Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur „ 8 von.— Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. „ 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. J ee. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ —Jden angenommen. „3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wbchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 2 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. — 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei jolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deſecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden dar„indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von air geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ͤ— Capt. Marryat's, Capt. Chamier's, Dr. Harriſſon's(Samuel Warren's), Wilſon's, James Morier's, Boys u. A. Geſammelte Werke. Eine Sammlung der neueſten und ausgezeichnetſten Romane der engliſchen Literatur. Einundsechzigster Band. Die nachgelaſſenen Papiere des Pickwick⸗Clubbs von Boz(Charles Dickens). Fuͤnfter Theil. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1839. * Boz's (Charles Dickens) Geſammelte Werke. Fünkter Theil. Die Pickwicker. Fünfter Theil. Mit einer Federzeichnung nach Phiz. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1839. Die nachgelaſſenen Papiere des Pickwick⸗Clubbs, enthaltend einen getreuen Bericht der Wahrnehmungen, Gefahren, Reiſen, Abenteuer und heitern Erlebniſſe der correſpondirenden Mitglieder des Clubbs. Von Boz(Charles Dickens). Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von O. v. Czarnowsky. Fünfter Theil. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1839. ◻ 6 — — Aw Achtunddreißigſtes Kapitel. In welchem die Abweſenheit des Herrn Weller durch die Schil⸗ derung einer Soiree, zu welcher er eingeladen war und ſich begab, vollkommen gerechtfertigt, und auch berichtet wird, wie Herr Pickwick ihn mit einer wichtigen gehei⸗ men Sendung beauftragte. „Herr Weller,« ſagte Miſtreß Craddak an dem Morgen des eben geſchilderten ereignißreichen Tages— „hier iſt ein Brief für Sie.⸗ „»Für mich!« entgegnete Sam,»das iſt doch kurios. — Es muß wohl etwas Beſonderes paſſirt ſein, denn ich erinnere mich in meinem Zirkel von Bekanntſchaften keines Gentlemans, der einen Brief ſchreiben könnte.⸗ »Vielleicht hat ſich etwas Ungewöhnliches ereignet,« bemerkte Miſtreß Craddak. „»Es muß allerdings etwas ſehr Beſonderes ſein, das einem von meinen Freunden zum Brieſſchreiben bringen konnte,« erwiederte Sam mit bedenklichem Kopf⸗ ſchütteln—»nichts Geringeres als eine natürliche Con⸗ vulſion, wie der junge Gentleman ſagte, als er Zufälle bekam. Von meinem Alten kann der Brief auch nicht ſein,« fuhr Sam auf die Adreſſe blickend fort,»denn der druckt immer, weil er das Schreiben von den großen Anſchlagzetteln gelernt hat. Ich kann mir gar nicht denken, von wem der Brief kommen mag.« Die Pickwicker. V. 1 2 Die Pickwicker. Sam that bei dieſen Worten, was ſehr viele Leute thun, wenn ſie in Beziehung auf ein empfangenes Schreiben ungewiß ſind— er beſchaute das Siegel und dann die Aufſchrift, und wendete den Brief nach allen Seiten um, und endlich mochte er es für das Beſte halten, ihn zu erbrechen, um den Inhalt zu erfahren. »Er iſt auf Papier mit goldenem Rande geſchrieben,« ſagte Sam, als er ihn entfaltete,»und mit braunem Lack, mit dem obern Ende eines Thürſchlüſſels verſiegelt. Doch laß ſehen,« und Sam las langſam, mit ſehr ernſter und bedächtiger Miene, wie folgt: »Eine auserwählte Geſellſchaft von den hierſelbſt Conditionirenden empfiehlt ſich Herrn Weller, und bittet um das Vergnügen ſeiner Theilnahme auf dieſen Abend an einem freundſchaftlichen Super, beſtehend aus einer gedämpften Hammelkeule nebſt den gewöhnlichen Zu⸗ ſpeiſen.— Präcis halb zehn Uhr wird ſervirt.« Dieſes Billet war in ein anderes eingeſchloſſen, welches lautete, wie folgt:»Herr John Smauker, der Gentleman, der das Vergnügen hatte, Herrn Weller in dem Hauſe ihres gemeinſchaftlichen Bekannten, des Herrn Bantam, vor einigen Tagen kennen zu lernen, beehrt ſich, Herrn Weller die beiliegende Einladung zu überſchicken. Wenn Herr Weller um neun Uhr Herrn John Smauker abholen will, ſo wird Herr John Smauker das Ver⸗ gnügen haben, Herrn Weller einzuführen.« G(unterzeichnet: John Smauker.) Die Aufſchrift des Couverts lautete:»An Herrn Weller, Esquire, bei Herrn Pickwick,« und in der linken Ecke ſtanden in einer Parentheſe die Worte;»Bedienten⸗ glocke,« als Weiſung für den Ueberbringer. Die Pickwicker. 3 »Das iſt nicht übel,« ſagte Sam, doch er befaßte ſich mit keinem fernern Commentar über die Billets, ſondern begab ſich ſogleich zu Herrn Pickwick, und bat ihn um Urlaub für den Abend, welcher auch ſofort bewilligt wurde. Etwas vor der beſtimmten Zeit brach Sam mit dieſer Erlaubniß und mit dem Hausſchlüſſel in der Taſche auf, und ſchlenderte nach Queen⸗Square, wo er kaum angelangt war, als er das Vergnügen hatte, in einiger Entfernung Herrn John Smauker ſeinen bepuderten Kopf gegen einen Laternenpfahl lehnen, und eine CEigarre aus einer Bernſteinſpitze rauchen zu ſehen. »Wie befinden Sie ſich, Herr Weller?« rief ihm Herr John Schmauker entgegen, mit der einen Hand den Hut graziös lüftend, und mit der anderen ſehr herablaſſend winkend.—»Wie befinden Sie ſich, Sir?⸗ »Ziemlich wohl,« entgegnete Sam.—»Und wie befinden Sie ſich 2« »Nur ſo ſo!« ſagte Herr John Smauker. »Ah, Sie haben gewiß zu ſcharf gearbeitet,« bemerkte Sam.—„»Ich hab's gleich beſorgt.— Sie müſſen ſich nicht zu ſehr angreifen, und Ihrem unbezähmbaren Eifer nicht die Zügel ſchießen laſſen.⸗ »Es kommt weniger davon, als vom ſchlechten Wein, Herr Weller,« entgegnete Herr John Smauker. »Ich fürchte, daß ich ausſchweifend geweſen bin.⸗ „»Ah ſo,« ſagte Sam;»ja, das iſt eine ſehr fatale Krankheit.«. »Aber Sie wiſſen, Herr Weller, die Verführung iſt ſo groß,« verſetzte Herr John Smauker. „Allerdings,« bekräftigte Sam. »Wenn man ſo mitten in den Wirbel der Geſell⸗ ſchaft gezogen wird—« ſagte Herr John Smauker ſeufzend. 1* 4 Die Pickwicker. „Ja, es iſt ſchrecklich!« ſagte Sam »Aber es geht immer ſo,« fuhr Herr John Smauker fort,»führt einen das Schickſal in die große Welt und in eine öffentliche Stellung, ſo kommen Verſuchungen, von denen andere Leute nichts zu fürchten haben, Herr Weller.« »Gerade das ſagte auch mein Onkel, als er Wirth geworden war,« fiel Sam ein,»und der alte Herr hatte ſehr Recht, denn in weniger als drei Monaten trank er ſich zu Tode.« Herr John Smauker fühlte ſich ob der zwiſchen ihm und dem beſagten verſtorbenen Gentleman gezogenen Parallele tief empört; doch, da Sams Mienen äußerſt unbefangen blieben, ſo nahm er nicht weiter Notiz davon. »Es wird wohl Zeit ſein, daß wir gehen,« ſagte er, indem er eine kupferne Uhr an einem ſchwarzen Bande, mit einem kupfernen Uhrſchlüſſel an dem andern Ende aus einer tiefen Uhrtaſche zog. »Ja wohl,« entgegnete Sam,»ſie möchten ſonſt die Hammelkeule anbrennen laſſen.« »Haben Sie den Brunnen ſchon getrunken, Herr Weller?« fragte ſein Gefährte auf dem Wege nach der Hochſtraßt. »Ja, einmal,« entgegnete Sam. »Wie ſchmeckt er Ihnen, Sir 2« »Sehr widerlich,« antwortete Sam. »Ah, vielleicht war Ihnen der magnetiſche Mine⸗ raliengeſchmack zuwider.« »Davon verſtehe ich nichts,« ſagte Sam,»aber es kam mir vor, als hätte der Brunnen einen brandigen Geruch, wie von glühendem Plätteiſen.« »Das iſt eben das magnetiſche Mineralium, Herr — Die Pickwicker. 5 Weller,« bemerkte Herr John Smauker mit einer gelehr⸗ ten Miene. »Für mich iſt's ein ſehr undeutliches Wort,« ſagte Sam.»Es mag aber wohl ſein, denn ich verſtehe mich nicht ſonderlich auf das Apothekerweſen und die Che⸗ miſtereien,« und hier begann Weller zum Schrecken des Herrn John Smauker ein munteres Liedchen zu pfeifen. »Entſchuldigen Sie, Herr Weller,« ſagte er, indem ihn ein kalter Schauder, überlief.—»Wollen Sie meinen Arm nehmen?« »Danke, Sie ſind ſehr gütig,« erwiederte Sam; vich will Sie nicht berauben.— Wenn's Ihnen gleich⸗ viel iſt, ſo ſtecke ich lieber auf meine Weiſe die Hände in die Taſchen.« Indem Sam ſo ſprach, that er, wie er geſagt hatte, und pfiff noch lauter, als zuvor. »Hier,« ſagte ſein neuer Freund, der ſich ſehr erleichtert zu fühlen ſchien, als ſie eine Nebengaſſe ein⸗ ſchlugen,—»wir werden ſogleich an Ort und Stelle ſein.« »So?« bemerkte Sam, der bei der Ankündigung der Nähe der auserwählten Conditionirenden von Bath vollkommen unbefangen blieb. „»Ja,« ſagte Herr John Smauker.—»Beunruhigen Sie ſich nur nicht, Herr Weller.« »Dieſes weniger,« entgegnete Sam. »Sie werden einige ſehr ſchöne Uniformen ſehen, Herr Weller,« fuhr Herr John Smauker fort,»und vielleicht wird einer oder der andere von den Herren anfangs ſich etwas in die Bruſt werfen, aber ſie werden ſich bald geben.« »Viel Güte von ihnen,« erwiederte Sam. „»Und ſie wiſſen,« fuhr Herr John Smauker mit 6 Die Pickwicker. erhabener Beſchützermiene fort,»Sie wiſſen, da Sie ein Fremder ſind, ſo wird man Ihnen anfangs etwas ſcharf zuſetzen.“ »Sie werden doch nicht gar zu grauſam gegen mich ſein?2« fragte Sam. „Nein, nein,« erwiederte John Smauker, den Fuchs⸗ kopf hervorziehend, und eine gentlemanniſche Priſe neh⸗ mend.»Es ſind freilich einige luſtige Spaßvögel unter uns, und ſie werden vielleicht einen kleinen Scherz mit Ihnen aufſtellen wollen, wiſſen Sie, aber Sie müſſen ſich das nicht anfechten laſſen.« »„Ich will ſchon ſehen, daß ſie mich nicht unterkrie⸗ gen,« entgegnete Sam. »Das iſt recht,« ſagte Herr John Smauker, den Fuchskopf in die Taſche ſenkend und den ſeinigen erhe⸗ bend;»ich werde Ihnen ſchon beiſtehen.⸗ Sie hatten jetzt einen kleinen Krämerladen erreicht; Herr John Smauker ging hinein; Sam folgte lächelnd, und durch unverkennbare Zeichen darlegend, daß er ſich in dem beneidenswerthen Zuſtande der größten Seelen⸗ ruhe und Heiterkeit befand. Sie gingen durch den Krämerladen, legten ihre Hüte in dem kleinen Gange hinter demſelben ab, traten in das Verſammlungszimmer, und Sam hatte die ganze Herr⸗ lichkeit vor Augen. Es waren einige Tiſche an einander gerückt, mit drei oder vier Tiſchtüchern von verſchiedenem Alter und in verſchiedener Zeit zuletzt in der Wäſche geweſen, be⸗ deckt, und ſo arrangirt, daß ſie als ein einziges erſchie⸗ nen, ſo weit es nämlich die Umſtände in dieſem Fall erlaubten. Es waren Meſſer und Gabeln für ſechs bis acht Perſonen aufgelegt. Einige Meſſergriffe waren grün, andere roth, und noch andere gelb, doch da ſämmtliche — — — — Die Pickwicker. 7 Gabeln ſchwarz waren, ſo entſtand durch den ſcharfen Contraſt ein ſehr maleriſcher Effekt. Die Teller für eine entſprechende Anzahl von Gäſten wurden hinter dem Kamingitter gewärmt, und die Gäſte ſelbſt wärmten ſich vor demſelben. Der angeſehenſte und bedeutendſte unter ihnen ſchien ein breitſchulkeriger Gentleman in karmoiſin⸗ rothem Rock mit langen Schößen, hellblauen Beinkleidern, und einem dreieckigen Hut zu ſein, der mit dem Rücken am Feuer ſtand, und eben erſt eingetreten ſein mochte, denn abgeſehen davon, daß er ſeinen dreieckigen Hut noch auf dem Kopf hatte, hielt er in der Hand einen langen Stab, wie die Gentleman ſeines Berufs in ſchräger Stellung uͤber den Kutſchen zu halten pflegen. »Smauker, alter Freund— gieb mir die Handa⸗ a ſagte der Gentleman mit dem Dreimaſter. Herr Smauker hakte das oberſte Glied des kleinen Fingers ſeiner Rechten in das entſprechende des Gent⸗ leman mit dem Dreimaſter ein, und ſagte, daß er ent⸗ zůckt ſei, ihn ſo munter zu ſehen. »Ja, man ſagt mir, ich ſähe ziemlich blühend aus,« bemerkte der Mann in karmoiſinrothem Rock,„und es iſt noch dazu ein wahres Wunder. Seit den letzten vierzehn Tagen bin ich tagtäglich zwei Stunden unſerer Alten nachgeloffen, ohne daß ich weiter etwas zu thun hatte, als Betrachtungen darüber anzuſtellen, wie ſie ihr altes lavendelfarbenes Kleid hinten zuhakt, und wenn das nicht genug iſt, Einen auf Lebenslang ganz melan⸗ choliſch zu machen, ſo will ich mein nächſtes Quartal⸗ gehalt nicht haben.« Alle anweſende Auserwählte lachten herzlich, und ein Gentleman in einer gelben, mit einer Kutſchborte heſetzten Weſte flüſterte ſeinem Nachbar in grünen man⸗ 8 Die Pickwicker. cheſternen Kniehoſen zu:»Tuckle iſt heut' Abend ſehr gut bei Laune.«— Harane „»AUnter uns geſagt,« flüſterte Herr Tuckle Smauker zu, doch Sam konnte weiter nichts verſtehen. »Wahrhaftig, das hätte ich beinahe vergeſſen,« ſagte Herr John Smauker laut.»Meine Herren, mein Freund, Herr Weller!« „Thut mir leid, Weller, daß ich Ihnen im Feuer ſtehe,« ſagte Herr Tuckle, indem er ihm herablaſſend zu⸗ winkte.»Hoffe, daß Sie nicht frieren, Weller.« »Nicht im Geringſten,« erwiederte Sam.»Einer müßte ſehr froſtig ſein, wenn ſolch ein rother Feuerbrand, wie Sie, ihm gerade gegenüber ſteht, und es fröre ihn noch. Sie würden wirklich Kohlen erſparen, wenn man Sie in einem Wirthshaus hinter das Kamingitter ſtellte.« Da dieſe Bemerkung Herrn Tuckle eine perſönliche Anſpielung auf ſeine rothe Livree zu ſein ſchien, ſo run⸗ zelte er die Stirn, ſchob ſich jedoch langſam vom Kamine fort, brach in ein gezwungenes Gelächter aus, und ſagte: „»Der Witz war nicht übel!« „»Sehr verbunden für Ihre gütige Meinung, Sir,⸗ entgegnete Sam.»Hoffe, daß wir uns mit der Zeit ſchon verſtändigen werden.« Hier wurde die Unterhaltung durch die Ankunft eines Gentleman in orangefarbenen Plüſchbeinkleidern und eines andern auserwählten Conditionirenden in einem purpurfarbenen Rock, unterbrochen. Als die neuen Gäſte durch die bereits anweſenden bewillkommnet worden waren, ſtellte Tuckle den Antrag, mit dem Abendeſſen zu begin⸗ nen, welcher Antrag einſtimmig angenommen wurde. Der Krämer und ſeine Frau trugen jetzt die Hammel⸗ kenle mit einer Kapernſauce nebſt Rüben und Kartoffeln — Die Pickwicker. 9 auf. Herr Tuckle nahm den Präſidentenſtuhl ein, und der Gentleman in den orangen Plüſchbeinkleidern den des Vicepräſes. Der Krämer zog waſchlederne Hand⸗ ſchuhe an, um die Teller umherzureichen, und ſtellte ſich hinter den Stuhl des Herrn Tuckle. „Harris,« ſagte Herr Tuckle in gebieteriſchem Tone. »Sir!« ſagte der Kraͤmer. »Haben Sie die Handſchuh angezogen?« „»Ja, Sir!« »So nehmen Sie die Glocke herunter. »Ja, Sir!« Der Krämer that, was verlangt wurde, mit großer Unterwürfigkeit, und reichte Herrn Tuckle dienſtbefliſſen das Vorlegemeſſer, wobei er jedoch zufällig gähnte. „»Was ſoll das bedeuten, Sir?« fuhr Tuckle ihn an. »Bitte um Entſchuldigung, Sir,« erwiederte der erſchrockene Krämer; ves geſchah gegen meinen Willen; ich bin geſtern Abend noch ſehr ſpät aufgeweſen, Sir.« »Ich will Ihnen ſagen, was meine Meinung von Ihnen iſt, Harris,« ſagte Herr Tuckle mit großem Nach⸗ druck.»Sie ſind ein kommuner Bengel.« »Ich hoffe, meine Herren,« ſtammelte Harris,»daß Sie Nachſicht mit mir haben werden. Ich bin Ihnen ſehr viel Dank für den Schutz ſchuldig, den Sie mir angedeihen laſſen, ſo wie auch für Ihre Empfehlungen, wenn irgendwo ein Extra⸗Aufwärter nothwendig iſt.— Ich hoffe, daß ich Sie zu Ihrer Zufriedenheit bediene, meine Herren.« „»Nein, das thun Sie nicht,« ſagte Herr Tuckle. »Wir halten Sie für einen unaufmerkſamen Schlin⸗ gel,« fiel der Gentleman in den vraugeölüſchenen Bein⸗ kleidern ein. 10 Die Pickwicker. »Und für einen miſerablen Spitzbuben,« fügte der Gentleman in den grünen Mancheſternen hinzu. „Und für einen unverbeſſerlichen Halunken,« ergänzte der Gentleman in Purpur. Der arme Krämer verbeugte ſich äußerſt demüthig, während er im echten Geiſt der allerkleinſten Tyrannei auf eine ſo ſchmählige Weiſe behandelt wurde, und nach⸗ dem Jeder, um ſeine Superiorität zu beweiſen, ihn heruntergehunzt hatte, ausgenommen Sam, begann Herr Tuckle, die Hammelkeule zu tranchiren und vorzulegen. Kaum war er damit beſchäftigt, als plötzlich die Thür aufgeriſſen ward, und noch ein Gentleman in hell⸗ blauem Kleide mit bleiernen Knöpfen erſchien. »Wider die Geſetze!« rief Tuckle.»Zu ſpät, zu ſpät le »Es iſt wirklich nicht meine Schuld,« erwiederte der Hellblaue.»Ich muß die Sache dem Urtheile der Geſellſchaft vorlegen— ein Liebes-Abenteuer— ein Rendezvous im Theater.« »Wirklich?« fragte der Gentleman in den Orange⸗ plüſchnen. »Wie ich ſage,« fuhr der Hellblaue fort.»Ich hatte verſprochen, unſere jüngſte Tochter um halb elf Uhr ab⸗ zuholen, und ſie iſt ein ſo ſchmuckes Frauenzimmer, daß ich es nicht über mein Herz bringen konnte, ſie vergeb⸗ lich warten und ſchmachten zu laſſen.— Die Herren werden es mir nicht übel nehmen, denn eine Schürze, Gentlemen, eine Schürze entſchuldigt jedes Vergehen.⸗ »Ich habe längſt Lunte gerochen,« ſagte Tuckle, als der Neuangekommene ſich neben Sam ſetzte.»Ich habe ein⸗ oder zweimal bemerkt, daß die junge Dame ſich ſehr feſt auf Ihre Schulter ſtützt, wenn Sie ihr in den Wa⸗ gen oder hinaushelfen.«⸗. Die Pickwicker. 11 „O, laſſen Sie das gut ſein, Tuckle,« entgegnete der Hellblaue.»Es ſchickt ſich nicht, daß man öffentlich davon ſpricht.— Ich mag wohl zu ein paar Freunden im Vertrauen geſagt haben, ſie wäre ein himmliſches Geſchöpf, und hätte ſchon mehrere Anträge ohne erſicht⸗ lichen Grund zurückgewieſen— aber nein, nein, Tuckle— es iſt nicht recht— beſonders vor Fremden— davon zu ſprechen.— Zartgefühl, mein theurer Freund, Zart⸗ gefühl,« und der Hellblaue winkte bedeutſam, als könne er noch viel ſagen, wenn er wolle, und nicht aus Rück⸗ ſichten ſchweigen müſſe. Da der Hellblaue ein ſehr keckes und munteres Weſen und ein jugendlich⸗kräftiges, joviales Ausſehen hatte, ſo war Sam ſchon bei ſeinem Eintreten beſonders aufmerkſam auf ihn geworden, als er ſich aber auf die angegebene Weiſe hervorthat, fühlte ſich Sam um ſo mehr geneigt, ſeine nähere Bekanntſchaft zu machen; er begann daher ſofort die Unterhaltung mit ihm mit der ihm eigenthümlichen Ungezwungenheit. »Ihr Wohlſein, Sir!« rief er ihm zu.»Sie ge⸗ fallen mir ſehr.— Wir müſſen näher bekannt werden.“ Der Hellblaue lächelte, als ſei er Schmeicheleien dieſer Art ſchon gewohnt, warf jedoch Sam zugleich einen auf⸗ munternden Blick zu, und ſagte, er hoffe, näher mit ihm bekannt zu werden, denn Herr Weller ſcheine, ohne alle Schmeichelei, ein recht angenehmer Burſche zu ſein, und ganz der Mann nach ſeinem eigenen Herzen. »Sie ſind ſehr gütig, Sir,« entgegnete Sam.»Aber was für ein Glückskind Sie ſind.« »Was meinen Sie damit?« fragte der Hellblaue. »Ei nun— die junge Dame— ſie weiß wohl, wo der Haſe im Pfeffer liegt.— Ah, ich begreife,« und hierbei ſchloß Herr Weller das eine Auge, und wiegte ——— 1² Die Pickwicker. den Kopf auf eine für die Eitelkeit des Hellblauen, der allerdings ein ſchöner und kräftig gebauter Burſche war, äußerſt ſchmeichelhafte Weiſe hin und her. »Ich beſorge, Herr Weller, Sie ſind ein Schalkla bemerkte der Hellblaue. »Ganz und gar nicht,« entgegnete Sam.»Ich laſſe Ihnen den Schalk ſelber.— Sie haben ein groß Theil mehr mit ihm zu ſchaffen, als ich, wie der Mann— hinter der Gartenmauer zu dem Mann draußen ſagte, als der wildgewordene Stier die Gaſſe herauftobte.« »Mag ſein, Herr Weller,« ſagte der Hellblaue; vich denke, mein Weſen und Benehmen iſt ihr nicht unan⸗ genehm aufgefallen.« »Sollte meinen, es hätte ihr wohl auffallen müſſen,« erwiederte Sam. »Haben Sie gegenwärtig auch ſo eine kleine Affaire dieſer Art, Sir?« fragte der begünſtigte Gentleman, indem er einen Zahnſtocher aus ſeiner Weſtentaſche her⸗ vorzog. »So eigentlich nicht,« antwortete Sam.»Wir haben bei uns zu Hauſe keine Töchter, denn ſonſt würde ich mich natürlich an Eine gemacht haben.— So aber glaube ich, daß ich's unter einer Gräfin nicht thun würde.— Zur Noth ließ ich mir vielleicht ein junges Frauenzimmer mit Vermögen gefallen, wenn ſie auch keinen Titel hätte, aber dann müßte ſie heftig in mich verſchoſſen ſein, und gar nicht von mir ablaſſen kön⸗ nen— denn anders durchaus nicht.⸗ »Ganz recht, Herr Weller,« entgegnete der Hell⸗ blaue;»man darf ſich nicht wegwerfen, und wir wiſſen, Herr Weller— wir, als Männer von Welt und Erfah⸗ rung— daß eine gute Uniform bei den Frauenzimmern früher oder ſpäter durchſchlägt, und das iſt ja, unter uns Die Pickwicker. 13 geſagt, das Einzige, weßhalb es der Mühe lohnt, daß man eine Condition annimmt.«⸗ 4. »Ganz recht,« ſagte Sam.»Dies iſt auch meine Anſicht.« Als das vertrauliche Geſpräch bis zu dieſem Punkt gediehen war, wurden Gläſer gebracht, und jeder Gent⸗ leman beſtellte, was er trinken wollte. Der Hellblaue und der Orangenfarbene beſtellten kalten Shrub mit Waſſer, das Lieblingsgetränk der Andern dagegen ſchien Branntwein mit Waſſer und Zucker zu ſein. Sam nannte den Krämer, als er vergeſſen hatte, ihm ein Glas zu geben, einen nachläſſigen Tölpel, und beſtellte eine große Bowle Punſch, und Beides ſchien ihm in der Meinung der Auserwählten zu nicht geringem Vortheil zu gereichen. »Gentlemen!« rief der Hellblaue, eine Geſundheit ausbringend,»die Damen.« »Hört! hört!« ſchrie Sam,»die jungen Fräulein.« Es wurde laut zur Ordnung gerufen, und da Herr John Smauker Sam in die Geſellſchaft eingeführt hatte, ſo»erlaubte er ſich, ihm zu bemerken,« der Ausdruck, deſſen er ſich ſo eben bedient habe, ſei unparlementariſch. »Welcher Ausdruck iſt denn der rechte?« fragte Sam. „Fräuleins, Sir,« entgegnete Herr John Smauker ſehr unwillig.»Wir erkennen dergleichen Unterſcheidun⸗ gen hier nicht an.« »Ah, ſehr wohl,« ſagte Sam,»ſo will ich denn meinen Fehler verbeſſern, und mit Feuerbrands Erlaubniß ſie»die lieben Täubchen« nennen.« Der Gentleman in den grünen Mancheſternen ſtand im Begriff, die Frage aufzuwerfen, ob der Präſident ihrer Geſellſchaft füglich»Feuerbrand« genannt werden könne, und auch der Mann im karmoiſinrothen Rock blickte Sam lange ſcharf an, mochte es aber für gerathener 14 Die Pickwicker. halten, die Sache auf ſich beruhen zu laſſen, da er ſich von Herrn Weller wenig Gutes verſah. Nach einem kurzen Stillſchweigen rührte ein Gent⸗ leman in einem Bortenrock, der ihn bis auf die Ferſen hinunterreichte, und einer dito Weſte, welche die ganze Oberhälfte ſeiner Beine warm hielt, mit großem Eifer ſeinen Grog, erhob ſich plötzlich mit gewaltiger Anſtren⸗ gung, und ſagte, er wünſche der Geſellſchaft etwas mit⸗ zutheilen, worauf der Präſident erklärte, die Geſellſchaft werde ohne Zweifel mit vielem Vergnügen vernehmen, was der Herr im langen Rock vorzutragen gedenke. »Ich trete nur mit großer Schüchternheit vor Ihnen auf, meine Herren,« begann der Mann mit den langen Rockſchößen,»da ich das Unglück habe, ein Kutſcher zu ſein, und nur als Ehrenmitglied in dieſe angenehme Ge⸗ ſellſchaft zugelaſſen bin, aber ich ſehe mich veranlaßt, meine Herren, Ihnen einen betrübenden Umſtand mit⸗ zutheilen, der zu meiner Kenntniß gelangt iſt.— Meine Herren, unſer Freund Whiffers hat ſeine Stelle nieder⸗ gelegt.« 4 Aller Blicke richteten ſich auf den Orangefarbenen; dann ſah jeder ſeinen Nachbar, und endlich wieder den Kutſcher an. »Sie haben allerdings Urſache, ſich darüber zu ver⸗ wundern, meine Herren,« fuhr der Redner fort.»Ich maße mir nicht an, mich über die Urſachen dieſes un⸗ erſetzlichen Verluſtes für den Dienſt zu verbreiten, bitte aber, Herrn Whiffers ſelbige zur Belehrung und Erwä⸗ gung ſeiner bewundernden Freunde ſelbſt bekannt zu machen.«. Der Antrag wurde allgemein genehmigt, und Herr Whiffers entſprach ihm ſofort. Er ſagte, daß er aller⸗ dings hätte wünſchen können, den Poſten zu behalten, —— — S — — Die Pickwicker. 15 den er ſo eben aufgegeben habe. Die Uniform ſei glän⸗ zend und koſtbar, die Frauenzimmer der Famille wären aͤußerſt angenehm, und die Pflichten ſeiner Stellung, wie er nicht anders ſagen könne, keineswegs zu beſchwerlich geweſen, da ſie nur hauptſächlich darin beſtanden hätten, daß er in Geſellſchaft eines andern Gentleman, der eben⸗ falls reſignirt habe, ſo viel als möglich aus dem Fenſter neben der Hausflur habe ſchauen müſſen. Er würde der Geſellſchaft gern die widrigen und empörenden Details erſparen, auf die er jedoch eingehen müſſe, da eine Erör⸗ terung von ihm gefordert ſei, und ſo wolle er den ohne Umſchweife berichten, daß man ihm angeſonnen, kalte Küche zu ſpeiſen. Es iſt unmöglich, die Entrüſtung zu ſchildern, welche dieſe Mittheilung bei den Zuhörern erweckte. Von allen Seiten wurde laut: Pfui, pfui! gerufen, geziſcht, und gegrunzt, und dieſe Aufregung hielt wenigſtens eine Viertelſtunde an.. Herr Whiffers fügte jetzt hinzu, er müſſe fürchten, daß er ſelbſt dieſe Schmach theilweiſe durch ſeine Nach⸗ ſicht und Geduld veranlaßt haben möge. Er entſinne ſich deutlich, einſt eingewilligt zu haben, geſalzene Butter zu eſſen, und er habe ſich ſogar ein anderes Mal, als Jemand im Hauſe plötzlich erkrankt ſei, ſo weit vergeſ⸗ ſen, ein Kohlengefäß in das zweite Stockwerk hinaufzu⸗ tragen. Er hoffe in der Achtung ſeiner Freunde durch dieſes offene Geſtändniß ſeiner Fehler nicht zu ſinken, und ſollte es dennoch der Fall ſein, ſo hege er die Zu⸗ verſicht, daß die raſche Entſchloſſenheit, mit welcher er endlich die ruchloſe Verletzung ſeiner Gefühle gerächt habe, ihm ihre gute Meinung wieder zuwenden werde. Die Rede des Herrn Whiffer rief laute und allge⸗ meine Bewunderung hervor, und man trank mit dem — 16 Die Pickwicker. größten Enthuſiasmus die Geſundheit des edlen Märty⸗ rers, wogegen dieſer die des Herrn Weller vorſchlug, eines Gentleman, den er zwar nicht das Vergnügen habe genauer zu kennen, der jedoch der Freund des Herrn Smauker ſei, was in jeder aus Gentlemen beſtehenden Geſellſchaft für eine hinlängliche Empfehlung gelten müſſe; er würde die Geſundheit des Herrn Weller mit allen Honneurs ausgebracht haben, wenn ſeine Freunde Wein tränken, da es ihnen aber beliebe, der Veräünderung we⸗ gen Branntwein zu trinken, und da es nicht gut thun⸗ lich ſein möchte, bei jedem Toaſt ein Glas davon zu lee⸗ ren, ſo ſchlage er vor, die Honneurs ſtillſchweigend vor⸗ auszuſetzen. Beim Schluß dieſer Rede ſchlürfte jeder zu Ehren Sams etwas aus ſeinem Glaſe, und nachdem Herr Weller zwei volle Becher Punſch ſich ſelber zu Ehren getrunken hatte, dankte er in einer wohlgeſetzten Rede: »Ich bin Ihnen ſehr verpflichtet,« begann er, ſo unbefangen als möglich, und Punſchgläſer füllend,»ſehr verpflichtet für dieſes Compliment, das mir um ſo ſchmei⸗ chelhafter ſein muß, da es von ſo ehrenwerthen Leuten kommt. Ich habe ſchon viel Gutes von Ihnen gehört, muß aber geſtehen, daß ich mir nicht vorgeſtellt hätte, Sie wären ſo kapitale Burſche, wie ich jetzt finde, daß Sie ſind. Ich will nur hoffen, daß Sie Acht auf ſich haben, und Ihrer Würde nichts vergeben. Es iſt ſehr hübſch anzuſehen, wenn ein Conditionirender mit gebüh⸗ rendem Anſtand über die Straße geht, was ich immer mit dem größten Vergnügen geſehen habe, ſeit ich ein Knabe war, halb ſo hoch, wie der lange Rock meines reſpekta⸗ blen Freundes Feuerbrand da. Was das Opfer der Ty⸗ rannei anbelangt, das uns eben mittheilte, welche Schmach ihm widerfuhr, ſo iſt Alles, was ich von ihm ſagen kann, Die Pickwicker. 17 dieſes, daß ich hoffe, er werde eine ſo gute Stelle bekom⸗ men, als er es verdient, in welchem Fall er nicht wieder mit kalter Küche traktirt werden wird.« Sam ſetzte ſich mit einem gewinnenden Lächeln; ſeine Rede rief ſtürmiſchen Beifall hervor, und Mehrere von der Geſellſchaft machten Anſtalten, aufzubrechen. „Wie, Sie wollen doch nicht im Ernſt ſchon ge⸗ hen, alter Freund?« ſagte Sam zu Herrn John Smauker.. »Ich muß,« entgegnete dieſer,»ich hab's Bantam ver⸗ ſprochen.« »Ah, das iſt etwas anderes,« entgegnete Sam. »Vielleicht würde er reſigniren, wenn Sie ihn warten ließen. Wollen Sie auch ſchon fort, Feuerbrand?« »Ja, ich will gehen,« erwiederte der Mann mit dem Dreimaſter. »Wie, und dreiviertel von einer Punſchbowle zurück⸗ laſſen?« fragte Sam.»Kommen Siez bleiben Sie noch hier!« Herr Tuckle vermochte dieſer Verſuchung nicht zu widerſtehen. Er legte den dreieckigen Hut und den Stock wieder bei Seite, und ſagte, er wolle um guter Kame⸗ radſchaft willen noch ein einziges Gläschen trinken. Da der Hellblaue mit Herrn Tuckle denſelben Weg hatte, ſo ließ er ſich gleichfalls bewegen, noch zu blei⸗ ben. Als die Bowle halb ausgetrunken war, beſtellte Sam Auſtern aus des Krämers Laden, und die Wirkung des Punſches und der Auſtern war ſo ſehr erheiternd, daß Herr Tuckle mit ſeinem Dreimaſter und Stabe zwiſchen den Auſterſchalen auf dem Tiſche den Froſch⸗Hornpipe tanzte, wozu der Hellblaue die begleitende Muſik auf einem, ſehr ſcharfſinnig aus einem Haarkamm und einem Papierſtreifen in der Eile konſtruirten Inſtrument vortrug. Die Pickwicker. V. 2 —;—— ᷣ S/——. Die Pickwicker. Endlich, als der Punſch ganz, und die Nacht bei⸗ nahe zu Ende war, brachen ſie auf, um einander nach Hauſe zu begleiten. Herr Tuckle gelangte kaum an die friſche Luft, ſo ergriff ihn ein unwiderſtehlicher Drang, ſich auf das Straßenpflaſter niederzulegen; Sam hielt es für eben ſo zwecklos als grauſam, ihm zu widerſpre⸗ chen, und ließ ihm daher ſeinen Willen. Da jedoch der Dreimaſter hätte Schaden nehmen können, ſo drückte ihn Sam dem Hellblauen auf den Kopf, gab demſelben Tuckle's langen Stab in die Hand, ſtellte ihn aufrecht an die Thür ſeiner Wohnung, als ſie vor dieſelbe gelangten, zog die Klingel, und ging ruhig nach Hauſe. Am nächſten Morgen war Herr Pickwick früher als gewöhnlich aufgeſtanden, und bereits vollſtändig angerlei⸗ det, als Sam in ſeine Stube trat. »Sam, ſagte er,»verſchließen Sie die Thür.« Herr Weller that es. »Wir haben geſtern Abend hier einen fatalen Vor⸗ fall gehabt, Sam,« fuhr Herr Pickwick fort,»welcher Herrn Winkle Gewaltthätigkeiten von Herrn Dowler befürchten läßt.« »Ich habe es ſchon von der Alten unten gehört,« entgegnete Sam. »Ich muß leider hinzufügen, Sam,« fuhr Herr Pick⸗ wick mit höchſt entrüſteter Miene fort,»daß Herr Winkle aus Furcht vor dieſen Gewaltthätigkeiten ſich davon gemacht hat.« „»Davon gemacht?« ſagte Sam. »Schon ſehr früh heute Morgen hat er das Haus ohne die geringſte vorgängige Berathung mit mir verlaſ⸗ ſen,« erwiederte Herr Pickwick,»und iſt entflohen, ich weiß nicht wohin.« »Er hätte hier bleiben und es ansfeihten ſollen, — — —,,—-———— Die Pickwicker. 19 Sir,« ſagte Sam verächtlich.»Mit dem Dowler ließe ſich auch ſchon fertig werden, Sir.« »Ja, Sam,“ verſetzte Herr Pickwick, vich habe auch ſchon meinen Zweifel an ſeiner großen Bravour gehabt. Wie dem aber auch ſein möge; Herr Winkle iſt fort. Er muß aufgeſucht, und mir zurückgebracht werden, Sam.« »Aber wenn er nun nicht zurückkommen will, Sir?⸗ »So muß er dazu gezwungen werden, Sam.⸗ »Aber wer ſoll dieſes thun, Sir?« fragte Sam lächelnd. »Sie!« erwiederte Herr Pickwick. »Sehr wohl, Sir,« ſagte Sam, und Herr Pickwick hörte ihn hinab, und aus dem Hauſe gehen. Nach zwei Stunden kehrte er mi ſo viel Seelenruhe zurück, als habe er ſich des geringfügigſten Auftrages entledigt, und brachte die Nachricht, daß ein Herr, deſſen Beſchreibung vollkommen auf Herrn Winkle paßte, vor wenigen Stun⸗ den mit der Briſtoler Poſtkutſche abgefahren ſei. »Sam,“« ſagte Herr Pickwick, deſſen Hand ergrei⸗ fend,»Sie ſind ein vortrefflicher, ein unſchätzbarer Menſch. Sie müſſen ihm nachreiſen, Sam.« »Sehr gern, Sir,« entgegnete Herr Weller. »Wenn Sie ihn auffinden, ſo geben Sie mir ſogleich Nachricht, Sam. Verſucht er etwa, Ihnen zu entlau⸗ fen, ſo ſchlagen Sie ihn nieder, oder ſperren ihn ein. Ich autoriſire Sie hiermit förmlich und feierlichſt dazu⸗ Sam.« «Ich werde Ihren Befehlen getreu nachkommen, Sir,« entgegnete Sam. »Sagen Sie ihm,« fuhr Herr Pickwick fort,»ſein höchſt auffallendes Benehmen habe mich ſehr empört und erzürnt.« 2* 20 Die Pickwicker. »Sehr wohl, Sir.«⸗ „Sagen Sie ihm ferner, wenn er nicht ſofort mit Ihnen zurückkehrte, würde ich ſelbſt kommen und ihn holen.« „»Will es ſchon ausrichten, Sir,« entgegnete Sam. »Glauben Sie, daß Sie ihn auffinden werden, Sam?« fragte Herr Pickwick, ihm ſcharf in das Geſicht blickend. „O, ich will ihn ſchon finden, er möge ſein, wo er wolle,« erwiederte Sam mit großer Zuverſicht. „Gut, dann reiſen Sie je eher je lieber ab.⸗ Herr Pickwick gab ſeinem treuen Diener eine Summe Geldes mit, und befahl ihm, ſich ſogleich auf den Weg nach Briſtol zu machen. Sam packte einige Sachen zuſammen, und war zur Abreiſe bereit. Als er an das Ende des Ganges gekom⸗ men war, kehrte er noch einmal um, und ſteckte den Kopf in ſeines Herrn Thüre. „»Sir!« flüſterte er. „»Was giebt's noch, Sam?« fragte Herr Pickwick. „Ich werde doch meine Inſtruktionen richtig ver⸗ ſtanden haben, Sir 2« »Ich hoffe es, Sam.⸗ „Es iſt doch buchſtäblich zu verſtehen, das mit dem Niederſchlagen 2« „Allerdings. Thun Sie, was Sie für nothwendig halten. Sie haben meine Autoriſation.« Sam nickte ſeinem Herrn bedeutſam zu, verſchwand, und trat ſeine Wanderſchaft mit leichtem Herzen an. —„, —2— — r⸗ m Die Pickwicker. 21 Neununddreißigſtes Kapitel. Wie Herr Winkle, als er dem heißen Waſſer entgangen war, geradezu in das Feuer gerieth. Nachdem der unglückliche Gentleman, der die unge⸗ wöhnliche Störung veranlaßt hatte, welche die Bewoh⸗ ner des Halbmondplatzes, wie wir bereits berichteten, ſo ſehr beunruhigte, eine angſtvolle Nacht hingebracht, ver⸗ ließ er das Haus, in welchem ſeine Freunde noch ſchlum⸗ merten, und entfloh, ohne ſelbſt zu wiſſen, wohin. Die edlen und trefflichen Geſinnungen, die Herrn Winkle zu dieſem Schritt antrieben, können nie zu ſehr gewürdigt und zu warm geprieſen werden.»Wenn,« ſo ſprach Herr Winkle bei ſich ſelbſt,»wenn dieſer Dowler ſich unterfängt(was er ohne Zweifel thun wird), ſeine Dro⸗ hungen perſönlicher Gewaltthätigkeiten gegen mich in Ausführung zu bringen, ſo werde ich gezwungen ſein, ihn herauszufordern. Er hat eine Gattin, die ihn liebt, und die ohne ihn unglücklich wird. Himmel, wenn ich ihn nun in der Blindheit meines Zorns erſchöſſe, welche Reue würde ich ſpäter darüber fühlen.« Dieſer peinliche Gedanke wirkte ſo gewaltig auf des jungen Mannes menſchenfreundliches Herz, daß ſeine Knie gegen einander ſchlugen, und ſeine Züge die tiefſte innere Bewegung aus⸗ ſprachen. Durch dieſe Erwägungen angetrieben, griff er ſchnell nach ſeinem Reiſeſack, ſchlich leiſe die Treppe hinunter, öffnete und ſchloß jene verwünſchte Hausthür mit ſo wenig Geräuſch als möglich, und ging davon. Vor dem Royal⸗Hotel fand er die Briſtoler Poſtkutſche zum Abfahren bereit, und da ihm Briſtol für ſeinen 8 —— — —— 22 Die Pickwicker. Zweck ein eben ſo guter Ort dünkte, als jeder andere, ſo ſtieg er, ohne ſich lange zu bedenken, ein, und erreichte ſeinen Beſtimmungsort ſo ſchnell, als die Pferde, welche täglich zwei oder mehrmal den Weg hin und zurückmach⸗ ten, füglich laufen konnten. Er nahm ein Zimmer im Hotel zum»Buſch,« und in⸗ dem er beſchloß, briefliche Mittheilungen an Herrn Pickwick ſo lange auszuſetzen, bis ſich annehmen laſſe, daß Herrn Dowlers Zorn einigermaßen verraucht ſein könne, ging er aus, um ſich die Stadt zu beſehen, in der er nichts Beſonderes fand, außer daß ſie ihm etwas ſchmutziger erſchien, als jeder andere Ort, den er bisher geſehen hatte. Nachdem er die Docks und Schiffswerfte, ſo wie auch die Cathedrale beſichtigt, begab er ſich auf den Rückweg nach ſeinem Hotel, aber da die Straßen von Briſtol nicht ſehr gerade und regelmäßig ſind, und Herr Winkle ſich in ihren Windungen verirrte, ſo ſah er ſich nach einem anſtändigen Laden um, in welchem er neue Erkun⸗ digungen einziehen könne. Seine Blicke fielen auf ein neu angeſtrichenes Haus, an deſſen Thür in goldenen Buchſtaben die Inſchrift zu leſen war, daß hier ein Chirurgus wohne. Da er dieſen Um⸗ ſtand ganz geeignet für ſeinen Zweck hielt, ſo trat er in den kleinen Laden, und als er Niemand fand, klopfte er mit einer halben Krone auf den Ladentiſch, um die Aufmerk⸗ ſamkeit Derer, die ſich in dem Hinterzimmer befinden möchten, zu erregen. Bei dem erſten Klopfen hörte ein Geräuſch, jenem aͤhnlich, wenn mit Rapieren gefochten wird, plötzlich auf, und bei dem zweiten trat ein junger Herr mit einer grünen Brille auf der Naſe und einem großen Buch in der Hand bedächtig in den Laden, und fragte nach dem Be⸗ gehren des Fremden.. 13 Die Pickwicker. 23 »Entſchuldigen Sie, wenn ich Sie ſtöre, Sir,⸗ begann Herr Winkle,»aber können Sir mir nicht ſagen—« »Ha! ha! ha!« lachte der junge Herr laut auf, das große Buch in die Höhe werfend, und es mit be⸗ wundernswerther Geſchicklichkeit wieder auffangend, als es eben alle die Arznei⸗ und Blutigelflaſchen auf dem Tiſch in Atome zu zertrümmern drohte.»Das nenne ich ein Zuſammentreffen,« ſagte er. Herr Winkle erſchrack ſo ſehr über das höchſt auf⸗ fallende Benehmen des jungen Herrn, daß er unwillkühr⸗ lich nach der Thür zurückfuhr. »Wie? Kennen Sie mich nicht?« fragte Jener. Herr Winkle murmelte verlegen, daß er das Ver⸗ gnügen nicht habe. »Nun,“« fuhr der junge Mediziner fort,»dann leuch⸗ tet mir doch noch ein Hoffnungsſtern. Ich kann die Hälfte der alten Weiber in Briſtol beſuchen, wenn ich nur einigermaßen Glück habe. Fort mit dir, du ſtaubi⸗ ger Schmöker, fort mit dir!« Mit dieſer Verwünſchung warf er das große Buch in die fernſte Ecke, nahm die grüne Brille ab, und Herr Winkle erkannte nunmehr zu ſeiner höchſten Verwun⸗ derung Herrn Bob Sawyer. »Erkannten Sie mich denn wirklich nicht gleich?« fragte Bob, Herrn Winkles Hand mit freundſchaftlicher Wärme drückend. »Nein,« entgegnete Herr Winkle, den Händedruck erwiedernd. „»Laſen Sie denn den Namen an der Thür nicht: Sawyer, ſonſt Stockemorf. »Ich habe nicht darauf geachtet,« entgegnete Her Winkle. Die Pickwicker. „»Hätte ich gewußt, daß Sie es wären, ſo würde ich augenblicklich hinausgeſtürzt ſein, und Sie in meine Arme geſchloſſen haben, aber ich dachte, es wäre der königliche Steuereinnehmer.« „»Wirklich2« fragte Herr Winkle. »Ja wohl,« entgegnete Bob Sawyer,»und ich wollte eben ſagen, ich ſei nicht zu Hauſe, wolle aber beſtellen, was er mir mitzutheilen habe, denn er kennt mich eben ſo wenig, als der Erleuchtungs⸗ und Pfaſterſteuererhe⸗ ber, wogegen ich vermuthe, daß der Kirchſteuermann mich halb und halb, und beſtimmt weiß, daß der Waſſerſteuer⸗ Plagegeiſt mich genau kennt, denn ich habe ihm einen Zahn ausgezogen, als ich zuerſt herkam. Doch kommen Sie, kommen Sie hier herein. So ſchwatzend zog Bob Herrn Winkle in das Hin⸗ terſtübchen, in welchem Herr Benjamin Allen ſich die Zeit damit vertrieb, daß er mit dem glühenden Schüreiſen kleine runde Höhlungen in die Kaminbekleidung bohrte. »Ei,« ſagte Herr Winkle,»wie ſchön haben Sie ſich hier eingerichtet.« »So leidlich,« entgegnete Bob Sawyer.»Ich über⸗ ſtand mein Eramen bald nach unſerer intereſſanten Abend⸗ geſellſchaft; meine Angehörigen trugen das zur Einrich⸗ tung dieſes Geſchäfts Nöthige bei, und ich legte mir einen ſchwarzen Anzug und eine Brille zu, um ſo gelehrt als möglich auszuſehen.« »Und Sie haben ohne Zweifel ein recht hübſches kleines Geſchäft?« fragte Herr Winkle. »Ja,« entgegnete Bob,»ſo klein, daß Sie nach einigen Jahren den ganzen Gewinn in ein Weinglas legen, und ihn mit einem Stachelbeerblatt bedecken können.« »Das kann wohl Ihr Ernſt nicht ſein. Schon Ihre Vorräthe—« A e Die Pickwicker. 25 »Nichts als Spiegelfechtereien, mein Beſter,« erwie⸗ derte Bob.»In der einen Hälfte der Fächer iſt gar nichts, und die andern können nicht einmal herausgezo⸗ gen werden.« »Sie ſcherzen!« ſagte Herr Winkle. »Auf mein Wort,« entgegnete Bob, trat in den Laden, und bekräftigte ſeine Angabe, indem er an einige der blinden Fächer hart klopfte.»Es iſt kaum irgend etwas Reelles im Laden, außer den Blutigeln, die aber bereits abgenutzt und aus zweiter Hand ſind.« »Das hätte ich nimmermehr gedacht,« rief der erſtaunte Winkle aus. »Will's auch nicht hoffen,« fuhr Bob fort,»denn wozu wäre ſonſt der Schein? Doch, was wollen Sie genießen? Was uns Beiden das Liebſte iſt?— Das iſt recht! Ben, ſei doch ſo gut, den Patent⸗Verdauer her⸗ vorzulangen.« Herr Benjamin Allen lächelte bereitwillig, und nahm aus dem neben ihm ſtehenden Schrank eine ſchwarze mit Branntwein halbgefüllte Flaſche. »Sie trinken natürlich ohne Waſſer?« fragte Bob Sawyer. »Ich danke Ihnen, antwortete Herr Winkle.»Es iſt noch ziemlich früh, und wenn Sie nichts dawider haben, trinke ich lieber mit Waſſer.« t »Wir haben ganz und gar nichts dagegen, wenn Sie es nur mit Ihrem Gewiſſen vereinigen können,«⸗ und Bob Sawyer ſtürzte mit großem Behagen ein Glas Branntwein hinunter.»Ben, das Töpfchen.« Herr Benjamin Allen nahm aus demſelben Schrank einen kleinen irdenen Topf, auf den Bob Sawyer, wie zer ſagte, ſtolz war, beſonders weil er ſo laboratorium⸗ artig ausſähe. Nachdem in demſelben das Waſſer, ver⸗ 26 Die Pickwicker. mittelſt einiger Schaufeln voll Kohlen, welche Bob Sawyer aus einem Behälter nahm, der die Aufſchrift »Sodawaſſer« hatte, zum Sieden gebracht war, miſchte Herr Winkle ſeinen Branntwein, und die Unterhaltung wurde bereits lebendiger, als ſie dadurch unterbrochen ward, daß ein Knabe in einer beſcheidenen grauen Livree mit einem goldgetreſſten Hut und einem kleinen verdeck⸗ ten Korbe unter dem Arm in den Laden trat. Bob Sawyer rief ihm ſogleich zu:»Tom, Du kleiner Galgen⸗ ſtrick, komm herein.« Der Knabe trat in das Hinterſtübchen. „»Du fauler Schlingel, haſt Dich gewiß wieder mit allen Jungens in Briſtol umhergetrieben,« fuhr Bob fort. »Nein, Sir, das habe ich nicht gethan,« ſagte der Knabe. „»Iſt Dir auch wohl zu rathen,« entgegnete Bob mit drohender Miene.»Wer wird auch wohl einen Wund⸗ arzt rufen laſſen, wenn man ſeinen Auslauf⸗Jungen mit den Straßenbuben ſich umhertreiben und ſpielen ſieht? Haſt Du kein Gefühl für Deinen Beruf, Du kleiner Thunichtgut? Haſt Du alle die Arzneien abgegeben?« „»Ja, Sir!« »Die Pulver für das Kind in dem großen Hauſe, wo vor Kurzem eine Familie eingezogen iſt, und die täg⸗ lich viermal zu nehmenden Pillen bei dem verdrießlichen alten Herrn, der die Gicht in den Beinen hat?« »Ja, Sir!« „Dann mache die Thüre zu, und paſſe im Laden auf!« »Ei,« ſagte Herr Winkle, als der Knabe ſich ent⸗ fernt hatte,»die Sachen ſcheinen doch nicht ganz ſo ſchlecht zu ſtehen, als Sie vorhin ſagten. Sie ſchicken doch jedenfalls Arzneien aus.«⸗ Die Pickwicker. 27 Herr Bob Sawyer ſah in den Laden, ob nicht viel⸗ leicht Jemand eingetreten wäre, der ihn hören könne, und flüſterte dann Herrn Winkle leiſe zu: »Er bringt Alles in die unrechten Häuſer.« Herr Winkle machte eine äußerſt verwunderte Miene und Bob und Ben lachten. »Merken Sie nicht,« ſagte Bob,»er geht vor ein Haus, klingelt, giebt dem Bedienten oder der Magd ein Arzneipacket ohne Aufſchrift in die Hand, und entfernt ſich.— Die Arzneien werden der Herrſchaft gebracht, und dieſe lieſ't den Zettel mit der Gebrauchsanweiſung und meiner Namensunterſchrift und Adreſſe, und der Zettel kommt wieder zur Dienerſchaft hinunter, die ihn gleichfalls lieſ't. Am nächſten Tage geht der Junge wie⸗ der hin, ſagt, er hätte ſo viele Packete auszutragen, bittet wegen ſeines Irrthums um Entſchuldigung; macht eine Empfehlung von mir, und läßt nochmals meine Adreſſe zurück.— Auf die Art wird man mehr bekannt, und zwar beſſer, als durch öffentliche Ankündigungen. Wir haben eine Viertel Unzenflaſche, die ſchon in der halben Stadt umher geweſen iſt, und noch viel weiter muß.« »Ah, jetzt begreife ich,« ſagte Herr Winkle,»ein ſehr ſinnreicher Einfall!« d, Ben und ich haben ein Dutzend ähnliche aus⸗ gedacht,« erwiederte Bob Sawyer ſehr vergnügt.»Der Lampenanzünder bekommt wöchentlich achtzehn Pence dafür, daß er jedes Mal, wenn er bei unſerm Hauſe vorbei muß, zehn Minuten die Nachtglocke läutet, und der Junge ſtürzt immer in die Kirche gerade vor dem Pſalmen, wenn die Leute nichts zu thun haben, als umherzuglotzen, und ruft mich mit einem Geſicht hinaus, auf welchem ſich Schauder und Entſetzen malen.— —— 28 Die Pickwicker. O Himmel, ſagt Jedermann, es muß Jemand von einem plötzlichen Zufall ergriffen worden ſein; man hat nach Sawyer ſonſt Stockemorf geſchickt.— Was für ein blühendes Geſchäft der junge Mann ſchon hat.« Nach dieſer Eröffnung einiger Geheimniſſe aus der chirurgiſchen Praxis lachten Bob und Ben ausgelaſſen, und die Unterhaltung wendete ſich dann auf Gegenſtände, die Herrn Winkle unmittelbar intereſſirten. Wir glauben, ſchon früher angedeutet zu haben, daß Herr Benjamin Allen geneigt war, ſentimental zu wer⸗ den, wenn er Branntwein getrunken hatte. Dieſer Fall gehört nicht zu den ſeltenen, wie wir ſelbſt bezeugen können, da wir bei einigen Gelegenheiten mit Patienten zu thun hatten, denen es eben ſo erging. Herr Benja⸗ min Allen war vielleicht gerade jetzt mehr zu dieſer Krankheit prädisponirt, als je zuvor. Er hatte faſt drei Wochen mit Herrn Sawyer zugebracht, der ſich gerade keiner großen Enthaltſamkeit von geiſtigen Getränken rühmen konnte, und da Herr Benjamin Allen nicht viel vertrug, ſo war die Folge davon, daß er während der ganzen eben erwähnten Zeit zwiſchen halber und voll⸗ kommener Berauſchung geſchwebt hatte. »Mein theurer Freund,« ſagte Ben Allen, die Ge⸗ legenheit benutzend, als Bob in den Laden gerufen wor⸗ den war, um einige der vorhin erwähnten abgenutzten Blutigel verabfolgen zu laſſen;»mein theurer Freund, ich bin ſehr unglücklich.⸗ Herr Winkle ſprach ſein herzliches Bedauern aus, und fragte, ob er nicht etwas thun könne, um ſeine Lage zu erleichtern. „Nichts, mein theurer Freund, nichts,« entgegnete Ben.»Sie erinnern ſich Arabella's, meiner Schweſter, — Sie haben die kleine Schwarzäugige in Wardle's Die Pickwicker. 29 Hauſe geſehen— ein artiges kleines Ding, Winkle, ich weiß nicht, ob Sie ſie beachtet haben. Vielleicht rufen Ihnen meine Züge die ihrigen ins Gedächtniß zurück. ⸗ Herr Winkle erinnerte ſich zu genau der reizenden Arabella, als daß es einer ſolchen Anmahnung bedurft hätte, auch würden die Züge ihres Bruders Benjamin ſein Gedächtniß nicht haben ſonderlich unterſtützen können; er erwiederte daher mit ſo viel Ruhe, als er aufzubieten vermochte, daß er ſich der jungen Dame ſehr wohl erin⸗ nere, und hoffe, ſie werde ſich wohl befinden. »Unſer Freund Bob iſt ein trefflicher Kerl, Winkle,⸗ war Ben's einzige Antwort. »Gewiß,« ſagte Herr Winkle, dem die Zuſammen⸗ ſtellung der beiden Namen wenig zuſagte. „Ich hatte ſie für einander beſtimmt;— ſie waren für einander geſchaffen, für einander geboren, Winkle,⸗ ſagte Ben Allen, indem er ſein Glas mit beſonderem Nachdruck niederſetzte.»Es iſt eine beſondere Schickung bei der Sache— ſie iſt nur fünf Jahre jünger als er— und beider Geburtstage fallen in den Auguſt.⸗ Herr Winkle war zu begierig, zu vernehmen, was nachfolgen würde, um viel Erſtaunen über dieſen außer⸗ ordentlichen Zuſtand zu verrathen, ſo wunderbar er auch ſein mochte. Ben Allen fügte daher, nachdem er ein paar Thränen aus den Augen gewiſcht hatte, hinzu, daß trotz aller ſeiner Hochachtung, Liebe und Verehrung für ſeinen Freund, Arabella unerklärlicher und pflichtvergeſſe⸗ ner Weiſe den entſchiedenſten Widerwillen gegen ihn an den Tag lege⸗ »Und ich glaube,« ſagte Ben Allen ſchließlich,»ich glaube, daß eine frühere Neigung dahinter ſterkt.⸗ „Haben Sie keine Vermuthung im Betreff des 30 Die Pickwicker. Gegenſtandes derſelben?« fragte Winkle in höchſter Spannung. Ben Allen nahm das Schüreiſen in die Hand, ſchwenkte es drohend über ſeinen Kopf, führte einen furchtbaren Hieb gegen einen eingebildeten Hirnſchädel, und ſagte ſehr bedeutſam, er wünſchte nur, daß er ihn errathen könne.»Ich würde ihm dann ſchon zeigen, was ich von ihm denke,« fügte er hinzu, und ſchwang das Schüreiſen noch wilder, als zuvor. Dieſes Alles mußte natürlich äußerſt beunruhigend für die Gefühle des Herrn Winkle ſein, der ein paar Minu⸗ ten ſchwieg, endlich aber Muth faßte, zu fragen, ob ſich Miß Allen in Kent befinde. »Nein, nein,« erwiederte Ben mit ſehr pfiffiger Miene, und das Schüreiſen aus der Hand legend.»Mei⸗ ner Meinung nach iſt Wardle's Haus kein Aufenthalts⸗ ort für ein widerſpenſtiges Mädchen; und da unſere Aeltern todt ſind, und ich ihr natürlicher Beſchützer und Vormund bin, ſo habe ich ſie hier in der Gegend zu einer alten Tante gebracht, bei der ſie in einem zwar etwas einſamen und abgelegenen, aber recht hübſchen Hauſe einige Monate zubringen ſoll. Ich denke, das wird ſie ſchon kuriren, Freundchen, und wo nicht, ſo gehe ich mit ihr ein Weilchen außer Landes, und verſuche, ob das nicht anſchlägt.« „Ah, die Tante wohnt alſo in Briſtol?« fragte ſtot⸗ ternd Herr Winkle.. attiet Wollh: „Nein, nein— nicht in Briſtol,« erwiederte Ben mit dem Daumen rückwärts über die rechte Schulter weiſend;»dort— nach der Seite.— Doch ſtill!— Bob wird gleich wiederkommen.— Kein Wort davon, Theuerſter— kein Work.« en So kurz dieſe Unterhaltung geweſen war, ſo ver⸗ Die Pickwicker. 31 ſetzte ſie Herrn Winkle doch in die größte Unrnhe und Aufregung. Die vermuthete frühere Neigung erfüllte ihn zugleich mit Hoffnung und Beſorgniſſen.— War er der Gegenſtand derſelben, oder nicht?— Hatte die ſchöne Arabella um ſeinetwillen den kecken muntern Bob Sa⸗ wyer verſchmäht, oder hatte er einen glücklichen Neben⸗ buhler?— Er beſchloß, ſie aufzuſuchen, aber hier bot ſich ein unüberſteigliches Hinderniß dar, denn er konnte nicht errathen, wie weit Arabella in der von ihrem Bruder angedeuteten Richtung entfernt war. Er behielt jedoch für den Augenblick nicht Muße, dieſen Gedanken nachzuhängen, denn bald nach Bob Sawyer erſchien eine Fleiſchpaſtete vom Bäcker, und die Herren beſtanden darauf, daß er ſie müſſe verzehren hel⸗ fen. Eine Aufwärterin, die dem Haushalt des Herrn Bob Sawyer vorſtand, deckte den Tiſch; ein drittes Paar Meſſer und Gabeln wurde von der Mutter des Knaben in grauer Livree geborgt und ſie ſetzten ſich zu Tiſch. Nach dem Eſſen ließ Herr Bob Sawyer den größten Mörſer aus dem Laden bringen, brauete kräftigen Rum⸗ punſch darin, und rührte die Materialien ſehr kundig und apothekermäßig mit dem Stößel um. Herr Sawyer hatte als Junggeſell nur ein einziges Punſchglas im Hauſe, das für Herrn Winkle als Gaſt beſtimmt wurde; Ben Allen erhielt einen, unten mit einem Korkſtöpſel zugeſtopften Trichter, und Bob Sawyer begnügte ſich mit einem jener weitrandigen Kryſtallgefäße, auf denen man kabaliſtiſche Charaktere erblickt, und in welchen die Apo⸗ theker Flüſſigkeiten auszumeſſen pflegen. Nachdem dieſe Einleitungen beendigt waren, ward der Punſch gekoſtet und für trefflich erklärt. Auf den Wunſch des Herrn Winkle traf man die Verabredung, daß es ihm freiſtehen ſolle, nur ein Glas zu trinken, wenn Bob und Ben 32 Die Pickwicker. deren zwei leerten, und das Zechgelage nahm ſeinen Anfang. Geſungen wurde nicht, weil Bob Sawyer ſagte, es könne ſeinem Anſehen in der Nachbarſchaft ſchaden, aber um ſich dafür zu entſchädigen, ſchwatzten und lachten die Freunde ſo laut, daß man ſie bis ganz unten in der Straße hören konnte, und wahrſcheinlich auch hörte. Dieſe Unterhaltung verkuͤrzte dem Knaben in der grauen Livree ſehr die Zeit, indem er, ſtatt wie gewöhnlich den Abend damit zuzubringen, daß er ſeinen Namen auf den Ladentiſch ſchrieb, und ihn wieder auslöſchte, durch die Glasthür ſchauete, und ſo gleichzeitig zuhörte und zuſah. Bobs Heiterkeit nahm bald die Richtung zum Fu⸗ riöſen und Bens die zum Sentimentalen, und der Mörſer war faſt geleert, als der Knabe eiligſt eintrat und mel⸗ dete, es ſei eben ein junges Frauenzimmer gekommen, um zu ſagen, Sawyer möge ſofort einen Patienten, der einige Straßen entfernt wohnte, Hülfe leiſten. Herr Sawyer verſtand die Botſchaft, nachdem ſie ihm einige zwanzig Mal wiederholt worden, ziemlich genau, band ſich ein naſſes Tuch um den Kopf, um ſich nüchtern zu machen, was ihm auch einigermaßen gelang, ſetzte ſeine grüne Brille auf, und eilte fort. Herr Winkle fand es unmöglich, über den Gegenſtand, der ihm gegenwärtig am meiſten am Herzen lag, von Ben Allen etwas zu erfahren; er erwartete daher Bobs Zurückkunft nicht, und begab ſich auf den Rückweg nach ſeinem Hotel. Der aufgeregte Zuſtand ſeines Gemüthes und die Schaar von Gedanken, welche Arabella hervorgerufen hatte, verhinderte, daß der Antheil, den er aus dem Punſchmörſer erhielt, die Wirkung auf ihn hervorbrachte, die unter andern Umſtänden unfehlbar erfolgt ſein würde. Nachdem er ein Glas Sodawaſſer mit Branntwein Die Pickwicker. 33 getrunken, begab er ſich, mehr niedergeſchlagen als ermu⸗ thigt durch die Ereigniſſe des Tages, in das Gaſtzimmer. Am Kamin ſaß ein großer Mann in einem Ueber⸗ rock, der ihm den Rücken zuwendete. Es war ein etwas kühler Abend für die Jahreszeit, und der Fremde ſchob ſeinen Stuhl zur Seite, damit der eben Eingetretene ſich auch erwärmen möge. Doch wer ſchildert Herrn Winkles Gefühle, als er den wilden und blutdurſtigen Dowler vor ſich erblickte!— Sein erſter Gedanke war, heftig an der nächſten Klingelſchnur zu ziehen, aber un⸗ glücklicher Weiſe hing der Griff gerade über Dowlers Kopfe. Winkle war einen Schritt vorgetreten, ſtand aber plötzlich ſtill, und als er dies that, zog ſich Herr Dowler ſehr haſtig zurück. »Ah, Herr Winkle.— Beruhigen Sie ſich!— Schlagen Sie mich nicht!— Ich ertrag's nicht!— Einen Schlag?— Nimmermehr!« ſagte Herr Dowler, und ſah dabei viel ſanftmüthiger aus, als es Herr Winkle von einem ſo grimmigen Mann erwartet hätte. »Einen Schlag, Sir?« ſtotterte Winkle. »Einen Schlag, Sir,« ſagte Dowler.»Sein Sie ruhig!— Setzen Sie ſich!— Hören Sie mich an!« »Sir,« ſagte Herr Winkle, von Kopf bis zu den Füßen zitternd,»ehe ich einwillige, ohne die Anweſenheit eines Kellners mich in Ihre Nähe zu ſetzen, muß ich mich vorläufig mit Ihnen verſtändigen. Sie ſtießen geſtern eine Drohung gegen mich aus— eine ſchreckliche Drohung, Sir!« Hier wurde Herr Winkle ſehr bleich, und brach plötzlich ab. »Das that ich,« erwiederte Dowler mit einem faſt eben ſo bleichen Geſicht, als das des Herrn Winkle war. „»Die Umſtände mußten mir Verdacht gegen Sie erregen. — Doch es hat ſich Alles aufgeklärt!— Ich achte Die Pickwicker. V. 3 — — — — 34 Die Pickwicker. Ihren Muth. Sie ſind mit Recht aufgebracht im Be⸗ wußtſein Ihrer Schuldloſigkeit.— Da iſt meine Hand! — Schlagen Sie ein.« »Wirklich, Sir,« ſagte Winkle, zögernd, ob er ſeine Hand darreichen ſolle, oder nicht, und faſt befürchtend, daß Dowler ihm nur eine Falle legen wolle;»wirklich, Sir? ich—« „Ich weiß, weßhalb Sie zögern,« fiel Dowler ein. „Sie fühlen ſich beleidigt.— Sehr natürlich— würd's auch an Ihrer Stelle.— Ich hatte Unrecht.— Sein Sie wieder mein Freund— verzeihen Sie mir!« Er faßte Winkle's Hand, ſchüttelte ſie, und erklärte, er hege jetzt eine höhere Meinung von Winkle, als je zuvor. 1 »Setzen Sie ſich,« ſagte er.»Erzählen Sie Alles. — Wie haben Sie mich aufgefunden?— Wann folgten Sie mir nach?— Sein Sie aufrichtig!— Erzählen Sie!« „Es iſt wirklich ganz zufällig,« erwiederte Winkle, höchſt verwundert, daß das gefürchtete Zuſammentreffen eine ſo unerwartete Wendung nahm. »Freut mich ſehr,« fuhr Dowler fort.»Ich wachte heute morgen auf, hatte meine Drohung vergeſſen— lachte über den Vorfall— fühlte die freundſchaftlichſten Geſinhungen gegen Sie— ſagte es auch—« »Wem?« fiel Herr Winkle ein. »Meiner Frau.— Sie erinnerte mich an mein Gelübde— ſagte, daß es ein übereiltes geweſen ſei— allerdings, entgegnete ich, ich werde ihm Genugthuung geben— wo iſt er?«„ „»Wer?« fragte Herr Winkle. »Sie, Sir.— Ich ging hinunter.— Sie waren nicht zu finden.— Pickwick ſah entrüſtet aus— ſchüttelte .12———.——2— &— Die Pickwicker. 35 den Kopf— ſagte, er wolle hoffen, daß keine Gewalt⸗ thätigkeiten begangen würden— mir wurde Alles klar — Sie fühlten ſich beleidigt— waren ausgegangen, einen Sekundanten aufzuſuchen— vielleicht ſich Piſtolen zu verſchaffen.— Er beſitzt viel Muth, ſagte ich— ich bewundere ihn.« Herr Winkle huſtete, und da er jetzt anfing, einzu⸗ ſehen, wie die Sachen ſtanden, ſo nahm er eine möglichſt imponirende Miene an. »Ich ließ ein Billet für Sie zurück,« fuhr Dowler fort,»ſagte darin, daß der Vorfall mir ſehr leid thue— wie es auch wirklich der Fall war.— Dringende Ge⸗ ſchäfte beriefen mich hierher.— Sie waren nicht zu⸗ friedengeſtellt— folgten mir nach— verlangten eine mündliche Entſchuldigung— hatten ganz Recht. Doch nun iſt Alles gut.— Mein Geſchäft iſt abgemacht.— Ich reiſe morgen zurück.— Begleiten Sie mich!« Je weiter Dowler ſeinen Mangel an Muth verrieth, deſto würdevoller und ernſter wurden Herrn Winkle's Mienen. Der räthſelhafte Anfang der Unterredung war ihm jetzt klar; Dowler hegte eben ſo viel Abneigung gegen einen Zweikampf, als er ſelbſt; mit einem Wort, der grimmige Bramarbas war ein ausgemachter Feigling, hatte Winkle's Abweſenheit nach dem Maaßſtab iner eignen Furcht beurtheilt, und gleichfalls die Funch 1 griffen, um abzuwarten, bis das Gewitter ſich verzöge. Sobald Herr Winkle die wahre Lage der Dinge überſah, nahm er eine wahrhaft erſchreckliche Miene an, und ſagte, er ſei vollkommen zufriedengeſtellt, jedoch mit einer ſolchen Stimme und Haltung, daß Dowler nichts anders glauben konnte, als, wenn er es nicht geweſen, würde unvermeidlich etwas Entſetzliches erfolgt ſein. Er ſchien daher eine ſehr hohe Meinung von Winkle's Milde 3* 36 Die Pickwicker. und Großmuth erlangt zu haben, und die beiden Helden wünſchten ſich unter zahlloſen Verſicherungen ewiger Freundſchaft gute Nacht. Gegen halb ein Uhr lag Herr Winkle in tiefem Schlaf, als er plötzlich durch ein lautes Klopfen an ſeiner Thür geweckt wurde, und da es mit erhöhter Heftigkeit wiederholt ward, richtete er ſich im Bette empor, und fragte, was man von ihm wolle. »Entſchuldigen Sie, Sir, es iſt ein junger Menſch gekommen, welcher ſagt, daß er Sie ſogleich ſprechen müſſe,« antwortete das Hausmädchen. »Ein junger Menſch?« rief Herr Winkle verwundert und erſchrocken zurück. »Hat ganz ſeine Richtigkeit, Sir,« ertönte eine andere Stimme durch das Schlüſſelloch,»und wenn der vorbeſagte junge Menſch nicht ſogleich eingelaſſen wird, ſo wär's möglich, daß ſeine Beine eher hereinkämen, als ſeine Naſe.« Der junge Menſch begleitete dieſe Worte durch einen mäßigen Tritt gegen die Thür, als wolle er ſeiner An⸗ deutung Kraft und Nachdruck geben. „»Sind Sie es, Sam?« fragte Herr Winkle aus dem Bette ſpringend. „»Man kann niemals gewiß ſein, daß Jemand die Feffubn iſt, wofür man ſie hält, wenn man ſie nicht mit eignen Augen ſieht, Sir,« belehrte die Stimme. Herr Winkle zweifelte jedoch nicht, und öffnete die Thür, welches kaum geſchehen war, als Herr Samuel Weller haſtig eintrat, die Thür ſchnell wieder verſchloß, den Schlüſſel in die Taſche ſteckte, Herrn Winkle von Kopf bis zu den Füßen bedächtig anſah, und ſagte: »Sie ſind doch ein ſehr kurioſer junger Gentleman, Sir.« Die Pickwicker. 37 „»Was iſt das für ein Benehmen, Sam?« entgegnete Herr Winkle unwillig.»Was ſoll das bedeuten? Ver⸗ laſſen Sie augenblicklich mein Zimmer!« »Was dieſes bedeuten ſoll?« erwiederte Sam.»Ich ſoll mich aus Ihrem Zimmer entfernen?— Dieſes iſt gar zu gut gemeint, Sir, wie die junge Dame zu dem Paſtetenbäcker ſagte, als er ihr eine Schweinfleiſchpaſtete verkauft hatte, in der nichts wie Fett war.«⸗ »Schließen Sie die Thür wieder auf, und ſcheren Sie ſich augenblicklich hinaus,« ſagte Herr Winkle. »Ich werde ſo lange in dieſem Zimmer bleiben, bis Sie ſelbſt es verlaſſen,« entgegnete Sam mit Nachdruck, und ſetzte ſich äußerſt gravitätiſch auf einen Stuhl. »Sollte ich es für nöthig halten, Sie auf meinem Rücken hinauszutragen, ſo werde ich allerdings unmittelbar vor Ihnen das Zimmer verlaſſen, doch ich nähre die Hoff⸗ nung, daß Sie mich nicht zu Gewaltmaßregeln zwingen werden, wobei ich Sie nur an das erinnere, was der junge Herr zu der widerſpenſtigen Auſter ſagte, als ſie ſich mit der Nadel nicht wollte aus der Schaale nöthigen laſſen, und der daher zu beſorgen anfing, daß er gezwun⸗ gen ſein würde, ſie gegen die Wand zu werfen.« Nachdem Sam dieſe für ihn ungewöhnlich lange Anrede vorgebracht hatte, ſtemmte er die Hände auf die Knie, und blickte Herrn Winkle mit einer Miene an, welche verkündete, daß er nicht im entfernteſten geſonnen ſei, mit ſich Scherz treiben zu laſſen. »Sie ſind ein liebenswürdiger junger Mann, Sir,⸗ fuhr er in ſeiner moraliſchen Vorleſung fort,»und doch bringen Sie unſern vortrefflichen Prinzipal in alle Sor⸗ ten von Verlegenheiten, indem er den Entſchluß gefaßt, für ſeine Grundſätze durch dick und dünn zu gehen.— Sie ſind wirklich noch viel ſchlimmer als Dodſon, Sir, 38 Die Pickwicker. und was Fogg anbelangt, ſo halte ich ihn für einen gebornen Engel gegen Sie.« Nachdem Herr Weller dieſe Worte mit einem hef⸗ tigen Schlag auf die Knie begleitet hatte, kreuzte er mit entrüſteter Miene die Arme über der Bruſt, und lehnte ſich auf ſeinem Stuhl zurück, als wenn er nunmehro die Verantwortung des Schuldigen erwarte. »Mein guter Sam,“« ſagte Herr Winkle, die Hand ausſtreckend, und zähneklappernd(denn er hatte die ganze Zeit über in ſeinem leichten Schlafrock da geſtanden), „mein guter Sam, ich ehre Ihre Anhänglichkeit an mei⸗ nen würdigen Freund, und es thut mir in der That ſehr leid, wenn ich ihm neue Sorgen gemacht habe.« „»Gut,« ſagte Sam, noch etwas mürriſch, doch die dargebotene Hand ehrerbietig ergreifend,»gut, das freut mich, denn was an mir liegt, ſo ſoll ihm Niemand Sor⸗ gen machen, oder ihm etwas zu Leide thun.« »Das iſt ſehr brav von Ihnen, Sam,« ſagte Herr Winkle,»aber gehen Sie jetzt zu Bette, wir wollen mor⸗ gen früh weiter von der Sache reden.« »Es thut mir ſehr leid,« ſagte Sam,»aber ich kann nicht zu Bett gehen.« »Nicht zu Bett gehen?« ſagte Herr Winkle. „Nein,« entgegnete Sam, mit dem Kopf ſchüttelnd. »Es kann nicht geſchehen.« „Sie wollen doch damit nicht ſagen, Sam, daß Sie noch dieſe Nacht zurückkehren müſſen?« fragte Herr Winkle ſehr verwundert. „Das nicht,« entgegnete Sam;»es ſei denn, daß Sie es beſonders wünſchten.— Ich darf dieſes Zimmer ohne Sie nicht verlaſſen, Sir.— Die Befehle meines Herrn waren ganz beſtimmt.« „Thorheit, Sam,« ſagte Herr Winkle; vich muß err er es Die Pickwicker. 39 einige Tage hier verweilen, und noch mehr, Sam, Sie müſſen auch hier bleiben, und mir zu einer Zuſammen⸗ kunft mit einer jungen Dame— Miß Allen, Sam, Sie wiſſen wohl— behülflich ſein. Ich will und muß ſie ſehen, bevor ich Briſtol verlaſſe.« Bei allen dieſen Vorſchlägen ſchüttelte jedoch Sam nachdrücklich den Kopf, und erwiederte beſtimmt:»Es kann nicht ſein!« Als ihm indeß Herr Winkle noch viele Vorſtellungen gemacht, und ſein Zuſammentreffen mit Dowler ausführ⸗ lich erzählt hatte, fing Sam an zu ſchwanken, und end⸗ lich ward eine Uebereinkunft geſchloſſen, von welcher Folgendes die Hauptbedingungen waren: »Daß Sam ſich entfernen, und Winkle im unge⸗ ſtörten Beſitz ſeines Schlafzimmers laſſen ſolle, jedoch mit dem Recht, die Thür zu verſchließen, und den Schlüſſel mitzunehmen, wogegen er gehalten ſein ſolle, im Falle Feuer ausbräche, oder andere gefahrvolle Um⸗ ſtände einträfen, die Thür ſofort zu öffnen— daß am andern Morgen ſo früh als möglich an Herrn Pickwick geſchrieben, und derſelbe erſucht werden ſolle, Herrn Winkle und Sam zu dem bereits angegebenen Zweck in Briſtol verweilen zu laſſen— daß, wenn die Antwort eine bewilligende ſei, die Vorbeſagten demgemäß bleiben, wenn nicht, ſobald ſie dieſelbe erhalten, nach Bath zurück⸗ kehren würden— und endlich, daß Herr Winkle ſich mit ſeinem Ehrenwort verpflichte, nicht etwa durch irgend eine heimliche Flucht durch den Kamin oder das Fenſter dieſe Bedingungen zu umgehen und ſich ihnen zu ent⸗ ziehen.« Nachdem Alles gehörig ſtipulirt war, verſchloß Sam die Thür, und entfernte ſich. 40 Die Pickwicker. Er war faſt ſchon unten, als er ſtillſtand, und den Schlüſſel aus der Taſche nahm. »Ich habe das von dem Niederſchlagen ganz ver⸗ geſſen,« ſagte Sam, ſchon im Begriff, zurückzukehren. »Herr Pickwick ſagte beſtimmt, es ſolle geſchehen— wie einfältig war ich, daß es mir erſt jetzt einfällt. Doch es hat nichts zu ſagen— ich kann's ja morgen leicht nachholen!« Getröſtet durch dieſen Gedanken, ſteckte Sam den Schlüſſel wieder ein, ſtieg den letzten Treppenabſatz ohne weitere Gewiſſensbeunruhigung hinunter, und lag bald darauf gleich den übrigen Hausbewohnern in tiefem Schlaf. Vierzigſtes Kapitel. In welchem Herr Samuel Weller einen Liebesauftrag erhält, und vollbringt; mit welchem Erfolg, wird der fernere Fortgang der Geſchichte lehren. Während des nächſten Tages behielt Sam Herrn Winkle fortwährend ſcharf im Auge, feſt entſchloſſen, bis zum Empfang genauer Inſtructionen von ſeinem Herrn, ihn nicht zu verlaſſen. So unangenehm Sams Wach⸗ ſamkeit Herrn Winkle auch war, ſo ertrug er ſie doch lieber, als daß er ſich durch offenbaren Widerſtand der Unannehmlichkeit hätte ausſetzen ſollen, mit Gewalt nach Bath zurückgebracht zu werden, indem dieſes, wie Herr Weller mehr als ein Mal beſtimmt andeutete, unfehlbar das Benehmen ſein werde, welches einzuſchlagen ein Die Pickwicker. 41 gewiſſenhaftes Pflichtgefühl ihm gebiete. Es iſt wenig Grund vorhanden, zu zweifeln, daß Sam ſeine Bedenk⸗ lichkeiten ſchnell dadurch beſeitigt haben würde, daß er Herrn Winkle an Händen und Füßen gebunden nach Bath zurückgetragen, wenn nicht die ſchnelle Antwort des Herrn Pickwick ein ſolches Verfahren verhindert hätte. Um acht Uhr Abends trat nämlich Herr Pickwick in eigener Perſon in das Gaſtzimmer des Hotels zum Buſch, und ſagte Sam zu ſeiner großen Beruhigung, er ſei mit ſeinem Benehmen ſehr zufrieden, doch ſei es jetzt nicht mehr nöthig, länger Schildwach zu ſtehen. »Ich hielt es für das Beſte, ſelbſt zu kommen,« ſagte Herr Pickwick zu Winkle, während Sam ſeinem Herrn den Ueberrock und Reiſeſhawl abnahm,»um mich, bevor ich meine Einwilligung zur Verwendung Sams in der bewußten Sache gab, zuförderſt zu vergewiſſern, ob Sie es in Beziehung auf die junge Dame auch ganz ernſtlich meinen.« »Ernſtlich von ganzem Herzen— von ganzer Seele,« erwiederte Herr Winkle mit Feuer. „Bedenken Sie,« fuhr Herr Pickwick mit ſtrahlenden Augen fort,»daß wir das junge Mädchen im Hauſe un⸗ ſeres vortrefflichſten und gaſtlichen Freundes kennen lern⸗ ten. Es würde ein ſchlechter Dank ſein, mit den Ge⸗ fühlen dieſer jungen Dame ein leichtfertiges Spiel zu treiben. Ich würde es nie zugeben, Sir— niemals.« „Ich bin in der That weit davon entfernt,« rief Herr Winkle mit großer Wärme aus.»Ich habe die Sache reiflich und lange erwogen, und fühle, daß mein ganzes Lebensglück durch Arabella bedingt wird.⸗ „»Das nennen wir deutlich ſprechen, Sir,« fiel Herr Weelller mit einem freundlichen Lächeln ein. Herr Winkle nahm bei dieſer Unterbrechung eine 42 Die Pickwicker. etwas ſtrenge Miene an, und Herr Pickwick ſagte ſehr unwillig, Sam möge nicht Scherz mit einem der beſten Gefühle des menſchlichen Herzens treiben, worauf dieſer erwiederte, er werde es auch nie thun; aber es gebe ſo viele gute Gefühle, daß er kaum wiſſe, welches die beſten wären, wenn er davon ſprechen höre. Herr Winkle erzählte darauf, was er von Ben Al⸗ len über Arabella vernommen, erklärte, daß es ſeine Abſicht ſei, eine Zuſammenkunft mit der jungen Dame einzuleiten, und ihr ſein ganzes Herz zu eröffnen, und ſchloß damit, daß er in Folge gewiſſer Andeutungen des vorbeſagten Ben die Ueberzeugung hege, ſie werde in der Gegend der Downs, in der Nähe von Briſtol ein⸗ geſperrt gehalten, und dieſes ſei Alles, was er von ihrem Aufenthaltsort wiſſe. Man beſchloß hierauf, Sam am nächſten Morgen auf eine Entdeckungs⸗Expedition auszuſenden; die Her⸗ ren Pickwick und Winkle wollten während der Zeit die Stadt durchwandern, gelegentlich bei Herrn Bob Sawyer einſprechen, und verſuchen, ob ſie vielleicht dort etwas Beſtimmteres erfahren könnten. Sam begann demgemäß am folgenden Morgen ſeine Wanderung, keineswegs entmuthigt durch die wenigen Aufſchlüſſe, die ihm bis jetzt über das Ziel ſeiner Expe⸗ dition geworden waren. Er ſchlenderte lange auf der Landſtraße umher, ohne Jemanden zu begegnen, der ihm auch nur die geringſte Nachweiſung hätte geben können. Er knüpfte zahlloſe Geſpräche an mit Reitknechten, wel⸗ che Pferde ſpazieren ritten, und mit Kinderwärterinnen, welche Kinder ſpazieren führten, aber er konnte nichts von ihnen erfahren. In ſehr vielen Häuſern waren ſehr viele junge Damen, denen es die männliche und weibliche Dienerſchaft abgemerkt hatte, daß ſie in Jemand heftig Die Pickwicker. 43 verliebt waren, oder im Begriff ſtanden, es zu werden, wenn die Gelegenheit ſich darböte, da aber keine von dieſen jungen Damen Miß Arabella Allen hieß, ſo blieb Sam ſo weiſe wie zuvor. Er ſchritt gegen einen ſtar⸗ ken Wind über die Dowus, und dachte bei ſich ſelbſt, ob es in dieſer Gegend immer nöthig ſei, den Hut mit bei⸗ den Händen feſtzuhalten. Endlich gerieth er zwiſchen Gärten mit artigen Gartenhäuschen, und ſah am Ende einer langen Gaſſe ohne Ausgang vor einen Remiſenthore einen Stallknecht in Halblivree ſich läſſig umhertreiben, der in der Meinung zu ſtehen ſchien, mit einem Spaten und Schubkarren etwas zu thun, und wir erlauben uns hier beiläufig die Bemerkung, daß wir kaum je einen Stall⸗ knecht unweit des Stalles in ſeinen müſſigen Augenbli⸗ cken geſehen haben, der nicht mehr oder weniger ein Opfer dieſer merkwürdigen Selbſttäuſchung geweſen wäre. Sam meinte, daß er mit dieſem Stallknecht eben ſo ſich unterhalten könne, wie mit jedem andern, beſonders da er von dem Gehen ſehr ermüdet war, und vor der Remiſe ein großer breiter Stein lag; er ſchlenderte daher das Gäßchen hinunter, und begann, ſich auf den Stein ſetzend, eine Unterhaltung mit ſeiner gewöhnlichen Offenheit und Zutraulichkeit: »Guten Morgen, alter Freund!« »Nachmittag, wollen Sie ſagen,« erwiederte der Stallknecht, Sam mürriſch von der Seite anblickend. »Ganz recht, alter Freund,« ſagte Sam,»ich wollte auch Nachmittag ſagen. Wie geht's Ihnen?« 1»Nicht viel beſſer, ſeitdem ich Sie ſehe,« entgegnete der übellaunige Stallknecht. Das iſt ſehr kurios,« ſagte Sam,»denn Sie ſehen ſo freundlich aus, und ſcheinen überhaupt ſo ſehr ſidel und 44 Die Pickwicker. munter zu ſein, daß man ſich freuen muß, wenn man Sie anſieht.« Der Stallknecht ſchnitt ein ſaures Geſicht, was jedoch Sam ſich durchaus nicht anfechten ließ, indem er ſogleich ſehr eifrig zu fragen fortfuhr, ob ſein Herr nicht Welker heiße. »Nein, das nicht,« antwortete der Stallknecht. »Oder Brown?« „»Nein, ſo auch nicht.« »Oder Wilſon 2« „»Nein, eben ſo wenig,« ſagte der Stallknecht. »Dann habe ich mich geirrt,« fuhr Sam fort,»und er hat die Ehre meiner Bekanntſchaft doch nicht, wie ich glaubte. Warten Sie nur hier draußen nicht aus Höflichkeit gegen mich, ſetzte er hinzu, als der Stall⸗ knecht den Schubkarren hineinſchob, und ſich anſchickte, das Thor zu verſchließen;»Bequemlichkeit geht vor Kom⸗ plimente, alter Burſche, und ich entſchuldige Sie gern.« „»Und ich würde Ihnen gern für eine halbe Krone den Kopf abſchlagen,« bemerkte der ſauertöpfiſche Stall⸗ knecht, während er den einen Thorflügel zumachte. »Kann's ſo billig nicht geſchehen laſſen,« verſetzte Sam.»Es würde Ihnen wenigſtens ſo viel Lohn werth ſein, als Sie Ihr ganzes Leben durch verdienen können, und wäre doch noch billig. Machen Sie im Hauſe meine Empfehlung, und ſagen Sie, man möchte mit dem Mittagseſſen nicht auf mich warten, und mir auch nichts aufheben, denn es würde doch kalt werden, bis ich herein käme.« Der Stallknecht, der immer aufgebrachter wurde, murmelte zornig den Wunſch durch die Zähne, Jeman⸗ den den Kopf entzweiſchlagen zu können, verſchwand jedoch ohne ihn auszuführen, und ſchlug die Thür heftig r Die Pickwicker. 45 hinter ſich zu, ohne Sams rührende Bitte zu beachten, ihm eine Locke von ſeinem Haar zurückzulaſſen. Sam blieb noch auf dem breiten Steine ſitzen, und dachte über den Plan, der in ihm aufgeſtiegen war, nach, an alle Thüren fünf Meilen rings um Briſtol zu klopfen, wobei er etwa 150 bis 200 täglich zu beſtreiten ge⸗ dachte, um dadurch Miß Arabella ausfindig zu ma⸗ chen, als ihm plötzlich der Zufall etwas in den Weg warf, was er ohne ihn nicht gefunden haben würde, wenn er auch ein ganzes Jahr auf dem Stein geſeſſen hätte. In das Gäßchen öffneten ſich drei bis vier Garten⸗ thore, die zu eben ſo vielen, nur durch die Gärten ge⸗ trennten Häuſern führten. Da die Gärten lang und breit, und dicht mit Bäumen beflanzt waren, ſo ſtan⸗ den nicht allein die Häuſer ziemlich weit von einan⸗ der entfernt, ſondern man konnte ſie auch von draußen faſt! gar nicht ſehen. Sam blickte in tiefem Nach⸗ denken auf den Düngerhaufen vor dem nächſten Garten⸗ thor, als dieſes plötzlich geöffnet ward, und ein Haus⸗ mädchen herauskam, um Fußteppiche abzuſchütteln. Sam war ſo ſehr mit ſeinen eignen Gedanken beſchäf⸗ tigt, daß er wahrſcheinlich das junge Frauenzimmer nicht mehr beachtet haben würde, als etwa nur aufzublicken und zu bemerken, es ſei eine recht hübſche und artige Figur, wenn ihm ſeine Galantrie zu überſehen erlaubt hätte, daß die Teppiche ihr zu ſchwer zu ſein ſchienen, und ſie keine Hülfe hatte. Herr Weller war nun aber ein ſehr galanter Gentleman auf ſeine Weiſe, und der beſagte Umſtand drang ſich ihm kaum auf, als er ſich ſchnell von ſeinem Stein erhob und dem Gartenthor zueilte. »Meine Beſte,« ſagte Sam, ſich ihr ſehr ehrerbietig nähernd,»Sie werden Ihrer ſehr hübſchen Figur ſchaden, 46 Die Pickwicker. wenn Sie die Teppiche allein ausſchütteln wollen. Er⸗ lauben Sie mir, daß ich Ihnen dabei behüflich bin.« Die junge Dame, die ſich geſtellt hatte, als habe ſie nicht bemerkt, daß ein Mann ſo nahe ſei, wendete ſich bei Sams Anrede um— ohne Zweifel(denn ſie ſagte dieſes ſpäter ſelbſt), um das Anerbieten eines ihr ganz Unbekannten abzulehnen— fuhr jedoch, ſtatt zu ſprechen, zurück, und ſtieß einen halb unterdrückten Schrei aus. Sam war kaum weniger betroffen, denn er erkannte ſeine Valentine— das hübſche Hausmädchen von Herrn Nupkins. »Ah, das iſt ja herrlich, meine liebſte Mary,« rief er aus. »Ach, Herr Weller,« entgegnete Mary,»wie haben Sie mich erſchreckt.« Sam gab auf dieſen Vorwurf keine wörtliche Er⸗ wiederung, und wir wiſſen auch nicht ganz genau zu ſagen, was und wie er darauf antwortete, ſondern nur, daß Mary ein paar Augenblicke darauf ſagte:»Pfui, ſo laſſen Sie das doch, Herr Weller!« und daß Sam der Hut vom Kopf gefallen war— aus welchen beiden An⸗ deutungen wir faſt entnehmen möchten, daß ein oder mehrere Küſſe von Herrn Weller geraubt wurden. »Wie kommen Sie denn aber hierher?« fragte Mary, als die unterbrochene Unterhaltung wieder an⸗ geknüpft wurde. „»Natürlich, um Sie aufzuſuchen, meine ſchöne Mary,«antwortete Herr Weller, der dieſes Mal über ſeiner Leidenſchaft ſeine Wahrhaftigkeit bei Seite ſetzte. »Wie erfuhren Sie aber, daß Sie mich hier finden würden?« fragte Mary weiter.»Wer kann Ihnen das geſagt haben, daß ich in Ipswich zu einer andern Herr⸗ Die Pickwicker. 47 ſchaft ging, die hierher zog? Wer kann Ihnen das geſagt haben, Herr Weller?« »Ja,« ſagte Sam mit einer pfiffigen Miene,»das iſt die Frage: Wer kann es mir geſagt haben?« „Vielleicht Herr Muzzle? fragte Mary. „»Bewahre,« erwiederte Sam mit feierlichem Kopf⸗ ſchtteln;»Muzzle nicht.« »Dann muß es die Köchin geweſen ſein,« ſagte Mary. »Natürlich,« entgegnete Sam. »So was iſt mir doch in meinem Leben noch nicht vorgekommen,« rief Mary aus. »Mir auch nicht,« bemerkte Sam.»Aber meine liebe Mary— Sam wurde hier unendlich zärtlich— meine liebe Mary, ich habe noch eine andere Angelegen⸗ heit, die ſehr wichtig und dringend iſt. Da iſt einer von meines Prinzipals Freunden— Herr Winkle— Sie erin⸗ nern ſich ja wohl?« „Den Grünrock? O ja, ich erinnere mich ſeiner ſehr gut.« „»Nun, ſehen Sie, der iſt ſchrecklich verliebt; bis zum Tollwerden und Todtſchießen.« »Ach, du mein Himmel,« rief Mary aus. »Wie ich Ihnen ſage,« fuhr Sam fort,»aber das hätte nichts weiter auf ſich, wenn wir nur die junge Dame auffinden könnten«— und hier theilte Sam einen getreuen Bericht über Herrn Winkle's gegenwärtige Lage mit, wobei er jedoch nicht unterließ, ſich viele Abſchwei⸗ fungen über die Schönheit Mary's, und die unausſprech⸗ lichen Qualen, die er erduldet, ſeit er ſie zuletzt geſehen, zu geſtatten. 8 „»Hat man je ſo was gehört?« rief Mary aus, nachdem ſie Sams Bericht bis zu Ende vernommen. „»Ja, es iſt ganz unerhört,« ſtimmte Sam ihr bei, 48 Die Pickwicker. und ich laufe umher, wie der ewige Jude— ein Schnell⸗ läufer, Mary, von dem Sie vielleicht ſchon gehört haben, der mit der Zeit um die Wette läuft, und niemals die Augen zuthut, und ſchläft,— wie geſagt, ich laufe um⸗ her wie der ewige Jude, und ſuche vergebens dieſe Miß Arabella Allen.⸗« »Wie heißt ſie?« fragte Mary in höchſtem Er⸗ ſtaunen. »Miß Arabella Allen,« wiederholte Sam. »Allmächtiger Himmel,« rief Mary aus, und zeigte nach dem Thor hin, das der mürriſche Stallknecht hin⸗ ter ſich verſchloſſen hatte.»Das iſt das Haus, wo ſie ſeit ſechs Wochen wohnt. Ihr Hausmädchen, das zu⸗ gleich ihr Kammermädchen iſt, hat's mir neulich ganz früh, als noch alles zu Bett lag, aus dem Waſchhaus⸗ fenſter geſagt.« »Wie? alſo gerade hier neben an?2« ſagte Sam. »Wie ich Ihnen ſage, die nächſte Thür.« Herr Weller war bei dieſer Nachricht ſo überraſcht, daß er es für unumgänglich nothwendig errachtete, ſich an die ſchöne Mary zu lehnen, um ſich aufrecht zu er⸗ halten, und erſt nach verſchiedenen kleinen Liebes⸗Inter⸗ mezzos, hatte er wieder hinlänglich ſeine Faſſung gewon⸗ nen, um auf die Sache zurückkommen zu können. »Das muß ich ſagen,« begann er,»wenn dieſes nicht über Hahnenfechten geht, ſo geht niemals was darüber, wie der Lord⸗Mayor ſagte, als der erſte Staatsminiſter nach Tiſch ſeiner Frauen Geſundheit ausbrachte. Alſo im nächſten Hauſe wohnt ſie? Ich habe eine Beſtellung an ſie, die ich ſchon den ganzen Tag mich abquälte, aus⸗ zurichten.« »Sie können's auch jetzt noch nicht,« ſiel Mary ein, weil ſie nur Abends in dem Garten ſpazieren geht, und Die Pickwicker. 49 auch dann nur ſehr kurze Zeit, und ausgehen darf ſie ohne die alte Dame gar nicht.« Sam überlegte einige Augenblicke, und beſchloß endlich folgenden Operationsplan. Er wollte mit der Dämme⸗ rung, zu welcher Zeit Arabella ihren Spaziergang anzu⸗ treten pflegte, zurückkehren und, nachdem Mary ihn in den Garten ihrer Herrſchaft eingelaſſen, die Mauer an einer Stelle erſteigen, wo er unter den überhängenden Zweigen eines großen Birnbaums nicht bemerkt werden konnte, dort ſeine Botſchaft ausrichten, und wo möglich die junge Dame zu einer Zuſammenkunft mit Herrn Winkle am folgenden Abend vermögen. Nachdem er dieſen Plan mit Mary verabredet hatte, half er ihr bei der ſo lange unterbrochenen Beſchäftigung des Teppichſchüttelns. Das Teppichſchütteln iſt nicht halb ſo unſchuldig, als es ausſieht; wenigſtens iſt das Zuſammenfalten der Teppiche äußerſt bedenklich, wenn auch das vorhergehende Schütteln ganz unverfänglich ſein ſollte. So lange dieſes währt und die beiden damit Beſchäftigten auf Teppich⸗ länge von einander entfernt bleiben, iſt es eine ſo harm⸗ loſe Unterhaltung, als man ſich nur denken kann; be⸗ ginnt aber das Zuſammenlegen, und wird die Entfernung erſt um die Hälfte geringer, dann um ein Viertel, und ſofort um ein Achtel, Sechszehntel und ſelbſt Zweiund⸗ dreißigſtel, wenn der Teppich lang genug dazu iſt, ſo kann die Sache immer gefährlicher werden. Wir können nicht genau angeben, wie viele Teppiche im vorliegenden Fall zuſammengelegt wurden, ſo viel aber iſt ausgemacht, daß Sam das hübſche Hausmädchen ſo oft küßte, als Tep⸗ piche vorhanden waren. Heerr Weller reſtaurirte ſich mit Maaß in der näch⸗ ſten Taverne, bis die Abenddämmerung einzutreten begann, Die Pickwicker. V. 4 50 Die Pickwicker. und kehrte ſodann nach dem Gäßchen ohne Ausgang zurück. Nachdem ihn Marxy eingelaſſen, und ihm mehr⸗ fache auf ſeine Sicherung vor Arm⸗ und Beinbruch ab⸗ zielende Ermahnungen ertheilt hatte, ſtieg Sam auf den Birubaum an der Mauer, um Miß Arabella zu erwarten. Er harrte ſo lange vergebens, daß er ſchon glaubte, ſte würde dieſen Abend gar nicht mehr kommen, als er endlich leichte Fußtritte auf dem Kiesſand vernahm, und gleich darauf die junge Dame nachdenklich in dem Garten wandeln ſah. Sobald ſie ſich dem Baume näherte, be⸗ gann Sam, um ſeine Anweſenheit auf eine zarte Weiſe bemerklich zu machen, äußerſt ſeltſame Töne von ſich zu geben, wie ſie etwa einer Perſon natürlich ſein würden, die von früheſter Kindheit an fortwährend an Halsent⸗ zündung, Croup und Stickhuſten gelitten hätte. Die junge Dame warf einen haſtigen Blick nach der Richtung, aus welcher die ſeltſamen Töne kamen, und ihr Schrecken wurde keineswegs dadurch vermindert, daß ſie in den Zweigen des Birnbaums einen Mann entdeckte. Sie würde unfehlbar entflohen ſein, und im Hauſe Lärm gemacht haben, wenn ihre Furcht ſie nicht glücklicher Weiſe gelähmt hätte, ſo daß ſie auf einen in der Nähe ſtehenden Garkenſtuhl ſank.. „Sie wird ohnmächtig,« ſagte Sam.»Es iſt doch merkwürdig, daß dieſe jungen Weibsbilder immer gerade dann in Ohnmacht fallen, wenn's nicht gelegen iſt.— Holla, junges Frauenzimmer— Miß Beinſäger— Miſtreß Winkle— hören Sie denn nicht?« War es der Zauber des Namens Winkle, oder die Friſche der kühlen Abendluft, oder glaubte Arabella Herrn Wellers Stimme zu erkennen— genug, ſie hob den Kopf empor, und fragte in mattem Ton: „Wer iſt da, und was wollen Sie 20 Die Pickwicker. 51 „»Pſt!« flüſterte Sam, indem er ſich auf die Garten⸗ mauer ſchwang, und ſich dort in einen ſo kleinen Raum zuſammenhuckte, als ihm möglich war;»ich bin's, Miß, ich!« „Herrn Pickwicks Bedienter?« „»Derſelbe, Miß,« erwiederte Sam.»Herr Winkle iſt hier, und vor lauter Deſperation hat er faſt den Ver⸗ ſtand verloren.« „»Ach,« ſagte Arabella, ſich der Mauer mehr nähernd. „Ja wohl, ach,« flüſterte Sam zurück.»Wir glaub⸗ ten vorige Nacht ſchon, wir müßten ihm eine Zwangs⸗ jacke anlegen. Er raſet den ganzen Tag, und ſagt, wenn er Sie morgen Abend nicht ſehen könnte, ſo müſſe er ſich ein Leids anthun.⸗« »O nein, nein, Herr Weller,« entgegnete Arabella, angſtvoll ihre Hände zuſammenſchlagend. »Ja, das ſagt er, Miß,« fuhr Sam kaltblütig fort. »Er iſt ein Mann von Wort, Miß, und ich glaube, daß er es thun wird.— Er hat Alles, was Ihnen wider⸗ fahren iſt, von den Beinſägern mit den Brillen gehört.⸗ »Von meinem Bruder?« ſagte Arabella, die eine dunkle Ahnung hatte, wen Sam mit ſeiner Schilderung meinen möge. »Ich weiß nicht genau, welcher Ihr Bruder iſt,« erwiederte Sam.»Iſt es der ſchmutzigſte von den Bei⸗ den 2«. »Ja, ja, Herr Weller,« entgegnete Arabella,»aber nur weiter— was haben Sie mir ſonſt noch mitzu⸗ theilen?« »Er erfuhr Alles von Ihrem Bruder, Miß, und Herr Pickwick ſagt, wenn er ſie nicht ſobald wie möglich ſehe, ſo würden die Beinſäger, von denen wir eben ſpra⸗ chen, ihm ſo viel Extra⸗Blei in den Kopf hineinſchießen, 4*½ 52 Die Pickwicker. daß die Organe gar nicht mehr zu erkennen wären, wenn ſie ſie ſpäter in Spiritus thäten.« »Barmherziger Himmel, was kann ich thun, ſolchen ſchrecklichen Ereigniſſen vorzubeugen?« ſagte Arabella. »Die Vermuthung einer frühern Neigung iſt an der ganzen Geſchichte Schuld,« erwiederte Sam.»Es wäre wirklich gut, wenn Sie mit ihm ſprächen, Miß.« »Aber wie und wo?— Ich darf das Haus nicht allein verlaſſen.— Mein Bruder iſt ſo unfreundlich, ſo rückſichtslos.— Ich weiß, wie auffallend es Ihnen erſcheinen muß, Herr Weller, daß ich ſo mit Ihnen ſpreche, aber ich bin ſehr, ſehr unglücklich,« und die arme Arabella begann ſo bitterlich zu weinen, daß Sam che⸗ valeresk wurde. »Mag ſein, Miß,« entgegnete er mit Feuer,»daß dieſes auffallend ausſieht, aber ich kann nur ſagen, daß ich nicht allein bereit, ſondern auch willig bin, Alles zu thun, was die Sachen zu einem guten Ende führen kann, und ſoll's helfen oder gut ſein, einen von dieſen Bein⸗ ſägern aus dem Fenſter ſpringen zu laſſen, ſo bin ich der Mann dazu.« Als Sam ſo ſprach, ſchob er, um ſeine Bereit⸗ willigkeit, jeden Augenblick zu beginnen, noch deutlicher darzulegen, ſeine Aermel in die Höhe, und zwar mit offenbarer Gefahr, von der Mauer herabzufallen. So ſchmeichelhaft auch dieſe Anerbietungen waren, ſo lehnte ſie doch Arabella zu Sams höchſter Verwun⸗ derung ab. Sie wollte ſich lange durchaus nicht dazu verſtehen, Herrn Winkle die von Sam ſo pathetiſch be⸗ gehrte Zuſammenkunft zu bewilligen, als aber endlich die Unterhaltung durch die unwillkommene Annäherung einer dritten Perſon aus dem Hauſe beſchleunigt w mußte, erklärte ſie haſtig unter vielen Dankbarkeite ren, Die Pickwicker. 53 Betheuerungen gegen Sam, v»es ſei die Möglichkeit vor⸗ handen, daß ſie ſich am folgenden Abend eine Stunde ſpäter als heute im Garten befinden könne.« Sam ver⸗ ſtand dieſes ſehr wohl; Arabella beglückte ihn durch ein unendlich ſüßes Lächeln, trippelte graziös davon, und ver⸗ ließ Herrn Weller in dem Zuſtande der größten Bewun⸗ derung, ſo wohl ihrer perſönlichen als geiſtigen Reize und Vorzüge. Nachdem er von der Mauer wieder hinabgeſprungen war, und nicht vergeſſen hatte, ſeinen eigenen Angelegen⸗ heiten in demſelben Departement einige Augenblicke zu⸗ widmen, kehrte Herr Weller nach dem Hotel zum Buſch zurück, wo ſeine lange Abweſenheit nicht wenig Ver⸗ wunderung und Beſorgniſſe erregt hatte. »Wir müſſen mit der größten Vorſicht zu Werke gehen,« ſagte Herr Pickwick, nachdem er Sams Bericht aufmerkſam angehört hatte;»nicht ſowohl unſerer ſelbſt wegen, ſondern um der jungen Dame willen.— Wir müſſen ſehr behutſam ſein.« »Wir,“ ſagte Herr Winkle mit ſcharfer Betonung. Herrn Pickwicks Miene verrieth einigen Unwillen über den Ton dieſer Bemerkung, hatte jedoch ihren cha⸗ rakteriſtiſchen Ausdruck freundlichen Wohlwollens ſchon wieder angenommen, als er erwiederte: »Ja, Sir, wirz denn ich werde Sie begleiten.« »Sie?« ſagte Herr Winkle. »Ja, ich,« entgegnete Herr Pickwick mit Milde. „»Indem Ihnen die junge Dame eine Zuſammenkunft be⸗ willigt, hat ſie einen vielleicht natürlichen, aber doch ſehr unüberlegten Schritt gethan. Wenn ich gegenwär⸗ tig bin— ein beiderſeitiger Freund, der alt genug iſt, um Beider Vater ſein zu können— ſo kann ſpäter die Stimme der Verläumdung nimmermehr aufkommen.« Die Pickwicker. Während Herr Pickwick ſo ſprach, leuchteten ſeine Augen von gerechter Freude über ſeine Umſicht. Herr Winkle war durch dieſen kleinen Zug zarter Achtung gegen die junge Protegée ſeines Freundes tief gerührt, und ergriff ſeine Hand mit einem faſt ehrfürchtigen Gefühl.: „Sie ſollen mitgehen,« ſagte Herr Winkle. »Ich werde es thun,« entgegnete Herr Pickwick. „Sam, halten Sie meinen Ueberrock und Shawl in Be⸗ reitſchaft, und beſtellen Sie auf morgen Abend einen Wagen, aber etwas früher, als unbedingt nöthig iſt, damit wir bei guter Zeit ankommen.“« Herr Weller entfernte ſich, um alle für die Expedi⸗ tion nöthigen Vorbereitungen einzuleiten. Der Wagen fuhr zur beſtimmten Zeit vor, und nachdem Sam Herrn Pickwick und Herrn Winkle hinein⸗ geholfen, ſetzte er ſich auf den Bock neben den Kutſcher. Sie ſtiegen, wie verabredet worden war, in einiger Ent⸗ fernung vom Ort des Stelldicheins aus, befahlen dem Kutſcher, ihre Rückkehr zu erwarten, und legten die noch übrige Strecke zu Fuß zurück. Herr Pickwick zog jetzt aus einer ſeiner Rocktaſchen mit geheimnißvollem Lächeln und manchen Andeutungen großer Selbſtbefriedigung eine Blendlaterne hervor, mit welcher er ſich für den vorliegenden Fall verſehen hatte, und deren treffliche mechaniſche Einrichtung er Herrn Winkle durch praktiſche Verſuche zur nicht geringen Verwunderung der wenigen ihnen Begegnenden im Weiter⸗ gehen erläuterte. »Eine folche Maſchine würde mir bei meiner letzten nächtlichen Garten⸗Expedition nicht übel zu Statten ge⸗ kommen ſein, Sam,« ſagte Herr Pickwick, gutmüthig ig Die Pickwicker. 55 lächelnd nach dem hinter ihnen her ſchlendernden getreuen Diener zurückblickend. »Es ſind ſehr nette Maſchinen,« erwiederte Sam, „wenn man ſie recht gebraucht, aber wenn man nicht geſehen ſein will, ſo glaube ich, daß ſie nützlicher ſind, wenn das Tageslicht ausgegangen iſt, als wenn es noch leuchtet.« Sams Bemerkung ſchien Herrn Pickwick einzuleuch⸗ ten, denn er ſteckte die Blendlaterne wieder in die Taſche, und ſie gingen ſchweigend weiter. »Hier, Sir,« ſagte bald darauf Sam.»Laſſen Sie mich vorangehen.— Dies iſt das Gäßchen, Sir.“« Sie gingen hinein, und es wurde ſchon ziemlich dunkel. Herr Pickwick nahm an einigen ſchwierigen Stellen des Weges ſeine Blendlaterne wieder heraus, und warf einen kleinen ſehr hellen Lichtkreis von unge⸗ fähr einem Fuß im Durchmeſſer vor ſich hin. Es war äußerſt artig anzuſehen, ſchien aber mehr die Wirkung zu haben, die umgebenden Gegenſtände noch dunkler zu machen, als ſie vorher waren. Endlich langten ſie vor dem großen Steine an, und hier empfahl Sam ſeinem Gebieter und Herrn Winkle, ſich zu ſetzen, während er rekognosciren und ſehen wolle, ob Mary ſie ſchon er⸗ warte. Nach einigen Minuten kehrte Sam zurück, um zu berichten, daß das Thor geöffnet, Alles ruhig ſei⸗ und Mary ſie erwarte. Herr Pickwick und Herr Winkle folgten ihm mit leiſen Schritten, und waren bald im Garten. Hier flüſterte jeder mehr als ein Mal»Pſt!« aber keiner ſchien genau zu wiſſen, was zunächſt zu thun ſei. 4 »Iſt Miß Allen ſchon in dem Garten, Mary?« fragte Herr Winkle ſehr aufgeregt. — 56 Die Pickwicker. 2 »Ich weiß es nicht, Sir,« erwiederte das hübſche Hausmädchen.»Es wird am Beſten ſein, Sir, daß Herr Weller Ihnen auf den Baum hilft, und Herr Pick⸗ wick iſt vielleicht ſo gut, zuzuſehen, ob Niemand die Gaſſe heraufkommt, während ich am andern Ende des Gartens aufpaſſe.— Gerechter Himmel, was iſt das?« „»Die verwünſchte Blendlaterne wird uns noch den ganzen Spaß verderben,« ſagte Sam verdrießlich.»Neh⸗ men Sie ſich in Acht, Sir, Sie werfen ja den ganzen hellen Lichtſchein gerade auf das Fenſter da rechts hin.«⸗ »„Ja wahrhaftig,« ſagte Herr Pickwick, ſich haſtig umſehend;»es geſchah ganz gegen meine Abſicht.« „»Jetzt iſt es am nächſten Hauſe, Sir,« ſagte Sam. »Was Sie ſagen!« flüſterte Herr Pickwick zurück, ſich nochmals umblickend. »Jetzo iſt es im Stall, und die Leute werden glau⸗ ben, es brennt darin,« ſagte Sam. »Es iſt die merkwürdigſte Blendlaterne, die mir in meinem ganzen Leben vorgekommen iſt,« verſetzte Herr Pickwick, nicht wenig erſchrocken über die Licht⸗Effekte, die er ſo ſehr wider ſeine Abſicht hervorgebracht hatte. „»Es iſt in der That ein ſehr ſtarker Reflektor.« »Er wird allerdings ein gut Theil zu ſtark für uns werden, Sir, wenn Sie ihn ſo fort reflektiren laſſen,« ſagte Sam, nachdem Herr Pickwick mehrere vergebliche Verſuche gemacht hatte, die Laterne zu ſchließen.»Ich höre ſchon die Fußtritte der jungen Dame.— Jeßt, Herr Winkle, iſt es Zeit— ſchnell auf den Baum!« »Halt! halt!« rief Herr Pickwick.»Ich muß zuerſt mit ihr ſprechen.— Helfen Sie mir hinauf, Sam!« »Sachte, Sir,« ſagte Sam, und ſtemmte den Kopf gegen die Mauer, um aus ſeinem Rücken eine Plattform — x „ Die Pickwicker. 57 zu machen.»Treten Sie erſt auf den umgeſtülpten Blumentopf, Sir. So— jetzt munter hinauf!« »Aber ich fürchte, daß ich Ihnen Schaden thue,« ſagte Herr Pickwick. »Sein Sie unbeſorgt um mich, Sir,« erwiederte Sam.»Faſſen Sie ihn bei der Hand, Herr Winkle. — So, Sir— ſo iſt es Recht.« Herr Pickwick gelangte durch Anſtrengungen, die bei einem Mann von ſeinen Jahren und ſeinem Gewicht faſt übernatürlich genannt werden konnten, auf den Rücken Sams, der ſich allmählig emporrichtete. Herr Pickwick hielt ſich am Rande der Mauer feſt, waͤhrend Herr Winkle ihm behülflich war, und vermittelſt dieſer Vor⸗ richtungen gelang es ihnen endlich, ihn ſo hoch zu brin⸗ gen, daß ſeine Brille eben über die Mauer ragte. »Meine Theure,« begann Herr Pickwick, ſobald er Arabella auf der andern Seite erblickte, verſchrecken Sie nicht, meine Theure— ich bin es nur.« „»O bitte, entfernen Sie ſich,« erwiederte Arabella. »Sagen Sie auch den Andern, daß ſie fortgehen möch⸗ ten; ich bin in der ſchrecklichſten Angſt.— Lieber, lieber Herr Pickwick; verweilen Sie da nicht länger; Sie könnten hinabfallen und ſich Schaden thun.« »Sein Sie unbeſorgt, liebes Kind,« entgegnete Herr Pickwick,»es iſt nicht das Geringſte zu befürchten.— Stehen Sie feſt, Sam,« ermahnte er, nach unten blickend. »Ja, ja, Sir,« entgegnete Herr Weller.»Halten Sie ſich nur nicht länger auf, als es durchaus nothwen⸗ dig iſt.— Sie ſind doch etwas ſchwer, Sir!« »Nur noch einen Augenblick, Sam.— Ich wollte Ihnen nur ſagen, meine Theure, daß ich meinem jungen Freunde nicht geſtattet haben würde, Sie auf dieſe * 58 Die Pickwicker. heimliche Weiſe zu ſehen, wenn die Lage, in welche Sie verſetzt wurden, ihm eine andere Wahl gelaſſen hätte, und es wird Ihnen eine Beruhigung ſein, zu wiſſen, daß ich gegenwärtig bin, damit die Unſchicklichkeit dieſes Schrittes Ihnen keine Beſorgniſſe errege.« »Ich bin Ihnen in der That für Ihre Güte und Rückſicht ſehr verpflichtet,« erwiederte Arabella, ihre Thränen trocknend, und ſie würde wahrſcheinlich noch mehr geſagt haben, wenn nicht Herrn Pickwicks Kopf plötzlich verſchwunden wäre, und zwar in Folge eines Fehltritts bei dem Verſuch, ſeine Stellung zu verändern, der ihn der Länge nach auf die Erde fallen ließ. Er war jedoch in einem Augenblick wieder auf den Beinen, trieb Herrn Winkle an, ſich zu beeilen, und lief mit dem Muth und Feuer eines Jünglings in die Gaſſe, um Wache zu ſtehen. Herr Winkle flüſterte Sam zu, er möge auf ſeinen Herrn Acht haben. »Sein Sie deßhalb unbeſorgt, Sir,« erwiederte Sam. »Wo iſt er? was macht er denn, Sam?« fragte Herr Winkle. 4 „Der Himmel ſegne ihn,« verſetzte Sam, aus dem Gartenthor blickend;»er ſteht mit ſeiner Blendlaterne in der Gaſſe wie ein liebenswürdiger Guy Fawkes. Hab' doch mein Lebtags keinen ſo vortrefflichen alten Herrn geſehen.— Ich glaube, daß ſein Herz wenigſtens fünf⸗ undzwanzig Jahre nach ſeinem Leibe geboren iſt.« Herr Winkle hatte jedoch nicht geweilt, um dieſe Lobrede auf ſeinen Freund anzuhören, ſondern war ſchnell über die Mauer geſtiegen, hatte ſich vor Arabella auf die Knie geworfen, und ſchilderte die Gluth ſeiner Liebe mit einer Herrn Pickwick ſelbſt würdigen Beredſamkeit. Wäͤhrend alles dieſes im Freien vorging, aß ein Die Pickwicker. 59 altlicher Herr, ein großer Gelehrter, der einige Häuſer— weiter in der Gaſſe wohnte, in ſeiner Studirſtube, be⸗ ſchäftigt, eine naturwiſſenſchaftliche Abhandlung zu ſchrei⸗ ben, und dann und wann ſich durch ein Glas Klaret, das auf einem ehrwürdigen alten Tiſch neben ihm ſtand, bei ſeiner Arbeit erquickend. Während ſeiner geiſtigen Geburtswehen blickte der alte Herr bald auf den Fuß⸗ teppich nieder, bald zur Decke empor, und bald an den Wänden umher, und wenn er an Teppich, Decke und Wänden den erforderlichen Grad von Inſpiration ver⸗ gebens geſucht hatte, ſchaute er aus dem Fenſter. In einer dieſer Pauſen ſtarrte der gelehrte Herr zerſtreut in die dichte Finſterniß hinaus, als er durch das Erſcheinen eines ſehr glänzenden Lichtes, welches in geringer Entfernung über die Erde hin durch die Luft glitt, und faſt augenblicklich wieder verſchwand, ungemein überraſcht wurde. Nach kurzer Zeit wiederholte ſich das Phänomen nicht ein oder zwei Mal, ſondern noch öfter, und der gelehrte Herr legte endlich die Feder nieder, und begann nachzuſinnen, welchen natürlichen Urſachen dieſe Erſcheinungen wohl zugeſchrieben werden könnten. Für Meteore waren ſie zu niedrig, für Glühwürm⸗ chen zu hoch. Eben ſo wenig konnten es Irrlichter, oder fliegende Drachen, oder Feuerwerke ſein. Was konnten ſie denn wohl ſein?— Außerordentliche und wunderbare Phänomene, die noch kein Beobachter vor ihm geſehen hatte, die ſeiner Entdeckung vorbehalten waren, die ſeinen Namen unſterblich machen ſollten, indem er ſie zu Gun⸗ ſten der Nachwelt beſchrieb, und ihre Urſachen erforſchte. Von dieſen Gedanken erfüllt, griff der gelehrte Herr wieder zur Feder, brachte mehrere Bemerkungen er dieſe noch nie beobachteten Erſcheinungen zu Papier mit Angabe des Datums, der Stunde, Minute und Sekunde 60 Die Pickwicker. in welchen ſie ſichtbar geweſen waren, um hieraus einen voluminöſen, tiefgelehrten und philoſophiſchen Traktat zu entwerfen, der alle meteorologiſche Forſcher in der civiliſirten Welt in das höchſte Erſtaunen ſetzen ſollte. Er lehnte ſich in ſeinen Seſſel zurück, und verſank in Träume von ſeiner zukünftigen Größe. Das geheim⸗ nißvolle Licht zeigte ſich abermals, und zwar noch glän⸗ zender, als je zuvor. Es tanzte dem Anſcheine nach in der Gaſſe herauf und hinunter, herüber und hinüber, in ſo erzentriſchen Bahnen, wie nur Kometen ſie zu beſchrei⸗ ben pflegen. Der gelehrte Herr war unverheirathet, konnte daher keine Frau rufen und in Erſtaunen ſetzen, und klingelte nur ſeinem Bedienten. „»Pouffle,« ſagte der gelehrte Herr,»es iſt heute Abend etwas ganz Außerordentliches in der Luft. Komm her an das Fenſter. Siehſt Du das Leuchten dort?« „»Ja, Sir.« »Was hältſt Du davon, Pouffle?« »Was ich davon halte, Sir?« »Nun ja. Du biſt auf dem Lande geboren und erzogen; welcher Urſache würdeſt Du dieſe Licht⸗Erſchei⸗ nungen zuſchreiben?« Der gelehrte Herr erwartete lächelnd, Pouffle werde antworten, er wiſſe durchaus keine Urſache dafür anzu⸗ geben. Pouffle ſann nach. »Ich denke mir, daß es Diebe ſind,« ſagte er endlich.. »Du biſt ein Einfaltspinſel, und kannſt Dich hinaus⸗ ſcheren,« ſagte der gelehrte Herr. »Danke ergebenſt, Sir,« erwiederte Pouffle, und entfernte ſich. Dem gelehrten Herrn ließ jedoch der Gedanke keine Die Pickwicker. 61 Ruhe, ſein projektirter ſcharfſinniger Traktat könne für die Welt verloren gehen, wenn Pouffle's Hypotheſe nicht ſogleich in der Geburt erſtickt würde. Er ſetzte daher ſeinen Hut auf, und eilte in den Garten hinab, um der Sache ganz auf den Grund zu kommen. Ein paar Minuten früher war Herr Pickwick, ſo ſchnell als er konnte, das Gäschen hinabgelaufen, um zu berichten, daß ſich Jemand nähere, und er zog gelegentlich den Schieber der Blendlaterne in die Höhe, um nicht etwa in eine Pfütze zu gerathen. Er hatte kaum den falſchen Allarm geſchlagen, als Herr Winkle wieder ſchnell über die Mauer ſtieg, und Arabella in das Haus zurücklief. Mary verſchloß das Gartenthor, und die drei Abenteurer eilten ſchnell die Gaſſe hinauf, als ſie durch den gelehrten Herrn erſchreckt wurden, der ſo eben ſein Gartenthor aufſchloß. Sam, der voranlief, flüſterte ſeinem Herrn zu, er möge auf einen Augenblick die Laterne emporhalten. Herr Pickwick that es, und kaum ſah Sam einen Mann ſehr vorſichtig mit dem Kopf aus dem näch⸗ ſten Gartenthor etwa zwei Schritte von ſich hervor⸗ blicken, als er ihm einen Schlag mit der geballten Fauſt in das Geſicht gab, daß ſein Kopf mit dumpfem Schall gegen das Gartenthor flog. Nachdem er dieſe Heldenthat mit großer Entſchloſſenheit und Gewandtheit verrichtet, nahm Sam Herrn Pickwick auf den Rücken, und folgte Herrn Winkle mit einer, wenn man die Laſt, die er trug, berückſichtigte, höchſt wunderbaren Schnel⸗ ligkeit die Gaſſe hinauf. »Sind Sie jetzt wieder zu Athem gekommen, Sir?« fragte Sam, als ſie das Ende erreicht hatten. »Ja, Sam,“ entgegnete Herr Pickwick. »Dann kommen Sie, Sir,« ſagte Sam, ſeinen 62 Die Pickwicker. Herrn wieder auf die Beine ſtellend.»Wir wollen Sie zwiſchen uns nehmen, Sir. Wir haben nicht mehr weit zu laufen. Denken Sie ſich, Sie hätten einen goldenen Pokal zu gewinnen. Jetzt vorwärts!« So aufgemuntert, lief Herr Pickwick, ſo ſchnell er konnte, mit, und es war wunderbar zu ſchauen, in welche ungewöhnliche Bewegung ſeine ſchwarzen Kamaſchen bei dieſem denkwürdigen Vorfall geſetzt wurden. Der Wagen erwartete ſie; die Pferde hatten ſich ausgeruht; die Wege waren gut, und der Kutſcher willig. Die ganze Geſell⸗ ſchaft langte ſicher im Gaſthof an, bevor Herr Pickwick wieder zu Athem gekommen war. »Geſchwind hinein, Sir,« ſagte Sam, als er ſeinem Herrn aus dem Wagen half.»Bleiben Sie nach einer ſolchen Bewegung keinen Augenblick auf der Straße ſtehen.— Bitte um Entſchuldigung, Sir,« fuhr er fort, als Herr Winkle ausſtieg,»hoffe, daß keine frühere Neigung da geweſen iſt.« Herr Winkle ergriff den treuen Diener bei der Hand, und flüſterte ihm in das Ohr:»Alles in Ordnung, Sam— Alles gut;« worauf Herr Weller zum Zeichen, daß er ſehr wohl verſtanden habe, dreimal an ſeine Naſe ſchlug, lächelte, blinzelte, und den Wagentritt mit der heiterſten Miene von der Welt in die Höhe ſchlug. Was den gelehrten Herrn betrifft, ſo entwickelte er in einem meiſterhaften Traktat, die von ihm beobachteten wunderbaren Lichterſcheinungen ſeien Wirkungen der Elek⸗ trizitaͤt, bewies dieſes dadurch, daß er berichtete, wie ihm, als er den Kopf aus dem Thor geſteckt, ein blitzendes Leuchten vor den Augen getanzt, und wie er einen elek⸗ triſchen Schlag erhalten, der ihn auf eine volle Viertel⸗ ſtunde ſeiner Sinne beraubt habe welche Beweisführung ——,——„—,—— — ,— Die Pickwicker. 63 ſämmtliche gelehrten Geſellſchaften ausnehmend in Ent⸗ zücken ſetzte, und bewirkte, daß der ſcharfſinnige Verfaſſer forthin als ein Licht der Wiſſenſchaft betrachtet wurde. Einundvierzigſtes Kapitel. In welchem Herr Pickwick in eine neue, und wie wir hoffen, nicht unintereſſante Scene in dem großen Drama des menſchlichen Lebens eingeführt wird. Die übrige Zeit, welche Herr Pickwick zu ſeinem Aufenthalt in Bath beſtimmt hatte, ging vorüber, ohne daß ſich etwas Ungewöhnliches zutrug. Die nächſten Ge⸗ richtsſitzungen ſollten bald beginnen; Herr Pickwick und ſeine Freunde kehrten nach London zurück, und der erſtere begab ſich mit Sam ſogleich wieder nach dem Geoyg und Geier. Am dritten Morgen nach ihrer Ankunft, als die City⸗Glocken eine jede neun und alle zuſammen etwa neunhundert ſchlugen, und Sam eben friſche Luft auf dem Hofe ſchöpfte, raſſelte eine wunderliche neu lackirte Kaleſche herein, aus welcher ein wunderlich ausſehender Gentleman, der für die Kaleſche, wie die Kaleſche für ihn geſchaffen zu ſein ſchien, mit großer Behendigkeit hinaus⸗ ſprang, und die Zügel einem neben ihm ſitzenden breit⸗ ſchultrigen Mann zuwarf. Der hinausſpringende Herr war ein Mann von etwa vierzig Jahren mit ſchwarzem Haar und einem ſehr ſorg⸗ fältig gehaltenen Backenbart, ſtattlich gekleidet, viele Ringe und Iuwelen zur Schau tragend, alle etwa dreimal größer, als man ſie gewöhnlich bei Herrn ſieht, und dabei in 64 Die Pickwicker. einem groben Ueberrock. Kaum war er ausgeſtiegen, ſo fuhr er mit der linken Hand in eine Rocktaſche, während er aus der andern mit der rechten ein feines ſeidenes Taſchentuch zog, mit welchem er einige Staubflecken von ſeinen Stiefeln wiſchte, und trat dann in den Hof. Es war Sams Aufmerkſamkeit nicht entgangen, daß, als dieſer Herr ausſtieg, ein Menſch von ziemlich ſchäbigem Anſehen in einem um einige Knöpfe defekten braunen Ueberrock, und der früher auf der andern Seite der Straße auf und ab patroullirt war, jetzt herüber kam, und ſich in der Nähe hielt. Da Sam Verdacht hegte, ſo ſtellte er ſich mitten in den Thorweg. »Nun, Ihr werdet doch den Platz nicht für Euch allein gepachtet haben,« ſagte der Mann in dem groben Ueberrock in gebieteriſchem Ton. »Was giebt's, Sir?« fragte Sam, Jenen, der mit Gewalt durch wollte, zurückſtoßend. »Nur nichts von Euren Späßen— damit kommt Ihr übel bei mir an,« ſagte der Mann im groben Ueber⸗ rock, indem er ſeine Stimme erhob, aber leichenblaß wurde.»Hierher Smauch!« rief er. „»Nun was giebt's?« ſchrie der Mann in dem braunen Rock, der ſich mittlerweile noch mehr genähert hatte, zurück. »Der junge Menſch hier wird unverſchämt,« ſagte der Andere, Sam abermals einen Stoß gebend. »Wir wollen ihm ſchon bald Mores lehren,« ſchrie Smauch, ihm einen noch heftigern Stoß verſetzend. Dieſer letzte Stoß hatte die Wirkung, welche der erfahrne Herr Smauch hervorzubringen beabſichtigte, denn während Sam, begierig das Kompliment zu erwiedern, den Mann im braunen Rock gegen die Wand drückte, ſchlüpfte der Andere hindurch, und eilte nach der Schenk⸗ ſtube, wohin ihm Sam, nachdem er noch einige Worte r⸗ aß en Die Pickwicker. 65 und Püſſe mit Herrn Smauch gewechſelt hatte, ſogleich folgte. „»Guten Morgen, mein Schatz,« ſagte der Mann im groben Ueberrock, das Schenkmädchen mit Botany⸗ Bai⸗Anſtand und Neu⸗Süd⸗Walis⸗Höflichkeit anredend, „»wo iſt Herrn Pickwicks Zimmer, mein Schatz 2« »Führen Sie ihn hinauf,« ſagte das Schenkmädchen zu einem Kellner, ohne den Fragenden weiter eines Blickes zu würdigen. Der Kellner ging voran, die Treppe hinauf; der Fremde in dem grünen Ueberrock folgte und Sam ſchloß ſich ihnen an, und erlaubte ſich vielfache ſinnbildliche An⸗ deutungen von Verachtung, die der Dienerſchaft und ſonſtigen Zuſchauern zu unausſprechlichem Ergötzen ge⸗ reichten. Herr Smauch, der mit einem heiſern Huſten geplagt war, blieb unten und wartete in dem Gange. Herr Pickwick lag noch in tiefem Schlaf, als ſein früher Beſucher und hinter ihm Sam, in das Zimmer trat. Das hierdurch veranlaßte Geräuſch erweckte Herrn Pickwick. »Waſſer zum Raſiren, Sam,“« rief er hinter den Bettvorhängen. »Raſiren Sie ſich nur ja ſogleich, Herr Pickwick,⸗ ſagte der Beſucher, den Vorhang zurückſchiebend,„denn ich habe Ihnen hier ein Exekutionsmandat in der Sache von Miſtreß Bardell zu überreichen— da iſt's— und hier meine Karte. Ich denke, Sie kommen mit mir nach meinem Hauſe.« Der Cherifs⸗Agent— denn das war er— gab Herrn Pickwick einen freundſchaftlichen Schlag auf die Schulter, warf die Karte auf die Bettdecke, und zog einen goldnen Zahnſtocher aus der Weſtentaſche. „»Mein Name iſt Stamby,“« ſagte er, als Herr Die Pickwicker V. 5 66 Die Pickwicker. Pickwick ſeine Brille unter dem Kopfkiſſen hervorzog, und ſie aufſetzte, um die Karte zu leſen—»und ich wohne in der Colemansſtraße.⸗« Sam Weller hatte bis dahin die Blicke auf Herrn Stamby's glänzenden Kaſtorhut geheftet, und begann jetzt: »Sind Sie etwa ein Quäker?« »Sie ſollen ſeiner Zeit ſchon erfahren, wer ich bin,« erwiederte der entrüſtete Beamte.»Werden Ihnen feine Sitten lehren, Sie vorlauter Patron.« »Danke ſchön,« entgegnete Sam,»und werde Gleiches mit Gleichem vergelten. Hut ab!« und mit dieſen Worten ſchlug Sam Herrn Stamby ſo geſchickt und kräftig den Hut ab, daß er in die enfernteſte Ecke des Zimmers flog, und Herr Stamby obenein vor Schrecken beinahe den goldenen Zahnſtocher verſchluckt hätte. »Sie werden mir bezeugen, Herr Pickwick,« ſagte der beſtürzte Agent,»daß ich in Ausübung meiner Amts⸗ pflichten in Ihrem Schlafzimmer von Ihrem Bedienten perſönlich angegriffen worden bin.« „»Bezeugen Sie nichts, Sir,« fiel Sam ein.»Machen Sie Ihre Augen feſt zu, Sir.« »Sam,“« ſagte Herr Pickwick in zornigem Ton, als ſein Diener neue Feindſeligkeiten zu beabſichtigen ſchien, »wenn Sie noch ein einziges Wort ſagen, und dieſe Perſon nicht unbehelligt laſſen, ſo werde ich Sie augen⸗ blicklich verabſchieden.« „»Aber, Sir—« „Schweigen Sie, und nehmen Sie den Hut wieder auf.« Sam weigerte ſich beſtimmt, dieſes zu thun, und da der Agent Eile hatte, ſo ließ er ſich herab, den Hut ſelbſt wieder aufzunehmen, indem er dabei eine Menge —,—— S;,——— — η— U— 2 Die Pickwicker. 67 Drohungen gegen Sam ausſtieß, welche dieſer jedoch mit vollkommener Ruhe anhörte, und ſich nur damit be⸗ gnügte, zu bemerken, wenn Herr Stamby die Güte haben wolle, ſeinen Hut wieder außzuſetzen, ſo ſolle der⸗ ſelbe bis in das letzte Ende der nächſten Woche fliegen.— Da Herr Stamby jedoch vielleicht des Dafürhaltens war, daß Mißhelligkeiten für ihn damit verknüpft ſein könnten, ſo lehnte er es ab, Herrn Weller in Verſuchung zu führen, rief Smauch herauf, ſagte ihm, der Fang ſei gemacht, und er ſolle den Verhafteten bewachen, bis er ſich ange⸗ kleidet habe. Der Agent entfernte ſich, Smauch forderte Herrn Pickwick in mürriſchem Ton auf, ſich nach Mög⸗ lichkeit zu beeilen, denn es gebe eben viel zu thun, zog einen Stuhl an die Thür, und ſetzte ſich darauf. Sam wurde nach einem Miethwagen geſchickt, und in ihm fuhr das Triumvirat nach der Colemanſtraße. Glücklicherweiſe war die Entfernung nicht groß, denn außerdem, daß Herr Smauch keine ſonderlichen Unterhaltungsgaben be⸗ ſaß, wurde er in einem beſchränkten Raum in Folge des phyſiſchen Gebrechens, das wir vorhin andeuteten, ein unangenehmer Gefährte. Nachdem ſie in eine ſehr enge und düſtere Straße gefahren waren, hielten ſie vor einem Hauſe mit eiſernen Gittern vor jedem Fenſter, und auf deſſen Thürpfoſten man las:»Stamby, Agent der Sherifs von London.« Das innere Thor wurde von einem Gentleman aufge⸗ ſchloſſen, der für einen vernachläſſigten Zwillingsbruder des Herrn Smauch hätte gelten können, und Herr Pickwick in das Gaſtzimmer geführt, in welchem ſich nichts ſon⸗ derlich bemerkbar machte, als friſch geſtrenter Sand und Tabacksgeruch. Herr Pickwick verbeugte ſich vor den drei Perſonen, die in demſelben ſaßen, als er eintrat, und nachdem er Sam zu Herrn Perker geſchickt, zog er ſich 5* 68 Die Pickwicker. in einen dunkeln Winkel zurück, und beobachtete hier mit einiger Neugierde ſeine neuen Gefährten. Einer derſelben war ein Jüngling von neunzehn bis zwanzig Jahren, der, obgleich es noch nicht zehn Uhr geſchlagen hatte, Branntwein und Waſſer trank, und eine Eigarre ſchmauchte, Genüſſen, denen er ſich, nach ſeinem gerötheten Geſicht zu urtheilen, ſchon ſeit einigen Jahren mit vieler Ausdauer hingegeben zu haben ſchien. Ihm gegenüber ſaß ein junger Mann von etwa dreißig Jahren, mit einem abſtoßenden Geſicht und barſcher Stimme, der mit der Spitze ſeines rechten Stiefels das Feuer anſchürte, und offenbar jene Weltkenntniß und jenes zuvorkommende Benehmen beſaß, die in jenen Wirthshäuſern und Billardsſtuben, wie ſie von derar⸗ tigen Gentlemen beſucht werden, zu erlangen ſind; der Dritte war ein Mann von mittlern Jahren, in einem ſehr abgetragenen ſchwarzen Anzug, mit einem bleichen und eingefallenen Geſicht, und fortwährend im Zimmer auf⸗ und abgehend, nur dann und wann vor einem Fen⸗ ſter ſtehen bleibend, als erwarte er Jemand, und ſehn⸗ ſüchtig hinausblickend. »Sie könnten heute Morgen ſich wohl meines Ra⸗ ſirmeſſers bedienen, Herr Ayresleigh,« ſagte der junge Mann, der das Feuer anſchürte, indem er dem Grog⸗ trinkenden Jüngling zuwinkte. »Ich danke Ihnen; ich werde es heute nicht bedür⸗ fen; ich hoffe, etwa in einer Stunde dieſes Haus zu verlaſſen,« erwiederte der Andere etwas verſtört. Dann trat er wieder an das Fenſter, und da er ſich abermals in ſeiner Hoffnung getäuſcht ſah, ſtieß er einen tiefen Seufzer aus und verließ das Zimmer, worauf die beiden Andern in ein lautes Gelächter ausbrachen. »„Solch' ein Spaß iſt mir noch nicht vorgekommen,« Die Pickwicker. 69 ſagte der junge Herr, der ſein Raſirmeſſer angeboten hatte, und deſſen Name, wie ſich ergab, Price war. Er beſtätigte ſeine Behauptung mit einem Fluch, lachte dann abermals, und der Jüngling(der ſeinen Gefährten für einen der witzigſten Burſchen hielt) folgte ſeinem Beiſpiel.. »Sie werden es kaum glauben,« ſagte Price, ſich gegen Herrn Pickwick wendend,»daß dieſer alte Burſche ſchon ſeit einer Woche hier iſt, und ſich noch nie raſirte, weil er immer beſtimmt glaubt, in einer Stunde ſeine Freiheit zu erlangen.« »Der arme Mann,« ſagte Herr Pickwick.—»Sind ſeine Ausſichten, dieſes Haus bald zu verlaſſen, wirklich begründet?2« »Schöne Ausſichten,« erwiederte Price.—»Ich gebe nicht ſo viel für ſeine Ausſichten, heute über zehn Jahre von hier erlöſt zu werden.« Bei dieſen Worten ſchnippte Herr Price verächtlich mit dem Finger, und zog die Klingel.—»Gieb mir einen Bogen Papier, Crookey,« ſagte er zu dem eintretenden Aufwärter,»und noch ein Glas Branntwein und Waſſer.— Ich will an meinen Vater ſchreiben, und ich bedarf dazu einiger Aufregungsmittel, ſonſt kann ich es dem alten Starrkopf nicht dringend genug ans Herz legen.« Es iſt wohl kaum nöthig, zu bemerken, daß der Jüngling über dieſe witzigen Einfälle vor Lachen außer ſich gerieth. »Das iſt recht,« ſagte Herr Price.—»Nie den Muth verloren.— Alles Spaß, nicht wahr 2« »Ein Hauptſpaß,« entgegnete der Jüngling. »Sie haben ſchon Erfahrungen gemacht, haben etwas von der Welt geſehen!« ſagte Price. »Das will ich meinen!« erwiederte der Jüngling. 70 Die Pickwicker. Er hatte die Welt bisher nur durch die ſchmutzigen Glasſcheiben einer Schenkſtube geſehen. Herrn Pickwick ſagte dieſes Geſpräch eben ſo wenig zu, als das Benehmen derer, die es führten, und er ſtand im Begriff, zu fragen, ob er nicht ein beſonderes Zim⸗ mer haben könne, als drei Fremde von beſſerem Anſehen eintraten, bei deren Anblick der Jüngling ſeine Cigarre in das Feuer warf, und, indem er Herrn Price zuflü⸗ ſterte,»ſie ſeien gekommen, um Alles für ihn in Rich⸗ tigkeit zu bringen,« ging er mit ihnen an einen Tiſch an der andern Seite des Zimmers. Es ſchien jedoch, daß die Sachen ſich nicht ſo ſchnell in Richtigkeit bringen ließen, als der Jüngling geglaubt haben mochte, denn es erfolgte eine ſehr lange Unterhal⸗ tung, in deren Verlauf Herr Pickwick einige heftige Aeuße⸗ rungen über»ſchlechte Aufführung« und»wiederholte Ver⸗ zeihung« vernahm. Endlich erlaubte ſich der älteſte von den Herren ſehr beſtimmte Andeutungen auf ein gewiſſes Haus in der Whitecroſſ⸗Straße, worauf der Jüngling trotz ſeiner Weltkenntniß und ſeiner Keckheit den Kopf auf den Tiſch legte, und jämmerlich zu weinen und zu flehen begann. Herr Pickwick, ſehr erfreut über dieſe Demüthigung des übermüthigen Jünglings, zog die Klingel, und wurde auf ſein Begehren in ein beſonderes Zimmer geführt, welches mit Fußteppich, Tiſch, Stühlen und Sopha ausgeſtattet, und mit einem Spiegel und mehreren alten Kupferſtichen geziert war. Hier erfreuete er ſich des Genuſſes, gerade über ſich Miſtreß Stamby auf einem ſchlechten Fortepiano ſpielen zu hören, während das Frühſtück zubereitet wurde, und mit demſelben zugleich erſchien Herr Perker. »Aha, mein theurer Sir,« ſagte der kleine Mann, Die Pickwicker. 71 »hat man Sie endlich gefaßt, wie? Doch es betrübt mich wenig, denn Sie werden jetzt die Thorheit ihres Benehmins einſehen.— Ich habe den Betrag der Pro⸗ zeßkoſten und der Entſchädigungsſumme notirt, und es wäre am beſten, wir machten gleich Alles ab, und ver⸗ lören keine Zeit mehr.— Stamby wird jetzt zu Hauſe gekommen ſein.— Was ſagen Sie, mein beſter Herr, ſoll ich eine Anweiſung ſchreiben, oder wollen Sie es?⸗ Der kleine Mann rieb, während er dieſes ſagte, die Hände mit affektirter Heiterkeit, doch als er auf Pick⸗ wicks Antlitz ſchaute, konnte er nicht umhin, Sam Weller zugleich einen bedenklichen Blick zuzuwerfen. „»Perker,« ſagte Herr Pickwick,»ich muß Sie erſu⸗ chen, mich nichts mehr davon hören zu laſſen.— Ich ſehe keinen Grund, weßhalb ich hier noch verweilen ſollte; ich will noch heute Abend ins Gefängniß.« »Sie können nicht nach der Whitecroſſ⸗Straße, mein theurer Sir,« ſagte Perker.—»Unmöglich!— Es ſind dort ſechzig Betten in einer Abtheilung, und der Riegel iſt ſechzehn Stunden unter vierundzwanzig vorgeſchoben.« »Ich würde mich lieber in ein anderes Schuld⸗ gefängniß begeben, wenn es thunlich wäre,« entgegnete Herr Pickwick—»wenn nicht, ſo muß ich mich darin ſchicken.« »Sie können ins Fleet gehen, mein theurer Sir, wenn Sie denn doch durchaus ihren Willen haben wol⸗ len,« bemerkte Perker. »Das will ich thun,« ſagte Herr Pickwick,»und zwar ſo bald ich gefrühſtückt habe.“« »Mein theurer Sir,« fiel Perker ein,»es hat ja durchaus keine ſo große Eile, in ein Haus zu gelangen, aus welchem ſich zu entfernen andere ſo begierig ſind. 1 ——— —ͤ 72 Die Pickwicker. Wir müſſen ein Habeas corpus erwirken; bis vier Uhr Nachmittags treffen wir keinen einzigen Richter an. Bis dahin müſſen Sie ſich gedulden.« »Auch gut,« ſagte Herr Pickwick mit unerſchütter⸗ lichem Gleichmuth.—»Dann können wir hier erſt unſere Cotelets eſſen.— Sam, beſtellen Sie ſie Punkt zwei Uhr.⸗ Herr Pickwick blieb trotz aller Vorſtellungen und Argumente Perkers ſeinem Entſchluß getreu; die Cote⸗ lets erſchienen und verſchwanden, und Herr Pickwick fuhr darauf in einem andern Miethswagen nach Chau⸗ cery⸗Lane, nachdem er noch etwa eine halbe Stunde hatte auf Herr Stamby warten müſſen, der ein großes Mittag⸗ eſſen gab, und unter keiner Bedingung früher zu ſpre⸗ chen war. Sie trafen nur zwei Richter, welche ſehr beſchäftigt zu ſein ſchienen, wenigſtens nach der Anzahl der Advo⸗ katenſchreiber zu urtheilen, welche mit großen Akten⸗ ſtößen hinaus⸗ und hineineilten. Als ſie am Eingange ausſtiegen, wurde Perker einige Augenblicke dadurch auf⸗ gehalten, daß er mit dem Kutſcher wegen der Bezahlung in einen kleinen Wortwechſel gerieth, und Herr Pickwick trat zur Seite, um ſich dem Gedränge der hinein⸗ und herausſtrömenden zu entziehen, und ſchaute mit einiger Neugierde umher. Am meiſten erregten ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit drei bis vier Männer von ſchäbig gentilem Aus⸗ ſehen, welche die Hüte vor den vorübergehenden Anwälden zogen, und hier irgend ein Geſchäft zu haben ſchienen, deſſen Beſchaffenheit jedoch Herr Pickwick nicht zu errathen vermochte. Es waren wunderliche Geſellen. Der eine, ein hagerer und etwas hinkender Mann im abgetragenen ſchwarzen Anzuge, mit einem weißen Halstuch; ein zweiter, ein breitſchultriger ſtemmiger 8 Die Pickwicker. 73 Mann mit einem großen röthlichen Halstuch; ein dritter, klein und von ziemlich trunkſüchtigem Ausſehen. Sie ſchlenderten, mit den Händen auf dem Rücken, umher, und flüſterten dann und wann einem der Herren mit Aktenſtößen, wenn ſie ſchnell vorübergingen, eifrig etwas in das Ohr. Herr Pickwick erinnerte ſich, ſie ſchon oft unter dem Thorwege, wenn ihn ſein Weg dort vorüberge⸗ führt, geſehen zu haben, und ſeine Neugierde wurde erregt, zu erfahren, welche Geſchäfte dieſe Leute wohl hier haben könnten. Er ſtand eben im Begriff, Herrn Stamby darüber zu fragen, der ſich dicht neben ihm hielt, und an einem dicken goldenen Ringe, den er an ſeinem kleinen Finger trug, ſaugte, als Perker wieder zu ihm trat, und ihn aufforderte, ſchleunigſt mit hinein zu gehen, indem keine Zeit zu verlieren ſei. Als Herr Pickwick ihm folgte, trat der hinkende Mann zu ihm, zog höflich den Hut und reichte ihm eine beſchriebene Karte, die Herr Pickwick, da er durch eine Weigerung den Unbekannten nicht verletzen wollte, annahm und in ſeine Weſtentaſche ſteckte. »Nun,« ſagte Herr Perker, indem er ſich umwen⸗ dete, bevor er in eine der Gerichtsſtuben trat, um zu ſehen, ob ſeine Gefährten dicht hinter ihm ſeien.— »Treten Sie hier ein, mein theurer Sir.«—„»Hallo, was wollt ihr da?«— Dieſe letztere Frage war an den Hinkenden gerichtet, der ſich ihnen angeſchloſſen hatte. Er nahm äußerſt ehrerbietig den Hut ab, und wies zur Erwiederung nach Herrn Pickwick hin. »Nein, nein,« ſagte Perker lächelnd,»wir bedürfen Ihrer nicht, guter Freund, durchaus nicht!« »Bitte um Entſchuldigung,« entgegnete der Hin⸗ kende,„der Herr hat meine Karte angenommen. Ich hoffe, daß Sie von meinen Dienſten Gebrauch machen 74 Die Pickwicker. werden, Sir.— Der Herr winkte mir zu.— Er wird es ſelbſt ſagen.— Nicht wahr, Sir?« »Schwatzt nicht ſolchen Unſinn.— Pickwick, Sie haben Niemand zugewinkt.— Es iſt ein Mißverſtändniß, weiter nichts.« »Der Herr gab mir ſeine Karte,« erwiederte Herr Pickwick, ſie aus der Taſche ziehend.»Ich nahm ſie an, weil der Herr es zu wünſchen ſchien. Ich war wirklich neugierig, ſie ſpäter, wenn ich mehr Muße haben würde, anzuſehen. Ich—« Herr Perker lachte laut auf, gab dem Hinkenden ſeine Karte zurück, indem er nochmals ſagte,»es ſei nur ein Mißverſtändniß geweſen,« und flüſterte Herrn Pick⸗ wick zu,»der Menſch ſei ein Bürge.“« „»Was iſt er?« fragte Herr Pickwick. »Ein Bürge,« wiederholte Perker. »Ein Bürge!« »Ja, mein theurer Sir, es treibt ſich immer ein halbes Dutzend von dieſen Leuten hier umher. Sie ver⸗ bürgen ſich für jede beliebige Summe, und laſſen ſich nur eine halbe Krone dafür zahlen. Ein merkwürdiges Geſchäft, nicht wahr?« ſagte Perker, ſich mit einer Priſe regalirend. „»Wie?« rief Herr Pickwick erſtaunt aus,»verſtehe ich recht, daß dieſe Menſchen ſich durch Meineide, die ſie für eine halbe Krone vor den Richtern des Landes ſchwören, ihren Lebensunterhalt erwerben?« »Nun, man kann es gerade nicht Meineid nennen, mein theurer Sir,« erwiederte Perker.—»Ein hartes Wort, ein ſehr hartes Wort. Es iſt nur eine Rechts⸗ fiktion, mein theurer Sir, weiter nichts,.«— und er zuckte die Achſeln, lächelte, nahm abermals eine Priſe, und trat in die Schreibſtube des Richters. —— —— Die Pickwicker. 75 Es war dieſes ein Zimmer von ſchmutzigem, dü⸗ ſterm Anſehen, mit einer niedrigen Decke und alten geräfelten Wänden, und ſo ſchlecht beleuchtet, daß, ob⸗ gleich es außerhalb heller Tag war, große Talglichte auf den Tiſchen brannten. An einem Ende führte eine Thür in daz Zimmer des Richters, um welche ſich Advokaten und Schreiber drängten, die nach der Ordnung, in der ſie notirt waren, hineingerufen wurden. Jedes Mal, wenn dieſe Thür geöffnet ward, um mehrere Perſonen hinauszulaſſen, entſtand ein heftiger Andrang von andern, um hinein zu gelangen, und da außer den zahlreichen Geſprächen zwiſchen Jenen, welche erwarten, eingelaſſen zu werden, häufig perſönliche Zwiſtigkeiten zwiſchen Denen, die aus dem Zimmer traten, erfolgten; ſo ent⸗ ſtand dadurch ein ſolcher ohrenbetäubender Lärm, wie in einem ſo kleinen Zimmer nur füglich erregt werden konnte. Auch waren die Unterhaltungen dieſer Herren nicht die einzigen Urſachen, die dieſes Geräuſch verurſachten. Hinter einem hölzernen Gitter an einem andern Ende des Zimmers ſtand ein Schreiber mit einer Brille, der die Affidavits aufnahm, die von Zeit zu Zeit durch einen andern Schreiber in das Zimmer des Richters gebracht und ihm zur Unterſchrift vorgelegt wurden. Eine große Anzahl von Advokatenſchreibern ſollte ver⸗ eidet werden, und da es nicht thunlich war, ſie alle auf einmal ſchwören zu laſſen, und jeder der erſte ſein wollte, ſo entſtand dadurch an der Schranke ein Stoßen und Drängen, wie am Eingang zum Parterre, wenn Ihre königlichen Majeſtäten das Schauſpiel mit ihrer Gegen⸗ wart beehren. Ein anderer Beamter ſetzte von Zeit zu Zeit ſeine Lunge in Bewegung, um die Namen derer aufzurufen, die bereits vereidet worden waren, und da ⸗ Die Pickwicker. alles dieſes gleichzeitig geſchah, ſo ward natürlich das Durcheinanderſchreien und Reden dadurch noch vermehrt. Es war noch eine andere Klaſſe von Perſonen vorhan⸗ den— diejenigen, welche in Folge von Vorladungen gekommen waren, und die von Zeit zu Zeit den Namen des Advokaten der Gegenpartei ausriefen, um ſich zu verſichern, ob er nicht ohne ihr Wiſſen gegenwärtig ſei. Zum Beiſpiel.— Dicht neben Herrn Pickwick ſtand ein Schreiber mit einer Tenorſtimme, und nicht weit von ihm ein anderer mit tiefer Baßſtimme. Ein Advokatenſchreiber trat mit einem Aktenſtoß ein, und ſtarrte umher. „Sniggle und Plink!« ſchrie der Tenor. „Porkin und Snob!« brummte der Baß. »Stumpy und Deacon!« rief der Neuangekommene zurück. Niemand antwortete, und der zunächſt Eintretende wurde durch das ganze Trio ſchreiend empfangen, und er ſeinerſeits rief eine andere Prozeß⸗Firma aus, und dann brüllte wieder eine laute Stimme nach einer noch andern, und ſo fort. Der Mann mit der Brille war die ganze Zeit über eifrig beſchäftigt, die Advokatenſchreiber zu vereiden, in⸗ dem der Eid in einem Athem fort ohne Unterbrechung und gewöhnlich mit folgenden Ausdrücken, einer ſo ein⸗ tönig wie alle, abgenommen wurde: „»Nehmen Sie das Buch in ihre rechte Hand, dies iſt Ihr Name und Ihre Handſchrift. Sie ſchwören, daß der Inhalt dieſes Affidavits wahr iſt, ſo helfe Ihnen Gott. Sie müſſen einen Schilling bezahlen, herausgeben kann ich nicht, denn ich habe keine kleine Münze. »Nun Sam, ſagte Herr Pickwick,»ſie werden das Habeas corpus bald fertig haben.« △̈— △̈— Die Pickwicker. 77 »Ja,« entgegnete Sam, ves iſt ſehr unangenehm, daß ſie uns hier ſo lange warten laſſen. Ich hätte während dieſer Zeit ſchon ein halbes Dutzend Habeas corpus fertig gemacht und eingepackt.« Wir können nicht berichten, was Sam Weller ſich unter einem Habeas corpus vorſtellen mochte, denn Herr Perker trat in dieſem Augenblick hinzu, und nahm Herrn Pickwick mit ſich. Nach den gewöhnlichen Förmlichkeiten wurde»der Körper von Samuel Pickwick« der Bewachung des Ge⸗ richtsdieners überwieſen, um von ihm dem Vorſteher des Fleetgefängniſſes zugeführk, und in ſelbigem in Verwah⸗ rung gehalten zu werden, bis die Entſchädigung und Koſten im Prozeß Bardell contra Pickwick vollſtändig bezahlt und berichtigt ſein würden. »Darauf können ſie lange warten,« ſagte Herr Pickwick lachend.—»Sam, beſtellen Sie einen Mieth⸗ wagen. Perker, mein werther Freund, auf Wiederſehen!«⸗ »Ich will mit Ihnen gehen, und dafür ſorgen, daß Sie dort ſicher untergebracht werden,« ſagte Perker. »Ich bin Ihnen ſehr verbunden,« erwiederte Herr Pickwick,»aber ich möchte keinen andern Begleiter ha⸗ ben als Sam. Sohald ich dort eingerichtet bin, werde ich Sie benachrichtigen. Bis dahin leben Sie wohl!e Der Miethwagen war jetzt angekommen; Herr Pickwick und der Gerichtsdiener ſtiegen hinein, Sam auf den Bock und ſie fuhren davon. »Ein ganz außerordentlicher Mann, der Pickwick,« ſagte Perker zu Herrn Lowten. »Was er für ein vortrefflicher Bankerottirer ſein würde,« entgegnete Jener.—»Der würde die Kommiſ⸗ ſäre plagen und ihnen Trotz bieten, wenn ſie vom Ver⸗ haften ſprächen.⸗ Die Pickwicker. Dem Anwald ſchien ſeines Schreibers juriſtiſche Würdigung von Herrn Pickwicks Charakter nicht ganz zuzuſagen, denn er entfernte ſich, ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Der Miethwagen rumpelte die Fleetſtraße hinab, wie Miethwagen eben zu rumpeln pflegen. Der Kutſcher ſagte,»die Pferde gingen beſſer,« wenn ſie vetwas vor ſich hätten«(ſie mußten einen merkwürdigen Schritt haben, wenn es nicht der Fall war), und fuhr demgemäͤß dicht hinter einem Karren her. Hielt der Karren ſtill, ſo hielt er auch ſtill, und fuhr der Karren weiter, ſo folgte er ihm. Herr Pickwick ſaß dem Gerichtsdiener gegen⸗ über, welcher ein Liedchen pfiff und aus dem Kutſchen⸗ fenſter blickte. Die Zeit bewirkt jedoch Wunder, und mit ihrer Hülfe erreicht ſogar ein Miethwagen ſein Ziel. Sie hielten endlich vor dem Fleetgefängniß, und Herr Pick⸗ wick ſtieg vor dem Thor ab. Der Gerichtsdiener ging voran, indem er nur über die Schulter blickte, um zu ſehen, ob ſein Gefangener dicht hinter ihm folge. Sie traten durch eine offene Thür in eine Vorhalle, aus welcher ein ſchweres, durch einen ſtemmigen, breitſchultrigen Thürhüter mit dem Schlüſſel in der Hand bewachtes Thor in das Innere des Gefängniſſes führte. Hier übergab der Gerichtsdiener ſeine Papiere, und Herr Pickwick wurde benachrichtigt, er müſſe verweilen, bis er zu ſeinem Portrait geſeſſen hätte. „»Zu meinem Portrait!« rief Herr Pickwick er⸗ ſtaunt aus. 4 „»Damit wir Ihr Konterfei bekommen, Sir,« ent⸗ gegnete der breitſchultrige Schließer.»Wir verſtehen uns hier vortrefflich auf Konterfei's, haben ſie im Nu Die Pickwicker. 79 und immer ſprechend ähnlich getroffen. Thun Sie übrigens nur, als wenn Sie zu Hauſe wären, Sir. ⸗ Herr Pickwick folgte der Einladung, und ſetzte ſich auf einen Stuhl.— Sam ſtellte ſich hinter denſelben, und flüſterte ſeinem Herrn in das Ohr,»unter dem Portraitſitzen ſei nur zu verſtehen, daß alle Schließer einen neuangekommenen Gefangenen genau in Augen⸗ ſchein nähmen, um ihn von Beſuchenden unterſcheiden zu können.« »Gut, Sam,« ſagte Herr Pickwick,»dann wollte ich nur, daß die Künſtler bald kämen.« »Sie werden, denke ich, nicht lange auf ſich warten laſſen,« erwiederte Sam.—»Sehen Sie, Sir, da iſt ein Vogelkäfig.— Ein Gefängniß im Gefängniß— nicht wahr, Sir?« Als Herr Weller dieſe philoſophiſche Bemerkung vorbrachte, bemerkte Herr Pickwick, daß das Portrait⸗ ſitzen ſeinen Anfang genommen habe. Der ſtämmige Schließer ſetzte ſich und beäugelte ihn nachläſſig von Zeit zu Zeit, wäͤhrend ein langer ſchmächtiger Mann mit den Händen unter den Rockſchößen, ſich ihm gerade gegenüber aufſtellte, und ihn mit unverwandten Blicken anſtarrte. Ein Dritter, etwas grämlich ausſehender Gentleman, der offenbar bei ſeinem Frühſtück geſtört worden war, denn er kauete noch an einer geröſteten Brotſchnitte, als er eintrat, ſtellte ſich dicht neben Herrn Pickwick, ſtemmte die Hände in die Seite, und beſchaute ihn in möglichſter Nähe, während zwei andere ſeine Phyſiognomie mit den aufmerkſamſten und nachdenkendſten Mienen ſtudirten. Herrn Pickwick ſchien die Sitzung wenig zu behagen, denn er rückte unruhig auf ſeinem Stuhle hin und her, ſprach jedoch mit Niemanden ein Wort, nicht einmal mit Sam, welcher den Arm auf 80 Die Pickwicker. die Rückenlehne des Stuhls geſtützt, an die Lage ſeines Herrn, ſo wie an das große Vergnügen dachte, das ein Fauſtkampf mit ſämmtlichen Schließern, wenn er ſonſt ſtatthaft geweſen, ihm gewähren würde.— Endlich war das Konterfei vollendet, und man ſagte Herrn Pickwick, er könne jetzt in das Gefängniß gehen. „Wo werde ich dieſe Nacht ſchlafen?« fragte er. „Das kann ich noch nicht beſtimmt ſagen,« entgeg⸗ nete der vierſchrötige Schließer.„»Sie werden morgen einem Stubenkameraden beigegeben, und dann können Sie ſich recht hübſch einrichten.— In der erſten Nacht muß man ſich hier ſchon behelfen, aber morgen wollen wir Alles in Ordnung bringen.« Nach einigen Verhandlungen ergab es ſich, daß einer der Schließer ein Bett für die Nacht zu vermiethen hatte, und Herr Pickwick war froh, es in Beſchlag neh⸗ men zu können. „Wenn Sie mit mir kommen wollen, ſo will ich's Ihnen gleich zeigen,« ſagte der Schließer.»Es iſt eben nicht groß, aber es läßt ſich wundervoll darin ſchlafen. Folgen Sie mir nur, Sir.« Sie gingen durch das innere Thor, und ſtiegen einige Treppenſtufen hinab.— Der Schlüſſel wurde hinter ihnen umgedreht, und Herr Pickwick befand ſich zum erſten Mal in ſeinem Leben innerhalb der Mauern eines Schuldgefängniſſes. — ☛—— F Die Pickwicker. 81 Zweiundvierzigſtes Kapitel. Der erſte Eintritt des Herrn Pickwick in das Fleetgefängniß; welche Schuldgefangenen er dort fand, und wie er die Nacht zubrachte. Herr Tom Roker, der Gentleman, welcher Herrn Pickwick in das Gefängniß begleitete, wendete ſich, als ſie den Treppenabſatz hinab waren, rechts durch ein eiſernes offenſtehendes Thor in einen langen engen ſchmutzi⸗ gen und niedrigen, mit Steinen gepflaſterten Gang, der ſpärlich an jedem Ende durch ein Fenſter erleuchtet war. »Dieſes,« ſagte der Gentleman, ſeine Hände in die Hoſentaſchen ſteckend, und Herrn Pickwick nachläſſig über die Schulter anblickend,»dieſes iſt die Vorhallen⸗ treppe.« »O,« erwiederte Herr Pickwick, eine dunkle und ſchmutzige Treppe hinabſchauend, die zu einer Reihe dum⸗ pfiger und finſterer Gewölbe zu führen ſchien,»und dieſes ſind wohl die kleinen Keller, in denen die Gefangenen ihre geringen Kohlenvorräthe aufbewahren?— Der Zu⸗ gang zu ihnen iſt allerdings ſehr unangenehm, aber ſie mögen wohl für ihren Zweck ganz paßlich ſein.⸗ »Weßhalb ſollten ſie nicht paßlich ſein,« entgegnete Roker, nda manche Leute ganz hübſch darin wohnen.« »Iſt es ihr Ernſt,« fragte Herr Pickwick,»daß menſchliche Weſen in dieſen dunklen Löchern wohnen 2« »Warum ſollten ſie es nicht?« entgegnete Roker mit unwilligem Erſtaunen. »Dort unten leben wirklich Menſchen?« rief Herr Pickwick aus. Die Pickwicker. V. 6 1 82 Die Pickwicker. „Und ſterben auch oft genug,« erwiederte Roker, „aber es läßt ſich da unten ſchon ganz gut wohnen.« Da Roker Herrn Pickwick etwas ſcharf anblickte, indem er dieſes ſagte, und überdem einige zornige Worte vor ſich hinmurmelte, ſo hielt der letztere Herr es für rathſam, das Geſpräch nicht weiter zu verfolgen. Roker führte jetzt Herrn Pickwick und Sam eine eben ſo ſchmutzige und finſtere Treppe hinauf, als jene war, auf die er ſie eben aufmerkſam gemacht hatte. „Dies iſt der Reſtaurationsſtubengang,« ſagte Roker, indem er ſtehen blieb, als ſie einen andern Gang erreich⸗ ten, jenem ganz ähnlich, den ſie eben verlaſſen hatten, „und das Zimmer, worin Sie dieſe Nacht ſchlafen wer⸗ den, iſt das Gefängnißwärterzimmer— folgen Sie mir nur, Sir.« Nachdem er alles dieſes in einem Athem geſprochen hatte, ſtieg er abermals eine Treppe hinauf, die ihr Licht durch einige niedrig angebrachte Fenſter erhielt, aus denen man die Ausſicht auf einen, mit Kieß bedeckten von einer hohen Backſteinmauer mit eiſernen ſpaniſchen Reitern umgebenen Hof hatte, welcher, wie Herr Roker berichtete,»„der Ballplatz« genannt wurde. Er ſagte ferner, in dem, an die Jarringdonſtraße ſtoßenden Theil des Gefängniſſes ſei ein ähnlicher, aber kleinerer Hof, den man den»gemalken Platz« nenne, weil man auf den ihn umgebenen Mauern vormals Abbildungen mehrerer Kriegsſchiffe unter vollen Segeln, und andere Kunſt⸗ leiſtungen eines hier gefangen gehaltenen Malers erblickt habe. Nachdem Roker dieſe topographiſchen Notizen mit⸗ getheilt, lenkte er in einen Nebengang ein, öffnete eine Thür, und ließ Herrn Pickwick in ein keineswegs ein⸗ —„ — —————— -— ——— Die Pickwicker. 83 ladendes, mit acht bis neun eiſernen Bettgeſtellen ver⸗ ſehenes Zimmer blicken. »Wie gefällt Ihnen das 2« ſagte Roker, ſich trium⸗ phirend gegen Herrn Pickwick wendend. In den Mienen dieſes Herrn ſprach ſich jedoch ſo wenig Bewunderung aus, daß Roker mehr Anklang ſeiner Gefühle bei Samuel Weller, der bis dahin ein würdevolles Stillſchweigen beobachtet hatte, zu finden hoffte. »Das iſt ein Zimmer, junger Menſch!« bemerkte Herr Roker. »Ich ſehe es,« erwiederte Sam mit leichtem Kopf⸗ nicken. »So ein Zimmer, wie dieſes, würden Sie doch gewiß im Farington⸗Hotel vergebens ſuchen— nicht wahr?« bemerkte Roker mit einem ſelbſtgefälligen Lächeln. Herr Weller antwortete dadurch, daß er das eine Auge leicht ſchloß, was entweder bedeuten konnte, er ſei mit Herrn Roker einverſtanden, oder er ſei es nicht, oder er müſſe ſich die Sache noch überlegen, wie es nun eben von dem, der ihn anſah, ausgelegt werden mochte. Nachdem Herr Weller ſein Auge wieder geöffnet, fragte er Roker, in welchem Bett ſich ſeiner anlockenden Be⸗ ſchreibung gemäß ſo wundervoll ſchlafen laſſe. »Das da iſt es,« erwiederte Roker, nach einem ſehr roſtigen Bettgeſtell in einem Winkel hinweiſend.»Wie ich Ihnen ſage, Jeder ſchläft darin ein, er mag wollen oder nicht.« »Dann iſt ja Mohn ja nichts dagegen,« bemerkte Sam, mit dem größten Widerwillen nach der beſagten Bettſtelle hinblickend.»Und die andern Gentlemen,⸗ ſetzte er mit einem Seitenblick nach ſeinem Herrn, ob ſich bei demſelben kein Anzeichen eines erſchütterten Ent⸗ 61 84 ſchluſſes kund gebe, hinzu,»die andern Gentlemen, die Die Pickwicker. das Zimmer bewohnen, ſind doch wirklich Gentlemen?« „»Das will ich meinen,« entgegnete Roker.»Einer von ihnen trinkt Tag für Tag ſeine zwölf Kannen Bier, und läßt die Pfeife nie kalt werden, nicht einmal beim Eſſen.« „Das muß allerdings ein Genkleman von der beſten Sorte ſein,« bemerkte Sam. »Ja wohl,« ſagte Roker. Durch alle dieſe Nachrichten nicht im Mindeſten erſchüttert, kündigte Herr Pickwick ſeinen Entſchluß an, die Kräfte des narkotiſchen Bettes für die Nacht ver⸗ ſuchen zu wollen, und nachdem Roker ihm noch mit⸗ getheilt, er könne ohne Umſtäude ſich zu jeder beliebigen Stunde zur Ruhe begeben, entfernte er ſich, und ließ den Herrn mit ſeinem Diener auf dem Gange ſtehen. Es wurde dunkel, das heißt, man zündete einige Gaslichter in dem Gange an, in welchem es niemals hell ward, wahrſcheinlich nur aus Höflichkeit gegen den Abend, der ſich draußen eingeſtellt hatte. Da es ziem⸗ lich warm war, ſo öffneten die Bewohner der zahlreichen, auf beiden Seiten an dem Gange liegenden Zimmer mehr oder weniger ihre Thüren, und Herr Pickwick ſchaute im Vorübergehen neugierig und mit großem Intereſſe hinein. Hier waren mehrere große kräftige Geſtalten, kaum ſichtbar durch eine Wolke von Tabacksdampf, bei halbgeleerten Bierkannen in lärmender Unterhaltung be⸗ griffen, oder ſpielten mit ſchmutzigen und abgenutzten Karten. Dort ſaß ein einzelner Zimmerbewohner bei dem Licht einer Lampe über alten ſtaubigen vor Alter faſt zerfallenden Papieren, und ſchrieb zum hundertſten Mal ſeine endloſen Beſchwerden für irgend einen ange⸗ ſehenen Mann nieder, der ſie nie ſelbſt leſen oder deſſen Die Pickwicker. 85 Herz dadurch doch niemals gerührt werden ſollte. In einem dritten Gemach wohnte ein Ehepaar mit einem ganzen Häufchen von Kindern, und für die jüngſten ward ein elendes Lager auf der Erde oder auf ein paar Stüh⸗ len bereitet. Im vierten, fünften, ſechsten und ſiebenten waren der Lärm, das Biertrinken, der Tabacksdampf und das Kartenſpiel wie in dem erſten, nur wo möglich noch in vergrößertem Maaßſtab. Auf den Gängen ſelbſt und noch mehr auf den Treppen verweilten viele Perſonen: einige, weil ihre Zimmer zu voll und zu heiß, andere, weil ihnen die ihrigen zu einſam, die meiſten, weil ſie ſelbſt unruhig waren, ſich unbehaglich fühlten, und nicht wußten, was ſie mit ſich ſelber anfangen ſollten. Man ſah hier Men⸗ ſchen aus allen Claſſen, von dem Tagelöhner in ſeiner Arbeitsjacke bis zu dem verarmten Verſchwender in ſei⸗ nem abgetragenen, einſt ſo eleganten und koſtbaren An⸗ zug; doch bei Allen gewahrte man daſſelbe Weſen— eine Art leichtſinniger Sorgloſigkeit, trotzig prahleriſcher, vagabundiſch großthueriſcher Haltung, die ſich mit Wor⸗ ten ſchwer ſchildern läßt, mit der aber Jeder, wenn er es wünſcht, ſogleich bekannt werden kann, ſobald er nur einen Fuß in das erſte beſte Schuldgefängniß ſetzen, und die nächſte ſich ihm darbietende Gruppe mit derſelben Aufmerkſamkeit, wie Herr Pickwick es that, beobachten will. »Mich dünkt, Sam,“« ſagte Herr Pickwick, ſich über das eiſerne Geländer der Treppe lehnend,»mich dünkt, daß man Einkerkerung wegen Schulden kaum eine Strafe nennen kann.« »Glauben Sie nicht?« fragte Herr Weller. »Wir ſehen ja, wie die Menſchen hier trinken, rauchen, ſpielen und ſingen,« fuhr Herr Pickwick fort. Die Pickwicker. »Es läßt ſich kaum denken, daß ſie ſich viel aus der Strafe machen.« „Ah, das iſt gerade die Sache, Sir,« entgegnete Sam,»die machen ſich freilich nichts daraus— es iſt, ein Tag wie alle, blauer Montag für ſie, aber die an⸗ dern, denen es zu Herzen geht, die bezahlen würden, wenn ſie könnten, und die hier ganz kleinmüthig und melancholiſch werden. Ich will Ihnen ſagen, wie es iſt, Sir; Denen, die ſich immer in Wirthshäuſern umher⸗ trieben, hat es wenig an; aber die immer arbeiteten, wenn ſie Arbeit hatten, denen thut's zu wehe. Es iſt unbillig⸗unegal, wie mein Alter zu ſagen pflegt, wenn ſein Grog nicht juſt halb Rum, halb Waſſer war— es iſt unbillig⸗ unegal, und dieſes iſt der Fehler dabei.« »Ich glaube, daß Sie Recht haben, Sam,« ſagte Herr Pickwick nach einigem Bedenken. »Vielleicht finden ſich dann und wann auch ehrliche Leute, die ſich darin ſchicken,« fuhr Herr Weller fort, »aber ich hörte es doch noch von keinem, außer von dem kleinen Mann mit dem ſchmutzigen Geſicht und dem braunen Rock, und bei dem war's die Macht der Ge⸗ wohnheit.« „Wer war denn das?« fragte Herr Pickwick. »Ja, das hat eben kein Menſch erfahren können,« entgegnete Sam. »Weshalb mußte er denn aber in das Fleet?2« „Weil er that, was viele bekanntere und angeſehenere Leute vor und nach ihm gethan haben, Sir— er ließ mehr darauf gehen, als er hatte.« „Das heißt mit andern Worten, er machte Schul⸗ den.« »Juſt dieſes,« erwiederte Sam,»und kam folglich im Verlauf der Zeit hierher.— Es war nicht viel— ——O—O—᷑;—˖ęę—Q—Q—Q—Z—⸗— 8——— —˖ęOQQ—Q-e-—Q— Die Pickwicker.. 87 Exekution wegen neun Pfund und keinen Schilling, mul⸗ tiplizirt mit fünf Pfund Koſten; aber dennoch blieb er ſiebenzehn Jahre hier. Wenn er auch Falten im Geſicht bekam, ſo konnte man ſie doch nicht ſehen, weil er ſich nie wuſch, und das ſchmutzige Geſicht wie der braune Rock waren ganz dieſelbigen im Anfang und am Ende ſeiner Zeit. Er war ein ſehr friedfertiges kleines Männ⸗ chen, machte ſich immer für Andere zu ſchaffen, und ſpielte Ball, ohne daß er jemals gewann, bis endlich die Schließer ihm ganz gewogen wurden, und ihn Abends zu ſich kommen ließen, um mit ihm zu plaudern, und ſich Geſchichten von ihm erzählen zu laſſen.— Eines Abends war er auch wie gewöhnlich da, und ganz allein mit einem ſehr alten Freunde von ihm, der eben zum Thorſchließen an der Reihe war, und fängt auf einmal an: Bill,“ fängt er an,'ich habe den Markt draußen ſeit ſiebenzehn Jahren nicht geſehen.,— Weiß wohl,⸗ ſagt der Schließer, und ſchmaucht ſeine Pfeife fort.— „Möchte ihn gar zu gern nur auf eine Minute ſehen, Bill,“ ſagte er.— Glaub's gern, antwortet der Schließer, und bläſt den Dampf mächtig vor ſich hin. Der kleine Mann läßt aber nicht ab, und fängt wieder an: Ich hab's mir nun einmal in den Kopf geſetzt, Bill— laß mich den Markt noch einmal ſehen vor meinem Tode, und wenn mich der Schlag nicht rührt, bin ich in fünf Minuten wieder hier.— Der Schließer ſagt darauf: Was ſoll aber aus mir werden, wenn Sie der Schlag rührt?e— Ei),⸗ antwortet der kleine Mann, wer mich findet, bringt mich auch richtig wieder, denn ich habe meine Karte in der Taſche, Nummer 20, Reſtaurationsgang;⸗ und dieſes war auch wirklich der Fall, denn wenn er einen Neuangekommenen kennen ler⸗ nen wollte, ſo zog er eine kleine winzige Karte, wo nichts 88 Die Pickwicker. weiter als ſeine Stubennummer darauf ſtand, aus der Taſche, weßhalb ſie ihn nicht anders, wie Nummer zwanzig“ nannten. Der Schließer faßt ihn ſcharf ins Auge, und ſagt ſehr feierlich: Zwanzig,“ ſagt er,'ich will Eurem Wort trauen, Ihr werdet Euren alten Freund nicht in Ungelegenheit bringen,“ und darauf ant⸗ wortet der kleine Mann: Nein nein, alter Freund; ich hoffe, daß hier etwas Beſſeres dahinter klopft, und darauf ſchlägt er mit Macht auf ſeine Weſte, und aus jedem Auge dringt ihm eine Thräne, was ganz unerhört war, denn Alle glaubten, es käme nie Waſſer an ſein Geſicht. Er drückte dem Schließer die Hand und ging hinaus.« »Und kam niemals wieder?« fiel Herr Pickwick ein. »Dieſes Mal fehlgeſchoſſen, Sir,« verſetzte Sam, „denn er war zwei Minuten vor der Zeit ganz außer Athem wieder da, und ſagte, er wäre beinahe von einer Miethkutſche übergefahren worden; ſo was ſei er nicht gewohnt, und er wolle es dem Lord⸗Mayor ſchreiben.— Sie redeten ihm es endlich wieder aus, aber ganze fünf Jahre ſeit der Zeit mochte er nicht Mal durch den Thor⸗ weg ſehen.« „»Alſo nach fünf Jahren ſtarb er?« fragte Herr Pickwick. »Das nicht, Sir,« erwiederte Sam,»ſondern er bekam Luſt, alle Abend gegenüber in das neue Wirths⸗ haus zu gehen, und einen Krug Bier zu trinken, was er lange Zeit that, und kam immer pünktlich eine Viertelſtunde vor dem Thorſchluß wieder. Endlich wurde er aber üͤbermüthig, und blieb etwas länger aus, bis er zuletzt eines Abends kam, als ſein alter Freund das Thor eben zu ſchließen wollte, und wirklich den Schlüſſel ſchon umgedreht hatte.„Halt, Bill, halt!« ruft er ihm — Die Pickwicker. 89 zu.— Wie, Zwanzig, kommt Ihr erſt jetzt nach Hauſe?— ich dachte, Ihr wäret ſchon längſt da!e— Nein,“ ſagt der kleine Mann, und lächelt ihn an,'ich komme eben erſt.’'— Dann will ich Euch was ſagen, alter Freund, ſagt der Schließer, und macht das Thor ſehr langſam und grämlich wieder auf. Ihr ſeid in der letzten Zeit in ſchlechte Geſellſchaft gerathen, was mir um Euretwillen ſehr leid thut. Ich möchte freilich nicht gern hart gegen Euch ſein, aber wenn Ihr Euch nicht zu geſetzten Leuten haltet, und nicht immer pünktlich wieder da ſeid, ſo ſchließe ich Euch ganz und gar aus, ſo wahr Ihr hier vor mir ſteht.⸗— Der kleine Mann war ſehr betroffen, und ging nie wieder aus den Ge⸗ fängnißmauern.« Als Sam ſeine Geſchichte beendigt hatte, ſtieg Herr Pickwick langſam die Treppe hinab. Nachdem er auf dem gemalten Platz, welcher, da es ſchon dunkel geworden, jetzt faſt gänzlich verlaſſen war, nachdenklich einige Mal umhergegangen, ſagte er Sam, es möchte Zeit ſein, ſich niederzulegen; er ſolle ſich ein Bett in einem Gaſthaus in der Nähe ſuchen, und am andern Morgen frühzeitig wiederkommen, um die Sachen aus dem Georg und Geier zu holen. Herr Samuel Weller ſchickte ſich an, dieſen Befehl mit ſo guter Miene, als er anzunehmen vermochte, nachzukommen, legte dabei aber trotz dem einigen Wider⸗ willen an den Tag. Er ging ſogar ſo weit, ziemlich be⸗ ſtimmt zu erklären, daß er auf dem Hofe zu ſchlafen ge⸗ denke, da jedoch Herr Pickwick ihm dieſes unterſagte, entfernte er ſich endlich. Wir können die Thatſache nicht verbergen, daß Herr Pickwick ſich jetzt ſehr unbehaglich und verſtimmt fühlte, nicht aus Mangel an Geſellſchaft, denn das Gefängniß war ſehr angefüllt, und eine Flaſche Wein würde ohne 90 Die Pickwicker. fernerweitige Vorſtellungs⸗Ceremonien die unterhaltendſten Bekanntſchaften angeknüpft haben, aber er fühlte ſich dennoch allein und verlaſſen, und wurde ſich deutlich be⸗ wußt, was es heißen müſſe, ohne Hoffnung eingekerkert zu ſein. Er war aber trotz dem noch weit entfernt, Dodſon und Fogg einen Triumph über ſich vergönnen zu wollen. In dieſem Gemüthszuſtande ging er noch auf dem Reſtaurationsgange etwas hin und her. Die ganze Um⸗ gebung war ſehr unreinlich, und der Tabacksdampf faſt zum Erſticken. Cs wurden fortwährend Thüren auf und zugeſchlagen, und Geräuſch von Stimmen und Fußtritten ertönte von allen Seiten. Eine junge Frau mit ihrem vor Elend und Hunger ganz abgehärmten Kinde auf den Armen ging mit ihrem Gatten, der ſie an keinem andern Ort empfangen konnte, in dem Gange auf und ab. Als ſie bei Herrn Pickwick vorüberkamen, hörte er die Frau ſchluchzen und weinen, und einmal wurde ihr Schmerz ſo heftig, daß ſie ſich gegen die Wand lehnen, und der Vater ihr das Kind abnehmen mußte. Herr Pickwick konnte dieſen Anblick kaum ertragen, und begab ſich jetzt in ſein Zimmer, um ſich niederzu⸗ legen. 3 Obgleich das Gefänanifwärkerzimmer in Beziehung auf Ausſtattung und Bequemlichkeit gewiß hundertmal ſchlechter war, als das ſchlechteſte Krankenzimmer in einem Grafſchaftsgefängniß, ſo erfreute ſich Herr Pickwick gegenwärtig wenigſtens doch des Vortheils, ganz allein darin zu ſein. Er ſetzte ſich an ſein Bett, und begann zu berechnen, wie viel dem Gefängnißwärter wohl das Vermiethen dieſes ſchmutzigen Zimmers jährlich einbringen möge. Nachdem er durch arithmetiſche Berechnungen gefunden hatte, daß es an jährlicher Miethe ungefähr —, —— Die Pickwicker. 91 ſo viel einbringen möge, als eine ganze kleine Straße in einer von Londons Vorſtädten, ſann er darüber nach, welche mögliche Verſuchung eine auf ſeinem Pantoffel ſitzende Fliege wohl habe veranlaſſen können, in ein ſolches Gefängniß zu kommen, da ſie doch die freie Wahl unter ſo vielen beſſern und luftigern Wohnungen gehabt, und das Ergebniß ſeines Nachſinnens war, daß das Thier verrückt ſein müſſe. Nachdem er dieſen Punkt feſtgeſtellt, ward er ſich bewußt, daß er ſchläfrig wurde, er zog daher ſeine Nachtmütze, welche einzuſtecken er ſchon am Morgen die Vorſicht gehabt hatte, aus der Taſche, kleidete ſich aus, legte ſich in das Bett und ſchlief ein. »Bravo! was das für meiſterhafte Sprünge ſind— meiner Treu, Zephyr, Du hätteſt ſollen Ballettänzer werden.« Dieſe Worte, in einem kreiſchenden Ton her⸗ vorgebracht, und von lautem Gelächter begleitet, erweckten Herrn Pickwick aus jenem tiefen geſunden Schlaf, der, wenn er auch nur eine halbe Stunde währte, doch dem Schlafenden eine Zeit von mehreren Wochen geweſen zu ſein ſcheint. Kaum ſchwieg die kreiſchende Stimme, ſo ward das Zimmer ſo heftig erſchüttert, daß die Fenſter klirrten. Herr Pickwick ſchreckte aus dem Schlaf auf, richtete ſich im Bett empor, und ſah und hörte einige Minuten in ſtummem Erſtaunen dem wilden Treiben um ſich her zu. Im Zimmer tanzte ein Mann in einem ſchwarzen Rock mit breiten Schößen, in mancheſternen Kniehoſen und grauen wollenen Strümpfen einen burlesken Tanz, den er mit vielem Effekt, welcher durch ſein Koſtüm noch gehoben wurde, durchzuführen wußte. Ein Anderer, offenbar ſehr betrunken, und der wahrſcheinlich durch ſeine Gefährten zu Bett gebracht worden war, hatte ſich emporgerichtet und ſang mit lallender Stimme, von 92 Die Pickwicker. einer Melodie in die andere übergehend, ein luſtiges Lied, während ein Dritter, auf einem Bett ſitzend, Beiden mit der Miene eines Kenners Beifall zurief, und ſie durch aͤhnliche Aeußerungen aufmunterte, wie jene, welche Herrn Pickwick aus dem Schlafe erweckt hatten. Dieſer Letztere war eine von jenen Perſonen, wie man ſie nur an ſolchen Orten in ihrer vollen Entwicke⸗ lung findet— man kann ihnen vielleicht im unvollkom⸗ menen Zuſtande gelegentlich nur in Ställen oder in Wirths⸗ häuſern begegnen, aber ſie gelangen nur in dieſen Treibhäu⸗ ſern, die faſt abſichtlich nur für ihre Ausbildung angelegt zu ſein ſcheinen, zu ihrer vollen Blüthe. Es war ein großer Mann mit gelblicher Geſichtsfarbe, langem dunklen Haar, und einem ſehr dicken buſchigen Backenbart, der unter ſeinem Kinn zuſammenſtieß, und da er den ganzen Tag Ball geſpielt, und weil ihm zu warm geworden, ſein Halstuch abgelegt hatte, ſo konnte man durch ſein offen⸗ ſtehendes Vorhemd die Fülle dieſes Bartwuchſes be⸗ wundern. Auf dem Kopfe trug er eine kleine griechiſche Kappe mit einer bunten Troddel. Seine Beine, die un⸗ gewöhnlich lang waren, zierten ein paar Hoſen von ge⸗ ſtreiftem Zeuge. Da ſie jedoch etwas nachläſſig angezogen, auch an Knöpfen defekt waren, ſo fielen ſie in vielen Falten auf die Schuhe herab, die von der Ferſe hinlänglich niedergetreten waren, um ein Paar ſehr ſchmutzige weiße Strümpfe ſehen zu laſſen. Dieſer Gentleman war der erſte, welcher bemerkte, daß Herr Pickwick zuſchaute, worauf er dem Tanzenden zuwinkte, und ihn ermahnte,»den Herrn nicht im Schlafe zu ſtören.« »Der Herr iſt ſchon erwacht,« erwiederte Zephyr, ſich ſehr überraſcht ſtellend.»Wie befinden ſie ſich, Sir? Wie befindet ſich Mary und Sara, und die gute alte —.,— ——.— Die Pickwicker. 93 Dame zu Hauſe— He, Sir?— Wollen Sie die Güte haben, mit der nächſten Sendung nach Hauſe meine Komplimente mitzuſchicken, und ſagen, ſie würden ſchon früher erfolgt ſein, wenn ich nicht befürchtet hätte, ſie könnten unterwegs zerbrechen.« „»Ueberhäufen Sie doch den Herrn nicht mit ge⸗ wöhnlichen Höflichkeiten, Sie ſehen ja, wie er nach einem Trunke verlangt,« ſagte der Gentleman mit dem Backen⸗ bart.»Weßhalb fragen Sie den Herrn nicht, was ihm zu trinken gefällig iſt.« »Hätt's faſt vergeſſen,« erwiederte der Andere.»Was beliebt Ihnen, Sir?— Portwein oder Sherey?— Ich kann Ihnen den Ale empfehlen, Sir, oder vielleicht lieben Sie mehr den Porter, Sir?— Erlauben Sie, Sir, daß ich mir das Vergnügen mache, ihre Nachtmütze auf⸗ zuhängen.« Mit dieſen Worten bemächtigte er ſich durch einen raſchen Griff dieſer Kopfbedeckung des Herrn Pickwick, und hatte ſie in einem Nu dem Betrunkenen aufgeſetzt, welcher ſich einbildete, er entzücke eine zahlveiche Geſell⸗ ſchaft durch ſeinen Geſang, und mit großem Eifer darin fortfuhr. Jemanden die Nachtmütze gewaltſam vom Kopfe zu reißen, und ſie einem ſchmutzig ausſehenden Unbekannten aufſetzen, iſt ohne Zweifel, wenn auch ein noch ſo witziger, doch ein ſehr grober Scherz. Herr Pickwick, dem die Sache ganz in demſelben Geſichtspunkt erſchien, ſprang, ohne ſein Vorhaben im mindeſten anzukündigen, plötzlich aus dem Bett, verſetzte dem Zephyr einen ihm faſt den Athem raubenden kräftigen Schlag, bemächtigte ſich ſchnell ſeiner Nachtmütze wieder, und nahm eine kühne defenſive Boxer⸗Stellung an. »Kommen Sie an!« rief er,»alle Beide!« und mit dieſer höflichen Einladung verband er eine ſo ſchnelle kreis⸗ 94 Die Pickwicker. förmige Bewegung ſeiner geballten Fäuſte, daß er ſeinen Gegnern alle Achtung vor ſeinem Borertalent einflößte. War es nun dieſe unerwartete Entſchloſſenheit des Herrn Pickwick, oder die Schnelligkeit, mit welcher er aus dem Bett und über den Tänzer hergefahren war, was ſeine Gegner in Erſtaunen ſetzte, ſo iſt ſo viel gewiß, daß ſie, anſtatt auf Mord zu ſinnen, wie Herr Pickwick geglaubt hatte, ſich einige Augenblicke verwundert an⸗ ſtaprten, und dann ein lautes C elächter aufſchlugen. »Ah, Sie ſind ein kecker alter Burſche, und gefallen mir deshalb um ſo beſſer,« ſagte Zephyr.»Springen Sie jetzt nur wieder in das Bett, ſonſt könnten Sie ſich erkälten.— Sie ſind doch nicht mehr böſe?« ſagte er, ihm eine Hand ungefähr von der Größe jener darreichend, die man über den Laden von Handſchuhmachern als Aus⸗ hängeſchild zu ſehen pflegt. »Gewiß nicht,« entgegnete Herr Pickwick, denn die Aufregung war ſchon vorüber, und ſein Zorn hatte ſich ganz gelegt. »Erlauben Sie, daß ich mir die Ehre gebe, Sir,⸗ ſagte der Herr mit dem Backenbart, ſeine Rechte dar⸗ bietend. 3 »Mit vielem Vergnügen, Sir,« erwiederte Herr Pickwick, und nachdem er das Begehren erfüllt hatte, kehrte Herr Pickwick in ſein Bett zurück. »Mein Name iſt Smangle,« ſagte der Mann mit dem Backenbart. »Freut mich ſehr,« entgegnete Herr Pickwick. „»Der meinige iſt Mivins,« ſagte der Tänzer, Zephyr genannt. »Macht mir viel Vergnügen, es zu vernehmen, Sir,⸗ erwiederte Herr Pickwick. »Hm!« huſtete Herr Smangle. Die Pickwicker. 95 „Sagten Sie etwas, Sir?« fragte Herr Pickwick. »Nein, Sir,« entgegnete Herr Smangle. Alles dieſes war ſehr intereſſant und angenehm, und überdem verſicherte Herr Smangle mehr als einmal Herrn Pickwick, daß er die höchſte Achtung vor den Geſinnungen eines»Gentleman« hege, was um ſo mehr zu ſeinen Gunſten ſprach, da ſich nach ſeinem Aeußern und Benehmen durchaus keine Kenntniß von derartigen Geſinnungen bei ihm vorauſehrn ließ. »Haben Sie mit dem bewußten Gerichtshof zu thun, Sir?2« fragte Herr Smangle. »Mit welchem?« entgegnete Herr Pickwick. »In der Portugalſtraße, Sie wiſſen—« »Nein, das nicht,« erwiederte Herr Pickwick,»ich bin hier, weil ich mich weigerte, gewiſſe Entſchädigungs⸗ gelder zu bezahlen.« »Ah,« ſagte Smangle,»mein Verderben iſt Papier geweſen.« »Sie ſind alſo wohl ein Papierhändler?« fragte Herr Pickwick in ſeiner Unſchuld. »Nein— höher hinauf. Wenn ich von Papier ſpreche, ſo meine ich Rechnung und Wechſel.«⸗ „»O, Sie bedienten ſich des Worts in dieſem Sinne,« fiel Herr Pickwick ein. »Ein Gentleman muß Unglücksfälle zu ertragen wiſſen,« fuhr Smangle fort.„»Ich ſitze hier im Fleet⸗ gefängniß gut, was hat's zu ſagen— bin ich deßhalb ſchlimmer daran?« »Nicht im Mindeſten,« bemerkte Herr Mivins, und mit vollkommenem Recht, denn Herr Smangle hatte ſogar ſeine Lage verbeſſert, indem er, um ſich für ſeinen jetzigen Wohnort zu verſorgen, ſich in den zufälligen Beſitz gewiſſer goldener Schmuckſachen, die aber längſt ———mÿÿÿõÿʒᷓ, 96 Die Pickwicker. zum Pfandleiher gewandert waren, zu ſetzen gewußt hatte. „Doch was hilft das Philoſophiren darüber,« ſagte Herr Smangle, ves iſt eine trockene Arbeit.— Feuchten wir uns lieber die Kehlen mit einem Tropfen Glühwein an.— Der zuletzt Angekommene bezahlt ihn, Mivins holt ihn, und ich helfe ihn austrinken.— Das iſt eine billige und unparteiiſche Vertheilung der Arbeit.« Um neue Mißhelligkeiten zu vermeiden, ging Herr Pickwick auf den Vorſchlag ein, und gab Mivins das Geld, und da es faſt ſchon elf Uhr war, ſo ſäumte der zuletzt genannte Gentleman nicht, nach dem Reſtaura⸗ tionszimmer hinabzuſteigen. »Sagen Sie,“ flüſterte Smangle, ſobald ſein Freund das Zimmer verlaſſen hatte,»wie viel Geld gaben Sie ihm, Sir 2«. »Einen halben Sovereign,« erwiederte Herr Pick⸗ wick. »Es iſt ein ſehr angenehm unterhaltender Kum⸗ pan,« fuhr Herr Smangle fort,»aber«— und hier hielt er inne und ſchüttelte bedenklich den Kopf. »Sie glauben doch nicht, daß er etwa das Geld in ſeinem eigenen Nutzen verwenden wird?« fragte Herr Pickwick. „O nein— das will ich gerade nicht ſagen— aber ich glaube, es möchte nicht ganz übel ſein, wenn Jemand hinunterginge, bloß um nachzuſehen, daß er nicht zufällig ſeinen Schnabel in den Krug ſteckt, oder die herausbekommene Münze auf der Treppe⸗ verliert.— Heda Sie, laufen Sie doch mal hinab, und ſehen Sie zu, was der Herr unten macht.« Dieſe Aufforderung war an einen kleinen ſchüchter⸗ nen, ſehr abgehärmt ausſehenden Mann gerichtet, der Die Pickwicker. 97 ſich die ganze Zeit über in ſeinem Bett ganz ſtill gehal⸗ ten hatte, und durch das Ungewohnte ſeiner Lage betäubt und verwirrt zu ſein ſchien. »Sie wiſſen doch die Reſtauration,« ſagte Smangle. »Laufen Sie dem Herrn, der eben hinabging, ent⸗ gegen, und ſagen Sie nur, Sie wären geſchickt, um ihm den Krug tragen zu helfen. Oder, halt— da fällt mir ein, wie wir ihn noch beſſer faſſen können,« fügte Smangle mit einer pfiffigen Miene hinzu. 2 „»Wie denn?« fragte Herr Pickwick. »Sagen Sie ihm, er möchte für das übrige Geld Cigarren kaufen.— Ein kapitaler Einfall!— Laufen Sie ſchnell, und ſagen ihm das— hören Sie?— Die Cigarren ſollen übrigens nicht umkommen— ich werde ſie rauchen.« Der Plan war ſo ſcharfſinnig ausgedacht, und wurde mit ſo großer Ruhe und Kaltblütigkeit ausge⸗ führt, daß Herr Pickwick ihm nicht hinderlich geweſen ſein würde, wenn er es auch gekonnt hätte. Herr Mivins kehrte bald mit dem Glühwein zurück, welchen Herr Smangle in ein Paar kleine vielfach beſchädigte Krüge goß, was ihn zu der Bemer⸗ kung veranlaßte, ein Gentleman dürfe unter vorkommen⸗ den Umſtänden nicht zu große Anſprüche machen, und was ihn betreffe, ſo wolle er, um zu beweiſen, daß er für ſeine Perſon nicht hoffärthig ſei, aus dem irdenen Kruge trinken; und er that ſofort ſämmtlichen An⸗ weſenden mit einem Zuge, durch den er das Gefäß faſt zur Häͤlfte leerte, Beſcheid. Nachdem auf dieſe Weiſe ein vortreffliches Einver⸗ ſtändniß herbeigeführt worden war, unterhielt Herr Smangle ſeine Zuhörer mit romantiſchen Abenteuern, deren Held er früher von Zeit zu Zeit geweſen war, Die Pickwicker. V.— 7 98 Die Pickwicker. und in denen beſonders ein Vollblutpferd und eine prachtliebende Jüdin, beide von unvergleichlicher Schön⸗ heit und ſehr geſucht von der Nobility und Gentry der drei Königreiche, eine Hauptrolle ſpielten. Schon lange, bevor dieſe intereſſanten»Mittheilun⸗ gen aus der Lebensgeſchichte eines Gentleman« beendigt waren, hatte Herr Miyvins ſich zu Bett begeben, und verrieth durch ein lautes Schnarchen, daß er feſt einge⸗ ſchlafen ſei. Die beiden noch übrigen Zuhörer, Herr Pickwick und der ſchüchterne Fremde, wurden auch nicht ſo ſehr durch den Vortrag des Herrn Smangle erbaut, als dieſer erwarten mochte. Herr Pickwick war ſchon einige Zeit eingeſchlummert, als es ihm vorkam, als ob der Betrunkene ſein luſtiges Lied wieder beginne, und von Herrn Smangle vermittelſt des Waſſerkruges freundlich erinnert werde, daß ſeine Zuhörer für den Augenblick nicht muſikaliſch disponirt ſeien. Er ſchlummerte darauf wieder ein, und war ſich nur dunkel bewußt, daß Herr Smangle noch eine lange Geſchichte erzählte, die darauf hinauslief, daß er einſt einem Gläubiger eine Naſe ge⸗ dreht habe. Dreiundvierzigſtes Kapitel. Erläutert, wie in dem vorhergehenden, das alte Sprüchwort, daß Mißgeſchick mit ſonderbaren Schlafgefährten zuſam⸗ menführt, gleichwie es auch eine merkwürdige und uner⸗ wartete Ankündigung enthält, die Herr Pickwick Herrn Samuel Weller machte. Als Herr Pickwick am nächſten Morgen die Augen öffnete, war der erſte Gegenſtand, auf den ſeine Blicke 8 Die Pickwicker. 99 fielen, Herr Samuel Weller. Sam ſaß auf einem klei⸗ nen, ſchwarzen Mantelſacke, anſcheinend ganz in Gedanken verſunken, die ſtattliche Figur Herrn Smangle's aufmerkſam muſternd, während Herr Smangle ſelbſt halb angekleidet auf ſeinem Bette ſaß, mit dem verzweifelt hoffnungsloſen Verſuche beſchäftigt, Herrn Weller durch eigenes An⸗ ſtarren außer Faſſung zu bringen. Wir ſagen»verzwei⸗ felt hoffnungslos,« weil Sam mit einem eigenthümlich ſtechenden Blick, welcher Herrn Smangle's ganze Perſon, Füße, Beine, Kappe und Backenbart eingeſchloſſen, er⸗ faßte, fortfuhr, ihn mit allen Zeichen lebhafter Zufrie⸗ denheit zu firiren, und zwar mit nicht mehr Rückſicht gegen Herrn Smangle's perſönliche Gefühle, als ob er eine Strohpuppe beſichtigt hätte. „»Haben Sie mich lange genug angeſehen, um mich in Zukunft wieder zu erkennen?« begann Smangle end⸗ lich mit finſterer Miene und die Stirn runzelnd. »Ich würde überall auf Sie ſchwören können,« ent⸗ gegnete Sam ſehr heiter. „Sein Sie nicht unverſchämt gegen einen Gentle⸗ man, Sir,« fuhr Smangle fort. »Durchaus nicht; ſagen Sie mir es nur, wenn der Gentleman aufwacht,« verſetzte Sam,»und ich werde. mich dann gleich ertra⸗ſuperfein gegen ihn benehmen.« Da in dieſer Bemerkung eine entfernte Andeutung zu liegen ſchien, daß Herr Smangle kein Gentleman ſei, ſo gerieth er noch mehr in Zorn. »Mivins!« rief er mit Heftigkeit. „»Was giebt's 2« rief der Gentleman aus ſeinem Bette zuruck. »Was zum Teufel iſt dies für ein Burſche?« »Das muß ich Sie fragen,« ſagte Herr Mivins 7 5* 100 Die Pickwicker. unter ſeiner Bettdecke ſchläfrig hervorblickend.„»Hat er Geſchäfte hier?« „Nein,« ſagte Smangle. »So werfen Sie ihn die Treppe hinab, und rathen ihm, ja nicht wieder zu kommen, wenn ich auf wäre,⸗ entgegnete Herr Mivins, legte ſich auf die andere Seite und ſchlief wieder ein. Da die Unterhaltung perſönlich zu werden drohte, ſo glaubte Herr Pickwick, es ſei Zeit, Einhalt zu thun; »Sam!« ſagte er. »Sir!« »Iſt ſeit geſtern Abend etwas vorgefallen?⸗ „»Nichts Beſonderes, Sir,« entgegnete Sam mit einem Seitenblick nach Herrn Smangle's mächtigen Backenbart,»die warme und eingeſchloſſene Luft hier im Zimmer ſcheint dem Wachsthum des Unkrauts ziemlich günſtig geweſen zu ſein, aber ſonſt iſt alles beim Alten geblieben.« »Ich will aufſtehen,« ſagte Herr Pickwick;»geben Sie mir reine Wäſche.« Welche feindſelige Abſichten Herr Smangle auch gehegt haben mochte, ſeine Gedanken erhielten plötzlich eine ganz andere Richtung durch das Auspacken des Mantelſacks, deſſen Inhalt ihn mit einer höchſt günſtigen Meinung nicht allein von Herrn Pickwick, ſondern auch von Sam zu erfüllen ſchien, welchen Letztern er bald Ge⸗ legenheit nahm, laut genug, um von ihm gehört werden zu können, für ein wahrhaftes und höchſt intereſſantes Original, und folglich für den Mann ganz nach ſeinem Herzen zu erklären. Was Herrn Pickwick betraf, ſo war die Zuneigung, die er zu ihm faßte, grenzenlos. »Giebt es irgend etwas, worin ich Ihnen dienen kann, mein theurer Herr?« fragte Smangle. er Die Pickwicker. 101 »Daß ich nicht wüßte— ich bin Ihnen ſehr ver⸗ bunden,« erwiederte Herr Pickwick. „»Haben Sie kein Weißzeug zur Wäſche zu ſchicken? Ich kann Ihnen eine ganz vortreffliche Wäſcherin hier in der Nähe empfehlen, die zweimal wöchentlich zu mir kommt, und— wie ſich das verdammt gut treffen muß— heute iſt gerade ihr Tag. Soll ich einige von dieſen Tüchern zu den meinigen legen?— Sie können ohne alle Um⸗ ſtände mein Anerbieten annehmen— wozu wären wir denn Menſchen und Brüder, wenn ein Gentleman in Bedrängniß für einen andern in derſelben Lage nicht eine kleine Mühwaltung übernehmen wollte.« Während Herr Smangle ſo ſprach, näherte er ſich dem Mantelſacke ſo ſehr als möglich, und in ſeinen Mie⸗ nen ſprach ſich die glühendſte und uneigennützigſte Freund⸗ ſchaft aus. »Haben Sie nicht etwas zum Abbürſten für den Aufwärter hinauszugeben?« fuhr er fort. »Ganz und gar nichts, mein Wertheſter,« fiel Sam ein, indem er Herrn Pickwick die Antwort vorwegnahm. »Vielleicht wird es angenehmer für alle Theile ſein, wenn einer von uns ſelbſt das Abbürſten übernimmt, ohne den Aufwärter zu inkommodiren, wie der Schul⸗ meiſter ſagte, als die jungen Herren ſich nicht vom Kal⸗ fakter wollten abprügeln laſſen.« »Haben Sie denn nichts, was ich in meinem kleinen Koffer mit zur Wäſcherin ſchicken könnte?« fragte Smangle, ſich ein wenig entmuthigt von Sam zu Herrn Pickwick wendend. »Nicht das Geringſte, Sir,« ſiel Sam abermals ein.»Uebrigens wird auch der kleine Koffer wohl von Ihren eigenen Sachen ſchon über und über voll ſein.« Sam begleitete dieſe Worte mit einem ſo ausdrucks⸗ 10²2 Die Pickwicker. vollen Blick nach denjenigen Beſtandtheilen des Anzugs von Herrn Smangle, welche Zeugniß für oder wider die Geſchicklichkeit der Wäſcherinnen ablegen, daß Smangle wenigſtens für den Augenblick alle Abſichten auf Herrn Pickwicks Börſe und Garderobe aufgab. Er wendete ſich grollend ab und verfügte ſich auf den Ballplatz, wo er ein leichtes und geſundes Frühſtück zu ſich nahm, indem er ein Paar von den am vergangenen Abend ge⸗ kauften Cigarren rauchte. Herr Mivins, der kein Raucher, deſſen Geldbeutel aber ebenfalls bis auf den Grund erſchöpft war, blieb im Bette liegen, und vverſchlief ſein Frühſtück,« wie er ſich ſelbſt ausdrückte. Nachdem Herr Pickwick im Reſtaurationszimmer ſeinen Kaffee getrunken, und Herrn Weller mit einigen Aufträgen verſchickt hatte, begab er ſich zu Herrn Roker, um mit ihm über ſeine fernere Einrichtung Abſprache zu nehmen. »Einrichtung!« ſagte dieſer Herr, und ſchlug in einem großen Buche nach.»Platz genug, Herr Pickwick. Ihr Kameraden⸗Billet wird Nr. 27 im dritten Stock⸗ werk ſein.« „»Wie ſagten Sie?« fragte Herr Pickwick. »Ihr Kameraden⸗Billet,« entgegnete Herr Roker, »Sie wiſſen doch, was das iſt?« „»Nicht ganz genau,« erwiederte Herr Pickwick mit einem Lächeln. »Nun,« ſagte Herr Roker,»es iſt doch deutlich ge⸗ nug. Sie erhalten ein Kameraden⸗Billet auf Nr. 27 im dritten Stockwerk, und die mit Ihnen daſſelbe Zim⸗ mer bewohnen, werden Ihre Kameraden ſein.« „Sind es viele?2« fragte Herr Pickwick bedenklich. »Drei,« erwiederte Roker. — — — — Die Pickwicker. 103 Herr Pickwick huſtete. „Der Eine von ihnen iſt ein Kaplan,« fuhr Roker fort, während er einen kleinen Papierſtreifen ausfüllte, „der Andere ein Schlächter.« „»Wie?« fragte Herr Pickwick. »Ein Schlächter,« wiederholte Roker.»Erinnern Sie ſich noch des Tom Martin, Herr Naddy?« fragte er einen in einer Ecke ſitzenden Mann, der mit einem fünfundzwanzigklingigen Taſchenmeſſer ſeine Schuhe rei⸗ nigte. „Ich ſollt's meinen,« entgegnete der Gefragte. »Es iſt mir,« fuhr Roker fort, indem er den Kopf langſam von einer Seite zur andern wiegte, und zerſtreut aus dem mit eiſernen Gittern verſehenen Fenſter ſchaute, als erinnere er ſich mit Freuden irgend einer friedlichen Scene aus ſeiner frühern Jugend; ves iſt mir, als ſähe ich Tom Martin jetzt noch zwiſchen den beiden Konſta⸗ bels die Straße heraufkommen, etwas nüchtern geworden durch die Beulen am Kopfe, mit einem Pflaſter von braunem Packpapier und Weineſſig über dem rechten Auge, und den Bullenbeißer, der ſpäter den kleinen Kna⸗ ben zu Tode biß, hinter ſich. Wie ſchnell doch die Zeit vergeht, Naddy, nicht wahr?« Der Gentleman, an den dieſe Bemerkungen gerichtet wurden, ſchien ſchweigſamer und nachdenklicher Natur zu ſein, und erwiederte nur durch ein Kopfnicken. Herr Roker dagegen kehrte von den poetiſchen Gedanken, zu denen er ſich hatte hinreißen laſſen, zu den alltäglichen Geſchäften des Lebens zurück, und nahm ſeine Feder wieder zur Hand. »Wiſſen Sie, wer der dritte Herr iſt?« fragte Herr Pickwick, nicht ſehr ermuthigt durch dieſe Schilderung ſeiner künftigen Kameraden. 1 Die Pickwicker. »Was iſt doch der Simpſon, Naddy?« fragte Herr Roker ſeinen Gefährten. »Welcher Simpſon?« fragte Naddy. »Nun, der in Nummer 27 im dritten Stockwerk, den dieſer Herr zum Kameraden erhalten wird.« „O, der,« erwiederte Naddy, ver iſt eigentlich nichts. Er war früher ein Roß⸗Kamm, der genug Leute durch ſeine Ankündigungen der vortrefflichen Eigenſchaften der Pferde, die er zu verkaufen habe, hinter's Licht geführt hat.« »Ich dachte mir's wohl,« ſagte Roker, indem er das große Buch zumachte, und Herrn Pickwick den Pa⸗ pierſtreifen übergab.»Dies iſt das Billet, Sir!« Nicht wenig befremdet durch dieſe ſummariſche Ver⸗ fügung über ſeine Perſon entfernte ſich Herr Pickwick, und überlegte, was jetzt für ihn am rathſamſten ſein möchte. Er beſchloß endlich, zuförderſt die drei Gent⸗ lemen, mit denen er daſſelbe Zimmer bewohnen ſollte, perſönlich kennen zu lernen, und ſtieg daher in das dritte Stockwerk. Nachdem er einige Zeit im Gange umhergetappt war, und in der Dunkelheit die Nummern an den ver⸗ ſchiedenen Thüren nicht erkennen konnte, wendete er ſich endlich an einen Bierwirthsjungen, der ihm begegnete. „Wo iſt Nummer 27 2 fragte ex. »Fünf Thüren weiter,« lautete die Antwort.»Es iſt draußen an die Thür mit Kreide ein Galgen gezeich⸗ net, an dem Einer hängt, und dabei ſeine Pfeife raucht.⸗ Herr Pickwick ſuchte und fand das Portrait des Gehängten, klopfte an das Antlitz deſſelben erſt leiſe, dann lauter. Nachdem er dieſes ſieben Mal ohne Erfolg wiederholt hatte, öffnete er die Thür ein wenig, und blickte hinein. Die Pickwicker. 105 Es war nur ein Mann in dem Zimmer, der ſich aus dem Fenſter lehnte, ſo weit er konnte, und ſich mit großer Ausdauer bemühte, einem ſeiner Freunde, der unten im Hofe ſtand, auf dem Hut zu ſpucken. Da weder Huſten noch Klopfen, noch irgend eine Bemühung des Herrn Pickwick die Aufmerkſamkeit dieſes Mannes für ihn in Anſpruch nehmen konnte, ſo trat er nach einigem Bedenken an das Fenſter und zog ihn leiſe am Rockſchoß. Jener fuhr ſchnell mit dem Kopf in das Zimmer zurück, und indem er Herrn Pickwick mit durch⸗ bohrenden Blicken anſah, fragte er in barſchem Ton: „»was zum Teufel er hier wolle.« »Ich glaube,« ſagte Herr Pickwick, ſein Billet her⸗ vorziehend,»ich glaube, dies iſt Nummer 27 im dritten Stockwerk.« »Nun, und was weiter?« fragte Herr Simpſon (denn er war es). »Ich bin hierher gekommen, weil ich dieſes Billet erhielt,« fuhr Herr Pickwick fort. „»Zeigen Sie doch einmal,« ſagte Simpſon. Herr Pickwick erfüllte ſein Begehren. »Roker hätte Sie auch irgendwo anders unter⸗ bringen können,« bemerkte der Roßtäuſcher ſehr ver⸗ drießlich. Herr Pickwick war derſelben Meinung, hielt es jedoch für rathſam, ſie für ſich zu behalten. Herr Simpſon ſann einige Augenblicke nach, ſteckte dann wieder den Kopf zum Fenſter hinaus, ließ ein gellendes Pfeifen ertönen, und rief laut mehrere Mal einen Namen. Herr Pickwick konnte ihn nicht verſtehen, es ſchien ihm jedoch, daß es irgend ein Spottname ſein müſſe, den man Herrn Martin beigelegt, indem eine große Anzahl von Gentlemen unten auf dem Platz 106 Die Pickwicker. »Schlächter!« riefen, und zwar in demſelben Ton, in welchem dieſe nützliche Klaſſe der Geſellſchaft ihre Gegen⸗ wart täglich zu verkünden pflegt. Die Vermuthung des Herrn Pickwick wurde bald beſtätigt, denn nach einigen Augenblicken erſchien ein für ſeine Jahre ungemein korpulenter Gentleman in einer blauen Jacke und hohen Stulpenſtiefeln, und ihm folgte unmittelbar ein anderer Gentleman in einem ſehr abge⸗ tragenen ſchwarzen Anzug und mit einer Seehundsmütze. Der letztere Gentleman, der ſeinen Rock bis zum Kinn abwechſelnd vermittelſt eines Knopfs und einer Stecknadel zugemacht hatte, ſah ſehr roth und wie ein betrunkener Geiſtlicher aus, was er auch in der That war. Nachdem dieſe zwei Gentlemen ſich Herrn Pickwicks Billet angeſehen hatten, gab der Eine ſeine Meinung dahin ab,»es ſei eine Schande,« und der Andere, ves ſei abſcheulich,« und als ſie ihren Gefühlen in dieſen ſehr verſtändlichen Ausdrücken Luft gemacht, blickten ſie ab⸗ wechſelnd einander und Herrn Pickwick ſchweigend an. „»Es iſt ſehr unangenehm,« begann endlich der Ka⸗ plan,»gerade jetzt, da die Betten ſo gut in Ordnung ſind,« und er blickte hierbei auf drei ſchmutzige Matratzen, die in einer Ecke des Zimmers zuſammengerollt lagen, »ſehr unangenehm!« Herr Martin ſprach dieſelbe Meinung in noch etwas ſtärkern Ausdrücken aus; Herr Simpſon ſchob ſeine Aermel in die Höhe, und begann, das zum Mittageſſen beſtimmte Gemüſe zu waſchen, nachdem er eine Menge die Meinung ſeiner Stubenkameraden noch mehr erläu⸗ ternde Adjektiven ohne irgend ein begleitendes Subſtantiv vorgebracht hatte. Herr Pickwick ſah ſich inzwiſchen in dem Zimmer um, in welchem der darin angehäufte Schmutz einen V — —— Die Pickwicker. 107 dumpfen und widerlichen Geruch verbreitete. Es war keine Spur von Fußteppich oder von Vorhängen vor⸗ handen. Nicht einmal ein Schrank war zu entdecken. Es mochte freilich wenig zu verſchließen ſein; aber ſelbſt einige übrig gebliebene Brodkruſten und Stücke Käſe, und Ueberreſte von andern Speiſen bieten einen unange⸗ nehmen Anblick dar, wenn man ſie auf dem Fußboden eines kleinen Gemachs erblickt, welches das gemein⸗ ſchaftliche Wohn⸗ und Schlafzimmer von drei unbeſchäf⸗ tigten Männern iſt. »„Ich ſollte aber denken, die Sache ließe ſich noch abändern,« ſagte der Schlächter nach einem ziemlich langen Stillſchweigen.»Was wollen Sie dafür haben, daß Sie uns unbehelligt laſſen, Sir?2« »Entſchuldigen Sie,« erwiederte Herr Pickwick. »Was ſagten Sie?— Wie ſoll ich das verſtehen?« »Was wollen Sie haben, wenn Sie ſich ein anderes Quartier ſuchen?« fuhr der Schlächter fort.»Die ge⸗ wöhnliche Entſchädigung iſt zwei und einen halben Schilling.— Wir wollen Ihnen wöchentlich drei geben. Was ſagen Sie jetzt.— Wollen Sie?« »Wir legen wohl auch noch ein Fäßchen Bier dazu,⸗ fiel Herr Simpſon ein. »Und trinken's auf dem Fleck aus,« fügte der Ka⸗ plan hinzu. »Ich bin wirklich mit den hier üblichen Gebräuchen ſo unbekannt,« entgegnete Herr Pickwick,»daß ich Sie noch immer nicht verſtehe. Kann ich denn eine andere Wohnung bekommen?— Ich glaubte, dies ſei nicht thunlich.« Bei dieſer Frage blickte Herr Martin mit dem äußerſten Erſtaunen ſeine zwei Freunde an, und dann zeigte jeder von den drei Gentlemen mit ſeinem rechten 108 Die Pickwicker. Daumen über die linke Schulter. Dieſe in Worten nur unvollſtändig durch den Ausdruck»über die Linke« ange⸗ deutete Pantomime iſt von ſehr ſchöner Wirkung, wenn ſie von einer Anzahl von Ladys oder Gentlemen aus⸗ geführt wird, die gewohnt ſind, in Uebereinſtimmung zu handeln. »Ob Sie eine andere Wohnung haben können?« entgegnete Herr Martin mit einem mitleidigen Lächeln. »Wenn ich ſo wenig wüßte, wie es in der Welt zugeht, würde ich meinen Hut ſammt der Schnalle auf⸗ freſſen,⸗ ſagte der Kaplan, und die beiden Andern ſtimmten ihm ſofort bei.— Herr Pickwick vernahm jetzt von allen Dreien, daß ſich mit Gelde im Fleet⸗ gefängniß gerade ſo viel ausrichten laſſe, als außerhalb deſſelben, daß er ſich dadurch auf der Stelle faſt Alles verſchaffen könne, was er nur wünſche, und daß er, wenn er zu zahlen im Stande und geneigt ſei, nur ſeinen Wunſch auszuſprechen habe, um in einer halben Stunde ein mit allem Erforderlichen ausgeſtattetes Zimmer für ſich allein zu erhalten. Herr Pickwick eilte ſogleich wieder zu Herrn Roker, und die drei Gentlemen verfügten ſich in das Reſtaura⸗ tionszimmer, um dort die fünf Schillinge zu verzehren, die der geiſtliche Herr mit bewundernswerther Klugheit und Umſicht ſofort von Herrn Pickwick geborgt hatte. „»Ich wußte es vorher,« ſagte Roker lächelnd, als Herr Pickwick ſeinen Wunſch zu erkennen gab.»Habe ich es nicht vorher geſagt, Naddy 2« Naddy nickte bejahend. „»Ich wußte wohl, daß Sie ein eigenes Zimmer verlangen würden,« fuhr Herr Roker fort.»Laſſen Sie ſehen.— Ich habe noch eins zu vermiethen.⸗ Die Pickwicker. 109 »Das iſt mir ſehr angenehm,« entgegnete Herr Pickwick. »Ein vortreffliches Zimmer in dem Reſtaurations⸗ gange, das von einem Kanzleigerichtsgefangenen bewohnt wird,« ſagte Roker.»Ich will es Ihnen für ein Pfund wöchentlich überlaſſen.— Das wird Ihnen doch nicht zu viel ſein?« „»Keineswegs,« entgegnete Herr Pickwick. „»Kommen Sie nur mit mir,« fuhr Roker fort, in⸗ dem er nach ſeinem Hut griff.»Die Sache iſt in fünf Minuten abgemacht.»Weßhalb ſagten Sie aber nicht gleich, daß Sie ſich anſtändig einzurichten wünſchten?« Die Angelegenheit wurde, wie Herr Roker vorher geſagt hatte, bald geordnet. Der Kanzleigefangene war lange genug in Fleet geweſen, um Vermögen, Freunde, Heimath und Glück, mit einem Wort Alles, verloren, und das Recht eines eigenen Zimmers erlangt zu haben. Da er indeß häufig an dem kleinen Ungemach laborirte, daß er nichts zu eſſen hatte, ſo ging er mit Freuden auf Herrn Pickwicks Vorſchlag ein, ihm wöchentlich zwanzig Schillinge zu geben, wenn er ſeine Wohnung räumen, und ſie Herrn Pickwick überlaſſen wolle, wobei er ſich überdem verpflichtete, alle Perſonen zu entſchädigen, die etwa noch Billets auf das Zimmer erhalten ſollten. Herr Pickwick betrachtete ihn, als ſie den Handel abge⸗ ſchloſſen hatten, mit ſchmerzlicher Theilnahme. Er war ein großer hagerer leichenhaft ausſehender Mann mit eingefallenen Wangen und tiefliegenden lebhaften unruhigen Augen. Aus ſeinen Lippen war das Blut gewichen, und ſeine hervorſtehenden Backenknochen ſo ſpitzig, als hätte der Zahn der Zeit während zwanzigjähriger Ein⸗ kerkerung und Entbehrungen ſie abgenagt und ſcharf gefeilt. 110 Die Pickwicker. »Wo werden Sie aber wohnen, Sir?« fragte Herr Pickwick, als er den Betrag einer Wochenmiethe zum voraus bezahlte. »Der Unglückliche empfing mit zitternder Hand das Geld, und erwiederte, er wiſſe es noch nicht, er werde ſehen, wo er ein Nachtlager finden könne. »Ich fürchte, Sir,« ſagte Herr Pickwick mitleidig, vich fürchte, daß Sie mit mehreren unruhigen Zimmerge⸗ noſſen werden zuſammen wohnen müſſen. Betrachten Sie dieſes Zimmer als das Ihrige, wenn Sie der Ruhe be⸗ dürfen, oder Beſuch von Ihren Freunden erhalten.« »Freunden!« wiederholte der Kanzleigefangene mit hohler dumpfer Stimme.»Wenn ich todt in der Tiefe des tiefſten Schachts oder in meinem Sarge liege, faulend in dem Moderſchlamme unter den Grundmauern dieſes Gefängniſſes, ſo könnte ich nicht unbeachteter vergeſſen ſein, als hier. Ich bin ein Todter— abgeſtorben für die menſchliche Geſellſchaft, ohne daß mir das Mitleid zu Theil würde, welches ſie den zu dem ewigen Richter hinübergegangenen Seelen widmet. Beſuch von Freunden! O mein Gott, ich habe hier ſeit der Blüthe meiner Jahre bis zu meinem Alter gelebt, und Niemand wird an meinem Sterbebette ſtehen, und ſprechen: es iſt ein Got⸗ tesſegen für ihn, daß er entſchlummert iſt.« Die ungewöhnliche Aufregung hatte eine flüchtige Röthe auf ſeinen Wangen hervorgerufen; er ſchlug verſtört die welken Hände zuſammen, und verließ heftig das Zimmer. „»Er wird bisweilen etwas ſauertöpfiſch,« ſagte Roker lächelnd.»Ah, ſie ſind wie die Elephanten, fühlen's dann und wann, und das macht ſie wild.« Nach dieſer ſeutimentaliſchen Bemerkung ging Herr Roker ſchnell dazu über, ſeine Anordnungen zu treffen, Die Pickwicker. 111 und in kurzer Zeit war das Zimmer mit einem Teppich, ſechs Stühlen, einem Tiſch, Sophabette, Theekeſſel und einigen andern kleinen Etceteras für den billigen Preis von ſiebenundzwanzig Schillinge wöchentlich verſehen. »Kann ich ſonſt noch mit etwas dienen?« fragte Roker, indem er mit vergnügter Miene den Betrag der erſten Wochenmiethe in Empfang nahm. »Ah, da fällt mir ein,« entgegnete Herr Pickwick, der etwas nachgeſonnen hatte, viſt hier wohl Jemand, der es übernehme, mir aufzuwarten, und Beſtellungen und dergleichen auszurichten.« »Sie meinen in der Stadt?« fragte Roker. »Ja, der in die Stadt gehen könnte. Kein Gefan⸗ gener.« „»Es iſt allerdings ſo ein armer Teufel da,« erwie⸗ derte Roker,»der einen Freund auf der Armenſeite bei ſich hat, welcher froh ſein würde, ſolchen Poſten zu be⸗ kommen. Soll ich ihn heraufſchicken?2« „»Haben Sie die Güte,« ſagte Herr Pickwick.»Doch nein— die Armenſeite, ſagten Sie?— Ich möchte ſie wohl in Augenſchein nehmen— ich will ſelbſt zu ihm gehen.« Die Armenſeite in einem Schuldgefängniß iſt, wie der Name andeutet, die für die ärmſte und hülfsloſeſte Klaſſe der Schuldner beſtimmte Abtheilung, in welcher keine Miethe bezahlt wird. Die ihr Angehörigen be⸗ kommen eine dürftige Beköſtigung, welche aus einigen kleinen von wohlthätigen Individuen dazu beſtimmten Vermächtniſſen beſtritten wird. Bis vor wenigen Jahren befand ſich in der Mauer des Fleetgefängniſſes eine Art von eiſernem Käfig, aus welchem ein verhungert aus⸗ ſehender Menſch, von Zeit zu Zeit mit einer Geldbüchſe klappernd, in kläglichem Tone rief:»Gedenkt der armen Die Pickwicker. Schuldner— erbarmt euch der armen Schuldner!« Das in der Büchſe geſammelte Geld wurde vertheilt, und die Männer von der Armenſeite löſten einander bei dieſer erniedrigenden Bettelei ab. Obgleich dieſer Gebrauch ſeit einiger Zeit abgeſchafft und der Käfig entfernt wurde, iſt dennoch die traurige und hülfloſe Lage jener Unglücklichen dieſelbe geblieben. Sie dürfen ſich nicht mehr an das Mitleid der Vor⸗ übergehenden wenden, aber auf den Blättern unſers Geſetzbuchs ſteht noch immer zur Schande unſerer Zeit das ungerechte und verderbliche Geſetz, nach welchem der ruchloſeſte Verbrecher geſpeiſt und gekleidet, der un⸗ vermögende Schuldner aber dem Hungertode überlaſſen wird. Dies iſt leider keine Erdichtung.— Es vergeht keine Woche, in welcher nicht in jedem unſerer Schuld⸗ gefängniſſe einer oder mehrere Arme unfehlbar verhungern müßten, wenn ſie nicht durch ihre Mitgefangenen unter⸗ ſtützt würden. Herr Pickwick ſann über dieſe Verhältniſſe nach, während er die enge Treppe hinaufſtieg, an die Roker ihn geführt hatte, und er war ſo aufgeregt durch ſeine Gefühle, daß er in das Zimmer trat, welches man ihm gezeigt hatte, bevor er ſich des Zweckes ſeines Beſuchs wieder genau bewußt war. Der Anblick des Zimmers erweckte ihn plötzlich aus ſeiner Zerſtreuung, und kaum ſah er die Geſtalt eines am ſtaubigen Kamin kauernden Menſchen, als er ſeinen Hut aus der Hand fallen ließ, und unbeweglich vor Er⸗ ſtaunen daſtand. Ja, er erblickte in der That, zerlumpt und ohne Rock, mit über das Geſicht herabhängenden Haaren, bleichen eingefallenen Wangen, den Kopf auf die Hand Die Pickwicker. 113 geſtützt, die hohlen Augen auf das Feuer geheftet, ein Bild des furchtbarſten Elends— Herrn Alfred Jingle. „Nicht weit von ihm, verdroſſen gegen die Wand ge⸗ lehnt, ſtand ein kräftig gebauter Landmann, mit einer abge⸗ nutzten Hetzpeitſche an den Stulpſtiefel klopfend, welcher ſeinen rechten Fuß zierte; der Linke ſteckte in einem alten Pantoffel. Pferde, Hunde und Trunkſucht hatten ihn vereint an dieſen Ort gebracht. An den vereinſamten Stiefel war ein roſtiger Sporn geſchnallt, mit welchem er gelegentlich in die leere Luft ſtieß, gleichzeitig ſeinem Stiefel einen ſcharfen Hieb verſetzend, und einige der Laute murmelnd, mit welchen ein Sportsman ſein Pferd antreibt. Er ritt in der Einbildung irgend eine desperate Steaple⸗Chaſe. Der Aermſte—1 nie hatte er ein Rennen auf dem ſchnellſten Thiere ſeines koſtbaren Stalles halb ſo raſch geritten, als die Laufbahn verfolgt, welche im Fleekgefängniß endete! Gegenüber ſaß auf einem kleinen hölzernen Kaſten ein alter Mann, deſſen Antlitz die hoffnungsloſeſte Ver⸗ zweiflung ausſprach. Ein junges Mädchen— ſeine kleine Großtochter— bemühte ſich, durch tauſend kin⸗ diſche Spiele ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen, aber er ſah und hörte ſie nicht— war taub gegen die Stimme, die einſt Muſik für ſein Ohr geweſen war.— Seine Glieder bebten von Fieberſchauern, und ſein Körper war eben ſo zerrüttet, als Hoffnungsloſigkeit ſeinen Geiſt darnieder beugte. Außerdem ſtanden noch zwei bis drei Männer zu⸗ ſammen und planderten geräuſchvoll mit einander. Eine hagere bleiche Frau, die Gattin eines der Gefangenen, begoß ſorgfältig eine vertrocknende Topfblume, die offen⸗ bar nie wieder ein grünes Blatt treiben konnte— ein nur zu wahres Sinnbild der Erfolgloſigkeit ihrer Beſuche und Bemühungen an dieſem Ort. Die Pickwicker. V. 8 Die Pickwicker. Dieſes waren die Gegenſtände, welche ſich Herrn Pickwick darboten.— Das Geräuſch, welches ein haſtig in das Zimmer Eintretender verurſachte, rief ihn zu vollem Bewußtſein zurück. Er wendete ſich um nach der Thür, und erkannte in dem vor ihm Stehenden, trotz all ſei⸗ ner Lumpen, ſeines Schmutzes und Elends— Hiob Trotter⸗ »Herr Pickwick,« rief Hiob ihm laut entgegen. „»Wie?« ſagte Jingle, aufſpringend. »Herr Pickwick— ja, Sie ſind's— ſeltſames Zu⸗ ſammentreffen— ſchlechtes Quartier— geſchieht mir aber recht— ſehr recht.« Und mit dieſen Worten fuhr Herr Jingle mit der Hand nach der Stelle, wo früher ſeine Hoſentaſche war, bengte den Kopf wieder auf die Bruſt, und ſank in ſeine vorige Stellung zurück. Herr Pickwick war tief ergriffen— die Beiden ſahen ſo unausſprechlich elend aus. Der unwillkührliche gie⸗ rige Blick, den Jingle nach einem Stückchen rohes Hammelfleiſch warf, welches Hiob mitgebracht hatte, ſagte mehr von ihrer Lage, als es eine lange Schilderung vermocht hätte. Herr Pickwick ſah Jingle mit lieblicher Milde an und begann: »Ich wünſche Sie allein zu ſprechen; wollen Sie auf einen Augenblick mit mir hinaus kommen?« »Sehr gern,« entgegnete Jingle, und ſtand haſtig auf.»Kann nicht weit gehen— aber keine Gefahr, daß man ſich hier überläuft— rund umher Mauern— romantiſcher Spaziergang, aber nicht groß— dem Publi⸗ kum geöffnet— immer zu Hauſe— der Portier ſehr wachſam— äußerſt wachſam.« »Sie haben Ihren Rock vergeſſen,« ſagte Herr Pickwick, als ſie auf dem Gange waren. »Herr— theures Leben hier— konnt's nicht än⸗ dern— mußte eſſen— Naturbedürfniß.« α & 8— Die Pickwicker. 115 „»Was wollen Sie damit ſagen?« „Fort, mein theurer Sir— letzter Rock.— Lebte von ein Paar Stiefeln— vierzehn Tage lang.— Sei⸗ dener Regenſchirm— elfenbeinener Griff— vor acht Tagen— auf Ehre— fragen Sie Hiob— weiß es.⸗ »Drei Wochen von einem Paar Stiefeln, und einem ſeidenen Regenſchirm mit einem elfenbeinernen Griff ge⸗ lebt!« rief Herr Pickwick, der von ſo etwas nur bei Schiffbrüchigen gehört, oder davon in Conſtables Mis⸗ cellany geleſen hatte. »Ja, ja,« ſagte Jingle kopfnickend.»Trödlerladen — Empfangſchein in der Taſche— ſo viel als gar nichts— lauter Spitzbuben.« »Ah,« ſagte Herr Pickwick, dem bei dieſer Erklärung ein Stein vom Herzen ſiel;»jetzt verſtehe ich.— Sie haben Ihre Sachen verſetzt?« »Alles— auch Hiob ſeine— alle Hemden— thut nichts— ſpart Wäſcherlohn.— Bald nichts mehr— ins Bett legen— verhungern— armer Gefangener— natürlicher Tod— Koronersſpruch— Armenhausbegräb⸗ niß— Alles vorbei— Vorhang herunter— aber Alles verdient.« Jingle entwickelte auf dieſe ſummariſche Weiſe ſeine ferneren Lebensausſichten mit ſeiner gewöhnlichen Zungen⸗ fertigkeit und mit einem erzwungenen Lächeln.— Herr Pickwick bemerkte leicht, daß ihm ganz anders zu Muthe war, als er ſich den Anſchein zu geben ſuchte, blickte ihm ſcharf, doch nicht unfreundlich in das Geſicht, und ſah, daß Thränen in ſeine Augen traten. »Guter alter Herr,« ſagte Jingle, ſeine Hand drückend, doch ſein Geſicht abwendend.»Undankbar geweſen— kindiſch zu weinen— kann's nicht laſſen— ſchreckliches Fieber— matt zum Umfallen— krank— 8* Die Pickwicker. hungrig. Alles verdient— aber zicl ausgeſtanden— ſehr viel.« Er vermochte nicht, länger den Schein der Leicht⸗ fertigkeit zu behaupten, und noch mehr ermattet durch die Anſtrengung, die ihm dieſes gekoſtet hatte, ſetzte er ſich auf eine Treppenſtufe, bedeckte das Geſicht mit den Händen, und weinte wie ein Kind. »Faſſen Sie ſich,« ſagte Herr Pickwick ſehr gerührt. »Wir wollen ſehen, was ſich thun läßt, wenn ich erſt Alles weiß. Wo iſt Hiob?« »Hier, Sir,« entgegnete Hiob an der Treppe er⸗ ſcheinend.»Wir haben früher ſeine Augen als einge⸗ ſunken geſchildert; er ſah jetzt aus, als ob er ſie gänzlich verloren hätte.« »Kommen Sie,“« ſagte Herr Pickwick, der ſich be⸗ mühte, ihn ſtreng anzublicken, obgleich er ſeine Thränen kaum zurückdrängen konnte.»Nehmen Sie dies hier.« Was ſollte er nehmen?— Nach der gewöhnlichen Bedeutung des Ausdrucks hätte es ein Schlag, und nach allem, was früher vorhergegangen war, ein derber tüch⸗ tiger Schlag ſein müſſen, denn Herr Pickwick war durch den Elenden, der jetzt ganz in ſeine Gewalt gefallen, früher auf die ſchändlichſte Weiſe getäuſcht und hinter⸗ gangen worden. Doch was Herr Pickwick aus ſeiner Weſtentaſche zog, glänzte wie Gold, als er es in Hiobs Hand drückte, und darauf mit freudefunkelnden Augen und hochklopfendem Herzen ſich entfernte. Sam war wieder angelangt, als Herr Pickwick in ſein Zimmer zurückkehrte, und nahm die komfortable Ein⸗ richtung deſſelben mit einer Art ſauerſüßem Vergnügen, das ſehr ergötzlich zu ſchauen war, in Augenſchein. Da er gegen das Verbleiben ſeines Herrn im Fleet einen entſchiedenen Widerwillen hegte, ſo ſchien er es für „.— —u2— u—4+ Die Pickwicher. 117 gebieteriſche Pflicht zu t halken, nicht zu viel wiltgnna mit irgend etwas an den Tag zu legen. »Nun, Sam?« ſagte Herr Pickwick. »Nun, Sir?« erwiederte Herr Weller. »Ganz artig eingerichtet— nicht wahr, Sam?« „Leidlich, Sir,« entgegnete Sam, ziemlich gering⸗ ſchätzig umherſchauend. »Haben Sie Herrn Tupman und unſere andern Freunde zu Hauſe gefunden?« »Ja, Sir, ſie werden morgen kommen, und ich wunderte mich ſehr, zu hören, daß ſie nicht ſchon heute dageweſen ſind.« »Haben Sie Alles mitgebracht, Sam, was ich bedarf?« Herr Weller zeihte auf mehrere Packete, die er in einem Winkel des Zimmers niedergelegt hatte. »Gut, Sam,« fuhr Herr Pickwick nach einigem Zögern fort,„hören Sie, was ich Ihnen zu ſagen habe, Sam.« »Sehr wohl, Sir— ſchießen Sie nur ab, Sir.⸗ »Ich habe vom erſten Augenblick an gefühlt,« fuhr Herr Pickwick höchſt feierlich fort,»daß dies kein Ort iſt, um einen jungen Mann beſſer oder verſtändiger zu machen.« »unUnd einen alten auch nicht,« fiel Herr Weller ein. »Sie haben vollkommen Recht, Sam, aber ältere Perſonen können durch ihre eigene Unvorſichtigkeit und zu große Argloſigkeit, und jüngere durch die Selbſtſucht derer, denen ſie dienen, hierher gebracht werden. Für dieſe jüngern Leute iſt es in jeder Beziehung beſſer, daß ſie nicht hier bleiben. Verſtehen Sie mich, Sam?2« »Nein, Sir, ganz und gar nicht.« „»Denken Sie ein wenig nach, Sam.« »Gut, Sir,« ſagte Sam nach einer kleinen Pauſe, Die Pickwicker. vich glaube, zu merken, was Sie im Sinn haben, aber meiner Meinung nach, rücken Sie mir ein groß Theil zu ſtark auf den Leib, wie der Miethkutſcher zum Schnee⸗ ſturm ſagte, als der ihn überfiel.« „»Ich ſehe, Sie verſtehen mich, Sam,« erwiederte Herr Pickwick.»Abgeſehen davon, daß ich nicht wün⸗ ſchen kann, Sie an einem Ort, wie dieſer, ſich Jahre lang müſſig umhertreiben zu ſehen, fühle ich auch, wie abgeſchmackt es ſein würde, wenn ein Schuldgefangener einen Bedienten hielte.— Sam— Sie müſſen mich auf eine Zeitlang verlaſſen.« »Ah, alſo auf eine Zeitlang,« fiel Sam etwas ſar⸗ kaſtiſch ein. „Ja, auf die Zeit meines Verweilens im Fleet.— Sie ſollen Ihren Lohn demunerachtet behalten.— Einer von meinen drei Freunden wird Sie gern zu ſich nehmen, und ſollte es auch nur aus Achtung gegen mich geſchehen. Wenn ich aber jemals dieſes Gefängniß wieder verlaſſe,« fügte Herr Pickwick mit erzwungener Heiterkeit hinzu, sſo gebe ich Ihnen mein Wort darauf, daß Sie augen⸗ blicklich zu mir zurückkehren ſollen.« „Ich will Ihnen meine Meinung und meinen Be⸗ ſchluß ganz kurz ſagen,« entgegnete Herr Weller in ernſtem und feierlichem Ton.»Es wird ein für alle Mal nichts daraus; laſſen Sie uns daher nicht mehr davon reden.⸗ „»Es iſt mein vollkommener Ernſt, Sam.« „Meiner auch,« ſagte Sam mit großer Beſtimmt⸗ heit, und eilte plötzlich aus dem Zimmer. Herr Pickwick rief ihm nach, und blickte den langen Gang hinab, aber Sam Weller war ſchon fort. ——— — — — ——-—————— — Die Pickwicker. 119 Vierundvierzigſtes Kapitel. In welchem Sam Weller faſt in Mißhelligkeiten geräth. In einem hohen, ſchlecht erleuchteten und noch ſchlechter gelüfteten Zimmer in der Portugalſtraße, Lincoln⸗ Inn⸗Fields, ſitzen faſt das ganze Jahr hindurch zwei, drei oder vier Herren in Perücken vor kleinen Schreib⸗ tiſchen, und haben eine Sachwalterloge zur Rechten, eine für zahlungsunfähige Schuldner zur Linken, und eine Menge ausgezeichnet ſchmutziger Geſichter in einer ſchiefen Fläche vor ſich. Dieſe Herren ſind die Com⸗ miſſaire des Inſolvenzgerichtshofs, und das Zimmer, in welchem ſie ſitzen, iſt der Inſolvenzgerichtshof ſelbſt, der ſeit unvordenklichen Zeiten das merkwürdige Schickſal hat, von allen mittelloſen ſchäbig⸗gentilen Leuten in ganz London als gemeinſchaftlicher Sammelplatz und täglicher Zufluchtsort betrachtet zu werden. Er iſt ſtets gefüllt.— Die Bier⸗ und Branntweindämpfe ſteigen fortwährend zur Decke, und rinnen, durch die Hitze verdichtet, wie Regen die Wände hinab; auch ſieht man hier zu ein und derſelben Zeit mehr alte Kleider zuſammen, als in einem ganzen Jahre in ganz Houndsditch feil geboten werden, und mehr ungewaſchene Geſichter und ſtruppige Bärte, als an und in ſämmtlichen Brunnen und Bar⸗ bierſtuben zwiſchen Tyburn und Whitechapel von Sonnen⸗ Auf⸗ bis Untergang gereinigt werden könnten. Man darf indeß nicht glauben, daß dieſe Leute auch nur das geringſte Geſchäft oder die mindeſte Verbindung damit in ihrem fortwährend beſuchten Sammelplatz hätten, Die Pickwicker. Wäre es der Fall, ſo würde die Sache nichts Ungewöhn⸗ liches haben. Einige von ihnen ſchlafen faſt während der ganzen Sitzung; Andere führen kleine tragbare Dinées in den Taſchen oder in Tüchern bei ſich, und kauen und hören mit gleichem Behagen, aber nie iſt es vorgekommen, daß auch nur Einer von ihnen das geringſte perſönliche Intereſſe bei irgend einem Fall, der hier vorgebracht wurde, gehabt hätte. Sie ſitzen eben da vom erſten bis zum letzten Augenblick.— Iſt regnichtes Wetter, ſo kommen ſie Alle durchnäßt, und dann iſt es ſo dunſtig, wie in einer Schwammgrube. Ein gelegentlicher Be⸗ ſucher würde dieſen Ort für einen dem Genius der Ver⸗ armtheit gewidmeten Tempel halten. Es iſt kein einziger Gerichtsbote oder Unterbeamte hier, der einen für ihn gemachten Rock trüge, ſo wie überhaupt kein bei dem Gericht beſchäftigter, friſch oder geſund ausſehender Mann darin zu ſehen, einen kleinen weißköpfigen Schließer mit einem Apfelgeſicht ausgenommen, und auch er ſcheint gleich einer in Branntwein aufbewahrten, ſchlecht condi⸗ tionirten Kirſche künſtlich aufgetrocknet zu ſein, um in einem Zuſtande erhalten zu werden, auf den er eigentlich keine natürlichen Anſprüche machen kann. Selbſt die Perücken der Sachwalter ſind ſchlecht gepudert, und ihre Locken hängen ſchlaff herunter. Die Agenten aber, die an einem grdßen Tiſch vor den Commiſſairen ſitzen, ſind die größten Kurioſitäten von allen. Von den wohlhabenderen unter ihnen hat jeder einen blauen Beutel und einen Laufburſchen, der in der Regel jüdiſchen Bekenntniſſes iſt.— Sie haben beine beſtimmten Geſchäftszimmer, ſondern betreiben ihre Ge⸗ ſchäfte in den Gaſtſtuben oder Gefängnißhöfen, wohin ſie ſich haufenweiſe begeben, und Kunden zu gewinnen ſuchen. Man ſieht ſie in abgetragenen Kleidern einhergehen, und 14 Die Pickwicker. 121 ihre hervorſtechendſten Laſter ſind Trinken und Betrügen. Sie wohnen meiſt in den äußerſten Vorſtädten; ihr Aus⸗ ſehen nimmt keineswegs für ſie ein, und ihr Benehmen hat etwas Eigenthümliches. Herr Salomon Pell, ein Mitglied dieſer gelehrten Korporation, war ein dicker blaſſer Mann und trug einen Ueberrock, der in der einen Minute grün und in der nächſten braun ausſah, mit einem Sammetkragen, der ebenfalls in Kameleonsfarben ſchillerte. Seine Stirn war ſchmal, ſein Geſicht breit, ſein Kopf groß, und ſeine Naſe ganz nach der einen Seite gebogen, als habe ihr die Natur, zürnend ob der bei ſeiner Geburt an ihm entdeckten ſündhaften Neigungen, eine kleine Warnung gegeben, von der ſie ſich nie wieder erholte. Da er kurzhalſig und engbrüſtig war, ſo athmete er hauptſächlich durch die Naſe, ſo daß ſie durch ihre Nützlichkeit erſetzte, was ihr an Schönheit abgehen mochte. »Ich weiß gewiß, daß ich ihn durchbringe,« ſagte Herr Pell. 1 »Wirklich?« erwiederte die Perſon, der dieſe Ver⸗ ſicherung ertheilt wurde. unfehlbar,« fuhr Pell fort.»Wäre ek aber zu einem Pfuſchpraktikanten gegangen, ſo hätte ich für die Folge nicht einſtehen mögen.« 1»Ah,« ſagte der Andere mit offenem Munde. »Nimmermehr,« entgegnete Herr Pell, und er kniff die Lippen zuſammen, und runzelte die Stirn mit ge⸗ heimnißvollem Kopfſchütteln. Dieſes Geſpräch fand in einem Gaſthauſe, dem Inſolvenzgerichtshof gegenüber Statt, und die Perſon, mit der Herr Pell ſich unterhielt, war niemand anders, als Herr Weller Senior, welcher hier erſchienen war, um einem Freunde zur Seite zu ſtehen, Die Pickwicker. deſſen Sache an dieſem Tage verhandelt werden ſollte, und deſſen Agenten er in dieſem Augenblick konſultirte. »Wo iſt denn Georg?« fragte Weller Senior. Herr Pell wies nach einem Hinterſtuͤbchen, in das der alte Herr ſich ſogleich verfügte. Er wurde auf das Freundſchaftlichſte und Schmeichelhafteſte von einem halben Dutzend Collegen begrüßt. Der inſolvente Gentleman, der eine ſpekulative aber unkluge Leidenſchaft, lange Sta⸗ tionen zu fahren, gefaßt hatte, wodurch eben ſeine gegen⸗ wärtigen Verlegenheiten entſtanden waren, ſah äußerſt wohl aus, und beſchwichtigte die Aufregung ſeiner Gefühle mit Schellfiſch und Porter. Die Begrüßungen zwiſchen Herrn Weller und ſeinen Freunden blieben ſtrenge auf die Freimauerei ſeines Hand⸗ werks beſchränkt. Sie beſtanden darin, daß die Gentle⸗ men gleichzeitig das rechte Handgelenk ein wenig nach außen drehten, und den kleinen Finger in die Höhe ſchnellten. Wir kannten einſt zwei berühmte Kutſcher (ſie ſind beide todt), welche Zwillinge waren, und eine herzliche und innige Zuneigung zu einander hegten. Wäͤh⸗ rend vierundzwanzig Jahren fuhren ſie täglich auf der Straße nach Dower bei einander vorüber, ohne je einen andern als den beſchriebenen Gruß zu wechſeln, und doch, als der Eine ſtarb, fing der Andere an zu kränkeln, und folgte ihm bald darauf nach. „»Wie geht's, George?« begann Herr Weller Senior, ſeinen Oberrock ablegend, und ſich mit gewohnter Gra⸗ vität niederſetzend.»Alles in der Ordnung?— Alle Plätze im Innern und außerhalb beſetzt?« „»Alles in Ordnung, alter Burſche,« erwiederte der inſolvente Gentleman. »Iſt die graue Stute bei Jemand in Sicherheit ge⸗ bracht 2« fragte Herr Weller. Die Pickwicker. 123 George nickte bejahend. „Das iſterecht,« ſagte Herr Weller.»Iſt die Kutſche auch bei Seite geſchafft?« .»Sicher untergebracht,« entgegnete George, ein großes Stück Schellfiſch verſchlingend. „Sehr gut, ſehr gut,« bemerkte Weller Senior.»Man muß immer den Hemmſchuh anlegen, wenn es bergab geht. Iſt Alles mit dem Frachtzettel in guter Ordnung?« »Ah, Sie meinen das Inventarium,“« fiel Pell, Herrn Wellers Andeutung errathend, ein.»Es iſt ſo gut ein⸗ gerichtet, als es mit Feder und Dinte nur geſchehen konnte.« Herr Weller nickte auf eine Weiſe, welche ſeine Bil⸗ ligung dieſer Maaßregeln an den Tag legte, und fragte dann Herrn Pell, auf ſeinen Freund George zeigend. »Wann werden ihm die Decken abgenommen 2« „Nun,“ erwiederte Herr Pell,»er iſt der Dritte auf der Liſte, und ich glaube, daß ſeine Sache etwa in einer halben Stunde vorkommen wird. Ich habe meinem Schreiber befohlen, uns zu rufen, wenn es Zeit iſt.« Herr Weller blickte den Agenten mit lebhafter Be⸗ wunderung an, und ſagte mit Nachdruck: „»Was wollen Sie trinken, Sir 2« »Wirklich,« erwiederte Herr Pell,»Sie ſind ſehr— auf mein Wort, und auf Ehre, es iſt meine Gewohnheit nicht— es iſt noch ſo ſehr früh am Morgen, daß ich wirklich faſt— nun gut, laſſen Sie mir einen kleinen Rum bringen, wenn Sie es durchaus wollen, mein Beſter.« Das Schenkmädchen, welches der Beſtellung ſchon zuvorgekommen war, ſetzte das Glas auf den Tiſch. »Ihr Herren,« ſagte Pell umherſchauend,»auf das Wohl unſeres Freundes. Ich mag mich nicht ſelber Die Pickwicker. rühmen; es iſt nicht meine Art; doch ich kann nicht umhin, zu ſagen, daß, wenn Ihr Freund nicht das Glück gehabt hätte, in Jemandes Hände zu fallen, der— doch genug davon.« Nachdem Herr Pell in einem Nu das Glas geleert hatte, blickte er ſelbſtgefällig auf die verſammelten Kutſcher umher, die eine ſehr hohe Meinung von ihm zu haben ſchienen. »Was wollte ich doch vorhin ſagen 22 begann er wieder. „»So viel ich weiß, daß Sie nichts dawider haben würden, ſich noch Einen einſchenken zu laſſen, Sir,« ſagte Herr Weller mit gravitätiſcher Schalkhaftigkeit. »Ha! ha!« lachte Herr Pell. Nicht übel, gar nicht übel.— Doch zu dieſer frühen Stunde würde es— ich weiß freilich nicht, mein Beſter— wenn Sie es aber durchaus wollen, ſo könnten Sie noch einen— hm.« Dieſer letzte Ton war ein bedeutungsvolles Huſten, durch welches Herr Pell einer unanſtändigen Neigung zur Heiterkeit begegnen zu müſſen glaubte, die er bei einigen ſeiner Zuhörer bemerkte. „Der vorige Lord⸗Kanzler hiilt ſehr viel von miüi,⸗ fuhr Herr Pell fort. „»Was ihm ſehr viel Ehre macht,« fiel Herr Weller ein. »Es war gewiß Grund vorhanden,« fügte der inſol⸗ vente Gentleman hinzu. »Ja, das meine ich auch,« ſagte ein Mann mit ſehr geröthetem Geſicht, der bis jetzt kein Wort geſprochen hatte, und dem man es anſah, daß er nicht mehr viel ſagen würde. Ein Murmeln der Zuſtimmung wurde in der ganzen Verſammlung hörbar. ⸗Ich erinnere mich, meine Herren,« fuhr Pell fort, „daß ich einſt bei dem vorigen Lord⸗Kanzler zu⸗Mittag — Die Pickwicker. ſpeiſte— wir beide waren ganz allein, aber Alles war ſo ſtattlich, als wenn man eine Geſellſchaft von zwanzig Perſonen erwartet hätte. Auf einem Drehtiſche neben dem Lord⸗Kanzler lag das große Siegel, und ein Mann mit Haarbeutel, in voller Rüſtung, mit gezogenem Schwert, und in ſeidenen Strümpfen hielt Wache beim Scepter, was Tag und Nacht geſchieht, meine Herren.— Pell, ſagte der Lord⸗Kanzler, keine falſche Zurückhaltung, Pell. Sie ſind ein talentvoller Mann, können Jedermann durch den Inſolvenzgerichtshof bringen, Pell, und Ihr Vater⸗ land muß ſtolz auf Sie ſein. Dieſes waren ſeine eigenen Worte.— Mylord, ſagte ich, Sie belieben mir zu ſchmeicheln.— Pell, ſagte er, ich will verdammt ſein, wenn ich ſchmeichle.« »Sagte er dieſes2« unterbrach Herr Weller. „»Das ſagte er,« erwiederte Pell. „»Denn hätte ihn das Parlament wegen ſeines Fluchens in Strafe nehmen ſollen— und hätte es auch wohl gethan, wenn er necht ein reicher Mann geweſen wäre.« »Aber, mein werther Freund,« erinnerte Pell, ver ſagte es im Vertrauen.« »Ah ſo,« verſetzte Herr Weller nach einigem Beſinnen, »wenn er ſich ſelbſt im Vertrauen verfluchte, ſo iſt dieſes natürlich was anders.« „Allerdings.— Der Unterſchied liegt auf der Hand. ⸗ »Aendert die Sache ganz und gar, fahren Sie fort, Sir.« »Nein, ich will nicht fortfahren, Sir,« ſagte Herr Pell mit leiſer und ernſter Stimme.— Sie haben mich daran erinnert, daß jene Unterredung eine vertrauliche war.— Ich bin unvorſichtig geweſen— doppelt unvor⸗ ſichtig bei meiner Stellung— Sie müſſen mich ent⸗ ſchuldigen, Gentlemen.— Ich fühle, daß ich nicht be⸗ 126 Die Pickwicker. rechtigt bin, ohne Bewilligung meines edlen Freundes weiter von der Sache zu reden,« und Herr Pell ſteckte die Hände in die Hoſentaſche, ſchaute mit vieler Würde umher, und klapperte mit drei bis vier Kupfermünzen. Er hatte kaum die Gründe ſeines tugendhaften Entſchluſſes, nicht fortzufahren, entwickelt, als der Lauf⸗ junge und der blaue Beutel, welches unzertrennliche Ge⸗ fährten waren, haſtig in das Zimmer ſtürzten und ſagten (wenigſtens der Junge, denn der blaue Beutel nahm keinen Antheil an der Bothſchaft) daß die Sache des in⸗ ſolventen Kutſchers gleich verhandelt werden würde. Dieſe Nachricht war kaum mitgetheilt, als die ganze Geſellſchaft über die Straße eilte, und ſich nach dem Gerichtshof durchzudrängen ſuchte— eine Bemühung, welche, wie man berechnet hat, in gewöhnlichen Fällen zwiſchen fünfundzwanzig und dreißig Minuten in Anſpruch nimmt. Herr Weller hoffte, durch ſein Gewicht die Menge zu zertheilen, und noch einen guten Platz zu erhalten. Der Erfolg entſprach jedoch nicht ſeinen Erwartungen, denn da er vergeſſen hatte, ſeinen Hut abzunehmen, ſo wurde ihm derſelbe über die Augen hinuntergeſchlagen, und zwar von einem ungeſehenen Individuum, auf deſſen Zehen er mit beträchtlicher Gewalt getreten hatte. Offen⸗ bar bereute aber das Individuum ſeine Hitze ſehr bald, denn es zog, nachdem es einen unverſtändlichen Ausruf des Erſtaunens gemurmelt, den alten Herrn aus der Vorhalle, und ſchob ihm den Hut wieder in die Höhe. »Sammy,« rief Herr Weller Senior aus, als er in Stand geſetzt war, ſeinen Befreier zu erkennen. Sam nickte. »„Du biſt mir aber ein gehorſamer und liebevoller Sohn,« ſagte Weller Senior.»Deinem alten Vater den Hut über's Geſicht zu ſchlagen.« ‿ 0 ☛ ——ÿ u/ Die Pickwicker. 127 »Wie konnte ich denn wiſſen, daß Du es warſt, Alter,« antwortete der Sohn.»Sollte ich Dich etwa an der Schwere Deines Fußes erkennen 2« »Haſt recht, Sammy,“ verſetzte der ſchon wieder be⸗ ſänftigte Vater.»Aber was haſt Du denn hier zu thun? Dein Herr kann doch wohl nicht hier Geſchäfte haben?— Sie ſtoßen hier das Urtheil nicht wieder um, Sammy,« und er ſchüttelte den Kopf mit der Feierlichkeit eines Advokaten. »Der Alte hat doch nichts im Kopfe, wie Urtheile und Alibis,« rief Sam aus.»Wer hat denn etwas von einem Urtheil geſagt?« Sein Vater gab keine Antwort, ſondern ſchüttelte abermals mit wichtiger Miene den Kopf. »So laß doch das Wackeln und Schütteln mit dem Kopfe, Alter, wenn Du nicht willſt, daß er ganz vom Poſta⸗ ment herunterfallen ſoll,« ſagte Sam ungeduldig.»Ich ging geſtern Abend den langen Weg bis nach dem Marquis von Granby, um Dich aufzuſuchen, und zu ſprechen.« »Haſt Du Deine Stiefmutter, die Marquiſin von Granby, geſehen, Sammy?« fragte der Vater ſeufzend. Sam bejahte. »Wie ſah denn das liebe Geſchöpf aus 2« »Sehr kurios,« erwiederte Sam.»Ich glaube, ſie untergräbt allmählich ihre Geſundheit durch zu viel von dem Ananasgrog, und von andern ſtarken Arzneien derſelben Sorte.« »Glaubſt Du das wirklich, Sammy?« fragte Weller der Aeltere. »Ich glaube es in der That,« erwiederte Weller der Jüngere. Der Vater ergriff die Hand ſeines Sohnes, und drückte ſie. Es lag hierbei ein gewiſſer Ausdruck in f 128 Die Pickwiccker. ſeinen Zügen, der weniger Furcht und Beſorgniß, als Freude und Hoffnung ausſprach, und ein Strahl von Heiterkeit verklärte ſein Geſicht, indem er ſagte:„»Ich bin meiner Sache noch nicht ganz gewiß, Sammy, möcht's auch noch nicht für gewiß behaupten, um nicht vielleicht eine verdrießliche Täuſchung zu erfahren— aber ich glaube, Sammy, der Schäfer hat die Leberkrankheit.« »Sieht er denn ſo ſchlimm aus?« fragte Sam. »Er iſt ungewöhnlich blaß,« erwiederte ſein Vater, »außer die Naſe, die röther iſt, als je, und ſein Appetit i*ſt nur ſo ſo, aber an Durſt fehlt es ihm noch nicht.« Der Alte ſchien ſich bei dieſen Worten des Ananas⸗ grogs zu erinnern, denn er wurde etwas nachdenklich und düſter, erheiterte ſich jedoch bald wieder, wie daraus her⸗ vorging, daß er ſeinem Sohn zublinzelte, welches er nur bei guter Laune zu thun pflegte. 4 »Jetzt laß mich von meinen Angelegenheiten ſprechen,« ſagte Sam.»Knöpf Deine Ohren auf, und ſage nichts, bis ich fertig bin.« Nach dieſer kurzen Einleitung erzählte Sam ſeine letzte denkwürdige Unterredung mit Herrn Pickwick. »Alſo er will allein im Fleet bleiben, der arme Wurm,— ohne daß ſich eine Seele ſeiner annimmt 2« rief Weller Senior aus.»Wir dürfen es nicht zugeben, Sammy.« »Nun ja doch,« entgegnete Sam,»das wußte ich ſchon, ehe ich hierher kam.« »Sie würden ihn dort bei lebendigem Leibe auffreſſen,« rief Weller der Vater aus. »Natürlich!« ſtimmte Sam bei. »Er kam noch ziemlich ungebraten hinein,« ſagte Weller Senior,»aber er wird ſo braun gebraten heraus⸗ kommen, daß ſeine beſten Freunde ihn nicht wieder als von Ich my, icht ber it.« ter, etit n 8 has⸗ und her⸗ nur n, ös, Die Pickwicker. 129 erkennen können.»Gebratene Tauben ſind nichts dagegen, Sammy!« Sam nickte beiſtimmend. »Es darf nicht ſein,« ſagte Weller Senior ſehr ernſt und beſtimmt. »Auf keinen Fall!« erwiederte Sam. »Gewiß nicht,« ſagte Weller Senior. »Du haſt aber ſehr hübſch prophezeit, gerade wie ein rothwangiger Niron, den man in den Sirpenny⸗Büchern abgebildet ſieht.«. „»Wer war denn das, Sammy?« fragte Weller Senior. »Gleichviel, wer er war,« erwiederte Sam;»er war kein Kutſcher, und das iſt genug für Dich.« »Ich habe einen Hausknecht dieſes Namens gekannt,«⸗ ſagte Weller Senior. »Der war's nicht,« entgegnete Sam.»Dieſer Gent⸗ leman war ein Prophet.« »Was iſt denn das, ein Prophet?« fragte der Alte, ſeinen Sohn ernſt anblickend. »Einer, der vorherſagt, was in der Zukunft geſchehen wird,« entgegnete Sam. »Den möchte ich wohl kennen, Sammy. Er könnte vielleicht einiges Licht auf die Leberkrankheit werfen, von der wir vorhin ſprachen. Wenn er aber todt iſt, und ſein Geſchäft Niemanden hinterlaſſen hat, ſo wird freilich nichts zu machen ſein. Fahre fort, Sammy,⸗ ſagte der Alte mit einem Seufzer. »Du haſt eben ſelbſt prophezeit,« ſagte Sam,»daß es meinem Prinzipal ſchlecht gehen kann, wenn er allein bleibt. Weißt Du keine Mittel und Wege, ihm zu Hülfe zu kommen?« »Bis jetzt nicht, Saunye erwiederte Weller Senior nachſinnend. Die Pickwicker. V. 9 „ Die Pickwicker. »Durchaus nicht?« fragte Sam. „Nein, Sammy— doch wart' mal,« und er flüſterte ſeinem Sohn in das Ohr,»wir müßten ſuchen, ihn heimlich aus dem Gefängniß zu ſchaffen, etwa in einem Bettſchrank, oder als ein altes Weib verkleidet.“ Sam wies beide Vorſchläge mit unerwarteter Ge⸗ ringſchätzung zurück, und wiederholte ſeine Frage. »Wenn dieſes nicht angeht,« erwiederte der Alte,»ſo iſt keine Durchfahrt nicht da— ganz und gar keine Durchfahrt.« »Dann will ich Dir was ſagen,« fuhr Sam fort. »Borg' mir fünfundzwanzig Pfund, altes Haus.« »Wozu denn das?« fragte ſein Vater.. »Kümmert Dich nicht,“ ſagte Sam.»Vielleicht könnte es ſo kommen, daß Du in fünf Minuten Dein Geld zurückforderſt, und daß ich run udweg ſagte, ich wollte es nicht bezahlen. Würdeſt Du unnatürlicher Rabenvater dann nicht vielleicht Deinen eigenen Sohn gefangenſetzen, bis er bezahlte?« Vater und Sohn wechſelten nach dieſer Erwiederung einen vollſtändigen Curſus liſtiger telegraphiſcher Winke und Geberden, worauf Herr Weller Senior ſich auf einen Treppſtein ſetzte, und lachte, bis er purpurroth im Geſicht war.. „»Was es für ein altes Portrait iſt,« rief Sam un⸗ willig über den Zeitverluſt aus.»Was ſitzeſt Du da, und verwandelſt Dein Geſicht in eine Thürklopfer⸗Phy⸗ ſiognomie, während ich alle Hände voll zu thun habe.— Wo iſt das Geld?2« »Wark', Sammy, ich werd' es hervorholen,« erwie⸗ derte Weller Senior.»Halt' mal meinen Hut!« Der Alte beugte ſeinen Körper gewaltſam nach einer Seite, und es gelang ihm nicht ohne Keuchen, mit der Die Pickwicker. 131 rechten Hand in eine ſehr geräumige Taſche zu fahren, aus welcher er eine mit einem dicken Lederriemen zuſam⸗ mengebundene Brieftaſche in großem Octavformat her⸗ vorzog. Er nahm aus derſelben einige Schnallen, Peit⸗ ſchenriemen, alte Papiere und endlich mehrere ſehr ſchmu⸗ tzige Banknoten, von denen er die verlangte Summe abzählte, und Sam einhändigte. „»Jetzt Sammy,« ſagte er, nachdem er das Taſchen⸗ buch mit ſeinem Inhalt wieder an Ort und Stelle ge⸗ bracht,»muß ich Dir noch ſagen, ich kenne hier einen Gentleman, der das Geſchäft für uns im Nu abmachen wird— ein Stück von Advokaten, und hat, wie die Fröſche, das Gehirn im ganzen Leibe, und bis in die Fingerſpitzen; iſt ein Freund vom Lord⸗Kanzler, Sammy, und braucht ihm nur zu ſagen, was er wünſcht, und Du biſt Dein ganzes Leben hindurch eingeſperrt, wenn's weiter nichts iſt.« „»Nein, nichts davon,« ſagte Sam. „Nichts wovon?« fragte Weller Senior. »Keine konſtitutionswidrige Mittel und Wege,« ent⸗ gegnete Sam.»Der Habeas⸗Korpus gehört nach der per⸗ petuirlichen Maſchine zu den nützlichſten Dingen, die jemals gemacht worden ſind.— Ich hab's oft in den Zeitungen geleſen.« »Was hat denn das mit unſerer Sache zu thun?⸗ fragte Weller Senior. »Dieſes, daß ich mit Hülfe der Erfindung ins Ge⸗ faͤngniß gehe,« erwiederte Sam.»Keine Durchſtechereien mit dem Lord⸗Kanzler— das iſt meine Sache nicht.— Möchte auch nicht ganz ſicher dabei ſein, daß ich wieder herauskäme.« Herr Weller Senior überließ dieſen Punkt dem Er⸗ meſſen ſeines Sohnes, ſuchte den gelehrten Salomon 9* 132 Die Pickwicker. Pell auf, und eröffnete ihm ſeinen Wunſch, daß er ſofort einen Verhaftbefehl gegen Sam wegen der Summe von ſchuldigen fünfundzwanzig Pfund nebſt Prozeßkoſten aus⸗ wirken möge. Der Agent war in der beſten Laune, denn er hatte wirklich den inſolventen Kutſcher durchgebracht. Er pries Sam wegen ſeiner Anhänglichkeit an ſeinen Herrn, er⸗ klärte, dieſelbe erinnere ihn ſtark an ſeine eigene Ergeben⸗ heit gegen ſeinen Freund, den Lord⸗Kanzler, und ging gleich mit Herrn Weller nach dem Temple, um ihn das Schuld⸗Affidavit, welches der Auslaufjunge mit Hülfe des blauen Beutels an Ort und Stelle aufgenommen hatte, beſchwören zu laſſen. Sam wurde unterdeß dem inſolventen Kutſcher und ſeinen Freunden, als der Sprößling des Herrn Weller vorgeſtellt, ward mit ausgezeichneter Achtung behandelt, und eingeladen, ein Gläschen mit ihnen zu trinken, wozu er ſich ſehr bereitwillig verſtand. Die Heiterkeit der Gentlemen von dieſer Klaſſe hat gewöhnlich einen ernſten und ruhigen Charakter, aber dieſes war eine beſonders feſtliche Gelegenheit, und nach einigen geräuſchvollen Toaſts, die dem Oberrichter und dem Herrn Salomon Pell, welcher an jenem Tage ſo viel Umſicht dargelegt hatte, gebracht wurden, ſchlug ein Gentleman, in einem blauen Halstuch, vor, ein Lied zu ſingen. Er wurde aufgefordert, es ſelbſt anzuſtimmen, weigerte ſich jedoch deſſen, worauf, wie es bei ſolchen Gelegenheiten häufig geſchieht, ein ziemlich heftiger Streit entſtand. »Meine Herren,« ſagte der inſolvente Kutſcher, „vielleicht hat Herr Samuel Weller die Güte, damit die Harmonie in der Geſellſchaft nicht geſtört werde, ein Lied zum Beſten zu geben.« — Die Pickwicker. 133 »Wirklich, Gentlemen,« nahm Sam das Wort, »ich bin nicht gewohnt, ohne Begleitung eines Inſtru⸗ ments zu ſingen, will's aber doch dieſes Mal thun, da nichts über ein ruhiges Leben geht, wie der Mann ſagte, als er die Wächterſtelle auf dem Leuchtthurm annahm.« Er ſang darauf eine Romanze vom wilden Turpin, wie derſelbe einſt auf der Hounslower Haide einen Bi⸗ ſchof in einem Wagen angehalten und erſchoſſen habe, worauf der Kutſcher, dem der Spaß nicht gefiel, die Pferde zum Galop angetrieben, aber ebenfalls von Tur⸗ pin durch den Kopf geſchoſſen und dadurch zum Still⸗ halten gezwungen worden ſei. Der Refrain dieſes Liedes, den der Chor mit ſang, war: „Und ſchoß ihm durch den Kopf, daß es knallt, Drauf machte der Kutſcher von ſelber Halt. Halt! Halt!“ „»Ich behaupte,« ſagte der Gentleman, der zuerſt vorgeſchlagen hatte, ein Lied zu ſingen,»ich behaupte, daß dieſes beleidigend für unſern Stand iſt, und verlange, den Namen des Kutſchers zu wiſſen.« „»Der iſt unbekannt,« ſagte Sam.»Er hatte ſeine Karte nicht in der Taſche.« »Ich widerſetze mich gegen alle Politik hier,« ent⸗ gegnete der Andere.»Ich behaupte, daß dieſes Lied in dieſer Geſellſchaft politiſch, und was ziemlich daſſelbe, ſein Inhalt nicht wahr iſt. Ich behaupte, daß der Kutſcher nicht auf der Flucht, ſondern in tapferer Gegenwehr ſtarb— brav und muthig, wie ein Kampf⸗ hahn— und ich nehme keine Widerrede an.⸗ Da er dieſes mit großer Entſchiedenheit ſagte, und die Anſichten der Geſellſchaft über den Punkt getheilt „ 134 Die Pickwicker. zu ſein ſchienen, ſo wurde der Streit immer hitziger, als zum Glück Herr Weller Senior und Herr Pell dazu kamen. „»Es iſt Alles in Ordnung, Sammy,« ſagte Weller Senior. „»Der Haltfeſt wird um vier Uhr hier ſein,« fügte Herr Pell hinzu,»und ich denke, Sie werden unterdeß nicht davon laufen— wie? Hal! ha! ha!« »Mein grauſamer Vater läßt ſich bis dahin viel⸗ leicht noch beſänftigen,« verſetzte Sam mit verſtellt weinerlicher Stimme. »Gewiß nicht!« ſagte Weller Senior. „Bitte!« flehte Sam. „Unter keiner Bedingung,« erwiederte der unerbitt⸗ liche Gläubiger. »Ich will alle Monate ſechs Pence abbezahlen,« ſagte Sam. „Ich will nichts davon wiſſen,« ſagte der hartherzige Vater. »Ha!l ha! ha! ſehr gut, ſehr gut,« bemerkte Herr Salomon Pell, während er ſeine kleine Koſtenberechnung entwarf;»eine ſehr ergetzliche Komödie, in der That.— Benjamin, ſchreiben Sie das ab,« und Herr Pell lä⸗ chelte abermals, als er Herrn Wellers Aufmerkſamkeit auf die Koſtenberechnung lenkte.»Danke, danke,« ſagte er, indem er eine der ſchmutzigen Banknoten, die Weller Senior aus ſeinem Taſchenbuch hervorſuchte, in Empfang nahm.»Drei Pfund, zehn Schilling, und ein Pfund, zehn Schilling, macht gerade fünf Pfund. Sehr ver⸗ bunden, Herr Weller.— Ihr Sohn iſt ein trefflicher junger Mann, Sir.— Es iſt ein herrlicher Zug in ſeinem Charakter, ſehr edel,« fügte Herr Pell hinzu, indem er freundlich lächelte, und die Banknote einſteckte. ᷣ᷑ N Die Pickwicker. 135 »Was dieſes für ein Hauptſpaß iſt,« ſagte Weller Senior lachend.»Mein Sohn iſt auf einmal ein Pro⸗ digium geworden.« »Prodigus, Prodigus,« korrigirte Herr Pell. »Kommt ganz auf eins heraus,« entgegnete Herr Weller Senior mit Würde.»Ich weiß ſehr wohl, was die Glocke geſchlagen hat, Sir, und wenn ich's nicht weiß, will ich Sie ſchon fragen, Sir.« Als der Gerichtsdiener erſchien, hatte ſich Sam ſchon ſo beliebt gemacht, daß die Collegen ſeines Vaters beſchloſſen, ihn in corpore nach dem Gefängniß zu be⸗ gleiten. Der Gerichtsdiener ging voran, der Schuldner und der Gläubiger folgten Arm in Arm, und acht ſtäm⸗ mige Kutſcher bildeten die Nachhut. Vor Serjeants⸗ Inn⸗Kaffeehaus machte der Zug Halt, um einige Er⸗ friſchungen zu ſich zu nehmen, und ſetzte ſich dann wieder in Bewegung. In der Fleetſtraße machten die acht Gentlemen der Nachhut, die je vier nebeneinander gingen, einiges Auf⸗ ſehen, und einer von ihnen mußte zurückbleiben, weil er in einen Fauſtkampf mit einem Laſtträger gerieth. Als ſie das Thor des Gefängniſſes erreichten, nahmen ſie von dem Schuldner, mit drei vom Gläubiger angeſtimmten Hurrah's, Abſchied. Nachdem Sam, zum großen Erſtaunen Rokers und ſelbſt des phlegmatiſchen Naddy, abgeliefert worden war, begab er ſich ſogleich nach ſeines Herrn Zimmer, und klopfte an die Thür. 1 »Herein!« rief Herr Pickwick. Sam trat ein, nahm den Hut ab, und lächelte. »Ah, Sam, mein guter Sam,“« ſagte Herr Pickwick, offenbar erfreut, ihn wieder zu ſehen.»Es war durch⸗ aus nicht meine Abſicht, durch das, was ich geſtern 136 Die Pickwicker. ſagte, Ihre Gefühle zu verletzen.— Legen Sie Ihren Hut ab; ich will Ihnen meine Meinung ein wenig aus⸗ führlicher entwickeln.« »Wollen Sie es jetzt thun?« fragte Sam. »Gewiß— aber warum denn nicht jetzt?« »Es wäre mir lieber, wenn Sies bis ſpäter ließen, Sir.« »Weßhalb denn?« fragte Herr Pickwick. »Weil—,“« begann Sam zögernd. »Nun, weßhalb?« fragte nochmals Herr Pickwick beunruhigt.»Sprechen Sie, Sam!« »Weil— weil ich erſt ein kleines Geſchäft abmachen muß.« „»Welches Geſchäft?« fragte Herr Pickwick, erſtaunt über Sams ſeltſames Benehmen. „»Nichts Beſonderes, Sir.⸗ „»O, wenn es nichts Wichtiges iſt, ſo bleiben Sie noch hier.«— »Ich glaube doch, daß es beſſer wäre, wenn ich es erſt abmachte,« entgegnete Sam etwas verlegen. Herr Pickwick ſah ihn verwundert an, ſagte aber nichts. »Die Sache iſt—« »Nun?« ſagte Herr Pickwick.»So erklären Sie ſich doch, Sam.« »Nun, die Sache iſt— daß ich mich erſt nach einer Schlafſtelle umſehen muß.« „Nach einer Schlafſtelle?« »Ja, Sir— ich bin jetzt als Gefangener hier— ich wurde heut' Nachmittag wegen Schulden verhaftet.« »Sie wegen Schulden verhaftet?« rief Herr Pickwick noch erſtaunter aus. „»Ja, wegen Schulden, Sir,« erwiederte Sam,»und Die Pickwicker. 137 der Mann, der mich verhaften ließ, wird mich nicht wieder freilaſſen, bis Sie ſelbſt ſich von hier entfernen.⸗ „Himmel, was wollen Sie damit ſagen?« »Juſt das, was ich ſagte, Sir, und wenn's vierzig Jahre währt, ich würde hier gefangen bleiben, und freue mich darüber, und wär's Newgate geweſen, es wäre mir auch gleich viel.— Jetzt iſt die Sache herausgeplatzt, und damit Punktum.« Mit dieſen Worten ſchleuderte Sam Weller in höchſt ungewöhnlicher Aufregung ſeinen Hut von ſich, verſchränkte darauf die Arme, und blickte ſeinem Herrn feſt und ſtarr in das Geſicht. Fuͤnfundvierzigſtes Kapitel. Welches von verſchiedenen kleinen Vorfällen im Fleetgefängniß und von Herrn Winkle's geheimnißvollem Benehmen, ſo wie auch von der endlichen Erlöſung des armen Kanzlei⸗ gefangenen handelt. Herr Pickwick war zu ſehr durch den Beweis von Anhänglichkeit, den Sam ihm gegeben, gerührt worden, als daß er Zorn oder Unwillen wegen des übereilten Schritts, freiwillig und auf unbeſtimmte Zeit ſich in ein Schuldgefängniß bringen zu laſſen, hätte äußern können. Er beſtand nur darauf, den Namen des Gläubigers, der Sam hatte verhaften laſſen, zu wiſſen; dieſer weigerte ſich jedoch hartnäckig, ihn zu nennen. Das kann Ihnen nichts helfen, Sir,« ſagte er, „Es iſt ein boshafter, ſchlecht denkender, unchriſtlicher, 138 Die Pickwicker. geiziger, rachſüchtiger Barbar mit einem harten Herzen, das durch nichts zu erweichen iſt, wie der fromme geiſt⸗ liche Herr von dem alten waſſerſüchtigen Gentleman ſagte, der ſein Vermögen lieber ſeiner Frau hinterlaſſen, als eine Kapelle davon hauen laſſen wollte.« „Aber bedenken Sie doch, Sam,« fiel Herr Pickwick ein,»die Schuld iſt ſo unbedeutend, daß ſie gar leicht bezahlt werden kann, und Sie würden mir außerdem viel nützlicher ſein können, wenn Sie frei ein⸗ und aus⸗ gehen dürften.« »Bin Ihnen ſehr verbunden, Sir,« verſetzte Sam ernſthaft,»aber ich will's nicht.« »Was wollen Sie nicht, Sam?« »Ich will mich nicht ſo ſehr erniedrigen, um von dem gewiſſenloſen Feind eine Gunſt zu verlangen.« »Aber er erzeigt Ihnen doch keine Gunſt, wenn er ſein Geld annimmt, Sam.« »Bitte um Entſchuldigung, Sir— es würde aber eine ſehr große Gunſt ſein, ihn zu bezahlen, und er verdient es nicht.— Dies iſt meine Meinung von der Sache, Sir.« Da ſich Herr Pickwick etwas verdrießlich die Naſe rieb, ſo hielt Herr Weller es für gerathen, das Geſpräch auf andere Gegenſtände zu lenken. „Ich faſſe meine Entſchlüſſe nach Grundſätzen,« bemerkte er,»und Sie machen es eben ſo, was mich an den Mann erinnert, von dem Sie natürlich gehört haben werden, der ſich aus Grundſatz vom Leben zum Tode brachte.« Er hielt inne, und warf ſeinem Herrn einen pfiffigen Blick aus den Augenwinkeln z.. „»Ich wüßte nicht, daß mir die Geſchichte bekannt wäre,« ſagte Herr Pickwick, der trotz ſeines Verdruſſes ͤ———— Die Pickwicker. 139 über Sams Hartnäckigkeit ſich eines Lächelns nicht er⸗ wehren konnte.»Ich habe noch nie von dem Gentleman gehört.« »Nicht, Sir,« rief Herr Weller aus.»Sie ſetzen mich in Erſtaunen, Sir; er war Schreiber auf einem Regierungsbüreau.« „»Wirklich?« ſagte Herr Pickwick. »Ja wohl, Sir,« fuhr Sam fort,»und er war ein ſehr angenehmer Gentleman— einer von der netten ſaubern Sorte, die ihre Beine bei naſſer Witterung in kleine Gummifeuereimer ſtecken, und niemals andere Buſenfreunde haben, wie von Haſenpelz.— Er ſparte ſein Geld aus Grundſatz, zog alle Tage ein reines Hemd an aus Grundſatz, ſprach niemals mit ſeinen Verwandten aus Grundſat,, weil er fürchtete, daß ſie Geld von ihm borgen möchten, und mit einem Wort, er hatte einen ſehr feſten Charakter. Alle vierzehn Tage ließ er ſein Haar aus Grundſatz ſchneiden, und machte wegen ſeiner Kleider einen Kontrakt nach dem ökonomiſchen Grundſatz, drei Anzüge jährlich und die alten zurückzuſchicken. Da er ein ſehr ordentlicher Gentleman war, ſo ſpeiſte er täglich in demſelben Gaſthauſe, wo für einen Schilling und neun Pence gegeſſen wurde, und dafür ſchlug er immer eine doppelte Portion hinein, wie der Wirth oft mit Thränen im Auge ſagte, ganz zu geſchweigen, wie er im Winter das Feuer anſchürte, wobei alle Tage für gute vier Pence Schaden war, des Verdruſſes noch gar nicht zu gedenken, es ihn thun zu ſehen. Und dabei war er noch ſo erſchrecklich hochfahrend.»Morning⸗Poſt noch dem letzten Herrn,« ſchrie er immer, wenn er hereinkam—»die Times, Thomas«—„daß ich den Morning Herald bekomme, ſobald er zu haben iſt⸗— „vergiß nicht, mir den Chronicle zu beſtellen⸗—»und Die Pickwicker. bringe mir den Advertiſer⸗—»hörſt Du 2« Und dann ſetzte er ſich hin, die Augen auf die Uhr gerichtet, und ſtürzte eine Viertelminute vor der Zeit hinaus, um den Jungen mit dem Abendblatt aufzufangen, welches er immer mit ſo viel Eifer und Beharrlichkeit las, daß die andern Gäſte vor Ungeduld ganz toll und raſend werden wollten, beſonders ein hitziger alter Herr, auf den der Kellner zu ſolchen Zeiten immer ein ſcharfes Auge haben mußte, damit er nicht einmal ein Unglück mit dem Vor⸗ legemeſſer anrichten möchte. So ſaß er denn drei Stunden auf dem beſten Platze, verzehrte nie etwas nach dem Eſſen, ſondern richtete es ſo ein, daß er nur noch etwas ſchlief, ging darauf in ein Kaffeehaus, ein paar Straßen da⸗ von, trank eine Taſſe Kaffee, aß vier Brezeln dazu, und dann ging er nach Hauſe, und legte ſich zu Bett. Eines Abends wurde er ſehr krank, und ſchickte nach dem Doktor. Der Doktor kam in einem grünen Kabriolet mit einer Art Robinſon⸗Cruſve⸗Tritten, die er beim Ausſteigen niederlaſſen, und beim Einſteigen nachziehen konnte, damit der Kutſcher nicht vom Bocke brauchte, und die Leute nicht merkten, daß der Kutſcher bloß einen Liyreerock und keine Livreehoſen dazu an hatte.»Was fehlt Ihnen?2« fragt der Doktor.—»Mir iſt ſehr ſchlimm,« ſagt der Kranke.—»Was haben Sie zuletzt gegeſſen?« fragt der Doktor.—„»Brezeln,« ſagt der Kranke.—»Daher kommt's,« ſagt der Doktor.»Ich will Ihnen gleich eine Schachtel mit Pillen ſchicken, und eſſen Sie nie wieder Brezeln.«—»Was ſoll ich nicht mehr eſſen,« ſagt der Kranke,»Pillen?«—»Nein, Brezeln,« ſagt der Dok⸗ tor.—»Wie?« ſagt der Kranke, und richtet ſich im Bette auf, v»ich habe ſeit funfzehn Jahren alle Nach⸗ mittage vier Brezeln aus Grundſatz gegeſſen.«—»So laſſen Sie ſie in Zukunft aus Grundſatz weg,« ſagt der Die Pickwicker. 141 Doktor.—„»Brezeln ſind geſund, Sir,« ſagt der Kranke. —„»Brezeln ſind nicht geſund, Sir,« fährt ihn der Doktor an.—„»Aber ſie ſind ſo wohlfeil,« ſagt der Kranke,»und ſättigen ſo gut für den Preis.«—»Sie würden um jeden Preis zu theuer für Sie ſein, und wenn ſie auch noch Geld dazu bekämen,« ſagt der Dok⸗ tor.»Hören Sie nicht mit dem Brezelneſſen auf, ſo iſt es in ſechs Monaten aus mit Ihnen.«— Der Kranke ſieht ihm gerade in das Geſicht, beſinnt ſich eine Zeit⸗ lang, und ſagt endlich:»Sind Sie darin Ihrer Sache ganz gewiß, Sir?«—„»Ich ſetze meinen ärztlichen Ruf dafür zum Pfande,« ſagt der Doktor.—»Was glauben Sie, wie viel Brezeln auf ein Mal mich tödten wür⸗ den?« fragt der Kranke.—„»Ich weiß nicht,« ſagt der Doktor.—»Glauben Sie, daß für eine halbe Krone es thäte?« fragt der Kranke.—»Wohl möglich,« ſagt der Doktor.—„»Alſo für drei Schilling Brezeln würden es gewiß thun?« fragt der Kranke.—»Unſtreitig!« ſagt der Doktor.—»Sehr gut,« ſagt der Kranke,»gute Nacht, Sir.«— Am andern Morgen ſteht er auf, läßt ſich für drei Schilling Brezeln holen, ißt ſie alle auf, und ſchießt ſich eine Kugel vor den Kopf.⸗« »Weßhalb that er denn das?« fragte Herr Pickwick, ſehr verwundert über dieſen tragiſchen Schluß der Er⸗ zählung. »Weßhalb er das that, Sir?— Ei, um ſeines Grundſatzes willen, daß Brezeln geſund ſeien, und um zu zeigen, daß er ſich durch Niemand von etwas abbrin⸗ gen ließe.« Mit ähnlichen Anekdoten und Abwechſelungen des Geſprächs wich Sam den Fragen ſeines Herrn aus, und da Herr Pickwick alle Vorſtellungen vergeblich fand, ſo gab er endlich zögernd ſeine Einwilligung, daß Sam —— ͦ — ꝗů qÿ— Die Pickwicker. ſich bei einem kahlköpfigen Schuhflicker einquartierte, der an einem der obern Gänge eine kleine Stube bewohnte. In dieſes beſcheidene Gemach brachte Herr Weller eine Matratze, und eine Bettſtelle, die er von Herrn Roker gemiethet hatte, und als er ſich niederlegte, fühlte er ſich ſo heimiſch, als wenn er im Gefängniß geboren wäre, und ſeine ganze Familie ſeit drei Generationen darin vegetirt hätte. »Schmauchen Sie immer, nachdem Sie ſich ſchon zu Bett gelegt haben, alter Burſche?« fragte er ſeinen Stubengefährten, als ſich beide zur Ruhe begeben hatten. „Recht gerathen, junger Knabe,« war die Antwort. »Erlauben Sie mir, zu fragen, weßhalb Sie Ihr Bett unter dem Tiſch arrangiren?« ſagte Sam. »Weil ich, ehe ich hierher kam, immer in einem Himmelbett mit vier Pfoſten ſchlief; die Tiſchbeine lei⸗ ſten mir dieſelben Dienſte,« erwiederte der Schuhflicker. Dieſes kurze Geſpräch fand Statt, als Herr Weller auf ſeiner Matratze an dem einen Ende des Zimmers lag, und der Schuhflicker auf der ſeinigen am andern; das Gemach war durch ein dünnes Talglicht erleuchtet, und die Pfeife des Schuhflickers glühte unter dem Tiſch wie eine brennende Kohle. Die Unterhaltung, ſo kurz ſie geweſen war, nahm Sam nicht wenig für ſeinen Stubenkameraden ein, und er betrachtete ihn jetzt ge⸗ nauer, als er bisher Zeit oder Neigung dazu gehabt hatte. Sein Geſicht war von erdfahler Farbe(alle Schuh⸗ flicker haben einen ſolchen Teint), und der Bart ſtark und ſtruppig(wie bei allen Schuhflickern); in ſeinen Zügen ſprach ſich Gutmüthigkeit aus, und einſt mochte viel Munterkeit und Laune darin gelegen haben, denn ———————. Die Pickwickher. 143 die Augen funkelten ſogar jetzt noch. Er konnte über ſechszig Jahr alt ſein, und war wer weiß wie lange im Gefängniß, ſo daß ſeine noch leidlich zufriedene Gemüths⸗ ſtimmung nicht wenig auffallen mußte. Er war ein kleiner Mann, hatte eine große rothe Pfeife im Munde, und ſtarrte, wie es ſchien, in einem Zuſtande beneidens⸗ werther Seelenruhe in das Licht. »Sind Sie ſchon lange hier?« fragte Sam, das Stillſchweigen unterbrechend. »Seit zwölf Jahren,« erwiederte der Schuhflicker auf die Spitze ſeiner Pfeife beißend. „»Ungehorſam gegen den Gerichtshof?« fragte Sam. Der Schuhflicker nickte bejahend. »Warum ſind Sie denn aber ſo hartnäckig, Ihr koſtbares Leben in dieſem vergrößerten Pfandſtall hier zu vergeuden?— Weßhalb geben Sie nicht nach, und ſagen dem Lord⸗Kanzler, es thäte Ihnen ſehr leid, ſeinem Ge⸗ richtshof ungehorſam geweſen zu ſein, und Sie wollten es nicht wieder thun?« Deer Schuhflicker nahm ſeine Pfeife in die Ecke des Mundes, und lächelte, und dann brachte er ſie wieder an die alte Stelle, und ſagte nichts. „Weßhalb thun Sie es nicht?« fragte Sam nochmals. »Ah, Sie verſtehen ſich auf dieſe Sache nicht,« ſagte der Schuhflicker endlich.»Was meinen Sie, das mich zu Grunde gerichtet hat?« »Nun,« ſagte Sam, das Licht putzend,»der Anfang wird wohl geweſen ſein, daß Sie in Schulden gerathen ſind.« »Ich war nie Jemanden was ſchuldig,“ verſetzte der Schuhflicker,»rathen Sie weiter.« „»So haben Sie vielleicht Häuſer gekauft, was zier⸗ —-—— Die Pickwicker. liches Engliſch iſt für verrückt werden, oder gebaut, was ein mediziniſcher Ausdruck für unheilbar ſein iſt.« Der Schuhflicker ſchüttelte den Kopf, und ſagte: „Immer noch nicht gerathen.« „Oder haben Sie vielleicht Prozeſſe gehabt?« »Nie in meinem Leben,« erwiederte der Schuhflicker. »Die Sache iſt, ich bin dadurch zu Grund gerichtet, daß mir Geld vermacht wurde.« »Was Sie ſagen!— Ich wünſchte wohl, daß irgend ein reicher Feind mich auf dieſe Manier zu Grunde zu richten ſuchte, ich würde ihn ruhig gewähren laſſen.« »Ah, Sie glauben mir wohl nicht?« entgegnete der Schuhflicker, ruhig ſeine Pfeife fort ſchmauchend.»Es iſt aber doch vollkommen wahr.« „Wie kam's denn aber?« fragte Sam. »Ich will es Ihnen erzählen.— Ich arbeitete für einen alten Herrn auf dem Lande, und heirathete eine arme Verwandte von ihm— ſie iſt todt, Gott ſei ihr gnädig und dafür geprieſen! Der Schlag rührte den alten Herrn und er ging ab.«⸗ »Wohin denn?« fragte Sam, der nach den zahl⸗ reichen Ereigniſſen des Tages ſchläfrig zu werden begann. „»Wie kann ich das wiſſen?« erwiederte der Schuh⸗ flicker, der ſich des Rauchens ſo ſehr erfreute, daß er durch die Naſe ſprach.»Er ſtarb.⸗« »Ah, alſo das meinten Sie?« fiel Sam ein.»Nun, und weiter?« »Er hinterließ fünftauſend Pfund,« ſagte der Schuh⸗ flicker. »Welches ſehr gentil von ihm war,« bemerkte Sam. „»Und mir vermachte er eintauſend davon, weil ich eine Verwandte geheirathet hatte.« „Sehr gut,« murmelte Sam. ———— as Die Pickwicker. 145 „»Da er eine Menge Neffen und Nichten hatte, die ſich in einem fort wegen ſeines Vermögens zankten und biſſen, ernannte er mich zu ſeinem Teſtamentsexekutor, und hinterließ mir die andern viertauſend Pfund auf Treu und Glauben, um ſie unter die Erben zu vertheilen.« »Was wollen Sie damit ſagen, auf Treu und Glauben?« fragte Sam, ſchon halb im Schlafe. »Es iſt ein Ausdruck bei den Rechtsgelehrten,« ent⸗ gegnete der Schuhflicker. 5 »Das kann ich mir kaum denken,« ſagte Sam kopf⸗ ſchüttelnd.»Bei den Herren iſt wenig Treu und Glauben zu finden. Doch fahren Sie fort.⸗ »Als ich den Beſtätigungsſchein ausfertigen laſſen wollte, wirkten die Neffen und Nichten, die ſehr böſe waren, das ſie nicht das ganze Vermögen erhielten, ein Caveat aus.« »Was iſt denn dieſes?« fragte Sam. »Ein Rechtsinſtrument, das ungefähr ſo viel bedeutet, als: Es gilt nicht, iſt nichts damit,« verſetzte der Schuhflicker. »Verſtehe ſchon,« ſagte Sam,»ſo eine Art Schwager vom Habeas⸗Korpus.« »Da ſie ſich aber,« fuhr der Schuhflicker fort, nicht untereinander vereinigen und folglich das Teſtament nicht umſtoßen konnten, nahmen ſie das Caveat wieder zurück, und ich zahlte ſämmtliche Legate aus.« »Kaum war es geſchehen, als einer der Neffen das ganze Teſtament angriff. Der Prozeß ging nach ein paar Monaten vor dem alten tauben Herrn in dem Hinter⸗ zimmer nicht weit vom Paulskirchhofe los, und nachdem ihm vier Anwälde ein jeder einen Tag lang viel zu ſchaffen gemacht hatten, überlegte er ſich die Sache ein paar Wochen, las ſechs Aktenſtöße durch, und ſprach endlich das Urtheil, Die Pickwicker. V. 10 8— —ꝛ—· Thür vernahm. Er hatte kaum»herein!« gerufen, als 146 Die Pickwicker. daß ich alles Geld, und außerdem die Koſten zuruͤckzahlen müßte, weil der Erblaſſer nicht recht im Kopf geweſen wäre.— Ich appellirte; die Sache kam nunmehr vor drei oder vier ſchläfrige Herren, die alles ſchon in dem andern Gerichtshof gehört hatten, wo ſie nichts zu thun haben, denn der einzige Unterſchied iſt, daß ſie da Doktors und an dem andern Ort Delegaten heißen, wenn Sie das verſtehen, und ſie beſtätigten ohne weiteres das Ur⸗ theil des alten Herrn. Hierauf kamen wir mit der Sache in die Kanzlei, wo wir noch immer ſind, und ewig ſein werden. Meine Advokaten haben längſt meine ganzen tauſend Pfund; die Koſten ſind angelaufen bis auf zehntauſend Pfund; und wegen dieſer Schuld bin ich nunmehr hier und bleibe hier, und flicke Schuhe bis an meinen ſanftſeligen Tod.— Einige Herren ſprachen davon, ſie wollten die Sache vors Parlament bringen, und hätten's auch wohl gethan, nur hatten ſie keine Zeit, zu mir zu kommen, und ich durfte nicht zu ihnen gehen, und ſo ſind ſie meiner langen Briefe müde geworden, und haben die Sache aufgegeben. Und dies Alles iſt, ſo gewiß ein Gott im Himmel lebt, die reine Wahrheit ohne alle Zu⸗ that oder Uebertreibung, wie es mir wenigſtens funfzig Perſonen in und außerhalb dem Fleet bezeugen können.« Der Schuhflicker hielt inne, um zu ſehen, welchen Eindruck ſeine Geſchichte auf Sam gemacht hätte, da er aber bemerkte, daß ſein Stubenkamerad eingeſchlafen war, ſo klopfte er die Aſche aus ſeiner Pfeife, zog ſeufzend die Bettdecke über die Ohren, und ſchlief gleichfalls ein. Sam war am andern Morgen mit dem Reinigen der Schuhe und Kamaſchen ſeines Herrn im Zimmer des Schuhflickers beſchäftigt, und Herr Pickwick ſaß allein bei ſeinem Frühſtuͤck, als der Letztere ein Klopfen an ſeiner ₰ O 10 25. Die Pickwicker. 147 ein Kopf mit einer Sammtkappe erſchien, welche beide er ſofort als das perſönliche Eigenthum des Herrn Smangle erkannte. »„Wie befinden Sie ſich,« ſagte dieſer, die Frage mit freundlichem Kopfnicken begleitend,»erwarten Sie heute morgen Beſuch, mein theuerſter Sir? Unten haben drei Herren— ſehr gentile Burſche— nach Ihnen gefragt, und an alle Thüren geklopft, wofür ſie von allen Kolle⸗ gianern, die die Mühe davon hatten, aufzumachen, teufel⸗ mäßig angefahren wurden.« »O Himmel, wie thöricht die ſich benehmen,« erwie⸗ derte Herr Pickwick.»Es ſind ohne Zweifel die Freunde, die ich ſchon geſtern erwartete.« »Freunde von Ihnen?« rief Smangle aus, Herrn Pickwicks Hand ergreifend;»ſagen Sie nichts mehr.— Ich bin verdammt, wenn Sie von dieſem Augenblick an nicht auch meine Freunde und Mivins Freunde ſind. Nicht wahr, der Mivins iſt ein verflucht angenehmer Burſch?« „»Ich kenne den Herrn ſo wenig,« ſagte Herr Pick⸗ wick zögernd, daß ich—« „»Ich weiß,« ſiel Smangle ein, Herrn Pickwick auf die Schultern klopfend;»Sollen ihn genauer kennen lernen. Er wird Sie entzücken.— Dieſer junge Mann, Sir,« ſagte Smangle in feierlichem Ton,»hat ein komi⸗ ſches Talent, das ſelbſt dem Drury⸗Lane⸗Theater Ehre machen würde.« „Wirklich?« entgegnete Herr Pickwick. »Ja, Sie ſollten ihn nur hören, ſein Katzen⸗Conzert. Man muß ihm gut werden, wenn man ſolche Eigenſchaften. an ihm kennen lernt. Er hat nur einen Fehler— Sie wiſſen,— ich machte Sie ſchon darauf aufmerkſam.⸗ Da Herr Smangle ihn bei dieſer vertraulichen 10 † 148 Die Pickwicker. Mittheilung ſtarr anblickte, ſo fühlte Herr Pickwick, daß eine Antwort von ihm erwartet werde, er ſagte daher „Ah,« und blickte ungeduldig nach der Thür. „Ah,« wiederholte Smangle mit einem langen Seufzer. „Es iſt ein vortrefflicher Geſellſchafter, Sir, aber er hat dieſe eine kleine Schwäche.— Wenn der Geiſt ſeines Großvaters in dieſem Augenblick vor ihm erſchiene, ſo würde er ihn ſofort um ein Anlehn anſprechen.« „»Sehr ſeltſam!« rief Herr Pickwick aus. „Ja,« fügte Herr Smangle hinzu,»und wenn er den Geiſt wieder vor ſich eitiren könnte, ſo würde er die Anleihe verlängern und erneuern.« »Das ſind aͤußerſt merkwürdige Charakterzüge,« ſagte Herr Pickwick,»vaber ich beſorge wirklich, daß während wir hier ſprechen, meine Freunde mich nicht auffinden können.« »Ah, ich will Ihnen den Weg zeigen,« verſetzte Smangle.»Guten Morgen, mein theurer Sir— Ich werde Sie natürlich nicht ſtören, ſo lange Ihre Freunde hier ſind— Doch a propos.« Smangle machte bei dieſen Worten die Stubenthür, die er ſchon halb geöffnet hatte, wieder zu, trippelte auf den Zehen dicht an Herrn Pickwick heran,« und ſagte flüſterud: »Sollte es Ihnen nicht möglich ſein, mir bis Ende nächſter Woche eine halbe Krone zu leihen2« 8 Herr Pickwick konnte kaum ein Lächeln zurückdraäͤngen, bemühte ſich jedoch, ernſthaft zu bleiben, und gab Smangle das Verlangte, worauf derſelbe mit vielem geheimnißvollen Kopfnicken und Zublinzeln die drei Pickwicker aufſuchte, mit denen er gleich zurückkehrte, und nachdem er dreimal gehuſtet und eben ſo oft gewinkt und geblinzelt hatte, zum Zeichen, daß er nicht vergeſſen würde zu kezalen. entfernte er ſich.. 1 & & Die Pickwicker. 149 »Meine theuren Frennde,« ſagte Herr Pickwick, die Herren Tupman, Winkle und Snodgraß begrüßend,»es freut mich ſehr, Sie bei mir zu ſehen.« Sie waren ſehr ergriffen. Herr Tupman ſchüttelte jammervoll den Kopf; Herr Snodgraß hielt mit unver⸗ hehlter Bewegung ſein Taſchentuch vor die Augen, und Herr Winkle trat ans Fenſter und ſchluchzte. »Guten Morgen, Gentlemen,« ſagte Sam, der mit den Schuhen und Kamaſchen ſeines Herrn erſchien. Zum Teufel die Traurigkeit, wie der kleine Knabe ſagte, als ſein Schulmeiſter ſtarb.— Willkommen im Kollegium, Gentlemen.« »Dieſer thörichte Menſch,« ſagte Herr Pickwick, indem er Sam auf den Kopf Llopfte, als dieſer nieder⸗ knieete, um ſeinem Herrn die Kamaſchen zuzuknöpfen; sder thörichte Menſch hat ſich gefangen ſetzen laſſen, um in meiner Nähe zu bleiben.« „»Wie?« riefen die drei Pickwicker aus. »Ja, meine Herren,« ſagte Sam, v»ich bin ein— ſtehen Sie gefälligſt feſt, Sir— ich bin ein Gefangener, und will es bleiben.⸗ »Ein Gefangener?« rief Herr Winkle mit auffallen⸗ der Heftigkeit aus. „»Hallo, Sir, was giebt's denn?« xief Sam empor⸗ blicknnd. »Ich hatte gehofft, Sam, daß— nein nichts, nichts,⸗ ſagte Herr Winkle ſehr verſtört.. Es lag etwas ſo Ungewöhnliches in ſeinem Beneh⸗ men, daß Herr Pickwick die beiden andern Freunde mit verwunderter fragender Miene anſah. »Wir wiſſen nichts,« erwiederte Herr Tupman auf die ſtumme Frage.»Er war ſeit zwei Tagen ſehr guf⸗ 150 Die Pickwicker. geregt, und wir beſorgten, daß etwas Beſonderes vor⸗ gefallen ſein müſſe, doch er ſtellt es entſchieden in Abrede. ⸗ »Nein, nein,« nahm Herr Winkle das Wort, er⸗ bleichte jedoch vor Herrn Pickwicks Blicken; ves iſt wirklich nichts; ich verſichere Sie; nichts von Bedeu⸗ tung, mein verehrter Freund.— Ich muß die Stadt auf eine kurze Zeit in Privat⸗Angelegenheiten verlaſſen, und hatte gehofft, daß Sie Sam erlauben würden, mich zu begleiten.« Herr Pickwick ſah noch erſtaunter aus, als zuvor. »Ich glaube,« fuhr Herr Winkle ſtotternd fort,»daß Sam nicht ungern mit mir gegangen ſein würde, doch da er hier gefangen iſt, kann es natürlich nicht ſein, und ich muß ohne ihn abreiſen.« Wäͤhrend Herr Winkle ſo ſprach, fühlte Herr Pick⸗ wick, daß Sams Finger beim Zuknöpfen der Kamaſchen etwas zitterte, als wenn er überraſcht oder erſchrocken wäre. Sam blickte überdem zu Winkle empor, und ob⸗ gleich ſie nur einen flüchtigen Blick wechſelten, ſo ſchienen ſie doch einander zu verſtehen. »Wiſſen Sie etwas von der Sache, Sam?« fragte Herr Pickwick in ſcharfem forſchendem Ton. »Nein, Sir,« erwiederte Sam, und fuhr fort, mit verdoppeltem Eifer zuzuknöpfen. „Ganz gewiß nicht, Sam?« »Ich habe bis dieſen Augenblick nichts von der Sache gehört, Sir, und wenn ich meine Vermuthungen darüber habe«— er ſah Herrn Winkle bei dieſen Wor⸗ ten an—»ſo ſteht es mir doch nicht zu, ſie auszu⸗ ſchwatzen, weil ich mich ja ſo leicht irren könnte.« »Und ich habe kein Recht,« ſagte Herr Pickwick nach kurzem Stillſchweigen,»in die Geheimniſſe eines, wenn auch noch ſo vertrauten Freundes, mich einzudrän⸗ Die Pickwicker. 151 gen, und kann daher bis jetzt nur ſagen, daß mir alles dieſes unerklärlich iſt.« Herr Pickwick lenkte nun die Unterhaltung auf an⸗ dere Gegenſtände, und Herr Winkle ſchien allmählig unbefangener zu werden. Die Freunde hatten ſich ein⸗ ander ſo viel zu ſagen, daß ihnen der Morgen ſehr ſchnell verging, und als Sam um drei Uhr eine große Hammel⸗ keule und eine koloſſale Paſtete mit Zuſpeiſen und Porter⸗ krügen auftrug, ließen ſie alle ſich es wohl munden, unerachtet die Gerichte in der Gefängnißküche zubereitet waren. 3 Hierauf folgten einige Flaſchen ſehr guten Wein, den Hery Pickwick aus dem Horn⸗Kaffeehauſe holen ließ, und als der Thee getrunken war, ertönte die Glocke, die den Beſuchern das Zeichen giebt, ſich zu entfernen. War Herrn Winkles Benehmen am Vormittag ſchon räthſelhaft genug geweſen, ſo wurde es vollkommen unerklärlich, als er ſich anſchickte, von ſeinem Freunde Abſchied zu nehmen. Er zögerte, bis Herr Tupman und Herr Snodgraß ſchon im Gange waren, preßte Herrn Pickwicks Hand mit leidenſchaftlicher Gluth; ſeine Hal⸗ tung wurde feierlich und geiſterhaft, und ſeine Mienen drückten zugleich einen großen, feſten Entſchluß und die düſterſte innere Bewegung aus. »Gute Nacht, mein theurer Freund,« murmelte er durch die Zähne. „»Leben Sie wohl, mein Beſter,« entgegnete der warmherzige Pickwick, den Händedruck ſeines jungen Freundes mit Innigkeit erwiedernd. »Winkle!« rief Herr Tupman von draußen. »Ja ja, gleich!« rief Herr Winkle zurück.»Gute Nacht!« »Gute Nacht!« wiederholte Herr Pickwick. Die Pickwicker. Winkle hörte nicht auf, noch und noch ein Mal, und noch ein halbes Dutzend Mal gute Nacht zu ſagen, hielt dabei des Freundes Hand fortwährend feſt, und blickte ihn auf dieſelbe unerklärliche Weiſe an. »Iſt denn etwas vorgefallen?« fragte endlich Herr Pickwick, dem die Hand anfing, wehe zu thun. „Nein,« erwiederte Herr Winkle. »Nun denn, gute Nacht,« ſagte Herr Pickwick, und ſuchte ſeine Hand loszumachen. »Mein Freund, mein Wohlthäter, mein verehrter Gefährte,« murmelte Winkle, Herrn Pickwicks Hand noch feſter drückend;»urtheilen Sie nicht hart über mich, wenn ich, gedrängt und fortgeriſſen durch gebieteriſche Umſtände—« »Kommen Sie doch, Winkle, ſonſt wird man uns einſchließen,« rief Herr Tupman in das Zimmer hinein. »Ja ja, ich komme,« ſagte Winkle, und entfernte ſich plötzlich. Als ihm Herr Pickwick auf dem Gange in ſtummem Erſtaunen nachſah, erſchien Sam Weller oben an der Treppe, und flüſterte Herrn Winkle etwas in das Ohr. »Ja ja, verlaſſen Sie ſich auf mich,« ſagte Winkle laut. »Danke, Sir.— Vergeſſen Sie es aber auch nicht,« ſagte Sam.— »Gewiß nicht,« entgegnete Winkle. »Ich wünſche Ihnen Glück, Sir,« ſagte Sam. »Ich möchte gerne mit dabei ſein, Lber der Prinzipal geht natürlich vor.« »Es macht Ihnen ſehr viel Ehre, daß Sie bei ihm bleiben,« ſagte Winkle, und eilte ſeinen Freunden nach. »Höchſt auffallend,« ſagte Herr Pickwick für ſich, nachdem er in ſein Zimmer zuruckgekehrt war, und ſich Die Pickwicker. 153 nachdenklich niedergeſetzt hatte.»Was in aller Welt kann der junge Mann vor haben?« Er hatte einige Zeit darüber nachgedacht, als Roker, der Schließer, von Außen fragte, ob er eintreten dürfe. „»Gewiß!« erwiederte Herr Pickwick. »Ich bringe Ihnen ein weicheres Kopfkiſſen mit,⸗ ſagte Roker. »Danke recht ſehr,« entgegnete Herr Pickwick. „Wollen Sie ein Glas Wein trinken.« »Sie ſind ſehr gütig,« ſagte Herr Roker, das dar⸗ gebotene Glas annehmend.»Ihre Geſundheit, Sir.⸗ „»Ich danke Ihnen.« »Es thut mir leid, ſagen zu müſſen,« begann Roker wieder, nachdem er das Glas niedergeſetzt hatte,»daß Ihr Vermiether heute Abend ſehr unwohl iſt, Sir.« »Wie, der Kanzleigefangene?« rief Herr Pickwick aus. »Es wird nicht mehr lange ein Kanzleigefangener ſein,« entgegnete Roker, ſeinen Hut in der Hand drehend. »Sie erſchrecken mich,« ſagte Herr Pickwick. »Er iſt ſchon ſeit langer Zeit ſchwindſüchtig gewe⸗ ſen,« fuhr Roker fort,»und ſein Athem wird immer kürzer. Der Doktor hat ſchon vor ſechs Monaten ge⸗ agt, daß nur Veränderung der Luft ihn retten könnte.⸗ »Gerechter Himmel!« rief Herr Pickwick aus,»der Mann wird alſo ſeit ſechs Monaten langſam durch das Geſetz gemordet.« „Das ſind Dinge, wovon ich nichts verſtehe,« ſagte der Schließer, ſeinen Hut in beiden Händen wiegend. »Ich denke mir aber, es würde überall nicht beſſer mit ihm geworden ſein.— Er ging heute Morgen ins La⸗ zareth; der Doktor ſagte, er bedürfe Stärkung, und der Vorſteher hat ihm Wein, Fleiſchbrühe, und was ſonſt Die Pickwicker. dazu gehört, aus ſeinem eigenen Hauſe geſchickt.— Es iſt des Vorſtehers Schuld nicht, wie Sie wiſſen, Sir.« „»Natürlich nicht,« fiel Herr Pickwick ein. »Ich beſorge indeß,« fuhr Roker kopfſchüttelnd fort, »daß es mit ihm vorbei iſt.— Ich wollte eben erſt mit Naddy zwei Glas Branntwein gegen eins auf ihn wetten, aber er ging nicht darauf ein, was ich ihm auch nicht verdenken konnte.— Gute Nacht, Sir!« »Bleiben Sie noch einen Augenblick,« ſagte Herr Pickwick ſehr ergriffen.»Wo iſt das Lazareth?« »Gerade über dem Zimmer, in welchem Sie die erſte Nacht ſchliefen, Sir,« antwortete Roker.»Wenn Sie wollen, will ich Sie hinaufführen.« Herr Pickwick drückte raſch, ohne etwas zu ſagen, den Hut auf den Kopf, und folgte dem Schließer, der ſchweigend voranging, leiſe die Thür des Krankenzimmers öffnete, und Herrn Pickwick winkte, einzutreten. Es war ein großes Gemach mit nackten Wänden, und einer An⸗ zahl von Betten, auf deren einem die bleiche geſpenſtige Schattengeſtalt eines Mannes lag. Er athmete tief und ſchwer und unter ſchmerzlichem Stöhnen und Aechzen. An dem Bette ſaß ein kleiner alter Mann mit einer Schuhflickerſchürze, und las mit Hülfe einer Hornbrille laut aus der Bibel vor. Es war der unglückliche Erbe und Teſtamentsvollzieher. Der Kranke legte ſeine Hand auf des Vorleſers Arm, und winkte ihm, inne zu halten. Der Schuhflicker legte die Bibel auf das Bett. »Seid ſo gut, das Fenſter zu öffnen,« ſagte der Kranke mit ſchwacher Stimme. Der Schuhflicker that es, und das ferne ſummende ineinander fließende Geräuſch von rollenden Wagen und einer ſo großen Menge thätiger und geſchäftiger Men⸗ Q d9=—= 9= SV Die Pickwicker. 155 ſchen drang in das Zimmer. Zwiſchen dem Getöſe unterſchied man bisweilen ein ſchallendes Gelächter oder die Töne eines muntern Liedes, die ſich dann wieder in dem allgemeinen Lärmen verloren— dem Branden des draußen raſtlos wogenden Lebensmeeres. Dieſe Töne erregen zu jeder Zeit eine wehmüthige Stimmung in dem ruhigen Zuhörer, aber um wie viel mehr in dem, der an einem Sterbebette wacht. „»Es iſt keine Luft hier,« flüſterte der Kranke.»Sie wird hier verpeſtet.— Sie war friſch, als ich vor Jahren ſie im Freien athmete, aber ſie wird ſchwül und drückend, wenn ſie in dieſe Mauern eindringt.— Ich kann ſie nicht athmen.« »Wir haben ſie eine lange Zeit miteinander geath⸗ met,« ſagte der alte Mann.»Nur den Muth nicht verloren.« Es trat ein kurzes Stillſchweigen ein, während deſſen Herr Pickwick und der Schließer ſich dem Bett näherten. Der Kranke zog die Hand ſeines alten Kerker⸗ gefährten zu ſich, und drückte ſie gerührt. »Ich hoffe,« flüſterte er endlich, ſo leiſe, daß man die aus ſeinen kalten blauen Lippen hervordringenden Worte kaum vernehmen konnte, v»ich hoffe, daß mein gnädiger Richter meiner ſchweren Beſtrafung auf Erden gedenken wird.— Zwanzig Jahre, mein Freund, zwan⸗ zig Jahre in dieſem ſchrecklichen Grabe. Mir brach das Herz, als mein Kind geſtorben war, und ich es nicht ein Mal küſſen konnte in ſeinem kleinen Sarge. O, meine Verlaſſenheit ſeit der Stunde mitten unter ſo viel wüſtem Lärm war entſetzlich! Möge Gott mir vergeben! Er hat meinen einſamen, ſchmerzvollen, langſamen Tod ge⸗ ſehen!« Er faltete die Hände, murmelte noch einige unver⸗ 156 Die Pickwicke r. ſtändliche Worte, ſank in einen Schlummer— ja es war anfangs nur ein Schlummer, denn die Umſtehenden ſahen ihn noch lächeln. Sie flüſterten ein Weilchen mit einander; der Schließer beugte ſich über das Kiſſen, und richtete ſich haſtig wieder empor:»„Bei Gott, er hat ſeine Freiheit erlangt,« rief er aus. Es war ſo.— Doch er ſah ſchon im Leben einem Todten ſo ähnlich, daß man den Augenblick ſeines Ster⸗ bens nicht unterſcheiden konnte. Sechsundvierzigſtes Kapitel. In welchem Herr Samuel Weller eine rührende Familienſcene erlebt, Herr Pickwick eine Wanderung durch die von ihm bewohnte Diminutivwelt anſtellt, und den Beſchluß faßt, ſich in Zukunft ihr ſo fern als möglich zu halten. Herr Samuel Weller hatte bereits einige Tage im Gefängniß zugebracht, als eines Morgens, nachdem er ſeinen Herrn mit möglichſtem Eifer bedient hatte, und derſelbe komfortabel bei ſeinen Büchern und Papieren ſaß, hinausging, um ſich in den nächſten paar Stunden die Zeit, ſo gut er vermochte, zu vertreiben. Es war ein ſchöner Morgen, und es fiel Sam ein, daß es nicht übel ſein möchte, wenn er ein Maaß Porter unter freiem Himmel zu ſich nehme. Nachdem er dieſen Beſchluß gefaßt, begab er ſich in das Schenkſtübchen, kaufte das Bier, erhielt die vorgeſtrige Zeitung mit in den Kauf, ſchlenderte nach der Kegelbahn, Die Pickwicker. 157 ſetzte ſich auf eine Bank, und begann, ſich auf ſehr ſolide und methodiſche Weiſe zu vergnügen. Zuvörderſt that er einen erquickenden Zug aus der Bierkanne, blickte ſodann nach einem Fenſter hinauf, an welchem eine junge Dame Kartoffeln ſchälte, und be⸗ grüßte dieſelbe durch ein platoniſches Blinzeln. Dann nahm er das Zeitungsblatt, und faltete es ſo, daß die Polizeiberichte außerhalb waren, und da dies eine etwas verdrießliche und ſchwierige Aufgabe iſt, ſo that er einen zweiten Zug aus der Bierkanne, als er ſie vollendet hatte. Er las jetzt zwei Zeilen, und hielt wieder inne, um zwei Ballſpielern zuzuſchauen, denen er laut»Bravo!« zurief, und nach den übrigen Zuſchauern hinblickte, um zu ſehen, ob ihre Anſichten mit den ſeinigen übereinſtimmten. Hier⸗ bei mußte er wieder nach dem Fenſter emporſchauen, und da die junge Dame noch immer in ihrem Geſchäft be⸗ griffen war, ſo gebot ſchon die Höflichkeit, ihr abermals zuzublinzeln, und ihre Geſundheit, wenn auch nur ſtumm, zu trinken, was Sam that. Nachdem er endlich einen kleinen Knaben, der dieſe telegraphiſchen Unterhaltungen beobachtet hatte, ſchreckliche Zornblicke zugeworfen, ſchlug er ein Bein über das andere, hielt das Zeitungsblatt mit beiden Händen vor die Augen, und begann jetzt in vollem Ernſt an zu leſen.— Er hatte ſich jedoch kaum in die nöthige Faſſung derſetzt, als er ſeinen Namen in einem entfernten Gange rufen zu hören glaubte. Er irrte ſich nicht, denn gleich darauf ertönte von Mund zu Munde der Ruf: „Weller! Weller!« „»Hier!« ſchrie er mit Stentorſtimme.»Was giebts? Wer will was von ihm?— Iſt ein Expreſſer da, um ihm zu melden, daß ſein Landhaus in Feuer ſteht?« 158 Die Pickwicker. »Es ſucht Sie Jemand drinnen,“« ſagte ein in ſeiner Nähe ſtehender Mann. »Sehen Sie doch einen Augenblick nach dieſer Zei⸗ tung, und der Bierkanne, alter Knabe,« ſagte Sam,»ich komme ſchon.— Pot tauſend, ſie könnten nicht mehr Lärm machen, wenn ſie mich vor die Gerichtsſchranken riefen.« Indem er dieſe Worte mit einem freundlichen Schlag auf den Kopf des vorhin erwähnten Knaben begleitete, der ohne zu wiſſen, daß er dem Gerufenen ſo nahe war, ebenfalls aus Leibeskräften:»Weller!« ſchrie, eilte Sam hinein, und erblickte ſogleich ſeinen geliebten Vater, der mit dem Hut in der Hand auf der unterſten Treppen⸗ ſtufe ſaß, und in kurzen Intervallen mit aller Macht „Weller! Weller!« rief. »Was brüllſt Du denn?« rief ihm Sam zu,»und erhitzeſt Dich dabei ſp, daß Du gerade wie ein wahnſin⸗ niger Glasglaſer ausſiehſt.— Was giebt's denn?2« »Aha,« entgegnete der alte Herr,»ich fing ſchon an zu beſorgen, Sammy, Du hätteſt einen kleinen Spazier⸗ gang nach dem Regentspark gemacht.« »Keine Beleidigungen noch obenein gegen das Opfer des Geizes,« ſagte Sam,»und wozu ſitzeſt Du da auf der Treppe?— Komm mit mir!« „»Sammy! Sammyl« rief Weller Senior, ſich müh⸗ ſam erhebend,»ich habe einen Hauptſpaß für Dich.«⸗ »Wart mal, Du biſt hinten ganz weiß,« ſiel Sam ein. „Recht Sammy, reib's herunter,« ſagte Herr Weller, während ſein Sohn ihn abſtäubte.»Es möchte ver⸗ dächtig ausſehen, wenn Jemand hier mit etwas weiß gemachtem auf den Kleidern umherginge.« Da der Alte jetzt unzweideutige Symptome eines ei⸗ ich hr ten N Die Pickwicker. 159 bevorſtehenden Gelächters zu erkennen gab, ſo ſagte Sam, um vorzubeugen: »Halt Dich doch ruhig, alter Lachpeter. Was haſt Du denn ſchon wieder, worüber Du berſten willſt.« »Sammy,“ erwiederte Weller Senior, ſich die Stirn abwiſchend,»ich beſorge, ich werde nächſtens ſo lachen müſſen, daß mich der Schlag rührt, mein Junge.“« »Wenn dieſes iſt, warum lachſt Du denn?« ſagte Sam.„»Aber heraus damit, was haſt Du zu ſagen.« »Was meinſt Du wohl, wer mit mir hierher ge⸗ kommen iſt,« erwiederte Weller Senior, indem er ein paar Schritte zurücktrat, und den Mund und die Augen weit aufſperrte. „»Pell?« fragte Sam. Herr Weller Senior ſchüttelte den Kopf, und ſeine aufſchwellend rothen Wangen verkündeten, wie ſehr er. ſich bemühte, ein lautes Gelächter zurückzuhalten. »Einer von Deinen Kollegen vielleicht?« fragte Sam. Herr Weller Senior ſchüttelte abermals den Kopf. »Nun, ſo komm doch endlich mit der Sprache her⸗ aus, Alter,« ſagte Sam. „»Deine Stiefmama,« erwiederte Weller Senior, und es war ein Glück, daß er es ſagte, denn ſeine Wangen hätten ſonſt von der unnatürlichen Ausdehnung platzen müſſen.»Deine Stiefmama, Sammy, und der Roth⸗ naſige. Ho! ho! ho!« Er gerieth in ein krampfhaftes Gelächter, und Sam ſah ihn mit einem ſchalkhaften Blinzeln an, das allmählig alle ſeine Züge erheiterte. »Sie ſind hieher gekommen, Sammy, um Dir ins Gewiſſen zu reden,« fuhr der Alte, ſich die Thränen aus den Augen wiſchend, fort.»Sag' ja kein Wort von dem unnatürlich grauſamen Gläubiger, Sam.« 160 Die Pickwicker. »Sie wiſſen alſo noch nicht, wer es iſt?« fragte Sam. »Kein Sterbenswörtchen,« verſetzte ſein Vater. »Wo ſind ſie denn?« fragte Sam mit dem Alten um die Wette lachend. 9 »In der Reſtauration,« entgegnete Weller Senior. »Du kannſt Dir wohl denken, Sammy, daß der Roth⸗ naſige an keinen andern Ort hingeht, als wo es was zu trinken giebt.— Wir hatten eine ſehr angenehme Fahrt vom Marquis her; Sammy,« ſagte Weller Senior, als es ihm wieder möglich war, zuſammenhängend zu ſprechend.„Ich fuhr mit dem alten Schecken in dem kleinen Karren, den Deine Mutter mit ins Geſchäft gebracht hat. Es wurde ein Lehnſtuhl für den Schäfer hineingeſetzt, und meiner Seele,« fügte der Alte mit einer Miene tiefer Entrüſtung hinzu,»ſie brachten eine Trepp⸗ leiter zum Einſteigen für ihn auf die Straße heraus.« »Es iſt nicht möglich!« fiel Sam ein. »Es war aber ſo, Sammy,« fuhr ſein Vater fort, „und ich wollte, Du hätteſt ſehen können, wie feſt er ſich beim Einſteigen am Wagen hielt, als wenn er bange ge⸗ weſen wäre, daß er volle ſechs Fuß herunter und ſich zu Muß hätte ſtürzen können. Er ſaß ja dennoch endlich feſt; wir fuhren los, und es kann ſein— ich ſage, es kann ſein, Sammy— daß er ein Bischen zuſammen⸗ geſchüttelt wurde, wenn wir um die Ecken ſegelten.« »Das heißt wohl, Du fuhrſt gegen einige Laternen⸗ pfähle?2« ſagte Sam. »Ich beſorge freilich,« erwiederte Weller Senior unter bedeutungsvollem Zublinzeln, ich beſorge freilich, daß ich ein Heer davon mitnahm, wobei der Schäfer immer aus dem Armſtuhl herausflog.« Hier ſchüttelte der alte Herr den Kopf hin und her, * Die Pickwicker. 161 und ſein Geſicht ſchwoll gewaltſam an— Symptone, die ſeinen Sohn nicht wenig beunruhigten. »Sei ohne Sorgen, Sammy, ganz ohne Sorgen,⸗ ſagte er, als er nach langen Anſtrengungen, und indem er krampfhaft auf den Boden ſtampfte, der Sprache wieder mächtig geworden war,»es iſt nur eine Art ſtillen Lächelns, das ich exerziere.« „»Wenn dieſes iſt,« erwiederte Sam,»ſo wär's doch beſſer, Du exerzierteſt es lieber nicht.— Du ſollſt ſehen, daß es eine ziemlich gefährliche Erfindung iſt.« »Gefällt ſie Dir nicht, Sammy?« fragte der alte Herr. »Ganz und gar nicht!« »Glaube aber nur,« fuhr Weller Senior fort, wäh⸗ rend ihm die Thränen fortwährend über die Wangen hinabliefen,»es wäre ſehr vortheilhaft für mich geweſen, wenn ich mich darauf verſtanden hätte, und möchte viele böſe Worte zwiſchen Deiner Stiefmutter und mir erſpart haben. Doch ich fürchte, daß Du recht haſt, Sammy— der Schlag könnte Einen leicht dabei rühren.“ Sie waren während dieſes Geſprächs vor der Reſtau⸗ ration angekommen, Sam ſtand ſtill, um dem hinter ihm her ſchlendernden Vater noch einmal über die Schulter bedeutſam zuzublinzeln, und trat darauf mit ihm ein. .„»Frau Mama,«⸗ begann Sam, die Dame höflich begrüßend,»bin Ihnen für dieſen Beſuch ſehr verbunden,— Schäfer wie befinden Sie ſich?« »O Samuel,« rief Miſtreß Weller aus,»dies iſt ſchrecklich!« „Nicht im Geringſten, Mama,« ſagte Sam.„Nicht wahr, Schäfer?« Herr Stiggins hob die Hände empor, und verdrehte die Augen dermaßen, daß nur das Weiße— oder Die Pickwicker. V. 11 162 Die Pickwicker. vielmehr das Gelbe— davon ſichtbar war, gab aber keine Erwiederung durch Worte. „Leidet der Gentleman an einer ſchmerzlichen Krank⸗ heit?« fragte Sam, ſeine Stiefmutter anblickend. „»Der gute Mann iſt betrübt, Sie hier zu ſehen, Samuel,« verſetzte Miſtreß Weller. „»Ah, iſt es nur das?« fuhr Sam fort. Ich dachte ſchon, nach den Geſichtern, die er ſchnitt, daß er ver⸗ geſſen hätte, Pfeffer zur letzten Gurke zu nehmen, die er genoſſen hat. Nehmen Sie Platz, Sir, wir machen keine Ertra⸗Rechnung für das Sitzen, wie der Richter zu dem verſchuldeten Gentleman ſagte, der ſich über die Theuerheit der Juſtiz beſchwerte.« „»Junger Menſch,« begann Herr Stiggins mit Sal⸗ bung,»ich fürchte, daß Ihr Herz durch Ihre Gefangen⸗ ſchaft nicht erweicht worden iſt.« „Bitte um Entſchuldigung, Sir,« ſagte Sam,»was waren Sie ſo gütig zu bemerken? »Ich beſorge, junger Menſch, daß Ihr verhärteter Sinn durch dieſe Züchtigung nicht erweicht worden iſt,« wiederholte Stiggins mit erhobener Stimme. „Sie ſind ſehr gütig, Sir,« erwiederte Sam.»Ich hoffe allerdings, kein weichliches Herz zu haben.— Sehr verbunden für Ihre gütige Meinung, Sir.« Hier vernahm man von dem Stuhl, auf welchem Herr Weller Senior ſaß, einen Laut, der einem unziem⸗ lichen Lachen ſehr ähnelte, worauf es Miſtreß Weller, in raſcher Erwägung aller noch vorkommenden Umſtände, für ihre Pflicht hielt, allmählig Krämpfe zu bekommen. „»Weller, komm hierher,« ſagte ſie(der alte Herr ſaß in einem Winkel.) »Sehr verbunden, mein Schatz,« entgegnete Herr err Die Pickwicker. 163 Weller,»aber ich befinde mich ſehr komfortabel, wo ich bin.« Miſtreß Weller brach jetzt in Thränen aus. »Was fehlt Ihnen, Mama?« ſagte Sam. „»O, Samuel,“« rief ſie aus,»Ihr Vater macht mich unglücklich. Giebt es denn nichts in der Welt, das heilſam auf ihn einwirken könnte?« »Hörſt Du, Alter,« ſagte Sam,»die Dame wünſcht zu wiſſen, ob Dir nichts heilſam ſein könnte?« „Ja, ja,« fiel ſein Vater ein,»und ich bin Miſtreß Weller für ihre höfliche Nachfrage ſehr verbunden. Ich denke, eine Pfeife Taback und ein Krug Porter würden mir ſehr heilſam ſein. Kann ich's wohl haben, Sammy?« Miſtreß Weller vergoß jetzt noch mehr Thränen, und Herr Stiggins ſeufzte tief auf. Potz tauſend, dem unglücklichen Gentleman wird ſchon wieder unwohl,« ſagte Sam.»Wo fühlen Sie es denn jetzt, Sir?« »An derſelben Stelle, junger Menſch,« erwiederte Herr Stiggins,»an derſelben Stelle.« »Wo iſt denn die Stelle, Sir 24 fragte Sam mit unbefangener Miene. »Im Buſen, junger Menſch,« entgegnete Herr Stiggins, ſeinen Regenſchirm an die Weſte drückend. Bei dieſer rührenden Erwiederung konnte Miſtreß Weller ihre Gefühle nicht länger unterdrücken. Sie ſchluzte laut, und ſprach ihre Überzeugung aus, daß der rothnaſige Mann ein Heiliger ſei, worauf Herr Weller Senior mit leiſer Stimme ſich zu bemerken erlaubte, ves gebe allerdings genug wunderliche Heilige.« »Ich beſorge, Mama,« ſagte Sam,»daß der Gentle⸗ man mit den verdrehten Augen bei dem melancholiſchen 11* 164 Die Pickwicker. Schauſpiel vor ihm ziemlichen Durſt haben mag. Habe ich Recht, Mama?« Die würdige Dame ſah Herrn Stiggins fragend an, und der würdige Gentleman verdrehte wieder die Augen, fuhr mit der rechten Hand nach der Kehle, und machte die Bewegung des Hinabſchluckens, um anzudeu⸗ ten, daß er allerdings Durſt habe. »Ja wirklich, Samuel, ſeine Gefühle haben ihn ſo erſchöpft, daß er faſt verſchmachtet,« ſagte Miſtreß Wel⸗ ler betrübt. »Was iſt Ihr gewöhnliches Getränk, Sir 2« fragte Sam. „»O, mein theurer, junger Freund,« erwiederte Herr Stiggins,»alle Getränke ſind Eitelkeiten.« »Ah, nur zu wahr,« rief Miſtreß Weller mit bei⸗ ſtimmendem Kopfſchütteln aus. »Das mag wohl ſein,« ſagte Sam, aber welches iſt Ihre Lieblingseitelkeit— welche Eitelkeit ſchmeckt Ihnen am beſten, Sir?« »O, mein theurer, junger Freund,« entgegnete Herr Stiggins, vich verachte ſie alle. Iſt mir aber eine von ihnen weniger verhaßt, als die andere, ſo iſt es die, welche man Rum benennt— warm, mein theurer, jun⸗ ger Freund, mit drei Stück Zucker aufs Glas.⸗ & »Thut mir ſehr leid, Sir,« ſagte Sam,»daß juſt dieſe Eitelkeit hier nicht zu verkaufen erlaubt wird.« d, wie verhärtet ſind die Herzen dieſer gefühlloſen Menſchen!« rief Herr Stiggins aus.»O, der ruch⸗ loſen Grauſamkeit dieſer unbarmherzigen Verfolger.« Herr Stiggins ſchlug bei dieſen Worten abermals die Augen empor, und ſich mit dem Regenſchirm wieder⸗ holt vor die Bruſt, und wir laſſen dem ehrwürdigen Gentleman nur Gerechtigkeit widerfahren, wenn wir Die Pickwicker. 165 ſagen, daß ſeine Entrüſtung offenbar aus dem Herzen kam, und durchaus nicht erheuchelt war. Nachdem ſich Miſtreß Weller und der rothnaſige Gentleman über das in Rede ſtehende unmenſchliche Ver⸗ bot äußerſt kräftig ausgeſprochen, und deſſen Urheber mit einer Menge frommer und heiliger Verwünſchungen überladen hatten, empfahl Herr Stiggins eine Flaſche heißen Portwein mit ein wenig Waſſer, Gewürz und Zucker als äußerſt wohlthätig für den Magen, und we⸗ niger nach Eitelkeit ſchmeckend, wie viele andere Ge⸗ tränke. Es ward demgemäß beſtellt, und während der Zubereitung ſahen Miſtreß Weller und Herr Stiggins, Herr Weller den Aeltern mitleidig⸗verächtlich an, und ächzten und ſeufzten. »Sammy,« begann der alte Herr, v»ich hoffe, daß Dein Gemüth durch dieſen angenehmen Beſuch erheitert wird. Sehr muntere und belehrende Unterhaltung— nicht wahr, Sammy?« »Du biſt ein ruchloſer Mann,« erwiederte Sam, vund ich muß Dich ernſtlich auffordern, keine dergleichen gottloſe Bemerkungen mehr an mich zu richten.“« Weit entfernt, durch dieſe ſehr angemeſſene Erwie⸗ derung zerknirſcht zu ſein, lächelte Weller Senior viel⸗ mehr vergnügt und ſpöttiſch, und da ſeine Verſtocktheit die Dame und Herrn Stiggins veranlaßte, die Augen zu ſchließen, und unruhig auf ihren Stühlen hin und her zu rücken, ſo begann er verſchiedene pantomimiſche Andeutungen des Wunſches, dem vorbeſagten Stiggins die Naſe zu zerſchlagen— Kunſtleiſtungen, die ihm eine große Herzenserleichterung zu gewähren ſchienen. Der alte Herr wäre aber faſt einmal ertappt worden, denn da Herr Stiggins, als der Glühwein gebracht wurde, emporfuhr, ſo gerieth ſein Kopf in eine plötzliche ſtarke. 166 Die Pickwicker. Berührung mit der geballten Fauſt des Herrn Weller Senior, mit welcher er vor ſeinem Ohr hin und her geſtikulirte. »Ei, was ſtreckſt Du doch Deine Hand auf ſo plumpe Manier nach dem Glaſe aus,« ſagte Sam mit großer Geiſtesgegenwart.»Siehſt Du nicht, daß Du den Gentleman geſtoßen haſt?2« »Es iſt aus Verſehen geſchehen, Sammy,« ſagte ſein Vater, ein wenig außer Faſſung. »Appliziren Sie eine innere Waſchung, Sir,« ſagte Sam, als der rothnaſige Gentleman ſich den Kopf mit kläglicher Miene rieb.»Wie behagt Ihnen die heiße Eitelkeit, Sir?2« Herr Stiggins erwiederte nichts, aber was er that, war deſto ausdrucksvoller. Er koſtete aus dem Glaſe, das ihm Sam eingehändigt hatte, ſtellte ſeinen Regen⸗ ſchirm zur Seite, koſtete abermals, fuhr mit der Hand ein paar Mal langſam über den Magen hinunter, trank darauf in einem Athem das ganze Glas aus, und hielt es, mit den Lippen ſchmatzend, Sam entgegen, um es wieder füllen zu laſſen. Miſtreß Weller ermangelte ebenfalls nicht, dem Getränk Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Die gute Dame begann mit der Betheuerung, daß ſie auch nicht einen Tropfen trinken könne. Hierauf koſtete ſie einen kleinen, ſodann einen großen Tropfen, und endlich eine große Menge Tropfen, und da ihre Gefühle von der Beſchaffenheit jener Subſtanzen waren, welche durch die Anwendung von Spirituoſen mächtig affizirt werden, ſo entſiel ihren Augen bei jedem Tropfen Glühwein eine Thräne, und ihr Gefühl wurde gradatim immer mehr erweicht, ſo daß ſie zuletzt unbeſchreiblich gerührt und wehmüthig war. Die Pickwicker. 167 Herr Weller Senior beobachtete alle dieſe Zeichen und Symptome mit unverkennbarem Mißvergnügen, und als Herr Stiggins nach dem zweiten Glaſe gar erbärm⸗ lich zu ſeufzen begann, gab er ſeinen Unwillen durch ein zwar unzuſammenhängendes, aber doch bedeutſames Mur⸗ meln zu erkennen, in welchem man das Wort»Spiegel⸗ fechterei« ſehr deutlich vernehmen konnte. »Ich will Dir was ſagen, Sammy, mein Junge,« flüſterte er ſeinem Sohne zu, nachdem er ſeine Gattin und Herrn Stiggins lange beobachtet hatte.»Ich glaube, Deine Mutter und der Rothnaſige müſſen einen innerlichen Fehler haben.« „»Was willſt Du damit ſagen, Alter?« fragte Sam. »Dieſes, Sammy,« entgegnete Weller Senior; „Alles, was ſie zu ſich nehmen, ſcheint nicht in ihrem Leibe zu bleiben, um ihnen zur Nahrung zu dienen, ſondern verwandelt ſich ſogleich in warmes Waſſer, und fließt ihnen wieder aus den Augen heraus. Verlaß Dich darauf, Sammy, es iſt ein organiſcher Fehler.« Herr Weller ſprach ſein mediziniſches Gutachten mit bekräftigendem Stirnrunzeln und Kopfnicken aus; es entging Miſtreß Weller nicht, ſie glaubte, eine Art von Geringſchätzung oder Feindſeligkeit gegen ihre eigene oder Herrn Stiggins Perſon, oder gegen beide, darin zu bemerken, und ſtand ſchon wieder im Begriff, in die hef⸗ tigſten Krämpfe zu verfallen, als Herr Stiggins auf⸗ ſtand, ſich, ſo feſt er konnte, auf die Beine ſtellte, und eine erbauliche Rede zum Beſten der ganzen Geſellſchaft, und des Herrn Weller Senior insbeſondere, begann, wel⸗ chen letzteren er in beweglichen Ausdrücken beſchwor, in dem Abgrunde der Bosheit und des Verderbens, in den er gerathen, auf ſeiner Hut zu ſein— ſich los zu ſagen von aller Heuchelei und Hoffahrt, und in allen Dingen Die Pickwicker. ihn(Stiggins) um Vorbilde zu nehmen, in welchem Falle ey früher oder ſpäter das ſegensreiche Ziel erreichen könne, gleichfalls ein Vachtbarer und tadelloſer Mann zu werden, während alle ſeine Freunde und Bekannte hoff⸗ nungslos verlorne, ruchloſe Sünder ſeien. Er beſchwor ihn ferner, vor allen Dingen das Laſter der Trunkenheit zu meiden, welches er mit den ſchmutzigen Gewohnheiten der Schweine, und mit jenem giftigen und verderblichen Stoffe verglich, der, wie man ſage, im Munde gekäut, das Gedächtniß ſchwäche. Als der ehrwürdige und rothnaſige Gentleman in ſeiner Rede bis hier gekommen war, fing er an, äußerſt unzu⸗ ſammenhängend zu ſprechen, und die Gluth ſeiner Be⸗ redſamkeit ergriff ihn ſo gewaltig, daß er hin und her taumelte, und froh war, noch zu rechter Zeit eine Stuhl⸗ lehne erfaſſen, und ſich aufrecht erhalten zu können. Herr Stiggins unterließ es, ſeine Zuhörer zu er⸗ mahnen, auf ihrer Hut zu ſein gegen jene falſchen Pro⸗ pheten und elenden Verächter der Religion, die ohne hinlängliche Einſicht, die Grundlehren derſelben zu ver⸗ ſtehen, und ohne Gemüth und Herz, um ihre Heiligkeit würdigen zu können, weit gefährlichere Mitglieder der Geſellſchaft ſind, als der gemeine Verbrecher, indem ſie die Schwächeren und ſchlecht Unterrichteten irre leiten und betrügen, das Edelſte der Verachtung bloßſtellen, und eine große Anzahl rechtſchaffener und frommer, zu ehrenwerthen Sekten und Überzeugungen ſich haltender Perſonen in böſen Verdacht bringen. Es iſt jedoch an⸗ zunehmen, daß Herr Stiggins, als er, an der Stuhllehne ſich feſt haltend, während einer beträchtlichen Zeit das eine Auge ſchloß, und mit dem andern blinzelte, dies Alles dachte, es jedoch für ſich ſelbſt behielt. Während ſeiner Rede ſchlnchzte und weinte Miſtreß „ — Die pPickwicker.. 169 Weller, Sam dagegen ſaß mit über einandergeſchlagenen Beinen auf einem Stuhle, ſtützte die Arme auf die Lehne eines andern, behielt den Redner mit ſehr anmuthiger Freundlichkeit im Auge, und warf von Zeit zu Zeit dem alten Herrn— der im Anfang entzückt und ungefähr in der Mitte eingeſchlafen war— bedeutſame Blicke zu. »Bravo! ſehr hübſch!« rief Sam, als der. Roth⸗ naſige nach dem Schluß ſeiner Rede ſeine abgetragenen Handſchuh anzog, durch deren Löcher die Fingerknöchel hervorſtanden. »„Ich hoffe, daß es einen heilſamen Einfluß auf Sie haben wird, Samuel,« ſagte Miſtreß Weller feierlich. »Sollt's meinen, Mama,« erwiederte Sam. „»O dürfte ich doch hoffen, daß es auch dem Seelen⸗ heil Ihres Vaters zuträglich wäre,« fuhr Miſtreß Wel⸗ ler fort. „Danke ſchön, mein Schatz,« ſagte Weller Senior, der aus ſeinem Schlummer wieder erwacht war.»Wie befindeſt Du Dich ſelber darnach, mein Engel?« „»Ruchloſer Spötter!« rief ihm ſeine Gattin ent⸗ rüſtet zu. „»O, Sie mit Blindheit geſchlagener Mann!« rief der ehrwürdige Herr Stiggins. »Mein würdiger Spiegelfechter,« nahm Weller Se⸗ nior das Wort,»wenn mir kein beſſeres Licht aufgeht, als Ihr Mondſchein da, ſo iſt es ſehr wahrſcheinlich, daß ich ein Nachtkutſcher bleiben werde, bis ich ganz und gar von der Heerſtraße abgerufen werde. Ich muß aber ſagen, Miſtreß Weller, wenn der Schecke noch länger im Stalle ſteht, ſo möchte ihn ſpäterhin der Ha⸗ fer ſtechen, und der Lehnſtuhl mit dem Schäfer drin könnte in einen Graben oder eine Hecke geſchleudert werden.⸗ — Die Pickwicker. Der ehrwürdige Herr Stiggins erſchrak ob dieſer Andeutung, griff ſchnell zu ſeinem Hut und Regenſchirm, und ſchlug vor, augenblicklich abzufahren, womit Miſtreß Weller vollkommen übereinſtimmte. Sam begleitete ſie bis an das Gefängnißthor, und nahm als ein guter Sohn Abſchied.. »Gehab Dich wohl, Sammy,« ſagte der alte Herr. „»Leb wohl, Du hartherziger Gläubiger!« entgegnete Sam. »Sammy,« flüſterte ihm ſein Vater, vorſichtig um⸗ herſchauend, zu,»grüß Deinen Prinzipal, und ſage ihm, wenn er ſich beſſer beſonnen hätte, ſollte er ſich nur an mich wenden. Wir haben einen Plan ausgedacht, ich und der Tiſchler, ihn herauszuſchaffen. Ein Pianner, Sammy— ein Pianner,« ſagte er, ſchlug dabei ſeinem Sohn mit der flachen Hand auf die Bruſt, und trat ein paar Schritte zurück. »Was meinſt Du damit?« ſagte Sam. »Ein Pianner⸗Forto,« erwiederte Herr Weller mit noch geheimnißvollerer Miene.»Er muß es miethen— eins, das nicht geſpielt werden kann, Sammy.« »Und wozu ſoll denn das?« fragte Sam. »Er ſchickt zu meinem Freunde, dem Tiſchler, daß er's wieder abholen laſſen ſoll,« erwiederte der Alte. „Verſtehſt Du jetzt e »Nein!« entgegnete Sam. »Es iſt kein Werk darin,« flüſterte ſein Vater. »Er kann bequem mit dem Hut auf dem Kopf drin liegen, und durch die Beine Athem holen, die hohl ſind. Mache ihm eine Ueberfahrt nach Amerika aus. Die amerikaniſche Regierung wird ihn gewiß nicht ausliefern, wenn ſie merkt, daß er Geld zu verzehren hat. Er kann ja da bleiben, bis die Bardell todt iſt, oder bis Die Pickwicker. 171 Dodſon und Fogg gehangen ſind, welche letztere Begeben⸗ heit ſich nach meinem Dafürhalten wahrſcheinlich zuerſt ereignen wird, und hernach kann er wieder kommen und ein Buch über die Amerikaner ſchreiben, daß ihm ſeine Reiſekoſten und noch mehr einbringt, wenn er nämlich die Amerikaner ſchlecht genug macht.« Herr Weller hatte dieſes ſeinem Sohne mit großer Lebhaftigkeit zugeflüſtert, gab darauf, als ob er fürchtete, durch ein verlängertes Geſpräch die Wirkung ſeiner wich⸗ tigen Mittheilung zu ſchwächen, den Kutſchergruß, und entfernte ſich. Sam's Mienen hatten kaum ihre gewöhnliche ru hige Gelaſſenheit, welche durch dieſe geheime Mittheilung etwas geſtört worden war, wieder angenommen, als Herr Pickwick ihn zu ſich rief. »Ich will einen Gang durch das Gefängniß ma⸗ chen,« ſagte er,»und wünſche, daß Sie mich begleiten. Ich ſehe da einen Gefangenen kommen,« fügte er lächelnd hinzu,„den wir Beide kennen, Sam.“« „»Welcher, Sir?« fragte Herr Weller—„der Gentleman mit dem ſtarken Backenbart, oder der gelen⸗ kige Tänzer mit den wollenen Strümpfen 2« „Keiner von Beiden,« erwiederte Herr Pickwick. »„Es iſt ein älterer Freund von Ihnen, Sam. ⸗ „»Von mir, Sir?« 3 »„Sie erinnern ſich des Herrn ohne Zweifel ſehr wohl, Sam, oder Sie müßten dann Ihre alten Be⸗ kannten leichter vergeſſen, als ich von Ihnen vermuthe. Pſt! kein Wort, Sam— keine Silbe! Da iſt er ſchon!« Während Herr Pickwick ſo ſprach, kam Jingle ihnen näher. Er ſah weniger jämmerlich aus, als einige Tage vorher, indem er ſeinen, freilich ziemlich abge⸗ 172 Die Pickwicker. tragenen Rock, wieder an hatte, der mit Herrn Pick⸗ wicks Beiſtand von dem Pfandleiher eingelöſt worden war. Auch trug er wieder reine Wäſche, und hatte ſich das Haar ſchneiden laſſen. Er war aber immer noch ſehr bleich und mager, und als er auf einen Stock ge⸗ ſtützt langſam und unſicher daherſchwankte, ſah man offenbar, daß er durch Krankheit und Entbehrungen entſetzlich gelitten hatte, und immer noch ſehr ſchwach war. Er nahm den Hut ab, als Herr Pickwick ihn begrüßte, und ſchien bei Sam Wellers Anblick nicht wenig beſchämt und verwirrt zu ſein. Unmittelbar hinter ihm folgte Herr Hiob Trotter, in deſſen Laſterverzeichniß wenigſtens Mangel an Treue und Anhänglichkeit an ſeinen Unglücksgefährten keinen Platz fand. Er ſah noch eben ſo zerlumpt und ſchmutzig aus, als vor ein paar Tagen bei ſeinem erſten Zuſam⸗ mentreffen mit Herrn Pickwick, doch waren ſeine Wangen nicht mehr ganz ſo eingefallen. Als er ſeinen Hut vor unſerm wohlthätigen und milden alten Freunde abnahm, murmelte er in abgebrochenen Worten etwas von Dank⸗ barkeit für Rettung vom Hungertode. »Schon gut, ſchon gut,« unterbrach ihn Herr Pick⸗ wick ungeduldig,»Sie mögen mit Sam nachfolgen. Ich wünſche mit Ihnen zu ſprechen, Herr Jingle.— Können Sie gehen, ohne ſich auf ſeinen Arm zu ſtützen?2« „O ja, Sir— ſtehe zu Dienſten— nicht zu ſchnell — Beine wackelig— Kopf betäubt— alles rundum— erdbebenartiges Gefühl— ganz erdbebenartig.« »Geben Sie mir Ihren Arm, Herr Jingle,« ſagte Herr Pickwick. „Nein, nein,« erwiederte Jingle,»zu viel Güte— nicht doch!« . Die Pickwicker. 173 „Poſſen,« ſagte Herr Pickwick;»ſtützen Sie ſich auf mich; ich will es ſo haben, Sir!« Da Jingle noch immer verwirrt und unſchlüſſig zögerte, zog Herr Pickwick kurz und gut den Arm des Kranken unter den ſeinigen, und führte ihn mit ſich fort. Während dieſer ganzen Zeit hatten die Züge des Herrn Samuel Weller ein ſo ungemeines und überwäl⸗ tigendes Erſtaunen ausgedrückt, als es die Einbildungs⸗ kraft ſich nur immer vorſtellen mag. Er blickte in tie⸗ fem Stillſchweigen von Hiob auf Jingle, und von Jingle auf Hiob, und brach endlich in die Worte aus:»Nun das muß ich ſagen,« die er wenigſtens zwanzig Mal wiederholte, worauf er abermals der Sprache gänzlich beraubt ſchien, und wieder in ſtummer Verwunderung bald den Einen, bald den Andern anblickte. „»Sam!« rief Herr Pickwick, ſich umſehend. „»Komme ſchon, Sir,« rief Sam zurück, und folgte mechaniſch, ohne die Augen von Hiob Trotter abzuwen⸗ den, der ſchweigend an ſeiner Seite ging. Hiob heftete ſeine Blicke eine Zeitlang auf den Boden, und Sam die ſeinigen auf Hiobs Geſicht, ſo daß er unbewußt gegen alle Begegnende anrannte, und über kleine Kinder fiel, und ſich an Treppen und Geländern ſtieß.— Endlich blickte Hiob verſtohlen auf, und ſagte: »Wie befinden Sie ſich, Herr Weller?« »Er iſt es,« rief Sam aus, und nachdem Hiobs Identitat bei ihm feſtgeſtellt war, ſchlug er ſich an das Bein, und machte ſeinen Gefühlen durch ein langes gel⸗ lendes Pfeifen Luft. „»Die Umſtände haben ſich mit mir ſehr geändert, Sir,« fuhr Hiob fort. »Kommt mir auch ſo vor,« rief Herr Weller aus, ſeines Begleiters zerlumpte Kleider mit unverhehlter Ver⸗ 174 Die Pickwicker. wunderung betrachtend,»und Sie haben einen ſchlechten Tauſch gemacht, Herr Trotter, wie der Gentleman ſagte, als er für eine gute halbe Krone zwei verdächtige Schil⸗ linge und ſechs Pence eingewechſelt hatte.« »Sie haben Recht,« entgegnete Hiob, die Augen niederſchlagend.»Die Zeit des Betrugs und der Taͤu⸗ ſchungen iſt jetzt vorüber, Herr Weller.— Thränen,« fügte er mit einem flüchtigen ironiſchen Lächeln hinzu, „»Thränen ſind weder die einzigen Beweiſe von Betrübniß oder Elend, noch die beſten.« »Darin haben Sie ganz recht,« bemerkte Sam aus⸗ drucksvoll. »Sie können künſtlich hervorgerufen werden,« ſagte Hiob. »Das iſt mir ſehr wohl bekannt,« entgegnete Sam. »Es giebt wirklich Leute, die ſie fortwährend in Bereit⸗ ſchaft haben, und den Stöpſel herausziehen können, wenn es ihnen beliebt.« »Ja, ja,« ſagte Hiob;»aber es i*ſt nicht ſo leicht, als man denken ſollte, Herr Weller, und künſtlich Thrä⸗ nen hervorzurufen iſt eine ſehr peinliche Anſtrengung.« Er wies hierbei auf ſeine erdfahlen eingeſunkenen Wan⸗ gen, ſchob ſeinen Rockärmel zurück, und entblößte einen Arm, der ausſah, als könne er durch die leiſeſte Berüͤh⸗ rung abbrechen, ſo ſcharf traten die Knochen unter der geringen Fleiſchverhüllung hervor. »Was haben Sie mit ſich angefangen?2« rief Sam zurückſchaudernd aus. »Nichts!« erwiederte Hiob. »Nichts?2« wiederholte Sam. »Ich habe ſeit vielen Wochen nichts gethan,« ſagte Hiob,»aber faſt eben ſo wenig gegeſſen und getrunken.« Sam warf noch einen ſchnellen Blick auf Herrn ————Q:;— [.i———᷑—ͦ—x—x—— Die Pickwicker. 175 Trotters bleiches eingefallenes Geſicht, und auf ſeinen zerlumpten Anzug, ergriff ihn dann beim Arm, und be⸗ gann, ihn mit großer Heftigkeit fortzuziehen. »Wohin wollen Sie mit mir, Herr Weller?« rief Hiob, vergebens gegen die überlegene Kraft ſeines alten Feindes ſich ſträubend. 4 „»Kommen Sie nur,« ſagte Sam,»kommen Sie.« Er würdigte ihn keiner fernern Erklärung, bis er mit ihm in der Schenkſtube angelangt war, wo er ſofort einen Krug Porter bringen ließ. „»Nun trinben Sie dieſes bis auf den letzten Tropfen herunter,« ſagte er,»und kehren Sie dann den Krug um, damit ich ſehe, wie Sie die Medizin eingenommen haben.« „Aber, mein beſter Herr Weller,« wendete Hiob ein. „Runter damit!« ſagte Sam gebieteriſch. So aufgefordert ſetzte Trotter den Krug an den Mund, und hob ihn allmählig in die Luft. Er hielt nur ein Mal, nur ein einziges Mal inne, um Athem zu ſchöpfen, aber ohne den Krug abzuſetzen, den er ein paar Augenblicke darauf in Armslänge, und die Oeffnung nach unten gewendet, von ſich hielt. Es ſiel nichts auf den Boden, als einige kleine Stückchen vom Kruge, die ſich abgelöſt hatten. „»Bravo!« ſagte Sam.»Wie fühlen Sie ſich jetzt darnach?« »Beſſer, Sir, ich glaube, wirklich beſſer,« antwortete Hiob. „Natürlich,« ſagte Sam.»Es iſt, wie wenn Gas in einem Luftballon gethan wird.— Ich kann mit bloßen Augen ſehen, daß Sie unter der Operation zu⸗ ſehends ſtärker werden.— Was ſagen Sie zu einer zweiten ähnlichen Portion?« b 176 Die Pickwicker. »Darf's wohl nicht wagen, Sir, bin Ihnen aber ſehr verbunden,« entgegnete Hiob. »Was meinen Sie zu etwas Fleiſchſpeiſe?« fragte Sam. »Wir haben um drei Uhr, Dank ſei Ihrem würdi⸗ gen Prinzipal, eine Hammelkeule mit Kartoffeln gehabt,« erwiederte Trotter. »Wie? hat er für Sie geſorgt?« fragte Sam mit lebhafter Theilnahme. »Ja, Sir, und mehr als das, Herr Weller. Da mein Herr krank war, hat er uns ein Zimmer gemie⸗ thet— wir bewohnten vorher ein Hundeloch— und iſt des Nachts zu uns gekommen, daß es Niemand wiſſen ſollte,« fuhr Hiob fort, und dieſes Mal traten unerkün⸗ ſtelte Thränen in ſeine Augen.»Ich könnte mein Leben für den Herrn laſſen.« »Hören Sie, Herr Trotter,« ſagte Sam,»ich möchte Sie bitten, mein Freund— nichts von dieſem⸗ Hiob blickte ihn verwundert an. »Was ich Ihnen ſage, nichts von dieſem,« wieder⸗ holte Sam mit Beſtimmtheit.»Niemand ſoll ihm die⸗ nen, und ſein Leben für ihn laſſen, wie ich allein. Da wir doch ein Mal davon ſprechen, ſo will ich Ihnen noch ein Geheimniß anvertrauen.— Ich habe niemals gehört oder in Geſchichtenbüchern geleſen, oder auf Bildern ge⸗ ſehen, daß es Engel in Kniehoſen und Kamaſchen giebt, nicht ein Mal Engel mit Brillen, ſo viel ich mich ent⸗ ſinnen kann, aber merken Sie auf meine Worte, Hiob Trotter, er iſt trotz dem Engel durch und durch,— ein echter Vollblutengel—, und ich will den Mann ſehen, der mir ſagen kann, daß er einen beſſern kennte.⸗ Sam bezahlte jetzt das Bier, fügte ſeiner Behaup⸗ tung noch eine Menge bekräftigende Winke und Geberden Die Pickwicker. 177 hinzu, und ging mit Trotter, um den Gegenſtand ſeines Geſprächs aufzuſuchen. Sie fanden Herrn Pickwick im eifrigen Geſpräch mit Jingle, ohne die verſchiedenartigen Gruppen, die ſich mit dem Kriket⸗Spiel beſchäftigten, zu beachten, und die es wohl werth geweſen wären, daß man ihnen, wenn auch nur aus Neugierde, einige Aufmerkſamkeit gewidmet hätte. »Nun,« ſagte Herr Pickwick, als Sam und ſein Begleiter ſich näherten,»Sie werden ſehen, wie es mit Ihrer Geſundheit geht, und können ſich es vorläufig überlegen.— Setzen Sie die Berechnung auf, ſobald Sie ſich ſtark genug dazu fühlen, und ich will die Sache mit Ihnen beſprechen, wenn ich ſie in Erwägung gezogen habe.— Gehen Sie jetzt in Ihr Zimmer.— Sie ſind ermüdet, und dürfen noch nicht zu lange draußen verweilen.« Herr Alfred Jingle verbeugte ſich tief, ohne ein Wort zu ſagen, ohne eine Spur ſeiner frühern uner⸗ ſchütterlichen, oder jener trübſeligen Heiterkeit, die er an⸗ genommen hatte, als Herr Pickwick ihn zum erſten Mal in ſeinem Elend ſah; winkte Hiob, ihm jetzt noch nicht nachzufolgen, und entfernte ſich mühſam und mit wan⸗ kenden Schritten. »Iſt es nicht merkwürdig, Sam, was man hier Alles ſieht,« bemerkte Herr Pickwick, in beſter Laune umherſchauend. »Sehr merkwürdig, Sir,« erwiederte Sam, und ſetzte, zu ſich ſelber redend, hinzu:»Die Wunder hören gar nicht auf. Ich müßte mich ſehr irren, wenn der Jingle ſich nicht in dem Waſſergeſchäft etwas zu thun gemacht hätte.« Der Hof, auf welchem Herr Pickwick ſtand, war eben groß genug, um einen guten Ballplatz abzugeben. Er wurde an der einen Seite durch eine Mauer, und an Die Pickwicker. v. 12 ——— 178 Die Pickwicker. der andern durch den Theil des Gefängniſſes begrenzt, der nach der Sankt Paulskirche zu liegt. Ueberall ſaßen, ſtanden oder ſchlenderten Schuldgefangene umher, von denen der größere Theil den Termin abwartete, bis ihre Sache vor dem Inſolvenzgerichtshofe verhandelt werden würde, während Andere Hoffnung zu baldiger Befreiung hatten, und ſich die Zeit bis dahin zu vertreiben ſuchten, wie ſie am Beſten konnten. Einige von ihnen waren ſchäbig, Andere elegant, Viele ſchmutzig, Einige reinlich gekleidet, faſt Alle aber langweilten ſich, oder lungerten umher, wie die Thiere in einer Menagerie, ohne Beſchäf⸗ tigung und Zweck. Aus den Fenſtern, die auf dieſen Platz hinausgingen, lehnten Andere, und unterhielten ſich theils mit ihren unten ſtehenden oder ſitzenden Bekannten, theils warfen ſie dieſen, und dieſe ihnen Bälle oder ſie ſchauten den Federballſpielern zu. Mägde und Hausmädchen gingen über den Platz nach der in einem Winkel deſſelben befind⸗ lichen Küche; Kinder ſchrieen, ſpielten und balgten ſich; das Geräuſch der fallenden Kegel, das Schreien der Kegelſpieler vermiſchte ſich mit hundert andern Lauten und Tönen, ſo daß überall Lärm und Getümmel war— außer in einem kleinen und elenden Schuppen, wo ſtill und unheimlich die Leiche des in der vergangenen Nacht geſtorbenen Kanzleigefangenen lag, und das Poſſenſpiel einer Todtenſchau erwartete. Die Leiche! das Geſetz ſollte noch über ſie entſcheiden, und da lag ſie in ein ſchwarzes Tuch gehüllt, ſeiner Gnade anheim gegeben, und zugleich ein ſchrecklicher Zeuge dieſer Gnade. »Möchten Sie nicht ein Mal einen Pfeifladen ſehen?« fragte Hiob Trotter. »Was meinen Sie damit?« entgegnete Herr Pick⸗ wick,»den Laden eines Vogelhändlers?« Die Pickwicker. 179 »Nein, Sir,« verſetzte Hiob,»ein Pfeifladen iſt, wo Branntwein verkauft wird.« Herr Trotter berichtete darauf, es ſei bei ſchwerer Strafe verboten, Branntwein in die Schuldgefängniſſe einzuführen, da nun aber dieſer Artikel bei den in ſelbi⸗ gem befindlichen Ladys und Gentlemen in ſehr hohem Anſehen ſtehe, ſo hätte ein ſpekulativer Schließer den ſinnreichen Einfall gehabt, einigen Gefangenen für gewiſſe einträgliche Erkenntlichkeiten zu geſtatten, zu ihrem Vor⸗ theil den Lieblingsartikel zu verkaufen. »Dieſe Einrichtung iſt allmählig in allen Schuld⸗ gefängniſſen eingeführt worden,« fügte Hiob hinzu. »Und hat den großen Vortheil,« ſagte Sam, „daß die Schließer ſehr ſorgfältig Jeden, der die Sünde begeht, und ihnen von dem Lohn nichts mitgiebt, auf⸗ fangen, und kommt's dann in die Zeitungen, ſo werden ſie ihrer Wachſamkeit wegen noch belobt, ſo daß ſie alſo zwei Fliegen mit einer Klappe ſchlagen— andere Leute von dem Geſchäft abſchrecken, und zugleich ihren eigenen Ruf verbeſſern.« »Ja, ganz ſo verhält es ſich,« bemerkte Hiob. „»Werden denn aber keine Nachforſchungen angeſtellt?⸗ fragte Herr Pickwick. »Freilich, Sir,« erwiederte Sam, vaber die Schlie⸗ ßer erfahren's vorher, und die ſagen's den Pfeifern, und dann können die Nachſucher ſich was pfeifen laſſen.« Hiob klopfte jetzt an eine Thür, welche durch einen Gentleman in ungekämmtem Haar geöffnet wurde, der ſie ſofort hinter ihnen zuriegelte, und die Eingetretenen anlächelte, worauf Hiob ebenfalls lächelte, und Sam auch, und da Herr Pickwick glaubte, es möge von ihm gleichfalls erwartet werden, ſo lächelte er, ſo lange ſie im Laden waren.. 12* Die Pickwicker. Der Gentleman mit dem ungekämmten Haar ſchien durch dieſe ſtumme Verkündigung ihres Begehrens voll⸗ kommen zufriedengeſtellt zu ſein, und indem er einen großen ſteinernen Krug, der wohl drei bis vier Quart enthalten mochte, unter ſeiner Bettſtelle hervorholte, ſchenkte er aus demſelben drei Gläſer Branntwein ein, welchem Hiob Trotter und Sam ſofort Gerechtigkeit widerfahren ließen. „Noch mehr?« fragte der pfeifende Gentleman. »Nein, nichts mehr!« erwiederte Hiob Trotter. Herr Pickwick bezahlte; die Thür ward wieder ge⸗ öffnet, und der ungekämmte Gentleman winkte freundlich Herrn Roker zu, der gerade in dem Augenblick vor⸗ überging. Von hier durchwanderte Herr Pickwick das ganze Gefängniß, Trepp auf und Trepp ab, durch alle Gänge und wieder auf den Hof zurück. Die meiſten Gefangenen glichen Mivins oder Smangle, dem Kaplan, dem Schläch⸗ ter oder dem Roßchanuter.— Ueberall derſelbe Lärm und Schmutz, daſſelbe Getümmel und Elend, daſſelbe raſtloſe Umhertreiben.— Die Bewohner des Gebäudes kamen und gingen, drängten ſich durcheinander, ver⸗ ſchwanden und behrten zurück, gleich den Schatten in einem unruhigen Traum. »Ich habe jetzt genug geſehen,« ſagte Herr Pickwick, als er wieder in ſeinem Zimmer ſaß.»Der Kopf thut mir weh von all dem Getümmel, und das Herz auch.— Ich will fortan ein Gefangener in meinem Zimmer ſein.« Herr Pickwick verharrte ausdauernd bei dieſem Vor⸗ ſatz. Während drei langer Monate hielt er ſich den ganzen Tag eingeſchloſſen, und ſchlich ſich, um friſche Luft zu ſchöpfen, nur Abends hinaus, wenn die meiſten ſeiner Mitgefangenen entweder ſchon im Bett lagen, oder —— —,.—————. ———— Die Pickwicker. 181 in ibren Zimmern Zechgelage hielten. Seine Geſundheit fing ernſtlich an darunter zu leiden, doch weder Perkers und ſeiner Freunde dringende Bitten, noch Samuel Wellers häufig wiederholte Vorſtellungen und Ermahnungen, ver⸗ mochten ihn in ſeinem unbeugſamen Beſchluß auch nur im Mindeſten wankend zu machen. Siebenundvierzigſtes Kapitel. In welchem ein zugleich rührender und ſpaßhafter Vorfall, her⸗ beigeführt durch das Zartgefühl der Herren Dodſon und Fogg erzählt wird. In der letzten Woche des Monats Juli fuhr ein Mieth⸗Kabriolet(deſſen Nummer wir nicht anzugeben wiſſen) ſchnell in die Goswellſtraße. Drei Perſonen waren, außer dem Kutſcher, der natürlich auf ſeinem beſondern kleinen Platze an der Seite ſaß, hineingezwängt. Im Kabriolet ſelbſt ſah man zwei zänkiſch blickende Damen, zwiſchen denen ein Herr von ernſtem und geſetztem Weſen in möglichſt engem Raum ſaß, der, wenn er etwas ſagen wollte, von einer der vorbeſagten zänkiſchen Damen ſofort unter⸗ brochen wurde. Endlich gaben die zwei zankſüchtigen Damen und der geſetzte Herr dem Kutſcher ganz wider⸗ ſprechende Weiſungen, die aber alle auf den einen Punkt hinausliefen, er ſolle vor Miſtreß Bardells Thür anhal⸗ ten, von welcher jedoch der geſetzte Herr in vollkommenem Widerſpruch mit den zanßfüchtigen Damen behauptete, &☛ es ſei eine grüne Thür, und nicht eine gelbe. Die Pickwicker. »Halten Sie vor dem Hauſe mit der gruͤnen Thür, Kutſcher,« ſagte der geſetzte Herr. »Nein,“« rief eine der zankſüchtigen Damen,»fahren Sie nach dem Hauſe mit der gelben Thür.« Der Kutſcher, der vor dem Hauſe mit der grünen Thür halten wollte, und das Pferd ſchon ſo weit zurück⸗ gezerrt hatte, daß er es faſt zu ſich in das Kabriolet zog, ließ es wieder mit den Vorderfüßen den Boden er⸗ reichen, und hielt an. »Wo ſoll ich denn nun eigentlich vorfahren?« fragte er.»Machen Sie es unter ſich ſelbſt aus.« Jetzt wurde der Streit mit noch größerer Heftigkeit erneuert, und da das Pferd durch eine Fliege an dem einen Ohr beunruhigt wurde, ſo benutzte der Kutſcher ſeine Muße, ihm um den Kopf zu peitſchen, nach dem Prinzip, daß eine Aufregung durch die andere vertrieben werden muß. »Die Mehrzahl der Stimmen giebt den Ausſchlag,« ſagte endlich eine der zankſüchtigen Damen.»Nach dem Hauſe mit der gelben Thür, Kutſcher!« Doch, nachdem das Kabriolet nach dem Hauſe mit der gelben Thür geraſſelt war, und, wie eine der Damen triumphirend ſagte, mehr Lärm gemacht hatte, als wenn ſie in ihrem eigenen Wagen angekommen wären,— und nachdem der Kutſcher den Damen beim Ausſteigen behülf⸗ lich geweſen war, ſah man einige Häuſer davon Maſter Thomas Bardeoll ſeinen kleinen runden Kopf aus einer rothen Thür ſtecken. »Sehr unangenehm,« ſagte die zuletzt erwähnte zank⸗ ſüchtige Dame, indem ſie dem geſetzten Herrn einen ver⸗ nichtenden Blick zuwarf. „»Es iſt nicht meine Schad, ſagte der geſetzte Herr. »Schweigen Sie,« entgegnete die Dame.»Nach 182 ———— A— Die Pickwicker. 183 dem Hauſe mit der rothen Thür, Kutſcher!— O, wenn je eine Frau von einem Plagegeiſt gequält wurde, dem es Vergnügen macht, ſeiner Frau bei jeder Gelegenheit vor Fremden Schande zu bereiten, ſo bin ich dieſe Frau.« »Sie ſollten ſich über ſich ſelbſt ſchämen, Raddle,« ſagte die andere kleine Frau, welche Niemand anders war, als Miſtreß Cluppins. »Was habe ich denn gethan?« fragte Herr Raddle. „»Schweig, du Eſel; ich könnte ganz mein Geſchlecht vergeſſen, und mich an Dir vergreifen,« ſagte Miſtreß Raddle. Während dieſes Geſprächs führte der Kutſcher das Pferd am Zaume bis zu dem Hauſe mit der rothen Thür, die Maſter Bardell bereits geöffnet hatte.— Auf welche unanſtändige und ſchimpfliche Weiſe kamen ſie jetzt an!— Kein raſſelndes Vorfahren, kein ſchnelles Hinabſpringen des Kutſchers und donnerndes Klopfen an die Thür, kein geräuſchvolles Eröffnen des Wagenſchlages, um die Damen, wenn ſie vielleicht eingeſchlummert ſein ſollten, zu benachrichtigen, kein Ueberreichen der Shawls, als ſei er ihr eigner Kutſcher geweſen! Das Vorfahren hatte durchaus ſeinen Glanz verloren— es war ſchlim⸗ mer, als ſeien ſie zu Fuß angekommen. »Nun, Tommy,« ſagte Miſtreß Cluppins,»wie be⸗ findet ſich Deine gute arme Mutter?« »O, ſehr wohl,« erwiederte Maſter Bardell.»Sie iſt im Vorderzimmer— ſchon ganz geputzt.— Ich bin auch geputzt.« 3 Hier ſteckte Maſter Bardell ſeine Hände in die Hoſentaſchen, und ſprang die Stufen vor der Thür hinab. „»Kommt ſonſt noch Jemand, Tommy,“ ſagte Miſtreß Cluppins, ihre Pelerine ordnend. »Miſtreß Sanders kommt,“« ſagte er,»und ich auch.« Die Pickwicker. »Der verwünſchte Junge,« murmelte die kleine Miſtreß Cluppins.»Er denkt an Niemand, als an ſich. Komm, lieber Tommy, wer kommt ſonſt noch?2« »O, Miſtreß Rogers,« erwiederte Maſter Bardell, die Augen weit aufreißend, als er dieſen Bericht abſtattete. »Wie, die Dame, die die Wohnung gemiethet hat?⸗ rief Miſtreß Cluppins aus. Maſter Bardell ſteckte ſeine Hände noch tiefer in die Hoſentaſchen, und nickte gerade fünfunddreißig Mal mit dem Kopf, um anzudeuten, daß es die Mietherin ſei, und keine andere. »O Himmel,« ſagte Miſtreß Cluppins,»es iſt eine große Geſellſchaft.« »Ah, wenn Sie wüßten, was Alles im Speiſe⸗ ſchranke ſteht,« ſagte Maſter Bardell. »Nun, was ſteht alles drin, Tommy?« fragte Miſtreß Cluppins ihn liebkoſend.»Du wirſt es mir gewiß ſagen, Tommy.« »Nein, ich will nicht,« entgegnete Maſter Bardell kopfſchüttelnd. »Was für ein einfältiger Junge es iſt,« murmelte Miſtreß Cluppins.»Komm Tommy; ſag es Deiner lieben Cluppy.« »Mutter hat's verboten,« erwiederte Maſter Bardell. »Ich ſoll auch was davon haben.« Durch dieſe Aus⸗ ſichten erfreut, gab ſich Maſter Bardell mit neuem Eifer ſeinen kindlichen Spielen mit einem Kreiſel hin. Das eben berichtete Verhör des Knaben fand ſtatt, während Herr und Frau Raddle einen Wortwechſel mit dem Kutſcher über den Fuhrlohn hatten, und da er ſich zu Gunſten des letzteren entſchiedegſo trippelte Miſtreß Raddle heran. Die Pickwicker. 185 »Nun Mary Ann, was giebts?« fragte Miſtreß Cluppins. »Ich zittre am ganzen Leibe, Betſy,« erwiederte Miſtreß Raddle.»Raddle iſt kein Mann; ich muß Alles für ihn thun.« Dem armen Herrn Raddle geſchah hier allerdings Unrecht, denn er war ſchon beim Beginn des Wort⸗ wechſels durch ſeine Frau gebieteriſch angefahren worden, er möge ſchweigen. Er fand jedoch nicht Gelegenheit ſich zu vertheidigen, denn Miſtreß Raddle gab unverkennbare Symptome, ſie werde Krämpfe bekommen. Als dieſes aus dem Vorderzimmer bemerkt wurde, ſtürzte Miſtreß Bardell, Miſtreß Sanders, die Mietherin, und deren Dienſtmädchen eiligſt vor die Thüre, und brachten ſie in das Haus, alle zugleich ſprechend und ihr Mitleiden und ihre Theilnahme auf eine Weiſe darlegend, als ſei die arme Frau eine der unglücklichſten Sterblichen auf Erden. Nachdem ſie in das Vorderzimmer gebracht worden, ward ſie auf ein Sopha gelegt; die Mietherin aus dem erſten Stock eilte hinauf, kehrte mit einer Flaſche voll Riech⸗ ſalz zurück, welches ſie mit weiblicher Sorgſamkeit, Miſtreß Raddle feſt umſchlingend, ihr vor die Naſe hielt, bis dieſelbe endlich erklärte, ſie fühle ſich wieder etwas beſſer.. »Ah die arme Frau,« ſagte Miſtreß Rogers.»Ich weiß zu gut, was ſie ausſtehen muß.« „»Ach, ich auch,« fiel Miſtreß Sanders ein, und jetzt klagten und bedauerten alle Damen im Chor, und jede ſagte ſie wiſſe, was das zu bedeuten habe, ſelbſt das kleine Dienſtmädchen, das dreizehn Jahr alt und drei Fuß hoch war, murmelte ſeine Theilnahme. »Aber was iſt denn vorgefallen?« fragte Miſtreß Bardell. D ie Pickwicker. »Was hat Sie ſo außer Faſſung gebracht?« fragte Miſtreß Rogers. »Ach, mein Mann,« erwiederte Miſtreß Raddle in vorwurfsvollem Ton, worauf ſämmtliche Damen unwillige Blicke auf Herrn Raddle warfen. »Die Sache iſt die,« begann der unglückliche Ehe⸗ mann, einen Schritt vortretend,»als wir vor dem Hauſe hielten, entſtand ein Wortwechſel mit dem Kutſcher des Kabriolets.« Ein lauter gellender Schrei ſeiner Frau unterbrauch ihn, als er kaum dieſes verhängnißvolle Wort ausſprach. »Sie thäten beſſer, uns zu verlaſſen, bis ſich Ihre Gattin wieder erholt hat, Herr Raddle,« ſagte Miſtreß Cluppins.»So lange Sie hier ſind, wird es nicht beſſer mit ihr.« Alle Damen ſtimmten mit dieſer Anſicht überein; Herr Raddle wurde daher aus dem Zimmer gedrängt, und erſucht, ſich auf dem Hofe in freier Luft zu ergehen, welches er etwa eine Viertelſtunde gethan hatte, als Miſtreß Bardell ihm mit feierlichen Mienen verkündete, er könne jetzt wieder hereinkommen, möge ſich aber ja hüten, ſeiner Frau einen Grund zur Aergerniß zu geben. Sie wiſſe, daß er es nicht böſe meine, aber Mary Ann ſei keineswegs ſtarker Konſtitution, und wenn er ſich nicht vorſehe, könne er ſie unerwartet verlieren, was ſpäter ein ſchrecklicher Gedanke für ihn ſein müſſe und ſo fort. Alles dieſes hörte Herr Raddle mit großer Unterwürfig⸗ keit an, und trat fromm wie ein Lamm in das Zimmer zurück. 3 »Ich glaube, Miſtreß Rogers,« begann Miſtreß Bardell,»daß Sie den eben angekommenen Gäſten noch nicht vorgeſtellt wurden.— Herr Raddle, Madame;— Miſtreß Cluppins, Madame,— Miſtreß Raddle, Madame.«⸗ Die Pickwicker. 187 „»Die Schweſter von Miſtreß Cluppins,« ergänzte Miſtreß Sanders.. „Freut mich ſehr, Ihre Bekanntſchaft zu machen,⸗ erwiederte Miſtreß Rogers mit gratiöſem Lächeln, denn ſie hatte ihr Dienſtmädchen bei ſich, und durfte daher vin ihrer Stellung« mehr gratiös als vertraulich ſein. Miſtreß Raddle erwiederte durch ein ſüßes Lächeln, Herr Raddle verbeugte ſich ehrerbietig, und Miſtreß Cluppins ſagte,»ſie fühle ſich ſehr glücklich, die Bekanntſchaft von Miſtreß Rogers zu machen, von der ſie ſchon ſo viel Gutes gehört habe,« ein Kompliment, welches die letzt⸗ genannte Dame mit graziöſer Herablaſſung entgegennahm. »Nun, Herr Raddle,« ſagte Miſtreß Bardell,»Sie werden ſich ſehr geehrt fühlen, daß Sie und Tommy die einzigen Herren ſind, die ſo viele Damen bis nach dem Theegarten in Hampſtead begleiten ſollen. Glauben Sie nicht, Miſtreß Rogers?« „»O gewiß, Madame,« erwiederte Miſtreß Rogers, worauf alle die andern Damen gleichfalls antworteten: „»O gewiß!« »Fühle es natürlich auch, Madame,« ſagte Herr Raddle, ſich die Hände reibend und Anzeichen gebend, daß er ſich erheitern werde.»Ich ſagte es ſchon, als wir in dem Kabriolet—« Bei der Erwähnung des Worts, welches ſo viele ſchmerzliche Erinnerungen erweckte, fuhr Miſtreß Raddle mit ihrem Taſchentuch wieder nach den Augen, und ſtieß einen halb unterdrückten Schrei aus, ſo daß Miſtreß Bardell Herrn Raddle zornig anblickte, um ihm anzu⸗ deuten, er möge lieber ſchweigen. Hierauf befahl ſie dem Dienſtmädchen von Miſtreß Rogers, indem ſie ſich ein vornehmes Air gab,»den Wein zu präſentiren.⸗ Dieſes war zugleich das Signal, um die verborgenen 188 Die Pickwicker. Schätze des Speiſeſchrankes an das Tageslicht zu fördern; ſie beſtanden in mehreren Tellern mit Apfelſinen und Kuchen, einer Flaſche alten Portwein und einer dito von dem berühmten oſtindiſchen Sherry zu vierzehn Pence. Alles dieſes war zu Ehren der Mietherin veranſtaltet, und rief allgemeine Zufriedenheit hervor. Nachdem Miſtreß Cluppins durch einen Verſuch von Seiten Tommys, zu erzählen, wie er über den jetzt vorliegenden Inhalt des Speiſeſchranks in Verhör genommen worden ſei, etwas in Verlegenheit geſetzt worden(welcher Verſuch dadurch in der Geburt erſtickt wurde, daß Maſter Bardell ein halbes Glas von dem alten Portwein zu heftig trank, wobei er ſich verſchluckte, und ſein Leben für einige Se⸗ kunden in Gefahr gerieth) brach die Geſellſchaft auf, um einen Miethwagen nach Hampſtead aufzuſuchen. Dieſer war bald gefunden, und nach einigen Stunden langten ſie Alle im»Spanier« an, und begaben ſich in den Theegarten, wo der unglücklichen Miſtreß Raddle Krämpfe faſt zurückgekehrt wären, indem ihr noch un⸗ glücklicherer Gatte ſieben Portionen Thee beſtellte, da doch (worin ſämmtliche Damen übereinſtimmten) ſechs vollkom⸗ men genügt haben würden, indem Tommy ſo leicht aus ſeiner Mutter Taſſe oder aus jeder andern hätte trinken können, wenn der Aufwärter nicht zugegen war, wodurch doch eine Portion Thee erſpart worden, und der Thee eben ſo gut gewe⸗ ſen ſein würde.« Es war nun einmal nicht zu andern, und das Theegeſchirr mit ſieben Taſſen, und Brod und Butter nach demſelben Maaßſtab erſchien. Miſtreß Bardell wurde einſtimmig zur Präſidentin erwählt, Miſtreß Rogers nahm ihr zur Rechten, Miſtreß Raddle ihr zur Linken Platz, und das Theetrinken begann mit großem Eifer und Erfolg. »Wie ſchön es hier iſt,« begann Miſtreß Rogers, vich möchte immer auf dem Lande leben.⸗« —— Die Pickwicker. 189 „O, Sie würden es bald müde werden, Madame,⸗ fiel Miſtreß Bardell ſchnell ein, denn es war in Bezie⸗ hung auf die Miethwohnung keineswegs rathſam, ſolche Neigungen zu ermuthigen;»Sie würden es bald müde werden, Madame.« „»Ich ſollte denken, daß Sie zu liebenswürdig ſind, und Ihre Geſellſchaft zu ſehr geſucht wird, als daß Sie ſich auf dem Lande gefallen könnten,«⸗ bemerkte die kleine Miſtreß Cluppins. »Sie mögen vielleicht Recht haben,« ſeufzte die Mietherin des erſten Stocks. „»Für Jemand,« nahm Herr Raddle das Wort,„der für Niemand zu ſorgen hat, oder um den ſich Niemand bekümmert, oder der in ſeinem Gemüth verletzt wurde, oder dergleichen, mag allesdings das Leben auf dem Lande recht gut ſein.« Von Allem, was der unglückliche Mann hätte ſagen können, war dieſes gerade das Schlimmſte. Miſtreß Bardell brach in Thränen aus, und ließ ſich ſofort von dem Tiſche führen, worauf ihr theilnehmender Sprößling ebenfalls jämmerlich zu weinen und zu ſchluchzen begann. »Sollte man es wohl für möglich halten, Madame,« rief Miſtreß Raddle aus, ſich an die Mietherin des erſten Stocks wendend,»ſollte man es für möglich halten, daß es einen ſo durchaus rückſichtsloſen Mann geben kann, der fortwährend die weiblichen Gefühle mit Füßen tritt2« »„Ich meinte es ja nicht böſe damit,« entgegnete Herr Raddle demüthig. „»Du meinteſt es nicht böſe?« wiederholte Miſtreß Raddle mit Zorn und Verachtung.»Gehe mir aus den Augen!— Ich kann Deinen Anblick nicht ertragen, Du gefühlloſer Menſch.« * Die Pickwicker. »Ereifern Sie ſich nicht, Mary Ann,« unterbrach 1 Miſtreß Cluppins.»Bedenken Sie Ihre Geſundheit; N Herr Raddle, Sie werden noch ein Unglück anrichten, wenn Sie ſich nicht entfernen.⸗ J 1»Es wäre in der That beſſer, Sir, daß Sie Ihren A Thee allein tränken,« ſagte Miſtreß Rogers, ein Riech⸗ er flaͤſchchen hervorziehend. ſ A 4 Miſtreß Sanders, die ihrer Gewohnheit gemäß, ſehr 4 eifrig mit den Butterſchnitten beſchäftigt war, ſprach fa dieſelbe Meinung aus, und Herr Raddle zog ſich in aller Stille zurück.„ Hierauf ſuchte Miſtreß Bardell, die ſich wieder etwas G beruhigt hatte, ihren hoffnungsvollen Sprößling zu be⸗ G ſchwichtigen, und nahm ihn auf den Arm. Da Maſter Bardell jedoch ſchon etwas zu groß war, um füglich auf u dem Arm gewiegt werden zu können, ſo gerieth er mit ſeinen Stiefeln auf den Theetiſch, und verurſachte einige n Verwirrung unter den Taſſen und Kannen. Miſtreß Bardell ſetzte ihn jetzt nieder, ſagte:„ſie wundere ſich, 9 daß ſie habe ſo thöricht ſein können,« und begann wieder d mit dem Theetrinken. p In dieſem Augenblick vernahm man ein Geräuſch, 1 und als die Damen aufblickten, ſahen ſie einen Mieth⸗ wagen vor dem Gartenthor halten. »Noch mehr Geſellſchaft?« fragte Miſtreß Sanders. »Es iſt ein Herr,« ſagte Miſtreß Raddle. »Es iſt, ſo wahr ich lebe, Herr Jackſon, der junge Menſch von Dodſon und Fogg,« rief Miſtreß Bardell aus. „Das iſt ja ganz herrlich!— Sollte Herr Pickwick die Entſchädigung bezahlt haben?2« 1 »Oder hat er ſich wohl gar entſchloſſen, Sie zu hei⸗ rathen?« fiel Miſtreß Cluppins ein. ————r Die Pickwicker. 191 »Mein Gott, wie langſam der Herr iſt,« ſagte Miſtreß Rogers.»Weßhalb beeilt er ſich denn nicht?« Während die Dame ſo ſprach, entfernte ſich Herr Jackſon von dem Miethwagen, an welchem er ein paar Augenblicke mit einem ſchäbig gekleideten Mann, der mit einem mächtigen Eſchenſtock in der Hand ausſtieg, ge⸗ ſprochen hatte, und kam auf die Geſellſchaft zu, indem er unterwegs ſeine Haare zurückſtrich. „Etwas Neues, Herr Jackſon? Iſt etwas vorge⸗ fallen?« rief ihm Miſtreß Bardell entgegen. »Ganz und gar nichts, Madame,“ entgegnete Jackſon. „Wie befinden Sie ſich, meine Damen? Ich muß um Entſchuldigung bitten, daß ich mich hier zudränge, aber Geſchäfte, meine Damen— Geſchäfte.« Herr Jackſon lächelte und verbeugte ſich hierbei, und ordnete nochmals ſeine Haare. Miſtreß Rogers flüſterte Miſtreß Raddle zu, er ſei wirklich ein ſehr artiger junger Mann. »Ich war in Ihrer Wohnung,“ ſagte Jackſon zu Miſtreß Bardell, und da ich von dem Hausmädchen hörte, daß Sie hier ſeien, nahm ich einen Wagen und fuhr hierher.— Meine Prinzipale wünſchen Sie ſobald als möglich zu ſprechen, Miſtreß Bardell.« »Mein Gott!« rief die Dame faſt erſchrocken aus. »Es iſt ein ſehr wichtiges und dringendes Geſchäft,⸗ fuhr Jackſon, ſich auf die Lippe beißend fort,»ein Geſchäft, daß unter keiner Bedingung Aufſchub geſtattet. Dodſon ſagte mir es ſo ausdrücklich, und Fogg ebenfalls. Ich habe den Wagen gemiethet, damit Sie ſogleich zurück⸗ kehren können.« „»Wie ſeltſam!« rief Miſtreß Bardell aus. Sämmtliche Damen ſtimmten darin überein, daß es allerdings höchſt ſeltſam ſei, waren aber zugleich einſtimmig men 192 Die Pickwicker. der Anſicht, es müſſe ein ſehr wichtiges Geſchäͤft ſein, ſonſt würden Dodſon und Fogg nicht nach Miſtreß Bardell geſchickt haben, und da es zugleich ein dringendes ſei, ſo möge Sie ja keinen Augenblick verlieren. Es ſchmeichelte Miſtreß Bardell nicht wenig, daß ihre Advokaten ſie in ſo auffallender Eile zu ſich beriefen, auch war es ihr keineswegs unangenehm, beſonders weil es ihre Wichtigkeit in den Augen der Mietherin des erſten Stocks bedeutend erhöhen mußte. Sie affektirte daher nur ein wenig Bedauern, die Geſellſchaft verlaſſen zu müſſen, entſchied ſich aber doch endlich, mit Jackſon zu⸗ rückzufahren. »Wollen Sie nicht erſt eine kleine Erfriſchung an⸗ nehmen?« ſagte ſie zu Jackſon. »Wir duürfen wirklich nicht viel Zeit verlieren,« er⸗ wiederte Jackſon,»und ich habe außerdem einen Freund bei mir,« ſetzte er hinzu, und ſah ſich nach dem Mann mit dem Eſchenſtock um. 3 „Bitten Sie doch Ihren Freund, hierher zu kommen,« ſagte Miſtreß Bardell. »Ich muß in der That für ihn danken,« entgegnete Jackſon, und wurde dabei etwas verlegen.»Er iſt an Damengeſellſchaft nicht ſehr gewöhnt. Wenn Sie ihm aber etwas ſchicken wollen, ſo wird er es ſchnell genug aus⸗ trinken— machen Sie nur den Verſuch!« Der Aufwärter ward zu dem verſchämten Gentleman geſchickt, und der verſchämte Gentleman trank ſo haſtig, wie Jackſon vorher verkündet hatte. Miſtreß Bardell bat, ihre Freundinnen Miſtreß Sanders und Miſtreß Cluppins, ſo wie auch Tommy, mitnehmen zu dürfen. Jackſon hatte nichts dagegen, drängte aber zum Aufbruch, und die andern Damen blieben unter dem Schutz des Herrn Raddle zurück. 6 —⏑Q⏑:—·——-—-—— ſein, erdell i, ſo daß efen, weil rſten aher zu zu⸗ an⸗ er⸗ rund ann en,« nete an aber lus⸗ nan ſtig, dell treß um dem Die Pickwicker. 193 Als Miſtreß Bardell einſtieg, rief Jackſon den Mann mit dem Eſchenſtock, der, eine Cigarre rauchend, auf dem Bock ſaß, zu: „»Iſaak— dies iſt Miſtreß Bardell!« „Schon gut, erwiederte der ſchäbige Mann— hab' mir's wohl gedacht!« Miſtreß Bardell konnte nicht umhin, ſich ihre Ge⸗ danken über die Mittheilung des Herrn Jackſon an ſeinen Freund auf dem Bock zu machen.»Schlaue Leute, dieſe Gerichtsperſonen, murmelte ſie vor ſich hin, wie ſie Jeden gleich zu erkennen wiſſen.« »Es iſt eine fatale Geſchichte mit den Prozeßkoſten— ich meine Ihre Koſtenrechnung, Madame,⸗ bemerkte Jack⸗ ſon, als Miſtreß Sanders und Miſtreß Eluppins in einen ſüßen Schlummer gefallen waren. »Es thut mir ſehr leid, daß Ihre Prinzipale nicht zu dem Gelde kommen können,« entgegnete Miſtreß Bardell, „doch wenn Ihr Rechtsleute dergleichen auf Spekulation übernehmt, ſo müßt Ihr Euch dann und wann auch einen kleinen Verluſt gefallen laſſen.« »Sie gaben aber meinem Prinzipal, wie ich vernahm, ein Cognovit, worin Sie die Rechtmäßigkeit ihrer For⸗ derung mit dem Betrag der Koſten dennoch anerkannten. »Ja ja— der Form wegen.« »Ohne Zweifel— der Form wegen,« bemerkte Jackſon trocken— nur der Form wegen.« Miſtreß Bardell ſchlummerte gleichfalls ein, und er⸗ wachte erſt wieder, als der Wagen anhielt. „Sind wir ſchon vor Fremans⸗Court?« fragte Sie. „»„Wir fahren nicht ganz ſo weit,« erwiederte Jackſon. »Haben Sie die Güte auszuſteigen.« Miſtreß Bardell, die ſich noch nicht ganz ermuntert hatte, ſtieg aus. Sie ſtand vor einer maͤchtigen ſteinern Die Pickwicker. V. 13 * Die Pickwicker. 194 Mauer, mit einem Thor in der Mitte. Innerhalb brannte ein Gaslicht. »Meine Damen,« rief der Mann mit dem Eſchen⸗ ſtock, in den Wagen blickend und Miſtreß Sanders rüt⸗ telnd, um ſie zu erwecken;»kommen Sie!« Miſtreß Sanders weckte ihre Freundin, und ſie ſtiegen Beide aus, und folgten Miſtreß Bardell nach, welche, von Jackſon, der Tommy an der Hand hatte, geführt, bereits hinein⸗ gegangen war. Das Zimmer, in das Alle eintraten, bot einen noch ſeltſamern Anblick dar, als das Portal. So viele Männer ſtanden umher, und wie ſie die Angekom⸗ menen anſtarrten! »Wo ſind wir denn?« fragte Miſtreß Bardell, und ſtand ſtill. „»Nur in einem unſerer öffentlichen Bureaus,« ant⸗ wortete Jackſon, zog ſie raſch mit ſich durch eine Thür, ſah ſich um, ob die beiden andern Damen nachfolgten, und rief dem Mann mit dem Eſchenſtock zu:»Gut auf⸗ gepaßt, Iſaak!« Alles in Ordnung!« rief Iſaak zurück. Die ſchwere Thüre wurde hinter ihnen zugeſchlagen, und ſie ſtiegen einige Stufen hinab. „Da wären wir endlich! Es iſt Alles vortrefflich gegangen, Miſtreß Bardell!« ſagte Jackfon, triumphirend umherblickend. »Was wollen Sie damit ſagen?« fragte Miſtreß Bardell mit klopfendem Herzen. »O nur dieſes,« erwiederte Jackſon, ſie ein wenig bei Seite führend.»Erſchrecken Sie nicht, Miſtreß Bardell.— Es giebt keinen zartfühlendern Mann als Dodſon, Madame, und keinen menſchenfreundlichern als Fogg. Sie hätten als Geſchäftsleute wegen der Koſten Ihnen Exekution ſchicken müſſen, wünſchten aber, Ihre Die Pickwicker. 195 Gefühle möglichſt zu ſchonen. Wie tröſtlich muß es Ihnen ſein, daß die Sache auf dieſe Weiſe eingeleitet wurde. Wir ſind im Fleet, Madame. Wünſche Ihnen gute Nacht, Miſtreß Bardell— gute Nacht, Tommy!« Als Jackſon und der Mann mit dem Eſchenſtock ſich entfernt hatten, führte ein Schließer mit dem Schlüſſel in der Hand, welcher hinzugetreten war, die beſtürzten Frauenzimmer nach einem zweiten kurzen Treppenabſatz und durch einen Thorweg. Miſtreß Bardell ſchrie laut auf, Tommy fing an zu heulen, Miſtreß Cluppins ſchreckte heftig zuſammen; und Miſtreß Sanders ſtürzte fort; denn ſie erblickten— den ſchwer gekränkten Herrn Pickwick, der auf ſeinem Abendſpaziergang begriffen war, und an ſeiner Seite Samuel Weller, welcher, ſobald er Miſtreß Bardell gewahrte, mit ſpöttiſcher Ehrfurcht den Hut zog, während ſein Herr den Damen verächtlich den Rücken wendete, und davon ging. „Vexiren Sie die Frau nicht,« ſagte der Schließer zu Sam; vſie iſt eben erſt hereingekommen.« „Alſo eine Gefangene?« ſagte Sam, und ſetzte ſchnell ſeinen Hut wieder auf.»Wer ſind die Kläger? Weßhalb denn? ſprich alter Burſche.« »Dodſon und Fogg— Exekution wegen Cognovit für Koſten,« erwiederte der Schließer. »Holla! Heda!— Hiob! Hiob!« rief Sam in den Gang ſtürzend.»Laufen Sie zu Herrn Perker, Hiob— ich müßte ihn augenblicklich ſprechen. Dieſes kann zu was Gutem führen.— Es iſt ein Hauptſpaß.— Hurrah! wo iſt Herr Pickwick?« Dieſe Fragen blieben unbeantwortet, denn Hiob war ſchon davon gerannt, ſobald er ſeinen Auftrag er⸗ hielt, und Miſtreß Bardell war dieſes Mal in vollem wirk⸗ lichen Ernſt in Ohnmacht gefallen. — 13* Die Pickwicker. Achtundvierzigſtes Kapitel. Welches beſonders nur von Geſchäftsſachen und dem zeitlichen Vortheil der Herren Dodſon und Fogg handelt, und in welchem Herr Winkle unter außerordentlichen Umſtänden wieder erſcheint, und Herrn Pickwicks Menſchenfreundlich⸗ keit über ſeine Hartnäckigkeit den Sieg davon trägt⸗ Hiob Trotter rannte Holborn hinauf, bisweilen mit⸗ ten in der Straße, dann an der Seite, und bisweilen in der Straßenrinne, wie gerade das Gedränge von Män⸗ nern, Frauen, Kindern und Wagen es erforderlich machte, und kein Hinderniß beachtend, hielt er nicht an, bis er das Thor von Grays⸗Inn erreicht hatte. Trotz der Schnelligkeit, mit welcher er gelaufen war, fand er jedoch, daß man das Thor ſchon ſeit einer guten halben Stunde verſchloſſen hatte, und als er Herrn Perkers Aufwärterin endlich aufgefunden, welche mit einer verheiratheten Toch⸗ ter ziemlich weit entfernt wohnte, fehlten nur noch funf⸗ zehn Minuten an der Zeit, zu welcher das Gefängniß für den Abend geſchloſſen wurde. Herr Lowton mußte jetzt noch in dem Hinterzimmer der Elſter aufgeſucht werden, und Hiob hatte ſich kaum des von Sam erhal⸗ tenen Auftrags entledigt, als es zehn Uhr ſchlug. »Sehen Sie,« ſagte Lowton,»es iſt ſchon zu ſpät für heute, und Sie werden nicht mehr in das Fleet hin⸗ ein kommen können. Sie müſſen ſich jetzt des Schlüſſel zur Straße bedienen, mein Freund.«⸗ »Hat nichts zu ſagen,« erwiederte Hiob, h kann überall ſchlafen. Wäre es aber nicht beſſer, wenn wir noch heute Abend zu Herrn Perker gingen, damit wir morgen ſo früh als möglich zur Stelle ſind?« Die Pickwicker. 197 „Ja,« erwiederte Lowton, nachdem er ein paar Au⸗ genblicke überlegt hatte,»ja, wenn's der Fall von Jemand anders wäre, ſo würde Perker ungehalten genug ſein, noch ſo ſpät in ſeinem Hauſe beläſtigt zu werden; doch da es Herrn Pickwick betrifft, will ich riskiren, ein Ka⸗ briolet zu nehmen, und das Fuhrlohn bei den Koſten zu liquidiren.⸗ Nachdem Herr Lowton ſich dahin entſchieden hatte, nahm er ſeinen Hut, bat die Geſellſchaft, während ſeiner kurzen Abweſenheit einen andern Präſidenten für ihn zu erwählen, ſuchte dann ein Kabriolet auf, und ließ ſich nach dem Montagueplatz fahren. Herr Perker hatte an jenem Tage eine große Ge⸗ ſellſchaft zum Eſſen eingeladen, wie daraus hervorging, daß man die ganze Reihe der Fenſter erleuchtet ſah, den lauten Ton eines Fortepiano's und eine ſchwache es be⸗ gleitende Stimme hörte, und daß aus dem Untergeſchoß ein ſehr einladender Duft emporſtieg. Es waren nämlich ein paar ſehr gute Kunden des Herrn Perker vom Lande zu gleicher Zeit nach der Stadt gekommen, und er hatte daher eine angemeſſene kleine Geſellſchaft zu ihrer Unter⸗ haltung eingeladen, beſtehend aus Herrn Snicks, dem Sekretär der Lebensverſicherungs⸗Geſellſchaft, Herrn Per⸗ ſon, dem ausgezeichneten Advokaten, drei Anwälden, einem Inſolvenzkommiſſär; ferner einem etwas anmaßenden jungen Herrn, ſeinem Mündel, der ein ſcharfſinniges Buch über das Erbrecht mit einer Menge gelehrter Citate und Noten d niehen hatte, und mehreren anderen angeſehe⸗ nen und ausgezeichneten Perſonen. Aus dieſer Geſell⸗ ſchaft entfernte ſich der kleine Perker, als ihm flüſternd ſein Schreiber gemeldet wurde, und begab ſich in das Vorzimmer, wo er ihn und Hiob Trotter fand. 198 Die Pickwicker. »Was giebt's, Lowton?« ſagte Perker,„wichtige Sachen angekommen?« »Hier iſt ein Bote von Herrn Pickwick, Sir.« „Von Pickwick? wie?« ſagte der kleine Mann, ſich ſchnell zu Hivob wendend.»Nun was giebt's?« „»Dodſon und Fogg haben Miſtreß Bardell wegen ihrer Koſten verhaften laſſen,« berichtete Hiob. „»Iſt es möglich?« rief Herr Perker aus, ſeine Hände in die Hoſentaſche ſteckend und ſich an einen Tiſch lehnend. »Wie ich Ihnen ſage,« fuhr Hiob fort.»Es ſcheint, daß ſie ſich ein Cognovit wegen ihrer Koſten haben aus⸗ ſtellen laſſen.« „»Beim Himmel!« rief Perker aus, beide Hände aus den Hoſentaſchen ziehend und ſie heftig zuſammenſchla⸗ gend.»Dodſon und Fogg ſind die geſcheiteſten Leute, mit denen ich in meinem ganzen Leben zu thun gehabt habe.« »Die gewandteſten Geſchäftsleute, die ich kenne, Sir;« fiel Lowton ein. »Es iſt in der That ſo gut als unmöglich, ihnen beizukommen.« »Sehr wahr, Sir,« bemerkte Lowton, worauf Beide, Prinzipal und Schreiber, einander einige Augenblicke, mit belebten Zügen nachſinnend, anſchauten, als wenn ſie in der Bewunderung einer der ſchönſten und ſcharfſinnigſten Erfindungen, die der menſchliche Geiſt je erſonnen, tief verſunken wären. Als ſie einigermaßen aus ihrer Ver⸗ zückung erwachten, brachte Trotter an, was er ſonſt noch zu ſagen hatte. Perker nickte ſehr nachdenklich, und zog ſeine Uhr hervor. »Ich will morgen Vormittag Punkt zehn Uhr im Fleet ſein,« ſagte der kleine Mann.»Sam hat voll⸗ Die Pickwicker. 199 kommen Recht. Kann ich Ihnen ein Glas Wein an⸗ bieten, Lowton?« „O nein, danke ergebenſt, Sir.⸗ „Sie meinen ja,« ſagte Perker, nahm zwei Gläſer aus einem kleinen Schranke, und klingelte nach einer Flaſche Wein. Da Lowton allerdings ja gemeint hatte, ſo machte er keine weitere Einwendungen, und fragte Hiob in einem hörbaren Flüſtern: ob das Portrait Perkers, welches dem Kamin gegenüber hing, nicht ſprechend ähnlich ſein? was Hiob natürlich bejahte. Der Wein war mittlerweile ge⸗ bracht und eingeſchenkt. Lowton trank Herrn Perkers und der Kinder, Hiob Perkers Geſundheit, worauf der kleine Mann zu ſeiner Geſellſchaft, Lowton ebenfalls zu der ſeinigen in der Elſter zurückkehrte, und Hiob ſich nach dem Covent⸗Garden⸗Markt begab, um dort die Nacht in einem Gemüſekorbe zuzubringen. Am andern Morgen Punkt zehn Uhr klopfte Perker an Herrn Pickwicks Thür, und Sam beeilte ſich, ſie zu öffnen. »Herr Perker, Sir,« ſagte er, den Beſucher Herrn Pickwick, der nachdenkend am Fenſter ſtand, ankündigend. „Freut mich ſehr, Sir,« fügte er hinzu,»daß Sie mal gelegentlich bei uns einſprechen. Ich glaube faſt, Herr Pickwick wird ein Paar Worte mit Ihnen zu ſprechen haben, Sir.⸗« Perker warf Sam zum Zeichen, daß er ihn verſtan⸗ den, und daß er nicht ſagen würde, Sam habe ausdrück⸗ lich nach ihm geſchickt, einen bedeutſamen Blick zu, und flüſterte ihm einige Worte in das Ohr. „Es iſt nicht möglich, Sir,« rief Sam im höchſten Erſtaunen aus. Perker nickte und lächelte. ————,, —2o 200 Die Pickwicker. Herr Samuel Weller ſah den kleinen Mann, dar⸗ auf Herrn Pickwick an, blickte zur Decke empor, und dann wieder nach Perker hin, ſchmunzelte, brach plötzlich in ein ausgelaſſenes Gelächter aus, griff nach ſeinem Hut, und ſprang ohne fernere Erörterungen aus dem Zimmer. »Was ſoll das bedeuten?« fragte Herr Pickwick, Perker erſtaunt anſehend.»Was iſt denn Sam ſo plötz⸗ lich in den Kopf gefahren?« »O nichts, ganz und gar nichts,« erwiederte Perker. »Bitte, mein theurer Sir, ſetzen Sie ſich mit mir an den Tiſch. Ich habe Ihnen Vieles mitzutheilen.« »Was ſind das für Papiere?« fragte Herr Pick⸗ wick, als Perker ein kleines, mit einer rothen Schnur zuſammengebundenes Packet vor ſich hinlegte. »Die Prozeßakten Bardell contra Pickwick,« erwie⸗ derte Perker, der ſich bemühte, den Knoten mit den Zäh⸗ nen zu löſen. »Herr Pickwick ſtieß einen Stuhl gegen den Boden, und ſah ſeinen Rechtsfreund zornig, ſofern er überhaupt zornig ausſehen konnte, an. »Sie hören nicht gerne von der Sache ſprechen?« ſagte der kleine Mann, fortwährend mit dem Knoten beſchäftigt. »Nein, wirklich nicht,« entgegnete Herr Pickwick. »Thut mir leid,« fuhr Perker fort,»da es der Ge⸗ genſtand unſerer Unterredung ſein wird.« „»Perker, Sie wiſſen, daß ich nicht gern davon ſpre⸗ chen höre.⸗ »Thorheit, Thorheit, mein Theuerſter!« ſagte Per⸗ ker, dem es endlich gelungen war, den Knoten zu löſen; »wir müſſen davon ſprechen. Ich kam ausdrücklich des⸗ halb zu Ihnen. Sind Sie anzuhören bereit, was ich mitzutheilen habe, mein beſter Herr? Uebrigens hat es Die Pickwicker. 201 keine Eile, ich kann auch warten. Ich habe die heuti⸗ gen Morgenblätter mitgebracht, ſtehe aber zu Ihren Dienſten, ſobald es Ihnen gefällig ſein wird.« Er ſchlug ein Bein über das andere, und begann wenigſtens zum Schein eifrig zu leſen. »Sagen Sie nur, was Sie zu ſagen haben,« unter⸗ brach ihn Herr Pickwick, zwar mit einem Seufzer, doch lächelnd.»Es wird gewiß wieder die alte Geſchichte ſein.⸗ »Mit einem kleinen Unterſchied, mein theurer Sir,⸗ erwiederte Perker, legte ſein Zeitungsblatt bedächtig zu⸗ ſammen, und ſteckte es wieder in die Taſche.»Miſtreß Bar⸗ dell, die Klägerin, befindet ſich innerhalb dieſer Mauern.⸗ »„Ich weiß es,« entgegnete Herr Pickwick. »Wiſſen Sie aber auch, auf weſſen Antrag ſie ſich .* 5 hier befindet 2« »Ich weiß wenigſtens, was mir Sam davon geſagt hat,« antwortete Herr Pickwick mit angenommener Gleich⸗ gültigkeit. »Ich glaube, daß Sam's Angaben vollkommen be⸗ gründet waren,« erwiederte Perker.»Zuvörderſt erlau⸗ ben Sie mir nur die Frage, mein theurer Sir, ob die Frau hier bleiben ſoll?« „Ob ſie hier bleiben ſoll?«. »Ja, mein theurer Sir!« und Perker lehnte ſich in ſeinen Stuhl zurück, und ſah Herrn Pickwick ſcharf an. „Wie kann ich Ihnen die Frage beantworten? Sie wiſſen ja ſehr wohl, daß nur Dodſon und Fogg darüber zu beſtimmen haben.« „Nein, davon weiß ich durchaus nichts. Dodſon und Fogg haben mit nichten darüber zu beſtimmen.« „Sie kennen die Leute eben ſo genau, wie ich, mein theurer Sir. Nur Sie und Sie einzig und allein haben darüber zu beſtimmen.⸗ Die Pickwicker. »Nur ich?« rief Herr Pickwick aus. Der kleine Mann klopfte zweimal auf den Deckel ſeiner Schnupftabacksdoſe, öffnete ſie, nahm eine große 202 Priſe, und erwiederte bedächtig:»Nur Sie, nur Sie haben zu beſtimmen, ob die Frau alsbald ihre Freiheit wieder erhalten, oder bis an ihren Tod hier eingekerkert bleiben ſoll. Hören Sie mich ruhig bis zu Ende an, mein theurer Sir, und ereifern Sie ſich nicht ſo, denn Sie werden dadurch nur in Transſpiration gerathen, und es kann zu gar nichts nutzen. Ich ſage Ihnen,« fuhr Perker fort, die verſchiedenen Sätze ſeiner Rede ſo zu ſagen an den Fingern abzählend;»ich ſage Ihnen, daß Niemand, als Sie, die Frau aus dieſer Marterhöhle erlöſen kann, und zwar nur dadurch, daß Sie den Freeman⸗Court⸗Hayen ſämmtliche Koſten auszahlen. Ich bitte, hören Sie mich noch ruhig an, mein theurer Sir.« Herr Pickwick, der in der heftigſten Aufregung war, hielt noch, obgleich mit Mühe, an ſich, und Perker fuhr fort, nachdem er ſeine Ueberredungsgabe durch eine neue Priſe angefriſcht hatte. »Ich hale heute Morgen mit der Frau geſprochen. Dadurch, daß Sie die Prozeßkoſten bezahlen, werden Sie gänzlich von der Bezahlung der Entſchädigungsſumme entbunden, und erhalten ferner, was für Sie noch viel wichtiger iſt, von der Bardell eine eigenhändige freiwillige Erklärung in der Form eines Schreibens an mich, daß Dodſon und Fogg ihr den Gedanken an die Klage ein⸗ gegeben, ſie dazu bewogen und angereizt haben, daß ſie es innig bedauert, Ihnen Verdruß oder Schaden zugefügt zu haben, weshalb ſie mich dringend erſucht, mich bei Ihnen in der Sache zu verwenden, und Sie um Ihre Verzeihung anzuflehen.« »Wenn ich ihre Koſten für ſie bezahle, ſo will ſie &Q 2 Die Pickwicker. 203 dieſe Erklärung abgeben— in der That ein werthvolles Dokument;« rief Herr Pickwick entrüſtet aus. „Es iſt mit nichten ein Wenn vorhanden,“ ſagte Perker triumphirend.»Hier iſt ſchon das Schreiben. Es wurde mir heute Morgen um neun Uhr in meinem Geſchäftszimmer durch eine mir unbekannte Frau zuge⸗ ſtellt, ohne daß ich— auf mein Ehrenwort— mit der Bardell die mindeſte vorhergegangene Unterhandlung ein⸗ geleitet hatte.« Der kleine Mann ſuchte das Schreiben unter den Papieren hervor, überreichte es Herrn Pickwick, und ſchnupfte unausgeſetzt zwei Minuten hinter einander. »Iſt das Alles, was Sie mir zu ſagen haben?« fragte Herr Pickwick ziemlich beſänftigt. »Noch nicht,« entgegnete Perker.»Ich kann in dieſem Augenblick noch nicht beurtheilen, ob die wört⸗ liche Abfaſſung des Cognovit und die Beweiſe, die wir ſonſt aufſtellen könnten, eine Anklage gegen Dodſon und Fogg auf Betrug und Schwindelei hinlänglich be⸗ gründen. Ich fürchte, daß es nicht der Fall iſt, mein theurer Sir; Dodſon und Fogg ſind zu geriebene Ge⸗ ſchäftsleute. Doch kann ich ſo viel ſagen, daß ſämmt⸗ liche Umſtände zuſammengenommen jedenfalls genügend ſein werden, Sie in den Augen aller verſtändigen Leute vollkommen zu rechtfertigen. Und jetzt ſtelle ich es Ihrem eigenen Ermeſſen anheim. Dieſe hundert und funfzig Pfund oder wie viel die Koſten betragen mögen— nehmen wir eine runde Summe an— ſind ja gar nichts für Sie. Eine Jury hat gegen Sie entſchieden; ihr Ausſpruch war ungerecht, aber die Geſchwornen hielten ihn nun einmal für gerecht. Es bietet ſich Ihnen jetzt eine Gelegenheit dar, durch Eingehung auf ſehr annehmbare Bedingungen —————— — 204 Die Pickwicker. eine weit höhere Stellung in der Meinung einzunehmen, als Sie jemals durch ihr längeres Hierbleiben erlangen können, welches Ihnen von Allen, die Sie nicht kennen, nur als ein widerſinniger und lächerlicher Starrſinn aus⸗ gelegt werden wird; glauben Sie es mir, mein theurer Sir. Können Sie noch Bedenken tragen, zu Ihren Freunden, Ihren Beſchäftigungen und Vergnügungen zurück⸗ zukehren, und Ihre Geſundheit wieder herzuſtellen; Ihren treuen Diener aus einer Haft zu befreien, zu der Sie ihn ſonſt für Ihre fernere Lebenszeit verurtheilen, und noch mehr, die großmüthige Rache zu üben, welche, wie ich weiß, mein theurer Sir, ganz nach ihrem Herzen ſein wird; dieſe Frau aus einem Ort des Laſters und des Elends zu erlöſen, wo, wenn es nach meinem Willen ginge, nicht einmal Männer eingeſperrt werden ſollten, und welchem Frauenzimmer zu überweiſen eben ſo ſchau⸗ derhaft als barbariſch iſt? Ich frage Sie, mein beſter Herr, nicht allein als Ihr Rechtsbeiſtand, ſondern auch als Ihr wahrer, es mit Ihnen wohlmeinender Freund, ob Sie ſich die Gelegenheit zu dem Allen entgehen laſſen wollen, nur damit nicht einige Pfund Sterling in die Taſchen zweier Elender kommen, die dadurch nicht glück⸗ licher, wohl aber ſicherer in ihren Umtrieben werden, und vielleicht um ſo eher eine neue Schurkerei begehen, bei welcher ſie zur Rechenſchaft gezogen werden können? Ueberlegen Sie meine nur ſchwach und unvollſtändig ent⸗ wickelten Gründe, ſo lange Sie wollen, ich werde gedul⸗ dig hier auf Ihre Antwort harren.« Bevor Herr Pickwick antworten konnte, bevor Herr Perker nur den zwanzigſten Theil des Schnupftabacks ſeiner Naſe vergönnt hatte, den eine ſo lange Rede noth⸗ wendig erheiſchte, vernahm man an der Thür ein leiſes Flüſtern und gleich darauf ein zögerndes Klopfen. Die Pickwicker. 205 „O Himmel,« rief Herr Pickwick, der die Gruͤnde ſeines Freundes eben in Erwägung zu ziehen begann, „wie ungelegen.— Wer iſt da?« „»Ich, Sir,« erwiederte Sam Weller, den Kopf hereinſteckend. »„Ich habe jetzt keine Zeit, Sam,⸗ ſagte Herr Pick⸗ wick.»Kommen Sie ſpäter wieder.« „Bitte um Entſchuldigung, Sir, aber hier iſt eine Dame, die, wie ſie ſagt, Ihnen etwas Wichtiges mitzu⸗ theilen hat.« »Ich kann jetzt keine Dame annehmen,⸗ entgegnete Herr Pickwick, der in dieſem Augenblick an kein anderes Frauenzimmer dachte, als an Miſtreß Bardell. „Das kommt mir noch nicht ſo ganz ausgemacht vor,« erwiederte Sam kopfſchüttelnd.»Wenn Sie nur wüßten, wer in der Rähe iſt, ſo glaube ich, Sie würden aus einem andern Tone pfeifen, wie der Habicht mit einem vergnügten Lachen bei ſich ſelber ſprach, als er das Rothkelchen um die Ecke ſingen hörte.“« »Wer iſt's denn 2« fragte Herr Pickwick. „Wollen Sie ſehen, Sir?« fragte Sam, die Thuͤr mit der Hand haltend, als wenn er draußen irgend ein ſeltenes Thier hätte. 1 »Ich werde wohl müſſen,« ſagte Herr Pickwick, Perker anſehend. »Nun denn,« ſagte Sam,»das Stück fängt an— der Vorhang geht in die Höhe, und die beiden Ver⸗ ſchwornen treten ein.« Er riß jetzt die Thür weit auf, und hereinſtuͤrzte Herr Nathaniel Winkle, und zog dieſelbe junge Dame nach ſich, die zu Dingley⸗Dell die kleinen Pelzſtiefelchen getragen hatte, und jetzt— eine gar anmuthige Miſchung · 206 Die Pickwicker. von Erröthen und Verwirrung, und Lillaſeide und einem artigen Hut mit Spitzenſchleier— hübſcher als je ausſah. »Miß Arabella Allen!« rief Herr Pickwick aus, und ſprang von ſeinem Stuhle auf. »Nein,« ſagte Herr Winkle, auf die Kniee nieder⸗ fallend,»Miſtreß Winkle— Verzeihung, mein theurer Freund, Verzeihung!« Herr Pickwick konnte kaum dem Zeugniß ſeiner eigenen Sinne trauen, und würde es vielleicht auch nicht gethan haben, hätte Perker nicht ſo bedeutſam gelächelt, und Sam und das hübſche Hausmädchen im Hintergrund nicht die ganze Scene mit dem unverkennbarſten Wohl⸗ gefallen betrachtet. »O, Herr Pickwick,« ſagte Arabella mit leiſer Stimme, als beunruhige ſie ſein Stillſchweigen,»können Sie meine Unklugheit verzeihen 2« Herr Pickwick erwiederte nicht durch Worte, ſondern legte eilig die Brille ab, nahm beide Hände der jungen Dame in die ſeinigen, küßte ſie viele— vielleicht mehrere Male, als unbedingt nothwendig ſein mochte, und ſagte dann, immer noch eine ihrer Hände in ſeiner Rechten haltend, zu Winkle, er ſei ein ganz verwünſchter kecker Burſche, und möchte aufſtehen, was Herr Winkle, der gleich einem reuigen Büßer ſeine Naſe mit dem Rande ſeines Hutes gerieben hatte, that, worauf Herr Pickwick ihm mehrere Male auf die Schulter klopfte, und Perker die Hand ſchüttelte, welcher, um bei dieſer Gelegenheit an Komplimenten nicht zurückzubleiben, ſowohl die junge Frau als das hübſche Hausmädchen freundlich begrüßte, und nachdem er Herrn Winkle'’s Hand faſt aus dem Gelenk geriſſen, ſeine Freudenbezeigungen damit beſchloß, daß er Schnupftaback genug nahm, um ein halbes Dutzend —— Die Pickwicker. 207 Leute mit gewöhnlich organiſirten Naſen ihr Lebenlang nieſen zu laſſen. »„Wie iſt denn aber dies Alles zugegangen, mein liebes kleines Weibchen?« fragte Herr Pickwick.»Setzen Sie ſich, und laſſen Sie mich hören.— Wie hübſch ſie ausſieht— nicht wahr, Perker?« fügte er hinzu, und ſchaute ihr dabei mit ſo viel Stolz und Entzücken in das Antlitz, als wäre ſie ſeine eigene Tochter geweſen. „Wäre ich nicht ſelbſt verheirathet,« ſagte Perker, „wahrhaftig, Sie Tauſendſaſſa, ich würde Sie beneiden,«⸗ und bei dieſen Worten klopfte er Herrn Winkle auf die Schulter, und Beide fingen laut an zu lachen, doch nicht ſo laut, als Herr Samuel Weller, der ſeinen Gefühlen ſo eben dadurch Luft gemacht hatte, daß er das hübſche Hausmädchen verſtohlen hinter der ſpaniſchen Wand geküßt. »Ich kann Ihnen nie dankbar genug ſein, Sam,⸗ ſagte Arabella mit dem ſüßeſten Lächeln von der Welt. „Ich werde nie Ihre Bemühungen in dem Garten zu Cliſton vergeſſen.« „Sagen Sie nichts mehr davon, Madame,“« erwie⸗ derte Sam.»Ich kam nur der Natur zu Hülfe, wie der Doktor zur Mutter des Knaben ſagte, da er ihm bis zum Verbluten zur Ader gelaſſen hatte.« „»Meine gute Mary, ſetzen Sie ſich,« unterbrach Herr Pickwick, das Hausmädchen anredend, dieſe Kom⸗ plimente.»Und nun— wie lange ſind Sie ſchon ver⸗ heirathet, meine theure Arabella— he?« Arabella blickte verſchämt ihren Gatten an, und Herr Winkle erwiederte:»Erſt ſeit drei Tagen.« »Erſt ſeit drei Tagen!« rief Herr Pickwick aus. »Was habt Ihr denn während dieſer ganzen drei Monate angefangen?« 1 208 Die Pickwicker. Ja wohl,« fiel Perker ein.»Heraus mit der Sprache— rechtfertigen Sie Ihre Faulheit, Sir. Sie ſehen, daß Pickwick ſich nur darüber wundert, weßhalb Sie nicht ſchon längſt ein Ende vom Liede gemacht haben.« Winkle ſah ſeine erröthende junge Gattin an, und ſagte: »Ich konnte Bella lange nicht zu dem Schritt ver⸗ mögen, und als es mir endlich gelang, bot ſich nicht gleich eine Gelegenheit dar.— Wir bedurften Mary's Beiſtand, und ſie konnte nur nach monatlicher Kündigung ihre Herrſchaft verlaſſen.« »Auf mein Wort,« rief Herr Pickwick aus, der in⸗ zwiſchen ſeine Brille wieder aufgeſetzt hatte, deſſen Blicke von Arabella zu Winkle, und von Winkle zu Arabella ſchweiften, und in deſſen Zügen ſich eine ſo lebhafte Freude ausſprach, als freundliche Theilnahme und Liebe dem menſchlichen Antlitz nur verleihen mögen;»auf mein Wort, Ihr ſcheint ein ſehr ſyſtematiſches Verfahren beob⸗ achtet zu haben. Weiß denn Ihr Bruder ſchon Alles, mein gutes Kind?« »Ach nein,« erwiederte Arabella erröthend.»Beſter Herr Pickwick, er muß es durch Sie erfahren— nur aus ihrem Munde. Er iſt ſo leidenſchaftlich, ſo voll von Vorurtheilen, und— er hegte ſo lebhafte Wünſche in Betreff ſeines Freundes, des Herrn Sawyer—« fügte ſie erröthend hinzu,»daß ich die ſchrecklichſte Angſt vor den Folgen habe.« „»Ja ja,« ſiel Perker ein,»Sie müſſen hier vermit⸗ telnd eintreten, mein theurer Sir. Die beiden jungen Leute werden durch Sie am leichteſten zu beſchwichtigen ſein.— Sie muſen Unheil verhüten, mein beſter Herr.— Heißes Blut— heißes Blut,« und der kleine ——— Die Pickwicker. 2⁰9 Mann nahm eine warnende Priſe, und ſchüttelte bedenk⸗ lich den Kopf. 4 „Sie vergeſſen nur, meine Liebe, daß ich ein Ge⸗ fangener bin,« ſagte Herr Pickwick, ſich zu Arabellen wendend, mit milder Freundlichkeit. „Nein, mein theurer Herr Pickwick,« entgegnete Arabella,»ich vergaß es nicht; habe immer daran ge⸗ dacht, was Sie in dieſem abſcheulichen Gefängniß leiden mußten, aber ich hoffte immer, Ihre Fürſorge für unſer Glück würde Sie vermögen zu thun, wozu keine Rück⸗ ſicht für Sie ſelbſt Sie bisher bewegen konnte. Wenn Sie meinen Bruder zuerſt von meinem Schritt benach⸗ richtigen, ſo bin ich überzeugt, daß wir uns wieder ver⸗ ſöhnen werden. Nur der einzige Bruder iſt mir von allen meinen Verwandten geblieben, und wenn Sie ſich nicht meiner annehmen, Herr Pickwick, ſo muß ich fürch⸗ ten, auch ihn für immer zu verlieren.— Ich habe unrecht gehandelt— ich weiß es, ſehr, ſehr unrecht,« und die arme Arabella hielt ihr Taſchentuch vor die Augen, und weinte bitterlich. Ihre Thränen erſchütterten Herrn Pickwick nicht wenig, als ſie aber, ihre Augen trocknend, in den ſüße⸗ ſten Tönen einer ſehr ſüßen Stimme ihn mit den ſüßeſten Schmeichelworten beſtürmte, wurde er ſehr ergriffen und offenbar zweifelhaft, was er thun ſollte, wie daraus her⸗ vorging, daß er ſeine Brillengläſer und ſeine Naſe ab⸗ wechſelnd und bedächtig rieb. Perker ſuchte ſogleich Vortheil aus dieſen Symptomen der Unentſchiedenheit zu ziehen. Er entwickelte mit Juriſten⸗Scharfſinn und Gewandtheit(da es ihm bedünkte, als ſei das junge Paar eben erſt in der Stadt angekommen), daß der Vater des Herrn Winkle mit dem raſchen Entſchluß Die Pickwicker. V. 14 Die Pickwicker. 210 ſeines Sohnes noch ganz unbekannt ſei, daß die Aus⸗ ſichten des beſagten Sohnes für die Zukunft ganz von dem Vater abhingen, und er deſſen Zuneigung leicht einbüßen könne, wenn das große Ereigniß beſagtem Winkle Senior noch lange unbekannt bliebe, daß ferner Herr Pickwick, wenn er einmal nach Briſtol reiſe, um Herrn Allen aufzuſuchen, ſich auch wohl nach Berming⸗ ham begeben könne, um Herrn Winkle Senior von Allem zu benachrichtigen, daß endlich Letzterer Herrn Pickwick mit gutem Rechte als den Mentor ſeines Sohnes be⸗ trachten, und daher erwarten dürfe, durch ihn von der ganzen Sache und Herrn Pickwicks eigenem Antheil daran in Kenntniß geſetzt zu werden. Dies war der Stand der Verhandlungen, als gerade zur rechten Zeit die Herren Tupman un nodgraß er⸗ ſchienen, und es war nothwendig, ſie von Allem, was vorgefallen war, zu benachrichtigen, ſo wie von den ver⸗ ſchiedenen Gründen pro und contra; alle Argumente wurden daher nochmals wiederholt, wobei Jeder die ſei⸗ nigen ergänzen und verſtärken konnte. Herr Pickwick wurde endlich durch ſo viele Remonſtrationen und De⸗ monſtrationen in ſeinem großen Entſchluß erſchüttert. Er zog Arabellen zu ſich, erklärte, ihre Bitten ſeien un⸗ widerſtehlich, er habe ſie— wie es zugegangen, wiſſe er ſelbſt nicht anzugeben— vom erſten Augenblick an ſo lieb gewonnen, daß er es nicht über ſich gewinnen könne, dem Glück des jungen Paars im Wege zu ſtehen, und daß ſie ganz nach ihrem Gefallen uüber ihn verfügen könnte. Kaum hatte Sam dieſe Erklärung vernommen, ſo ſchickte er ſogleich Hiob Trotter an den berühmten Herrn Pell ab, mit dem Auftrag, dem Ueberbringer das in aller Förmlichkeit aufgeſetzte Befreiungs⸗ Dykument einzuhän⸗ — Die Pickwicker. 211 digen, welches ſein umſichtiger Vater bereits bei dem gelehrten Herrn, für den Fall, daß es einmal ſchnell und dringend erforderlich ſein ſollte, deponirt hatte. Sodann verwendete Sam ſeinen ganzen baaren Geldvorrath zum Ankauf von fünfundzwanzig Galonen Porter, welche er in eigener Perſon auf dem Ballplatz an alle Durſtige, die ſich dazu finden wollten, austheilte. Hierauf ſchrie er in mehreren Theilen des Gebäudes ſo lange»Hurrah!« bis er ſich ganz heiſer gerufen, und kehrte endlich nach allem dem zu ſeiner gewöhnlichen philoſophiſchen Ruhe zurück. Um drei Uhr Nachmittags überſchaute Herr Pick⸗ wick ſein kleines Zimmer mit einem letzten Blick, und machte ſich, ſo gut er vermochte, Bahn durch das Ge⸗ dränge von Schuldgefangenen, die ſich herbeidrängten, ihm die Hand zum Abſchied zu reichen. Auf der letzten Treppenſtufe nach der Vorhalle blickte er ſich noch ein Mal um, und ſeine Augen ſtrahlten vor inniger Freude. Unter allen den Unglücklichen ſah er nicht einen, deſſen Lage durch ihn nicht erleichtert oder gemildert worden wäre. „Perker,« ſagte er, einen jungen Mann zu ſich winkend,»dies iſt Herr Jingle, von dem ich mit Ihnen geſprochen habe.« »Sehr wohl, mein theurex Sir,« erwiederte Perker, Jingle ſcharf in das Auge faſſend.»Sie werden mich Morgen wiederſehen, junger Mann.— Was ich Ihnen mitzutheilen habe, wird Ihnen hoffentlich unvergeßlich ſein, Sir. a Jingle verbeugte ſich ehrerbietig, zitterte heftig, als er Herrn Pickwicks dargebotene Hand ergriff, und ent⸗ fernte ſich. 212 Die Pickwicker. »Hiob, kennen Sie, glaub' ich, ſchon,« ſagte Herr Pickwick, auf ihn zeigend. »Kenne ihn ſchon,« entgegnete Perker.»Laſſen Sie ſich morgen um ein Uhr auch ſehen; hören Sie? Iſt jetzt noch etwas hier zu beſorgen, mein theurer Sir?4 »Nichts,« erwiederte Herr Pickwick.»Sam, haben Sie das kleine Packet abgegeben, das ich Ihnen für Ihren alten Stubengenoſſen einhändigte?« »Ja, Sir,« antwortete Sam.»Er fing an zu weinen, Sir, und ſagte, Sie ſeien ſehr edelmüthig und gütig, und er wünſche nur, Sie hätten ihm die gallo⸗ pirende Schwindſucht einokuliren können, denn da ſein alter Freund, der hier ſo lange mit ihm lebte, geſtorben ſei, hätte er jetzt Niemand mehr, der ſich um ihn be⸗ kümmerte.« »Der arme, arme Mann,“« ſagte Herr Pickwick. „Lebt wohl und Gott ſegne Euch Alle, meine Freunde!« Die Menge erhob ein lautes Geſchrei, und Viele drängten ſich zu ihm, um ihm die Hand noch ein Mal zu drücken. Er nahm Perkers Arm, und eilte mit betrübterem Herzen aus dem Gefängniß, als er es be⸗ treten hatte. Ach, wie viele Unglückliche ließ er darin zurück, und wie viele derſelben ſchmachten noch jetzt dort. Ein glücklicher Abend war dieſes wenigſtens für eine Geſellſchaft im Georg und Geier, und leicht und heiter fühlten ſich am andern Morgen Herr Pickwick und Sam, als ſie in einer bequemen Poſtkutſche ab⸗ fuhren. »Sir!« rief Sam ſeinem Herrn zu. 8 Die Pickwicker. 213 Herr Pickwick ſteckte den Kopf aus dem Wagen⸗ fenſter. »Ich wollte, die Pferde wären ihre drei guten Mo⸗ nate im Fleet geweſen, Sir.⸗ »Weßhalb denn, Sam?« fragte Herr Pickwick. »Ei, Sir,« rief Sam, und rieb ſich die Hände, »wie würden ſie dann laufen!« 4 Ende des fünften Theils. 4*½ * ————