß ſie nur die Paar Groſchen abzogen und nicht das ganze Geld ſchuldig blieben. Machen Sie Glück, ſo werden ſie qusſprengen, ſie hätten Sie immer ——* Nicolaus Nickleby. 145 begünſtigt, und fallen Sie durch, ſo werden ſie behaup⸗ ten, ſie hätten das vorausgeſehen.« In dem nächſten Hauſe, das ſie beſuchten, waren die ſechs Kinder, die ſich über das Spiel des Wunder⸗ mädchens ſo ſehr freueten. Sie wurden aus der Kin⸗ derſtube gerufen, um ſich jenes Mädchen in der Nähe zu beſehen, und griffen der Armen in die Angen, traten ſie auf die Zehen und bezeigten ihr andere ähnliche Auf⸗ merkſamkeiten. »Ich werde meinen Mann gewiß überreden, eine Loge zu nehmen,« ſagte Madame Borum, die Frau vom Hauſe, nach einem ſehr freundlichen Empfange.»Ich werde nur zwei Kinder mitbringen, aber mehrere Herren — Bewunderer von Ihnen, Fräulein Snevellicci. Auguſt, Du unartiger Junge, laß doch das Kind gehen.« Dieſe Aurede galt einem Knaben, der das Mädchen von hinten knipp, offenbar um ſich zu überzeugen, ob es ein wirkliches Mädchen und keine Puppe ſei. »Sie ſind gewiß ſehr erſchöpft,« fuhr die Frau zu Fräulein Suevellicci fort,»und ich kann Sie unmöglich gehen laſſen, ohne Ihnen ein Glas Wein vorzuſetzen. Pfui doch, Charlotte, ſchäme Dich! Mamſell Lane, ſehen Sie auf die Kinder.« Mamſell Lane war die Gouvernante, und das Geſuch wurde durch das Benehmen der jüngſten Borum nöthig, welche ſich den Sonnenſchirm des Wunderkindes ange⸗ maßt hatte und denſelben umherſchleppte. »Ich möchte wiſſen, wo Sie gelernt haben, ſo zu ſpielen,« fuhr die gutmüthige Frau fort;»ich begreife es nicht(Emma ſtiere nicht ſo); in dem einen Stücke la⸗ chen und in dem andern weinen Sie, und alles ſo na⸗ kürlich!« 3 »Es freut mich, eine ſo günſtige Meinung über mich Nicolaus Nickleby. III. 10 146 Nicolaus Nickleby. von Ihnen zu hören, und es macht mich glücklich, daß Ihnen mein Spiel gefällt.« »Gefallen! Wem könnte es nicht gefallen! Ich würde zweimal in der Woche in das Theater gehen, wenn ich könnte, ich liebe es außerordentlich,— aber Sie greifen mich bisweilen zu ſehr an; ach! ich muß manchmal ſo ſehr weinen! Lieber Gott, Manmſell Lane, wie können Sie nur das arme Kind ſo quälen laſſen!« Das Wunderkind war wirklich in Gefahr, in Stücke zerriſſen zu werden, denn zwei kräftige Jungen hielten es jeder an einer Hand und zogen es mit aller Gewalt nach verſchiedenen Seiten hin. Mamſell Lane(die ihre Auf⸗ merkſamkeit zu ſehr auf die erwachſenen Schauſpieler ge⸗ richtet hatte, als daß ſie auf die Kinder hätte achten können) befreiete das unglückliche Kind noch zu rechter Zeit, das ſich darauf durch ein Glas Wein ſtärkte und dann glücklich hinausgebracht wurde. Es war ein beſchwerlicher Vormittag, denn es muß⸗ ten viele Gänge gemacht werden und Jedermann wollte etwas anderes; Einige wünſchten Trauerſpiele, Andere Luſtſpiele; Einige wollten nichts vom Tanzen wiſſen, An⸗ dere faſt nichts als Tanz ſehen. Einige hielten den Baß⸗ buffon für ſchlecht, Andere meinten, er würde nicht genug beſchäftigt. Einige nahmen keine Billets, weil Andere Billets genommen hatten; Einige wollten das Theater nicht beſuchen, weil Andere nicht hingingen, und die armen Wanderer kehrten endlich ganz erſchöpft nach Hauſe zurück.„ Nicolaus beendigte das Stück, das bald einſtudirt wurde, und endlich erſchien der große Tag. Der Aus⸗ rufer wurde früh ausgeſchickt, um das Stück anzukün⸗ digen, und an allen Ecken ließ man außerordentliche und rieſenhafte Zettel ankleben, leider aber wurde dies Ge⸗ 147 ſchäft von einem ungelehrten Manne beſorgt, weil der gewöhnliche Zettelankleber krank war, und ſo hingen denn viele dieſer Zettel in der Quere oder verkehrt. Halb ſechs Uhr ſtanden bereits vier Perſonen an der Thür und drei viertel auf ſechs wenigſtens ein Dutzend; um ſechs Uhr war ein entſetzliches Gedränge und als der Direktor die Thür aufmachte, mußte er ſich hinter die⸗ ſelbe retten, um nicht erdrückt zu werden. Madame Grudden nahm in den erſten zehn Minuten funfzehn Achtgroſchenſtücke ein. Hinter dem Vorhange ging es eben ſo unruhig her. Fräulein Snevellicci ſchwitzte, daß die Schminke auf ihrem Geſichte nicht halten wollte. Madame Crummles war ſo aufgeregt, daß ſie ihre Rolle rein vergeſſen hatte. Die Locken des Fräulein Bravaſſa wollten durchaus nicht halten und Herr Crummles ſtand an dem Loche in dem Vorhange, drehete ſich aber jeden Augenblick um, um zu melden, daß wieder Jemand angekommen ſei. Endlich ſchwieg das Orcheſter und der Vorhang flog vor dem neuen Stücke in die Höhe. Der erſte Auftritt, in welchem nichts Beſonderes vorkam, ging ſehr ruhig hin, als aber Fräulein Snevellicci in dem zweiten er⸗ ſchien, begleitet von dem Wunderkinde, brach ein unbe⸗ ſchreiblicher Beifallsſturm los. Die Leute in der Loge Borums erhoben ſich wie ein Mann, ſchwenkten die Hüte und die Taſchentücher und ſchrieen aus Leibes⸗ kräften»Bravo!« Madame Borum und die Gouvernante warfen Kränze auf die Bühne, von denen einige in die Lampen und einer auf den Kopf eines dicken Mannes in dem Parterre fielen, der mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf die Bühne ſah und die Ehre nicht bemerkte, die ihm geſchehen war; der Schneider und ſeine Familie donner⸗ ten an die Wand ihrer Loge im zweiten Range, als 10* Nicolaus Nickleby. 148 Nicolaus Nickleby. wollten ſie dieſelbe zertrümmern, und ein junger Officier, der für einen Anbeter des Fräuleins galt, drückte ſein Glas vor die Augen, als wolle er Thränen verbergen. Das Fräulein verneigte ſich tiefer und tiefer, und immer wieder brach der Applaus ſtürmiſcher und ſtürmiſcher los. Endlich als das Wunderkind einige der rauchenden Kränze aufhob und über Fräulein Snevellicci hielt, erreichte der Beifall ſeinen Gipfelpunkt und das Spiel konnte weiter gehen. Aber als Nicolaus in ſeiner Hauptſcene mit Madame Crummles erſchien, welches Händeklatſchen begann da von neuem! Als Madame Crummles(die ſeine unwür⸗ dige Mutter war) ihn einen ungerathenen Sohn nannte und er ihr keck entgegentrat, welcher Applaus! Als er mit dem andern Herrn wegen des jungen Mädchens in Streit gerieth, Piſtolen brachte und behauptete, wenn er ein Ehrenmann ſei, ſo ſchieße er ſich mit ihm da im Zimmer, bis die Meubles vou dem Blute eines von Bei⸗ den beſprützt wären, in welchen Jubel ſtimmten die Lo⸗ gen, das Parterre und die Gallerie ein! Als er ſeine Mutter ſchmähete, weil ſie ihm das Vermögen des jun⸗ gen Mädchens nicht herausgeben wollte, als ſie dann nachließ und er ſich auch eines andern beſann, auf ein Knie ſich niederließ und um ihren Segen bat, wie ſchluchz⸗ ten da die Damen! Als er hinter einem Schirme im Dunkeln verſteckt war und der böſe Verwandte mit ei⸗ nem ſcharfen Degen nach allen Richtungen um ſich ſtach, außer dahin, wo man ſeine Beine ſah, welcher Angſt⸗ ſchweiß ſtand da auf jeder Stirn! Seine Miene, ſein Geſicht, ſeine Figur, ſein Gang, alles was er ſagte und that, wurde beurtheilt. So oft er ſprach, wollte der Applaus nicht enden. Und zuletzt in der Scene mit der Pumpe, als Madame Grudden das blaue Feuer anzün⸗ „ — glücklich ſchätzen, wenn er ihm jeden Vormittag vor dem 149 dete und alle, auch die nicht beſchäftigten Mitglieder der Geſellſchaft erſchienen— um das Stück mit einem Ta⸗ bleau zu ſchließen— brach ein ſo begeiſterter Beifall aus, wie man ihn in dieſem Hauſe ſeit langer langer Zeit nicht gehört hatte. Kurz, ſowohl das neue Stück als der neue Schau⸗ ſpieler gefielen vollkommen, und als Fräulein Snevellicci zuletzt gerufen wurde, führte ſie Nicolaus vor, der ſo den Applaus mit theilte. Nicolaus Nickleby. Achtes Kapitel betrifft eine junge Dame von London, welche zu der Geſellſchaft kommt und einen ältlichen Herrn, der ihr folgt, handelt auch von einer rührenden Ceremonie. Da das neue Stück ein Caſſenſtück zu werden ver⸗ ſprach, ſo ſollte es bis auf weitere Ankündigung jeden Abend geſpielt werden und die Abende, an welchen das Theater geſchloſſen blieb, wurden von drei wöchentlich auf zwei herabgeſetzt. Dies waren jedoch noch nicht die einzigen Zeugniſſe eines außerordentlichen Erfolges, denn am nächſten Sonnabend erhielt Nicolaus durch die un⸗ ermüdliche Madame Grudden nicht weniger als dreißig Achtgroſchenſtücke, und außer dieſer Belohnung genoß er Ruhm und Ehre in Menge, denn Herr Curdle ſchickte ihm ein Exemplar ſeiner Flugſchrift mit einer eigenhän⸗ digen Zuſchrift auf dem leeren Blatte vorn und einem Billet, das viele billigende Bemerkungen und eine unver⸗ langte Verſicherung enthielt, Herr Curdle würde ſich 150 Frühſtücke drei Stunden lang Shakſpeare vorleſen könne. »Ich habe noch'was Neues, Johnſon,« ſagte Crumm⸗ les eines Morgens mit freudeſtrahlendem Geſichte. »Was iſt das? Den Einſpänner?« »Nein, nein, zu dem Einſpänner greifen wir erſt, wenn gar nichts mehr zieht, und diesmal, denke ich, werden wir ihn gar nicht brauchen. Nein, nein, nicht den Einſpänner.« »Einen Wunderknaben vielleicht?« »Es giebt nur ein Wunderkind und das iſt ein Mädchen.“« 3 »Sehr richtig. Ich bitte um Entſchuldigung, und ich weiß nun wirklich nicht, was Sie wohl Neues haben mögen.« »Was meinen Sie zu einer jungen Dame aus Lon⸗ don? Fräulein Soundſo von dem königlichen Theater Drurylane?« »Sie würde ſich ſehr gut auf den Zetteln machen.« »Darin haben Sie Recht; wenn Sie aber ſagten, ſie würde ſich auf der Bühne gut machen, ſo wären Sie der Sache uoch näher gekommen. Sehen Sie'mal; was ſagen Sie dazu?« Während dieſer Frage ſchlug der Direktor bedächtig einen rothen, einen blauen und einen gelben Anſchlag⸗ zettel auseinander, auf denen oben mit ungeheuer großen Buchſtaben ſtand:»Erſte Gaſtrolle der unvergleichlichen Fräulein Petowker von dem königlichen Theater Drury⸗ lane.« „»Die Dame kenne ich,« ſagte Nicolaus. »Dann kennen Sie das höchſte Talent, das jemals in einer jungen Perſou lag,« entgegnete Crummles, in⸗ dem er die Zettel wieder zuſammenrollte,„das heißt Ta⸗ Nicolaus Nickleby. lent einer gewiſſen Art,— einer gewiſſen Art. Der 15¹ Bluttrinker!« ſetzte er mit einem prophetiſchen Seufzer hinzu,„der Bluttrinker« wird mit dieſem Mädchen zu Grabe gehen; auch iſt ſie die einzige Sylphe, die ich jemals ſah, die auf einem Beine ſtehen und auf dem an⸗ dern Knie den Tamburin ſpielen kann wie eine Sylphe.« »Wann kommt ſie an?« »Wir erwarten ſie heute. Sie iſt eine Freundin mei⸗ ner Frau, die ihr es gleich im Anfange anſah, was aus ihr werden würde. Meine Frau war der erſte»Blut⸗ trinker«. „»Wirklich 2« »Ja, aber ſie mußte ihn aufgeben.« »War es ihr zuwider?« fragte Nicolaus lächelnd. »Ihr nicht ſowohl, als dem Publikum. Es konnte es Niemand aushalten. Es war zu fürchterlich. Sie wiſſen noch gar nicht, was meine Frau vermag.“« Nicolaus wagte anzudeuten, daß er doch eine Ah⸗ nung davon habe. 3 »Nein, nein, Sie haben keine Ahnung davon. Habe doch ich noch keinen rechten Begriff davon, und ihr Va⸗ terland wird ſie erſt zu würdigen wiſſen, wenn ſie nicht mehr iſt. Mit jedem Jahre ihres Lebens bricht ein neues Talent in dieſer bewundernswerthen Frau aus. Betrachten Sie die Frau,— Mutter von ſechs Kindern — drei davon am Leben, und alle auf der Bühne!« »Außerordentlich!« »Ja, außerordentlich iſt es!« wiederholte Crummles, indem er eine Priſe dazu nahm und ſein Haupt bedäch⸗ tig ſchüttelte.»Ich gebe Ihnen mein Schauſpielerwort, ich wußte nicht, daß ſie tanzen konnte, bis ich es bei 6* letzten Benefiz erfuhr, und da ſpielte ſie die Inlie und in noch einem andern Stücke, und tanzte zwiſchen beiden den ſchottiſchen Hornpipe. Als ich das merkwür⸗ Nicolaus Nickleby. 152 Nicolaus Nickleby. dige Weib zum Erſtenmale ſah, Johnſon,« fuhr Crumm⸗ les fort, indem er näher trat und im Tone freundſchaft⸗ lichen Vertrauens ſprach,»ſtand ſie mitten in einem Feuerwerke auf dem hölzernen Ende eines Spießes auf dem Kopfe.« »Sie ſetzen mich in Erſtaunen.« »Sie ſetzte mich in Erſtannen!« entgegnete Crumm⸗ les mit ſehr ernſtem Geſichte.»Solche Grazie, verbun⸗ den mit ſolcher Würde! Ich betete ſie von dieſem Au⸗ genblicke an.« Die Ankunft des ſo hochbegabten Gegenſtandes dieſer Bemerkungen machte der Lobpreiſung des Herrn Crumm⸗ les ein Ende, und bald darauf erſchien ein Sohn des Direktors mit einem Briefe an ſeine Mutter, die, ſobald ſie die Adreſſe geſehen hatte, ausrief:»von Henriette Petowker,« und anfing zu leſen. »Iſt es— 2« fragte Crummles zögernd. »Alles in Ordnung. Ein treffliches Mädchen!«— und die Familie Crummles lachte. Nicvlaus kehrte in ſeine Wohnung zurück und konnte ſich nicht erklären, warum die Crummleſſe wohl gelacht hatten, auch dachte er darüber nach, wie wohl die Er⸗ wartete ſein ſchnelles Eintreten in den Stand anſehen werde, deſſen Zierde ſie war, und erwartete, ſie werde ſehr verwundert ſein. Darin irrte er ſich jedovch, denn,— ob der Herr Di⸗ rektor dafür ſchon geſorgt, oder ob Fräulein Petowker beſondere Gründe hatte, ihn mit mehr als gewöhnlicher Freundlichkeit zu behandeln,— ihr Zuſammentreffen am andern Tage im Theater glich mehr dem zweier theurer Freunde, die von Ingend auf unzertrennlich geweſen, als einem Wiederſehen einer Dame und eines Herrn, die im Leben etwa ein dutzendmal und dies nur zufällig zu⸗ Nicolaus Nickleby. 153 ſammengetroffen waren. Ja, Fräulein Petowker gab ihm zu verſtehen, daß ſie gegen die Familie des Direktors die Kenwigſe gar nicht erwähnt, und erzählt, ſie habe Johnſon in den erſten und faſhionableſten Geſellſchaften getroffen. Nicolaus hatte die Ehre, in einem kleinen Stücke dieſen Abend mit Fräulein Petowker zu ſpielen, und be⸗ merkte recht wohl, daß ihre warme Aufnahme haupt⸗ ſächlich durch einen höchſt eifrigen Regenſchirm in einer Loge des zweiten Ranges veranlaßt wurde. Er ſah auch, daß die reizende Schauſpielerin viele Liebesblicke nach jener Stelle warf, von welcher das lauteſte Bravorufen kam, und daß darauf der Mann mit dem Regenſchirme mit friſcher Kraft von neuem begann. Einmal meinte er, ein eigenthümlich geformter Hut in derſelben Gegend ſei ihm nicht ganz unbekannt, da er aber auf der Bühne zu ſehr beſchäftigt war, konnte er keine große Aufmerk⸗ ſamkeit auf dieſen Gegenſtand wenden, und er war ihm völlig wieder aus der Erinnerung gekommen, als er ſeine Wohnung erreichte. Kaum hatte er ſich mit Smike zum Abendeſſen nie⸗ dergeſetzt, als jemand von den Leuten im Hauſe meldete, es ſei ein Herr unten, der mit Herrn Johnſon zu ſpre⸗ chen wünſche. »Er mag nur heraufkommen,« antwortete Nicolaus, der nach einiger Zeit zu Smike hinzuſetzte:»wahrſchein⸗ lich einer unſerer hungrigen Kunſtgenoſſen.« Smike betrachtete das kalte Abendeſſen, berechnete im Stillen, wie viel davon für den nächſten Mittag übrig bleiben werde, und legte ein Stück, das er für ſich abgeſchnitten hatte, bei Seite, damit die Verwüſtungen des Gaſtes an dem Fleiſche nicht gar zu ſchrecklich aus⸗ fallen möchten. 154 Nicolaus Nickleby. »Es iſt Niemand, der ſchon einmal hier geweſen iſt, denn er ſtolpert jede Stufe der Treppe herauf,« bemerkte Nicolaus.»Herein!— Wie, Herr Lillyvick!« Er war es wirklich, der Einnehmer, der Nicolaus mit ſtierem Blick und unbeweglichem Geſichte anſah, ihm höchſt feierlich die Hand drückte und ſich auf einem Stuhle an dem Kamine niederließ. »Wann kamen Sie hier an?« fragte Nicolaus. »Dieſen Morgen.« »Dann waren Sie dieſen Abend im Theater, und es war Ihr Regen—« 3 »Dieſer Regenſchirm,« ſagte Herr Lillyvick, indem er einen ſchmutzigen grünen baumwollenen Schirm zeigte; »was halten Sie von der Vorſtellung?« »So viel ich beurtheilen kann, da ich ſelbſt auf der Bühne war, ſchien ſie mir recht gut zu ſein.« »Gut?— Vortrefflich, herrlich war ſie.« 1 Herr Lillyvick beugte ſich vorwärts, um dieſes Urtheil auszuſprechen, und ihm dadurch mehr Nachdruck zu ge⸗ ben, dann richtete er ſich wieder empor und nickte ſehr viele Male. »Ich ſage, herrlich,« wiederholte er,»reizend, bezau⸗ bernd, famos.« Dann richtete er ſich wieder empor und nickte von neuem. „»Ja,« meinte Nicolaus, etwas überraſcht,»ſie iſt ein talentvolles, geſchicktes Mädchen.« »Sie iſt eine Göttin,« ſetzte Lillyvick hinzu, und ſtieß mit dem mehrerwähnten Regenſchirme gewaltig auf den Boden.»Ich habe ſchon früher himmliſche Schauſpie⸗ lerinnen gekannt,— ich hatte Geld von ihnen einzuneh⸗ men, wenigſtens mahnte ich ſie darum, und dies ſehr oft, — aber nie, nie habe ich von allen himmliſchen Schau⸗ Nicolaus Nickleby. 155 ſpielerinnen und Nichtſchauſpielerinnen eine geſehen, die dieſer Henriette Petowker glich.« Es wurde Nicolaus ſchwer, das Lachen zu verbeißen, und da er nicht zu ſprechen wagte, ſo nickte er bloß und ſchwieg. »Laſſen Sie mich ein Wort mit Ihnen allein reden,« fuhr Herr Lillyvick fort. Nicolaus ſah Smike von der Seite an, dieſer ver⸗ ſtand den Wink und ging hinaus. »Ein Hageſtolz iſt ein miſerabler Menſch,« begann Herr Lillyvick. „»Meinen Sie?« »Ja, ein miſerabler Menſch. Ich habe faſt ſechzig Jahre in der Welt gelebt, und kann wohl mitreden.« »Sie müſſen Erfahrungen haben, allerdings.« »Wenn ein Hageſtolz ſich ein Sümmchen erſpart hat, ſo ſehen ſeine Schweſtern und Brüder, ſeine Neffen und Nichten auf dieſes Geld und nicht auf ihn; ſelbſt weun er ein Staatsdiener, und deßhalb das Haupt der Fa⸗ milie oder gewiſſermaßen der Stamm iſt, von dem alle anderen kleinen Zweige ausgehen, wünſchen ſie immer ſeinen Tod, und werden verdrießlich, ſobald ſie ihn bei guter Geſundheit ſehen, weil ſie je eher je lieber ſein kleines Vermögen erben möchten. Sie ſehen das wohl ein.« »O ja, Sie mögen wohl Recht haben.« „»Der Hauptgrund für das Nichtheirathen ſind die Ausgaben; dieſe haben mich immer abgehalten, ſonſt, ach Gott!«— und Herr Lillyvick ſchnappte mit den Fingern—»hätte ich wohl funfzig Weiber haben können.« » Und ſchöne Weiber?« »Schöne Weiber, ja, wenn auch nicht ſo ſchön, als Henriette Petowker, denn ſie iſt einzig in ihrer Art, 156 Nicolaus Nickleby. ein Mädchen, wie man ein gleiches nicht überall findet, das kann ich Ihnen ſagen. Nun nehmen Sie an, daß ein Mann ein Vermögen in ſeiner Frau erhalten kann, ſtatt mit ihr—« 4 „Dann iſt er ein glücklicher Menſch.« »Das behaupte ich auch,« entgegnete Lillyvick, und klopfte Nicolaus dazu gutmüthig mit dem Regenſchirme auf die Achſel,»das behaupte ich auch. Henriette Pe⸗ towker, die talentvolle Henriette Petowker hat ein Ver⸗ mögen in ſich, und ich bin entſchloſſen—« »Sie zur Madame Lillyvick zu machen?« »Nein, nicht ſie zur Madame Lillyvick zu machen. Schauſpielerinnen behalten immer ihren Mädchennamen bei, das iſt ſo die Regel, aber heirathen will ich ſie, und zwar übermorgen.« »Ich gratulire.« »Dafür danke ich,« antwortete der Einnehmer, in⸗ dem er ſeine Weſte zuknöpfte;»natürlich beziehe ich ihre Gage, und ich hoffe, es wird faſt ſo wohlfeil ſein, zwei Perſonen hinzubringen, wie eine; das iſt ein Troſt.⸗« »Bei ſolchen Ausſichten bedürfen Sie gewiß keines Troſtes.« »Nein,« antwortete Lillyvick, den Kopf heftig ſchüt⸗ telnd,»nein, natürlich nicht.« »Aber warum kommen Sie Beide hierher, wenn Sie heirathen wollen?« »Das wollte ich Ihnen eben auseinanderſetzen. Wir hielten es für das Beſte, die Heirath vor der Familie geheim zu halten.« »Familie? vor welcher Familie?« »Vor den Kenwigſen. Hätte meine Nichte mit ih⸗ ren Kindern ein Wort davon gewußt, ehe ich abreiſete, ſie wären zu meinen Füßen in Ohnmacht gefallen und b 1 Nicolaus Nicklebn. 157 nicht eher wieder zu ſich gekommen, bis ich geſchworen, durchaus nicht zu heirathen,— oder ſie hätten ſich ein Zeugniß von einem Arzte verſchafft, daß ich überge⸗ ſchnappt ſei oder ſonſt etwas Schreckliches—« »Ja, ſie würden wohl eiferſüchtig geweſen ſein.« »Um Dies zu vermeiden, ſollte Henriette Petowker, ſo verabredeten wir uns, hierher zu ihren Freunden, den Crummleſſen, reiſen und ein Engagement bei denſelben vorſchützen, während ich den Tag vorher nach Guckford reiſe und ſie dort erwarte. So geſchah es denn auch. Damit Sie aber von der Sache nicht etwa etwas an den Herrn Noggs ſchreiben, beſchloſſen wir, Sie in das Geheimniß einzuweihen. Wir werden die Hochzeit im Hauſe des Herrn Crummles feiern, und uns freuen, Sie dort zu ſehen, entweder vor der Kirche oder zum Früh⸗ ſtück, wie Sie wünſchen. Es wird ganz einfach werden, nur muffins und Kaffee, und höchſtens noch eine Klei⸗ nigkeit.« »Ich verſtehe. Ich werde mich gewiß einfinden; es wird mir großes Vergnügen machen. Wo wohnt die Dame— bei Crummles 2« »Nein, ſie konnten ſie die Nacht über nicht wohl unterbringen, und ſie wohnt deshalb bei einer Bekannten und einer andern jungen Dame, die beide am Theater ſind.« »Bei Fräulein Snevellicci wahrſcheinlich?« »Richtig, ſo heißt ſie.« »Sie werden wahrſcheinlich beide Brautführerinnen ſein?« »Leider wollen ſie vier Brautführerinnen haben; ich fürchte, ſie machen es zu theatraliſch.« »Ach nein, keineswegs,« ſagte Nicolaus, der das Lachen kaum noch zurückhalten konnte und deshalb hu⸗ 158 Nicolaus Nickleby. ſtete.»Wer ſind die vier? Fräulein Snevellicci alſo,— Fräulein Lodrook—« „Das Wundermädchen—« »Ha! hal« lachte Nicvlaus.»Entſchuldigen Sie, ich weiß wirklich nicht, worüber ich eben lachte,— ja, das wird ſehr hübſch ſein,— das Wundermädchen alſo, und wer noch?« »Irgend ein junges Mädchen, eine Freundin von Henriette Petowker,« antwortete Lillyvick während er aufſtand;»aber verſprechen Sie mir nun, nichts zu ver⸗ rathen.« »Sie können ſich darauf verlaſſen. Wollen Sie et⸗ was mit mir eſſen oder trinken?« »Nein, ich habe keinen Appetit. Halten Sie den Eheſtand nicht auch für ein ſehr angenehmes Leben, he 2« »Ich zweifele nicht im mindeſten daran.⸗ »Ja, gewiß. Ach ja. Ohne Zweifel. Gute Nachtl« Herr Lillyvick, deſſen Weſen die ganze Zeit über ein höchſt ſeltſames Gemiſch von Eile und Bedächtigkeit, Vertrauen und Zweifel, Verliebtheit, Mißtrauen, Demü⸗ thigkeit und Stolz verrathen hatte, ging nun, und Nico⸗ laus konnte ſo viel lachen als er wollte, wenn er noch Luſt dazu verſpürte. Der nächſtfolgende Tag verging den Perſonen, die unmittelbar bei der bevorſtehenden Feierlichkeit betheiligt ſein ſollten, außerordentlich ſchnell, ſo daß Fräulein Pe⸗ towker, als ſie am zweiten früh erwachte, erklärte, ſie könne es noch immer nicht glauben, daß wirklich der Tag gekommen ſei, an dem ſie einen ſo wichtigen Schritt thun ſolle.»Ich kann mich noch immer nicht recht feſt dazu entſchließen?« 3 Fräulein Snevellicci und Ledrook, die es genau wuß⸗ ten, daß ihre Freundin ſchon vor mehreren Jahren feſt Nicolaus Nickleby. 159 entſchloſſen geweſen war, dieſen Schritt zu thun, ſobald ein Mann erſcheine, der ihn mit ihr wagen wollte, ſpra⸗ chen ihr Troſt zu und erinnerten ſie daran, wie ſtolz ſie ſich fühlen müſſe, daß es in ihrer Macht liege, einen Mann, der es verdiene, auf immer zu beglücken, und wie nöthig es überhaupt zu dem Glücke der Menſchheit ſei, daß die Mädchen Ergebung und Seelenſtärke bei ſolchen Gelegen⸗ heiten beſäßen,— daß, obgleich ſie für ihren Theil der Anſicht wären, das wahre Glück ſei nur im ledigen Stande zu finden, den ſie mit ihrem Willen um keinen Preis verlaſſen würden— ſie doch, Gott ſei Dank, ſollte jemals die Zeit kommen, ihre Pflicht ſo wohl zu kennen glaubten, um ſich in chriſtlicher Demuth in das Schickſal zu ergeben, das die Vorſehung ihnen nun einmal beſchie⸗ den habe, um ihre Mitmenſchen zufrieden zu ſtellen und zu belohnen. »Ich würde es wohl auch für eine ſchwerere Prüfung halten,« ſagte Fräulein Snevellicci,„frühere Gewohnhei⸗ ten und Verbindungen aufgeben zu müſſen, aber mich fü⸗ gen, liebe Freundin, und mich ergeben.« »Auch ich,« ſetzte die Ledrook hinzu,»ich würde das Joch eher lieben als haſſen. Ich habe Leute aus unglück⸗ licher Liebe ſterben ſehen und es iſt doch ſchrecklich, eines 4 Mannes Tod zu verantworten zu haben.« „Das iſt es,« beſtätigte Fräulein Snevellicci.»Aber nun komm, Ledrook, wir müſſen ſie fertig machen, ſonſt kommen wir wirklich zu ſpät.« Jene tröſtenden, ermunternden Worte oder auch die Furcht, zu ſpät zu kommen, hielt die Braut während der Ceremonie des Ankleidens aufrecht, worauf ſie ſtarken Thee und Branntwein trinken mußte, damit ſie feſteren Schrittes einhergehen könne und ihre ſchwachen Glieder geſtärkt.würden. 160 Nicolaus Nickleby. »Wie fühlſt Du Dich nun, liebe Freundin?« fragte die Snevellieci. »Ach Lillyvick!« rief die Braut;»wenn du wüßteſt, was ich um deinetwillen erdulde!« »Nun er weiß es, er wird es nie vergeſſen, tröſtete die Ledrook. »Meinen Sie? glauben Sie, daß es Lillyvick nie ver⸗ geſſen wird, nie, nie?« Ich weiß nicht, wie hoch dieſe wunderbar Gefühlserregung noch geſtiegen ſein würde, hätte nicht die Snevellicci i in dieſem Augenblicke gemeldet, daß die Kutſche ankomme, was die Braut ſo beſtürzt machte, daß ſie verſchiedene beunruhi⸗ gende Symptome niederkämpfte, an den Spiegel eilte, ihren Anzug muſterte und ruhig erklärte, ſie ſei bereit zu dem Opfer. Sie wurde alſo in die Kutſche geführt und darin durch fortwährendes Vorhalten von Riechſalz ꝛc. vor einer dro⸗ henden Ohnmacht bewahrt, bis ſie an die Wohnung des Direktors kamen, wo ihnen die beiden jungen Crumm⸗ leſſe in theatraliſchem Putze entgegenkamen. Durch die Bemühungen dieſer Knaben und der Brautführerinnen, ſowie des Kutſchers wurde endlich Fräulein Petowker in großer Erſchöpfung in das erſte Stockwerk gebracht, wo ſie den jugendlichen Bräutigam kaum erblickte, als ſie mit allem Anſtande in Ohnmacht fiel. »Henriette Petowker!« rief der Einnehmer,»kommen Sie zu ſich, meine Theure!« Fräulein Petowker ergriff die Hand des Einnehmers, aber ſprechen konnte ſie nicht. »Iſt mein Anblick ſo fürchterlich, Henriette Petowker?« »Ach nein, nein, nein,« entgegnete die Braut,»aber alle Freunde,— alle die theuren Freunde— meiner Jugend— ſie Alle zu verlaſſen,— es iſt zu ſchwer.e — 24 3 Nicolaus Nickleby. 161 Und Fräulein Petowker ſing an, die theuern Freunde und Freundinnen ihrer Jugend nach einander aufzuzählen, rief die anweſenden zu ſich und bat ſie, ſte noch einmal zu umarmen. Als dies geſchehen war, erinnerte ſie ſich, daß Madame Crummles ihr mehr als eine Mntter, dann, daß Herr Crummles ihr mehr als ein Vater, und daß die Kinder derſelben wie ihre Geſchwiſter geweſen. Dieſe verſchiedenen Erinnerungen, die alle von Umarmungen be⸗ gleitet wurden, nahmen viel Zeit weg, und man mußte dann ſehr ſchnell in die Kirche fahren, um nicht zu ſpät zu kommen. Der Zug beſtand in zwei Wagen; in dem erſten ſaßen Fräulein Bravaſſa(die vierte Brautführerin), Madame Crummles, der Einnehmer und Herr Folair, der Beglei⸗ ter des Bräutigams, in dem zweiten dagegen die Braut, Herr Crummles, Fräulein Snevellicci, Fräulein Ledrook und das Wundermädchen. Die Anzüge waren ſchön. Die Brautführerinnen waren mit künſtlichen Blumen ganzbedeckt, und das Wundermädchen zumal durch den tragbaren Baum, in welchen man ſie geſteckt hatte, faſt unſichtbar gemacht. Fräulein Ledrook, ein Mädchen von ſentimentaler Stim⸗ mung, trug im Buſen das Miniaturbild eines unbekann⸗ ten Officiers, das ſie ſich vor kurzer Zeit gekauft hatte; die andern Damen blitzten von nachgemachten Juwelen, die beinahe wie echte ausſahen und Madame Crummles erſchien in ernſter Majeſtät, welche die Bewunderung Aller erregte. Am auffallendſten ſah jedoch Herr Crummles aus, der den Vater der Braut vorſtellte, und eine Perrücke, einen ſchnupftabackbraunen Frack aus dem vorigen Jahr⸗ hunderte mit grauſeidenen Strümpfen und Schnallen an den Schuhen trug. Um ſeine Rolle noch täuſchender und natürlicher darzuſtellen, hatte er ſich vorgenommen, höchſt gerührt zu erſcheinen, und als ſie in die Kirche traten, Nicolaus Nicktebu. III. 11 162 klangen die Seufzer dieſes liebevollen Vaters ſo herzzer⸗ reißend, daß der Kirchner es für räthlich hielt, ihn in die Sakriſtei zu führen und mit einem Glaſe Waſſer zu ſtär⸗ ken, ehe die Ceremonie beginne. Die Prozeſſion in der Kirche hin, nahm ſich ſehr reizend aus. Die Braut mit den vier Brautführerinnen in einer Gruppe, die vorher gehörig einſtudirt worden war; der Einnehmer mit ſeinem Begleiter, der zum unbeſchreiblichen Ergötzen ei⸗ niger Freunde auf der Emporkirche den Gang und die Hal⸗ tung des Bräutigams nachahmte; Herr Crummles mit unſicherm wankenden Tritte; Madame Crummles mit ih⸗ rem Bühnengange, der abwechſelnd in einem Schritt und einer Pauſe beſtand,— es war das Vollkommenſte, was man nur ſehen konnte. Die Tranung ſelbſt war bald abgethan, und nachdem Alle ihre Namen in das Kirchen buch eingeſchrieben hatten(Herr Crummles wiſchte ſich, als die Reihe an ihn kam, die Augen und ſetzte eine un⸗ geheuer große Brille auf), kehrten ſie vergnügt zum Früh⸗ ſtück zurück. Hier wartete Nicolaus auf ſie. »Nun,« ſagte Crummles, der Mad. Grudden bei den nach der Meinung des Einnehmers zu großen Vorberei⸗ tungen behülflich geweſen war,»zum Frühſtück, zum Frühſtück!« Man ließ ſich dies nicht zweimal ſagen. Die Geſell⸗ ſchaft ſetzte ſich, ſo gut es gehen wollte, an den Tiſch und begann ſogleich die Arbeit. Die Braut erröthete bedeu⸗ tend, ſobald Jemand ſie anſah, und aß ſehr viel, wenn Nie⸗ mand ſie anblickte. Herr Lillyvick ſeinerſeits hielt ſich beſon⸗ ders tapfer, denn da er das Frühſtück bezahlen mußte, wollte er den Crummleſſen ſo wenig als möglich übriglaſſen. »Es iſt ſehr bald gethan, nicht wahr?« ſagte Folair zu dem Einnehmer. „»Was iſt bald gethan?⸗ Nicolaus Nickleby. ₰ A 4 ₰ A — Nicolaus Nickleby. 163 Das Binden, das Feſſeln an eine Frau. Es gehört nicht viel Zeit dazu.« »Allerdings nicht; es iſt bald geſchehen. Und was dann?«. »Oh, nichts;« meinte der Schauſpieler.»Ein Mann iſt bald gehangen, ſo oder ſo.⸗ Herr Lillyvick legte Meſſer und Gabel hin und ſah ſich mit unwilliger Verwunderung um. »Gehangen!« wiederholte er. Es folgte eine tiefe Stille, denn Herr Lillyvick ſah über alle Beſchreibung würdevoll aus. »Gehangen!“« ſagte er noch einmal.»Iſt Jemand hier in der Geſellſchaft, der einen Vergleich zwiſchen dem Hängen und dem Heirathen machen will?« »Das eheliche Band,“« entgegnete Folair etwas de⸗ müthig. „»Wagt hier Jemand von Hängen und Henriette Pe—« »Lillywick,« verbeſſerte Crummles. „— und Henriette Lillyvick in einem Athem zu ſprechen? Sollen wir in dieſem Hauſe, in Gegenwart von Herrn und Madame Crummles, die eine talentvolle und tugend⸗ hafte Familie erzogen haben, das Heirathen mit dem Hängen vergleichen hören?« »Folair,« ſagte Crummles, der es für ſchuldig hielt, durch dieſe Anſpielung auf ſich und ſeine Ehehälfte ge⸗ rührt zu erſcheinen,»ich wundere mich über Sie.« »Nun, was habe ich denn verbrochen?« »Verbrochen, Herr? Sie haben an dem ganzen Ge⸗ bäude der menſchlichen Geſellſchaft mit frevelnder Hand gerüttelt.« »Sie haben die beſten und edelſten Gefühle verletzt,⸗ ſetzte Crummles hinzu. — 11* Nicolaus Nickleby. »Wie die höchſte und achtbarſte aller Verbindungen,⸗ meinte der Einnehmer.»Gehangen!« »Ich meinte es nicht ſo böſe,« erwiederte der Schau⸗ ſpieler.»Es thut mir leid.« »Es muß Ihnen auch leid thun, und es freut mich, daß Sie noch ſo viel Gefühl haben, um Ihr Vergehen einzuſehen.« Da der Streit durch dieſe Antwort beendigt zu ſein ſchien, ſo hielt es Madame Lillyvick für die paſſendſte Gelegenheit(da die Aufmerkſamkeit der Geſellſchaft durch nichts anders in Anſpruch genommen wurde), in Thränen auszubrechen und den Beiſtand aller vier Brautführerinnen zu verlangen, der ihr ſogleich geleiſtet wurde, wenn auch nicht ohne große Verwirrung, denn das Zimmer war klein und das Tiſchtuch lang, und ſo wurde denn bei der erſten Bewegung ein ganzes Heer von Tellern und Schüſſeln heruntergeworfen. Ohne dar⸗ auf zu achten, wollte Madame Lillyvick ſich durchaus nicht eher zufrieden geben, bis die kriegführenden Parteien verſprochen hatten, den Streit nicht weiter zu treiben. Dies geſchah denn endlich; Folair ſaß nun ganz ſtill da und knipp bloß Nicolaus in das Bein, wenn etwas ge⸗ ſagt wurde, was ihm nicht geſiel. Es wurden viele Reden gehalten, von Nicolaus, von Crummles, von dem Einnehmer, von den beiden jungen Crummleſſen und von dem Wunderkinde im Namen der Brautführerinnen, worüber Madame Crummles Thränen vergoß. Auch geſungen wurde, von Fräulein Ledrook und Fräulein Bravaſſa, und es würde noch länger ge⸗ dauert haben, wäre nicht der Kutſcher, welcher das glück⸗ liche Paar nach Ryde fahren ſollte, wo es das Dampf⸗ boot beſteigen wollte, ungeduldig geworden. Er verlangte * Nicolaus Nickleby. 165 mehr als die bedungene Summe, wenn er nicht ſogleich aufbrechen könne.. Dieſe Drohung ſprengte die Geſellſchaft. Nach einem höchſt rührenden Abſchiede reiſeten Herr und Madame Lillyvick nach Ryde ab, wo ſie die nächſten zwei Tage in völliger Zurückgezogenheit zubringen wollten. Da dieſen Abend keine Vorſtellung im Theater war, ſo erklärte Crummles, er werde ſitzen bleiben, ſo lange es noch etwas zu trinken gebe; Nicolaus aber, der den nächſten Tag zum Erſtenmale als Romeo auftreten ſollte, ſchlich ſich fort. Zu dieſer Entweichung beſtimmte ihn nicht bloß ſeine eigene Neigung, ſondern auch ſeine Beſorgniß wegen Smike, der die Rolle des Apothekers übernehmen ſollte, und von derſelben noch nicht mehr hatte in den Kopf bringen können, als die allgemeine Idee, daß er ſehr hungrig ſei, die vielleicht, in Folge der Erinnerung an frühere Zeiten, ſehr ſchnell haftete. »Ich weiß nicht, was wir anfangen, Smike,«⸗ ſagte Nicolaus, indem er das Buch hinlegte.»Ich fürchte, Du kannſt Deine Rolle nicht lernen, armer Junge.⸗ »Das fürchte ich nicht,« antwortete Smike kopf⸗ ſchüttelnd;„ich denke, wie Sie,— aber das würde Ihnen zu viel Mühe machen.« »Nun? um mich ſei unbeſorgt.« „»Wenn Sie mir alles in kleinen Portionen vorſagen wollten, würde ich es wohl merken.“ 3 »Meinſt Du? So wollen wir ſehen, wer am erſten müde wird. Ich gewiß nicht. Alſo: Wer ruft ſo laut?« »Wer ruft ſo laut?« wiederholte Smike. »Wer ruft ſo laut?« ſagte Nicolaus noch einmal vor. 166 Nicolaus Nickleby. »Wer ruft ſo lant?« rief Smike. So fuhren ſie fort einander zu fragen, wer ſo laut rufe, und als Smike die Frage endlich auswendig⸗ wußte, ging Nicolaus weiter und ſo fort, bis es Mit⸗ ternacht war und Smike zu ſeiner unausſprechlichen Freude wirklich etwas von ſeiner Rolle zu merken anfing. Früh am andern Morgen fingen ſie von neuem an und Smike lernte ſchon beſſer auswendig, da er Selbſt⸗ vertrauen gewonnen hatte. Als er die Worte ſo ziem⸗ lich ohne Stottern ſprechen konnte, zeigte ihm Nico⸗ laus, wie er die Hände dazu über den Magen legen und denſelben bisweilen reiben müſſe, da die Schauſpie⸗ ler auf der Bühne auf dieſe Weiſe anzudeuten pflegen, daß ſie etwas eſſen möchten. Nach der Probe am Vor⸗ mittag nahmen ſie ihre Arbeit wieder vor und ſetzten ſie, außer bei Tiſche, nicht aus, bis es Zeit wurde, in das Theater zu gehen. Nie hatte ein Lehrer einen ängſtlichern, demüthigern und gelehrigern Schüler und nie ein Schüler einen ge⸗ duldigern, nachſichtigern und freundlichern Lehrer. Sohald ſie angekleidet waren, und jeden Augenblick, in welchem er nicht auf der Bühne war, erneuerte Ni⸗ colaus ſeinen Unterricht, und ſie machten Glück. Der Romeo wurde mit großem Beifall aufgenommen und Smike einmüthig ſowohl von dem Publikum als von den Schauſpielern für den erſten lebenden Apotheker er⸗ klärt. Nicolaus Nickleby. 167 Neuntes Kapitel. Der Seelenfriede Käthchens Nickleby kommt in Gefahr. Der Ort war eine Reihe ſchöner Zimmer in Regent's Street in London; die Zeit drei Uhr Nachmittags und die Perſonen Lord Frederick Veriſopht und deſſen Freund Sir Mulberry Hawk. Dieſe Herren lagen auf einem Paar Sophas; zwi⸗ ſchen ihnen ſtand ein Tiſch, und auf demſelben bemerkte man die Materialien eines unangerührten Frühſtücks. In dem Zimmer umher lagen Zeitungsblätter, aber ſie blieben unbeachtet wie das Frühſtück, nicht weil die Unterhaltung zu lebhaft war, denn es wurde kein Wort zwiſchen den Beiden gewechſelt und man hörte keinen Ton, außer wenn einer der Herren ſich herumwarf, um eine bequemere Lage für ſeinen ſchmerzenden Kopf zu finden. Schon daraus hätte man ſchließen können, daß die vorige Nacht durchſchwärmt worden war, wären auch keine anderen Spuren von den Vergnügungen dagewe⸗ ſen, mit denen man ſich beſchäftigt hatte. Ein Paar Billardbälle, ganz beſchmutzt, zwei Hüte voll Beulen, eine Champagnerflaſche mit einem unter den Hals der⸗ ſelben gewickelten ſchmutzigen Handſchuhe, um ſie ſicherer als Waffe faſſen zu können, ein zerbrochener Stock, ein leerer Beutel, eine zerriſſene Uhrkette, eine Hand⸗ voll Silbergeld mit Fragmenten von Cigarren und de⸗ ren Aſche!— dieſe und manche andere Spuren ließen keinen Zweifel über die Art übrig, wie die Herren die vergangene Nacht verbracht hatten. 168 Nicolaus Nickleby. Lord Frederick Veriſopht ſprach zuerſt. Er ließ ſei⸗ nen Fuß auf den Boden ſinken, gähnte gewaltig, ſuchte eine ſitzende Stellung einzunehmen und wendete ſeine matten Augen nach ſeinem Freunde, dem er mit ſchläfri⸗ ger Stimme zurief. »Heda!« antwortete Sir Mulberry, indem er ſich umdrehete. »Wollen wir den ganzen Tag daliegen?« »Ich weiß nicht, ob wir zu irgend etwas Andern tauglich ſein werden; wenigſtens noch eine Zeitlaug. Ich fühle keinen Gran Leben mehr in mir.« „»Leben! Mir iſt es, als könnte nichts bequemer ſein, als jetzt zu ſterben.« »Nun, warum ſterben Sie denn nicht?« Mit die⸗ ſen Worten drehete ſich der Freund wieder um und ver⸗ ſuchte einzuſchlafen. Der Lord zog einen Stuhl an den Frühſtückstiſch und verſuchte zu eſſen; als er aber fand, daß dies nicht gehe, trat er an das Fenſter, dann ging er, die Hand an ſeine brennende Stirn gelegt, in dem Zimmer eini⸗ gemale auf und ab, warf ſich wieder auf das Sopha und weckte ſeinen Freund nochmals. »Was zum Teufel giebt es?« antwortete Sir Mul⸗ berry, indem er ſich aufſetzte. Dann dehnte und ſtreckte er ſich mehrmals, ſchüttelte ſich und erklärte, er friere » teufelmäßig,« machte einen Verſuch an dem Frühſtück und blieb dort, da es ihm beſſer gelang als dem Lord. »Wenn wir nun,“« ſagte er nach einiger Zeit, indem er einen Biſſen auf die Gabel geſteckt hatte,»von der kleinen Nickleby wieder anfingen?« »Sie verſprachen mir, das Mädchen ausfindig zu machen.“ »Das that ich, habe aber ſeitdem weiter über die —— 4 —— 4 Nicolaus Nickleby. 169 Sache nachgedacht. Suchen Sie das Mädchen ſelbſt.“ „Nein.« »Ja, ſage ich, aber ich meine nicht, wenn Sie kön⸗ nen. Sie ſollen ſie finden,— ich werde Sie auf die Spur leiten.« »Sie ſind doch ein braver, prächtiger, ehrlicher Freund?« entgegnete der Lord, auf den jene Worte einen ſehr belebenden Eindruck gemacht hatten. »Ich will Ihnen ſagen, wie. Sie war bei jenem Eſſen als Lockſpeiſe für Sie.« »Nein! was zum Teu—« »Als Lockſpeiſe für Sie; der alte Nickleby hat mir es ſelbſt geſagt.« »Ein ſchlauer alter Hahn! Ein edler Schurke.« »Ja, er wußte, daß ſie ein nettes hübſches Ding—⸗ »Nett!? Auf Seele, Hayk, ſie iſt eine vollkom⸗ mene Schönheit,— ein, ein Bild, eine Statüe, ein — ein, auf Seele, das iſt ſie!« »Das iſt Geſchmacksſache; ſtimmt mein Geſchmack mit dem ſeiaen nicht überein, deſto beſſer.“ »Nun, Sie waren an jenem Tage verliebt genug in ſie. Ich konnte kaum ein Wort mit ihr reden.« »Für einmal iſt ſie ſchon gut genug, aber ſich zwei⸗ mal um ſie zu bemühen, verdient ſie nicht. Wenn Sie wirklich Abſichten auf die Nichte haben, ſo ſagen Sie dem Onkel, Sie müßten wiſſen, wo ſie lebe, oder Sie würden keine Geſchäfte mehr mit ihm machen. Er wird ihren Aufenthaltsort ſogleich verrathen.« „»Warum ſagten Sie mir dies nicht ſchon längſt?« »Erſtens wußte ich es nicht, und zweitens glaubte ich nicht, daß Sie wirklich ſo ernſtlich verliebt wären.« Sir Mulberry Hawk hatte ſeit jener Mahlzeit bei Ralph Nickleby alles aufgeboten, um zu erfahren, woher Nicolaus Nickleby. Käthchen ſo ſchnell gekommen und wohin ſie verſchwun⸗ den ſei. Ohne den Beiſtand Ralphs aber, mit dem er ſeit ihrer Trennung bei jener Gelegenheit nicht wieder geſprochen hatte, waren alle ſeine Bemühungen verge⸗ bens geweſen, und er theilte alſo dem jungen Lord mit, was der Onkel damals zugeſtanden hatte. Dadurch konnte Sir Mulberry Hawk zweierlei erreichen, einmal ſich an dem Mädchen rächen und dann Geld von dem Lord erhalten. Bald darauf begab er ſich denn mit ſeinem jungen Freunde zu Ralph Nickleby. Dieſer war zu Hauſe und allein. Er führte ſie in das Geſellſchaftszimmer, wo er ſich an das darin Vorgefallene zu erinnern ſchien, denn er warf einen neugierigen Blick auf Sir Mulberry Hawk, der darauf mit einem Lächeln antwortete. Sie beſprachen ſich eine kurze Zeit über ein eben im Gange befindliches Geldgeſchäft, und ſobald dies abgethan war, bat der junge Lord den alten Ralph um eine kurze Un⸗ terredung unter vier Augen. »Allein?« ſagte Hawk mit erheuchelter Verwunde⸗ rung.»Ich werde in das Nebenzimmer gehen. Blei⸗ ben Sie nicht zu lange.« Damit nahm er ſeinen Hut, trällerte ein Liedchen und trat durch eine Thür in das Nebenzimmer. »Nun, Mylord, was wünſchen Sie?2« »Nickleby,« antwortete der Lord, indem er ſich auf dem Sopha nach dem Alten hin drehete,»was für eine hübſche Nichte haben Sie!« »Möglich— möglich— ich kümmere mich um ſolche Dinge nicht.« Sie wiſſen, daß ſie ein ſchönes Mädchen iſt. Sie müſſen das wiſſen, Nickleby. Läugnen Sie nicht.« „Ich glaube, ſie gilt dafür, ja, ich weiß es. Wenn Nicolaus Nickleby. 171 ich es nicht wüßte, ſo haben Sie es ja geſagt und Sie verſtehen ſich auf ſolche Dinge.« Jeder Andere würde den höhniſchen Ton und den verächtlichen Blick bemerkt haben, womit der Alte ſeine Worte begleitete; der junge Lord aber hn alles für baare Münze »Ich möchte nun wiſſen, wo die te ret t, um ſte noch einmal zu ſehen, Nickleby.“ 2„»Wirklich—« begann Ralph in ſeinem gewohnlichen one. »Sprechen Sie nicht ſo laut; ich wünſche nicht, daß es Hawk höre.« »Wiſſen Sie, daß er Ihr Nebenbuhler iſt?« »Das iſt der verdammte Kerl immer, und ich möchte ihm einmal zuvorkommen. Wo wohnt ſie, Nickleby? Weiter nichts. Sagen Sie mir nur, wo ſie wohnt.« »Er beißt an,« dachte Ralph,»er beißt an.« »Nun, Nickleby? wo wohnt ſie?« „»Wirklich, Mylord,« antwortete Ralph, der die Hände langſam rieb,»ich muß mir es erſt überlegen, ob ich es Ihnen ſage.“ »Nein, nein, Nickleby, Sie brauchen gar nicht zu überlegen. Wo iſt ſie?« »Es wird nicht gut ſein, wenn Sie es wiſſen. Sie iſt tugendhaft und wohlerzogen, aber freilich hübſch, arm und ſchutzlos, das arme Mädchen.« Ralph ſagte dies, als ob er laut denke und gar nicht wünſche, daß es Jemand höre, aber der ſchlaue Blick, den er dabei auf den Lord warf, verrieth ihn. »Ich verſichere Sie, daß ich ſie bloß ſehen will. Darf denn ein Mann ein hübſches Mädchen nicht an⸗ ſehen? Wo lebt ſie? Sie wiſſen, daß Sie von mir viel Geld verdienen, Nickleby, und auf Seele! Nickleby, ich 172 will mich nie an einen Andern wenden, wenn Sie mir dies ſagen.« »Da Sie mir dies verſprechen,« ſagte Ralph mit erheuchelter Unſchlüſſigkeit,„um Ihnen gefällig zu ſein, und weil es doch nichts Böſes,— nichts Böſes— iſt, ſo will ich es Ihnen ſagen. Aber behalten Sie das Geheimniß für ſich allein.« Während er dies ſagte, wies er auf das Nebenzimmer und nickte ausdrucksvoll. Der junge Lord ſtellte ſich ebenfalls, als erkenne er die Nothwendigkeit an, die Sache ganz geheim zu hal⸗ ten, und ſo theilte ihm denn Ralph die Adreſſe ſeiner Nichte mit, ſetzte auch hinzu, ſo viel er von der Familie gehört habe, in welcher ſie lebe, lege ſie großen Werth darauf, vornehme Bekanntſchaften zu haben, und ein Lord werde ſich deshalb, wenn er es wünſche, leicht dort einführen können. Lord Veriſopht verſtand den Wink, drückte die harte hornige Hand des Alten, ſagte ihm leiſe, es werde gut ſein, wenn ſie ihr Geſpräch da abbrächen und rief Sir Mulberry Hapk, zurückzukommen »Ich glaubte, Sie wären eingeſchlafen,« ſagte dieſer. » Es thut mir leid, Sie ſo lange aufgehalten zu ha⸗ ben,« meinte der Lord,»Nickleby war aber ſo ſpaßhaft, daß ich mich nicht trennen konnte.« »Nein,« ſagte dieſer,»Mylord war es. Sie wiſſen, welch' ein witziger, humoriſtiſcher, eleganter Mann Lord Frederick iſt.« Mit vielen Verbengungen begleitete Ralph darauf die beiden Herren die Treppe hinunter, erwiederte aber, abgerechnet eine ganz geringe Bewegung an den Mundwinkeln, durchaus nichts auf den Blick der Verwunderung, den ihm Sir Mulberry vor dem Scheiden noch zuwarf. Einige Augenblicke vorher war geklingelt worden, und Newman Noggs wollte eben die Thür öffnen, als die Herren an derſelben ankamen. In jedem andern Falle würde Newman die ankommende Perſon entweder ſchweigend haben eintreten laſſen, oder ſie erſucht haben, aus dem Wege zu gehen, bis die Herren hinauswaͤren; kaum aber hatte er erkannt, wer es war, als er von dem in Ralphs Hauſe üblichem Gebrauche ganz abwich und laut rief:»Madame Nickleby!« Nicolaus Nickleby. Nieolaus Nickleby. 173 »In mein Comptoir! Ich werde ſogleich dort ſein,« antwortete Ralph. »Iſt dies Madame Nickleby?« begann Sir Mulberry ſogleich und trat auf die erſchrockene Frau 39» die Mutter des Fräulein Nickleby, des herrlichen Mädchens, das ich hier im Hauſe kennen zu lernen das Vergnügen hatte? Aber nein, nein, es kann nicht ſein. Zwar die⸗ ſelben Züge, daſſelbe unbeſchreibliche Etwas—, aber nein, nein, dazu iſt die Dame zu jung.« »Ich denke, Schwager, Sie können dem Herrn, wie er es zu wiſſen wünſcht, immer ſagen, das Käthchen meine Tochter iſt,« antwortete Madame Nicklehy mit einer graziöſen Verbeugung. »Ihre Tochter, Mylord!« rief Sir Mulberry, indem er ſich zu ſeinem Freunde umdrehete.»Die Tochter dieſer Dame, Mylord!« »Mylord,« dachte Madame Nickleby. »Dies iſt alſo die Dame, Mylord,« fuhr Sir Mul— berry fort,»deren gefälliger Ehe wir ſo viel Glück ver⸗ danken. Dieſe Dame iſt die Mutter des reizenden Fräu⸗ lein Nickleby. Bemerken Sie die auffallende Aehnlich⸗ keit, Mylord? Nickleby, ſtellen Sie uns vor.« Ralph that es in einer gewiſſen Verzweiflung. » Auf Seele! vortrefflich,« ſagte Lord Frederick. »Wie geht es Ihnen?« Madame Nickleby war durch dieſe ungewöhnliche Be⸗ grüßung und ihren Kummer darüber, daß ſie nicht ihren andern Hut aufgeſetzt hatte, in zu große Verlegenheit gebracht worden, als daß ſie ſogleich hätte antworten können. Sie verbeugte ſich alſo fortwährend und lächelte. »Und wie— wie geht es dem Fräulein Nickleby? Gut, hoffe ich.« »Sie befindet ſich ganz wohl, ich danke Ihnen, My⸗ lord,« entgegnete Madame Nickleby endlich, die ſich et⸗ was erholt hatte.»Ganz wohl. Einige Tage nach dem Diner hier befand ſie ſich nicht recht wohl; wahr⸗ ſcheinlich hatte ſie ſich auf der Nachhauſefahrt in dem Wagen erkältet, denn die Miethkutſchen ſind ſo ſchlecht, Mylord, daß man faſt beſſer thut, man geht zu Fuße, und ob ich gleich glaube, ein Miethkutſcher kann depor⸗ tirt werden, wenn er ein zerbrochenes Fenſter in ſeinem Wagen hat, ſo kümmert ſich doch Niemand darum und Nicolaus Nickleby. 174 faſt alle haben zerbrochene Scheiben. Ich bekam ein⸗ mal von einer ſolchen Fahrt auf ſechs Wochen ein dickes Geſicht. Ja, ſie befindet ſich wohl, beſſer als je, ſeit ſie den Keuchhuſten, das Scharlachfieber und die Maſern gehabt hat, das ſie alles auf einmal bekam.« »Iſt der Brief an mich?« fragte Ralph, auf ein kleines Paquet zeigend, das Madame Nickleby in der Hand hielt. »An Sie, Schwager, und ich bin den ganzen weiten Weg beruntergegangen, um Ihnen denſelben zu übergeben.« »Den weiten Weg ſagen Sie?« fiel Sir Mulberry ein.»Wohnen Sie denn weit von hier?« »Gewiß eine halbe Stunde, ja ſo weit iſt es bis Spizwiffin's Wharf.“« »Sie wollen aber doch den weiten Weg nicht auch wieder zurückgehen?« »Nein, ich fahre in einem Omnibus. Freilich hatte ich dies nicht nöhig, als mein armer Nicolaus noch lebte, Schwager. Sie wiſſen aber—« »Ja, ja,« antwortete Ralph ungeduldig,„und es wird am beſten ſein, wenn Sie zurückkehren, ehe es fin⸗ ſter wird.« »Allerdings, Sie haben Recht, ich will auch ſo⸗ gleich gehen.“ »Wollen Sie nicht erſt einen Augenblick ausruhen?« ſagte Ralph, der ſelten etwas anbot, wenn er nicht etwas dadurch zu verdienen hoffte. » Ach nein, lieber Schwager,« antwortete Madame Nickleby, indem ſie nach der Uhr ſah. 3 8 »Lord Frederick,« ſagte Sir Mulberry,»wir gehen denſelben Weg und wollen Madame in den Omnibus bringen.« 1 „Ja, das wollen wir.« „Das kann ich wirklich nicht annehmen.“ Aber die beiden Herren ließen ſich durchaus nicht abweiſen, nahmen Abſchied von Ralph und traten mit Madame Nickleby aus dem Hauſe hinaus, die ganz glücklich war, einmal über die Artigkeiten, welche ihr die beiden vornehmen Herren erwieſen, und dann auch, weil ſie glaubte, überzeugt ſein zu können, Käthchen brauche zwiſchen beiden nur zu wählen, um eine reiche Frau zu werden und einen vornehmen und untadeligen Mann zu bekommen. 3 Nicolaus Nickleby. 175 Während ſie nun bereits über die künftige Größe ihrer Tochter nachdachte, wechſelten Sir Mulberry und Lord Frederick Blicke über dem Hute der Frau, den ſie nicht zu Hauſe gelaſſen zu haben ſo ſehr be⸗ dauerte, und ſprachen mit ſichtbarem Entzücken von den vielfachen Reizen des Fräuleins Nickleby. 4 „»Welche Freude, welches Glück muß dies liebense würdige Mädchen für Sie ſein!« ſagte Sir Mulberry. „Das iſt ſie wirklich, das gutherzigſte, ſanfteſte Kind, und ſo geſchickt!« „Das ſieht man ihr an,“ bemerkte Lord Veriſopht. »Und ſie iſt es auch, Mylord. Als ſie in der Schule war, galt ſie allgemein für das geſchickteſte Mädchen, und es waren ſehr geſchickte darin,— fünfundzwanzig junge Damen, von denen jede 25 Guineen bezahlte ohne die Nebenkoſten,— die beiden Fräuleins Domdles z. B., die eleganteſten, reizendſten, geſchickteſten Mäd⸗ chen. Ach, du lieber Gott! ich werde es nie vergeſſen, welche Freude ſie mir und ihrem armen ſeligen Vater gemacht hat, als ſie noch in der Schule war, nie;— alle halbe Jahre einen ſo rührenden Brief, worin man uns ſagte, daß ſie das geſchickteſte Mädchen in der Schule ſei und größere Fortſchritte gemacht habe als alle andern! Ach, ich darf gar nicht daran denken. Die. Mädchen ſchrieben die Briefe ſelbſt und der Schreib⸗ kehrer beſſerte mit einer ſilbernen Feder nach; wenig⸗ ſtens glaube ich es, daß ſie die Briefe ſelbſt ſchrieben, obgleich es Käthchen ſelbſt nicht gewiß wußte, weil ſie ihre Handſchrift nicht wieder erkannte.“« Unter ſolchen Geſprächen erreichten ſie den Omni⸗ bus; die beiden Herren aber konnten ſich von ihr nicht trennen, bis der Wagen wirklich abfuhr; da nahmen ſie ihren Hut ab, empfahlen ſich ſehr artig und küßten ihre paille Handſchuhe. Madame Nickleby lehnte ſich in eine Ecke und über⸗ ließ ſich den freundlichſten Gedanken. Käthchen hatte kein Wort davon geſagt, daß ſie einen von den Herren bei dem Onkel geſehen; das, dachte ſie, iſt ein Beweis, daß ihr einer von ihnen ſehr gut gefällt. Dann aber entſtand die Frage, welcher von beiden dies wohl ſein möge. Der Lord war der jüngere und ſein Titel der höhere; aber Käthchen ließ ſich von ſolchen Nebendin⸗ gen nicht beſtechen.»Ich werde ihren Neigungen nie 176 Nicolaus Nickleby. einen Zwang anthun,« dachte Madame Nickleby,»aber ich denke, es kann gar kein Vergleich ſtattfinden zwi⸗ ſchen dem Lord und Sir Mulberry. Sir Mulberry iſt ein ſo artiger, feiner, aufmerkſamer Mann und hat ſo viel für ſich. Ich hoffe, ſie hat ſich für Sir Mulberry beſtimmt, gewiß für ihn.«“ Dann eilten ihre Gedanken zu ihren Prophezeiungen zurück und es fiel ihr ein, wie oft ſie geſagt habe, Käthchen ohne Vermögen werde noch eine beſſere Partie machen als die Töchter ande⸗ rer Leute mit vielen Tauſenden. Als ſie dann mit Mutterliebe ſich die Schönheit und Liebenswürdigkeit des armen Mädchens vorſtellte, das ſich ſo ergeben in die ſchwere Zeit der Prüfung gefügt, wurde ihr das Herz ſo voll, daß ihr die Thränen über die Wangen ſtrömten. Ralph ging unterdeß in ſeinem kleinen Comptoir auf und ab, denn er konnte das Geſchehene nicht aus den Gedanken bringen. Wir würden die gröbſte Unwahr⸗ heit ſagen, wenn wir behaupten wollten, er habe ein Geſchöpf Gottes geliebt oder ſich viel um daſſelbe ge⸗ kümmert, aber bisweilen ſchlich ſich doch ein gewiſſes Mitleiden mit ſeiner Nichte in ſein Herz, und faſt ge⸗ gen ſeinen Willen ſah er das Mädchen mit theilneh⸗ mendern und freundlichern Blicken an als alle übrigen Menſchen. »Ich wollte,“ dachte Ralph,»ich hätte es nicht ge⸗ than. Aber es wird den jungen Burſchen bei mir hal⸗ ten, ſo lange noch Geld an ihm zu verdienen iſt. Ein Mädchen zu verkaufen— auf den Weg der Verſuchung zu führen und übler Nachrede auszuſetzen!— Faſt 2000 Pfd. St. habe ich nun ſchon von ihm gezogen.— Bah, thun Mütter, die ihre Töchter verheirathen wol⸗ len, daſſelbe nicht alle Tage?« Er ſetzte ſich und zählte an den Fingern die Chan⸗ cen für und wider ab. »Hätte ich ſie auch nicht auf die rechte Spur ge⸗ bracht, ſo würde es dies alberne Weib gethan haben. Iſt das Mädchen ſo tugendhaft, wie es zu ſein ſcheint, was kann Schlimmes daraus entſtehen? Etwas Gram — einige Thränen. Jal« ſagte er laut, indem er ſeine Kaſſe zuſchloß.»Sie mag ſelbſt zuſehen.« Ende des dritten Theiles. —— —