8 hek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih⸗ und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bihliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8§ Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————. auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 7 7 1— 1„—„ II— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu lorgen. 6. Schadenersatz. Ve beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt * der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— —— Oliver Twist oder die Laufbahn eines Waiſenknaben. Von Boz(Charles Dickens), dem Verfaſſer der Pickwicker, des Nickolaus Nickleby, der humoriſtiſchen Genrebilder ꝛc. Aus dem Engliſchen von Dr. A. Diezmann. Dritter Theil. Zweite Auflage. Mit einer Federzeichnung nach Phiz. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn, und George Weſtermann. 1839. Capt. Marryat's, Capt. Chamier's, Dr. Harriſſon's(Samuel Warren's), Wilſon's, James Morier's, Boz's u. A. Geſammelte Werke. Eine Sammlung der neueſten und ausgezeichnetſten Romane der engliſchen Literatur. Fünkundsechzigster Band. Oliver Twiſt. Von Boz(Charles Dickens). Dritter Theil. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1839. Boz's (Charles Dickens) Geſammelte Werke. Neunter Theil. Oliver Fwi ſt, M oder die Laufbahn eines Waiſenknaben. Dritter Theil. Mit einer Federzeichnung nach Phiz. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn, und George Weſtermann. 1839. Erſtes Kapitel erzählt, was ſich zwiſchen Herrn und Madame Bumble und Monks bei ihrer nächtlichen Zuſammenkunft zutrug. Es war ein ſchwüler, dunkler Sommerabend, und die Wolken, welche den ganzen Tag gedrohet hatten, breiteten ſich in eine dichte, ſchwere Dunſtmaſſe aus, ließen bereits einige große Regentropfen fallen und ſchienen ein ſchwe⸗ res Gewitter zu verkündigen, als Herr und Madame Bumble die Hauptſtraße der Stadt verließen, und ſich nach der Colonie zerſtreut liegender verfallender Häuſer wendeten, die in der Entfernung von etwa einer halben Stunde in einem ungeſunden Sumpfe am Fluſſe ſtanden. Beide hatten ſich in alte ſchäbige Kleidungsſtücke ge⸗ hüllt, welche vielleicht den doppelten Zweck erfüllten, ſie vor dem Regen zu ſchützen und ihr Erkanntwerden zu verhindern. Der Mann trug eine Laterne, die jedoch noch nicht leuchtete, und ging einige Schritte voraus, als wolle er, da es ſchmutzig war, ſeiner Frau den Vor⸗ theil verſchaffen, in ſeine großen Fußtapfen treten zu kön⸗ nen. Sie ſchritten in tiefem Schweigen dahin; biswei⸗ len ging Herr Bumble langſamer und drehete ſich um, als wolle er ſich überzeugen, ob ihm ſeine Ehehälfte auch wirklich folge. Hatte er erkannt, daß ihm dieſelbe dicht auf den Ferſen war, ſo beſchleunigte er ſeine Schritte wieder. —— Oliver Twiſt. Der Ort ihrer Beſtimmung hatte einen gar nicht zweifelhaften Charakter, denn er war lange als der Auf⸗ enthalt gemeiner und verzweifelter Böſewichter bekannt, die hauptſächlich vom Raube lebten, ob ſie ſich gleich den Anſchein gaben, als lebten ſie von ihrer Arbeit. Es war ein Haufen wahrer Hütten, die theils von leichten Back⸗ ſteinen, theils von altem wurmſtichigen Schiffholze er⸗ baut, ohne einen Schein von Ordnung hingeſtellt waren und meiſt nur wenige Schritte von dem Fluſſe ſtanden. Einige wenige waſſerziehende Böte waren auf den Schlamm gezogen und an der Mauer an demſelben be⸗ feſtiget, und ein hier und da liegendes Ruder, ſo wie eine Taurolle ſchienen anzudeuten, die Bewohner dieſer ärmlichen Hütten trieben irgend eine Beſchäftigung auf dem Fluſſe, aber ein Blick auf die zerſtreuten und unbrauch⸗ baren zur Schau ausgeſtellten Gegenſtände mußte dem Vorübergehenden ſagen, daß ſie nur den Schein bewah⸗ ren, nicht aber wirklich gebraucht werden ſollten. Mitten in dieſer Gruppe von Hütten und dicht an dem Fluſſe, über den die oberen Stockwerke hinaushin⸗ gen, ſtand ein großes Gebäude, das früher zu irgend einer Fabrik gedient und wahrſcheinlich den Bewohnern der umliegenden Häuschen Beſchäftigung gegeben hatte. Aber es war bereits ſeit langer Zeit verfallen. Die Ratten, die Würmer und die Feuchtigkeit hatten die Pfei⸗ ler, auf denen es ſtand, zerfreſſen und zerſtört, und be⸗ reits war ein bedeutender Theil des Gebäudes in das Waſſer hinunter geſunken, während der wankende, den trüben Strom überhängende Reſt nur auf eine gün⸗ ſtige Gelegenheit zu warten ſchien, um das Schickſal des erſtern zu theilen und ihm zu folgen. Vor dieſem verfallenen Gebäude blieb das würdige —— Oliver Twiſt. 9 Paar ſtehen, als der erſte Donnerſchlag fiel und der Re⸗ gen mit Macht hernieder zu ſtrömen anfing. »Hier herum muß es ſein,« ſagte Bumble, indem er auf ein Stückchen Papier ſah, das er in der Hand hielt. „» Heda!« rief eine Stimme von oben. Bumble ſah empor und erblickte einen Mann, der aus einer Thür im zweiten Stockwerke herausſah. »Warten Sie eine Minute,« ſagte die Stimme,»ich werde augenblicklich bei Ihnen ſein.« Darauf verſchwand der Kopf und die Thür wurde verſchloſſen. »Iſt das der Mann?« fragte Bumble's Frau. Bumble nickte bejahend. „»So bedenke, was ich ſage,« ſprach die Frau,»und rede ſo wenig als möglich, ſonſt verräthſt Du uns ſo⸗ gleich.« Bumble, der das Gebäude mit ſehr beſorgten Blicken betrachtet hatte, wollte höchſt wahrſcheinlich einige Zwei⸗ fel darüber ausſprechen, ob es gerathen ſei, in der Sa⸗ che überhaupt weiter zu gehen, aber er wurde durch das Erſcheinen Monks' verhindert, der eine kleine Thür, an welcher ſie ſtanden, aufmachte und ihnen winkte, ein⸗ zutreten. »Kommen Siel« ſagte er ungeduldig, indem er mit dem Fuße ſtampfte;»laſſen Sie mich nicht ewig da warten.« Die Frau, die erſt gezögert hatte, ſchritt jetzt ohne weitere Aufforderung hinein, und Bumble, der ſich ſchämte oder fürchtete, zurückzubleiben, folgte, wenn auch offen⸗ bar ſehr ungern und ganz ohne die Würde, die ſonſt ſein Hauptkennzeichen war. »Was zum Teufel ſtehen Sie da im Regen?« ſagte Monks, indem er ſich umdrehete zu Bumble, nachdem er die Thür hinter ihnen verriegelt hatte. 10 Oliver Twiſt. „»Wir— wir kühlten uns bloß ab,« ſtotterte Bumble, während er ſich furchtſam umſah. »Sie kühlten ſich ab!« wiederholte Monks.»Der ge⸗ ſammte Regen, der jemals gefallen iſt und der noch fallen wird, kann das Höllenfeuer nicht auslöſchen, das ein Menſch in ſich tragen mag. Sie werden ſich ſo leicht nicht abkühlen!« Mit dieſer angenehmen Rede wendete ſich Monks ſchnell zu der Frau und heftete ſeinen durchbohrenden Blick auf ſie, bis ſelbſt ſie, die ſich nicht ſo leicht ein⸗ ſchüchtern ließ, wegſehen und die Augen niederſchlagen mußte. »Iſt das die Frau?« fragte Monks. »Hm!l das iſt die Frau,« antwortete Bumble, der Er⸗ mahnung ſeiner Ehehälfte eingedenk. »Sie glauben wohl, Weiber könnten nicht auch ein Geheimniß für ſich behalten?« fiel die Frau ein, indem ſie die Augen wieder zu Monks erhob. »Eines behalten ſie für ſich ſo lange als möglich, das weiß ich,« entgegnete Monks verächtlich. »Und das wäre? fragte die Frau in demſelben Tone. »Der Verluſt ihres guten Rufes,« antwortete Monks; „auch glaube ich, daß eine Frau, die von einer Sache weiß, welche ſie an den Galgen oder in das Zuchthaus bringen könnte, nichts davon entdeckt. Verſtehen Sie mich?« »Nein,« antwortete die Frau, welche dabei etwas roth wurde. »Natürlich nicht,« meinte Monks ironiſch.»Wie ſollten Sie mich verſtehen?« Dabei ſah er ſeine beiden Gefährten mit einem halb höhniſchen, halb unwilligen Blicke an, winkte von neuem, ihm zu folgen, ſchritt durch —= Oliver Twiſt. 11 das große aber niedrige Zimmer, und wollte eben eine ſteile Treppe oder vielmehr eine Leiter hinaufſteigen, als ein blendender Blitzſtrahl durch die Oeffnung leuch⸗ tete und ein Donnerſchlag folgte, der das alte morſche Gebäude bis in den Grund erſchütterte. »Hört!« rief er, indem er zurückprallte,»hört es rollen und krachen, als wenn es durch tauſend Höhlen ſchallte, wo die Teufel ſich vor ihm verbergen. Ver⸗ flucht ſei der Ton! Ich haſſe ihn.⸗ Einige Augenblicke ſchwieg er, dann nahm er plötz⸗ lich die Hände von dem Geſichte weg und Bumble ſah zu ſeinem unbeſchreiblichen Entſetzen, daß er ganz ver⸗ zerrt und kreideweis war. »Solche Anfälle habe ich bisweilen,« ſagte Monks, als er Bumble's Aengſtlichkeit bemerkte,„und der Don⸗ ner erweckt ſie manchmal. Achtet nicht darauf; diesmal iſt es ſchon wieder vorüber.« Während er dies ſprach, ſtieg er auf der Leiter hin⸗ auf voran, ſchloß haſtig den Fenſterladen des Zimmers, in welches er ſie führte und zog eine Laterne weiter her⸗ unter, die an dem Ende eines Strickes hing und ein mattes Licht auf einen alten Tiſch und drei Stühle un⸗ ter ihr warf. »Nun,“« ſagte Monks, als ſie ſich alle drei geſetzt hatten,»je eher wir zu unſerm Geſchäfte kommen, deſto beſſer für alle. Weiß die Frau, um was es ſich han⸗ delt? Dieſe Frage wurde an Bumble gerichtet, aber die Frau kam ihm mit der Antwort zuvor, indem ſie ſagte, ſie ſei davon unterrichtet. »Hatte er Recht, als er ſagte, Sie wären bei der alten Hexe in der Nacht geweſen, als ſie ſtarb, und ſie habe Ihnen etwas geſagt— 2 Oliver Twiſt. » Ueber die Mutter des Knaben, den Sie nannten,« antwortete die Frau, ehe er noch ganz geendet hatte. „»Ig.« »Die erſte Frage iſt, welches Geſtändniß hat ſie Ihnen gemacht?« fragte Monks. »Das iſt die zweite,« entgegnete die Frau ſehr be⸗ dächtig;»die erſte iſt, was iſt die Mittheilung werth?« »Wer zum Teufel kann das ſagen, wenn man ſie nicht kennt?« erwiederte Monks. »Niemand beſſer, als Sie,« antwortete Madame Bumble, der es nicht an Geiſt fehlte, wie ihr Genoſſe im Joche bezeugen konnte. »Hm!“ meinte Monks ausdrucksvoll und mit einem forſchenden Blicke, ves kann Geldeswerth dadurch erlangt werden, he?« »Vielleicht,« lautete die ruhige Antwort. »Es wurde etwas von ihr genommen— 2« fragte Monks begierig;»etwas, das ſie an ſich trug, etwas, das—« »Ich habe genug gehört,« fiel Madame Bumble ein,»um überzeugt zu ſein, daß Sie der Mann ſind, mit dem ich zu ſprechen habe.« Bumble, dem ſeine beſſere Hälfte nicht mehr von dem Geheimniſſe mitgetheilt hatte, als er gleich im An⸗ fange davon kannte, horchte auf dieſes Zweigeſpräch mit langgeſtrecktem Halſe und weit aufgeriſſenen Augen, die er mit unverhohlener Verwunderung abwechſelnd auf ſeine Frau und auf Monks richtete. Seine Verwunde⸗ rung wuchs wo möglich noch mehr, als der Letztere fragte, welche Summe ſie für die Mittheilung des Ge⸗ heimniſſes fordere. »Wie viel iſt Ihnen dieſelbe werth?« fragte die Frau ſo ruhig als vorher. — 3 —. Oliver Twiſt. 13 »Vielleicht nichts, vielleicht zwanzig Pfund,« erwie⸗ derte Monks,»ſprechen Sie, damit ich es ſelbſt beur⸗ theilen kann.« d „»Legen Sie noch fünf Pfund zu der Summe, die Sie nannten, geben Sie mir fünfundzwanzig Pfund in Gold,« ſagte die Frau,»und ich will Ihnen alles ſagen, was ich weiß, eher aber nicht!« „»Fünfundzwanzig Pfund!« rief Monks und rückte zurück. »Ich ſprach ſo deutlich als ich es kann,« antwortete Madame Bumble,»und es iſt nicht viel Geld.« »Nicht viel Geld für ein ärmliches Geheimniß, das nichts ſein kann, wenn es geſagt iſt!« entgegnete Monks ungeduldig,»und das ſeit zwölf Jahren und länger todt gelegen hat!« »Solche Dinge halten ſich und verdoppeln oft wie guter Wein ihren Werth mit der Zeit,« antwortete die Frau, noch immer in der entſchloſſenen Gleſchgültigkeit, die ſie angenommen hatte. »Und was dann, wenn ich das Geld für nichts hin⸗ gebe?« fragte Monks zögernd. »Sie können es leicht wieder nehmen,« antwortete die Frau,»denn ich bin nur ein Weib, allein hier und ſchutzlos.« „»Weder allein noch ſchutzlos, liebe Frau,« bemerkte Bumble in einem vor Angſt bebenden Tone; vich bin ja da, liebe Frau! Und außerdem«, fuhr er fort, während ihm die Zähne klapperten,»iſt Herr Monks ein zu red⸗ licher Mann, als daß er ſich an uns vergreifen ſollte. Herr Monks weiß, daß ich kein Jüngling mehr bin, aber er hat auch gehört— ich zweifele nicht— er hat ge⸗ hört, daß ich ein ſehr entſchloſſener Beamter bin und ——yy 14 Oliver Twiſt. ungeheuere Stärke beſitze, wenn ich gereizt werde. Ich brauche nur etwas gereizt zu werden.« Während Bumble dies ſagte, ſtellte er ſich, als faſſe er ſeine Laterne mit fürchterlicher Heftigkeit und Entſchloſ⸗ ſenheit, und bewies durch die Aengſtlichkeit in ſeinen Zü⸗ gen, daß er wirklich etwas— und nicht wenig— ge⸗ reizt werden müſſe, ehe er eine feindliche Demonſtration zu machen im Stande ſei, es müſſe denn gegen Arme ſein. »Du biſt ein Narr,« entgegnete Madame Bumble, vund thäteſt beſſer, wenn Du Dein Maul hielteſt.« »Er hätte beſſer gethan, wenn er ſich die Zunge aus dem Halſe geriſſen hätte, ehe er kam, ſobald er nicht lei⸗ ſer reden kann,« ſagte Monks mit grimmigem Blicke. »Er iſt alſo Ihr Mann, he?« »Er mein Mann!“« kicherte die Frau, und machte da⸗ durch eine Antwort unnöthig. »Ich dachte es gleich, als Sie eintraten,« entgegnete Monks, dem der unwillige Blick nicht entging, welchen die Frau bei dieſen Worten ihrem Manne zuwarf.»Deſto beſſer; ich verkehre viel lieber mit zwei Leuten, wenn ich ſehe, daß beide nur einen Willen haben. Ich rede ernſthaft— ſehen Sie her.« Er ſteckte die Hand in eine Seitentaſche, nahm einen Leinwandbeutel heraus, zählte fünfundzwanzig Goldſtücke auf den Tiſch und ſchob ſie der Frau hin. »Nun,« ſagte er,»ſtreichen Sie das Gold ein, und wenn der verfluchte Donnerſchlag vorbei iſt, der eben losbrechen wird, laſſen Sie Ihre Geſchichte hören.« Nachdem das Gebrüll des Donners, der gerade über ihnen alles zu zermalmen ſchien, vorüber war, richtete Monks ſein Geſicht von dem Tiſche wieder em⸗ por und beugte ſich nach vorne, um auf das zu horchen — Oliver Twiſt. 15 was die Frau erzählen werde. Die Geſichter aller drei berührten ſich faſt, als die beiden Männer in der Be⸗ gierde, das Geheimniß zu erfahren, ſich über den Tiſch bogen und die Frau ſich ebenfalls vorwärts neigte, da⸗ mit ihr leiſes Sprechen gehört werde. Die matten Licht⸗ ſtrahlen der Laterne, die gerade auf ſie fielen, erhöheten die Bläſſe und den Ausdruck der Aengſtlichkeit in ihren Geſichtern, die, vom tiefſten Dunkel umgeben, im höch⸗ ſten Grade geſpenſterhaft ausſahen. 8 „»Als die Frau, die wir die alte Sarah nannten, ſtarb,« begann Madame Bumble,»war ich mit ihr allein.« »War ſonſt Niemand zugegen?« fragte Monks eben ſo leiſe,»keine Kranke, keine Blödſinnige in einem an⸗ dern Bette? Niemand, der hören und möglicher Weiſe etwas verſtehen konnte?« »Keine Seele,« antwortete die Frau;»wir waren allein; ich allein ſtand neben der Alten, als der Tod über ſie kam.« »Gut,« bemerkte Monks, der ſie mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit betrachtete;»weiter.« »Sie ſprach von einem jungen Mädchen,« fuhr die Frau fort,»die vor einigen Jahren ein Kind zur Welt gebracht habe, nicht bloß in derſelbe Stube, ſondern in demſelben Bette, in welchem ſie eben lag.« »Nun!« fragte Monks mit bebender Lippe.»Blut! Wie wird es noch werden?« „»Das Kind war der Knabe, den Sie geſtern Abend gegen ihn nannten?« fuhr die Frau fort, indem ſie mit dem Kopfe nach ihrem Manne hin nickte;»die Alte, welche die Mutter wartete, hatte dieſe beraubt.⸗ „»Im Leben 2« fragte Monks. »Nein, als ſie todt geweſen,« fuhr die Frau ſchau⸗ 16 Oliver Twiſt. dernd fort.»Sie nahm von dem Leichnam, als er kaum ein Leichnam geworden, das, was die Mutter ſie mit ihrem letzten Athem wegen des Kindes aufzubewahren gebeten hatte.« »Sie verkaufte das?« fragte Monks begierig.»Ver⸗ kaufte ſie es?— wo?— wann?— an wen?— wie lange vorher?« »Als ſie mir dies mit großer Anſtrengung ſagte,« fuhr die Frau fort,»ſank ſie zurück und ſtarb.⸗ »Ohne mehr zu ſagen?« fragte Monks in einem Tone, der zwar noch immer leiſe war, aber die höchſte Wuth verrieth.»Es iſt, eine Lüge! Ich laſſe nicht mit mir ſpaßen. Sie ſagte noch Hmehr,— ich reiße Euch Beiden die Seele aus dem Leibe, wenn Ihr nicht Alles entdeckt!« »Sie ſagte kein Wort weiter,« fuhr die Frau fort, allem Anſcheine nach(und darin ganz das Gegentheil von dem zitternden Bumble) durch die Heftigkeit des Fremden nicht im mindeſten erſchreckt,»aber ſie packte mit der einen Hand mit Gewalt mein Kleid, und als ich ſah, daß ſie todt war und die Hand losmachte, fand ich, daß ſie ein Stück ſchmutzigen Papieres darin hielt.« »Das enthielt— 2« fiel Monks ein, indem er den Hals ſchnell wieder vorſtreckte. »Nichts,« antwortete die Frau; ves war ein Schein von dem Leihhauſe.«— »Ueber was?« fragte Monks. »Ich werde es Ihnen ſagen. Ich glaube, ſie hatte das Geraubte eine Zeitlang behalten, um es vielleicht beſſer anzubringen, dann verpfändet und immer ſoviel Geld zuſammengebracht, um die Zinſen im Leihhaus Jahr für Jahr bezahlen zu können, ſo daß es nicht ver⸗ auctionirt wurde, ſondern liegen blieb, und zu jeder Zeit wieder eingelöſet werden konnte. Sie hatte keine Ge⸗ Otiver Twiſt. 17 legenheit gehabt, es einzulöſen und wie ich Ihnen ſagte, ſie ſtarb mit dem abgegriffenen Leihhausſcheine in der Hand. Der Termin war in zwei Tagen abgelaufen, ich glaubte auch, es könne einmal etwas damit verdient wer⸗ den, und ſo löſete ich denn das Pfand aus.⸗ 4*»Wo iſt es jetzt?« fragte Monks ſchnell. »Hier,« antwortete die Frau und ſie warf, als ſei ſie froh, davon loszukommen, ein ledernes Beutelchen auf den Tiſch, das Monks ſchnell ergriff und mit zit⸗ ternder Hand aufriß. Das Beutelchen enthielt ein kleines goldenes Medaillon mit zwei Haarlocken und einen ein⸗ . fachen goldenen Trauring.. »Auf der innern Seite iſt der Name„Agnes“ ein⸗ gegraben,« fuhr die Frau fort;„dann kommt eine leere Stelle, wahrſcheinlich für den Familiennamen, und end⸗ lich folgt ein Datum, ungefähr ein Jahr vor der Geburt des Kindes anzeigend. Das habe ich herausbekommen.⸗ »Und das iſt Alles?« fragte Monks, nachdem er das Beutelchen ſorgfältig unterſucht, beſehen und umgewendet hatte. »Alles,« antwortete die Frau. Bumble holte tief Athem, als ſei er froh, daß die SGeeſchichte zu Ende ſei und die fünfundzwanzig Goldſtücke nicht zurückverlangt wurden. Auch faßte er nun Muth, ſich den Angſtſchweiß abzuwiſchen, der während der ganzen Zeit ihm ungehindert über die Naſe gefloſſen war. »Ich weiß von der Geſchichte nun nichts weiter, als wmas ich errathen kann,« ſagte die Frau, indem ſie ſich nach kurzer Pauſe an Monks wendete,»und ich mag auch nichts davon wiſſen, das iſt ſicherer. Darf ich Ihnen aber zwei Fragen vorlegen?« »Das iſt Ihnen unverwehrt,« antwortete Monks et⸗ Oliver Twiſt. III. 2 Oliver Twiſt. was überraſcht,»ob ich aber antworte oder nicht, iſt eine andere Frage.⸗ „Alſo die dritte,« bemerkte Bumble, der ſich durch einen Scherz zu ermuthigen ſuchte. »Iſt das Dasjenige, was Sie von mir zu erhalten glaubten?« fragte die Frau. 4 „Es iſt es,« antwortete Monks.—»Die andere Frage?⸗ „Was wollen Sie damit thun? Kann es gegen mich als Beweis gebraucht werden?« „Niemals,« entgegnete Monks,»auch nicht gegen mich. Seht her, aber tretet keinen Schritt näher, wenn Euch Euer Leben lieb iſt.« Mit dieſen Worten ſchob er den Tiſch bei Seite, faßte einen eiſernen Ring in den Dielen und zog eine große Fallthür auf, welche ſich dicht vor Bumble's Fü⸗ ßen öffnele, ſo daß dieſer mehrere Schritte zurückprallte. »Seht hinunter,« fuhr Monks fort, indem er die La⸗ terne in die Oeffnung hineinzog,»fürchtet Euch nicht vor mir. Ich hätte Euch ganz ruhig hinunterlaſſen können, als Ihr darüber ſaßet, wäre es mein Wille geweſen.“« So ermuthigt trat die Frau an den Rand, und ſelbſt den Herrn Bumble trieb die Neugierde, daſſelbe zu thun. Das trübe, von dem ſtarken Regen angeſchwollene Waſſer rauſchte unten ſchnell vorüber und jeder andere Ton wurde von dem Brauſen und Anſchlagen an die Pfähle übertäubt. Es hatte ſich früher eine Mühle unten be⸗ funden, und die Fluth, welche um die wenigen noch übri⸗ gen Pfähle und Maſchinenſtücke ſchäumte und wirbelte, ſchien mit erneuerter Kraft weiter zu ſchießen, wann ſie von den Hinderniſſen frei war, die vergebens ſie aufzu⸗ halten verſucht hatten. »Wo würde morgen der Menſch ſein, den man da 4½ Oliver Twiſt. 19 hineinwürfe?« fragte Monks, indem er die Laterne in dem dunkeln Schachte hin⸗ und herſchwingen ließ. „Zwölf Meilen weit unten im Fluſſe und überdies in Stücke zerriſſen,« erwiederte Bumble, den die bloße Vorſtellung davon weit zurücktrieb. Monks nahm das Beutelchen aus ſeinem Buſen, in den er es vorher eilig geſteckt hatte, band es feſt an ein Stück Blei, das zu einem Kloben gehört haben mochte und auf dem Boden lag, und ließ es in das Waſſer hinunter fallen. Kaum hörbar ſank es in die Tiefe und war verſchwunden. Alle drei ſahen einander an und ſchienen freier zu athmen. „Dal« ſagte Monks, indem er die Fallthür wieder niederließ.»Wenn auch das Meer, wie manche Bücher ſagen, ſeine Todten wieder herausgiebt, ſo wird es doch das Gold und Silber und auch dieſen Bettel mit behalten. Nun haben wir nichts mehr zu ſagen und können aufbrechen.“ »Gott ſei Dank!« ſagte Bumble mit erleichtertem Herzen. „Sie werden das Maul halten, he?« fragte Monks mit einem drohenden Blicke.»Wegen Ihrer Frau bin ich unbeſorgt.« »Sie können ſich auf mich verlaſſen, junger Herr,« antwortete Bumble, der unter Bücklingen allmälig bis zur Treppe oder Leiter zu gelangen ſuchte. „Das iſt mir um Ihretwillen lieb zu hören,« be⸗ merkte Monks.»Zünden Sie Ihre Laterne an und ma⸗ chen Sie ſo ſchnell als möglich, daß Sie fortkommen.« Es war ein Glück, daß hier die Unterredung ein Ende hatte, denn Bumble befand ſich nur noch ſechs Zoll von der Leiter und wäre unfehlbar kopfunter hinunter 20 Oliver Twiſt. geſtürzt, hätte er noch einen Kratzfuß rückwärts gemacht. Er zündete ſeine Laterne an der an, welche Monks von dem Stricke losgemacht hatte und in der Hano hielt, und ſtieg, ohne weiter etwas zu ſagen, mit ſeiner Frau hinunter. Monks folgte, nachdem er einige Augenblicke auf den Stufen oder vielmehr Sproſſen gehorcht hatte, ob ſich etwas anderes hören laſſe, als das Plätſchern des Regens draußen und das Nauſchen des Waſſers unten. Langſam und vorſichtig gingen ſie durch den untern Raum, denn Monks fuhr bei jedem Schatten zuſammen, und Bumble, der ſeine Laterne etwas in die Höhe hielt, ging nicht bloß mit ganz beſonderer Bedächtigkeit, ſon⸗ dern ſelbſt mit wunderbar leichtem Tritt einher und ſah ſich ängſtlich überall nach Fallthüren um. Die Thür, durch welche ſie eingetreten waren, wurde von Monks geräuſchlos aufgeriegelt und geöffnet, und nach einem bloßen Nicken zu ihrem räthſelhaften Bekannten ſchritten Herr und Madame Bumble in die Näſſe und Dunkel⸗ heit hinaus. Kaum hatten ſie ſich entfernt, als Monks, der eine unüberwindliche Abneigung gegen das Alleinſein zu he⸗ gen ſchien, nach einem Knaben rief, der irgendwo unten verſteckt war, und den er mit dem Lichte vorangehen hieß. So kehrte er in das Gemach zurück, das er eben erſt verlaſſen hatte. * Oliver Twiſt. 21 Zweites Kapitel führt einige reſpectable Perſonen ein, mit denen der Leſer be⸗ reits bekannt iſt, und zeigt, wie Monks und der Jude ſich mit einander beſprachen Es war etwa zwei Stunden früher am folgenden Abende, denn zu der Zeit, da die drei würdigen Perſo⸗ nen im vorigen Kapitel ihr Geſchäft mit einander ab⸗ machten, als William Sikes aus einem Schlummer er⸗ wachte und ſchlaftrunken fragte, welche Zeit es ſei. — Die Stube, in welcher Sikes dieſe Frage that, war nicht dieſelbe, welche er vor dem Unternehmen in Chertſey 1 bewohnt hatte, ob ſie ſich gleich in demſelben Stadttheile 8 befand und nicht weit von ſeiner frühern Wohnung lag. — Auch war dieſe Stube nicht ſo wohnlich als die frühere, ſondern klein und ärmlich meublirt, hatte nur ein einzi⸗ ges kleines Dachfenſter und ging auf ein enges ſchmutzi⸗ ges Gäßchen. Auch an andern Zeichen fehlte es nicht, welche verriethen, daß der Mann in ſeinen Umſtänden zurückgekommen ſei, denn alles deutete auf die tiefſte Ar⸗ muth, und das abgemagerte Ausſehen des Diebes ſelbſt * beſtätigte dieſe Symptome. Er lag in ſeinem weißen Ueberrocke auf dem Bette, und ſeine Züge wurden durch eine Leichenfarbe des Ge⸗ 4 ſichtes, eine ſchmutzige Nachtmütze und den eine Woche 9 alten ſchwarzen ſteifen Bart keineswegs verſchönert. Der Hund ſaß an dem Bette, ſah bald ſeinen Herrn an und ſpitzte bald die Ohren oder knurrte, wenn ſich et⸗ was auf der Straße oder unten in dem Hauſe hören ließ. Am Fenſter, eine alte Weſte des Räubers emſig Oliver Twiſt. ausbeſſernd, ſaß ein junges Weib, das durch Nachtwachen und Mangel ſo blaß geworden und abgefallen war, daß man in ihr nicht ſo leicht das Aennchen wieder erkannt haben würde, das in dieſer Erzählung ſchon vorgekom⸗ men iſt, wäre nicht ihre Stimme noch dieſelbe geweſen. »Nicht lange ſieben Uhr vorbei,« antwortete das Mädchen.»Wie fühlſt Du Dich heute?« »Schwach wie Waſſer,« antwortete Sikes und ver⸗ dammte auf die gewöhnliche Weiſe ſeine Augen und Glieder.»Komm her und gieb mir die Hand, daß ich mich von dieſem verfluchten Bette aufrichten kann.« Die Krankheit hatte Sikes Charakter nicht gebeſſert, denn während das Mädchen ihn aufrichtete und ihn zu einem Stuhle führte, verfluchte er mehrmals ihre Unge⸗ ſchicklichkeit, und ſchlug ſie. »Du weinſt?« ſagte Sikes.»Stelle Dich nicht ſo her. Wenn Du ſonſt nichts thun kannſt, ſo packe Dich ganz und gar. Hörſt Du?« »Ich höre es wohl,« antwortete das Mädchen, indem ſie das Geſicht abwendete und ſich zu einem Lächeln zwang.»Was iſt Dir wieder in den Kopf gekommen?« »Aha, Du haſt Dich anders beſonnen!« grollte Sikes, indem er die Thränen in ihren Augen bemerkte.»Deſto beſſer für Dich.« „»Du biſt hart und rauh dieſen Abend gegen mich ge⸗ weſen, Wilhelm,« ſagte das Mädchen, indem ſie ihre Hand auf ſeine Achſel legte. „Warum?« „So viele Nächte,« fuhr das Mädchen mit weibli⸗ cher Zärtlichkeit fort, die ſelbſt ihrer Stimme einen ſanf⸗ ten Klang gab,»ſo viele Nächte bin ich geduldig mit Dir geweſen, habe Dich gewartet und gepflegt, als wä⸗ reſt Du ein Kind, und zum erſten Male ſehe ich Dich 5. 4 Oliver Twiſt. 23 wieder ſo. Du würdeſt mich nicht ſo behandelt haben, wie Du es eben thateſt, hätteſt Du daran gedacht, nicht wahr? Sag', Du hätteſt es nicht gethan.« „Nun ja, ich hätte es nicht gethan,« entgegnete Sikes. „Aber, Gott verdamm' mich! da fängt das Mädchen wie⸗ der an zu heulen!« „Es iſt nichts,« antwortete das Mädchen, indem es auf einen Stuhl ſank.»Thue als ſäheſt Du es nicht und es wird bald wieder vergehen.« „Was wird vergehen,« fragte Sikes mit wilder Stimme.»Was treibſt Du wieder für Narrenspoſſen? Steh' auf und arbeite und bring' mir Deine Weiberlaune nicht wieder.« Zu jeder andern Zeit würde die Ermahnung und der Ton, in welchem ſie gegeben wurde, den gewünſchten Erfolg gehabt haben, das Mädchen war aber wirklich ganz ſchwach und erſchöpft, ihr Kopf ſank hinten über die Stuhllehne und ſie wurde ohnmächtig, ehe Sikes einige paſſende Flüche herausbringen konnte, mit denen er bei ähnlichen Gelegenheiten ſeine Drohungen auszu⸗ ſtaffiren pflegte. Da er nun nicht recht wußte, was er bei dieſem ungewöhnlichen Vorfalle thun ſolle, da Jung⸗ fer Aennchens Zufälle gewöhnlich von der heftigen Art waren, durch die ſich der Patient meiſt ohne weitern Beiſtand durchkämpft, ſo fluchte Sikes erſt etwas, und als er ſah, daß dies nichts wirkte, rief er nach Hülfe. »Was giebt es da?« fragte der Jude, der eben den Kopf hereinſteckte.. „»Hilf einmal dem Mädchen, geſchwind!« antwortete Sikes ungeduldig,»ſtelle Dich nicht her und ſtiere mich an.« Mit einem Ausrufe der Verwunderung eilte Fagin zu des Mädchens Beiſtande, während John Dawkins (oder der pfiffige Sappermenter), der nach ſeinem ehrba⸗ Oliver Twiſt. ren Freunde und Gönner eingetreten war, raſch ein Bündel, das er getragen hatte, ablegte, dem Monſieur Karlchen Bates, der ihm auf dem Fuße folgte, eine Fla⸗ ſche aus der Hand riß, ſie in einem Augenblicke mittelſt der Zähne entſtöpſelte und der Kranken einen Theil da⸗ von in den Mund ſchüttete, vorher aber ſelbſt koſtete, damit nicht etwa ein Irrthum vorgehe. »Bring' ihr etwas friſche Luft mit dem Blaſebalge in das Geſicht, Karlchen,« ſagte Dawkins,»reiben Sie ihr die Hände, Fagin, während ihr Sikes die Röcke auf⸗ bindet.« Dieſe vereinten Bemühungen, welche mit großem Eifer betrieben wurden, beſonders der Karlchen übertra⸗ gene Theil, der die Sache für einen ſeltenen Spaß an⸗ ſah, führten bald zu dem erwünſchten Zwecke. Das Mädchen kam allmälig zu ſich, wankte zu einem Stuhle am Bette, verbarg ihr Geſicht in dem Kiſſen und ließ ſo Sikes mit den Neuangekommenen gewiſſermaßen allein. »Welcher contraire Wind hat Euch denn hierher ge⸗ trieben?« fragte Sikes. „»Kein contrairer Wind, lieber Freund,« antwortete der Jude,»denn contraire Winde bringen Niemandem Gutes und ich habe etwas Gutes mitgebracht, das Du gern ſehen wirſt. Sappermenter, ſchnüre das Bündel auf und gieb Sikes die Kleinigkeiten, damit wir dieſen Morgen unſer ganzes Geld verthun.“ Auf das Geheiß des Juden ſchnürte der Pfiffige das ziemlich große Bündel auf, das aus einem alten Tiſch⸗ tuche gemacht worden war, und überreichte die Gegen⸗ ſtände darin nach einander Karlchen Bates, der ſie mit verſchiedenen Lobeserhebungen auf den Tiſch legte. »Eine ſolche Kaninchenpaſtete, Sikes!« rief der Burſche, —— 8— Oliver Twiſt. 25 indem er eine große Paſtete aufdeckte,»ſolche delikate Dinge, ſo weich, daß einem ſelbſt die Knochen in dem Munde zerge⸗ hen und man ſie nicht abzuknaupeln braucht; ein halbes Pfund grüner Thee, ſo ſtark, daß, wenn man ihn mit kochen⸗ dem Waſſer miſcht, er den Oeckel des Topfes abwirft; an⸗ derthalb Pfund Zucker, wie ihn die Neger noch nicht beſ⸗ ſer gemacht haben, das und das und, die Hauptſache! etwas vom Beſten.“« Bei dieſen letzten Worten zog Bates aus einer ſeiner umfänglichen Taſchen eine wohlverſtöpſelte Weinflaſche, während Dawkins in demſelben Augenblicke ein Wein⸗ glas voll Rum aus ſeiner Flaſche goß, das der Patient ohne weiteres Bedenken verſchluckte. »Ah,« ſagte der Jude, indem er ſich mit großer Zu⸗ friedenheit die Hände rieb.»Nun wird es mit Dir ge⸗ hen, Sikes!« »Gehen?« antwortete dieſer.»Ich hätte können zwan⸗ zigmale ſchon ganz gehen, ehe es Dir einfiel, mir zu helfen. Was ſoll das heißen, daß Du mich in ſolchem Zuſtande drei Wochen und länger daliegen läßt, Du fal⸗ ſcher Schurke?« »Hört ihn nur, Jungens!« ſagte der Jude, indem er die Achſeln zuckte,»und wir bringen ihm alle dieſe ſchönen Dinge.“ »Die Dinge mögen recht gut ſein,« antwortete Sikes, durch einen Blick auf den Tiſch etwas beſänftigt,»aber wie kannſt Du es verantworten, daß Du mich, bankerott an Speiſe und Trank, Geſundheit und Geld und allem anderen, verläßt, und Dich nicht mehr um mich beküm⸗ merſt, als wäre ich der Hund da. Jage ihn hinunter, Karlchen.« »Ich ſah nie einen ſo guten Hund,« ſagte Bates, in⸗ dem er that, was ihm geheißen war.»Er riecht die Oliver Twiſt. Polizei eine Viertelſtunde weit. Er hätte können ſein Glück beimm Theater machen.« »Halt' den Rachen,« ſchrie Sikes, während der Hund knurrend unter das Bette kroch.»Was kannſt Du zu Deiner Vertheidigung ſagen, alter Spitzbube, he?« »Ich war über eine Woche nicht in London, lieber Freund, wegen eines Planes.« »Und die andern vierzehn Tage?« fragte Sikes. »Warum haſt Du mich die andern vierzehn Tage dalie⸗ gen laſſen, wie eine kranke Ratte in ihrem Loche?« »Ich konnte nicht anders, Wilhelm,« antwortete der Jude,»darf Dir es aber jetzt nicht auseinander ſetzen; ich konnte nicht, auf meine Ehre.« »Auf was?« brummte Sikes.»Schneide mir ein⸗ mal einer von Euch Jungens ein Stück von der Paſtete ab, damit ich es koſten kann.« »Sei nicht böfe, lieber Freund,« ſagte der Jude ganz demüthig,»ich habe Dich nie, niemals vergeſſen.« »Ich glaube es,« antwortete Sikes mit bitterm Hohne. »Du haſt Pläne ausgedacht, während ich hier lag bald in Froſt und bald in Hitze, und Sikes ſollte dies thun und Sikes ſollte jenes thun, und alles ſpottwohlfeil thun, ſobald er wieder geſund und zu Deiner Arbeit arm ge⸗ nug geworden. Ohne das Mädchen lebte ich wohl ſchon nicht mehr.« „»Da ſiehſt Du es, Sikes,« antwortete der Jude, der die letzten Worte ſogleich aufgriff.»Ohne das Mädchen! Wer hat Dir ein ſolches Mädchen verſchafft? War ich es nicht?« »Da hat er Recht, Gott weiß es!« ſagte Aennchen, die ſich erhob. Aennchens Erſcheinen gab der Unterhaltung eine neue Wendung, denn die Knaben, die einen Wink von dem ſchlauen alten Juden erhielten, fingen an, ihr tüchtig zu⸗ zutrinken, ob ſie gleich wenig davon genoß„ während Fagin, ganz beſonders aufgeräumt, Sikes allmälig in beſſere Laune verſetzte, indem er die Drohungen deſſelben nur für artige Späße anzuſehen ſchien, und über ein Paar derbe Witze aus Herzensgrunde lachte, die jener zu reißen geruhete, nachdem er der Flaſche mehrmals zuge⸗ ſprochen hatte. „»Es iſt alles recht gut,« ſagte Sikes,»aber ich muß noch heute Geld von Dir haben.« »Ich habe auch nicht das Geringſte bei mir,« ant⸗ wortete der Jude. »Dann haſt Du es zu Hauſe,« erwiederte Sikes, »und ich muß Geld haben.« »Geld!« rief der Jude, indem er die Hände empor⸗ hielt;»ich habe nicht ſoviel, als—« »Ich weiß nicht, wie viel Du haſt, und Du wirſt es ſelbſt nicht genau wiſſen, da das Zählen zu lange dauern würde, ſagte Sikes,»aber ich muß noch heute Abend Geld haben.« »Nun gut,« entgegnete der Jude mit einem Seufzer, „»ſo will ich den Sappermenter ſogleich nach Hauſe ſchicken.« »Nein, nein,« entgegnete Sikes.»Der Sappermenter iſt zu pfiffig und würde vergeſſen wieder zu kommen, oder ſich verlaufen, oder der Polizei aus dem Wege gehen oder ſonſt eine Entſchuldigung haben, wenn Du ihm den Auftrag giebſt. Aennchen mag zu Dir gehen und das Geld holen, damit ich ſicherer bin. Ich werde unterdeß ein wenig nicken.« Nach langem Hin⸗ und Herreden handelte der Jude den verlangten Vorſchuß von fünf Pfunden auf drei herunter und betheuerte hoch und theuer, er werde dann Oliver Twiſt. 22 Oliver Twiſt. ſelbſt nur noch einige Groſchen behalten. Sikes dagegen bemerkte, wenn er nicht mehr bekommen könnte, müſſe er mit dem Gebotenen zufrieden ſein, und Aennchen ſchickte ſich an, den Juden zu begleiten, während die beiden jungen Burſche die Eßwaaren in ein Schränkchen ſtellten. Der Jude nahm darauf Abſchied von ſeinem werthen Freunde und kehrte mit Aennchen und den Kna⸗ ben nach Hauſe zurück, während Sikes ſich auf das Bett warf und ſich anſchickte, bis zur Rückkehr des Mädchens zu ſchlafen. In der gehörigen Zeit kamen ſie in der Wohnung des Juden an, wo ſie Tobias Crackit und Chitling bei dem funfzehnten Spiele Domino trafen, das, wie wir kaum zu erwähnen brauchen, der letztere zugleich mit ſeinem funfzehnten und letzten Viergroſchenſtücke zum gro⸗ ßen Jubel ſeiner jungen Freunde verlor. Crackit, der. ſich offenbar etwas ſchämte, ſich zu einem dem Stande und dem Geiſte nach ſo weit unter ihm ſtehenden jungen Burſchen herabgelaſſen zu haben, gähnte, erkundigte ſich nach Sikes und nahm ſeinen Hut, um zu gehen.« „»Iſt Niemand hier geweſen, Tobias? fragte der Jude. »Keine lebendige Seele,« antwortete Crackit, indem er den Kragen emporſchlug; ves iſt ganz ſtill und lang⸗ weilig geweſen. Ich hätte eigentlich eine gute Beloh⸗ nung verdient, daß ich das Haus ſo lange gehütet, und ich wäre gewiß auch eingeſchlafen, wäre ich nicht ſo gut⸗ müthig geweſen, den jungen Burſchen da zu unterhal⸗ ten. Schrecklich langweilig!« Mit dieſen und andern Ausrufungen ſtrich Tobias Crackit ſeinen Gewinn ein, ſteckte ihn in die Weſtenta⸗ ſche mit einer Miene, als verdienten ſolche kleine Sil⸗ bermünzen die Beachtung eines Mannes, wie er ſei, gar — — Oliver Twiſt. 29 nicht und ſchritt ſo zierlich aus der Stube hinaus, daß Chitling, der ihm ſo lange als möglich mit bewundern⸗ dem Blicke folgte, laut verſicherte, er glaube die Be⸗ kanntſchaft eines ſolchen Mannes mit funfzehn Viergro⸗ ſchenſtücken ſehr wohlfeil erkauft zu haben und es ſchmerze ihn der Verluſt derſelben nicht im mindeſten. »Wie dumm Du biſt!« ſagte Monſieur Bates, dem dieſe Erklärung höchſt lächerlich vorkam. »Gar nicht,« antwortete Chitling;»nicht wahr, nicht, Fagin?« „»Ach, Du biſt ein ſehr geſcheiter Menſch,« entgegnete der Jude, der ihm auf die Achſel klopfte und dabei den beiden Andern zuwinkte. »Und Crackit iſt ein Genie?« »Ohne Zweifel, mein Sohn,« antwortete der Jude. »Und es iſt höchſt ehrenvoll, ihn zum Freunde zu haben, nicht wahr, Fagin?« »Sehr, ſehr, mein Sohn,« entgegnete der Jude wie⸗ der.»Sie ſind bloß neidiſch, Thomas, weil er ſich nicht mit ihnen abgegeben hat.« »Ja, ſie ſind neidiſch,« rief Thomas triumphirend. »Er hat mich zwar ausgebeutelt, aber ich kann gehen und mir mehr verdienen, wenn ich Luſt habe, nicht wahr, Fagin?« „Das kannſt Du, und je eher Du gehſt, deſto beſſer, Thomas. Bring' Deinen Verluſt ſogleich wieder ein und verliere keine Zeit dabei. Sappermenter, Karlchen, es iſt Zeit, daß Ihr ausgeht; ſchon faſt zehn und noch nichts gethan!l« In Folge dieſes Winkes nickten die Burſche Aennchen zu, nahmen ihre Hüte und verließen die Stube. Auf dem Wege machte der Sappermenter und Bates ſich ü ber Chitling luſtig, in deſſen Benehmen doch eigentlich 30 Oliver Twiſt. nichts beſonders Auffallendes lag, da es ſehr viele junge Leute giebt, die einen weit höhern Preis als Chitling zahlen, um in guter Geſellſchaft geſehen zu wer⸗ den, und ſehr viele feine Herren(welche die eben genannte gute Geſellſchaft ausmachen), die ihren Ruf ganz auf den⸗ ſelben Fuß begründen als der ſtutzerhafte Tobias Crackit. »Nun,« ſagte der Jude, als ſie fort waren,»will ich gehen und Dir das Geld holen, Aennchen. Das iſt der Schlüſſel zu einem Schränkchen, wo ich die allerhand Dinge aufbewahre, welche die Jungen nach Hauſe brin⸗ gen. Ich ſchließe mein Geld nie ein, weil ich keines zum Einſchließen habe, ha! ha! ha!— keines zum Ein⸗ ſchließen habe. Es iſt ein ärmliches Geſchäft, Aennchen, und man hat keinen Dank davon, aber ich habe nun einmal gern junge Leute um mich und helfe mir küm⸗ merlich durch die Welt. Still!« rief er und verbarg ſchnell den Schlüſſel in ſeinem Buſen;»wer iſt das? Horch!« Dem Mädchen, welches mit übereinander geſchlage⸗ nen Armen am Tiſche ſaß, ſchien die Ankunft ganz gleich⸗ gültig zu ſein, bis ſie den Ton der Stimme eines Man⸗ nes vernahm. Da riß ſie blitzſchnell ihren Hut und ihr Tuch ab und ſchob ſie unter den Tiſch. Als der Jude ſich unmittelbar darauf umdrehete, beklagte ſie ſich matt über die Hitze, was aber zu der Unruhe und der Haſt in ihrem ganzen Weſen gar nicht paßte, ob es gleich von dem Juden nicht bemerkt wurde. „»Ah!« flüſterte der Jude;»es iſt der Mann, den ich vorher erwartete; er kommt die Treppe herunter. Kein Wort von dem Gelde, ſo lange er da iſt, Aennchen!— Er wird nicht lange bleiben,— nicht zehn Minuten.“« Damit legte er ſeinen dürren Zeigefinger auf die Lippe, ging mit einem Lichte nach der Thür, vor wel⸗ Oliver Twiſt. 31 cher man auf den Stufen Tritte hörte, und erreichte die⸗ ſelbe zugleich mit dem Ankommenden, der ſchnell her⸗ eintrat und dicht bei dem Mädchen ſtand, ehe er ſie be⸗ merkte. Es war Monks. »Eine von meinen jungen Leuten,⸗ ſagte der Jude, als er bemerkte, daß Monks bei dem Anblicke des Mäd⸗ chens zurücktrat.»Sitze ſtill, Aennchen.« Das Mädchen rückte näher an den Tiſch, ſah Monks gleichgültig an und wendete dann die Augen ganz ab; als er ſich aber nach dem Juden umdrehete, warf ſie ver⸗ ſtohlen einen ſo ſcharfen, ſo vielbedeutenden Blick auf den Fremden, wie man ſie eines ſolchen gar nicht fähig hätte halten ſollen. »Etwas Neues?« fragte der Jude. »Großes.« »Und— und— gut?« fragte der Jude zögernd, als fürchte er den Andern durch zu ſanguiniſche Erwar⸗ tung zu beleidigen. »Nun, nicht ſchlecht,« erwiederte Monks lächelnd. »Ich bin ziemlich glücklich geweſen. Auf ein Wort!« Das Mädchen, rückte dicht vor den Tiſch und machte keine Anſtalt, die Stube zu verlaſſen, ob ſie gleich ſehen konnte, daß Monks auf ſie wies. Der Jude, der vielleicht fürchtete, ſie möge etwas von dem Gelde ſa⸗ gen, wenn er ſie hinausſchicke, wies nach oben und führte Monks hinaus. »Nur nicht in das verfluchte Loch, wo wir das vo⸗ rige Mal waren,« hörte ſie den Mann ſagen, als ſie die Stufen hinaufgingen. Der Jude lachte, antwortete et⸗ was, das ſie nicht verſtand, und ſchien ſeinen Begleiter in das zweite Stockwerk zu führen. Ehe noch der Wiederhall ihrer Tritte im Hauſe ver⸗ Oliver Twiſt. ſchwunden war, zog das Mädchen die Schuhe aus und ihren Rock über den Kopf, wickelte ihre Arme darein und horchte athemlos an der Thür. Sobald das Geſpräch aufhörte, ſchlich ſie aus der Stube hinaus und unglaub⸗ lich leiſe die Stufen hinauf, wo ſie in dem Dunkel ver⸗ ſchwand. kommen. Monks trat ſogleich auf die Straße hinaus und der Jude ſchlich wieder die Stufen hinan, um das Geld zu holen. Als er zurückkam, ordnete das Mädchen ihren Shawl und ihren Hut, als wollte ſie ſich zum Fortgehen fertig machen. 3»Aennchen!« rief der Jude und wich zurück, als er das Licht hinſetzte,»wie blaß ſiehſt Du aus la 4 „Blaß 2« wiederholte das Mädchen, indem ſie die Hand über die Augen hielt, als wolle ſie ihn feſt an⸗* ſehen.— »Ganz entſetzlich,« entgegnete der Jude.»Was haſt Du Dir gethan?« „»Nichts, das ich wüßte, außer daß ich, ich weiß nicht wie lange, hier in der feuchten Stube geſeſſen habe. Laſſen Sie mich nun gehen.« Mit einem Seufzer auf jedes Geldſtück zählte ihr in die Summe in die Hand und ſie trennten ſich, ohne weiter ein Wort zu wechſeln, als:'gute Nacht!“ Als das Mädchen auf die Straße hinaus war, ſetzte ſie ſich auf eine Thürſtufe und ſchien eine Zeitlang ganz unfähig, ihren Weg fortzuſetzen. Plötzlich aber ſtand ſie 2* Sikes' Wohnung ſchneller und ſchneller fort, bis ſie end⸗ lich wirklich rannte. Als ſie völlig erſchöpft war, blieb Oliver Twiſt. 33 ſie ſtehen, um wieder zu Athem zu kommen, rang, als wenn ſie ſich mit Einemmale beſinne und beklage, daß ſie, was ſie thun zu wollen ſchien, nicht zu thun ver⸗ möge, die Hände und brach in Thränen aus. Entweder erleichterten ſie dieſe Thränen oder ſie ſah die Hoffnungsloſigkeit ihrer Lage völlig ein, genug, ſie drehete ſich wieder um, eilte faſt eben ſo ſchnell zurück, theils um die verlorene Zeit wieder einzubringen, theils um mit dem Sturme ihrer Gedanken und Gefühle Schritt zu halten, und erreichte bald das Haus, wo ſie den Räuber verlaſſen hatte. Wenn man ihr auch wirklich eine große Aufregung angeſehen hätte, als ſie bei Sikes erſchien, er bemerkte ſie nicht, denn er fragte bloß, ob ſie das Geld erhalten habe, murmelte auf die bejahende Antwort ſelbſtzufrieden etwas vor ſich hin, legte den Kopf wieder auf das Kiſſen und fiel von neuem in den Schlaf, den ihre Ankunft un⸗ terbrochen hatte. Drittes Kapitel. Eine merkwürdige Unterredung, die Folge des vorigen Kapitels. Zum Glück für das Mädchen verſchaffte das Geld Sikes den andern Tag ſo viel Beſchäftigung mit Eſſen und Trinken, und dies glättete ſeinen rauhen Charakter ſo ſehr, daß er weder Zeit noch Neigung fand, auf ihr Benehmen und Weſen beſonders zu achten. Daß ſie ganz ſo ausſah, wie Jemand, der einen kühnen und gewagten Schritt thun will, zu dem er ſich nur nach hartem Kampfe Oliver Twiſt. III. 3 34 Oliver Twiſt. mit ſich ſelbſt entſchließen konnte, würde ſeinem luchs⸗ äugigen Freunde, den Juden Fagin, nicht entgangen ſein; Sikes aber, dem dieſer ſcharfe geiſtige Blick ab⸗ ging und der überdies, wie bereits bemerkt, in ganz vorzüglich guter Laune war, ſah nichts Ungewöhnliches an ihr, und kümmerte ſich auch ſo wenig um ſie, daß ſein Argwohn höchſt wahrſcheinlich auch nicht würde erregt worden ſein, wenn ſie noch unruhiger geweſen wäre. Als es zu dunkeln anfing, ſteigerte ſich die Unruhe lag eine ungewöhnliche Bläſſe auf ihren Wangen und funkelte wie Feuer in ihren Augen, daß es ſelbſt Sikes mit Verwunderung bemerkte. Sikes, der noch ſchwach vom Fieber war, lag im Bett, trank warmes Waſſer zu ſeinem Branntwein, um ihn weniger hitzig zu machen, und hatte Aennchen das ¹ Glas hingeſchoben, damit ſie daſſelbe zum dritten oder 3 vierten Male fülle, als ihm dieſes ihr Ausſehen auffiel. 3 »Gott verdamm' mich!« rief er, indem er ſich auf den Händen aufrichtete und das Mädchen anſtierte,»du ſiehſt aus wie eine lebendig gewordene Leiche. Was haſt du?« „»Nichts,« antwortete das Mädchen.»Warum ſtierſt Du mich ſo an?« „»Was iſt es 2⸗ fragte Sikes, indem er ſie am Arme faßte und ſie heftig ſchüttelte.»Was bedeutet das? Woran denkſt du?«* „An mancherlei,« antwortete das Mädchen ſchaudernd, während ſie ihre Hände auf die Augen drückte.»Was iſt denn das weiter?« Der Ton erzwungener Heiterkeit, in welchem die letzten Worte geſprochen wurden, ſchien einen tiefern Oliver Twiſt. 35 Eindruck auf Sikes zu machen, als der fieberiſche, ſtarre Blick, der ihm vorausging. „Ich will dir's ſagen, was es iſt,« fuhr Sikes fort, »wenn du das Fieber nicht bekommſt, ſo iſt etwas noch Schlimmeres im Anzuge. Du ſollſt nicht wieder auf den Straßen umherlaufen,»nein, du darſſt es nicht.« „»Was ſoll ich nicht?« »Es giebt,« ſagte Sikes, ſie unverwandt anblickend, vor ſich hin,»es giebt kein braveres Mädchen, ſonſt hätte ich ihr ſchon vor einem Vierteljahre die Kehle ab⸗ geſchnitten. Sie hat ſich das Fieber geholt.« Darauf leerte Sikes das Glas in einem Zuge aus und verlangte ſodann unter vielen Flüchen nach ſeiner Medicin. Das Mädchen ſprang ſchnell auf, goß ſie, aber mit dem Geſichte von ihm abgewandt, ein und hielt ihm den Löffel an den Mund. »Nun,« ſagte der Räuber,»komm', ſetze dich zu mir und zeige mir Dein gewöhnliches Geſicht, ſonſt werde ich Dir's ſo verändern, daß du es nicht wieder erkennen ſollſt.« Das Mädchen gehorchte und Sikes, der ſie bei der Hand hielt, ſank, ihr in das Geſicht blickend, auf das Kiſſen zurück. Seine Augen ſchloſſen ſich und öffneten ſich wieder, fielen von neuem zu und öffneten ſich wieder; er warf ſich ruhelos hin und her, und nachdem er noch zwei bis drei Minuten etwas geſchlummert hatte und dann erſchrocken aufgefahren war, verfiel er ganz plötz⸗ lich, als er ſich eben aufrichten wollte, in einen tiefen feſten Schlaf. Seine Hand ließ los; der erhobene Arm fiel matt nieder und er lag völlig bewußtlos da. »Das Opium hat endlich gewirkt,« murmelte das Mädchen, während ſie aufſtand;»vielleicht iſt es aber doch ſchon zu ſpät.⸗ 36 Oliver Twiſt. Sie ſetzte eilig den Hut auf, hing ihren Shawl um und ſah ängſtlich von Zeit zu Zeit zurück, als fürchte ſie, trotz dem Schlaftrunke, jeden Augenblick die ſchwere Fauſt des Räubers auf ihren Schultern zu fühlen; dann bog ſie ſich leiſe über das Bett, küßte Sikes auf die Lippen, öffnete und verſchloß die Stubenthür geräuſch⸗ los und eilte aus dem Hauſe hinaus. Ein Nachtwächter rief eben halb zehn Uhr in einem dunkeln Gäßchen, durch das ſie hindurch mußte, um auf die Hauptſtraße zu gelangen. »Iſt halb lange ſchon vorbei?« fragte das Mädchen. »In einer Viertelſtunde ſchlägt es Zehn,« antwortete der Wächter, indem er ihr mit der Laterne in das Ge⸗ ſicht leuchtete.« »Und in weniger als einer Stunde kann ich nicht dort ſein,« murmelte Aennchen, indem ſie ſchnell an ihm vorbeiſtrich, und die Straße hinuntereilte. Viele Läden wurden bereits in dem Gäßchen zuge⸗ macht, durch die ſie von Spitalfields nach dem Weſt⸗ ende Londons hineilte. Die Uhr ſchlug Zehn und ſtei⸗ gerte ihre Ungeduld. Sie ſtieß die Vorübergehenden rechts und links, kroch faſt unter den Köpfen der Pferde hin und bahnte ſich einen Weg durch das dichteſte Ge⸗ dränge. »Das Frauenzimmer iſt toll,« ſagte das Volk und ſah verwundert dem Mädchen nach. Als ſie den wohlhabendern Theil der Stadt erreichte, waren die Straßen in Vergleich öde, und ihr raſcher Lauf ſchien bei den einzelnen Perſonen, an denen ſie vorüberlief, noch größere Neugierde zu erregen. Einige beſchleunigten ihre Schritte hinter ihr, als wollten ſie ſich überzeugen, wohin ſie ſo ungewöhnlich ſchnell eile, Oliver Twiſt. 37 aber Einer nach dem Andern blieb zurück, und als ſie ſich dem Orte ihrer Beſtimmung näherte, war ſie allein. Es war ein Haus in einer ruhigen aber hübſchen Straße in der Nähe von Hyde Park, und als ſie ankam, ſchlug es elf Uhr. Sie hatte einige wenige Schritte wie unentſchloſſen gezögert, aber der Stundenruf gab ihr die Entſchloſſenheit wieder und ſie trat in das Haus hinein. Da ſie keinen Portier bemerkte, ſo ſah ſie ſich ungewiß um und ſchritt nach der Treppe weiter. „»Was wollen Sie?« fragte ein ſauber gekleidetes Mädchen, das aus einer Thür herausſah. „»Zu einer Dame, die in dem Hauſe wohnt,« ant⸗ wortete Aennchen. „Eine Dame? Welche Dame?« „»Fräulein Maylie,« entgegnete Aennchen. Das Mädchen, welches unterdeß die Fremde gemu⸗ ſtert hatte, antwortete bloß mit einem Blicke tugendſtol⸗ zer Verachtung und rief einen Mann, der Antwort ge⸗ ben ſollte. Aennchen wiederholte demſelben ihr Ge⸗ ſuch. „Welchen Namen ſoll ich nennen?« fragte der Mann. »Es kommt auf einen Namen gar nicht an,« ant⸗ wortete Aennchen.»Aber ich muß die junge Dame ſehen.« »Nichts da,« ſagte der Mann, indem er ſie nach der Thür zu ſchob.»Packe Sie ſich, fort!« „Iſt denn Niemand hier, der eine ganz einfache Bitte von einem armen Mädchen, wie ich bin, befördern will?« Dieſe Aufforderung machte Eindruck auf einen gut⸗ müthigen Koch, der mit einigen andern Dienſtleuten zu⸗ ſah und ſich jetzt hineinmiſchte. „So melde es doch oben,« ſagte er zu dem Manne. 38 Oliver Twiſt »Warum ſoll ich das? das Fräulein wird nicht mit einem ſolchen Frauenzimmer ſprechen wollen.« Ddieſe Anſpielung auf Aennchens zweifelhaften Cha⸗ racter weckte einen gewaltigen keuſchen Abſcheu in der Bruſt der vier Mägde, welche ſehr eifrig bemerkten, das Geſchöpf ſei eine Schmach für ihr Geſchlecht, und darauf drangen, daß die Fremde hinausgetrieben werde. »Thut mit mir, was Euch gefällt,« antwortete Aenn⸗ chen, indem ſie ſich wieder zu den Männern wendete, verſt aber erfüllt meine Bitte, thut es um Gottes Barm⸗ herzigkeit willen.« Der gutmüthige Koch unterſtützte ihre Bitte nochmals, und die Folge davon war, daß der Mann, der zuerſt erſchienen war, die Fremde zu melden verſprach. „»Und was ſoll ich ſagen?« fragte er, als er mit einem Fuße bereits auf der Treppe ſtand. „»Daß ein Mädchen dringend bittet, das Fräulein Maylie allein zu ſprechen,« antwortete Aennchen, und daß die junge Dame bei dem erſten Worte, das ich zu ſagen habe, erkennen wird, ob ſie mich ganz anhören oder mich als eine Betrügerin aus dem Hauſe treiben laſſen will. Sagen Sie ihr dies und bringen Sie mir ihre Antwort.« Der Mann eilte die Treppe hinauf. Aennchen blieb bleich und faſt athemlos zurück, hörte mit bebenger Lippe auf die ſehr wohl hörbaren verächtlichen Aeußerungen der ſo züchtigen Dienſtmädchen und wurde noch unruhi⸗ ger als der Mann zurückkam und ſie hinauf beſchied. „Es nutzt alſo gar nichts mehr, ſich in der Welt gut aufzuführen,« ſagte die erſte Magd. »Iſt denn Meſſing beſſer als reines Gold?« fragte die zweite. Die dritte begnügte ſich mit der Verwunderung dar⸗ Oliver Twiſt. 39 über,»was denn die vornehme Dame dächte,« und die vierte ſtimmte zu erſt ein Quartett von„ſchändlich!“ an, mit welchem die keuſchen Dianen ſchloſſen. Ohne dies zu beachten— ſie hatte wichtigere Dinge im Kopfe— folgte Aennchen dem Manne mit zitternden Gliedern in ein kleines Vorzimmer, das durch eine von der Decke herabhängende Lampe erleuchtet wurde und in welchem ſie warten mußte.. Das Mädchen hatte ihr Leben auf den Straßen und in den niedrigſten Höhlen des Elendes und Verbrechens in London verbracht, aber doch war etwas von der eigentlichen weiblichen Natur in ihr übrig geblieben, und als ſie einen leichten Tritt an der Thür gegenüber hörte und an den großen Abſtand dachte, den dieſes kleine Zimmer in dem nächſten Augenblicke ſehen würde, fühlte ſie ſich von der Laſt ihrer eigenen Schande tief nieder⸗ gedrückt und glaubte, vor der, mit welcher ſie zu ſpre⸗ chen verlangt hatte, die Augen kaum aufſchlagen zu können. Aber gegen dieſe edlern Gefühle lehnte ſich der Stolz auf,— der Stolz, das Laſter ſowohl der niedrigſten und verworfenſten Geſchöpfe wie der hochgeſtellten und beſten. Die beklagenswerthe Genoffin von Dieben und Böſewichtern, die gefallene Verſtoßene, die Bewohnerin von Diebeshöhlen, die Gefährtin des Auswurfs der Ge⸗ fängniſſe, die ſelbſt im Schatten des Galgens lebte, ſelbſt dieſes ſo tief geſunkene Geſchöpf war zu ſtolz, um den geringſten Schein des weiblichen Gefühles kund zu ge⸗ ben, das ſie für Schwäche hielt und das ſie doch allein noch mit der Menſchlichkeit verband, deren äußerliche Spuren ſchon in der Kindheit durch ihr verderbliches Le⸗ ben verwiſcht worden waren. Sie erhob die Augen ſo weit, um zu bemerken, daß 40 3 Oliver Twiſt. die Geſtalt, welche erſchien, die eines ſchmächtigen ſchö⸗ nen Mädchens war, heftete ſie dann wieder an den Bo⸗ den und ſchüttelte den Kopf, während ſie mit erheuchel⸗ ter Sorgloſigkeit ſage⸗ »Es iſt ſchwer, zu Ihnen zu gelangen, Fräulein. Hätte ich mich beleidigt gefühlt und wäre wieder fort⸗ gegangen, wie es viele Andere gethan haben würden, ſo würde es Ihnen ſpäter, und nicht mit Unrecht, leid geweſen ſein.« „Es thut mir leid, wenn ſich Jemand ungebührlich ge⸗ gen Sie betragen hat,« antwortete Roſa.»Denken Sie nicht weiter daran, ſondern ſagen Sie mir, warum Sie mich zu ſehen wünſchen. Ich bin die, nach welcher Sie fragten.« Der freundliche Ton dieſer Antwort, die liebliche Stimme, das ſanfte Weſen, der gänzliche Mangel an Stolz und Mißfallen überraſchten das Mädchen ſo ſehr, daß ſie in Thränen ausbrach. „Ach, mein Fräulein, mein Fräulein!« rief ſie, indem ſie die Hände vor ihr Geſicht hielt,„gäbe es mehrere wie Sie ſind,— dann würde es weniger geben wie ich bin,— gewiß, gewiß.« 1 „Setzen Sie ſich,« fuhr Roſa ernſt fort,»Sie dauern mich. Sind Sie in Noth, leiden Sie Kummer, ſo wird es mir wahrhaft Freude machen, wenn ich Ihnen helfen kann. Setzen Sie ſich. „Laſſen Sie mich ſtehen,« mein Fräulein,« antwortete das Mädchen, noch immer weinend,»und ſprechen Sie nicht ſo freundlich mit mir, bis Sie mich beſſer kennen. Es wird ſpät. Iſt— iſt die Thür verſchloſſen 2« »Ja,« ſagte Roſa, indem ſie einige Schritte zurück⸗ trat, um eher Beiſtand erhalten zu können, wenn es nö⸗ thig ſei.»Warum?« Oliver Twiſt. 41 „Weil ich,« entgegnete das Mädchen,„mein und An⸗ derer Leben in Ihre Hand legen will. Ich bin das Mäd⸗ chen, das den kleinen Oliver zu dem alten Fagin, dem Juden, zurückzog, als er in der Nacht das Haus in Pen⸗ tonville verließ.« „»Sie?« rief Roſa Maylie. „Ja, ich, mein Fräulein,« antwortete das Mädchen; vich bin das ſchuldbeladene Geſchöpf, von dem Sie ge⸗ hört haben, das unter Dieben lebt und das, ſo lange meine Augen die Straßen Londons ſahen, nie ein beſſe⸗ res Leben und freundlichere Worte gekannt hat, als dieſe mir gegeben haben, ſo wahr mir Gott helfe! Erſchrecken Sie nicht vor mir. Ich bin jünger, als Sie wohl glau⸗ ben, aber an das Schrecklichſte gewöhnt; die ärmſten Weiber weichen mir aus, wenn ich in den dichtgedräng⸗ ten Straßen gehe.« „Wie fürchterlich!« rief Roſa, die unwillkürlich noch weiter zurücktrat. „Danken Sie Gott auf Ihren Knieen, liebes Fräu⸗ lein,« fuhr das Mädchen fort,„daß Sie Freunde hatten, die in Ihrer Kindheit für Sie ſorgten und Sie bewahr⸗ ten; danken Sie Gott, daß Sie nie mitten unter Kälte und Hunger, Trunkenheit und Ausſchweifung und noch Schlimmern waren,— wie ich von meiner Wiege an; wohl darf ich das Wort brauchen, denn die Goſſe war meine Wiege, wie ſie mein Todtenbett ſein wird.« „Ich bedauere Sie!« ſagte Roſa mit gebrochener Stimme.»Mein Herz blutet bei Ihren Worten.« »Gott ſegne Sie für dieſe Güte,« entgegnete das Mädchen;»ja, Sie würden mich bedauern, wenn Sie wüßten, was ich bisweilen bin. Ich habe mich wegge⸗ ſtohlen von denen, die mich gewiß ermorden würden, wenn ſie wüßten, daß ich hier war, um Ihnen zu ſagen, 42 Oliver Twiſt. was ich hörte. Kennen Sie einen Mann mit Namen Monks?« »Nein,« antwortete Roſa. »Er kennt Sie,« fuhr das Mädchen fort,»und weiß, daß Sie hier ſind, denn ich erfuhr Ihre Wohnung nur dadurch, daß ich ſie von ihm nennen hörte.« »Ich hörte den Namen nie,« ſagte Roſa. »So führt er unter uns einen andern,« entgegnete das Mädchen,»was ich ſchon früher glaubte. Einige Zeit vorher und bald nachher, als Oliver in jener Raub⸗ nacht in Ihr Haus geſteckt wurde, horchte ich, da der Mann mir verdächtig vorkam, auf eine Unterredung zwiſchen ihm und Fagin i. Dunkeln. Aus dem, was ich da hörte, ſchloß ich, daß Monks der Mann ſei, nach dem ich Sie fragte.« „Ja, ich verſtehe.« »Daß Monks ihn zufällig mit zwei von unſern Jun⸗ gen an dem Tage, an welchem wir ihn zum Erſtenmale verloren, geſehen und in ihm ſogleich den Knaben er⸗ kannt hatte, nach dem er ſuchte, wenn ich auch nicht er⸗ rathen konnte, warum. Er kam mit Fagin überein, daß dieſer eine gewiſſe Summe erhalten ſolle, wenn Oliver wieder zurückgebracht werde. Auch verſprach Monks noch mehr zu geben, wenn das Kind zu einem Diebe gemacht werde.« „»Warum das?« fragte Roſa. »Er erblickte meinen Schatten an der Wand, als ich horchte, um dies heraus zu bekommen,« antwortete das Mädchen,»und nicht viele außer mir würden der Entde⸗ ckung entgangen ſein. Ich entkam damals und ſah ihn nicht wieder, außer in voriger Nacht.« »Und was geſchah da?« „Das will ich Ihnen ſagen. In der vorigen Nacht Oliver Twiſt. 43 kam er wieder. Sie gingen ebenfalls die Treppe hin⸗ auf; ich folgte ihnen, hüllte mich aber ſo ein, daß mein Schatten mich nicht wieder verrathen konnte, und horchte an der Thür. Die erſten Worte, welche Monks ſagte, waren:»ſo liegen alſo die einzigen Beweiſe von der Identität des Jungen im Fluſſe und die alte Hexe, welche dieſelben von ſeiner Mutter erhielt, fault in ih⸗ rem Grabe.« Sie lachten und ſprachen von dem Glücke, das ſie ſo begünſtiget habe. Monks ſagte ferner, als er von dem Knaben ſprach, er beſitze nun zwar das Geld des Jungen ſicher, hätte es aber gern auf andere Weiſe erhalten, denn welcher Spaß würde es geweſen ſein, wenn ſie ihn hätten durch alle Gefängniſſe in der Stadt treiben und endlich wegen eines großen Verbrechens an den Galgen bringen können, was Fagin leicht würde haben bewirken können, nachdem er einen hübſchen Profit durch ihn gehabt.« „Was bedeutet alles dies 2« „Die Wahrheit, Fräulein, ob ſie gleich von meinen Lippen kommt,“⸗ entgegnete das Mädchen.»Dann ſagte er unter Flüchen, an die meine Ohren gewöhnt genug ſind, wenn er ſeinen Haß befriedigen und dem Knaben das Lebenslicht ausblaſen könne, ohne ſeinen eigenen Hals in Gefahr zu bringen, würde er es thun; könne er das nicht, ſo würde er ihm doch das ganze Leben hindurch auflauern und durch Aufdeckung ſeiner Geburt und Geſchichte noch mancherlei Schaden zufügen. Kurz, Fagin, ſagte er, wenn Sie auch ein Jude ſind, haben Sie doch ſicherlich noch nie ſolche Schlingen gelegt, als ich meinem jungen Bruder Oliver legen will.“« „Sein Bruder!« rief Roſa, indem ſie die Hände zu⸗ ſammenſchlug. „Das waren ſeine Worte,« fuhr Aennchen fort, die 44 Oliver Twiſt. ſich ängſtlich und unruhig umſah, wie ſie es immer ge⸗ than, ſeit ſie geſprochen hatte, denn ſie glaubte immer, Sikes vor ſich zu ſehen.»Und mehr noch. Als er von Ihnen und der andern Dame ſprach und ſagte, der Him⸗ mel oder die Hölle ſcheine es ſo gefügt zu haben, daß Oliver gerade zu Ihnen habe kommen müſſen, lachte er und meinte, auch das wäre ein Troſt für ihn, denn wie viele Tauſende und Hunderttauſende von Thalern wür⸗ den Sie gern darum geben, wenn Sie wüßten, was er von Ihrer Familie kenne.« »Sie meinen doch nicht,« entgegnete Roſa, die ganz blaß wurde,»daß er dies im Ernſt ſagte?« »Er ſprach in vollem bittern Ernſte,« erwiederte das Mädchen kopfſchüttelnd.»Er iſt ein ſehr ernſter Mann, wenn ſein Haß erregt wird. Ich kenne Viele, die wohl Schlimmeres thun, aber ich wollte ſie lieber zehnmal behorchen als Monks einmal.„Es wird aber ſpät und ich muß nach Hauſe zurück, um keinen Argwohn zu erre⸗ gen, daß ich einen ſolchen Schritt gethan habe. Ich muß ſchnell zurückkehren.« »Aber was kann ich thun?« fragte Roſa.»Was kann mir dieſe Mittheilung ohne Sie nützen? Zurück? Warum wünſchen Sie zu den Gefährten zurückzukehren, die Sie mit ſo ſchrecklichen Farben ſchildern? Wenn Sie dieſe Mittheilung einem Herrn wiederholen wollen, den ich ſogleich aus dem nächſten Zimmer herrufen könnte, würde er Sie gern an einen ſichern Ort bringen laſſen.« »Ich wünſche zurückzukehren,« antwortete das Mäd⸗ chen;»ich muß zurückkehren, weil— doch wie kann ich ſolche Dinge einer unſchuldigen Dame ſagen, wie Sie ſind?— weil unter den Männern, von denen ich Ihnen erzählte, einer, der verzweifeltſte von allen, iſt, den ich nicht verlaſſen kann,— nein, ſelbſt nicht, wenn ich aus „ Oliver Twiſt. 45 dem Leben geriſſen werden könnte, das ich jetzt führe.« „»Da Sie ſich früher für den armen Knaben verwand⸗ ten,« ſagte Roſa,»da Sie mit ſo großer Gefahr hier⸗ herkamen, um mir zu ſagen, was Sie hörten, Ihr gan⸗ zes Weſen, das mich von der Wahrheit deſſen überzeugt, was Sie ſagen, Ihre offenbare Reue und Ihre Schaam, alles bewegt mich zu der Hoffnung, daß Sie noch geret⸗ tet werden könnten. Ach!« fuhr Roſa fort, indem ſie ihre Hände faltete, während die Thränen über ihre Wan⸗ gen ſtrömten.»Hören Sie die Bitten einer Ihres Ge⸗ ſchlechtes an, der erſten— der erſten, wie ich glaube, die jemals mit dem Tone des Mitleides und des Be⸗ dauerns zu Ihnen ſprach. Hören Sie meine Worte und laſſen Sie ſich von mir zu beſſeren Dingen retten.« »Mein Fräulein!« rief das Mädchen, indem ſie auf ihre Kniee ſank,»liebe, ſanfte, engelgleiche Dame, Sie ſind die erſte, die mich jemals mit ſolchen Worten be⸗ glückte und hätte ich ſie vor Jahren gehört, ſo würde ſie mich von einem ſündhaften, grauenhaften Leben zurück⸗ gebracht haben,— aber es iſt zu ſpät,—es iſt zu ſpät.« „»Zur Reue und Buße iſt es nie zu ſpät,« entgegnete Noſa. „»Und doch,« erwiederte das Mädchen in Verzweif⸗ lung; vich kann ihn jetzt nicht verlaſſen,— es könnte ſein Tod ſein« „»Warum ſollten Sie es nicht können?« „Nichts könnte ihn retten,« entgegnete das Mädchen. »Wenn ich Andern ſagte, was ich Ihnen geſagt habe und Ihre Verhaftung veranlaßte, würde er gewiß ſter⸗ ben. Er iſt der kühnſte und ſo grauſam geweſen!« „Iſt es möglich, daß Sie für einen ſolchen Mann Ihre Hoffnung auf die Zukunft und die Gewißheit au⸗ genblicklicher Rettung aufgeben können? Das iſt Wahnſinn.«⸗ — * 46 Oliver Twiſt. „Ich weiß es nicht, was es iſt,« antwortete das Mäd⸗ chen,»ich weiß nur, daß es ſo iſt, und nicht bloß bei mir allein, ſondern bei vielen hundert Anderen, die eben ſo ſchlecht und verworfen ſind, als ich. Ich muß zurückkeh⸗ ren. Iſt es Gottes Zorn wegen des Böſen, das ich ge⸗ than habe, ich weiß es nicht, aber es zieht mich zurück zu ihm, trotz allen Leiden oder Mißhandlungen und würde mich, ich fühle es, zu ihm treiben, auch wenn ich wüßte, daß ich noch von ſeiner Hand ſterben müßte!« »Was ſoll ich thun?« ſagte Roſa.»Ich möchte Sie nicht ſo von mir gehen laſſen.« »Und doch, mein Fräulein, Sie werden es,« antwor⸗ tete das Mäpchen.»Sie werden mich nicht zurückhalten, weil ich auf Ihre Güte vertraute und kein Verſprechen von Ihnen verlangte, wie ich es hätte thun können.« „»Was nützt mir dann die Mittheilung, die Sie mir gemacht haben?« ſagte Noſa.»Das Geheimniß muß aufgeklärt werden, wie könnte es ſonſt Oliver nützen, dem Sie nützlich werden zu wollen ſcheinen?« »Sie werden wohl einen gefälligen Herrn kennen, der es eben als ein Geheimniß anhört und Shnen rathet, was Sie zu thun haben.« »Wo aber kann ich Sie wiederfinden, wenn es nöthig iſt?2« fragte Roſa.»Ich will es nicht wiſſen, wo jene ſchrecklichen Menſchen leben, aber wo werden Sie zu einer beſtimmten Zeit zu treffen ſein?« „»Wollen Sie mir verſprechen, daß Sie mein Geheim⸗ niß ſtreng bewahren und allein oder bloß mit der an⸗ dern Perſon, die es noch weiß, kommen, ich auch nicht beobachtet werde?« fragte das Mädchen. „Das verſpreche ich Ihnen feierlich,« antwortete Roſa. »Jeden Sonntag in der Nacht zwiſchen elf und zwölf —— Oliver Twiſt. 47 Uhr,« ſprach das Mädchen ohne Zögern,„will ich nach der Londoner Brücke gehen, wann ich lebe.“ „»Warten Sie noch einen Augenblick,« fiel Roſa ein, als das Mädchen nach der Thür eilte.»Denken Sie noch einmal über Ihre Lage und die Gelegenheit nach, derſelben entgehen zu können. Sie haben Anſprüche auf mich, nicht bloß weil Sie mir freiwillig dieſe Nachricht brachten, ſondern als ein weibliches Weſen, das faſt ret⸗ tungslos verloren iſt. Sie kehren zurück zu jener Räu⸗ berbande und zu jenem Manne, während ein Wort Sie retten kann? Welcher Zauber zieht Sie zurück und feſſelt Sie an Elend und Verbrechen? Ach, kann ich keine Saite in Ihrem Herzen treffen,— kann ich mich an gar nichts wenden, das vermöchte, Sie zurückzuhalten?« »Wenn Damen, die ſo jung, ſo gut und ſo ſchön ſind als Sie,« erwiederte das Mädchen feſt,» ihr Herz weggeben, ſo beherrſcht die Liebe ſie ganz und gar, ſelbſt die von ihnen, welche eine Heimath, Freunde und andere Bewunderer haben. Wenn aber Mädchen, wie ich, die kein ſicheres Obdach haben, als den Sargdeckel, und keinen andern Freund in Krankheit und Tod, als den Krankenwärter im Hoſpitale, ihr verdorbenes Herz an irgend einen Mann hängen und ihm den Platz ein⸗ räumen, den ſonſt die Heimath, Aeltern und Freunde einnahmen, oder der von Kindheit auf leer war, wer kann es wieder löſen? Bedauern Sie uns, Fräulein, bedauern Sie uns, daß uns nur ein weibliches Gefühl übrig geblieben iſt, und wir durch ein hartes Urtheil des Schickſals zu einem neuen Mittel der Gewaltthat und des Leidens getrieben werden.“« »Aber,“« ſetzte Roſa nach einer Pauſe hinzu,»Geld werden Sie von mir annehmen, damit Sie ohne Schande leben können,— wenigſtens bis wir uns wiederſehen?« 48 Oliver Twiſt. „Keinen Pfennig!« antwortete das Mädchen, mit einer abweiſenden Handbewegung. „Verſchließen Sie Ihr Herz nicht gegen alle meine Bemühungen, Ihnen zu helfen,« ſagte Roſa.»Ich wünſche wirklich, Ihnen nützlich zu werden.« »Am nützlichſten werden Sie mir ſein,« antwortete das Mädchen händeringend,»wenn Sie mir mein Le⸗ ben ganz nehmen könnten, denn der Gedanke an das, was ich bin, hat mir in dieſer Nacht mehr Kummer gemacht, als je vorher, und es wäre ſchon viel, ſtürbe ich nicht in derſelben Hölle, in welcher ich gelebt habe. Gott ſegne Sie, liebe Dame, und überſchütte Sie mit ſo großem Glücke, als Schande auf mir laſtet.« Mit dieſen Worten und unter lautem Schluchzen ging die Unglückliche fort, während Roſa Maylie, über⸗ wältigt von der außerordentlichen Unterredung, die mehr einem flüchtigen Traume, als einem wirklichen Vorfalle glich, auf einen Stuhl ſank und ihre herumirrenden Gedanken zu ſammeln ſuchte. Viertes Kapitel enthält neue Entdeckungen, und beweiſt, daß eine Ueberraſchung, wie ein Unglück, ſelten allein kommt. Ihre Lage war gewiß eine ſehr ſchwierige, denn wäh⸗ rend ſie eifrig wünſchte, den geheimnißvollen Schleier zu durchdringen, der über Olivers Geſchichte lag, mußte ſie doch das Vertrauen ehren, das das Mädchen, mit welchem ſie eben geſprochen, in ſie geſetzt hatte. Die Worte und das Weſen derſelben hatten Roſa's Herz er⸗ —— —44ù Oliver Twiſt. 49 griffen und, ſo groß wie ihre Liebe zu dem verfolgten Knaben, war ihr Wunſch, die Gefallene zu retten. Sie wollten eigentlich nur drei Tage in London blei⸗ ben und ſich dann auf einige Wochen an einen entlege⸗ nen Ort an der Küſte begeben. Es war jetzt Mitter⸗ nacht am erſten Tage. Zu welchem Entſchluſſe konnte ſie kommen, der in achtundvierzig Stunden aus uführen zig war? oder wie vermochte ſie die Reiſe zu verſchieben, ohne Argwohn zu erregen? Losberne war bei ihnen und wollte die nächſten bei⸗ den Tage bei ihnen bleiben; aber Roſa kannte des treff⸗ lichen Mannes Ungeſtüm zu wohl und ſah den Zorn zu deutlich voraus, mit dem er im erſten Aufbrauſen ſeines Unwillens das Werkzeug des Wiederwegfangens Oli⸗ vers betrachten würde, als daß ſie ihm das Geheimniß anvertrauen könne, wenn ihre Vorſtellungen zu Gunſten des Mädchens nicht durch eine erfahrene Perſon zu un⸗ terſtützen wären. Dieſelben Gründe riethen die größte Vorſicht in der Mittheilung deſſelben an Madame May⸗ lie an, die höchſt wahrſcheinlich ſogleich mit dem Dok⸗ tor darüber geſprochen haben würde. Aus gleichen Gründen konnte ſie nicht daran denken, mit einem Ad⸗ vokaten zu ſprechen. Einmal fiel es ihr ein, Heinrich um Beiſtand zu bitten, aber da dachte ſie an ihren letz⸗ ten Abſchied und ſie hielt es ihrer nicht würdig, ihn zu⸗ rückzurufen, da ſie— und die Thränen traten ihr in die Augen, als ſie dieſen Gedanken weiter verfolgte— ihn unterdeß vielleicht zu vergeſſen gelernt habe und es beſſer ſei, er bleibe entfernt. Beunruhiget durch dieſe verſchiedenen Gedanken, bald ſich für das eine Verfahren entſchließend, bald für das andere und wieder jedes aufgebend, wenn ſie reiflicher darüber nachgedacht hatte, verbrachte Roſa eine ſchlaf⸗ Oliver Twiſt. III. 4 50 Oliver Twiſt. loſe Nacht und kam, nachdem ſie am nächſten Morgen wieder mit ſich zu Rathe gegangen war, doch zu dem verzweifelten Entſchluſſe, ſich an Heinrich Maylie zu wenden. „»Wenn es ihm ſchmerzlich iſt,« dachte ſie,»hierher zurückzukommen, wie ſchmerzlich wird es für mich ſein! Vielleicht kommt er aber gar nicht zurück; er kann ſchreiben oder auch kommen, aber vermeiden, mit mir zuſammenzutreffen,— wie er es that, als er abreiſete. Ich glaubte es kaum, daß er es thun würde; aber es war beſſer für uns Beide, um vieles beſſer.« Roſa ließ die Feder ſinken und wendete das Geſicht ab, als ſollte elbſt das Papier, auf das ſie an ihn ſchreiben wollte, ihre Thränen nicht ſehen. Sie hatte dieſelbe Feder funfzigmal genommen, eben ſo oft wieder hingelegt und die erſte Zeile ihres Briefes überdacht und von neuem überdacht, ohne daß ſie nur an das erſte Wort gekommen wäre, als Oliver, der mit Giles in den Straßen umhergewandert war, ſo athemlos und aufgeregt in das Zimmer ſtürzte, als ſei wiederum etwas Beunruhigendes geſchehen. »Was macht dich ſo unruhig?« fragte Roſa, die ihm entgegeneilte.»Rede, Oliver.« »Ich weiß kaum, ob ich es werde im Stande ſein; es iſt, als müſſe es mir die Kehle zuſammenſchnüren,« antwortete der Knabe.»Ach, daß ich ihn endlich ſehen kann und Sie ſich überzeugen können, daß ich Ihnen nur die Wahrheit geſagt habe!« »Ich habe nie daran gezweifelt, daß du uns die Wahrheit geſagt,« entgegnete Roſa, um ihn zu beruhi⸗ gen.»Aber von wem ſprichſt du?« »Ich habe den Herrn geſehen,« antwortete Oliver, der kaum ſprechen konnte,»den Herrn, der ſo gütig ge⸗ —— Otiver Twiſt. 51 gen mich war,— Herrn Brownlow, von dem wir ſo oft ſprachen.« „»Wo?« fragte Roſa. »Er ſtieg aus einem Wagen,“ antwortete Oliver mit Freudenthränen in den Augen,“ und ging in ein Haus hinein. Ich ſprach nicht mit ihm,— ich konnte nicht mit ihm ſprechen, denn er ſah mich nicht und ich zitterte ſo, daß ich nicht zu ihm gehen konnte. Giles aber fragte, ob er dort wohne und die Leute bejaheten es. Sehen Sie her,« fuhr Oliver fort, indem er ein Stückchen Papier auseinander faltete,»da ſteht es, wo er wohnt,— und ich will ſogleich zu ihm gehen. Ach, was werde ich thun, wenn ich ihn wiederſehe und ihn wieder ſprechen höre.« Roſa's Aufmerkſamkeit wurde durch dieſe und viele andere Ausrufungen der Freude nicht wenig zerſtreut; ſie las die Adreſſe Cravenſtreet, Strand, und kam bald zu dem Entſchluſſe, dieſe Entdeckung zu benutzen. »„Schnell,« ſagte ſie,»laß einen Miethswagen ho⸗ len und mache dich fertig, mit mir zu fahren. Ich will Dich ohne Zeitverluſt dahin bringen. Ich ſage nur mei⸗ ner Tante, daß wir auf eine Stunde abweſend ſein werden.« Oliver brauchte nicht zur Eile angetrieben zu wer⸗ den, und in weniger als fünf Minuten waren ſie auf dem Wege nach Cravenſtreet. Als ſie an Ort und Stelle ankamen, ließ Roſa Oliver in dem Wagen unter dem Vorwande zurück, ſie müſſe den alten Herrn erſt auf ſein Wiedererſcheinen vorbereiten, ſchickte ihre Karte durch den Bedienten hinauf und erſuchte Herrn Brown⸗ low um eine Unterredung wegen einer dringenden Ange⸗ legenheit. Der Bediente kam bald zurück und bat ſie, ſich hinauf zu bemühen. Fräulein Maylie folgte ihm geſprochen hatte. 52 Oliver Twiſt. und ſtand bald vor einem ältlichen Herrn von freund⸗ lichem Ausſehen in einem grünen Rocke. Nicht weit von dieſem ſaß ein anderer alter Herr in Nankinbeinklei⸗ dern und Gamaſchen, der nicht eben freundlich ausſah, die Hände auf dem Knopfe eines dicken Stockes zuſam⸗ mengelegt hatte und darauf ſein Kinn ſtützte. „»Ich bitte tauſendmal um Cntſchuldigung, meine ſchöne Dame,« ſagte der Herr in dem grünen Rocke, indem er in großer Artigkeit aufſtand,»vich glaubte, es ſei eine zudringliche Perſon, die,— ich bitte, ent⸗ ſchuldigen Sie mich. Nehmen Sie gefälligſt Platz.« „Herr Brownlow, wie ich glaube?« ſagte Roſa, indem ſie von dem andern Herrn zu dem ſah, welcher „»Dies iſt mein Name,« antwortete der alte Herr. »Dies iſt mein Freund, Herr Grimwig. Grimwig, wol⸗ len Sie uns auf einen Augenblick verlaſſen?« „Ich glaube,« fiel Roſa Maylie ein,»daß ich jetzt dem Herrn nicht die Mühe zu machen brauche, hinweg zu gehen. Wenn ich recht unterrichtet bin, kennt auch er den Gegenſtand, über welchen ich mit Ihnen zu ſpre⸗ chen wünſche.« Herr Brownlow verneigte ſich mit dem Kopfe, und Grimwig, der eine ſehr ſteife Verbeugung gemacht hatte und von ſeinem Stuhle aufgeſtanden war, machte wie⸗ der eine ſteife Verbeugung und ließ ſich auf den Stuhl nieder. »Ohne Zweifel werde ich Sie ſehr überraſchen,⸗ ſagte Roſa, die natürlich ſehr befangen war,»aber Sie zeigten einmal großes Wohlwollen gegen einen lieben jungen Freund und ich halte mich deshalb überzeugt, daß Sie gern werden wieder von ihm hören.« Oliver Twiſt. 53 »Allerdings,« ſagte Brownlow.»Darf ich nach ſei⸗ nem Namen fragen?« „»Sie kennen ihn als Oliver Twiſt,« erwiederte Roſa. Kaum waren dieſe Worte über ihre Lippen gegan⸗ gen, als Grimwig, der unterdeß ſcheinbar in einem gro⸗ ßen Buche geleſen hatte, welches auf dem Tiſche lag, daſſelbe heftig zuſchlug, ſich im Stuhle zurücklehnte, auf ſeinem Geſichte nur einen Ausdruck, den unbegrenzten Verwunderung, übrig ließ und geradeaus ſtierte, dann aber, als ſchäme er ſich, ſo großen Mangel an Selbſt⸗ beherrſchung verrathen zu haben, ſich wie durch einen Krampf in ſeine frühere Stellung zurückſchnellte, und ein langgedehntes Pfeifen, das im Innerſten ſeines Unter⸗ leibes zu verſchwinden ſchien, hören ließ. Brownlow war nicht minder überraſcht, obgleich er ſein Erſtaunen nicht auf ſo excentriſche Weiſe zu erken⸗ nen gab. Er zog ſeinen Stuhl näher an Fräulein May⸗ lie und ſagte: „»Thun Sie mir den Gefallen, mein theures junges Fräulein, und laſſen Sie die Güte und das Wohlwol⸗ len, von dem Sie ſprechen, Niemand ſonſt aber etwas weiß, ganz aus dem Spiele, und wenn Sie einen Be⸗ weis vorzubringen vermögen, der die ungünſtige Mei⸗ nung ändern kann, die ich bisher von jenem armen Kinde hegen mußte, ſo theilen Sie mir ihn um Gottes Willen mit.« „Einen ſchlechten,— ich will meinen Kopf freſſen, wenn es nicht ein ſchlechter iſt,⸗ brummte Herr Grim⸗ wig, der mit Bauchrednerkunſt ſprechen mußte, denn kein Muskel ſeines Geſichtes bewegte ſich. „»Er iſt ein Kind von warmem Herzen und edlem Sinne,« ſagte Roſa, leicht erröthend,»und jene Macht, 54 Oliver Twiſt. die in ihrer Weisheit ihn einer Prüfung über ſeine Jahre unterwarf, hat in ſeine Bruſt Gefühle gelegt, die Manchen Ehre machen würden, welche ſechsmal ſo alt ſind als er.« »Ich bin nur einundſechzig Jahre alt,« ſagte Grimwig mit demſelben unveränderlichen Geſichte,»und da der Teufel ſein Spiel haben müßte, wenn jener Oli⸗ ver nicht wenigſtens zwölf alt iſt, ſo ſehe ich das Tref⸗ fende dieſer Bemerkung nicht ein.« »Achten Sie nicht auf meinen Freund, Fräulein May⸗ lie,« ſagte Brownlow;»ver meint nicht, was er ſagt.« »Ja wohl meint er es,« brummte Grimwig. »Nein, er meint es nicht,« entgegnete Brownlow of⸗ fenbar unwillig. »Er wird ſeinen Kopf freſſen, wenn er es nicht ſo meint,« brummte Grimwig.. »Er verdiente, daß ihm der Kopf vor die Füße ge⸗ legt würde, wenn er es ſo meinte,« entgegnete Brownlow. »Und es würde ihm große Freude machen, wenn ihm dies Jemand thun wollte,« antwortete Grimwig, indem er mit dem Stocke auf den Boden ſtieß. Als die beiden alten Herren ſo weit gekommen wa⸗ ren, nahm jeder eine Priſe und dann reichten ſie ein⸗ ander die Hand zur Verſöhnung, wie es ſtets geſchah. „»Nun, Fräulein Maylie,« begann Brownlow wieder, vum auf den Gegenſtand zurückzukommen, an dem Ihr Herz ſo großen Antheil nimmt. Wollen Sie mir mit⸗ theilen, welche Kenntniß Sie von jenem armen Kinde haben? Erlauben Sie mir aber vorauszuſchicken, daß ich Alles aufgeboten habe, um den Knaben wieder aus⸗ findig zu machen, und daß, ſeit ich entfernt von dieſem Lande war, der erſte Eindruck, er habe mich hintergan⸗ gen und ſei durch ſeine früheren Gefährten verleitet — —/ — Oliver STwiſt. 55 worden, mich zu beſtehlen, ſehr wankend geworden iſt.« Roſa, die Zeit gehabt hatte, ihre Gedanken zu ſam⸗ meln, erzählte mit wenigen Worten Alles, was Oliver begegnet war, ſeit er Brownlows Haus verlaſſen, ver⸗ ſparte jedoch Aennchens Mittheilung für dieſen Herrn allein, und ſchloß mit der Verſicherung, ſeine einzige Sorge ſeit einigen Monaten ſei immer die geweſen, wie er ſeinen frühern Freund und Wohlthäter wieder⸗ finde. 3 »Gott ſei Dank!« ſagte der alte Herr,»das iſt ein großes Glück für mich, ein großes Glück. Aber Sie ha⸗ ben mir noch nicht geſagt, Fräulein Maylie, wo er jetzt iſt. Sie müſſen entſchuldigen, daß ich Sie tadele, aber warum brachten Sie ihn nicht mit ſich?« „Er wartet in einem Wagen unten an der Thür,« erwiederte Roſa. »An meiner Thür?« rief der alte Herr und damit eilte er aus dem Zimmer hinaus, die Treppe hinunter, den Tritt an der Kutſche hinauf und in dieſe hinein, ohne weiter ein Wort zu ſagen. Als er die Zimmerthür hinter ſich zugemacht hatte, richtete Grimwig den Kopf empor, gab einem der Hin⸗ terbeine ſeines Stuhles eine umdrehende Bewegung, und beſchrieb ſo, mit Beihülfe ſeines Stockes und des Ti⸗ ſches drei richtige Kreiſe, während er jedoch immer auf dem Stuhle ſitzen blieb. Als dies Kunſtſtück vollbracht war, ſtand er auf, hinkte ſo ſchnell er es vermochte, wenigſtens ein dutzendmal, in dem Zimmer auf und ab, blieb dann plötzlich vor Roſa ſtehen und küßte ſie, ehe ſie etwas davon ahnete. »„Still,« ſagte er, als die junge Dame, über dieſes ungwöhnliche Verfahren erſchrocken, aufſtand, aerſchrecken Sie nicht; ich bin alt genug, um wohl Ihr Großvater 56 Oliver Twiſt. ſein zu können. Sie ſind ein liebes Mädchen,— Sie gefallen mir. Da kommen ſie.« Und wirklich, als er mit einer einzigen ſehr geſchick⸗ ten Bewegung ſich wieder auf ſeinen vorigen Platz ge⸗ bracht hatte, kam Brownlow mit Oliver zurück, den Grimwig ſehr freundlich empfing. Wäre die Freude in dieſem Augenblicke auch der einzige Lohn für alle ihre Angſt und Sorge über Oliver geweſen, ſo hätte Roſa Maylie doch reichliche Vergeltung dadurch erhal⸗ ten. 2 »Noch Jemand darf hier nicht vergeſſen werden,⸗ ſagte Brownlow, indem er klingelte.»Frau Bodwin ſoll hierherkommen.« Die alte Haushälterin folgte dem Rufe ſo ſchnell als möglich, machte einen Knix an der Thür und wartete auf den Befehl. »Sie werden doch alle Tage blinder, Bedwin,« ſagte Brownlow. „Das iſt freilich wahr,« antwortete die alte Frau. „»Aber wenn man ſo alt iſt, wie ich es bin, werden die Augen einmal nicht beſſer.« »Ich hätte es Ihnen freilich ſagen können,« erwie⸗ derte Brownlow,»aber ſetzen Sie Ihre Brille auf und ſehen Sie zu, ob Sie nicht finden, was Sie lange ge⸗ wünſcht haben.« 1 Die alte Frau fing an, in ihrer Taſche nach ihrer Brille zu ſuchen, aber Olivers Geduld hielt dieſe neue Prüfung nicht aus, er gab dem Drange ſeines Herzens nach und flog in ihre Arme. »Gott ſei mir gnädig!« rief die alte Frau, indem ſie die Arme um ihn ſchlang, v»es iſt mein unſchuldiger Knabe!« »Meine liebe alte Pflegerin!« rief Oliver. —.— Oliver Swiſt. 57 »Er würde zurückkommen, ich wußte es,« ſagte die alte Frau, indem ſie ihn umfaßt hielt.»Wie wohl er ausſieht und wie vornehm gekleidet! Wo biſt Du ſo lange, lange geweſen? Ach ja, daſſelbe liebliche Geſicht, nur nicht mehr ſo blaß; dieſelben ſanften Augen, nur nicht mehr ſo traurig. Ich habe weder ſie noch ſein ru⸗ higes Lächeln vergeſſen, ſondern ſie alle Tage neben de⸗ nen meiner eigenen guten Kinder geſehen, die nun todt ſind.« So ſprach ſie und hielt Oliver bald von ſich ab, um zu ſehen, wie viel er gewachſen ſei, drückte ihn bald wieder an ſich, ſtrich durch ſein Haar, und lachte und weinte abwechſelnd an ſeinem Halſe. Brownlow ließ ſie allein mit einander zurück, ging in ein anderes Zimmer voraus und erfuhr da von Roſa ausführlich, was ihr Aennchen mitgetheilt hatte und was ihn nicht wenig überraſchte. Roſa ſetzte ihm auch ihre Gründe auseinander, warum ſie ihren Freund Losberne nicht ſogleich zu ihrem Bertrauten gemacht habe; der alte Herr meinte, ſie habe klug daran gethan, und über⸗ nahm es bereitwillig, ſelbſt mit dem würdigen Doktor darüber zu ſprechen. Um bald Gelegenheit dazu zu er⸗ halten, kam man überein, daß er ſich um acht Uhr in der Wohnung der Madame Maylie einfinde, die unter⸗ deß vorſichtig von dem Geſchehenen unterrichtet werden ſollte. Nachdem dieſe Präliminarien abgeſchloſſen waren, kehrten Roſa und Oliver nach Hauſe zurück. Roſa hatte das Maaß des Zornes des guten Doktors keineswegs überſchätzt, denn kaum war ihm Aennchens Mittheilung eröffnet worden, als er eine Fluth von Dro⸗ hungen und Verwünſchungen ausſtieß, drohete, ſie zu dem erſten Opfer der vereinigten Klugheit des Herrn Blathers und Duff zu machen, und wirklich ſchon den Hut auf⸗ 58 Oliver Swiſt. ſetzte, um fortzugehen und ſich des Beiſtandes dieſer bei⸗ den Männer zu verſichern. Ohne Zweifel würde er auch im erſten Schuſſe ſeine Abſicht ausgeführt haben, ohne über die Folgen nachzudenken, wäre er nicht theils durch die gleichgroße Heftigkeit Brownlows, der ſelbſt ſehr hitzig war, theils durch Gründe und Vorſtellungen zu⸗ rückgehalten worden. »Nun, was zum Teufel ſoll denn aber geſchehen?« fragte der hitzige Doktor, als die beiden Damen dazu kamen.»Sollen wir allen dieſen männlichen und weib⸗ lichen Vagabunden eine Dankadreſſe votiren und ſie er⸗ ſuchen, etwa hundert Pfund als ein geringes Zeichen un⸗ ſerer Achtung und unſerer Erkenntlichkeit für ihre Freund⸗ lichkeit gegen Oliver anzunehmen?« „»Wenn auch nicht gerade dies,« antwortete Brown⸗ low lächelnd,»aber wir müſſen bedächtig und vorſichtig zu Werke gehen.⸗ »Bedächtig und vorſichtig!« wiederholte der Doktor. »Ich möchte ſie alle zum Teufel—« »Erſt bedenken Sie, ob wir dadurch auch den Zweck erreichen, den wir im Auge haben.« »Welchen Zweck? s 8 »Olivers Abſtammung zu ermitteln und für ihn das Erbe zu erlangen, deſſen er, wenn die Erzählung richtig iſt, beraubt wurde.⸗ »Ah,« ſagte Losberne, indem er ſich mit ſeinem Ta⸗ ſchentuche abkühlte,»das hatte ich ganz vergeſſen.“« »Sie ſehen,« fuhr Brownlow fort,»daß wir nichts Gutes bewirken, wenn wir auch jenes arme Mädchen ganz aus dem Spiele laſſen und nur annehmen, wir könnten jene Taugenichtſe der Juſtiz überliefern.« »Einige kämen doch wenigſtens aller Wahrſcheinlich⸗ Oliver Twiſt. 59 keit nach an den Galgen,« meinte der Doktor,» und die übrigen würden nach Botany Bay geſchickt.« „Ganz gut,« erwiederte Brownlow lächelnd,„dahin werden ſie ſich aber mit der Zeit ſchon ſelbſt bringen;— wenn wir dies beſchleunigen, ſo unternehmen wir, wie mir ſcheint, etwas ganz Don⸗Ouixotiſches, das durch⸗ aus gegen unſer oder wenigſtens Olivers Intereſſe iſt.« »Wie ſo?« fragte der Doktor. „So. Offenbar wird es uns ſehr ſchwer werden, das Geheimniß zu enthüllen, ſobald wir nicht jenen Mann, Monks, zum Geſtändniß bringen können. Dies aber kann nur durch Liſt geſchehen und indem wir ihn fangen, wann er nicht in Geſellſchaft jener Menſchen iſt. Denn wenn wir ihn auch ergreifen, ſo haben wir doch keinen Beweis gegen ihn. Er iſt ſelbſt(ſo viel als wir wiſſen, oder wie es uns ſcheint) mit der Bande nicht des Stehlens wegen verbunden. Würde er nun auch nicht gerade freigeſprochen, ſo käme er doch höchſtens als Taugenichts auf einige Monate ins Gefängniß, und es wird natürlich ſo wenig von ihm zu erfahren ſein, als wäre er taub, ſtumm, blind und blödſinnig.« „Demnach,“ fiel der Doktor heſtig ein,„gebe ich Ih⸗ nen nochmals zu bedenken, ob es wohl recht iſt, jenem Mädchen das gegebene Verſprechen zu halten, ein Ver⸗ ſprechen, das zwar in der beſten Abſicht gegeben wurde, das aber—« »Sprechen Sie darüber gar nicht mehr, mein liebes junges Fräulein,« unterbrach Brownlow Roſa, die et⸗ was ſagen wollte.»Das Verſprechen ſoll und muß ge⸗ halten werden. Es wird meiner Anſicht nach unſer Ver⸗ fahren gar nicht hindern. Ehe wir uns jedoch über etwas Beſonderes einigen, wird es nöthig ſein, das Mädchen wieder zu ſehen, um zu erfahren, ob ſie uns dieſen Monks, 60 Oliver Twiſt. unter der Bedingung, daß wir ſie ſelbſt ganz aus dem Spiele laſſen, zeigen will; oder, wenn ſie dies nicht will oder kann, ob von ihr eine ſolche Angabe der Oerter, wo er zu finden iſt, und eine Beſchreibung ſeiner Perſon zu er⸗ langen iſt, daß wir ihn ſelbſt ermitteln können. Bis zum nächſten Sonntage iſt ſie nicht zu ſehen; heute ha⸗ ben wir Dienſtag, und es wird wohl das Beſte ſein, wenn wir uns bis dahin ganz ruhig verhalten und die Sache ſelbſt vor Oliver verſchweigen.« Obgleich Losberne dieſen Vorſchlag mit einem ſehr verdrießlichen Geſichte anhörte, da derſelbe einen Aufſchub von fünf ganzen Tagen verlangte, ſo mußte er doch ſelbſt zugeben, daß er nichts Beſſeres wiſſe, und da auch Roſa wie Madame Maylie dem Herrn Brownlow beiſtimmten, ſo wurde deſſen Antrag einſtimmig angenommen. »Ich würde gern den Beiſtand meines Freundes Grimwig mit in Anſpruch nehmen,« ſagte er.»Er iſt ein ſeltſamer Menſch, aber ein ſehr ſchlauer, und könnte uns von weſentlichem Nutzen ſein. Er hat Jurisprudenz ſtudirt, ſeine Advokatenlaufbahn aber aus Verdruß auf⸗ gegeben.« »Ich habe nichts dagegen, daß Sie Ihren Freund mit in das Geheimniß ziehen, wenn ich auch einen Freund davon benachrichtigen darf,“ ſagte der Doktor. »Darüber muß abgeſtimmt werden,« ſagte Brownlow; »wer iſt Ihr Freund?« »Der Sohn dieſer Dame und dieſes Fräuleins— Ju⸗ gendfreund,« ſagte der Doktor, indem er auf Madame Maylie deutete und mit einem ausdrucksvollen Blicke auf deren Nichte ſchoß. Roſa erröthete, aber ſie machte keine hörbare Ein⸗ wendung gegen dieſen Antrag(da ſie wohl fühlte, ſie würde eine hoffnundsloſe Minorität haben), und Heinrich Oliver Twiſt. 61 Maylie nebſt Herrn Grimwig wurden alſo in den Aus⸗ ſchuß gewählt. „Wir bleiben natürlich in der Stadt,« ſagte Madame Maylie,»ſo lange wir die geringſte Ausſicht haben, dieſe Sache mit einigem Erfolge betreiben zu können. Ich will weder Mühe noch Koſten in einer Sache ſcheuen, für die wir uns alle ſo ſehr intereſſiren, und werden gern hier bleiben, dauerte es auch ein Jahr, ſo lange Sie mir noch einige Hoffnung machen.“ »Gut,« ſagte Brownlow,» und da ich auf den Ge⸗ ſichtern um mich her die Luſt zu fragen leſe, warum ich nicht da war, um Olivers Erzählung zu beſtätigen, und ſo ſchnell das Königreich verlaſſen hatte, ſo muß ich bit⸗ ten, darum nicht gefragt zu werden, bis ich es für Zeit halte, meine eigene Geſchichte zu erzählen. Glau⸗ hen Sie mir, daß ich zu dieſer Bitte gute Gründe habe, denn ich könnte ſonſt wohl Hoffnungen erregen, die nie in Erfüllung gehen können und die ſchon zu zahlreichen Schwierigkeiten und Täuſchungen nur vermehren. Jetzt kommen Sie; der Tiſch iſt gedeckt, wie wir gehört ha⸗ ben, und der junge Oliver, der im Nebenzimmer ganz allein iſt, könnte auf den Gedanken kommen, wir wären ſeiner Geſellſchaft überdrüſſig und hätten uns verſchwo⸗ ren, ihn wieder in die Welt hinauszuſtoßen.« Mit dieſen Worten gab der alte Herr ſeine Hand der Madame Maylie und führte ſie in das Speiſezimmer. Losberne folgte mit Roſa, und die Sitzung wurde alſo für diesmal aufgehoben.. ————— ——— 62 Oliver Twiſt. Fuͤnftes Kapitel. Ein alter Bekannter Olivers, der offenbare Spuren von Genie zeigt, wird eine öffentliche Perſon in der Hauptſtadt. In derſelben Nacht, als Aennchen Sikes in Schlaf verſenkt hatte und zu Roſa Maylie eilte, wanderten nach London zwei Perſonen, denen dieſe Erzählung einige Aufmerkſamkeit ſchenken muß. Es war ein Mann und eine Frau, oder beſſer, ein männliches und ein weibliches Weſen, und das erſtere eine der langgliedrigen, krummknieigen, knochigen Figu⸗ ren, denen nicht leicht ein beſtimmtes Alter beizulegen iſt, da ſie als Knaben wie nicht ausgewachſene Männer und als Männer wie große Knaben ausſehen. Die Frau oder das Mädchen war jung, aber ſtark und kräftig, da ſie das ſchwere Bündel trug. Ihr Begleiter war nicht durch vieles Gepäck beſchwert, da an dem Stocke, den er über ſeine Achſel gelegt hatte, nur ein ſcheinbar ſehr leichtes Bündelchen in einem gewöhnlichen Taſchentuche hing. Dieſer Umſtand gab ſeinen langen Beinen ein noch längeres Ausſehen, die es ihm leicht machten, ein halbes Dutzend Schritte vor ſeiner Begleiterin voraus zu ſein, welche er gelegentlich zu größerer Eile antrieb. So ſchritten ſie auf der ſtaubigen Straße hin und achteten wenig auf die Gegenſtände um ſie her, außer wenn ſie bei Seite traten, um die Poſtwagen vorüber zu laſſen, bis ſie durch das Thor von Highgate gingen, wo der Vorderſte ſtehen blieb und ungeduldig zu ſeiner Begleiterin ſagte:„Komm„komm. Wie faul Du biſt, Charlotte.« Oliver Twiſt. 63 »Ich habe ſchwer zu tragen, das kann ich Dir ſagen,« entgegnete die Angeredete, während ſie faſt athemlos herankam. »Schwer! Was ſchwatzſt Du?« antwortete das männ⸗ liche Weſen, indem es ſein leichtes Bündel von der ei⸗ nen Achſel auf die andere legte.»Ruheſt Du ſchon wie⸗ der? wenn Du Jemandem die Geduld nicht vertreiben kannſt, ſo weiß ich es nicht.« „Iſt es noch weit?« fragte ſie, indem ſie ſich auf eine Bank ſetzte und aufſah, während der Schweiß ihr über das Geſicht ſtrömte. »Weit? Wir ſind ſo gut als ſchon angekommen,« er⸗ wiederte er, indem er vor ſich hinwies.»Da ſieh, das ſind die Lichter von London.« »Die ſind noch wenigſtens eine halbe Stunde weit,« entgegnete ſie verzweifelnd.. »Denke nicht daran, ob es eine halbe Stunde oder liur Meilen ſind,« ſagte Noah Claypole, denn er war ,»ſondern ſtehe auf und komm, oder ich treibe Dich u9, das merke Dir.« Da Noahs rothe Naſe vor Aerger noch röther wurde und er bei den Worten über die Straße herüberkam, als wolle er ſeine Drohung wahr machen, ſo ſtand ſie ohne weitere Bemerkung auf und ſchritt an ſeiner Seite weiter. »Wo gedenkſt Du die Nacht über zu bleiben, Noah?« fragte ſie, als ſie etwa hundert Schritte weiter gegan⸗ gen waren. »Wie ſoll ich das wiſſen?« erwiederte Noah, deſſen Laune nicht die beſte war. »In der Nähe, hoffe ich,« ſagte Charlotte. 1 »Nein, nicht in der Nähe,« erwiederte Claypole,„da, — nicht in der Nähe, daran denke nicht.« „»Warum nicht?« Oliver Twiſt. »Wenn ich Dir ſage, ich will etwas thun, ſo iſt das genug, ohne warum? und weil,« entgegnete Claypole ſehr würdevoll. »Nun, ſei nur nicht ſo übellaunig und verdrießlich,« ſagte ſeine Begleiterin. „»Es wäre ganz hübſch, wenn wir in dem erſten Gaſt⸗ hauſe vor der Stadt bleiben wollten, ſo daß Sower⸗ berry, wenn er uns verfolgt, ſeine alte Naſe gleich hin⸗ einſtecken und uns der Polizei übergeben kann,« ſagte Claypole.»Nein, ich werde bis in die nächſten Gäßchen hineingehen und nicht eher anhalten, bis ich das abgele⸗ genſte Haus finde. Danke Deinem lieben Gott, daß Du Jemanden haſt, der für Dich denkt, denn wären wir nicht anfangs abſichtlich einen falſchen Weg gegangen und dann über das Feld zurückgekehrt, ſo ſäßeſt Du ſchon ſeit einer Woche feſt.«. »Ich weiß, daß ich nicht ſo geſchickt bin als Du,« erwiederte Charlotte,»aber lege nicht alles mir allein zur Laſt und ſage nicht, ich ſäße. Wenn ich ſäße, wür⸗ deſt Du auch ſitzen.« »Du nahmſt das Geld,« ſagte Claypole. »Ich nahm es für Dich, lieber Noah,« entgegnete Charlotte. »Behielt ich es?« fragte Claypole. »Nein, Du vertrauteſt es mir an und ließeſt es von mir tragen, lieber Noah,« ſagte Charlotte, indem ſie ihm das Kinn ſtrich und ihren Arm durch den ſeinigen ſteckte. So war es wirklich; da aber Noah Claypole in Nie⸗ manden blindes und thörichtes Vertrauen ſetzte, ſo muß bemerkt werden, daß er Charlotten nur deshalb ſo viel anvertrauet hatte, damit man, würden ſie verfolgt und eingeholt, das Geld bei ihr fände, er Gelegenheit er⸗ halte, ſeine Unſchuld an jedem Diebſtahle zu behaupten b — Oliver Twiſt. 65 und ſich die Möglichkeit ſichere, davonzukommen. Na⸗ türlich ſetzte er jetzt dieſe ſeine Gründe nicht auseinan⸗ der und ſie wanderten mit einander weiter. Nach ſeinem klugen Plane ging Claypole ohne anzu⸗ halten, bis ſie die Ecke von Islington erreichten, wo er aus der Menge der Menſchen und Wagen ſchloß, daß London nun im Ernſt beginne. Er beobachtete, welches die belebteſten Straßen waren, diejenigen, welche er vorzüglich zu meiden hatte und befand ſich bald in dem Dunkel der verworrenen und ſchmutzigen Wege zwiſchen Gray's Jen Lane und Smithfield. Durch dieſe Gaſſen und Gäßchen zog Noah Charlot⸗ ten, und nur bisweilen trat er in ein Gaſthaus, aber im⸗ mer kam er zurück, weil er zu ſeinen Zwecken zu viele Gäſte darin ſah. Endlich blieb er vor einem ſtehen, das ärmlicher und ſchmutziger ausſah als irgend ein anderes, und nachdem er daſſelbe hinreichend gemuſtert hatte, ſprach er ſeine Abſicht aus, hier für die Nacht zu bleiben. »So gieb her das Bündel,« ſagte Noah, indem er daſſelbe Charlotten abnahm und über ſeine eigene Schul⸗ ter warf, vund ſprich nur, wenn Du gefragt wirſt. Wie heißt das Haus?— drei— was drei?« „»Krüppel,« ſagte Charlotte. „Drei Krüppel,« wiederholte Noah, vein ſehr gutes Schild. Halte Dich alſo dicht bei mir und komm.⸗« Un⸗ ter ſolchen Ermahnungen ſtieß er die knarrende Thür mit der Achſel auf und trat mit ſeiner Begleiterin in das Haus hinein. An dem Schenktiſche befand ſich Niemand als ein junger Jude, der die beiden Elbogen aufſtützte und in einem ſchmutzigen Zeitungsblatte las. Er ſtierte Noah an und Noah ſtierte ihn an. Hätte Noah ſeinen Armenſchulanzug noch getragen, Oliver Twiſt. III. 5 66 ſo hätte der Jude wohl Urſache gehabt, ſeine Augen ſo weit aufzureißen; da jener aber einen kurzen Kittel über ſeine Lederhoſen trug, ſo ließ ſich nicht wohl einſehen, warum er ſo großes Aufſehen in einem Gaſthauſe erregte. „Sind das die drei Krüppel?« fragte Noah. »So heißt das Haus,« antwortete der Jude. »Ein Mann, den wir unterwegs trafen, empfahl uns dies Wirthhaus,« ſagte Noah, indem er Charlotten zu⸗ nickte, vielleicht um ſie auf dies höchſt ſinnreiche Mittel aufmerkſam zu machen, wodurch er ſich Anſehen zu ver⸗ ſchaffen gedachte, vielleicht auch, um ſie zu warnen, keine Ueberraſchung merken zu laſſen.»Wir wünſchen, dieſe Nacht hier zu ſchlafen.« »Ich weiß nicht, ob das angehen wird,« antwortete Barney, denn dieſer war es,»ich will aber fragen.« „Geben Sie uns vor der Hand etwas kalten Braten und ein Glas Bier,« ſagte Noah. Barney wies ſie in ein Hinterſtübchen, ſtellte das Verlangte vor ſie, ſagte ihnen zu gleicher Zeit, daß ſie die Nacht hier bleiben könnten und verließ das liebenswürdige Paar. Das Hinterſtübchen befand ſich unmittelbar hinter dem Schenktiſche und es führten einige Stufen hinunter, ſo daß man, wenn ein Vorhang an dem Fenſterchen in der Thür zurückgeſchoben wurde, die Gäſte in jenem Stübchen beobachten konnte, ohne von dieſen ſelbſt geſe⸗ hen zu werden. Ja es war möglich, ſie zu behorchen, wenn man das Ohr an die dünne Scheidewand legte. Der Wirth des Hauſes lauſchte wirklich fünf Minuten lang, und Barney war kaum von dem Paare zurückge⸗ kommen, als Fagin an dem Schenktiſche erſchien, um nach einigen ſeiner jungen Zöglinge zu fragen. »Still!« ſagte Barney,»es ſind Fremde nebenan. »Fremde!« wiederholte der alte Mann leiſe. Oliver Twiſt. —— r, BB— Oliver Twiſt. 67 »Ja, von dem Lande, und wohl etwas für Sie, wenn ich recht ſehe.« Fagin ſchien dieſe Mittheilung mit großem Intereſſe anzuhören; er ſtieg auf einen Stuhl, guckte durch das Fenſterchen und konnte ſo ſehen, wie Claypole aß und trank, von dem Braten und dem Bier aber nur homöo⸗ pathiſche Gaben ſeiner Gefährtin zukommen ließ, die ganz geduldig neben ihm ſaß. »Aha!l« ſagte der Jude, indem er ſich zu Barney umdrehete,»ſie gefallen mir. Er kann uns nützlich wer⸗ den, denn er weiß ſchon ein Mädchen zu behandeln. Sei mäuschenſtill und laß mich horchen, was ſie ſprechen.⸗ Der Jude legte ſein Ohr an die Wand und horchte aufmerkſam, während er zugleich durch das Fenſterchen in das Stübchen hineinſchielte. »„Ich will nun ein Herr werden,« ſagte Claypole, in⸗ dem er die Beine von ſich ſtreckte und in einer Rede fortfuhr, deren Anfang Fagin nicht gehört hatte.»Keine Särge mehr, Charlotte, ſondern ein Herrnleben, und wenn Du willſt, Charlotte, kannſt Du eine Dame werden.⸗ „»Das gefiele mir wohl, Lieber,« entgegnete Charlotte, »aber wir können nicht alle Tage Koffer ausleeren und uns mit dem Gelde aus dem Staube machen.⸗ »Ach, man kann auch andere Dinge als bloß Koffer ausleeren,« meinte Claypole. »Was meinſt Du damit?« „Taſchen, Strickbeutel, Häuſer, Poſtwagen, Banken,⸗ ſagte Claypole, indem er mit dem Bierkruge aufſtand. »Das alles kannſt Du nicht thun.« „Ich werde mich umſehen, um mit andern in Com⸗ pagnie zu treten. Wir werden ſo oder ſo ihnen nützlich werden können. Du ſelbſt biſt ſo gut wie funfzig Mäd⸗ 5* Oliver Twiſt. chen; ich habe nie ein ſo ſchlaues Geſchöpf geſehen, wie Du manchmal ſein kannſt.“ »Ach, lieber Gott! wie gern höre ich Dich ſo!« rief Charlotte, indem ſie ihn auf ſein häßliches Geſicht küßte. „Es iſt gut, ſei nicht ſo zärtlich, wenn ich unzufrie⸗ den mit Dir bin,« ſagte Claypole, indem er ſich gravi⸗ tätiſch von ihr losmachte.»Ich möchte der Hauptmann einer Bande ſein und ſie anführen, ohne daß ſie mich kennten, das wäre etwas für mich, wenn es etwas ein⸗ trüge; und wenn wir nur mit einigen ſolchen Leuten zu⸗ ſammenkommen könnten, ſo würde ich gern die Zwanzig⸗ pfundnote darum geben, die Du mitnahmſt, da ich ſo nicht weiß, wie wir ſie loswerden ſollen.« Nachdem Claypole ſo ſeine Meinung ausgeſprochen hatte, ſah er ſehr weiſe in den Bierkrug hinein, ſchüt⸗ telte den Inhalt deſſelben um, nickte Charlotten gnädig zu, nahm einen tüchtigen Schluck und ſchien dadurch ſehr erfriſcht worden zu ſein. Er dachte eben darüber nach, ob er noch einen nehme, als ſich plötzlich die Thür öffnete und ein Fremder eintrat. Der Fremde war Fagin, der ſehr freundlich ausſah, eine tiefe Verbeugung machte, ſich an dem nächſten Tiſche niederließ und von dem grinſenden Baxney etwas zu trinken verlangte. „Ein ſchöner Abend, aber kühl für die Jahreszeit,⸗ ſagte Fagin, indem er ſich die Hände rieb.»Sie kom⸗ men vom Lande, wie ich ſehe?« 3 „Woran ſehen Sie das?« fragte Noah Claypole. „Wir haben nicht ſo viel Staub in London,« ant⸗ wortete der Jude, der auf Noahs und Charlottens Schuhe und ſodann auf die beiden Bündel zeigte. „Sie ſind ein pfiffiger Mann!« meinte Noah.»Ha! ha! Höre nur, Charlotte.«— — Oliver Twiſt. 69 „Ja pfifſig muß man in dieſer Stadt ſein,« antwor⸗ tete der Jude, der in vertraulichem Geflüſter ſprach, „das muß wahr ſein.-« Der Jude legte dabei ſeinen Zeigefinger an die Naſe, und Claypole verſuchte dies nachzuahmen, ob es ihm gleich nicht ganz gelang, da ſeine Naſe nicht groß genug war. Fagin ſchien jedoch in dieſer Geberde eine Ueber⸗ einſtimmung mit ſeiner Anſicht zu erkennen und reichte den Branntwein, mit welchem Barney erſchien, ſehr freundlich herum. „Das iſt was Gutes,« bemerkte Claypole, indem er mit der Zunge ſchmatzte. „»Nun, man braucht nicht gerade immer Koffer, Ta⸗ ſchen, Strickbeutel, Häuſer, Poſtwagen und Banken aus⸗ zuleeren, wenn man nur mäßig trinkt.« Claypole ſank, als er dieſe Wiederholung ſeiner Worte hörte, in dem Stuhle zurück und ſah bald den Juden, bald Charlotten mit kreideweißem Geſichte an. „Laſſen Sie das,« ſagte Fagin, und rückte ſeinen Stuhl näher.»Ha! hal es war ein Glück, daß zufäl⸗ lig nur ich es hörte, ein großes Glück.« »Ich habe nichts genommen,« ſtammelte Noah, der die Beine nicht mehr weit von ſich ſtreckte wie ein Herr, ſondern dieſelben ganz unter ſeinen Stuhl zog; ſie that es, Charlotte du weißt es.« »Es kommt nichts darauf an, wer es genommen hat, lieber Freund,« erwiederte Fagin, der jedoch einen Fal⸗ kenblick auf das Mädchen und die beiden Bündel warf. »Ich gehöre auch zu dieſem Stande und Sie gefallen mir deswegen.« „Zu welchem Stande?« fragte Claypole, der ſich et⸗ was erholte. »Ich treibe daſſelbe Geſchäft,« erwiederte der Jude, Oliver Twiſt. „wie alle Leute hier im Hauſe. Sie trafen den Nagel auf den Kopf und ſind hier ſo ſicher als nur möglich iſt. Es giebt in der Stadt keinen ſicheren Ort als die Krüppel, d. h. wenn ich es will, und Sie wie das junge Mädchen gefallen mir. Ich bin offen geweſen und Sie können ſich alſo beruhigen.« Noahs Gemüth konnte nach dieſer Verſicherung viel⸗ leicht ruhig ſein, ſein Körper aber war es nicht, denn er rückte hin und her und betrachtete ſeinen neuen Freund mit Furcht und Argwohn. „Ich will noch mehr ſagen,« fuhr der Jude fort, nachdem er das Mädchen durch freundliches Zunicken und dieſe Aufmunterung beruhigt hatte.„»Ich habe einen Freund, der Ihren Lieblingswunſch befriedigen und Sie auf den Weg bringen kann, wo Sie jeden Zweig des Geſchäftes ſich wählen dürfen, der Ihnen am beſten zuſagt, und Unterricht in dem andern erhalten.« »Sie reden, als meinten Sie das alles ganz im Ernſt,« entgegnete Claypole. »Was hülfe es mir, wenn ich es nicht ernſtlich meinte?« fragte der Jude achſelzuckend.»Kommen Sie, ich will ein Paar Worte mit Ihnen unter vier Augen ſprechen.⸗ »Wir brauchen uns nicht zu incommodiren,« antwor⸗ tete Noah, der ſeine Beine allmälig wieder ausſtreckte. »Sie kann das Gepäck unterdeß hinaufſchaffen. Char⸗ lotte, nimm die Bündel.« Dies Geheiß, mit vieler Majeſtät gegeben, wurde ohne die geringſte Zögerung erfüllt; Charlotte ging mit den Bündeln fort. „Iſt ſie nicht gut gezogen?« fragte Noah in dem Tone eines Menggeriebeſitzers, der irgend ein wildes Thier zahm gemacht hat. Olioer Twiſt. 71 »Vollkommen gut,« entgegnete Fagin, indem er ihn auf die Achſel klopfte.»Sie ſind ein Genie, lieber Freund.« „Wäre ich es nicht, ſo würde ich wohl nicht hier ſein,« antwortete Noah. »Nun, was meinen Sie?« fragte der Jude.»Kön⸗ nen Sie etwas Beſſeres thun, als zu meinem Freunde zu gehen 2« »Hat er ein gutes Geſchäft und wo?« entgegnete Noah, mit den kleinen Augen blinzelnd. „»Er beſchäftiget viele Hände,« erwiederte der Jude, „und hat die beſte Geſellſchaft ſeiner Art.« „Alle aus der Stadt?« „»Keinen vom Lande darunter, und ich glaube, er würde nicht einmal Sie auf meine Empfehlung annehmen, wenn es ihm nicht gerade an Gehülfen fehlte,« ſagte der Jude. „»Müßte ich das abgeben?« fragte Noah, indem er auf die Taſche in ſeinen Beinkleidern klopfte. „Es wird nicht wohl anders angehen,« entgegnete Fagin ſehr beſtimmt. „»Zwanzig Pfund,— es iſt eine ſchöne Summe.« „Wenn es eine einzige Note iſt, können Sie dieſelbe nicht ohne Gefahr ausgeben,« erwiederte Figin.»Man wird ſich die Nummer und das Datum generkt und die Bank davon unterrichtet haben. Sie hait für meinen Freund deshalb auch keinen großen Werth ind er wird ſie wohlfeil hingeben müſſen.« „Wann könnte ich ihn ſehen?« fragte Noah. »Morgen früh,« antwortete der Jude. „Wo?« „»Hier.« „»Hm! Wie viel giebt er Lohn?« 72 Oliver Twiſt. „Ein Leben wie bei den großen Herren,— Tiſch und Wohnung, Taback und Schnaps frei, die Hälfte von allem, was Sie verdienen, und die Hälfte von dem, was Ihre Freundin verdient,« antwortete Fagin. Ob Noah Claypole ſelbſt in ſolche verführeriſche Be⸗ dingungen eingewilliget hätte, wäre er ganz frei gewe⸗ ſen, iſt zweifelhaft; aber er bedachte, daß es im Weige⸗ rungsfalle in der Macht ſeines neuen Bekannten liege, ihn ſogleich der Juſtiz zu übergeben(und es iſt ja noch Unwahrſcheinlicheres geſchehen), gab deshalb allmälig nach und ſagte, er glaube, er werde damit zufrieden ſein. „»Aber Sie ſehen,« bemerkte Noah,»daß ſie viel thun kann, und ich wünſche dagegen etwas Leichtes zu erhalten, das die Kräfte nicht ſehr angreift und nicht ſehr gefährlich iſt, verſtehen Sie mich?⸗ »Ich hörte Sie von dem Belauern Anderer reden,⸗ ſagte der Jude.»Mein Freund braucht Jemanden, der ſich dazu gut eignet. Was meinen Sie ferner zu den alten Damen? Es läßt ſich hübſches Geld verdienen, wenn man ihnen die Strickbeutel und dergleichen abnimmt und damit um die nächſte Ecke läuft.⸗ 3 »Schreier Sie nicht ſehr und kratzen bisweilen?« fragte Noah kopfſchüttelnd.»Das wird nichts für mich ſein. Giebt es nichts Anderes?« „»Halt!« ſagte der Jude, indem er ſeine Hand auf Noahs Knie legte.»Die Kinder.⸗ „»Wie das?« »Es werden oft Kinder mit etwas Geld ausgeſchickt zu einem Krimer oder dergleichen; dies nimmt man ih⸗ nen ab, ſie laben es immer in der Hand; dann ſtößt man ſie in zie Goſſe und geht langſam fort, als ſei Oliver Twiſt. 73 weiter nichts geſchehen, als daß ein Kind gefallen. Ha! hal ha!« »Ha! ha!« lachte Claypole laut, indem er mit den Beinen vor Freude zappelte.»Ja, das iſt für mich. Sind wir einig? ſetzte er hinzu, als er ſich von ſeinem Lachkrampfe erholt hatte und Charlotte zurückgekommen war.»Zu welcher Zeit kann ich morgen Ihren Freund treffen?« „»Iſt zehn Uhr gut?« fragte der Jude.»Welchen Namen ſoll ich meinem Freunde nennen. 2« »Bolter,« antwortete Noah, der ſich auf einen ſol⸗ chen Fall ſchon vorbereitet hatte. MRoris Bolter. Das iſt Madame Bolter.« »Ich bin der gehorſame Diener der Madame Bol⸗ ter,« ſagte Fagin, der ſich in grotesker Artigkeit tief ver⸗ beugte.»Ich hoffe, Sie bald näher kennen zu lernen.⸗ »Hörſt du, was der Herr ſagt, Charlotte?« donnert⸗ Claypole. »Ja, lieber Noah, erwiederte Madame Bolter. »Sie nennt mich Noah, wenn ſie zärtlich iſt,« meinte Herr Moritz Bolter, ſonſt Claypole.« Sie verſtehen ſchon.« »O ja, ich verſtehe— vollkommen erwiederte Fagin, der damit die Wahrheit ſagte.»Gute Nacht! gute Nacht!« Mit vielen Bücklingen und guten Wünſchen entfernte ſich Fagin. Noah Claypole dagegen klärte ſeine junge Frau über das Arrangement auf, das er getroffen hatte, und zwar mit aller Würde und allem Stolze des ſtär⸗ kern, des herrſchenden Geſchlechtes. Oliver Twiſt. Sechstes Kapitel, worin erzählt wird, wie der pfiffige Sappermenter der Polizei in die Hände gerieth. »So waren Sie alſo ſelbſt Ihr Freund?« fragte Noah Claypole, auch Moritz Bolter, als er nach der Uebereinkunft am nächſten Tage in das Haus des Juden kam,»dachte ich es doch geſtern Abend ſchon!« »Jedermann iſt ſein eigener Freund,« erwiederte Fa⸗ gin mit ſeinem freundlichſten Grinſen,»und kann keinen beſſern haben.« »Ausgenommen bisweilen,« erwiederte Moritz Bol⸗ ter wie ein welterfahrner Mann.»Manche Leute ſind Niemandes Feind als ihr eigener.« »Das glauben Sie nicht,« ſagte der Jude.»Wenn Jemand ſein eigener Feind iſt, ſo kommt es bloß daher, daß er zu ſehr ſein Freund iſt, nicht weil er für alle Andern außer für ſich ſelbſt ſorgt. Nein, ſo etwas giebt es nicht.« »Es ſollte wenigſtens nicht ſo ſein, wenn es doch der Fall iſt,« entgegnete Bolter. »Einige Hexenmeiſter ſagen, Nummer drei ſei die magiſche Zahl, andere geben die ſieben dafür aus. Es iſt es aber keine von beiden, ſondern die eins.⸗« »Ha! ha!« lachte Bolter.»Vivat die Eins!« »In einer kleinen Geſellſchaft wie die unſerige iſt, lieber Freund,« ſagte der Jude, der es für nöthig hielt, ſeine Stellung genauer zu bezeichnen,»haben wir eine allgemeine Eins, d. h. Sie können ſich nicht ſelbſt für E 72 E Oliver Twiſt. 75 die Eins halten, ohne auch mich und die andern jungen Leute alle für dieſelbe anzuſehen.« „»Der Teufel!« rief Bolter. »Sie ſehen, fuhr der Jude fort, der dieſe Unterbre⸗ chung nicht zu beachten ſchien,»wir ſind ſo mit einan⸗ der verbunden, und unſere Intereſſen ſind ſo ganz die⸗ ſelben, daß es ſo ſein muß. Zum Beiſpiel, Sie wollen für Nummer Eins ſorgen und meinen damit ſich ſelbſt—« „Allerdings,« erwiederte Bolter,»Sie haben das Rechte getroffen.« 3 »So können Sie doch nicht für ſich ſelbſt, Nummer Eins, ſorgen, ohne auch zugleich für mich, Nummer Eins, zu ſorgen.« „Nummer zwei wollen Sie ſagen,« erwiederte Bol⸗ ter, der einen großen Theil von Selbſtſucht beſaß. »Keineswegs,« entgegnete der Jude,»ich bin für Sie eben ſo wichtig als Sie es für ſich ſelbſt ſind.« »Sie ſind ein ſehr geſcheiter Mann,« meinte Bolter, »und Sie gefallen mir ausnehmend, aber ſo dicke Freunde ſind wir denn doch noch nicht.« »Bedenken Sie nur,« ſagte der Jude, indem er die Achſeln zuckte und die Hände ausſtreckte,„bedenken Sie nur, Sie haben etwas recht Hübſches gethan, um deſſent⸗ willen ich Sie liebe, das ihnen aber auch das Halsband bringen könnte, das ſo leicht angelegt, aber ſo ſchwer wieder loszumachen iſt, deutlicher geſagt den Strick.« Bolter griff an ſein Halstuch, als ſei es zu feſt ge⸗ bunden und murmelte eine Zuſtimmung. „»Der Galgen, lieber Freund,« fuhr Fagin fort,»iſt ein garſtiger Wegweiſer, der auf eine ſehr ſcharfe Ecke zeigt, welche ſchon manchen muthigen Mann auf ſeiner Laufbahn aufgehalten hat. Auf geradem Wege und weit weg von ihm zu bleiben, iſt für Sie Nummer Eins.⸗ 8 Oliver Twiſt. »Natürlich,« erwiederte Bolter;»aber warum reden Sie von ſolchen Dingen?« »Bloß um Ihnen meine Meinung deutlich zu ma⸗ chen,« ſagte der Jude, indem er die Augenbrauen em⸗ porzog.»Dies möglich zu machen, hängt von mir ab; 3 mein kleines Geſchäft hübſch im Gange zu erhalten, liegt an Ihnen. Das erſte iſt Ihre Nummer Eins, das zweite meine Nummer Eins. Je höher Sie Ihre Num⸗ mer Eins halten, deſto mehr müſſen Sie um die mei⸗ nige beſorgt ſein, und ſo kommen wir wieder auf das, was ich Ihnen im Anfange ſagte, daß eine Beachtung der Nummer Eins uns Alle zuſammenhält und zuſam⸗ menhalten muß, wenn wir beiſammen bleiben wollen.⸗« „Das iſt wahr,« entgegnete Bolter nachdenkend.»Sie ſind ein alter ſchlauer Fuchs.⸗ Fagin ſah mit innigem Vergnügen, daß dieſe Aner⸗. kennung ſeiner Fähigkeiten kein bloßes Compliment war, er vielmehr ſeinem Neugeworbenen wirklich Reſpect vor ſeiner Klugheit beigebracht hatte, und es lag ihm viel daran, daß ſein neuer Zögling gleich im Anfange ſeine Ueberlegenheit fühle. Um dieſen ſo wünſchenswerthen und nützlichen Eindruck noch dauernder zu machen, theilte er ihm ziemlich detaillirt die Größe und den Umfang ſeiner Geſchäfte mit, und verband dabei ſo geſchickt Wahrheit und Dichtung, daß Bolters Reſpect ſichtbar zunahm und in demſelben auch eine gewiſſe heilſame Furcht entſtand, die der Alte lebhaft zu erwecken wünſchte. »Dieſes gegenſeitige Vertrauen, das wir in einander 2 ſetzen, tröſtet mich auch bei ſchweren Verluſten,« ſagte der Jude.»So verlor ich erſt geſtern früh meinen beſten Gehülfen.« „»Er ſtarb doch nicht?« fragte Bolter. Oliver Twiſt. 77 „Nein,« antwortete Fagin,»ſo ſchlimm, ſo ganz ſchlimm iſt es nicht.« „So wurde er wohl— 2⸗ „Vermißt,« fiel der Jude ein,„ja er wurde ver⸗ mißt.« „»Und wie ging das zu?« »Man beſchuldigte ihn, er habe Jemandem in die Taſche gegriffen, und ſand eine ſilberne Schnupftabacks⸗ doſe bei ihm, die ſein Eigenthum war, ſein Eigenthum, denn er ſchnupfte ſelbſt. Sie behielten ihn bis heute, denn ſie glaubten, den Eigenthümer zu kennen. Ach, er war funfzig Schnupftabacksdoſen werth, und ich würde den Werth derſelben bezahlen, könnte ich ihn dadurch zurückbekommen. Sie hätten den Sappermenter kennen ſollen!« »„Ich hoffe, ihn kennen zu lernen; meinen Sie nicht?« ſagte Bolter. »Ich bezweifele es,« antwortete der Jude mit einem Seufzer.»Findet man keinen neuen Beweis, ſo werden wir ihn nach etwa ſechs Wochen wohl wieder bekommen; wird aber dieſer Beweis gefunden, ſo muß er fort. Man weiß auch, daß er ein geſchickter Burſche iſt, und ſo wird es lebenslänglich werden.“ »Ich verſtehe Sie nicht.« Fagin wollte ſich näher erklären und ſagen, daß der Sappermenter lebenslänglich deportirt werden würde, aber das Geſpräch wurde durch die Ankunft des Mon⸗ ſieur Bates unterbrochen, der beide Hände in den Ho⸗ ſentaſchen hatte, und ein halb betrübtes, halb lächelndes Geſicht machte. „Es iſt alles vorbei, Fagin,« ſagte Karlchen, als er und ſein neuer Gefährte mit einander bekannt gemacht worden waren. 78 Oliver Twiſt. „Was meinſt Du?⸗ fragte der Jude mit zitternder Lippe. „Sie haben den Herrn gefunden, dem die Doſe ge⸗ hört; es kamen noch ein Paar andere Leute, welche den Sappermenter wollten geſehen haben, und er ſoll nun nach Botany Bay geſchafft werden,« ſagte Bates.„Ich muß einen vollſtändigen Traueranzug haben, Fagin, und ein Band an den Hut, um ihn noch einmal zu beſuchen, ehe er ſeine Reiſe antritt. Daß Dawkins,— der Sap⸗ permenter— der pfiffige Sappermenter— wegen einer ſchlechten Schnupftabacksdoſe fort muß! Ich hätte es nie gedacht, daß er es unter einer goldenen Uhr mit Kette und Petſchaft thun würde. Warum nahm er nicht einem alten Herrn alles ab, daß er wie ein Vornehmer fortgebracht wurde und nicht wie ein kleiner Dieb ohne Ruhm und Ehre?« Mit dieſem Ausdrucke der Theilnahme an ſeinem un⸗ glücklichen Freunde ſetzte ſich Karlchen Bates kummervoll und faſt verzweifelt auf den nächſten Stuhl. „Was ſchwatzeſt Du von ohne Ruhm und Ehre?“*« rief Fagin mit einem Blicke des Unwillens auf ſeinen Zögling.»War er nicht immer der Erſte unter Euch? Konnte es einer von Euch ihm gleichthun?« „»Keiner,« entgegnete Bates,»Keiner.« „»Was ſchwatzeſt Du alſo?« fuhr der Jude ungehal⸗ ten fort;»was jammerſt Du?⸗ „»Weil es nicht bekannt gemacht wird,« entgegnete Bates, ohne auf den grimmigen Blick des Alten zu ach⸗ ten,»weil es Niemand erfährt, was er war. Kommt er in den Newgate⸗Calender? Wohl nicht. Ach, was iſt das für ein Unglück!«. »Ha! ha!« lachte der Jude, daß er zitterte, während er die rechte Hand ausſtreckte und ſich zu Bolter umdre⸗ 8 Oliver Twiſt. 79 hete,»ſehen Sie, wie ſtolz ſie auf ihren Stand ſind! Iſt das nicht ſchön?« 3 Bolter nickte, der Jude aber betrachtete einige Au⸗ genblicke mit offenbarer Zufriedenheit den betrübten Ba⸗ tes, trat dann zu demſelben und klopfte ihn auf die Achſel. »Schlag' Dir das aus dem Sinne, Karlchen,« ſagte Fagin begütigend, ves wird bekannt werden; alle wer⸗ den erfahren, wie geſcheit und geſchickt er war; er wird ſich ſehen laſſen und ſeinen alten Freunden und Lehrern keine Schande machen. Bedenke auch, wie jung er iſt. Welche Auszeichnung, Karlchen, in ſeinem Alter ſchon lebenslänglich deportirt zu werden?« „Das iſt freilich eine Ehre,« meinte Karlchen etwas getröſtet. „Er bekommt alles, was er braucht,« fuhr der Jude fort,»wohnt in einem ſteinernen Hauſe wie ein vorneh⸗ mer Herr, hat jeden Tag ſein Bier und Geld in der Taſche, mit dem er klimpert, wenn er es auch nicht ver⸗ thun kann.⸗ „Wirklich?« „»Gewiß,“« ſprach der Jude weiter,»und Einer in ei⸗ ner Perücke, Karlchen, der geſcheiteſte von allen Advoca⸗ ten, wird ihn vertheidigen; er kann ſelbſt eine Rede halten, wenn er Luſt hat und wir leſen dann alles in den Zeitungen, he, Karlchen.«⸗ „»Ha! ha!« lachte Bates,»das giebt einen Spaß, Fagin. Der Sappermenter würde ſie ſchön zu Narren haben.⸗ „Würde?« verbeſſerte der Jude, ver wird.« »Ja, er wird es gewiß,« wiederholte Bates und rieb ſich vor Freude die Hände. »„Ich ſehe ihn ſchon vor mir!« fuhr der Jude fort. »Ich auch,« entgegnete Karlchen Bates,„ha! hal ich 8 80 Oliver Twiſt. auch. Ich ſehe wahrhaftig Alles vor mir, Fagin. Alle Perücken thun feierlich und Dawkins ſpricht unter ihnen ſo ungenirt, als wäre er der Sohn des Richters, hal hal« Der Jude hatte ſeinen lachluſtigen jungen Freund ſo aufgeheitert, daß derſelbe, da er erſt den Sappermenter als ein Opfer angeſehen habe, ihn jetzt für den Haupt⸗ helden in einer ungewöhnlichen Poſſe hielt und die Zeit nicht erwarten konnte, in welcher ſein ehemaliger Ge⸗ fährte eine ſo günſtige Gelegenheit finden ſollte, ſeine Fähigkeiten zu zeigen. »Wir müſſen es erfahren, wie er ſich an dem Tage benimmt,« ſagte Fagin.»Ich will darüber nachdenken.« »Soll ich hingehen?« fragte Karlchen. »Nicht um die Welt,« entgegnete der Jude.»Biſt Du toll, ganz toll, daß Du geradezu dahin gehen willſt, wo— Nein, Karlchen, nein, einer auf einmal verloren iſt genug.“« »Sie wollen doch nicht ſelbſt gehen?« fragte Karl⸗ chen ſpöttiſch lächelnd. »„Das würde nicht wohl angehen,“ erwiederte Fagin kopfſchüttelnd. »Warum ſchicken Sie dann den Neuen da nicht?« fragte Monſieur Bates, indem er ſeine Hand auf Noahs Arm legte;»Niemand kennt ihn.« Noah trat nach der Thür zurück, ſchüttelte den Kopf und antwortete:»nein, nein, nichts da. Das iſt nicht mein Fach.« »Welches Fach hat er bekommen, Fagin?« fragte Ba⸗ tes, in er Noahs lange dürre Figur verächtlich be⸗ trachtete,»das Ausreißen, wenn es nicht richtig iſt, und das Dickthun, wenn Alles ſicher iſt? Iſt das ſein Fach?«. Oliver Twiſt. 81 „Darum bekümmere Du Dich nicht,« antwortete Bol⸗ ter,»und nimm Dir keine Freiheit gegen Deine Vorge⸗ ſetzten heraus, kleiner Knabe, ſonſt wirſt Du bald be⸗ merken, daß Du falſch ankamſt.« Monſieur Bates lachte über dieſe Drohung ſo gewal⸗ tig, daß eine ziemlich lange Zeit verging, ehe Fagin ins Mittel treten und Bolter vorſtellen konnte, daß er ſich durchaus keiner Gefahr ausſetze, wenn er in das Poli⸗ zeibureau gehe, daß nichts von dem kleinen Geſchäfte, das er gemacht habe, ſo wie keine Beſchreibung ſeiner Perſon bis jetzt nach der Hauptſtadt berichtet worden ſei, und man höchſt wahrſcheinlich nicht einmal ahne, daß er hier eine Zuflucht geſucht habe; daß er, gehörig verklei⸗ det, eben ſo ſicher dahin gehen könne, als an irgend ei⸗ nen andern Ort in London, zumal man ihn eher an jedem andern Orte als gerade dort ſuchen würde, wenn man ihn ſuche. Zum Theil durch dieſe Vorſtellungen überredet, mehr aber noch aus Furcht vor dem Juden, willigte Bolter endlich ein, den Auftrag zu übernehmen. Er zog des⸗ halb ſogleich einen Fuhrmannskittel, Mancheſter⸗Hoſen und Ledergamaſchen an, welche Stücke Fagin vorräthig hatte. Dieſer gab ihm ferner einen Hut, der reichlich mit Chauſſeegelder⸗Quittungen beſteckt war, und eine Peitſche. So ausſtaffirt, ſollte er nach dem Polizeibu⸗ reau ſchlendern, wie es manche Landleute aus Neugierde thun, und da er ein ſo linkiſcher und plumper Menſch war, als je einer von dem Dorfe gekommen iſt, ſo hoffte Fagin, Niemand werde ihn für etwas Anderes anſehen, als das, was er zu ſein ſchien. Nachdem dieſe Vorbereitungen beendet waren und man ihm geſagt hatte, woran er den pfiffigen Sapper⸗ menter erkennen könne, führte ihn Bates durch dunkele Oliver Twiſt. III. 82 Oliver Twiſt. enge Gäßchen und Durchgänge bis nahe an das Polizei⸗ bureau, beſchrieb ihm das Gebäude, ſagte ihm, daß er nur immer geradezu gehen und den Hut abnehmen möge, wenn er in den Saal trete, und verſprach, ihn da zu er⸗ warten, wo ſie ſchieden. Noah Claypole oder Moritz Bolter, wie der Leſer will, befolgte pünktlich die Anleitungen, die er erhalten hatte, und gelangte ſo in den Saal, ohne fragen zu müſ⸗ ſen. Es waren noch viele andere Leute, beſonders Frauenzimmer, in dem verräucherten Saale zugegen, an deſſen obern Ende eine Erhöhung durch ein Gitter von dem übrigen Theile abgeſchloſſen war, wo man eine Art Käfig für die Gefangenen zur Linken an der Wand, ei⸗ nen andern für die Zeugen in der Mitte und einen Pult für die Gerichtsperſonen an der rechten Seite ſah, welches letztere durch eine Scheidewand abgeſondert wurde. In dem Käfige der Gefangenen befanden ſich nur ein Paar Frauenzimmer, welche ihren Freundinnen zu⸗ nickten, während der Actuarius einigen Gerichtsdienern und einem andern Manne einige Ausſagen vorlas. Ein Gefangenwärter lehnte ſich an das Gitter und klopfte ſich mit einem großen Schlüſſel auf die Naſe, außer wenn er zu große Geſprächsluſt unter den Zuſchauern bemerkte, worauf er Ruhe gebot, oder gravitätiſch auf⸗ ſah und irgend einer Frau zurief,»das Kind« hinaus⸗ zuſchaffen, wenn der Ernſt der Juſtiz durch das durch der Mutter Shawl gedämpfte Schreien eines kleinen Kindes geſtört wurde. Der Geruch in dem Saale war keineswegs angenehm, die Wände ſahen ſchmutzig und die Decke verräuchert aus. Ueber dem Kamine ſtand eine verräucherte Büſte und über dem Gefangenenkäfig eine Uhr, das Einzige, was hier zu gehen ſchien, wie * Oliver Twiſt. 83 es ſollte; denn Verdorbenheit, Armuth oder ſteter Ver⸗ kehr mit beiden hatte auf allem Menſchlichen einen Fle⸗ cken zurückgelaſſen, der kaum minder häßlich war, als der dicke Schmutz auf jedem lebloſen Gegenſtande. Noah ſah ſich begierig nach dem Sappermenter um, aber obgleich mehrere Weiber, die für deſſen Mutter gelten konnten, und manche Männer zugegen waren, die vielleicht große Aehnlichkeit mit ſeinem Vater hatten, ſo erblickte er doch Niemanden, auf den die Beſchreibung paßte, die man ihm von Dawkins gemacht hatte. Er wartete lange in Ungewißheit, bis die Frauenzimmer verurtheilt und fortgebracht waren und ein anderer Ge⸗ fangener erſchien, der durchaus kein anderer ſein konnte, als der, welchen er ſuchte. Es war wirklich Dawkins, der, wie gewöhnlich, die langen Aermel zurückgeſchlagen hatte, die linke Hand in ſeiner Taſche und in der rechten den Hut hielt, mit ei⸗ nem unbeſchreiblichen Gange vor dem Gefangenwärter vorausſchritt, ſeinen Platz in dem Käfige nahm und hörbar zu erfahren verlangte, warum man ihn in eine ſo unangenehme Lage verſetzt habe. »Halt' Dein Maul,« ſagte der Gefangenwärter. »Ich bin ein Engländer,« entgegnete der Sapper⸗ menter.»Wo ſind meine Vorrechte?« »Die wirſt Du bald genug bekommen,« entgegnete der Gefangenwärter,»und Pfeffer dazu.⸗ »Wir werden wohl ſehen, was der Miniſter des In⸗ nern dazu ſagt, wenn man die Freiheit eines Englän⸗ ders verletzt,« antwortete Dawkins.»Was will man von mir? Ich würde den Richtern dankbar ſein, wenn ſie mich bald abfertigen wollten, ſtatt die Zeitungen zu leſen, denn ich habe eine Anſtellung bei einem Herrn in der Stadt, und da ich ein Mann von Wort und in mei⸗ „* 6* —— Oliver Twiſt. nen Obliegenheiten ſehr pünktlich bin, ſo wird er abrei⸗ ſen, wenn ich nicht zu rechter Zeit komme, und ich müßte dann vielleicht um Schadenerſatz gegen die klagen, welche mich aufhielten. Dies geſchieht jedoch hoffentlich nicht.« Nach einiger Zeit fragte der Sappermenter den Ge⸗ fangenwärter»nach dem Namen der beiden alten Spitz⸗ buben auf der Bank,« was den Zuhörern ſo ſpaßhaft vorkam, daß ſie ſo laut lachten, wie Karlchen Bates nur immer hätte lachen können, wäre er zugegen ge⸗ weſen. „Ruhe!« rief der Gefangenwärter. »Was haben wir hier?« fragte einer der Richter. „»Eine Taſchendieberei.« »Iſt der Burſche ſchon hier geweſen?« »Er hätte ſchon mehrmals hier ſein ſollen,« ant⸗ wortete der Gefangenwärter.»Ich kenne ihn ganz gut.« »Ach, Sie kennen mich?« rief der Sappermenter und bemerkte ſich dieſe Angabe.»Sehr gut. Das iſt eine Verleumdung.“ Das Publikum lachte wieder und der Gefangenwär⸗ ter gebot nochmals Ruhe. »Wo ſind die Zeugen?« fragte der Actuarius. »Ja, richtig, wo ſind ſie?« wiederholte der Sapper⸗ menter.»Wo ſind ſie? Ich möchte ſie gern ſehen.« Dieſer Wunſch wurde ſogleich befriedigt, denn es trat ein Polizeidiener vor, der geſehen hatte, wie der Gefangene in die Taſche eines unbekannten Herrn ge⸗ griffen und ein Tuch aus derſelben gezogen, dies aber nicht genommen habe, da es alt geweſen. Deshalb habe er den Burſchen feſtgenommen, ſobald er ſeiner hab⸗ haft habe werden können, und als man ihn durchſucht, habe man bei ihm eine ſilberme Schnupftabacksdoſe ge⸗ Oliver Twiſt. 85 funden, auf deren Deckel der Name des Beſitzers gra⸗ virt geweſen. Dieſer Herr ſei durch die Polizei ausfin⸗ dig gemacht worden und habe beſchworen, daß die Doſe ihm angehöre und er dieſelbe am Tage vorher vermißt habe. Er habe auch einen Burſchen im Gedränge be⸗ merkt, der ſich eilig entfernt, und dieſer Burſche ſei der Gefangene. »Haſt du dieſem Zeugen nach etwas zu fragen?⸗ ſagte der Richter. „Ich werde mich nicht ſo weit erniedrigen, ein Ge⸗ ſpräch mit ihm zu führen,« antwortete der Sapper⸗ menter. »Haſt du überhaupt etwas zu ſagen?« »Hörſt du, daß man dich fragt, ob du etwas zu ſa⸗ gen haſt?« fragte der Gefangenwärter, indem er den ſchweigenden Dawkins mit dem Elbogen ſtieß. »Ich bitte um Entſchuldigung,« ſagte der Sapper⸗ menter, indem er wie in tiefen Gedanken aufſah.»Spra⸗ chen Sie mit mir?« »Ich habe nie einen ſolchen durchtriebenen, verſtock⸗ ten Taugenichts geſehen,« bemerkte der Gefangenwärter zu den Richtern.»Haſt du etwas zu ſagen?« wieder⸗ holte er ſodann. »Nein,« antwortete der Sappermenter,„hier nicht, denn erſtens iſt hier der Ort nicht dazu, und zweitens iſt mein Anwalt dieſen Morgen zum Frühſtück bei dem Vicepräſidenten des Unterhauſes; aber an einem andern Orte werde ich etwas ſagen, wie er, mein Anwalt, und viele angeſehene Bekannte, ſo daß die Leute von der Polizei noch ihre Bedienten bitten ſollen, ſie an ihren eigenen Huthaken aufzuhängen. Ich will— »Genug,“« fiel der Actuarius ein.„»Fort mit ihm.⸗ „»Komm,“ ſagte der Gefangenwärter. 86 Oliver Twiſt. »Oho, ich werde ſchon kommen,« entgegnete Daw⸗ kins, indem er ſeinen Hut mit der Hand glattſtrich. »Und Sie,« fuhr er zu den Richtern fort,»Sie werde ich durchaus nicht ſchonen, wenn Sie auch jämmerliche Geſichter machen. Sie ſollen und müſſen mir dafür bü⸗ ßen, meine Herren. Ich würde die Freiheit jetzt nicht annehmen und wenn Sie auf die Kniee vor mir fallen und ſagen, ich ſolle gehen. Man führe mich in das Gefängniß; man führe mich fort!« 3 Mit dieſen letzten Worten ließ ſich Dawkins am Kragen fortführen, drohete, bis er auf den Hof kam, die Sache vor das Parlement bringen zu laſſen und lachte dann dem Gefangenwärter in das Geſicht. Als Noah ihn hatte in eine Zelle einſchließen ſehen, kehrte er dahin zurück, wo er Karlchen Bates verlaſſen hatte. Dieſer erſchien erſt einige Zeit darauf, da er es nicht für klug gehalten, ſich lange ſehen zu laſſen, und blickte ſich vorſichtig überall um, ob ſeinem neuen Freunde Niemand folge. Beide eilten darauf zurück, um Fagin die erfreuliche Nachricht zu bringen, daß der Sappermenter ſeinem Lehrer Ehre mache und ſich einen ehrenvollen Namen ſichere. —. Oliver Twiſt. 87 Siebentes Kapitel. Es kommt die Zeit für Aennchen, ihr Roſa Maylie gegebenes Verſprechen zu halten. Es ſchlägt ihr fehl. Noah Clay⸗ pole wird von Fagin zu einer geheimen Sendung ge⸗ braucht. Obwohl das Mädchen Anna in alle Künſte der Ver⸗ ſtellung eingeweiht war, ſo konnte ſie doch die Wirkung nicht ganz verbergen, welche das Bewußtſein des Schrit⸗ tes, den ſie gethan hatte, auf ſie machte. Sie dachte daran, daß ſowohl der ſchlaue Jude als der rohe Sikes ſie in der Meinung, daß ſie das unbeſchränkteſte Ver⸗ trauen verdiene, in Pläne eingeweiht hatten, die allen Andern unbekannt waren, und ſo abſcheulich auch dieſe Pläne, ſo vollkommen zu allen Verbrechen fähig auch die Urheber derſelben waren, und ſo ſehr ſie auch den Juden haßte, der ſie Schritt vor Schritt tiefer und im⸗ mer tiefer in einen Abgrund von Verbrechen und Elend geführt hatte, aus dem kein Entkommen mehr war, ſo fürchtete ſie dennoch bisweilen, ihre Entdeckung könne ihn jenen Händen überliefern, denen er ſo lange entgan⸗ gen war, und er endlich,— wie ſehr er auch ein ſolches Schickſal verdiente— durch ihre Schuld fallen. Doch dies waren nur gelegentliche Gedanken eines Geiſtes, der ſich von allen Gefährten und Verbindungen durchaus nicht losmachen konnte, wenn er auch ver⸗ mochte, ſich feſt auf einen Gegenſtand zu richten, und den Entſchluß zu faſſen, ſich davon durch nichts abbrin⸗ gen zu laſſen. Ihre Beſorgniß um Sikes würde weit eher vermocht haben, ſie zur Umkehr zu beſtimmen, ſo lange es noch Zeit ſei; aber ſie hatte ſich ja das Ver⸗ 88 Oliver Twiſt. ſprechen geben laſſen, daß ihr Geheimniß ſorgſam be⸗ wahrt werde; ſie hatte nichts fallen laſſen, was zur Ent⸗ deckung führen konnte,— ſie hatte um ſeinetwillen ſelbſt eine Zuflucht vor aller Schuld und allem Elende um ſie her ausgeſchlagen, und was konnte ſie mehr thun? Sie blieb alſo entſchloſſen. Obgleich aber jeder Seelenkampf mit dieſem Ent⸗ ſchluſſe endigte, ſo erneuerte ſich derſelbe doch immer und immer wieder in ihr und ließ ſeine Spuren zurück. Sie wurde binnen wenigen Tagen bleich und hager. Bisweilen beachtete ſie gar nicht, was um ſie vorging, und nahm keinen Antheil an dem Geſpräche, wobei ſie ſonſt die lauteſte geweſen ſein würde. Ein andermal lachte ſie ohne heiter zu ſein, und war laut, ohne eine Urſache dazu zu haben. Dann, oft im nächſten Augen⸗ blicke, ſaß ſie wieder ſtill und niedergeſchlagen da, ſtützte ihren Kopf auf die Hände, und die Gewalt, mit der ſie ſich aufraffte, verrieth es noch deutlicher als alle jene Zeichen, daß ſie unruhig ſei und ihre Gedanken ſich mit ganz andern Dingen beſchäftigten, als mit denen, welche ihre Genoſſen beſprachen. Es war Sonntag und Nacht; die Uhr auf dem näch⸗ ſten Thurme ſchlug die beſtimmte Stunde. Sikes und der Jude hatten geſprochen, hielten aber inne, um zu horchen. Das Mädchen ſah von dem niedern Sitze em⸗ por, auf den ſie kauerte, und ebenfalls aufmerkſam lauſchte. Elf. »Ein Uhr dieſſeits Mitternacht,« ſagte Sikes, indem er die Jalouſie zurückſchlug, um hinaus zu ſehen und dann auf ſeinen Platz zurückkehrte.»Es iſt finſter und ſchwül, eine ſchöne Nacht zu einem Geſchäfte.« »Ah,“« entgegnete der Jude,»wie Schade, lieber Freund, daß wir gerade keines zu verrichten haben!« f. 2* r 8 Oliver Twiſt. 89 »Ja wohl,« meinte Sikes,»und ich bin gerade dazu aufgelegt.« Der Jude ſeufzte und ſchüttelte muthlos ſein Haupt. »Wir müſſen die verlorene Zeit wieder einbringen, wenn wir alles in Gang haben,“ ſagte Sikes. »So höre ich Dich gern,« entgegnete der Jude und wagte, ihn auf die Achſel zu klopfen.»Heute biſt Du wieder der Alte, ganz der Alte.“ »Ich fühle mich aber nicht wohl, wenn dieſe run⸗ zelige alte Klaue auf mir liegt; nimm ſie weg,« ſagte Sikes, indem er die Hand des Juden abſchüttelte. »Sie macht Dich ängſtlich, erinnert Dich an das Ge⸗ faßtwerden, nicht wahr?« bemerkte der Jude, der ſich vorgenommen hatte, nichts übel zu nehmen. »Ich denke, der Teufel holt mich,« erwiederte Sikes. »Es hat nie ein anderer Menſch ein ſolches Geſicht ge⸗ habt, wie Du, außer etwa Dein Vater, deſſen rother Bart wahrſcheinlich jetzt in der Hölle ſengt, wenn nicht der Teufel ſelbſt Dein Vater war.« Fagin entgegnete nichts auf dieſes Compliment, ſon⸗ dern zupfte Sikes am Aermel und wies mit dem Fin⸗ ger nach Aennchen, welche unterdeß ihren Hut aufge⸗ ſetzt hatte und fortgehen wollte. »Heda!« rief Sikes.»Aennchen! wohin willſt Du zu dieſer Zeit in der Nacht?« »Nicht weit.“« „Das iſt keine Antwort,« entgegnete Sikes.»Wohin gehſt Du?« „Nicht weit, ſage ich.« »Und ich frage, wohin?“ erwiederte Sikes laut. »Hörſt Du mich?« „Ich weiß es noch nicht, wohin ich gehe,« antwortete das Mädchen. 90 Oliver Twiſt. »So weiß ich es,« ſagte Sikes, mehr um zu wider⸗ ſprechen, als weil er etwas gegen das Ausgehen des Mädchens einzuwenden hatte.»Du bleibſt. Setze Dich.« „Ich bin nicht wohl, ich habe Dir's ſchon gefagt,“ entgegnete das Mädchen.»Ich muß in die freie Luft hinaus,« »Stecke den Kopf durch das Fenſter hinaus, da haſt Du auch freie Luft.« »Das iſt nicht genug. Ich muß auf der Straße um⸗ hergehen.« »Dann wirſt Du gar keine bekommen,« antwortete Sikes, der dabei aufſtand, die Thür verſchloß, den Schlüſſel abzog, ihr den Hut abriß und ihn auf einen alten Schrank hinaufwarf.»Da,« ſagte der Räuber. »Wirſt Du nun ruhig bleiben, wo Du biſt?« »Ich kann auch ohne Hut gehen,« ſagte das Mäd⸗ chen, das ganz blaß wurde.»Weißt Du auch, was Du thuſt, Sikes 2« »„Ob ich es weiß? Ah!« ſagte Sikes zu dem Juden, „ſie iſt nicht bei Verſtand, ſonſt dürfte ſie nicht ſo mit mir reden.« »Du wirſt mich noch zu einer verzweifelten That treiben,« murmelte das Mädchen, indem ſie beide Hände auf die Bruſt legte, als wolle ſie mit Gewalt einen hef⸗ tigen Ausfall zurückhalten.»Laß mich gehen,— dieſe Minute,— dieſen Augenblick.« »Nein!« ſchrie Sikes. »Sagen Sie ihm, daß er mich gehen laſſe, Fagin. Es iſt beſſer, er thut es. Hören Sie?« rief Aennchen und ſtampfte mit den Füßen auf den Boden. »Hören?« wiederholte Sikes, indem er ſich nach ihr umdrehete.»Ja, und wenn ich Dich noch eine Minute „ Oliver Twiſt. 91 länger höre, ſo ſoll Dich der Hund ſo an der Gurgel packen, daß er ein Stück von der ſchreienden Stimme herausreißt. Was iſt über Dich gekommen?« „Laß mich gehen,« ſagte das Mädchen ſehr ernſt; dann ſetzte ſie ſich an der Thür auf den Dielen nieder und fuhr fort:»Wilhelm, laß mich gehen; Du weißt nicht, was Du thuſt. Nur auf eine Stunde!« »„Ich will mir ein Glied uach dem andern abreißen laſſen,« ſchrie Sikes, indem er ſie heftig am Arme faßte, „wenn ich das Mädchen nicht für rein toll halte. Steh' auf!« »Nicht eher, bis Du mich gehen läſſeſt,— nicht eher, bis Du mich gehen läſſeſt.— Nie,— nie!« ſchrie das Mädchen. Sikes paßte eine Gelegenheit ab, faßte ſie dann an beiden Händen und zog ſie, während ſie ſich heſtig ſträubte, in eine anſtoßende Kammer, wo er ſich auf eine Bank ſetzte, ſie auf einen Stuhl warf und da mit Gewalt feſthielt. Sie ſträubte ſich und bat abwech⸗ ſelnd, bis es zwölf Uhr geſchlagen hatte, ſie ganz er⸗ ſchöpft war und endlich nachließ. Nach einer von vielen Flüchen begleiteten Warnung, daß ſie keinen neuen Ver⸗ ſuch mache, dieſe Nacht auszugehen, ließ ſie Sikes wie⸗ der zu ſich kommen und kehrte zu dem Juden zurück. »Puh! ſagte der Dieb, indem er ſich den Schweiß von dem Geſichte wiſchte.»Was iſt das für ein ſon verbares Mädchen! Was fiel ihr wohl ein, daß ſie ge⸗ rade dieſe Nacht ausgehen wollte? Du mußt ſie beſſer kennen als ich,— was bedeutet das?« »Eigenſinn,— weiblicher Eigenſinn wahrſcheinlich, lieber Freund,« entgegnete der Jude achſelzuckend. „Das denke ich auch,« brummte Sikes.„Ich glaubte, ſie zahm gemacht zu haben, ſie iſt aber noch ſo ſchlimm als immer.« Oliver Twiſt. »Schlimmer,« ſagte der Jude in Gedanken.»Ich hade ſie nie ſo gekannt,— wegen einer ſolchen Kleinig⸗ keit!« »Auch mir iſt ſie noch nicht ſo vorgekommen,« meinte Sikes.»Sie hat wohl noch etwas von dem Fieber im Leibe und es will nicht heraus,— he?« »Wohl möglich,« entgegnete der Jude. »Ich werde ihr etwas Blut laſſen, ohne den Doktor zu incommodiren, wenn wieder ein ſolcher Anfall kommt,⸗ ſagte Sikes. Der Jude nickte Beifall zu dieſer Behandlungsart. »Sie hat den ganzen Tag und die ganze Nacht bei mir geſeſſen, als ich da auf dem Rücken lag und Du wie ein ſchwarzherziger Wolf Dich nicht um mich küm⸗ merteſt. Wir waren damals ſehr arm, und ich denke manchmal, das hat ſie ſo angegriffen, und der lange Aufenthalt in der Stubenluft ſie unruhig gemacht, he?« „Das iſt es gewiß,« antwortete der Jude leiſe. »Still!« Während er dies ſagte, erſchien das Mädchen ſelbſt und nahm ihren Platz wieder ein. Ihre Augen waren geſchwollen und roth; ſie rückte unruhig hin und her, ſchüttelte den Kopf und fing endlich an zu lachen. „»Nun lacht ſie wieder!« rief Sikes, indem er Fagin höchlich überraſcht anſah. Der Jude nickte ihm zu, um ihm zu rathen, nicht weiter auf ſie zu achten, und nach wenigen Minuten hatte das Mädchen ihr gewöhnliches Weſen wieder angenommen. Fagin flüſterte Sikes zu, es ſei nun kein Rückfall mehr zu befürchten, nahm ſei⸗ nen Hut und bot ihm gute Nacht. An der Thür blieb er ſtehen, ſah ſich um und fragte, ob ihm Jemand die finſtere Treppe hinunterleuchten wolle. „Leuchte ihm,« rief Sikes, der ſeine Pfeife ſtopfte. — Oliver Twiſt. 93 „Es wäre Schade darum, wenn er ſich ſelbſt den Hals bräche und dem Stricke entginge. Leuchte ihm.« Aennchen folgte dem alten Manne mit einem Lichte die Treppe hinunter. Als ſie die Hausflur erreichten, legte er ſeine Finger auf die Lippen, trat dicht an das Mädchen und flüſterte:»was hatteſt Du, Aennchen?« „»Was meinen Sie?« antwortete das Mädchen eben ſo leiſe. „Warum thateſt Du das?« fuhr Fagin fort.»Wenn er«— und er wies mit ſeinem dürren Zeigefinger die Treppe hinauf—»zu hart gegen Dich iſt(er iſt ein Vieh, Aennchen), warum kommſt Du—« »Gut!« ſagte das Mädchen, als Fagin innehielt, während ſein Mund ihr Ohr faſt berührte und ſeine Au⸗ gen in die ihrigen ſahen. „Jetzt nicht,« fuhr der Jude fort,»wir ſprechen bei einer andern Gelegenheit davon. Du haſt einen Freund an mir, Aennchen, einen zuverläſſigen Freund. Wenn Du Dich an denen rächen willſt, die Dich wie einen Hund behandeln, wie einen Hund und ſchlimmer als ei⸗ nen Hund,— denn den hätſchelt er manchmal,— ſo komm zu mir; ich ſage, komm zu mir. Mich kennſt Du ja ſchon lange, Aennchen, ſchon lange.« „Ich kenne Sie,« erwiederte das Mädchen ganz ru⸗ hig.»Gute Nacht.« Sie wich zurück, als Fagin ihre Hand ergreifen wollte, ſagte aber noch einmal mit feſter Stimme:»gute Nacht!« antwortete auf ſeinen Scheideblick mit einem zu⸗ ſtimmenden Kopfnicken und verſchloß die Thür hinter ihm. Fagin ging nach ſeinem Hauſe zu, während mancherlei Gedanken ihn beſtürmten. Er war auf die Idee gekom⸗ men,— nicht erſt durch das, was eben geſchehen war, obgleich dies ihn beſtärkt hatte, ſondern ganz allmälig,— „Oliver Twiſt. daß Aennchen, der Rohheit des Räubers überdrüſſig, ei⸗ nen Andern vorziehe. Ihr ganz verändertes Weſen, ihr häufiges Fortgehen allein, ihre im Verhältniß geringe Theilnahme an den Intereſſen der Geſellſchaft, für die ſie ſonſt ſo eifrig geſorgt hatte und dazu ihre verzwei⸗ felte Ungeduld, in dieſer Nacht zu einer beſondern Stunde fortzugehen, Alles begünſtigte dieſe Meinung und machte ſie, fuür ihn wenigſtens, faſt zur Gewißheit. Der Gegen⸗ ſtand ihrer Zärtlichkeit war keiner aus der Geſellſchaft. Er würde mit einer Gehülfin wie Aennchen eine werthvolle Erwerbung ſein und mußte, ſo ſchloß der Jude, unver⸗ züglich gewonnen werden. Noch ein anderes, ein ſchlimmeres Ziel mußte erreicht werden. Sikes wußte zu viel, und der Hohn deſſelben hatte den Juden nicht weniger verletzt, weil er die Wun⸗ den verbarg. Das Mädchen mußte wiſſen, daß, wenn ſie ihn wegen eines Andern verließ, ſie vor ſeiner Wuth nicht ſicher war und von ihm verſtümmelt, wenn nicht gar ermordet werden würde.»Was iſt mit ein wenig Ueberredung leichter zu erlangen,« dachte Fagin,»als daß ſie einwilligt, ihn zu vergiften? Frauenzimmer ha⸗ ben ſo etwas und Schlimmeres ſchon oft gethan. Damit würde der gefährliche Böſewicht, der Mann, den ich haſſe, fortgeſchafft, ein anderer an ſeiner Stelle gewon⸗ nen und mein Einfluß auf das Mädchen durch die Kennt⸗ niß dieſer That vergrößert.⸗ 4 Dieſe Dinge beſchäftigten Fagin während der kurzen Zeit, als er allein in der Stube des Räubers ſaß und in ſolchen Gedanken hatte er beim Abſchiede durch ein⸗ zelne Winke das Mädchen ſondirt. Sie hatte keine Ueber⸗ raſchung verrathen; ſie verſtand ihn offenbar und ihr Blick beim Abſchiede bewies es. Vielleicht ſchauderte ſie aber doch vor dem Gedanken Oliver Twiſt. 95 zurück, Sikes das Leben zu nehmen, obgleich dies ein Hauptzweck war.„»Wie,« dachte der Jude auf ſeinem Heimwege,»wie kann ich meinen Einfluß auf ſie ver⸗ größern? welche neue Macht könnte ich erlangen?« Köpfe wie der des Juden finden leicht Mittel und Wege. Wenn er nun, ohne ſie ſelbſt zum Geſtändniß zu bringen, ſie beobachtete, den Gegenſtand ihrer Zunei⸗ gung entdeckte und drohete, die ganze Sache Sikes zu verrathen(vor dem ſie ſich ſehr fürchtete), wenn ſie nicht in ſeine Pläne eingehe? Würde er ſie dadurch willig machen?« 1 »Ja,« ſagte der Jude laut;»ſie könnte ſich dann nicht weigern,— wenn ihr das Leben lieb iſt. Ich habe es. Das Mittel iſt gefunden und ſoll ſogleich in An⸗ wendung gebracht werden.« Er ſah finſter und mit einer drohenden Geberde nach dem Orte zurück, wo er den frecheren Böſewicht verlaſſen hatte, ging dann weiter und faßte feſt mit ſeiner Kno⸗ chenfauſt auf ſeinen zerlumpten Rock, als könne er ſo den verhaßten Gegner erwürgen. Am nächſten Morgen ſtand er auf und wartete un⸗ geduldig auf ſeinen neuen Gehülfen, der endlich erſchien und heißhungrig über das Frühſtück herfiel. „»Bolter,« ſagte der Jude, indem er einen Stuhl nahm und ſich Moritz Bolter gegenüberſetzte. „»Da bin ich,« entgegnete Noah.»Was giebt's? Fra⸗ gen Sie mich um nichts, bis ich gegeſſen habe. Das iſt ein großer Fehler hier. Man nimmt ſich nicht Zeit genug mit dem Eſſen.« 3 „»Du kannſt auch reden, wenn Du ißt,« ſagte Fagin, der den neuen Zögling nun nach deſſen völliger Auf⸗ nahme wie alle andern Du nannte, und deſſen Gefrä⸗ ßigkeit aus Herzens Grunde verwünſchte. 96 Oliver Twiſt. »Ach ja, reden kann ich, es geht ſogar beſſer, wenn ich rede,« ſagte Noah, indem er ein ungeheures Stück Brot abſchnitt.»Wo iſt Charlotte 2« »Ausgegangen,« antwortete Fagin.„»Ich ſchickte ſie mit den andern Mädchen fort, weil ich mit Dir allein ſein wollte.« „»Ah!« ſagte Noah,»ſie hätten erſt etwas geröſtetes Brot mit Butter von ihr machen laſſen ſollen. Nun weiter; unterbrechen Sie mich aber nicht im Eſſen. 2 Es ſchien nicht leicht zu ſein, ihn dabei unterbrechen zu können, denn offenbar hatte er ſich mit dem Boiſaßt niedergelaſſen, viel zu thun. »Du haſt Deine Sachen geſtern gut gemacht,« ſagte der Jude,»ſehr gut. Sechs Schillinge und neun Pence am erſten Tage! Du wirſt auf dieſe Art ein reicher Mann werden.« »Nicht zu vergeſſen die drei Krüge und die Milch⸗ kanne,« ſagte Bolter. »Nein, nein,« entgegnete der Jude.»Die Krüge mhe⸗ 3 den mit großem Genie genommen, die Milchkanne aber war ein Meiſterſtück.« „Recht gut für einen Anfänger, denke ich,« bemerkte Bolter ſelbſtgefällig.»Die Krüge nahm ich von einem Geſtelle und die Milchkanne ſtand allein vor einem Wirthshauſe, und ich fürchtete, ſie könnte im Regen roſtig werden oder den Schnupfen bekommen. Ha! ha! ha!« Der Jude that, als lache er ebenfalls; Bolter dage⸗ gen nahm nach dem Lachen mehrere ſehr große Biſſen, wodurch das erſte Stück Brot und Butter abgefertigt wurde und langte ſich dann ein zweites zu. »Bolter,« ſagte Fagin, indem er ſich über den Tiſch bog,»Du mußt etwas für mich thun, was viel Vorſicht und Klugheit erfordert.« Oliver Twiſt. 97 »Bringen Sie mich nur in keine Gefahr und ſchicken Sie mich nicht wieder in ein Polizeibureau. Solche Dinge gefallen mir nicht, merken Sie ſich das.« „Es iſt nicht die geringſte Gefahr dabei, nicht die geringſte,« ſagte der Jude, ves ſoll nur ein Frauenzim⸗ mer belauſcht werden.« »Eine alte Frau?« fragte Bolter. „Ein junges Mädchen.« „Das verſtehe ich,« antwortete Bolter,»ſchon in der Schle verſtand ich das.« „Du haſt mir bloß zu ſagen, wohin ſie geht, mit wem ſie ſpricht und wo möglich, was ſie ſpricht; Dir die Straße zu merken, wenn es eine Straße iſt, oder das Haus, wenn es ein Haus iſt, und mich von allem zu unterrichten.« „Was geben Sie mir dafür?« fragte Noah, der ſeine Taſſe hinſetzte und ſeinem Meiſter in das Ge⸗ ſicht ſah. „Wenn Du Deine Sache gut machſt, ein Pfund,— ein Pfund,“ ſagte Fagin, der ihn für die Sache intereſ⸗ ſiren wollte,»und ſo viel habe ich noch nie für eine Arbeit gegeben, bei der eigentlich nichts verdient wird.« „»Wer iſt ſie?« fragte Bolter. „»Eine der unſrigen.« »Aha, Sie trauen ihr nicht mehr!« »Sie hat neue Freunde gefunden und ich muß wiſſen, wer dieſe ſind,« entgegnete der Jude. »Ich verſtehe,« ſagte Noah.„»Bloß um das Ver⸗ gnügen zu haben, ſie zu kennen, ob ſie ref able Leute ſind, he?— Hal hal ha! Ich bin Ihr Nan.« „Das wußte ich,« entgegnete Fagin eut. „Wo iſt ſie? Wo ſoll ich auf ſie arten? Wann ſoll ich gehen?« Olioer Twiſt. III. 7 98 Oliver Twiſt. »Das alles wirſt Du von mir hören. Ich werde ſie Dir zu gehöriger Zeit zeigen. Halte Dich nur bereit und überlaß alles andere mir.« In der nächſten, in der folgenden und nächſtfolgen⸗ den Nacht ſaß der Spion in ſeiner Fuhrmannstracht be⸗ reit da, um auf das erſte Wort Fagins aufzubrechen. Sechs Nächte vergingen, ſechs lange Nächte; in jeder kam Fagin mit verdrießlichem Geſichte zurück und ſagte kurz, es ſei noch nicht Zeit. In der ſiebenten kam er früher nach Hauſe und konnte kaum ſeine Freude ber⸗ gen. Es war Sonntag. »Heute Nacht geht ſie aus,« ſagte Fagin,»und ge⸗ wiß in der rechten Abſicht, denn ſie iſt den ganzen Tag allein geweſen, und der Mann, vor dem ſie ſich fürchtet, wird vor Tagesanbruch nicht zurückkommen. Komm mit mir; ſchnell!« Noah ſtand auf, ohne ein Wort zu ſagen, denn der Jude befand ſich in ſolcher Aufregung, daß ſie ihn ſelbſt anſteckte. Sie ſchlichen aus dem Hauſe, eilten durch ein Labyrinth von Straßen, und gelangten endlich vor ein Wirthshaus, in welchem Noah dasjenige erkannte, in welchem er in der erſten Nacht ſeiner Ankunft in London geſchlafen hatte. 4 Es war elf Uhr vorüber und die Thür verſchloſſen. Sie wurde geräuſchlos geöffnet, als der Jude leiſe pfiff. Sie traten ſtill ein und die Thür wurde hinter ihnen wieder geſchloſſen. Fagin und der junge Jude, der ſie eingelaſſen hatte, wagten nicht einmal leiſe mit einander zu ſprechen, ſon⸗ dern verſtändigten ſich nur durch gewiſſe Zeichen, wieſen dann Noah nach dem Fenſterchen und deuteten ihm an, durch daſſelbe die Perſon in dem anſtoßenden Stübchen zu beobachten. „— „— Oliver Twiſt. 99 „»Iſt das das Mädchen?« fragte er kaum hörbar. Der Jude nickte. »Ich kann ihr Geſicht nicht wohl erkennen,« flüſterte Noah.»Sie ſieht an den Boden und das Licht ſteht hinter ihr.« »Warte hier,« flüſterte der Jude, indem er in Zei⸗ chen zu Barney ſprach, der fortging. Im nächſten Au⸗ genblicke erſchien der junge Jude in dem Stübchen, ſtellte ſich, als wolle er das Licht putzen, rückte daſſelbe weiter voy und ſprach mit dem Mädchen, ſo daß ſie aufſehen mußte.. „Jetzt ſehe ich ſie,« ſagte der Lauſcher. „»Deutlich?2« fragte der Jude. »Ich werde ſie unter Tauſenden wieder erkennen.« Schnell verließ er das Fenſterchen, als die Thür ſich öffnete und das Mädchen hereintrat. Fagin zog ihn hinter eine Scheidewand und hier hielten ſie den Athem an ſich, während Aennchen wenige Schritte vor ihnen vorbeiging und dann das Haus verließ. »Nun,« ſagte der junge Jude, welcher die Thür in der Hand hielt. Noah wechſelte einen Blick mit Fagin und eilte hinaus. » Links,« flüſterte der Jude;»halte Dich links und an der andern Seite.« Noah that es und erkannte die Geſtalt des Mädchens in einiger Entfernung von ihm. Er eilte ihr nach ſo weit als er es für zweckmäßig hielt, und blieb an der entgegengeſetzten Seite der Straße, um ſie beſſer beob⸗ achten zu können. Sie ſah ſich einige Male ängſtlich um, und blieb einmal ſtehen, um zwei Männer vorüber zu laſſen, die dicht hinter ihr gingen. Je weiter ſie kam, deſto mehr Muth ſchien ſie zu faſſen, und mit feſterem, 7 100 Oliver Twiſt. ſichererm Tritte zu gehen. Der Spion hielt ſich immer in derſelben Entfernung, ließ ſie aber nicht aus den Augen. Achtes Kapitel. Die Zuſammenkunft. Die Kirchenuhren ſchlugen drei Viertel auf Zwölf, als zwei Geſtalten auf der Londoner Brücke erſchienen. Die eine, welche mit raſchen Schritten dahineilte, war ein Mädchen, die ſich unaufhörlich umſah, als ſuche ſie einen erwarteten Gegenſtand; die andere war ein jun⸗ ger Mann, der in dem dunkelſten Schatten, welchen er ſinden konnte, hinſchlich, ſeine Schritte in einiger Ent⸗ fernung ganz nach denen des Mädchens richtete, ſtehen blieb, wenn ſie ſtand, und ſobald ſie weiter ging, eben⸗ falls wieder fortſchlich, aber ihr nie zu nahe kam. So kamen Sie über die Brücke, und das Mädchen, das ſich offenbar nicht gern ſehen laſſen wollte, kehrte um. Dieſe Bewegung geſchah ſehr ſchnell, der aber, welcher ihr folgte, blieb immer auf ſeiner Hut, denn er trat hinter einen Pfeiler der Brücke, ließ ſie an der entgegengeſetz⸗ ten Seite vorübergehen, und ſchlich ihr dann wieder nach Faſt in der Mitte der Brücke blieb ſie ſtehen; der Lau⸗ ſcher ebenfalls. 3 Es war eine ſehr finſtere Nacht. Den Tag über war das Wetter unfreundlich geweſen, und es gingen nur noch wenige Perſonen umher. Alle eilten ſchnell vorüber, viel⸗ leicht ohne die Beiden zu ſehen, gewiß aber, ohne ſich — F grauem Haar in geringer Entfernung von der Brücke Oliver Twiſt. 101 um dieſelben zu kümmern. Ihr Ausſehen war nicht von der Art, daß es die zudringlichen Blicke der Londoner Armen auf ſich gezogen hätte, die in dieſer Nacht zufäl⸗ lig über die Brücke gingen, um einen kalten Brückenbo⸗ gen oder eine thürloſe Hütte zu ſuchen, und daſelbſt ihr Haupt niederzulegen; ſie ſtanden da, ohne mit den Vor⸗ übergehenden zu ſprechen oder von dieſen angeredet zu werden. Ueber dem Fluſſe ſchwebte ein Nebel, der den rothen Schein der Feuer dunkler färbte, welche auf den kleinen in der Nähe liegenden Fahrzeugen brannten, und die Ge⸗ bäude an den Ufern düſterer und unkenntlicher machte. Die alten rauchgeſchwärzten Lagerhäuſer an beiden Sei⸗ ten ragten finſter über die dichtgedrängte Dächer⸗ und Giebelmenge hinweg und blickten düſter auf den Fluß hinunter, der zu dunkel war, als daß er ihr Bild hätte in ſich aufnehmen können. Der Thurm der alten Erlö⸗ ſerkirche allein blieb in der Dunkelheit ſichtbar, der Wald der Maſten aber unten und die vielen Kirchthurmſpitzen oben waren in Finſterniß gehüllt. Das Mädchen war Einigemale unruhig hin und her gegangen— von ihrem Belauſcher nicht aus dem Auge gelaſſen— als die ſchwere Glocke von St. Paul die Todesſtunde des Tages ſchlug. Mitternacht hatte ſich uber die große Stadt geſenkt und ruhete über dem Pa⸗ laſte, über der Wohnung unter der Erde, über dem Ge⸗ fängniſſe und dem Irrenhauſe, über Gebährenden und Sterbenden, über Geſunden und Kranken, über den ſtar⸗ ren Zügen des Leichnams wie über dem ruhigen Schlum⸗ mer des Kindes. Kaum waren zwei Minuten ſeit dem Glockenſchlage vergangen, als eine junge Dame und ein Herr mit Oliver Twiſt. aus einem Miethwagen ſtiegen, denſelben fortſchickten und gerade auf die Brücke zu kamen. Kaum hatten ſie dieſelbe betreten, als das Mädchen erſchrak und ihnen entgegenging. Sie ſahen ſich um, wie Jemand, der wenig Hoffnung hat, daß etwas Erwartetes erſcheinen werde, als das Mädchen vor ihnen ſtand. Sie blieben mit einem Aus⸗ druck der Ueberraſchung ſtehen, unterdrückten denſelben aber, denn Jemand im Fuhrmannsanzuge ſtrich gerade in dieſem Augenblicke dicht an ihnen vorbei. »Nicht hier,« ſagte Aennchen eilig.»Hier ſcheue ich mich, mit Ihnen zu ſprechen. Kommen Sie— weg von der Straße— dort die Stufen hinunter.« Als ſie dieſe Worte ſprach und nach der Richtung hin zeigte, welche ſie gehen ſollten, drehete ſich der Fuhrmann um, fragte barſch, warum ſie den ganzen Fahrweg da einnähmen und ging weiter. Die Stufen, welche das Mädchen gemeint hatte, führten an den Fluß hinunter und dienten als Landungs⸗ platz. Dahin eilte der Mann im Fuhrmannskittel un⸗ bemerkt voraus. Dieſe Stufen gehören zu der Brücke und beſtehen in drei Abſätzen. Gerade wo der zweite Abſatz nach unten endigt, läuft die Steinwand zur Linken in einen ver⸗ zierten Pfeiler nach der Themſe zu aus. An dieſer Stelle werden die untern Stufen breiter, ſo daß die Perſon, welche hinter den Pfeiler tritt, von andern Leu⸗ ten auf den Stufen nicht geſehen werden kann. Der Mann im Fuhrmannskittel ſah ſich raſch um, als er dieſe Stelle erreicht hatte, und da es kein beſſeres Lauſcher⸗ plätzchen geben konnte, auch eben Ebbe war, ſo trat er bei Seite, lehnte ſich mit dem Rücken an den Pfeiler und wartete da in der feſten Ueberzeugung, die drei — Oliver Twiſt. 103 Perſonen würden nicht weiter hinuntergehen und er werde, im Fall er auch das Geſpräch nicht höre, ihnen doch in aller Sicherheit wieder folgen können. Die Zeit verging an dieſer einſamen Stelle ſo lang⸗ ſam und der Lauſcher war ſo begierig, das Geheimniß dieſer Zuſammenkunft zu erfahren, welche er durchaus nicht erwartet hatte, daß er die Sache mehrmals ſchon verloren gab und ſich einredete, die drei Perſonen wä⸗ ren entweder oben geblieben oder hätten ſich an einen andern geheimnißvollen Ort begeben. Er wollte ſchon ſein Verſteck wieder verlaſſen und hinaufgehen, als er Fußtritte und bald darauf Stimmen ganz in ſeiner Nähe hörte. Er drückte ſich dicht an die Mauer, wagte kaum zu athmen und horchte aufmerkſam. „Dies iſt weit genug,“ ſagte eine Stimme, offenbar die des alten Herrn;»weiter werde ich die junge Dame nicht gehen laſſen. Viele würden nicht einmal ſo weit mitgegangen ſein. Warum uns überhaupt hierher an dieſen ſchauerlichen Ort, an den Rand des Waſſers, füh⸗ ren? Warum ließen Sie mich nicht oben mit Ihnen re⸗ den?« »Ich ſagte Ihnen ſchon,“ entgegnete Aennchen, „daß ich mich ſcheue, oben mit Ihnen zu ſprechen. Ich weiß nicht, warum, aber ich fürchte mich und zittere dieſe Nacht ſo, daß ich kaum auf den Beinen ſte⸗ hen kann.« 3 3 „Was fürchten Sie?« fragte der Herr, der ſie zu be⸗ 8 mitleiden ſchien. »„Ich weiß es kaum ſelbſt,“ antwortete das Mädchen. „»Todesgedanken und Bilder von blutigen Lumpen, eine Furcht und Angſt, die wie Feuer in meinen Gliedern brannte, haben mich den ganzen Tag nicht verlaſſen. Oliver Swiſt. Ich las am Abend in einem Buche, um die Zeit zu vertreiben, aber ich ſah immer Blut vor mir auf den Blättern.« »Die Einbildung,“ ſagte der Herr beruhigend. »Nein, nicht die Einbildung,« entgegnete das Mäd⸗ chen mit heiſerer Stimme.»Ich will es beſchwören, daß ich Sarg und»„Blut“ und»Tode in großen ſchwarzen Buchſtaben auf jeder Seite ſah, und einen Sarg trug man jetzt auf der Straße dicht an mir vor⸗ über.“ »Das iſt nichts Ungewöhnliches,« ſagte der Herr. »Mir ſind oft Särge begegnet.“ „Ja, wirkliche Särge,« entgegnete das Mädchen; „der, welchen ich ſah, war kein wirklicher.« 34 Es lag etwas ſo Ungewöhnliches in der Stimme des Mädchens, daß der Lauſcher bei dieſen Worten ſchau⸗ derte und das Blut in ſeinen Adern gleichſam gefror. Nie hatte er eine größere Herzenserleichterung empfun⸗ den, als jetzt durch die liebliche Stimme der jungen Dame, welche das Mädchen erſuchte, ſich zu beruhigen und nicht durch ſolche grauenhafte Einbildungen zu ängſtigen. »Sprechen Sie freundlich mit ihr,« ſagte die junge Dame zu ihrem Begleiter;»das arme Mädchen!« »Die hochmüthigen Geiſtlichen hätten ihr Haupt ſtolz erhoben, wenn ſie mich dieſe Nacht geſehen, und gewiß von Strafe und der Hölle gepredigt,« ſprach das Mäd⸗ chen.»Ach, liebe Dame, warum ſind die, welche ſich Gottes Diener nennen, gegen uns arme Elende nicht ſo ſanft und gütig, wie Sie es trotz Ihrer Jugend und Schönheit ſind.« Nach einer Pauſe begann der alte Herr wieder: »Sie kamen vorigen Sonntag nicht?« ————— ——— Oliver Twiſt. 105 „Ich konnte nicht kommen,“ antwortete Aennchen, „man hielt mich mit Gewalt zurück.« „»Wer?2« »Wilhelm,— von dem ich ſchon mit der jungen Dame geſprochen habe.« »Hatte man Argwohn, daß Sie mit Jemandem über den Gegenſtand geſprochen, der uns dieſe Nacht hierher geführt hat?« fragte der alte Herr beſorgt. „»Nein,« antwortete das Mädchen kopfſchüttelnd;»es iſt nicht leicht für mich, ihn zu verlaſſen, wenn er nicht weiß, warum ich es thue; ich hätte auch das Erſtemal die junge Dame nicht ſehen können, wenn ich ihm nicht vorher Opium gegeben.«⸗ »Erwachte er, ehe Sie zurückkamen?« fragte der Herr. »Nein, und weder er, noch ſonſt Jemand argwohnt etwas.« „Gut,« ſagte der Herr.»Nun hören Sie mich an.« »Ich bin bereit,« antwortete das Mädchen, als er einen Augenblick innehielt. „Die junge Dame,« begann der Herr,»hat mir und einigen andern zuverläſſigen Freunden das mitgetheilt, was Sie ihr vor faſt vierzehn Tagen offenbarten. Ich geſtehe, ich zweifelte anfangs, ob Ihnen unbedingt zu trauen ſei, jetzt aber glaube ich Ihnen.« „Das können Sie auch,« antwortete das Mädchen ernſt. »Ich wiederhole, daß ich Ihnen vollkommen glaube, und um Ihnen mein Vertrauen zu beweiſen, ſage ich Ihnen unverhohlen, daß wir entſchloſſen ſind, das Ge⸗ heimniß, ſei es auch, welches es wolle, jenem Monks zu entreißen. Aber wenn,— wenn,« fuhr der Herr fort,»wenn er nicht erlangt werden kann, oder wenn Oliver Twiſt. durch ſeine Ermittelung nicht Alles an das Licht zu brin⸗ gen iſt, müſſen Sie den Juden uns überliefern.« „»Fagin!« rief das Mädchen erſchrocken. »Den Mann müſſen Sie uns überliefern,« wieder⸗ holte der Herr. 4 »Das werde ich nie, nie thun,« entgegnete das Mäd⸗ chen.»So ſehr er auch ein Teufel iſt und ob er auch gegen mich ſchlimmer als ein Teufel geweſen iſt, werde ich dies doch nicht thun.⸗ »Sie wollen nicht?« fragte der Herr, der auf dieſe Antwort vorbereitet zu ſein ſchien. »Nein!« entgegnete das Mädchen. »Sagen Sie mir, warum?« »Aus einem Grunde,« entgegnete das Mädchen feſt, vaus dem Grunde, den die Dame kennt, und dann, weil er zwar ein ſchlechtes Leben geführt hat, ich aber auch nicht beſſer geweſen bin. Wir ſind unſerer viele, die 4 eine Lebensweiſe geführt haben, und ich will an ihnen nicht zur Verrätherin werden, da ſie manchmal, ſo ſchlech ſie auch waren, mich nicht verrathen haben, als es thun konnten.« »Dann,“ ſagte der Herr ſchnell, als ſei dies der Ge⸗ genſtand, den er zu erreichen wünſche,—„dann liefern Sie mir Monks in die Hände und laſſen Sie mir freies Spiel mit ihm.« »Wenn er nun die Andern verräth?« »Ich verſpreche Ihnen, daß keine Unterſuchung erfol⸗ gen ſoll, wenn er die Wahrheit ſagt; es müſſen Um⸗ 4 ſtände in der kleinen Lebensgeſchichte Olivers ſich finden,* die man nicht gern vor das Publikum bringt, und wenn wir nur die Wahrheit erfahren, wollen wir uns damit 1 begnügen.« »Und wenn das nicht geſchieht?« fragte das Mädchen. 1 Oliver Kwiſt. 107 „»Dann,« fuhr der Herr fort,»ſoll jener Jude nicht ohne Ihre Einwilligung zur Rechenſchaft gezogen wer⸗ den. In einem ſolchen Falle würde ich Ihnen Gründe vorlegen, die Sie gewiß beſtimmten, dieſe Einwilligung zu geben.« 4 „Verſpricht mir dies auch die junge Dame?« fragte das Mädchen eifrig. »Allerdings,« erwiederte Roſa. „»Monks ſoll nie erfahren, woher Sie Alles wiſſen?« fragte das Mädchen nach einer kurzen Pauſe. »Nie,« antwortete der Herr.»Man wird ihn ſo be⸗ handeln, daß er nicht einmal errathen kann, woher wir die Kunde haben.“ „Ich habe gelogen und bin unter Lügnern geweſen von Jugend auf,« ſagte das Mädchen nach einer neuen Pauſe,»aber ich will Ihren Worten glauben.« Nachdem ſie von Beiden die Verſicherung erhalten hatte, daß ſie dies unbeſorgt thun könne, begann ſie ſo leiſe, daß es dem Lauſcher oft ſchwer wurde zu verſtehen, was ſie ſagte, die Lage des Wirthshauſes zu beſchreiben, von dem aus ſie dieſe Nacht verfolgt worden war. Aus „der Art, wie ſie bisweilen innehielt, ſchloß der Hor⸗ cher, daß der Herr die Mittheilungen ſich aufzeichne. Nachdem ſie die Oertlichkeit des Hauſes, den beſten Stand, von dem aus daſſelbe beobachtet werden könne, und die Nacht und Stunde angegeben hatte, wann Monks gewöhnlich dort ſich einfinde, ſchien ſie einige Augenblicke nachzudenken, um ſich ſeiner Züge und ſeines Ausſehens deutlicher zu erinnern. „Er iſt lang,« ſagte das Mädchen,»kräftig gebaut, aber nicht ſtark; beim Gehen ſieht er ſich immer um, erſt nach der einen, dann nach der andern Seite. Noch etwas; ſeine Augen liegen um ſo viel tiefer als bei an⸗ Oliver Twiſt. dern Leuten, daß Sie ihn daran allein erkennen werden. Sein Geſicht iſt dunkel, wie ſein Haar und Auge ſchwarz, aber, ob gleich er kaum ſechs bis achtundzwanzig Jahre zählen kann, abgelebt und eingefallen. Seine Lippen entfärben ſich oft und werden durch Biſſe entſtellt, denn er hat oft heftige Zufälle und beißt ſich manchmal ſelbſt in die Hände,— warum erſchrecken Sie?« Der Herr entgegnete eilig, er wiſſe es nicht, daß er erſchrocken ſei und bat das Mädchen fortzufahren. »Zum Theil weiß ich dies,« ſagte das Mädchen, „»von andern Leuten, die jenes Haus beſuchen, denn ich ſelbſt habe ihn nur zweimal geſehen und beidemale hatte er ſich in einen großen Mantel gehüllt. Weiter werde ich Ihnen nichts von ihm ſagen können. Doch warten Sie; an ſeinem Halſe, ſo weit eben, daß man etwas unter ſeiner Binde ſehen kann, wenn er den Kopf nach der Seite dreht, iſt—« „Ein breiter rother Fleck, wie ein Brandfleck,« ſiel der Herr ein. »Was?« entgegnete das Mädchen,»Sie kennen ihn?« Roſa gab ihr Erſtaunen durch einen Ausruf zu er⸗ kennen und einige Augenblicke waren ſie ſo ſtill, daß der Lauſcher deutlich ihren Athem hörte. »Ich glaube ihn zu kennen,« ſagte endlich der Herr. »Wir werden ſehen. Manche Leute haben freilich eine große Aehnlichkeit mit Andern,— er kann es auch nicht ſein.« Während er dies mit ſcheinbarer Gleichgültigkeit ſprach, trat er ein Paar Schritte näher zu dem Horcher, wie dieſer aus der Deutlichkeit ſchloß, mit welcher er ihn murmeln hörte:»er muß es ſein.« »Nun,« fuhr er dann fort, während er wahrſcheinlich wieder an die Stelle trat, wo er vorher geſtanden hatte, Oliver Twiſt. 109 „Sie haben uns einen höchſt werthvollen Dienſt geleiſtet und ich wünſche, Ihnen dafür dankbar zu ſein. Womit kann ich Ihnen gefällig ſein?« »Mit nichts,« antwortete Aennchen. „Dabei werden Sie nicht verharren,« entgegnete der Herr in einem ſo freundlichen und theilnehmenden Tone, daß er wohl ein verſtockteres Herz hätte erweichen kön⸗ nen.»Denken Sie nach und ſprechen Siß unverhohlen.« »Mit nichts, Herr,« wiederholte das Mädchen wei⸗ nend.„Sie können mir nicht helfen. Mir iſt keine Hoff⸗ nung übrig geblieben.“ „Die Vergangenheit iſt für Sie freilich eine traurige Einöde geweſen, Sie haben die Jugendkräfte zu unrech⸗ ten Zwecken verbraucht und die Güter vergeudet, welche der Schöpfer nur einmal und nie wieder giebt, aber für die Zukunft dürfen Sie noch immer hoffen. Ich will nicht behaupten, daß wir Ihnen Seelenruhe und Frieden des Herzens bieten können, dieſe müſſen Sie erſt wieder zu erlangen ſuchen, aber einen ruhigen Zufluchtsort in England oder, wenn Sie hier nicht bleiben wollen, im Auslande, vermögen und wünſchen wir Ihnen zu ver⸗ ſchaffen. Ehe der Morgen tagt, ſollen Sie ſo ganz au⸗ ßer dem Bereiche Ihrer frühern Gefährten gebracht, ſol⸗ len alle Spuren von Ihnen ſo gänzlich vertilgt ſein, als wären Sie in dieſem Augenblicke von der Erde ver⸗ ſchwunden. Kommen Sie. Ich möchte nicht, daß Sie zurückkehrten und noch ein Wort mit irgend einem Ge⸗ fährten wechſelten oder die Luft noch einmal athmeten, welche Peſt und Tod für Sie iſt. Verlaſſen Sie Alles, weil noch Zeit und Gelegenheit dazu iſt.« »„Sie wird ſich überreden laſſen,« ſagte die junge Dame,»ſie zögert.⸗ »Ich fürchte, nein,« ſagte der Herr. ₰ 110 Oliver Twiſt. »Nein, Herr, nein,« entgegnete das Mädchen nach einem kurzen Kampfe.»Ich bin an mein früheres Le⸗ ben gefeſſelt. Zwar haſſe und verabſcheue ich es jetzt, aber ich kann mich nicht davon losreißen. Ich muß zu weit gegangen ſein, da ich nicht mehr umkehren kann. Ach,« ſetzte ſie hinzu, indem ſie ſich ängſtlich umſah,»die Furcht befällt mich wieder. Ich muß nach Hauſe gehen.« »Nach Hauſe!« wiederholte die junge Dame, jenes Wort ſtark betonend. »Nach Hauſe, ja,« wiederholte das Mädchen,»nach der Heimath, die ich mir durch mein ganzes Leben er⸗ worben habe. Laſſen Sie uns ſcheiden. Ich werde beob⸗ achtet oder geſehen werden. Gehen Sie, gehen Sie. Habe ich Ihnen irgend einen Dienſt erwieſen, ſo ver⸗ 84 lange ich nichts, als daß Sie mich nun verlaſſen und mir erlauben, allein zurückzukehren.« „ Es iſt vergeblich,« ſagte der Herr mit einem Seuf⸗ 5 zer.»Wir gefährden vielleicht ihre Sicherheit, wenn wir länger hier bleiben. Vielleicht haben wir ſie ſchon länger aufgehalten, als ſie erwartete.⸗ »Ja, ja, das haben Sie,« entgegnete das Mäd⸗ chen. »Wie,« ſprach die junge Dame,»wie kann das Ende des Lebens der Armen ſein?« »Wie?« wiederholte das Mädchen.»Sehen Sie das dunkele Waſſer da vor Ihnen. Wie oft leſen Sie von ſolchen, wie wir, welche in die Fluth hineinſpringen und von keinen lebenden Weſen betrauert werden! Es können Jahre vergehen, es kann auch bereits nach weni⸗— gen Monaten geſchehen, aber ſo wird mein Leben auch endigen.« »Sprechen Sie nicht alſo,« entgegnete die junge Dame ſchluchzend. 4 — Oliver Twiſt. 8 111 » Sie werden nie davon hören, liebe Dame, verhüte es Gott, daß ſo Gräßliches zu Ihren Ohren gelange!⸗ erwiederte das Mädchen.»Gute Nacht! Gute Nacht!⸗ Der Herr drehete ſich um. „»Dieſen Beutel!« ſagte die junge Dame.»Nehmen Sie ihn um meinetwillen, damit Sie eine Unterſtützung in einer Zeit der Noth haben.« »Nein, nein,« erwiederte das Mädchen.»Für Geld habe ich dies nicht gethan. Laſſen Sie mir dieſen Troſt, aber— geben Sie mir etwas, das Sie getragen haben, — ich hätte gern etwas,— nein, nein, keinen Ring, — Ihre Handſchuhe oder Ihr Taſchentuch, etwas, das ich als ein Andenken von Ihnen, liebe Dame, aufbe⸗ wahren kann. Gott ſegne Sie dafür! Gute Nacht, gute Nacht!« Die große Unruhe des Mädchens und die Beſorgniß, ſie könne entdeckt werden und dadurch ſich Mißhandlungen ausſetzen, ſchien den Herrn zu beſtimmen, ſie zu verlaſ⸗ ſen, wie ſie es wünſchte. Man hörte Tritte ſich entfer⸗ nen und die Stimmen ſchwiegen. Die beiden Geſtalten der jungen Dame und ihres Be⸗ gleiters erſchienen bald darauf auf der Brücke. Sie blieben oben auf den Stufen ſtehen. 3 »Horch!« rief die junge Dame.„»Rief ſie? Ich glaubte, ihre Stimme zu hören.«⸗ »Nein,« entgegnete Brownlow, der betrübt zurück⸗ blickte.»Sie hat ſich nicht bewegt und wird es nicht, bis wir fort ſind.⸗. Roſa Maylie zögerte, aber der alte Herr nahm ih⸗ ren Arm und zog ſie mit ſich fort. Als ſie verſchwan⸗ den, fiel das Mädchen auf einer der ſteinernen Stufen auf ihre Kniee nieder und machte der Angſt ihres Her⸗ zens durch bittere Thränen Luft. Oliver Twiſt. Nach einiger Zeit ſtand ſie auf und ſtieg wankend und unſicher die Stufen nach der Straße hinauf. Der erſtaunte Lauſcher blieb bewegungslos noch einige Mi⸗ nuten darauf auf ſeinem Poſten; erſt als er ſich mehr⸗ mals vorſichtig umgeſehen und ſich überzeugt hatte, daß er allein ſei, ſchlich er langſam aus ſeinem Verſtecke hervor und kehrte im Schatten der Mauer leiſe zurück, wie er hinuntergeſtiegen war. Oben ſah er ſich nochmals um, ob er unbeachtet ſei, dann aber eilte er nach dem Hauſe des Juden ſo ſchnlle als ihn ſeine Beine tragen wollten.. Neuntes Kapitel. Verderbliche Folgen. Es war etwa zwei Stunden vor Tagesanbruch,— die Zeit, wann die Straßen ſtill und öde ſind, ſelbſt der Schall zu ſchlummern ſcheint, und die Ausſchweifung nach Hauſe gewankt iſt, um zu träumen,— in dieſer ſtillen Zeit war es, als der Jude wachend in ſeiner alten Höhle, mit ſo bleichem und verzerrtem Geſichte, mit ſo rothen Augen ſaß, daß er weniger einem Menſchen als einem grabesfeuchten häßlichen Geſpenſte glich. Er hatte ſich über den alten Heerd gekauert, in eine alte zerriſſene Decke gehüllt und wendete ſein Geſicht nach einem faſt niedergebrannten Lichte, das neben ihm auf einem Tiſche ſtand. Seine rechte Hand war zu ſeinen Lippen emporgehoben; ſo biß er ſich, in Gedan⸗ ken verſunken, in ſeine langen ſchwarzen Nägel und Oliver Twiſt. 113 zeigte auf ſeinem Zahnfleiſche einige wenige Zähne, die Hunde⸗ oder Rattenzähnen glichen. Auf einer Matratze am Boden lag Noah Claypole in tiefem Schlafe. Nach ihm hinwendete der alte Mann auf einen Augenblick ſeine Augen, ließ ſie dann aber nach dem Lichte zurückkehren, das eine lange Schnuppe gebildet hatte, geſchmolzenes Talg auf den Tiſch herab⸗ tropfen ließ, und ſo zeigte, daß die Gedanken des Man⸗ nes mit andern Dingen beſchäftigt waren. Und ſo war es. Der Verdruß über das Fehlſchla⸗ gen ſeines Planes, der Haß gegen das Mädchen, das gewagt hatte, Fremden Geheimniſſe mitzutheilen, ein völliges Mißtrauen gegen die Aufrichtigkeit ihrer Wei⸗ gerung, ihn zu verrathen, bittere Täuſchung in ſeiner Erwartung, ſich an Sikes zu rächen, die Furcht vor Entdeckung und Tod und eine brennende Wuth, die durch alles dies entflammt war,— alle dieſe Gefühle, Gedanken und Empfindungen wogten brauſend in ihm auf und ab, während die ſchwärzeſten Vorſätze in ſei⸗ nem Herzen ſich vorbereiteten. So ſaß er da, ohne im mindeſten ſeine Stellung zu verändern, ohne, wie es ſchien, im geringſten auf die Ieit zu achten, bis ſein ſcharfes Ohr durch Tritte auf der Straße aufmerkſam gemacht wurde. „»Endlich,« murmelte der Jude, indem er über ſeinen trockenen brennenden Mund ſtrich.»Endlich.“« Während er dies ſagte, wurde leiſe die Klingel ge⸗ zogen. Er ſchlich die Stufen nach der Thür hinauf und kam gleich darauf mit einem Manne zurück, der bis an das Kinn vermummt war und ein Bündel un⸗ ter dem Arme trug. Der Mann war Sikes. »Da,« ſagte er, indem er das Bündel auf den Tiſch legte.»Bewahre es wohl, es hat mir Mühe genug ge⸗ Oliver Twiſt. III. 8 114 Oliver Twiſt. koſtet, es zu bekommen; ich glaubte, ſchon vor drei Stunden wieder hier zu ſein.« Fagin legte die Hand auf das Bündel, nahm daſſelbe und ſchloß es in den Schrank und ſetzte ſich wieder nie⸗ der, ohne zu ſprechen. Aber er wendete kein Auge von dem Räuber während der Zeit, und als ſie endlich ein⸗ ander wieder gegenüber ſaßen, blickte er ihn feſt an, während ſeine Lippen ſo heftig zitterten und ſein Geſicht durch die Gefühle, die in ihm tobten, ſo verändert wurde, daß der Dieb unwillkürlich mit ſeinem Stuhle zurückrückte und ihn mit wirklichem Entſetzen betrachtete. »Was giebt's?« rief Sikes.»Warum ſiehſt Du mich ſo an? Rede!« Der Jude erhob ſeine rechte Hand und ſchüttelte ſei⸗ nen zitternden Zeigefinger in der Luft, aber ſeine Lei⸗ denſchaft war ſo gewaltig, daß er für den Augenblick nicht zu ſprechen vermochte. »Gott verdamm' mich,« ſprach Sikes mit ängſtlichem Blicke,»er iſt verrückt geworden. Ich muß auf meiner Hut ſein.« »Nein, nein,« ſprach Fagin endlich, nein, Dich meine ich nicht. Nein, gegen Dich, gegen Dich habe ich nichts.« »Haſt Du wirklich nicht?« fragte Sikes, indem er ihn finſter anblickte und recht ſichtbar ein Piſtol in eine andere Taſche ſteckte,»das iſt ein Glück— für einen von uns; für welchen, gilt gleich.« »Ich habe Dir etwas zu ſagen, Wilhelm,« ſagte der Jude, indem er ſeinen Stuhl näher zu demſelben rückte, 3 das Dich noch mehr aufbringen wird als mich.« 8 »Nun?« fragte der Räuber mit ungläubiger Miene, „ſo rede, und mach' ſchnell, ſonſt denkt Aennchen, ich bin verloren.« Oliver Twiſt. 115 »Verloren!« wiederholte Fagin.»Dafür hat ſie ſchon ſelbſt geſorgt.⸗ Sikes ſah den Juden höchſt überraſcht an, da er aber auf dem Geſichte deſſelben die Auflöſung des Räth⸗ ſels nicht finden konnte, ſo packte er den Rockkragen des Alten mit ſeiner gewaltigen Fauſt und ſchüttelte ihn tüch⸗ tig.»Wirſt Du nun reden?« ſagte er;»wird es nicht bald, ſo ſollſt Du gleich keinen Athem mehr dazu haben. Thu' das Maul auf und ſage mit verſtändlichen Worten, was Du zu ſagen haſt. Heraus damit, alter Hund, her⸗ aus damit!« »Denke Dir, der Burſche da—« begann Fagin. Sikes drehete ſich um nach der Stelle, wo Noah ſchlief, als habe er denſelben vorher nicht bemerkt. „»Nun?« fuhr er fort, als er ſeine frühere Stellung wie⸗ der angenommen hatte.. »Denke, der Burſche,“ fuhr der Jude fort,„»plauderte, — verriethe uns Alle,— ſuchte erſt die rechten Leute dazu aus und hielte dann eine Zuſammenkunft mit ihnen auf der Straße, beſchriebe uns, ſagte alle Merkmale, damit man uns erkenne und nenne den Platz, wo wir am leichteſten gefangen werden können. Denke Dir, er thue Alles dies, bloß weil es ihm ſo geſiele, ſchleiche in der Nacht hinaus, um die aufzuſuchen, die am meiſten ge⸗ gen uns eingenommen ſind und plaudere gegen ſie aus. Hörſt Du?« fragte der Jude, deſſen Augen vor Wuth funkelten.»Denke, er habe Alles dies gethan, was ge⸗ ſchähe dann?« »Was dann geſchähe?« wiederholte Sikes mit einem fürchterlichen Fluche.»Wäre er noch lebendig, wenn ich käme, ſo würde ich ſeinen Schädel unter dem Hufeiſen meines Stiefels in ſo viele Stückchen zertreten, als er Haare auf dem Kopfe hat.« 8* Oliver Twiſt. »Und wenn ich es gethan hätte?« ſchrie der Jude mit gellender Stimme,»ich, der ich ſo viel weiß und außer mir ſo Viele an den Galgen bringen könnte?« »Ich weiß es nicht,« antwortete Sikes, der mit den Zähnen knirſchte und bei dem bloßen Gedanken vor Wuth blaß wurde.»Ich thäte etwas, das mich in Ket⸗ ten brächte und käme ich mit Dir zugleich vor Gericht, ich fiele vor den Richtern über Dich her und ſchlüge Dir das Hirn aus dem Schädel. Ich würde ſo viel Kraft haben,« ſagte der Räuber, indem er ſeinen nervi⸗ gen Arm ausſtreckte,»daß ich Deinen Kopf zertrümmern würde, als wäre ein Laſtwagen darüber gegangen.«⸗ »Das würdeſt Du thun?« »Ja, das würde ich!« ſagte der Dieb.»Verſuche es einmal.« »Hätte es Karlchen gethan, oder der Sappermenter, oder Lieschen, oder—« „Mir einerlei, wer es gethan hätte,« antwortete Si⸗ kes ungeduldig.»Wer es wäre, ich würde ihn bedie⸗ nen.« Fagin ſah den Räuber nochmals ſcharf an, winkte ihm dann, ſtill zu ſein, bückte ſich über das Bett am Boden und ſchüttelte den Schläfer, um ihn zu erwecken. Sikes bog ſich auf ſeinem Stuhle vor, legte die Hände auf die Kniee und ſchien neugierig zu ſein, womit alle dieſe Fragen und Vorbereitungen endigen würden. »Bolter! Bolter! Armer Burſche!« ſagte Fagin; ver iſt müde, müde, weil er ſie ſo lange belauſihte,— ſie belauſchte, Wilhelm.« 116 »Wen meinſt Du?« fragte Sikes, der ſich wieder zu⸗ rücklehnte. Der Jude antwortete nicht, ſondern bückte ſich von neuem über den Schlafenden und zog ihn in eine Oliver Twiſt. 117 ſitzende Stellung empor. Als er noch mehrmals bei ſei⸗ nem angenommenen Namen gerufen worden war, rieb ſich Noah die Augen, gähnte und ſah ſich ſchlaftrunken um. »Sage mir das noch einmal— noch einmal, damit er es hört,« ſagte der Jude, indem er auf Sikes zeigte. „»Was ſoll ich Ihnen ſagen?« fragte Noah ſchlaftrun⸗ ken, indem er ſich ſchüttelte. „Das von Aennchen,« entgegnete der Jude, indem er Sikes an der Hand faßte, als wolle er ihn hindern, das Haus zu verlaſſen, ehe er genug gehört.»Du folg⸗ teſt ihr?« »Ja.« »Nach der Londoner Brücke?« „Jg.« »Wo ſie zwei Leute traf?« „Ja.« »„Einen Herrn und eine Dame, die ſie vorher ſchon einmal aufgeſucht hatten, die ſie aufforderten, alle ihre Bekannten zu verrathen, hauptſächlich Monks,— was ſie auch that,— und ihn zu beſchreiben,— was ſie auch that,— und zu ſagen, in welchem Hauſe wir zu⸗ ſammenkämen,— was ſie auch that,— und wo dies am beſten belauert werden könne,— was ſie auch that,— und zu welcher Zeit die Leute dahin gingen,— was ſie auch that. Sie that dies alles; ſie ſagte alles ohne eine Drohung, ohne ein Murmeln,— ſie that es, nicht wahr?« rief der Jude, halb wahnſinnig vor Wuth. »Alles richtig,« antwortete Noah, der ſich auf dem Kopfe kratzte.»Gerade ſo war es.«⸗ »Und was ſagte ſie vom vorigen Sonntage 2 fragte der Jude. 118 Oliver Twiſt. »Vom vorigen Sonntage?« wiederholte Noah nach⸗ denkend.»Das habe ich Ihnen ſchon erzählt.« »Noch einmal, erzähle es noch einmal,« rief Fagin, indem er Sikes feſter hielt und mit der andern Hand in der Luft herumfuhr, während der Schaum ihm vor dem Munde ſtand. »Sie fragte ſie,« ſagte Noah, der, als er mehr und mehr ſich verwunderte, zu errathen ſchien, wer Sikes wohl ſein mochte,»ſie fragten ſie, warum ſie am voͤri⸗ gen Sonntage nicht gekommen ſei, wie ſie verſprochen. Sie ſagte, ſie habe nicht gekonnt.« »Warum? warum? fragte der Jude triumphirend, „ſage ihm das.« »Weil ſie mit Gewalt von Wilhelm zu Hauſe gehalten worden ſei, von dem Manne, von dem ſie bereits er⸗ zählt habe,« erwiederte Noah. »Was noch von ihm?« ſprach der Jude;»was noch von dem Manne, von dem ſie bereits erzählt? Sage ihm das, ſage ihm das.⸗ »Sie könne nicht leicht aus dem Hauſe kommen, wenn er nicht wiſſe, wohin ſie gehe,« ſagte Noah,»des⸗ halb habe ſie ihm, als ſie das Erſtemal zu der Dame gegangen ſei,— ha! ha! ha! ich mußte lachen, als ſie es ſagte— Opium eingeben.« „Höllenfeuer!« ſchrie Sikes, indem er ſich mit Gewalt von dem Juden losriß.„Laß mich!« Er ſchleuderte den alten Mann von ſich, ſtürzte aus der Stube hinaus und polterte die Stufen hinan. »Wilhelm! Wilhelm!« rief der Jude, der ihm ſchnell folgte.»Noch ein Wort, nur Ein Wort!« 3 Das Wort würde nicht haben geſprochen werden kön⸗ nen, wäre es dem Räuber nicht unmöglich geweſen, die Thür aufzumachen, an der er vergebens alle Flüche und 119 alle ſeine Kräfte ausließ, als der Jude ihm nachgekeucht kam. »Laß mich hinaus!« ſagte Sikes.»Rede nicht mit mir,— es iſt gefährlich. Laß mich hinaus, ſage ich dir.« »Höre nur noch ein Wort an,« entgegnete der Jude, der an das Schloß griff.»Du wirſt nicht—« »Nun?« »Du wirſt nicht— zu— heftig ſein, Wilhelm?« grinſete der Jude. Der Tag brach an und es war bereits ſo hell, daß Beide einander in das Geſicht ſehen konnten. Sie wech⸗ ſelten einen flüchtigen Blick und in Beider Augen lag ein Feuer, das nicht falſch zu deuten war. »„Ich meine,“« fuhr der Jude fort, der nun wohl ein⸗ ſah, daß alle Vorſtellung nutzlos ſei,»nicht zu heftig,— wegen der Sicherheit. Sei klug, Wilhelm, und nicht zu raſch.“«. Sikes antwortete nicht, ſondern riß die Thür auf, welche der Jude aufgeſchloſſen hatte und ſtürzte auf die ſtille Straße hinaus. Ohne einen Augenblick zu zögern oder ſich zu beden⸗ ken, ohne einmal rechts oder links zu ſehen, oder die Augen nach dem Himmel emporzuheben oder ſie an den Boden zu ſenken, ſondern immer gerade vor ſich hin ſtie⸗ rend in wilder Entſchloſſenheit, die Zähne feſt zuſam⸗ mengebiſſen, lief der Räuber fort, murmelte kein Wort und zuckte mit keinem Muskel, bis er ſein Haus erreicht hatte. Er öffnete geräuſchlos die Thür mit einem Schlüſſel, ging leiſe die Treppe hinauf, trat in ſeine Stube, ſchloß die Thür zu, ſchob einen ſchweren Tiſch an dieſelbe und riß die Bettvorhänge zurück. „ Das Mädchen lag halb angekleidet auf dem Bette. Oliver Lwiſt. 120 Oliver Twiſt. Er hatte ſie aus dem Schlafe geweckt, denn ſie richtete ſich mit erſtauntem Blicke auf. » Steh' auf!« ſagte der Mann. „»Biſt du es, Wilhelm 2« fragte das Mädchen mit einem Ausdrucke der Freude über ſeine Rückkehr. »Ich bin es,« antwortete er.»Steh' auf!« Es brannte ein Licht, aber der Mann riß es von dem Leuchter und warf es in das Kamin. Das Mäd⸗ chen aber, das das ſchwache Tageslicht erblickte, ſtand auf, um den Vorhang wegzuziehen.* „»Laß das,« ſagte Sikes, indem er ihr ſeine Hand vorhielt.»Zu dem, was ich vorhabe, iſt es hell genug.⸗ »Wilhelm,« ſagte das Mädchen in dem leiſen Tone der Beſorgniß,»warum ſiehſt Du mich ſo an?« Der Räuber ſaß da, ſah ſie einige wenige Sekunden mit aufgeblaſenen Naſenlöchern und wogender Bruſt an, faßte ſie ſodann am Kopfe und an der Kehle, zog ſie mitten in die Stube, warf noch einen Blick nach der Thür und legte ſeine ſchwere Hand auf des Mädchens Mund. »Wilhelm! Wilhelm!« rief das Mädchen, nach Luft ſchnappend und in Todesangſt ſich ſtränbend,—»ich— ich will nicht weinen, nicht ſchreien,— nicht einmal,— höre mich an,— rede mit mir,— ſage mir, was ich gethan habe.« »Du weißt es ſchon, Teufel Du,« antwortete der Räuber, indem er den Athem an ſich hielt.»Du wur⸗ deſt dieſe Nacht belauſcht, wir wiſſen jedes Wort, das Du geſagt haſt.« »So ſchone mein Leben um Himmels willen, wie ich das Deinige ſchonte,« antwortete das Mädchen, indem ſie ſich an ihn klammerte.»Wilhelm, lieber Wilhelm, Du kannſt das Herz nicht haben, mich zu ermorden. — — —, Oliver Twiſt. 121 Ach, bedenke, was ich allein in dieſer Nacht um Dei⸗ netwillen aufgegeben habe! Du ſollſt, Du wirſt Dir Zeit nehmen, Dich zu beſinnen und Dir dieſes Verbrechen er⸗ ſparen; ich laſſe Dich nicht los und Du kannſt mich nicht abſchütteln. Wilhelm! Wilhelm! um Gottes willen, um Deinet⸗ und meinetwillen, halt' ein, ehe Du Blut ver⸗ gießeſt. Ich bin Dir treu geweſen, bei meiner ſchuldbe⸗ ladenen Seele, ich bin es geweſen.« Der Mann machte eine gewaltige Anſtrengung, um ſeine Arme freizubekommen, aber die des Mädchens wa⸗ ren um die ſeinigen geſchlungen und wie ſehr er auch zog, er konnte ſie nicht herausziehen. „»Wilhelm!« rief das Mädchen, die ihren Kopf an ſeine Bruſt zu legen ſuchte,»der Herr und die liebe Dame ſprachen dieſe Nacht von einer Zuflucht in einem fernen Lande, wo ich mein Leben in Friede und Einſam⸗ keit beſchließen könne. Laß mich wieder zu ihnen gehen, ich will ſie auf meinen Knieen anflehen, dieſelbe Güte und Barmherzigkeit gegen Dich zu üben; laß uns Beide dieſen ſchrecklichen Ort verlaſſen, vergeſſen, wie wir ge⸗ lebt haben und einander niemals wieder ſehen. Zur Reue iſt es nie zu ſpät. So ſagten ſie,— ich fühle es jetzt,— aber wir müſſen Zeit haben,— nur ein wenig Zeit.« Der Räuber hatte jetzt einen Arm freigemacht und griff nach ſeinem Piſtol, aber der Gedanke, daß er au⸗ genblicklich entdeckt ſei, wenn er ſchieße, fuhr ihm trotz ſeiner Wuth durch den Sinn, und ſo ſchlug er ſie zwei⸗ mal mit aller ſeiner Kraft auf ihr aufwärts gekehrtes Geſicht, welches das ſeinige faſt berührte. Sie wankte und fiel, faſt geblendet von dem Blute, das aus einer tiefen Wunde in der Stirn floß, doch aber raffte ſie ſich wieder auf die Kniee empor, zog aus ihrem —— —————— — 122 Oliver Twiſt. Buſen ein weißes Taſchentuch— jenes von Roſa Maylie, hielt es in ihren gefaltenen Händen ſo hoch zum Himmel empor, als ihre ſchwachen Kräfte erlaubten und ſendete ein inbrünſtiges Gebet um Gnade zu ihrem Schöpfer empor. Es war ein geſpenſterhafter Anblick. Der Mörder aber wankte nach der Wand zurück, hielt die Hand vor das Geſicht, ergriff eine ſchwere Keule und ſchlug ſie todt.— Zehntes Kapitel.. Die Flucht des Mörders. Die ſchlechteſte von allen ſchlechten Thaten, die unter der Hülle der Finſterniß in dieſer Nacht in dem großen London begangen wurden, war dieſe. Von allen Schand⸗ thaten, die in der Morgenluft nach Rache gen Himmel ſchrien, war dies die ſchmachvollſte und grauſamſte. Die Sonne, die glänzende Sonne, die dem Menſchen nicht bloß Licht, ſondern auch neues Leben und neue Hoffnung zurückbringt, ging ſtrahlend über der Rieſen⸗ ſtadt auf. Durch koſtbar gefärbte Glasſcheiben und durch papiergeflickte Fenſterchen, durch Kirchenkuppeln und Mauerriſſe warf ſie gleiche Strahlen. Sie erhellte auch die Stube, in welcher die Ermordete lag. Sikes ver⸗ ſuchte, das Licht abzuſchließen, aber es ſtrömte dennoch herein. War der Aublick ein geiſterhafter geweſen am halbdunkeln Morgen, wie wäre er zu beſchreiben in die⸗ ſem glänzenden Lichte! 2 — Oliver Twiſt. 123 Er hatte ſich nicht bewegt; er ſcheuete ſich, ſich zu regen. Sie hatte geächzet und mit der Hand gezuckt, er aber in Entſetzen und Haß immer von neuem auf ſie ge⸗ ſchlagen. Einmal warf er einen Lumpen über ſie; aber es war ſchrecklicher, die Augen ſich vorzuſtellen und zu denken, ſie wendeten ſich auf ihn, als ſie emporſtieren zu ſehen, als betrachteten ſie den Blutſtrich, deſſen Wi⸗ derſchein an der Decke zitterte. Er hatte ihn wieder weggeriſſen. Und da lag der Körper— bloß Fleiſch und Blut, weiter nichts, aber ſolches Fleiſch und ſol⸗ ches Blut! Er machte Licht, zündete ein Feuer an und warf die Keule hinein. Am Ende derſelben klebte Menſchenhaar, das in der Flamme aufflackerte, in leichte Aſche zuſam⸗ menfiel und von dem Luftzuge ſodann in den Kamin hinaufgeriſſen wurde. Selbſt dies erſchreckte ihn, ſo ab⸗ gehärtet er auch war, aber er hielt die Waffe, bis ſie brach und dann ſtampfte er ſie auf die Kohlen, damit ſie verbrenne und in Aſche verſinke. Er wuſch ſich und rieb ſich den Rock ab; es waren Flecke darin, die nicht zu entfernen waren und er ſchnitt ſie heraus und ver⸗ brannte ſie. Wie war das Blut in der Stube umher⸗ geſpritzt? Selbſt die Beine des Hundes waren blutig. Die ganze Zeit über hatte er dem Leichname den Rücken nicht einmal zugekehrt, nicht auf einen Augen⸗ blick. Nach allen ſeinen Vorbereitungen ging er rück⸗ wärts nach der Thür zu und zog den Hund mit ſich hin⸗ aus, damit er nicht neue Spuren von dem Verbrechen hinunter auf die Straße bringe. Er machte die Thür leiſe zu, verſchloß ſie, nahm den Schlüſſel zu ſich und verließ das Haus. Er ging an die entgegengeſetzte Seite der Straße hinüber und ſah an die Fenſter hinauf, um ſich zu über⸗ 124 Oliver Twiſt. zeugen, daß von außen nichts ſichtbar ſei. Der Vor⸗ hang war noch zugezogen, den ſie geöffnet haben würde, um das Licht einzulaſſen, das ſie nie wieder ſehen ſollte. Sie lag faſt gerade darunter. Er wußte das. Gott, wie die Sonne gerade auf dieſe Stelle ſchien! Der Blick war ein ſehr flüchtiger. Es erleichterte ihn, wenigſtens nicht mehr in der Stube zu ſein. Er pfiff ſeinem Hunde und ſchritt ſchnell von dannen. Er ging durch Islington, den Hügel bei Highgate hinan, wo der Stein zu Ehren Whittingtons ſteht, und immer weiter, zwecklos, in das Freie hinaus, dahin und dorthin, auf Wegen und an Feldern hin, vorwärts und zurück, legte ſich an Gräben nieder, um auszuruhen, und ſtand wieder auf, um eine andere Stelle aufzuſuchen, daſſelbe zu thun und weiter zu gehen. Wohin konnte er gehen, an welchen Ort, der nahe und nicht zu öffentlich war, um etwas zu eſſen und zu trin⸗ ken? Hendon. Das war ein guter Ort, nicht weit entfernt, und doch ziemlich abgelegen. Dahin wendete er ſich, bald rennend, bald wieder ſchleichend wie eine Schnecke, oder gar ſtehen bleibend und mit dem Stocke in die Hecken ſchlagend. Als er ankam, ſchienen ihn alle Leute, denen er begegnete, ſogar die Kinder vor den Thüren, argwöhniſch anzuſehen. Er kehrte alſo wieder um, ohne den Muth zu haben, einen Biſſen Brot und einen Schluck Bier zu kaufen, obgleich er ſeit vie⸗ len Stunden nichts genoſſen hatte. So ſchlenderte er noch einmal umher, ohne zu wiſſen, wohin. Er wanderte Stunden lang umher und kam wieder an die frühere Stelle zurück; der Vormittag und Mit⸗ tag waren vergangen, der Abend nahete, und noch im⸗ mer ging er umher, bergauf, bergab, dahin und dort⸗ Oliver Twiſt. 125 hin und kam aus einem Kreiſe nicht heraus. Endlich ſchritt er nach Hatfield zu. Es war neun Uhr Abends, als der Mann, ganz er⸗ mattet, und der Hund hinkend in ein kleines Wirthshaus trat, deſſen ſchwacher Lichtſchimmer ihn geleitet hatte. Es brannte ein Feuer in der Schenkſtube und einige Bauern ſaßen trinkend vor demſelben. Sie machten dem Fremden Platz, aber er ſetzte ſich in dem fernſten Win⸗ kel nieder, aß und trank allein oder vielmehr mit ſeinem Hunde, dem er von Zeit zu Zeit einen Biſſen zuwarf. Er bezahlte ſeine Zeche, ſaß ſtill und unbeachtet in ſei⸗ nem Winkel und war faſt eingeſchlafen, als ihn der lär⸗ mende Eintritt eines neuen Gaſtes weckte. Dies war ein Mann, halb Hauſirer, halb Marktſchreier und Quackſalber, der zu Fuße in Lande umherzog, um Wetzſteine, Raſirmeſſer, Seifenkugeln, Wichſe, Medizin für Hunde und Pferde, wohlfeile Parfümerien, Schön⸗ heitsmittel und dergleichen Dinge zu verkaufen, die er in einem Käſtchen auf dem Rücken trug. Er machte Witze mit den Bauern, aß und zeigte dann ſeine Koſt⸗ barkeiten. »Und was iſt das, Heinrich,— zum Eſſen?« fragte ein Bauer, indem er auf einige Täfelchen wieß. »Dies,« ſagte der Mann und nahm ein ſolches Tä⸗ felchen heraus,»iſt ein unfehlbares, unſchätzbares Mit⸗ tel zur Entfernung aller Roſt⸗, Staub⸗, Fett⸗ und Blut⸗ flecke aus Seide, Atlas, Leinwand, Battiſt oder Wolle. Weinflecke, Obſtflecke, Bierflecke, Waſſerflecke, Farbeflecke, Theerflecke, alle Flecke, alle gehen heraus, wie man ſie ein einziges Mal mit dieſem unfehlbaren und unſchätzbaren Mittel reibt. Hat ein Mädchen ihre Ehre befleckt, ſo braucht ſie nur ein Täfelchen zu verſchlucken und ſie iſt— ſogleich curirt,— denn es iſt Gift. Will ein Herr ſeine —õ 126 Ehre beweiſen, ſo braucht er nur ein ſolches Stückchen zu nehmen und es kann kein Zweifel mehr aufkommen, denn das Mittel iſt faſt ſo wirkſam wie eine Piſtolen⸗ Oliver Twiſt. kugel und ſchmeckt noch ſchlimmer. Einen Penny das Stück. Mit allen dieſen vortrefflichen Eigenſchaften nur einen Penny das Stück.« Es fanden ſich ſogleich zwei Käufer und mehrere an⸗ dere bedachten ſich nur noch. Der Verkäufer, der dies bemerkte, ſteigerte ſeine Beredſamkeit noch. »Das NMittel wird verkauft, wie es fertig iſt,« ſagte er.»Vierzehn Waſſermühlen, ſechs Dampfmaſchinen und eine galvaniſche Batterie arbeiten unausgeſetzt daran und können es doch nicht ſchnell genug liefern, obgleich die Leute ſo anſtrengend arbeiten, daß ſie ſchnell weg⸗ ſterben und die Wittwe bekommt ſogleich eine Penſion von zwanzig Pfunden des Jahrs für jedes Kind und eine Prämie von funfzig für Zwillinge. Einen Penny das Stück— zwei halbe Pence thut daſſelbe und ich nehme auch vier Farthings. Einen Penny das Stück. Weinflecke, Obſtflecke, Bierflecke, Waſſerflecke, Farbeflecke, Theerflecke, Schmutzflecke, Blutflecke— da iſt ein Fleck auf dem Hute eines Herrn da, den will ich herausma⸗ chen, ehe er einen Krug Bier für mich beſtellen kann.«⸗ »Ha!« rief Sikes und fuhr auf.»Geben Sie her.⸗ »Ich mache den Fleck heraus,« antwortete der Mann, indem er der Geſellſchaft zublinzelte, vehe Sie herkom⸗ men können, ihn zu holen. Meine Herren, bemerken Sie den dunkeln Fleck auf dem Hute dieſes Herrn, ſo groß wie ein Schilling? Es mag ein Weinfleck, ein Obſtfleck, ein Bierfleck, ein Waſſerfleck, ein Farbefleck ein Theerfleck, ein Schmutzfleck, ein Blutfleck—« Weiter ſprach der Mann nicht, denn Sikes warf mit —— Oliver Twiſt. 127 einem gräßlichen Fluche den Tiſch um, entriß ihm ſeinen Hut und eilte aus dem Hauſe hinaus. Mit gleicher Unentſchloſſenheit kehrte der Mörder, als er ſah, daß man ihm nicht folgte, und da er meinte, man würde ihn wahrſcheinlich für betrunken halte, um, ging dem Lichtſcheine der Poſtwagen aus dem Wege, die auf der Straße ſtanden und erkannte die Poſt von London. Er wußte faſt, was geſchehen würde, doch trat er näher und horchte. Der Conducteur wartete an der Thür auf den Brief⸗ beutel. In dieſem Augenblicke erſchien ein Mann in Jägerkleidung und gab ihm einen Korb, der auf dem Pflaſter ſtand.. »Nichts Neues in der Stadt?« fragte der Jäger. »Ich weiß nichts,« antwortete der Mann.»Das Ge⸗ treide iſt etwas geſtiegen. Auch hörte ich von einem Morde ſprechen.« „»Damit hat es ſeine Richtigkeit,« ſagte ein Herr im Wagen, der herausſah,»und es war ein ſchrecklicher Mord.“« »Ein Mann oder eine Frau?« »Eine Frau,« antwortete der Herr.»Man ver⸗ muthet—« Da ſchmetterte das Poſthorn und der Wagen raſſelte fort. Sikes blieb auf der Straße ſtehen, ſcheinbar unge⸗ rührt von dem, was er gehört hatte, und als ſei er nur ungewiß, wohin er ſich wenden ſolle. Endlich ging er wieder zurück, und ſchlug den Weg ein, der von Hat⸗ ſield nach St. Albans führt. Er ſchritt mürriſch auf dem Wege dahin, als er aber die Stadt hinter ſich hatte und weiter immer weiter in die Einſamkeit und das Dunkel kam, beſchlich ihn eine Furcht und Angſt und ſein ganzer Körper zitterte. Je⸗ — —— ——— 85 128 Oliver Twiſt. der Gegenſtand vor ihm, mochte er etwas Wirkliches oder nur ein Schatten, ruhig oder in Bewegung ſein, glich in ſeinen Augen irgend einem ſchrecklichen Dinge; aber dieſe Furcht war doch nichts in Vergleich mit dem Gefühle, das er nicht bannen konnte, der Erinnerung an die geſpenſterhafte Geſtalt am Morgen, die ihn unab⸗ läſſig zu verfolgen ſchien. Er konnte den Schatten der⸗ ſelben im Dunkel exkennen, jeden Zug unterſcheiden und bemerken, wie ſteif und feierlich ſie dahinſchritt. Er konnte ihr Kleid in den Blättern rauſchen hören und jeder Luft⸗ hauch brachte ihm ihren letzten leiſen Schrei. Blieb er ſtehen, ſo ſtand die Geſtalt auch; lief er ſchneller, ſo that ſie daſſelbe. Bisweilen drehete er ſich mit dem verzweifelten Ent⸗ ſchluſſe um, das Geſpenſt fortzutreiben, und wenn ihm der Blick deſſelben den Tod gebe; aber das Haar ſträubte ſich dann auf ſeinem Haupte und ſein Blut ſtand ſtill, denn die Geſtalt hatte ſich mit ihm umgedreht und ſtand wieder hinter ihm. Er lehnte ſich mit dem Rücken an eine Mauer und fühlte, daß das Geſpenſt ſichtbar an dem kalten Nachthimmel über ihm ſtand. Er warf ſich auf dem Wege nieder,— da ſtand es an ſeinem Kopfe, ſchweigend, aufrecht und bewegungslos,— ein lebendi⸗ ger Grabſtein mit der blutigen Grabſchrift daran. Spreche Niemand davon, daß Mörder der Gerech⸗ tigkeit entgingen und die Vorſehung bisweilen ſchlafen müſſe. In einer langen Minute ſolcher Angſt liegt hundertfach ein gewaltſamer Tod.. Auf dem Felde bemerkte er eine Hütte und ſie konnte ihm eine Zuflucht während der Nacht gewähren. Vor der Thür ſtanden drei große Pappeln, die das Innere ſehr verdunkelten und der Wind heulte durch ihre Zweige. Er konnte nicht weitergehen, bis der Morgen wieder Oliver Twiſt. 129 anbreche und ſo ſtreckte er ſich in der Hütte nieder dicht an der Wand,— um neue Qualen zu erleiden. Jetzt ſtellte ſich ihm ein Geſicht dar, das noch weni⸗ ger wich und noch ſchrecklicher war als das, welches ihn verlaſſen hatte. Jene weit aufgeriſſenen ſtiexen, ſo glanz⸗ loſen und gläſernen Augen, die er lieber hätte wirklich vor ſich ſehen mögen, erſchienen ihm in dem Dunkel der Nacht, an ſich wohl leuchtend, aber nichts erhellend. Es waren nur zwei, aber dieſe fanden ſich überall. Dann ſah er wieder jenes Stübchen mit allem wohlbekannten Inhalte an dem gewohnten Platze vor ſich. Der Leich⸗ nam lag noch an derſelben Stelle und die Augen waren noch ſo wie damals, als er ſich davonſchlich. Er ſprang auf und ſtürzte hinaus ins Freie. Die Geſtalt folgte ihm wieder. Er trat von neuem in die Hütte und legte ſich nochmals nieder,— da ſtierten ihn die beiden Au⸗ gen wieder an. Da lag er in ſolcher Angſtpein, die Niemand außer ihm zu ermeſſen vermag, zitterte an allen Gliedern, und der kalte Schweiß drang aus allen Poren, als plötzlich der Nachtwind ihm Stimmen aus der Ferne und ängſtliches Geſchrei zutrug. Jeder menſchliche Ton in dieſem ein⸗ ſamen Orte, ſelbſt wenn derſelbe wirkliche Noth anzeigte, war ein Dolchſtoß für ihn. Er erlangte ſeine Kraft wie⸗ der, als ſeine Perſon in Gefahr zu ſein ſchien, ſprang auf und trat in das Freie hinaus. Der Himmel ſchien in Brand zu ſtehen. Flammen⸗ wogen erhoben ſich funkenſprühend in die Höhe, wälzten ſich über einander, beleuchteten die Luft Stunden weit und trieben Rauchwolken nach dem Punkte hin, wo er ſtand. Das Geſchrei wurde lauter, als neue Stimmen ſich hineinmiſchten, und er konnte den Ruf:»Feuer!« unter dem Läuten der Sturmglocke, unter dem Zuſam⸗ Oliver Twiſt. III. 9 ——— 1 * ——V—ʒ—ÿ—’———— 130 Oliver Twiſt. menbrechen der Balken und dem Praſſeln der Flammen hören. Das Getöſe wuchs mit jedem Augenblicke. Es waren Leute da, Männer und Weiber, Lichter und Lärm. Ein neues Leben ſchien ihm aufzugehen. Er eilte dahin, geradeaus, durch Dorn und Hecken, durch Dünn und Dick, toll wie der Hund, der bellend vor ihm herlief. Er kam an. Halbangekleidete Perſonen liefen hin und her; einige verſuchten, die geblendeten Pferde aus den Ställen zu ziehen, andere trieben Kühe und Schafe aus dem Hofe und noch andere kamen unter fallenden Funken und niederbrechenden glühenden Balken belaſtet aus dem brennenden Gebäude heraus. Die Oeffnungen, wo eine Stunde vorher Fenſter und Thüren geweſen waren, zeigten eine Maſſe wogender Flammen; Mauern wankten und ſtürzten praſſelnd zuſammen; weißglühend floß das geſchmolzene Blei und Eiſen herab. Weiber und Kinder jammerten und die Männer riefen einander laut Muth zu. Das Klappern der Spritzen, das Ziſchen und Sprudeln des Waſſers, wenn es auf das brennende Holz fiel, vermehrten das entſetzliche Getöſe. Er ſchrie auch, bis er heiſer war, floh vor ſeinen Erinnerungen und ſtürzte in das dickſte Gedränge hinein. Hierhin und dorthin eilte er dieſe Nacht,— bald ar⸗ beitete er an den Brunnen, bald bahnte er ſich einen Weg durch das Feuer und den Rauch, aber immer ſuchte er ſeine Arbeit da, wo der Lärm und das Gedränge am größten war. Die Leitern hinauf und herunter, auf die Dächer der Gebäude, über Fußböden, die unter ihm wankten, neben fallenden Steinen, überall in dem gro⸗ ßen Feuer war er, aber ſein Leben ſchien durch einen Zauber geſchützt zu werden, denn er erhielt nicht die ge⸗ ringſte Verletzung, er fühlte keine Müdigkeit, bis der —— —,— Oliver Twiſt. 131 Morgen wieder tagte, und nur Rauch und geſchwärzte Trümmer übrig waren. Nach dieſer wahnſinnartigen Aufregung kehrte das Bewußtſein ſeines Verbrechens mit zehnfacher Stärke zurück. Er blickte mißtrauiſch um ſich, denn die Leute ſtanden in Gruppen zuſammen und er fürchtete, der Ge⸗ genſtand ihres Geſprächs zu ſein. Der Hund gehorchte dem bedeutungsvollen Winke ſeines Fingers, und beide ſchlichen ſich ſtill davon. Er ging an einer Spritze vor⸗ bei, auf welcher mehrere Perſonen ſaßen, und ſie boten ihm ihre Erfriſchungen an. Er nahm etwas Brot und Fleiſch, und als er einen Schluck Bier trank, ſo ſprachen die Leute, welche aus London waren, von dem Morde und Mörder. »Man ſagt, er ſei nach Birmingham gegangen,« meinte einer,„aber man wird ihn doch fangen, denn die Verfolger ſind ihm bereits nach und morgen wird die That im ganzen Lande bekannt ſein.⸗ Er eilte fort und ging, bis er faſt zu Boden ſank; dann legte er ſich nieder und hielt einen langen, aber unruhigen und oft unterbrochenen Schlaf. Darauf wan⸗ derte er weiter, unentſchloſſen und ungewiß und geplagt von der Furcht vor einer andern einſamen Nacht. Plötzlich faßte er den verzweifelten Vorſatz, nach London zurückzukehren. »Dort kann ich doch wenigſtens mit Jemandem re⸗ den,« dachte er.»Auch ein gutes Verſteck. Es wird Niemandem einfallen, mich dort zu ſuchen, da man glaubt, ich ſei entflohen. Warum ſollte ich mich nicht eine oder ein Paar Wochen verſteckt halten und von Fagin Geld erzwingen, um nach Frankreich zu gelangen. Gott ver⸗ damm' mich, ich wills wagen.« Der Vorſatz wurde ohne Verzug in Ausführung ge⸗ 9* Oliver Twiſt. bracht; er begann auf den am wenigſten beſuchten We⸗ gen ſeine Rückreiſe, nahm ſich vor, in der Nähe der Hauptſtadt ſich zu verſtecken, auf Umwegen im Dunkel in dieſelbe hineinzugehen und ſich ſogleich an den Ort zu begeben, den er ſich ausgewählt hatte. Aber der Hund! Wenn man Beſchreibungen von ihm bekannt gemacht hatte, würde man gewiß auch be⸗ merkt haben, daß der Hund höchſt wahrſcheinlich ihn be⸗ gleite. Dies konnte ſeine Entdeckung auf der Straße veranlaſſen. Er nahm ſich alſo vor, den Hund zu ex⸗ ſäufen, ſuchte einen Teich, hob einen ſchweren Stein auf und band ihn in ſein Taſchentuch. Das Thier ſah ſeinen Herrn während dieſer Vorbe⸗ reitungen an, blieb— ob der Inſtinct ihm ſagte, daß etwas zu fürchten ſei, oder ob bloß der Blick des Räu⸗ bers finſterer als gewöhnlich war— etwas weiter zu⸗ rück als ſonſt und kroch auf dem Bauche näher. Als ſein Herr an einem Teiche ſtehen blieb, ſich umſah und dem Hunde rief, gehorchte derſelbe nicht. „»Hörſt du nicht, daß ich rufe: komm hier?« rief Sikes und pfiff. Aus Gewohnheit kam der Hund, als aber Sikes ſich bückte, um ihm das Taſchentuch an den Hals zu binden, knurrte er und fuhr zurück. »Komm her!« ſagte der Räuber, der mit den Füßen ſtampfte. Der Hund wedelte mit dem Schwanze, be⸗ wegte ſich aber nicht von der Stelle. Sikes machte eine Schlinge und rief ihm nochmals. Der Hund kam einige Schritte näher, blieb ſtehen, drehete ſich dann um, zog den Schwanz ein und jagte davon. Der Mann pfiff und pfiff und ſetzte ſich in der Er⸗ Oliver Twiſt. 133 wartung nieder, daß er zurückkommen werde. Aber es erſchien kein Hund und er ſetzte endlich ſeine Wanderung weiter fort. Elftes Kapitel. Monks und Brownlow treffen endlich zuſammen. Ihr Ge⸗ ſpräch und die Nachricht, welche daſſelbe unterbricht. Das Zwielicht begann, als Herr Brownlow an ſei⸗ ner Hausthüre aus einer Miethkutſche ſtieg und leiſe klopfte. Als die Thür geöffnet war, ſtieg ein kräftiger Mann aus der Kutſche und ſtellte ſich an die eine Seite der Stufen, während ein anderer, der auf dem Bocke geſeſſen hatte, ebenfalls abſtieg und an die andere Seite trat. Auf einen Wink Brownlows halfen ſie einem drit⸗ ten Manne heraus, den ſie in die Mitte nahmen und ſchnell in das Haus hineinführten. Dieſer Mann war Monks. In derſelben Weiſe gingen ſie, ohne ein Wort zu ſprechen, die Treppe hinan, und Brownlow, der voraus⸗ ſchritt, führte ſie in ein hinten hinaus gelegenes Zimmer. An der Thür deſſelben blieb Monks ſtehen, der ohne Widerſtreben die Treppe hinaufgegangen war. Die beiden Männer ſahen den alten Herrn an, als wünſchten ſie von ihm zu erfahren, wie ſie ſich zu benehmen hätten. »Er kennt die Wahl,« ſagte Brownlow.»Wenn er zögert oder nur einen Finger rührt, außer wenn Sie es ihm heißen, ſchleppen Sie ihn auf die Straße, rufen 134 Oliver Twiſt. Sie die Polizei zu Hülfe und klagen ihn in meinem Na⸗ men der Schurkerei an. 17 »Wie können Sie wagen, dies von mir zu ſagen?« fragte Monks. »Warum drängen Sie mich dazu, junger Mann?«⸗ entgegnete Brownlow, der ihn ſcharf anſah.»Sind Sie ſo wahnſinnig, dies Haus zu verlaſſen? Laſſen Sie ihn los. So. Nun können Sie gehen, aber wir werden Ihnen folgen. Ich verſichere Sie bei allem, was mir heilig iſt, ſobald Sie die Straße betreten, laſſe ich Sie wegen Betrugs und Beraubung feſtnehmen. Ich bin entſchloſſen und unerſchütterlich. Wollen Sie es auch ſein, ſo laſſen Sie es darauf ankommen.“ »Mit welchem Rechte werde ich auf der Straße auf⸗ gegriffen und von dieſen Hunden hierher gebracht?« fragte Monks, indem er einen der beiden Männer neben ihm nach dem andern anſah. „»Auf mein Geheiß,« antwortete Brownlow.„»Dieſe Leute ſind von mir bezahlt. Wollen Sie klagen, Ihrer Freiheit beraubt worden zu ſein, ſo konnten Sie es un⸗ terwegs thun, aber Sie hielten es für räthlich, ruhig zu bleiben,— ich ſage es noch einmal, rufen Sie die Gerechtigkeit um Schutz an. Ich werde mich ſodann auch an die Gerechtigkeit wenden; ſind Sie aber ſo weit gegangen, daß Sie nicht mehr umkehren können, ſo bit⸗ ten Sie mich nicht um Nachſicht, ſobald die Macht in andere Hände übergegangen iſt, und ſagen Sie nicht, ich habe Sie in den Abgrund geſtoßen, in welchen Sie ſich ſelbſt ſtürzten.« Monks war offenbar beſtürzt und ängſtlich. Er zö⸗ gerte. »Sie mögen ſich ſchnell entſchließen,« ſagte Brown⸗ low ruhig und gefaßt.»Wenn Sie wünſchen, daß ich 1 „ 1s 1 Oliver Twiſt. 135 meine Klage öffentlich vorbringe, ſo muß ich Sie einer Strafe ausſetzen, deren Größe ich zwar mit Schaudern vorausſehe, ſpäter aber, wie Sie wohl wiſſen, nicht zu verhindern vermag. Ueberlaſſen Sie ſich meiner Scho⸗ nung und der Gnade derer, welche Sie ſo ſchwer belei⸗ digten, ſo nehmen Sie ſogleich Platz hier. Der Stuhl ſteht ſeit zwei Tagen für Sie bereit.« Monks murmelte einige unverſtändliche Worte, zö⸗ gerte aber noch immer. „»Bedenken Sie ſich nicht lange,« fuhr Brownlow fort.»Ein Wort von mir und es bleibt Ihnen keine Macht mehr.« Der Mann zögerte noch immer. „Ich habe keine Luſt, noch mehr zu ſagen,« ſprach Brownlow,»auch nicht das Recht dazu, da ich die theuerſten Intereſſen Anderer vertrete.« »Giebt es,«— fragte Monks ſtotternd,—»giebt es— keinen andern Weg?« »Nein, durchaus keinen andern.«. Monks ſah den alten Herrn forſchend in das Geſicht, da er aber in demſelben nur Strenge und Entſchloſſenheit bemerkte, ſo trat er in das Zimmer hinein und ſetzte ſich achſelzuckend nieder. »Schließen Sie die Thür von außen zu,« ſagte Brownlow zu den beiden Männern,»und kommen Sie herein, wenn ich klingele.« Die Männer gehorchten und ließen ſie allein. »Das iſt eine ſchöne Behandlung von meines Va⸗ ters älteſtem Freunde,« ſagte Monks, indem er Hut und Mantel ablegte. »Eben weil ich Ihres Vaters älteſter Freund war, junger Mann, muß ich ſo handeln,« entgegnete Brown⸗ low;»weil die Hoffnungen und Wünſche glücklicher Ju⸗ 136 gendjahre ſich an ihn und das ſchöne Geſchöpf aus ſei⸗ nem Blute knüpfen, das ſo jung zu Gott zurückkehrte und mich hier allein und verlaſſen ließ; weil er mit Oliver Twiſt. mir an dem Sterbebette ſeiner einzigen Schweſter knieete, als er noch ein Knabe war, an dem Tage, der— aber Gott wollte es anders— ſie zu meiner Gattin machen ſollte;— weil mein tief verwundetes Herz von dieſer Zeit an bei allen ſeinen Prüfungen und trotz allen ſei⸗ nen Verirrungen feſt an ihm hing,— weil Erinnerun⸗ gen an vergangene Zeiten in mir aufſteigen und ſelbſt Ihr Anblick mich an ihn erinnert,— alle dieſe Gründe beſtimmen mich, Sie noch immer mild zu behandeln, ja, Eduard Leeford, noch immer, obgleich Sie nicht werth ſind, ſeinen Namen zu führen.« „»Was hat der Name damit zu ſchaffen?« fragte der Andere, nachdem er ſchweigend und in gedankenloſer Verwunderung die Aufregung des alten Herrn betrachtet hatte.»Was liegt mir an dem Namen?c „»Nichts,« entgegnete Brownlow,»Ihnen liegt nichts daran. Aber er war auch ihr Name und erinnert mich alten Mann nach ſo langer, langer Zeit an die Gluth, die mein Geſicht bedeckte und an das Herzklopfen, das ich fühlte, wann ich ihn ausſprechen hörte. Es freut mich ſehr, daß Sie einen andern angenommen haben, ſehr— ſehr.« „Das iſt alles recht ſchön,« ſagte Monks(um deſſen angenommenen Namen beizubehalten) nach einer lan⸗ gen Pauſe, während welcher er ſich hin und her gewiegt und Brownlow die Hand über die Augen gehalten hatte, vaber was wollen Sie von mir?« »Sie haben einen Bruder,« ſagte Brownlow, der ſich aufraffte, veinen Bruder„ und als ich Ihnen deſſen Namen in das Ohr flüſterte, reichte dies faſt allein hin, — è— Oliver Twiſt. 137 Sie zu beſtimmen, mich verwundert und beſtürzt hierher zu begleiten.« »Ich habe keinen Bruder,« entgegnete Monks.»Sie wiſſen, daß ich meines Vaters einziges Kind bin. Warum reden Sie mir von Brüdern vor? Sie wiſſen dies ſo gut als ich.« „» Merken Sie auf das, was ich weiß und Sie viel⸗ leicht nicht wiſſen,« fuhr Brownlow fort.»Die Sache wird Sie allmälig intereſſiren. Ich weiß, daß Sie der einzige und unnatürlichſte Sprößling der bedauerlichen Ehe ſind, zu welcher Ihr Vater faſt noch als Knabe durch Familienſtolz und den engherzigſten ſchmutzigſten Ehr⸗ geiz gezwungen wurde.« »Solche Läſterworte rühren mich nicht,« unterbrach ihn Monks mit höhniſchem Lächeln.»Sie kennen die Sachen, und das genügt mir.« »Ich kenne aber auch,« fuhr Brownlow fort,»das Elend, die langſame Folter und die langwierige Pein dieſer unpaßlichen Verbindung; ich weiß, wie abgemat⸗ tet ein jedes dieſes unglücklichen Paares ſeine ſchwere Kette durch die Welt ſchleppte, welche für beide vergif⸗ tet war; ich weiß, wie auf kalte Förmlichkeit offene Feindſeligkeiten folgten, wie Gleichgültigkeit in Wider⸗ willen, Widerwillen in Haß und Haß in Abſcheu über⸗ gingen, bis ſie endlich die klirrende Feſſel zerriſſen, ſich ſo trennten, jedes mit einem ſchmerzenden Bruchſtücke derſelben, deſſen Nieten nur der Tod löſen konnte, und in neuen Kreiſen Vergeſſen ſuchten. Ihrer Mutter ge⸗ lang es; ſie vergaß das Stück der Kette, das ſie noch trug, aber an dem Herzen Ihres Vaters drückte und ro⸗ ſtete es noch viele Jahre.« »Nun ja, ſie trennten ſich,« ſagte Monks,»was kommt darauf an?« 138 Oliver Twiſt. »Als ſie einige Zeit getrennt gelebt hatten,« fuhr Brownlow fort,»Ihre Mutter auf dem Feſtlande nur mit Zerſtreuungen ſich beſchäftigte und ihres um zehn Jahre jüngern Gatten nicht mehr gedachte, der mit zer⸗ trümmerten Hoffnungen in der Heimath blieb, gerieth er unter neue Freunde. Dieſen Umſtand wenigſtens werden Sie kennen.“« „Nein,« entgegnete Monks, der die Augen abwen⸗ dete und mit dem Fuße aufſtampfte, wie Jemand, der entſchloſſen iſt, Alles zu läugnen,»nein.« 3 »Ihr ganzes Weſen verſichert mich nicht weniger als Ihre Handlungen, daß Sie es nie vergeſſen und immer mit Unwillen daran gedacht haben,« erwiederte Brown⸗ low.»Ich ſpreche von einer Zeit vor funfzehn Jahren, als Sie erſt elf Jahre zählten und Ihr Vater im ein⸗ unddreißigſten ſtand, denn er war, ich wiederhole es, ſehr jung, als ihm ſein Vater gebot, zu heirathen. Muß ich Ereigniſſe erwähnen, die einen Schatten auf das Andenken Ihres Vaters werfen oder wollen Sie mir dies erſparen und die Wahrheit mir geſtehen?« »Ich habe nichts zu geſtehen,« erwiederte Monks of⸗ fenbar verlegen.»Sie müſſen weiter ſprechen, wenn es Ihnen ſo beliebt.« »Dieſe neuen Freunde alſo,« ſagte der alte Herr, »waren ein verabſchiedeter Marineoffizier, deſſen Frau vor einem halben Jahre geſtorben war und ihm zwei Kinder hinterlaſſen hatte. Zum Glück lebten von ihren Kindern keine mehr. Es waren zwei Mädchen, eine ſchöne Jungfrau von neunzehn Jahren, das andere ein zwei⸗ oder dreijähriges Kind.« »Was geht das mich an?« fragte Monks. »Sie wohnten,« fuhr Brownlow fort, der die Unter⸗ brechung nicht zu hören ſchien, in einer Gegend, wohin Oliver Twiſt. 139 Ihr Vater auf ſeinen Wanderungen gekommen war und wo er ſich niedergelaſſen hatte. Bekanntſchaft, Freund⸗ ſchaft, Vertraulichkeit folgten ſchnell auf einander. Der Himmel hatte Ihren Vater mit Gaben ausgeſtattet wie Wenige,— er beſaß ſeiner Schweſter Seele und Schön⸗ heit. Je mehr ihn der alte Offizier kennen lernte, um ſo inniger liebte er ihn. Ach, daß es damit genug ge⸗ weſen wäre! Auch die Tochter liebte ihn.« Der alle Herr hielt inne. Monks biß ſich auf die Lippe und heftete die Blicke an den Boden. Dann fuhr Brownlow fort: »Nach einem Jahre war er mit dieſer Tochter ver⸗ lobt, feierlich verlobt,— der Gegenſtand der erſten, wahren, heißen und einzigen Liebe eines ſchuldloſen, un⸗ erfahrenen Mädchens.« »Ihre Erzählung iſt ſehr lang,“ bemerkte Monks, der ruhelos auf dem Stuhle hin⸗ und herrückte. »Sie iſt eine wahre Erzählung von Kummer, Prü⸗ fung und Leid, junger Mann,« entgegnete Brownlow, und ſolche Erzählungen ſind es meiſt immer; wäre ſie eine von ungemiſchter Freude und Glück, ſo würde ſie ge⸗ wiß ſehr kurz ſein. Endlich ſtarb einer der reichen Ver⸗ wandten, für deſſen Vortheil Ihr Vater geopfert wor⸗ den war,— wie dies nicht ſelten geſchieht, und um die Leiden wieder gut zu machen, die er demſelben verur⸗ ſacht hatte, hinterließ er ihm ſeine Panacee für allen Schmerz,— Geld. Er mußte ſich ſogleich nach Rom begeben, wohin jener Verwandte wegen ſeiner Geſund⸗ heit geeilt, und wo er bei ſehr verworrener Angelegen⸗ heit geſtorben war. Er reiſete nach Rom und erkrankte dort gefährlich. Ihre Muiter eilte mit Ihnen dahin, ſobald ſie die Nachricht nach Paris erhalten hatte. Er ſtarb den Tag nach ihrer Ankunft ohne Teſtament— 140 Oliver Twiſt. ohne Teſtament—, ſo daß das ganze Vermögen ihr und Ihnen zufiel.« Bei dieſem Theile der Erzählung hielt Monks den Athem an ſich und hörte mit der höchſten Spannung zu, obgleich ſeine Augen ſich nicht auf den Sprechenden rich⸗ teten. Als Herr Brownlow ſchwieg, richtete er ſich auf, wie Jemand, dem mit einem Male eine große Laſt vom Herzen genommen iſt, und trocknete ſein heißes Ge⸗ ſicht ab. »Ehe er ſeine Reiſe antrat und als er durch London kam,« ſprach Brownlow langſam, während er den An⸗ dern feſt in das Geſicht ſah,»beſuchte er mich.⸗ »Davon habe ich nie etwas gehört,« unterbrach ihn Monks in einem Tone, der ungläubig ſcheinen ſollte, der aber eine höchſt unangenehme Ueberraſchung ver⸗ rieth. »Er kam zu mir und übergab mir unter anderen ein Bild, ein von ihm ſelbſt gezeichnetes Portrait,— ein Portrait jenes armen Mädchens—, das er nicht zu⸗ rücklaſſen wollte, auf ſeiner eiligen Reiſe aber auch nicht mit ſich nehmen konnte. Kummer und Reue hatten ihn zu einem wahren Schatten abgezehrt; er ſprach unzu⸗ ſammenhängend von Verderben und Schande, die er be⸗ reitet habe,— vertrauete mir ſeine Abſicht, ſein ganzes Vermögen, wie groß auch der Verluſt dabei ſein möge, in Geld zu verwandeln, ſeiner Frau und Ihnen einen Theil von ſeiner Erbſchaft zu überlaſſen, aus dem Va⸗ terlande zu entfliehen,— ich errieth wohl, daß er nicht allein fliehen wollte,— und daſſelbe nie wieder zu ſe⸗ hen. Selbſt mir, ſeinem alten Jugendfreuude, deſſen Liebe in der Erde wurzelte, die ein uns Beiden ſo theures Weſen barg, ſelbſt mir offenbarte er ſonſt nichts weiter, er verſprach aber, mir zu ſchreiben, mir Alles Oliver Twiſt. 141 mitzutheilen und mich dann in dieſer Welt noch einmal zu ſehen. Ach, dies war das letzte Mal. Ich erhielt keinen Brief und ſah ihn nicht wieder.“« »Ich reiſete,« fuhr Brownlow fort,»als Alles vor⸗ über war, an den Schauplatz ſeiner verbrecheriſchen Liebe, entſchloſſen, wenn meine Befürchtung gegründet ſei, dem Kinde, das gefehlt hatte, ein Herz und eine Heimath zu bieten, wo es Mitleid und Aufnahme finde. Die Familie war in der Woche vorher weggezogen, hatte ihre kleinen Schulden bezahlt und ſich in der Nacht entfernt. Warum oder wohin, konnte mir Niemand ſagen.« Monks athmete noch freier und ſah ſich mit trium⸗ phirendem Lächeln um. „»Als Ihr Bruder,« ſprach Brownlow, der näher an den Stuhl des Andern rückte,„als Ihr Bruder,— ein ſchwächliches, zerlumptes, vernachläſſigtes Kind— mir durch eine ſtärkere Hand als bloßen Zufall in den Weg geführt und von mir einem Leben der Schande und des Verbrechens entriſſen wurde—« „Was?« rief Monks. „»Von mir,« wiederholte Brownlow.»Ich ſagte es Ihnen, ich würde Ihr Intereſſe erregen. Ich ſage, von mir,— ich ſehe, daß Ihr ſchlauer Helfershelfer meinen „Namen Ihnen verſchwiegen hat, obgleich er glauben mußte, daß er Ihnen ganz fremd ſei. Alſo, als er von mir befreit wurde und von Krankheit geneſend in mei⸗ nem Hauſe lag, ſiel mir ſeine merkwürdige Aehnlichkeit mit dem erwähnten Bilde auf. Sogar als ich ihn zuerſt ſah, in allem ſeinen Elende und Schmutze, ſchien etwas in ſeinem Geſichte mich undeutlich an einen alten Freund zu erinnern. Ich braulche Ihnen nicht zu ſagen, daß er — 142 Oliver Twiſt. mir wieder entriſſen wurde, ehe ich ſeine Geſchichte er⸗ fuhr—« »Warum nicht?« fragte Monks haſtig. »Weil Sie dies ſelbſt recht wohl wiſſen.« „Ichl⸗ »Ihr Läugnen iſt vergeblich,« antwortete Brownlow. »Ich werde Ihnen zeigen, daß ich mehr noch als dies weiß.« »Sie— Sie können nichts gegen mich beweiſen,⸗ ſtotterte Monks.»Verſuchen Sie es!« »Wir werden ſehen,« entgegnete der alte Herr mit forſchendem Blicke.»Ich verlor den Knaben und konnte ihn, aller Anſtrengungen und Bemühungen ungeachtet, nicht wiederfinden. Da Ihre Mutter todt war, ſo konn⸗ ten nur Sie das Geheimniß enthüllen, wenn es Jemand vermochte, und da Sie ſich, als ich das Letztemal von Ihnen hörte, auf Ihrer Beſitzung in Weſtindien befan⸗ den, wohin Sie ſich, wie Sie wohl wiſſen, nach Ihrer Mutter Tode begaben, um den Folgen mancher Dinge hier zu entgehen,— ſo machte ich die Reiſe dahin. Sie hatten Weſtindien vor mehreren Monaten wieder verlaſ⸗ ſen und man glaubte, Sie lebten in London, wiewohl Niemand es wußte. Ich kehrte zurück. Ihre Agenten kannten Ihren Aufenthaltsort nicht. Sie ſagten, Sie kämen und gingen, wie Sie es immer gethan, bisweilen mehrere Tage lang, dann wieder Monate lang nicht, beſuchten wahrſcheinlich dieſelben gemeinen Oerter und lebten mit verbrecheriſchen Menſchen wie früher, als Sie noch ein wilder, unlenkſamer Knabe waren. Ich wendete mich unaufhörlich an dieſelben um Auskunft zu erhalten. Ich war Tag und Nacht auf den Straßen, aber bis vor zwei Stunden waren alle meine Bemühungen fruchtlos, und ich ſah Sie nie auch nur auf einen Augenblick.. 3 — — Oliver Twiſt. 143 „Und was nun, da Sie mich ſehen?« fragte Monks, indem er keck aufſtand.»Betrug und Beraubung ſind hochtönende Wörter, gerechtfertigt, wie Sie glauben, durch die eingebildete Aehnlichkeit irgend eines Jungen mit einem weiblichen Portrait! Sie wiſſen nicht einmal, daß jenes Paar, von dem Sie ſprachen, ein Kind hatte; Sie wiſſen nicht einmal dies.« „Ich wußte es nicht,« entgegnete Brownlow, der ebenfalls aufſtand,»aber in den letzten vierzehn Tagen habe ich Alles erfahren. Sie haben einen Bruder, Sie wiſſen das und kennen ihn. Ihr Vater hat ein Teſta⸗ ment hinterlaſſen, das Ihre Mutter unterſchlug, welche bei Ihrem Tode Ihnen das Geheimniß und den Vor⸗ theil davon hinterließ. Es enthielt eine Erwähnung des Kindes, welches die Folge jener unglücklichen Ver⸗ bindung ſein konnte. Dieſes Kind wurde geboren, Sie ſahen daſſelbe zufällig, und Ihr Argwohn wurde zuerſt durch die Aehnlichkeit deſſelben mit ſeinem Vater geweckt. Sie begeben ſich an den Ort ſeiner Geburt. Es waren Beweiſe, lange unterdrückte Beweiſe von ſeiner Geburt und ſeinem Herkommen vorhanden. Dieſe Beweiſe ver⸗ nichteten Sie und nun liegen, um Ihre eigenen Worte zu brauchen, die Sie zu dem Juden, Ihrem Mitſchuldi⸗ gen, ſagten,'die alleinigen Beweiſe von der Identität des Knaben auf dem Grunde des Fluſſes, und die alte Hexe, die ſie von der Mutter erhielt, fault in ihrem Sarge.“ Unwürdiger Sohn, Betrüger, Lügner, Sie, der Sie des Nachts Rath halten mit Dieben und Mör⸗ dern in dunkeln Gemächern,— Sie, deſſen Intriguen und Schändlichkeiten einem Weſen den Tod gaben, das mehr werth war, als Millionen Ihres Gleichen,— Sie, der Sie von der Wiege an für Ihres Vaters Herz ein Leid waren, in dem alle böſen Leidenſchaften, Laſter und Oliver Twiſt. 144 Ausſchweifung herrſchten, bis ſie einen Ausbruch in ei⸗ ner häßlichen Krankheit fanden, die Ihr Geſicht zu einem Bilde Ihrer Seele machte,— Sie, Eduard Leeford, wollen Sie noch läugnen?« „»Nein, nein, nein!« entgegnete der Schurke, von die⸗ ſen wie Donnerſchläge auf einander folgenden Anklagen zu Boden gedrückt. „»Jedes Wort,« ſprach der alte Herr,»jedes Wort, das zwiſchen Ihnen und jenem alten Böſewichte gewech⸗ ſelt worden, iſt mir bekannt. Schatten an der Wand haben Ihr Flüſtern gehört und mir Alles geſagt; der Anblick des verfolgten Kindes hat das Laſter ſelbſt be⸗ kehrt und ihm den Muth und faſt die Eigenſchaften der Tugend gegeben. Eine Mordthat iſt geſchehen, an wel⸗ cher Sie moraliſch, wenn nicht in der Wirklichkeit Theil hatten.« » Nein, nein,« fiel Monks ein.»Ich— ich— weiß nichts davon,— ich wollte mich von der Wahrheit der Sache überzeugen, als Sie mich anhielten. Ich wußte nichts davon und glaubte, es ſei eine gewöhnliche Zän⸗ kerei die Urſache geweſen.« »Die Urſache war die theilweiſe Enthüllung Ihrer Geheimniſſe,« antwortete Brownlow.»Wollen Sie die⸗ ſelbe nun ganz offenbaren?« »Ja, ich will es.« „»Die Angabe der Wahrheit mit Ihrem Namen unter⸗ zeichnen und ſie vor Zeugen wiederholen 2« »Auch das verſpreche ich.« „Ruhig hier bleiben, bis ein ſolches Document ent⸗ worfen iſt, und mich an einen Ort, den ich für den geeigneiſten halte, begleiten, um daſſelbe dort bezeugen zu laſſen?« „* Oliver Twiſt. 145 „Wenn Sie darauf beſtehen, will ich auch dies thun,« antwortete Monks. „Sie müſſen noch mehr thun,« ſagte Brownlow, »Erſatz leiſten einem unſchuldigen Kinde, denn das iſt Ihr Bruder, wenn auch die Frucht verbotener Liebe. Sie haben die Beſtimmungen des Teſtamentes nicht zu vergeſſen. Vollziehen Sie dieſelben ſo weit ſie Ihren Bru⸗ der betreffen und dann gehen Sie, wohin Sie wollen. In dieſer Welt brauchen Sie einander nicht wieder zu ſehen.« Während Monks auf⸗ und abging, mit finſterm Blicke über dieſen Vorſchlag und die Möglichkeit, demſelben zu entgehen, nachdachte,— von der Furcht auf dieſe, durch ſeinen Haß auf die andere Seite gezogen wurde,— trat mit Einemmale ein Herr, Losberne, in großer Aufregung in das Zimmer. »Der Menſch wird ergriffen werden,« rief er,»wird noch dieſe Nacht ergriffen werden.“ »Der Mörder?« fragte Brownlow. »Ja, ja,« antworlete der Andere.»Man hat ſeinen Hund an dem Hauſe herumſchleichen ſehen, und ohne Zweifel iſt ſein Herr ſchon da oder kommt im Dunkel der Nacht. Spione lauern in jeder Richtung; ich habe mit den Leuten geſprochen, denen ſeine Verhaftung über⸗ tragen iſt und ſie ſagen, er könne ihnen nicht entgehen. Die Regierung hat eine Belohnung von hundert Pfund ausgeſetzt.« SIch lege noch funfzig dazu,“ ſagte Brownlow, vund will es ſelbſt an Ort und Stelle bekannt machen, wenn ich dahin gelangen kann. Wo iſt Herr Maylie?« Sobald Heinrich Ihren Freund da ſicher in die Kutſche gebracht ſah, eilte er dahin, wo er dies hörte;« OQliver Twiſt. III. 8 10 † —,= 4 146 Oliver Twiſt. erzählte der Doktor,»beſtieg ſein Pferd und ſchloß ſich den Verfolgern an.« »Und der Jude?« fragte Brownlow. »Als ich die letzte Nachricht erhielt, war er noch nicht ergriffen, aber unterdeß wird man ihn wohl gefunden haben. Er entgeht nicht.« »Haben Sie ſich entſchloſſen?« fragte Brownlow Monks leiſe. »Ja,“« antwortete er.—»Sie— Sie werden aber ſchweigen?« »Das will ich. Bleiben Sie hier, bis ich zurück⸗ komme. Es iſt Ihr einziges Rettungsmittel.⸗ Sie verließen das Zimmer und die Thür wurde wie⸗ der verſchloſſen. »Was haben Sie erreicht?« fragte der Doktor leiſe. »Alles, was ich hoffen konnte und ſelbſt noch mehr. Ich verknüpfte die Ausſagen des armen Mädchens mit dem, was ich ſchon wußte, und dem, was unſer guter Freund an Ort und Stelle erfahren hatte, ließ ihm keine Ausflucht übrig und legte ihm die ganze Schändlichkeit vor, die durch dieſes Licht ſonnenklar wurde. Beſtimmen Sie übermorgen Abend zur Zuſammenkunft. Wir ſollten wohl einige Stunden früher uns einfinden, werden aber Ruhe brauchen, beſonders das junge Mädchen, das mehr Faſſung nöthig haben wird, als wir jetzt genau vorher⸗ ſehen können. Ich kann nicht raſten, bis die arme Hin⸗ geopferte gerächt iſt. Welchen Weg haben ſie einge⸗ ſchlagen?« „»Fahren Sie gerade nach dem Bureau und Sie wer⸗ den zeitig genug kommen,« antwortete Losberne.„Ich will hier bleiben.« Die beiden Herren trennten ſich, jeder in nänheſchre. licher Aufregung. 1 1 D 8 —e— —e— Oliver Twiſt. 147 Zwoͤlftes Kapitel. Die Verfolgung und das Entkommen. An dem Theile der Themſe, an welchen die Kirche zu Rotherhithe ſtößt, wo die Gebäude an den Ufern am ſchmutzigſten und die Fahrzeuge auf dem Fluſſe von dem Kohlenſtaube und dem Rauche der dichtgedrängten nie⸗ drigen Häuſer am meiſten geſchwärzt ſind, giebt es ge⸗ genwärtig den ſchmutzigſten, ſeltſamſten und außeror⸗ dentlichſten Ort von allen, die in London der großen Maſſe der Bewohner der Stadt ſelbſt dem Namen nach ganz unbekannt verborgen ſind.— Um an dieſen Platz zu gelangen, muß man durch ein Labyrinth von engen, ſchmutzigen Gäßchen und Gaſ⸗ ſen wandern, in welchen die roheſten und ärmſten Ufer⸗ bewohner zuſammengedrängt leben. Die wohlfeilſten und mindeſt delikaten Lebensmittel liegen in Verkaufsläden aufgehäuft, die gröbſten und gemeinſten Kleidungsſtücke hängen an den Thüren der Trödler und an den Fen⸗ ſtern. An arbeitsloſen Tagelöhnern der niedrigſten Claſſe, Ballaſtträgern, Kohlenſchiffern, an Weibern und zerlumpten Kindern hin, dem wahren Auswurfe des Fluſſes, bahnt man ſich mit Mühe einen Weg. Auge und Naſe wird beleidigt in den Gäßchen, die zur Rechten und Linken abgehen, und das Ohr durch das Naſſeln der ſchweren Wagen betäubt, welche große Maſſen von Waaren aus den Lagerhäuſern fortſchaffen. Kommt man endlich in entferntere Gaſſen, die weniger beſucht ſind als die, welche man hinter ſich hat, ſo geht man an wankenden Häuſerfronten, welche über die Straße herüberhängen, 10*. 148 Oliver Twiſt. an geſprungenen Mauern, die bei den Schritten der Vorübergehenden zittern, an halb eingefallenen und halb noch hängenden Schornſteinen, an Fenſtern mit roſtigen Eiſenſtäben, die durch den Schmutz und die Zeit faſt aufgezehrt ſind und an jedem andern denkbaren Zeichen von Verödung und Vernachläſſigung hin. In ſolcher Nachbarſchaft, jenſeits Dockhead und dem Flecken Southwark, liegt die Jacobs⸗Inſel, umgeben von einem ſchlammigen ſechs bis acht Fuß tiefen und bei der Fluthzeit funfzehn bis zwanzig Fuß breiten Graben. Er iſt eine Ableitung von der Themſe und kann zur Fluth⸗ zeit immer gefüllt werden, wenn man die Schleuſen bei den Bleimühlen aufzieht. Zu einer ſolchen Zeit kann der Fremde, der auf einer der hölzernen Brücken ſteht, die über dieſen Graben führen, die Bewohner der Häu⸗ ſer an beiden Seiten aus den Hinterthüren und Fenſtern Eimer, Kannen, kurz Geräthe aller Art hinablaſſen ſehen, in denen ſie Waſſer hinaufziehen, und wenn ſich ſein Auge von dieſer Operation weg zu den Häuſern ſelbſt wendet, ſo wird durch die Scene vor ihm ſein höchſtes Erſtaunen erregt werden. Gebrechliche hölzerne Galle⸗ rien an der Hinterſeite eines halben Dutzends von Häu⸗ ſern mit Löchern darin, um auf den Schlamm unten ſehen zu können; zerbrochene und verſtopfte Fenſter, aus denen Stangen herausgeſteckt ſind, um Wäſche darauf zu trocknen, die man aber nie dort ſieht; ſo kleine, ſo ſchmutzige, ſo enge Wohnungen, daß die Luft in denſel⸗ ben ſelbſt für ihre bleichen und ſchmutzigen Inhaber zu ſchlecht zu ſein ſcheint; hölzerne Kammern, die über den Schlamm hinausragen und in denſelben hinabzuſtürzen drohen,— wie manche ſchon hinabgeſtürzt ſind; mit Koth bedeckte Mauern und zerbröckelnder Grund; jeder abſtoßende Zug der Armuth, jedes ekelhafte Anzeichen ——— —, Oliver Twiſt. 149 von Schmutz und Fäulniß,— Alles dies ziert die Ufer dieſes Grabens. 4 Die Lagerhäuſer auf der Jacobs⸗Inſel ſind dachlos und leer; die Mauern ſtürzen ein; die Fenſter ſind keine Fenſter mehr; die Thüren fallen auf die Straße; die Schornſteine ſind geſchwärzt, geben aber keinen Rauch mehr von ſich. Vor dreißig oder vierzig Jahren, ehe ihn Verluſte und Prozeſſe betrafen, war dies ein blühen⸗ der Ort; jetzt iſt es eine wüſte Inſel. Die Häuſer haben keine Beſitzer; ſie werden erbrochen und bewohnt von denen, welche den Muth dazu haben. Sie müſſen aber gewich⸗ tige Gründe zu einem verborgenen Aufenthalte haben, oder in das tiefſte Elend verſunken ſein, wenn ſie eine Zuflucht auf der Jacobs⸗Inſel ſuchen. In einer obern Stube eines dieſer Häuſer,— eines einzeln ſtehenden Hauſes von ziemlicher Größe, das zwar ſonſt verfallen, an der Thür und den Fenſtern aber gut verwahrt war, und deſſen Hinterſeite den bereits beſchrie⸗ benen Graben überblickte, waren drei Männer verſam⸗ melt, die einander bisweilen mit ängſtlichen und erwar⸗ tungsvollen Blicken anſahen und einige Zeit hindurch in tiefem düſtern Schweigen daſaßen. Der eine war To⸗ bias Crackit, der andere Chitling und der dritte ein Räuber von etwa funfzig Jahren, deſſen Naſe in einem frühern Handgemenge beinahe ganz eingeſchlagen worden war und deſſen Geſicht eine fürchterliche Narbe zeigte, die es vielleicht bei derſelben Gelegenheit empfing. Die⸗ ſer Mann war ein zurückgekommener Deportirter und hieß Kags. »Ich wollte,« ſagte Tobias zu Chitling,»Du hätteſt ein anderes Neſt ausgeſucht, nachdem die alten zu warm geworden ſind, und wäreſt nicht hierher gekommen.⸗ »Warum, Du Dummkopf?« fragte Kags. 150 Oliver Twiſt. »Ich dachte, Sie ſähen mich nicht ungern,« antwor⸗ tete Chitling mit einem traurigen Geſichte. »Wenn ein Mann ſich ſo nobel hält, wie ich es im⸗ mer gethan habe, und ein nettes Haus über dem Kopfe hat, um das Niemand herumſchnobert, ſo iſt es ſehr ſeltſam, die Ehre des Beſuchs eines jungen Menſchen zu erhalten, der in ſolchen Umſtänden iſt wie Du es biſt, wie angenehm er auch bisweilen ſein kann, wenn man zum Zeitvertreibe mit ihm Karte ſpielt.« Es trat wieder eine Pauſe ein, worauf Tobias Cra⸗ ckit Chitling fragte: »Wann wurde Fagin arretirt?« »Gerade zur Eßzeit,— heute um zwei Uhr Nach⸗ mittags,« lautete die Antwort.»Karlchen und ich kro⸗ chen glücklich in den Waſchhausſchornſtein und Bolter ſteckte ſich in das leere Waſſerfaß, den Kopf nach unten, aber ſeine Beine waren ſo lang, daß ſie oben herausſa⸗ hen und ſo wurde er auch mitgenommen.“ „Und Lieschen?« »Das arme Lieschen! Sie wollte die Leiche ſehen,⸗ antwortete Chitling,»wurde dabei wahnſinnig, ſchrie und raſete, und rannte mit dem Kopfe gegen die Wand; man legte ihr eine Zwangsjacke an und brachte ſie in das Hospital, wo ſie noch iſt.« »Und was iſt aus dem jungen Bates geworden?« fragte Kags. „»Er trieb ſich herum, und wollte nicht eher kommen, bis es finſter ſei, aber er wird nun bald da ſein. Man kann nirgends mehr hin gehen, denn die Leute in den Krüppeln ſind alle eingezogen und die Stube iſt voll Polizeidiener.«* „Das iſt ein Schlag e bemerkte Crackit, indem er Oliver Twiſt. 151 ſich in die Lippen biß.»Das koſtet mehr als einem das Leben.«. »Die Seſſionen haben angefangen,« ſagte Kags; in ſechs Tagen kann Fagin baumeln.« »Sie hätten die Menſchen ſchreien hören ſollen,« er⸗ zählte Chitling;»die Polizeidiener wehrten ſich teufel⸗ mäßig, ſonſt hätte man ihn zerriſſen. Einmal lag er ſchon, aber ſie bildeten einen Kreis um ihn und bahnten ſich ſo einen Weg. Sie hätten ſehen ſollen, wie er, ſchmutzig und blutend, ſich umſah und an die Polizeidiener anklammerte, als wären ſie ſeine beſten Freunde. Ich ſehe ihn noch, wie er nicht gerade ſtehen konnte, ſo drängte ſich das Volk an ihn; die Leute ſtreck⸗ ten die Hälſe aus, knirſchten mit den Zähnen und wollten wie wilde Thiere über ihn herfallen; ich ſehe noch das Blut an ſeinem Haar und Bart und höre das fürchter⸗ Aiche Geſchrei der Weiber, die ſich mitten in den Volks⸗ haufen hineindrängten und droheten, Fagin das Herz aus dem Leibe zu reißen.« Der ſchaudernde Zeuge die⸗ ſes Auftrittes drückte die Hände gegen die Ohren, ſtand mit geſchloſſenen Augen auf und ging wie ein Verzwei⸗ felter auf und ab. Während dies geſchah und die beiden Männer ſchwei⸗ gend, mit an den Boden gehefteten Blicken daſaßen, hörte man ein Trappeln auf der Treppe und der Hund Sikes' ſprang herein. Sie liefen an das Fenſter, die Treppe hinunter und auf die Straße hinaus. Der Hund war durch ein offenes Fenſter hereingeſprungen; er machte keinen Verſuch, ihnen zu folgen und ſein Herr war nicht zu ſehen. „»Was bedeutet das?« ſagte Tobias, als ſie zurück⸗ gekehrt waren.»Er kann nicht hierherkommen wollen. Ich— ich hoffe nicht.“ Oliver Twiſt. »Hätte er hierher kommen wollen, ſo wäre er mit dem Hunde gekommen,« ſagte Kags, der ſich bückte, um das Thier zu beſehen, das keuchend am Boden lag. »Da, gieb ihm Waſſer; er hat ſich ganz matt gelaufen. — Er hat Alles ausgeſoffen, jeden Tropfen,— voll Schmutz,— lahm,— halbblind,— er muß weither gekommen ſein.« »Woher kann er gekommen ſein?« rief Tobias.»Er iſt an den andern Orten geweſen und hat ſich, da er vort Fremde fand, hierher gewendet, wo er ja oft gewe⸗ ſen iſt. Aber woher kann er zuerſt gekommen ſein und warum kommt er allein, ohne den Andern?« »Er«— Niemand nannte den Mörder bei deſſen Namen— ver kann ſich kein Leid angethan haben.»Was meinen Sie?« fragte Chitling. Tobias ſchüttelte den Kopf. »Hätte er es gethan, ſagte Kags,»ſo würde uns der Hund gewiß dahin führen, wo es geſchehen. Nein. Ich denke, er hat das Land verlaſſen und den Hund nicht mitgenommen. Er muß ihm auch etwas verſetzt haben, ſonſt wäre er nicht ſo ruhig.« Da dieſe Anslegung am wahrſcheinlichſten zu ſein ſchien, ſo wurde ſie als die allein richtige angenommen. Der Hund kroch unter den Tiſch und kauerte ſich zuſam⸗ men, um zu ſchlafen, ohne daß ihn Jemand weiter beachtete. Da es nun dunkel war, ſchloß man die Läden, zün⸗ dete ein Licht an und ſtellte es auf den Tiſch. Die ſchrecklichen Ereigniſſe der beiden Tage hatten auf alle drei einen tiefen Eindruck gemacht, der noch geſteigert wurde durch ihre eigene unſichere Lage. Sie rückten die Stühle dichter aneinander und fuhren bei jedem äu⸗ ſche zuſammen. Sie ſprachen wenig und dies ganz lei e, 152 . Olioer Twiſt. 153 und waren ſtill und geängſtigt, als liege die Leiche der Erſchlagenen im Nebenzimmer. So hatten ſie eine Zeiltang geſeſſen, als ſie eilig an der Thür unten klopfen hörten.»Der junge Bates!« ſagte Kags, der ärgerlich umherſah, um ſeine Furcht zu verbergen. Das Klopfen wurde wiederholt. Nein, er war es nicht. So klopfte er nie. Crackit trat an das Fenſter und ſah, am ganzen Leibe zitternd, hinaus. Er brauchte es ihnen nicht zu ſagen, wer es ſei; ſein bleiches Geſicht redete deutlich genug. Auch der Hund war ſogleich munter und lief winſelnd an die Thüre. „»Wir müſſen ihn hereinlaſſen,« ſagte Crackit, indem er das Licht nahm. „Iſt das nicht zu umgehen?« fragte der Andere heiſer. „»Nein. Er muß eingelaſſen werden.⸗ „»Laß uns nicht ſo im Finſtern,« ſagte Kags, der ein Licht von dem Kaminſimſe nahm und daſſelbe mit ſo zit⸗ ternder Hand anzündete, daß das Klopfen noch zweimal wiederholt wurde, ehe er ſeinen Zweck erreicht hatte. Crackit ging hinunter an die Thür und kam mit einem Manne zurück, deſſen unterer Geſichtstheil von einem Tuche verhüllt, während ein anderes um den Kopf unter dem Hute gebunden war. Er nahm dieſel⸗ ben langſam ab,— kreideweißes Geſicht, eingeſunkene Augen, hohle Wangen, ein drei Tage alter Bart, abge⸗ fallene Glieder, kurzer Athem, es war wie der Geiſt des Mörders Sikes. Cr legte ſeine Hand auf einen Stuhl, der in der Mitte ſtand, ſchauderte aber, als er ſich darauf ſetzen wollte, ſchien rückwärts über die Achſel zu ſehen, zog —————— 154 Oliver Twiſt. den Stuhl dicht an die Wand,— ſo dicht als möglich, rieb ihn an derſelben,— und ſetzte ſich. Noch war kein Wort geſprochen worden. Er ſah Einen nach dem Andern ſchweigend an. Traf ihn zufäl⸗ lig ein Blick, ſo ſchlug er ſogleich die Augen nieder. Als ſeine hohle Stimme das Schweigen brach, fuhren ſie alle drei zuſammen. Nie hörten ſie ihre Töne vorher. „»Wie kam der Hund hierher?« fragte er. „Allein. Vor drei Stunden.“ „Die Zeitungen von heute Abend ſagen, Fagin ſei arretirt. Iſt das wahr oder eine Lüge?« »Vollkommen wahr.“« Sie ſchwiegen wieder. »Gott verdamm' Euch alle,« ſagte Sikes, indem er mit der Hand über die Stirn ſtrich.»Habt ihr mir nichts zu ſagen?« Man bemerkte eine unruhige Bewegung unter ihnen, aber Niemand ſprach. „Du, Crackit,“ ſagte Sikes,»willſt du mich für Geld und gute Worte hier bleiben laſſen, bis die Jagd vor⸗ bei iſt?« „Du kannſt hier bleiben, wenn du es für ſicher hältſt,« antwortete der Angeredete nach einigem Zögern. Sikes ſah langſam an der Wand hinter ſich empor, indem er mehr bloß einen Verſuch machte, den Kopf umzudrehen, als er wirklich that, und ſagte: viſt— iſt die Leiche— iſt ſie begraben?« Sie ſchüttelten die Köpfe. „»Warum nicht?« fragte der Mann mit demſelben Blicke rückwärts.»Warum läßt man ſolche häßliche Dinge über der Erde?— Was ſoll das Klopfen?« Crackit gab, während er hinausging, durch eine Handbewegung zu verſtehen, daß nichts zu fürchten ſei, Oliver Twiſt. 155 und kam gleich darauf mit Karlchen Bates zurück. Si⸗ kes ſaß der Thür gegenüber, ſo daß der Knabe ihn ſehen mußte, ſobald er eintrat. „»Tobias,« ſagte der Knabe, indem er zurückprallte, als Sikes ihn anſah,»warum ſagten Sie mir das nicht unten?« Es hite etwas ſo Gräßliches in dem Zurückweichen der drei Perſonen gelegen, daß der elende Mörder gern wenigſtens dieſem Knaben für ſich gewonnen hätte. Er nickte deshalb und that, als wolle er ihm die Hand reichen. „Laſſen Sie mich in die Kammer daneben gehen,«. ſagte der Knabe, indem er noch weiter zurücktrat. „Warum, Karlchen?« ſagte Sikes, der auf ihn zu⸗ trat.»Kennſt— kennſt du mich nicht?« „Kommen Sie mir nicht näher,« antwortete der Knabe, ausweichend und entſetzt den Mörder anblickend. „Sie Unmenſch!« Der Mann blieb auf dem halben Wege ſtehen und ſie ſahen einander an, aber die Augen des Mörders ſan⸗ ken allmälig nieder. „Sie drei ſind Zeugen,« fuhr der Knabe fort, in⸗ dem er die geballte Fauſt ſchüttelte und immer aufgereg⸗ ter wurde,»Sie drei ſind Zeugen,— ich fürchte mich nicht vor ihm,— wenn die Leute ihn hier ſuchen, ver⸗ rathe ich ihn, das thue ich. Ich ſage es rein heraus; er mag mich todtſchlagen, wenn er Luſt hat oder es wagt, aber wenn ich dabin, werde ich ihn verrathen. Ich würde ihn verrathen, und wenn er lebendig gebra⸗ ten werden ſollte. Mörder! Hülfe! Habt ihr ein Herz, ſo helft mir. Mörder! Hülfe! Nieder mit ihm!« Während der Knabe ſo ſchrie und heftig geſticulirte, fiel er wirklich allein über den ſtarken Mann her und 156 Oliver Twiſt. warf denſelben durch Anwendung aller ſeiner Kraft und in Folge der Ueberraſchung zu Boden. Die drei Zuſchauer ſchienen verſteinert zu ſein. Sie miſchten ſich nicht ein und der Knabe und der Mann wälzten ſich auf dem Boden umher, der erſtere ohne Rückſicht auf die ſchweren Schläge, die er erhielt, feſter und immer feſter den Rock des Mörders an der Bruſt faſſend und fortwährend aus voller Kehle um Hülfe ru⸗ fend. Der Kampf war jedoch zu ungleich, als daß er hätte lange dauern können. Sikes hatte ihn niedergebracht und kniete ihm auf die Kehle, als Crackit ihn beſtürzt zurückriß und nach dem Fenſter deutete. Es glänzten Lichter unten,— man hörte Stimmen in lautem Ge⸗ ſpräche, und eilige Fußtritte— ihre Zahl ſchien endlos zu ſein,— über die nächſte Holzbrücke kommen. Unter der Menge befand ſich wahrſcheinlich ein Reiter; der Lichterglanz nahm zu, die Fußtritte kamen zahlreicher und deutlicher näher. Dann wurde laut an die Thür geklopft und man vernahm ein dumpfes Summen von ſo vielen zornigen Stimmen, daß wohl der Muthigſte erbeben konnte. »Hülfe!« ſchrie der Knabe;»hier iſt er! Schlagt die Thür ein!« „»Im Namen des Königs!« riefen Stimmen außen. »Schlagt die Thür ein! ſchrie der Knabe wieder. „»Man wird ſie nie aufmachen. Kommt gerade hierher, wo das Licht iſt. Schlagt die Thür ein!« Gewaltige Schläge donnerten an die Thür und an die untern Fenſterläden und die Menge brach in ein lau⸗ tes Hurrah aus, nach welchem man zum Erſtenmale ihre Zahl beurtheilen konnte. »Macht die Thür einer Kammer auf, in die ich die⸗ Oliver Twiſt. 157 ſen ſchreienden Höllenbuben einſchließen kann,« ſagte Si⸗ kes wild, der hin und her lief und den Knaben jetzt ſo leicht herumzog, als ſei derſelbe ein leerer Sack.„»Die Thür! Schnell!l« Er warf ihn hinein und ſchloß zu. „»Iſt die Thüre unten feſt?« 1. „Doppelt verſchloſſen und verkettet,« antwortete Cra⸗ ckit, der mit den beiden Andern daſaß, ohne zu wiſſen, was zu beginnen ſei. „»Das Holz,— iſt es feſt?« „Mit Eiſen beſchlagen.« „Und die Fenſter auch?« „Ja, auch die Fenſter.« »Gott verdamm' Euch;« rief der verzweifelte Böſe⸗ wicht, indem er ein Fenſter aufriß und der Menge drohete. Kein entſetzliches Geſchrei, das je ein ſterbliches Ohr vernommen hat, kann dem Rufe der wüthenden Menge gleichkommen. Einige riefen denen, welche am nächſten ſtanden, zu, das Haus anzuzünden, Andre forderten die Polizei auf, den Mörder zu erſchießen. Keiner von Al⸗ len aber ſchien ſo aufgebracht zu ſein als der Mann zu Pferde, der aus dem Sattel ſprang, durch die Menge drängte, als gehe er durch Waſſer, und unter dem Fen⸗ ſter in einer Stimme rief, die alle übertönte:»zwanzig Guineen dem, der eine Leiter bringt.“« Hundert Stimmen wiederholten den Ruf. Einige ſchrieen nach Leitern, Andere nach großen Hämmern und Aexten; Einige liefen mit Fackeln umher, als ſuchten ſie dergleichen, kamen zurück und ſchrieen wieder; Einige ver⸗ geudeten ihren Athem mit ohnmächtigen Flüchen und Ver⸗ wünſchungen; Einige drängten wie wahnſinnig vor und hinderten die Fortſchritte der Vordern; Einige der Muthig⸗ ſien verſuchten an der Waſſerrinne und den Sprüngen im 4 Oliver Twiſt. Hauſe hinaufzuklettern, Alle aber wogten in dem Dun⸗ kel unten hin und her wie ein Getreidefeld, das der Wind bewegt.. »Die Fluth,« ſagte der Räuber, indem er von dem Fenſter zurückwankte,»die Fluth war eingetreten, als ich kam. Gebt mir einen Strick, einen langen Strick. Sie ſind alle vorn. Ich kann mich in den Graben hinunter⸗ laſſen und ſo entkommen. Gebt mir einen Strick oder ich begehe noch drei Todtſchläge und ermorde mich end⸗ lich ſelbſt.« Die erſchrockenen Männer wieſen dahin, wo ſolche Gegenſtände aufbewahrt wurden; der Mörder wählte ſchnell den längſten und ſtärkſten Strick aus und eilte auf das Haus hinauf. Alle Fenſter an der hintern Seite des Hauſes waren längſt zugemauert worden bis auf ein kleines in der Kammer, in welcher der Knabe eingeſchloſſen war und dies war zu klein, als daß dieſer hätte hinauskriechen können; aber durch dieſe Oeffnung hatte er unaufhörlich gerufen, man ſolle auch die Hinterſeite bewachen und als der Mörder endlich auf dem Dache oben herauskam, rie⸗ fen die hinten Stehenden dies ſogleich den Vordern zu, die ſich alsbald dahin drängten.— Der Mörder ſah hinunter. Das Waſſer hatte ſich wieder verlaufen und der Graben war nur voll Schlamm. Die Menge war jetzt ſtill und beobachtete ſeine Be⸗ wegungen, ſobald ſie aber ſeine Abſicht merkte und ein⸗ ſah, daß ſie nicht gelingen konnte, erhob ſie ein Triumph⸗ geſchrei, gegen das alles vorhergehende Gebrüll leiſes Flüſtern geweſen war. Es erhob ſich wieder und wie⸗ der. Die, welche zu weit entfernt ſtanden, als daß ſie die Bedeutung errathen konnten, wiederholten es dennoch; ſo ſchallte es hin und her; die ganze Stadt ſchien ihre Ein⸗ Oliver Twiſt. 159 wohner daher geſchickt zu haben, um ihm zu fluchen. Das Volk drängte heran, immer heran, heran, in einem gewaltigen Strome zorniger Geſichter mit ein⸗ zelnen Fackeln zum Leuchten, in deren Lichte man den Un⸗ willen und die Leidenſchaft ſehen konnte. Der Pöbel war in die Häuſer an der andern Seite des Grabens gedrungen; es wurden Fenſter auf oder ganz heraus⸗ geriſſen und in jedem drängten ſich drei und vier Ge⸗ ſichter. Jede kleine Brücke, und man ſah deren drei, bog ſich unter der Laſt der Volksmenge darauf, und im⸗ mer noch kamen Andere heran, um ein Plätzchen zu ſu⸗ chen, an dem ſie ihren Zorn ausſchreien oder den Böſe⸗ wicht auf einen Augenblick ſehen könnten. »Jetzt haben ſie ihn,« rief ein Mann auf der näch⸗ ſten Brücke.»Hurrah!« Die Menge ſchwenkte die Hüte und ſtimmte von neuem ein tauſendfältiges Hurrah an. „Ich verſpreche den funfzig Pfund, der ihn lebendig fängt,« rief ein alter Herr.»Ich bleibe hier bis er kommt, um mir ſie abzufordern.« Ein neues Gebrüll. In dieſem Augenblicke verbrei⸗ tete ſich die Nachricht, daß die Thür endlich eingeſchla⸗ gen, und der Mann, der zuerſt nach einer Leiter geru⸗ fen hatte, hineingegangen ſei. Der Volksſtrom kehrte ſogleich um und die Leute an den Fenſtern verließen ihre Standorte, als ſie die auf den Brücken umkehren ſahen, eilten auf die Straße hinunter und vergrößerten den Strom, der hin und her an den Ort wogte, welchen er vorher verlaſſen hatte. Jeder ſchob ſeinen Nachbar bei Seite und Alle müheten ſich ab, an die Thür zu kom⸗ men und den Verbrecher zu ſehen, wenn die Polizeidie⸗ ner ihn herausbrächten. Das Geſchrei und Jammern derer, welche faſt erdrückt oder niedergetreten wurden, 160 Oliver Twiſt. war fürchterlich; die engen Gaſſen waren völlig ver⸗ ſtopft, und ſo wurde die unmittelbare Aufmerkſamkeit in dieſer kurzen Zeit von dem Mörder abgelenkt, ob⸗ gleich der allgemeine Wunſch, daß er möge ergriffen werden, wo möglich noch größer geworden war. Der Mann war zurückgewichen, als er die unwillige Volksmenge und die Unmöglichkeit des Entkommens ſah, als er aber dieſe plötzliche Veränderung bemerkte, ſtand er wieder auf, feſt entſchloſſen, einen letzten Verſuch um ſein Leben zu wagen, indem er ſich in den Graben hin⸗ unterlaſſe, und, wenn er in dem Schlamme nicht erſticke, im Dunkel und in der Verwirrung ſich fortſchleiche. Zu neuer Thatkraft angeſpornt und getrieben durch den Lärm im Hauſe, der ihm ſagte, daß man wirklich eingedrungen ſei, befeſtigte er das eine Ende des Stri⸗ ckes um den Schornſtein und machte von dem andern mit den Händen und den Zähnen in kaum einer Se⸗ kunde einen laufenden Knoten. Er konnte ſich mit dem Stricke bis auf etwa drei Ellen vom Boden hinunter⸗ laſſen und hielt das Meſſer in der Hand, um ihn dann durchzuſchneiden und ſich vollends hinunterfallen zu laſſen. In demſelben Augenblicke, als er die Schlinge über den Kopf zog, ehe er die Arme durchgeſteckt hatte, und als der alte Herr, der ſich feſt an das Geländer der Brücke anhielt und ſo ſeinen Standort behauptete, den Nächſtſtehenden zurief, der Mann werde ſich eben hin⸗ unterlaſſen, in demſelben Augenblicke ſah der Mörder hinter ſich auf das Dach, ſtreckte die Arme empor und ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus. „»Wieder die Augen!« rief er, dann wankte er, wie vom Blitze getroffen, verlor das Gleichgewicht und ſtürzte herab; die Schlinge befand ſich noch an ſeinem Halſe und die Laſt ſeines Körpers zog ſie ſchnell feſt zuſammen. 8 Oliver Twiſt. 16¹ Er fiel fünfunddreißig Fuß tief. Da zuckte er, ſeine Glieder wurden vom Todeskrampfe geſchüttelt, und da hing er, mit dem Meſſer in ſeiner ſteifgewordenen Fauſt. Der alte Schornſtein erbebte von der Erſchütterung, hielt ſie aber aus. Der Mörder ſtieß leblos an die Mauer, und der Knabe, welcher den ſchwebenden Leichnam wegſtieß, der ihm gerade die Ausſicht benahm, rief den Leuten zu, um Gotteswillen zu kommen und ihn heraus⸗ zulaſſen.. Ein Hund, der ſich bis dahin verkrochen hatte, lief mit einem jämmerlichen Geheul hin und her am Dache, ſammelte ſich dann zu einem Sprunge und wollte auf den Leichnam ſpringen. Aber er verfehlte ſein Ziel, ſtel in den Graben und traf mit dem Kopfe an einen Stein, ſo daß das Gehirn umherſpritzte. Dreizehntes Kapitel giebt eine Aufklärung von mehr als einem Geheimniſſe und enthält einen Heirathsantrag ohne Beſtimmung von Na⸗ delgeld. Die im vorigen Kapitel erzählten Ereigniſſe waren erſt zwei Tage alt, als Oliver um drei Uhr Nachmit⸗ tags in einem Reiſewagen ſchnell nach ſeinem Geburts⸗ orte fuhr. Madame Maylie, Roſa, Frau Bedwin und der gute Doktor befanden ſich bei ihm. Brownlow folgte in einem Poſtwagen mit einer andern Perſon, deren Name nicht genannt worden war. Sie hatten unterwegs nicht viel geſprochen, denn Oliver Twiſt. III. 11 162 Oliver Twiſt. Oliver war in großer Unruhe und Ungewißheit, welche es ihm unmöglich machten, ſeine Gedanken zu ſammeln, ja, ihm faſt die Sprache benahmen. Seine Begleiter ſchienen kaum ruhiger zu ſein. Er und die beiden Da⸗ men waren durch Brownlow ſehr behutſam mit den Ge⸗ ſtändniſſen bekannt gemacht worden, die Monks gethan hatte, und obgleich ſie wußten, daß ihre jetzige Reiſe das Werk vollenden ſollte, das ſo gut eingeleitet war, ſo lag doch die ganze Sache noch in ſo großem Dunkel, daß ihre Spannung auf die endliche vollſtändige Aufflä⸗ rung bedeutend genug war. Dceerſelbe beſorgte Freund hatte mit Losberne's Bei⸗ hülfe verhindert, daß ſie Nachricht von den ſchrecklichen Ereigniſſen erhielten, die ſich zugetragen hatten.»Sie müſſen dieſelben allerdings bald erfahren,« ſagte er, „aber dies kann zu einer gelegenern Zeit geſchehen.“ So fuhren ſie ſchweigend hin, ein jeder mit Gedanken über den Gegenſtand beſchäftigt, der ſie zuſammenge⸗ bracht hatte. Wenn aber auch Oliver ſchwieg, während ſie nach dem Orte ſeiner Geburt auf einem Wege hinrollten, den er nie geſehen hatte, wie wendete ſich doch der ganze Strom ſeiner Erinnerungen zu der vergangenen Zeit zurück, und wie viele Gefühle regten ſich in ſeinem Bu⸗ ſen, als ſie die Straße erreichten, auf der er, ein armer heimathloſer Knabe, flüchtig daher gewandert war. „Sehen Sie, da, da—« rief er, ergriff Roſa's Hand und zeigte hinaus,»da ſind die Hecken, an denen ich hinkroch, als ich fürchtete, man verfolge mich und könne mich mit Gewalt zurückbringen, und jener Weg vort über das Feld führt nach dem alten Hauſe, wo ich als kleines Kind war. Ach könnte ich doch den einzigen Freund dort wiederſehen!« Oliver Twiſt. 163 »Du wirſt ihn bald ſehen,« antwortete Roſa, indem ſie ſeine gefalteten Hände in die ihrigen nahm.»Du ſollſt ihm ſagen, wie glücklich Du biſt, wie reich Du ge⸗ worden und daß Du zurückgekommen biſt, um ihn auch glücklich zu machen.« »Ja, ja,« ſagte Oliver,»und wir, wir wollen ihn von dort wegnehmen, ihn kleiden, unterrichten laſſen und an einen ruhigen Ort auf dem Lande ſchicken, damit er geſund und ſtark werde,— wollen wir das?« Roſa nickte»ja,« denn der Knabe lächelte durch ſo glückliche Thränen, daß auch ſie nicht ſprechen konnte. „»Sie werden freundlich und gütig gegen ihn ſein, denn Sie ſind es ja gegen Jedermann,« fuhr Oliver fort.»Er wird Sie wohl zu Thränen rühren, ich weiß es, wenn er ſagt, was er ſagen kann, aber denken Sie nicht daran, es vergeht und Sie werden wieder lachen, das weiß ich auch,— Sie machten es ja mit mir auch ſo. Er ſagte:„Gott ſegne Dich! als ich davonlief,⸗ fuhr der Knabe fort, dem die Thränen über die Wan⸗ gen ſtrömten,»nun will ich ſagen: Gott ſegne Dich!“ und ihm zeigen, wie ich ihn darum liebe Als ſie der Stadt näher kamen und endlich durch die engen Straßen derſelben fuhren, war es ſchwer, den Knaben in den Grenzen der Mäßigung zu halten. Da ſtand Sowerberry's, des Leichenbeſtatters, Haus noch wie ſonſt, nur kleiner und unſcheinbarer, als er ſich daſ⸗ ſelbe in Gedanken vorgeſtellt hatte,— alle die wohlbe⸗ kannten Läden und Häuſer— Gamſields Karren, derſelbe, deſſen er ſich ſonſt zu bedienen pflegte,— das Arbeits⸗ haus, das traurige Gefängniß ſeiner Kinderjahre mit den trüben Fenſtern nach der Straße zu,— derſelbe dürre Pförtner an der Thür, bei deſſem Anblicke Oliver unwillkürlich zurückfuhr und dann lachte, daß er ſo kin⸗ 41* Oliver Twiſt. 164 diſch geweſen, dann weinte, darauf wieder lachte,— viele Geſichter an den Thüren und Fenſtern, die er ganz genau kannte,— faſt alles, als habe er es erſt am vo⸗ rigen Tage verlaſſen, und als ſei ſein neues Leben nur ein glücklicher Traum geweſen. 3 Aber es war ernſte, pure, fröhliche Wirklichkeit. Sie fuhren gerade nach dem erſten Hotel— das Oliver ſonſt anzuſtieren und für einen gewaltigen Palaſt zu halten pflegte.— Hier erwartete ſie Herr Grimwig bereits, der die junge Dame und auch die alte küßte, als ſie aus dem Wagen ſtiegen, als wäre er der Großvater der ganzen Geſellſchaft, ganz Lächeln und Freundlichkeit, ohne ſich zu erbieten, ſeinen Kopf zu eſſen— nein, nicht einmal, ſelbſt nicht, als er einem ſehy alten Poſtillon über den nächſten Weg nach London Kiderſprach und behauptete, er wiſſe das am beſten, obgleich er den Weg nur einmal und noch dazu ſchlafend gemacht hatte. Das Mittagseſſen war bereit, Zimmer ſtanden bereit und alles war wie durch Zauberei angeordnet. Trotz dem herrſchte, nachdem die Unruhe der erſten halben Stunde vorüber war, wieder dieſelbe Stille wie auf der Herreiſe. Brownlow aß nicht mit ihnen, ſon⸗ dern blieb in einem andern Zimmer. Die beiden andern Herren kamen und gingen mit ängſtlichen Geſichtern und ſprachen, wenn ſie dawaren, leiſe in einer Ecke mit ein⸗ ander. Einmal wurde Madame Maylie abgerufen, und kam nach einer Stunde mit rothgeweinten Augen zurück. Alle dieſe Dinge machten Roſa und Oliver, die in kei⸗ nes der neuen Geheimniſſe eingeweiht waren, beſorgt und unruhig. Sie ſaßen ſtill da, und wenn ſie einige wenige Worte wechſelten, ſprachen ſie ſo leiſe, als ſcheue⸗ ten ſie ſich, den Klang ihrer eigenen Stimme zu hören. Endlich, als neun Uhr herangekommen war und ſie 165 bereits glaubten, dieſen Abend nichts mehr zu hören, traten Losberne und Grimwig in das Zimmer, gefolgt von Brownlow und einem Manne, bei deſſem Anblicke Oliver vor Ueberraſchung faſt laut aufſchrie, denn ſie ſagten ihn, dieſer ſei ſein Bruder, und er war der⸗ ſelbe, den er in dem Marktflecken getroffen und der mit Fagin durch das Fenſter in ſein Stübchen ge⸗ ſehen hatte. Der Mann warf einen Blick des Haſſes, den derſelbe in dieſem Augenblicke nicht unterdrücken konnte, auf den erſtaunten Knaben und ſetzte ſich an der Thür nieder. Brownlow, der Papiere in der Hand hatte, trat an einen Tiſch, an welchem Roſa und Oliver ſaßen.. „ Es iſt eine ſchmerzliche Aufgabe,« ſagte er,»aber die Erklärungen, welche in London vor vielen Herren unterzeichnet worden ſind, müſſen in der Hauptſache hier wiederholt werden. Ich hätte Ihnen gern die Demü⸗ thigung erſpart, aber wir müſſen ſie aus Ihrem eigenen Munde hören, ehe wir ſcheiden, und Sie wiſſen warum.« »Weiter,« ſagte der Angeredete mit abgewendetem Geſichte.»Schnell. Ich habe genug gethan. Halten Sie mich nicht hier auf.« »Dieſes Kind,« ſagte Brownlow, indem er Oliver an ſich zog und ſeine Hand auf den Kopf deſſelben legte, viſt Ihr Halbbruder, der uneheliche Sohn Ihres Vaters, meines theuern Freundes Edwin Leeford und der armen jungen Agnes Fleming, der ſeine Geburt das Leben koſtete.“ »Ja,« ſagte Monks, mit finſterm Blicke auf den zitternden Knaben, deſſen Herzklopfen er hätte hören können.»Dies iſt ihr Baſtard.« 5 »Der Ausdruck, deſſen Sie ſich bedienen, ſagte Brownlow ernſt,»iſt ein Vorwurf für die, welche längſt Oliver Twiſt. — 166 Oliver Twiſt. dem Tadel dieſer Welt enthoben find. Er ſchändet kei⸗ nen Lebenden, außer Sie, der Sie ſich deſſen bedienen. Doch genug. Er wurde in dieſer Stadt geboren?« »In dem Arbeitshauſe dieſer Stadt,« lautete die mürriſche Antwort»Sie haben die Erzählung da,« und er wies ungeduldig auf die Papiere. »Sie muß auch hier gehört werden,« ſagte Brown⸗ low, indem er die Anweſenden anſah. „»So hören Sie,« entgegnete Monks.»Als ſein Vater, wie Sie wiſſen, in Rom erkrankte, eilte ſeine Frau, meine Mutter, von der er lange getrennt gelebt hatte, von Paris mit mir dahin,— des Vermögens wegen, ſo viel ich weiß, denn zu ihm hatte ſie keine große Liebe, ſo wenig als er zu ihr. Er erkannte uns nicht, denn er hatte bereits die Beſinnung verloren und ſchlief bis zum nächſten Tage, an welchem er ſtarb. Unter den Papieren in ſeinem Pulte befanden ſich zwei, datirt von der Nacht, in welcher er erkrankte, an Sie gerichtet, mit der Bemerkung auf dem Couvert, daß das Packet erſt nach ſeinem Tode abgeſendet werden ſolle. Eins dieſer Papiere war ein Brief an jenes Mädchen Agnes und das zweite ein Teſtament.« „»Wie war es mit dem Briefe?« fragte Herr Brown⸗ low. „Der Brief? Er enthält ein reuiges Geſtändniß und ein Gebet an Gott, ihr beizuſtehen. Er hatte dem Mädchen erzählt, ein Geheimniß— das einſt werde enthüllt werden— verhindere ihn, ſich ſogleich mit ihr zu verheirathen. Sie war, ihm geduldig vertrauend, wei⸗ ter, immer weiter gegangen, bis ſie zu weit ging und verlor, was ihr Niemand wiedergeben konnte. Sie war ihrer Entbindung bereits nahe. Er ſagte ihr alles, was er habe thun wollen, um ihre Schande zu verber⸗ Oliver Twiſt. 167 gen, wäre er am Leben geblieben, und bat ſie, wenn er ſterbe, ſeinem Andenken nicht zu fluchen, noch zu glauben, daß die Folgen ihrer Sünde ſie und ihr Kind treffen würden; er allein trage alle Schuld. Er erinnerte ſie an den Tag, an welchem er ihr das kleine Medaillon und den Ring gegeben hatte, an dem ihr Taufname ein⸗ gegraben und Platz für jenen gelaſſen ſei, den er ihr einſt geben zu können gehofft habe,— erſuchte ſie, die⸗ ſen Ring noch aufzubewahren und an ihrem Herzen zu tragen, wie ſie es immer gethan;— dann wiederholte er dieſelben Worte von neuem, da er wahrſcheinlich bei dem Schreiben bereits das Bewußtſein verloren hatte.« »Das Teſtament?« fragte Brownlow, während Oli⸗ ver die Thränen über die Wangen ſtrömten.»Davon will ich ſprechen. Das Teſtament war in demſelben Geiſte wie der Brief abgefaßt. Er ſprach von Kummer und Elend, die ſeine Gattin über ihn gebracht, von der Widerſpänſtigkeit, dem Laſter, der Bosheit und den früh⸗ zeitigen böſen Leidenſchaften ſeines einzigen Sohnes, der im Haſſe gegen ihn erzogen worden, und hinterließ Ihnen, wie Ihrer Mutter, jedem, einen Jahrgehalt von 800 Pfund. Sein Vermögen aber theilte er in zwei gleiche Theile,— einen für Agnes Fleming und den andern für ihr und ſein Kind, wenn es lebendig zur Welt kommen und am Leben bleiben ſollte. Wäre es ein Mädchen, ſo ſollte daſſelbe das Geld ohne Bedingung erhalten; wäre es aber ein Knabe, nur unter der Bedingung, daß er in ſeiner Unmündigkeit ſeinen Namen nicht durch eine öffentliche, ſchlechte, gemeine, böswillige That befleckt habe. Er that dies, ſeinem Ausſpruche nach, um ſein Vertrauen zu der Mutter und ſeine Ueberzeugung zu beweiſen,— die durch die Nähe des Todes nur beſtärkt würde,— daß das Kind ihr ſanftes Herz und ihren 168 Oliver Kwiſt. edeln Charakter erben werde. Würde er in dieſer Er⸗ wartung getäuſcht, ſo ſollte das Geld Ihnen zufallen, denn dann, und nur erſt dann, wenn beide Kinder gleich wären, wollte er Ihr Vorrecht auf ſein Vermögen an⸗ erkennen, ob Sie gleich keinen Anſpruch auf ſein Herz und ihn ſchon als Kind mit Kälte und Widerwillen be⸗ handelt hätten.« »Meine Mutter,« fuhr Monks lauter fort,»that, was eine Frau und Multer thun mußte,— ſie verbrannte das Teſtament. Der Brief kam nie an den Ort ſeiner Beſtimmung, ſondern ſie behielt dieſen und andere Be⸗ weife für ſich für den Fall, daß man die Schande viel⸗ leicht wegläugnen wollte. Des Mädchens Vater erfuhr von ihr die Wahrheit ſo, wie ihr gewaltiger Haß— und darum liebe ich ſie— es ihr eingab. Getrieben von Scham und Schande, entfloh er mit ſeinen Kindern in einen entlegenen Theil von Wales und nahm ſelbſt einen andern Namen an, damit ſeine Freunde ſeinen Zufluchtsort nie erführen, und hier wurde er nicht lange darauf todt in ſeinem Bette gefunden. Das Mädchen hatte ins Geheim einige Wochen vorher ihre Heimath verlaſſen; er hatte ſie zu Fuße in jeder Stadt und jedem Dorfe in der Nähe geſucht und in der Nacht, als er mit der Ueberzeugung zurückkam, daß ſie Hand an ihr Leben gelegt habe, um ihre und ſeine Schande zu ber⸗ gen, brach ſein altes Herz.« Es folgte eine kurze Pauſe, nach welcher Brownlow den Faden der Erzählung wieder aufnahm. „» Nach Jahren,« ſagte er,»kam die Mutter dieſes Mannes, Eduard Leefords, zu mir. Er hatte ſie in ſeinem achtzehnten Jahre verlaſſen, ihr Juwelen und Geld geſtohlen, geſpielt, verſchwendet, betrogen und war nach London entflohen, wo er zwei Jahre lang mit dem Oliver Twiſt. 169 gemeinſten Auswurfe umging. Sie litt an einer ſchmerz⸗ lichen und unheilbaren Krankheit und wünſchte, ihn wie⸗ derzuſehen, ehe ſie ſterbe. Man ſtellte Nachforſchungen an, die lange vergeblich waren, aber doch zuletzt zum Ziele führten, und er kehrte mit ihr nach Frankreich zu⸗ rück.« „»Dort ſtarb ſie,« ſagte Monks,»nach einer lang⸗ wierigen Krankheit, und auf ihrem Todtenbette hinterließ ſie mir dieſe Geheimniſſe, ſo wie ihren unerſättlichen Haß gegen Alle, welche darin verwickelt waren, obgleich ſie mir dieſen nicht zu hinterlaſſen brauchte, da ich ihn längſt ſchon geerbt hatte. Sie wollte es nicht glau⸗ ben, daß das Mädchen ſich ſelbſt und dem Kinde den Tod gegeben habe, ſondern glaubte feſt, es ſei ein Knabe geboren worden, der noch lebe. Ich ſchwur es ihr, dieſen Knaben, wenn er mir je in den Weg komme, niederzutreten, ihm nie Ruhe zu laſſen, ihn mit dem giftigſten Haſſe zu verfolgen und wo möglich ſelbſt an den Galgen zu bringen. Sie hatte Recht. Er kam mir endlich in den Weg; ich begann meinen Schwur zu lö⸗ ſen, und würde ihn ganz gelöſet haben, hätte die ver⸗ rätheriſche Zunge geſchwiegen, ja, ich würde ihn gelöſet haben.« Während der Böſewicht die Arme feſt über einander ſchlug und in der Ohnmacht ſeiner Bosheit ſich ſelbſt verfluchte, wendete ſich Brownlow an die erſchrockenen Anweſenden und ſagte ihnen, dem Juden, dem alten Mitſchuldigen und Vertrauten dieſes Mannes, ſei eine große Belohnung verſprochen worden, wenn er den Knaben in ſeinen Klauen behalte, ein Theil dieſer Be⸗ lohnung habe ausgezahlt werden ſollen, als der Knabe befreit wurde, und ein Streit darüber habe ihren Be⸗ ſuch an dem Landhauſe veranlaßt, wo ſie ſich hatten 170 Oliver Twift. überzeugen wollen, daß der Knabe wirklich dort ſei. »Das Medaillon und der Ring?« fragte Brownlow zu Monks gewendet. „»Die kaufte ich von dem Manne und der Frau, von denen ich Ihnen erzählte, die ſie der Wärterin geſtohlen hatten, welche ſie dem Leichname abgenommen,« ant⸗ wortete Monks, ohne die Augen aufzuſchlagen.»Was daraus wurde, wiſſen Sie.« Brownlow nickte dem Herrn Grimwig zu, der ſogleich verſchwand, kurz darauf aber wieder erſchien, Madame Bumble vor ſich hertrieb und den Mann nach ſichszog. „»Täuſchen mich meine Augen!« rief Bumble mit ſchlecht erheucheltem Enthuſiasmus;»iſt das nicht der kleine Oliver? Ach O—li- ver, wenn Sie wüßten, wie ich mich um Sie gegrämt habe—« »Halt' Dein Maul, alter Narr,« murmelte Madame Bumble. „»Es iſt Natur, Natur, Madame Bumble,« entgeg⸗ nete der Hausvater des Arbeitshauſes. »Kann man nicht glauben, ich fühle,— da ich ihn erzog, und ihn nun hier unter Damen und Herren ſitzen ſehe! Ich liebte den Knaben immer, als ſei er mein eigenes Kind geweſen. Herr Oliver, lieber Oliver, ge⸗ denken Sie noch an den lieben Herrn in der weißen Weſte? Ach, er wurde zu ſeinen Vätern verſammelt vo⸗ rige Woche in einem eichenen Sarge mit ſilbernen Hand⸗ haben, Oliver.“« »Nun,« ſagte Grimwig, v»beherrſchen Sie Ihre Ge⸗ fühle.« „Ich will mein Möglichſtes thun, Herr,« antwortete Bumble.—»Wie geht es Ihnen, Herr? Ich hoffe, Sie befinden ſich ganz wohl.« Dieſe Begrüßung galt dem Herrn Brownlow, der Oliver Twiſt. 171 ganz nahe an das ehrenwerthe Paar getreten war und nun, auf Monks deutend, fragte: »Kennen Sie dieſen Mann?« „»Nein,« antwortete Madame Bumble ſogleich. »Vielleicht kennen Sie ihn?« ſagte Brownlow zu dem Manne dieſer Frau. »Ich habe ihn in meinem ganzen Leben nicht geſe⸗ hen,« antwortete Bumble. »Sie haben ihm auch nichts verkauft?« „»Nein,« antwortete Madame Bumble. »Sie hatten wohl niemals ein Medaillon und einen Ring?« fragte Brownlow. » Gewiß nicht,« erwiederte die Frau.»Warum hat man uns daher gebracht, um ſolche unſinnige Fragen zu beantworten?« Brownlow winkte wieder dem Herrn Grimwig, und dieſer hinkte mit der größten Bereitwilligkeit fort. Dies⸗ mal kam er jedoch nicht wieder mit einem ſtämmigen Manne und deſſen Frau, ſondern mit zwei gelähmten Weibern, die zitternd hereinwankten. »Sie verſchloſſen die Thür in der Nacht, als die alte Sarah ſtarb,« ſagte die Erſte, indem ſie ihre welke Hand emporhob,»aber Sie konnten es nicht hindern, daß die Worte weiter drangen, und die Ritzen nicht ver⸗ ſtopfen.« „Nein, nein,« ſagte die Andere, indem ſie ſich um⸗ ſah und mit ihren zahnloſen Kinnbacken wackelte.»Nein, nein, nein.« »Wir hörten, wie ſie Ihnen erzählte, was ſie gethan, wir ſahen, daß Sie ihr ein Papier aus der Hand nah⸗ men und beobachteten Sie auch am andern Tage, als Sie zu dem Pfandleiher gingen,« ſagte die Erſte. »Ja,“« ſetzte die Zweite hinzu, vund es war ein Me⸗ 172 Oliver Twiſt. daillon und ein goldener Ring. Wir ſahen dies Ihnen geben. Wir waren dort. Ach, wir waren dort.« »Und wir wiſſen mehr als dies,« begann die Erſte wieder,»denn die alte Sarah hatte uns lange vorher oft erzählt, wie die junge Mutter ihr geſagt, als ſie fühlte, daß es mit ihr aus ſei, ſie wäre, da die Wehen ſie überraſcht, auf dem Wege geweſen, um an dem Grabe des Vaters des Kindes zu ſterben.« »Wollen Sie den Pfandleiher ſelbſt ſehen?« fragte Grimwig, indem er nach der Thür wieß. »Nein,“« antwortete die Frau,»„wenn er«— und ſie deutete auf Monks—»ſo feig geweſen iſt, zu geſtehen, wie er es wahrſcheinlich gethan hat, und da Sie alle die alten Hexen ausgefragt haben, bis Sie die rechten fanden, ſo habe ich nichts mehr zu ſagen. Ich ver⸗ kaufte das, aber Sie werden es nicht wiederfinden. Was noch?« „»Nichts,« antwortete Brownlow,»als daß wir dafür Sorge tragen, daß Ihnen Beiden kein Amt mehr über⸗ tragen wird. Sie können gehen.« »Ich hoffe,« ſagte Herr Bumble, der mit einem ſehr betrübten und reumüthigen Geſichte um ſich ſah, als Grimwig mit den beiden alten Weibern fortging, vich hoffe, dieſer kleine unglückliche Umſtand wird mich nicht um mein Gemeindeamt bringen.« »Das wird allerdings geſchehen,« antwortete Brown⸗ low,»darauf müſſen Sie ſich gefaßt machen.« »Es war bloß meine Frau,— ſie hat alles gethan,« meinte Bumble, der ſich aber vorher umſah, um ſich zu überzeugen, daß ſeine Ehehälfte auch wirklich hinaus ſei. „»Das iſt keine Entſchuldigung,« entgegnete Brown⸗ low.»Sie waren bei der Vernichtung jenes Schmuckes Oliver Twiſt. 3 173 gegenwärtig und ſind ſelbſt vor dem Geſetze ſchuldiger als die beiden Andern, denn das Geſetz nimmt an, daß Ihre Frau unter Ihrer Anleitung handelt.« »Wenn das Geſetz dies annimmt,« ſagte Bumble, indem er ſeinen Hut zwiſchen beiden Händen drückte,»ſo iſt das Geſetz ein Eſel. Wenn das Geſetz dies annimmt, ſo iſt das Geſetz ein Hageſtolz, und das Schlimmſte, das ich ihm wünſchen kann, iſt, daß ihm die Augen durch die Erfahrung mögen geöffnet werden, durch die Er⸗ fahrung.« Herr Bumble betonte dieſe letzten Worte ſehr ſtark, drückte den Hut feſt über den Kopf, ſteckte die Hände in die Taſchen und folgte ſeiner Ehehälfte. »Mein Fräulein,« ſagte Brownlow zu Roſa,»geben Sie mir Ihre Hand. Zittern Sie nicht, Sie brauchen Sich vor den noch übrigen wenigen Worten, die wir zu ſagen haben, nicht zu fürchten.« »Wenn ſie,— ich weiß nicht, wie es möglich war, — aber wenn ſie ſich— auf mich beziehen,« ſagte Roſa, »ſo laſſen Sie mich dieſelben zu einer andern Zeit hö⸗ ren.« Ich habe jetzt nicht Muth genug dazu. „Nein,« entgegnete der alte Herr, indem er ihren Arm nahm.»Sie beſitzen noch mehr Muth. Kennen Sie dieſe junge Dame, Herr?« »Ja,« antwortete Monks. „Ich ſah Sie nie vorher,« ſprach Roſa halblaut. „Ich aber habe Sie oft geſehen,« entgegnete Monks. „»Der Vater der unglücklichen Agnes hatte zwei Töch⸗ ter,« ſagte Brownlow.»Was wurde aus der zweiten— dem Kinde?« „»Das Kind,« antwortete Monks,»wurde, als der Vater an einem fremden Orte, unter einem falſchen Na⸗ men ſtarb, und keinen Brief, kein Buch, kein Papierſtück⸗ 174 Oliver Twiſt. 7 chen hinterlies, wodurch ſeine Freunde und Verwandten hätten ermittelt werden können, von armen Landleuten aufgenommen, die es wie ihr eigenes erzogen.« »Weiter,« ſagte Brownlow, indem er Madame May⸗ lie winkte, näher zu kommen,»weiter!« „Sie konnten den Ort nicht finden, wohin dieſe Leute ſich gewendet hatten,« ſagte Monks,»aber was der Freundſchaft unmöglich iſt, vermag oft der Haß. Meine Mutter machte nach einer unermüdlichen Nachforſchung während eines ganzen Jahres den Ort ausfindig, ja, und ſie fand auch das Kind.« „»Sie nahm es zu ſich?« »Nein. Die Leute waren arm und wurden, wenig⸗ ſtens der Mann, ihrer Mildthätigkeit überdrüſſig; ſo ließ ſie das Kind bei ihnen, gab ihnen etwas Geld, das nicht lange ausreichen konnte und verſprach mehr, ſchickte aber nie etwas. Dennoch verließ ſie ſich wegen des Kindes Unglücks nicht ganz auf die Unzufriedenheit und Armuth, deshalb erzählte ſie ihnen die Geſchichte der Schande der Schweſter mit den paſſenden Veränderungen, erſuchte 1 ſie, auf das Kind wohl Acht zu haben, da es aus einer ſchlechten Familie ſtamme, ſagte ihnen, das Kind ſei ein uneheliches und meinte, es würde nie etwas Gutes aus demſelben werden. Die Leute glaubten dies, und das Kind führte dort ein ſo jämmerliches Leben, daß ſelbſt wir damit zufrieden waren, bis eine verwittwete Dame, die damals in Cheſter wohnte, das Mädchen zufällig ſah, Mitleid mit demſelben fühlte und es zu ſich nahm. Das Unglück verfolgte uns, denn allen unſeren Bemü⸗ hungen zum Trotze blieb das Mädchen dort und war glücklich; vor zwei oder drei Jahren verlor ich es aus den Augen und ſah es erſt vor einigen Monaten wieder.⸗ „»Sehen Sie es jetzt?«. — —. Oliver Twiſt. 175 »Ja,— da an Ihrem Arme.“« »Aber nicht weniger meine Nichte,« ſagte Madame Maplie, welche das ohnmächtig werdende Mädchen in ihre Arme ſchloß,»nicht weniger mein liebes Kind. Nicht um alle Schätze der Welt möchte ich es jetzt ver⸗ lieren. Meine ſanfte Geſellſchafterin, mein liebes gutes Mädchen—« »Die einzige Freundin, die ich jemals hatte,« ſagte Roſa, die ſich an ſie klammerte,»die beſte Freundin. Mein Herz will berſten. Ich kann— ich kann dies nicht Alles ertragen!« »Du haſt mehr ertragen und biſt doch immer das beſte und ſanfteſte Kind geweſen, das jemals alle die beglückte, die in ſeine Nähe kamen,« ſagte Madame Moplie, indem ſie Roſa zärtlich küßte.»Komm, komm, bedenke wer dies iſt, der da wartet, Dich in ſeine Arme zu ſchließen, das arme Kind,— ſieh her, ſieh— ſieh!« „Nicht Tante,« rief Oliver, indem er ſeine Arme um ihren Nacken ſchlang,»ich werde nie Tante ſagen ler⸗ nen,— Schweſter, meine liebe gute Schweſter, die ich gleich auf den erſten Blick lieben mußte.— Roſa! liebe, theure Roſa!« Die Thränen, die jetzt fielen und die halberſtickten Worte, die in dieſer langen, langen und innigen Umar⸗ mung gewechſelt wurden, ſollen heilig ſein. Ein Vater, eine Schweſter, eine Mutter waren in dieſem einen Au⸗ genblicke gefunden und verloren. Freude und Kummer waren in dem Becher gemiſcht, aber die Thränen waren nicht bitter, denn ſelbſt der Kummer zeigte ſich ſo ge⸗ mildert und in ſo zärtliche Erinnerungen gekleidet, daß er eine Wonne wurde und allen Schmerz verlor. Sie waren eine lange, lange Zeit allein. Ein leiſes Klopfen kündigte endlich an, daß Jemand draußen ſei. 176 Oliver Twiſt. Oliver öffnete die Thür und ſchlüpfte hinäus, um Hein⸗ rich Maylie Platz zu machen. »„Ich weiß Alles,« ſagte er, indem er ſich neben dem liebenswürdigen Mädchen niederſetzte.»Theure Roſa, ich weiß Alles.— Ich bin nicht zufällig hier,« ſetzte er nach einer langen Pauſe hinzu,»ich habe alles dies nicht erſt heute Abend gehört, ſondern wußte es bereits ge⸗ ſtern,— erſt geſtern. Erräthſt Du, daß ich komme, um Dich an ein Verſprechen zu erinnern?« »Halte ein,« ſagte Noſa,»weißt Du Alles? »Alles. Du erlaubteſt mir, binnen einem Jahre den Gegenſtand unſers letzten Geſprächs wieder aufzu⸗ nehmen.« Neer „»Ja. c »Nicht, um in Dich zu dringen, Deinen Entſchluß zu ändern,« fuhr der junge Mann fort,»ſondern nur um die Wiederholung deſſelben zu hören, wenn Du es ſo wollteſt. Ich wollte jeden Stand und jedes Vermö⸗ gen, die ich beſitzen könnte, zu Deinen Füßen legen, und wenn Du notch immer bei Deinem erſten Entſchluſſe blie⸗ beſt, ſo verpflichtete ich mich, keinen Verſuch weiter zu machen, ihn zu ändern.« »Dieſelben Gründe, die mich damals beſtimmten, werden mich auch jetzt beſtimmen,« ſagte Roſa feſt. „»Wenn ich eine Pflicht gegen ſie hatte, deren Güte mich einem Leben der Armuth und des Leidens entriß, ſo muß ich dieſelbe am ſtärkſten heute fühlen. Es iſt ein Kampf, den ich aber mit Stolz beſtehe; es iſt ein Schmerz, aber mein Herz wird ihn ertragen.« »Die Entdeckung heute Abend,« begann Heinrich. »Die Enitdeckung,⸗ erwiederte Roſa ſanft,»läßt mich in Bezug auf Dich in derſelben Stellung, in woſcher ich mich vorher befand.« 1 — — 177 Oliver Twiſt. „Du erhärteſt Dein Herz gegen mich, Roſa.« »Ach, Heinrich, Heinrich,« ſagte das Mädchen mit Thränen in den Augen, v»ich wollte, ich könnte es und mir dieſen Schmerz erſparen.« »Warum Dir ihn verurſachen?« ſagte Heinrich, in⸗ dem er ihre Hand ergriff;»denke, liebe Roſa, denke an das, was Du dieſen Abend gehört haſt.« »Und was habe ich gehört! Was habe ich gehört!«⸗ rief Roſa.»Daß das Gefühl ſeiner Beſchimpfung mei⸗ nen armen Vater ſo niederdrückte, daß er Alle floh,— wir haben genug geſagt, Heinrich, wir haben genug ge⸗ ſagt.« 1 „Noch nicht, noch nicht,« antwortete der junge Mann, der ſie zurückhielt, als ſie aufſtand.»Meine Hoffnun⸗ gen, meine Wünſche, meine Ausſichten, meine Empfindun⸗ gen,— alle Gedanken im Leben, Alles, außer meine Liebe zu Dir, hat ſich geändert. Ich biete Dir jetzt keine aus⸗ gezeichnete Stellung unter einer geſchäftigeng Menge— nicht den Eintritt in eine Welt der Bosheit und Ver⸗ leumdung,— aber eine Heimath,— ein Herz und eine Heimath, ja, theuerſte Roſa, und dies iſt Alles, was ich Dir zu bieten habe.« »Was bedeutet dies?« ſtammelte das Mädchen. »Als ich Dich das Letztemal verließ, geſchah es mit dem feſten Entſchluſſe, alle eingebildeten Schranken zwi⸗ ſchen Dir und mir niederzureißen, entſchloſſen, wenn meine Welt nicht die Deine ſein könne, die Deinige zu der meinigen zu machen, und jene zu verlaſſen, damit kein Geburtsſtolz die Naſe gegen Dich rümpfe. Dies habe ich gethan. Diejenigen, welche mich deshalb mie⸗ den, haben Dich gemieden, und in ſo weit bewieſen, daß Du Recht hatteſt. Die Gönner und Einflußreichen, die Verwandten von Macht und Rang, die mich damals an⸗ Oliver Twiſt. III. 12 178 Oliver Twiſt. lächelten, ſehen mich jetzt kalt an;— aber es giebt la⸗ chende Felder und wogende Bäume in Englands reichſter Grafſchaft und an einer Dorfkirche,— der meinigen, Roſa, der meinigen,— ſteht ein ländliches Haus, auf das Du mich ſtolzer machen kannſt, als auf alle die 4 Hoffnungen, denen ich entſagte, würden ſie auch vertau⸗ ſendfacht. Dies iſt jetzt mein Rang und Stand, und ſie lege ich zu Deinen Füßen nieder. * 5 3 k »Es iſt eine harte Prüfung, mit dem Eſſen auf ein Liebespaar warten zu müſſen,« ſagte Grimwig, der auf⸗ wachte und ſein Taſchentuch von dem Kopfe nahm. Das Eſſen hatte allerdings unverantwortlich lange warten müſſen. Weder Madame Maylie, noch Heinrich, noch Roſa(die zuſammen eintraten), konnten ein Wort der Entſchuldigung ſagen. »Ich dachte ernſtlich daran, heute Abend meinen* Kopf zu eſſen,« ſagte Grimwig,»denn ich fürchtete, nichts 1 Anderes zu bekommen. Uebrigens nehme ich mir die Freiheit, wenn Sie mir erlauben, die zukünftige Braut zu begrüßen.« 1 Er verlor keine Zeit, dieſe Andeutung an dem errö⸗ thenden Mädchen wahr zu machen, und da das Beiſpiel ſ anſteckt, ſo folgten ihm auch der Doktor und Brownlow. „Oliver, mein Kind,« ſagte Madame Maylie,»wo biſt Du geweſen und warum ſiehſt Du ſo betrübt aus? Eben ſehe ich Thränen aus Deinen Augen rinnen. Was iſt geſchehen?« Es iſt eine Welt der Täuſchungen, und dieſe Täu⸗ 2 ſchungen betreffen oft die theuerſten Hoffnungen, die Hoff⸗ nungen, welche unſere Natur am meiſten ehren. Der arme kleine Freund Olivers war todt! Oliver Twiſt. 179 Vierzehntes Kapitel. Des Juden letzte Nacht im Leben. Der Saal im Gerichtshofe war von unten bis oben mit menſchlichen Geſichtern bedeckt. Forſchende neugierige Augen ſchaueten von jedem Zolle Raum; von dem Git⸗ ter an dem Gefangenkäfige bis in die ſchärfſte Ecke des kleinſten Winkels auf den Gallerien waren alle Blicke auf einen Mann gerichtet,— den Juden. Vor ihm und hin⸗ ter ihm, oben, unten, zur Rechten und zur Linken— er ſchien von einem Firmamente umgeben zu ſein, das von funkelnden Augen glänzte. Da ſtand er im Glanze dieſes lebendigen Lichtes, die eine Hand auf die Holzplatte vor ihm geſtützt, die an⸗ dere an ſein Ohr gelegt, den Kopf vorgebeugt, um deut⸗ licher jedes Wort zu hören, das der vorſitzende Richter ſprach, der die Anklage den Geſchworenen vorlegte. Bisweilen richtete er ſeine Augen auf dieſe, um den Eindruck des unbedeutendſten Gegenſtandes zu belauſchen, der zu ſeinen Gunſten ſprechen konnte, und als die Punkte der Anklage gegen ihn mit ſchrecklicher Deutlich⸗ keit angegeben waren, ſah er ſich nach ſeinem Rechtsbei⸗ ſtande mit ſtummer Aufforderung um, ſelbſt da noch etwas für ihn zu ſagen. Außer dieſen Aeußerungen der Angſt rührte er weder Hand noch Fuß. Er hatte ſich kaum ein⸗ mal bewegt, ſeit der Prozeß begann, und jetzt, als der Richter ſchwieg, blieb er in derſelben Haltung geſpann⸗ ter Aufmerkſamkeit, die Augen auf ihn geheftet, als höre er noch immer. Ein leichtes Geräuſch im Saale brachte ihn wieder 12* 5 180 Oliver Twiſt. zu ſich ſelbſt; er ſah ſich um und erkannte, daß die Ge⸗ ſchworenen über ihren Ausſpruch ſich beriethen. Als ſeine Augen ſich nach den Gallerien erhoben, konnte er ſehen, wie die Leute ſich über einander hinwegdehnten, um ſein Geſicht zu erblicken; Einige führten raſch die Gläſer an die Augen und Andere flüſterten mit Blicken des Ab⸗ ſcheues ihren Nachbarn etwas zu. Einige Wenige ſchie⸗ nen ſich um ihn nicht zu kümmern, ſondern ſahen nur auf die Geſchworenen mit ungeduldiger Verwunderung, wie ſie zögern könnten, aber auf keinem Geſichte,— ſelbſt nicht unter den Weibern, deren viele zugegen wa⸗ ren, konnte er die geringſte Theilnahme für ſich, ja ſelbſt keinen andern Wunſch erkennen, als den, daß er verurtheilt werden möge. Als er dies mit einem einzigen Angſtblicke erkannte, trat die erſte Grabesſtille wiederum ein, und als er zu⸗ rückblickte, bemerkte er, daß die Geſchworenen ſich nach dem Richter umgedrehet hatten. Still! Sie baten bloß um die Erlaubniß, ſich zurückziehen zu dürfen. Er ſah einem nach dem andern in das Geſicht, als ſie hinausgingen, als wolle er erkennen, wozu die größere An⸗ zahl geneigt ſei; aber das war vergebens. Der Kerkermeiſter lopfte ihm auf die Achſel. Er folgte mechaniſch bis an das Ende des Käfigs und ſetzte ſich auf einen Stuhl. Der Mann wies auf denſelben, ſonſt würde er ihn nicht geſehen haben. Er ſah wieder auf die Gallerie hinauf. Einige der Anweſenden aßen, Andere kühlten ſich mit Taſchentüchern ab, denn es war unglaublich warm in dem Saale. Ein junger Mann zeichnete das Geſicht des Juden in ein Notizbuch. Er war neugierig, ob es wohl ähnlich, ſei und ſah zu, als der Künſtler die Spitze ſeines Bleiſtift — . —— Oliver Twiſt. 181 tes abbrach und eine andere daran ſchnitt, wie nur im⸗ mer ein gar nicht betheiligter Zuſchauer hätte zuſehen können. Als er den Richter anſah, beſchäftigte er ſich mit dem Anzuge deſſelben, wie viel derſelbe wohl koſte und wie er ihn anlege. Auf der Bank ſaß auch ein alter fetter Herr, der vor einer halben Stunde hinausgegangen war und jetzt zurückkam. Er war neugierig, ob der Mann wohl gegeſſen, was er gegeſſen nnd wo er gegeſſen habe und hing dieſen ſorgloſen Gedanken nach bis ein ande⸗ rer Gegenſtand ihn auf andere brachte. Nicht daß er dieſe Zeit über einen Augenblich ganz frei von dem drückenden Gefühle geweſen wäre, daß er am Rande des Grabes ſtehe; dies war ihm immer ge⸗ genwärtig, aber nur unklar, und er konnte ſeine Gedan⸗ ken nicht feſt darauf richten. So zählte er, während er bei dem Gedanken an einen ſchnellen Tod zitterte und bebte, die Eiſenſtäbe vor ihm, wunderte ſich, wie die Spitze eines derſelben abgebrochen ſein mochte, und dachte daran, ob man wohl eine andere daran mache oder nicht. Dann fielen ihm wieder alle Schrecken des Galgens und des Schaffottes ein, während er einem Manne zuſah, der die Dielen beſprengte, um etwas Kühlung zu verſchaffen. Endlich erhob ſich ein Ruf um Ruhe und athemlos ſahen Alle nach der Thür. Die Geſchworenen kamen zurück und gingen dicht an ihm vorbei. Aus ihrem Ge⸗ ſichtern konnte er nichts errathen. Es folgte eine vollkom⸗ mene Stille,— man hörte keinen Athemzug.— Schuldig! Das Gebäude erbebte von einem gewaltigen Jubel, dann noch einmal und zum drittenmale. Dann ertönte draußen ein lautes Geſchrei, weit in die Ferne, wie grollender Donner. Das Volk draußen begrüßte damit 182 Oliver Twiſt. die Nachricht, daß der Jude am Montage ſterben werde. Das Geräuſch ließ allmälig nach, und er wurde ge⸗ fragt, ob er etwas zu ſagen habe. Er nahm ſeine hor⸗ chende Stellung wieder an, ſah den Fragenden unver⸗ wandt in das Geſicht, aber die Frage mußte zweimal wiederholt werden, ehe er dieſelbe zu hören ſchien und dann murmelte er bloß, er ſei ein alter Mann,— ein alter Mann,— ein alter Mann,— immer leiſer, bis er wieder ſchwieg. Der Richter ſetzte die ſchwarze Mütze wieder auf und der Gefangene ſtand noch immer mit derſelben Miene und derſelben Geberde da. Eine Frau auf der Gallerie wurde durch dieſe ſchauerliche Feierlich⸗ keit zu einem Ausrufe getrieben; er ſah haſtig empor, als ſei er unwillig über die Unterbrechung und beugte ſich noch aufmerkſamer vor. Die Anrede war feierlich und eindringlich, das Urtheil ſchrecklich anzuhören, aber er ſtand da wie eine Marmorfigur, ohne mit einem Muskel zu zucken. Sein ſtieres Geſicht blieb vorgeſtreckt, die untere Kinnlande hing nieder und ſeine Augen quol⸗ len weit heraus, als der Kerkermeiſter ihn anfaßte und ihm winkte zu folgen. Er ſah ſich einen Augenblick wie dumm um und gehorchte. Man führte ihn durch einen gepflaſterten Raum un⸗ ter dem Gerichtsſaale, wo einige Gefangene warteten, bis die Reihe an ſie komme, und andere mit ihren Freun⸗ den ſprachen, die ſich an ein Gitter drängten, das auf einen freien Hof ſah. Niemand war da, der mit ihm geſprochen hätte, aber als er vorüberging, wichen die Gefangenen zurück, um ihn für die Leute ſichtbarer zu machen, die ſich an die Stäbe anhielten, ihn mit Schmäh⸗ worken überhäuften und ziſchten. Er drohete mit der Fauſt und wollte ſie anſpeien, aber ſeine Führer zogen ihn ſchnell durch einen dunkeln Gang, der nur durch ein Oliver Twiſt. 183 Paar bleiche Lampen erleuchtet wurde, in das Gefäng⸗ niß hinein. Hier wurde er durchſucht, damit er nicht etwa etwas behalte, womit er dem Geſetze vorauseilen könnte. Als dies geſchehen war, führte man ihn in den Kerker und ließ ihn da— allein. Er ſetzte ſich auf eine Steinbank der Thür gegen⸗ über nieder, die als Stuhl und Bett diente, heftete ſeine blutrothen Augen an den Boden und ſuchte ſeine Ge⸗ danken zu ſammeln. Nach einiger Zeit fing er an, ſich ein⸗ zelner Bruchſtücke von dem zu erinnern, was der Rich⸗ ter geſagt hatte, obgleich es ihm damals geſchienen, als könne er kein Wort verſtehen. Dieſe Bruchſtücke fügten ſich allmälig an ihre gehörigen Setllen ein, und führ⸗ ten ihn auf andere, ſo daß er die ganze Rede zuletzt vor ſich hatte, faſt wie ſie gehalten worden war.— Ge⸗ hangen zu werden am Halſe bis zum Tode,— das war das Ende. Gehangen zu werden am Halſe bis zum Tode.— Als es finſter wurde, gedachte er an alle die Leute, die er gekannt habe und die auf dem Schaffot geſtorben waren,— einige von ihnen durch ſeine Veranlaſſung. Sie ſtellten ſich ihm in ſo ſchneller Aufeinanderfolge dar, daß er ſie kaum zählen konnte. Er hatte einige von ih⸗ nen ſterben ſehen,— und gewitzelt, weil ſie mit Gebe⸗ ten auf den Lippen ſtarben. Wie ſchnell waren ſie von ſtarken und kräftigen Männern in baumelnde bekleidete Leichen umgewandelt!— Einige von ihnen hatten vielleicht dieſelbe Zelle be⸗ wohnt und auf derſelben Bank geſeſſen. Es war ſehr ſinſter; warum brachte man ihm nicht ein Licht? Die Zelle war für viele Jahre gebaut,— wohl hundert Men⸗ ſchen und mehr hatten ihre letzten Stunden da verbracht,— 184 Oliver Twiſt. es war als ſäße er in einer Todtenhalle voll Leichen,— der Strick, die Schlinge, die gefeſſelten Arme— die Ge⸗ ſichter, die er ſelbſt unter dem häßlichen Schleier er⸗ kannte!— Licht! Licht! Endlich als er ſich die Hände an der ſchweren Thür wund geſchlagen hatte, erſchienen zwei Männer. Der Eine trug ein Licht, das er auf einen eiſernen Leuchter an der Wand ſteckte und der Andere zog eine Matratze herein, um darauf zu ſchlafen, denn der Gefangene ſollte nicht mehr allein gelaſſen werden. Dann kam die Nacht,— die finſtere, ſchauerliche, ſtille Nacht. Andere, die wachen, hören mit Freuden die Glocken ſchlagen, denn ſie verkünden Leben und den nahenden Tag. Dem Juden brachten ſie Verzweiflung. Jeder Glockenton rief ihm zu— Tod!“ Was nützte ihm das Geräuſch und Getöſe des fröhlichen Morgens, das bis zu ihm drang? Es war nur eine andere Form des Grabgeläutes, vermiſcht mit Spott. Der Tag verging,— Tag? es war kein Tag, kaum begonnen und ſchon wieder vorüber, und von neuem brach die Nacht an, die ſo lange und doch ſo kurze Nacht, ſo lang in ihrer grauenhaften Stille und ſo kurz mit ihren flüchtigen Stunden. Einmal raſete er und läſterte Gott, ein andermal wehklagte er und raufte ſich das Haar aus. Ehrwürdige Männer ſeines Glau⸗ bens waren gekommen, um mit ihm zu beten, aber er hatte ſie mit Flüchen vertrieben. Sie erneuerten ihre gutherzigen Bemühungen und er ſchlug nach ihnen. Sonnabend Nacht; er hatte nun nur noch eine Nacht zu leben, und als er daran dachte, brach der Tag an,— Sonntag. Erſt in der Nacht dieſes letzten ſchrecklichen Tages drang ſich das ängſtigende Gefühl ſeines hülflos verzweifelten * ————— — 2 Oliver Twiſt. 185 Zuſtandes in der ganzen Stärke ſeinem gleichſam ge⸗ lähmten Geiſte auf; nicht, daß er jemals beſtimmt und feſt auf Gnade gehofft hätte; er war aber bisher nur im Stande geweſen, an die Wahrſcheinlichkeit eines ſo ſchnellen Todes zu denken. Er hatte nur wenig mit den beiden Männern geſprochen, die ſich bei ihm ablö⸗ ſeten und dieſe bemüheten ſich ihrerſeits nicht, ſeine Auf⸗ merkſamkeit zu erregen. Er hatte wachend, aber träu⸗ mend dageſeſſen. Jetzt fuhr er jede Minute auf, rannte mit aufgeſperrtem Munde und brennender Haut in ſol⸗ cher entſetzlichen Angſt und Wuth umher, daß ſelbſt ſie— obgleich an ſolche Scenen gewöhnt— ſchaudernd vor ihm zurückwichen. Er wurde zuletzt in allen den Qua⸗ len ſeines böſen Gewiſſens ſo ſchrecklich, daß ein Mann allein es nicht vermochte, bei ihm zu bleiben, und ſo wachten Beide mit einander. Er kauerte ſich nieder auf das Streulager und dachte an die Vergangenheit. Er war am Tage ſeiner Einzie⸗ hung durch Steinwürfe verwundet worden und ſein Kopf noch verbunden. Sein rothes Haar hing an ſeinem blutloſen Geſichte herab; ſein Bart war zerzauſet und in Knoten geknüpft; ſeine Augen funkelten in grauſigem Glanze und ſein ungewaſchenes Fleiſch kniſterte in dem Fieber, das ihn in Gluth verzehrte. Acht— neun— zehn. Wenn es nicht ein Spiel war, ihn zu erſchrecken, und wirklich die Stunden ſo ſchnell einander auf dem Fuße folgten— wo würde er wohl ſein, wenn dieſe Stunde im Kreislaufe wiedererſchiene! Elf. Ein ande⸗ rer Schlag, ehe die Stimme der vorigen Stunde ganz verklungen war. Um acht Uhr ſollte er, der einzige Leidtragende, zu ſeinem Grabe gehen,— um elf.— Dieſe ſchrecklichen Mauern von Newgate, welche ſo vieles Elend und ſo unausſprechliche Angſt, nicht bloß 186 vor den Augen, oft auch und lange vor den Gedanken der Menſchen verborgen haben, ſahen nie einen ſo grauen⸗ haften Anblick als dieſen. Die Wenigen, welche im Vor⸗ beigehen ſtehen blieben und ſich fragten, was wohl der Mann thue, der am nächſten Tage gehenkt werden ſolle, würden die Nacht ſchlecht geſchlafen haben, hätten ſie ihn ſehen können. Vom Abend an bis faſt um Mitternacht erſchienen kleine Gruppen von zwei und drei Perſonen an dem Thore und fragten mit beſorgter Miene, ob eine Begna⸗ digung erhalten worden ſei. Die, welche die verneinende Antwort empfangen hatten, theilten die willkommene Kunde Gruppen auf der Straße mit, welche auf ein an⸗ deres Thor wieſen, durch welches er herauskommen müſſe, dahin deuteten, wo das Schaffot würde aufgeſchlagen werden und das Schauſpiel ſich vorſtellten. Allmälig entfernten ſie ſich Alle und auf eine Stunde mitten in der Nacht wurde die Straße der Einſamkeit und Fin⸗ ſterniß überlaſſen, Der Platz vor dem Gefängniſſe war geräumt und man hatte bereits einige ſtarke ſchwarz angeſtrichene Barrieren in der Straße aufgeſtellt, um den Andrang der erwarteten Votksmenge abzuhalten, als Brownlow und Oliver an dem Thore erſchienen und einen Erlaub⸗ nißſchein von einem Sheriff vorzeigten, der ihnen geſtat⸗ tete, den Gefangenen zu beſuchen. Sie wurden ſogleich eingelaſſen. »Soll der junge Herr auch mitgehen?« fragte der Mann, der ſie zu führen hatte;»es iſt kein Anblick für Kinder.« Oliver Twiſt. »„Allerdings nicht, lieber Freund,« antwortete Herr Brownlow,»aber was ich mit dem Manne zu ſprechen habe, geht den Knaben beſonders an, und da derſelbe Oliver Twiſt. 187 den Juden in der Laufbahn ſeines Glückes und ſeiner Schandthaten geſehen hat, ſo denke ich, wird es gut ſein, wenn es auch ohne etwas Furcht nicht möglich iſt, daß er ihn auch jetzt ſieht.« Dieſe wenigen Worte waren bei Seite geſprochen worden, ſo daß Oliver ſie nicht hörte. Der Mann griff an ſeinen Hut, ſah Oliver mit einiger Neugierde an, öffnete ein anderes Thor und führte ſie durch dunkele verſchlungene Gänge zu den Zellen. „»Dieſen Weg,« ſagte der Mann, indem er in einem dunkeln Gange ſtehen blieb, wo einige Männer in aller Stille einige Vorbereitungen machten,»dieſen Weg muß er gehen. Wenn Sie hierher treten, ſo können Sie die Thür ſehen, aus welcher er herauskommt.⸗ Er führte ſie in eine ſteinerne Küche und zeigte nach einer Thür. Ueber derfelben befand ſich ein offenes Gitter, durch welches männliche Stimmen nebſt Ham⸗ merſchlägen und dem Ton fallender Bretter herausdran⸗ gen. Man ſchlug das Schaffot auf. Von hier aus gingen ſie durch verſchiedene ſtarke Thüren, welche von anderen Thürhütern von innen ge⸗ öffnet wurden, und als ſie auf einen Hof kamen, ſtiegen ſie einige ſchmale Stufen hinauf und gelangten in einen Gang mit einer Reihe ſtarker Thüren zur linken Seite. Der Schließer winkte ihnen zurückzubleiben und klopfte mit ſeinem Schlüſſelbunde an eine derſelben. Die beiden Wächter kamen nach kurzem Flüſtern heraus auf den Gang, ſtreckten ſich, als freuten ſie ſich der augenblicklichen Erlöſung, und ſagten den beiden Fremden, ſie möchten dem Schließer in die Zelle hinein folgen. Sie thaten es. Der verurtheilte Verbrecher ſaß auf ſeinem Lager mit einem Geſichte, das mehr dem eines gefangenen Thie⸗ res, als einem menſchlichen Antlitze glich, und wankte 188 Oliver Twiſt. hin und her. Seine Gedanken beſchäftigten ſich offenbar mit ſeinem frühern Leben, denn er murmelte immer vor ſich hin, doch ſchien er ihrer Gegenwart ſich nicht be⸗ wußt zu ſein. »Guter Junge. Karlchen— gut gemacht,« murmelte er.»Auch Oliver! ha! ha! ha! Oliver auch— ganz der Herr nun,— ganz der— bringt den Jungen fort zu Bett.« Der Schließer nahm die freie Hand Olivers, ſprach ihm leiſe Muth zu und ſah, ohne etwas zu ſagen, den Gefangenen. »Bringt ihn fort ins Bett!«— rief der Jude.»Hört Ihr mich,— einige von Euch? Er iſt— einigermaßen die Urſache von allen dem. Es iſt das Geld werth, ihn dazu aufzuziehen— Bolters Kehle, Wilhelm;— denke nicht an das Mädchen; Bolters Kehle, ſo tief als Du ſchneiden kannſt. Säbele ihm den Kopf ab.« „Fagin!« rief der Schließer. »Das bin ich,« antwortete der Jude und nahm ſo⸗ gleich dieſelbe horchende Stellung wieder an, wie bei ſeinem Prozeſſe.»Ein alter Mann, Mylord, ein ſehr alter, alter Mann.« »Hier,« ſagte der Schließer, indem er ihn an der Bruſt faßte, damit er nicht aufſtehe.»Hier iſt Jemand, der Sie beſuchen und um etwas fragen will. Fagin, Fa⸗ gin! Sind Sie ein Mann?2« »Nicht lange mehr werde ich einer ſein,« antwortete der Jude, indem er mit einem Geſichte aufſah, in dem kein menſchlicher Ausdruck als Wuth und Schrecken lag. »Schlag' ſie alle todt! Welches Recht haben ſie, mich zu ſchlachten?« Während er ſo ſprach, erblickte er Oliver und Brown⸗ Oliver Twiſt. 189 low; er wich bis an das fernſte Ende ſeines Lagers zu⸗ rück und fragte, was ſie da ſuchten. »Ruhig,« ſagte der Schließer.»Nun, Herr, ſagen Sie ihm, was Sie zu ſagen haben, aber ſchnell, denn er wird immer ſchlimmer, je näher die Zeit kommt.“« »Sie haben einige Papiere,« ſagte Brownlow,»die Ihnen von einem Manne, Monks genannt, zu beſſerer Sicherheit übergeben wurden.« „Es iſt alles eine Lüge,« antwortete der Jude.»Ich habe keins— nicht eins.⸗ »Um Gottes Barmherzigkeit willen,« ſprach Brown⸗ low feierlich,»ſprechen Sie ſo nicht am Rande Ihres Grabes, ſondern ſagen Sie mir, wo ſie ſind. Sie wiſſen, daß Sikes todt iſt, daß Monks Alles geſtanden hat und Sie nichts weiter zu gewinnen hoffen können. Wo ſind die Papiere?« „Oliver,« rief der Jude und winkte ihm.»Hier, hier. Ich will Dir es heimlich ſagen.“« »Ich fürchte mich nicht,« ſagte Oliver leiſe, indem er Brownlows Hand losließ. „Die Papiere,« ſagte der Jude, indem er ihn an ſich zog,»ſind in einem Leinwandbeutel in einem Loche etwas über dem Kamine in der Stube vorn heraus. Ich muß mit Dir reden, mein Sohn, ich muß mit Dir reden.⸗ »Ja, ja,« antwortete Oliver.»Laſſen Sie mich ein Gebet ſagen; beten Sie nur eines mit mir auf Ihren Knieen und wir wollen reden bis an den Morgen.⸗ »Hinaus, hinaus,« antwortete der Jude, indem er den Knaben vor ſich her ſchob nach der Thür zu und über den Kopf deſſelben hinſtierte.»Sage, ich ſchlafe,— Dir werden ſie glauben. Du kannſt mich hinansbrin gen, wenn Du mich ſo nimmſt.« 190 Oliver Twiſt. »Ach, Gott vergebe dieſem armen Manne!« rief der Knabe weinend. „Das iſt recht, das iſt recht,« ſagte der Jude.»Das wird uns forthelfen. Erſt dieſe Thür; wenn ich zittere und bebe am Galgen vorbei, achte nicht darauf und eile weiter. Nun, nun, nun.« „Haben Sie ihm ſonſt nichts zu fragen, Sir 2 fragte der Schließer. »Nein,« antwortete Brownlow.»Wenn ich hoffte, wir könnten ihn zur Erkenntniß ſeiner Lage bringen.—⸗ „Das wird durch nichts zu bewirken ſein,« entgegnete der Mann kopfſchüttelnd.»Verlaſſen Sie ihn lieber.⸗ Die Thür der Zelle wurde geöffnet und die Wächter gingen wieder in dieſelbe hinein. »Weiter! weiter!« ſchrie der Jude.»Sachte, aber nicht ſo langſam. Schneller! Schneller!« Die Männer hielten ihn, machten Oliver von ihm frei und zogen ihn zurück. Er krümmte ſich und wehrte ſich mit der Kraft der Verzweiflung, und ſtieß einen Schrei. nach dem andern aus, die ſelbſt durch dieſe maſſiven Mauern drangen und hinaustönten bis auf den Hof. Es dauerte eine Zeitlang, ehe ſie das Gefängniß ver⸗ ließen, denn Oliver wurde nach dieſer ſchauerlichen Scene faſt ohnmächtig und war ſo ſchwach, daß er über eine Stunde lang nicht gehen konnte. Der Tag brach an, als ſie hinaustraten. Bereits hatte ſich eine große Menſchenmenge verſammelt; die Fenſter waren mit Leuten beſetzt, die zum Zeitvertreibe rauchten und Karten ſpielten; die Menge drängte, zankte und lachte. Alles verrieth Leben, bis auf einen dunkeln Haufen von Gegenſtänden in der Mitte,— das ſchwarze Schaffot, den Balken— den Strick und den ganzen gris- lichen Todesapparat. Oliver Twiſt. 191 Funfzehntes und letztes Kapitel. Die Geſchichte derer, welche in dieſer Erzählung auftraten, iſt faſt zu Ende, und das wenige noch Uebrige, was ihr Ge⸗ ſchichtſchreiber zu berichten hat, läßt ſich mit wenigen und einfachen Worten erzählen. Ehe drei Monate vergingen, wurden Roſa Fleming und Heinrich Maylie in der Dorfkirche verbunden, welche von nun an der Schauplatz der Wirkſamkeit des jungen Geiſtlichen ſein ſollte; an demſelben Tage nahmen ſie Beſitz von ihrer neuen und glücklichen Wohnung. Madame Maylie blieb bei ihrem Sohne und ihrer Schwiegertochter, um während ihrer noch übrigen ruhi⸗ gen Tage das größte Glück zu genießen, das Alter und Redlichkeit geben können,— den Anblick des Glückes derer, welchen die reinſte Liebe und die zärtlichſte Sorg⸗ falt eines wohlverbrachten Lebens unaufhörlich zugewen⸗ det geweſen ſind. Nach einer ſorgfältigen Erörterung ergab es ſich, daß wenn die Trümmer des in Monks' Händen befindlichen Vermögens(das weder in der ſeinigen noch in denen ſeiner Mutter Segen gebracht hatte) zwiſchen ihm und Oliver gleich getheilt würden, auf jeden kaum mehr als dreitauſend Pfund kommen würden. Nach der Anord⸗ nung des Teſtamentes ſeines Vaters würde Oliver An⸗ ſpruch auf das Ganze gehabt haben, Brownlow aber, der dem ältern Sohne die Mittel nicht entziehen wollte, ſeine frühern Schlechtigkeiten wieder gut zu machen und ein ehrliches Leben zu führen, ſchlug dieſe Theilungsart oor, in welche ſein junger Schützling mit Freuden ein⸗ willigte. 192 Oliver Twiſt. Monks, der noch immer dieſen angenommenen Na⸗ men führte, begab ſich mit ſeinem Antheile in einen ent⸗ legenen Theil der Neuen Welt, wo er denſelben ſchnell verſchwendete, dann in ſeine frühere Lebensweiſe verfiel, wegen einer neuen Betrügerei und Schurkerei lange im Kerker ſaß und in demſelben einem Anfalle ſeiner frühern Krankheit erlag. So weit von der Heimath ſtarb das Hauptmitglied von Fagins Bande. Brownlow adoptirte Oliver als ſeinen Sohn, zog mit ihm und der alten Haushälterin in die Nähe der Pfarrwohnung, wo ſeine beſten Freunde lebten, erfüllte dadurch Olivers innigſten Wunſch, und vereinigte ſo eine kleine Geſellſchaft, deren Zuſtand vollkommenem Glücke ſo nahe kam, als es in dieſer wechſelreichen Welt nur immer möglich iſt. Bald nach der Hochzeit des jungen Paares kehrte der würdige Doktor nach Chertſey zurück, wo er, getrennt von ſeinen Freunden, ganz unzufrieden geweſen ſein würde, hätte ſein Temperament ein ſolches Gefühl auf⸗ kommen laſſen. Zwei bis drei Monate lang begnügte er ſich mit der Andeutung, er fürchte, daß die Luft in Chertſey ihm nicht mehr zuträglich ſei, und als er ſich überzeugte, daß der Ort wirklich für ihn das nicht mehr ſei, was er geweſen war, überließ er ſeine Praxis ſei⸗ nem Famulus, miethete ſich ein Häuschen gerade vor dem Dorfe, deſſen Pfarrer ſein junger Freund war, und hier erholte er ſich zuſehends wieder. Er beſchäftigte ſich mit Gärtnerei, Fiſchen und Tiſchlern und dergleichen Dingen, die alle mit ſeinem gewöhnlichen Ungeſtüme un⸗ ternommen wurden, und er iſt ſeitdem in der ganzen Nachbarſchaft ein höchſt angeſehener, geachteter und be⸗* liebter Mann geworden. Oliver Twiſt. 193 CEhe er ſich entfernte, hatte er einige Freundſchaft für Grimwig gefaßt, die dieſer excentriſche Mann von Her⸗ zen erwiederte. Er beſucht ihn deshalb im Jahre ſehr oft, und bei allen dieſen Gelegenheiten treibt Grimwig die Gärtnerei, das Fiſchen und Tiſchlern ebenfalls mit großem Eifer, zwar ſtets in ganz ungewöhnlicher Art, behauptet jedoch immer mit ſeiner gewohnten Betheuerung, daß ſeine Methode die richtige ſei. An den Sonntagen kritiſirt er ſtets die Predigt im Beiſein des jungen Pfar⸗ rers, ſagt aber auch jedesmal zu Losberne, ſie ſei vor⸗ trefflich geweſen, er halte es nur nicht für gut, dies aus⸗ zuſprechen. Brownlow macht ſich regelmäßig den Spaß, ihn an ſeine ehemalige Prophezeiung über Oliver zu erinnern und ihm die Nacht in das Gedächtniß zu rufen, als ſie die Uhr auf dem Tiſche vor ſich liegen hatten und auf die Rückkehr des Knaben warteten; aber Grim⸗ wig behauptet, er habe doch Recht gehabt, denn Oliver ſei nicht zurückgekommen, was ihm ſtets ein Lachen ab⸗ nöthigt und ſeine gute Laune erhöhet. Noah Claypole, der von der Krone begnadigt wurde, da er beſonders gegen den Juden gezeugt hatte, ſein Geſchäft aber doch nicht für ſo ſicher hielt, als er wünſchte, wußte eine Zeitlang nicht, wodurch er ſeinen Lebensun⸗ terhalt verdienen ſollte, ohne ſich mit Arbeit ſehr zu be⸗ ſchweren. Nach einigem Nachdenken entſchloß er ſich, Angeber bei der Polizei zu werden, und damit verdient er ſich, was er braucht. Einmal in der Woche während der Kirche geht er mit Charlotten in anſtändiger Klei⸗ dung aus. Die Schöne fällt vor einem Wirthshauſe in Ohnmacht, Noah kauft von dem mitleidigen Wirthe für „einige Pfennige Brantwein, um ſie wieder zu ſich zu bringen, macht am nächſten Tage eine Anzeige und ſteckt * die Hälfte der Strafe ein. Bisweilen wird Claypole Oliver Twiſt. III. 13 194 Oliver Twiſt. ſelbſt ohnmächtig; das Reſultat iſt aber immer daſſelbe. Herr und Madame Bumble, die ihr Amt verloren, geriethen allmälig in immer größere Armuth und mußten endlich in daſſelbe Armen⸗ und Arbeitshaus aufgenom⸗ men werden, in welchem ſie ſonſt das Regiment geführt hatten. Bumble hat bisweilen geäußert, er ſei ſo tief geſunken, daß er nicht einmal mehr den Muth habe, dem Himmel dafür zu danken, daß er von ſeiner Frau ge⸗ trennt ſei. Giles und Brittles befinden ſich noch immer auf ih⸗ rem ſonſtigen Poſten, obgleich der Erſte kahl und der zuletzt erwähnte Junge grau geworden iſt. Sie ſchlafen in dem Pfarrhauſe, theilen aber ihre Aufmerkſamkeit und Bedienung ſo zwiſchen den Bewohnern deſſelben, Oliver, Brownlow und Losberne, daß die Leute im Dorfe heute noch nicht wiſſen, in welches Haus ſie eigentlich gehören. Monſieur Karlchen Bates, den das Verbrechen Sikes' mit Entſetzen erfüllt hatte, wurde zu der Ueberlegung gebracht, ob nicht im Ganzen ein ehrliches Leben doch zuletzt das beſte ſei. Als er zu dem Schluſſe gekommen war, dies ſei allerdings der Fall, nahm er ſich vor, in einem neuen Wirkungskreiſe Buße für die Vergangenheit⸗ zu thun. Er mußte eine Zeitlang ſich gewaltig anſtren⸗ gen und viel leiden, da er aber einen zufriedenen Sinn beſaß und ſeine Abſicht gut war, ſo erreichte er endlich doch ſeinen Zweck, und er hat ſich von einem Bauern⸗ knechte und Fuhrmannsburſchen zu dem luſtigſten jungen Viehzüchter in ganz Northamptonſhire aufgeſchwungen. Gern möchte ich noch bei einigen von Denen weilen, unter welchen ich mich ſo lange bewegte, und ihr Glück theilen, indem ich daſſelbe zu ſchildern verſuchte. Ich möchte Roſa Maylie in der vollen Blüthe und Anmuth der jungen Frau zeigen, wie ſie auf ihren beſcheidenen erzählt zu werden, denn ich habe ſchon geſagt, daß ſie Oliver Twiſt. 195 Lebenspfad das milde ſanfte Licht wirft, das Alle be⸗ leuchtet, die mit ihr gehen und in das Herz derſelben ſcheint;— ich möchte das Leben und die Freude im Kreiſe am Kamine und die heitere Gruppe im Sommer ſchildern; ich möchte ihr folgen über die heißen Felder zu Mittag und die leiſen Töne ihrer lieblichen Stimme auf ihren Gängen im Mondenlichte hören; ich möchte ſie ſehen, wie ſie mildthätig in die Wohnungen der Armen tritt, und wie ſie lächelnd und unermüdlich im eigenen Hauſe ihre Pflichten erfüllt; ich möchte beſchreiben, wie glücklich ſie und das Kind ihrer todten Schweſter durch gegenſeitige Liebe ſind, wie ſie Stundenlang bei einan⸗ der ſitzen und die Freunde ſich denken und ſchildern, die ſie auf ſo traurige Weiſe verloren; ich möchte die fröh⸗ lichen kleinen Geſichter vor mir ſehen, die ſich um ihren Schooß drängen und ihr heiteres Geplauder hören; ich möchte das helle Lachen zurückrufen und die theilnehmende Thräne heraufbeſchwören, die in dieſem ſanften blauen Auge ſchwamm,— aber die Feder vermag ſolche Scenen nicht zu malen. Wenn Brownlow den Geiſt ſeines angenommenen Sohnes jeden Tag mehr mit Schätzen der Kenntniß be⸗ reicherte und den Knaben lieber und lieber gewann, als der Charakter deſſelben ſich mehr und mehr entwickelte und der Saame gedieh, den er in ſeine Seele ſtreute; — wenn er in ihm neue Spuren von ſeinem Jugend⸗ freunde entdeckte, die in ihm alte, traurige zwar, aber doch wohlthuende Erinnerungen erweckten;— wie die beiden Waiſen, die durch Unglück ſo hart geprüft waren, ſeiner Lehren gedachten in Milde gegen Andere, in ge⸗ genſeitiger Liebe und innigem Danke gegen Ihn, der ſie geſchützt und erhalten hatte,— Alles dies braucht nicht Oliver Twiſt.* . wahrhaft glücklich waren, und ohne Liebe, ohne Menſch⸗ lichkeit im Herzen und ohne Dankbarkeit gegen Den, deſſen Gebot Liebe und Erbarmen und deſſen große Ei⸗ genſchaft Wohlwollen iſt gegen Alles, was athmet, kann wahres Glück nicht erreicht werden. Am Altare der alten Dorfkirche liegt ein weißes Mar⸗ mortäfelchen, auf dem nur das eine Wort—„Agnes⸗— ſteht. Kein Sarg liegt in dem Grabe darunter und mö⸗ gen viele, viele Jahre vergehen, ehe ein anderer Name darauf geſchrieben wird! Wenn aber die Geiſter der Todten zur Erde zurückkehren und um die Oerter ſchwe⸗ ben, die durch die Liebe— durch die Liebe über das Grab hinaus— durch die Liebe Derer geweihet ſind, welche ſie im Leben kannten, ſo ſchwebt der Schatten je⸗ nes armen Mädchens gewiß oft an dieſer heiligen Stelle, wenn ſie auch in einer Kirche ſich findet und das Mäd⸗ chen ſchwach war und irrte. Ende des dritten und letzten Theils. 4 Berichtigung. Im Anfange des erſten Bandes iſt mehrmals Zweigarbeits⸗ haus ſtatt Z win garbeitehaus zu leſen. * —