3 MA 1Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 von. Eduard Oltmann in Gießen, Schhloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 11 2. Lesepreis. Bei Räckaflär eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3 1 3.(aution. lnbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 143 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und Etraigt.. 8 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ſ 1—— Ser ſ. auf 1 Monat: 1 Mt.— pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 3 Auswäürti der Bücher au 7. Ausleih, lbe iſt auf 14 Ta beſonders da rkſe b S W = 4 1 oder die Laufbahn eines Waiſenknaben. Von Boz(Charles Dickens), dem Verfaſſer der Pickwicker, des Nickolaus Nickleby und der humoriſtiſchen Genrebilder. Aus dem Engliſchen von Dr. A. Diezmann. In drei Theilen. — Erſter Theil. —— Zweite Auklage. Mit einer Federzeichnung nach Phiz. „ Braunſchweig, Oruck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn, und 3 1 Geoorge Weſtermann. 1839. Erſtes Kapitel handelt von dem Orte, wo Oliver Twiſt geboren wurde, und von den Umſtänden bei ſeiner Geburt. Mudfog iſt eine angenehme Stadt, eine ſehr ange⸗ nehme Stadt, und liegt in einer reizenden Niederung an einem Fluſſe, von dem ſie einen lieblichen Geruch von Pech, Theer, Kohlen und Tauwerk, eine wandernde Einwohnerſchaft in Wachstuchhüten, häufigen Beſuch von betrunkenen Ruderknechten und viele andere See⸗ handelsvortheile erhält. Es giebt ſehr viel Waſſer um Mudfog, ohne daß die Stadt deshalb zu einem Badeorte geeignet wäre. Das Waſſer iſt ein eigenſinniges Element, und namentlich in Mudfog. Im Winter kommt es wallend die Straßen herunter und wälzt ſich über die Felder, ja dringt ſogar in verſchwenderiſcher Fülle, die man gern entbehrte, in die Keller und Küchen der Häu⸗ ſer; im heißen Sommer dagegen trocknet es ein und wird grün. Obgleich nun Grün allerdings eine ſehr ge⸗ fällige Farbe iſt, namentlich am Graſe, ſo paßt ſie doch ſicherlich nicht für das Waſſer, und es läßt ſich nicht läugnen, daß die Schönheit Mudſogs ſelbſt durch dieſen unbedentenden Umſtand ſehr leidet. Mudſog iſt ein ge⸗ ſunder Ort, ein ſehr geſunder Ort, ſeucht vielleicht, aber doch geſund. Es iſt durchaus ein Irrthum, wie man Feuchtigkeit für ungeſun den ja die Pflanzen am beſten an feuchten een, warum ſollten es nicht auch die Menſchen? Die Einwohner von Mud⸗ fog ſind einſtimmig der Meinung, daß es keinen ſchöne⸗ ren Menſchenſchlag auf dem Erdboden giebt, als ſie, und wir haben ſomit eine unbeſtreitbare und wahrhaf⸗ tige Widerlegung jenes gewöhnlichen Jrrthums. Unter anderen öffentlichen Gebäuden nun beſitzt Mudfog auch eines, das es mit den meiſten großen und kleinen Städten gemein hat, nemlich ein Arbeits⸗, Ar⸗ men⸗ und Waiſenhaus. In dieſem Hauſe wurde an ei⸗ nem gewiſſen Tage, den ich nicht genauer anzugeben brauche, da dem Leſer weiter nichts daran liegen kann, der Sterbliche geboren, deſſen Name an der Spihe die⸗ ſes Kapitels ſteht. Eine ziemlich lange Zeit, nachdem er durch den Stadtarmenarzt in dieſes Jammerthal eingeführt worden war, blieb es ſehr zweifelhaft, ob das Kind ſo lange leben würde, um überhaupt einen Namen zu führen, in welchem Falle dieſe Denkwürdigkeiten höchſt wahrſcheinlich nie erſchienen ſein, oder wenn ſie erſchienen, das unſchätzbare Verdienſt gehabt haben würden, die gedrängteſte und glaubwürdigſte Biographie zu ſein, welche die Literatur irgend einer Zeit oder ei⸗ nes Landes aufzuweiſen hat. Ob gleich ich nun nicht behaupten mag, daß die Geburt in einem Arbeitshauſe an ſich das glücklichſte und beneidenswertheſte Loos ſei, das ein menſchliches Weſen treffen kann, ſo war es doch in dieſem Falle das beſte fuür Oliver, das ihm mögli⸗ cher Weiſe begegnen konnte. Es hielt nemlich ſchwer, ihn zu bewegen, ſich die kleine Mühe zu geben und Athem zu holen, was allerdings eine unangenehme Be⸗ ſchäftigung, aber durch die Gewohnheit zu unſerm Wohlbefinden nöthig geworden iſt; er lag eine Zeitlang 1 auf einer ec cht im Gleichgewichte zwiſchen dieſer Welt und der nächſten, da die Wage ſich offenbar nach der letztern hinneigte. Wäre Oliver in dieſer Zeit von beſorgten Großmüttern, ängſtlichen Tan⸗ ten, erfahrenen Wärterinnen und gelehrten Aerzten um⸗ geben geweſen, ſo hätten ſie ihn unvermeidlich und ohne Zweifel umgebracht. Hier indeſſen war Niemand bei ihm als eine arme alte, durch den ungewohnten Ge⸗ nuß einer Ertraration Bier ziemlich beuebelte Frau und ein Armendoctor, der ſolche Dinge in Folge eines Contractes that, und ſo kämpften Oliver und die Na⸗ tur die Streitſache allein mit einander aus. Die Folge davon war, daß Oliver nach einigen Anſtrengungen athmete, nieſete und den Bewohnern des Arbeitshauſes Heine neue Laſt für das Kirchſpiel durch ſo lautes Ge⸗ ſchrei anmeldete, als man nur immer von einem Kna⸗ ben erwarten kann, der das nützliche Werkzeug, eine Stimme, noch nicht länger als etwa drei Minuten beſitzt. Als Oliver dieſes erſte Zeichen von dem freien und eigenen Gebrauche ſeiner Lunge gab, bewegte ſich die vielfach geflickte Decke, welche über die eiſerne Bettſtelle gebreitet war; ein bleiches, jugendliches, weibliches Ge⸗ ſicht erhob ſich langſam von dem Kiſſen, und eine ſchwache Stimme ſprach kaum vernehmlich die Worte: »Laßt mich das Kind ſehen und dann ſterben!« Der Arzt hatte mit dem Geſichte nach dem Feuer zu geſeſſen, und abwechſelnd ſeine Hände daran gehalten und dann an einander gerieben; als er aber jene Worte hörte, ſtand er auf, trat an das Bett und ſprach ſanf⸗ ter und freundlicher, als man wohl von ihm erwartet hätte: »Sie dürfen noch nicht vom Sterben reden.« — gen getrunken hatte,„Gott behüte!— Wenn ſie erſt ſo lange gelebt wie ich, Herr Doctor, und dreizehn Kin⸗ der gehabt, die alle geſtorben ſind, bis auf zwei, welche bei mir im Arbeitshauſe ſind, ſo wird ſie ſchon anders denken lernen, Gott behüte ſie! Denk, was eine Mut⸗ ter iſt; da liegt das liebe Lämmchen!« Allem Anſcheine nach brachte die tröſtliche Verwei⸗ ſung auf die Mutterpflichten den gewünſchten Eindruck nicht hervor. Die Kranke ſchüttelte ihr Haupt und ſtreckte die Hand nach dem Kinde aus. Der Arzt legte ihr daſſelbe an die Bruſt. Sie drückte leidenſchaftlich ihre weißen Lippen auf des Kin⸗ des Stirn, ſtrich mit der Hand über ihr Geſicht, blickte ſtier um ſich, ſchauerte zuſammen, ſank zurück— und ſtarb. Man rieb ihr die Bruſt, die Hände und die Schläfe, aber das Blut war für immer geronnen. Man ſprach von Hoffnung, aber Hoffnung war ihr längſt ſchon ein Fremdling geweſen. „»Es iſt vorbei, Frau Thinzumy,« bemerkte endlich der Arzt. »Ja wohl, das arme Ding!« erwiederte die Wär⸗ terin, indem ſie den Stöpſel von dem grünen Fläſchchen aufhob, der ab⸗ und auf das Bett gefallen war, als ſie ſich bückte, um das Kind von dem Leichnam wegzuneh⸗ men.»Armes Ding!« »Man braucht nicht zu mir hinaufzuſchicken, wenn das Kind ſchreiet,« fuhr der Arzt fort, indem er be⸗ dächtig ſeine Handſchuhe anzog.»Wahrſcheinlich wird des unruhig ſein. Gebt ihm in dieſem Falle etwas Ha⸗ fergrützenſchleim.« Er ſetzte den Hut auf, blieb auf —— —— —— 4 A ooch ſtärker geſchrieen haben. inmal an dem Bette zübſches Mädchen; wo⸗ her kam ſie?« 4 »Sie wurde vorige Nacht hierhergebracht,« ant⸗ wortete die alte Frau.»Man hatte ſie auf der Straße gefunden. Sie mußte eine ziemliche Strecke gegangen ſein, denn ihre Schuhe waren zerriſſen; aber woher ſie kam und wohin ſie wollte, weiß Niemand.« Der Arzt bog ſich über den Leichnam und hob die linke Hand empor.»Die alte Geſchichte,« ſagte er kopfſchüttelnd, vich ſehe keinen Trauring.— Gute Nacht!« Der Arzt entfernte ſich; die Wärterin griff noch einmal nach dem grünen Fläſchchen, ſetzte ſich dann auf einen niedrigen Stuhl vor dem Feuer, und fing an das Kind zu wickeln und anzukleiden. Was die Kleidung vermag, zeigte ſie auffallend an dem jungen Oliver Twiſt. In der Decke, in welcher er bis dahin eingewickelt geweſen war, hätte er das Kind eines Edelmannes wie eines Bettlers ſein können; es würde dem ſtolzeſten Fremden ſchwer geworden ſein, den Rang des Kindes in der Geſellſchaft zu beſtimmen. Jetzt aber, als er in das alte Kattunkleidchen gehüllt war, das in demſelben Dienſte gelb geworden, war er bezeichnet und ſank mit einem Male zu ſeiner Stelle herab— als Gemeindekind, die Waiſe eines Arbeits⸗ hauſes, ein armes, zum Hungern beſtimmtes elendes Geſchöpf, das durch die Welt geſtoßen, von allen ver⸗ achtet und von Niemandem bemitleidet wird. Oliver ſchrie luſtig. Hätte er es ſchon gewußt, daß er eine Waiſe und der Gnade der Kirchenvorſteher und Arbeitshausauſſeher überlaſſen ſei, würde er vielleicht wöchentlich für ein Kind bei Seite für ſich ſelbſt, und Zweites Kapitel handelt von Olivers Wachsthum und Erziehung. In den nächſten acht bis zehn Monaten war Oliver das Opfer eines ſyſtematiſchen Verraths und Betrugs, denn er wurde— aufgefüttert. Die hungrige und troſtloſe Lage des verwaiſeten Kindes wurde pflichtmä⸗ ßig von der Behörde des Arbeitshauſes an die Ge⸗ meindebehörde gemeldet. Die Gemeindebehörde fragte mit aller Würde einer Gemeindebehörde an, ob ſich nicht in dem Hauſe ein Frauenzimmer befinde, das gerade in der Lage ſei, dem Kinde die Nahrung geben zu können, die daſſelbe bedürfe. Die Arbeitshausbehörde entgegnete unterthänig, es befinde ſich in dem Hauſe kein ſolches Frauenzimmer. Darauf beſchloß denn die Gemeindebe⸗ hörde großmüthig, Oliver Twiſt ſolle in ein drei Meilen entferntes Zwingarbeitshans gebracht werden, wo zwan⸗ zig bis dreißig andere junge Miſſethaͤter gegen die Armen⸗ geſetze den ganzen Tag über ohne die Beläſtigung von überflüſſiger Nahrung und Kleidung, unter der mütter⸗ lichen Aufſicht einer ältlichen Frau, welche die kleinen Wohlthäter für ſieben Pence auf den Kopf wöchentlich aufnahm, auf den Dielen umherkrochen. Für ſieben Pence läßt ſich ein Kind wohl eine Woche lang ſätti⸗ gen, für ſteben Pence kann man ſogar den Magen eines Kindes überladen. Die ältliche Frau war eine geſcheite und erfahrene Frau; ſie wußte, was den Kindern gut war, und noch beſſer, was ihr ſelbſt Vortheil brachte. Deshalb legte ſie den größten Theil der ſieben Pence —— —— generation auf noch urſprünglich ausgeſetzt ndurch als eine treffliche Wir⸗ brauche ich nicht weitläufiger auseinander ſetzte die geringere Ra waren. Daß thin bewies, zu ſetzen. Die Leſer kennen die Geſchichte von jenem Manne, der auch ein trefflicher Wirth und Philoſoph war, und eine vorzügliche Theorie darüber hatte, daß ein Pferd leben könne, ohne zu freſſen, dieſe Theorie an ſeinem Pferde auch wirklich anwendete und daſſelbe gewiß da⸗ hin gebracht hätte, gar nichts zu freſſen, wäre es un⸗ glücklicher Weiſe nicht vorher geſtorben. Leider hatte die Ausübung des philoſophiſchen Sparſyſtems der Frau, deren ſchützender Sorgfalt Oliver anvertraut war, ge⸗ wöhnlich ein gleiches Reſultat, denn gerade, wenn es ein Kind ſo weit gebracht hatte, von dem möglich klein⸗ ſten Theile der möglich ſchwächſten Nahrung zu leben, ereignete es ſich in acht oder neun Fällen von zehn, daß es ſich erkältete und krank wurde, aus Mangel an Vorſicht ins Waſſer fiel, oder ſonſt auf irgend eine Weiſe zufällig verunglückte, und ein allen dieſen Fällen wurde das arme kleine Weſen gewöhnlich in die andere Welt abgerufen und zu ſeinen Vätern verſammelt, die es in dieſer nicht gekannt hatte. Wenn gelegentlich mehr als gewöhnlich nach einem ſolchen Kinde gefragt wurde, das man bei dem Auf⸗ ſchlagen einer Bettſtelle nicht bemerkt oder aus Unacht⸗ ſamkeit bei einer Wäſche verbrüht hatte,— obgleich das letztere ſelten vorkam, da Alles, was Aehnlichkeit mit Waſchen hatte, ſoviel als nur immer möglich, ver⸗ mieden wurde,— ſo ſetzten es ſich die Geſchwornen wohl in den Kopf, unangenehme Fragen beantwortet haben zu wollen, oder die Gemeindeglieder unterzeichne⸗ ten eine aufrühreriſche rigkeiten wurden ſehr bals tes und das Zeugniß des zuruͦ⸗ gewieſen; denn der Erſtere hatte jedesmal die Leiche geöffnet und nichts darin gefunden(das war allerdings ſehr wahrſcheinlich), und der Letztere beſchwor alles, was die Gemeindevor⸗ ſteher haben wollten, was gewiß eine große Aufopfe⸗ rung war. Die Vorſteher beſuchten zuweilen die Zwing⸗ anſtalt des Armenhauſes auf dem Dorfe, ließen ſich aber jederzeit den Tag vorher durch den Vogt anmel⸗ den. Die Kinder ſahen dann, wenn die Herren kamen, immer reinlich aus, und was verlangte das Volk mehr? Es läßt ſich nicht erwarten, daß dieſes Bewirthſchaf⸗ tungsſyſtem einen beſonders reichlichen Ertrag gegeben haben ſollte. Oliver Twiſt war an ſeinem achten Ge⸗ burtstage ein blaſſer, hagerer und ſehr kleiner Junge von höchſt geringem Umfange. Die Natur hatte jedoch in ſeine Bruſt einen kräftigen, geſunden Geiſt gelegt, der ſich in Folge der ſchmalen Koſt in der Anſtalt nach Be⸗ lieben ausdehnen konnte, und dieſem Umſtande iſt es vielleicht zuzuſchreiben, daß er überhaupt bis zu ſeinem achten Geburtstage kam. Mag dies aber auch ſein wie es will, genug es war ſein achter Geburtstag, und er feierte denſelben in dem Kohlenkeller mit zwei anderen Jungen, die erſt einander geprügelt hatten, und dann in dem Keller eingeſperrt worden waren, weil ſie das große Verbrechen begangen und hungrig zu ſein behauptet hat⸗ ten, als Frau Mann, die gute Frau vom Hauſe, höchſt unvermuthet durch das Erſcheinen Bumble's, des Vogtes, erſchreckt wurde, welcher die Gartenthüre aufzumachen ſuchte. »J, du grundgütiger Himmel! Sie ſind es, Herr Bumble?« rief Frau Mann, indem ſie in trefflich nach⸗ gemachter 8 ſch das Fenſter ſteckte. (»Suſanne, hole geſche den Oliver und die beiden anderen Buben aus dem Keller und waſche ſie ſogleich.«) „Wie freut es mich, Sie zu ſehen, Herr Bumble!« Herr Bumble war ein dicker und dazu choleriſcher Mann, und ſtatt dieſen herzlichen Gruß und Empfang mit Freundlichkeit aufzunehmen, rüttelte und ſchüttelte er die kleine Gartenthür fürchterlich, und gab ihr dann einen Stoß, wie ihn nur der Fuß eines Vogtes geben konnte. 1 »Ach, du lieber Herr Gott!« ſagte Frau Mann, in⸗ dem ſie hinansaing—(die drei Kinder waren unterdeß aus dem Keller geholt worden)— hatte ich es doch ganz vergeſſen, daß die Thüre der lieben Kinder wegen von innen verriegelt iſt. Nun ſo, kommen Sie herein, Herr Bumble, treten Sie ein.« Obgleich dieſe Einladung von einem Kuir begleitet war, der das Herz eines Gemeindevorſtehers ſelbſt hätte erweichen können, ſo rührte derſelbe doch den Vogt nicht. »Iſt dies ein achtungsvolles und paſſendes Betragen, Frau Mann,« begann Bumble, indem er ſeinen großen Stock kräftiger faßte,»die Gemeindebeamteten an Ihrer Gartenthür warten zu laſſen, wenn ſie in Gemeindeſachen wegen der Gemeindewaiſen kommen? Wiſſen Sie, Frau Mann, daß Sie auch in Dienſten der Gemeinde ſtehen?« „»Ja wohl, Herr Bumble, ich ſagte auch nur einigen der lieben Kinder, die ſo ſehr an Ihnen hängen, daß Sie eben ankämen,« antwortete Frau Mann mit großer Demuth. Herr Bumble hatte eine große Meinung von ſeiner Beredſamkeit und ſeiner Wichtigkeit. Die erſtere hatte er gezeigt und die letztere geltend gemacht. Er ſtimmte nun ſeinen Ton etwas herab. 16 »Es iſt gut, Frau te er gelaſſener; ves kann ſein, wie S 3 ſo ſein. Gehen Sie voran, Frau Mann, denn ich komme in Geſchäften und habe etwas auszurichten.« Frau Mann führte den Vogt in ein Stübchen zu ebner Erde mit backſteinernem Fußboden, brachte ihm einen Stuhl uund legte gefällig und behülflich ſeinen drei⸗ eckigen Hut und ſeinen Stock auf den Tiſch vor ihm. Herr Bumble dagegen wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn, ſah wohlgefällig ſeinen dreieckigen Hut an und lächelte.. »Sie haben einen weiten Weg gehabt, Herr Bumble,« bemerkte Frau Mann mit einſchmeichelnder Stimme. »Wollen Sie nicht ein Tröpfchen trinken?« „»Keinen Tropfen, keinen Tropfen,« entgegnete Bumble, indem er mit der rechten Hand würdevoll, aber gelaſſen eine Bewegung machte. »Und doch, doch,« fuhr Frau Mann fort, welche die abweiſenden Worte und die Geberde dazu wohl beachtet hatte,»„nur ein Tröpfchen mit etwas kaltem Waſſer und einem Stückchen Zucker.« 2 Herr Bumble huſtete.— »Nun, nur ein Tröpfchen,« meinte Frau Mann mit ſüß überredender Stimme. »Was haben Sie denn?« fragte der Vogt. »Etwas, von dem ich immer ein wenig im Hauſe haben muß, um es den guten Kindern geben zu können, wenn ſie nicht wohl ſind, Herr Bumble; es iſt Wachhol⸗ derbranntwein,« antwortete Frau Mann, indem ſie einen Eckſchrank öffnete und daraus eine Flaſche und ein Glas nahm.. »Sie geben den Kindern Wachholder, Fran Mann? fragte Bumble, indem ei zeß des Vermiſchens becbachkate. »Gott behüte ſie, das thue ich, ſo theuer er auch iſt,⸗ antwortete die Frau.»Sie wiſſen es, ich kann die armen Kleinen nicht leiden ſehen.« »Nein,« entgegnete Bumble beiſtimmend,»nein, das können Sie nicht. Sie haben ein gefühlvolles Herz, Frau Mann.«(Sie ſetzte ihm das Glas vor.)»Ich werde es bei erſter Gelegenheit der Behörde melden, Frau Mann.«—(Er zog das Glas näher zu ſich.)— „»Sie fühlen wie eine Mutter.«—(Er rührte den Schnaps und das Waſſer mit dem Zucker um.)—„»Ich trinke auf Ihre Geſundheit, Frau Mann,« und er trank das halbe Glas aus. »Aber nun von Geſchäften,« ſetzte er hinzu, indem er eine lederne Brieftaſche zur Hand nahm.»Das Kind, welches halb getauft war, Oliver Twiſt, wird heute acht Jahre alt.« „Gott behüte es!« entgegnete Frau Mann, indem ſte ihr linkes Auge mit dem Zipfel ihrer Schürze rieb. »Und trotz der ausgeſchriebenen Belohnung von 10 Pfd. Sterl., die ſpäter auf 20 Pfd. Sterl. erhöhet wurde,— trotz den allergrößten und, ich kann ſagen, übernatürlichen Bemühungen von Seiten dieſer Gemeinde,«⸗ fuhr Herr Bumble fort,»haben wir es nicht herausbe⸗ kommen können, wer ſein Vater iſt, oder wer und was ſeine Mutter war.« Frau Mann ſchlug vor Verwunderung die Hände zuſammen, ſetzte aber nach kurzem Nachdenken hinzu: „Wie geht es denn aber zu, daß er doch einen Namen hat?. Der Vogt richtete ſich mit großem Stolze empor und antwortete:„den erfand ich.« Oliver Twiſt. I. 2 gen den intereſſanten Pro⸗ 18 »Sie, Herr Bun““ »Ich, Frau Mann. nennen unſere Findelkin⸗ der nach alphabetiſcher Ordnung und ſtanden eben bei dem T,— Twiſt, ſo nannte ich den Jungen. Das nächſte Kind wird Unwin und das folgende Vilkins hei⸗ ßen. Ich habe mir Namen aufgeſchrieben bis ans Ende des Alphabets, und wenn wir über das Z hinaus ſind, fangen wir wieder bei dem A an.« „»Sie ſind ja wahrhaftig ein ordentlicher Gelehrter!« ſagte Frau Mann. »Ja, ja,« entgegnete der Vogt, den dieſe Benennung offenbar ſchmeichelte,»es iſt wohl möglich, wohl möglich, Frau Mann.« Dann trank er den Wachholder mit dem Waſſer aus und ſetzte hinzu:»Oliver iſt nun zu alt, als daß er länger hier bleiben könnte, und die Vor⸗ ſteher haben deshalb beſchloſſen, ihn in das Arbeitshaus zurückzunehmen. Ich bin ſelbſt gekommen, um ihn ab⸗ zuholen; alſo bringen Sie ihn her.«. „Ich werde ihn ſogleich holen,« antwortete Frau Mann, die das Zimmer in dieſer Abſicht verließ. Da Oliver unterdeß ſo weit von der Schmutzrinde, die ſein Geſicht und ſeine Hände überzogen hatte, gereinigt wor⸗ den war, als bei einmaligem Waſchen abgeſcheuert wer⸗ den konnte, ſo wurde er von ſeiner wohlwollenden Pfle⸗ gemutter auch bald in das Zimmer geführt. „»Mache dem Herrn ein Compliment, Oliver,« ſagte Frau Mann. Oliver verbeugte ſich tief, und dieſe Berbengung galt zur Hälfte dem Vogt auf dem Stuhl und zur Hälfte dem dreieckigen Hute auf dem Tiſche. „Willſt Du mit mir gehen, Oliver?« fragte Herr Bumble im majeſtätiſchen Tone. Oliver wollte eben ſagen, er wolle ſehr gern mit Je —.— dermann 4 Mann, d dem armen Jungen nuſt mit wüthender Geberde wies. Er verſtand den Wink ſogleich, denn er hatte die Fauſt gar zu oft ſchon gefühlt. »Geht ſie auch mit?« fragte alſo Oliver. »Nein, ſie kann nicht,« antwortete Herr Bumble, waber ſie wird Dich bisweilen beſuchen.« Das war eben kein Troſt für das Kind, indeß ſo jung der Knabe auch war, ſo war er doch klug genug, großes Bedauern darüber zu heucheln, daß er fortgehen ſollte. Auch wurde es ihm gar nicht ſchwer, die Thränen in ſeinen Augen zu trocknen. Hunger und Erinnerung an kürzlich überſtandene Mißhandlung helfen ſehr, wenn ge⸗ weint ſein ſoll, und Oliver weinte alſo ganz natürlich. Frau Mann küßte ihn tauſendmal und gab ihm, was ihm weit lieber war, ein Stück Brot mit Butter, damit er nicht gar zu hungrig ausſehe, wenn er in das Ar⸗* beitshaus komme. Mit dieſem Stückchen Brot in der Hand und der kleinen braunen Mütze auf dem Kopfe, wurde denn Oliver von dem Herrn Bumble aus ſeinem traurigen Aufenthalte fortgeführt, wo nie ein freundliches Wort oder ein freundlicher Blick ſeine trüben Kinderjahre erheitert hatte. Und doch überwältigte ihn der Schmerz, als das Thor hinter ihm geſchloſſen wurde. So arm⸗ ſelig auch die jungen Gefährten ſeiner Noth waren, die er verließ, ſo waren ſie doch die einzigen Freunde, die er kanute, und er empfand zum erſtenmale ein Gefühl von Verlaſſenheit und Einſamkeit in der großen weiten Welt. Herr Bumble ging mit langen Schritten voran, und der kleine Oliver, der ſich an des Mannes gold⸗ betreßten Rockſchöße feſthielt, trabte nebenher, fragte dber alle fünf Minuten, ob ſie noch nicht»da« wären, * 2* 20 worauf Herr Bumble ſehf auhe Antwort gab, denn die weiche Stimmung, der Branntwein in manchem Herzen weckt, war unterdeß wieder verſchwun⸗ den und Bumble völlig wieder Vogt geworden. Oliver war kaum eine Viertelſtunde in dem Arheits⸗ hauſe geweſen und hatte kaum ein zweites Stück Brot verarbeitet, als Bumble, der ihn einer alten Frau über⸗ geben, zurückkam und ihm ſagte, es ſei dieſen Abend Verſammlung der Vorſteher, und er habe ſogleich vor denſelben zu erſcheinen. Oliver erſchrak über dieſe Meldung, und wußte nicht, ob er lachen oder weinen ſollte. Doch hatte er keine Zeit darüber nachzudenken, denn Bumble gab ihm einen Klapps mit ſeinem Stocke auf den Kopf, um ihn aus ſeinen Gedanken zu wecken, und einen andern auf den Rücken, um ihm Eile damit anzuempfehlen und führte ihn ſodann in einen großen geweißten Saal, in wel⸗ chem acht oder zehn dicke Herren um einen Tiſch ſaßen. Oben an dieſem Tiſche in einem etwas er⸗ höheten Lehnſtuhle befand ſich ein ausnehmend dicker Mann, mit einem vollkommen runden und hochrothen Geſichte. 8 „Mache Dein Compliment vor den Herren,“« ſagte Bumble. Oliver wiſchte ſich ein paar Thränen ab, die an ſeinen Wimpern hingen und verbeugte ſich vor dem Tiſche. »Wie heißt Du?« fragte der dicke Herr in dem hohen Lehnſtuhle.. Ddliver war bei dem Anblicke ſo vieler Herren ſo er⸗ ſchrocken, daß er zitterte; dazu gab ihm der Vogt noch einen Schlag von hinten, und der arme Junge fing uun an zu weinen; aus dieſen beiden Gründen ant⸗ wortete er ſehr leiſe und ſchluchzend, und deshalb ſchalt Lehnſtuhle. en Weſte einen dummer Jungen, was Olix cch ſehr beruhigte. »Nun, Junge,« fuhr der Mann in dem hohen Lehn⸗ ſtuhle fort,»höre, was ich ſage. Du weißt, daß Du eine Waiſe biſt....« »Was iſt denn das?« fragte Oliver. »Der Junge iſt wirklich dumm,“« rief der Herr mit der weißen Weſte in ſehr beſtimmtem Tone.— Wenn ein Mitglied irgend einer Klaſſe von Menſchen andere derſelben Art gleichſam durch Inſtinkt zu erkennen ver⸗ mag, ſo war der Herr in der weißen Weſte unfehlbar ganz dazu geeignet, eine Meinung über die Sache ab⸗ zugeben. »Still!« ſprach der Mann, der zuerſt das Wort genommen hatte.»Du weißt, daß Du keinen Vater und keine Mutter haſt und von der Gemeinde unter⸗ halten wirſt, nicht wahr?« „»Ja, Herr,“« antwortete Oliver, bitterlich weinend. »Warum weinſt Du?« fragte der Herr in der wei⸗ ßen Weſte.—»Warum kann er nur weinen?« »Ich hoffe, Du beteſt jeden Abend,« fiel ein anderer Herr mit rauher Stimme ein,« und beteſt für die Leute, die Dich nähren und für Dich ſorgen, wie ein Chriſt.⸗ »Ja, Herr,« ſtotterte der Knabe. Der Mann, der zuletzt geſprochen, hatte ohne ſeinen Willen die Wahr⸗ heit geſagt. Oliver hätte ein ausgezeichnet guter Chriſt ſein müſſen, wenn er für die Leute betete, die ihn nährten und für ihn ſorgten. Aber er that es nicht, denn Niemand hatte ihn beten gelehrt. »Nun, Du biſt hierhergekommen, um Unterricht zu erhalten und ein nützliches Geſchäft zu erlernen,“« ſagte der Mann mit dem rothen Geſichte in dem hohen ihn ein 22 chs Uhr anfan⸗ der weißen „Du wirſt alſo morgen gen, Werg zu zupfen,“ Veſte hinzu. Für die Verbindung dieſer beiden Wohlthaten in dem einfachen Wergzupfen verbeugte ſich Oliver tief auf ei⸗ nen vernehmlichen Wink des Vogtes, worauf er in ei⸗ nen großen Saal geführt wurde, wo er ſich auf einem harten rauhen Be tte in Schlaf weinte. Ach, wie vor⸗ züglich ſind doch die Wohlthätigkeitsanſtalten Englands! Sie geſtatten den Armen— zu ſchlafen, wenn ſie können. Armer Oliver! Er dachte nicht im mindeſten daran, als er im glücklichen Vergeſſen aller Dinge um ihn feſt ſchlief, daß die Vorſteher des Hauſes gerade an dem Tage einen Beſchluß gefaßt hatten, der den größten Einfluß auf ſeine Zukunft haben ſollte. Die Vorſteher des Hauſes waren nämlich ſehr ein⸗ ſichtsvolle, philoſophiſche Männer, und als ſie ihre Auf⸗ merkſamkeit auf das Arbeitshaus richteten, bemerkten ſie ſogleich, was gewöhnliche Leute nie entdeckt haben würden, daß nämlich das Arbeitshaus den Armen ſehr wohlgefalle, und in ihren Augen ein Ort der regel⸗ mnuäßigen Unterhaltung, eine Schenke, worin man nichts bezahle, und das ganze Jahr hindurch Frühſtuͤck, Mit⸗ tagseſſen, Thee und Abendeſſen erhalte, mit einem Worte ein Paradies ohne alle Arbeit ſei.»Ja,« ſagten vie Vorſteher und machten ſehr kluge Geſichter,»wir ſind die Leute darnach, dies Anders zu machen.« So wurde der Beſchluß gefaßt, alle Arme ſollten die Wahl haben(zwingen mochten ſie Niemanden, Gott behüte!), laugſam in und ſchnell außer dem Hauſe zu verhungern. Demzufolge ſchloſſen ſie einen Contract mit der Waſſer⸗ lieferungsanſtalt, eine unbeſchränkte Menge Waſſer her⸗ indern mit dem Getreidehänd⸗ eeiine Quantität Hafermehl zu liefern, und beſtimn für ihre Pflegbefohlnen täglich drei Gerichte dünner Hafergrütze, mit einer Zwiebel zweimal in der Woche und einer halben Semmel am Sonntage. Ueberdies trafen ſie noch viel andere weiſe und menſchenfreundliche Anordnungen wegen der Frauen, die wir nicht zu erwähnen brauchen; unternahmen es gutmüthig, arme verheirathete Leute zu ſcheiden, da gerichtliche Scheidungen zu theuer ſind, und ſtatt wie früher einen Mann zu zwingen, ſeine Familie zu er⸗ nähren, nahmen ſie ihm dieſe Familie ab und machten ihn wieder ledig! Wie viele in allen Ständen um dieſe letztern Wohlthaten ſich beworben haben würden, wä⸗ ren ſie nicht mit dem Arbeitshauſe verbunden geweſen, läßt ſich durchaus nicht beſtimmen. Aber die Vorſteher waren vorſichtige Männer und hatten auch daran ge⸗ dacht. Jene Wohlthaten waren unzertrennlich von dem Arbeitshauſe und der Hafergrütze, und das hielt die Leute zurück. In den erſten drei Monaten nach Olivers Ankunft ſtand das neue Syſtem in voller Wirkſamkeit. Anfäng⸗ lich freilich war es ziemlich koſtſpielig in Folge der Er⸗ höhung der Rechnung des Leichenbeſtatters und Sarg⸗ lieferanten und der Nothwendigkeit, die Kleidungsſtücke aller Armen enger machen zu laſſen, da dieſelben nach ein⸗ oder zweiwöchentlichen Hafergrützgenuß um die dürren Glieder der Leute herumſchlotterten; aber die Zahl der Arbeitshaushewohner wurde auch dünn, und die Vorſteher jubelten. Der Saal, worin die Knaben gefüttert wurden, ler, gelegentlie war groß und von Stein, und an dem einen Ende deſſelben ſtand ein Keſſel, woraus der Hausvater, der — nebſt einer oder zwei Frauen die Hafergri enszeit herauslöf⸗ felte. Jeder Knabe erhielt einen prlegelöffel voll und nicht mehr, ausgenommen bei feſtlichen Gelegenheiten, und dann bekam er überdies vier und ein Achtel Loth Brort. Die Teller brauchten nie aufgewaſchen zu wer⸗ den, denn die Knaben kratzten daran mit den Löffeln, bis ſie wieder glänzten. War dies geſchehen, was nie lange dauerte, da die Löffel faſt ſo groß waren als die Teller, ſo ſaßen ſie da, warfen ſo gierige Blicke nach dem Keſſel und dem Heerde, als wollten ſie die Steine davon verſchlingen, und leckten dabei emſig die Finger ab, um vielleicht ein Tröpfchen Hafergrütze daran zu erwiſchen. Kinder haben gewöhnlich ausgezeichneten Appetit; Oliver Twiſt und ſeine Gefährten litten Qua⸗ len des langſamen Verhungerns drei Monate lang; endlich aber wurden ſie ſo gierig, daß ein Knabe, der für ſein Alter ziemlich groß und an das Hungern nicht ge⸗ wöhnt war(denn ſein Vater hatte eine kleine Garküche gehabt), die Drohung fallen ließ, wenn er nicht täglich einen Teller voll Hafergrütze mehr bekäme, würde er einmal in der Nacht den Jungen anbeißen, der zunächſt neben ihm ſchlafe, und dies war ein ſchwächliches Kind. Er hatte ein wildes hungriges Auge, und die Andern glaubten ihm unbedingt. Es wurde Rath gehalten und gelooſet, wer noch denſelben Abend nach dem Eſſen zu dem Hausvater gehen und mehr verlangen ſollte. Das Loos traf Oliver Twiſt. Der Abend kam; die Knaben ſetzten ſich an ihre Plätze; der Hausvater mit der weißen Schürze ſtellte ſich an den Keſſel; die beiden Gehülfinnen ſtanden hin⸗ ter ihm; die Hafergrütze wurde ausgetheilt und ein langes Tiſchgebet über das kurze Gericht gef rochen. 25 Die Hafergrütze enaben fluͤſterten un⸗ tereinander un während ſeine nächſten Nachbarn mit enſtößen ihn an das Loos erinner⸗ ten. Oliver ſelbſt fuͤhlte einen Wolfshunger, ſtand des⸗ halb auf, ging mit ſeinem Teller und Löffel zu dem Hausvater und ſagte, über ſeine Kühnheit ſelbſt etwas betroffen: »Ich bitte um noch etwas, Herr.“« Der Hausvater war ein dicker geſunder Mann, aber er wurde bei dieſen Worten ſehr blaß, ſtierte, ſteif vor Erſtaunen, den kleinen Rebellen einige Sekunden lang an und hielt ſich dann am Keſſel feſt. Die Gehülfinnen waren von Verwunderung und die Jungen von Furcht wie gelähmt. »Was?« fragte der Hausvater endlich mit kaum hörbarer Stimme. »Ich bitte um noch etwas, Herr,« wiederholte Oliver. Da verſetzte ihm der Hausvater einen Schlag mit ſeinem Löffel an den Kopf, hielt ihn feſt und rief laut nach dem Bogt. Die Vorſteher hatten eben feierliche Sitzung, als Bumble in großer Aufregung in das Sitzungszimmer ſtürzte und zu dem Herrn in dem hohen Lehnſtuhle ſagte: »Herr Limbkins, ich bitte um Vergebung:— Oli⸗ ver Twiſt hat mehr verlangt.« Es entſtand ein allgemeiner Aufſtand, und Schauder malte ſich auf jedem Geſichte. »Mehr?« wiederholte Limbkins.»Faſſet Euch, Bumble, und antwortet mir deutlich. Verlangte der Junge mehr, nachdem er ſein Abendgericht erhalten hatte?« „»Der Junge wi in der weißen Weſte; vich weiß Junge wird noch gehangen.« 3. Niemand widerſprach dieſem n vrrpſeric en Ausporuche, aber es entwickelte ſich eine lebhafte Debatte. Oliver wurde ſogleich in das Carcer geſteckt und am nächſten Morgen klebte man einen Auſchlag an das äußere Thor des Hauſes mit der Bekanntmachung, daß derjenige, welcher der Anſtalt den Oliver Twiſt abnehme, eine Belohnung von fünf Pfd. Sterling erhalten ſollte; mit andern Worten, man bot Jedermann und jeder Frau, die einen Lehrjungen in irgend ein Geſchäft brauchte, Oliver Twiſt nebſt fünf Pfund Sterling an. »Ich war in meinem Leben von nichts ſo überzeugt,« meinte der Mann in der weißen Weſte, als er am näch⸗ ſten Morgen an das Thor klopfte und die Bekanntma⸗ chung las,»als ich davon bin, daß dieſer Junge noch gehangen wird.« Da ich in der Folge zeigen will, ob der Mann in der weißen Weſte Recht hatte oder nicht, ſo würde ich das Intereſſe dieſer Geſchichte vernichten(vorausgeſetzt, daß ſie überhaupt Intereſſe hat), wenn ich ſchon jetzt andeuten wollte, ob das Leben Oliver Twiſts ein langes oder kurzes ſein wird. es Kapitel berichtet, wie Oliver Twiſt beinahe ein Amt bekam, das keine Sinecure geweſen ſein würde. Oliver blieb eine Woche lang nach ſeiner abſcheuli⸗ chen Miſſethat, noch etwas zu verlangen, in Haft in der finſtern und einſamen Kammer, in welche ihn die Weisheit und Milde der Vorſteher verwieſen hatte. Es läßt ſich nicht ohne Grund vermuthen, daß, wenn er gehörige Achtung vor der Prophezeiung des Herrn in der weißen Weſte gehabt, er den Ruf deſſelben als Pro⸗ phet feſt begründet, nämlich das eine Ende ſeines Ta⸗ ſchentuches an einen Haken in der Mauer gebunden und an das andere ſich ſelbſt gehangen haben würde; aber der Ausführung dieſer That ſtand ein Hinderniß entgegen, denn die Taſchentücher waren als offenbare Luxusartikel für alle Zeiten den Naſen der Armen durch eine förmliche Verordnung entzogen worden, welche die Vorſteher in feierlicher Sitzung berathen und beſchloſſen hatten. Ein noch größeres Hinderniß war Olivers Ju⸗ gend und Kindlichkeit. Er weinte bloß bitterlich den ganzen Tag, und wenn die lange ſchauerliche Nacht kam, legte er ſeine kleinen Hände auf die Augen, um die Fin⸗ ſterniß nicht zu ſehen, drückte ſich in den Winkel, ver⸗ ſuchte zu ſchlafen, fuhr aber oft zitternd auf und rückte dichter und dichter an die Wand, als wenn er ſelbſt die harte kalte Fläche derſelben für einen Schutz in der Fin⸗ ſterniß und Einſamkeit um ihn her gehalten hätte. Die Gegner»des Syſtems« brauchen nicht zu glau⸗ ben, Oliver habe während ſeiner einſamen Haft die 28 Wohlthat der ſchaft oder die Vo behrt. Was zuerſt t, ſo war es recht anſtändig kalt, und er durfte ſeine Abwaſchung jeden Morgen an dem Brunnen in dem Hofe unter der Aufſicht des Herrn Bumble verrichten, der durch wie⸗ derholte Anwendung ſeines Stockes für eine wohlthätige Erſchütterung des Körpers des Knaben und die Verhin⸗ derung einer Erkältung ſorgte. Auch der Geſellſchaft entbehrte er nicht, denn er wurde einen Tag um den andern in den Saal geführt, wo die Kinder aßen, und hier zur Warnung und zur Abſchreckung öffentlich durchgeprügelt, und um die Tröſtungen der Religion zu genießen, ſtieß man ihn jeden Abend zur Betzeit in denſelben Saal, wo er dem Gebete der Kinder zuhören und ſich daran erbauen durfte. Dieſes Gebet enthielt unter anderen auch die Stelle, worin ſie den lieben Gott baten, er möge ſie gut, tugendhaft, zufrieden und gehorſam machen, auch ſie vor den Sünden und Vergehungen Oliver Twiſts bewahren, der in dem Gebete überhaupt als ein Beiſpiel alles Böſen zur Warnung aufgeſtellt wurde. Eines Morgens nun, als Olivers Angelegenheiten noch dieſen günſtigen Stand behaupteten, ging Gamfield, der Schornſteinfeger, die Straße an dem Arbeitshauſe hinunter, und dachte über die Mittel und Wege nach, wie er ſeine rückſtändige Miethe bezahle, die ſein Wirth ſehr dringend verlangte. Er brachte, wenn er auch alles ganz ſanguiniſch berechnete, nicht mehr als fünf Pfund Sterling zuſammen, und in ſeiner arithmetiſchen Ver⸗ zweiflung ſchlug er bald ſich ſelbſt an den Kopf, bald auf ſeinen Eſel, als ſeine Augen plötzlich auf den An⸗ ſchlag an dem Thore des Arbeitshauſes fielen.»Oh!« ſagte Gamfield zu dem Eſel. er Geſell⸗ Religion ent⸗ 29 Der verſunken zu ſein, berechnete we mit einem oder zwei Kohlſtrünken in, wenn er die zwei Säcke Ruß abgegeben e, die auf dem Karren lagen, beachtete deshalb das Comandowort ſeines Herrn nicht und trollte weiter. Herr Gamfield ſtieß einen entſetzlichen Fluch über den Eſel aus, lief ihm nach und gab ihm einen Schlag vor den Kopf, der den Schädel zertrümmert haben würde, wäre es nicht eben ein Eſelſchädel geweſen, ergriff dann den Zügel, zuckte damit, als wolle er den Eſelskinnbacken abreißen, um das Thier daran zu erinnern, daß es nicht ſeinen eigenen Willen habe, drehete es auf dieſe Art her⸗ um, gab ihn darauf einen zweiten Schlag an den Kopf, um ihm die unnöthigen Gedanken zu vertreiben, und trat dann an das Thor, um den Anſchlag zu leſen. Der Herr mit der weißen Weſte ſtand an dem Thore, die Hände auf dem Rücken über einander gelegt, nach⸗ dem er in dem Sitzungszimmer einige tiefe Gedanken von ſich gegeben hatte. Er hatte den kleinen Disput zwiſchen Gamfield und deſſen Eſel mit angeſehen, und lächelte, als der Mann herankam, um den Anſchlag zu leſen, denn er erkannte ſogleich, ein ſolcher Mann ſei ein Lehrmeiſter, wie ihn Oliver Twiſt brauche. Gamfield lächelte auch, während er die Ankündigung las, denn er gebrauchte gerade füuf Pf. St., und der Junge, der daran hing, mußte, wie Gamfield das»Speiſeſyſtem« in dem Arbeitshauſe kannte, ſehr klein und ſchmächtig ſein, ſo daß er für die engen neumodiſchen Schornſteine vortrefflich paßte. Er buchſtabirte alſo die Anzeige noch⸗ mals vom erſten bis zum letzten Worte durch, nahm darauf ſeine Pelzmütze vor dem Herrn mit der weißen ——— Weſte ab, und redete hier ein Junge in de „Ja, lieber Freu der Herr in der weißen Weſte mit einem gnädigen! »Wenn er ein leichtes und angenehmes Handwerk lernen ſoll, ſo empfehle ich mein achtbares Schornſtein⸗ fegergeſchäft; ich brauche einen Jungen, und will den da Angebotenen zu mir nehmen.« »Treten Sie ein,« antwortete der Herr in der weißen Weſte. Gamſield ging zu ſeinem Eſel zurück, um den⸗ ſelben noch einen Schlag an den Kopf und einen Ruck mit dem Zügel zu geben, damit er in ſeiner Abweſen⸗ heit nicht davonlaufe, und folgte ſodann dem Herrn mit der weißen Weſte in das Zimmer, wo Oliver ihn zuerſt geſehen hatte. 3 „ Es iſt ein ſchmutziges Geſchäft,« meinte Herr Limb⸗ kins, als Gamſield ſeinen Wunſch ausgeſprochen hatte. »Es ſind Knaben in Schornſteinen bereits erſtickt,« bemerkte ein anderer Herr. „Ja, das hat ſeine Urſachen; man machte das Stroh naß, ehe man es in dem Kamine anzündete, um die Jun⸗ gen wieder herunter zu bringen,« erklärte Gamfield. „Das giebt Rauch und kein Feuer, und der Rauch bringt einen Jungen nicht aus dem Schornſteine her⸗ unter, er ſchläfert ihn nur ein, und das iſt dem Jungen gerade recht. Die Jungen ſind zu ſoöckiſch, zu faul, meine Herrn, und man kann ſie nicht geſchwinder her⸗ unter bringen, als wenn man in dem Kamine ein rech⸗ tes Feuer anzündet; es iſt auch ein Mittel des Mit⸗ leides, denn wenn ſie in dem Schornſteine ſtecken geblie⸗ ben ſind und das Fener brennt ihnen an die Beine, ſo zappeln ſie ſo lange bis ſie ſich frei machen.“ Dem Herrn mit der weißen Weſte ſchien dieſe Aus⸗ hen, aber ſeine gute Blick von Limbkins ge⸗ zen ſich einige Minuten unter ennder aber ſo leiſe, daß man nur die Worte »Ausgabe ſparen,«» der gedruckte Bericht wird veröf⸗ fentlicht« hörte, und auch dieſe nur, weil ſie ſehr oft wiederholt wurden. Endlich hörte das Flüſtern auf, die Vorſteher nah⸗ men ihre Sitze wieder ein, ihre wichtige Amtsmiene wieder an und Limbkins ſprach: »Wir haben Ihren Vorſchlag geprüft und finden ihn nicht annehmlich.« »Durchaus nicht,« bemerkte der Herr in der weißen Weſte. »Gar nicht,« ſetzten die anderen Mitglieder hinzu. Da Gamfield zufällig in dem Rufe ſtand, drei oder vier ſeiner Schornſteinfegerjungen theils halb, theils ganz todt geprügelt zu haben, ſo meinte er, dieſer Umſtand habe Einfluß auf die Entſcheidung der Vorſteher. Zwar wäre dies ganz gegen ihr gewöhnliches Verfahren ge⸗ weſen, da ihm aber ſehr daran lag, jenes Gerücht nicht wieder auffriſchen zu laſſen, ſo drehete er ſeine Mütze in den Händen herum und ging langſam nach der Thüre zu, an welcher er ſtehen blieb und ſagte: »Ich ſoll alſo den Jungen nicht haben?« »Nein,« antwortete Limbkins,»wenigſtens müſſen Sie ſich, da es ein ſchmutziges Geſchäft iſt, mit etwas weniger als den gebotenen fünf Pfund St. begnügen.⸗ Das Geſicht des Herrn Gamſeeld heiterte ſich auf, er trat raſchen Schrittes wieder an den Tiſch und ſagte: „» Nun, was wollen Sie geben, meine Herren? Sie dürfen mit einem armen Manne nicht hart ſein. Was wollen Sie geben?« 9 32 »Ich denke, dre meinte Limbkins. »Um zehn Schillin mit der weißen Weſte. 4 »Sagen Sie vier Pfund, meine Herren; ſagen Sie vier Pfund, und Sie ſind den Jungen wohlfeil los ge⸗ worden. Schlagen Sie ein.« »Drei Pfund zehn Schilling,« antwortete Limbkins feſt. »Legen Sie noch fünf zu, und wir ſind einig. Drei Pfund funfzehn Schilling.« »Keinen Pfennig mehr,« war die beſtimmte Ant⸗ wort Limbkins'. „» Sie ſind zu hart mit mir,« meinte Gamfield un⸗ entſchloſſen. 3 „»Sie haben ihn wohlfeil ohne allen Zuſchuß,« be⸗ merkte der Herr mit der weißen Weſte. Greifen Sie zu! Er iſt gerade ein Junge für Sie. Er braucht bisweilen den Stock, und der wird ihm gute Dienſte thun; ſein Unterhalt wird Ihnen nicht viel koſten, denn er iſt nicht überfüttert worden, ſo lange er lebt. Ha! hal! ha!« Gamfield muſterte die Geſichter um den Tiſch herum mit ſchlauem Blicke, und da er auf allen ein Lächeln bemerkte, fing er ſelbſt zu lachen an. Der Handel wurde abgeſchloſſen, und Bumble erhielt den Auftrag, noch denſelben Tag Oliver Twiſt und das Schreiben wegen Ueberlaſſung deſſelben an Gamfield zu dem Stadt⸗ rathe zu bringen. Der kleine Oliver wurde deshalb zu ſeinem großen Erſtaunen aus ſeiner Haft erlöſet und erhielt den Auf⸗ trag, ein weißes Hemd anzuziehen. Kaum war dies Ungewöhnliche geſchehen, als ihm Bumble eigenhändig kommen genug,« emerkte der Herr Dliver T wiſt. 33 einen Teller voll Hafergrütze und die Feſtagsration von vier und einem Achtel Loth Brot brachte. Bei dieſem Anblick begann der arme Oliver jämmerlich zu weinen, denn er glaubte, die Behörde wolle ihn ſchlachten laſ⸗ ſen, weil es ihr ſonſt nicht eingefallen ſein könnte, ihn auf dieſe Art fett zu machen. »Weine Dir die Augen nicht roth, Oliver, ſondern iß und ſei dankbar,« ſagte Herr Bumble in feierlichem Tone.„»Du ſollſt in die Lehre kommen, Oliver.⸗« »In die Lehre, Herr?« fragte das Kind zitternd. »Ja, Oliver!« entgegnete Bumble.»Die guten Vorſteher, die lieben Herren, die wie Väter an Dir handeln, da Du ſelbſt keinen Vater haſt, wollen Dich in die Lehre geben und einen Mann aus Dir machen, ob gleich es ihnen drei Pfund zehn Schillinge koſtet! — drei Pfund zehn Schillinge, Oliver!— ſiebenzig Schillinge!— hundert und vierzig Sirpence!— und alles für einen bloßen Waiſenjungen, den Niemand lie⸗ ben kann.«⸗ Als Bumble ſchwieg, um Athem zu ſchöpfen nach dieſer in ſchauerlichem Tone geſprochenen Anrede, roll⸗ ten die Thränen dem armen Jungen über die Backen, und er ſchluchzte laut. »Komm, Oliver,“« ſetzte dann Bumble etwas freund⸗ licher hinzu, denn er ſah mit Selbſtzufriedenheit die Wirkung, welche er durch ſeine Beredſamkeit hervor⸗ gebracht hatte;»komm, Oliver, wiſche Dir die Thrä⸗ nen mit dem Aermel Deiner Jacke ab und laß ſie nicht in die Hafergrütze fallen.« Es war freilich bereits Waſſer genug darin. Auf dem Wege zu dem Stadtrathe ſagte Bumble dem Knaben, er habe weiter nichts zu thun, als ganz glücklich auszuſehen, und wenn ein Herr ihn frage, ob Oliver Twiſt. I. 3 34 Oliver Twiſt. er in die Lehre gehen wolle, zu antworten, er wünſche dies ſehr. Oliver verſprach, dem getreulich nachzukom⸗ men, zumal Bumble ihm einen leiſen Wink gab, er könne es nicht ausſprechen, was mit ihm geſchehen werde, wenn er nicht thue, wie ihm geheißen worden. Als ſie bei der Behörde ankamen, wurde Oliver in ein kleines Zimmer geſchloſſen und von Bumble ermahnt, darin ſo lange ſich ruhig zu verhalten, bis er ihn wie⸗ der abholen werde. Der Knabe wartete mit klopfendem Herzen eine halbe Stunde lang, worauf Bumble ſeinen Kopf ohne den dreieckigen Hut hineinſteckte und laut ſagte: „»Nun komm, lieber Oliver, zu dem Herrn;« aber während er dieſe zärtlichen Worte ſprach, machte er ein grimmiges, drohendes Geſicht, und ſetzte dann leiſe hinzu:»Bedenke, was ich Dir geſagt habe, Bubel⸗« Oliver ſah, verwundert über dieſe einander wider⸗ ſprechenden Redensarten, in aller Unſchuld Herrn Bumble an, der ihm jedoch keine Zeit ließ, eine Be⸗ merkung darüber zu machen, ſondern ihn ſogleich in ein anſtoßendes Zimmer führte, deſſen Thüre offen ſtand. Es war ein großes Zimmer mit einem großen Fenſter, und hinter einem Pulte ſaßen zwei alte Herren mit ge⸗ puderten Köpfen, von denen einer eine Zeitung, der andere aber mit einer Hornbrille ein vor ihm liegendes Pergamentſtück las. Limbkins ſtand vor dem Pulte an der einen Seite, und Gamfield mit gewaſchenem Geſichte an der andern, während zwei oder drei an⸗ dere Herren mit Stolpenſtiefeln umhergingen. Der alte Herr mit der Brille ſchien über dem Per⸗ gamente einzuſchlummern, und es trat eine kurze Pauſe ein, als Oliver von dem Herrn Bumble vor das Pult geſtellt worden war. Oriver Twiſt. 35 „»Das iſt der Knabe,« ſagte Bumble. Der alte Herr, welcher die Zeitung las, ſah einen Augenblick emp ud zupfte den andern alten Herrn am Aermel, worauf dieſer erwachte. »Das iſt alſo der Knabe?« fragte der alte Herr. » Das iſt er, Sir,« antwortete Bumble.»Mache Dein Kompliment, lieber Junge.⸗ Oliver raffte ſich zuſammen und machte eine Ver⸗ beugung, ſo gut er ſie machen konnte. Er hatte die Augen feſt auf die gepuderten Köpfe der beiden alten Herren geheftet, darüber nachgedacht, ob wohl alle Vorſteher und Beamten mit ſolchem weißen Staube auf dem Kopfe zur Welt kämen und deswegen Beamte wären. »Ich nehme an, daß er das Schornſteinfegen liebt,⸗ bemerkte der alte Herr. „Er iſt ganz eingenommen dafür,« antwortete Bumble, während er dem armen Oliver einen heimlichen Rippen⸗ ſtoß gab. »Und er will ein Schornſteinfeger werden?« fragte der alte Herr weiter. » Wollte man ihn bei einem andern Handwerker in die Lehre geben, ſo würde er den andern Tag davon⸗ laufen,« antwortete Herr Bumbe. »Und der Mann da ſoll ſein Meiſter ſein?— Sie, Herr—, Sie werden ihn gut behandeln und in Allem für ihn ſorgen, wollen Sie das 2« fragte der alte Herr. »Wenn ich ſage, ich will, ſo will ich auch,« ant⸗ wortete Gamfield. »Sie ſcheinen ein redlicher Mann zu ſein,« fuhr der alte Herr fort, indem er ſeine Brille nach Gam⸗ field richtete, auf deſſen Galgenphyſiognomie ſich die größte Grauſamkeit ausſprach. Aber der alte Herr 3* 36 1 Oliver Twiſt. war halb blind und halb kindiſch, und er konnte des⸗ halb nicht erkennen, was außer ihm Niemandem entging. »Das hoffe ich zu ſein, Herr,« entgegnete Gamfield mit einem ſchielenden Blicke. »„Ich zweifle nicht daran,« fuhr der alte Herr fort, ſetzte dann ſeine Brille feſter auf die Naſe und ſah ſich nach ſeinem Dientefaß um. Das war ein kritiſcher Augenblick für Oliver. Wäre das Dintefaß da geweſen, wo es nach dem alten Herrn ſein ſollte, ſo würde er die Feder hineingetaucht und den Lehrkontrakt unterzeichnet haben; Oliver wäre ſo⸗ dann ſeinem Meiſter ſogleich übergeben worden. Da aber das Dintefaß ihm gerade vor der Naſe ſtand, ſo ſuchte er natürlich auf dem ganzen Pulte umher, ohne es finden zu können, und als er bei dieſem Suchen ein⸗ mal zufällig über das Pult hinwegſah, bemerkte er das leichenblaſſe, erſchrockene Geſicht Olivers, der trotz al⸗ len ermahnenden Blicken und Rippenſtößen Bumble's das wirklich abſtoßende Geſicht ſeines künftigen Lehr⸗ meiſters mit ſolcher Angſt und Furcht betrachtete, daß es ſelbſt ein halbblinder Stadtrath bemerken mußte. Der alte Herr legte alſo ſeine Feder wieder nieder, ſah von Oliver nach dem Herrn Limbkins, der gleich⸗ gültig eine Priſe zu nehmen verſuchte, bog ſich über ſein Pult und ſagte:»Mein Sohn!« Oliver fuhr zu⸗ ſammen, und man kann ihm dies wohl verzeihen, denn die Worte wurden in freundlichem Tone geſprochen, und bei ungewohnten Tönen kann man wohl erſchrecken. Er zitterte heftig und die Thränen ſtürzten ihm aus den Augen. »Mein Sohn,« ſagte alſo der alte Herr,»Du ſiehſt ſo ängſtlich aus. Was fehlt Dir?«—»Trete Er etwas bei Seite, Vogt,« ſetzte der andere alte Oliver Twiſt. 37 Herr hinzu, indem er die Zeitung weglegte und theil⸗ nehmend den Knaben betrachtete.„»Rede, mein Sohn, und fürchte Dich nicht.. Oliver ſiel auf ſeine Kniee, faltete ſeine Hände und bat, man möge ihn wieder in die finſtere Kammer ſte⸗ cken,— ihm nichts zu eſſen geben,— ihn ſchlagen,— ihn todtprügeln, nur nicht mit dem ſchrecklichen Manne fortſchicken. „»Nun,« bemerkte Bumble, indem er ſeine Hände und Augen höchſt feierlich gen Himmel hob,»von allen lügenhaften und heimtückiſchen Waiſenkindern, die ich geſehen, biſt Du doch eines der frechſten.« »Halte Er ſein Maul, Büttel,“« gebot der andere alte Herr. »Mit Verlaub,« fuhr Bumble fort, der es gar nicht glauben konnte, daß er recht gehört habe,»mein⸗ ten der Herr Stadtrath mich?« »Ja wohl, Er ſoll ſein Maul halten.« Bumble war vor Verwunderung wie verſteinert. Ein Büttel ſoll das Maul halten! Eine Revolution! Der alte Herr mit der Brille ſah ſeinen Collegen an, der bedeutungsvoll nickte.. „»Wir können dieſen Lehrcontract nicht unterſchrei⸗ ben,« fuhr der alte Herr fort, indem er das Pergament bei Seite ſchob.. »Ich hoffe,« ſtotterte Herr Limbkins,»ich hoffe, der löbliche Stadtrath glaubt nicht, auf die bloße Ausſage eines Kindes, daß die Vorſteher des Arbeitshauſes ſich etwas Ungehöriges haben zu Schulden kommen laſſen.« „»Wir haben uns darüber hier nicht auszuſprechen,“« antwortete der zweite alte Herr ſpitzig.»Man bringe den Knaben in das Arbeitshaus zurück und behandle ihn gut. Er ſcheint nicht daran gewöhnt zu ſein.« 38 Oliver Twiſt. Noch denſelben Abend behauptete der Herr mit der weißen Weſte ganz zuverſichtlich,. wer würde einmal nicht bloß gehenkt, ſondern auch noch geviertheilt wer⸗ den. Bumble ſchüttelte ſein Haupt geheimnißvoll und ſagte, er wünſche, es möge ihm gut gehen, worauf Gamfield antwortete, er wünſche, der Knabe komme zu ihm, was, obgleich er ſonſt in allen Stuͤcken mit dem Vogte einer Meinung war, ein ganz entgegengeſetzter Wunſch zu ſein ſchien. Am nächſten Morgen las man an dem Thore des Arbeitshauſes von neuem, man biete dem, welcher ei⸗ nen Knaben aus dem Hauſe zu ſich nehmen wolle, fünf Pfund Sterling. Viertes Kapitel. Oliver erhält eine andere Stelle und tritt in das öffentliche Leben ein. In großen Familien iſt es Sitte, den Sohn, für den man keine vortheilhafte Stelle finden kann, auf ein Schiff zu geben. Die Vorſteher des Arbeitshauſes dachten auch an dieſen weiſen und heilſamen Gebrauch und beriethen ſich mit einander, ob es wohl gerathen ſei, Oliver Twiſt auf einem kleinen Handelsſchiffe nach einem guten und geſunden Hafen zu ſchicken. Man war einſtimmig der Meinung, dies ſei das Beſte, was man mit dem Jungen thun könne, denn entweder werde er auf dem Schiffe todt geprügelt oder er komme auf ir⸗ gend eine andere Weiſe um das Leben. Je mehr die Vorſteher darüb cdachten, um ſo mehr Vortheile erkannten ſie bei ieſem Schritte und ſie kamen dem⸗ nach zu dem Beſchluͤſſe, man könne nicht nachhaltiger für Oliver ſorgen, als wen man ihn ohne Verzug auf ein Schiff gebe. Bumble mußte Erkundtgungen einziehen, ob nicht ein Capitain dder ſonſt Jemand einen älternloſen Schiffs⸗ jungen brauche, und er kam eben in das Arbeitshaus zurück, um Bericht von ſeiner Sendung abzuſtatten, als er an dem Thore den Herrn Sowerberry, den Lei⸗ chenbeſtatter und Sargfabrikanten, traf. Sowerberry war ein großer ſtarker Mann in fa⸗ denſcheinigem ſchwarzen Anzuge mit geſtopften baum⸗ wollenen Strüͤmpfen von derſelben Farbe und entſpre⸗ chenden Schuhen. Seine Züge hatten zwar von Na⸗ tur kein lächelndes Ausſehen, doch machte er gern ein Späßchen. Er trat mit elaſtiſchem Schritte und freund⸗ lich Herrn Bumble entgegen und reichte ihm die Hand. »Ich habe den beiden Weibern, die in voriger Nacht ſtarben, das Maaß genommen, Herr Bumble,« ſagte der Sargfabrikant. »Sie werden noch Ihr Glück machen, Herr So⸗ werberry,« bemerkte der Vogt, indem er den Daumen u Zeigefinger in die dargebotene Schnupftabacksdoſe es Leichenbeſtatters ſteckte, welche die Form eines klei⸗ nen Sarges hatte.»Sie werden noch Ihr Glück ma⸗ chen,« wiederholte Bumble und klopfte den Leichenbe⸗ ſtatter freundſchaftlich mit dem Stocke auf die Achſel. » Meinen Sie?« antwortete der Sargfabrikant in einem Tone, welcher die Möglichkeit der Prophezeiung halb zugab und halb beſtritt.»Die Vorſteher zahlen ſehr wenig, Herr Bumble.« »Dafür ſind auch die Särge klein,« entgegnete der 40 Diiver Twiſt. Vogt, indem er ſein Geſicht inſoweit zum Lächeln ver⸗ zog, als ihm ſeine Würde geſtattete.. Sowerberry dagegen lachte lange und laut und ſagte endlich:»Nun ja, es läßt ſich nicht läugnen, ſeit das neue Speiſungsſyſtem eingeführt worden iſt, ſind die Särge etwas ſchmäler und flacher als ſie ſonſt waren; aber einen kleinen Gewinn müſſen wir doch haben. Gu⸗ tes Holz iſt theuer, Herr Bumble, und die eiſernen Handhaben kommen alle auf dem Kanale von Bir⸗ mingham.« »Ein billiger Gewinn iſt überall erlaubt.« „Natürlich, natürlich!« meinte der Leichenbeſtatter, vich habe aber gegen eine große Unannehmlichkeit zu kämpfen, nämlich daß die großen und ſtarken Leute am ſchnellſten fort müſſen, ich meine, daß die Perſonen, die an ein beſſeres Leben gewöhnt waren, zuerſt ſterben, wenn ſie in das Haus kommen, und Sie müſſen wiſſen, Herr Bumble, drei oder vier Zoll mehr, als man be⸗ rechnet hat, machen ein gewaltiges Loch in den Profit, zumal wenn man eine Familie zu ernähren hat.« Da Sowerberry dies mit dem wohlzuentſchuldigen⸗ den Unwillen eines betrogenen Mannes ſagte, und Bumble fühlte, die Sache gereiche dem Hauſe nicht eben zur Ehre, ſo hielt es derſelbe für gerathen, von etwas anderm zu ſprechen, und da er den Oliver Twiſt zunächſt in den Gedanken gehabt hatte, ſo fing er von dieſem an und ſagte: »Apropos, wiſſen Sie Niemanden, der einen Jungen braucht als Lehrburſchen— aus dem Hauſe da, der, wenn ich ſo ſagen darf, der Anſtalt zur Laſt iſt? Es ließe ſich ein gutes Geſchäft, ein gutes Geſchäft machen,« und er wies mit dem Stocke nach dem Anſchlage an dem Thore, 2——— Oliver Twiſt. 41 und ſchlug dreimal auf die Worte»fünf Pfund,« welche mit großen Buchſtaben da gedruckt ſtanden. »Hm!« antwortete der Leichenbeſtatter und faßte Bumble an den betreßten Aermelaufſchlage ſeines Amtsrockes,»darüber wollte ich eben mit Ihnen ſpre⸗ chen.— Aber haben Sie da ſchöne Knöpfe, Herr Bumble, der Tauſend!« „»Das will ich meinen,« antwortete der Vogt, und ſah ſtolz auf die großen Metallknöpfe ſeines Rockes hin⸗ unter.»Der Stempel darauf iſt derſelbe wie auf dem Gemeindeſiegel,— der gute Samariter, der den kran⸗ ken und verwundeten Mann pflegt. Die Vorſteher machten mir am letzten Neujahre ein Geſchenk damit, Herr Sowerberry, und ich trug, wenn ich mich recht erinnere, den Rock zum Erſtenmale, als wir den ver⸗ armten Kaufmann aufhoben, der in der Nacht hier am Thore geſtorben war.« »„Ich beſinne mich,« entgegnete der Leichenbeſtatter. „»Die Jury gab den Ausſpruch. Geſtorben vor Kälte und Mangel an den nothwendigſten Bedürfniſſen;« war es nicht ſo?“ Herr Bumble nickte. » Und die Geſchworenen ſetzten, denke ich, hinzu,« fuhr der Leichenbeſtatter fort,»wenn die Vorſteher des Hauſes—« »Still!— Dummheit!« unterbrach ihn der Vogt; „»wenn die Vorſteher auf alles achten wollten, was Ge⸗ ſchworene ſagen, die nichts von der Sache verſtehen, ſo hätten ſie viel zu thun.« „Gewiß.« »Geſchworene,« ſagte Bumble, indem er ſeinen Stock kräftig faßte, wie er es zu thun pflegte, wenn er Oliver Twiſt. böſe wurde,» ſind ungebidete, unwiſſende, ſtreitſichtige Menſchen.« »Das ſind ſie,« beſtätigte der Leichenbeſtatker. »Sie verſtehen von Philoſophie und Oekonomie nicht ſo viel,« und er ſchnappte verächtlich mit den Fingern. »Mehr nicht,« ſtimmte der. Leichenbeſtatter ein. »„Ich verachte ſie,« fuhr der Vogt fort, der kirſch⸗ braun im Geſicht wurde. »Ich auch,« entgegnete der Leichenbeſtatter. »„Ich wollte, wir hätten eine Jury von der unab⸗ hängigen Sorte acht bis vierzehn Tage in dem Hauſe da,« meinte der Vogt;»wir wollten ſie ſchon demü⸗ thig machen.« 1 »Ja wohl, ja wohl,« entgegnete der Leichenbeſtat⸗ ter und lächelte, um den Zorn des Vogtes zu beſänf⸗ tigen. Bumble nahm ſeinen dreieckigen Hut ab und ein Tuch aus demſelben heraus, wiſchte ſich damit den Schweiß von der Stirn, in den er durch die Wuth gerathen war, ſetzte dann den Hut wieder auf und ſagte in ruhigerm Tone zu dem Sargfabrikanten:»Wie ſteht es mit dem Jungen?« »Nun,« antwortete der Sargfabrikant,»Sie wiſ⸗ ſen, Herr Bumble, ich zahle viel zur Armenſteuer. Und da ich ſo viel für die Armen gebe, denke ich, ich habe auch ein Recht, ſo viel als möglich von ihnen zu neh⸗ men; ich will alſo den Jungen ſelbſt nehmen.« Bumble faßte den Sarglieferanten ſogleich am Arme und führte ihn in das Gebäude zu den Vorſtehern, mit denen es bald abgemacht war, daß er Oliver noch den⸗ ſelben Abend mit ſich„auf Probe« nehmen ſolle, d. h⸗ DSDiiver Twiſt. 43 um einen Verſuch zu machen, ob der Junge bei wenig Koſt viel arbeiten könne. Als der kleine Oliver zu den Vorſtehern geführt wurde und man ihm da ſagte, er werde noch dieſen Abend als Hausburſche zu einem Sargfabrikanten kom⸗ men, und wenn er ſich über ſeine Lage beklage oder je⸗ mals in das Arbeitshaus zurückkehre, auf ein Schiff gegeben, um da erſäuft oder todt geprügelt zu werden, wie es ſich gerade treffe, äußerte er ſo wenig Rührung, daß ſämmtliche Vorſteher einſtimmig ihn für einen ver⸗ ſtockten jungen Böſewicht erklärten und dem Vogt be⸗ fahlen, ihn auf der Stelle fortzuſchaffen. Obgleich es nun ganz natürlich iſt, daß die Vorſte⸗ her des Hauſes bei dem geringſten Anzeichen von einem Mangel an Gefühl bei irgend Jemandem ſehr verletzt und verwundert ſein mußten, ſo hatten ſie in dem vor⸗ liegenden Falle doch ganz Unrecht. Oliver beſaß kei⸗ neswegs zu wenig, ſondern vielmehr zu viel Gefühl; es wäre aber durchaus nicht zu verwundern geweſen, wenn ihn die übele Behandlung, die er bisher gefunden hatte, gefühllos gemacht hätte. Er hörte die Nachricht von ſeiner neuen Beſtimmung ſchweigend an, und als man ihm ſein Gepäck in die Hand gegeben,— das nicht ſchwer war, da es ſich auf ein kleines Papier⸗Packet beſchränkte,— zog er ſeine Mütze über die Augen, hing ſich noch einmal an Bumble's Rockſchoß und wurde von dieſem würdigen Manne an einen neuen Schau⸗ platz von Leiden geführt. Einige Zeit lang zog Bumble den armen Oliver mit ſich ſort, ohne weiter Notiz von ihm zu nehmen oder eine Bemerkung zu machen, denn der Vogt oder Büttel trug ſeinen Kopf ſehr gerade, wie es ein Vogt immer thun ſollte, und da es ein windiger Tag war, — 1 —— — —ʒõ—— 44 Oliver Twiſt. wurde der kleine Oliver von Bumbles Rockſchößen, die der Wind zurückwarf, ganz verhüllt, während ſich die große Weſte des Vogtes und die kurzen Hoſen deſſel⸗ ben ſehr zu ihrem Vortheile zeigten. Erſt als ſie nahe an den Ort ihrer Beſtimmung kamen, hielt es Bumble für nöthig, auf den Knaben hinunter zu ſehen, um ſich zu überzeugen, ob er ihn dem neuen Herrn auch mit Vortheil zeigen könne. Mit einer gnädigen Gönner⸗ miene ſagte denn Herr Bumble:„»Oliver!« »Ja, Herr,« antwortete Oliver mit leiſer und zit⸗ ternder Stimme. Schiebe die Mütze aus den Augen und halte den Kopf gerade.« Obgleich Oliver that, was ihm geheißen war, und mit dem Rücken der freien Hand ſchnell über die Au⸗ gen ſtrich, ſo hing doch noch eine Thräne darin, als er an ſeinem Führer hinaufſahe, ſie rollte an den Backen herunter, da Bumble ihn finſter anblickte. Der erſten folgte eine zweite und eine dritte. Der Knabe bemü⸗ hete ſich zwar, dieſelben im Auge zu zerdrücken, aber vergebens; er mußte ſein Geſicht mit beiden Händen bedecken, und er weinte, bis die Thränen zwiſchen ſeinen hagern kleinen Fingern durchdrangen. Bumble blieb ſtehen, warf dem Knaben einen fürch⸗ terlichen Blick zu und ſagte:»Von den undankbarſten, boshafteſten Jungen, die ich geſehen, biſt Du—« „»Nein, nein, lieber Herr,« ſchluchzte Oliver und griff nach der Hand, welche den wohlbekannten Stock hielt;„nein, nein, lieber Herr, ich will gut, recht gut ſein. Ich bin ein kleiner Knabe, Herr, und ſo— ſo—« „»Was ſo?« fragte Herr Bumble mit Verwun⸗ derung. »So allein, Herr,— ſo ganz allein,« ſtotterte das Oliver Twiſt. 45 Kind.»Jedermann haßt mich. Ach, lieber Herr, es iſt mir, als habe man mich daher geſchnitten und als ſtröme alles Blut hinweg,« und Oliver ſchlug mit der Hand auf das Herz und ſah unter Thränen ſeinen Füh⸗ rer an. Bumble bemerkte den hülfloſen bittenden Blick Oli⸗ vers mit Verwunderung, ſagte drei⸗ oder viermal »hm!« murmelte etwas von Huſten, hieß Oliver die Thränen abwiſchen und gut ſein, nahm ihn dann wie⸗ der an der Hand und ging ſchweigend mit ihm weiter. Der Leichenbeſtatter und Sargfabrikant hatte eben ſeine Fenſterladen zugemacht und trug einige Einnah⸗ men in ſein Buch bei einem ſchlechten Lichte ein, als Bumble erſchien. »Sie ſind es, Herr Bumble,« ſagte Herr Sower⸗ berry, indem er von ſeinem Buche aufſah und mitten in einem Worte aufhörte. »Ich bringe den Jungen,« antwortete der Vogt. Oliver verbeugte ſich. 1 »Das iſt alſo der Junge?« fragte Sowerberry, und hob das Licht hoch empor, um Oliver beſehen zu kön⸗ nen.»Liebe Frau! willſt Du einen Augenblick hierher kommen?« Madame Sowerberry trat aus einem kleinen Zim⸗ mer hinter dem Laden heraus. Sie war eine kleine dürre Frau mit einem Geſichte, wie eine echte böſe Sieben. »Liebe Frau,« fuhr Sowerberry demüthig fort,„da iſt der Junge aus dem Arbeitshauſe, von dem ich Dir geſagt habe.« Oliver verbeugte ſich nochmals. »Er iſt ſehr klein, lieber Mann.⸗ 1 »Ja, er iſt klein,« entgegnete Bumble, der dabei den Knaben anſah, als wolle er ihm einen Vorwurf machen, daß er nicht größer und ſtärker ſei;„er iſt 46 Oliver zwiſ. klein, das läßt ſich nicht läugnen; aber er wird wach⸗ ſen, Madame Sowerberry, er wird wachſen. a »Das wird er wohl,“« erwiederte die Frau ſchnip⸗ piſch,»aber von unſerm Eſſen und Trinken. Ich ſehe keine Erſparniß, wenn man Waiſenkinder nimmt, denn ſie koſten immer mehr zu unterhalten, als ſie werth ſind; aber die Männer denken immer, ſie verſtänden alles beſſer. Geh die Treppe hinunter, kleiner Knochen⸗ ſack!« Die Frau öffnete bei dieſen Worten eine Seiten⸗ thüre und trieb Oliver eine ſteile Treppe in eine feuchte und finſtere Steinzelle hinunter, welche ſich vor dem Kohlenraume befand und„die Küche“ genannt wurde. Darin ſaß ein ſchlappiges Mädchen mit hinten nieder⸗ getretenen Schuhen und blauen wollenen Strümpfen, welche das Stopfen ſehr nöthig hatten. »Da, Charlotte,« ſagte Madame Sowerberry, welche mit hinunter gegangen war,»gieb dem Jungen etwas von den kalten Ueberreſten, die wir für den Hund aufgehoben haben; er iſt ſeit heute früh nicht nach Hauſe gekommen und ſoll nun auch nichts bekommen. Du wirſt es wohl eſſen, Junge nicht wahr?« Oliver, deſſen Augen funkelten, als er von Eſſen reden hörte und vor Begierde darnach zitterte, bejahete die Frage, und es wurde ihm ein Teller mit allerlei Ueberreſten von Speiſen vorgeſetzt. Ich wollte, ein wohlgenährter Philoſoph, in deſſen Unterleibe Eſſen und Trinken ſich in Galle verwandeln, deſſen Blut Eis und deſſen Herz Eiſen iſt, hätte geſe⸗ hen, wie Oliver die leckern Biſſen verſchluckte, die der Hund verſchmähet hatte;— nur eines ſähe ich noch lieber, wenn er ſelbſt ein ſolches Gericht mit gleichem Appetite verzehrte. „Biſt du ſatt?« fragte endlich die Fran, als Oliver Entſetzen und mit r vor dem künftigen Appetite zugeſehen hatte. Da nichts Eßbares mehe da war, ſo bejahete Oli⸗ ver die Frage. 4 4 »So komm mit mir,« fuhr Madame Sowerberry fort, indem ſie eine ſchmutzige Lampe nahm und die Treppe wieder hinauf vorausging;»Dein Bett iſt un⸗ ter dem Ladentiſche. Du wirſt freilich unter den Sär⸗ gen nicht ſchlafen wollen; aber es iſt einerlei, ob Du da ſchlafen willſt oder nicht, denn an keiner andern Stelle kannſt und darfſt Du ſchlafen. Komm und halte mich nicht ſo lange da auf.« Oliver zögerte nicht länger, ſondern folgte ſeiner neuen Gebieterin. Fuͤnftes Kapitel. Oliver lernt ſeine neuen Umgebungen kennen, geht zum Er⸗ ſtenmale zu einem Leichenbegängniſſe und faßt eine ungünſtige Meinung von dem Geſchäfte ſeines Herrn. Als Oliver allein in der Werkſtätte des Sargfabri⸗ kanten war, ſetzte er die Lampe auf eine Hobelbank und ſah ſich ſchüchtern mit einem unheimlichen Grauen um, das manche weit ältere Leute auch gefühlt haben wür⸗ . Ein halbfertiger Sarg, der in der Mitte der ätte auf einem ſchwarzen Geſtelle ſtand, ſah ſo ch und ſo leichenartig aus, daß den Knaben eehaut überlief, ſo oft er nach dem grauen⸗ haften Gegenſtande blickte, aus dem eine ſchreckliche Ge⸗ ſtalt, wie er fürchtete, langſam den Kopf heben konnte, um ihn vor Furcht wahnſinnig zu machen. An den Wänden hin ſtanden lange Reihen in derſelben Form geſchnittener Bretter, die in dem düſtern Lichte wie Ge⸗ ſpenſter ausſahen. Sargdeckel, Hobelſpäne, glänzende Nägel und Stücke von ſchwarzem Tuche lagen auf dem Boden umher und an der Wand über dem Ladentiſche hingen abgebildet zwei Leichenbegleiter in ſteifen Hals⸗ binden, die an einer Hausthüre neben einer von vier ſchwarzbehangenen Pferden gezogenen Bahre ſtanden. Die Werkſtätte war eng und warm und die Luft darin roch nach Särgen. Das Plätzchen unter dem Laden⸗ tiſche, wohin ſeine Matratze geſchoben worden war, ſah aus wie ein Grab. Aber nicht dieſe ſchauerlichen Gefühle allein ſtimm⸗ ten Oliver traurig. Er war allein an einem fremden Orte und man weiß, wie troſtlos und verlaſſen man ſich in einer ſolchen Lage fühlt. Der Knabe hatte keine Freunde, die für ihn ſorgten oder ſich nur um ihn kümmerten. Er hatte keinen Trennungsſchmerz empfun⸗ den und vor ſeinem geiſtigen Auge ſtand kein geliebtes Antlitz. Trotz dem war ihm das Herz ſchwer, und er wünſchte, als er in ſein ſchmales Bett kroch, es wäre ſein Sarg er läge im rutzigen ewigen Schlafe auf dem Kirchhofe, und das hohe Gras walle ſſanft über ihm.— Früh wurde Oliver durch ein lautes Klopfen mit den Füßen an der Werkſtattsthüre geweckt, das, ehe er ſeine Bareider anziehen konnte, ſich in heftiger und gerlicher Weiſe wohl noch zwanzigmale wie Als er endlich die Kettel aufzumachen began. die Füße ihre Arbeit ein und eine Stimme begann: »Mach' auf! e, welche zu den Bei⸗ nen gehörte, welche an die Thüre geſchlagen hatten. „»Sogleich, Herr,« antwortete Oliver, indem er die Kettel aufmachte und den Schlüſſel umdrehete. „»Biſt Du der Neue?« fragte die Stimme durch das Schlüſſelloch. »„Ja, Herr,« antwortete Oliver. »Wie alt biſt Du?« fragte die Stimme weiter. »Elf Jahr, Herr,“« antwortete Oliver. »So bekommſt Du Prügel, wenn ich hineinkomme,“ ſprach die Stimme,»verlaß Dich drauf, Arbeithaus⸗ Junge.« Nach dieſen einladenden Verſprechen fing die Stimme an zu pfeifen. Oliver hatte zu oft erfahren, was Prügel ſind, als daß er im geringſten gezweifelt hätte, der Beſitzer der 1— Stimme, wer er auch ſein möge, werde die Drohung ausführen. Er zog die Riegel mit zitternder Hand zu⸗ 1 rück und öffnete die Thüre. 1 Ein oder zwei Secunden lang ſah Oliver die Straße 1 hinauf und hinunter und glaubte, der Unbekannte, der mit ihm durch das Schlüſſelloch geſprochen, ſei einige 3 Schritte gegangen, um ſich zu erwärmen, denn er ſah 1 Niemanden als einen dicken Jungen, der auf einem 3 Prellpfahle vor dem Hauſe ſaß und ein Stück Butter⸗ 1 brot aß, das er in Keile von der Größe ſeines Mun⸗ r des mit einem Einſchlagmeſſer ſchnitt und mit großer Gewandtheit verzehrte. Da Oliver Niemand ſonſt herankommen ſah, ſo ſate er endlich den Burſchen ganz höflich:»Klopfteſt Willſt Du einen Sargfe me Oliver in aller d weiter. Da wurde der Jun nig und ſagte, Oliver würde ſehr doch ſelbſt brauchen, wenn er ſich ſolche Witze mit ſeinen Vorgeſetzten erlaube.»Du weißt wohl nicht, wer ich bin, Arbeitshaus?« fuhr der Bur⸗ ſche fort, während er gravitätiſch von dem Pfahle hin⸗ unterſtieg. »Nein,« antwortete Oliver. »Ich bin Monſieur Noah Claypole,« ſagte der Burſche,»und Du ſtehſt unter mir. Mache die Fen⸗ ſterladen auf, fauler Bengel.« Monſieur Claypole gab dabei Oliver einen Rippenſtoß und trat gravitätiſch in die Werkſtätte. Es iſt für einen großköpfigen, kleinängi⸗ gen Burſchen von dummem Geſicht in allen Umſtänden ſchwer, gravitätiſch auszuſehen, ſchwerer aber noch, wenn zu dieſen perſönlichen Reizen eine rothe Naſe und gelbe Hoſen kommen. Als Oliver die Fenſterladen heruntergenommen und eine Scheibe zerbrochen hatte, als er unter der Laſt der erſten fortwankte, um ſie in einen kleinen Hof zu tragen, wo ſie den Tag über aufbewahrt wurden, erbot 3 ſich Noah gefällig, ihm zu helfen. Bald darauf kam 4 Meiſter Sowerberry und dann Madame Spwerberry; Oliver bekam»etwas« für die zerbrochene Fenſterſcheibe, wie es ihm Noah vorhergeſagt hatte und folgte dann dieſem hinunter in die Küche zum Frühſtück. »Komm her an's Feuer, Noah,“ ſagte Charlotte.. »Ich habe Dir ein ſchönes Stück Schinken von des Herrn Frühſtück bei Seite gelegt. Oliver, mache die Thüre hinter Noah zu und nimm, was dort auf de Teller liegt. Da iſt Dein Thee; geh damit dorthi den Schachteldeckel und ſpute Dich, man wird oben brauchen. Hörſt Du?⸗ .. 7 „»Hörſt Du, iederholte Noah Clay⸗ pole. »Lieber Noah, Schehn,“ ſagte Charlotte,»laß doch den Inngen in Frieden.“ »Es läßt ihn ja alle Welt in»Frieden.“ Weder ſein Vater, noch ſeine Mutter bekümmert ſich um ihn; alle ſeine Verwandten laſſen ihn in Rühe. He, Char⸗ lotte?« Charlotte lachte und Noah ſtimmte mit ein; dann ſahen ſie Beide ärgerlich nach dem armen Oliver Twiſt, der vor Froſt zitternd mit dem Schachteldeckel in dem kälteſten Winkel der Küche ſaß und aß, was Niemand mochte und für ihn aufgehoben worden war. Noah war zwar aus einem Armenhauſe, aber keine Arbeitshaus⸗Waiſe, kein Kind ohne Aeltern und Freun⸗ de, denn er kannte die erſteren wohl; ſeine Mutter war eine Waſchfrau und ſein Vater ein immer betrun⸗ kener Soldat, der den Abſchied mit einem hölzernen Beine und einer Penſion von täglich einundzwanzig Pfennigen erhalten hatte. Die Knaben in der Nach⸗ barſchaft hatten Noah längſt ſeine Armuth mit Schimpf⸗ reden vorgeworfen, dieſer aber ertrug ſie ohne Antwort. Jetzt, als das Schickſal ihm eine namenloſe Waiſe in den Weg geführt hatte, die ſelbſt der niedrigſte ſchmä⸗ hen konnte, übte er ſchreckliche Wiedervergeltung an dem Armen. Dies giebt Stoff genng zum Nachdenken und zeigt uns, was für eine ſchöne Sache die menſch⸗ liche Natur iſt und wie unparteiiſch dieſelben liebens⸗ würdigen Eigenſchaften in dem reichſten Lord und in . dem ſchmutzigſten Armenjungen entwickelt werden. iver war in dem Hauſe des Leichenbeſtatters drei r Wochen geweſen, als Herr und Madame Sower⸗ nach dem Feierabende in ihrem Hinterſtübchen 4* ſaßen, und Herr Sower reren demüthigen Blicken auf ſeine Frau ſich nerkung erlaubte: »Liebe Frau—. Er wollte mehr ſagen, da aber die liebe Frau eine beſonders ungnädige Miene machte, ſo ſchwieg er plötlich ſtill. »Nun?“« fragte die Frau. »Nichts, liebe Frau, nichts.« »Du biſt ein dummes Thier.« „Das nicht, liebe Frau,« entgegnete Herr Sower⸗ berry beſcheiden.»Ich glaubte, Du wollteſt hören. Ich wollte nur ſagen...« »Verſchone mich mit dem, was Du ſagen wollteſt,« unterbrach ihn die Frau.»Frage mich nicht. Ich dränge mich nicht in Deine Geheimniſſe.« Und als ſie dies ſagte, brach ſie in ein hyſteriſches Lachen aus, das ge⸗ fährliche Folgen haben konnte. »Aber, liebe Frau,« fuhr Sowerberry fort, ich wollte Dich bloß um Deinen Rath bitten.« »Nein, nein, frage nicht nach meinem Rathe, laß Dir Andere rathen,« und es kam wieder ein hyſteriſches Lachen, das den Herrn Sowerberry ſehr erſchreckte. Die Weiber nehmen zu dieſem Mittel, das meiſt ſehr wirk⸗ ſam iſt, häufig ihre Zuflucht. Auch hier bewirkte es, daß Sowerberry ſich als eine beſondere Gnade ausbat, das ſagen zu dürfen, was Madame Sowerberry gar zu gern hören wollte, und nach einem kurzen Wortwechſel von etwa dreiviertel Stunde wurde denn die Erlaubniß endlich gnädig bewilliget. »Es handelt ſich nur von dem jungen Twiſt, liebe Frau,« fuhr Sowerberry fort.»Er ſcheint ein recht guter Junge zu ſein und ſieht auch recht gut aus.« »Das muß er wohl, ißt er doch genug,⸗ ben die Frau. 5 9— „» Es lieg te etwas ſo Melancholi⸗ ſches, liebe Frau, reſſant iſt. Er würde, denke ich, einen recht hübſchen Leichenbegleiter abgeben.⸗ Madame Sowerberry ſah mit großer Verwunderung auf. Der Mann bemerkte dies und fuhr fort, um ſeiner Frau nicht Zeit zu laſſen, etwas dagegen zu ſagen:»Ich meine nicht bei großen Leichen, ſondern bloß bei Kindern. Es wäre da etwas ganz neues, einen Leichenbegleiter zu haben, der ſelbſt ein Kind iſt, liebe Frau. Es machte gewiß Effect.« Der Madame Sowerberry, die alhen Geſchmack in Bezug auf Leichenbegängniſſe hatte, fiel die Neuheit dieſer Idee allerdings auf, da es aber gegen ihre Würde geweſen wäre, dies geradezu auszuſprechen oder nur mer⸗ ken zu laſſen, ſo fragte ſie, warum dieſer Gedanke ihrem Manne nicht ſchon längſt eingefallen ſei. Sowerberry legte dieſe Frage mit Recht als eine verſteckte Zuſtim⸗ mung zu ſeinem Vorſchlage aus und er beſchloß dem⸗ nach, Oliver ſo bald als möglich in die Geheimniſſe ſei⸗ nes Geſchäftes einzuweihen, weshalb dieſer den Auftrag erhielt, den Herrn zu begleiten, wann man die Dienſte deſſelben wieder bedürfe. Dieſe Gelegenheit fand ſich bald, denn am andern Molgen, eine halbe Stunde nach dem Frühſtück, trat Bumble in die Werkſtätte, ſtemmte ſeinen großen Stock an den Ladentiſch und nahm aus einer großen ledernen Brieftaſche einen kleinen Zettel, den er den Herrn So⸗ werberry übergab. »Aha,« ſagte dieſer, veine Menüngn unfe einen Snro nicht wahr? 99 »Zuerſt auf einen Sarg und dann zu⸗ einem Begräb⸗ niſſe,« erwiederte Bumble, indem er die Brieftaſche wie⸗ der zuſammenband, die ſehr corpulent war, wie er ſelbſt. 62 „Bayton,« ſagte dem Zettel auf⸗ und ich vorher nie gehört.«. »Wir haben ihn von den erken auch erſt geſtern Abend gehört,« antwortete Bumble;»es ſchickte in der Nacht eine Frau, die in demſelben Hauſe wohnt, und ließ die Vorſteher erſuchen, den Armenarzt zu einer Frau zu ſchicken, die ſehr krank ſei. Der Arzt ſaß bei Tiſche, aber ſein Famulus oder Lehrburſche, ein kluger Junge, ſchickte ſogleich Medizin in einer Wichsflaſche.⸗ »Das nenne ich ſchnelle Hülfe,« rief der Leichenbe⸗ ſtatter. „»Allerdings. Aber was geſchieht? Wie undankbar ſind die Menſchen? Der Mann läßt zurückſagen, die Medizin paſſe nicht für die Krankheit ſeiner Frau und ſie werde dieſelbe nicht nehmen; läßt ſagen, ſie werde die Medizin nicht nehmen. Eine gute, ſtarke und ge⸗ ſunde Medizin, die erſt vorige Woche mit dem beſten Erfolge zwei iriſchen Tagelöhnern und einem Kohlenträ⸗ ger gegeben wurde! Man giebt ſie den Leuten umſonſt, in einer Wichsflaſche, und, denken Sie ſich, der Mann läßt ſagen, die Frau werde ſie nicht einnehmen!« Herr Bumble ſtellte ſich dieſen ſchwarzen Undank wahrſcheinlich ſehr lebhaft vor, denn er ſchlug gewaltig mit ſeinem Stocke auf den Ladentiſch und wurde feuer⸗ roth im Geſichte. »Ich hörte nie—« wollte der Leichenbeſtatter ſagen. e» Sie hörten nie?« rief der Vogt;»nein, Niemand hat je ſo etwas gehört; aber nun iſt die Frau todt und wir haben ſie zu begraben. Da iſt der Zettel und je cher es geſchieht, deſto beſſer iſt es.« Während er dies ſagte, ſtülpte Bumble ſeinen drei⸗ udem er von Namen habe erkehrt auf den Kopf und 4 eckigen Hut ſtürzte aus der We naus. „Er war ſo böſe, Oliver, daß er ſogar vergaß, nach Dir zu fragen,« ſagte Herr Sowerberry, indem er dem Vogt die Straße hinunter nachſah. »Ja,« antwortete Oliver, der ſich ſorgfältig verſteckt gehalten hatte, und bei der bloßen Erinnerung an den Ton der Stimme Bumble's am ganzen Körper zitterte. Er brauchte jedoch dem Blicke des Vogtes nicht auszu⸗ weichen, denn die Prophezeiung des Herrn mit der wei⸗ ßen Weſte hatte einen tiefen Eindruck auf denſelben ge⸗ macht, und er glaubte, da der Leichenbeſtatter Oliver auf Probe genommen, ſei es beſſer, gar nicht von dem⸗ ſelben zu reden, bis der Junge ihn förmlich auf ſieben Jahre übergeben werde, und die Gefahr, daß er in das Arbeitshaus zurückkehre, völlig vorüber ſei. „Je eher die Arbeit gethan iſt, deſto beſſer,« be⸗ merkte Sowerberry,»Noah, Du bleibſt hier, und Du, Oliver, ſetzeſt Deine Mütze auf und geheſt mit mir.⸗ Oliver gehorchte und folgte ſeinem Herrn. Sie gingen eine Zeitlang durch den lebhafteſten und dichtbevölkertſten Theil der Stadt, wendeten ſich ſodann in ein enges ſchmutziges Gäßchen und ſuchten das Haus, in welchem man ſie erwartete. Die Häuſer zu beiden Seiten waren hoch und groß, aber alt und von den aärmſten Leuten bewohnt, wie ſchon ihr vernachläſſigtes Ausſehen verrathen haben würde, wären auch nicht hier und da einige Jammergeſtalten umhergeſchlichen. Viele der Häuſer hatten Kaufmannsläden vorn, aber ſie waren verſchloſſen und ſchienen zu verfallen; nur die obern Stockwerke wurden bewohnt. Andere, die ihres Alters wegen gar nicht bewohnt werden konnten, wurden vor dem Einfallen durch ſtarke Balken vorn geſtützt; aber ſelbſt darin ſchienen ein me ſich einen Aufenthalt g ucht z denn viele Bret⸗ ter, welche die Stelle der Thüren und Fenſter vertraten, waren herausgebrochen, um eine Oeffnung zu gewähren, durch welche ein menſchlicher Körper ſich hindurch drän⸗ gen konnte. Die Goſſe ſtank und ſelbſt die todten Rat⸗ ten, die hier und da lagen, ſchienen verhungert zu ſein. An der offenen Thüre, an welcher Oliver und deſſen Herr ſtehen blieben, befand ſich weder ein Klopfer noch eine Klingel; ber Leichenbeſtatter tappte alſo vorſichtig über einen dunkeln Gang, empfahl Oliver, dicht bei ihm zu bleiben und ſich nicht zu fürchten, ſtieg eine Treppe hinan und klopfte an die Thüre, die ihm entgegenſtieß. Sie wurde von einem etwa vierzehnjährigen Mäd⸗ chen geöffnet. Der Leichenbeſtatter ſah ſogleich geung in der Wohnung, um zu wiſſen, daß er an Ort und Stelle ſei. Oliver folgte ihm. Kein Feuer brannte in der Stube, aber ein Mann kauerte am leeren Kamin. Auch eine alte Frau hatte einen niedrigen Stuhl dicht an daſſelbe gezogen und ſaß dort. In einem andern Winkel befanden ſich einige zer⸗ lumpte Kinder, und in einer Art Niſche, der Thüre ge⸗ genüber, lag etwas am Boden, das unter einer alten Decke verborgen war. Oliver ſchauderte, als er dahin ſah und drängte ſich unwillkürlich dichter an ſeinen Herrn; denn der Knabe fühlte es, daß unter jener Decke eine Leiche lag. Das Geſicht des Mannes war hager und todten⸗ bleich, ſein Haar und Bart graulich, und ſeine Augen mit Blut unterlaufen. Das Geſicht der alten Frau da⸗ gegen war reich an Runzeln, ihre beiden letzten Zähne ragten über die Unterlippe hinweg und ihre Augen wa⸗ ren hell und ſcharf. Oliver konnte weder den Mann n der Nacht noch die ie glichen den Ratten, die er auf der ſehen. »Niemand ſoll ſie thren,« ſagte der Mann, indem er haſtig aufſprang, als der Leichenbeſtatter zu der Leiche trat.»Zurück, zurück, wer ein Leben zu verlieren hat!⸗ »Machen Sie keine dummen Streiche, lieber Mann,⸗ antwortete der Leichenbeſtatter, der an Elend in allen Geſtalten ſchon gewöhnt war. »Ich ſage Ihnen,« fuhr der Mann fort, indem er die Fauſt ballte und heftig mit den Füßen ſtampfte,»ich laſſe ſie nicht begraben. Sie kann nicht in der Erde bleiben. Die Würmer würden ihr keine Ruhe gönnen und ſie hat ſchon im Leben keine Ruhe gehabt.« Der Leichenbeſtatter antwortete auf dieſe wahnſinni⸗ gen Worte nicht, ſondern nahm ein Band aus der Ta⸗ ſche und knieete einen Augenblick neben dem Leichnam nieder. »Ja,« begann nun der Mann, indem er zu den Fü⸗ ßen der todten Frau auch auf ſeine Kniee ſank,»knieet nieder, knieet Alle nieder um ſie her und merkt, was ich ſage. Ich ſah ſie verhungern. Ich wußte nie, wie krank ſie war, bis das Fieber ſie befiel, und dann ſtachen ihre Knochen durch die Haut. Wir hatten weder Feuer noch Licht; ſie ſtarb im Finſtern— im Finſtern. Sie konnte nicht einmal die Geſichter ihrer Kinder ſehen, obgleich wir hörten, daß ſie leiſe ihre Namen ausſprach. Ich bettelte für ſie auf den Straßen und ſie ſteckten mich dafür in das Gefängniß. Als ich wiederkam, lag ſie im Sterben; o, alles Blut in meinem Herzen vertrocknete, denn die Menſchen ließen ſie verhungern. Ich ſchwöre es vor dem Gott, der es geſehen, ſie ließen ſie verhun⸗ gern.« Er faßte ſein Haar mit beiden Händen und walzte ſich mit lautem Schrei und ſtierem Auge auf dem Boden, während der Die erſchreckten der bitterlich, die alte Frau aber, welche bis dahin ig geblieben war, als ſei ſie taub gegen Alles um ſie her, gebot ihnen mit Drohungen Schweigen, band dann dem Manne, der noch immer am Boden lag, das Halstuch ab und wankte zu dem Leichenbeſtatter. „»Sie war meine Tochter,« ſagte die alte Frau, in⸗ dem ſie nach der Leiche hin nickte, mit einem blödſinni⸗ gen Blicke, der noch grauſenhafter war als der Leichnam. »Herr Gott, es iſt doch ſeltſam, daß ich, die ich ſie ge⸗ bar und damals eine Frau war, jetzt lebe und munter bin, während ſie ſo kalt und ſteif daliegt. Herr Gott, es iſt wie in der Komödie,— wie in der Komödie.« Während die Alte in ihrer gräßlichen Heiterkeit ſchwatzte, drehte ſich der Leichenbeſtatter um, um fortzugehen. »Sie! Sie!« rief die alte Frau in taubem Flüſtern, »wird ſie heute begraben, oder in der Nacht, oder Mor⸗ gen? Ich muß mitgehen. Schicken Sie mir einen gro⸗ ßen Mantel, einen warmen, denn es iſt kalt. Auch Wein und Kuchen ſollten wir haben, ehe wir gehen, aber ſchi⸗ cken Sie nur Brot, ein Laib Brot und ein Glas Waſ⸗ ſer. Bekommen wir Brot, lieber Mann?« wiederholte ſie und faßte den Leichenbeſtatter am Rocke, als er der Thüre zuſchritt. »Ja, ja,« antwortete dieſer,„Ales, was Ihr wollt,« dabei machte er ſich von der alten Frau los, zog Oliver nach ſich und eilte fort. Am nächſten Tage, nachdem die Familie mit einem Brote und einem Stück Käſe beſchenkt worden war, kehrten Oliver und ſein Herr in jene Jammerwohnung zurück, wo Bumble mit vier Männern aus dem Arbeits⸗ hauſe, welche die Leiche tragen ſollten, bereits angekom⸗ en alten Frau und des Mannes hatte: n alten ſchwarzen Mantel ge⸗ worfen; der nackte Sarg wurde zugenagelt, auf die Ach⸗ ſeln der Träger gehoben und die Treppe hinunter auf die Straße getragen. »Nun müßt Ihr das beſte Bein zuerſt nehmen,« flü⸗ ſterte Sowerberry der alten Frau in das Ohr; es iſt ſchon ſpät und wir dürfen den Geiſtlichen nicht zu lange warten laſſen. Raſch, ihr Leute, ſo ſchnell als Ihr könnt.« Die Träger ſchritten unter ihrer leichten Laſt raſch aus, und die beiden Leidtragenden hielten ſich ſo nahe als möglich bei denſelben. Bumble und Sowerberry gin⸗ gen mit einem guten Schritte voraus, und Oliver, deſſen Beine nicht ſo lang waren als die ſeines Herrn, trabte nebenher. Man hatte indeß nicht nöthig, ſo ſehr zu eilen, denn als ſie in dem dunkeln Winkel des Gottesackers anka⸗ men, wo Brenneſſeln wuchſen und die auf Gemeindekv⸗ ſten Beerdigten verſcharrt wurden, hatte ſich der Geiſt⸗ liche noch nicht eingefunden, und der Küſter, welcher an dem Feuer in der Sakriſtei ſaß, meinte, es könne wohl eine Stunde und mehr vergehen, ehe derſelbe komme. Die Träger ſetzten alſo den Sarg am Grabe nieder; die beiden Leidtragenden warteten geduldig in dem kalten feinen Regen, und die zerlumpten Jungen, welche das Schauſpiel auf den Kirchhof gelockt hatte, ſpielten unter⸗ deß lärmend Verſtecken hinter den Grabſteinen, oder machten ſich den Spaß, vor⸗ und rückwärts über den Sarg zu ſpringen. Sowerberry und Bumble, die per⸗ ſönliche Freunde des Küſters waren, ſetzten ſich zu dem⸗ ſelben in die warme Stube und laſen die Zeitung. Nach Verlauf von etwas mehr als einer Stunde eil⸗ 60 ten endlich Sowerberr dem Grabe, unmittelbe i der Geiſtliche. Bumble prügelte des Anſta alber einige Jungen durch, und der Geiſtliche gab, nachdem er aus dem Be⸗ gräbnißritual ſo viel geleſen hatte, als in vier Minuten zuſammengedrängt werden konnte, den Prieſterrock dem Küſter und ging ſchnell wieder fort. „»Nun,« ſagte Sowerberry zu dem Todtengräber, nzugeſchüttet!«* Das war keine ſchwere Arbeit, denn der Sarg ſah bereits aus dem Grabe heraus. Der Todtengräber ſchau⸗ felte die Erde hinein, trat dieſelbe etwas mit den Füßen zuſammen, nahm den Spaten auf die Achſel und ent⸗ fernte ſich mit den Jungen, die laut darüber klagten, daß der Spaß nicht länger gedauert. »Kommen Sie, lieber Freund,« ſagte Bumble, indem er den Mann auf die Achſel klopfte,»der Kirchhof wird zugeſchloſſen.« Der Mann, der ſich nicht bewegt hatte, ſo lange er an dem Grabe geſtanden, fuhr auf, richtete den Kopf empor, ſtierte den Mann an, der ihn angeredet hatte, ging einige Schritte und ſtürzte dann zu Boden; die der Küſter nach verrückte alte Frau war zu ſehr mit dem Beklagen des Verluſtes ihres Mantels beſchäftigt, den der Leichenbe⸗ ſtatter ihr wieder abgenommen, als daß ſie ihm hätte einige Aufmerkſamkeit ſchenken können; man goß ihm alſo einen Krug kaftes Waſſer über das Geſicht, worauf er aufſtand, und als er von dem Kirchhofe fort war. verſchloſſen ſie die Thüre und trennten ſich. »Nun, Oliver,« ſagte Sowerberry auf dem; Heim⸗ e,»wie gefällt Dir das 2« 4 „»Ich danke, Herr,« antwortete Oliver zügernd.„»Nicht »Du wirſt Die ver,« tröſtete S wöhnt biſt, iſt es nichts.« 4 Oliver dachte darüber nach, ob es wohl lange ge⸗ dauert, bis Herr Sowerberry ſich daran gewöhnt, hielt es aber doch für beſſer, nicht darnach zu fragen, und folgte alſo ſchweigend ſeinem Herrn nach Hauſe zurück. daran gewöhnen, Oli⸗ inn Du erſt daran ge⸗ Sechstes Kapitel.— Oliver wird durch die höhniſchen Reden Noahs gereizt, faßt ſich endlich ein Herz und tritt kräftig auf. Es war gerade eine recht hübſch ungeſunde Jahres⸗ zeit. Die Särge gingen gut ab, und Oliver hatte in wenigen Wochen ſchon eine ziemliche Geſchäftskenntniß erlangt. Der Erfolg der ſcharfſinnigen Spekulation So⸗ werberry's überſtieg ſelbſt ſeine kühnſten Hoffnungen. Die älteſten Leute konnten ſich keiner ſo ausgebreiteten und ſo bösartigen Maſernepidemie erinnern, und Oliver mußte deshalb vor vielen Leichenzügen hergehen mit einem Hut⸗ bande, das bis auf ſeine Kniee reichte, zur unbeſchreibli⸗ chen Verwunderung und Rührung aller Mütter in der Stadt. Da Oliver auch ſeinen Herrn bei den meiſten anderen Beerdigungen begleitete, damit er ſich die nöthige Gleichgültigkeit und Herrſchaft über die Nerpen erwerhe, welche für einen vollkommnen Leichenbeſtatter ſo noth⸗ wendig ſind, ſo hatte er vielfach Gelegenheit, die ſchöne Ergebung von Seelenſtärke zu bewundern, womit manche Perſonen ihre Prüfungen und Verluſte ertragen. 4 oder eine alte reiche D ten zu begraben hatte lche in der vorhergehenden Krankheit ganz untröſtlich geweſen waren und ſogar vor den Leuten ihren Kummer und Schmerz nicht zu verber⸗ gen vermocht hatten, ſo fand er dieſelben unker einander ganz heiter und vergnügt, als ob gar nichts Unangeneh⸗ mes geſchehen ſei. Auch Ehemänner ertrugen den Ver⸗ luſt ihrer Frauen mit der heldenmüthigſten Ruhe. Es ließ ſich überhaupt bemerken, daß Männer und Frauen, wenn ſie auch während der Beſtattung der Leiche ganz unſtröſtlich und der Verzweiflung ganz hingegeben zu ſein ſchienen, ſich erholten, ſobald ſie wieder nach Hauſe kamen, und ganz ruhig wurden, ehe noch der Thee vor⸗ über war. Oliver ſah dies Alles mit großer Verwun⸗ derung. Ob Oliver Twiſt durch das Beiſpiel dieſer guten Leute auch Faſſung und Gleichgültigkeit gewann, vermag ich, obgleich ich ſein Biograph bin, nicht mit Beſtimmt⸗ heit zu behaupten, wohl aber kann ich verſichern, daß er mehrere Wochen hindurch ſich von Noah Claypole be⸗ herrſchen und mißhandeln ließ, der ihn um ſo mehr ty⸗ ranniſirte, ſeit er mit Neid und Eiferſucht bemerkte, daß derſelbe zu dem ſchwarzen Stabe und dem langen Hut⸗ hande avancirt wurde, während er ſelbſt, obgleich der Aeltere, ſeine gewöhnliche Pelzmütze behielt. Charlotte behandelte ihn ſchlecht, weil Noah es that, und Ma⸗ dame Sowerberry konnte ihn nicht ausſtehen, weil So⸗ werberry den Knaben lieb zu gewinnen ſchien. Wir gelangen jetzt zu einer wichtigen Stelle in der Geſchichte Olivers, denn ich habe einen Vorfall zu be⸗ richten, der ſcheinbar zwar höchſt unbedeutend war, aber Olivers ganze Zukunft umgeſtaltete. 63 Tages zur gewöhnli⸗ e hinuntergegangen; iver und Noah 1 chen Mittagseſſenszeit in Charlotte wurde abgerufen, die Jungen mußten deshalb warten, und Noah glaubte die Zeit nicht beſſer benutzen zu können, als wenn er den jungen Oliber necke und höhne. Verſe hiedene dieſer Neckereien brachten den ge⸗ wünſchten Erfolg, Oliver böſe zu machen, nicht hervor, und Noah wurde in ſeinen Späßen perſönlich. „Was macht Deine Mutter?« fragte Noah. „Sie iſt todt,« antwortete Oliver;„ſprich nicht davon.⸗ Oliver wurde roth bei dieſen Worten, er athmete raſcher und es ſtellte ſich an ſeinem Munde und ſeiner Naſe ein gewiſſes Zucken ein, das Noah für den Vor⸗ läufer von Weinen hielt. Er hatte demnach die wunde Stelle getroffen und fuhr fort: »Woran ſtarb ſie denn, Arbeitshaus?« »An Kummer und Gram, wie einige der alten Warkefrauen ſagten,« antwortete Oliver, mehr als ſpreche er mit ſich ſelbſt.»Ich kann mir es denken, wie es thut, daran zu ſterben.« 5 „»Tra⸗la⸗la⸗la⸗la⸗lal« fuhr Noah fort, als er eine Thräne über Olivers Wange rollen ſah.»Was weinſt Du denn?« »Sprich nicht mehr von meiner armen Mutter.⸗ »Ja, arm war ſie gewiß, wenn ſie auch lange Finger machte und Abends auf den Gaſſen ſpazieren ging.« »Was meinſt Du damit?« »Ich meine, ſie konnte nichts beſſeres thun als ſter⸗ ben, denn ſie würde doch in die Tretmühle gekommen oder gehangen worden ſein.« Zornglühend ſprang da Oliver auf, warf Stuhl und Tiſch um, packte Noah an der Kehle, ſchüttelte denſelben, bis ihm die Zähne im Munde klapperten, raffte dann alle ſeine Kräfte z und ſtreckte ihn zu Bo Eine Minute v der Knabe das ſanfteſte, demüthigſte Weſen, n durch rauhe Behandlung es geworden; die ſchändliche Beſchimpfung ſeiner todten Mutter aber hatte ihm das Blut heiß in das Geſicht getrieben. Seine Bruſt hob und ſenk ,er ſtand aufrecht da, ſein Auge funkelte und ſein ganz s Weſen war verändert, während ſein feiger Onaler i ſeinen Füßen lag. »Er ermordet mich! Charlotte! Madame! der neue Junge ermordet mich! Hülfe! Hülfe! Oliver iſt verrückt geworden, Charlotte!« ſchrie Noah. Charlotte ſtürzte aus einer Seitenthüre in die Küche, während Madame Sowerberry ſo lange auf der Treppe ſtehen blieb, bis ſie ſich überzeugt hatte, daß ſie ſich ohne Gefahr weiter wagen könnte. »Die kleine ſchlechte Kreatur!« rief Charlotte, wäh⸗ rend ſie Oliver mit aller ihrer Kraft packte;»Du kleiner undankbarer, mörderiſcher, böſer Bube!«— und zwiſchen jeder Sylbe gab ſie Oliver einen Fauſtſchlag. Die Fauſt Charlottens war keinesweges eine leichte, aber Madame Sowerberry ſchien doch zu glauben, dieſelbe reiche nicht hin, Oliver zu beruhigen, denn ſie kam ebenfalls in die Küche herunter, faßte den armen Knaben mit einer Hand und ſchlug mit der andern auf ihn, während Noah dieſe günſtige Wendung des Schickſals benutzte, aufſtand und von hinten auf ſeinen Gegner prügelte. Als ſie endlich alle Drei vom Schlagen müde waren, ſchleppten ſie Oliver in den Aſchenkeller und verſchloſſen ihn darein. Dann ſank Madame Sowerberry auf einen Stuhl und brach in Thränen aus. Ach, Du mein lieber Gott, ſie ſtirbt!« jammerte ——— ☛——— A 8 — ⁸½*ε ⏑ αℛ⏑* dem Wege ein Meſſer auf das blaue Auge halten, das 65 er Noah; ſchnell ein Charlotte.»Ein Gla⸗ Glas Waſſer!« 14 »Ach, Charlotte,« ſprat me Sowerberry, ſo gut ſie es bei ihrem Mangel an Athem und dem Ueber⸗— fluſſe von Waſſer vermochte, das Noah über ſie geſchütt tet hatte;»welchen Dank ſind wir dem lieben Gott ſchuldig, daß wir nicht in unſeren Betten ermordetr wurden!«. »Ja wohl,« antwortete Charlotte.»Ich hoffe nur, es wird dem Herrn eine Lehre ſein, keine ſolchen böſen Buben mehr in das Haus zu nehmen, die zu Mördern und Räubern geboren ſind. Der arme Noah war faſt todt, Madame, als ich kam.« Noah, der über einen Kopf größer war als Oliver, rieb ſich die Augen mit den Ballen ſeiner Hände, wäh⸗ rend er ſo bedauert wurde, und drückte wirklich einige Thränen heraus. „»Was ſollen wir nun thun?« jammerte Madame Sowerberry.»Mein Maun iſt nicht zu Hanſe,— es iſt gar kein Mann zu Hanſe,— und in zehn Minuten ſchlägt der Junge die Thüre da ein.« Oliver ſchlug wirklich mit aller Kraft au die eichene Pioſtenthüte Wir thun wohl am beſten, wenn wir die Polizei Pn laſſen,« meinte Charlotte. „»Oder das Militair,« bemerkte Claypole. »Nein, nein,« eutgegnete Madame Sowerberry, die an Olivers alten Freund dachte;»Noah, lauf zu Herru Bumble und ſage ihm, er möge ſogleich zu uns kommen; — laß Deine Mütze hier, lauf' raſch. Du kaunſt auf verhindert das Aufſchwellen.« Noah beſann ſich nicht lange, ſondern lief fort, ſo Oliver Twiſt. I. 5 aber wunderten ſich gar ütze und mit einem ſchnell er konnte. 2 ſehr, als ſie den Ju Meſſer auf dem Au Siebentes Kapitel. Oliver bleibt widerſpenſtig. Noah Claypole lief ſo ſchnell als es ihm möglich war, und hielt nicht einmal an um Athem zu ſchöpfen, bis er an dem Thore des Arbeitshauſes angekommen war. Nachdem er hier einige Minuten ausgeruhet und ſich b zu Schluchzen und Thränen vorbereitet hatte, klopfte er laut an, und zeigte dem armen alten Manne, wela cher aufmachte, ein ſolches Jammergeſicht, daß ſelbſt er, der immer Jammergeſichter um ſich ſah, darüber erſchrak. .„»Was willſt Du?« fragte der alte Mann. 4„»Herr Bumble, Herr Bumble!“« rief Noah mit gut nachgemachtem Entſetzen, und ſo laut und ſo ängſtlich, daß es Herr Bumble, der zufällig in der Nähe war, nicht bloß hörte, ſondern ſo erſchrak daß er ohne ſeinen dreieckigen Hut erſchien,— ein höchſt bemerkens⸗ werther Umſtand, der beweiſ't, daß ſelbſt ein Büttel auf einen Augenblick die Faſſung verlieren und ſeine Würde vergeſſen kann. »Ach Herr Bumble!“« rief Noah;»Oliver, Herr— Oliver hat— »Was? Was?« fiel Herr Bumble ein, und aus ſeinem Auge drang ein Strahl von Freude;»iſt nicht fortgelaufen, iſt nicht fortgelaufen, Noah?« 67 iſt närriſch geworden. r Bumble, und dann Char⸗ lotten und die Mad e Angſt, Herr Bumble!⸗ — und Noah krümmte ſich wie ein Aal, um Herrn Bumble zu verſtehen zu geben, er habe bei dem blut⸗ dürſtigen Anfalle durch Oliver Twiſt Schaden gelitten und fühle, während er davon ſpreche, die heftigſten Schmerzen. Als Noah ſah, daß die Nachricht Herrn Bumble ganz verſteinerte, ſuchte er den Effekt noch zu verſtärken, indem er ſeine ſchrecklichen Wunden noch zehnmal ſo laut bejammerte, als vorher, und als er den Herrn mit der weißen Weſte über den Hof gehen ſah, geberdete er ſich noch tragiſcher, denn er hielt es mit Recht für ſehr er⸗ ſprießlich, die Aufmerkſamkeit dieſes Herrn zu erregen. Dies geſchah wirklich, denn jener hatte kaum drei wei⸗ tere Schritte gethan, als er ſich umdrehend fragte, war⸗ um der Bube heule, und warum ihm Bumble nicht Etwas gebe, was ſolche Jammertöne ſchnell zu ſtillen pflege. »Es iſt ein armer Kuabe aus der Freiſchule, Herr,⸗ antwortete Bumble,»der von dem jungen Oliver bei⸗ nahe ermordet, ja ermordet worden iſt.“« »Bei Gott!« rief da der Mann mit der weißen Weſte, indem er ſtehen blieb;»ich habe mir ſo etwas gedacht. Ich ahnete es gleich im Anfange, daß jener böſe Bube an den Galgen kommen würde.⸗ »Er hat auch verſucht,« fuhr Bumble mit leichen⸗ blaſſem Geſichte fort,»die Magd zu ermorden.«⸗ »Und die Madame,“ ſetzte Claypole hinzu. „»Nicht auch den Herrn, Noah?« fragte Bumble. »Nein, der Herr iſt nicht zu Hauſe, ſonſt würde er ihn auch ermordet haben,« antwortete Noah. 5*¾ Er wollte mnich erm — 68 »Er ſagte, er w »Er ſagte, er wolle Mann mit der weißen Weſte. »Ja, ja,« autwortete Noah,„und Madame Sower⸗ berry läßt fragen, ob Herr Bumble Zeit habe, ſogleich hinzukommen und Oliver zu ſtrafen, da der Herr nicht zu Hauſe iſt.« »Allerdings,« antwortete der Herr mit der weißen Weſte mit gnädigem Lächeln, während er Noah auf den Kopf klopfte.»Du biſt ein gutes Kind,— ein gutes Kind. Da haſt Du einen Penny. Bumble, gehe Er nun ſogleich mit ſeinem Stocke zu Sowerberry's und thue Er ſein Beſtes, ſchone Er aber den Buben nicht.⸗ „Gewiß nicht,« entgegnete Bumble, indem er in die Hand ſpuckte und ſeinen Stock ſchwang. »Sage Er auch Sowerberry, er ſolle dem Jungen nichts ſchenken. Ohne Schwielen und blaue Flecke wird er ihn zu nichts bringen,“« ſetzte der Herr mit der wei⸗ ßen Weſte hinzu. „Soll alles beſorgt werden,« antwortete der Vogt, und als er den dreieckigen Hut recht gravitätiſch aufge⸗ ſetzt, ſchritt er, nebſt Noah Claypole nach dem Hauſe 3 Sowerberry's hin. Hier hatte ſich die Lage der Dinge noch nicht ge⸗ ändert, denn Sowerberry war noch nicht zurückgekehrt und Oliver ſchlug mit unverminderter Kraft an die Kel⸗ lerthüre. Seine Tollheit war, der Erzählung Charlot⸗ tens und der Madame Sowerberry zufolge, ſo Beſorg⸗ niß erregend, daß es Herr Bumble für gerathen hielt, erſt zu parlementiren, ehe er die Thüre öffnete; in die⸗ ſer Abſicht ſchlug er zur Einleitung an dieſelbe, hielt dann ſeinen Mund an das Schlüſſelloch und rief in tie⸗ fem, eindringlichen Tone: 2 AA „a autwortete Oliver von innen. „Kennſt Du dieſe Stimme, Oliver?« fragte Bumble weiter. „»Ja,« antwortete Oliver. »Fürchteſt Du Dich nicht davor? Zitterſt Du nicht, während ich rede, he?« fragte Bumble. »Nein!« antwortete Oliver muthig. Eine von der erwarteten und gewöhnlichen ſo ganz verſchiedene Antwort erſchreckte den Vogt nicht wenig. Er trat vor dem Schlüſſelloch zurück, richtete ſich ſeiner ganzen Länge nach empor, und ſah jede der drei anwe⸗ ſenden Perſonen nach einander in ſtummer Verwun⸗ derung an. »Sie ſehen, Herr Bumble, er muß toll ſein,« be⸗ merkte Madame Sowerberry.»Kein Knabe, der nur halb bei Sinnen iſt, wird ſo gegen Sie zu ſprechen wagen.« »Es iſt nicht Tollheit, Madame,«⸗ antwortete Bumble nach einigen Augenblicken tiefen Nachdenkens,„das Fleiſch iſt es.«„ »Was?« fragte Madame Sowerberry. »Das Fleiſch, Madame, das Fleiſch,« erwiederte Bumble.»Sie haben ihn zu gut gefüttert, Madame. Sie haben ihm dadurch einen Muth und eine Wider⸗ ſpenſtigkeit gegeben, die ſich für eine Perſon ſeines Stan⸗ des nicht ſchicken, wie Ihnen die Vorſteher, als practi⸗ ſche Philoſophen, klar auseinanderſetzen könnten. Was haben Arme mit Muth und Fleiſch zu ſchaffen, Ma⸗ dame? Es iſt geung, wenn ſie leben. Hätten Sie dem Jungen Hafergrütze gegeben, Madame, ſo wäre dies Alles nicht geſchehen.⸗ 5 9 „»Du lieber Gott!«r dem ſie andächtig die Aug dellerdecke empor⸗ hob,»das iſt die Folge, wenn man zu gut iſt.« Die Gutherzigkeit der Madame de derberr gegen Oliver hatte darin beſtanden, daß ſie ihm allen Abfall und alle Ueberreſte von Speiſen gab, die ſonſt Niemand genießen mochte. »Das Einzige,« fuhr Bumble fort, als Madame Sowerberry wieder auf den Boden ſah,»was geſchehen kann, iſt, daß Sie ihn einen Tag in dem Keller laſſen, bis er etwas ausgehungert iſt, ihn dann herausnehmen und die ganze Lehrzeit über mit Hafergrütze füttern. Er ſtammt aus einer ſchlechten Familie von reizbarer Natur, Madame. Die Wärterin und der Doctor ſag⸗ ten, ſeine Mutter ſei unter Schwierigkeiten und Schmer⸗ zen in das Haus gekommen, die eine rechtſchaffene Frau ohne Widerrede auf das Todtenbette gebracht hätten.⸗ Als Oliver hörte, daß man von ſeiner Mutter wie⸗ derum nicht zum Beſten ſprach, ſchlug er von Neuem und mit ſolcher Heftigkeit an die Thüre, daß man wei⸗ ter nichts hörte. In dieſem Augenblicke kam auch Herr Sowerberry nach Hauſe, und als man ihm Olivers Ver⸗ brechen mit ſo großen Uebertreibungen als möglich er⸗ zählt hatte, ſchloß er die Thüre auf und zog ſeinen bos⸗ haften Lehrjungen am Kragen heraus. Olivers Anzug war bei der früheren Züchtigung zer⸗ riſſen worden, ſein Geſicht zerkratzt und voll blauer Flecken, aber die Zornesgluth von ſeinen Wangen und aus ſeinen Augen war noch nicht verſchwunden. »Du biſt ein ſchöner Burſche,« ſagte Sowerberry, gab. » Er ſchimpfte meine Mutter,“ murmelte Oliver. indem er Oliver ſchüttelte und ihm eine derbe Ohrfeige* Dilliver Twiſt. 71 „» Und wenn er es nun auch that, undankbarer Bube?« ſiel Madame Sowerberry ein.»Sie verdiente, was er ſagte und noch mehr.« »Nein, ſie verdiente es nicht,« ſagte Oliver. »Ja, ſie verdiente es,« behauptete Madame So⸗ werberry. „Es iſt eine Lüge,« antwortete Oliver. Madame Sowerberry konnte die Thränen nun nicht länger zurückhalten, und dem Herrn Sowerberry blieb keine Wahl mehr. Wenn er auch einen Augenblick ge⸗ zögert hatte, Oliver ſtreng zu beſtrafen, ſo würde er doch der unnatürlichſte und grauſamſte Ehemann gewe⸗ ſen ſein, hätte er nach den Thränen ſeiner lieben Frau dieſe Züchtigung noch länger anſtehen laſſen. So weit ſeine Gewalt im Hauſe ging— die freilich nicht groß war,— konnte er den Knaben wohl leiden, vielleicht weil es ſein Vortheil war, vielleicht weil ſeine Frau den Knaben haßte. Die Thränenfluth der letztern ließ ihm aber keine Wahl, und darum prügelte er denn den armen Oliver ſo, daß ſelbſt Nadame Sowerberry zufrieden war, und die ſpätere Anwendung des Stockes des Vogtes unnö⸗ thig wurde. Für den übrigen Tag wurde er wieder einge⸗ ſchloſſen und zwar mit Waſſer und einem Stückchen Brot, und⸗Abends kam Madame Sowerberry, machte vor der Thüre mehrere keineswegs ſchmeichelhafte Bemerkungen über die Mutter Olivers, ſah in den Kerker deſſelben unter Hohngelächter Noahs und Charlottens hinein und beſchied ihn hinauf in ſein Bett. Erſt als er in der Stille der grauenhaften Werkſtatt des Sargfabrikanten allein war, überließ ſich Oliver den Gefühlen, die, wie man ſich denken kann, die Behand⸗ lung, welche er an dieſem Tage erfahren, in dem Kna⸗ ben geweckt hatte, Er hatte den Hohn mit Verach⸗ tung angehört, und d denn er fühlte in ſeine Wehklagen zurückgehalten man ihn ſelbſt lebendig gebraten. Jetzt aber, als ihn Niemand ſah und hörte, ſiel er auf ſeine Kniee, bedeckte ſein Ge⸗ ſicht mit beiden Händen und weinte Thränen vor Gott, wie in ſolcher Jugend Wenige vergoſſen haben mögen. Lange blieb Oliver bewegungslos in dieſer Stellung. Das Licht war faſt ausgebrannt, als er wieder aufſtand, dann ſah er ſich um, horchte aufmerkſam, öffnete die Thüre und ſah hinaus.. Es war eine finſtere, kalte Nacht. Die Sterne ſchienen den Augen des Knaben entfernter von der Erde zu ſein, als er ſie je vorher geſehen; kein Lüftchen regte ſich und die Bäume ſtanden in dem Dunkel da wie Leichenſteine. Leiſe verſchloß er die Thüre wieder, band ſeine wenige Habe in ein Taſchentuch und erwartete auf einer Bank den Morgen. Mit den erſten Strahlen des Lichtes, welche ihren Weg durch die Riſſe in den Fenſterläden fanden, ſtand Oliver auf und öffnete die Thüre von neuem. Noch ein ſchüchterner Blick, noch eine augenblickliche Zögerung, und er ſchloß ſie wieder und ſtand auf der Straße. Er ſah nach der rechten und der linken Seite, denn er wußte nicht, wohin er fliehen ſollte. Er erinnerte ſich jedoch, daß die Wagen, wenn ſie früh aufbrachen, den Hügel hinauffuhren, ſchlug alſo denſelben Weg ein, und ſchritt auf einem Feldwege, der ſeiner Auſicht nach wieder auf die Straße führen mußte, ſchnell dahin. Auf demſelben Fußwege war er, wie er ſich erinnerte, mit Bumble gegangen, als ihm dieſer von dem Lande in das Arbeitshaus brachte. Das Landgut lag gerade vor ihm. Sein Herz ſchlug raſcher, und er war halb 73 ar jedoch ſchon weit ge⸗ it verloren haben, wäre er wieder umgekehr. ius war es noch ſo früh, daß er nicht zu fürchten brauchte, geſehen zu werden, und ſo ging er denn weiter. Er erreichte d das Haus, in dem noch Niemand wach zu ſein ſchien. Oliver blieb ſtehen und ſah in den Gar⸗ ten hinein. Ein Kind jätete auf einem der kleinen Beete und hob eben das blaſſe Geſicht empor. Oliver erkannte einen ſeiner früheren Gefährten, und freuete ſich, den Knaben noch einmal zu ſehen, denn obgleich derſelbe jünger, war er doch ſein kleiner Freund und Spielgenoſſe geweſen; ſie hatten viele, viele Male mit einander Prügel bekommen und Hunger und Haft ge⸗ theilt. »Still Dick,« ſagte Oliver, während der Knabe an die Thüre kam, und ſeinen Arm durch das Geländer ſteckte, um ihm die Hand zu reichen.»Iſt Jemand auf⸗ geſtanden?« »Niemand außer mir,« antwortete das Kind. »Du darfſt nicht ſagen daß Du mich geſehen haſt,«⸗ ſagte Oliver;»ich laufe davon. Man ſchlägt und miß⸗ handelt mich, und ich ſuche mein Glück anderswo, wo, weiß ich nicht. Wie blaß ſiehſt Du aus!« »Ich hörte den Doktor ſagen, ich würde ſterben⸗ enkgegnete das Kind lächelnd.»Ich ſehe Dich gern, aber halte Dich nicht auf, halte Dich nicht auf.« »Nur um Abſchied von Dir zu nehmen,« antwortete Dliver.»Ich werde Dich wiederſehen, Dick, gewiß. Du wirſt geſund und glücklich werden.⸗ „»Ich hoffe es,« antwortete das Kind,„wenn ich todt bin, vorher nicht. Ich weiß, der Doktor hat Recht, Oliver, weil ich ſo viel vom Himmel, von Engeln und von freundlichen Geſichter wenn ich wache. Gieb mir uß,« ſetzte: hinzu, indem es über das niedrige Gitter kletterte und ſeine Arme um Olivers Nacken ſchlang,»und leb' wohl, Gott behüte Dich!« Der Segen kam von den Lippen eines Kindes, aber es war der erſte, den Oliver je auf ſein Haupt herab hatte rufen hören, und in allen Kämpfen und Leiden ſeines ſpäteren Lebens, in allem Wechſel vieler trüber Jahre vergaß er denſelben nicht. Achtes Kapitel. Oliver geht nach London und trifft auf der Straße einen ſelt⸗ ſamen jungen Burſchen. Oliver gelangte bald wieder auf die Straße. Es ſchlug acht Uhr, und obgleich er bereits fünf(engliſche) Meilen von der Stadt entfernt war, lief er doch immer noch und verſteckte ſich gelegentlich hinter einer Hecke, da er fürchtete, verfolgt und zurückgebracht zu werden. Gegen Mittag ſetzte er ſich neben einen Meilenzeiger nieder und dachte zum erſten Male darüber nach, wohi er eigentlich gehen, und auf welche Weiſe er ſeinen Le⸗ bensunterhalt verdienen ſolle. Auf dem Steine, an welchem er ſaß, ſtand deutlich geſchrieben, daß es von da bis nach London ſiebenzig Meilen weit ſei. Der Name weckte neue Ideen in dem Geiſte des Knaben. London!— die große, große Stadt! — Niemand, ſelbſt Bumble nicht, konnte ihn dort fin⸗ —.——,,— —— D 8R 8 2 S SB — —„2—— —₰ X₰à———— Oliver Twiſt. 75 den. In dem Arbeitshauſe hatte er von alten Männern oft erzählen hören, in London brauche Niemand zu hun⸗ gern, wenn er es nicht wolle, und man könne dort auf tauſenderlei Weiſe leben, wie es die Leute auf dem Lande gar nicht wüßten. Es war gerade der Ort für einen heimathloſen Knaben, der auf der Straße verhungern mußte, wenn Niemand ſeiner ſich annahm. Oliver ſprang alſo wieder auf und ging guten Muthes weiter. Er hatte die Entfernung zwiſchen ſich und London um weitere vier Meilen verringert, ehe er daran dachte, wie viel er noch zu thun habe, bis er jenen Ort ſeiner Beſtimmung erreiche. Er ging etwas langſamer und dachte darüber nach, wie er wohl dahin komme. Er hatte eine Brotrinde, ein grobes Hemd und zwei Paar Strümpfe in ſeinem Bündel, und einen Penny— ein Geſchenk Sowerberry's nach einem Leichenbegängniſſe, bei dem er ſich ungewöhnlich gut gehalten— in der Taſche.»Ein reines Hemd,« dachte Oliver, viſt eine ſehr ſchöne Sache, wie auch Strümpfe und ein Penny, aber ſie werden mir wenig nützen, im Winter fünfund⸗ ſechszig Meilen weit zu kommen.« Obgleich nun Oliver die Schwierigkeiten, die ihm entgegenſtanden, vollkommen erkannte, ſo wußte er doch kein Mittel zu ergründen, dieſelben zu überwinden; er nahm alſo ſein kleines Bün⸗ del von der einen Achſel auf die andere und ſchritt weiter. Er ging dieſen Tag zwanzig(engliſche) Meilen, und genoß nichts als ſeine trockene Brotrinde und einige Schlucke Waſſer, die er ſich in einem Hauſe an der Straße bettelte. Als es finſter wurde, wendete er ſich nach einer Wieſe, kroch in einen Heuſchober und wollte da bleiben bis zum nächſten Morgen. Im Anfange fürchtete er ſich, denn der Wind ſtürmte kalt über die öden Felder, er fror und hungerte, und fühlte ſich ganz 76 verlaſſen. Da er jedoch anderung ſehr müde war, ſo ſchlief er bald 1 vergaß ſeine Noth. Als er am nächſten Morgen erwachte, war er kalt und ſteif und ſo hungrig, daß er ſich fuͤr ſeinen Penny in dem erſten Dorfe ein kleines Brot kaufen mußte. Er war nicht weiter als zwölf Meilen gekommen, als es wieder Abend wurde, denn ſeine Füße waren nun wund und ſo ſchwach, daß ſie unter ihm zitterten. Die Nacht in der rauhen Luft erquickte ihn nicht, und als er am nächſten Morgen wieder aufbrach, konnte er ſich kaum fortſchleppen. Am Fuße eines Berges wartete er, bis ein Poſtwa⸗ gen herankam, und dann ſprach er bittend die Reiſenden an, aber nur wenige achteten auf ihn, und auch dieſe ſagten, er ſolle warten, bis ſie den Berg hinauf wären, und dann ſehen laſſen, wie weit er für einen halben Penny laufen könne. Der arme Oliver verſuchte es, eine bleine Strecke mit dem Wagen Schritt zu halten, aber ſeine Muͤdigkeit war zu groß und die Füße ſchmerzten ihn zu ſehr. Als dies die Reiſenden ſahen, ſteckten ſie ihre Pence wieder ein und ſagten, er ſei ein fauler Bube und verdiene nichts. Der Wagen raſſelte weiter und ließ nur eine Staubwolke hinter ſich. In einigen Dörfern waren Tafeln aufgeſtellt, und darauf ſtand die Warnung, wer hier bettele, werde in das Gefäangniß gebracht werden, was Oliver ſo erſchreckte, daß er ſo ſchnell als möglich vorbeiging. In anderen ſtellte er ſich an den Hof des Gaſthauſes und ſah die Leute tranrig an, was aber gewöhnlich damit endigte, daß die Wirthin einem müſſig umherſchlendernden Kut⸗ ſcher auftrug, den fremden Knaben fortzujagen, der ge⸗ wiß etwas ſtehlen wolle. Bettelte er vor den Bauer⸗ häuſern, ſo hörte er in neun von zehn wenigſtens die I Stunden und mit Bequemlichkeit thun könnten, was er in and auf ihn hetzen, und ſah thinein, ſo ſprachen die Leute von dem Büttel, Was den armen Oliver ſchnell vertrieb. Hätte ſich nicht ein gutmüthiger Mann an einem Schlage und eine wohlthätige alte Frau ſeiner erbarmt, ſo würden Olivers Leiden ſicherlich auf dieſelbe Weiſe, wie die ſeiner Mutter, geendet haben, d. h. er würde auf der Straße vor Hunger umgefallen ſein. Aber der Mann am Schlage gab ihm Brot und Käſe, und die alte Frau, deren Enkel baxfuß in irgend einem Theile der Welt umherwanderte, erbarmte ſich des armen Kna⸗ ben, und gab ihm, was ſie geben konnte— und mehr — mit freundlichen Worten und Thränen des Mitleids, die tiefer in Olivers Seele drangen, als alle ſeine Leiden, die er überſtanden. Früh am Morgen des ſiebenten Tages, nachdem er ſeinen Herrn verlaſſen, hinkte Oliver langſam in die kleine Stadt Barnet hinein. Die Fenſterladen waren geſchloſſen, die Straßen leer, und noch ließ ſich kein menſchliches Weſen ſehen. Die Sonne ging auf in allem ihren Glanze, aber ihr Licht ſchien dem Knaben nur ſeine Verlaſſenheit zu zeigen, als er mit blutenden Fü⸗ ßen und beſtäubt auf einer kalten Thürſtufe ſaß. Allmälig wurden die Laden und die Fenſter geöffnet, und es gingen einzelne Leute hin und her. Einige blie⸗ ben ſtehen, um Oliver einen Augenblick anzuſtarren, oder ſie dreheten ſich im Gehen nach ihm um; aber Keiner fragte, was ihm fehle und woher er komme. Zu betteln hatte er keinen Muth, und ſo ſaß er ſtill und traurig da. Er hatte einige Zeit auf dem Steine geſeſſen und die Poſtkutſchen vorbeifahren ſehen, und dachte eben darüber nach, wie ſeltſam es ſei, daß die Leute darin in wenigen einer ganzen Woche nur mi größten Anſtrengung hatte vollbringen können, als er bemerkte, daß ein Knabe, der einige Minuten vorher vor ihm vorbeigegangen, um⸗ gekehrt war und ihm von der entgegengeſetzten Seite der Straße aus aufmerkſam muſterte. Anfangs achtete er wenig darauf, aber der Knabe beobachtete ihn ſo lange, daß Oliver endlich empor und nach demſelben hin ſah. Darauf kam der Knabe über die Straße zu ihm herüber, trat dicht an ihn und ſagte: „Nun, wie ſteht es, mein Lieber?2« Der Knabe, welcher Oliver alſo anredete, war unge⸗ fähr von demſelben Alter, hatte aber das pfiffigſte Ge⸗ ſicht, das Oliver je geſehen, wenn es auch ſonſt ganz gewöhnlich und ziemlich ſchmutzig war. Uebrigens be⸗ nahm er ſich ganz wie ein Erwachſener. Er war klein für ſein Alter, hatte krumme Beine, und kleine ſtechende häßliche Augen. Den Hut hatte er ſo weit auf das eine Ohr geſetzt, daß er jeden Augenblick herabzufallen drohete, was auch ſicherlich geſchehen wäre, hätte der Träger nicht die Geſchicklichkeit gehabt, dem Kopfe bisweilen ſchnell eine gewiſſe Bewegung zu geben, die den Hut je⸗ desmal wieder an die frühere Stelle brachte. Er trug einen Rock, der ihm faſt bis auf die Ferſen ging. Die Aermel hatte er halb zurückgeſchlagen, um die Hände frei zu bekommen und dieſelben in die Beinkleidertaſchen ſtecken zu können, denn darin hielt er ſie. »Nun, wie ſteht es, mein Lieber?« „Ich bin ſehr hungrig und müde,« antwortete Oliver, dem die Thränen in den Augen ſtanden, während er ſprach.»Ich bin einen weiten Weg gegangen, ſieben Tage lang.“« „Sieben Tage gegangen!« wiederholte der Burſch. ver Twiſt. 79 »Ich verſtehe! Auf Befehl, he?— warſt Du in der Mühle?« »In welcher Mühle?« »Welche Mühle?— die Mühle. Ich merke ſchon, Du verſtehſt noch nichts. Komm nur, Du biſt hungrig und Du ſollſt ſatt werden. Es iſt zwar Ebbe in meiner Taſche, aber ſo weit es reicht, theile ich mit Dir. Steh' auf!« Er half Oliver aufſtehen, führte ihn in einen Laden in der Nähe und kaufte da etwas gekochten Schinken unnd ein kleines Brot, in das er ein Loch machte und da hinein den Schinken ſteckte. So nahm er das Brot unter einen Arm und führte Oliver in die Hinterſtube eines Wirthshauſes. Hier erhielt er einen Krug Bier, aß und trank, während ſein neuer Freund keinen Blick von ihm wendete. »Nach London?« fragte dieſer endlich, als Oliver ge⸗ ſättigt war. „»Ja.« „»Haſt Du dort ein Unterkommen?⸗ „Nein.« »Haſt Du Geld?« „»Nein.« Der Burſch pfiff und ſteckte ſeine Häͤnde ſo weit in die Taſchen, als es die großen Rockärmel nur immer geſtatten wollten. „Lebſt Du in London?« fragte Oliver. „Ja, wenn ich zu Hauſe bin,« antwortete der Knabe. »Du brauchſt wahrſcheinlich einen Ort, wo Du die Nacht ſchlafen kannſt, nicht wahr?« »Allerdings,« antwortete Oliver.»Ich habe unter keinem Dache geſchlafen, ſeit ich meine Heimath ver⸗ laſſen“. 3 Oliver Twi „Darüber gräme Dich nicht,« antwortete der Knabe. „Ich werde heute Abend auch in London ſein, und kenne dort einen alten Herrn, der Dir Wohnung umſonſt geben wird, d. h. wenn Dich ein Bekannter bei ihm einführt. Ich kenne ihn.« Dieſer unerwartete Antrag einer Wohnung war zu verfuͤhreriſch, als daß er hätte zurückgewieſen werden können, zumal da ſogleich die Verſicherung darauf folgte, daß der erwähnte alte Herr ohne Zweifel bald auch wei⸗ ter für ihn ſorgen würde. Dies führte zu einem freund⸗ ſchaftlichern und vertranlichern Geſpräche, aus welchem Oliver erfuhr, daß ſein Freund Jack Dawkins heiße und der beſondere Liebling des erwähnten alten Herrn ſei. Das Ausſehen des jungen Dawkins verrieth zwar keine beſondere Annehmlichkeiten, welche der erwähnte alte Herr Denen verſchaffe, für die er ſich intereſſire, da er aber ziemlich ſeltſame Reden führte und ferner geſtand, ſeine Freunde gäben ihm gewöhnlich den Beinamen»der pfiffige Sappermenter,« ſo ſchloß Oliber, ſein neuer Freund möge wohl ein lockerer Zeiſig ſein und die guten Lehren ſeines Wohlthäters bisher in den Wind geſchlagen haben. Er nahm ſich dagegen vor, das Wohlwollen des alten Herrn ſo bald als möglich zu gewinnen, und wenn er ſehe, daß Dawkins unverbeſſerlich ſei, wie er ſchon jetzt halb und halb fürchtete, den Umgang mit demſelben gänzlich zu meiden. Da Dawkins Gründe zu haben ſchien, bei Tage nicht nach London zu gehen, ſo war es faſt elf Uhr Abends, als ſie den Schlag von Islington erreichten. Sie gin⸗ gen durch manche Straßen und Gäßchen ſo ſchnell, als Oliver folgen konnte. Obgleich derſelbe Mühe hatte, Schritt mit ſeinem Führer zu halten, ſo warf er doch bisweilen einen Blick um ſich. Einen ſchmutzigern und 2*. 4 4 Oliver Twiſt. 81 jämmerlichern Ort hatte er nie vorher geſehen, als der war, wo ſie ſich eben befanden. Die Straße war ſehr eng und ſchmutzig, und die Luft mit übelriechenden Dün⸗ ſten gefüllt. Es gab zwar viele kleine Laden daſelbſt, aber der einzige Vorrath darin ſchienen Haufen von Kindern zu ſein, die ſelbſt zu dieſer Zeit in der Nacht an den Thüren umherkrochen oder in den Häuſern ſchrieen. Zu gedeihen und zu blühen ſchienen nur die Wirthshäu⸗ ſer, und in dieſen lärmten die niedrigſten Klaſſen von Irländern. Bedeckte Gänge und Höfe, welche hier und da von der Straße abgingen, führten zu kleinen Häuſer⸗ gruppen, wo ſich betrunkene Männer und Weiber buch⸗ ſtäblich im Kothe wälzten, und aus verſchiedenen Thüren ſchlichen große Kerle vorſichtig heraus, die allem An⸗ ſcheine nach nicht in der beſten Abſicht ausgingen. Oliver bedachte eben, ob er nicht beſſer thue, wenn er davonlaufe, als ihn ſein Führer am Arme faßte, die Thüre eines Hauſes aufmachte, ihn hinter ſich hinein⸗ zog und die Thüre wieder verſchloß. Der Sappermenter pfiff, und eine Stimme antwor⸗ tete von unten; dann zeigte ſich der Schein eines Lich⸗ tes an der Wand am andern Ende des Ganges und das Geſicht eines Mannes. »Es ſind Zwei?« fragte der Mann, indem er das Licht weiter vor und die Hand über ſeine Augen hielt. „»Wer iſt der Andere?«⸗ »Ein Neuer,« antwortete Jack, indem er Oliver vorwärts zog. „Wo kommt er her?« » Aus der Fremde. Iſt Fagin oben?« »Ja, er ſortirt die Lappen. Kommt!« Das Licht wurde zurückgezogen und das Geſicht verſchwand. Oliver tappte mit der einen Hand umher, hielt ſich Dliver Twiſt. J.*4- 6 8² Oliver Twiſt. mit der andern feſt an ſeinen Führer, und ſtieg ſo die finſtere, theilweiſe zerbrochene Treppe hinan, mit der Jack vollkommen vertraut zu ſein ſchien. Dieſer öffnete ſodann die Thüre einer Hinterſtube und zog Oliver hin⸗ ter ſich hinein. Die Wände und die Decke der Stube waren von Alter und Rauch vollkommen ſchwarz geworden. Vor dem Feuer ſtand ein Tiſch von Tannenholz, und auf die⸗ ſem ein Talglicht in einer Bierflaſche, nebſt einigen zin⸗ nernen Krügen, Butter und Brot und einem Teller. In einer Pfanne auf dem Feuer kochten einige Würſte, und daneben, mit einer langen Gabel in der Hand, ſtand ein ſehr alter zuſammengeſchrumpfter Jude, deſſen böſes und abſtoßendes Geſicht durch eine Maſſe rothen Haares verdunkelt wurde. Er trug eine ſchmierige Fla⸗ nellkutte, welche ſeinen Hals bloß ließ, und ſchien ſeine Aufmerkſamkeit zwiſchen der Pfanne auf dem Feuer und einen Kleiderreck zu theilen, auf welchem eine große Menge ſeidener Taſchentücher hing. Mehrere ſchlechte Betten von alten Säcken lagen neben einander auf den Dielen, und um den Tiſch ſaßen vier bis fünf junge Burſche, nicht älter als der Sappermenter, die aus langen thönernen Pfeifen rauchten und Schnapps tran⸗ ken, wie Erwachſene. Sie alle drängten ſich um ihren Cameraden, als dieſer dem Juden einige Worte zuflü⸗ ſterte, dreheten ſich dann um und grinſeten Oliver an, wie der Inde ſelbſt, der die Gabel in der Hand hielt. »Dies iſt er, Fagin,« ſagte Jack Dawkins,»mein Freund, Oliver Twiſt.« Der Jude verzog das Geſicht zu einem grinſenden Lächeln, machte eine tiefe Verbeugung vor Oliver, nahm ihn bei der Hand und ſagte, er hoffe, die Ehre zu ha⸗ ben, bald genauer mit ihm bekannt zu werden. Dar⸗ ☛ð⏑0 4G ⏑ ¼—— ——= —— — Oliver Twiſt. 83 auf ſtellten die jungen Herren mit den Tabackspfeifen ſich um ihn und ſchüttelten ihm ſeine beiden Hände derb, beſonders jener, der ſein kleines Bündel hielt. Ei⸗ ner beeiferte ſich ſehr, die Mütze für ihn aufzuhängen, und ein anderer trieb die gefällige Freundſchaft gar ſo weit, ihm in die Taſchen zu greifen, damit Oliver, da er ſo müde war, dieſelben nicht auszuleeren brauche, wenn er zu Bett gehe. Dieſe Artigkeiten würden vielleicht noch weiter getrieben worden ſein, hätte nicht der Inde die liebenswürdigen Knaben freigebig mit der langen Gabel auf die Köpfe und Achſeln geklopft. »Wir freuen uns ſehr, ſehr, Oliver, Dich zu ſehen,« ſagte der Jude.»Jack, nimm die Würſte von dem Feuer. Ah, Du ſiehſt nach den Taſchentüchern, Oliver, he? Es ſind ziemlich viel, nicht wahr? Wir haben ſie eben zur Wäſche ausgeſucht, ſiehſt du? Ha! hal! hal⸗ Der letztere Theil dieſer Rede wurde von einem lau⸗ ten Gelächter der hoffnungsvollen Knaben des luſtigen alten Herrn begleitet, und lachend ſetzten ſie ſich zum Eſſen an den Tiſch. Oliver aß ſeinen Theil; dann miſchte ihm der Jude ein Glas Schnapps und heißes Waſſer und ſagte, er müſſe es ſogleich austrinken, weil ein Anderer das Glas brauche. Oliver that, wie ihm geheißen war, wurde faſt unmittelbar nachher auf einen der Säcke getragen und ſank da in tiefen Schlaf. Oliver Twiſt. Neuntes Kapitel enthält weitere Nachweiſungen über den angenehmen alten Herrn und deſſen hoffnungsvolle Zöglinge. Spät am nächſten Morgen erwachte Oliver aus ei⸗ nem langen tiefen Schlafe. In der Stube befand ſich Niemand als der alte Jude, der zum Frühſtück Kaffee kochte und leiſe vor ſich hinpfiff, während er mit einem eiſernen Löffel umrührte. Bisweilen hielt er jedoch inne, um zu lauſchen, ob ſich unten etwas hören laſſe, und wenn dies geſchehen war, pfiff und rührte er wieder wie vorher. Obgleich Oliver ſich aus dem Schlafe aufgerafft hatte, ſo war er doch noch nicht ganz wach. Es giebt einen gewiſſen Zuſtand zwiſchen Schlafen und Wachen, in welchem man mit halboffenen Augen in fünf Minu⸗ ten mehr träumt, als bei feſt geſchloſſenen Augen ſonſt in fünf Nächten, wenn die Sinne in völliger Bewußt⸗ loſigkeit gefangen liegen. In einer ſolchen Zeit kann der Menſch an dem, was ſein Geiſt thut, erkennen, wie groß die Macht deſſelben über Zeit und Raum ſein mag, wenn ihn der körperliche Gefährte nicht mehr hindert. In dieſem eben beſchriebenen Zuſtande befand ſich Oliver. Er ſah mit ſeinen halbgeſchloſſenen Augen den Iuden, hörte deſſen leiſes Pfeifen und das Kratzen des Löffels in dem Kaffeegeſchirr, und doch beſchäftigten ſich ſeine Sinne geiſtig zu gleicher Zeit auch mit faſt Allen, die er vorher gekannt hatte. Als der Kaffee fertig war, ſtand der Juds einige — V— Aã& Oliver Twiſt. 85 Minuten unentſchloſſen da, als wiſſe er nicht, was er nun vornehmen ſolle, drehete ſich dann um, ſah nach Oliver hin und rief denſelben. Oliver antwortete nicht und ſchien zu ſchlafen. Nachdem der Iude auf dieſe Weiſe beruhiget war, ging er leiſe nach der Thüre hin, die er verſchloß, dann nahm er, wie es Oliver vorkam, aus einer Fallthüre in dem Fußboden ein kleines Käſtchen, das er bedächtig auf den Tiſch ſtellte. Seine Augen funkelten, als er den Deckel aufſchlug und hineinſah. Dann zog er einen alten Stuhl an den Tiſch, ſetzte ſich und nahm aus dem Käſtchen eine prächtige goldene Uhr hervor, die von Diamanten blitzte. „»Aha!« ſagte der Jude, indem er die Achſeln zuckte und jeden Zug ſeines Geſichtes zu einem häßlichen Grinſen verzerrte,»geſchickte Hunde! kluge Hunde! Sagte nie, wo ſie ſind. Neun Bürſchchen! Neun Bürſchchen!« Während dieſer und ähnlicher Ausrufungen legte der Iude die Uhr wieder an ihren Ort, zog wenigſtens noch ein halbes Dutzend ähnliche aus dem Käſtchen und beäu⸗ gelte ſie mit gleichem Vergnügen, ferner Ringe, Bro⸗ ſchen, Armbänder und andere Schmuckſachen von ſo koſtbaren Stoffen und herrlicher Arbeit, daß Oliver nicht einmal eine Idee von den Namen derſelben hatte. Nachdem der Jude dieſe Juwelen wieder in das Käſtchen gelegt hatte, nahm er einen andern kleinen Ge⸗ genſtand heraus, der Raum in ſeiner hohlen Hand hatte. Es ſchien eine ſehr feine Inſchrift ſich darauf zu befin⸗ den, denn der Jude legte den Gegenſtand auf den Tiſch, hielt die Hand davor und ſah lange und aufmerkſam darauf. Endlich, als verzweifele er am Erfolge ſeiner Bemühung, legte er das Inwel ebenfalls wieder zurück, 9. 1 86 Oliver Twiſt. lehnte ſich an den Stuhl an und murmelte:»Die To⸗ desſtrafe iſt doch etwas Schönes! Die Todten können nichts bereuen, die Todten bringen keine dummen Ge⸗ ſchichten an den Tag. Die Ausſicht auf den Galgen macht ſie auch kühn. Fünf der Reihe nach aufgeknüpft, ſo daß Keiner plandern konnte!« Während der Inde dieſe Worte vor ſich hin mur⸗ melte, fielen ſeine ſtechenden dunkeln Augen, die ſtier ge⸗ radeaus geſehen hatten, auf Olivers Geſicht; der Knabe heftete die ſeinigen in ſtummer Neugierde auf den Al⸗ ten, und obwohl das Erkennen nur einen Augenblick in Anſpruch nahm— die kürzeſte Zeit, die ſich denken läßt,— ſo reichte es doch hin, dem Juden zu verra⸗ then, daß er beobachtet worden ſei. Er ſchlug den De⸗ ckel des Käſtchens heftig zu, ergriff ein auf dem Tiſche liegendes Brotmeſſer und ſprang wüthend auf; trotz ſei⸗ nes Schreckens bemerkte aber Oliver, daß das Meſſer dem Alten in der Hand zitterte. »Was iſt das?« begann der Inde.»Warum beobachteſt du mich? Warum biſt Du wach? Was haſt Du geſehen? Sprich, Junge, ſchnell, ſchnell, es geht Dir an das Leben.« »Ich konnte nicht länger ſchlafen, lieber Herr,« ant⸗ wortete Oliver demüthig;»es thut mir leid, wenn ich Sie ſtörte.« »Biſt Du nicht ſchon eine Stunde munter?« »Nein, gewiß nicht, lieber Herr.« »Gewiß?« fragte der Jude mit einem noch wü⸗ thendern Blicke als vorher und in drohender Stellung. „»Auf mein Wort,« antwortete Oliver ernſt. »Nun, ſei ſtill, mein Sohn,« fuhr der Jude fort, der mit einemmale ſein gewöhnliches Weſen wieder an⸗ unahm und eine kurze Zeit mit dem Meſſer ſpielte, ehe —— — u — Oliver Twiſt. 8⁷ er daſſelbe hinlegte, gleichſam als ſolle Oliver glauben, er habe es nur zum Spaß in die Hand genommen. „»Ich weiß es, mein Sohn. Ich wollte Dich nur er⸗ ſchrecken. Du biſt ein herzhafter Knabe, ja, ja,« und der Jude rieb ſich die Hände, während er unruhig nach dem Käſtchen ſah. »Sahſt Du etwas von den ſchönen Dingen, mein Sohn?« fragte er weiter, indem er die Hand darauf legte. „Ja, Herr,« antwortete Oliver. »Ah!« rief der Jude und erblaßte.»Sie— ſie ſind mein, Oliver, mein kleines Eigenthum, alles, was ich für meine alten Tage habe. Die Leute nennen mich geizig, mein Sohn, geizig; das iſt alles.« Oliver dachte, der alte Mann müſſe allerdings ſehr geizig ſein, daß er mit ſo vielen Uhren an einem ſo ſchmutzigen Orte wohnte; da ihm jedoch einfiel, ſeine Vorliebe für Dawkins und die anderen Knaben werde ihm wohl viel Geld koſten, ſah er den Juden nur de⸗ müthig an und fragte, ob er aufſtehen dürfe. »Ja, mein Sohn, ja,« antwortete der Alte.„»Dork in der Ecke an der Thüre ſteht ein Krug mit Waſſer; bring' ihn her und ich will Dir ein Waſchbecken dazu geben.«.— Oliver ſtand auf, ging über die Stube und bückte ſich, um den Krug aufzuheben. Als er ſich wieder um⸗ drehete, war das Käſtchen verſchwunden. Kaum hatte er ſich gewaſchen und das ſchmutzige Waſſer nach der Anweiſung des Iuden zu dem Fenſter hinausgegoſſen, ſo kam der Sappermenter mit einem ſtutzerhaften, jungen Freunde zurück, der ſchon am vori⸗ gen Abende mit Taback geraucht hatte und der ihm jetzt als Karlchen Bates vorgeſtellt wurde. Sie ſetzten 88 Oliver Twiſt. ſich alle vier an den Tiſch, um den Kaffee zu trinken und einige warme Semmeln mit Schinken zu eſſen, die Dawkins in ſeinem Hute mitgebracht hatte. »Nun,« ſagte der Iude, indem er einen Seitenblick nach Oliver warf, zum dem Sappermenter, vich hoffe, Ihr habt den Morgen gearbeitet.« „»Sehr,« antwortete Dawkins. »Ihr ſeid gute Jungen!« ſprach der Inde.»Was bringſt Du, Sappermenter?« »Ein paar Taſchenbücher,« antwortete der Gefragte. „»Geſpickte?« fragte der Jude begierig. „»Fett,« antwortete Dawkins und zog zwei Taſchen⸗ bücher, ein grünes und ein rothes, heraus. »Nicht ſo ſchwer als ſie ſein ſollten,« bemerkte der Jude, als er den Inhalt ſorgfältig gemuſtert hatte, »aber recht nett, recht gut gemacht. Er iſt ein ge⸗ ſchickter Arbeiter, nicht wahr, Oliver?« »Ei ja,« antwortete Oliver, und Karlchen Bates lachte laut zur großen Verwunderung Olivers, der da⸗ bei gar nichts Lächerliches ſah. »Und was haſt Du, mein Sohn?« fragte Fagin Karlchen Bates.. „»Lappen,« antwortete dieſer und legte vier Ta⸗ ſchentücher auf den Tiſch. »Gut,“« ſagte der Jude, indem er ſie mit Kenner⸗ blicken betrachtete,»ſte ſind ſehr, ſehr gut. Aber Du haſt ſie nicht gut gezeichnet, Karlchen; die Buchſtaben müſſen mit einer Nadel heraus gemacht werden und das will ich Oliver lehren. Willſt Du es lernen?« »Wenn Sie es wünſchen,« antwortete Oliver. »Möchteſt Du nicht auch ſo leicht Taſchentücher ma⸗ chen können wie Karlchen Bates?„ fragte der Inde weiter. —— — Oliver Twiiſt. 89 »Sehr gern, wenn ich die Kunſt erlernen kann,« er⸗ wiederte Oliver. Karlchen fand in dieſer Antwort etwas ſo Spaßhaf⸗ tes, daß er wieder laut auflachte; das Lachen überraſchte ihn aber beim Schlucken, der Kaffee kam ihm dabei in die falſche Kehle und ſo erſtickte er faſt. »Er iſt ſo dumm,« bemerkte Karlchen, als er ſich wieder erholt hatte, zur Entſchuldigung für ſein unſchick⸗ liches Benehmen. Der Sappermenter ſagte nichts, ſtrich aber Olivers Haar über die Stirn und bemerkte ſodann, er werde mit der Zeit ſchon klüger werden. Der Jude ſah, daß Oliver roth wurde, und gab dem Geſpräche eine andere Wendung, indem er fragte, ob viele Leute bei der Hin⸗ richtung dieſen Morgen geweſen wären. Das erhöhete die Verwunderung Olivers noch mehr, denn aus den Antworten der beiden Knaben ergab es ſich, daß ſie ſelbſt dabei geweſen waren, und er konnte nicht begreifen, wie ſie noch ſo viel hatten arbeiten können. Als das Frühſtück abgeräumt war, ſpielten die bei⸗ den Knaben und der alte Jude ein ſeltſames ungewöhn⸗ liches Spiel, und zwar auf folgende Weiſe. Der luſtige Alte ſteckte eine Tabacksdoſe in eine Hoſentaſche, ein Taſchenbuch in die andere, eine Uhr an einer Kette um den Hals in die Weſtentaſche, eine falſche Diamantnadel in das Hemd, das Brillenfutteral und das Taſchentuch in die Rocktaſchen, knöpfte den Rock feſt zu und ging mit einem Stocke in der Stube auf und ab, wie man die alten Herren zu jeder Stunde des Tages in den Straßen umhergehen ſehen kann. Bisweilen blieb er an em Kamine oder an der Thüre ſtehen, wie die Leute, Alche in einen Kaufmannsladen hineinſehen. Dabei ſah er ſich aber immer um, als fürchte er ſich vor Dieben 90 Oliver Twiſt. und klopfte abwechſelnd an alle Taſchen, um ſich zu über⸗ zeugen, daß er nichts verloren, und das alles machte er ſo drollig und natürlich, daß Oliver lachte, bis ihm die Thränen über das Geſicht liefen. Die beiden Knaben folgten dabei dem Alten immer auf dem Fuße und ſpran⸗ gen jedesmal, wenn er ſich umdrehete, ſo gewandt bei Seite, daß man ihren Bewegungen kaum folgen konnte. Endlich tvat ihm Dawkins wie zufällig auf die Zehen, während Bates von hinten an ihn ſtolperte, und in die⸗ ſem Angenblicke nahmen ſie ihm in der außerordentlich⸗ ſten Schnelligkeit die Tabacksdoſe, das Taſchenbuch, die Uhr mit der Kette, die Buſennadel, das Taſchentuch und ſelbſt das Brillenfutteral ab. Fühlte der Alte eine Hand in einer ſeiner Taſchen, ſo ſchrie er und dann begann das Spiel von neuem. Als dieſes Spiel ſehr oft durchgemacht war, kamen zwei junge Mädchen zu den jungen Herren; die eine hieß Lieschen und die andere Aennchen. Sie beſaßen eine üppige Fülle von Haar, daß hinten jedoch nicht ſehr ordentlich aufgebunden war; auch hätten ſie beſſere Schuhe und Strümpfe haben können. Sie waren allerdings nicht eben hübſch, hatten aber viel Farbe und ſahen recht gut⸗ müthig und kräftig aus. Da ſie in ihrem Benehmen ſehr ungezwungen und freundlich waren, ſo hielt ſie Oli⸗ ver für recht liebe Mädchen. Der Beſuch hielt ſich nicht lange auf. Es wurde Schnapps vorgeſetzt, da das eine Mädchen über Erkäl⸗ tung des Magens klagte, und das Geſpräch nahm eine ſehr vertrauliche Wendung. Endlich meinte karchen Bates, es werde wohl Zeit ſein, Schuſters Rappen zu beſteigen, was, wie Oliver glaubte, wahrſcheinlich der franzöſiſche Ausdruck für ausgehen war, denn gleich de auf gingen der Sappermenter und Karlchen mit den be — Oliver Twiſt. 91 den Mädchen fort, nachdem ſie von dem liebenswürdigen alten Juden Geld zum Verthun erhalten hatten. »Iſt das nicht ein glückliches Leben?« fragte Fagin Oliver.»Sie ſind nun für den Tag ausgegangen.“« »Haben ſie gearbeitet, Herr?« fragte Oliver. »Ja,« antwortete der Jude;»aber ſie arbeiten auch wieder, wenn huen draußen zufällig etwas vorkommt.— Nimm ſie Dir zum Muſter, mein Sohn, nimm ſie Dir zum Muſter,« fuhr der Jude fort, indem er dabei mit der Kohlenſchaufel auf den Heerd ſchlug, um ſeinen Wor⸗ ten mehr Nachdruck zu geben; ⸗thue alles, was ſie Dir ſagen, und folge immer ihrem Rathe, beſonders dem Sappermenter, mein Sohn. Er wird noch einmal ein großer Mann werden und Dich zu einem eben ſolchen machen, wenn Du ihn Dir zum Muſter nimmſt. Hängt mein Taſchentuch aus meiner Taſche heraus, mein Sohn?⸗ fragte der Jude, indem er ſtehen blieb. »Ja, Herr,« antwortete Oliver. »So ſieh, ob Du es herausziehen kannſt, ohne daß ich es fühle, wie es die Beiden vorhin beim Spiele thaten.«. Oliver hielt unten die Taſche mit der einen Hand, wie es der Sappermenter gethan hatte, und zog das Taſchentuch leicht mit der andern heraus. »Haſt Du es 2« fragte der Jude. »Da iſt es,« antwortete Oliver und hielt ihm das Tuch hin. »Du biſt ein geſchickter Junge, mein Sohn,« ſprach der Alte, indem er vergnüglich Oliver auf den Kopf klopfte.»Da haſt Du einen Schilling. Wenn Du auf dieſe Art fortfährſt, wirſt Du der größte Mann Deiner Zeit. Aber jetzt komm her, ich will Dir zeigen, wie Du e die Zeichen aus den Taſchentüchern herausmachen mußt.« 92. Oliver Twiſt. Oliver konnte nicht einſehen, wie er einmal ein gro⸗ ßer Mann werden ſollte, weil er im Spiele dem alten Manne das Tuch aus der Taſche gezogen, er dachte je⸗ doch, der Inde, der ja ſo viel aäͤlter ſei als er, müſſe das beſſer wiſſen, folgte ihm alſo ruhig an den Tiſch und war bald in ſeine neue Beſchäftigung ganz vertieft. Zehntes Kapitel. Qliver lernt den Charakter ſeiner neuen Gefährten beſſer ken⸗ nen und erkauft die Erfahrung theuer. Es iſt ein kurzes, aber ſehr wichtiges Kapitel in dieſer Geſchichte. Acht bis zehn Tage ſaß Oliver in der Stube des Juden, trennte Buchſtaben und Zahlen aus den Taſchen⸗ tüchern, die in großer Anzahl nach Hauſe gebracht wur⸗ den, und nahm bisweilen Antheil an dem bereits er⸗ wähnten Spiele, mit dem der Inde und die beiden Kna⸗ ben ſich regelmäßig alle Tage unterhielten. Endlich ſehnte er ſich nach der friſchen Luft und bat den Alten drin⸗ gend, ihm zu erlauben, mit den Andern auf Arbeit aus⸗ zugehen. Oliver ſehnte ſich um ſo mehr nach thätiger Beſchaͤf⸗ tigung, da er den alten Iuden nun ſchon näher kannte. Kamen Dawkins und Karlchen Bates Abends mit leeren Händen nach Hauſe, ſo hielt er lange und heftige Reden über die Nachtheile der Faulheit, und ſchickte ſie hungrig zu Bett; einmal ging er ſogar ſo weit, daß er Beide eine Treppe hinunterwarf, womit er aber ſeine guten, Lehren jedenfalls übertrieb. 4 Eines Morgens endlich erhielt Oliver die ſo eifrig — 93 geſuchte Erlaubniß. Es waren zwei bis drei Tage keine Taſchentücher gebracht worden, und die Mahlzeiten ſehr mager und knapp geweſen. Dies bewog den Alten viel⸗ leicht, ſeine Zuſtimmung zu geben, genug, er ſagte Oliver, er könne in der Geſellſchaft und unter der Aufſicht ſeiner beiden Freunde ausgehen. Die drei Knaben gingen; der Sappermenter hatte ſeine Rockärmel zurückgeſchlagen und den Hut auf ein Ohr geſetzt; Monſieur Bates ſchlenderte einher mit den Händen in den Taſchen und Oliver ging zwiſchen Bei⸗ den, ſich verwundernd, wohin ſie wohl gehen und was ſie ihn wohl zuerſt lehren würden. Sie ſchlenderten ſo langſam hin, daß Oliver bald glaubte, ſie wollten den guken Alten hintergehen und gar nicht arbeiten. Der Sappermenter hatte auch die ſchlechte Gewohnheit, kleinen Knaben die Mütze zu nehmen, wäh⸗ rend Karlchen Bates ſehr lockere Anſichten von dem Ei⸗ genthumsrechte zu haben ſchien, da er, wo er konnte, Aepfel und anderes Obſt aus den Körben ſtahl und in ſeine Taſchen ſteckte, die ſo merkwürdig reich umfaſſend waren, daß ſie ſeinen ganzen Anzug zu unterminiren ſchienen. Das mißfiel Oliver ſo, daß er nahe daran war, lieber wieder umzukehren, als ſeine Gedanken mit einem⸗ male durch eine merkwürdige Veränderung in dem We⸗ ſen des Sappermenters eine andere Richtung bekamen. Sie kamen eben aus einem engen Hofe auf einen Platz heraus, als Dawkins ſtehen blieb, den Finger auf ſeine Lippe legte, und ſeine Begleiter mit der größten Vor⸗ und Umſicht wieder zurückzog. »Was gieh« fragte Oliver. »Still!« rtete Dawkins.»Siehſt Du den Al⸗ ten dort an der Bücherbude?« „Ja.« Oliver Twiſt. Oliver Twiſt. „»Der iſt gut,« meinte Dawkins. Oliver ſah bald den einen, bald den andern ſeiner Begleiter mit der größten Verwunderung an, durfte aber nichts fragen, denn die beiden Knaben ſchlichen ſich über die Straße hinüber und drängten ſich dicht an den alten Herrn, auf welchen ſie ihn aufmerkſam gemacht hatten. Oliver ging einige Schritte nach, blieb aber endlich in ſtillem Erſtaunen ſtehen. Der alte Herr ſah ſehr anſtändig aus, trug gepuder⸗ tes Haar, eine goldene Brille, einen flaſchengrünen Rock mit ſchwarzem Sammetkragen und weißen Beinkleidern; unter dem Arme hielt er einen Bambusſtock. Er hatte, ein Buch aus der Bude genommen und las darin ſo emſig, als ſäße er in ſeinem Lehnſtuhle in ſeinem Zim⸗ mer. Er glaubte vielleicht auch wirklich dort zu ſein, denn er ſah offenbar weder die Bücherbude, noch die Straße, noch die Knaben, noch ſonſt etwas außer das Buch ſelbſt, das er auf der Stelle durchleſen zu wollen ſchien, denn er wendete die Blätter um, wenn er unten an einer Seite angekommen war, fing oben auf der fol⸗ genden wieder an und ſo immer weiter. Wie ſchauderte, wie entſetzte ſich Oliver, als er von ſeinem Standpunkte in geringer Entfernung aus mit weit aufgeriſſenen Augen den Sappermenter in die Ta⸗ ſche des alten Herrn greifen und ein Taſchentuch her⸗ ausziehen ſah, das derſelbe Karlchen Bates übergab und mit dem ſie Beide raſch um die Ecke ſprangen. In dieſem einen Augenblicke war das Geheimniß von den Taſchentüchern, den Uhren, den velen und dem Juden erklärt. Oliver ſtand einen lich da, und das Blut lief ihm ſo h rch alle Adern wie brennendes Feuer, dann lief er im Entſetzen davon, ohne zu wiſſen, was er that. 4 — — — Oliver Twiſt. 95 In dem Augenblicke aber, als Oliver zu entfliehen anfing, griff der alte Herr in die Taſche, vermißte ſein Tuch, und drehete ſich ſogleich um. Da er den Knaben ſo eilig dahin laufen ſah, ſo hielt er denſelben ganz na⸗ türlich für den Dieb, rief»haltet auf!« und lief ihm ſelbſt mit dem Buche in der Hand nach. Der Alte ſchrie nicht allein»haltet auf! haltet den Dieb auf!« Dawkins und Bates, die durch Davonlau⸗ fen die Aufmerkſamkeit der Leute nicht erregen wollten, waren bloß in den erſten beſten Thorweg an der Ecke getreten; kaum hörten ſie das Geſchrei und ſahen Oliver davon laufen, als ſie ſogleich erriethen, wie die Sachen ſtanden, wieder zum Vorſchein kamen, auch»haltet auf!« ſchrieen und den nacheilenden Verfolgern ſich anſchloſſen. Obgleich Oliver von Philoſophen erzogen war, ſo kannte er doch in der Theorie deren ſchönen Satz nicht, die Selbſterhaltung iſt das erſte Naturgeſetz. Hätte er es gekannt, ſo wäre er vielleicht darauf vorbereitet ge⸗ weſen. Da das nicht der Fall war, ſo beunruhigte ihn das um ſo mehr, und er flog alſo dahin wie der Wind, während der alte Herr und die beiden Knaben hinter ihm herſchrieen. »Haltet den Dieb! haltet ihn auf!« Es liegt ein gewiſſer Zauber in den Worten. Der Kaufmann ver⸗ läßt ſeinen Laden und der Fuhrmann ſeinen Wagen; der Fleiſcher wirft ſeine Mulde, der Bäcker ſeine Backſchüſſel hin, der Milchmann läßt ſeinen Krug, der Schulknabe ſeine Schuſſeren, der Pflaſterer ſeine Ramme ſtehen, und Alle laufen kopfüber fort, ſchreien, rennen die ihnen Be⸗ gegnenden über deu Haufen, machen die Hunde wild und erſchrecken das Geflügel; Straßen und Höfe hallen wieder von dem Lärmen. »Haltet den Dieb! haltet ihn auf!« Der Ruf wird — 96 Oliver Twiſt. von Hunderten wiederholt und die Menge ſchwillt jeden Augenblick mehr an. Dahin laufen ſie mitten durch den Schmutz; die Fenſter fliegen auf, die Leute ſtürzen aus den Thüren heraus, und weiter drängt das Volk; das geſammte Publikum verläßt Casperle mitten in dem ſchönſten Stücke, vermehrt die Maſſe auf der Straße und verſtärkt von Neuem das Geſchrei:»hal⸗ tet den Dieb auf! haltet ihn aufla »Haltet den Dieb! Haltet ihn auf!« Der Trieb, etwas zu jagen, liegt in der Menſchenbruſt. Ein athemloſer Knabe, der vor Erſchöpfung keucht, dem die Angſt aus dem Geſichte ſieht und große Schweißtropfen über die Wangen ſtrömen, bietet alle Kräfte auf, ſei⸗ nen Verfolgern zu entgehen; aber wie dieſe ihm jeden Augenblick näher kommen, begleiten ſie ſeine abnehmen⸗ den Kräfte mit um ſo lauterem Geſchrei und rufen freudig:»haltet den Dieb!« Ja haltet ihn um Got⸗ teswillen auf, haltet ihn auf aus Barmherzigkeit. Aufgehalten war endlich Oliver. Ein geſchickter Schlag! da liegt er auf dem Pflaſter, die Menge drängt ſich neugierig um ihn, und jeder Neuankommende ſucht die Vorderleute wegzutreiben, um den Dieb auch zu ſehen.»Tretet zurück!«—»Laßt ihn zu Athem kom⸗ men.«— Er verdient es nicht.⸗— Wo iſt der Herr?« — Da kommt er die Straße herunter.—»Platz für den Herrn.«⸗—„»Iſt dies der Junge, Herr?« »Ja.« Oliver, der von Schmutz und Staub bedeckt dalag und blutete, ſah ängſtlich die Menge der Geſichter um ſich her an, als der alte Herr von den Vorderſten der Verfolgenden in den Kreis hineingeſchoben wurde, und auf ihre neugierigen Fragen antwortete:»Ja, ich fürchte, er iſt es.« R&ᷣ— 1—9 8—,—— 8— Vv ☛ 8§E gAm* —* 8 — Oliver Twiſt. 97 »Er fürchtet,« flüſterte die Menge.»Er iſt ein guter Mann.«⸗ 1 »Armer Junge!« ſetzte der Herr hinzu;»er hat ſich beſchädigt.« »Das war ich, Herr,« ſagte ein vierſchrötiger Mann, und trat an den alten Herrn;»ich ſchlug ihm die Fauſt da in das Geſicht. Ich hielt ihn auf, Herr, ich.« Der Mann griff an ſeinen Hut und erwartete et⸗ was für ſeine Bemühung; der alte Herr warf ihm aber einen Blick des Abſcheues zu und ſah ſich um, als wolle er ſelbſt davon laufen, was er wahrſcheinlich auch gethan und ſo Gelegenheit zu einer andern Jagd gege⸗ ben hätte, wäre nicht in dieſem Augenblicke ein Poli⸗ zeidiener— der Polizeidiener kommt bei ſolchen Gele⸗ genheiten immer zuletzt— erſchienen, und hätte Oliver beim Kragen genommen.»Steh auf!« fuhr der Mann den Knaben an. »Ich war es wahrhaftig nicht; zwei undere Knaben thaten es,« ſagte Oliver, faltete bittend die Hände und ſah im Kreiſe umher;»ſie müſſen hier in der Nähe ſein.« »Nichts da,« antwortete der Polizeidiener, und wirklich, Dawkins und Karlchen Bates hatten ſich bei der erſten guten Gelegenheit entfernt.»Steh auf!« »Thut ihm nichts zu Leide,« ſagte der alte Herr mitleidig. »Ich thue ihm nichts,« antwortete der Mann von der Polizei, indem er dem Knaben die Jacke faſt vom Leibe riß.»Willſt Du auf den Beinen ſtehen, Bube?« Oliver, der kaum ſtehen konnte, bemühete ſich, auf die Beine zu kommen und wurde dann ſogleich am Kragen ſchnell auf der Straße hingeſchleppt.„Der alte Oliver Twiſt. I. 7 ' Oliver Twiſt. Herr ging nebenher und die Leute ſtarrten Oliver in das Geſicht. Die Straßenjungen jubelten, und fort ging es. Elftes Kapitel handelt von Herrn Fang, dem Polizeibeamten, und giebt ein Pröbchen von der Art, wie er die Juſtis handhabte. Das Verbrechen war in dem Bezirke und ſelbſt in der Nähe eines ſehr bekannten Polizeigerichtes der Hauptſtadt begangen worden. Die Menge hatte bloß das Vergnügen, Oliver durch ein paar Straßen zu be⸗ gleiten, dann wurde derſelbe durch einen niedrigen Thorweg und über einen ſchmutzigen Hof in dieſes Hei⸗ ligthum der Gerechtigkeit gefuhrt. In dem kleinen ge⸗ pflaſterten Hofe trafen ſie einen ſtemmigen Mann mit einem gewaltigen Barte im Geſichte und einem gewal⸗ tigen Schlüſſelbunde in der Hand. „»Was iſt es?« fragte der Mann nachläſſig. »Ein junger Taſchendieb,« antwortete der Polizei⸗ diener. „Sind Sie der Beſtohlene?« fragte der Mann mit den Schlüſſeln weiter. „Der bin ich,« antwortete der alte Herr,»ich weiß aber nicht gewiß, ob dieſer Knabe mir das Taſchen⸗ tuch genommen hat. Ich will die Sache nicht betrei⸗ ben.“. 53 »Kann nichts helfen, Sie müſſen vor den Herrn Actuarius,« entgegnete der Mann.»In einer halben NRRN N—— Oliver Twiſt. 99 Minute wird er frei ſein. Nun, junger Galgenvogel?« Dies war eine Aufforderung an Oliver, durch eine Thüre zu gehen, welche er unterdeß aufgeſchloſſen hatte, und die in eine kleine gemauerte Zelle führte. Hier wurde er durchſucht, und, da man nichts bei ihm fand, eingeſchloſſen. Das Gefängniß war ungemein ſchmutzig, denn es war Montag Vormittag und ſeit Sonnabend hatten ſechs Betrunkene darin gehauſet. Doch, das iſt nichts, wenigſtens hält man es für nichts; denn man ſteckt ja überall Angeklagte, wäre auch das Vergehen, das man ihnen zur Laſt legt, noch ſo unbedeutend, in Gefäng⸗ niſſe, gegen die jene in Newgate, worin ſich die größ⸗ ten, wohl ſchon zum Tode verurtheilten Verbrecher be⸗ finden, wahre Paläſte ſind. Der alte Herr ſah faſt ſo betrübt aus als Oliver, als der Schlüſſel in dem Schloſſe umgedreht wurde, betrachtete dann mit einem Seufzer das Buch, welches die unſchuldige Urſache zu allem geweſen war, klopfte ſich damit nachdenkend an das Kinn und murmelte vor ſich hin:»es liegt etwas in dem Geſichte dieſes Kna⸗ ben, das mich anſpricht. Kann er unſchuldig ſein?2 Er ſah ganz ſo aus. Ja, Gott ſei mir gnädig, wo habe ich doch vorher ein ſolches Geſicht ſchon geſehen 2« Nach einigen Minuten ging der alte Herr in ein Vorzimmer, das auf den Hof ſah, ſetzte ſich da in eine Ecke, und beſchwor vor ſein geiſtiges Ange eine große Anzahl Geſichter, die er früher gekannt.»Nein,« ſagte er endlich, ves muß Einbildung ſein.« Er muſterte die Geſichter von neuem, Geſichter von Freunden und Feinden, ſelbſt von faſt Fremden; er ſah vor ſich junge blühende Mädchen, die jetzt alte Frauen waren, oder wohl ſchon im Grabe ruheten, aber er 7* Oliver Twiſt. onnte keines finden, mit dem die Züge Olivers eine Aehnlichkeit hatten. Er ſeufzete alſo über die Erin⸗ nerungen, die er geweckt, und vertiefte ſich dann bald wieder in ſein Buch, bis ihn der Mann mit den Schüſ⸗ ſeln auf die Achſel klopfte und ihn erſuchte, mit ihm vor Gericht zu erſcheinen. Er klappte alſo das Buch ſchnell zu und wurde vor den berühmten Herrn Fang geführt. Das Gerichtszimmer ging nach der Straße hinaus und hatte getäfelte Wände. Herr Fang ſaß hinter einem Schranke am obern Ende, und an der einen Seite der Thüre befand ſich eine Art Käfig, in welchen Oliver bereits gebracht war. 1 Herr Fang war ein Mann von mittlerer Größe mit wenig Haar, und dieſes wenige wuchs am Hinterkopfe und an den Seiten. Sein Geſicht war ſehr finſter und roth. Wenn er wirklich nicht mehr zu trinken pflegte, als ihm gut ſein konnte, ſo hätte er ſein Ge⸗ ſicht wegen Verleumdung verklagen können. Der alte Herr verbeugte ſich, trat an das Pult des Herrn Actuarius, legte eine Karte darauf und ſagte,»das iſt mein Name und meine Wohnung.«Dann ging er wieder ein daar Schritte zurück, machte von neuem eine artige Verbeugung und wartete auf das Verhör. Zufällig nun las Herr Fang in dieſem Augenblicke einen Artikel in einer Zeitung über ſich ſelbſt, worin gegen eine ſeiner letztern Entſcheidungen losgezogen und er zum dreihundertundfunfzigſten Male dem Miniſter des Innern nicht eben mit empfehlenden Worten ins Gedaͤchtniß gebracht wurde. Er war deshalb in hohem Grade aufgebracht und ſah mit einem entſetzlichen Ge⸗ ſichte empor ⸗. Oliver Twiſt. 101 „»Wer ſind Sie?« fragte Herr Fang. Der alte Herr wies etwas überraſcht nach ſeiner Karte, »Diener!« rief Herr Fang, indem er die Karte mit der Zeitung verächtlich bei Seite warf,»wer iſt der Menſch?« „Ich heiße,« ſagte der alte Herr und ſprach wie ein gebildeter Mann, alſo ganz anders als Herr Fang, »ich heiße Brownlow. Erlauben Sie mir, nach dem Namen des Beamten zu fragen, der einen achtbaren Mann ſo verächtlich und wegwerfend behandelt.“ Wäh⸗ rend Brownlow das ſagte, ſah er ſich in dem Zimmer um, als ſuche er Jemanden, der ihm auf ſeine Frage Antwort gebe. »Diener!« rief Herr Fang wieder,»was hat der Menſch gethan?« »Er hat nichts verbrochen, Herr Actuarius,« ant⸗ wortete der Diener;»er klagt gegen den Knaben, Herr Actuarius.« »Klagt gegen den Jungen?« fragte Fang, indem er Brownlow verächtlich vom Kopf bis zu den Füßen muſterte.»Er muß ſchwören.“ »Ehe ich ſchwöre, bitte ich ein Wort ſagen zu dür⸗ fen,« entgegnete Herr Brownlow,»und das iſt, daß ich nie, wäre es mir nicht ſelbſt geſchehen, geglaubt ha⸗ ben würde—« »Halten Sie Ihr Maul,“« gebot Herr Fang. »Das werde ich nicht,« entgegnete der muthige alte Herr. 3 »Halten Sie augenblicklich Ihr Maul, oder ich laſſe Sie hinausbringen,« fuhr Herr Fang fort,»Sie ſind ein unverſchämter impertinenter Menſch. Wie, Sie 102 Oliver Twiſt. unterſtehen ſich, eine ſolche Sprache gegen einen Be⸗ amten zu führen?« »Welche Sprache?« fragte hocherröthend der alte Herr. „»Nehmen Sie dem Manne den Eid ab!“ ſagte Fang zu einem andern daſitzenden Manne.»Ich höre kein anderes Wort an. Nehmen Sie ihm den Eid ab.« Brownlows Zorn hatte den höchſten Grad erreicht; da er aber bedachte, er könne dem Knaben Schaden bringen, wenn er nicht an ſich halte, ſo unterdrückte 5 er ſeine Empfind ungen und leiſtete den Eid. 4 »Nun,« fuhr Fang fort,»was haben Sie gegen den Jungen zu klagen?« „»Ich ſtand an einer Bücherbude,« fing Brownlow an. »Halten Sie Ihr Maul!« fiel Herr Fang ein. »Polizeimann!— wo iſt der Mann von der Polizei? So. Was war es?« Der Polizeidiener erzählte mit gebührender Demuth, wie er die Anklage gehört, Oliver durchſucht und nichts bei ihm gefunden habe, und wie dies Alles ſei, was er von der Sache wiſſe. „Sind Zeugen da?« fragte Herr Fang. »Nein, Herr Alekuarins,« antwortete der Polizei⸗ diener. Herr Fang ſaß einige Augenblicke ſchweigend da, wendete ſich dann gegen den Kläger und ſagte in hefti⸗ ger Leidenſchaft: »Wollen Sie wohl ſagen, was Sie gegen den Jun⸗ gen vorzubringen haben oder nicht? Sie haben den Eid geleiſtet. Wenn Sie ſo daſtehen bleiben und nicht ſpre⸗ chen, ſo werde ich Sie für Mißachtung des Gerichtes ſtrafen, das werde ich, Herr, bei—« Bei wem oder bei was, weiß Niemand, denn der 3 Oliver Twiſt. 103 andere Herr und der Kerkermeiſter huſteten gerade zu rechter Zeit ſehr laut, und der Erſtere ließ ein großes Buch fallen, ſo daß das Wort zufällig nicht gehört werden konnte. Unter vielen Unterbrechungen und wiederholt ertwagenen Beleidigungen gelang es Herrn Brownlow endlich, ſeine Sache auseinanderzuſetzen; er bemerkte, er ſei dem Knaben nachgelaufen, weil derſelbe die Flucht ergriffen, ſprach aber die Hoffnung aus, daß, wie das Gericht denſelben nicht für den Dieb halte und nur glaube, er ſtehe mit Dieben in Verbindung, er ſo nachſichtig mit ihm zu verfahren wünſche, als die Juſtiz nur immer geſtatte. »Er iſt bereits beſchädigt worden,« ſetzte der alte Herr hinzu,» und ich fürchte, er befindet ſich wirklich recht unwohl.« »Allerdings,« bemerkte Herr Fang mit höhniſchem Lächeln.»Komm her, junger Taugenichts, und ver⸗ ſtelle Dich nicht; es hilft Dir nichts. Wie heißt Du?« Oliver verſuchte zu antworten, aber die Sprache verſagte ihm. Er war todtenbleich und Alles drehte ſich mit ihm um. »Wie heißt Du, verſtockter Bube?« donnerte Herr Fang.»Polizeidiener, wie heißt er?« Der Gefragte bog ſich über Oliver und wiederholte die Frage; da er aber erkannte, der Knabe könne wirk⸗ lich nicht antworten, und wußte, Nichtantworten mache den Actuarius nur noch mehr aufgebracht, ſo rieth er auf gut Glück. „Er nennt ſich Tom White,“ antwortete der gut⸗ herzige Spitzbubenfänger. »Er will nicht reden? er will nuüijt reden?— Wo wohnt er?« 104 Oliver Twiſt. »Wo er kann,“ antwortete der Polizeidiener, in⸗ dem er wieder that, als ſpreche er Oliver nach. »Hat er Aeltern?« fragte Herr Fang. »Er ſagt, ſie wären geſtorben, als er noch ganz jung geweſen,« erwiederte der Mann, und wagte da⸗ mit eine gewöhnliche Antwort. »In dieſem Augenblicke richtete Oliver den Kopf empor, ſah ſich bittend um und bat leiſe um einen Schluck Waſſer. »Halte mich nicht für einen Narren, Junge,“« ſagte Herr Fang. »Ich glaube, er iſt wirklich krank, Herr Actuarius,« antwortete der Mann. »Das weiß ich beſſer,« meinte Herr Fang. »Geben Sie Acht auf ihm« bemerkte Brownlow und erhob unwillkürlich die Hände;»er fällt.« »Man trete weg von ihm,« ſchrie Herr Fang; »möge er fallen, wenn es ihm ſo beliebt.« Oliver benutzte die Erlaubniß und ſank ohnmächtig nieder. Die Anweſenden ſahen einander an, aber Nie⸗ mand wagte ſich zu rühren. »Ich wußte, daß er ſich verſtellt,« ſagte Fang, als ob dies ein unbeſtreitbarer Beweis davon ſei.»Man laſſe ihn nur liegen; er wird es bald überdrüſſig ſein.« „»Was ſoll ich ſchreiben?« fragte der andere Herr. „»Der Junge iſt zu drei Monaten harter Arbeit ver⸗ urtheilt. Man räume das Zimmer.“« Die Thüre wurde geöffnet, und es erſchienen zwei Männer, um den bewußtloſen Knaben nach ſeiner Zelle zu tragen, als ein ältlicher Mann von anſtändigem aber ärmlichen Ausſehen in altem ſchwarzen Anzuge eilig eintrat und rief: Oliver Twiſt. 105 »Halt, halt!— man führe ihn nicht fort, um des Himmels Willen, nur einen Augenblick Geduld!« Herr Fang war nicht wenig aufgebracht, als er ei⸗ nen ungebetenen Gaſt auf ſolche unehrerbietige Weiſe erſcheinen ſah. »Was ſoll es? wer iſt es? Man bringe den Mann hinaus! Man räume das Zimmer,« ſagte Herr Fang. »Ich will ſprechen!« rief der Unbekannte;»ich laſſe mich nicht abweiſen,— ich ſah Alles. Die Bücherbude iſt mein. Ich will den Eid leiſten. Ich laſſe mich nicht abweiſen. Herr Fang, Sie müſſen mich anhören; Sie dürfen ſich nicht weigern!« Der Mann hatte Recht und die Sache wurde zu ernſthaft, als daß ſie leichthin hätte behandelt werden können. 3. »Man nehme dem Mann den Eid ab,« brummte Herr Fang.—»Was haben Sie zu ſagen?« »Ich ſah drei Knaben, zwei andere und den gefan⸗ genen da an der entgegengeſetzten Seite der Straße herumſchlendern, als dieſer Herr da vor meiner Bude las. Den Diebſtahl beging ein anderer Junge. Ich ſah es, und ich ſah auch, daß der Gefangene da gewaltig darüber erſchrak.« Der würdige Antiquar hatte ſich unterdeß etwas erholt und erzählte nun zuſammenhän⸗ gend den ganzen Hergang mit dem Taſchentuche. »Warum kamen Sie nicht früher hierher?« fragte Fang nach einer Pauſe. 3 3 »Ich hatte Niemanden, der auf meine Bude hätte Acht geben können,« antwortete der Mann;»Alle wa⸗ ren dem Jungen nachgelaufen. Ich konnte erſt fünf Minuten ſpäter Jemanden finden, und dann bin ich ſo⸗ gleich hierhergelaufen.⸗ Oliver Twiſt. »Der Kläger las?« fragte Fang nach einer kleinen Pauſe. »Ja, in dem Buche da, das er noch in der Hand hat.« »Hat er es bezahlt?« »Nein, noch nicht,« antwortete der Mann lächelnd. „»Lieber Mann, ich vergaß das Bezahlen,« entgeg⸗ nete der zerſtreute alte Herr in ſeiner Unſchuld. „»Und er klagt gegen einen andern Knaben?« ſagte Fang, mit jener ſeltſamen Anſtrengung, ein mitleidiges Geſicht zu machen.»Ich denke, Sie haben ſich dieſes Buch unter ſehr verdächtigen Umſtänden angemaßt, und Sie können von Glück ſagen, wenn der Eigenthü⸗ mer nicht gegen Sie klagt. Laſſen Sie dies ſich zur Warnung dienen. Der Knabe iſt frei. Man räume das Zimmer.“ »Das werde ich nicht ſo hingehen laſſen!« rief der alte Herr zornig. „Man räume das Zimmer!« ſchrie Herr Fang. Der Aufforderung wurde Genüge geleiſtet und der aufgebrachte Brownlow mit dem Buche in der einen und dem ſpaniſchen Rohre in der andern Hand hinaus⸗ geführt. Er trat in den Hof und ſeine Hitze legte ſich etwas. Der kleine Oliver lag da auf dem Pflaſter; man hatte ihm das Hemd vorn aufgeriſſen und Waſſer über das Geſicht gegoſſen. Er ſah todtenbleich und zitterte an allen Gliedern. 1 „Armer Knabe! armer Knabe!« ſagte Herr Brown⸗ low, indem er ſich über ihn bog.„Es beſtelle doch* Jemand einen Wagen.« Es kam eine Kutſche; Oliver wurde auf einen Sitz gelegt und der alte Herr ſetzte ſich auf den andern. „Kann ich Sie begleiten?« fragte der Antiquar. — ỹ——-—— —Oõ— — —— — Oliver Twiſt. 107 »Ja, lieber Freund,« antwortete Brownlow ſchnell. »Sie vergaß ich ganz. Ich habe das unglückliche Buch noch immer da. Kommen Sie herein; es iſt keine Zeit zu verlieren.« Der Beſitzer der Bücherbude ſtieg in den Wagen und fort fuhren ſie. Zwoͤlftes Kapitel, in welchem Oliver beſſer behandelt wird als je vorher in ſeinem Leben, nebſt einigen Bemerkungen über ein gewiſ⸗ ſes Gemälde. Die Kutſche raſſelte dahin, faſt denſelben Weg, wel⸗ chen Oliver mit Dawkins bei ſeiner Ankunft in London gemacht hatte, und hielt endlich vor einem netten Hauſe in einer ruhigen ſchattigen Straße bei Pentonville. Hier wurde ſogleich ein Bett zurecht gemacht und der Pflegling Brownlows hineingelegt und gepflegt mit endloſer Güte. Aber mehrere Tage lang wußte Oliver nichts von der Gutherzigkeit ſeiner neuen Freunde; die Sonne ging auf und ging unter, ging wieder auf und unter und ſo mehrmals, und noch immer lag der Knabe in dem Bette und zehrte ſich ab in der Fiebergluth, die, wie die ſcharfe Säure, welche ſich in das härteſte Eiſen yineinfrißt, nur brennt, um zu zerſtören. Der Wurm verrichtet ſeine Arbeit nicht ſicherer an dem todten Körper, als dieſes ſchleichende Feuer an dem lebendigen. Schwach, abgemagert und bleich erwachte er end⸗ 108 Oliver Twiſt. lich, wie es ihm ſchien, aus einem langen ſchweren Traume. Er richtete ſich langſam empor, ſtützte den Kopf auf ſeinen zitternden Arm und blickte ängſtlich um ſich. »Wo bin ich?« fragte Oliver.»Das iſt nicht der Ort, wo ich ſonſt ſchlief.« Er ſprach dieſe Worte mit ſchwacher Stimme, aber ſie wurden doch gehört, denn man zog ſchnell die Vor⸗ hänge an dem Bette zurück und eine ältliche, knapp und zierlich gekleidete Frau ſtand auf von dem Stuhle daneben, wo ſie geſeſſen und genähet hatte. „»Still, mein Sohn,“« ſprach die alte Frau ſanft. „»Du mußt ruhig ſein, ſonſt wirſt Du wieder krank, und Du biſt ſehr, ſehr krank geweſen. Lege Dich wie⸗ der nieder, mein liebes Kind.« Mit dieſen Worten legte die alte Frau Olivers Kopf ſanft auf das Kiſſen, ſtrich ihm das Haar von der Stirn und ſah ihm ſo freundlich und liebreich in das Geſicht, daß er ſeine kleine abgemagerte Hand auf die ihrige legen und ſie um ſeinen Hals ziehen mußte. „Du lieber Gott!« ſeufzete die alte Frau mit Thrä⸗ nen in den Augen,„wie dankbar iſt das gute Kind! Ach, was würde ſeine Mutter fühlen, hätte ſie an ſei⸗ nem Bette geſeſſen wie ich, und könnte ihn nun ſehen!« »Vielleicht ſieht ſie mich doch,« flüſterte Oliver und faltete fromm ſeine Hände;„vielleicht hat ſie an mei⸗ nem Bette geſeſſen. Ich fühle es faſt, daß ſie bei mir geweſen iſt.« „Das war das Fieber, liebes Kind,« antwortete die alte Frau ſanft. „Ach ja, ich glaube es auch,« antwortete Oliver nachdenkend,»weil es vom Himmel ſo weit her iſt und weil ſie dort zu glücklich ſind, als daß ſie herunterk nen Oliver Kwiſt. 109 an das Bett eines armen Knaben. Aber wenn meine Mutter wüßte, daß ich krank war, würde ſie mich ſelbſt im Himmel bedauert haben, denn ſie war ſelbſt ſehr krank, ehe ſie ſtarb.— Doch nein, ſie kann nichts von mir wiſſen,« ſetzte Oliver nach einiger Zeit hinzu,»denn wenn ſie geſehen hätte, wie man mich geſchlagen, würde ſie ſich gegrämt haben, und ihr Geſicht ſah doch immer freundlich aus, wenn ich von ihr träumte.« Die alte Frau antwortete nicht darauf, ſondern wiſchte erſt die Augen und dann die Brille ab, die auf dem Bette lag, brachte ihm ein kühles Getränk, klopfte ihm auf die Wangen und ſagte, er müſſe ganz ruhig ſein, ſonſt würde er wieder krank werden. So verhielt ſich denn Oliver ganz ruhig, theils weil er der alten freundlichen Frau in allem gehorſam zu ſein wünſchte, und theils weil er durch das Wenige, was er geſprochen, bereits ganz erſchöpft war. Er verſank bald in ſanften Schlummer, aus dem ihn der Schein eines Lichtes weckte, das an das Bett gebracht wurde und ihm einen Herrn mit einer ſehr großen und laut pickenden goldenen Uhr in der Hand zeigte, der ihm an den Puls fühlte und ſagte, er befinde ſich um vieles beſſer. »Iſt Dir es wirklich beſſer oder nicht, mein Sohn?«⸗ fragte der Herr. »Ja, ich danke, Herr,« antwortete Oliver. »Das wußte ich,« fuhr der Herr fort;„biſt Du nun hungerig?« »Nein, Herr.«⸗ 8 »Hm!« ſagte der Herr.»Ja ich weiß, Du biſt nicht hungerig. Er iſt nicht hungerig, Madame Bedwin,⸗ und der Mann machte ein ſehr kluges Geſicht. Die alte Frau nickte ehrerbietig mit dem Kopfe, was 110 Oliver Twiſt. anzudeuten ſchien, ſie meine, der Doctor ſei ein ſehr ge⸗ ſcheiter Mann. Der Doctor ſchien dieſer Meinung ebenfalls zu ſein. „Du biſt ſchläferig, nicht wahr?« fragte der Doctor. „Nein, Herr,“« antwortete Oliver. „Nein,“« wiederholte der Doctor mit einem pfiffigen und ſelbſtzufriedenen Blicke,»Du biſt nicht ſchläferig, auch nicht durſtig, nicht wahr?« »Ja, Herr, ſehr durſtig,« antwortete Oliver. „Gerade wie ich es erwartete, Madame Bedwin,« ſagte der Doctor.»Es iſt ganz in der Ordnung, daß er durſtig iſt, durchaus in der Ordnung. Sie können ihm etwas Thee geben, Madame, und etwas geröſtetes Brot, aber ohne Butter. Halten Sie ihn nicht zu warm, Madame, aber laſſen Sie ihn anch nicht zu kalt werden, haben Sie die Güte.“« Die alte Fran machte einen Knir, der Doctor koſtete das kühlende Getränk, ſprach ſeine Zufriedenheit damit aus und eilte fort. Seine Stiefeln knarrten ganz wie die eines wichtigen und reichen Mannes, als er die Treppe hinunterging. Oliver ſchlummerte bald darauf wieder ein, und als er von neuem erwachte, war es faſt zwölf Uhr. Die alte Frau ſagte freundlich»gute Nacht« zu ihm und überließ ihn der Pflege einer dicken alten Frau, die eben gekommen war und in einem kleinen Packete ein kleines Gebetbuch und eine große Nachtmütze mitgebracht hatte. Die letztere ſetzte ſie auf den Kopf, das erſtere legte ſie auf den Tiſch, dann ſagte ſie zu Oliver, ſie werde die Nacht bei ihm wachen, rückte darauf den Stuhl dicht an das Feuer und fing an zu nicken, ſich die Naſe zu reiben, aufzuwachen und wieder einzuſchlafen und zu nicken.. 4 4 ———— Oliver Twiſt. 111 So verging langſam die Nacht. Oliver wachte eine Zeitlang und zählte die kleinen Lichtkreiſe, welche die Schirmlampe an der Decke bildete, oder verfolgte mit ſeinem matten Blicke die verſchlungene Muſter der Ta⸗ pete an der Wand. Das Dunkel und die tiefe Stille in dem Zimmer waren ſehr feierlich, und als der Knabe gedachte, daß der Tod mehrere Tage und Nächte über ihm geſchwebt habe und mit ſeinen Schrecken noch immer in der Nähe ſein könne, drehete er ſich um, ver⸗ barg ſein Geſicht in den Kiſſen und betete inbrünſtig zu Gott. Allmälig verſank er in den tiefen ruhigen Schlaf, den nur die Erleichterung nach ſchwerer Krankheit zu geben vermag, in jenen friedlichen Schlummer, aus dem zu erwecken Suͤnde iſt. Wer würde wünſchen, wenn dieſer Schlaf der Tod wäre, wieder zu erwachen zu allen Mühen und Arbeiten des Lebens,— zu allen Sorgen für die Gegenwart, zu der ängſtlichen Be⸗ ſorgniß um die Zukunft und, was mehr iſt als alles dies, zu den traurigen Erinnerungen an die Vergangen⸗ heit! Es war mehrere Stunden ſchon Tag geweſen, als Oliver die Augen aufſchlug, und er fühlte ſich leicht und glücklich. Die Kriſis der Krankheit war vorübergegan⸗ gen und er gehörte wieder der Welt an. Nach drei Tagen konnte er das Bett verlaſſen und, geſtützt von Kiſſen, in einem bequemen Lehnſtuhle ſitzen; zum Gehen aber war er noch zu ſchwach. Frau Bed⸗ win hatte ihn hinunter in das kleine Zimmer der Haus⸗ hälterin getragen, das ihr gehörte; da ſetzte ſie ihn an das Kamin, nahm ſelbſt Platz neben ihm und begann in ihrer Freude, ihn wieder ſo wohl zu ſehen, heftig zu weinen. 112 Oliver Twiſt. „Laß mich, mein Sohn,“« ſprach die gute alte Frau; vich muß mich einmal ausweinen. Es geht ſchnell vor⸗ über. Siehſt Du, ich bin ganz heiter.« „Sie ſind ſo gütig, ſo ſehr gütig gegen mich,« ſprach Oliver. »Laß das,« entgegnete die alte Frau;»es gehört nicht zu Deiner Fleiſchbrühe, und es wird Zeit, daß Du ſie bekommſt, denn der Ooctor ſagte, Herr Brown⸗ low käme vielleicht dieſen Morgen zu Dir herein und wir müſſen ſo gut ausſehen, als möglich, denn je beſſer wir ausſehen um ſo mehr wird er ſich freuen.« Und die gute Frau fing an, einen Teller voll Fleiſchbrühe zu wärmen, die, gehörig verdünnt, zu einer reichlichen Mahlzeit für wenigſtens dreihundert und funfzig Arme hinreichend geweſen ſein würde. „Siehſt Du gern Bilder?« fragte die alte Frau, als ſie bemerkte, daß Oliver aufmerkſam ein Portrait be⸗ trachtete, das ſeinem Stuhle gegenüber an der Wand hing.— „Das weiß ich noch nicht, Madame,“ antwortete Oliver, ohne von dem Bilde wegzuſehen;»Ich habe nur ſehr wenige geſehen. Ach, welch' ſchönes, ſanftes Geſicht hat die Dame!« »Die Maler machen die Frauenzimmer immer hüb⸗ ſcher als ſie eigentlich ſind, weil ſie ſich ſonſt nicht wür⸗ den malen laſſen.« „Stellt das Bild eine wirkliche Perſon vor?« fragte Oliver. 4 »Ja,« antwortete die Frau und ſah einen Augen⸗ blick von der Fleiſchbrühe weg, ves iſt ein Portrait.« »Weſſen, Madame?“« „Das weiß ich wirklich nicht, mein Sohn. Es Oliver Twiſt. 113 iſt ein Portrait von einer Perſon, die Du gewiß nicht kennſt. Es ſcheint Dir zu gefallen.« »Es iſt ſo ſchön!« antwortete Oliver. „»Aber Du fürchteſt Dich doch nicht davor?« fragte die alte Frau, als ſie den ängſtlichen Blick des Knaben bemerkte, mit dem er das Bild betrachtete. »Ach nein, nein,« antwortete Oliver ſchnell;»aber 3 die Augen ſehen ſo betrübt aus und ſind immer auf mich gerichtet. Mein Herz klopft, wenn ich das Geſicht anſehe, als wäre die Dame lebendig und wollte mit mir ſprechen.« »Ach Du mein lieber Herr Gott!“ rief die Frau und ſtand ſchnell auf,»ſprich nicht ſo, Kind. Du biſt ſchwach und reizbar nach Deiner Krankheit. Ich will Deinen Stuhl herumdrehen, daß Du das Bild nicht mehr ſiehſt. So,« und die alte Frau that, was ſie ſprach. Aber Oliver ſah das Bild im Geiſte noch immer ſo deutlich, als habe er ſeine Stellung nicht verändert, wollte jedoch der guten alten Frau keine Sorge machen. Er lächelte deshalb, als ſie ihn anſah, und Frau Bed⸗ win ſalzte die Fleiſchbrühe und brockte Stückchen ge⸗ röſteten Brotes hinein. 4 Oliver verzehrte das Gericht mit großer Geſchwin⸗ digkeit, und hatte kaum den letzten Löffelvoll verſchluckt als es leiſe an die Thüre klopfte.»Herein!« rief die alte Frau, und Herr Browulyw trat ein. Kaum hatte er ſeine Brille auf die Stirn hinaufge⸗ ſchoben, und die Hände hinten auf ſeinem Schlafrocke übereinander gelegt, um Oliver recht bequem und ge⸗ mächlich anzuſehen, als ſich auf ſeinem Geſichte mehrere ſehr ſeltſame Verzerrungen nach einander zeigten. Oli⸗ ver war von der Krankheit ſehr geſchwächt und abge⸗ . Oliver Twiſt. I. 8 114 Oliver Twiſt. magert, und machte einen vergeblichen Verſuch aufzu⸗ ſtehen, aus Ehrfurcht vor ſeinem Wohlthäter, ſank aber in den Stuhl zurück. Herrn Brownlows Herz wäre, wenn wir die Wahrheit ſagen ſollen, für ſechs gewöhn⸗ liche alte Herren groß genug geweſen, und ſo brachte er denn auch durch irgend einen hydrauliſchen Prozeß, den zu erklären uns die Kenntniſſe abgehen, einige Thrä⸗ nen in ſeine Augen. »Armer Junge! Armer Junge!« ſtotterte Herr Brownlow.—„»Ich bin recht heiſer heute, Frau Bed⸗ win, und werde mich wohl erkältet haben.« »Das hoffe ich nicht, Sir,« antwortete die alte Frau.»Alles, was Sie erhielten, war vollkommen trocken und gewärmt, Sir.« »Ich weiß es nicht, Bedwin, ich weiſ es nicht,« antwortete Herr Brownlow;»ich glaube, ich hatte ge⸗ ſtern Mittag eine feuchte Serviette; doch laſſen wir das. Wie geht es Dir, mein Sohn?« »Sehr gut, Sir,« antwortete Oliver,»und ich bin Ihnen fär Ihre Güte ſehr dankbar.« „»Gutes Kind!« erwiederte Herr Brownlow, und be⸗ mühete ſich, die Thräne zurückzuhalten. »Haben Sie ihm etwas zu eſſen gegeben, Bedwin? — Thee; he?« »Er hat eben einen Tellervoll ſchöne ſtarke Fleiſch⸗ brühe gegeſſen, Sir,« antwortete Madame Bedwin, die ſich dabei emporrichtete und beſonders das Wort Fleiſch⸗ brühe betonte, nm anzudeuten, daß zwiſchen Thee und guter Fleiſchbrühe gar kein Vergleich ſtattfinden könne. »Hm!« meinte Herr Brownlow,»ein paar Gläſer Portwein würden ihm weit beſſere Dienſte gethan ha⸗ ben, nicht wahr, Tom White, he?« Oliver Twiſt. 115 »Ich heiße Oliver, Sir,« entgegnete der kleine Pa⸗ tient ſehr verwundert. »Oliver!« rief Herr Brownlow,»Oliver, wie? Oliver White, he?« »Nein, Sir, Twiſt,— Oliver Twiſt.“ »Närriſcher Name!« bemerkte der alte Herr.»Aber warum ließeſt Du dem Gerichte ſagen, Du hießeſt White?« »Das ſagte ich nie,« entgegnete Oliver verwundert. Das ſah einer Lüge ſo ähnlich, daß der alte Herr Oliver ziemlich ernſthaft in das Geſicht blickte; aber man konnte unmöglich an der Rede des Knaben zwei⸗ feln, denn es ſprach aus allen ſeinen Zügen Wahrheit. »So iſt es ein Irrthum,“ ſetzte Herr Brownlow endlich hinzu. Obgleich nun die Urſache, warum er Oliver ſo ernſt in das Geſicht ſah, nicht mehr beſtand, ſo fiel ihm doch die Aehnlichkeit zwiſchen den Zügen des Knaben und einem ihm bekannten Geſichte wieder ſo ſehr auf, daß er die Augen von ihm nicht abwenden konnte. »Ich hoffe, Sie ſind nicht bös auf mich, Sir,« ſprach Oliver und ſah den alten Herrn bittend an. »Nein, nein,« antwortete dieſer.»Gnädiger Gott, was iſt das? Bedwin, ſehen Sie einmal her!« Und er zeigte auf das Portrait über Oliver und dann auf das Geſicht des Knaben. Die Aehnlichkeit zwiſchen beiden konnte nicht größer ſein; die Augen, der Mund, jeder Zug war derſelbe. Oliver erfuhr die Urſache dieſes plötzlichen Ausrufes nicht, denn er vermochte den forſchenden Blick auf ſein Geſicht nicht zu ertragen und wurde ohnmäͤchtig. 8 Oliver Twiſt. Dreizehntes Kapitel kehrt zu dem luſtigen alten Herrn und deſſen jungen Freunden zurück, macht den Leſer mit einer neuen Perſon bekannt, und erzählt verſchiedene hübſche Dinge, welche in dieſe Geſchichte gehören. Als der Sappermenter und ſein kluger Freund, Mon⸗ ſieur Bates, in das Geſchrei hinter Oliver einſtimmten, nachdem ſie ſich das Eigenthum des Herrn Brownlow auf ungeſetzliche Weiſe angemaßt hatten, wie in einem frühern Kapitel deutlich beſchrieben iſt, handelben ſe⸗ wie wir bei dieſer Gelegenheit bemerken, nach einem „ſehr lobenswerthen und natürlichen Grundſatze der Selbſt⸗ erhaltung; und da die perſönliche Freiheit zu den erſten Gegenſtänden gehört, deren ſich jeder echte Engländer mit Stolz rühmt, ſo brauche ich den Leſer kaum dar⸗ auf aufmerkſam zu machen, daß jene Handlung ſie in der Meinung aller patriotiſchen Engländer faſt in eben dem Grade erheben muß, als jener ſtarke Beweis von ihrem Streben nach Selbſterhaltung die kleine Samm⸗ lung von Geſetzen beſtärkt, die nach einigen tiefdenken⸗ den Philoſophen die Triebfedern aller Handlungen der lieben Natur ſind. Die erwähnten Philoſophen führen nämlich alle Handlungen dieſer guten Dame auf Theorie und Marimen zurück und laſſen alle edleren Gefühle und Herzensregungen unberückſichtigt, als unwürdig einer Dame, die der allgemeinen Meinung nach über die zahl⸗ reichen kleinen Schwächen ihres Geſchlechtes ſo hoch erhaben iſt. 4 3 Bedürfte es noch eines weitern Beweiſes, daß ſ die beiden jungen Burſchen ſtreng philoſophiſch ber 3 Oliver Twiſt. 117 men, ſo liegt er in der ebenfalls früher erzaͤhlten That⸗ ſache, daß ſie die Verfolgung aufgaben, als die Auf⸗ Ketſamter allgemein auf Oliver gerichtet war, und auf in möglichſt kürzeſten Wege nach Hanſe zurückkehrten; denn obſchon ich nicht behaupten will, daß beruͤhmte und gelehrten Weiſe den Weg zu einem großen Schluſſe ab⸗ ü d imehr die Gewohnheit haben, die Ent⸗ thiedene Umſchreibungen und hin und de weifungen, gleich Betrunkenen, zu verlängern; ſo bin ich doch der Meinung, daß alle gro⸗ ßen ühioſad wenn ſie ihre Theorien auslegen, mit großer Weisheit und Voransſicht alles zu entfernen ſu⸗ chen, was ſie unangenehm berühren könnte. So darf man, um ein großes Recht zu vollbringen, ein kleines Unrecht thun und jedes Mittel ergreifen, welches durch den zu erreichenden Zweck zu entſchuldigen iſt; denn die 3 Größe des Rechts oder die Größe des Unrechts oder auch der Unterſchied zwiſchen beiden iſt ja ganz dem Philoſophen überlaſſen, wie er nämlich durch ſeine un⸗ parteiiſche und umfaſſende Anſicht von ſeinem eigenen beſondern Fall entſcheiden will. Erſt als die beiden Knaben ſchnell durch ein Laby⸗ rinth von engen Straßen und Höfen gelaufen waren, wagten ſie unter einem niedrigen und dunkeln Thorwege n 4 ſtehen zu bleiben. Nachdem ſie wieder ſo viel Athem e geſammelt hatten, um ſprechen zu können, brach Mon⸗ d ſieur Bates in ein endloſes Gelächter aus und wälzte 4 ſich im Uebermaße des Entzückens auf den Thürſtufen herum. »Warum lachſt Du denn?« fragte Dawkins. »Ha! ha! hal« lachte Karlchen Bates. »Sei ſtill!« empfahl der Sappermenter, indem er u d——— 17 118 Oliver Twiſt. ſich vorſichtig umſah.»Willſt Du Dich faſſen laſſen, Dummkopf?c 1 »Ich kann mir nicht helfen,« antwortete Karlchen, vich kann mir nicht helfen. Wie er davon lief, um die Ecken rannte, an die Prellpfähle prallte und immer wieder davon rannte, als ſei er auch von Eiſen— und ich das Tuch in der Taſche und wir ter i ha!l hal hal« Die Phantaſie ſtellt 2 dem jungen Bates wieder ſo lebhaft vor, d neuem ſich auf den Thürſtufen wälzte und lauter lachte als vorher. „»Was wird Fagin ſagen?« dante Banth als ſein Freund aus Mangel an Athem das Lachen einmal⸗ einſtellte.. „Was ſoll er ſagen?« antwortete Karlchen ernſt⸗ haft, denn Dawkins ſchien die Sache gar nicht lächer⸗ lich zu finden;»was ſoll er ſagen?« Dawkins pfiff ein paar Minuten, nahm dann den Hut ab, kratzte ſich hinter den Ohren und nickte dreimal. „Was meinſt Du?« fragte Karlchen. Der Sappermenter machte ein pfiffiges Geſicht, antwortete aber nicht, ſondern ſetzte ſeinen Hut wieder auf, nahm die Schöße ſeines langen Rockes unter die Arme, preßte die Zunge gegen die eine Wange, klappte ſich ein halbes Dutzend Mal ſehr ausdrucksvoll auf die Naſe, drehete ſich auf den Abſätzen um und ging. Karl⸗ chen Bates folgte mit einem nachdenklichen Geſichte. Das Geräuſch von Fußtritten auf der knarrenden alten Treppe, einige Minuten nach dieſem Geſpräche, ſtörte den alten luſtigen Herrn, der am Feuer ſaß, ein kleines Brot und eine Wurſt in der linken, ein Taſchen⸗ meſſer in der rechten und einen zinnernen Krug auf dem Ddrreifuße hatte. Es zog ein ſpitzbüͤbiſches Lächeln über V Oliver Twiſt. 119 ſein bleiches Geſicht, während er ſich umdrehete, dann ſah er ſcharf unter ſeinen dicken rothen Augenbrauen hervor, hielt das Ohr an die Thüre und horchte auf⸗ merkſam. »Was iſt das?« murmelte er;»nur zwei? Wo iſt der Dritte? Sie können doch keine Ungelegenheiten ge⸗ habt haben. Horch!« Die Fußtritte kamen näher und erreichten den Vor⸗ ſaal; die Thüre wurde vorſichtig geöffnet, der Sapper⸗ menter und Karlchen Bates traten ein und machten die Thüre hinter ſich ſchnell wieder zu. »Wo iſt Oliver, ihr jungen Hunde?« fragte der zor⸗ nige Jude, und richtete ſich mit einem drohenden Blicke auf;»wo iſt der Knabe?«. Die jungen Diebe ſahen ihren Lehrer an, als fürch⸗ teten ſie ſich vor ſeiner Heftigkeit, blickten dann einan⸗ der an, antworteten aber nicht. »Was iſt aus dem Knaben geworden?« wiederholte der Jude, indem er Dawkins feſt am Kragen faßte und ihn mit gräßlichen Verwünſchungen bedrohete. »Rede, oder ich erwürge Dich.« Fagin machte ein ſo ernſtes Geſicht, daß Karlchen Bates, der es ſtets für gerathen hielt, ſich ſicher zu ſtellen, und es jetzt für gar nicht unwahrſcheinlich er⸗ achtete, nach ſeinem Freunde ebenfalls erdroſſelt zu wer⸗ den, auf die Kniee ſiel und ein lautes ununterbrochenes Geſchrei begann, das wohl ſo ziemlich die Mitte hielt zwiſchen den Tönen eines tollen Ochſen und denen eines Sprachrohres. »Willſt Du reden?« donnerte der Jude und ſchüt⸗ telte Dawkins ſo gewaltig, daß es wirklich unbegreif⸗ lich war, wie dieſer in dem großen Rocke bleiben konnte. »Sie haben ihn gefaßt, das iſt alles,« antwortete 120 Oliver Twiſt. der Sappermenter endlich ſauertöpfiſch.»Laſſen Sie mich los!« Und er zog ſich mit einem Rucke aus dem großen Rocke heraus, den der Jude in der Hand behielt, ergriff die große Gabel und führte damit nach der Weſte des alten Herrn einen ſo kräftigen Stoß, daß, hätte er getroffen, mehr Luſtigkeit herausgelaſſen haben würde, als ein paar Monate erſetzen konnten. Der Jude fuhr in dieſer Gefahr raſcher zurück, als man von einem Manne ſeines Alters hätte erwarten ſollen, ergriff den zinnernen Krug und wollte denſelben in Berührung mit dem Kopfe ſeines Gegners bringen. Karlchen Bates erregte jedoch in dieſem Angenblicke ſeine Aufmerkſamkeit durch ein völlig ſchreckliches Geheul, er änderte alſo das Ziel und warf den Krug nach dieſem Bürſchchen. „Was iſt das?« fragte eine tiefe Stimme.»Wer warf nach mir? Es iſt gut, daß mich nur das Bier traf und nicht der Krug, ſonſt würde ich Jemanden hier zur Ruhe gebracht haben. Ich hätte es gleich wiſſen können, daß Niemand, als ein hölliſch reicher, diebiſcher Jude irgend ein Getränk, als etwa Waſſer wegwirft. Was giebt es, Fagin? Gott verdamme mich, wenn mein Halstuch Bierflecke hat!— Komm herein, ſchlei⸗ chende Beſtie; was warteſt Du draußen, als ſchämteſt Du Dich Deines Herrn? Herein, marſch!« Der Mann, der dieſe Worte hervordonnerte, war ein ſtemmiger Mann von etwa fünfundvierzig Jahren in einem ſchwarzen Mancheſter⸗Rocke, ſehr beſchmutzten grauen Hoſen, geſchnürten Halbſtiefeln und grauen baum⸗ wollenen Strümpfen, die ein Paar tüchtige Beine mit großen derben Waden umſchloſſen— Beine, die in ei⸗ nem ſolchen Anzuge immer unvollſtändig ausſehen, wenn ihnen— Schellen fehlen. Er trug einen braunen Hut Oliver Twiſt.. 121 auf dem Kopfe und ein ſchmutziges Tuch um den Hals, und mit den langfranſigen Enden deſſelben wiſchte er ſich, während er ſprach, das Bier von dem Geſiſhte ab, das ziemlich breit war, einen drei Tage alten Bart und zwei drohende Augen hatte, von denen das eine noch die bunten Zeichen von einem neuerdings erhaltenen Schlage zeigte. »Willſt Du herein kommen!« brummte dieſer lie⸗ benswürdige Spitzbube. Ein weißer, zottiger Pudel mit einem an zwanzig Stellen zerkratztem Geſichte ſchlich endlich herein. »Daher legſt Du Dich,« fuhr der Mann fort, und begleitete dieſen Befehl mit einem Fußtritte, der das Thier an das andere Ende der Stube ſchleuderte. Der Hund ſchien jedoch daran gewöhnt zu ſein, denn er legte ſich in einem Winkel ganz ruhig zuſammen und blinzelte nur mit ſeinen bösausſehenden Augen vielleicht zwanzig Mal in der Minute, während er die Stube zu muſtern ſchien. »Was haſt Du vor? Mißhandelſt Du die Jungen, Du gieriger, geiziger, unerſättlicher alter Schurke?« be⸗ gann der Mann von neuem, während er ſich bedächtig ſetzte.»Ich wundere mich, daß ſie Dir das Lebens⸗ licht nicht ausblaſen; ich hätte es längſt gethan, wäre ich an ihrer Stelle. Wäre ich bei Dir in der Lehre geweſen, ſo hätten Dich lange ſchon die Würmer ge⸗ freſſen; aber nein, ich hätte Deinen Cadaver verkauft, denn man muß Dich als Rarität der Häßlichkeit in ei⸗ ner Glasflaſche aufbewahren, wenn eine ſo große Flaſche *zu haben iſt.« »Still doch, ſtill doch, Herr Sikes,« entgegnete der Jude,»nicht ſo laut.« »Nichts vom Herrn,« fuhr der Spitzube fort, 122 Oliver Twiſt. »wenn Du darauf kommſt, führſt Du immer etwas Bö⸗ ſes im Schilde. Du weißt es, wie ich heiße und ſo nenne mich. Ich werde meinem Namen keine Schande machen, wenn die Zeit kommt.« „Nun gut, gut, Bill Sikes,« antwortete der Jude mit hündiſcher Demuth.»Du ſcheinſt nicht eben guter Laune zu ſein, Bill.« »So, ſcheint es,« entgegnete Sikes;»es kommt mir aber vor, als wäreſt Du auch nicht eben aufgelegt, denn im Spaße wirft man doch nicht mit zinnernen Bierkrügen nach ſeinen Freunden, wenn ſie eintreten.« Dann verlangte er in ihrer eigenthümlichen Spitzbuben⸗ ſprache, die er bei allen ſeinen Reden immer hier und da einflocht, welche aber den Leſern ganz unverſtändlich ſein würde, ein Glas Branntwein.»Nur vergifte mein's nicht,« ſetzte Sikes hinzu, indem er ſeinen Hut auf den Tiſch legte. Er ſagte dies im Scherz, hätte er aber den boshaf⸗ ten Seitenblick des Iuden ſehen können, als ſich derſelbe auf die bleichen Lippen biß und nach einem Schräukchen hinging, ſo würde er die Warnung gar nicht für unnö⸗ thig gefunden haben. Nachdem Sikes zwei oder drei Gläſer Branntwein getrunken hatte, geruhete er, auch Notiz von den beiden jungen Herren zu nehmen, und dieſe Herablaſſung führte zu einem Geſpräche, worin die Urſache und Weiſe von Olivers Verhaftung ausführlich, doch mit den Verän⸗ derungen und Verbeſſerungen erzählt wurde, die der Sappermenter gerade für die beſten hielt. »Ich fürchte,« meinte der Inde,»er ſagt etwas, das uns in Unannehmlichkeiten bringt.« »Das iſt ſehr leicht möglich,« erwiederte Sikes mit einem boshaften Lächeln.»Fagin, nimm Dich in Acht.« h —— Oliver Twiſt. 123 » Und ich fürchte,« fuhr der Iude fort, der die Un⸗ terbrechung gar nicht beachtete und dabei die Anweſen⸗ den ſcharf anſah,»ich furchte, wenn es aus iſt mit uns, wird es auch mit vielen Andern aus ſein; für Dich, Sikes, würde die Sache noch ſchlimmer ablaufen, als für mich.« Der Mann fuhr auf und drehete ſich barſch nach dem Juden um; dieſer aber zog ſeine Achſeln bis an die Ohren hinauf und ſeine Augen ſtierten an die Wand. Es folgte eine lange Pauſe. Jeder in dieſer ehren⸗ werthen Geſellſchaft ſchien ſeinen eigenen Gedanken nach⸗ zuhangen, ſelbſt der Hund, der durch ein gewiſſes ma⸗ litiöſes Lecken ſeiner Lippen die Abſicht verrieth, den erſten, dem er auf der Straße begegnete, in die Beine zu beißen. „»Jemand muß ausfindig machen, was bei der Po⸗ lizei geſchehen iſt,« bemerkte Sikes in bedeutend leiſerem Tone, als er bisher geſprochen hatte. Der Jude nickte zuſtimmend. „» Hat er nicht geſchwatzt und iſt er verurtheilt, ſo hat es keine Gefahr, bis er wieder frei wird,« fuhr Sikes fort;»dann müſſen wir für ihn ſorgen. Er muß auf irgend eine Art wieder hierher gebracht werden.« Der Iude nickte wieder. Die Nütziichkeit dieſer Handlungsweiſe war augen⸗ ſcheinlich; leider! ſtand aber der Annahme derſelben ein großes Hinderniß entgegen, denn Alle, der Sappermen⸗ ter und Karlchen Bates, wie Fagin und William Si⸗ kes, hatten einen unüberwindlichen Widerwillen, aus irgend einem Grunde oder Vorwande ſich in die Nähe irgend eines Polizeiamtes zu begeben. Wie lange ſie in dieſem unangenehmen Zuſtande der Ungewißheit dageſeſſen und einander angeſehen haben 124 wurden, läßt ſich durchaus nicht beſtimmen. Auch iſt es unnöthig, Vermuthungen darüber zu wagen, denn das plötzliche Erſcheinen der beiden jungen Mädchen, die Oliver früher da geſehen hatte, belebte das Geſpräch Oliver Twiſt. von neuem. »Lieschen geht hin,« ſagte der Inde;»nicht wahr, Lieschen?2. „»Wohin?« fragte das Mädchen. „»Bloß an die Polizei, liebes Kind,« antwortete der Jude ſchmeichelnd. Das Mädchen weigerte ſich allerdings nicht gerade⸗ zu, jenen Weg zu gehen, ſondern ſprach bloß ihre feſte Ueberzengung aus, ſie würde den Staupbeſen bekom⸗ men, wenn ſie es thue, und umging ſo artig und ge⸗ wandt die eigentliche Frage, was beweiſt, daß das Maädchen jene angeborene Gutmüthigkeit beſaß, welche keinem Menſchen das Leid anthun, und ihm eine Bitte rund abſchlagen kann. Der Inde machte ein langes Geſicht und wendete ſich an das andere Mädchen, das bunt, um nicht zu ſagen prächtig, gekleidet war, nämlich ein rothes Kleid, grüne Stiefelchen und gelbe Lockenwickel trug. »Liebes Aennchen,« fragte der Jude in ſchmeicheln⸗ dem Tone,»was ſagſt Du?« »Daß ich es nicht thue; geben Sie ſich alſo weiter keine Mühe, Fagin,« antwortete Aennchen. „»Was ſoll das heißen?« fragte Sikes, indem er finſter aufſah. »Ich denke, ich habe deutlich genug geſprochen,⸗ antwortete das Mädchen gefaßt. »Du gerade kannſt es thun,« meinte Sikes;»Nie⸗ mand hier in der Nähe weiß etwas von Dir.« »Es ſoll auch Niemand etwas wiſſen,« antwortete Oliver Twiſt. 125 das Maͤdchen in derſelben beſtimmten Weiſe,»und eben deshalb gehe ich nicht, Bill.« »Sie geht, Fagin,« ſprach Sikes. »Nein, ſie geht nicht, Fagin,« ſchrie Aenuchen. »Und ſie geht, Fagin,« wiederholte Sikes. Sikes hatte Recht. Durch Drohungen, Verſpre⸗ chungen und Beſtechungen wurde das reizende Mädchen endlich bewogen, ſich dem Auftrage zu unterziehen. Allerdings war ſie nicht von denſelben Gründen zu⸗ rückgehalten, wie ihre liebenswürdige Freundin, denn da ſie aus einem ganz entlegenen Stadttheile erſt vor Kurzem ſich hierher gewendet hatte, brauchte ſie nicht zu fürchten, von einem ihrer zahlreichen Bekannten er⸗ kannt zu werden. Demnach öffnete der Jude ſeine unerſchöpgliche Vor⸗ rathskammer, das Mädchen band eine reine weiße Schürze über das rothe Kleid, verſteckte die gelben Haarwickel unter einem Strohhute, und ſchickte ſich an, fortzugehen. »Warte noch eine Minute, Aennchen,“« ſagte der Jude, der noch ein kleines Körbchen brachte.»Nimm dies in eine Hand; es ſieht ehrbarer aus.⸗ „Gieb ihr einen Thürſchlüſſel in die andere Hand, Fagin,“ ſetzte Sikes hinzu,»das ſieht noch anſtändi⸗ ger und bürgerlicher aus.« »Ja, ja, allerdings,« entgegnete der Iude, der ei⸗ nen großen Thürſchlüſſel an den Zeigefinger der rechten Hand des Mädchens hängte»So,— ſehr gut, ſehr gut,« rief er dann aus und rieb ſich die Hände. »Ach, mein Bruder! mein armer, lieber, unſchul⸗ iger kleiner Bruder!« rief nun Miß Aennchen, wäh⸗ rend ſie Thränen in ihre Augen zu bringen ſuchte und die Hände mit dem Körbchen und dem Schlüſſel wie 126 Oliver Twiſt. in Verzweiflung rang.—»Ach, was iſt aus ihm ge⸗ worden— wohin hat man ihn gebracht! Ach, erbar⸗ men Sie ſich meiner. Sagen Sie mir, liebe Herren, was mit dem guten Jungen geworden iſt!« Nachdem ſie dieſe Worte in dem kläglichſten, herz⸗ brechendſten Tone zu unendlichem Vergnügen der Zu⸗ hörer geſprochen hatte, nickte Aennchen Allen freund⸗ lich zu und verſchwand. „Die iſt geſcheit,« ſagte der Jude, zu ſeinen jun⸗ gen Freunden gewendet, indem er ernſt ſein Haupt ſchüttelte, als wollte er ſie ermahnen, dem glänzenden Beiſpiele zu folgen, das ihnen eben gegeben worden. »Sie macht ihrem Geſchlechte Ehre,« bemerkte Sikes, indem er ſein Glas vollſchenkte und mit ſeiner gewichtigen Fauſt auf den Tiſch ſchlug.»Auf ihre Ge⸗ ſundheit, und mögen alle ihr gleich ſein!« Während dieſe und ähnliche Lobſprüche über das kluge Aennchen ausgeſprochen wurden, eilte das Mäd⸗ chen nach dem Polizeiamte, wo ſie, trotz ihrer erklär⸗ lichen Schüchternheit in Folge davon, daß ſie allein und ſchutzlos durch die Straßen gehen maßte, bald wohlbehalten ankam. Sie ging durch die Hinterthüre hinein, klopfte mit dem Schlüſſel leiſe an eine der Kerkerthüren und horchte. Kein Laut ließ ſich darin hören; ſie huſtete und horchte alſo von neuem. „»Lieber Oliver?« flüſterte Aennchen,»Oliver?« Es war niemand darin, als ein armer, barfüßiger Uebelthäter, der eingeſteckt worden war, weil er auf der Flöte geblaſen und den, als jenes Verbrechen ge⸗ gen die Geſellſchaft klar bewieſen war, Herr Fang auf einen Monat in das Zuchthaus geſchickt hatte, mit der gewiß ganz paſſenden und ſpaßhaften Bemerkung, da — G½Z7 e Oliver Twiſt. 127 er zu viel Athem übrig habe, werde er denſelben nütz⸗ licher auf der Tretmühle als auf einem muſikaliſchen Inſtrumente verwenden. Der Gefangene antwortete nicht, denn er betrauerte tief den Verluſt ſeiner Flöte, die zum Nutzen des Staats confiscirt worden war. Aenuchen ging alſo weiter und klopfte an der nächſten Thüre an. »Nun?« fragte eine ſchwache Stimme. »Iſt ein kleiner Knabe drin?« fragte Aennchen, nachdem ſie einen lauten Seufzer vorausgeſchickt hatte. »Nein,« antwortete die Stimme,»Gott bewahrel« Dies war ein fünfundſechszigjähriger obdachloſer Mann, der in das Gefängniß gekommen war, weil er die Flöte nicht geblaſen, oder, mit anderen Worten, weil er auf den Straßen gebettelt und nichts gethan hatte, um ſich zu ernähren. In der nächſten Zelle be⸗ fand ſich ein anderer Mann, der eingeſperrt war, weil er ohne Erlaubniß ſeine Schmorpfannen zum Verkaufe umhergetragen und alſo für ſeinen Unterhalt etwas ge⸗ than hatte. Aber gegen die Acciſeverordnungen. Da keiner von dieſen Gefangenen auf den Namen Oliver antwortete, auch von demſelben nichts wußte, ſo ging Aennchen gerade auf den Mann mit der ge⸗ ſtreiften Weſte zu und fragte unter den jammervollſten Wehklagen nach ihrem lieben Bruder. »Ich habe ihn nicht bekommen,» antwortete der alte Mann. »Wo iſt er? Ach, wo iſt er?« jammerte und weinte das Mädchen. »Der Herr hat ihn mitgenommen,« antwortete der Mann. »Welcher Herr? Ach, lieber Gott! welcher Herr 2⸗ rief Aennchen. * 128 Oliver Twiſt. Der alte Mann erzählte dann der ſo tief ergriffenen Schweſter, daß Oliver krank geworden und freigeſpro⸗ chen worden ſei, weil ein Zeuge erklärt habe, der Dieb⸗ ſtahl ſei von einem andern Knaben begangen worden, und daß der Kläger ihn in bewußtloſem Zuſtande in ſeine eigene Wohnung mitgenommen, von welcher er, der Erzähler, nichts wiſſe, als daß ſie ſich bei Pen⸗ tonville befinde. In einem ſchrecklichen Zuſtande des Zweifels und der Ungewißheit wankte das Mädchen an das Thor, kaum aber hatte ſie dies hinter ſich, als ſie raſch zu laufen anfing und auf dem verwickeltſten Wege, den ſie ſich erdenken konnte, in die Wohnung des Juden zurückkehrte. Bill Sikes hatte kaum den Erfolg der Sendung vernommen, als er den weißen Pudel rief, ſeinen Hut aufſetzte und, ohne die geringſte Formalität, der Ge⸗ ſellſchaft einen guten Morgen zu wünſchen, ſich ent⸗ fernte. »Wir müſſen wiſſen, wo er iſt, meine Jungen; er muß gefunden werden,“ ſprach der Jude in großer Aufregung.»Karlchen, Du ſchlenderſt ſo lange umher, bis Du eine Nachricht von ihm nach Hauſe bringſt. Liebes Aennchen, ich muß ihn haben. Dir und dem Sappermenter traue ich alles zu. Wartet, wartet,« ſetzte der Jude hinzu, indem er einen Schubkaſten mit zitternder Hand aufſchloß,»hier iſt Geld, meine Kin⸗ der. Ich werde heute Abend zuſchließen; Ihr wißt mich ſchon zu finden. Nun haltet Euch nicht länger hier auf, keine Minute, meine Kinder.« Mit dieſen Wortken trieb er ſie aus der Stube hinaus, verſchloß und verriegelte die Thür hinter ihnen, nahm aus dem Verſtecke das Käſtchen, das er gegen Oliver Twiſt. 129 ſeinen Willen Oliber hatte ſehen laſſen, und verbarg den Schmuck un die Uhren unter ſeinem Anzuge. Ein Klopfen ap der Thüre ſtörte ihn in dieſer Beſchäf⸗ tigung.»Wer da 2 fragte er in einem gellenden Tone der Beſorgniß. »Ich,« entgegnete der Sappermenter durch das Schlüſſelloch. „»Was giebt es?« fragte der Jude ungeduldig. »Soll er an den andern Ort gebracht werden, fragt Aennchen?« flüſterte Dawkins. »Ja,“« antwortete der Jude;»wo er iſt, faßt Ihr ihn. Findet ihn nur, das iſt die Hauptſache, das Uebrige wird ſich geben.⸗ Der Burſche eilte die Treppe hinunter ſeinen Ge⸗ fährten nach. »Bis jetzt hat er noch nicht geplaudert,« murmelte der Jude, als er ſeine Beſchäftigung fortſetzte.»Will er uns unter ſeinen neuen Freunden verrathen, ſo können wir ihn noch zum Schweigen bringen.“« Vierzehntes Kapitel enthält weitere Nachrichten von Olivers Aufenthalte in dem Hauſe Brownlows und eine merkwürdige Prophezeiung, die ein gewiſſer Herr Grimwig über ihn ausſprach, als man ihn mit einem Auftrage ausſchickte. Oliver erholte ſich bald von der Ohnmacht, in welche er bei Herrn Brownlows Ausrufe gefallen war, und das Gemälde wurde ſowohl von dem alten Herrn als Oliver Twiſt. I. 9 130 Oliver Twiſt.. von Frau Bedwin in dem darauf folgenden Geſpräche, das in keiner Verbindung mit Olivers Geſchichte ſtand, durchaus nicht erwähnt. Er war noch zu ſchwach, als daß er hätte zum Frühſtücke gehen können; aber als er den andern Tag in das Stübchen der Haushälterin kam, ſuchten ſeine Blicke zuerſt das Bild der freundli⸗ chen Dame. Seine Erwartung wurde jedoch getäuſcht, denn das Bild war weggenommen worden. 5 Die Haushälterin, welche den Blicken Olivers folgte, bemerkte:„Es iſt fort, wie Du ſiehſt.« »Ich ſehe es,« antwortete Oliver ſeufzend.»Warum iſt es denn weggenommen worden?« „»Herr Brownlow meinte, es habe einen zu ſtarken Eindruck auf Dich gemacht, und könne wohl Deine Ge⸗ neſung verhindern,« antwortete die alte Haushälterin. »Ach, ich ſah es ſo gern, ich liebte es ſo.« „»Nun,« antwortete die freundliche Alte,»Du er⸗ holſt Dich ſehr bald, und es wird dann wieder aufge⸗ hangen werden, ich verſpreche es Dir. Jetzt wollen wir von etwas anderm reden.« Weiter konnte Oliver nichts von dem Gemälde er⸗ fahren, und da die alte Frau in ſeiner Krankheit ſo gut gegen ihn geweſen war, ſo nahm er ſich vor, an das Bild nicht weiter zu denken, und hörte aufmerkſam vie⸗ len Geſchichten zu, die ſie ihm von ihrer ſchönen und liebenswürdigen Tochter erzählte, welche an einen ſchö⸗ nen und liebenswürdigen Mann verheirathet ſei und auf dem Lande lebe, ſo wie von einem Sohne, der Com⸗ mis bei einem Kaufmanne in Weſtindien, auch ein gu⸗ ter junger Mann ſei, und jedes Vierteljahr einen ſo rührenden Brief nach Hauſe ſchreibe, daß ſie weinen müſſe, wenn ſie nur daran denke. Als die alte gute 4 Frau lange von ihren vortrefflichen Kindern und von — mn 8 — ☛— O A R& ⏑ N& ⏑ ⏑ nN 3 Oliver Twiſt. 131 den Verdienſten ihres lieben guten Mannes geſprochen hatte, der, die gute Seele! nun gerade ſechsundzwan⸗ zig Jahre todt ſei, war es Zeit geworden, den Thee zu trinken. Nach dem Thee lehrte ſie Oliver das ſchöne Kartenſpiel Cribbage, das er ſo ſchnell lernte, als ſie es lehren konnte, und dieſes Spiel ſpielten ſie mit gro⸗ ßem Ernſt und Intereſſe, bis der Kranke etwas war⸗ men Wein mit Waſſer und ein Stückchen geröſtetes Brot genießen und ſodann zu Bett gehen mußte. Dieſe Tage der Geneſung waren eine glückliche Zeit für Oliver. Alles war ſo ruhig, ſo nett, ſo in Ord⸗ nung, Jedermann ſo freundlich und ſanft, daß es ihm nach dem Lärmen und dem Gezänke, in welchem er bisher immer gelebt hatte, vorkam, als ſei er im Him⸗ mel. Kaum hatte er wieder ſo viele Kräfte geſammelt, daß er ſich ankleiden konnte, als ihm Herr Brownlow einen vollſtändigen neuen Anzug, eine neue Mütze und neue Schuhe machen ließ. Da man Oliver ſagte, er möge mit ſeinen alten Kleidern thun, was er wolle, gab er ſie einer Magd, die ſehr freundlich gegen ihn gewe⸗ ſen war, ſagte ihr, ſie möge dieſelben an einen Juden verkaufen und das Geld für ſich behalten. Dies that das Mädchen auch, und als Oliver durch das Fenſter ſah, wie der Jude dieſe alten Kleidungsſtücke zuſammen⸗ rollte, in ſeinen Sack ſteckte und damit fortging, freuete er ſich innerlich, daß ſie wirklich fortwären und er nicht zu füͤrchten brauchte, dieſelben wieder tragen zu müſſen. Es waren wirklich nur Lumpen; ein neues Kleidungs⸗ ſtück hatte Oliver vorher nie beſeſſen. Eines Abends, ungefähr eine Woche nach dem Vor⸗ falle mit dem Portrait„ als Oliver bei der Frau Bed⸗ win ſaß und planderte, ſchickte Herr Brownlow und ließ ſagen, wenn Oliver ſich wohl befinde, möge er doch . 9* Oliver Twiſt. zu ihm in das Studirzimmer kommen, wo er mit ihm eine zeitlans ſprechen wolle. »Ach, Du lieber Gott! waſche Deine Hände, Kind, und laß mich Dir das Haar glatt kämmen,“« ſagte Frau Bedwin.»Hätten wir nur gewußt, daß er nach Dir ſchicken würde, ſo hätten wir Dir einen friſchen Kragen umgethan.« Oliver that, was die gute Alte ihn thun hieß, und obgleich ſie ſehr klagte, daß es nicht einmal Zeit ſei, ſeinen Hemdekragen zu plätten, ſah er doch ſo zier⸗ lich und nett aus, daß die Alte äußerte, als ſie ihn wohlgefällig vom Kopfe bis zu den Füßen betrachtete, ſie zweifele, ob er durch größern Putz ein beſſeres Aus⸗ ſehen habe erhalten können. So ermuthigt, klopfte Oliver an die Thüre des Studirzimmers. Herr Brownlow rief»herein!« und Oliver befand ſich in einem Hinterſtübchen, das voll von Büchern war und deſſen einziges Fenſter in einen hübſchen Garten ſah. Vor dem Fenſter ſtand ein Tiſch; an dieſem Tiſche ſaß Herr Brownlow und las. Sobald er Oliver erblickte, ſchob er das Buch bei Seite und hieß den Knaben kommen und Platz nehmen. Oli⸗ ver gehorchte, und wunderte ſich, woher die Leute kom⸗ men ſollten, welche die vielen Bücher leſen könnten, die alle geſchrieben ſein müßten, um die Welt klüger und beſſer zu machen, worüber ſich alle Tage erfahrenere Leute als Oliver Twiſt wundern. 4 „Das ſind viele Bücher, mein Sohn, nicht wahr?« ſagte Herr Brownlow, als er die Neugierde bemerkte, mitzwelcher Oliver die Büchergeſtelle muſterte, welche von den Dielen bis an die Decke reichten. »Sehr viele, Sir,« antwortete Oliver; vich ſah ni ſo viele.« — —= ͤ— — —— n Oliver Twiſt. »Du ſollſt ſie alle leſen, wenn Du artig biſt,« ſagte der alte Herr freundlich,»und das wird Dir beſſer ge⸗ fallen, als den Einband anzuſehen, obgleich es viele Bü⸗ cher giebt, an denen der Einband das Beſte iſt.« »Gewiß dieſe ſchweren da,« entgegnete Oliver, in⸗ dem er auf einige dicke Quartanten mit vieler Vergol⸗ dung am Einbande wies. »Nein,« antwortete der alte Herr, während er Oli⸗ ver auf den Kopf klopfte und dabei lächelte;»möchteſt Du auch ein Gelehrter werden und Bücher ſchreiben können?2«. »Ich glaube, ich würde ſie lieber leſen,« antwortete Oliver. »Wie? Du möchteſt kein Schriftſteller werden?« fragte der alte Herr. 1 Oliver dachte einen Angenblick nach und antwortete dann, er glaube, Buchhändler zu ſein wäre beſſer als Buchſchreiber; darüber lachte der alte Herr ſehr und meinte, er habe eine ganz gute Bemerkung gemacht. Oliver freuete ſich, dies gethan zu haben, obgleich er nicht wußte, worin das Treffende ſeiner Bemerkung lag. »Nun, laß es gut ſein,« fuhr der alte Herr fort, „vich will Dich nicht zu einem Schriftſteller machen, ſo lange es noch ein ehrliches Handwerk giebt.« »Ich danke Ihnen, Sir,« antwortete Oliver, und der alte Herr lachte wiederum über die Ernſthaftigkeit ſdes Knaben und ſagte etwas von einem merkwürdigen Inſtincte, was Oliver nicht verſtand und deshalb nicht weiter beachtete. » Nun,« fuhr Herr Brownlow, wo möglich in noch freundlicherm, aber zugleich auch ernſterm Tone fort, als Oliver ihn bisher hatte ſprechen hören,„nun ſei auf⸗ 134 Oliver Twiſt, merkſam, mein Sohn, auf das, was ich Dir ſagen will. Ich will ohne Rückhalt mit Dir ſprechen, weil ich glaube, Du wirſt mich ſo gut verſtehen, als manche ältere Perſonen.«. »Ach, lieber guter Herr, ſagen Sie mir nicht, daß Sie mich fortſchicken wollen,« fiel Oliver ein, beunruhigt von dem ernſten Tone des alten Herrn,»ſtoßen Sie mich nicht aus Ihrem Hauſe wieder hinaus auf die Straße. Behalten Sie mich und laſſen Sie mich Ih⸗ nen dienen. Schicken Sie mich nicht wieder an den ſchrecklichen Ort, von dem ich komme. Ach, haben Sie Mitleiden mit einem armen Knaben, Sir.« „Mein lieber Sohn,« antwortete der alte Herr, gerührt von der warmen Bitte Olivers,»Du brauchſt nicht zu fürchten, daß ich Dich verlaſſe, ſo lange Du mir keine Veranlaſſung dazu giebſt.« „Das will ich nie, nie,« fiel Oliver eitr. »Ich hoffe es,« fuhr der alte Herr fort.»Zwar bin ich von den Perſonen, denen ich mein Wohlwollen zuwendete, oft hintergangen worden, doch glaube ich, Dir vertrauen zu können, und nehme innigern Antheil an Dir, als ich mir ſelbſt erklären kann. Die Perſonen, die meine innigſte Liebe beſaßen, ruhen im Grabe, aber obgleich das Glück und die Freude meines Lebens mit ihnen begraben ſind, iſt doch mein Herz ſelbſt noch nicht eingeſargt und für meine beſten Gefühle nicht verſchloſ ſen. Tiefe Trauer hat dieſelben nur ſtärker gemacht und ſo muß es wohl ſein, damit unſere Natur geläu tert werde.« Während der alte Herr dies leiſe und mehr für ſich als zu Oliver ſprach, und dann eine kurze Zeit darauf ſchweigend daſaß, rührte ſich der Knabe nicht und wagte kaum zu athmen. ——— — —— 8 — 135 Endlich fuhr der alte Herr in freundlicherm Tone fort:»Ich ſage dies nur, weil Dein Herz noch jung iſt, und Du, wenn Du weißt, daß ich großen Schmerz und vielen Kummer erduldet habe, Dich vielleicht ſorg⸗ fältiger hüten wirſt, mich von neuem zu verletzen. Wie Du ſagſt, biſt Du eine Waiſe und haſt keinen Freund in der Welt; alle Nachforſchungen, die ich angeſtellt habe, beſtätigen dies. Erzähle mir Deine Geſchichte, wo Du geboren wurdeſt, wer Dich erzog und wie Du in die Geſellſchaft kameſt, in welcher ich Dich fand. Sprich die Wahrheit, und wenn ich ſehe, daß Du kein Verbrechen begangen haſt, ſollſt Du, ſo lange ich lebe, nicht ohne Freund ſein. c „Oliver konnte vor Schluchzen mehrere Minuten lang nicht ſprechen, und eben als er erzählen wollte, wie er auf dem Lande erzogen und von dem Herrn Bumble in das Arbeitshaus gebracht worden ſei, hörte man ei⸗ nen raſchen, ungeduldigen Doppelſchlag an der Haus⸗ thüre, und die Magd, welche ſchnell die Treppe herauf⸗ kam, meldete Herrn Grimwig. »Kommt er herauf?« fragte Brownlow. »Ja, Sir,« antwortete die Magd.»Er fragte, ob es muffins*) in dem Hauſe gebe, und als ich dies be⸗ jahete, ſagte er, er ſei zum Thee gekommen.⸗« »Brownlow lächelte und erklärte Oliver, Herr Grimwig ſei ein alter Freund von ihm, zwar etwas rauh in ſeinem Weſen, aber von Herzen ein kreuzbra⸗ ver Menſch. »Soll ich wieder gehen, Sir?« fragte Oliver. Oliver Twiſt. *) Muffins ſind mit heißer Butter getränkte Milchbrote, welche zum Thee gegeben werden. D. Ueberſ. Oliver Twiſt. »Nein,« antwortete Brownlow;»bleibe Du immer hier.« In dieſem Augenblicke trat, geſtützt auf einen ſtar⸗ ken Stock, ein großer ältlicher Mann herein, der auf dem einen Beine etwas hinkte, einen blauen Rock, eine geſtreifte Weſte, Nankin⸗Beinkleider und Gamaſchen und einen breitkrämpigen weißen Hut trug, deſſen auf⸗ gekrämpte Seiten grün gefüttert waren. Ein ſehr klein gefalteter Buſenſtreif ſah aus ſeiner Weſte hervor, und unter derſelben hing eine ſehr lange ſtählerne Uhrkette bloß mit einem Uhrſchlüſſ el. Die Enden ſeines weißen Halstuches waren in einen Ball von der Größe einer Orange zuſammengedrehet,— die verſchiedenen Verzer⸗ rungen ſeines Geſichtes aber laſſen ſich nicht beſchrei⸗ ben. Er pflegte, wenn er ſprach, den Kopf ganz auf eine Seite zu drehen und mit den Augen auf die ent⸗ gegengeſetzte zu ſehen, ſo daß man bei ſeinem Anblicke immer an einen Papagei denken mußte. In dieſer Stel⸗ lung blieb er denn auch ſtehen, ſobald er eingetreten war, zeigte ein Stüͤck Apfelſinenſchale und ſprach in mürriſchem, unzufriedenen Tonne: »Sehen Sie da? Iſt es nicht höchſt wunderbar und außerordentlich, daß ich in kein Haus gehen kann, ohne ein Stück ſolcher verfluchter Schale auf der Treppe zu finden? Durch Apfelſinenſchale bin ich einmal lahm geworden, und Apfelſinenſchale wird noch einmal mein Tod ſein; das iſt gewiß, oder ich verzehre meinen eige⸗ nen Kopf, Sir.« Mit dieſer Betheuerung unterſtützte und beſtätigte Herr Grimwig faſt jede ſeiner Behaup⸗ tungen. Nehmen wir aber auch an, die Wiſſenſchaft mache ſolche Fortſchritte, daß Jemand ſeinen eigenen Kopf eſſen kann, wenn es ihm beliebt, ſo war der Kopf des Herrn Grimwig doch ſo ungewöhnlich groß, daß Oliver Twiſt. 137 auch der größte Sanguiniker unmöglich die Hoffnung hegen konnte, in einem Sitze mit demſelben fertig zu werden, ließe er auch die dicke Puderdecke ganz unbe⸗ rückſichtigt. »Ja, ich will meinen Kopf eſſen,« wiederholte Herr Grimwig, indem er mit dem Stocke auf den Boden ſtieß.»Aber, was iſt das?« ſetzte er hinzu, als er Oliver bemerkte, und trat ein paar Schritte zurück. »Das iſt der junge Oliver Twiſt, von dem wir ſchon geſprochen haben,« antwortete Brownlow. Oliver verbeugte ſich. »Sie meinen doch nicht, das ſei der Knabe, welcher das Fieber hatte, hoffe ich?« fragte Grimwig, und re⸗ tirirte noch weiter.»Warten Sie einmal eine Minute, ſprechen Sie nicht, ſtill!« fuhr er abgebrochen fort, und alle ſeine Furcht vor dem Fieber verſchwand bei der Freude über ſeine Entdeckung;„das iſt der Junge, wel⸗ cher die Apfelſine hatte! Iſt das nicht der Junge, wel⸗ cher die Apfelſine hatte und dieſes Stück Schale! auf die Treppe warf, ſo will ich meinen Kopf eſſen und den ſeinigen dazu.« »Nein, nein, er hat keine gehabt,« antwortete Brownlow lachend;»kommen Sie, legen Sie Ihren Hut ab und reden Sie mit meinem jungen Freunde.« »Das empört mich, Sir,« fuhr der reizbare alte Herr fort, indem er die Handſchuhe auszog.»Es lie⸗ gen immer mehr oder weniger Apfelſinenſchalen auf un⸗ ſerer Straße, und ich weiß, der Junge des Chirurgen an der Ecke wirft ſie hin. Vorige Nacht ſtolperte ein junges Mädchen über ein Stück und fiel an mein Gar⸗ tengeländer.— Er legt den Leuten dadurch Fallen, er i*ſt ein Mörder, gewiß; iſt er keiner, ſo—«Der reiz⸗ bare alte Herr ſchlug dabei gewaltig mit ſeinem Stocke Oliver Twiſt. 138 auf den Boden, wie er es immer that, wenn die Ver⸗ ſicherung kam, er wolle ſeinen Kopf eſſen, was ſeine Freunde ſchon wußten. Dann ſetzte er ſich, behielt aber ſeinen Stock bei ſich, machte eine Lorgnette aus einan⸗ der, die er an einem breiten ſchwarzen Bande trug, und beobachtete damit Oliver, der darüber hochroth wurde und ſich wiederum verbeugte. „»Das iſt der Junge, he?« fragte endlich Herr Grimwig. »Das iſt der Knabe,« antwortete Herr Brownlow, und nickte gutmüthig Oliver zu. „»Wie befindeſt Du Dich?« fragte Herr Grimwig. „Um vieles beſſer, ich danke Ihnen, Sir,« antwor⸗ tete Oliver. Brownlow ſchien zu fürchten, ſein ſeltſamer Freund werde etwas Unangenehmes ſagen, und trug deshalb Oliver auf, hinunter zu gehen und der Frau Bedwin zu ſagen, ſie erwarteten den Thee. Oliver gehorchte ſehr gern, denn der Fremde geſiel ihm gar nicht. »Iſt er nicht ein netter Junge?« fragte Herr Brownlow. „»Das weiß ich nicht.« „Wie ſo 2 „Ich weiß es nicht. Ich ſehe keinen Unterſchied an den Jungen; ich kenne bloß zwei Sorten, mit ganz blaſſen und mit ganz rothen Geſichtern.« „Zu welcher Sorte gehört denn da Oliver?« „Zu der blaſſen. Ein Freund hat einen rothbäckigen Jungen zu ſich genommen; man nennk ihn ein ſchönes Kind; er hat einen runden Kopf, rothe Wangen und blitzende Augen; er iſt ein ſchrecklicher Junge, denn die Glieder ſcheinen ihm durch die Nähte ſeines blauen Rockes herauszuquellen. Eine Stimme hat er wie ein Oliver Twiſt. 139 Lotſe und einen Appetit wie ein Wolf. Ich kenne den Buben.“« »Nun dieſe Beſchreibung paßt nicht auf Oliver Twiſt, und er wird alſo Ihren Unwillen nicht reizen.« »Sie paßt allerdings nicht,« antwortete Grimwig; vaber er kann noch ſchlimmere Eigenſchaften haben.« Brownlow huſtete ungeduldig, was dem Herrn Grimwig großen Spaß zu machen ſchien. »Er kann noch ſchlimmere Eigenſchaften haben,« fuhr er fort.»Woher kommt er? Wer iſt er? Was iſt er? Er hat das Fieber gehabt,— wie ging das zu? Haben je brave Leute das Fieber, he? Nur ſchlechte Menſchen haben bisweilen Fieber, nicht wahr? Ich weiß, daß ein Menſch in Jamaika gehenkt wurde, weil er ſei⸗ nen Herrn ermordet hatte; er hatte das Fieber ſechs⸗ mal gehabt; deshalb konnte man ihn nicht bedauern.« Grimwigs Herz war gar nicht abgeneigt, Olivers Aeußeres und Benehmen für ungewöhnlich einnehmend zu halten; aber er hatte die Sucht und Gewohnheit, überall zu widerſprechen, und jetzt war er namentlich dadurch gereizt, daß er die Apfelſinenſchale gefunden hatte. Während er ſo ſich vornahm, ſich von Nieman⸗ dem einreden zu laſſen, daß ein Knabe hübſch ſei oder nicht, entſchloß er ſich zugleich, ſeinem Freunde zu wi⸗ derſprechen. Als Brownlow bemerkte, daß er für jetzt auf keine Frage genügende Antwort geben könne, auch jede Nachfrage nach Olivers früherer Geſchichte verſcho⸗ ben habe, bis er glaube, der Knabe ſei ſtark genug, die⸗ ſelbe ertragen zu können, lachte Grimwig boshaft und fragte höhniſch, ob die Haushälterin auch Abends die ſilbernen Löffel u. ſ. w. zähle, denn wenn ſein Freund nicht eines Morgens ein paar dergleichen vermiſſe, ſo wolle er ſeinen Kopf eſſen. 140 Oliver Twiſt. Alles dies hörte Herr Brownlow ruhig mit au, da er ſeines Freundes Eigenheiten kannte, obgleich er ſelbſt ziemlich heftig war; dagegen ſprach Grimwig bei dem Thee ſeine vollkommene Zufriedenheit mit den Muffins aus, alles ging ganz gut, und Oliver, der ſich wieder eingefunden hatte, fing an, in Gegenwart des heftigen Alten freier zu athmen. »Wann wollen Sie ſich denn einen vollſtändigen und wahren Bericht von dem Leben und den Abenteuern Dliver Twiſts geben laſſen?« fragte Grimwig den Freund, nachdem er ſeinen Appetit geſtillt hatte, und er ſah da⸗ bei Oliver wie gewöhnlich von der Seite an. »Morgen früh,« antwortete Brownlow, und ſetzte dann gegen Oliver hinzu:»Komm morgen früh um zehn Uhr zu mir, mein Sohn.« „»Ja, Sir,“« antwortete Oliver mit einiger Zöge⸗ rung, denn Grimwigs ſcharfe Blicke machten ihn ver⸗ legen. »Ich ſage Ihnen, er kommt nicht,« flüſterte Grim⸗ wig dem Freunde zu;»er kommt nicht. Ich ſah es, wie er zögerte, ehe er antwortete. Er hintergeht Sie, lieber Freund.« »Ich möchte es beſchwören, daß er das nicht thut,« erwiederte Brownlow warm. »Thut er es nicht, ſo will ich—« und er ſchlug mit dem Stocke auf den Boden. »Ich bürge mit meinem Leben für die Wahrheit des Knaben,« entgegnete Brownlow und ſchlug dabei auf den Tiſch. » Und ich mit meinem Kopfe für ſeine Falſchheit,« erwiederte Grimwig, der auch auf den Tiſch ſchlug. »Wir werden ja ſehen,« fuhr Brownlow fort und kämpfte ſeinen Zorn nieder. Oliver Twiſt. 141 »Ja, das werden wir,« entgegnete Grimwig mit einem herausfordernden Lächeln,»„das werden wir.« In dieſem Augenblicke brachte Frau Bedwin ein klei⸗ nes Packet Bücher, welche Brownlow Vormittags bei demſelben Büchertrödler gekauft hatte, der in dieſer Ge⸗ ſchichte ſchon einmal aufgetreten iſt, legte daſſelbe auf den Tiſch und wollte wieder gehen.. »Rufen Sie doch einmal den Knaben, Frau Bedwin, es iſt etwas zurückzutragen,« ſagte Herr Brownlow. »Auch ſind die Bücher noch nicht bezahlt, und der arme Mann braucht das Geld.« „»Er iſt ſchon fort.« »So rufen Sie ihn nur.« Die Hausthüre wurde geöffnet. Oliver lief dahin und die Magd dorthin, Frau Bedwin blieb an der Thüre ſtehen und rief nach dem Knaben, der die Bücher ge⸗ bracht hatte; aber es war kein Junge zu ſehen, und Oliver wie die Magd kamen athemlos zurück und mel⸗ deten, daß ſie denſelben nicht gefunden. »Das thut mir ſehr leid,« meinte Herr Brownlow; vich wünſchte beſonders, dieſe Bücher noch heute zurück⸗ zugeben.« »Schicken Sie Oliver damit fort,« fiel Grimwig mit ſpöttiſchem Lächeln ein;„der giebt ſie gewiß ſicher ab.« »Ja, laſſen Sie mich die Bücher forttragen, Sir,⸗ ſagte Oliver;»ich will recht ſchnell laufen.« Der alte Herr wollte eben ſagen, Oliver dürfe durch⸗ aus nicht gehen, aber ein ganz malitiöſer Huſten Grim⸗ wigs beſtimmte ihn, nun gerade dem Knaben die Er⸗ laubniß zu geben, damit er beweiſe, wie Unrecht ihm ſein Freund mit dem Verdachte thue.»Ja, Du ſollſt gehen, mein Sohn,« antwortete Brownlow.»Die 14⁴² Oliver Twiſt. Bücher liegen auf dem Stuhle neben meinem Tiſche. Hole ſie herunter.« Oliver, der ſich unendlich freuete, ſeinem Wohlthäter einen Dienſt erweiſen zu können, brachte ſchnell die Bü⸗ cher unter dem Arme herunter, hielt ſeine Mütze in der Hand und wartete auf den Auftrag, der ihm werden würde. »Du ſagſt,« ſprach Brownlow, während er Grim⸗ wig anſah,»Du brächteſt hier die Bücher zurück und wollteſt die 4 Pfd. St. 10 Shill. bezahlen, die ich ſchul⸗ dig ſei. Da haſt Du eine Fünfpfundnote; darauf bringſt Du mir zehn Shill. zurück.« „Ich werde nicht zehn Minuten ausbleiben, Sir,⸗ antwortete Oliver dienſtfertig; dann ſteckte er die Bank⸗ note in ſeine Taſche, nahm die Bücher ſorgfältig unter den Arm und verließ das Zimmer. Frau Bedwin be⸗ gleitete ihn bis an die Hausthüre, beſchrieb ihm den nächſten Weg, nannte ihm den Namen des Büchertröd⸗ lers, wie den Namen der Straße, empfahl ihm ſodann nochmals, recht vorſichtig zu ſein und ſich nicht zu er⸗ kälten, und ließ ihn endlich gehen. Oliver drehete ſich freundlich um und nickte der Frau Bedwin zu, ehe er um die Ecke bog. Die Frau erwie⸗ derte lächelnd den Gruß, ſchloß die Thüre und kehrte in ihr Stübchen zurück. »In ſpäteſtens zwanzig Minuten wird er zurück ſein,« meinte Herr Brownlow, indem er ſeine Taſchen⸗ uhr herauszog und auf den Tiſch legte.» Unterdeß wird es dunkel.« »Sie glauben alſo wirklich, daß er wiederkommt?« fragte Grimwig. 3 „Glauben Sie denn das nicht?« entgegnete Brown⸗ low lächelnd. Oliver Twiſt. 143 Der Geiſt des Widerſpruchs war eben ſo ſtark in Grimwig und er wurde noch verſtärkt durch des Freun⸗ des vertrauensvolles Lächeln. »Nein,“« ſagte er, indem er mit geballter Fauſt auf den Tiſch ſchlug,»ich glaube es nicht. Der Junge hat einen neuen Anzug auf dem Leibe, mehrere theure Bü⸗ cher unter dem Arme und eine Fünfpfundnote in der Taſche; er wird zu ſeinen alten Freunden, den Dieben, zurückkehren und Sie auslachen. Kommt der Junge in dieſes Haus zurück, ſo eſſe ich meinen Kopf.« Dabei zog er ſeinen Stuhl näher an den Tiſch, und da ſaßen die beiden Freunde in ſchweigender Erwartung, vor ſich die Uhr. Es verdient wohl bemerkt zu werden, da es die Wichtigkeit zeigt, welche wir auf unſer eige⸗ nes Urtheil legen, und den Stolz, mit welchem wir un⸗ ſere raſcheſten Schlüſſe ausſprechen, daß Grimwig, der von Herzen keineswegs böſe war und dem es wahrhaft leid gethan haben würde, wäre ſein Freund betrogen worden, wirklich und im vollem Ernſte in dieſem Au⸗ genblicke hoffte, Oliver Twiſt möge nicht zurückkommen. Aus ſolchen Widerſprüchen beſteht das menſchliche Herz. Es wurde ſo dunkel, daß man die Zahlen auf der Uhr kaum noch erkennen konnte, aber die beiden alten Freunde ſaßen noch immer ſchweigend da und ſahen nach der Uhr, die zwiſchen beiden lag. 144 Oliver Twiſt. Funfzehntes Kapitel zeigt, wie lieb der luſtige alte Jude und Jungfer Aennchen Oliver Twiſt hatten. Läge es nicht in meinem wohlerwogenen und geprüf⸗ ten Plane dieſes proſaiſchen Epos(denn ein ſolches ſoll es ſein), die beiden alten Herren, nachdem es ſo dunkel geworden, daß ſie die Uhr kaum noch erkeunen konnten, die zwiſchen ihnen lag, ſitzen und auf Oliver warten zu laſſen, ſo hätte ich eine gute Gelegenheit, den Leſer mit vielen weiſen Reflerionen davon zu unterhalten, wie es ſehr unklug ſei, unſeren Nebenmenſchen irgend etwas Gutes zu erweiſen, wenn man keine irdiſche Belohnung dafür hoffen kann, wie klug es aber ſei, in einem be⸗ ſondern Falle in gewiſſem Grade Mitgefühl und Theilnahme zu zeigen, und dann dieſe Schwachheiten gänzlich aufzugeben. Ich weiß zwar, daß ich mir durch die Empfehlung dieſer geringen Abweichung von dem Pfade der Weltklugheit den Tadel vieler trefflichen und reſpectablen Perſonen zuziehe, die lange auf demſelben wandelten; aber ich wage doch zu behaupten, die Vor⸗ theile dabei ſind mannichfaltig und dauernd. Geht es mit dem Menſchen, an dem man einen Verſuch der Rührung machte, gut, beſſern ſich ſeine Umſtände nach der Unterſtützung, die man ihm gewährte, ſo erhebt er gewiß aus lauter Dankbarkeit unſere Güte bis in die Wolken; dadurch wird unſer Character begründet und wir gelten in der Welt für die liebenswürdigſte Perſon, welche im Verborgenen ſo viel Gutes thue, daß nicht der zwanzigſte Theil davon bekannt werde. Iſt dagegen 2 Oliver Tw iſt. 145 der ſchlechte Character jenes Menſchen bekannt und ſeine Liederlichkeit zum Sprichwort geworden, ſo glauben die Leute, wir hätten in großer Uneigennützigkeit Gutes thun wollen, wären aber in Folge ſchwarzen Undanks menſchenfeindlich geſinnt worden, und hätten, was wir ſelbſt am meiſten bereueten, ein vorſchnelles und feierli⸗ ches Gelübde gethan, nie wieder einem Manne, einer Frau oder einem Kinde, zu helfen, damit wir nicht von neuem betrogen würden. Ich kenne viele Perſonen, die ſich in einer von dieſen beiden Lagen befinden, und ich kann verſichern, ſie genießen die größte und allgemeinſte Achtung unter allen meinen Bekannten. Da jedoch Brownlow keiner von dieſen Leuten war, hartnäckig dabei blieb, Gutes bloß um des Guten ſelbſt und der Genugthuung willen zu verrichten, welche ihm ſein Herz gab; da er durch keinen Mißgriff zu entmuthi⸗ gen war und nie die Undankbarkeit eines Einzelnen ihn verleiten konnte, ſich an dem ganzen menſchlichen Ge⸗ ſchlechte zu rächen, ſo will ich mich hier in keine ſolche Abſchweifung einlaſſen. Iſt dies kein zureichender Grund für dieſen meinen Vorſatz, ſo habe ich einen triftigern und wirklich gar nicht zu widerlegenden bereits angege⸗ ben, nämlich, daß es gar nicht in meinem Plane liegt, ſo etwas zu thun.— In einer dunkeln Gaſtſtube eines gemeinen Wirths⸗ hauſes in dem ſchmutzigſten Theile von Little Saffron Hill,— einem düſtern finſtern Platze, wo im Winter den ganzen Tag hindurch ein blendendes Gaslicht brannte und im Sommer nie ein Sonnenſtrahl ſich zeigte,— ſaß, über einem kleinen zinnernen Kruge und einem klei⸗ nen Branntweinglaſe brütend, ein Mann in einem Man⸗ cheſterrocke, grauen kurzen Beinkleidern, Halbſtiefeln und Strümpfen, den ſelbſt in dieſem düſtern Lichte jeder nur Oliver Twiſt. I. 10 146 Oliver Twiſt. einigermaßen erfahrene Polizeidiener angenblicklich für William Sikes erkannt haben würde. Zu ſeinen Füßen ſaß der rothäugige zortige weiße Pudel, der abwechſelnd ſeinen Herrn aublinzelte und eine große friſche Narbe an ſeiner Schnauze leckte, die er bei einem neuerlichen Kampfe erhalten zu haben ſchien. „Liege ſtill, du Beſtie, liege ſtilll« unterbrach Sikes plötzlich ſein Schweigen. Ob ſein Denken ſo tief war, daß er durch das Angenblinzeln des Hundes geſtört wer⸗ den konnte, oder ob ſeine Gefühle dabei ſo in Anſpruch genommen wurden, daß er ſich durch das Treten eines unſchuldigen Thieres erleichtern mußte, bedarf noch der Unterſuchung. Genug, der Hund wurde zu gleicher Zeit mit dem Fuße geſtoßen und verflucht. Die Hunde ſind gewöhnlich nicht geneigt, eine Belei⸗ digung zu rächen, die ihnen von ihrem Herrn zugefügt wird, der Hund des Herrn Sikes aber, deſſen Charakter dem ſeines Herrn zu gleichen ſchien und der in dieſem Augenblicke die Schmach vielleicht gerade recht tief em⸗ pfand, fuhr ſogleich mit den Zähnen nach einem der bei⸗ den Halbſtiefeln, ſchüttelte denſelben tüchtig und kroch dann knurrend unter eine Bank, wodurch er dem zinner⸗ nen Kruge entging, mit welchem Sikes ihm nach dem Kopfe zielte. »Du willſt es? Willſt Du?« brummte Sikes, indem er die Kohlenſchaufel in die eine Hand nahm und mit der andern bedächtig ein großes Einſchlagemeſſer auf⸗ klappte, das er aus der Taſche nahm.»Hierher, du Teufelsbraten; komm her! hierher! Hörſt du?« Ohne Zweifel hörte es der Hund, denn Sikes ſprach in dem rauheſten Tone ſeiner rauhen Stimme, aber er ſchien einige Abneigung vor dem Halsabſchneiden zu ha⸗ ben, blieb deßhalb wo er war, knurrte boshafter als vor⸗ Oliver Twiſt. 147 her, faßte zugleich das Ende der Kohlenſchaufel mit den Zähnen und biß hinein wie ein wildes Thier. Dieſer Widerſtand machte Sikes nur noch wüthender; er knieete nieder und ging dem Hunde ganz außer ſich zu Leibe. Dieſer ſprang von der Rechten zur Linken und von der Linken zur Rechten, biß, knurrte und bellte; der Mann ſtieß und ſchwur, ſchlug und fluchte, und der Kampf war einem kritiſchen Punkte nahe, als die Thüre plötzlich aufging, der Hund hinausfuhr und Bill Sikes mit der Kohlenſchaufel und dem Einſchlogheneſſer in der Hand allein zurückließ. Zu einem Streite gehören zwei Prteien, ſagt das alte Sprichwort, und da dem Herern Sikes der Hund entgangen war, ſo ließ er ſeinen Unwillen an den An⸗ kommenden aus. »Welcher Teufel heißt Dich zwiſchen mich und mei⸗ nen Hund treten?« fragte er mit wüthender Geberde. »Ich wußte nichts, lieber Freund, ich wußte nichts,« antwortete Fagin, denn es war der Inde, der erſchien. »Du wußteſt es nicht, Du haſenherziger Spitzbube?« grollte Sikes.»Hörbeſt Du den Lärmen nicht 2 »Keinen Laut, ſo wahr ich lebe, Bill,« antwortete der Jude. »Ach ja, Du hörſt nichts,« entgegnete Sikes mit höhniſchem Grinſen;»Du ſchleichſt herein und hinaus, daß Niemand weiß, wann Du kommſt oder geheſt. Ich wollte, Du wäreſt der Hund vor einer halben Minute geweſen, Fagin.« „»Warum?« fragte der Jude mit erzwungenem Lächeln. Weil die Regierung, der die Leben ſolcher Leute, wie Du biſt, ſehr am Herzen liegen, ob ſie gleich nicht halb ſo viel werth ſind als ein Hund, dem Manne erlaubt, ſeinen Hund zu erſchlagen, wenn es ihm beliebt,« ant⸗ 10* 4 148 Oliver Twiſt. wortete Sikes, indem er das Meſſer mit einem aus⸗ drucksvollen Blicke wieder einklappte;»das iſt das Warum.« Der Jude rieb ſich die Hände, nahm Platz an dem Tiſche und that, als lache er über den Witz ſeines Freun⸗ des, fühlte ſich aber eigentlich gar nicht behaglich. „Lache nur, Jude,« fuhr Sikes fort, indem er die Kohlenſchaufel wieder hinlegte und Fagin verächtlich an⸗ ſah.»g ome di Oberhand über Dich bekommen und werde ſi an odenee der Gott ſoll mich verdammen. Muß ich den, Du mir nach; nimm Dich alſo in Acht vor inges u »Ja, ja, enn*. d,« antwortete der Jude,»ich weiß das. Wi Faich ben ein eenſeitiges Intereſſe, Bill,— ein gegenfeiziges Intereſſe »Hm,n entgegnete Sikes, als rr, das Intereſſe ſei mehr auf der Seite des Jus auf der ſeinigen. „»Was wollteſt Du mir ſage „»Es iſt alles ſicher durck den Schmelztiegel gewan⸗ dert,« erwiederte Fagin und hier iſt Dein Antheil, mehr als es eigentlich ſein ſollte, lieber Freund; da ich aber weiß, Du biſt bei einer andern Gelegenheit auch nicht eigennützig, o—« »Her mit dam Bettel,« fiel der Spitzbube ungeduldig ein. Wo iſt er? Gieb her!« „Ja, ja, Bill; laß mir nur Zeit, laß mir nur Zeit,⸗ antwortete der Jude beſänftigend.»Da hier iſt alles wohlbehalten.« Während dieſer Worte nahm er ein al⸗ tes Tuch von der Bruſt, knüpfte einen großen Knoten an einem Zipfel auf, und zeigte ein kleines Paquet von braunem Papier, das Sikes ihm haſtig entriß, öffnete, und die Goldſtücke darin zählte. »Das iſt Alles? Alles?« fragte Sikes. Oliver Twiſt. 149 »Alles,« antwortete der Jude. »Haſt Du nicht das Papier unterwegs aufgemacht und ein paar Stücke verſchluckt, he?« fragte Sikes arg⸗ wöhniſch.»Ach ſtelle Dich nur nicht beleidigt, Du haſt es ſchon mehr als einmal gethan.— Zieh die Klingell⸗ Dies geſchah, und es erſchien ein anderer Jude, der zwar jünger war als Fagin, aber faſt ebenſo widerwär⸗ tig ausſah. Bill Sikes zeigte bloß auf ſein leeres Glas; der Jude verſtand den Wink ſogleich do vünt h, das Glas von Neuem zu füllen, wecte waaggen er einen merkwürdigen Blick mit Fagit⸗ N 34c). als er⸗ warte er denſelben, und zur Ante Peruitedeutend mit dem Kopfe ſchüttelte, daß es marrn geigerſon wohl gar nicht bemerkt haben würd gung entging auch Sikes, der ſich eben bückte; un emen Schnürſtiefel wieder zuzubinden, welchen ihm der Hund aufgeriſſen hatte. Wenn ei i Zeichen bemerkt, hätte er gewiß geglaubt, es bodenn auilhts Gutes für ihn. »Iſt Jemand. de⸗ Barney?« fragte Fagin, als Si⸗ kes wieder aufſah, aber ohtie die Augen aufzuſchlagen. »Keine Seele,« antwortete Barney, deſſen Worte, mochten ſie von Herzen kommen oder lnicht, ihren Weg durch die Naſe nahmen. »Niemand?« fragte Fagin mit denn Pone der Ver⸗ wunderung, welcher vielleicht andeutete, Barney lonne die Wahrheit ſagen, wie er wolle. »Niemand, als Jungfer Anna,« antwortete Barney. »Aennchen!« rief Sikes.»Wo? Straf' mich Gott mit Blindheit, wenn ich das Mädchen wegen ſeiner Klugheit nicht lieb habe.« »Sie verlangte ein Stück Rindfleiſch,« fuhr Barney fort. 150 Oliver Twiſt. »Schicke das Mädchen her,« ſagte Sikes, indem er das Glas mit einem Zuge leerte. Barney ſah ſchüchtern Fagin, wie um Erlaubniß fragend, an, ging aber, da der Jude weder antwortete noch die Augen aufſchlug, fort, und kam bald darauf mit dem Mädchen zurück, das noch den Hut, die Schürze, das Körbchen und den Schlüſſel trug. „»Biſt Du auf der Fährte, Aennchen?« fragte Sikes, indem er ſein Glas hinhielt. „»Ja, Bill,« antwortete das Mädchen,»aber auch müde. Der Junge iſt krank geworden, und—« »Ach, liebes Aennchen!« fiel Fagin ein, und ſah empor. Es kommt nicht viel darauf an, ob eine eigenthüm⸗ liche Zuſammenziehung der rothen Augenbrauen des Ju⸗ den und ein halbes Zudrücken ſeiner tiefliegenden Augen dem Mädchen andeuteten, ſie ſei zu ſchwatzhaft; wir kümmern uns nur um die Sache pelbſt, und dieſe iſt, daß ſie plötzlich inne hielt, Sikes Se⸗ hrmals anlächelte und dem Geſpräche eine andere Riai ung gab. Nach etwa zehn Minuten bekam Fagin einen Huſtenanfall, worauf das Mädchen den Shawl umnahm und meinte, es ſei Zeit zum Fortgehen. Sikes dachte daran, daß ſein Weg eine kurze Strecke weit derſelbe wie der ihrige ſei, und erbot ſich, ſie zu begleiten. Sie gingen alſo mit einander fort und in geringer Entfernung folgte ih⸗ nen der Hund, der aus dem Hofe kam, ſobald ſein Herr ihm aus den Augen war. Der Jude ſteckte ſeinen Kopf durch die Stubenthür hinaus, nachdem Sikes ihn verlaſſen hatte, ſah ihm nach, als derſelbe den dunkeln Gang hinſchritt, ſchüttelte die geballte Fauſt, murmelte einen fürchterlichen Fluch und ſetzte ſich alsdann mit einem gräßlichen Hohngelächter Oliver Twiſt. 151 wieder an den Tiſch, wo er bald in tiefe Gedanken ver⸗ ſank. Oliver Twiſt, dem es nicht in den Sinn kam, daß er ſich in ſo geringer Entfernung von dem luſtigen alten Herrn befinde, wanderte unterdeß der Bücherbude zu. Unverſehens bog er in ein Seitengäßchen ein und ging die Hälfte deſſelben hin, ehe er bemerkte, daß er auf fal⸗ ſchem Wege ſei; da er ſich jedoch beſann, daß er rechts gehen müſſe, ſo hielt er es für unnöthig, wieder umzu⸗ kehren, ſondern ſchritt ſo ſchnell, als es ihm möglich war, mit den Büchern unter dem Arme weiter. Er dachte eben über die glückliche Veränderung ſei⸗ nes Schickſales nach, und erinnerte ſich an ſeinen klei⸗ nen Freund in dem Arbeitshauſe, der vielleicht hungerig und geſchlagen auf dem Krankenlager liege oder gar ge⸗ ſtorben ſei, als eine weibliche Stimme dicht neben ihm ausrief:»Ach, mein lieber Bruder!« und gleich darauf zwei Arme ſich feſt um ſeinen Hals ſchlangen. „»Laſſen Sie los, laſſen Sie mich gehen!« rief Oli⸗ ver, indem er ſich loszumachen ſuchte.»Wer iſt es denn? Warum halten Sie mich auf?« Die einzige Antwort darauf war eine Fluth von lau⸗ ten Klagen des jungen Mädchens, das ihn umarmt hielt und ein Körbchen nebſt einem Schlüſſel in der Hand hatte. »Ach, lieber Himmel!« rief das Mädchen aus,»ich habe ihn gefunden! Ach Oliver, Oliver! Du böſer Oliver kannſt mir den Schmerz verurſachen! Komm nach Hauſe, Lieber, komm. Ach, ich habe ihn gefunden, Dank, gü⸗ tiger Himmel, ich habe ihn gefunden!« Und das Mäd⸗ chen fing jämmerlich an zu weinen und geberdete ſich ſo heftig, daß ein Paar Weiber, die hinzutraten, einen Flei⸗ ſcherburſchen mit fettigem Haar, der ebenfalls einen Zu⸗ 3 8 ——;:O’O:’O’’’xꝛäÃ:; 3 15²2 Oliver Twiſt. ſchauer abgab, erſuchten, er möge doch nach einem Arzte laufen. Der Burſche aber, der ziemlich träger Natur zu ſein ſchien, meinte, er halte dies für durchaus unnöthig. »Ich danke, ich danke,« entgegnete das Mädchen, in⸗ dem ſie Olivers Hand faßte,»mir iſt wieder beſſer; aber komm nun nach Hauſe, Oliver.« »Was giebt es denn?« fragte eine der Frauen. »Ach, liebe Frau,« antwortete das Mädchen,»er ver⸗ ließ vor einem Monate ungeſehen ſeine Aeltern, arbeit⸗ ſame, achtbare Leute, hing ſich an eine Geſellſchaft böſer Buben und Diebe, und hat ſeiner Mutter dadurch faſt das Herz gebrochen.« »Die arme Mutter!« rief die eine Frau. »Geh nach Hauſe, Du böſer Bubel« ſagte die andere. »Ich bin ihr Bruder nicht,« entgegnete Oliver in großer Angſt.»Ich kenne ſie nicht. Ich habe keine Schweſter, keinen Vater und keine Mutter. Ich bin eine Waiſe und wohne in Pentonville.« »Ach wie verſtockt er iſt!« rief das Mädchen. „»Ach, Aennchen iſt es!« fiel Oliver ein, der jetzt erſt das Geſicht des Mädchens ſah und zurückprallte. »Ihr ſeht, er kennt mich,« entgegnete das Mädchen, zu den Umſtehenden gewendet.»Helft mir ihn zurück⸗ bringen, gute Leute, oder ſeine Aeltern grämen ſich todt und mir bricht er das Herz.« »Was, zum Teufel! giebt es denn da?« fragte ein Mann, der aus einem Bierhauſe trat, und dem ein wei⸗ ßer Pudel folgte.»„Der junge Oliver? Gleich geh nach Hauſe zu Deiner armen Mutter, Bubel« »Ich kenne die Menſchen nicht. Hulfe! Hülfe!« rief Oliver, der ſich des Mannes kräftigen Fäuſten zu ent⸗ winden ſuchte. 1 »Hülfe?« wiederholte der Mann.»Ja, ich will Dir Oliver Twiſt. 153 helfen, Du nichtsnutziger Bube. Was haſt Du da für Bücher? Haſt Du ſie geſtohlen? Gieb ſie her! Damit entriß er dem Knaben die Bücher und gab ihm einen derben Schlag auf den Kopf.. »Das iſt Recht!« bemerkte ein Zuſchauer aus einem Fenſter.»Das iſt die rechte Art, ihn zu Verſtand zu bringen.«⸗ »Ganz gewiß,« ſtimmte ein ſchlafmütziger Zimmer⸗ mann ein, während er nach dem Fenſter hin ſah. »Das wird ihm gut ſein,« meinten die beiden Weiber. Der Mann gab darauf dem Knaben noch einen Schlag und nahm ihn beim Kragen.»Komm, Junge, und du, Hund, paß aufl« Was konnte der arme Knabe thun, ſchwach wie er noch war von der kaum überſtandenen Krankheit, be⸗ täubt von den Schlägen und dem unerwarteten Anfalle, erſchreckt von dem Knurren des Hundes und der Roh⸗ heit des Mannes, und übermannt von dem Glauben der Zuſchauer, er ſei wirklich der verſtockte böſe Bube, wie er geſchildert wurde? Es war dunkel geworden; in der Straße ſchien nicht die beſte Art Menſchen zu wohnen; keine Hülfe war in der Nähe und Widerſtand nutzlos. In dem nächſten Augenblicke ſah er ſich in ein Labyrinth von dunkeln, engen Höfen gezogen und über dieſelben ſo ſchnell fortgeſchleppt, daß die ſchwachen Hülferufe, welche er bisweilen auszuſtoßen wagte, von Niemandem gehört wurden. Freilich war es auch ſehr gleichgültig, ob ſie gehört wurden oder nicht, denn es befand ſich Niemand in der Nähe, der darauf geachtet haben würde. ** Die Gaslampen wurden angezündet; Frau Bedwin wartete ängſtlich an der geöffneten Glasthüre; die Magd war zwanzigmal die Straße hinaufgelaufen, um zu ſehen, * 2 154 ob ſich keine Spur von Oliver zeige, und die beiden al⸗ ten Herren ſaßen noch immer in dem dunkeln Zimmer an dem Tiſche, auf welchem die Uhr zwiſchen ihnen lag. Oliver Twiſt. Sechszehntes Kapitel erzählt, was nun aus Oliver Twiſt wurde. Die engen Straßen und Höfe endigten zuletzt in ei⸗ nem großen freien Platze, auf welchem hier und da Stände für Vieh und andere Abzeichen von einem Vieh⸗ markte ſichtbar waren. Sikes ging nun langſamer, da das Mädchen den ſchnellen Schritt nicht mehr auszu⸗ halten vermochte, er gebot Oliver in rauhem Tone, ſich von Aennchen führen zu laſſen. „»Hörſt Du?« brummte Sikes, als Oliver zögerte und ſich umſah. Sie befanden ſich in einem dunkeln Winkel, wo gar keine Leute gingen, und Oliver erkannte es nur zu deut⸗ lich, daß Widerſtand ganz nutzlos ſein würde. Er ſtreckte die Hand aus, welche das Mädchen feſthielt. »Gieb mir die andere,« fuhr Sikes fort, indem er Olivers noch freie Hand ergriff,»hier, Hund!« Der Hund ſah empor und knurrte. »Sieh mich an, Bube,« ſprach Sikes, indem er Oli⸗ ver mit der andern Hand an der Kehle faßte und einen gräßlichen Fluch ausſtieß;»wenn er ein Wort ſpricht, packe ihn! Hörſt Du?« Der Hund knurrte nochmals, leckte die Scmnauze Oliver Twiſt. 155 und ſah Oliver an, als habe er große Luſt, ſogleich nach Olivers Kehle zu ſpringen. »Gott ſtraf' mich mit Blindheit, der Hund iſt ſo be⸗ reitwillig wie ein guter Chriſt,« ſprach Sikes, während er das Thier mit einem gewiſſen wilden Beifallslächeln anſah.»Du weißt nun, was Du zu erwarten haſt, Junge, lauf alſo ſo geſchwind, als Du kannſt, der Hund wird Dich bald packen. Der Hund wedelte mit dem Schwanze, als freue er ſich über ſeines Herrn ungewöhnliche Freundlichkeit, knurrte zur Warnung noch einmal und ging voran. Die Nacht war finſter und nebelig, und es wollte eben an⸗ fangen zu regnen. Die Lichter in den Verkaufsläden ſchimmerten nur ſchwach durch den ſchweren Dunſt, der ſich jeden Augenblick noch mehr verdichtete, wie mit ei⸗ nem Leichentuche die Straßen und Häuſer umhüllte, den ſchauerlichen Ort in Olivers Augen noch ſchauerlicher machte und ſeine bangenvolle Erwartung noch verſchlim⸗ merte. Sie waren noch einige Schritte weit gegangen, als eine Glocke ſchlug. Mit dem erſten Schlage dreheten ſich ſeine beiden Führer nach der Seite hin, woher der Ton kam und blieben ſtehen. »Acht Uhr, Bill,« ſagte das Mädchen, als die Glocke ausgeſchlagen hatte. »Ich höre es,« erwiederte Sikes. »Ich möchte wiſſen, ob ſie es auch hören können,⸗ fuhr Aennchen fort. »Ja wohl, können ſie das. Ich weiß es; war ja auch gefangen darin.⸗ „»Die Arme!« rief Aennchen, die noch immer nach der Gegend hin ſah, in welcher die Glocke geſchlagen hatte. »Ach, Bill, ſolche hübſche junge Burſche wie ſiel« 156 Oliver Twiſt. »Ja, an weiter denkt Ihr Frauenzimmer nichts,⸗ antwortete Sikes,»hübſche junge Burſche! Sie ſind ſo gut als todt.« Mit dieſer Tröſtung ſchien Sikes einen Anfall von Eiferſucht zu erſticken; er faßte Olivers Hand feſter und befahl ihm, weiter zu gehen. »Warte nur eine Minute!« fiel das Madchen ein; vich mochte nicht vorbeigehen, Sikes, als Du den näch⸗ ſten Morgen um acht Uhr ſollteſt gehenkt werden. Ich ging da hin und her, bis ich liegen blieb; es hatte ge⸗ ſchneiet und ich hatte keinen Shawl.« »Was konnte das helfen?« fragte der unſentimentale Sikes.»Konnteſt Du mir keine Feile und zwanzig Ellen eines tüchtigen Taues ſchaffen, ſo brauchteſt Du gar nicht herzugehen oder konnteſt funfzig Meilen davon ſein. Komm fort und predige nicht.« Das Mädchen lachte, zog den Shawl feſter um ſich, und ſie gingen weiter, aber Oliver fühlte, daß ihre Hand zitterte, und ſah, als er ihr bei einer Gaslampe in das Geſicht blickte, daß ſie todtenblaß geworden war. Sie gingen in wenig beſuchten Straßen und ſchmu⸗- tzigen Gaſſen noch eine volle halbe Stunde weiter und begegneten ſehr wenig Perſonen, denn es regnete nun ſtark, und die Leute, welche ſie erblickten, ſchienen derſel⸗ ben Klaſſe anzugehören, wie Sikes. Endlich gelangten ſie in eine ſehr ſchmutzige enge Gaſſe, die ganz voll von Trödelbuden war; der Hund lief voraus, als wiſſe er, daß er nun nicht mehr aufzupaſſen brauche, und blieb an der Thüre eines verſchloſſenen Ladens in einem ſehr bau⸗ fälligen Hauſe ſtehen, an welchem ein Schildchen mit der Anzeige befeſtigt war, daß es zu vermiethen ſei. »Alles gut!« ſagte Sikes, indem er ſich vorſichtig umſah. 6 Oliver Tw iſt. 157 Aennchen bückte ſich unter die Fenſterladen und Oli⸗ ver hörte eine Klingel ſchellen. Sie traten an die ent⸗ gegengeſetzte Seite der Straße hinüber und ſtanden da einige Augenblicke unter einer Lampe. Man hörte ein Geräuſch, als werde ein Schiebfenſter geöffnet, und bald darauf ging auch leiſe die Thüre auf, worauf Sikes den erſchrockenen Knaben ohne Umſtände am Kragen faßte, und alle drei ſchnell in das Haus eintraten. Es war da vollkommen dunkel, und ſie warteten, bis die Perſon, welche die Thüre geöffnet, dieſelbe wieder ver⸗ ſchloſſen und verriegelt hatte. »Iſt Jemand da?« fragte Sikes. »Nein,« antwortete eine Stimme, welche Oliver ſchon vorher gehört zu haben glaubte. »Iſt der Alte da?« fragte der Räuber weiter. »Ja,« antwortete die Stimme,»aber er ſpricht wenig und wird gewiß nicht eben erfreut ſein, Sie zu ſehen.⸗« Es wurde Oliver immer deutlicher, daß ihm die Stimme ſchon bekannt ſei, aber er konnte nicht einmal die Geſtalt des Sprechenden in der Dunkelheit erkennen. »Bringe Licht,« gebot Sikes,»oder wir brechen die Hälſe oder treten auf den Hund. Wer das thut, mag für ſeine Beine ſorgen.« »Bleiben Sie einen Augenblick ſtehen, ich will Licht holen,« antwortete die Stimme. Man hörte die Spre⸗ chenden fortgehen, und in der nächſten Minute erſchien John Dawkins, genannt der pfiffige Sappermenter, mit einem Talglichte auf einem zerſprungenen Leuchter. Der junge Burſch würdigte Oliver keines anderen Zeichens der Erkennung als eines höhniſchen Lächelns, winkte aber den Ankommenden, ihm die Treppe hinauf zu folgen. Sie gingen durch eine leere Küche, öffneten die Thüre einer niedrigen, nach rde riechenden Stube, 158 Oliver Twiſt. die in einem kleinen Hofe angebracht zu ſein ſchienen und wurden mit lautem Gelächter empfangen. »Ach, mein Zopf, mein Zopf!« rief Karlchen Bates, von dem das Gelaͤchter kam;»da iſt er, da iſt er! Fa⸗ gin, ſehen Sie ihn an! Ich kann nicht mehr; halte mich einer, ich falle um vor Lachen.« Karlchen legte ſich der Länge nach auf den Boden und ſchlug in wahrem Lachkrampfe fünf Minuten lang mit Haͤnden und Beinen um ſich. Dann ſprang er auf, nahm dem Sappermenter den Leuchter aus der Hand, trat zu Oliver, beſah denſelben von allen Seiten, wäh⸗ rend der Jude ſeine Nachtmütze abnahm und vor dem beſtürzten Knaben zahlloſe tiefe Bücklinge machte, und der Sappermenter, der ernſten Temperamentes war und ſelten bei den Geſchäften lachte, ihm emſig die Taſchen durchſuchte. »Sehen Sie nur ſeinen Anzug, Fagin,« rief Karl⸗ chen, indem er das Licht ſo nahe an Olivers neues Jäck⸗ chen hielt, daß er es faſt angebrannt hätte,»vom fein⸗ ſten Tuche und nach dem neueſten Schnitte! Ach mein Bauch! Ha! ha! ha! Und die Bücher, wie ein vorneh⸗ mer Herr, Faginlk e Freue mich ungemein, Sie ſo wohl zu ſehen, mein Lieber,« ſprach der Jude unter fortwährenden Bücklingen. »Der Sappermenter ſoll Ihnen einen andern Anzug ge⸗ ben, damit Sie Ihren Sonntagsſtaat nicht verderben. Warum ſchrieben Sie nicht und meldeten uns Ihre An⸗ kunft? Wir hätten dann etwas Warmes zum Abend⸗ eſſen beſorgt.« Karlchen Bates lachte darüber wieder ſo heftig, daß Fagin einlenkte und ſelbſt darüber lächelte; da er aber in dieſem Augenblicke die Fünfpfundnote fand, ſo iſt es . Oliver Twiſt. 159 zweifelhaft, ob die allgemeine Heiterkeit oder dieſer Fund ſein Lächeln erregte. »Was iſt das?« ſagte Sikes, indem er hinzutrat, als der Jude die Note ergriff.»Das iſt mein, Fagin.⸗ »Nein, mein, mein,« erwiederte der Jude; ⸗mein, Bill, mein. Du bekommſt die Bücher.« »Wenn ich den Zettel da nicht bekomme,« ſprach Sikes, während er den Hut mit entſchloſſener Miene auf⸗ ſetzte,»ſo nehme ich den Jungen wieder mit fort.« Der Jude erſchrak und Oliver ebenfalls, aber aus ei⸗ nem ganz andern Grunde, denn er hoffte, der Streit werde wirklich damit enden, daß er wieder fortgebracht werde. »Gieb ihn her, willſt Du?« fragte Sikes. »Das iſt nicht recht von Dir, Sikes, nicht wahr, Aennchen?« erwiederte der Jude. „»Recht oder nicht recht,« fuhr Sikes fort,»gieb Du den Zettel nur her. Denkſt Du, ich und Aennchen hät⸗ ten weiter nichts zu thun, als den Jungen nachzulaufen und ſie einzufangen, die durch Dich den Häſchern in die Hände gerathen? Gieb das Geld her, Du altes geiziges Gerippe?« Damit zog er die Fünfpfundnote dem Juden aus der Hand, legte ſie zuſammen und band ſie in einen Zipfel ſeines Taſchentuches.»Das iſt unſer Theil,« fuhr Sikes fort,»aber nicht halb genug für unſere Mühe. Die Bü⸗ cher kannſt Du behalten, wenn Du gern lieſeſt; willſt Du nicht leſen darin, ſo verkaufe ſie.« »Sie gehören dem alten Herr,“« fiel Oliver ein, in⸗ dem er die Hände rang;„»dem guten, freundlichen al⸗ ten Herrn, der mich in ſein Haus nahm und mich pfle⸗ gen ließ, als ich krank war. Ach, ich bitte, ſchicken Sie ihm die Bücher und das Geld zurück. Behalten 160 Oliver Twiſt. Sie mich hier, ſo lange ich lebe; aber, bitte, bitte, ſchicken Sie ihm dies zurück. Er glaubt ſonſt, ich habe es geſtohlen; die alte Frau und Alle, die ſo freundlich gegen mich waren, werden ſonſt glauben, ich ſei ein Dieb. Ach, haben Sie Erbarmen und ſchicken Sie Al⸗ les zurück.« Bei dieſen Worten, die er in heftigem Schmerze ſprach, fiel Oliver vor dem Juden auf die Kniee und faltete ſeine Hände in völliger Verweiflung. „»Der Knabe hat Recht,« entgegnete Fagin, indem er mit den Augen winkend herumſah und ſeine zottigen Brauen zuſammenkniff.„Du haſt Recht, Oliver, Du haſt Recht; man wird glauben, Du habeſt die Sachen geſtohlen. Ha! ha!« lachte er und rieb ſich die Hände. Da ſprang Oliver auf, lief nach der Thüre zu und ſchrie hinaus ſo laut nach Hülfe, daß das alte Haus erbebte. »Halt den Hund zurück, Bill!« rief Aennchen, die ſich an die Thüre ſtellte und dieſelbe verſchloß, als der Jude mit ſeinen beiden Zöglingen nacheilte;»halt' den Hund zurück; er zerreißt den armen Jungen.« »Geſchähe ihm ſo recht,« antwortete Sikes, der ſich aus den Armen des Mädchens loszumachen ſuchte. »Laß mich los oder ich zerſchlage Dir den Schädel an der Wand!« „Mir einerlei, Bill, mir einerlei,« ſchrie das Mäd⸗ chen in heftigem Ringen mit dem Manne.»Erſt mußt Du mich erſchlagen, ehe der Hund das Kind freſſen ſoll.⸗ »Das wird bald geſchehen,« antwortete Sikes zäh⸗ neknirſchend, wenn Du mich nicht losläſſeſt.«— Der Räuber ſchleuderte das Mädchen von ſich an das andere Ende der Stube, eben als der Jude und die beiden Knaben Oliver zurückbrachten. — 1 1 1 1 . 4 — 3 — 44 2 3 dh 1 ) 1* 3 3 3 — Oliver Twiſt. 161 »Was giebt es da?« fragte der Jude. »Das Mädchen iſt närriſch geworden,« antwortete Sikes wild. »Nein, Fagin, nein,« erwiederte Aennchen noch bleich und athemlos von dem Kampfe. „ So verhalte Dich ruhig,« ſprach der Jude mit ei⸗ nem drohenden Blicke. »Ich will nicht ruhig ſein,« antwortete Aennchen ſehr laut.»Was denkt Ihr denn?« Fagin kannte die Menſchenklaſſe, zu welcher das Mädchen gehörte, zu genau, als daß er nicht hätte wiſſen ſollen, es ſei unklug, weiter mit ihr zu ſtreiten. Er wendete ſich alſo an Oliver, nahm einen Knoten⸗ ſtock, der in einer Ecke lehnte, und ſagte:„Du woll⸗ teſt alſo davon laufen, he?« Oliver antwortete nicht, ſondern ſah den Juden an und athmete ſchnell. »Wollteſt Hülfe holen— die Polizei rufen, nicht wahr?« fuhr der Iude fort, indem er Olivers Arm er⸗ griff.„Das wollen wir Dir vertreiben.« Der Jude gab Oliver mit dem Stocke einen kräfti⸗ gen Schlag und holte nochmals aus, als das Mädchen auf den Alten ſtürzte, ihm den Stock entriß und den⸗ ſelben mit ſolcher Gewalt in daß Feuer warf, daß die Kohlen in der Stube umherflogen. »Das ſoll in meiner Gegenwart nicht geſcheheu, Fagin,« ſprach ſie.»Ihr habt das Kind, was wollt Ihr weiter? Laßt ihn gehen, oder ich vergreife mich an Euch ſo, daß ich vor meiner Zeit an den Galgen komme.« Das Maäͤdchen ſtampfte gewaltig mit den Füßen auf den Boden, während ſie dieſe Drohung ausſprach, und mit zuſammengebiſſenen Lippen, mit geballten Fäuſten, Oliver Twiſt. I. 3 11 162 Oliver Twiſt. ganz bleich vor Wuth, ſah ſie abwechſelnd den Juden und den andern Räuber an. »Ja, Aennchen,« ſagte der Inde in beſaͤnftigendem Tone nach einer Pauſe, in welcher er und Sikes ein⸗ ander verlegen angeſehen hatten,»Du übertriffſt Dich heute ſelbſt. Du mußt auf das Theater gehen; Du ſpielſt gar zu ſchön.« »Ich ſage es Euch, bleibt von mir, oder es wird Euch gereuen,“ entgegnete das Mädchen. Es liegt etwas in einem aufgebrachten Weibe, be⸗ ſonders wenn zu den andern heftigen Leidenſchaften deſ⸗ ſelben die Verzweiflung kommt, das kein Mann gern redet. Der Jude erkannte, daß es hoffnungslos ſei, an des Mädchens wirklichem Zorne zweifeln zu wollen, trat alſo unwillkürlich einige Schritte zurück und warf Sikes einen halb bittenden, halb feigen Blick zu, als wolle er ſagen, er, Sikes, könne eher das Geſpräch fortſetzen. Sikes, der auf dieſe Weiſe aufgefordert war und auch wohl glaubte, es zieme ſeinem Stolze und ſeinem Einfluſſe, das Mädchen augenblicklich wieder zur Ver⸗ nunft zu bringen, donnerte ein paar Dutzend Flüche und Drohungen hervor, deren ſchnelle Aufeinanderfolge ſeiner Erfindungskraft alle Ehre machte. Da dieſelben aber keinen ſichtbaren Eindruck auf den Gegenſtand machten, gegen welchen ſie gerichtet waren, ſo nahm er ſeine Zuflucht zu handgreiflicheren Beweiſen. »Was ſoll das heißen?« rief er, und unterſtützte die Frage durch eine ſehr gewöhnliche Verwünſchung des ſchönſten Theiles des menſchlichen Geſichtes; die, menn ſie oben unter funfzigtauſend Malen nur ein einziges Mal erhört würde, Blindheit ſo häufig machen würde, △—& Oliver Twiſt. 163 als die Maſern;»was ſoll das heißen? Soll mich— Weißt Du, wer Du biſt, und was Du biſt?« Ja wohl, ich weiß Alles,⸗ erwiederte das Mädchen lächelnd, waͤhrend ſie den Kopf herüber und hinüber warf, um zu zeigen, daß ihr Alles ganz gleichgültig ſei. »So wirſt Du den Augenblick ſtill ſein,« fuhr Si⸗ kes brummend und knurrend fort, wie er ſeinen Hund anzureden pflegte,»oder ich werde Dich auf eine lange Zeit ſtill machen.« Das Maͤdchen lachte von neuem, noch gefaßter als das erſte Mal, warf Sikes einen raſchen Blick zu, wendete dann ihr Geſicht ab und biß ſich in die Lippe, daß ſie blutete. »Du haſt Urſache, Dich als edele Freundin für das Kind aufzuwerfen, wie Du den Jungen nennſt,« ſagte Sikes. »Das will ich ihm ſein, ſo wahr Gott, der All⸗ mächtige, mir helfe!« rief das Mädchen in Leidenſchaft; vich wollte lieber auf der Straße erſchlagen oder an der Stelle derer ſein, bei welchen wir eben ſo dicht vorbeigingen, als daß ich Euch half, das Kind hierher zurückzubringen. Der Arme iſt von heute an ein Dieb, ein Lügner, ein Böſewicht; iſt das nicht genug für den alten Fuchs da? Muß er es auch noch ſchlagen?⸗ »Sikes,« ſagte der Inde, in einem Tone der Ver⸗ nunft und nach dem Knaben deutend, der aufmerkſam auf Alles achtete, was geſchah;„ſanfte Worte, Bill, ſanfte Worte!« 3 »Sanfte Worte!« rief das Mädchen, deſſen Leiden⸗ ſchaftlichkeit grauenvoll anzuſehen war.»Sanfte Worte! Ja, Ihr verdientet ſie von mir! Ich ſtahl für Euch, als ich noch ein Kind war, kaum halb ſo alt als dies 3 11* 164 Oliver Twiſt. (auf Oliver deutend), und habe dies gethan zwölf Jahre lang. Wißt Ihr das, wißt Ihr es?« „Ich weiß es,« antwortete der Jude, um das Mäd⸗ chen zu beruhigen,»aber Du lebteſt davon.“ Leider!« antwortete das Mädchen, das nicht ſprach, ſondern fortwährend ſchrie;»es iſt mein Gewerbe, und die kalten, naſſen, ſchmutzigen Straßen ſind mein Auf⸗ enthalt und meine Heimath; Ihr habt mich dazu ge⸗ bracht und Ihr treibt mich dahin, Tag und Nacht, Nacht und Tag, bis ich ſterbe.« „Ich thue Dir ein Leid an!« fiel der Jude ein, gereizt durch dieſe Vorwürfe,»ein Leid, das noch ſchlimmer ſein ſoll, als das, wenn Du noch ein Wort ſagſt. 83 3 Das Mädchen ſagte nichts mehr, aber ſie riß wie wahnſinnig ihr Haar auf und ſtürzte in ſolcher Wuth nach dem Juden, daß ſie wahrſcheinlich ſichtbare Zei⸗ chen ihrer Rache an ihm zurückgelaſſen haben würde, hätte nicht Sikes zur rechten Zeit ihre Hände ergriffen. Sie rang einen Augenblick vergeblich mit ihm, und ſiel dann in Ohnmacht. „»Nun iſt es gut,« ſagte Sikes, indem er ſie in einem Winkel niederlegte.»Sie hat eine fürchterliche Kraft in den Armen, wenn ſie böſe wird.« Der Jude trocknete ſich die Stirn ab und lächelte, als ſei es ihm ſehr wohl, daß der Streit geendet; aber weder er, noch Sikes, noch der Hund, noch die Jun⸗ gen ſchienen dieſen Vorfall für etwas Ungewöhnliches zu halten. „Es iſt das Allerſchlimmſte, mit Frauenzimern zu thun zu haben,« meinte der Jude;»aber ſie ſind auch wieder pfiffig, und wir können ſie nicht entbehren.— Karlchen, zeige Oliver ſein Bett.“« 3 A&☛ SͤS Oliver Twiſt. 165 »Ich dächte, er dürfe morgen ſeinen guten Anzug nicht anziehen,« bemerkte Karlchen. »Allerdings nicht,« erwiederte der Jude mit demſel⸗ ben Lächeln, in welchem Karlchen geſprochen hatte. Darauf nahm, ſcheinbar ſehr vergnügt, Karlchen Bates den geſprungenen Leuchter, führte Oliver in eine anſtoßende Küche, wo ſich einige von den Betten be⸗ fanden, auf denen er ſchon geſchlafen hatte, und brachte ihm unter unauslöſchlichem Gelächter den alten Anzug, den Oliver mit ſo vielem Vergnügen in dem Hauſe Brownlows weggegeben, und deſſen Ankauf durch den Juden Fagin dieſen zuerſt auf Olivers Spur gebracht hatte. Oliver mußte ſeine neuen Kleidungsſtücke ablegen, Bates rollte dieſelben zuſammen, nahm ſie unter den Arm, ging damit fort, ließ Oliver im Finſtern zurück und ſchloß die Thüre hinter ſich zu. Das Lachen Karlchens und die Stimme Jungfer Lieschens, die zu rechter Zeit kam, um ihrer Freundin Waſſer ins Geſicht zu ſpritzen und auf andere Weiſe zu deren Wiederbelebung behülflich zu ſein, würden glücklichere Menſchen als Oliver noch lange wach er⸗ halten haben, er aber war krank und müde und ſchlief bald ein. * Oliver Twiſt. Siebenzehntes Kapitel. Olivers Schickſal wendet ſich noch immer nicht zum Beſſern und bringt einen großen Mann nach London, um ſeinem Rufe zu ſchaden. Es iſt auf der Bühne in allen echt mörderiſchen Melodramen herkömmlich, die tragiſchen und komiſchen Scenen ſo regelmäßig auf einander folgen zu laſſen, wie das Rothe und Weiße in gut durchwachſenem Schinken. Der Held ſinkt, von Ketten und Unglück niedergedrückt, auf ſein Strohlager, und in der näch⸗ ſten Scene regalirt ſein getreuer Knappe, der von nichts weiß, das Publikum mit einem komiſchen Geſange. Wir ſehen mit klopfendem Herzen die Heldin in den Händen eines ſtolzen und rückſichtsloſen Barons; ihre Tugend und ihr Leben iſt in Gefahr, und ſie zieht den Dolch, um die erſtere auf Koſten der letzteren zu retten; aber eben, wenn unſere Erwartung auf das Höchſte ge⸗ ſteigert iſt, hoͤrt man ein Pfeifen, und wir ſehen uns in die große Halle des Schloſſes verſetzt, wo ein grau⸗ köpfiger Seneſchall einen drolligen Chor mit einer noch drolligeren Schaar Vaſallen ſingt. Solche Veränderungen ſcheinen albern zu ſein, aber ſie ſind keinesweges unnatürlich. Im wirklichen Leben ſind die Uebergänge von wohlbeſetzter Tafel zum Todten⸗ bette, von der Trauerkleidung zum Feſtſchmucke nicht minder auffallend, und der große Unterſchied beſteht nur darin, daß wir hier nicht bloße Zuſchauer ſind, ſondern thätig mithandeln. 4 Da plötzlicher Scenenwechſel und ſchnelle Verände⸗ Oliver Twiiſt. 167 rungen der Zeit und des Ortes nicht bloß durch langes Herkommen in Bühnen ſanctionirt ſind, ſondern von Vielen für die Hauptkunſt des Schriftſtellers angeſehen werden,— indem ſolche Kritiker die Geſchicklichkeit des Dichters nach den Verlegenheiten ſchätzen, in denen er ſeine Perſonen am Ende faſt jeden Kapitels verläßt,— ſo dürfte dieſe kurze Einleitung zu dem Vorſtehenden vielleicht für unnöthig gehalten werden. Aber ich habe ſie hier vorausgeſchickt, weil ich auch den geringſten Wunſch zurückweiſen will, meine Leſer dadurch Tanta⸗ lusqualen erdulden zu laſſen, daß ich den jungen Oli⸗ ver Twiſt in ſchwierigen Lagen verlaſſe und mich in der Tangente zu Dingen wende, welche mit ihm nichts zu ſchaffen haben. Mein einziger Wunſch iſt, ſo ſchnell als möglich geradeaus durch dieſe Geſchichte zu ſchrei⸗ ten, meinen Leſer mit mir zu nehmen, wenn ich es vermag, oder es ihm freizuſtellen, während einiger Ka⸗ pitel etwas Beſſeres zu thun und ſich mir dann wie⸗ der anzuſchließen, wenn es ihm beliebt. Ich habe dabei wirklich ſo viel zu thun, daß mir kein Raum zu Ab⸗ ſchweifungen bleibt, wenn ich auch Luſt dazu hätte; die vorliegende mache ich bloß, um mich in das rechte Verhältniß zu dem Leſer zu ſtellen, denn zwiſchen ihm und dem Verfaſſer muß immer das beſte Vernehmen erhalten werden. Der Vortheil von dieſen freundſchaft⸗ lichen Auseinanderſetzung iſt der, daß, wenn ich, wie es jetzt geſchieht, direct in die Stadt zurückgehe, in welcher Oliver Twiſt geboren wurde, der Leſer mir auf mein Wort glaubt, ich habe gute und trifftige Gründe, dieſe Reiſe zu machen, und würde ihn außerdem gar nicht bemühen, mich dahin zu begleiten. Herr Bumble trat am frühen Morgen aus dem Thore des Arbeitshauſes nnd ſchritt in ſtattlicher ge⸗ ¹ 168 Dliver Twiſt. bieteriſcher Haltung in der Straße hin. Er, war in vollem Glanze ſeines Büttelthums; ſein dreieckiger Hut und ſein Rock glänzten in der Morgenſonne und er hielt ſeinen Stock mit aller Kraft der Geſundheit und Stärke. Bumble trug den Kopf immer hoch, dieſen Morgen aber höher wie gewöhnlich, und es lag in ſei⸗ nem ganzen Weſen etwas ſo Erhabenes, in ſeinem Auge etwas ſo Nachdenkliches, das einem aufmerkſamen Beobachter wohl angedeutet haben würde, durch den Kopf des Vogtes gingen eben Gedanken, die zu groß ſeien, als daß ſie ausgeſprochen werden könnten. Bumble hielt ſich bei den kleinen Ladeninhabern und den andern Perſonen nicht auf, welche ihn demüthig und ehrerbietig anſprachen, als er vorüberſchritt. Er erwiederte die Grüße derſelben bloß mit einer Bewe⸗ gung ſeiner Hand, und hielt in ſeinem würdevollen Schritte nicht ein, bis er das Haus erreicht hatte, in welchem Frau Mann die Armenkinder mit mütter⸗ licher Sorgfalt pflegte. Verdammter Büttel!« rief Fran Mann, als ſie das wohlbekannte ungeduldige Rütteln an der Gartenthüre vernahm.»Ob er es nicht iſt, ſchon ſo früh am Tage! — Ach, Herr Bumble, welches Vergnügen! Treten Sie ein, treten Sie ein.« Der erſte Theil der Rede wurde an Suſanne und der letzte an Bumble ſelbſt gerichtet, als die gute Frau die Gartenthüre aufſchloß und ihn mit großer Artigkeit in das Haus begleitete. »Frau Mann,“« ſagte Bumble, der nicht wie andere Leute ſeines Standes auf den Stuhl niederplumpte, ſondern ſich allmälig und gravitätiſch auf denſelben nie⸗ derließ,»Frau Mann, guten Morgen.« »Ei, guten Morgen, Sir,« entgegnete Frau Mann N Otiver Twiſt. 169 mit einnehmendem Lächeln;»ich hoffe, Sie befinden ſich recht wohl.« »So, ſo, Frau Mann,“« antwortete der Vogt. »Das Leben eines ſtädtiſchen Beamten iſt kein Roſen⸗ blatt, Fran Mann.« »Freilich nicht, Herr Bumble,« erwiederte die Frau. »Ein ſolches Leben Madame,« fuhr Herr Bumble fort,»iſt eine Reihe von Sorgen, Mühen und Arbeit; aber alle öffentlichen Perſonen müſſen ſich dem ausſetzen.⸗ Frau Mann, die nicht recht wußte, was der Vogt ſagen wollte, hob die Augen gen Himmel und ſeufzte. »Sie haben Recht, wenn Sie ſeufzen, Frau Mann,“ meinte der Vogt. Da Frau Mann hörte, daß ſie Recht gehandelt hatte, ſo ſeufzte ſie noch einmal, offenbar zur Zufrie⸗ denheit der öffentlichen Perſon, die ein ſelbſtgefälliges Lächeln bei einem Blicke auf den dreieckigen Hut un⸗ terdrückte und hinzuſetzte:»Frau Mann, ich reiſe nach London.« »Ach, Herr Bumble!“« rief Frau Mann verwundert. »Nach London, Madame,“« wiederholte der Vogt, »und mit der Landkutſche, ich und zwei Arme, Frau Mann. Es iſt eine wichtige Sache vor den vierteljäh⸗ rigen Gerichtsſitzungen abzumachen, und die Arbeits⸗ hausvorſteher haben mich als Zeugen dahingeſchickt. Das Gericht wird ſich nicht zurecht finden, ehe es mich an⸗ gehört hat.« Frau Mann hörte mit großer Ehrfurcht Herrn Bumble ſo von ſeiner Wichtigkeit ſprechen, und fragte endlich:»Sie reiſen mit der Landkutſche? Ich glaubte, die Armen würden immer im Karren fortgebracht.« »Bloß wenn ſie krank ſind, Frau Mann,“ erklärte Bunble.„Wir ſetzen die kranken Armen auf offene 9 170 Oliver Twiiſt. Karren, wenn es regnet, damit ſie ſich nicht erkälten.« »Ah!« antwortete Frau Mann. »Die Landkutſche nimmt dieſe zwei wohlfeil mit,« fuhr der Vogt fort.»Sie ſind beide in ſehr ſchlechten Umſtänden, und es kommt uns zwei Pf. weniger, ſie fortzuſchaffen, als wenn wir ſie begraben müßten, d. h. wenn wir ſie einer andern Gemeinde zuſchieben können, was ich für möglich halte, wenn ſie uns nicht zum Trotze unterwegs ſterben. Ha! ha! ha!« Als Bumble eine Zeitlang gelacht hatte, fielen ſeine Blicke wieder auf den dreieckigen Hut und er wurde ernſthaft. »Aber wir vergeſſen die Geſchäfte, Frau Mann,«⸗ begann der Vogt von neuem;»hier iſt Ihr Geld für den Monat.“« Herr Bumble nahm einiges Silbergeld in einem Papier aus ſeiner Brieftaſche und erbat ſich eine Quit⸗ tung, welche Frau Mann ſchrieb. »Sie iſt zwar etwas beklext,« ſagte die Armenkin⸗ der⸗Erzieherin,»ſie wird aber wohl gültig ſein, denke ich. Uebrigens danke ich Ihnen, Herr Bumble, ſchönſtens.«⸗ Herr Bumble nickte gnädig als Erwiederung auf den Knir der Frau Mann und fragte, wie es mit den Kindern ſtehe. »Gott behüte ſie!« antwortete Frau Mann,»ſie befinden ſich ſo wohl als es möglich iſt, bis auf die Beiden, welche vorige Woche ſtarben, und den kleinen Karl.«. »Geht es mit dem Jungen noch immer nicht beſſer?« fragte Herr Bumble. Frau Mann ſchüttelte den Kopf. »Er iſt auch ſo ein böſer Bube. Wo iſt er?« »Ich werde ihn ſogleich holen, Sir.— Komm her, Karl.“ — Oliver Twiſt. 171 Nach einigem Rufen wurde Karl gefunden, und nachdem ſein Geſicht an dem Brunnen gewaſchen und an der Schürze der Frau Mann abgetrocknet worden war, wurde er vor den gefürchteten Bumble geführt. Das Kind war blaß und hager, ſeine Wangen einge⸗ fallen und ſeine Augen groß und glänzend. Die ärm⸗ liche Kleidung, die Livrée ſeines Elendes, ſchlotterte weit um ſeinen ſchwächlichen Körper, und ſeine jungen Glieder waren abgezehrt wie die eines alten Mannes. Das war der Knabe, der zitternd vor dem Vogte ſtand, nicht wagte, ſeinen Blick von dem Boden zu er⸗ heben und ſich ſelbſt vor der Stimme Bumble's fürchtete. »Kannſt Du den Herrn nicht anſehen, böſer Bube?« ſagte Frau Mann. Das Kind erhob ſchüchtern ſeine Augen und begeg⸗ nete den Blicken Bumble's. »Was fehlt Dir, Gemeinde⸗Karl?« fragte Herr Bumble gut gelaunt. „»Nichts, Sir,« antwortete das Kind. »Das ſollte ich auch meinen,« ſetzte Frau Mann hinzu. »Ich möchte—« ſtotterte das Kind. „»Was?« fiel Fran Mann ein;»ich will nicht hof⸗ fen, daß Du ſagen willſt, es fehle Dir doch etwas? He?« »Still, Fran Mann, ſtill!« ſprach der Vogt, in⸗ dem er ſeine Hand gravitätiſch erhob.»Was möchteſt Du?« »Ich möchte,« ſtotterte das Kind,»Jemand, der ſchreiben kann, ſchriebe ein paar Worte für mich auf ein Stückchen Papier, legte es zuſammen, ſiegelte es zu und behielte es für mich, wenn ich begraben bin.«⸗ „»Was meint der Knabe?« fragte Bumble, auf den 172 Oliver Twiſt. der Ernſt und das bleiche Ausſehen des Kindes einigen Eindruck gemacht hatte, obgleich er an ſolche Dinge gewöhnt war.»Was meinſt Du damit?« »Ich möchte,« ſagte das Kind,»meine Liebe dem armen Oliver melden und ihn wiſſen laſſen, wie oft ich allein dageſeſſen und geweint habe, wenn ich daran dachte, daß er ohne Hülfe in den dunkeln Nächten um⸗ herwandert; ich möchte ihm ſagen,« fuhr das Kind fort, indem es ſeine kleinen Hände faltete,»daß ich ſehr gern ſtürbe, da ich noch jung bin; denn wenn ich am Leben bliebe und ein Mann würde, vergäße mich viel⸗ leicht meine kleine Schweſter, die im Himmel iſt, oder ich würde ihr unähnlich, und es wäre doch weit beſſer, wenn wir beiden Kinder dort wieder zuſammenkämen.⸗ Herr Bumble betrachtete den kleinen Sprecher vom Kopfe bis zu den Füßen mit unbeſchreiblichem Erſtau⸗ nen, wendete ſich ſodann zu der Frau und ſagte:»Ei⸗ ner wie der Andere, Frau Mann. Der Oliver hat ſie alle verdorben.« »Ich traue kaum meinen Ohren,« antwortete Frau Mann, indem ſie die Hände emporhob und einen bos⸗ haften Blick auf den Knaben warf.»Ich habe noch nie einen ſo verhärteten kleinen Böſewicht geſehen.« »Bringen Sie ihn fort, Madame,« gebot Herr Bumble.»Das muß ich der Behörde melden.⸗ »Ich hoffe, die Herren werden einſehen, daß es nicht meine Schuld iſt, Herr Bumble,« ſprach Frau Mann pathetiſch. „»Das werden ſie einſehen, Frau Mann; ich werde ihnen die Sache vorlegen, wie ſie iſt. Aber nun fort mit ihm; ich kann ihn nicht länger ſehen.« Der Kuabe wurde fortgezogen und in dem Kohlen⸗ Oliver Twiſt. 173 keller eingeſperrt. Herr Bumble ſeinerſeits ſchickte ſich bald darauf zu ſeiner Reiſe an. Früh um ſechs Uhr am nächſten Morgen zog Herr Bumble einen blauen Ueberrock an, nahm einen runden Hut ſtatt des dreieckigen, ſetzte ſich mit den beiden Ar⸗ men, deren Heimath ſtreitig war, auf die Landkutſche und kam in gehöriger Zeit in London an, ohne daß er andere Unannehmlichkeiten erfuhr, als daß die beiden Armen zitterten und ſich auf eine Art über die Kälte beklagten, daß, wie Herr Bumble ſich ausdrückte, ihm ſelbſt die Zähne im Munde klapperten. Nachdem er die beiden übelgeſinnten Perſonen an dem geeigneten Orte abgegeben hatte, nahm er Platz in dem Hauſe, vor welchem die Kutſche anhielt, nahm ein kräftiges Mittagseſſen ein, rückte den Stuhl an das Feuer und wollte gemächlich die Zeitung leſen. Das erſte, was ihm darin in die Augen fiel, war die folgende Bekanntmachung. Fünf Gnineen Belohnung. »Am Donnerſtag Abend iſt ein Knabe, Namens Oliver Twiſt, aus ſeiner Heimath in Pentonville ver⸗ lockt worden, und man hat ſeitdem nichts wieder von ihm gehört. Die obige Belohnung erhält derjenige, welcher die Ausfindigmachung des genannten Oliver Twiſt bewirkt oder von ihm ſolche Nachrichten geben kann, welche ſeine frühere Geſchichte aufhellen, für welche ſich der Anzeigende aus mehreren Gründen ſehr intereſſirt.⸗ Dann folgte eine vollſtändige Beſchreibung von Oli⸗ vers Ausſehen und Kleidung, nebſt dem Namen und der Adreſſe des Herrn Brownlow. Bumble riß die Augen weit auf, las die Anzeige dreimal langſam und bedächtig durch, war nach wenig 174 Oliver Twiſt. mehr als fuͤnf Minuten auf dem Wege nach Penton⸗ ville und ließ vor Begierde ſeinen Grog unangetaſtet ſtehen. das Mädchen, welches die Thüre öffnete. Das Mädchen gab die ausweichende, nicht unge⸗ wöhnliche Antwort:»Ich weiß es nicht. Woher kom⸗ men Sie?« Herr Bumble hatte kaum Olivers Name genannt, als Frau Bedwin, die an der Thüre gehorcht hatte, athemlos herausſtürzte. »Treten Sie ein— treten Sie ein!« ſagte die alte Frau;»ich dachte es doch, daß wir von ihm hören würden. Das arme Kind! Gott behüte es!« Darauf trippelte die alte Frau wieder in ihr Stüb⸗ chen zurück, ſetzte ſich auf das Sopha und brach in Thränen aus. Das Maädchen, das nicht ſo leicht zu rühren war, hatte unterdeß Herrn Bumble angemeldet und kam mit dem Geſuche an denſelben zuruͤck, ihr zu folgen. * Sie führte ihn in das kleine Studirzimmer, wo Herr Brownlow mit ſeinem Freunde Grimwig beim Weine ſaß. Der Leßztere betrachtete ihn genau und rief dann:— e»Ein Vogt, ein Vogt, oder ich will meinen Kopf eſſen!« low.»Bitte, ſetzen Sie ſich.« Herr Bumble ſetzte ſich, von Grimwigs ſonderba⸗ rem Weſen einigermaßen in Verlegenheit gebracht. Herr Brownlow rückte die Lampe ſo, daß das Licht gerade auf Bumble's Geſicht fiel und ſagte dann mit einiger Ungeduld: 1 »Iſt Herr Browulow zu Hauſe?« fragte Bumble 8 „»Unterbrechen Sie den Mann nicht,⸗ fagte Brown⸗ theilen, was Dliver Twiſt. 175 „Sie kommen in Folge der Ankündigung?⸗ 1 »Ja, Sir,« antwortete Bumble. »Und Sie ſind ein Vogt, ja?« fragte Herr Grim⸗ wig. »Ich bin ein Stadtvogt, mein Herr,« antwortete Bumble ſtolz. „ Alſo,« bemerkte Herr Grimwig bei Seite zu ſei⸗ uem Freunde.»Ich wußte das. Sein Rock verräth es, und er ſieht über und über wie ein Vogt aus.« Brownlow ſchüttelte den Kopf ein wenig, um ſei⸗ nen Freund zum Schweigen zu bewegen, und fuhr dann fort:»wiſſen Sie, wo der arme Knabe jetzt iſt?« »So wenig, als irgend Jemand,« antwortete Bumble. »Was wiſſen Sie von ihm?« fragte der alte Herr.»Reden Sie, mein Freund, wenn Sie etwas zu ſagen haben. Was wiſſen Sie von ihm?« »Nicht wahr, Sie wiſſen nichts Gutes von ihm?« bemerkte Grimwig ſpitzig, nachdem er Bumble's Ge⸗ ſicht aufmerkſam gemuſtert hatte. Bumble richtete ſich nach dieſer Frage und ſchüt⸗ telte ſein Haupt höchſt feierlich. „Sehen Sie?« bemerkte Grimwig, indem er Brown⸗ low triumphirend anſah. 8 Brownlow blickte beſorgt in Bumbles Geſicht und erſuchte ihn, in ſo wenig Worten als möglich mitzu⸗ Oliver wiſſe. Herr Bumble legte ſeinen Hut ab, knöpfte ſeinen Rock auf, ſchlng die Arme über einander, ſenkte nach⸗ denkend den Kopf und begann nach einigen Augenbli⸗ cken ſeine Erzählung. Es würde höchſt langweilig ſein, dieſelbe in des Vogtes Worten zu wiederholen, da er zwanzig Minn⸗ 176 Oliver Twiſt. ten dazu brauchte; der Inhalt derſelben aber war, Oli⸗ ver ſei ein Findling, von gemeinen, laſterhaften Aeltern geboren, habe von Jugend auf keine beſſere Eigenſchaf⸗ ten gezeigt als Bosheit und Undankbarkeit, ſeine kurze Laufbahn an ſeinem Geburtsorte durch einen heimtücki⸗ ſchen und blutdürſtigen Anfall gegen einen unſchuldigen Burſchen beendiget und ſei ſodann in der Nacht von ſeinem Herrn entlaufen. Zum Beweiſe, daß er wirklich der Mann ſei, für den er ſich ausgebe, legte Bumble die Papiere, die er zur Stadt gebracht hatte, auf den Tiſch, ſchlug die Arme wieder über einander und war⸗ tete auf Brownlows Bemerkungen. »Ich fürchte, Alles iſt nur zu wahr,« ſagte der alte Herr bekümmert, nachdem er die Papier? ugeſe⸗ hen.»Gern hätte ich das Dreifache des gebotenen Geldes gegeben, wären die Nachrichten günſtig für den Knaben geweſen.« Es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß Herr Bumble, hätte er dies eher gewußt, ſeiner kleinen Erzählung eine andere Farbe gegeben haben würde. Jetzt war es zu ſpät; er ſchüttelte deshalb ſein Haupt, ſteckte ſeine fünf Guineen ein und ging. Brownlow ging einige Minuten in dem Zimmer auf und ab, offenbar von der Erzählung des Vogtes ſo angegriffen, daß ſelbſt Grimwig ihn nicht weiter zu necken wagte. Endlich blieb er ſtehen und klingelte heftig.“ »Frau Bedwin,“« ſagte er, als Haushälterin erſchien,»der Knabe Oliver iſt ein Betrüger.« »Es kann nicht ſein, Sir, es kann nicht ſein,« ver⸗ ſicherte die alte Frau.. „Ich ſage es Ihnen aber,« antwortete der alte Herr unwirſch.»Was wollen Sie mit Ihrem'es Sliver Twiſt. 177 kann nicht ſein? Wir haben eben eine vollſtändige Schilderung von ihm, von ſeiner Geburt an gehört; er war ein kleiner Böſewicht ſein Leben lang.« „Ich werde es nie glauben,« betheuerte die alte Frau. »Ihr alten Weiber glaubt nichts, als was Euch alberne Lügenbücher ſagen,« brummte Herr Grimwig. „Ich wußte es längſt. Warum ließen Sie ſich nicht gleich im Anfange rathen; Sie würden es auch gethaͤn haben, hätte er nicht das Fieber gehabt, nicht wahr? Er war intereſſant, he? Intereſſant! bah!«— und Herr Grimwig ſchwang die Kohlenſchaufel, um die Koh⸗ len umzuwenden. „Es war ein liebes, dankbares, fanftes Kind, Sir,« entgegnete Frau Bedwin unwillig.»Ich weiß, was Kinder ſind, Sir, und habe es vierzig Jahre gewußt; Leute, die nicht daſſelbe ſagen können, ſollten gar nicht von Kindern reden wollen; das iſt meine Meinung.« Das war ein derber Stich auf den Herrn Grim⸗ wig, einen Hageſtolz; da derſelbe aber bloß lächelte, ſo ſchüttelte die Frau ihren Kopf, ſtrich ihre Schürze glatt und wollte weiter reden, aber Brownlow ſagte, indem er ſich böſe ſtellte, ohne daß er es war: »Still! Laſſen Sie mich den Namen des Jungen nie wieder hören; ich klingelte, um Ihnen dies zu ſa⸗ gen. Nie— nie, unter keinem Vorwande, vergeſſen Sie das nicht. Jetzt können Sie gehen, Frau Bedwin. Merken Sie es ſich; ich ſpreche im Ernſt.« Es gab dieſe Nacht betrübte Herzen in dem Hauſe Brownlows. Oliver weinte, als er an ſeine gutmüthi⸗ gen Freunde dachte, aber es war zut für ihn, daß er nicht wußte, was ſie gehört hatten, ſein Herz wüude debrochen ſein. 1 Oliver Twiſt. I. 12 178 Oliver Twiſt. Achtzehntes Kapitel. Wie Oliver ſeine Zeit in der vortrefflichen Geſellſchaft ſeiner achtbaren Freunde verbrachte. Am nächſten Mittag, als der Sappermenter und Karl⸗ chen Bates an ihre gewöhnlichen Geſchäfte gegangen waren, benutzte Fagin die Gelegenheit, Oliver eine lange Predigt über die himmelſchreiende Sünde der Undank⸗ barkeit zu halten, deren er ſich in hohem Grade ſchuldig gemacht habe, indem er die Geſellſchaft ſeiner Freunde verlaſſen, und noch mehr, indem er zu entfliehen geſucht, nachdem man es ſich ſo viele Mühe und Zeit habe ko⸗ ſten laſſen, ihn wieder zu erlangen. Fagin hob es ſehr heraus, daß er Oliver aufgenommen und genährt habe, als er ohne ſeine Hülfe vielleicht verhungert wäre, und erzählte die traurige und rührende Geſchichte eines Kna⸗ ben, den er in ſeiner Menſchenliebe ebenfalls unterſtützt, der ſich aber ſeines Vertrauens unwürdig gemacht, eine beſondere Anhänglichkeit an die Polizei verrathen habe und eines Tages endlich gehenkt worden ſei. Fagin ver⸗ heimlichte es nicht, daß er viel zu dieſem Ende beigetra⸗ gen, beklagte es aber mit Thränen in den Augen, wie das Betragen jenes Burſchen es nöthig gemacht, daß er das Opfer eines Zeugniſſes geworden, das, wenn auch nicht gerade ganz wahr, zu ſeiner(Fagins) und einiger Freunde Wohl durchaus nöthig geweſen ſei. Fagin ſchloß mit einer ſehr abſchreckenden Schilderung des Ver⸗ gnügens, gehenkt zu werden, und ſprach endlich die Hoff⸗ — Oliver Twiſt. 179 nung aus, er werde nie in die Nothwendigkeit verſetzt werden, auch Oliver Twiſt dieſer unangenehmen Opera⸗ tion zu unterwerfen.. Das Blut des kleinen Olivers rann eiskalt durch ſeine Adern, als er die Worte des Juden anhörte, und verſtand nur unvollkommen die Drohungen in denſelben; daß ſelbſt die Juſtiz den Unſchuldigen mit dem Schuldi⸗ gen verwechſeln könne, wenn er ſich in der Geſellſchaft deſſelben befinde, wußte er bereits, und daß ſchlau ange⸗ legte Pläne zur Vernichtung von Perſonen, die wußten, was ſie nicht wiſſen ſollten, und mehr ſagten, als man wollte, von dem alten Juden bereits mehr als einmal erſonnen und in Ausführung gebracht worden, hielt er durchaus nicht für unwahrſcheinlich, wenn er an den Streit zwiſchen demſelben und Sikes dachte, welcher ſich auf eine frühere Verſchwörung dieſer Art zu beziehen ſchien. Als er ſchüchtern aufſah und dem durchbohren⸗ den Blicke des Inden begegnete, fühlte er, daß der ſchlaue Böſewicht ſeine Bläſſe und ſein Zittern nicht ohne Vergnügen bemerke. Der Iude lachte häßlich, klopfte Oliver auf den Kopf und ſagte, wenn er ruhig und fleißig ſei, würden ſie ge⸗ wiß einmal noch recht gute Freunde werden. Dann nahm er ſeinen Hut, zog einen alten geflickten Ueberziel⸗ rock an, ging fort und ſchloß die Thür hinter ſich zu. So blieb Oliver den ganzen Tag und den größten Theil vieler folgender Tage eingeſchloſſen, ſah zwiſchen früh und Mitternacht Niemanden, und konnte ſich die langen Stunden hindurch ungeſtört mit ſeinen Gedanken beſchäftigen, die allerdings ſehr traurig waren, da ſie ſich ſtets zu ſeinen gutherzigen Freunden und der Meinung wendeten, welche dieſelben von ihm gefaßt haben müß⸗ 12* 180 Oliver Twiſt. ten. Nach einer Woche etwa ließ der Jude die Thuͤre unverſchloſſen, und Oliver konnte frei in dem Hauſe um⸗ hergehen. Es war ein ſehr ſchmutziger Ort; aber die oberen Gemächer hatten große hölzerne Simſe, große Thüren und getäfelte Wände und Simſe an den Decken, die, obwohl von Staub geſchwärzt, auf verſchiedene Weiſe verziert waren, woraus Oliver ſchloß, das Haus möge, ehe der alte Jude geboren worden, Leuten von beſſerm Stande angehört haben. Spinnen hatten ihre Netze in den Ecken der Wände und an den Decken ausgeſpannt; wenn Oliver leiſe in ein Zimmer trat, ſchlüpften bisweilen die Mäuſe über die Dielen und eilten erſchreckt in ihre Löcher. Außer die⸗ ſen Thierchen war in dem Hauſe kein lebendes Weſen zu ſehen und zu hören, und oft, wenn es dunkel wurde und er von dem Umherwandern aus einem Zimmer in das andere müde war, kauerte er ſich in die Ecke des Ganges an der Hausthüre, um lebenden Weſen wenig⸗ ſtens ſo nahe als möglich zu ſein, und blieb da lau⸗ ſchend und zitternd, bis der Jude oder die Knaben zu⸗ rückkamen. In allen Zimmern waren die Fenſterladen feſt ver⸗ ſchloſſen, und die Riegel, welche dieſelben hielten, dicht in das Holz geſchroben; das wenige Licht, das hineinfiel, drang durch runde Löcher oben, machte aber die Zimmer nur ſchauerlicher und füllte ſie mit ſeltſamen Schatten. Nach hinten zu hatte ein Dachfenſter außen wohl ver⸗ roſtete Eiſenſtangen, aber keine Laden, und aus dieſem ſah Oliver mit betrübtem Geſichte oft Stunden lang hinaus, aber er konnte nichts erblicken, als eine dichtoge⸗ 1 Oliver Twiſt. 181 drängte, verworrene Maſſe von Hausgiebeln und ge⸗ ſchwärzten Schornſteinen. Eines Nachmittags, als der Sappermenter und Karl⸗ chen Bates für den nächſten Abend beſchäftigt waren, fiel es dem Erſtern ein, ſeine Perſon etwas herauszupu⸗ tzen,— was, die Wahrheit zu geſtehen, durchaus ſonſt ſeine ſchwache Seite nicht war,— und in dieſer Abſicht befahl er Oliver, ihm bei ſeiner Toilette an die Hand zu gehen. Oliver war zu erfreut, ſich nützlich zu machen, zu glücklich, menſchliche Geſichter bei ſich zu ſehen, wie ſchlecht ſie auch ſein mochten, und zu begierig, den Leu⸗ ten um ihn her gefällig zu ſein, wenn es auf ehrliche Weiſe geſchehen konnte, als daß er dieſer Aufforderung nicht hätte Genüge leiſten ſollen; er ſprach deshalb ſo⸗ gleich ſeine Bereitwilligkeit aus, knieete auf den Dielen nieder, während Dawkins auf dem Tiſche ſaß, ſo daß er deſſen Füße in ſeinen Schooß nehmen konnte, und putzte ihm die Stiefeln. War es das Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit, das ein vernünftiges Geſchöpf wohl fühlt, wenn es in bequemer Stellung auf einem Tiſche ſitzt, eine Pfeife raucht, ein Bein nachläſſig hin⸗ und herbaumeln läßt und ſieht, wie ſeine Stiefeln geputzt werden, ohne daß es die Mühe hatte, dieſelben vorher auszuziehen, oder⸗ ſie wieder anzuziehen braucht; oder war es der gute Ta back, der den Sappermenter ſanft ſtimmte, oder das Bier, das ſeine Gedanken erweichte, genug, es lag dies⸗ mal in ſeinem Weſen etwas Begeiſtertes, das ihm ſonſt ganz fremd war. Er ſah Oliver eine Zeitlang mit ge⸗ dankenvollem Geſichte an, erhob dann den Kopf, ſtieß 182 Oliver Twiſt. einen ſanften Seufzer aus und ſagte halb für ſich, halb zu Karlchen Bates: »Wie Schade, daß er kein Jäger iſt.« »Er weiß nicht, was ihm gut iſt,« entgegnete Karl⸗ chen Bates. Der Sappermenter ſeufzte nochmals und nahm ſeine Pfeife wieder in den Mund. Dies that auch Karlchen Bates, und Beide rauchten einige Secunden ſchweigend. »Ich glaube, er weiß nicht einmal, was ein Jäger iſt,« fuhr Dawkins traurig fort. »„Ich denke, ich weiß es,« antwortete Oliver, indem er ſchnell aufſah.»Es iſt ein D..., Du hiſt einer, nicht wahr?« fragte Oliver. »Ich bin einer,« antwortete der Sappermenter,»und möchte durchaus nichts anderes ſein.« Dabei ſchob er den Hut auf ein Ohr und ſah Karlchen Bates an, als wolle er ſagen, es würde ihm Freude machen, wenn er das Gegentheil behaupte.»Ich bin es,« wiederholte der Sappermenter,»Karlchen iſt es, Fagin iſt es, Sikes, Aennchen und Lieschen, wir alle ſind es, bis auf den Hund, und das iſt nicht der dümmſte.« »Am wenigſten ſchwatzt er,« ſetzte Karlchen Bates hinzu.»Er iſt ein ganz geſcheiter Hund. Sieht er nicht jeden Fremden wild an, der in ſeiner Nähe lacht oder ſingt? Haßt er nicht alle Hunde, die nicht ſeines Gleichen ſind?« »Ja, er iſt ein echter Chriſt,« bemerkte der Sapper⸗ menter. Das ſollte bloß ein Compliment für des Hundes Ge⸗ ſchicklichkeit und Klugheit ſein, aber die Vergleichung paßte auch in anderer Hinſicht, denn viele Herren und k. Oliver Twiſt⸗ 183 Damen wollen echte Chriſten ſein, und gleichen in vielen Stücken dem Pudel des Spitzbuben Sikes. »Aber,« fuhr der Sappermenter fort und wendete ſich zu dem erſten Gegenſtande zurück,»das hat nichts mit dem da zu ſchaffen.« »Warum gehſt Du nicht bei Fagin in die Lehre, Oliver?« fragte Karlchen. »Und machſt nicht Dein Glück mit der Hand?« ſetzte der Sappermerter lächelnd hinzu. »Es gefällt mir nicht,« antwortete Oliver ſchüchtern; vich wünſchte, ſie ließen mich gehen. Ich möchte lieber ſort.« »Und Fagin möchte Dich lieber nicht laſſen,“« er⸗ wiederte Karlchen. Oliver wußte das wohl, da er aber bedachte, es könne ihm Gefahr bringen, ſeine Meinung offener aus⸗ zuſprechen, ſo ſeufzte er bloß und putzte weiter an den Stiefeln. »Geh!« rief der Sappermenter;»wo iſt Dein Muth? Haſt Du keinen Stolz in Dir? Möchteſt Du von Dei⸗ nen Freunden abhangen?« »Die da blaſen!« ſagte Karlchen, indem er zwei oder drei Tücher aus der Taſche nahm und hinwarf,» das iſt nichts Gemeines.“ »Ich könnte es nicht thun,« meinte der Sapper⸗ menter mit hochmüthiger Verachtung. »Ihr könnt aber Eure Freunde verlaſſen,« ſagte Oliver mit halbem Lächeln,» und ſie ſtrafen laſſen für das, was Ihr thatet.« »Das,“«entgegnete der Sappermenter, und bewegte dabei gravitätiſch die Pfeife,»geſchah bloß aus Rückſicht auf Fagin; denn die Häſcher wiſſen, daß wir mit einan⸗ 184 Oliver Twiſt. der arbeiten, und er hätte Unannehmlichkeiten haben können, wären wir nicht bei Seite gegangen. Das war der Grund, nicht wahr, Bates?« Bates nickte, und würde auch etwas geſagt haben, aber er ſtellte ſich die Flucht Olivers wieder ſo lebhaft vor, daß ihm der Tabacksrauch in die falſche Kehle kam und er fünf Minuten lang huſten und mit Händen und Beinen zappeln mußte. »Sieh her,« ſagte der Sappermenter, indem er eine Handvoll Geld aus der Taſche nahm.»Das iſt ein luſtiges Leben. Es iſt mehr dort, wo es herkam. Greif zu. Du willſt nicht? Ach, Du biſt dumm.“ »Es iſt böſe, nicht wahr, Oliver?« fragte Karlchen Bates.»Er wird gekitelt werden, nicht wahr?« »Ich weiß nicht, was das heißen ſoll,« antwortete Oliver. »So etwas,« erläuterte Karlchen, und er nahm ein Ende ſeines Halstuches, hielt daſſelbe in die Höhe, ließ den Kopf auf die Achſel hängen, gab einen ſeltſamen Ton durch die Zähne von ſich und wollte durch dieſe pantomimiſche Darſtellung zeigen, daß Kitzeln und Hängen eines und daſſelbe ſei.»Das heißt es,« fuhr er fort. »Sieh, John, was für Augen er macht! Ich ſah in mei⸗ nem Leben keinen ſo unwiſſenden Menſchen; er iſt mein Tod, gieb Acht.« Und Karlchen lachte wieder einmal und nahm die Pfeife wieder, während ihm die Thränen noch in den Augen ſtanden. » Du haſt eine ſchlechte Erziehung genoſſen,« ſagte Dawkins, indem er zufrieden ſeine blankgewichſten Stie⸗ feln betrachtete;»aber Fagin wird noch etwas aus Dir machen; Du wäͤreſt ſonſt der Erſte, der nicht eingeſchla⸗ —— ——— —— Oliver Twiſt. 185 gen. Du thäteſt beſſer, Du machteſt einen Anfang, denn Du verlierſt nur die ſchöne Zeit, Oliver.⸗ Karlchen Bates unterſtützte dieſe Erwähnungen eben⸗ falls, und als er damit fertig war, entwarf er mit ſei⸗ nem Freunde Dawkins eine begeiſterte Schilderung von den zahlreichen Freuden und Vergnügungen in ihrem Leben, und Beide ließen mehrere Winke fallen, daß Oli⸗ ver nichts Beſſeres thun könne, als die Gunſt Fagins ohne Verzug auf eben die Weiſe zu gewinnen, wie ſie es gethan. »Und merke Dir das,“« ſetzte der Sappermenter hin⸗ zu, als ſie den Juden kommen hörten,„wenn Du die Taſchentücher und Uhren nicht nimmſt, ſo nimmt ſie ein Anderer, und Du haſt darauf eben ſo viel Recht als ein Anderer.« »Allerdings, allerdings,« bemerkte der Jude, der un⸗ terdeß eingetreten war.»Verlaß Dich auf das, was der Sappermenter ſagt; er verſteht ſein Handwerk.« Der Alte rieb ſich die Hände und lächelte über ſei⸗ nes Zöglings Geſchicklichkeit. Das Geſpräch wurde diesmal nicht weiter fortgeſetzt, denn der Jude hatte Jungfer Lieschen und einen andern jungen Burſchen mitgebracht, den Oliver noch nicht ge⸗ ſehen hatte, der Sappermenter aber als Tom Chitling anredete. Dieſer hatte auf der Treppe gezögert, um dem Mädchen einige Schmeicheleien zu ſagen und erſchien jetzt. Chitling war älter als der Sappermenter und zählte vielleicht achtzehn Jahre, aber er benahm ſich trotzdem ſo, als fühle er, daß er von dem Jüngern an Genie und Geſchicklichkeit übertroffen werde. Er hatte kleine blin⸗ zelnde Augen und ein pockennarbiges Geſicht, trug eine Oliver Twiſt. Pelzmütze, eine dunkele Jacke, graue Zwillichhoſen und ein Schurzfell. Seine Garderobe war allerdings in ziemlich ſchlechtem Zuſtande; er entſchuldigte ſich aber damit, daß ſeine»Zeit« erſt jetzt um ſei, und er keine Aufmerkſamkeit auf ſeine Kleidung habe wenden können. Dann ſetzte er hinzu, er habe in zweiundvierzig langen mühſamen Tagen keinen Tropfen zu ſich genommen, und verſicherte, ſeine Kehle ſei ſo ausgetrocknet, wie ein Kalkkorb. »Woher kommt wohl der junge Mann, Oliver?« fragte der Jude lächelnd, während die anderen Knaben eine Flaſche Branntwein auf den Tiſch ſetzten. »Das weiß ich nicht,« antwortete Oliver. »Wer iſt der?« fragte Tom Chitling mit einem verächtlichen Blick auf Oliver. »Ein junger Freund von mir,« antwortete der Jude. »Denk' nie daran, woher ich komme, Junge; Du wirſt bald genug Deinen Weg dahin finden, ich wette.« Die Knaben lachten darüber, flüſterten nach einigen anderen Späßen der Art einen Augenblick mit Fagin und gingen fort. Nach einigen freundlich geſprochenen Worten zwiſchen Tom und Fagin zogen ſie die Stühle an das Feuer; der Inde forderte Oliver auf, ſich neben ihn zu ſetzen, und lenkte das Geſpräch auf Gegenſtände, die ſeine Zu⸗ hörer am meiſten intereſſirten, nämlich auf die großen Vortheile ihres Geſchäftes, die Geſchicklichkeit des Sap⸗ permenters, die Liebenswürdigkeit Karlchen Bates' und die Freigebigkeit des Inden ſelbſt. Als endlich dieſe Gegenſtände erſchöpft zu ſein ſchienen, wie Tom Chit⸗ ling ſelbſt(denn der Aufenthalt in dem Zuchthauſe greift an), ging Jungfer Lieschen auch fort. —O— ————— 3 Oliver Twiſ. 187 Von dieſem Tage an war Oliver ſelten allein, ſon⸗ dern faſt immer in Geſellſchaft der beiden Knaben, wel⸗ che das alte Spiel mit dem Juden jeden Tag wieder⸗ holten, ob zu ihrer eigenen oder Olivers Ausbildung, wußte Fagin am beſten. Bei anderen Gelegenheiten er⸗ zählte ihnen der alte Mann Räubergeſchichten, die in ſeiner Jugend geſchehen waren, auf ſo drollige Weiſe, daß Oliver trotz ſeinem beſſeren Gefühl von Herzen lachen mußte. Kurz, der ſchlaue alte Jude hatte den Knaben in ſeinem Netze, und nachdem er den Geiſt deſſelben durch Einſam⸗ keit und Finſterniß vorbereitet hatte, jede Geſellſchaft dem Alleinſein mit ſeinen eigenen trüben Gedanken an einem ſo ſchrecklichen Aufenthalte vorzuziehen, flößte er ihm langſam das Gift ein, das, wie er hoffte, ihn auf immer verderben ſollte. Ende des erſten Theiles. —— 1 —