4 f für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 f. 2 Mk.— Pf. 3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 von.. ] Eduard Ottmann in Gießen, b pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens —— Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 8 11. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. * 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet d wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: „„ 2„=„ 3=„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben fuͤr Hin⸗ und Hurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, vaß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Capt. Marryat's, Capt. Chamier's, Dr. Harriſſon's(Samuel Warren's), Wilſon's, James Morier's, Boßs u. A. Geſammelte Werke. Eine Sammlung der neueſten und ausgezeichnetſten Romane der engliſchen Literatur. Siebenzigster Band. Leben und Abenteuer des Nicolaus Nickleby von Boz(Charles Dickens). Zweiter Theil. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1839. 5 8———ᷣ—— ₰— 2— 5* Boz's (Charles Dickens) Geſammelte Werke. ——— Elkter Theil. Leben und Abenteuer des Nicolaus Nickleby. Zweiter Theil. Mit einer Federzeichnung nach Phiz. — 18 Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn, und George Weſtermann. 1839. Leben und Abenteuer des Nicolaus Nickleby. Von Boz(Charles Dickens), dem Verfaſſer der Pickwicker, des Oliver Twiſt, der humoriſtiſchen Genrebilder ꝛc. Aus dem Engliſchen von K. H. Hermes. Zweiter Theil. Zweite Autlage. Mit einer Federzeichnung nach Phiz. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn, und George Weſtermann. 1839. Erſtes Kapitel. Wie Herr Nalph Nickleby für ſeine Nichte und Schwägerin ſorgt. Am zweiten Morgen nach Nicolaus' Abreiſe ſaß Käth⸗ chen Nickleby in einem ſehr verſchoſſenen Armſeſſel, der das Anſehen eines Thrones hatte, weil er auf einer ſehr beſtaubten Erhöhung ſtand, bei Fräulein La Creevy und gab dieſer Dame eine Sitzung für das Portrait, wel⸗ ches ſie zu entwerfen angefangen hatte. Fräulein La Creevy hatte den Rahmen, der ihr zum Aushänge⸗ ſchilde diente, von der Straße heraufgebracht, um aus dem Miniaturbilde eines jungen Officiers eine glänzende lachsrothe Fleiſchfarbe zu entlehnen, welche ihre vor⸗ nehmſten Freunde und Gönner für etwas ganz Neues in der Kunſt erklärten, wie ſie das denn wirklich auch war. »Ich denke, ich habe es jetzt herausgebracht,« ſagte Fräulein La Creevy.»Bis auf die feinſte Nuance! Dies wird das lieblichſte Portrait, was ich je gemalt habe, wahrhaftig.« »Dann muß es Ihr Genius ſein, der es dazu macht,« erwiederte Käthchen lächelnd. »Nein, nein, das darf ich nicht zugeben, meine Liebe,« verſetzte Fräulein La Creevy.»Es iſt ein aller⸗ 1 8 Nieolaus Nickleby. liebſter Gegenſtand, ein ganz allerliebſter Gegenſtand, — obwohl natürlich etwas auch wohl von der Art der Behandlung abhängt.« „»Gewiß nicht wenig,« bemerkte Käthchen. „»Ja, meine Liebe, darin haben Sie Recht,« ſagte Fräͤulein La Creevy.»Im Ganzen haben Sie Recht, obwohl ich nicht zugebe, daß es in dem gegenwärtigen Falle gerade von ſo beſonderer Wichtigkeit iſt. Ach, die Schwierigkeiten der Kunſt ſind groß, meine Liebe.“« „Das müſſen ſie wohl, daran kann ich nicht zwei⸗ feln,« ſagte Käthchen, um ihrer gutmüthigen kleinen Freundin zu Gefallen zu reden. »Sie überſteigen Alles, wovon Sie Sich nur eine Vorſtellung machen können,« erwiederte Fräulein La Creeby.»Da ſoll man die Augen mit aller Kraft her⸗ ausbringen, und dann muß man die Naſen mit Gewalt zurechtſtutzen, wenn ich von den Köpfen auch gar nichts fagen und die Zähne ganz wegnehmen will. Sie haben wirklich keinen Begriff von der Mühe, welche das kleinſte Miniaturbild koſtet.« »Das Honorar kann Sie ſchwerlich dafür entſchä⸗ digen,« bemerkte Käthchen. »„Nein, das kann es nicht, das iſt die volle Wahr⸗ heit,« entgegnete Fräulein La Creevy;»und dann ſind die Leute ſo ſchwer zufrieden zu ſtellen und ſo unver⸗ nünftig, daß es in neun Fällen unter zehn kein Ver⸗ gnügen iſt, ſie zu malen. Zuweilen ſagen ſie:„Ach, wie ernſthaft laſſen Sie mich ausſehen, Fräulein La Creevy!e und dann wieder: Ei, ei, Fräulein La Creevy, wie ſchalkhaft lächelnd!“ Und doch iſt es das Weſen eines guten Portraits, daß es entweder ernſt oder hei⸗ ter ſein muß, oder es iſt gar kein Portrait.⸗ „Wirklich?« fragte Käthchen lachend. —— ,— Nicolaus Nickleby. 9 »Gewiß, meine Liebe; weil die Sitzenden immer entweder das eine oder das andere ſind,« erwiederte Fräulein La Creevy.»Sehen Sie die Bilder in der Academie. Alle dieſe ſchönen glänzenden Gemälde von Herren in ſchwarzen Sammetweſten, die ihre Hände auf runde Tiſche oder auf Marmortafeln legen, ſind ernſt⸗ haft; und alle die Damen, die mit kleinen Paraſols oder kleinen Hunden oder kleinen Kindern ſpielen— es iſt dieſelbe Regel in der Kunſt, die nur in den Gegen⸗ ſtänden wechſelt— lächeln. In der That,« fügte Fräu⸗ lein La Creevy hinzu, indem ſie ihre Stimme zu einem vertraulichen Flüſtern herabſinken ließ,»es giebt nur zwei verſchiedene Gattungen der Portraitmalerei, die ernſthafte und lächelnde; und wir bedienen uns immer der ernſthaften für Perſonen, die irgend ein beſtimmtes Geſchäft haben, wobei wir nur die Schauſpieler zuwei⸗ len ausnehmen, und der lächelnden für Damen und Herren ohne Geſchäfte, die nicht ſo viel Werth darauf legen, geſcheit auszuſehen.« Käthchen ſchien durch dieſe Belehrung höchlich er⸗ götzt zu werden, und Fräulein La Creevy fuhr mit un⸗ veränderlicher Wohlgefälligkeit fort zu malen und zu ſchwatzen. »Was für eine Menge Officiere Sie doch malen müſſen!« ſagte Käthchen, indem ſie eine Pauſe in der Unterhaltung dazu benutzte, ſich in dem Gemache um⸗ zuſehen. „»Eine Menge Officiere, Kind?« rief Fräulein La Creevy, von ihrer Arbeit aufblickend, aus.»Ei, das ſind nur Charaktergemälde, es ſind keine wirkliche Mi⸗ litairperſonen.« „»Nicht? „»Lieber Himmel, natürlich nicht. Schreiber und 10 andere untergeordnete Beamte, die nichts ſind und gerne etwas vorſtellen wollen, borgen ſich eine Uniform, um ſich darin malen zu laſſen, und ſenden ſie, in einem Tuche eingeſchlagen, hieher. Manche Künſtler,« ſagte Fräulein La Creevy,»halten ſich zu dieſem Zwecke be⸗ ſonders eine Uniform und ſetzen dafür einen Thaler oder ein Paar Gulden mehr in Rechnung. Ich mag dies aber nicht thun, denn ich halte es nicht für Recht.« Fräulein La Creevy warf ſich, indem ſie dies ſagte, in die Bruſt, als ob ſie ſich nicht wenig darauf einbil⸗ dete, daß ſie dieſe gemeinen Hülfsmittel verſchmähe, um Kunden anzuziehen; darauf wandte ſie ſich mit größe⸗ rer Aufmerkſamkeit zu ihrer Arbeit und erhob nur von Zeit zu Zeit den Kopf, um irgend einen Pinſelſtrich, den ſie eben gemacht hatte, mit unausſprechlicher Freude anzuſehen, und bei Gelegenheit Fräulein Nickleby anzu⸗ deuten, mit welchem Zuge ihres Geſichtes ſie eben be⸗ ſchäftigt ſei;»nicht,« bemerkte ſie ausdrücklich,»daß Sie eine eigene Miene zum Malen annehmen ſollen, meine Liebe, ſondern weil wir zuweilen die Gewohnheit haben, den Perſonen, die uns ſitzen, zu ſagen, bei welchem Theile wir gerade ſind, damit ſie, wenn ſie irgend einen beſondern Ausdruck angebracht wünſchen, ihn zu rechter Zeit hineinlegen können.« „» Und wann,« ſagte Fräulein La Creevy nach lan⸗ gem Stillſchweigen, nämlich nach vollen anderthalb Minuten,»wann erwarten Sie wieder einen Beſuch von Ihrem Oheim?« »„Ich weiß es ſelbſt nicht,« erwiederte Käthchen, ves wundert mich, daß er uns nicht ſchon beſucht hat. Aber ich hoffe, daß es bald geſchehen wird, denn die⸗ ſer Zuſtand der Ungewißheit iſt ſchlimmer, als alles Andere.« Nicolaus Nickleby. Nicolaus Nickleby. 11 „»Ich glaube, daß er Geld hat; nicht wahr?« fragte Fräulein La Creevy. „Er ſoll ſehr reich ſein, wie ich gehört habe,« ver— ſetzte Käthchen.»Ich weiß zwar nicht, ob er es iſt; aber ich glaube es.« »Ah, Sie können Sich darauf verlaſſen, daß er es i*ſt, ſonſt würde er nicht ſo ſauer ausſehen,« bemerkte Fräulein La Creevy, die eine ſeltſame kleine Miſchung von Einfalt und Schlauheit war.»Wenn Jemand ein Bär iſt, ſo kann man immer annehmen, daß er ſich in einer unabhängigen Lage befindet.« „Sein Benehmen iſt etwas rauh,« ſagte Käthchen. »Rauh!« rief Fräulein La Creevy aus, vein Sta⸗ chelſchwein iſt ein Federbett gegen ihn. Mir iſt in mei⸗ nem Leben noch kein ſolcher widerborſtiger alter Wilder vorgekommen.« »Ich glaube doch, daß es nur ſein Aeußeres iſt,« bemerkte Käthchen furchtſam;»ich glaube gehört zu haben, daß ihm in früheren Lebensjahren eine Hoffnung fehlgeſchlagen iſt, oder daß irgend ein Unglück ſeine Stimmung verſäuert hat. Ich möchte nicht gern Uebles von ihm denken, ſo lange ich nicht weiß, daß er es verdient.« »Gut, das iſt recht und brav,« bemerkte die Mi⸗ niaturmalerin,»und der Himmel verhüte, daß ich Sie dazu verleiten ſollte. Aber könnte er nicht, ohne es ſelbſt im Geringſten zu fühlen, Ihnen und Ihrer Mut⸗ ter eine hübſche kleine Unterſtützung ausſetzen, die Sie beide in einer behaglichen Lage erhielte, bis Sie eine vortheilhafte Heirath ſchlöſſen und dann für Ihre Mama ſorgten? Was würden ein Paar hundert Thaler des Jahrs für ihn ſein? „»Ich weiß nicht, was ſie für ihn ſein würden,« 1 12 Nicolaus Nickleby. ſagte Käthchen mit großer Kraft,»aber fuͤr mich wür⸗ den ſie ſo viel ſein, daß ich lieber ſterben wollte, als ſie annehmen.« „»Holla!« rief Fräulein La Creevy aus. »Von ihm abhängig zu ſein,« fuhr Käthchen fort, »würde mein ganzes Leben verbittern. Ich würde es für eine viel geringere Erniedrigung halten, wenn ich betteln müßte.« »Gut!« entgegnete Fräulein La Creeyy.»Das klingt ſonderbar genug von einem Verwandten, über den Sie von einer gleichgültigen Perſon kein übles Wort hören wollen, das muß ich geſtehen, meine Liebe l⸗ „»Freilich mag es das,« erwiederte Käthchen, in⸗ dem ſie einen milderen Ton annahm;»es muß freilich ſonderbar klingen. Ich— ich meine auch nur, daß ich, mit den Gefühlen und Erinnerungen beſſerer Tage im Gedächtniß es nicht ertragen könnte, von der Güte ei⸗ nes Andern zu leben, nicht gerade von ſeiner, ſondern von jedes Andern Güte.« Fräulein La Creevy ſah ihre Geſellſchafterin beden⸗ tend an, als zweifelte ſie, ob nicht doch Ralph ſelbſt der Gegenſtand ihres beſonderen Widerwillens wäre; da ſie aber ſah, daß ihre junge Freundin ſchmerzlich be⸗ wegt war, unterdrückte ſie jede Bemerkung, die ſie ma⸗ chen wollte. »Ich verlange von ihm nichts,« ſagte Käthchen, und während ſie ſprach, fielen ihre Thränen herab,»als daß er ſich ein klein wenig aus ſeinem Wege bemühen ſoll, um mich durch ſeine Empfehlung— nur durch ſeine Empfehlung— in den Stand zu ſetzen, wörtlich mein Brot zu verdienen und bei meiner Mutter zu bleiben. Ob wir je uns wieder eines beſſern Zuſtandes erfreuen werden, hängt von dem Glücke meines lieben — — Nicolaus Nickleby. 13 Bruders ab; aber wenn er dies thun will, und Nico⸗ laus uns nur ſagt, daß er wohl und guten Muthes iſt, will ich zufrieden ſein.⸗ Als ſie zu ſprechen aufhörte, ließ ſich ein Geräuſch hinter dem Schirm vernehmen, der zwiſchen ihr und der Thür ſtand, und es klopfte Jemand an die Wand deſſelben. »Herein, wer es immer ſein mag,« rief Fräulein La Creevy. Der Anklopfende folgte dieſer Aufforderung, und da er vortrat, zeigten ſich die Formen und Züge von kei⸗ ner geringeren Perſon, als Herrn Ralph Nickleby ſelbſt. »Ihr Diener, meine Damen!« ſagte Ralph und ſah mit ſcharfem Blicke zuerſt die eine und dann die andere an.»Sie ſprachen ſo laut, daß ich nicht im Stande war, mich hörbar zu machen.« Wenn der Würdige einen ungewöhnlich nichtswürdi⸗ gen Streich im Schilde führte, oder irgend eine unge⸗ wöhnliche Bosheit im Herzen trug, ſo hatte er die Sitte, ſeine Augen unter den dicken vorſtehenden Brauen einen Moment beinahe ganz zu verbergen, und dann mit ihrer vollen Schärfe hervorſchießen zu laſſen. So that er jetzt und verſuchte das Lächeln zu unterdrücken, welches ſeine dünnen, zuſammengepreßten Lippen trennte und die unangenehmen Züge um ſeinen Mund hervorhob. Die beiden Frauenzimmer begriffen ſogleich, daß er, wenn nicht ihre ganze Unterhaltung, doch einen Theil derſel⸗ ben belauſcht hatte. »Ich ſprach hier an, indem ich oben hinauf gehen wollte, weil ich beinahe gewiß erwartete, Dich hier zu finden,« ſagte Ralph zu ſeiner Nichte gewendek, und ſah dabei mit verächtlicher Miene das Portrait an.»Iſt dies das Portrait meiner Nichte, Mademoiſelle?« 14 Nicolaus Nickleby. »Ja wohl, Herr Nickleby,« antwortete Fraͤulein La Creevy mit großer Lebhaftigkeit, vund wenn es erſt ſeine Stelle einnehmen wird, Herr Nickleby, wird es überdies ein ſehr hübſches Portrait ſein, obwohl ich das ſelbſt ſage, die es gemalt hat.« „»Bemühen Sie ſich nicht, es mir zu zeigen, Made⸗ moiſelle,« rief Ralph aus, indem er zur Seite trat,»ich habe keinen Blick für Aehnlichkeiten. Iſt es bald fertig?« »Ei nun, ja,« erwiederte Fräulein La Creevy, wäh⸗ rend ſie mit dem Pinſel im Munde nachſann.»Noch ein Paar Sitzungen—« »Nehmen Sie ſie auf einmal, Mademoiſelle,« unter⸗ brach ſie Ralph.»Arbeit, Mademoiſelle, Arbeit; wir müſſen alle arbeiten. Haben Sie Ihre Zimmer vermie⸗ thet, Mademoiſelle?« „Ich habe ſie noch nicht wieder angekündigt, Herr Nickleby.« „»Thun Sie das ſogleich, Mademoiſelle; ſie werden die Zimmer nach dem Ausgange dieſer Woche nicht mehr brauchen, oder wenn ſie ſie noch brauchen, können ſie nicht dafür bezahlen. Nun, meine Liebe, wenn es Dir Recht iſt, wollen wir keine Zeit mehr verlieren.“ Mit einem angenommenen Scheine von Wohlwollen, der ihm noch übler ſtand, als ſelbſt ſeine gewöhnliche Manier, gab Herr Ralph Nickleby der jungen Dame einen Wink, ihm voran zu gehen, ſchloß, nachdem er Fräͤulein La Creevy eine ernſte Verbeugung gemacht hatte, die Thür und folgte ſeiner Nichte die Treppe hinauf, wo ihn Madame Nickleby mit vielen Achtungs⸗ bezeug empfing. Ralph hemmte den Erguß, indem er mit Hand eine ungeduldige Bewegung machte, und ging ohne Weiteres zu dem Zwecke ſeines Beſuches über. 2 Nicolaus Nickleby. 15 »Ich habe eine Stelle für Ihre Tochter gefunden, Madame,« ſagte Ralph. »Schön,« erwiederte Madame Nickleby.»Ja, ich muß ſagen, daß ich das von Ihnen erwartet habe. „Verlaſſe Dich darauf,“ ſagte ich erſt geſtern Morgen beim Frühſtück zu Käthchen,'da Dein Oheim mit ſol⸗ cher Bereitwilligkeit für Nicolaus geſorgt hat, wird er uns nicht eher verlaſſen, bis er nicht wenigſtens daſſelbe für Dich gethan hat.“Dies waren gerade meine Worte, ſo viel ich mich erinnere. Käthchen, meine Liebe, warum dankſt Du nicht Deinem—« »Bitte, laſſen Sie mich fortfahren,« ſagte Ralph, ſeine Schwägerin in dem vollen Strome ihrer Rede un⸗ terbrechend. »Käthchen, meine Liebe, laß Deinen Oheim fortfah⸗ ren,« ſagte Madame Nickleby. »Ich wünſche nichts ſo ſehr, als daß er dies thut,« verſetzte Käthchen. „»Gut, meine Liebe, wenn Du wünſcheſt, daß er es thut, ſo thäteſt Du beſſer, Deinen Oheim ſagen zu laſ⸗ ſen, was er zu ſagen hat, ohne ihn zu unterbrechen,« bemerkte Madame Nickleby mit vielen kleinen Winken und Andeutungen.»Die Zeit Deines Oheims iſt koſt⸗ bar, meine Liebe; und wie ſehr Du auch wünſchen magſt, das Vergnügen, welches uns ſeine Anweſenheit gewährt, zu verlängern— was bei liebenden Verwandten, die Deinen Oheim ſo wenig geſehen haben, wie wir, wohl nicht anders als natürlich iſt— ſo dürfen wir doch nicht ſelbſtſüchtig ſein, ſondern müſſen auf ſeine wichtigen Geſchäfte Rückſicht nehmen.« »Ich bin Ihnen ſehr verbunden, Madam. ſagte Ralph mit kaum bemerklichem Hohne.»Ich ſehe, daß der Mangel an geſchäftsmäßigen Gewohnheiten in Ih⸗ Nicolaus Nickleby. rer Familie zu einer großen Verſchwendung von Worten führt, ehe man zur Sache kommt, wenn endlich ein Geſchäft ergriffen werden ſoll.« »Ich fürchte, daß ſich dies in der That ſo verhäl t,« erwiederte Madame Nickleby mit einem Seufzer.»Ihr armer Bruder—«. »Mein armer Bruder, Madame,“ unterbrach Ralph ſchneidend,»hatte keinen Begriff davon, was ein Ge⸗ ſchäft iſt;— ich glaube, die Bedeutung des Wortes war ihm unbekannt.« »Das fürchte ich ſelbſt,« ſagte Madame Nickleby, indem ſie ihr Taſchentuch vor die Augen hielt.»Wenn ich nicht geweſen wäre, ſo weiß ich nicht, was aus ihm hätte werden ſollen.« Was für ſeltſame Geſchöpfe wir doch ſind! der leichte Köder, den Ralph geſchickt bei ihrer erſten Zuſammen⸗ kunft hingeworfen hatte, ſpielte noch an dem Haken. Bei jeder kleinen Entbehrung oder Unbehaglichkeit, die ſich in dem Verlaufe der vierundzwanzig Stunden darbot, um ſie an ihre beſchränkten und veränderten Um⸗ ſtände zu erinnern, ſtiegen traurige Geſichte von ihren ſchönen eingebrachten vier Tauſend Thalern in dem Ge⸗ müthe der guten Frau Nickleby auf, bis ſie zuletzt ſo weit kam, ſich ſelbſt zu überreden, daß ſie von allen Gläubigern ihres verſtorbenen Gatten der am übelſten behandelte und am meiſten zu bemitleidende ſei. Und doch hatte ſie ihn viele Jahre herzlich geliebt, und beſaß keinen größern Antheil von Selbſtſucht, als uns Sterb⸗ lichen gewöhnlich beſchieden iſt. So iſt aber die Reiz⸗ barkeit plötzlicher Armuth. Ein mäßiges Auskommen würde ihre Gedanken auf einmal in die alte Richtung zurückverſetzt haben. »Sich haͤrmen und gräͤmen hilft jetzt nichts, Ma⸗ 1 . 4 Nicolaus Nickleby. 17 dame,“ ſagte Ralph.»Von allen unnützen Bemühun⸗ gen iſt es die unnützeſte, Tagen, die einmal vergangen ſind, eine Thräne nachzuſchicken.« »So iſt es,“ ſchluchzte Madame Nickleby,»ſo iſt es.« »Da Sie in Ihrem eigenen Beutel und an Ihrer eigenen Perſon die Folgen einer Vernachläſſigung der Geſchäfte ſo bitter empfinden, Madame,« bemerkte Ralph,»ſo bin ich überzeugt, daß Sie Ihren Kindern die Nothwendigkeit unabläſſiger Anſtrengung bei Zeiten einprägen werden.« »Natürlich begreife ich dieſe Nothwendigkeit,« ver⸗ ſetzte Madame Nickleby.»Traurige Erfahrungen, das wiſſen Sie, Schwager,— Käthchen, meine Liebe, be⸗ merke das in dem nächſten Briefe an Nicolaus, oder erinnere mich daran, daß ich es thue, wenn ich ſchreibe.⸗« Ralph hielt einige Augenblicke inne, und da er ſah, daß er ſich der Mutter hinreichend verſichert hatte, falls die Tochter gegen ſeinen Vorſchlag Einwendungen ma⸗ chen ſollte, ſo fuhr er fort: »Die Stelle, die ich mich bemüht habe, auszumitteln, Madame, iſt bei einer— bei einer Putzmacherin, um es kurz zu machen.« »Eine Putzmacherin!« rief Madame Nickleby aus. »Ja, eine Putzmacherin, Madame,“« erwiederte Ralph. »Ich brauche Ihnen, Madame, da Sie mit den Ange⸗ legenheiten des gewöhnlichen Lebens ſo wohl bekannt ſind, es nicht zu ſagen, daß Putzmacherinnen in London leicht ihr Glück machen, ſich Equipagen halten und Per⸗ ſonen von großem Vermögen und Reichthum werden.« Die erſten Vorſtellungen, welche das Wort Putzma⸗ cherin in Madame Nickleby hervorrief, ſtanden mit ge⸗ wiſſen Schachteln von Pappe in Verbindung, die ſie ſich erinnerte, in den Straßen umhertragen geſehen zu haben Nicolaus Nickleby. II. 2 18 Nicolaus Nickleby. ſo wie Ralph indeſſen in ſeiner Rede fortfuhr, verſchwan⸗ den dieſe aus ihrem Gedächtniſſe und machten anderen Erſcheinungen Platz, ſtattlichen Häuſern in dem vor⸗ nehmſten Theile von London, eleganten Karroſſen und Kapitalien bei einem Banquier, und alle dieſe Bilder folgten in ſolcher Eile auf einander, daß er kaum zu ſprechen aufgehört hatte, als ſie mit dem Kopfe nickte und mit ſichtlicher Zufriedenheit ſagte:„»Sehr wahr!« „Was Dein Oheim ſagt, iſt ſehr wahr, Käthchen, meine Liebe,« bemerkte Madame Nickleby.»Ich erinnere mich, wie Dein armer Vater und ich nach der Stadt kamen, als wir eben geheirathet hatten! damals brachte eine junge Dame mir einen Hut mit weiß und grünem Beſatz und grünem Perſianfutter nach Hauſe; ſie kam in ihrem eigenen Wagen, der in vollem Galop vor die Thür fuhr. Aber ich weiß doch nicht gewiß, ob es ihr eigener Wagen oder ein Miethwagen war; ich erinnere mich nur, daß das Pferd todt niederfiel, als es umwen⸗ den ſollte, und daß Dein armer Papa ſagte, es habe gewiß vierzehn Tage kein Futter bekommen.« Dieſe Anekdote, welche die Wohlhabenheit der Putz⸗ macherinnen auf ſo anſchauliche Weiſe in das Licht ſetzte, wurde eben nicht mit beſonderen Aeußerungen des Bei⸗ falls aufgenommen; denn Käthchen ließ den Kopf hän⸗ gen, während ſie erzählt wurde, und Ralph gab ſehr un⸗ zweidentige Beweiſe der äußerſten Ungeduld von ſich. „Der Name der Dame,“ ſagte Ralph haſtig einfal⸗ lend, viſt Mantalini. Ich kenne ſie. Sie wohnt in der Nähe des Cavendiſh⸗Platzes. Wenn Ihre Tochter ge⸗ neigt iſt, die Stelle anzunehmen, will ich ſie ſogleich hin⸗ bringen.⸗ »Haſt Du Deinem Oheim nichts zu ſagen, liebe Tochter?2« fragte Madame Nickleby. ☛—— Nicolaus Nickleby. 19 »Gar Manches,« erwiederte Käthchen;»aber nicht jetzt. Ich möchte lieber mit ihm ſprechen, wenn wir al⸗ lein ſind. Es wird ihm Zeit erſparen, wenn ich ihm danke und ihm ſage, was ich zu ſagen wünſche, während wir gehen.« Mit dieſen Worten eilte Käthchen hinaus, um die Spuren der Bewegung zu verbergen, die ſich ihre Wan⸗ gen herunter ſtahlen, und ſich zum Ausgehen anzukleiden, während Madame Nickleby ihren Schwager damit un⸗ terhielt, daß ſie ihm unter vielen Thränen einen umſtänd⸗ lichen Bericht von den trefflichen Eigenſchaften eines Fortepiano's aus Roſenholz gab, welches ſie in den Ta⸗ gen ihres Wohlſtandes beſeſſen hatte, ſo wie eine genaue Beſchreibung von acht prächtigen Stühlen mit gewun⸗ denen Beinen und grünen Zitzpolſtern in dem Staats⸗ zimmer, die neu acht Thaler das Stück gekoſtet hatten und in der Auktion für ſo viel als nichts weggingen.« Dieſe Erinnerungen wurden endlich durch Käthchens Rückkehr unterbrochen, worauf Ralph, der während der ganzen Zeit ihrer Abweſenheit ſich geärgert und gelang⸗ weilt hatte, keine Zeit verlor und ohne viele Ceremonien mit ſeiner Nichte die Treppe hinunterſtieg. »Nun,« ſagte er auf der Straße, indem er ihren Arm nahm, gehe ſo ſchnell Du kannſt, Du wirſt auf dieſe Weiſe in den Schritt kommen, den Du jeden Mor⸗ gen annehmen mußt, wenn Du zu Deinem Geſchäft gehſt.« Mit dieſen Worten führte er Käthchen in einem tüchtigen Mannsſchritte nach dem Cavendiſh⸗Platze. »Ich bin Ihnen ſehr verbunden, lieber Oheim,« ſagte die junge Dame, nachdem ſie eine Zeitlang ſchweigend weeiter geeilt waren,»ſehr!« »Es freut mich, dies zu hören,« verſetzte Ralph. »Ich hoffe, Du wirſt Deine Schuldigkeit thun.⸗ 2*½ 20 Nicolaus Nickleby. „Ich will verſuchen, mich beliebt zu machen, Oheim,⸗ erwiederte Käthchen;»wirklich, ich—« »Fange nicht an zu weinen,« brummte Ralph;»ich haſſe alles Geplärr.« „Es iſt recht thöricht, das weiß ich wohl, lieber Oheim,« begann das arme Käthchen. „»Das iſt es,« entgegnete Ralph, ihr in die Rede fallend,»und affektirt außerdem. Laß mich nichts mehr davon ſehen.« Dies war vielleicht eben nicht das beſte Mittel, die Thränen eines jungen und gefühlvollen Mädchens zu trocknen, die im Begriff war, in eine ganz neue Bahn des Lebens, unter kalten und theilnahmloſen Fremden, einzutreten; aber es hatte deſſen ungeachtet ſeine Wir⸗ kung. Käthchen erröthete ſehr, athmete einige Augen⸗ blicke ſchneller und ging dann mit einem feſteren und entſchloſſenen Schritte weiter. 3 Es bildete einen ſonderbaren Gegenſatz, wie das furcht⸗ ſame Landmädchen durch die Volksmaſſen ſchlüpfte, welche die Straße auf⸗ und niederwogten, dem Andrange der Vorübergehenden nachgebend und ſich dicht an Ralph an⸗ ſchmiegend, als ob ſie fürchtete, ihn in dem Gedränge zu vere en; und wie dagegen der unbiegſame derbe Ge⸗ ſchäftsmann trotzig ſeines Weges ging, was ihm zu nahe kam, bei Seite ſtoßend und von Zeit zu Zeit einen mür⸗ riſchen Gruß mit einem Bekannten wechſelnd, der ſtehen blieb, um mit verwunderten Blicken ſich nach ſeiner hüb⸗ ſchen Begleiterin umzuſehen, und über das ſo wenig zu ſammenpaſſende Paar erſtaunt ſchien. Aber einen noch ſchrofferen Gegenſatz würde man gefunden haben, wenn man in den Herzen geleſen hätte, die ſo nahe an einan⸗ der ſchlugen. Welcher Abſtand von der ſanften Unſchuld des Einen zu der rauhen Nichtswuͤrdigkeit des Andern! Wie 6.* Nicolaus Nickleby. 21 erfreulich wäre es geweſen, bei den harmloſen Gedanken des liebenswürdigen Mädchens zu verweilen, und wie hätte man erſtaunen müſſen, daß unter allen den liſtigen Anſchlägen und Berechnungen des alten Mannes auch kein Wort, keine Ziffer war, die einen Gedanken an den Tod oder an das Grab andeutete! Aber ſo war es; und noch ſeltſamer,— obwohl es eben nichts iſt, als was alle Tage vorkommt,— das warme junge Herz ſchwoll von tauſend Beſorgniſſen und Beängſtigungen, während jenes des alten Weltmannes ruhig in ſeiner Höhle roſtete, und nur als ein Stück eines ſchlauen Mechanismus ſchlug, aber keinen Pulsſchlag, weder der Hoffnung, noch der Furcht, noch der Liebe oder der Beſorgniß für irgend ein lebendes Weſen von ſich gab. „»Oheim,« ſagte Käthchen, als ſie glaubte, daß ſie ihre Beſtimmung hald erreicht hätten,»ich muß eine Frage an Sie richten. Kann ich zu Hauſe wohnen bleiben?⸗ „»Zu Hauſe?« erwiederte Ralph,»wo iſt das?« »Ich meine bei meiner Mutter— der Wittwe,« ſagte Käthchen mit Nachdruck. »Du wirſt Deinen Aufenthalt in jeder Beziehung hier haben,« verſetzte Ralph;»denn hier wirſt Du Deine Mahlzeiten einnehmen und hier wirſt Du vom Morgen bis in die Nacht und oft vielleicht wieder bis zum an⸗ dern Morgen bleiben.« »Aber des Nachts, meine ich,« ſagte Käthchen,»vich kann ſie nicht verlaſſen, Oheim. Ich muß irgend einen Ort haben, wo ich zu Hauſe bin, es mag ſein, wo es immer will, und vielleicht wird es ein ſehr niederer Ort ſein.« »Vielleicht,« entgegnete Ralph, und ſchritt in der Un⸗ geduld, welche dieſe Bemerkung in ihm hervorrief, ſchnel⸗ Nicolaus Nickleby. ler zu,»gewiß, willſt Du ſagen. Es wird vielleicht ein niederer Ort ſein! Iſt das Mädchen wahnſinnig?« „Das Wort entſchlüpfte mir nur, ich meinte es wirk⸗ lich nicht ſo,« verſicherte Käthchen flehend. „Das hoffe ich,« ſagte Ralph. „Aber meine Frage, Oheim; Sie haben nicht darauf geantwortet.« „Ei nun, ich erwartete etwas der Art,« ſagte Ralph, „und habe, obwohl keinesweges damit einverſtanden, da⸗ für geſorgt. Ich habe von Dir als einer Arbeiterin au⸗ ßer dem Hauſe geſprochen, ſo kannſt Du alſo jede Nacht zu Deiner Mutter zurückkehren.« Es lag ein Troſt in dieſer Verſicherung. Käthchen ergoß ſich in die lebhafteſten Dankſagungen für die Auf⸗ merkſamkeit ihres Oheims, die Ralph annahm, als ob ers ſie wohl verdient hätte, und ſie kamen ohne fernere Un⸗ terhaltung vor der Thür der Putzmacherin an, wo eine große Bronceplatte den Namen und das Geſchäft der Madame Mantalini angab. Eine Anzahl breiter Mar⸗ morſtufen führte zum Eingange. Es war ein Laden im Hauſe; dieſer war jedoch an einen Kaufmann vermiethet, 8 der mit Roſenöl handelte. Madame Mantalini's Maga⸗ zin war in der Bel⸗Etage, ein Umſtand, der dem hohen Adel und verehrungswürdigen Publikum durch die gele⸗ gentliche Ausſtellung von zwei oder drei eleganten Da⸗ menhüten nach der neueſten Modee und einiger koſtbaren Gewande in dem erleſenſten Geſchmacke an den Fenſtern angezeigt wurde, die mit prächtigen Vorhängen verſehen waren. Ein Diener in Livree öffnete die Thür und führte auf Ralph's Frage, ob Madame Mantalini zu Hauſe ſei, das Paar durch einen ſchönen Vorſaal eine geräumige Treppe hinauf in das Magazin, welches aus zwei großen — Nicolaus Nickleby.. 23 Zimmern beſtand, und eine unermeßliche Mannigfaltigkeit der reichſten Kleider und Stoffe zu Kleidern enthielt, die theils auf beſondern Geſtellen hingen, theils ſorglos auf dem Teppiche ausgebreitet waren, der den Boden bedeckte, theils auf den Sopha's lagen oder auf andere Weiſe mit dem prachtvollen Hausgeräthe der verſchiedenſten Art ſich vermiſchten, das die mit Verſchwendung ausgeſtatteten Gemächer füllte. Sie mußten hier länger warten, als Herrn Ralph Nickleby angenehm war, der die leichtfertigen Trödeleien um ihn her mit großer Gleichgültigkeit betrachtete und endlich im Begriff war, die Schelle zu ziehen, als ein Herr plötzlich ſeinen Kopf in das Gemach ſteckte, und da er Jemand darin ſah, ihn eben ſo ſchnell wieder zurückzog. »Holla!« rief Ralph aus.»Wer iſt das?« So wie Ralphs Stimme erſchallte, erſchien der Kopf von neuem, und der Mund, der eine lange Reihe ſehr weißer Zähne zeigte, ſtieß in geziertem Tone die Worte aus:»Mon Dieu! Was, Nickleby?« Mit dieſen Aus⸗ rufungen trat der Herr herein und ſchüttelte Nickleby mit großer Wärme die Hand. Er war in einen ſtattlichen Morgenrock gekleidet, mit einer Weſte und weiten türki⸗ ſchen Pantalons von demſelben Zeuge, einem rothen ſei⸗ denen Halstuche und hellgrünen Pantoffeln, und hatte eine große goldene Uhrkette um den Leib gewunden. Au⸗ ßerdem hatte er einen Schnurrbart und Backenbart, die beide ſchwarz gefärbt und anmuthig gelockt waren. »Mon Dieu!« ſagte dieſer Herr und ſchlug Ralph auf die Schulter,»Sie kommen doch nicht, um mit mir etwas abzumachen?« »Noch nicht,« erwiederte Ralph beißend. »Ha! ha! ha! Le polisson!« rief der Herr aus; und als er ſich auf dem Abſatze umdrehte, um mit größerer 24 Nicolaus Nickleby. Eleganz zu lachen, ſtieß er auf Käthchen Nickleby, die bei Seite getreten war. „»Meine Nichte,« ſagte Ralph. »Ich erinnere mich,« entgegnete der Elegant, indem er ſich mit dem Knöchel ſeines Zeigefingers auf die Naſe ſchlug, um dieſe für ſeine Vergeßlichkeit zu ſtrafen.»Mon Dieu! ich erinnere mich, weshalb Sie kommen. Treten Sie hier herein, Nickleby; meine Liebe, wollen Sie mir folgen? ha! ha! ha! Sie folgen mir Alle, Nickleby; haben es immer gethan, auf Parole, immer!« Deerr Stutzer, der auf dieſe Weiſe der ſcherzhaften Richtung ſeiner Einbildungskraft den Zügel ſchießen ließ, ging voran nach einem Wohnzimmer im zweiten Stock, das kaum weniger elegant eingerichtet war, als das Ge⸗ mach darunter, und worin die Anweſenheit eines ſilber⸗ nen Kaffeetopfes, die Schale eines Eies und das Porcel lan, welches noch die Spuren ſeines früheren Inhaltes an ſich trug, verrieth, daß er eben gefrühſtückt hatte. „Laſſen Sie ſich nieder, meine Liebe,« ſagte der Herr, der zuerſt Fräulein Nickleby anſtarrte, bis ſie ihre Faſ⸗ ſung verlor, und darauf vor Vergnügen grinſ'te, daß es ihm gelungen war.»Dieſe verdammten hohen Zimmer nehmen einem den Athem; dieſe hölliſchen Decken reichen bis an den Himmel hinauf.— Ich fürchte, daß ich aus⸗ ziehen muß, Nickleby.« »Das würde ich unter allen Umſtänden thun,« be⸗ merkte Ralph, indem er bitter um ſich her blickte. »Was für ein verdammter moraliſirender Burſch Sie ſind, Nickleby, erwiederte der Stutzer,»der verdammteſte, dickköpfigſte, übellaunigſte alte Gold⸗ und Silbermünzer, den es jemals gegeben hat,— sans doutel« Nachdem der Stutzer Ralph dieſe ſaubern Kompli⸗ mente gemacht hatte, zog er die Schelle und gaffte Fräͤu⸗ 8 Nicolaus Nickleby. 25 lein Nickleby an, bis der Diener hereintrat, worauf er abließ und dem Menſchen befahl, ſeiner Gebieterin zu ſagen, daß ſie doch ſogleich kommen möchte. Dann fing er wieder an zu gaffen und hörte nicht eher auf, als bis Madame Mantalini erſchien. Die Putzmacherin war eine ſtattliche Perſon, hübſch gekleidet und ziemlich gut ausſehend, aber viel älter als der Herr in den türkiſchen Pantalons, den ſie vor unge⸗ fähr ſechs Monaten geheirathet hatte. Sein Name war urſprünglich Mantel; er war aber durch einen leichten Uebergang in Mantalini umgewandelt worden, indem die Dame mit Recht der Meinung war, daß ein Name, der keinen ausländiſchen Klang hätte, ihrem Geſchäfte Ein⸗ trag thun könnte. Er hatte auf ſeinen Backenbart ge⸗ heirathet: ein Artikel, von dem er mehrere Jahre ſich auf eine ſehr anſtändige Weiſe unterhalten, und dem er vor Kurzem noch höheren Werth verliehen hatte, indem er nach geduldiger Pflege einen Schnurrbart hinzufügte, der ihm für immer eine unabhängige Stellung zu ſichern verſprach. Sein Antheil an der Thätigkeit des Geſchäf⸗ tes war für den Augenblick darauf beſchränkt, daß er das Geld durchbrachte, und bei Gelegenheit, wenn dieſes nicht ausreichte, zu Herrn Ralph Nickleby fuhr, um ſich gegen die gebührenden Prozente Vorſchüſſe auf die Rechnungen der Kunden geben zu laſſen. »Mein Leben,« ſagte Herr Mantalini zu ſeiner Gat⸗ tin,»was für eine verdammt lange Zeit Du auch auf Dich warten läſſeſt!« »Ich wußte ja nicht einmal, daß Herr Nickleby hier war, mein Geliebter,« erwiederte Madame Mantalini. »Was muß dann dieſer Bediente für ein doppelt ver⸗ dammter hölliſcher Schurke ſein, meine Seele!« fuhr Herr Mantalini fort zu eifern. 26 Nicolaus Nickleby. »Mein lieber Mann,« ſagte Madame,»das iſt Deine eigene Schuld!« „»Meine Schuld, Du Freude meines Herzens?« „»Gewiß,« entgegnete die Dame,»was kannſt Du er⸗ warten, wenn Du den Menſchen nicht ſtrafen willſt?« »Ihn ſtrafen, mein Schatz?« „»Allerdings; es iſt durchaus nothwendig, daß man ein ernſtes Wort mit ihm ſpricht,« ſagte Madame ſchmol⸗ lend. b »Ei, dann ärgere Dich nur nicht,« verſetzte Herr Mantalini,»er ſoll durchgepeitſcht werden, bis er heult wie zehn Teufel.« Mit dieſem Verſprechen küßte Herr Mantalini ſeine Gattin, und nachdem er dies gethan, zupfte Madame Mantalini ihn ſcherzhaft am Ohre, wor⸗ auf ſie in das Geſchäftszimmer hinuntergingen. »Nun, Madame,« ſagte Ralph, der alle dem mit ſo bitterer Verachtung zugeſehen hatte, wie wenige Menſchen in ihren Mienen ausdrücken können.»Dies iſt meine Nichte.«— »Ach ja, Herr Nickleby,« erwiederte Madame Man⸗ talini, die Käthchen vom Kopfe bis zu den Füßen, und dann noch einmal von den Füßen bis zum Kopfe be⸗ trachtete.»Können Sie franzöſiſch ſprechen, mein Kind?« »Ja, Madame,« entgegnete Käthchen, und wagte da⸗ bei nicht, die Augen aufzuſchlagen; denn ſie bemerkte, daß die Blicke dieſes gehäſſigen Mannes im Schlafrocke wieder auf ſie geheftet waren. »Wie eine verdammte Franzöſin?« fragte der Gatte. Fräulein Nickleby gab auf dieſe Frage keine Antwort, ſondern kehrte dem Nachforſchenden den Rücken, als ob ſie nur darauf bedacht wäre, darauf, was ſeine Frau zu wiſſen verlangte, Auskunft zu ertheilen. Nieolaus Nickleby. 27 »Wir haben in unſerm Geſchäfte beſtändig zwanzig junge Mädchen in Arbeit,« ſagte Madame. „»Wirklich, Madame?« erwiederte Käthchen furchtſam. »Ja wohl, und darunter einige verdammt hübſche,⸗ ſagte der würdige Eheherr. »Mantalini!« rief ſeine Frau in vorwurfsvollem Tone aus. »Idol meiner Sinne!« entgegnete Mantalini. »Willſt Du mir das Herz brechen?« »Nicht für zwanzigtauſend Hemiſphären, die mit— mit kleinen Ballettänzerinnen bevölkert wären,« erwie⸗ Mantalini in poetiſcher Stimmung. »Du wirſt es aber, wenn Du auf dieſe Weiſe zu ſpre⸗ chen fortfährſt,« ſagte ſeine Gattin.»Was ſoll Herr Nickleby denken, wenn er Dich hört?« »Oh, Madame, nichts; nicht das Geringſte,« verſetzte Ralph.»Ich kenne ſeine liebenswürdige Art und die Ihrige,— das ſind bloß kleine Bemerkungen, die Ihrem täglichen Verkehr eine Würze geben; Zwiſtigkeiten unter Liebenden, welche die Süßigkeit jener häuslichen Freuden vermehren, die ſo lange dauern ſollen,— das iſt Alles; das iſt Alles. Wenn eine eiſerne Thür mit ihren Haſpen im Strei te liegt und den feſten Entſchluß gefaßt hat, mit der lang⸗ ſamſten Hartnäckigkeit aufzugehen und ſie dabei zu Pul⸗ ver zu zermalmen, ſo giebt ſie einen angenehmeren Laut von ſich, als dieſe Worte in dem rauhen und bittern Tone, in welchem ſie von Ralph geſprochen wurden. Selbſt der Geck Mantalini fühlte dies und rief, indem er ſich ganz erſchrocken umkehrte, aus:»Mon Dieu! was für ein abſcheuliches Gekrächze!« »Sie werden am beſten thun, gar nicht darauf zu 28 Nicolaus Nickleby. achten, was Mantalini ſagt,« bemerkte ſeine Gattin, ſich zu Fräulein Nickleby wendend. »Ich thue es nicht, Madame,« antwortete Käthchen mit ruhiger Verachtung. „Mantalini weiß nicht das Geringſte von irgend ei⸗ nem der jungen Mädchen,« fuhr Madame fort, indem ſie ihren Gatten anſah und zu Käthchen ſprach.»Wenn er eine von ihnen geſehen hat, ſo muß dies auf der Straße geweſen ſein, wenn ſie von ihrer Arbeit gingen oder zu derſelben kamen, aber nicht hier. Er war niemals auch nur im Zimmer. Ich dulde es nicht. Wie viel Arbeits⸗ ſtunden ſind Sie gewohnt zu halten?« „Ich bin noch gar nicht an die Arbeit gewöhnt, Ma⸗ dame,« erwiederte Käthchen mit halblauter Stimme. „Und eben deshalb wird ſie jetzt um ſo beſſer arbei⸗ ten,« ſagte Ralph, der ein Wort einlegen zu müſſen glaubte, damit dies offene Bekenntniß nicht der Unter⸗ handlung ſchadete. „Das hoffe ich,« bemerkte Madame Mantalini,»unſere Stunden ſind von ueun bis neun, dazu kommen noch außerordentliche Arbeiten, wenn wir viel zu thun haben, wofür ich beſonders bezahle.« Käthchen neigte ihr Haupt, um anzudeuten, daß ſie wohl verſtanden habe und zufrieden ſei. »Ihr Eſſen,« fuhr Madame Mantalini fort,»das iſt, den Mittagstiſch und Thee, werden Sie hier erhalten. Ich denke, daß Ihr Arbeitslohn einen Thaler oder an⸗ derthalb Thaler wöchentlich betragen wird; aber ich kann Ihnen darüber keine beſtimmte Erklärung geben, bis ich ſeye, was ſie thun können.⸗ Käthchen neigte ihr Haupt wieder. „»Wenn Sie einzutreten Willens ſind,« fügte Madame Mantalini hinzu,»ſo iſt es am beſten, Sie fangen Mon⸗ Nicolaus Nickleby. 29 tag Morgen um Punkt neun Uhr an. Mamſell Knack, die Aufſeherin, ſoll dann die Anweiſung haben, Sie zuerſt in einigen leichten Arbeiten zu verſuchen. Wünſchen Sie ſonſt noch etwas, Herr Nickleby?« „Nichts weiter, Madame,“« erwiederte Ralph aufſte⸗ hend. »So glaube ich, daß das Alles iſt,« ſagte die Dame. Nachdem ſie zu dieſem natürlichen Schluſſe gekommen war, ſah ſie nach der Thür, als ob ſie ſich zu entfernen wünſchte, zögerte aber doch noch, weil ſie Herrn Manta⸗ lini die Ehre nicht allein überlaſſen wollte, ſie die Treppe hinunter zu geleiten. Ralph befreite ſie von aller Verle⸗ genheit, indem er ohne Zeitverluſt aufbrach. Madame Mantalini richtete jetzt noch viele anmuthige Fragen an ihn, warum er ſie niemals beſuchte; und Herr Mantalini verwünſchte, während er ſie hinnnter begleitete, die Txeppe mit wunderbarer Geläufigkeit, um Käthchen zu beſtimmen, ſich einmal nach ihm umzuſehen: eine Hoffnung, die in⸗ zwiſchen unerfüllt bleiben ſollte. »Da!« ſagte Ralph, als ſie auf die Straße angekom⸗ waren,»nun iſt für Dich geſorgt.« Käthchen war im Begriff, ihm nochmals zu danken, aber er unterbrach ſie. »Ich hatte den Gedanken,« ſagte er,»Deine Mutter in einer angenehmen Gegend auf dem Lande zu verſorgen«⸗ — er hatte die Verfügung über ein Paar Stellen in ei⸗ nem Armenhauſe an den Grenzen von Cornwall, und dies war ihm mehr als einmal eingefallen—»aber da Ihr zuſammen bleiben wollt, ſo muß ich auf andere Weiſe für ſie ſorgen. Hat ſie noch etwas Geld?« »Nur ſehr wenig,« erwiederte Käthchen. „Ein wenig kann weit reichen, wenn es ſparſam 30 Nicolaus Nickleby. gebraucht wird,« bemerkte Ralph.»Sie muß ſehen, wie lange ſie ſich damit durchhilft, wenn ſie keine Miethe zu zahlen braucht. Ihr verlaßt Eure Wohnung auf den Sonnabend?« »Sie ſagten uns, daß wir dies thun müßten, Oheim.“ »Ja; ich habe ein Haus, welches leer ſteht; darin kann ich Euch unterbringen, bis es vermiethet iſt, und wenn ſich dann nichts anderes findet, ſo habe ich viel⸗ leicht noch eine andere Gelegenheit. Dort müßt Ihr Eure Wohnung nehmen.« »Iſt es weit von hier, lieber Oheim,« fragte Käthchen. „Das iſt es freilich,« ſagte Ralph,»in einer ganz andern Gegend der Stadt, an dem Oſtende. Aber ich werde auf den Sonnabend um fünf Uhr meinen Schrei⸗ ber zu Euch ſchicken, um Euch hinzubringen. Lebe wohl! Du kennſt doch den Weg? Immer gerade aus.« Ralph gab ſeiner Nichte kalt die Hand und verließ ſie an dem Eingange der Regentſtraße; er ſelbſt ſchlug, auf Plane zum Geldgewinnen bedacht, eine Nebengaſſe ein, und Käthchen begab ſich traurig nach ihrer Woh⸗ nung auf dem Strande zurück. 2 Nicolaus Nickleby. 31 Zweites Kapitel. Newman Roggs führt Madame und Fräulein Nickleby in ihre neue Wohnung ein. Die Betrachtungen, die Fräulein Nickleby anſtellte, während ſie ihren Weg nach Hauſe zurücklegte, entſpra⸗ chen der verzweiflungsvollen Stimmung, welche die Vor⸗ gänge des Morgens wohl hervorrufen konnten. Das Benehmen ihres Oheims war eben nicht darauf berech⸗ net, die Zweifel und Beſorgniſſe zu zerſtreuen, die ſie bei ihrem Ausgange mit ſich genommen, und der Blick, den ſie in Madame Mantalini's Anſtalt geworfen hatte, war keinesweges ermuthigend. Sie ſah daher mit vie⸗ len traurigen Ahnungen und mit einem ſchweren Herzen der Eröffnung ihrer neuen Laufbahn entgegen. Wenn die Tröſtungen ihrer Mutter ſie in einem an⸗ genehmeren und beneidenswertheren Gemüͤthszuſtand hät⸗ ten verſetzen können, ſo würde gewiß die erfreulichſte Veränderung in demſelben eingetreten ſein; denn an je⸗ nen fehlte es nicht. Um die Zeit, als Käthchen nach Hauſe kam, hatte die gute Dame ſich zwei zuverläſſige Fälle von Putzmacherinnen in das Gedächtniß zurück⸗ gerufen, die ein anſehnliches Vermögen beſaßen; nur er⸗ innerte ſie ſich nicht, ob ſie daſſelbe ganz in ihrem Ge⸗ ſchäfte erworben, oder mit einem Kapitale angefangen hatten, oder ſo glücklich geweſen waren, eine vortheil⸗ hafte Heirath zu ſchließen. Inzwiſchen, wie ſie ſehr logiſch bemerkte, mußte doch irgend eine junge Perſon 32 Nicolaus Nickleby. in dieſem Geſchäftszweige ihr Glück gemacht haben, ohne Etwas zum Anfange zu beſitzen; und, ſobald man dieſe Vorausſetzung annahm, warum ſollte es Käthchen nicht eben ſo gut gelingen? Fräulein La Creevy, die ein Mitglied der kleinen Rathsverſammlung war, erlaubte ſich einige beſcheidene Zweifel darüber zu äͤußern, ob es auch wahrſcheinlich ſei, daß Fräulein Nickleby in den Grenzen einer gewöhnlichen Lebensdauer zu dieſem er⸗ wünſchten Ziele gelangen würde; aber die gute Dame brachte die Frage mit einem Male zur Entſcheidung, indem ſie erklärte, daß ſie ein Vorgefühl in dieſer Be⸗ ziehung gehabt habe: eine Art von Vorherſehungsgabe, mit der ſie gewohnt war, jeden Beweisgrund ihres ver⸗ ſtorbenen Gatten niederzuſchlagen und den ehrlichen Mann in neun und drei Viertel Fällen unter zehn ge⸗ rade zu der verkehrten Handlungsweiſe zu beſtimmen. »Ich fürchte, daß es eine ungeſunde Beſchäftigung iſt,« ſagte Fräulein La Creevy.»Ich denke eben daran, daß mir drei junge Putzmacherinnen ſaßen, als ich das Portraitmalen anfing, und ich entſinne mich, daß ſie alle drei ſehr blaß und kränklich waren.« „Ohl das iſt aber auf jeden Fall keine allgemeine Regel,« bemerkte Madame Nickleby;» denn ich erinnere mich noch ſo gut, als wenn es geſtern geweſen wäre, daß ich eine bei mir hatte, die mir beſonders empfohlen war, um mir einen ſcharlachrothen Mantel zu machen; es war zu der Zeit, als die ſcharlachrothen Mäntel in der Mode waren;— und dieſe hatte ein ſehr rothes Geſicht, wirklich ein ſehr rothes Geſicht.« »Vielleicht trank ſie,« wandte Fräuleln La Creevy ein.. »Ich weiß nicht, wie es ſich damit verhalten haben mag,« erwiederte Madame Nickleby,»aber ich weiß⸗ — Nicolaus Nickleby. 33 nit. Iörer Mturheg aſen« Auf dieſe Weiſe und mit gleich überzeugenden Grün⸗ den begegnete die würdige Matrone jedem kleinen Ent⸗ wurfe, der ſich gegen den neuen Plan vom Morgen darbot. Glückliche Fran! Ein Vorſchlag durfte nur neu ſein, ſo trat er ihrem Geiſte glänzend gefirnißt und vergoldet als ſchimmerndes Spielzeng entgegen. Nachdem dieſe Frage abgemacht war, theilte Käth⸗ chen des Oheims Wunſch in Bezug auf das leerſtehende Haus mit, zu dem Madame Nickleby mit gleicher Be⸗ reitwilligkeit ihre Zuſtimmung ausſprach, indem ſie charakteriſtiſch bemerkte, daß es an ſchönen Abenden eine angenehme Unterhaltung für ſie ſein würde, nach dem Weſtende auf den Strand zu wandern, um ihre Tochter nach Hauſe zu holen, dabei aber nicht weniger charakteriſtiſch vergat⸗ daß es beinahe in jeder Woche des Jahres auch feuchte Nächte und ſchlechtes Wetter giebt. „»Es wird mir leid thun,— ſehr leid, Sie zu verlaſ⸗ ſen, meine liebe Freundin,« ſagte Käthchen, auf welche die gute Gemüthsart der armen Miniaturmalerin einen tiefen Eindruck gemacht hatte. »Sie ſollen mich deshalb doch nicht los werden,«⸗ erwiederte Fräulein La Creevy mit ſo viel Lebhaftigkeit, als ſie aufbringen konnte.»Ich werde Sie ſehr oft be⸗ ſuchen und kommen, um zu hören, wie es Ihnen geht; und wenn in ganz London und in der ganzen weiten Welt außerdem kein anderes Herz an Ihrer Wohlfahrt Theil nimmt, ſo wird doch ein einſames weibliches We⸗ ſen Tag und Nacht für Sie beten.« Mit dieſen Worten ſetzte die arme Seele, die ein Herz hatte, groß genug für den Rieſen Gog, den Schutz⸗ Nicolaus Nickirby. II. 3 Nicolaus Nickleby. geiſt von London, und allenfalls auch noch für deſſen Ge⸗ noſſen Magog obenein, ſich in einen Winkel, machte eine Menge wunderbarer Geſichter, die ihr ein bedeuten⸗ des Vermögen geſichert hätten, wenn ſie in Stande ge⸗ weſen wäre, dieſelben auf Elfenbein oder Leinwand zu übertragen, und fing an, wie ſie ſelbſt ſagte, ſich einmal recht auszuweinen. Aber kein Weinen noch Schwatzen, noch Hoffen oder Bangen konnte den gefürchteten Sonnabend Nachmittag und Newman Noggs abhalten, der pünktlich zu der ihm beſtimmten Stunde nach der Hausthür hinaufhinkte und in demſelben Augenblicke ſeinen von Branntwein geſchwän⸗ gerten Athem durch das Schlüſſelloch hauchte, in wel⸗ chem diejenigen von den Thurmuhren der Nachbarſchaft, die mit einander in der Zeit übereinſtimmten, fünf ſchlu⸗ gen. Newman wartete auf den letzten Glockenſchlag und klopfte dann an. »Ich komme von Herrn Ralph Nickleby,« ſagte er beim Eintreten und kündigte, als er die Treppe hin⸗ aufgeſtiegen war, ſeinen Auftrag mit aller möglichen Kürze an. „»Wir werden ſſogleich bereit ſein,« entgegnete Käth⸗ chen;»wir haben nicht viel fortzuſchaffen, aber ich fürchte, wir werden eine Kutſche nehmen müſſen.« „Ich will eine holen,« verſetzte Newman. »Nein, Sie ſollen Sich nicht bemühen,« erwiederte Madame Nickleby. „Ich will es aber doch thun,« erklärte Newman. »Ich darf es nicht zugeben, daß Sie daran denken,« verſicherte Madame Nickleby. »Das können Sie nicht verhindern,« ſagte Newman. »Nicht verhindern?« »Nein. Ich dachte ſchon daran, ehe ich kam; ich Nieolaus Nickleby. 35 nahm aber keine, weil ich glaubte, daß Sie noch nicht fertig ſein möchten. Ich denke an mancherlei Dinge, daraſi kann mich Niemand hindern.“« »Ach, jetzt verſtehe ich Sie, Herr Noggs,« bemerkte Madame Nickleby.»Unſere Gedanken ſind natürlich frei. Eines Jeden Gedanken ſind ſein eigen, das iſt klar.⸗ »Sie wären es nicht, wenn gewiſſe Leute ihren Wil⸗ len hätten,« murmelte Newman. „»Dann wären ſie es freilich nicht mehr, Herr Noggs, das iſt gewiß wahr,«verſetzte Madame Nickleby.»Solche Leute giebt es wohl;— wie befindet ſich Ihr Principal?« Newman warf einen bedeutungsvollen Blick auf Käth⸗ chen und entgegnete mit auffallender Betonung der letzten Worte ſeiner Erwiederung: Herr Ralph Nickleby ſei wohl und ſchicke Ihnen ſeinen liebevollen Gruß. »Wir ſind ihm wahrlich ſehr verpflichtet,« bemerkte Madame Nickleby. »Sehr,« wiederholte Newman.»Ich werde ihm das ſagen.« Es war nicht ſchwer, Newman Noggs wieder zu er⸗ kennen, wenn man ihn einmal geſehen hatte. Käthchen wurde durch die Sonderbarkeit ſeines Benehmens auf⸗ merkſam gemacht, welches bei dieſer Gelegenheit jedoch, ungeachtet ſeiner abgebrochenen Redeweiſe, etwas Ach⸗ tungsvolles und ſelbſt Zartes hatte; ſie betrachtete ihn daher genauer und erinnerte ſich, daß dieſe ſeltſame Ge⸗ ſtalt ihr ſchon früher vorübergehend in die Augen gefal⸗ len war. »Entſchuldigen Sie meine Neugierde,« ſagte ſie;»aber habe ich Sie nicht an dem Morgen, als mein Bruder nach Yorkſhire abreiſ'te, bei dem Eilwagen geſehen?«⸗ Newman warf einen ernſten Blick auf Madame 3* Nicolaus Nickleby. Nickleby und antwortete mit der größten Unverſchaͤmt⸗ heit:»Nein!« „»Nein?« rief Käthchen aus, ich hätte es doch mit Beſtimmtheit behaupten wollen.“« »Sie müſſen Sich getäuſcht haben, verſicherte New⸗ man.»Es iſt heute ſeit drei Wochen der erſte Tag, au dem ich ausgehe. Ich habe das Podagra gehabt.« Newman war weit, weit davon entfernt, das Aus⸗ ſehen eines Podagriſten zu haben, und Käthchen konnte nicht umhin, dies zu denken, aber die Unterhaltung wurde durch Madame Nickleby abgebrochen, die darauf drang, daß die Thür zugemacht würde, damit Herr Noggs ſich nicht erkältete, und darauf beſtand, das Dienſtmädchen nach der Kutſche zu ſchicken, damit er ſich nicht einen neuen Anfall ſeiner Krankheit zuzöge. Solchen Vorſtel⸗ lungen war Newman genöthigt ſich zu fügen. Der Wa⸗ gen kam im Augenblicke, und nach vielfachen traurigen Abſchiedsgrüßen und vielfachem Hin⸗ und Herrennen über das Trottoir von Seiten des Fränuleins La Creevy, de⸗ ren gelber Turban bei dieſer Gelegenheit in unſanfte Be⸗ rührung mit Mehreren der eilig Vorübergehenden kam, fuhr er— nämlich der Wagen und nicht etwa der Tur⸗ ban— mit den beiden Damen und ihrem Gepäcke im Innern, und Newman, den Madame Nickleby vergebens verſicherte, daß es ſein Tod ſein würde, neben dem Kut⸗ ſcher auf dem Bocke davon. Sie gelangten in die City und wandten ſich nach der Seite des Stromes; und nach einer langen Fahrt, die ſehr langſam von Statten ging, weil in den Straßen zu dieſer Stunde ſich Fuhrwerke aller Art drängten, hielten ſie vor einem großen alten ſchmutzigen Hauſe auf der Themſeſtraße, deſſen Thür und Fenſter ſo mit Suu4 Nicolaus Nickleby. 37 beſpritzt waren, daß es das Ausſehen hatte, als ob es ſeit Jahren nicht bewohnt geweſen wäre. Newman öffnete die Thür dieſer verlaſſenen Behau⸗ ſung mit einem Schlüſſel, den er aus ſeinem Hute nahm,— denn dieſer war wegen des verfallenen Zuſtan⸗ des ſeiner Taſchen der Behälter, in dem er Alles nieder⸗ legte und wahrſcheinlich auch ſein Geld aufbewahrt haben würde, wenn er deſſen gehabt hätte.— Der Kutſcher wurde befriedigt, und Newman führte die Damen in das Innere des Gebaͤndes. Alt, düſter und ſchwarz war es in der That, und traurig und finſter waren die Gemächer, die einſt von Leben und Geſchäftsthätigkeit voll waren. Es war ein Schiffslandeplatz hinter dem Hauſe, der auf die Themſe binausging. Ein leerer Hundeſtall, einige Knochen, Bruch⸗ ſtücke von eiſernen Reifen und Stäbe von alten Fäſſern lagen zerſtreut umher, aber da war keine Spur von Le⸗ ben. Das Ganze war ein Bild des kalten, ſchweigenden Verfalls. „»Dies Haus drückt und beengt mich,« ſagte Käth⸗ chen; ves iſt kalt, als ob der Mehlthau darauf gefallen wäre. Wenn ich abergläubiſch wäre, ſo könnte ich glau⸗ ben, daß ein furchtbares Verbrechen in dieſen alten Mauern verübt wäre, und daß der Ort ſeitdem nicht wieder gedeihen wollte. Wie abſchreckend und düſter es ausſieht!« »Guter Gott, meine Liebe,« fiel Madame Nickleby ein,„ſprich nicht auf dieſe Weiſe, oder Du erſchreckſt mich noch zum Tode.⸗ »Es iſt nur meine thörichte Einbildung, Mama,⸗ ſagte Käthchen und zwang ſich zu lächeln. »Wenn es das iſt, meine Tochter, ſo wünſchte ich, Du behielteſt Deine thörichte Einbildung für Dich und 38 erweckteſt nicht meine thörichte Einbildung dazu, um ihr Geſellſchaft zu leiſten,« entgegnete Madame Nickleby. »Warum haſt Du nicht an alles dies vorher gedacht,— Du biſt auch immer ſo ſorglos;— wir hätten Fräulein La Creevy bitten können, uns Geſellſchaft zu leiſten, oder einen Hund kaufen oder tauſend andere Dinge. Aber das war immer Deine Art, und es war gerade daſſelbe mit Deinem armen lieben Vater. Weun ich nicht an Alles dachte,«— dies war bei Madame Nickleby der gewöhnliche Anfang eines allgemeinen Klageliedes, wel⸗ ches durch ein Dutzend oder mehr verwickelte Sätze lief, die an Niemand insbeſondere gerichtet waren, und in die ſie ſich nun ergoß, bis ihr Athem erſchöpft war. Newman ſchien dieſe Bemerkungen nicht zu hören, ſondern ging voran nach ein Paar Gemächern im erſten Stock, die man ſich einige Mühe gegeben hatte, wohn⸗ bar zu machen. In dem einen waren einige Stühle, ein Tiſch, eine alte Kamindecke, ein Paar Stücke verſchoſſe⸗ nen Fries, und in dem Kamin war alles Nöthige zum Feuer zurecht gelegt. In dem andern ſtand eine alte Bettſtelle mit einem Himmel darüber; auch fand ſich etwas von den Geräthſchaften, die in eine Schlaſtammer gehören. »Sieh', liebe Tochter,« ſagte Madame Nickleby, die es verſuchte, ſich ſelbſt zufrieden zu ſtellen,»wie wohl überlegt und ſorgſam das von Deinem Oheim iſt! Wir hätten doch wahrhaftig nichts gehabt, als das Bett, wel⸗ ches wir geſtern gekauft haben, um uns darauf zu legen, wenn ſeine Vorſorge nicht geweſen wäre.« »Er iſt wirklich recht gütig geweſen,« erwiederte Käth⸗ chen, indem ſie um ſich blickte. Newman Noggs ſagte nicht, daß er das alte Haus⸗ geräth, welches ſie ſahen, von Flur und Keller zuſam⸗ Nicolaus Nickleby. Nicolaus Nickleby. 39 mengeſucht, daß er die zwei Pfennige für die Milch zum Thee ausgegeben, die auf dem Simſe ſtand, daß er den roſtigen Keſſel im Kamine gefüllt und daß er die Holz⸗ ſpähne auf dem Landungsplatze geſammelt und die Koh⸗ len gebettelt hatte. Aber der Gedanke, daß Ralph Ni⸗ ckleby den Auftrag gegeben habe, dies zu thun, kitzelte ſeine Einbildungskraft ſo ſehr, daß er ſich nicht enthalten konnte, mit allen ſeinen zehn Fingern nach einander zu knacken, worüber die beiden Damen anfangs etwas ſtutz⸗ ten, jedoch weiter keine Bemerkung machten, weil ſie vor⸗ ausſetzten, daß es auf irgend eine Weiſe mit dem Poda⸗ gra zuſammenhinge. »Ich glaube, wir dürfen Sie nicht länger zurückhal⸗ ten,« ſagte Käthchen. »Giebt es nichts, was ich thun könnte?« fragte Newman.. »Ich danke Ihnen,« erwiederte Fränlein Nickleby, vich wüßte nichts.« Liebe Tochter, vielleicht würde Herr Noggs wohl ein⸗ mal auf unſere Geſundheit trinken,« verſetzte Madame Nickleby, und wühlte in ihrem Strickbeutel nach einiger kleinen Münze. »Ich denke, Mutter,« entgegnete Käthchen, da ſie be⸗ merkte, wie Newman das Geſicht abwandte,»Sie wür⸗ den ſein Ehrgefühl verletzen, wenn Sie ihm etwas an⸗ böten.« Newmann Noggs verbeugte ſich gegen die junge Dame mehr wie ein Mann von Bildung, als man von dem elen⸗ den Burſchen, der er ſchien, hätte erwarten ſollen, legte die Hand auf das Herz und verließ, nachdem er noch einen Augenblick verweilt hatte, das Zimmer mit der Miene eines Mannes, der gern noch etwas ſagen möchte, aber nicht weiß, ob er ſprechen darf. Nicolaus Nickleby. Der knarrende Schall der ſchweren Hausthuͤr hallte beim Zuſchließen traurig durch das Gebäude, und jetzt hätte Käthchen ſich beinahe verſucht gefühlt, ihn wieder zurück zu rufen und ihn zu bitten, daß er noch eine Zeit⸗ lang bliebe; ſie ſchämte ſich aber, ihre Furcht zu geſtehen, und Newman Noggs war auf dem Wege nach Hauſe. Drittes Kapitel. Durch welches der Leſer in den Stand geſetzt wird, den fer⸗ nern Verlauf von der Liebe des Fräuleins Squeers zu ermitteln und ſich zu überzeugen, ob dieſelbe einen gün⸗ ſtigen oder ungünſtigen Ausgang nahm.. 4 Es war ein glücklicher Umſtand für Fräͤulein Fanny Squeers, daß ihr würdiger Vater, als er in der Nacht nach der kleinen Theegeſellſchaft nach Hauſe kam, wie die 1 Eingeweihten ſagen, zu tief in das Glas geblickt hatte, 8 um die zahlreichen Zeichen des äußerſten Aergers zu be⸗ 1 merken, die unverkennbar in ihren Zügen zu ſehen waren. Da er im Trunk etwas heftiger und zänkiſcher Gemüths⸗ art war, ſo wäre es nicht unmöglich geweſen, daß er 1 B aus dieſem oder irgend einem andern eingebildeten Grunde mit ihr uneins geworden wäre, wenn die junge 1 Dame nicht mit löblicher Vorſicht und Klugheit einen der Knaben aufbehalten hätte, um den erſten Sturm von dem h 3 Unwillen des guten alten Herrn zu tragen. Nachdem derſelbe ſich mittelſt einer Anzahl Fußſtöße und Fauſt⸗ ſ ſchläge Luft gemacht hatte, ließ er ſo weit nach, daß man( Nicolaus Nickleby. 41 den Ehrenmann bewegen konnte, zu Bette zu gehen, was er denn auch mit den Stiefeln an den Füßen und einem Regenſchirme unter dem Arme that. Das hungrige Dienſtmädchen begleitete Fräulein Squeers wie gewöhnlich auf ihre Kammer, um ihr das Haar zu friſiren, die übrigen kleinen Geſchäfte ihrer Toilette zu be⸗ ſorgen und ſo viel Schmeicheleien an ſie zu richten, als ſie zu dieſem Zwecke aufbringen konnte. Fräulein Squeers war träge, und außerdem eitel und leichtfertig genug, um eine große Dame vorzuſtellen, und nichts als die willkür⸗ lichen Unterſcheidungen des Ranges und Standes hielten ſie ab, es wirklich zu ſein. Wie allerliebſt Ihr Haar heute Nacht ſich kräuſelt, Jungfer!« ſagte das Landmädchen.»Es iſt wirklich ſchade und unrecht, es auszukämmen.⸗ »Halt' das Maul!« erwiederte Fräulein Squeers grimmig. as Mädchen hatte hinreichende Erfahrung, um durch keinen Ausbruch der üblen Laune von Seiten des Fräu⸗ leins Squeers mehr überraſcht zu werden. Da ſie es ſich halb und halb denken konnte, was im Verlaufe des Abends vorgefallen war, ſo wechſelte ſie die Behandlungs⸗ weiſe, durch welche ſie ſich angenehm machen wollte, und ſchlug einen indirecten Weg ein. „»Das muß ich aber ſagen, Jungfer, und wenn Sie mich todtſchlagen ſollten,« bemerkte die Dienerin,»daß ich noch nie Jemand geſehen habe, der ſo gemein ausſah, wie Jungfer Price dieſen Abend. Fräulein Squeers ſeufzte und ſchickte ſich an, zuzu⸗ hören. »Ich weiß, es iſt ſehr unrecht von mir, daß ich es ſage, Jungfer,« fuhr das Mädchen fort, erfreut über den Eindruck, den es hervorbrachte,»denn Jungfer Price iſt 42 Nicolaus Nickleby. eine Freundin von Ihnen und Allen, aber ſie putzt ſich ſo heraus und bemüht ſich ſo ſehr, bemerkt zu werden, daß— nun gut— wenn ſich die Leute nur ſelbſt ſähen!« »Was willſt Du damit ſagen, Riekchen?« fragte Fräulein Sqaueers und blickte dabei in ihren eigenen klei⸗ nen Spiegel, in dem ſie, wie die meiſten von nns, nicht ſich ſelbſt ſah, ſondern den Widerſchein irgend eines an⸗ genehmen Bildes in ihrem eigenen Gehirne.»Wie Du ſprichſt!« »Wie ich ſpreche, Jungfer? Ein alter Kater könnte anfangen, franzöſiſch zu ſprechen, wenn er nur ſähe, wie ſie den Kopf hin und her wirft,« erwiederte das Dienſt⸗ mädchen. 3 »Sie wirft wirklich den Kopf hin und her,« bemerkte Fräulein Squeers mit dem Ausdrucke der Zerſtreutheit. »So eitel und doch ſo gar— gar einfach,« ſagte das Mädchen. »Arme Mathilde!« ſeufzte Fräulein Squeers mitleldig. »Und immer legt ſie es ſo auffallend darauf an, ſich bewundern zu laſſen,« fuhr das Mädchen fort.»Lieber Himmel, es iſt doch wirklich unſchicklich!« »Ich kann Dich auf dieſe Weiſe nicht fortſprechen laſ⸗ ſen, Riekchen,« ſagte Fräulein Squeers.»Tildchens Ael⸗ tern ſind gemeine Leute, und wenn ſie es nicht beſſer ver⸗ ſteht, ſo iſt es deren Schuld, und nicht die ihrige.« »Aber das werden Sie doch zugeben Fräulein,“« ſagte Friederike, die ihre Gebieterin in den Stunden ihrer gu⸗ ten Laune mit herablaſſender Kürze Riekchen nannte, „das werden Sie doch zugeben, daß ſie mit der Zeit ein ganz artiges junges Frauenzimmer werden könnte, wenn ſie ſich nur eine ihrer Freundinnen zum Muſter nähme. O, wenn ſie nur wüßte, wie unrecht ſie thut, und wenn ſie ſich nur nach Ihnen richten wollte!« Nicolaus Nickleby. 43 „»Riekchen,« verſetzte Fräulein Squeers mit vieler Würde, ves paßt ſich nicht für mich, dieſe Vergleichun⸗ gen anzuhören. Tildchen erhält dadurch den Anſchein einer gemeinen unanſtändigen Perſon, und es wäre un⸗ freundlich von mir, darauf zu hören. Ich wünſche, daß Du die Sache auf ſich beruhen läßt, Riekchen; doch muß ich ſagen, wenn Mathilde Price von irgend Jemand Lehre annähme, nicht gerade von mir—« »Doch von Ihnen, Jungfer,« fiel Riekchen ein. »Gut denn, von mir, Riekchen, wenn Du es haben willſt,« ſagte Fräulein Squeers.»Ich muß ſagen, wenn ſie das wollte, würde ſie nicht ſchlimmer daran ſein.« »So denkt auch noch Jemand anders, oder ich müßte mich ſehr irren,« verſetzte das Mädchen geheimnißvoll. »Was willſt Du damit ſagen?« fragte Fräulein Squeers.. „»Laſſen Sie es gut ſein, Jungfer,« erwiederte das Miͤdchen, vich weiß, was ich weiß, das iſt Alles.« „Riekchen,« ſagte Fräulein Squeers mit theatraliſcher Haltung,»ich beſtehe darauf, daß Du Dich deutlicher ausſprichſt. Was ſoll dieſes dunkele Geheimniß? Sprich!« »Nun, wenn ſie es denn haben wollen, Jungfer,« ſagte das Mädchen,»ſo iſt es das. Herr Johann Brow⸗ die denkt, wie Sie denken; und wenn er ſich nicht zu weit eingelaſſen hätte, um es mit Ehren thun zu können, ſo würde er ſehr froh ſein, Jungfer Price los zu werden und bei Jungfer Squeers anzukommen.« »Gütiger Himmel!« rief Fräulein Squeers aus und ſchlug mit würdevoller Geberde die Hände zuſammen. »Was iſt das?« »Die Wahrheit, Jungfer, und nichts als die Wahr⸗ heit,« entgegnete die ſchlaue Friederike. »Was für eine Lage!« rief Fräulein Squeers aus. 44 Nicolaus Nickleby. „»Im Begriff, ohne es ſelbſt zu wiſſen, den Frieden und das Glück meiner lieben Mathilde zu zerſtören. Wie mag es kommen, daß die Männer ſich in mich verlieben, ob ich es haben will oder nicht, und daß ſie um meinetwillen ihre bereits auserwählten Zukünftigen verlaſſen?« »Weil ſie nicht anders können,« erwiederte das Mäd⸗ chen,»die Urſache iſt einfach.«(Wenn Fräulein Squeers die Urſache war, ſo war ſie allerdings ſehr einfach.) »Laß mich nie wieder etwas davon hören,« verſetzte Fräulein Squeers.»Nie, hörſt Du! Mathilde Price hat ihre Fehler— viele Fehler; aber ich wünſche ihr Gutes, und vor allen Dingen wünſche ich ſie verheira⸗ thet zu ſehen; denn ich halte es für ſehr wünſchenswerth — wünſchenswerth gerade wegen der eigenthümlichen Art ihrer Schwächen— daß ſie ſich ſo bald als mög⸗ lich verheirathet. Nein, Riekchen, laß ſie Herr Browdie behalten. Ich mag ihn bedauern, den armen Men⸗ ſchen; aber ich habe großes Wohlwollen gegen Ma⸗ thilde, und ich hoffe nur, daß ſie noch eine beſſere Frau werden wird, als ich es jetzt mir möglich denke.« Mit dieſem Erguſſe ihrer Gefühle begab ſich Fräu⸗ lein Squeers zu Bette. Aerger iſt ein kleines Wort, aber es bezeichnet eine ſo ſeltſame Miſchung von Gefühlen und Mißtönen, als das vielfachſt Zuſammengeſetzte in unſerer Sprache. Fräu⸗ lein Squeers wußte in dem Innerſten ihres Herzens eben ſo gut, daß Alles, was das elende Dienſtmädchen geſagt hatte, nur grobe, lügneriſche Schmeichelei war, wie das Maͤdchen ſelbſt; aber die bloße Gelegenheit, ein wenig Unmuth gegen die beleidigende Freundin auszu⸗ laſſen, und, ob auch nur in der Gegenwart eines einzi⸗ gen abhängigen Geſchöpfes, den Schein anzunehmen, als bemitleide ſie ihre Schwächen und Fehler, gewährte ih⸗ Nirolaus Nickleby. 45 rem Grolle beinahe eben ſo große Erleichterung, als wenn Alles die Wahrheit des Evangeliums geweſen wäre; ja noch mehr. Wir haben eine ſo außerordentliche Gewalt der Ueberredung, wenn wir dieſelbe gegen uns ſelbſt an⸗ wenden, daß Fräulein Squeers nach ihrer edelmüthigen Verzichtleiſtung auf Johann Browdie's Hand ſich erha⸗ ben und groß fühlte und auf ihre Nebenbuhlerin mit ei⸗ ner Art heiliger Ruhe und Gelaſſenheit herabſah, die nicht wenig dazu beitrug, ihre aufgeregten Gefühle zu beruhigen. Dieſer glückliche Gemüthszuſtand hatte einigen Ein⸗ fluß darauf, daß bald eine Verſöhnung bewirkt wurde; denn als des andern Tages an die Hausthür gepocht und die Müllerstochter angekündigt wurde, begab Fränlein Squeers ſich mit einer chriſtlichen Sinnesbeſchaffenheit in das Beſuchzimmer, die wahrhaft ſchön anzuſehen waͤr. »Nun, Fanny,« ſagte die Müllerstochter.»Du ſiehſt, ich komme, um Dich zu beſuchen, obwohl wir uns ge⸗ ſtern Abend etwas gezankt haben.⸗ »Ich bemitleide Deine ſchlimmen Leidenſchaften, Tild⸗ chen,« erwiederte Fräulein Sgueers; aber ich trage kei⸗ nen Groll nach. Ich bin darüber erhaben.⸗ »Sei nicht ärgerlich, Fanny,« nahm Fraäulein Price wieder das Wort.»Ich bin gekommen, um Dir etwas zu ſagen, wovon ich weiß, daß es Dir angenehm ſein wird.« »Was kann das ſein, Tildchen?« fragte Fräulein Squeers, und zog dabei die Lippen in die Höhe und nahm eine Miene an, als ob nichts auf der Erde, in der Luft, im Feuer oder Waſſer ihr auch nur das ge⸗ ringſte Fünkchen von Zufriedenheit zu gewähren vermochte. »Es iſt dies,« verſetzte Fräulein Price.»Als wir 46 Nicolaus Nickleby. geſtern Abend hier weggingen, hatte John mit mir einen fürchterlichen Streit.« »Das iſt mir nicht angenehm,« ſagte Fräulein Squeers, obwohl ſie ein Lächeln nicht unterdrücken konnte. »Mein Gott! Ich würde nicht ſo ſchlecht von Dir denken, um es für möglich zu halten, daß es das wäre,«⸗ erwiederte die Freundin.»Das iſt es nicht.« »So?« entgegnete Fräulein Squeers, die wieder in ihre ſchwermüthige Stimmung zurückfiel.»Fahre fort!« »Nachdem wir lange mit einander gehadert und ge⸗ ſagt hatten, daß wir einander gar nicht mehr ſehen woll⸗ ten,« fuhr Fräulein Price fort,»ſo verglichen wir uns, und dieſen Morgen iſt Johann gegangen und hat unſere Namen niedergeſchrieben, daß ſie nächſten Sonntag zum Erſtenmale von der Kanzel verleſen werden; wir wer den uns alſo in drei Wochen heirathen, und ich gebe Dir gleich Nachricht, damit Du Dir Dein Kleid machen läßt.« 3 In dieſer Mittheilung lag eine Miſchung von Galle und Honig. Die Ausſicht, daß ihre Freundin ſo bald ſich verheirathen ſollte, war die Galle, und die Gewiß⸗ heit, daß ſie keine ernſtliche Abſichten auf Nicolaus hegte, war der Honig. Im Ganzen überwog die Süßigkeit das Bittere bei weitem, ſo daß Fräulein Saueers ſagte, ſie wolle ſich das Kleid machen laſſen, und ſie hoffe, Tildchen glücklich zu ſehen, aber freilich wiſſe ſie nicht, ob dies der Fall ſein würde, und bäte ſie, nicht zu ſehr darauf zu rechnen; denn die Männer wären ſo ſonder⸗ bare Geſchöpfe, und viele verheirathete Frauen wären ſo unglücklich und wünſchten ſich von ganzem Herzen wieder in den ledigen Stand zurück. Dieſen Aeußerungen des Mitgefühls fügte Fräulein Squeers noch einige andere hinzu, die auf gleiche Weiſe darauf berechnet waren, ih⸗ Nicolaus Nickleby. rer Freundin Muth einzuſprechen und Stimmung zu verſetzen. »Nun laß das ſein, Fanny,« verſetzte Fräulein Price. »Ich möchte noch ein Paar Worte mit Dir über den jungen Herrn Nickleby ſprechen.« »Er iſt nichts für mich,« unterbrach ſie Fräulein Sqaueers, mit allen Zeichen der größten Aufregung.»Ich verachte ihn zu ſehr.« »Das iſt doch gewiß nicht Deine wahre Meinung? erwiederte die Freundin.»Geſtehe es nur,„Fanny; ge⸗ fällt er Dir nicht mehr?« Ohne irgend eine directe Antwort zu ertheilen, brach Fräulein Squeers mit einem Male in eine Fluth von boshaften Thränen aus und erklärte, daß ſie ein elendes, vernachläſſigtes, unglückliches, verworfenes Weſen ſei. »Ich haſſe alle Menſchen,« rief Fräulein Squeers aus,»und ich wünſche, daß alle Menſchen todt wären; das thue ich.« „Barmherziger Gott,« ſagte Fräulein Price, die durch dieſes Eingeſtändniß menſchenfeindlicher Gefühle ganz bewegt wurde.»Du kannſt doch unmöglich im Ernſte ſprechen?« 88 »Ja, ich ſpreche im Ernſte,« entgegnete Fräulein Squeers, indem ſie feſte Knoten in ihr Taſchentuch knüpfte und die Zähne zuſammenbiß.»Und ich wünſche, daß ich auch todt wäre. Da haſt Du's.« »Ach, Du wirſt in fünf Minuten ganz anders den⸗ ken,« ſagte Mathilde.»Wie viel beſſer wäre es doch, ſie in eine heitere ihn wieder in Deine Gunſt aufzunehmen, als Dir ſelbſt wehe zu thun, indem Du auf dieſe Weiſe fortfährſt! Wäre es nicht viel hübſcher, wenn Du ihn jetzt ganz für Dich haͤtteſt, mit ihm auf gutem Fuße ſtändeſt, ihn Dir 48 Nicolaus Nickleby. Geſellſchaft halten ließeſt, liebteſt und auf die angenehmſte Weiſe mit ihm zuſammen wäreſt?« »„Ich weiß nicht, wie das Alles wäre,« ſchluchzte Fräu⸗ lein Squeers.»O, Tildchen, wie haſt Du ſo gemein und ſchändlich handeln können? Ich würde es nie von Dir geglaubt haben, wenn irgend Jemand es mir geſagt hätte.« „Lieber Himmel!« rief Fräulein Price kichernd aus; „man ſollte ja denken, daß ich wenigſtens Einen ermor⸗ det hätte.“ „Es war beinahe eben ſo ſchlecht,« ſagte Fräulein Price leidenſchaftlich. 3„Und alles dies, weil ich hübſch genug bin, um die Leute höflich gegen mich zu machen,« entgegnete Fraͤulein Price.»Man macht ſich ja ſein Geſicht doch nichzt ſelbſt; und es iſt eben ſo wenig meine Schuld, wenn das mei⸗ nige gut ausſieht, als es die Schuld anderer Leute iſt, wenn ſich dies von dem ihrigen nicht ſagen läßt.« »Halte das Maul,« ſchrie Fräulein Squeers in ih⸗ rem ſchärfſten und durchdringendſten Tone,»oder Du zwingſt mich noch, Dich darauf zu ſchlagen; und das würde mir hernach doch leid thun.« Wir haben nicht nöthig hinzuzufügen, daß allmälig die Stimmung der jungen Damen durch den Ton ihrer Unterhaltung einigermaßen berührt wurde, und daß da⸗ durch der Wortwechſel eine ſtarke Beimiſchung von Per⸗ ſönlichkeiten erhielt. In der That ſtieg der Streit von dem geringfügigen Anfange, den er gehabt hatte, zu einer beträchtlichen Höhe und nahm eine ſehr bedenkliche Rich⸗ tung, als beide Parteien in einen reichlichen Erguß von Thraͤnen ausbrachen und zu gleicher Zeit ausriefen, ſie hätten nie gedacht, daß ſie auf eine ſolche Weiſe behan⸗ delt werden würden. Dieſer Ausruf veranlaßte auf bei⸗ 2— 2 e ͤ—,—..... Nicolaus Nickleby. 49 den Seiten Vorſtellungen, die zu einer gegenſeitigen Er⸗ klärung führten, und das Ende davon war, daß ſie ein⸗ ander Beide in die Arme fielen und ewige Freundſchaft ſchwuren: eine rührende Feierlichkeit, die bei dieſer Ge⸗ legenheit gerade zum zweiundfunfzigſten Male innerhalb Jahresfriſt wiederholt wurde. Nachdem der Friede auf dieſe Weiſe vollkommen wie⸗ der hergeſtellt war, ſo folgte natürlich ein Dialog über die Ausſtattung, die zu Fräulein Price's Eintritt in den heiligen Eheſtand erforderlich ſein würde; und Fräulein Squeers bewies auf das Unwiderleglichſte, daß ein viel größerer Aufwand, als der Müller machen konnte oder wollte, unumgänglich nothwendig und ohne Verletzung des Anſtandes gar nicht zu vermeiden ſei. Die junge Dame brachte hierauf die Unterhaltung durch einen leich⸗ ten Uebergang auf ihre eigene Garderobe; und nachdem ſie die vornehmſten Beſtandtheile derſelben mit großer Ausführlichkeit aufgezählt hatte, führte ſie die Freundin die Treppe hinauf in ihre Stube, um ſie durch den Au⸗ genſchein zu überzeugen. Die Schätze von zwei Commo⸗ den und einem kleinen Cabinette wurden entfaltet und die kleinen Gegenſtände nach einander zur Probe ange⸗ legt; darüber wurde es Zeit für Fräulein Price, nach Hauſe zurückzukehren, und da ſie von allen den Kleidern entzückt geweſen und vor Bewunderung über eine neue nelkenfarbene Schärpe ganz ſtumm geworden war, ſo er⸗ bot ſich Fräulein Saueers in der heiterſten Laune, ihre Freundin eine Strecke Weges nach Hauſe zu begleiten, um noch eine Zeitlang das Vergnügen ihrer Geſellſchaft zu genießen. So gingen ſie denn mit einander ab, und Fräulein Saueers breitete ſich, indem ſie neben einander herſchritten, über die vortrefflichen Eigenſchaften ihres Vaters aus und verzehnfachte das Einkommen deſſelben, Nicolaus Nickleby. II. 4 50 Nicolaus Nickleby. um der Freundin eine ſchwache Vorſtellung von der hohen Bedeutung und Ueberlegenheit ihrer Familie zu geben. Es fügte ſich, daß der Zeitpunkt dieſer Auseinanderſetzung gerade in den kurzen täglichen Zwiſchenraum zwiſchen dem Act, den man ſcherzhafter Weiſe das Mittagsmahl der Zöglinge des Herrn Squeers nannte, und ihrer Rück⸗ kehr zu den gewöhnlichen Beſchäftigungen ihres eigen⸗ thümlichen Unterrichts fiel; und dies war die Stunde, in der Nicolaus gewohnt war, einen einſamen Spazier⸗ gang zu machen und, unmuthig durch das Dorf ſchlen⸗ dernd, über ſein trauriges Schickſal zu brüten. Fräulein Saueers wußte dies ſehr gut, aber ſie hatte es vielleicht vergeſſen; denn als ſie den jungen Mann bemerkte, der gerade auf ſie zukam, zeigte ſie alle Anzeichen der Ueber⸗ raſchung und Beſtürzung und verſicherte ihre Freundin, daß ihr ſo zu Muthe ſei, als ob ſie in die Erde ſinken ſollte. »Wollen wir zurückgehen oder in ein Bauernhaus hineinlaufen?« fragte Fräulein Price.»Er ſieht uns noch nicht.« „Nein, Tildchen,« erwiederte Fräulein Squeers;»es. iſt meine Pflicht, es ganz durchzumachen, und das will ich.« Da Fräulein Saueers dies in einem Tone ſagte, als ob ſie einen großen moraliſchen Entſchluß gefaßt hätte, und ihr überdies ein Paarmal der Athem verging, was die peinliche Spannung ihrer Gefühle verrieth, ſo machte ihre Freundin weiter keine Bemerkung, und ſie ſteuerten gerade auf Nicolaus zu, der die Augen auf den Boden geheftet hatte und ihre Annäherung daher nicht eher wahrnahm, als bis ſie ganz dicht bei ihm waren, ſonſt würde er vielleicht ſelbſt eine Zuflucht geſucht haben. Nicolaus Nickleby. 541 »Guten Morgen,« ſagte Nicolaus, verbeugte ſich und ging vorüber. »Er geht davon,« murmelte Fräulein Sqaueers;»ich werde erſticken, Tildchen.« »O, kommen Sie doch zurück, Herr Nickleby,« rief Fräulein Price, die ſich ſtellte, als ob ſie durch die Dro⸗ hung ihrer Freundin beunruhigt würde, in der That aber den malitiöſen Wunſch hegte, zu hören, was Nicolaus ſagen würde;»kommen Sie zurück, Herr Nickleby!« Herr Nickleby kam zurück, und ſah ſo verwirrt aus, wie er es wohl ſein konnte, indem er fragte, ob die Damen irgend etwas zu befehlen hätten. »Halten Sie ſich nicht mit Reden auf,« drängte Fräulein Price haſtig,»ſondern unterſtützen Sie ſie auf der andern Seite. Wie fühlſt Du Dich jetzt, Liebe?« »Beſſer,« ſeufzte Fräulein Squeers und legte ihren röthlich braunen Caſtorhut, von dem ein grüner Schleier herabſiel, auf Nicolaus' Schulter.»Dieſe thörichte Schwäche!« »Nenne ſie nicht thöricht, Liebe,« ſagte Fräulein Price, deren glänzendes Auge vor Uebermuth hüpfte, als ſie die Verlegenheit des armen Nicolaus ſah;»Du haſt keine Urſache, Dich deshalb zu ſchämen. Die ſollten ſich ſchämen, die zu ſtolz ſind, um ohne alle dieſe An⸗ ſtalten wieder anzuknüpfen.« 1 »Sie ſind entſchloſſen, mich immer damit zu ver⸗ folgen, ſehe ich,« ſagte Nicolaus lächelnd,»obwohl ich Ihnen erſt geſtern Abend geſagt habe, daß es nicht meine Schuld iſt.« „Da haben wir es; er ſagt, es ſei nicht ſeine Schuld, meine Liebe,« bemerkte das boshafte Fräulein Price. „Vielleicht warſt Du zu eiferſüchtig oder zu voreilig gegen ihn; er ſagt, es ſei nicht ſeine Schuld, das hörſt 4* 52 Nicolaus Nickleby. Du; ich denke, daß dies eine hinreichende Entſchuldi⸗ gung iſt.« »Sie wollen mich nicht verſtehen,« verſetzte Nicolaus. »„Bitte, verſchonen Sie mich mit dieſen Scherzen; denn ich habe jetzt keine Zeit und wahrlich auch keine Nei⸗ gung, der Gegenſtand oder der Beförderer Ihrer Hei⸗ terkeit zu ſein.« »Was wollen Sie damit ſagen?« fragte Fräulein Price, ſich erſtaunt ſtellend. „Frage ihn nicht, Tildchen,« flüſterte Fräulein Squeers; »ich vergebe ihm.“« »Lieber Himmel,« ſagte Nicolaus, da der braune Hut ſich wieder auf ſeine Schulter legte,»das wird ernſthafter, als ich glaubte. Erlauben Sie! Wollen Sie die Güte haben, mich anzuhören?« Damit hob er den braunen Hut auf und entdeckte mit ungeheuchelter Ueberraſchung einen Blick des zärt⸗ lichſten Vorwurfes von Fräulein Squeers. Er trat einige Schritte zurück, um aus dem Bereiche der ſchö⸗ nen Laſt zu kommen, und fuhr fort zu ſprechen: „»Es thut mir ſehr leid— wahrhaft und aufrichtig leid— daß ich geſtern Abend die Veranlaſſung einer Uneinigkeit zwiſchen Ihnen geworden bin. Ich mache mir ſelbſt die bitterſten Vorwürfe, daß ich ſo unglück⸗ lich war, den Streit zu veranlaſſen, der vorfiel, obwohl dies, ich verſichere es Ihnen, ohne mein Wiſſen und durchaus abſichtslos geſchah.« »Nun gut; aber das iſt doch nicht Alles, was Sie zu ſagen haben?« rief Fräulein Price aus, als Nico⸗ laus innehielt. »Ich fürchte, daß es noch etwas mehr giebt,« ſtam⸗ melte Nicolaus mit halb unterdrücktem Lächeln, indem er ſeine Augen auf Fräulein Squeers richtete, ves iſt Nicolaus Nickleby. 53 unhöflich, es zu ſagen— aber— der bloße Gedanke an eine ſolche Vorausſetzung läßt Einen wie ein alber⸗ ner Burſche ausſehen— dennoch— darf ich fragen, ob dieſe Dame annimmt, daß ich irgend eine— mit einem Worte, glaubt ſie, daß ich in ſie verliebt bin 2⸗ »Ob ſie dies glaubt?« verſetzte Fräulein Price,»na⸗ türlich glaubt ſie es.«. „Sie glaubt es!« rief Nicolaus mit ſo kräftig erho⸗ benem Tone aus, daß man dieſe Aeußerung im Augen⸗ blicke allenfalls für den Ausbruch des Entzückens halten konnte. »Gewiß,« erwiederte Fräulein Price. »Wenn Herr Nickleby daran gezweifelt hat, Tild⸗ chen,« ſagte das erröthende Fräulein Squeers mit ſanf⸗ ter Stimme,»ſo mag er ſich nur beruhigen. Seine Gefühle werden er—« »Halten Sie ein!« unterbrach Nicolaus die ſchöne Rednerin ſchnell.»Bitte, hören Sie mich. Dies iſt die gröbſte und ſonderbarſte Täuſchung, der vollkom⸗ menſte und auffallendſte Irrthum, der je irgend einem Menſchen begegnet iſt. Ich habe die junge Dame kaum ein Dutzend Mal geſehen; aber wenn ich ſie ſechzig Mal geſehen hätte oder dazu beſtimmt wäre, ſie ſechzig⸗ tauſend Mal zu ſehen, ſo würde es für mich ganz daſ⸗ ſelbe ſein. Ich habe keinen Gedanken, keinen Wunſch, keine Hoffnung, die mit ihr in der geringſten Verbin⸗ dung ſtände, es ſei denn— und ich ſage dies nicht, um ihre Gefühle zu verletzen, ſondern um ihr den wah⸗ ren Zuſtand der meinigen ganz anſchaulich zu machen — es ſei denn der eine Vorſatz, der meinem Herzen ſo theuer iſt, wie das Leben ſelbſt, dieſem verhaßten Auf⸗ enthaltsorte ſo bald als möglich meinen Rücken zu keh⸗ reu, um nie wieder meinen Fuß dahin zu ſetzen oder 54 Nieolaus Nickleby. nur daran zu denken— nur daran zu denken, a ußer mit Abſcheu und Ekel.« Nach dieſer ausnehmend offenen und geraden Er⸗ klärung, die er mit aller der Heftigkeit von ſich gab, die ſeine unwillig erregten Gefühle mit ſich brachten, machte Nieolaus eine leichte Verbeugung und ſchritt weiter, ohne auf eine Antwort zu warten. Aber das unglückliche Fräulein Squeers! Ihr Zorn, ihre Wuth, ihr Aerger, die ſchnelle Folge von bittern und leidenſchaftlich erregten Gefühlen, die durch ihr Gemüth wirbelten, läßt ſich unmöglich beſchreiben. Ver⸗ ſchmäht! Verſchmäht von einem Unterlehrer, der durch eine öffentliche Anzeige zu einem jährlichen Salair von funfzehn Thalern, zahlbar in unbeſtimmten Perioden, aufgeleſen war, und der in Koſt und Wohnung nicht beſſer, als die Jungen ſelbſt gehalten wurde; und das noch dazu vor den Augen eines kleinen Kätzchens von einer achtzehnjährigen Müllerstochter, die ſich in drei Wochen mit einem Manne verheirathen ſollte, der vor ihr auf die Kniee gefallen war, um ihr Jawort zu er⸗ bitten! Sie hätte in vollem Eruſte an dem Gedanken erſticken können, ſo tief erniedrigt zu ſein. Nur Eines war mitten in ihrem tödtlichen Ver⸗ druſſe klar, und dies war, daß ſie Nicolaus mit all' der Engherzigkeit und Kleinlichkeit haßte und verab⸗ ſcheute, die eines Sprößlings aus dem Hauſe Squeers würdig waren. Auch fand ſie einigen Troſt, und dieſer lag darin, daß ſie täglich und ſtündlich ſeinen Stolz verletzen und ihn durch irgend eine Vernachläſſigung oder Beleidigung oder Verkürzung ſtacheln konnte, die bei dem gefühlloſeſten Menſchen nicht unwirkſam geblie⸗ ben wäre und die ein ſo empfindlicher Mann, wie Ni⸗ colaus, doppelt bitter fühlen mußte. Dieſe Gedanken Nicolaus Nickleby. 55 gewannen bald die Oberhand in ihrem Gemüthe; ſie ſuchte daher der Sache eine ſo vortheilhafte Wendung zu geben, wie möglich, indem ſie gegen ihre Freundin bemerkte, Herr Nickleby ſei ein ſo ſonderbarer Menſch, und von ſo leidenſchaftlicher Sinnesart, daß ſie fuͤrchte, ſie werde ſich genöthigt ſehen, ihn aufzugeben, und da⸗ mit trennte ſie ſich von ihr. Bei dieſer Gelegenheit müſſen wir bemerken, daß Fräulein Squeers ihre Neigung, oder was es für eine Regung ſein mochte, welche die Stelle derſelben vertrat, auf Nicolaus Nickleby gewandt hatte, ohne auch nur einen Augenblick im Ernſte an die Möglichkeit zu den⸗ ken, daß er in der Angelegenheit einer andern Meinung ſein könnte, als ſie. Fräulein Squeers ging von der Anſicht aus, daß ſie einnehmend und ſchön ſei, daß ihr Vater der Herr und Nicolaus der Diener ſei, und daß ihr Vater Geld geſpart habe und Nicolaus kein Geld habe; und alle dieſe Umſtände erſchienen ihr als überzeugende Gründe, daß der junge Mann durch den Vorzug, den ſie ihm ſchenkte, ſich nur zu ſehr geehrt fühlen müßte. Auch hatte ſie nicht vergeſſen, in Er⸗ wägung zu ziehen, wie viel angenehmer ſie ſeine Lage machen konnte, wenn ſie ſeine Freundin, und wie viel unangenehmer, wenn ſie ſeine Feindin wäre; und ohne Zweifel würden junge Menſchen, die weniger gewiſſen⸗ haft geweſen wären, als Nicolaus, ſie, wenn auch aus keinem andern, ſchon aus dieſem naheliegenden und ein⸗ leuchtenden Grunde in ihrer Thorheit begünſtigt haben. Er hatte es inzwiſchen für gut befunden, anders zu handeln, und Fräulein Squeers war wüthend. »Laß ihn ſehen,« ſagte die aufgeregte junge Dame, als ſie ihr Gemach wieder gewonnen und ihr Gemüth durch einige Mißhandlungen erleichtert hatte, die ſie an 56 Nicolaus Nickleby. Riekchen verübte,„laß ihn ſehen, ob ich Mutter nicht noch etwas mehr gegen ihn aufhetze, wenn ſie zurück⸗ kommt.“« Es war kaum noch nöthig, dies zu thun; aber Fräulein Saueers hielt ihr Wort, und Nicolaus war jetzt nicht allein genöthigt, ſich mit ſchlechter Koſt und ſchmutziger Wohnung zu begnügen und der taͤgliche Zeuge eines traurigen unveränderlichen Kreiſes von un⸗ fläthigem Elende zu ſein, ſondern er erfuhr außerdem noch jede perſönliche Unwürdigkeit, welche die Bosheit erdenken und die unerſättlichſte Habgier ihm anthun konnte. Und dies war nicht einmal Alles. Ein anderes tie⸗ fer angelegtes Syſtem der Verfolgung machte ſein Herz bluten und trieb ihn durch ſeine Ungerechtigkeit und Grauſamkeit beinahe bis zum Wahnſinne. Der arme elende Burſch Smike war ſeit dem Abende, an dem Nicolaus in dem Schulzimmer freund⸗ lich zu ihm geſprochen, ihm beinahe auf jedem Schritte gefolgt, und unabläſſig bemüht geweſen, ihm hülfreich zu ſein oder zu dienen, indem er allen jenen kleinen Bedürfniſſen zuvorkam, die er in ſeiner demüthigen Niedrigkeit zu befriedigen vermochte, und ſchon zufrie⸗ den war, wenn er ſich nur in ſeiner Nähe wußte. Er konnte Stunden lang neben ihm ſitzen und ihm gedul⸗ dig in das Geſicht ſehen, und ein Wort heiterte ſein ſorgenvolles Geſicht auf und rief auf demſelben ſogar einen vorübergehenden Strahl von Glück hervor. Er war ein umgewandelter Menſch; er hatte einen Zweck, und dieſer Zweck war, der einzigen Perſon— freilich einem Fremden— ſeine Zuneigung zu beweiſen, die ihn, um nicht zu ſagen mit Güte, wie ein menſchliches We⸗ ſen behandelt hatte. — ◻ ſ— N 050 ◻* ⏑—— Nicolaus Nickleby. 57 Ueber dieſen Unglücklichen wurde jetzt aller Groll und alle üble Laune ausgeſchüttet, die man an Nico⸗ laus nicht auslaſſen konnte. Die mühſeligſten Knechts⸗ dienſte wären nichts geweſen, denn an dieſe war er längſt gewöhnt. Ohrfeigen, die er ohne alle Urſache er⸗ hielt, waren gleichfalls etwas, was ſich bei ihm von ſelbſt verſtand, da er nie eine beſſere Behandlung er⸗ fahren hatte; aber es war kaum bemerkt worden, daß er Anhänglichkeit an Nicolaus zeigte, ſo ſiel ihm des Morgens, Mittags und Abends nichts anderes zu, als Peitſchenhiebe und Fauſtſchläge, oder Fauſtſchläge und Peitſchenhiebe. Squeers war eiferſüchtig auf den Ein⸗ fluß, den ſein Diener ſo bald gewonnen hatte; ſeine Fa⸗ milie haßte ihn; und Smike mußte beides entgelten. Nicolaus ſah es und knirſchte mit den Zähnen bei jeder Wiederholung eines ſolchen grauſamen und feigen Anfalls. Er hatte einige regelmäßige Lehrſtunden für die Knaben eingerichtet, und eines Abends ſchritt er in der gräulichen Schulſtube auf und nieder, während ſein vol⸗ les Herz brechen wollte bei dem Gedanken, daß ſein Schutz und ſeine Gunſt das Unglück des elenden Ge⸗ ſchöpfes noch vermehren mußte, deſſen furchtbare Lage ſein Mitleid erweckt hatte. Er blieb mechaniſch in dem dunkeln Winkel ſtehen, wo der Gegenſtand ſeines Kum⸗ mers ſaß. Die arme Seele lag emſig über einem zerriſſenen Buche, und die Spuren eben erſt vergoſſener Thränen waren noch auf ſeinem Geſichte zu erkennen, indem er ſich umſonſt bemühte, eine Aufgabe zu überwinden, die ein Kind von neun Jahren bei gewöhnlichen Geiſtes⸗ fähigkeiten mit Leichtigkeit gelöſt hätte, die aber für das verworrene Gehirn des unterdrückten und zertrete⸗ nen neunzehnjährigen Burſchen ein verſiegeltes und hoff⸗ 58 Nicolaus Nickleby. nungsloſes Geheimniß war; dennoch ſaß er da und buchſtabirte geduldig die Seite wieder und wieder durch, nicht gereizt durch kindiſchen Ehrgeiz, denn er war der allgemeine Spott und Hohn ſelbſt für die verwilderten Geſchöpfe, die ſich um ihn ſammelten, ſondern allein durch den eifrigen Wunſch getrieben, ſeinem einzigen Freunde zu gefallen. Nicolaus legte die Hand auf ſeine Schulter. »Ich kann es nicht fertig bringen,« ſagte das nie⸗ dergedrückte Weſen, dem bitterer Schmerz aus jedem Zuge ſprach.»Nein, nein.« »So gieb es auf,« verſetzte Nicolaus. Der Knabe ſchüttelte den Kopf, machte das Buch mit einem Seufzer zu, ſah mit leerem Blicke um ſich her und legte den Kopf auf ſeinen Arm. Er weinte. »Höre auf um Gottes Willen,« ſagte Nicolaus mit bewegter Stimme;» ich kann es nicht ertragen, Dich ſo zu ſehen.« »Sie ſind härter gegen mich, wie jemals,« ſchluchzte der Knabe. »Ich weiß es,« entgegnete Nicolaus.»Das ſind ſie.« »Wenn Sie nicht wären,« ſagte der arme Ausge⸗ ſtoßene,»würde ich ſterben;— ſie würden mich töd⸗ ten; ſie würden es, ich weiß, ſie würden es.« »„Du wirſt beſſer daran ſein, armer Burſch,« erwie⸗ derte Nicolaus, indem er traurig den Kopf ſchüttelte, »wenn ich weggegangen bin.« »Weggegangen!« rief der Unglückliche und ſah ihm ſtarr ins Geſicht. „»Ruhig!« ermahnte ihn Nicolaus.»Ja.« »Wollen Sie denn gehen?« fragte der Knabe in angelegentlichem Flüſtern. „Das kann ich noch nicht ſagen,« antwortete Ni⸗ — —————— Nicolaus Nickleby. 59 colaus,»ich ſprach mehr in Gedanken zu mir ſelbſt, als zu Dir.« »Sagen Sie es mir!« flüſterte der Knabe flehend. „O, ſagen Sie es mir! Wollen Sie gehen,— wol⸗ len Sie?« „Ich werde zuletzt dazu getrieben werden,« ſagte Nicolaus.»Schlimmſten Falls ſteht die Welt mir offen.« »Sagen Sie mir,« drang Smike in ihn, v»iſt die Welt eben ſo ſchlimm und traurig, wie dieſer Ort?« »Das verhüte der Himmel!« erwiederte Nicolaus, der den Lauf ſeiner eigenen Gedanken verfolgte.»Ihre härteſte, gröbſte Arbeit wäre ein Glück gegen dieſen Aufenthalt.« »Würde ich Sie dort wieder finden?« fragte der Knabe, der mit ungewöhnlicher Leidenſchaft und Geläu⸗ figkeit ſprach. »Ja,« entgegnete Nicolaus, der ihn nur zu beruhi⸗ gen wünſchte. 4 „Nein! nein!« ſagte der Andere und ergriff ihn bei der Hand.»Würde ich es— würde ich es— ſagen Sie mir das noch einmal. Sagen Sie mir, daß ich gewiß Sie wieder finden würde!« »Du würdeſt es,« erwiederte Nicolaus, in derſelben freundlichen Abſicht,»und ich würde Dir helfen und Beiſtand leiſten und nicht neue Schmerzen über Dich bringen, wie ich hier gethan habe.« Der Knabe faßte leidenſchaftlich beide Hände des jungen Mannes in die ſeinigen, drückte ſie an ſeine Bruſt und ſtammelte einige abgebrochene Laute, die nicht zu verſtehen waren. In dieſem Augenblicke trat Sqaueers ein und er zog ſich ſcheu in ſeinen alten Win⸗ kel zurück. 60 Nicolaus Nickleby. Viertes Kapitel. Nicolaus bringt in die Einförmigkeit von Todtenbuſchhall ei⸗ nige Abwechſelung durch ein äußerſt kräftiges und bemer⸗ kenswerthes Verfahren, welches zu wichtigen Folgen führt. Die kalte, ſchwache Dämmerung eines Januarmor⸗ gens ſtahl ſich durch die Fenſter des gemeinſchaftlichen Schlafgemaches, als Nicolaus, der ſich eben aufgerich⸗ tet hatte und auf ſeinen Arm ſtützte, unter den hinge⸗ ſtreckten Geſtalten, die ihn auf allen Seiten umgaben, umherblickte, als ob er irgend einen beſondern Gegen⸗ ſtand ſuchte. Es bedurfte eines ſchnellen Auges, um unter der verwirrten Maſſe der Schlafenden eine beſtimmte Ge⸗ ſtalt zu entdecken. So wie ſie, um der Wärme willen, dicht neben einander gepackt da lagen, mit ihren zuſam⸗ mengeflickten und zerriſſenen Kleidern bedeckt, war we⸗ nig zu unterſcheiden, außer den ſcharfen Umriſſen blaſſer Geſichter, auf welche das düſtere Licht dieſelbe traurige und widerwärtige Färbung goß, und hier und da einem abgemagerten Arm, der aus den Lumpen vorragte. Einige, die mit aufwärts gekehrten Geſichtern und krampfhaft geſchloſſenen Händen auf dem Rücken lagen und in der unvollkommenen Beleuchtung eben ſichtbar waren, trugen mehr das Anſehen von Leichen, als von lebenden Weſen, und Andere waren in ſo ſeltſame und phantaſtiſche Stellungen zuſammengekrümmt, daß man dieſelben eher für die Folge unruhiger Bemühungen hal⸗ ten mußte, durch welche der Schmerz ſich eine vor⸗ —+———y,———„ Nieolaus Nickleby. 61 uͤbergehende Erleichterung zu verſchaffen ſuchte, als fuͤr eine Laune des Schlafes. Wenige— und dieſe waren unter den jüngſten der Kinder— ſchliefen ruhig mit ei⸗ nem Lächeln auf den Zügen und träumten vielleicht von der Heimath; aber von Zeit zu Zeit kündigte ein tiefer und ſchwerer Seufzer, der die Stille des Gemaches unterbrach, an, daß einer der Schläfer zu dem Elende eines neuen Tages erwacht war, und wie der Morgen an die Stelle der Nacht trat, wich allmälig das Lä⸗ cheln mit dem freundlichen Dunkel, welches daſſelbe her⸗ vorgerufen hatte. Träume ſind die hellglänzenden Gebilde der Poeſie und der Sage, die zur Nachtzeit auf der Erde ſpielen und mit dem erſten Strahle der Sonne hinwegſchmel⸗ zen, welcher die bleiche Sorge und die ernſte Wirklich⸗ keit zu ihrer täglichen Wanderung durch die Welt er⸗ weckt. Nicolaus ſah auf die Schläfer anfangs mit der Miene eines Menſchen, der ein Schanſpiel betrachtet, welches, obwohl täglich wiederkehrend, deshalb nichts von ſeiner ſorgenvollen Wirkung verloren hat; und dar⸗ auf mit geſpannterer und durchdringenderer Aufmerkſam⸗ keit, wie Jemand, der etwas vermißt, was ſein Auge gewohnt iſt zu finden und worauf es zu ruhen erwar⸗ tet hat. Er war noch in ſeiner Forſchung begriffen und hatte ſich in dem eifrigen Bemühen derſelben halb von ſeinem Bette erhoben, als ſich die Stimme des al⸗ ten Squeers an dem Fuße der Treppe vernehmen ließ. »Heda,« rief dieſer Würdige,»wollt Ihr den gan⸗ zen Tag ſchlafen? Auf mit Euch!« »Ihr faulen Hunde,« fügte Madame Saueers hin⸗ zu, die den Satz beendigte und dabei einen hellen Ton hervorbrachte, gleich jenem, der durch das Zu⸗ 62 Nirolaus Nickleby. ſchnüren der Stahlſtäbe einer Schnürbruſt veranlaßt wird. „»Wir werden ſogleich herunterkommen, Hr. Squeers,⸗ erwiederte Nicolaus. »Sogleich herunterkommen!« wiederholte Squeers. „Ihr thätet wirklich gut, ſogleich herunterzukommen, wenn ich nicht vorher über einige von Euch kommen ſoll. Wo iſt der Smike?« Nicolaus blickte noch einmal in der Eile umher, gab aber keine Antwort. 1 „»Smike!« brüllte Squeers. »Wünſcheſt Du, daß Dir der Kopf auf einer neuen Stellen zerſchlagen wird, Smike?« fragte die liebens⸗ würdige Gattin in demſelben Tonſchlüſſel. Noch immer kam keine Antwort; Nicolaus ſtarrte noch immer um ſich her, und die Mehrzahl der Knaben, die inzwiſchen erwacht waren, that daſſelbe. »Der Teufel hole dieſe Unverſchämtheit,« murmelte Squeers und ſchlug ungeduldig mit ſeinem Stocke auf das Treppengeländer.»Nickleby!« »Ja wohl, Herr Squeers.« „Schicken Sie dieſen hartnäckigen Schurken herun⸗ ter! Sie hören doch, daß ich rufe.« »Er iſt nicht hier!« erwiederte Nicolaus. »Lügen Sie mir nichts vor,« entgegnete der Schul⸗ meiſter;»er muß da ſein.« »Er iſt nicht da,« verſetzte Nicolaus unwillig;»lü⸗ gen Sie mir nichts vor!« »Das wollen wir bald ſehen,« ſagte Herr Squeers, die Treppe hinaufſteigend.»Ich ſtehe Ihnen dafür, daß ich ihn finde.« Mit dieſer Verſicherung ſtürmte Squeers in das Schlafgemach und ſprang, den Stock in der Luft ge⸗ Nirolaus Nickleby. 63 ſchwungen, um zu einem Schlage auszuholen, nach dem Winkel, wo der Knecht gewöhnlich die Nacht über hingeſtreckt lag. Das Rohr ſank harmlos auf den Bo⸗ den nieder. Es war Niemand da. »Was ſoll dies bedeuten?« ſagte Squeers, indem er ſich mit bleichem Geſichte umkehrte.»Wo habt Ihr ihn verſteckt?« »Ich habe ſeit geſtern Abend nichts von ihm geſe⸗ hen,« antwortete Nicolaus. »Ei,« bemerkte Squeers, der ſichtlich erſchrocken war, obwohl er ſich Mühe gab, einen andern Schein anzunehmen,»Ihr ſollt ihn auf dieſe Weiſe nicht retten. Wo iſt er?« »Nach allem, was ich weiß, auf dem Boden des nächſten Waſſerpfuhls,« verſetzte Nicolaus mit halblau⸗ ter Stimme, aber dem Schulmeiſter gerade in das Ge⸗ ſicht ſehend. »Hole Sie der Teufel! Was wollen Sie damit ſa⸗ gen?« erwiederte Squeers in großer Verwirrung. Und ohne eine Antwort zu erwarten, fragte er die Knaben, ob einer unter ihnen etwas von ihrem fehlenden Schul⸗ gefährten wiſſe? Es erfolgte ein allgemeines Murmeln angſtlicher Verneinung, indem ſich eine feine Stimme vernehmen ließ, die es ausſprach, was alle Andern dachten. „»Lieber Herr, verzeihen Sie, ich denke, Smike iſt weggelaufen.« »Ha!« rief Squeers aus, der ſich im Augenblicke umkehrte:»Wer ſagte das?« »Tomkins, Herr Squeers,“ verſetzte ein ganzer Chor von Stimmen. Saueers ſtürzte ſich in den Haufen und faßte mit einem Griff einen ganz kleinen Knaben der noch mit ſeinem Nachtzeuge bekleidet war, und deſ⸗ 64 Nicolaus Nickleby. ſen verwirrter Ausdruck, während er vorgeſchleppt wurde, anzudeuten ſchien, daß er noch ungewiß war, ob er für ſeine Vermuthung geſtraft oder belohnt wer⸗ den ſollte. Er blieb nicht lange in Zweifel. »„Du denkſt alſo, daß er davon gelaufen iſt, mein Bürſchchen? Thuſt Du das?« fragte Squeers. „Ja, lieber Herr,« erwiederte der kleine Knabe. »Und welchen Grund haſt Du,« ſagte Squeers, in⸗ dem er den kleinen Knaben plötzlich bei den Armen er⸗ griff und ſeine Bekleidung mit außerordentlicher Ge⸗ wandtheit emporſtreifte,»welchen Grund haſt Du zu glauben, daß irgend einer der Knaben in dieſer Anſtalt den Wunſch hegen ſollte, davon zu laufen? Wie, mein Bürſchlein?« Das Kind erhob einen kläglichen Schrei ſtatt der Antwort, und Herr Saueers, der ſich in die günſtigſte Stellung warf, um ſeine Kraft zu üben, ſchlug das kleine Geſchöpf ſo lange, bis es in ſeinen ſchmerzlichen Windungen ſich ihm wirklich aus der Hand wälzte, worauf er es gnädig ſich hinwegwälzen ließ, ſo gut es konnte. »Da haſt Du es,« ſagte Squeers.»Wenn jetzt noch Einer von Euch glaubt, daß Smike hinweggelau⸗ fen iſt, ſo wird es mir angenehm ſein, eine kleine Unter⸗ haltung mit ihm zu haben.« Natürlich herrſchte das tiefſte Stillſchweigen, wäh⸗ rend deſſen Nicolaus ſeinen Abſchen ſo unzweideutig an den Tag legte, als denſelben Blicke irgend verrathen können. »Gut alſo, Nickleby,« ſagte Squeers, der ihn bos⸗ haft betrachtete.»Sie glauben aber gewiß, daß er hin⸗ weggelaufen iſt; das ſetze ich voraus?« Nicolaus Nickleby. 65 „Ich halte es für ſehr wahrſcheinlich,« erwiederte Nicolaus in dem ruhigſten Tone. »So? das thun Sie, das thun Sie?« höhnte ihn Squeers.»Vielleicht wiſſen Sie auch wohl, daß er es iſt 2« »Ich weiß nichts davon.« »Er ſagte Ihnen alſo nicht, daß er gehen wollte? Ich ſoll glauben, daß er es Ihnen nicht geſagt hat?« fuhr Squeers mit höhniſchem Lächeln fort. »Er hat es nicht gethan,« entgegnete Nicolaus, » und es freut mich, daß er es nicht gethan hat; denn es würde dann meine Pflicht geweſen ſein, Sie noch zu rechter Zeit zu warnen.⸗ »Was Ihnen ohne Zweifel verteufelt leid geweſen wäre, zu thun?« ſagte Squeers in ſpöttiſcher Weiſe., »Das würde es in der That,« verſetzte Nicolaus. »Sie deuten meine Gefühle mit treffender Wahrheit.« Madame Saueers hatte dieſe Unterhaltung unten an der Treppe mit angehört, aber nun verlor ſie alle Geduld, zog eilig ihre Nachtjacke an und nahm ihren Weg nach dem Schauplatze der Handlung. »Was ſoll dieſer ganze Lärm bedeuten?« ſagte die Dame, während die Knaben rechts und links aus⸗ wichen, um ihr die Mühe zu erſparen, ſich mit ihren kräftigen Armen einen Durchgang zu bahnen.»Was auf der Welt haſt Du mit ihm da zu ſprechen, Squeerchen?« »Ei, meine Liebe,« antwortete Squeers, die Sache iſt, daß Smike nirgend zu finden iſt.« »Gut, das weiß ich,« ſagte die Dame,»und was iſt da zu verwundern? Wenn Du Dir eine Geſellſchaft übermüthiger Lehrer holſt, welche die jungen Hunde in Rebellion bringen, was kannſt Du anderes erwarten? Nicvlaus Nickleby. II. 5 66 Nicolaus Nickleby. Nun, junger Herr, haben Sie nur die Gefälligkeit, ſich nach der Schulſtube zu begeben, und die Burſchen mit Ihnen zu nehmen, und bewegen Sie Sich nicht vom Platze, bis Sie Erlaubniß erhalten haben, oder wir Beiden, Sie und ich, können etwas zu thun bekom⸗ men, was ihr hübſches Geſicht verderben wird, wie ſchön Sie ſich auch Selbſt dünken; das ſage ich Ihnen.“ »„In der That!“« entgegnete Nicolaus lächelnd. »Ja, in der That, und noch einmal in der That, mein Herr Maulaffe,« ſagte die aufgeregte Dame,»und ich würde einen ſolchen Menſchen, wie Sie, nicht eine Stunde länger im Hauſe behalten, wenn ich meinen Willen hätte.« „Das würden Sie auch nicht, wenn ich den meini⸗ gen hätte,“ erwiederte Nicolaus.»Nun, Kinder!« »Ach! Nun, Kinder!« ſagte Madame Saueers, in⸗ dem ſie, ſo ſehr ſie es vermochte, die Stimme und das Benehmen des Unterlehrers nachahmte.»Folgt Eurem Anführer, Jungen, und nehmt Euch Smike zum Mu⸗ ſter, wenn Ihr es wagt. Aber ſeht zu, was er bekom⸗ men wird, wenn er zurückgebracht iſt, und merkt es Euch wohl, was ich ſage: es ſoll Euch eben ſo ſchlimm ergehen und noch einmal ſo ſchlimm, wenn Ihr nur den Mund über ihn aufthut.« »Wenn ich ihn einfange,« bemerkte Squeers,»ſo will ich nicht eher aufhören, als bis er lebendig ge⸗ ſchunden iſt; das kündige ich Euch an, Ihr Jungen.« »„Wenn Du ihn einfängſt,« verſetzte Madame Squeers verächtlich;»er kann Dir ja nicht entgehen! Du kannſt ihn gar nicht verfehlen, wenn Du nur auf die richtige Weiſe zu Werke gehſt. Vorwärts, fort mit Euch!“ —— 1 Nicolaus Nickleby. 67 Mit dieſen Worten entließ Madame Saueers die Knaben, und nach einem leichten Gefechte mit der Nachhut, die ſich vorwärts drängte, um aus dem Wege zu kommen, jedoch einige Augenblicke durch den Hau⸗ fen an der Thür zurückgehalten wurde, gelang es ihr, das Gemach zu reinigen, und darauf berieth ſie ſich mit ihrem Gatten allein. »Er iſt davon!« ſagte Madame Squeers.»„Der Kuh⸗ und der Pferdeſtall ſind verſchloſſen; dort kann er alſo nicht ſein; und unten im Hauſe iſt er auch nirgend, denn das Mädchen hat zugeſehen. Er muß nach York zu gegangen ſein, und gewiß auf einer der großen Straßen. »Warum muß er das 2« fragte Squeers. »Wie dumm!« ſagte Madame Squeers ärgerlich. »Er hatte doch wohl kein Geld bei ſich?« »Er hat in ſeinem Leben keinen Pfennig gehabt, ſo viel ich weiß,« erwiederte Squeers. »Das denke ich,“« verſetzte Madame Squeers,»und zu eſſen hat er gewiß nichts mitgenommen, dafür will ich ſtehen. Ha! ha; ha!⸗ »Ha! ha! hal« wiederholte Squeers. »Natürlich muß er alſo ſeinen Weg betteln,« be⸗ merkte Madame Squeers,»und das kann er nirgend, außer auf der Landſtraße.“⸗ »Das iſt wahr!« rief Squeers aus und ſchlug in die Hände. »Wahr! Ja, das iſt es; aber Du würdeſt in Dei⸗ nem Leben nicht daran gedacht haben, wenn ich es nicht geſagt hätte,« meinte die Dame.„»Wenn Du jetzt den Wagen nimmſt und die eine Straße gehſt, und ich den Wagen von Schwalben borge und die an⸗ dere gehe, ſo dürfen wir nur die Augen offen behalten 5* 68 Nicolaus Nickleby. und fragen; und der Eine oder der Andere von uns wird ihn gewiß auftreiben.⸗ Der Plan der würdigen Dame wurde angenommen und ohne den Verzug eines Augenblicks zur Ausfüh⸗ rung gebracht. Nach einem eiligen Frühſtücke und der Einziehung einiger Erkundigungen im Dorfe, deren Erfolg darauf hinzudeuten ſchien, daß er auf der rech⸗ ten Spur war, trat Squeers, von Rachſucht getrie⸗ ben, in dem Einſpänner ſeine Entdeckungsreiſe an. Bald darauf fuhr Madame Saueers, in ihren weißen Mantel gehüllt und in eine Menge Shawls und Tü⸗ cher eingewickelt, in einem andern Wagen und in einer andern Richtung von dannen; ſie nahm einen tüchti⸗ gen Prügel, mehrere Stücke von einem ſtarken Seile und einen kräftigen Arbeitsmann mit ſich; und alle dieſe Rüſtungen hatten zum einzigen Zwecke, bei dem Fange des unglücklichen Smike ihre Dienſte zu leiſten, und, ſobald er eingefangen war, ſeine feſte Verwah⸗ rung zu ſichern. Nicolaus blieb in großer Aufregung der Gefühle zu⸗ rück; denn er verbarg ſich nicht, daß die Flucht des Knaben, welches Ende ſie immer nahm, aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach nur zu ſchmerzlichen und beklagens⸗ werthen Folgen führen konnte. Wenn ein ſo armes, hülfloſes Weſen, allein und freundlos, ſeine Wanderung durch eine Gegend, die ihm völlig unbekannt war, län⸗ ger fortſetzte, ſo war für daſſelbe wenig mehr zu er⸗ warten, als der Tod vor Hunger und Mangel an Ob⸗ dach. Es war vielleicht zwiſchen dieſem Schickſale und einer erzwungene. Rückkehr zu der milden Behandlung in der Schule keine große Wahl; aber das unglückliche Geſchöpf hatte ſein Mitgefühl ſo tief ergriffen, daß ihm das Herz bei dem Gedanken an die Leiden blutete, — S)/ ͤ Nicolaus Nickleby. 69 die demſelben bevorſtanden. Er blieb in raſtloſer Be⸗ ängſtigung und malte ſich tauſend verſchiedene Möglich⸗ keiten aus, bis am Abende des folgenden Tages Squeers allein und unverrichteter Dinge zurückkehrte. »Nichts Neues von dem Ausreißer!« ſagte der Schulmeiſter, der offenbar während ſeiner Reiſe nicht ſelten nach ſeinem alten Grundſatze die Füße ausge⸗ ſtreckt hatte.„Ich will dafür an irgend Jemand mich meines Schadens tröſten, Nickleby, wenn meine Frau ihn nicht aufjagt, davon ſetze ich Sie in Kenntniß.“ »Ich bin nicht im Stande, Sie zu tröſten,« er⸗ wiederte Nicolaus.»Es iſt mir ſehr gleichgültig.« »So? das iſt es 2« ſagte Squeers in drohendem Tone.»Wir werden ſehen.« „Immerhin,« verſetzte Nicolaus.. »Da iſt das Pferd, das ſich die Beine lahm gelau⸗ fen hat, und ich muß mit einem Miethwagen nach Hauſe kommen; das wird allein anderthalb Thaler ko⸗ ſten, ohne die andern Ausgaben,« bemerkte Squeers. „Wer ſoll das bezahlen, hören Sie 24 Nicolaus zuckte die Schultern und ſchwieg. »Ich will es von irgend Einem haben, das ſage ich Ihnen,“« ſchrie Saueers, der ſeinen gewöhnlichen ſchnei⸗ denden, argliſtigen Ton jetzt gegen jenen der offenen prahleriſchen Herausforderung vertauſchte.»Nichts von Ihren gewöhnlichen winſelnden Aufſchneidereien, mein Bürſchchen, ſondern fort nach Ihrem Hundelvoche; es iſt Zeit, zu Bette zu gehen. Vorwärts! Machen Sie, daß Sie fortkommen!« Nicolaus biß ſich in die Lippen und ſchloß unwill⸗ kürlich die Fäuſte, denn die Spitzen ſeiner Finger brannten, die Beleidigung zu rächen; aber er gedachte, daß der Mann betrunken war, und daß es daher zu 70 Nicolaus Nickleby. nichts kommen konnte, als einem geräuſchvollen Ge⸗ zänke, begnügte ſich, dem Tyrannen einen verächtlichen Blick zuzuwerfen, und ſchritt mit ſo ſtolzem Anſtande als möglich die Treppe hinauf, obwohl es ihn nicht wenig verdroß zu bemerken, daß Fräulein Squeers und der junge Saueers und das Dienſtmädchen ſich von ei⸗ nem verborgenen Winkel aus an dem Vorgange ergetz⸗ ten. Die beiden erſten ergingen ſich in vielen erbau⸗ lichen Betrachtungen über die Anmaßung armer Em⸗ porkömmlinge, was ein gewaltiges Gelächter veranlaßte, an dem ſogar der elendeſte aller elenden Dienſtboten Theil nahm, während Nicolaus, auf das tödtlichſte verletzt, was er von Bettzeug hatte über den Kopf zog und bei ſich den feſten Entſchluß faßte, die Rech⸗ nung, die zwiſchen ihm und Herrn Squeers aufgelau⸗ fen war, früher zum Abſchluſſe zu bringen, als der Letzte erwartete. Ein neuer Tag kam, und Nicolaus war kaum er⸗ wacht, als er die Räder eines Wagens hörte, der ſich dem Hauſe näherte. Er hielt. Die Stimme von Ma⸗ dame Squeers ließ ſich vernehmen, die ein Glas Brannt⸗ wein für irgend Jemand verlangte, was für ſich allein ſchon ein hinreichendes Zeichen war, daß ſich etwas Außerordentliches ereignet hatte. Nicolaus wagte es kaum, aus dem Fenſter zu ſehen; aber er that dies doch, und der erſte Gegenſtand, auf den ſeine Augen fielen, war der arme Smike, ſo durchnäßt von Koth und Regen, ſo abgezehrt, ermattet und verwildert, daß man daran zweifeln konnte, ob er es auch wirklich wäre, wenn ſeine Kleider ihn nicht verrathen hätten, die der Art waren, wie man ſie kaum jemals an einer Vogelſcheuche geſehen hat. 3 »Hebt ihn heraus,« ſagte Squeers, nachdem er ſeine 7 ☛ Nicolaus Nickleby. 71 Augen eine Zeitlang ſchweigend an dem Gefangenen ge⸗ weidet hatte.»Bringt ihn herein, bringt ihn herein!« »Nimm Dich in Acht,« rief Madame Squeers, als ihr Gatte ſeinen Beiſtand anbot,»wir haben ſeine Beine unter der Decke zuſammengebunden und am Wagen feſt gemacht, damit er uns nicht wieder entwiſchte.« Mit Händen, die vor Vergnügen zitterten, löſ'te Saueers die Stricke, und Smike, der allem Anſcheine nach mehr todt als lebendig war, wurde in das Haus geſchleift und zu größerer Sicherheit in dem Keller ver⸗ ſchloſſen, bis die Zeit kam, die Squeers dazu beſtimmt hatte, um in Gegenwart der ganzen Schule ſeine Ope⸗ ration an ihm vorzunehmen. Bei einer flüchtigen Erwägung der Umſtände kann es auffallend erſcheinen, daß das würdige Ehepaar ſich ſo viel Mühe geben mußte, um ſich wieder in den Beſitz einer Laſt zu ſetzen, über die es oft genug die lauteſte Beſchwerde führte; aber man wird dies weniger wunder⸗ bar finden, wenn man bedenkt, daß die mannigfaltigen Dienſte des Sclaven, wenn ſie von andern Händen ver⸗ richtet wurden, wöchentlich einen Thaler oder mehr an Lohn gekoſtet hätten, und außerdem, daß es die Politik in Todtenbuſchhalle erforderte, an allen Ausreißern ein ſtrenges Beiſpiel aufzuſtellen, weil die Anſtalt, mit Aus⸗ nahme des mächtigen Einfluſſes der Furcht, in ihren ei⸗ genthümlichen Reizen zu wenig Anziehungskraft beſaß, um irgend einen der Zöglinge zurückzuhalten, der mit der gewöhnlichen Zahl von Beinen und mit der Fähigkeit begabt war, ſie zu gebrauchen. 3 Die Nachricht, daß Smike gefangen und im Triumphe zurückgebracht war, rannte wie ein Lauffeuer durch die hungrige Gemeinſchaft, und die Erwartung war den ganzen Morgen hindurch auf das Aeußerſte geſpannt. 72 Nicolaus Nickleby. Sie ſollte aber in dieſer Spannung bis zum Nachmit⸗ kage bleiben; denn Squeers erſchien erſt, nachdem er ſich mit ſeinem Mittagsmahle geſtärkt und durch ein Paar Gläſer über die gewöhnliche Zahl erquickt hatte, in der Begleitung ſeiner liebenswürdigen Genoſſin mit einem Geſichte voll wunderbarer Wichtigkeit und mit einem furchtbaren Inſtrumente, ſtark, geſchmeidig, an dem Ende mit Wachs beſtrichen und neu,— kurz, am Morgen be⸗ ſonders zu dem Gebrauche, der jetzt davon gemacht wer⸗ den ſollte, gekauft. »Sind Alle da?« fragte Squeers mit ſchrecklicher Stimme. 4 Es waren alle da, aber die Knaben fürchteten ſich zu ſprechen; Squeers durchlief daher die Reihen, um ſich ſelbſt zu verſichern, und jedes Auge ſenkte ſich und jeder Kopf hing herab, während er dies that. »Jeder bleibe auf ſeinem Platze!« ſagte Sqaueers, in⸗ dem er ſeinen Lieblingsſchlag auf das Pult niederfallen ließ und mit finſterer Zufriedenheit das allgemeine Auf⸗ fahren wahrnahm, welches derſelbe, wie immer, hervor⸗ brachte.»Nickleby, an Ihr Pult!⸗ Es war von mehr als einem der kleinen Beobachter bemerkt worden, daß ein ſehr ſeltſamer und ungewöhn⸗ licher Ausdrnck in den Zügen des Unterlehrers lag; er nahm indeſſen ſeinen Sitz ein, ohne die Lippen zu einer Erwiederung zu öffnen; und Saueers, der einen trium⸗ phirenden Blick auf ſeinen Gehülfen und einen Blick des unbeſchränkteſten Despotismus auf die Knaben warf, verließ das Gemach und kehrte bald darauf mit Smike zurück, den er am Kragen hinter ſich drren ſchleppte, oder vielmehr an jenem Fragmente ſeiner Jacke, welches der Stelle zunächſt ſaß, wo der Kragen ſich befunden † 5 h — Nicolaus Nickleby. 73 hätte, wenn er ſich einer ſolchen Zierde hätte rühmen können. An jedem andern Orte würde der Anblick des elen⸗ den, abgematteten, muthloſen Geſchöpfes ein Gemurmel des Mitleids und der Fürbitte hervorgerufen haben. Er hatte ſelbſt hier einige Wirkung; denn die Zuſchauer be⸗ wegten ſich unruhig auf ihren Plätzen, und wenige der keckſten wagten es ſogar, einander verſtohlen mit Blicken des Unwillens und des Erbarmens anzuſehen. An Saueers waren dieſe jedoch verloren; denn ſein, Auge war feſt auf den unglücklichen Smike geheftet, den er nach dem Gebrauche, welcher in ſolchen Fällen üblich war, fragte, ob er etwas zu ſeiner Entſchuldigung vor⸗ zubringen habe. »Nichts, denke ich,« ſagte Squeers mit teufliſchem Grinſen. Smike ſah um ſich her und ſein Auge verweilte einen Moment bei Nicolaus, als ob er erwartet hätte, daß dieſer ſich ſeiner annehmen würde; aber deſſen Blick haf⸗ tete unbeweglich an ſeinem Pulte. »Haſt Du etwas zu ſagen?« fragte Squeers noch einmal und ließ dabei ſeinen Arm ein Paarmal die Luft durchſtreichen, gleichſam um ſeine Kraft und ſeine Gewandtheit zu prüfen.»Tritt ein wenig aus dem Wege, liebe Frau; ich habe kaum Raum genug.« »Berſchonen Sie mich, lieber Herr!« ſchrie Smike. „Das iſt alſo Alles?2« erwiederte Squeers.»Ja, ich will Dich peitſchen, bis ich noch einen Zoll von Deinem Leben bin; und dann will ich Dich verſchonen.⸗ 5 »Ha, ha, ha!« lachte Madame Saueers.»Das war ein guter Witz.« »Ich war dazu getrieben,« ſtöhnte Smike mit ſchwa⸗ 74 Nicolaus Nickleby. cher Stimme, und ſah noch einmal mit flehendem Blicke um ſich her. »Dazu getrieben warſt Du?« ſagte Squeers.»Ei, es war nicht Deine Schuld, es war die meinige, nicht wahr? wie?« »Ein ſchmutziger, undankbarer, ſchweinsköpfiger, be⸗ ſtialiſcher, heuchleriſcher Hund das!« rief Madame Squeers aus, indem ſie Smike's Kopf unter ihren Arm nahm und bei jedem Worte ihm eine Ohrfeige gab; „was will er damit ſagen?« »Tritt bei Seite, meine Liebe,« entgegnete Squeers. »Wir wollen verſuchen, ob wir es heraus bekommen.« Da Madame Sauueers durch ihre Anſtrengungen au⸗ ßer Athem war, ſo folgte ſie dem Gebote. Saueers faßte den armen Burſchen mit feſtem Griff; ein wüthen⸗ der Hieb war bereits auf ihn herabgefallen,— er wand ſich unter der Geißel und ſtieß einen Schrei des Schmer⸗ zes aus,— ſie wurde wieder erhoben und war wieder im Begriff, niederzufallen, als Nicolaus plötzlich auf⸗ ſprang und mit einer Stimme, von der die Balken beb⸗ ten, ausrief:»Halt!« »Wer ruft hier halt?« ſagte Squeers, indem er ſich wild umkehrte. »Ich,« erwiederte Nicolaus vortretend.»Das darf ſo nicht fortgehen.«— 1 »Darf ſo nicht fortgehen!« ſchrie Squeers, beinahe aufkreiſchend vor Grimm. »Nein,« donnerte Nicolaus. Beſtürzt und ganz außer Faſſung geſetzt durch die Kühnheit dieſer Dazwiſchenkunft ließ Squeers ſeinen Ge⸗ fangenen fahren, trat ein Paar Schritte zurück und ſtarrte Nicolaus mit Blicken an, die wirklich furchtbar waren. e⸗ m Nicolaus Nickleby. 75 »Ich ſage, es darf nicht,« wiederholte Nicvlaus, nicht im Geringſten entmuthigt,»ſoll nicht. Ich werde es verhindern.« Squeers fuhr fort, ihn anzuſtarren, und die Augen traten ihm beinahe aus den Höhlen; aber das Erſtaunen hatte ihn für den Augenblick der Sprache beraubt. »Sie haben alle meine erſten Verwendungen für den armen Jungen unbeachtet gelaſſen,« ſagte Nicvlaus; vauf den Brief nicht geantwortet, in dem ich um Ver⸗ zeihung für ihn bat und die Verantwortlichkeit dafür übernahm, daß er in Zukunft ruhig hier bleiben würde. Tadeln Sie mich jetzt nicht wegen dieſes öffentlichen Einſchreitens; Sie haben es ſich ſelbſt zugezogen, nicht ich.« »Setze Dich nieder, Bettler!« brüllte Squeers, außer ſich vor Wuth, und ergriff zugleich Smike wieder. „Elender,« verſetzte Nicolaus ſtolz,»berühren Sie ihn auf Ihre Gefahr! Ich will nicht dabei ſtehen und zu⸗ ſehen; mein Blut iſt empört, und ich habe die Kraft von zehn ſolchen Männern, wie Sie. Nehmen Sie ſich in Acht, denn, bei Gott, ich werde Sie nicht ſchonen, wenn Sie mich weiter reizen.« »Tritt zuruck!« rief Squeers und ſchwang ſeine Waffe. »Ich habe eine lange Reihe von Beleidigungen zu rächen,« ſagte Nicolaus jetzt, vor Zorn erröthend;»und mein Unwille wird durch die feigen Grauſamkeiten ver⸗ mehrt, die in dieſer ſcheußlichen Mordhöhle an der hülf⸗ loſen Kindheit verübt werden. Nehmen Sie ſich in Acht; denn wenn Sie den Teufel in mir aufregen, ſo werden die Folgen ſchwer auf Ihr Haupt fallen.« Er hatte dieſe Worte kaum geſprochen, als Squeers, in einem gewaltſamen Ausbruche des Zornes und mit einem Schrei, gleich dem Geheule eines reißenden Thie⸗ res, ihn anſpie und ihm mit ſeinem Peinignngswerkzeuge 76 Ricolaus Nickleby. einen Hieb über das Geſicht gab, der, wohin er fiel, einen hochauflaufenden blauen Striemen zurückließ. Von dem Schmerze des Schlages hingeriſſen, ſprang Nico⸗ laus, alle ſeine Gefühle des Unwillens, der Verachtung und der Entrüſtung in einen Augenblick zuſammendrän⸗ gend, auf ihn zu, riß ihm die Waffe aus der Hand, er⸗ griff ihn bei der Kehle und ſchlug den Schurken, bis er um Gnade brüllte. Die Knaben— mit der einzigen Ausnahme des jun⸗ gen Saueers, der ſeinem Vater zu Hülfe kam und dem Feinde in den Rücken fiel— bewegten weder Hand noch Fuß; Madame Sqaueers hängte ſich mit lautem Geſchrei um Beiſtand an den Rockſchoß ihres Gatten und ſuchte ihn von ſeinem wüthenden Gegner loszureißen; und Fränlein Squeers, die in der Erwartung eines ſehr ver⸗ ſchiedenen Auftrittes durch das Schlüſſelloch geſehen hatte und gerade bei dem Beginn des Angriffes hereingeſtürzt war, warf Nicolaus zuerſt eine Anzahl Tintenfäſſer an den Kopf und ſchlug dann nach Herzensluſt auf ihn ein, indem ſie ſich bei jedem Schlage durch die Erinnerung anfeuerte, wie er die ihm zugedachte Liebe zurückgewieſen und dadurch einem Arme noch mehr Kraft lieh, der ohnedies keiner der ſchwächſten war, da ſie hierin nach der Mutter artete. Nicolaus, in dem vollen Sturme ſeiner Aufregung, fühlte dieſe Schläge nicht mehr, als wenn Federn auf ihn niedergefallen wären. Da ihn aber das Geräuſch und der Aufruhr allmälig anwiderten und er außerdem fühlte, daß ſein Arm ſchwächer wurde, ſo legte er ſeine ganze Kraft zu guter Letzt noch in ein halbes Dutzend Hiebe und ſchleuderte Squeers darauf mit aller Gewalt von ſich, deren er Herr war. Durch die Heftigkeit ſei⸗ nes Falls wurde zugleich Madame Squeers über eine in Nicolaus Nickleby. 77 der Nähe befindliche Bank geſtürzt, gegen die ihr Ge⸗ mahl mit dem Kopfe anſchlug, daß er betäubt und be⸗ wegungslos der Länge nach auf dem Boden lag. Nachdem Nicolaus ſeine Angelegenheit zu dieſem glücklichen Schluſſe gebracht und ſich zu ſeiner vollkom⸗ menen Zufriedenheit überzeugt hatte, daß Sqaueers nicht todt, ſondern nur betänbt war— worüber er anfangs einige unangenehme Zweifel hatte— ſo überließ er es ſeiner Familie, für ſeine Wiederherſtellung zu ſorgen, und zog ſich zurück, um zu überlegen, was für ihn ſelbſt jetzt am beſten zu thun ſei. Er ſah ſich beſorgt nach Smike um, als er die Schulſtube verließ, aber von dieſem war keine Spur zu entdecken. Nach kurzem Beſinnen packte er wenige Kleidungs⸗ ſtücke in ein kleines ledernes Felleiſen, und da er Nie⸗ mand fand, der ſich ihm entgegengeſtellt hätte, ſo mar⸗ ſchirte er kühn zu der Hauptthür hinaus und ſchlug bald darauf die Straße ein, die nach Gretabrück führte. Nachdem er ſich hinlänglich abgekühlt hatte, um über ſeine gegenwärtige Lage einigermaßen nachdenken zu kön⸗ nen, erſchien dieſe ihm keinesweges in dem erfreulichſten Lichte, denn er hatte nur etwa ſechszehn gute Groſchen in der Taſche und war über ſechzig Meilen von London entfernt, wohin er ſeine Schritte zu lenken beſchloſſen hatte, um unter Anderm zu ermitteln, welchen Bericht Herr Saueers ſeinem liebevollen Oheim über die Vor⸗ gänge dieſes Nachmittags erſtatten würde. Als er eben zu dem Schluſſe gekommen war, daß es gegen dieſen unglücklichen Stand der Dinge kein Hülfs⸗ mittel gebe, hob er die Augen empor, und ſah einen Rei⸗ ter auf ſich zukommen, in dem er bei größerer Annähe⸗ rung zu ſeinem außerordentlichen Mißbehagen Niemand anders, als Herrn Johann Browdie entdeckte, der, in 78 Nicolaus Nickleby. eine kurze Jacke und lederbeſetzte Reithoſen gekleidet, ſein Thier mit Hülfe eines ſtarken Eſchenſtockes vorwärts trieb, der vor kurzem von einem jungen Baume abgeſchnitten ſchien. »Ich bin nicht in der Stimmung, nach mehr Lärm und Tumult zu verlangen,« dachte Nicolaus,»aber ich mag machen, was ich will, ſo werde ich doch zu einem Streite mit dieſem ehrlichen Dummkopfe und vielleicht zu ein Paar tüͤchtigen Hieben von jenem Stabe kommen.« Es ſchien in der That einiger Grund zu der Voraus⸗ ſetzung vorhanden zu ſein, daß ein ſolches Ergebniß dem Zuſammentreffen folgen würde, denn Johann Browdie ſah nicht ſobald Nicolaus des Weges einhergehen, als er mit ſeinem Pferde auf dem Fußſteig einlenkte und ſo lange wartete, bis jener herankam. Dabei ſah er unver⸗ wandt zwiſchen den Ohren ſeines Gaules auf den ihm Entgegenſchreitenden, der langſam ſeinen Weg fortſetzte. »Ihr Diener, junger Herr,« ſagte Browdie. „»Der Ihrige,« erwiederte Nicolaus. „»Nun gut, endlich haben wir uns getroffen,« bemerkte Browdie, und ließ den Steigbügel von einem derben Schlage des Eſchenſtockes erklirren. »Ja,« entgegnete Nicolaus zögernd.—»Wohlan,«⸗ ſagte er nach einer kurzen Pauſe gerade heraus,»wir ſind, als wir neulich beiſammen waren, nicht als die be⸗ ſten Freunde geſchieden. Ich glaube, es war meine Schuld; aber ich hatte nicht die Abſicht, Sie zu beleidigen, und dachte nicht einmal daran, daß ich dies thäte. Es iſt mir nachher wirklich leid geweſen. Wollen wir uns die Hand geben?« »Die Hand geben?« rief der gutmüthige Kornmäkler aus,»ja, das wollen wir!« und damit beugte er ſich vom Sattel nieder und gab Nicolaus einen gewaltigen Druck Nicolaus Nickleby. 79 der Rechten.»Aber was haben Sie mit Ihrem Geſichte? Es ſieht ja ganz blutrünſtig aus.« »Es iſt ein Hieb,« ſagte Nicolaus und wurde feuer⸗ roth, während er ſprach,»ein Hieb; aber ich gab ihn dem, von dem ich ihn habe, zurück, und mit reichlichen Zinſen dazu.« »Na, das haben Sie doch gethan?« rief Johann Browdie aus.»Das war Recht, und Sie gefallen mir deshalb noch einmal ſo gut.« „Die Sache iſt,« ſagte Nicolaus, der nicht recht wußte, wie er ſein Geſtändniß einleiten ſollte,»die Sache iſt, daß ich mißhandelt worden bin.« »Wie?« ſiel Johann Browdie im Tone des Mitleids ein; denn er war ein Rieſe an Kraft und Geſtalt, und es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß Nicolaus in ſeinen Augen nur als ein Zwerg erſchien.»Sagen Sie das nicht!«“ »Ja, ich bin mißhandelt worden,« wiederholte Nico⸗ laus,»von dem Elenden, Squeers, und ich habe ihn tüchtig dafür durchgeprügelt, und verlaſſe deshalb jetzt dieſen Ort.«⸗ »Was?« ſchrie Johann Browdie ſo überlaut, daß der Gaul dadurch ſcheu wurde,»den Schulmeiſter durchge⸗ prügelt? Ha! hal hal den Schulmeiſter geprügelt! Wer hat jemals ſo etwas gehört! Gieb mir Deine Hand noch einmal, junger Burſch! Einen Schulmeiſter geprü⸗ gelt! Der Teufel hole mich, aber ich habe Dich dafür ordentlich lieb gewonnen.« Dieſe Aeußerungen der Zufriedenheit begleitete Johann Browdie mit lautem Gelächter, daß der Wiederhall von nahe und fern nichts als die luſtigſten Ausbrüche des Uebermuthes zurückſandte, und dabei ſchüttelte er Nico⸗ laus die Hand mit der waͤrmſten Herzlichkeit. Als ſeine Heiterkeit nachgelaſſen hatte, fragte er, was Nicolaus 80 Nicolaus Nickleby. jetzt zu thun gedächte; und da dieſer ihn unterrichte, daß er geraden Weges nach London gehen wolle, ſo ſchüttelte er zweifelhaft den Kopf und fragte, ob er wiſſe, wie viel die Eilwagen verlangten, wenn ſie Paſſagiere auf eine ſo bedeutende Entfernung mitnehmen ſollten. »Nein, das weiß ich nicht,« ſagte Nicvlaus;»es liegt mir aber auch nicht viel daran, denn ich will zu Fuße gehen.« »Sie wollen den ganzen Weg nach London zu Fuße gehen?« rief Browdie erſtaunt. »Ja wohl,« erwiederte Nicolaus;»ich ſollte jetzt ſchon eine gute Strecke hinter mir haben, alſo leben Sie wohl!« »Nein, nein,« verſetzte der ehrliche Landmann, der ſein ungeduldiges Pferd zügelte;„ſtehe ſtill, ſage ich dir! — Wie viel haben Sie denn an Gelde bei ſich?« »Nicht viel,« ſagte Nicolaus erröthend,»aber ich kann es genug machen. Wo es ein feſter Wille iſt, findet ſich auch ein Weg.« Johann Browdie erwiederte auf dieſe Bemerkung kein Wort, ſondern griff mit der Hand in die Taſche, zog eine alte Börſe von ſchmutzigem Leder heraus und drang dar⸗ auf, daß Nicolaus von ihm ſo viel borgen ſolle, als er in ſeiner gegenwärtigen Lage bedurfte. »Schämen Sie ſich nicht,« ſagte er,»nehmen Sie, ſo viel Sie brauchen, um nach Hauſe zu kommen. Sie werden es mir ſchon einmal wieder bezahlen.⸗ Nicolaus war durch keine Vorſtellungen zu bewegen, mehr zu borgen, als einen Louisd'or, und Johann Browdie mußte ſich zuletzt damit begnügen, ihm dieſe kleine Summe aufzu⸗ drängen, nachdem er ihm lange gebeten hatte, mehr anzuneh⸗ men, indem er mit gutmüthiger Schlauheit bemerkte, er könne ja, wenn er nicht Alles brauchte, das Uebrige aufe Nicolaus Nickleby. 81 heben, bis er eine Gelegenheit fände, es ihm ohne Koſten zuzuſchicken. »Nehmen Sie jetzt noch dieſes Stück Holz, um ſich damit fortzuhelfen,« fügte er hinzu, indem er Nicolaus ſeinen Stock gab und ihm noch einmal die Hand drückte. »Behalten Sie guten Muth und ſein Sie Gott befohlen! Den Schulmeiſter geprügelt! Es iſt die beſte Geſchichte, die ich ſeit zwanzig Jahren gehört habe.« Indem er dies ſagte, und mit mehr Delikateſſe, als man von ihm hätte erwarten ſollen, in ein neues lautes Gelächter ausbrach, um die Dankſagungen zu vermeiden, in die ſich Nicolaus ergoß, gab Johann Browdie ſeinem Pferde die Sporen und ritt in einem ſcharfen Trabe fort, von Zeit zu Zeit ſich umſehend, während Nicolaus ſtehen blieb, um ihm nachzublicken, und luſtig mit der Hand winkend, um ihn zu ſeiner Reiſe zu ermuthigen. Nicolaus verfolgte Roß und Reiter mit ſeinen Blicken, bis ſie über den Gipfel eines Hügels in der Ferne ver⸗ ſchwanden, und machte ſich darauf rüſtig auf den Weg. Nicolaus ging dieſen Nachmittag nicht mehr weit, denn es war inzwiſchen beinahe dunkel geworden, und da vor kurzem ein ſtarker Schneefall eingetreten war, ſo war nicht allein der Weg beſchwerlich, ſondern auch die Straße nach dem Verſchwinden des Tageslichtes für den, der ſie nicht kannte, unſicher und ſchwer zu finden. Er blieb dieſe Nacht in einer Hütte, die der geringern Claſſe der Reiſenden wohlfeile Herberge gewährte, ſtand am an⸗ dern Morgen bei Zeiten auf und gelangte vor dem Ein⸗ bruche der Nacht nach Boroughbridge. Er ging durch dieſe Stadt, um eine wohlfeilere Ruheſtätte zu finden, und ſtieß einige hundert Schritte ſeitwärts vom Wege auf eine leere Scheuer; in einem warmen Winkel derſel⸗ Nicolaus Nickteby. II. 6 8² Nicolaus Nickleby. ben ſtreclte er ſeine müden Glieder aus und ſiel bald in tiefen Schlaf. Als er am andern Morgen erwachte und ſich ſeine Träume zurückzurufen ſuchte, die alle mit ſeinem jüngſten Aufenthalte zu Todtenbuſchhalle im Zuſammenhange ſtan⸗ den, ſaß er auf, rieb ſich die Augen und ſtarrte, gerade nicht mit der ruhigſten Faſſung, einen bewegungsloſen Körper an, der ſich wenige Schritte vor ihm zu befinden ſchien. »Seltſam!« rief Nicolaus aus;»ſollte dies noch eines der Traumgebilde ſein, die mich kaum verlaſſen haben? Es kann nicht wirklich ſein, und doch— ich bin wach— Smike!« Die Geſtalt bewegte ſich, erhob ſich, trat näher und fiel zu ſeinen Füßen auf die Kniee. Es war in der That Smike. „»Warum hnieeſt Du vor mir nieder?⸗ ſagte Nicolaus, indem er ihn haſtig erhob. »Ich will mit Ihnen gehen— überall— überall hin — bis an der Welt Ende— bis zu dem Kirchhofgrabe,⸗ erwiederte Smike, ſeine Hand ergreifend.»Laſſen Sie, o laſſen Sie mich! Sie ſind mir an der Stelle der Aeltern, mein einziger Freund, o bitte, nehmen Sie mich mit!« —»Ich bin ein Freund, der nur wenig für Dich thun kann, ſagte Nicolaus wohlwollend.»Wie kamſt Du hierher?⸗. Er war ihm von Todtenbuſchhalle aus gefolgt, hatte ihn nie aus dem Geſichte verloren, hatte gewacht, während er ſchlief oder Halt machte, um etwas zu genießen, und hatte ſich gefürchtet, früher hervorzutreten, um nicht zu⸗ rückgeſchickt zu werden. Auch jetzt wollte er ſich noch nicht zeigen, aber Nicolaus war früher erwacht, als er ———— —-—j.— Nicolaus Nickleby. 83 erwartete, und er hatte daher keine Zeit, ſich zu ver⸗ bergen. 3 »Armer Burſch!« ſagte Nicolaus,»Dein hartes Schick⸗ ſal verweigert Dir jeden Freund außer einem, und der iſt beinahe eben ſo arm und hülflos, wie Du ſelbſt.⸗« »Darf ich— darf ich mit Ihnen gehen?« fragte Smike furchtſam.»Ich will Ihr treuer ſtreng arbeitender Die⸗ ner ſein, das will ich wirklich! Ich brauche keine Klei⸗ der,« fügte das arme Geſchöpf hinzu und zog ſeine Lum⸗ pen zuſammen,»dieſe hier ſind gut genug. Ich wünſche nur in Ihrer Nähe zu ſein.« »Und das ſollſt Du!« rief Nicolaus aus.»Die Welt ſoll Dir zutheilen, was ſie mir zutheilt, bis einer von uns ſie mit einer beſſern vertauſcht. Nun komm!« Nit dieſen Worten warf er ſein Felleiſen auf die Schulter, nahm ſeinen Stab in die eine Hand und ſtreckte die andere ſeinem hocherfreuten Pflegbefohlenen entgegen, und ſo ſchritten ſie mit einander aus der alten Scheuer Fuͤnftes Kapitel, welches das Unglück hat, nur von gemeinen Leuten zu handeln und daher nothwendig ſelbſt niedrig und gemein iſt. In jenem Theile von London, in welchem der Gül⸗ denplatz gelegen iſt, findet ſich eine alte vernachläſſigte und verfallene Straße mit zwei unregelmäßigen Reihen hoher ſchmaler Häuſer, die einander ſo lange anſtarren, daß ſie ſchon ſeit Jahren die Faſſung verloren haben. 84 Nicolaus Nickleby. Selbſt die Schornſteine ſcheinen düſter und ſchwermüthig zu ſein, weil ihr Blick immer nur auf die traurigen Schornſteine von gegenüber fällt. Die Zinnen ſind be⸗ ſchädigt, zerriſſen und mit Rauch geſchwärzt, und hier und da geht ein einzelner, der höher emporragt, als die übrigen, indem er ſich ſchwer auf die eine Seite neigt und ſchon halb über das Dach ſtürzt, wie es ſcheint, mit dem Gedanken, um ſich für die Vernachläſſigung eines halben Jahrhunderts zu rächen und die Bewohner der elenden Behauſungen unter ihm zu zermalmen. Die Hühner, welche um die Goſſe herumpickten, ſpran⸗ gen mit einer Steifheit herüber und hinüber, die man nie an einem andern, als einem Stadthuhne ſieht, und aus der ein ehrlicher Hahn vom Lande gar nicht klug werden würde. Die traurige Beſchaffenheit des Geflügels ſtand in vollkommenem Einklange mit dem traurigen Zuſtande, in welchem ſich die Wohnungen der Eigenthümer befan⸗ den. Schmutzig, mit zerzauſ'tem Gefieder und ſchläfrig werden die langſam Herumflatternden, gleich manchen der benachbarten Kinder, auf die Straße geſchickt, um ihren Lebensunterhalt zu gewinnen; ſie hüpfen von Stein zu Stein, um irgend etwas Eßbares zu ſuchen, das im Kothe verborgen iſt, und die Hähne ſind kaum noch im Stande einmal aufzukrähen. Der einzige unter ihnen, der noch irgend etwas hat, was einer Stimme nahe kommt, iſt der alte Paſcha des Bäckers, und ſelbſt dieſer iſt durch die ſchlechte Koſt heiſer geworden, die er an ſeinem letzten Aufenthaltsorte gehabt hat. 4 Nach der Größe der Häuſer zu urtheilen, müſſen dieſel⸗ ben früher in dem Beſitze von Perſonen geweſen ſei in einer günſtigeren Lage befanden, als ihre ge⸗ Inhaber; jetzt werden die verſchiedenen Stockn auch nur einzelne Zimmer auf die Woche vermi . Nicolaus Nickleby. 85 man ſieht im Innern beinahe an jeder Thür einen an⸗ dern Namen, und außen beinahe eben ſo viele Glockenzüge, als das Haus Gemächer hat. Aus demſelben Grunde bieten auch die Fenſter die mannigfaltigſten Erſcheinungen dar, indem ſie mit jeder möglichen Art von gewöhnlichen Borhängen und Gardinen geſchmückt ſind, die man ſich vorſtellen kann. Die Gänge werden durch eine bunte Miſchung von Kindern und Bier⸗ oder Branntweinflaſchen gefüllt und oft unwegſam gemacht; beide, die Kinder wie die Flaſchen, zeigen ſich in jeder denkbaren Größe, von dem Säuglinge auf dem Arme und dem Viertelquart⸗ fläſchchen bis zu dem erwachſenen Maͤdchen und der Flaſche von anderthalb Maaß. Vor der Thür einer dieſer Häuſer, das vielleicht noch etwas ſchmutziger war, als die Nachbarn, welches einen noch größern Vorrath von Glockenzügen, Kindern und Flaſchen beſaß, und das die erſte Ausſtrömung des dicken ſchwarzen Dampfes in all ihrer Friſche erhielt, der Tag und Nacht von einer großen Brauerei in der Nähe aufſtieg; vor der Thür dieſes Hauſes hing ein Zettel, welcher an⸗ zeigte, daß innerhalb ſeiner Mauern noch ein Zimmer zu vermiethen ſei, obwohl der beſte Rechner außer Stande geweſen wäre, zu ermitteln, in welchem Stocke das Ge⸗ mach offen ſtehen konnte, wenn er die äußern Zeichen des Bewohntſeins in Erwägung zog, welche die ganze Fronte des Hauſes von dem Hackebrette am Küchenfenſter bis zu den Blumentöpfen in dem oberſten Dachfenſter zeigte. Auf den Treppen in dieſem Hauſe lagen weder De⸗ cken noch Teppiche, dennoch konnte der Neugierige, der ſich die Mühe nahm, bis in den oberſten Stock hinauf⸗ zuklettern, leicht die Zeichen zunehmender Armuth unter⸗ ſcheiden, wenn auch die Thüren der Zimmer verſchloſſen waren. So hatten die Miethsleute im erſten Stocke, 86 Nicolaus Nickleby. die mit Hausgeraͤth im Ueberfluſſe verſehen waren, einen alten Mahagonitiſch— von wirklichem Mahagoni— auf dem Vorſaale ſtehen, der nur dann hereingezogen wurde, wenn die Gelegenheit es erforderte. Im zweiten Stocke ſank das überflüſſige Hausgeräth auf ein Paar alte Stühle von Tannenholz herab, von denen der eine, der in die Kammer gehörte, eines Beines beraubt und ohne Sitz war. Das darüber gelegene Stockwerk konnte ſich keines andern überflüſſigen Reichthumes rühmen, als ei⸗ nes ſchon halb von den Würmern zerfreſſenen Waſchzu⸗ bers; und auf dem Boden, wo ſich noch zwei Dachkam⸗ mern fanden, waren die koſtbarſten Gegenſtände zwei verſtümmelte Waſſerkrüge und einige zerbrochene Stiefel⸗ wichsflaſchen. Es war auf dieſem Boden, wo ein ältlicher, ärmlich gekleideter Mann mit breitem Geſichte und harten Zügen ſich bückte, um die Thür der andern Kammer außzuſchlie⸗ ßen, in die er mit der Miene des rechtmäßigen Eigen⸗ thümers eintrat, nachdem er die Schwierigkeit überwun⸗ den hatte, den verroſteten Schlüſſel in dem noch mehr verroſteten Schloſſe herumzudrehen. Dieſer Mann trug eine Perrücke von kurzem, groben, rothen Haare, die er mit ſeinem Hute zugleich abnahm und an einen Nagel hing. Nachdem er ſtatt derſelben eine ſchmutzige baumwollene Nachtmütze angelegt und im Dunkeln umhergetaſtet hatte, bis er den Ueberreſt eines Talglichtes fand, klopfte er an die Wand, welche die bei⸗ den Kammern trennte, und fragte mit lauter Stimme, ob Herr Noggs Licht habe. Die Töne, die zurückkamen, waren durch den Bretter⸗ verſchlag gedämpft, und es ſchien außerdem, als ob ſie aus dem Innern eines Kruges oder irgend eines andern Nicolaus Nichleby. Trinkgeſchirrs geäußert würden; aber ſie gehoͤrten New⸗ man und ſie brachten eine bejahende Antwort. »Eine abſcheuliche Nacht, Herr Noggs,« ſagte der Mann in der Nachtmütze, indem er hereintrat, um ſein Licht anzuzünden. »Regnet es,« fragte Newman. „»Ob es regnet!« erwiederte der Andere verdrießlich. »„Ich bin naß durch und durch.« 1 »Ei nun, es gehört nicht ſehr viel dazu, daß es bei Ihnen und bei mir durchdringt, Herr Crowl,“ ſagte Newman, indem er die Hand auf den Schooß ſeines ab⸗ getragenen Rockes legte. »Ja, und das macht es um ſo ärgerlicher,« bemerkte Crowl in demſelben verdrießlichen Tone. Der Sprecher, deſſen harte Geſichtszüge der wahre Iubegriff der Selbſtſucht waren, ſchürte das ſpärliche Feuer beinahe von dem Roſte, leerte das Glas, welches Newman ihm zugeſchoben hatte, und fragte dieſen, wo er ſeine Kohlen habe. 3 Newman Noggs zeigte auf das unterſte Fach eines Brotſchrankes, und Crowl ergriff die Schaufel und warf die Hälfte des kleinen Vorraths auf den Roſt, von dem Newmau, ohne ein Wort zu ſagen, ſie mit der größten Ruhe wieder entfernte. „ Sie wollen jetzt doch nicht etwa anfangen zu ſparen, hoffe ich?« ſagte Crowl. Newman wies auf das leere Glas, als ob dies eine hinreichende Wiederlegung des Vorwurfes geweſen wäre, und ſagte kurz, daß er zum Abendeſſen hinuntergehe. »Zu den Kenwigen?« fragte Crowl. Newman nickte bejahend. »Daran jetzt zu denken!« ſagte Crowl.»Wenn ich nicht geglaubt hätte, daß Sie gewiß nicht gehen würden, 88 Nicokaus Nickleby. weil Sie geſagt hatten, daß Sie nicht hingehen wollten, ſo hätte ich Kenwigs nicht abgeſagt und mir vorgenom⸗ men, den Abend bei Ihnen zuzubringen.«⸗ »Ich mußte es annehmen,« entgegnete Newman. »Sie beſtanden darauf.« »Schön, aber was ſoll ich anfangen?« drängte der ſelbſtfüchtige Menſch, der nie an irgend einen andern dachte.»Es iſt allein Ihre Schuld. Ich will Ihnen etwas ſagen, ich will bei Ihrem Feuer ſitzen bleiben, bis Sie zurückkommen.« Newman warf einen verzweifelnden Blick auf ſeinen kleinen Vorrath von Brennmaterialien; da er aber nicht den Muth hatte, nein zu ſagen, ein Wort, wel⸗ ches er in ſeinem ganzen Leben nie zur rechten Zeit ſa⸗ gen konnte,— ſo wenig zu ſich ſelbſt, als zu einem Andern— ſo willigte er in den Vorſchlag ein und Herr Crowl ging ſogleich daran, ſich mit den Mitteln des armen Newman Noggs ſo behaglich einzurichten, als die Umſtände dies zuließen. Die Miethsleute, deren Crowl unter der Bezeich⸗ nung der Kenwigſe gedacht hatte, waren die Gattin und die jugendlichen Sprößlinge eines Elfenbeindrechslers Kenwigs, der in dem Hanſe als eine Perſon von einiger Bedeutung betrachtet wurde, da er den ganzen erſten Stock einnahm, welcher zwei neben einander liegende Zimmer enthielt. Frau Kenwigs war überdies in ihrem Benehmen eine Dame und von ſehr angeſehener Familie, da ſie einen Oheim hatte, welcher der Einnehmer einer ſtädtiſchen Steuer war. Zu dieſer Auszeichnung kam noch, daß die beiden älteſten ihrer kleinen Maͤdchen zwei⸗ mal wöchentlich nach einer Tanzſchule in der Nachbar⸗ ſchaft gingen und ihr Flachshaar mit blauen Bändern zuſammengebunden hatten, die in üppigen Zöpfen über Nicolaus Nickleby. 89 ihren Rücken herabhingen, und daß ſie kleine weiße Hös⸗ chen mit Krauſen um die Knöchel trugen. Aus allen dieſen und vielen andern Urſachen, die gleich gewichtig, aber zu zahlreich waren, um hier erwähnt zu werden, wurde Madame Kenwigs als eine Perſon angeſehen, deren Bekanntſchaft im höchſten Grade wünſchenswerth war. Sie bildete den Gegenſtand aller Unterhaltungen in der Nachbarſchaft und ſelbſt noch in drei oder vier Häuſern um die Ecke in der nächſten Straße. Es war die Jahresfeier jenes glücklichen Tages, an welchem die herrſchende anglicaniſche Kirche Herrn Kenwigs und Madame Kenwigs verbunden hatte, und Madame Kenwigs hatte, um das Gedächtniß deſſelben dankbar zu begehen, wenige auserleſene Freunde zu einer Partie Karten und einem Abendeſſen in ihrer Behau⸗ ſung eingeladen und ein neues Kleid angezogen, um ihre Gäſte zu empfangen. Das Kleid war von flammender Farbe und nach den jugendlichſten Grundſätzen zuge⸗ ſchnitten, die einen ſo vortheilhaften Eindruck machten, daß Herr Kenwigs ſagte, die acht Jahre ſeiner Verheira⸗ thung und ſeine fünf Kinder kämen ihm vor wie ein Traum, und Madame Kenwigs erſchiene ihm jünger und blühender als am erſten Sonntage, da er ihr Geſellſchaft leiſtete. Madame Kenwigs ſah in ihrem Anzuge in der That ſo ſchön und ſo ſtattlich aus, daß man hätte denken ſollen, ſie hätte wenigſtens eine Köchin und eine Dienſt⸗ magd, und nichts zu thun, als dieſer ihre Befehle zu ertheilen; aber ſie hatte mit ihren Vorbereitungen un⸗ ſägliche Unruhe gehabt und wirklich mehr, als ſie bei ihrer zärtlichen und vornehmen Conſtitution würde er⸗ tragen haben, wenn ſie der Stolz der Hausfrau nicht aufrecht gehalten hätte. Endlich war Alles, was zu⸗ ſammengebracht werden mußte, zuſammengebracht und, 90 Nicolaus Nicklebn. was aus dem Wege zu ſchaffen war, aus dem Wege ge⸗ ſchafft; Alles war bereit, und da der Steuereinnehmer zu kommen verſprochen hatte, ſo lächelte dem Feſte alles Glück, welches man wünſchen konnte. Die Geſellſchaft war mit großer Umſicht ausgewählt. Zuerſt war Herr Kenwigs und Madame Kenwigs und vier kleine Kenwigs, die zum Abendeſſen aufblieben, zu vörderſt, weil es in der Ordnung war, daß ſie an einem ſolchen Tage an dem Feſte Theil nahmen, und ſodann, weil es unpaſſend, um nicht zu ſagen, unanſtändig ge⸗ weſen wäre, wenn ſie im Beiſein der Geſellſchaft zu Bette gegangen wären. Nächſtdem war die junge Dame da, die das Kleid der Madame Kenwigs gemacht hatte und die, da ſie im zweiten Stocke hinten heraus wohnte, was gewiß nicht zweckmäßiger hätte eingerichtet werden können, ihr Bette dem jüngſten der Sprößlinge einge⸗ räumt und ein kleines Mädchen beſtellt hatte, um das Kind zu warten. Um der jungen Dame Geſellſchaft zu leiſten, war ein junger Mann eingeladen, der mit Herrn Kenwigs in ſeinem Junggeſellenſtande bekannt gewe⸗ ſen und bei den Damen ſehr beliebt war, da er in dem Rufe eines Wildfangs ſtand. Hierzu kam ein junges Ehepaar, welches die Familie Kenwigs nach der Ver⸗ lobung beſucht hatte, und eine Schweſter von Madame Kenwigs, die für eine Schönheit galt, ſowie ein junger Mann, von dem man vorausſetzte, daß er ehrenvolle Abſichten auf die letzterwähnte Dame habe; und Herr Noggs, dem die Auszeichnung einer Einladung zu Theil wurde, weil er einmal ein Mann von Stande geweſen war. Auch war eine ältliche Dame aus dem Hinter⸗ zimmer vom Erdgeſchoſſe da und noch eine junge Dame, die nächſt dem Steuereinnehmer vielleicht die größte Merkwürdigkeit in der Geſellſchaft war; denn ſie war ———;— — ———ỹ—L———:— Nicolaus Nickleby. 91 die Tochter eines Lampenanzünders von einem der Theater; ſie trat zuweilen als Figurantin auf und hatte die größte Anlage zum Theater, die man noch je ge⸗ ſehen, da ſie im Stande war, zu ſingen und zu dekla⸗ miren, daß Madame Kenwigs die Thränen in die Augen traten. Ein einziger Uebelſtand miſchte ſich dem Ver⸗ gnügen bei, ſo ausgezeichnete Freunde zu ſehen, und dieſer war, daß die Frau aus dem Erdgeſchoß, die ſehr beliebt und in den Sechzigen war, in einem gemeinen Muslinkleide und kurzen Lederhandſchuhen kam, was Madame Kenwigs ſo aufbrachte, daß dieſe Dame ihrer Schweſter im Vertrauen verſicherte, ſie würde ihre Ein⸗ ladung zurückgenommen haben, wenn das Abendeſſen nicht in dem Hinterzimmer des Erdgeſchoſſes bereits auf dem Feuer ſtände. »Meine Liebe,« begann Herr Kenwigs,»wäre es nicht am beſten, wenn wir ein Spiel anfingen?« »Lieber Kenwigs,“« erwiederte die zärtliche Gattin, »ich wundere mich über Dich. Willſt Du denn ohne meinen Oheim anfangen?« »Ich habe den Einnehmer vergeſſen,« ſagte Kenwigs, »nein, das geht nicht.« »Er iſt ſo eigen,« bemerkte Madame Kenwigs, in⸗ dem ſie ſich zu der andern verheiratheten Dame wandte, »daß er mich aus ſeinem Teſtamente auslaſſen würde, wenn wir ohne ihn anfingen.« „»Mein Gott!« rief die verheirathete Dame aus. »Sie haben keine Vorſtellung davon, wie er iſt,⸗ verſetzte Madame Kenwigs,» und doch iſt er ein ſo gut⸗ müthiges Geſchöpf, wie je eines gelebt hat.« »Der beſte Mann, den man ſich denken kann,“« ſagte Kenwigs. ⸗Es ſchneidet ihm durch das Herz, glaube ich, die 92 Leute pfänden zu müſſen, wenn ſie die Steuer nicht be⸗ zahlen,« ſetzte der unverheirathete Freund hinzu, der einen Scherz machen wollte. »George,“« ſagte Herr Kenwigs ernſthaft,»nichts der Art, wenn Du mein Freund ſein willſt.« »Es war ja nur ein Spaß von mir,“« ſagte der Freund verlegen. »George,« nahm Herr Kenwigs wieder das Wort, »ein Spaß iſt ſehr gut,— gewiß ſehr gut,— wenn der Spaß aber auf Koſten der Gefühle meiner Frau gemacht wird, muß ich mich dagegen erklären. Ein Mann, der eine öffentliche Stellung einnimmt, kann nichts Anderes erwarten, als daß über ihn geſpottet wird; das iſt die Schuld ſeiner erhabenen Stellung, nicht die ſeinige. Der Oheim meiner Frau iſt ein öffentlicher Character, das weiß er, George, und kann die Folgen davon tra⸗ gen; aber um meine Frau ganz aus dem Spiele zu laſſen— wenn ich in einer ſolchen Sache meine Frau aus dem Spiele laſſen könnte— ich habe die Ehre, mit dem Einnehmer durch meine Heirath verwandt zu ſein, und kann dieſe Bemerkungen«— er wollte ſagen in meinem Hauſe, verbeſſerte ſich aber und ſagte:—»in meinem Zimmer nicht dulden.« Bei dem Schluſſe dieſer Erinnerung, die von Seiten der Madame Kenwigs Zeichen der tiefſten Rührung her⸗ vorrief und die beabſichtigte Wirkung hatte, der Geſell⸗ ſchaft einen hohen Begriff von der Würde des Einneh⸗ mers zu geben, wurde ein ſtarker Zug an der Klingel vernommen. »Das iſt er,« flüſterte Herr Kenwigs in großer Auf⸗ regung.»Morlina, mein Kind, laufe hinunter und laſſe den Oheim herein und küſſe ihn, ſo wie Du die Thür aufhaſt! Hm! Wir wollen ein Geſpräch anfangen.“ Nicolaus Nickleby. Nicolaus Nickleby. 93 Die Geſellſchaft folgte der Aufforderung des Herrn Kenwigs und ſprach laut unter einander, um zu zeigen, daß man nicht in Verlegenheit ſei. Kaum hatte dieſe Unterhaltung aber begonnen, als ein kurzer alter Herr, mit einem Geſichte, welches eben ſo gut aus lignum vitae geſchnitzt, als von irgend einem andern Stoffe ſein konnte, von der kleinen Morlina Kenwigs luſtig herein⸗ geführt wurde. Morlina hatte, wie wir hier beiläufig bemerken wollen, ihren ungewöhnlichen Namen nach ei⸗ ner ausdrücklichen Anweiſung erhalten, die Madame Kenwigs vor ihrer erſten Niederkunft ertheilte, um ihrem älteſten Kinde, falls daſſelbe eine Tochter würde, eine beſondere Auszeichnung zu verleihen. »Ach, lieber Oheim,« ſagte Madame Kenwigs und küßte den Einnehmer zärtlich auf beide Wangen,»ich bin ſo froh, Sie zu ſehen, ſo froh!« »Viele glückliche Wiederholungen dieſes Tages, meine Liebe,“ entgegnete der Einnehmer, das Compliment er⸗ wiedernd. Es war eine intereſſante Scene. Hier war ein Steuereinnehmer ohne ſein Buch, ohne Feder und Tinte, ohne ſeine einſchüchternde Amtsmiene, der ein hübſches Weib küßte, wahrhaftig küßte, und alle Steuern, An⸗ mahnungen und Drohungen, mit denen dieſe Herren ſonſt ſo reichlich verſehen ſind, völlig bei Seite ließ. Es war ein Vergnügen, es mit anzuſehen, wie die Geſellſchaft, ganz verloren in dieſem Anblicke, ihn anſtaunte und ſich zuwinkte und zunickte, um ihre Verwunderung darüber zu erkennen zu geben, daß ein Steuereinnehmer ſo men⸗ ſchenfreundlich ſein könnte. »Wo wollen Sie ſitzen, lieber Oheim?« ſagte Ma⸗ dame Kenwigs, in dem vollen Bewußtſein ihres Fami⸗ ℳ 94 Nicolaus Nickleby. lienſtolzes, der durch das Erſcheinen eines ſo ausgezeich⸗ neten Verwandten erweckt worden war. »Wo Du willſt, meine Liebe,« ſagte der Einnehmer. „»Mache keine Umſtände!« Keine Umſtände! Was für ein ſanfter Steuereinneh⸗ mer. Wenn es ein Schriftſteller geweſen wäre, der ge⸗ wußt hätte, welcher Platz ihm gebührte, er hätte nicht beſcheidener ſein können. »Herr Steuereinnehmer,« ſagte Kenwigs, indem er den Einnehmer anredete,»einige meiner Freunde wünſchen die Ehre zu haben— ich danke Ihnen— Herr und Madame Cutler!« »Stolz darauf, Sie kennen zu lernen, Herr Einneh⸗ mer,« ſagte Herr Cutler.»Habe ſchon oft von Ihnen gehört.“ Dies war keine leere Aeußerung der Höflich⸗ keit, deun da Cutler eine Zeitlang in des Einnehmers Viertel gewohnt hatte, ſo hatte er wirklich ſehr oft von ihm gehört. Der Einnehmer hatte bei ſeinen Beſuchen die ſtrengſte Pünktlichkeit beobachtet. »George, ich glaube, Du kennſt den Herrn Einneh⸗ mer ſchon,« ſagte Kenwigs.„Die Dame von unten aus dem Hauſe— Herr Steuereinnehmer Lillyvick! Herr Snewkes— Herr Steuereinnehmer Lillyvick! Fräulein Green— Herr Steuereinnehmer Lillyvick! Herr Steuereinnehmer Lillyvick— Fräulein Petowker vom Druyylanetheater. Freut mich ſehr, zwei öffentliche Charaktere mit einander bekannt zu machen. Liebe Fran, willſt Du uns Marken austheilen?« Madame Kenwigs that, wie ihr geboten war, wobei ihr Newman Noggs hülfreiche Hand leiſtete, dem, da er zu allen Zeiten und Gelegenheiten kleine Handlungen der Gefälligkeit für die Kinder verrichtete, ſeine Bitte gewährt wurde, nicht beſonders vorgeſtellt zu werden, Nicolaus Nickleby. 95 und von dem daher nur im halblauten Flüſtern als von dem herabgekommenen Herrn geſprochen wurde. Die Mehrzahl der Gäſte ſetzte ſich hierauf zu einem geſell⸗ ſchaftlichen Spiele nieder, während Newman, Madame Kenwigs und Fräulein Petowker vom Drurylanetheater nach dem Abendeſſen ſahen. Während die Damen auf dieſe Weiſe beſchäftigt wa⸗ ren, wandte Herr Lillyvick ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf das Spiel, und da ein Einnehmer immer auf das Einnehmen bedacht ſein muß, ſo trug der liebe alte Herr nicht das geringſte Bedenken, ſich das Eigenthum ſeiner Nachbarn zuzueignen, welches er vielmehr an ſich zu bringen wußte, ſo oft ſich eine Gelegenheit zeigte. Dabei lächelte er ſo wohlgelaunt und richtete ſo viele herab⸗ laſſende Reden an die Eigner, daß dieſe von ſeiner Lie⸗ benswürdigkeit ganz entzückt waren und in ihrem Her⸗ zen dachten, daß er wenigſtens Finanzminiſter zu ſein verdiente. Nach bedentender Mühe und Unruhe und nach der Vertheilung mancher Streiche auf die Häupter der ju⸗ gendlichen Kenwigſe, von denen zwei der Widerſpenſtig⸗ ſten ſummariſch verbannt wurden, ward das Tiſchtuch mit vieler Eleganz ausgebreitet, und es erſchienen ein Paar abgekochte Hühner, ein großes Stück Schweine⸗ fleiſch, eine Apfelpaſtete, Kartoffeln und Gemüſe. Bei dieſem Anblicke gab der würdige Herr Lillyvick eine Menge witziger Einfälle zum Beſten, und machte ſich darauf, zu der außerordentlichen Freude und Genug⸗ thuung der ganzen Zahl ſeiner Bewunderer, auf erſtaun⸗ liche Weiſe an das Werk. Das Abendeſſen ging vortrefflich und in wunderbarer Eile vorüber, indem ſich keine größeren Schwierigkeiten darboten, als jene, die aus der unabläſſigen Nachfrage 96 nach reinen Meſſern und Gabeln hervorgingen, welche die arme Frau Kenwigs mehr als einmal wünſchen lie⸗ ßen, daß in Privatgeſellſchaften der Grundſatz angenom⸗ men würde, der in manchen Koſtſchulen herrſcht, wo jeder Gaſt Meſſer, Gabel und Löffel mitbringen muß. Eine ſolche Einrichtung würde in vielen Fällen gewiß große Erleichterung gewähren und Niemandem mehr als dem Herrn und der Frau vom Hauſe, zumal wenn der Schulgrundſatz in ſeiner vollen Ausdehnung angenommen würde, nach dem man erwartet, daß die Gäſte Zartge⸗ fühl genug beſitzen, um jene Gegenſtände nicht wieder mit ſich hinweg zu nehmen. Jedermann hatte Alles verzehrt, was vor ihm ſtand die Tafel war mit beunruhigender Geſchwindigkeit und gewaltigem Geräuſche geleert; die geiſtigen Getraäͤnke, denen die Augen des guten Newman Noggs entgegen⸗ glänzten, waren nebſt heißem und kaltem Waſſer in ge⸗ höriger Ordnung aufgeſtellt; und die Societät ſchickte ſich an, ſich den Freunden der Geſelligkeit zu ergeben. Herr Lillyvick nahm den großen Armſtuhl am Kamine ein, und die vier kleinen Kenwigſe wurden auf eine kleine Bank vor der Geſellſchaft hingeſetzt, ſo daß ſie dieſer ihre Flachszöpfe, und ihre Geſichter dem Feuer zukehr⸗ ten. Kaum war dieſe Anordnung vollendet, als Ma⸗ dame Kenwigs von den Gefühlen einer Mutter überwäl⸗ tigt wurde und in Thränen aufgelöſ't auf die linke Schulter des Herrn Kenwigs fiel. „ Sie ſind zu ſchön,« ſagte Madame Kenwigs ſchluchzend. »Ach Gott,« ſagten die Damen aus einem Munde, „das ſind ſie, und es iſt ſehr natürlich, daß Sie ſtolz Nicolaus Nickleby.* darauf ſind; aber bleiben Sie ruhig, bitte, bleiben Sie ruhig!« —, Nicolaus Nickleby. 97 »Ich kann— ich kann nicht anders, und es hat nichts zu bedeuten,« ſchluchzte Madame Kenwigs.»Ach, ſie ſind zu ſchön, als daß ſie am Leben bleiben könnten, viel zu ſchön!« Als die kleinen Mädchen dieſe traurige Vorherver⸗ ndigung hörten, die ſie zu einem frühen Tode in der ithe ihrer Kindheit verurtheilte, erhoben ſie alle vier ein abſcheulich Geſchrei, bargen zugleich ihre kleinen Köpfe in dem Schooße ihrer Mutter und ſchrieen, bis die acht Flachszöpfe auf ihrem Rücken zu kanzen anfin⸗ gen, während Madame Kenwigs mit Geherden der Ver⸗ zweiflung, die Fräulein Petowker ſelbſt hätte copiren können, ſie abwechſelnd an den Buſen drückte. Endlich ließ die ängſtliche Mutter ſich vermögen, zu einem ruhigen Zuſtande zurückzukehren, und da auch die, vier kleinen Keuwigschen befänftigt waren, ſo wurden ſie unter die Geſellſchaft vertheilt, um es nicht wieder dahin kommen zu laſſen, daß Madame Kenwigs durch das Zu⸗ ſammenwirken ihrer vereinten Schönheit überwältigt würde. Nachdem dies geſchehen war, vereinigten ſich die Damen und Herren zu der Prophezeinng, daß ſie noch viele, viele Jahre leben würden, und daß Madame Kenwigs nicht die geringſte Urſache habe, ſich Sorgen zu machen. Auch ſchien in der That keine Urſache vor⸗ handen zu ſein, da die Liebenswürdigkeit der Kinder auf keine Weiſe ihre Beſorgniß rechtfertigte. »Heute vor acht Jahren,« ſagte Herr Kenwigs nach einer Pauſe.»Lieber Himmel!— ach!« Dieſe Betrachtung wurde von allen Anweſenden wie⸗ derholt, die zuerſt»ach!« ſagten und dann»lieber Him⸗ mel!« hinzuſetzten. »Damals war ich jünger,« kicherte Madame Kenwigs. »Nein!« ſagte der Einnehmer. Nicolaus Nickleby. II. 7 4 —— 98 Nicolaus Nickleby. »Gewiß nicht,« fügte ein Jeder hinzu.. »Ich erinnere mich meiner Nichte,« bemerkte Herr Lillyvick, indem er mit ernſter Miene die Geſellſchaft überblickte;»ich erinnere mich ihrer noch an dem Nach⸗ mittage, als ſie ihrer Mutter zuerſt ihre Neigung für Kenwigs geſtand. Mutter,“ ſagte ſie,'ich liebe ihn.“ »Bete ihn an, ſagte ich, Oheim,« verbeſſerte Madame Kenwigs.. „»Liebe ihn, denke ich, meine Liebe,« ſagte der Einneh⸗ mer mit Feſtigkeit. „Vielleicht haben Sie Recht, lieber Oheim,« erwiederte Madame Kenwigs unterwürfig.»Ich glaubte, es wäre geweſen: bete ihn an.« „»Liebe ihn, meine Beſte,« wiederholte Herr Lillyvick. »Mutter, ſagte ſie, ich liebe ihn.„Was höre ich?: ruft die Mutter aus und fällt auf der Stelle in ſtarke Con⸗ vulſionen.« Ein allgemeiner Ausruf des Erſtaunens erhob ſich von der Geſellſchaft. „In ſtarke Convulſionen,« wiederholte Herr Lillyvick, indem er ſie mit ſtrengem Blicke betrachtete.»Kenwigs wird mich entſchuldigen, wenn ich es in der Gegenwart von Freunden ſage, aber es fand ein bedeutender Ein⸗ wand gegen ihn Statt, weil er an Rang unter der Fa⸗ milie ſtand, und man fürchtete, daß er ihr keine Ehre machen würde. Erinnern Sie ſich noch, Kenwigs?« »Allerdings,« erwiederte dieſer, der über die Erinne⸗ rung nichts weniger als mißvergnügt war, weil ſie uber die Möglichkeit jedes Zweifels hinaus bewies, was für einer erhabenen Familie ſeine Gattin angehörte. »Ich theilte dieſe Anſicht,« ſagte Herr Lillyvick, viel⸗ leicht war ſie natürlich, vielleicht nicht.« Ein leiſes Murmeln ſchien es anzuerkennen, daß bei 4 — Nicolaus Nickleby. einem Manne von Herrn Lillyvicks Stande ſeine Ein⸗ wendung nicht allein natürlich, ſondern ſehr preiswür⸗ dig war. »Ich ſöhnte mich allmälig mit ihm aus,« verſetzte Herr Lillyvick.»Nachdem ſie verheirathet waren und die Sache nun einmal nicht mehr zu ändern ſtand, war ich einer der erſten, der ſagte, daß man Kenwigs beachten müſſe. Die Familie beachtete ihn dem gemäß und auf meine Vorſtellung; und ich bin verpflichtet, einzugeſtehen— und ſtolz, es zu erklären,— daß ich in ihm immer einen ſehr ehrlichen, wohlgeſitteten, aufrichtigen und achtbaren Mann gefunden habe. Kenwigs, wir wollen uns die Hand geben.« »Ich bin ſtolz darauf, dies zu thun,« ſagte Herr Ken⸗ wigs. »Das bin auch ich,« verſetzte Herr Lillyvick. »Ich habe mit Ihrer Nichte ein ſehr glückliches Leben geführt,« verſicherte Kenwigs. »Es wäre Ihre eigene Schuld geweſen, wenn Sie das nicht hätten,« bemerkte Herr Lillyvick. »Morlina,« rief die Mutter bei dieſer Entwickelung, tief gerührt:»Küſſe Deinen Oheim!« Das junge Mädchen that, wie ihr aufgegeben war, und die drei andern Kinder wurden nach einander zu dem Antlitze des Einnehmers emporgehoben und demſel⸗ ben Verfatren unterworfen, welches darauf von der Mehrzahl der Anweſenden wiederholt wurde. »Ach Gott, Madame Kenwigs,« ſagte Fräulein Petowker,»laſſen Sie doch Morlina vor Herrn Lilly⸗ vick den Pas tanzen,— Sie wiſſen ſchon,— wäh⸗ rend Herr Noggs den Punſch macht, indem wir die Wiederkehr dieſes fröhlichen Feſtes trinken wollen.« 7* Nieolaus Nickleby. »Nein, nein, meine Gute,« entgegnete Frau Ken⸗ wigs,»es würde meinen Oheim nur langweilen.« »Es kann ihn nicht langweilen, das weiß ich ge⸗ wiß,« ſagte Fräulein Petowker.»Es wird Ihnen recht angenehm ſein, nicht wahr, Herr Einnehmer?« »Das wird es zuverläſſig,« erwiederte der Einneh⸗ mer, indem er einen Blick auf den Punſchmiſcher warf. »Gut, ſo will ich Ihnen etwas ſagen,« bemerkte Madame Kenwigs.»Morlina ſoll tanzen, wenn der Oheim Fräulein Petowker überreden kann, uns hernach des Bluttrinkers Begräbniß zu deklamiren.« Alle Hände klatſchten Beifall bei dieſem Vorſchlage, und die Dame, welcher dies galt, neigte zum Zeichen ihrer Dankbarkeit mehrmals ſanft das Haupt. »Sie wiſſen,« ſagte Fräulein Petowker vorwurfs⸗ voll,»daß ich in Privatgeſellſchaften mich ungern als Künſtlerin zeige.« „O, aber doch nicht hier?« entgegnete Madame Kenwigs.»Wir ſind Alle ſo freundſchaftlich und ver⸗ gnügt, daß Sie eben ſo gut in Ihrem eigenen Zimmer auftreten könnten; außerdem iſt die Gelegenheit—« »Einer ſolchen Aufforderung kann ich nicht wider⸗ ſtehen,« unterbrach ſie Fraͤulein Petowker.»Es wird mir Vergnügen machen, Alles zu thun, was in meinen Kräften ſteht.«. Madame Kenwigs und Fräulein Petowker hatten unter ſich ein kleines Programm der Unterhaltungen verabredet, indem dies die vorgeſchriebene Ordnung war; ſie hatten aber zugleich ausgemacht, daß man ſich auf beiden Seiten etwas zureden laſſen ſollte, weil dies natürlicher ausſahe. Da die Geſellſchaft bereit war, ſo ſummte Fränulein Petowker eine Melodie und Morlina kanzte einen Tanz, nachdem ihr die Schuhſoh⸗ Nicolaus Nickleby. len vorher mit ſo vieler Sorgfalt angekreidet waren, als ob ſie auf dem geſpannten Seile gehen ſollte. Es war ein wunderſchöner Pas, bei dem die Arme beinahe eben ſo viel zu thun hatten, als die Beine, und wurde mit unbegrenztem Beifall aufgenommen. »Wenn ich das Glück hätte, ein— ein Kind zu haben,« ſagte Fräulein Petowker erröthend,„das ſo viel Genie zeigte, ſo würde ich es ſogleich im Ballet auftreten laſſen.« 1 Madame Kenwigs ſeufzte und ſah Herrn Kenwigs an, der den Kopf ſchüttelte und bemerkte, daß er doch ſeine Bedenken habe. »Kenwigs iſt beſorgt,« meinte ſeine Gattin. »Wovor?« fragte Fräulein Petowker,»doch nicht, daß es ihr mißlingen könnte?« „»O nein,« erwiederte Madame Kenwigs, vaber wenn ſie ſo aufwüchſe, wie ſie jetzt iſt, denken Sie an die jungen Grafen und Barone!« »Sehr wahr,« ſagte der Einnehmer. »Doch,« wandte Fränulein Petowker ein,»darf ſie nur die nöthige Selbſtachtung haben.« »Daran liegt allerdings ſehr viel,« bemerkte Ma⸗ dame Kenwigs, indem ſie ihren Gatten auſah. » Ich weiß nur,« ſtammelte Fräulein Petowker, —»es mag keine allgemeine Regel ſein, aber ich habe niemals eine Ungelegenheit oder Unannehmlichkeit der Art erfahren.« Herr Kenwigs erklärte mit gebührender Galanterie, daß dies die Frage ohne Weiteres entſcheide, und daß er die Sache in ernſtere Erwägung ziehen wolle. Nach⸗ dem dieſer Beſchluß gefaßt war, wurde Fraͤulein Pe⸗ towker erſucht, des Bluttrinkers Begräbniß zu begin⸗ nen. Die junge Dame löſte zu dieſem Zwecke ihr Haar . Nicolaus Nickleby. auf und nahm ihre Stellung an dem andern Ende des Zimmers, wo der unverheirathete Freund in einen Win⸗ kel geſtellt wurde, um bei den Schlußworten im Tod verſcheiden« hervorzuſpringen und ſie, wenn ſie von ra⸗ ſendem Wahnſinn ergriffen, ſterben mußte, in ſeinen Ar⸗ men aufzufangen. So ging die Vorſtellung vor ſich. Fräulein Petowker entwickelte ihr Talent mit außeror⸗ dentlicher Lebendigkeit und zu dem nicht geringen Schre⸗ cken der kleinen Kenwigſe, die vor Angſt beinahe außer ſich geriethen. Die Begeiſterung, welche dieſe Leiſtung hervorrief, hatte noch nicht nachgelaſſen, und Newman, den man zu ſo ſpäter Stunde ſeit langer Zeit nicht ſo nüchtern geſehen hatte, war noch nicht im Stande geweſen, ſeine Ankündigung anzubringen, daß der Punſch fertig ſei, als man ein heftiges Pochen an der Thür des Zimmers vernahm, wobei Madame Kenwigs in einen lauten Schrei ausbrach, weil ſie ſogleich vorausſetzte, daß ihr Kleines aus dem Bette gefallen ſei. „Wer iſt da?« fragte Herr Kenwigs ungehalten. »Sein Sie unbeſorgt, ich bin es nur,« ſagte Crowl, der in ſeiner Nachtmütze hereinſah.»Dem Kinde ſehlt nichts, denn ich ſah in das Zimmer, als ich herunter kam; es iſt eingeſchlafen und das Mädchen auch, und ich glaube nicht, daß das Licht die Bettvorhänge an⸗ zünden wird, wenn nicht ein Windzug in das Zimmer kommt. Es iſt Herr Noggs, der verlangt wird.« „Ich?« rief Newman ſehr erſtaunt aus. »Ja, es iſt eine ſeltſame Stunde, nicht wahr?« er⸗ wiederte Crowl, der nicht beſonders damit zufrieden war, daß er ſein Feuer verlieren ſollte,»und es ſind ſeltſam ausſehende Leute, ganz bedeckt mit Regen und 103 Koth. Soll ich ihnen ſagen, daß ſie wieder weggehen müſſen?« »Nein,« ſagte Newman aufſtehend.„»Leute? Wie viel?« „»Zwei,« entgegnete Crowl. »Die nach mir verlangen? Bei meinem Namen?⸗ fragte Newman. »Bei Ihrem Namen,« verſetzte Crowl.»Herr New⸗ man Noggs, ſo deutlich, wie möglich.« Newman überlegte ein Paar Sekunden und eilte daun hinweg, indem er murmelte, daß er ſogleich wieder da ſein würde. Er hielt ſein Wort, denn nach einigen Augenblicken brach er in das Zimmer, ergriff ohne ein Wort der Entſchuldigung oder der Erklärung ein bren⸗ nendes Licht und ein großes Glas voll Punſch und ſtürzte von dannen wie ein Raſender. »Was zum Teufel hat denn das zu bedeuten?« rief Crowl aus, indem er die Thür aufriß.»Hört! Iſt oben kein Lärm?« Die Gäſte erhoben ſich in gewaltiger Unordnung, ſahen einander mit großer Verwirrung und einiger Be⸗ ſorgniß an, ſtreckten den Hals aus und lauſchten auf⸗ merkſam. Nicolaus Nickleby. ☛ Nicolaus Nickleby.. Sechstes Kapitel, unterrichtet den Leſer von der Urſache und Veranlaſſung des Einbruches, der in dem letzten Kapitel beſchrieben iſt, und von einigen andern Dingen, die zu wiſſen nöthig ſind. Newman Noggs kletterte in wilder Eile die Trep⸗ pen hinauf, das dampfende Getränk in der Hand, das er mit ſo wenig Umſtänden von der Tafel des Herrn Kenwigs entfernt und in der That dem Einnehmer bei⸗ nahe aus den Händen geriſſen hatte, der den Inhalt des Glaſes in dem Augenblicke ſeiner unerwarteten Ent⸗ fremdung mit den lebhafteſten Zeichen des Vergnügens in den Mienen betrachtete. Er trug ſeine Beute gera⸗ des Weges nach ſeiner eigenen Dachkammer, wo mit wunden Füßen und beinahe ohne Schuhe, naß, ſchmutzig, ermattet und durch alle Spuren eines ermüdenden Mar⸗ ſches entſtellt, Nicolaus und Smike ſaßen, der Letzte zu⸗ gleich die Urſache und der Genoſſe aller dieſer Noth, Beide durch ihre ungewohnte und lange fortgeſetzte An⸗ ſtrengung völlig erſchöpft. Newmans erſtes Beginnen war, daß er Nicolaus mit ſanfter Gewalt zwang, die Hälfte des Punſches, glühend wie er war, auf einen Zug hinunterzuſtürzen, und das Nächſte, daß er den Reſt Smike hinuntergoß, der, da er nie in ſeinem Leben ein ſtärkeres Getränk ge⸗ noſſen hatte als purgirende Medicin, durch die ſonder⸗ barſten Geberden ſeine Ueberraſchung und ſein Verguü⸗ gen ausdrückte, während der Trank ſeine Kehle hinab⸗ ——„—— ——,——, c 2 Nicolaus Nickteby. 105 glitt, und ſeine Augen merkwürdig verdrehte, als er ganz hinunter war. »Sie ſind völlig durchnäßt,« ſagte Newman, indem er mit der Hand ſchnell über den Rock fuhr, den Nico⸗ laus abgeworfen hatte;»und ich— ich habe keine an⸗ dern Kleider, als die ich trage,« fügte er hinzu und warf einen ernſten Blick auf ſeinen eigenen ſchäbigen Anzug.. »Ich habe trockene Kleider oder wenigſtens ſolche, deren ich mich wohl bedienen kann, in meinem Fellei⸗ ſen,« erwiederte Nicolaus.»Wenn es Sie ſo unglück⸗ lich macht, mich zu ſehen, ſo vermehren Sie nur den Kummer, den ich ſchon habe, daß ich für eine Nacht Ihre ſpärlichen Mittel anſprechen muß, um Schutz und Obdach zu finden.« Newman ſah nicht weniger unglücklich aus, als er Nicolaus auf dieſe Weiſe ſprechen hörte; da aber ſein junger Freund ihn herzlich bei der Hand ergriff und ihn verſicherte, daß nichts als das unbegrenzteſte Vertrauen zu der Aufrichtigkeit ſeiner Geſinnungen und ſeines Wohlwollens ihn vermocht hätte, um irgend einen Preis in der Welt ihm auch nur ſeine Ankanft in London be⸗ kannt werden zu laſſen, ſo erheiterte ſich Herr Noggs wieder, und er ging nun mit der äußerſten Freudigkeit daran, zu der Bequemlichkeit ſeiner Gäſte alle Anord⸗ nungen zu treffen, die in ſeiner Macht ſtanden. Dieſe Anordnungen waren freilich einfach genug, denn die Mittel des armen Newman blieben in bedeu⸗ tender Entfernung hinter ſeinen Neigungen zurück; aber ſo einfach ſie waren, wurden ſie nicht ohne vieles Ge⸗ räuſch und vielfaches Hin⸗ und Wiederlaufen getroffen. Da Nicolaus ſeinen geringen Geldvorrath ſo gut zu Rathe gehalten hatte, daß derſelbe noch nicht ganz aus⸗ Nicolaus Nickleby. 1⁰6— gegeben war, ſo wurde bald ein Abendeſſen von Brot und Käſe mit einem Stück kalten Rindsbraten aus der Garküche auf den Tiſch geſetzt, und da dieſen Mund⸗ vorräthen eine Flaſche Branntwein und ein Krug Bier zur Seite ſtand, ſo war wenigſtens in Bezug auf Hun⸗ ger und Durſt kein Grund zur Beſorgniß vorhanden. Die Vorbereitungen, die Newman treffen konnte, um ſeine Gäſte während der Nacht unterzubringen, erſor⸗ derten eben nicht all zu viele Zeit. Dagegen drang er vor allen Dingen darauf, daß Nicolaus ſeine Kleider wechſelte und daß Smike ſeinen eigenen Rock anzog, den einzigen, den er beſaß, und den er durch keine Bit⸗ ten ſich abhalten ließ, zu dieſem Zwecke von ſich zu le⸗ gen. Nachdem dies geſchehen war, nahmen die Reiſen⸗ den ihr dürftiges Mahl mit mehr Zufriedenheit ein, als wenigſtens einer von ihnen bei mancher beſſeren Mahl⸗ zeit gefühlt hatte. Sie ſetzten ſich hierauf an das Feuer, welches Newman Noggs ſo gut in Gang brachte, als ſich dies nach der Verwüſtung, die Crowl unter dem Brennmateriale an⸗ gerichtet hatte, noch thun ließ. Nicolaus war bisher durch die unabläſſigen Aufforderungen ſeines Freundes, daß er nach ſeiner Reiſe ſich erfriſchen ſollte, abgehalten worden, ein Geſpräch anzuknüpfen; um ſo mehr be⸗ ſtürmte er ihn aber jetzt mit Fragen über ſeine Mutter und Schweſter. „»Sie ſind wohl,« antwortete Newman mit ſeiner gewöhnlichen Einſilbigkeit,»beide wohl.« »Wohnen ſie noch in der City?« fragte Nicolaus. »Ja,« ſagte Newman. »Und meine Schweſter?« forſchte Nicolaus.»Iſt ſie noch in dem Geſchäfte, von dem ſie mir ſchrieb, ſie glaube, daß es ihr ſo ſehr gefallen würde?« 107 Newman öffnete die Augen etwas weiter als ge⸗ wöhnlich, antworkete aber nur durch ein tiefes Aufath⸗ men, welches von ſeinen Freunden nach der Bewegung des Kopfes, die daſſelbe begleitete, als eine Bejahung oder Verneinung gedeutet wurde. In dem gegenwärtigen Falle beſtand die Pantomime in einem Nicken und nicht in einem Schütteln, Nicolaus nahm die Antwort daher für eine günſtige. »Nun hören Sie,« ſagte Nicolaus, indem er die Hand auf Newmans Schulter legte.„»Ehe ich einen Verſuch machen wollte, ſie zu ſehen, hielt ich es für zweckmäßig, zu Ihnen zu kommen, um den Meinigen nicht durch die Befriedigung eines ſelbſtiſchen Wunſches einen Nachtheil zuzufügen, den ich vielleicht nie wieder gut machen könnte. Was hat mein Oheim von York⸗ ſhire gehört?« Newman öffnete und ſchloß den Mund mehrere Male, als ob er ſich die äußerſte Mühe gäbe zu ſprechen, brachte aber keinen Laut hervor, und heftete zuletzt ſeine Augen mit finſterer, geſpenſtiſcher Starrheit auf Nicolaus. »Was hat er gehört?« drängte Nicolaus erröthend. »Sie ſehen, daß ich vorbereitet bin, das Schlimmſte zu vernehmen, was die Bosheit erſinnen kann. Warum wollen Sie es mir verbergen? Früher oder ſpäter muß ich es doch erfahren, und welchen Zweck denken Sie da⸗ durch zu erreichen, daß Sie mich noch einige Minuten hinziehen, da Sie in der Hälfte der Zeit mir Alles mit⸗ theilen könnten, was vorgefallen iſt? Bitte, ſagen Sie mir Alles gerade heraus!« „»Morgen früh,« entgegnete Newman,»Sie ſollen es morgen hören!« 4 2 „»Was ſoll das helfen?« fragte Nicolaus. „Sie werden beſſer ſchlafen,« erwiederte Newman. Nicolaus Nickleby. 108 Nicolaus Nickleby. »Schlimmer würde ich ſchlafen,« entgegnete Nicolaus ungeduldig.»Schlafen! So erſchöpft ich bin und ſo ſehr ich der Ruhe bedarf, kann ich nicht hoffen, die ganze Nacht hindurch ein Auge zuzuthun, wenn Sie mir nicht Alles ſagen.« »Und wenn ich Ihnen Alles ſagte?« fragte Newman unſchlüſſig. »Nun, ſo mögen Sie meinen Unwillen erregen oder meinen Stolz verletzen,« verſetzte Nicolaus,»aber Sie werden meine Ruhe nicht ſtören; denn wenn der ganze Vorfall ſich noch einmal ereignen ſollte, ſo würde ich nicht anders handeln, als ich gehandelt habe, und welche Folgen auch daraus für mich hervorgehen mögen, ſo werde ich nie bereuen, was geſchehen iſt, nie, und wenn ich deshalb Hungers ſterben oder betteln müßte. Was iſt ein wenig Armuth oder Noth gegen die Schmach der nie⸗ drigſten und unmenſchlichſten Feigheit? Ich ſage Ihnen, wenn ich zahm und unthätig zugeſehen hätte, ſo würde ich mich ſelbſt gehaßt und die Verachtung jedes Man⸗ nes auf der Welt verdient haben. Der nichtswürdige Schurke!« Mit dieſer milden Anſpielung auf den abweſenden Saueers unterdrückte Nicolaus ſeinen aufſteigenden Zorn, erzählte Newman in allen einzelnen Umſtänden, was ſich zu Todtenbuſchhall begeben, und bat ihn darauf, zu ſpre⸗ chen, ohne ſich weiter drängen zu laſſen. Newman Noggs nahm, auf dieſe Weiſe beſchworen, aus einer alten Lade ein Blatt Papier, welches in großer Eile bekritzelt zu ſein ſchien, und ſprach ſich, nach mancherlei wunderlichen An⸗ deutungen des Widerſtrebens, auf folgende Weiſe aus: »Mein lieber junger Mann, Sie müſſen ſich nicht hinreißen laſſsn,— eine ſolche Handlungsweiſe wird nie⸗ mals gut thun, wenn Sie in der Welt fortkommen wol⸗ Nicolaus Nickleby. len,— wenn Sie für einen Jeden Partei nehmen, der mißhandelt wird;— hol' mich der Teufel, es freut mich, dies zu hören, und ich würde ſelbſt nicht anders gehan⸗ delt haben!« Newmann begleitete dieſen ungewöhnlichen Ausbruch ſeiner Gefühle mit einem heftigen Schlage auf der Tiſch, als ob er in der Aufwallung dieſen für den Rücken oder für die Ribben des Herrn Wackford Squeers gehalten hätte, und da er durch dieſe offene Erklärung ſeiner Ge⸗ ſinnungen ſich jedes Rechts begeben hatte, Nicolaus ir⸗ gend einen Rathſchlag vorſichtiger Weltklugheit zu erthei⸗ len, was Anfangs ſeine Abſicht geweſen war, ſo ſchritt er jetzt ohne Zögern zur Sache. »Vorgeſtern,« ſagte Newman, verhielt Ihr Oheim dieſen Brief. Ich nahm eine eilige Abchrift, während er aus war. Soll ich ihn leſen?« .»Ich bitte ſehr darum,« erwiederte Nicolaus. New⸗ man Noggs las daher, wie folgt: Todtenbuſchhall, Donnerſtag Morgens. »Verehrter Herr! »Mein Papa trägt mir auf, Ihnen zu ſchreiben; denn die Doktoren halten es für zweifelhaft, ob er jer mals wieder den Gebrauch ſeiner Beine erlangen wird, was ihn verhindert, eine Feder zu halten. »Wir ſind in einem Zuſtande des Geiſtes, der über alle Möglichkeit hinansgeht, und mein Papa iſt eine Maske von Beulen, die beides blau und grün ſind, ſo wie gleicher Weiſe zwei Bänke mit ſeinem Blute über⸗ zogen ſind. Wir waren genöthigt, ihn in die Wohn⸗ ſtube hinunter zu tragen. Sie werden hieraus beur⸗ theilen, wie ſehr er heruntergekommen iſt. * — Nieolaus Nickleby. »Als Ihr Nefö, den Sie zum Lehrer gerecomman⸗ dirt haben, dies meinem Papa gethan hatte, und mit ſeinen Füßen auf ſeinen Leichnam geſprungen war, und auch Ausdrücke, womit ich meine Feder nicht beſchmu⸗ tzen will, griff er meine Mama mit fürchterlicher Ge⸗ waltthätigkeit an, warf ſie auf die Erde und trieb ih⸗ ren Haarkamm mehrere Zoll tief in den Kopf. Ein Plein wenig weiter und er hätte ihr in die Hirnſchale dringen müſſen. Wir haben ein mediciniſches Certificat, daß der Knochen ihr Gehirn affectirt hätte, wenn dies geſchehen wäre. »Ich und mein Bruder wurden dann die Opfer ſeiner Wuth, ſeit welcher Zeit wir viel gelitten haben, was uns auf den traurigen Glauben bringt, daß wir unſern Schaden inwendig haben, beſonders weil aus⸗ wendig keine Spuren von Gewalt zu ſehen ſind. Ich ſchreie die ganze Zeit über laut auf, während ich ſchreibe, und ſo auch mein Bruder, was meine Aufmerkſamkeit etwas abzieht und, wie ich hoffe, Fehler entſchuldigen wird. »Nachdem das Ungeheuer ſeinen Blutdurſt geſättigt hatte, lief es davon und nahm einen Jungen von des paratem Charakter mit ſich, den er zur Rebellion auf⸗ gereizt hatte, und auch einen Granatring, der meiner Mama gehört, und da er von der Polizei nicht wieder ergriffen iſt, ſo glaubt man, daß ihn ein Eilwagen auf⸗ genommen hat. Mein Papa bittet, daß ihm, wenn er zu Ihnen kommt, der Ring zurückgegeben wird, und daß Sie den Dieb und Mörder gehen laſſen, weil er, wenn wir gegen ihn klagten, nur nach Botanybai transpor⸗ tirt werden würde, und wenn wir ihn gehen laſſen, wird er gewiß bald gehenkt werden, was uns viel Mühe erſparen und viel angenehmer ſein wird. eit Nirolaus Nickleby. 111 »In der Hoffnung, von Ihnen zu hören, wenn Sie es gut finden, bleibe ich die Ihrige und Cetera N. S.»Fanny Squeers.« »Ich bemitleide ſeine Unwiſſenheit und verachte ihn.⸗ Tiefes Stillſchweigen folgte auf die Vorleſung dieſes vortrefflich abgefaßten Schreibens, waͤhrend deſſen New⸗ man Noggs daſſelbe zuſammenfaltete und mit einer Art grotesken Mitleidens den Burſchen von desparatem Cha⸗ rakter betrachtete, auf den darin Beziehung genommen war, und der mit dem wehmüthigſten und traurigſten Ausdrucke in ſeinen Zügen ſtumm und niedergeſchlagen da ſaß, indem er von der Sache, um die es ſich handelte, keine deutlichere Vorſtellung hatte, als daß er die un⸗ glückliche Veranlaſſung geweſen war, Kummer und Ver⸗ läumdung über N icolaus zu bringen. »Herr Noggs,« ſagte Nicolaus, nachdem er einen Augenblick überlegt hatte,»ich muß ſogleich ausgehen.« »Ausgehen!« rief Newman aus. »Ja,« ſagte Nicolaus,»auf den Güldenplatz. Nie⸗ mand, der mich kennt, wird die Geſchichte von dem Ringe glauben; aber es mag den Abſichten des Herrn Ralph Nickleby entſprechen oder ſeinen Haß befriedigen, daß er den Schein annimmt, als ob er ſie glaubte. Ich bin es — nicht ihm, ſondern mir ſelbſt ſchuldig, ihm die Wahr⸗ heit zu erklären, und außerdem habe ich noch ein Paar Worte mit ihm zu ſprechen, die keinen Verzug leiden.⸗ »Sie müſſen Verzug leiden,« bemerkte Newman. »Nein, ſie müſſen nicht,« verſetzte Nicolaus mit Fe⸗ ſtigkeit und ſchickte ſich an, das Haus zu verlaſſen. »So hören Sie mich doch,« ſagte Newman, indem er ſich ſeinem ungeſtümen jungen Freunde in den Weg ſtllte.„»Er iſt nicht da. Er iſt verreiſt und wird vor 112 drei Tagen nicht zurück ſein, und ich weiß, daß der Brief nicht beantwortet wird, bevor er zurückgekehrt.« »Wiſſen Sie das beſtimmt?« fragte Nicolaus, von leidenſchaftlicher Aufwallung glühend und das enge Ge⸗ mach mit ſchnellen Schritten durchmeſſend. »Ganz beſtimmt,« verficherte Newman.»Er hatte den Brief kaum geleſen, als er hinweggerufen wurde; der Inhalt ig Niemand außer ihm und mir bekannt.⸗« »Sind Sie deſſen gewiß?« fragte Nicolaus heftig; „nicht einmal meiner Mutter und Schweſter? Wenn ich denken könnte, daß ſie— ich will zu ihnen gehen,— ich muß ſie ſehen. Wie komme ich zu ihrer Wohnung? Wo iſt ſie?« „»Nun neßmen Sie meinen Rath an,« ſagte Newman, der in dieſem Augenblicke, da er ernſtlich erregt war, eben ſo ſprach, wie jeder andere Menſch.»Suchen Sie auch ſie nicht eher zu ſehen, als bis er zurückkommt. Ich kenne den Mann. Laſſen Sie nicht den Schein auf ſich kom⸗ men, als ob Sie irgend Jemand auf Ihre Seite gezogen hätten. Wenn er zurückkehrt, gehen Sie gerades Weges zu ihm und ſprechen Sie ſo dreiſt, wie es Ihnen beliebt. Er iſt klug genug, um die Wahrheit zu errathen, und weiß ſie ſo gut, als Sie oder ich; darauf können Sie ſich verlaſſen.« »Sie meinen es gut mit mir, und müſſen ihn beſſer Nicolaus Nickleby. kennen, als ich,« erwiederte Nicolaus nach einigem Nach⸗ denken.»Gut, ſei es denn ſol« Newman, der während dieſer Unterhaltung mit dem Rücken gegen die Thür gelehnt ſtand, um ſich nöthigen⸗ falls der Entfernung ſeines Gaſtes mit Gewalt zu wider⸗ ſetzen, nahm ſeinen Sitz mit großer Zufriedenheit wieder ein, und da das Waſſer inzwiſchen in dem Keſſel kochte, ſo machte er ein Glas voll Branntwein und Waſſer für 10ʃ—— Nicolaus Nickleby. 113 Nicolaus und einen guten Krug voll zur gemeinſchaftli⸗ chen Benutzung fuͤr ſich ſelbſt und Smike; und die Bei⸗ den bedienten ſich in großer Eintracht, während Nicolaus, den Kopf auf ſeine Hand geſtützt, in traurigen Gedanken verſenkt blieb. Mittlerweile hatte die Geſellſchaft unten ſich in das Zimmer der Keuwigs zurückgezogen, da ſie bei dem auf⸗ merkſamſten Lauſchen kein Geräuſch vernahm, welches ſie berechtigt hätte, zu der Befriedigung ihrer Neugierde einzuſchreiten, und es wurden daher eine Menge der ver⸗ ſchiedenartigſten Vermuthungen über die Urſache aufge⸗ ſtellt, welche das plötzliche Verſchwinden und die Abwe⸗ ſenheit des Herrn Noggs veranlaßte. »Mein Gott, ich will Ihnen etwas ſagen,« bemerkte Madame Kenwigs;»wie wäre es, wenn es ein erpreſſer Bote wäre, den man zu ihm heraufgeſchickt hätte, um ihm anzuzeigen, daß ſein ganzes Vermögen wieder zurück⸗ gekommen wäre?« „Lieber Himmel,« ſagte Herr Kenwigs,»das iſt nicht unmöglich. In dieſem Falle thäten wir vielleicht beſſer, herauf zu ſchicken und fragen zu laſſen, ob ihm noch et⸗ was Punſch gefällig wäre.« »Kenwigs,« fiel der Steuer⸗Einnehmer mit lauter Stimme ein,»ich bin verwundert über Sie.« »Wie ſo, Herr Einnehmer?« fragte Kenwigs mit aller gebührenden Unterordnung unter ſeinen einflußreichen Verwandten. 114 Nicolaus Nickleby. chen Dinge zu geſtatten; aber es iſt nicht die Art des Benehmens, an die ich gewöhnt bin, und ich nehme kei⸗ nen Anſtand, Ihnen das zu ſagen, Kenwigs. Ein Gaſt hat ein Glas Punſch vor ſich, welches er eben an die Lippen ſetzen will; da kommt ein anderer Gaſt und er⸗ greift dieſes Glas Punſch, ohne ein Wort, wie mit Ih⸗ rer Erlaubniß“ oder'erlauben Sie,“ und trägt dieſes Glas Punſch davon. Dies mögen gute Sitten ſein,— ich glaube wohl, daß ſie es ſind,— aber ich verſtehe mich nicht darauf, das muß ich Ihnen ſagen; und ich muß hinzuſetzen, ich bin ſehr unbekümmert, daß ich mich nicht darauf verſtehe. Es iſt meine Gewohnheit, meine Meinung gerade heraus zu ſagen, Kenwigs, und das iſt meine Meinung; und wenn Ihnen das nicht gefällt, ſo iſt meine gewöhnliche Zeit zum Zubettgehen ſchon vorüber, und ich kann meinen Weg nach Hauſe finden, ohne daß es noch ſpäter wird.« Das war ein unerwartetes Mißgeſchick. Der Einneh⸗ mer hatte in verletzter Würde ſich aufblähend und dam⸗ pfend mehrere Minuten da geſeſſen, und jetzt war er end⸗ lich losgebrochen. Der große Mann,— der reiche Ver⸗ wandte,— der unverheirathete Oheim, bei dem es ſtand, Morlina zu einer Erbin zu machen und dem Kinde in der Wiege ein Legat auszuſetzen,— war beleidigt. Gü⸗ tiger Himmel, wie ſollte dies enden! »Es thut mir ſehr leid, Herr Einnehmer,« ſagte Ken⸗ wigs demüthig. »Sprechen Sie mir nicht von leid thun,« fiel Herr Lillyvick mit vieler Bitterkeit ein.»Sie hätten es ver⸗ hindern ſollen.« Die Geſellſchaft war durch dieſen häuslichen Zwieſpalt ganz gelähmt. Die Dame aus dem Erdgeſchoß ſaß mit ihrem Munde weit offen und ſah in der Erſtarrung der — eͤ— 2 o Nicolaus Nickleby. 115 Beſtürztheit den Einnehmer gedankenlos an, und die übrigen Gäſte waren durch den Unwillen des großen Mannes kaum weniger aus der Faſſung gebracht. Herr Kenwigs, der in ſolchen Dingen nicht allzu geſchickt war, fachte das Feuer nur höher an, indem er verſuchte, es auszulöſchen. 4 »Ich dachte nur nicht daran,« ſagte der Gute.»Ich glaubte nicht, daß Sie durch etwas ſo Unbedeutendes, wie ein Glas Punſch, aufgebracht werden könnten.“⸗ „»Aufgebracht! Was wollen Sie mit dieſer unbeſchei⸗ denen Aeußerung ſagen, Herr Kenwigs?« fragte der ent⸗ rüſtete Einnehmer.»Morlina, Kind,— gieb mir mei⸗ nen Hut!« »Sie werden doch nicht gehen, Herr Einnehmer?⸗ trat Fräulein Petowker mit ihrem bezauberndſten Lächeln dazwiſchen. Aber Herr Lillyvick rief, ohne auf die Syrene zu achten, hartnäckig:»Morlina, meinen Hut!« Bei der vierten Wiederholung dieſer Forderunug ſank Madame Kenwigs mit einem Schrei auf ihren Stuhl zurück, der einen Corſaren hätte erweichen können, geſchweige ei⸗ nen Steuereinnehmer, während die vier kleinen Mädchen, die unter der Hand zu dieſem Verfahren angeleitet wa⸗ ren, ſich an die Rockſchöße des Oheims hängten und mit kindiſchem Stammeln ihn zu bleiben baten. »Warum ſollte ich hier bleiben, meine Lieben?« ſagte Herr Lillyvick,»man bedarf hier meiner nicht.« »O, ſprechen Sie nicht ſo grauſam, Oheim,« ſchluchzte Madame Kenwigs,»wenn Sie mich nicht ums Leben bringen wollen.« »Ich ſollte mich nicht wundern, wenn es Leute gäbe, die dies behaupteten,« erwiederte Herr Lillyvick, indem er zornig auf Kenwigs blickte.»Aufgebracht!« 8* 116 Nicolaus Nickleby. »Ach, ich kann es nicht ſehen, daß Sie ſolche Blicke auf meinen Mann werfen,« rief Madame Kenwigs aus. »Es iſt furchtbar in Familien! Ach!« »Herr Einnehmer,« ſagte Kenwigs,»ich hoffe, daß Sie um Ihrer Nichte willen nichts dagegen haben wer⸗ den, ſich mit mir zu verſöhnen.« Dſe Züge des Einnehmers ließen von ihrer Strenge nach, da die Geſellſchaft ihre Bitten mit jenen ſeines Neffen vereinigte. Er gab ſeinen Hut wieder her und ſtreckte die Hand aus. »Da, Kenwigs,« ſagte Herr Lillyvick;„und zum Be⸗ weiſe, wie ſehr ich aufgebracht war, laſſen Sie mich Ih⸗ nen ſagen, daß es, wenn ich, ohne weiter ein Wort zu ſprechen, hinweggegangen wäre, keinen Unterſchied in den Paar Thalern gemacht hätte, die ich Ihren Kindern zu kinterlaſſen gedenke, wenn ich ſterbe.« »Morlina,« rief die Mutter in dem Ueberſtrömen ih⸗ rer Gefühle aus,»falle vor Deinem lieben Oheim auf die Kniee und bitte ihn, daß er Dich ſein ganzes Leben lang lieb behält, denn er iſt mehr ein Engel als ein Menſch, und das habe ich immer geſagt.« Morlina näherte ſich, um dieſem Gebote gemäß ihre Ehrerbietung zu erweiſen, wurde aber von Herrn Lillyvick in die Arme genommen und geküßt, worauf Madame Kenwigs aufſprang und den Einnehmer küßte, während ſich ein nicht zu unterdrückendes Murmeln des Beifalls von der Geſellſchaft erhob, die Zeuge ſeiner Großmuth geweſen war. Der würdige Herr wurde jetzt wieder das Leben und die Seele der Verſammlung, da er in ſeine alte Ehren⸗ ſtelle eines Leviathan der Geſellſchaft wieder eingeſetzt war, der die vorübergehende Zerſtreuung ihrer Gedan⸗ ken ihn einen Augenblick beraubt hatte. Vierfüßige Lö⸗ ——,—,— Nicolaus Nickleby. 117 wen und Leviathane ſollen nur wild ſein, ſo lange ſie hungrig ſind; zweifüßige bleiben ſelten länger mürriſch, als bis ihr Appetit nach Auszeichnung geſtillt iſt. Herr Lillyvick ſtand jetzt höher als jemals; er hatte ſeine Macht gezeigt, auf ſein Vermögen und ſeine teſtamen⸗ tariſchen Abſichten hingedeutet, großen Ruhm durch ſeine Uneigennützigkeit und Tugend gewonnen, und war zu dem allen endlich mit einem ungleich größeren Glaſe Punſch verſehen worden, als jenem, mit dem Newman Noggs auf ſo verbrecheriſche Weiſe davongegangen war. »Ich ſage, ich bitte Jedermann um Verzeihung, daß ich mich wieder eindränge,« ſprach Crowl, der bei dieſer glücklichen Wendung der Dinge hereinſah,»aber das iſt eine ſeltſame Sache, meinen Sie nicht? Noggs wohnt in dieſem Hauſe ſchon in das fünfte Jahr, und Niemand, ſo weit die älteſten Einwohner zurückdenken, iſt jemals hier geweſen, um ihn zu beſuchen.« „»Es iſt allerdings ſonderbar genug, daß er mitten in der Nacht abgerufen wird,« bemerkte der Einnehmer, »und das Benehmen des Herrn Noggs ſelbſt iſt, um das Wenigſte davon zu ſagen, geheimnißvoll.« »Ja, das iſt es,“ verſetzte Crowl,» und ich will Ihnen noch etwas ſagen;— ich denke, dieſe beiden Geniuſſe, wer ſie auch ſein mögen, ſind von irgend ei⸗ nem Orte weggelaufen.« »Was veranlaßt Sie, dies zu denken?« fragte der Einnehmer, der durch eine ſtillſchweigende Uebereinkunft zum Mundſtücke der Geſellſchaft ernannt und erwählt zu ſein ſchien.»Sie haben doch keinen Grund zu ver⸗ muthen, daß ſie irgend wo weggelaufen ſind, ohne ihre Steuern zu bezahlen, hoffe ich?« Crowl, in deſſen Blicke ſich einige Verachtung aus⸗ 118 Nicolaus Nickleby. ſprach, war im Begriffe, ſich im Allgemeinen gegen jede Bezahlung von Steuern unter allen Umſtänden zu erklären, als er noch zu rechter Zeit durch einige Worte, die Herr Kenwigs ihm zuflüſterte, und ver⸗ ſchiedene Winke, die Madame Kenwigs ihm gab, in ſeinem ſträflichen Beginnen zurückgehalten wurde. »Ei nun, die Sache iſt,« ſagte Crowl, der mit al⸗ ler Anſtrengung an Newmans Thür gelauſcht hatte, „die Sache iſt, ſie haben ſo laut mit einander geſpro⸗ chen, daß ſie mich in meinem Zimmer ganz geſtört ha⸗ ben, und ſo konnte ich es nicht vermeiden, hier und da ein Wort aufzugreifen, und Alles, was ich gehört habe, ſchien ſich darauf zu beziehen, daß ſie von irgend einem Orte entſprungen ſind. Ich will Madame Ken⸗ wigs nicht beunruhigen; aber ich hoffe, daß ſie nicht aus einem Gefängniſſe oder Lazarethe kommen und ein Fieber oder eine andere Unannehmlichkeit der Art mit ſich ſchleppen, die für die Kinder anſteckend ſein kann.« Madame Kenwigs wurde durch dieſe Vorausſetzung ſo ſehr überwältigt, daß es aller der zarten Bemühun⸗ gen des Fräuleins Petowker vom Drurylanetheater be⸗ durfte, ſie nur einigermaßen zur Ruhe zu bringen, der rührenden Sorgfalt ihres Gatten zu geſchweigen, der ſeiner geliebten Ehehälfte ein Riechfläſchchen unter die Naſe hielt, bis es ziemlich zweifelhaft wurde, ob die Thränen, die ihre Wangen herabliefen, die Folge ihrer Gemüthsbewegung oder die Wirkung des sal volatile waren. Nachdem die Damen ihr Mitgefühl jede für ſich be⸗ ſonders außgedrückt hatten, ſielen ſie der Gewohnheit gemäß in einen kleinen Chorus von ſchmerzſtillenden Redensarten, unter denen Troſtſprüche, wie:»die liebe arme Frau,«—»mir wäre gerade eben ſo zu Muthe, * —-— ◻᷑ Gòͤ— —— N Nicolaus Nickleby. 119 wenn ich au ihrer Stelle wäre,«— ves iſt freilich eine ſchwere Prüfung,«— und»nur eine Mutter kann wiſſen, wie die Gefühle einer Mutter ſind,« die vor⸗ ragendſten und am häufigſten wiederkehrenden waren. Kurz, die Meinung der Geſellſchaft gab ſich ſo unzwei⸗ deutig kund, daß Herr Kenwigs in Begriff war, ſich nach Newmans Gemache zu verfügen und eine Erklä⸗ rung von ihm zu fordern, und daß er in der That be⸗ reits mit bewundernswürdiger Feſtigkeit und Unerſchüt⸗ terlichkeit ein Glas Punſch austrank, um ſich in die⸗ ſem Entſchluſſe zu beſtärken, als die Aufmerkſamkeit aller Anweſenden durch eine neue furchtbare Ueberra⸗ ſchung auf einen andern Gegenſtand gezogen wurde. Es ließ ſich plötzlich ein ſchneidendes und durch⸗ dringendes Geſchrei hören, welches aus einem der obe⸗ ren Stockwerke, und aller Wahrſcheinlichkeit nach aus der Kammer kam, in welcher das Kind der Madame Kenwigs untergebracht war. Kaum hatte die Mutter dieſe in ſchneller Folge ausgeſtoßenen Töne vernommen, als ſich ihr die Vermuthung aufdrängte, daß eine fremde Katze ſich hineingeſchlichen und dem Kinde den Athem ausgeſogen habe, während das Mädchen einge⸗ ſchlafen ſei. Die unglückliche Frau ſtürzte, die Hände ringend und verzweiflungspoll aufſchreiend, nach der Thür, und die Geſellſchaft gerieth in unbeſchreibliche Beſtuͤrzung und Verwirrung. „Kenwigs, ſehen Sie, was es iſt; eilen Sie, eilen Sie!“« rief die Schweſter aus, die inzwiſchen Hand an Madame Kenwigs legte, und ſie mit Gewalt zurück⸗ hielt. O, winde Dich nicht ſo nach allen Seiten, oder es wird mir unmöglich, Dich zu halten.« „»Mein Kind, mein liebes, liebes, liebes, liebes Kind!« ſchrie Madame Keuwigs, und ließ jedes»Lie⸗ 120 Nicolaus Nickleby. bes“ lauter erſchallen, als das vorhergehende.»Mein kleiner, füßer, unſchuldiger Lillyvick«— dieſen Namen hatte der Säugling bei der Taufe nach dem reichen Oheim erhalten—„»Ach laßt mich zu ihm, laßt mich gehen!« Während dieſer ſinnloſen Ausrufungen ſeiner Gattin und unter dem Heulen und Wehklagen der vier kleinen Mäͤdchen eilte Herr Kenwigs die Treppe hinauf nach dem Gemache, aus dem das Geſchrei ertönte und an deſſen Thür er auf Nicolaus ſtieß, der, das Kind auf dem Arme mit ſolcher Gewalt herausſtürzte, daß der ängſtliche Vater die Stufen hinuntergeworfen wurde und ſich unten auf dem Boden fand, ehe er Zeit ge⸗ habt hatte, den Mund aufzuthun und zu fragen, was es gebe.. »Beruhigen Sie ſich,« rief Nicolaus, indem er hin⸗ unterſprang,»hier iſt es; es iſt alles aus, es iſt alles vorbei! Bitte, faſſen Sie ſich, es iſt kein Unglück ge⸗ ſchehen.« Mit dieſen und tanſend ähnlichen Verſiche⸗ rungen überlieferte er das Kind, welches er in ſeiner Eile mit dem Kopfe zuunterſt und den Füßen in der Höhe getragen hatte, Madame Kenwigs und lief zu⸗ rück, um Herrn Kenwigs beizuſtehen, der ſich bedeu⸗ tend den Kopf rieb und durch ſeinen Fall ganz ver⸗ dutzt war. Die Geſellſchaft erholte ſich, durch dieſe erfreuliche Nachricht beruhigt, einigermaßen von ihrem Schreck, der manche ſehr auffallende Zeichen eines gänzlichen Mangels an Geiſtesgegenwart zur Folge gehabt hatte. So hatte der unverheirathete Freund eine ganze Zeit die Schweſter der Madame Kenwigs ſtatt dieſer in 5 ſeine Arme geſchloſſen, und den würdigen Herrn Lilly⸗ vick ſah man, in der Verwirrung ſeines Gemüthes, esens⸗ Nicolaus Nickleby. 121 Fräulein Petowker hinter der Thür des Zimmers mehr⸗ mals ſo ruhig abküſſen, als ob gar nichts Beunruhi⸗ gendes vorginge. »Es iſt ganz zund gar nichts,« ſagte Nicolaus zu Madame Kenwigs zurückkehrend,»Das kleine Mäd⸗ chen, welches das Kind wartet, iſt wahrſcheinlich müde geworden und in Schlaf gefallen, und hat ſich die Haare angebrannt.« »O Du boshafter kleiner Balg,« rief Mada wigs aus, und ſchüttelte ausdrucksvoll den Zeig gegen die unglückliche Kleine, die etwa dreizehn J alt ſein mochte und mit verſengtem Kopfe und er ſchrecktem Geſichte zuſah. 7 »Ich hörte ihr Geſchrei,« fuhr Nicolaus fort,»und lief zeitig genug hinunter, um zu verhindern, daß da Feuer nicht weiter um ſich griff. Sie können ſi. 4 auf verlaſſen, daß das Kind unbeſchädigt iſt; ich habe es ſelbſt aus dem Bette genommen und hieher gebracht, um Sie zu überzeugen.« Kachdem dieſe kurze Erläuterung vorüber war, wurde der kleine Lillyvick Kenwigs von den Liem oſun⸗ gen der Zuhörerſchaft beinahe erſtickt und an den Bu⸗ ſen der Mutter gepreßt, bis er wieder zu ſchreien an⸗ fing. Die Aufmerkſamkeit der Geſellſchaft wurde nun durch einen natürlichen Uebergang auf das kleine Mäd⸗ chen gerichtet, welches die Keckheit gehabt hatte, ſich das Haar abzubrennen, und das nach verſchiedenen kleinen Stößen und Schlägen von den kräftigern der Damen in Gnaden nach Hauſe entlaſſen wurde; nun blieben die vier gute Groſchen, mit denen ſie belohn werden ſollte, der Familie Kenwigs verfallen. » Und wie wir Ihnen unſern Dank ausdrücken ſol⸗ len,« rief Madame Kenwigs aus, indem ſie ſich an den 122 Nicolaus Nickleby. Befreier des jungen Lillyvick wandte,»das weiß ich wahrlich nicht.« »Sie haben mir gar keinen Dank auszudrücken,« erwiederte Nicolaus.»Ich habe gar nichts gethan, was mir einen beſondern Anſpruch auf Ihre Dankbar⸗ keit gäbe.« »Er„hätte zu Tode brennen können, wenn Sie nicht geweſen wären,“« lispelte Fräulein Petowker. —»Das iſt nicht ſehr wahrſcheinlich,« entgegnete Ni⸗ colaus;»denn es war an hülfreichen Händen kein Mangel, die ihn erreicht haben mußten, ehe er wirk⸗ lich in Gefahr gekommen wäre.« »Sie werden uns aber doch erlauben, Ihre Ge⸗ ſundheit zu trinken?« ſagte Herr Kenwigs, indem er zu dem Tiſche trat. »Jedenfalls in meiner Abweſenheit,« verſetzte Nico⸗ laus lächelnd.»Ich habe eine ſehr ermüdende Reiſe gemacht und würde ein ſchlechter Geſellſchafter ſein. Ich würde Ihre Fröhlichkeit eher ſtören, als befördern, ſelbſt wenn ich wach bliebe, was ich für ſehr zweifel⸗ haft halte. Wenn Sie mir erlauben, werde ich zu meinem Freunde, Herrn Noggs, zurückkehren, der wie⸗ der hinaufging, als er ſah, daß nichts Ernſtliches vor⸗ gefallen war. Gute Nacht!« Da Nicolaus es auf die Weiſe abgelehnt hatte, an der Feſtlichkeit Theil zu nehmen, empfahl er ſich Ma⸗ dame Kenwigs und den übrigen Damen mit der größten Artigkeit und entfernte ſich, wobei er auf die Geſell⸗ ſchaft einen ganz außerordentlichen Eindruck zurückließ. „»Was für ein allerliebſter junger Mann!« rief Ma⸗ dame Kenwigs aus. »Er iſt wirklich ein ungewöhnlich feiner Mann,« be⸗ — — Nicolaus Nickleby. 123 merkte Herr Kenwigs.»Sind Sie nicht auch der Mei⸗ nung, Herr Einnehmer?« »Ja wohl,« erwiederte der Einnehmer mit einem zweifelhaften Zucken der Schultern,»er iſt ein feiner Mann, ein ſehr feiner Mann— dem Scheine nach.« »Ich hoffe, daß Sie nichts an ihm auszuſetzen fin⸗ den, lieber Oheim?« fragte Madame Kenwigs. »Nein, meine Liebe,« antwortete der Einnehmer „nein. Ich denke, es ſoll ſich nicht zeigen,— gut,— es thut nichts— unſere Freundſchaft, meine Liebe, und langes Leben dem Kinde!« »Das Ihren Namen trägt,« ſagte Madame Ken⸗ wigs mit ſüßem Lächeln. »Und ich hoffe, daß es ihn mit Ehren tragen wird,“ fügte Herr Kenwigs hinzu, der den Einnehmer verſöh⸗ nen wollte.»Ich hoffe, das Kind wird ſeinem Pathen niemals Schande machen und wird in ſpäteren Jahren der Lillyvicks werth geachtet werden, denen es durch ſeinen Namen angehört. Ich ſage— und meine Frau iſt derſelben Meinung und fühlt es eben ſo ſtark, wie ich— daß ich es für eine der größten Segnungen und Ehren meines Lebens halte, daß er Lillyvick ge⸗ nannt iſt.«’ „»Für die größte Segnung,“« füſterte ſeine Gattin. »Für die größte Segnung,“« verbeſſerte ſich Herr Kenwigs,»eine Segnung, von der ich hoffe, daß ich ſie eines Tages zu verdienen im Stande ſein werde.⸗ Dies war ein Meiſterſtreich der Politik von den Kenwigs, denn es machte Herrn Lillyvick zu dem Grunde und zu der Quelle der ganzen Wichtigkeit des Kindes. Der gute Herr fühlte die Zartheit und Ge⸗ ſchicktheit dieſes Benehmens, und brachte ſogleich die Geſundheit des Unbekannten aus, der dieſe Nacht ſich 2. 124 Nicolaus Nickleby. durch ſeine Kaltblütigkeit und ſein ſchnelles Einſchreiten ausgezeichnet hatte. »Der, ich ſpreche es mit Vergnügen aus,« bemerkte der Einnehmer als ein großes Zugeſtändniß,»vein ganz hübſch ausſehender junger Mann iſt und Manieren hat, denen, wie ich hoffe, ſein Charakter entſprechen wird.⸗ »Er hat wirklich ein ſehr hübſches Geſicht und Be⸗ nehmen,« ſagte Madam Keuwigs. »Das hat er gewiß,“« ſiel Fräulein Petowker ein. »Es iſt in ſeinem Weſen etwas ſo— ſo— mein Gott, wie heißt das Wort doch gleich?« „Welches Wort?« fragte Herr Lillyvick. »Ei,— guter Gott, wie dumm ich bin,“« erwie⸗ derte Fräulein Petowker zögernd.»Wie nennen Sie es doch, wenn vornehme Herren in der Nacht die Thür⸗ klopfer abbrechen und die Polizeidiener ſchlagen und mit den Lohnkutſchern ihren Spaß treiben und all' derglei⸗ chen Dinge?« »Ariſtokratiſch?« rief der Einnehmer. »Ja, ariſtokratiſch,« entgegnete Fräulein Petowker. „Er hat etwas ſo ariſtokratiſches, iſt es nicht wahr?⸗ Die Herren ſchwiegen und lächelten einander zu, als wollten ſie ſagen.»Nun, der Geſchmack iſt verſchieden,« aber die Damen beſchloſſen einmüthig, daß Nicolaus eine ariſtokratiſche Miene hatte, und da Niemand ge⸗ gen dieſe Anſicht ankämpfte, ſo wurde ſie ſiegreich durchgeſetzt. Der Punſch war um dieſe Zeit ausgetrunken, und die kleinen Kenwigſe, die ſchon ſeit einiger Zeit ihre kleinen Augen mit ihren kleinen Fingern offen hielten, wurden rebelliſch und verlangten dringend, zu Bette ge⸗ bracht zu werden. Der Einuehmer gab daher das Zei⸗ chen zum Aufbruche, indem er ſeine Uhr herauszog und — — Nicolaus Nickleby. 125 die Geſellſchaft unterrichtete, daß es bald zwei ſchlagen würde, worüber einige der Gäſte erſtaunt und andere erſchrocken waren. Die Hüte der Herren und der Da⸗ men wurden darauf unter den Tiſchen zuſammengeſucht und nach gebührendem Verlaufe gefunden, und die Eig⸗ ner gingen von dannen, nachdem ſie einander noch viel⸗ fach die Hände gedrückt und mit dem feierlichſten Ernſte bemerkt hatten, wie ſie niemals einen ſo angenehmen Abend zugebracht hätten, wie ſie verwundert wären, es ſo ſpät zu finden, da ſie meinten, es könne höchſtens halb elf Uhr ſein, wie ſie wünſchten, das Kenwigs'ſche Ehepaar hätte jede Woche einmal ihren Hochzeittag, und wie ſie nicht begriffen, durch welchen geheimen Zau⸗ ber Madame Kenwigs Alles ſo gut angeordnet habe, und was von Anſprüchen dieſer Art ſonſt noch vorkam. Alle dieſe ſchmeichelhaften Aeußerungen beantworteten Herr und Madame Kenwigs, indem ſie jedem Herrn und jeder Dame der Reihe nach für das Vergnügen ih⸗ rer Geſellſchaft dankten und die Hoffnung ausdrückten, daß ſie ſich nur halb ſo gut unterhalten hätten, als ſie ſelbſt behaupteten. Nicolaus war inzwiſchen des Eindruckes völlig un⸗ bewußt, den er hervorgebracht hatte, längſt in Schlaf gefallen, und hatte es Newmann Nogs und Smike überlaſſen, die Branntweinflaſche für ſich allein zu leeren. Dies Geſchäft verrichteten ſie denn auch mit ſo außerordentlich gutem Willen, daß Newman zuletzt gleich wenig im Stande war, zu entſcheiden, ob er ſelbſt ganz nüchtern ſei und ob er jemals einen Herrn ſo ſchwer, tief und durchaus betrunken geſehen habe, wie ſeinen neuen Bekannten. Nicolaus Nickleby. Siebentes Kapitel. Nicolaus ſucht Beſchäftigung in einem neuen Fache, und nimmt, da dies ihm fehlſchlägt, eine Stelle als Erzieher in einer Privatfamilie an. Nicolaus' erſte Sorge am andern Morgen war, ſich nach irgend einem Gemache umzuſehen, in dem er ver⸗ ſuchen könnte, bis beſſere Zeiten für ihn anbrächen, zu exiſtiren, ohne die Gaſtfreiheit von Newman Noggs zu mißbrauchen, der mit Vergnügen auf der Treppe ge⸗ ſchlafen haben würde, wenn nur ſeinem jungen Freunde geholfen war. Das leerſtehende Zimmer, auf welches ſich die An⸗ zeige vor der Hausthür bezog, war, wie ſich bei nä⸗ herer Nachforſchung ergab, eine kleine Kammer auf dem oberſten Boden hinten heraus, die dem Dache abgewon⸗ nen war und eine rauchgeſchwärzte Ausſicht auf Ziegel und Schornſteine hatte. Die Vollmacht, dieſen Theil des Hauſes von Woche zu Woche auf billige Bedingun⸗ gen zu vergeben, hatte der Miethsmann im Erdge⸗ ſchoſſe, der von dem Eigenthümer des Hauſes überhaupt beauftragt war, die einzelnen Zimmer wieder zu beſetzen, ſobald ſie leer waren, und ſtrenge Aufſicht darüber zu führen, daß die Bewohner nicht davon gingen, ohne die Miethe zu bezahlen. Um ihn zu pünktlicher Erfül⸗ lung der letzten Obliegenheit zu vermögen, erhielt er freie Wohnung, weil es ſich ſonſt leicht hätte ereignen können, daß er ſelbſt mit ſeiner Miethe davon gegan⸗ gen wäre. —— ——.——— 8ͤ dem ſeinigen zu vergleichen, und ſah ſich auf dieſe Weiſe Nicolaus Nickleby. 127 Von dieſer Kammer wurde Nicolaus der Inhaber; er entlehnte von einem Trödler in der Nachbarſchaft ei⸗ nige Stücke des nothwendigſten Hausrathes und entrich⸗ tete den Miethpreis für die erſte Woche zum Voraus aus der kleinen Baarſchaft, in deren Beſitz er ſich durch die Verſilberung einiger ſeiner entbehrlicheren Kleidungs⸗ ſtücke geſetzt hatte. Darauf ließ er ſich nieder, um über ſeine Ausſichten nachzudenken, die gleich jenen aus ſeinem Fenſter hinreichend beengt und eingeſchrankt waren. Da ſie bei genauerer Bekanntſchaft ſich eben nicht verbeſſer⸗ ten, weil Vertranlichkeit leicht Verachtung zur Folge hat, ſo beſchloß er, ſie durch die Anſtrengung eines tüch⸗ tigen Spazierganges aus ſeinen Gedanken zu verbannen. Er nahm daher ſeinen Hut und überließ es Smike, das Gemach in Ordnung zu bringen, was der arme Burſch mit ſolcher Freude that, als ob es der koſtbarſte Palaſt geweſen wäre, während er ſelbſt ſich auf die Straße begab und unter den Haufen miſchte, der hier ſich drängte. Man kann zwar die Ueberzeugung von ſeiner eigenen Wichtigkeit verlieren, wenn man ſich in einem geſchäfti gen Gedränge, in dem ſich Niemand um einen beküm⸗ mert, als eine bloße Einheit ſieht; aber daraus folgt kei⸗ neswegs, daß man ſich mit gleicher Leichtigkeit auch des drückenden Gefühles von dem Gewichte und der Schwere ſeiner Sorgen entledigen kann. Der unglückliche Stand ſeiner eigenen Angelegenheiten war der einzige Gedanke, der das Gehirn des guten Nicolaus beſchäftigte, er mochte ſo ſchnell zuſchreiten, wie er wollte, und wenn er es ver⸗ ſuchte, denſelben zu verdrängen, indem er über die Lage und Ausſichten der Leute nachſann, die ihn umgaben, ſo kam er in wenigen Sekunden darauf, ihren Zuſtand mit — 912s Nicolaus Nickleby. beinahe unmerklich auf den alten Gang ſeiner Gedanken zurückgeführt. Während er, von dieſen Betrachtungen beherrſcht, ſei⸗ nen Weg durch eine der großen Paſſagen in London nahm, erhob er zufällig die Augen zu einer blauen Ta⸗ fel, auf der in goldenen Buchſtaben geſchrieben war: »Generalagentur... Anſtellungen und Plätze aller Art ſind im Bureau zu erfragen.« Es war ein Laden, mit einer Blende von Gaze und einer Thür, die von der Hausflur hineinführte; in dem Fenſter hing eine lange und anziehende Reihe geſchriebener Anſchläge, die offene Stellen aller Art von der eines Secretairs bis zu jener eines Bedienten ankündigten. Nicolaus blieb unwillkürlich vor dieſem Tempel der Verheißung ſtehen und überlief mit dem Auge die ver⸗ ſchiedenen Laufbahnen, die hier mit ſolcher Verſchwen⸗ dung eröffnet wurden. Nachdem er ſeine Ueberſicht voll⸗ endet hatte, ging er einige Schritte weiter, kehrte dann zuxück, ging wieder vorüber, verweilte einige Mal nach⸗ läſſig vor der Thür der Generalagentur und faßte endlich einen Entſchluß und trat ein. Er fand ſich in einem kleinen Gemache, deſſen Bo⸗ den mit Decken bekleidet war. In einem Winkel war ein hohes von einem Gitter umſchloſſenes Pult, hinter welchem ein magerer junger Menſch mit liſtigen Augen und vorragendem Kinne ſaß, deſſen Leiſtungen in Capi⸗ talbuchſtaben das Fenſter verdunkelten. Er hatte ein dickes Buch vor ſich aufgeſchlagen, die Finger ſeiner rech⸗ ten Hand waren zwiſchen die Blätter geſchoben und ſeine Augen auf eine ſehr dicke alte Dame in einer Nacht⸗ haube— offenbar die Eigenthümerin des Ladens— ge⸗ richtet, die ſich an dem Feuer wärmte. Er ſchien ihre Befehle zu erwarten, um eine oder die andere der Nach⸗ — — Nicolaus Nickleby. 129 weiſungen aufzuſuchen, die innerhalb der roſtigen Clau⸗ ſuren des Buches enthalten waren. Da eine Tafel vor dem Eingange hing, welche dem Publikum ankündigte, daß von zehn Uhr bis vier beſtän⸗ dig Dienſtmägde hier zu finden waren, die ſich vermie then wollten, ſo begriff Nicolaus ſogleich, daß ein halbes Dutzend ſtarker junger Frauenzimmer, mit Ueberſchuhen und Regenſchirmen, die in einem Winkel auf einer Bank ſaßen, zu dieſem Zwecke anweſend waren, zumal da die armen Dinger ängſtlich und verdrießlich ausſahen. Nicht ganz ſo gewiß war er des Berufes und Standes zweier lebhafter junger Damen, die in einer Unterhaltung mit der dicken Dame vor dem Kamine begriffen waren; er ließ ſich daher in einem Winkel nieder, und bemerkte, daß er warten wolle, bis die übrigen Kunden befriedigt wären, und die dicke Dame nahm den Dialog wieder auf, den ſein Eintritt unterbrochen hatte. „»Köchin, Tom,« ſagte die dicke Dame, indem ſie ſich fortwährend am Feuer wärmte. 3 „»Köchin,« wiederholte Tom, der mehrere Blätter des Buches umſchlug,»gut.« „»Leſen Sie ein Paar leichte Stellen,« ſagte die dicke Dame. »Sein Sie ſo gut und ſuchen Sie recht leichte auf, junger Herr,« fiel ein hübſches Frauenzimmer in Halb⸗ ſtiefeln ein, welches die Clientin zu ſein ſchien.. »Madame Marker,« las Tom,„»Ruſſel⸗Platz, bietet dreißig Thaler, auch wird Thee und Zucker gegeben. Fa⸗ milie von zwei Perſonen, die wenig Geſellſchaft ſieht. Fünf Dienſtboten gehalten. Kein männlicher Dome⸗ ſtigue; kein Liebhaber.⸗ »Mein Gott!“ kicherte die Clientin.»Das iſt nichts. Leſen Sie einen andern Ort, junger Herr!« Nicolaus Nickleby. II. 9 130 Nicolaus Nickleby. »Madame Wrymug,« las Tom.»Angenehme Stelle in Finsbury. Lohn zwanzig Thaler. Kein Thee, kein Zucker. Ernſte Familie—« „»Ach, Sie brauchen das nicht zu leſen,« unterbrach das dienſtſuchende Frauenzimmer. „Drei ernſte Bedienten,« fuhr Tom, mit Nachdruck ſprechend, fort. „Drei, ſagten Sie?« fragte die Suchende in verän⸗ dertem Tone. „Drei ernſte Bedienten,« erwiederte Tom.»Köchin, Dienſtmagd und Wärterin. Von jedem weiblichen Dienſtboten wird verlangt, daß derſelbe jeden Sonntag zweimal in die Kirche geht und ſich von einem der ern⸗ ſten Bedienten begleiten läßt. Wenn die Köchin ernſter iſt als der Bediente, ſo erwartet man, daß ſie zu deſſen Beſſerung beitragen wird; iſt der Bediente ernſter als die Köchin, ſo erwartet man, daß er zu ihrer Beſſerung beiträgt.⸗ „Geben Sie mir doch die Adreſſe dieſes Ortes,« ſagte das Frauenzimmer.»Ich glaube, daß er mir ganz gut gefallen wird.« „Hier iſt noch ein anderer,« bemerkte Tom, indem er mehrere Blätter umſchlug.»Im Hauſe des Herrn Schwarzgalle, Parlementsgliedes. Fünf und zwanzig Thaler, Thee und Zucker. Den Mädchen erlaubt, männ⸗ liche Verwandte zu ſehen, wenn ſie gottesfürchtig ſind. NB. Am Sonntage kaltes Mittagseſſen in der Küche, weil Herr Schwarzgalle im Hauſe der Gemeinen für die Aufrechthaltung der Sonntagsfeier ſtimmt. An dem Tage des Herrn werden deshalb keine andere Speiſen gekocht, außer dem Mittagsmahle für Herrn und Ma⸗ dame Schwarzgalle, deſſen Bereitung als ein frommes und nothwendiges Werk ausgenommen iſt. Herr Schwarz⸗ —ͤ— , 2ͤ—A——* 1 —2 2 8 * Nicolaus Nickleby. galle geht an dem Tage des Herrn ſpät zu Tiſche, wobei er die gute Abſicht hat, der Köchin die Sünde zu erſpa⸗ ren, ſich unnöthig herauszuputzen.« »Ich glaube nicht, daß es mir hier ſo gefallen wuͤrde, wie an dem andern Orte,« ſagte das Frauenzimmer, nachdem es mit ſeiner Freundin einige Zeit geflüſtert hatte.»Ich bitte mir die andere Adreſſe aus, junger Herr; ich brauche ja doch nur zurückzukommen, wenn es nichts iſt.« Tom ſchrieb die Adreſſe auf, wie von ihm verlangt wurde; und die artige Dienſtſuchende ging, nachdem ſie die dicke Dame durch eine kleine Verehrung befriedigt hatte, mit ihrer Freundin hinweg. Als Nicvlaus den Mund öffnete, um den jungen Mann zu bitten, den Buchſtaben S, aufzuſchlagen und ihn wiſſen zu laſſen, welche Secretairſtellen noch nicht vergeben wären, trat eine neue Erſcheinung dazwiſchen, zu deren Gunſten er ſogleich zurückwich, und die ihn zu⸗ gleich überraſchte und anzog. Dies war eine junge Dame, welche kaum achtzehn Jahre alt ſein konnte, von ſchlanker und zarter, aber rei⸗ zender Geſtalt, die ſchüchtern zu dem Pulte ſchritt und in kaum hörbarer Stimme nach einer Stelle als Gon⸗ vernante oder Geſellſchafterin fragte. Sie hob ihren Schleier einen Augenblick, während ſie ihre Nachfrage anſtellte, und zeigte ein Geſicht von ungewöhnlicher Schönheit, obwohl daſſelbe von einer Wolke der Betrub⸗ niß beſchattet war, die bei einer ſo jugendlichen Erſchei⸗ nung doppelt auffiel. Nachdem ſie eine Karte mit der Adreſſe irgend einer Perſon in dem Buche erhalten hatte, entrichtete ſie die gewöhnliche Gebühr und ſchlüpfte da⸗ von. Sie war geſchmackvoll, doch beſcheiden gekleidet, und 5 9* 132 Nicolaus Nickleby. in der That ſo einfach, daß ihr Anzug, wenn eine Per⸗ ſon ihn getragen hätte, die demſelben weniger von ihrer eigenen Anmuth mittheilte, dürftig und ärmlich erſchienen wäre. Ihre Dienerin— denn ſie hatte eine Dienerin— war ein unſauberes Mädchen mit rothen Backen und runden Augen, welches nach einer gewiſſen Rauheit an den bloßen Armen, die unter dem nachläſſig umgeſchla⸗ genen Tuche hervorſahen, und den halb abgewaſchenen Spuren von Ruß und Kohlenſchwärze, die ihr Geſicht befleckten, offenbar zu der Genoſſenſchaft der Dienſtmägde auf der Bank gehörte, mit denen es verſchiedene Blicke und Zeichen wechſelte, welche die Freimaurerei der Zunft verriethen. Das Mädchen folgte ſeiner Gebieterin, und ehe Ni⸗ colaus ſich noch von den erſten Wirkungen des Erſtau⸗ nens und der Bewunderung erholt hatte, war die junge Dame verſchwunden. Es iſt keineswegs etwas ſo durch⸗ aus Unwahrſcheinliches, wie manche nüchterne Leute ſich vorſtellen mögen, daß er ihr nachgegangen wäre, wenn ihn die Unterhaltung, die zwiſchen der dicken Dame und ihrem Buchhalter ſtattfand, nicht zurückgehalten hätte. „Wann will ſie wiederkommen, Tom?« fragte die dicke Dame. »Morgen früh,« antwortete Tom, der inzwiſchen ſeine Feder verbeſſerte. „»Wo haben Sie ſie hingeſchickt?« fragte die dicke Dame. „Zu Madame Clarks,« antwortete Tom. „Sie wird ein angenehmes Leben führen, wenn ſie dahin geht,« bemerkte die dicke Dame und nahm eine Priſe Schnupftaback aus einer zinnernen Doſe. Tom wußte hierauf nichts weiter zu erwiedern, als daß er ſeine Zunge in die linke Wange ſteckte und mit — Tom,»aber die Mancheſter⸗Gebäude nehmen keinen gro⸗ 133 der Feder auf Nicolaus wies. Dieſe Erinnerungen rie⸗ fen von der dicken Dame die Frage hervor:»Was kön⸗ nen wir für Sie thun, mein Herr?« Nicolaus entgegnete mit kurzen Worten, daß er zu wiſſen wünſche, ob irgend eine Stelle als Secretair oder Amanuenſis bei einem Herrn zu haben wäre. »Irgend eine?« berſetzte die Frau.»Ein Dutzend. Iſt es nicht ſo, Tom?«. »Ich ſollte es denken,« antwortete der junge Mann, und während er dies ſagte, winkte er Nicolaus mit ei⸗ ner Vertraulichkeit zu, die er ohne Zweifel als ein ſehr ſchmeichelhaftes Compliment betrachtete, die aber bei Nicolaus undankbarer Weiſe nur Ekel erweckte. Bei genauerer Nachforſchung ergab es ſich, daß das Dutzend Secretairsſtellen zu einer einzigen zuſammen⸗ geſchrumpft war. Herr Gregsbury, das berühmte Par⸗ lementsmitglied in den Mancheſter⸗Gebäuden zu Weſt⸗ minſter, bedurfte eines jungen Mannes, um ſeine Papiere und Correſpondenz in Ordnung zu halten, und Nicolaus war gerade die Art von einem jungen Manne, deren Herr Gregsbury bedurfte. »Ich weiß nicht, wie die Bedingungen ſind, denn er ſagte, er wolle ſie ſelbſt mit dem Betheiligten ausma⸗ chen,« bemerkte die dicke Dame,»ſie müſſen aber ſehr gut ſein, da er ein Parlemenksglied iſt. So unerfahren Nicolaus war, ſo wollte ihm doch . Nicolaus Nickleby. die Logik dieſes Schluſſes nicht recht einleuchten; da es aber zu nichts führen konnte, wenn er ſie in Zweifel gezogen hätte, ſo gab er ſich weiter keine Mühe, ſondern nahm die Adreſſe und beſchloß, Herrn Gregsbury ohne Verzug ſein Aufwartung zu machen. »Ich weiß die Nummer des Hauſes nicht,« ſagte 134 Nicolaus Nickleby. ßen Platz ein, und wenn es zum Schlimmſten kommt, ſo wird es Sie nicht viele Zeit koſten, an alle Thüren auf beiden Seiten zu klopfen, um ihn aufzuſuchen. Aber ſagen Sie, was das für eine hübſche Dirne war! nicht wahr?« »Was für eine Dirne?« fragte Nicolaus ernſt. »Ei nun, ich weiß Beſcheid. Was für eine Dirne? wie?« flüſterte Tom, indem er das eine Auge ſchloß und ſein Kinn in der Luft wiegte.»Sie haben ſie nicht geſehen, gelt, nein? Aber wünſchen Sie nicht, daß Sie an meiner Stelle wären, wenn ſie morgen früh wieder⸗ kommt?« Nicolaus ſah den häßlichen Schreiber an, als ob er nicht übel Luſt gehabt hätte, ſeine Bewunderung der jungen Dame dadurch zu belohnen, daß er ihm das Buch um die Ohren ſchlug; er hielt ſich jedoch zurück und ſchritt ſtolz aus dem Laden, indem er in ſeinem Unwillen jene alten Geſetze der Chevalerie hintanſetzte, die allen guten Rittern nicht allein geboten, das Lob der Damen anzuhören, denen ſie ergeben waren, ſondern ihnen über⸗ dies zur Pflicht machten, durch die Welt umherzuſtreifen, und alle ſolche ſchroffe und unpoetiſche Charaktere auf den Kopf zu ſchlagen, die es ablehnten, Fräulein oder Frauen über alles auf Erden zu erheben, von denen ſie niemals das Glück gehabt hatten, weder etwas zu hören noch zu ſehen,— als ob dies eine Entſchuldigung ge⸗ weſen wäre. Nicolaus dachte nicht länger an ſein eigenes Unglück, ſondern verwunderte ſich darüber, worin jenes des ſchö⸗ nen Mädchens beſtehen könne, welches er geſehen hatte. In dieſer Stimmung wandte er ſeine Schritte nach dem Orte, wohin er gewieſen war, und man kann ſich den⸗ ken, wie viele verkebrte Richtungen er einſchlug, wie viel Nicolaus Nickleby. 135 Nachfragen er machte, und wie viele falſche Nachwei⸗ ſungen er erhielt. In dem Umfange der alten, gegenwärtig in dem Häuſermeere von London einbegriffenen Stadt Weſt⸗ minſter, einige hundert Schritte von ihrem alten Heilig⸗ thume iſt eine enge und ſchmutzige Straße, welche das Heiligthum der unbedeutenderen Parlementsglieder in neuern Tagen iſt. Die düſtern Häuſer ſind in der Zwi⸗ ſchenzeit während der Parlementsſitzungen mit langen traurigen Reihen von Zetteln verſehen, welche eben ſo offen, wie die Züge der Inhaber, die in den Sitzungen auf den miniſteriellen Bänken der Oppoſition vertheilt ſind, ankündigen:»Zu vermiethen!«—„Zu vermie⸗ then!« Sobald das Parlement zuſammentritt, ver⸗ ſchwinden dieſe Zettel, und die Häuſer werden von Ge⸗ ſetzgebern gefüllt. In dem Erdgeſchoſſe, im erſten Stocke, im zweiten, im dritten, in den Dachkammern findet man Geſetzgeber; die kleinen Gemächer dunſten von dem Athem der Deputationen und Bevollmächtigten, die von den Wählern abgeſchickt werden. Bei feuchtem Wetter wird der Platz durch den Dampf verborgen, der von noch naſſen Parlementsacten und ſchmutzigen Petitionen aufſteigt. Den Briefträgern wird übel, wenn ſie die Grenzen des angeſteckten Bezirks betreten, und ſchäbige Geſtalten, die darauf ausgehen, ſich die Portofreiheit der Parlementsglieder zu Nutze zu machen, ſchwanken gleich den aufgeſtörten Geiſtern dahingeſchiedener Brief⸗ ſteller hin und her. Dies iſt der Ort, welcher mit dem Namen der Mancheſter⸗Gebäude bezeichnet wird. Hier kann man zu allen Stunden der Nacht das Geraſſel von Hausſchlüſſeln vernehmen, die in ihren reſpectiven Schlüſſellöchern gedreht werden, und von Zeit zu Zeit, — wenn ein Windſtoß über das Waſſer fährt, welches 136 Nicolaus Nickleby. den Fuß der Gebäude beſpült und den Schall gerade nach dem Eingange des Platzes trägt,— die ſchwache krächzende Stimme eines jungen Parlementsgliedes, das die Rede für morgen einübt. Den lieben langen Tag hindurch erſchallen die Töne von Drehorgeln und Leier⸗ kaſten, denn die Mancheſter⸗Gebäude ſind ein Aaltopf, der keinen andern Ausgang hat, als ſeine abſtoßende Mündung,— ein Flaſchenfutter, welches keinen Durch⸗ gang und einen kurzen und engen Hals hat; und in dieſer Hinſicht kann man ſagen, daß ſie vorbedeutend für das Schickſal mancher ihrer waglicheren Bewohner ſind, die, nachdem ſie ſich durch die gewaltſamſten Anſtren⸗ gungen und Wendungen in das Parlement gedrängt haben, finden, daß es auch kein Durchweg für ſie iſt, daß es wie die Mancheſter⸗Gebände zu nichts führt, als zu ſich ſelbſt, und daß Ihnen nichts Anderes übrig bleibt, als ſich, nicht weiſer noch reicher noch im Geringſten berühmter, wie ſie eintraten, wieder zurückzuziehen. Nach den Mancheſter⸗Gebäuden wandte ſich Nicolaus, die Adreſſe des großen Gregsbury in der Hand; und da ſich eben eine Maſſe von Perſonen in ein armſeliges Haus nicht weit von dem Eingange drängte, ſo wartete er, bis ſie hinein waren, und trat dann zu dem Diener und fragte ihn, ob er wiſſe, wo Herr Gregsbury wohne. Der Diener war ein blaſſer ärmlicher Burſche, der ſo ausſah, als ob er von Kindesbeinen an unter der Erde geſchlafen habe, wie dies denn bei dem beſchränk⸗ ten Raume des Hauſes auch wahrſcheinlich der Fall war.»Herr Gregsbury?« ſagte er,»Herr Gregsbury wohnt hier. Sie ſind ganz recht; treten Sie ein!« Nicolaus meinte, daß es nichts ſchaden könne, wenn er einträte, da ſich eine Gelegenheit bot, und ſo trat Nicolaus Nickleby. 137 er denn ein. Kaum hatte er dies aber gethan, als der Menſch die Thür ſchloß und davon ging. Dies war ſeltſam genug, aber was ihn noch mehr in Verlegenheit ſetzte, war, daß ſich auf der beengten Haus⸗ flur und auf der engen Treppe ein Haufe von Leuten fand, die das Fenſter verſperrten und den dunkeln Gang noch dunkler machten, und in deren Geſichtszügen ſich große Wichtigkeit ausſprach. Allem Anſcheine nach harr⸗ ten ſie in ſchweigender Erwartung irgend eines bevorſtehen⸗ den Ereigniſſes, denn von Zeit zu Zeit flüſterte der Eine mit ſeinem Nachbarn, oder es flüſterte eine kleine Gruppe unter einander, und dann niekten die Flüſterer einander zu oder ſchüttelten unruhig die Köpfe, als ob ſie auf irgend einen verzweifelten Streich ausgingen und entſchloſſen wä⸗ ren, ſich, es komme, was da wolle, nicht abweiſen zu laſſen. Da einige Minnten vergingen, ohne daß ſich irgend etwas begab, was dieſe ſonderbare Scene erklärt hätte, und da Nicolaus in ſeiner Lage ſich nicht allzu behag⸗ lich fühlte, ſo war er im Begriff, bei Einem der ihm zunächſt Stehenden einige Erkundigung einzuziehen, als eine plötzliche Bewegung auf der Treppe bemerklich wurde, und eine Stimme ſich vernehmen ließ, die ausrief:»Nun, meine Herren, haben Sie die Güte heraufzuſteigen!« Statt heraufzuſteigen, wie ſie eingeladen waren, began⸗ nen die Herren auf der Treppe vielmehr mit großer Geſchwin⸗ digkeit herunterzuſteigen und die Herren, welche dem Ein⸗ gange zunächſt ſtanden, mit außerordentlicher Höflichkeit zu bitten, daß ſie vorangehen möchten. Die Herren, welche dem Eingange zunächſt ſtanden, entgegneten mit gleicher Höflich⸗ keit, daß ſie um keinen Preis nur daran denken wärden, dies zu thun; aber ſie thaten es, ohne daran zu denken, da die andere Partei, ein halbes Dutzend von ihnen, unter denen ſich auch Nicolaus befand, vorandrängte — 138 Nicolaus Nickleby. und, hinten nachdrückend, nicht allein die Treppe hinauf, ſondern auch in das Zimmer des Herrn Gregsbury hin⸗ einſtieß, in welches ſie demnach mit der ungeziemendſten Uebereilung eintraten, ohne daß ſie im Stande geweſen wären, ſich wieder zurückzuziehen, da die nachdrängende Menge das Gemach vollkommen ausfüllte. »Meine Herren,“ ſagte Herr Gregsbury,»ſein Sie willkommen! Es freut mich, Sie zu ſehen.« Für einen Mann, der erfreut war, einen Beſuch bei ſich zu ſehen, hatte Herr Gregsbury die unbehaglichſte Miene, die man ſich denken kann; vielleicht wurde dies aber nur durch die Würde des Geſetzgebers und durch die diplomatiſche Gewohnheit verurſacht, ſeine Gefühle ſtets in ſeiner Gewalt zu halten. Er war ein ſtarker, wohlbeleibter, dickköpfiger Mann mit lauter Stimme, gravitätiſchem Benehmen und einem erträglichen Vor⸗ rathe von tönenden Sentenzen ohne Sinn, kurz mit Al⸗ lem, was zu einem guten Parlementsgliede erforderlich iſt. »Nun, meine Herren,« fagte Herr Gregsbury, indem er einen großen Pack Papiere in einen geflochtenen Korb zu ſeinen Füßen ſtieß und ſich ſelbſt in ſeinen Stuhl zu⸗ rückwarf, auf deſſen Lehnen er ſeine Arme ausruhen ließ; »ich ſehe aus den Zeitungen, daß Sie mit meinem Be⸗ nehmen unzufrieden ſind?« »Ja, Herr Gregsbury, das ſind wir,« entgegnete ein dicker alter Herr in großer Aufregung, der ſich aus dem Haufen herausdrängte und an die Spitze ſtellte. »Darf ich meinen Augen trauen?« rief Herr Gregs⸗ bury aus, indem er den Sprecher anſah.»Iſt das nicht mein alter Freund Pugſtyles?« »Der bin ich und kein anderer,« erwiederte der dicke alte Herr. »Geben Sie mir die Hand, mein würdiger Freund!« 8 Nicolaus Nickleby. ſagte Herr Gregsbury.»Pugſtyles, mein theuerſter Freund, es thut mir ſehr leid, Sie hier zu ſehen.« »Mir thut es ſehr leid, hier zu ſein, mein Herr,⸗ verſetzte Herr Pugſtyles;»aber Ihr Benehmen, Herr Gregsbury, hat die Abſendung dieſer Deputation von Ihren Wählern gebieteriſch nothwendig gemacht.⸗« »Mein Benehmen, Pugſtyles,« ſagte Herr Gregsbury, indem er die Mitglieder der Deputation mit leutſeliger Herablaſſung der Reihe nach anblickte,»mein Benehmen iſt immer durch die aufrichtige Beachtung der wahren und wirklichen Intereſſen dieſes großen und glücklichen Landes geleitet geweſen, und wird nie durch eine andere Rückſicht geleitet werden. Ob ich bei uns zu Hauſe oder auswärts umherblicke, ob ich die friedlichen gewerbflei⸗ ßigen Gemeinſchaften unſerer Inſel zu Hauſe betrachte, ihre Flüſſe bedeckt mit Dampfböten, ihre Straßen mit Dampfwagen, ihre Gaſſen in den Städten mit Kabrio⸗ lets, ihren Himmel mit Luftballons von einer Macht und Größe, die bisher in der Geſchichte der Aeronautik dieſer oder irgend einer andern Nation unbekannt war, — ich ſage, ob ich bloß zu Hauſe um mich ſehe, oder meinen Blick weiter hinausſtrecke und ihn auf der vor mir ausgebreiteten grenzenloſen Ausſicht von Eroberun⸗ gen und Beſitzungen verweilen laſſe, die durch brittiſche Ausdauer und brittiſche Kraft errungen ſind, ſo ſchlage ich in meine Hände, erhebe meine Augen zu der weiten Ausdehnung über meinem Haupte und rufe aus: Dank dem Himmel, daß ich ein Britte bin!« Es hatte eine Zeit gegeben, wo dieſer Ausbruch der Begeiſterung einen Wiederhall in jeder Bruſt gefunden hätte; jetzt nahm die Deputation denſelben aber mit der tödtlichſten Kälte auf. Die allgemeine Anſicht ſchien zu ſein, daß er, Herr Gregsbury, bei einer Erklärung ſeines 140 Nicolaus Nickleby. politiſchen Benehmens doch etwas mehr in das Einzelne gehen müßte; und ein Herr im Hintergrunde nahm kei⸗ nen Anſtand, laut zu erklären, daß ihm die Rede ſtark nach dem Speckſeitengrundſatze zu ſchmecken ſcheine. »Die Bedeutung des Ausdruckes Speckſeitengrund⸗ ſatz,« entgegnete Herr Gregsbury,»iſt mir unbekannt. Wenn er ſagen ſoll, daß ich etwas zu glühend und viel⸗ leicht ſelbſt hyperboliſch in der Erhebung meines Vater⸗ landes werde, ſo geſtehe ich die Gerechtigkeit der Bemer⸗ kung ohne Widerrede zu. Ich bin ſtolz auf mein freies und glückliches Vaterland. Meine Geſtalt dehnt ſich aus, mein Auge glänzt, meine Bruſt hebt ſich, mein Herz ſchwillt, mein Buſen brennt, wenn ich mir ſeine Größe und ſeinen Ruhm in das Gedächtniß rufe.« »Mein Herr,« bemerkte Herr Pugſtyles ruhig,»wir wuͤnſchen Ihnen einige Fragen vorzulegen.« »Stehe Ihnen ganz zu Dienſten,« entgegnete Herr Gregsbury,»meine Zeit gehört Ihnen— und meinem Vaterlande— und meinem Vaterlande.« Nachdem auf dieſe Weiſe die erbetene Erlaubniß er⸗ theilt war, ſetzte Herr Pugſtyles ſeine Brille auf und durchlief ein beſchriebenes Papier, welches er aus der Taſche zog, worauf beinahe ſämmtliche übrige Mitglieder der Deputation gleichfalls ein beſchriebenes Papier aus der Taſche zogen, um daſſelbe zu vergleichen, während Herr Pugſtyles die Fragen vorlas. Sobald dies geſchehen war, ſchritt Herr Pugſtyles zur Sache. »Frage, Nummer Eins. Ob Sie vor Ihrer Wahl nicht freiwillig die Verpflichtung eingegangen ſind, falls Sie gewählt würden, ſogleich den Mißbrauch abzuſtel⸗ len, der im Hauſe der Gemeinen damit getrieben wird, zu huſten und zu gähnen, ſobald man ein Mitglied nicht Q& G& d& Nicolaus Nickleby. 141 4 zu Worte kommen laſſen will? Und ob Sie es ſich nicht gefallen ließen, in der erſten Debatte ſelbſt niedergehnſtet und niedergegähnt zu werden, und ſeitdem keinen Ver⸗ ſuch gemacht haben, in dieſer Beziehung eine Reform zu bewirken? Ob Sie nicht gleichfalls die Verpflichtung eingegangen ſind, die Regierung zum Erſtaunen zu briu⸗ gen und ſie auf ihren Bänken zittern zu laſſen? Und ob Sie ſie zum Erſtaunen gebracht und auf ihren Bän⸗ ken haben zittern laſſen, oder nicht?« »Gehen Sie zu der nächſten Frage über, mein lie⸗ ber Pugſtyles,« ſagte Herr Gregsbury. »Wollen Sie in Bezug auf dieſe Frage uns irgend eine Erklärung geben?« fragte Herr Pugſtyles. »Gewiß nicht,« antwortete Herr Gregsbury. Die Mitglieder der Deputation ſahen mit wilden Blicken erſt einander und darauf ihren zur Rede geſtell⸗ ten Repräſentanten an, und der liebe Pugſtyles fuhr, nachdem er Herrn Gregsbury ſich lange Zeit über ſeine Brille hinweg betrachtet, in der Liſte ſeiner Frage fort. »Frage, Nummer Zwei. Ob Sie nicht gleicher Weiſe ſich verpfüchtt haben, Ihren Kollegen bei jeder Gelegenheit zu unterſtützen, und ob Sie nicht in der vorgeſtrigen Sitzung ihn verlaſſen und auf der andern Seite geſtimmt haben, weil die Gemahlin eines vor⸗ nehmen Mannes auf der andern Seite Madame Gregs⸗ bury zu einer Abendgeſellſchaft eingeladen hatte?«⸗ „»Fahren Sie fort!« ſagte Herr Gregsbury. »Auch darauf haben Sie nichts zu ſagen, mein Herr?« fragte der Sprecher. »Nicht das Geringſte,« erwiederte Herr Gregsbury. Die Deputation, die ihn nur bei ſeiner Bewerbung um ihre Stimmen oder zu der Zeit der Wahl geſehen hatte, wurde durch ſeine Kaltblütigkeit ganz verdutzt. Er 142 Nicolaus Nickleby. ſchien nicht mehr derſelbe Menſch zu ſein; damals war er ganz Milch und Honig, und jetzt war er ganz Stärke und Eſſig. Aber die Menſchen ſind ſo verſchieden unter verſchiedenen Umſtänden. »Nun zuletzt, Frage Nummer Drei,« ſagte Herr Pugſtyles mit Nachdruck.»Ob Sie bei der Wahl nicht Ihren feſten und entſchiedenen Entſchluß ausge⸗ ſprochen haben, ſich Allem, was vorgeſchlagen würde, zu widerſetzen, bei jeder Frage auf eine Abſtimmung zu dringen, über jeden Gegenſtand actenmäßige Auskunft zu verlangen, täglich einen Antrag in die Tagesordnung eintragen zu laſſen, und kurz, um Ihre eigenen denk⸗ würdigen Worte zu gebrauchen, gegen Alles und gegen Jedermann ſich auf die Hinterbeine zu ſetzen?« Mit dieſer umfaſſenden Frage faltete Herr Pugſtyles ſeine Liſte zuſammen, und alle ſeine Hintermänner thaten desgleichen. Herr Gregsbury überlegte, ſchneuzte ſich die Naſe, warf ſich weiter in den Stuhl zurück, richtete ſich wie⸗ der auf, ſtützte ſeine Elbogen auf den Tiſch, machte ein Dreieck mit ſeinen beiden Daumen und ſeinen beiden Zeigefingern, ſchlug ſich mit der Spitze dieſes Dreiecks auf die Naſe und erwiederte lächelnd:»Ich leugne Al⸗ les ab.« Auf dieſe unerwartete Antwort erhob ſich ein rau⸗ hes Murren von der Deputation, und derſelbe Herr, der ſeine Anſicht über die Speckſeitenrichtung der Ein⸗ leitungsrede ausgeſprochen hatte, machte wieder eine eben ſo kurze und eben ſo kräftige Bemerkung, indem er brummte:»Treten Sie zurück!« Und da in dieſes Brummen ſeine Begleiter einſtimmten, ſo ſchwoll es zu einer ſehr ernſten und allgemeinen Drohung. »Ich bin ermächtigt, mein Herr,“« ſagte hierauf Nicolaus Nickleby. 14⁴3 Pugſtyles mit einer kalten Verbeugung,»Ihnen die Hoffnung auszudrücken, daß Sie bei dem Empfange ei⸗ ner Aufforderung von der großen Mehrheit Ihrer Wäh⸗ ler keinen Anſtand nehmen werden, von Ihrem Sitze ſo⸗ fort zu Gunſten eines Kandidaten zurückzutreten, dem wir beſſer vertrauen zu können glauben.« Darauf las Herr Gregsbury folgende Antwort, die er, eine ſolche Aufforderung vorherſehend, in der Form eines Schreibens abgefaßt hatte, von dem er den ver⸗ ſchiedenen Zeitungen Abſchriften zuſchicken ließ. „»Mein lieber Pugſtyles! Nächſt der Wohlfahrt unſeres geliebten Inſelrei⸗ ches,— dieſes großen, freien und glücklichen Landes, deſſen Kräfte und Hülfsmittel meiner aufrichtigen Ue⸗ berzeugung nach unbegrenzt ſind— ſchätze ich nichts ſo hoch, als jene edle Unabhängigkeit, die der ſtolzeſte Ruhm eines Engländers iſt, und die ich innig hoffe, meinen Kindern unverdunkelt und unbefleckt zu hin⸗ terlaſſen. Durch keine perſönlichen Beweggründe ge⸗ trieben, ſondern nur durch hohe und große conſtitn⸗ tionelle Rückſichten beſtimmt, die ich nicht zu erör⸗ tern verſuchen werde, weil ſie in der That unter der Faſſungskraft von Perſonen ſind, die ſich nicht, wie ich, zu Meiſtern des verwickelten und ſchwierigen Studiums der Politik gemacht haben, ziehe ich es vor, meinen Sit zu behalten, und gedenke, dies zu thun. Wollen Sie die Gefälligkeit haben, der Wähler⸗ ſchaft meine Empfehlung auszurichten und ſie mit dieſem Umſtande bekannt zu machen? Mit großer Achtung, mein lieber Pugſtyles, u. ſ. w.« 144 Nicolaus Nickleby. »Sie wollen alſo in keinem Falle zurücktreten?« fragte der Sprecher. Herr Gregsbury lächelte und ſchüttelte mit dem Kopfe. »Dann wünſche ich Ihnen einen guten Morgen, mein Herr!« ſagte Pugſtyles entrüſtet. »Gott erhalte Sie!« entgegnete Herr Gregsbury. Und die Deputation marſchirte unter vielfachem Brum⸗ men und Stirnrunzeln ſo ſchnell ab, als die Enge der Treppe irgend geſtattete. Nachdem der Letzte gegangen war, rieb Herr Gregs⸗ bury ſich die Hände und lachte in ſich hinein, wie lu⸗ ſtige Leute wohl thun, wenn ſie glauben, einen unge⸗ wöhnlich guten Ernfall gehabt oder einen ungewöhnlich guten Streich ausgeführt zu haben. Seine Zufrieden⸗ heit mit ſich ſelbſt beſchäftigte ihn ſo ſehr, daß er es gar nicht bemerkte, das Nicolaus in dem Schatten ei⸗ ner Fenſtergardine zurückgeblieben war, bis der ehrliche Jüngling, in der Beſorgniß, daß er noch ein Selbſtge⸗ ſpräch zu hören bekommen möchte, welches für keine Zuhörer beſtimmt war, ein Paarmal huſtete, um die Aufmerkſamkeit des Parlementsgliedes auf ſich zu ziehen. »Was iſt das?« rief Herr Gregsbury in ſcharfem Tone aus. Nicolaus trat vor und verbeugte ſich. »Was haben Sie hier zu thun, mein Herr?« fragte Herr Gregsbury.»Ein Spion in meinem Privatzim⸗ mer! Ein verſteckter Wähler! Sie haben meine Ant⸗ wort gehört, bitte, folgen Sie der Deputation.« »Ich würde das gethan haben, wenn ich zu derſel⸗ ben gehört hätte, aber dies iſt nicht der Fall,« erwie⸗ derte Nicolaus. »Wie ſind Sie dann hieher gekommen?« war die n ℳ 8 8+ 8¼½ ⸗ Nicolaus Nickleby. 145 natürliche Frage des Parlementsgliedes,»und wo zum Teufel ſind Sie hergekommen?« war die Frage, die darauf folgte. »Ich brachte dieſe Karte von der Generalagentur, mein Herr,« ſagte Nicolaus,»und wünſche mich Ihnen zum Secretair anzubieten, da ich höre, daß Sie eines ſolchen bedürfen.⸗« »Das wäre es allein, weshalb Sie gekommen ſind? Wie?« fragte Herr Gregsbury, indem er ihn mit miß⸗ trauiſcher Miene betrachtete. Nicolaus antwortete bejahend. »Sie ſtehen nicht in Verbindung mit irgend einem dieſer verdammten Blätter?« fuhr Herr Gregsbury noch immer in zweifelndem Tone fort.»Sie ſind nicht in dies Zimmer gekommen, um zu hören, was vorgehe, und es drucken zu laſſen?« „»Zu meinem Bedauern muß ich ſagen, daß ich ge⸗ genwärtig mit nichts in der Welt in Verbindung ſtehe,« verſetzte Nicolaus ſehr höflich, aber ohne im Geringſten verlegen zu ſein. » Eil« rief Herr Gregsbury aus.»Wie ſind Sie dann aber hier herauf gerathen?« Nicolaus erzählte, wie er von der Deputation her⸗ aufgedrängt worden war. »So haben Sie ſich hergefunden?« bemerkte Herr Gregsbury.„Setzen Sie ſich!« Nicolaus nahm einen Stuhl, und Herr Gregsbury ſtierte ihn lange Zeit an, als ob er ſich, ehe er irgend eine fernere Frage an ihn richtete, hätte verſichern wol⸗ len, daß ſeine äußere Erſcheinung keinen Einwand böte. »Sie wollen alſo mein Secretair werden?⸗ ſagte er endlich. 7 Nicolaus Nickleby. II. 10 ——ͤͤ [O.—õ—— 146 Nicolaus Nickleby. „Ich wünſche, in dieſer Eigenſchaft angeſtellt zu werden,« verſetzte Nicolaus. »Gut,« ſagte Herr Gregsbury.»Was können Sie aber thun?« »Ich denke,« erwiederte Nicolaus lächelnd,»ich kann Alles thun, was andern Secretairen gewöhnlich zufällt.« „»Was iſt das?« fragte Herr Gregsbury. „Was es iſt?« gegenfragte Nicolaus. „»Ja, was es iſt!« entgegnete das Parlementsglied, und ſah, das Haupt auf die eine Seite geneigt, ihn mit ſchlauer Miene an. „Die Pflichten eines Secretairs,« ſagte Nicolaus überlegend,»ſind vielleicht ziemlich ſchwer auseinander⸗ zuſetzen. Zuvörderſt, denke ich, übernimmt er die Cor⸗ reſpondenz.« »Gut,« fiel Herr Gregsbury ein. „Die Anordnung der Papiere und Documente.⸗ »Sehr gut.« „Vielleicht muß er, bei Gelegenheit, ſich etwas von Ihnen in die Feder dictiren laſſen, und auch wohl⸗— ſagte Nicolaus, halb und halb lächelnd— veine Copie von einer Ihrer Reden für irgend ein öffentliches Blatt anfertigen, wenn Sie eine Rede von mehr als gewöhn⸗ licher Wichtigkeit gehalten haben.⸗ „Gewiß,“ verſetzte Herr Gregsbury.»Was weiter?« »Ich bin wirklich im Augenblicke nicht im Stande,« ſagte Nicolaus, nachdem er ſich eine Zeitlang beſonnen hatte,»noch andere Pflichten eines Secretairs anzugeben, außer der allgemeinen, ſich ſeinem Principal ſo angenehm und nützlich zu machen, als er kann, ohne ſeiner eigenen Achtbarkeit etwas zu vergeben und die Grenze der Verpflichtungen zu überſchreiten, die er auf ſich genom⸗ Nicolaus Nickleby. 147 men hat, und welche die Bezeichnung ſeines Amtes nach dem gemeinen Sprachgebrauch einſchließt.« Herr Gregsbury ſchaute Nicolaus kurze Zeit mit feſtem Blicke an, ſah ſich darauf vorſichtig in dem Ge⸗ mache um und ſagte mit unterdrückter Stimme: »Das iſt Alles recht gut, Herr— wie heißen Sie?⸗ „Nickleby.⸗ „Das iſt Alles recht gut, Herr Nickleby, und ganz ſchön, ſo weit es reicht,— ſo weit es reicht, aber es iſt nicht ausreichend. Es giebt noch andere Pflichten, Herr Nickleby, die der Secretair eines Mannes von meiner Stellung nie aus dem Auge verlieren darf. Ich würde auch verlangen, gefüttert zu werden.« »Ich bitte um Verzeihung,« fiel Nicolaus ein, der zweifelhaft war, ob er recht gehört habe.. „Gefüttert zu werden,« wiederholte Herr Gregs⸗ bury. „»Darf ich Sie nochmals um Verzeihung bitten und fragen, was Sie meinen?« ſagte Nicolaus. »Meine Meinung iſt verſtändlich genug,« erwiederte Herr Gregsbury mit großer Feierlichkeit.„»Mein Se⸗ eretair würde ſich die auswärtige Politik der Welt zu eigen machen müſſen, wie ſie in den Zeitungen abgeſpie⸗ gelt wird; er würde alle Berichte über öffentliche Ver⸗ ſammlungen, alle leitenden Artikel und die Nachrichten von den Verhandlungen öffentlicher Körperſchaften durch⸗ gehen und ſich Alles anzeichnen müſſen, wovon er glaubte, daß ſich daraus in einer kleinen Rede in Be⸗ zug auf eine Petition, die eingebracht iſt, oder irgend etwas der Art eine Pointe machen ließe. Verſtehen Sie mich?« 1 »Ich glaube jetzt, Sie zu verſtehen,⸗ enkgegnete Ni⸗ colaus. 10 148 Nicolaus Nickleby. „»Dann,« ſagte Herr Gregsbury,»würde es noth⸗ wendig für ihn ſein, ſich von Tage zu Tage mit den Zeitungsnachrichten von merkwürdigen Neuigkeiten be⸗ kannt zu machen, wie»Geheimnißvolles Verſchwinden und vermuthlicher Selbſtmord eines Lehrburſchen,« oder, was es ſonſt der Art giebt, worauf ich eine Frage an den Staatsminiſter des Innern begründen könnte. Dann müßte mein Secretair die Frage, und, ſo viel ich mich von der Antwort erinnern würde, copiren, ein kleines Compliment über meine Unabhängigkeit und Einſicht anhängen und das Manuſcript dem Loecalblatte zuſchi⸗ cken, wobei vielleicht noch ein halbes Dutzend Zeilen von einem leitenden Artikel anzuhängen wäre, worin es hieße, daß ich immer auf meinem Platze im Parlement zu finden ſei und nie von der Erfüllung meiner verant⸗ wortlichen und ſchwierigen Pflichten weiche und ſo fort. Begreifen Sie?« Nicolaus verbeugte ſich. »Außerdem,« fuhr Herr Gregsbury fort,»würde ich erwarten, daß er von Zeit zu Zeit ein Paar Ziffern in den gedruckten Tabellen durchmuſterte und ein Paar Ergebniſſe herausfände, ſo daß ich bei den Verhandlun⸗ gen über den Holzzoll und bei andern finanziellen Fra⸗ gen eine Rolle ſpielen könnte; und angenehm wäre es mir, wenn er einige Gedanken über die nachtheiligen Folgen einer Rückkehr zu Baarzahlungen und zu einem ausſchließlich metalliſchen Geldumlaufe zuſammenſtellte, wozu denn hier und da eine Anſpielung auf die Aus⸗ fuhr von Gold⸗ und Silberbarren, auf den Kaiſer von Rußland, auf Banknoten und auf ähnliche Dinge käme, von denen man nur fließend zu ſprechen braucht, weil Niemand ſie verſteht. Faſſen Sie mich?« „Ich glaube, zu verſtehen,« ſagte Nicolaus. Nicolaus Nickleby. 149 »In Bezug auf ſolche Fragen, die nicht politiſch ſind,« ergoß Herr Gregsbury ſich, immer wärmer wer⸗ dend, weiter, vund um die Niemand ſich einen Deut kümmert,— mit Ausnahme der natürlichen Sorge, daß unter uns ſtehende Leute ſich nicht eben ſo gut be⸗ finden, wie wir ſelbſt; denn wo waͤren ſonſt unſere Pri⸗ vilegien?— in Bezug auf ſolche Fragen würde mein Secretair wohl thun, ein Paar kleine pomphafte Re⸗ den von patriotiſcher Haltung auszuarbeiten. So zum Beiſpiel, wenn ein verkehrter Geſetzentwurf eingebracht würde, um armen pichelnden Schriftſtellern ein Recht auf ihr Eigenthum zu verleihen; dann möchte ich wohl ſagen, daß ich für mein Theil nie meine Zuſtimmung zu einem Verſuche geben würde, der Verbreitung des Wiſ⸗ ſens unter dem Volke— Sie verſtehen mich— einen unüberſteiglichen Damm entgegenzuſetzen; daß die Schöpfungen der Taſche, da ſie des Menſchen wären, auch einem Menſchen oder einer Familie gehören könn⸗ ten, daß aber die Schöpfungen des Geiſtes, die Gottes wären, natürlich dem Volke im Allgemeinen gehören müßten, und wenn ich bei heiterer Laune wäre, ſo würde ich einen Scherz über die Nachwelt machen und ſagen, daß die, welche für die Nachwelt ſchrieben, auch zufrie⸗ den ſein ſollten, mit der Billigung der Nachwelt be⸗ lohnt zu werden. Das möchte im Hauſe Beifall finden, und würde mir auf keine Weiſe ſchaden, da ſich nicht erwarten läßt, daß die Nachwelt von mir und meinen Scherzen irgend etwas erfahren wird. Sehen Sie das ein?« »Ich ſehe es vollkommen ein,« erwiederte Nicolaus. »In Fällen, wie dieſe,⸗ ſagte Herr Gregsbury,»wo uuſere Intereſſen nicht in das Spiel kommen, müſſen Sie niemals vergeſſen, das Volk auf die glänzendſte 150 Weiſe voranzuſtellen, weil das bei den Wahlen gute Dienſte leiſtet. Dagegen können Sie den Schriftſtellern mitſpielen, wie Sie wollen, denn ich glaube, daß die meiſten zur Miethe wohnen und keine Wähler ſind. Dies iſt eine flüchtige Ueberſicht der Hauptgegenſtände, die Sie zu thun haben; doch müſſen Sie jeden Abend im Hauſe der Gemeinen im Vorſaale warten, für den Fall, daß ich etwas vergeſſen hätte und friſcher Fütte⸗ rung bedürfte. Bei großen Debatten ſetzen Sie ſich in die erſte Reihe der Gallerie, und ſagen zu den Leuten um ſich her:— Sehen Sie den Herrn, der ſeine Hand an das Kinn hält und ſeinen Arm um den Pfeiler ge⸗ ſchlungen hat? Das iſt Gregsbury, der berühmte Gregsbury, wozu Sie denn jede andere kleine Lobeser⸗ hebung hinzufügen mögen, die Ihnen gerade einfällt. Was das Salair betrifft,« ſchloß Herr Gregsbury ſeine Anrede in großer Haſt, denn er war außer Athem ge⸗ kommen—»was das Salair betrifft, ſo ſoll es mir nicht darauf ankommen, um Sie völlig zufrieden zu ſtel⸗ len— obwohl es mehr iſt, als ich gewöhnlich gegeben habe— Ihnen die runde Summe von acht Thalern monatlich auszuſetzen, wobei Sie ſich ſelbſt beköſtigen müſſen.« Mit dieſem großmüthigen Anerbieten warf Herr Gregsbury ſich wieder in ſeinen Stuhl zurück und ſah aus, wie ein Mann, der auf die verſchwenderiſcheſte Weiſe freigebig geweſen iſt, aber den Entſchluß gefaßt hat, es dennoch nicht zu berenen. »Acht Thaler monatlich iſt nicht viel,« bemerkte Ni⸗ colaus ſanft.. »„Nicht viel? Acht Thaler monatlich nicht viel, jun⸗ ger Mann?« rief Herr Gregsbury aus.»Acht Thaler!« „Bitte, glauben Sie nicht, daß die Summe mir zu Nicolaus Nickleby. Nicolaus Nickleby. 151 gering iſt,« unterbrach ihn Nicolaus,»denn ich ſchaͤme mich nicht zu geſtehen, daß ſie, was ſie immer an ſich ſelbſt ſein mag, für mich viel iſt. Aber die Pflichten und Verantwortlichkeiten machen die Beſoldung klein, und ich fürchte, daß jene zu ſchwer ſind, als daß ich ſie werde übernehmen können.« „Lehnen Sie es ab, ſie zu übernehmen?« fragte Herr Gregsbury, mit der Hand am Glockenzuge. »Ich fürchte, ſie überſteigen meine Kräfte, vie viel gu⸗ ten Willen ich auch haben mag,« ſagte Nicolaus »Das heißt ſo viel, als daß Sie die Stelle nicht an⸗ nehmen wollen, und daß Sie acht Thaler monatlich für zu wenig halten,« ſagte Herr Gregsbury ſchellend.»Schla⸗ gen Sie meinen Antrag aus, Herr?« »Es bleibt mir nichts anders übrig, als dies zu thun,« entgegnete Nicolaus »Oeffne dem Herrn die Thür, Matthies!« rief Herr Gregsbury, als der Bediente erſchien. »Ich bedaure, daß ich Sie unnöthiger Weiſe geſtört habe,« ſagte Nicolaus. »Ich bedaure, daß Sie das haben,« verſetzte Herr Gregsbury und kehrte ihm den Rücken.»Nach der Thür, Matthies!« »Guten Morgen,« ſagte Nicolaus. »Nach der Thür, Matthies!« rief Herr Gregsbury. Der Bediente winkte Nicolaus und taumelte faul vor ihm die Treppe hinunter, öffnete die Thür und wies ihn auf die Straße. Mit trauriger und nachdenklicher Miene wandte er ſeine Schritte nach Hauſe. Smike hatte von den Ueberreſten des letzten Abend⸗ eſſens ein Mahl zuſammengekratzt und erwartete unruhig ſeine Rückkehr. Die Vorgänge des Morgens hatten Ni⸗ colaus' Appetit nicht verbeſſert, und das Mittagsmahl 152 Nicolaus Nickleby. wurde von ihm nicht gekoſtet. Er ſaß in gedankenvoller Haltung, den Teller, welchen der arme Burſche ſorgſam mit dem beſten Biſſen gefüllt hatte, unberührt vor ſich, als Newman Noggs in das Gemach trat. „Zurückgekommen?« fragte Newman. »Ja,« erwiederte Nicolaus,„»zum Tode ermüdet; und was das Schlimmſte iſt, ich habe ſo wenig ausgerichtet, daß ich eben ſo gut hätte zu Hauſe bleiben können.⸗ »Nicht zu erwarten, daß an einem Morgen viel aus⸗ zurichten ſein würde,« bemerkte Newman. »Mag ſein, aber ich bin ſauguiniſch und hatte Hoff⸗ nung,« ſagte Nicolaus,»und bin jetzt um ſo mehr ent⸗ täuſcht.« Nach dieſer Einleitung gab er Newman einen Bericht über die Schritte, die er gethan hatte. »Wenn ich irgend Etwas thun könnte,« fügte Nicolaus hinzu, irgend etwas noch ſo Unbedeutendes, bevor Ralph Nickleby zurückkommt, ſo daß ich ihm mit leichterem Her⸗ zen entgegentreten könnte, würde ich mich wohler fühlen. Der Himmel weiß es, ich würde es für keine Schande halten, die ſchwerſte Arbeit zu verrichten. Hier müſſig zu liegen, wie ein halb gezähmtes trotziges Thier, bringt mich zur Verzweiflung.« »Ich weiß nicht,« ſagte Newman, veine Kleinigkeit böte ſich dar,— es würde die Miethe bezahlen und et⸗ was mehr,— aber Sie würden es nicht annehmen; nein, es iſt kaum zu erwarten, daß Sie es ſich gefallen laſſen werden,— nein, nein.« »Wovon wäre nicht zu erwarten, daß ich es mir ge⸗ fallen laſſen würde?« fragte Nicvlaus, indem er die Au⸗ gen erhob.»Zeigen Sie mir in dieſer weiten Wüſte von London irgend ein ehrliches Mittel, durch welches ich auch nur die wöchentliche Miethe dieſes ärmlichen Gemaches aufbringen kann, und ſehen Sie, ob ich Scheu trage es α—] ₰&—SSSͤ—,— — Nicolaus Nickleby.. 153 zu ergreifen. Gefallen laſſen! Ich habe mir zu viel ge⸗ fallen laſſen, mein Frennd, als daß ich noch irgend ſtolz oder ekel ſein könnte. Außer,« ſetzte Nicolaus nach kur⸗ zem Schweigen hinzu,»außer ſolchem Ekel, der nur ge⸗ meine Rechtlichkeit iſt, und ſo viel Stolz, als zur Selbſt⸗ achtung nothwendig iſt. Ich ſehe keinen großen Unter⸗ ſchied zwiſchen dem Gehülfen eines brutalen Schulmei⸗ ſters und dem Speichellecker eines gemeinen unwiſſenden Emporkömmlings, ſei er Parlementsglied oder nicht Par⸗ lementsglied.« »Ich weiß doch kaum, ob ich Ihnen mittheilen ſoll, was ich dieſen Morgen gehört habe,« ſagte Newman. »Bezieht es ſich auf das, was Sie eben geſagt ha⸗ ben?« fragte Nicolaus. „»Das thut es.⸗ »Dann, in des Himmels Namen, mein guter Freund, ſagen Sie es mir,« verſetzte Nicolaus.»Um Gottes Willen bedenken Sie meine traurige Lage. Ich verſpreche Ihnen, keinen Schritt zu thun, ohne mich mit Ihnen zu berathen, aber verſagen Sie mir wenigſtens Ihre Stimme nicht, wo es mir nützen kann.⸗ Durch dieſe Bitte beſtimmt ſtammelte Newman eine Menge der unverſtändlichſten und verwickeltſten Sätze hervor, deren Summa war, daß Madame Kenwigs ihn dieſen Morgen weitläufig über den Zuſammenhang ſeiner Bekanntſchaft mit Nicolaus über deſſen Leben, Abenteuer und Stammbaum ausgefragt hätte, daß er dieſen Fragen ſo lange ausgewichen war, als möglich, endlich aber, in eine Ecke gedrängt, nicht umhin konnte, zu geſtehen, daß Nicolaus ein ſehr kenntnißreicher Lehrer ſei, der in Un⸗ glücksfälle verwickelt wäre, welche er nicht mittheilen dürfe, und den Namen Johnſon führe. Madame Ken⸗ wigs war durch Dankbarkeit, Ehrgeiz, mütterlichen Stolz 154 Nicolaus Nickleby. oder mütterliche Liebe oder durch alle vier mächtige Be⸗ weggründe zuſammen veranlaßt worden, eine geheime Be⸗ rathung mit ihrem Gatten zu halten, und nach Beendi⸗ gung derſelben mit dem Vorſchlage zurückgekommen, daß Herr Johnſon die vier Fräulein Kenwigs in der franzö⸗ ſiſchen Sprache, wie ſie von gebornen Franzoſen geſpro⸗ chen würde, unterrichten möchte, wofür ein wöchentliches Salair von zwanzig guten Groſchen geboten wurde, näm⸗ lich vier gute Groſchen wöchentlich für jedes Fräulein Kenwigs, und noch vier gute Groſchen darüber, bis zu der Zeit, wo der Kleine in der Wiege ſich dem Unterrichte anſchließen könne. »Was, wenn ich mich nicht ſehr irre,« bemerkte Ma⸗ dame Kenwigs, indem ſie dieſen Vorſchlag machte,»nicht ſehr lange dauern wird; denn ſo kluge Kinder, Herr Noggs, ſind in dieſer Welt, glaube ich, niemals geboren worden.“ »Da haben Sie es,« ſagte Newman,»das iſt Alles. Es iſt zu tief unter Ihnen, das weiß ich; aber ich glaubte, vielleicht könnten Sie—« »Könnten Sie!« unterbrach ihn Nicolaus mit großer Lebhaftigkeit.»Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich es werde. Ich nehme das Anerbieten ohne Weiteres an. Sagen Sie das der würdigen Mutter ſogleich, mein lie⸗ ber Newman, und ſagen Sie ihr, daß ich anfangen will, wann ſie es wünſcht.« Newman eilte mit freudigen Schritten, um Madame Kenwigs von der Einwilligung ſeines Freundes zu unter⸗ richten, und bald kam er zurück und meldete, daß ſie un⸗ ten im erſten Stock ſich freuen würden, ihn zu ſehen, ſo⸗ bald es ihm genehm wäre; daß Madame Kenwigs ſo⸗ gleich ausgeſchickt habe, um eine franzöſiſche Grammatik und Leſebuch holen zu laſſen, welche bei dem Bücher⸗ Nicolaus Nickleby. 155 trödler um die Ecke herum lange zum Verkauf ausge⸗ ſtanden, und daß die Familie, in großer Aufregung durch die Ausſicht, ihre Vornehmigkeit zu vermehren, den Wunſch hege, die erſte Stunde ſofort geben zu ſehen. Und bei dieſer Gelegenheit können wir bemerken, deß Nicolaus keineswegs zu den jungen Männern gehörte, von denen man zu ſagen pflegt, daß ſie hoch hinaus wol⸗ len. Er ahndete eine Beleidigung, die ihm ſelbſt wider⸗ fuhr, und ſchritt ſo kühn und unverzagt ein, um ein Un⸗ recht zu verhindern, das einem Andern geſchehen ſollte, wie irgend ein Ritter, der je eine Lanze brach; aber es fehlte ihm jenes beſondere Uebermaaß von Kaltblütigkeit und großherziger Selbſtſucht, welches immer jene hoch⸗ ſtrebenden Herren auszeichnet. Was uns betrifft, ſo ſind wir freilich ſehr geneigt, dieſe Herren in Familien, die unbemittelt ſind, für eine große Laſt zu halten, denn wir haben mehrere derſelben gekannt, deren hochſliegender Geiſt ſie verhinderte, ſich zu irgend einer niedern Be⸗ ſchäftigung herabzulaſſen, und ſich nur in der Sucht zeigte, Schnurrbärte zu cultiviren und wild auszuſehen; und obwohl Schnurrbärte und Wildheit in ihrer Art ſehr hübſche Dinge ſind und alles Lob verdienen, ſo geſtehen wir doch, daß wir beide lieber auf Koſten des Eigners als auf die Unkoſten niedriger geſinnter Leute gepflegt zu ſehen wünſchten. Da Nicolaus alſo kein hochſtrebender junger Mann, in dem gewöhnlichen Sinne, war und es für eine größere Erniedrigung hielt, zur Erlangung des Nothwendigen von Newman Noggs zu borgen, als den vier kleinen Kenwigſen für zwanzig gute Groſchen die Woche franzö⸗ ſiſch zu lehren, ſo nahm er das Anerbieten mit der Be⸗ reitwilligkeit an, die wir bereits beſchrieben haben, und 156 Nieolaus Nickleby. begab ſich mit aller Eile, die der Anſtand erlaubte, nach dem erſten Stock. Hier wurde er von Madame Kenwigs mit einneh⸗ menden Geberden empfangen, durch die ſie ihn ihres Schutzes und ihrer Unterſtützung zu verſichern beabſich⸗ tigte; auch fand er Herrn Lillyvick und Fräulein Petow⸗ ker; die vier Fräulein Kenwigs auf ihrer Audienzbank, und das kleine Kind in einem Kindertragſtuhl, mit einem Tiſchlein von Tannenholz davor, auf dem es ſich mit einem Spielpferde unterhielt, ohne den geringſten Anſtoß daran zu nehmen, daß demſelben der Kopf fehlte und daß der kleine hölzerne braunroth angeſtrichene Cylinder mit ſeinen vier krummen Beinen eher allem Andern, als ir⸗ gend einem lebendigen Geſchöpfe ähnlich ſah. „Wie befinden Sie ſich, Herr Johnſon?« ſagte Ma⸗ dame Kenwigs.»Lieber Oheim,— Herr Johnſon!« »Freut mich, Sie wohl zu ſehen,« ſagte Herr Lilly⸗ vick in ziemlich rauhem Tone, denn er hatte den Abend vorher nicht gewußt, was Nicolaus war, und es wäre als ein nicht zu entſchuldigender Mißgriff erſchienen, wenn ein Steuereinnehmer gegen einen Sprachlehrer zu höflich geweſen wäre. „»Wir haben Herrn Johnſon als Privatlehrer für die Kinder angenommen, lieber Oheim,“« bemerkte Ma⸗ dame Kenwigs. „Das haſt Du mir eben geſagt, liebes Kind,« er⸗ wiederte Lillyvick. „Aber ich hoffe,« ſagte Madame Kenwigs, indem ſie ſich ſelbſt in die Bruſt warf,»daß das ſie nicht ſtolz machen ſoll, ſondern daß ſie dem Himmel danken wer⸗ den, der ſie in einer beſſeren Lage geboren werden ließ, als die Kinder gemeiner Leute. Hörſt Du, Morlina?⸗ »Ja, Mama,“ antwortete das Töchterlein. Nicolaus Nicklebn. 157 „Und wenn Du auf die Straße kommſt oder an andere Orte, ſo wünſche ich, daß Du Dich deſſen nicht gegen die anderen Kinder rühmſt,“« fuhr Madame Ken⸗ wigs in ihren Ermahnungen fort,»und wenn Du ir⸗ gend etwas davon ſagen mußt, daß Du nicht mehr ſagſt, als: Wir haben einen Privatlehrer angenommen, der kommt, um uns zu Hauſe zu unterrichten, aber wir ſind darauf nicht ſtolz, denn Mama ſagt, daß das eine Sünde wäre.“ Hörſt Du, Morlina?« »Ja, Mama,“ antwortete das Töchterlein wieder. „Dann vergiß es nicht und thue, wie ich Dir ge⸗ ſagt habe,« ſchloß Madame Kenwigs.»Soll Herr Johnſon anfangen, Oheim?« »Ich bin bereit, zu hören, wenn Herr Johnſon be⸗ reit iſt, anzufangen, meine Liebe,« ſagte der Einnehmer, indem er ſich die Miene eines gründlichen Kritikers gab. „»Für was für eine Art von Sprache halten Sie das Franzöſiſche, Herr Johnſon?« „»Wie meinen Sie das?« fragte Nicolaus. »Halten Sie es für eine gute Sprache?« ſagte der Einnehmer,» für eine hübſche Sprache, eine ausdrucks⸗ volle Sprache?« „Für eine hübſche Sprache gewiß,⸗ erwiederte Ni⸗ colaus;»und da ſie für Alles ein Wort hat und man ſich in ihr über Alles elegant ausdrücken kann, ſo glaube ich auch, daß es eine ausdrucksvolle Sprache iſt.« »„Ich weiß nicht,« bemerkte Herr Lillyvick zweifelhaft. „Nennen Sie es auch eine heitere Sprache?« „»Ja,« entgegnete Nicolaus,»ich würde gewiß be⸗ haupten, daß ſie das iſt.« „Dann muß es ſich ſeit meiner Zeit außerordentlich verändert haben,« verſicherte der Einnehmer,»ganz außerordentlich.« 158 Nicolaus Nickleby. »War es denn zu Ihrer Zeit eine traurige?« fragte Nicolaus, der kaum ein Lächeln unterdrücken konnte. »Eine ſehr traurige,« erwiederte Herr Lillyvick mit ſonderbarer Heftigkeit.»Ich ſpreche von der Kriegszeit, von der Zeit des letzten Krieges. Es mag eine recht heitere Sprache ſein; ich würde ungern irgend Jemandem widerſprechen, aber ich muß ſagen, daß ich die franzöſi⸗ ſchen Gefangenen, die doch geborene Franzoſen waren und gewiß gut Franzöſiſch ſprachen, auf eine ſo traurige Weiſe habe mit einander reden hören, daß man von dem bloßen Zuhören ganz elend wurde. Das habe ich funf⸗ zig Mal erlebt, mein Herr Johnſon,— funfzig Mal.« Herr Lillyvick wurde während des Sprechens ſo auf⸗ geregt, daß Madame Kenwigs es für zweckmäßig hielt, Nicvlaus zuzuwinken, er möge nichts antworten; und Fräulein Petvwker mußte erſt verſchiedene zärtliche Schmeicheleien anwenden, um ihn zu beſänftigen, ehe er ſich herabließ, ſein Schweigen zu brechen indem er fragte: »Wie heißt das Waſſer auf Franzöſiſch?⸗ „L'eau,« erwiederte Nicolaus. wLich 1 ſagte Herr Lillyvick, indem er kraurig den Kopf ſchüttelte,»das dachte ich mir. Lau, nicht wahr? Ich halte nichts von der Sprache, nicht das Geringſte.“« »Wollen wir die Kinder anfangen laſſen, Oheim?⸗ fragte Madame Kenwigs. »Ja, ja; ſie mögen anfangen, meine Liebe,“ entgeg⸗ nete der Einnehmer unzufrieden.»Ich will ſie auf keine Weiſe abhalten.« Nachdem ſo die Erlaubniß ertheilt war, ſaßen die vier Fräulein Kenwigs in einer Reihe, alle mit ihren Zöpfen in einer Richtung, Morlina obenan, während Nicolaus das Buch nahm und ſeine Erläuterungen zur Nicolaus Nickleby. 159 Einleitung begann. Fräulein Petowker und Madame Kenwigs ſahen mit ſchweigender Bewunderung zu, die von der letzten nur durch das Zuflüſtern der Verſiche⸗ rung unterbrochen wurde, daß Morlina bald Alles im Kopfe haben würde; und Herr Lillyvick betrachtete die Grnppe mit finſteren und aufmerkſamen Augen, indem er auf der Lauer lag, um irgend etwas aufzugreifen, was zu einer neuen Erörterung über die Sprache Ver⸗ anlaſſung geben könnte. Achtes Kapitel verfolgt die Schickſale von Fräulein Nickleby. Mit ſchwerem Herzen und mit manchen traurigen Vorahnungen, welche keine Anſtrengung verbannen konnte, verließ Käthchen Nickleby an dem Morgen, der zu dem Beginn ihrer Beſchäftigung bei Madame Man⸗ talini beſtimmt war, die innere Stadt, als an den Uhren derſelben noch ein Viertel zu der achten Stunde fehlte, und trat ihren Weg nach dem Weſtende von London, mitten unter dem Geräuſch und Getümmel der Straßen, allein an. Zu dieſer, nach der gewöhnlichen Lebensweiſe der großen Weltſtadt, frühen Stunde durchſchreiten viele ſiech ausſehende Mädchen, deren Geſchäft es, gleich je⸗ nem des armen Wurmes, iſt, mit geduldiger Mühe den Schmuck hervorzubringen, der die Leichtſinnigen und Ueppigen bedeckt, die Straßen, und eilen nach dem Schauplatze ihrer täglichen Arbeit. Die unglücklichen 160 Nicolaus Nickleby. Geſchöpfe fangen auf ihrem haſtigen Gange den einzigen Athemzug geſunder Luft und den einzigen Blick des Sonnenlichtes auf, der ihre einförmige Exiſtenz während der langen Reihe von Stunden erheitert, die einen Ar⸗ beitstag ausmachen. So wie Käthchen ſich dem von der vornehmen Welt bewohnten Theile der Stadt nä⸗ herte, fielen ihr im Vorbeigehen manche Perſonen dieſer Klaſſe auf, die, gleich ihr, felbſt ihrer mühſeligen Be⸗ ſchäftigung zueilten, und ſie ſah in ihrer ungeſunden Farbe und in ihrem ſchwächlichen Gange einen nur zu klaren Beweis, daß ihre Beſorgniſſe nicht ganz ohne Grund geweſen waren. Sie erreichte das Haus der Madame Mantalini einige Minuten vor der feſtgeſetzten Stunde, und ging vor demſelben einige Male auf und nieder, in der Hoff⸗ nung, daß irgend ein anderes Frauenzimmer kommen und ihr die Verlegenheit erſparen würde, ſich an den Bedienten zu wenden; endlich klopfte ſie furchtſam an die Thür, die nach einigem Verzuge von dem Diener geöffnet wurde, der, während er die Treppe heraufkam, ſeine geſtreifte Jacke angezogen hatte und jetzt eben da⸗ mit beſchäftigt war, eine Schürze umzubinden. »Iſt Madame Mantalini zu Hauſe?« ſtammelte Käthchen. „Zu dieſer Zeit iſt ſie ſelten aus, Mamſell,« erwie⸗ derte der Mann in einem Tone, der das Mamſell“ noch etwas beleidigender machte, als wenn er geſagt hätte »mein Schatz.“ „Kann ich ſie ſprechen?« ſtammelte Käthchen. »Was?« entgegnete der Menſch, der die Thür in der Hand behielt und das ſchüchterne Mädchen mit ei⸗ nem unverſchämten Blicke und einem albernen Grinſen beehrte,»mein Gott, nein!« Nicolaus Nickleby. 161 »Ich komme nach ihrer eigenen Beſtellung,« ſagte Käthchen;»ich ſoll— ich ſoll hier arbeiten.« »Ach, dann hätten Sie die Klingel für die Arbeite⸗ rinnen ziehen ſollen,« bemerkte der Bediente, indem er mit der Hand einen Glockenzug an der Thürpfoſte an⸗ faßte.»Laſſen Sie mich ſehen— habe ich's doch ganz vergeſſen— Sie ſind Mamſell Nickleby?« »Ja,« antwortete Käthchen. »Daun ſein Sie ſo gut und kommen die Treppe her⸗ auf,« ſagte der Menſch.»Madame Mantalini wünſcht Sie zu ſehen. Hierher! Nehmen Sie dieſe Sachen auf dem Boden in Acht!« Nachdem der Bediente ſie auf dieſe Weiſe gewarnt hatte, nicht auf ein buntes Gemiſch von Conditorbret⸗ tern, Lampen, Präſentirtellern mit Gläſern und von übereinandergehäuften Tabourets zu treten, welche— die underkennbaren Spuren einer ſpäten Geſellſchaft in der vergangenen Nacht— in dem Vorſaale neben ein⸗ ander lagen, führte er ſie nach vem zweiten Stock hin⸗ auf und brachte ſie in ein Zimmer, das durch Flügel⸗ thüren mit dem Gemache in Verbindung ſtand, in dem ſie die Herrin des Etabliſſements zuerſt geſehen hatte. »Wenn Sie hier einen Augenblick warten wollen, werde ich es ihr ſogleich ſagen.« Mit dieſem Verſpre⸗ chen, welches er in dem leutſeligſten Tone machte, zog er ſich zurück und ließ Käthchen allein. Es war eben nicht allzuviel in dem Gemache, wo⸗ mit ſie ſich hätte unterhalten können, und darunter war das vorragendſte ein Bruſtbild in Oel von Herrn Man⸗ talini, den der Künſtter dargeſtellt hatte, wie er ſich nachläſſig den Kopf kratzt und auf dieſe Weiſe einen Diamantring in dem vortheilhafteſten Lichte zeigt, den er vor ihrer Verheirathung von ſeiner Gattin zum Ge⸗ Niiccolaus Nickleby. II. 11 162 ſchenk erhalten hatte. Es ließen ſich aber in dem näch⸗ ſten Zimmer Stimmen vernehmen, und das Geſpräch, das ſie führten, war ſo laut und die Scheidewand ſo dünn, daß Käthchen nicht umhin konnte, die Entdeckung zu machen, daß die Sprechenden Herr und Madame Mantalini waren. »Wenn Du ſo abſcheulich, hölliſch, raſend eiferſüchtig ſein willſt, meine Seele,« ſagte Mantalini,»ſo wirſt Du ſehr unglücklich— furchtbar unglücklich— hölliſch un⸗ glücklich ſein.« Darauf kam ein Laut, als ob Herr Man⸗ talini eben ſeinen Kaffee ſchlürfte. »Ich bin uünglücklich,« entgegnete Madame Mantalini, offenbar ſehr mißvergnügt. »Dann biſt Du eine undankbare, böſe, häßliche kleine Fee,« ſagte Herr Mantalini. „»Das bin ich nicht,« erwiederte Madame Mantalini ſchluchzend. »Bringe mein liebes kleines Geſichtchen nicht in üble Laune,« ſagte Herr Mantalini, indem er ein Ei aufbrach. »Es iſt ein ſo hübſches, bezauberndes, allerliebſtes kleines Geſicht, und ſollte nicht übler Laune ſein, weil das ſeine Liebenswürdigkeit verdirbt und es verdrießlich und finſter ausſehen läßt, wie ein furchtbarer, abſcheulicher, hölliſcher Kobold.« »Ich werde mich auf dieſe Weiſe nicht immer herum⸗ kriegen laſſen,« verſetzte Madame ärgerlich. »Es ſoll ſich herumkriegen laſſen, wie es ihm am be⸗ ſten gefällt, und ſoll ſich gar nicht herumkriegen laſſen, wenn das ihm beſſer gefällt,« erklaͤrte Herr Mantalini, den Löffel im Munde. »Es iſt ſehr leicht zu fprechen,« bemerkte Madame Mantalini. Nicolaus Nickleby. »Mon Dieu! nicht ſo leicht, wenn man ſo ein ver⸗ — Nicolaus Nickleby. 163 dammtes Ei ißt,« erwiederte Herr Mantalini,»denn der Dotter läuft über die Weſte hinab, und Eierdotter paßt zu keiner Weſte, außer einer gelben, a coup sur.« »Du liebäugelteſt die ganze Nacht mit ihr« ſagte Ma⸗ dame Mantalini, die offenbar darauf bedacht war, die Unterhaltung auf den Punkt zurückzuführen, von dem ſie ausgegangen war. »Nein, nein, mein Leben!« »Du haſt es doch gethan,« ſagte Madame,»ich habe die ganze Zeit über mein Auge auf Dich gehabt.« „»Das kleine allerliebſte Schelmenauge! war es die ganze Zeit auf mich gerichtet?« rief Mantalini in einer Art von ſchläfrigem Entzücken.„Kh, c'est incroyable!« »Und ich ſage es noch einmal,« nahm Madame ihr Thema wieder auf,»daß Du mit Niemandem anders walzen ſollſt, als mit Deiner Frau; ich will es mir nicht gefallen laſſen, Mantalini, und wenn ich Gift nehmen ſollte.« »Sie wird doch nicht Gift nehmen und furchtbare Schmerzen leiden, meine kleine Fee?« ſagte Mantalini, der nach dem veränderten Tone ſeiner Stimme ſeinen Stuhl gerückt und ſich ſeiner Gattin genähert zu haben ſchien.»Mon Dieu! ſ wird doch nicht Gift nehmen, weil ſie einen ſchönen Mann hat, der zwegraͤfliche Fräulein und eine verwittwete Gräfin hätte heirathen können?« »Zwei Fräulein,« fiel Madame ein,»Du ſprachſt frü⸗ her nur von einem.« 3 „»Zwei!« rief Mantalini aus.»Mon Dieu! zwei wunderſchöne Frauenzimmer, wirkliche Gräfinnen mit un⸗ geheurem Vermögen.« „»Und warum nahmſt Du Micht?⸗ fragte Madame zum Scherze. 11* 164 Nicolaus Nickleby. „Warum ich ſie nicht genommen habe?« erwiederte ihr Gatte.»Par bleu, hatte ich nicht im Concerte die liebenswürdigſte kleine Zauberin in der Welt geſehen? und da dieſe kleine Zauberin meine Frau iſt, ſo mögen alle Gräfinnen in England—« Herr Mantalini beendigte ſeinen Satz nicht, ſondern gab Madame Mantalini einen ſchallenden Kuß, den Ma⸗ dame Mantalini zurückgab, und darauf ſchienen noch mehr Küſſe zu folgen, die mit der Fortſetzung des Frühſtücks vermiſcht waren. »Und wie ſteht es mit dem Gelde, Juweel meiner Exiſtenz?« ſagte Herr Mantalini, als dieſe Liebkoſungen. aufhörten.»Wie viel haben wir in Caſſe?« „Das iſt ſehr wenig,« entgegnete Madame. „»Wir müſſen etwas mehr haben,« bemerkte Mantalini, „wir müſſen uns eine Zahlung von dem alten Nickleby machen laſſen, um unſere Ausgaben zu beſtreiten; il me faut absolument de P'argent.« »Du kannſt es doch jetzt unmöglich bedürfen,« ſagte Madame ſchmeichelnd. „»Mein Leben und meine Seele,« entgegnete der Gatte; „bei Scrubbs ſteht ein Pferd zum Verkauf; es wäre eine Suͤnde und eine Schande, es ſicß entgehen zu laſſen; es iſt umſoch zu haben, Entzücken meiner Sinne, pour rien!« „»Umſonſt?« fragte Madame ungläubig. »So gut als umſonſt,« erwiederte Mantalini.»Für hundert Louisd'or wird es zugeſchlagen; Mähne, Hals und Schweif, Alles iſt von der ausgeſuchteſten Schön heit. Ich werde es im Park, gerade vor den Caroſſen meiner verſchmähten Gräfinnen reiten. Mon Dieu! die alte Wittwe wird vor A— und Wuth in Ohnmacht fallen. Die beiden aneßverden ſagen: Er iſt verhei⸗ +⁸— 89Æ☛ ☛ Nicolaus Nickleby. 165 rathet; er iſt uns aus den Lappen gegangen: c'est abo- minable; es iſt Alles vorbei. Sie werden einander haſ⸗ ſen wie die Hölle, und wünſchen, daß Du todt oder be⸗ graben wäreſt. Ha! ha! Qu'en ditez-vous?« Madame Mantalini's Klugheik, wenn ſie überhaupt mit dieſer nützlichen Eigenſchaft verſehen war, beſtand die Probe dieſer Schilderungen ihres Sieges nicht. Sie klimperte etwas mit den Schlüſſeln und bemerkte dann, daß ſie ſehen wolle, was ſich in ihrem Schreibtiſche fände. Sie erhob ſich zu dieſem Zwecke, öffnete die Flügelthür und trat in das Zimmer, in dem Käthchen ſich niederge⸗ laſſen hatte. »Mein Gott, liebes Kind!« rief Madame Mantalini aus, die vor Ueberraſchung zurückprallte.»Wie kamen Sie hieher?« »Kind!« rief Mantalini hereinſtürzend.»Wie kam es — eil— oh!— Mon Dieu! Wie befinden Sie ſich?⸗ »Ich warte hier ſchon einige Zeit, Madame,“ verſetzte Käthchen, indem ſie ſich an Madame Mantalini wandte. »Der Bediente muß vergeſſen haben, Sie wiſſen zu laf⸗ ſen, daß ich hier bin, denke ich.« »Du mußt doch wirklich dieſen Menſchen einmal vor⸗ nehmen,« ſagte Madame zu ihrem Gemahl.»Er ver⸗ gißt Alles.« „»Mon Dieu!l« entgegnete der Gatte,»ich werde ihm die Naſe aus dem Geſichte reißen, daß er ein ſo hübſches Maͤdchen hier ganz allein läßt.« »Mantalini,« rief Madame aus,»Du vergißt Dich ſelbſt!« »Ich vergeſſe Dich nicht, meine Seele, und werde und kann Dich nie vergeſſen,« ſagte Mantalini, indem er ſeiner Frau die Hand küßte, und dabei, ohne daß ſie es 166 Nicolaus Nickleby. ſehen konnte, Fräulein Nickleby, die ſich verächtlich ab⸗ wandte, ein Geſicht zuſchnitt. Durch dieſes Compliment beruhigt, nahm die Frau des Hauſes einige Papiere aus ihrem Schreibtiſche und übergab ſie Herrn Mantalini, der ſie mit großer Freude in Empfang nahm. Sie forderte Käthchen auf, ihr zu folgen, und nach mehreren vergeblichen Bemühungen des Gatten, die Aufmerkſamkeit der jungen Dame auf ſich zu ziehen, gingen ſie ab und verließen den liebenswürdigen Herrn der vollen Länge nach auf dem Sopha ausge⸗ ſtreckt, die Beine in der Luft und eine Zeitung in der Hand. Madame Mantalini ging voran, die Treppe hinunter und durch einen Gang nach einem großen Zimmer hinten heraus, wo eine Anzahl junger Frauenzimmer damit be⸗ ſchäftigt waren, verſchiedene Zeuge zuzuſchneiden, zuſammen⸗ zunähen, zurechtzumachen und eine Menge anderer Vor⸗ richtungen zu treffen, die nur denen bekannt ſind, welche ſich auf die Kunſt der Putzmacherei verſtehen. Es war ein beengtes Gemach mit einem Fenſter, durch welches das Licht von oben hereinfiel, und ſo unangenehm und ſtill, wie ein Zimmer nur ſein konnte. Madame Mantalini rief laut nach Mademoiſelle Knag, worauf ſich ein kurzes, geſchäftiges, auffallend ge⸗ kleidetes Frauenzimmer mit großer Wichtigkeit vorſtellte, und alle die jungen Damen für den Augenblick ihre Be⸗ ſchäftigungen aufgaben, und einander kritiſche Bemerkun⸗ gen über den Schnitt und den Stoff von dem Kleide Käthchens, über ihren Teint, ihre Geſichtszüge und ihr ganzes Aeußere zuflüſterten, was mit eben ſo viel guter Lebensart geſchah, als die beſte Geſellſchaft in dem ge⸗ drängteſten Ballſaale nur hätte entwickeln können. »Ach, Mademoiſelle Knag,« ſagte Madame Mantalini, — —,— — —,— Nicolaus Nickleby. 167 „dies iſt die junge Perſon, von der ich mit Ihnen ge⸗ ſprochen habe.⸗ Mademoiſelle Knag antwortete ihrer Gebieterin durch ein ehrerbietiges Lächeln, welches ſie mit vieler Geſchick⸗ lichkeit in ein herablaſſendes für Käthchen verwandelte. Sie verſicherte, daß es zwar viele Mühe verurſache, von jungen Mädchen umgeben zu ſein, die gar nicht an die Arbeit gewöhnt wären, daß ſie aber überzeugt ſei, die junge Perſon werde ſehen, ihr Beſtes zu thun; und da ſie dieſe Ueberzeugung hege, ſo intereſſire ſie ſich ſchon jetzt für dieſelbe. »Ich denke, daß es für das Erſte wohl das Beſte ſein wird, wenn Mademoiſelle Nickleby mit Ihnen in das Vorrathszimmer geht und den Leuten die Sachen an⸗ paßt,« ſagte Madame Mantalini.»Sie wird für jetzt nicht gut andere Dienſte leiſten können; und ihr Aeu⸗ ßeres—« »Entſpricht vollkommen dem meinigen, Madame Mantalini,« unterbrach ſie Mademoiſelle Knag.»Das thut es, und ich hätte freilich vorausſetzen können, daß Sie nicht viel Zeit bedürfen würden, um dies zu ſehen. Denn Sie haben ſo viel Geſchmack in all dieſen Dingen⸗ daß ich wirklich geſtehen muß, wie ich oft zu den jungen Damen ſage, ich weiß nicht, wie oder wo ſie das Alles gelernt haben können, was Sie wiſſen. Hm! Mademoi⸗ ſelle Nickleby und ich, wir ſind ganz ein Paar, Madame Mantalini, ich bin nur etwas dunkler als Mademoiſelle Nickleby, und— hm!— ich denke, mein Fuß wird et⸗ was kleiner ſein. Mademoiſelle Nickleby, das weiß ich gewiß, wird es mir nicht übel nehmen, daß ich das ſage, wenn ſie hört, daß unſere Familie immer wegen ihrer kleinen Füße berühmt geweſen iſt, ſeit— hm!— ſeit unſere Familie überhaupt Füße hat, denke ich. Ich hatte 168 Nieolaus Nickleby. einmal einen Onkel, Madame Mantalini, der in Chelten⸗ ham lebte und ein ſehr einträgliches Geſchäft als Mate⸗ rialhändler hatte,— hm!—, und der hatte ſo kleine Füße, daß ſie nicht groͤßer waren als die, die man ge⸗ wöhnlich an hölzerne Beine macht,— die zierlichſten Füße, Madame Mantalini, die ſelbſt Sie ſich vorſtellen können.⸗ »Sie müſſen ungefähr ausgeſehen haben wie Klump⸗ füße, Mademoiſelle Knag,« ſagte Madame. »Sehr gut, das iſt Ihnen ähnlich,« erwiederte Made⸗ moiſelle Knag.»Ha! hal ha! Klumpfüße! O, ſehr gut! Wie oft ſage ich das den jungen Damen! Ja, ſage ich, und es iſt mir gleich, wer es erfährt, wenn von ſchla⸗ gendem Witze die Rede iſt— hm!— ſo habe ich nie etwas gehört, und ich habe gar viel gehört; denn als mein lieber Bruder noch lebte— ich hielt ihm Haus, Mademoiſelle Nickleby— hatten wir jede Woche zwei oder drei junge Männer zum Abendeſſen, die damals als witzige Köpfe berühmt waren, Madame Manta⸗ lini— wenn von ſchlagendem Witze die Rede iſt, ſage ich zu den jungen Damen, ſo habe ich nie etwas gehört, was gegen Madame Mantalini aufkäme— hm! Das iſt ſo fein, ſo farkaſtiſch und doch ſo gut gelaunt— wie ich erſt dieſen Morgen zu Mademoiſelle Simmonds ſagte, daß es mir wirklich ein Geheimniß iſt, wie und wo und wann ſie es ſich angeeignet haben mag.« Hier hielt Mademoiſelle Knag ein, um Athem zu ho⸗ len, und während ſie einhält, ſei es uns erlaubt zu be⸗ merken— nicht daß ſie wunderbar geſprächig und wun⸗ derbar unterwürfig gegen Madame Mantalini war, da dies Thatſachen ſind, die keiner Erläuterung bedürfen; ſondern daß ſie die Gewohnheit hatte, in dem Strome ihrer Rede von Zeit zu Zeit ein lautes, ſcharfes, helles 1 WerWhräe⸗ Nicolaus Nicklebv. 169 „hm!« vernehmen zu laſſen, deſſen Zweck und Bedeutung von ihren Bekannten auf verſchiedene Weiſe ausgelegt wurde. Einige behaupteten, daß Mademoiſelle Knag ſich in Uebertreibungen gefalle, und die kleine Sylbe einflechte, wenn ſie im Begriff war, eine neue Erfindung in der Werkſtätte ihres Gehirns auszuprägen; Andere, daß ſie es hinwerfe, wenn ihr gerade ein Wort fehle, um Zeit zu gewinnen und irgend Jemand anders abzuhalten, die Rede an ſich zu ziehen. Auch dürfen wir bemerken, daß Mademoiſelle Knag immer noch Anſpruch auf Jugend machte, obwohl ſie dieſelbe ſeit Jahren hinter ſich zurück⸗ gelaſſen hatte; und daß ſie ſchwach und eitel war, und zu den Perſonen gehörte, die am beſten durch den Erfah⸗ rungsſatz geſchildert werden, daß man ihnen trauen kann, ſo weit man ſie ſieht, aber nicht weiter. 3 »Sie werden dafür ſorgen, daß Mademoiſelle Nickleby ihre Stunden kennen lernt, und was ſonſt erforderlich iſt,« ſagte Madame Mantalini,»und ſo will ich ſie Ihnen überlaſſen. Sie werden meine Anordnungen nicht ver⸗ geſſen, Mademoiſelle Knag?« Mademoiſelle Knag antwortete natürlich, daß es eine moraliſche Unmöglichkeit ſei, irgend etwas zu vergeſſen, was Madame Mantalini angeordnet habe. Dieſe Dame ſpendete hierauf unter ihre Gehülfinnen einen allgemeinen guten Morgen aus und ſegelte davon. »Ein bezauberndes Weſen! iſt ſie das nicht, Mademoi⸗ ſelle Nickleby?« ſagte Mademoiſelle Knag, indem ſie ſich die Hände rieb. »Ich kenne ſie noch ſehr wenig,« ſagte Käthchen;»ich kann daher nicht urtheilen.« »Haben Sie Herrn Mantalini geſehen?« fragte Ma⸗ demoiſelle Knag. »Ja, ich habe ihn zweimal geſehen.⸗ 170 Nicolaus Nickleby. »„Iſt er nicht ein bezauberndes Weſen?⸗ »Ich muß geſtehen, daß er auf mich durchaus nicht dieſen Eindruck gemacht hat,« erwiederte Käthchen. »Nicht, meine Liebe?« rief Mademoiſelle Knag aus und hob die Hände in die Höhe.»Ei, du himmliſche Güte, was für einen Geſchmack haben Sie? Ein ſo ſchöner, großer, prächtiger, vornehm ausſehender Mann, mit ſolchen Zähnen und Haaren, einem ſo ſtarken Barte und— hml nun, Sie ſetzen mich in Verwunderung!« »Ich geſtehe ein, daß ich recht thöricht bin,« entgeg⸗ nete Käthchen, indem ſie ihren Hut bei Seite legte.»Da aber meine Meinung für ihn ſo wenig, als für Andere die geringſte Bedeutung hat, ſo bedaure ich es eben nicht, daß ich ſie angenommen habe, und werde mich nicht über⸗ eilen, ſie zu ändern, denke ich.« »Er iſt aber doch ein ſehr hübſcher Mann, halten Sie ihn nicht dafür?« fragte eine der jungen Damen. »Das mag er wohl ſein, wenigſtens möchte ich nicht das Gegentheil behaupten,« erwiederte Käthchen. »Und reitet ſehr ſchöne Pferde, thut er das nicht?« fragte eine Andere. »Das iſt wohl möglich, ich habe ſie aber nie geſehen,⸗ antwortete Käthchen. »Nie geſehen?« fiel Mademoiſelle Knag ein.»Ja, da kann ich mir Alles erklären. Wie wäre es möglich, daß Sie eine Meinung über einen Herrn hätten— hm! — wenn Sie ihn nicht geſehen haben, wie er ſich in ſei⸗ ner ganzen Figur ausnimmt?« Es lag ſo viel Welterfahrung— ſelbſt von der Er⸗ fahrung der kleinen Welt, in der das Landmädchen ſich bisher bewegt hatte— in dieſer Vorſtellung der alten Putzmacherin, daß Käthchen, die um jeden Preis den Nicolaus Nickleby. 171 Gegenſtand der Unterhaltung zu wechſeln wünſchte, keine Bemerkung weiter machte, ſondern Mademoiſelle Knag in dem unbeſtrittenen Beſitz des Feldes ließ. Nach kurzem Schweigen, während deſſen die meiſten der jungen Damen Käthchens Aeußeres einer genauen Beſichtigung unterwarfen und darüber in der Stille mit einander berathſchlagten, erbot ſich eine von ihnen, ihr den Shawl abzunehmen, und fragte, als dies Anerbie⸗ ten angenommen wurde, ob ſie nicht fände, daß ſchwarz eine recht beſchwerliche Tracht ſei. »Das finde ich freilich,« entgegnete Käthchen mit einem bittern Seufzer. »So ſtaubig und heiß,« bemerkte dieſelbe Rednerin, indem ſie ihr das Kleid zurechtzog. Käthchen hätte wohl ſagen können, daß ſchwarz die kälteſte Tracht iſt, welche Sterbliche anlegen können; daß ſie nicht allein das Innerſte derer erkältet, die ſie tragen, ſondern daß ſie ihren Einfluß auch auf unſere Sommerfreunde erſtreckt, die Quellen ihres Wohlwol⸗ lens und ihrer Liebe einfrieren und die Knospen der Verſprechungen, mit denen ſie einſt ſo freigebig waren, verwelken läßt, ſo daß wir nichts mehr ſehen, als die unverhüllten vermoderten Herzen. Es giebt Wenige, die einen Freund oder Verwandten verloren, welcher im Leben ihre einzige Stütze war, und die nicht dieſe erkäl⸗ tende Wirkung ihres düſtern Gewandes empfunden hät⸗ ten. Sie hatte dieſelbe auf das Bitterſte empfunden, und konnte ſich, da ſie dieſelbe in dieſem Augenblicke empfand, der Thränen nicht enthalten. »Es thut mir ſehr leid, Sie durch meine gedan⸗ kenloſen Worte verletzt zu haben,« ſagte ihre Genoſſin. »„Ich habe daran nicht gedacht. Sie ſind in Trauer um einen nahen Verwandten.« 172 Nicolaus Nickleby. „»Um meinen Vater,« antwortete Käthchen weinend. »Um was für einen Verwandten, Mademoiſelle Simmonds?« fragte Mademoiſelle Knag mit ſehr ver⸗ nehmlicher Stimme. „Ihren Vater,« erwiederte die andere leiſe. „Ihren Vater, wie?« ſagte Mademoiſelle Knag, ohne ihren Ton im geringſten zu mildern.»Ach! Eine lange Krankheit, Mademoiſelle Simmonds?« „O bitte,— ſtill!« entgegnete das Mädchen.»Ich weiß nicht,« » Unſer Unglück war ſehr plötzlich,« ſagte Käthchen, ſich abwendend;»ſonſt wäre ich vielleicht im Stande, es zu einen Zeit, wie dieſe, beſſer zu ertragen.« Nach dem alten Gebrauche, der immer beobachtet worden war, wenn irgend eine neue junge Perſon kam, hatte in dem Gemache nicht geringe Neugierde ge⸗ herrſcht, zu erfahren, wer Käthchen war, und was ſie war, und in welchen Umſtänden ſie war; aber obwohl dieſe Neugierde natürlich durch ihre ganze Erſcheinung und durch ihre ungewöhnliche Bewegung vermehrt wer⸗ den mußte, ſo war doch die Ueberzeugung, daß es ſie ſchmerzte, wenn ſie befragt wurde, hinreichend, um jenen billigen Wunſch zu unterdrücken; und da Mademoiſelle Knag ſah, daß ſie gerade jetzt keine Hoffnung hatte, irgend etwas Näheres herauszupreſſen, ſo gebot ſie mit Widerſtreben Stillſchweigen und befahl, die Arbeit wie⸗ der aufzunehmen. Schweigend ging daher eine Jede wieder an das Werk, bis um halb zwei Uhr eine gebackene Hammel⸗ keule mit Kartoffeln in der Küche aufgetragen wurde. Sobald das Mahl vorüber war und die jungen Damen ſich außerdem des Genuſſes erfreut hatten, ihre Hände zu waſchen, begann die Arbeit von Neuem und wurde Nicolaus Nickleby. 173 wieder ſchweigend fortgeſetzt, bis das Geräuſch der Ca⸗ roſſen und das laute Pochen an die Thüren das Zeichen gab, daß jetzt das Tagewerk der beglückteren Mitglieder der Geſellſchaft ſeinen Anfang nahm. Ein wiederholtes Anklopfen an Madame Manta⸗ lin's Thür kündigte die Equipage irgend einer großen Dame an— oder vielmehr einer reichen, denn zuweilen iſt ein ſehr bedeutender Unterſchied zwiſchen Reichthum und Größe. Die Dame kam mit ihrer Tochter, um ihre Gallakleider zu ſehen, die ſeit langer Zeit in der Arbeit waren; und Käthchen wurde abgeſchickt, um in der Begleitung von Mademoiſelle Knag und unter dem Befehle von Madame Mantalini ihnen aufzuwarten. Käthchens Antheil an der Schauſtellung war ein ſehr demüthiger, da ihre ganze Thätigkeit ſich darauf beſchränkte, die verſchiedenen Kleidungsſtücke zu halten, bis Mademoiſelle Knag bereit war, ſie anzuprobiren, und von Zeit zu Zeit eine Schleife zu knüpfen oder eine Oeſe feſtzuhaken. Sie hätte daher billiger Weiſe vor⸗ ausſetzen dürfen, daß ſie in ihrer niedern Stellung au⸗ ßerhalb des Bereiches übermüthiger Anmaßung oder übler Laune geweſen wäre; es fügte ſich aber, daß die reiche Dame und ihre reiche Tochter dieſen Tag ver⸗ ſtimmt waren, und das arme Mädchen mußte dies gleich allen Uebrigen entgelten. Sie war ungeſchickt, ihre Hände waren kalt,— ſchmutzig,— grob; ſie konnte nichts recht machen; man wunderte ſich, wie Madame Mantalini ſolche Perſonen um ſich haben könne, wünſchte, das nächſte Mal ſtatt ihrer irgend ein anderes junges Frauenzimmer zu ſehen, und wie ſich ihr Unmuth dann weiter äußerte. Ein ſo gewöhnlicher Vorfall würde kaum einer Er⸗ zählung verdienen, wäre es nicht um der Wirkung wil⸗ 174 Nicolaus Nickleby. len, die er hervorbrachte. Kaͤthchen vergoß viele bittre Thränen, ſo wie die Damen ſich entfernt hatten, und fühlte ſich zum erſten Male durch ihre Beſchäftigung erniedrigt. Sie hatte allerdings bei der Ausſicht auf Dienſtbarkeit und harte Arbeit gezagt; aber ſie hatte keine Herabwürdigung darin gefühlt, daß ſie ihr Brot durch den Fleiß ihrer Hände verdienen mußte, bis ſie ſich der Beſchimpfung und den Mißhandlungen des ge⸗ meinſten Hochmuthes ausgeſetzt ſah. Reiferes Nach⸗ denken würde ſie belehrt haben, daß die Herabwürdigung auf der Seite derer war, die ſo tief geſunken waren, daß ſie ſich nicht enthalten konnten, die niedrigſten Lei⸗ denſchaften ohne alle Urſache zu zeigen; aber ſie war zu jung, um für ſolchen Troſt empfänglich zu ſein, und ihr gerechtes Ehrgefühl war verletzt. Sollte nicht die Klage, daß gemeine Leute über ihren Stand hinaus wollen, oft ihren Grund darin haben, daß vornehme Leute ſich ſelbſt unter den ihrigen herabſetzen?— Unter ſolchen Auftritten und Beſchäftigungen ver⸗ ging die Zeit bis zu der ſpäten Abendſtunde, wo Käth⸗ chen, erſchöpft und entmuthigt von den Vorgängen des Tages, aus dem Zwange des Arbeitszimmers hinaus⸗ eilte, um ihre Mutter an der Straßenecke aufzuſuchen und mit ihr nach Hauſe zu gehen; um ſo trauriger, je mehr ſie ihre wahren Gefühle verbergen und den Schein annehmen mußte, als theile ſie alle die überſpannten Einbildungen ihrer Begleiterin. »Gott ſei meiner armen Seele gnädig, Käthchen,« ſagte Madame Nickleby,»ich habe den ganzen Tag daran gedacht, wie angenehm es für Madame Manta⸗ lini ſein müßte, Dich zur Theilhaberin an ihrem Ge⸗ ſchäfte anzunehmen. Du kannſt ſelbſt urtheilen, wie wahrſcheinlich dies iſt. Die Schwägerin von der Nichte Nirolaus Nickleby. 175 Deines armen Vaters— ein Fräulein Browndock— wurde von einer Dame, die eine Penſions⸗Anſtalt zu Hammerſmith hatte, zur Theilhaberin angenommen und machte auf dieſe Weife ihr Glück. Ich habe ganz dar⸗ auf vergeſſen, ob dies Fräulein Browndock nicht dieſelbe Dame war, die das große Loos in der Lotterie gewann, doch ich denke, ſie war es; in der That, ich erinnere mich jetzt, daß ſie es wirklich war.»Mantalini und Nickleby!« wie ſchön würde das klingen; und wenn Nicolaus einiges Glück hat, ſo könnte der Doktor Nick⸗ leby als Profeſſor an der Weſtminſterſchule in derſelben Straße wohnen.« »Lieber Nicolaus!« rief Käthchen aus, und nahm den Brief ihres Bruders von Todtenbuſchhalle aus ih⸗ rem Strickbeutel.»Bei all unſerem Unglück, wie froh macht es mich, Mutter, zu hören, daß es ihm wohl geht, und zu ſehen, daß er in gutem Muthe ſchreibt. Es tröſtet mich für Alles, was wir zu erdulden haben mögen, wenn ich denke, daß er vergnügt und glück⸗ lich iſt.« Das arme Käthchen! Sie ahnte nicht, wie ſchwach ihr Troſt war, und wie bald ſie enttaͤuſcht werden ſollte. Ende des zweiten Theiles. 8.— 4 1 † 3 4 1 4 7 4 8 —