Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teiß- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 .3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 18 39. ——————— Boz's (Charles Dickens) Geſammelte Werke. Sechster Theil. Die Pickwicker. Sechster Theil. Mit einer Federzeichnung nach Phiz. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1839. Neunundvierzigſtes Kapitel. In welchem berichtet wird, wie Herr Pickwick mit Samuel Weller's Beiſtand ſich bemüht, das Herz Venjamin Allen's zu erweichen, und den Zorn von Robert Sawyer zu be⸗ ſänftigen. Herr Ben Allen und Herr Bob Sawyer ſaßen in dem Zimmer hinter dem kleinen Laden, beſchäftigt mit gehacktem Kalbfleiſch und ihren Ausſichten in die Zu⸗ kunft, als das Geſpräch eine ſehr natürliche Wendung auf die von dem beſagten Bob bisher erworbene Praris 3 nahm, und in wie fern ſie ihm ein leidliches Auskommen* gewähren könne. »Sie ſcheinen mir allerdings ſehr zweifelhaft zu ſein,« bemerkte Bob Sawyer. »Was iſt zweifelhaft?« fragte Ben Allen, indem er zu gleicher Zeit ſeine Einſicht durch einen Zug aus dem Bierkruge ſtärkte.»Was iſt zweifelhaft?« »Nun, die Ausſichten,« entgegnete Bob Sawyer. »Ich vergaß,« ſagte Ben Allen.»Das Bier hat mich erinnert, daß ich es vergaß, Bob— ja die Aus⸗ ſichten ſind allerdings ſehr zweifelhaft.« »Es iſt zum Bewundern,« fuhr Bob nachdenklich fort,»welche Armenpraris ich habe.— Sie klopfen Die Pickwicker. VI. 1 —— 2 Die Pickwicker. mich zu allen Stunden in der Nacht aus dem Bett; nehmen ſo viel Arznei, daß ich es kaum für möglich halten kann, obgleich ich kein Homöopath bin, laſſen ſich mit einer Beharrlichkeit, die einer beſſern Sache würdig wäre, Zugpflaſter legen und Blutigel anſetzen, und ver⸗ mehren ihre Familien auf eine wirklich Beſorgniß erre⸗ gende Weiſe. An einem einzigen Tage wurden ſechs von dieſen letztgenannten Wechſeln fällig, Ben, und alle auf mich gezogen. Du verſtehſt mich, Ben?« „Ja wohl— es iſt äußerſt erfreulich,« ſagte Ben, indem er abermals ſeinen Teller mit gehacktem Kalbfleiſch füllen ließ. »Ganz über die Maaßen,« fuhr Bob fort,»nur nicht ſo ſehr, als es das Vertrauen von Patienten ſein würde, die einige Schillinge übrig hätten. Mein Ge⸗ ſchäft wurde in der Ankündigung ſehr gut geſchildert, Ben, nur etwas war vergeſſen. Es iſt allerdings eine ausgedehnte Praris— aber ſie bringt nichts ein.« „»Bob,« ſagte Ben, Meſſer und Gabel aus der Hand legend, und den Freund ſcharf anſeßend, vich will Dir was ſagen, Bob.« 2 „»Nun?« fragte Bob. „»Du mußt Dich ſobald als möglich in den Beſitz von Arabella's tauſend Pfund ſetzen.« »Ah, Du meinſt die dreiprocentigen in der Bank, 3 ſagte Bob. „Ja wohl,« erwiederte Ben.„Sie erhält ſie ja, wenn ſie mündig wird, oder ſich verheirathet. Mündig wird ſie in einem Jahre, und betreibſt Du die Sache ernſtlich, in vier Wochen Deine Frau.« »Sie iſt ein allerliebſtes Mädchen,« entgegnete Bob, vund hat meines Wiſſens nur einen einzigen Fehler, — Die Pickwicker. 1 3 Ben, welcher unglücklicherweiſe der iſt, daß es ihr an Geſchmack mangelt. Sie will nichts von mir wiſſen.⸗ „»Meine Meinung iſt, ſie weiß ſelbſt nicht, was ſie will,« ſagte Ben verächtlich. „Mag ſein,« verſetzte Bob, vaber meine Meinung iſt, ſie weiß, was ſie nicht will, nämlich ſie will mich nicht, und darauf kommt hier noch viel mehr an.⸗ „»Ich wollte nur,« ſagte Ben, indem er mit den Zähnen knirſchte, und mehr gleich einem wilden indiani⸗ ſchen Krieger ſprach, der rohes Wolfsfleiſch genießt, als wie ein friedlicher junger Gentleman, der gehacktes Kalb⸗ fleiſch mit Meſſer und Gabel ſpeißt;»ich wollte nur, daß ich wüßte, ob wirklich irgend ein Halunke mit ihr liebelt und ſich um ſie bewirbt.— Ich würde ihn er⸗ dolchen, Bob.« »Und ich ihm eine Kugel in den Leib jagen,⸗ fiel Bob ein, blutgierig über den Rand des Bierkruges, den er eben an den Mund geſetzt hatte, hinüberſchauend, und hätte er damit noch nicht genug, ſo zöge ich die Kugel wieder heraus, und gäbe ihm damit vollends den Reſt.« Herr Benjamin Allen blickte feinen Freund einige Minuten zerſtreut und ſchweigend an, und ſagte darauf⸗ »Haſt Du ihr nie einen beſtimmten Antrag Lemacht, Bob 2 „Nein, denn ich ſah ſehr wohl ein, daß es vergeblich ſein würde.“«— »Nun! Du ſollſt es thun, ehe Du vierundzwanzig Stunden älter biſt,« fuhr Ben mit der Ruhe der Ver⸗ zweiflung fort.»Sie ſoll Dich nehmen, oder ich werde ein Wörtchen mit ihr ſprechen— ich will meine brüder⸗ düche Autorität ausüben.« 6 »Nun, wir werden ſehen,« murmelte Bob Sawyer. 1* Die Pickwicker. „Ja, wir werden es ſehen, mein Freund,« ent⸗ gegnete Ben mit grimmiger Entſchloſſenheit, ſchwieg einige Augenblicke, und fügte mit tief bewegter Stimme hinzu:»Du haſt ſie von Kindheit an geliebt, mein Freund— liebteſt ſie, als wir noch zuſammen in die Schule gingen, und ſchon damals war ſie trotzköpfig, und wollte von Deiner jugendlichen Liebe nichts wiſſen. Erinnerſt Du Dich noch, wie Du ihr einſt ein paar Anisbisquits und einen Apfel in einer zierlich aus einem Schreibbuchsblatt gedrehten Tute überreichen wollteſt?« „»Ja, ich erinnere mich deſſen noch ſehr wohl,« er⸗ wiederte Bob. »Und ſie wies es, glaube ich, zurück,« ſagte Ben. »Ja,« verſetzte Bob.»Sie ſagte, ich hätte die Tute ſo lange in der Taſche meiner mancheſternen Hoſe ge⸗ habt, daß der Apfel unangenehm warm ſei.« »Ja, ja,« ſagte Ben mit düſterm Blick,»und wir aßen darauf den Apfel zuſammen auf, wechſelweiſe an⸗ beißend. Bob deutete durch ein finſteres Stirnrunzeln an, daß er ſich aller dieſer Umſtände noch genau erinnere, und die beiden Freunde überließen ſich auf eine Zeitlang ihren Gedanken. Während jenes Geſpräch zwiſchen Herrn Bob Sa⸗ wyer und Herrn Benjamin Allen Statt fand, und der Knabe in der grauen Livree, verwundert über die unge⸗ wöhnliche Verlängerung des Mittageſſens, von Zeit zu Zeit manchen ſehnſüchtigen und beſorgten Blick durch die Glasthür warf, indem böſe Ahnungen in Betreff der für ihn übrigbleibenden Kalbfleiſchportion in ihm aufſtiegen, fuhr eine graugrüne mit einem plumpen braunen Gaul beſpannte ſogenannte»Fliege« durch die Straßen von Briſtol. Es war eine Art von Fuhrwerk, wie ſparſame —— Die Pickwicker. 5 alte Damen ſie zu halten pflegen, und es ſaß auch wirk⸗ lich eine alte Dame darin. »Martin,« rief ſie dem Kutſcher zu, einem mürriſch ausſehenden vierſchrötigen Mann, der mit gekreuzten Beinen auf dem Bocke ſaß. »Nun,« ſagte der mürriſche Kutſcher, ſeinen Hut vor der alten Dame berührend. „Zu Herrn Sawyer,“« ſagte die alte Dame. „Bin ſchon auf dem Wege dahin,« erwiederte der mürriſche Kutſcher. Die alte Dame nickte ſehr zufrieden über die Um⸗ ſicht Martin's; dieſer gab dem Gaul einen tüchtigen Peitſchenhieb, und ſie fuhren bei Bob Sawyer vor. „»Martin,« ſagte die alte Dame, als die Fliege vor der Thür des Herrn Robert Sawyer, früher Stokemorf, hielt. „»Nun?« ſagte Martin.— „Rufe den Ladenburſchen heraus, und ſage ihm, er möchte das Pferd halten.« „»Das will ich ſchon ſelber thun,« rief Martin zurück, indem er die Peitſche auf den Bock legte. „Nein, nein,« ſagte die alte Dame,»Dein Zeugniß iſt von großer Wichtigkeit, und Du darfſt während der ganzen Unterredung nicht von meiner Seite weichen.— Hörſt Du 2« »Ja, ich verſtehe,« antwortete Markin. „Nun, was haſt Du noch?« „»O, nichts,« antwortete Martin. Mit dieſen Wor⸗ ten ſtieg er langſam von dem Rade, wo er ſich auf der Spitze ſeines rechten Fußes bedächtig gewiegt hatte, und nachdem er den Knaben in der grauen Liyree gerufen, öffnete er den Schlag, ließ die Tritte herunter, und unterſtützte mit einer in einem ſchwarzen waſchledernen 6 Die Pickwicker. Handſchuh gehuͤllten Hand von dem größten Format die alte Dame beim Ausſteigen, wobei er ungefähr ſo ma⸗ nierlich mit ihr umging, als wenn ſie eine Schachtel geweſen wäre. „Ich bin ſo aufgeregt, Martin,« ſagte die alte Dame,»daß ich zittere wie Eſpenlaub.“ Herr Martin huſtete hinter dem ſchwarzledernen Handſchuh, ſprach aber keine fernere Theilnahme aus; die alte Dame faßte ſich daher ſo gut ſie vermochte, ſtieg die Treppenſtufen zum Hauſe hinan, und Martin folgte. Als ſie in den Laden eintrat, ſtürzte Herr Ben⸗ jamin Allen, der mit Herrn Bob Sawyer eiligſt den Branntwein über die Seite geſchafft, und ein paar Fla⸗ ſchen mit übelriechenden Arzneien ausgeſchüttet hatte, um den Tabacksgeruch zu dämpfen, unter Bezeigungen des lebhaften Entzückens aus dem Hinterſtübchen. „O, meine geliebte Tante,« rief Herr Ben Allen aus,»wie viel Güte erweiſen Sie mir durch Ihren er⸗ freulichen Beſuch!— Herr Sawyer, beſte Tante, mein Freund Bob Sawyer, von dem ich ſchon mit Ihnen ſprach, in Bezug auf— Sie wiſſen, liebe Tante.⸗ Herr Ben Allen, der in dem Augenblick nicht eben gar zu nüchtern war, fügte das Wort»Arabella« hinzu, flüſternd, wie er meinte, aber ſo vernehmlich, daß man ziemlich taub hätte ſein müſſen, um es zu überhören. „»Mein lieber Benjamin,« begann die alte Dame keuchend, und von Kopf bis zu Füßen zitternd, verſchrick nur nicht, mein guter Junge, aber ich muß vor allen Dingen Herrn Sawyer einen Augenblick allein ſprechen— nur einen Augenblick! »Bob,« ſagte Ben zu dem Freunde,»führe meine Tante in das Hinterſtübchen.« »Mit Freuden,« erwiederte Bob, und nahm ſeine Die Pickwicker. 7 Berufs⸗ und Geſchäftsmiene an.»Hier, wenn es Ihnen gefällig iſt, geehrteſte Madame. Sein Sie ohne Furcht, Madame.— Ich zweifle nicht im Mindeſten, daß wir Sie in kurzer Zeit wieder auf die Beine bringen werden. — Ich ſtehe jetzt ganz zu Ihren Dienſten, meine theuerſte Madame.« Er hatte die alte Dame zu einem Stuhl geführt, verſchloß die Thür, ſetzte ſich auf einen andern Stuhl neben ſie, und erwartete von ihr die Symptome irgend eines körperlichen Leidens zu vernehmen, das ihm für lange Zeit Vortheil und Gewinn abwerfen könne. Die alte Dame begann mit wiederholtem Kopfſchüt⸗ teln; ſodann folgten Thränen. »Nervenſchwäche,« ſagte Bob Sawyer mitleidig. »Kampherjullepp mit Waſſer, täglich drei Mal, und eine beruhigende Arznei für die Nacht.« »Ich weiß nicht, wo und wie ich anfangen ſoll, Herr Sawyer,« ſagte die alte Dame.»Es iſt ſo gren⸗ zenlos peinlich und ſchrecklich.« »Sie brauchen gar nichts zu ſagen, Madame,« er⸗ wiederte Bob Sawyer.»Ich kann mir ſchon Alles denken.— Ihr Leiden hat ſeinen Sitz im Kopfe.« »Ach nein, ich fürchte vielmehr, das Herz iſt der leidende Theil,« ſagte die alte Dame ſeußzend. »Ihr Herz iſt nicht in der geringſten Gefahr, Ma⸗ dame,« entgegnete Bob.»Der Magen iſt die Haupt⸗ urſache.« »Herr Sawyer!« rief die alte Dame zurückfahrend aus. »Die Sache leidet nicht den mindeſten Zweifel, Madame,« fuhr Bob mit ſehr gelehrter Miene fort. »Meine wertheſte Madame, Arznei bei Zeiten genommen, würde Allem vorgebeugt haben.« 8 Die Pickwicker. „»Herr Sawyer,“ ſagte die alte Dame, noch erregter als zuvor,»Ihr Benehmen gegen eine Frau in meiner Lage iſt entweder eine große Unverſchämtheit oder ein Beweis, daß Sie über den Zweck meines Beſuchs durch⸗ aus im Jrrthum ſind. Hätte durch Arznei oder irgend ein vorbeugendes Mittel verhütet werden können, was ſich ereignet hat, ſo würde ich es gewiß gethan haben. Es wird beſſer ſein, wenn ich nur gleich mit meinem Neffen ſpreche.« Sie ſtand ſehr unwillig auf, aber Bob hielt ſie noch zurück.. »Ich bitte, noch einen einzigen Augenblick, Madame; ich beſorge allerdings, daß ich Sie nicht recht verſtanden habe. Was iſt denn eigentlich vorgefallen?« »Ach, Herr Sawyer, meine Nichte— die Schweſter Ihres Freundes—« „»Nun, Madame?« rief Bob ungeduldig, denn die alte Dame, ſo erregt ſie war, ſprach mit der peinigend⸗ ſten Bedächtigkeit, wie es alte Damen oft zu thun pflegen.»Ihre Nichte, Madame 2« „»Verließ mein Haus vor drei Tagen, Herr Sawyer, unter dem Vorwand, meine Schweſter, eine andere Tante von ihr, zu beſuchen, welche die große Koſtſchule jenſeits des dritten Meilenſteins hält. Sie kennen das eichene Thor und den Linſenbaum,« ſagte die alte Dame, indem ſie inne hielt, um ſich die Augen abzutrocknen. »O, hole, der Teufel den Linſenbaum, Madame,⸗ rief Bob aus, der in ſeiner Spannung und Beſorgniß die Behauptung ſeiner Berufswürde gänzlich außer Acht ließ.»Fahren Sie ein wenig ſchneller fort, Madame; ich bitte, wenden Sie ein wenig mehr Dampf an.⸗ »Heute Morgen,« fuhr die alte Dame ſehr bedächtig fort,»heute Morgen—⸗ Die Pickwicker. 9 „»Kam ſie wieder, nicht wahr, Madame?« fiel Bob lebhaft ein.»Iſt ſie zurückgekehrt?« »Nein, Herr Sawyer— ſie ſchrieb.« »Was ſchrieb ſie, Madame? ich bitte, was hat ſie geſchrieben 2⸗ »Sie ſchrieb, Herr Sawyer— und das iſt es, wor⸗ auf ich Sie bitten will, Benjamin vorſichtig und allmäh⸗ lig vorzubereiten, damit er keine Uebereilung begeht— ſie ſchrieb, daß ſie— ich habe den Brief bei mir, Herr Sawyer, aber meine Brille liegt noch im Wagen, und wir würden nur Zeit verlieren, wenn ich Ihnen ohne meine Brille die Stelle aufſuchen wollte— alſo mit einem Wort, Herr Sawyer, ſie ſchrieb, daß ſie— ver⸗ heirathet ſei.« »Was?« ſagte oder chrie vielmehr Bob Sawyer. „Verheirathet,« wiederholte die alte Dame. Bob wollte nichts mehr hören, ſondern ſtürzte in den Laden, und rief mit Stentorſtimme:»Ben, Ben, ſie iſt durchgegangen!« Ben Allen, der hinter dem Ladentiſche geſchlummert hatte, wobei er mit dem Kopfe einen halben Fuß tiefer lag, als mit den Knieen, vernahm kaum dieſe ſchreckliche Kunde, als er plötzlich auf Martin zuſprang, kräftig in das Halstuch des ſchweigſamen Dieners griff, und die Abſicht zu erkennen gab, ihn auf der Stelle zu erwürgen, welche Abſicht er auch ſogleich mit einer Schnelligkeit, wie ſie oft die Wirkung der Verzweiflung iſt, und mit großer chirurgiſcher Geſchicklichkeit auszuführen begann. Martin, der ein Mann von wenigen Worten war, und nur geringe Beredſamkeit beſaß, unterwarf ſich der Operation ein paar Augenblicke mit vielem Gleichmuth, als er jedoch einſah, daß die Drohung, wenn er ſich fort⸗ während leidend verhielte, ſehr raſch ein Ergebniß herbei⸗ Die Pickwicker. führen würde, das ihn außer Stand ſetzen mußte, auf Abbitte oder Entſchädigung zu klagen, murmelte er eine vernehmliche Gegenvorſtellung, und ſchlug darauf Herrn Benjamin Allen zu Boden, und es blieb ihm, da derſelbe ſich mit der Hand in ſeine Halsbinde verwickelt hatte, keine andere Wahl, als ihm nachzufolgen. Beide lagen und kämpften noch mit einander, als die Ladenthür geöff⸗ net, und die Geſellſchaft durch die Ankunft zweier höchſt unerwarteter Beſucher, nämlich des Herrn Pickwick und des Herrn Samuel Weller vermehrt wurde. Als Sam die eben geſchilderte Scene erblickte, ſtieg zuerſt in ihm der Gedanke auf, daß Herr Martin von Seiten des Etabliſſements Sawyer ſonſt Nukemorf zu dem Zweck gemiethet worden ſei, ſtarke Arzneien einzu⸗ nehmen, Krämpfe oder ähnliche Zufälle zu bekommen, oder von Zeit zu Zeit Gifte zu verſchlingen, um Erperi⸗ mente mit ſich anſtellen zu laſſen, oder die Wirkſamkeit neuer Gegengifte zu prüfen, oder ſonſt für die Förderung der mediziniſchen Wiſſenſchaft benutzt zu werden, und den Wiſſensdurſt zu ſtillen, der in dem Buſen der beiden Jünger der wundärztlichen Kunſt glühte. Sam begab ſich daher jedes Verſuchs, ſich in das Mittel zu legen, und ſchaute ruhig und mit einer Miene zu, als ſei er unendlich begierig, das Reſultat des eben angeſtellten Er⸗ periments kennen zu lernen. Nicht ſo Herr Pickwick. Er warf ſich ſogleich mit ſeiner gewöhnlichen Energie auf die Kämpfenden, und forderte laut die Umſtehenden auf, ihm Beiſtand zu leiſten und ein Unglück verhüten helfen. Bob Sawyer erwachte nunmehr aus der Betäubung, in welche das wüthende Beginnen ſeines Freundes ihn verſetzt hatte. Er half Herrn Pickwick Ben Allen auf⸗ helfen, und Martin ſprang jeßt ebenfalls auf, und blickte mürriſch umher. Die Pickwicker. 11 »Herr Allen, was giebt es hier?« fragte Herr Pickwick. »Das geht Sie nichts an, Sir,« erwiederte Ben mit herausforderndem Trotz. »Was geht denn hier vor?« fragte jetzt Herr Pick⸗ wick Bob Sawyer.»Iſt Ihr Freund krank?« Doch ehe Bob antworten konnte, ergriff Ben Herrn Pickwicks Hand, und ſagte leiſe und wehmüthig:»Ach, mein theurer Sir, meine Schweſter, meine Schweſter!« »Iſt das Alles?« rief Herr Pickwick aus.„»Ich hoffe, daß wir dieſe Angelegenheit ſehr bald zu einem glücklichen Ende führen können. Ihre Schweſter iſt ge⸗ ſund und wohl, und ich bin hier, mein werther Herr, um—« »Es thut mir leid,« fiel Sam ein, der durch das Glasfenſter geſchaut hatte,»es thut mir leid, ſo äußerſt angenehme Verhandlungen unterbrechen zu müſſen, wie der König ſagte, als er das Parlament auflöſ'te, aber hier iſt ein anderes Erperiment zu machen, Sir. In der Hinterſtube liegt eine ehrwürdige alte Dame auf dem Teppich, und wartet darauf, ſezirt oder galvaniſirt, oder ſonſt einer wiederbelebenden und wiſſenſchaftlichen Erfin⸗ dung unterworfen zu werden.« »Ah, ich vergaß— es iſt meine Tante!« rief Ben Allen aus. »Die arme Dame,« ſagte Herr Pickwick.»Nicht zu laut, Sam, nicht zu laut.⸗ »Eine abſonderliche Lage für eine aus der Familie,⸗ bemerkte Sam, nachdem er ſich mit den andern in die Hinterſtube begeben und die Tante auf einen Stuhl ge⸗ hoben hatte.»Heda, Vice⸗Beinſäger, gleich her mit Riechflaſchen!« 8 1 Der letztere Zuruf war an den Knaben in Grau Die Pickwicker. gerichtet, welcher, nachdem er das Pferd einem Andern übergeben hatte,“ hineingeeilt war, um zu ſehen, was die Urſache des gewaltigen Lärmens ſei. Es gelang den ver⸗ einigten Bemühungen des Knaben, Bob Sawyers und Ben Allens(der, nachdem er ſeiner Tante eine Ohnmacht zugezogen, eben ſo zärtlich als eifrig beſchäftigt war, ſie wieder zum Bewußtſein zurückzurufen), die alte Dame wieder zu ſich zu bringen, worauf Ben äußerſt verſtört Herrn Pickwick fragte, was er vorhin, als ſie ſo beunru⸗ higend geſtört wurden, habe ſagen wollen. »Ich ſetze voraus, daß wir hier ganz unter Freun⸗ den ſind,« ſagte Herr Pickwick, indem er nach dem mür⸗ riſchen Manne von wenig Worten hinblickte, der die Fliege mit dem plumpen Pferd kutſchirt hatte. Bob Sawyer bemerkte jetzt, daß der Knabe in Grau mit weit geöffnetem Munde und begierigen Ohren daſtand. Nachdem Bob ihn beim Kragen gefaßt und aus der Thür geführt hatte, forderte er Herrn Pickwick auf, nunmehr ohne Rückhalt zu ſprechen.. »Ihre Schweſter, mein theurer Sir,« ſagte Herr Pickwick zu Ben,»befindet ſich in London— ſie iſt wohl und glücklich.« »Ich habe nichts mit ihrem Glück zu ſchaffen, Sir,⸗ entgegnete Ben mit einer ausdrucksvollen Bewegung der Hand. »Aber ich habe etwas mit ihrem Manne zu ſchaf⸗ fen, Sir, fiel Bob Sawyer ein. Ich werde auf zwölf Schritt etwas mit ihm zu ſchaffen haben, und ihm etwas zu ſchaffen machen, dem hinterliſtigen Halunken.⸗ Ddieſes war an und für ſich eine ganz gute und ſelbſt großmüthige Herausforderung, aber Herr Bob Sawyer ſchwächte deren Wirkung dadurch, daß er einige Bemer⸗ . —— Die Pickwicker. 13 kungen über Trepaniren und»Augen aus dem Kopf ſchla⸗ gen,« damit verband. 1 »Sir,« ſagte Herr Pickwick,»ich muß Sie bitten, daß Sie, bevor Sie über den fraglichen Gentleman ſich auf dieſe Weiſe ausſprechen, ſeine wirkliche oder vermeint⸗ liche Schuld ruhig erwägen, und vor allen Dingen berück⸗ ſichtigen wollen, daß er mein Freund iſt.⸗ „»Wie?« rief Bob erſtaunt aus. „»Wie heißt er?« fragte Ben. »Nathaniel Winkle,« ſagte Herr Pickwick mit Nach⸗ druck. 1 Ben Allen warf ſeine Brille zur Erde, zertrat ſie, hob ſodann die Stücke auf, und ſteckte ſie in drei ver⸗ ſchiedene Taſchen, kreuzte die Arme, biß ſich auf die Lip⸗ pen, und blickte drohend in das milde, menſchenfreund⸗ liche Antlitz des Herrn Pickwick. „Denn haben Sie alſo zu dieſer heimlichen Verbin⸗ dung aufgemuntert und ſie veranſtaltet, Sir?« fragte er endlich. b »Und vermuthlich iſt es der Bediente des Herrn ge⸗ weſen,« fiel die alte Dame ein,„der mein Haus um⸗ ſchlich, und meine Dienerſchaft zu einer Treuloſigkeit gegen ihre Herrſchaft zu verleiten ſuchte,— Martin le »Nun?« ſagte der mürriſche Kutſcher vortretend. »Iſt das der junge Menſch, von dem Du mir heute Morgen ſagteſt, du hätteſt ihn in der Gaſſe geſehen?2⸗ Martin, der, wie ſchon mehrere Male geſagt, ein Mann von wenig Worten war, nickte mit dem Kopfe, und ſagte in barſchem Ton:»Ja, das iſt er.« Herr Weller, der nicht im Mindeſten hochmüthig war, nickte zum Zeichen freundſchaftlicher Wiedererkennung Martin lächelnd zu, und bemerkte in höflichen Ausdrücken, daß es allerdings ein alter Bekannter von ihm ſei. 85 14 Die Pickwicker. „»Und ich haͤtte den treuen Menſchen faſt erwürgt,⸗ rief Ben aus.»Herr Pickwick, wie konnten Sie es Ihrem Schlingel von Bedienten geſtatten, bei der Ent⸗ führung meiner Schweſter behülflich zu ſein? Ich fordere eine Erklärung von Ihnen, Sir.« „»Ja, ja, eine Erkläͤrung, Sirz« rief Bob Sander in noch wilderem Tone. „Es iſt eine Verſchwörung,« ſagte Ben. »Ein abſichtlich angelegter Plan,« fügte Ben hinzu. »Ein ſchändlicher Betrug,« bemerkte die alte Dame. »Eine infame Gaukelei,« brummte Martin. »Ich bitte, hören Sie mich an,« ſagte Herr Pick⸗ wick, als Ben Allen auf den Aderlaßſtuhl niederſank und mit dem Taſchentuch nach den Augen fuhr.»Ich bin bei der Sache durchaus nicht behülflich geweſen, außer daß ich bei einer Zuſammenkunft der jungen Leute, die ich nicht verhindern konnte, gegenwärtig war, um dadurch jeden Schein der Unſchicklichkeit von denſelben zu entfernen. Dies iſt der ganze Antheil, den ich an der Angelegenheit hatte, und übrigens ahnete ich nicht ein⸗ mal, daß eine heimliche Vermählung beabſichtigt werde, obgleich ich,« fügte er raſch hinzu,»obgleich ich nicht ſagen will, daß ich ſie verhindert habei würde, wenn ich davon gewußt hätte.« »Sie hören es, haben Sie es alle gehört?« ſagte Benjamin Allen. »Sie haben es ſicher Alle gehört,« fuhr Herr Pick⸗ wick, ruhig umherblickend, fort, und fügte, indem ſein Antlitz ſich röthete, hinzu—»und Sie hören hoffentlich auch dieſes, daß Sie keineswegs berechtigt waren, Sir, den Neigungen Ihrer Schweſter Gewalt anthun zu wol⸗ len, und daß es vielmehr Ihre Pflicht geweſen wäre, ihr die frühyerlornen Aeltern durch zaͤrtliche Liebe und Für⸗ 4 —— 6—,'— 8 ͤ [ 8 292—— 6 — Die Pickwicker. 15 ſorge zu erſetzen. Was meinen jungen Freund betrifft, ſo muß ich mir zu bemerken erlauben, daß er in Bezie⸗ hung auf weltliche Vortheile und Begünſtigungen wenig⸗ ſtens auf gleichem Fuße mit Ihnen ſteht, wenn nicht auf einem viel beſſern, und daß ich über die Sache durchaus nichts mehr hören will, noch werde, wenn Sie nicht mit Mäßigung und Ruhe beſprochen wird.« »Ich muß ſo frei ſein,« ſagte jetzt Sam, indem er vortrat,»zu Dem, was der ehrenwerthe Gentleman ge⸗ ſagt hat, noch einige Bemerkungen hinzuzufügen, nämlich dieſe, eine Perſon in der Geſellſchaft hat auf beleidigende Weiſe von mir geſprochen, und mich einen Schlingel genannt.« »Das hat mit der Sache durchaus nichts zu thun, Sam,« unterbrach ihn Herr Pickwick.»Sein Sie ſo gut, ſich ruhig zu verhalten.« »Ich will ja auch gar nichts über die Sache ſagen, Sir,« entgegnete Sam,»vals dieſes: Der Gentleman da meint vielleicht, es habe eine frühere Zuneigung Statt gefunden, aber nicht im Mindeſten, denn die junge Dame ſagte vom erſten Anfang der Bekanntſchaft an, daß ſie ihn nicht ausſtehen könne. Es hat ihn alſo Niemand ausgeſtochen, und es wäre ganz daſſelbige für ihn geweſen, wenn die junge Dame Herrn Winkle nie in ihrem Leben geſehen hätte. Dieſes iſt, was ich zu ſagen wünſchte, Sir, und ich hoffe, daß ich nun den Gentleman da voll⸗ kommen beruhigt haben werde.« Den tröſtlichen Bemerkungen Sams folgte eine kurze Pauſe, worauf Ben Allen emporſprang, und betheuerte, Arabella ſolle ihm nie wieder vor die Augen kommen, während Bob Sawyer trotz Sams ſchmeichelhafter Ver⸗ ſicherung dem glücklichen Nebenbuhler die ſchrecklichſte Rache ſchwur. Doch gerade in dem Augenblick, als die Sache —— — 16 Die Pickwicker. eine ſo bedrohliche Wendung nahm, erhielt Herr Pickwick wirkſamen Beiſtand durch die alte Dame, auf welche die Vertheidigung ihrer Nichte offenbar großen Eindruck ge⸗ macht hatte, und die daher ihrem Neffen eine Reihe tröſt⸗ licher Erwägungen zu entwickeln begann, von denen die erheblichſten waren, es ſei am Ende doch gut, daß es nicht noch ſchlimmer wäre; was einmal geſchehen ſei, laſſe ſich nicht ändern, im Ganzen ſcheine es ihr auch kein ſo großes Unglück zu ſein; jedes Ding habe zwei Seiten, und was der neuen und beruhigenden Wahrheiten noch mehr waren.— Benjamin Allen erwiederte, daß er,»ohne ſeine Tante oder ſonſt jemanden verletzen zu wollen, bei ſeiner eigenen Meinung bleiben, und wenn ihnen das Vorgefallene auch gleichgültig ſei, nicht um⸗ hin könne, ſeine Schweſter bis zum Tode und bis nach demſelben zu haſſen.« Endlich, nachdem er dieſe Erklärung ein halbes hun⸗ dertmal wiederholt hatte, ging der alten Dame die Ge⸗ duld aus. Sie warf ſich in die Bruſt, und wünſchte zu wiſſen, was ſie gethan habe, daß ihr in ihren Jahren und Verhältniſſen nicht mehr Achtung erwieſen werde; zumal von ihrem Neffen, deſſen ſie ſich ſeit ſeiner Geburt angenommen, den ſie gekannt, noch ehe er einen Zahn im Munde gehabt, nicht zu gedenken ihrer Anweſenheit, als ihm zum erſten Male das. Haar geſchnitten wäre, und anderer zahlreicher und feierlicher Vorgänge in ſeiner Kindheit, bei denen ſie eine thätige Rolle geſpielt, und welche wichtig genug erſcheinen mußten, um ihre An⸗ ſprüche auf ſeine Zuneigung, Ehrerbietung und Folgſam⸗ keit für immer zu begründen. Während die gute alte Dame Ben Allen ſolcher Maaßen den Tert las, hatten ſich Sawyer und Herr Pickwick im eifrigen Geſpräch in das Hinterſtübchen zu⸗ Die Pickwicker.⸗ 17 rückgezogen, wo der Erſtere mehrere Mal ſeine Zuflucht zu der Flaſche nahm, unter deren Einfluß ſeine Züge ſich allmählig aufheiterten. Endlich trat er mit der Flaſche in der Hand wieder heraus, erklärte, er ſei ein Thor geweſen, und trank auf Herrn und Miſtreß Winkle Geſundheit und Wohlergehen, welches er ihnen nicht allein nicht beneide, ſondern wozu er ihnen als der allererſte Glück wünſchen wolle. Als Ben Allen ſeinen Freund ſo ſpre⸗ chen hörte, ſtand er auf, ergriff die ſchwarze Flaſche und that einen ſo tiefen Zug daraus, daß, da das Getränk ſehr ſtark war, er faſt im Geſicht ſo ſchwarz wurde, als die Flaſche ſelbſt. Schließlich machte die Flaſche die Runde, bis ſie ganz geleert war, und es wurden ſo viel Komplimente gewechſelt, daß ſelbſt über Martins ſtarre Züge eine Art von Lächeln flog. »Und nun wollen wir uns einen luſtigen Abend machen,« ſagte Bob Sawyer, und rieb ſich dabei die Hände. »Es thut mir leid,« ſagte Herr Pickwick,»daß ich nach meinem Gaſthof zurückkehren muß, denn die Reiſe hat mich um ſo mehr angegriffen, als ich ſeit einiger Zeit ein ſehr ruhiges Leben führte, und mir nur wenig Bewegung machen konnte.« »Wollen Sie nicht wenigſtens eine Taſſe Thee trin⸗ ken, Herr Pickwick?« ſagte die alte Dame mit der ein⸗ ladenſten Freundlichkeit. »Ich muß in der That danken,« entgegnete Herr Pickwick, und die Wahrheit iſt, daß ihn grade die aus⸗ nehmende Höflichkeit der alten Dame um ſo mehr be⸗ wog, ſich zu entfernen. Er dachte an Miſtreß Bardell, und bei jedem gütigen Blick der alten Dame trat ihm kalter Schweiß auf die Stirn. Da er ſich durchaus nicht zurückhalten leß, ſo wurde Die Pickwicker. VI. —— — —— — QQ:⏑ʒ—ʒÿ:—:ꝛ·ꝛ—— 18 Die Pickwicker. wenigſtens auf ſeinen eigenen Vorſchlag verabredet, daß ihn Ben Allen auf ſeiner Reiſe zu dem Vater des Herrn Winkle begleiten, und daß der Wagen am nächſten Mor⸗ gen um neun Uhr vor dem Hauſe halten ſolle. Herr Pick⸗ wick empfahl ſich darauf, und kehrte mit Sam Weller in den Buſch zurück. Erwähnenswerth dürfte es noch ſein, daß ſich Martins Züge krampfhaft verzerrten, als ihm Sam die Hand zum Abſchiede reichte, und daß er zwar lächelte, aber zugleich eine Verwünſchung murmelte, was, wie diejenigen erklärten, die mit ſeinen Eigenthümlichkeiten am genaueſten bekannt waren, bei ihm ſo viel bedeutete, als,»Herrn Wellers Geſellſchaft habe ihm unendlich zu⸗ geſagt, und er bitte um die Ehre ſeiner fernern Be⸗ kanntſchaft.« »Soll ich ein beſonderes Zimmer beſtellen, Sir 2a fragte Sam, als er mit ſeinem Herrn im Buſche an⸗ langte. »Nein, Sam,»— erwiederte Herr Pickwick,»da ich im Wirthszimmer zu Mittag gegeſſen habe, und bald zu Bett gehen werde, ſo iſt es nicht der Mühe werth.— Sehen Sie einmal zu, Sam, wer im Gaſtzimmer iſt.« Herr Weller brachte ſeinem Herrn die Nachricht, es ſei nur der Wirth und ein einäugiger Herr anweſend, die eine Bowle Biſchof zuſammen tränken. »Ich will mich zu ihnen ſetzen,« ſagte Herr Pickwick. »Der Einäugige ſcheint ein wunderlicher Kauz zu ſein, Sir,«— bemerkte Sam, während er voranging. Er lügt dem Wirth die Jacke ſo voll, daß der gute Mann nicht weiß, ob er auf den Sohlen ſeiner Stiefel oder auf dem Kopfe ſteht.« Der Herr, anf den dieſe Bemerkung ſich bezog, ſaß, als Herr Pickwick eintrat, am obern Ende des Zimmers, aus einer langen Tonpfeife rauchend, und heftete ſeine Die Pickwicker. 19 Blicke feſt auf das runde Geſicht des Wirths, dem er ohne Zweifel ſo eben ſehr wunderbare Dinge erzählt hatte, wie man aus deſſen verſchiedenen Ausrufen, als: „»Wer hätte das glauben ſollen! Der wunderbarſte Vorfall, von dem ich je hörte! ſollte man es für möglich halten!« und andere Zeichen der Bewunderung, die unwillkührlich ſeinen Lippen entfuhren, während er dem Einäugigen zuhörte, entnehmen konnte. »Ihr Diener, mein Herr,« ſagte der Einäugige zu Herrn Pickwick.»Ein ſchöner Abend, Sir!« »Sehr ſchön in der That,« erwiederte Herr Pick⸗ wick, während der Kellner Rum und heißes Waſſer vor ihn ſtellte. Indem er ſeinen Grog miſchte, blickte ihn der Einäugige von Zeit zu Zeit ſcharf an, und ſagte endlich: »Ich ſollte meinen, daß ich Sie ſchon geſehen hätte.⸗ „Ich bekenne, daß ich mich Ihrer nicht erinnere,⸗ entgegnete Herr Pickwick. »Glaubs wohl,« fuhr der Einäugige fort.—»Sie ſahen mich auch noch nie, aber ich lernte zwei ihrer Freunde im Pfau zu Eatanswell zur Zeit der Wahl kennen. Ich erzählte ihnen von einem gewiſſen Tom Smaet.— Vielleicht haben Sie auch davon gehört?« »Freilich, ſehr oft,« verſetzte Herr Pickwick lächelnd. —»Er war, wenn ich nicht irre, Ihr Onkel.« »Nein nein,— nur ein Freund meines Onkels,⸗ ſagte der Einäugige. »Ihr Onkel war ein äußerſt merkwürdiger Mann,⸗ bemerkte der Wirth, »Das mögen Sie wohl ſagen,« entgegnete der Ein⸗ aͤugige.—»Ich könnte Ihnen eine Geſchichte von ihm erzählen, meine Herren, die Sie in Erſtaunen ſetzen würde.« 2* * Die Pickwicker. „Bitte, laſſen Sie uns doch hören,« ſagte Herr Pickwick. Der Einäugige Hauſirer füllte ſein Glas, trank es aus, that einen langen Zug aus ſeiner Pfeife, rief Sam, der noch an der Thüre verweilte, zu, er brauche nicht hin⸗ auszugehen, denn die Geſchichte ſei kein Geheimniß, und begann, wie im folgenden Capitel zu leſen iſt. 20 Funfzigſtes Kapitel. Welches die Geſchichte von des Hauſirers Onkel enthält. »Mein Onkel,« begann der Hauſirer,»war einer der munterſten, angenehmſten, und geſchickteſten Männer, die je gelebt haben mögen.— Ich wollte, Sie hätten ihn gekannt, Gentlemen. Aber nein, wenn ich mir es näher überlege, möchte ich es doch nicht, denn hätten Sie ihn gekannt, ſo würden Sie zu dieſer Stunde nach dem gewöhnlichen Lauf der Natur wenn nicht todt, doch Ihrem Lebensende ſo nahe ſein, daß Sie, ſtatt zu reiſen, zu Hauſe bleiben, und die Geſellſchaft meiden müßten, und ich erfreute mich dann nicht des unſchätzbaren Ver⸗ gnügens, mich jetzt mit Ihnen zu unterhalten.— Gentle⸗ men, ich wünſchte, daß Ihre Väter und Mütter mei⸗ nen Onkel gekannt hätten.— Sie würden gewiß ſehr viel auf ihn gehalten haben, beſonders Ihre ehrwürdigen Frauen Mütter. Wenn unter ſeinen zahlreichen Tugenden über⸗ haupt ein paar vorherrſchten, ſo möchte ich ſagen, daß es ſeine Punſchbereitung und ſeine Lieder nach dem Abend⸗ eſſen waren. Entſchuldigen Sie, daß ich bei dieſen weh⸗ Die Pickwicker. 21 müthigen Erinnerungen ſo lange verweile, aber man begegnet nicht alle Tage einem Mann, wie meinem On⸗ kel. Ich habe es immer für einen weſentlichen und vortrefflichen Zug in ſeinem Charakter gehalten, meine Herren, daß er der vertraute Freund und Gefährte Tom Smaets von dem großen Handelshauſe Bilſon und Slum in der City war. Mein Onkel reißte für Tiggin und Welps, und nahm eine Zeitlang faſt die⸗ ſelbe Route, die Tom nahm, und gleich am erſten Abend, als er mit ihm zuſammentraf, faßte er eine Zuneigung zu Tom, und Tom faßte eine Zuneigung zu ihm. In der erſten halben Stunde nach ihrer Bekanntſchaft wet⸗ teten ſie ſchon um einen neuen Hut, wer am beſten ein Quart Punſch brauen, und es am ſchnellſten austrinken könne. Mein Onkel gewann die Wette, was das Brauen betraf, aber im Trinken kam ihm Tom Smaet um einen halben Theelöffel voll zuvor. Sie machten jeder noch ein Quart Punſch, um Einer des Andern Geſundheit darin zu trinken, und waren ſeit der Zeit fortwährend die in⸗ timſten Freunde. In ſolchen Dingen iſt Schickung, Gentlemen, man kann ihr nicht entgehen! Was das Äußere meines Onkels anbelangt, ſo war er ein wenig unter Mittelgröße, um einen Gedanken korpulenter als die meiſten Leute, und vielleicht war auch ſein Geſicht um eine Schattirung röther. Er hatte das fröhlichſte Antlitz, daß man nur ſehen kann, Gentlemen. Es glich einigermaßen dem Antlitz unſers bekannten Ma⸗ rionetten⸗Punch, nur daß ſeine Naſe und ſein Kinn hübſcher waren. Seine Augen ſprüheten und funkelten ſtets von der gutmüthigſten Laune, nnd fortwährend 5 ſpielte um ſeinen Mund ein Lächeln— kein leeres höl zernes Greinen, wie man es ſo oft ſieht— nein, ein ächtes, fröhliches, herzerfreuendes, menſchenfreundliches Die Pickwicker. Lächeln. Einſt ward er aus ſeinem Gig und mit dem Kopf gegen einen Meilenſtein geſchleudert. Er lag be⸗ täubt da, und ſein Geſicht war, da er auf einen Haufen Kiesſand fiel, ſo zerſchunden, daß ihn, wie er ſich ſelbſt ausdrückte, ſeine eigene Mutter nicht wieder erkannt haben würde, wenn ſie auf die Erde zurückgekehrt wäre, und wenn ich Alles erwäge, meine Herren, ſo glaube ich, daß er Recht hatte, denn ſie ſtarb, als mein Onkel gerade zwei Jahr und ſieben Monat alt war, und ſchon ſeine Stulpenſtiefel würden die gute Frau irre geführt haben, um nichts von ſeinem muntern rothen Geſicht zu ſagen. Dem ſei, wie ihm wolle, er lag mit zerſchun⸗ denem Geſicht auf der Landſtraße, und ich habe ihn oft ſagen hören, daß der Mann, der ihn aufgehoben, geſagt, er hätte ſo ſüß gelächelt, als ſei er nur zu ſeinem Ver⸗ gnügen herausgepoltert, und nachdem man ihm zur Ader gelaſſen, hätten die erſten Anzeichen ſeines wiederkehren⸗ den Bewußtſeins darin beſtanden, daß er in ein lautes Gelächter ausgebrochen ſei, das junge Frauenzimmer, welches das Aderlaßbecken gehalten, geküßt, und augen⸗ blicklich Hammel⸗Koteletts und eine eingemachte Wall⸗ nuß beſtellt habe. Er war ein ſehr großer Liebhaber von eingemachten Wallnüſſen, Gentlemen. Er ſagte, daß ſie, ohne Weineſſig genoſſen, das Bier viel beſſer munden ließen.. „Meines Onkels große Reiſe, während welcher er im Norden ausſtehende Schulden einkaſſirte und Aufträge annahm, fand zur Zeit des Blätterabfallens Statt. Er ging von London nach Edinburg, von da nach Glasgow, dann wieder nach Edinburg, und kehrte endlich zu Waſſer nach London zurück. Sein zweiter Beſuch in Edinburg war immer nur ſeinem Vergnügen gewidmet. Er brachte dann gewöhnlich eine Woche dort zu, und die Zeit ver⸗ Die Pickwicker. 23 ging ſehr ſchnell und angenehm, indem er mit dem Einen ſeiner Freunde das erſte, mit dem Andern das zweite Frühſtück einnahm, mit einem Dritten zu Mittag, und mit einem Vierten zu Abend ſpeiſite. Ich weiß nicht, Gentlemen, ob einer von Ihnen wohl ſchon ein Mal an einem ächten gaſtlichen ſchottiſchen Frühſtück Theil genommen, und dann zu einem zweiten leichten Frühſtück von ein paar hundert Auſtern, ein Dutzend Flaſchen gutes Ale, und ein paar Maaß Whiskey übergegangen iſt. War es der Fall, ſo werden Sie mir beipflichten, daß ein ziemlich ſtarker Kopf und Magen dazu gehört, nachher noch einem Mittags⸗ und einem Abendeſſen bei⸗ zuwohnen. »Für meinen Onkel, meine Herren, war dies aber⸗ ganz und gar nichts; er hatte ſich ſo daran gewöhnt, daß es ihm durchaus nichts anhaben konnte. Er ſagte mir einſt, er hätte die Dundeer alle Tage unter den Tiſch trinken, und dann ohne Schwanken zu Hauſe gehen können, und doch haben die Dundeer ſo ſtarke Köpfe, und ſo ſtarken Punſch, meine Herren, als Sie vom Nord⸗ bis zum Südpol nur irgendwo finden können. Man erzählt von einem Glasgower und einem Dundeer, welche funfzehn Stunden in einer einzigen Sitzung um die Wette tranken. Sie wären Beide zuletzt faſt in demſelben Augenblick, ſo weit man der Sache auf den Grund gehen konnte, erſtickt, aber abgeſehen von dieſer Kleinigkeit, befanden ſie ſich eben nicht ſchlechter als zuvor. »Eines Abends in den letzten vierundzwanzig Stun⸗ den vor ſeiner feſtgeſetzten Abfahrt zur See nach London, ſpeiſte mein Onkel bei einem ſeiner älteſten Freunde, einem Baillin Mac, mit noch vier Sylben dahinter, zu Abend. Es waren noch gegenwärtig: die Gemahlin des Die Pickwicker. Wirths und ſeine drei Töchter, ſein ziemlich erwachſener Sohn, und drei oder vier breitſchulterige alte Schott⸗ länder mit buſchigten Augenbraunen. Es war eine ſehr angenehme Geſellſchaft, und ein Abendeſſen aus der alten ſchottiſchen Küche. Da gab es geräucherten Salm und einen Lammskopf und ein Hachis, ein berühmtes ſchotti⸗ ſches Gericht, meine Herren, das in einem Rinds⸗ oder Schaafmagen gekocht wird, und das meinem Onkel, wie er ſagte, wenn es auf den Tiſch geſetzt wurde, ſtets wie ein Cupido⸗Magen vorkam; und noch viele andere Ge⸗ richte, deren Namen ich vergaß, die aber den andern nicht nachſtanden. Die jungen Damen waren munter und aufgeräumt; die Gemahlin des Wirths, eine äußerſt angenehme Frau; und mein Onkel in der beſten Laune von der Welt, wovon denn die Folge war, daß die jun⸗ gen Damen viel kicherten und flüſterten, die alte Dame ganz laut lachte, und der Baillin und die andern alten Burſchen die ganze Zeit über vor Lachen roth im Geſicht wurden wie die Truthähne. Ich kann nicht mehr genau ſagen, wie viel Gläſer Whiskey⸗Toddi jeder nach dem Eſſen trank, aber ſo viel weiß ich, daß etwa um ein Uhr nach Mitternacht dem Sohne des Baillin die Zunge zu ſchwer wurde, als er den erſten Vers des Liedes: »Willie braute ſeinen Punſch,« beginnen wollte, und da er ſeit einer halben Stunde noch allein, außer meinem Onkel, über den Tiſch ſichtbar geweſen war, ſo fiel es meinem Onkel ein, daß es faſt Zeit werden möchte, auf⸗ zubrechen, beſonders da ſie früh um ſieben Uhr zu trinken angefangen hatten, damit er zeitig nach Hauſe gehen könne. Er meinte jedoch, daß es nicht ganz höflich ſein möchte, ſich gerade in dieſem Augenblick zu entfernen, votirte ſich daher zum Präſidenten, miſchte ſich noch ein Glas, ſtand auf, um ſeine Geſundheit in Vorſchlag zu Die Pickwicker. 25 bringen, hielt eine wohlgeſetzte und ſchmeichelhafte Anrede an ſich ſelbſt, und trank den Toaſt mit großer Begei⸗ ſterung. Es erwachte jedoch Niemand, mein Onkel trank daher noch einen Tropfen— und zwar dieſes Mal un⸗ gemiſcht, damit ihm der Toddy auch gut bekäme, legte gewaltſame Hand an ſeinen Hut, und ſchlich ganz ge⸗ müthlich zum Hauſe hinaus. »Es war eine wilde ſtürmiſche Nacht; mein Onkel drückte daher den Hut feſt auf den Kopf, damit der Wind ihn nicht abwehe, ſteckte ſeine Hände in die Hoſen⸗ taſchen, blickte aufwärts, und ſchaute prüfend nach dem Wetter. Die Wolken trieben in ſchwindelnder Eile vor dem Monde vorüber, und verdunkelten ihm bald gänzlich; bald ließen ſie ihn in ſeinem vollen Glanze wieder er⸗ ſcheinen, ſo daß auch auf der Erde Licht und Finſterniß raſch mit einander abwechſelten.»Pots tauſend, dies iſt nichts,« ſagte mein Onkel, als wenn er ſich vom Wetter perſönlich beleidigt fühlte.»Das iſt durchaus nichts für meine Reiſe; es geht wahrhaftig nicht an.«— Nachdem er mehrere Male ſo geſprochen, und nicht ohne einige Mühe ſein Gleichgewicht wieder gewonnen hatte— denn er war ſchwindelich davon geworden, daß er ſo lange zum Himmel emporgeblickt— ging er munter davon. »Der Baillin wohnte im Canongate und mein Onkel mußte faſt eine halbe Stunde davon nach dem fernſten Ende von Leith Walk.— Ihm zu beiden Seiten ſchoſſen hohe düſtere Häuſer gegen den ſchwarzen Himmel empor; ihre Fenſter ſahen aus wie vor Alter eingeſunkene Augen. Sechs, ſieben, ja acht Stockwerk waren die Häuſer hoch; eins erhob ſich über dem andern, wie bei jenen, welche die Kinder aus Karten zu bauen pflegen, und die Schat⸗ ten, welche ſie über die ſchlecht gepflaſterte Straße war⸗ fen, machten die Nacht noch finſterer. Einige Oellampen 26 Die Pickwicker. flackerten in weiten Zwiſchenräumen, aber ſie dienten nur dazu, den ſchmutzigen Eingang in eine enge Gaſſe zu bezeichnen, oder ihren düſteren Schein auf eine ſtei⸗ nerne Treppe zu werfen, die in vielfachen Windungen nach den höher liegenden Straßen führte. Meinem Onkel war dies alles nichts neues, er ging daher, die Daumen in den Weſtentaſchen, mitten in der Straße ganz unbe⸗ kümmert ſeines Weges, und ſang ſich dabei ein Liedchen, und zwar ſo kräftig und wohlgemuth, daß die Leute aus dem erſten Schlaf aufſchreckten, und zitternd horchten, bis die Töne in der Ferne verhallten, worauf ſie denn einſahen, daß es irgend ein angetrunkener Thunichtgut ſein müſſe, der ſeinen Weg nach Hauſe ſchlendere, und ſie deckten ſich warm zu, und ſchliefen wieder ein. »Ich erzähle ſo ausführlich, Gentlemen, wie mein Onkel mit den Daumen in den Weſtentaſchen mitten auf der Straße ging, weil, wie er oft und zwar mit Grund zu ſagen pflegte, an der ganzen Geſchichte durchaus nichts Ungewöhnliches iſt, wenn man ſich nicht gleich Anfangs gehörig einprägt, daß er ſich keineswegs in einer phanta⸗ ſtiſchen, dem Wunderbaren zugeneigten Stimmung befand. »Mein Onkel ging alſo mitten in der Straße, die Daumen in den Weſtentaſchen, ſtimmte bald einen Vers aus einem Liebes⸗ bald einen aus einem Trinkliede an, und pfiff ſich dann zur Abwechſelung ſehr melodiſch ein Stückchen, bis er an die Nordbrücke kam, welche hier die Alt⸗ und Neuſtadt von Edinburg verbindet. Er ſtand einen Augenblick ſtill, blickte umher auf die ſeltſam übereinander gethürmten Gebäude, und zwiſchen ihnen hervorblickenden Lichter, die ſich bis zu ſolcher Höhe zeig⸗ ten, daß ſie wie Sterne erſchienen, und als ob ſie wirk⸗ liche Schlöſſer in der Luft vor den Mauern des alten Kaſtelles beleuchteten, während die alte pireske Stad Die Pickwicker. 27 ruhig in der dunklen Tiefe lag; der Pallaſt und die Kapelle von Holyrood,»Tag und Nacht bewacht,« wie ein Freund meines Onkels zu ſagen pflegte,»durch den Sitz des alten Arthur, der hoch und finſter, wie ein ſtrenger Genius über der alten Stadt thronte—« ich ſage, mein Onkel blieb hier einen Augenblick ſtehen, um ſich umzuſchauen, ſprach ſich freundlicher gegen das Wetter aus, das ſich etwas aufgeklärt hatte, obgleich der Mond im Untergehen war, und ſchritt darauf wieder eben ſo wacker und rüſtig, als zuvor, weiter, behauptete fort⸗ während mit großer Würde die Mitte der Straße, und ſah aus, als ob es ihm gerade Recht wäre, wenn Jemand erſchiene, und ſie ihm ſtreitig machte. Da jedoch Nie⸗ mand ſich zeigte, ſo ſetzte er, die Daumen noch immer in den Weſtentaſchen, ſeinen Weg friedlich wie ein Lamm fort. »Als mein Onkel am Ende von Leith⸗Walk an⸗ langte, mußte er über einen ziemlich großen unbebauten Platz, der ihn noch von der Kurzenſtraße trennte, in welcher er wohnte. Auf dieſem Platz befand ſich nun zu jener Zeit ein eingefriedigter Raum, der einem Wagner gehörte, welcher der Poſt die abgenutzten Poſtkutſchen abzukaufen pflegte, und da mein Onkel eine große Lieb⸗ haberei für Kutſchen, alte, junge und mittel⸗alterliche hatte, ſo kam es ihm in den Sinn, den kleinen Umweg zu machen, um ſich durch die Umzäunung die Kutſchen anzuſehen, deren er bei Tage ein Dutzend im traurigſten und gebrechlichſten Zuſtande innerhalb bemerkt zu haben ſich erinnerte. Mein Onkel war ein Mann von ſchnellem Entſchluß, Gentlemen, da er nun nicht gut durch die Umzäunung ſehen konnte, ſo ſtieg er ohne Weiteres hin über, ſetzte ſich gemächlich auf eine alte Wagenachſe, und begann, die Poſtkutſchen ſehr ernſthaft zu betrachten. 28 Die Pickwicker. Es mochten deren ein Dutzend oder auch wohl mehr vorhanden ſein; mein Onkel entſann ſich dieſes Punktes nicht ganz genau, und da er, was Zahlen betraf, ſehr gewiſſenhaft war, ſo ſprach er ſich nicht gern darüber aus— aber da ſtanden ſie in dem traurigſten Zuſtande und in der größten Verwirrung durch einander geſchoben. Die Thüren waren aus den Angeln geriſſen oder fehlten ganz; vom Futter ſah man nur noch hier und da Fetzen an einem roſtigen Nagel hängen; die Laternen waren fort; die Farben verblichen und abgeſchabt; der Wind pfiff durch die Ritzen des Holzwerks; das Waſſer, das ſich auf den Dächern geſammelt hatte, tröpfelte mit dumpfem Ton hindurch; mit einem Wort, die einſt ſo ſtattlichen Poſtkutſchen waren nur noch Wracks, und boten an dieſem einſamen Ort und mitten in der Nacht einen faſt unheimlichen Anblick dar. Mein Onkel ſtützte den Kopf auf die Hände, und gedachte der geſchäftigen Reiſenden, die vor Jahren in den alten, jetzt ſo öden und veränderten Kutſchen die Welt durchflogen hatten; er gedachte der vielfachen frohen und betrübten Kunde, welche Tauſenden einſt durch ſie zugeführt worden war — der ſehnſüchtig erwarteten Nachricht des zu rechter Zeit angekommenen Wechſels, der Liebes⸗ und Freund⸗ ſchaftsverſicherungen, der plötzlichen und unerwarteten Ankündigung von Krankheit und Tod. Der Handels⸗ und Geſchäftsmann, der Liebende, die Gattin, die Wittwe, die Mutter, der Studirende, ſelbſt das Kind, das auf das Anklopfen des Briefträgers nach der Hausthür eilte — wie hatten ſie alle die Ankunft der alten Kutſchen erwartet und was waren ſie jetzt! »Mein Onkel pflegte zu ſagen, er habe, als er ſo auf der alten Wagenare ſaß, an alles dieſes gedacht, aber ich möchte faſt glauben, daß er es ſpäter in irgend einem —.,— ———— 8D 8⏑——& GGfI „—&—8——ℳ— — 28ͤ—,— —:——ʒ—— Die Pickwicker. 29 Buch geleſen hat, denn er erklärte ſelbſt ganz beſtimmt, er ſei bald darauf in eine Art von Schlummer gefallen, aus dem ihn plötzlich die dumpfen Töne einer Glocke ge⸗ weckt, welche zwei Uhr geſchlagen. Mein Onkel war nun einmal kein ſchneller Denker, meine Herren, und haͤtte er alles dieſes gedacht, ſo glaube ich, daß es ihn wenig⸗ ſtens bis um halb drei Uhr beſchäftigt haben würde. Ich bin daher entſchieden der Anſicht, meine Herren, daß mein Onkel in ſeinen Schlummer verfiel, ohne überhaupt an etwas gedacht zu haben. »Dem ſei nun wie ihm wolle, eine Kirchenuhr ſchlug zwei, mein Onkel erwachte, rieb ſich die Augen, und ſprang verwundert auf. »In einem einzigen Augenblick, ſobald die Töne der Glocke verklungen waren, verwandelte ſich die ganze öde und ſtille Umgebung, und Alles wurde Leben, Bewegung und Getümmel. Die Kutſchenthüren waren wieder in ihren Angeln, das Futter im beſten Zuſtande, das Eiſen⸗ werk ſo gut wie neu, die Farben friſch und glänzend, die Laternen angezündet, auf jedem Sitz lagen Kiſſen und Mäntel, Aufwärter und Schirrmeiſter waren beſchäftigt, Kiſten und Schachteln aufzupacken, Stallknechte begoſſen die Räder mit Waſſer, Paſſagiere eilten herbei, Mantelſäcke wurden gebracht, die Pferde vorgelegt, mit einem Worte: Alles verkündete, daß alle Poſtkutſchen ſogleich abfahren ſollten. Meine Herren, mein Onkel riß die Augen bei dieſer höchſt unerwarteten Erſcheinung ſo weit auf, daß er bis zum letzten Augenblick ſeines Lebens zu ſagen pflegte, es ſei ihm rein unbegreiflich, wie er im Stande geweſen, ſie je wieder zu ſchließen.— 3 »Es iſt die höchſte Zeit,« ſagte Jemand, der ihm auf die Schulter klopfte.»Sie haben einen Innenplatz. — Steigen Sie ein.⸗ Die Pickwicker. „»Ich?« rief mein Onkel ſich verwundert umwendend aus. »Ja ja, Sie.« »Mein Onkel konnte vor Erſtaunen kein Wort über die Lippen bringen, meine Herren. Das Seltſamſte von Allem war, daß, obgleich eine ſolche Menge von Men⸗ 30 ſchen erſchienen waren, und ihre Anzahl ſich immer vermehrte, man ſchlechterdings nicht bemerken konnte, woher ſie kamen. Sie ſchienen auf unerklärliche Weiſe aus der Erde oder durch die Luft zu kommen, und eben ſo wieder zu verſchwinden. Wenn ein Träger ſeine Ba⸗ gage abgeliefert, und ſeinen Lohn erhalten hatte, wendete er ſich um und fort war er, und bevor mein Onkel überlegen konnte, was aus ihm geworden ſein möchte, erſchien plötzlich ein halbes Dutzend Andere, unter ihren Laſten keuchend. Dazu waren auch die Paſſagiere ſo äußerſt wunderlich gekleidet— in breitſchößigen mit Litzen beſetzten Röcken, langen Weſten und mit Perücken, Gentlemen— mit großen Perücken, die ſich hinten in einen Zopf endigten. Mein Onkel wußte nicht, was er davon denken ſollte. »Nun, werden Sie bald einſteigen,« ſagte der Mann, der ihn ſchon ein Mal angeredet hatte, und der ein Schirrmeiſter zu ſein ſchien. Er hatte ebenfalls eine mächtige Perücke auf und noch breitere Rockſchöße als die andern, mit großen hoch angeſchwellten Taſchen. In der einen Hand hielt er eine Laterne, in der andern eine gewaltige Blunderbüchſe. »Werden Sie nun bald einſteigen, Jack Martin?« ſagte er, indem er meinem Onkel die Laterne vor's Ge⸗ ſicht hielt. »Hallo,« fuhr ihn mein Onkel an, trat aber ein paar Schritte zurück. Die Pickwicker. „Ihr Name ſteht ſo im Paſſagierverzeichniß,« fuhr der Schirrmeiſter fort. „»Und ſteht kein Miſter davor?« fragte mein Onkel, denn er meinte, Gentlemen, das Poſtamt würde, wenn ees zur Anzeige käme, es nicht gut heißen, daß ein Schirrmeiſter, den er gar nicht kannte, ſich herausnahm, ihn Jack Martin anzureden. Der Schirrmeiſter antwortete kaltblütig:»Nein, es ſteht kein Miſter davor.« »Iſt das Poſtgeld für mich bezahlt?« fragte mein Onkel. »Verſteht ſich,« erwiederte der Schirrmeiſter. »So, ſo,« ſagte mein Onkel;»ſchon gut! in wel⸗ cher Kutſche fahre ich?« „In der da!« ſagte der Schirrmeiſter, und zeigte nach einer altmodiſchen Edinburg und Londener, deren Thür ſchon geöffnet und deren Wagentritt herabgelaſſen war.„»Doch halt! da ſind die anderen Paſſagiere. Laſſen Sie ſie zuerſt einſteigen.« »Indem der Schirrmeiſter ſo ſprach, erſchien plötzlich vor meinem Onkel, ihm gerade gegenüber, ein junger Herr mit einer gepuderten Perücke und in einem himmel⸗ blauen Rock mit Silberborden, hohen Aufſchlägen und breiten, mit Steifleinwand gefütterten Schößen. In ſeiner Kattunweſte war Tiggin und Welps Fabrikzeichen zu ſehen, meine Herren, ſo daß mein Onkel ſämmtliche Stoffe ſogleich erkannte. Der junge Herr trug Knie⸗ hoſen und eine Art von Kamaſchen über den ſeidenen Strümpfen, ferner Schnallenſchuhe und Manſchetten, hatte einen dreieckigen Hut auf dem Kopf und einen lan⸗ gen ſpitzen Degen an der Seite. Seine Weſte reichte ihm faſt bis an die Knie, und die Zipfel ſeines Hals⸗ tuches hingen bis über die Mitte ſeines Leibes hinab. 32 Die Pickwicker. Er trat gravitaͤtiſch an den Kutſchenſchlag, nahm den Hut ab, hielt ihn auf Armslänge über dem Kopfe, krümmte dabei zugleich ſeinen kleinen Finger in der Luft, wie affek⸗ tirte Leute zu thun pflegen, wenn ſie eine Taſſe Thee nehmen, zog dann den einen Fuß an den andern, machte eine ſteife tiefe Verbeugung, und ſtreckte die linke Hand aus. Mein Onkel ſtand eben im Begriff, einzuſchlagen und ſie herzlich zu ſchütteln, als er bemerkte, daß dieſe Höflichkeitsbezeigungen nicht ihm, ſondern einer jungen Dame in einem altmodiſchen grünen Sammtkleide mit langer Taille und Bruſtlatz galten, die in demſelben Au⸗ genblick an dem Wagentritt erſchien. Sie hatte keinen Hut auf dem Kopfe, meine Herren, ſondern eine ſchwarze ſei⸗ dene verhüllende Kappe, aber ſie ſah ſich ſchnell um, be⸗ vor ſie ſich anſchickte, in den Wagen zu ſteigen, und noch nie hatte mein Onkel ein ſo ſchönes Geſicht geſehen— nicht einmal auf einem Gemälde. Sie ſtieg ein, und mein Onkel betheuerte, und ſchwur darauf, ſo oft er die Geſchichte erzählte, er hätte es nicht für möglich gehal⸗ ten, daß es ſo zierliche Füße geben könne, als bis er die der jungen Dame mit eigenen Augen geſehen. Sie hatte meinem Onkel nur einen einzigen, aber flehenden Blick zugeworfen, und ſchien bis zur Verzweiflung betrübt zu ſein. Er bemerkte auch, daß der junge Herr mit der gepuderten Perücke, ſo galant er ſich auch dem äußern Anſchein nach benahm, ſie feſt bei der Hand faßte, als ſie einſtieg, und ihr augenblicklich nachfolgte. Ein bos⸗ haft ausſehender Menſch mit einer braunen Perücke, in einem pflaumenfarbigten Rock, einem mächtigen Haudegen an der Seite, und in Stiefeln, die ihm bis an die Hüf⸗ ten reichten, gehörte ebenfalls zu der Geſellſchaft, und als er ſich neben die junge Dame ſetzte, die ſich bei ſei⸗ ner Annäherung furchtſam in die Ecke drückte, war mein —— 18——„ ſ n — 0◻ 8&A N Die Pickwicker. 33 Onkel ſogleich überzeugt, daß mit der Dame etwas Arges und Geheimnißvolles vorginge, oder, wie er ſelbſt zu ſa⸗ gen pflegte, daß da»etwas nicht ganz richtig ſei.« Er war ſofort entſchloſſen, auf jede Gefahr der Dame bei⸗ zuſtehen, wenn ſie ſeiner Hülfe bedürfen ſollte. »Blitz und Mord!« rief der junge Herr, und legte die Hand an ſein Schwert, als mein Onkel einſtieg. „Donner und Blut!« brüllte der Andere, zog ſeinen Degen, und machte ohne alle Umſtände einen Ausfall auf meinen Onkel. Dieſer hatte durchaus keine Waffen, riß aber mit großer Gewandtheit dem Herrn mit der fatalen Phyſiognomie den dreieckigen Hut vom Kopfe, fing die Spitze ſeines Degens mit der Hutkrone auf, drückte die Ränder zuſammen, und hielt ſo die Klinge feſt. »Durchbohrt ihn von hinten!« ſchrie der boshaft Ausſehende ſeinem Begleiter zu, während er ſich bemühte, ſeiner Waffe wieder mächtig zu werden. »Er thue es lieber nicht,« rief mein Onkel, drohend den Fuß aufhebend, zurück,„denn ich trete ihm ſonſt das Gehirn aus dem Kopfe, wenn er was drin hat, oder zerbreche ihn, wenn es nicht der Fall iſt, den Schädel.« »Mein Onkel nahm in dieſem Augenblick ſeine ganze Kraft zuſammen, riß dem Mann mit der fatalen Phy⸗ ſiognomie den Degen aus der Hand, und warf denſelben ohne Weiteres aus dem Kutſchfenſter hinaus, worauf der Jüngere abermals»Blitz und Mord!« ſchrie, und mit wüthender Geberde die Hand an den Degengriff legte, jedoch nicht vom Leder zog. Er war vielleicht beſorgt, wie mein Onkel lächelnd zu ſagen pflegte, die junge Dame zu beunruhigen.. »Gentlemen,« ſagte mein Onkel, ſich bequem zurecht ſetzend,»ich möchte nicht gern, daß hier in Gegenwart einer Dame ein Mord mit oder ohne Blitz begangen würde, Die Pickwicker. VI. 3 Die Pickwicker. und ich dächte, wir hätten für jetzt Donner und Blitz genug gehabt; wenn es Ihnen daher recht iſt, ſo wollen wir uns als ruhige Paſſagiere auf unſere Plätze ſetzen— Schirrmeiſter, reichen Sie doch den Bratſpieß des Gent⸗ leman herein!« „»Kaum hatte mein Onkel die Worte ausgeſprochen, als der Schirrmeiſter den Degen zum Kutſchenfenſter hin⸗ einreichte. Er hob dabei ſeine Laterne empor, und blickte meinen Onkel ſcharf an, der zu ſeinem großen Erſtaunen ſah, daß ein unüberſehbarer Haufe von Schirrmeiſtern umherſtand, die ihn ſämmtlich eben ſo ſcharf in das Auge faßten. »So etwas Wunderbares iſt mir denn doch noch nie begegnet,« dachte mein Onkel, und ſagte darauf laut:»Er⸗ lauben Sie, daß ich Ihnen ihren Hut zurückgebe, Sir.⸗ »Der Herr mit der fatalen Phyſiognomie nahm ſeinen Dreimaſter ſchweigend zuruck, unterſuchte mit forſchender Miene das in der Mitte deſſelben gebohrte Loch, und ſetzte ihn endlich auf die Spitze ſeiner Perücke, und zwar mit einer Feierlichkeit, deren Wirkung dadurch etwas ver⸗ lor, daß er in demſelben Augenblick heftig nieſen mußte, und der Hut ihm wieder herabfiel. „»Alles in Ordnung!« rief der Schirrmeiſter, mit der Laterne auf ſeinen Sitz ſteigend. Sie fuhren ab. Mein Onkel ſteckte den Kopf aus dem Fenſter, und ſah, daß die anderen Poſtkutſchen, vollſtändig mit Paſſagieren beſetzt, mit furchtbarer Schnelligkeit im Kreiſe umher⸗ fuhren. Mein Onkel war ganz entrüſtet darüber, meine Herren. Als einem Handelsmann war ihm die Wichtig⸗ keit pünktlicher Poſtenbeförderung genau bekannt, und er beſchloß in ſeinem Unwillen, ſobald er in London anlange, dem Poſtamt Anzeige von dieſer Ungebührlichkeit zu machen. Die Pickwicker. 35 »Für den Augenblick nahm jedoch die junge Dame, die das Geſicht durch ihre Kappe verhüllt, und ſich ganz in die Ecke gedrückt hatte, ſeine Aufmerkſamkeit ausſchließ⸗ lich in Anſpruch. Der Herr im himmelblauen Rock ſaß ihr gegenüber, der im pflaumenfarbigen an ihre Seite, und Beide bewachten ſie äußerſt ſorgfältig. Wenn ſie nur die geringſte Bewegung machte, hörte mein Onkel den boshaft Ausſehenden die Hand an den Degengriff legen, und entnahm aus dem heftigen Schnauben des Andern(denn es war ſehr dunkel, und er konnte deſſen Geſicht nicht ſehen), daß derſelbe ſo wüthige Mienen machte, als wolle er ſie mit Haut und Haar verſchlingen. Mein Onkel wurde immer neugieriger, und beſchloß, möchte kommen was wollte, das Ende der Geſchichte abzuwar⸗ ten. Er war ein großer Bewunderer von feurigen Augen und ſchönen Geſichtern und zierlichen Füßen; mit einem Wort: er war ein Liebhaber des ſchönen Geſchlechts. Es geht mir eben ſo, meine Herren— es muß unſerer Fa⸗ milie im Blut ſtecken. Mein Onkel erſann eine Menge kleiner Liſten, um die Aufmerkſamkeit der Dame zu erre⸗ gen, oder doch wenigſtens die geheimnißvollen Herren in ein Geſpräch zu ziehen— doch vergebens; die Herren wollten und die Dame durfte nicht reden. Er ſteckte von Zeit zu Zeit den Kopf aus dem Fenſter, und ſchrie, warum nicht ſchneller gefahren würde, aber er ſchrie bis er heiſer wurde— Niemand beachtete ihn im Mindeſten. Er lehnte ſich auf ſeinen Sitz zurück, und dachte an das ſchöne Geſicht und die zierlichen Füße. Damit ging's beſſer; es vertrieb ihm die Zeit, und ließ ihn nicht dar⸗ über nachdenken, wohin er wohl gelangen möchte, und wie ſeltſam ſeine Lage ſei, obgleich er ſich auch darum nicht ſonderlich gegrämt haben würde, denn mein Onkel 3*½ 36 Die Pickwicker. war ein kecker, luſtiger Geſell, der nicht mußte was Furcht war. „»Plötzlich hielt die Kutſche an. »Hallo!« ſagte mein Onkel.»Was giebt's jetzt?⸗ »Steigen Sie aus,« ſagte der Gähſerineiſt den Schlag öffnend. »Hier?« fragte mein Onkel. »Ja hier,« entgegnete der Schirrmeiſter. »„Ich ſteige hier nimmermehr aus,« ſagte mein Onkel. »Nun gut— ſo bleiben Sie ſitzen,« rief der Schirr⸗ meiſter zurück. „Das werde ich auch,« ſagte mein Onkel. »Meinetwegen,« ſagte der Schirrmeiſter. »Die übrigen Paſſagiere hatten ſehr aufmerkſam zu⸗ gehört, und da der jüngere Herr meinen Onkel entſchloſ⸗ ſen ſah, nicht auszuſteigen, drückte er ſich an ihm vorbei, um der Dame aus dem Wagen zu helfen. Der Herr mit der fatalen Phyſiognomie beſah mehrmals das Loch in der Krone ſeines Dreimaſters. Als die junge Dame an meinem Onkel vorüberhuſchte, druckte ſie ihm einen ihrer Handſchuhe in die Hand, und flüſterte ihm— ſo dicht an ſeinem Ohr, daß er ihren warmen Athem fühlte— das einzige Wörtchen:»Hülfe« zu. Er ſprang augen⸗ blicklich mit einer ſolchen Heftigkeit aus der Kutſche, meine Herren, daß ſie in den Federn ſchwankte. »Haben Sie ſich eines Beſſern beſonnen?« ſagte der Schirrmeiſter. »Mein Onkel ſah ihn ein paar Augenblicke an, eini⸗ germaßen ungewiß, ob er ihm nicht die Blunderbüchſe aus der Hand reißen, Den mit dem Haudegen vor den Kopf ſchießen, den Andern mit der Kolbe niederſchlagen, und ſich mit der Dame davon machen ſolle. Er gab jedoch ſeiden Plan auf, weil er ihm um einen Schatten zu Die Pickwicker. 37 melodramatiſch in der Ausführung vorkam, und folgte den beiden Geheimnißvollen, die mit der Dame in ihrer Mitte auf das alte Haus zuſchritten, vor welchem die Kutſche hielt. Sie gingen hinein, und mein Onkel folgte ihnen auf dem Fuße. »Er hatte in ſeinem Leben kein ſo verfallenes und verödetes Gebäude geſehen. Es ſchien früher ein großes Gaſthaus geweſen zu ſein, aber an manchen Stellen war die Decke eingefallen, und die ſteilen Treppen drohten ebenfalls einzuſtürzen. In dem Zimmer, in welches ſie eintraten, befand ſich ein von Rauch geſchwärzter Kamin, und auf dem Heerd lag noch Aſche, aber es brannte kein Feuer, und Alles war kalt und düſter. „»Hm!« murmelte mein Onkel, als er ſich umblickte, das iſt denn doch wunderlich, und es kann durchaus nicht in der Ordnung ſein, daß eine Poſtkutſche nach einer Fahrt von ſieben und einer halben Meile die Stunde vor einer ſolchen Höhle, kein Menſch weiß auf wie lange, anhält. Das muß ich doch öffentlich in den Zeitungen rügen.⸗ »Er ſprach das letztere mit lauter Stimme in der Abſicht, die beiden Unbekannten, wo möglich, in ein Ge⸗ ſpräch zu ziehen, aber ſie flüſterten nur unter einander, und warfen ihm dabei finſtere, zornige Seitenblicke zu. Die Dame befand ſich am andern Ende des Zimmers, und einmal wagte ſie es, leiſe mit der Hand zu winken, als flehe ſie meinen Onkel um Beiſtand an. Endlich näherten ſich ihm die Beiden ein wenig, und der Himmel⸗ blaue redete ihn an: »Sie ſcheinen nicht zu wiſſen, Patron, daß Sie in keinem Gaſtzimmer ſind 2« 1 »Nein, Patron,« entgegnete mein Onkel,»wenn die⸗ ſes aber ein beſonders beſtelltes Zimmer iſt, ſo muß das Gaſtzimmer ſehr komfortable ſein.« 4 38 Die Pickwicker. »Mit dieſen Worten ſetzte ſich mein Onkel auf einen vochlehnigen Stuhl, und maß den Herrn, der ihn ange⸗ redet hatte, mit den Augen ſo genau, daß ihn Tiggin und Welps darnach mit Zeug zu einem Anzug hätten verſehen können, ohne ſich auch nur um einen Zoll zu viel oder zu wenig zu irren. »Hinaus aus dieſem Zimmer!« ſchrien die Beiden, und griffen an ihre Degen. »Mein Onkel ſah ſie ſtarr an, als wenn er gar nicht begriffe, was ſie wollten. »Verlaſſen Sie dies Zimmer, oder Sie ſind des Todes!« ſagte Der mit dem mächtigen Haudegen, den er aus der Scheide zog, und um den Kopf ſchwenkte. »Nieder mit ihm!« rief der Himmelblaue, zog gleich⸗ falls ſeinen Degen, und ſetzte ſich in Poſitur.»Nieder mit ihm!« Die Dame ſtieß einen durchdringenden Schrei aus. »Mein Onkel war nun aber immer wegen ſeines Muthes und ſeiner Geiſtesgegenwart rühmlich bekannt. Während der Zeit, daß er ſich ſcheinbar ſo gleichgültig bei Allem, was vorging, verhielt, hatte er ſich verſtohlen nach einem Gegenſtande umgeſehen, deſſen er ſich als Vertheidigungswaffe bedienen könne, und gerade in dem Augenblick, als die Degen gezogen wurden, erſpähte er im Kaminwinkel ein altes Rappierin einer roſtigen Scheide. Mit einem Sprung hatte es mein Onkel er⸗ faßt, ſchwenkte es um den Kopf, rief der Dame zu, ſie möge zur Seite treten, ſchleuderte ſeinen Stuhl nach dem Himmelblauen, und die Rappierſcheide nach dem Pflau⸗ menfarbigen, benutzte die daraus entſtehende Verwirrung, und hieb wacker auf Beide ein. »Es giebt eine alte Geſchichte, meine Herren, die darum nicht ſchlechter iſt, weil ſie wahr iſt, eine Geſchichte 4 1 1 — Sn 4 Die Pickwicker. 39 von einem artigen, jungen irländiſchen Gentleman, der, als er gefragt wurde, ob er die Geige ſpiele, erwiederte, daß er gar nicht daran zweifle, es jedoch nicht mit vollkom⸗ mener Gewißheit ſagen könne, indem er es nie verſucht habe. Dieſe Geſchichte ließ ſich ſehr wohl auf meinen Onkel und ſeine Fechtkunſt anwenden. Er hatte nur ein einziges Mal in ſeinem ganzen Leben einen Degen in der Hand gehabt, nämlich als er einſt Richard den Dritten auf einem Liebhabertheater ſpielte, bei welcher Gelegen⸗ heit mit Richmond verabredet worden war, daß er von hinten niedergeſtoßen werden ſollte, ohne überhaupt ge⸗ fochten zu haben; aber hier nahm er es mit zwei erfah⸗ renen Fechtern auf, und machte ſeine Terzen, Quar⸗ ten und Quinten ganz kunſtgerecht, obgleich er bis zu der Stunde niemals nur von Ferne geahnt hatte, daß er auch nur das Mindeſte von der Sache verſtände. So wahr iſt das alte Sprichwort, daß Niemand ſagen kann, was er zu leiſten vermag, bevor er es erprobt hat. »Der durch den Kampf verurſachte Lärm war ohren⸗ betäubend, da alle Drei wie Landsknechte fluchten, und ihre Klingen dermaßen gegen einander ſchlugen, daß es war, als wenn alle Eiſen⸗ und Stahlwaaren auf dem Newportmarkte gleichzeitig raſſelten und durch einander geworfen würden. Als das Gefecht am hitzigſten war, enthüllte die Dame, wahrſcheinlich um meinen Onkel zu ermuthigen, ihr Antlitz völlig, und es war von ſo blen⸗ dender Schönheit, daß er für ein Lächeln von ihr es mit funfzig Männern aufgenommen haben, und mit Freuden dem Tode entgegen gegangen ſein würde. Hatte er zuvor ſchon Wunder gethan, ſo hieb und ſtach er jetzt wie ein raſend gewordener Rieſe um ſich. »In dieſem Augenblick wendete ſich der Himmelblaue um, ſah, daß die junge Dame ihr Antlitz enthüllt hatte, 40 Die Pickwicker. ſtieß einen Schrei der Wuth und der Eiferſucht aus, wendete die Spitze ſeines Degens gegen ihren ſchönen Buſen, und ſtieß nach ihrem Herzen. Mein Onkel ſchrie vor Angſt um ſie, daß die Wände davon wiederhallten. Die Dame aber wich gewandt dem Stoße aus, riß dem jungen Mann, bevor er das Gleichgewicht wieder gewon⸗ nen, den Degen aus der Hand, verfolgte ihn, und ſtieß ihn durch und durch bis an den Degengriff, ſo daß die Klinge noch tief in das Täfelwerk der Wand hineinfuhr, und er an derſelben feſt angeſpießt blieb. Das war ein glänzendes Beiſpiel.— Mein Onkel zwang mit unwider⸗ ſtehlicher Kraft und unter einem lauten Triumphgeſchrei ſeinen Gegner, in derſelben Richtung zurückzuweichen, und indem er das alte Rappier mitten auf eine große rothe Blume in dem Muſter ſeiner Weſte ſtieß, nagelte er ihn neben ſeinem Spießgeſellen an die Wand, ſo daß Beide daſtanden und krampfhaft mit den Armen und Beinen zappelten, und um ſich ſchlugen, gerade wie die Pappfiguren, die durch einen Bindfaden in Bewegung geſetzt werden. Mein Onkel behauptete ſpäter immer, es ſei dies das ſicherſte Mittel von allen ihm bekannten, über einen Feind zu verfügen, obgleich, was den Koſten⸗ punkt betreffe, ein Einwand dagegen vorgebracht werden könne, denn es werde für jeden ſo außer Thätigkeit geſetzt werdenden Feind ein neuer Degen in Anſpruch genommen. „»Die Poſtkutſche, die Poſtkutſche!« rief die Dame, lief auf meinen Onkel zu, und ſchlang ihre ſchönen Arme um ſeinen Nacken—»wir können vielleicht noch entfliehen.« „»Vielleicht,« ſagte mein Onkel—»ei, meine Theure, iſt denn noch Einer todt zu machen?« »Er war etwas mißvergnügt, meine Herren; denn er hatte gedacht, daß es ganz angenehm ſein würde, nach dem Gemetzel in aller Ruhe der Dame ſeine Gefühle Die Pickwicker. 41 darzulegen, wenn es auch nur der Abwechſelung wegen geweſen wäre. »Wir dürfen hier keinen Augenblick verlieren,« ſagte die junge Dame.»Jener(auf den himmelblauen Ange⸗ ſpießten zeigend) iſt der einzige Sohn des mächtigen Marquis Filletoville.« »Ich beſorge, daß er nie deſſen Titel erben wird,⸗ entgegnete mein Onkel, gleichgültig nach dem jungen gleich einem Maikäfer angeſpießten Herrn hinblickend. »Die Ruchloſen haben mich von den Meinigen hin⸗ weggeriſſen,« ſagte die junge Dame mit zornſprühenden Blicken.»Der Elende würde mich in der nächſten Stunde mit Gewalt geheirathet haben.« »Fluch aber ſeiner Unverſchämtheit!« rief mein Onkel aus, und warf einen höchſt verächtlichen Blick auf den verſcheidenden Erben von Filletoville. »Sie können mir glauben,« fuhr die junge Dame fort,»daß die Rotte bereit iſt, mich zu ermorden. Fin⸗ den uns ihre Spießgeſellen hier, ſo ſind wir verloren. In zwei Minuten kann es zu ſpät ſein. O, die Poſt⸗ kutſche—,« und mit dieſen Worten ſank ſie, überwältigt von ihren Gefühlen und von der Anſtrengung, welche das Anſpießen des jungen Marquis von Filletoville ihr gekoſtet haben mußte, meinem Onkel in die Arme. Er trug ſie vor die Hausthür, wo die Poſtkutſche, mit vier ſchwarzen langmähnigen Roſſen davor, ſtand, aber es war nirgend ein Schirrmeiſter, Poſtillon oder Stallknecht zu erblicken. »Meine Herren, ich werde hoffentlich meines Onkels Andenken nicht beſchimpfen, wenn ich die Meinung aus⸗ ſpreche, daß er, obgleich er unverheirathet war, zuvor ſchon mehr als eine Dame im Arm gehabt hatte; ich glaube wirklich, daß es mit zu ſeinen Gewohnheiten 42 Die Pickwicker. gehörte, die Scheukmädchen zu küſſen, und ich weiß, daß in ein oder zwei Fällen glaubwürdige Zeugen geſehen haben, wie er eine Wirthin auf ſehr wahrnehmbare Weiſe umarmte. Ich erwähne dieſe Umſtände nur, weil daraus hervorgeht, welch' eine ganz ungewöhnliche Art von Frauenzimmer dieſe junge Dame geweſen ſein muß, daß ſie meines Onkels Herz ſo ſehr rührte. Er pflegte zu ſagen, als ihr langes ſchwarzes Haar über ſeinen Arm hinabgehangen, und ſie ihn, nachdem ſie ſich wieder er⸗ holt, aus ihren ſchönen ſchwarzen Augen angeblickt, ſei ihm ſo wunderbar zu Muth geweſen, daß er kaum vor Zittern in den Füßen ſich hätte aufrecht erhalten können. Doch wer kann in ein paar ſchöne ſchwarze Augen hineinſehen, ohne ganz wunderſam gerührt zu werden? Ich kann es nicht, meine Herren, und fürchte mich ordentlich, in einige Augen zu ſchauen, die ich kenne. »Werden Sie mich auch nie verlaſſen?« liſpelte die junge Dame. »Nie,« erwiederte mein Onkel, und es war wirklich ſein Ernſt. 3 »Mein theurer Retter,« rief ſie aus.»Mein ge⸗ liebter, hülfreicher, ritterlicher Befreier.« „O ſtill, ſtill,« ſagte er, ſie unterbrechend. »Weßhalb ſoll ich denn ſchweigen?« fragte ſie. „»Weil,« antwortete er,»weil Ihr Mund ſo ſchön iſt, wenn Sie reden, daß ich fürchte, ihn küſſen zu müſſen.« »Die junge Dame hob die Hand empor, wie um meinen Onkel zu warnen, daß er es ja nicht thun möge, und ſagte— doch nein, ſie ſagte nichts— ſie lächelte nur. Wenn man den reizendſten Mund von der Welt vor Augen hat, und ſieht, wie ihn ein ſchelmiſches Lä⸗ cheln umſpielt— wenn man ihm noch dazu ſehr nahe Die Pickwicker. 43 und ſonſt Niemand dabei iſt— dann kann man die Bewunderung ſeiner reizenden Form und blühenden Farbe nicht beſſer bekräftigen, als dadurch, daß man ihn ohne Weiteres küßt.— Mein Onkel that es, und ich ehre ihn deßhalb. »Horch,« rief die junge Dame zuſammenſchreckend aus.»Hören Sie das Geräuſch von Rädern und Roſſe⸗ hufen?⸗ »Ja ja,« aate mein Onkel.— Er hatte ein gutes Gehör für das Geräuſch von Rädern und Roſſehufen, aber es ſchienen ſo viele Wagen in einiger Entfernung daher zu raſſeln, daß es unmöglich war, ihre Anzahl genau zu unrerſcheiden. Es war, als kämen wenigſtens funfzig mit Sechſen beſpannten Poſtkutſchen an. »Wir werden verfolgt,« jammerte die junge Dame. „Nur von Ihnen kann ich Rettung hoffen.« »Ihre ſchönen Züge waren ſo von Schreck und Ent⸗ ſetzen ergriffen, daß mein Onkel ſofort ſeinen Entſchluß faßte. Er hob ſie in die Kutſche, ſprach ihr Muth ein, drückte ſeine Lippen noch ein Mal auf die ihrigen, ſagte ihr, ſie möge das Fenſter zumachen, damit ſie ſich in der Morgenluft nicht erkälte, und ſtieg auf den Bock, um davonzufahren. »Halten Sie noch einen Augenblick,« rief ihm die junge Dame aus dem Wagenfenſter zu. „»Was giebts?« rief mein Onkel von dem Bock zurück. »Ich wollte Ihnen nur noch ein Wort ſagen— nur ein Wort, Theuerſter,« fuhr die junge Dame fort. »Soll ich zu Ihnen kommen?« fragte mein Onkel. „»Die Dame erwirederte nichts, aber ſie lächelte wieder, und welches Lächeln, meine Herren!— Mein Oukel ſprang in einem Nu von ſeinem Bock. 31 — 44 Die Pickwicker. »Was iſt es, meine Theure?« ſagte er, in das Wagenfenſter hineinblickend. Zufällig beugte ſich die Dame gerade vor, und ſie erſchien meinem Onkel ſchöner als je. Er ſah ſie jetzt ganz in der Nähe, meine Herren, und mußte es daher wohl beurtheilen können. »Was giebt's, meine Theure?« fragte abermals mein Onkel. »Wollen Sie auch nie eine Andere lieben als mich — nie eine Andere heirathen?« fragte die junge Dame. »Mein Onkel ſchwur mit einem kräftigen Eide, er werde nie eine Andere heirathen, und die junge Dame zog den Kopf zurück, und das Fenſter in die Höhe. Mein Onkel ſprang wieder auf den Bock, nahm die Zügel und Peitſche zur Hand, trieb die Pferde tüchtig an, und dahin flogen die vier ſchwarzen langmähnigen Roſſe mit der alten Poſtkutſche hinter ſich, funfzehn gute engliſche Meilen die Stunde. »Das Geräuſch hinter ihnen wurde immer lauter. Je ſchneller die alte Poſtkutſche dahinflog, um deſto ſchneller kamen die Verfolger— Menſchen, Pferde, Hunde.— Ueber allem dem Lärm erhob ſich die Stimme der jungen Dame, die meinem Onkel unaufhörlich zuſchrie: »Schneller! ſchneller!« »Sie flogen an den dunklen Bäumen, Hecken, Häu⸗ ſern, Kirchen vorüber, wie leichte Federn vor einem Sturmwind hergetrieben werden. Der Lärm und das Getümmel hinter ihnen kam aber immer näher, und noch immer konnte mein Onkel die junge Dame ſchreien hören:»Schneller! ſchneller!« »Mein Onkel ſchonte die Peitſche nicht, und die Pferde waren ſchon ganz mit Schaum bedeckt, aber doch kamen die Verfolger immer näher, und doch ſchrie die junge Dame fortwährend:»Schneller! ſchneller!« —— —— ◻ Die Pickwicker. 45 „Mein Onkel ſtampfte vor Ungeduld mit dem Fuß, ſah— daß der Tag anbrach, und er ſaß in der Wagner Einfriedigung auf dem Bock einer alten edinburger Poſt⸗ kutſche, vor Kälte ſchaudernd, und mit den Füßen ſtam⸗ pfend, um ſie zu erwärmen. Er ſtieg hinab, und blickte begierig in die Kutſche nach der ſchönen jungen Dame; aber ach! es war nur die Ruine einer Kutſche; ſie hatte weder Schlag noch Polſter und von der jungen Dame war nichts zu erblicken. »Mein Onkel merkte natürlich, daß irgend ein Ge⸗ heimniß bei der Sache obwalten müſſe, und daß Alles ſich gerade ſo ereignet hätte, wie er es zu erzählen pflegte. Er blieb dem großen Eide, den er der ſchönen jungen Dame geſchworen hatte, getreu, ſchlug ihrethalben mehrere gute Partieen mit Wirthinnen aus, und blieb unverhei⸗ rathet. Er ſagte immer, wie gar ſonderbar es doch ſei, daß ein ſo geringer Zufall, als ſein Ueberſteigen des Stakets ihn auf die Entdeckung geführt habe, wie die Geiſter der Poſtkutſchen und Pferde, der Schirrmeiſter, Poſtillons und Paſſagiere regelmäßig jede Nacht Reiſen machten, und pflegte hinzuzuſetzen, er glaube, der einzige lebendige Mann zu ſein, der eine ſolche Fahrt als Paſſa⸗ gier mitgemacht habe, und mir däucht, meine Herren, er hatte Recht— mir iſt wenigſtens nie von einem An⸗ dern etwas der Art zu Ohren gekommen.« »Ich möchte nur wiſſen, was in den Briefbeuteln dieſer Geiſterkutſchen ſtecken mag,« ſagte der Wirth, der die ganze Geſchichte mit geſpannter. Aufmerkſamkeit an⸗ gehört hatte. »Ei, Todtenbriefe,« erwiederte der Hauſirer. „Ah, ja,« ſagte der Wirth.»Daran hatte ich gar nicht gedacht.«⸗ Die Pickwicker. Einundfunfzigſtes Kapitel. Welches berichtet, wie Herr Pickwick ſeine Miſſion antritt, und Verſtärkung durch einen höchſt unerwarteten Bundesge⸗ noſſen erhält. Am folgenden Morgen ein Viertel vor neun Uhr wurden die Pferde angeſpannt, und nachdem Herr Pick⸗ wick und Sam Weller ihre Plätze eingenommen hatten, der Erſtere in der Kutſche, der Zweite draußen im Hin⸗ terſitz, wurde der Poſtillon angewieſen, zunächſt vor Bob Sawyers Wohnung vorzufahren, wo Benjamin Allen abgeholt werden ſollte. Herr Pickwick ſah mit nicht geringer Verwunderung, als die Kutſche vor der Hausthür mit der rothen La⸗ terne und der ſehr lesbaren Inſchrift:»Sawyer, ſonſt Stakenmorf« anhielt, daß der Knabe in der grauen Livree eifrig beſchäftigt war, die Läden zu verſchließen, und da dieſes in ſo früher Stunde des Morgens ſehr auffallend ſein mußte, ſo zog er zwei Schlüſſe daraus, entweder daß ein Anverwandter oder Patient von Bob Sawyer geſtorben, oder daß Herr Sawyer ſelbſt Bankerott ſein müſſe. »Was giebts denn hier?« fragte Herr Pickwick den Knaben. „»O nichts, Sir,« erwiederte derſelbe, den Mund aufſperrend, ſo weit es thunlich war. »Alles in Ordnung! alles in Ordnung!« rief Bob Sawyer, der jetzt mit einem kleinen, ſchon ſehr arfeine. ten Mantelſack in der Hand, und einem Ueberrock und Shawl auf dem Arm erſchien.»Ich komme ſchon, alter Herr.«⸗ Die Pickwicker. 47 »Sie?« rief Herr Pickwick verwundert aus. „»Ja,« erwiederte Bob Sawyer,»und wir wollen eine ſchöne Reiſe zuſammen machen. Sam— geben Sie Acht.« Indem er ſo Herrn Wellers Aufmerkſam⸗ keit in Anſpruch nahm, warf er ihm den Mantelſack zu, der ſofort durch Sam unter den Sitzaſten gelegt wurde. Hierauf zog Herr Bob Sawyer mit Hülfe des Knaben den groben abgetragenen Ueberrock an, der ihm viel zu eng geworden war, ſteckte dann den Kopf in das Kut⸗ ſchenfenſter, und lachte ausgelaſſen. »Was das für ein Hauptſpaß iſt, nicht wahr, alter Herr?« ſagte Bob. »Mein werther Herr,« entgegnete Herr Pickwick etwas verlegen,»ich habe nichts weniger erwartet, als daß Sie uns begleiten würden.« „»Das iſt eben der beſte Spaß von der Sache,⸗ verſetzte Bob,»daß ich Sie ſo überraſche, und das Ge⸗ ſchäft für ſich ſelbſt ſorgen laſſe, da es nun einmal für mich nicht ſorgen will.« Mit dieſer Erläuterung des Phenomens, welches Herr Pickwick an den Läden be⸗ merkt hatte, zeigte Herr Bob Sawyer auf dieſelben, und gab ſich einem neuen Ausbruch von Heiterkeit hin. »Sie werden aber doch nicht ſo unbeſonnen ſein, Ihre Patienten ohne einen Stellvertreter zu verlaſſen?« fragte Herr Pickwick in ſehr ernſtem Tone. »Warum nicht?« erwiederte Bob. Ich ſpare, wenn ichs ie. Kein einziger von ihnen bezahlt mich, und üb„« fügte er vertraulich flüſternd hinzu,»überdem werden ſe ſich um ſo beſſer dabei befinden, denn faſt alle meine Arzneimittel ſind mir ausgegangen, und da ich gerade jetzt nicht im Stande bin, meine Vorräthe zu erneuern, ſo würde ich genöthigt ſein, allen Kalomel zu 48 Die Pickwicker. geben, deſſen Anwendung bei manchen unangenehme Folgen haben könnte.« In dieſer Erwiederung lag mehr Philoſophie und Logik, als Herr Pickwick erwartet hatte. Er ſchwieg einige Augenblicke, und ſagte dann: »Aber, mein junger Freund, in dieſem Wagen haben nur zwei Perſonen Platz, und ich verſprach Herrn Allen, ihn mitzunehmen.« »Seien Sie meinethalben außer Sorgen,« verſetzte Bob.„»Ich habe ſchon Alles überlegt; ich werde hinten bei Sam Platz finden. Ferner hefte ich dieſen kleinen Anſchlag an die Ladenthür:»Sawyer, ſonſt Stackemorf. Gegenüber bei Miſtreß Kripps zu erfragen.«— Frau Kripps iſt die Mutter meines Auslaufjungen. Wenn Jemand kommt, ſagt ſie:»es thut Herrn Sawyer ſehr leid— konnte es aber nicht ändern— wurde heute früh zu einer Conſultation mit den berühmteſten Wundärzten abgeholt— konnten nicht ohne ihn fertig werden— wollten um jeden Preis ſeinen Beiſtand— eine ſchreck⸗ liche Operation!« Davon,« fügte Bob hinzu,»erwarte ich den beſten Erfolg. Kommt's in die Zeitungen, ſo iſt mir für immer geholfen. Da iſt Ben— munter Ben, ſpring hinein.« Mit dieſen ſchnell geſprochenen Worten hob Bob Sawyer ſeinen Freund in den Wagen, warf den Schlag zu, heftete die Anzeige an die Hausthür, ſprang zu Sam hinauf, rief den Poſtillon zu, er ſolle abfahren, und alles dieſes war in ſo kurzer Zeit geſchehen, daß, bevor Herr Pickwick zu dem Beſchluß kommen konnte, ob Bob die Mitreiſe zu geſtatten ſei, oder nicht; der Wagen ſchon, mit Bob an ſeiner Seite, abfuhr. So lange ſie ſich noch in den Straßen von Briſtol befanden, behielt Bob ſeine grüͤne Brille auf der Naſe, ———.,———— Die Pickwicker. 49 und behauptete die geziemende Berufswürde gut genug, indem er nur dann und wann Herrn Samuel Weller einen luſtigen Einfall, aber mit ernſter Miene, zuflüſterte. Sobald ſie jedoch die offene Heerſtraße erreicht hatten, beſeitigte er ſowohl die Brille als die Gravität, und begann eine Menge von Späßen, welche geeignet waren, die Aufmerkſamkeit der Vorübergehenden zu erregen, und die Reiſenden zu Gegenſtänden ungewöhnlicher Neugierde und Heiterkeit zu machen. So ahmte er unter andern die Töne eines Klapphorns nach, band ein rothes ſeidenes Taſchentuch an einen Stock, und ſchwenkte ſein Fähn⸗ chen keck und herausfordernd in der Luft. »Ich möchte doch wiſſen,« unterbrach Herr Pickwick ſeine geſetzte Unterhaltung mit Ben Allen in Betreff der zahlreichen guten Eigenſchaften ſeiner Schweſter, und des Herrn Winkle— vich möchte doch wiſſen, weshalb alle Leute, an denen wir vorüberkommen, uns ſo ver⸗ wundert anſtarren?2« „»Ah, es iſt eine hübſche Equipage,« erwiederte Ben Allen,»und die Leute ſehen ſo was nicht alle Tage.« »Wohl möglich,« entgegnete Herr Pickwick.— „Vielleicht iſt das der Grund.« Herr Pickwick würde ſich vielleicht ſelbſt davon über⸗ redet haben, wenn er nicht ſcharf hinausgeſchaut und gemerkt hätte, daß die Begegnenden keineswegs ehrerbie⸗ tige Bewunderung an den Tag legten, und daß mehrere ¹telegraphiſche Mittheilungen zwiſchen ihnen und den Au⸗ ßenpaſſagieren gewechſelt würden, worauf ihm ſogleich einfiel, daß Herrn Robert Sawyers humoriſtiſches Be⸗ nehmen ſie wohl veranlaſſen möge. »Ich hoffe,« ſagte Herr Pickwick,»daß unſer weß⸗ Die Pickwicker. VI. 4 50 Die Pickwicker. hafter Freund keine Thorheiten auf ſeinem Außenſitz begehen wird.« „»O, ich denke nicht,« erwiederte Ben Allen,»wenn Bob nichts getrunken hat, ſo iſt er der ruhigſte Menſch von der Welt.« Jetzt ertönte wieder eine Nachahmung des Klapp⸗ horns, die offenbar von dem ruhigſten Menſchen in der Welt oder mit andern Worten von Herrn Bob Sawyer ausging. Herr Pickwick und Ben Allen blickten einander be⸗ deutſam an, und als der Erſtere ſeinen Hut abgenommen und ſich ſo weit als möglich aus dem Wagen gelehnt hatte, konnte er endlich ſehen, was ſein humoriſtiſcher Freund draußen trieb. Herr Bob Sawyer ſaß nicht mehr neben Sam, ſondern oben auf dem Kutſchdach mit möglichſt weit ausgeſpreizten Beinen. Er hatte Sams Hut ſeitwärts auf den Kopf gedrückt, hielt in der einen Hand ein un⸗ geheures Butterbrod, und in der andern eine große um⸗ flochtene Flaſche, ſprach bald jenem bald dieſer mit benei⸗ denswerthem Eifer zu, und brachte dadurch Abwechſelung in die Eintönigkeit ſeiner Beſchäftigung, daß er bald Thierſtimmen nachahmte, bald mit Begegnenden Kurz⸗ weil und Scherze trieb. Die rothe Flagge war in ſenk⸗ rechter Stellung an der Lehne des Hinterſitzes feſtge⸗ bunden, in deſſen Centrum Sam mit Bob's Hute und einem zweiten enormen Butterbrod, mit welchem er eben ſo eifrig beſchäftigt war, breſt und behaglich Platz genommen hatte. Dies genügte ſchon, um das Schicklichkeitsgefühl des Herrn Pickwick zu erregen, aber es ſollten noch mehr gravirende Umſtände hinzutreten, denn in demſelben Augenblick fuhr eine in⸗ und auswendig wohlbeſetzte Die Pickwicker. 51 Poſtkutſche voruͤber, und die Paſſagiere gaben ihre Ver⸗ wunderung nur zu deutlich kund. Eine irländiſche Fa⸗ milie hielt mit der Chaiſe Schritt, bettelte fortwährend, und ſchien zu glauben, daß es ein Triumphzug politiſcher oder ſonſtiger Art ſei, weshalb ſie denn zugleich unter läſtigem Geſchrei ihre Glückwünſche darbrachten. »Herr Sawyer,« rief Herr Pickwick in großer Auf⸗ regung.. »Hallo,s« erwiederte Bob, mit der größten Seelen⸗ ruhe über die Seite des Wagens blickend. »Sind Sie toll, Sir?« fragte Herr Pickwick. »Nicht im Geringſten,« erwiederte Bob—»nur fidel!« 4 »Fidel, Sir!« rief Herr Pickwick zurück.»Nehmen Sie das ſkandalöſe rothe Tuch da fort. Ich bitte— ich beſtehe darauf, Sir.— Sam, nehmen Sie es augen⸗ blicklich fort.« Bob ſtrich jedoch ſelbſt ſeine Flagge, ſteckte ſie in die Taſche, nickte Herrn Pickwick freundlich zu, ſetzte die Korbflaſche an den Mund, und benachrichtigte ihn da⸗ durch ohne unnöthige Wortverſchwendung, daß er mit dieſem Trunk ihm Heil und Segen aller Art wünſche. Hier⸗ auf ſtopfte Bob die Flaſche mit großer Sorgfalt wieder zu, blickte äußerſt wohlwollend auf Herrn Pickwick her⸗ ab, biß herzhaft in das Butterbrod, und lächelte. »Bitte,« ſagte Herr Pickwick, deſſen Zorn durch Bob's unerſchütterliche Ruhe ſchon etwas gemildert wor⸗ den war,»bitte, begehen Sie keine ſolche Thorheiten mehr.« „Nein, nein,« erwiederte Bob, indem er ſeinen Hut von Sam zurücknahm,»die Reiſe hat mich nur ſo auf⸗ geheitert, daß ich etwas fidel wurde.« 4* 52 Die Pickwicker. „Berückſichtigen Sie doch,« wollte Herr Pickwick ermahnend fortfahren. »Ja ja,« fiel Bob ein.»Ich werde ſchon wieder ganz vernünftig, alter Herr... Durch dieſe Zuſicherung beruhigt, zog Herr Pickwick das Fenſter hinauf, aber kaum hatte er ſein Geſpräch mit Ben wieder angeknüpft, als vor dem Kutſchfenſter ein dunkler ſchwebender Körper von länglichrunder Ge⸗ ſtalt erſchien, und, gleichſam Einlaß fordernd, wiederholt gegen die Scheibe anſchlug. „Was iſt das?« rief Herr Pickwick in höchſtem Erſtaunen aus. „Es ſieht wie eine Korbflaſche aus,« bemerkte Ben Allen, den fraglichen Gegenſtand mit einigem Intereſſe durch ſeine Brille firirend.»Ich glaube, ſie gehört Bob.⸗« Ben irrte durchaus nicht; Bob hatte die Flaſche an das Ende des Stockes gebunden, und wollte ſeine Reiſegefährten in guter Kameradſchaft an deren Inhalt Theil nehmen laſſen. »Was iſt nun zu thun?« fragte Herr Pickwick auf die Flaſche blickend.»Das iſt noch abgeſchmackter, als die andern Späße.« »Ich glaube, es wird am Beſten ſein, wir nehmen die Flaſche in den Wagen,« erwiederte Ben Allen,»nicht wahr, Sir, das wäre die beſte Strafe für ihn?2« »Ja wohl,« ſagte Herr Pickwick,»ſoll ich ſie herein nehmen?« „Ich ſtimme ganz dafür,« enkgegnete Ben. „Herr Pickwick ließ das Fenſter leiſe nieder, und lößte die Flaſche von dem Stock, worauf der letztere fort⸗ gezogen wurde, und man Bob in ein ſchallendes Gelaͤchter ausbrechen hörte. Die Pickwicker. 53 f»Was es für ein munterer Burſche iſt,« ſagte Herr Pickwick ſeinen Gefährten anblickend. 3„»Ja wohl,« verſetzte Ben Allen. Herr Pickwick hatte mittlerweile in ſeiner Zer⸗ k ſtreuung den Stöpſel von der Flaſche genommen. 4„»Was mag es ſein?« fragte Ben gleichgültig. 1»Ich weiß nicht,« erwiederte Herr Pickwick eben ſo t gleichgültig.»Es riecht wie Punſch— meinen Sie nicht auch?« 1»Mir ſcheint es auch ſo,« ſagte Ben. »Ich glaube es wirklich,« fuhr Herr Pickwick fort, fügte jedoch, da er nicht gern irrige Behauptungen auf⸗ 1 ſtellte, hinzu:»indeß will ich es nicht mit Gewißheit ſe ſagen; um dies zu können, müßte man koſten.« 4»Sie würden wohl daran thun,« ſagte Ben,»denn he warum ſollten wir uns nicht überzeugen, was es iſt 2⸗ ie»Meinen Sie?« entgegnete Herr Pickwick.»Nun, lt wenn Sie es gern wiſſen möchten, ſo habe ich nichts dagegen.« uf Herr Pickwick war ſtets bereit, ſeine Neigungen den ls Wünſchen ſeiner Freunde zum Opfer zu bringen, und that daher einen ziemlich langen Zug. en „»Was iſt's 2 fragte Ben, ihn mit einiger Ungeduld ht unterbrechend. »Hm,; ſagte Herr Pickwick, mit den Lippen ſchma⸗ in tzend; vich kann es noch nicht genau ſagen,« ſetzte jedoch nach einer abermaligen Prüfung hinzu:»Ja, es iſt wirk⸗ lich Punſch.« nd Herr Ben Allen blickte Herrn Pickwick, Herr Pick⸗ t⸗ wick blickte Herrn Ben Allen an. Herr Ben Allen ter lächelte, Herr Pickwick lächelte nicht. »Es würde ihm recht geſchehen,« ſagte der Letztere 54 7 Die Pickwicker. mit etwas ſtrengem Ton,»wenn wir ihm Alles bis auf den letzten Tropfen austränken.« „Das ſiel mir eben auch ein,« erwiederte Ben Allen. »Ja ja,« fuhr Herr Pickwick fort; vlaſſen Sie uns ſeine Geſundheit trinken.« Mit dieſen Worten that der treffliche Mann wieder einen langen Zug aus der Flaſche, und händigte ſie dar⸗ auf Ben Allen ein, der nicht zögerte, ſeinem Beiſpiel zu folgen. Sie lächelten ſich gegenſeitig zu, und die Flaſche war bald geleert. „Uebrigens,« ſagte Herr Pickwick, als er den letzten Tropfen eingeſchlürft hatte,»übrigens ſind ſeine Späße recht unterhaltend, in der That ſehr unterhaltend.« »Ja, da haben Sie ganz recht,« erwiederte Ben Allen, und zum Beweis, daß Bob Sawyer einer der luſtigſten Burſche auf der Welt ſei, begann er, Herrn Pickwick einen langen und ausführlichen Bericht abzu⸗ ſtatten, wie derſelbe einſt ſich ein hitziges Fieber an den Leib getrunken habe, ſo daß ihm der Kopf geſchoren. werden mußte, welche unterhaltende Erzählung nur dadurch unterbrochen ward, daß der Wagen vor der „Glocke« in Berkeley⸗Heath zum Pferdewechſeln anhielt. »„Nicht wahr, wir eſſen hier zu Mittag?« rief Bob zum Fenſter herein. „Ei ei,« erwiederte Herr Pickwick,»wir haben ja erſt den vierten Theil des Weges zurückgelegt.« »Eben deßhalb ſollten wir etwas zu uns nehmen, um uns für die fernere Reiſe zu ſtärken,« entgegnete Bob Sawyer. 1 „»Wer kann denn aber um halb zwölf Uhr ſchon zu Mittag eſſen?« ſagte Herr Pickwick. »Nun, ſo halten wir unſer zweites Frühſtück, er⸗ wiederte Bob.»Heda Kellner, ſogleich ein gutes Früh⸗ — Die Pickwicker. 3 55 ſtück für drei Perſonen, und daß die Pferde noch eine Viertelſtunde im Stall bleiben, Hausknecht.— Daß Alles aufgetragen wird, Kellner, was das Haus vermag, und bringt von Eurem beſten Madeira.⸗ Indem Bob Sawyer dieſe Befehle mit der größten Autorität gab, eilte er in das Haus, um deren Erfüllung zu beſchleunigen, kehrte nach einigen Minuten zurück, und verkündete, daß Alles ſeinen ganzen Beifall habe. Das Frühſtüͤck verdiente Bobs Lobſprüche in der That, und auch Herr Pickwick und Ben Allen ließen demſelben vollkommene Gerechtigkeit widerfahren. Der Madeira fand vielen Beifall, und als, nachdem die Pferde abermals angeſpannt waren, die Reiſenden abfuhren, und ſich mit dem beſten Surrogat für Punſch, das in ſo kurzer Zeit aufzutreiben war, verſehen hatten, ließ Bob Sawyer, ohne daß Herr Pickwick dieſes Mal im Mindeſten Ein⸗ ſpruch that, das Klapphorn nochmals ertönen, und ſteckte die rothe Flagge wieder auf. In Tewkesbury ward zu Mittag geſpeiſt, bei welcher Gelegenheit noch mehr Madeira, ſo wie auch einiger Portwein getrunken, und die Korbflaſche zum vierten Mal gefüllt wurde, und die Folge davon war, daß Herr Pickwick und Ben Allen in tiefen Schlaf verſanken, während Bob und Herr Weller ein Duett nach dem andern ſangen.. Es war ſchon dunkel, als Herr Pickwick ſo weit erwachte, daß er aus dem Wagen blicken konnte. Die einzelnen Landhäuſer an der Straße; die von Rauch ge⸗ ſchwärzte Farbe aller ſichtbaren Gegenſtände, die mit Kohlendünſten geſchwängerte Atmoſphäre; der leuchtende Glanz der Feuer in der Ferne; die dichten aus den hohen Schornſteinen emporſteigenden Rauchwolken; die ſchweren mit raſſelnden Eiſenſtangen beladenen Frachtwagen,— 56 Die Pickwicker. Alles bezeichnete ihre ſchnelle Annäherung an die große Fabrikſtadt Birmingham. Als ſie durch die engen Straßen fuhren, boten ſich ihnen alle äußern Zeichen betriebſamer Geſchäftigkeit noch mehr dar. Ueberall drängten ſich die Arbeiter; aus jedem Hauſe erklang Geräuſch; die langen Reihen von Fenſtern in den Fabrikhäuſern waren erleuchtet, und das Raſſeln der Wagen und das Rauſchen der Maſchinen ließen die Mauern erzittern. Die hellen Feuer, deren Gluth ſchon in der Ferne ſichtbar geweſen, flammten in den großen Werkſtätten, und das Klopfen ſchwerer Eiſen⸗ hämmer, das Ziſchen des Dampfes und das dumpfe ein⸗ förmige Getön der Dampfmaſchinen, waren die ohren⸗ betäubenden Töne, die von allen Seiten hervordrangen. Der Poſtillon fuhr ſchnell an den ſchönen und hell erleuchteten Laden auf dem Weg nach dem Old Royal Hotel vorüber, bevor Herr Pickwick des ſchwierigen Vor⸗ habens, das ihn hierher geführt, gedacht hatte, und welches durch Bob Sawyers freiwillige Begleitung keineswegs in ſeiner Ausführung erleichtert wurde. Herr Pickwick fühlte vielmehr, daß deſſen Gegenwart bei dieſer Gele⸗ genheit keineswegs angenehm ſei; er würde vielmehr nicht wenig darum gegeben haben, wenn er Bob hätte funfzig Meilen weit entfernen können. Heerr Pickwick war mit dem Bater des Herrn Winkle perſönlich nicht bekannt, und hatte nur einige Briefe mit ihm gewechſelt, um in Betreff der Aufführung ſeines Sohnes befriedigende Auskunft zu geben. Er fühlte, daß es Herrn Winkle Senior durchaus nicht zu ſeinen Gunſten einnehmen könne, wenn er dem alten Herrn in Begleitung von Bob Sawyer und Ben Allen, die beide einigermaßen benebelt waren, ſeinen erſten Beſuch abſtatte. „»Ich muß mich aus der Sache ziehen, ſo gut ich —— 2Q 8 88E 8A8 Die Pickwicker. 57 kann,« ſprach er bei ſich ſelbſt; muß heute Abend noch hingehen, weil ich es beſtimmt verſprochen habe, und wenn ſie darauf beſtehen, mich zu begleiten, ſo kürze ich den Beſuch nach Möglichkeit ab; auch darf ich wohl hoffen, daß ſie um ihrer ſelbſt willen ſich ſchicklich benehmen werden.« Während er ſich noch auf dieſe Weiſe ſelbſt zu be⸗ ruhigen ſuchte, hielt der Wagen vor dem Old Royal. Nachdem Ben Allen aus ſeinem tiefen Schlaf erweckt, und durch Sam hinausgezogen worden war, konnte Herr Pickwick ausſteigen. Die Reiſenden wurden in ein kom⸗ fortables Zimmer geführt, und Herr Pickwick fragte ſo⸗ gleich den Kellner nach der Wohnung des Herrn Winkle. »Ganz in der Nähe, Sir,« erwiederte der Kellner, o»nur ein paar hundert Schritt von hier.— Herr Winkle iſt Kaimeiſter, Sir; am Kanal, Sir.« Hierbei putzte der Kellner ein Licht aus, und ſchickte ſich an, es wieder anzuzünden, um Herr Pickwick Gele⸗ genheit zu geben, fernere Fragen an ihn zu ſtellen, wenn er ſonſt dazu geneigt ſei. »Befehlen Sie etwas, Sir?« fragte er, das Licht anzündend, und in Verzweiflung über Herrn Pickwicks Stillſchweigen. Thee oder Kaffee, Sir?— Mittageſſen, Sir?« „»Für jetzt nichts.« »Sehr wohl, Sir.— Vielleicht Abendeſſen, Sir 2« »Jetzt noch nicht.« 49 »Sehr wohl, Sir.« Er ging langſam nach der Thur, blieb ſtehen, wendete ſich um, und ſagte mit an⸗ muthigem Lächeln:»Soll ich ein Hausmädchen ſchicken, Gentlemen?« „Wie Sie wollen,« erwiederte Herr Pickwick. »Wie Sie befehlen, Sir!⸗ 58 Die Pickwicker. »Und ſchicken Sie einiges Sodawaſſer mit,« ſagte Bob Sawyer. »Sodawaſſer, Sir?— Ja Sir!« und offendar da⸗ durch, daß endlich etwas beſtellt worden, ſich ungemein erleichternd fühlend, verſchwand der Kellner unbemerkbar. Kellner gehen oder laufen nie. Sie haben eine beſondere und geheimnißvolle Fähigkeit, aus Zimmern zu ent⸗ ſchlüpfen, welche andere Sterbliche nicht beſitzen. Als Ben Allen eine große Quantität Sodawaſſer zu ſich genommen hatte, war er zu vermögen, ſich Hände und Geſicht zu waſchen, und ſich von Sam abbürſten zu laſſen. Nachdem auch Herr Pickwick und Bob Sawyer ihren Anzug geordnet, brachen alle drei Arm in Arm nach Herrn Winkles Wohnung auf, indem Bob Sawyer unterwegs die Luft mit Tabacksdampf erfüllte. Sie waren einige hundert Schritte gegangen, als ſie in einer ruhigen ſtillen Straße ein altes backſteinernes Haus mit drei Treppenſtufen vor der Thür, und einer bronzenen Platte an derſelben, worauf mit großen Buch⸗ ſtaben der Name Winkle eingegraben war, als das ihnen bezeichnete fanden. Die Stufen waren mit friſchem Sande beſtreut, und die Backſteine waren ſehr roth, und das Haus war ſehr reinlich, und hier ſtanden die Herren Pickwick, Benjamin Allen, und Bob Sawyer, als es zehn Uhr ſchlug. Ein hübſches Hausmädchen öffnete die Thür, und ſtarrte die drei Fremden an. „»Iſt Herr Winkle zu Hauſe?« fragte Herr Pickwick. »Er hat ſich ſo eben zum Abendeſſen geſetzt, Sir.⸗« »Geben Sie ihm doch dieſe Karte, und ſagen Sie, es thäte mir leid, ihn noch ſo ſpät zu beläſtigen, aber es wäre mir ſehr daran gelegen, ihn noch heute Abend zu ſprechen, und ich ſei eben erſt angekommen.⸗ 8½ 8 Die Pickwicker. 59 Das Mädchen ſah furchtſam Bob Sawyer an, der ſeine Bewunderung ihrer perſönlichen Reize durch eine Menge munterer Geberden zu erkennen gab, warf einen Blick nach den auf der Hausflur hängenden Hüten und Ueberröcken, und rief ein anderes Mädchen, achtzugeben, während ſie hinaufginge. Die Schildwache wurde ſehr bald abgelöſt, denn das hübſche Hausmädchen kehrte nach ein paar Augenblicken zurück, und indem ſie um Entſchul⸗ digung bat, daß ſie die Herren auf der Straße habe ſtehen laſſen, führte ſie dieſelben in ein Hinterzimmer, welches halb zum Geſchäftslokal, halb zum Aus⸗ und Ankleiden beſtimmt zu ſein ſchien, wie man ans den Möbels: einem Waſchtiſch und Raſirſpiegel, einem Stiefelknecht, einem Schreibpult, einem Drehſtuhl, vier andern Stühlen und einer alten Wanduhr entnehmen konnte. An den Wänden ſtanden Repoſitorien mit alten Büchern, Kalendern und ſtaubigten Papieren. »Es thut mir ſehr leid, daß ich Sie vor der Thür ſtehen ließ, Sir,« ſagte das Mädchen zu Herrn Pickwick mit einem gewinnenden Lächeln, und eine Lampe anzün⸗ dend,»aber Sie waren mir ganz fremd, und es kommen ſo viele Landſtreicher, bloß um zu ſehen, ob ſie Einem nicht etwas unter den Händen wegſtipitzen können, daß ich wirklich—« »Sie haben gar nicht nöthig, ſich zu entſchuldigen, mein Kind,« unterbrach Herr Pickwick ſehr freundlich. »Nicht im Mindeſten, mein allerliebſtes Kind,« ſagte Bob Sawyer, und ſtreckte die Arme aus, und manö⸗ vrirte rechts und links, um das junge Frauenzimmer am Hinausgehen zu hindern. Die junge Dame ließ ſich jedoch keineswegs dadurch gewinnen, ſondern erklärte vielmehr, Herr Bob Sawyer ſei ein recht unverſchämter Menſch, ſtieß ihn heftig zurück, als * 60 Die Pickwicker. er dringender in ſeinen Aufmerkſamkeitsbezeugungen wurde, und ſprang unter vielen Aeußerungen der Abneigung und Geringſchätzung aus dem Zimmer. Herr Bob Sawyer, der Geſellſchaft der jungen Dame beraubt, unterhielt ſich damit, alle Schubladen der Tiſche und des Schreibpults herauszuziehen, den Wandkalender herumzudrehen, Herrn Winkle Seniors Stiefel über die ſeinigen anzuziehen, und mit ſämmtlichen Hausgeräth allerlei humoriſtiſche Experimente anzuſtellen, die ihn eben ſo ſehr ergötzten, als ſie Herrn Pickwick mit namenloſer Angſt und Beſorgniß erfüllten. Endlich ward die Thür geöffnet, und es erſchien ein kleiner alter Herr in einem ſchnupftabacksfarbenen Rock. Die Züge des Eingetretenen waren jenen des Herrn Winkle Junior, abgeſehen von dem Unterſchied des Alters und dem kahlen Kopf, ſprechend ähnlich. Der alte Herr hielt Herrn Pickwicks Karte in der einen, und einen ſil⸗ bernen Leuchter in der andern Hand. „»Ah, Herr Pickwick; freue mich, Ihre Bekanntſchaft zu machen,« ſagte Winkle Senior, den Leuchter nieder⸗ ſetzend, und ſeine Hand darbietend— ſehr angenehm, Sie bei mir zu ſehen— bitte, nehmen Sie doch Platz, Sir. Dieſer Herr iſt—« »Mein Freund, Herr Sawyer, und gleichfalls der Freund Ihres Sohnes.« »Freue mich,« ſagte Herr Winkle, Bob etwas ver⸗ verdrießlich anſehend; hoffe, daß Sie ſich wohl befinden, Sir 2« 3* „O, ſehr wohl und fidel, Sir,« erwiederte Bob Sawyer. „»Hier der andere Herr,« nahm Herr Pickwick ſchnell wieder das Wort, iſt, wie Sie aus dem vertrauten Schreiben erſehen werden, ein naher Anverwandter, —„ ——94——— —— O SOͤSS 2—S S 1 Die Pickwicker. 61 oder ich ſollte vielmehr ſagen, ein ſehr genauer Freund Ihres Herrn Sohnes.— Er heißt Allen.« »Jener Herr?« fragte Herr Winkle, mit der Karte nach Ben Allen hinweiſend, der in einer Stellung ein⸗ geſchlafen war, welche nichts von ihm ſichtbar ließ, als einen Theil ſeines Rückens und ſeines Rockkragens. Herr Pickwick ſtand im Begriff, die Frage zu beant⸗ worten, und Ben's Stand und ſonſtige Diſtinktionen ausführlich zu erörtern, als der muntere Bob den Schlä⸗ fer, um ihn zu erwecken, dermaßen in den Arm kniff, daß derſelbe mit einem lauten Schrei hoch emporſprang. Sobald Ben einen Unbekannten vor ſich erblickte, trat er auf Herrn Winkle zu, ſchüttelte ihm einige Mi⸗ nuten lang beide Hände, murmelte in halb abgebrochenen Sätzen, er ſei hoch erfreut ihn zu ſehen, und fragte ihn äußerſt verbindlich, ob er nach ſeinem weiten Gange nicht eine Erfriſchung zu ſich nehmen, oder ob er lieber bis zum Mittageſſen warten wolle, worauf er ſich wieder hinſetzte, und ſo zerſtreut umherſtarrte, als wiſſe er durchaus nicht, wo er ſich befinde, was in der That der Fall war. Alles dieſes ſetzte Herrn Pickwick in die peinigendſte Verlegenheit, um ſo mehr, da Herr Winkle Senior das unverkennbarſte Erſtaunen über das höchſt auffallende Benehmen der beiden jungen Herren an den Tag legte. Um die Sache wenigſtens ſo raſch als möglich zu Ende zu bringen, nahm Herr Pickwick einen Brief aus der Taſche, überreichte ihn Winkle Senior, und ſagte: »Dieſes Schreiben, Sir, iſt von Ihrem Herrn Sohn.— Sie werden aus dem Inhalt entnehmen, daß ſein ganzes zukünftiges Lebensglück durch Ihre geneigte und väterliche Erwägung bedingt wird. Wollen Sie mir den Gefallen erzeigen, es mit vollkommener Ruhe zu 62 Die Pickwicker. leſen, und dann die Sache mit mir in einem Sinn und auf eine Weiſe beſprechen, wie dergleichen Dinge ſtets behandelt werden ſollten? Sie werden ermeſſen, von welcher Wichtigkeit für Ihren Herrn Sohn Ihre Ent⸗ ſcheidung iſt, da ich noch ſo ſpät ohne vorhergegangene Anmeldung, und«— fügte Herr Pickwick mit einem flüchtigen Blick auf ſeine beiden Begleiter hinzu—»unter ſo ungünſtigen Umſtänden, zu Ihnen geeilt bin.« Mit dieſer Einleitung überreichte er Herrn Winkle Senior, der ihn höchſt befremdet anſah, vier engbeſchrie⸗ bene Seiten ſuperfeines Briefpapier, und ſetzte ſich wie⸗ der mit einer Miene, die allerdings einige Beſorgniß und Verlegenheit ausſprach, doch aber im Ganzen die eines Gentleman war, der ſich bewußt iſt, keine Rechtfertigung oder Entſchuldigung ſeines Benehmens zu bedürfen. Der alte Kaimeiſter drehte den Brief mehrere Male um, beſah ihn von allen Seiten, ſtellte eine mikroſkopi⸗ ſche Unterſuchung mit dem kleinen korpulenten Buben auf dem Siegel an, blickte wieder auf Herrn Pickwick, ſetzte ſich vor das Pult auf den hohen Drehſtuhl, erbrach das Siegel, entfaltete den Brief, und ſchickte ſich zum Leſen an. Der Witz des Herrn Bob Sawyer, der gleichſam ein Weilchen geſchlummert hatte, regte ſich jetzt wieder, denn er ſtemmte die Hände auf die Knie, und ſchnitt ein höchſt komiſches Geſicht nach den Portraits des verſtor⸗ benen Herrn Grimaldi als Tölpel. Es ereignete ſich nun, daß Herr Winkle Senior, ſtatt in den Brief ver⸗ tieft zu ſein, wie Bob glaubte, auf Niemand anders über den Rand deſſelben blickte, als auf Herrn Sawyer ſelbſt, und da er mit Recht muthmaßte, die vorbeſagte Geſichts⸗ verzerrung beabſichtige, ihn lächerlich zu machen, ſo hef⸗ tete er ſeine Blicke mit ſo ernſtem und ſtrengem Aus⸗ 1 5 —,— ⏑—òʒℳʒ—,—— Die Pickwicker. 63 druck auf Bob, daß die Züge des verſtorbenen Herrn Grimaldi ſich allmählig in den Ausdruck großer Demuth und Beſchämung verwandelten. »Sagten Sie etwas, Sir?« fragte Herr Winkle nach einer unheimlichen Pauſe. „»Nein, Sir,« erwiederte Bob, an welchem man nichts mehr vom obbeſagten Tölpel bemerkte, als die auffallende Röthe ſeiner Wangen. 3 »Sagten Sie wirklich nichts, Sir?« fragte Herr Winkle abermals. »O gewiß nicht, Sir,« entgegnete Bob. »Mir kam es doch vor, als hätten Sie etwas ge⸗ ſagt, Sir?2« fuhr der alte Herr mit beſonderem Nach⸗ druck fort.»Aber Sie ſehen mich vielleicht an, Sir?2« »O nein, Sir— durchaus nicht,« ſagte Bob mit der größten Höflichkeit. »Freut mich ſehr, es zu vernehmen, Sir,« ſagte Herr Winkle, warf dem gedemüthigten Bob noch einen zornigen Blick zu, und begann nunmehr ernſtlich, den Brief zu leſen. Herr Pickwick folgte ſeinen Blicken in großer Span⸗ nung von einer Seite zur andern, aber die Mienen des alten Herrn blieben ſo gänzlich unverändert, daß ſchlech⸗ terdings der Eindruck nicht zu bemerken war, den die Nach⸗ richt von der Heirath ſeines Sohnes, welche, wie Herr Pickwick wußte, ſchon auf der erſten Seite ſtand, auf ihn gemacht haben möge. Er las den Brief bis zum letzten Wort, legte ihn mit der Sorgfalt und Genauigkeit eines Geſchäftsmannes wieder zuſammen, und als Herr Pickwick endlich einen Ausbruch ſeiner Gefühle erwartete, tauchte er ruhig eine Feder in das Dintenfaß, und ſagte ſo gleichgültig als ob die Rede von dem gewöhnlichſten Gegenſtand ſei: — Die Pickwicker. „»Nathaniels Adreſſe, Herr Pickwick.⸗ „»Er wohnt gegenwärtig im Georg und Geier.« »Georg und Geier. Wo iſt das 2« »In der Lombartſtraße.« »In der City 2« »Ja, Sir!« Der alte Herr notirte ſehr methodiſch die Adreſſe auf der Rückſeite des Briefs, legte ihn dann in das Pult, welches er verſchloß, und fragte: „»Haben Sie mir noch etwas mitzutheilen, Herr Pickwick?« »Nichts weiter, mein theurer Sir,« erwiederte der warmherzige Pickwick, eben ſo erſtaunt als entrüſtet— vaber beliebt es Ihnen nicht, Ihre Meinung im Betreff des entſcheidenden Ereigniſſes, welches für das fernere Lebensſchickſal Ihres Herrn Sohnes ſo wichtig iſt, aus⸗ zuſprechen; wollen Sie ihn nicht durch mich der Fort⸗ dauer Ihrer väterlichen Liebe und Unterſtützung verſichern laſſen; haben Sie nichts zu ſagen, das dem in banger Erwartung ſchwebenden jungen Ehepaar zur Freude und zum Troſt gereichen könnte? Mein beſter Herr, ich bitte, überlegen Sie doch“. »Ich werde allerdings überlegen,« entgegnete Herr Winkle,»habe indeſſen für jetzt nichts weiter zu ſagen. Ich bin ein Geſchäftsmann, Herr Pickwick; übereile mich in keiner Sache, aber ſo weit ich die vorliegende über⸗ ſehe, ſagt ſie mir keineswegs zu. Tauſend Pfund iſt nicht viel, Herr Pickwick.« »Sie haben vollkommen Recht, Sir,« fiel hier Ben Allen ein, der gerade noch wach genug war, um ſich deut⸗ lich zu erinnern, daß er ſeine tauſend Pfund ohne die geringſte Schwierigkeit vorausgabt habe. Sie ſind ein Die Pickwicker. 65 verſtändiger Mann, Sir; Bob, der Alte iſt wirklich ein geſcheites Kerlchen.« „»Es muß mir ſehr ſchmeichelhaft ſein, daß Sie mir ſo viel Gerechtigkeit widerfahren laſſen, Sir,« ſagte Herr Winkle Senior, verächtlich auf Ben Allen blickend, der eine weiſe Miene dabei annahm.»Die Sache iſt die, Herr Pickwick: als ich meinem Sohn die Erlaubniß er⸗ theilte, ſich etwa ein Jahr in der Welt umzuſehen(was er unter Ihrer Leitung gethan hat), damit er nicht in ſeiner Unerfahrenheit durch Jedermann hinter das Licht geführt werden möge, ſetzte ich nicht voraus, daß er ſich meines Zutrauens ſo wenig würdig bezeigen werde. Es kann ihn daher auch nicht überraſchen, wenn ich meine Hand von ihm abziehe. Er ſoll von mir hören, Herr Pickwick. Gute Nacht, Sir.— Margarethe, öffne die Hausthür.« Bob hatte unterdeß Ben fortwährend zugewinkt, er möge noch ein Wörtchen mitreden, und Ben brach dem⸗ gemäß jetzt, ohne die mindeſte Einleitung, in eine kurze, aber leidenſchaftliche Anrede aus: »Sir,s ſagte er, den alten Herrn mit ſehr mattem und ſchläfrigem Blick anſtarrend, und heftig mit dem rech⸗ ten Arm dazu geſtikulirend:»Sir, Sie— Sie ſollten ſich vor ſich ſelber ſchämen.“« »Als der jungen Dame Bruder ſind Sie natürlich ein vortrefflicher Richter in der Sache,« entgegnete Herr Winkle Senior.»Doch genug davon! Ich bitte, Herr Pickwick, kein Wort mehr. Gute Nacht, meine Herren!« Herr Winkle nahm den Leuchter, öffnete die Stuben⸗ thür, und zeigte höflich nach der Hausflur. »Sie werden Ihren Entſchluß bereuen, Sir,« ſagte Herr Pickwick mit verbiſſenem Ingrimm, denn er fühlte, was er ſeinem jungen Freunde ſchuldig ſei. Die Pickwicker. VI. 5 66 Die Pickwicker. »Ich bin gegenwärtig verſchiedener Meinung,« er⸗ wiederte Herr Winkle kaltblütig.»Noch einmal, meine Herren, ich wünſche Ihnen wohl zu ſchlafen.« Herr Pickwick entfernte ſich mit zornigen Schrit⸗ ten; Bob Sawyer folgte ihm, ebenfalls ſehr aufgeregt über die Entſchiedenheit des alten Herrn; gleich darauf rollte der Hut Bens die Stufen hinab, und ſein Körper folgte unmittelbar. Alle drei begaben ſich ſtumm, und ohne zu Abend gegeſſen zu haben, in ihre Schlafzimmer, und Herr Pickwick dachte vor dem Einſchlafen, daß wenn er gewußt hätte, Herr Winkle Senior ſei ſo ſehr Ge⸗ ſchäftsmann, er höchſt wahrſcheinlich mit einem ſolchen Auftrag nicht zu ihm gegangen ſein würde. Zweiundfunfzigſtes Kapitel. In welchem Herr Pickwick mit einem alten Bekannten zuſam⸗ mentrifft, welchen glücklichen Umſtand die Leſer einem un⸗ endlich intereſſanten Ereigniß, betreffend zwei berühmte Männer von großem Einfluß und Anſehen, zu verdanken haben. 8 Herr Pickwick erwachte am folgenden Tage um acht Uhr. Der Morgen war keineswegs geeignet, ihn aufzu⸗ heitern, oder die Niedergeſchlagenheit zu vertreiben, in welche der unerwartete Erfolg ſeiner Sendung ihn ver⸗ ſetzt hatte. Der Himmel war mit düſtern Wolken um⸗ zogen, die Luft feucht und rauh, die Straßen ſahen naß und kothig aus. Der Rauch hing verdroſſen über den Schornſteinen, als wenn ihm der Muth zum Aufſteigen +—— Die Pickwicker. 67 fehlte, und der Regen ſank, wie unentſchieden, langſam zur Erde nieder. Auf dem Hofe in einem Winkel wiegte ſich der Haushahn mißmuthig auf einem Bein, und ſeine ſonſtige feurige Lebendigkeit ſchien ihn ganz verlaſſen zu haben, und ein Eſel, der mit geſenktem Kopf unter dem Vordach des Holzſchoppens ſtand, ſchien auf Selbſtmord zu ſinnen, Draußen auf den Straßen ſah man nichts als Regenſchirme, und hörte man nichts als das Plät⸗ ſchern von den Dachrinnen und das Klappern von Ueber⸗ ſchuhen. Beim Frühſtück wurde ſehr wenig geſprochen, ſelbſt Bob Sawyer fühlte den Einfluß des Wetters, und litt noch an den Folgen der Aufregung des vorigen Tages. In fortwährender Erwartung, ob der Himmel ſich auf⸗ klären werde, ward das Londoner Abendblatt mit einem Eifer, wie er in ſolchen Fällen gewöhnlich iſt, geleſen und wieder geleſen; jeder Zoll des Fußteppichs ward mit gleicher Ausdauer beſchritten; man ſchaute ſo oft aus den Fenſtern, daß eine Erhöhung der Abgaben auf die⸗ ſelben hätte gerechtfertigt werden können; alle Geſprächs⸗ gegenſtände wurden vorgebracht, aber ſchnell wieder auf⸗ gegeben, und als endlich das Wetter gegen Mittag noch nicht günſtiger werden wollte, klingelte Herr Pickwick und befahl, den Wagen vorfahren zu laſſen. Obgleich die Wege ſehr ſchmutzig waren, und der Sprühregen immer ſtärker wurde, dabei auch der Schmutz bis in die offenen Fenſter des Wagens geſchleudert ward, ſo daß er darin Sitzenden faſt eben ſo beſchwerlich wurde, als den Außenpaſſagieren, lag doch etwas in der Bewe⸗ gung ſelbſt und dem Bewußtſein, ein beſtimmtes Ziel vor ſich zu haben, was der langweiligen Abgeſchloſſenheit in einem Zimmer ſo ſehr vorzuziehen war, daß ſie alle 5* Die Pickwicker. ſich wunderten, wie ſie nicht ſchon früher auf den Ge⸗ danken gekommen ſeien. Als in Coventry die Pferde gewechſelt wurden, dampften ſie dermaßen, daß der Stallknecht faſt nicht zu ſehen war, deſſen Stimme man jedoch durch den Ne⸗ bel erklären hörte, er hoffe, bei der nächſten Preisver⸗ theilung die erſte goldene Medaille vom Rettungsverein zu erhalten, weil er dem Poſtillon den Hut abgenommen habe, denn es ſtröme eine ſolche Waſſermaſſe herunter, daß er(der Poſtillon) unrettbar ertrunken ſein würde, wenn er(der Unſichtbare) nicht die Geiſtesgegenwart gehabt habe, ihm den Hut noch zur rechten Zeit vom Kopf zu reißen, und ſein Geſicht mit einem Strohwiſch abzutrocknen. »Das muß ich ſagen, die Rückreiſe iſt nicht ſo an⸗ genehm, als unſere geſtrige Fahrt,« bemerkte Bob Sa⸗ wyer, indem er ſeinen Rockkragen in die Höhe ſchlug, und den Shawl über den Mund zog, um die Dämpfe des eben getrunkenen Branntweins ſich conzentriren zu laſſen.»Sie ſcheinen ſich nichts daraus zu machen,« fügte er, ſich zu Sam wendend, hinzu. »Ich ſehe den Nutzen nicht ein, wenn ich mir auch etwas daraus machte,« erwiederte Sam. »Dagegen läßt ſich freilich nichts einwenden,« ſagte Bob. 3 „»Gewiß nicht,« antwortete Sam.»Was geſchieht, iſt gut,« wie der junge Kavalier mit großer Seelenruhe bemerkte, als ſie ihn auf die Penſionsliſte ſetzten, weil ſeine Mutter einen Onkel hatte, deſſen Frauen Urgroß⸗ vater einſt dem Könige die Pfeife mit einem tragbaren Feuerzeug angeſteckt hatte.« „»Das war gar nicht übel, Sam,« ſagte Bob Sa⸗ wyer, indem er ihm billigend zunickte. έ‿ι 4*5 0 0 ☛ (₰ Die Pickwicker. 69 „Daſſelbe ſagte auch der junge Kavalier alle Vier⸗ teljahr bis zu ſeinem Tode,« erwiederte Sam.»Wurden Sie ſchon je,« fragte er in geheimnißvoll flüſterndem Ton nach einem kurzen Stillſchweigen, und auf den Poſtillon blickend—»wurden Sie ſchon je zu einem Poſtillon gerufen, als Sie bei einem Beinſäger in der Lehre waren, Sir?⸗ »Ich erinnere mich deſſen nicht, Sam,« erwiederte Bob. »Haben Sie jemals einen Poſtillon im Hospital geſehen, wenn Sie umgingen, wie die Leute von den Geſpenſtern ſagen?« fragte Sam weiter. »Daß ich nicht wüßte, Sam.⸗ »Oder ſahen Sie je auf einem Kirchhof den Grab⸗ ſtein eines Poſtillons, oder haben Sie ſchon einen todten Poſtillon geſehen?« »Nein, Sam, niemals.«⸗ »Und werden auch niemals einen zu ſehen bekom⸗ men,« ſagte Sam triumphirend,»und es giebt noch etwas, das niemand geſehen hat, nämlich einen todten Eſel. Noch nie hat jemand einen todten Eſel geſehen, ausgenommen der Gentleman in den ſchwarzen ſeidenen Kniehoſen, der mit dem jungen Frauenzimmer bekannt war, das eine Ziege hielt, und dieſes war ein franzö⸗ ſiſcher Eſel, und alſo wahrſcheinlich keiner von der gewöhnlichen Sorte.«. »Was hat denn das aber mit den Poſtillons zu thun?« fragte Bob.. „»Dieſes,« erwiederte Sam.»Ich will zwar nicht ſo weit gehen, zu behaupten, wie freilich viele geſcheite Leute thun, daß Poſtillons und Eſel unſterblich ſind, aber ich will dieſes ſagen, wenn ſie ſpüren, daß ſie ſteif werden und ihre Arbeit nicht mehr verrichten können, 70 Die Pickwicker. ſo machen ſie ſich davon, ein Poſtillon und zwei Eſel nach dem gewöhnlichen Verhältniß, und kein Menſch weiß, was aus ihnen wird, aber es iſt ſehr möglich, daß ſie ſich davon machen, um ihr Vergnügen in einer an⸗ dern Welt zu ſuchen, denn kein Menſch hat je erlebt, daß ein Eſel oder Poſtillon ſein Vergnügen in dieſer Welt gehabt hätte.« Sam entwickelte noch ausführlicher dieſe gelehrte und merkwürdige Theorie, führte zu ihrer Unterſtützung eine Menge intereſſanter ſtatiſtiſcher und anderer That⸗ ſachen an, und vertrieb ſich und Bob damit die Zeit, bis ſie Dunchurch erreichten, wo ſie einen trockenen Po⸗ ſtillon und friſche Pferde erhielten; die nächſte Station war Deventry, und die darauf folgende Towceſter, und gegen das Ende jeder Station fing es an, ſtärker zu regnen. »Ich muß geſtehn, das läßt ſich nicht länger aus⸗ halten,« ſagte Bob Sawyer, in das Kutſchenfenſter blickend, als ſie vor dem„»Türkenkopf« in Towceſter an⸗ hielten. „»O weh, Herr Sawyer,“ ſagte Herr Pickwick,»ich fürchte, daß Ste durchnäßt ſind.« »Ja, es iſt mir allerdings ſo zu Muthe,« entgegnete Bob. Der Regen lief wirklich an ſeinem Leibe hinunter. »Ich bin wirklich durchnäßt,« fuhr er fort, und in⸗ dem er ſich ſchüttelte, ſchleuderte er ſo viel Waſſer von ſich wie ein großer Newfoundländer, der eben an das Land geſprungen iſt. »„Ich glaube, daß es wirklich unmöglich iſt, heute noch weiter zu reiſen,« bemerkte Ben. „Sie haben Recht, Sir,« ſagte Sam, ves iſt Thier⸗ quälerei, Sir, es von den Pferden zu verlangen. Man hat hier im Türkenkopf reinliche komfortable Betten, und —— Die Pickwicker. 71 Sie können in einer halben Stunde ein recht gutes Mittageſſen haben. Es iſt wirklich beſſer, wenn Sie hier bleiben. Nehmen Sie guten Rath an, wie der Doktor zu der Frau ſagte, die keine Medizin nehmen wollte.« Der Türkenkopfswirth erſchien jetzt gerade zu ge⸗ legener Zeit, um Sam's Lob ſeines Hauſes zu beſtätigen, und ſeine Einladung durch viele andere gewichtige Gründe zu unterſtützen, indem er auf den Zuſtand der Wege auf⸗ merkſam machte, bezweifelte, ob ſie auf der nächſten Station friſche Pferde bekommen könnten; vorher ver⸗ kündete, daß es die ganze Nacht hindurch regne, das Wetter ſich aber beſtimmt am andern Morgen aufklären würde; und andere derartige, Gaſtwirthen ſehr geläufige Gründe, vorbrachte. »Schon gut,« ſagte Herr Pickwick,»aber ich muß durch irgend eine Gelegenheit einen Brief nach London abſchicken können, ſo daß er morgen mit dem Früheſten beſtellt wird. Iſt das nicht thunlich, ſo müſſen wir weiter, es mag gehen, wie es will.« Der Wirth lächelte ſehr vergnügt. Der Brief könnte durch die Birminghamer Nacht⸗Diligence beför⸗ dert werden, oder wäre dem Herrn ſo viel daran gele⸗ gen, daß er möglichſt ſchnell abgegeben würde, ſo dürfe er nur auf der Adreſſe bemerken:»ſogleich einzuhändi⸗ gen,« was ſicher beachtet werden würde, oder:»Dem Ueberbringer eine halbe Krone ertra für ſofortige Be⸗ ſtellung,« was noch ſicherer wäre. »Nun gut,« ſagte Herr Pickwick,»ſo wollen wir denn hier bleiben.« „»Lichter in die Sonne, Johann, das Feuer ange⸗ macht— die Herren ſind naß,« rief der Wirth.»Fol⸗ 72 Die Pickwicker. gen Sie mir, meine Herren, halten Sie ſich nicht mit dem Poſtillon auf; ich will ihn ſchon zu Ihnen ſchicken.«⸗ Die Lichter wurden in das Zimmer, die Sonne ge⸗ nannt, gebracht, das Feuer ward angezündet, und ein großer Holzkloben hineingeworfen. Zehn Minuten dar⸗ auf war das Mittageſſen bereit, das Feuer loderte im Kamin hell auf, und Alles hatte das Anſehen, als ſeien die Reiſenden ſchon Tagelang erwartet worden, wie man es in allen anſtändigen engliſchen Gaſthöfen zu finden pflegt. Herr Pickwick ſchrieb ſchnell ein Billet an Herrn Winkle Junior, worin er ihn nur benachrichtigte, er werde durch das ſchlechte Wetter aufgehalten, würde aber beſtimmt am folgenden Tage in London eintreffen, und behalte ſich bis dahin alle ferneren Nachrichten vor. Dieſes Billet wurde durch Sam der Wirthin zu wei⸗ terer Beförderung eingehändigt. Als er zurückkehrte, um ſeinem Herrn die Stiefel auszuziehen, nachdem er ſich ſelbſt am Küchenfeuer etwas getrocknet hatte, er⸗ blickte er durch eine halb offenſtehende Thür einen roth⸗ köpfigen Herrn, der einen großen Pack Zeitungsblätter vor ſich auf dem Tiſch liegen hatte, und beſchäftigt war, einen-leitenden Artikel zu leſen, wobei ſeine Mienen tiefe Verachtung und ſtolzes, erhabenes Selbſtgefühl ausdrückten. »Sieh da,« ſagte Sam,»den Kopf und das Ge⸗ ſicht ſollte ich ja kennen, und auch das Augenglas und den breitrandigen Hut.« Sam huſtete, um die Aufmerkſamkeit des Herrn auf ſich zu ziehen; dieſer erhob ſeinen Kopf, und ſein Augenglas, und benahm Herrn Weller jeden Zweifel, daß er Herrn Pott, den Redakteur der Eatenswiller Zeitung vor ſich ſehe. Die Pickwicker. 73 »Entſchuldigen Sie, Sir,« ſagte Sam, mit einer Verbeugung eintretend,»mein Herr iſt hier, Herr Pott.⸗ „Pſt! pſt!« rief Herr Pott, und verſchloß ſofort die Thür des Zimmers mit geheimnißvoller und beſorgter Miene. »Was giebt's denn, Sir?« fragte Sam, und blickte forſchend umher. »Nennen Sie meinen Namen nicht,« erwiederte Pott; ves gehört hier Alles zu den Ledergelben. Wenn die aufgeregte Populace wüßte, daß ich hier bin, ſo würde ſie mich in Stücke reißen.« »Iſt es wirklich ſo ſchlimm, Sir?« fragte Sam. »Ich würde unfehlbar ein Opfer ihrer Wuth wer⸗ den,« verſetzte Pott.»Doch, was haben Sie mir von Ihrem Herrn zu ſagen?« »Er iſt auf der Reiſe nach London, und übernachtet hier mit ein paar Freunden.« »Iſt Herr Winkle bei ihm?« fragte Pott mit einem etwas düſtern Blick. 3 »Nein, Sir; Herr Winkle iſt in London bei ſeiner jungen Frau— er hat ſich vor einigen Tagen verheirathet.« „Verheirathet,« rief Pott mit unſäglicher Heftigkeit aus, ſchwieg einige Minuten ſtill, lachte düſter, und ſagte im Ton befriedigenden Rachegefühls:»Das iſt ihm recht!« Nachdem er alſo ſeinem tödtlichen Haſſe Luft ge⸗ macht, und ſeinen kaltblütig grauſamen Triumph über einen gefallenen Feind ausgeſprochen hatte, fragte er „Sam, ob Herrn Pickwicks Freunde blau ſeien, und begab ſich, nachdem er die befriedigendſte Antwort von Sam Weller erhalten, der eben ſo viel davon wußte, als Pott ſelbſt, mit in das Zimmer des Herrn Pickwick, wo er herzlich begrüßt, und wo ſofort beſchloſſen wurde, ſich mit einander zur Mahlzeit zu begeben. 74 Die Pickwicker. »und wie ſteht's denn in Eatanswill?« fragte Herr Pickwick, nachdem ſich Pott am helllodernden Kamin⸗ feuer niedergeſetzt hatte.»Lebt der Independent noch?⸗ »Der Independent, Sir,« antwortete Pott,»keucht noch immer kläglich umher, und ſchleppt ſein erlöſchendes Daſein zu ſeiner eigenen Qual umher, verachtet und verabſcheut ſogar von den Wenigen, welche mit ſeiner ſchimpflichen Eriſtenz bekannt ſind, erſtickt durch den Schmutz, den er ſelbſt ſo reichlich um ſich verbreitet. Taub und blind durch die Ausdünſtungen ihres eigenen Kothes, verſinkt die ſcheußliche Zeitung, die zu ihrem Glücke ſich ihrer Erniedrigung ſelbſt nicht bewußt iſt, raſch in den verrätheriſchen Schlamm, der ſich, obwohl er ihr eine feſte Stellung in Beziehung auf die niedrigen und verderbten Volksklaſſen zu ſichern ſcheint, über ihrem verruchten Haupte aufthürmt, und ſie ſehr bald für im⸗ mer in ſeinem bodenloſen Abgrund begraben wird.« Nachdem Herr Pott dieſe Verwünſchung, die er einem ſeiner letzten leitenden Artikel entnommen, mit großer Heftigkeit vorgebracht, ſchwieg er, um Athem zu ſchöpfen, blickte Bob Sawyer mit ſtolzem Selbſtgefühl an, und ſagte: 4 »Sie ſind ein junger Mann, Sir.« Bob Sawyer nickte. »„Sie auch, Sir,« und Pott wendete ſich zu Ben Allen. Ben gab ebenfalls die Behauptung zu. »Und ſind Sie nicht Beide tief von jenen Blau⸗ Prinzipien durchdrungen, die ich in meinem ganzen Leben bei dem Volk dieſer vereinigten Königreiche zu unter⸗ ſtützen und zu behaupten mich verpflichtet habe?« »Ich weiß nur nicht recht,« erwiederte Bob Sawyer, vich bin—« 542 2— O&r 2 —— —— ͤ——- —— 8½& Die Pickwicker. 75 „Doch nicht von den Ledergelben, Herr Pickwick?« fiel Pott ein, ſeinen Stuhl fortrückend.»Ihr Freund i*ſt doch nicht gelb, Sir?« „Nein, nein,« erwiederte Bob; vich bin in dieſem Augenblick ſchottiſch— ſpiele in allen möglichen Farben.« »Ah, ein Schwankender,« ſagte Pott feierlich,»alſo ein Schwankender.— Ich möchte Ihnen wohl eine Reihe von acht Artikeln vorlegen, Sir, die in der Eatanswiller Gazette erſchienen ſind. Ich glaube ver⸗ ſichern zu dürfen, daß Ihre Anſichten bald eine feſte und entſchiedene Grundlage erhalten würden, Sir.« »Ich glaube verſichern zu dürfen, daß ich blau wer⸗ den würde, bevor ich ſie zu Ende geleſen hätte,« antwor⸗ tete Bob Sawyer. Herr Pott blickte ihn einige Augenblicke bedenklich an, und ſagte dann zu Herrn Pickwick: »Sie haben doch die litterariſchen Artikel geleſen, die im Lauf der drei letzten Monate in der Eatanswiller Gazette erſchienen ſind, und ſo große— ich darf wohl ſagen, ſo allgemeine Aufmerkſamkeit und Bewunderung erregt haben?2« „»Ich muß geſtehen,« erwiederte Herr Pickwick ein wenig verlegen,»daß ich während der Zeit zu ſehr ander⸗ weitig beſchäftigt war, auch hatte ich wirklich nicht Gelegenheit, ſie zu leſen.« »Sie ſollten es noch thun, Sir,« ſagte Pott in eindringlichem Ton. „Ich werde nicht verfehlen,« erwiederte Herr Pickwick. »Sie erſchienen in Form einer umfaſſenden Be⸗ uptheilung eines Werks über chineſiſche Metaphyſik,« fuhr Pott fort. 6 »Doch aus Ihrer eigenen Feder?« fragte Herr Pickwick.. 76 Die Pickwicker. »Aus der meines Rezenſenten, Sir,« entgegnete Pott mit Würde. »Ein ſehr gelehrter Gegenſtand, wie es mir ſcheint,⸗ ſagte Herr Pickwick. »Sehr gelehrt, Sir,« entgegnete Pott, eine möglichſt weiſe Miene annehmend.»Mein Rezenſent mußte auf mein Verlangen in der Encyklopädia britannica darüber nachleſen.⸗ »Ich wußte in der That noch nicht,« ſagte Herr Pickwick,„daß man ſich in dieſem ſchätzbaren Werke auch über die chineſiſche Metaphyſik unterrichten kann.«⸗ Pott legte ſeine Hand auf Herrn Pickwicks Knie, und erwiederte mit einem, das Bewußtſein geiſtigen Uebergewichts andeutenden Lächeln: »Er las über Metaphyſik nach unter dem Buch⸗ ſtaben M und über China unter dem Buchſtaben C und vereinigte die daraus entnommenen Thatſachen.« Die Züge des Herrn Pott nahmen bei der Erin⸗ nerung der bei jenen gelehrten Unterſuchungen entwickelten geiſtigen Fähigkeiten einen ſo imponirenden Ausdruck an, daß Herr Pickwick erſt nach einigen Minuten das Ge⸗ ſpräch fortzuſetzen wagte, und erſt als das Antlitz des Redakteurs nur das ihm gewöhnliche Selbſtgefühl geiſti⸗ ger Ueberlegenheit kund gab, ſagte er: »Darf ich fragen, welcher wichtige Zweck Sie ſo weit von Haus hinweggeführt hat?« »Derſelbe große Zweck, der die innerſte Triebfeder aller meiner rieſenhaften Arbeiten iſt,« erwiederte Pott mit einem ruhigen Lächeln; Pas Wohl meines Vater⸗ landes.« 1 »Ich glaubte, Sie ſeien auf irgend einer öffentlichen Miſſion begriffen,« bemerkte Herr Pickwick. „»Ja, Sir,« verſetzte Pott,»ſo iſt's.« Er beugte Die Pickwicker. 77 ſich zu Herrn Pickwick, und flüſterte ihm mit hohler und tiefer Stimme in das Ohr:»Morgen Abend werden die Ledergelben in Birmingham einen Ball haben. »Was Sie ſagen?« rief Herr Pickwick aus. »Ja ja, Sir, und auch ein Abendeſſen,« fügte Pott hinzu. »Iſt's möglich?« rief Herr Pickwick aus. Pott nickte mit bedeutungsvoller Miene. Obgleich ſich nun Herr Pickwick bemühte, bei dieſer Mittheilung überraſcht auszuſehen, ſo war er doch ſo wenig von den politiſchen Lokal⸗Angelegenheiten unter⸗ richtet, daß er die Wichtigkeit der beabſichtigten Ver⸗ ſammlung durchaus nicht zu beurtheilen vermochte. Als Herr Pott dieſes bemerkte, zog er augenblicklich die letzte Nummer der Eatanswiller Gazette aus der Taſche, und las daraus folgenden Artikel vor: Höhlen⸗ und Winkel⸗Gelbthum. »Ein kriechender Kollege hat vor Kurzem ſein ſchwar⸗ zes Gift ausgeſpieen, in der vergeblichen Hoffnung und eben ſo thörichten als boshaften Abſicht, den edlen Na⸗ men unſeres ausgezeichneten und ruhmwürdigen Reprä⸗ ſentanten, des hochachtbaren Herrn Slumkey zu beflecken — deſſelben Mannes, von dem wir lange, bevor er ſeine gegenwärtige wichtige und einflußreiche Stellung einnahm, vorher ſagten, was ſich jetzt beſtätigt, daß er einſt der Ruhm und Stolz ſeines Vaterlandes, der kühne Ver⸗ theidiger von deſſen Rechten ſein würde. Unſer niedrig geſinnter Kollege hat ſich über ein trefflich gearbeitetes plattirtes Kohlengefäß luſtig gemacht, das dem trefflichen Mann von ſeinen für ihn begeiſterten Wählern überreicht wurde, und zu deſſen Ankauf, wie jener Elende zu ver⸗ ſtehen giedt, der hochachtbare Hexr Slumkey ſelbſt durch 7 Die Pickwicker. einen vertrauten Freund mehr als drei Viertel der ganzen Summe ſoll haben unterzeichnen laſſen. Sieht denn das im Schlamme kriechende Ungethüm nicht ein, daß, wenn dieſes auch der Fall ſein ſollte, der hochachtbare Herr Slumkey wo möglich in einem noch weit ſchönern und und glänzendern Licht erſcheinen würde? Iſt es ſelbſt ſeinem Stumpfſinn nicht einleuchtend, daß ein ſo drin⸗ gender und rührender Wunſch des Gewählten, den Ab⸗ ſichten ſeiner Wähler entgegenzukommen, ihm für immer die Herzen jener Mitbürger gewinnen muß, die nicht ſchlimmer als Schweine, oder mit anderen Worten nicht ſo durchaus entartet, wie unſer Kollege ſind? Dies ſind nun einmal die verruchten Umtriebe des Höhlen⸗ und Winkel⸗Gelbthums, aber noch Schrecklicheres lauert im Hintergrund. Es droht Verrath. Wir verkünden es kühn, da wir dem Truggewebe auf der Spur ſind, und wir ſtellen uns unter den Schutz des Landes und ſeiner Konſtables— verkünden, ſagen wir, kühn und offen, daß in dieſem Augenblick geheime Vorbereitungen zu einem ledergelben Ball getroffen werden, der in einer ledergelben Stadt inmitten einer ledergelben Bevölkerung veranſtaltet, von einem ledergelben Ceremonienmeiſter ge⸗ leitet, von vier ultra⸗ledergelben Parlamentsmitgliedern beſucht werden ſoll, und zu dem man nur den Zutritt, mit ledergelben Einlaßkarten verſehen, wird erlangen können! Fühlt ſich unſer ſataniſcher Kollege getroffen? Möge er ſich in ohnmächtiger Wuth und Bosheit krüm⸗ men und winden, wenn er die Worte lieſt:»Wir wer⸗ den uns einfinden!« »Sehen Sie, Sir, das iſt die Lage der Dinge,⸗ ſagte Pott, und ſteckte das Blatt ganz erſchöpft wieder ein. In dieſem Augenblick trugen der Wirth und Kellner das Mittageſſen auf, und Pott legte die Finger auf ————,———————o———.——.—.——,— ———,,—„— Die Pickwicker. 79 den Mund, zum Zeichen, daß ſein Leben in Herrn Pick⸗ wicks Händen ſei, und von ſeiner Verſchwiegenheit ab⸗ hinge. Die Herren Bob Sawyer und Ben Allen, welche in ehrerbietiger Weiſe während der Vorleſung des Arti⸗ kels aus der Eatanswiller Gazette eingeſchlummert waren, erwachten ſofort, als das magiſche Wort»Mittageſſen« in ihren Ohren erklang, und ſetzten ſich mit dem treff⸗ lichſten Appetit an den Tiſch. Während des Eſſens und der darauf folgenden Sitzung ließ ſich Herr Pott herab, einige Augenblicke von häuslichen Angelegenheiten zu reden, und theilte Herrn Pickwick mit, da die Luft von Eatans⸗ will ſeiner Frau nicht zuſage, ſei ſie auf einer Badereiſe begriffen, um ihre Geſundheit und gute Laune wieder herzuſtellen, was eine zarte Verſchleierung der Thatſache war, daß Miſtreß Pott ihre ſo oft wiederholte Drohung, ſich von ihm ſcheiden zu laſſen, endlich ausgeführt, und daß ihr Bruder, der Lieutenant, mit Pott eine Ueber⸗ einkunft abgeſchloſſen, laut welcher ſie ſich ſammt ihrer getreuen Leibwache für immer von ihm getrennt hatte, und die Hälfte ſeines jährlichen Einkommens erhielt. Während der berühmte Herr Pott von dieſen und anderen Gegenſtänden ſprach, und die Unterhaltung von Zeit zu Zeit durch verſchiedene Mittheilungen aus ſeinen litterariſchen Leiſtungen belebte, fragte ein Reiſender aus dem Fenſter einer Poſtkutſche, die vor dem Wirthshauſe, weil Packete abgegeben wurden, hielt: ob noch ein Bett für ihn zu haben ſei? „»Gewiß, Sir,« erwiederte der Wirth. »Alſo wirklich?« fragte der Fremde, der ſehr vor⸗ ſichtig und argwöhniſch zu ſein ſchien. „»Ohne Zweifel, Sir,« bekräftigte nochmals der Wirth. „»Gut!« ſagte der Fremde.»Poſtillon, ich ſteige hier ab! Kondukteur, meinen Mantelſack!« 3 80 Die Pickwicker. Er wünſchte den andern Paſſagieren in kaltem, trock⸗ nem Tone gute Nacht, und trat in das Haus. Er war von kurzer, gedrungener Statur, hatte ſtraffes, ſchwarzes Haar, welches à la Stachelſchwein oder Stiefelbürſte zu⸗ geſchnitten war, und auf ſeinem ganzen Kopf ſteif und ſträubend emporſtand. In ſeinem Weſen lag etwas An⸗ maßendes und Drohendes; ſeine Augen waren unruhig und ſtechend; ſeine ganze Haltung verkündete ungemeines Selbſtvertrauen und ein Bewußtſein unermeßlicher Ueber⸗ legenheit über andere Menſchenkinder. 4 Dieſer Herr wurde in das, urſprünglich dem patrio⸗ tiſchen Herrn Pott beſtimmte Zimmer geführt, und der Kellner bemerkte, in ſtummer Verwunderung über das ſeltſame Zuſammentreffen, daß, als er kaum die Lichter angezündet, der Fremde in ſeinen Hut griff, ein Zeitungs⸗ blatt herausnahm, und mit demſelben Hohnlächeln zu leſen begann, wie Herr Pott eine Stunde zuvor. Der Kell⸗ ner bemerkte ferner, daß der Zorn dieſes Herrn durch den Eatanswiller Indepedenten erregt wurde, ſo wie die vernichtende Verachtung des Herrn Pott durch die Eatans⸗ willer⸗Gazette hervorgerufen worden war. „Schicken Sie den Wirth,« ſagte der Fremde. »Ja, Sir,« erwiederte der Kellner. Der Wirth wurde gerufen, und erſchien. »Sind Sie der Wirth?« fragte der Fremde. »Ja, Sir,« erwiederte der Wirth. »Kennen Sie mich?« »Ich habe nicht das Vergnügen, Sir.« „Ich heiße Slurk.« Der Wirth verbeugte ſich ſchweigend. »Slurk, Sir,« fuhr der Fremde, ſich in die Bruſt werfend, fort.»Kennen Sie mich jetzt?2« — Die Pickwicker. 81 ck⸗ Der Wirth zuckte die Achſeln und blickte lächelnd ar auf den Fremden. gzes„»Kennen Sie mich nicht?⸗ tagte2 Jener nochmals zu⸗ mit zornigem Blick. nd Der Wirth zögerte ein paar Augenblicke, und erwie⸗ ln: derte endlich:»Nein, Sir, ich kenne Sie nicht.“ hig»Gerechter Himmel!« rief der Fremde, und ſchlug ies mit der geballten Fauſt auf den i Tiſch.„»Iſt dies Popu⸗ el⸗ larität?2« Der Wirth trat erſchrocken zurück; der Fremde faßte ihn ſcharf in die Augen, und fuhr fort: 19—»Dies iſt nun alſo der Dank für jahrelange Stu⸗ ter dien und Bemühungen zu Gunſten der Maſſen. Ich gs⸗ ſteige müde und durchnäßt vom Poſtwagen, und kein be⸗ ſen geiſterter Volkshaufen umdrängt mich, ſeinen Vorkämpfer ell⸗ zu begrüßen; die Glocken bleiben ſtumm, ſogar mein rch Name erweckt in den abgeſtorbenen Herzen kein anklin⸗ die gendes, freudiges Gefühl. Man ſollte die Dinte ein⸗ ns⸗ trocknen laſſen, und des trägen, ſtumpfſinnigen Volkes Sache für immer verlaſſen.« Er ſchritt in großer Erregtheit auf und nieder. Der Wirth fragte: „Befehlen Sie Branntwein mit Waſſer, Sir?« »Rum,« erwiederte Slurk auffahrend.„Haben Sie nirgend Feuer im Kamin?« »Wir können es ſogleich anmachen,« ſagte der Wirth. „Dann wird es erſt warm werden, wenn es Zeit iſt, zu Bett zu gehen. Iſt Jemand in der Küche 2« »Niemand, Sir. Es iſt noch ſehr warm unten.“« »So will ich meinen Rum mit Waſſer am Küchen⸗ ruſt feuer trinken,« ſagte Slurk, nahm ſeinen Hut und das Zeitungsblatt, ſchritt feierlich hinter dem Wirthe her, Die Pickwicker. VI. 6 — Die Pickwicker. und begann, als er vor dem Feuer ſaß, in ſtummer Würde zu trinken und zu leſen. Gerade jetzt flog ein Dämon des Unfriedens über den Türkenkopf. Er blickte in müſſiger Neugierde hinab, ſah Herrn Slurk komfortable am Küchenfeuer, und Pott, etwas durch den Wein aufgeregt, eine Treppe höher in einem Zimmer ſitzen, worauf der boshafte Dämon in das letztere mit unbegreiflicher Schnelligkeit hinabfuhr, ſich ſogleich in den Kopf des Herrn Bob Sawyer ſetzte, und ihn anſtiftete, in ſeines(des Dämons) unheilbringender Abſicht folgendermaßen zu ſprechen: »Wir haben das Feuer ausgehen laſſen. Es iſt un⸗ gewöhnlich kalt nach dem Regen geworden.« »Ich fühle es auch,« erwiederte Herr Pickwick fröſtelnd. »Was meinen Sie, wenn wir am Küchenfeuer noch eine Cigarre rauchten?« ſagte Bob Sawyer, aus welchem fortwährend der vorbeſagte Dämon ſprach. »Es würde, glaube ich, nicht übel ſein,« entgegnete Herr Pickwick.»Herr Pott, was meinen Sie dazu?« Herr Pott war ganz damit einverſtanden, und alle vier begaben ſich, jeder ſein Glas in der Hand, ſofort auf den Weg nach der Küche, indem Sam Weller voran⸗ ging, um ihnen den Weg zu zeigen. Der Fremde war noch in das Zeitungsblatt vertieft, blickte jedoch auf, und fährt erſchreckt zuſammen. Herr Pott prallte einige Schritte zurück. »Was giebts?« flüſterte Herr Pickwick. „»Da— das Geſchmeiß,« antwortete Pott. »Was für Geſchmeiß?« fragte Herr Pickwick, und blickte vorſichtig umher, aus Furcht, etwa auf eine Spinne oder ein anderes Ungeziefer zu treten. »Da— das Geſchmeiß— Slurk vom Indepeu⸗ ie Die Pickwicker. 83 dent,« flüſterte Pott, Herrn Pickwick am Arm zurück⸗ ziehend, und auf den Fremden zeigend. „Wollen wir nicht wieder zurückgehen?« flüſterte Herr Pickwick. »Nimmermehr, Sir, nimmermehr!« ſagte Pott, ſetzte ſich Slurk gegenüber, nahm ein Zeitungsblatt zur Hand, und fing an, gegen den Feind anzuleſen. Herr Pott las natürlich den Independenten, und Herr Slurk natürlich die Gazette, und jeder drückte durch bitteres Lachen und ſarkaſtiſche Ausrufungen ſeine Ver⸗ achtung der Artikel des Gegners hörbar genug aus. Sie gingen bald zu noch deutlicheren kritiſchen Bemerkungen über, wie etwa—»abgeſchmackt«— verbärmlich«— »ruchlos«—»Windbeutelei«—»Schmutz⸗—»Koth⸗ —»Schlamm⸗«—»Sumpfwaſſer« und was dergleichen unverhüllte Meinungsäußerungen mehr waren. Bob Sawyer und Ben Allen beobachteten die Sym⸗ ptome der Eiferſucht und des Haſſes mit einem Vergnü⸗ gen, welches ſie die Cigarren, die ſie reichlich dampf⸗ ten, um ſo angenehmer finden ließ. Als die kritiſchen Bemerkungen ſeltener zu werden begannen, redete Bob den Unheilſtifter Herrn Slurk mit äußerſter Höflichkeit an: »Darf ich um Ihr Zeitungsblatt bitten, Sir, wenn Sie es ausgeleſen haben 2« »Sie werden in dem elenden Wiſch ſehr wenig fin⸗ den, das der Mühe des Leſens lohnt,« antwortete Slurk, indem er Pott einen ſataniſchen Seitenblick zuwarf. »Sie können ſogleich dieſes hier haben,« ſagte Pott aufblickend, und blaß und zitternd vor Wuth.»Ha ha, die Unverſchämtheit dieſes Winkelſkribenten wird Sie nicht wenig unterhalten.⸗ Ein ſchrecklicher Nachdruck wurde hierbei auf»Wiſch⸗ und»Winkelſkribent« gelegt, und in den Zügen beider 6* 84 Die Pickwicker. Zeitungsſchreiber ſprach ſich immer mehr herausfordernder Trotz aus. „»Die Schamloſigkeit dieſes elenden Burſchen iſt wahrhaft ekelerregend,« ſagte Pott, indem er ſich zu Bob Sawyer wendete, aber einen hämiſchen Seitenblick auf Slurk warf. Herr Slurk lachte laut auf, faltete das Zeitungs⸗ blatt zuſammen, und ſagte:»die Dummheiten des Men⸗ ſchen haben mir wirklich Spaß gemacht.« »Was für ein Ignorant dieſer Patron iſt,« begann Pott wieder, deſſen Wangen ſich jetzt von roth zu kar⸗ moiſinroth färbten. „Haben Sie je ſchon von des Burſchen Albernhei⸗ ten etwas geleſen 2« fragte Slurk Bob Sawyer. „Noch nie,« erwiederte Bob—»ſind es rechte Dummheiten?« „O, einzig in ihrer Art,« entgegnete Slurk. »Nein, dies iſt zu abſcheulich,« rief Pott aus, der ſich fortwährend ſtellte, als ſei er in das Leſen des Blattes vertieft.. »Wenn es Ihnen möglich iſt, einige Artikel voll Bosheit, Gemeinheit, Heuchelei, Niederträchtigkeit, Lüge, Meineid und Verrätherei zu leſen,« ſagte Slurk, Bob das Zeitungsblatt reichend,»ſo werden Sie vielleicht dadurch etwas entſchädigt, daß der verworrene Styl dieſes Schwätzers, der nicht einmal die Anfangsgründe der Grammatik kennt, Sie lachen macht.⸗ »Was ſagten Sie da, Sir?« ſchrie Pott aufblickend und vor Wuth zitternd. »Was geht das Sie an, Sir?« entgegnete Slurk. »Sagten Sie nicht: Schwätzer, Sir, und der nicht einmal die Anfangsgründe der Grammatik kennete?⸗ »Ja, Sir, ſo ſagte ich, und wenn Sie's noch lieber Die Pickwicker. 85 hören, kann ich es ergänzen, indem ich ſage: ein anma⸗ ßender, langweiliger, unausſtehlicher Schwätzer, dem es auf einen Sprachſchnitzer mehr oder weniger durchaus nicht ankommt— hal ha! ha!« Herr Pott erwiederte auf dieſe ironiſche Beleidigung kein Wort, ſondern legte bedächtig ſeine Nummer des Independenten zuſammen, warf ſie auf den Boden, trat ſie unter die Füße, ſpie mit grimmiger Wuth darauf, und ſchleuderte ſie mit dem Fuß in das Feuer. „»Sehen Sie da, Sir,« ſagte er, von dem Kamin zurücktretend, vauf dieſe Weiſe würde ich mit der Viper, die jenen Geifer erzeugt, verfahren, wenn ich nicht zu deren Glück durch die Geſetze des Landes daran gehindert würde.« „»Verfahren Sie ſo mit ihr, Sir,« ſchrie Slurk aufſpringend;»ich werde in einem ſolchen Fall den Schutz dieſer Geſetze nie in Anſpruch nehmen. Thun Sie es, Sir, verfahren Sie ſo mit ihr.« „»Hört! hört!« rief Bob Sawyer. »Eine ganz honette Erklärung!« bemerkte Ben Allen. „»Verfahren Sie ſo mit ihr, Sir!« wiederholte Slurk. Herr Pott warf ihm nur einen verachtenden Blick zu, der den ſchwerſten Anker hätte zermalmen und pul⸗ veriſiren können. „Verfahren Sie ſo mit ihr!« ſchrie Slurk noch lauter. „Ich wills nicht, Sir,« ſagte Pott. „»Ah, Sie wollen's nicht— wollen's alſo nicht, Sir,“« entgegnete Slurk in herausforderndem Ton.»Sie haben es gehört, meine Herren. Er wills nicht. Nicht 86 Die Pickwicker. etwa, daß er ſich fürchtete, o durchaus nicht— er will's nun einmal nicht, ha! ha! hal« Herr Pott wurde durch dieſe ſarkaſtiſchen Ausfälle ſeines Gegners noch mehr aufgeregt.»Sir,« ſagte er, vich betrachte Sie als eine Viper, als einen Mann, der durch ſein ſchamloſes und abſcheuliches Benehmen ſich ſelbſt der Züchtigung eines rechtlichen Mannes unwürdig gemacht hat. Sie ſind in meinen Augen perſönlich wie politiſch nichts als eine Viper, eine nichtswürdige Viper aller Vipern.« Der entrüſtete Independent wartete das Ende dieſer Verbal⸗Injurien nicht ab, ſondern griff nach ſeinem wohlgefüllten Mantelſack, ſchwang ihn, als Pott ſich eben abwendete, hoch durch die Luft, und ließ ihn mit einem kreisförmigen Schwunge auf ſeines Gegners Kopf niederfallen, der um ſo härter getroffen wurde, weil ge⸗ rade an der Stelle des Mantelſacks, wo er ihn traf, eine große, dicke Bürſte eingepackt war, ſo daß man einen krachenden Schall vernahm, und Pott zu Boden ſtürzte. »Meine Herren,« rief Herr Pickwick, als Pott wieder aufſprang, und ſich ſchnell der Kohlenſchaufel be⸗ mächtigte—»meine Herren, verhindern Sie Blutver⸗ gießen— Hülfe! Hülfe!— Sam!— hierher!— meine Herren, ich beſchwöre Sie!« Herr Pickwick warf ſich gerade im rechten Augen⸗ blick zwiſchen die wüthenden Kämpfer, um mit dem Mantelſack von vorn, und der Kohlenſchaufel von hinten getroffen zu werden. Es muß unentſchieden bleiben, ob die Organe der öffentlichen Meinung von Eatenswill durch Leidenſchaft gänzlich geblendet waren, oder als ſcharfe Logiker ſogleich den Vortheil einſahen und be⸗ nutzten, einen Dritten zum Auffangen der Streiche zwi⸗ Die Pickwicker. 87 ſchen ſich in der Mitte zu haben, ſo viel iſt aber gewiß, daß ſie Herrn Pickwick nicht im mindeſten beachteten, ſondern fortwährend die kühnſten Herausforderungen wech⸗ ſelten, und heldenmüthig und unverdroſſen mit Mantel⸗ ſack und Feuerſchaufel ſort arbeiteten. Die menſchen⸗ freundlichen Bemühungen des Herrn Pickwick würden ohne Zweifel ſehr nachtheilige Folgen für ihn gehabt haben, wenn Sam, durch ſeines Herrn Geſchrei herbei⸗ gezogen, ihm nicht ſchnell zu Hülfe geeilt wäre, und dem Kampf dadurch ein Ende gemacht hätte, daß er einen an der Wand liegenden Mehlſack nahm, denſelben dem wüthenden Pott über Kopf, Schultern und Arme zog, und ihn daran feſthielt. »Nehmen Sie dem andern Tollhäusler den Mantel⸗ ſack fort,« rief Sam Ben Allen und Bob Sawyer zu, die mit unausſprechlichem Entzücken unthätig zugeſchaut, und nur die Lanzetten zur Hand genommen hatten, um bereit zu ſein, dem erſten Unterliegenden zur Ader zu laſſen.»Willſt Du wohl ablaſſen, Du verwünſchte kleine Beſtie,« ſchrie Sam Slurk zu,»oder ich werde Dich bald zur Ruhe bringen.« Der athemloſe Independent, auf den dieſe Drohung einigen Einfluß zu machen ſchien, ließ ſich entwaffnen, und nachdem Sam den Löſchapparat entfernt hatte, ließ er auch vorſichtig die Gazette wieder frei. »Jetzt gehen Sie beide ganz ruhig zu Bett,« ſagte Sam,»oder ich ſtecke Sie beide in den Sack, und dann können Sie es mit dem Munde ausfechten. Und haben Sie die Güte, mir nachzufolgen, Sir, wenn's beliebt, Sir.« Mit dieſen Worten zog Sam ſeinen Herrn hinaus, während die Nebenbuhler nach ihren Schlafzimmern, unter der Aufſicht von Bob Sawyer und Benjamin 88 Die Pickwicker. Allen geleitet wurden, im Fortgehen noch die blutgierig⸗ ſten Drohungen gegen einander ausſtießen, und ſelbſt auf tödtlichen Zweikampf für den nächſten Tag hinden⸗ teten. Als ſie jedoch die Sache reiflicher in Erwägung zogen, fiel ihnen bei, daß ſie ihren Streit weit beſſer Schwarz auf Weiß fortſetzen könnten; ſie erneuerten daher ohne Verzug die Feindſeligkeiten, und ganz Eatenswill wurde von ihrem Heldenthum erfüllt, nämlich auf dem Papier. Sie waren ſchon fruͦh am andern Morgen mit zwei verſchiedenen Poſtkutſchen abgereiſt, als Herr Pickwick und ſeine Begleiter aufſtanden, und da das Wetter ſich aufgeklärt hatte, ſo ſetzten ſie ihre Reiſe nach London fort. Dreiundfunfzigſtes Kapitel. Welches von einer bedeutenden Veränderung in der Welleriſchen Familie, und vom frühen Seurce ſ des rothnaſigen Herrn Scttiggins handelt. Herr Pickwick hielt es für undelikat, Bob Sawyer oder Ben Allen zu dem jungen Ehepaar zu führen, be⸗ vor es auf ihre Ankunft vorbereitet ſei, und da er Ara⸗ bella's Gefühle möglichſt zu ſchonen wünſchte, ſo ſchlug er vor, daß er ſelbſt mit Sam in der Nähe des Georg und Geier abſteigen wolle, und daß die beiden jungen Herren ſich vorläufig eine andere Wohnung ſuchen ſoll⸗ ten. Sie gingen ſofort darauf ein, und Bob und Ben begaben ſich daher nach einem beſcheidenen Bierhauſe, am äußerſten Ende der Borough, wo ihre Namen in —— 8G A Die Pickwicker. 89 früheren ⸗Tagen ſehr häufig hinter der Schenkſtubenthür an der Spitze langer und komplizirter Berechnungen mit Kreide zu leſen geweſen waren. »Ei, Herr Weller,« rief das hübſche Hausmädchen, Sam in der Thür des Georg und Geier begegnend. Sam blieb zurück, ließ ſeinen Herrn erſt voran⸗ gehen, und erwiederte dann: »„Ja, da bin ich wieder. Mary, was Sie für ein hübſches Mädchen ſind!« „»O Herr Weller,« ſagte Mary,»was für dummes Zeug ſprechen Sie da. O nein, nein— laſſen Sie das, Herr Weller.« »Was ſoll ich denn laſſen, meine liebſte Mary,⸗ fragte Sam. „Ei das,« antwortete das hübſche Hausmädchen. „Laſſen Sie mich gehen.« Mit dieſer Ermahnung ſtieß ſie, jedoch lächelnd, Sam gegen die Wand, und erklärte, er habe ihr die ganze Haube verſchoben, und die Locken in Unordnung gebracht.—»Außerdem haben Sie mich noch verhin⸗ dert, Ihnen zu ſagen, was ich ſagen wollte,« fügte ſie hinzu.»Es liegt hier ſeit vier Tagen ein Brief für Sie. Er kam an, als Sie noch keine halbe Stunde fort waren, und noch dazu ſteht auf der Adreſſe:»Au⸗ genblicklich zu beſtellen.« »Wo iſt er denn, liebſte Mary?« fragte Sam. »Wenn ich ihn nicht für Sie aufgehoben hätte,⸗ erwiederte Mary,»ſo wäre er beſtimmt längſt verloren gegangen. Hier iſt er— ich that mehr für Sie, als Sie verdient haben.. 1 Mit dieſen Worten und noch vielfältigen kleinen koketten Zweifeln und Beſorgniſſen, ob ſie, und den Wunſch mehrmals wiederholend, daß ſie den Brief auch Die Pickwicker. nicht verloren hätte, zog ſie ihn hinter dem denkbar feinſten Muſſelinſtreifen hervor, und händigte ihn Sam ein, der ihn eben ſo galant und feurig küßte. »J du meine Güte,« ſagte Mary, den Buſenſtreifen wieder zurechtrückend, und ſich anſtellend, als wiſſe ſie nicht, weßhalb Sam den Brief küßte—»Sie ſcheinen ſich ja auf einmal ganz ſchrecklic darin verliebt zu haben.⸗ Sam antwortete nur durch ein Blinzeln, deſſen eigentlichſte Bedeutung ſich durch Worte nicht füglich ausdrücken läßt, ſetzte ſich zu Mary auf eine Fenſter⸗ bank, erbrach den Brief, und begann zu leſen. „Der Tauſend, was iſt dieſes?« rief er aus. »Doch nichts Schlimmes?« fragte Mary, ihm über die Schulter blickend. »Was iſt dieſes?« wiederholte Sam, und blickte ihr ſcharf in die Augen. »In meinen Augen ſteht's nicht, ſehen Sie nur lieber in den Brief,« ſagte das hübſche Hausmädchen, und lächelte dabei ſo ſchelmiſch, daß ihre Augen noch viel unwiderſtehlicher wurden. Sam erholte ſich durch einen Kuß von ſeinem Schrecken, und las, wie folgt: Marki Gran By zu Dorki ny Mittwoch. Mein geliebter Sammy! ich bin ſehr betrübt das vergnügen zu haben der überbringer ſchlechter nachrichten von deiner mutter zu ſein ſie verkältete ſich weil ſie unvorſichtigerweiſe zu lange auf dem feuchten graſe im regen ſaß um einen ſchäfer anzuhören der erſt ſpät in der nacht dem ding ein ende machen konnte weil er das uhrwerk ſeines geiſtes mit —— ☛⏑⏑— Die Pickwicker. 91 grogg aufgewunden hatte und es nicht eher wieder an⸗ halten konnte bis er wieder etwas nüchtern geworden war was manche ſtunde zeit wegnahm und der doktor ſagte wenn ſie nachhero grogg getrunken hätte ſtatt vorher ſo wäre es nicht ſo ſchlimm geworden ihre räder wurden augenblicklich geſchmiert und alles was nur menſchen möglich war gethan um ſie nochmal wieder in gang zu bringen dein vater ſchmeichelte ſich ſchon der hoffnung ſie würde nochmal wie ſonſt ins recht geleiß gekommen ſein aber juſt da ſie richtig um die ecke bog gerieth ſie in die unrechte wagenſpor und rollte mit einer geſchwin⸗ digkeit den berg hinunter dergleichen man noch nie geſe⸗ hen hat und obgleich ihr der doktor eben ſo geſchwind den hemmſchuh anlegte half es doch alles nichts und ſie bezahlte den letzten ſchlagbaum geſtern abend zwanzig minuten vor ſechs und kam ſehr vor der regelmäßigen zeit auf der großen ſtation an was vielleicht mit davon gekommen iſt daß ſie unterwegs zu wenig gepäck einge⸗ nommen hat willſt du kommen und mich beſuchen ſammy ſo wird es mich grauſam freuen mein junge denn ich fühle mich ſehr einſam und da ſo vielerlei zu bereden iſt ſo wird dein prinzipal nichts dagegen haben ſondern ich kenne ihn beſſer ſammy und vermelde ihm meinen ſchul⸗ digen reſpekt und bin ſammy ewig dein vater Tony Weller.⸗ „Was für ein unverſtändlicher Brief,« ſagte Sam. „»Es iſt auch meines Vaters Handſchrift nicht, ausge⸗ nommen die Unterſchrift mit den großen Druckbuchſtaben. Die hat er gewiß ſelbſt geſchrieben.« »Er hat ſich den Brief vielleicht von Jemand ſchrei⸗ ben laſſen, und nur ſeinen Namen unterzeichnet,« bemerkte das hübſche Hausmädchen. „»Warten Sie mal,« ſagte Sam; durchlas nochmals 92 Die Pickwicker. den Brief, und hielt hier und da nachdenklich inne. „»Sie haben recht, Mary.— Der ihn geſchrieben hat, fing an, das ganze Unglück gehörig zu erzählen, und darauf iſt mein Alter gekommen, und hat ihm über die Schulter gekuckt, und die ganze Geſchichte in Verwir⸗ rung gebracht. Er hätte ſeine Naſe nicht hineinſtecken ſollen.— So macht er's aber immer.— Sie haben ganz recht, liebſte Mary.« Nachdem ſich Sam über dieſen Punkt aufgeklärt hatte, las er den Brief noch ein Mal durch, ſchien nun erſt den Inhalt gehörig gefaßt zu haben, und ſagte ganz trübſelig: „Alſo iſt die arme Seele todt!— Es thut mir leid.— Sie war von Herzen keine böſe Frau, wenn der Schäfer ſie nur in Ruhe gelaſſen hätte.— Ich bin wirklich ſehr betrübt darüber.« Er brachte dieſe Worte ſo ernſthaft vor, daß das hübſche Hausmädchen die Augen niederſchlug, und gleich⸗ falls eine traurige Miene annahm. „Doch es hat ſo ſein ſollen,« ſagte Sam mit einem Seufzer, den Brief wieder einſteckend 3»und was ſo hat ſein ſollen, daran läßt ſich nichts ändern, wie die alte Dame ſagte, als ſie den Bedienten geheirathet hatte. Was meinen Sie dazu, Mary?« Mary ſchüttelte den Kopf, und ſeufzte gleichfalls. »Ich muß den Prinzipal um Urlaub bitten,« ſagte Sam. Mary ſeufzte abermals— der Brief war ſo unge⸗ mein rührend. „Adieu,« ſagte Sam. »Adieu,« ſagte Mary, und wendete das Geſicht von ihm ab. te e⸗ Die Pickwicker. »Wollen Sie mir nicht die Hand zum Abſchiede geben?« ſagte Sam. Das hübſche Hausmädchen reichte ihm eine Hand, welche, obgleich nur die Hand eines Hausmädchens, doch eine ſehr kleine Hand war, und ſtand auf, um fortzu⸗ gehen. »Ich werde nicht ſehr lange abweſend ſein,« ſagte Sam. »Sie ſind auch immer abweſend,« erwiederte Mary, den Kopf ein ganz wenig emporwerfend.»Kaum ſind Sie angekommen, Herr Weller, ſo gehen Sie auch ſchon wieder davon.« Herr Weller zog die Schöne näher zu ſich und knüpfte ein flüſterndes Zwiegeſpräch mit ihr an, worauf ſie ihr Geſichtchen wieder herum wendete, und ihn eines Blickes würdigte. Als ſie ſich trennten, war es eine unerläßliche Nothwendigkeit für ſie geworden, auf ihr Zimmer zu gehen und ihre Haube und Locken zu ord⸗ nen, bevor ſie daran denken könne, vor ihrer Herrſchaft wieder zu erſcheinen, und indem ſie ſich von Sam ent⸗ fernte, warf ſie ihm von der Treppe aus noch viele freundliche Blicke zu. „Ich werde nicht länger als einen oder höchſtens zwei Tage ausbleiben, Sir,« ſagte Sam, nachdem er Herrn Pickwick mit dem Verluſt bekannt gemacht, den ſein Vater erlitten hatte. »Bleiben Sie, ſo lange es nöthig ſein wird, Sam,« antwortete Herr Pickwick. Sam verbeugte ſich. »Sagen Sie Ihrem Vater, Sam, wenn ich ihm auf irgend eine Weiſe in ſeiner jetzigen Lage nützlich ſein könnte, ſo wäre ich gerne bereit dazu.⸗ Sam dankte und ging, nachdem ſein Herr noch die 94 Die Pickwicker. lebhafteſte Theilnahme an ſeinem Schickſal ausgeſprochen hatte. Es war eben ſieben Uhr, als Samuel Weller einige hundert Schritt von dem Marquis von Gramby von dem Bock einer Poſtkutſche ſprang, die durch Dorking fuhr. Es war ein kalter trüber Abend, die enge Straße hatte ein gar ödes trauriges Ausſehen, und in dem mahagonifarbenen Antlitz des edlen und tapfern Marquis ſchien ein noch mehr düſterer und melancholiſcher Aus⸗ druck als ſonſt zu liegen, während er wehmüthig knarrend vom Winde hin und her gewiegt wurde. Die Fenſter⸗ vorhänge der untern Zimmer waren heruntergelaſſen, die Läden halb geſchloſſen; kein Gaſt war zu ſehen noch zu hören, die Umgebung vollkommen ſtill und verödet. Da Sam Niemand ſah, von dem er einige vorläu⸗ fige Erkundigungen hätte einziehen können, trat er leiſe in das Haus, und erblickte ſogleich ſeinen Vater. Der Witwer ſaß in dem Wohnzimmer hinter dem Schenkladen vor einem kleinen runden Tiſch, rauchte ſeine Pfeife, und ſah mit unverwandten Blicken in das Feuer. Das Begräbniß hatte offenbar an demſelben Tage Statt gefunden, denn von ſeinem Hute, den er noch auf dem Kopf hatte, rollte ein etwa anderthalb Ellen langes ſchwarzes Band über die Stuhllehne hinab. Er mußte tief in Gedanken verſunken ſein, da er, obgleich Sam mehrere Male ſeinen Namen rief, mit demſelben ſtarren Blick zu rauchen fortfuhr, und erſt aufſah, als ihm ſein Sohn leiſe die Hand auf die Schulter legte. »Sammy!« rief er aus,»willkommen, Sammy!a »Ich habe Dir ſchon ein halbes Dutzend Mal zu⸗ gerufen,« ſagte Sam, ſeinen Hut ablegend,»aber Du hörteſt gar nicht.«. »Nein, Sammy, ich h habe nichts gehört,« verſetzte ‿ 8 ⏑8—6 ⏑&⏑—— N — ——,—,— ⏑⏑☛* 8⏑ ˙— Die Pickwicker. 95 Weller Senior, und ſah wieder nachdenklich in das Feuer.»Ich war ganz in Träumerei verſunken, Sammy.⸗ »Worüber denn?« fragte Sam, ſich auf einen Stuhl an das Feuer ſetzend. »Ich dachte an ſie, Sammy,« antwortete ſein Vater, und deutete mit dem Kopf nach der Richtung hin, wo, wie Sam wußte, der Kirchhof lag.»Ich dachte an ſie, Sammy,« und er blickte den Sohn ſehr ernſt und bedeutſam an, gleichſam, um ibn zu verſichern, daß ſeine Worte, ſo auffallend und unglaublich ſie auch erſcheinen möchten, dennoch reiflich erwogen ſeien, und fügte hinzu:»Ich dachte eben, Sammy, daß ich doch im Ganzen ſehr betrübt darüber bin, daß ſie fort iſt.« „»Das ſchickt ſich auch nicht anders,« entgegnete Sam. Der Vater nickte beiſtimmend, ſah wieder zerſtreut in das Feuer, verbreitete große Dampfwolken um ſich, und verſank abermals in tiefes Nachſinnen. »Was ſie ſagte, war ſehr verſtändig, Sammy,« be⸗ gann er wieder nach einem langen Stillſchweigen, und indem er den Rauch mit der Hand vertrieb. »Was ſagte ſie denn?« fragte Sam. „»Nämlich, als ſie krank geworden war,« bemerkte der alte Herr. »Was war's denn?2« »Etwa dieſes: Weller, ſagte ſie, ich beſorge, daß ich an Dir nicht ganz ſo gehandelt habe, wie ich's hätte ſollen; Du biſt von Herzen ein ſehr guter Mann, und ich hätte Dir's im Hauſe angenehmer und komfortabler machen können. Jetzo, da es zu ſpät iſt, fange ich an, einzuſehen, wenn eine verheirathete Frauensperſon fromm zu ſein wünſcht, ſo ſollte ſie damit anfangen, ihre häus⸗ lichen Pflichten zu erfüllen, und Allen, die um ihr ſind, Freude zu machen, und das Kirchen⸗ und Kapellen⸗ und 96 Die Pickwicker. Betengehen ſollte nicht ein Deckmantel für den Müſſig⸗ gang oder die Uebellaunigkeit, oder noch was Schlimmeres ſein. Dieſes habe ich mir vorzuwerfen, ſagte ſie, und Zeit und Vermögen an Menſchen vergendet, die es noch mehr gethan haben, wie ich. Doch ich hoffe, Weller, wenn ich todt bin, ſo wirſt Du mich im Gedächtniß haben, wie ich war, ehe ich die nichtswürdige Heuchler⸗ brut kennen lernte, und wie ich eigentlich von Hauſe aus geweſen bin. Ich antwortete hierauf— denn das ging mir ſehr zu Herzen, ich kann's nicht leugnen, mein Junge— Suſanne, ſagt ich, Du biſt ſo weit immer eine ſehr gute Frau gegen mich geweſen, alſo ſchweig nur ſtill davon, und faſſe hübſch Muth, dann wirſt Du es noch erleben, daß ich dem Stiggins ſeinen Lohn gebe. Sie lächelte hierüͤber, Sammy, ſtarb aber jedennoch,« ſchloß der alte Herr, einen Seufzer durch ſeine Pfeife erſtickend. „»Die arme Frau!« ſagte Sam, der ſich nach einigen Minuten bemühte, ſeinem Vater, welcher langſam den Kopf von einer Seite zur andern wiegte, und ſtarke Züge aus der Pfeife that, ein wenig Troſt einzuſprechen, vlaß uns aber dieſes bedenken, wir Menſchen müſſen doch einmal Alle ſterben, der Eine früher, der Andere päter. ⸗ „Ja, das müſſen wir, Sammy,“ ſagte Weller Senior. »Und es iſt auch ſo weiſe und gut eingerichtet,« fuhr Sam fort. „⸗a wohl!, ja wohl,« ſagte ſein Vater mit ernſtem beifälligem Kopfnicken,»denn, was ſollte ſonſt aus den Todtengräbern werden, Sammy.« Verloren in dem weiten Felde von Betrachtungen das ſich ihm durch dieſen Gedanken eröffnete, legte Weller Die Pickwicker. 97 Senior ſeine Pfeife auf den Tiſch, und ſchürte das Feuer mit ſinnender Miene an. Während der alte Herr ſo beſchäftigt war, trat die Köchin, ein rüſtiges Frauenzimmer, in Trauerkleidung herein, nickte Sam zum Zeichen der Erkennung freundlich zu, ſtellte ſich hinter ſeines Vaters Stuhl, und kündigte ihre Gegenwart durch ein leiſes, und als es nicht beach⸗ tet wurde, durch ein lauteres Huſten an. „»Was giebt's,« ſagte der alte Herr, ließ das Schür⸗ eiſen fallen, indem er ſich umdrehte, und rückte haſtig mit ſeinem Stuhle fort. »Ich wollte Sie fragen, ob Sie nicht eine Taſſe Thee möchten?« erwiederte das rüſtige Frauenzimmer, ihm ſchmeichleriſch zuredend. »Ich mag keinen Thee,« ſagte Weller Senior ver⸗ drießlich,»ich möchte wiſſen—« doch er hielt plötzlich inne, und murmelte vor ſich hin:»Immer wieder die alte Geſchichte.« „»Ah, du meine Güte, wie das Unglück doch die Leute verändert,« ſagte die Köchin, ihre Augen empor⸗ ſchlagend. „»Meinem Unglück wird nur der Doktor ein Ende machen,« murmelte Weller Senior vor ſich hin. »Ich habe in meinem Leben keinen ſo launigen Mann geſehen,« bemerkte das rüſtige Frauenzimmer. »Mag ſein— es iſt aber Alles zu meinem Beſten, womit auch der reuige Schulknabe ſich tröſtete, als er ausgepeitſcht wurde,« erwiederte der alte Herr. Die Köchin ſchüttelte mit einer zärtlich mitleidigen Miene den Kopf, und fragte Sam, ob ſich ſein Vater nicht wirklich zuſammennehmen, und ſeiner Traurigkeit nicht zu ſehr nachhängen ſollte.»Sie ſehen ſelbſt, Herr Samuel,« fuhr ſie fort,»was ich ihm ſchen geſtern Die Pickwicker. VI. 98 Die Pickwicker. geſagt habe; er wird und muß ſich einſam und verlaſſen fühlen, aber er ſollte ſich endlich faſſen, denn wir Alle bedauern ihn wegen ſeines Verluſtes, und werden ihm gerne alles Mögliche zu Liebe thun. Es iſt ja auch kein Unglück im menſchlichen Leben ſo groß, Herr Sa⸗ muel, daß ihm nicht abgeholfen werden könnte, wie ein ſehr würdiger Mann zu mir ſagte, als mein ſeliger Mann ſtarb.« Bei dieſen Worten hielt die rüſtige Hö hin die Hand vor den Mund, huſtete abermals, und blickte den ältern Herrn Weller äußerſt liebevoll an. „Ich mag von Ihrem Geſchwätz alleweile nichts hören, ſeien Sie ſo gut, mich in Ruhe zu laſſen,« ſagte der Alte in ſehr ernſtem und beſtimmtem Tone. „»Du lieber Himmel, Herr Weller,« entgegnete das rüſtige Frauenzimmer;»ich habe ja nur aus chriſtlicher Liebe und Mitleid zu Ihnen geſprochen.« »Mag ſein,« ſagte Weller Senior.»Sammy, führe ſie hinaus, und mache die Thür hinter ihr zu.⸗ Der Wink war für die rüſtige Köchin nicht verloren, denn ſie eilte ſogleich hinaus, und ſchlug ſelbſt die Thur hinter ſich zu. Dem alten Herrn ſtanden große Schweiß⸗ tropfen auf der Stirn; er lehnte ſich in ſeinem Stuhl zurück, und ſagte: »Sammy, wenn ich hier noch eine Woche allein bleibe— nur noch eine Woche, mein Junge— ſo würde dieſes Frauenzimmer, ehe die Woche zu Ende ginge, mich mit Gewalt geheirathet haben.« „»Wie?— iſt ſie ſo ſchrecklich verliebt in Dich?« fragte Sam. »Ich kann und kann ſie nicht fern von mir halten,« erwiederte ſein Vater.»Wenn ich mich auch in einer feuerfeſten Lade mit einem Patentſchloß eingeſperrt hielte, — ◻⏑ 242 Die Pickwicker. 99 ſie würde doch Mittel und Wege finden, an mich zu kommen, Sammy.« „Es will was ſagen, ſo geſucht zu ſein,« bemerkte Sam lächelnd. 3 »„Ich bin durchaus nicht ſtolz darauf, Sammy,“ ver⸗ ſetzte Weller Senior, das Feuer heftig anſchürend, ves iſt eine ſchauderhafte Lage, worin ich mich befinde, und Haus und Hof kann mir dadurch verleidet werden. Kaum war Deiner ſeligen Mutter der letzte Athem ausgegangen, als mir eine Alte ein Töpfchen mit Marmelade, eine an⸗ dere ein Glas mit Eingemachtem ſchickte, und noch eine andere einen großen Topf Kamillenthee kochte, und mir eigenhändig überbrachte.«— Er hielt unter mannigfachen Zeichen des lebhafteſten Abſcheues inne, blickte umher, und fügte flüſternd hinzu:»Es waren lauter Wittwen, Sam, alle mit einander, bloß die mit dem Kamillenthee nicht; dieſe war eine junge unverheirathete Dame von dreiundfunfzig.« Sam antwortete nur durch ein ſchalkhaftes Lächeln, und nachdem der alte Herr ein großes hartnäckiges Stein⸗ kohlenſtück mit einer Miene zerſchlagen hatte, die ſo viel Eifer und Ingrimm ausdrückte, als ſei die Kohle der Kopf einer der vorbeſagten Wittwen geweſen, fuhr er fort:»Kurzum, Sammy, ich weiß, daß ich nirgends ſicher bin, als auf dem Kutſchbock.« »Weßhalb glaubſt Du denn da ſicherer zu ſein, als anderwärts?« fragte Sam. 3 »Weil ein Kutſcher eine privilegirte Perſon iſt, Sammy,“ erwiederte Weller Senior; weil ein Kutſcher, oyne Argwohn zu erregen, thun kann, was andere Leute nicht wagen dürfen; weil ein Kutſcher mit allen Frauen⸗ zimmern achtzig Meilen Wegs auf dem freundſchaftlich⸗ ſten Fuß ſtehen kann, ohne daß es Jemanden in den 7* 100 Die Pickwicker. Sinn kommt, er wollte Eine von ihnen heirathen. Wel⸗ cher andere Mann kann dieſes von ſich ſagen, Sammy?⸗ „Ja, dieſes iſt nicht ohne—« bemerkte Sam. „Wenn Dein Prinzipal ein Kutſcher geweſen wäre, glaubſt Du, die Geſchwornen würden ihn verurtheilt haben, ſelbſt wenn man hätte denken können, die Dinge wären bis zum Aeußerſten gekommen? Sie hätten's nicht thun dürfen!« »Weßhalb nicht?« fragte Sam etwas verwundert. »Nun, weil es gegen ihr Gewiſſen geweſen wäre,« verſetzte Weller Senior.»Ein Kutſcher iſt eine Art von Mittelding zwiſchen Ledigkeit und Ehehaftigkeit, und das weiß jeder praktikable Mann.« »Du meinſt alſo,« ſagte Sam,»die Kutſcher waͤren allgemeine Günſtlinge, ohne daß es den Frauenzimmern deßhalb einfiele, ſie freien zu wollen2« »Ganz recht, es iſt ſo, wenn ich auch nicht ſagen kann, wie es zugeht. Ein Kutſcher, der ſeine gewiſſen Steationen fährt, hat ſo ſeine Liebenswürdigkeiten und jedes junge Frauenzimmer in jedem Ort, durch welchen er kommt, kuckt nach ihm, ja betet ihn faſt an. Ich weiß nur, daß es ſo iſt; es mag eine beſondere Einrichtung der Natur ſein— eine Schickung und Fügung, wie Deine arme Stiefmutter zu ſagen pflegte.« Mit dieſen Worten füllte und zündete er ſeine Pfeife wieder an, und fuhr darauf mit tiefſinniger Miene fort: „Darum alſo, mein Junge, da ich durchaus nicht die Nothwendigkeit einſehe, hier zu bleiben, und zu hei⸗ rathen, ich mag wollen oder nicht, und da ich mich auch nicht ganz und gar von dem intereſſanteſten Theil der menſchlichen Geſellſchaft trennen möchte, ſo habe ich den Entſchluß gefaßt, wieder meine Kutſche zu fahren, und & 0α ☛ Die Pickwicker. 101 mein Quartier in Bell⸗Savage aufzuſchlagen, was mein natürliches angebornes Element iſt, Sammy.⸗ „»Was ſoll aber hier aus dem Geſchäft werden?⸗ fragte Sam. „»Das Geſchäft mit Allem, was dazu gehört, Haus und Hof, und ſo weiter, wird verkauft, Sammy, und von dem Erlös werden nach Deiner ſeligen Mutter Be⸗ ſtimmüng für Dich in den— wie heißen ſie doch?— zweihundert Pfund angelegt werden.« »Worin denn?« fragte Sam. »Nun, in den Dingern, die in der Stadt immer auf⸗ und abfahren.« „»Die Omnibuſſe?« „Nein, ich meine die Dinger, die immer fallen und ſteigen, und mit der Nationalſchuld zuſammenhängen, und von der Schatzkammer—« „»Ah ſo— die Fonds,« ſagte Sam. »„Richtig,« erwiederte Weller Senior,»in den Fonds ſollen zweihundert Pfund für Dich angelegt werden, Sammy.« »Sehr viel Güte von der alten Dame, an mich zu denken,« ſagte Sam,»und ich bin ihr ſehr dankbar.« »Das Uebrige iſt mein,« fuhr der alte Herr fort, „und werde ich dereinſt von der Heerſtraße abgerufen, ſo fällts Dir auch zu, Sammy; alſo, mein Junge, bringe nicht Alles auf einmal durch, und hüte Dich, daß keine Wittwe Spekulation auf Deine Fonds macht, oder Du biſt verloren.« Nachdem der Alte ſeinen Sohn ſo ermahnt, nahm er mit ruhigerer Miene die Pfeife wieder, indem dieſe Eröffnungen ſein Gemüth ſehr erleichtert zu haben ſchienen. „Es klopft Jemand an der Thür,« ſagte Sam. „Laß ihn klopfen,« entgegnete ſein Vater mit Würde. 102 Die Pickwicker. Sam befolgte die Weiſung, indeß wurde aber und abermals geklopft, worauf Sam fragte: ob er nicht auf⸗ machen ſolle? „Pſt!« flüſterte Weller Senior mit beſorgter Miene; „thue, als hätteſt Du nichts gehört, Sammy; es iſt vielleicht eine von den Wittwen.« Da das Klopfen unbeachtet blieb, öffnete der unbe⸗ kannte Beſuch endlich die Thür ein wenig und blickte hinein. Es war kein weiblicher Kopf, der in die theil⸗ weiſe geöffnete Thür ſah, ſondern das rothe Antlitz des Herrn Stiggins. Weller, dem Aeltern, fiel die Pfeife aus der Hand. Der ehrwürdige Herr öffnete die Thür allmählig ſo weit, daß er mit ſeinem ſchlanken Körper hindurch konnte, und ſchluͤpfte dann in das Zimmer. Sich gegen Sam wendend, hob er die Hände und Augen zum Zeichen der unausſprechlichen Betrübniß empor, in welche das der Familie widerfahrene Unglück ihn verſetzt, zog einen Lehnſtuhl in ſeinen gewohnten Winkel am Kamin, ſetzte ſich, und hielt ſein Taſchentuch vor die Augen. Weller Senior hatte ſich unterdeß in ſeinem Seſſel zurückgelehnt, und ſaß da mit weit geöffneten Augen, die Hände auf die Kniee gelegt, und mit einer Miene, in der man das grenzenloſeſte Erſtaunen las. Sam ſaß ihm ſtumm gegenüber, und erwartete mit großer Neugierde die Entwickelung der Scene. Herr Stiggins hielt das braune Taſchentuch meh⸗— rere Minuten vor den Augen, ſtöhnte und ſeufzte, bekämpfte endlich mit einer gewaltigen Kraftanſtrengung ſeine Ge⸗ fühle, ſteckte ſein Tuch ein, und knöpfte die Taſche zu. Hierauf ſchürte er das Feuer an, dann rieb er ſich die Hände, und blickte auf Sam. Seduees d Die Pickwicker. 103 „»O, mein junger Freund,« begann er endlich flüſternd; „hier iſt eine große Betrübniß eingetreten.« Sam nickte faſt unbemerkbar mit dem Kopf. »Noch dazu für den Mann des Zorns,« fügte Herr Stiggins hinzu;»es macht das Herz eines Frommen bluten.“ Sam hörte ſeinen Vater murmeln, daß er große Neigung habe, die Naſe eines Gefäßes des Zorns bluten zu machen; Stiggins hörte jedoch nichts davon. „»Wiſſen Sie nicht, junger Mann,« flüſterte er, näher zu Sam rückend, vob ſie Emanuel bedacht hat?2« »Wer iſt das?« fragte Sam. »Unſere Kapelle, unſer Schafſtall, Herr Samuel,« entgegnete Stiggins. »Sie hat,« antwortete Sam in entſchiedenem Ton, „weder dem Schafſtall, noch dem Schäfer, noch den Schafen, noch den gierigen Hunden etwas vermacht.« Herr Stiggins blickte Sam verſchmitzt an, warf ſo⸗ dann einen Seitenblick auf den alten Herrn, der mit ge⸗ ſchloſſenen Augen daſaß, als ob er ſchliefe, rückte noch näher, und ſagte:»Auch mir nichts, Herr Samuel?« Sam ſchüttelte den Kopf. »Ich ſollte aber doch meinen,« fuhr Stiggins fort, indem er ſo bleich wurde, als er nur werden konnte. »Beſinnen Sie ſich, Herr Samuel; auch nicht einmal ein kleines Andenken?« »Nichts, was auch nur ſo viel werth wäre, als Ihr alter Regenſchirm da,« antwortete Sam. »Vielleicht,« ſagte Herr Stiggins zögernd nach eini⸗ gen Augenblicken tiefen Nachſinnens,»vielleicht hat ſie mich dem Manne des Zorns zur Fürſorge empfohlen Herr Samuel.« 104 Die Pickwicker. „»Es iſt wohl möglich nach Dem, was er ſagte,⸗ erwiederte Sam;»denn er ſprach eben noch von Ihnen.⸗ »Wirklich 2« rief Stiggins, wieder Muth faſſend, aus.»Ah, es iſt ſicherlich zum Durchbruch mit ihm gekommen. Wir könnten jetzt ganz herrlich mit einan⸗ der leben, nicht wahr, Herr Samuel? Und ich könnte nach ſeinem Hab und Gut ſehen, wenn Sie nicht an⸗ weſend ſind.« Er ſeufzte tief und erwartete eine Antwort. Sam nickte und Weller Senior ſtieß einen höchſt ungewöhn⸗ lichen Laut aus, der weder ein Aechzen, noch Seufzer, noch Geſtöhn oder Keuchen oder Grunzen war, ſondern etwas von dem Allen zu ſein ſchien. Stiggins deutete ihn als ein Zeichen der Reue oder Gewiſſensangſt, blickte ermuthigt umher, rieb ſich die Hände, weinte, lächelte, weinte nochmals, ging dann ſachte nach dem wohlbekann⸗ ten Schrank in der Ecke, nahm ein Glas, und warf mit großem Bedacht vier Stücke Zucker hinein. Hierauf blickte er abermals umher, ſtöhnte jämmerlich, ging in das Schenkſtübchen, füllte das Glas mit Ananasrum, kam wieder hinein, trat an den Keſſel, in welchem das Waſſer ſiedete, miſchte ſeinen Grog, rührte um, koſtete davon, ſetzte ſich, that einen langen Zug, und hielt inne, um Athem zu ſchöpfen. Herr Weller der Aeltere hatte ſich während aller dieſer Operationen ſchlafend geſtellt, und kein Wort geſagt, als aber Stiggins ſo komfortable da ſaß, ſtürzte er plötzlich auf ihn zu, riß ihm das Glas aus der Hand, ſchleuderte ihm den noch darin befindlichen Grog in das Geſicht und das Glas ſelbſt in den Kamin, faßte darauf den ehrwürdigen Herrn feſt beim Kragen, und begann, ihn mit Händen und Füßen zu bearbeiten. — — ————+— — —— Die Pickwicker. 105 „»Sammy,« rief er dem Sohn zu,„drücke mir den Hut feſt auf den Kopf.“«. Sam drückte pflichtſchuldigſt den Hut mit dem lan⸗ gen hinabflatternden ſchwarzen Bande feſter auf ſeines Vaters Kopf, und der alte Herr trieb unter fortwähren⸗ den Fußtritten und Fauſtſchlägen Herrn Stiggins durch das Schenkſtübchen und durch den Flur aus der Haus⸗ thür, bis auf die Straße. Es war ein ſchöner und erheiternder Anblick, den rothnaſigen Mann unter Herrn Wellers Züchtigungen ſich winden zu ſehen, es war ein noch intereſſanteres Schauſpiel, als Weller Senior Herrn Stiggins Kopf nach heftigem Widerſtreben von ſeiner Seite in einen mit Waſſer angefüllten Pferdetrog tauchte, und ihn ſo lange mit Gewalt darin feſthielt, bis er dem Erſticken nahe war. »So,« ſagte der Alte, alle ſeine Kraft zu einem letzten derben Fußtritt zuſammennehmend, als er ihn losgelaſſen hatte,»ſo, und nun ſchick mir alle die andern faulen und heuchleriſchen Schurken auch her, daß ich ſie zu Brei ſchlage, und ſie dann erſäufe. Sammy, hilf mir hinein, und reiche mir ein Glas Branntwein. Ich bin ganz außer Athem, mein Junge.« Vierundfunfzigſtes Kapitel. In welchem Herr Alfred Jingle und Hiob Trotter zum letzten Male auftreten, in Grays⸗Inn⸗Square alle Rechnungen abgeſchloſſen werden, und ferner an Herrn Perkers Thür ungewöhnlich ſtark angeklopft wird. Als Arabella endlich durch Herrn Pickwick nach einer vorſichtigen Einleitung und vielen Verſicherungen, es ſei durchaus kein Grund vorhanden, den Muth ſinken 3 106 Die Pickwicker. zu laſſen, von dem ungenügenden Erfolg ſeiner Reiſe nach Birmingham benachrichtigt worden war, brach ſie in Thränen aus, ſchluchzte laut, und bedauerte in beweg⸗ lichen Ausdrücken, die unſelige Veranlaſſung zu einer Ent⸗ fremdung zwiſchen Vater und Sohn geweſen zu ſein. »Sie ſind nicht Schuld daran, meine Liebe,« ſagte Herr Pickwick, ſich bemühend, ſie zu beruhigen.»Es ließ ſich unmöglich vorausſehen, daß der alte Herr gegen die Verbindung ſo eingenommen ſein würde. Ich bin überzeugt,« fügte Herr Pickwick, in ihr hübſches Geſicht⸗ chen ſchauend, hinzu, ver hat keine Ahnung von dem Vergnügen, deſſen er ſich ſelbſt beraubt.« „»O, mein theurer Herr Pickwick,« ſagte Arabella, „was ſollen wir beginnen, wenn er fortfährt, uns zu zürnen.« 4 »Warten Sie nur geduldig, bis er ſich eines Beſſern beſinnt,« tröſtete Herr Pickwick. »Aber, lieber Herr Pickwick, was ſoll aus Nathaniel werden, wenn ſein Vater ſich ſeiner nicht mehr annimmt?⸗ »Für dieſen Fall, meine Liebe, kann ich prophezeien, daß ſich ſchon ein anderer Freund finden würde, um für ſein Fortkommen in der Welt zu ſorgen.« Herr Pickwick hatte ſich ſo deutlich ausgeſprochen, daß Arabella ihn nicht mißverſtehen konnte. Sie ſchlang die Arme um ſeinen Nacken, küßte ihn zärtlich, und ſchluchzte noch lauter, als zuvor. »Muth, nur Muth gefaßt, liebes Kind,« ſagte Herr Pickwick, und ergriff ihre Hand.»Wir wollen noch einige Tage abwarten, ob er etwas von ſich hören läßt. Geſchieht es nicht, ſo habe ich ſchon ein halbes Dutzend Pläne entworfen, von denen jeder einzelne ſchon zu Ihrem Glücke führen muß.« — — Die Pickwicker. 107 Bei dieſen Worten drückte er freundlich Arabellens Hand, und bat ſie, ihre Thränen zu trocknen und ihren Gatten nicht zu betrüben, worauf Arabella, welche die beſte und liebevollſte kleine junge Frau von der Welt war, ihr Taſchentuch einſteckte, und Herrn Winkle, als derſelbe eintrat, genau mit dem muntern ſchalkhaften Lächeln und den funkelnden Augen empfing, die gleich beim erſten Anblick ihn ſo unwiderſtehlich gefeſſelt hatten. „»Das junge Pärchen befindet ſich in einer peinlichen Lage,« dachte Herr Pickwick, als er am folgenden Mor⸗ gen mit dem Ankleiden beſchäftigt war.»Ich will zu Perker gehen, und mit ihm darüber ſprechen.« Da Herr Pickwick ferner wünſchte, ohne weitern Aufſchub ſeine Koſtenberechnung mit dem gutmüthigen kleinen Anwald abzuſchließen, ſo frühſtückte er eiligſt, und war ſchon vor zehn Uhr im Grays⸗Inn. Die Schreiber waren noch nicht angekommen, und er vertrieb ſich die Zeit damit, daß er aus dem Treppen⸗ fenſter ſchaute. Es war ein ſchöner October⸗Morgen, und die düſtern und alten Gebäude wurden durch die Strahlen der Sonne erleuchtet. Ein Schreiber nach dem andern eilte auf den Hof, und blickte auf die große Uhr, nach deren Zeiger ſie ihre Schritte beſchleunigten oder verkürzten, indem Jene, welche um halb zehn Uhr erſcheinen mußten, ſich ſehr beeilten, wogegen Die, welche erſt um zehn Uhr auf ihren Poſten zu ſein brauchten, einen gravitätiſch lang⸗ ſamen Gang annahmen. Die Glocke ſchlug zehn, und zu allen Eingängen hinein ſtrömten die Schreiber, wie in einen Bienenkorb, einer immer eifriger und geſchäftiger als der andere. Das Geräuſch der Thüren, die geöffnet und zugeworfen wurden, hallte in den Gängen wieder, an jedem Fenſter erſchienen Köpfe, wie durch Zauberei, 108 Die Pickwicker. die Thuͤrwaͤrter nahmen ihre Poſten fuͤr den Tag ein, und der ganze Bienenſchwarm war in Bewegung. »Sie ſind bei Zeiten hier, Herr Pickwick,« ſagte eine Stimme hinter ihm. »Ah, Herr Lowton,« entgegnete Herr Pickwick, ſich umwendend, und ſeinen alten Bekannten erkennend. »Warmes Wetter heut, Sir, nicht wahr?« ſagte Lowton, indem er einen Patentſchlüſſel aus der Taſche zog. »Sie ſcheinen allerdings warm geworden zu ſein,«⸗ verſetzte Herr Pickwick, dem Schreiber, deſſen Wangen glühten, zulächelnd. 5»Ja, ich bin ſchnell genug gegangen,« ſagte Lowton. „Es ſchlug ſchon halb Zehn, als ich noch auf dem Polygon war. Aber ich bin doch jetzt wenigſtens vor ihm hier.⸗ Sich mit dieſer Betrachtung tröſtend, ſchloß Low⸗ ton die Thür auf, nahm die Briefe, die der Poſtbote in den Kaſten geworfen hatte, und nöthigte Herrn Pick⸗ wick in das Zimmer. Hier hatte er in einem Nu ſein Kleid mit einem Arbeitsrock vertauſcht, den er aus einem Schrank nahm, ſeinen Hut aufgehängt, ſein Papier zurecht gelegt und eine Feder hinter das Ohr geſteckt. Er rieb ſich die Hände, und ſah Herrn Pickwick mit dem Aus⸗ druck großer Selbſtzufriedenheit an. »Da ſehen Sie, Herr Pickwick,« ſagte er,»nun bin ich bereit. Jetzt mag er kommen. Haben Sie nicht vielleicht eine Priſe?« »Nein, ich habe keine,« erwiederte Herr Pickwick. »Thut mir leid,« ſagte Lowton.»Uebrigens hat Perker das Geſchäft zu Stande gebracht.« »Welches Geſchäft?« fragte Herr Pickwick— die Koſten von Miſtreß Bardell2⸗ »Nein, das meine ich nicht,« antwortete Lowton, — — Die Pickwicker. 109 „das Geſchäft wegen des Menſchen, den wir in Ihrem Auftrag aus dem Fleet befreiten, und der nach Demerara ſoll.« »Ah, Herr Jingle— Nun?« »Iſt Alles in Ordnung, Sir,« ſagte Lowton, ſeine Feder ſchneidend.»Der Agent in Liverpool hat geſchrieben, Sie hätten ihm, während Sie noch im Geſchäft waren, ſo viele Gefälligkeiten erzeigt, daß er ſich ein Vergnügen daraus machen werde, den von Ihnen Empfohlenen un⸗ terzubringen.« »„Freut mich ſehr, es zu vernehmen,« bemerkte Herr Pickwick. »Was der Andre aber für ein einfältiger Burſche iſt,« fuhr Lowton fort. „»Welcher Andere?« »Nun, des Jingle Bedienter oder Freund, oder was er ſonſt ſein mag— der Trotter.« »Ah,« ſagte Herr Pickwick lächelnd;»ich habe ihn immer für einen gewitzigten Menſchen gehalten.« »Ich auch, ſo weit ich ihn kennen lernte— aber da ſieht man, wie leicht man ſich in den Menſchen irrt.— Was ſagen Sie dazu, daß er mit nach Deme⸗ rara will?2« »Wie? und verſchmäht, was ihm hier angeboten wurde?« rief Herr Pickwick aus. »Er wies Perkers Anerbieten von achtzehn Schil⸗ lingen wöchentlich, mit der Ausſicht auf mehr, wenn er ſich gut aufführte, zurück, als wenn es gar nichts ge⸗ weſen wäre. Er ſagte, er müſſe bei dem Andern bleiben und Beide vermochten Perker, noch einmal zu ſchreiben, und er iſt eben dort untergebracht, und wird es nicht halb ſo gut haben, wie Perker ſagt, als ein Verbrecher in Neu⸗Süd⸗Wales.⸗ 110 Die Pickwicker. »Welch ein närriſcher Menſch!« rief Herr Pickwick mit leuchtenden Augen aus. »O, es iſt mehr als närriſch; es iſt eine offenbare Dummheit,« erwiederte Lowton mit verächtlicher Miene. »Er ſagt, der Jingle ſei der einzige Freund, den er in ſeinem Leben gehabt hätte; er könne nicht von ihm laſſen, und was dergleichen Redensarten mehr ſind. Die Freundſchaft iſt in ihrer Art eine recht ſchöne Sache, wir zum Beiſpiel in der Elſter ſind alle ſehr freund⸗ ſchaftlich und kameradſchaftlich unter einander bei unſerm Grog, wo jeder für ſich ſelber bezahlt, es aber keinem einfällt, ſich für einen Andern aufzuopfern. Kein Menſch ſollte mehr als zwei Attachements haben— das Eine zu ſich ſelbſt, und das Zweite zum Frauenzimmer— hal hal hal⸗ 3 Herr Lowton wurde jedoch bald in ſeinem lauten Gelächter geſtört, denn er hörte die Fußtritte Perkers auf der Treppe, deſſen Annäherung er kaum vernahm, als er mit einer bewundernswerthen Behendigkeit auf ſeinen Drehſtuhl ſprang, und ſofort eifrig zu ſchreiben begann.. Herr Pickwick und ſein Rechtsfreund begrüßten ein⸗ ander auf das Herzlichſte, und der Erſtere hatte kaum im Seſſel des Herrn Perker Platz genommen, als an die Thür geklopft wurde. »Hören Sie, da ſind die Vagabunden,« ſagte der kleine Anwald.—»Wollen Sie mit ihnen ſprechen?« „Was meinen Sie?« fragte Herr Pickwick zögernd. „»Ja, es wird das Beſte ſein.— Herein!« Jingle und Hiob traten ein, blieben aber etwas verlegen ſtehen, als ſie Herrn Pickwick erblickten. „»Nun, kennen Sie den Herrn nicht?« fragte Perker. »Guten Grund dazu,« erwiederte Jingle vortretend. r. d. Die Pickwicker. 111 „»Herr Pickwick— größte Verpflichtungen— Lebens⸗ retter— Mann aus mir gemacht— ſollen es nie be⸗ reuen, Sir.« »Ich freue mich, Sie ſo reden zu hören, Sir,« ſagte Herr Pickwick.»Sie ſehen viel wohler aus.« „»Danke Ihnen, Sir— große Veränderung— Fleet— ungeſunder Aufenthalt— ſehr ungeſund,« ver⸗ ſetzte Jingle kopfſchüttelnd. Er war anſtändig und reinlich gekleidet, ſo wie auch Hiob, der kerzengrade hinter ihm ſtand, und Herrn Pickwick unverwandt anſtarrte. »Wann gehen ſie nach Liverpool ab?« fragte Herr Pickwick, ſich zu Perker wendend. „»Heute Abend um ſieben Uhr, Sir,« nahm Hiob, einen Schritt vortretend, das Wort;»mit der Citypoſt⸗ kutſche, Sir.« „»Haben Sie ſchon Plätze genommen?« »Ja, Sir,« entgegnete Hiob. »Sie ſind alſo feſt entſchloſſen, Herrn Jingle zu begleiten?« »Feſt entſchloſſen!« antwortete Hiob. »Was die Ausſtattung betrifft, wie ſie für Jingle unerläßlich war,« ſagte Perker zu Herrn Pickwick,»ſo habe ich die Einrichtung getroffen, daß eine geringe Summe von ſeinem Vierteljahrsgehalt zurückbehalten wird, wodurch dieſe Ausgabe bereits nach einem Jahr gedeckt iſt. Ich muß mich durchaus dagegen erklären, mein theurer Sir, daß Sie irgend etwas für ihn thun, ſofern er es ſich nicht durch ſeine eigenen Anſtrengungen und ſein gutes Benehmen erwirbt.« »Ja ja,« unterbrach Jingle mit ernſtem und feſtem Ton—»Menſchenkenner— Mann von Erfahrung— vollkommen recht— vollkommen.« »Daß Sie ſeine Schulden getilgt, ſeine Sachen 112 Die Pickwicker. wieder ausgelöſ't, ihn im Gefängniß unterſtützt und ſeine Ueberfahrt bezahlt haben, hat Sie ſchon weit über funf⸗ zig Pfund gekoſtet,« fuhr Perker fort, ohne Jingle's Bemerkung zu beachten. »Nicht verloren,« fiel der Letztere haſtig ein;»Alles wieder bezahlen— fleißig arbeiten— ſparſam ſein— gelbe Fieber— vielleicht— dann freilich!— aber wo nicht—« er ſtockte, ſchlug heftig auf ſeinen Hut, fuhr miit der Hand über die Augen und ſetzte ſich nieder. „»Er will ſagen,« nahm Hiob, einige Schritte vor⸗ tretend, das Wort,»wenn ihn das gelbe Fieber nicht hinwegraffte, ſo würde er das Geld zurück erſtatten.— Er wird's auch gewiß thun, wenn er am Leben bleibt.— Auch ich werde darauf halten.— Ich weiß, daß es geſchehen wird.— Ich könnte darauf ſchwören.« »Schon gut, ſchon gut,« fiel Herr Pickwick ein, welcher Perker fortwährend die unwilligſten Blicke zuge⸗ worfen hatte, damit er ſeine Wohlthaten nicht aufzählen möge, worauf der kleine Mann jedoch nicht im Minde⸗ ſten achtete.»Hüten Sie ſich nur, Herr Jingle, nicht wieder ſo gefährliche Kricketwetten einzugehen, oder Ihre Bekanntſchaft mit Sir Thomas Blazo zu erneuern; dann zweifle ich nicht, daß Sie geſund bleiben werden.«⸗ Jingle lächelte über dieſen ironiſchen Ausfall, ſah aber doch etwas verlegen aus; Herr Pickwick gab daher dem Geſpräch eine andere Wendung. »Wiſſen Sie etwa, was aus einem andern Freunde von Ihnen geworden iſt, den ich in Rocheſter kennen lernte?« »Meinen Sie— den trübſeligen Jenny?« fragte Jingle. „Ja.« Jingle ſchüttelte den Kopf.»Geriebener Burſche— Die Pickwicker. 113 kurioſer Kauz— die Leute zum Beſten haben— Hiobs Bruder.« »Hiobs Bruder!« rief Herr Pickwick aus.»Ja, wahrhaftig, wenn ich Hiob genau anſehe, entdecke ich eine Familien⸗Aehnlichkeit.« »Man hat uns immer für ähnlich gehalten, Sir,« ſagte Hiob mit einem verſchmitzten Blick aus den Augen⸗ winkeln,»nur war ich immer ernſt, und er niemals. Er ging nach Amerika, Sir, weil er hier zu ſehr ge⸗ ſucht wurde, um ſich behaglich dabei zu fühlen, und ich habe ſeitdem nie wieder von ihm gehört.⸗« »Daher erklärt es ſich wohl, daß ich das Manu⸗ ſkript, enthaltend die»Mittheilungen aus dem Roman des wirklichen Lebens« nicht erhalten habe, das er mir an einem Morgen verſprach, als er auf der Brücke von Rocheſter ſich in das Waſſer ſtürzen wollte,« bemerkte Herr Pickwick lächelnd.»Es iſt unnöthig, zu fragen, ob ſein trübſeliges Benehmen natürlich oder erkünſtelt war.« »Er konnte jede Rolle ſpielen, Sir,« ſagte Hiob, „und Sie können ſich ſehr glücklich ſchätzen, ihm ſo wohl⸗ feil entkommen zu ſein. Bei längerer und genauerer Bekanntſchaft würde er Ihnen noch gefährlicher geworden ſein, als—« Hiob blickte Jingle an, ſtockte, und fügte endlich hinzu, vals ſelbſt ich.« »Sie gehören einer hoffnungsvollen Familie an, Herr Trotter,« ſagte Perker, einen Brief zuſiegelnd, den er eben geſchrieben hatte. „Allerdings, Sir,« verſetzte Hiob. »„Ich hoffe indeß, daß Sie aus der Art ſchlagen werden,« fuhr der kleine Mann lächelnd fort.»Bringen Sie dieſen Brief dem Agenten, wenn Sie in Liverpool angekommen ſind, und folgen Sie meinem Rath, meine Die Pickwicker. VI. 8 114. Die Pickwicker. Herren, in Weſtindien nicht zu gewitzigt auftreten zu wollen. Schlagen Sie dieſen Rath in den Wind, ſo werden Sie Beide vollkommen verdienen, gehangen zu werden, was auch ohne Zweifel geſchehen wird. Doch ich muß Sie erſuchen, mich jetzt mit Herrn Pickwick allein zu laſſen, denn wir haben noch andere Sachen zu beſprechen, und die Zeit iſt koſtbar.« Perker ſah bei dieſen Worten mit einer Miene nach der Thür, die den dringenden Wunſch ausſprach, das Abſchiednehmen möge ſo kurz als möglich ſein. Es war kurz genug von Seiten Jingle's. Er dankte Perker mit ein paar flüchtigen Worten für ſeine gütige und ſchnelle Hülfe, wendete ſich dann zu ſeinem Wohl⸗ thäter, und ſtand ein paar Augenblicke verwirrt und un⸗ entſchloſſen da. Hiob Trotter machte ſeiner Verlegenheit dadurch ein Ende, daß er ihn mit einer ehrerbietigen dankbaren Verbeugung gegen Herrn Pickwick beim Arm nahm, und hinausführte. »Ein würdiges Paar,« bemerkte Perker, als die Thür ſich hinter ihnen ſchloß.— »Ich hoffe, daß ſie es noch werden,« ſagte Herr Pickwick.»Was meinen Sie?— Soltten ſie wohl gründlich gebeſſert ſein, Herr Perker?2« Der kleine Mann zuckte die Achſeln, erwiederte jedoch, als er Herrn Pickwicks unruhige und mißmüthige Miene ſah: »Es ſind allerdings Ausſichten dazu vorhanden, und ich hoffe, daß ſie ſich beſtätigen werden. Die Beiden fühlen ohne Zweifel jetzt Reue, haben aber auch ihre Leiden noch in friſchem Andenken.— Was aus ihnen werden wird, wenn dieſes nicht mehr der Fall iſt, können wir nicht vorausſehen.— Doch, mein theurer Sir,« fügte Perker hinzu, ſeine Hand auf Herrn Pickwicks —— Die Pickwicker. 115 Schulter legend,»wie auch der Erfolg ſein möge, Ihre Abſichten waren gleich ehrenwerth. Ob die Art von Wohlthätigkeit, die ſo unendlich vor⸗ und umſichtig iſt, daß ſie nur ſehr ſelten ausgeübt wird, damit der Wohl⸗ thäter nur ja nicht betrogen, und ſo ſeine Selbſtliebe ver⸗ letzt werde, wahrhafte Menſchenliebe oder nur ein un⸗ echtes Konterfei davon iſt, dieſes zu entſcheiden, überlaſſe ich Leuten, die mit größerer Weisheit geſegnet ſind, als ich. Wenn indeß die Beiden, deren großmüthiger Wohl⸗ thäter Sie wurden, ſchon morgen einen Straßenraub begingen, ſo würde ich dennoch meine hohe Meinung von Ihrem Benehmen dadurch keineswegs beeinträchtigen laſſen.« Perker hatte viel lebhafter und mit weit mehr Ge⸗ fühl geſprochen, als Geſchäftsmänner gewöhnlich darzu⸗ legen pflegen. Er ſetzte ſich jetzt an ſeinen Schreibtiſch, und vernahm, was ihm Herr Pickwick in Betreff der Hartnäckigkeit von Winkle Senior mittheilte. „»Laſſen wir ihm eine Woche Zeit,« ſagte der kleine Mann mit prophetiſchem Kopfnicken. »Glauben Sie, daß er ſich eines Andern beſinnen wird 2« fragte Herr Pickwick. »Ich hoffe es,« erwiederte Perker.»Geſchieht es aber nicht, ſo müſſen wir die Ueberredungsgabe der jun⸗ gen Dame zu Hülfe ziehen, womit übrigens jeder Andere die Unterhandlungen begonnen haben würde, mein wer⸗ ther Herr.«. Der kleine Mann nahm eine Priſe; es wurde gleich darauf wieder angeklopft, und Lowton trat mit der ge⸗ heimnißvollſten Miene ein. »Was giebt's?« fragte Perker. »Man wünſcht Sie zu ſprechen, Sir.« »Wer iſt es?2« 8* — 116 Die Pickwicker. Lowton blickte ſeitwärts nach Herrn Pickwick, und huſtete. »So reden Sie doch, Lowton.⸗ »Nun Sir, es ſind die Herren Dodſon und Fogg.⸗ „»Ah, ich erinnere mich,« ſagte der kleine Mann nach ſeiner Uhr ſehend; vich beſtellte ſie um halb zwölf zu mir, um ihre Angelegenheit mit Ihnen abzumachen, Herr Pickwick. Es iſt freilich ſehr ungelegen, daß ſie jetzt kommen— was wollen Sie thun, mein theurer Sir? Wollen Sie in das andere Zimmer treten?« Da die Herren Dodſon und Fogg ſich ſchon in dem andern Zimmer befanden, ſo erwiederte Herr Pickwick, er wolle bleiben, wo er ſei, und zwar um ſo mehr, da die beiden Herren ſich ſchämen müßten, ihm in das Ge⸗ ſicht zu ſehen, er dagegen keineswegs Urſache habe, ihnen aus dem Wege zu gehen, was er mit glühendem Antlitz und unter vielen Zeichen der Entrüſtung Herrn Perker zu berückſichtigen bat. »Sehr wohl, ſehr wohl, mein theurer Sir,« erwie⸗ derte der kleine Mann,»aber wenn Sie erwarten, daß Dodſon oder Fogg auch nur im allermindeſten Beſchä⸗ mung oder Verlegenheit verrathen würden, wenn Sie ihnen und wem irgend ſonſt in das Geſicht ſehen, ſo könnten Sie in ihren Erwartungen ſich ſehr täuſchen. Führen Sie ſie herein, Lowton.« Der Schreiber verſchwand, und kehrte gleich darauf mit der Firma, in gebührender Folge Dodſon zuerſt, und dann Fogg— zurück. „Ich denke, Sie kennen Herrn Pickwick?« ſagte Perker zu Dodſon, die Feder nach ſeinem Clienten hin⸗ neigend. »Wie befinden Sie ſich, Herr Pickwick?« ſagte Dodſon mit lauter Stimme. —: te Die Pickwicker. 117 »Ah, Herr Pickwick, wie geht es Ihnen, mein werther Herr?« ſagte Fogg;»ich hoffe, daß Sie ſich wohl befinden, Sir. Ihr Geſicht kam mir gleich bekannt vor,« fügte er, ſich ſetzend und lächelnd umherſchauend hinzu. Herr Pickwick neigte zur Erwiederung nur den Kopf ein wenig, und da er Fogg ein Bündel Papier aus der Rocktaſche ziehen ſah, ſtand er auf, und trat an das Fenſter. „Herr Pickwick braucht ſich nicht zu entfernen, Herr Perker,« ſagte Fogg, die rothe Schnur von dem Papierbündel löſend, und noch ſüßer lächelnd, als zuvor. »Herr Pickwick iſt ja mit dieſen Verhandlungen ziemlich wohl bekannt, und ich denke, wir haben keine Geheim⸗ niſſe vor einander. Hi! hi! hi!« „Viele wenigſtens meines Wiſſens nicht,« fiel Dod⸗ ſon ein,»ha! ha! ha!« und die beiden Kompagnons lachten ſo vergnügt mit einander, wie es Leute, die Geld in Empfang zu nehmen haben, oft thun. »Herrn Pickwicks Neugierde wird ihm theuer zu ſtehen kommen,« ſagte Fogg mit angebornem Humor, während er ſeine Papiere ordnete.»Die Koſten belaufen ſich auf hundert drei und dreißig Pfund, ſechs Schilling und vier Pence, Herr Perker.« Hierauf ſahen Fogg und Perker die Papiere durch, verglichen und prüften ſie, und Dodſon wendete ſich un⸗ terdeß mit freundlichem Lächeln an Herrn Pickwick. »Es ſcheint mir, Sir, Sie ſehen nicht ganz ſo wohl aus, als an dem Tage, da ich das Vergnügen hatte, Sie das letzte Mal zu ſehen.« »Mag wohl ſein, Sir,« entgegnete Herr Pickwick, der die geriebenen Geſchäftsleute mit den ſchrecklichſten Zornblitzen durchbohrt hatte, ohne ſie im mindeſten in 7 118 Die Pickwicker. Verlegenheit zu ſetzen.»Mag wohl ſein, Sir. Ich wurde in der letzten Zeit von einem paar Schurken ge⸗ plagt und verfolgt, Sir!« Perker huſtete nachdrücklich, und fragte Herrn Pick⸗ wick, ob er nicht einen Blick in die Morgenzeitung wer⸗ fen wolle, welche Frage Herr Pickwick ſehr entſchieden verneinte. „Ich will gern glauben,« ſagte Dodſon,»daß Sie im Fleet nicht wenig geplagt worden ſind. Es giebt allerdings kurioſe Leute dort. In welchem Theil des Gebäudes wohnten Sie, Herr Pickwick?« »In meinem eigenen Zimmer,« entgegnete der ſchwer Beleidigte,»am Reſtaurationsgange.« »Ah ſo,« ſagte Dodſon,»ich glaube, das iſt mit der angenehmſte Theil der Anſtalt?« „»Allerdings!« erwiederte Herr Pickwick trocken. Es lag etwas ſo ruhiges und gleichgültiges in den Fragen der ſaubern Kompagnons, daß ein erregbarer Mann dadurch nur um ſo mehr gereizt und erbittert werden mußte. Herr Pickwick beherrſchte jedoch ſeinen Zorn durch eine rieſenhafte Anſtrengung, als aber Per⸗ ker eine Anweiſung für ſämmtliche Koſten ſchrieb, und Fogg dieſelbe mit einem triumphirenden Lächeln, welches ſich Dodſons Zügen mittheilte, in ſeine Brieftaſche legte, ſtieg ihm das Blut in die Wangen, und er vermochte kaum, ſeine Entrüſtung länger zurückzudrängen. »Nun, Herr Dodſon,« ſagte Fogg, die Brieftaſche einſteckend, und ſeine Handſchuhe anziehend; vich bin jetzt zu Ihren Dienſten.« »Auch ich bin bereit,« erwiederte Dodſon. »Ich ſchätze mich ſehr glücklich,« ſagte Fogg, durch die Geldanweiſung in die beſte Laune verſetzt,»die Be⸗ kanntſchaft des Herrn Pickwick gemacht zu haben. Ich — Die Pickwicker.. 119 hoffe, Sie werden jetzt eine beſſere Meinung von uns haben, Herr Pickwick, als zu der Zeit, da wir zum erſten Male das Vergnügen hatten, Sie zu ſehen.«⸗ Das hoffe ich gleichfalls,« fiel Dodſon im hohen Ton verkannter Tugend ein.»Ohne Zweifel kennt uns Herr Pickwick jetzt beſſer. Was auch Ihre Meinung von den Mitgliedern unſeres Standes ſein möge, Sir, ſo kann ich Sie verſichern, daß ich wegen der Ausdrücke, deren Sie ſich gegen uns in Freemans⸗Court bedienen zu dürfen glaubten, durchaus keinen Groll mehr gegen Sie im Herzen trage.⸗ 4 »Nein, o nein, auch ich nicht,« ſagte Fogg im Tone eines von ganzem Herzen Verzeihenden. »Unſer Benehmen wird für ſich ſelber ſprechen,« fügte Dodſon hinzu,»und ſich hoffentlich jeder Zeit durch ſich ſelbſt rechtfertigen. Wir widmeten uns ſchon ſeit einer Reihe von Jahren unſerm Beruf, Herr Pickwick, und wurden mit dem Vertrauen vieler trefflicher Klien⸗ ten beehrt. Ich empfehle mich Ihnen, Sir.« »Empfehle mich gleichfalls beſtens,« ſagte Fogg, nahm ſeinen Regenſchirm unter den Arm, zog den Hand⸗ ſchuh von der rechten Hand an, und reichte ſie mit der⸗ verſöhnlichſten Miene dem entrüſteten Pickwick, der ſeine beiden Hände unter die Rockſchöße ſteckte, und Fogg mit Blicken der tiefſten Verachtung durchbohrte. »Lowton!« rief Perker,»öffnen Sie den Herren die Thur!« 5 »Einen Augenblick, Perker,« ſagte Herr Pickwick raſch;»Perker, ich will jetzt reden.⸗ »Mein theurer Sir, ich bitte, laſſen Sie die Sache doch jetzt auf ſich beruhen,« ſagte der kleine Mann, der während der ganzen Scene in der höchſten Beſorgniß 1 120 Die Pickwicker. vor einem heftigen Ausbruch geſchwebt hatte.»Herr Pickwick, ich bitte.« »Ich will mir aber nicht Trotz bieten laſſen,« unter⸗ brach ihn haſtig Herr Pickwick.»Herr Dodſon, Sie richteten einige Bemerkungen an mich.« Dodſon wendete ſich um, nickte freundlich mit dem Kopf, und lächelte. »Einige Bemerkungen⸗— wisdorholte Herr Pick⸗ wick faſt athemlos,»und Ihr Partner hat mir die Hand gereicht, und Sie beide haben den Ton großmüthiger Vergebung gegen mich angenommen, was ein Uebermaaß von Unverſchämtheit iſt, das ich ſelbſt von Ihnen nicht erwartet hätte.« »Wie, Sir!« rief Dodſon aus. »Wie, Sir!“« wiederholte Fogg. „»Wiſſen Sie, daß ich das Opfer Ihrer ſchändlichen Umtriebe und Ränke geworden bin?« fuhr Herr Pickwick fort.»Wiſſen Sie, daß ich der Mann bin, den Sie in den Kerker gebracht, und beraubt haben? Wiſſen Sie, daß Sie die Anwälde für die Klägerin in Sachen Bardell contra Pickwick waren?« »Ja, Sir, wir wiſſen es,« erwiederte Dodſon. „»Natürlich wiſſen wir es,« ſetzte Fogg hinzu, und ſchlug, vielleicht nur zufällig, an ſeine Taſche. »Ich ſehe, daß Sie ſich der Sache mit Vergnügen erinnern,« ſagte Herr Pickwick, und verſuchte dabei zum erſten Male in ſeinem Leben ein höhniſches Lächeln, welcher Verſuch jedoch gänzlich mißglückte.»Obgleich ich längſt die Abſicht hegte, Ihnen mit deutlichen Worten zu ſagen, was ich von Ihnen halte, ſo hätte ich doch aus Rückſicht gegen die Wünſche meines Freundes Per⸗ ker ſelbſt dieſe Gelegenheit vorübergehen laſſen, wenn Sie nicht ein Benehmen gegen mich angenommen hätten, — e. Die Pickwicker. 121 das durchaus nicht zu rechtfertigen iſt, und mir nicht mit einer ſo unverſchämten Vertraulichkeit— ich ſage unverſchämten Vertraulichkeit— begegnet wären,« und bei dieſen Worten wendete er ſich mit ſo wüthenden Ge⸗ berden gegen Fogg, daß dieſer für gut fand, ſich in größ⸗ ter Eile nach der Thür zurückzuziehen. »Sehen Sie ſich wohl vor, was Sie thun,« rief Dodſon, der, obgleich er der größte und kräftigſte Mann von allen Anweſenden war, ſich dem unerachtet klüglich hinter Fogg hielt, und über den Kopf deſſelben mit fehr bleichem Geſicht hinüberſprach:»Laſſen Sie ſich von ihm angreifen, Fogg, vertheidigen Sie ſich unter keiner Bedingung!« »Nein, nein, ich werde inich hüten,« ſagte Fogg, ein wenig zurückweichend, was ſeinen Partner höchſt er⸗ freulich war, der ſich nun allmählig in das Schreibzim⸗ mer zurückziehen konnte. »Sie ſind,« fuhr Herr Pickwick fort, vein trefflich zu einander paſſendes Paar von niederträchtigen, ſpit⸗ bübiſchen, rabuliſtiſchen Gaunern.« »Nun, iſt das Alles?« fiel Perker ein. „»Es iſt Alles in den Worten enthalten,“« verſetzte Herr Pickwick,»ſie ſind niederträchtige, ſpitzbübiſche, ra⸗ buliſtiſche Gauner.« »Meine Herren, ich bitte,« ſagte Perker im verſöhn⸗ lichſten Tone, ver hat Alles geſagt, was er zu ſagen hatte;— ich bitte, gehen Sie nun.— Lowton, iſt die vordere Thür offen?« Herr Lowton, deſſen Kichern man in der Schreib⸗ ſtube vernahm, bejahte. »Nun, meine Herren, guten Morgen— ich bitte— guten Morgen,“ rief der kleine Mann, Dodſon und Fogg hinausdrängend— hier, meine Herren— ich bitte— ver⸗ 122 Die Pickwicker. längern Sie doch dieſen Auftritt nicht— Herr Lowton — de Thür— weßhalb haben Sie ſie nicht geöffnet?« »Wenn es Geſetze in England giebt,« ſagte Dodſon, indem er ſich nach Herrn Pickwick umwendete, und den Hut aufſetzte—»wenn es Geſetze in England giebt, ſo ſollen Sie für Ihr Benehmen büßen, Sir.« »Sie ſind ein paar niederträchtige—« »Bedenken Sie wohl, Sie werden theuer dafür be⸗ zahlen,« ſagte Fogg. »Spitzbübiſche, rabuliſtiſche Gauner,« fuhr Herr Pickwick fort, ohne auch nur im mindeſten auf die Dro⸗ hungen der beiden Gentlemen zu achten. »Gauner!« ſchrie er ihnen oben an der Treppe nach, als ſie hinabgingen. »Gauner!« rief er zum Fenſter hinaus, ſich von Lowton und Perker losreißend. Als er den Kopf wieder hereinzog, ruhte ein mildes Lächeln auf ſeinen Zügen, und er erklärte, daß er eine Bürde von ſeiner Bruſt entfernt habe, und ſich wieder vollkommen ruhig und heiter fühle. Perker ſprach kein Wort, bis er ſeine Doſe gänzlich geleert, und Lowton fortgeſchickt hatte, ſie wieder füllen zu laſſen, worauf er in ein ausgelaſſenes Gelächter aus⸗ brach, daß wenigſtens fünf Minuten anhielt. Endlich ſagte er, er müſſe eigentlich ſehr unwillig ſein, könne aber jetzt nicht ernſthaft an die Sache denken, und wolle ſich daher ſeine Vorwürfe auf eine andere Zeit erſparen. »Jetzt muß ich aber auch meine Angelegenheit mit Ihnen zum Abſchluß bringen,« ſagte Herr Pickwick. „»Ebenſo wie mit Dodſon und Fogg?« fragte Perker, abermals in ein Gelächter ausbrechend. »Das nun eben nicht,« erwiederte Herr Pickwick, zog ſeine Brieftaſche hervor, und ſchüttelte dem kleinen — Die Pickwicker. 123 Mann herzlich die Hand.»Ich meine nur unſere Koſten⸗ berechnung. Sie haben mir viele Gefälligkeiten erzeigt, die ich mit Geld nicht bezahlen kann, und auch nicht zu bezahlen wünſche; ich ziehe es vor, Ihr dankbarer Schuld⸗ ner zu bleiben.⸗ Die beiden Freunde ſchloſſen darauf ihre pekuniäre Berechnung ab, und Herr Pickwick entledigte ſich ſofort dieſer Schuld unter wiederholten Achtungs⸗ und Freund⸗ ſchaftsbezeigungen. Kaum war dieſe Angelegenheit beſei⸗ tigt, als man an der Außenthür ein ſehr heftiges Klo⸗ pfen vernahm; es war kein gewöhnliches Doppelklopfen, ſondern eine fortwährende und ununterbrochene Folge der lauteſten einzelnen Töne, als ſei der Klopfende ein Per⸗ petuum mobile. „»„Was iſt das 2« rief Perker aufſpringend. »Ich denke, man klopft an die Thür,« ſagte Herr Pickwick,»als könne noch der mindeſte Zweifel über die Thatſache obwalten. Der Klopfende erwiederte bei weitem lauter und energiſcher, als es durch Worte möglich geweſen wäre, denn er fuhr mit bewundernswerther Kraft und Aus⸗ dauer fort zu hämmern. »Mein Himmel,« ſagt Perker, die Klingel ziehend, »das ganze Haus wird in Aufruhr gebracht. Herr Lowton, hören Sie denn das Klopfen nicht?« „Ich werde gleich öffnen, Sir;« erwiederte der Schreiber. Es war faſt, als habe der Klopfende die Antwort gehört, und wolle andeuten, daß er unmöglich ſo lange warten könne. Er begann noch heftiger und anhaltender zu hämmern. »Es iſt ſchrecklich!« ſagte Herr Pickwick, ſich die Ohren zu haltend. . —— 124 Die Pickwicker. »Machen Sie doch ſchnell, Herr Lowton,« rief Per⸗ ker, ves iſt ja zum Trommelfell zerſpringen.⸗ Herr Lowton, der ſich im Alkoven die Hände ge⸗ waſchen hatte, eilte nach der Thür, und als er ſie öffnete, erblickte er— was wir im folgenden Kapitel zu berich⸗ ten uns vorbehalten. Fuͤnfundfunfzigſtes Kapitel. In welchem das ſchreckliche Klopfen erklärt wird, und inter⸗ eſſante Entdeckungen in Beziehung auf Herrn Sawyer und eine gewiſſe junge Dame vorkommen. Was der erſtaunte Schreiber erblickte, war nichts mehr und nichts weniger, als ein junger Burſche,— ein ungemein feiſter Burſche, in Livree gekleidet, kerzengrade und mit geſchloſſenen Augen daſtehend, als ob er in die⸗ ſer Stellung ſchliefe. Je weniger Lowton nach dem ſchrecklichen Hämmern ein ſolches Bild der tiefſten Ruhe und Stille erwartet hatte, um deſto größer mußte ſein Erſtaunen ſein. »Was giebt's denn?« fragte er. Der merkwürdige Burſche erwiederke kein Wort, ſondern er nickte nur einmal, und es kam Lowton vor, als höre er ihn noch leiſe ſchnarchen. »Wer hat Sie denn geſchickt?« fragte der Schreiber. Der Burſche blieb ſtumm, wie zuvor. Er athmete tief, ſtand aber immer bewegungslos da. Lowton wie⸗ derholte die Frage dreimal, und da er keine Antwort er⸗ hielt, wollte er ſchon die Thür wieder ſchließen, als der Die Pickwicker. 125 feiſte Burſche plötzlich ſeine Augen etwas öffnete, mehrere Male blinzelte, einmal nieſte, und ſeine Hand erhob, als wolle er das Klopfen wiederholen. Da er die Thür ge⸗ öffnet ſah, ſtarrte er verwundert hinein, und blickte end⸗ lich Herrn Lowton an. »Was zum Teufel haben Sie denn auf eine ſolche Weiſe geklopft?« fuhr ihn zornig der Schreiber an. Auf was für eine Weiſe?« fragte der Burſche mit lallender ſchläfriger Stimme. »Sie machten ja einen Lärm als wenn vierzig Miethkutſcher hämmerten. »Mein Herr ſagte mir, ich ſollte nicht eher auf⸗ hören zu klopfen, als bis die Thür geöffnet würde, da⸗ mit ich nicht einſchliefe.« »Was haben Sie denn hier zu beſtellen?« »Er iſt unten.« »Wer? »Mein Herr.— Er wollte wiſſen, ob Sie zu Hauſe wären.« Lowton ging an das Fenſter, und erblickte einen offenen Wagen, in welchem ein wohlbeleibter alter Herr ſaß, der ungeduldig emporſchaute. Lowton winkte ihm, worauf er ſogleich aus dem Wagen ſtieg. »Das iſt doch Ihr Herr in dem Wagen draußen?« fragte Lowton. Der bausbäckige Burſche nickte. Alle fernern Fragen wurden durch die Ankunft des alten Wardle überflüſſig gemacht, der die Treppe hinauf⸗ ſteigend und Lowton erkennend, ſich ſogleich nach Perkers Zimmer begab. »Ah, Pickwick,« rief der alte Herr aus,»Ihre Hand, alter Knabe.— Wie geht es denn in aller Welt zu, daß ich erſt vorgeſtern von Ihrer Gefangenſchaft 126 Die Pickwicker. hören mußte, und wie konnten Sie es zugeben, Perker, daß er ſich einſperren ließ?2« »Ich konnte ihn nicht daran hindern, mein theurer Sir,« erwiederte Perker lächelnd, und eine Priſe nehmend. »Sie wiſſen ja ſelbſt, wie hartnäckig er iſt.« »Ja wohl, ja wohl,« entgegnete der alte Herr, vaber ich freue mich doch herzlich, ihn gleich gefunden zu haben, und werde ihn ſobald nicht wieder aus den Augen laſſen.« Mit dieſen Worten ſchüttelte Wardle nochmals Herrn Pickwicks Hand, und nachdem er Perker eben ſo begrüßt, nahm er Platz auf einem Seſſel. Sein volles geröthetes Geſicht ſtrahlte wie ſonſt, von Geſundheit und Heiterkeit. »Nun,« ſagte er,»hier gehen aber merkwürdige Dinge vor— ich bitte, Perker, eine Priſe— was ſind mir das für Geſchichtchen?« „Wie ſo?« fragte Herr Pickwick. »Wie ſo?« erwiederte Wardle.»Nun, ich glaube, die Mädchen ſind ſammt und ſonders toll geworden. Das iſt nichts Neues, wollen Sie ſagen?— Mag ſein, aber es iſt um ſo wahrer.« »Sie ſind doch nicht ausdrücklich nach London ge⸗ kommen, und gerade hierher, um uns das zu ſagen 2⸗ fragte Perker. „»Das nun wohl nicht,« erwiederte Wardle,»obgleich es mit der Haupturſache meiner Erkurſion in Verbin⸗ dung ſteht.— Wie befindet ſich Arabella?2« »Sehr wohl,« antwortete Herr Pickwick,»und ſie wird ſich gewiß recht freuen, Sie wiederzuſehen.« »Die kleine ſchwarzäugige Here,« ſagte Wardle,»ich hatte große Luſt ſie ſelbſt zu heirathen. Aber es iſt nun ein Mal ſo gekommen, und ich freue mich herzlich dar⸗ über.« —— ⏑—:⏑—— —— ⏑⏑⏑⏑O⏑:—— Die Pickwicker. 127 »Wie haben Sie es denn erfahren?« fragte Herr Pickwick. »O, durch meine Mädchen, wie ſich von ſelbſt ver⸗ ſteht.— Wir erhielten vorgeſtern einen Brief von Ara⸗ bella, worin ſie ſchrieb, ſie hätte ſich heimlich und ohne Einwilligung des Vaters ihres Gatten vermählt, und Sie hätten es übernommen, ihm mitzutheilen, was er nicht mehr hindern könne. Ich hielt die Gelegenheit für äußerſt günſtig, meinen Mädchen ein paar ernſte Worte zu ſagen, und ſtellte ihnen daher vor, wie ſchrecklich es ſei, wenn Kinder ohne Einwilligung ihrer Aeltern heira⸗ theten, und ſo fort; aber was ich auch ſagen mochte, es brachte nicht die geringſte Wirkung bei ihnen hervor. Sie hielten es noch für weit ſchrecklicher, wenn eine Hochzeit ohne Brautjungfern Statt fände, und mit einem Wort, es war ſo gut, als ob ich Joe eine Predigt ge⸗ halten hätte.« Hier hielt der alte Herr inne, um herzlich zu lachen, und fuhr ſodann fort: »Dies iſt aber lange noch nicht Alles, ſondern nur die Hälfte von den Liebesumtrieben und Heimlichkeiten, die im Werk geweſen ſind. Seit den letzten ſechs Mo⸗ naten haben wir auf Pulverminen geſtanden, und ſie ſind endlich aufgeflogen.« »Was wollen Sie damit ſagen?« rief Herr Pick⸗ wick betroffen aus.»Ich will doch nicht hoffen, daß noch eine heimliche Vermählung—« »Nein, nein,« unterbrach Wardle,»ganz ſo ſchlimm iſts nicht— o, nein.« »Was iſt denn vorgefallen?« fragte Herr Pickwick, „bin ich dabei intereſſirt.« »Soll ich die Frage beantworten, Perker?» ſagte Wardle. 128 Die Pickwicker. »Wie Sie wollen, mein theurer Sir!« „»Nun gut, Sie ſind dabei intereſſirt,« ſagte Wardle. „Aber wie ſo denn? in welcher Beziehung?« fragte Herr Pickwick dringend. »Wirklich,« erwiederte Wardle,»Sie ſind ſo ein hitziges junges Blut, daß ich mich faſt fürchte, es Ihnen zu ſagen, doch wenn Perker ſich zwiſchen uns ſetzen will, um Unheil zu verhüten, ſo mags drum ſein.« Nachdem der alte Herr die Thür zugemacht, und ſich mit einer Priſe aus Perkers Doſe geſtärkt hatte, begann er die Eröffnung des großen Geheimniſſes mit folgenden Worten:— »Meine Tochter Bella— Sie wiſſen, Bella, die den jungen Trundle geheirathet hat.« »Nun ja doch, wir wiſſen es ja,« unterbrach Herr Pickwick ungeduldig. „Setzen Sie mich nur nicht gleich zu Anfang in Schrecken, Freundchen. Alſo meine Tochter Bella ſetzte ſich vorgeſtern Abend an meine Seite, und fing an, von der Heirathsgeſchichte zu ſprechen. Emilie war nämlich mit Kopfſchmerzen zu Bett gegangen, nachdem ſie mir Arabellens Brief vorgeleſen hatte. Nun Papa,“ ſagte Bella, was meinen Sie zu der Sache? Ich hoffe, mein Kind, antwortete ich, daß Alles zum Guten aus⸗ ſchlagen wird, und ſprach ſo, weil ich am Feuer ſaß, meinen Grog gedankenvoll trank, und glaubte, ſie würde fortſahren, zu ſchwatzen, wenn ich dann und wann ein paar Worte dazwiſchen würfe. Meine Mädchen ſind Konterfeis ihrer ſeligen Mutter, und da ich alt werde, ſitze ich gerne mit ihnen allein, denn ſie rufen mir die glücklichſte Zeit meines Lebens zurück, und machen mich für den Augenblick wieder jung. Nach einem kurzen Stillſchweigen ſagte Bella: ˙Es iſt ganz und gar eine Die Pickwicker. 129 Heirath aus Liebe, Väterchen.“ Allerdings, liebes Kind, erwiederte ich, aber die Verbindungen dieſer Art ſind nicht immer die glücklichſten.⸗ „»Das ſtelle ich in Abrede,« fiel Herr Pickwick mit großer Wärme ein. »Sehr wohl,« ſagte Wardle,»ſtellen Sie in Al⸗ rede, was Sie wollen, ſobald die Reihe zu reden an Ihnen iſt, aber unterbrechen Sie mich jetzt nur nicht.« »Ich bitte um Verzeihung,« ſagte Herr Pickwick. „»Zugeſtanden,« erwiederte Wardle. Es thut mir leid zu hören, Papa,“ flüſterte Bella etwas erröthend, daß Sie ſich gegen Heirathen aus Neigung erklären.“ Ich klopfte ſie ſo zärtlich auf die Wangen, als ein ſolcher alter rauher Burſche wie ich vermag, und ant⸗ wortete: Ich hatte Unrecht, liebes Kind, und hätte nicht ſo reden ſollen, denn auch Du und Deine Mutter haben aus Neigung geheirathet. Das meinte ich ei⸗ gentlich nicht,“ ſagte Bella, die Sache iſt, Pada, ich wollte mit Ihnen über Emilie ſprechen.« Herr Pickwick fuhr erſchrocken auf. »Was fehlt Ihnen?« fragte Wardle. »O nichts— bitte, fahren Sie fort,« erwiederte Herr Pickwick. „Ich konnte nie eine Geſchichte gehörig von Anfang bis zu Ende erzählen,« ſagte Wardle.„»Früher oder ſpäter muß es doch heraus, und kommt's gleich, ſo ſparen wir Zeit. Alſo kurz und gut, Bella ermuthigte ſich endlich, mir zu ſagen, daß Emilie höchſt unglücklich ſei, daß ſie mit Ihrem jungen Freunde ſeit voriger Weih⸗ nacht fortwährend in Briefwechſel geſtanden, und ſehr pflichtgetreu beſchloſſen hätte, in lobenswerther Nach⸗ ahmung ihrer alten Freundin und Schulgefährtin mit ihm davon zu laufen; indeß hätte ſie einige Gewiſſenäciſe Die Pickwicker. VI. 130 Die Pickwicker. empfunden, da ich ſtets ſo gütig gegen ſie Beide geweſen wäre, und ſie hätten es daher für beſſer erachtet, mir die Ehre zu erzeigen, mich zuförderſt zu fragen, ob ich nichts dawider hätte, daß ſie einander auf die gewöhn⸗ liche althergebrachte Art heiratheten. So ſtehen nun die Sachen, und wenn Sie im Stande ſind, Herr Pick⸗ wick, Ihre Augen auf deren natürliche Größe zu redu⸗ ciren, und wenn Sie guten Rath wiſſen, ſo werde ich mich Ihnen ſehr verpflichtet fühlen.« Der etwas wunderliche Schluß der Mittheilung des alten Herrn war nicht ganz ohne Veranlaſſung, denn Herrn Pickwicks Mienen hatten einen höchſt merkwür⸗ digen und komiſchen Ausdruck von Erſtaunen und Ver⸗ legenheit angenommen. »Snodgraß— ſeit Weihnachten,« waren die erſten abgebrochenen Worte, die wieder über ſeine Lippen kamen. „»Allerdings, ſeit Weihnachten,« ſagte Wardle, vund wir müſſen ſehr ſchlechte Brillen gehabt haben, daß wir die Entdeckung nicht ſchon längſt machten.«⸗ „Es iſt mir rein unbegreiflich,« ſagte Herr Pickwick nachdenklich—»rein unbegreiflich.« „Es iſt eben begreiflich genug,« erwiederte der alte Herr.»Wären Sie ein jüngerer Mann geweſen, ſo hätten Sie das Geheimniß längſt gewußt, und außerdem⸗ — fügte Wardle nach einigem Zögern hinzu—»die Wahrheit iſt, daß ich, nichts von der Sache ahnend, ſeit vier oder fünf Monaten Emilien einigermaßen gedrängt habe, den Bewerbungen eines jungen Mannes in unſerer Nachbarſchaft Gehör zu geben— natürlich nur, wenn ihr Herz nichts dagegen hätte, denn ich würde den Nei⸗ gungen einer Tochter niemals Gewalt anthun. Ich zweifle nicht, daß ſie die Sache nach Mädchenart, um ihren Werth und die Liebesgluth des Herrn Snodgraß Die Pickwicker. zu erhöhen, auf die übertriebenſte Weiſe geſchildert hat, worauf denn Beide zu dem Schluß gelangt ſind, daß ſie ein ſchrecklich verfolgtes Paar unglücklich Liebender ſeien, und ihnen kein anderer Ausweg bliebe, als eine heimliche Verbindung oder Kohlendämpfe. Es fragt ſich nun, was zu thun iſt?« »Was haben Sie denn gethan?« fragte Herr Pickwick. „Ich?e „»Ja, Sie— als Ihre verheirathete Tochter Sie in das Geheimniß einweihte?«⸗ »Nun— ich beging natürlich einen dummen Streich,« verſetzte Wardle. „»Verſteht ſich,« fiel Perker ein,« der das Geſpräch bisher mit vielfachem Zupfen an ſeiner Uhrkette und anderen Zeichen der Ungeduld angehört hatte—»es war ſehr natürlich, doch erklären Sie ſich deutlicher.« „Ich brauſte mächtig auf, ſo daß meine Mutter ſehr erſchrak, und einen Zufall bekam,« ſagte Wardle. »Das war äußerſt geſcheit von Ihnen,« bemerkte Perker,»und was weiter, mein beſter Herr.« »„Ich ſchmollte, brummte und tobte den ganzen fol⸗ genden Tag,« erwiederte der alte Herr.»Endlich wurde ich es müde, mich ſelbſt und alle Andere verſtört und mißmüthig zu machen; ich nahm daher in Muggleton einen Wagen, und fuhr mit meinen eigenen Pferden hierher, unter dem Vorwand, daß Enlie Arabellen beſuchen ſolle.« »Miß Wardle befindet ſich alſo auch hier?« fragte Herr Pickwick. Allerdings,« erwiederte Wardle,»und zwar gegen⸗ wärtig in Osbornes⸗Hotel, ſofern Ihr unternehmender * 132 Die Pickwicker. junger Freund ſie nicht ſchon entführt hat, während wir hier ſchwatzen.« »Sie ſind alſo wieder mit ihr ausgeſöhnt?⸗ hagte Perker. »Nicht im mindeſten; ſie hat in einem fort ge⸗ ſchmollt und geweint, ausgenommen geſtern Abend zwi⸗ ſchen dem Thee und dem Abendeſſen, wo ſie mit großer Schauſtellung einen Brief ſchrieb, was ich gaar uicht zu beachten mich ſtellte.« »Sie wollen ohne Zweifel meinen Rath in der Sache hören,« ſagte Perker, beiden Herrn fragend in das Geſicht blickend, und mehrere Priſen hinter einander nehmend. »Sie würden uns dadurch ſehr verpflichten,« ſagte Wardle, einen Seitenblick auf Herrn Pickwick werfend. »Allerdings,« entgegnete der Letztere. »Nun gut,« fuhr Perker fort, indem er aufſtand, und ſeinen Stuhl zurückſchob,»mein Rath iſt, daß Sie beide mit einander fortgehen, oder fahren, oder ſonſt ſich auf beliebige Weiſe davon machen, und die Sache mit einander überlegen, denn ich habe jetzt genug davon ge⸗ hört. Sind Sie, wenn wir uns das nächſte Mal wie⸗ der ſehen, zu einem Entſchluß gekommen, ſo will ich Ihnen ſagen, was weiter zu thun iſt.« »Ein ſehr befriedigender Rath,« ſagte Wardle, der kaum wußte, ob er die Sache als Ernſt oder als Scherz aufnehmen ſollte. „Pah, mein beſter Herr,« ſagte Perker;»vich kenne Sie Beide um vieles beſſer, als Sie ſich ſelbſt kennen. Sie haben in allen Beziehungen Ihren Entſchluß bereits gefaßt.« Bei dieſen Worten klopfte der kleine Mann erſt Herrn Pickwick, und dann Wardle mit ſeiner Schnupf⸗ tabacksdoſe auf die Bruſt, worauf alle drei, beſonders Die Pickwicker. aber die beiden letztgenannten Herren, von Herzen lach⸗ ten, und ohne einen beſonderen vor Augen liegenden Grund einander abermals die Hände ſchüttelten. »Sie ſpeiſen heut zu Mittag bei mir,« ſagte Wardle zu Perker, als dieſer ſie hinausgeleitete. „Kann's noch nicht zuſagen, mein beſter Herr; kann's noch nicht zuſagen,« erwiederte Perker,»indeß will ich jeden Falls gegen Abend einſprechen.« „»Ich erwarte Sie um fünf Uhr— Joe!l« rief Wardle, und nachdem der feiſte Burſche endlich aufgerüt⸗ telt war, ſtiegen die beiden Freunde in Wardle's Wagen, hinter welchem ein bequemer Sitz für Joe in der men⸗ ſchenfreundlichen Abſicht angebracht war, damit er nicht etwa ſchlummernd hinabfallen möge. Als ſie im Georg und Geier anlangten, fanden ſie Arabella nicht, welche, ſobald ihr Emilie ihre Ankunft in der Stadt gemeldet, ſofort einen Miethwagen hatte holen laſſen, und mit ihrem Mädchen nach Osbornes Hotel gefahren war. Da Wardle noch Geſchäfte in der City abzumachen hatte, ſo ſchickte er ſeinen Wagen mit Joe gleichfalls nach jenem Hotel, und ließ ſagen, daß er ſich um fünf Uhr mit Herrn Pickwick zum Mittageſſen einſtellen würde.. Mit dieſer Beſtellung beauftragt, fuhr der feiſte Burſche zurück, und ſchlummerte ſo ſüß trotz aller Stöße auf dem Steinpflaſter, in ſeinem Hinterſitz, als hätte er in einem weichen Daunenbett geruht. Es war ein un⸗ erhörter und wunderbarer Fall, daß er dieſes Mal un⸗ geweckt erwachte, als der Wagen anhielt, und indem er ſich einen tüchtigen Puff gab, um ſeine Geiſtesfähigkeiten aufzurütteln, ſtieg er die Treppe hinauf, in der Abſicht, ſich ſeines Auftrags zu entledigen. Sei es nun, daß der beſagte Puff ſeine geiſtigen Die Pickwicker. Fähigkeiten, ſtatt ſie aufzurütteln, in gänzliche Unord⸗ nung gebracht, oder wohl gar eine Menge neuer Ideen in ihm erweckt hatte, über denen er die gewöhnlichen Schicklichkeitsvorſchriften und Formen vergaß, oder(was auch möglich iſt) war er demnach auf der Treppe wieder eingeſchlafen— dem ſei, wie ihm wolle, ſo viel iſt ge⸗ wiß, daß er, ohne vorher anzuklopfen, in das Zimmer trat, und ſomit einen Herrn erblickte, der neben Miß Wardle auf dem Sofa ſaß, und den Arm zärtlich um ihren Leib geſchlungen hatte, während Arabella und ihre hübſche Zofe mit großer Ausdauer und Beharrlichkeit aus einem Fenſter am andern Ende des Zimmers ſchau⸗ ten. Als der feiſte Burſche dieſes Phenomen erblickte, entfloh ſeinen Lippen ein Ausruf der höchſten Verwun⸗ derung, denen der Damen ein Schrei, und denen des Herrn(aller faſt gleichzeitig) eine Verwünſchung. »Du alberner Schlingel, was willſt Du hier?« rief ihm der Herr zu, der, wie kaum zu bemerken nöthig ſein wird, niemand anders als Herr Snodgraß war. Der feiſte Burſche ſchrn zuſammen, und ſtotterte: „»Miß ſprechen.« „»Was wollteſt Du mir ſagen, Du Tölpel?« fragte Emilie, das Geſicht abwendend. »Mein Herr und Herr Pickwick wollen um fünf Uhr hier eſſen,« erwiederte Ive. »Mach, daß Du hinauskommſt,« rief Herr Snod⸗ graß ihm drohend zu. »Nein, nein,« unterbrach Emilie haſtig,»Liebſte Bella, was ſoll ich thun?« Emilie und Herr Snodgraß, und Arabella und Mary ſteckten hierauf die Köpfe zuſammen, und flüſterten ein paar Minuten ſehr eifrig. »Ei, Joe,« begann Arabella endlich, ſich mit dem 1 Die Pickwicker. 135 bezaubernſten Lächeln zu dem feiſten Burſchen wendend, »wie gehts ts Dir denn, Joe?« »Joe,« ſagte Emilie,„Du biſt ein guter, treuer Burſche, ich werde Dich immer in gutem Andenken be⸗ halten, Joe.« »Joe,« ſagte Herr Snodgraß, trat auf den erſtgtie ten Jüngling zu, und reichte ihm die Hand;»ich erkannte Dich nicht ſogleich. Da haſt Du fünf Schillinge, Joe.« »Von mir ſollſt Du eben ſo viel haben,« ſagte Arabella, indem ſie abermals den korpulenten Eindring⸗ ling mit dem freundlichſten Lächeln beglückte. Da das Faſſungsvermögen des feiſten Burſchen ſeine Operationen ein wenig langſam bewerkſtelligte, ſo hatten ſeine Mienen bei all dieſen unerklärlichen Gunſtbezeigun⸗ gen den Ausdruck immer größerer Verwunderung ange⸗ nommen, und er ſtierte auf eine wirklich beunruhigende Weiſe umher. Endlich und allmählig ward auf ſeinem wohlgenährten Antlitz ein vergnügtes Greinen mit breit⸗ gezogenem Munde ſichtbar, und nachdem er eine halbe Krone in ſeine rechte, und die andere in die linke Taſche geſenkt hatte, brach er in ein ausgelaſſenes Gelächter aus, das erſte, das man je von ihm gehört hatte. »O, ich ſehe, er verſteht uns,« ſagte Arabella. »Er muß ſogleich etwas Gutes zu dhen haben,« bemerkte Emilie. Der feiſte Burſche ſchien faſt nochmals in daſſelbe heiſere Gelächter ausbrechen zu wollen, als er dieſe frohe Kunde vernahm. Nachdem Emilie der hübſchen Zofe etwas zugeflüſtert hatte, trippelte dieſe auf ihn zu, und ſagte: »Wenn Sie nichts dagegen haben, Sir, ſo will ich heute mit Ihnen ſpeiſen.« „Kommen Sie,⸗ erwiederte Joe, iſte ſchnell beim 136 Die Pickwicker. Wort nehmend.»Es iſt eine prächtige Fleiſchpaſtete unten. c Mit dieſen Worten ging Ioe voran, die Treppe higab, und ſeine ſchöne Begleiterin bezauberte alle Kell⸗ ner, und erbitterte alle Hausmädchen, als ſie ihm nach der Küche folgte. Da ſtand die Fleiſchpaſtete, von welcher der korpu⸗ lente Jüngling mit ſo vieler Begeiſterung geſprochen, und außerdem ſtand auf dem Tiſch ein Roſtſtück, eine Schüſſel mit Kartoffeln, und ein Krug Porter. »Setzen Sie ſich,« ſagte Joe.»O, wie einladend, wie appetitlich!— Ich bin ſo ſchrecklich hungrig.« Der feiſte Burſche ſetzte ſich an den kleinen Tiſch, und Mary nahm ihm gegenüber Platz. »Soll ich Ihnen vorlegen?« fragte Joe, ſein Meſſer bis an den Griff in die Paſtete hineinſenkend. »in wenig, wenn Sie die Güte haben wollen.« Er legte Mary eine kleine, und ſich ſelbſt eine große Portion vor, zog aber, eben in Begriff, zu beginnen, Meſſer und Gabel wieder zurück, beugte ſich auf ſeinem Stuhle vorwärts, legte die Hände mit Meſſer und Gabel auf ſeine Knie, und ſagte ſehr langſam: Mary, wie niedlich Sie ausſehen.« Da er die Worte im Tone der Bewunderung aus⸗ ſprach, ſo war es in ſo weit gut, aber in den Mienen und Blicken des korpulenten Jünglings lag bei dem Allem ſo viel Kanibaliſches, daß die Schmeicheleien dadurch zweideutig wurde. »Mein Himmel Joſeph,« rief Mary aus, und that, als wenn ſie erröthete,»was fällt Ihnen ein?« Joe richtete ſich allmählig wieder empor, ſeufzte tief auf, ſchien ein paar Augenblicke ganz in Gedanken verſunken, und that endlich einen langen Zug aus dem Die Pickwicker. 137 Kruge, worauf er abermals ſeufzte, und dann ſeine un⸗ ermüdlichen Angriffe auf die Paſtete begann. „»Was für eine artige junge Dame Miß Emilie iſt,« hub Mary nach einem langen Stillſchweigen an. Der feiſte Burſche war jetzt mit der Paſtete bereits fertig geworden. Er blinzelte Mary zu und erwiederte: »Ich kenne eine noch artigere junge Dame.⸗ „»Was Sie ſagen!« »Ja wahrhaftig,« entgegnete Joe mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit. »Wie heißt Sie denn?« fragte Mary. „»Wie heißen Sie?« »Mary.« »So heißt ſie auch.— Sie ſind es ſelbſt,« ſagte er, greinte, um die Schmeichelei noch feſter zu machen, und verdrehte die Augen auf höchſt wunderliche Weiſe, wo⸗ mit er, wie wir allen Grund haben anzunehmen, zu lieb⸗ äugeln beabſichtigte. »So etwas müſſen Sie mir nicht ſagen, Joſeph,⸗ antwortete Mary;»Sie meinen es doch nicht ſo.⸗ »Nicht? Hören Sie, Mary.« »Nun?« „»Bleiben Sie hier?« »Nein, ich gehe noch heute Abend wieder fort— Aber weßhalb?« »O,« rief der feiſte Jüngling mit dem Ton innigen Gefühls aus,»wenn Sie hier geblieben wären, wie an⸗ genehme Geſellſchaft hätten wir an einander beim Eſſen haben können.« »Ich komme vielleicht zuweilen, um Sie zu ſehen,⸗ ſagte Mary, mit angenommener Sprödigkeit ihr Teller⸗ tuch zuſammenlegend,»wenn Sie mir einen Gefallen thun wollen.⸗ e n. 4 138 Die Pickwicker. Jeoe blickte von der Paſtetenſchüſſel nach dem Roſt⸗ ſtücke hin, als wenn er meinte, eine Gunſt müſſe durch⸗ aus im Zuſammenhange mit etwas Eßbarem ſtehen, und dann zog er eine der halben Kronen herpor, und ſchien ſich ihres Glanzes zu freuen. »Verſtehen Sie mich nicht?« fragte Mary, ihn ſchalkhaft in das wohlgenährte Geſicht ſehend. Er blickte wieder auf die halbe Krone, und erwiederte zögernd:»Nein!« »Die Damen wünſchen, daß Sie dem alten Herrn nicht ſagen, der junge Herr ſei eben bei Miß Emilie geweſen, und ich wünſche es auch.« »Iſt das Alles?« fragte der feiſte Burſche, ſich offen⸗ bar ſehr erleichtert fühlend, und die halbe Krone wieder einſteckend.»O, ich will gern ſchweigen.« »Sie merken wohl,« ſagte Mary,»Herr Snodgraß hat Miß Emilie, und Miß Emilie hat Herrn Snodgraß ſehr lieb, und wenn Sie dem alten Herrn etwas ſagten, ſo würde er Miß Emlie und Sie, der Himmel weiß wohin führen, wo Sie Niemand ſehen und vielleicht wenig zu eſſen haben würden.« »Nein, nein; ich ſage nichts davon,« rief Joe ſehr entſchloſſen aus. »So iſts recht,« ſagte Mary.— Es iſt aber jetzt Zeit, daß ich hinaufgehe, und der jungen Dame beim Ankleiden behülflich bin.« »Gehen Sie noch nicht fort,« flehte Ive. »Ich muß,« erwiederte Mary.»Auf Wiederſehen.« Joe ſtreckte mit Elephanten⸗Grazie und Behendig⸗ keit ſeine Arme aus, um ihr einen Kuß zu rauben, da es aber nur einer ſehr geringen Gewandtheit bedurfte, ihm auszuweichen, ſo verſchwand ſeine ſchöne Herzbe⸗ zwingerin in demſelben Augenblick, als er nach ihr haſchte, Die Pickwicker. 139 und der empfindſame Jüngling ſpeiſte darauf mit weh⸗ müthiger und betrübter Miene noch ein oder anderthalb Pfund Roſtbeef, und verſank dann in einen tiefen Schlaf. Die jungen Leutchen oben hatten ſich ſo viel zu ſagen, und es waren ſo mancherlei Entführungs⸗ und Verheirathungspläne für den Fall fortdauernder Grau⸗ ſamkeit von Seiten des alten Herrn zu beſprechen, daß Herr Snodgraß erſt eine halbe Stunde vor Eſſenszeit zum letztenmal Lebewohl ſagte. Die Damen eilten in Emiliens Zimmer, um Toilette zu machen, und der Liebhaber nahm ſeinen Hut, und entfernte ſich aus dem Zimmer. Er war kaum aus der Thür, als er Wardles kräftige Stimme vernahm, und ihn gleich darauf über das Geländer mit einigen andern Herren die Treppe herauf kommen ſah. Da er im Haunſe nicht Beſcheid wußte, eilte er in ſeiner Verwirrung in das eben verlaſſene Zimmer zurück, und von dort in ein anſtoßendes(Herrn Wardle' Schlafgemach). Er zog die Thür leiſe hinter ſich zu, in demſelben Augenblick, als die Herren in das Wohnzimmer eintraten. Er erkannte ſie allmählig an ihren Stimmen, und es waren die Herren Wardle, Pickwick, Nathaniel Winkle und Benjamin Allen. »Welch ein Glück, daß ich Geiſtesgegenwart genug hatte, ihnen aus dem Wege zu gehen,« ſprach Herr Snodgraß lächelnd bei ſich ſelbſt, und näherte ſich auf den Zehen einer Thür neben dem Bette.»Hier gehts auf den Gang hinaus, und ich kann mich in aller Stille davonſchleichen.« Es fand ſich jedoch ein unerwartetes Hinderniß, daß dieſen Plan vereitelte— die Thür war verſchloſſen und der Schlüſſel ausgezogen. „Kellner, bringen Sie uns heute den beſten Wein, 140 Die Pickwicker. den Sie im Hauſe haben,« ſagte der alte Wardle ſich vergnügt die Hände reibend. »Sehr wohl, Sir,« erwiederte der Kellner. »Laſſen Sie den Damen ſagen, daß wir zurück⸗ gekehrt ſind.« „»Ja, Sir.« Herr Snodgraß, der jedes Wort hörte, wünſchte dringend und inbrünſtig, die Damen möchten auch er⸗ fahren, wie er zurückgekehrt ſei. Er wagte es ein ein⸗ ziges Mal, durch das Schlüſſelloch»Kellner!« zu rufen, aber er erinnerte ſich, daß ein anderer Herr ganz vor Kurzem in ähnlicher Lage in einem nahe gelegenen Gaſt⸗ hauſe entdeckt worden ſei(ein Unglücksfall, von welchem er in der neueſten Morgenzeitung unter der Rubrik: „»Polizeiberichte« geleſen hatte); er ſetzte ſich daher zit⸗ ternd vor Angſt auf einen Mantelſack nieder. „»Wir wollen auf Perker nicht warten,« ſagte Wardle, nach der Uhr ſehend, er iſt in allen Dingen pünktlich. Gedenkt er zu kommen, ſo wird er ſich zu rechter Zeit einfinden, und iſt es nicht der Fall, oder hat er Abhaltung, ſo nützt das Warten doch zu nichts. Ah, Arabella.« „»O, meine theure Schweſter,« rief Benjamin Allen aus, und umarmte ſie ſo theatraliſch als nur immer möglich. „»O Ben, wie riechſt Du wieder nach Taback!« ſagte Arabella. »Wirklich?« entgegnete Ben.»Es mag wohl ſein.« Es war allerdings ſehr möglich, da er erſt vor Kurzem eine kleine angenehme Rauchgeſellſchaft von zwölf Jüngern der Wundarzneikunſt in einem Hinterſtübchen vor einem großen Kaminfeuer verlaſſen hatte. Die Pickwicker. 141. »Aber ich freue mich ſo ſehr, Dich wieder zu ſehen,« ſagte Ben. »So, jetzt iſts gut,« erwiederte Arabella, ihrem Bruder einen haſtigen Kuß gebend;»laß mich aber nun los, denn Du erdrückſt mich faſt.« »Und ſoll ich ſo ganz leer ausgehen?« ſagte Wardle mit ausgebreiteten Armen. »Ich habe Ihnen vielmehr viel zu ſagen,« flüſterte Arabella, die herzlichen Begrüßungen des alten Herrn erwiedernd;»Sie ſind ein hartherziges, gefühlloſes, grau⸗ ſames Ungeheuer!« »Und Sie ſind eine kleine widerſpenſtige Rebellin,⸗ flüſterte Wardle zurück,»und ich beſorge ſehr, daß ich mich genöthigt ſehen werde, Ihnen das Haus zu ver⸗ bieten. Leute wie Ihr, die ſich der ganzen Welt zum Trotz verheirathen, ſollte man in der civiliſirten Geſell⸗ ſchaft nicht dulden. Doch kommen Sie,« fügte der alte Herr laut hinzu,»es iſt aufgetragen— Sie ſollen neben mir ſitzen. Joe!— potztauſend, was iſt das— der Burſche ſchläft ja nicht— wahrhaftig; die Augen ſtehen ihm weit offen!«. Der korpulente Jüngling war in der That zur gro⸗ ßen Verwunderung ſeines Herrn ganz ungewöhnlich mun⸗ ter und lebendig, und ſein ganzes Weſen wie verwandelt, ſo oft ſeine Blicke denen Emiliens oder Arabellens begeg⸗ neten, greinte und ſchmunzelte er, und einmal hätte Wardle darauf ſchwören mögen, daß er ihn den Damen zublinzeln geſehen hätte.. Die Urſache ſeines ſo gänzlich veränderten Beneh⸗ mens lag darin, daß er ſeine Wichtigkeit empfand, und ſich der Würde bewußt war, die er als Vertrauter der jungen Dame beſaß, und ſein fortwährendes Greinen, Schmunzeln und Augenblinzeln waren eben ſo viele herab⸗ 142² Die Pickwicker. laſſende Zuſicherungen, daß ſie auf ſeine Treue und Ver⸗ ſchwiegenheit feſt rechnen könnten. Da jedoch dieſe Zei⸗ chen mehr Verdacht erregen als entfernen konnten, und überdem etwas unangenehm zu erwiedern waren, ſo wurde er durch mehrmaliges Stirnrunzeln und Kopfſchütteln von Seiten Arabella's zurechtgewieſen; doch Joe ſah darin lediglich Andeutungen, auf ſeiner Hut zu ſein, und greinte, ſchmunzelte und blinzelte mit verdoppeltem Eifer, um ihr dadurch zu verſtehen zu geben, daß er ſie vollkommen ver⸗ ſtanden habe. »Joe,« ſagte Wardle, nachdem er alle ſeine Taſchen durchſucht hatte, liegt meine Schnupftabacksdoſe etwa auf dem Sopha 2« „Nein, Sir,« erwiederte der korpulente Jüngling. »Ah, ich erinnere mich jetzt; ich ließ ſie heute Mor⸗ gen auf meinem Waſchtiſch liegen,« ſagte Wardle,»geh' in mein Schlafzimmer und hoſe ſie.« Joe ging, blieb faſt zwei Minuten aus, und kehrte darauf mit der Doſe, aber zugleich mit einem ſo bleichen Geſicht zurück, als man es noch nie an ihm bemerkt hatte. 1 »Was fehlt Dir, Joe?« rief ihm Wardle entgegen. »Nichts,« erwiederte Ive verlegen,»gar nichts.« „»Haſt Du einen Geiſt geſehen?« fragte der alte Herr. »Oder Dich aus der Flaſche begeiſtert?« fragte Ben Allen. »Ich glaube, Sie haben recht,« flüſterte Wardle üͤber den Tiſch hinüber.»Ich bin überzeugt, daß er betrun⸗ ken iſt.« Ben pflichete dem alten Herrn bei, was den Letz⸗ tern in ſeiner Meinung um ſo mehr beſtärkte, da er wußte, daß Ben in Beziehung auf die Kenntniß der frag⸗ lichen Krankheit ſich ungemein viele Erfahrungen geſam⸗ Die Pickwicker. 143 melt hatte. Uebrigens war es Wardle ſchon ſeit einer halben Stunde ſo vorgekommen, als müſſe etwas Beſon⸗ deres mit dem feiſten Burſchen vorgefallen ſein, und er zweifelte jetzt nicht mehr, daß er zu tief in die Flaſche geſehen habe. »Wir wollen ihn ein paar Minuten im Auge behal⸗ ten,« flüſterte Wardle Ben zu.»Es wird ſich bald zei⸗ gen, ob er wirklich etwas im Kopfe hat, oder nicht.« Der unglückliche Jüngling hatte nur ein Dutzend Worte mit Herrn Snodgraß gewechſelt, welcher ihn be⸗ ſchworen, ſeine Erlöſung zu bewirken, worauf er ihn mit der Doſe hinausgeſtoßen, damit ſein längeres Ausbleiben nicht zur Entdeckung führen möchte. Joe zerbrach ſich ein Weilchen mit verſtörten Mienen den ganz wüſt und wirr gewordenen Kopf, und ging ſodann hinaus, um Mary aufzuſuchen. Mary hatte ſich aber zum Unglück entfernt, nachdem ſie Emilien bei der Toilette behülflich geweſen war, und der feiſte Burſche kehrte noch verſtör⸗ ter als zuvor in das Speiſezimmer zurück. Wardle und Ben Allen ſahen einander bedeutſam an. „Joe!« rief Wardle. „»Ja, Sir.« »Weßhalb gingſt Du hinaus 2« Deer korpulente Jüngling ſtarrte alle am Tiſch Sitzende der Reihe nach verzweiflungsvoll an, und ſtotterte: er wiſſe es nicht. »Hm,“« ſagte Wardle,»das iſt doch wunderlich; reiche Herrn Pickwick dieſen Käſe.« Herr Pickwick war, ſeit man ſich zu Tiſche geſetzt, fortwährend in der munterſten Laune geweſen, hatte ſich ſehr liebenswürdig gemacht, und unterhielt ſich in dieſem Augenblick eifrig mit Emilien und Herrn Winkle, indem er im Drange des Geſprächs den Kopf höflich neigte, 144 Die Pickwicker. ſeine Bemerkungen durch graziöſe Bewegungen mit der linken Hand unterſtützte, wobei ſeine Züge durch das heiterſte Lächeln verklärt wurden. Er nahm ein Stück Käſe vom Teller, und ſtand im Begriff, ſich wieder umzu⸗ wenden und das Geſpräch fortzuſetzen, als ſich der kor⸗ pulente Jüngling zu ihm hinab beugte, ſo daß ſein Kopf mit jenem des Herr Pickwick in gleicher Höhe war, mit dem Daumen über die Schulter wies, und dabei das grauſenhafteſte und ſchrecklichſte Geſicht machte. »Mein Himmel,« ſagte Herr Pickwick erſchreckend, vwas für— wie?« Er hielt plötzlich inne, da der feiſte Burſche ſich wieder emporgerichtet hatte, und entweder wirklich ſchlief, oder ſich ſtellte, als ob er ſchliefe. »Was giebt's denn da?« fragte Wardle. »Ihr Joe iſt ein äußerſt wunderlicher Burſche,⸗ erwiederte Herr Pickwick, den pausbackigen Jüngling mit einiger Unruhe anblickend.»Man ſagt dergleichen nicht gern, aber ich fürchte, daß es bisweilen nicht ganz richtig mit ihm iſt.« „O bitte, lieber Herr Pickwick, ſprechen Sie nicht ſo,« riefen Emilie und Arabella wie aus einem Munde. „Ich kann es natürlich nicht mit Beſtimmtheit be⸗ haupten,« fuhr Herr Pickwick fort, vaber was ich eben von ihm ſah, war wirklich Beſorgniß erregend. Oweh!« rief er plötzlich emporſpringend aus.»Ich bitte um Ent⸗ ſchuldigung, meine Damen, aber er hat mich in dieſem Augenblick mit einem ſpitzen Inſtrument in das Bein geſtochen. Wahrhaftig, man muß ſich vor ihm in Acht nehmen— er iſt toll.« „»Nein, er iſt betrunken,« rief der alte Wardle zornig. »Klingeln Sie gefälligſt nach dem Kellner; er iſt betrunken.« „Nein, das bin ich nicht,« jammerte Joe, und fiel — Die Pickwicker. 145 vor ſeinem Herrn auf die Knie, als ihn dieſer beim Kra⸗ gen faßte;»ich bin gewiß nicht betrunken.« »Dann biſt Du toll, und das iſt noch ſchlimmer. Rufe den Kellner.« »Nein, ich bin nicht toll, ich bin ganz vernünftig,« ſagte Joe, und fing an bitterlich zu weinen. „»Was zum Teufel haſt Du denn aber Herrn Pick⸗ wick mit ſcharfen Inſtrumenten in das Bein zu ſtechen?« fragte Wardle zornig. »Er wollte mich nicht anſehen, und ich wollte ihm etwas ſagen.« »Was wollteſt Du ihm denn ſagen?« fragten ein halbes Dutzend Stimmen zugleich. Er ſtöhnte, blickte nach der Schlafzimmerthür, ſtöhnte abermals, und wiſchte ſich mit den Knöcheln ſeiner Zeige⸗ finger zwei große Thränen aus den Augen. »Was wollteſt Du ihm denn ſagen?« wiederholte Wardle, ihn ſchüttelnd. »Ich bitte, erlauben Sie,« fiel Herr Pickwick ein. »Mein guter Joe, was wollteſt Du mir ſagen?« »Ich will es Ihnen leiſe zuflüſtern,« erwiederte Joe. „»Das heißt, Du willſt ihm das Ohr abbeißen,« ſagte Wardle.»Laſſen Sie ſich ihn nicht zu nahe kom⸗ men— der Kellner ſoll ihn hinunter bringen. Ich bitte, klingeln Sie!« 1 Herr Winkle faßte an die Klingelſchnur, ließe ſie jedoch ſchnell wieder fahren, denn zum allgemeinen Er⸗ ſtaunen trat in demſelben Augenblick der gefangene Lieb⸗ haber mit vor Verlegenheit und Verwirrung glühendem Geſicht aus Wardle's Schlafzimmer, und verbeugte ſich vor der Geſellſchaft. »Was iſt das?« rief Wardle, Joe loslaſſend, und zurückfahrend.—»Was hat das zu bedeuten?« Die Pickwicker. VI. 10 Die Pickwicker. »Ich hatte mich ſeit Ihrer Rückkehr in dem anſto⸗ ßenden Zimmer verborgen, Sir,« ſagte Herr Snodgraß. »Emilie,« ſagte Wardle in vorwurfsvollem Ton, vich verabſcheue Betrug und Täuſchungen aller Art; dies iſt im höchſten Grade unſchicklich und ſchlechter⸗ dings nicht zu entſchuldigen. Ich habe es in der That nicht um Dich verdient, Emilie.« „»Theurer Vater,« rief Emilie,»Arabella weiß es — Joe weiß es, daß mir von ſeiner Anweſenheit im Nebenzimmer durchaus nichts bekannt war. Auguſt, um des Himmelswillen, erklären Sie, wie es zuging.« Herr Snodgraß, der nur darauf gewartet hatte, zum Worte gelangen zu können, berichtete ſofort, wie er in ſeine unſelige Lage gerathen ſei, erklärte, nur die Beſorg⸗ niß, Familienzwiſtigkeiten zu veranlaſſen, habe ihn ver⸗ mocht, Herrn Wardle bei deſſen Ankunft aus dem Wege 2 zu gehen; es ſei ſeine Abſicht geweſen, ſich durch eine andere Thür zu entfernen, aber da er ſie verſchloſſen* gefunden, habe er wider ſeinen Willen bleiben müſſen.. Seine Lage ſei allerdings peinlich geweſen, ſie ſei ihm aber jetzt weniger ſchmerzlich, da ſie ihm eine Gelegen⸗ heit gewähre, vor den gemeinſchaftlichen Freunden das Bekenntniß abzulegen, daß er Herrn Wardle's verehrungs⸗ würdige Tochter aufrichtig und innig liebe, daß er ſtolz ſei, ſagen zu können, die Neigung ſei gegenſeitig, und wenn viele tauſend Meilen ihn von der Geliebten trenn⸗ ten, wenn das Weltmeer zwiſchen ihr und ihm ſeine Wogen rolle, nie, auch nur einen Augenblick, könne er die ſeligen Tage vergeſſen, in denen er zuerſt— et cetera, et cetera. Nachdem er alſo ſeine Gefühle ausgeſprochen, ver⸗ beugte er ſich abermals, ſchaute in ſeinen Hut hinein, und ging nach der Thür zu. — Die Pickwicker. 147 »Halt!« rief Wardle.»Im Namen von Allem, was—«. »Entzündbar iſt,« ergaͤnzte Herr Pickwick, denn er erwartete, das etwas weit Schlimmeres kommen würde. »Gut— was entzündbar iſt,« fuhr Wardle fort, „warum haben Sie mir denn das aber nicht längſt geſagt?« »Oder warum vertrauten Sie ſich mir nicht an?« fügte Herr Pickwick hinzu. »Du lieber Himmel,« nahm Arabella das Wort, »wozu jetzt noch alle dieſe Fragen, beſonders da Sie ja wiſſen, daß Sie Ihren hochmüthigen Sinn auf einen reichern Schwiegerſohn geſetzt hatten, und überhaupt ſo ungeberdig und wild ſind, daß ſich alle, außer ich, vor Ihnen fürchten. Reichen Sie ihm die Hand zum Frie⸗ den, und laſſen Sie ihm etwas zu eſſen bringen, denn er ſieht wie halb verhungert aus, und bitte, laſſen Sie auch nur gleich Ihren Wein kommen, denn es wird nicht eher mit Ihnen umzugehen ſein, als bis Sie wenigſtens Ihre zwei Flaſchen geleert haben.« Der würdige alte Herr kniff Arabella in das Ohr, küßte Sie ohne alle Umſtände, küßte ſeine Tochter gleich⸗ falls mit großer Zärtlichkeit, und ſchüttelte Herrn Snod⸗ graß herzlich die Hand. 4 »In einem Punkte hat Sie jedenfalls recht,« ſagte er vergnügt.»Joe, laß den Wein bringen.« Der Wein und Perker erſchienen zugleich.— Herr Snodgraß ſetzte ſich, nachdem er flüchtig an einem Seiten⸗ tiſch geſpeiſ't hatte, ohne die mindeſte Einwendung von Seiten des alten Herrn, neben Emilie. Der Abend wurde höchſt angenehm zugebracht; der kleine Perker zeigte ſich als vortrefflichen Geſellſchafter, erzählte luſtige Geſchichten, und ſang ein ernſthaftes 10* 148 Lied, das faſt noch unterhaltender war, als ſeine komiſchen Anekdoten. Arabella war höchſt bezaubernd; Wardle höchſt jovial; Herr Pickwick höchſt aufgeräumt; Ben Allen höchſt fidel; und Herr Winkle höchſt geſprächig; die Liebenden waren ſtumm; Alle ſelig. Die Pickwicker. Sechsundfunfzigſtes Kapitel. Herr Salamon Pell ordnet mit Hülfe eines auserwählten Kutſcher⸗ Komites die Angelegenheiten des Herrn Weller Senior. „Sammy,“ ſagte Herr Weller der Aeltere am Mor⸗ gen nach dem Begräbniß zu ſeinem Sohn,»ich hab's gefunden, wo ich dachte.« »Was haſt Du gefunden?« fragte Sam. »Das Teſtament Deiner Mutter, Sammy, in Be⸗ treff deſſen die Sache mit den Fonds, wie ich Dir neu⸗ lich Abends ſagte, zu bewerkſtelligen iſt.« »Hat ſie Dir denn nicht geſagt, wo ſie das Teſta⸗ ment hingelegt hätte?« fragte Sam. »Nein, Sammy.— Wir ſöhnten uns aus, und ich ſprach ihr Muth und Troſt ein, und darüber vergaß ich ganz, darnach zu fragen, und hätte ich auch daran gedacht, ſo weiß ich doch nicht, ob's geſchehen wäre, denn es iſt ein kurioſes Ding, Sammy, nach anderer Leute Geld und Gut zu ſchnüffeln und zu ſpüren, wenn ſie auf dem Krankenbett liegen. Es iſt gerade eben ſo, als wenn man einem von der Kutſche gefallenen Außenpaſſa⸗ gier wieder hinaufhilft, und mit der Hand in die Taſche fährt, und ihn freundlich fragt, wie er ſich befindet.«⸗ — Die Pickwicker. 149 Mit dieſer Erläuterung ſeiner Anſichten nahm Wel⸗ ler Senior ſeine Brieftaſche hervor, und zog aus derſelben einen ſchmutzigen Bogen Papier, auf welchem mehrere verwirrte und unleſerliche Schriftzüge zu ſchauen waren. „»Dieſes iſt das Teſtament, Sammy,« fuhr er fort. „Ich fand es in dem kleinen ſchwarzen Theetopf, da oben auf dem Eckſchrank.— Sie pflegte ihre Banknoten darin aufzubewahren, ehe ich ſie heirathete, Sammy. Ich habe ſie oft meine Rechnung aus dem Theetopf be⸗ zahlen ſehen.— Gott habe ſie ſelig, ſie hätte alle Thee⸗ töpfe im Hauſe mit Teſtamenten vollſtopfen können, ohne ſich darum etwas zu verſagen; denn ſie trank in der letzten Zeit faſt gar keinen Thee mehr, ausgenommen an den Mäßigkeits⸗Abenden, wo ſie mit dem Thee nur ein Fundament für die kräftigern Getränke legte.« »Was beſagt denn das Teſtament?« fragte Sam. »Es lautet juſt ſo, wie ich Dir ſchon geſagt habe, mein Junge. Zweihundert Pfund ſollen in den Fonds für meinen Stiefſohn Samiel angelegt werden, und mein ganzer ſonſtiger Beſitz und Eigenthum aller Art fällt meinem Ehegatten, Tony Weller, zu, den ich zu meinem einzigen Teſtamentsvollſtrecker ernenne.« »Und das iſt Alles?« fragte Sam. „»Alles,« erwiederte Weller Senior,»und da es Dir und mir recht ſein kann, und wir Beiden die einzi⸗ gen Betheiligten ſind, ſo denke ich, wir werfen den Wiſch ins Feuer.« »Was fällt Dir ein, Du alter Dickkopf?« rief Sam, und riß ſeinem Vater, der bereits in aller Unſchuld das Feuer anſchürte, das Papier aus der Hand.»Du biſt mir ein ſchöner Teſtamentsvollſtrecker.⸗ »Weßhalb ſoll ich's denn nicht thun?« fragte der 150 Die Pickwicker. Alte, ſich ernſt umblickend, und noch immer das Schür⸗ eiſen in der Hand haltend. „Weßhalb nicht?« entgegnete Sam.»Das Teſta⸗ ment muß ja bewieſen und beſchworen werden, und was dergleichen Förmlichkeiten mehr ſind.« »Iſt dieſes Dein Ernſt?« fragte Weller Senior, das Schüreiſen aus der Hand legend. Sam ſteckte zum Zeichen, daß es ſein vollkommenſter Ernſt ſei, das Papier ſorgfältig in die Bruſttaſche. »Dann will ich Dir was ſagen,« hub der alte Herr nach kurzer Ueberlegung an,»dieſes iſt ein Fall für den vertrauten Freund des Lord⸗Kanzlers.— Pell iſt der Mann, Sammy, um eine ſchwierige Rechtsſache durch⸗ zuführen. Er muß den Fall vor den Inſolvenzgerichtshof bringen, Sammy.« »Ich habe doch nie ſo einen alten hartnäckigen Dick⸗ kopf geſehen, wie Du biſt,« unterbrach ihn Sam.»Du denkſt an nichts, als an Inſolvenzgerichte und Alibis und dergleichen Schnickſchnacke. Ziehe lieber Deinen Staatsrock an, und komm gleich mit nach der Stadt, damit wir die Sache betreiben. Das iſt geſcheiter, als mir etwas über Dinge vorzuſalbadern, von denen Du nichts verſtehſt.« »Gut, Sammy, gut,« ſagte ſein Vater.»Ich bin zu Allem bereit, wodurch Geſchäfte beſchleunigt werden können, Sammy. Nur aber keinen Andern zum Advo katen, wie Pell— bei Leibe keinen Andern zum Advo⸗ katen, wie Pell.« »Ich habe nichts dagegen,« erwiederte Sam.»Nun, biſt Du bald fertig, Alter 2« »Wart' noch ein Bischen, Sammy⸗ erwiederte Weller Senior, der, nachdem er ſeinen Shawl mit Hülfe eines kleinen über dem Fenſter hängenden Spiegels um⸗ —— — — —— Die Pickwicker. 151 gebunden, ſich jetzt mit den wunderlichſten Anſtrengungen bemühte, ſeine Oberkleider anzuziehen.»Wart' noch ein Biſſel, Sammy, wenn Du erſt ſo alt, wie Dein Vater biſt, ſo wird es Dir auch nicht mehr ſo ganz leicht werden, Deine Weſte anzuziehen.« „»Könnte ich nicht leichter hineinkommen, wie ſo, würde ich lieber gar keine anziehen,« erwiederte Sam. »Das denkſt Du Dir jetzt,« ſagte Weller Senior mit der Würde des Alters;»Du wirſt aber auch dereinſt finden, daß, wenn Du weiter wirſt, Du auch weiſer wirſt. Wohlbeleibtheit und Weisheit wachſen immer zuſammen, Sammy.« Als Weller Senior dieſe unverwerfliche Marime— das Reſultat vieljähriger perſönlicher Erfahrungen und Beobachtungen— mitgetheilt hatte, gelang es ihm durch eine geſchickte Wendung ſeines Körpers in den zweiten Rockärmel zu fahren, und nachdem er ſich etwas aus⸗ geruht hatte, um Athem zu ſchöpfen, bürſtete er ſeinen Hut mit dem Elbogen ab, und erklärte, er ſei jetzt bereit. »Da vier Köpfe beſſer ſind, als zwei, Sammy,« ſagte er, als ſie in dem Chaiſekarren ſich auf dem Wege nach London befanden,»und da Deiner Mutter Nachlaß eine ſehr große Verſuchung für einen Advokaten iſt, ſo wollen wir ein Paar von meinen Freunden mitnehmen, die ihm ſchon auf den Dienſt paſſen werden, wenn er verſuchen ſollte, uns ein X für ein U zu machen. Du kennſt die Freunde, die ich meine, ſchon von der Beglei⸗ tung nach dem Fleet her. Sie ſind,« fügte er halb flüſternd hinzu,»ſte ſind die beſten Pferdekenner, die es nur geben kann.⸗ „»Und auch die beſten Advokatenkenner?« fragte Sam. „»Wer ein richtiges Urtheil über ein Pferd fällen Die Pickwicker. kann, vermag über Alles richtig zu urtheilen,« verſetzte ſein Vater in ſo beſtimmtem Ton, daß Sam nicht zu widerſprechen wagte. Die drei Kutſcher, deren Beiſtand der alte Herr in Anſpruch nahm, waren bald aufgefunden. Herr Weller Senior hatte ihnen wahrſcheinlich den Vorzug wegen ihrer beträchtlichen Beleibtheit und folglich auch Weis⸗ heit gegeben. Die Geſellſchaft wanderte ſofort nach dem Gaſthauſe in der Portugalsſtraße, von wo ein Bote nach dem Inſolvenzgerichtshof hinübergeſchickt ward, um Herrn Pell zu erſuchen, er möge die Güte haben, ſich ſofort zu ihnen zu bemühen. Der Bote fand glücklicherweiſe Herrn Salomon Pell, der ſich, da die Geſchäfte eben flau gingen, mit einer kalten und ſehr zeinfachen Kollation ſtärkte, und ſich beeilte, den Rufe ohne Säumen Folge zu leiſten. »Gentlemen,« ſagte er beim Eintritt in die Ver⸗ ſammlung,»ich grüße Sie mit Hochachtung. Ich ſage es nicht, um Ihnen zu ſchmeicheln, Gentlemen, aber es giebt nicht noch fünf andere Männer in der Welt, um derentwillen ich heute meine Geſchäfte im Gerichtshof verlaſſen haben würde.« »Giebt es denn ſo viel zu thun?« fragte Sam. „»Alle Hände voll,« erwiederte Pell.»Ich bin voll⸗ kommen abgehetzt, wie mein Freund, der verſtorbene Lord⸗ Kanzler ſo oft zu mir ſagte, wenn er aus dem Ober⸗ hauſe kam. Der arme Mann, er hatte eine ſchwächliche Geſundheit, und ich fürchtete mehr als einmal, er würde unter der Laſt ſeiner Geſchäfte erliegen.« Herr Pell hielt mit trauriger Miene inne, worauf Weller Senior, ſeinem Nachbar zuwinkend, als wolle er ihn auf die bedeutenden Verbindungen ihres Rechtsbei⸗ ſtands aufmerkſam machen, fragte, ob die Laſt dieſer ( ( — — — -— Die Pickwicker. 153 Geſchäfte dauernde nachtheilige Folgen für die Geſund⸗ heit ſeines edlen Freundes gehabt habe. „»Gewiß, ſie ſind ſein Tod geweſen,« erwiederte Pell.»Wenn er ſehr angegriffen war, pflegte er zu mir zu ſagen: Pell, wie zum Geier fangen Sie es nur an— mir iſts ein Räthſel, wie Sie ſo viel Kopfarbeit aushalten können.-— Ich begreif's ſelber kaum,“ ant⸗ wortete ich, und er pflegte mich dann mit einer Art freundſchaftlichem Neide anzuſehen, und ſeufzend zu ſa⸗ gen: Pell, Sie ſind einzig in Ihrer Art.“ Ah, Sie würden ihm ſehr zugethan geweſen ſein, Gentlemen, wenn Sie ihn gekannt hätten.— Bring mir doch einen kleinen Rum, Schatz.« 3 Dieſe kleine Beſtellung richtete er in dem Ton unterdrückten Schmerzes an das Schenkmädchen, ſeußzte, blickte auf ſeine Schuhe, dann an die Decke, und da der Rum miktlerweile gekommen war, trank er ihn aus. Er rückte jetzt einen Stuhl an den Tiſch, und fuhr, nachdem er ſich geſetzt hatte, fort: »Doch ein Geſchäftsmann darf nicht an Privat⸗ Freundſchaften denken, wenn ſein Beiſtand in Rechts⸗ ſachen verlangt wird. Beiläufig, meine Herren, ſeit ich zum letzten Male das Glück hatte, Sie hier zu ſehen, haben wir ein ſehr trauriges Ereigniß zu beweinen gehabt.« Herr Pell zog ſein Taſchentuch hervor, als er das Wort»beweinen« ausſprach, doch er machte keinen an⸗ dern Gebrauch davon, als den Rum von ſeiner Oberlippe abzuwiſchen. »Ich hab's im Anzeiger geleſen, Herr Weller,« fuhr er fort.»Barmherziger Himmel, im zweiundfunfzigſten Jahre! Ich habe ſagen hören, Herr Weller, ſie ſei eine ſehr ſchöne Frau geweſen,« 154 Die Pickwicker. „O ja, Sir,« erwiederte Weller Senior, dem dieſe Art und Weiſe, über den Gegenſtand zu ſprechen, nicht ſonderlich zuſagte, der aber doch glaubte, Herr Pell müſſe in Folge ſeiner langen vertrauten Bekanntſchaft mit dem verſtorbenen Lord⸗Kanzler am beſten wiſſen, was ſich ſchicke oder nicht. »Sie war eine ſehr ſchöne Frau, Sir, als ich ſie zuerſt kennen lernte. Sie war damals eine Wittib, Sir.« »Nun, das iſt kurios,« ſagte Pell, mit einem ſauer⸗ ſüßen Lächeln umherblickend.»Meine Frau war auch eine Wittwe. Es iſt ein merkwürdiges Zuſammentreffen.« »Das finde ich nicht,« bemerkte etwas mürriſch der ältere Herr Weller.»Es verheirathen ſich mehr Witt⸗ wen, als ledige Frauenzimmer.⸗ »Ja, ja,« ſagte Pell,»Sie haben recht, Herr Weller. Miſtreß Pell war eine ſehr gebildete und lie⸗ benswürdige Frau; ſie wurde von Allen, die ſie kannten, bewundert. Ich war ſtolz darauf, ſie tanzen zu ſehen; es lag ſo viel Feſtigkeit und Würde, und doch dabei ſo viel Natürliches in ihren Bewegungen. Entſchuldigen Sie meine Frage, Herr Samuel,« fuhr er in leiſerem Tone fort,»war ihre Stiefmutter ſchlank?2« »Nicht ſehr,« erwiederte Sam. »Miſtreß Pell war ſehr ſchlank gewachſen,« ſagte Pell,»eine bezaubernde Frau mit edlen Zügen und einer Naſe, Gentlemen, ſo gebieteriſch und majeſtätiſch, als Sie nur ſehen können. Sie hatte ſehr hohe Verbindungen, ihrer Mutter Bruder war Richter am Inſolvenzhof.« Weller Senior ſchien jetzt etwas ungeduldig zu werden, und ſagte:»Jetzt laſſen Sie uns aber in's Ge⸗ ſchäft gehen, Sir.« Dieſes Wort war Muſik für Pell's Ohren, denn er war noch im Zweifel geweſen, ob er nicht vielleicht — Die Pickwicker. 155 nur zu einem freundſchaftlichen Trunk eingeladen werden ſollte. Seine Augen funkelten, indem er ſagte:»Wel⸗ ches iſt das Geſchäft, von dem Sie ſprechen? Hat etwa einer von den Herren mit dem Inſolvenzgerichtshof zu thun2«.. „»Gieb mir das Dokument, Sammy,« ſagte Weller Senior, und empfing das Teſtament von ſeinem Sohn, der ſich in dieſer Geſellſchaft ungemein zu unterhalten ſchien. »Ah, ich ſehe ſchon,« ſagte Pell, nachdem er einen Blick in das Papier geworfen.»Sie ſind Teſtaments⸗ vollſtrecker.« 4 „»Ja, Sir,« erwiederte Weller Senior. »Dieſe anderen Herren werden Legatäre ſein?2« fragte Pell mit glückwünſchendem Lächeln. »Sammy iſt zum Legatär ernannt,« erwiederte Herr Weller;»dieſe andern Gentlemen ſind Freunde von mir— ich habe ſie mitgebracht, damit ſie nach dem Rechten ſehen— eine Art von Schiedsrichtern.« „O, ich habe nichts dagegen,« ſagte Pell,»aber vor allen Dingen muß ich um fünf Pfund Vorſchuß bitten, ha! hal ha!« Da das Komite entſchied, daß die verlangten fünf Pfund gezahlt werden könnten, ſo entrichtete Weller Senior ſie ſofort, worauf eine lange Berathung über nichts Beſonderes ſtattfand, in deren Verlauf Herr Pell zur vollkommenen Zufriedenheit der Gentlemen, die nach dem Rechten zu ſehen hatten, darthat, daß die ganze Sache aus Gründen, welche nicht klar, aber ohne Zweifel genügend waren, unfehlbar ſchief gegangen ſein würde, wenn die Leitung derſelben nicht gerade ihm anvertraut worden wäre. Nachdem dieſer wichtige Punkt beſeitigt worden, erfriſchte ſich Pell auf gemeine Unkoſten noch 156 Die Pickwicker. mit Spirituoſis mehrerer Art, worauf ſich Alle nach Doktor⸗Commons begaben. Am nächſten Tage wurde Doktor⸗Commons wieder beſucht, und einer von den Zeugen machte den Gerichts⸗ perſonen viel zu ſchaffen, indem er, da er betrunken war, keine andere Eide als profane ſchwören wollte. In der folgenden Woche wurden noch mehrere Beſuche in Dok⸗ tor⸗Commons abgeſtattet, und Einleitungen für die Unterbringung des Legats getroffen, Inventarien aufge⸗ nommen, womit jedes Mal Frühſtücks⸗, Mittags⸗ oder Abendeſſen verknüpft waren, und eine Maſſe von Papie⸗ ren angehäuft, wodurch Herr Salomon Pell und ſein Auslaufjunge ſammt dem blauen Beutel ſo an Umfang zunahmen, daß ſie Niemand wieder erkannt haben würde, der dieſe drei Objekte einige Tage zuvor ſich in der Portugalſtraße umhertreiben geſehen hatte. Endlich waren alle dieſe gewichtigen Angelegenheiten ſo weit vorgerückt, daß ein Tag anberaumt wurde, um durch Vermittlung des Stockmäklers Wilkins Flasher Esg., der von Pell dazu empfohlen worden war, Sams Erbtheil in den Fonds anzulegen. Vater und Sohn, ſo wie auch die Obmanner, kleideten ſich bei einer ſo feſtlichen Veranlaſſung mit beſonderer Sorgfalt an, und ſteckten Georginen und Lorbeerzweige in die Knopflöcher. Es läßt ſich denken, daß ſie ſo viele Kleidungsſtücke als irgend möglich, über⸗ einander angelegt hatten, da dieß, ſo lange es Mieth⸗ kutſchen gegeben hat, gemäß der Miethkutſchervorſtellung von dem, was zur Großgalla gehört, unumgänglich nothwendig iſt. Herr Pell wartete zu der beſtimmten Zeit an dem gewöhnlichen Verſammlungsort, und ſelbſt er trug dieſes Mal ein paar Handſchuhe und reine Wäſche, 4 —— —O— Die Pickwicker. 157 Ein Viertel vor zwei Uhr,« ſagte er, nach der Stubenuhr ſehend.»Wenn wir ein Viertel nach zwei bei Herrn Flasher ſind, ſo kommen wir gerade zur gelegenſten Zeit.« „»Was meinen Sie zu einem Trunk Bier?« ſagte einer von den Kutſchern. „»Und zu etwas kaltem Beefſteak,« ſagte ein zweiter. »Oder zu einer Auſter,« fügte der Dritte mit hei⸗ ſerer Stimme hinzu, welches ein ſchwer beleibter Gentle⸗ man war, der auf zwei Elephantenbeinen ſtand. „»Hört! hört!« ſagte Pell,»ich ſtimme auch dafür, daß wir ein kleines Frühſtück einnehmen, um Herrn Weller Glück zu ſeinem Erbſchaftsantritt zu wünſchen.⸗ »Ich habe nichts dagegen, Gentlemen,« erwiederte Herr Weller.»Sammy, klingele doch einmal.« Der Porter, das kalte Beeſſteak und die Auſtern wurden ſchnell gebracht, und man ließ dem Frühſtuͤck vollkommen Gerechtigkeit widerfahren. Wo Jeder einen ſo thätigen Antheil nahm, da läßt ſich wohl kaum ein Vorzug einräumen, aber wenn überhaupt ein Einzelner ſich beſonders auszeichnete, ſo war es der Kutſcher mit der heiſern Stimme, der ein Viertel Quart Weineſſig zu ſeinen Auſtern konſumirte, ohne auch nur dabei eine Miene zu verziehen. 3 „Herr Pell,« nahm Weller Senior das Wort, während er ein Glas Branntwein und Waſſer miſchte, welches Getränk nach den Auſtern beſtellt worden war. »Herr Pell, es war meine Abſicht, die Fonds bei dieſer Gelegenheit hoch leben zu laſſen, aber Sam hat mir ins Ohr geflüſtert, es waͤre nicht anders, wie ſchicklich, daß ich mich bei Ihnen in einem Glaſe für Ihre gütigen Bemühungen bedankte. Alſo Herr Pell, Ihr Wohl⸗ ſein!⸗ 158 Die Pickwicker. »Halt,« rief jetzt der Kutſcher mit der heiſeren Stimme, die Augen auf mich gerichtet,»Gentlemen!« Mit dieſen Worten ſtand er auf, und die Anderen folgten ſeinem Beiſpiel. Er erhob langſam ſeine Hand, und Jeder(er ſelbſt mit eingeſchloſſen) holte tief Athem, und hob ſein Glas an die Lippen. Jetzt ließ er ſeine Hand wieder ſinken, und jedes Glas ward einen Augenblick darauf geleert wieder auf den Tiſch geſetzt. Es iſt un⸗ möglich, den großartigen Effekt dieſer Ceremonie zu ſchil⸗ dern; ſie war würdig, feierlich und eindringlich zugleich. »Gentlemen,« nahm Pell das Wort,»Alles, was ich ſagen kann, iſt, daß ſolche ſelbſtredende Beweiſe von unbedingtem Vertrauen einem Geſchäftsmann nur höchſt erfreulich ſein können. Ich möchte nicht gern etwas ſagen, das den Schein des Selbſtlobes hätte, muß jedoch bekennen, um Ihrer ſelbſtwillen herzlich froh zu ſein, daß Sie ſich an mich gewendet haben. Es iſt meine feſte Ueberzeugung, daß, wenn Sie ſich an einen Pfuſcher ge⸗ wendet hätten, er Sie längſt auf Holzwege geführt haben würde. Ich wünſchte, mein edler Freund, der verſtorbene Lord⸗Kanzler, wäre noch am Leben, um mir bezeugen zu können, daß ich mich in dieſem Fall benommen habe, wie es die Pflicht gebot. Ich ſage es nicht aus Eitelkeit, aber ich glaube— doch genug davon, meine Herren, ich will Sie nicht weiter damit behelligen. Ich bin gewöhn⸗ lich hier zu finden, Gentlemen, doch ſollte ich nicht hier oder drüben im Gerichtshof ſein, ſo iſt dies meine Adreſſe. Sie werden meine Bedingungen ſehr billig gefunden haben, und Niemand iſt thätiger für ſeine Klienten als ich; auch glaube ich, meinen Beruf gründlich zu verſtehen. Wenn Sie Gelegenheit nehmen wollen, Gentlemen, mich Ihren Freun⸗ den und Kollegen zu empfehlen, ſo werde ich Ihnen ſehr dankbar ſein, und Ihre Kollegen werden es auch nicht —— —— —, Die Pickwicker. 159 bereuen, wenn ſie mich näher kennen lernen. Gentlemen, Ihr Wohlſein!« Mit dieſem Ausdruck ſeiner Gefühle überreichte Herr Salomon Pell drei kleine Karten mit ſeiner Adreſſe, und ſagte, indem er nach der Uhr blickte, es möge jetzt wohl Zeit ſein, daß ſie wieder an das Geſchäft dächten. In Folge dieſer Andeutung berichtigte Weller Senior die Rechnung im Wirthshauſe, und der Teſtamentsvollſtrecker, der Legatär, Herr Pell, und die Obmänner begaben ſich auf den Weg nach der City. Das Büreau von Wilkins Flasher Esg. des Stock⸗ mäklers, befand ſich auf einem Hofe hinter der Bank von England; das Haus von Wilkins Flasher Esg. lag in Brirton, Surrey, der Stall und die Remiſe von Wilkins Flasher Esg. waren in der Nachbarſchaft; der Stallknecht von Wilkins Flasher Esg. war auf dem Wege nach dem Weſtende, um eine Beſtellung auszurich⸗ ten; der Schreiber von Wilkins Flasher Esq. war zum Mittageſſen gegangen, und Wilkins Flasher Esg. rief daher ſelbſt:»herein!« als Herr Pell und deſſen Begleiter an der Büreauthür anklopften. „»Guten Morgen, Sir,« ſagte Pell, ſich höflichſt verbeugend.»Wir haben ein kleines Geſchäft abzumachen, wenn es Ihnen beliebt.« »Bitte, nehmen Sie eine Minute Platz,« ſagte Herr Flasher.»Ich werde gleich zu Dienſten ſtehen.« „O bitte, Sir, es hat keine Eile,« ſagte Pell. Herr Weller, nehmen Sie einen Stuhl.« Herr Weller nahm einen Stuhl, und Sam ſetzte ſich auf einen Kaſten, und die Obmänner ſetzten ſich, wo ſie konnten, und blickten nach dem Kalender und einigen Papieren, die an die Wand geheftet waren, mit eben ſo Die Pickwicker. viel ſtaunender Ehrfurcht, als ſeien es die herrlichſten Kunſt⸗ leiſtungen geweſen. »Nun, ich wette ein halbes Dutzend Flaſchen Claret,« ſagte Wilkins Flasher Esg., die Unterhaltung fortſetzend, die durch das Eintreten des Herrn Pell und ſeiner Be⸗ gleiter auf einen Augenblick unterbrochen worden war. Jene Worte waren an einen ſehr eleganten jungen Herrn gerichtet, der den Hut auf ſeinem rechten Backen⸗ barte trug, und ſich die Zeit dadurch vertrieb, daß er mit einem Lineal Fliegen tödtete. Wilkinz Flasher Esg. wiegte ſich auf einem Schreibſtuhl, und war beſchäftigt, mit einem Federmeſſer nach auf dem Tiſch umherliegen⸗ den Oblaten zu ſtoßen, die er dann und wann mit großer Geſchicklichkeit gerade im Mittelpunkt aufſpießte. Beide Herren trugen ſehr weit offenſtehende Weſten mit ſehr weit zurückgeſchlagenen Kragen, ſehr kleine Stiefel und ſehr große Ringe, ſehr kleine Uhren und ſehr große Pet⸗ ſchafte daran, ſehr eng anliegende Beinkleider und ſehr ſtark duftende Taſchentücher. »Ich wette nie um ein halbes Dutzend,« erwiederte der elegante junge Herr.»Ein Dutzend.« »Top, Simmery, top,« ſagte Wilkins Flasher Esg. »Doch A, B?«α(augenblickliche Bezahlung) »Natürlich,« erwiederte Wilkins Flasher Esg. und Beide notirten die Wette in ihren kleinen eleganten Wett⸗ büchern mit in Gold eingefaßten Bleiſtiften. „Da fällt mir eben ein,« ſagte Simmery,»der arme Teufel, der Boffer, wird heute aus ſeinem Hauſe gejagt.⸗ »Ich wette zehn Guineen gegen fünf, daß er ſich die Kehle abſchneidet,« ſagte Wilkins Flasher Esg. „Es ſei,« erwiederte Herr Simmery. »Halt— einen Augenblick,« ſagte Wilkins Flasher Esg. überlegend.»Er erhängt ſich vielleicht.⸗ ——— —, v ᷣ 8osN—OA „ Die Pickwicker. 161 »Auch gut,« entgegnete Simmery, ſein Wettbuch. wieder hervorziehend.»Ich will auch ſo darauf eingehen. Sagen wir— macht ſeinem Leben ein Ende.⸗ „»Tödtet ſich, iſt hinlänglich.« „»Gut! Alſo zehn Guineen gegen fünf, Boffer tödtet ſich. Aber binnen welcher Zeit?« »Binnen vierzehn Tagen.« »Nein,« ſagte Simmery, einen Augenblick inne hal⸗ tend, um eine Fliege zu tödten— ſo lange darf's nicht ſein— nehmen wir eine Woche.⸗ »Halbiren wir den Unterſchied— zehn Tage.« »Auch gut, alſo zehn Tage,« ſagte Simmery, und Beide bemerkten in ihren Wettbüchern, daß Boffer ſich binnen zehn Tagen tödten müſſe, widrigenfalls Wilkins Flasher Esg. verpflichtet ſei, Frank Simmery Esg. die Summe von zehn Guineen auszuzahlen; tödte ſich da⸗ gegen Boffer innerhalb der erwähnten Friſt, ſo zahle Frank Simmery Esg. an Wilkins Flasher Esg. die Summe von fünf Guineen.« »Es thut mir doch leid, daß es ſchief mit ihm gegangen iſt,« ſagte Wilkins Flasher Esg.»Er gab kapitale Diners.⸗ »Und hatte trefflichen Portwein,« fügte Simmery hinzu.»Ich werde morgen meinen Kellermeiſter nach der Auktion ſchicken, um etwas von dem vierundſechziger zu erſtehen.« »Mein Bedienter geht auch hin,« ſagte Wilkins Flasher Esg.»Ich wette fünf Guineen, daß er Ihren Kellermeiſter überbietet.« »Angenommen!« ſagte Simmery; die Wette wurde gleichfalls eingetragen, und nachdem Simmery ſo viel Fliegen und Wetten erhaſcht hatte, als ihm für jetzt thun⸗ lich dünkte, ging er nach der Börſe, um zu ſehen,: was dort zu machen ſei. Die Pickwicker. VI. 11 Die Pickwicker. Wilkins Flasher Esg. ließ ſich nunmehr herab, Herrn Salomon Pell anzuhören, füllte einige gedruckte Anwei⸗ ſungen aus, und forderte die Gentlemen auf, ihn nach der Bank zu begleiten, wo Weller Senior und ſeine Kol⸗ legen Alles mit unbegrenztem Erſtaunen anſtarrten, Sam dagegen bei ſeiner unwüſtlichen Ruhe und Kaltblütigkeit verharrte. Sie gingen durch einen Hof, wo Alles ſehr lebendig und geräuſchvoll war, kamen bei einigen Portiers vor⸗ über, deren Stöcke noch röther waren, als die Feuer⸗ ſpritze, die in einem Winkel ſtand, und traten in ein Bü⸗ reau, wo ihr Geſchäft abgemacht werden ſollte. „»Was iſt dies für ein Ort?« wurde Weller Senior durch einen ſeiner Kollegen gefragt. „»Das Conſols⸗Büreau,« erwiederte der Teſtaments⸗ vollſtrecker flüſternd. „»Was ſind das für Herren, die da hinter den Tiſchen ſitzen2« fragte der heiſere Kutſcher. „»Das werden wohl die reduzirten Conſols ſein, nicht wahr Sammy?« entgegnete Weller Senior. »Du glaubſt doch wohl nicht, Alter, daß die redu⸗ zirten Conſols am Leben ſind?« erwiederte Sam ein we⸗ nig verächtlich. „Wie ſoll ich's wiſſen?« erwiederte Weller Senior. »Was ſind es denn für Herren?« »Schreiber,« verſetzte Sam. »Weßhalb mögen ſie denn alle geröſtete Butter⸗ ſchnitten eſſen?« ſagte ſein Vater. „»Das mag wohl in dem Geſchäft liegen; es gehört mit zum Syſtem; ſie müſſen den ganzen Tag etwas zu thun haben.“« Herr Weller und ſeine Freunde hatten kaum Zeit gehabt, über die wunderliche Einrichtung ihre Bemerkun⸗ Die Pickwicker. 163 gen zu wechſeln, als ſie durch Pell und Wilkins Flasher Esg. in einen Theil des Büreaus geführt wurden, über welchem eine runde ſchwarze Tafel mit einem großen W darauf hing. „»Wozu iſt das, Sir?« fragte Weller Senior Herrn Pell, nach der Tafel hinzeigend. „»Der Anfangsbuchſtabe des Namens der Erblaſſerin,« erwiederte Pell. „Das iſt nicht richtig,« ſagte Herr Weller, ſich zu den Obmännern wendend.»Wir ſchreiben uns mit einem V.« Die Obmänner gaben ſofort ihre Meinung beſtimmt dahin ab, das Geſchäft könne unter dem Buchſtaben W nicht geſetzlich abgemacht werden, und wahrſcheinlich würde es wenigſtens für einen Tag unterbrochen worden ſein, wenn Sam nicht den ſchnellen, aber freilich auf den erſten Anblick unkindlich erſcheinenden Beſchluß gefaßt und ſofort ausgeführt hätte, ſeinen Vater am Rockkragen zu nehmen, und ihn ſo lange feſtzuhalten, bis er einige Mal ſeinen Namen unterzeichnet hatte, was freilich einige Zeit erfor⸗ derte, da er ihn ſeiner Gewohnheit nach mit Druckbuch⸗ ſtaben zeichnen mußte. Da Weller Senior ſeinen Antheil ſofort verkaufen wollte, ſo gingen ſie von der Bank nach dem Thor der Börſe, aus welcher Wilkins Flasher Esg. nach kurzer Abweſenheit mit einem Wechſel von fünfhun⸗ dert dreißig Pfund auf Smith, Payne und Smith zurück⸗ kehrte. Sams zweihundert Pfund waren auf ſeinen Namen eingetragen, und nachdem Wilkins Flasher Esg. ſeine Gebühren erhalten, ſteckte er das Geld nachläſſig in ſeine Rocktaſche, und ſchlenderte nach ſeinem Büreau zurück. Weller Senior beſtand anfangs hartnäckig darauf, den Wechſel nur in Souverains bezahlt zu erhalten, als ihm aber die Obmänner vorſtellten, daß er ſich dann erſt einen kleinen Sack kaufen müſſe, um ſie darin nach Hauſe 11* thaben heute Nachmittag noch ein beſonderes Geſchäft Die Pickwicker. zu tragen, willigte er endlich ein, den Betrag in Fünf⸗ Pfundnoten anzunehmen. 1 »Mein Sohn und ich,« ſagte Weller Senior, als ſie aus dem Banquierhauſe traten,„mein Sohn und ich und es wäre mir lieb, wenn wir die Koſtenberechnung mit Herrn Pell gleich abmachten. Die Geſellſchaft begab ſich demgemäß in ein Wirths⸗ haus, wo die Berechnung vorgelegt und geprüft wurde. Die Obmänner verwarfen ein paar Anſätze, und machten Abzüge von ein paar anderen, aber trotz der wiederholten feierlichen Verſicherungen des Herrn Pell, daß ſie es wirklich zu genau mit ihm nähmen, war es unſtreitig das beſte Geſchäft, welches Pell je in ſeinem Beruf ge⸗ macht hatte, und er konnte mit dem Betrage ſeine Aus⸗ gaben wenigſtens für ein halbes Jahr beſtreiten. Nachdem noch ein Abſchiedstrunk eingenommen war, entfernten ſich die Obmänner, denn ſie mußten noch vor Abend aus der Stadt fahren. Auch Herr Pell empfahl ſich aufs Freundſchaftlichſte, da er merkte, daß es nichts mehr zu eſſen und zu trinken geben würde, und Sam und ſein Bater waren allein. »So hätten wir denn nun alſo,« ſagte Weller Se⸗ nior, ſein Taſchenbuch einſteckend,»ſo hätten wir denn eilfhundert Pfund aufs Trockene gebracht— wende jetzt wieder um, mein Junge, und fahre ab nach dem Georg und Geier.« 25 — /—· — 288—— —— Die Pickwicker. 165 Siebenundfunfzigſtes Kapitel. In welchem eine wichtige Berathung zwiſchen Herrn Pickwick und Sam Statt findet, welcher Weller Senior beiwohnt, und ein alter Herr in einem ſchnupftabackfarbenen Kleide unerwartet ankommt. Herr Pickwick ſaß allein, und ſann über Vieles nach, unter Andern auch, wie er am Beſten für das junge Paar ſorgen könne, deſſen ungewiſſe Zukunft ihm viele Sorgen machte, als Mary in das Zimmer trat, und ein wenig haſtig ſagte: 3 »Mit Erlaubniß, Sir, Sam iſt unten, und läßt fragen, ob ſein Vater Sie wohl ſprechen könne.« »Sehr gern,« erwiederte Herr Pickwick. »Werd es gleich beſtellen, Sir,« ſagte Mary nach der Thür zurücktrippelnd. »Iſt Sam ſchon lange wieder zurück?« fragte Herr Pickwick. „»O nein, Sir,« ſagte Mary mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit.»Er iſt eben erſt wiedergekommen, und ſagt, daß er Sie von jetzt an um keinen Urlaub mehr bitten würde. 3 Mary mochte ſich vielleicht bewußt ſein, dieſe Mit⸗ theilung mit mehr Eifer und Wärme gemacht zu haben, als eben nothwendig war, oder vielleicht bemerkte ſie auch Herrn Pickwicks gemüthliches Lächeln, womit er ſie anblickte; genug, ſie ſchlug die Augen verſchämt nieder, und betrachtete den Zipfel ihrer ſehr artigen kleinen Schürze viel aufmerkſamer, als unumgänglich erforderlich ſchien. Minnten oder ſo was für mich übrig?« 166 Die Pickwicker. »Sagen Sie nur, ſie möchten gleich heraufkommen.« Mary eilte, offenbar ſehr erfreut, mit dieſer Bot⸗ ſchaft hinaus. Herr Pickwick ging einige Mal im Zimmer auf und ab, rieb ſich das Kinn mit der linken Hand, und ſchien ganz in Gedanken vertieft zu ſein. »Ja ja,« ſagte er endlich in etwas traurigem Ton, es muß ſo ſein. Ich kann ihn nicht beſſer für ſeine Treue und Zuneigung belohnen; möge es denn ſo ſein in des Himmelsnamen! Es iſt nun einmal das Loos eines einſamen alten Mannes, daß Diejenigen, die ihn umgeben, neue Verbindungen anknüpfen, und ihn ver⸗ laſſen. Ich habe nicht das Recht, zu erwarten, daß es mit mir anders ſein ſollte. Nein nein,« fügte er mit größerer Heiterkeit hinzu, ves würde ſelbſtſüchtig und undankbar ſein. Ich muß mich freuen— und ich freue mich in der That— daß ſich eine Gelegenheit darbietet, ihn ſo gut zu verſorgen.« Herr Pickwick war in dieſe Gedanken ſo vertieft, daß ein Klopfen an der Thür drei bis vier Mal wieder⸗ holt wurde, ehe er es vernahm. Er ſetze ſich ſchnell, nahm ſeine gewöhnliche heitere Miene wieder an, und nachdem er»Herein!« gerufen, erſchien Sam mit ſeinem Vater. »Freut mich, daß Sie wieder hier ſind, Sam,« ſagte Herr Pickwick.»Wie befinden Sie ſich, Herr Weller?« »Danke, Sir; ſehr gut,« erwiederte der Witwer; „hoffe, Sir, daß Sie ſich auch wohl befinden.« »Ich danke Ihnen,« erwiederte Herr Pickwick; ves geht mir ganz gut.« »Ich habe einige Worte mit Ihnen zu ſprechen, Sir,« fuhr Weller Senior fort;»haben Sie wohl ein fünf + — Die Pickwicker. 167 „Gewiß, Herr Weller.— Sam, geben Sie ihrem Vater einen Stuhl.« „Danke, Sammy.— Ein ſehr ſchöner Tag heute, Sir!« begann der alte Herr, nachdem er ſeinen Hut abgelegt und ſich geſetzt hatte. „»O ja, recht ſchönes Wetter,« entgegnete Herr Pickwick. »Wir haben lange keinen ſo ſchönen Tag gehabt, Sir,« fügte Herr Weller hinzu.— Hierauf fing er heftig an zu huſten, und nickte und winkte dann ſeinem Sohne unter vielfachen drohenden und bittenden Geberden zu, welche Sam jedoch zu beachten durchaus nicht geneigt zu ſein ſchien. Da Herr Pickwick die Verlegenheit des Alten be⸗ merkte, ſo machte er ſich damit zu ſchaffen, die Blätter eines neben ihm liegenden Buchs aufzuſchneiden, und beſchloß, geduldig abzuwarten, bis Herr Weller ſein An⸗ liegen vorbringen würde. »Ich habe in meinem Leben keinen ſo hartnäckigen Burſchen geſehen, wie Du biſt, Sammy,« ſagte Weller Senior endlich, ſeinen Sohn unwillig anblickend. »Was giebt's denn, Herr Weller?« fragte Herr Pickwick. „Er will nicht anfangen, Sir, und weiß doch, daß ich meine Worte nicht ſetzen kann, wenn was Abſonder⸗ liches zu ſagen iſt. Da ſteht er und läßt mich hier ſitzen, und Ihnen Ihre koſtbare Zeit rauben, ſtatt mir nur mit einer Sylbe zu Hülfe zu kommen. Dieſes iſt kein kindliches Benehmen, Sammy,« ſagte der alte Herr, und wiſchte ſich dabei große Schweißtropfen von der Stirn,»durchaus kein kindliches Benehmen, wie es einem guten Sohne zukommt.« „Du ſagteſt ja, daß Du ſelbſt das Anliegen vor⸗ 168 Die Pickwicker. bringen wollteſt,« erwiederte Sam;»wie konnte ich denn wiſſen, daß Du gleich im Anfang ſtecken bleiben würdeſt?« Du hätteſt es aber längſt merken können.— Ich gerathe vom Fahrwege ab, und in allerhand Löcher, Graben und Teufelei, und Du ſtreckſt keinen Finger aus, mir zu helfen.— Ich muß mich über Dich ſchämen, Sammy.« »Die Sache iſt dieſe, Sir,« nahm Sam mit einer Verbeugung das Wort;»mein Alter hat ſein Geld aus ſeinem Geſchäft gezogen.« »Sehr gut, Sammy, ſehr gut,« ſagte Weller Se⸗ nior mit zufriedenem Kopfnicken.»Ich meinte nichts Böſes gegen Dich, mein Junge.— Sehr gut angefangen — jetzt nur ohne Umweg auf das Ziel zugefahren.« Der Alte nickte unzählige Mal mit dem Kopf, um ſeine Zufriedenheit darzulegen, und wartete horchend auf den fernern Vortrag ſeines Sohnes. »Setzen Sie ſich nur, Sam,« ſagte Herr Pickwick, indem er vorherſah, daß die Unterhaltung länger danern würde, als er erwartet hatte. Sam verbeugte ſich abermals, und ſetzte ſich; ſein Vater blickte ihn ſcharf an, und er fuhr fort: »Mein Alter hat fünfhundertdreißig Pfund aus dem Geſchäft gezogen.⸗« „»Reduzirte Conſols,« fiel Weller Senior ein. »Das thut nichts zur Sache, ob's reduzirte Conſols ſind, oder was ſonſt,« ſagte Sam;»fünfhundertdreißig Pfund iſt die Summe, nicht wahr 2« »Ganz recht, Sammy,« erwiederte Weller Senior. »Zu welcher Summe er durch den Verkauf des Marquis von Granby—« »Haus, Hof, Inventarium und was ſonſt dazu gehört,« fiel Weller Senior ein. — Die Pickwicker. 169 „Mit einem Wort,« ſuhr Sam fort,„die ganze Summe beträgt elfhundertundachtzig Pfund, Sir.« »Ei, das freut mich ja ſehr!,« ſagte Herr Pickwick. „Ich wünſche Ihnen von Herzen Glück, Herr Weller, daß Ihr Geſchäft ſo guten Erfolg gehabt hat.⸗« „Laſſen Sie ihn doch ausreden, Sir,« ſagte Weller Senior in bittendem Ton.»Fahre fort, Sammy.« „»Mein Alter wünſcht nun dieſes Geld irgendwo unterzubringen, wo er es ſicher weiß, und mir iſt auch daran gelegen, Sir, denn wenn er es in Händen behält, ſo wird er's entweder an gute Freunde verleihen, oder in Pferde hineinſtecken, oder verlieren, oder ſonſt Gaukeleien mit ſich treiben laſſen.« »Sehr gut, Sammy,« fiel ſein Vater mit einer ſo wohlgefälligen Miene ein, als habe Sam ſeiner Klug⸗ heit und Vorſicht das höchſte Lob ertheilt;„ſehr gut.« „Aus welchen Gründen,« fuhr Sam, verlegen in ſeinen Hut hineinſehend, fort,»aus welchen Gründen er ſein Geld eingezogen hat, und mit mir hierher gekommen iſt, um Ihnen zu ſagen, oder vielmehr anzubieten, oder mit andern Worten, um—« „Um dieſes zu ſagen,« unterbrach ihn ſein Vater ſehr ungeduldig,„dieſes, daß ich das Geld nicht brauchen kann.— Ich werde wieder regelmäßig eine Poſtkutſche fahren, Sir, und weiß keinen Ort, wo ich das Geld laſſen ſoll; ich müßte denn dem Schirrmeiſter dafür be⸗ zahlen, Sir, daß er darauf achtete, oder es in eine Wagentaſche ſtecken, was für die Paſſagiere eine große Verſuchung ſein würde. Sie thäten mir daher einen großen Gefallen, Sir, wenn Sie es zu ſich nähmen.« Er ſtand jetzt von ſeinem Stuhl auf, näherte ſich Herrn Pickwick, und flüſterte ihm in das Ohr:»Sie haben in der letzten Zeit viel Auslage für Ihre Prozeßkoſten ge⸗ 170 Die Pickwicker. habt. Behalten Sie es, bis ich's Ihnen wieder abfordere, Sir.⸗« Mit dieſen Worten legte er ſeine Banknoten in Herrn Pickwicks Hand, griff ſchnell zu ſeinem Hut, und ſprang mit einer Behendigkeit zum Zimmer hinaus, die man von einem ſo korpulenten alten Herrn kaum hätte erwarten ſollen. „»Laufen Sie ihm nach, Sam,« rief Herr Pickwick. »Bringen Sie ihn ſogleich zurück.« Sam ſah aus der ernſten Miene ſeines Herrn, daß er nicht ſäumen dürfe, ſeinem Befehl Folge zu leiſten; er eilte ſeinem Vater nach, holte ihn noch auf der Treppe ein, und zog ihn halb mit Gewalt in das Zimmer zurück. »Mein alter Freund,« ſagte Herr Pickwick, ihn bei der Hand faſſend,»Ihr Vertrauen überwältigt mich ganz.« »Ich ſehe gar keinen Grund dafür ein,« entgegnete Weller Senior ſehr beſtimmt. »Ich verſichere Sie, daß ich mehr Geld beſitze, als ich je bedarf; mehr, als ein Mann von meinen Jahren in ſeiner noch übrigen Lebenszeit nöthig haben kann.«⸗ »Niemand kann wiſſen, was er braucht, bis er es probirt hat,« entgegnete Weller Senior. »Mag ſein; da ich aber derartige Experimente nicht anzuſtellen beabſichtige, ſo werde ich nicht ſo leicht Man⸗ gel leiden, und muß Sie daher bitten, Herr Weller, Ihre Banknoten zurückzunehmen.« »Nun gut,“« ſagte der Alte ſehr mißvergnügt.»Doch merke auf meine Worte, Sammy; ich wende das Geld ganz zu etwas Deſperatem an.« »Das ſollteſt Du nicht thun,« erwiederte Sam. Weller Senior ſann ein paar Augenblicke nach, — Die Pickwicker. 171 knöpfte dann ſeinen Rock mit großer Entſchiedenheit zu, und ſagte: „Ich werde einen Schlagbaum halten.⸗ „Was 2« rief Sam aus. „Einen Schlagbaum,« murmelte der Alte durch die Zaͤhne.»Sag Deinem Vater Ade; ich begrabe mich für meine übrige Lebenszeit in einem Schlagbaum.⸗ Dieſe Drohung lautete in dem Munde des Herrn Weller Senior ſo ſchrecklich, und er ſchien ſo feſt ent⸗ ſchloſſen, ſie auszuführen, und zugleich durch Herrn Pick⸗ wicks Weigerung ſich ſo tief gekränkt zu fühlen, daß der Letztere nach einigem Bedenken ſagte: „Gut, Herr Weller, ich will das Geld nehmen.— Vielleicht kann ich mehr Gutes damit thun, als Sie.« »Dieſes iſt gerade die Sache,« erwiederte Weller Senior, indem ſeine Züge ſich erheiterten,»das können Sie gewiß, Sir.« „Kein Wort mehr davon,« ſagte Herr Pickwick, die Banknoten in ſeinem Pult verſchließend.»Ich bin Ihnen ſehr verbunden, aber jetzt ſetzen Sie ſich wieder; ich habe noch etwas anderes mit Ihnen zu beſprechen.« Das durch den glücklichen Erfolg ſeines Beſuchs hervorgerufene innere Lachen, welches nicht allein auf Herrn Wellers Antlitz, ſondern auch in den krampfhaften Bewegungen ſeiner Arme, Beine, und des ganzen Kör⸗ pers ſich bemerklich gemacht hatte, wich plötzlich dem feierlichſten Ernſt, als er dieſe Worte vernahm. »Sam, laſſen Sie uns auf ein Paar Minuten allein,« ſagte Herr Pickwick. Sam entfernte ſich ſofort. Herr Weller Senior ſah eben ſo weiſe als erſtaunt darein, als Herr Pickwick begann: 172 Die Pickwicker. »So viel ich weiß, halten Sie nicht viel vom Ehe⸗ ſtande, Herr Weller?« Der Alte ſchüttelte den Kopf, und ſchien der Sprache vollkommen beraubt zu ſein, denn es ſtiegen unheimliche Beſorgniſſe in ihm auf, daß irgend eine böſe Witwe in ihren Abſichten auf Herrn Pickwick glücklich geweſen ſein möge. »Haben Sie etwa unten, als Sie mit Ihrem Sohn kamen, ein junges Mädchen geſehen?« fragte Herr Pickwick. »Ja— es iſt uns eine junge Dirne auf der Treppe begegnet.« »Wie gefiel Sie Ihnen, Herr Weller?« »Sehr durabel und gut gebaut, Sir,« erwiederte Weller Senior mit kritiſcher Miene. »Wie hat Ihnen Ihr Benehmen und Weſen ge⸗ fallen?« fragte Herr Pickwick. »Sehr angenehm und komfortabel.« Es blieb unklar, welchen Sinn er eigentlich mit dem zweiten Beiwort verbinden wollte, doch da aus ſeinen Mienen hervorging, daß es eine günſtige Bezeich⸗ nung ſein ſolle, ſo war Herr Pickwick eben ſo zufrieden, als habe er eine vollkommen verſtändliche Antwort er⸗ halten, und fuhr fort: »Ich intereſſire mich ſehr für das Mädchen, Herr Weller.« Herr Weller huſtete. »In ſo fern nämlich,« fuhr Herr Pickwick fort,»als ich von Herzen wünſche, daß es ihr recht wohl ergehen möge.— Sie verſtehen, Herr Weller?« »Vollkommen,« erwiederte Herr Weller, abermals huſtend. Die Pickwicker. 173 „Dieſes junge Mädchen,« fuhr Herr Pickwick fort, „liebt Ihren Sohn.“« „Sammy Weller!« rief der Alte aus. »Allerdings!« »Es iſt natürlich— ganz natürlich,« bemerkte Weller Senior nach einigem Beſinnen,„natürlich, aber doch etwas beunruhigend.— Sammy muß ſich in Acht nehmen. »„Wie ſo 2« »Muß ſich ſehr in Acht nehmen, ihr etwas zu ſagen— ſehr auf ſeiner Hut ſein, daß er ſich ja nicht in einem unſchuldigen Augenblick verleiten läßt, etwas zu ſagen, worauf er wegen eines Eheverſprechens ver⸗ klagt werden könnte. Man iſt bei den Frauenzimmern niemals ſicher, Herr Pickwick, wenn ſie einmal Abſichten auf Einen haben. Ehe man ſich's verſteht, haben ſie Einen feſt, Sir. Es iſt mir ſelbſt ſo gegangen, als ich zum erſten Mal heirathete, und Sam war die natürliche Folge von dem Manöver.« 1 „»Was Sie da ſagen, ermuthigt mich nicht ſehr, in meinen Eröffnungen fortzufahren, und doch muß es ſein. Das junge Mädchen liebt nicht nur Ihren Sohn, Herr Weller, ſondern Sam liebt ſie wieder.« »Nun, das ſind mir ſaubere Geſchichten,« erwie⸗ derte der Alte. »„Ich habe die jungen Leute mehrmals beobachtet,« ſagte Herr Pickwick, ohne Herrn Wellers letzte Aeußerung zu beachten,»und ich zweifle nicht im Mindeſten an ihrer gegenſeitigen Neigung. Was ſagen Sie nun dazu, Herr Weller, wenn ich dafür ſorgte, daß das Pärchen als Mann und Frau irgend ein kleines für ſie paſſendes Geſchäft anfangen könnten?« Herr Weller machte zuerſt ein ſehr ſaures Geſicht 174 Die Pickwicker. zu einem Vorſchlag, in Folge deſſen Jemand heirathen ſollte, an dem er ſo viel Intereſſe nahm, als jedoch Herr Pickwick die Sache weiter mit ihm beſprach, und ganz beſonders den Umſtand hervorhob, daß Mary keine Witwe ſei, wurde er allmählig nachgiebiger. Herr Pick⸗ wick vermochte viel über ihn, und Mary hatte ihm in der That ausnehmend gefallen, wie er ihr denn bereits auf der Treppe ein wenig unväterlich zugeblinzelt. End⸗ lich ſagte er, es ſtehe ihm keineswegs zu, Herrn Pick⸗ wicks Wünſchen zu widerſtreben, und er wolle gerne ſeinem Rath folgen, worauf ihn Herr Pickwick beim Wort nahm, und Sam in das Zimmer zurückrief. »Sam,“« begann er, ſich räuſpernd,»Ihr Vater und ich haben in Betreff Ihrer eine kleine Unterredung gehabt.« »Ja, in Betreff Deiner, Sammy,“ fiel Weller Se⸗ nior in bedeutſamen Tone ein. »Ich bin nicht ſo blind, Sam,« fuhr Herr Pickwick fort,»daß ich nicht längſt Ihre mehr als freundſchaft⸗ lichen Gefühle gegen Miſtreß Winkle's Madchen hätte bemerken ſollen.« »Da hörſt Du, Sammy,« ſagte Weller Senior abermals in ſehr nachdrücklichem Tone. „»Ich hoffe, Sir,« nahm Sam, zu ſeinem Herrn gewendet, das Wort,»ich hoffe, daß Sie nichts Unrech⸗ tes darin finden, wenn ein junger Menſch die Augen auf ein junges Frauenzimmer wirft, das nicht übel ausſieht, von gutem Ruf und untadelhafter Aufführung iſt.« »Durchaus nicht, Sam,“« erwiederte Herr Pickwick. »Ganz und gar nicht,« bemerkte Weller Senior freundlich, aber mit großer Würde. »Ich bin ſo weit davon entfernt,« fuhr Herr Pick⸗ wick fort,»etwas ſo Naturliches tadelnswerth zu finden, Die Pickwicker. 175 daß ich vielmehr beabſichtige, Ihre Wünſche in dieſer Beziehung zu unterſtützen. Ich habe daher die Sache mit Ihrem Vater beſprochen, und da er meiner Mei⸗ nung iſt—« »Und da das junge Frauenzimmer keine Witwe iſt,⸗ unterbrach Weller Senior erläuternd. „Und da das junge Frauenzimmer keine Witwe iſt,« wiederholte Herr Pickwick lächelnd,»ſo gedenke ich, Sie von dem Zwange zu befreien, den Ihre jetzige Lage Ihnen auferlegt, und Ihnen meine Dankbarkeit für Ihre treuen Dienſte dadurch zu beweiſen, daß ich Sie in Stand ſetze, das Madchen ſogleich zu heirathen, und eine Familie ernähren zu können. Es wird mir eine große Freude ſein, Sam,“ ſetzte Herr Pickwick, deſſen Stimme etwas unſicher geworden war, wieder in ſeinem gewöhnlichen feſten Ton hinzu— ves wird mir eine große Freude ſein, nach meinem beſten Vermögen für Ihr künftiges Wohlergehen Sorge zu tragen.« Es trat für einige Augenblicke ein tiefes Still⸗ ſchweigen ein; endlich aber begann Sam mit etwas leiſer und dumpfer, doch aber feſter Stimme: »Ich bin Ihnen ſehr dankbar für Ihre Güte, Sir, die Ihnen ganz ähnlich ſieht, aber es kann nicht ſein.“« „»Es kann nicht ſein?« rief Herr Pickwick erſtaunt aus. „»Sammy!« ſagte Weller Senior mit Würde. »Ich ſage, es kann nicht ſein,« wiederholte Sam mit lauterer Stimme.»Was ſoll denn aus Ihnen werden, Sir?« »Mein guter Sam, die Verhältniſſe meiner Freunde haben ſich verändert, und ſo wird denn auch meine Lebensweiſe von jetzt an eine andere ſein, zumal da ich 176 Die Pickwicker. älter werde, und der Ruhe und Stille bedarf. Meine Reiſen ſind zu Ende, Sam.« »Das kommt mir noch nicht ſo ausgemacht vor,« entgegnete Sam.»Sie denken für jetzt ſo, aber wie, wenn Sie nun Ihren Sinn änderten, was gar nicht unwahrſcheinlich iſt, denn Sie ſind immer noch ſo mun⸗ ter und lebensluſtig, wie ein Fünfundzwanzigjähriger— was ſollte dann aus Ihnen werden ohne mich? Mit nichten, Sir, es wird nichts daraus!« »Nicht übel, Sammy, das iſt gar nicht ohne—⸗ ſagte Weller Senior aufmunternd. Herr Pickwick ſchüttelte den Kopf, und ſagte:»Ich ſpreche nach langer und reiflicher Ueberlegung, Sam, und mein Entſchluß ſteht unerſchütterlich feſt. Meine Reiſen ſind zu Ende.« »Eben deßhalb,« erwiederte Sam, v»eben deßhalb müſſen Sie um ſo mehr Jemanden um ſich haben, der Ihre Eigenheiten kennt, und Sie aufheitert, und Ihnen Alles komfortable macht. Brauchen Sie einen feineren Bedienten, das iſt was anderes, nehmen Sie Einen aber mit oder ohne Lohn, mit oder ohne Koſt und Woh⸗ nung— Sam Weller, den Sie aus dem alten Wirths⸗ haus im Borongh zu ſich nahmen, weicht nimmermehr von Ihnen, mag es gehen wie es will, und mag kom⸗ men, was da will.⸗ Bei den letzten Worten, welche Sam in großer Bewegung geſprochen, ſprang Weller Senior von ſeinem Stuhl, vergaß alle Rückſichten auf Zeit, Ort und Schick⸗ lichkeit, ſchwenkte ſeinen Hut über dem Kopfe, und brach in drei ſtürmiſche Hurrahs aus. »Aber, mein guter Sam, Sie müſſen doch auch das junge Frauenzimmer bedenken,« ſagte Herr Pickwick, —:V Die Pickwicker. 177 nachdem Weller Senior etwas verlegen über ſeinen eige⸗ nen Enthuſiasmus ſich wieder geſetzt hatte. »Ich bedenke ſie auch, Sir,« erwiederte Sam.»Ich habe ſchon mit ihr geſprochen, habe ihr auseinander ge⸗ ſetzt, wie meine Verhältniſſe beſchaffen ſind, und ſie hat mir zugeſagt, und ich glaube ihr, daß ſie gerne auf mich warten will, bis ich ſie nehmen kann. Thut ſie es nicht, ſo iſt ſie dasjenige Frauenzimmer nicht, wofür ich ſie halte, und ich gebe ſie dann gerne auf. Sie kennen mich, Sir. Mein Entſchluß iſt gefaßt, und durch nichts zu ändern.« Wer hätte gegen ſolche Geſinnungen noch länger ankämpfen können? Herr Pickwick vermochte es nicht. Er empfand in dieſem Augenblick mehr Stolz und Freude in Folge der uneigennützigen Anhänglichkeit ſeines trefflichen Dieners als tauſend Freundſchaftsbetheuerungen der vornehmſten Männer in ihm zu erwecken vermocht hätten. Während alles dieſes in Herrn Pickwicks Zimmer vorging, trat ein kleiner, alter Herr in einem ſchnupf⸗ tabacksfarbenen Kleide, einen Träger mit einem kleinen Mantelſack hinter ſich, in das Haus, beſtellte ein Nacht⸗ quartier, und fragte darauf den Kellner, ob eine Miſtreß Winkle hier wohne, welches natürlich bejaht wurde. „Iſt ſie allein?« fragte der kleine, alte Herr. »Ich glaube wohl, Sir,« erwiederte der Kellner; vich kann ſogleich ihr Mädchen rufen, wenn Sie—⸗ »Nein, ich brauche ihr Mädchen nicht. Führen Sie mich in ihr Zimmer, ohne mich anzumelden.« »„Wie, Sir 2 3 »Sind Sie taub?⸗ 4 „»Nein, Sirle Die Pickwicker. VI. 12 178 Die Pickwicker. »Nun gut, ſo führen Sie mich in das Zimmer von Miſtreß Winkle, ohne mich anzumelden.« Mit dieſen Worten drückte der kleine, alte Herr dem Kellner fünf Schillinge in die Hand, und ſah ihm in das Geſicht. »Wirklich, Sir— ich weiß in der That nicht, ob—« „Ah, ich ſehe ſchon, Sie wollen es thun, machen Sie nur ſchnell, Sie werden dadurch Zeit gewinnen.«⸗ Es lag ſo viel Feſtigkeit und Ruhe in dem Weſen des kleinen, alten Herrn, daß der Kellner die fünf Schillinge einſteckte, und ohne ein Wort weiter zu ſagen, ihn hinaufführte. »Dieß iſt alſo das Zimmer— Sie können gehen,« ſagte der Fremde. Der Kellner entfernte ſich äußerſt verwundert, wer der Herr ſein könne, und was er wolle. Der kleine, alte Herr wartete, bis Jener verſchwun⸗ den war, und klopfte dann an die Thür. „»Herein!« rief Arabella. »Hm, jedenfalls eine wohlklingende Stimme,« mur⸗ melte der kleine Herr vor ſich hin,»doch damit iſt's nicht gethan.« Er öffnete jetzt die Thür, und trat ein. Arabella ſaß bei einer weiblichen Arbeit, und erhob ſich, als ſie einen Unbekannten erblickte, in einiger Verwirrung, die ihr jedoch gar nicht übel ſtand. »Ich bitte, laſſen Sie ſich nicht ſtören, Madame. Seh' ich Miſtreß Winkle vor mir?« Arabella antwortete durch eine leichte Neigung des Kopfs.. »Miſtreß Winkle, die ſich mit dem Sohn des alten — ——,— Die Pickwicker. 179 Winkle in Birmingham vermählt hat?« fuhr der Fremde mit ſehr ſichtbarer Neugierde fort. Arabella neigte abermals das Köpfchen, und blickte unruhig umher, als ſei ſie unentſchieden, ob ſie nicht Jemand zu ihrem Beiſtande rufen ſollte. „Ich habe Sie überraſcht, wie ich ſehe, Madame.« »Ich muß in der That bekennen—« »Erlauben Sie, daß ich mich ſetze, Madame?« nu⸗ terbrach ſie der Fremde. Er ſetzte ſich, nahm ein Brillenfutteral aus der Taſche, zog eine Brille hervor, und ſetzte ſie bedächtig auf die Naſe. »Sie kennen mich nicht, Madame?« ſagte er, Ara⸗ bella ſo ſcharf in das Auge faſſend, daß ſie nunmehr wirklich in Angſt gerieth.. „Nein, Sir,“« erwiederte ſie ſchüchtern. »Sehr natürlich; wie ſollten Sie es auch? Indeß iſt Ihnen mein Name bekannt, Madame.« »Wirklich?« ſagte Arabella, und ſie zitterte, ohne eigentlich zu wiſſen, weßhalb.»Darf ich um Ihren Namen bitten, Sir?« »Sogleich, Madame, ſogleich,« ſagte der Fremde, der noch kein Auge von ihr verwandt hatte.»Sie ſind erſt ſeit kurzem vermählt, Madame?« Arabella bejahte mit kaum hörbarer Stimme, und legte höchſt aufgeregt ihre Arbeit nieder, denn ein Ge⸗ danke, der ſchon vorher in ihr aufgeſtiegen war, erfüllte ſie jetzt noch lebhafter. »Wenn ich nicht irre,« fuhr der Fremde fort,»ſo vermählten Sie ſich, ohne Ihrem Gatten vorzuſtellen, daß es ſich gebühre, zuvor ſeinen Vater, von dem er gänzlich abhängt, um ſeine Einwilligung zu befragen 2⸗ Arabella hielt ihr Taſchentuch vor die Augen. 12* 180 Die Pickwicker. »Ohne auch nur durch eine Mittelsperſon zu erfor⸗ ſchen, wie der alte Mann über eine Sache denken möchte, die ihm natürlich durchaus nicht gleichgültig ſein konnte?« »Ich kann es nicht läugnen, Sir,« ſagte Arabella. »Und ohne hinlängliches eigenes Vermögen zu be⸗ ſitzen, um Ihrem Gatten Erſatz für ſein Erbtheil zu leiſten, das ihm ſein Vater nicht entzogen haben würde, wenn er deſſen Wünſchen gemäß ſich vermählt hätte? Knaben und Mädchen nennen das uneigennützige Zu⸗ neigung, bis ſie ſelbſt Knaben und Mädchen haben, und dann die Sache in einem ſehr verſchiedenen und ganz andern Lichte betrachten.« Arabella erwiederte unter Thränen, daß ſie uner⸗ fahren ſei, daß nur ihre Liebe ſie zu dieſem Schritt bewogen, und daß ſie ſeit ihrer früheſten Kindheit der elterlichen Leitung entbehrt habe. „Es war unrecht,« ſagte der alte Herr,»doch in einem milderen Tone;»es war unrecht, es war eine romantiſche Thorheit.« »Es war meine Schuld, Sir, es iſt ganz meine Schuld geweſen,“« fiel die arme Arabella unter Thränen ein. »Beruhigen Sie ſich,« ſagte der alte Herr, ves war Ihre Schuld nicht, daß er ſich in Sie verliebte. Doch ja,« fuhr er mit einem etwas ſchelmiſchen Lächeln fort, es war Ihre Schuld. Er konnte nicht anders.“⸗ Dieſe kleine Schmeichelei, oder die ſonderbare Weiſe, wie der alte Herr ſie ihr ſagte, und ſein viel milder und freundlicher gewordenes Weſen, oder alles dieſes im Verein lockte Arabellen mitten unter ihren Thränen ein Lächeln ab. »Wo iſt denn Ihr Gemahl?« fragte der alte Herr plötzlich, ein Lächeln unterdrückend, deſſen auch er ſich kaum erwehren konnte. Die Pickwicker. 181 „Ich erwarte ihn jeden Augenblick, Sir. Ich be⸗ redete ihn, einen Spaziergang zu machen. Er iſt nieder⸗ geſchlagen und befindet ſich ſehr unwohl, weil ihm ſein Vater nicht geſchrieben hat.« »Niedergeſchlagen— unwohl? Iſt ihm ſehr recht, ſehr recht!« „»Ich fürchte nur, daß er um meinethalb ſo ſehr leidet, und ich fühle es um ſo ſchmerzlicher, da ich allein Schuld daran bin, daß er in ſeine gegenwärtige Lage gerathen iſt.⸗ »Machen Sie ſich keine Grillen darüber, meine Liebe, er allein iſt Schuld daran. Es geſchieht ihm ganz recht. Ich freue mich darüber— freue mich ſehr darüber, ſofern es ihn ſelbſt betrifft.« Kaum hatte der alte Herr dieſe Worte geſprochen, als man Fußtritte auf der Treppe hörte, welche ſowohl ihm ſelbſt als Arabellen bekannt zu ſein ſchienen; er erbleichte, bemühte ſich offenbar, ruhig zu erſcheinen, und erhob ſich, als Herr Winkle eintrat. »Vater!« rief Herr Winkel zuſammenfahrend aus. »Nun— was haſt Du mir zu ſagen?⸗ Herr Winkle blieb ſtumm. »Schämſt Du Dich vor Dir ſelbſt oder nicht?« Herr Winkle blieb noch immer ſtumm. Der alte Herr wiederholte ſeine Frage. 4 »Nein,« erwiederte Winkle, Arabellens Arm in den ſeinigen legend; ich ſchäme mich weder meiner ſelbſt, noch meiner Gattin.« »Das muß ich ſagen!« rief der Alte etwas ironiſch. »Es thut mir ſehr leid, etwas gethan zu haben, das Ihre väterliche Liebe und Zuneigung vermindern konnte, doch ich muß zugleich erklären, daß ich keinen Grund ſehe, mich zu ſchämen, Arabellen zum Weibe zu haben, ſo wenig Sie ſich ihrer als Tochter ſchämen dürfen.⸗ 182 Die Pickwicker. »Gieb mir Deine Hand, Nathaniel« ſagte der alte Herr in verändertem Tone. Einen Kuß, meine Liebe; Sie ſind in der That eine ſehr liebenswürdige Schwie⸗ gertochter.« Kurze Zeit darauf ſuchte Herr Winkle Junior Herrn Pickwick auf, kehrte bald mit demſelben zurück, und führte ihn zu ſeinem Vater, worauf die Herren einander fünf Minuten lang ohne Aufhören die Hände ſchüttelten. „»Herr Pickwick,« ſagte Winkle Senior mit offenem biedern Weſen, vich danke Ihnen herzlich für alle meinem Sohne erzeigte Güte. Ich bin etwas hitzköpfiſch, und war überraſcht und verdrießlich, als ich Sie vor einiger Zeit bei mir ſah. Ich habe mich jetzt mit eignen Augen überzeugt, und bin mehr als befriedigt. Genügt Ihnen dieſe Entſchuldigung, Herr Pickwick?« »Sie haben gethan, was allein noch mangelte, um ein Glück und meine Zufriedenheit vollkommen zu machen.« Sie ſchüttelten einander darauf abermals fuͤnf Mi⸗ nuten lang die Hände, und es wurden von allen Seiten unzählige Complimente gewechſelt, die, abgeſehen von ihrer Erfreulichkeit als ſolche, noch die beſondere, ganz neue treffliche Eigenſchaft hatten, aufrichtig gemeint zu ſein. Sam hatte ſeinem Vater nach Belle⸗Sauvage be⸗ gleitet, und begegnete bei ſeiner Rückkehr dem feiſten Burſchen, der ein Billet von Emilie Wardle abgegeben hatte. »Ah, Sam,« ſagte Joe mit ungewöhnlicher Geſprä⸗ chigkeit,»Sam, was die Mary für ein hübſches Mäd⸗ chen iſt! Nicht wahr, Sam? Ich bin ganz ſchrecklich in ſie verliebt.“« 1 Sam erwiederte kein Wort, ſah den feiſten Burſchen unendlich erſtaunt ob einer ſolchen Keckheit ein paar Au⸗ — —— ————— fᷣ — —— Die Pickwicker. 183 genblicke von Kopf bis zu Füßen an, füͤhrte ihn am Kragen an die nächſte Ecke, und entließ ihn mit einem harmloſen aber in aller Form beigebrachten Fußtritt, worauf er pfeifend nach Hauſe ging. Achtundfunfzigſtes Kapitel. In welchem der Pickwickklubb aufgelöſt wird, und Alles zu Jedermanns Zufriedenheit endet. Während einer ganzen Woche nach Herrn Winkle's erfreulicher Ankunft von Birmingham waren Herr Pick⸗ wick und Sam Weller den ganzen Tag außer Hauſe, kehrten nur zum Mittageſſen zurück, und behaupteten dann ein ſo geheimnißvoll⸗wichtiges Weſen, wie es ihnen ſonſt durchaus nicht eigen war. Sie hatten offenbar etwas ſehr Ernſtes und Bedeutendes vor, worüber denn auch vielfache Vermuthungen obwalteten. Einige— und unter ihnen Herr Tupman, ſchienen ſehr geneigt, zu glauben, daß ſich Herr Pickwick zu vermählen ge⸗ dächte, welche Vermuthung jedoch von den Damen auf das beſtimmteſte zurückgewieſen wurde. Andere neigten zu der Annahme hin, er beabſichtige eine größere Reiſe, und ſei mit den dazu nöthigen Vorbereitungen beſchäf⸗ tigt, was jedoch von Sam gänzlich in Abrede geſtellt wurde, als Mary ihn deßhalb befragte. Endlich, als ſich Alle ſechs lange Tage mit Hypotheſen abgemartert hatten, wurde einhellig beſchloſſen, Herrn Pickwick auf⸗ zufordern, er möge unumwunden erklären, weßhalb er Die Pickwicker. ſich ſeit ſo langer Zeit aus der Geſellſchaft ſeiner Freunde und Verehrer entfernt halte. In dieſer Abſicht ließ daher Herr Wardle an den ganzen Freundeskreis eine Einladung zum Mittagseſſen in Osbornes Hotel ergehen, und eröffnete das Geſchäft, als die Flaſchen zum zweiten Male die Runde gemacht hatten. »Wir ſind alle begierig, zu erfahren,« ſagte der alte Herr,»was wir Ihnen zu Leide gethan haben, daß Sie ſich uns ſo gänzlich entfremden, und Tag für Tag einſam umherwandern.« 3 »Es iſt ein merkwürdiger Zufall,« erwiederte Herr Pickwick,»daß ich gerade heute beabſichtigte, mich von freien Stücken zu erklären. Geben Sie mir noch ein Glas Wein, und ich will Ihre Neugierde befriedigen.« Die Flaſchen gingen mit beſonderer Schnelligkeit von Hand zu Hand, Herr Pickwick ſchaute mit einem heitern Lächeln rings umher, und begann: »Alle die Veränderungen, die unter uns eingetreten ſind, ich meine die Vermählung, die bereits ſtattfand, und jene, die noch ſtattfinden wird, mit den Folgen, welche ſie herbeiführen werden, nöthigten mich, meine künftige Lebensweiſe in Ueberlegung zu ziehen, und einen beſtimmten Plan zu faſſen. Ich beſchloß, mich an einen ruhigen, mir zuſagenden Ort in der Nähe Londons nie⸗ derzulaſſen; ich fand ein meinen Wünſchen entſprechen⸗ des Haus, und habe es gekauft und eingerichtet. Ich gedenke, bald dort meinen Einzug zu halten, und hoffe, noch manch ſchönes Jahr in ſtiller Zurückgezogenheit zu leben, und durch den Umgang mit meinen Freunden zu verſü⸗ ßen, deren liebevolle Erinnerung mir dann auch nach mei⸗ nem Tode verbleiben wird.« Hier hielt Herr Pickwick Die Pickwicker. 185 inne und ein leiſes Gemurmel ward in der Geſellſchaft hörbar. „»Der Ort, wo ich das Haus miethete,« fuhr er fort, iſt Dulwich. Das Gebäude hat einen großen Garten, und liegt in einer der ſchönſten Gegenden um London. Es iſt ſehr komfortable, vielleicht auch mit einiger Ele⸗ ganz eingerichtet— doch darüber ſollen Sie ſelbſt urtheilen. Sam bleibt bei mir. Ich habe auf Perkers Vorſtellung eine Haushälterin in Dienſt genommen— eine ſehr alte — und werde noch ſo viele Domeſtiken in Dienſt neh⸗ men, als ſie für nöthig halten mag. Ich erlaube mir, Ihnen vorzuſchlagen, meine neue Wohnung und Ruhe⸗ ſtätte durch eine beſondere Feierlichkeit einzuweihen. Ich wünſche nämlich, wenn Freund Wardle nichts darwider hat, daß ſeine Tochter in meinem Hauſe ihre Hochzeit feiern möge. Junge Leute froh und glücklich zu ſehen, war ſtets die größte Freude meines Lebens. Es wird mir das Herz erwärmen, unter meinem eigenen Dache Zeuge des Glücks meiner theuerſten Freunde zu ſein.« Herr Pickwick hielt wieder inne, und Emilie und Arabelle ſchluchzten laut. »Ich habe perſönliche und ſchriftliche Verhandlungen mit dem Klubb gepflogen,« fuhr Herr Pickwick fort,»und ihn von meinen Planen und Abſichten in Kenntniß geſetzt. Er hat während unſerer langen Abweſenheit bedeutend durch innere Zerwürfniſſe gelitten, und dieſer Umſtand veranlaßte mich, meinen Namen aus ſeinen Liſten ſtrei⸗ chen zu laſſen, was denn im Verein mit noch andern Urſachen ſeine Auflöſung herbeigeführt hat. Der Pickwick⸗ klubb beſteht nicht mehr.« »Ich werde es nie bereuen,« ſagte Herr Pickwick mit leiſerer Stimme,»mich faſt zwei Jahre lang unter Menſchen aller Art umhergetrieben zu haben, ſo thöricht Die Pickwicker. oder leichtfertig dieſes Beginnen auch Vielen erſchienen ſein mag. Faſt mein ganzes früheres Leben war einför⸗ mig, den Geſchäften und dem Streben gewidmet, ein ſelbſtſtändiges Vermögen zu erwerben. Ich lernte neuer⸗ dings Verhältniſſe und Zuſtände kennen, von denen ich noch keine Ahnung hatte— ich hoffe, nicht ohne Nutzen für die Erweiterung meines Geſichtskreiſes und die Be⸗ reicherung meiner Einſichten und Erfahrungen. Wenn ich nur wenig Gutes thun konnte, ſo bin ich mir doch bewußt, noch weniger Böſes gethan zu haben, und meine Abenteuer werden mir eine Quelle angenehmer und unter⸗ haltender Erinnerungen für meine noch übrigen Lebens⸗ jahre ſein. Gott ſegne Euch Alle!« Mit dieſen Worten füllte und leerte Herrn Pickwick mit bebender Hand ſein Glas, und es traten Freuden⸗ thränen in ſeine Augen, als Alle wie auf gemeinſchaft⸗ liche Verabredung ſich erhoben und ihm von ganzem Her⸗ zen Beſcheid thaten. Die Vermählung des Herrn Snodgraß mit Emilie erforderte nur wenige Vorbereitungen. Da ſeine Aeltern längſt geſtorben waren, und er während ſeiner Minder⸗ jährigkeit unter Herrn Pickwicks Vormundſchaft geſtan⸗ den hatte, ſo kannte dieſer auf das Genaueſte ſeine Ver⸗ mögens⸗ und ſonſtigen Verhältniſſe. Die Auskunft, die er darüber gab, war vollkommen befriedigend für Wardle— wie es denn in der That faſt jede andere dem guten alten Herrn, deſſen Herz von Wohlwollen und Heiterkeit überfloß, nicht minder geweſen ſein würde— Emilie ward ein beträchtliches Nadelgeld ausgeſetzt, und der vierte Tag zum Hochzeitstage beſtimmt— eine Eilfertigkeit, welche drei Putzmacherinnen und einen Schneider hart an den Rand des Wahnſinns brachten. Wardle nahm am folgenden Tage Poſtpferde, und Die Pickwicker. 187 fuhr ſchleunigſt nach Dingley⸗Dell ab, um mit ſeiner Mutter zurückzukehren. Als er der alten Dame die Nachricht nicht ohne den ihm eigenen Ungeſtüm mit⸗ theilte, fiel ſie ſofort in Ohnmacht, kehrte jedoch ſehr bald wieder zum Bewußtſein zurück, ließ augenblicklich ihr geblümtes ſeidenes Kleid einpacken, und begann ver⸗ ſchiedene Vorfälle ähnlicher Art, die ſich bei der Vermäh⸗ lung der älteſten Tochter der verſtorbenen Lady Tollning⸗ lober ereignet hatten, zu erzählen, womit ſie nach drei Stunden noch nicht zur Hälfte fertig war. Natürlich mußte auch Miſtreß Trundle von den Vorbereitungen in Kenntniß geſetzt werden, mit denen man in London beſchäftigt war. Da ſie ſich in hoff⸗ nungsvollen Umſtänden befand, ſo erfolgte die vorſichtige Mittheilung durch Herrn Trundle ſelbſt, damit ihr die⸗ ſelbe ja nicht zu viel werden möchte. Aber es war nicht zu viel für ſie, denn ſie ſchrieb auf der Stelle nach Muggleton wegen einer neuen Haube und eines ſeidenen Kleides, und erklärte beſtimmt, an der Hochzeitsfeier Theil nehmen zu wollen. Herr Trundle ließ hierauf den Hausarzt rufen, und dieſer ſagte, Miſtreß Trundle müſſe am beſten wiſſen, ob ſie ſich ſtark genug fühle, worauf Miſtreß Trundle erwiederte, ſie fühle ſich allerdings ſtark genug, und ihr Entſchluß ſei gefaßt, worauf wiederum der Arzt, der ein kluger und erfahrener Arzt war, und nicht allein wußte, was für ihn ſelbſt, ſondern auch, was für ſeine Patienten gut war, ſeine Meinung dahin abgab, daß es Miſtreß Trundle vielleicht mehr ſchaden möchte, wenn ſie zu Hauſe bliebe, und ſich ärgerte oder härmte, als wenn ſie mitreiſ'te, und daß ſie daher vielleicht am beſten thäte, wenn ſie ihren Entſchluß ausführte. Und— ſie reiſ'te mit, und der Arzt ſchickte ihr aus großer Auf⸗ 188 Die Pickwicker. merkſamkeit noch ein halbes Dutzend Arzneiflaſchen, die ſie unterwegs auszutrinken hatte. Zu allen Aufträgen, die der alte Wardle übernom⸗ men hatte, kam noch der hinzu, daß ihm zwei Briefchen an zwei junge Dämchen anvertraut worden, welchen die Rolle der Brautjungfern zugedacht waren. Die Dämchen geriethen durch den Empfang der Briefchen in nicht ge⸗ ringe Verlegenheit, und jammerten, daß ſie für den ſo wichtigen Tag gar keine Sachen in Bereitſchaft hätten, und auch bei der kurzen Friſt dergleichen nicht mehr her⸗ beiſchaffen könnten— ein Umſtand, der den beiden wür⸗ digen Papa's der Dämchen eher erfreulich, als unerfreu⸗ lich ſein mochte. Indeß wurden alte Kleider geändert und neu verziert, und die jungen Damen ſahen ſo gut aus, als möglicher Weiſe von ihnen erwartet werden konnte, und da ſie bei der Trauung immer zur rechten Zeit und bei den geeigneten Stellen weinten und zitterten, ſo ent⸗ ging ihnen nicht die Bewunderung aller Zuſchauer. Wie die armen Verwandten nach London gelangten, ob ſie gingen, ritten oder fuhren, oder ſich einander tru⸗ gen, iſt unbekannt, nur ſo viel iſt gewiß, daß ſie noch vor Wardle eintrafen, und die Erſten waren, welche am Hochzeitsmorgen mit dem heiterſten Lächeln an Herrn Pickwicks Hausthür klopften. Sie wurden herzlich empfangen; denn Reichthum oder Armuth hatten keinen Einfluß auf Herrn Pickwick. Die neuen Domeſtiken waren äußerſt dienſtbefliſſen; Sam befand ſich in der munterſten Laune von der Welt, und Mary erglänzte von Schönheit und bunten Bändern. Der Bräutigam, der die letzten drei oder vier Tage in dem Hauſe ſeines ehemaligen Vormundes gewohnt hatte, fuhr, ſtattlich angethan und in Begleitung der Die Pickwicker. 189 Herren Pickwick, Ben Allen, Bob Sawyer und Tupman zur Kirche von Dulwich. Sam Weller ſaß auf dem Bock in einer neuen prachtvollen, ausdrücklich für den Tag erfundenen Livree, und trug im Knopfloch eine weiße Bandſchleiſe, ein Geſchenk ſeiner Dame. In der Kirche trafen ſie mit der Braut und den Brautjungfern, den Wardle's, Winkle's und Trundle's zuſammen, und nach beendigter Trauungsfeierlichkeit rollten ſämmtliche Kut⸗ ſchen nach Herrn Pickwicks Hauſe zum Frühſtück, wo der kleine Perker die Geſellſchaft bereits erwartete. Nach⸗ dem ſich das leichte Gewölk der ernſteren und feierlicheren Tagesvorgänge zertheilt hatte, wurden die Züge Aller von ſeliger Freude verklärt, und man vernahm nichts als Glückwünſche und Lobeserhebungen. Wie ſchön war Alles! Der Grasplatz vor, und der Garten hinter dem Hauſe, das kleine Gewächshaus, das Speiſe⸗ und das Geſellſchafts⸗ und das Rauch⸗ und die Schlafzimmer, und vor allem die Bibliothek mit ihren Gemälden und Seſſeln und merkwürdigen Wandſchränken, wunderlich geſtalteten Tiſchen und zahlloſen Büchern, ferner mit ihrem einzigen großen, die entzückendſten Ausſichten auf die anmuthige Landſchaft mit kleinen faſt unter den Bäumen verborge⸗ nen Häuſern gewährenden Fenſter, und dann die Vor⸗ hänge, die Teppiche, Sopha's und Stuhle! Es war Alles ſo ſchön, ſo ſauber und geſchmackvoll, daß man, wie Alle ſagten, nicht wiſſe, was der Bewunderung am meiſten werth ſei. Und zwiſchen allem dieſem ſtand Herr Pickwick mit lächelndem und verklärtem Antlitz, dem jedes Herz ſich hätte öffnen müſſen; er ſelbſt der froheſte im ganzen Kreiſe, Allen von neuem wieder die Hände drückend, wenn die ſeinigen eben nicht gedrückt wurden; bei jeder neuen Aeußerung der Neugierde oder des Beifalls nach einer 190 Die Pickwicker. anderen Richtung ſich hinwendend, und durch ſeine frohen und heiteren Blicke alle Andern noch mehr zum Frohſinn und zur Heiterkeit belebend. Als gemeldet wurde, das Frühſtück ſei bereit, führte Herr Pickwick die alte Dame(welche äußerſt redſelig über das Thema:»Lady Tollninglober« geſprochen hatte) hin⸗ auf, und ließ ſie oben an der langen Tafel Platz nehmen, und Wardle unten; die übrigen Gäſte ſetzten ſich in bun⸗ ter Reihe. Sam nahm ſeine Stellung hinter dem Stuhl ſeines Herrn; das Geplauder und Gelächter ward unter⸗ brochen, und Herr Pickwick ſprach das Tiſchgebet, ſchwieg darauf ein paar Augenblicke, und ſchaute umher— und die Thränen liefen ihm in der Fülle ſeiner Seligkeit über die Wangen hinab. Laßt uns nun von unſerm alten Freunde ſcheiden in einer jener Stunden ungetrübten Glückes, von denen uns, wenn wir ſie nur ſuchen, in unſerm flüchtigen, irdi⸗ ſchen Daſein doch ſo manche beſchieden ſind. Das Erden⸗ leben hat ſeine finſtern Schatten, aber die Lichtpartien werden durch den Gegenſatz nur noch mehr hervorgehoben. Es giebt Menſchen, die, gleich den Fledermäuſen und Eulen, beſſere Augen für die Finſterniß haben, als für das Licht; wir, deren Sehorgane anders beſchaffen ſind, werfen lieber auf die Geſtalten unſerer Phantaſie, die uns in ſo vielen einſamen Stunden umſchweben, den letzten Scheideblick in ſolchen Momenten, wenn der volle Sonnenſchein und Glanz des irdiſchen Glückes ſie beleuchtet. Es iſt das Loos der meiſten Menſchen, die ein thä⸗ tiges Leben in der Welt führen, und ein höheres Alter erreichen, ſich manche wirkliche Freunde zu erwerben, — —— — — —,— Die Pickwicker. 191 und ſie nach dem Verlauf der Natur wieder zu verlie⸗ ren.— Es iſt das Schickſal der Autoren und Dichter, ſich Freunde zu erſchaffen, und ſie nach Vollendung des Kunſtwerks wieder aufgeben zu müſſen. Doch dies iſt noch nicht das volle Maaß ihres Unglücks; man verlangt obenein von ihnen, daß ſie berichten ſollen, was aus ihren Schattenfreunden geworden ſei. Indem wir uns dieſem— ohne Frage böſen— Gebrauch unterwerfen, theilen wir noch einige biogra⸗ phiſche Notizen über die bei Herrn Pickwick verſammelten Hochzeitsgäſte und andere Perſonen mit, die in unſerer wahrhaften Geſchichte eine Rolle ſpielten. ¹ Herr und Miſtreß Winkle, zu vollen Gnaden wieder angenommen, bezogen nach kurzer Zeit ein eignes neues nur eine halbe Meile von Herrn Pickwicks Wohnung entferntes Haus. Herr Winkle wurde der City⸗Agent oder Korreſpondent ſeines Vaters, und vertauſchte ſein bisheriges Koſtüm mit der gewöhnlichen Kleidung der Britten, ſo daß er ſpäterhin, ſeinem äußern Menſchen nach, ſtets einem civiliſirten Chriſten gleichſah. Herr und Miſtreß Snodgraß ließen ſich in Dingley⸗ Dell nieder, wo ſie einen kleinen Landbeſitz kauften und be⸗ wirthſchafteten, mehr der Beſchäftigung als des Gewinnes halber. Herr Snodgraß iſt bisweilen zerſtreut und me⸗ lancholiſch, und gilt bis zu dieſer Stunde für einen großen Dichter im Kreiſe ſeiner Freunde und Bekannten, obgleich er, ſo viel wir wiſſen, nichts veröffentlicht hat, was dieſe Meinung unterſtützen könnte. Wir kennen indeß nicht wenige Poeten, Philoſophen, und andere Lite⸗ raten, deren hoher Ruf auf derſelben Grundlage beruht. Herr Tupman wählte Richmond zum Wohnſitz, als ſich zwei ſeiner Freunde verheirathet, und Herr Pickwick 192. Die Pickwicker. ſich angeſiedelt hatte. Man ſieht ihn während der Som⸗ mermonate alle Tage mit jugendlichem und munterm Gange und Weſen auf der Teraſſe ſpazieren, wodurch er ein Gegenſtand der Bewunderung der vielen unverheira⸗ theten ältlichen Damen geworden iſt, die dort ebenfalls zu luſtwandeln pflegen. Er hat jedoch nie wieder eine Liebeserklärung oder einen Heirathsantrag gewagt. Bob Sawyer und Benjamin Allen erhielten Anſtel⸗ lungen als Chirurgen bei der oſtindiſchen Kompagnie, und beide haben in Bengalen ſchon mehr als ein Dutzend Mal das gelbe Fieber gehabt, worauf ſie ſich zu einiger Enthaltſamkeit bequemten, und ſeit jener Zeit befinden ſie ſich recht wohl. Miſtreß Bardell fährt fort, ihre Wohnung mit großem Erfolg an umgängliche einzelne Herren zu ver⸗ miethen, hat jedoch bisher keine neue Klage wegen ge⸗ brochener Eheverſprechungen angebracht. Die Herrn Dodſon und Fogg, ihre Anwälde, be⸗ treiben nach wie vor ihr Geſchäft ebenfalls mit dem größten Erfolg für ihre Finanzen, und gelten allgemein für die Schärfſten unter den Scharfen. Sam Weller hielt ſein Wort, und blieb noch zwei Jahre lang unverheirathet. Als nach dieſer Zeit die alte Haushälterin ſtarb, erhob Herr Pickwick Mary zu ihrer Nachfolgerin, doch unter der Bedingung, Sam Weller ſofort zu ehelichen, worauf ſie auch ohn Murren einging. Der Umſtand, daß man im Garten des Herrn Pickwick zwei kräftige kleine Buben häufig umherlaufen ſieht, be⸗ rechtigt zu dem Schluß, daß die Ehe nicht unfruchtbar geblieben iſt. Herr Weller Senior fuhr noch ein ganzes Jahr lang eine Poſtkutſche, aber die Gicht nöthigte ihn, ſich Die Pickwicker. 193 zurückzuziehen. Herr Pickwick hat ſeine Banknoten ſo gut untergebracht, daß er bequem von ſeinen Zinſen leben kann, und er hat ſeinen Wohnſitz in einem vortreff⸗ lichen Gaſthauſe unweit Shroters⸗Hill gewählt, wo er wie ein Orakel verehrt wird, ſich häufig ſeiner genauen Bekanntſchaft mit Herrn Pickwick rühmt, und fortwäh⸗ rend die unüberwindlichſte Abneigung gegen Wittwen hegt. Herr Pickwick bewohnt nach wie vor ſein neues Haus, und benutzt ſeine Muſeſtunden dazu, die Memoiren zu ordnen, die er ſpäter dem Sekretär des einſt ſo be⸗ rühmten Klubbs mitzutheilen beabſichtigt, oder ſich von Sam Weller vorleſen zu laſſen, deſſen gelegentliche Rand⸗ gloſſen und Bemerkungen niemals verfehlen, Herrn Pick⸗ wick großes Verguügen zu machen. Anfangs wurde er ein wenig dadurch beläſtigt, daß die Herren Winkle, Snodgraß und Trundle nicht ermüdeten, ihn zum Ge⸗ vatterſtehen bei ihrer Nachkommenſchaft einzuladen, er iſt jedoch bereits daran gewöhnt, und hat ſich darin, wie in etwas Natürliches und Unvermeidliches ergeben. Bis jetzt hatte er nicht Urſache, ſeine Freigebigkeit und Großmuth gegen Herrn Jingle und Hiob Trotter zu bereuen, denn Beide ſind würdige Mitglieder der menſch⸗ lichen Geſellſchaft geworden, obgleich ſie jede Aufforderung, auf den Schauplatz ihrer früheren Abenteuer und loſen Streiche zurückzukehren, beſtimmt und entſchieden ableh⸗ nen. Herr Pickwick hat etwas gealtert, und iſt ein wenig gebrechlicher geworden, aber ſein Geiſt iſt noch jugendlich und kräftig; man ſieht den alten Herrn häufig die Gemälde der Bildergallerie in Dulwich betrachten, oder an ſchönen Tagen in den angenehmen Umgebungen luſtwandeln. Allen Armen iſt er wohlbekannt, und ſie verfehlen nie, wenn er vorübergeht, die Hüte abzuziehen. Die Pickwicker. VI. 13 194 Die Pickwicker. Die Kinder vergöttern ihn, doch das thut in Wahrheit die ganze Nachbarſchaft. Er reiſt alljährlich zu einem großen fröhlichen Familienfeſt bei Wardle's; dorthin wie überall begleitet von ſeinem treuen Sam, zwiſchen wel⸗ chem und ſeinem Herrn eine wechſelſeitige unerſchütter⸗ liche Anhänglichkeit Statt findet, der nur der Tod ein Ende machen wird. Ende des ſechsten und letzten Theils. v ———— e ₰ * 4 4 K 1 8 4„ 4 F 3 33 .*“ 4 16 5 3 8 6 25 4 4 3 4 8— 5 8 3 1 . 4 4. 8 4 * 4— .— 8— 8 4 — 692 35 »* 2.8 1 8 — 1— “*