““ — — —— —— Leihbibliothek 3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von. Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1* 7 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ . 3 — pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lüle offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 21 Stun⸗ den angenommen. 6 „3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 6 wird. 4 3* 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 4 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der 1 M Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt z der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 1 ſa Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird be 73 ſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —-———— Capt. Marryat's, Capt. Chamier's, Dr. Harriſſon's(Samuel Warren's), Wilſon's, James Morier's, Bop's u. A.— V Geſammelte Werke. —. Eine Sammlung 4 der 4 neueſten und ausgezeichnetſten Romane der engliſchen Literatur.— 4 Vierundsechszigster Band. Oliver Twiſt. Von 1 Boz(Charles Dickens).. b V Zweiter Theil. Braunſchweig, 4 Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1839. „ Bo z's (Charles Dickens) Geſammelte Werke. Achter Theil. Oliver Twiſt, oder die Laufbahn eines Waiſenknaben. Zweiter Theil. Mit einer Federzeichnung nach Phiz. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn, und 8 George Weſtermann. 1839. S 1 f mmiſa 7 3 N 5 8 1 ſſ 9 d llne annngha ſſgſgſſſgſegagnnblſ 4 Mah ſêſſ 1 nf 1 1 1 Oliver Twist oder die Laufbahn eines Waiſenknaben. Von Boz(Charles Dickens), dem Verfaſſer der Pickwicker, des Nickolaus Nickleby und der humoriſtiſchen Genrebilder. Aus dem Engliſchen von Dr. A. Diezmann. Zweiter Theil. Zweite Auklage. Mit einer Federzeichnung nach Phiz. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn, und George Weſtermann. „ 4 1839. Erſtes Kapitel. Es wird ein merkwürdiger Plan berathen und deſſen Ausfüh⸗ rung beſchloſſen. Es war eine kalte, feuchte, ſtuͤrmiſche Nacht, als der Jude ſeinen Ueberziehrock feſt auf ſeinem eingeſchrumpften Leibe zuſammenknöpfte, den Kragen über die Ohren zog, ſo daß der untere Theil ſeines Geſichtes ganz verſteckt war, und ſo ſeine Behauſung verließ. Als die Thür hinter ihm verſchloſſen und verriegelt war, blieb er auf der Stufe ſtehen, horchte bis die Knaben alles verſchloſ⸗ ſen hatten und ſie nicht mehr zu hören waren, und ſchritt dann ſo ſchell als möglich auf der Straße hin. Der Schmutz lag dick auf den Steinen und ein grau⸗ ſchwarzer Nebel ſchwebte über den Straßen; der Regen fiel dünn und fein, und Alles, was man anfühlte, war kalt und naß. Es ſchien ganz eine ſolche Nacht zu ſein, in denen Menſchen, wie der Jude, draußen ſind. Der häßliche Alte glich, als er ſo an den Wänden hinſchlich, einem ekelhaften Reptile, das, erzeugt in dem Kothe und dem Dunkel, in der Nacht hervorkriecht, um ſich in dem Schmutze ſeine Nahrung zu ſuchen. Er ſchritt ſo durch viele krumme und enge Gäßchen, und ſchien da ſo bekannt zu ſein, daß er ſich trotz der Dunkel⸗ heit leicht zurechtfand. Endlich gelangte er in ein Gäßchen⸗ das an dem Ende nur durch eine einzige Lampe erleuch⸗ tet wurde. In dieſem Gäßchen klopfte er an die Thür 4 1 ½ —— — 4 Oliver Twiſt. eines Hauſes, wechſelte leiſe einige Worte mit der Per⸗ ſon, welche öffnete, und ſchritt die Treppe hinauf. Ein Hund knurrte, als er die Thürklinke berührte, und eine männliche Stimme fragte, wer da ſei. »„Ich, Bill, ich, lieber Freund;« antwortete der Jude, indem er hineinſchielte. So bringe nur Deinen Rumpf auch herein,« ſagte Sikes.»Leg' dich, Beſtie! Kennſt du denn den Teufel nicht, wenn er einen großen Rock angezogen hat?« Der Hund ſchien wirklich durch Fagins Aeußeres et⸗ was getäuſcht worden zu ſein, denn als der Jude den Rock aufknöpfte, auszog und über eine Stuhllehne hing, kroch er wieder in den Winkelzurück, aus welchem er hervor⸗ gekommen war, und wedelte dabei mit dem Schwanze, um zu zeigen, daß er vollkommen zufrieden geſtellt ſei. „»Gut?« fragte Sikes. .»Gut, lieber Freund,« antwortete der Jude.»Ach, Aennchen.“⸗ Die letztere Erkennung wurde mit einiger Verlegen⸗ heit ausgeſprochen, denn Fagin und das Mädchen hatten einander nicht geſehen, ſeit das letztere zu Gunſten Oli⸗ vers eingeſchritten war. Alle Zweifel, wenn er derglei⸗ chen hegte, wurden jedoch raſch durch das Benehmen Aennchens entfernt. Sie nahm die Füße von dem Ka⸗ mine, ſchob ihren Stuhl zurück und erſuchte Fagin, näher zu rücken, denn es ſei eine kalte Nacht. »Ja, es iſt kalt, liebes Aennchen,« ſagte der Jude, während er ſeine runzeligen Hände an dem Feuer wärmte. „Es geht einem durch und durch,« ſetzte er hinzu, wäh⸗ rend er ſeine linke Seite hielt. »Wenn es durch Dein Herz gehen ſoll, muß es ein Dolch ſein,« bemerkte Sikes.»Gieb ihm etwas zu trin⸗ ken, Anna, und mach' ſchnell! Es könnte Einem übel —— — 3— ₰ Oliver Twiſt. werden, wenn man den alten Kerl ſo zittern und beben ſieht, wie einen Geiſt, der eben aus ſeinem Grabe ge⸗ ſtiegen iſt.« Aennchen brachte ſchnell eine Flaſche von einem Brette, wo noch mehrere ſtanden, die, ihrer verſchiedenen Form nach, verſchiedene Arten von Getränken enthielten. Si⸗ kes ſchenkte ein Glas voll ein und forderte den Juden auf zu trinken. »Genug, genug, Blll, ich danke,« erwiederte der Jude, indem er das Glas niederſetzte, als er daſſelbe kaum mit den Lippen berührt hatte. Mit verächtlichem Blicke ergriff Sikes das Glas und leerte es in einem Zuge, weil er es für ſich vollſchenken wollte, was er denn auch ſogleich that. Der Jude ſah ſich in der Stube um, während Sikes dieſes zweite Glas austrank, nicht aus Neugierde, denn er hatte ſie oft genug geſehen, ſondern in ſeiner ruheloſen und argwöhniſchen gewöhnlichen Weiſe. Die Stube war ärmlich meublirt, und nichts darin verrieth den Stand und die Lebensweiſe des Bewohners. „»So, ſprach Sikes, indem er mit den Lippen ſchnalzte, nun bin ich bereit.« »Zu dem Geſchäfte, he?« fragte der Jude. »Zum Geſchäfte,« erwiederte Sikes.»Sag' alſo an, was Du zu ſagen haſt.« »Von der Geſchichte in Chertſey, Bill?« fragte der Jude, indem er ſeinen Stuhl näher rückte und ſehr leiſe ſprach. „»Ja; was iſt damit?« 4 »Du weißt ſchon, was ich meine.— Er weiß, was ich meine, Aennchen, nicht wahr?« »Nenne die Dinge bei ihrem rechten Namen, und ſitze nicht da blinzelnd und winkend, als wäreſt Du 6 Oliver Twiſt. der Erſte, der an die Räuberei denkt. Gott verdamme meine Augen! Was willſt Du?« „»Stil,, Bill, ſtilll⸗ ſagte der Inde, der ſcch zerdsben halten; es kann uns Jemand hören!« »So laß es hören!« meinte Sibes,»mir einerlei!« Da es ihm im Grunde aber doch nicht einerlei war, ſo ſprach er ſchon dieſe Worte leiſer und wurde ruhiger. »So, ſo,« fuhr der Jude ſchmeichelnd fort.»Es war nur zur Vorſicht, weiter nichts. Nun von der Geſchichte in Chertſey; wann ſoll es werden? He, Bill! wann ſoll es geſchehen? Ach, das Silberzeug, das Silberzeug!« und der alte Jude rieb ſich im Entzücken ſchon jetzt die Hände und zog die Augenbrauen empor. »Gar nicht,« antwortete Sikes gelaſſen. „»Es ſoll gar nicht geſchehen!« wiederholte der Iude, indem er ſich in den Stuhl zurücklehnte. »Nein, gar nicht,« entgegnete Sikes;»wenigſtens geht es nicht ſo, wie wir dachten.« »So hat man es nicht recht eingefädelt, bemerkte der Jude, blaß vor Aerger.»Sag' mir lieber nichts davon.« »Ich will es Dir aber erzählen,« entgegnete Sikes. »Was könnte man Dir nicht ſagen? Der Tobias Crackit hat ſich etwa vierzehn Tage dort umhergetrieben, kann aber keinen pon den Leuten im Hauſe gewinnen.⸗ »Du meinſt, es könnte Niemand von den beiden Leu⸗ ten im Hauſe gewonnen werden?« »Ja, das meine ich. Die alte Frau hat ſie bereits zwanzig Jahre, und wenn Du ihnen ünihundert Piund bieteſt, ſie thun es nicht.« 3 „»Können denn die Weiber miht beſtochen werden?⸗ 4 „Auch ſie nicht.« Oliver Twiſt. 7 »Nicht durch Tobias Crackit? Bedenke nur, es ſi nd Frauenzimmer.« »Auch nicht durch Tobias Crackit. Er ſagte mir, er habe einen falſchen Backenbart und eine gelbe Weſte ge⸗ tragen, ſo lange er ſich dort aufgehalten, aber vergebens.⸗ »Er hätte es mit einem Schnurrbarte und Militair⸗ hoſen verſuchen ſollen.« „Das that er auch; es half ihm aber auch nichts.«⸗ Der Jude ließ nach dieſer Nachricht ſein langes Kinn auf die Bruſt ſinken, dachte einige Augenblicke nach und ſagte dann mit einem tiefen Seufzer, wenn Tobias Crackit recht berichtet habe, ſo müſſe man die Sache wohl auf⸗ geben.»Aber,« ſetzte der Alte hinzu, indem er die Hände auf die Kniee ſinken ließ,»es iſt traurig, ſo viel zu ver⸗ lieren, wenn man ſein Herz daran gehangen hat.« „Freilich. Es iſt ein Unglück.« Es folgte eine lange Pauſe, während welcher der Jude in tiefe Gedanken verſunken zu ſein ſchien und ſein Ge⸗ ſicht einen wahrhaft teufliſchen Ausdruck annahm. Sikes ſah ihn bisweilen von der Seite an, und Aennchen, die offenbar den Räuber zu reizen fürchtete, ſaß da, die Au⸗ gen auf das Feuer gerichtet, als ſei ſie taub gegen Alles, was um ſie her vorging. „»Fagin,« unterbrach Sikes endlich plötzlich das Schwei⸗ gen, viſt es funfzig Goldſtücke mehr werth, wenn es ſicher von außen geſchehen kann?« »Ja,« antwortete der Jude, ber wie aus einem Traume auffuhr. »Gilt der Handel?« fragte Sikes. „Ja, Freund, ja,« entgegnete der Jude, indem er des Andern Hand ergriff, ſeine Augen funkelten und jeder Muskel ſeines Geſichtes die Begierde zeigts, welche dieſe Frage in mühm geweckt hatte. Otiver Twiſt. „»So,“« ſprach Sikes, indem er die Hand des Juden mit einer gewiſſen Verachtung fahren ließ,„ſo mag es geſche⸗ hen, ſobald Du willſt. Tobias und ich ſteigen in der Nacht über die Gartenmauer und unterſuchen die Thü⸗ ren und Fenſterladen. Das Haus iſt zwar in der Nacht verriegelt wie ein Gefängniß, aber an einer Stelle kön⸗ nen wir ſicher und ſtill hinein.« »Wo iſt das, Bill?« fragte der Jude haſtig. »Wenn man qguer über den Platz geht—« flüſterte 3 Sikes. »Ja, ja,« ſagte der Jude, der den Kopf vorſchob und die Augen faſt aus ihren Höhlen herauspreßte. »Hm!« rief Sikes, und hielt inne, als das Mädchen, faſt ohne den Kopf zu bewegen, herumſah und ſchnell auf das Geſicht des Juden deutete.»Wenn Du die Stelle auch nicht kennſt, Du kannſt es zwar ohne mich nicht thun, aber es iſt immer am beſten, vorſichtig zu ſein, wenn man mit Dir zu thun hat.« »Wie Du willſt, Freund, wie Du willſt,« entgegnete der Jude, indem er ſich auf die Lippen biß.»Iſt Nie⸗ mand und nichts nöthig als Du und Tobias? »Nichts,« antwortete Sikes,»als eine Lochſäge und ein Junge; die erſte haben wir, für den zweiten ſorgſt Du.« „»Ein Junge!« rief der Jude. »Ja, einen Jungen brauche ich,« fuhr Sikes fort, vaber er darf nicht ſtark ſein. Hätte ich nur den kleinen Jungen des Schornſteinfegers Ned!— er hielt ihn ab⸗ ſichtlich klſein und ſchwach und vermiethete ihn. Aber der Alte wurde ertappt und dann kam die»verwahrloſete Kinderanſtalta, riß den Jungen aus ſeinem Geſchäfte, in dem er ſich ein hübſches Geld verdiente, lehrte ihn leſen und ſchreiben und bringt ihn mit der Zeit zu einem — Otivét Twiſt. 9 Handwerker in die Lehre. So geht es zu«— fuhr Si⸗ kes fort, und ſein Unwille ſtieg bei der Erinnerung an dieſe Ungerechtigkeit—»ſo geht es zu; hätten ſie Geld genug(es iſt ein wahres Glück, daß ihnen das fehlt), ſo würde uns in einem Paar Jahren nicht ein halbes Dutzend Jungen übrig bleiben.“ „»Ja, mehr würden wir nicht haben,« beſtätigte der Jude, der während jener Rede nachgedacht und nur die letzten Worte gehört hatte.»Bill!« »Was giebt es?« Der Jude nickte nach Aennchen hin, die noch immer in das Feuer ſah, und deutete durch ein Zeichen an, er wünſche, Sikes heiße ſie hinausgehen. Dieſer zuckte un⸗ geduldig die Achſeln, als halte er die Vorſicht für unnö⸗ thig, gehorchte aber, und forderte Jungfer Aennchen auf, ihm einen Krug Bier zu holen. »Du brauchſt kein Bier,« antwortete Aennchen, indem ſie die Arme über einander legte und ganz ruhig ſitzen blieb. „»Ich ſage Dir, ich will Bier haben.« „»Es iſt nicht wahr, erwiederte das Mädchen gelaſſen. „Sprecht immer weiter. Ich weiß, was Fagin ſagen will. Er braucht nicht auf mich zu achten.« Der Jude zögerte noch, und Sikes ſah eines um das andere etwas verwundert an. »Du kennſt ja das Mädchen lange genug, um ihr trauen zu können,“ ſagte er endlich;»die plaudert nicht, nicht wahr, Aennchen?« »Ich denke,« antwortete das Mädchen, indem ſie ih⸗ ren Stuhl an den Tiſch rückte und ihren Elbogen darauf ſtützte. »Ich weiß, ich weiß, daß Du nicht ſchwatzeſt,« frrach der Jude, vaber—« und der alte Mann hielt wieder inne. 10 Oliver Twiſt. »Was aber?« fragte Sikes. »Ich weiß nicht, ob ſie vielleicht wieder rappelköͤpfig iſt, wie letzbil, erwiederte der Jude. Jungfer Anna brach bei dieſem Geſtändniſſe in ein lautes Gelächter aus, trank ein Glas Branntwein und ſchüttelte wie herausfordernd den Kopf, betheuerte aber ihre gute Geſinnung, ſo daß der Jude zufrieden nickte. »Nun, Fagin,« fuhr das Mädchen lachend fort,»ſpre⸗ chen Sie immer mit Bill über Oliver.« »Du biſt doch die pfiffigſte Kreatur, die ich geſehen habe,« ſagte der Jude, indem er ſie auf den Nacken klopfte.»Ich wollte allerdings von Oliver ſprechen. Ha! ha! hal«. »Was iſt mit ihm?« fragte Sikes. »Er iſt ein Junge für Dich, Freund,« erwiederte der Jude leiſe, indem er einen Finger an die Naſe legte und teufliſch lachte. „»Er?« rief Sikes?. „»Nimm ihn, Bill,« ſagte das Miͤdchen.»Ich würde es an Deiner Stelle thun. Er mag nicht ſo geſcheit ſein als die andern, aber das iſt ja auch nicht nöthig, wenn er bloß eine Thür für Euch aufzumachen hat. Verlaß Dich darauf, er iſt ſicher, Bill.« »Ja, er iſt es,« beſtätigte Fagin; er hat in den letz⸗ ten Wochen eine gute Schule gehabt, und es wird Zeit, daß er für ſein Brvt arbeitet. Ueberdies ſind die andern alle zu dick.« »Er iſt allerdings gerade von der Stärke, wie er ſein muß,« bemerkte Sikes nachdenkend. »Und er wird Alles thun, was Du von ihm verlangſt, lieber Bill,« ſetzte der Jude hinzu; er kann nicht anders, wenn Du ihn in Furcht jagſt.« „»In Furcht jagen?« wiederholte Sikes,»daran ſoll Oliver Twiſt. 11 es nicht fehlen, und in vollem Ernſt. Gehorcht er nicht, ſträubt er ſich im mindeſten, ſo ſiehſt Du ihn nicht leben⸗ dig wieder, Fagin. Das überlege, ehe Du mir ihn ſchickſt. Merke meine Worte,« ſprach der Räuber, indem er ein ſchweres Brecheiſen ſchüttelte, das er unter dem Bette hervorzog. »Ich habe es bereits überlegt,« antwortete der Inde ent⸗ ſchloſſen.»Ich habe ihn genau, genau beobachtet. Laßt es ihn nur erſt fühlen, daß er einer von uns iſt, man präge es ihm nur ein, daß er geſtohlen hat, und er iſt unſer, unſer ſein Leben lang. Es hätte ſich nicht beſſer treffen können.« Der alte Mann legte die Hände auf der Bruſt über einander, zog den Kopf ein und die Schul⸗ tern empor und machte ſich ſo vor Freuden faſt zu einer Kugel. „»Unſer!« ſagte Sikes.»Dein, win Du ſagen.« „Vielleicht, Freund,« antwortete der Jude lächelnd. »Mein, wenn Du es lieber haſt, Bill.« »Warum,« ſprach Sikes, und ſah ſeinen angenehmen Freund finſter an,»warum giebſt Du Dir ſo viele Mühe mit einem kreidegeſichtigen Jungen, da jede Nacht funfzig umherlaufen, die Du nur aufzuleſen brauchſt?« »Weil dieſe mir nichts nützen,« erwiederte der Jude mit einiger Verlegenheit,»weil es ſich nicht der Mühe lohnt, ſie in das Haus zu nehmen; ihr Ausſehen verräth ſie, wenn ſie vor die Polizei kommen, und ich verliere ſie Alle. Mit Oliver, iſt er erſt ordentlich abgerichtet, kann ich thun, was ich nicht mit zwanzig andern thun kann. Ueberdies,« ſetzte der Jude ruͤhiger hinzu, skennt er uns nun, wenn er wieder fortkäme, und er muß bei uns blei⸗ ben. Es fehlt nichts mehr zu meiner Macht über ihn, als daß er bei einem Raube war. Und das iſt doch beſſer, als den armen Jungen fortzuſchicken, was gefährlich wäre.⸗ 4 5 12 Oliver Twiſt. „»Wann ſoll es geſchehen?« fragte Aennchen, und un⸗ terbrach dadurch eine gewiſſe Ausrufung des Sikes, wo⸗ durch derſelbe ſeinen Widerwillen gegen Fagins erheu⸗ chelte Gutmüthigkeit ausdrücken wollte. »Ja, Bill, wann ſoll es geſchehen?« wiederholte der Jude. »Ich habe mit Tobias auf übermorgen Nacht Abrede getroffen,« antwortete Sikes mürriſch,»im Falle er nicht anderes von mir höre.«. »Gut,« erwiederte der Inde;»Mondenſchein iſt es nicht.«.. »Nein,“« ſagte Sikes. »Iſt Alles in Ordnung, wie Ihr die Sachen weg⸗ bringt?« fragte der Jude. Sikes nickte. »Und wegen—« »Es iſt Alles abgemacht,« fiel Sikes ein,»kümmere Dich nicht um das Einzelne. Du haſt weiter nichts zu zu thun, als morgen Abend den Jungen hierher zu brin⸗ gen; ich werde eine Stunde nach Tagesanbruch mich auf den Weg machen. Dann hältſt Du Dein Maul und den Schmelztigel bereit; ſonſt haſt Du dabei nichts zu thun.⸗ Nach einigem Hin⸗ und Herreden, an welchem alle Drei lebhaft Antheil nahmen, wurde ausgemacht, daß Aennchen nächſten Abend zu dem Juden kommen ſollte, um Oliver abzuholen; denn Fagin bemerkte ſchlau, wenn der Junge Abneigung zeige, werde er am willigſten das Mäͤdchen begleiten, das ſich kürzlich für ihn verwendete. Man kam auch überein, daß der arme Oliver für das beabſichtigte Unternehmen der Aufſicht und Obhut Wil⸗ liam Sikes' völlig und unbedingt überlaſſen werde, daß der genannte Sikes mit ihm verfahren dürfe, wie er es für gut finde, und dem Juden für nichts verantwortlich Oliver Twiſt. 13 ſein ſolle, was ihm zuſtoßen könne, auch nicht für die Züchtigung, die ihm vielleicht zugetheilt werde. Um den Vertrag in dieſem Punkte bindend zu machen, ſollten die Angaben des Sikes nach ſeiner Rückkehr in allen wichti⸗ gen Stücken durch das Zeugniß des Tobias Ceackit be⸗ ſtätigt werden. Nach Beſeitigung dieſer Präliminarien fing Sikes an, auf beunruhigende Weiſe Branntwein zu trinken, die Brechſtange zu ſchwingen und zu gleicher Zeit die un⸗ muſikaliſchſten Bruchſtücke von Liedern nebſt fürchterlichen Flüchen hervorzupoltern. Endlich beſtand er in einem Anfalle von Begeiſterung für ſein Geſchäft darauf, ſein Käſtchen mit dem Geräthe zum Einbruche zu zeigen; kaum aber war er mit demſelben hereingeſtolpert und hatte das Käſtchen geöffnet, um die Einrichtung und den Gebrauch eines jeden Werkzeuges zu erklären, als er über daſſelbe auf den Boden der Länge nach hinfiel, und da, wo er lag, einſchlief. »Gute Nacht, Aennchen!« ſagte der Jude, nachdem er ſich wie vorher eingepackt hatte. »Gute Nacht!« Ihre Blicke begegneten einander und der Jude ſah ſie ſcharf an. Es war kein Falſch in ihr; ſie meinte es ſo wahr, als es Tobias Crackit ſelbſt nur immer meinen konnte. Der Jude bot ihr nochmals gute Nacht, gab hinter ihrem Rücken dem daliegenden Sikes einen heim⸗ lichen Tritt und tappte die Treppe hinunter. 3 »Immer das Alte,« murmelte der Jude bei ſich, als er weiter ging.»Das Schlimmſte an den Weibern iſt, daß das Geringſte ein längſt vergeſſenes Gefühl in ihnen eerregt, und das Beſte, daß es nie lange anhält. Ha! ha! Den Jungen für einen Beutel voll Gold!« Mit ſolchen angenehmen Gedanken unterhielt ſich Fa⸗ 14 Oliver Twiſt. gin, waͤhrend er durch den tiefen Schmutz nach ſeiner traurigen Behauſung zuſchritt, wo Dawkins noch wachte und ungeduldig auf ſeine Rückkehr wartete. »Iſt Oliver zu Bett? Ich muß mit ihm reden,« ſagte der Jude, ſobald er die Treppe hinauf war. »Vor Stunden, erwiederte Dawkins, indem er eine Thüre aufmachte.»Da liegt er.« Der Knabe ſchlief feſt auf einem harten Bett auf der Diele, und ſah ſo blaß aus in Folge ſeiner Angſt, ſeines Kummers und ſeines langen Aufenthaltes in dieſem Ker⸗ ker, daß er einer Leiche glich, nicht einer Leiche im Sarge, ſondern dem Körper, aus welchem das Leben eben erſt gewichen iſt, wenn ein junger milder Geiſt erſt vor einem Augenblicke nach dem Himmel entfloh und die grobe Luft der Erde noch nicht Zeit gehabt hat, den Staub zu ver⸗ wandeln, den er weihte. »Jetzt nicht,« ſagte der Jude, indem er leiſe wieder fortging.»Morgen, morgen.« Zweites Kapitel Oliver wird zu William Sikes gebracht. Als Oliver am andern Morgen erwachte, wunderte er ſich nicht wenig, vor ſeinem Bette ein Paar neue Schuhe mit ſtarken dicken Sohlen, die alten dagegen Entdeckung, denn er hoffte, ſie deute ſeine Erlöſung an; aber dieſe Gedanken mußte er aufgeben, als ihm der Jude, mit welchem er allein das Frühſtück hielt in einem nicht mehr zu finden. Im Anfange erfreuete ihn dieſe 18 —— —— heit dazu fand ſich nicht, denn der Iude blieb ſehr mür⸗ Oliver Twiſt. Tone und einer Weiſe, die ſeine Beſorgniß nur erhöhen mußte, ſagte, er werde in der nächſten Nacht zu Bill Sikes gebracht werden. »Soll ich— ſoll ich— dort bleiben?« fragte Oliver ängſtlich.. »Nein, mein Sohn,« antwortete der Jude.»Ich möchte Dich nicht verlieren. Fürchte nichts; Du kommſt wieder zu uns zurück. Ha! ha! ha! Ich werde nicht ſo grauſam ſein, Dich fortzuſchicken, mein Sohn, nein, nein.«. Der alte Mann, der ſich über das Feuer bückte, um ein Stück Brot zu röſten, ſah ſich bei dieſen höhniſchen Worten um und lächelte, als wolle er dem Knaben be⸗ merklich machen, er wiſſe es ſehr wohl, daß er gern fort wäre. 4 „»Du möchteſt wohl gern wiſſen,« fuhr der Jude fort, der die Augen feſt auf Oliver richtete, vwarum Du zu Sikes gehen ſollſt, he?« Oliver erröthete unwillkürlich, als er fand, daß der alte Spitzbube ſeine Gedanken errathen habe, ſagte aber keck:»ja, ich möchte es wohl wiſſen.« »Nun, was meinſt Du wohl?« fragte Fagin. „Ich weiß es wirklich nicht, Sir,« antwortete Oliver. »So warte, bis Du es von Bill ſelbſt erfährſt,« ſagte der Jude mit einem unzufriedenen Blicke nach einer ge⸗ nauen Muſterung des Geſichtes Olivers. Dem Juden ſchien es gar nicht recht zu ſein, daß Oliver nicht mehr Neugierde äußere; aber der Knabe wurde, obgleich er ſehr neugierig war, durch den ſchlauen forſchenden Blick Fagins und ſeine eigenen Gedanken ſo in Verlegenheit gebracht, daß er in dieſem Augenblicke keine Frage weiter thun konnte. Eine andere Gelegen 16 Oliver Twiſt. riſch und ſtill bis zum Abend, als er ſich anſchickte, aus⸗ zugehen. »Du kannſt ein Licht brennen,⸗ ſagte der Inde, indem er ein ſolches auf den Tiſch ſtellte,»und da iſt ein Buch zum Leſen, bis man Dich abholt. Gute Nacht!« »Gute Nacht, Sir,« antwortete Oliver ſanft. Der Jude ging nach der Thüre zu, drehete ſich ein⸗ mal nach dem Knaben um, blieb dann plötzlich ſtehen und rief ihn bei ſeinem Namen. Oliver ſah auf; der Jude deutete auf das Licht und winkte, er möge daſſelbe anbrennen. Dies that Oliver, und als er den Leuchter auf den Tiſch ſtellte, bemerkte er, daß der Jude ihn aus dem dunkeln Theile der Stube her mit zuſammengekniffenen Augenbrauen betrachte. »Nimm Dich in Acht, Oliver, nimm Dich in Acht!l⸗ ſagte der Alte, indem er ſeine rechte Hand warnend vor ſich hin und her bewegte.»Er iſt ein roher, heftiger Mann und das Blut ihm gleichgültig, wenn es nicht ſein eigenes iſt. Was auch geſchieht, ſage nichts und thue, was er Dir heißt. Das merke.« Die letzten Worte be⸗ tonte er ſehr ſtark, dann gab er ſeinen Zügen ein gewiſ⸗ ſes geſpenſterhaftes Lächeln und verließ nickend das Gemach. Oliver ſtützte den Kopf auf ſeine Hand, als der alte Mann fortgegangen war, und dachte mit zitterndem Her⸗ zen über die Worte nach, die er eben gehört hatte. Je mehr er aber über die Ermahnung des Juden nachdachte, um ſo weniger wollte es ihm gelingen, die Bedeutung derſelben und ihren Zweck zu errathen. Zuletzt blieb er bei der Muthmaßung ſtehen, er werde irgend eine gemeine Arbeit bei dem Räuber verrichten ſollen, bis man einen andern Burſchen finde, der ſich beſſer dafür eigene als er. Er war an Leiden zu ſehr gewöhnt, und hatte da, wo Oliver Twiſt. 17 er war, zu viel gelitten, als daß er die Ausſicht, ſeinen AAlufenthaltsort zu ändern, ſehr ernſtlich beklagt hätte. Er beſchäftigte ſich in Gedanken noch einige Minuten mit dieſem Gegenſtande, dann putzte er mit einem Seufzer das Licht, nahm das Buch, welches der Jude für ihn zurückgelaſſen hatte, und fing an zu leſen. Anfangs blätterte er nur darin, dann ſtieß er aber auf eine Stelle, die ſeine Aufmerkſamkeit erregte, und bald war er in das Leſen ganz vertieft. Es war eine Geſchichte von dem Leben und den Thaten großer Ver⸗ brecher, und man ſah es dem Buche an, daß es viel ge⸗ leſen worden war. Hier las er von gräßlichen Verbre⸗ chen, und es überlief ihn kalt, von geheimen Todtſchlä⸗ gen, die an einſamen Wegen begangen worden, von Leich⸗ namen, die vor dem Auge der Menſchen in tiefe Gruben und Brunnen verſteckt wurden, darin aber nicht blieben, fondern endlich, nach vielen Jahren, wieder zum Vor⸗ ſchein kamen, und die Mörder ſo erſchreckten, daß ſie in ihrem Entſetzen ſelbſt ihre Schuld geſtanden und nach dem Galgen ſchrieen, um nur ihrer Gewiſſenspein zu entgehen. Hier las er auch von Leuten, die in der Stille der Nacht in ihren Betten lagen und durch ihre eigenen böſen Gedanken zu gräßlichen Morden verleitet wurden, bei deren Vorſtellung das Herz ſchauert. Die entſetzlichen Schilderungen waren ſo natürlich und lebendig, daß die ſchmutzigen Blätter roth von Blut zu werden ſchienen, und die Worte auf ihnen in ſeinem Ohre klangen, als würden ſie von den Geiſtern der Todten ihm in hohlen Tönen zugeflüſtert. In höchſter Furcht und Angſt ſchlug der Knabe das Buch zu und warf es von ſich. Dann ſiel er wieder auf ſeine Kniee und betete flehentlich zu Gott, daß er ihn vor ſolchen Thaten bewahre und ihn lieber ſogleich zu Oliver Twiſt. II.. 2 18 Oliver Twiſt. ſich nehme, ſtatt ihn zu ſo entſetzlichen Verbrechen heran⸗ wachſen zu laſſen. Allmälig wurde er ruhiger, und er“ betete leiſe, Gott möge ihn aus ſeiner jetzigen Gefahr befreien, und, wenn Hülfe ſei für einen armen verſtoße⸗ nen Knaben, der nie die Liebe von Freunden und Ver⸗ wandten gekannt, ſie ihm jetzt ſenden, da er, troſtlos und verlaſſen, allein mitten unter Schandthat und Verbre⸗ chen ſtehe. Er hatte ſein Gebet geendigt, ſein Geſicht ruhete aber noch in ſeinen Händen, als ihn ein Raſſeln weckte. »Was giebt es?« rief er, indem er auffuhr und eine an der Thür ſtehende Geſtalt erblickte.»Wer iſt daoo »Ich bin es,« antwortete eine zitternde Stimme. Oliver hob den Leuchter empor und ſah nach der Thür hin. Es war Jungfer Aennchen. 4 „Setze das Licht nieder,« ſagte das Mädchen, das Geſicht abwendend,»es blendet mich.« Oliver bemerkte, daß ſie ſehr blaß ausſah und fragte theilnehmend, ob ſie krank ſei. Das Mädchen ſetzte ſich 1 auf einen Stuhl, den Rücken nach ihm hingewendet, und rang die Hände, antwortete aber nicht. »Gott vergieb mirl« ſagte ſte endlich.»Daran dachte ich nie.« »Iſt etwas geſchehen?« fragte Oliver.»Kann ich Ih⸗ nen helfen? Ich will es, wenn ich es kann, gewiß.« Sie rückte hin und her, rang dann von neuem heftig ihre Hände, faßte ſich an die Kehle, gab einen gurgelnden Ton von ſich und ſchnappte nach Luft. „»Aennchen!« rief Oliver in hohem Grade erſchrocken. »Was iſt Ihnen?« Das Mäͤdchen brach nun in lautes Lachen aus, ſchlug die Hände auf ihre Kniee und ihre Füße auf den Boden, N. Oliver Twiſt. 19 hielt dann plötzlich inne, zog ihren Shawl feſt um ſich und ſchauerte. Oliver ſchürte das Feuer an. Sie zog ihren Stuhl dicht an daſſelbe, ſaß eine Zeitlang da, ohne zu ſprechen, richtete endlich den Kopf empor und ſah ſich um. »Ich weiß nicht, was manchmal über mich kommt,« ſagte das Mädchen und putzte an ihrem Anzuge; ves iſt gewiß die feuchte, ſchmutzige Stube. Nun, lieber Oliver, biſt Du bereit?« »Soll ich mit Ihnen gehen?« fragte Oliver. »Ja, ich komme von Bill,« antwortete das Mädchen. „»Du ſollſt mit mir gehen.« »Wozu?« fragte Oliver, der zurückwich. »Wozu?« wiederholte das Mädchen, indem ſie die Augen aufſchlug;»zu nichts Böſem.« „»Ich glaube es nicht,« ſprach Oliver, der ſie genau beob⸗ achtet hatte. »Nun, wie Du willſt,« entgegnete das Mädchen, indem ſie zu lächeln verſuchte;»zu nichts Gutem.« Oliver bemerkte wohl, daß er etwas über des Mäd⸗ chens beſſeres Gefühl vermochte, und war einen Augen⸗ blick Willens, ſich an ihr Mitleid mit ſeinem hülfloſen Zuſtande zu wenden. Aber dann dachte er wieder daran, daß es erſt elf Uhr ſei, daß ſich noch viele Leute auf den Straßen befänden, unter denen gewiß manche wären, die ihm glauben würden. Bei dieſem Gedanken ſtand er auf und ſagte ſchnell, er ſei bereit. Seine Gedanken waren dem Mädchen nicht entgan⸗ gen. Sie beobachtete ihn genau, als er ſprach, und ſah ihn mit einem Blicke an, der es deutlich verrieth, daß ſie ſeine Gedanken errathen habe. »Still!« ſagte ſie, indem ſie ſich über ihn bog und nach der Thür wies, während ſie ſich vorſichtig umſah. —— 20 Oliver Twiſt. „Du kannſt Dir nicht ſelbſt helfen. Ich habe viel fuͤr Dich gekämpft, aber vergebens. Du biſt in ihrem Netze unrettbar gefangen, und wenn Du auch einmal loskom⸗ men kannſt, jetzt iſt ſicherlich nicht die Zeit dazu.« Oliver ſah ihr ſehr überraſcht in das Geſicht. Sie ſchien die Wahrheit zu ſagen; ihr Geſicht war bleich und bewegt und ſie zitterte wirklich. »Ich habe Dich einmal vor Mißhandlung geſchützt und ich werde es wieder thun, ich thue es jetzt,« fuhr das Mädchen laut fort;»denn hätten Dich Andere als ich abgeholt, ſo würden ſie viel rauher mit Dir verfahren ſein. Ich habe verſprochen, Du würdeſt ruhig ſein; biſt Du es nicht, ſo bringſt Du nicht bloß Dich, ſondern auch mich in Schaden und wirſt vielleicht mein Tod. Sieh her; alles dies habe ich bereits um Deinetwillen erduldet, ſo wahr als Gott mich jetzt ſieht.« Sie zeigte auf einige blaue Flecke an ihrem Halſe und ihrem Arme, und fuhr dann ſehr ſchnell fort: »Merke Dir das und laß mich jetzt nicht noch mehr für Dich leiden. Könnte ich Dir helfen, ſo würde ich es thun, aber ich vermag es nicht; ſie wollen Dir kein Leid thun, und Alles, was Du thun mußt, iſt Deine Schuld nicht. Still, immer ſtilll Jedes Wort von Dir iſt ein Schlag für mich; gieb mir Deine Hand, ſchnell! Deine Hand.« Sie faßte Olivers Hand, die ihr derſelbe unwillkürlich reichte, löſchte das Licht aus und zog ihn die Treppe hinunter. Die Thür wurde von Jemandem ſchnell geöff⸗ net, der in der Dunkelheit nicht zu erkennen war, und ſchnell wieder verſchloſſen, ſobald ſie hindurch geſchritten waren. Ein Mietheabriolet wartete und das Mädchen hob ihn in daſſelbe hinein. Der Kutſcher wußte es ſchon, 3 ———,— Oliver Twiſt. 21 wohin er fahren ſollte und peitſchte ſein Pferd ohne Ver⸗ zug zum ſchnellſten Trabe an. Das Mädchen hielt Oliver noch immer feſt an der Hand und ſetzte die bereits begonnenen Ermahnungen und Betheuerungen fort. Alles ging ſo raſch, daß er kaum Zeit hatte, ſich zu erinnern, wo er ſei und wie er dahin gekommen, als der Wagen an dem Hauſe hielt, wohin der Jude in der vorigen Nacht ſeine Schritte gelenkt hatte. Einen kurzen Augenblick ſah Oliver ſchnell die leere Straße hinab und ein Hülferuf ſchwebte bereits auf ſeinen Lippen. Aber das Mädchen beſchwor ihn in ſo jammer⸗ vollem Tone, an ſie zu denken, daß er den Muth nicht hatte, ihn auszuſtoßen; während er zögerte, war die Ge⸗ legenheit vorüber, denn nun befand er ſich bereits in dem Hauſe, und die Thür war verſchloſſen. »Bill!« rief das Mädchen und ließ Oliver zum erſten Male los. „»Heda!« erwiederte Sikes, der mit einem Lichte oben auf der Treppe erſchien.»Das iſt zu rechter Zeit. Kommt!⸗ Das war ein ſehr herzlicher Empfang von einer Perſon, wie Sikes; Aennchen, die ſehr erfreut darüber war, be⸗ grüßte ihn freundlich. »Der Hund iſt mit Tom fort,« bemerkte Sikes, wäh⸗ rend er leuchtete.—»Du haſt alſo den Buben?« ſetzte. er hinzu, als ſie Alle in der Stube angekommen waren, während er die Thüre zumachte. »Ja, da iſt er,« entgegnete Aennchen. „Kam er willig?« fragte Sikes. »Wie ein Lamm,« antwortete Aennchen. „»Das freut mich,« ſagte Sikes und ſah Oliver finſter an,»um ſeines jungen Rumpfes willen, denn der würde ſonſt gelitten haben. Komm her, Junge, und höre mich an.⸗ 22 Oliver Twiſt. Damit riß Sikes ſeinem Schutzempfohlenen die Mütze vom Kopfe und warf ſie in eine Ecke; dann faßte er ihn an der Achſel, ſetzte ſich an dem Tiſche nieder und ſtellte Oliver gerade vor ſich. „»Zuerſt, weißt Du, was das iſt?« fragte Sikes, in⸗ dem er ein Taſchenpiſtol nahm, das auf dem Tiſche lag. Oliver bejahete die Frage. »Nun, ſo ſieh her,« fuhr Sikes fort.»Das iſt Pul⸗ ver, das da eine Kugel und das ein Stück von einem alten Hute zum Pfropf.« Oliver murmelte bei jedem Stücke, daß er begreife, und Sikes lud das Piſtol mit großer Gewandtheit. »Jetzt iſt es geladen,« ſagte er, als er fertig war. »Ja, ich ſehe es, Sir,« erwiederte Oliver zitternd. »Nun,« ſprach der Räuber, indem er Olivers Hand feſt faßte und ihm die Mündung auf den Kopf drückte, ſo daß der Knabe einen Angſtſchrei nicht unter⸗ drücken konnte,»ſprichſt Du ein einziges Wort, wenn Du mit mir draußen biſt, außer wenn ich mit Dir rede, ſo bekommſt Du dieſe Ladung ohne Weiteres in Deinen Hirnſchädel hinein; wenn Du alſo ſprechen willſt ohne Erlaubniß, ſo bete erſt; das merke Dir.« Nachdem er dieſer Ermahnung zur Verſtärkung einen Fluch hinzugefügt hatte, fuhr Sikes fort:»So viel ich weiß, würde Niemand nach Dir fragen, wenn es Dir ſo erginge, und ich brauchte mir alſo eigentlich die Mühe gar nicht zu geben, Dir das Alles auseinanderzuſetzen, wäre es nicht zu Deinem eigenen Beſten. Hörſt Du? nun iſt es abgemacht, laß uns etwas eſſen und ſchlafen, ehe wir aufbrechen.« Aennchen deckte auf dieſes Geheiß ſogleich den Tiſch, verſchwand auf einige Minuten und erſchien ſodann mit einem Kruge Bier und einem Gericht Schrſätdpi wieder, —= Oliver Twiſt. 23 welches letztere Gelegenheit und Stoff zu mehreren witzi⸗ gen Bemerkungen von Seiten des Sikes gab. Ueber⸗ haupt war der würdige Mann, wahrſcheinlich in Folge der Ausſicht auf ſein Unternehmen, ſehr guter Laune; als Beweis dafür können wir anführen, daß er im Spaße das ganze Bier auf einmal austrank und, ſo lange die Mahlzeit währte, nicht mehr als etwa ein Schock Flüche vorbrachte. Nach dem Abendeſſen, zu welchem, wie man ſich leicht denken kann, Oliver ſehr geringen Appetit mitbrachte, nahm Sikes noch ein Paar Gläſer Grog zu ſich, warf ſich ſodann auf das Bett und befahl dem Mädchen unter entſetzlichen Flüchen und Drohungen, ihn Punkt fünf Uhr zu wecken. Oliver legte ſich in ſeinem Anzuge auf Be⸗ fehl des Herrn auf eine Matratze auf den Dielen; das Mäͤdchen ſchürte das Feuer an und blieb vor demſelben ſitzen, um zur rechten Zeit wecken zu können. Lange lag Oliver wachend da und hielt es nicht für unmöglich, daß Aennchen eine Gelegenheit ſuchen könne, ihm ferner einen guten Rath zuzuſlüſtern, aber das Mäd⸗ chen ſaß unbeweglich an dem Feuer und putzte nur bis⸗ weilen das Licht. Ermattet vom Wachen und der Angſt ſchlummerte er endlich ein. Als er erwachte, ſtand das Theezeug auf dem Tiſche, und Sikes ſteckte verſchiedene Gegenſtände in die Taſchen feines Ueberziehrockes, der auf einer Stuhllehne hing, während Aennchen geſchäftig das Frühſtück bereitete. Es war noch nicht Tag, denn das Licht brannte noch und draußen ſah es ganz finſter aus. An die Fenſterſcheiben ſchlug der Regen und der Himmel hing voll ſchwerer Wolken.. „»Nun,« brummte Sikes, als Oliver ſich erhob,»es 24 3 Oliver Twiſt. iſt halb ſechs Uhr. Spute Dich, ſonſt bekommſt Du kein Frühſtück, denn es iſt ſchon ſpät.« Oliver hatte ſeine Toilette bald gemacht, dann früh⸗ ſtückte er ein wenig, und antwortete auf eine barſche Frage des Mannes, er ſei bereit. Aennchen ſah den Knaben kaum an, warf ihm aber ein Tuch zu, das er um den Hals binden ſollte und Si⸗ kes hing ihm einen großen Mantelkragen über. So aus⸗ ſtaffirt gab er dem Räuber die Hand, der mit drohender Geberde ihm noch einmal das Piſtol in der Seitentaſche zeigte, ihn feſt faßte, Abſchied von dem Mädchen nahm und ihn mit ſich fortführte. An der Thür drehte ſich Oliver um, in der Hoffnung, noch einen Blick von dem Mädchen zu erhalten; aber ſie hatte ihren Platz an dem Feuer wieder eingenommen und ſaß völlig bewegungslos da wie vorher. Drittes Kapitel. Die Reiſe. Es war ein unfreundlicher Morgen, als ſie auf die Straße traten; der Wind ſtürmte, es regnete ſtark, und die Wolken zogen trüb und ſchwer am Himmel hin. Auf dem Wege hatten ſich große Waſſerpfützen geſammelt und die Goſſen waren übergelaufen. Der nahende Tag ſchien erſt ſchwach in Oſten, aber dieſer Schein minderte die Unfreundlichkeit des Himmels nicht, ſondern erhöhete ſie vielmehr, da er das Licht der Straßenlampen nur ſchwächte, ohne ein wärmeres, glänzenderes auf die naſſen Df Df 7 Oliver Twiſt. 25 Dächer und öden Straßen zu werfen. Es ſchien in die⸗ ſem Theile der Stadt noch Niemand wach zu ſein, denn in allen Häuſern waren die Fenſter noch feſt verſchloſſen, und die Straßen, durch welche ſie gingen, ſtill und leer. Als ſie auf die Straße von Bethnal Green gelang⸗ ten, wurde es faſt vollſtändig Tag. Viele Lampen wa⸗ ren bereits verlöſcht, einige Wagen fuhren ſchwer und langſam nach London hinein; bisweilen raſſelte ein mit Koth beſpritzter Poſtwagen raſch vorüber, und der Po⸗ ſtillon gab im Vorüberfahren dem Fuhrmanne, der auf die falſche Seite gefahren war, einen freundſchaftlichen Wink durch einen Peitſchenhieb. Die Wirthshäuſer wa⸗ ren bereits geöffnet, und innen noch mit Gas erleuchtet. Allmälig wurden Kaufmannsladen geöffnet und hier und da gingen einzeln einige Perſonen. Dann kamen Grup⸗ pen von Arbeitern, die an ihre Arbeit gingen; darauf Männer und Weiber mit Fiſchkörben auf den Köpfen, Eſelskarren mit Gemüſe, Wagen mit lebendigem Vieh und ganzen Stücken Fleiſch, Milchweiber mit Zubern und eine ununterbrochene Reihe von Menſchen, die ver⸗ ſchiedene Lebensmittel u. dergl. nach den öſtlichen Vor⸗ ſtädten der Stadt ſchafften. Je näher ſie der City ka⸗ men, um ſo mehr nahm der Lärm und die Geſchäftigkeit zu. Es war nun ſo hell, als es bei ſolchem Himmel ſein konnte, und der geſchäftige Morgen der Hälfte der Bewohner von London hatte begonnen. 3 In Smithfield hörte man einen Tumult von verwor⸗ renen Tönen, der Oliver Twiſt in Verwunderung und Erſtaunen verſetzte. Es war ein Marktmorgen. Auf dem Boden lag der Schmutz und Koth knöcheltief; ein dichter Dampf ſtieg fortwährend von dem erhitzten Vieh auf und vermiſchte ſich mit dem Nebel, der über den Häuſern ſchwebte. Alle ——ͤy———. 26 Oliver Twiſt. Hürden in der Mitte des großen Platzes und ſo viele tempoyäre, als in den leeren Raum gedrängt werden konnten, waren mit Schafen angefüllt, und lange Rei⸗ hen von Ochſen und Kühen, drei bis vier Stück hoch, an Pfähle angebunden. Bauern, Fleiſcher, Fuhrleute, Jungen, Diebe, Müßiggänger und Vagabunden aller Art drängten ſich in einer dichten Maſſe umher; das Pfeifen der Fuhrleute, das Bellen der Hunde, das Brüllen der Rinder, das Bloͤken der Schafe, das Grunzen und Quie⸗ ken der Schweine; das Geſchrei der Herumträger, das Fluchen und Zanken überall, das Klingeln der Glöckchen und das Geſumme der Stimmen von den Wirthshäu⸗ ſern her; das Drängen, Treiben, Stoßen, Schlagen; der entſetzliche und mißtönende Lärm an allen Punkten des Marktes, und die ungewaſchenen, unraſirten und ſchmutzigen Geſichter, die ohne Aufhören hin⸗ und herlie⸗ fen, das Zuſammenſchieben und Auseinandertreiben des Gedränges— machte zuſammen ein betäubendes Schau⸗ ſpiel, welches die Sinne faſt verwirrte.. Sikes, der Oliver nach ſich zog, bahnte ſich einen Weg durch den dichteſten Haufen, und achtete wenig auf das, was zu ſehen und zu hören war und den Knaben ſo ſehr in Verwunderung brachte. Zwei oder dreimal nickte er einem vorübergehenden Freunde zu, ſchlug eben ſo viel Einladungen zu einem Morgenſchnäpschen aus und drängte geradeaus weiter, bis ſie aus den Maſſen ſo ziemlich hinaus waren. »Nun, Junge,« ſagte Sikes, indem er an die Uhr der St. Andreaskirche hinaufſah,»iſt es faſt ſieben Uhr; Du mußt ausſchreiten. Komm, bleibe nicht ſchon zurück, Faulpelz!« 5 Sikes begleitete dieſe Worte mit einem rohen Rucke an des Knaben Arme, Oliver ſetzte in eine Art Hunde⸗ —, Oliver Twiſt. 4 27 trab ein und hielt ſo gut er konnte mit dem Räuber Schritt. So gingen ſie, bis ſie an der Ecke von Hyde Park vorüber und auf dem Wege nach Kenſington waren; da ließ Sikes von der Schnelligkeit der Schritte etwas nach, bis ein leerer Karren, der in einiger Entfernung hinter ihnen kam, ſie eingeholt hatte. Als er Houns⸗ low“ daran geſchrieben ſah, fragte er den Kutſcher ſo artig als ihm möglich war, ob er ſie Beide bis Isle⸗ worth mitnehmen wolle.. »Setzt Euch auf,« antwortete der Mann.»Iſt das Ihr Junge?« »Ja, der Junge iſt mein,« antwortete Sikes mit ei⸗ nem Blicke auf Oliver, während er die Hand in die Ta⸗ ſche ſteckte, in welcher ſich das Piſtol befand. »Dein Vater geht zu ſchnell für Dich, nicht wahr?« ſagte der Mann, als er ſah, daß Oliver athemlos war. „»Das nicht,« fiel Sikes ein.»Er iſt ſchon daran ge⸗ wöhnt. Da, halte Dich an meiner Hand, Oliver, und ſteige ein.«. Mit dieſen Worten half er Oliver auf den Wagen, zeigte auf einen Haufen Säcke und ſagte ihm, er ſolle ſich dahin legen und ausruhen. Oliver wunderte ſich, als ſie an den verſchiedenen Meilenzeigern vorbeikamen, wohin ihn Sikes wohl füh⸗ ren wolle. Sie kamen durch Kenſington, Hammerſmith, Chiswick, Kew Bridge und Brentford, und noch immer ging es fort, als hätten ſie ihre Reiſe erſt begonnen. Endlich kamen ſie an ein Wirthshaus, und nicht weit von demſelben ſchien eine andere Straße abzugehen. Hier hielt der Karren. 3 Sikes ſtieg ſehr ſchnell ab, ließ aber Olivers Hand keinen Augenblick los, hob ihn herunter, warf ihm einen X —————. — 28 wüthenden Blick zu und ſchlug bedentungsvoll an die Taſche. Der Kutſcher fuhr weiter. Sikes wartete, bis er ſich eine Strecke entfernt hatte, ſagte dann zu Oliver, er möge ſich einmal umſehen, wenn er wolle, und führte ihn weiter. Kurz hinter dem Wirthshauſe wendeten ſie ſich links, Oliver Twiſt. ſchlugen dann einen rechts ab führenden Weg ein, gin⸗ gen auf demſelben ziemlich lange hin und an vielen gro⸗ ßen Gärten und ſchönen Häuſern vorbei und endlich über die Brücke, welche ſie nach Twickenham brachte. In die⸗ ſer Stadt hielten ſie ſich ebenfalls nicht länger auf, als um einmal Bier zu trinken, und gingen weiter, bis ſie eine andere Stadt erreichten, wo Oliver an der Mauer eines Hauſes in großen Buchſtaben»Hampton« las. Hier folgten ſie von dem»rothen Löwen« aus eine kurze Strecke dem Fluſſe, bis Sikes in eine enge Gaſſe einbog und da in ein altes Wirthshaus trat, wo er etwas zu eſſen verlangte. Die Küche war ein altes Ding mit einer niedrigen Decke, in deren Mitte ein ſtarker Balken hinlief. Bänke mit hohen Lehnen ſtanden neben dem Feuer, und da ſa⸗ ßen einige rohe Männer in Kitteln, die rauchten und tranken. Sie achteten auf Oliver gar nicht und ſehr wenig auf Sikes, der mit dem Knaben allein in einer Ecke Platz nahm. Sie erhielten kaltes Fleiſch und blieben lange da ſitzen, während Sikes ein Paar Pfeifen rauchte, daß Oliver ge⸗ wiß glaubte, ſie würden nun nicht weiter gehen. Da er ſo früh aufgeſtanden und von dem langen Gehen müde war, nickte er anfangs ein wenig, bis er endlich ganz einſchlief. Es war ganz dunkel, als ihn Sikes mit einem Stoße weckte. Er raffte ſich auf und ſah ſeinen Begleiter in —— —— — Oliver Twiſt. 29 vertrautem Geſpräche mit einem Bauer bei einem Glaſe Bier. »Sie fahren alſo nach Lower Halliford?« fragte Sikes. 2. »Ja,« antwortete der Mann, der ſtark getrunken zu haben ſchien,»und das nicht langſam. Mein Pferd hat jetzt keine Laſt hinter ſich wie heute früh; ah, das iſt ein Pferd!«. „Können Sie mich und meinen Jungen bis dahin mitnehmen?« fragte Sikes, und ſchob ſeinem neuen Freunde das Bier hin. »Wenn Sie gleich aufbrechen, ja,« antwortete der Mann, indem er wieder aus dem Kruge herausſah. »Wollen Sie nach Halliford?« »Nein, nach Shepperton,« erwiederte Sikes. »Ich bin Ihr Mann ſo weit ich fahre.— Iſt alles bezahlt, Kellner?«—»Ja, der andere Herr hat bezahlt.« »Das geht nicht,« ſagte der Betrunkene, nein, das leide ich nicht.« »Warum nicht?« meinte Sikes.»Sie leiſten uns Geſellſchaft, und das iſt doch wohl einen Krug Bier werth.« Der Mann dachte über dieſen Grund mit einem ſehr bedächtigen Geſichte nach, nahm dann Sikes an der Hand und betheuerte ihm, er ſei ein prächtiger Mann. Sikes antwortete darauf, er ſpaße, und wenn der Mann nüch⸗ tern geweſen wäre, würde er wohl bald gemerkt haben, daß er allerdings im Ernſt nicht ſo reden könne. Nach einigen andern gegenſeitigen Complimenten ſag⸗ ten ſie den Anweſenden gute Nacht und gingen hinaus. Das Pferd, deſſen Geſundheit getrunken worden war, ſtand angeſchirrt und angeſpaunt mit dem Wagen bereit. Oliver und Sikes ſtiegen ohne Weiteres ein und der Ei⸗ ———- 1— ————— 30 Oliver Twiſt. genthümer folgte. Dann ſollte der Hausknecht dem Pferde die Zügel laſſen, aber daſſelbe machte einen ſehr ſchlech⸗ ten Gebrauch davon; es warf ſehr verächtlich den Kopf in die Höhe und raunnte mit demſelben einige Fenſter⸗ ſcheiben ein. Nachdem es dieſe Heldenthaten vollbracht und einige Augenblicke auf den Hinterbeinen geſtanden hatte, ſchoß es in Galop davon und raſſelte mit dem Wagen aus der Stadt hinaus. Die Nacht war ſehr dunkel; von dem Fluſſe und dem ſumpfigen Boden umher ſtieg ein feuchter Nebel auf und breitete ſich über die öden Felder aus. Dazu war es ſchneidend kalt. Es wurde kein Wort geſprochen, denn der Inhaber des Wagens war ſchläfrig geworden und Sikes nicht in der Stimmung, ihn zu einem Geſpräche zu veranlaſſen. Oliver hatte ſich in eine Ecke des Wa⸗ gens gedrückt und ſah in ſeiner Augſt ſeltſame Geſtalten in den mächtigen Bäumen, deren Zweige ſich hin⸗ und herwiegten, als freueten ſie ſich über die Oede umher. Als ſie vor der Kirche in Sunbury vorbeikamen, ſchlug die Uhr ſieben. In dem Fährhauſe gegenüber war ein Licht, das ſeinen Schein über den Weg herüberwarf und den Schatten eines Eichenbaumes, unter welchem ſich Gräber befanden, noch dunkeler machte. Nicht weit hin hürke man das Waſſer rauſchen, und die Blätter des alten Baumes regten ſich leiſe in dem Nachtwinde, wie feierliche leiſe Muſik für die Ruhe der Todten. Sie fuhren durch Sunbury und gelangten wieder auf die einſame Straße. Nach ein Paar weitern Meilen hielt der Wagen an. Sikes ſtieg ab, nahm Oliver bei der Hand und ging mit ihm weiter. Sie kehrten in keinem Hauſe in Shepperton ein, wie es der müde Knabe erwartet hatte, ſondern ſchritten im⸗ mer weiter in Schmutz und Dunkel über kalte freie Oliver Twiſt. 31 Einöden, bis ſie die Lichter einer Stadt in unbedeuten⸗ der Entfernung vor ſich ſahen. Oliver ſah genau vor ſich, erkannte, daß das Waſſer gerade unter ihnen fließe und ſie eine Brücke erreicht hatten. Sikes ſchritt rüſtig weiter, bis ſie auf der Brücke ſtanden, dann wendete er ſich am linken Ufer hin. „»Das Waſſer!« dachte Oliver in ſeiner Furcht.»Er hat mich an dieſe einſame Stelle hierher gebracht, um mich zu ermorden.« Er wollte eben ſich niederwerfen und um ſein junges Leben kämpfen, als er bemerkte, daß ſie vor einem einzel⸗ nen, ganz verfallenen Hanſe ſtanden. An jeder Seite des Einganges befand ſich ein Fenſter und darüber ein Stock⸗ werk; Licht war aber nicht zu ſehen. Es war dunkel, verfallen und allem Anſcheine nach unbewohnt. Sikes, der Olivers Hand noch nicht losgelaſſen hatte, trat vorſichtig an die niedrige Thür und hob die Klinke auf. Die Thür gab nach und ſie traten Beide in das Haus hinein. Viertes Kapitel. Der Einbruch »Heda!« rief laut eine rauhe Stimme, als ſie den Fuß in das Haus geſetzt hatten. »Macht keinen Lärm,« entgegnete Sikes, indem er die Thür verriegelte.»Bring' ein Licht, Tobias.“« »Ach, Du biſt es!« antwortete dieſelbe Stimme; 32 »ein Licht! Barney, ein Licht! Leuchte dem Herrn, Barney, aber erſt ſtehe auf, wenn Dir es gefällig iſt.« Der Sprecher ſchien einen Stiefelknecht oder etwas der Art nach dem Angeredeten zu werfen, um denſelben aus dem Schlafe zu wecken, denn man hörte etwas Hölzernes mit Gewalt fallen, und vernahm darauf ein undeutliches Gemurmel, wie das eines Menſchen, der halb wacht und halb noch ſchläft. „Hörſt Du?« rief dieſelbe Stimme.»Bill Sikes iſt draußen und Niemand da, der ihn empfängt; Du ſchläfſt, als hätteſt Du Opium genommen. Biſt Du munter nun, oder ſoll ich Dich mit dem eiſernen Leuch⸗ ter da vielleicht vollends erwecken?« Ein Paar Füße in Pantoffeln ſchlürften ſchnell über den nackten Fußboden des Gemachs, und aus einer Thür zur Rechten kam erſt ein ſchwacher Lichtſchein, Oliver Twiſt. dann die Geſtalt deſſelben Menſchen, der, wie wir frü⸗ her erwähnt haben, den Fehler hatte, durch die Naſe zu ſprechen und als Kellner in dem erwähnten Wirths⸗ hauſe diente. »Herr Sikes!« rief Barney mit wirklicher oder er⸗ heuchelter Freude. „Hier! Geh voran!« ſagte Sikes, indem er Oliver vorſchob;„und raſcher, oder ich trete Dir auf die Beine.“« Mit einem Fluche auf die Langſamkeit des Knaben trieb Sikes Oliver vor ſich her, und ſo traten ſie in ein niedriges dunkeles Gemach, worin ſich ein rauchen⸗ des Feuer, zwei oder drei zerbrochene Stühle, ein Tiſch und ein ſehr altes Bett befanden, auf dem, die Füße weit höher als den Kopf gelegt, ein Mann der Länge nach dalag und aus einer langen thönernen Pfeife rauchte. Er trug einen ſchnupftabackfarbigen Rock mit —, Oliver Twiſt. 33 großen Meſſingknöpfen, ein Orangehalstuch, eine grobe, buntſcheckige Weſte und graue Beinkleider. Herr Crackit (denn er war es) beſaß nicht eben viel Haar, weder auf dem Kopfe, noch in dem Geſichte, das wenige aber hatte eine rothe Farbe und war in lange korkzieherar⸗ tige Locken gezwungen, durch welche er gelegentlich mit ſehr ſchmutzigen Fingern ſtrich, an denen ſich große ſchlechte Ringe befanden. Er war etwas weniges über Mittelgröße und dem Anſehen nach ziemlich ſchwach auf den Beinen; aber dieſer Umſtand konnte ſeine ei⸗ gene Bewundernng ſeiner Stolpenſtiefel nicht ſchwächen, die er in ihrer hohen Lage mit großer Selbſtzufriedeu⸗ heit betrachtete. »Bill, lieber Junge,« ſagte der Mann, indem er nach der Thuͤr hinſah;»es freut mich, Dich zu ſehen; ich fürchtete ſchon, Du hätteſt es ganz aufgegeben und würde es in dieſem Falle ſelbſt gewagt haben. Ho! ho!« Den letztern Ausruf gab er in einem Tone großer Ueberraſchung von ſich, als ſeine Augen Oliver erblick⸗ ten. Dabei nahm Tobias Crackit eine ſitzende Stellung an, und fragte, wer der Knabe ſei. »Der Junge, weiter nichts als der Junge,« ant⸗ wortete Sikes, indem er einen Stuhl an das Feuer rückte. »Einer von Fagin,“« bemerkte Barney mit einem häßlichen Lachen. »Von Fagin? he?« fuhr Tobias fort, indem er Oliver betrachtete.»Er giebt einen unbezahlbaren Bur⸗ ſchen für die Taſchen der alten Weiber in der Kirche!« „Genug davon!« fiel Sikes ungeduldig ein, der ſich über den ſitzenden Freund bog und ihm einige Worte in das Ohr flüſterte, worauf Crackit ungeheuer lachte Oliver Twiſt. II. 3 aus und mußte darauf heftig huſten; 34 Oliver Twiſt. und Oliver mit einem langen Blicke der Berwunderung beehrte. »Nun,« fuhr Sikes fort, indem er ſich wieder ſetzte, »wenn Du uns etwas zu eſſen und zu trinken geben willſt, ehe es angeht, wirſt Du uns oder mich wenig⸗ ſtens ſtärken. Setze Dich an das Feuer, Junge, und ruhe aus, denn Du mußt dieſe Nacht noch einmal mit uns ausgehen, wenn auch nicht weit.« Oliver ſah Sikes in ſtummer und ſchüchterner Ver⸗ wunderung an, zog einen Stuhl an das Feuer, ſtützte ſeinen Kopf auf die Hände und wußte kaum, wo er war oder was um ihn her vorging. »Da!« ſagte Crackit, während der Juden⸗Junge et⸗ was zu eſſen und eine Flaſche auf den Tiſch ſetzte. »Glück auf!« Er ſtand auf, ſtellte die Pfeife bedächtig in eine Ecke, trat an den Tiſch, ſchenkte ſich ein Glas voll und trank es aus. Sikes folgte dieſem Beiſpiele. »Einen Tropfen für den Jungen,“ ſagte Tobias, in⸗ dem er ein Weinglas halbvoll ſchenkte.„»Hinunter da⸗ mit, Unſchuld!« 2A »Wirklich,« antwortete Oliver, indem er den Mann mit einem Jammergeſichte anſah,»wirklich, ich kann—« »Hinunter damit!« wiederholte Tobias.»Denkſt Du, ich wüßte nicht, was Dir gut iſt? Sage ihm doch, Bill, daß er trinkt.« »Gott verdamme mich!« rief Sikes, indem er auf ſeine Taſche ſchlug,»wenn er nicht hinderlicher iſt ais eine ganze Familie von Sappermentern. Trink, Du Taugenichts, trink!« 3 Erſchreckt durch die drohenden Geberden der beiden Männer, trank Oliver ſchnell den Inhalt des Glaſes was dem Tobias Oliver Twiſt. 35 Crackit und Barney ungemeinen Spaß machte und ſelbſt dem finſtern Sikes ein Lächeln entlockte. Als dies geſchehen war und Sikes ſeinen Appetit geſtillt hatte(Oliver konnte nichts eſſen als ein kleines Stück Brot, das man ihm aufzwang), legten ſich die beiden Männer zu einem kurzen Schlummer auf die Stühle; Oliver blieb auf ſeinem Stuhle ſitzen, und Barney legte ſich, in eine Decke gehüllt, dicht am Kamine auf den Fußboden. Sie ſchliefen eine Zeitlang oder ſchienen zu ſchlafen; Niemand rührte ſich außer Barney, der ein Paarmal aufſtand, um friſche Kohlen auf das Feuer zu werfen. Oliver verfiel in einen tiefen Schlaf und es war ihm, als wandere er allein über die öden Felder, oder an dem finſtern Gottesacker umher, als er durch Tobias Crackit geweckt wurde, der aufſprang und ſagte, es le halb zwei Uhr. Augenblicklich waren auch die beiden Andern auf den Beinen und Alle geſchäftig. Sikes und Crackit hüllten Hals und Kinn in dunkle Shawls und zogen ihre großen Röcke an, während Barney einen Schrank öffnete und mehrere Gegenſtände herausnahm, die er in die Taſchen ſteckte.. »Meine Hunde, Barney?« fragte Crackit. »Hier ſind ſie,I« antwortete Barney, indem er ihm zwei Piſtolen reichte.»Sie haben ſie ſelbſt geladen.⸗ »Alles Uebrige? Schlüſſel, Feilen, Brecheiſen, Zan⸗ gen? Der Stock?« Und Barney reichte ihm einen Ge⸗ genſtand nach dem andern; dann hingen ſie Oliver den Mantelkragen um, und Sikes nahm ihn bei der Haud, was Oliver ohne Sträuben geſchehen ließ, denn die un⸗ gewohnte Anſtrengung, die Luft und der Branntwein, den man ihm aufgezwungen, hatten ihn ganz betäubt. 3* Oliver Twiſt. »Nimm ſeine andere Hand, Tobias,“« ſagte Sikes; „und Du, Barney, ſieh Dich um!« Barney ging hinaus und kam mit der Meldung zu⸗ rück, daß Alles ſtill ſei. Die beiden Räuber traten demnach mit Oliver hinaus, und Barney wickelte ſich wieder, nachdem er die Thür feſt verſchloſſen hatte, in ſeine Decke und war bald von neuem in tiefen Schlaf gefallen. Es war rabenſchwarze Nacht, der Nebel dichter als im Anfange der Nacht, und die Luft ſo feucht, daß, obgleich kein Regen fiel, Olivers Haar und Augen⸗ brauen nach wenigen Minuten von der halbgefrorenen Feuchtigkeit ganz ſteif geworden waren. Sie gingen über die Brücke und ſchritten nach den Lichtern hin, die er geſehen hatte. Sie waren nicht weit davon, und da ſie ziemlich raſch gingen, hatten ſie Chertſey bald erreicht. „Gerade durch die Stadt,« flüſterte Sikes;»es wird jetzt Niemand da ſein, der uns ſehen könnte.“« Tobias ſtimmte bei, und ſie gingen ſchnell durch die Hauptſtraße der Stadt, die in dieſer Stunde ganz öde war. Nur hier und da ſchimmerte ein Licht durch das Fenſter eines Schlafzimmers, und bisweilen unterbrach 36 das heiſere Gebell von Hunden die Stille der Nacht; aber Niemand war auf der Straße, und als die Kir⸗ chenuhr zwei ſchlug, hatten ſie das Städtchen hinter ſich. Sie gingen raſcher und wendeten ſich zur Linken, ſchritten noch etwa fünf Minnten weiter und blieben vor einem einzelnen Hauſe ſtehen, das von einer Mauer umgeben war, auf welche Crackit raſch hinaufkletterte. »Nun den Jungen,“ ſagte er.»Gieb ihn herauf; ich werde ihn faſſen.« Ehe Oliver ſich umſehen konnte, faßte ihn Sikes ————-——— Oliver Twiſt. 37 unter die Arme und in drei oder vier Sekunden lag er mit Tobias auf der andern Seite im Graſe. Sikes folgte ſogleich, und ſie ſchlichen nun nach dem Hauſe zu. Jetzt erſt erkannte Oliver, vor Entſetzen faſt wahn⸗ ſinnig, daß Einbruch und Raub, wenn nicht gar Mord, der Zweck der Reiſe ſei. Er faltete ſeine Hände und ſtieß unwillkürlich und leiſe einen Schrei der Angſt aus. Vor ſeine Angen trat ein Nebel, auf ſeinem blei⸗ chen Geſichte ſtand eiskalter Schweiß, ſeine Beine zit⸗ terten und er ſank auf ſeine Kniee. „Steh' auf!« murmelte Sikes, der vor Wuth zit⸗ terte und das Piſtol aus der Taſche nahm,»ſteh' auf, oder Dein Hirn fliegt hier auf dem Graſe umher.“ »Ach, um Gottes Willen, laſſen Sie mich gehen!“ jammerte Oliver,»laſſen Sie mich davonlaufen und auf dem Felde ſterben. Ich will nie wieder nach London kommen,— nie, nie. Ach, erbarmen Sie ſich und laſ⸗ ſen Sie mich nicht mit ſtehlen; bei den lieben Engeln in Himmel, haben Sie Erbarmen mit mir!a Der Mann, an welchen dieſe Worte gerichtet wur⸗ den, ſtieß einen fürchterlichen Fluch aus und hatte den. Hahn des Piſtols geſpannt, als Tobias ihm daſſelbe aus der Hand ſchlug, dem Knaben die Hand auf den Mund legte und ihn mit ſich nach dem Hauſe fortzog. »Still!« ſagte er.»Wenn Du noch ein einziges Wort ſagſt, ſo fertige ich Dich ab mit einem Schlage auf den Kopf, der keinen Lärm macht und eben ſo ſicher iſt Hier, Bill, zwänge den Fenſterladen auf. Er iſt nun zahm; ich habe Aeltere ein Paar Minuten lang in einer kalten Nacht nicht anders handeln ſehen.« Sikes verwünſchte auf gräßliche Weiſe den alten Fagin, daß er ihm Oliver zu einem ſolchen Geſchäfte ggeſchickt, handhabte das Brecheiſen kräftig, aber in aller 38 Oliver Twiſt. Stille, und nach einiger Zeit, und mit Beihülfe Cra⸗ ckits, war der erwähnte Laden geöffnet. Hinter dem⸗ ſelben befand ſich ein kleines Fenſter, etwa ſechs Fuß von dem Boden an der Hinterſeite des Hauſes; es war ſo klein, daß es der Beſitzer des Hauſes wahr⸗ ſcheinlich für unnöthig gehalten hatte, daſſelbe noch mehr zu verwahren, aber doch groß genug, um einen Knaben, wie Oliver, durchzulaſſen. Nach kurzer Zeit hatte Sikes auch das Fenſter geöffnet. »Nun höre, Bube,“« flüſterte Sikes, indem er eine Blendlaterne aus der Taſche nahm und das Licht auf Olivers Geſicht fallen ließ;»ich werde Dich hier durch⸗ ſtecken. Nimm die Laterne, geh leiſe die Stufen gerade vor Dir hinauf, und durch das kleine Zimmer nach der Thür zu. Dieſe machſt Du auf und läßt uns ein.« „» Es iſt ein Riegel oben an derſelben, den Du nicht wirſt erreichen können,« bemerkte Tobias.»Du nimmſt alſo einen Stuhl aus dem kleinen Zimmer und ſtellſt Dich darauf.« „Kannſt Du nicht ruhig ſtehen,« ſagte Sikes mit einem ſchrecklichen Blicke.»Iſt die Thür hier offen?« „»Ja,« antwortete Tobias, nachdem er durch das Fenſter geſehen hatte.»Es iſt ſpaßhaft; ſie laſſen die Thür offen, damit der Hund, der hier ſein Lager hat, in der Hausflur hin⸗ und hergehen kann, wenn er nicht ſchläft. Ha! ha! Barney wußte ihn heute Abend ſo hübſch wegzulocken.« Obgleich Crackit in kaum höͤrbarem Geflüſter ſprach und ganz geräuſchlos lachte, ſo gebot ihm Sikes doch herriſch, ſtill zu ſein und an die Arbeit zu gehen. To⸗ bias gehorchte, indem er zuerſt ſeine Laterne hervorzog und auf die Erde ſetzte, dann ſich feſt mit dem Kopfe an die Wand unter das Fenſter ſtellte und die Hände Oliver Twiſt. 39 auf die Kniee ſtützte, ſo daß ſein Rücken eine Stufe wurde; dies war kaum geſchehen, als Sibes auf ihn ſtieg, Oliver langſam, mit den Füßen voran, durch das Fenſter ſchob, und ihn, ohne den Kragen losgelaſſen zu haben, innen ſicher auf die Dielen niederließ. »Nimm die Laterne,“ ſagte Sikes, indem er durch das Fenſter hineinſah.»Siehſt Du die Stufen vor Dir2« Oliver ſagte, mehr todt als lebendig,„ja«; Sikes zeigte mit dem Piſtol nach der Hausthüre, machte ihn nochmals darauf aufmerkſam, daß ihn ſein Schuß über⸗ all erreichen könne, und drohte, wenn er zögere, falle er augenblicklich. »In einer Minute iſt es 2cſchehene« flüſterte Sikes. »Ich laſſe Dich nun los; thue, was Dir geheißen wird. Hörſt Du?« »Was iſt das?« flüſterte der Andere. Sie horchten. »Nichts,« ſagte Sikes, indem er Oliver losließ. „Nun le In der kurzen Zeit, in welcher der Knabe ſich ſam⸗ meln konnte, hatte er ſich feſt vorgenommen, wenn es auch ſein Leben koſte, die Treppe hinaufzueilen und Lärm zu machen. Mit dieſen Gedanken ging er, aber leiſe, nach der Thüre zu. »Komm zurück!« rief Sikes plötzlich laut.»Zurück! zurück!« 1 Erſchreckt durch die plötzliche Unterbrechung der Todtenſtille und einen lauten Ruf, der darauf folgte, ließ Oliver die Laterne fallen und wußte nicht, ob er weiter gehen oder fliehen ſollte. Der Ruf wurde wie⸗ derholt— es erſchien ein Licht— zwei erſchrockene halb⸗ 40 angekleidete Perſonen oben auf der Treppe— ein Blitz — ein Knall— Rauch— und er wankte zurück. Sikes war einen Augenblick verſchwunden; aber er erſchien wieder und faßte den Knaben, ehe der Rauch ſich verzogen hatte. Er ſchoß ſein Piſtol nach den Leu⸗ ten ab, die ſich bereits entfernten, und zog Oliver hinauf. „Greif feſter zu!« ſagte Sikes, indem er ihn durch das Fenſter zog.»Gieb mir einen Shawl her! Er iſt getroffen. Schnell! Verflucht, wie der Junge blutet!« Dann wurde eine Klingel heftig gezogen, und dieſe Töne vermiſchten ſich in dem Geiſte Olivers mit dem Schreien und Rufen von Menſchen und dem Gefühle, ſchnell über unebenen Boden hinweggetragen zu werden. Oliver Twiſt. Allmälig verlor ſich dieſes Geräuſch in der Ferne, eine tödtliche Kälte beſchlich ſeinen Körper und er ſah und hörte nichts mehr. Fuͤnftes Kapitel, welches ein angenehmes Geſpräch zwiſchen Herrn Bumble und einer Frau enthält, und zeigt, daß ſelbſt ein Vogt einiger⸗ maßen empfindſam ſein kann. Die Nacht war ſchneidend kalt; der Schnee war zu einer dicken harten Rinde gefroren auf der Erde, ſo daß der Wind nur die Haufen, die an Ecken und in Hohl⸗ wegen zuſammengetrieben waren, faſſen konnte. An die⸗ ſen ließ er denn auch gleichſam ſeine Wuth aus, riß Flocken davon ab, trieb ſie in Wolken zuſammen und ſtreuete ſie wirbelnd in der Luft umher. Es war eine ———’— Oliver Twiſt. 41 Nacht, in welcher man gern an das Feuer rückt und Gott dankt, daß man zu Hauſe iſt; in welcher der hei⸗ mathsloſe Arme ſich hinlegt und ſtirbt. Manche halb⸗ verhungert Außgeſtoßene ſchließen in ſolcher Zeit ihre Augen auf unſeren öden Straßen, und ihre Verbrechen mögen noch ſo gräßlich geweſen ſein, ſie können kaum unter ſchrecklichern Umſtänden erwachen. So war es draußen, als Frau Corney, die Haus⸗ mutter des Arbeitshauſes, das unſere Leſer bereits als den Geburtsort Olivers kennen, ſich in ihrem Stübchen an ein wohlthuendes Feuer ſetzte und mit nicht geringer Selbſtzufriedenheit nach einem kleinen runden Tiſche blickte, auf welchem ein Teller von entſprechender Gxöße mit allen nothwendigen Materialien zu dem liebſten Ge⸗ nuſſe ältlicher Frauen ſtand. Frau Corney wollte ſich wirklich an einer Taſſe Thee erquicken, und als ſie von dem Tiſche nach dem Kamine ſah, wo der kleinſte aller möglichen Theekeſſel⸗ ſein Liedchen ſang, nahm ihre Selbſtzufriedenheit in dem Maße zu, daß ſie wirklich lachelte. »Ja, ja,« dachte die Frau bei ſich, indem ſie den Elbogen auf den Tiſch ſtützte und nachdenkend nach dem Feuer ſah,»wir haben doch alle Urſache, dankbar gegen Gott zu ſein, wir wiſſen es nur nicht immer.« Frau Corney ſchüttelte traurig das Haupt, als be⸗ klage ſie die Geiſtesblindheit der Armen, die es wirklich nicht wüßten, ſteckte einen ſilbernen Löffel(Privateigen⸗ thum) in eine blecherne Theebüchſe und fing an, den Thee zu machen. Welche Geringfügigkeit doch die Ruhe unſeres Gei⸗ ſtes zu ſtören vermag! Die ſchwarze kleine Theemaſchine lief über, während Frau Corney ſo moraliſirte, und das Waſſer verbrühete ihr die Hand ein wenig. 42. Oliver Twiſt. »Verwünſcht ſei der Topf!« ſagte die würdige Ma⸗ trone, indem ſie ihn ſchnell hinſetzte;„das kleine dumme Ding hält nur ein paar Taſſen! wer kann ihn brauchen, als— als eine arme verlaſſene Frau wie ich. Du lie⸗ ber Gott!« Mit dieſen Worten ſank ſie auf den Stuhl, dann ſtützte ſie den Elbogen wieder auf den Tiſch und dachte an ihre Einſamkeit. Der kleine Theetopf und die ein⸗ zelne Theetaſſe hatten ſie an Herrn Corney erinnert, der nun bereits fünfundzwanzig Jahre todt war, und ſie war ganz gerührt. „»Ich bekomme keinen wieder!« ſagkn ſie vor ſich hin, keinen wie er.« Ob ſich dieſe Bemerkung auf den Ehemann oder den Theetopf bezog, iſt ungewiß. Es konnte wohl der letz⸗ tere gemeint ſein, denn ſie ſah ihn an, während ſie ſprach, und griff ſodann darnach. Eben hatte ſie die erſte Taſſe genoſſen, als ſie durch ein leiſes Klopfen an der Thür geſtört wurde. »Nur herein!« rief Frau Corney verdrießlich.»Es will ſchon wieder eine alte Frau ſterben, denn ſie ſterben allemal, wenn ich etwas eſſe oder trinke. Nur herein; die kalte Luft zieht herein. Woran fehlt es?« »An nichts, Frau Corney, an nichts,«antwortete eine männliche Stimme. »Ach, Du lieber Gott!“« rief die Frau in viel ſanfte⸗ rem Tone:»iſt das nicht Herr Bumble?« »Ihnen zu dienen, Frau Corney,« erwiederte Bumble, der vor der Thür erſt den Schnee von ſeinem Rocke geſchüttelt, die Schuhe reingeputzt hatte und nun eintrat, den dreieckigen Hut in der einen, und ein Packet in der andern Hand. Soll ich die Thüre zuſchließen?« Die Frau bedachte ſich, ehe ſie autzwortete, einen Oliver Twiſt. 43 Angenblick, ob es wohl unſchicklich ſei, eine Zuſammen⸗ kunft mit Herrn Bumble bei verſchloſſenen Thüren zu haben. Bumble benutzte dieſe Zögerung, und ſchloß die Thür ohne weitere Erlaubniß zu, denn es fror ihn be⸗ deutend. »Ein harter Winter, Herr Bumble,« ſagte die Frau. »Sehr hart, Frau Corney, ganz zum Nachtheile der Gemeinde. Wir haben dieſen Nachmittag zwanzig Brote und anderthalb Käſe vertheilt, und die Armen ſind doch noch nicht zufrieden.« »Wann wären die es wohl, Herr Bumble!« entgeg⸗ nete die Frau und nippte von dem Thee.. »Da haben wir einen Mann, der in Rückſicht auf ſeine Frau und große Familie ein Brot und ein Pfund Käſe, richtiges Gewicht, erhält. Iſt er dankbar, Frau Corney, iſt er dankbar? Nicht ſo viel als ein Pfennig werth iſt. Was thut er? Er bittet um ein Paar Koh⸗ len, wenn es auch nur ein Schnupftuch voll wäre, ſagt er. Kohlen! Was will der Mann mit den Kohlen ma⸗ chen? Seinen Käſe daran röſten, und dann kommen und mehr verlangen. So macht es das Volk, Frau Corney, giebt man ihnen heute eine Schürze voll Kohlen, ſo kommen ſie morgen und verlangen von neuem ohne Scheu und Scham.« 29 Die Frau nickte und der Vogt fuhr fort.»Vorge⸗ ſtern kam ein Mann— Sie waren verheirathet, und ich kann es alſo erzählen,— der kaum einen Lumpen auf dem Leibe hatte(Frau Corney ſchlug die Augen nieder), an die Thür des Herrn Aufſehers, als er ge⸗ rade Tiſchgeſellſchaft hatte, und ſagte, man müſſe ihm helfen; denken Sie ſich, Frau Corney. Da er durchaus nicht gehen wollte und ſein Anblick den Gäſten den Ap⸗ petit verdarb, ſo ließ ihm der Herr Aufſeher ein Pfund 44 Oliver Twiſt. Kartoffeln und ein Nößel Hafermehl geben. Mein Gott,“ ſagte der undankbare Menſch, was hilft mir das? Eben ſo gut könnten Sie mir eine eiſerne Brille geben.“—„Auch gut,“ antwortete der Herr Aufſeher, und nahm ihm das Geſchenk wieder, ich kann etwas anderes nicht geben.w—„So ſterbe ich auf der Straße,“ drohete der Vagabund.« „»Der Unverſchämte!« »Ja, Frau Corney,« fuhr der Vogt fort, ver ging fort und ſtarb wirklich auf der Straße. Iſt das nicht ein trotziger Menſch!⸗ „»Kaum glaublich!« bemerkte die Frau.»Halten Sie nicht überhaupt die Unterſtützung außer dem Hauſe für ganz nutzlos, Herr Bumble? Sie ſind ein Mann von Erfahrung und müſſen das wiſſen.« „Frau Corney,« antwortete Herr Bumble, und lä⸗ chelte wie Jemand, der eine Sache beſſer verſteht. »Die Unterſtützungen außer dem Hauſe ſind unſere Hülfe, Unterſtützung außer dem Hauſe, recht angewendet, verſteht ſich. Der Hauptgrundſatz dabei⸗ iſt, den Armen gerade das zu geben, was ſie nicht brauchen können; das verleidet ihnen bald das Wiederkommen.⸗ »Das iſt klug!« „Ja. Unter uns, Frau Corney, das iſt der Haupt⸗ grundſatz, und daher kommt es, daß, wie Sie manchmal in naſeweiſen Zeitungen leſen, kranke Familien ſtets Käſe erhalten haben. So iſt es jetzt im ganzen Lande Regel. — Doch,« fuhr der Vogt nach einiger Zeit fort, und fing an, das Packet auszupacken,»das ſind Amtsge⸗ heimniſſe, von denen wir nur unter uns reden dürfen. Da iſt der Portwein, Frau Corney, der für die Kranken verordnet wurde, friſcher, echter Portwein, erſt dieſen Oliver Twiſt. 45 Nachmittag vom Faſſe, ganz klar, ohne den geringſten Satz.« 3 Nachdem Bumble die erſte Flaſche gegen das Licht „gehalten und ſie geſchüttelt hatte, ſetzte er beide auf eine Kommode, legte das Tuch zuſammen, in welches ſie ge⸗ wickelt geweſen waren, ſteckte dies in die Taſche und nahm den Hut, als wenn er gehen wollte. »Sie werden einen kalten Gang haben, Herr Bumble,⸗ meinte die Frau. »Es ſtürmt, Frau Corney,“« erwiederte der Vogt, in⸗ dem er ſeinen Rockkragen aufſchlug,»als wolle der Wind einem die Ohren wegſchneiden.« Die Frau ſah von dem kleinen Theekeſſel nach dem Vogte, der langſam nach der Thür hinging, und fragte verſchämt, als derſelbe huſtete, ehe er gute Nacht bot, ob— ob er eine Taſſe Thee mit trinken wolle. Herr Bumble ſchlug ſeinen Rockkragen ſogleich wie⸗ der um, legte den Hut und den Stock auf einen Stuhl, und rückte ſich einen andern an den Tiſch. Während er ſich langſam niederließ, blickte er die Frau an; ſie hatte ihre Augen auf den Theekeſſel gerichtet. Herr Bumble huſtete wieder und lächelte ſchlau. Frau Corney ſtand auf, um eine andere Taſſe aus dem Schränkchen zu holen. Als ſie ſich wieder ſetzte, begegneten ihre Blicke denen des galanten Vogtes; ſie erröthete und beſchäftigte ſich ſchnell mit dem Thee. Bumble huſtete noch einmal, und lauter als vorher. »Süß, Herr Bumble 2« fragte ſie, als ſie die Zucker⸗ ſchale nahm. „Ja, ſehr ſüß, Frau Corney,« antwortete Herr Bumble, und ſah dabei die Frau au. Hat jemals ein Vogt zärtliche und verliebte Blicke gemacht, ſo war es dieſer Vogt, Herr Bumble, in dieſem Augenblicke. 46 Oliver Twiſt. Der Thee war fertig und wurde ſchweigend ihm ge⸗ reicht, Bumble legte ſein Taſchentuch auf die Kniee, da⸗ mit ſeine kurzen Beinkleider keinen Schmutzfleck erhielten, dieſer Beſchäftigung aber bisweilen durch einen tiefen Appetit hatte, im Gegentheile, denſelben zu unterſtützen ſchien. »Sie haben, wie ich ſehe, eine Katze, Frau Corney,« bemerkte Herr Bumble, als er nach dem Kamine ſah, »und auch Kätzchen.« 11 H »Ich habe ſie gern, Herr Bumble,« erwiederte die Frau,»ſie ſind ſo poſſirlich.« 4 „Niedliche Thierchen, Frau Corney,« ſagte Bumble, „und ſo zahm!« 130— »Ach ja,« erwiederte die Frau in Begeiſterung,»und ſie haben mich ſo lieb, daß ich meine wahre Freude daran habe.«. 1 „»Frau Corney,« ſprach Bumble langſam und ſchlug mit dem Theelöffel gleichſam den Takt dazu,»meiner Meinung nach muß die Katze oder der Kater, die Sie bei ſich haben, ohne daß Sie von derſelben geliebt wür⸗ 6 den, ein Eſel ſein.«. „»Oh, Herr Bumble,« entgegnete abwehrend die Frau. Bumble hinzu, indem er den Theelöffel langſam mit ei⸗ ner gewiſſen liebevollen Würde ſchwang, die ſeine Worte noch eindringlicher machte;»es iſt die Wahrheit, und ich würde eine ſolche Katze ſelbſt erſäufen.«. »Dann ſind Sie ein grauſamer Mann, fiel die Frau ſchnell ein, während ſie nach der Taſſe des Vogtes griff vund ein hartherziger Mann obendrein.« »Hartherzig, Frau Corney!« ſprach Bumble,»hart!⸗ und fing an zu eſſen und zu trinken, unterbrach ſich in Seufzer, der jedoch keine nachtheilige Wirkung auf ſeinen »Es iſt die Wahrheit, Frau Corney,« ſetzte Herr Oliver Twiſt. 47 Er gab ſeine Taſſe hin, ohne weiter ein Wort hinzuzu⸗ ſetzen, drückte dabei den kleinen Finger der Frau Corney und ſchlug dann zweimal mit der flachen Hand auf ſeine Bortenweſte, ſeufzte tief und rückte ſeinen Stuhl ein ganz klein wenig von dem Feuer ab. Es war ein runder Tiſch, und da Frau Corney und Herr Bumble einander vor dem Feuer gegenübergeſeſſen hatten, ſo iſt es klar, daß Bumble, indem er von dem Feuer abrückte, aber an dem Tiſche blieb, die Entfernung zwiſchen ihm und der Frau Corney vergrößern mußte. Kluge Leſer werden dies Verfahren gewiß bewundern und daſſelbe ohne Zweifel für eine Heldenthat des Herrn Bumble halten, da er durch die Zeit, den Ort und die Gelegenheit gewiſſermaßen perſucht wurde, gewiſſe ſanfte nichtsſagende Reden zu führen, welche vielleicht für die Lippen Leichtſinniger ſich ziemen, aber durchaus unter der Würde der Richter des Landes, der Mitglieder des Parlamentes, der Staatsminiſter, der Lord⸗Mayors und anderer hoher Beamten ſind, beſonders aber ſich für den Ernſt eines Vogtes nicht ziemen, der, wie bekannt, der ernſteſte, geſtrengſte und unbeugſamſte von allen ſein muß.. „Was nun aber auch die Abſichten Bumble's ſein mochten— und ohne Zweifel waren ſie ganz gut— zum Unglücke war, wie bereits zweimal bemerkt, der Tiſch rund, folglich verringerte Bumble, indem er ſeinen Stuhl allmälig weiter und weiter rückte, die Entfernung zwiſchen ihm und der Frau, und brachte ſeinen Stuhl endlich dicht an jenen, auf welchem Frau Corney ſaß. Die beiden Stühle berührten einander wirklich, und als dem alſo war, rückte Bumble nicht weiter. Hätte die Frau ihren Stuhl nach der rechten Seite fortgerückt, ſo würde ſie zu nahe an das Feuer gekom⸗ 48 Oliver Twiſt. men ſein; ruͤckte ſie ihn nach der linken hin, ſo mußte ſie in die Arme des Herrn Bumble fallen; ſie war eine ehrbare Frau und ſah dieſe Folge höchſt wahrſcheinlich voraus, ſie blieb alſo, wo ſie war, und reichte Herrn Bumble die zweite Taſſe. »Hartherzig, Frau Corney?« ſagte Bumble, indem er ſeinen Thee umrührte und der Frau in das Geſicht ſah;»ſind Sie hartherzig, Frau Corney?« »Du lieber Gott!« rief die Frau,»was für eine cu⸗ rioſe Frage für einen unverheiratheten Mann! Was kann Ihnen daran liegen, Herr Bumble?« Der Vogt trank ſeinen Thee bis auf den letzten Tro⸗ pfen aus, aß dazu ein Stück Toaſt, ſtrich die Krümchen auf ſeinem Kniee zuſammen, wiſchte ſich den Mund ab und gab der Frau recht bedächtig einen Kuß. »Herr Bumble!« rief die ehrbare Frau, aber ganz leiſe, denn ſie war ſo erſchrocken, daß ſie die Sprache faſt verloren hatte,»Herr Bumble, ich ſchreie!« Bumble antwortete darauf nicht, ſondern legte langſam und gra⸗ vitätiſch ſeinen Arm um die Taille der Wittwe. Da die Frau verſichert hatte, ſie werde ſchreien, ſo würde ſie bei dieſer neuen Kühnheit gewiß geſchrieen ha⸗ ben, aber es war nicht nöthig, denn eben wurde ſchnell an die Thür geklopft. Bumble hatte dies kaum gehört, ſo ſprang er höchſt gewandt nach den Weinflaſchen und fing an, dieſelben abzuwiſchen, während die Frau ärger⸗ lich fragte, wer da ſei. Es verdient als merkwürdiges Beiſpiel von der Wirkung eines plötzlichen Schreckens gegen die Folgen einer großen Furcht angeführt zu wer⸗ den, daß ihre Stimme ihre ganze uühere Kraft wieder gewonnen hatte. »Wenn Sie erlauben, Madame,“ ſagte eine runzelige alte, ſchreckbar häßliche Arme, welche den Kopf herein⸗ — eibr Oliver Twiſt. 49 ſteckte,»mit der alten Sarah geht es geſchwind zu Ende.« »Was geht das mich an?« antwortete Frau Corney ärgerlich.»Kann ich ſie am Leben halten?« »Das nicht, gute Madame,“« antwortete die Alte, in⸗ dem ſie eine Hand emporhob,»das kann Niemand; mit ihr iſt es zu weit. Ich habe viele Leute ſterben ſe⸗ hen, kleine Kinder und große ſtarke Männer, und ich weiß es recht gut, wenn der Tod kommt. Aber ſie kann nicht erſterben, und wenn der Anfall einmal aus⸗ bleibt, was freilich nicht oft geſchieht, ſo ſagt ſie, ſie habe Ihnen etwas mitzutheilen. Sie wird nicht ruhig ſterben, bis Sie kommen, Madame.⸗ Die würdige Frau Corney ſchmählte heftig gegen die alten Weiber, die nicht einmal ſterben könnten, ohne ſie zu incommodiren, hüllte ſich ſchnell in einen dicken Shawl, erſuchte Herrn Bumble zu verziehen, bis ſie wiederkomme, gebot der Botin, ſchnell zu gehen und nicht die ganze Nacht zum Hinaufhinken auf der Treppe zu verwenden, folgte ihr mit einem ſehr ungnädigen Geſichte und ſchmählte den ganzen Weg hin. Bumble's Benehmen, als er allein blieb, war ganz unerklärlich. Er ſchloß das Schränkchen auf, zählte die Theelöffel, wog die Zuckerzange in der Hand, beſah ge⸗ nau die Milchkanne, um ſich zu überzeugen, ob ſie wirk⸗ lich von gutem Silber ſei, ſetzte dann ſeinen dreieckigen Hut auf ein Ohr und tanzte höchſt gravitätiſch viermal um den runden Tiſch herum. Als auch dies Ungewöhn⸗ liche geſchehen war, nahm er den Hut wieder ab, ſetzte ſich, den Rücken dem Feuer zugekehrt, ſehr breit hin, und ſchien in Gedanken ein genaues Inventarium von den Habſeligkeiten der Frau Corney zu machen. Oliver Twiſt. II. 4 4 Oliver Twiſft. Sechstes Kapitel handelt von einem ganz armen Geſchöpfe, iſt aber ſehr kurz und dürſte wichtig in dieſer Geſchichte ſein. Die alte Frau, welche die Ruhe der Frau Corney geſtört hatte, war kein unpaſſender Todesbote. Das Al⸗ ter hatte ihren Körper gebeugt, ihre Glieder zitterten und ihr verzerrtes Geſicht glich mehr der grotesken Schöpfung eines Pinſels, als einem Werke aus der Hand der Natur. Ach, wie wenige Geſichter erfreuen uns durch ihre Schönheit! Die Sorgen, Kümmerniſſe und Leiden der Welt verändern ſie, wie ſie die Herzen verändern, und nur wenn jene ſchlummern oder ihr Opfer für immer verloren haben, ziehen die trüben Wolken vorüber und laſſen den klaren Himmel frei. Es iſt ziemlich gewöhn⸗ lich, daß die Geſichter der Leichen den längſt vergeſſenen Ausdruck der ſchlafenden Kindheit wieder annehmen und das Ausſehen der früheren Jugend wieder erhalten; ſie werden wieder ſo ruhig, ſo friedlich, daß die, welche ſie in ihrer glücklichen Kindheit kannten, in Scheu und Schauer am Sarge niederknieen und den Engel ſelbſt auf der Erde ſehen. Die alte Frau wankte auf den Gängen hin und die Treppe hinauf, murmelte einige unverſtändliche Antwor⸗ ten auf das Schmählen ihrer Begleiterin, gab derſelben, als ſie endlich ſtehen bleiben mußte, um wieder zu Athem zu kommen, das Licht und blieb zurück, um ihr zu fol⸗ gen wenn es ihr wieder möglich ſei, während die rüſti⸗ Oliver Twiſt. 51 gere Vorſteherin nach dem Gemache ſchritt, wo die Sterbende lag. Es war eine kahle Dachſtube, an deren einem Ende ein mattes Licht brannte. Eine andere alte Frau wachte neben dem Bette, und der Lehrburſche des Armenarztes ſtand an dem Feuer und machte ſich einen Zahnſtocher aus einer Federſpuhle. »Eine kalte Nacht, Frau Corney,« ſagte der junge Menſch, als dieſe eintrat. »Ja, ſehr kalt,« antwortete die Frau ſo artig als möglich, und machte einen Knirx. »Sie ſollten für beſſere Kohlen ſorgen; dieſe da tau⸗ gen nichts in einer ſo kalten Nacht.« »Das hängt nicht von mir ab; die Kohlen werden von den Vorſtehern beſorgt,« entgegnete die Frau;»das geringſte, das ſie thun können, iſt, uns wenigſtens warm zu erhalten, denn unſere Aemter ſind beſchwerlich genug.⸗ Das Geſpräch wurde hier durch ein Aechzen der Kranken unterbrochen. »Ach!« ſagte der junge Mann, indem er nach dem Bette hinſah, als habe er vorher die Kranke ganz ver⸗ geſſen gehabt,»hier iſt es Matthäi am letzten, Frau Corney.« „Wirklich?« fragte die Frau. »Wenn ſie noch zwei Stunden lebt, würde ich mich ſehr wundern,« fuhr der Lehrling des Arztes fort und ſpitzte dabei ſeinen Zahnſtocher.»Schläft ſie, Alte?« Die Wärterin bog ſich über das Bett und nickte zur Beſtätigung. »Dann ſchläft ſie vielleicht ein, wenn Sie keinen Lärm machen. Stellt das Licht auf die Dielen, damit ſie es nicht bemerkt.« Die Wärterin that, was ihr geheißen war, ſchüttelte 4* 52 Oliver Twiſt. aber dabei den Kopf, als meine ſie, die Frau werde ſo leicht nicht ſterben; dann nahm ſie ihren Sitz neben der andern Wärterin ein, die unterdeß auch wieder ange⸗ kommen war. Fran Corney wickelte ſich in Ungeduld in ihren Shawl und ſetzte ſich unten am Bette nieder. Der Lehrling des Arztes ſtellte ſich, als der Zahn⸗ ſtocher verfertigt war, gerade vor das Feuer und bediente ſich ſeines Fabrikates etwa zehn Minuten lang, worauf er ſchläfrig zu werden ſchien, der Frau Corney eine gute Nacht wünſchte und auf den Zehen fortſchlich.— Nachdem ſie ſchweigend eine Zeitlang da geſeſſen hat⸗ ten, ſtanden die beiden alten Weiber auf, kauerten ſich an dem Feuer nieder und hielten ihre runzeligen Hände gegen daſſelbe, um ſie zu wärmen. Die Flamme warf ein geſpenſtiſches Licht auf ihre welken Geſichter und machte ihre Häßlichkeit wahrhaft gräßlich, als ſie in die⸗ ſer Stellung leiſe mit einander zu ſprechen anfingen. »Sagte ſie weiter nichts, Anne, während ich fort war?« fragte die, welche nach der Frau Corney geſchickt worden war. 1 „Kein Wort,« antwortete die Andere.»Sie zerrte eine Weile an ihren Armen, aber ich hielt ihr die Hände und ſie ließ bald nach. Sie hat nicht viel Kraft mehr.« »Trank ſie den Glühwein, den ihr der Doctor ver⸗ ordnet hatte?« fragte die Erſtere. »Ich wollte ihr denſelben reichen,« entgegnete die Andere,»aber die Zähne waren ſo feſt aufeinander ge⸗ preßt, daß ich ihr nichts in den Mund brachte. Des⸗ halb habe ich den Glühwein getrunken, und er bekam mir ſehr gut.« Die beiden Hexen ſahen ſich um, ob ſie wohl gehört würden, rückten näher an das Feuer und lachten von Herzen. Oliver Twiſt. 53 »Sonſt würde ſie es ſelbſt gethan,« fuhr die Erſtere fort,»und dann darüber gelacht haben.“« »Ja, das hätte ſie gethan,« entgegnete die Andere; „ſie war ſehr ſpaßhaft.« Dann ſtreckte ſie die zitternden Finger aus, griff in ihre Taſche und brachte eine alte farbloſe Schnupftabacksdoſe heraus, aus welcher ſie ei⸗ nige wenige Körnchen in die ausgeſtreckte Hand ihrer Nachbarin ſchüttelte und etwas mehr in ihre eigene. Während dies geſchah, trat Frau Corney, die bisher un⸗ geduldig auf das Erwachen der Kranken gewartet hatte, zu ihnen und fragte, wie lange ſie wohl noch warten ſolle. »Nicht lange, Madame,“« ſagte die Zweite, indem ſie ihr in das Geſicht ſah.»Wir brauchen Alle nicht lange auf den Tod zu warten. Geduld! Geduld! Er wird bald genug da ſein!« „Schweig', Alte!« ſprach Frau Corney ſtreng.»Du, Martha, erzähle mir; hat ſie ſchon vorher ſo dagelegen?⸗ »Oft,« antwortete die erſte Alte. „Es wird aber nicht wieder geſchehen,« fiel die zweite ein,»ſie wird nur noch einmal auftachen, und das wird nicht lange währen.“« „Lange oder nicht lange,« ſprach Frau Corney, vſle wird mich dann nicht mehr hier finden, und Ihr Beide nehmt Euch in Acht, daß Ihr mich nicht wieder um nichts ſtört. Es gehört nicht zu meinem Amte, alle al⸗ ten Weiber im Hauſe ſterben zu ſehen, und übrigens mag ich es nicht; merkt Euch das. Wenn Ihr mich noch einmal zum Narren habt, will ich es Euch bald vertrei⸗ ben, verlaßt Euch darauf.« Sie wollte eben fort, als ein Schrei der beiden Wei⸗ ber, die nach dem Bette hingeſehen hatten, ſie veran⸗ 54 laßte, ſich auch umzuſehen. Die Kranke hatte ſich auf⸗ geſetzt und ſtreckte ihre Arme nach ihnen aus. »Wer iſt das?« fragte ſie mit hohler Stimme. Oliver Twiſt. »Still! Still!« rief ihr eine der Wärterinnen zu, in⸗ dem ſie ſich über ſie bog;»lege Dich nieder!« »Lebendig lege ich mich nicht wieder nieder,« antwor⸗ tete das Weib, ſich ſträubend.»Ich will es ihr ſagen. Kommen Sie her— näher. Ich will es Ihnen in das Ohr ſagen.«. Sie faßte krampfhaft die Frau Corney am Arme, drüͤckte ſie auf einen Stuhl am Bette nieder und wollte eben ſpre⸗ chen, als ſie ſich umſah und bemerkte, daß die beiden alten Weiber horchend daſtanden. „»Geht fort! Fort!« ſagte ſie matt;»ſchnell!« Die beiden alten Weiber jammerten kläglich, daß es mit der Armen ſo weit gekommen, daß ſie ihre beſten Freundinnen nicht mehr kenne, und betheuerten oftmals, ſie durchaus nicht verlaſſen zu wollen, bis Frau Corney ſie hinaustrieb, die Thüre verſchloß und dann an das Bette zurückkehrte. Kaum waren die alten Hexen hin⸗ aus, ſo änderten ſie den Ton und riefen durch das Schlüſſelloch, die alte Sarah ſei betrunken, was wohl nicht ganz erlogen war, da ſie eine mäßige Doſis Opium erhalten hatte und die Folgen eines letzten Grog noch nicht vorüber waren, den ihr die beiden Alten aus Freund⸗ ſchaft in Geheim noch gegeben hatten.. »Nun hören Sie,« ſagte die Sterbende ſo laut als es ihr möglich war.»Hier in derſelben Stube, in dem⸗ ſelben Bette wartete ich einmal ein junges ſchönes Mäd⸗ chen, das mit wunden Füßen, beſtaubt und blutig, in das Haus gebracht wurde. Sie gebar da einen Knaben und ſtarb. In welchem Jahre war es doch?« Oliver Twiſt. 55 „»Es kommt auf das Jahr nichts an,« ſagte die un⸗ geduldige Hörerin;»was war mit dem Mädchen?« »Ach!« entgegnete die Kranke, die wieder in ihren ſchlaffüchtigen Zuſtand verfiel,»was mit ihr war?— was mit ihr war?— ich weiß es,« ſchrie ſie und fuhr auf, während ihr Geſicht ſich röthete und ihre Augen aus den Höhlen heraustreten wollten, vich, ich beſtahl ſie. Sie war noch nicht kalt— ſie war noch nicht kalt, als ich ſie beſtahl.« „»Was nahmſt Du ihr, um Gottes Willen?« fragte Frau Corney mit einer Geberde, als wolle ſie um Hülfe rufen. »Ich nahm es ihr,« erwiederte die Kranke, indem ſie der Frau Corney die Hand auf den Mund legte,»das Ein⸗ zige, was ſie hatte. Es fehlte ihr an Kleidern und an Eſſen, aber ſie hatte es in ihrem Buſen ſicher bewahrt. Gold war es, ſage ich Ihnen— koſtbares Gold, womit ſie ihr Leben hätte retten können.« »Gold!« wiederholte Frau Corney und bog ſich über die Frau, welche zurückſank;»weiter, weiter! Wer war die Mutter? Wann war es?« »Sie trug mir auf, es ſicher zu bewahren,« erwie⸗ derte die Kranke wehklagend,»und vertraute es mir an, da ich allein bei ihr war. Ich ſtahl es ſchon in Gedan⸗ ken, als ich es zum Erſtenmale an ihrem Halſe hängen ſah, und des Kindes Leben habe ich vielleicht auch auf dem Gewiſſen. Sie würden es beſſer behandelt haben, hätten ſie alles gewußt.« „»Gewußt, was?« fragte die Andere.»Sprich!«. „Der Knabe war ſeiner Mutter ſo ähnlich,« ſagte die Frau, deren Gedanken hin und her ſtreiften, und die nicht auf die Frage achtete,»daß ich ſie nicht ver⸗ geſſen konnte, wenn ich ihn ſah. Armes Mädchen! Ar⸗ mes Mädchen! Sie war noch ſo jung,— ein ſo ſanf⸗ 56 Oliver Twiſt. tes Lämmchen! Warten Sie; ich habe noch mehr zu ſagen. Ich habe noch nicht alles geſagt, nicht wahr?⸗ „»Nein! nein,« antwortete Frau Corney, die ſich bückte, um die Worte zu verſtehen, die immer ſchwächer wurden.„»Schnell, oder es iſt zu ſpät.« „»Die Mutter,« fuhr die Frau fort, und raffte ſich noch einmal zuſammen,»die Mutter ſagte mir, als ſie zuerſt den Tod kommen fühlte, wenn das Kind lebendig zur Welt komme und am Leben bleibe, werde es ſich einſt des Namens ſeiner armen jungen Mutter nicht ſchä⸗ men. Ach, mein Gott, ſagte ſie und faltete ihre Hände, ſei es ein Knabe oder ein Mädchen, erwecke ihm Freunde in dieſer Welt und erbarme Dich eines einſamen ver⸗ laſſenen Kindes, das Niemand hat als Dich.« „»Wie heißt der Knabe?« fragte Frau Corney. » Man nannte ihn Oliver,« erwiederte die Frau ſchwach.»Das Gold, das ich ſtahl, war—« »Was? Was?« fragte die Andere. Sie bog ſich begierig über die Frau, um deren Ant⸗ wort zu hören, fuhr aber unwillkürlich zurück, lals die⸗ ſelbe ſich noch einmal langſam und ſteif in eine ſitzende Stellung aufrichtete, das Deckbett mit beiden Händen faßte, einige unverſtändliche Töne murmelte und leblos auf das Bett urüerſäut ½* »Todt!« ſagte eine der alten Frauen, die hereineil⸗ ten, ſobald die Thür geöffnet wurde. »Ohne eigentlich etwas zu ſagen,« bemerkte Frau Corney, indem ſie fortging. Die beiden alten Weiber waren offenbar mit ihren traurigen Verrichtungen an der Leiche zu emſig beſchäf⸗ tigt, als daß ſie etwas hätten antworten können, und wurden mit der Todten allein gelaſſen. Oliver Twiſt. 57 Siebentes Kapitel, in welchem die Geſchichte zu dem Herrn Fagin und deſſen Geſellſchaft zurückkehrt. Während dies in dem Arbeitshauſe in der Provinz geſchah, ſaß Fagin in ſeiner alten Klauſe— in derſel⸗ ben, aus welcher Oliver von dem Mädchen abgeholt worden war— vor einem rauchigen Feuer. Er hielt einen Blaſebalg auf den Knieen, womit er die Flamme offenbar lebendiger zu machen geſucht hatte; aber er war in tiefe Gedanken verſunken, faltete die Arme auf den Knieen, ſtüͤtzte das Kinn auf die Daumen und ſah unverwandt auf die roſtigen Kaminſtangen. An einem Tiſche hinter ihm ſaßen der pfiffige Sap⸗ permenter, Monſieur Karlchen Bates und Chitling eif⸗ rig mit Whiſtſpiel beſchäftigt. Das Geſicht des zuerſt Genannten, das zu allen Zeiten beſonders klug ausſah, wurde noch intereſſanter durch ſeine genaue Beobach⸗ tung des Spieles und die aufmerkſame Muſterung der Hand Chitlings, nach welcher Muſterung er klüglich ſein Spiel richtete. Da es eine kalte Nacht war, hatte der Sappermenter den Hut auf dem Kopfe, was übri⸗ gens bei ihm oft vorkam, wenn er auch zu Hauſe war. Auch hielt er eine thönerne Pfeife zwiſchen den Zähnen, die er nur auf kurze Zeit aus dem Munde nahm, wenn deer es für nöthig hielt, der Erfriſchung wegen nach ei⸗ nem Bierkruge zu greifen, der auf dem Tiſche ſtand. Karlchen Bates achtete ebenfalls aufmerkſam auf das Spiel, da er aber weit reizbarer war als ſein aus⸗ gelernter Freund, ſo griff er häufiger nach dem Grog 58 Oliver Twiſt. und nahm Antheil an manchen Späßen und unpaſſen⸗ den Bemerkungen, die ſich für einen rechten Rubber gar nicht paßten. Der pfiffige Sappermenter nahm auch wirklich Gelegenheit, ſeinem Gefährten dieſe Ungehörig⸗ keiten vorzuhalten; Bates aber ließ alle dieſe Drohun⸗ gen unbeachtet und beantwortete ſie höchſtens mit ei⸗ nem Witze, über den dann Chitling wieder laut lachte. Der Letztere und Bates verloren ſtets, was dieſen aber keineswegs ärgerlich machte, ihm vielmehr ſo ſpaßhaft vorzukommen ſchien, daß er nach jedem Spiel laut lachte. »Nun iſt es aus,« ſagte Chitling, indem er eine halbe Krone aus der Weſtentaſche nahm.»Ich habe noch Niemanden ſo glücklich ſpielen ſehen als Dich, John. Selbſt wenn wir gute Karten hatten, konnten wir nichts damit anfangen.« Dieſe Bemerkung an ſich oder die Art und Weiſe, wie ſie gemacht wurde, nemlich mit einem ſehr klägli⸗ chen Geſichte, kam Karlchen Bates ſo ſpaßhaft vor, daß ſein ununterbrochenes Gelächter den Juden aus ſei⸗ nem Sinnen weckte und ihn veranlaßte, zu fragen, was es gebe.. Karlchen ſetzte ihm die Sache auseinander, und Fagin ſchien ſie ſehr leicht zu begreifen, denn er be⸗ merkte:»Ja, lieber Junge, wenn Du dem Sappermen⸗ ter etwas abgewinnen willſt, mußt Du früh aufſtehen.« »Reicht nicht,« ſetzte Karlchen hinzu,»Du mußt die Stiefeln die Nacht über anbehalten, ein Fernrohr an jedem Auge und einen Operngucker am Nacken ha⸗ ben, wenn Du mit ihm fortkommen willſt.« Dawkins nahm dieſe Complimente mit großer phi⸗ loſophiſcher Ruhe hin, und da ſeine Pfeife gerade aus war, ſo machte er ſich den Spaß, einen Riß von New⸗ Oliver Twiſt. 59 Gate, dem bekannten Gefängniſſe, mit Kreide auf den Tiſch zu zeichnen, wozu er beſonders ſchön pfiff. „ Horch!« rief er bald darauf,»ich hörte die Klin⸗ gel.« Damit nahm er das Licht und ſchlich leiſe die Treppe hinan. 4 Die Klingel wurde, während die Uebrigen im Dun⸗ kel ſaßen, noch einmal und zwar mit einiger Ungeduld gezogen. Nach einer kurzen Pauſe erſchien der Sap⸗ permenter wieder und flüſterte Fagin geheimnißvoll et⸗ was in das Ohr. „Was« rief der Jude,»allein?«. Der Sappermenter nickte, hielt die Hand vor das Licht und winkte Karlchen Bates, er werde gut thun, wenn er nun ſein Lachen einſtelle. Dann ſah er dem Juden in das Geſicht und wartete auf die Befehle deſ⸗ ſelben. 4 Der alte Mann biß ſich in ſeine gelben Finger und dachte einige Augenblicke nach, während man auf ſei⸗ nem Geſichte erkannte, er fürchte etwas. Endlich rich⸗ tete er den Kopf empor. 4 „»Wo iſt er?« fragte er. Der Sappermenter wies hinauf und that, als wolle er fortgehen. »Ja,« ſagte der Jude als Antwort auf dieſe ſtumme Frage;»bringe ihn herunter. Still! Ruhig! Karlchen, ſtill Tom!« Ddie beiden Knaben gehorchten augenblicklich, und man hörte gar nichts von ihnen, als der Sappermen⸗ ter mit einem Manne in einem Kittel herunterkam, der ſich ſchnell umſah, einen großen Shawl abnahm, der den untern Theil ſeines Geſichtes verhüͤllt hatte und nun das ungewaſchene und unraſirte, übernächtige Ant⸗ litz des Tobias Crackit zeigte. 60 Oliver T wiſt. „»Wie geht es, Fagin?« fragte der würdige Mann, indem er dem Inden zunickte.»Stecke den Shawl in⸗ meinen Hut, Sappermenter, daß ich weiß, wo ich ihn finde. Du wirſt unſerm Stande einmal Ehre machen.« Mit dieſen Worten rollte er den Kittel auf, rückte einen Stuhl an das Feuer und ſtemmte ſeine Füße an den Kamin. »Sieh, Fagin,« ſagte er, indem er troſtlos ſeine Stolpenſtiefeln betrachtete,»nicht einen Tropfen Wichſe ſeit— Du weißt es ſchon; aber ſieh mich nicht ſo an, Mann. Alles hat ſeine Zeit, ſagt Salomo; von den Geſchäften kann ich erſt reden, wenn ich gegeſſen und getrunken habe; ſchaffe alſo etwas zu beißen und zu ſchlucken.« Der Iude winkte dem Sappermenter, ihre Vorrä⸗ the auf den Tiſch zu bringen, dann ſetzte er ſich dem Spitzbuben gegenüber und wartete. Tobias ſchien offenbar keinen großen Drang zu ſpü⸗ ren, das Geſpräch zu beginnen. Anfänglich muſterte der Jude geduldig das Geſicht deſſelben, als wolle er aus den Zügen die Nachrichten errathen, die er hören ſollte; aber vergeblich. Crackit ſah müde und abge⸗ ſpannt aus; aber das Geſicht hatte die gewöhnliche ſelbſtgefällige Ruhe, und durch den Schmutz und den Bart ſchimmerte das ſelbſtzufriedene Lächeln des ſtutzer⸗ haften Tobias hervor. Dann zählte der Inde in ſeiner geſpannten Erwartung jeden Biſſen, den ſein Gaſt in den Mund ſteckte, und ging unterdeß in unbeſchreibli⸗ cher Aufregung auf und ab. Alles vergebens. Tobias aß mit der größten Ruhe weiter, bis er nicht mehr eſſen konnte, dann hieß er die Knaben hinausgehen, ver⸗ ſchloß die Thür, machte ſich ein Glas Grog und ſchickte ſich zum Reden und Erzählen an. 2—— Oliver Twiſt. 61 »Vor allem und zuerſt, Fagin,« ſagte Tobias. „Ja, ja,« fiel der Jude ein, der ſeinen Stuhl näher rückte. Crackit hielt inne, um einen Schluck Grog zu neh⸗ men und zu erklären, daß derſelbe vortrefflich ſei; dann ſchob er die Füße hoch an dem Kamin hinauf, ſo daß die Stiefeln ſich in einer Linie mit den Augen befanden und fuhr ruhig fort: »Vor allem und zuerſt, Fagin, wo iſt Bill?« „»Was?« rief der Jude und ſprang auf. »Du willſt doch nicht ſagen—« begann Tobias und wurde blaß. »Sagen!« entgegnete der Inde, indem er heftig mit den Füßen ſtampfte.»Wo ſind ſie? Sikes und der Junge— wo ſind ſie?— Wo ſind ſie geweſen? — Wo haben ſie ſich verſteckt?— Warum ſind ſie nicht gekommen?« »Der Einbruch mißlang,« antwortete Tobias leiſe. »Das weiß ich,« antwortete der Jude, indem er ein Zeitungsblatt aus der Taſche nahm und auf daſſelbe deutete.»Was weiter?«. »Sie ſchoſſen und trafen den Jungen. Wir flohen über die Felder mit ihm— gerade aus wie der Rabe fliegt— durch dick und dünne, über Hecken und Grä⸗ ben. Wir wurden verfolgt. Gott verdamm mich! Die ganze Gegend war wach und die Hunde hinter uns drein!« »Der Junge!« fragte der Inde ängſtlich. „»Bill hatte ihn auf dem Rücken und lief wie der Wind. Einmal hielten wir an, um ihn wieder zwiſchen uns zu nehmen; ſein Kopf hing auf die Seite und er war kalt. Sie waren dicht hinter uns; jeder für ſich und fort von dem Galgen! Wir freueten uns und lie⸗ 62 Oliver Twiſt. ßen den Jungen in einem Graben liegen, ob todt oder lebendig, weiß ich nicht.« Der Jude mochte nichts weiter hören; er ſchrie laut auf, rang die Hände, raufte ſich das Haar aus und ſtürzte aus der Stube und dem Hanſe hinaus. Achtes Kapitel. Es tritt eine geheimnißvolle Perſon auf, und es geſchehen viele Dinge, die zu dieſer Geſchichte gehören. Der alte Mann hatte die Straßenecke erreicht, ehe er ſich von dem Eindrucke der Erzählung Crackits erho⸗ len konnte. Er ließ von ſeinem ungewöhnlichen ſchnel⸗ len Gange nicht nach, ſondern lief noch immer in Ge⸗ danken vorwärts, bis ein Wagen herangeraſſelt kam, und ein ängſtlicher Schrei der Fußgänger, die ſeine Ge⸗ fahr ſahen, ihn aus ſeinem Sinnen weckte. Er ſah ſich ſchnell um, als wolle er ſich orientiren, wohin er ge⸗ gangen ſei, blieb einige Augenblicke ſtehen und ging dann gerade in entgegengeſetzter Richtung fort. Er vermied ſo viel als möglich alle Hauptſtraßen und erreichte end⸗ lich Snow Hill. Hier ging er noch ſchneller als vor⸗ her, bis er in einen Hof gelangte, wo er ſeine Eile mä⸗ ßigte und freier zu athmen ſchien. Hier, wo Snow Hill und Holborn Hill zuſammen⸗ ſtoßen, geht, wenn man von der City herkommt, rechts ein häßliches enges Gäßchen nach Saffron Hill. In den ſchmutzigen Läden deſſelben ſind große Haufen ſeide⸗ ner Tücher von allen Größen und Muſtern zum Ver⸗ —————·— Oliver Twiſt. 63 kaufe ausgelegt, denn hier wohnen die Leute, welche ſie von den Taſchendieben kaufen. Hunderte ſolcher Ta⸗ ſchentücher hängen an Pflöcken an den Fenſtern und Thüren, und innen ſind ſie auf Brettern aufgeſchichtet. Field Lane heißt das Gäßchen, und ſo klein es iſt, hat es doch ſeinen Barbier, ſein Kaffeehaus, ſein Bier⸗ haus ac. Es iſt eine eigene Handelscolonie, das Empo⸗ rium der kleinen Diebereien; früh am Morgen und Abends im Zwielicht von ſtillen Kauflenten beſucht, welche in dunkeln Hinterſtuben handeln und ſich fort⸗ ſchleichen wie ſie geſchlichen kamen. Hier hängt der Kleidertrödler, der Schuhflicker und der Lumpenhändler ſeine Waare aus als Firma für den Dieb, und Vorrä⸗ the von altem Eiſen und Knochen, Haufen von zerfreſ⸗ ſenem Wollen⸗ und Leinenzeuge roſten und modern in den Kellern. 3 Hierher wendete ſich der Jude. Er war den Be⸗ wohnern des Gäßchens wohlbekannt, denn alle, die da lauerten, um zu kaufen oder zu verkaufen, nickten ihm vertraulich zu. Er erwiederte dieſe Grüße auf dieſelbe Weiſe, achtete aber weiter nicht auf die Leute, bis er an das Ende des Gäßchens kam. Hier blieb er ſtehen, und redete einen kleinen Handelsmann an, der ſo viel von ſeiner Perſon in einen Kinderſtuhl gepreßt hatte, als derſelbe davon aufnehmen konnte, und ſeine Pfeife an ſeinem Laden rauchte. »Ach, Ihr Anblick, Herr Fagin, könnte die böſeſten Augen heilen,« antwortete dieſer achtbare Handels⸗ mann auf die Frage des Juden nach ſeinem Beſfinden. »Es ging in der Nähe etwas zu heiß her, Lively,⸗ ſagte Fagin, indem er ſeine Augenbrauen emporzog und die Hände auf dem Rücken über einander legte. „»Ja, ich habe die Klage ſchon ein paarmal gehört,⸗ 64 antwortete der Handelsmann,»aber es wird kühler, meinen Sie nicht?« Fagin nickte, zeigte nach Saffron Hill hin, und fragte, ob Jemand dort ſei. »In den Krüppeln?« fragte der Mann. Der Jude nickte. »Warten Sie!« fuhr der Handelsmann nachdenkend fort.»Ja, ſo viel ich weiß, ſind etwa ein halbes Dutzend hingegangen. Ihr Freund wird nicht dort ſein.« »Sikes nicht?« fragte der Jude und eine Hoffnung verließ ihn. » Non ist wentus,“ wie die Advokaten ſagen,« er⸗ wiederte der kleine Mann, der dazu den Kopf ſchüttelte und ein ungemein pfiffiges Geſicht machte.»Haben Sie heute etwas für mich?« »Heute nicht,« antwortete der Jude und ging weiter. »Gehen Sie in die Krüppel, Fagin?« fragte der kleine Mann ihm nach.»Ich begleite Sie.⸗ Der Jude drehete ſich um und winkte mit der Hand, um dem Fragenden zu bedeuten, er gehe lieber allein, und da der kleine Mann ſich nicht ſogleich von dem Stuhle frei machen konnte, ſo mußte das Wirthshaus zu den Oliver Twiſt. Krüppeln die Ehre der Anweſenheit Herrn Lively's ent⸗ behren. Als er ſich endlich auf die Füße geſtellt hatte, war der Jude verſchwunden, und Herr Lively zwängte ſich, nachdem er ſich auf die Zehe geſtellt hatte, um ihn zu ſehen, von neuem in den kleinen Stuhl, wechſelte ein Kopfſchütteln mit einer Fran in dem Laden gegenüber, in welchem Zweifel und Mißtrauen ſich deutlich aus⸗ ſprachen, und nahm gravitätiſch die Pfeife wieder in den Mund. Die drei Krüppel oder die Krüppel, unter delcher Oliver Twiſt. 65 Firma das Haus ſeinen Gäſten bekannt war, war daſſelbe, in welchem wir Sikes und deſſen Hund be⸗ reits einmal gefunden haben. Fagin gab einem Manne an dem Schenktiſche einen Wink, ging die Treppe hin⸗ auf, öffnete die Thür eines Zimmers, trat leiſe in daſſelbe, legte die Hand über die Augen, und ſah ſich beſorgt um, als ſuche er Jemanden. Das Zimmer war von zwei Gaslichtern erleuchtet, deren heller Schein wegen feſter Laden und dicht zuge⸗ zogener verſchloſſener rother Vorhänge von außen nicht geſehen werden konnte. Die Decke ſah ſchwarz aus, und das ganze Zimmer war in eine ſo dicke Tabacks⸗ wolke gehüllt, daß man beim Eintreten wirklich Nieman⸗ den erkennen konnte. Allmälig aber, als ſich ein Theil davon durch die geöffnete Thür verzogen hatte, kounte man mehrere Köpfe erkennen, und wenn ſich das Auge an die Scene gewöhnt hatte, erblickte man eine zahlreiche männliche und weibliche Geſellſchaft an einer langen Tafel, an deren oberen Ende ein Präſes mit einem Amtshammer in der Hand ſaß, während ein anderer Mann, mit einer bläulichen Naſe und einem wegen Zahn⸗ ſchmerzen verbundenen Geſichte, au einem klimpernden Pianoforte in der Ecke ſaß. Als Fagin hereinſchlich, veranlaßte der Künſtler, der präludirend über die Taſten ſtrich, einen allgemeinen Ruf nach einem Liede; nachdem der Lärm ſich gelegt hatte, ſtand ein junges Mädchen auf, um die Geſellſchaft mit einer Ballade von vier Verſen zu unterhalten, wäh⸗ rend der Künſtler zwiſchen jedem Verſe die Melodie ſo laut als möglich ſpielte. Merkwürdig waren einige Geſichter, die in der Gruppe auffielen, Zuerſt der Präſes ſelbſt, der Wirth des Hau⸗ ſes, ein plumper, gleichſam mit dem Beile zugehackter, Oliver Twiſt. II.. 5 66 Oliver Twiſt. ſchwerfälliger Menſch, der während des Geſanges ſeine Augen dahin und dorthin rollte, und während er ſich ganz der Luſt hinzugeben ſchien, ſcharf auf alles, was gethan und geſprochen wurde, ſah und hörte. Neben ihm befanden ſich die Sänger, die mit ſcheinbarer Gleich⸗ gültigkeit die Complimente der Geſellſchaft hinnahmen⸗ und abwechſelnd nach den vielen Gläſern griffen, die ihnen von den begeiſtertſten ihrer Bewunderer geboten wurden, deren Geſichter faſt jedes Laſter in jedem Grade ausdrückten und die Aufmerkſamkeit gerade durch ihre Widerwärtigkeit erregten. Schlauheit, Rohheit und Trunkenheit in allen Stadien lagen darauf am ſchärfſten ausgeprägt, und Frauenzimmer,— einige mit dem Ueberreſte ihrer erſten friſchen Blüthe, die jeden Augen⸗ blick mehr zu welken ſchien; andere, die gar nichts ih⸗ rem Geſchlechte Eigenthümliches mehr beſaßen und einen ekelhaften Anblick von Ausſchweifung und Verbrechen gewährten; theils ganz junge Mädchen, theils junge Weiber, keine Einzige über die Jugendjahre hinaus— bildeten den dunkelſten, traurigſten Theil dieſes ab⸗ ſchreckenden Bildes. Fagin, in deſſen Herzen gewaltige Gefühle tobten, blickte unterdeß von einem Geſichte nach dem andern, offenbar ohne das zu finden, welches er ſuchte. Als ihn endlich der Vorſitzende einmal anſah, winkte er demſel⸗ ben ſo ſtill, als er eingetreten war. „»Was wünſchen Sie von mir, Herr Fagin?« fragte der Mann, der ihm gefolgt war.»Wolien Sie nicht bei uns bleiben? Sie machen uns Allen ein Vergnügen durch Ihre Gegenwart.« Der Jude ſchüttelte ungeduldig den Kopf und flüſterte: » iſt er nicht da?« »Nein,« antwortete der Mann. ——ÿ—ÿ—ͦ—x——— Oliver Twiſt. 67 „Keine Nachricht von Barney?« fvagte Fagin weiter. „Nein,« antwortete der Wirth von den drei Krüppeln, denn er war es.»Er wird ſich nicht rühren bis alles ſicher iſt. Verlaſſen Sie ſich darauf, ſie ſind auf dem Rückwege. Es geht gut, ſonſt würde ich von Barney gehört haben. Er macht ſeine Sache gewiß gut.« „Wird er heute Abend nicht kommen?« fragte der Jude weiter. 1 „Monks meinen Sie?« fragte der Wirth zögernd. »„Still!« entgegnete der Jude.»Ja.« „Gewiß,« antwortete der Mann, indem er eine gol⸗ dene Uhr aus der Taſche zog.»Ich habe ihn ſchon erwartet. Wenn Sie zehn Minuten warten wollen, ſo wird er—. „Nein, nein,« ſprach der Jude ſchnell, als wünſche er zwar, die fragliche Perſon zu ſehen, obgleich ihm deren Abweſenheit gerade recht war.»Sagen Sie ihm, ich ſei hier geweſen, um mit ihm zu ſprechen, und er möge dieſe Nacht noch zu mir kommen, oder ſagen Sie lieber morgen. Da er nicht hier iſt, ſo hat es Zeit bis morgen. »Gut,« ſagte der Mann.»Sonſt nichts?« „»Kein Wort weiter,« antwortete der Jude, indem er die Treppe hinunter ging. „Ich habe Phil Barker hier,« ſagte der Andere, in⸗ dem er ſich über das Geländer bog und leiſe ſprach; ver iſt ſo betrunken, daß ihn ein Kind bewältigen kann.« „So? Aber es iſt ſeine Zeit noch nicht,“ ſagte der Inde, der hinauf ſah.»Phil hat noch mehr zu thun, ehe wir uns von ihm losmachen können. Gehen Sie nur zurück zu der Geſellſchaft und ſagen 5* 68 Oliver Twiſt. Sie den Leuten, ſie möchten luſtig ſein, ſo lange es geht. Hal! ha! ha!« Der Wirth ſtimmte in das Lachen des Alten ein, und kehrte zu ſeinen Gäſten zurück. Der Jude dagegen war kaum allein, als ſein Geſicht den frühern Ausdruck von Angſt und Nachdenken wieder annahm. Nach kur⸗ zer Ueberlegung nahm er ein Miethkabriolet und ſagte dem Kutſcher, er ſollte nach Bethnal Green fahren. Fünf Minuten etwa von Sikes Wohnung ſtieg er aus und machte den noch übrigen Weg zu Fuße. »Nun,“ murmelte der Jude, während er an der Thür klopfte,»„wenn etwas dahinter ſteckt, ſo be⸗ komme ich es heraus von dir, Mädchen, ſo pfiffig du auch biſt.« Fagin hörte unten, daß ſie zu Hauſe ſei, ſchlich alſo die Treppe hinauf und trat ohne Umſtände ein. Das Mädchen war allein und lag mit dem Kopfe, an wel⸗ chem das Haar in Unordnung herumhing, auf dem Ti⸗ ſche.»Sie hat getrunken,« dachte der Jude kaltblütig, »oder es iſt ihr nur ſchlecht.« Der alte Mann drehete ſich um, um die Thür zu⸗ zumachen, als er dies bei ſich dachte, und das Geräuſch dabei weckte das Mädchen. Sie ſuchte dabei in ſeinem ſchlauen Geſichte zu leſen, ob er ihr wohl Nachrichten bringe, und hörte ihn die Geſchichte erzählen, wie ſie ihm Crackit berichtet hatte. Dann verſank ſie in ihre frühere Stellung, ſprach aber kein Wort. Sie ſchob das Licht v onſich und zog, als ſie ein Paarmal in fie⸗ beriſcher Unruhe ihre Lage wechſelte, die Füße auf dem Boden hin und her; das war aber auch Alles. Wäaͤhrend dieſer Pauſe ſah ſich Fagin unruhig in der Stube um, als wolle er ſich überzeugen, daß Sikes wirklich nicht im Stillen zurückgekehrt ſei. Seine Mu⸗ 8 Oliver Twiſt. 69 ſterung ſchien ihn beruhigt zu haben, er huſtete einige Male und ſuchte ein Geſpräch einzuleiten, aber das Mädchen achtete ſo wenig auf ihn, als ſei er von Stein. Endlich machte er noch einen Verſuch, rieb die Hände und fragte in ſeinem freundlichſten Tone:»und wo iſt wohl Bill jetzt, Deiner Meinung nach, he?« Das Mädchen gab kaum verſtändlich die Antwort: „das könne ſie nicht ſagen,« und es ſchien dem Tone nach, in dem ſie dies ſagte, als weine ſie. „Und auch der Knabe,« fuhr der Jude fort, der ſich bemühete, ihr in das Geſicht zu ſehen.»Das arme kleine Kind, Anna, in einem Graben zurückgelaſſen, denke Dir!« „Das Kind!« ſprach das Mädchen und ſah auf; „dort iſt ihm beſſer als hier unter uns, und wenn es Bill nichts ſchadet, ſo hoffe ich, der Junge liegt todt in dem Graben und ſeine jungen Gliedmaßen faulen dort.« „Wie?« fragte der Inde verwundert. »Ja, das wünſche ich,« wiederholte das Mädchen und ſah dem Juden in das Geſicht.„ Es wird mich ſehr freuen, wenn meine Augen ihn nicht mehr ſehen, und ich weiß, daß das Schlimmſte überſtanden iſt. Ich kann es nicht ertragen, ihn in meiner Nähe zu wiſſen; ſein Anblick bringt mich auf gegen mich ſelbſt und gegen Euch Alle.« „Bahl« ſagte der Jude verächtlich.»Du biſt be⸗ trunken, Mädchen.⸗ „»Bin ich es?« ſagte das Mädchen weinend.»Ihre Schuld iſt es nicht, wenn ich es nicht bin; ginge es nach Ihrem Willen, ſo wäre ich es immer, nur gerade jetzt nicht. Meine Laune gefällt Ihnen nicht, nicht wahr?« 70 Oliver Twiſt. »Nein,« antwortete der Jude aufgebracht,„ſie ge⸗ fällt mir nicht.« »So machen Sie dieſelbe anders,« ſagte das Mäd⸗ chen lachend. »Anders machen?« entgegnete der Iude, durch die getäuſchte Erwartung und die unerwartete Hartnäckig⸗ keit des Mädchens in hohem Grade erbittert,»ich will ſie anders machen. Höre mich an, höre mich an, ich kann Sikes mit ſechs Worten ſo ſicher erwürgen, als hätte ich ſeine Ochſenkehle hier unter meinen Fingern. Wenn er zurückkommt und bringt den Jungen nicht mit, wenn er frei bleibt und mir den Jungen nicht wieder⸗ bringt, ſo ermorde ihn ſelbſt, wenn Du ihn dem Scharf⸗ richter nicht laſſen willſt, und gleich, ſobald er hier her⸗ eintritt, oder, denke an mich, es iſt zu ſpät.« »Was ſoll das heißen?« rief das Mädchen unwill⸗ kürlich. »Was es heißen ſoll?« wiederholte Fagin außer ſich. »Der Junge iſt mir hundert Pfund Sterl. werth; ſoll ich, was ich durch den Zufall ſicher erhielt, durch die Laune einer betrunkenen Bande verlieren, deren Leben ich in meiner Gewalt habe, und die mich an einen Teu⸗ fel in Meuſchengeſtalt band, der bloß zu wollen braucht und die Macht hat, um— 2 Nach Luft ſchnappend, ſtotterte der Alte nach einem Worte; aber in dieſem einzigen Augenblicke hemmte er auch den Strom ſeines Zornes und änderte ſein ganzes Weſen. Einen Augenblick vorher war er mit geballten Fäuſten in der Luft umhergefahren, während ſeine Au⸗ gen weit aus ihren Höhlen heraustraten und ſein Ge⸗ ſicht bleich wurde von Wuth; jetzt ſank er auf einen Stuhl, kauerte ſich zuſammen und zitterte vor Furcht, eine geheime Schlechtigkeit verrathen zu haben. Nach Oliver Twiſt. 71 einer kurzen Pauſe wagte er wieder ſich ſach dem Mäd⸗ chen umzuſehen, und er ſchien ſich etwas zu beruhigen, als er ſie wieder in dem faſt bewußtloſen Zuſtande er⸗ blickte, aus dem er ſie erſt geweckt hatte. „Liebes Aennchen,“ ſagte der Iude in ſeinem ge⸗ wöhnlichen Tone,» hörteſt Du auf mich?« „Quälen Sie mich jetzt nicht, Fagin,« antwortete das Madchen und richtete matt den Kopf auf;„hat es Bill diesmal nicht gethan, ſo thut er es ein anderes⸗ mal; er hat ſchon manche gute Arbeit für Sie vollbracht und wird mehrere thun, wenn er kann, alſo nichts mehr davon.“ „Und wegen des Kindes, Anna?« fragte der Jude, indem er die Hände heftig an einander rieb. „Dem Knaben muß es gehen wie den Andern,« un⸗ terbrach ihn Anna ſchnell,»ich fage es aber noch einmal, ich hoffe, er iſt todt, und allem Leid, auch Ih⸗ nen, entgangen, das heißt, wenn es Bill nicht in Scha⸗ den bringt. Da Tobias davongekommen iſt, ſo iſt er es gewiß auch, denn was dieſer vermag, thut Bill zweifach.« „Und was ich ſagte, Aennchen?“ bemerkte der Jude mit einem forſchenden Blick auf ſie. „Wenn es etwas war, was ich thun ſoll, ſo müſſen Sie es noch einmal ſagen,“ antwortete das Mädchen; „hat es Zeit, ſo warten Sie lieber bis morgen. Sie weckten mich eine Minute, nun bin ich aber wieder wie dumm.« Fagin that noch mehrere Fragen, alle in der Abſicht, um zu erfahren, ob das Mädchen ſeinen unbedachten Wink gemerkt habe; aber ſie antwortete darauf ſo raſch, und ließ ſich durch ſeine forſchenden Blicke ſogar nicht in Verlegenheit bringen, daß ſich ſein erſter Gedanke, 72 Oliver Twiſt. ſie habe etwas zu viel getrunken, vollkommen beſtätigte. Jungfer Anna war nicht frei von dieſem Fehler, der ſich häufig unter Fagins weiblichen Zöglingen fand, da ſie in ihren früheſten Jahren dazu mehr ermuntert, als davon abgehalten wurden. Ihr unordentliches Ausſehen und ein kräftiger Geruch von Wachholder in der ganzen Stube beſtätigten die Vermuthung des Juden noch mehr, und er erkannte endlich deutlich, daß ſie»weit hin« ſei. Nachdem er ſich durch dieſe Entdeckung beruhigt und ſeinen doppelten Zweck erreicht, nämlich dem Mädchen mitgetheilt, was er dieſen Abend gehört, und ſich mit ſeinen Augen überzeugt hatte, daß Sikes noch nicht zurückgekehrt ſei, ſchickte ſich Fagin zu der Heimkehr an, und ließ das Mädchen, mit dem Kopfe auf dem Tiſche liegend und ſchlafend, zurück. Es war faſt Mitternacht, finſter und kalt, und er fühlte ſich alſo nicht verſucht, lange zu zögern. Der ſchneidende Wind, der durch die Straßen pfiff, ſchien dieſelben wie von Staub und Schmutz, ſo auch von Menſchen rein gefegt zu haben, denn nur Wenige noch befanden ſich draußen, und Alle ſchienen ihrer Heimath zuzueilen. Auch der Jude ging raſch und zitterte bei jedem neuen Windſtoße. 3 Er hatte die Ecke ſeiner eigenen Gaſſe erreicht und griff bereits in die Taſche nach dem Hausſchlüſſel, als eine dunkele Geſtalt aus dem tiefen Schatten trat, über die Straße herüberkam und unbemerkt zu ihm trat. »Fagin,« flüſterte ihm eine Stimme zu. »Ahl« ſagte der Jude, indem er ſich ſchnell um⸗ drehete; iſt das—« » Ja,« antwortete der Fremde.„»Ich habe mich an «· Oliver Twiſt. 73 die zwei Stunden hier umhergetrieben. Wo zum Teu⸗ fel! biſt Du geweſen?« „In Geſchäften, lieber Freund,“« antwortete der Jude, ſah nach dem Andern und ging langſamer.»Die ganze Nacht in Geſchäften!« »Man ſehe!« entgegnete der Fremde;„»und wie geht es?« »Nicht gut,« ſagte der Jude. „Nicht ſchlecht, hoffe ich,« entgegnete der Fremde, indem er ſtehen blieb und beſtürzt den Alten anſah. Der Jude ſchüttelte den Kopf und wollte antwor⸗ ten, der Fremde ſiel ihm aber in die Rede, deutete auf das Haus, an welchem ſie unterdeß angekommen wa⸗ ren, und bemerkte, es ſei beſſer, was er zu ſagen habe ſage er da drin, denn ſein Blut ſei ihm von dem langen Stehen in dem kalten Winde in den Adern faſt erfroren. Fagin ſah aus, als liege ihm gar nicht viel daran, einen Gaſt in ſolcher Zeit mit nach Hauſe zu nehmen, und murmelte etwas von keinem Feuer; da jedoch der Fremde ſeine Forderung in gebieteriſchem Tone wieder⸗ holte, ſo ſchloß er die Thür auf und erſuchte den An⸗ dern, ſie leiſe wieder zuzumachen, während er Licht hole. »Es iſt finſter wie im Grabe,“ ſagte der Mann, indem er ein Paar Schritte vorwärts tappte.»Mach' ſchnell; ſo etwas iſt mir zuwider.« „Schließe die Thüre zu,« flüſterte Fagin von dem Ende der Hausflur her. Während er dies ſagte, ſiel ſie donnernd zu. „Das that ich nicht,« ſagte der Andere, indem er weiter tappte;»der Wind warf ſie zu oder ſie ſchloß ſich von ſelbſt, eines von beiden. Mach' ſchnell mit dem Lichte oder ich ſtoße mir den Kopf in dieſem verwünſch⸗ ten Loche ein.« 74 Oliver Swiſt. Fagin ſchlich die Küchentreppe hinunter, und kam nach kurzer Zeit mit einem brennenden Lichte und der Meldung zurück, daß Tobias Crackit unten in der Hin⸗ terſtube, die Jungen aber in der vordern im Schlafe lägen. Darauf winkte er dem Andern, ihm zu folgen, und führte ihn die Treppe hinauf. »Wir können die Paar Worte, die wir einander zu ſagen haben, hier ſprechen, lieber Freund,« meinte der Jude, indem er eine Thüre im erſten Stock aufmachte; »da aber Löcher in den Laden ſind, und wir unſern Nachbarn nie Licht zeigen, ſo will ich den Leuchter hierher auf die Treppe ſtellen.« Mit dieſen Worten bückte ſich der Jude, ſtellte das Licht oben auf die Treppe gerade der Thür gegenüber, ging in das Zimmer voran, das ganz ohne Meubles war, bis auf einen zerbrochenen Lehnſtuhl und ein altes Sopha ohne Ueberzug, das hinter der Thür ſtand; darauf warf ſich der Fremde, als ſei er ſehr müde, während der Jude den Lehnſtuhl ihm gegenüber rückte und ſich ſetzte. Es war nicht ganz dunkel, denn die Thür ſtand halb offen und das Licht draußen warf einen ſchwachen Schein an die Wand gegenüber. Sie ſprachen eine Zeitlang leiſe mit einander, und obgleich man von dem Geſpräche nichts als bisweilen einzelne Worte hörte, ſo hätte ein Lauſcher doch leicht merken können, daß Fagin ſich gegen einige Bemerkun⸗ gen des Fremden vertheidigte und der Letztere ziemlich aufgebracht war. So konnten ſie eine Viertelſtunde oder noch länger geſprochen haben, als Monks— ſo hatte der Jude den Fremden mehrmals genannt— die Stimme etwas erhob und ſprach:»ich ſage Dir noch einmal, die Sache war ſchlecht angelegt. Warum ihn Oliver Twiſt. 75 nicht hier behalten und einen ſchleichenden Taſchendieb aus ihm gemacht?« „Höre mich nur an,« bemerkte der Jude achſelzuk⸗ kend. „»Meinſt Du, es ſei nicht möglich geweſen, wenn Du gewollt?« fragte Monks ernſt.»Haſt Du nicht ſchon viele Jungen dazu gebracht? Wenn Du höch⸗ ſtens ein Jahr Geduld gehabt, ſo hätteſt Du ihn kön⸗ nen verurtheilen und vielleicht lebenslänglich aus dem Lande bringen laſſen.« »Wem hätte das genützt, lieber Freund?« fragte der Jude. 5 »Mir,« entgegnete Monks. „Aber nicht mir,« erwiederte der Jude demüthig. „Wenn zwei Parteien bei einer Sache ſind, ſo muß auch beider Intereſſe beachtet werden, nicht wahr, lieber Freund?« „Was dann?“« fragte Monks mürriſch. »Ich ſah, es war nicht leicht, ihn zu dem Geſchäfte abzurichten,« erwiederte der Jude;»er glich andern Jungen in denſelben Umſtänden nicht.“ „Fluch ihm! nein,« murmelte der Mann,»ſonſt wäre er längſt ſchon ein Dieb geweſen.« »Ich konnte ihn nirgends faſſen, um ihn ſchlechter zu machen,“« fuhr der Jude fort, während er das Ge⸗ ſicht des Andern beobachtete;„ich wüßte nichts, das ihn einſchüchterte, und was wir im Anfange immer ha⸗ ben müſſen, wenn wir nicht vergebens arbeiten ſollen. Was konnte ich thun? Ihn mit Karlchen und dem Sappermenter ausſchicken? Wir hatten das Erſtemal genng; ich zitterte für uns Alle.«⸗ „»Das rührte nicht von mir her,« bemerkte Monks. 76 Oliver Twiſt.. »Nein, nein, lieber Freund,“« beſtätigte der Jude, wich ſage auch nichts darüber; wäre es nicht geſchehen, ſo hätteſt Du vielleicht den Knaben gar nicht bemerkt und nicht gefunden, daß er es ſei, den Du ſuchteſt. Nun, ich brachte ihn durch das Mädchen für Dich zu⸗ rück, und nun fängt ſie an, ihn zu begünſtigen.« »Erwürg' das Mädchen,« ſagte Monks ungeduldig.⸗ »Das können wir jetzt nicht thun, lieber Freund,“« erwiederte der Jude lächelnd,»und überdies iſt dieſe Art nicht unſere Art, ſonſt hätte ich in dieſen Tagen ſo etwas gethan. Ich kenne dieſe Mädchen, Monks; ſobald der Knabe anfängt, ſich an das Geſchäft zu ge⸗ wöhnen, wird ſie ſich ſo wenig um ihn kümmern, wie um ein Stück Holz. Du willſt, es ſoll ein Dieb aus ihm werden; iſt er am Leben, ſo kann ich von dieſem Tage an einen aus ihm machen, und wenn— wenn —« ſchloß der Jude, indem er näher an den Andern rückte;— ves iſt nicht unwahrſcheinlich,— wenn das Schlimmſte geſchah, wenn er todt iſt—« »Dann iſt es nicht meine Schuld!« entgegnete der Andere erſchrocken, während er den Arm des Juden mit zitternder Hand faßte.»Bedenke das, Fagin; ich hatte dabei die Hand nicht im Spiele. Alles, nur nicht ſein Tod, ſagte ich gleich anfangs. Ich will kein Blut ver⸗ gießen; es kommt immer an den Tag und verſolgt Einen überdies. Wenn ſie ihn erſchoſſen, ſo war ich nicht die Urſache, hörſt Du? Verflucht ſei das Loch! — was iſt das?« 1 »Was?« fragte der Inde, indem er den Erſchrocke⸗ nen mit beiden Armen umfaßte, als er aufſprang.»Wo 2« »Dort?« antwortete der Mann, und ſtierte an die gegenüberſtehende Wand.»Der Schatten— ich ſah ——] 2. Oliver Twiſt. 77 den Schatten eines Frauenzimmers in Mantel und Hut wie einen Hauch dahingleiten!« Der Jude ließ den Mann los und ſie eilten aus dem 1 Zimmer hiuaus. Das Licht, im Zuge weit niederge⸗ brannt, ſtand da, wohin es geſtellt worden war, und zeigte ihnen die leere Treppe und ihre eigenen kreide⸗ weißen Geſichter. Sie horchten, aber in dem ganzen Hauſe herrſchte die tiefſte Stille. »Es iſt Deine Phantaſie,« ſagte der Jude endlich, indem er das Licht nahm und ſich an ſeinen Begleiter wendete⸗ »Ich will es beſchwören, daß ich es ſah,« erwie⸗ derte Monks heftig zitternd.»Es bog ſich vorwärts, als ich es zuerſt bemerkte, und als ich ſprach, eilte es ſchnell davon.“ Der Jude ſah dem Manne verächtlich in das blaſſe Geſicht, ſagte ihm, er möge ihm folgen, wenn er wolle, und ging die Treppe hinauf. Sie ſahen in alle Zim⸗ mer; ſie waren kalt, kahl und öde. Sie gingen hinun⸗ ter in die Hausflur und ſodann in den Keller. Der grüne Moder hing an den niedern Wänden und die Spuren von Schnecken glänzten im Lichte, aber Alles war ſtill wie im Grabe. „Was denkſt Du nun?« fragte der Jude, als ſie wieder die Hausflur erreicht hatten.»Außer uns iſt in dem Hauſe kein lebendiges Geſchöpf als Tobias und die Jungen, und die ſind ſicher genug. Sieh hier.«⸗ Der Jude zog zum Beweiſe zwei Schlüſſel aus der Taſche und ſagte, als er das Erſtemal nach der Treppe hinuntergegangen, habe er jene eingeſchloſſen, damit ſie ihre Zuſammenkunft ganz ungeſtört halten könnten. Gegen alle dieſe Beweiſe konnte Monks freilich nichts vorbringen. Seine Betheuerungen waren immer min⸗ 78 Oliver Twiſt. der und minder heftig geworden, als ſie ſuchten, ohne etwas zu finden; jetzt lachte er und geſtand, es könne doch wohl ein Trugbild ſeiner Phantaſie geweſen ſein. Er wies jedoch jede Fortſetzung des Geſprächs für dieſe Nacht zurück, da es ihm mit Einemmal einſiel, daß bereits ein Uhr vorüber ſei, und ſo trennte ſich das liebenswürdige Paar. Neuntes Kapitel macht die Unartigkeit eines vorhergehenden wieder gut, welches ein Frauenzimmer ſehr ungalant im Stiche ließ. Da es ſich für einen beſcheidenen Schriftſteller durch⸗ aus nicht ziemt, einen ſo gewichtigen Mann, wie ein Vogt iſt, mit dem Rücken am Feuer, und die Schöße des Rockes unter die Arme aufgenommen, daſitzen und warten zu laſſen, bis es ihm beliebt, denſelben zu erlöſen; da es ſich noch weniger für ſeine Stellung und Galante⸗ rie paßt, eine Frau zugleich mit zu vernachläſſigen, welche jener Vogt zärtlich und liebevoll angeblickt, der er ſüße Worte zugeflüſtert hat, die, von einem ſolchen Manne geſprochen, das Herz gewiß eines jeden Mädchens und einer jeden Frau bewegen, ſo beeilt ſich der Geſchichts⸗ ſchreiber, der dieſe Worte dem Papiere anvertraut, ſeine Stellung kennt, und die gebührende ehrerbietige Scheu vor den Gewaltigen dieſer Welt hegt, ihnen die Achtung zu erweiſen, welche ihr Rang erfordert, und ſie mit dem pflichtmäßigen Ceremoniell zu behandeln, das ihre hohe Stellung und(folglich) ihre hohe Tugend gebietet. Er hatte ſich bereits vorgenommen, hier eine Abhandlung * DOliver Twiſt. 79 von dem göttlichen Recht der Vögte und Büttel einzu⸗ flechten und darin zu beweiſen, daß ein Vogt nie Unrecht thun kann. Dieſe Abhandlung würde für den gut geſinn⸗ ten Leſer gewiß von eben ſo großem Vergnügen als Vor⸗ theil geweſen ſein, der Verfaſſer muß dieſelbe aber wegen Mangel an Zeit und Raum für eine paſſendere Gelegen⸗ heit verſchieben; kommt dieſe Gelegenheit, ſo wird er zu dem Beweiſe vorbereitet ſein, daß ein wahrer Vogt und Büttel, kraft ſeines Amtes, die beſten und trefflichſten Eigenſchaften der Menſchen beſitzt. Herr Bumble hatte die Theelöffel noch einmal gezählt, die Zuckerzangen noch einmal gewogen, die Milchkanne noch genauer beſichtiget, die Beſchaffenheit der Meubles bis ins Einzelnſte unterſucht, und alles dies wohl ein halbes Dutzend Mal wiederholt, ehe er daran dachte, daß Frau Corney nun wohl zurückkommen könne. Gedanken erwecken wieder Gedanken, und da er die Frau Corney noch nicht kommen hörte, ſo meinte Herr Bumble, er werde ſich auf nützliche und unſchuldige Weiſe die Zeit vertreiben, wenn er den Inhalt der Kommodenkaſten der Frau Corney muſtere. 3 Er horchte demnach am Schlüſſelloche, um ſich zu überzeugen, daß Niemand komme, fing dann von unten an, und machte ſich mit dem Inhalte der drei großen Ka ſten bekannt, die mit verſchiedenen Kleidungsſtücken guter Art zwiſchen Papierbogen und Lavendelblättern gefüllt wa⸗ ren und ihn vollkommen zufrieden zu ſtellen ſchienen Endlich kam er an den oberſten Kaſten; in dieſem ſah er ein Käſtchen mit einem Vorlegeſchlößchen, und dieſes gab bei der Bewegung einen angenehmen Geldklang. Herr Bumble kehrte demnach mit ſtattlichem Schritte an den Kamin zurück, nahm ſeinen Platz und ſeine frühere Stel⸗ lung wieder ein, und ſagte ernſt und entſchloſſen zu ſich 80 Oliver Twiſt. ſelbſt:»ich thue es.« Dann ſchüttelte er lächelnd wohl zehn Minuten lang den Kopf und betrachtete ſeine Beine im Profil ſcheinbar mit vielem Vergnügen und Intereſſe. Damit beſchäftigte er ſich noch, als Frau Corney in das Zimmer ſtürzte, athemlos ſich auf einen Stuhl am Feuer warf, eine Hand auf die Augen und die andere auf das Herz legte, und nach Luft ſchnappte. »Frau Corney!« rief Bumble, der ſich über dieſelbe bog,»was iſt Ihnen? was iſt geſchehen? Ach, antwor⸗ ten Sie; iſt ſtehe auf— auf—« Bumble konnte ſich in ſeinem Schrecken nicht gleich beſinnen, daß er ſagen wollte, vauf Nadeln« oder»auf Kohlen«. „»Ach, Herr Bumble,« erwiederte die Frau,»ich bin ganz außer mir.«⸗ »Wer hat denn gewagt—? Ich weiß,« lenkte Bumble mit angeborner Majeſtät ein,»die boshaften Armen!« „Es iſt grauſenhaft, daran zu denken,« fuhr die Frau ſchaudernd fort. »So denken Sie nicht daran,« empfahl Herr Bumble. »Ich kann es nicht hindern,« jammerte die Frau. „»So nehmen Sie etwas, Frau Corney,« rieth Bumble; „vielleicht einen Schluck Wein?« »Nicht um die Welt!« erwiederte Frau Corney.»Ich könnte es nicht—— ach! dort im Schranke, oben rechts — ach!« Dabei wies die gute Frau nach dem Schranke, und es ſchienen ſich Krämpfe bei ihr einſtellen zu wollen. Herr Bumble eilte hin, nahm eine grüne Glasflache von der angedeuteten Stelle herunter, ſchenkte von dem Inhalte derſelben eine Theetaſſe voll und hielt dieſe der Frau an den Mund.—„»Jetzt wird mir beſſer,« ſagte ſie, als ſie die Hälfte davon getrunken hatte. Herr Bumble hob in frommer Dankbarkeit die Augen an die Decke, brachte ſie Oliver Twiſt. 81 dann an den Rand der Taſſe wieder herunter und hob dieſe an ſeine Naſe.. „Pfeffermünze,« erklärte Frau Corney mit ſchwacher Stimme, und lächelte den Vogt dabei freundlich an. »Verſuchen Sie einmal; es iſt eine Wenigkeit von etwas anderm darunter.« Herr Bumble koſtete die Medizin mit zweifelhafter Miene, ſchnalzte mit der Zunge, koſtete noch einmal und ſetzte die leere Taſſe nieder. „Es ſtärkt ſehr,« meinte Frau Corney. »Sehr, ſehr,« beſtätigte der Vogt, der dabei ſeinen Stuhl an die Frau rückte und zärtlich fragte, was ihr begegnet ſei. „Nichts eigentlich!« erwiederte die Frau;»ich bin ſo hitzig und ſo ſchwach.« 1 4 »Schwach?« wiederholte Bumble, indem er ſeinen Stuhl noch etwas näher rückte,»ſind Sie ſchwach, Frau Corney?2s 1. »Wir ſind insgeſammt ſchwache Geſchöpfe,« antwor⸗ tete Frau Corney. „Ja, das ſind wir,“« beſtätigte der Vogt. Eine oder zwei Minuten darauf wurde kein Wort weiter geſprochen. Bumble aber nahm während dieſer Zeit ſeinen linken Arm von der Stuhllehne der Frau Corney herunter, wo er vorher geruht hatte, und es fügte ſich dabei, daß er an dem Schürzenbande der Frau haften blieb. ſind allzumal ſchwache Geſchöpfe,« ſagt Herr Bumble.— Frau Corney ſeufzte. »Seufzen Sie nicht, Frau Corney.“« »Ich kann mir nicht helfen,« erwiederte dieſe und ſeufzte noch einmal. Oliver Twiſt. II. 6 82 Oliver Twiſt. »Sie haben da ein ſehr hübſches Zimmerchen,« fuhr Herr Bumble fort, indem er ſich umſah.»Noch eins dazu und es fehlte nichts.⸗ »Das wäre für eine Perſon zu viel,« meinte die Fran. »Aber nicht für zwei,« entgegnete Bumble in ſanften Tönen.»He, Frau Corney?« Frau Corney ließ den Kopf ſinken, als Bumble dies ſprach, und der Vogt ließ den ſeinigen auch hängen, um der Frau in das Geſicht ſehen zu können. Dieſe drehte den Kopf um und wollte mit der Hand nach dem Ta⸗ ſchentuche greifen, legte ſie aber unmerklich wieder in die Hand Bumble's. »Die Feuerung haben Sie frei, nicht wahr, Frau Corney?« fragte zärtlich der Vogt und drückte ihr die Hand. »Auch Licht,« antwortete die Frau, und erwiederte leiſe den Druck. »Miethe, Licht und Feuerung frei!« ſagte Herr Bumble. »Ach, Frau Corney, Sie ſind ein Engel!« Gegen einen ſolchen Ausbruch der Leidenſchaft war die gute Frau nicht geſtählt. Sie ſank in Bumble's Arme, und dieſer drückte einen feurigen Kuß auf ihre keuſche Naſe. „Sie wiſſen, daß es mit Slout ſchlechter geht?« fuhr Bumble fort. „»Ja,« erwiederte Frau Corney verſchämt. „»Er kann keine Woche mehr leben, ſagt der Doktor. Er iſt Hausvater hier. Sein Tod macht eine Stelle frei; dieſe Stelle muß wieder beſetzt werden. Ach, Frau Corney, welche Ausſichten! Welche Gelegenheit zur Ver⸗ einigung zweier Herzen und Wirthſchaften!«„ Die Frau Corney ſchluchzte. 3 Oliver Twiſt. 83 »Das kleine Wörkchen?« fragte Bumble, indem er ſich über die verſchämte Schöne bog.»Das kleine, kleine Wörtchen, meine ſüße Corney?« „»J—— J—— a, ja,« ſeufzte die Frau. »Und wann, wann, meine liebe Corney? Die Frau verſuchte zweimal zu ſprechen, und zweimal mißlang es ihr. Endlich aber raffte ſie ihren ganzen Muth zuſammen, ſchlang ihre Arme um Bumble's Hals und ſagte, es könne geſchehen, wann er wolle, er ſei doch ein⸗ mal ein unwiderſtehlicher Mann. Nachdem ſie ſo weit einig geworden, wurde der Ver⸗ trag feierlich durch eine andere Theetaſſe voll Pfeffer⸗ münzmirtur beſiegelt, was auch bei dem aufgeregten Ge⸗ fühlszuſtande der Frau ſehr nöthig war. Darauf erzählte ſie ihm den Tod der alten Frau. »Sehr gut,« entgegnete Bumble, indem er von der Pfeffermünze nippte.»So werde ich gleich auf dem Heim⸗ wege bei Sowerberry einſprechen und ihn morgen früh herſchicken. Erſchrecken Sie darüber ſo, Liebe?« »Es war noch etwas Beſonderes dabei, lieber Bumble,⸗ bemerkte ſie ausweichend. „»Darf man das nicht wiſſen 2« „Jetzt nicht; wenn wir verheirathet ſind, lieber Mann.⸗ „»Wenn wir verheirathet ſind! Es war doch keine Zu⸗ dringlichkeit von einer Mannsperſon— 2 »Nein, nein, lieber Mann,« ſagte die Frau ſchnell. »Wenn ich mir denke,« fuhr Bumble fort,»wenn ich denke, einer von ihnen habe gewagt, ſeine gemeinen Au⸗ gen zu dieſem lieblichen Geſichte zu erheben——« »Das würden ſie nicht wagen, lieber Bumble,« ant⸗ wortete die Frau. „»Daran thun ſie auch wohl,« bemerkte Bumble und ballte die Fauſt.»Sehe ich, daß es ein Mann in oder 84 Oliver Twiſt. außer dem Armenhauſe thut, ſo wird er es gewiß nicht zum zweitenmale thun.« Dieſe Worte, ohne heftige Geſticulation, klingen nicht eben wie ein Compliment für die Frau, da aber Bumble die Drohung mit vielen kampfbegierigen Geberden beglei⸗ tete, wurde die Frau durch dieſen Beweis ſeiner leiden⸗ ſchaftlichen Liebe ſehr gerührt, und verſicherte, er ſei der liebenswürdigſte Mann, den ſie je geſehen. Der liebenswürdigſte Mann ſchlug ſeinen Rockkragen auf, ſetzte den dreieckigen Hut auf, gab ſeiner Zukünftigen einen langen liebevollen Kuß zum Abſchiede, ſetzte ſich von neuem dem kalten Nachtwinde aus, und hielt ſich nuͤr einige Minuten im Männerſaale auf, um die Anwe⸗ ſenden ein wenig herunter zu machen, und ſich ſo zu überzeugen, daß er das Amt eines Hausvaters im Ar⸗ beits⸗ und Armenhauſe übernehmen könne. Er war voll⸗ kommen mit ſich zufrieden, und verließ das Haus mit leichtem Herzen und mit Gedanken an ſeine Erhöhung, die ihn beſchäftigten, bis er die Wohnung des Sargfa⸗ brikanten und Leichenbeſtatters erreichte. Da Herr und Madame Sowerberry zum Thee und Abendeſſen ausgegangen waren, und Noah Claypole nie⸗ mals die Neigkeng in ſich verſpürte, ſich mehr anzuſtren⸗ gen als zum Eſſen und Trinken nöthig ſei, ſo ſtand die Werkſtatt noch offen, obgleich die Zeit des Zumachens längſt vorüber war; Bumble klopfte mehrmals mit ſeinem Stocke auf den Tiſch, da er aber dadurch keine Aufmerk⸗ ſamkeit im Hauſe erregte und ein Licht durch das Glas⸗ fenſter des kleinen Hinterſtübchens ſchimmern ſah, ſo blickte er dort hinein, um ſich zu überzeugen, was darin vorgehe; als er dies ſah, verwunderte er ſich nicht wenig. Der Tiſch war gedeckt, und darauf ſtanden Brot und Butter, Teller und Gläſer, ein Bierkrug und eine Wein⸗ — Oliver Twiſt. 85 flaſche. An dem obern Ende pflegte ſich Noah Claypole auf einem Armſtuhle, über deſſen einer Lehne er ſeine Beine gelegt hatte, und hielt ein offenes Einſchlagemeſſer in der einen, ein großes Stück Butterbrot in der andern Hand; dicht neben ihm ſtand Charlotte und machte Au⸗ ſtern aus einem Fäßchen auf, welche Claypole begierig verſchluckte. Eine mehr als gewöhnliche Röthe des Ge⸗ ſichtes dieſes jungen Menſchen wie ſeine ſtieren Augen verriethen, daß er ziemlich berauſcht ſei. „Da iſt eine köſtlich fette, lieber Noah,« ſagte Char⸗ lotte;»nur noch dieſe.« »Eine Auſter iſt doch etwas Delikates!« entgegnete Noah, nachdem er die fette verſchluckt hatte.„»Es iſt nur Schade, daß es Einem übel wird, wenn man eine Anzahl gegeſſen hat, Charlotte.“« »Ja, es iſt ſehr grauſam,« meinte Charlotte. „Ißt Du Auſtern gern?« „Nicht gar ſehr. Ich ſehe ſie Dich, guter Noah, lie⸗ ber eſſen, als daß ich ſie ſelber eſſe.« „Das iſt ſpaßhaft!« bemerkte Noah nachdenklich. „»Willſt Du noch eine?« »Es geht nicht mehr, leider! Komm her, Charlotte, ich will Dir einen Kuß geben.“« „»Was 2¹« rief Bumble, der raſch in das Stübchen trat.»Sag' das noch einmal!« Charlotte ſchrie und bedeckte ihr Geſicht mit der Schürze, während Claypole, ohne eine andere Verände⸗ rung in ſeiner Stellung vorzunehmen, als daß er ſeine Beine auf die Dielen ſtellte, den Vogt in trunkenem Schrecken anſtierte. 4 3 »Sag' das noch einmal, Du kecker Bube!« wieder⸗ holte Herr Bumble.»Wie kannſt Du Dich unterſtehen, ſo etwas zu ſagen, und wie kann Sie dazu ſchweigen? 86 Oliver Twiſt. Sie küſſen!« rief Bumble mit großem Unwillen.»Pfuil⸗ »Ich wollte es gar nicht thun,« ſagte Noah ſtotternd. »Sie küßt mich immer, ich mag wollen oder nicht.« »Oh, Noah,« erwiederte Charlotte in dem Tone des Vorwurfs. »Ja, das thuſt Du,« entgegnete Noah.»Sie thut es immer, Herr Bumble; ſie faßt mich am Kinne, Herr Bumble, und liebkoſet mich auf alle Art.« »Still!« gebot Bumble.»Hinunter in die Küche mit Ihr! Du, Noah, machſt die Werkſtatt zu, und ſagſt kein Wort mehr bis Dein Meiſter kommt; wenn er kommt, ſo ſagſt Du ihm, Herr Bumble habe hinterlaſſen, er ſolle morgen früh einen Sarg für eine alte Frau bringen. »Hörſt Du?— Küſſen!« wiederholte Bumble, indem er die Hände über dem Kopfe zuſammenſchlug.»Die Sünd⸗ haftigkeit und Verderbtheit der untern Claſſen hier iſt doch entſetzlich; wenn das Parlement ſeine Aufmerkſam⸗ keit nicht darauf richtet, ſo geht das Land noch zu Grunde.⸗ Mit dieſen Worten ſchritt Bumble aus dem Hauſe des Sargfabrikanten in majeſtätiſcher Haltung hinaus. Wir aber wollen, nachdem wir ihn ſo weit nach Hauſe begleitet und alle nöthigen Anſtalten zu dem Begräb⸗ niſſe der alten Frau gemacht haben, uns nach Oliver Twiſt umſehen, ob er noch in dem Graben liegt, in wel⸗ chem ihn Tobias Crackit verließ. . Oliver Twiſt. 87 b Zehntes Kapitel kehrt zu Oliver zurück und führt deſſen Abenteuer weiter. »Daß Euch die Wölfe an den Kehlen packten!« mur⸗ amelte Sikes, und knirſchte mit den Zähnen;»ich wollte, ich wäre unter Euch, ich würde Euch das Schreien ver⸗ treiben.« Während Sikes dieſe Verwünſchung in der gräßlich⸗ ſten Wildheit, der ſeine gräßliche Natur fähig war, her⸗ vorpolterte, ließ er den verwundeten Knaben auf ſeinem gebogenen Kniee ruhen, und ſah ſich einen Augenblick nach ſeinen Verfolgern um. 1 Es war in dem Dunkel und Nebel wenig zu erken⸗ nen, aber man hörte Leute rufen, und das Bellen der Hunde in der Nähe, welche durch die Lärmglocke geweckt wurden, ſchallte auf allen Seiten durch die Nacht. »Halt, Du haſenherzige Memmel« rief der Räuber dem Tobias Crackit zu, der ſeine langen Beine ſo gut 1 als möglich benutzte, und bereits eine ziemliche Strecke voraus war,»halt!« Die Wiederholung des Wortes brachte Crackit zum Stillſtehen, denn er wußte nicht gewiß, ob er außer dem Bereiche des Piſtolenſchuſſes ſei, und Sikes ſpaßte nicht »Trage den Knaben mit!« rief Sikes, und winkte wüthend ſeinem Genoſſen.»Komm zurückl« Tobias that, als komme er zurück, gab aber leiſe und faſt athemlos ſeinen Widerwillen gegen das Umkehren zu erkennen.. „Schneller!« rief Sikes, indem er den Knaben in ei⸗ 88 Oliver Twiſt. nem trockenen Graben vor ſich niederlegte und ein Piſtol aus der Taſche zog. In dieſem Augenblicke wurde der Lärm lauter, und Sikes konnte, als er ſich wieder umſah, erkennen, daß die Leute, die nacheilten, bereits das Feld erreichten, auf dem er ſtand, und daß ein Paar Hunde ihnen vorauseilten. »Es iſt vorbei, Bill,« ſagte Tobias,»laß den Jungen liegen und gieb Ferſengeld.« Mit dieſem guten Rathe zum Abſchiede drehete ſich Crackit wieder um, der ſich lieber dem Zufalle, von dem Freunde erſchoſſen, als der Gewißheit ausſetzen wollte, von ſeinen Feinden ergriffen zu werden, und lief davon, ſo ſchnell ſeine Beine ihn tragen wollten. Sikes biß die Zähne zuſammen, ſah ſich nochmals um, warf den Mantelkragen über Oliver, lief an der Hecke hin, als wolle er die Aufmerſamkeit der Nachſetzenden von Oliver ablenken, wartete einen Augen⸗ blick an einer andern Hecke, welche im rechten Winkel an die erſte ſtieß, warf ſein Piſtol weg, ſprang mit einem Satze über die Hecke und war verſchwunden. »Hier! hier!« rief eine zitternde Stimme hinten. »Pinſcher, Neptun, hier!« Die Hunde, welche, wie ihre Herren, dieſe Art Jagd nicht eben beſonders zu lieben ſchienen, gehorchten bereit⸗ willig dieſem Befehle, und drei Männer, die unterdeß eine Strecke in das Feld hineingegangen waren, blieben ſtehen, um ſich mit einander zu berathen. »Mein Rath oder meine Ordre, ſollte ich ſagen,« be⸗ merkte der Dickſte,»iſt, daß wir umkehren und nach Hauſe gehen.« »Ich ſtimme für Alles, was dem Herrn Giles beliebt,« ſagte ein kleinerer Mann, der ſehr blaß von Geſicht und ſehr höflich war, wie es erſchrockene Leute häufig ſind. »Ich will den Herren nicht widerſprechen,« bemerkte 4 Oliver Twiſt. der Dritte, welcher die Hunde zurückgerufen hatte.»Herr Giles muß wiſſen.« „Allerdings,« erwiederte der kleine Mann,»und was auch Herr Giles ſagt, wir dürfen nichts dagegen ſagen Nein, nein, ich kenne meine Stellung, Gott ſei Dank, ich kenne meine Stellung.“« Der kleine Mann ſchien wirklich zu wiſſen, wie ihm zu Muthe war, nämlich ſehr ſchlecht, denn die Zähne klapperten ihm im Munde, wäh⸗ rend er ſprach. »Du fürchteſt Dich, Brittles,« meinte Herr Giles. »Nein.« „»Ig.« „Es iſt nicht wahr, Herr Giles.«⸗ »Du lügſt.« Dieſe vier Antworten wurden durch die anzüglichen Worte des Herrn Giles veranlaßt, und dieſe anzüglichen Worte durch deſſen Unwillen darüber, daß man ihm die Verantwortlichkeit wegen der Umkehr unter der Form eines Complimentes zuſchob. Der Dritte brachte den Streit mit ganz philoſophiſcher Ruhe zu Ende. sSIch will es ſagen, wie die Sache iſt,« fiel er ein, „wir fürchten uns Alle.« »Von Dir ſelbſt kannſt Du ſo reden,« ſagte Giles, der Bläſſeſte von Allen. »Das thue ich auch,« antwortete der Mann.»Es iſt ganz natürlich, daß man ſich unter ſolchen Umſtänden fürchtet; ich fürchte mich.«. »Ich auch,« entgegnete Brittles, v»aber man ſoll es mir nur nicht auf ſolche Weiſe in das Geſicht ſagen.« Dieſe offenen Geſtändniſſe beſänftigten Herrn Giles, der nun ebenfalls geſtand, daß er ſich auch fürchte; ſie machten alſo»rechtsum kehrt« und liefen in der vollkom⸗ menſten Eintracht zurück, bis Herr Giles, der von den Oliver Twiſt. Dreien den kürzeſten Athem hatte und überdies mit einer Miſtgabel beſchwert war, ſtehen blieb, um Vorſtellungen gegen das allzu ſchnelle Laufen zu machen. »Es iſt wunderbar,« ſagte Giles darauf,»was ein Menſch thun kann, wenn er in Zorn iſt. Ich hätte einen Mord begehen können, gewiß, wenn wir einen von den Spitzbuben erwiſchten.« Die beiden Andern hegten gleiche Gedanken; da aber ihr Blut, wie das ſeinige, wieder ruhiger geworden war, ſo forſchten ſie nach der Urſache dieſer plötzlichen Verän⸗ derung in ihrem Temperamente. »Ich kenne ſie,« ſagte Herr Giles,»die Hecke war es.« »Das könnte wohl möglich ſein,« entgegnete Brittles der die Idee aufgriff. »Ihr könnt Euch darauf verlaſſen,« ſagte Giles,»die Hecke hemmte unſere Wuth. Ich fühlte, wie die meinige plötzlich von mir wich, als ich darüber kletterte.« Merkwürdiger Weiſe hatten die beiden Andern genau in demſelben Augenblicke daſſelbe unangenehme Gefühl gehabt, ſo daß es keinem Zweifel unterlag, die Hecke war Schuld, zumal eine Ungewißheit in Bezug auf die Zeit, in welcher dieſe Veränderung eingetreten war, durchaus nicht ſtattfand, weil ſich alle Drei erinnerten, daß ſie ge⸗ rade in dieſem Augenblicke die Räuber erblickt hatten. Das Geſpräch wurde zwiſchen den beiden Männern, welche den Einbruch bemerkt hatten, und einem wandern⸗ den Keſſelflicker geführt, der in einem Nebengebäude ge⸗ ſchlafen hatte, und mit ſeinen beiden Hunden geweckt und aufgefordert worden war, die Verfolgung mitzumachen. Giles war der Kellner und Haushofmeiſter der alten Be⸗ ſitzerin des Hauſes, und Brittles ein Diener»für Alles«, als Kind ſchon in den Dienſt gekommen, und wurde noch Oliver Twiſt. 91 immer als hoffnungsvoller Knabe behandelt, obgleich er in den Dreißigen ſtand. So ermuthigten ſie ſich einander, blieben aber trotz dem immer dicht bei einander, ſahen ſich ängſtlich um, ſo oft der Wind in dem Gebüſche rauſchte, und eilten nach dem Baume zurück, hinter den ſie ihre Laterne geſtellt hatten, damit die Diebe nicht wüßten, nach welcher Rich⸗ tung hin ſie ſchießen ſollten. Sie nahmen das Licht und gingen in einem Hundetrabe nach Hauſe. Die Luft wurde kälter, als der Morgen allmälig her⸗ annahete, und der Nebel zog am Boden hin wie eine dicke Rauchwolke; das Gras war naß, jeder Fußſteig und jede niedrige Stelle voll Koth und Waſſer, und der feuchte Athem eines ungeſunden Windes zog ſchlaff und wie keu⸗ chend über die Flur. Oliver lag noch immer bewußt⸗ und bewegungslos an der Stelle, wo ihn Sikes nieder⸗ gelegt hatte. Der Morgen grauete; die Luft wurde bei ſeinem erſten ſchwachen Schein ſchärfer und ſchneidender, und an dem Himmel ſchimmerte ſchwach mehr das Hinſterben der Nacht als das Erwachen des Tages. Die Gegenſtände, welche ſchauerlich in der Dunkelheit ausgeſehen hatten, traten deutlicher und deutlicher hervor und nahmen allmälig ihre gewöhnlichen Geſtalten wieder an. Der Regen fiel dicht in kleinen Tropfen und rauſchte in dem blätterloſen Gebuſch. Aber Oliver fühlte nicht, wie er auch auf ihn ſiel, ſondern lag da ausgeſtreckt hülf⸗ und bewußtlos auf ſeinem kalten Erdlager. Endlich unterbrach ein leiſer Schmerzensruf die all⸗ gemeine Stille, und mit ihm erwachte der Knabe. Sein in einen Shawl gewickelter Arm hing ſchwer und un⸗ brauchbar an ſeiner Seite, und der Verband war mit Blut getränkt. Er war ſo ſchwach, daß er ſich kaum 92 Oliver Twiſt. in eine ſitzende Stellung aufrichten konnte; als dies end⸗ lich geſchehen, ſah er ſich matt nach Hülfe um und jam⸗ merte vor Schmerz. Er zitterte vor Kälte und Erſchöp⸗ fung an allen Gliedern, bemühete ſich, auf die Füße zu kommen, ſchauerte aber vom Kopfe bis zu den Füßen und fiel zu Boden. Nachdem dieſer Rückfall von Betäubung, in welcher er ſo lange gelegen hatte, vorüber war, trieb Oliver eine Ahnung, daß er ſterben werde, wenn er da liegen bleibe, zu neuer Anſtrengung; er richtete ſich noch einmal auf die Füße und verſuchte zu gehen. Sein Kopf war ſchwin⸗ delig, und er wankte hin und her wie ein Betrunkener, hielt ſich aber doch aufrecht und ſtolperte mit matt auf die Bruſt hängendem Kopfe weiter, ohne zu wiſſen, wohin. Verworrene ſchauervolle Gedanken beſtürmten nun ſeinen Geiſt. Es war ihm, als gehe er noch zwiſchen Sikes und Crackit, die heftig mit einander ſtritten; denn ſelbſt die Worte, die ſie ſagten, klangen ihm in den Ohren, und als er ſeine eigene Aufmerſamkeit durch die Anſtren⸗ gung erregte, ſich vor einem Falle zu bewahren, uüͤber⸗ zeugte er ſich, daß er ſelbſt mit ihnen ſprach. Dann war er wieder allein mit Sikes und ſchritt raſch mit demſel⸗ ben hin, wie ſie den Tag vorher gethan hatten; er fühlte, wie der Räuber ſeine Hand feſter hielt, wenn Leute an ihnen vorbei kamen. Plötzlich prallte er bei dem Knalle von Schüſſen zurück und lautes Geſchrei füllte die Luft; Lichter flimmerten ihm vor den Augen, und eine unſicht⸗ bare Hand trug ihn unter Lärm und Geſchrei ſchnell da⸗ von. Durch alle dieſe ſchnellwechſelnden Traumgeſichte zog ſich ein unklares, hinderndes Gefühl von Schmerz, das ihn unabläſſig peinigte. So wankte er weiter und kroch mechaniſch durch Git⸗ ter und Löcher in Hecken, bis er einen Fahrweg erreichte. 4 Oliver Twiſt.. 93 In dieſem Augenblicke fing es ſo heftig zu regnen an, daß er darüber völlig erwachte. Er ſah ſich um und erblickte in nicht eben großer Entfernung ein Haus, das er zu erreichen hoffte. Die Leute darin, glaubte er, würden Mitleid mit ihm haben, wenn ſie ſeinen Zuſtand ſähen, und wäre dies auch nicht, ſo wollte er doch lieber in der Nähe menſchlicher Weſen, als auf dem öden freien Felde ſterben. Er raffte ſeine ganze Kraft zu einem letzten Verſuche zuſammen und wankte nach dem Hauſe hin. Als er demſelben näher kam, war es ihm, als habe er es früher ſchon einmal geſehen. Einer Einzelnheit in demſelben erinnerte er ſich zwar nicht, aber die Form des Hauſes war ihm genau bekannt. Dieſe Gartenmauer! Auf dem Graſe jenſeits war er in der vergangenen Nacht auf ſeine Kniee gefallen und hatte die beiden Männer um Barmherzigkeit angerufen. Es war daſſelbe Haus, an welchem ſie den Einbruch verſucht hatten. Als er den Ort wieder erkannte, überkam ihn ſolche Furcht, daß er für den Augenblick den Schmerz ſeiner Wunde vergaß und nur an die Flucht dachte. Flucht! Er konnte kaum ſtehen; aber wohin hätte er fliehen können, wäre er auch in vollem Beſitz ſeiner jugendlichen Kraft geweſen? Er lehnte ſich an die Gartenthür; ſie war nicht verſchloſſen und gingenuf. Er wankte über den freien Platz, klomm die Stufen hinan und klopfte ſchwach an die Thür; dann aber verließen ihn die Kräfte und er ſank an einem Pfeiler des kleinen Portales nieder. Giles, Brittles und der Keſſelflicker ſtärkten ſich eben nach den Strapazen und Schrecken der Nacht mit Thee und allerlei Dingen aus der Küche. Giles ließ ſich zwar zu keiner zu großen Vertraulichkeit gegen die niederen Diener herab, ſondern pflegte ſie immer ſo zu behandeln, 94 Oliver Twiſt. daß ſie ſeine höhere Stellung nicht vergeſſen konnten; aber Todesfälle, Feuersbrünſte und Hauseinbrüche ma⸗ „chen die Menſchen gleich, und Herr Giles ſaß mit aus⸗ geſtreckten Beinen vor dem Küchenfener, ſtemmte den lin⸗ ken Arm auf den Tiſch, und erläuterte mit dem rechten umſtändlich und genau den Einbruch, während die An⸗ weſenden, darunter auch die Köchin und die Hausmagd, athemlos und geſpannt zuhörten. „»Es war halb drei Uhr,« ſagte Herr Giles, oder vielleicht noch etwas näher an drei, als ich aufwachte, mich im Bette umdrehete(Herr Giles drehete ſich auf dem Stuhle um und zog den Zipfel des Tiſchtuches über ſich, um die Sache ganz anſchaulich zu machen) und ein Geräuſch zu hören glaubte.« Bei dieſer Stelle wurde die Köchin ganz blaß und ſagte der Hausmagd, ſie möge die Thür zumachen; die Hausmagd ſagte es Brittles, und Brittles ſagte es dem Keſſelflicker, dieſer aber that, als höre er es nicht. »Ein Geräuſch zu hören glaubte,« fuhr Herr Giles fort.»Erſt ſagte ich zu mir, es iſt Täuſchung, und wollte wieder einſchlafen; da hörte ich das Geräuſch wie⸗ der, ganz deutlich.« »Wie war denn das Geräuſch?« fragte die Köchin. »Ein gewiſſes knarrendes Geräuſch;“ antwortete Gi⸗ les, indem er ſich umſah. »Mehr als wenn man eine Eiſenſtange auf einem Reibeiſen hin⸗ und her zieht,« meinte Brittles. »So konnte es ſein, als Du es hörteſt,« erwiederte Giles;»damals war es ein Knarren. Ich ſchob das Deckbett von mir,« fuhr er fort, und rollte das Tiſch⸗ tuch zuſammen,»ſetzte mich im Bett auf und horchte.« Die Köchin und die Hausmagd riefen zu gleicher —— — Oliver Twiſt. 95 Zeit:»Herr Gott!« und rückten ihre Stühle näher an einander. »Jetzt hörte ich es ganz vernehmlich,« fuhr Herr Gi⸗ les fort.»Es zwaͤngt Jemand eine Thür oder ein Fen⸗ ſter auf, dachte ich bei mir. Ich will den armen Britt⸗ les wecken, damit er nicht in ſeinem Bette ermordet wird, oder, dachte ich, man ſchneidet ihm die Kehle von einem Ohr bis zum andern durch, ohne daß er etwas davon erfährt.“ Aller Augen richteten ſich auf Brittles, der die ſei⸗ nigen auf den Sprecher heftete, denſelben mit offenem Munde anſtarrte und deſſen Geſicht grenzenloſes Ent⸗ ſetzen verrieth. „Ich ſchob alſo das Deckbett weg,« ſagte Giles, in⸗ dem er das Tiſchtuch fortſchob und die Köchin wie die Hausmagd unverwandt anſah,»ſchlich aus dem Bette, fuhr in die—« »Es ſind Frauenzimmer zugegen, Herr Giles,« be⸗ merkte der Keſſelflicker. »Schuhe,« fuhr Giles fort, indem er ſich umdre⸗ hete und das Wort ſtark betonte,»nahm das geladene Piſtol, das alle Abende mik dem Silberkörbchen herauf⸗ kommt, und ſchlich auf den Zehen in ſeine Kammer. „Brittles!« ſagte ich, als ich ihn weckte,»erſchrick nicht!⸗ „Das thaten Sie,« bemerkte Brittles leiſe. »Mit uns iſt es aus, Brittles, ſagte ich,« fuhr Gi⸗ les fort,»aber erſchrick nicht.« »War er erſchrocken? Fürchtete er ſich?« fragte die Köchin. »Durchaus nicht,« erwiederte Giles.»Er war ſo ge⸗ faßt, ja— beinahe ſo gefaßt, wie ich.« „»Ich wäre auf der Stelle geſtorben,« meinte die Hausmagd. 96 4 Oliver Twiſt. »Du biſt auch ein Frauenzimmer,« ſprach Brittles, der ſich allmälig wieder ein Herz faßte. 4 »Da hat Brittles ganz Recht,« meinte Giles und nickte zuſtimmend,»von einem Frauenzimmer hätte man weiter nichts erwarten können. Wir aber ſind Männer, wir nahmen eine Laterne, die bei Brittles in der Kam⸗ mer ſtand, trappten in der pechſchwarzen Finſterniß die Treppe hinunter—« Herr Giles war von dem Stuhle aufgeſtanden und zwei Schritte mit zugedrückten Augen gegangen, um ſeine Beſchreibung mit der geeigneten Action zu begleiten, als er wie die Uebrigen gewaltig zuſammenfuhr und zu ſei⸗ nem Stuhle zurückeilte. Die Köchin und die Hausmagd ſchrieen laut auf. »Es pochte Jemand,« ſagte Herr Giles, wieder voll⸗ kommen ruhig,»es mache doch Jemand auf.« Niemand rührte ſich. »Ein ſolches Pochen in ſolcher Zeit früh iſt freilich etwas Sonderbares,« meinte Herr Giles, indem er lei⸗ chenblaß die blaſſen Geſichter um ihn her anſtarrte,»aber die Thür muß aufgemacht werden. Hört Jemand?« Giles ſah dabei Brittles an; da aber dieſer junge Mann von Natur ſehr beſcheiden war, ſo hielt er ſich wahrſcheinlich nicht für Jemand und meinte deshalb, die Frage könne ſich unmöglich auf ihn, beziehen. Jedenfalls antwortete er nicht. Giles richtete nun einen auffordern⸗ den Blick auf den Keſſelflicker, dieſer war aber plötlich eingeſchlafen. Von den Mädchen konnte natürlich die Rede nicht ſein. »Wenn Brittles die Thür lieber vor Zeugen aufma⸗ chen will,« ſagte Herr Giles nach einer Pauſe,»ſo bin ich bereit, ihm als Zeuge zu dienen.« — — Oliver Twiſt. 97 »Auch ich,« ſprach der Keſſelflicker, der ſo plötzlich er⸗ wachte, als er eingeſchlafen war. Unter dieſen Bedingungen capitulirte Brittles, und als ſich die Geſellſchaft durch die Entdeckung(die man durch das Oeffnen der Laden machte), etwas beruhigte, daß es heller Tag ſei, ſo ging ſie, die Hunde voraus, die Küchentreppe hinauf und die beiden Mädchen, die ſich fürchteten, allein unten zu bleiben, ſchloſſen den Zug. Auf den Rath des Herrn Giles ſprachen ſie alle ſehr laut, um dem Uebelgeſinnten, der vielleicht draußen war, bemerklich zu machen, daß ſie ziemlich zahlreich wären, und in Folge eines Meiſterſtückes der Klugheit, das von einem in der Geſellſchaft erſonnen wurde, kniff man die Hunde in den Schwanz, damit ſie recht laut bellen möchten. Nach dieſen Vorſichtsmaßregeln hielt Giles den Arm des Keſſelflickers feſt(damit derſelbe nicht davon laufe, wie er ſcherzweiſe ſagte), und befahl dann, die Thür zu öffnen. Brittles gehorchte; die Gruppe ſah ſchüchtern hinaus, Einer über die Achſeln des Andern und erblickte keinen furchtbarern Gegenſtand, als den armen kleinen ſprachloſen und erſchöpften Oliver, der die ſchweren Au⸗ genlieder aufſchlug und ſtumm um Mitkleid bat. »Ein Junge!« rief Giles, indem er den Keſeelflicker kräftig zurückſchob.»Was will der— he? Brittles— ſieh her— erkennſt Du ihn?« Brittles, der ſich bei dem Aufmachen hinter die Thür geſteckt, hatte kaum Oliver erblickt, als er laut erklärte, den Jungen wiederzuerkennen. Giles faßte den Knaben an einem Beine und einem Arme— zum Glück nicht an dem verwundeten— trug ihn in die Hausflur und legte ihn da der Länge lang auf den Boden.„Da iſt er!« ſchrie Giles in gewaltiger Aufregung die Treppe Oliver Twiſt. II. 7 98 Oliver Twiſt. hinauf;„da iſt einer der Diebe, Madame! Da iſt ein Dieb, Fräulein!— verwundet, Fräulein! Ich ſchoß ihn, Fräulein, und Brittles hielt das Licht.« »In einer Laterne, Fräulein!« ſchrie Brittles, indem er die Hand neben den Mund hielt, damit es beſſer ſchalle. Die beiden Mägde liefen die Treppe hinauf, um die Nachricht zu bringen, Giles habe einen Räuber ergriffen, und der Keſſelflicker bemühete ſich, Oliver wieder zum Bewußtſein zu bringen, damit er nicht ſterbe, ehe er ge⸗ fangen werde. Unter allem dieſen Lärm und Geſchrei hörte man eine ſanfte weibliche Stimme, welche ſogleich die Ruhe herſtellte. »Giles!« flüſterte die Stimme oben auf der Treppe. »Hier bin ich, Fräulein,« antwortete Giles.»Fürch⸗ ten Sie ſich nicht, Fräulein; ich bin nicht ſehr beſchä⸗ digt. Er wehrte ſich nicht eben ſehr, Fräulein; es wa⸗ ren zu Viele für ihn.«⸗ »Still!« gebot die junge Dame,»Ihr erſchreckt meine Tante faſt ſo ſehr, als ſie die Diebe erſchreckten. Iſt der arme Menſch ſchwer verletzt? »Stark verwundet, Fräulein,« erwiederte Giles mit unbeſchreiblicher Selbſtzufriedenheit. »Er ſieht aus, als wolle er eben himmeln, Fräulein,⸗ ſchrie Brittles wie vorher.»Wollen Sie nicht herunter kommen und ihn anſehen, Fräulein, wie er vielleicht—⸗ »Stille doch!« entgegyete die junge Dame.»Wartet ruhig einen Angenblick, Wahrend ich mit meiner Tante ſpreche.⸗ Mit einem Tritte, ſo ſanft und leiſe, wie ihre Stim⸗ me, trippelte die Sprecherin fort und kam bald mit der Weiſung zurück, der Verwundete ſolle vorſichtig herauf in das Zimmer des Herrn Giles getragen werden, Britt⸗ — Oliver Twiſt. 99 les aber ſogleich nach Chertſey reiten und von dort einen Arzt und Gerichtsdiener holen. »Aber wollen Sie ſich ihn nicht vorher einmal anſe⸗ hen, Fräulein,« ſagte Giles ſo ſtolz, als ſei Oliver ein Vogel von ſeltener Schönheit, den er mit großer Ge⸗ ſchicklichkeit gefangen oder geſchoſſen habe.»Auch nicht ein Blickchen, Fräulein?« »Nicht um die Welt!« antwortete die junge Dame. »Der arme Menſch! Behandelt ihn ja recht gut, wäre es auch nur mir zu gefallen.« Der alte Diener ſah zu der Sprecherin hinauf, als dieſelbe ſich umdrehete, ſo ſtolz und bewundrungsvoll, als ſei ſie ſein eigenes Kind. Dann bog er ſich über Oliver und half denſelben bedächtig und vorſichtig die Treppe hinauftragen. Elftes Kapitel ſchildert anfangs die Bewohner des Hauſes, in welchem ſich Oliver nun befand, und erzählt dann, was ſie von ihm dachten. In einem ſchönen Zimmer— ohgleich die Meubles mehr nach altmodiſcher Bequemlichkeit als nach moder⸗ ner Eleganz ausſahen— ſaßen zwei Damen an einem wohlverſehenen Frühſtückstiſche. Giles, ſorgfältig in Schwarz gekleidet, bediente ſie. Er hatte ſeine Stellung in der Mitte zwiſchen dem Buffet und dem Frühſtücks⸗ tiſche genommen, ſeinen Körper vollkommen gerade ge⸗ richtet, den Kopf oben über und ein ganz klein wenig auf die Seite geworfen, den linken Fuß vorgeſtreckt und 7*⁴π 100 Oliver Twiſt. die rechte Hand in die Weſte geſteckt, wäͤhrend die linke mit einem Teller an der Seite hing, und ſah ſo aus, wie Jemand, der von ſeinen Verdienſten und ſeiner Wich⸗ tigkeit vollkommen überzeugt iſt. Eine der beiden Damen war in Jahren bereits vor⸗ gerückt, aber der eichene Stuhl mit hoher Lehne, auf welchem ſie ſaß, ſtand nicht ſteifer als ſie da ſaß. Sie war mit der äußerſten Sorgfalt zwar zum größten Theile nach alter Sitte gekleidet, hatte aber doch dem herrſchen⸗ den Geſchmacke einige Coneceſſionen gemacht, welche die alte Mode mehr hervorhoben, als dem Effecte derſelben Eintrag thaten, und ſo ſaß ſie ſtattlich da, die Hände auf dem Tiſche vor ihr gefaltet, während ſie die Augen, deren Glanz nur wenig von dem Alter gebleicht war, unverwandt auf ihre junge Geſellſchafterin richtete. Die jüngere Dame ſtand in der lieblichen Blüthe des weiblichen Frühlings, in dem Alter, in welchem man, ließe Gott jemals einige ſeiner Engel in menſchlicher Ge⸗ ſtalt erſcheinen, dieſelben in ſolcher ſuchen kann, wie die ihrige war. Sie ſtand noch im ſiebenzehnten Jahre und war ſo zart, ſo ſanft und mild, ſo rein und ſchön, daß die Erde ihr Element nicht zu ſein ſchien, und die rohen Geſchöpfe auf derſelben unmöglich zu ihr paſſen konnten. Auch der hohe Verſtand, welcher aus ihren dunkelblauen Augen ſprach und auf ihrer edlen Stirn lag, ſchien kaum ihrem Alter oder der Welt anzugehören, und doch zeugten der wechſelnde Ausdruck von Sanftmuth und guter Laune, die tauſend Lichter, die um ihr Antlitz ſpielten und kei⸗ nen Schatten darauf ließen, vor Allem aber das Lächeln, das freundliche, glückliche Lächeln, von den beſten Ge⸗ fühlen unſerer Menſchennatur. Sie war emſig an dem Tiſche beſchäftigt, und wenn Oliver Twiſt. 101 ſie ihre Augen erhob, während die ältliche Dame ſie an⸗ blickte, ſtrich ſie leicht ihr Haar zurück, das einfach ge⸗ flochten an ihrer Stirn lag, und legte in einen einzigen Blick ſo viel Liebe ſund kunſtloſe Liebenswürdigkeit, daß ſelbſt ſelige Geiſter ſie mit einem Lächeln betrachtet ha⸗ ben würden. Die aͤltere Dame lächelte, aber ihr Herz war ſchwer und ſie zerdrückte eine Thräue. „Und Brittles iſt bereits ſeit einer Stunde fort, nicht wahr?« fragte die alte Dame nach einer Pauſe. »Seit einer Stunde und zwölf Minuten, Madame,« erwiederte Giles, indem er eine ſilberne Uhr an einem ſchwarzen Bande aus der Taſche zog. »Er iſt immer langſam,« bemerkte die alte Dame. „Brittles war immer ein langſamer Junge, Ma⸗ dame,« erwiederte Giles. Da Brittles nun bereits ſeit dreißig Jahren ein langſamer Junge war, ſo ließ ſich ſchwerlich erwarten, daß er werde ſchneller werden. „Er wird immer ſchlimmer ſtatt beſſer, wie es ſcheint,« fuhr die Damesfort. »Es iſt unverantwortlich von ihm,« fiel die junge Dame lächelnd ein,»wie er unterwegs mit andern Jun⸗ gen ſpielt.« Giles ſchien ſein Geſicht eben auch zu einem Lächeln verziehen zu wollen, als ein Gig an der Gartenthür hielt und ein dicker Herr ausſtieg, der gerade auf die Thür zulief, unbegreiflich ſchnell in das Haus kam, in das Zimmer ſtürzte, und Herrn Giles wie das Früh⸗ ſtückstiſchchen faſt uͤber den Haufen warf. 1 »Habe ich doch ſo etwas in meinem Leben nicht ge⸗ hört!« begann der dicke Herr.—»Meine theure Ma⸗ dame Maylie— und nochsdazu in der ſtillen Nacht!— ich habe nie ſo etwas gehört!« 102 Oliver Twiſt. Waͤhrend dieſer Condolenzausdrücke reichte der dicke Herr den beiden Damen die Hand, nahm einen Stuhl und fragte, wie ſie ſich befänden. »Sie müſſen zum Tod erſchrocken ſein, wahrhaftig zum Tod,« meinte der dicke Herr.»Warum ſchickten Sie nicht? Mein Bedienter wäre in einer Minute dage⸗ weſen; auch ich und mein Famulus würden uns ein Ver⸗ gnügen daraus gemacht haben und Jedermann, gewiß, unter ſolchen Umſtänden. Liebe Madame,— ſo uner⸗ wartet— und noch dazu in der ſtillen Nacht!« Dem Doktor ſchien es beſonders merkwürdig vorzu⸗ kommen, daß der Einbruch nicht erwartet und in der Nacht unternommen worden war, als wenn die Spit⸗ buben ihre Geſchäfte bei hellem Tage trieben, und ſich ein oder ein Paar Tage vorher anmelden ließen. »Und Sie, Fräulein Roſa,« ſagte der Doktor, zu der jungen Dame gewendet, vich——« »Ja, ich bin ſehr erſchrocken,« antwortete Roſa,»aber oben liegt ein armer Menſch, den Sie doch beſuchen möchten, wünſcht die Tante.«⸗ »Das war Deine Arbeit, Giles, wie ich höre,« ſagte der Doktor. Giles, der zitternd die Theetaſſen zurechtgeſtellt hatte, wurde roth bis an die Ohren, und antwortete: er habe die Ehre gehabt. 4 »Ehre, he?« antwortete der Doktor, vich weiß nicht, vielleicht iſt es ſo ehrenvoll, einen Dieb in einer dunkeln Küche zu treffen, als einen Geanhe in einer Entfernung von zwölf Schritten. Denke Dir, er habe in die Luft geſchoſſen, und Du haſt ein Duell auf Piſtolen beſtan⸗ den, Giles.⸗« Giles, der dieſe Behandlung der Sache für einen ungerechten Verſuch anſah, ſeinen Ruhm zu ſchmälern, Oliver Twiſt. 103 erwiederte ehrerbietig, das könne er nicht beurtheilen, er glaube aber, es ſei auf der andern Seite kein Spaß ge⸗ weſen. »Ich glaub' es,« ſagte der Doktor.»Wo iſt er? Führ' mich hin. Ich werde auf dem Rückwege wieder bei Ihnen einſprechen, Madame Moylie.— Das iſt das kleine Fenſter, durch welches er kroch? Sollte es doch nicht glauben.“ So auf dem ganzen Wege ſprechend folgte er Giles die Treppe hinauf, und während er dies thut, kann ich dem Leſer ſagen, daß Herr Losberne, ein Chirurg, in einem Umkreiſe von einem Paar Stunden allgemein als der»Doktor« bekannt, mehr von guter Laune als von gutem Leben dick geworden, und ein ſo gutmüthiger, dabei ſeltſamer alter Hageſtolz war, wie man einen ähnlichen ſelten wiederfinden dürfte. Der Doktor blieb länger als er ſelbſt erwartet, und die Damen vermuthet hatten. Es wurde ein flaches Käſtchen aus dem Gig geholt, eine Klingel ſehr oft gezo⸗ gen, und die Leute liefen fortwährend Trepp' auf Trepp' ab, ſo daß man vermuthen konnte, es gehe oben etwas Wichtiges vor. Endlich kam er wieder, machte als Ant⸗ wort auf eine ängſtliche Frage nach dem Patienten ein ſehr geheimnißvolles Geſicht und verſchloß ſorgfältig die Thür. 3 „»Das iſt etwas ganz Außerordentliches, Madame Maylie,« ſagte der Doktor, indem er ſich mit dem Rü⸗ cken an die Thür ſtellte, als wolle er auch dadurch das Oeffnen derſelben verhindern. »Er iſt hoffentlich nicht in Gefahr?« ſagte die alte Dame. „Das würde nichts Außerordentliches bei dieſen Um⸗ ſtänden ſein,« erwiederte der Doktor,»obgleich er es nicht zu ſein ſcheint. Haben ſie den Dieb geſehen?« 104 Oliver Dwiſt. »Nein,« antwortete die alte Dame. »Auch nichts über ihn gehört?« „»Nein.« »Ich bitte um Entſchuldigung, Madame,« fiel Giles ein,»vich wollte Ihnen eben von ihm erzählen, als der Doktor Losberne eintrat.« Die Wahrheit war, Giles hatte ſich noch nicht zu dem Geſtändniſſe entſchließen können, daß er nur einen Knaben geſchoſſen. Man hatte ſeine Tapferkeit ſo ſehr gerühmt, daß er durchaus die Erklärung noch um einige koſtbare Minuten verſchieben mußte, die er dann auf dem höchſten Gipfel eines kurzen Rufes von unerſchütter⸗ lichem Muthe genoß. »Roſa wünſchte den Mann zu ſehen,« ſagte Madame Maylie,»aber ich erlaubte es nicht.« »Hm!« erwiederte der Doktor.»Sein Ausſehen hat gar nichts Abſchreckendes. Wollen Sie ihn in meiner Gegenwart ſehen?« »Wenn es nöthig iſt, ja,« antwortete die alte Dame. »So halte ich es für nöthig,« ſagte der Doktor;»in jedem Falle bin ich feſt überzeugt, Sie würden es ſpäter ſehr bedauern, ihn nicht geſehen zu haben. Er iſt voll⸗ 8 kommen ruhig, und befindet ſich jetzt den Umſtänden nach recht gut. Erlauben Sie,— Fräulein Roſa, wollen Sie t mir erlauben? Ich gebe mein Ehrenwort, Sie haben nicht Urſache ſich zu fürchten.« Unter vielen andern geſchwätzigen Verſicherungen, daß ſie durch den Anblick des Verbrechers angenehm überraſcht werden würden, nahm der Doktor den Arm des Mäd⸗ chens in den ſeinigen, bot ſeine andere freie Hand der Madame Maylie und führte ſie unter vielen Compli⸗ menten die Treppe hinan. „»Nun,« ſagte er leiſe, indem er die Thür des Zim⸗ 8 Oliver Twiſt. 105 mers vorſichtig aufmachte,»laſſen Sie hören, was Sie von ihm denken. Er iſt freilich nicht raſirt, auch wohl lange nicht gewaſchen, ſieht aber dennoch eben nicht wild aus. Erſt aber warten Sie; ich will zuſehen, ob er Beſuch annehmen kann.« Er ſah in das Zimmerchen hinein, winkte den Da⸗ men, ihm zu folgen, verſchloß die Thür und zog leiſe und langſam die Vorhänge am Bette zurück. Da lag ſtatt des verſtockten ſchwarzen Böſewichtes, den ſie zu erblicken erwarteten, ein Kind, das, erſchöpft von Schmerz und Anſtrengung, in tiefen Schlaf verſunken war. Der ver⸗ wundete, verbundene und geſchiente Arm lag auf ſeiner Bruſt und ſein Kopf auf dem andern Arme, der durch das lange Haar, das über das Kiſſen floß, faſt ganz ver⸗ ſteckt wurde. Der brave Arzt hielt den Vorhang in der Hand und ſah das Kind ein Paar Minuten lang ſchweigend an. Das junge Mädchen ging unterdeß leiſe zurück, ſetzte ſich auf einen Stuhl am Bette, ſtrich Oliver das Haar aus dem Geſichte, und ließ, als ſie ſich ſo über ihn bückte, einige Thränen auf ſeine Stirn fallen. Der Knabe bewegte ſich und lächelte in ſeinem Schlafe, als weckten dieſe Zeichen des Mitleids und der Theil⸗ nahme in ihm einen freundlichen Traum von der Liebe und Zuneigung, die er nie gekannt, wie die Töne einer ſanften Muſik oder das Rauſchen von Waſſer an einem ſtillen Plätzchen, oder der Geruch einer Blume, ja, nur die Erwähnung eines vertraulichen Wortes bisweilen dunkele Erinnerungen an Scenen hervorrufen, die in die⸗ ſem Leben nicht vorgekommen ſind, wie ein Hauch ver⸗ ſchwinden und auf ein längſt verfloſſenes, glücklicheres Da⸗ ſein deuten. „»Was kann dies bedeuten?« rief die ältere Dame. 106 Oliver Twiſt. „Dieſes arme Kind kann unmöglich in der Schule von Räubern geweſen ſein.⸗ »Das Verbrechen,« ſeufzte der Arzt, und ließ den Vorhang zurückfallen,„hält ſich in gar vielen Tempeln auf, und wer kann behaupten, daß es nicht auch in einer ſchönen Geſtalt wohne?« Aber in einem ſo frühen Alter,« bemerkte Roſa. »Mein liebes junges Fräulein,« erwiederte der Arzt, indem er betrübt ſein Haupt ſchüttelte,„das Verbrechen iſt wie der Tod nicht bloß auf Bejahrte beſchränkt. Oft ſind die Jüngſten und Schönſten ſeine Opfer.« »Aber können Sie, Sir, können Sie wirklich glauben, daß dieſes zarte Kind freiwillig ſich dem Auswurfe der Menſchheit angeſchloſſen hat?« fragte Roſa ängſtlich. Der Arzt ſchüttelte das Haupt, als wolle er ſagen, er fürchte doch, daß es möglich ſei, ſetzte dann aber hin⸗ zu, ſie könnten den Knaben ſtören, und ging mit den Damen in ein anſtoßendes Zimmer. »Iſt er aber auch bös geweſen,« fuhr Roſa fort,»ſo bedenken Sie, wie jung der Knabe iſt, bedenken Sie, daß er vielleicht nie Mutterliebe, wohl gar die Wonne einer Heimat nicht gekannt hat, daß er durch Mißhandlung, Schläge und Hunger kann gezwungen worden ſein, ſich zu den Menſchen zu halten, die ihn zum Verbrechen trieben. Tante, liebe Tante, bedenken Sie dies, ehe Sie das kranke Kind in das Gefängniß ſchleppen laſſen, das in jedem Falle ihm die Möglichkeit benimmt, ſich zu beſſern. Ach, wenn Sie mich lieben, wenn Sie wiſſen, daß ich bei Ihrer Güte und Liebe nie den Verluſt der Aeltern gefühlt habe, daß ich aber eben ſo hülf⸗ und ſchutzlos hätte ſein können, wie dieſes arme Kind, ſo haben Sie Mitleiden mit ihm, ehe es zu ſpät iſt« »Mein liebes Kind,« antwortete die ältere Dame, in⸗ — Oliver Twiſt. 107 dem ſie das weinende Mädchen an ihr Herz druͤckte,„denkſt Du, ich wollte ihm das Geringſte zu Leide thun?« »Ach nein,« entgegnete Roſa,»Sie nicht, Tante, Sie nicht.« »Nein,« fuhr die Dame mit bebender Lippe fort, „mein Leben neigt ſich zum Ende, und möge ich Gnade finden, wie ich ſie gewähre. Was kann ich thun, um ihn zu retten, Sir?« „Laſſen Sie mich darüber nachdenken, Madame,« ant⸗ wortete der Doktor,»laſſen Sie mich nachdenken.“« Losberne ſteckte die Hände in die Taſchen, ging mehr⸗ mals in dem Zimmer auf und ab, blieb oft ſtehen, wiegte ſich auf den Schuhſpitzen und zog die Stirn in Falten. Nach verſchiedenen Ausrufungen,»jetzt hab' ich's,« und „nein, ich hab's nicht,« und nach eben ſo vielmaligem Hin⸗ und Hergehen und Stirnfalten blieb er endlich feſt ſtehen und ſprach alſo: »Ich denke, wenn Sie mir unbeſchränkte Vollmacht und Erlaubniß geben, Giles und den kleinen Jungen Brittles in Furcht zu jagen, wird es ſich machen laſſen. Er iſt ein braver Kerl und ein alter Diener, ich weiß es, aber Sie können es auf tauſenderlei Weiſe wieder gut machen und ihn belohnen, daß er nebenbei noch ein ſo guter Schütze iſt. Sie haben alſo nichts dagegen?« „»Wenn es kein anderes Mittel giebt, das Kind zu retten,« erwiederte Madame Maylie. »Nein, es giebt kein anderes,« ſagte der Doktor,»kein anderes, verlaſſen Sie ſich auf mein Wort.« »Dann giebt Ihnen die Tante völlige Freiheit,« ſagte Roſa, und lächelte durch ihre Thränen,»aber, bitte, be⸗ handeln Sie die armen Leute nicht ſchlimmer, als es durchaus nöthig iſt.« „Sie ſcheinen zu glauben,« entgegnete der Doktor, 108 . Oliver Twiſt. valle Welt ſei grauſam und hartherzig, außer Ihnen. Ich hoffe nur zum Wohle des heranwachſenden Männerge⸗ ſchlechtes, der erſte wahlfähige junge Mann, der ſich an Ihr Mitleid wendet, möge Sie in eben ſo weichherziger Stimmung finden, und ich wollte, ich wäre ein junger Mann, ich würde auf der Stelle dieſe günſtige Stim⸗ mung benutzen.« »Sie ſind ebenfalls ein großes Kind wie der arme Brittles,« antwortete Roſa erröthend. Der Doktor lachte und fuhr dann fort:»aber auf den Knaben zurückzukommen; der Hauptpunkt unſerer Uebereinkunft folgt noch. In einer Stunde etwa wird er erwachen, und obgleich ich dem dickköpfigen Gerichts⸗ diener unten geſagt habe, es ſei höchſt gefährlich, ihn jetzt zu bewegen oder nur mit ihm zu ſprechen, ſo denke ich doch, wir können ohne Gefahr mit ihm reden. Ich ſtelle nur die Bedingung, daß ich ihn in Ihrer Gegenwart eraminire, und daß wir, wenn wir aus dem, was er ſagt, ſchließen können, er ſei wirklich ſchon verdorben(was mehr als möglich iſt), ihn ſeinem Schickſale unbedingt über⸗ laſſen.« »Ach nein, Tante,« bat Roſa. »Ach ja, Tante,« ſagte der Doktor.»„Sind wir einig?« 3 »Er kann noch kein verſtockter Böſewicht ſein,« fuhr Roſa fort, ves iſt unmöglich.« 3 »Ganz gut,« meinte der Doktor,»um ſo leichter kön⸗ nen Sie meinem Vorſchlage beitreten.« Der Vorſchlag wurde angenommen und Alle ſetzten ſich, um zu warten, bis Oliver erwache. Die Geduld der beiden Damen ſollte auf eine längere Probe geſtellt werden, als Herr Losberne ihnen geſagt hatte, denn eine Stunde nach der andern verging, und — Oliver Twiſt. 109 Oliver ſchlief noch immer feſt. Es war Abend, als ihnen der gutherzige Doktor endlich die Nachricht brachte, der Knabe ſei ſo weit munter, daß man mit ihm ſprechen könne, zwar ſehr krank und vom Blutverluſt geſchwächt, aber er ſcheine ſo gern etwas offenbaren zu wollen, daß er es für beſſer halte, ihm die Gelegenheit dazu zu ge⸗ ben, als darauf zu beſtehen, er müſſe ſich bis zum näch⸗ ſten Morgen ruhig verhalten, was er außerdem gethan haben würde. Die Conferenz währte ſehr lange, denn Oliver erzählte ihnen ſeine ganze kleine Geſchichte, und wurde oft darin durch den Schmerz und den Mangel an Kraft unterbro⸗ chen. Es hatte etwas Schauerliches, in dem dunkeln Zimmer mit der ſchwachen Stimme des kranken Kindes eine taurige Reihe von Unfällen und Leiden erzählen zu hören, die böſe Menſchen über ihn gebracht. Ach, dächten wir nur einen Augenblick, wenn wir unſere Mitmenſchen drücken und quälen, an die Zeugniſſe des menſchlichen Irrthums, die wie dichte ſchwere Wol⸗ ken zwar langſam, aber nicht minder ſicher zum Himmel aufſteigen, um ſpäte Rache über unſere Häupter auszu⸗ ſchütten,— ach, hörten wir nur in Gedanken einmal die Stimme der Todten, die keine Gewalt erſticken, kein Stolz hemmen kann, und das Unrecht, das Leiden, das Elend, die Grauſamkeit, die jeder Tag mit ſich bringt, würden nicht ſein. Das Kiſſen Olivers wurde dieſe Nacht von weiblicher. Hand glatt geſtrichen, und die Liebenswürdigkeit und Tu⸗ gend wachten, während er ſchlief. Er fühlte ſich ruhig und glücklich, und hätte ſterben können, ohne Murren. Kaum war die wichtige Conferenz vorüber und Oli⸗ ver geneigt, wieder einzuſchlummern, als der Doktor mit der Hand über die Augen fuhr, dieſelben in der gewöhn⸗ 110 1 Oliver Twiſt lichen Redensart verwünſchte, daß ſie ſo ſchwach wäͤren, und dann hinunterging, um Giles vorzunehmen. Da er in dem Sprechzimmer Niemand fand, ſo ſiel ihm ein, er könne ſein Verfahren wohl mit noch beſſerer Wirkung in der Küche beginnen und begab ſich alſo in dieſe hinab. In dieſem Unterhauſe des Dienerparlementes waren die beiden Mägde, Brittles, Giles, der Keſſelflicker(der eingeladen worden war, wegen ſeiner Dienſte den Tag dazubleiben und ſich gütlich zu thun) und der Gerichts⸗ diener beiſammen. Der Letztere hatte einen großen Stock, einen großen Kopf, einen großen Mund und große Halb⸗ ſtiefeln, und ſah aus, als habe er eine verhältnißmäßige Portion Bier zu ſich genommen, was auch wirklich der Fall war. Die Abenteuer der vorigen Nacht wurden noch immer beſprochen, denn Giles ſprach gerade von ſeiner Geiſtes⸗ gegenwart als der Doktor eintrat, und Brittles, der einen großen Krug Bier in der Hand hatte, bekräftigte Alles, noch ehe es ſein Vorgeſetzter geſagt hatte. »Bleibt ſitzen!« ſagte der Doktor und winkte mit der Hand. »Ich danke, Sir,« entgegnete Giles.»Das Fräulein wünſchte, es ſolle einiges Bier zum Beſten gegeben wer⸗ den, und da ich keine Sehnſucht nach meinem eigenen Zimmerchen fühlte, vielmehr nach Geſellſchaft verlangte, ſo trinke ich meinen Theil hier mit.⸗ Brittles gab ein leiſes Gemurmel von ſich, womit er andeuten wollte, wie ſehr ſich die Geſellſchaft von der Herablaſſung des Herrn Giles geehrt fühle, Giles dage⸗ gen ſah ſich mit einem Gönnerblicke um, als wolle er ſagen, ſo lange ſie ſich geziemend aufführten, würde er ſie nicht verlaſſen.. „»Wie geht es mit dem Kranken, Sir?« fragte Giles. Oliver Twiſt. 111 „So ſo,« antwortete der Doktor;»ich fürchte, Giles, Du haſt da einen ſehr dummen Streich gemacht.« »Ich will nicht hoffen, Sir,« ſagte Giles zitternd, „daß er ſterben muß. Wenn das geſchähe, würde ich in meinem ganzen Leben nicht wieder froh. Ich könnte kein Kind tödten, nicht einmal Brittles da, nein, um alles Gold in der Welt nicht, Sir.⸗« „Das iſt es nicht,« ſagte der Doktor mit geheimniß⸗ voller Miene.»Giles, biſt Du Proteſtant?« »Ja, Herr, das hoffe ich,« ſtotterte Giles, der ſehr blaß geworden war. »Und was biſt Du, Junge?« fuhr der Doktor fort, indem er ſich raſch nach Brittles umdrehte. »Gott ſei mir gnädig, Sir,« antwortete Brittles, der gewaltig zuſammenfuhr,»ich bin das, was Giles iſt.⸗ „Dann antwortet mir,« ſprach der Doktor ſehr ernſt, »Ihr Beide, könnt Ihr einen körperlichen Eid’ ſchwören, daß der Knabe eben der Junge iſt, welcher vorige Nacht durch das kleine Fenſter hereingeſteckt wurde? Heraus damit! Sagt an, wir ſind bereit.⸗« Der Doktor, der allgemein für die gutmüthigſte Seele auf Gottes Erdboden galt, ſprach dies in einem ſo fürch⸗ terlichen Tone des Zornes, daß Giles und Brittles, die ſehr viel Bier getrunken hatten, einander wie verſteinert anſahen.. »Geben Sie Acht auf die Antwort, Conſtable,⸗ fuhr der Doktor fort, indem er ſeinen Zeigefinger mit großer Feierlichkeit bewegte und damit auf ſeine Naſe klopfte, um dem Angeredeten anzudeuten, er möge ſeinen Verſtand zuſammennehmen.»Es wird darauf ſehr viel ankommen.« Der Gerichtsdiener machte ein ſo weiſes Geſicht, — 112 1 Oliver Twiſt. 4 als ihm möglich war, und nahm ſeinen Amtsſtock zur Hand, der am Heerde lehnte. » Es iſt eine einfache Identitätsfrage, werden Sie bemerken,« ſagte der Doktor. »Das iſt es,« antwortete der Gerichtsdiener unter heftigem Huſten, denn er hatte eilig ſein Bier ausge⸗ trunken und etwas davon war ihm in die unrechte Kehle gekommen. »Man bricht in ein Haus ein,« ſagte der Doktor, »und ein Paar Leute werfen einen flüchtigen Blick auf einen Knaben in Pulverdampf, in Dunkel und Schreck. Am nächſten Morgen kommt ein Knabe an daſſelbe Haus, und jene Leute legen, weil zufällig ſein Arm verbunden iſt, Hand an ihn— wodurch ſie ſein Leben in große Gefahr bringen— und ſchwören, er ſei der Dieb. Nun 1 iſt die Frage, haben dieſe Leute die Wahrheit beſchwo⸗ ren, und, iſt dies nicht der Fall, in welche Lage haben ſie ſich gebracht?« Der Gerichtsdiener nickte ſehr klug und ſagte, wenn das nicht das pure blanke Recht ſei, ſo möchte er doch wiſſen, was ſonſt Recht ſei. „ Ich frage Euch noch einmal,« donnerte der Dok⸗ tor,»wollt Ihr es feierlich beſchwören, daß das derſelbe Knabe iſt?. Brittles ſah zweifelhaft Giles und Giles ebenſo* Brittles an; der Gerichtsdiener hielt die Hand hinter das Ohr, um die Antwort recht deutlich zu vernehmen;* die beiden Mädchen und der Keſſelflicker lehnten ſich hor⸗ chend vorwärts, und der Doktor ſah ſich rund im Kreiſe um, als man die Klingel an der Thür und dann Räder rollen hörte. »Das ſind ſie!« rief Brittles, offenbar ſehr er⸗ leichtert. Oliver Twiſt 113 „Welche'ſtee?« fragte der Doktor, ſelbſt erbleichend. »Die Polizeidiener aus London, Sir,« antwortete Brittles, indem er ein Licht nahm;»ich und Giles⸗ haben heute früh nach ihnen geſchickt.« „Was?« rief der Doktor. „Ja,« entgegnete Brittles,»ich ſagte es dem Po⸗ ſtillon, und wundere mich nur, daß ſie nicht ſchon eher gekommen ſind.« „Wirklich! wirklich? So verdamm' Euch Gott— mit Euren langſamen Poſten,« rief der Doktor und ging fort. Z woͤlftes Kapitel, enthält einen kritiſchen Fall. »Wer iſt da?« fragte Brittles, indem er die Thür ein wenig öffnete, die Hand vor das Licht hielt und hinausſchielte. „Die Polizeidiener aus London, nach denen heute geſchickt worden iſt,« antwortete man draußen. Durch dieſe Antwort vollkommen beruhigt, machte Brittles die Thür weit auf, und ſah vor ſich einen ſtattlichen Mann in einem großen Rocke, der, ohne wei⸗ ter etwas zu ſagen, hereintrat und die Stiefeln an der Decke abſtrich, als ſei er da zu Hauſe.. 3„Schicken Sie doch Jemanden hinaus, junger Menſch, daß mein Camerad erlöſet wird,« ſagte der Polizeimann. weEr iſt in dem Gig. Haben Sie einen Wagenſchoppen hier, daß wir es auf ein Paar Minuten hineinſtellen können?«— Oliver Twiſt. II. 8 8 K 1 114 Oliver Twiſt. Brittles bejahete die Frage und wies nach dem Gebäude, worauf der Mann wieder nach der Garten⸗ thür ging, während Brittles mit großem Reſpect leuch⸗ tete. Als Alles in Ordnung war, kamen ſie in das Haus zurück, und wurden in ein Zimmer gewieſen, wo ſie ihre großen Röcke und Hüte ablegten. Der Mann, welcher angeklopft hatte, war ein kräftiger Mann von mittlerer Größe, etwa ein Funfziger, und hatte glän⸗ zend ſchwarzes, kurz abgeſchnittenes Haar, einen halben Backenbart, ein rundes Geſicht und ſtechende Augen. Der Andere war ein rothköpfiger knochiger Mann mit Stolpenſtiefeln, einem ſehr vernachläſſigten Geſichte und einer aufgeſtülpten Naſe. „»Sagen Sie Ihrem Herrn, daß Blathers und Duff hier ſind,« ſagte der Stärkere, indem er ſein Haar glatt ſtrich und ein Paar Handſchellen auf den Tiſch legte. »Ah, guten Abend, Herr! Kann ich ein Paar Worte allein mit Ihnen ſprechen?« Dieſe Worte wurden an Losberne gerichtet, der eben. eintrat; dieſer hieß Brittles fortgehen, führte die beiden Damen ein und verſchloß die Thür. »Dies iſt die Frau vom Hauſe,« ſagte der Doktor, indem er auf Madame Maylie deutete. Blathers verbeugte ſich, legte, als man ihn auffor⸗ derte, Platz zu nehmen, ſeinen Hut auf die Dielen, nahm einen Stuhl und winkte Duff, daſſelbe zu thun. Der Letztere, der nicht ſo ſehr an gute Geſellſchaft ge⸗ wöhnt zu ſein, oder in derſelben ſich nicht ſo heimiſch zu fühlen ſchien, ſetzte ſich nach verſchiedenen Muskelbe⸗ wegungen in den Gliedmaßen und ſteckte den Knopf ſeines Stockes in den Mund. »Nun wegen des Raubverſuches hier,« begann Blathers.»Welches ſind die nähern Umſtände?« —õõ— ———-— —— —— Oliver Twiſt. 115 Losberne, der offenbar Zeit gewinnen wollte, er⸗ zählte Alles ſehr ausführlich und weitläufig; die beiden Polizeimänner ſahen einander dabei bisweilen ſehr klug an und nickten mitunter einander zu. »„Ich kann nichts Beſtimmtes ſagen,“« meinte Bla⸗ thers,»bis ich die Oertlichkeit kenne; meiner Meinung nach— ich will mich aber noch nicht beſtimmt aus⸗ ſprechen— wurde es von keinem Kartoffeltürken ge⸗ than; he, Duff?2« „Gewiß nicht,« antwortete Duff. »Ich überſetze das Wort Kartoffeltürke“ wegen der Damen, und glaube, Sie wollen damit ſagen, der Ver⸗ ſuch wurde von Keinem vom Lande gemacht,« erklärte Herr Losberne. „Sehr richtig,« antwortete Blathers.»Iſt das Alles?— »Alles,« erwiederte der Doktor. „»Und wie iſt es mit dem Jungen, von welchem die Dienſtleute ſprachen?« fragte Blathers weiter. »Gar nichts,« erwiederte der Doktor.»Einer von den erſchrockenen Dienern hat es ſich in den Kopf ge⸗ ſetzt, der Knabe ſei bei dem Einbruche betheiligt gewe⸗ ſen; aber es iſt Unſinn, reiner Unſinn.« » Sehr leicht möglich,« bemerkte Duff. »Allerdings,« erwiederte Blathers, indem er nickte und ſorglos mit den Handſchellen ſpielte, als wären es ein Paar Caſtagnetten.»Wo iſt der Junge? Was ſagt er ſelbſt von ſich? Wo kam er her? Aus den Wolken iſt er doch nicht gefallen.« „Nein, das nicht,« erwiederte der Doktor, indem er die beiden Damen anſah.»Ich kenne ſeine ganze Geſchichte; davon jedoch ein anderes Mal. Sie woll⸗ 8* 116 Oliver Twiſt. ten ja wohl den Ort ſehen, wo die Diebe den Verſuch machten, nicht wahr?« »Allerdings,« ſagte Blathers.»Es i*ſt beſſer, wir unterſuchen zuerſt die Oertlichkeit und examiniren dann die Dienſtleute. Das iſt der ge öhnliche Gang im Geſchäfte.« Man holte Lichter, und Blathers und Duff, beglei⸗ tet von dem Gerichtsdiener aus dem Städtchen, Britt⸗ les, Giles, kurz, alle Anweſenden, begaben ſich in das kleine Zimmer am Ende des Hausflurs und ſahen durch das Fenſter hinaus; dann gingen ſie hinans und ſahen durch das Fenſter hinein. Darauf wurde das Licht her⸗ ausgegeben, um dabei den Laden zu unterſuchen, ſodann eine Laterne, um den Fußtapfen zu folgen, und endlich eine Heugabel, um in den Büſchen herumzuſtören. Nach⸗ dem dies unter der größten allgemeinen Aufmerkſamkeit geſchehen war, kamen ſie wieder in das Haus, und Giles mit Brittles mußten eine melodramatiſche Vor⸗ ſtellung von ihren Abenteuern in voriger Nacht geben, was ſie gewiß ſechsmal hintereinander thaten, wobei ſie ſich das erſte Mal nur in einem, das letzte Mal aber in wenigſtens einem Dutzend wichtiger Punkte wider⸗ ſprachen. Als auch dies vorüber war, gingen Blathers und Duff hinaus und hielten eine lange Berathung mit einander, gegen die in Hinſicht auf Heimlichkeit und Ernſt eine Conſultation großer Aerzte über den ſchwie⸗ rigſten Punkt in der Medizin ein wahres Kinderſpiel iſt. Unterdeß ging der Doktor in dem Nebenzimmer ſehr unruhig auf und ab, und Madame Maylie und Roſa warketen in großer Beſorgniß. „»Auf mein Wort,« ſagte er, indem er einmal ſtehen blieb,„ich weiß kaum, was ich thun ſoll.« »Die Geſchichte des armen Kindes, treu dieſen Oliver Twiiſt. 117 Männern erzählt,« ſagte Roſa,»wird ihn ſicherlich ganz entſchuldigen.« „Das bezweifle ich, mein liebes Kind,« ſagte kopf⸗ ſchüttelnd der Doktor;»ſie wird ihn weder bei dieſen, noch bei höhern Beamten entſchuldigen. Was iſt er, Alles abgerechnet, würden ſie ſagen, als ein Ausreißer? Nach bloßen weltlichen Wahrſcheinlichkeiten und Rück⸗ ſichten betrachtet, iſt ſeine Geſchichte eine ſehr zwei⸗ felhafte.« »Aber Sie glauben daran, Doktor?« fiel Roſa ein. »Ich für meine Perſon glaube daran, ſo ſeltſam ſie auch iſt, und obgleich ich deswegen ein alter Narr bin,« erwiederte der Doktor;„aber eine Geſchichte für die Polizeibeamten iſt ſie nicht.« „Warum nicht?« fragte Roſa. „Weil, mein ſchöner Eraminator,« erwiederte der Doktor,»mit ihren Augen angeſehen, viele garſtige Punkte darin ſind; er kann bloß die ſchlechten Theile beweiſen, nicht aber die guten. Dieſe Menſchen wollen von Allem das Warum? und Weswegen? haben und nehmen Nichts für ausgemacht an. Wie er ſelbſt ſagt, i*ſt er in der letzten Zeit in der Geſellſchaft von Dieben geweſen; man hat ihn unter der Beſchuldigung eines Taſchendiebſtahls vor eine Polizeibehörde gebracht, und er wurde von dem Manne, der ihn aufgenommen, mit Gewalt an einen Ort geführt, den er nicht zu beſchrei⸗ ben vermag und von deſſen Lage er nicht die geringſte Idee hat. Er wird nach Chertſey von Männern gebracht, die ihn beſonders in das Herz geſchloſſen zu haben ſchei⸗ nen, er mag wollen oder nicht, ihn durch ein Fenſter ſtecken, um ein Haus zu beſtehlen, und eben als er die Bewohner wecken, und ſo das thun will, was ihn ent⸗ ſchuldigen würde, ſtürzt der polternde ungebildete Giles 118 herein und ſchießt nach ihm, gerade als wolle er ihn hindern, etwas Gutes zu thun. Sehen Sie das nicht ein?«. »Ja, ich ſehe es ein,« antwortete Roſa, welche über des Doktors Heftigkeit lachte,»aber ich finde darin noch immer Nichts, was das arme Kind zu einem Ver⸗ brecher machen könnte.«. »Nein,« erwiederte der Doktor.» Gott ſegne die Augen Ihres Geſchlechtes! Sie ſehen, im Guten wie im Böſen, nie mehr als eine Seite einer Sache, und zwar unfehlbar die, welche ſich Ihnen zuerſt darbietet.« Nachdem der Doktor ſo ſeine Erfahrungen ausge⸗ ſprochen hatte, ſteckte er die Hände in die Taſchen und ging noch ſchneller als vorher in dem Zimmer auf und ab.. »Je mehr ich darüber nachdenke,« ſagte der Dok⸗ tor,»um ſo klarer wird es mir, daß es endloſe Schwie⸗ rigkeiten und Unannehmlichkeiten veranlaſſen wird, wenn wir dieſen Leuten die wahre Geſchichte des Knaben mit⸗ theilen. Man glaubt dieſelbe ganz gewiß nicht, und ſelbſt wenn man ihm am Ende nichts zu Leide thun kann, muß doch das Herausheben aller Zweifel in der, ſelben und das Bekanntwerden Ihren wohlmeinenden Plan⸗ den Knaben aus ſeinem Elende zu befreien, weſentlich hindern.« »Ach, was ſollen wir thun!« rief Roſa;»warum wurde nach dieſen Leuten geſchickt!« »Ja, ich würde ſie um keinen Preis beſchieden ha⸗ ben,« ſetzte Madame Maylie hinzu. »Wir müſſen,« ſagte Losberne endlich, indem er ſich in eine Art verzweiflungsvoller Ruhe ſetzte,»mit kecker Stirn die Sache zu Ende führen. Der Zweck iſt gut, und er mag die Mittel entſchuldigen. Der Knabe ſcheint Oliver Twiſt. Oliver Twiſt. 119 ein Fieber zu bekommen und man darf nicht mehr mit ihm reden; das iſt ein Troſt. Dies müſſen wir, ſo gut es gehen will, benutzen, und iſt das Schlechte das Beſte, ſo iſt es nicht unſere Schuld.— Kommen Sie herein.« »Nun, Herr,« ſagte Blathers, als er mit ſeinem Kameraden in das Zimmer trat und nachdem er vorher die Thüre zugemacht hatte,»abgekartet war es nicht.⸗ »Was iſt ein abgekarteter Diebſtahl?« fragte der Doktor ungeduldig. »Ein abgekarteter Diebſtahl, meine Damen,« ſagte Blathers, indem er ſich zu dieſen wendete, als beklage er ihre Unwiſſenheit, verachte aber die des Doktors,»iſt der, bei welchem die Dienſtleute mit im Spiele ſind.« »Meine Leute hat Niemand in Verdacht,« ſagte Ma⸗ dame Maylie. »Sehr möglich,« erwiederte Blathers,»ſie hätten aber doch davon wiſſen können.« »Gerade deshalb,« ſiel Duff ein. »Wir finden, die Sache wurde von einer ſtädtiſchen Hand gethan,« fuhr Blathers fort,»denn ſie iſt unta⸗ delig angelegt.« »Sehr gut,« bemerkte Duff für ſich. 4 »Es waren zwei,« fuhr Blathers fort,»und ſie hat⸗ ten einen Jungen bei ſich, das ergiebt ſich aus der Größe des Fenſters. Weiter läßt ſich vor der Hand nichts ſa⸗ gen. Nun wollen wir den Jungen ſehen, den Sie oben haben, wenn es Ihnen gefällig iſt.« „Vielleicht möchten ſie erſt etwas trinken, Madame Maylie,« ſagte der Doktor, deſſen Geſicht ſich aufheiterte, als ihm dieſer neue Gedanke beifiel. »Ach ja, gewiß,« rief Roſa ſchnell.»Sie ſollen ſo⸗ gleich etwas erhalten.« „Wir danken, Fräulein,« entgegnete Blathers, indem 120 Oliver Twiſt. er mit dem Rockärmel über den Mund fuhr.„Dieſe Amtsverrichtungen ſind eine trockene Arbeit. Nur, was Sie bei der Hand haben, Fräulein, machen Sie unſert⸗ wegen durchaus keine Umſtände.⸗ »Was wünſchen Sie?« fragte der Doktor, der Roſa an das Buffet folgte. »Ein Tröpfchen Branntwein, wenn es Ihnen einerlei iſt,« antwortete Blathers.»Es iſt ein kalter weiter Weg von London, Madame, und der Branntwein wärmt am beſten.« 3 Dieſe intereſſante Mittheilung wurde an Madame Maylie gerichtet, die ſie ſehr freundlich aufnahm. Unter⸗ deß ſchlich ſich der Doktor hinaus. „»Ahl« ſagte Blathers, der das Weinglas nicht mit der ganzen Hand faßte, ſondern daſſelbe zierlich zwiſchen den Daumen und den Zeigefinger der linken Hand nahm und vor ſich hielt.»Ich habe ſolche Fälle häufig erlebt, meine Damen.« „»Der Einbruch unten in Edmonton, Blathers,« fiel Duff ein, um dem Gedächtniſſe ſeines Kollegen zu Hülfe zu kommen. 3 »Das war ſo etwas,« erwiederte Blathers, l„und wurde von Conkey Chickweed gethau.« »Du haſt nur den immer im Sinne,« entgegnete Duff;»ich ſage Dir, es war die Familie Pet, und Con⸗ key hatte dabei nicht mehr zu ſchaffen als ich.⸗ „»Das weiß ich beſſer,« fiel Blathers ein.»Erinnerſt Du Dich, daß man Conkey damals ſein Geld ſtahl? Was machte das für Aufſehen! mehr als irgend ein neuer Roman!« »Wie war das 2« fragte Roſa, welche die gute Laune der unwillkommenen Gäſte zu erhalten wünſchte. »Es war ein Raub„ mein Fraͤulein, wie ihn kaum Oliver Twiſt. 121 Jemand erdenken könnte,« erklärte Blathers.»Der Con⸗ key Chickweed hatte ein Wirthshaus und einen Keller, in welchem viele junge Herren Hahnenkämpfe und der⸗ gleichen anſahen, und dieſe Spiele wurden vortrefflich ausgeführt, ich habe ſie ſelbſt oftmals mit angeſehen. Damals gehörte er nicht zu der Familie; eine Nacht aber wurden ihm dreihundert und ſiebenundzwanzig Gui⸗ neen in einem Leinwandſack aus ſeinem Schlafzimmel — in der ſtillen Nacht— geſtohlen, und zwar von einem großen Manne mit einem ſchwarzen Fleck über einem Auge, der ſich unter dem Bette verſteckt hatte und mit dem Gelde durch das Fenſter ſprang, das nur ein Stockwerk hoch war. Er war ſehr geſchwind damit, aber Conkey war auch geſchwind, denn er wurde durch das Geräuſch geweckt, ſprang aus dem Bette, ſchoß mit der Büchſe nach dem Diebe und weckte die Nachbarſchaft. Die Leute fingen ſogleich ein Halloh an, und als ſie herausſahen, fanden ſie, daß Conkey den Räuber getrof⸗ fen hatte, denn ſie konnten eine Blutſpur bis an ein Stacket verfolgen, wo ſie verſchwand. Freilich war er mit dem Raube fort, und Chickweed machte bankerott. Man eröffnete eine Subſcription für den armen Mann, unterſtützte ihn, und, was weiß ich? der Mann war aber über ſeinen Verluſt ſehr niedergeſchlagen, ging ein Paar Tage lang melanchvliſch umher und geberdete ſich ſo, daß man glaubte, er würde ſich ein Leid anthun. Eines Tages kam er ſehr eilig in das Polizeibüreau und hatte da eine geheime Unterredung mit dem Direktor, der nach einer langen Weile klingelte, den Jem Spyers rufen ließ(der ein Polizeidiener war), und dieſem auf⸗ trug, mit Chickweed zu gehen und ihm zu helfen, den Mann zu verhaften, der ihn beſtohlen habe.—„Ich ſah ihn,“ ſagte Chickweed,'geſtern früh an meinem Hauſe 122 Oliver Twiſt. vorbeigehen.⸗—„Warum packten Sie ihn nicht?⸗ fragte Spyers.—„Ich war zu verdutzt, antwortete der arme Mann, aber wir erwiſchen ihn gewiß, denn zwiſchen zehn und elf Uhr Abends ging er wieder vorbei.— Spyers hatte dies kaum gehört, als er etwas reine Wäſche und einen Kamm zu ſich ſteckte, für den Fall, daß er einen oder ein Paar Tage warten müſſe; dann ging es fort, und er ſetzte ſich an ein Fenſter des Wirths⸗ hauſes hinter einen kleinen rothen Vorhang, den Hut auf dem Kopfe und bereit, augenblicklich hinaus zu ſchie⸗ ßen. Spät in der Nacht ſaß er noch da und rauchte ſeine Pfeife, als Chickweed plötzlich rief:— Da iſt er! Haltet den Dieb auf!— Jem Spyers lief hinaus und ſah Chickweed die Straße unter lautem Geſchrei hinren⸗ nen. Spyers folgte, Chickweed lief immer weiter; die Leute blieben ſtehen, und alle ſchrieen mit:»Diebe! Einen Augenblick verlor Spyers Chickweed aus dem Geſichte, als er um eine Ecke bog,— dann ſah er eine kleine Gruppe und griff hinein.—„Welcher iſt der Dieb?⸗— Gott verdamm mich, antwortete Chickweed, Pich habe ihn wieder verloren.“ .„»Es war merkwürdig; da aber der Dieb nicht mehr geſehen wurde, ſo gingen ſie in das Wirthshaus zurück. Am nächſten Morgen nahm Spyers ſeinen alten Poſten wieder ein und ſpähete hinter dem Vorhange hervor nach einem großen Manne mit einem ſchwarzen Flecke über den Augen, bis ihm die Augen ſelbſt weh thaten. Endlich mußte er ſie eine Minute zumachen, aber kaum war dies geſchehen, ſo ſchrie Chickweed:'da iſt er!⸗ Fort ging es wieder auf der Straße hinunter, Spyers hinterher, und als ſie zweimal ſo weit gelaufen waren als am vorigen Tage, war der Mann wieder weg. Dies geſchah noch ein Paar Mal, bis die meiſten Nachbarn Oliver Twiſt. 123 ſagten, Chickweed ſei von dem Teufel beſtohlen worden und werde von ihm hinterher zum Narren gehabt, die Anderen aber Chickweed für verrückt hielten. „Und was ſagte Jem Spyers?« fragte der Doktor, der kurz nach dem Beginn der Erzählung wieder einge⸗ treten war. „»Jem Spyers,« fuhr der Polizeidiener fort,»ſagte lange gar nichts, horchte aber auf Alles, ohne ſich etwas merken zu laſſen, wodurch er bewies, daß er ſeine Sache verſtehe. Eines Morgens endlich trat er an den Schenk⸗ tiſch, nahm ſeine Schnupftabacksdoſe und ſagte:—„Chick⸗ weed, ich weiß es, wer Sie beſtohlen hat.“—„Wirk⸗ lich?e ſagte Chickweed. Ach, mein lieber Spyers, ver⸗ ſchaffen Sie mir Rache, und ich will zufrieden ſterben.“ —„Hören Sie!“ ſagte Spyers, und er bot ihm eine Priſe. ˙Sie thaten es ſelbſt.“— So war es, und er hatte ein ſchönes Stück Geld dabei verdient; auch würde es Niemand heraus gebracht haben, hätte er ſich nicht ſo ſehr bemühet, den Schein zu bewahren,⸗ ſagte Bla⸗ thers, indem er das Glas hinſetzte und die Handſchellen zuſammenſchlug.. »Sehr merkwürdig,« ſagte der Doktor.»Nun, wenn es gefällig iſt, hinauf!« „»Wenn es Ihnen gefällig iſt,« antwortete Blathers, und die beiden Polizeidiener mit dem Doktor und Giles, der das Licht vortrug, gingen zu Oliver hinauf. Oliver hatte geſchlummert, ſah aber ſchlimmer und fieberiſcher aus als vorher. Unterſtützt von dem Doktor, ſetzte er ſich einen Augenblick im Bette auf und ſah die Fremden an, ohne zu wiſſen, was um ihn her vorging und wo er war. „»Dies,« ſagte Losberne leiſe, aber doch ziemlich hef⸗ tig,»dies iſt der Knabe, der zufällig bei einem kindiſchen * 124 Oliver Twiſt. Spiele in einem Garten da hinten durch einen Selbſt⸗ ſchuß verwundet wurde, dieſen Morgen an das Haus kam, um Hülfe zu ſuchen, und ſogleich von dem klugen Manne da, welcher das Licht in der Hand hat, ergrif⸗ fen, gemißhandelt und in Lebensgefahr verſetzt wurde.« Die Herren Blathers und Duff ſahen den ihnen ſo empfohlenen Giles an, und dieſer blickte in unbeſchreibli⸗ cher Angſt erſt auf dieſe, dann auf Oliver und endlich auf Losberne. »Du willſt es doch nicht läugnen?«. ſagte der Doktor, indem er den Knaben ſauft wieder niederlegte. »Ich— ich meinte es gut, Sir,⸗ antwortete Giles. »Ich dachte, es wäre der Junge, ſonſt hätte ich mich gar nicht um ihn bekümmert; ich bin nicht ſo unbarm⸗ herzig, Sir.«— »Für welchen Jungen hielten Sie ihn?« fragte der ältere Polizeidiener. 3. „»Für den Jungen der Räuber, Sir,« antwortete Gi⸗ les.»Sie— ſie hatten gewiß einen Jungen.« »Halten Sie ihn noch dafür?« fragte Blathers. »Was meinen Sie?« antwortete Giles, und ſah den Fragenden an. »Ich meine, ob Sie ihn noch für denſelben Jungen halten, Dummkopf,« wiederholte Blathers ungeduldig. »Ich weiß es nicht, ich weiß es wirklich nicht,« ſagte Giles.»Ich könnte es nicht beſchwören.«— »Was denken Sie?« fragte Blathers. „»Ich weiß wirklich nicht, was ich denke,«⸗ antwortete der arme Giles.»Ich denke nicht, daß es der Junge iſt, ja ich bin feſt überzeugt, er iſt es nicht. Wie könnte er es auch ſein!« »Hat der Mann getrunken2« fragte Blathers den Doktor. — ⏑ ——— anſtoßendes Zimmer, wohin Brittles berufen wurde, der Oliver Twiſt. 125 »Ja wohl,« antwortete dieſer. Losberne hatte unterdeß nach dem Pulſe des Patien⸗ ten gefühlt, und jetzt ſtand er von dem Stuhle am Bette auf und bemerkte, wenn die Herren vielleicht noch Zweifel hegten, möchten ſie doch mit Brittles in das nächſte Zimmer gehen. Dem zufolge gingen die beiden Polizeidiener in ein ſich und ſeinen Vorgeſetzten in ein wunderbares Gewirr von neuen Widerſprüchen und Unmöglichkeiten verwickelte, aus dem weiter nichts klar wurde, als daß er den Jun⸗ gen der Diebe nicht wieder erkennen würde, wenn man ihm denſelben auch vorſtelle, daß er Oliver für denſelben nur darum gehalten habe, weil Giles geſagt, er ſei es, daß aber Giles kurz vorher in der Küche ſelbſt erklärt, er fange an zu beſorgen, daß er ſich mit dem Kleinen übereilt. Es kam ſo weit, daß die Frage aufgeworfen wurde, ob Giles überhaupt Jemanden getroffen habe, und als man das zu dem abgeſchoſſenen gehörende zweite Piſtol unterſuchte, ergab es ſich, daß es nur mit Pulver und einem Papierpfropf geladen ſei,— eine Entdeckung, die auf alle einen tiefen Eindruck machte, nur nicht auf den Doktor, der die Kugel aus dem Arme Olivers gezogen hatte. Auf Niemanden aber machte die Sache einen tie⸗ fern Eindruck, als auf Giles ſelbſt, der einige Stunden lang von der Angſt gequält worden war, einen Menſchen tödtlich verwundet zu haben, dieſe neue Idee deshalb mit großer Freude ergriff. Endlich ließen die Polizeidie⸗ ner, welche ſich wenig um Oliver kümmerten, den Ge⸗ richtsdiener aus Chertſey in dem Hauſe, nahmen ihr Nachtquartier in dieſer Stadt, und verſprachen, am nächſten Morgen wiederzukommen. 126 Dlever Twiſt. Am nächſten Morgen verbreitete ſich das Gerücht, es wären zwei Männer mit einem Knaben in Kingſton unter ſehr verdächtigen Umſtänden eingezogen worden, und dahin brachen denn Blathers und Duff ſogleich auf. Da ſich die verdächtigen Umſtände jedoch bei der Unter⸗ ſuchung in die eine Thatſache auflöſeten, daß man ſie ſchlafend unter einem Heuſchober gefunden, was, obgleich ein Verbrechen, nach dem milden engliſchen Geſetze doch kein Beweis iſt, daß der Schläfer oder die Schläfer einen gewaltſamen Einbruch verübten und dadurch das Leben verwirkten,— ſo kamen die Herren Blathers und Duff ſo klug als vorher zurück. Nach weiterer Unterſuchung und vielem Hin⸗ und Herreden wurde endlich ein Beamter in der Nähe leicht vermocht, mit Madame Maylie und Herrn Losberne ſich zu verbürgen, daß Oliver vor Gericht erſcheine, ſobald er aufgefordert werde, und Blathers und Duff, die mit einigen Guineen belohnt worden waren, kehrten nach London mit getheilter Meinung über die Sache zurück, indem Duff das Verdienſt derſelben der Familie Pet, Blathers aber einzig und allein dem ſchlauen Chickweed zuſchreiben wollte. Oliver erholte ſich bald unter der vereinten Pflege der Madame Maylie, Roſa's und des braven Losberne. Wenn inbrünſtiges, aus dem Herzen quillendes Gebet voll Dank im Himmel erhört wird— und was wäre das Gebet, wenn dies nicht geſchähe!— ſo träufelte der Segen, den das verwaiſete Kind auf ſie herab rief, Glück und Frieden ſpendend in ihre Seele. 1 Oliver Twiſt. 127 Dreizehntes Kapitel. Von dem glücklichen Leben, das Oliver bei ſeinen gütigen Freundinnen zu führen anfing. Olivers Schmerzen waren nicht wenige und nicht leicht. Die Feuchtigkeit und Kälte, der er ausgeſetzt geweſen, verbunden mit dem Schmerz des zerſchmetter⸗ ten Armes, erzeugten ein hitziges Fieber, das ihn meh⸗ rere Wochen lang nicht verließ und ihn ſehr abzehrte. Endlich fing es jedoch an, allmälig beſſer zu gehen, und er konnte bisweilen mit wenigen Worten und Thränen ſagen, wie tief er die Güte der beiden freund⸗ lichen Damen empfinde und wie innig er wünſche, er möge, ſobald er wieder geſund ſei, etwas thun können, um ihnen ſeine Dankbarkeit zu bezeigen, nur etwas, woran ſie die Liebe und Dankhbarkeit ſähen, die ſein Herz erfüllten, etwas, ſei es auch noch ſo gering, das ihnen beweiſe, ihre Güte und Freundlichkeit ſeien nicht weggeworfen, ſondern der arme Knabe, den ſie aus Elend oder Tod errettet, wünſche nichts mehr, als ih⸗ nen von ganzem Herzen zu dienen. »Armer Knabe!« ſagte Roſa, als Oliver einmal verſucht hatte, Worte des Dankes auszuſprechen, die auf ſeine bleichen Lippen traten.»Du ſollſt Gelegen⸗ heit genug haben, uns zu dienen, wenn Du willſſt. Wir reiſen auf das Land, und die Tante wünſcht, daß Du uns dahin begleiteſt. Der ruhige Aufenthalt, die reine Luft und alle die Freuden und Schönheiten des Frühlings werden Dich in wenigen Tagen wieder her⸗ * 128 Oliver Twiſt. ſtellen, und Du ſollſt auf hunderterlei Weiſe verwendet werden, wenn Du die Mühe ertragen kannſt.« »Die Mühe!« rief Oliver.»Ach, liebe Dame, wenn ich nur für Sie arbeiten, wenn ich Ihnen nur Ver⸗ gnügen machen könnte, indem ich Ihre Blumen begöſſe, oder Ihre Vögel fütterte, oder den ganzen Tag umher⸗ liefe, um Ihnen Freude zu machen,— ach, was gäbe ich darum!« »Du ſollſt gar nichts darum geben,« ſagte Fräulein Maylie lächelnd,»denn, wie ſchon geſagt, wir werden Dich auf vielerlei Art beſchäftigen, und wenn Du Dir nur die Hälfte der Muhe giebſt, uns zu gefallen, von der Du jetzt ſprichſt, ſo wirſt Du mich wirklich recht glücklich machen.« »Glücklich, Fräulein!« rief Oliver,»ach, wie gütig Sie ſind!« 4 »Du machſt mich glücklicher, als ich Dir ſagen kann,« erwiederte das junge Mädchen.»Schon der Gedanke, daß meine gute Tante Jemanden aus ſolchem Elende befreien konnte, wie Du es uns beſchrieben haſt, könnte eine unausſprechliche Freude für mich ſein; die Ueberzeugung aber, daß der Gegenſtand ihrer Güte und ihres Mitleids wirklich erkenntlich dafür war, würde mich mehr beglücken, als Du Dir denken kannſt. Ver⸗ ſtehſt Du mich?« fragte ſie, indem ſie Olipers gedan⸗ kenvolles Geſicht betrachtete. 4 »Ach ja, Fräulein, ja,« antwortete Oliver ſchnell, vaber ich dachte eben darüber nach, daß ich jetzt un⸗ dankbar bin.« „Gegen wen?« fragte Roſa. »Gegen den guten Herrn und die liebe alte Frau, die mich früher einmal ſo ſorgſam pflegten,« erwiederte Oliver Twiſt. 129 Olioer.»Sie würden ſich gewiß freuen, wenn ſie wüß⸗ ten, wie glücklich ich jetzt bin.« „Das würden ſie gewiß,« antwortete Olivers Wohl⸗ thäterin,»und Herr Losberne hat auch bereits verſpro⸗ chen, Dich zum Beſuch zu ihnen zu bringen, ſobald Du die Reiſe ertragen kannſt.« „Hat er das, Fräulein?« fragte Oliver mit freude⸗ ſtrahlendem Geſichte.»Ich weiß nicht, was ich vor Freude thue, wenn ich ihre lieben Geſichter wieder⸗ ſehe! 1. Nach kurzer Zeit war Oliver wieder ſo weit herge⸗ ſtellt, daß er die Reiſe machen konnte, und eines Mor⸗ gens brach er mit Herrn Losberne in einem kleinen Wagen der Madame Maylie auf. Als ſie an die Brücke vor Chertſey kamen, wurde Oliver blaß und ſchrie laut auf. »Was iſt Dir, Junge?« fragte der Doktor, der wie gewöhnlich keine Ruhe hatte.„Siehſt Du etwas— hörſt Du etwas— fühlſt Du etwas? he?« „»Das, Sir,« antwortete Oliver, und wies durch das Wagenfenſter.„»Das Haus!« »Was iſt damit? Halt, Kutſcher!« rief der Doktor. „Was iſt mit dem Hauſe, mein Sohn?“« „»Die Diebe— das Haus, in das ſie mich führten,« flüſterte Oliver. „Der Teufel!« rief der Doktor.„»Holla, laß mich hinaus!« Ehe aber der Kutſcher vom Bocke ſteigen konnte, war er aus dem Wagen hinaus, lief nach dem verfallenen Hauſe hin und klopfte wie toll dort an. »Was ſoll's?« antwortete ein kleiner häßlicher, buckeliger Mann, der die Thür ſo ſchnell aufriß, daß der Doktor in Folge des letzten heftigen Schlages faſt in den Hausflur hineingefallen wäre.»Was giebt es?« Otiver Twiſt. II. 19 130 Oliver Twiſt. »Was es giebt?« wiederholte der Andere, und faßte ihn ohne Umſtände am Kragen.»Viel giebt es, Räu⸗ berei, Spitzbüberei giebt es.« »Auch einen Mord wird es geben,« antwortete der Buckelige kaltblütig,»wenn Sie Ihre Hände nicht los⸗ laſſen. Hören Sie?«.. »Ich höre es,« ſagte der Doktor, indem er den Mann kräftig ſchüttelte.»Wo iſt— verflucht ſei der Kerl! wie iſt ſein ſpitzbübiſcher Name?— ja, Sikes? Wo iſt Sikes, Sie Spitzbube?« Der Buckelige ſtierte ihn mit großer Verwunderung und Unwillen an, dann wand er ſich geſchickt aus den Händen des Doktors los, polterte eine Fluth von gräß⸗ lichen Flüchen hervor, und begab ſich in das Haus zu⸗ rück. Aber ehe er die Thür zumachen konnte, war der Doktor bei ihm in der Stube. Er ſah ſich um; nicht ein Gegenſtand des Geräthes, keine Spur von allem entſprach der Schilderung Olivers. »Nun,“ ſagte der buckelige Mann, der ihn nicht ans den Augen gelaſſen hatte,»was ſoll das heißen, daß Sie auf ſolche Art in mein Haus kommen? Wollen Sie mich beſtehlen, mich ermorden?— was wollen Sie?⸗ „Haben Sie jemals gehört, daß ein Mann, der ſo etwas thun will, im Wagen ankommt, Sie lächerlicher alter Vampyr?“« ſagte der reizbare Doktor. »Was wollen Sie ſonſt?« fragte der Buckelige heftig.»Wollen Sie gehen; ehe Ihnen etwas geſchieht?« »Sobald es Zeit iſt,« antwortete Losberne, der in die andere Stube ſah, die aber, wie die erſte, keine Aehnlichkeit mit der von Oliver beſchriebenen hatte. »Ich werde Sie wiederfinden, lieber Freund.« »Werden Sie das?« fragte der Buckelige höhniſch. »Wenn Sie mich brauchen, ich bin immer da. Ich Oliver Twiſt. 131 habe hier nicht ganz allein fünfundzwanzig Jahre ge⸗ lebt, um mich von Ihnen vertreiben zu laſſen. Sie ſollen mir das vergelten; Sie ſollen mir das vergel⸗ ten!« Und der kleine häßliche Mann ſprang wie toll umher.— „»Dumm genug war es,« murmelte der Doktor für ſich;»der Junge muß ſich geirrt haben. Da⸗— ſtecken Sie das ein und ſchließen Sie die Thür wieder zu.⸗ Mit dieſen Worten warf er dem Buckeligen ein Geld⸗ ſtück hin und kehrte nach dem Wagen zurück. Der Mann folgte ihm unter fortwährenden Flüchen und Verwünſchungen bis an den Kutſchenſchlag, ſah, als Losberne mit dem Kutſcher dedete, in den Wagen hinein und betrachtete Oliver einen Augenblick mit ſo ſtechendem und zu gleicher Zeit ſo wildem und rachdur⸗ ſtigen Blicke, daß ihn dieſer Monate lang weder im Schlafe noch im Wachen vergeſſen konnte. Er fluchte fort, bis der Kutſcher wieder auf dem Bocke ſaß, und ſchon als ſie weit weg waren, konnten ſie ihn noch dort ſtehen ſehen, wie er mit den Füßen ſtampfte und ſich vor Wuth das Haar ausraufte. »„Ich bin ein Eſel,« ſagte der Doktor nach langer Pauſe.»Kannteſt Du das vorher, Oliver?⸗ „»Nein, Sir.« „So vergiß es ein andermal nicht.⸗ »Ein Eſel,« ſagte der Doktor noch einmal nach ei⸗ ner zweiten Pauſe.»Was hätte ich einzelner Mann thun können, wenn es auch der rechte Ort und die rechten Leute geweſen? Und hätte ich auch Beiſtand gehabt, ſo würde ich doch weiter nichts bewirkt, als mich ſelbſt verrathen und entdeckt haben, auf welche Weiſe ich die Sache unterdrückt habe. Das wäre et⸗ was Gutes geworden! Ich bringe mich doch immer in 8 9* 13²2 Oliver Twiiſt. Ungelegenheiten, indem ich ſtets dem erſten Antriebe folge.« 3 Der vortreffliche Doktor hatte wirklich in ſeinem ganzen Leben nie anders als nach dem erſten Antriebe und der erſten Regung ſeines Herzens gehandelt; und dieſe Antriebe und Regungen des Herzens konnten keine ſchlechten geweſen ſein, da ſie ihm keineswegs Unan⸗ nehmlichkeiten zugezogen, ſondern die wärmſte Liebe und höchſte allgemeine Achtung erworben hatten. Er war, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, einige Augen⸗ blicke mißmüthig darüber, daß ſich Olivers Erzählung nicht bei der erſten Gelegenheit, die ſich darbot, beſtä⸗ tigen ließ. Doch ging dies bald vorüͤber, und da er fand, daß Olivers Antworten auf ſeine Fragen wie immer offen und ohne Rückhaltung, dem Anſcheine nach mit voller Wahrheit und Aufrichtigkeit gegeben wur⸗ den, ſo nahm er ſich vor, denſelben von nun an unbe⸗ dingten Glauben zu ſchenken.. Da Oliver den Namen der Straße kannte, in wel⸗ cher Herr Brownlow wohnte, ſo konnten ſie gerade dahin fahren. Als der Wagen in dieſelbe gelangte, ſchlug ſein Herz ſo heftig, daß er kaum zu athmen vermochte.. »Nun, welches Haus iſt es?« fragte Losberne. » Dies, dies!« antwortete Oliver, indem er durch das Fenſter zeigte.»Das weiße dort. Ach, machen Sie ſchnell! Mir iſt es, als müßte ich ſterben; ich zitterte ſo.« „Nun, nun,« ſagte der gute Doktor, indem er ihm auf die Achſel klopfte.»Du wirſt ſie ſogleich ſehen, und ſie werden ſich ſehr freuen, Dich wohl und geſund zu finden.« 3 ͤ— 1 Oliver Twiſt. 133 „Ach, ich hoffe es!« ſprach Oliver.»Sie waren ſo gut gegen mich, ſo ſehr, ſehr gut, Sir.⸗ Die Kutſche raſſelte weiter. Sie hielt. Nein; das war nicht das rechte Haus; daneben. Der Wagen fuhr weiter und hielt wieder. Oliver ſah mit Thränen glück⸗ licher Erwartung in den Augen aus dem Kutſchenſchlage hinaus. Ach, das weiße Haus war leer, und an dem Fen⸗ ſter hing ein Papier:»Zu vermiethen!« „Wir klopfen an der nächſten Thür,« ſagte Los⸗ berne, indem er Oliver an der Hand nahm.—„Was iſt aus Herrn Brownlow geworden, der in dem Neben⸗ hauſe wohnte?« Die Magd wußte es nicht, wollte aber een und fragen. Sie kam bald zurück und ſagte, Brownlow habe Alles verkauft und ſei vor ſechs Wochen nach Weſtindien abgereiſet. Oliver ſchlug die Hände zuſam⸗ men und ſank zurück. »Iſt ſeine Haushälterin auch fort?« fragte Losberne nach einer Pauſe. do⸗ „»Ja, Sir,« antwortete die Magd;»der alte Herr, die Haushälterin und ein anderer Herr, ein Freund Brownlows, ſind zuſammen abgereiſet.« »In dieſem Falle gerade wieder nach Hauſe,“ ſagte Losberne zu dem Kutſcher,»und gieb dem Pferde nichts zu freſſen, bis wir aus dem verfluchten London hinaus ſind. ¹ „Der Bintherkrödler, Sir?« ſagte Oliber.»Ich kenne den Weg zu ihm. Wir wollen ihn auſſuchen, Sir.« 8 »Mein Sohn, dies ſind für einen Tag getäuſchte Erwartungen genug,« entgegnete der Doaktor,»vollkom⸗ men genug für uns Beide. Gehen wir zu dem Bü⸗ 134 Oliver Twiſt. chertrödler, ſo iſt er gewiß geſtorben oder abgebrannt, oder bankerott geworden. Nein, gerade nach Hauſe!« Und ſo fuhren ſie nach des Doktors erſtem Antriebe gerade wieder nach Hauſe. Dieſe bittere Täuſchung machte Dliver ſelbſt in ſei⸗ nem Glücke vielen Kummer und manche Sorge, denn wahrend ſeiner Krankheit hatte ihn oft der Gedanke erfreut, was wohl Herr Brownlow und Frau Bedwin ſagen würden, und wie er ſich freue, ihnen zu erzählen, wie viele lange Tage und Nächte er daran gedacht, was ſie ihm Gutes gethan, und die grauſame Tren⸗ nung beklagt. Auch die Hoffnung, ſich bei denſelben zu rechtfertigen und zu erklären, wie er mit Gewalt fort⸗ geführt worden, hatte ihn in mancher trüben Stunde aufrecht erhalten. Deshalb war nun der Gedanke, daß ſie ſo weit fortgereiſet und den Glauben mitgenommen, er ſei ein Betrüger oder Dieb— der ihnen vielleicht nie benommen werde,— faſt mehr, als er ertragen konnte.. 8. Dieſer Umſtand bewirkte jedoch in dem Benehmen ſeiner Wohlthäter keine Veränderung. Nach weitern vierzehn Tagen, als das ſchöne warme Wetter eingetre⸗ ten war, und jeder Baum und jede Blume junge Blät⸗ ter und reiche Blüthen trieb, machten ſie Anſtalt, das Haus in Chertſey auf einige Monate zu verlaſſen. Sie ſchickten das Silber, welches des Inden Habſucht ſo gereizt hatte, zu dem Banquier, ließen Giles und einen andern Diener im Hauſe zurück, reiſeten nach einem Landhauſe in einiger Entfernung ab und nahmen Oliver mit ſich. Wer vermag die Wonne und das Entzücken, den Seelenfrieden und die milde Ruhe zu beſchreiben, welche der kränkliche Knabe in der balſamiſchen Luft, unter 7 Oliver Twiſt. 135 den grünen Bergen und in den reichen Waldungen em⸗ pfand! Wer kann es ſagen, wie Ruhe und Frieden ſich in die Seelen derer ſenken, welche unter Schmerz in menſchenreichen und geräuſchvollen Orten wohnten und ihre eigene Friſche dem matten Herzen mittheilen! Selbſt Menſchen, die ihr ganzes mühevolles Leben hin⸗ durch in volkreichen, lärmenden Straßen wohnten und nie nach einer Veränderung verlangten; Menſchen, bei denen die Gewohnheit wirklich eine zweite Natur war, und welche die Steine faſt liebten, welche die enge Grenze ihrer täglichen Gänge bildeten,— ſehnten ſich endlich, als die Hand des Todes auf ihnen ruhete, nach einem Blicke in das Angeſicht der Natur, und gingen, wenn ſie weit weg waren von dem Schauplatze ihrer Mühen, Leiden und Freuden, gleichſam in einen neuen Zuſtand über, ſchleppten ſich Tag für Tag an ein grü⸗ nes ſonniges Plätzchen, fühlten bei dem bloßen Anblicke des Himmels, der Hügel, der Ebene und des glitzernden Waſſers gleichſam einen Vorgeſchmack der Seligkeit, und ſanken in ihr Grab ſo friedlich und ruhig, wie die Sonne, deren Untergang ſie an ihrem ſtillen Fenſter noch wenige Stunden vorher betrachteten. Die Erin⸗ nerungen und Gefühle, welche freundliche, ländliche Sce⸗ nen wecken, ſind nicht von dieſer Welt und haben nichts gemein mit den Gedanken und Hoffnungen derſelben. Sie können uns lehren, friſche Kränze zu flechten für die Gräber unſerer Lieben, unſere Gedanken läutern, alte Feindſchaft und alten Haß verſcheuchen; aber dabei hat auch der Gedaukenloſeſte ein unklares Bewußtſein, daß er ſolche Gefühle ſchon einmal in längſt vergange⸗ ner Zeit empfand, und dies weckt ernſte Gedanken an eine ferne Zukunft und beugt den Stolz und Hochmuth dieſer Welt. 136 Oliver Twiſt. Sie begaben ſich an einen lieblichen Ort, und Oli⸗ ver, der ſein Leben bis dahin in Schmutz und Ge⸗ dränge, unter Lärm und Gezänk verbracht hatte, ſchien hier ein neues Daſein zu beginnen. Roſen und Jelän⸗ gerjelieber blüheten an dem Häuschen, der Ephen ſchlang ſich um die Baumſtämme, und die Blumen im Garten füllten die Luft mit Wohlgerüchen. Ganz in der Nähe lag ein kleiner Kirchhof, nicht gefüllt mit hohen, ge⸗ ſchmackloſen Grabſteinen, aber reich an niedrigen be⸗ grünten Hügeln, unter denen die alten Leute aus dem Dorfe ſchliefen. Hier ging Oliver oft umher, dachte an das elende Grab ſeiner Mutter, ſetzte ſich dann nieder und weinte ungeſehen; ſobald er aber die Angen zu dem blauen Himmel oben erhob, dachte er nicht mehr daran, daß ſie in der Erde liege, und weinte traurig um ſie, aber ohne Schmerz.. Es war eine glückliche Zeit, jeder Tag heiter und friedlich, und die Nacht brachte weder Furcht noch Sorge, denn er ſchmachtete ja nicht in einem Kerker, und lebte nicht unter fündhaften Menſchen. Jeden Morgen ging er zu einem ſilberhaarigen Greiſe, der neben der kleinen Kirche wohnte, ihn beſſer leſen und ſchreiben lehrte, ſo freundlich ſprach, und ſich ſo viele Mühe gab, daß Oliver nicht wußte, wie er ihm nur recht gefallen ſolle. Dann ging er mit Madame Maylie und Roſa ſpazieren und hörte ſie von Büchern ſprechen, oder ſaß neben ihnen im Schatten, hörte zu, während das Fräulein vorlas, und würde nicht müde geworden ſein, hätte Roſa auch geleſen, bis ſie die Buchſtaben nicht mehr erkennen konnte. Dann hatte er ſich auf ſeine Lection am folgenden Tage vorzubereiten, und er arbeitete emſig daran in einem Zimmerchen, das in den Garten ſah, bis der Abend langſam herankam, zu wel⸗ . Oliver Twiſt. 137 cher Zeit die Damen wieder mit ihm ſpazieren gingen. Mit Vergnügen hörte er auf Alles, was ſie beſprachen, und er fühlte ſich ſo glücklich, wenn er eine Blume er⸗ reichen konnte, die ſie wünſchten, oder wenn ſie etwas vergeſſen hatten, das er ihnen holen konnte. Wurde es ganz dunkel, und ſie kehrten in das Haus zurück, ſo ſetzte ſich Roſa an das Piano und ſpielte oder ſang leiſe mit lieblicher Stimme ein altes Lied, das der Tante wohlgefiel. Zu ſolcher Zeit brannte man kein Licht und Oliver ſaß an einem Fenſter, und hörte auf die Muſik, während Thränen der Rührung über ſeine Wan⸗ gen rannen. Und der Sonntag, wie verſchieden wurde dieſer hier verbracht, als er es gewohnt! Früh war es die kleine Kirche, an deren Fenſtern die Blätter rauſch⸗ ten und die Vögel ſangen, während die duftende friſche Luft durch die niedrige Thür hineinzog und das Haus des Herrn wie mit Weihrauch füllte. Die armen Leute waren ſo reinlich und feſtlich, und knieeten ſo andächtig im Gebet, daß ihre Verſammlung ein Vergnügen, und nicht eine läſtige Pflicht zu ſein ſchien; und obgleich der Geſang wohl roh war, kam er doch vom Herzen und klang wohltönender(wenigſtens in Olivers Ohren), als irgend etwas, das er vorher in einer Kirche gehört hatte. Dann folgten die gewöhnlichen Spaziergänge und Beſuche in den netten Häuschen der Bauern; Abends las Oliver ein oder ein Paar Kapitel aus der Bibel, welche er die ganze Woche über ſtudirt hatte, und dabei fühlte er ſich ſo ſtolz, als ſei er der Pfarrer ſelbſt. Früh war Oliver um ſechs Uhr auf den Füßen, wanderte auf den Feldern umher und muſterte die He⸗ cken weit und breit nach wilden Blumen, die er in Menge nach Hauſe brachte, und mit denen er dann 1*⁸ 4 138 Oliver Twiſt. emſig das Frühſtückstiſchchen auſputzte. Auch friſches Kreuzkraut holte er für Roſa's Vögel und ſchmückte da⸗ mit die Käfige. War dies gethan, ſo hatte er gewöhn⸗ lich eine milde Gabe in ein Haus zu bringen, oder es war etwas in dem Garten und an den Blumen zu thun, denn Oliver hatte die Behandlung derſelben von dem Richter des Dorfes gelernt, der ein Gärtner war. So beſchaͤftigte er ſich bis Roſa kam; und ein freundli⸗ ches Lächeln derſelben war ihm reichlicher Lohn. So vergingen drei Monate, drei Monate, welche in dem Leben der begünſtigtſten Sterblichen ungemiſchtes Glück geweſen ſein würden, in Olivers getrübter Ju⸗ gend aber wahre Seligkeit waren. Bei dem reinſten und wärmſten Edelmuthe auf der einen, und der wahr⸗ ſten, wärmſten und tiefempfundenen Dankbarkeit auf der andern Seite braucht man ſich nicht zu wundern, daß nach kurzer Zeit Oliver Twiſt vollkommen als zur Fa⸗ milie gehörig angeſehen wurde, und die beiden Frauen die innige Anhänglichkeit des gefühlvollen Kraben darch wahre Liebe belohnten. 1 Vierzehntes Kapitel. Das Glück Olivers und ſeiner Freundinnen wird plötzlich geſtört. Der Frühling verflog ſchnell und der Sommer kam; war das Dorf erſt ſchön geweſen, ſo ſtand es nun in der vollen Pracht ſeines Reichthums. Die großen Bäume, die in den erſten Monaten kahl und kränklich Oliver Twiſt. 139 ausgeſehen hatten, ſtanden jetzt in voller Lebenskraft da, ſtreckten ihre grünen Arme über den durſtigen Boden aus und verwandelten freie, kahle Stellen in trauliche Plätzchen mit dunkelm kühlen Schatten, von wo aus man auf die in hellem Sonnenſchein gebadete Landſchaft ſehen konnte, die davor lag. Die Erde hatte ihr Ge⸗ wand vom ſchönſten Grün angelegt und verbreitete die lieblichſten Düfte um ſich. Es war die Kraft und Ju⸗ gend des Jahres, und Alles bluͤhete und gedieh. Das ruhige Leben in dem kleinen Hauſe und die freudige Heiterkeit unter den Bewohnern blieb ungeän⸗ dert. Oliver war längſt vollkommen geſund und kräftig geworden; aber Geſundheit oder Kraukheit machten kei⸗ nen Unterſchied in ſeiner innigen Anhänglichkeit an die beiden Damen(obgleich dies bei vielen Leuten einen gro⸗ ßen Unterſchied macht); er war noch immer derſelbe ſanfte, gefühlvolle, dankbare Knabe, der er geweſen, als Schmerz und Krankheit ſeine Kraft gebrochen. An einem ſchönen Abende hatten ſie einen längern Spaziergang gemacht als gewöhnlich, denn der Tag war ungewöhnlich warm geweſen, und nun ſchien der Mond hell und es wehete ein kühler Wind. Auch Roſa war ſehr heiter geweſen, und ſie hatten in heiterm Ge⸗ ſpräch die Grenze ihres gewöhnlichen Ganges weit überſchritten. Madame Maylie war endlich ermüdet, und ſie kehrten langſamer nach Hauſe zurück. Roſa legte nur ihren einfachen Hut ab, und ſetzte ſich dann wie gewöhnlich an das Piano. Nachdem ſie einige Au⸗ genblicke phantaſirt, ſtimmte ſie eine langſame und feier⸗ liche Melodie an, aber während ſie ſo ſpielte, hörte man ſie ſchluchzen, als wenn ſie weine. „Liebe Roſa,« rief die ältere Dame. Roſa antwortete nicht, ſondern ſpielte etwas ſchnel⸗ 140 Oliver Twiſt. ler, als ob der Ruf ſie aus peinlichen Gedanken ge⸗ weckt habe. „ Liebe Roſa!« rief Madame Maylie nochmals, in⸗ dem ſie aufſtand und ſich über das Mädchen neigte. „»Was iſt Dir? Dein Geſicht ſchwimmt in Thränen. Mein liebes Kind, was betrübt Dich?« „Nichts, Tante,— nichts,« erwiederte das Mäd⸗ chen.»Ich weiß nicht, was es iſt; ich kann es nicht beſchreiben,— aber ich fühle mich heute Abend ſo trau⸗ rig und—« »Doch nicht unwohl, liebes Kind?« fragte Madame Maylie. 4— »Nein, nein, nicht unwohl!« antwortete Roſa, in⸗ dem ſie ſchauerte, als wenn eine tödtliche Kälte ſie be⸗ ſchleiche;»wenigſtens wird mir wieder beſſer werden. Mach' das Fenſter zu.« 1 Salehie Oliver eilte, das Geſuch zu erfüllen, und Roſa, die ſich bemühete, ihre Heiterkeit wiederzufinden, ſpielte eine heiterere Melodie. Aber die Finger ſanken kraftlos auf die Taſten; ſie bedeckte ihr Geſicht mit den Händen, wankte nach dem Sopha und ließ ihren Thränen, die ſie nicht mehr zurückhalten konnte, freien Lauf. „»Liebe Roſa,“ ſagte die Tante, indem ſie ihre Arme um das liebliche Mädchen ſchlang,»ich habe Dich nie ſo geſehen.«. »Ich möchte Sie nicht betrüben, wenn ich es hin⸗ dern könnte,« erwiederte Roſa;„ich habe ſehr gekämpft, aber ich kann nicht mehr. Ich fürchte, ich bin un⸗ wohl, Tante.« Und ſo war es; denn als Licht gebracht wurde, ſa⸗ hen ſie, daß in der kurzen Zeit ihr Geſicht eine Mar⸗ morbläſſe angenommen hatte. Der Ausdruck deſſelben hatte zwar nichts an Schönheit verloren, aber veräͤn⸗ * Oliver Twiiſt. 141 dert war er, und es lag darin etwas Aengſtliches und uUnſtätes, das man ſonſt nie daran bemerkt hatte. In der nächſten Minute übergoß es ſich mit Purpurröthe, und das ſanfte blaue Auge wurde ſchwer und ſtier; aber ſchnell verſchwand dies wieder wie ein Wolken⸗ ſchatten, und das Geſicht bedeckte ſich von neuem mit Leichenbläſſe. Oliver, welcher die ältere Dame ängſtlich beobach⸗ tete, bemerkte Unruhe und Beſorgniß an derſelben, er⸗ kannte aber auch, daß ſie dieſelben nicht kund geben wollte, und that daſſelbe. Ddie Tante überredete endlich Roſa, zu Bett zu ge⸗ hen, und das junge Mädchen war wieder heiterer, ſchien ſelbſt wieder wohler zu ſein, und ſagte, ſie ſei überzeugt, daß ſie vollkommen wohl am andern Mor⸗ gen erwachen werde. 4 „»Ich hoffe, Madame,« ſagte Oliver, als Madame Maylie zurückkam, ves iſt nichts Ernſtes. Das Fräu⸗ lein ſieht gar nicht wohl aus, aber—« Die alte Dame winkte, er möge ſchweigen, ſetzte ſich in einen dunkeln Winkel des Zimmers und ſchwieg eine Zeitlang. Endlich aber ſagte ſie mit zitternder Stimme: „Jch hoffe es nicht, Oliver. Ich bin mit ihr mehrere Jahre ſehr glücklich geweſen,— zu glücklich vielleicht, und es wird wohl Zeit, daß mich ein Unglück betrifft; aber ich hoffe, es iſt nicht ſo.⸗ „Welches Unglück?« fragte Oliver. „Der ſchwere Schlag,« ſprach die Frau kaum ver⸗ nehmlich,»das liebe Mädchen zu verlieren, das ſo lange mein Glück, mein Troſt und meine Freude geweſen iſt.⸗ „Ach, das verhüte der liebe Gott!⸗ ſprach Oliver. 142 Oliver Twiſt. »Amen, mein Kind!« ſetzte die alte Dame hinzu und rang ihre Hände. »Gewiß iſt die Gefahr nicht ſo groß. Vor zwei Stunden war ſie ja noch ganz wohl.⸗ »Jetzt iſt ſie krank und ſie wird gewiß noch kränker. Meine liebe, liebe Roſa! Was ſollte ich beginnen ohne ſie!⸗ Die Dame konnte dieſen ſchrecklichen Gedanken nicht ertragen, und gab ſich ſo ganz ihrem heftigen Kummer hin, daß Oliver ſeine eigene Angſt überwältigte, ihr Vor⸗ ſtellungen zu machen wagte, und ſie ernſtlich bat, um ih⸗ rer theuren Nichte willen ſich zu beruhigen.»Bedenken Sie, Madame,« ſagte er, und die Thränen rannen ihm über die Wangen, trotz ſeiner Bemühung, dieſelben zu unterdrücken,»ach, bedenken Sie, wie jung und wie gut ſie iſt, und wie ſie Alle erfreut! Ich weiß es, gewiß, um Ihretwillen, die Sie ſelbſt ſo gütig ſind, um ihrer ſelbſt willen und aller Derer, die ſie glücklich macht, wird ſie nicht ſterben. Gott wird ſie noch nicht ſterben laſſen.« oStill!« ſagte Madame Maylie, indem ſie die Hand auf Olivers Haupt legte,»Du denkſt, wie ein Kind, ar⸗ mer Knabe; obgleich es natürlich iſt, was Dn ſagſt, iſt es doch nicht recht. Aber Du lehrſt mich meine Pflicht. Ich hatte ſie einen Augenblick vergeſſen, Oliver, und es iſt wohl verzeihlich, denn ich bin alt und habe Krankheit und Tod oft genug geſehen, um den Schmerz zu kennen, den ſie den Hinterlaſſenen bereiten. Ich habe auch oft⸗ mals geſehen, daß nicht immer die Jüngſten und Beſten denen bleiben, welche ſie lieben; doch dies ſollte uns eher tröſten als bekümmern, denn der Himmel iſt gerecht, und wir erkennen daran, daß es eine weit beſſere Welt giebt als dieſe, und der Uebergang in dieſelbe ſchnell erfolgt. Gottes Wille geſchehe! Ich liebe ſie zwar, aber Er al⸗ lein weiß, was gut iſt.⸗ Oliver Twiſt. 143 Oliver war überraſcht von dem Anblicke, daß Madame Maylie bei dieſen Worten ihre Klagen wie mit einem Kampfe unterdrückte, ſich dabei aufrichtete und ganz ru⸗ hig wurde. Noch mehr erſtaunte er, als er fand, daß dieſe Feſtigkeit andauerte, und Madame Maylie bei allen Sorgen und Wachen, die folgten, ſtets gefaßt blieb und ihre Pflichten ungebeugt und allem Anſcheine nach ſelbſt mit Freuden erfüllte. Aber er war jung und wußte nicht, was kräftige Seelen unter kritiſchen Umſtänden vermögen. Es folgte eine Nacht voll Angſt, und als der Mor⸗ gen kam, war die Vorherſage der Madame Maylie nur zu wohl in Erfüllung gegangen. Roſa lag in heftigem und gefährlichem Fieber. „Wir müſſen rüſtig ſein, Oliver, und dem nutzloſen Jam⸗ mer nicht nachgeben,« ſagte Madame Maylie, indem ſie die Finger auf die Lippe legte, und ihm feſt in das Ge⸗ ſicht ſah;»dieſer Brief muß ſchnell zu dem Herrn Los⸗ berne gebracht werden. Am beſten iſt es, er wird in den Flecken getragen, der auf dem Wege über die Felder nicht über eine Stunde weit liegt, und von da durch ei⸗ nen reitenden Boten gerade nach Chertſey befördert. Die Leute im Wirthshauſe werden dies thun, und Du bringſt gewiß den Brief zu ihnen.⸗ Dliver konnte nicht antworten, ſondern wollte ſogleich fort. „Hier iſt ein anderer Brief,“ ſagte die Frau nach kurzer Ueberlegung,»vaber ich weiß kaum, ob ich ihn jetzt fortſchicke oder warte, um zu ſehen, wie es mit Roſa geht. Ich möchte ihn nicht ſchicken, wenn ich nicht das Schlimmſte fürchtete.« „ Soll er auch nach Chertſey, Madame,“ fragte Oliver ungeduldig, indem er die zitternde Hand nach dem Briefe ausſtreckte. 144 Oliver Twiſt. »Nein,« antwortete die alte Dame, indem ſie ihm denſelben mechaniſch hinreichte. Oliver ſah darauf und las, daß er an Heinrich Maylie, in dem Hauſe eines Lords auf dem Lande, gerichtet war; den Namen des Ortes konnte er nicht leſen. »Soll ich gehen, Madame?« fragte Oliver, indem er ungeduldig trippelte. »Ich denke, nein,« antwortete ſie, und nahm den Brief zurück.»Ich will lieber warten bis morgen.« Mit dieſen Worten gab ſie Oliver ihre Börſe, und er lief ohne weiteres Zögern ſo ſchnell als möglich fort. Raaſch lief er über die Felder, bisweilen von dem ho⸗ hen Getreide faſt verſteckt, dann wieder im Freien hin, wo die Mäͤher und Heumacher emſig beſchäftigt waren, und er hielt nur bisweilen einige Sekunden inne, um friſchen Athem zu ſchöpfen, bis er, erhitzt und mit Staub bedeckt, auf dem Markte des Fleckens ankam. Hiier blieb er ſtehen und ſah ſich nach dem Wirths⸗ hauſe um. Da ſtand eine weiße Bank, eine rothe Brauerei und ein gelbes Gerichtshaus, und in einer Ecke ein gro⸗ ßes grünes Gebäude mit dem Zeichen»Der Georg«. Auf dieſes ging er ſogleich zu. Oliver redete einen Poſtknecht an, der im Thorwege ſchlief und ihn an den Hausknecht wies; der Hausknecht hörte Alles an, was der Knabe zu ſagen hatte, und wies ihn an den Wirth, einen großen Mann in einem blauen Halstuche, einem weißen Hute, grauen Beinkleidern und Stolpenſtiefeln, der an einem Brunnen an der Stallthür lehnte und die Zähne mit einem ſilbernen Zahnſtocher reinigte. Der Herr Wirth ſchritt bedächtig nach dem Schenk⸗ tiſche, um eine Berechnung zu machen, was ziemlich lange dauerte. Als ſie endlich fertig und bezahlt war, mußte — Oliver Twiſt. 145 ein Pferd geſattelt werden und Jemand ſich anziehen, was gute zehn Minuten länger in Anſpruch nahm, und Oliver ſtand unterdeß da in ſo ängſtlicher Ungeduld, daß er ſich ſelbſt hätte auf das Pferd ſchwingen und nach Chertſey jagen können. Endlich war Alles bereit, der Mann ſetzte ſich auf das Pferd, nahm den Brief, galo⸗ pirte über das holperige Pflaſter der Stadt und war bald aus dem Geſichte verſchwunden. Es hatte viel Beruhigendes, zu wiſſen, daß nach Hülfe geſandt und keine Zeit verloren worden ſei. Oli⸗ ver verließ alſo das Wirthshaus mit etwas leichterm Herzen und ſchritt eben durch den Thorweg, als er zu⸗ fällig an einen großen Mann in einem Mantel ſtieß, der in demſelben Augenblicke aus der Stube trat. »Ha!« rief der Mann, der Oliver anſtierte und zu⸗ rückprallte.»Was zum Teufel! iſt das?« „Ich bitte um Entſchuldigung, Sir,« ſagte Oliver; vich eilte ſo, um ſchnell nach Hauſe zu kommen, und ſah Sie nicht.« 3 „Tod!« murmelte der Mann, den Knaben mit ſeinen großen dunkeln Augen anſtierend.»Wer hätte das ge⸗ dacht! Daß Du Aſche wäreſt! Er iſt aus einem Mar⸗ morſarge geſtiegen, um mir in den Weg zu treten.« »Es thut mir ſehr leid, Sir,“« ſtotterte Oliver, durch des Fremden wilden Blick ganz verlegen gemacht.»Ich hoffe, ich habe Ihnen nicht wehe gethan.« »Daß ſeine Knochen faulten!« murmelte der Mann in ſchrecklicher Leidenſchaft zwiſchen den zuſammengebiſſe⸗ nen Zähnen;»hätte ich den Muth gehabt, das Wort auszuſprechen, ſo wäre ich in einer Nacht von ihm befreit geweſen. Verflucht ſei Dein Kopf und der ſchwarze Tod komme über Dich, Du Bube! Was thuſt Du hier?« Der Mann ballte die Fauſt, knirſchte mit den Zäh⸗ Oliver Twiſt. II. 10 146 nen, als er dies ſagte, trat auf Oliver zu, als wolle er demſelben einen Schlag verſetzen, ſtürzte aber zu Boden und krümmte ſich an der Erde, während ihm der Schaum vor den Mund trat. Oliver ſtarrte einen Augenblick die fürchterlichen Zu⸗ ckungen des Wahnſinnigen an(denn für einen ſolchen hielt er ihn), und eilte dann in das Haus hinein, um Hülfe zu holen. Sobald er ihn jedoch hatte in das Haus tra⸗ gen ſehen, kehrte er um, lief ſo ſchnell, als er nur ver⸗ mochte, um die verlorene Zeit wieder einzuholen, und dachte mit großer Verwunderung und nicht ohne Furcht an das ungewöhnliche Benehmen des Mannes, den er eben verlaſſen hatte. Doch vergaß er den Vorfall bald, und als er das Landhaus erreichte, fand er daſelbſt genug, was ihm alle andern Gedanken aus dem Sinne trieb. Roſa Maylie war ſchnell noch weit gefährlicher krank geworden, und ehe noch Mitternacht herankam, redete ſie irre. Ein Arzt, der an dem Orte wohnte, verließ ſie nicht, hatte auch, ſobald er die Kranke geſehen, Madame Maylie bei Seite genommen und ihr erklärt, daß die Krankheit eine höchſt gefährliche ſei.»Es wäͤre ein Wun⸗ der,« ſagte er,»wenn ſie davon käme.« Wie oft ſprang Oliver in dieſer Nacht aus dem Bette, ſchlich an die Treppe und horchte auf den leiſeſten Ton in dem Zimmer der Kranken! Wie oft ſchüttelte ihn ein Schauer und trieb kalte Schweißtropfen auf ſeine Stirn, wenn er gehen hörte und dann fürchtete, es ſei etwas ſo Schreckliches geſchehen, das er gar nicht zu denken wagte! Und was war alle Innigkeit ſeiner Gebete, die er je zum Himmel geſandt, gegen die, welche jetzt für das Leben und die Geſundheit des ſanften, lieben Mädchens, das Oliver Twiſt. Oliver Twiſt. 147 am Rande des Grabes ſtand, aus ſeinem von Angſt und Verzweiflung gepeinigten Herzen emporſtiegen! Die Folter, die ſchreckliche Folter, müſſig daſtehen zu müſſen, während das Leben eines geliebten Weſens in der Wagſchale ſchwankt,— die peinigenden Gedanken, welche die Seele beſtürmen, das Herz zu heftigem Klopfen treiben, und ſo ſchreckliche Bilder hervorrufen, daß man mit Mühe ath⸗ met,— das verzweiflungsvolle ängſtliche Streben, etwas zu thun, um den Schmerz zu lindern oder die Gefahr zu verringern, die wir nicht abzuweiſen vermögen;— die Kleinmüthigkeit, welche der Gedanke an ihre Hülflo⸗ ſigkeit erzeugt— ach, giebt es Folterqualen gleich dieſen, und was vermag ſie zu lindern! Der Morgen kam, und das Häuschen war ruhig und ſtill, die Leute ſprachen heimlich und flüſternd; an der Thür zeigten ſich von Zeit zu Zeit ängſtliche Geſichter, und Frauen und Kinder gingen mit Thränen in den Au⸗ gen fort. Den ganzen langen Tag und noch Stunden lang, als es bereits dunkel geworden, ging Oliver in dem Garten umher, ſah jeden Augenblick nach dem Kranken⸗ zimmer hinauf und ſchauderte bei dem Anblicke des ver⸗ hangenen Fenſters, als liege der Tod dahinter. Spät in der Nacht kam Losberne. »Es iſt hart,« ſagte der gute Doktor, und er wendete dabei ſein Geſicht ab,»ſo jung, ſo viel geliebt,— aber es iſt wenig, wenig Hoffnung.« Am nächſten Morgen ſchien die Sonne herrlich, ſo herrlich, als ſehe ſie kein Leid und keinen Schmerz; Alles blühete, grünte und duftete lebenskräftig umher, überall klangen Freudentöne,— und das junge, liebliche Mäd⸗ chen lag da mit dem Tode ringend. Oliyer ſchlich nach dem alten Kirchhofe, ſetzte ſich da auf einen grünen Grab⸗ hügel und weinte ſtill um ſie. 10* 148 Oliver Dwiſt. Es war Alles ſo friedlich und ſchön, die ſonnige Land⸗ ſchaft ſtrahlte in ſo heiterm Glanze, die Sommervögel ſangen ſo lieblich, die Raben flogen ſo frei in den Lüften, aus Allem ſprach ſo fröhliche Lebenskraft, daß, als der Knabe ſeine brennenden Augen aufſchlug und umherblickte, der Gedanke ſich nicht abweiſen ließ, dies ſei keine Zeit zum Sterben, und Roſa könne unmöglich ſcheiden, während gemeinere Dinge ſo friſch und heiter wären; die Gräber wären nur für den kalten, freudeloſen Winter, nicht für Sonnenlicht und Wärme. Ja, er glaubte feſt, der Sarg ſei nur für alte und gebrechliche Menſchen, und umſchließe nie die kräftige Jugend. In dieſe Kindergedanken ſchlug der Trauerton der Kirchenglocke. Einige arme Leidtragende zogen durch die Thür des Kirchhofes herein und trugen weiße Bänder, deun die Leiche war jung. Mit entblößtem Haupte ſtan⸗ den ſie an dem Grabe, und eine Mutter— ſonſt eine Mutter— weinte unter ihnen. Aber die Sonne ſchien ſo freundlich als zuvor und die Vögel ſangen lieblich weiter. Oliver kehrte nach Hauſe zurück, dachte an die Güte, welche ihm ſo vielfach erwieſen, und wünſchte, ſle ſei wie⸗ der geſund, damit er ihr von neuem beweiſen könne, wie dankbar er ihr ſei und wie ſehr er ſie liebe. Er hatte keine Urſache, ſich über Nachläſſigkeit und Mangel an Aufmerkſamkeit gegen ſie Vorwürfe zu machen, aber er dachte doch an hundert kleine Gelegenheiten, bei denen er, wie er meinte, eifriger hätte ſein ſollen, und ſo gewe⸗ ſen zu ſein wünſchte. Wir ſollten ſehr aufmerkſam ſein, wie wir mit den Unſrigen umgehen, denn jeder Todesfall bringt einem kleinen Kreiſe Ueberlebender peinigende Ge⸗ danken, daß ſie ſo viel unterlaſſen und ſo wenig gethan, ſo viel vergeſſen und ſo wenig gut gemacht haben, und Oliver Twiſt. 149 dieſe Gedanken gehören zu den bitterſten des Menſchen. Kein Vorwurf iſt ſo ſchneidend, kein Gewiſſensſchmerz ſo ſcharf, als der über etwas, das nicht mehr gut zu machen iſt; man bedenke dies, wenn ſolche Folterqual noch ver⸗ mieden werden kann. Als Oliver in dem Hauſe ankam, ſaß Madame May⸗ lie in dem kleinen Sprechzimmer. Der Muth verließ ihn, als er ſie ſah, denn ſie hatte das Bett ihrer Nichte noch nicht verlaſſen, und er gedachte mit Beben an die Veränderung, die ſie vielleicht davon getrieben. Er hörte, daß ſie in einen tiefen Schlaf geſunken, aus dem ſie nun wieder zum Leben und zur Geſundheit erwachen werde, oder um Abſchied zu nehmen und zu ſterben. Da ſaßen ſie lauſchend mehrere Stunden lang und wagten nicht zu ſprechen. Die Speiſen wurden unbe⸗ rührt wieder abgetragen, und mit Blicken, die es deutlich verriethen, daß ihre Gedanken an einem andern Orte wa⸗ ren, betrachteten ſie die Sonne, die immer niedriger und niedriger ſank, und endlich über Himmel und Erde den glänzenden Schein ausgoß, der ihren Abſchied verkün⸗ digte. Jetzt hörten ſie Tritte näher kommen, und Beide eilten an die Thür, als Losberne eintrat.. »Wie ſteht es mit Roſa?« fragte die alte Dame. „Sagen Sie mir es mit Einemmale. Ich kann alles ertragen, nur nicht die Ungewißheit. Ach, in des Him⸗ mels Namen, ſprechen Sie!« »Sie müſſen ſich faſſen,« ſagte der Doktor, indem er ſie nach einem Stuhle führte.»Beruhigen Sie ſich, meine theure Maylie.« „Laſſen Sie mich fort, in des Himmels Namen!⸗ ächzte die Frau.»Mein Kind! Mein Kind! Meine Roſa! Sie iſt todt! Sie ſtirbtl« „»Nein!« antwortete der Doktor begeiſtert.»Wenn *½ 150 Er gnädig und gütig iſt, wird ſie leben, um uns Alle noch viele Jahre zu erfreuen.⸗« Die Frau ſank auf ihre Kniee und wollte ihre Hände falten; aber die Kraft, die ſie ſo lange aufrecht gehalten hatte, entwich mit dem erſten Dankgebete gen Himmel, und ſie ſank zurück in die Freundesarme, die ſich aus⸗ breiteten, um ſie aufzunehmen. 3 Oliver Twiſt. Funfzehntes Kapitel 4 enthält einige einleitende Bemerkungen über einen jungen Mann, der nun auftritt, und ein neues Abenteuer Olivers. Es war faſt zu viel Glück. Oliver wurde durch dieſe unerwartete Nachricht gleichſam betäubt; er konnte nicht weinen, nicht ſprechen, nicht ruhen. Kaum verſtand er noch, was geſchehen war, bis nach einem langen Gange in der ruhigen Abendluft ein Strom von Thränen ihn erleichterte, er mit Einemmale die freudige Veränderung vollſtändig zu faſſen ſchien, und fühlte, welche unerträg⸗ liche Angſtpein von ſeinem Herzen genommen war. Es wurde Nacht, als er beladen mit Blumen, die er zur Ausſchmückung des Krankenzimmers geſammelt hatte, nach Hauſe ging. Während er raſch auf dem Wege hin⸗ ſchritt, hörte er einen Wagen wie in ängſtlicher Eile heranraſſeln. Es war ein Poſtwagen, und da die Pferde galopirten, der Weg aber zu ſchmal war, mußte er ſich an eine Thüre drücken, bis ſie vorüber waren. Während der Wagen vorbeiſauſete, ſah Oliver einen Mann in einer weißen Nachtmütze, deſſen Geſicht ihm n „ Oliver Twiſt. 151 bekannt zu ſein ſchien, obgleich der Blick ſo flüchtig war, daß er die Perſon nicht zu erkennen vermochte. In der nächſten Minute fuhr die Nachtmütze aus dem Wagen⸗ fenſter heraus und eine Stentorſtimme rief dem Poſtil⸗ lon zu, anzuhalten, was dieſer that, ſobald er die Pferde zum Stehen bringen konnte. Darauf erſchien dieſelbe Nachtmütze wieder und dieſelbe Stimme rief Oliver beim Namen. »Oliver, wie ſteht's?— Fräulein Roſa— Oliver.« »Sind Sie es, Herr Giles?« erwiederte Oliver und lief an den Wagenſchlag. Giles ſteckte die Nachtmütze nochmals heraus, ehe er antwortete, wurde aber plötzlich von einem jungen Herrn zurückgezogen, der in der andern Ecke des Wagens ſaß und ängſtlich fragte, wie es gehe. »Mit einem Worte,« ſagte der junge Herr, v»beſſer oder ſchlechter?« »Beſſer,— viel beſſer,« antwortete Oliver ſchnell. »Gott ſei Dank;« rief der Herr.»Gewiß?« »Ganz gewiß, Sir,« antwortete Oliver.»Die Beſ⸗ ſerung trat aber erſt vor wenigen Stunden ein, und Losberne ſagt, alle Gefahr ſei nun vorüber.« Der Herr ſagte kein Wort weiter, ſondern riß den Kutſchenſchlag auf, ſprang heraus, nahm Oliver eilig am Arme und führte ihn bei Seite. »Iſt es ganz gewiß?— Irrſt Du Dich wirklich nicht?« fragte der junge Herr mit zitternder Stimme. »Täuſche mich nicht und wecke nicht Hoffnungen in mir, die nicht zu erfüllen ſind.« „»Um keinen Preis, lieber Herr,« antwortete Oliver. »Sie können mir glauben. Herr Losberne ſagte, ſie wird leben, um uns Alle noch viele Jahre zu erfreuen. Das ſind ſeine Worte.« * Oliver Twiſt. In Olivers Augen ſtanden die Thränen, als er ſich des Auftrittes erinnerte, der jenes Glück begann; der Herr wendete ſein Geſicht ab und ſchwieg einige Augen⸗ blicke. Oliver glaubte, er ſchluchzte mehr als einmal, aber er fürchtete, ihn durch eine weitere Bemerkung zu unterbrechen— denn er konnte ſich die Gefühle des jun⸗ gen Mannes denken— und ſo ſtand er bei Seite und that, als beſchäftige er ſich mit ſeinen Blumen. Dieſe ganze Zeit über hatte Giles, die Nachtmütze auf dem Kopfe, einen Elbogen auf jedes Knie geſtützt, auf dem Kutſchentritte geſeſſen, und wiſchte ſeine Augen mit einem blauen, weiß getüpfelten Taſchentuche ab. Daß der brave Mann die Rührung nicht heuchelte, zeig⸗ ten ſeine ſehr rothen Augen, mit denen er den jungen Herrn anſah, als dieſer ſich zu ihm umdrehete und ſagte: »Ich denke, Du fährſt zu meiner Mutter weiter, Gi⸗ les. Ich will langſam gehen, um mich etwas zu faſſen, ehe ich ſie ſehe. Du kannſt ſagen, daß ich komme.“ »Verzeihen Sie, Herr Heinrich,« antwortete Giles, indem er ſein Geſicht mit dem Taſchentuche vollends ab⸗ trocknete,»aber Sie würden mich ſehr verpflichten, wenn Sie das dem Poſtillon auftrügen. Ich kann mich in dieſem Zuſtande nicht vor den Mägden ſehen laſſen; meine Autorität wäre hin.« »Auch gut,« entgegnete Heinrich Maylie lächelnd, »wie Du willſt. Laß ihn fahren, wenn Du es wünſcheſt, 3 und gehe mit uns. Aber erſt nimm die Nachtmütze ab und ſetze etwas Beſſeres auf, ſonſt halten uns die Lehth für toll.« Giles dachte jetzt erſt an ſeinen unſchicklichen Anzug, riß die Nachtmütze vom Kopfe, ſteckte ſie in die Taſche und ſetzte einen ernſthaften Hut auf, den er aus dem Oliver Twiſt. 153 Wagen nahm. Als dies geſchehen war, fuhr der Po⸗ ſtillon weiter, und Giles, Herr Maylie und Oliver gin⸗ gen langſam nach. Auf dem Wege ſah Oliver von Zeit zu Zeit mit Neu⸗ gier und Theilnahme den Fremden an. Er ſchien etwa fünfundzwanzig Jahre zu zählen und war von mittlerer Größe, ſein Geſicht ſchön und offen, ſein ganzes Weſen ungezwungen und einnehmend. Trotz der Verſchiedenheit zwiſchen Jugend und Alter glich er der alten Dame zu ſehr, daß Oliver eine Verwandtſchaft zwiſchen Beiden leicht errathen haben würde, hätte jener die Dame auch nicht bereits ſeine Mutter genannt. Madame Maylie ſtand an der Thür und erwartete ihren Sohn, und das Wiederſehen war rührend. „»Ach, Mutter,« flüſterte der junge Mann,»warum ſchriebſt Du mir nicht früher?« »Ich ſchrieb,« antwortete Madame Maylie,»behielt aber nach reiflicher Ueberlegung den Brief zurück, bis ich Losberne's Meinung gehört hatte.“« „»Aber warum,« fuhr der junge Mann fort,»warum der Möglichkeit deſſen, was beinahe geſchah, Raum laſ⸗ ſen? Wäre Roſa,— ich kann das Wort jetzt nicht ausſprechen,— hätte die Krankheit ein anderes Ende genommen, wie hätteſt Du Dir ſelbſt verzeihen, wie hätte ich wieder glücklich ſein können?« „»Wäre dies geſchehen, Heinrich,« antwortete Ma⸗ dame Maylie,»ſo. würde Dein Glück, fürchte ich, wirk⸗ lich geſtört geweſen ſein, und auf einen oder zwei Tage äüher oder ſpäter wäre es dann bei Deiner Ankunft nicht angekommen.“ „Wer würde ſich wundern, Mutter, wenn es ſo wäre? Ja, warum ſage ich nur wenn? Es iſt,— es iſt,— Du weißt es, Mutter, Du mußt es wiſſen.« 154 Oliver Twiſt. »Ich weiß, daß ſie die reinſte und wärmſte Liebe verdient, die eines Mannes Herz gewähren kann,« ſprach Madame Maoylie;»ich weiß, daß ihre Hingebung, ihre aufopfernde Liebe keine gewöhnliche Erwiederung, ſondern eine tiefgefühlte und ewige verlangt. Fühlte ich dies nicht und wüßte ich nicht überdies, daß ihr eine verän⸗ derte Stimmung deſſen, welchen ſie liebt, das Herz bre⸗ chen würde, ſo würde mir meine Aufgabe nicht ſo ſchwer erſcheinen, ſo würde ich mit mir nicht ſo viel zu kämpfen haben, um auszuharren in dem, was ich als meine Pflicht erkannt habe.« »Das iſt hart, Mutter,« ſagte Heinrich.»Hältſt Du mich noch immer für ein Kind, daß ich mein eigenes Herz nicht kenne und mich über die Gefühle meiner Seele täuſche?« »Mein lieber Sohn,« entgegnete Madame Maylie, indem ſie ihre Hand auf ſeine Achſel legte,»die Jugend beſitzt gar manches ſchöne und edle Gefühl, das nicht ausdauert, und manches wird nur um ſo flüchtiger, wenn es Befriedigung findet. Vor Allem aber denke ich,« fuhr ſie fort und ſah ihrem Sohn in das Geſicht,»wenn ein glühender, enthuſiaſtiſcher, ehrgeiziger junger Mann eine Frau beſitzt, auf deren Namen ein Flecken ruht, der, auch wenn ſie ſelbſt ihn nicht verſchuldete, von kaltherzi⸗ gen neidiſchen Menſchen ihr, ja ihren Kindern vorge⸗ worfen und ihm zum Hohne vorgehalten werden kann, er— wie edelgeſinnt er auch ſein möge— vielleicht ein⸗ mal die Verbindung bereut, die er in der Jugend ſchloß, und ſie den Schmerz und die Pein hat, zu wiſſen, daß er Reue fühlt.« 3 »Mutter,« fiel der junge Mann ungeduldig ein,»ein ſolcher wäre ein ſelbſtſüchtiger roher Menſch, gleich un⸗ Oliver Twiſt. 155 würdig des Namens Mann und des Weibes, das Du beſchreibſt.« 4 »Jetzt denkſt Du ſo, Heinrich,« antwortete ſeine Mutter. »Und ich werde immer ſo denken,« entgegnete der junge Mann.»Die Herzenspein und Seelenangſt, welche ich in den letzten beiden Tagen gelitten, entreißt mir das unumwundene Geſtändniß einer Liebe, die, wie Du weißt, nicht von geſtern iſt. An Roſa, dem lieblichen Engel, hängt mein Herz ſo feſt, wie eines Mannes Herz nur immer an einem Mädchen hängen kann. Ich kenne keine Gedanken, keine Ausſicht, keine Hoffnung im Leben ohne ſie, und wenn Du min hier widerſtrebſt, nimmſt Du mir meine Ruhe und mein Glück. Mutter, denke beſſer da⸗ von und von mir, und verkenne das warme Gefühl nicht, daß Du ſo gering zu achten ſcheinſt.“« »Eben, Heinrich, weil ich ſo gut denke von warmen gefühlvollen Herzen, möchte ich ihnen Wunden erſparen. Doch genug und mehr als genug davon.« »So überlaß die Entſcheidung Roſa,« fiel Heinrich ein.»Du wirſt gewiß Deine überſpannte Meinung nicht ſo weit treiben, um mir ein Hinderniß in den Weg zu legen.« »Nein,« antwortete die Mutter,»aber überlege—⸗ »Ich habe es bereits überlegt, Jahre lang überlegt, faſt ſeit ich ernſter Gedanken fähig bin. Mein Gefühl iſt unverändert, wie es immer bleiben wird. Warum alſo durch eine Zögerung, die keinen Vortheil bringt, mir Schmerzen machen? Nein, ehe ich wieder abreiſe, ſoll Roſa mich hören.« „»Das ſoll ſie,« ſprach Madame Maylie. Du ſcheinſt ja zu glauben, ſie würde mich kalt an⸗ hören, Mutter?« ſprach der junge Mann beſorgt. Oliver Twiſt. »Nein, nicht kalt,« erwiederte die Mutter,»keines⸗ wegs.« »Wie ſonſt?« fragte der junge Mann.»Sie liebt doch keinen Andern?« »Nein,« entgegnete die Frau.»Die Liebe zu Dir ſcheint, wenn ich nicht irre, bereits mit ihrem Herzen feſt verwachſen zu ſein.« »Ich habe nur noch etwas zu ſagen,« fuhr die Frau fort, und unterbrach den Sohn, der eben antworten wollte.»Ehe Du Dein Alles auf dieſes Wagniß ſetzeſt, mein Sohn, ehe Du Dich auf den höchſten Gipfel der Hoffnung ſtellſt, denke einige Augenblicke über Roſa's Geſchichte nach und überlege, welchen Einfluß die Kennt⸗ niß ihrer zweifelhaften Geburt auf ihre Entſcheidung ha⸗ ben kann, und welcher Edelſinn, welche Selbſtopferung in allen Dingen, in großen wie in kleinen, ihren Cha⸗ rakter ſtets ausgezeichnet hat.«⸗ »Was meinſt Du damit?« »Das errathe Du ſelbſt,« antwortete die Mutter. »Ich muß zu Roſa. Gott behüte Dich!« »Werde ich Dich heute Abend wiederſehen?« fragte der junge Mann. »Gelegentlich,« antwortete die Mutter,»wenn ich Roſa verlaſſe.«— »Du wirſt ihr ſagen, daß ich hier bin?⸗ „»Allerdings.« »Und wie beſorgt ich geweſen bin, wie ſehr ich ge⸗ litten habe, wie ich mich ſehne, ſie zu ſehen— nicht wahr, Mutter, das ſagſt Du ihr auch?« »Das will ich ihr alles ſagen,« antwortete die Mut⸗ ter, die liebevoll die Hand des Sohnes drückte und das Zimmer verließ. Losberne und Oliver waren während dieſes Geſprächs Oliver Twiſt. 157 an dem andern Ende des Zimmers geblieben. Jetzt ſtreckte der Erſtere ſeine Hand Heinrich Maylie entge⸗ gen, und Beide begrüßten einander auf das Herzlichſte. Dann gab der Doktor auf die vielfachen Fragen ſeines jungen Freundes einen genauen Bericht ſeiner Kranken, der ganz ſo troſtreich und vielverſprechend lautete, wie Heinrich nach Olivers erſter Angabe zu hoffen wagte, und auf den Giles, während er ſich ſcheinbar mit dem Gepäcke beſchäftigte, begierig horchte.— »Haſt Du neuerdings etwas Beſonderes geſchoſſen, Giles?« fragte der Doktor, als er mit ſeinem Berichte fertig war. »Nichts Beſonderes, Herr Doktor,« antwortete Giles, der roth wurde bis an die Ohren. »Auch keine Diebe gefangen und Knaben für ſolche angeſehen?« fragte der Doktor malitiös weiter. »Nichts, Herr Doktor,« antwortete Giles ganz ernſthaft. „Das thut mir leid, fuhr der Doktor fort,»da Du darin doch eine beſondere Geſchicklichkeit haſt. Wie geht es dem Brittles?« »Der Junge iſt ganz wohl, Herr Doktor,« ſagte Giles in ſeinem gewöhnlichen Gönnertone,»und läßt ſich Ihnen ergebenſt empfehlen.« »Sehr wohl,« entgegnete der Doktor.»Da ich Dich ſehe, Giles, ſo fällt mir auch ein, daß ich an dem Tage, ehe ich ſo ſchnell hierher beſchieden wurde, auf Erſuchen Deiner guten Herrin einen kleinen Auftrag zu Deinem Nutzen beſorgt habe. Willſt Du einmal da her in dieſe Ecke kommen?« Giles begab ſich in die angedeutete Ecke mit großer Wichtigkeit und einiger Verwunderung, und wurde mit einem kurzen heimlichen Geſpräche von dem Doktor be⸗ 158 ehrt, nach deſſen Beendigung er viele Bücklinge machte und mit ungewöhnlich ſtattlichen Schritten fortging. Der Gegenſtand dieſes Geſprächs wurde in dem Zimmer nicht mitgetheilt, aber ſchnell in der Küche offenbart, denn Giles begab ſich geraden Wegs dahin, ließ ſich ei⸗ nen Krug Bier geben, und machte mit einer majeſtäti⸗ ſchen, geheimnißvollen Miene, die auch ihre Wirkung nicht verfehlte, bekannt, die Herrin habe in Rückſicht auf ſeinen bei Gelegenheit des verſuchten Hauseinbruchs bewieſenen Muth für ſeinen alleinigen Nutzen in die Sparcaſſe zu Chertſey fünfundzwanzig Pfund Sterling gelegt. Die beiden Mägde machten bei dieſer Meldung große Augen, ſchlugen beinahe die Hände über dem Kopfe zuſammen und muthmaßten, Herr Giles werde nun wahrſcheinlich ſehr ſtolz werden. Giles aber zupfte ſeinen Buſenſtreifen weiter heraus und antwortete: »Nein— nein,« wenn ſie bemerkten, daß er irgend einmal hochmüthig gegen ſeine Untergebenen ſei, ſollte man es ihm nur ſagen, er werde es mit Dank an⸗ nehmen.« Dann machte er noch viele andere Bemer⸗ kungen, um zu beweiſen, daß er keineswegs ſtolz ſei, und ſie wurden mit gleicher Gunſt und gleichem Beifalle auf⸗ genommen, auch waren ſie ſo originell und ſo treffend, wie es die Bemerkungen großer Männer gewöhnlich ſind. 6 Oben verging der übrige Theil des Abends ziemlich vergnügt, denn der Doktor war ſehr aufgeräumt, und Heinrich Maylie konnte, trotz ſeiner Müdigkeit und ſei⸗ ner beſonderen Gedanken, dem guten Humor deſſelben nicht widerſtehen, der ſich in einer Menge von Witzen, drolligen Erinnerungen aus ſeiner Prarxis und einer Maſſe von kleinen Späßen äußerte, die Oliver für das Komiſcheſte hielt, das er jemals gehört hatte, und wor⸗ Oliver Twiſt. Oliver Twiſt. 159 über er in Verhältniß lachte, offenbar zur großen Freude des braven Doktors, der ſelbſt ſo unmäßig lachte, daß Heinrich aus Sympathie von Herzen mitlachen mußte. So waren ſie ſo vergnügt, als ſie den Umſtänden nach ſein konnten, und ſie trennten ſich erſt ſpät mit leichtem und dankerfülltem Herzen, um die Ruhe zu genießen, der ſie Alle nach der Sorge und Angſt der letzten Zeit ſo ſehr bedurften. Oliver ſtand am nächſten Morgen weit heiterer auf und ging mit größerer Hoffnung und mehr Vergnügen an ſeine gewöhnlichen Frühbeſchäftigungen, als an den letzten Tagen. Die Vögel wurden wieder vor das Fen⸗ ſter gehangen, damit ſie an ihren frühern Stellen ſän⸗ gen, und die ſchönſten wilden Blumen geſammelt, die Roſa durch ihren Duft und ihre Farben erfreuen konn⸗ ten. Die Traurigkeit, die noch die trüben Augen des Knaben zu umgeben geſchienen, war wie durch einen Zauberſchlag verſchwunden. Der Thau ſchien glänzender an den grünen Blättern zu funkeln, die Luft in lieb⸗ licherem Tone unter denſelben zu rauſchen, und ſelbſt der Himmel dunklerblau und ſchöner auszuſehen. So⸗ viel vermag unſere eigene Stimmung ſelbſt über Außen⸗ gegenſtände. Die Menſchen, welche die Natur und ihre Mitmenſchen betrachten und behaupten, Alles ſei dunkel und düſter, haben vollkommen Recht; aber die düſtere Farbe geht von ihren eigenen kranken Augen und Her⸗ zen aus. Die wirklichen Farben ſind hell und rein, und um ſie ſo zu finden, braucht man ſie nur mit kla⸗ rem Auge anzuſchauen. Es verdient bemerkt zu werden, und es entging auch Oliver nicht, daß er ſeine Morgenausflüge nicht mehr allein machte. Heinrich Maylie bekam auf einmal eine ſolche Vorliebe für die Blumen, und entwickelte ſo viel Ge⸗ 160 Oliver Twiſt. ſchmack in ihrer Anordnung, daß er ſeinen jungen Gefähr⸗ ten bald übertraf. Wenn aber auch Oliver darin nachſtand, ſo wußte er dagegen, wo die ſchönſten wuchſen, und jeden Morgen durchſtreiften ſie die Umgegend und brachten die ſchönſten, welche blüheten, zuruck. Jetzt wurde auch das Fenſter in dem Zimmer Roſa's geöffnet, denn ſie fühlte gern die weiche Sommerluft hereinſtrömen und erquickte ſich an ihrer Friſche; und an dem Fenſter ſtand immer in Waſſer ein beſonderer Blumenſtrauß, der jeden Morgen mit beſonderer Sorgfalt gebunden wurde. Oliver bemerkte es wohl, daß die verwelkten Blumen nicht weggeworfen wurden, obgleich die kleine Vaſe jeden Morgen einen friſchen Strauß erhielt; auch entging es ihm nicht, daß der Doktor, ſo oft er in den Garten kam, um ſeinen Morgenſpaziergang zu machen, an jene Stelle hinaufſah und ausdrucksvoll dabei nickte. Unter ſolchen Gedanken vergingen die Tage ſchnell, und Roſa genas raſch und ſicher. Oliver beſuchte mit verdoppeltem Eifer und Fleiße den Unterricht des grauköpfigen Alten, und arbeitete ſo emſig, daß er ſelbſt von ſeinen ſchnellen Fortſchritten überraſcht war. Bei dieſer Arbeit wurde er einſt durch einen ganz unerwarteten Vorfall ſehr erſchreckt. Das Stübchen, in welchem er in ſeinen Büchern zu ſtudiren pflegte, befand ſich zu ebener Erde nach dem Garten hinaus. Es war ganz ein Landhausſtübchen, mit einer Jalouſie am Fenſter und Jasmin und Jelän⸗ gerjelieber, die daſſelbe mit ihrem Dufte füllten. Von dem Garten führte eine kleine Thür auf ein kleines Grasland, und darüber hinaus war Alles Wieſe und Wald. Nach dieſer Seite hin ſtand kein anderes Ge⸗ bäude, und die Ausſicht war ziemlich weit. An einem ſchönen Abende, als die erſten Schatten Oliver Twiſt. 161 des Zwielichtes ſich auf die Erde zu breiten begannen, ſaß Oliver emſig leſend an dieſem Fenſter. Er hatte eine Zeitlang eifrig ſtudirt, und da der Tag ungewöhn⸗ lich warm geweſen war, ſo iſt es wohl nicht unnatür⸗ lich und unwahrſcheinlich, daß er allmälig einſchlummerte. Es giebt eine Art Schlaf, der uns bisweilen be⸗ ſchleicht, aber, wenn er auch den Körper gefeſſelt hält, die Seele nicht von einem Gefühle der Dinge umher entbindet, ſie vielmehr ſich frei beſchäftigen läßt. Kann eine nicht zu bewältigende Müdigkeit, ein Schwinden aller Kräfte und die gänzliche Unfähigkeit, unſere Ge⸗ danken und Bewegungskraft zu beſtimmen, Schlaf ge⸗ nannt werden, ſo iſt jener Zuſtand Schlaf; doch haben wir dabei ein Bewußtſein von Allem, was um uns her vorgeht, und ſelbſt wenn wir träumen, fügen ſich die Worte, die wirklich geſprochen werden, oder die Töne, welche in dieſem Augenblicke wirklich exiſtiren, überra⸗ ſchend ſchnell in unſere Traumbilder ein, bis die Wirk⸗ lichkeit und die Phantaſie ſo ſeltſam verſchmelzen, daß es ſpäter faſt unmöglich wird, beide zu trennen. Dies iſt jedoch nicht die merkwürdigſte Erſcheinung bei einem ſolchen Zuſtande. Es iſt eine erwieſene Thatſache, daß, obgleich unſer Gefühls⸗ und Geſichtsſinn für dieſe Zeit todt ſind, auf unſere ſchlafenden Gedanken und die Traumbilder, die an unſerm Geiſte vorüberſchweben, die bloße ſtille Gegenwart eines äußern Ge⸗ genſtandes, der, als wir die Augen geſchloſſen hielten, nicht in unſerer Nähe geweſen zu ſein braucht, und deſſen Nähe wir im Wachen uns nicht bewußt waren, einen beſtimmten Einfluß äußert. Oliver wußte vollkommen, daß er in ſeinem kleinen Stübchen war, daß ſeine Bücher vor ihm auf dem Tiſche lagen und die milde Luft die Blaͤtter draußen Oliver Twiſt. II. 11 162 Oliver Twiſt. bewegte,— und doch ſchlief er. Plötzlich änderte ſich die Scene, die Luft wurde dumpf und ſchwül, und er glaubte mit Schrecken, wieder in dem Hauſe des Inden zu ſein. Da ſaß der häßliche alte Mann in dem ge⸗ wöhnlichen Winkel, wies auf ihn und flüſterte mit einem andern Manne, der mit abgewandtem Geſichte bei ihm ſaß. „Still, Freund!« glaubte er den Juden ſagen zu hören;»er iſt es gewiß. Komm fort!« »Er!“ ſchien der Andere zu antworten;»denkſt Du, ich könnte ihn verkennen? Wenn tauſend Teufel ſeine Geſtalt annähmen und er mitten unter ihnen ſtände, ſo würde mir doch immer etwas ihn ausfindig machen helfen. Begrabt ihn funfzig Fuß tief und führt mich über ſein Grab, ich werde es wiſſen, daß er da begraben liegt, wenn es auch kein Zeichen oben verräth.« »Der Mann ſchien dies mit ſo furchtbarem Haſſe zu ſprechen, daß Oliver durch die Furcht geweckt wurde und auffuhr. Gütiger Gott! Was drängte ſein Blut nach dem Herzen, was benahm ihm die Kraft zu ſprechen und ſich zu bewegen? Da— da— an dem Feuſter— dicht vor ihm— ſo dicht, daß er ihn faſt hätte berühren können, dehe er zurückfuhr,— in das Zimmer herein ſehend und ſeinen Blicken begegnend— ſtand der Jude!— und neben ihm, blaß vor Wuth oder Furcht oder beiden, die boshaften Züge deſſelben Mannes, dem er in dem Hofe des Wirthshauſes begegnet war. Es war nur ein Augenblick, ein Blick und fort wa⸗ ren ſie. Aber ſie hatten ihn erkannt und er ſie, und ihr Ausſehen hatte ſich ſeinem Geiſte ſo feſt eingeprägt, als wäre es tief in Stein gegraben und als hätte er es von ſeiner früheſten Jugend an vor ſich gehabt. Einen Oliver Tw iſt. 163 Augenblick ſtand er da wie vom Donner gerührt, dann aber ſprang er von dem Fenſter in den Garten und rief laut um Hülfe. Sechszehntes Kapitel enthält ein ungenügendes Reſultat von Olivers Abenteuer und ein wichtiges Geſpräch zwiſchen Heinrich Maylie und Roſa. Als auf Olivers Ruf die Bewohner des Hauſes her⸗ beieilten, fanden ſie ihn bleich und entſetzt. Er deutete nach den Wieſen hinter dem Hauſe und konnte kaum ſagen:„der Jude! der Jude!« Giles wußte nicht, was dieſer Ruf bedeuten ſollte, Heinrich Maylie aber, der ſchneller begriff, und Olivers Geſchichte von ſeiner Mutter gehört hatte, verſtand ihn ſogleich. »Welchen Weg nahm er?« fragte er, während er einen tüchtigen Stock ergriff, der in einer Ecke ſtand. „Dieſen!« antwortete Oliver, und zeigte, wohin die beiden Männer gegangen waren.„»Ich verlor ſie eben erſt aus den Augen.« »Dann ſind ſie in dem Graben,“ ſagte Heinrich. »Folgt mir, und haltet Euch ſo nahe als möglich bei mir.« Mit dieſen Worten ſprang er über die Hecke und lief ſo ſchnell dahin, daß es den Andern ſchwer wurde, in ſeiner Nähe zu bleiben. Giles folgte ſo gut er konnte, auch Oliver lief mit nach, und nach ein Paar Minuten ſtolperte Losberne, der ausgegangen geweſen war und eben zurückkehrte, 11* 16¾ Oliver Twiſt. ihnen nach über die Hecke, raffte ſich aber mit größerer Gewandtheit wieder auf, als man ihm hätte zutrauen ſollen, ſchlug mit gar nicht zu verachtender Schnelligkeit denſelben Weg ein, und ſchrie dabei aus vollem Halſe, um nur zu erfahren, was es denn eigentlich gebe. Inmer weiter liefen ſie, und hielten nicht an, um zu athmen, bis der Anführer um eine bon Oliver angege⸗ beue Feldecke bog, und ſorgfältig den Graben und die Hecke dabei unterſuchte, ſo daß die Andern Zeit erhiel⸗ ten, ihn einzuholen, und Oliver dem Doktor den Umſtand erzählen konnte, der eine ſo hitzige Verfolgung veranlaßt hatte.: Die Nachſuchung war vergebens. Sie ſahen nicht einmal friſche Fußtapfen. Sie ſtanden auf der Spitze eines kleinen Hügels, von dem aus man wohl eine Stunde weit die Felder in der Runde überſehen konnte. Links in der Tiefe lag das Dorf; wollten aber die Leute dies er⸗ reichen, nachdem ſie erſt den Weg gegangen, den Oliver angegeben hatte, ſo mußten ſie im Freien einen Umweg gemacht haben, der in dieſer kurzen Zeit unmöglich zu⸗ rückzulegen war. Nach einer andern Seite hin ſäumte die Wieſe einen dichten Wald; aber aus demſelben Grunde konnten ſie dieſen Schutz noch nicht erreicht haben. 3 »Du mußt getraͤumt haben, Oliver,« ſagte Heinrich, indem er ihn bei Seite nahm... »Gewiß nicht, Herr,« antwortete Oliver, der bei der bloßen Erinnerung an das Geſicht des Böſewichts ſchau⸗ derte;»ich ſah ihn zu deutlich. Ich ſah ſie Beide ſo deutlich wie ich Sie jetzt ſehe.« »Wer war der Andere?« fragte Losberne und Hein⸗ rich gleichzeitig. „Derſelbe, welcher, wie ich Ihnen erzählte, in dem Wirthshauſe in der Stadt mir begegnete,« antwortete — Oliver Twiſt. 165 Oliver.»Wir ſahen einander feſt an und ich könnte es beſchwören, daß er es war.« »Sie nahmen dieſen Weg?« fragte Heinrich;»weißt Du das gewiß?« »So gewiß, wie die Männer an dem Fenſter waren,“ zerwiederte Oliver, und zeigte nach der Hecke, welche den Hausgarten von der Wieſe ſchied.»Der große Mann ſprang hier an dieſer Stelle darüber; der Iunde lief einige Schritte rechts und kroch durch das Loch da.« Die beiden Herren beobachteten Olivers ernſtes Ge⸗ ſicht, während er ſprach, ſahen dann einander an, und ſchienen ſeinen Worten Glauben zu ſchenken. Aber nach keiner Richtung hin ſah oder hörte man Leute fliehen. Das Gras war lang, aber nirgends niedergetreten als da, wo die Verfolger ſelbſt hindurch gingen. Die Sei⸗ ten des Grabens waren von feuchtem Lehm, aber nir⸗ gends konnten ſie eine friſche Fußtapfe erkennen. „Es iſt ſonderbar!« ſagte Heinrich. »Sonderbar?« wiederholte der Doktor.»Selbſt Bla⸗ thers und Duff würden nichts herausbekommen.⸗ Trotz der offenbaren Nutzloſigkeit ihrer Nachforſchung ließen ſie nicht ab, bis die Nähe der Nacht jede weitere Verfolgung hoffnungslos machte; aber ſelbſt da gaben ſie dieſelbe ungern auf. Giles wurde in die verſchiedenen Bierhäuſer in dem Dorfe geſchickt mit einer genauen Be⸗ ſchreibung des Ausſehens und der Kleidung der beiden Fremden; des Juden würde man ſich übrigens außerdem gewiß erinnert haben, hätte er irgendwo getrunken oder ſich umhergetrieben,— aber er kam ohne eine Nachricht zurück, welche das Geheimniß hätte aufhellen können. Am nächſten Tage wurden weitere Nachforſchungen angeſtellt und die Verhöre erneuert, aber ohne beſſern Erfolg. Am folgenden Morgen reiſeten Herr Maylie 166 Oliver Twiſt. und Oliver in den Marktflecken, um vielleicht dort etwas von den Männern zu ſehen oder zu hören, aber auch dieſe Bemühung war vergebens, und nach einigen Tagen fing man an, die Sache zu vergeſſen, wie man die mei⸗ ſten Sachen vergißt, wenn die Verwunderung darüber keine neue Nahrung erhält und von ſelbſt verſchwindet. Roſa erholte ſich während dieſer Zeit ſchnell. Sie hatte ihr Zimmer verlaſſen, konnte wieder ausgehen, lebte von neuem in der Familie und erfreuete Aller Herzen. Obgleich nun aber dieſe glückliche Veränderung eine ſichtbare Einwirkung auf den kleinen Kreis hatte, ob⸗ gleich man wieder heitere Stimmen und luſtiges Lachen in dem Landhauſe hörte, ſo zeigte ſich doch bisweilen an Einigen ein ungewohnter Zwang,— ſelbſt an Roſa— der Oliver nicht entging. Madame Maylie und ihr Sohn ſchloſſen ſich oft lange mit einander ein, und auf Roſa's Geſicht zeigten ſich oftmals Spuren von Thränen. Als Losberne den Tag ſeiner Abreiſe nach Chertſey beſtimmt hatte, ſteigerten ſich dieſe Symptome, und es wurde of⸗ fenbar, daß etwas vorging, welches den Frieden des jun⸗ gen Mädchens und noch einer andern Perſon ſtörte. Eines Morgens endlich; als Roſa allein in dem Speiſezimmer ſaß, trat Heinrich ein, und bat nach eini⸗ ger Zögerung um die Erlaubniß, einige Worte mit ihr ſprechen zu dürfen. »Wenige, ganz wenige Worte werden hinreichen, Roſa,« ſagte der junge Mann, indem er ſeinen Stuhl in ihre Nähe rückte.»Was ich Dir ſagen will, wirſt Du ſchon ſelbſt wiſſen; die theuerſten Hoffnungen meines Herzens ſind Dir nicht unbekannt, obgleich Du ſie von meinen Lippen noch nicht ausſprechen hörteſt.“« Roſa war gleich bei dieſem Eingange ſehr blaß ge⸗ worden, doch konnte dies auch noch eine Folge ihrer Oliver Twiſt. 167 neuerlichen Krankheit ſein. Sie verbeugte ſich bloß, neigte ſich über einige Blumen, die in der Nähe ſtanden, und wartete ſchweigend, daß er fortfahre. „Ich— ich hätte es dabei bewenden laſſen ſollen—,« ſprach Heinrich. »Das ſollteſt Du allerdings,« ermſederle Roſa.»Ver⸗ zeihe mir, daß ich ſo ſpreche, ich wünſche aber wirklich, Du hätteſt es gethan.⸗ »Ich wurde dur h die ſchrecklichſte Beſorgniß hierher geführt,« fuhr der junge Mann fort,»durch die Beſorg⸗ niß, das einzige theure Weſen zu verlieren, das alle meine Hoffnungen und Wünſche umfaßt. Du warſt dem Tode nahe,— ſchwebteſt zwiſchen Erde und Himmel. Wir wiſſen, daß, wenn die Jungen, Schönen, Guten von Krankheit befallen werden, ihr reiner Geiſt ſich unmerk⸗ bar nach ſeiner herrlichen Heimath ewiger Ruhe wendet, und daher kommt es, daß die beſten und ſchönſten Men⸗ ſchen ſo oft in ihrer Blüthe von der Erde ſcheiden. 8 Es traten Thränen in die Augen des lieben Mäd⸗ chens, als Heinrich dieſe Worte ſprach, und eine fiel auf die Blumen, über welche ſie ſich beugte, blitzte in dem Kelche derſelben und verſchönerte ſie. »Ein Engel,« fuhr der junge Mann leidenſchaftlich fort, vein Geſchöpf ſo ſchön und ſchuldlos als einer der Engel Gottes, ſchwebte zwiſchen Leben und Tod. Ach, wer konnte hoffen, als die ferne Welt, der er angehört, ſich ſeinen Blicken dämmernd zeigte, daß er zu den Sor⸗ gen und der Noth der Unſtigen zurückkehren würde! Roſa, Roſa, zu wiſſen, daß Du hinſchwindeſt, wie ein flüchtiger Schatten, den ein Licht von oben auf die Erde wirft,— keine Hoffnung zu haben, daß Du für die er⸗ halten werden würdeſt, die hier wandeln, und keinen Grund zu kennen, warum Du zögern ſollteſt,— zu füh⸗ 168 Oliv er Twiſt. len, daß Du jener ſchönen Welt angehörſt, wohin ſo viele begabte Weſen in der Kindheit und Jugend entwi⸗ chen ſind,— und doch zu beten, Du möchteſt denen wiedergegeben werden, die Dich lieben,— ſind Gedan⸗ ken, die ein Menſch⸗ kaum ertragen kann. Ich hegte dieſe Gedanken Tag und Nacht; mit ihnen ſtürmten auf mich Beſorgniſſe ohne Zahl ein, nebſt dem eigennützigen Be⸗ dauern, Du könnteſt ſterben, ohne erfahren zu haben, wie innig ich Dich liebte, und ſie rlöſchten faſt das Licht des Verſtandes in mir. Da genaſeſt Du, Tag für Tag und faſt Stunde für Stunde; einige Tropfen der Ge⸗ ſundheit kamen zurück, miſchten ſich mit dem ſchwachen Strome des Lebens, der matt noch durch Deine Adern floß und ſchwellten ihn wieder auf zur hohen Fluth. Ich habe Dich faſt vom Tode zum Leben übergehen ſehen, und meine Augen waren feucht von tiefer Liebe. Sage mir nicht, Du wünſchteſt, ich hätte dieſe Liebe verloren, denn ſie hat mein Herz weich und ſanft geſtimmt gegen die ganze lt.« »Das meinte ich nicht,« ſagte Roſa weinend;»ich wünſchte nur, Du wäreſt dabei ſtehen geblieben, damit Du Dich Deinem hohen, edeln Streben und den Be⸗ ſchäftigungen zuwenden könnteſt, die Deiner würdig ſind.« »Keine Beſchäftigung iſt meiner, iſt der edelſten Na⸗ tur würdiger, als das Streben, ein ſolches Herz, wie das Deinige, zu gewinnen,« fuhr der junge Mann fort, indem er ihre Hand erfaßte.»Roſa, meine theure Roſa, Jahre, Jahre ſchon habe ich Dich geliebt, Jahre lang hoffte ich, mir den Weg zum Ruhme zu bahnen und dann ſtolz nach Hauſe zurückzukommen, Dir zu ſagen, er ſei nur geſucht worden, um ihn mit Dir zu theilen, und Dich dann um Deine Hand zu bitten, gleichſam nach einem alten Vertrage, der ſtumm ſchon in den Kin⸗ — — Oliver Twiſt. 169 derjahren zwiſchen uns geſchloſſen worden iſt. Dieſe Zeit iſt nicht gekommen, aber hier, ohne Ruhm und ohne die Verwirklichung meiner Jugendträume, biete ich Dir das Herz, das ſo lange ſchon Dir gehörte, und ſetze mein Alles auf die Worte, mit denen Du mein Anerbieten empfangen wirſt.« »Du biſt ſtets edel und freundlich gegen mich gewe⸗ ſen,« antwortete Roſa, die ihre tiefe Erſchütterung zu bemeiſtern ſuchte.»Wenn Du glaubſt, daß ich nicht gefühllos und undankbar bin, ſo höre meine Antwort.⸗ »Soll ich Dich zu verdienen ſuchen, theure Roſa?« »Du ſollſt mich zu vergeſſen ſuchen,« antwortete Roſa,»nicht als Deine liebe Geſpielin und Freundin, denn das würde mich tief verletzen, aber als den Ge⸗ genſtand Deiner Liebe. Blicke in die Welt hinaus und bedenke, wie viele Herzen ſie zählt, die zu erwerben auch ein Stolz für Dich ſein würde. Vertraue mir eine andere Liebe an, wenn Du es willſt, und ich will Deine treueſte, wärmſte Freundin ſein.. Es folgte eine Pauſe, in welcher Roſa, die ihr Ge⸗ ſicht mit einer Hand bedeckte, ihren Thränen freien Lauf ließ. Die andere Hand hielt Heinrich noch in der ſei⸗ nigen. »Und Deine Gründe, Roſa?« fragte er endlich leiſe; „»Deine Gründe für dieſe Entſcheidung? Darf ich nach denſelben fragen?« 3 4 „»Du haſt ein Recht, ſie zu kennen,« entgegnete ſie. »Was Du auch ſagen magſt, nichts kann meinen Ent⸗ ſchluß ändern. Es iſt eine Pflicht, die ich erfüllen muß. Ich bin es ſowohl Andern als mir ſelbſt ſchuldig.« »Dir ſelbſt?« »Ja, Heinrich, ich bin es mir ſchuldig, daß ich, ein freundeloſes, armes Mädchen, auf deren Namen ein 170 Oliver Twiſt. Flecken haftet, der Welt nicht Urſache zu dem Glauben gebe, ich habe eigennützig Deiner erſten Neigung nach⸗ gegeben und mich hemmend an alle Deine Hoffnungen und Pläne gehangen. Ich bin es Dir und den Deini⸗ gen ſchuldig, Dich abzuhalten in der Wärme Deines Edelſinnes, dieſes große Hinderniß in Deine Laufbahn, in der Welt zu legena. »Wenn Deine Neigungen übereinſtimmen—« »Nein,« erwiederte Roſa, ho⸗ herröthend. » So erwiederſt Du meine Liebe?« ſprach Heinrich. »Sprich nur dieſes aus, Roſa, ſprich nur dieſes aus, und mildere die Bitterkeit dieſer herben Täuſchung.« »Wenn ich es dürfte, ohne ihm, den ich liebe, ſchwe⸗ res Unrecht zu thun,« entgegnete Roſa,„ſo würde ich—« »Dieſe Erklärung anders aufgenommen haben?« fragte Heinrich raſch.„ Verbirg mir wenigſtens dieſes nicht, Roſa.« »Ja,« ſprach Roſa;„doch genug,« fuhr ſie fort, indem ſie ihm ihre Hand entzog,»warum dieſes Ge⸗ ſpräch verlängern, das mir ſo peinlich iſt und doch ſo ſüßes Glück gewährt, denn Glück iſt es für mich, zu wiſſen, daß ich einmal die hohe Stelle in Deiner Ach⸗ tung einnahm, die Du mir anweiſeſt, und jeder Sieg, den Du im Leben gewinnſt, wird mich mit neuer Kraft und Feſtigkeit waffnen. Lebe wohl, Heinrich, denn wie wir einander heute gegenüberſtanden, werden wir nie wieder beiſammen ſein; in allen anderen Verhältniſſen als denen, in welche uns dieſes Geſpräch gebracht ha⸗ ben würde, laß uns lange und glücklich⸗verbunden ſein, und möge nun jeder Segen, den das Gebet eines treuen Herzens von dort, wo alles Treue und Wahrheit iſt, herabrufen kann, Dir folgen und Dich beglücken!« it Deinem Pflichtgefühle — Aà———2 Oliver Twiſt. 171 »Noch ein Wort, Roſa,« ſagte Heinrich.»Deinen Grund mit Deinen eigenen Worten! Laß mich ihn von Deinen eigenen Lippen hören.« „»Deine Ausſichten,« antwortete Roſa feſt,»ſind glänzend; alle Ehre, welche große Talente und einfluß⸗ reiche Verwandte dem Manne im öffentlichen Leben er⸗ werben können, erwarten Dich. Aber dieſe Verwand⸗ ten ſind ſtolz, und ich will weder unter die treten, welche die Mutter verachten, die mir das Leben gab, noch Mißlingen und Ungnade dem Sohne derjenigen bringen, welche die Stelle jener Mutter ſo wohl vertrat. Mit einem Worte,« ſagte das Mädchen, und wendete ſich ab, denn ihre Feſtigkeit verließ ſie,»es liegt ein Flecken auf meinem Namen, den die Welt auch den Unſchuldi⸗ gen entgelten läßt; ich will ihn auf kein anderes Blut übertragen, und der Vorwurf ſoll auf mir allein ruhen.« »Noch ein Wort, Roſa,— liebe Roſa,« ſagte Heinrich, und ſank vor ihr auf die Kniee.„»Wenn ich minder glücklich,— was die Welt glücklich nennt,— wenn ich minder glücklich, wenn ein unbekanntes ruhiges Leben mein Schickſal, wenn ich arm, krank, hülflos waͤre,— würdeſt Du Dich dann von mir abgewendet haben? oder hat meine Hoffnung auf Reichthum und Ehre dieſes Bedenken hervorgerufen?« »Dränge mich nicht zu einer Antwort,« erwiederte Roſa.»Die Frage liegt nicht vor und wird nie vor⸗ liegen. Es iſt unfreundlich, jetzt Antwort darauf ha⸗ ben zu wollen.« „Iſt Deine Antwort ſo, wie ich es faſt zu hoffen wage,« entgegnete Heinrich,»ſo wird ſie einen Strahl von Glück auf meinen öden Pfad durchs Leben werfen. Es iſt nichts Geringes, durch ſo wenige Worte für einen, der Dich über alles liebt, ſo viel zu thun. Ach, 172 Oliver Twiſt. Roſa, bei meiner ewigen, glühenden Liebe,— bei allem, was ich um Dich gelitten habe, und bei allem, was ich nun leiden ſoll, antworte mir auf dieſe Frage.« „» Nun, wäre Dein Schickſal ein anderes,« erwie⸗ derte Roſa,»ja, ſtändeſt Du nur ein wenig, nicht ſo hoch über mir, hätte ich Dir eine Gehülfin und Trö⸗ ſterin ſein können in beſcheidenem ſtillen Leben, und nicht eine Schande und ein Hinderniß in der großen Welt,— ſo würde ich dieſe Prüfung nicht zu beſtehen nöthig gehabt haben.— Ich habe jetzt alle Urſache, glucklich, ſehr glücklich zu ſein; in jenem Falle aber, Heinrich, würde ich glücklicher geweſen ſein.« Erinnerungen von früheren Hoffnungen, die ſie längſt als Mädchen gehegt, beſtürmten Roſa's Herz während dieſes Geſtäudniſſes; aber ſie brachten Thränen mit ſich, wie alle früheren Hoffnungen, wenn ſie gebeugt zuruͤck⸗ kehren, und ſie erleichterten ihr Herz. »Ich kann dieſe Schwachheit nicht abhalten und ſie beſtärkt meinen Vorſatz,« ſagte Roſa, indem ſie ihre Hand ausſtreckte.»Ich muß Dich nun verlaſſen.« »Um ein Verſprechen bitte ich,« ſprach Heinrich. »Noch einmal, nur noch einmal— in einem Jahre vielleicht, oder auch viel früher— laß mich noch ein⸗ mal mit Dir darüber ſprechen, zum letzten Male.« »Nicht um in mich zu dringen, meinen gerechten Vor⸗ ſatz zu ändern,« erwiederte Roſa mit einem traurigen Lächeln;»es würde vergebens ſein.“« »Nein,« ſprach Heinrich,„um die Wiederholung zu hören, wenn Du es willſt, die letzte Wiederholung. Ich will die Stellung und das Vermögen, die ich viel⸗ leicht beſitze, zu Deinen Füßen legen und dann, wenn Du auch bei Deinem jetzigen Vorſatze bleibſt, weder Oliver Twiſt. 173 durch ein Wort noch durch eine Handlung ihn zu än⸗ dern verſuchen.“ „»So mag es ſein,« antwortete Roſa.»Es iſt nur ein Schmerz mehr; vielleicht vermag ich dann, ihn leich⸗ ter zu ertragen.“ Sie reichte ihm die Hand nochmals, aber der junge Mann zog ſie an ſeine Bruſt, drückte einen Kuß auf ihre ſchöne Stirn und eilte aus dem Zimmer hinaus. Siebenzehntes Kapitel iſt ſehr kurz und ſcheint vielleicht von keiner großen Wichtigkeit zu ſein, aber man möge es nur leſen, weil es einmal auf das vorhergehende folgt und ein anderes erklärt, das ſoa⸗ ter folgen wird. »Sie ſind alſo entſchloſſen, dieſen Morgen mein Reiſegeſellſchafter zu ſein?« ſagte der Doktor, als Hein⸗ rich Maylie zu ihm und Oliver an den Frühſtückstiſch trat.»Vor einer Stunde noch hegten Sie keine ſolche Abſicht. Noch geſtern früh hatten Sie ſich ſchnell ent⸗ ſchloſſen, hier zu bleiben und Ihre Mutter als gehorſa⸗ mer Sohn an das Meer zu begleiten; zu Mittag ſagen Sie mir, Sie wollten mich auf Ihrem Wege nach Lon⸗ don bis nach Hauſe begleiten, und Abends dringen Sie in mich ganz geheimnißvoll, aufzubrechen, ehe die Da⸗ men aufſtehen, und die Folge davon iſt, daß der arme Oliver da bei ſeinem Frühſtücke ſitzet, während er auf den Wieſen nach botaniſchen Erſcheinungen aller Art umherſtreifen ſollte. Es iſt zu arg, nicht wahr, Oliver?« 174 Oliver Twiſt. »Es würde mir ſehr leid gethan haben, wäre ich nicht zu Hauſe geweſen, als Sie und Herr Maylie abreiſeten,« erwiederte Oliver. »Das iſt ein ſchlauer Burſche,« ſagte der Doktor; »Sie beſuchen mich doch, wenn Sie zurückkehren? Aber, im Ernſt, Heinrich, hat irgend eine Mittheilung von dem Großen Sie ſo mit einem Male zur Eile angetrieben?« »Ich habe von dem Großen,« erwiederte Heinrich, »unter welcher Benennung Sie wahrſcheinlich meinen ſtattlichen Onkel verſtehen, keine Mittheilung erhalten, ſeit ich hier bin, und in dieſer Jahrszeit dürfte auch ſchwerlich etwas meine Anweſenheit in ſeiner Nähe nöthig machen.« »So ſind Sie ein ſeltſamer Menſch. Gewiß will man Sie noch vor Weihnachten in das Parlement bringen, und dieſe plötlichen Meinungswechſel und Sinnesänderungen ſind allerdings keine übele Vorbe⸗ reitung für das politiſche Leben. Es hat etwas für ſich; eine gute Schule und Gewohnheit iſt immer wünſchens⸗ werth, wenn man etwas zu erlangen ſucht.« Heinrich Maylie ſah aus, als könne er auf dieſe wenigen Worte einige Bemerkungen machen, die dem Doktor unangenehm ſein müßten, aber er begnügte ſich mit der Antwort,»wir werden ja ſehen,« und brach das Geſpräch damit ab. Bald darauf fuhr der Wagen vor, Giles kam wegen des Gepäckes und der gute Doktor ging hinaus, um daſſelbe aufpacken zu ſehen. »Oliver,« ſagte Heinrich Maylie leiſe,»nun noch ein Wort mit Dir.«— 1 Oliver trat in eine Fenſterbrüſtung, nach welcher ihm Herr Maylie winkte, und wunderte ſich ſehr über die Traurigkeit und die Unruhe, die aus deſſen ganzem Weſen ſprach. ———— —„—— — ⸗—„— Oliver Twiſt. 175 „»Jetzt kannſt Du gut ſchreiben,« ſagte Heinrich, in⸗ dem er ſeine Hand auf des Knaben Arm legte. »Ich hoffe es, Sir,« antwortete Oliver. »Vielleicht komme ich in langer Zeit nicht wieder nach Hauſe, und ich wünſche, Du ſchriebſt mir— viel⸗ leicht alle vierzehn Tage, einen Montag um den an⸗ dern; willſt Du dies thun?« »Gern, Sir; ich werde ſtolz darauf ſein,« entgeg⸗ nete Oliver, über den Auftrag höchſt erfreut. »Ich möchte wiſſen, wie— wie meine Mutter und Fräulein Maylie ſich befinden,« fuhr der junge Mann fort,»und Du kannſt einen Bogen voll ſchreiben, wo⸗ hin ihr ſpazieren geht, wovon ihr ſprecht, und ob Roſa — meine Mutter und das Fräulein glücklich und ganz wohl ſind. Verſtehſt Du mich?« „»Ganz, Sir, ganz,« entgegnete Oliver. »Aber ſage es ihnen nicht,« ſprach Heinrich, und er eilte ſchnell über dieſe Worte hin,»weil es meine Mutter ängſtigen würde und ſie mir dann öfterer ſchriebe, obgleich es eine Anſtrengung für ſie iſt. Laß es ein Geheimniß zwiſchen mir und Dir bleiben, und vergiß nicht, mir ja Alles zu ſchreiben; ich verlaſſe mich darauf.« Oliver, der ſich durch ein Gefühl ſeiner Wichtigkeit hoch erhoben und geehrt fühlte, verſprach, verſchwie⸗ gen und in ſeinen Mittheilungen genau zu ſein, und Herr Maylie nahm mit der Verſicherung ſeiner Liebe und ſeines Schutzes Abſchied. Der Doktor ſaß bereits im Wagen; Giles(der zu⸗ rückbleiben ſollte), hielt den Kutſchenſchlag und die Mägde ſtanden nachſehend im Garten. Heinrich warf noch einen flüchtigen Blick nach dem Fenſter hinauf und ſprang in den Wagen. 176 Dliver Twiſt. „»Fort!“« rief er,»raſch, ſchnell, in vollem Galop. Nur Fliegen wird heute mit mir Schritt halten.« »Nun, nun,« ſagte der Doktor, indem er ſchnell das Fenſter herunterließ und dem Poſtillon zurief: »etwas weniger als fliegen iſt mir auch ſchnell genug. Hörſt Du?« Raſſelnd, bis die Entfernung das Geräuſch nicht mehr hören ließ und das ſchnelle Weiterrücken nur dem Auge bemerklich blieb, fuhr der Wagen auf der Straße hin, von einer Staubwolke faſt verhüllt, verſchwand bald ganz, und wurde bald wieder ſichtbar, je nach den Gegenſtänden dazwiſchen und den Krümmungen des Weges. Erſt als auch ſelbſt die Staubwolke nicht mehr zu ſehen war, zerſtreuten ſich die Nachblickenden.. Eine Zuſchauerin aber heftete die Augen noch lange, lange auf die Stelle, wo der Wagen verſchwunden war; — hinter dem weißen Vorhange, der ſie vor den Bli⸗ cken verſteckte, als Heinrich nach dem Fenſter hinauf⸗ ſah, ſaß Roſa⸗ „Er ſcheint fröhlich und glücklich zu ſein,« ſagte ſie endlich.»Ich fürchtete wohl, es könne anders ſein. Ich irrte mich. Es freut mich ſehr, zu ſehr.« Thränen ſind zwar Zeichen der Freude und der Trauer, aber die, welche über Roſa's Wangen ſtrömten, als ſie nachdenkend an dem Fenſter ſaß und noch immer nach derſelben Richtung hinſah, ſchienen mehr von Kum⸗ mer als von Freude zu zeugen. ————4 4 Oliver Twiſt. 177 Achtzehntes Kapitel. In dieſem Kapitel wird der Leſer oder die Leſerin, wenn ſie des neunten Kapitels in dieſem Bande ſich erinnern, ei⸗ nen im ehelichen Leben nicht ungewöhnlichen Abſtand be⸗ merken. „Herr Bumble ſaß in dem Sprachzimmer des Arbeits⸗ hauſes und ſeine Augen ruhten trübſelig auf dem freude⸗ loſen vergitterten Fenſter, durch welches, obgleich es Sommer war, kein hellerer Glanz als der Widerſchein einiger ſchwächlichen Sonnenſtrahlen fiel. Eine papierne Fliegenfalle hing an der Decke; er erhob ſeine Blicke bis⸗ weilen eben ſo trübſelig dahin, und wenn die gedanken⸗ loſen Inſekten ſich an dieſer Falle ſammelten, ſeufzte Herr Bumble tief und ein noch dunkelerer Schatten zog über ſein Geſicht. Herr Bumble dachte nach, und es ſchien, als erinnerten ihn die Fliegen an ein ſchmerzliches Ereig⸗ niß in ſeinem frühern Leben. Aber nicht allein Bumble's traurige Miene konnte in dem Herzen eines theilnehmenden Zuſchauers eine ſanfte Melancholie wecken. Es fehlte auch nicht an andern Zei⸗ chen, an Zeichen, die eng mit ſeiner Perſon zuſammen⸗ hingen, und welche verriethen, daß eine große Verände⸗ rung in ſeiner Stellung vorgegangen war. Wo waren der betreßte Rock und der dreieckige Hut? Zwar trug er noch immer kurze Hoſen und dunkele baumwollene Strümpfe, aber es waren nicht die Hoſen. Der Rock hatte breite Schöße, und in dieſer Hinſicht glich er dem Oliver Twiſt. II. 12 118 Oliver Twiſt. Rocke, und doch wie verſchieden war er! Der gewaltige dreieckige Hut war einem beſcheidenen runden gewichen. Herr Bumble war nicht mehr Vogt und Büttel. Es giebt Stellungen und Aemter im Leben, die außer dem reellern Gewinne, den ſie gewähren, einen eigen⸗ thümlichen Werth und eine beſondere Würde von den damit verbundenen Röcken und Weſten erhalten. Ein Feldmarſchall hat ſeine Uniform, ein Biſchof ſein ſeidenes Gewand, ein Richter ſeine Perrücke und ein Büttel ſeinen dreieckigen Hut. Man nehme dem Feldmarſchall ſeine Uniform, dem Biſchof ſein ſeidenes Gewand, dem Richter ſeine Perrücke und dem Büttel ſeinen dreieckigen Hut und ſeine Goldtreſſen,— was ſind ſie?— Menſchen— bloße Menſchen. Würde, ja bisweilen Heiligkeit ſind oft mehr Sachen des Rockes als manche Leute glauben. Bumble hatte ſich mit der Frau Corney verheirathet, und war Hausvater oder Hausverwalter im Arbeits⸗ hauſe. Ein anderer Vogt war zur Gewalt gekommen, und auf dieſen der dreieckige Hut, der betreßte Rock und der Stock übergegangen. »Und morgen werden es zwei Monate, daß es ge⸗ ſchah,« ſagte Bumble mit einem Seufzer.»Mir iſt es, als wäre es eine Ewigkeit.« Herr Bumble konnte damit ſagen wollen, er habe eine Ewigkeit von Glück in der kurzen Zeit von acht Wochen genoſſen? aber der Seutzer.— in dem Seußzer lag ſehr „viel. »Ich verkaufte mich,« fuhr Herr Bumble in demſel⸗ ben Ideengange fort,»für ſechs Theelöffel, eine Zucker⸗ zange und eine Milchkanne, nebſt einigen alten Meubles und fünfundzwanzig Pfd. Strl. Geld. Ich ging wohl⸗ feil,— ſpottwohlfeil weg.«.. Oliver Twiſt. 179 »Wohlfeil!« rief eine gellende Stimme in Bumbles Ohr;»Du warſt um jeden Preis zu theuer; theuer genug habe ich Dich bezahlt, Gott der Herr weiß es!« Bumble drehte ſich um und erblickte das Geſicht ſei⸗ ner theilnehmenden Gattin, welche die wenigen Worte, die ſie von ſeiner Klage hörte, zwar nicht vollkommen verſtand, aber doch die vorſtehende Bemerkung auf Gera⸗ thewohl wagte. »Oh, Frau Bumble!« ſagte Herr Bumble ernſt. »Nun?« fragte die Frau. Br»Sei doch ſo gut und ſieh mich einmal an,« ſagte umble, indem er ſeine Augen auf ſie heftete.»Wenn ſie einen ſolchen Blick aushält,« dachte er bei ſich,»ſo hält ſie Alles aus. Dieſer Blick verfehlte nie ſeine Wirkung bei den Armen; wenn er ſie bei ihr verfehlt, ſo iſt meine 3 Macht hin.« 3 . Ob nun eine kleine Ausdehnung des Auges ſchon hin⸗ reicht, Arme zurückzuſchrecken, die, nicht am beſten ge⸗ nährt, keine große Kraft beſitzen, oder ob Frau Bumble ggeegen Adlerblicke beſonders feſt war, kommt auf die An⸗ ſichten an. Gewiß iſt es, daß die Frau durch Bumble's Blick keineswegs eingeſchüchtert wurde, im Gegentheile denſelben ſehr geringſchätzig behandelte, und ſogar ein Ge⸗ lächter darüber erhob, das ihr wirklich vom Herzen zu kommen ſchien. —— 3 Als Bumble dieſen unerwarteten Ton hörte, ſah er erſt ganz ungläubig, dann aber ſehr beſtürzt aus. End⸗ lich verſank er wieder in ſeinen frühern Zuſtand, und er⸗ wachte aus demſelben nicht eher, als bis er wieder die Stimme ſeiner Ehehälfte hörte. »Willſt Du den ganzen Tag daſitzen und ſchnarchen 2« fragte Frau Bumble. . 12* 180 Oliver Twiſt. „»Ich werde hier ſitzen, ſo lange es mir gefällt, Frau,⸗ antwortete Bumble,»und obgleich ich nicht ſchnarchte, ſo werde ich doch ſchnarchen, gähnen, nieſen, lachen oder wei⸗ nen, wie mir es eben einfällt, denn ich habe das Recht dazu.⸗ »Ein Recht!« bemerkte Frau Bumble mit unaus⸗ ſprechlichem Hohne. 5 »So ſagte ich, Frau,« entgegnete Bumble.»Der Mann hat das Recht zu befehlen.« »Und welches Recht hat denn die Frau?« rief die Wittwe des ſeligen Corney. „»Zu gehorchen hat ſie,« donnerte Bumble.»Das hätte Dich ſchon Dein verſtorbener, unglücklicher Mann lehren ſollen, und dann lebte er vielleicht noch. Ach, ich wünſchte ſehr, er lebte noch, der arme Mann!« Frau Bumble, die mit einem Blicke erkannte, daß der große Augenblick gekommen ſei, und ein Kampf um die Herrſchaft auf der einen oder andern Seite nothwendig der letzte und entſcheidende ſein müſſe, hatte kaum dieſe Erwähnung des Todten und Abgeſchiedenen vernommen, als ſie auf einen Stuhl ſank und mit einem lauten Schrei⸗ daß Bumble ein roher hartherziger Mann ſei, alle ihre Thränenſchleuſen aufzog. Aber Thränen drangen nicht zu Bumble's Seele! ſein Herz war waſſerdicht. Gleich waſchbaren Caſtorhüten, die im Regen immer beſſer werden, wurden ſeine Nerven durch Thränengüſſe geſtärkt und gekräftigt, die als Zeichen der Schwäche und inſofern als ſtillſchweigende Anerken⸗ nung ſeiner Macht, ihm wohlgefielen und ihn aufrichte⸗ ten. Er ſah ſeine Frau mit einer Miene inniger Zufrie⸗ denheit an, und erſuchte ſie mit den ermuthigendſten Worten, ſie möge weinen, ſo viel in ihren Kräften ſtehe, —,—— — Oliver Twiſt. 181 da die Doktoren eine ſölche Thränenabführung für ſehr geſund hielten. »Sie öffnet die verſtopften Lungen, wäſcht das Geſicht, ſtärkt die Augen und ſchlägt den Zorn nieder,« ſprach Bumble;»ſo weine Du alſo immerhin.« Während er dieſe ſpaßhafte Bemerkung machte, nahm Herr Bumble den Hut vom Nagel, ſetzte ihn ziemlich keck auf eine Seite, wie ein Mann, der ſeine Ueberlegen⸗ heit gezeigt hat, ſteckte die Hände in die Taſchen und ging langſam nach der Thür zu, während ſich auf ſeinem Geſichte einige Zufriedenheit ausſprach. Frau Bumble hatte, die Wahrheit zu ſagen, den Ver⸗ ſuch mit den Thränen nur deshalb gemacht, weil er der leichteſte und bequemſte war; jetzt aber war ſie entſchloſ⸗ ſen, einen fühlbarern und nachdrücklichern Angriff zu ma⸗ chen, wie Bumble bald empfinden ſollte. Die erſte Andeutung davon erhielt er durch einen hohlen dumpfen Ton, dem unmittelbar das Herabfliegen ſeines Hutes von dem Kopfe und an die entgegengeſetzte Wand der Stube folgte. Da durch dieſes Präliminar⸗ verfahren ſein Kopf entblößt wurde, ſo gab ihm die er⸗ fahrene Frau, während ſie ihn mit der einen Hand feſt an der Kehle faßte, einen Hagel von Schlägen und Püf⸗ fen— mit ganz beſonderer Kraft und Gewandtheit— mit der andern Hand auf dieſes entblößte Haupt. Eine kleine Abwechſelung brachte ſie in die Sache, indem ſie ihm das Geſicht zerkratzte und die Haare ausraufte, und als ſie ihm dadurch eine ſolche Strafe zugetheilt, als ihr das Verbrechen zu verdienen ſchien, ſtieß ſie ihn über ei⸗ nen Stuhl, der ganz gelegen dazu daſtand, und forderte ihn auf, nun noch einmal von ſeinen Rechten zu reden, wenn er den Muth habe. 182 Oliver Twiſt. »Steh' auf,« ſagte Frau Bumble in gebieteriſchem Tone,»und mach', daß Du fortkommſt, oder es geht Dir ſchlecht.⸗ Herr Bumble ſtand mit einem ſehr trübſeligen Ge⸗ ſichte auf, dachte mit Verwunderung nach, was das Schlechte wohl ſein möge, nahm ſeinen Hut wieder und ſch ritt nach der Thür zu. »Gehſt Du?« fragte Frau Bumble. „Allerdings, liebe Frau, allerdings,« antwortete Bumble und ging um ein Bedeutendes ſchneller.»Es war nicht meine Abſicht,— ich gehe,— Du biſt ſo heftig, daß ich wirklich—« Frau Bumble that in dieſem Augenblicke ſchnell ein Paar Schritte vor, um den Teppich wieder glatt zu legen, der ſich bei dem Scharmützel verſchoben hatte, Bumble ſchoß ſogleich durch die Thür hinaus, ohne weiter an ſeinen unvollendeten Satz zu denken, und ließ die Frau im Be⸗ ſitze des Schlachtfeldes. Herr Bumble war ordentlich überrumpelt worden und völlig geſchlagen. Er beſaß eine ziemlich ausgebildete Neigung zur Auſſchneiderei, machte ſich ein. Vergnügen mit kleinen Grauſamkeiten, und war dem zu Folge, wie wir gar nicht weiter zu erwähnen brauchten, ein Haſen⸗ fuß. Dadurch ſoll ſeinem Charakter keineswegs zu nahe getreten werden, denn viele beamtete Perſonen, die dabei in hohem Anſehen ſtehen, leiden an derſelben Schwach⸗ heit. Ich mache dieſe Bemerkung vielmehr zu ſeinem Gunſten, und um dem Leſer anzudeuten, wie er ſo Lanz für ein Amt geeignet war. Das Maaß ſeiner Demüthigung war leider noch nicht voll. Nachdem er einen Gang durch das Haus gemacht — ,— — ,— —— Oliver Twiſt. 183 und zum erſten Male daran gedacht hatte, daß die Ar⸗ mengeſetze doch wirklich mit den Armen zu hart verfüh⸗ ren, und daß nicht die Männer, welche von ihren Wei⸗ bern gingen und die Erhaltung derſelben der Gemeinde überließen, eigentlich gar keine Strafe, ſondern vielmehr Belohnung verdienten, weil ſie viel gelitten, kam er an das Waſchhaus, wo mehrere arme Frauen die Hauswäſche wuſchen, und dabei ihre Zungen und Lungen nicht min⸗ der als ihre Hände anſtrengten. „Hml«e ſagte Bumble, indem er die ganze ihm ange⸗ borne Würde zuſammennahm.»Dieſe Weiber wenigſtens ſollen das Recht achten. Heda! Was ſoll das Lärmen, ihr alten Hexen?« Damit machte Herr Bumble die Thür auf und trat mit zorniger Geberde hinein, aber dieſe änderte ſich faſt augenblicklich in eine ganz demüthige Miene um, als ſeine Augen unerwarteter Weiſe ſeine geliebte Ehehälfte er⸗ blickten.. „»Liebe Fran,« ſagte er,»ich wußte nicht, daß Du hier biſt.« »Du wußteſt nicht, daß ich hier bin!« wiederholte die Frau.»Was haſt Du hier zu ſuchen?« »Ich meinte, die Weiber ſchwatzten zu viel, und ver⸗ nachläſſigten die Arbeit darüber,« antwortete Bumble, indem er nach einigen alten Weibern ſchielte, die an dem Waſchfaſſe ſtanden und ſich höchlich über das Pantoffel⸗ geſicht des Herrn Hausverwalters verwunderten. »Du meinteſt, ſie ſchwatzten zu viel?« wiederholte die Frau.»Was geht das Dich an?« »Nun, liebe Frau—« wollte ſich Hen Bumble zu bemerken erlauben. 184 Oliver Twiſt. »Was geht das Dich an?« fragte die Frau wieder. „Es iſt freilich wahr, daß Du hier zu befehlen haſt, liebe Frau,« entgegnete Herr Bumble ſchüchtern,»aber ich glaubte, Du wäreſt nicht da.⸗ »Wir brauchen Dich gar nicht hier,« fuhr ſeine Ehe⸗ Aſe fort,»aber Du ſteckſt Deine Naſe in Alles, was ich nichts angeht, und machſt Dich vor allen Leuten lächerlich. Geh', daß Du fortkommſt.« Bumble, dem es in den Fingern juckte, als er ſah, wie die Waſchweiber unter einander über ihn lachten, wagte einen Augenblick zu zögern. Die Frau Bumble aber, deren Geduld ſehr bald zu Ende ging, nahm einen Topf voll Seifenbrühe, wies nach der Thür und befahl ihm, augenblicklich zu gehen, wenn er den Inhalt des Topfes nicht in das Geſicht erhalten wolle. Was konnte Bumble thun? Er drehte ſich ſogleich um und ging von dannen; aber als er die Thür erreichte, 4 brach das Kichern der Waſchweiber in ein unwiderſtehli⸗ ches Gelächter aus. Das fehlte noch. Er war in ihren Au⸗ 4 gen beſchimpft; er hatte ſelbſt vor den Armen ſein Anſe⸗ hen verloren, er war von der Höhe und dem Glanze des Büttels tief, tief zu einem höchſt armſeligen Pantoffel⸗ mann herabgeſunken. »Und das Alles in zwei Monaten!« murmelte er. »Vor zwei Monaten,— ja, noch vor zwei Monaten war ich nicht bloß mein eigener Herr, ſondern der Herr Aller, was das ſtädtiſche Armenhaus betrifft, und nun, nun!—« 3 Es war zu viel. Herr Bumble gab dem aben, der das Thor für ihn aufmachte, eine Dhrfeige und trat zwecklos auf die Straße, Oliver Twiſt. 185 Er ging eine Straße hinauf, und eine andere wie⸗ der hinunter, bis durch die Bewegung die erſte Heftig⸗ keit ſeines Kummers gemindert war; aber dieſe Ge⸗ fühlsumwandlung machte ihn durſtig. Er ging vor vie⸗ len Wirthshäuſern vorbei und blieb endlich vor einem etwas verſteckt liegenden ſtehen, in dem ſich nur ein Gaſt befand. Es fing eben an, ſtark zu regnen und dies reifte ſeinen Vorſatz; Herr Bumble trat ein und beſtellte, als er an dem Schenktiſche vorüberging, et⸗ was Trinkbares. Der Mann, der in der Stube ſaß, war groß, von dunkeler Geſichtsfarbe und trug einen großen Mantel. Er ſchien fremd und, nach der Ermattung in ſeinen Zügen, wie nach dem Staube an ſeinen Kleidungsſtü⸗ cken zu ſchließen, weit gegangen zu ſein. Er ſah den Herrn Bumble von der Seite an, nickte aber kaum mit dem Kopfe zur Erwiederung des Grußes. Herr Bumble wußte, was er ſich ſchuldig war, und ſo trank er ſeinen Grog ſtill und las ſehr bedächtig die Zeitung. Es geſchah jedoch,— wie das wohl oft geſchieht, wenn Leute unter ſolchen Umſtänden zuſammen kom⸗ men,— daß Herr Bumble bisweilen eine unwiderſteh⸗ liche Verſuchung fühlte, verſtohlen den Fremden anzu⸗ ſehen, die Augen aber ſogleich in Verlegenheit wieder niederſchlug, wenn er fand, daß der Fremde ihn eben auch verſtohlen anſehe. Bumble's Verlegenheit wurde noch geſteigert durch einen merkwürdigen Ausdruck in dem Auge des Fremden, das ſtach und funkelte, aber, auffallender als er je bemerkt hatte, Mißtrauen und Argwohn verrieth, und deshalb wirklich grauenvoll woar. 186 Oliver Twiſt. Als ſich auf dieſe Weiſe ihre Blicke mehrmals be⸗ gegnet hatten, ſagte der Fremde endlich mit tiefer rau⸗ her Stimme:»ſahen Sie nach mir, als Sie durch das Fenſter hereinſchielten?« »Nicht daß ich wüßte, Sie müßten denn Herr—« da ſchwieg aber Bumble, denn er mochte gern den Namen des Fremden wiſſen, und glaubte, dieſer werde die Lücke ausfüllen. „»Ich glaube es nun, daß Sie es nicht thaten,« fuhr der Fremde fort, und ein Ausdruck von Spott ſpielte um ſeine Lippen,»ſonſt würden Sie meinen Namen kennen. Sie kennen ihn nicht, und ich rathe Ihnen, auch nicht darnach zu fragen.« „»Ich wollte Sie nicht beleidigen, junger Mann,« bemerkte Bumble majeſtätiſch. »Sie haben es auch nicht gethan,« entgegnete der Fremde. Auf dieſes kurze Gefpräch folgte wieder eine Pauſe, welche endlich der Fremde von neuem unterbrach. »Ich habe Sie ſchon vorher geſehen, glaube ich; aber Sie waren damals anders gekleidet, und ich ging an Ihnen nur auf der Straße vorüber; doch erkenne ich Sie wieder. Sie waren früher Vogt hier?« „Das war ich,« antwortete Bumble überraſcht. „Als ſolchen ſah ich Sie. Was ſind Sie jetzt?« »Hausverwalter im Arbeitshauſe,« erwiederte Bumble langſam und nachdrücklich, um jede Vertraulichkeit von vorn herein zurückzuweiſen, die der Fremde ſich viel⸗ leicht erlauben wollte. Hananenwalter im Arbeits⸗ hauſe, junger Mann.«. „Ich glaube, Sie ſind noch immer auf Ihren Nuten 2 — Oliver Twiſt. 187 bedacht, wie ſonſt,⸗ fuhr der Fremde fort, indem er ſcharf in Bumble's Augen ſah, die derſelbe in Ver⸗ wunderung uber dieſe Frage aufgeſchlagen hatte.»Ant⸗ worten Sie mir offen. Ich kenne Sie genau, wie Sie ſehen.« „»Ich denke, ein verheiratheter Mann,“« antwortete Bumble, indem er die Hand über die Augen hielt und den Fremden vom Kopfe bis zu den Füßen muſterte, „verſchmähet ein Geldſtück, das er auf ehrliche Weiſe verdienen kann, eben ſo wenig als ein unverheiratheter. Die ſtädtiſchen Beamten ſind nicht ſo gut bezahlt, als daß ſie einen kleinen Nebenverdienſt zurückzuweiſen brauchten.“ Der Fremde lächelte, nickte, als wolle er ſagen, er habe ſich alſo in ſeinem Manne nicht geirrt, und klingelte. »Noch ein Glas,« ſagte er, indem er dem Wirth das leere Glas Bumble's hinhielt.»Aber ſtark und heiß. So trinken Sie ihn ja wohl gern?« »Nicht zu ſtark,« erwiederte Bumble mit einem lei⸗ ſen Huſten. »Sie wiſſen, was das heißt, Herr Wirth,« ant⸗ wortete der Fremde trocken. Der Wirth lächelte, ging, und kam bald mit einem rauchenden Glaſe zurück. Der erſte Schluck daraus trieb das Waſſer in Bumble's Augen.* „Nun hören Sie mich an,« ſagte der Fremde leiſe. „»Ich bin heute bloß in der Abſicht hierhergekommen, um Sie aufzuſuchen, und nach einem ſolchen Zufalle, wie ihn der Teufel ſeinen Freunden bisweilen in den Weg wirft, traten Sie eben ein, als ich mich in Ge⸗ 188 Oliver Twiſt. danken mit Ihnen beſchäftigte. Ich brauche einige Nachweiſungen von Ihnen, will ſie aber nicht umſonſt haben. Stecken Sie das vor der Hand ein.« Mit dieſen Worten ſchob er dem Herrn Bumble vorſichtig ein Paar Sovereings über den Tiſch hin zu, als wünſche er, daß man das Geld nicht klingen höre. Nachdem Bumble die Geldſtücke ſorgfältig beſehen, ob ſie auch echt ſeien, und ſie darauf ſehr vergnügt in die Weſtentaſche geſteckt hatte, fuhr der Fremde fort: »Denken Sie zurück— warten Sie— vorigen Winter zwölf Jahre.«— »Das iſt lange,« ſprach Bumble.»Nun gut, ich habe es gethan.« »Der Schauplatz das Arbeitshaus.« „»Guk!« „»Die Zeit Nacht.« »Ja.«. »Und der Ort, wo Huren Kinder zur Welt bringen, welche die Stadt ernähren muß, und dann ihre Schande, Gott verdamme ſie! im Grabe bergen.« »Das iſt das Gebärhaus,« meinte Bumble. »Ja,« ſprach der Fremde.„Dort kam ein Knabe zur Welt.“«—— „»Gar viele Knaben ſind da zur Welt gekommen,« bemerkte Bumble und nickte bedeuklich. 3 „» Die Peſt auf die jungen Teufel!« rief der Fremde ungeduldig;»ich meine, einen bleichen Hund, der hier bei einem Sargmacher in die Lehre gegeben wurde(ich wollte, er hätte da ſeinen eigenen Sarg gemacht), dann aber, wie man vermuthete, nach London davon⸗ lief.« — Oliver Twiſt. 189 »Ach, Sie meinen Oliver— den jungen Twiſt?« ſagte Bumble;»ich erinnere mich an ihn. Es gab kei⸗ nen verſtockteren jungen Böſewicht—« »Von ihm will ich nichts hören, ich hörte, leider! ſchon genug von ihm,« fiel der Fremde ein,»ſondern von einer Frau, von einer Here, welche ſeine Mutter wartete. Wo iſt ſie?« „»Wo ſie iſt?« antwortete Bumble, den der Grog ſpaßhaft gemacht hatte,„das dürfte ſchwer zu ſagen ſein. Hebammendienſte braucht es dort nicht, wo ſie iſt, und ſie wird alſo wahrſcheinlich ohne Dienſt ſein.« »Was meinen Sie damit?« fragte der Fremde ernſt. »Daß ſie im vorigen Winter ſtarb,« antwortete Bumble. Der Mann ſah ihn feſt an, als er dieſe Antwort gehört hatte, und obgleich er ſeine Blicke lange nicht abwendete, ſo wurden ſie doch allmälig ausdrucksloſer und er ſchien in Nachdenken verſunken zu ſein. Eine Zeitlang war es nicht zu erkennen, ob ihn dieſe Nach⸗ richt erfreute oder betrübte, endlich aber athmete er freier auf, ſagte, es habe nicht viel zu bedeuten, und ſtand auf, als wolle er fortgehen. Bumble war ſchlau genug, und erkannte ſogleich, daß ſich hier eine Gelegenheit finde, ein Geheimniß, das ſeine beſſere Hälfte beſitze, mit Nutzen an den Mann zu bringen. Er dachte an die Nacht, in welcher die alte Sarah ſtarb, denn dieſe war ihm, die Leſer wiſſen ſchon warum, merkwürdig geblieben; und ob⸗ gleich die damalige Frau Corney ihm nie etwas von 190 Dliver Twiſt. dem geſagt, was ſie in jener Nacht erfahren, ſo hakte er doch genug davon gehört, um ſchließen zu können, es beziehe ſich jenes Geheimniß auf etwas, das geſche⸗ hen ſei, als die alte Sarah die junge Mutter Olivers wartete. Mit geheimnißvoller Miene deutete er dem⸗ nach dem Fremden an, es habe ſich eine Frau mit je⸗ ner Alten kurz vor deren Tode eingeſchloſſen, und ſie werde, wie er Urſache zu glauben habe, den fraglichen Gegenſtand wohl einigermaßen aufklären können. »Wo kann ich die Frau finden?« ſagte der Fremdee unvorſichtig, und verrieth, daß ſeine Beſorgniß, welche ſie auch ſein möge, durch dieſe Nachricht wieder her⸗ vorgerufen wurde. »Nur durch mich,« erwiederte Bumble. „»Wann?« »Morgen.« »Abends um neun Uhr,“« ſagte der Fremde, indem er ein Stück Papier nahm und eine obſcure Adreſſe, am Waſſer,“ in Schriftzeichen aufſchrieb, welche ſeine Unruhe verriethen,»bringen Sie mir die Frau dahin. Ich brauche Ihnen nicht erſt zu ſagen, vorſichtig zu ſein, denn es iſt Ihr Nutzen.« Nach dieſen Worten ging er der Thür zu, bezahlte den Wirth und wiederholte noch einmal mit Nachdruck die zur Zuſammenkunft beſtimmte Stunde. Bumble ſah nach der Adreſſe, und bemerkte, daß ſte keinen Namen enthielt. Weit konnte der Fremde noch nicht gegangen ſein, und er eilte ihm alſo nach. »Wer da?« fragte der Mann, indem er ſich ſchnell umdrehete, als ihn Bumble am Arme zupfte.»Mir folgen!« 4 „ Oliver Twiſt. 191 »Nur noch eine Frage,« fragte der Andere, indem er auf die Adreſſe wies.»Nach welchem Namen ſoll ich fragen?« »Monks!« antwortete der Mann und ging raſch weiter. Ende des zweiten Theiles. — — “