“ 1 ——— 4 1 2 defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ofkmann in Gießen, Scchloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 1 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe vinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: fur wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Avonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 1 u 5 25 Capt. Marryat's, Capt. Chamier's, Dr Harriſſon's(Samuel Warrew's), Wilſon's, James Morier', Boh's u. A. Geſammelte Werke. Eine Sammlung der. neueſten und ausgezeichnetſten Romane der engliſchen Literatur. Sechzigster Band. Die nachgelaſſenen Papiere des Pickwick⸗Clubbs von Boz(Charles Dickens). Vierter Theil. Braunſchweig, Q ——— Boz's (Charles Dickens) Geſammelte Werke. Vierter Theil. Die Pickwicker. Vierter Theil. Mit einer Federzeichnung nach Phiz. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1839. Die nachgelaſſenen Papiere des Pickwick⸗Clubbs, enthaltend einen getreuen Bericht der Wahrnehmungen, Gefahren, Reiſen, Abenteuer und heitenn Erlebniſſe der correſpondirenden Mitglieder des Clubbs. Von Boz(Charles Dickens). — Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von O. v. Czarnowsky. Vierter Theil. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1839. ———,· Neunundzwanzigſtes Kapitel. Ein luſtiges Weihnachts⸗Kapitel, das die Schilderung einer Hochzeit und einiger anderen Feſtlichkeiten enthält, welche, obgleich in ihrer Art eben ſo gute Gebräuche, als die Ehe ſelbſt, in unſern Zeiten nicht mehr gewiſſenhaft aufrecht erhalten werden. 7 . So munter wie Bienen, wenn auch nicht ganz ſo leichtſinnig wie Elfen, verſammelten ſich die vier Pickwi⸗ cker an dem Morgen des zweiundzwanzigſten Decembers in dem Jahre der Gnade, in welchem die hier getreu aufge⸗ zeichneten Abenteuer unternommen und vollbracht wurden. Weihnachten mit allen ſeinen Feſtlichkeiten ſtand vor der Thür, die Zeit der Geſelligkeit, des Frohſinns und der Gaſtlichkeit; das alte Jahr ſchickte ſich an, wie ein Phi⸗ loſoph des Alterthums, ſeine Freunde zu ſich zu berufen, um unter Geſang, Fröhlichkeit und Becherklang heiter und ruhig zu ſcheiden. Es war auch dieſesmal eine gar ſchöne und fröhliche Zeit, und höchſt munter und vergnügt waren wenigſtens vier von den zahlreichen Herzen, die durch ihre Annäherung erfreut wurden.— Zahlreich in der That ſind die Herzen, deren Weih⸗ nachten eine kurze Feſtzeit des Glücks und des Frohſinns bringt. Wie viele Familien, deren Mitglieder während Die Pickwicker. IV. 1 2 Die Pickwicker. des unruhigen Treibens ihres Berufs hier und dorthin zerſtreut waren, ſind dann vereint und finden einander in jenem glücklichen Zuſtande gegenſeitiger Traulichkeit und Liebe wieder, welche die Quelle ſo reiner ungetrübter Freuden und die zugleich ſo unvereinbar mit den Sorgen und Trübſalen der Welt iſt, daß der religiöſe Glaube der civiliſirteſten Nationen und die Traditionen der roheſten Wil⸗ den ſie gleichmäßig unter die erſten Genüſſe rechnen, die in einem künftigen Daſein den Auserwählten dargeboten werden. Wie viele alte Erinnerungen, und wie viele ſchlummernde Sympathien ruft die Weihnachtszeit hervor. Wir ſchreiben dieſe Worte viele Meilen von dem Orte entfernt, wo wir Jahr für Jahr jenen Tag in einem heitern und muntern Kreis von Freunden zubrachten. Viele Herzen, die damals ſo fröhlich klopften, haben aufgehört zu ſchlagen; viele der Blicke, die in Heiter⸗ keit ſtrahlten, ſind erſtörben; die Haͤnde, die wir traulich drückten, ſind kalt geworden; die Augen, die wir ſuchten, haben ihren Glanz im Grabe verloren; und doch dringen ſich das alte Haus, das Zimmer, die fröhlichen Stimmen und kächelnden Geſichter, die Scherze, die unbedeutendſten Umſtände und Vorfälle jener uns beglückenden Zuſam⸗ menkünfte bei jeder Wiederkehr dieſer Zeit des Jahres uns auf, als hätte die letzte Verſammlung erſt geſtern Statt gehabt. Glückliches, glückliches Feſt, das uns die Traume unſerer Kindertage wiederbringen, dem Greiſe die Freuden ſeiner Jahre zurückzaubern, und den Seemann oder Reiſenden tauſende von Meilen an ſeinen traulichen Heerd und nach feiner ſtillen Heimath zuruͤckverſetzen kann. Dooch wir haben uns ſo in die guten Eigenſchaften und Vorzüge des Weihnachtsabends vertieft, der, beiläufig geſagt, ganz einem Gentleman vom Lande aus der guten alten Schule gleicht, daß wir Herrn Pickwick nnd eine Freunde in — Die Pickwicker. 3 der Kälte auf den Außenſitzen der Poſtkutſche von Muggleton warten laſſen, welche ſie ſo eben, trefflich eingehüͤllt in Ueber⸗ röcke und Shawls, beſtiegen haben. Die Mantel⸗ und Reiſe⸗ ſäcke ſind aufgepackt, und Sam Weller und der Conducteur bemühen ſich, in den vordern Kutſchkaſten einen großen Kabliau in einem Korbe hineinzuzwingen, der bis zuletzt zurückgelaſſen wurde, um mit Sicherheit auf dem halben Dutzend Auſtertönnchen zu ruhen, die in regelmäßiger Ordnung unten aufgereiht, und ſo wie der Fiſch ein Ei⸗ genthum des Herrn Pickwick ſind. Dieſer Herr ſchaut mit theilnehmenden Blicken den Bemühungen des Herrn Weller und des Conducteurs zu, den Klabliau zuerſt mit dem Kopf, dann mit dem Schwanz, und darauf umge⸗ kehrt, und dann von der einen und wieder von der an⸗ dern Seite unterzubringen, welchen Kunſtgriffen jedoch der verſtockte Fiſch unüberwindlichen Widerſtand entgegenſetzt, bis der Conducteur ihn zufällig an die rechte Stelle bringt, aber, weil er ein ſo plötzliches Aufhören des paſ⸗ ſiven Widerſtandes nicht vermuthet hat, ſelbſt mit dem Kopf und den Schultern in den Kutſchkaſten fährt, und zwar zum unausſprechlichen Entzücken aller Umherſtehen⸗ den. Herr Pickwick lächelt hierüber in beſter Laune, nimmt einen Schilling aus der Weſtentaſche, bittet den wieder hervorkriechenden Conducteur, ſeine Geſundheit in einem Glaſe heißen Branntweins und Waſſers zu trinken, worauf dieſer auch lächelt, und die Herrn Snod⸗ graß, Winkle und Tupman lächeln zur Geſellſchaft mit. Der Conducteur und Herr Weller verſchwinden auf fünf Minuten, wahrſcheinlich um die Geſundheit zu trinken, denn ſie riechen bei ihrer Rückkehr ſehr ſtark nach Grog; der K utſcher beſteigt den Bock; Sam ſpringt hinten hin⸗ auf; die Pickwicker ziehen ihre Ueberröcke über die Kniee und ihre Shawls über die Naſen; die Stallknechte neh⸗ 1* 4 3 Die Pickwicker. men den Pferden die Decken ab; der Kutſcher ſchreit ſein luſti⸗ ges,»Alles in Ordnung,« und der Wagen raſſelt von dannen. Die Reiſenden ſind auf dem Steinpflaſter in den Straßen gehörig durchgeſchüttelt worden, und erreichen endlich das offene Feld. Die Räder gleiten über den hartgefrornen Boden, und die Pferde, durch einige wohl angebrachte Peitſchenhiebe in einen ſcharfen Trapp geſetzt, eilen auf der Landſtraße dahin, als ob die Laſt hinter ihnen, die Kutſche, die Paſſagiere, der Kabliau, die Au⸗ ſterfäßchen und alles andere nur eine leichte Feder für ſie wäre. Sie haben eine kleine Anhöhe erſtiegen und gelan⸗ gen jetzt auf eine Ebene, die zwei Meilen lang und ſo feſt und trocken iſt, wie ein Marmorblock. Noch ein Peitſchenhieb, und ſie eilen im Galop mit den Köpfen nickend und ihr Geſchirr ſchüttelnd, als freuten ſie ſich ſelbſt uber die Schnelligkeit der Bewegung, während der Kutſcher, die Peitſche und den Zügel in der einen Hand haltend, ſeinen Hut mit der andern abnimmt, ihn auf die Kniee ſetzt, ſein Taſchentuch hervorzieht, und ſich die Stirn abwiſcht, theils weil dieſes ſeine Gewohnheit iſt, und theils um den Paſſagieren zu zeigen, wie leicht es wird, mit Vieren zu fahren, wenn man darin ein ſo alter Praktiker iſt wie er. Nachdem er ſich hierzu alle Muße genommen(denn ſonſt würde vieles von dem be⸗ abſichtigten Effekt verloren gehen), ſteckt er ſein Taſchen⸗ tuch wieder ein; ſetzt den Hut auf; zieht ſeine Handſchuhe an; drückt die Elbogen an den Leib; knallt darauf tüch⸗ tig mit der Peitſche, und die muntern Thiere laufen noch ſchneller als zuvor.— Einige hier und da an beiden Seiten der Landſtraße ſtehende Häuſer deuten die Nähe einer Stadt oder eines Dorfes an. Die hellen Töne des Klappenhorns des Conducteurs ſchallten durch die heitere kalte Luft, und y——ͤ——õõ‚:——— N R e Die Pickwicker. 5 erweckten den alten Herrn im Innern des Wagens, wel⸗ cher ſorgfältig das Fenſter halb hinabläßt, und, den Zu⸗ ſtand des Wetters beobachtend, ſchnell hinausblickt, dann das Fenſter eben ſo ſorgſam wieder hinaufzieht, und ſei⸗ nen Mitreiſenden benachrichtigt, daß ſie gleich die Pferde wechſeln würden, worauf der Letztere beſchließt, ſein Schläf⸗ chen bis zur nächſten Station auszuſetzen. Abermals ertönt das muntere Horn, und treibt die Frau und die Kinder des Hüttenbewohners vor die Hausthür, um dem Wagen nachzuſehen, bis er um die nächſte Ecke biegt, worauf ſie ſich wieder um das praſſelnde Feuer verſam⸗ meln, und neues Holz zulegen, damit der Vater es warm finde, wenn er zu Hauſe kommt, während der Vater ſelbſt, eine gute Meile davon, eben mit dem Kutſcher freundliches Kopfnicken wechſelt, und ſich wendet, um der ſchnell dahinrollenden Kutſche möglichſt lange nachzublicken. Jetzt ertönt eine fröhliche Melodie auf dem Horn, während der Wagen über die ſchlechtgepflaſterten Stra⸗ ßen eines Landſtädtchens raſſelt, und der Kutſcher die Schnalle zwiſchen ſeinen Zügeln öffnet, ſich vorbereitend, ſie augenblicklich dem Stallknecht zuzuwerfen, ſobald der Wagen hält. Herr Pickwick ſtreckt ſeinen Kopf aus dem Mantelkragen, und blickt ſich mit großer Neugierde um, worauf der Kutſcher, dieſes bemerkend, ihm den Na⸗ men der Stadt nennt, und ihm mittheilt, geſtern ſei Markttag geweſen, welche Nachrichten Herr Pickwick ſofort an ſeine Reiſegefährten befördert, die nun eben⸗ falls mit den Köpfen aus ihren Mantelkragen fahren, und ſich gleichfalls umblicken. Herr Winkle, der an dem aͤußerſten Rande des Außenſitzes ſeinen Platz hat und mit einem Beine in der Luft ſchwebt, wird faſt auf die Straße hinabgeſchlendert, als die Kutſche ſchnell um die ſcharfe Ecke an dem Käſeladen ſich nach dem Marktplatz wendet, und, bevor Herr Snodgraß, der neben ihm ſitzt, ſich von Die Pickwicker. ſeinem Schrecken erholt hat, fahren ſie in den Hof des Gaſthauſes ein, wo die friſchen Pferde, mit Decken belegt, bereits auf ſie warten. Der Kutſcher wirft die Zügel dem Stallknechte zu, und ſteigt ab, und ihm folgen die andern Paſſagiere von den Außenſitzen, außer denjenigen, welche kein großes Zutrauen zu ihrer Geſchicklichkeit haben, raſch wieder hinaufklimmen zu können; dieſe bleiben wo ſie ſind, und ſtampfen mit den Füßen gegen die Decke der Kutſche, um ſich zu erwärmen, mit ſehnſüchtigen Blicken und gerötheten Naſen nach dem hellen Kamin⸗ feuer in der Schenkſtube und nach den blühenden Ge⸗ wächſen an den Fenſtern blickend. Der Conducteur hat aber bereits in dem Laden des Ge⸗ treidehändlers das Packet in braunem Papier abgegeben, welches er aus der großen Taſche nahm, die an einem leder⸗ nen Riemen über ſeine Schulter hängt; er hat ferner nach⸗ geſehen, ob die Pferde gut verſorgt wurden, auch den Sat⸗ tel auf das Pflaſter geworfen, der auf dem Kutſchenverdeck von London mitgebracht wurde, und zugleich an der Con⸗ ferenz zwiſchen dem Kutſcher und dem Stallknecht in Betreff des Grauſchimmels, der am letzten Mittwoch ſeinen rechten Vorderfuß verſtauchte, Theil genommen; er und Herr Weller ſitzen ſchon auf ihren Plätzen, der Kutſcher hat den Bock eingenommen, und der alte Herr im Innern des Wagens, der die ganze Zeit über das Fenſter volle zwei Zoll offen hielt, hat es wieder geſchloſſen, die Decken ſind von den Pferden genom⸗ men, und alles iſt zur Abreiſe bereit, außer den zwei»kor⸗ pulenten Herren,« nach denen der Kutſcher mit einiger Ungeduld fragt, worauf er ſelbſt und der Conducteur, und Sam Weller, und Herr Winkle, und Herr Snod⸗ graß, und alle Stallknechte, und jeder von den müßig Uumherſtehenden, deren Anzahl größer iſt, als die aller Andern zuſammengenommen, aus Leibeskräften nach Die Pickwicker. 7 den vermißten Herren rufen. Man vernimmt eine ent⸗ fernte Antwort von dem Hofe, und Herr Pickwick und Herr Tupman kommen ganz außer Athem gelaufen, denn ſie haben jeder ein Glas Ale getrunken, und die Finger des Herrn Pickwick waren von der Kälte ſo erſtarrt, daß er volle fünf Minuten ſuchen mußte, um die zu zahlen⸗ den Sir Pence hexauszufinden. Der Kutſcher ruft ein ermahnendes:»Kommen⸗ Sie ſchnell, meine Herren,« der Conducteur wiederholt es der alte Herr im Binnen⸗ ſitz erklart es für höchſt auffallend, daß Paſſagiere ab⸗ ſteigen, da ſie doch wiſſen, daß keine Zeit zu verlieren iſt;— Herr Pickwick klettert an der einen Seite hinauf, Herr Tupman an der. andernz Herr Winkle ruft:„Alles in Ordnung,«nund die Kutſche raſſelt davon. Die Shawls werden wieder um⸗ Hals und Kinn gewickelt; die Mantelkragen in die Höhe gezogenz das Pflaſter hört auf; die Häuſer verſchwinden; ſie fliegen wieder auf der offenen Heerſtraße hin, und die friſche kalte Luft weht ihnen in das Geſicht. Alſo erging es Herrn Pickwick und ſeinen Freun⸗ den auf dem Muggleton⸗Telegraphen während ihrer Fahrt nach Dingley⸗ Dell, und um drei Uhr Nach⸗ mittags ſtanden ſie alle fröhlich und wohlgemuth auf der Treppe vor dem blauen Löwen, nachdem ſie unter⸗ wegs eine hinlängliche Quantikät von Ale und Brannt⸗ wein genoſſen hatten, um dem Froſt Trotz bieten zu können, der die Erde in ſeine eiſernen Feſſeln gelegt, und die Bäume und Hecken mit ſeinein ſchönen Netzwerkum⸗ zogen hatte. Herr Pickwick war eifrig beſchäftigt, die Auſterntönnchen zu zählen, und das Hervorholen des Kabliau zu beaufſichtigen, als er ſich leiſe an ſeinen Rock⸗ ſchößen gezupft fühlte. Er ſah ſich um und entdeckte, *) In England führen die Poſtkutſchen Namen/ wie die Schiffe. 8 Die Pickwicker. daß die Perſon, welche auf dieſe Weiſe ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit in Anſpruch zu nehmen ſuchte, niemand anders war, als des Herrn Wardle Lieblingspage, der den Leſern dieſer wahrhaften Geſchichte mehr unter der bezeichnen⸗ den Benennung des»feiſten Burſchen« bekannt iſt. „Ah ha,« ſagte Herr Pickwick. »Ah ha,« ſagte der feiſte Burſche, und als er es geſagt hatte, blickte er von dem Kabliau nach den Au⸗ ſtertönnchen und läͤchelte äußerſt vergnügt.— Er war fetter als je. »Nun, Sie ſehen blühend genug aus, mein junger Freund,« ſagte Herr Pickwick. »Ich habe eben vor dem Kaminfeuer in der Schenk⸗ ſtube ein Stündchen geſchlafen,« erwiederte der feiſte Burſche, der ſich bis zu der Farbe eines neuen kupfer⸗ nen Keſſels durchglüht hatte.»Mein Herr hat mich mit dem Karren hergeſchickt, um Ihr Gepäck nach dem Hauſe zu bringen. Er würde Reitpferde für Sie geſchickt haben, aber er glaubte, Sie würden bei der Käͤlte lieber zu Fuß gehen.« 3 »Ja, ja,« fiel Herr Pickwick haſtig ein, denn er erinnerte ſich, auf welche Weiſe ſie faſt denſelben Weg bei einer früheren Gelegenheit gemacht hatten.»Ja, wir gehen lieber.— Sam!« 1 „»Sir,« antwortete Herr Weller. „»Helfen Sie Herrn Wardle's Diener das Gepäck auf den Karren laden, und fahren Sie mit ihm uns nach. Wir wollen gleich vorangehen.“« Nachdem Herr Pickwick dieſe Befehle ertheilt, und den Kutſcher bezahlt hatte, ſchlugen er und ſeine drei Freunde den Fußpfad über die Felder ein, und ſchritten rüſtig von dannen, Herrn Weller und den feiſten Bur⸗ ſchen zum erſtenmal beiſammenlaſſend. Sam blickte Joe höchſt erſtaunt an, aber ohne ein Wort zu ſagen, und —— —— — —— — Die Pickwicker. 9 begann das Gepäck ſchnell in den Karren zu laden, während der feiſte Burſche ruhig dabei ſtand, und es ihm ſehr ergötzlich vorzukommen ſchien, daß Sam Weller Alles allein that. »So,“ ſagte Sam, als er den letzten Mantelſack in den Karren warf,»nun iſt Alles aufgepackt.« »Ja,« ſagte der feiſte Burſche in ſehr zufriedenem Tone, ojetzt iſt Alles aufgepackt.« „»Hören Sie mal, Sie Zwanzig⸗Zentner⸗Jüngling,« ſagte Sam,»Sie könnten ſich als eine merkwürdige Rarität bei einer Preis⸗Vertheilung melden.“« „Danke ſchön,« erwiederte der feiſte Burſche. »Haben Sie denn gar nichts, worüber Sie ſich grämen oder Sorgen machen?« fragte Sam. »Daß ich nicht wüßte,« antwortete Jener. „»Ich wäre beinahe auf den Gedanken gekommen, als ich Sie zuerſt ſah, daß Sie ſich über eine unglück⸗ liche Liebe zu einem jungen Frauenzimmer Kummer machen,« ſagte Sam. Der feiſte Burſche ſchüttelte mit dem Kopf. »Gut,« fuhr Sam fort,»freut mich ſehr, daß es nicht der Fall iſt. Trinken Sie auch bisweilen nen Tropfen 2 »Ich eſſe lieber,« entgegnete Ioe. „»Ah,« ſagte Sam,»das hätte ich vermuthen kön⸗ nen, aber ich meine, ob Sie wohl einen Tropfen an⸗ nähmen, der Sie erwärmte? Doch Sie haben wohl noch nie unter Ihrem Fett gefroren?2« „Bisweilen doch,« erwiederte der feiſte Burſche,»und ich trinke auch gerne'nen Tropfen, wenn's was Gu⸗ tes iſt.« „»Wirklich?« ſagte Sam.»Nun, dann kommen Sie einmal mit mir.« Sie traten in die Schenkſtube des blauen Löwen, 10 Die Pickwicker. und Joe ſtürzte, ohne einen Zug zu verändern, ein Glas Branntwein hinunter,— eine Heldenthat, die ihn in Herrn Wellers Meinung bedeutend höher ſtellte. Als er auf ſeine eigene Rechnung ein ähnliches Geſchäft beendet hatte, ſtiegen beide in den Karren. »Können Sie fahren?« fragte der feiſte Burſche. »Ich ſollt's meinen,« entgegnete Sam. „Das iſt unſer Weg,« ſagte Joe, indem er Sam die Zügel in die Hand gab, und die Richtung andeutete. „»Nur immer dieſer Straße nach; Sie können nicht fehlen.« Mit dieſen Worten legte ſich der feiſte Burſche neben den Kabliau, und indem er ein Auſternfäßchen als Kopfkiſſen benutzte, fiel er augenblicklich in Schlaf. „»Das muß ich ſagen,« murmelte Sam vor ſich hin, „von allen ruhigen Leuten, die ich bis jetzt kennen lernte, iſt dieſer junge Gentleman der ruhigſte. Heda, wachen Sie auf, junger Waſſerſüchtiger.« Joe ließ ſich jedoch nicht ſtören, und Sam trieb das alte Pferd zu einem muntern Trabe an. Herr Pickwick und ſeine Freunde hatten durch das ſchnelle Gehen ihr Blut in raſchere Bewegung geſetzt, und ſchritten immer munterer fort; der Fußpfad war hart gefroren, das Gras mit Reif überzogen, die Luft war hell und trocken, und der bereits dämmernde Abend ließ ſie mit Vergnügen an die Bequemlichkeiten denken, welche ſie in Dingley⸗Dell erwarteten. Es war jene Art von Wetter, welches ein paar ältliche Herren auf einem ein⸗ ſamen Felde hätte veranlaſſen können, ihre Ueberröcke auszuziehen, und in der Freude und Munterkeit ihres Herzens»Froſchſprung« zu ſpielen, und wir ſind feſt über⸗ zeugt, daß wenn in dieſem Angenblick Herr Tupman ſeinen Rücken dargeboten hätte, das Anerbieten von Herrn Pickwick mit dem größten Eifer angenommen ſein würde. Die Pickwicker. 11 Herr Tupman hatte jedoch dieſen Einfall nicht, und die Freunde ſchritten rüſtig weiter, ſich munter unter⸗ haltend. Als ſie in einen Seitenweg einlenkten, den ſie zu verfolgen hatten, vernahmen ſie den Ton mehrerer Stimmen, und bevor ſie noch erwägen konnten, wem ſie angehören möchten, befanden ſie ſich ſchon mitten in der Geſellſchaft, die ihre Ankunft erwartete— eine That⸗ ſache, welche die Pickwicker zuerſt aus dem lauten»Hurrahe entnahmen, mit dem der alte Wardle ſie begrüßte, als er ſie erblickte. Der alte Herr ſah wo möglich noch heiterer aus, als früher; ihm hatten ſich Bella und ihr getreuer Trundle, ſo wie Emilie und acht bis zehn junge Damen ange⸗ ſchloſſen, die ſämmtlich zu der am folgenden Tage zu feiernden Hochzeit gekommen, und ſo vergnügt waren, als es junge Damen bei ſolchen Gelegenheiten zu ſein pflegen, denn ihr Gelächter und Plaudern ertönte weithin durch die klare Winterluft. Unter ſolchen Umſtänden waren die Vorſtellungs⸗ Ceremonien bald beendet, oder wir ſollten lieber ſagen, daß die Vorſtellung ohne Ceremonie vorüberging; zwei Mi⸗ nuten darauf ſcherzte Herr Pickwick bereits mit den jun⸗ gen Damen, die nicht über eine kleine Verzäunung ſteigen wollten, während er zuſah, oder die, weil ſie zierliche Füße und tadelloſe Beine hatten, es vorzogen, mehrere Mi⸗ nuten auf dem Zaune ſtehen zu bleiben, indem ſie erklärten, ſie ſeien ſo erſchrocken, daß ſie kein Glied rühren könnten— wie geſagt, Herr Pickwick ſcherzte mit ihnen ſo zutrau⸗ lich und unbefangen, als habe er ſie von Jugend auf ge⸗ kannt. Auch iſt es der Bemerkung werth, daß Herr Snoograß Emilien viel mehr Beiſtand leiſtete, als die Gefahren der Verzäunung(obgleich ſie volle drei Fuß hoch war) nothwendig zu erfordern ſchienen, während eine ſchwarzäugige junge Dame mit ſehr niedlichen kleinen 12 Die Pickwicker. Pelzſtiefeln entſetzlich ſchrie, als Herr Winkle ſich erbot, ihr hinüber zu helfen. Alles dieſes war ſehr beluſtigend und angenehm, und als die Hinderniſſe des Schlagbaums endlich überwunden waren, und die Geſellſchaft ſich wieder auf ebnem Wege be⸗ fand, erzählte der alte Wardle dem Herrn Pickwick, ſie hätten ſämmtlich die Ausſtattung des Hauſes beſehen, welches das junge Paar nach dem Weihnachtsfeſt beziehen ſollte. In Folge dieſer Mittheilung wurden Bella und Trundle faſt ſo roth, wie es der feiſte Burſche am Kaminfeuer ge⸗ worden war, und die ſchwarzäugige junge Dame mit den Pelzſtiefelchen flüſterte Emilien etwas in das Ohr, und blickte darauf ſchalkhaft nach Herrn Snodgraß, worauf Emilie erwiederte, ſie ſei ein thörichtes Mädchen, aber demunerachtet nicht wenig erröthete, und Herr Snodgraß, der ſo verſchämt war, wie es alle großen Genies zu ſein pflegen, fühlte das Blut in ſeine Wangen ſteigen, und wünſchte im Innerſten ſeines Herzens, die vorbeſagte junge Dame mit ihren ſchwarzen Augen und ihrem ſchalk⸗ haften Weſen und ihren Pelzſtiefelchen in die nächſte Graf⸗ ſchaft oder noch weiter weg. Wenn ſie aber außerhalb des Hauſes ſo glücklich und zufrieden waren, mit welcher Herzlichkeit wurden ſie dann erſt in demſelben empfangen! Selbſt die Bedienten grinzten vor Freude, als ſie Herrn Pickwick wiederſahen, und Emma warf Herrn Tupman einen halb verſchämten, halb unverſchämten aber ſo interreſſanten Blick des Wie⸗ dererkennens zu, daß es nicht befremdet haben könnte, wenn die Gips⸗Statue Bonaparte's auf der Hausflur ddiie untergeſchlagenen Arme erhoben und das Mädchen in dieſelben geſchloſſen hätte. Die alte Dame ſaß wie gewöhnlich am Kamin, aber ſie war nicht in der beſten Laune, und folglich ungewöhn⸗ lich taub. Sie ging nie aus, und hielt es, wie viele Die Pickwicker. 13 alte Damen zu thun pflegen, für eine Art häuslichen Verraths, wenn Andere ſich die Freiheit nehmen, zu thun, was ihrem Alter verſagt war. Die alte Dame ſaß ſo aufrecht in ihrem Lehnſtuhl, und blickte ſo ſtolz, als es ihr möglich war, und dennoch lag etwas Wohlwollendes darin. »Mutter,« ſagte Wardle,»Herr Pickwick, Sie er⸗ innern ſich ſeiner doch noch?« „Gleichviel,« erwiederte die alte Dame mit großer Würde.»Was kann Herrn Pickwick an einer alten Perſon, wie ich bin, gelegen ſein? Um mich bekümmert ſich jetzt niemand, was auch ſehr natürlich iſt.« Die alte Dame warf bei dieſen Worten den Kopf in die Höhe, und glättete mit ihren zitternden Händen ihr lavendelfarbenes ſeidenes Kleid. »Sie werden doch nicht einen alten Freund ſo zu⸗ rückweiſen,« ſagte Herr Pickwick.»Ich kam ausdrücklich, um recht viel mit Ihnen zu plaudern, und wieder eine Parthie Whiſt mit Ihnen zu ſpielen, und wir wollen die jungen Leutchen, ehe ſie achtundvierzig Stunden aͤlter geworden ſind, lehren, wie man eine Menuet tanzt.« Die alte Dame verbeſſerte erſichtlich ihre Laune, aber ſie wollte es nicht ſo plötzlich thun, und erwiederte daher nur:»Ach, ich kann ihn nicht verſtehen.“« »Sein Sie doch nicht ſo unwirſch, Mutter,« ſagte Wardle.»Kommen Sie, gedenken Sie an Bella und ſprechen Sie dem armen Mädchen Muth ein.« „ Die gute alte Dame hörte Alles, denn ihre Lippen bebten, während ihr Sohn ſprach, doch das Alter hat ſeine kleinen Schwächen und Launen, und ſie ließ ſich noch nicht ganz erweichen. Sie glättete abermals ihr laven⸗ delfarbiges Kleid, und ſagte:»ach, Herr Pickwick, die jungen Leute waren zu meiner Zeit ganz anders.⸗ — 14 Die Pickwicker. „»Ohne Zweifel, Madame,« erwiederte Herr Pickwick, „und dieß iſt der Grund, weßhalb ich die Wenigen ſo hoch ſchätze, die noch an die gute alte Zeit erinnern⸗— und indem Herr Pickwick dieſes ſagte, zog er Bella ſanft zu ſich, küßte ſie auf die Stirn, und bat ſie, ſich auf den kleinen Stuhl zu den Füßen ihrer Großmutter zu ſetzen. War es der Ausdruck ihrer Züge, welche, als ſie ihr holdes Antlitz der alten Dame zuwendete, Gedanken an alte Zeiten in ihr hervorrief, oder wurde die Groß⸗ mutter durch die Gutmüthigkeit des Herrn Pickwick ge⸗ rührt, oder welches ſonſt der Grund ſein mochte, ſie wurde ſehr weich, umarmte ihre Großtochter, und die Uebellau⸗ nigkeit verſchwand gänzlich in einem Strom ſtiller Thraͤnen. Die Geſellſchaft unterhielt ſich an jenem Abend vor⸗ trefflich. Herr Pickwick und die alte Dame ſpielten geſetzt und feierlich viele Rubber Whiſt, aber an dem großen Tiſch wurde ausgelaſſen gelärmt und gelacht. Noch lange, nachdem die Damen ſich zurückgezogen hatten, ließen die Herren den gewürzten heißen Wein die Runde aber und abermal machen, und geſund war der Schlaf und an⸗ genehm waren die Träume, die darauf folgten. Es iſt ein bemerkenswerther Umſtand, daß die Traͤume des Herrn Snodgraß fortwährend Beziehung auf Emilie Wardle hat⸗ ten, und daß die hervorſtechende Saiſon in den Viſionen des Herrn Winkle eine gewiſſe ſchwarzäugige junge Dame mit ſchalkhaftem Lächeln und Pelzſtiefelchen war. Herr Pickwick wurde früh am Morgen durch ein Geräuſch von Stimmen und Fußtritten erweckt, die ſelbſt den feiſten Burſchen aus ſeinem tiefen Schlaf hätten er⸗ wecken können. Der alte Herr richtete ſich im Bett empor, und horchte. Die jungen Damen und die Haus⸗ mädchen liefen fortwährend hin und her; bald wurde nach warmem Waſſer, bald nach Nadeln und Zwirn Die Pickwicker. 15 gerufen, häufig ertönten halblaute Bitten:»O komm und ſchnüre mich!« ſo daß Herr Pickwick anfangs in ſeiner Unſchuld glaubte, es müſſe irgend ein Unglück vorgefallen ſein; doch als er ganz erwachte, erinnerte er ſich der Hochzeit. Er kleidete ſich mit ganz beſonderey Sorgfalt an, und begab ſich in das Frühſtückzimmer. Die Hausmaädchen liefen in ganz neuen roſenrothen Muſſelin⸗Kleidern und unbeſchreiblich aufgeregt und er⸗ hitzt, treppauf treppab. Die alte Dame hatte ein Broket⸗ Kleid angelegt, das ſeit zwanzig Jahren das Licht des Tages nicht ſah, außer jene verſtohlenen Strahlen, die durch die Ritzen in die Schachtel gedrungen waren, in welcher es die ganze Zeit über gelegen hatte. Herr Trundle asſchien im höchſten Staat, ſchien aber ein wenig befangen zu ſein. Der muntere alte Heur bemühte ſich, beſonders heiter und vergnügt auszuſehen, aber es gelang ihm nicht ſonderlich. Sämmtliche junge Mädchen waren in Thränen und weißem Muſſelin, außer zwei oder drei Bevorzugte, welche gewürdigt worden waren, oben insge⸗ heim die Braut und die Brautjungfern zu ſehen. Sämmt⸗ liche Pickwicker hatten ſich in ihren beſten Staat ge⸗ worfen, und draußen vor dem Hauſe auf dem Graſe ſangen und ſprangen ſämmtliche Knechte und junge Bur⸗ ſchen, die in irgend einer Beziehung zum Gute ſtanden. Jeder mit einer weißen Schleife im Knopfloch geſchmückt, und einen entſetzlichen Lärm machend. Sie wurden fort⸗ während durch Herrn Samuel Weller zu noch größerer Heiterkeit aufgemuntert, indem er mit dem beſten Bei⸗ ſpiel voranging. Er hatte ſich ſchon ſehr beliebt zu machen gewußt, und war bereits ſo einheimiſch, als ſei er auf dem Lande geboren und erzogen worden. Eine Vermählung iſt ein privilegirter Gegenſtand des Scherzes, obgleich die Sache im Grunde gar nicht 16 Die Pickwicker. ſpaßhaft iſt. Wir reden hier nämlich nur von der Cere⸗ monie, und wollen uns damit gegen den Vorwurf ver⸗ wahren, als erlaubten wir uns einen verſteckten Spott über das eheliche Leben. Mit dem Vergnügen und den Freuden bei dieſer Gelegenheit miſcht ſich der Schmerz, das väterliche Haus verlaſſen zu müſſen; die Thränen der Trennung zwiſchen Aeltern und Kindern; der Ge⸗ danke, die theuerſten und liebevollſten Freunde der ſchön⸗ ſten Zeit des menſchlichen Lebens zu verlaſſen, um deſſen Sorgen und Mühſeligkeiten mit andern noch Un⸗ geprüften und wenig Gekannten entgegen zu gehen— Ge⸗ fühle, die ſehr natürlich ſind, durch deren Erörterung wir aber dieſes Kapitel nicht traurig machen wollen. Wir melden daher nur kürzlich, daß die Trauung von dem alten Geiſtlichen in der Kirche von Dingley⸗Dell vollzogen wurde, daß Herr Pickwick das Trauregiſter mit unterſchrieb, und daß ſein Name noch heutigen Tages in der Sakriſtei zu leſen iſt; daß die ſchwarzäugige Dame ihren Namen mit ſehr unſicherer, bebender Hand unter⸗ zeichnete; daß Emiliens und der zweiten Brautjungfer Namenszüge kaum lesbar ſind; daß Alles einen vortreff⸗ lichen Fortgang nahm; daß die jungen Damen meinten, eine Trauung ſei doch ſo ſchrecklich nicht, als ſie gedacht hätten, und daß wir, obgleich die Beſitzerin der ſchwarzen Augen und der Pelzſtiefelchen Herrn Winkle verſicherte, ſie werde ſich nie zu einer ſo peinigenden Handlung ent⸗ ſchließen können, die ſtärkſten Gründe haben zu glau⸗ ben, daß ſie ſich ſelbſt täuſchte. Zu allem dieſem können wir noch hinzufügen, daß Herr Pickwick der Erſte war, der die Neuvermählte beglückwünſchte, und daß er ihr bei dieſer Gelegenheit eine koſtbare Uhr mit einer goldenen Kette umhing, welche noch von keinem ſterblichen Auge, als dem des⸗ Juweliers geſehen worden war. Hierauf α Die Pickwicker. 17 läuteten die alten Kirchenglocken ſo munter, als ſie konn⸗ ten, und die Hochzeitsgeſellſchaft kehrte nach Manor⸗ Farm zum Frühſtück zurück. »Wo ſollen die Fleiſchpaſtetchen hin, junger Opium⸗ freſſer?« fragte Sam den feiſten Burſchen, als er ihm die Speiſen auftragen half. Joe wies nach der für ſie beſtimmten Stelle hin. »Sehr wohl,« ſagte Sam, ſtecken ſie aber auch etwas Grünes hinein.— So, jetzt nehmen wir uns hübſch ordentlich aus, wie der Vater ſagte, als er ſeinem kleinen Knaben den Kopf abſchlug, um ihn vom Schielen zu kuriren.« Während Herr Weller dieſen ſcharfſinnigen Vergleich vorbrachte, trat er einige Schritte zurück, um ſeiner Deklamation den erforderlichen Raum zu gewähren, und dann überblickte er ſeine Anordnungen mit der groͤßten Selbſtzufriedenheit. »Wardle,« ſagte Herr Pickwick, als die Geſellſchaft Platz genommen hatte,»ein Glas Wein zu Ehren dieſes glücklichen Tages.« »Mit tauſend Freuden, mein Junge,« entgegnete der alte Herr.»Joe!— der verwünſchte Burſche, er iſt ſchon wieder eingeſchlafen.« 5 »Nein, diesmal nicht, Sir,« erwiederte Joe, aus einem Winkbel hervortretend, wo er im Stillen ein Pa⸗ ſtetchen verzehrt hatte. »Fülle das Glas des Herrn Pickwickl⸗ »Ja, Sir!« Der feiſte Burſche füllte Herrn Pickwicks Glas, und zog ſich dann hinter den Stuhl ſeines Herrn zurück, von wo er das Spiel der Meſſer und Gabeln und das Verſchwinden auserwählter Biſſen mit einer Art von Die Pickwicker. IV. 2 18 Die Pickwicker. düſterer Freude betrachtete, die ſeinen Zügen einen unge⸗ wöhnlich intereſſanten Ausdruck gab. »„Gott ſegne Sie, alter Knabe,« ſagte Herr Pickwick. „Desgleichen Euch, mein Junge,« erwiederte Herr Wardle, und ſie tranken einander herzlich zu. »Miſtreß Wardle,« ſprach Herr Pickwick,»wir Alten müſſen zu Ehren dieſes freudigen Tages auch ein Gläs⸗ chen zuſammen trinken.« Die alte Dame nahm in großer Galla den Ehrenplatz ein, denn ſie präſidirte ganz oben am Tiſche zwiſchen ihrer neu⸗ vermählten Großtochter und Herrn Pickwick, der keine üble Folie für die letztere bildete. Herr Pickwick hatte nicht ſehr laut geſprochen,« aber die alte Dame verſtand ihn gleich, und trank ein volles Glas auf ſeine Geſundheit, worauf ſie alsbald begann, ihm einen genauen und ge⸗ treuen Bericht über ihre eigene Hochzeitsfeier, über die Moden aus ihrer Jugendzeit, über das Leben und die Abenteuer der ſchönen, längſt verſtorbenen Lady Tolleing⸗ tower mitzutheilen, wobei ſie ſelbſt herzlich lachte. Die jungen Damen licherten, weil ſie ſich unter ſich ſelbſt verwunderten, wie die Großmama plötzlich ſo geſpräͤchig geworden war. Als ſie zu lachen anfingen, lachte die alte Dame noch herzlicher, und ſagte, dieſe Geſchichten habe man immer ſehr gern gehört, worüber die jungen Mädchen abermals lachten, was die alte Dame in die beſte Laune von der Welt verſetzte. Dann ward der Kuchen zerſchnitten und umhergereicht, und die jungen Damen legten ſich heimlich Stücke davon bei Seite, um ſie unter ihre Kopfkiſſen zu legen, damit ſie von ihrem Zukünftigen träumen möchten, und wenn eine von ihnen auf der That ertappt wurde, ſo ward dadurch nicht wenig Heiterkeit und Erröthen veranlaßt. 3 „»Herr Miller,« ſagte Herr Pickwick zu ſeinem alten Die Pickwicker. 19 Bekannten, dem Geiſtlichen,»laſſen Sie uns ein Glas Wein zuſammen trinken.« »Mit vielem Vergnügen,« erwiederte der würdige alte Herr. »Schließen Sie mich auch mit ein,« ſagte ſeine Gattin. »Und mich auch, mich auch,« riefen ein paar arme Verwandte vom untern Ende der Tafel, die tapfer ge⸗ geſſen und getrunken hatten, und über Alles lachten. Herr Pickwick ſprach ſeine herzliche Frende über jede neue Aufforderung aus, und ſeine Augen ſtrahlten von innigſter Luſt. »Meine Damen und Herren,« begann er plößlich, indem er ſich erhob. »Hört! hört! hört!« rief Sam im Uebermaß ſei⸗ ner aufgeregten Gefühle. »Ruft die ganze Dienerſchaft herein,« agte der alte Wardle, um von Weller den Verweis abzuwenden, den er ſonſt unzweifelhaft von ſeinem Herrn erhalten haben würde.»Jeder ſoll ein Glas Wein haben, um die Geſund⸗ heit mitzutrinken.— Bitte, fahren Sie fort, Pickwick!« Die Geſellſchaft am Tiſche beobachtete das tiefſte Stillſchweigen, die Haus⸗ und Hofmädchen flüſterten, und die männliche Dienerſchaft ſtand verlegen da, als Herr Pickwick abermals begann: »Meine Damen und Herren— doch nein, ich will nicht ſagen Damen und Herren, ſondern vielmehr: meine theuren Freundinnen und Freunde, wenn die Damen mir eine ſo große Freiheit geſtatten wollen.« Hier wurde Herr Pickwick durch unermeßlichen Bei⸗ fall von Seiten der Damen unterbrochen; die Herren ſtimmten ein, und man konnte, als wieder eine kleine Pauſe eintrat, die Beſitzerin der ſchwarzen Augen deut⸗ lich ſagen hören, daß ſie den lieben, lieben Herrn Pick⸗ 2* 20 Die Pickwicker. wick küſſen könne, worauf Herr Winkle galant fragte: »ob ein Stellvertreter nicht zuläſſig ſei,« aber die junge ſchwarzäugige Dame erwiederte:»unterfangen Sie ſich ſo etwas nicht,« begleitete jedoch die ſtrenge Antwort mit einem Blick, der ſo deutlich, als es ein Blick ver⸗ mag, ſagte:»wenn ſie es laſſen können.« »Meine theuren Freundinnen und Freunde,⸗ fuhr jetzt Herr Pickwick fort,»ich beabſichtige, die Geſund⸗ heit von Braut und Bräutigam auszubringen, die Gott Beide ſegnen möge.(Bravorufen und Thrä⸗ nen.)— Ich halte meinen jungen Freund Trundle für einen höchſt trefflichen und braven Mann, und kenne ſeine Neuvermählte als ein höchſt liebes und liebenswürdi⸗ ges Mädchen, das wohl geeignet iſt, daſſelbe Glück in einen andern Wirkungskreis zu übertragen, das ſie zwanzig Jahre lang in dem Hauſe ihres Vaters um ſich her ver⸗ breitet hat.(Hier brach der feiſte Burſche in ein lautes weinerliches Geheul aus, und wurde ſofort von Herrn Weller beim Rockkragen gefaßt und abgeführt.)— Ich wünſchte,« fuhr Herr Pickwick fort,»daß ich jung genug wäre, um der Gemahl ihrer liebenswürdigen Schweſter werden zu können.(Bravo!) Da es aber nicht der Fall iſt, ſo freue ich mich, daß ich alt genug bin, um ihr Vater ſein zu können, denn weil dem ſo iſt, wird man nicht den Verdacht gegen mich hegen, als führte ich ver⸗ deckte Plane im Schilde, wenn ich laut erkläre, daß ich Beide bewundere, hochachte und liebe.(Bravos und Schluchzeny Der Vater der jungen Frau, unſer theurer Freund dort, iſt ein edler Charakter, und ich bin ſtolz darauf, ſein Freund zu ſein.(Große Bewegung.) Er iſt ein menſchenfreundlicher, trefflicher, unabhängig und edelgeſinnter, gaſtlicher, freigebeger Mann.(Enthu⸗ ſiaſtiſches Rufen von Seiten der Verwandten bei ſämmt⸗ Die Pickwicker. 21 lichen Beiwörtern, beſonders den beiden letztern.) Daß ſeine Tochter ſo glücklich werden, als er ſelbſt es nur wünſchen kann, und daß ihre Wohlfahrt ihm all die Freude und den Seelenfrieden gewähren möge, den er in ſo reichem Maaße verdient, iſt, ich bin davon überzeugt, unſer aller innigſter Wunſch.— So laſſen Sie uns denn ihre Geſundheit trinken, und ihnen ein langes Leben und Segen aller Art wünſchen.« Herr Pickwick ſchloß unter einem wahren Beifalls⸗ ſturm, und die Lungen der„»Ueberzähligen« wurden unter Herrn Wellers Kommando und Vorgang abermals in beträchtliche und wirkſame Thätigkeit geſetzt. Herr Wardle brachte die Geſundheit des Herrn Pickwick aus, und Herr Pickwick die der alten Dame, Herr Snodgraß die des Herrn Wardle, und Herr Wardle die des Herrn Snodgraß; einer der armen Vettern jene des Herrn Tupman, und der zweite arme Better die des Herrn Winkle aus, und die ganze Geſellſchaft war überglücklich, bis das geheimnißvolle Verſchwinden der armen Ver⸗ wandten unter dem Tiſch ſie erinnerte, daß es Zeit ſei, aufzuſtehen. Zum Mittageſſen verſammelte man ſich wieder, nachdem die Herren auf des alten Wardle Rath zur Verdauung des Frühſtücks einen langen Spaziergang gemacht hatten. Die armen Vettern hatten die ganze Zeit über im Bette gelegen, um daſſelhe angenehme Re⸗ ſultat zu erzielen, da es ihnen aber nicht gelang, ſo mußten ſie liegen bleiben. Herr Weller unterhielt die Dienerſchaft in einem Zuſtande fortwährender Heiterkeit, und der feiſte Burſche theilte ſeine Zeit gewiſſenhaft zwi⸗ ſchen Eſſen und Schlafen. Das Mittagsmahl war eben ſo trefflich, und wurde noch fröhlicher zugebracht als das Frühſtück, denn es 22 Die Pickwicker. floſſen keine Thraͤnen. Darauf kam der Nachtiſch, und es wurden noch einige Geſundheiten ausgebracht, dann ward Thee und Kaffee getrunken, und der Tanz beſchloß die Freuden des Tages. Das beſte Geſellſchaftszimmer in Manor⸗Farm war ein langer dunkelgetäfelter Saal mit einem ſo geräumigen Kamin, daß man mit einem unſerer neumodiſchen Patentkabriolets bequem hätte hin⸗ einfahren können. An dem obern Ende des Saals ſaßen in einer ſchattigen Laube von Immergrün die beiden beſten Geiger und die einzige Harfenſpielerin aus Mugg⸗ leton. In allen Wandvertiefungen und auf allen Spiegel⸗ tiſchen hingen und ſtanden alte maſſive ſilberne Leuchter, jeder mit vier Armen. Die Lichter brannten hell, das Feuer loderte im Kamin, und fröhliche Stimmen und munteres Gelächter ertönten durch den Saal. Wären einige der altengliſchen Neoman nach ihrem Tode in Elfen verwan⸗ delt worden, ſo war dieſes gerade der Ort, an welchem ſie ihre Luſtbarkeiten gehalten haben würden. Wenn irgend etwas das Intereſſe dieſer Scene er⸗ höhen konnte, ſo war es der bemerkenswerthe Umſtand, daß Herr Pickwick zum erſtenmale, ſo weit das Gedächt⸗ niß ſeiner älteſten Freunde reichte, ohne Kamaſchen erſchien. »Wollen Sie tanzen?« fragte Wardle. „»Das verſteht ſich,« erwiederte Herr Pickwick.»Sehen Sie nicht, daß ich mich dazu angekleidet habe?« und Herr Pickwick wies dabei auf ſeine geſprenkelten ſeidenen Strümpfe, und auf ſeine blank gewichsten Tanzſchuhe. »Sie in ſeidenen Strümpfen!« rief Hen Tupman ſcherzend aus. nete Herr Pickwick lebhaft. »Und weshalb nicht, Sir? weshalb nih e- entgeg⸗ Die Pickwicker. 23 „O, es iſt natürlich kein Grund vorhanden, weshalb Sie ſie nicht tragen ſollten,« entgegnete Herr Tupman. »Das ſollte ich denken, Sir,« ſagte Herr Pickwick in ſehr entſchiedenem Ton. Herr Tupman hatte nur einen Scherz beabſichtigt, fand aber, daß die Sache ernſthaft wurde; er nahm da⸗ her gleich eine geſetzte Miene an, und ſagte, das Muſter der Strümpfe ſei ſehr artig. »Das hoffe ich, Sir,« verſetzte Herr Pickwick, ſeinen Freund ſcharf ins Auge faſſend,»und ich erwarte, Sir, daß Sie an meinen Strümpfen, als Strümpfe, nichts Außerordentliches finden.⸗ »Nicht das Mindeſte,« erwiederte Herr Tupman. Er entfernte ſich, und das Antlitz des Herrn Pickwick nahm bald ſeinen gewöhnlichen wohlwollenden Ausdruck wieder an. 2 »Wir find, glaube ich, ſämmtlich breit,« ſagte Herr Pickwick, der mit der alten Dame zum Vortanzen ange⸗ treten war, und in ſeiner ungemeſſenen Begierde bereits viermal zu früh angefangen hatte. »Dann beginnen Sie nur,« ſagte Wardle, indem er der Muſik das Zeichen gab. Die beiden Geigen und die eine Harfe ertönten, und Herr Pickwick begann, als plötzlich von allen Seiten in die Hände geſchlagen und»Halt! Halt!« gerufen wurde. »Was giebt es?« fragte Herr Pickwick, der nur dadurch zum Innehalten vermocht wurde, daß die Geigen und die Harfe verſtummten, und durch keine andere menſchliche Gewalt, wäre auch das Haus in Feuer ge⸗ rathen, dazu hätte gebracht werden können. »Wo iſt Arabella Allen?« riefen ein Dutzend Stimmen. »Und Winkle?« fügte Herr Tupman hinzu. 24 Die Pickwicker. »Hier ſind wir,« rief Herr Winkle, trat mit ſeiner ſchönen Gefährtin aus einer Fenſtervertiefung hervor, und es würde ſchwer geweſen ſein, zu ſagen, wer röther im Geſicht geweſen wäre, er ſelbſt oder die junge Dame mit den ſchwarzen Augen. »Es iſt doch höchſt auffallend, Winkle,« ſagte Herr Pickwick etwas verdrießlich,»daß Sie nie zur rechten Zeit auf Ihrem Platze zu finden ſind.« »Durchaus nicht auffallend,« entgegnete Herr Winkle. »Nun ja,« fuhr Herr Pickwick fort, und lächelte ſehr bedeutſam, indem ſeine Blicke auf Miß Arabella verweilten;»es mag ſein, daß es gerade nicht auffallen iſt.« Es blieb jedoch nicht Zeit zu ferneren Erörterungen, denn die zwei Geigen und die eine Harfe ertönten von Neuem.— Heerr Pickwick ſprang mit bewundernswer⸗ then Beweglichkeiten umher, durch alle Touren und Paare von einem Ende des Saals bis zum andern, und endlich, nachdem die alte Dame höchſt erſchöpft bereits ausgetre⸗ ten war und die Pfarrfrau ihre Stelle übernommen hatte, hüpfte er dennoch, als man ſeiner Anſtrengungen gar nicht mehr bedurfte, munter auf ſeinem Platz umher, den Takt mit den Händen ſchlagend, und ſeine Tänzerin mit dem holdſeligſten Lächeln anblickend.— Schon lange zuvor, ehe Herr Pickwick des Tanzens müde geworden war, hatte das neuvermählte Paar ſich zurückgezogen. Die Geſellſchaft begab ſich zu einem köſt⸗ lichen Nachteſſen, und verlängerte die Sitzung gar ſehr, und als Herr Pickwick ſpät am andern Morgen erwachte, hatte er eine verwirrte Erinnerung, dreißig bis vierzig Perſonen wiederholt und dringend eingeladen zu haben, ſobald ſie nach London kämen, im Georg und Geier bei Die Pickwicker. 25 ihm zu ſpeiſen, woraus Herr Pickwick mit Recht den Schluß zog, daß er am vorigen Abend auch noch außer dem Tanz ſich ziemlich gütlich gethan haben müſſe. »Alſo heute Abend werden Spiele in der Küche ge⸗ ſpielt?« fragte Sam Weller die erſte Schönheit der Küche. »Ja, Herr Weller,« erwiederte Emma,»das geſchieht immer am Weihnachtsabend, und unſer Herr hält dar⸗ auf, daß der alte Gebrauch nicht abkomme.« »Ihr Herr hält auf Alles, was gut iſt,« entgegnete Herr Weller,»und das muß man ſagen, er iſt ein Wirth, wie er ſein muß.« »Ja, das iſt er,« fiel der feiſte Burſche ein,»was er für Schweine mäſtet!« und der korpulente Jüngling warf hierbei einen halb cannibaliſchen Seitenblick auf Herrn Weller, als er an Schweinebraten und Schinken dachte. »Ah, Sie ſind alſo endlich aufgewacht,« bemerkte Sam. Der feiſte Burſche nickte bejahend. »Ich will Ihnen was ſagen, junge boa construc- tor,« fuhr Sam mit Nachdruck fort,»wenn Sie nicht etwas weniger ſchlafen und ſich nicht etwas mehr Bewegung machen, ſo wird es Ihnen gehen, wie dem Herrn mit dem Zopf, wenn Sie zu reiferen Jahren kommen.« »Wie Ving es denn dem?« fragte der feiſte Burſche. »Das will ich Ihnen ſagen,« erwiederte Herr Wel⸗ ler.»Er war einer von den dickſten Fettwänſten, die es je gab, und ſeit fünfundvierzig Jahren hat er nie etwas von ſeinen Füßen geſehen.« »Das wäre!« rief Emma aus. »Wie ich Ihnen ſage,« fuhr Sam fort, vund wenn 4 26 Die Pickwicker. Sie ihm ein ganz genaues Modell von ſeinen eigenen Beinen auf dem Tiſch vorgelegt hätten, ſo würde er ſie nicht gekannt haben. Alſo gut; er ging immer mit einer ſehr ſchönen goldenen Uhrkette, die ihm anderthalb Fuß aus der Weſte heraushing, und mit einer ſehr koſtbaren Uhr daran, die ſo groß war wie er ſelbſt, das will näm⸗ lich ſagen, nach Proportion.»Tragen Sie die Uhr doch nicht ſo auffallend,« ſagte ihm einer ſeiner Freunde,»man wird ſie Ihnen ſonſt ſtehlen.«“»Ich möchte doch den Dieb ſehen,« antwortete er,»der die Uhr herausziehen könnte, denn meine Uhrtaſche iſt ſo enge, daß ich immer in den Bäckerladen nachſehen muß, wie ſpät es iſt, wenn ich es wiſſen will.«»Gut,« darauf lachte er ſo herz⸗ lich, daß ihm der Bauch ſchütterte, und einmal geht er mit ſeiner gepuderten Perücke und ſeinem Zopf wieder die Straße hinunter, und die Uhrkette hängt ihm länger heraus, wie jemals, und die große runde Uhr platzt ihm beinah aus den Hoſen. In ganz London gab es keinen Taſchendieb, der nicht ſeine Kunſt ſchon an der Kette probirt hätte, aber ſie wollte nicht reißen, und die Uhr ging nicht heraus. Sie wurden es endlich müde, und der alte Herr pflegte immer zu lachen, wenn ein Taſchen⸗ dieb angeführt worden war, daß ihm ſein Zopf wie der Pendel einer ſchwarzwälder Uhr hin und her wackelte. Alſo endlich geht er'mal wieder aus, und wälzt ſich daher, als er einen Menſchen, den er gleich für einen Taſchendieb erkennt, Arm in Arm mit einem kleinen Knaben, der'nen großen Kopf hatte, auf ſich zukommen ſieht.»Da giebt's wieder Spaß,“« ſagte der alte Herr zu ſich ſelbſt,»die ſollen ſchön angeführt werden.« Als er noch ſo denkt, läßt der kleine Knabe plötzlich den Arm des Taſchendiebs los, und rennt mit ſeinem dicken Kopf gerade gegen den Bauch des alten Herrn, daß er rück⸗ Die Pickwicker. 27 lings überſtürzt, und vor Schmerz beinah die Beſinnung verliert.»Mord! Mord!« ſchreit er endlich.»Alles iſt in Ordnung, Sir,« flüſtert der Taſchendieb ihm noch in das Ohr, und als er wieder aufſteht, iſt die Kette mit ſammt der Uhr fort, und was noch ſchlimmer iſt, dem alten Herrn war ſeine Verdauung für immer geſtört. Alſo nehmen Sie ſich in Acht, junger Menſch, daß Sie nicht zu fett werden.« Als Herr Weller ſeine moraliſche Geſchichte, von welcher der feiſte Burſche ſehr erbaut zu ſein ſchien, beendigt hatte, begaben ſich alle drei in die geräumige Küche, in welcher ſich bereits ſämmtliche Hausbewohner, dem Ge⸗ brauch gemäß, der ſeit unvordenklichen Zeiten von des alten Wardle Vorfahren beachtet worden war, verſam⸗ melt hatten. Der alte Herr hing ſo eben mit eigenen Händen im Mittelpunkt der Decke einen großen Mispelzweig auf, welcher ſofort ein höchſt ergötzliches allgemeines Schieben und Drängen veranlaßte. Mitten in dieſer Verwirrung faßte Herr Pickwick mit einer Galanterie, die einem Abkömmling von Lady Tollinglower ſelbſt Ehre gemacht haben würde, die alte Dame bei der Hand, führte ſie unter den myſtiſchen Zweig, und küßte ſie mit allem gebührendem Anſtand. Die alte Dame ließ ſich dieſe Höflichkeit mit aller, einer ſo wichtigen und ernſt⸗ lichen Feierlichkeit angemeſſenen Würde gefallen, aber die jüngern Damen, die weniger abergläubiſche Ehrfurcht vor dem alten Gebrauch hegen, oder die vielleicht glau⸗ ben mochten, der Werth eines Kuſſes würde nicht wenig erhöht, wenn es einige Mühe koſte, ihn zu erlangen, ſchrieen und ſträubten ſich, rannen in die Ecken, droh⸗ ten und ſchalten, und thaten alles Mögliche, um den ge⸗ fürchteten Küſſen zu entgehen, ausgenommen, daß ſie die 28 Die Pickwicker. Küche nicht verließen, bis einige von den weniger kühnen Herren bereits auf dem Punkt ſtanden, von ihren Be⸗ mühungen abzulaſſen, denn nunmehr hielten es die Damen für unmöglich, noch länger Widerſtand zu leiſten, und ſie unterwarfen ſich ſammt und ſonders ohne ferneres Sträu⸗ ben dem alten ehrwürdigen Gebrauch. Herr Winkle küßte die ſchwarzäugige Dame, Herr Snodgraß Emilien, und Herr Weller, ohne ſonderlich darauf bedacht zu ſein, ob es unter dem Mispelzweig geſchah oder nicht, küßte Emma und die andern Hausmädchen, wie er ſie eben er⸗ haſchen konnte. Die armen Vettern küßten, was ihnen vorkam, nicht einmal die weniger hübſchen jungen Damen ausgenommen, die in ihrer grenzenloſen Verwirrung, ohne es ſelbſt zu wiſſen, gerade unter den Mispelzweig liefen. Wardle ſtand mit dem Rücken gegen das Feuer, und blickte mit dem innigſten Behagen auf die ganze Scene, und der feiſte Burſche benutzte die Gelegenheit, ein be⸗ ſonders appetitliches Fleiſchpaſtetchen, welches für jemand anders ſorgfältig zurückgeſetzt worden war, in ſeinem eignen Nutzen zu verwenden, und es ſunnnariſch zu ver⸗ ſchlingen. Das Schreien und Lachen hatte endlich aufgehört; die Geſichter glühten; die Locken waren in Verwirrung gerathen; und Herr Pickwick ſtand unter dem Mispel⸗ zweig und blickte mit der größten Heiterkeit umher, als die junge Dame mit den ſchwarzen Augen nach einigem Geflüſter mit den andern jungen Damen, plötzlich auf ihm zuſprang, ihn zärtlich auf die linke Wange küßte, und noch ehe Herr Pickwick recht zur Beſinnung kom⸗ men konnte, war er von Allen umringt, und wurde von Allen geküßt. Es war ein ungemein lieblicher Anblick, Herrn Pick⸗ wick mitten in der Gruppe zu ſchauen, wie er bald hier * ——— NKm—— — Die Pickwicker. 29 bald dorthin gezerrt, bald auf das Kinn, bald auf die Naſe, dann wieder auf die Brille geküßt wurde. Wie wurde abermals gelacht und gelärmt! Es war aber faſt noch intereſſanter, Herrn Pickwick zu ſehen, wie er kurz darauf mit einem um die Augen gebundenen ſeidenen Tuche erſt gegen die Wand rannte, dann in einen Win⸗ kel gerieth, und auf alle Blindekuhgeheimniſſe ſo recht con amore einging, bis er endlich einen der armen Vet⸗ tern erhaſchte, und ſich jetzt ſelbſt vor der Blindekuh in Acht nehmen mußte, was er mit einer Behendigkeit that, die von allen Zuſchauenden bewundert und angeſtaunt wurde. Bemerkenswerth war es noch, daß die armen Vettern ſtets die Perſonen haſchten, von denen ſich an⸗ nehmen ließ, daß es ihnen Recht ſein würde, und wenn der Eifer des Spiels zu ermatten ſchien, ließen ſie ſich ſelbſt fangen. Als endlich Alle des Blindekuhſpiels müde waren ward ein anderes Spiel»Schnapp⸗Drachen« genannt, (wobei man Roſinen aus angezündetem Branntwein zu haſchen ſucht) in Vorſchlag gebracht, und als dabei Fin⸗ ger genug verbrannt, und ſämmtliche Roſinen fort wa⸗ ren, ſetzte man ſich vor dem durch große Holzkloben un⸗ terhaltenen Feuer zu einem kräftigen Nachteſſen, und hinter einen Humpen, der ein wenig kleiner als ein daneben ſtehender kupferner Waſchkeſſel war, in welchem die heißen Aepfel ziſchten und tanzten. „»Dies,« ſagte Herr Pickwick, indem er umherſchaute, „dies iſt wirklich noch die gute alte Zeit.« „Unſer alljährlicher Gebrauch,« erwiederte Herr Wardle.»Am Weihnachtsabend ſitzen wir ſammt und ſonders beiſammen, Herrſchaft und Dienerſchaft, wie ſie uns jetzt ſehen, bis die Glocke zwölf ſchlägt, den heiligen Chriſt zu begrüßen, und bis dahin bringen wir die Zeit * 30 Die Pickwicker. mit Pfänderſpiel und alten Geſchichten zu. Trundle, ſchüren Sie doch einmal das Feuer an.« Tauſende von Funken flogen von dem glühenden Kloben umher, und die hoch auflodernden Flammen war⸗ fen ihren hellen Schein bis in die entfernteſten Winkel der Küche und rötheten alle Geſichter. 4 »Jetzt muß auch ein Weihnachtslied geſungen wer⸗ den,« ſagte der alte Warde. »Bravo!« rief Herr Pickwick. „Aber erſt muß der Humpen umhergehen,« ſagte der alte Herr, und als es geſchehen war, ſtimmte er ſelbſt ein Lied an. Das Feuer wurde darauf abermals ange⸗ ſchürt, und der Humpen machte nochmals die Runde. „Wie es draußen ſchneit,« ſagte einer der Knechte in leiſem Ton zu ſeinen Nachbarn. „»Wie? ſchneit es?« fragte Wardle. »Eine rauhe, kalte Nacht, Sir,« erwiederte der Be⸗ fragte,»und es hat ſich ein Sturm erhoben, der den Schnee wie große weiße Wolken über die Felder treibt.« „»Was ſagt Joe?« fragte die alte Dame.»Es iſt doch kein Unglück.« „Nein, nein, Mutter,« unterbrach Wardle, ver ſagte nur, daß es ſtark ſchneit, und ein ſcharfer Wind weht. Man kann es auch ſchon an dem Rumor im Schorn⸗ ſtein hören.« »Ah,« entgegnete die alte Dame, vich entſinne mich, daß vor vielen Jahren eben ſolch ein Schneeſturm war — grade fünf Jahre vor dem Tode Deines ſeligen Va⸗ ters. Es war auch am Weihnachtsabend, und ich weiß noch ganz genau, daß er uns damals die Geſchichte von den Koboh erzählte, die den alten Gabriel Grubb fortſchleppten.« 8 Die Pickwicker. 31 »Was iſt das für eine Geſchichte,« fragte Herr Pickwick. »O nichts— nichts,« fiel Wardle ein;»eine Ge⸗ ſchichte von einem alten Todtengräber, von dem die Leute hier herum glauben, die Kobolde hätten ihn entführt.« »Glauben!« rief die alte Dame aus.»Iſt jemand verſtockt genug, um daran zu zweifeln? Haſt Du nicht immer ſeit Deiner Kindheit gehört, daß die Kobolde ihn fortgeſchleppt haben; und weißt Du daher nicht ſehr gut, daß es wirklich geſchehen iſt?« »Wie Sie wollen, liebe Mutter,« erwiederte Wardle lachend.»Er wurde von den Kobolden fortgeſchleppt, Pickwick, und dabei wollen wir es bewenden laſſen.« „»Nein, nein,⸗« entgegnete Herr Pickwick,„dabei wollen wir es nicht bewenden laſſen; ich muß durchaus wiſſen, weshalb und wie ſich Alles zutrug.« Der alte Wardle lächelte, als er ſah, daß Alle auf die Geſchichte geſpannt waren, und nachdem er den Hum⸗ pen wieder gefüllt hatte, reichte er ihn dem Herrn Pick⸗ wick, und begann, wie folgt: . Doch wir erſchrecken— zu welchem langen Kapitel ließen wir uns verleiten. Wir hatten wahrlich ſchon die ganze treffliche Kapitel⸗Eintheilung vergeſſen. Es iſt da⸗ her nicht mehr als billig, daß wir den Kobolden ein neues Kapitel einräumen. Die Pickwicker. Dreißigſtes Kapitel. Die Geſchichte von den Kobolden, die einen Todtengräber entführen. In einer uralten Stadt hier in der Gegend, die ihre Entſtehung einer Abtei verdankt, lebte vor langer— vor ſo langer Zeit, daß die Geſchichte wahr ſein muß, weil ſchon unſere Urgroßväter feſt daran glaubten— ein gewiſſer Gabriel Grubb als Küſter und Todtengräber. Man darf keineswegs den Schluß ziehen, daß, weil Je⸗ mand ein Todtengräber und fortwährend von Bildern des Todes und der Sterblichkeit umgeben iſt, er deßhalb ein mürriſcher und melancholiſcher Mann ſein müſſe. Die „Leichenbeſorger« ſind die luſtigſten Leute von der Welt, und ich hatte einſt das Glück, einen ſogenannten»Stum⸗ men,« wie man bekanntlich die Diener der Leichenbeſorger nennt, die ſtumm vor dem Trauerhauſe ſtehen, ſehr ge⸗ nau zu kennen. Und dieſer Stumme war im Privat⸗ leben und außer ſeinem Beruf ein ſo munteres und ſpaß⸗ haftes Männchen, als man nur finden kann. Gabriel Grubb dagegen war allerdings ein mißmüthiger und grämlicher Geſell, der einſam lebte und mit Niemand Umgang hatte, als mit ſich ſelbſt, und mit einer alten Korbflaſche, die genau in ſeine große tiefe Weſtentaſche paßte, und er warf Jedem, der mit fröhlichem Geſicht bei ihm vorüberging, ſo böſe und giftige Blicke zu, daß man ſich unheimlich fühlen mußte. Einſt an einem Weihnachtsabend, als es eben dunkel werden wollte, nahm Gabriel ſeinen Spaten zur Hand, —,— * Die Pickwicker.. 33 zündete ſeine Laterne an, und begab ſich nach dem Kirch⸗ hof, denn er mußte am folgenden Morgen ein Grab vollendet haben, und da er ſich ſehr niedergedrückt fühlte, ſo glaubte er, es würde ihn vielleicht ermuntern, wenn er gleich an's Werk ginge. Als er die Straße hinauf⸗ ſchlenderte, ſah er den Glanz der Lichter, und hörte das laute Lachen und muntere Lärmen der überall zur Feier des Feſtes Verſammelten. Er gewahrte die Vorberei⸗ tungen für die Ergötzlichkeiten des nächſten Tages, auch entgingen ihm die wohlriechenden Düfte nicht, die mit Rauchwolken aus den Küchen hervordrangen. Alles die⸗ ſes war Galle und Wermuth für ſein Herz, und wenn hier und da Kinder aus den Häuſern hervorſprangen, über die Straße eilten, und ihnen, bevor ſie an das ge⸗ genüberſtehende Haus klopfen konnten, ein halbes Dutzend ihrer kleinen lockenköpfigen Gefährten entgegenkamen, welche ſie zu ihren Weihnacht⸗Spielen einluden, dann lächelte Ga⸗ briel Grubb grimmig, faßte ſeinen Spaten noch feſter, und dachte an Maſern, Scharlachfieber, Blattern, Stick⸗ huſten und dergleichen Troſtquellen mehr. In dieſer Gemüthsſtimmung ſchritt Gabriel weiter; die gutmüthigen Grüße ſeiner Nachbaren, die ihm dann und wann begegneten, kurz und barſch erwiedernd, bis er in das finſtere nach dem Kirchhof führende Gäßchen ein⸗ bog. Nun hatte ſich Gabriel darnach geſehnt, dieſes finſtere Gäßchen zu erreichen, weil es ſo düſter und ein⸗ ſam war, daß die Leute aus der Stadt es gern vermie⸗ den, außer am hellen Tage und wenn die Sonne ſchien. Er war daher nicht wenig entrüſtet, als er mitten in dieſem Heiligthum e, das ſeit den Zeiten des alten Kloſters und der kahlgeſchornen Mönche immer noch das»Sarg⸗ gäßchen« genannt wurde, einen Knaben ein luſtiges Weih⸗ nachtslied ſingen hörte, welches er wahrſcheinlich, um ſich Die Pickwicker. IV. 3 4 34 Die Pickwicker. die Furcht fern zu halten, aus voller Kehle angeſtimmt hatte. Gabriel wartete, bis der Knabe in ſeine Nähe kam, ſtieß ihn dann in eine Ecke, und ſchlug ihn links und rechts ſeine Laterne um die Ohren, nur um ihn zu lehren, ſeine Stimme zu moduliren, wie er ſagte, und als der Knabe, die Hände an den Kopf haltend und eine ganz andere Melodie anſtimmend, fortlief, ſchlug Gabriel Grubb ein helles Gelächter auf, ging auf den Kirchhof, und ſchloß das Thor hinter ſich zu. Er zog ſeinen Rock aus, ſetzte die Laterne nieder, und indem er in das angefangene Grab ſtieg, arbeitete er rüſtig und wacker wohl eine Stunde lang, oder noch länger, aber die Erde war hart gefroren, und es hielt ſchwer, ſie aufzubrechen und hinauszuſchaufeln, und ob⸗ gleich der Mond ſchien, war er nur im erſten Viertel, und beleuchtete das Grab um ſo weniger, als er noch hinter der Kirche ſtand. Zu jeder andern Zeit würden dieſe Hinderniſſe Ga⸗ briel Grubb ſehr verdrießlich und mißmuthig gemacht haben; aber es freute ihn, daß er dem Knaben das Sin⸗ gen verleidet hatte, er grämte ſich daher wenig, ſo geringe Fortſchritte gemacht zu haben, als er mit ſeiner Arbeit aufhörte, und blickte mit grimmigem Behagen in das Grab hinunter, während er ſein Handwerkszeug zu⸗ ſammenſuchte, und vor ſich hin murmelte: »eEin hübſches Quartier für Einen, der hier oben keins mehr hat— ein paar Fuß kalte Erde— ein Stein zum Kopf, ein Stein zu den Füßen— ein leckeres Mahl für die Würmer— oben drüber feuchtes Gras, von allen Seiten feuchte Erde— ein hübſches Quartier das auf geheiligtem Boden. Ho! hol hol« So unheimlich lachend ſetzte ſich Gabriel Grubb auf einen platten Grabſtein, der ſein Lieblings⸗Ruheplatz war, —-—2,—r,— in p ⁸△̈ Die Pickwicker. 35 und zog ſeine Flaſche hervor.»Ein Sarg zu Weihnach⸗ ten— ein hübſches Weihnachtspräſent,« ſagte er und lachte abermals:„ho! hol hol« »Ho! ho! ho!« wiederholte eine Stimme dicht hin⸗ ter ihm. Gabriel, der eben die Flaſche an den Mund ſetzen wollte, ſah ſich etwas erſchrocken um. Das tiefſte und älteſte aller Gräber rings umher konnte nicht ſtiller und ſtummer ſein, als es jetzt der Kirchhof im bleichen Mond⸗ licht war. Der Reif erglänzte auf den Grabſteinen, und funkelte wie Edelſteinſchein am ſteinernen Geſims der alten Kirche. Der Schnee bedeckte wie eine weiße glatte Decke alle Grabhüget, als wenn lauter Leichen dalagen, die nur mit ihren Leichentüchern bedeckt wäͤren. Nicht der leiſeſte Ton unterbrach die tiefe feierliche Stille. Der Schall ſelbſt ſchien erfroren zu ſein, ſo kalt und ruhig war Alles. »Es war nur der Wiederhall,« ſagte Gabriel Grubb, indem er die Flaſche zum zweitenmal zu den Lippen em⸗ porhob. »Er war es nicht,w ertönte eine tiefe Stimme. Gabriel ſprang erſchrocken auf, und ſtand, vor Ent⸗ ſetzen wie eingewurzelt da, denn er erblickte eine Geſtalt, die ihm ſein Blut faſt in den Adern erſtarren ließ. Gabriel fühlte ſogleich, daß es kein Weſen dieſer Erde ſei. Die Geſtalt ſaß auf einem aufrechtſtehenden Grabſtein dicht neben ihm. Sie ließ ihre langen wun⸗ derlichen Beine, mit denen ſie den Boden ſehr wohl hätte erreichen können, über demſelben ſchweben, und hatte ſie auf ſeltſame Weiſe gekreuzt; ihre muskulöſen Arme waren nackt, und die Hände ruhten auf den Knieen. An dem kurzen dicken Leibe trug ſie ein enges geſchlitztes Gewand; über dem Rücken hing ein kurzer Mantel hinab; 3* C ———— —— Die Pickwicker. der Kragen war in ſonderbaren Spitzen ausgeſchnitten, die dem Geſpenſt als Halskrauſe oder Halstuch dienten, und ſeine Schuhe liefen an den Zehen in langen auf⸗ wärts gebogenen Hörnern aus. Auf dem Kopfe trug es einen breiträndigen Zuckerbrodhut, mit einer einzigen Feder geſchmückt. Der Hut war von Reif überzogen, und das Geſpenſt ſah aus, als hätte es ſchon ſeit ein paar hun⸗ dort Jahren auf dem Grabſtein geſeſſen. Es hielt ſich ganz ſtill, ließ die Zunge wie im Spott aus dem Munde hängen, und grinzte Gabriel Grubh mit einem Lächeln an, wie es nur von einem Geſpenſt zu erwarten iſt. „Es war nicht das Echo!« ſagte der Kobold. Gabriel Grubb war wie vom Donner gerührt, und vermochte nicht zu antworten. „»Was haſt Du hier am heiligen Abend zu ſchaffen?« fuhr das Geſpenſt im ſtrengen Tone fort. „»Ich kam hierher, Sir, um ein Grab zu graben,“«“ ſtotterte Gabriel Grubb. „»Welches Menſchenkind ſucht an einem ſolchen Abend Kirchhöfe und Gräber auf?« ſagte das Geſpenſt. „»Gabriel Grubb! Gabriel Grubb!« ſchrie ein Chor wilder Stimmen, die den ganzen Kirchhof zu erfüllen— ſchienen. Gabriel blickte aſchrotken umher— es war nichts zu ſehen.* »Was haſt Du da in der Flaſche?r traae der Kobold.. „»Wachholderbranntwein, Sir,⸗ Secfden der Todten⸗ 4 gräber, noch heftiger zitternd, denn er hatte den Brannt⸗ wein von Schmugglern gekauft, und glaubte, der Quäl⸗ geiſt könne vielleicht dem Acciſe⸗Departement der Kobolde angehören. — „»Wer trinkt an einem Abend wie dieſer, allein auf Die Pickwicker. 37 einem Kirchhofe, Wachholderbranntwein?« fragte der Ko⸗ bold weiter. »Gabriel Grubb! Gabriel Grubbl« ertönte aber⸗ mals der Chor der wilden Stimmen. Der Kobold warf dem beſtürzten Gabriel einen ſcharfen Seitenblick zu, und rief darauf mit erhöhter Stimme: 51605 3 »Und wer iſt alſo unſere fehrliche und geſetzliche Beute?« Aai, Auf dieſe Frage antwortete der unſichtbare Chor durch eine Melodie, welche erklang, als wenn eine zahl⸗ reiche Volksmenge zu der mächtig tönenden alten Kirch⸗ orgel ſinge— eine Melodie, deren Töne durch einen ſanften Windhauch den Ohren des Todtengräbers zuge⸗ führt zu werden, und mit dem vorübergehenden Lüftchen zu erſterben ſchienen— der Refrain blieb aber immer derſelbe:»Gabriel Grubb! Gabriel Grubb l« Der Kobold grinzte ihn noch boshafter an, als vor⸗ hin, und ſagte: 1 1 »Nun Gabriel, was meinſt Du hierzu 2⸗ Der Todtengräber vermochte kaum Athem zu ſchöpfen. »Was meinſt Du hierzu, Gabriel?«. fragte der Ko⸗ bold abermals, ſchlenkerte ſeine Beine zu beiden Seiten des Grabſteins auf und nieder, und beſchaute ſeine Schnabelſchuhe ſo wohlgefällig, als wären die ſtattlichſten „Welliingtonsſtiefel in der ganzen Bond⸗Street zu beſehen. »Es— es iſt ſehr wunderbar, Sir,« erwiederte der Todtengräber, halb todt vor Schrecken,„ſehr wunder⸗ bar und ſehr hübſch, aber wenn Ihr erlaubt, ſo möchte ich wieder an meine Arbeit gehen und ſie beendigen.⸗ „Arbeit?a ſagte der Kobold,»was für eine Arbeit?« »Das Grab, Sir,“ ſtotterte der Todtengräber,»das Grab zu vollenden.« 1 Aordn. 38 Die Pickwicker. »Ah ſo, das Grab,« entgegnete der Kobold.»Wer macht Gräber und hat ſeine Luſt daran zu einer Zeit, wo alle andern Menſchen fröhlich ſind?« Und abermals riefen die geheimnißvollen Stimmen: „Gabriel Grubb! Gabriel Grubb!« „»Ich befürchte, meine Freunde haben es auf Dich abgeſehen, Gabriel,« ſagte der Kobold, und er ſtreckte ſeine große Zunge dabei noch weiter aus. „Verzeiht, Sir,« entgegnete der, ſeiner Sinne kaum mehr mächtige Todtengräber,»ich glaube nicht, daß Dem ſo ſein kann; ſie kennen mich ja gar nicht, Sir— ich glaube nicht, daß die Gentlemen mich jemals geſehen haben, Sir.« „»Das haben ſie allerdings,« erwiederte der Kobold, wir kennen ſehr wohl den Mann mit dem finſtern Ge⸗ ſicht und dem ſtechenden Blick, der heut' Abend die Straße hinunter kam, und den Kindern ihre Freude nicht gönnte. Wir kennen ſehr wohl den Mann, der in ſeiner wilden Bosheit den Knaben ſchlug, weil das Kind munter ſingen konnte, und er nicht. Wir kennen ihn, wir kennen ihn.« Hier ſchlug der Kobold ein langes gellendes Geläch⸗ ter auf, das vom Echo zwanzigfach wiederholt wurde, dann warf er die Beine in die Luft empor, ſtellte ſich auf den Kopf oder vielmehr gerade auf die Spitze ſeines Zuckerbrodhutes oben auf dem ſchmalen Rande des Grabſteines, von wo er mit ungemeiner Behendigkeit einen Purzelhaum bis gerade vor die Füße des Todten⸗ gräbers ſchlug, und ſetzte ſich mit untergeſchlagenen Bei⸗ nen in der Stellung, welche die Schneider anzunehmen pflegen, vor ihm nieder. »Es— es thut mir leid, daß ich Euch verlaſſen muß, Sir,« ſagte der Todtengräber, und machte eine Bewegung, um ſich zu entfernen. ———— 7 Die Pickwicker. 39 „»Uns verlaſſen?« entgegnete der Kobold.»Gabriel Grubb will uns verlaſſen.— Ho! ho! hol« Als der Kobold lachte, ſah der Todtengräber auf einen Augenblick die Kirchenfenſter ſo glänzend erleuchtet, als ob in dem alten Gebäude tauſend Kerzen angezündet ſeien. Die Erleuchtung verſchwand ſchnell wieder, die Orgel ließ eine lebhafte Melodie ertönen, und ganze Trupps von Kobolden, alle jenem gleich, der zuerſt er⸗ ſchienen war, ſtürzten auf den Kirchhof, und begannen auf den Grabſteinen»Froſchſprung« zu ſpielen, indem ſie nie einen Augenblick aufhörten, um Athem zu ſchö⸗ pfen, ſondern mit bewundernswerther Geſchicklichkeit im⸗ mer Einer nach dem Andern über die höchſten Grabſteine ſprangen. Der erſte Kobold zeichnete ſich beſonders darin aus; keiner der andern vermochte es ihm gleich zu thun, und der Todtengräber, obgleich halb todt vor Furcht und Entſetzen, konnte nicht umhin, zu bemerken, daß, während die Andern ſich begnügten, über die gewöhnlichen Grab⸗ ſteine zu ſpringen, jener die Familiengewölbe wählte, und über ſie ſammt ihren eiſernen Gittern mit einer Leich⸗ tigkeit und Behendigkeit hinüberſetzte, als ſeien es nur Straßenpfoſten geweſen. Das Treiben der Kobolde wurde immer wilder und wilder; die Orgel ſpielte ſchneller und immer ſchneller, und die Geſpenſter ſprangen raſcher und raſcher, rollten ſich zuſammen und ſchnellten ſich wie Federbälle über die Grabſteine hinüber. Dem Todtengräber ſchwindelte vor der Schnelligkeit der Bewegungen, die er ſah, und ſeine Beine ſchwankten unter ihm, als die Geſpenſter plötzlich vor ſeinen Blicken verſchwanden und der Koboldskönig, der einzige, der zurückgeblieben war, auf ihn zuſchoß, ihn am Kragen faßte, und mit ihm in die Erde hinein⸗ fuhr. 40 Die Pickwicker. Als Gabriel Grubb wieder zu Athem kam, der ihm durch die Schnelligkeit des Herunterfahrens vergangen war, ſah er ſich in einem Raum, der eine große Höhle zu ſein ſchien, und rings von unzähligen häßlichen und grimmig ausſehenden Kobolden umgeben. In der Mitte der Höhle ſaß auf einem erhöhten Sitze der König der Kobolde, und dicht neben ihm ſtand Gabriel Grubb ſelbſt, der kein Glied zu regen vermochte. »Eine kalte Nacht,« ſagte der König der Kobolde, „ſehr kalt— bringe ein Glas warmen Getränks.⸗ Auf dieſen Befehl verſchwanden ſofort ein halbes Dutzend dienſtfertige Kobolde mit einem perpetuirlichen Lä⸗ cheln in ihrem Geſicht, weshalb Gabriel Grubb ſie für Höf⸗ linge hielt. Sie kehrten bald darauf mit einem Becher voll flüſſigen Feuers zurück, den ſie dem König darboten. „»Ah,« ſagte der Kobold, deſſen Wange und Kehle vollkommen durchſichtig waren, als er das Feuer hin⸗ untergoß,»das wärmt!— Bringt auch einen Humpen von dieſem Getränk fuͤr Herrn Grubb.⸗ Vergeblich betheuerte der unglückliche Todtengräber, daß es ganz gegen ſeine Gewohnheit ſei, zur Nachtzeit heiße Getränke zu ſich zu nehmen, einer von den Kobol⸗ den hielt ihn feſt, während ein anderer ihm die lodernde Flüſſigkeit in die Kehle goß, und die ganze Geſellſchaft brach in ein wildes Gelächter aus, als er huſtete und nach Athem keuchte, und ſich die Thränen abwiſchte, die ihm reichlich aus den Augen ſtrömten, nachdem er den Feuertrank zu ſich genommen hatte;»und nun,« ſagte der König, indem er ſcherzweiſe die ſcharfe Spitze ſeines Zuckerbrodhutes dem Todtengräber in das Auge bohrte, und ihm dadurch die heftigſten Schmerzen verurſachte, vund nun zeigt dem Manne des Neides und der Bosheit —— —— Die Pickwicker. 41 einige von den Gemälden aus unſerm großen Vorraths⸗ hauſe.« Als der Kobold ſo ſprach, zog ſich langſam eine dichte Wolke in die Höhe, die den Hintergrund des unterirdiſchen Raumes verdunkelt hatte, und zeigte den Blicken, dem Anſchein nach in großer Entfernung, ein kleines und dürftig ausgeſtattetes, aber nettes und rein⸗ liches Zimmer.— Ein Häufchen kleiner Kinder waren um ein hellloderndes Feuer verſammelt, und hingen ſich an die Kleider ihrer Mutter oder ſpielten zu ihren Füßen. Die Mutter erhob ſich ab und zu, ſchob den Fenſter⸗ vorhang zurück, und ſchaute hinaus, als ob ſie Jemand erwartete; auf dem Tiſche ſtand ein einfaches Mahl und am Feuer ein Lehnſeſſel. Bald darauf wurde angeklopft; die Mutter öffnete die Thür, und die Kinder hüpften umher, und ſchlugen vor Freude in die kleinen Hände, als der Vater eintrat. Er war durchnäßt und ermüdet, ſchüttelte den Schnee von ſeinen Kleidern, und die Kin⸗ der nahmen ihm Mantel, Hut, Rock und Handſchuhe ab, und liefen damit hinaus. Als er ſich zu ſeinem Mahle vor das Feuer ſetzte, ſuchten ſie an ſeinen Knieen empor⸗ zuklimmen, und die Mutter ſetzte ſich neben ihn, und Alle ſchienen äußerſt glücklich und zufrieden zu ſein. Doch faſt unmerklich änderte ſich die Scene.— Das Zimmer verwandelte ſich in ein kleines Schlafgemach, in welchem das ſchönſte und jüngſte der Kinder im Sterben lag; die Roſen waren von ſeinen Wangen gewichen, und der Glanz aus ſeinen Augen, und es ſtarb, während ſelbſt der Todtengräber mit einer früher nie empfundenen und gekannten Theilnahme nach ihm hinblickte. Seine Geſchwiſter drängten ſich an ſein kleines Bett, und grif⸗ fen nach ſeiner zarten abgemagerten Hand, die aber jetzt ſo kalt und ſchwer war, daß ſie erſchreckt zurückfuhren, 4² Die Pickwicker. und mit Entſetzen dem Schweſterchen in das Geſicht blickten, denn ſo ſtill und ruhig es war, und ſo ſanft das liebliche Kind zu ſchlummern ſchien, ſo ſahen ſie doch, daß es todt ſei, und wußten, daß es als ein Engel aus einem glanzvollen und ſeligen Himmel auf ſie hernieder⸗ blicke, und ſie ſegne. N Die Wolke zog ſich wieder hinab, und die Scene änderte ſich zum zweitenmal. Der Vater und die Mut⸗ ter waren jetzt alt und hülflos, und die Zahl der Ihrigen hatte ſich um mehr als die Hälfte vermindert, doch Froh⸗ ſinn und Zufriedenheit ruhte auf Aller Antlitz, und leuch⸗ tete aus Aller Augen, während ſie, am Kamin verſam⸗ melt, ſich alte Geſchichten von längſt entſchwundenen Zeiten erzählten. Der Vater ſank langſam und im Frieden in das Grab, und bald darauf folgte ihm die Theilnehmerin aller ſeiner Muhen und Sorgen. Die wenigen Ueberlebenden knieeten an ihrem Grabe und be⸗ netzten die Erde mit ihren Thränen; dann erhoben ſie ſich, und entfernten ſich wehmüthig und voll Betrübniß, doch nicht mit bittern oder verzweifelten Klagen, denn ſie wußten, daß ſie die Verlornen dereinſt wiederfinden würden. Sie gaben ſich ihren Berufsgeſchäften gewiſſen⸗ haft wieder hin, und ihre Zufriedenheit und Heiterkeit kehrten zurück. Die Wolke zog ſich jetzt abermals in die Höhle hinab, und verbarg das Bild den Vüiiten des Todten⸗ gräbers. »Was meinſt Du dazu?« fragte der Kobold, indem er Gabriel Grubb ſein breites Antlitz zukehrte. Gabriel murmelte verwirrt, es ſei recht artig gewe⸗ ſen, und ſah etwas beſchämt aus, als der Kobold ſeine feurigen Blicke auf ihm haften ließ.. „»O, Du jammervoller Mann!« ſagte der Kobold Die Pickwicker. 43 im Tone der tiefſten Verachtung, und er ſchien noch mehr hinzufügen zu wollen, aber der Unwille erſtickte ſeine Stimme; er hob daher eines ſeiner biegſamen Beine empor, ſchwenkte es etwas üͤber ſeinen Kopf, wie um ſich ſeines Zieles zu verſichern, und verſetzte Gabriel Grubb einen derben tüchtigen Tritt, worauf die ganze Schaar der Kobolde ſofort über den unglücklichen Todten⸗ gräber herſtürzte, und ihn ohne Gnade und Barmher⸗ zigkeit mit Füßen trat, ganz nach der hergebrachten und ausnahmloſen Regel und Gewohnheit der Höflinge auf Erden, die Jeden treten, den ihr hoher Herr tritt, und Jeden liebkoſen, den ihr hoher Herr auszeichnet. „Zeigt ihm noch mehr Bilder!« ſagte der König der Kobolde.. Bei dieſen Worten zertheilte ſich die Wolke aber⸗ mals, und man erblickte eine reizende maleriſche Land⸗ ſchaft, wie man noch heutigen Tags eine halbe Meile von der alten Kloſterſtadt eine ähnliche ſchauen kann. Die Sonne ſchien aus einem klaren heitern Himmel, das Waſſer erglänzte in ihren Strahlen, und die Bäume ſahen grüner, und die Blumen blühender aus unter ihrem belebenden Einfluß. Die Wellen plätſcherten an das Ufer; die Bäume rauſchten unter dem leichten Lüftchen, das in ihren Zweigen, auf denen die Waldvögel ſangen, ſpielte, und die Lerche wirbelte in der Höhe ihr Morgenlied. Ja, es war Morgen, ein ſchöner duftiger Sommermor⸗ gen; das kleinſte Blatt, der kleinſte Grashalm ſchien zu leben und ſich des Lebens zu freuen. Die Schmetter⸗ linge ſchwärmten in den warmen Strahlen der Sonne; Myriaden von Inſekten entfalteten ihre durchſichtigen Flügel und genoſſen ihres kurzen aber glücklichen Da⸗ ſeins. Die ganze Natur, und Thiere und Menſchen— Alles, Alles war voll Freude und Entzücken. Die Pickwicker. »O Du jammervoller Mann!« wiederholte der Kö⸗ nig der Kobolde in noch verächtlicherm Ton als vorhin, und er ſchwenkte abermals ſeine Beine, ließ ſie abermals mit Nachdruck auf die: Schultern des Todtengräbers nieder⸗ fallen, und alle Kobolde folgten wieder ſeinem Beiſpiel. Noch viele Male hob und ſenkte ſich die Wolke, und noch viele Lehren erhielt Gabriel Grubb, der, ſo ſehr ihm ſeine Schultern und alle Glieder auch ſchmerzten, doch fortwährend mit der geſpannteſten Theilnahme hin⸗ blickte. Er ſah, daß Menſchen, die ſich durch ſaure Ar⸗ beit ihren dürftigen Lebensunterhalt erwarben, froh und vergnügt waren, und daß die ſich ſtets gleich bleibende Schönheit der Natur für Alle eine nie verſiegende Quelle der reinſten Freuden iſt. Er ſah Menſchen, die im Glanze und Wohlleben aufgewachſen waren, heiter und fröhlich unter Entbehrungen, und erhaben über Leiden, die manchen mehr Abgehärteten niedergebeugt haben wür⸗ den. Jene aber trugen die weſentlichen Bedingungen des Glücks, Zufriedenheit und Seelenruhe, in ihrem eigenen Buſen. Er ſah, daß die Frauen, die zarteſten und gebrech⸗ lichſten Geſchöpfe Gottes, ſo häufig Schmerzen, Gram und Elend mit Seelenſtärke überwanden und erduldeten, weil ſie in ihren eigenen Herzen eine unerſchöpfliche Quelle der Liebe und der Hingebung nährten, Er ſah endlich, daß Menſchen, wie er ſelbſt, die neidiſch und mißgünſtig auf die Luſt und Heiterkeit anderer blickten, das häßlichſte Un⸗ kraut auf der ganzen ſchönen Erde ſind, und als er alles Gute und Böſe der Welt mit einander verglich, gelangte er zu dem Schluß, daß es doch am Ende eine ſehr erträg⸗ liche und achtbare Welt ſei. Kaum hatte er dieſes ein⸗ geſehen, als die Wolke, die ſich vor das letzte Bild gezo⸗ gen hatte, ihn zu umhüllen begann. Die Kohbolde ver⸗ ſchwanden allmählig und er ſank in einen tiefen Schlaf. Die Pickwicker. 45 Der Tag war angebrochen, als Gabriel Grubb er⸗ wachte, und ſeiner vollen Länge nach auf dem platten Grabſteine auf dem Kirchhof lag, mit der ausgeleerten Flaſche neben ihm, und ſein Stock, Spaten und die Laterne,— alles vom Nachtreif dicht bedeckt— um ihn her. Der Stein, auf welchem er den Kobold zuerſt hatte ſitzen ſehen, ſtand aufrecht vor ihm, und nicht weit ent⸗ fernt war das Grab, an welchem er den Abend zuvor noch gearbeitet hatte. Anfangs hegte er Zweifel, ob ſeine Abenteuer ihm auch wirklich begegnet ſeien, aber der heftige Schmerz, den er im Rücken und in den Schul⸗ tern empfand, als er aufſtehen wollte, überzeugte ihn, daß die Behandlung, die ihm von den Kobolden wider⸗ fahren war, ſicher keine Einbildung geweſen ſei. Er ward abermals wankend in ſeinem Glauben, als er in dem Schnee, in welchem die Kobolde„»Froſchſprung« mit den Grabſteinen geſpielt hatten, durchaus keine Spuren ihrer Fußſtapfen entdecken konnte, aber er erklärte ſich dieſen Umſtand ſehr bald, als er ſich erinnerte, daß ſie als Gei⸗ ſter keine ſichtbaren Spuren hätten zurücklaſſen können. Gabriel Grubb erhob ſich daher ſo gut, als es ihm ſeine Rückenſchmerzen geſtatteten, und nachdem er den Reif von ſeinem Rocke geſchüttelt hatte, zog er ihn an, und ſtand im Begriff, ſeinen Rückweg nach der Stadt anzu⸗ treten. 14 4 Er war jedoch ein ganz anderer Mann geworden, und konnte den Gedanken nicht ertragen, nach einem Ort zurückzukehren, wo man ſeiner Reue geſpottet, und ſeiner Sinnesänderung nicht getraut haben würde. Er zögerte einige Augenblicke, und ſchlug dann einen andern Weg ein, um ſein Brod irgenwo anders zu ſuchen. Die Laterne, den Spaten und die Flaſche fand man noch an demſelbigen Tage auf dem Kirchhof. Anfangs — 46 Die Pickwicker. wurde über das Schickſal des Todtengräbers viel hin und her geredet, aber die allgemeine Meinung ſtellte ſich bald dahin feſt, daß er von den Kobolden entführt wor⸗ den ſei, und es fehlte nicht an einigen ſehr glaubwürdi⸗ gen Zeugen, die deutlich geſehen haben wollten, wie er auf einem kaſtanienbraunen, auf dem einen Auge blinden Roß, mit dem Hintertheile eines Bären und dem Schwanz eines Löwen durch die Luft geſauſt ſei. End⸗ lich wurde alles dieſes feſt geglaubt, und der neue Tod⸗ tengräber pflegte den Neugierigen für eine geringe Er⸗ kenntlichkeit ein ziemlich großes Stück von dem Wetter⸗ hahn des Kirchthurms zu zeigen, welches zufällig bei jenem Luftritt durch das vorbemeldete Roß abgeſchlagen, und ein paar Jahre ſpäter auf dem Kirchhofe von ihm gefunden worden war.. Unglücklicherweiſe wurden die Leute in ihrem Glau⸗ ben an die Koboldgeſchichte dadurch etwas irre gemacht, daß Gabriel Grubb ſelbſt etwa zehn Jahre ſpäter als ein armer, von der Gicht geplagter, aber ſonſt zufriede⸗ ner alter Mann, nach der Stadt zurückkehrte. Er er⸗ zählte ſeine Geſchichte dem Geiſtlichen und einigen an⸗ dern Perſonen, und im Verlauf der Zeit machte ſie ſich als eine Thatſache geltend, und wird als ſolche bis auf den heutigen Tag wieder erzählt. Zwar ließen diejenigen, die an die Wetterhahngeſchichte geglaubt hatten, und ſich getäuſcht ſahen, ſich nicht leicht bewegen, überhaupt noch etwas zu glauben; und machten ſo weiſe Mienen, als ſie konnten, zuckten die Achſeln, und gaben zu verſtehen, Gabriel Grubb möchte die ganze Flaſche mit dem Wach⸗ holderbranntwein ausgetrunken haben, dann auf dem Grabſtein eingeſchlafen und nicht durch das, was er an⸗ geblich in der Höhle der Kobolde geſchaut, ſondern dadurch klüger geworden ſein, daß er die Well geſehen habe, und Die Pickwicker. 47 Einige ſetzten noch hinzu, er habe vielleicht mit ſeiner Erzählung dieſes überhaupt nur als ein Gleichniß an⸗ deuten wollen; derartige Anſichten fanden aber nie ſon⸗ derlichen Beifall, und wurden zuletzt nicht mehr vorge⸗ bracht. Die Sache möge ſich nun verhalten, wie ſie wolle: Gabriel Grubb wurde bis an das Ende ſeiner Tage heftig von der Gicht geplagt, und dieſe Geſchichte bietet jedenfalls eine ſehr gute Lehre dar, nämlich: wer zu Weihnachten grämlich und mißmüthig iſt, und für ſich allein trinkt, kann ſich darauf gefaßt machen, daß er ſich dabei nicht im mindeſten beſſer befinden wird, als andere Leute bei ihrer Fröhlichkeit, möge das Getränk, welches er genießt, auch noch ſo gut ſein, ja ſelbſt ſo viele Grade über die Probe hinaus Feuer enthalten, als jenes, welches Gabriel Grubb in der Höhle der Kobolde trank oder zu trinken glaubte. ———Q—Qͥᷓʒ 3 Einunddreißigſtes Kapitel. Wie die Pickwicker die Bekanntſchaft von zwei liebenswür⸗ digen jungen Herren machen; welche Abenteuer ihnen auf dem Eiſe begegnen, und wie ſie von Manor⸗Farm wieder abreiſen. 4 „»Nun, Sam,“« ſagte Herr Pickwick, als ſein begün⸗ ſtigter Diener am Weihnachtsmorgen mit warmem Waſſer in ſein Schlafzimmer trat,»friert es noch immer 2« „Das Waſſer im Waſchbecken hat eine Maske von Eis bekommen,« entgegnete Sam. 8 eEine arge Kälte, Sam,“« bemerkte Herr Pickwick. 1.* 48 Die Pickwicker. »Gutes Wetter für Einen, der einen tüchtigen Pelz hat, wie der Eisbär bei ſich ſelber ſagte, als er über's Eis ſpazierte,« erwiederte Herr Weller. »Ich werde in einer Viertelſtunde unten ſein, Sam,« ſagte Herr Pickwick, während er ſeine Nachtmütze losband. »Sehr wohl, Sir,« erwiederte Sam.»Unten ſind auch ein paar Beinſäger.«. „»Was iſt unten?« rief Herr Pickwick, ſich verwun⸗ dert im Bette emporrichtend, aus. „»Ein paar Beinſäger,« wiederholte Sam. „»Was ſind denn das, Beinſäger?« fragte Herr Pick⸗ wick, ungewiß ob es lebende Thiere ſeien, oder etwas zu eſſen. 4 „Wie, wiſſen Sie nicht, was ein Beinſäger iſt, Sir 2« fragte Sam Weller.»Ich glaubte, alle Welt wüßte/ daß ein Beinſäger ein Feldſcheerer iſt.« »Ah, alſo ein Wundarzt,« erwiederte Herr Pick⸗ wick lächelnd. »Ja wohl,« fuhr Sam fort, vaber die unten ſind freilich noch keine ganz ausgelernte Beinſäger, ſondern ſie ſind noch in der Lehre.⸗« »Alſo mit andern Worten, es ſind Studioſen der Chirurgie,« bemerkte Herr Pickwick. Sam Weller nickte bejahend. »Es freut mich, daß ſie hier ſind,« fuhr Herr Pick⸗ wick fort, indem er ſeine Nachtmütze mit Energie hinter ſich auf das Bett warf.»Es ſind wackere Burſchen mit einem durch Beobachtung und Nachdenken gereiften Ur⸗ theil, und einem, durch Lectüre und Studium geläuter⸗ ten Geſchmack.— Freut mich ſehr, daß ſie hier ſind.« „Sie rauchen Eigarren am Küchenfeuer,⸗ ſagte Sam. „»Ah,« eltgeunet: Herr Pickwick, indem er ſich die Die Pickwicker. 49 Hände rieb,»ſte haben ſich es hier ſchon bequem gemacht — gerade, wie ich es gern ſehe.« »Und Einer von ihnen,« fuhr Sam, ohne ſeines Herrn Unterbrechung zu beachten, fort:»Einer von ihnen hat ſeine Beine auf den Tiſch gelegt und trinkt Brannt⸗ wein ohne Waſſer, während der Andere— der mit der Brille auf der Naſe— ein Auſterfäßchen zwiſchen den Beinen hat, und der macht die Schalen auf wie mit Dampf, und wirft ſie, wenn er den Inhalt verzehrt hat, nach dem jungen Siebenſchläfer, der in einer Ecke einge⸗ ſchlummert iſt.«. „»Geniale Excentricitäten, Sam,“« ſagte Herr Pick⸗ wick.„Sie können jetzt gehen.⸗ Sam entfernte ſich, und eine Viertelſtunde darauf ging Herr Pickwick zum Frühſtück hinunter. »Da iſt er endlich,« rief ihm der alte Wardle ent⸗ gegen.»Pickwick, dieſer Herr iſt Miß Allens Bruder, Herr Benjamin Allen— wir nennen ihn Ben und wenn Sie wollen, können Sie es auch thun. Der an⸗ dere Herr iſt ſein intimer Freund, Herr—« »Herr Bob Sawyer,⸗ fiel Herr Benjamin Allen ein, worauf Herr Bob Sawyer und Herr Benjamin Allen in ein lautes Gelächter ausbrachen. Herr Pickwick verbeugte ſich gegen Bob Sawyer, und Bob Sawyer gegen Herrn Pickwick, worauf Bob und ſein Buſenfreund mit großem Eifer zu frühſtücken begannen, und Herr Pickwick demnach Gelegenheit fand, ſie genauer zu beobachten. Herr Benjamin Allen war ein unterſetzter, kräftig gebauter junger Mann mit ſchwar⸗ zem, ziemlich kurzgeſchnittenen Haar, und einem bleichen, ziemlich lang zugeſchnittenen Geſicht. Er trug eine Brille und ein weißes Halstuch. Unter ſeinem ſchwar⸗ zen Ueberrock mit einer Reihe Knöpfe, der bis unter Die Pickwicker. IV. 4 50 Die Pickwicker. das Kinn zugeknöpft war, erſchien die gewöhnliche An⸗ zahl pfeffer⸗ und ſalzfarbiger Beine, die ſich in ein paar unvollkommen gereinigte Stiefel endigten. Obgleich ſein Rock in den Aermeln ſehr kurz war, bemerkte man doch keine Spur von Hemdmanſchetten, und obwohl ſein Geſicht die erforderliche Länge hatte, um die Verkürzung durch einen Hemdekragen ſehr wohl zuläſſig zu machen, war doch nicht das geringſte von einem ſolchen Anhäng⸗ ſel zu erblicken. Auf ſeinem ganzen Aeußern ſchien eine Art Mehlthau zu ruhen, und er duftete ſtark nach den Wohlgerüchen einer echten Havanna⸗Cigarre. Herr Bob Sawyer, der einen groben blauen Rock trug, welcher weder Mantel noch Ueberrock war, aber die Zwecke und Eigenſchaften beider vereinigte, hatte viel von jener nachläſſigen Keckheit in ſeinem Weſen, die jenen jungen Herren eigenthümlich iſt, welche bei Tage in den Straßen rauchen, zur Nachtzeit in denſelben ſchreien und lärmen, die Kellner bei ihren Taufnamen rufen, und ſich durch viele andere derartige Freiheiten bemerklich machen. Er trug ferner Beinkleider von gewürfeltem Zeug, und eine grobe unter dem Halstuch zugeknöpfte Weſte. Wenn er ausging, hatte er ſtets einen dicken Stock mit einem mächtigen Knauf in der Hand— Handſchuhe dagegen vermied er, und ſah mit einem Wort ein wenig wie ein vernachläſſigter Robinſon Cruſoe aus. Dieſes waren die beiden würdigen Herren, denen Herr Pickwick vorgeſtellt wurde, als er am Weihnachts⸗ morgen in das Frühſtückzimmer trat. „Ein ſchöner Morgen, meine Herren,« begann Herr Pickwick die Unterhaltung. Herr Bob Sawyer antwortete durch ein leichtess Kopfnicken, und erſuchte Herrn Benjamin Allen, ihm den Senf zu reichen. ————— Die Pickwicker. 51 »Kommen Sie heute Morgen ſchon weit her, meine Herren?« fragte Herr Pickwick. »Vom blauen Löwen in Muggleton,« antwortete Herr Allen lakoniſch. »Sie wurden ſchon geſtern Abend in unſerer Ge⸗ ſellſchaft erwartet,« fuhr Herr Pickwick fort. »Wir würden auch erſchienen ſein,« verſetzte Bob Sawyer,»aber der Branntwein war zu gut, als daß wir ihn ſo ſchnell hätten im Stich laſſen ſollen. Nicht wahr, Ben 2« »Ja wohl,« erwiederte Herr Benjamin Allen,»und die Cigarren waren auch nicht ſchlecht, und die Schweins⸗ koteletten eben ſo wenig, nicht wahr, Bob 2 »Nein, gewiß nicht,« ſagte Bob, und die Buſen⸗ freunde erneuerten ihren Angriff auf das Frühſtück mit noch größerem Eifer, als hätten ſie durch die Erinnerung an das geſtrige Abendeſſen mehr Appetit bekommen. »Saͤble doch ein Stück herunter,« ſagte Herr Allen ermunternd zu ſeinem Gefährten. »Das ſoll gleich geſchehen,« erwiederte Bob Sawyer. »Es geht doch nichts über's Seciren, um Appetit zu machen,“« ſagte er, die Geſellſchaft rund umher an⸗ blickend. Herrn Pickwick überlief ein kleiner Schauder. »Beiläufig, Bob,« ſagte Ben Allen,»biſt Du mit dem Beine ſchon fertig?« „»Beinah,« erwiederte Sawyer, und während er ſprach, nahm er ein halbes Huhn auf ſeinen Teller. »Es iſt ſehr muskulös für ein Kinderbein.« „»Wirklich?« fragte Allen kaltblütig. 2»In der That, ſehr muskulös,« entgegnete Sawyer, indem er eifrigſt fortſpeiſ'te. „»Ich habe auf einen Arm unterzeichnet,« ſagte . 4* 52 Die Pickwicker. Allen.»Wir ſchießen zu einem Leichnam zuſammen, und die Liſte iſt beinahe voll, nur konnten wir noch nie⸗ mand auftreiben, der einen Kopf will. Ich wollte, Du nähmſt ihn.« „Nein,« erwiederte Bob.Sawyer,»das iſt mir eine zu koſtſpielige Ausgabe.« „»Unſinn!« ſagte Allen. „Wie ich Dir ſage,« entgegnete Bob Sawyer.»Auf ein Gehirn käme es mir nicht an, aber einen ganzen Kopf kann ich nicht beſtreiten.« „Pſt, pſt,« meine Herren, vich bitte, unterbrach Herr Pickwick,»ich höre die Damen kommen.« Gleich darauf kehrten die durch die Herren Snod⸗ graß, Winkle und Tupman äußerſt galant geführten Da⸗ men von einem Morgenſpaziergange zurück. »Wie, Ben?« rief Arabella beim Anblick ihres Bru⸗ ders in einem Ton, der mehr Erſtaunen als Vergnügen ausſprach. »Bin gekommen, um Dich morgen nach Hauſe zurückzubringen,« ſagte Ben. Herr Winkle erbleichte.. „Siehſt Du Bob Sawyer nicht, Arabella 2⸗ fragte Herr Benjamin Allen etwas im Tone des Vorwurfs. Arabella reichte Bob Sawyer bewillkommend ihre Hand entgegen, und Herrn Winkle's Herz klopfte vor Ingrimm, als Bob die dargebotene Hand ziemlich bemerkbar drückte- „Aber Ben,« ſagte Arabella erröthend, biſt du— biſt Herrn Winkle ſchon vorgeſtellt worden 2a. „Bis jetzt nicht, wird mich aber ſehr freuen, ſeine Bekanntſchaft zu machen,« erwiederte ihr Bruder in etwas gleichgültigem Ton, und verbeugte ſich grollend gegen Herrn Winkle, während Herr Winkle und Herr Bob Sawyer mißtrauiſche Bicke wechſelten. Die Pickwicker. 53 Die Ankunft der beiden neuen Gäſte, und der Zwang, welcher dadurch Herrn Winkle und der jungen Dame mit den Pelzſtiefelchen auferlegt war, würde wahrſchein⸗ lich die allgemeine Heiterkeit etwas geſtört haben, wenn nicht der Frohſinn des Herrn Pickwick und die muntere Laune des Wirths das Möglichſte für das gemeine Beſte gethan hätten. Herr Winkle erwarb ſich allmählig die Gunſt des Herrn Benjamin Allen, und ging ſelbſt auf ein freund⸗ ſchaftliches Geſpräch mit Herrn Bob Sawyer ein, der durch das Frühſtück, den Branntwein und das Plaudern belebt, nach und nach äußerſt aufgeräumt wurde, und mit vielem Behagen eine Geſchichte von einer Kopfge⸗ ſchwulſt⸗Operation vortrug, die er zur großen Erbauung der Geſellſchaft vermittelſt eines Auſtermeſſers und eines großen Brotes erläuterte. Der ganze Zug begab ſich darauf in die Kirche, wo Herr Benjamin Allen feſt ein⸗ ſchlief, und Herr Bob Sawyer ſeine Gedanken dadurch von welklichen Gedanken ableitete, daß er ſeinen Namen ſehr kunſtreich mit ungefähr vier Zoll langen Buchſtaben in den Kirchenſtuhl einſchnitt. Nachdem die Geſellſchaft zurückgekehrt war, und einen kräftigen Inbiß zu ſich genommen hatte, ſagte der alte Wardle: 8 »Was meinen Sie, wenn wir ein Stündchen auf das Eis gingen? Wir werden Zeit genug dazu haben.“ »Ein kapitaler Einfall!« ſagte Herr Benjamin Allen. „Vortrefflich,« rief Herr Bob Sawyer aus. »Sie laufen natürlich Schlittſchuh, Winkle?« ſagte Wardle. »Ja— o ja,« erwiederte Herr Winkle,»aber— ich bin etwas aus der Uebung gekommen.« 4 4 54 Die Pickwicker. „O bitte, laufen Sie Schlittſchuh, Herr Winkle,⸗ ſagte Arabella.»Ich ſehe es ſo gern.« „Es ſieht ſo graziös aus,« fiel eine andere junge Dame ein. Eine dritte junge Dame ſagte, es ſei elegant, und eine vierte erklärte es für»Schwanengleich.« „Ich würde es mit dem größten Vergnügen thun,« ſagte Herr Winkle erröthend,»aber ich habe keine Schlitt⸗ ſchuh.« Dieſer Einwand ward ſofort beſeitigt. Trundle hatte ein Paar, und der feiſte Burſche verkündete, unten ſei noch ein halbes Dutzend vorhanden, worüber Herr Winkle mit einem etwas ſauren Geſicht unendlich erfreut zu ſein erklärte.— Der alte Wardle führte die Geſellſchaft nach einer ziemlich großen Eisfläche, und nachdem der feiſte Burſche und Herr Weller den während der Nacht gefallenen Schnee fortgeſchaufelt und gefegt hatten, befeſtigte Herr Bob Sawyer ſeine Schlittſchuh mit einer Behendigkeit, die Herrn Winkle höchſt wunderbar erſchien, und beſchrieb Kreiſe mit ſeinem linken Beine, und ſchnitt die Zahl acht in das Eis, und producirte noch viele andere angenehme und in Erſtaunen ſetzende Künſte zur höchſten Bewunde⸗ rung der Herren Pickwick und Tupman und der Damen, deren Entzücken den höchſten Gipfel erreichte, als der alte Wardle und Benjamin Allen, durch den vorbeſag⸗ ten Bob Sawyer unterſtützt, einige myſtiſche Evolutionen vollbrachten, und eine Art von Tanz auf dem Eiſe auf⸗ führten. 1 Herr Winkle hatte unterdeß mit blaugefrornem Ge⸗ ſichte und Händen Löcher in ſeine Stiefelſohlen gebohrt, die Schlittſchuhe mit den Spitzen nach hinten angeſchnallt, und die Riemen mit Hülfe des Herrn Snodgraß, der — —ͥͥ· „— —ᷓÿʒÿᷓᷓᷓ * Die Pickwicker. 55 noch weniger als ein Hindu vom Schlittſchuhlaufen ver⸗ ſtand, in eine faſt unauflösliche Verwirrung gebracht. Endlich wurde jedoch alles durch die Bemühungen Sam Wellers wieder geordnet, und Herr Winkle ſtand auf den Schlittſchuhen. »Jetzt nur tapfer gelaufen, Sir,« ſagte Sam er⸗ muthigend,»zeigen Sie den Leuten, daß Sie es ver⸗ ſtehen.« »Halt, Sam, halt!« ſchrie Herr Winkle zitternd, und nach Sams Armen wie ein Ertrinkender haſchend. »Wie glatt iſt es hier, Sam.« »Auf dem Eiſe nichts Ungewöhnliches, Sir,« erwie⸗ derte Herr Weller.»Stehen Sie feſt, Sir.⸗ Dieſe letztere Ermahnung Sams wurde durch eine Demonſtration veranlaßt, welche Herr Winkle in dem⸗ ſelben Augenblicke machte, und die faſt das Anſehen hatte, als wolle er die Füße in die Luft und ſich rücklings mit dem Kopfe auf das Eis werfen. »Dieſe— dieſe Schlittſchuhe ſind ſehr ungeſchickt gemacht; nicht wahr Sam?« ſagte Herr Winkle, hin⸗ und herſchwankend. »Ich beſorge, daß ein ungeſchickter Herr auf ihnen ſteht, Sir,« entgegnete Sam. »Kommen Sie, Winkle,« rief Herr Pickwick, der nicht ahnte, welche Hinderniſſe zu bekämpfen waren, „kommen Sie, die Damen erwarten Sie mit Sehnſucht.« „Ja, ja,« erwiederte Herr Winkle mit einem ver⸗ legenen Lächeln,»ich komme gleich 2« »Es wird im Augenblick losgehen,« rief Sam, in⸗ dem er ſich ihm zu entziehen ſuchte.»Jetzt, Sir, ſegeln Sie ab!« »Nur noch einen Augenblick, Sam,« ächzte Herr V inkle, und hielt ſich noch feſter an Wellers Arm.»Ich 56 Die Pickwicker. erinnere mich, daß ich zu Hauſe ein paar Röcke hängen habe, die ich nicht mehr trage, Sam. Sie ſollen ſie haben, Sam.« »Danke recht ſehr, Sir,« entgegnete Herr Weller. »Laſſen Sie nur das Hutabnehmen, Sam,“ ſagte Herr Winkle haſtig;»ich könnte fallen, wenn Sie mich loslaſſen. Heute morgen beabſichtigte ich, Ihnen ein kleines Weihnachtsgeſchenk von fünf Schillingen zu machen, Sam. Sie ſollen es nachher haben, Sam.“« »Sie ſind ſehr gütig, Sir,« erwiederte Herr Weller. »Halten Sie mich nur noch ein wenig, Sam,« fuhr Herr Winkle fort.»So— ſo iſt's recht.— Ich werde mich ſchon bald wieder in die Sache finden, Sam. Nicht zu raſch, Sam, nicht zu raſch.«. Herr Winkle beugte ſich mit dem ganzen Oberleib vorn über, und gleitete, von Sam unterſtützt, auf eine ſehr ſeltſame und wenig»ſchwanengleiche« Weiſe über das Eis, als Herr Pickwick in ſeiner Unſchuld vom an⸗ dern Ufer her rief: „»Sam.« »Sir!« rief Herr Weller zuruͤck. „»Kommen Sie her, Sam.— Ich bedarf Ihrer.« „»Laſſen Sie los, Sir, ſagte Sam.»Hören Sie nicht, wie mein Herr ruft? Laſſen Sie mich los!« Herr Weller entwand ſich mit einer gewaltſamen Kraftanſtrengung dem geängſtigten Schlittſchuhläufer, und verſetzte dabei dem unglücklichen Winkle einen tüchtigen Stoß. Dieſer flog mit einer Genauigkeit, welche weder Gewandtheit noch Erfahrung in dieſem Grade hätte möglich machen können, ſchnell mitten unter die andern Schlittſchuhläufer, als eben Herr Bob Sawyer einen Bogen von unendlicher Schönheit in das Eis ſchnitt. Herr Winkle fuhr heftig auf ihn zu, und Beide ſtürzten Die Pickwicker. 57 mit lautem Krachen nieder.— Herr Pickwick lief ſo⸗ gleich herbei. Bob Sawyer hatte ſich ſchon wieder er⸗ hoben; Herr Winkle war aber viel zu weiſe, um etwas derartiges mit Schlittſchuhen an den Füßen zu unter⸗ nehmen. Er ſaß auf dem Eiſe, und machte krampfhafte Anſtrengungen, zu lächeln, aber in jedem ſeiner Züge malten ſich Angſt und Beſorgniß. »Haben Sie ſich Schaden gethan?« fragte Herr Bejamin Allen ſehr theilnehmend. »Nicht ſonderlich,« erwiederte Herr Winkle, und rieb ſich eifrig den Rücken. »Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen gleich zur Ader laſſen,« ſagte Benjamin. »Nein, nein, ich danke Ihnen,« engegnete Herr Winkle haſtig.— »Ich glaube wirklich, daß es gut ſein würde,« fuhr Allen immer dringender fort. »Sie ſind ſehr gütig,« verſetzte Herr Winkle,»aber es iſt durchaus nicht nöthig.« »Was meinen Sie dazu, Herr Pickwick?« fragte Bob Sawyer. Herr Pickwick war aufgeregt und mißmuthig. Er winkte Weller, und ſagte im ernſten Tone: »Nehmen Sie ihm die Schlittſchuhe ab.« »O, nicht doch, ich hatte eben erſt angefangen,⸗ wendete Herr Winkle ein. „»Nehmen Sie ihm die Schlittſchuhe ab,« wiederholte Herr Pickwick ſehr beſtimmt. Fernerer Widerſtand ſchien Herrn Winkle nicht rath⸗ ſam, und er duldete daher ſchweigend, daß Sam den Befehl ſeines Herrn erfüllte. »Heben Sie ihn auf!« ſagte Herr Pickwick. Sam half ihm vom Eiſe auf. 58 Die Pickwicker. Herr Pickwick entfernte ſich einige Schritte von den Umſtehenden, und nachdem er ſeinen Freund zu ſich ge⸗ winkt hatte, heftete er einen durchbohrenden Blick auf ihn, und ſprach in leiſem, aber deutlichem und nachdrück⸗ lichem Ton die bemerkenswerthen Worte: »Sie ſind ein Windbeutel, Sir.« „Was bin ich?« ſagte Herr Winkle zuruͤckfahrend. „Ein Windbeutel, Sir,« wiederholte Herr Pickwick. „Wenn Sie es wünſchen, will ich noch deutlicher reden. — Sie ſind ein Schwindler, Sir!« Als Herr Pickwick dieſe Worte geſprochen, wendete er ſich langſam um, und ging wieder zu den anderen Herren. Weller und der feiſte Burſche hatten unterdeß durch ihre vereinigten Bemühungen eine Glitſchbahn zu Stande gebracht, auf der ſie meiſterhaft und mit Glanz ihre Künſte zum Beſten gaben. Sam Weller liebte beſonders jene Art von Rutſchen, die im gemeinen Leben»beim Schuhflicker anklopfen« genannt wird, und darin beſteht, daß man auf dem einen Fuß über das Eis hingleitet, und mit dem andern gelegentlich wiederholt ſo feſt und ſchnell darauf niedertritt, wie die Briefträger an die Hausthüren anzuklopfen pflegen. Es war eine ſehr glatte und lange Glitſchbahn, und Herr Pickwick, der durch das Stillſtehen ſehr kalt geworden, konnte nicht umhin, den Rutſchenden ihre raſche Bewegung zu beneiden. »„Das ſcheint ein vortreffliches Mittel zu ſein, um ſich zu erwärmen,« bemerkte er gegen Wardle, der von ſeinem unermüdlichen Schlittſchuhlaufen faſt außer Athem war. „»Ja wohl,« entgegnete Wardle.»Sind Sie auch im Rutſchen bewandert?« 1 Die Pickwicker. 59 »Als Knabe habe ich es oft gethan,« entgegnete Herr Pickwick.. »Machen Sie doch einmal einen Verſuch,« ſagte Wardle. „»O, bitte, bitte, thun Sie es, Herr Pickwick,« rie⸗ fen ſämmtliche Damen. „»Ich würde Ihnen mit dem größten Vergnügen gefällig ſein,« verſetzte Herr Pickwick,»aber ſeit dreißig Jahren habe ich nicht gerutſcht.« »Ah, Thorheit,« rief Wardle, und legte ſeine Schlitt⸗ ſchuhe mit jener Schnelligkeit ab, die allen ſeinen Hand⸗ lungen eigenthümlich war.»Kommen Sie, ich will Ihnen Geſellſchaft leiſten,« und der muntere alte Herr fuhr mit einem Ungeſtüm die Glitſchbahn hinab, daß er Herrn Weller dicht auf der Ferſe war, und den feiſten Burſchen über den Haufen warf. Herr Pickwick ging noch einige Augenblicke mit ſich zu Rath, zog dann ſeine Handſchuh aus, warf ſie in ſeinen Hut, nahm einige kurze Anläufe, blieb eben ſo oft plötzlich wieder ſtehen, und rutſchte endlich langſam und feierlich, die Beine ungefähr ein und eine viertel Elle auseinander, unter dem jubelnden Ruf aller Zuſchauer die Bahn hinunter.. »Halten Sie den Topf im Kochen, Sir,« rief Sam, und zum zweiten Male rutſchte Wardle und dann Herr Pickwick, und dann Sam, und hinter dieſem Winkle, Bob Sawyer, der feiſte Burſche, und Herr Snodgraß, einander dicht auf den Ferſen folgend, und Jeder war hinter ſeinem Vorgänger mit ſolchem Eifer her, als hätte ſein ganzes Lebensſchickſal von dieſer Erpedition abge⸗ hangen. Es war höchſt unterhaltend, Herrn Pickwick dabei 60 Die Pickwicker. zu beobachten— mit welcher Seelenangſt er uach ſeinem Hintermann zurückblickte, indem er befürchten mochte, von ihm überholt und umgerannt zu werden— wie er, wenn die mühevoll errungene Kraft ſeines Anlaufs er⸗ ſchöpft war, ſich allmählig auf der Bahn umdrehte, ſo, daß er ſein Geſicht dem Anfangspunkt zuwendete— entzückend war es, ſein heiteres Lächeln zu ſchauen, wenn er glücklich am Ende angelangt war, und der Eifer, mit dem er ſich dann wieder umwendete, und ſeinem Vorder⸗ mann nachlief, in ſeinen ſchwarzen Kamaſchen leichtfüßig durch den Schnee trippelnd, ſeine Augen von Munter⸗ keit und Frohſinn durch ſeine Brille ſtrahlend. Wenn er niedergeworfen wurde(was im Durchſchnitt immer das dritte Mal geſchah), ſo war es ein höchſt ergötzlicher Anblick, wenn er mit glühendem Antlitz Hut, Handſchuhe und Taſchentuch zuſammenſuchte, und mit unermüdlichem Eifer wieder in Reihe und Glied eintrat. Die Luſtbar⸗ keit war in vollem Gange, imm ſchneller wurde ge⸗ rutſcht, und immer lauter gelacht, als man plötlich ein donnerndes Krachen vernahm. Alle liefen eiligſt den uUfern zu; die Damen ſchrieen; eine große Eismaſſe ver⸗ ſchwand; das Waſſer wogte über ihr zuſammen; Herrn Pickwicks Hut, Handſchuhe und Taſchentuch ſchwammen oben auf; und dies war Alles, was man von Herrn Pickwick ſehen konnte. Schrecken und Angſt malten ſich in aller Züge; die Herren wurden bleich, und die Damen fielen in Ohn⸗ macht; Herr Snodgraß und Herr Winkle ergriffen ein⸗ ander bei den Händen, und ſtarrten nach der Stelle hin, wo ihr Führer verſunken war, während Herr Tupman, um den ſchleunigſten Beiſtand zu leiſten, und zugleich Al⸗ len, zu denen ſeine Stimme dringen konnte, die möglichſt dentliche Vorſtellung von dem Unglück zu geben, ſo ſchnell 1 Die Pickwicker. 61 er konnte, uͤber die Felder lief, und aus allen Kräften: „Feuer! Feuer!« ſchrie. Unterdeß näherten ſich der alte Wardle und Sam Weller vorſichtig der Stelle des Eisbruches, und Herr Benjamin Allen hielt eine ſchnelle Berathung mit Herrn Bob Sawyer, ob es nicht zweckmäßig ſein dürfte, der ganzen Geſellſchaft zur Ader zu laſſen, und ſich dabei zugleich ein wenig in der chirurgiſchen Praris zu üben— als plötzlich ein Kopf und ein paar Schultern unter dem Waſſer emportauchten, und Herrn Pickwicks Antlitz ſammt Brille erkannt wurde. 3 »Halten Sie ſich noch einen Augenblick über Waſſer — nur einen Augenblick!« rief ihm Herr Snodgraß zu. »Ja, thun Sie es, ich beſchwöre Sie, um meinet⸗ willen,« rief Herr Winkle tief erſchüttert. Die Auffor⸗ derung war jedoch unnöthig, denn es iſt ſehr wahrſchein⸗ lich, daß, wenn Herr Pickwick auch abgeneigt geweſen wäre, ſich um eines Andern Willen über Waſſer zu hal⸗ ten, er es doch um ſein ſelbſtwillen gethan haben würde. »Fühlen Sie feſten Grund unter ſich?« fragte Wardle. »Ja wohl,« erwiederte Herr Pickwick keuchend, und ſich das Waſſer vom Kopfe ſchüttelnd. »Ich fiel auf den Rücken, und konnte anfangs gar nicht wieder auf die Beine kommen.« Der Schlamm auf dem bis jetzt ſichtbaren Theil von Herrn Pickwicks Rock beſtätigte ſeine Angabe, und da die Furcht der Zuſchauer noch mehr entfernt wurde, als der feiſte Burſche ſich plötzlich erinnerte, das Waſſer ſei nirgends tiefer als fünf Fuß, ſo wurden Wunder der Tapferkeit vollbracht, um Herrn Pickwick heraus⸗ zuhelfen. Nach vielen vereinten Bemühungen gelang es end⸗ 62 Die Pickwicker. lich, und Herr Pickwick ſtand wieder auf trockenem Boden. „Er wird ſich den Tod durch die Erkältung holen,« ſagte Emilie. „»O, der liebe alte Mann,« ſagte Arabella.„»Er⸗ lauben Sie, daß ich Sie in dieſen Schawl hülle, Herr Pickwick.« »Es iſt das Beſte, was Sie thun können,« fiel Wardle ein,»und wenn Sie ſich darin gewickelt haben, ſo laufen Sie ſo ſchuell, als Ihre Beine Sie tragen wollen, nach Hauſe, und legen Sie ſich gleich zu Bett.« Ein Dutzend Shwals wurden ſofort angeboten, und drei oder vier der dickſten auserwählt; und ſobald Herr Pickwick darin gewickelt war, ſetzte er ſich mit Sam in Bewegung, und zeigte an ſich ſelbſt das ſeltene und ab⸗ ſonderliche Phänomen eines ältlichen und triefenden Herrn ohne Hut, der mit an den Leib gewickelten Armen ohne irgend einen deutlich zu erkennenden Zweck, mit einer Schnelligkeit von ſechs guten engliſchen Meilen die Stunde querfeldein rannte. Herr Pickwick dachte jedoch in ſeiner bedenklichen Lage an keinen äußern Schein, ließ ſich gern von Sam fortziehen, und hielt in ſeinem Lauf erſt inne, als er Manor⸗Farm erreicht hatte, wo Herr Tupman fünf Minuten vor ihm angekommen war und die Großmama bis zum Herzklopfen erſchreckt hatte, indem ihre ſtets wiederkehrende Furcht ſie beſiel, daß es im Kamine brenne— ein Unglück, welches ſtets mit glühenden Far⸗ ben dem Geiſt der alten Dame vorſchwebte, wenn irgend etwas auch nur die geringſte Gemüthsbewegung in ihr hervorrief. 8 Sobald Herr Pickwick ſich ins Bett gelegt hatte, zündete Sam ein luſtiges Feuer an, und brachte ihm Die Pickwicker. 63 ſein Mittageſſen, vorauf eine Punſchbowle und die Ge⸗ ſellſchaft erſchien. Wardle wollte nicht zugeben, daß er wieder aufſtehe, das Bett wurde zum Praſidentenſtuhl erhoben; Herr Pickwick zum Vorſitzenden erwählt, und zu Ehren ſeiner glücklichen Rettung ein fröhliches Zechgelag in ſeinem Schlafzimmer gehalten. Der erſten Punſchbowle folgte eine zweite und dritte, und als Herr Pickwick am andern Morgen erwachte, konnte er kein Symptom von Erkältung entdecken, welcher Umſtand den Beweis lie⸗ ferte, wie Herr Bob Sawyer richtig bemerkte, daß in ſolchen Fällen es keine beſſere Arznei gäbe, als heißer Punſch, und daß, wenn derſelbe als Präſervativ⸗Mittel ohne Wirkung ſei, man den Grund hiervon lediglich darin ſuchen müſſe, daß der Patient in den gewöhnlichen Irrthum verfallen ſei, nicht genug davon zu trinken. Die muntere Geſellſchaft brach am nächſten Mor⸗ gen auf. Wenn wir noch in die Schule gehen, iſt es immer ſehr erfreulich, von ihr Abſchied zu nehmen, aber im ſpätern Leben hat jeder Abſchied etwas peinliches. Der Tod, die Selbſtſucht, und die Wechſelfälle des Glücks trennen täglich ſo manche glückliche Geſellſchaft, die ſich nie wiederzuſammen findet. Wir wollen gerade nicht ſagen, daß dieſes hier auch der Fall geweſen ſei, und be⸗ abſichtigen nur dem Leſer zu berichtigen, daß die ver⸗ ſchiedenen Mitglieder der Geſellſchaft nach ihrer Heimath zurückkehrten, daß Herr Pickwick und ſeine Freunde noch⸗ mals ihre Sitze oben auf der Poſtkutſche in Muggleton einnahmen, und daß Arabella Allen unter dem Schutze ihres Bruders Benjamin und ſeines Buſenfreundes Bob Sawyer nach ihrem Beſtimmungsort, welcher es auch ſein mochte,— ohne Zweifel war er Herrn Winkle be⸗ kannt, wir geſtehen aber, daß er es uns noch nicht iſt — abreiſete. 64 Die Pickwicker. Bevor ſie ſich trennten, zogen Bob Sawyer und Herr Benjamin Allen den Herrn Pickwick mit einer etwas geheimnißvollen Miene bei Seite, und indem Bob Sawyer ſeinen Zeigefinger zwiſchen zwei Rippen des Herrn Pickwick ſteckte, und hierdurch zugleich ſeine Nei⸗ gung zu luſtigen Späßen und ſeine Kenntniß der Ana⸗ tomie des menſchlichen Körpers darlegte, ſagte er: .„Darf ich fragen, alter Herr, wo Sie Ihre Reſidenz gewählt haben?« G Herr Pickwick erwiederte, daß er vorläufig in dem Georg und Geiger in London abſteigen werde. »Ich wünſchte, Sie beſuchten mich einmal,« ſagte Bob Sawyer. „»Nichts würde mir größeres Vergnügen gewähren,⸗ erwiederte Herr Pickwick. »Hier iſt meine Adreſſe,« ſagte Herr Bob Sawyer, ihm eine Karte überreichend, ich wohne in der Lantſtraße in der Nähe von Guys, folglich ſehr gut gelegen für mich. Wenn Sie bei der Georgenkirche vorbei ſind, ſo wenden Sie ſich rechts von der Hochſtraße ab.“« »„Ich will es ſchon finden,« ſagte Herr Pickwick. „»Kommen Sie am Donnerſtag über vierzehn Tage, und bringen Sie ihre Freunde mit,« ſagte Herr Bob Sawyer.»Ich veranſtalte an jenem Abend eine medieini⸗ ſche Abendgeſellſchaft.« Herr Pickwick erklärte, es würde ihn ſehr freuen, die Collegen des Herrn kennen zu lernen, und nachdem Bob Sawyer hinzugefügt hatte, es würde luſtig her⸗ gehen, und ſein Freund Ben auch von der Geſellſchaſt ſein, drückten ſie ſich die Hände, und trennten ſich. Man wird uns jetzt die Frage ſtellen, ob Herr Winkle während dieſer kurzen Unterhaltung mit Arabella Allen flüſterte, und was er geſagt, wenn es der Fall — Die Pickwicker. 65 geweſen, und ferner ob Herr Snodgraß bei Seite mit Emilie Wardle flüſterte, und was er ſagte, wenn es ge⸗ ſchah. Hierauf erwiedern wir, daß ſie, was auch mit den Damen verhandelt ſein mochte, mit Herrn Pickwick oder Herrn Tupman während der Reiſe faſt kein Wort ſprachen, aber ſehr oft ſeufzten, weder Ale noch Brannt⸗ wein trinken wollten, und ſehr wehmüthig und betrübt ausſahen. Wenn unſere ſcharfſinnigen Leſerinnen aus dieſen Thatſachen irgends befriedigende Schlüſſe ziehen können, ſo erſuchen wir ſie, es ja zu thun. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Welches nur von Rechtsſachen und mehreren großen juriſtiſchen Autoritäten handelt. In verſchiedenen abgelegenen Winkeln des Temple giebt es, hier und da zerſtreut, mehrere dunkle und nicht ſehr reinlich gehaltene Zimmer, zu und aus denen man den ganzen Vormittag während der Gerichtsferien und über⸗ dem faſt den ganzen Abend zur Zeit der Gerichtsſitzungen einen beinahe ununterbrochenen Zug von Advokatenſchrei⸗ bern und Gehülfen mit Aktenpacketen unter den Armen, und aus den Rocktaſchen hervorſtehend, emſig hin und her eilen ſieht. Es giebt mehrere Arten und Grade unter ihnen. Da iſt zuförderſt der Articled Clerk, der dem Anwald ein Lehrgeld bezahlt hat, und ſich ſelbſt zu einem ſolchen ausbil⸗ det. Er macht eine bedeutende Schneiderrechnung; wird in genialen Geſellſchaften eingeladen; kennt eine Familie in Die Pickwicker IV. 5 66 Die Pickwicker. der Gower⸗Street und eine andere in Tawiſtock⸗Square; beſucht in den großen Ferien ſeinen Vater, der Reit⸗ und Wagen⸗Pferde hält— er iſt, mit einem Wort, der Ariſtokrat unter den Advocatenſchreibern. Da iſt ferner der beſol⸗ dete Schreiber, der den größten Theil ſeines wöchentlichen Gehalts von dreißig Schilling ſeinem perſönlichen Ver⸗ gnügen und ſeiner äußern Ausſtattung widmet, wenig⸗ ſtens dreimal wöchentlich das Adelphitheater, um die Zeit, wenn der halbe Preis eintritt, beſucht, darauf in den Cyderkellern nicht wenig aufgehen läßt, und ein ſchmutziges Zerrbild der jedesmal vor ſechs Monaten ab⸗ gekommenen Mode iſt. Da iſt ferner noch der Advoka⸗ tengehülfe in mittleren Jahren, und mit einer zahlreichen Familie. Er iſt immer ſchäbig gekleidet, und oft betrun⸗ ken. Da ſind endlich noch die Schreiberlehrlinge in ihren erſten Ueberröcken, die mit geziemender Verachtung auf die Schulknaben herabſehen, wenn ſie Abends nach Hauſe gehen, und zu einem Abendeſſen und Bier zuſammen ſchießen, und ganz erfüllt davon ſind, daß nichts darüber gehe,»zu leben.« Doch die Abarten des Geſchlechts ſind zu zahlreich, als daß wir ſie alle erwähnen könnten, aber zu gewiſſen beſtimmten Geſchäftsſtunden kann man ſie an den eben erwähnten Orten hin und her eilen ſehen. Dieſe abgelegenen Zimmer ſind die Büreaus der Ge⸗ richtsperſonen, wo Vorladungen ausgefertigt, Rechtsgut⸗ achten unterzeichnet, Klagſchriften aufgenommen, und viele andere ſcharfſinnig erfundene kleine Maſchinen in Bewegung geſetzt werden, die dazu dienen, Seiner Majeſtät getreue Unterthanen zu erleichtern(nämlich von ihrem Ueberfluß) und den Rechtspraktikanten ein vergnügliches und einträgliches Leben zu bereiten. Die meiſten ſind niedere dumpfe Gemächer, in denen unzählige Pergament⸗ rollen, die während der letzten hundert Jahre unberührt Die Pickwicker. 67 dalagen, einen angenehmen Geruch verbreiten, mit wel⸗ chem ſich bei Tage jener der trockenen Fäule, und Abends die verſchiedenen Ausdünſtungen der naſſen Mäntel, tropfenden Regenſchirme und der ſchlechteſten Talglichter vereinigen. Abends gegen halb acht Uhr, zehn bis viergehm Tage nachdem Herr Pickwick und ſeine Freunde wieder in Lon⸗ don angekommen waren, trat eiligſt in eines dieſer Ge⸗ ſchäftszimmer ein junger Menſch in einem braunen Rock mit meſſingenen Knöpfen, deſſen langes Haar ſorg⸗ atin geſcheitelt, und deſſen enge Hoſen jeden Augenblick den Knieen zu zerreißen drohten. Er zog aus ſeiner Rocktaſche einen langen und ſchmalen Pergamentſtreifen, auf welchen der erſte Schreiber einen unlesbaren Stem⸗ pel drückte. Darauf überreichte er vier Papierſtreifen, deren jedes eine Abſchrift des geſchriebenen Dokuments war, und leeren Raum zu Unterſchriften enthielt, und nachdem dieſe ausgefüllt waren, ſteckte er ſämmtliche Papiere wieder in die Taſche und entfernte ſich. Der junge Menſch im braunen Rock mit den kaba⸗ liſtiſchen Dokumenten in der Taſche war kein anderer, als unſer alter Bekannter, Herr Jackſon, einer der Schreiber der Herren Dodſon und Fogg von Freemans Court, Cornhill. Statt jedoch nach ſeinem Geſchäfts⸗ büreau zurückzukehren, begab er ſich nach dem»Georg und Geier,« und fragte, ob Herr Pickwick zu Hauſe ſei. »Ruf Herrn Pickwicks Bedienten, Tom,« ſagte das Schenkmädchen im Georg und Geier. t „Bemühen Sie ſich nicht,« ſagte Herr Jackſon, vich komme in einer Geſchäftsſache. Zeigen Sie mir nur ge⸗ fälligſt Herrn Pickwicks Zimmer.« »Wie ſoll ich Sie anmelden, Sirk⸗ fragte der Kellner. 5* 68 Die Pickwicker. „Jackſon,« erwiederte der Schreiber. Der Kellner ging die Treppe hinauf, um Herrn Jackſon anzumelden, aber Herr Jackſon erſparte ihm die Mühe, indem er ihm dicht nachfolgte, und in das Zim⸗ mer trat, bevor Jener eine Silbe hervorbringen konnte. Herr Pickwick hatte an jenem Tage ſeine drei Freunde zum Mittageſſen eingeladen, und ſie ſaßen alle, ihren Wein trinkend, um das Kaminfeuer, als Herr Jack⸗ ſon ſich auf die eben angemeldete Art präſentirte. „»Wie geht's, Sir?« ſagte Herr Jackſon, indem er Herrn Pickwick zunickte. Dieſer verbeugte ſich, ſah ihn aber etwas befremdet an, denn er erinnerte ſich der Phyſiognomie des Herrn Jackſon nicht mehr. „»Ich komme von Dodſon und Fogg,« fuhr Jackſon erläuternd fort. Herrn Pickwicks Zorn erwachte, als er dieſe Namen hörte.»Ich muß Sie an meinen Anwald verweiſen, Sir, an Herrn Perker von Grays⸗Inn,“ erwiederte er. „Kellner, öffnen Sie dem Herrn die Thür.⸗ „Entſchuldigen Sie, Herr Pickwick,« ſagte Jackſon, indem er kaltblütig ſeinen Hut auf einen Stuhl legte, und den Pergamentſtreifen aus der Taſche zog.»Sie wiſſen, Herr Pickwick,— perſönliche Einhändigung in ſolchen Fällen durch einen Schreiber oder Geſchäftsführer — bei allen Rechtsſachen geht nichts über die Vorſicht, Sir.«. Herr Jackſon blickte in das Pergament, lehnte ſich an den Tiſch, ſah die Pickwicker mit einem ſüßen Lächeln an, und fuhr fort:»Alſo zur Sache meine Herren— laſſen Sie uns nicht viel Worte um eine ſolche Kleinig⸗ keit machen. Welcher der Herren heißt Snodgraß?« Herr Snodgraß verrieth ſich bei dieſer Frage durch 1 — — — — — Die Pickwicker. 69 eine ſo lebhafte und unzweideutige Bewegung, daß es keiner ferneren Antwort bedurfte. „Ah, dachte mir's,« ſagte Herr Jackſon in ungemein freundlichem Tone.»Ich habe hier etwas, womit ich Sie bemühen muß, Sir.« »Mich?« rief Herr Snodgraß aus. „Es iſt nur eine Vorladung in der Sache Bardell oontra Pickwick, um für die Klägerin vor Gericht zu er⸗ ſcheinen,« fuhr Jackſon fort, indem er einen Papierſtrei⸗ fen hervorſuchte, und einen Schilling aus ſeiner Weſten⸗ taſche nahm. Die Sache wird am vierzehnten Februar vorkommen, und zwar auf unſeren Antrag vor einer Special⸗Jury, aber bis jetzt ſtehen erſt zehn Namen auf der Liſte. Hier iſt ihre Vorladung, Herr Snodgraß.⸗ Bei dieſen Worten hielt er ihm das Pergament vor die Augen, und drückte ihm den Papierſtreifen und den Schilling in die Hand. Herr Tupman hatte dem Verfahren in ſtummen Erſtaunen zugeſchaut. Jetzt wendete ſich Jackſon plötzlich mit den Worten an ihn: „Ich glaube nicht zu irren, wenn ich ſage, daß Ihr Name Tupman iſt.« Herr Tupman ſah Herrn Pickwick an, gewahrte je⸗ doch in deſſen weit geöffneten Augen keine Ermuthigung, ſeinen Namen zu verleugnen, und erwiederte: »Mein Name iſt allerdings Tupman, Sir.⸗ »Und der des andern Herrn ohne Zweifel Winkle,⸗ ſagte Jackſon. Herr Winkle ſtotterte eine bejahende Antwort, und der gewandte Jackſon wußte ſofort beiden Herren ſeine Papierſtreifen und Schillinge in die Hände zu ſpielen. „Sie werden mich für etwas zudringlich halten,«⸗ ſagte er,»aber ich muß meinen Aufträgen nachkommen. 70 Die Pickwicker. — Ich habe hier auch noch Samuel Wellers Namen ſtehen, Herr Pickwick.⸗ „Kellner, ſchicken Sie meinen Bedienten herauf,⸗ ſagte Herr Pickwick. Der nicht wenig verwunderte Kellner entferute ſich, und Herr Pickwick winkte Jackſon, ſich zu ſetzen. Es entſtand eine peinliche Pauſe, die endlich von dem unſchuldig Angeklagten unterbrochen wurde: »Es ſcheint, Sir,« ſagte Herr Pickwick, und ſeine Entrüſtung nahm mit jedem Wort zu; ves ſcheint, daß es die Abſicht Ihrer Prinzipale iſt, das Zeugniß meiner eigenen Freunde gegen mich zu benutzen.« Herr Jackſon fuhr ſich mit ſeinem Zeigefinger meh⸗ rere Male über die Naſe, um anzudeuten, daß er Geſchäfts⸗ geheimniſſe nicht verrathen dürfe, und erwiederte: „Kanu's wirklich nicht ſagen, Sir.« „Aus welchem andern Grunde,« fuhr Herr Pickwick fort,»wurden denn meinen Freunden jene Vorladungen zugeſtellt, wenn nicht aus dieſem?2« »Sie ſtellen Ihre Fragen ſehr gut, Herr Pickwick,⸗ enkgegnete Jackſon,»aber Sie werden wenig von mir erfahren.« Hier lächelte Herr Jackſon nochmals die Geſellſchaft an, und indem er ſeinen linken Daumen an die Naſen⸗ ſpitze legte, machte er mit der rechten Hand eine Bewe⸗ gung, als ob er eine Kaffeemühle drehe, eine damals ſehr beliebte Pantomime, die aber jetzt leider faſt gänzlich außer Gebrauch gekommen iſt. »Nein, nein, Herr Pickwick,« ſagte Jackſon ſchließ⸗ lich,»Perker und ſeine Gehülfen müſſen ſelbſt zu errathen ſuchen, zu welchem Zweck wir dieſe Vorladungen erwirk⸗ ten. Können ſie es nicht, ſo müſſen ſie warten, bis es ihnen offenbar wird.« 4 —— —= — f= Die Pickwicker. 71 Herr Pickwick warf dem unwillkommenen Gaſt einen Blick der tiefſten Verachtung zu, und würde wahr⸗ ſcheinlich ſchreckliche Verwünſchungen auf die Häupter der Herren Dodſon und Fogg herabgerufen haben, wenn die Ankunft Sams ihn nicht daran gehindert hätte. „Samuel Weller?« fragte Jackſon. »Eins der wahrſten Worte, das Sie ſeit vielen Jahren geſprochen haben,« verſetzte Sam ſehr ruhig. »Hier iſt eine Vorladung für Sie, Herr Weller,« ſagte Jackſon. „Was ſoll das bedeuten?« fragte Sam. „Hier iſt das Original,« ſagte Jackſon, einer ferneren Erörterung ausweichend. »Welches?2« fragte Sam. »Dieſes,« entgegnete Jackſon, ihm das Pergament vor die Augen haltend. „Ah, es freut mich, es zu ſehen,« bemerkte Sam. »Und hier iſt der Schilling,« ſagte Jackſon.»Er iſt von Dodſon und Fogg.« „Es iſt ſehr brav von Dodſon und Fogg, die mich ſo wenig kennen, mir ein Präſent zu ſchicken,« ſagte Sam.„»Ich fühle mich dadurch ſehr geſchmeichelt, Sir, und es macht den Herren viel Ehre, daß ſie Verdienſte zu belohnen wiſſen, wo ſie dieſelben antreffen; ſo etwas macht immer einen ſehr rührenden Eindruck auf mein Gemüth.« Sam wiſchte bei dieſen Worten, nach der beliebten Weiſe der Schauſpieler bei rührenden Familienſcenen, ein Auge mit dem Rockärmel. Herr Jackſon ſchien durch Sams Benehmen etwas außer Faſſung gebracht zu werden, da er aber die Vor⸗ ladungen inſinuirt, und nichts mehr mitzutheilen hatte, ſo that er, als wolle er den einzigen Handſchuh, den er 72 Die Pickwicker. beſaß, und den er gewöhnlich in der Hand trug, anziehen, und kehrte zu ſeinen Prinzipalen zurück, um ihnen Be⸗ richt abzuſtatten. Herr Pickwick ſchlief in der darauf folgenden Nacht wenig, da er ſo unangenehm an Miſtreß Bardell und ihre Klage erinnert worden war. Er frühſtückte am nächſten Morgen bei Zeiten, forderte Sam auf, ihn zu begleiten, und begab ſich mit ihm nach Greys Inn⸗ Square auf den Weg. »Sam,« ſagte Herr Pickwick, ſich umblickend, als ſie an das Ende von Cheapſide gelangt waren. „»Sir!« ſagte Sam, zu ſeinem Herrn tretend. „»Welchen Weg müſſen wir hier einſchlagen 2« „»Die Newaateſtraße hinauf.« Herr Pickwick ſchlug die angegebene Richtung nicht gleich ein, ſondern blickte Sam einige Augenblicke mit zerſtreuter Miene an, und holte einen tiefen Seufzer. »Was fehlt Ihnen, Sir,« fragte Sam. »Dieſe unangenehme Sache, Sam,« ſagte Herr Pickwick,»ſoll am vierzehnten des nächſten Monates ver⸗ handelt werden.«— »Das iſt ein merkwürdiges Zuſammentreffen,« er⸗ wiederte Weller. »Wie ſo, Sam?« fragte Herr Pickwick. „»Es iſt der Valentinstag, Sir,« entgegnete Sam, »wahrhaftig ein ſehr guter Tag zu einer Gerichtsver⸗ handlung wegen eines gebrochenen Eheverſprechens!« Der Einfall Sams rief kein Lächeln in den Zügen ſeines Herrn hervor. Herr Pickwick wendete ſich plötzlich um, und ging in tiefem Nachdenken weiter. So waren ſie eine Strecke gegangen, als Sam, der immer darauf bedacht war, ſeinem Herrn die beſonderen Die Pickwicker. 73 Kenntniſſe und Erfahrungen mitzutheilen, die er beſaß, ſeine Schritte beſchleunigte, bis er dicht hinter Herrn Pickwick war, und indem er nach einem Hauſe zeigte, vor welchem ſie eben vorübergingen, ſagte: „»Das iſt ein ſehr hübſcher Fleiſchladen, Sir.« d „»Ja, es ſcheint ſo,« ſagte Herr Pickwick. „»Eine berühmte Sauzischen⸗Manufaktur,« bemerkte 6 Sam. »Wirklich?« ſagte Herr Pickwick. „»Ja wohl,« entgegnete Sam.»Es iſt daſſelbe Haus, Sir, Gott ſegne Ihre Unſchuld, wo vor vier Jahren ein angeſehener Bürger auf ſo geheimnißvolle Weiſe ver⸗ ſchwand.« »Er wurde doch wohl nicht ermordet, um ſeinen Leichnam an die Anatomen zu verkaufen?« ſagte Herr Pickwick, indem er ſich haſtig umſah. 9»Nein, das nicht, Sir,« erwiederte Herr Weller, vich wollte aber, daß es geſchehen wäre, denn es erging ihm noch viel ſchlimmer.— Er war der Beſttzer jenes Ladens, Sir, und hatte die Patentſaucißchen⸗Dampf⸗ maſchine erfunden, die einen Pflaſterſtein, wenn man ihn ihr zu nahe brachte, ſo leicht zu Wurſt zermalmete, als wenn's ein zartes kleines Kind geweſen wäre. Er war natürlich ſehr ſtolz auf die Maſchine, und ſtand dabei und ſah zu, wenn ſie in voller Arbeit war, bis er ganz melancholiſch vor Freude wurde. Er hätte ein ſehr glücklicher Mann ſein können, Sir, da er dieſe Maſchine und außerdem noch zwei allerliebſte Kinder hatte, aber ſeine Frau, die eine böſe Sieben war, verbitterte ihm ſein Leben. Sie lief ihm überall nach, und ſchrie ihm in die Ohren, bis er es nicht mehr aushalten konnte. „»Ich will Dir was ſagen, mein Schatz,« ſagte er eines 1 Tages,»wenn Du durchaus auf dieſen Quälereien 74 Die Pickwicker. beſtehſt, ſo will ich verdammt ſein, wenn ich nicht nach Amerika gehe.«—»Du hiſt ein Taugenichts,« antwor⸗ tete ſie,»und ich wünſche den Amerikanern viel Glück dazu, wenn ſie Dich bekommen.« Darauf ſchimpft ſie ihn noch eine halbe Stunde aus, läuft ſodann in die kleine Stube hinter dem Laden, fängt an zu ſchreien und zu weinen, ſagt, er würde noch ihr Tod ſein, und fällt in Krämpfe, die drei gute Stunden anhielten, und zwar in Krämpfe von der Sorte, wobei die Frauenzimmer fortwährend ſchreien und mit Händen und Füßen um ſich ſchlagen.— Gut, am andern Morgen war der Mann nicht zu finden. Er hatte kein Geld mitgenommen, und nicht einmal ſeinen Oberrock angezogen, ſo daß er alſo wohl nicht nach Amerika abgeſegelt ſein konnte. Er kam eben ſo wenig den andern Tag wieder, und auch die an⸗ dere Woche nicht; ſeine Frau ließ in die Zeitungen ſetzen, wenn er zurückkehrte, ſollte ihm alles vergeben ſein(was ſehr großmüthig war, da er gar nichts gethan hatte); alle Kanäle wurden durchſucht, und wenn in den nächſten zwei Monaten eine Leiche gefunden wurde, ſo brachte man ſie, als wenn ſich das von ſelbſt verſtände, nach dem Saucißchenladen. Der Mann wurde aber nicht ge⸗ funden, und ſo hieß es denn, er ſei davongelaufen, und ſeine Frau ſetzte das Geſchäft fort. Eines Samſtag Abends ſtürzt ein alter ſchmächtiger Herr ganz außer ſich in den Laden, und ſagt:»Sind Sie die Beſitzerin des Ladens hier, Madame?«— Sie antwortete,„»ja.«— »Dann muß ich Ihnen ſagen, Madame, daß ich und meine Familie um nichts und wieder nichts beinahe er⸗ ſtickt wären, und außerdem erlaube ich mir, zu bemerken, Madame, da Sie das beſte Fleiſch zu Ihren Saucißchen doch nicht nehmen, daß Sie Rindfleiſch ziemlich eben ſo wohlfeil finden würden, als Knöpfe.«—»Knöpfe, Sir?« Die Pickwicker. 4 275 ſagt ſie verwundert.—»Ja, Knöpfe, Madame,“« ſagt der kleine alte Herr, und dabei wickelt er ein Stück Papier auf, und zeigt ihr zwanzig bis dreißig halbe Knöpfe.»Das muß ich ſagen, Madame, Hoſenknöpfe ſind ein eigenes Gewürz für Saucißchen!«—»Es ſind meines Mannes Knöpfe,« ruft die Wittwe aus, und will in Ohnmacht fallen.—»Wie?« ſchreit der kleine alte Herr, und wird ganz blaß.—„»Jetzt iſt mir Alles klar,« ſagt die Witwe; ver hat ſich in einem Anfall von Wahnſinn in die Saueißchenmaſchine geſtürzt!«— Und ſo war es wirklich, Sir,« ſetzte Weller, indem er dem zuſammenſchaudernden Herrn Pickwick in das Geſicht blickte, kaltblütig hinzu,»vielleicht mochte er auch nur durch einen unglücklichen Zufall in die Maſchine gerathen ſein, dem ſei aber, wie ihm wolle, der kleine alte Herr, der immer ſo gerne Saucißchen gegeſſen hatte, eilte ganz entſetzt aus dem Laden, und ließ ſich nie wieder ſehen.⸗ Während der Erzählung dieſes rührenden Ereigniſſes aus dem häuslichen Leben waren Herr und Diener nach der Wohnung des Herrn Perker gelangt. Lowton ſtand in der halbgeöffneten Thür, und war mit einem draußen ſtehenden ärmlich gekleideten Mann in. lebhafter Unter⸗ haltung begriffen, in deſſen bleichem und abgehäͤrmtem Geſicht man die Spuren von Entbehrungen und Leiden deutlich las; er fühlte ſeine Armuth, den er trat bei Seite, als Herr Pickwick ſich näherte. »Es iſt ſehr unangenehm,« ſagte der Fremde mit einem Seufzer. „»Ja wohl,« erwiederte Lowton, indem er deſſen Na⸗ men mit der Feder an die Thür ſchrieb, ihn aber gleich wieder auslöſchte.»Haben Sie einen Auftrag an ihn 2⸗ »Wann glauben Sie wohl, daß er zurückkehren wird?2« fragte der Fremde. Die Pickwicker. „»Das iſt ungewiß,« erwiederte Lowton, indem er Herrn Pickwick bedeutſam zuwinkte, als der Fremde die Augen niederſchlug.— »Glauben Sie, daß ich ihn wohl noch ſprechen könnte, wenn ich ihn hier erwartete?« fragte der Fremde, verſtohlen in das Geſchäftszimmer blickend. »O nein, das glaube ich nicht,« entgegnete der Schrei⸗ ber, indem er ſich etwas mehr in die Mitte der Thür ſtellte.»Er kommt ſicher dieſe Woche nicht zurück, und es iſt noch unbeſtimmt, ob in der nächſten; denn verläßt Perker einmal die Stadt, ſo beeilt er ſich nie zu ſehr, zurückzukommen.« »Wie? er iſt verreiſt?« ſagte Herr Pickwick,»das iſt ja recht fatal!« „Bleiben Sie, Herr Pickwick,« ſagte Lowton, vich habe einen Brief für Sie.« Der Fremde ſchien noch zu zögern, blickte wieder zu Boden, und der Schreiber winkte Herr Pickwick lächelnd zu, als wolle er andeuten, daß es einen vortrefflichen Spaß geben werde. „»Treten Sie ein, Herr Pickwick,« ſagte Lowton. »Wollen Sie einen Auftrag zurücklaſſen, Herr Watty, oder wollen Sie wiederkommen?« »Bitten Sie Herrn Perker, er möchte die Güte haben, Ihnen zurückzulaſſen, was in meiner Sache ge⸗ ſchehen iſt,« ſagte der Fremde,»vaber denken Sie auch ja daran, Herr Lowton.« „»Ja, ja, ich werde es nicht vergeſſen,« erwiederte der Schreiber.»Treten Sie ein, Herr Pickwick. Leben Sie wohl, Herr Watty; es iſt heute ein ſchöner Tag zu einer Fußreiſe, nicht wahr?« Da der Fremde noch zögerte, ſo winkte Lowton Sam zu, mit ſeinem Herrn einzu⸗ treten, und warf Herrn Watty die Thür vor der Naſe zu. »Solch einen verwünſchten Bankerottier, als den, Die Pickwicker. 77 hat es, glaube ich, ſeit Erſchaffung der Welt nicht gege⸗ ben,« ſagte er, und warf ſeine Feder mit der Miene eines tiefgekränkten Mannes auf den Tiſch.»Seine Sache liegt kaum ſeit vier Jahren beim Kanzleigericht, und alle Wochen kommt er wenigſtens zweimal, um uns zu quaͤlen. Treten Sie gefälligſt hier ein, Herr Pickwick. Perker iſt allerdings zu Hauſe, und ich weiß, daß er Sie empfangen wird. In dieſer Kälte, fügte er verdrießlich hinzu, muß man ſeine Zeit vor der Thür mit ſolchen armſeligen Vagabunden verlie⸗ ren. Nachdem der Schreiber ein ſehr großes Feuer mit einem ſehr kleinen Schüreiſen angefacht hatte, ging er voran nach dem Privatzimmer ſeines Prinzipals, um Herrn Pickwick anzumelden. »Ah, mein theurer Sir,« rief ihm der kleine Mann, eiligſt aufſpringend, entgegen.»Was haben Sie für Neuigkeiten in unſerer Angelegenheit— he! Unſere guten Freunde in Freemans⸗Court ſind nicht müſſig geweſen — ich weiß es ſchon. Ah, es ſind tüchtige Leute! in der That ſehr tüchtige Leute!« Nach dieſer Anrede nahm der kleine Mann eine Priſe. „Es ſind Schurken!« ſagte Herr Pickwick. »Nun ja,« entgegnete der kleine Mann,»wie man es nehmen will— darüber können die Anſichten ver⸗ ſchieden ſein, und wir wollen über Worte nicht ſtreiten, da man natürlich von Ihnen nicht erwarten kann, daß Sie die Sache aus dem Geſichtspunkt eines Geſchäfts⸗ mannes betrachten. Wir wollen aber nichts vernachläſſi⸗ gen. Ich habe Herr Snubbin für Ihre Sache ge⸗ wonnen.« »Iſt er ein rechtlicher Mann?« fragte Herr Pickwick. »Ein rechtlicher Mann?« erwiederte Perker,»mein 78 Die Pickwicker. theurer Sir, Serjeant Snubbin iſt einer der berühm⸗ teſten Sachwalter, hat mehr zu thun, als irgend ein an⸗ derer, und bei jeder Rechtsſache die Hände im Spiel. Unter uns geſagt, wir Leute vom Fach wiſſen ſehr gut, daß Serjeant Snubbin den Gerichtshof immer bei der Naſe herumführt.« Der kleine Mann nahm abermals eine Priſe, und winkte Herrn Pickwick geheimnißvoll zu. „»Meine drei Freunde ſind vorgeladen worden,« ſagte Herr Pickwick. »Das ließ ſich erwarten,« erwiederte Perker.»Wich⸗ tige Zeugen— haben Sie in einer ſehr delikaten Situa⸗ tion geſehen.« aAber die Frau fiel abſichtlich in Ohnmacht,« fuhr Herr Pickwick fort.»Sie warf ſich mir in die Arme.«⸗ „Sehr wahrſcheinlich, mein theurer Herr,« entgeg⸗ nete Perker,»ſehr wahrſcheinlich und ſehr natürlich, aber wie ſollen wir den Beweis führen, Sir 2⸗ „»Mein Bedienter iſt auch vorgeladen worden,« ſagte Herr Pickwick, den andern Punkt aufgebend, denn die Frage des Herrn Perker hatte ihn etwas betroffen ge⸗ macht. »Sam« fragte Perker. Herr Pickwick erwiederte bejahend. »Natürlich, mein theurer Sir, natürlich. Ich häͤtte Ihnen das ſchon ſeit einem Monat vorherſagen können. Sie wiſſen, mein theurer Sir, wenn Sie ſich ſelbſt mit der Führung ihrer Angelegenheit beſchäftigen wollen, nachdem Sie einen Anwald angenommen haben, ſo müſſen Sie ſich auch die Folgen gefallen laſſen.« Herr Perker warf ſich hier im Gefüͤhl ſeiner Würde in die Bruſt, und entfernte einigen Bihuapitaböc von ſeiner ſeidenen Weſte. ——— Die Pickwicker. 79 »Was will man denn aber durch ſein Zeugniß be⸗ weiſen?2« fragte Herr Pickwick nach einer kleinen Pauſe. »Ich muß vermuthen, daß Sie ihn zu der Klägerin geſchickt haben, um ihr Vergleichsvorſchläge zu machen,« antwortete Perker.»Es hat übrigens weiter nichts zu ſagen, denn ich glaube, daß man wenig von ihm er⸗ fahren wird.« »Das denke ich auch,« ſagte Herr Pickwick, und er mußte trotz ſeines Unwillens lächeln, wenn er ſich Sam als einen Zeugen vor dem Gericht dachte.»Was iſt aber jetzt zu thun?« „»Das Einzige, was uns übrig bleibt, mein theurer Sir,« entgegnete Perker, v»iſt, ebenfalls die Zeugen zu befragen; uns auf Snubbins Beredſamkeit zu verlaſſen; dem Richter Staub in die Augen zu ſtreuen, und das Uebrige den Geſchworenen anheim zu ſtellen.⸗ »Aber wie, wenn ihr Ausſpruch gegen unnch lautet?« fragte Herr Pickwick. Herr Perker lächelte, nahm eine große Priſe, ſchürte das Feuer an, zuckte mit den Achſeln, und behauptete ein vielſagendes Stillſchweigen. „Sie meinen, in dieſem Falle müßte ich die Ent⸗ ſchädigung bezahlen?« fragte Herr Pickwick, den dieſe Antwort etwas zu entrüſten ſchien. Perker ſchürte nochmals unnöthiger Weiſe das Feuer an, und ſagte kaltblütig:»Ich fürchte.« „»Dann muß ich Ihnen verkünden, daß es mein unabänderlicher Entſchluß iſt, durchaus keine Entſchädi⸗ gung zu zahlen,« ſagte Herr Pickwick mit großem Nach⸗ druck.»Nein, Perker, nicht ein einziges Pfund, nicht einen Pfennig von meinem Gelde ſoll je in die Taſche von Dodſon und Fogg wandern. Dies iſt mein wohlüberleg⸗ ter und unwiderruflicher Entſchluß,« und zur Bekräfti⸗ 80 Die Pickwicker. gung ſchlug Herr Pickwick heftig mit der Fauſt auf den Tiſch. »Sehr wohl, mein theurer Sir, ſehr wohl,« ſagte Perker;»Sie müſſen das natürlich ſelbſt am beſten wiſſen.« 1 »Allerdings,« fiel Herr Pickwick haſtig ein.»Wo wohnt Serjeant Snubbin?« „»In Limolas⸗Inn Old Square,« erwiederte Perker. „Ich möchte ihn wohl ſprechen,« ſagte Herr Pickwick. »Serjeant Snubbin ſprechen, mein theurer Sir?« verſetzte Perker in höchſtem Erſtaunen.»Unmöglich, mein theurer Sir. Serjeant Snubbin ſprechen! Es iſt un⸗ erhört, daß ihn Jemand geſprochen hätte, wenn nicht vorher das Honorar feſtgeſtellt, und ein Berathungs⸗ termin angeſetzt worden war. Es kann nicht ſein, mein theurer Sir, kann nicht ſein.⸗ Herr Pickwick hatte jedoch beſchloſſen, daß es ge⸗ ſchehen ſolle und müſſe, und die Folge war, daß er zehn Minuten, nachdem ihn Perker verſichert, es ſei unmög⸗ lich, von ihm ſelbſt in das Geſchäftszimmer des berühm⸗ ten Snubbin geführt wurde. Es war ein großes Zimmer mit einem langen Schreibtiſche, deſſen urſprünglich grüne Farbe kaum mehr zu erkennen war, indem Staub und Alter ſie in Grau ver⸗ wandelt hatte, welches überdem mit unzähligen Dinten⸗ flecken beſät war. Auf dem Tiſche lagen eine Menge Akten, mit rothen Schnüren zuſammengebunden, und hinter demſelben ſaß ein ältlicher Schreiber, deſſen be⸗ hagliches Aeußere und ſchwere goldene Uhrkette deutlich genug verkündeten, wie ausgedehnt und reichlich die Ge⸗ ſchäftspraris von Serjeant Snubbin war. »Iſt Herr Snubbin in ſeinem Zimmer, Herr Mal⸗ — — Die Pickwicker. 81 kard?« fragte Perker, indem er ihn, mit ausgeſuchteſter Höflichkeit eine Priſe anbot. „Ja,« erwiederte jener,»aber er iſt ſehr beſchäftigt. Sehen Sie hier, in allen dieſen Sachen iſt noch kein Gutachten erfolgt, obgleich die Expeditionshonorare be⸗ reits bezahlt ſind. Der Schreiber lächelte, indem er dieſes ſagte, und ſchlürfte die Priſe mit einem Eifer ein, der eben ſo viel Zuneigung für Schnupftaback, als für Honorare zu verrathen ſchien. „»Das nenne ich eine Praxis,« ſagte Perker. „Ja,« entgegnete der Schreiber, indem er ſeine eigene Doſe darreichte,»und das Beſte dabei iſt, daß außer mir kein Menſch ſeine Handſchrift leſen kann, weßhalb man denn auf die Gutachten warten muß, bis ich ſie abgeſchrieben habe— ha! hal hal« „»„Was Jemanden, den wir kennen, zu gut kommt, und wodurch den Clienten noch etwas mehr zur Ader gelaſſen wird, nicht wahr?« ſagte Perker.»Ha! ha! hal⸗ Der Schreiber des Serjeanten lachte abermals, doch nicht laut, ſondern nur innerlich; ein Lachen, wel⸗ ches Herrn Pickwick nicht wenig mißfiel.»Wenn Jemand innerlich blutet, ſo iſt es ſehr gefährlich für ihn ſelbſt, lacht aber Jemand innerlich, ſo bedeutet es Andern nichts Gutes.« »Haben Sie mir ſchon die kleine Rechnung für die Honorare aufgeſetzt, die ich Ihnen noch ſchulde 2a fragte Perker.. „Nein, noch nicht,« erwiederte der Schreiber. „Schicken Sie ſie mir bald zu,« fuhr Perker fort, und ich will Ihnen eine Anweiſung geben. Aber Sie ſind wohl zu ſehr beſchäftigt, das baare Geld einzuziehen, als daß Sie an die ausſtehenden Forderungen denken können? Ha! ha! hal⸗ Die Pickwicker. IV.. 6 82 Die Pickwicker. Dieſer Einfall ſchien den Schreiber nicht wenig zu ergötzen, und er mußte abermals innerlich lachen. „»Aber, Herr Mallard, mein theurer Freund,« ſagte Perker, indem er plötzlich wieder ernſt wurde, und den einflußreichen Schreiber des einflußreichen Mannes mit ſich in einen Winkel zog,»Sie müſſen den Serjeanten vermögen, daß er mich und meinen Clieuten dort vorläßt.« »Was faͤllt Ihnen ein,« ſagte der Schreiber,»mit dem Serjeanten ſprechen wollen, daß iſt zu abgeſchmackt.« Trotz der Abgeſchmacktheit des Begehrens ließ jedoch der Schreiber in einem leiſen Flüſtern noch weiter mit ſich darüber reden, ging hinaus, kehrte bald zurück und kün⸗ digte Herrn Perker und Herrn Pickwick an, er habe den Serjeant vermocht, ſie wider alle feſtſtehenden Regeln und Gebräuche gleich zu empfangen. Serjeant Snubbin war ein Mann mit einem lan⸗ gen gelblichen Geſicht, und ungefähr fünfundfunfzig Jahr alt, oder wie die Romanſchreiber ſagen, er mochte funfzig alt ſein. Er hatte jene ſtieren und todten Augen, wie man ſie oft bei Leuten ſieht, die viele Jahre in müh⸗ ſeligen und angreifenden Geſchäften zugebracht haben, und an denen man ſogleich Kurzſichtigkeit erkannt haben würde, wenn er auch keine Lorgnette an einem breiten ſchwarzen Band getragen hätte. Seine Haare waren nachläſſig geordnet, weil er ſeiner Toilette nie viel Zeit zuwenden konnte, ſo wie auch, weil er ſeit fünfundzwan⸗ zig Jahren die neben ihm liegende Rechtsgelehrtenperücke getragen hatte. Die Spuren von Puder auf ſeinem Rockkragen, und das ſchlecht gewaſchene und noch ſchlech⸗ ter angelegte Halstuch verriethen, daß er ſeit der Sitzung des Gerichtshofes noch nicht Zeit gehabt habe, ſeinen Anzug zu verändern. Juriſtiſche Bücher, eine Menge Papiere und geöffnete Briefe lagen unordentlich auf dem —44y — Die Pickwicker. 83 Tiſch umher; die Ausſtattung des Zimmers war alt⸗ modiſch und vernachläſſigt; die Thüren der Bücherſchränke hingen in ihren Angeln, bei jedem Schritt flog der Staub in kleinen Wolken vom Fußboden empor. Der Serjeant ſchrieb, als ſeine Clienten eintraten, er verbeugte ſich zerſtreut, als ihm Herr Pickwick durch ſeinen Anwald vorgeſtellt wurde, winkte ihnen, ſich zu ſetzen und erwartete, was man vorzubringen habe. »Herr Pickwick iſt der Beklagte in der Sache Bar⸗ dell contra Pickwick, Serjeant Snubbin,« begann Perker. »Bin ich bei der Sache betheiligt?« fragte der Serjeant.. »Ja wohl, Sir,“ entgegnete Perker. Der Serjeant nickte mit dem Kopfe, und erwartete Weiteres.. »Herr Pickwick wünſchte, Sie zu ſprechen,« fuhr Perker fort,»um Ihnen, bevor Sie ſich mit der Sache beſchäftigen, zu ſagen, daß er es läugnet, irgend einen Grund oder Vorwand zu der Klage gegen ihn gegeben 4 zu haben, und daß er die Sache überhaupt nicht gericht⸗ lich verhandeln laſſen würde, wenn er ſich nicht vollkom⸗ men ſeiner Unſchuld bewußt wäre. Ich denke, daß ich ganz in Ihrem Geiſte ſpreche, nicht wahr, mein theurer Herr?« ſagte der kleine Mann, ſich zu Herrn Pickwick wendend. „»Vollkommen,« erwiederte Herr Pickwick. Der Serjeant hielt ſein Glas vor die Augen, be⸗ augelte Herrn Pickwick mit großer Neugierde, und ſagte darauf mit einem kaum bemerkbaren Lächeln: »Hat Herr Pickwick eine ſtarke Sache?« Der Anwald zuckte die Achſeln. »Gedenken Sie Zeugen aufzuſtellen?« E»Nein!“ 3 3 6* Die Pickwicker. Des Serjeants Lächeln wurde beſtimmter, er lehnte ſich auf ſeinen Stuhl zurück, und huſtete zweideutig. Dieſe Vorbedeutungen, ſo geringfügig ſie ſein moch⸗ Brille feſter auf die Naſe, und ſagte mit großem Nach⸗ druck, die Winke und das Stirnrunzeln des Herrn Perker durchaus nicht beachtend: „»Mein Wunſch, über dieſen Gegenſtand mit Ihnen ſelbſt zu ſprechen, Sir, erſcheint ohne Zweifel einem Herrn, dem Sachen dieſer Art nothwendig oft vorkom⸗ men, höchſt ungewöhnlich.“« Der Serjeant bemühte ſich, ernſthaft in das Feuer zu blicken, konnte aber ſein Lächeln nicht unterdrücken. »Männer Ihres Berufs, Sir,« fuhr Herr Pickwick fort,»lernen immer nur die Menſchen von ihrer ſchlech⸗ teſten Seite kennen— alle ihre Böswilligkeit und Ver⸗ derbtheit. Sie wiſſen aus eigner Erfahrung, wie ſehr es bei den Geſchworenengerichten— die ich ſo wenig, als Sie ſelbſt, Sir, verunglimpfen will— auf das Effekt⸗ machen ankommt, und ſie pflegen bei Andern die Nei⸗ gung vorauszuſetzen, als wollten ſie jene Kunſtgriffe, deren ſie ſich in den reinſten Abſichten und mit dem lobens⸗ würdigen Zweck, ihren Clienten möglichſt nützlich zu ſein, bedienen, und deren Beſchaffenheit und Werth ſie in Folge beſtändiger Anwendung ſo genau kennen, zu Betrug und zu ſelbſtfüchtiger Verfolgung des eigenen Vortheils anzu⸗ wenden. Ich glaube wirklich, daß man dieſem Umſtande die unbillige, aber ſehr verbreitete Meinung zuſchreiben muß, als ſeien die Mitglieder Ihres Standes im Allge⸗ meinen argwöhniſch, mißtrauiſch und übertrieben vorſich⸗ tig. So ſehr ich mir auch bewußt bin, wie ich im Nachtheile ſtehe, wenn ich unter ſolchen Umſtänden mich auf eine ſolche Weiſe gegen Sie erkläre, kam ich doch zu ten, entgingen Herrn Pickwick nicht. Er ſetzte ſeine —,— — Die Pickwicker. 85 Ihnen, weil ich wünſchte, Sie möchten vernehmen, was mein Freund, Herr Perker, Ihnen bereits geſagt hat, daß ich nämlich vollkommen unſchuldig und fälſchlich an⸗ geklagt bin, und obgleich ich den unſchätzbaren Werth Ihres Beiſtandes ſehr gut zu würdigen weiß, Sir, ſo erlaube ich mir doch, hinzuzufügen, daß ich, wenn Sie meiner Verſicherung nicht unbedingten Glauben ſchenken ſollten, der Unterſtützung Ihrer Talente lieber entbehren, als mich ihrer erfreuen würde.« Schon lange, bevor Herr Pickwick dieſe pathetiſche Anrede beſchloſſen hatte, war der Serjeant mit ganz andern Gedanken beſchäftigt geweſen. Nach einigen Mi⸗ nuten jedoch wurde er der Anweſenheit ſeiner Elienten wieder gewahr, und fragte etwas auffahrend: »Wer iſt mein Aſſiſtent in der Sache?« »Herr Phunky, Sir,« erwiederte der Anwald. »Phunky— Phunky!« ſagte der Serjeant; vich habe den Namen noch nie gehört. Es muß ein ſehr junger Mann ſein.« »Ja wohl,« verſetzte Perker.»Er iſt noch nicht ſeit acht Jahren Anwald.« »Ah, ich dachte mir's wohl,« ſagte der Serjeant in jenem mitleidigen Ton, in welchem man von einem klei⸗ nen hülfloſen Kinde zu ſprechen pflegt.»Herr Mallard, ſchicken Sie zu Herrn— Herrn—« „»Phunky— Holborn⸗Court, Grays⸗Inn,“ fiel Per⸗ ker ein.. „Er möchte die Güte haben, einen Augenblick zu mir zu kommen,“ ſetzte der Serjeant hinzu, und verfiel, nachdem Herr Mallard ſich entfernt hatte, ſogleich wieder in ſein zerſtreutes Nachſinnen, bis Herr Phunky eintrat. Obgleich noch kein ſehr alter Sachwalter, war Herr Phunky doch ein vollkommen ausgewachſener Mann. Die Pickwicker. Er hatte ein ſehr befangenes und gedrücktes Weſen, wel⸗ ches jedoch nur die Folge einer Schüchternheit und Be⸗ ſcheidenheit zu ſein ſchien, die aus dem Bewußtſein ent⸗ ſprang, daß es ihm an Geld oder Gönnern oder Unver⸗ ſchämtheit fehle. Sein Benehmen gegen den Serjeant war höchſt ehrerbietig, und das gegen den Sachwalter außerſt höflich. »Ich habe noch nie das Vergnügen gehabt, Sie zu ſehen, Herr Phunky,« redete Serjeant Snubbin ihn mit vornehmer Herablaſſung an. Herr Phunky verbeugte ſich. Er hatte allerdings ſeit acht Jahren den Sergeanten oft genug geſehen, und auch beneidet.— Ich höre, daß Sie in dieſer Sache neben mir auf⸗ treten werden,« fuhr Snubbin fort. Wäre Herr Phunky ein reicher Mann geweſen, ſo hätte er ſogleich ſeinen Schreiber darnach fragen laſſen; wäre er ein weiſer Mann geweſen, ſo würde er den Zei⸗ gefinger an die Stirn gelegt und ſich zu erinnern bemüht haben, ob unter ſeinen vielfachen Berufsgeſchäften auch dieſes mit inbegriffen geweſen ſei, da er aber weder reich noch weiſe(wenigſtens in dieſem Sinne nicht) war, ſo erröthete er und verbeugte ſich. »Haben Sie die Akten geleſen, Herr Phunky?« fragte der Serjeant. Hier hätte Herr Phunky, wenn er ein weiſer Mann war, ſich anſtellen müſſen, als entſinne er ſich des Falls gar nicht, da er aber die Akten, die ihm vorgelegt waren, ſämmtlich durchleſen, und ſeit den zwei Monaten, da er zum Aſſiſtenten des Serjeanten in der Sache erwählt worden war, wachend und ſchlafend an nichts anders ge⸗ dacht hatte, erröthete er noch mehr, und verbeugte ſich noch tiefer. . Die Pickwicker. 87 „»Dies iſt Herr Pickwick,« ſagte Snubbin, ſeine Feder nach der Richtung hinbewegend, wo dieſer Herr ſtand.„ Herr Phunky verbeugte ſich gegen Herrn Pickwick mit jener Ehrerbietung, die ein erſter Client ſtets her⸗ vorruft. »Sie nehmen wohl Herrn Pickwick mit ſich,« ſagte der Serjeant, vund— und— und hören an, was der Herr mitzutheilen haben mag. Wir werden natürlich eine Berathung hierüber halten.« Mit dieſer zarten Andeutung, daß er lange genug geſtört worden ſei, hielt Serjeant Snubbin, der immer zerſtreuter geworden war, einen Augenblick ſein Glas vor die Augen, machte eine flüchtige Bewegung, und ver⸗ tiefte ſich wieder in die Akten eines endloſen Proceſſes, der dadurch entſtanden war, daß ein vor mehr als hun⸗ dert Jahren verſtorbener Mann einen Fußpfad geſperrt hatte, der von einem Ort, woher nie Jemand kam, nach einem andern führte, wohin nie Jemand ging. Herr Phunky weigerte ſich ſtets, durch eine Thür zu gehen, wenn nicht Herr Pickwick und ſein Anwald vor ihm hindurch gegangen waren; es währte daher ziemlich lange, ehe ſie nach ſeiner Wohnung gelangten, und als ſie dieſelbe erreicht hatten, hielten ſie auf und abgehend eine lange Berathung, deren Ergebniß darin be⸗ ſtand, daß es ſehr ſchwierig ſei, vorherzuſehen, wie der Ausſpruch der Geſchworenen lauten würde; auf jeden Fall müſſe man ſich aber Glück wünſchen, daß man die Gegenparthie verhindert habe, Serjeant Snubbin für ſich zu gewinnen, und andere bei derartigen Gelegenhei⸗ ten übliche Troſtgründe. 2 31: dil Herr Weller wurde darauf durch ſeinen Herrn aus — — 88 Die Pickwicker. einem ſüßen Schlaf erweckt, dem er ſich ſeit einer Stunde hingegeben hatte, und kehrte mit ihm nach der City zurück. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Welches viel ausführlicher, als je das Hof⸗ Journal that, über eine Junggeſellen⸗Abendgeſellſchaft berichtet, die Herr Bob Sawyer in ſeiner Wohnung veranſtaltete. In Lantſtreet in der Borugh herrſcht eine Ruhe, die den Geiſt mit einer ſüßen Schwermuth erfüllen kann. Es ſind dort immer viele Häuſer zu vermiethen; es iſt eine Nebenſtraße, und für Jemanden, der die Stille liebt, iſt ſie ſehr zu empfehlen. Wer ſich von der Welt und aus dem Bereich ihrer Verſuchungen zurückzuziehen wünſcht, oder die Gelegenheit gern vermeidet, aus dem „Fenſter zu ſehen, dem muß ſie ein ſehr zuſagender Auf⸗ enthalt ſein. In dieſer glücklichen Zurückgezogenheit leben einige Stärkefabrikanten, Buchbinder, die für Tagelohn arbei⸗ tten, mehrere Agenten für die Inſolvensgerichtshöfe, und eine Menge Wäſcherinnen und Frauenſchneider. Die Mehrzahl der Hauseigenthümer nährt ſich theils von dem Vermiethen möblirter Zimmer, theils von dem ge⸗ ſunden und erkräftigenden Geſchäft des Zeugmangelns. Der vorherrſchende Charakter in dem Stillleben der Straße macht ſich durch grüne Fenſterladen, Mieths⸗ zettel, meſſingene Thürplatten und Glockenzüge bemerk⸗ lich; die Hauptſpecies der belebten Natur ſind: der Bierjunge, der Semmelburſch und der Gebratene⸗ Die Pickwicker. 89 Kartoffelmann. Die Bevölkerung führt ein nomadiſches Leben, und pflegt gegen Ende des Quartals und in der Regel Nachts zu verſchwinden. Ihrer Majeſtät Ein⸗ künfte werden hier nur ſelten eingeſammelt; die Bezah⸗ lung der Miethe iſt unſicher; und die Röhrwaſſerverbin⸗ dung wird ſehr häufig unterbrochen. Herr Bob Sawyer und Herr Ben Allen ſaßen an dem Abend, zu welchem erſterer Herrn Pickwick eingela⸗ den hatte, am Kamine einander gegenüber. Die Vor⸗ bereitungen für den Empfang von Gäſten ſchienen vollen⸗ det zu ſein. Die Regenſchirme auf dem Gange waren in eine Ecke geſtellt, der Hut und Shawl des Haus⸗ mädchens von der gewöhnlichen Stelle entfernt worden, und ein Küchenlicht flackerte luſtig auf der Treppe. Herr Bob Sawyer hatte in eigner Perſon die Getränke in einem Weinkeller in der Hochſtraße gekauft, und den Trä⸗ ger derſelben begleitet, damit ſie nicht in ein unrechtes Haus geriethen. Die Materialien zum Punſch lagen im Schlafzimmer bereit; ein kleiner mit einem grünen Tuch bedeckter Tiſch war zum Kartenſpiel eingerichtet, und das Trinkgeſchirr, welches zum größten Theil aus einem Wirthshauſe erborgt war, ſtand auf einem langen Schreibtiſch vor der Thür. So befriedigend auch alle dieſe Vorrichtungen ſein mochten, ſo umzog doch eine düſtere Wolke Bob Sawyer's Stirn, als er ſo vor dem Kamin ſaß. In den Zügen von Ben Allen zeigte ſich, während er in die glühenden Koh⸗ len blickte, ein ſympathiſirender Ausdruck, und melancho⸗ liſch war der Ton ſeiner Stimme, als er nach einem langen Stillſchweigen begann: »Es iſt wirklich äußerſt unangenehm, daß es ihr gerade heute einfällt, ſauertöpfiſch zu werden. Sie hätte wenigſtens bis morgen warten können.« —ͤi 90 Die Pickwicker. »Das iſt ihre Bosheit, Ben, weiter nichts;z« erwie⸗ derte Bob Sawyer zornig.»Sie ſagt, wenn ich die Geſellſchaft geben könnte, würde es mir auch wohl möglich ſein, ihre verwünſchte kleine Rechnung’ zu bezahlen.« »Wie lange läuft ſie ſchon?« fragte Ben Allen. Eine Rechnung iſt, beiläufig geſagt, die merkwür⸗ digſte Bewegungsmaſchine, die menſchlicher Scharfſinn jemals erfunden hat. Läßt man ſie laufen, ſo läuft ſie während des längſten Menſchenlebens immer fort, ohne auch nur einen Augenblick von ſelbſt inne zu halten. »Nur ein Vierteljahr, oder einen Monat etwa,« antwortete Bob Sawyer. Ben Allen huſtete bedeutſam, und ſagte: »Es wäre eine ſehr fatale Geſchichte, wenn ſie in Gegenwart der Geſellſchaft eine Scene machte.« »Schrecklich! ſchrecklichl« entgegnete Bob Sawyer. Man hörte jetzt ein leiſes Klopfen an der Thüre. Herr Bob Sawyer blickte ſeinen Freund bedeutſam an, und rief:»Herein!« worauf ein ſchmutziges Mädchen, die man für die vernachläſſigte Tochter eines brodlos ge⸗ wordenen Straßenkehrers in ſehr zurückgekommenen Um⸗ ſtänden hätte halten können, ihren Kopf hineinſteckte und ſagte: „»Entſchuldigen Sie, Herr Sawyer, Miſtreß Raddle wünſcht Sie zu ſprechen.« Bevor Herr Bob Sawyer erwiedern konnte, ver⸗ ſchwand das Mädchen plötzlich mit einem Schrei, als hätte ihr Jemand einen heftigen Stoß gegeben. Gleich nach dieſem geheimnißvollen Verſchwinden erfolgte ein abermaliges Klopfen, kurz und beſtimmt, wie wenn es heißen ſollte:»Hier bin ich, und ich komme ſchon.«⸗ Herr Bob Sawyer warf einen hoffnungsloſen Blick EEEE —— —44 Die Pickwicker. 9¹ auf ſeinen Freund, und rief abermals,»Herein!« Die Erlaubniß war keineswegs nothwendig, denn bevor ſie Bob Sawyer ausgeſprochen hatte, ſtürzte eine kleine Frau bleich und zitternd vor Wuth in das Zimmer. „»Nun, Herr Sawyer,« begann ſie, indem ſie ſich bemühte, vollkommen ruhig zu ſcheinen;»Sie werden die Güte haben, meine kleine Rechnung zu berichtigen, denn ich muß meine Miethe bezahlen, und der Hauswirth wartet unten.« Hier rieb die kleine Frau ihre Hände, und blickte über Herrn Bob Sawyer Kopf nach der Wand hinter ihm. »Es thut mir ſehr leid, Miſtreß Raddle,« erwiederte Bob Sawyer äußerſt höflich,»wenn ich Sie in Unge⸗ legenheit bringe, aber—e „O, es iſt keine Ungelegenheit,« erwiederte die kleine Frau mit gellender Stimme.»Ich bedurfte es vor heute nicht, und da ich das Geld unmittelbar dem Wirth zahle, ſo war es daſſelbe, ob Sie es hatten oder ich. Sie verſprachen es mir aber heute Nachmittag, Herr Sawyer, und jeder Gentleman, der je hier wohnte, hat ſein Wort gehalten, Sir, wie man es auch natürlich von Jedem erwartet, der ſich ein Gentleman nennt.« Miſtreß Raddle ſchüttelte mit dem Kopf, biß ſich auf die Lippen, rieb ihre Hände noch ſtärker, und blickte noch ſtarrer auf die Wand als früher. Man konnte deutlich ſehen, wie Herr Bob Sawyer bei einer ſpätern Gelegenheit be⸗ merkte, daß ſie»in die Temperatur des Siedens gerieth.⸗« „Es thut mir ſehr leid, Miſtreß Raddle,« ſagte Bob Sawyer mit aller möglichen Demuth,»aber eine For⸗ derung, die mir heute in der City eingehen ſollte, iſt mir bis jetzt ausgeblieben.« Ein merkwürdiger Ort, dieſe City!— Wir kennen eine große Anzahl von Männern, Die Pickwicker. die dort täglich vergebens auf ihre eingehen ſollenden For⸗ derungen warten. »Gut, Herr Sawyer,« ſagte Miſtreß Raddle, indem ſie ſich feſt und breit auf eine in den Fußteppich gewebte purpurfarbene Roſe ſtellte;»was geht das mich an, Sir 2«— »Ich— ich zweifle nicht, Miſtreß Raddle,« ſagte Bob Sawyer, die letzte Frage umgehend,»daß wir vor Mitte der nächſten Woche unſere Rechnung reguliren, und dann ein beſſeres Syſtem einführen werden.« Dies kam Miſtreß Raddle gerade recht. Sie war ausdrücklich zu dem unglücklichen Bob Sawyer hinauf⸗ gegangen, um nach Herzensluſt zu toben und zu lärmen, und wahrſcheinlich würde ſie durch ſofortige Bezahlung ſich keineswegs zufrieden geſtellt gefühlt haben. Sie war in vortrefflicher Stimmung für eine kleine Erholung dieſer Art, indem ſie mit ihrem Gatten in der Küche ſchon eben ein kleines Vorſpiel aufgeführt hatte. »Glauben Sie, Herr Sawyer,« ſagte Miſtreß Raddle, und erhob dabei ihre Stimme, damit den Nach⸗ barn kein Wort verloren gehen möge,»glauben Sie, daß ich Luſt habe, meine Zimmer von einem Menſchen be⸗ wohnen zu laſſen, der nie daran denkt, ſeine Miethe, noch ſelbſt die baaren Auslagen für die friſche Butter, den Zucker und die Milch zu bezahlen, die ich zum Früh⸗ ſtück für ihn einkaufe? Glauben Sie, daß eine Frau, die ſich mit ſaurer Arbeit ihr Brod verdienen muß, die ſchon zwanzig Jahre hier in der Straße gewohnt hat — zehn Jahre gegenüber und neun und dreiviertel in dieſem Hauſe hier— weiter nichts zu thun hat, als ſich um ein paar nichtsnutzige Faullenzer zu Tode zu arbeiten, die fortwährend rauchen und trinken, ſtatt ſich .— .— Die Pickwicker. 93 nach einem ehrlichen Verdienſt umzuſehen, damit ſie ihre Rechnungen bezahlen können?— Glauben Sie—«⸗ »Meine gute Frau,« unterbrach Benjamin Allen beſänftigend. »Haben Sie die Güte, Ihre Bemerkungen für ſich zu behalten,« ſchrie Miſtreß Raddle, indem ſie plötzlich dem ſchnellen Strom ihrer Rede Einhalt that, und mit nachdrücklichem und feierlichem Ton ſich an den Dritten in der Geſellſchaft wendete.»Ich wüßte nicht, daß Sie ein Recht hätten, ſich in dieſe Sache zu miſchen. Ihnen habe ich dieſe Zimmer nicht vermiethet, Sir.« »„Nein, das nicht,« verſetzte Benjamin Allen. »Sehr wohl, Sir,« erwiederte Miſtreß Raddle, „dann werden Sie ſich auch darauf beſchränken, Sir, den armen Leuten in den Hoſpitälern die Arme und Beine zu zerbrechen, und ſich nicht in Dinge miſchen, die Sie nichts angehen, Sir, ſonſt könnten noch andere Leute ein Wörtchen mitſprechen.« „Sie ſind aber auch eine gar zu unvernünftige Frau,« bemerkte Ben Allen. »Was ſagten Sie da,« ſchrie Miſtreß Raddle, die vor Zorn kaum Worte finden konnte.»Wollen Sie die Güte haben, daß noch einmal zu ſagen, Sir?« »Ich wollte Sie durchaus nicht beleidigen, Madame,« erwiederte Ben Allen, der jetzt um ſeine eigene Per⸗ ſon etwas beſorgt wurde. „Wen nannten ſie eine unvernünftige Frau?« fragte Miſtreß Raddle in einem noch lauteren und gellenderen Ton.»Meinten Sie mich damit, Sir?« »So beruhigen Sie ſich doch,« ſagte Ben Allen. „Ich frage nochmals, Sir, meinten Sie mich damit?« * Die Pickwicker. ſchrie Miſtreß Raddle wüthend, indem ſie die Thür weit aufriß. »Nun freilich, wenn Sie es durchaus wiſſen wollen,« verſetzte Benjamin Allen. »Alſo freilich, freilich,« tobte Miſtreß Raddle, mitten in die Thüre tretend, und ihre Stimme ſo laut als möglich erhebend, damit für Herrn Raddle in der Küche ja kein Wort verloren gehen möge;»freilich thaten Sie's, und Jeder weiß, daß man mich in meinem eigenen Hauſe ganz ſicher beleidigen kann, während mein phlegmatiſcher Mann ganz ruhig unten ſitzt, und es ſich nicht mehr anfechten läßt, als ſei ich ein Hund auf der Straße. Er ſollte ſich ſchämen(hier ſchluchzte Miſtreß Raddle), daß er ſeine Frau von ein paar nichtsnutzigen Menſchen ſo behandeln läßt, die die Leute lebendig zerſchneiden, und die ein Schimpf für das Haus ſind— der feige Menſch, der ſich fürchtet, heraufzukommen und den unverſchämten Burſchen entgegenzutreten— ja, er fürchtet ſich— er fürchtet ſich!« Miſtreß Raddle hielt inne, um zu horchen, ob die Wiederholung der Herausforderung ihren Ehegatten auf⸗ geregt habe, da ſie jedoch fand, daß ſie erfolglos blieb, ſo ſtieg ſie unter Schluchzen und Seufzen die Treppe hinab, als man plötzlich ein lautes doppeltes Klopfen an der Hausthüre vernahm, worauf ſie in ein hyſteriſches Weinen ausbrach, welches anhielt bis das Klopfen ſechs⸗ mal wiederholt worden war. Sie warf jetzt in einem unwiderſtehlichen Anfall von Wuth einen Tiſch und einige Stühle um, und verſchwand in einem Hinterzimmer, die Thüre laut hinter ſich zuwerfend. »Wohnt Herr Sawyer hier?« febitt Pickwick, als das Haus geöffnet ward. »Ja,« ſagte das Hausmädchen;»im erſten Stock. — Die Pickwicker. 95 Es iſt die Thür gerade vor Ihnen, wenn Sie die Treppe hinauf ſind.« Nachdem das Mädchen, welches unter Southwarks Ureinwohnern geboren und erzogen war, dieſe Anweiſungen ertheilt hatte, entfernte ſie ſich, mit dem Lichte in der Hand nach der Küche, und glaubte alles gethan zu haben, was unter den obwaltenden Um⸗ ſtänden von ihr verlangt werden konnte. Herr Snod⸗ graß, der zuletzt eintrat, verſchloß die Hausthür nach mehreren vergeblichen Verſuchen dadurch, daß er die Kette vorzog, und die Freunde ſtolperten die Treppe hinauf, wo ſie von Herrn Bob Sawyer empfangen wurden, der ſich geſcheut hatte, hinabzugehen, weil er befürchtete, mit Miſtreß Raddle zuſammenzutreffen. »„Wie befinden Sie ſich?« redete er ſeine Gäſte an, freuet mich, Sie zu ſehen,« nehmen Sie ſich vor den Gläſern in Acht.« Dieſe Warnung war an Herrn Pick⸗ wick gerichtet, der ſeinen Hut auf den Schenktiſch gelegt hatte. »Ah, bitte um Entſchuldigung,« ſagte Herr Pickwick. »Hat nichts zu ſagen,« entgegnete Bob Sawyer. »Ich bin hier mit dem Raum etwas beſchraͤnkt, aber in einer Junggeſellenwirthſchaft iſt es nun einmal nicht anders. Treten Sie ein. Dieſen Herrn kennen Sie ja wohl ſchon?« Herr Pickwick drückte Herrn Benjamin Allen die Hand, und ſeine Freunde folgten ſeinem Beiſpiel. Sie hatten ſich kaum geſetzt, als man ein nochmaliges dop⸗ peltes Klopfen an der Hausthür vernahm. »Ich hoffe, daß iſt Jack Hobkins,« ſagte Bob Sawyer.»Ja er iſt es. Komm herauf, Jack, komm.« Man hörte ſchwere Fußtritte auf der Treppe, und Jack Hopkins erſchien. Er trug eine ſchwarz⸗ſammtne Weſte — Die Pickwicker. mit Donner⸗ und Blitzknöpfen, und ein blaugeſtreiftes Hemde mit einem weißen falſchen Kragen. »Du kommſt ſpät, Jack,« ſagte Benjamin Allen. „Ich wurde im Hoſpital aufgehalten,« verſetzte Hop⸗ kins. 1 »Giebt's etwas Neues dort?« »Nein, nichts Beſonderes, doch kam ein ganz guter Fall vor.« »Was war das, Sir?« fragte Herr Pickwick. »O, es war nur ein Menſch aus einem Fenſter im vierten Stockwerk geſtürzt; aber es iſt ein ſchöner Fall — ein ſehr ſchöner Fall.« „»Wollen Sie damit ſagen, daß Hoffnung vorhanden iſt, den Patienten zu retten?« fragte Herr Pickwick. „»Nein,« erwiederte Hopkins gleichgültig.»Ich zweifle vielmehr ſehr an ſeinem Aufkommen. Es wird aber morgen eine glänzende Operation ſtattfinden— ein kapi⸗ tales Schauſpiel, wenn Slaſher ſie vornimmt.« »Herr Slaſher iſt alſo ein guter Operateur?« ſagte Herr Pickwick. 3 »Kein beſſerer zu finden,« entgegnete Hopkins.»Vo⸗ rige Woche nahm er einem Knaben ein Bein ab, der dabei fünf Aepfel und einen Pfefferkuchen aß, und zwei Minuten, nachdem alles vorbei war, ſagte, er wolle ſich nicht länger zum Beſten haben laſſen, und würde er ſeiner Mutter ſagen, wenn ſie nicht bald anfingen.« „Höchſt merkwürdig,« rief der erſtaunte Herr Pick⸗ wick aus. „»O, das iſt noch gar nichts, nicht wahr, Bob?« ſagte Jack Hopkins.. »Ganz und gar nichts,« bekräftigte Bob Sawyer. „»Beiläufig, Bob,« fuhr Hopkins mit einem kaum bemerkbaren Seitenblick auf Herrn Pickwicks neugieriges — Die Pickwicker. 97 Antlitz fort,»wir hatten geſtern Abend einen merkwür⸗ digen Fall. Es wurde ein Kind gebracht, das ein Hals⸗ band verſchluckt hatte.« »Was hatte es verſchluckt?« unterbrach Herr Pickwick. »Ein Halsband,« erwiederte Jack Hopkins.»Nicht auf einmal, wie Sie ſich leicht denken können, das wäre zuviel geweſen— Sie ſelbſt hätten es nicht vermocht, viel weniger das Kind— wie, Herr Pickwick? ha! ha!« Herr Hopkins ſchien ſich über ſeinen eigenen Scherz ſehr zu ergötzen, und fuhr fort:»Es hatte ſich folgendermaßen zugetragen. Die Aeltern des Kindes ſind arme Leute. Ihre aͤlteſte Tochter kaufte ſich ein gewöhnliches Hals⸗ band von großen ſchwarzen hölzernen Perlen. Das Kind ſpielt damit, verbirgt es, ſpielt abermals damit, zerreißt die Schnur, und verſchluckt eine Perle. Dies dünkt ihm ein trefflicher Spaß, und es wiederholt ihn am nächſten Tage.« »Himmel,« rief Herr Pickwick,»welche ſchreckliche Begebenheit. Aber entſchuldigen Sie meine Unterbre⸗ chung, Sir; bitte, fahren Sie fort!« Am nächſtfolgenden Tage verſchluckt das Kind zwei Perlen, am vierten drei, und ſo fort, bis es nach einer Woche ſämmtliche fünf und zwanzig im Leibe hat. Die Schweſter, die ein fleißiges Mädchen war, und ſich nur ſelten Putz anſchaffte, weinte ſich faſt die Augen aus dem Kopfe über den Verluſt ihres Halsbandes, nachdem ſie es vergeblich überall geſucht hatte, aber ich brauche wohl nicht zu ſagen, daß ſie es nicht finden konnte. Einige Tage darauf ſitzt die Familie beim Mittageſſen und das Kind, welches keinen ſonderlichen Appetit hatte, ſpielt im Zimmer, als man plötzlich einen teufelmäßigen Lärm, wie von einem kleinen Hagelſturm vernahm. Junge, Die Pickwicker. IV. 7 6 98 Die Pickwicker. laß das bleiben, ſagt der Vater. Ich thue ja nichts,“ antwortet das Kind. Thue es nur nicht wieder,“ ſagt der Vater. Einige Zeit war alles ſtill, dann aber fing der Lärm wieder an, und zwar noch ärger als zuvor. Wenn Du nicht thuſt, was ich Dir ſage,“ droht der Va⸗ ter,'ſo wirſt Du gleich zu Bette gebracht.“ Um das Kind noch kräftiger zu Gehorſam aufzumuntern, ſchüttelte er es etwas, und jetzt erfolgte ein Geraſſel, wie noch nie Jemand gehört hatte. Meiner Treu, es ſteckt in dem Jungen,“ ruft der Vater aus;'er hat den Croup an der unrechten Stelle.-„Ach, nein, Vater,“ ſagt das Kind, und fängt an zu weinen;'es iſt das Halsband, das ich verſchluckt habe.“ Der Vater läuft mit dem Kinde ſo⸗ gleich nach dem Hoſpital, und die Perlen im Magen des Knaben raſſeln den ganzen Weg über bei der ſchnellen Bewegung dermaßen, daß die Leute nach oben in die Luft und nach unten in die Keller blicken, um zu ent⸗ decken, woher der ungewöhnliche Lärm kommt. Das Kind iſt noch im Hoſpital,« fügte Jack Hopkins hinzu, „und macht einen ſo enſetzlichen Spektakel, wenn es um⸗ hergeht, daß wir es in einen großen Mantel wickeln müſſen, damit es die Patienten nicht im Schlafe ſtört.«⸗ „Das iſt der merkwürdigſte Fall, von dem ich je gehört habe,« ſagte Herr Pickwick mit elnem kräftigen Schlag auf den Tiſch. „Das iſt eben noch nichts Beſonderes,« entgegnete Jack Hopkins,»nicht wahr, Bob?« 1 „»O nein,« erwiederte Bob Sawyer. »„Ich kann Sie verſichern,« fuhr Hoplins fort,»daß in unſerm Beruf ſehr merkwürdige Dinge vorkommen.⸗ „Das kann ich mir wohl denken,« erwiederte Herr Pickwick. 1 Ein neues Klopfen an der Hausthür verkündete 83 Die Pickwicker. 99 einen dickköpfigen jungen Mann in einer ſchwarzen Pe⸗ rücke, der einen hagern ſkorbutiſchen Jüngling bei ſich hatte. Der zunächſt Ankommende war ein Herr in einem, mit kleinen vergoldeten Ankern verzierten Vor⸗ hemde und auf dieſen folgte unmittelbar ein bleicher Jüng⸗ ling mit einer plattirten Uhrkette. Die Ankunft einer »Hauptperſon« mit ganz reiner Wäſche und in Tuchſtie⸗ feln machte die Geſellſchaft vollzählig. Der kleine Tiſch mit der grünen Tuchdecke wurde ausgezogen, der Punſch in einer weißen Bowle gebracht, und man widmete die erſten drei Stunden dem vingt- un⸗Spiel zu ſir Pence das Dutzend, und dieſes wurde nur durch einen kleinen Streit zwiſchen dem ſcorbutiſchen Jüngling und dem Herrn mit den vergoldeten Ankern unterbrochen, bei welcher Ge⸗ legenheit der ſkorbutiſche Jüngling den dringenden Wunſch zu erkennen gab, den Herrn mit den Sinnbildern der Hoffnung an der Naſe zu ziehen, worauf jener erklärte, er laſſe ſich von Niemanden etwas bieten, am wenigſten von einem jungen Mann, der noch nicht ganz rein hinter den Ohren ſei. Als der Verluſt und Gewinnſt zur Zufriedenheit aller Betheiligten regulirt war, klingelte Bob Sawyer nach dem Abendeſſen, und die Gäſte ſetzten ſich um das Kamin, bis es bereit ſein würde. Es ging damit eben nicht ſchnell, denn zuvörderſt war es nothwendig, das Hausmädchen zu erwecken, welches, mit dem Kopf auf dem Küchentiſch liegend, eingeſchlafen war; dies erfor⸗ derte einige Zeit, und ſelbſt als das Mädchen auf das Klingeln erſchien, verſtrich noch eine Viertelſtunde in ver⸗ geblichen Bemühungen, ſie wieder ganz zum Bewußtſein zu bringen. Dem Mann, bei dem die Auſtern beſtellt wa⸗ ren, hatte man nicht geſagt, daß er ſie auch öffnen müſſe; es iſt nun aber ſehr ſchwer, eine Auſter mit einem 7* 100 Die Pickwicker.. gewöhnlichen Meſſer oder mit einer Gabel zu öffnen, und man machte darin nur ſehr langſame Fortſchritte. Das Rindfleiſch war auch nicht ganz gar, und die Ham⸗ melkeule befand ſich im ähnlichen Zuſtand; doch es fehlte nicht an Porter, und der Käſe fand vielen Beifall, denn er war ſehr pikant. Im Ganzen ließ ſich daher vielleicht nicht mehr gegen das Abendeſſen einwenden, als es ge⸗ wöhnlich der Fall bei ſolchen Gelegenheiten zu ſein pflegt. Nach dem Abendeſſen wurden wieder Punſch und andere Spirituoſa und Cigarren auf den Tiſch gebracht. Dann entſtand eine unheimliche Pauſe, die durch einen in ſolchen Wohnungen zwar ſehr gewöhnlichen aber doch nicht wenig in Verlegenheit ſetzenden Vorfall veranlaßt ward. Das Mädchen ſpülte nämlich die Gläſer aus. Das Etabliſſement beſaß deren nur viere; wir wollen durch die Erwähnung dieſes Umſtandes Miſtreß Raddle keines⸗ wegs einen Vorwurf machen, denn in derartigen Häu⸗ ſern iſt faſt immer Mangel an Gläſern. Die der Wir⸗ thin waren eben ſo dünn und zerbrechlich, als die aus dem Wirthshauſe erborgten ſtark und auf feſten Beinen ſtehend. Dieſes würde ſchon genügt haben, die Geſell⸗ ſchaft den wahren Zuſtand der Dinge errathen zu laſſen, aber das Hausmädchen ſorgte dafür, daß keine Mißdeu⸗ tung möglich war, indem ſie jeden ſein Glas, lange bevor er es ausgetrunken, fortnahm, und trotz aller Winke und Unterbrechungen von Bob Sawyer hörbar genug ſagte: „ſie ſei beauftragt, die Gläſer mit hinab zu nehmen, und ſie ſofort auszuſpülen.« Es giebt keinen Wind, der nicht irgend Jemanden etwas Gutes zuwehen ſollte. Die»Hauptperſon« in den Tuchſtiefeln, die ſich bisher vergeblich bemüht hatte, einen Spaß vorzubringen, erſah jetzt ihre Gelegenheit, und benutzte dieſelbe ſofort. Sobald die Gläſer ver⸗ Die Pickwicker. 101 ſchwanden, begann dieſer Herr eine lange Geſchichte von einem ſehr berühmten Mann, deſſen Namen er jedoch wieder vergeſſen hatte, und der einem andern eben ſo berühmten Mann, deſſen Namen er nie hatte erfahren können, eine ungemein witzige Antwort gegeben. Er verbreitete ſich mit vieler Weitſchweifigkeit über verſchiedene Nebenumſtände, welche, wie er ſagte, genau mit der fraglichen Anekdote in Verbindung ſtanden, deren ſelbſt aber er gerade in dieſem Augenblick ſich durchaus nicht erinnern konnte, obgleich er die Geſchichte ſeit den letzten zehn Jahren mit dem größten Beifall häufig zu erzählen pflegte. »Es war wirklich ein höchſt merkwürdiger Vorfall,« fügte er hinzu. »Es thut mir ſehr leid, daß Sie ihn vergeſſen ha⸗ ben,« bemerkte Bob Sawyer, der ſehnſüchtige Blicke nach der Thür warf, und alle Augenblick das Geräuſch der klirrenden Gläſer zu hören glaubte. »Ja, es thut mir auch ſehr leid,« verſetzte die »Hauptperſon,«»denn ich weiß, daß meine Geſchichte die Geſellſchaft ſehr unterhalten haben würde. Aber nur Geduld, ich denke in einem halben oder Viertelſtündchen wird ſie mir ſchon wieder einfallen.« Die»Hauptperſon« ſtand gerade im Begriff wieder zu beginnen, als die Gläſer gebracht wurden, und Herr Bob Sawyer, der die ganze Zeit über etwas zerſtreut geweſen war, ſagte, es würde ihm das größte Vergnügen gewähren, das Ende der Geſchichte zu vernehmen, deren Anfang ihm noch nicht bekannt war. Bei dem Anblick der Gläſer kehrte endlich Bob Sawyers Ruhe und Faſſung zurück, die ſeit dem Vorfall mit ſeiner Wirthin ſichtlich verſchwunden waren. Sein Geſicht heiterte ſich auf, und er ſchien wieder ganz vergnügt zu ſein. 102 Die Pickwicker. „Jetzt, Batſy,« ſagte er im freundlichſten Ton, und zugleich die Gläſer vertheilend, die das Mädchen mitten auf den Tiſch geſtellt hatte;»jetzt, Batſy, bringe das heiße Waſſer, und tummle Dich ein Bischen.« »Sie können keins haben,« erwiederte Batſy. „Kein heißes Waſſer haben?« rief Bob Sawyer aus. »Nein,« ſagte das Mädchen mit einem Kopfſchütteln, welches die entſchiedenſte Verneinung ausſprach.»Miſtreß Raddle ſagt, Sie ſollten keines haben.« Das Erſtaunen, welches ſich in den Zügen der Gäſte malte, flößte dem Wirth Muth ein. »Bring' augenblicklich kochendes Waſſer,« befahl Bob Sawyer gebieteriſch. »Ich kann es nicht,« entgegnete das Mädchen; »Miſtreß Raddle hat das Feuer ausgelöſcht, und den Keſſel eingeſchloſſen, ehe ſie zu Bett ging.« „»O, beunruhigen Sie ſich doch nicht einer ſolchen Klei⸗ nigkeit wegen,« ſagte Herr Pickwick, dem Bobs Verlegen⸗ heit nicht entging;»kaltes Waſſer genügt ja vollkommen.“« »Ja wohl,« fügte Ben Allen hinzu. „Meine Wirthin leidet bisweilen an Anfällen von Geiſtesverwirrung,« ſagte Bob Sawyer mit einem er⸗ zwungenen Lächeln,»ich fürchte, ich werde ihr die Woh⸗ nung aufkündigen müſſen.« „Nein, thue das nicht,« fiel Ben Allen ein. »Ich werde wohl müſſen,« ſagte Bob mit helden⸗ müthiger Feſtigkeit.»Ich will ihr morgen meine Rech⸗ nung bezahlen, und ihr dann gleich aufkündigen.« Der arme junge Mann, wie ſehr wünſchte er, es zu können! Herrn Bob Sawyers Bemühungen, die Stimmung der Geſellſchaft zu erheitern, hatten wenig Erfolg, und der größere Theil derſelben ſuchte die gute Laune in dem — Die Puckwicker. 103 kalten Branntwein mit Waſſer wieder zu finden. Die erſte Wirkung hiervon war eine Erneuerung der Feind⸗ ſeligkeiten zwiſchen dem ſkorbutiſchen Jüngling und dem Herrn mit den vergoldeten Ankern. Die beiden Gegner machten ihrem Zorn anfangs nur durch finſtere Blicke und Stirnerunzeln Luft, bis endlich der ſkorbutiſche Jüngling es für nöthig hielt, ſich deutlicher auszuſprechen. »Sawyer!« rief er mit lauter Stimme. »Was giebt's, Noddy?« fragte Herr Bob Sawyer. »Es thut mir ſehr leid, Sawyer,« ſagte Herr Noddy,»am Tiſche eines Freundes und noch dazu an dem Ihrigen, Sawyer, eine Störung zu veranlaſſen, aber ich muß dieſe Gelegenheit ergreifen, Herrn Gunter zu ſagen, daß er kein Gentleman iſt.« „»Und mir thut es ſehr leid, Sawyer,« begann Herr Gunter, veine Störung in der Straße zu veranlaſſen, in welcher Sie wohnen, aber ich fürchte, daß ich mich in die Nothwendigkeit verſetzt ſehen werde, die Nachbar⸗ ſchaft dadurch zu beunruhigen, daß ich den Menſchen, der ſo eben geſprochen, aus dem Fenſter werfe.« „Was wollen Sie damit ſagen, Sir?« fragte Herr Noddy. »Genau das, was ich ſagte,« entgegnete Herr Gunter. „»Dann möchte ich wohl ſehen, wie Sie es ausfüh⸗ ren, Sir,« ſagte Herr Noddy. »Sie ſollen es in einer halben Minute fühlen, Sir,« erwiederte Herr Gunter. »Ich bitte mir Ihre Karte aus, Sir,« ſagte Herr Noddy. »Sie werden ſie nicht erhalten, Sir!« »Weshalb nicht, Sir?« »Weil Sie ſie an Ihren Spiegel ſtecken, und Ihre 104 Die Pickwicker. Beſucher dadurch glauben machen würden, es ſei ein Gentleman bei Ihnen geweſen, Sir.⸗ »Ich werde morgen früh einen meiner Freunde zu Ihnen ſchicken, Six.« »Ich bin Ihnen für dieſe Mittheilung ſehr verbun⸗ den, Sir, und werde der Aufwärterin einſchärfen, das Silberzeug ſorgfältig zu verſchließen,« erwiederte Herr Gunter. Jetzt machten die übrigen Gäſte Beide auf die Un⸗ ſchicklichkeit ihres Benehmens aufmerkſam, worauf Herr Noddy»ſagen zu dürfen um Erlaubniß bat,« ſein Vater ſei eben ſo reſpektabel, als Herrn Gunters Vater; wor⸗ auf Herr Gunter entgegnete, ſein Vater ſei eben ſo reſpektabel, als Herrn Noddy's Vater, und ſeines Vaters Sohn ſei alle Tage eben ſo viel werth, als Herrn Noddy's Vaters Sohn. Da dieſe Aeußerungen einen neuen Aus⸗ bruch des Streites befürchten ließen, ſo vermittelte die Geſellſchaft abermals, und während des darauf erfolgen⸗ den Durcheinanderredens und Schreiens ließ ſich Herr Noddy von ſeinen menſchenfreundlichen Gefühlen üb er⸗ =wältigen, und bekannte, er habe ſtets eine aufrichtige perſönliche Zuneigung gegen Herrn Gunter empfunden. Herr Gunter erwiederte, daß im Grunde Herr Noddy ihm faſt lieber ſei, als ſein eigner Bruder, worauf Herr Noddy zu Herrn Gunter ging, und ihm großmüthig die Hand zum Frieden bot. Herr Gunter ergriff ſie mit gerührter Wärme, und Alle ſagten, der ganze Diſput ſei auf eine für beide Streitende durchaus ehrenvolle Weiſe geführt und beſeitigt worden. »Jetzt,« ſagte Jack Hopkins,»dächte ich, beginnen wir ein Lied,« und er ſtimmte ſofort an, indem er das Lied:»Gott ſegne unſern König!« ſo laut er konnte, aber nach einer ganz falſchen Melodie ſang. Da jeder —— Die Pickwicker. 105 von den Gäſten im Chor ebenfalls nach der Melodie einfiel, die ihm am meiſten bekannt war, ſo mußte aller⸗ dings ein ſehr großartiger Effekt entſtehen. Als der erſte Vers beendigt war, erhob Herr Pick⸗ wick ſeine Hand, und ſagte, als alles ſchwieg: »Bitt' um Entſchuldigung. Ich glaube, es hat Jemand von unten gerufen.« Es erfolgte ein tiefes Stillſchweigen, und Bob Sawyer erbleichte. »Ich glaube, ich höre es wieder,« ſagte Herr Pick⸗ wick.»Haben Sie die Güte, die Thüre zu öffnen.« Kaum war dies geſchehen, als alle Zweifel ſofort beſeitigt wurden. „»Herr Sawyer— Herr Sawyer!« rief eine Stimme von der Treppe her. »Es iſt meine Wirthin,« ſagte Bob Sawyer etwas verlegen.»Ja, Miſtreß Raddle!« »Was ſoll das bedeuten, Herr Sawyer 2⸗ ertönte die gellende Stimme.»Iſt's nicht genug, daß man um ſeine Miethe, und ſogar um ſeine baaren Auslagen ge⸗ prellt, und obenein noch von Ihren Freunden um zwei Uhr Morgens ein Lärm gemacht wird, als ſollten die Feuerſpritzen kommen?— Entfernen Sie mir die ſau⸗ bere Geſellſchaft augenblicklich aus dem Hauſe.« »Sie ſollten ſich ſchämen,« erſchallte jetzt die Stimme des Herrn Raddle, wie es ſchien, aus einem ziemlich entfernten Schlafzimmer. »Du ſollteſt Dich ſelbſt ſchämen,« fiel Miſtreß Raddle ein,»weßhalb kommſt Du nicht, und wirfſt ſie Alle die Treppe hinab? Du würdeſt es thun, wenn Du ein Mann wäreſt.« »Ja, wenn ich ein Dutzend Männer wäre, mein 106 Die Pickwicker. 1 Schatz,« entgegnete der friedfertige Herr Raddle;»die Herren haben den Vortheil der größern Anzahl für ſich.« »O, wie feige,« ſchrie Miſtreß Raddle mit äußerſter Verachtung.»Wollen Sie die Tumultuanten entfernen oder nicht, Herr Sawyer?«. »Sie gehen ſchon, Miſtreß Raddle, gehen ja ſchon,« erwiederte der unglückliche Bob.»Es thut mir leid, meine Herren, ſagen zu müſſen, daß es wirklich am beſten wäre, Sie brächen auf. Es kam mir auch ſchon vor, als wenn etwas zu viel Lärm gemacht würde.« »Es iſt aber doch ſehr unangenehm,« begann der Mann in den Tuchſtiefeln.»Wir fingen eben erſt an, recht munter zu werden.“ Der Grund ſeines Mißmuths lag jedoch beſonders darin, daß er ſich ſeiner vergeſſenen Geſchichte eben dunkel zu entſinnen begann. „»Man ſollte ſich es nicht gefallen laſſen,« fuhr er fort. »Wir wollen wenigſtens noch einen Vers ſingen,« ſagte Jack Hopkins;»komm Bob.« »Nein, nein, Jack,« entgegnete Bob Sawyer,»es iſt ein treffliches Lied, aber ich glaube, wir thäten beſſer, nicht mehr zu ſingen. Die Wirthin iſt wirklich eine ſehr heftige Frau.« »Soll ich ſie etwas necken?« fragte Hopkins,»oder tüchtig an der Schelle klingeln, oder mich auf die Treppe ſtellen, und anfangen zu brüllen? Du haſt nur zu be⸗ fehlen, Bob.« „Ich bin Dir ſehr verbunden fuͤr Deinen guten Willen, Hopkins,« ſagte der unglückliche Bob Sawyer, vaber ich glaube, das beſte, um ferneren Zank zu ver⸗ meiden, wäre, wenn wir uns gleich trennten.« »Nun, Herr Sawyer,“ ertönte die gellende Stimme Die Pickwicker. 107 von Miſtreß Raddle abermals,»wird dem Dinge bald ein Ende gemacht?« »Die Herren ſuchen nur noch ihre Hüte, Miſtreß Raddle,« ſagte Bob.»Sie werden gleich gehen.⸗ »Gehen,« ſagte Miſtreß Raddle,»weßhalb ſind ſie überhaupt gekommen?« »Meine theure Madame,“ beſchwichtigte Herr Pick⸗ wick, indem er die Treppe zu ihr hinauf blickte. »Schweigen Sie, Sie alter unverſchämter Mann,⸗ erwiederte Miſtreß Raddle.»Alt genug, um mein Groß⸗ vater ſein zu können. Sie ſind gerade der Schlimmſte von Allen.« Herr Pickwick hielt es für vergeblich, ſeine Unſchuld zu betheuern, er eilte daher zum Hauſe hinaus, und dicht hinter ihm folgten die Herren Tupman, Winkle und Snodgraß. Herr Ben Allen, der in Folge der Auf⸗ regung durch das Trinkgelag und den Auftritten mit der Wirthin in eine nicht zu verkennende Stimmung ge⸗ rathen war, begleitete ſie bis zur Londonbrücke, und ver⸗ traute unterwegs Herrn Winkle das Geheimniß an, er habe beſchloſſen, Jedem, außer Herrn Bob Sawyer, der ſich unterfangen würde, ſich um die Neigung ſeiner Schweſter Arabella zu bewerben, die Kehle abzuſchneiden. Nachdem er ſeinen Entſchluß, dieſe peinliche Bruderpflicht zu er⸗ füllen, mit angemeſſenem Nachdruck ausgeſprochen hatte, brach er in Thränen aus, ſchlug ſeinen Hut über die Augen herab, und indem er ſeinen Weg zurück ſuchte, ſo gut er vermochte, klopfte er heftig an mehrere fremde Thüren, und ſchlummerte abwechſelnd hier und da auf den Treppenſtufen bis Tagesanbruch, in der feſten Mei⸗ nung, daß er vor ſeiner Wohnung ſchlafe und nur den Schlüſſel vergeſſen habe. Der unglückliche Bob Sawyer dachte, als ſeine Gäſte 8 108 Die Pickwicker. ſich entfernt hatten, über die wahrſcheinlichen Ereigniſſe des folgenden Tages, und über die Genüſſe des vergan⸗ genen Abends noch lange nach. 2 8 —— Vierunddreißigſtes Kapitel. über Schriftſtellerei mit, und übt mit Hülfe ſeines Sohnes Samuel einige Wiedervergeltung an dem ehrwürdigen Herrn mit der rothen Naſe. Herr Weller der Aeltere theilt einige kritiſche Bemerkungen Am Morgen des dreizehnten Februar, welcher Tag, wie die Leſer dieſer wahrhaften Geſchichte ſich erinnern werden, jenem vorherging, an welchem der Prozeß von* Miſtreß Bardell gegen Herrn Pickwick verhandelt werden ſollte, blieb Herr Samuel Weller fortwährend in Thätig⸗ keit, indem er von neun Uhr Morgens an bis um zwei Uhr Nachmittags zwiſchen dem»Georg und Geier« und Herrn Perkers Wohnung hin und wieder laufen mußte; nicht eben weil etwas Sonderliches zu thun geweſen wäre, denn die Berathung hatte ſtattgefunden, und man hatte ſich über alle zu nehmende Maßregeln verabredet, ſon⸗ dern weil Herr Pickwick ſich in der lebhafteſten Unruhe befand, und ſeinem Anwald fortwährend Billets zuſchickte, welche nur die Frage enthielten:„»Liebſter Perker, ſteht alles gut?« worauf Herr Perker ein wie das andere Mal erwiederte:»Mein theurer Herr— ſo gut als möglich,« indem wirklich ſich bis jetzt weder Gutes noch Uebles melden ließ, da die Sitzung des Gerichtshofes erſt am folgenden Tage ſtattfinden ſollte; doch Leute, die * 4 — e „— Die Pickwicker. 109 gern Prozeſſe führen, oder denen zum erſten Mal ein ſolcher aufgedrungen wird, ſind immer in großer Span⸗ nung und Beſorgniß. Sam erfüllte alle Aufträge ſeines Herrn mit jener unerſchütterlichen Seelenruhe und un⸗ beſiegbaren guten Laune, die zu ſeinen hervorſtechendſten und liebenswürdigſten Charaktereigenſchaften gehörten. Sam hatte ſich an einem guten Mittagswahl er⸗ quickt, und wartete in der Schenkſtube auf das warme Getränk, wodurch er ſich, Herrn Pickwicks Aufforderung gemäß, nach ſeinen Mühſeligkeiten ſtärken wollte, als ein etwa drei Fuß hoher Knabe, deſſen Kleidung auf den lobenswerthen Ehrgeiz hindeutete, ſich dereinſt zu der Würde eines Stallknechts zu erheben, in die Hausflur des»Georg und Geier« trat, und ſich überall umſah, als ſuche er Jemand, an den er einen Auftrag habe, worauf das Schenkmädchen, die es für nicht ganz un⸗ wahrſcheinlich hielt, der beſagte Auftrag möge mit dem Silbergeſchirr des Hauſes in Verbindung ſtehen, dem Knaben zurief, was er wolle. 1 »Iſt hier nicht Einer, der ſich Sam nennt?« fragte der Jüngling mit lauter Stimme. »Wie ſoll der Zuname ſein?« fragte Sam, ſich umblickend.. »Wer kann das wiſſen?« erwiederte der Knabe. »Haſt eine ſcharfe Zunge, Bürſchlein,« ſagte Sam, „wenn ich aber an Deiner Stelle wäre, würde ich die ſcharfe Kante nicht ſo ſehr herauskehren, damit ſie mir. nicht einmal ſtumpf gehauen würde. Was ſoll das hei⸗ ßen, daß Du in ein Hotel kommſt, und mit ſo viel Höf⸗ lichkeit wie ein wilder Indianer nach Sam fragſt?« »Ein alter Herr hat mir den Auftrag dazu ge⸗ geben,« antwortete der Knabe. „Was für ein alter Herr?« fragte Sam. „ 110 Die Pickwicker. „Der die Poſtkutſche nach Ipswich führt, und bei uns abſteigt,« erwiederte der Knabe.»Er ſagte mir geſtern Morgen, ich ſollte heute Nachmittag in den „Georg und Geiere gehen und nach Sam fragen.« „Es iſt mein Alter, Schätzchen,« ſagte Herr Wel⸗ ler erläuternd zu dem Schenkmädchen; ich glaube wahr⸗ haftig, er weiß meinen Zunamen nicht mehr. Was will er denn von mir, junger Kohlſprößling?« »Ihr ſollt heute Abend um ſechs Uhr zu ihm nach unſerm Hauſe kommen— im blauen Bären auf dem Leadenhallmarkt. Soll ich ſagen, daß ihr kommen wollt?« »Dieſen Bericht können Sie abſtatten, Sir,« er⸗ wiederte Sam, und der junge Gentleman entfernte ſich unter Beweiſen ausgezeichneter muſikaliſcher Talente, die er dadurch an den Tag legte, daß er ein Kutſcherlied mit eben ſo viel Takt als Geſchmack ſo laut pfiff, daß das Echo im Hofe wiederhallte. Nachdem Sam Weller Urlaub von Herrn Pickwick er⸗ halten, welcher in ſeinem Zuſtande der Aufregung und Beſorg⸗ niß nichts dagegen hatte, allein zu bleiben, machte erſterer ſich lange vor der beſtimmten Stunde auf den Weg, und da er Zeit genug zu ſeiner Verfügung hatte, ſo ſchlenderte er bis nach Manſion⸗Houſe, wo er mit philoſophiſcher Ruhe ſich des Anblicks der zahlloſen Kutſcher erfreute, die bekannt⸗ lich ſich dort, zur großen Unruhe der Alt⸗Damenbevöl⸗ kerung des Platzes, zu verſammeln pflegen. Nachdem er hier ein halbes Stündchen verweilt hatte, ſchlug Herr Weller ſeinen Weg durch eine Menge von Nebenſtraßen und Höfen nach den Leadenhallmarkt ein, und da er ſeine über⸗ flüſſige Zeit damit zubrachte, faſt jeden Gegenſtand, der ſich ſeinen Blicken darbot, genauer in Augenſchein zu nehmen, ſo kann es nicht befremden, daß er vor den Fenſtern eines kleinen Bilderladens ſtehen blieb, mehr jedoch dürfte — 4 1 3 Die Pickwicker. 111. es ohne fernere Erläuterung auffallen, daß, als ex kaum ein gewiſſes zum Verkauf ausgeſtelltes Bild erblickte, plötz⸗ lich lebhaft ausrief:»Wäre ich hierdurch nicht wieder darauf gekommen, ſo hätte ich wahrhaftig nicht daran gedacht, bis es zu ſpät geweſen wäre.« Das Bild, welches Sams Aufmerkſamkeit ſo ſehr in Anſpruch nahm, ſtellte zwei durch einen Pfeil ver⸗ bundene menſchliche Herzen dar, die auf einem lodernden Feuer ſchmorten, während ein Kanibale und eine Kaniba⸗ lin— der Herr im blauen Leibrock und weißen Bein⸗ kleidern, und die Dame in dunkelrothem Shawl mit einem feuerrothen Sonnenſchirm in der Hand— dem Mahle mit begierigen Blicken ſich auf Kieß beſtreuten Schlangenpfaden näherten. Ein entſchieden indecenter junger Herr mit ein paar Flügeln und weiter nichts bekleidet, beſorgte das Kochgeſchäft; in einiger Entfernung erblickte man den Kirchthurm von Lancgham⸗Place und das Ganze ſtellte einen Valentin vor, von denen laut der ge⸗ ſchriebenen Ankündigung im Ladenfenſter der Bilderhänd⸗ ler eine große Auswahl und zum herabgeſetzten Preiſe von einem Schilling und ſechs Pence das Stück verkaufte. »Ich hätt's vergeſſen, hätt's wahrhaftig vergeſſen,« rief Sam aus, ging ſogleich in den Laden, und kaufte einen Bogen feines goldgerändertes Briefpapier, und eine hart geſchnittene Feder,»die aber nicht ſpritzen dürfe,« wie er verlangte. Nachdem er dieſe Artikel ſchnell er⸗ halten, eilte er nach dem Leadenhallmarkt, und erblickte bald ein Schild, auf welchem die Kunſt des Malers ein Geſchöpf dargeſtellt hatte, welches man für einem him⸗ melblauen Elephanten halten konnte, der ſtatt des Rüſ⸗ ſels eine Adlernaſe hatte. Sam ſchloß vollkommen rich⸗ tig, daß dieſes der»blaue Bär« ſei; er trat in das Haus und fragte nach ſeinem Vater. Die Pickwicker. »Er wird erſt in drei Viertelſtunden oder noch ſpäter hier ſein,« ſagte die junge Dame, die den häus⸗ lichen Geſchäften des blauen Bären vorſtand. »Sehr gut, meine Schönſte,« ſagte Sam.»Erfreuen Sie mich mit einem Glas lauwarmen Branntwein und Waſſer für neun Pence, und haben Sie die Güte, mir das Schreibzeug zu geben.« 112 Das Verlangte wurde ſogleich gebracht, und nach⸗ dem die junge Dame ſorgfältig die Kohlen zuſammenge⸗ drückt hatte, damit ſie nicht zu hell lodern möchten, nahm ſie das Schüreiſen mit, damit es unmöglich werde, ohne des blauen Bären Mitwiſſenſchaft und Einverſtänd⸗ niß das Feuer mehr anzuſchüren. Sam ſetzte ſich an einen Tiſch, zog ſein goldrändiges Briefpapier und die hartgeſchnittene Feder aus der Taſche, ſah ſorgfältig nach, ob kein Haar in der Federſpalte ſei; fegte die Brod⸗ krumen vom Tiſch, ſchob ſeinen Rockärmel zurück, und ſetzte ſich zum Schreiben zurecht. Ladies und Gentlemen, welche die Schreibkunſt nicht eben häufig üben, pflegen dabei ſehr bedächtig zu Werke zu gehen, indem ſie es immer in ſolchen Fällen für nöthig halten, daß der Schreibende ſeinen Kopf auf den linken Arm niederbeugt, ſo daß die Augen faſt in gleicher Höhe mit dem Papier liegen, und während Seitenblicke auf die geſchriebenen Buchſtaben fallen, die Zunge ſie durch entſprechende Laute begleitet. Wenn dieſes Ver⸗ fahren auch ſehr zweckmäßig ſein mag, ſo verzögert es doch etwas die Sache, und Sam war ſchon volle andert⸗ halb Stunden mit Schreiben beſchäftigt geweſen— in⸗ dem er häufig einen unrechten Buchſtaben mit ſeinem kleinen Finger auslöſchte, und einen neuen dafür hin⸗ ſetzte, bei dem oft ſehr nachgeholfen werden mußte, um Die Pickwicker. 113 ihn durch den alten Fleck lesbar zu machen— als endlich ſein Vater eintrat. »Willkommen, Sammy,« ſagte Weller Senior. »Wie geht's, alter Berliner Blau,« erwiederte der Sohn, die Feder niederlegend.»Wie lautet das letzte Bulletin von der Stiefmama?« »Miſtreß Weller hatte eine ſehr gute Nacht, aber heute Morgen iſt ſie ungewöhnlich rappelköpfiſch und unange⸗ nehm. Dies iſt das letzte Bulletin, das ausgegeben wurde,« erwiederte der alte Herr, während er ſeinen Shawl ablegte. „»Alſo noch keine Beſſerung eingetreten?« fragte Sam. »Alle Symptome ſchlimmer geworden,« erwiederte Herr Weller Senior kopfſchüttelnd.»Aber was machſt denn Du da? willſt Du etwa Schriftſteller werden, he?2« »Ich bin ſchon fertig,« ſagte Sam etwas verlegen. »Ich habe geſchrieben.« »Das ſehe ich,« verſetzte Weller Senior, aber ich will doch hoffen, nicht etwa an ein junges Frauenzimmer.« »Weßhalb ſoll ich's nicht geſtehen,⸗ erwiederte Sam. „Es iſt ein Valentin.« »Was iſt es?« rief Weller Senior, durch das Wort erſchreckt, aus. „»Ein Valentin,« wiederholte Sam. »Samiel, Samiel,« fuhr der Vater im vorwurfs⸗ voellen Ton fort,»ſo etwas hätte ich von dir nicht er⸗ wartet, beſonders nach den Erfahrungen, die Dein alter Vater Dir mitgetheilt hat, nachdem Du ſogar Deine Stiefmutter geſehen und mit ihr zuſammen geweſen biſt, was doch, ſollte ich denken, eine moraliſche Lehre war, die kein Mann bis zu ſeinem letzten Stündlein hätte Die Pickwicker. IV. 4 114 Die Pickwicker. vergeſſen können. Nein, nein, Sammy, das hätte ich nimmermehr von Dir erwartet.« Es war zu viel für den guten alten Mann. Er ſetzte den vor Sam ſtehenden Bierkrug an den Mund, und leerte ihn bis auf den Boden. „»Aber worüber machſt Du Dir denn ſo viel Sor⸗ gen?« fragte Sam. „Laß nur gut ſein, Sammy,« entgegnete Weller Senior.»Es wird freilich in meinen Jahren ein großes Leid für mich ſein, doch ich bin ſchon ſehr zäh geworden, und das iſt wenigſtens ein Troſt— wie der ſehr alte Puter bemerkte, als der Pachter ſagte: er fürchtete, daß er ihn für den Londoner Markt ſchlachten müßte.« „»Was wird denn ein großes Leid für Dich ſein, Alter?« fragte Sam. „»Dich verheirathet zu ſehen, Sammy, Dich als ein bethörtes Schlachtopfer zu ſehen, wenn Du in Deiner Unſchuld glaubſt, glücklich zu werden,« erwiederte Weller Senior.»So was iſt eine ſchwere Pruͤfung für die Gefühle eines Vaters, Sammy.« „»Unſinn,« ſagte Sam.»„Ich will mich ja gar nicht verheirathen, alſo mache Dir deßhalb keine Sorgen. Ich weiß, daß Du Dich auf ſolche Sachen verſtehſt. Laß Dir Deine Pfeife kommen, und ich will Dir den Brief vorleſen.« Wir können nicht mit Beſtimmtheit ſagen, ob es die Ausſicht auf die Pfeife, oder die tröſtliche Erwägung war, daß ein unwiderſtehlicher Heirathstrieb im Blut der Familie ſtecke, wodurch Herr Weller Senior be⸗ ruhigt und ſeine Beſorgniſſe verſcheucht wurden. Wir möchten faſt glauben, daß dieſes Ergebniß durch die Verbindung beider Troſtgründe hervorgerufen wurde, denn er wiederholte den letztern halb lant vor ſich hin Die Pickwicker. 115 redend, mehre Male, während er zugleich ſich die Pfeife bringen ließ. Er zog dann ſeinen Ueberrock aus, ſtellte ſich mit dem Rücken gegen das Feuer, und forderte end⸗ lich Sam auf:»ins Geſchirr zu gehen.« Sam tauchte die Feder in das Dintenfaß, um zu allen erforderlichen Verbeſſerungen gleich vorbereitet zu ſein, und begann mit theatraliſchem Pathos: „»Liebliches—c »Halt,« unterbrach ſein Vater, und klingelte.»Ein großes Glas von dem bewußten, meine Beſte.« »Sehr wohl, Sir,« ſagte das Schenkmädchen, das mit großer Schnelligkeit erſchien, verſchwand, wieder zu⸗ rückkehrte, und abermals verſchwand. »Sie ſcheinen Deinen Geſchmack hier Kühin zu kennen,« bemerkte Sam. »Ja,« erwiederte ſein Vater,»ich bin zu meiner Zeit oft hier geweſen. Jetzt fahr fort, Sammy.⸗ „Liebliches, liebliches—« begann Sam abermals. »Das iſt wohl in Verſen?« unterbrach ihn ſein Vater wieder. „»Nein, nein,« entgegnete Sam. »Freut mich ſehr, es zu hören,« ſagte Weller Se⸗ nior.»Verſe ſind ganz unnatürlich; Niemand ſpricht in Verſen, als die Büttel an Bortagen, oder die Leute, die Warrens Schuhwichſe oder Makaſſaröl ausrufen, oder anderes dergleichen gemeines Volk. Laß Dich ja nie darauf ein, in Verſen zu ſprechen. Lies weiter, Sammy.« Herr Weller Senior begann wieder mit dem feier⸗ lichen Ernſt eines kritiſchen Zuhörers zu rauchen, und Sam las, wie folgt: „Liebliches Weſen, ich fühle mich ganz begoſſen—« „Dieſes iſt unſchicklich,« ſagte Weller Senior, die Perſe aus dem Munde nehmend. 8* 116 Die Pickwicker. „Nein, es heißt auch nicht begoſſen,« erwiederte Sam, den Brief gegen das Licht haltend, es heißt be⸗ ſchämt— da iſt gerade ein Dinteklecks, alſo: ich fühle mich ganz beſchämt—« „Sehr gut,« ſagte Weller Senior.»Weiter.«⸗ „»Fühle mich ganz beſchämt und vollkommen be— be— das Wort kann ich wieder nicht leſen,« unter⸗ brach Sam ſich ſelbſt, indem er in vergeblichem Ver⸗ ſuchen ſich zu erinnern, mit der Feder hinten am Kopfe kratzte. »Weßhalb ſiehſt Du denn nicht in den Brief?« fragte der Vater. „Ich ſehe ja hinein,« aber da iſt wieder ein Klecks.“ „»Vielleicht heißt es bethört, Sammy, bemerkte Weller Senior. „Nein, das iſt es nicht,« ſagte Sam,—„befangen — ja, das iſt es.« „Aber es iſt kein ſo gutes Wort, als bethört,« be⸗ merkte Weller Senior ernſthaft. „Glaubſt Du nicht?« ſagte Sam. „Gewiß nicht,« erwiederte ſein Vater. „Aber ſagt befangen nicht mehr als bethört?« fragte Sam., „»Mag ſein, daß es ein neumodiſches Wort iſt,« er⸗ wiederte Weller Senior nach einigem Bedenken.„Lies weiter, Sammy.«. „»Ich fühle mich ganz beſchämt und befangen, daß ich mir die Freiheit nehme, an Sie zu ſchreiben, denn Sie ſind ein gar zu ſchönes Mädchen.“ „Das iſt ein ſehr hübſcher Anfang,“« bemerkte Wel⸗ ler Senior. „Ja, ich denke auch,« verſetzte Sam, ſich ſehr geſchmeichelt fühlend. 4 — —————:ʒy:;··— — Die Pickwicker. 117 „»Was mir darin beſonders gefällt,« fuhr der alte Herr fort,»iſt, daß keine ſolche Namen darin vorkommen, wie Venus und dergleichen, denn was ſoll es, Sammy, eine junge Weibsperſon eine Venus oder einen Engel zu nennen.« „Ja, das meine ich auch,« erwiederte Sam. „»Du könnteſt ſie eben ſo gut einen Greif oder ein Einhorn nennen, und ihr den Namen von ſolchen fabel⸗ haften Thieren geben,« fügte Weller Senior hinzu. „»Ja wohl,« erwiederte Sam. »Jetzt fahre fort, Sammy,“« ſagte Weller der Aeltere. Sam genügte der Aufforderung, und las wie folgt weiter, während ſein Vater ihm mit weiſer und wohl⸗ gefälliger Miene zuhörte: »Ehe ich Sie ſah, glaubte ich, daß alle Frauenzim⸗ mer eins wie das andere wären.« »Das ſind ſie auch,« bemerkte Weller Senior. »Anjetzt aber,« fuhr Sam fort,»anjetzt ſehe ich ein, was ich für ein Dummkopf geweſen ſein muß, denn kein Frauenzimmer kommt Ihnen gleich, und Sie gefallen mir mehr als alle andern.— Ich hielt es für gut, mich etwas ſtark auszudrücken,« ſagte Sam aufblickend. Der Vater nickte billigend, und Sam fuhr fort: »Ich nehme mir alſo, meine ſchönſte Mary, die Freiheit und das Privilegium dieſes Tages— wie der verſchuldete Gentleman ſagte, als er am Sonntag aus⸗ ging— um Ihnen zu ſagen, daß ſich Ihr Bildniß das erſte und einzige Mal, da ich Sie ſah, ſchneller und in glänzenderen Farben in mein Herz abdrückte, als je ein Bildniß von der Silhuettirmaſchine(von der Sie viel⸗ leicht ſchon gehört haben, meine ſchönſte Mary), obgleich dieſe Maſchinen ein Portrait mit Rahmen und Glas 118 Die Pickwicker⸗ und Haken zum Aufhängen alles in zwei und einer Viertel Minute fix und fertig macht.«. »Ich beſorge, daß dieſes zu viel geſagt iſt, Sammy,⸗« unterbrach Weller Senior bedenklich. 4 »Ei behüte,« entgegnete Sam, und las ſchnell wei⸗ ter, um eine fernere Erörterung über dieſen Punkt zu vermeiden. „»Schönſte Mary, genehmigen Sie mich als Ihren Valentin, und überlegen Sie ſich, was ich geſchrieben habe.— Meine ſchönſte Mary, ich will anjetzo ſchlie⸗ ßen.«—„Dieſes iſt Alles,« ſetzte Sam hinzu. »„Iſt das aber nicht ein zu plötzliches Anhalten, Sammy?« fragte der Vater. »Ich denke nicht,« ſagte Sam;»ſie wird wünſchen, der Brief wäre noch nicht zu Ende, und darin beſteht, eben die große Kunſt des Briefſchreibens.« „Das läßt ſich hören,« entgegnete Weller Senior, „und ich wollte nur, Sammy, daß Deine Stiefmutter eben ſo vernünftig ſpräche. Willſt Du aber Deinen Namen nicht unterſchreiben?« „Da liegt eben der Haſe im Pfeffer,« ſagte Sam; „man darf ja nie, einen Valentin mit ſeinem eigenen Namen unterzeichnen.« „So ſchreibe Pickwick darunter,⸗ erwiederte Weller Senior;»es iſt ein ſehr guter Name, und er läßt ſich auch leicht buchſtabiren.« Das waͤre allerdings nicht übel,« erwiederte Sam, „und ich könnte mit einem Verſe ſchließen— was meinſt Du dazu, Alter?« „Das gefällt mir nicht,« entgegnete Weller Senior. »Ich kannte in meinem ganzen Leben noch keinen re⸗ ſpektablen Kutſcher, der Verſe gemacht hätte, außer einem, der in der Nacht, hevor, er wegen Straßenraub 4 Die Pickwicker. 119 gehängt wurde, ein rührendes Gedicht machte, und der war bloß ein Camberweller, alſo macht 85 dieſe Aus⸗ nahme keine Regel.« Sam ließ ſich jedoch von ſeiner voetiſhen 3 Ider nicht zurückbringen, und ſchrieb unter den Brief: „Es wünſcht viel Glück, Ihr Freund Pickwick.“ Er faltete den Brief auf eine ſehr künſtliche Weiſe zuſammen, ſchrieb im ſchiefen Winkel die Adreſſe:»An Mary, Hausmädchen bei Herrn Nupkins, Mayor zu Ipswich,« darauf, verſiegelte und ſteckte ihn in die Taſche, um ihn ſpäͤter ſelbſt auf die Poſt zu tragen. Nachdem dieſes wichtige Geſchäft beſeitigt war, eröffnete Herr Weller Senior jenes, das ihn veranlaßt hatte, ſeinen Sohn rufen zu laſſen. „»Soll Deines Herrn Prozeß nicht morgen vor Ge⸗ richt verhandelt werden?« fragte er. »Wie ich nicht anders weiß,« entgegnete Sam. »Gut,« ſagte Weller Senior,»ich habe mir gedacht, daß er wohl einiger Zeugen bedürfte, um ſeinen guten Ruf oder vielleicht ein Alibi nachzuweiſen. Ich habe mir die Sache überlegt, und er mag nur ganz unbeſorgt ſein, Sammy. Ich habe einige Freunde, die beides gern für ihn thun wollen, aber mein Rath wäre, daß er ſeinen guten Ruf lieber ganz aufgiebt, und ſich mit dem Alibi begnügt. Es geht nichts über ein Alibi, Sam, das kannſt Du mir glauben.« Herr Weller gab dieſes ſein Rechtsgutachten mit ſehr weiſer Miene ab, begrub ſeine Naſe im Bierkruge, und winkte mit den Augen nach dem erſtaunten Sohn über den Rand hinüber. »Was vauübſt Du denn, Alter; denkſt du etwa, 120 Die Pickwicker. daß ſein Prozeß vor Old⸗Bailey⸗Gericht verhandelt wird?« fragte Sam.. „Darauf kommt es hier gar nicht an,« entgegnete Weller Senior.»Mag der Prozeß geführt werden, wo er will, ſo kommt er mit einem Alibi überall am beſten durch. Wir retteten Tom Wildspark als Todtſchläger mit einem Alübi, als alle die gelehrten Perücken ſagten, er ſei verloren, und meine Meinung iſt, Sammy, daß, wenn Dein Herr keinen Alibi beibringt, er regelmäßig „gepritſcht« iſt, wie die Italiener es nennen.« Da Weller Senior die feſte und unabweisliche Ueber⸗ zeugung hegte, Old⸗Bailey ſei der höchſte Gerichtshof in Alt⸗England und nach deſſen Formen und Regeln hätten alle andern Gerichtshöfe genau zu verfahren, ſo beachtete er ſehr wenig die Verſicherungen und Beweis⸗ gründe ſeines Sohnes, mit denen dieſer darlegen wollte, ein Alibi ſei hier unzuläſſig, und der Alte behauptete, dann würde ſein Herr ohne Zweifel»ein Schlachtopfer« werden. Als Sam ſich überzeugte, daß ferneres Strei⸗ ten über dieſen Gegenſtand vergeblich ſei, fragte er ſeinen Vater, ob er ihm noch etwas anders mitzutheilen habe. »Ja wohl, Sammy, und zwar aus dem Departe⸗ ment der häuslichen Angelegenheiten,« erwiederte Weller Senior.»Nämlich der Stiggins.« „Der Mann mit der rothen Naſe?« unterbrach Sam. „Derſelbe,« erwiederte ſein Vater.„Dieſer roth⸗ naſige Taugenichts beſucht Deine Stiefmutter mit einer Freundlichkeit und Beſtändigkeit, die ihres gleichen nicht hat. Er iſt ein ſolcher Freund der Familie geworden, daß er außer unſerm Hauſe nicht ruhig und zufrieden ſein kann, wenn er nicht ein Angedenken an uns hat.« »Waͤre ich an Deiner Stelle, ſo wollte ich ihm Die Pickwicker. 121 ſchon einen Denkzettel geben, den er die erſten zehn Jahre gewiß nicht vergeſſen ſollte,« fiel Sam ein. »Höre mich nur weiter an, Sammy,« fuhr Weller Senior fort;»ich wollte eben ſagen, daß er anjetzd immer eine Flaſche mitbringt, die anderthalb Maaß hält, und füllt ſie jedesmal mit Ananasgrog, ehe er weggeht.« „Und trinkt ſie aus, ehe er wieder kommt, nicht wahr?« fragte Sam. „»Bis auf den letzten Tropfen, Sammy,« fuhr Wel⸗ ler Senior fort,»ſo daß nichts darin bleibt, als der Stöpſel und der Geruch. Dieſe Halunken wollen nun heute Abend die monatliche Verſammlung der Brick⸗ Lane⸗Abtheilung der vereinigten großen Ebenezer Mäßig⸗ keitsgeſellſchaft abhalten. Deine Stiefmutter wollte auch hingehen, aber ſie hat ſich erkältet, und kann nicht, und ich, Sammy— ich habe die beiden Einlaßkarten, die für ſie geſchickt wurden.« Er theilte dieſes Geheimniß ſeinem Sohne auf eine Weiſe mit, die ſeine Freude unverkennbar darlegte, und blinzelte ihm ſo unermüdlich zu, daß Sam faſt glaubte, er müſſe einen Krampf in den Augenliedern haben. »Nun, und was weiter?« fragte Sam. »Nun,« fuhr ſein Vater fort, indem er vorſichtig umherblickte;»wir Beide wollen pünktlich heut' Abend hingehen. Zwei von meinen Freunden, die auf der Or⸗ fordſtraße fahren, und gerne einen guten Spaß mitmachen, haben den Schäfergehülfen ins Schlepptau genommen, und kommt er in die Ebenezer Verſammlung— was er gewiß thun wird, denn ſie werden ihn bis vor die Thür bringen, und nöthigenfalls auch hineinſchieben— ſo wird er ſo benebelt von Grog ſein, wie er es jemals im Mar⸗ quis von Granby geweſen iſt, und dieſes will nicht wenig ſagen, Sammy.“« 122 Die Pickwicker. Der Alte brach jetzt in ein ſo heftiges Gelächter aus, daß er faſt daran erſtickt wäre. Sam klopfte ihn in den Rücken und ſagte:»Alter, bei Deiner Korpulenz mußt Du Dich doch etwas vor zu vielem Lachen hüten.⸗ Uebrigens konnte nichts mehr mit Sams Gefühlen übereinſtimmen, als der Plan, den rothnaſigen Heuchler zu entlarven, und da die Zeit zur Verſammlung heran⸗ nahte, begaben ſich Vater und Sohn auf den Weg nach Brick⸗Lane. Sam vergaß nicht, ſeinen Brief in einem Poſtbureau abzugeben. Die monatlichen Verſammlungen der Brick⸗Lane⸗Abtheilungen der vereinigten großen Ebenezer Mäßigkeitsgeſellſchaft wurden in einem weiten luftigen Saal gehalten, zu welchem man auf einer ſichern und bequemen Leiter gelangte. Präſident war Herr An⸗ thony Humm, ein bekehrter Spritzenmann, gegenwärtig Schulmeiſter und gelegentlich reiſender Prediger; Sekre⸗ tär war Herr Jonas Mudge, Beſttzer eines Kramladens, ein begeiſtertes und uneigennütziges Mitglied, das der Geſellſchaft den Thee verkaufte, denn vor dem Be⸗ ginnen der Geſchäfte tranken die Damen Thee, wäͤhrend auf dem mit einem grünen Tuch bedeckten Tiſche eine große hölzerne Büchſe und hinter ihr der Sekretär ſtand, welcher ſich holdſelig lächelnd verbeugte, ſo oft die in der Büchſe verborgenen Kupfermünzen einen neuen Zuwachs erhielten. Bei dieſer beſondern Gelegenheit tranken die Waten ungewöhnlich viel Thee, zum größten Abſcheu von Weller Senior, der trotz aller mahnenden Winke Sams mit unverkennbarem Erſtaunen und Unwillen nach allen Rich⸗ tungen umherſtierte. „»Sammy,« flüſterte er,»wenn nicht mehrere von dieſen Frauenzimmern morgen früh abgezapft werden ———õ- Die Pickwicker. 123 müſſen, ſo bin ich Dein Vater nicht. Die Alte hier neben mir erſäuft ſich wirklich in Thee.« 19n »So verhalte Dich doch ruhig,« murmelte Sam. »Sammy,“ flüſterte der Vater bald darauf im Ton tiefer Bewegung abermals, merke, was ich Dir ſage, mein Junge; treibt es der Sekretair noch fünf Minuten ſo fort, ſo muß er berſten vor Butterbrod und heißem Waſſer.« „»Laß ihn doch, wenn er Luſt dazu hat,« erwiederte Sam;»es geht Dich ja nichts an.⸗ 3 »Wenn das noch länger ſo fort geht,« fuhr Weller Senior, ſtets flüſternd, fort,„ſo halte ich es als ein menſchliches Weſen für meine Pflicht, aufzuſtehen, und den Präſidenten anzureden. Das junge Frauenzimmer auf der dritten Bank von hier hat neun und eine halbe große Taſſe Thee getrunken, und ſchwillt ſichtbar vor meinen leibhaftigen Augen auf.« Höchſt wahrſcheinlich würde er ſeine menſchenfreund⸗ liche Abſicht ſofort ausgeführt haben, wenn ein Geräuſch, welches dadurch entſtand, daß man das Theegeſchirr ab⸗ zuräumen begann, ihn nicht daran verhindert hätte. Der Tiſch mit der grünen Tuchdecke wurde jetzt mitten in den Saal geſtellt, und dann ſofort die Geſchäfte des Abends von einem ſehr lebhaften kleinen Mann mit einem kah⸗ len Kopf und tuchenen Kniehoſen, der eiligſt die Leiter hinaufſtieg, begonnen, indem er ſagte: »Meine Herren und Damen, ich mache den Vor⸗ ſchlag, daß unſer vortrefflicher Bruder, Herr Anthony Humm, den Präͤſidentenſtuhl einnehme.⸗ Ddie Damen ließen bei dieſer Gelegenheit eine aus⸗ erwählte Sammlung von Taſchentüchern wehen, und der lebhafte kleine Mann ſetzte Herrn Humm in den Prä⸗ ſidentenſtuhl ein, indem er ihn an den Schultern faßte Die Pickwicker. und ihn in ein Mahagonimöbel warf, das einſt einen derartigen Artikel vorgeſtellt hatte. Das Wehen der Ta⸗ ſchentücher wurde erneuert, und Herr Humm, ein wohl⸗ genährter Mann, der ſich beſtändig in Tranſpiration befand, verbeugte ſich anmuthig zur großen Bewunderung der Damen, und nahm mit großer Würde ſeinen Sitz ein. Der kleine Mann in den Tuchhoſen gebot darauf Stillſchweigen, und Herr Humm erhob ſich, und ſagte, der Sekretär würde mit Erlaubniß ſeiner verſammelten Brick⸗Lane⸗Abtheilungs⸗Brüder und Schweſtern den Bericht des Brick⸗Lane⸗Abtheilungs⸗Comités vorleſen, welche Ankündigung abermals durch eine Demonſtration mit den Taſchentüchern entgegengenommen wurde. Nach⸗ dem der Sekretär gehuſtet und ſich Prinſnert hatte, las er folgendes Dokument vor. Bericht des Brick⸗Lane⸗Abtheilungs⸗Comi⸗ tés der vereinigten großen Ebenezer Mäßigkeitsgeſellſchaft. „»Ihr Comité hat ſeine dankbaren Arbeiten wäh⸗ rend des vergangenen Monats fortgeſetzt, und theilt mit unendlichem Vergnügen folgende neu hinzugekommene Fälle von Bekehrungen zur Mäßigkeit mit. »Herr Walker, Schneider, mit einer Frau und zwei Kindern. Er bekennt, täglich, als er noch in beſſern Umſtänden war, Ale und Bier getrunken zu haben, und weiß nicht ganz gewiß anzugeben, ob er nicht ſeit zwan⸗ zig Jahren wöchentlich»Hundsnaſe« genoſſen, ein Ge⸗ tränk, welches zufolge der Nachforſchung unſeres Co⸗ mites aus warmen Porter, Farinzucker, Wachholder⸗ branntwein und Muskatnuß bereitet wird.(Ein Ge⸗ ſtöhn und ein,»das iſt wahr,« von einem ältlichen Frauen⸗ zimmer.) Gegenwärtig iſt er verarmt und ohne Arbeit; B α Die Pickwicker. 4 125 glaubt, dieſes ſei die Folge des Portertrinkens Geifall, oder davon, daß er die rechte Hand nicht mehr gebrauchen könne; zwar iſt er zweifelhaft hierüber; doch hält er es für ſehr wahrſcheinlich, daß, wenn er in ſeinem ganzen Leben nichts als Waſſer getrunken hätte, ſein Gehülfe ihn nicht mit einer verroſteten Nadel geſtochen, und da⸗ durch ſein Unglück herbeigeführt haben würde.(Noch grö⸗ ßeres Beifallrufen.) Er hat jetzt nichts als kaltes Waſ⸗ ſer zu trinken, und wird nicht mehr ſo von Durſt ge⸗ plagt, als früher.(Stürmiſcher Beifall.) »Betſy Martin, Wittwe, mit einem Kinde, und einem Auge. Wäſcht um Tagelohn, hat von Kindheit an nur mit einem einzigen Auge geſehen, weiß aber, daß ihre Mutter Doppelbier trank, und hält es gar nicht für unwahrſcheinlich, daß ihre Blindheit daher rühre, (Beifall) und daß ſie ihr Geſicht wieder erlangt haben würde, wenn ſie ſich ſtets geiſtiger Getränke enthalten hätte.(Noch ſtärkerer Beifall.) Pflegte jeden Tag acht⸗ zehn Pence, ein Maaß Porter und ein Glas Brannt⸗ wein zu bekommen, hat aber, ſeitdem ſie Mitglied der Mäͤßigkeitsgeſellſchaft geworden, ſtatt deſſen ſtets drei Schilling und ſechs Pence verlangt.(Die Ankündigung dieſes höchſt intereſſanten Falles wird mit betäubendem Enthuſiasmus aufgenommen.) „»Henry Beller war viele Jahre Toaſtausbringer bei den Diners mehrerer Korporationen, und trank während dieſer Zeit viel ausländiſchen Wein, mag auch bisweilen ein paar Flaſchen mit nach Hauſe genommen haben, weiß es nicht ganz gewiß, glaubt aber zuverläſſig, daß, wenn es geſchah, er ſie auch ausgetrunken hat. Er iſt fortwährend in trüber und niedergedrückter Stimmung, leidet an beſtändigem Durſt, und glaubt, daß ſein Zu⸗ ſtand von dem Wein herrühren müſſe, den er früher zu 126 Die Pickwicker. trinken pflegte.(Beifall.) Hat gegenwärtig keine Be⸗ ſchaftigung und nimmt auch nicht einen Tropfen auslän⸗ diſchen Weins mehr zu ſich.(Allgemeines Beifallklatſchen.) „»Thomas Burton, verſorgt den Lordmayor, die She⸗ rifs und mehrere Mitglieder des Stadtraths mit Katzen⸗ fleiſch.(Athemloſe Aufmerkſamkeit, als der Name dieſes Gentleman genannt wird.) Hat ein hölzernes Bein, findet es koſtſpielig, mit einem ſolchen auf dem Steinflaſter zu gehen, pflegte alte gebrauchte hölzerne Beine aus dem Trödlerladen zu kaufen, und jeden Abend ein Glas hei⸗ ßen Wachholder⸗Branntweins mit Waſſer zu trinken— bisweilen zwei.(Tiefe Seufzer.) Fand, daß die alten hölzernen Beine ſich ſehr ſchnell abnutzten und faulten, und iſt feſt überzeugt, daß ihre Conſtitution durch den Wachholder mit Waſſer untergraben wurde.(Großer Bei⸗ fall.) Kauft jetzt nur neue hölzerne Beine, und trinkt nichts als Waſſer und ſchwachen Thee. Die neuen Beine halten zweimal ſo lange vor, und er ſchreibt es einzig und allein ſeiner gegenwärtigen Enthaltſamkeit zu. (Triumphgeſchrei.)« Anthony Humm ſchlug hierauf vor, ein Lied zu ſin⸗ gen, welches auf Enthaltſamkeit von geiſtigen Getränken Bezug habe. Er ſtimmte ſelbſt ein paſſendes Lied an, und während es geſungen wurde, entfernte ſich der kleine Mann mit den Kniehoſen. Er kehrte nach dem Schluß des Geſanges zurück, und flüſterte Herrn Anthony Hun mit wichtiger Miene etwas in das Ohr. »Meine Freundinnen und Freunde,« begann Herr Humm,»es wartet unten ein Abgeordneter der Abthei⸗ lung unſerer Geſellſchaft in Dorking, Bruder Stiggins.« Die Taſchentücher wurden bei dieſer Nachricht in die lebhafteſte Bewegung geſetzt, denn Bruder Stiggins ſtand Die Pickwicker. 127 bei den weiblichen Mitgliedern der Brick⸗ Lane⸗Abthei⸗ lung in großem Anſehen. »Bruder Tadger, führen Sie ihn zu uns hexein,⸗ ſagte Herr Humm mit großer Würde. Bruder Tadger, welches der kleine Mann in den Knieehoſen war, ſtieg ſchleunigſt die Leiter hinab, und man hörte ihn gleich darauf in Begleitung eines Andern wieder hinaufſteigen. »Er kommt, Sammy,« flüſterte Weller Senior, der vor unterdrücktem Lachen ganz purpurroth im Geſicht geworden war. »Ei, ſo verhalte Dich doch ruhig,« erwiederte Sam. Die kleine Thüre ward jetzt geöffnet, und ſobald Bruder Tadger mit dem ehrwürdigen Herrn Stiggins hinter ſich, eintrat, wurde mächtig mit den Taſchentüchern geweht, mit den Händen geklatſcht und mit den Füßen geſtampft, welche Beifallserweiſungen Bruder Stiggins jedoch nur dadurch erwiederte, daß er mit ſtieren Augen und einem ſtehenden Lächeln nach den auf den Tiſch ſte⸗ henden Lichtern hinſtarrte, und dabei ſehr unſicher und unregelmäßig hin und her wankte. »Sind Sie unwohl, Bruder Stiggins?« flüſterte Herr Anthony Humm ihm zu. »Es iſt mit mir alles in der Ordnung, Sir,⸗ ent⸗ gegnete Herr Stiggins in heftigem Ton, aber mit ſehr ſchwerer Zunge;»alles in der Ordnung, Sir.« »Ah, ſehr wohl,« ſagte Herr Anthon Humm und zog ſich einige Schritte zurück. „»Ich will hoffen, daß hier Niemand ſich unterfängt, zu ſagen, es ſei mit mir nicht alles in der Ordnung,« ſchrie Herr Stiggins. »Oh gewiß nicht,« ſagte Herr Humm. 128 Die Pickwicker. »Und ich würde es auch Niemanden rathen— Nie⸗ manden rathen, Sir,« lallte Stiggins. In der Verſammlung war jetzt tiefe Stille eingetre⸗ ten, und man ſchien mit einiger Beſorgniß den ferneren Fortgang der Dinge zu erwarten. »Wollen Sie zur Verſammlung reden, Bruder Stiggins?« fragte Herr Humm mit einem einladenden Lächeln. »Nein, Sir« entgegnete Stiggins,»nein, das will ich nicht, Sir.« Die Verſammelten ſahen einander erſtaunt an, und flüſterten leiſe. „»Es iſt meine Meinung, Sir,« ſagte Stiggins ſehr laut, indem er langſam ſeinen Rock aufknöpfte;»es iſt meine Meinung, Sir, daß dieſe Geſellſchaft betrunken iſt, Sir. Bruder Tadger,« fuhr er ſich heftig an dieſen wendend, fort,»Sie ſind betrunken, Sir!« Um thätlich zu beweiſen, wie ſehr ihm daran gelegen ſei, die Nüchternheit der Geſellſchaft zu befördern, und deßhalb alle unmäßigen Leute aus ihr zu entfernen, ſchlug er nach Bruder Tadger und traf die Naſenſpitze deſſelben ſo genau und kräftig, daß der kleine Mann wie ein Blitz verſchwand. Bruder Tadger war rücklings die Leiter hinabgeſtürzt. Die Frauenzimmer erhoben jetzt ein lautes und jammervolles Geſchrei, liefen zu ihren Lieblingsbrudern und ſchlangen die Arme um dieſelben, um ſie vor Ge⸗ fahr zu ſchützen; welcher Beweis von Vertrauen und Zärtlichkeit Herrn Humm faſt ſehr übel bekommen wäre, denn da er ſo ungemein beliebt war, drängten ſich ſo viele Frauenzimmer zu ihm, und hingen ſich ſo feſt an ihn, daß ſie ihn beinahe erſtickt hätten. In dieſer Ver⸗ —————— — Die Pickwicker. 129 wirrung wurden auch mehrere Lichter vom Tiſche gewor⸗ fen, und man hörte von allen Seiten Geſchrei und wilden Lärm. »Jetzt Sammy, iſt es Zeit,« ſagte Weller Senior, und zog äußerſt kaltblütig ſeinen Ueberrock aus, vjetzt geh hinaus, und hole einen Konſtabel.« »Was willſt Du denn derweile beginnen, Alter?2« fragte Sam. „»Laß mich nur gewähren, Sammy,« erwiederte Wel⸗ ler Senior;»ich will jetzt mit dem rothnaſigen Halun⸗ ken meine Abrechnung halten,« und bevor Sam es ver⸗ hindern konnte, hatte ſein heroiſcher Vater ſich zu dem ehrwürdigen Herrn Stiggins hindurchgedrängt, und griff ihn mit einer Kraft und Behendigkeit an, wie man ſie kaum von ihm hätte erwarten können. »Komm mit, Alter,« ſagte Sam. »Komm an, Halunke,« rief Weller Senior, und ohne fernere Einladung verſetzte er dem ehrwürdigen Herrn Stiggins einen gewichtigen Fauſtſchlag auf den Kopf, und ſprang mit einer Eaaſtizität, ſeine Angriffe ſtets erneuernd, um ihn her, die bei einem Herrn in ſei⸗ nen Jahren und von ſeiner Korpulenz wahrhaft wunder⸗ bar zu ſchauen war. Da Sam alle ſeine Vorſtellungen vergeblich fand, drückte er ſeinen Hut feſt auf den Kopf, warf ſeines Va⸗ ters Ueberrock über die Schulter, und indem er den alten Kann feſt um den Leib faßte, zog er ihn mit Gewalt ee Leiter hinab und aus dem Hauſe hinaus, bis ſie einen ſichern Winkel erreicht hatten. Hier konnten ſie das Ge⸗ räuſch der verſammelten Volksmenge vernehmen; die den ehrwürdigen Herrn Stiggins in ein wohlverwahrtes Schlaf⸗ gemach abführen ſah, und mit Hohngelächter die ſich Die Pickwicker. IV. 9 130. Die Pickwicker. nach allen Richtungen zerſtreuenden Mitglieder der Brick⸗ Lane⸗Abtheilung der vereinigten Großen Ebenezer Mä⸗ ßigkeitsgeſellſchaft verfolgte. Fuͤnfunddreißigſtes Kapitel. „ Welches einzig und allein einem ausführlichen und getreuen Berichte über die denkwürdige Gerichtsverhandlung in Sachen Bardell contra Pickwick gewidmet iſt. »Ich möchte nur wiſſen, was der Obmann der Ge⸗ ſchwornen, wer es auch ſein mag, heut zum Frühſtück genoſſen hat,« begann Herr Snodgraß am Morgen des verhängnißvollen vierzehnten Februar, um ein Geſpräch in Gang zu bringen. »Ah,« fiel Herr Perker ein,»ich hoffe, daß er ſeine Lieblingsſpeiſe gehabt hat.« »Weshalb denn?« fragte Herr Pickwick. »Sehr wichtig— äußerſt wichtig, mein beſter Herr,« erwiederte Herr Perker.»Von einem wohlgeſättigten zufriedenen Geſchwornen läßt ſich etwas Erſprießliches erwarten. Mißvergnügte oder hungrige Geſchworne ſind immer von Haus aus gegen den Beklagten eingenommen.« »Aber wie mag das kommen?« fragte Herr Pick⸗ wick mit äußerſt verwunderter Miene. 8 »Kann es wirklich nicht ſagen,« verſetzte der kleine Mann in gleichgültigem Tone;»ich denke, weil dadurch Zeit erſpart wird. Wenn die Stunde des Mittagseſſens ſich nähert, und die Geſchworenen ſich zurückgezogen ha⸗ ben, ſo ſieht der Obmann auf ſeine Uhr, und ſagt: Him⸗ mel, meine Herren, es iſt ſchon zehn Minuten über vier Die Pickwicker.. 131 Uhr. Ich ſpeiſe um fünf Uhr, meine Herren.“⸗„Das thue ich auch, ſagen dann Alle andere, vielleicht mit Ausnahme von zwei bis drei, die ſchon um drei Uhr geſpeiſ't haben, und daher mehr geneigt ſind, auszuhalten. Der Obmann lächelt und ſteckt ſeine Uhr ein: Nun, meine Herren, was ſollen wir ſagen?— Kläger oder Beklagter, meine Herren?— Ich ſollte meinen, was mich betrifft— doch das darf Sie natürlich nicht be⸗ ſtimmen— aber ich ſollte uͤnmaßgeblich meinen, daß der Kläger Recht hat.“ Zwei oder drei Andere erklären dann unfehlbar, ſie ſeien derſelben Meinung— was auch ohne Zweifel der Fall ſein mag; die übrigen ſchließen ſich ihnen an, und ſo wird ſehr leicht die ſchönſte Uebereinſtim⸗ mung bewirkt.— Zehn Minuten nach Neun,« fügte Herr Perker, auf ſeine Uhr ſehend, hinzu.»Es iſt Zeit, daß wir aufbrechen, mein theurer Sir— bei Verhand⸗ lungen über ein gebrochenes Eheverſprechen pflegt der Gerichtsſaal immer ſehr gefüllt zu ſein. Sie werden wohlthun, einen Wagen zu nehmen, mein beſter Herr; wir kommen ſonſt zu ſpät.« Herr Pickwick klingelte, und nachdem auf ſeinen Befehl ein Wagen geholt worden war, ſetzten ſich die vier Pickwicker und Herr Perker in denſelben, und fuhren nach Guildhall. Sam Weller, Herr Lowton und der blaue Beutel folgten in einem Cabriolet.— »Lowton,« ſagte Perker, als ſie in der Vorhalle des Gerichtshofs angekommen waren,»führen Sie die Freunde des Herrn Pickwick nach den Sitzen der Rechtsbefliſſenen; Herr Pickwick ſelbſt wird bei mir bleiben. Hier, mein theurer Sir— hier.« Er faßte Herrn Pickwick am Rockärmel, und zog ihn auf eine niedrige Bank, gerade unter dem Pult des königlichen Procurators, die zur Bequemlichkeit der * 132 Die Pickwicker. Sachwalter angebracht iſt, da ſie von hier aus dem erſten Anwalt die Inſtruktionen in das Ohr flüſtern können, welche ſie während des Fortgangs der Verhandlungen etwa noch für nöthig erachten. Dem größern Theil der Zuſchauer ſind die hier Sitzenden nicht ſichtbar, da die Bank niedriger iſt; und ſie jenen den Rücken, dem Rich⸗ ter dagegen das Geſicht zuwenden „Das dort ſind ja wohl die Zeugenſitze,« fragte Herr Pickwick, nach einer Art Catheder mit eiſernem Geländer zur linken Hand hinweiſend. »Allerdings, mein theurer Sir, erwiederte Perker, der eben Aktenſtöße aus dem blauen, von Lowton zu ſei⸗ nen Füßen niedergelegten Beutel hervorzog. »Und dort ſitzen die Geſchwornen, nicht wahr?« fragte Herr Pickwick, nach ein paar geſperrten Sitzen zur Rechten hinweiſend. »Ja wohl, mein theurer Sir,« ſagte Perker, auf den Deckel ſeiner Schnupftabacksdoſe klopfend. Herr Pickwick erhob ſich in großer Aufregung, und ſah ſich nach allen Seiten um. Es hatten ſich bereits ziemlich viele Zuſchauer auf der Gallerie und eine Anzahl von Herren in Perücken auf den Bäuken der Anwälde eingefunden, welche letztere den intereſſanten Anblick jener angenehmen und reichen Mannigfaltigkeit von Naſen und Backenbärten darboten, wodurch die engliſchen Rechts⸗ gelehrten ſich ſo ſehr auszeichnen. Diejenigen der Herren, welche viele Praris hatten, hielten ihre Akten⸗Auszüge in den Händen und rieben ſich von Zeit zu Zeit die Naſe damit, um die Thatſache der Beobachtung der Zuſchauer noch mehr bemerklich zu machen. Andere trugen dicke Octavbände unter dem Arm, mit einem Einband, der unter dem techniſchen Ausdruck:»Rechtsgelehrtenkalbs⸗ fell« bekannt iſt; noch Andere, die weder Akten⸗Auszüge . Die Pickwicker. 133 noch Bücher hatten, ſteckten ihre Hände in die Taſche, und machten ſo weiſe Mienen, als ſie füglich konnten, während wieder Andere ſehr unruhig und wichtig thuend hin und herliefen, um die Bewunderung und Aufmerkſam⸗ keit der uneingeweiheten Fremden zu erregen. Zu Herrn Pickwicks großem Erſtaunen hatten ſich die Advokaten in kleine Gruppen vertheilt, und beſprachen die Tagsneuig⸗ keiten, als ob gar kein Rechtsſtreit bevorſtände. Eine Verbeugung des Herrn Phunky, als er ein⸗ trat, und ſich neben den für den Procurator des Königs beſtimmten Platz ſetzte, nahm die Aufmerkſamkeit des Herrn Pickwick in Anſpruch; er hatte kaum den Gruß erwiedert, als Serjeant Snubbin eintrat, und hinter ihm Herr Mallard, der einen großen carmoiſinrothen Beutel auf den Tiſch legte, durch welchen der Serjeant halb ver⸗ borgen wurde. Mallard drückte Perker die Hand, und entfernte ſich; es traten noch zwei oder drei Serjeants ein; unter ihnen einer mit einem runden Bauch und einer rothen Naſe, welcher dem Serjeant Snubbin freund⸗ lich zunickte, und ſagte: »Es iſt ein ſchöner Morgen!« »Wer iſt der Herr mit der rothen Naſe?« flüſterte Herr Pickwick. »Herr Serjeant Buzfuz,« erwiederte Perker.»Er tritt gegen uns auf, und iſt erſter Sachwalter der Ge⸗ genpartei. Der Herr hinter ihm iſt Herr Skimpin, ſein Aſſiſtent.« Herr Pickwick ſtand eben im Begriff, mit großem Abſcheu vor der kaltblütigen Verruchtheit des Mannes, zu fragen, wie Serjeant Buzfuz, der Sachwalter der Gegenpartei, ſo unverſchämt ſein könne, dem Serjeant Snubbin, ſeinen eigenen Sachwalter freundlich zuzunicken, und zu ſagen: es ſei ſchönes Wetter, als er daran durch 134 Die Pickwicker. ein allgemeines Aufſtehen der Herren von Bar und durch den lauten Ruf:»Ruhe!« von Seiten der Gerichtsbe⸗ dienten verhindert wurde; und ſich nach der Urſache um⸗ blickend, ſah er, daß der Richter eben eingetreten war. Herr Scareleigh, der an dieſem Tage in Abweſen⸗ heit des durch Unpäßlichkeit verhinderten Lord Oberrich⸗ ters deſſen Stelle einnahm, war ein ungewöhnlich kleiner Mann, und dabei ſo kugelrund, daß er wie lauter Ge⸗ ſicht und Weſte ausſah. Er trippelte auf ſeinen kleinen krummen Beinen herein, und placirte die kleinen Beine, nachdem er ſich gravitätiſch gegen das Bar, und das Bar ſich feierlich gegen ihn verbeugt hatte, unter den Tiſch und den kleinen Hut auf denſelben, und man konnte jetzt nichts mehr von ihm erblicken, als zwei wunderlich kleine Augen und ein breites roſenrothes Geſicht, welches aus einer großen, ſich ſehr poſſierlich ausnehmenden Perücke hervorſchaute. Als er ſich niedergelaſſen hatte, ſchrie ein Gerichts⸗ bedienter im Saal:»Ruhe!« in gebieteriſchem Ton; wor⸗ auf ein zweiter Gerichtsbedienter auf der Gallerie mit zorniger Stimme ebenfalls:»Ruhe!« ſchrie, und drei oder vier noch weit ſtärkere Stimmen den Ruf»Ruhe!« drau⸗ ßen ertönen ließen. Nachdem dieſes geſchehen war, rief ein ſchwarzge⸗ kleideter, vor dem Richter, jedoch niedriger ſitzender Herr die Namen der Jury⸗Mitglieder auf, und es ergab ſich, daß nur zehn Special⸗Geſchworne erſchienen waren. Serjeant Buzfuz trug darauf an, daß man zwei Erſatz⸗ männer wählen ſolle, und der ſchwarzgekleidete Herr preßte zwei von den gewöhnlichen Geſchwornen in die Special⸗Jury— einen Gewürzkrämer und einen Apo⸗ theker. »Meine Herren, geben Sie Antwort auf den Na⸗ — 4 Die Pickwicker. 135 menaufruf, damit Ihnen der Eid abgenommen werde,« ſagte der ſchwarzgekleidete Herr.»Richard Upwitch.« »Hier,« ſagte der Gewürzkrämer. „»Thomas Geoffin.« »Hier,« ſagte der Apotheker. »Meine Herren, nehmen Sie das Buch. Sie ſol⸗ len gewiſſenhaft—« »Entſchuldigen Sie, mein Herr, wenn ich Sie un⸗ terbreche,« ſagte der Apotheker, der ein großer hagerer Mann war, ich muß die Nachſicht des Gerichtshofs in Anſpruch nehmen, denn ich kann in der That nicht mit eintreten.« »Was haben Sie für Gründe, Sir?« fragte Herr Seareleigh. »Ich habe keinen Gehülfen, Mylord,» entgegnete der Apotheker. 1 »Das iſt meine Sache nicht, Sir,« verſetzte der Richter,»Sie ſollten ſich einen annehmen.« »Ich kann die Ausgabe nicht beſtreiten, Mylord,« verſetztze der Apotheker. »Denn ſollten Sie Sorge tragen, daß es Ihnen möglich würde, Sir,« ſagte der Richter, der feuerroth im Geſicht wurde, denn er war ſehr reizbar und vertrug keinen Widerſpruch. »Ich weiß, daß ich es thun müßte, wenn meine Umſtände mir es erlaubten, aber dieſes iſt nicht der Fall.« »Nehmen Sie dem Herrn den Eid ab,« fiel der Rich⸗ ter gebieteriſch ein. Der Beamte begann die Eidesformel zu verleſen, aber der Apotheker unterbrach ihn. »Ich muß und ſoll alſo den Eid leiſten?« »Unfehlbar, Sir,« erwiederte der aufgebrachte kleine Mann. 136 Die Pickwicker. »Sehr wohl, Mylord,« ſagte der Apotheker kalt⸗ blütig,»vaber es wird einen Mord geben, bevor die Si⸗ tzung vorüber iſt.— Jetzt nehmen Sie mir den Eid ab, Sir, wenn es Ihnen gefällig iſt,« und es geſchah, ehe der Richter wieder zum Wort kommen konnte. »Ich wollte nur bemerken Mylord,« ſagte der Apo⸗ theker, ſeinen Platz einnehmend,»daß ich Niemand als einen Laufjungen in meinem Laden zurückgelaſſen habe. Er iſt ein wackerer Knabe, Mylord, mit den Arznei⸗ waaren nicht ſehr bekannt, und ich weiß, daß er immer Epſomſalz mit Schwefelſaͤure, und Sennesſyrop mit Opium verwechſelt. Das wollte ich nur noch bemerken, Mylord.« Der Apotheker ſetzte ſich ſo bequem als möglich zu⸗ recht, nahm eine ſehr zufriedene Miene an, und ſchien auf das Schlimmſte gefaßt zu ſein. Herr Pickwick ſah ihn mit dem tiefſten Abſcheu an, als einige Bewegung im Hintergrunde des Saales ent⸗ ſtand, und gleich darauf wurde Miſtreß Bardell, die ſich auf Miſtreß Cluppins ſtützte, hineingeführt, und ihr ein Platz am andern Ende derſelben Bank angewieſen, auf welcher Herr Pickwick ſaß. Sie ſah ſo hinfällig aus, als ſei ſie einer Ohnmacht nahe. Herr Dodſon reichte ihr einen gewaltigen Regenſchirm, und Herr Fogg ein paar Ueberſchuhe zu. Beide Herren hatten für die Sitzung höchſt mitleidige und trübſelige Mienen an⸗ genommen. Hierauf erſchien Miſtreß Sanders, den klei⸗ nen Maſter Bardell an der Hand führend. Frau Bardell fuhr empor, als ſie ihr Kind erblickte, küßte es mit inni⸗ ger mütterlicher Zärtlichkeit, worauf ſie wieder in den Zuſtand hyſteriſchen Halbbewußtſeins zurückfiel, und bat, »daß man ihr ſagen möge, wo ſie ſich befände,« In Erwiederung hierauf wendeten ſich Miſtreß Cluppins und Miſtreß Sanders von ihr ab, und weinten, während Die Pickwicker. 137 die Herrn Dodſon und Fogg die Klägerin dringend baten, ſich zu beruhigen. Serjeant Buzfuz rieb ſich mit einem großen weißen Taſchentuch ſehr nachdrücklich die Augen, und warf den Geſchwornen einen weinerlichen Blick zu, während der Richter ſichtlich ergriffen ſchien, und mehrere von den Zuſchauern durch Huſten ihre Bewegung zu ver⸗ bergen trachteten. »Ein vortrefflich angelegter Plan,« flüſterte Perker Herrn Pickwick in das Ohr.»Tüchtige Leute, dieſe Dodſon und Fogg— ausgezeichnete Efertördochnund mein theurer Herr.« Während Perker dieſes ſagte, kam Miſtreß Bardell allmählich wieder zu ſich, und Miſtreß Cluppins ſtellte Maſter Bardell nach einer ſorgfältigen Beſichtigung ſei⸗ ner Knöpfe, und der reſpektive dazu gehörigen Knopf⸗ löcher, gerade vor ſeine Mutter, eine ſehr gut ausgewählte Stellung, in welcher er nicht verfehlen konnte, das Mit⸗ leid und die Theilnahme, ſowohl des Richters als der Geſchwornen zu erwecken. Maſter Bardell ſelbſt, der offenbar fürchtete, daß dieſe ſeine Ausſtellung vor den Richtern nur das Vorſpiel zu ſeiner augenblicklichen Hin⸗ richtung, oder wenigſtens zu ſeiner Deportation über See auf Lebenszeit ſein werde, konnte freilich nur mit vieler Mühe vermocht werden, in dieſer Poſition auszuharren. »Bardell contra Pickwick,« rief der ſchwarzgekleidete Herr, den zuerſt auf der Liſte ſtehenden Prozeß anmel⸗ dend. »Ich trete für die Klägerin auf, Mylord,« ſagte Serjeant Buzfuz. »Wer iſt Ihr Aſſiſtent, College Buzfuz?« fragte der Richter. Herr Skimpin verbeugte ſich, zum Zeichen, daß er es ſei. 138 Die Pickwicker. »Ich bin für den Beklagten erſchienen, Mylord,« ſagte der Serjeant Snubbin. »Haben Sie einen Aſſiſtenten, College Snubbin?« fragte der Richter. »Herr Phunky, Mylord,« entgegnete! Serjeant Snubbin. »Serjeant Buzfuz und Herr Skimpin für die Klä⸗ gerin,« ſagte der Richter, die Namen in ſein Notizen⸗ buch ſchreibend und zugleich vorleſend—»für den Be⸗ klagten Serjeant Snubbin und Herr Stinky.« »Entſchuldigen Sie, Mylord, Phunky.« »Ah,« ſagte der Richter,»ich hatte noch nie das Vergnügen, des Herrn Namen zu hören.« Herr Phunky verbeugte ſich, und lächelte, und der Richter verbeugte ſich auch und lächelte ebenfalls, und Herr Phunky wurde jetzt roth bis in das Weiße ſeiner Augen, bemüthe ſich aber auszuſehen, als wiſſe er nicht, daß Aller Blicke auf ihn gerichtet ſeien— ein Bemühen, welches noch Niemanden gelungen iſt, und wahrſcheinlich nie Jemanden gelingen wird. Der Richter gab das Zeichen, die Verhandlungen zu beginnen. Die Gerichtsdiener geboten nochmals Ruhe, und Herr Skimpin eröffnete jetzt den Fall, der als er eröffnet war, ſehr wenig in ſich zu enthalten ſchien, denn Herr Skimpin behielt die ihm bekannten beſonderen Um⸗ ſtände ganz für ſich, ſetzte ſich nach drei Minuten wieder, und ließ die Geſchwornen eben ſo weiſe, als ſie es vor⸗ her geweſen waren. Hierauf erhob ſich Serjeant Buzfuz mit aller jener Würde und Feierlichkeit, welche die ernſte Natur der Verhandlungen erheiſchte, und nachdem er Dodſon einige Worte zugeflüſtert, und auch Fogg zu Rathe gezogen — Die Pickwicker. 139 hatte, ſchob er ſeine Robe über die Schultern, ſetzte die Perücke zurecht, und redete die Geſchwornen an. Er begann damit, daß ihm nie während ſeiner Be⸗ rufslaufbahn und Erfahrung— nie, vom erſten Augenblick an, ſeitdem er ſich dem Rechtsſtudium und der Rechtspraris gewidmet— ein Fall vorgekommen ſei, der ihn ſo tief er⸗ griffen oder mit dem Gefühl der ihm auferlegten ſchweren Verantwortlichkeit ſo ſehr erfüllt habe— eine Verant⸗ wortlichkeit, unter derem Gewicht er erlegen ſein würde, wenn ihn nicht die feſte, poſitiver Gewißheit gleichkom⸗ mende Ueberzeugung aufrecht erhalten hätte, daß die Sache der Wahrheit und Gerechtigkeit, oder mit andern Worten, die Sache ſeiner grenzenlos beleidigten und ſchmählich behandelten Clientin von den edelgeſinnten und einſichtsvollen zwölf Männern, die er jetzt vor ſich ſehe, in ihrem wahren Licht erkannt werden würde. Sachwalter beginnen in der Regel auf dieſe Weiſe, weil ſie ſich dadurch auf einen guten Fuß mit den Ge⸗ ſchwornen ſetzen, und ihnen zugleich die beſte Meinung von ihrem Scharfſinn beibringen. Auch verfehlte dieſe Einleitung ihre Wirkung nicht, denn man ſah mehrere Geſchworene mit dem größten Eifer lange Notizen nie⸗ derſchreiben. »Sie haben von meinem gelehrten Freunde vernom⸗ men, meine Herren,« fuhr Serjeant Buzfuz fort, obgleich er ſehr wohl wußte, daß die Geſchwornen von ſeinem ge⸗ lehrten Freunde durchaus nichts vernommen hatten,»daß dieſes eine Klage wegen eines gebrochenen Eheverſprechens iſt, und daß die Entſchädigungsforderung ſich auf funf⸗ zehnhundert Pfund beläuft. Sie haben aber von meinem gelehrten Freunde die näheren Umſtände noch nicht ver⸗ nommen, weil es ihm nicht oblag, dieſelben mitzutheilen. 140 Die Pickwicker. 8.. Ich werde Sie Ihnen nunmehr vortragen, meine Herren, und ſie durch tadelloſe Zeugen bekräftigen laſſen.« Auf das Wort»bekräftigen« legte Serjeant Buzfuz einen beſondern Nachdruck, ſchlug dabei auf den vor ihm ſtehenden Tiſch, und blickte Dodſon und Fogg an, die ihm ihre Bewunderung zu erkennen gaben. „»Die Klägerin, meine Herren,« fuhr Serjeant Buz⸗ fuz mit ſanfter und ruhiger Stimme fort,»die Kläge⸗ rin iſt eine Wittwe; ja, meine Herren, eine Wittwe. Der ſelige Herr Bardell ſchlummerte, nachdem er ſich viele Jahre hindurch der Achtung und des Vertrauens ſeines Königs als einer der Aufſeher ſeiner Einkünfte erfreut hatte, ſanft hinüber zu der Ruhe und zu dem Frieden, die ein Zollhaus hienieden nimmermehr gewähren kann.« Bei dieſer pathetiſchen Schilderung des Todes von Herrn Bardell, der im Keller eines Wirthshauſes mit einer Bierkanne auf den Kopf geſchlagen worden war, bebte die Stimme des gelehrten Serjeant und er fuhr mit großer Rührung fort: »Einige Zeit vor ſeinem Tode beſchenkte ihn ſeine Gattin mit einem Knäblein, und mit dieſem einzigen Liebespfande des ſelig Entſchlafenen zog ſich Miſtreß Bardell von der Welt zurück in die Ruhe und Abgeſchie⸗ denheit der Goswellſtraße, und ſtellte eine geſchriebene Anzeige mit den Worten: Möbilirte Wohnung für einen einzelnen Herrn,« in das Fenſter ihres Wohn⸗ zimmers.«, Hier hielt Serjeant Buzfuz inne, während mehrere Geſchworne ſich Notizen im Betreff des beſagten Doku⸗ ments aufſchrieben.. »Hat die Anzeige kein Datum, Sir?« fragte einer der Geſchwornen. »Kein Datum, meine Herren,« erwiederte Ser⸗ — — Die Pickwicker. 141 S eant Buzfuz,»aber ich kann berichten, daß ſie gerade vor drei Jahren in das Fenſter der Klägerin geſtellt wurde. Ich muß die Aufmerkſamkeit der Herren Ge⸗ ſchwornen auf die wörtliche Abfaſſung lenken—»Meublirte Wohnung für einen einzelnen Herrn.«— Miſtreß Bar⸗ dell entnahm ihr Urtheil über das andere Geſchlecht einer langen Bekanntſchaft mit den unſchätzbaren Eigen⸗ ſchaften ihres verſtorbenen Gatten. Sie hegte weder Furcht, noch Mißtrauen, noch Argwohn— ſie wurde nur von Vertrauen und Zuverſicht beſeelt. Herr Bar⸗ dell, dachte die Wittwe bei ſich ſelbſt, Herr Bardell war ein Mann von Ehre— Herr Bardell war ein Mann von Wort— Herr Bardell war kein Lügner und Be⸗ trüger— Herr Bardell war auch einſt ein einzelner Herr— bei einzelnen Herren will ich daher Schutz, Troſt und Beiſtand ſuchen— einzelne Herren werden mich ſtets an Herrn Bardell erinnern, wie er war, als er zuerſt meine Liebe und mein noch unerfahrenes Herz gewann— an einen einzelnen Herren will ich daher meine Wohnung vermiethen.« „Durch ſo ſchöne und rührende Antriebe geleitet, die zu den beſten unſerer unvollkommnen Natur gehören, meine Herren, trocknet die einſame und verlaſſene Wittwe ihre Thränen— meublirt ihre Zimmer im erſten Stock⸗ werk— drückt ihren unſchuldigen Knaben an ihr mütter⸗ liches Herz, und ſtellt die Anzeige an ihr Fenſter.— Blieb ſie dort lange ſtehen? Nein.— Die Schlange lauerte bereits auf ihre Beute— die Zündlinie war ge⸗ legt— die Mine war gegraben— der Mineur und Sap⸗ peur waren in voller Arbeit. Kaum ſtand die Anzeige drei Tage in dem Fenſter— drei Tage, Gentlemen— als ein Geſchöpf auf zwei Beinen, das ganz die äußere Geſtalt eines Menſchen und Mannes, nicht die eines 142 Die Pickwicker. Ungeheuers hat, an die Thür von Miſtreß Bardell an⸗ klopfte. Er erkundigt ſich, miethet die Wohnung, und bezieht ſie am nächſtfolgenden Tage. Dieſer Mann war Pickwick— Pickwick, der Beklagte.« Serjeant Buzfuz hatte mit einer ſolchen Zungen⸗ geläufigkeit geſprochen, daß ſein Geſicht ganz karmoiſinroth geworden war, und er hier inne halten mußte, um Athem zu ſchöpfen. Sein Schweigen erweckte den Richter Sca⸗ releigh aus ſeinem Schlummer, der ſofort mit einer Feder ohne Dinte zu ſchreiben begann, und eine ſehr nachdenkende Miene annahm, um die Geſchwornen glauben zu machen, er habe nur die Augen geſchloſſen, damit er die Sache reiflicher bei ſich überlegen könne. Serjeant Buzfuz fuhr fort: »Von dem erwähnten Pickwick werde ich nur wenig ſagen; der Gegenſtand bietet keine ſonderlichen Reize dar, und ich bin nicht der Mann, und Sie, Gentlemen, ſind die Männer nicht, die mit Luſt bei Betrachtung zurückſtoßender Gefühlloſigkeit und ſyſtematiſchen Wort⸗ bruchs verweilen möchten.« Hier fuhr Herr Pickwick, der bis dahin ſich ruhig Notizen niedergeſchrieben hatte, heftig empor, als ob er die Abſicht hege, mitten im ehrwürdigen Gerichtsſaal über Serjeant Buzfuz herzufallen. Ein abmahnender Wink Perkers hielt ihn jedoch zurück, und er hörte die ferneren Erörterungen des gelehrten Serjeanten mit einer Entrüſtung an, die den ſtärkſten Gegenſatz zu der Be⸗ wunderung bildete, welche ſich in den Zügen von Miſtreß Cluppins und Miſtreß Sanders malte. »Ich ſage, ein ſyſtematiſcher Wortbruch, meine Her⸗ ren,« fuhr Serjeant Buzfuz fort, indem er Herrn Pick⸗ wick mit durchbohrendem Blick anſah,»und wenn ich ſyſtematiſcher Wortbruch ſage, ſo laſſen Sie mich den Beklagten, Pickwick, wenn er ſich hier unter uns befin⸗ Die Pickwicker. 143 det, was, wie ich gehört habe, der Fall iſt— laſſen Sie mich dem Beklagten zurufen, daß es wohl verſtändiger und geziemender, verſtändiger und rechtlicher von ihm geweſen wäre, wenn er ſich fern gehalten hätte. Laſſen Sie mich ihm ſagen, meine Herren, daß jedes Zeichen von Meinungsverſchiedenheit und Mißbilligung, welches er ſich hier im Gerichtsſaal erlauben möchte, für Sie nicht verloren ſein wird, daß Sie es zu würdigen und zu beachten wiſſen werden, und laſſen Sie mich ihm ferner ſagen, wie Seine Herrlichkeit es Ihnen ebenfalls ſagen wird, meine Herren, daß ein Sachwalter in der Erfüllung ſeiner Pflichten gegen ſeine Clienten ſich weder einſchüchtern, noch zurückſchrecken, noch zum Stillſchwei⸗ gen bringen läßt, und daß jeder Verſuch, das Eine oder das Andere zu thun, auf das Haupt deſſen zurückfällt, der den Verſuch wagt, ſei es nun der Kläger oder Be⸗ klagte, möge er Pickwick oder Noakes oder Stoakes, Niles, Brown oder Thompſon heißen.« Dieſe kleine Abſchweifung von der Sache verfehlte natuͤrlich die beabſichtigte Wirkung nicht, Aller Augen auf Herrn Pickwick zu lenken. Nachdem Serjeant Buz⸗ fuz der moraliſchen Entrüſtung, von welcher er ſich hatte fortreißen laſſen, wieder Meiſter geworden war, fuhr er fort: »Ich werde Ihnen nachweiſen, meine Herren, daß Pickwick zwei Jahre fortwährend und ohne Unterbrechung in dem Hauſe der Miſtreß Bardell wohnte; ich werde Ihnen nachweiſen, daß Miſtreß Bardell während der ganzen Zeit ihm aufwartete, für ihn kochte, ſein Weiß⸗ zeug beſorgte, und mit einem Wort, ſich ſeines vollkom⸗ menſten Vertrauens erfreute. Ich werde nachweiſen, daß er ihren kleinen Knaben mehrere Male mit einem halben Pence und einige Mal ſelbſt mit ſechs Pence 144 Die Pickwicker. beſchenkte; ich werde durch ein unverwerfliches Zeugniß darthun, daß er den Knaben auf die Wange klopfte, und nachdem er ihn gefragt, ob eer kürzlich Knippkügelchen oder Knicker(beides, wie ich vernehme, eine beſondere Art marmorner Kugeln, die von der Jugend dieſer Stadt ſehr geſchätzt werden) gewonnen habe, ſich folgender be⸗ merkenswerther Worte bediente:»Wie würde es Dir ge⸗ fallen, wenn Du wieder einen Vater bekämſt?«— Ich werde ferner nachweiſen, meine Herren, daß ungefähr vor einem Jahre Pickwick plötzlich mehrere Male auf längere Zeit verreiſete, als ſei es ſeine Abſicht, das Ver⸗ hältniß mit meiner Clientin allmählig aufzulöſen, aber ich werde zugleich nachweiſen, daß er ſich in dieſem Ent⸗ ſchluß damals noch nicht hinreichend befeſtigt hatte, oder daß ſeine beſſeren Gefühle— wenn er deren überhaupt hat— oder daß die Reize und Tugenden meiner Clientin ihn wankend machten, denn ich werde den Umſtand über allen Zweifel erheben, daß, als er einſt von einer Reiſe zurückkehrte, er in deutlichen Ausdrücken und in aller Form ihr einen Heiraths⸗Antrag machte, wobei er frei⸗ lich die beſondere Fürſorge getroffen hatte, daß bei dem feierlichen Verſprechen keine Zeugen zugegen waren.— Ja, ich bin im Stande, den Beweis zu führen, und zwar durch das Zeugniß von Dreien ſeiner genaueſten Freunde — das Zeugniß unfreiwilliger, höchſt unfreiwilliger Zeu⸗ gen, meine Herren— daß er an demſelben Morgen die Klägerin in ſeinen Armen umfaßt hielt, und ſich bemühte, ihre Aufregung durch Schmeicheleien und Liebkoſungen zu beſchwichtigen.« Dieſer Theil der Rede des gelehrten Serjeauten hatte einen ſichtlichen Eindruck bei den Zuhörern hervor⸗ gebracht. Er zog zwei ſchmale Papierſtreifen herbor, und fuhr fort: Die Pickwicker. 145 »Jetzt noch ein Wort, meine Herren. Zwei Briefe wurden zwiſchen den Parteien gewechſelt; Briefe, deren Handſchrift der Kläger als die ſeinige erkennt, und deren Inhalt höchſt wichtige Aufſchlüſſe giebt. In dieſen Brie⸗ fen ſpricht ſich zugleich deutlich der Charakter des Man⸗ nes aus. Er redet nicht frei und offen die Sprache glü⸗ hender Leidenſchaft— nein, es ſind verſteckte Mitthei⸗ lungen, halbe zweideutige Worte, aus denen aber glück⸗ licher Weiſe viel mehn zu entnehmen iſt, als wenn ſie in der glühendſten Sprache und mit poetiſchem Schwung abgefaßt wären— Briefe, die genau und mit ſcharfem Blick geprüft werden müſſen— Briefe, durch welche Pickwick offenbar beabſichtigte, dritte Perſonen, in deren Hände ſie fallen möchten, zu täuſchen, oder auf eine falſche Spur zu leiten. Laſſen Sie mich Ihnen den er⸗ ſten dieſer Briefe vorleſen: „Garraway, um zwölf Uhr. Liebe Miſtreß Bardell— Kotelettes und Tomaka⸗ Sauce. Der Ihrige. Pickwick.⸗ »Was will das ſagen, meine Herren?— Kotelettes und Tomata⸗Sauce.— Der Ihrige Pickwick!— Ko⸗ telettes!— guͤtiger Himmel— und Tomata⸗Sauce!— Meine Herren, ſoll das Lebensglück einer tugendhaften und argloſen Wittwe durch ein ſo leicht zu durchſchauen⸗ des Kunſtgewebe vernichtet werden? Das zweite Billet hat durchaus keine Orts⸗ oder Zeit⸗Bezeichnung, was an ſich ſelbſt ſchon Verdacht erregt. Es lautet: „»Liebe Miſtreß Bardell.— Ich werde erſt morgen wiederkommen. Langſame Kutſche.« »Und hierauf folgt dann der bemerkenswerthe Zuſatz: »Machen Sie ſich keine Sorge um die Wärmflaſche.« Die Pickwicker. IV. 10 3 146 Die Pickwicker. „»Die Wärmflaſche! Wer, von allen Menſchenkin⸗ dern, meine Herren, wer macht ſich Sorgen um eine Wärmflaſche? Wann wurde je der Seelenfriede eines Mannes oder einer Frau durch eine Wärmflaſche, die an ſich ſelbſt ein harmloſes, nützliches, und ich füge hinzu, meine Herren, ein komfortables Hausgeräth iſt, geſtört oder vernichtet? Weshalb wird Miſtreß Bardell ſo an⸗ gelegentlich erſucht, ſich keine Sorgen um die Wärmflaſche zu machen, wenn dieſe nicht, wie es hier offenbar der Fall—»eine Umſchreibung für verborgenes Feuer« iſt, oder die Stelle einer zärtlichen Benennung oder eines Verſprechens vertritt, gemäß einem verabredeten Corre⸗ ſpondenz⸗Syſteme, das Pickwick mit Vorbedacht und in Rückſicht auf ſeine ſchon lange beabſichtigte Treuloſigkeit ausgeheckt, und ich näher zu erklären nicht im Stande bin. Und was mag der Sinn der Anſpielung auf die langſame Kutſche ſein? So weit ich ihn zu durchſchauen vermag, bezieht ſie ſich auf Pickwick ſelbſt, der in der That während des ganzen Verhältniſſes eine ſehr lang⸗ ſame Kutſche geweſen, eine Kutſche, deren Lauf jedoch nunmehr ſehr unerwartet beſchleunigt, und deren Räder, wie er auf ſeine Koſten erfahren wird, von Ihnen, meine Herren, ſehr bald geſchmiert werden möchten.« Herr Serjeant Buzfuz hielt hier inne, um zu ſehen, ob die Geſchwornen ſeinen Scherz belächelten; da dies jedoch von Niemand als dem Gewürzkrämer geſchah, deſſen Empfänglichkeit für den witzigen Einfall des Ser⸗ jeanten vielleicht dadurch hervorgerufen wurde, daß er noch vor wenig Stunden die Räder eines Wagens mit Fett aus ſeinem eigenen Laden verſehen, ſo hielt der ge⸗ lehrte Redner es für rathſam, vor dem Schluſſe ſeines Vortrags noch einmal das Mitleiden und die Theilnahme ſeiner Zuhörer in Anſpruch zu nehmen. 2 — —=— * — 88 ☛— uG⏑◻‿—ℳõ — Die Pickwicker. 147 »Doch genug hiervon, meine Herren,« fuhr er fort; ves iſt ſchwer, mit blutendem Herzen zu lächeln; es iſt nicht leicht, zu ſcherzen, wenn unſere tiefſten Gefühle und Sympathien erweckt wurden. Die Hofſnungen und Ausſichten meiner Clientin ſind dahin, und es iſt keine bloße Redensart, wenn ich ſage, daß es mit ihrem Lebens⸗ unterhalt derſelbe Fall iſt. Die Anzeige ſteht nicht mehr am Fenſter— aber es wohnt dennoch kein einzelner Herr im Hauſe. Täglich gehen paßliche einzelne Herren vorüber— aber es iſt keine Einladung mehr vorhanden, das Haus u beziehen, in welchem jetzt düſteres Schwei⸗ gen herrſcht; ſelbſt die muntere Stimme des Knaben verſtummt, der ſeine kindlichen Spiele aufgiebt, wenn er ſeine Mutter bittere Thränen vergießen ſieht. Aber Pickwick, meine Herren, Pickwick, der grauſame Zerſtörer dieſer häuslichen Oaſe in der Wüſte der Goswellſtraße — Pickwick, der die friſche Quelle verſtopft, und Aſche auf den Raſen geſtreut hat— Pickwick, der mit ſeiner Tomata⸗Sauce und ſeiner Wärmflaſche heute vor Ihnen erſcheint— Pickwick hebt noch immer ſein Haupt mit frecher Schamloſigkeit empor, und blickt ohne einen Seufzer auf die Verwüſtung hin, die er angerichtet hat. Eine Geld⸗Entſchädigung, meine Herren, eine bedeutende Geld⸗Entſchädigung iſt die einzige Strafe, welche Sie ihm auferlegen, das Einzige, wodurch Sie die Lage mei⸗ ner Clientin einigermaßen erleichtern können, und um dieſe Geld⸗Entſchädigung wendet ſie ſich jetzt an eine erleuchtete, edelgeſinnte, gewiſſenhafte und unparteiiſche Jury ihrer einſichtsvollen Mitbürger.« Mit dieſer ſchö⸗ nen Wendung ſetzte ſich Serjeant Buzfuz nieder, und der Richter Scareleigh erwachte abermals aus ſeinem Schlummer. Der Serjeant Buzfuz ließ hierzuf die Zenginnen 10* 148 Die Pickwicker. vorrufen, nämlich Eliſabeth Cluppins, Eliſabeth Duppins, Eliſabeth Jupkins und Eliſabeth Muffins. Mittlerweile wurde Miſtreß Cluppins vermittelſt der vereinigten Hülfe von Miſtreß Bardell, Miſtreß Sanders, Herrn Dodſon und Herrn Fogg in die Zeugen⸗ loge bugſirt, und als ſie ſicher auf die oberſte Stufe gelangt war, ſtand Miſtreß Cluppins an der unterſten mit ihrem Taſchentuch in der einen, und einer Flaſche in der andern Hand, welche ungefähr ein viertel Quart Riechſalz enthalten mochte. Miſtreß Sanders, deren Blicke feſt auf das Antlitz des Richters gewendet waren, ſtellte ſich mit dem großen Regenſchirm dicht neben ſie, und hielt ebenfalls Stärkungsmittel in Bereitſchaft. »Miſtreß Cluppins,« nahm Serjeant Buzfuz das Wort, vich bitte, faſſen Sie ſich, Madame,« und natür⸗ lich fing Miſtreß Cluppins jetzt noch heftiger an zu ſchluchzen und zu weinen, und zeigte mehrere beunruhi⸗ gende Symptome einer herannahenden Ohnmacht, denn ſie konnte, wie ſie ſpäter ſagte, ihre Gefühle kaum über⸗ wältigen. »Erinnern Sie ſich, Miſtreß Cluppins,« ſagte Ser⸗ jeant Buzfuz nach einer weniger wichtigen Frage,»erin⸗ nern Sie ſich, an einem gewiſſen Morgen im Juli in einem Hinterſtübchen von Miſtreß Bardell geweſen zu ſein, als ſie das Zimmer des Herrn Pickwick ausſtäubte?« »Ja, Mylord, und meine Herren Geſchwornen, ich erinnere mich,« erwiederte Miſtreß Cluppins. „»Herrn Pickwicks Wohnzimmer lag ja wohl nach der Straße zu?«. „»Ja, Sir,« entgegnete die Befragte. »Was hatten Sie aber in dem Hinterſtübchen zu thun?« fragte der kleine Richter. »Mylord, und meine Herren Geſchwornen,« ſagte * — Die Pickwicker. 149 Miſtreß Cluppins mit intereſſanter Erregtheit,»ich will Sie nicht täuſchen.« »Sie würden auch nicht wohl daran thun, Madame,« bemerkte der kleine Richter. »Ich war dort, ohne daß Miſtreß Bardell es wußte. — Ich war mit einem kleinen Korbe ausgegangen, meine Herren, um drei Pfund rothe Nierenkartoffel zu kaufen, was für die drei Pfund zwei und einenhalben Penny macht, als ich die Hausthür von Miſtreß Bardell offen ſtehen ſah. Ich ging alſo hinein, meine Herren, um ihr eben guten Morgen zu ſagen, wie es meine Gewohnheit i*ſt, und ſtieg die Treppe hinauf, weil ſie nicht unten war. Als ich in das Hinterſtübchen trat, Mylord und meine Herren Geſchwornen, hörte ich Stimmen in dem Zimmer nach der Straße zu.. „»Und Sie horchten, Miſtreß Cluppins?« unterbrach ſie Serjeant Buzfuz. »Entſchuldigen Sie, Sir,« entgegnete Miſtreß Clup⸗ pins mit edlem Stolz,»ſo etwas iſt tief unter meiner Würde.— Die Stimmen waren ſehr laut, Sir, und drangen ſich mit Gewalt meinen Ohren auf.« »Gut, Miſtreß Cluppins; Sie horchten nicht, hör⸗ ten aber die Stimmen. War eine derſelben die des Herrn Pickwick?« „Ja, Sir!« Miſtreß Cluppins trug jetzt das Geſpräch zwiſchen Herrn Pickwick und Miſtreß Bardell, welches unſern Leſern bereits bekannt iſt, mit vielen Umſchweifen, und durch einige Fragen unterbrochen, vor. M Die Geſchwornen machten bedenkliche Mienen, und Serjeant Buzfuz lächelte und ſetzte ſich nieder. Noch verhängnißvoller wurden die Mienen der Geſchwornen, als Serjeant Snubbin erklärte, er ſeines Theils werde * 150 Die Pickwicker. die Zeugin nicht weiter befragen, denn Herr Pickwick könne nicht umhin, einzugeſtehen, daß ihre Ausſage im⸗ Weſentlichen auf Wahrheit beruhe. Da Miſtreß Cluppins einmal das Eis gebrochen hatte, ſo mochte ſie dies für eine günſtige Gelegenheit halten, die Zuhörer mit ihren eigenen häuslichen Ange⸗ legenheiten näher bekannt zu machen; ſie eröffnete daher, daß ſie Mutter von acht Kindern ſei, und die Hoffnung nähren dürfe, etwa nach ſechs Monaten Herrn Cluppins mit einem neunten zu beſchenken. Bei dieſer intereſſan⸗ ten Mittheilung legte ſich der kleine Richter zornig ins Mittel, und die Folge davon war, daß die würdige Dame unter Begleitung des Herrn Jackſon äußerſt höflich aus dem Gerichtsſaal geführt wurde. „Nathaniel Winkle!« rief Herr Skimpin. »Hier!« erwiederte eine ſchwache Stimme, und Herr Winkle begab ſich in die Zeugenloge. Nachdem ihm der Eid abgenommen worden war, verbeugte er ſich ehrer⸗ bietig vor dem Richter. »Blicken Sie nicht mich an, Sir, ſondern die Ge⸗ ſchwornen,« rief ihm ſtatt Danks der Richter in verwei⸗ ſendem Ton zu. Herr Winkle gehorchte, und ſah nach der Stelle hin, wo er die Geſchwornen am wahrſcheinlichſten ver⸗ muthete, denn in ſeinem betäubten und verwirrten Zu⸗ ſtande war es ihm durchaus unmöglich, irgend etwas zu ſehen. Herr Winkle ward darauf durch Herrn Skimpin befragt, welcher als ein vielverſprechender junger Sach⸗ walter von dreiundvierzig Jahren ſich natürlich alle mög⸗ liche Mühe gab, einen Zeugen ſo viel als möglich in Verwirrung zu bringen, der, wie man wußte, zu Gunſten der Gegenpartei geſtimmt war. — — —— — Die Pickwicker. 4 151 »Haben Sie die Güte, Sir,« begann er,»Seiner Herrlichkeit und der Jury Ihren Namen anzugeben.⸗« Herr Skimpin neigte den Kopf auf die eine Seite, um die Antwort recht genau zu hören, und warf dabei den Geſchwornen einen Seitenblick zu, der deutlich genug ſagte, bei Herrn Winkle’s natürlichem Hange zur Un⸗ wahrheit könne man auch die Angabe eines falſchen Na⸗ mens von ihm erwarten. »Winkle!« erwiederte der Zeuge. »Ihr Taufname, Sir?« fragte der kleine Richter verdrießlich.— „Nathaniel, Sir.« „Daniel— haben Sie noch andere Taufnamen?⸗ »Nathaniel, Sir— Mylord, wollte ich ſagen.⸗ »Nathaniel Daniel, oder Daniel Nathaniel?« »Nein, Mylord, nur Nathaniel— Daniel gar nicht.« „»Weßhalb ſagten Sie mir denn, daß Sie Daniel hießen, Sir?⸗ »Das habe ich wirklich nicht geſagt, Mylord.« Allerdings haben Sie es geſagt, Sir,« erwiederte der Richter mit ſtrengem Stirnrunzeln,»wie hätte ich ſonſt Daniel hier notiren können. Gegen dieſes Argument läßt ſich natürlich nichts einwenden. 1 »Herr Winkle hat ein etwas kurzes Gedächtniß, Mylord,« ſiel Herr Skimpin mit einem abermaligen Seitenblick nach den Geſchwornen ein.»Ich denke aber, wir werden Mittel finden, es anzufriſchen, bevor wir mit ihm fertig ſind.« »Nehmen Sie ſich in Acht, Sir,« rief der kleine Richter dem Zeugen mit drohendem Blick zu. Der arme Winkle verbeugte ſich, und bemühte ſich, unbefangen auszuſehen, was ihm in ſeiner Verlegenheit 152 Die Pickwicker. und Verwirrung einigermaßen das Anſehen eines ertapp⸗ ten Taſchendiebs gab. »Jetzt, Herr Winkle,« ſagte Herr Skimpin,»geben Sie gefälligſt auf meine Fragen Acht, und folgen Sie um Ihrer ſelbſt willen meinem Rath, der Ermahnungen Seiner Herrlichkeit eingedenk zu ſein. Ich glaube, Sie ſind ein vertrauter Freund von dem Beklagten, Herrn Pickwick, nicht wahr?« »Ich kenne Herrn Pickwick, ſo viel ich mich in die⸗ ſem Augenblick zu entſinnen vermag, faſt—« »Ich muß bitten, Herr Winkle, keine ausweichende Antworten zu geben. Sind Sie ein vertrauter Freund des Beklagten oder ſind Sie es nicht, Sir?« »Ich wollte nur eben ſagen, daß—« »Wollen Sie meine Frage beantworten oder nicht, Sir 2« „»Wenn Sie die Frage nicht beantworten, ſo werde ich Sie verhaften laſſen, Sir,« fiel der kleine Richter, über ſein Notizenbuch blickend, ein. »Ja oder nein, wenn es Ihnen beliebt,« fuhr Skim⸗ pin fort. »Ja, ich bin es,« erwiederte Herr Winkle. »So! und weßhalb ſagten Sie es nicht gleich, Sir? Vielleicht kennen Sie auch die Klägerin— wie, Herr Winkle 2« »Ich kenne ſie nicht, habe ſie nur geſehen.« »Ah, Sie kennen ſie nicht, und haben ſie nur ge⸗ ſehen? Erklären Sie gefälligſt den Herren Geſchwornen, was Sie damit meinen, Herr Winkle.« »Ich meinte damit, daß ich nicht genauer mit ihr bekannt bin, ſie aber geſehen habe, wenn ich Herrn Pickwick in der Goswellſtraße beſuchte.« »Wie oft haben Sie ſie geſehen?2 Die Pickwicker.* 153 „»Wie oft 2« 1 »Ja, Herr Winkle, wie oft? Ich will Ihnen die Frage ein Dutzenmal wiederholen, wenn Sie es wün⸗ ſchen, Sir.« Der gelehrte Herr ſtemmte hierbei die Hände in die Seiten und runzelte die Stirn. Die Frage veranlaßte das bei ſolchen Gelegenheiten gewöhnliche erbauliche Geſchraube. Zuförderſt ſagte Winkle, er könne unmöglich angeben, wie oft er Miſtreß Bardell geſehen habe. Dann wurde er befragt, ob er ſie wohl zwanzigmal geſehen habe, und er erwiederte:»Ge⸗ wiß— wohl noch öfter.« Hierauf legte man ihm die Frage vor, ob er ſie hundertmal geſehen— ob er beſchwören könne, ſie mehr als funfzigmal geſehen zu haben— ob er nicht wiſſe, daß er ſie wenigſtens fünfundſiebzigmal geſehen, und ſo fort. Alles dieſes führte endlich zu dem befriedigenden Schluß, daß man ihn nochmals ermahnte, wohl zu überlegen, was er ſage, und ſich nicht in Wider⸗ ſprüche zu verwickeln. Herr Winkle war hierdurch immer verlegener und verwirrter geworden, und ſein Inquirent fuhr fort, wie folgt: »Erinnern Sie ſich, Sir, an einem Morgen im Juli des vorigen Jahres den Beklagten Pickwick in ſei⸗ ner Wohnung bei Miſtreß Bardell beſucht zu haben?« »Ja, ich erinnere mich.« »Wurden Sie bei der Gelegenheit von einem Freunde, Namens Tupman und einem andern, Namens Snod⸗ graß begleitet?« »Ia.« »Sind die Herren anweſend?« »Ja,« erwiederte Herr Winkle und ſuchte ſeine Freunde mit den Augen. »Blicken Sie gefälligſt mich an, Herr Winkle, und nicht ihre Freunde,« ſagte Herr Skimpin, indem er den — 154 Die Pickwicker. 8 Geſchwornen bedeutſam zulächelte.»Ihre Freunde müſ⸗ ſen ihre Ausſage ohne vorgängige Berathung mit Ihnen ablegen, wenn eine ſolche nicht etwa längſt ſtattgefunden hat.(Ein abermaliger Seitenblick auf die Geſchwornen.) Was ſahen Sie an jenem Morgen im Zimmer des Be⸗ klagten, Sir?— Heraus damit, Sir, wir werden es früh oder ſpät doch erfahren.« »Herr Pickwick hielt Miſtreß Bardell in den Armen, die er um ihren Leib geſchlungen hatte,« erwiederte. Herr Winkle mit ſehr natürlichem Zögern,»und Miſtreß Bar⸗ dell ſchien in Ohnmacht gefallen zu ſein.« »Hörten Sie den Beklagten etwas ſagen 2« »Ich hörte, daß er Miſtreß Bardell eine liebe Frau nannte, und ſie bat, ruhig zu ſein, denn was man glau⸗ ben müſſe, wenn Jemand käme oder ähnliche Worte.⸗ »Ich habe Ihnen jetzt nur noch eine einzige Frage vorzulegen, Herr Winkle, und bitte Sie, Seiner Herr⸗ lichkeit Ermahnung wohl eingedenk zu ſein. Wollen Sie beſchwören, daß der Beklagte bei der fraglichen Gelegen⸗ heit nicht ſagte: Meine theure Miſtreß Bardell, Sie ſind eine liebe Frau; beruhigen Sie ſich; ich kann es nicht glauben, daß es ſobald dazu kommen wird,“ oder dem ähnliche Worte.«. »Ich— ich verſtand es nicht ſo,« ſagte Herr Winkle, erſtaunt uͤber die ſinnreiche Entſtellung der weni⸗ gen Worte, die er vernommen hatte.»Ich war auf der Treppe, und konnte nicht deutlich hören, glaube aber verſtanden zu haben, wie ich vorhin ſagte.« »Die Herren Geſchwornen begehren nicht zu wiſſen, was Sie verſtanden zu haben glauben, Herr Winkle,« unterbrach ihn Herr Skimpin.»Sie waren alſo auf der Treppe, und verſtanden nicht deutlich, wollen aber nicht beſchwören, daß der Beklagte der von mir erwähn⸗ — 2 Die Pickwicker. 155 ten Ausdrucke ſich nicht bedient hat?— Habe ich es ſo zu verſtehen 2« »Nein, ich will es nicht beſchwören,« entgegnete Herr Winkle, und Skimpin ſetzte ſich mit triumphiren⸗ der Miene nieder. Herrn Pickwicks Sache hatte bis jetzt keine ſo glück⸗ liche Wendung genommen, daß ſie noch mehr ungünſtige Umſtände füglich ertragen konnte. Herr Phunky glaubte jedoch, ſie ſei vielleicht noch in ein beſſeres Licht zu ſtel⸗ len, wenn er nun auch ſeinerſeits Herrn Winkle Fragen vorlege. Ob er ihm noch etwas Wichtiges entlockte, wird ſich gleich ergeben. »„Ich glaube, Herr Winkle,⸗ begamn er,»daß Herr Pickwick kein junger Mann mehr iſt?« »Daß nicht,« erwiederte Herr Winkle;»er iſt alt genug, um mein Vater ſein zu können.« »Sie ſagten meinem gelehrten Freunde, Sie hätten Herrn Pickwick ſeit langer Zeit gekannt. Hatten Sie je Grund zu vermuthen, oder zu glauben, daß er ſich zu verheirathen beabſichtige 2« »Nie, niemals,« erwiederte Herr Winkle ſo eifrig, daß ihn Herr Phunky je eher deſto lieber aus der Zeu⸗ genloge hätte entfernen mögen. Die Rechtsgelehrten hal⸗ ten dafür, daß es zwei Arten beſonders ſchlechter Zeugen gäbe; die zu wenig und die zu viel ſagen. Es war Herrn Winkle's Schickſal, beide Arten in ſich zu vereinigen. »Ich habe noch eine Frage zu ſtellen, Herr Winkle,⸗ fuhr Herr Phunky ſehr ſanft und höflich fort. Bemerk⸗ ten Sie je etwas in dem Benehmen des Herrn Pickwick gegen das andere Geſchlecht, was Sie hätte veranlaſſen können, zu vermuthen oder zu glauben, daß er in den letzten Jahren überhaupt Heirathsgedanken hegte?« »O nein, durchaus nicht,« entgegnete Herr Winkle. 156 Die Pickwicker. »War ſein Benehmen gegen Frauenzimmer nicht vielmehr das eines Mannes, welcher ſie, ziemlich in Jah⸗ ren vorgerückt und nur an ſeine Geſchäfte und Vergnü⸗ gungen denkend, mehr behandelt, wie ein Vater ſeine Töchter2« »Ohne den mindeſten Zweifel,« verſetzte Herr Winkle mit lebhaftem Eifer.»Das heißt— ja— o ja— gewiß!« »Sie nahmen alſo in ſeinem Benehmen gegen Mi⸗ ſtreß Bardell oder gegen irgend ein anderes Frauenzim⸗ mer nie etwas irgend Verdäͤchtiges wahr?« fragte Herr Phunky, und wollte ſich eben niederſetzen, denn Snubbin hatte ihm einen Wink gegeben.— »Das wohl nicht,« entgegnete Herr Winkle etwas unentſchieden,»außer in einem einzigen unbedeutenden Fall, der, wie ich nicht im Geringſten zweifle, ſich leicht wird aufklären laſſen.« Dieſe unſelige Ausſage würde Herrn Winkle nicht entlockt worden ſein, wenn Phunky ſich gleich nieder⸗ geſetzt hätte, als Serjeant Snubbin ihm zuwinkte, oder wenn Serjeant Buzfuz gleich zu Anfang dieſem unſtatt⸗ haften Zeugenbefragen entgegengetreten wäre, was er jedoch aus guten Granden unterlaſſen hatte, da ihm Winkles Verwirrung nicht entging, und er die Hoff⸗ nung hegte, derſelbe werde etwas ausſagen, daß ihm für ſeine Clientin von Nutzen ſein könne. Sobald Herrn Winkle die verhängnißvollen Worte entſchlüpft waren, rief Serjeant Snubbin ihm im größten Eifer zu, er möge die Zeugenloge verlaſſen, wozu Jener ſich auch be⸗ reitwillig anſchickte, als Serjeant Buzfuz ihm zurief: »Bleiben Sie, Herr Winkle— bleiben Sie noch. Wollen Eurer Herrlichkeit die Güte haben, ihn zu fra⸗ gen, welches der einzige unbedeutende Fall war, der ihm Mißtrauen gegen dieſen Herrn, der alt genug iſt, um Die Pickwicker. 157 ſein Vater ſein zu können, in Beziehung auf deſſen Be⸗ nehmen gegen Frauenzimmer einflößen konnte. »Sie hören, was der gelehrte Herr ſagt,« bemerkte der Richter, ſich an den von neuem Schreck ergriffenen Winkle wendend.»Erklären Sie ſich deutlicher über jenen, ihrer Anſicht nach, unbedeutenden Fall.«⸗ »Mylord,« entgegnete Winkle, vor innerer Aufre⸗ gung zitternd,»ich— ich möchte es lieber nicht ſagen.« »Das iſt wohl möglich,« erwiederte der kleine Rich⸗ ter, vaber Sie werden ſich erklären müſſen.« Unter dem tiefſten Stillſchweigen der ganzen Ver⸗ ſammlung ſagte Herr Winkle zögernd und ſtotternd, der einzige unbedeutende Vorfall, der möglicherweiſe gegen Herrn Pickwick hätte Verdacht erregen können, ſei der geweſen, daß ihn eine Dame um Mitternacht in ihrem Schlafzimmer gefunden habe, und ſo viel ihm bekannt, ſei in Folge deſſen die Verbindung der beſagten Dame mit ihrem Verlobten aufgelöſit worden, auch wiſſe er beſtimmt, daß alle dabei Betheiligten mit Gewalt vor George Nupkins, dem Friedensrichter und Mayor von Ipswich, geführt worden ſeien. »Jetzt können Sie die Zeugenloge verlaſſen, Sir,« ſagte Serjeant Snubbin. Herr Winle verließ ſie, und rannte beſinnungslos nach dem Georg und Geier, wo ihn der Kellner einige Stunden ſpäter jammervoll ſtöh⸗ nend und ächzend mit dem Kopf in den Sofakiſſen be⸗ graben liegend entdeckte.. Tracy Tupman, und Auguſtus Snodgraß wurden einer nach dem andern in die Zeugenloge berufen; Beide beſtätigten die Ausſage ihres unglücklichen Freundes, und Beide wurden ebenfalls durch verfängliche Fragen ganz außer Faſſung gebracht. Darauf ward Suſanna Sanders heruffn, und zuerſt Die Pickwicker. von Serjeant Buzfuz, und dann von Serjeant Snubbin befragt. Sie hatte immer geſagt und geglaubt, Herr Pickwick werde Miſtreß Bardell heirathen; ſie wußte, daß nach der Ohnmacht im vergangenen Juli die ganze Nachbarſchaft von nichts anderm ſprach, und hatte dieſes ſelbſt von Miſtreß Mudberry, die ſich mit Mangeln, und von Miſtreß Bunkin, die ſich mit feiner Wäſche be⸗ ſchäftige, mehr als einmal ſagen hören, obgleich ſie zu ihrer Verwunderung keine von Beiden im Gerichtshof erblickte. Sie hatte Herrn Pickwick den kleinen Maſter Bardell fragen hören, wie es ihm gefallen würde, wenn er wieder einen Vater bekäme. Sie erklärte ferner, ſie habe nichts davon gewußt, daß Miſtreß Bardell um jene Zeit ſehr vertraut mit dem Bäcker geweſen; dagegen ſei es ihr wohl bekannt, daß der Bäcker damals im eheloſen Stande gelebt, ſich jetzt aber verheirathet habe. Sie konnte nicht darauf ſchwören, ob Miſtreß Bardell dem Bäcker ſehr gewogen geweſen; ſollte aber meinen, der Bäcker müſſe ſich nicht ſonderlich viel aus Miſtreß Bar⸗ dell gemacht haben, weil er ſonſt wohl nicht eine andere geheirathet haben würde; ſie glaube, Miſtreß Bardell möge an jenem Juli⸗Morgen in Ohnmacht gefallen ſein, weil Herr Pickwick in ſie gedrungen, den Hochzeitstag zu beſtimmen; erinnerte ſich ſehr wohl, daß ſie(die Zeu⸗ gin) wie todt niedergefallen ſei, als Herr Sanders Sie bat, den Tag feſtzuſetzen, und glaubte, daß dieſes bei jeder anſtändigen Frauensperſon unter ähnlichen Umſtän⸗ den der Fall ſein werde. Sie hatte ferner gehört, wie Herr Pickwick den Knaben über die Klicker und Knipp⸗ kügelchen befragte, wußte aber auf ihren Eid den Unter⸗ ſchied zwiſchen einem Klicker und einem Knippkügelchen nicht genau anzugeben. Von dem Richter befragt, gab ſie noch folgende 7. —;—;;—————— ——Q———— Die Pickwicker. 159 Auskunft in Beziehung auf die an Miſtreß Bardell ge⸗ richteten Billets des Herrn Pickwick:»Herr Sanders habe in ſeiner Correſpondenz mit ihr zwar oft ein Hühn⸗ chen aber niemals Kotelettes, oder Tomata⸗Sauce ge⸗ nannt. Er habe die Hühnchen beſonders gern geſpeiſt, und es könne leicht ſein, daß, wenn er eben ſo gern Kotelettes und Tomata⸗Sauce gegeſſen, er ſich dieſer Ausdrücke liebkoſend gegen ſie bedient haben würde.« Serjeant Buzfuz erhob ſich jetzt mit noch größerer Würde, als je zuvor, wenn dieſes überhaupt möglich war, und rief:»Samuel Weller!« Er hätte gar nicht nöthig gehabt, ſo laut zu ſchreien, denn ſobald Sam ſeinen Namen hörte, eilte er in die Zeugenloge. Er legte ſei⸗ nen Hut neben ſich, die Arme auf das Geländer, ſchaute auf das Bar aus der Vogeperſpective hinab, und blickte mit der unbefangenſten Heiterkeit zum Richter und den Geſchwornen hinüber. »Wie heißen Sie, Sir?« fragte der Richter. »Sam Weller, Mylord,« entgegnete Sam. »Wird Ihr Name mit einem V oder einem W geſchrieben?« »Das kommt ganz auf den Geſchmack oder das Belieben Desjenigen an, der ihn buchſtabirt, Mylord,⸗ ſagte Sam;»ich ſelber habe nur ein paar Mal in mei⸗ nem Leben Gelegenheit gehabt, ihn zu ſchreiben, aber ich buchſtabire ihn immer mit einem V. ⸗ »Ganz recht, Sammy, ganz recht,« ertönte hier eine Stimme von der Gallerie.»Schreiben Sie nur mit einem V, Mylord; ſchreiben Sie nur ein V ins Buch.« »Wer iſt das, der ſich unterfängt, den Gerichtshof anzureden?« rief der kleine Richter in die Höhe blickend. „Gerichtsdiener.⸗ Die Pickwicker. „»Ja, Mylord!« „Führt ſogleich dieſe Perſon vor.⸗ „»Ja, Mylord!«. Da der Gerichtsdiener die Perſon nicht finden konnte, ſo brachte er ſie natürlich auch nicht mit, und Alle, die in großer Bewegung ſich erhoben hatten, um den Schuldigen zu entdecken, ſetzten ſich jetzt wieder. Sobald des kleinen Richters Entrüſtung ihn wieder Worte finden ließ, fragte er Sam: »Wiſſen Sie, wer das war, Sir?a »Ich vermuthe faſt, daß es mein Vater war,« ent⸗ gegnete Sam. »Sehen Sie ihn jetzt noch?« fragte der Richter. »Nein, Mylord,« entgegnete Sam, indem er nach der Laterne unter der Decke des Gerichtshofes empor⸗ ſchaute. „»Wenn Sie mir ihn hätten zeigen können, ſo würde ich ihn ſofort habe verhaften laſſen,« ſagte der Richter. Sam verbeugte ſich, und wendete ſich dann mit unver⸗ minderter Heiterkeit ſeiner Züge dem Serjeant Buzfuz zu. »Nun, Herr Weller?« begann Serjeant Buzfuz. „»Nun, Sir?« erwiederte Sam. »Ich glaube, Sie ſind im Dienſte des Herrn Pick⸗ wick, des Beklagten in dieſer Sache. Reden Sie laut, wenn es gefällig iſt, Herr Weller—« »Ich rede ſchon laut, Sir,« erwiederte Sam;»ich bin allerdings im Dienſt des Herrn Pickwick, und es iſt ein ſehr guter Dienſt.« »Wenig zu thun, und viel einzunehmen— nicht wahr?« fragte der Serjeant Buzfuz ſcherzend. »Allerdings, Sir, vollkommen genug einzunehmen, wie der Soldat ſagte, als ihm dreihundertundfunfzig Hiebe aufgezählt wurden,« entgegnete Sam. N Die Pickwicker. 161 »Sie ſollen nicht ſagen, was der Soldat oder ſonſt Jemand geſagt hat,« fiel der Richter ein;„das iſt keine Zeugenausſage.« „Sehr wohl, ARylord,« erwiederte Sam. »Erinnern Sie ſich, daß an dem. Morgen, als Sie von dem Beklagten in Dienſt genommen wurden, ſich etwas Beſonderes ereignete, Herr Weller 2« fragte Ser⸗ jeant Buzfuz. »Ja wohl, Sir,« erwiederte Sam.— »Haben Sie die Güte, den Geſchwornen zu ſagen, was es war.« »Ich bekam an jenem Morgen einen ganz neuen Anzug, meine Herren Geſchwornen;« ſagte Sam,»und das war für mich damals ein ganz beſonderes und un⸗ gewöhnliches Ereigniß.« Hierüber entſtand ein allgemeines Gelächter. Der kleine Richter blickte zornig nach Sam hin, und ſagte: „»Nehmen Sie ſich in Acht, Sir.« »Das ſagte mir auch damals Herr Pickwick,« ent⸗ gegnete Sam,»und ich habe die neuen Kleider ſehr in Acht genommen; Sie ſehen, wie ich ſie geſchont habe, Mylord.« Der Richter blickte Sam volle zwei Minuten ſcharf an, aber Sams Züge blieben ſo vollkommen ruhig und unbefangen, daß der kleine Mann nichts ſagte, und den Serjeant Buzfuz aufforderte, fortzufahren.»Wollen Sie wirklich ſagen,« begann der Serjeant, indem er die Arme mit großer Würde kreuzte, und ſich den Ge⸗ ſchwornen halb zuwendete, als wollte er pantomimiſch verkünden, er hege die Zuverſicht, daß es ihm doch ge⸗ lingen werde, den Zeugen außer Faſſung zu bringen— „wollen Sie wirklich ſagen, Herr Weller, Sie erinnerten ſich nicht, geſehen zu haben, daß Miſtreß Bardell ohn⸗ Die Pickwicker. IV. 11 Die Pickwicker. mächtig in des Beklagten Armen lag, wie Sie es von den andern Zeugen erzählen hörten?« »Habe nichts davon geſehen,« erwiederte Sam; vich war im Gange, und als ich eintrat, hatte ſich die Alte ſchon entfernt.« »Merken Sie jetzt wohl auf, Herr Weller,« ſagte Serjeant Buzfuz, indem er eine große Feder in das vor ihm ſtehende Dintenfaß tauchte, damit Sam glauben möge, er werde ſeine Antwort niederſchreiben, und um ihm dadurch Furcht einzujagen.—»Sie waren im Gange, und behaupten doch, gar nichts von dem, was vorging, geſehen zu haben. Sie ſind doch nicht blind, Herr Weller?« »Nein, ich habe ein paar ſehr gute Augen,« erwie⸗ derte Sam, und eben deshalb ſah ich nichts. Wären meine Augen ein paar Patent⸗Millionen⸗Vergrößerungs⸗ gläſer, ſo hätte ich vielleicht durch die eichene Thür ſehen können, aber ſo wie meine Augen nun einmal ſind, ging es nicht.“ Sam hatte mit dem vollkommenſten Gleichmuth, und mit dem einfachſten und natürlichſten Weſen von der Welt geantwortet; die Zuſchauer kicherten; der kleine Richter lächelte, und Serjeant Buzfuz machte ein ziemlich albernes Geſicht. Nachdem er ſich ein paar Augenblicke mit Dodſon und Fogg berathen hatte, wen⸗ dete ſich der gelehrte Serjeant nochmals gegen Sam, und ſagte mit einer peinlichen Anſtrengung, ſeinen Ver⸗ druß zu verbergen:»Herr Weller, ich werde Ihnen jetzt eine Frage über einen anderen Punkt vorlegen.« »Wie es Ihnen belleh Sir,«entgegnete Sam in der beſten Laune. »Erinnern Sie ſich, im vorigen November eines Abends zu Miſtreß Bardell gegangen zu ſein?« ——˖—Q˖ZO˖Oꝭ—BQO:·—Oℳ—ꝑ—⸗—;Bꝛ’--;— — Die Pickwicker. 163 »O ja, ſehr wohl.« »Ah, alſo Sie entſinnen ſich deſſen,« ſagte Buzfuz, friſchen Muth faſſend;»ich dachte mir wohl, daß wir noch etwas von Ihnen erfahren würden.« »Das denke ich mir auch, Sir,« fiel Sam ein, und die Zuhörer kicherten abermals. »Gut, ich vermuthe, Sie gingen zu Miſtreß Bar⸗ dell, um ein wenig mit ihr über den Prozeß zu plau⸗ dern— nicht wahr, Herr Weller?« fragte Serjeant Buzfuz, den Geſchworenen bedeutſame Blicke zuwerfend. »Ich ging eigentlich zu ihr, um die Miethe zu be⸗ zahlen, aber wir plauderten allerdings ein wenig über den Prozeß,« entgegnete Sam. »Ah ſo; alſo Sie plauderten doch über den Pro⸗ zeß,« ſagte Buzfuz, der bereits im Vorgefühl einer wich⸗ tigen Entdeckung ſchwelgte.»Haben Sie doch die Güte, uns zu ſagen, Herr Weller, was über den Prozeß ge⸗ ſprochen wurde.« »Mit dem größten Vergnügen,« entgegnete Sam. »Nach einigen unwichtigen Redensarten von Seiten der beiden tugendſamen Frauenzimmer, die vorhin befragt wurden, legten die Damen ihre innigſte Bewunderung über das ehrenwerthe Benehmen der Herren Dodſon und Fogg, die da neben Ihnen ſitzen, an den Tag.« Dieſes zog natürlich die allgemeine Aufmerkſamkeit auf Dodſon und Fogg, welche möglichſt tugendhafte Mienen annahmen. »Die beiden Sachwalter der Kläͤgerin,« erläuterte Serjeant Buzfuz,»alſo die Damen ſprachen mit großer Bewunderung von dem ehrenwerthen Benehmen der Her⸗ ren Dodſon und Fogg, der Sachwalter der Klägerin?« »Ja,« entgegnete Sam,»ſie ſagten, wie uneigen⸗ nützig es von Dodſon und Fogg ſei, daß ſie die Führung des Prozeſſes ganz auf eigne Speculation übernommen 5 11* A Die Pickwicker. hätten, und ſich keine Koſten bezahlen laſſen wollten, als wenn Herr Pickwick verurtheilt würde.«⸗ Bei dieſer ſehr unerwarteten Antwort kicherten die Zuſchauer abermals; Dodſon und Fogg wurden feuerroth und Erſterer flüſterte Serjeant Buzfuz haſtig etwas in das Ohr. »Schon gut,« ſagte Buzfuz laut mit erzwungener Faſſung.»Es iſt durchaus unmöglich, Mylord, bei der unverbeſſerlichen Stupidität dieſes Zeugen irgend eine Aufklärung von ihm zu erlangen. Ich will den Ge⸗ richtshof nicht unnöthiger Weiſe dadurch aufhalten, daß ich ihm noch mehr Fragen vorlege. Sie können ſich jetzt entfernen, Sir.⸗ »Hat noch ein oder der andere Herr Luſt, mich um etwas zu befragen?« ſagte Sam, indem er ſehr bedächtig rings umherblickte. „Ich nicht, Herr Weller, ich danke Shhat⸗ ſagte Serjeant Snubbin lachend. „Sie können ſich entfernen, Sir,⸗ nagte Serjeant Buzfuz, ihm ſehr ungeduldig mit der Hand winkend. Sam verließ demnach die Zeugenloge, nachdem er Dod⸗ ſon und Foggs Sache ſo vielen Schaden zugefügt, als es ihm irgend möglich war, und in Beziehung auf Herrn Pickwick ſo wenig als möglich ausgeſagt hatte, was Beides von Anfang an ſeine Abſicht geweſen war. »Ich erlaube mir zu bemerken, Mylord,« ſagte Ser⸗ jeant Snubbin,»wenn es der Bekräftigung bedarf, daß Herr Pickwick ſich von den Geſchäften zurückgezogen hat, und ein bedeutendes unabhängiges Vermögen beſitzt.« Jetzt redete Herr Snubbin lange und nachdrücklich zu Gunſten des Beklagten, indem er dem Charakter und Lebenswandel des Herrn Pickwick die glänzendſten Lob⸗ ſprüche ertheilte, doch da unſere Leſer im Stande ſind, Die Pickwicker. 165 ſich ein richtigeres Urtheil über ihn zu bilden, als Ser⸗ jeant Snubbin es füglich hervorzurufen vermochte, ſo fühlen wir uns nicht berufen, die Rede des gelehrten Herrn ausführlich mitzutheilen. Er ſuchte ferner darzu⸗ thun, daß die zum Vorſchein gebrachten Billets ſich nur auf ein Mittageſſen des Herrn Pickwick, und auf häus⸗ liche Einrichtungen nach der Rückkehr von einer Reiſe bezogen hätten. Es genüge, wenn wir im Allgemeinen ſagen, daß er ſein Möglichſtes für die Sache that, und nach dem guten alten Sprichwort konnte nicht mehr verlangt werden. Der Richter Scareleigh begann ſein Reſumé in der alten hergebrachten Form. Er theilte den Geſchworenen ſo viel von ſeinen Notizen mit, als er von den flüchtig geſchriebenen Worten leſen konnte, und ließ allgemeine Bemerkungen mit einfließen; wie z. B.»Wenn Miſtreß Bardell Recht hat, ſo iſt es ein⸗ leuchtend, daß Herr Pickwick Unrecht haben muß;— halten die Geſchwornen das Zeugniß der Miſtreß Clup⸗ vins für unverwerflich, ſo müſſen ſie ihm Glauben ſchen⸗ ken, was ſie nicht thun dürfen, wenn es ihnen zweifelhaft erſcheint; ſind ſie überzeugt, daß wirklich ein Ehever⸗ ſprechen erfolgt und gebrochen iſt, ſo werden ſie den Beklagten zu einer angemeſſenen Entſchädigung verurthei⸗ len; halten ſie ſich dagegen überzeugt, daß ein Ehever⸗ ſprechen überhaupt nicht ſtattgefunden hat, ſo werden ſie den Beklagten vollkommen freiſprechen.«— Die Ge⸗ ſchwornen zogen ſich hierauf in ihr beſonderes Zimmer zurück, um über ihren Ausſpruch zu berathen„ und der Richter begab ſich in ſein Privatzimmer, um ſich hinter einer Hammelkeule und einem Glas Wein zu ſtärken. Eine Viertelſtunde geſpannter Erwartung verging; die Geſchwornen kehrten zurück, und der Richter wurde gerufen. Herr Pickwick ſetzte ſeine Brille auf, und Die Pickwicker. ſchaute mit erwartungsvollen Blicken und klopfendem Herzen nach dem Obmann hin. »Meine Herren,« fragte der ſchwarzgekleidete Herr, „haben Sie ſich ſämmtlich über Ihren Ausſpruch ver⸗ einigt?« »Wir ſind übereinſtimmend,« erwiederte der Ob mann. »Wie lautet ihr Ausſpruch, für die Klägerin oder für den Beklagten 2« 3 „Für die Klägerin.« »Welche Entſchädigung ſprechen Sie ihr zu?« »Siebenhundert und funfzig Pfund.« Herr Pickwick nahm, fortwährend den Obmann an⸗ ſtarrend, ſeine Brille ab, wiſchte ſorgfältig die Gläſer, ſteckte ſie in das Futteral und dieſes in die Taſche, zog ſeine Handſchuh bedächtig an, und folgte endlich mecha⸗ niſch Herrn Perker und dem blauen Beutel aus dem Gerichtsſaal. Sie begaben ſich in ein Seitenzimmer, wo Perker die Gebühren bezahlte, und gleich nach ihnen traten auch die Freunde des Herrn Pickwick ein, und etwas ſpäter die Herren Dodſon und Fogg, welche ſich äußerſt ver⸗ gnügt die Hände rieben. »Nun, meine Herren?« ſagte Herr Pickwick. »Nun, Sir?« verſetzte Dodſon für ſich und ſeinen Kompagnon. »Sie bilden ſich wohl ein, meine Herren, daß Sie Ihre Koſten erhalten werden?« fragte Herr Pickwick. Herr Fogg ſagte,»ſie hielten es für ziemlich wahr⸗ ſcheinlich,« und Herr Dodſon lächelte und ſagte, vſie wollten es auf den Verſuch ankommen laſſen.«/ »Sie mögen es verſuchen, meine Herren Dodſon und Fogg, ſo viel Sie wollen,« ſagte Herr Pickwick in —— — N—/—]— e ie — Die Pickwicker. 167 heftigem Zorn,»aber Sie erhalten nie einen Heller Ko⸗ ſten oder Entſchädigung von mir, und wenn ich auch mein ganzes noch übriges Leben im Schuldgefängniß zu⸗ bringen ſoll.« »Ha! ha! ha!« fiel Dodſon ein,»Sie werden ſich noch vor den nächſten Gerichtsſitzungen die Sache beſſer überlegen, Herr Pickwick.« »Hi! hi! das wird ſich ſchon bald finden, Herr Pickwick,« fügte Fogg hinzu. Sprachlos vor Zorn und Entrüſtung ließ ſich Herr Pickwick durch ſeinen Anwald und ſeine Freunde hinaus⸗ führen, und ſtieg in einen Miethwagen, den der ſtets dienſtfertige Sam zu dieſem Beruf bereits herbeigeſchafft hatte. Letzterer wollte eben auf den Bock ſpringen, als ihn Jemand auf die Schulter klopfte, er wendete ſich um und ſein Vater ſtand vor ihm. Die Mienen des alten Herrn drückten tiefe Betrübniß aus; er ſchüttelte bedächtig den Kopf, und ſagte mit ernſtem und düſtern Tone:. »Ich wußte wohl, was dabei herauskommen würde, wenn man die Sache auf dieſe Weiſe anfaßte. O, Sammy, Sammy, warum habt Ihr keinen Alibi genommen?« Sechsunddreißigſtes Kapitel. In welchem Herr Pickwick es für das Beſte hält, nach Bath zu 3 reiſen, was er auch thut. »Aber, mein beſter Herr,« ſagte der kleine Perker, als er am nächſten Morgen nach der Gerichtsſitzung in Die Pickwicker. dem Zimmer des Herrn Pickwick auf und ab ging; ves wird doch nicht im Ernſt— laſſen Sie uns jetzt ver⸗ nünftig davon ſprechen, und ohne Aufregung— es wird doch nicht wirklich Ihre Abſicht ſein, die Koſten und die Entſchädigung zu verweigern?« »„Ich werde nicht einen Heller bezahlen,« ſagte Herr Pickwick in entſchiedenem Tone,»nicht einen Heller.« »Nichts über feſte Grundſätze, wie der Geldver⸗ leiher ſagte, als er den Wechſel nicht prolongiren wollte,« bemerkte Sam, der die Reſte des Frühſtücks abräumte. »Sam,“ ſagte Herr Pickwick,»haben Sie die Güte, hinunterzugehen.« »Sogleich, Sir,« erwiederte Sam, und befolgte die freundliche Weiſung des Herrn Pickwick. »Nein, Perker,« fuhr dieſer in ernſtem und ent⸗ ſchiedenem Tone fort,»meine Freunde hier haben ſich vergebens bemüht, mir meinen Entſchluß auszureden. Ich werde mich wie gewöhnlich beſchäftigen; die Gegenpartei hat das Recht, ein Exekutionsmandat gegen mich zu ver⸗ langen, und iſt ſie niedrig genug geſinnt, ſich deſſelben zu bedienen, und mich verhaften zu laſſen, ſo werde ich mich dem ruhig unterwerfen. Wann können ſie dieſes Mandat wohl erlangen?« »Nach zwei Monaten, mein theurer Sir, bei den nächſten Gerichtsſitzungen können ſie Exekution wegen der Koſten des Prozeſſes und der Entſchädigungsſumme nachſuchen.« »Gut,« ſagte Herr Pickwick.»Laſſen Sie mich bis dahin nichts mehr von der Sache hören, Freund.— Und jetzt,« fuhr er fort, mit einem gutmüthigen Lächeln und mit freudigen Blicken, die durch ſeine Brille funkel⸗ ten, ſich an ſeine Freunde wendend,»etzt iſt die einzige Frage, wohin begeben wir uns zunächſt?« Die Pickwicker. 169 Herr Tupman und Herr Snodgraß waren zu ſehr von dem Heroismus ihres Freundes ergriffen, als daß ſie gleich einer Antwort mächtig geweſen waͤren, und Herr Winkle hatte ſich noch nicht hinreichend von der Erin⸗ nerung an ſeine Zeugenausſage erholt, um auch nur ein Wörtchen über den Gegenſtand mitzuſprechen; Herr Pickwick wartete daher vergebens auf eine Antwort. »Nun gut,« ſagte er endlich,»wenn Sie mir die Wahl überlaſſen, ſo ſchlage ich Bath vor.— So viel ich weiß, iſt noch keiner von uns dort geweſen.⸗ Dieſes war wirklich der Fall, und da Herr Perker — der es für wahrſcheinlich halten mochte, daß, wenn Herr Pickwick einige Zerſtreuung gehabt hätte, er ſich eines Beſſern beſinnen, und das Schuldgefängniß ihm in einem andern Licht erſcheinen würde— mit Eifer auf den Vorſchlag einging, ſo ward die Reiſe nach Bath einſtimmig beſchloſſen, und Sam nach dem weißen Roß mit dem Auftrag geſchickt, fünf Plätze auf der am näch⸗ ſten Morgen um halb acht Uhr abgehenden Poſtkutſche zu nehmen. Es waren nur noch zwei Plätze im Innern, und drei außerhalb zu vergeben. Sam Weller nahm ſie daher alle, und kehrte nach dem Georg und Geier zurück, wo er bis zum Schlafengehen eifrigſt damit beſchäftigt war, Kleider und Wäſche in den möglichſt kleinſten Raum zu zwingen, und alle ſeine mechaniſchen Künſte aufbot. Der nächſte Morgen war ſehr ungünſtig für eine Reiſe— nebeligt und regnigt. Die Pferde vor den Poſtkutſchen dampften, ſo daß die Außenpaſſagiere ganz unſichtbar waren. Die Zeitungsverkäufer ſahen aus, wie aus dem Waſſer gezogen, und rochen dumpfig; der Regen triefte von den Hüten der Apfelſinenverkäufer, wenn ſie die Köpfe in die Kutſchfenſter hineinſteckten 170 Die Pickwicker. und ihre Früchte ausboten. Die Juden mit funßzigklin⸗ gigen Federmeſſern ſteckten dieſelben verzweifelnd ein, und die Männer mit den Taſchenbüchern ſteckten dieſe wirklich in ihre eigenen Taſchen. Herr Pickwick und ſeine Freunde ließen Sam Wel⸗ ler mit den ſieben bis acht Trägern, welche, ſobald die Kutſche anhielt, wüthend über das Gepäck herfielen, zurück, und begaben ſich, da ſie zwanzig Minuten zu früh gekommen waren, in das Paſſagierzimmer— den letzten Zufluchtsort menſchlichen Elends. Das Paſſagierzimmer war ſehr unbehaglich; es wäre ſonſt kein Paſſagierzimmer geweſen. Es war in abge⸗ ſonderte Verſchläge zur Beförderung der Geſelligkeit der Reiſenden abgetheilt. In einem derſelben ſaß bei dieſer Gelegenheit ein grimmig blickender Mann von etwa fünfundvierzig Jahren mit kahler glänzender Stirn, dich⸗ tem ſchwarzen Haar auf dem Hinterkopfe und an den Schläfen, und einem großen ſchwarzen Backenbart. Sein brauner Rock war bis unter das Kinn zugeknöpft, er trug eine Seehundsfell⸗Reiſekappe, und ein Ueberrock und ein Mantel lagen auf dem Stuhl neben ihm. Als Herr Pickwick eintrat, blickte er mit ſtolzer und gebie⸗ teriſcher Miene von ſeinem Frühſtück auf, und nachdem er dieſen Herrn und ſeine Gefährten zur Genüge in Augenſchein genommen, ſummte er ein Liedchen, als wenn er hätte ſagen wollen, wer etwa mit ihm anzubinden gedenke, werde ſeinen Mann an ihm finden. „»Kellner!« ſagte der Herr mit dem Backenbart. »Sir!« erwiederte ein junger Menſch mit einer ſchmutzigen Schürze, der aus dem Hintergrunde des Zimmers zum Vorſchein kam. »Geben Sie mir noch geröſtete Brodſchnitte.« „Ja, Sir. ⸗ 8 Die Pickwicker. 171 »Geröͤſtete Brodſchnitte, verſtehen Sie mich recht,⸗ ſagte der Herr im barſchen Ton. »Zu Befehl, Sir,« entgegnete der Kellner. Der Herr mit dem Backenbart ſummte ſein Lied⸗ chen auf dieſelbe Art wie vorhin, trat, die geröſteten Brodſchnitte erwartend, mit dem Rücken an den Kamin, ſah auf ſeine Stiefel nieder, und ſchien in tiefem Nach⸗ denken begriffen zu ſein. »Wo mag unſere Poſtkutſche in Bath anhalten?« fragte Herr Pickwick in ſanftem Ton Herrn Winkle. »Wie— was iſt das?« fiel der Fremde ein. »Ich ſagte zu meinem Freunde, Sir,« erwiederte Herr Pickwick, der immer bereit war, auf eeine Unter⸗ haltung einzugehen,»wo die Bather⸗Poſtkutſche wohl anhalten möchte? Vielleicht können Sie mir Auskunft geben.« »Reiſen Sie nach Bath?« fragte der Fremde. »Ja, Sir.« »Und dieſe andern Herren?« »Ebenfalls,« erwiederte Herr Pickwick. »Aber doch nicht im Wagen?— ich will verdammt ſein, wenn ſie die Reiſe im Wagen machen.« »Wir Alle auch eben nicht,« bemerkte Herr Pickwick. »Nein, Sie Alle gewiß nicht,« ſagte der Fremde mit Nachdruck.»Ich habe zwei Plätze genommen. Sollte man ſechs Perſonen in jenen verwünſchten Kaſten hineinzwängen wollen, der nur Raum für vier hat, ſo werde ich Extrapoſt nehmen, und eine Klage anbringen. Als ich meine Plätze bezahlte, habe ich dem Schreiber ausdrücklich geſagt, daß ich nicht mit mir ſpaßen laſſe. Ich weiß, daß die Poſtmeiſter ſich dergleichen unterfan⸗ gen, aber mit mir ſoll es ihnen nicht gelingen. Wer mich kennt, weiß, daß ich mir durchaus nichts bieten 172 Die Pickwicker. laſſe.« Hier ſchellte der wilde Herr mit Ungeſtuͤm und ſagte dem Kellner, er möchte die geröſteten Brodſchnitte in fünf Sekunden bringen oder er würde ihm Mores lehren. »Mein werther Herr,“« ſagte Herr Pickwick,»erlau⸗ ben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie ſich ganz unnöthiger Weiſe ereifern.— Ich habe nur zwei Plätze innerhalb genommen.⸗ »Freut mich, es zu hören,« entgegnete der grimmige Fremde.»Ich bitte um Entſchuldigung. Hier iſt meine Karte. Geben Sie mir die Ihrige.« »Mit größtem Vergnügen, Sir,« entgegnete Herr Pickwick;»wir werden Reiſegefährten ſein, und wie ich hoffe, gegenſeitig unſere Geſellſchaft angenehm finden.« »Ich hoffe es gleichfalls,« verſetzte der Fremde. »Ich weiß es.— Sie gefallen mir.— Meine Herren, reichen wir uns die Hände, und tauſchen wir unſere Namen ein.« Natürlich fanden jetzt freundſchaftliche Begrüßungen ſtatt, und der Fremde benachrichtigte die Freunde in kurzen und abgebrochenen Sätzen, ſein Name ſei Dowler, er reiſe nach Bath zum Vergnügen, habe früher in der Armee gedient, lebe jetzt von ſeiner Peuſion, und der zweite Platz, den er genommen, ſei für keine geringere Perſon beſtimmt, als für Miſtreß Dowler, ſeine Ge⸗ mahlin. »Sie iſt ſehr ſchön,« ſagte Herr Dowler.»Ich bin ſtolz auf ſie— habe Grund dazu.⸗ »Ich hoffe, ich werde das Vergnügen haben, mich ſelbſt davon zu überzeugen,⸗ ſagte Herr Pickwick lächelnd. »Allerdings,« erwiederte Dowler.»Sie ſoll Ihre Bekanntſchaft machen— wird Sie hochachten. Ich bewarb mich unter ſeltſamen Umſtänden um ihre Hand –U Die Pickwicker. 173 — gewann ſie durch ein übereiltes Gelübde folgender⸗ maßen: Ich ſah ſie— liebte ſie— erklärte mich.— Sie ſagte: nein.— Lieben ſie einen Andern?— Ver⸗ ſchonen ſie mich!— Ich kenne ihn.— Nun ja.— Schon gut, wenn er nicht ſchleunigſt die Flucht ergreift, ſo werde ich ihm die Haut abziehen.« „»Gott bewahre,« rief Herr Pickwick unwillkührlich aus. »Zogen Sie dem Herrn wirklich die Haut ab, Sir?« fragte Herr Winkle, der ſehr bleich geworden war. »Ich ſchrieb ihm ein Billet— ſagte ihm, es ſei eine fatale Sache— und das war's auch.“« »Das will ich meinen,« unterbrach Herr Winkle. »Ich ſchrieb ihm, ich hätte mein Wort als Mann von Ehre gegeben, ihm die Haut abzuziehen. Mir blieb keine Wahl. Ich war Offizier im Dienſt Seiner Maje⸗ ſtät, mußte es alſo thun. Ich bedauerte die Nothwen⸗ digkeit, aber es ließ ſich nicht mehr ändern. Er war empfänglich für Vernunftgründe— ſah ein, daß die Eh⸗ rengeſetze gebieteriſch ſind. Er entfloh— ich heirathete die Dame— da iſt die Poſtkutſche— das iſt meine Frau.« Herr Dowler zeigte nach dem Kutſchenfenſter des eben angekommenen Poſtwagens, aus welchem ein ziem⸗ lich hübſches Geſicht unter die Gruppe, die auf der Straße ſtand, hinausſchaute, wahrſcheinlich den grimmi⸗ gen Mann ſelbſt mit ihren Blicken ſuchend. Herr Dow⸗ ler bezahlte ſeine Rechnung, und eilte mit ſeiner Reiſe⸗ kappe und ſeinem Mantel hinaus. Herr Pickwick und ſeine Freunde folgten ihm, um ſich ihrer Plätze zu ver⸗ ſichern. Herr Tupman und Herr Snodgraß waren hinauf, Herr Winkle eingeſtiegen, und Herr Pickwick ſtand im 174 Die Pickwicker. Begriff ihm zu folgen, als Sam Weller zu ſeinem Herrn trat, und ihm mit äußerſt geheimnißvoller Miene zu⸗ flüſterte, er habe ihm etwas Beſonderes mitzutheilen. »Nun Sam,“« fragte Herr Pickwick,»was giebt's denn?« »Ich fürchte ſehr, Sir,« entgegnete Sam,»daß der Herr der Poſtkutſche uns einen impertinenten Streich ſpielt.« „»Wie ſo, Sam?« fragte Herr Pickwick;»ſind die Namen etwa nicht in die Poſtkarte eingetragen?« »Nicht allein das, Sir, ſondern Sie haben noch obendrein einen davon auf die Wagenthuͤr gemalt.« Sam wies bei dieſen Worten nach dem Theile der Wagenthüre hin, wo gewöhnlich der Name des Eigenthümers zu leſen iſt, und wirklich war hier der magiſche Name Pickwick in großen goldenen Buchſtaben zu ſchauen. »Wie ſeltſam!« rief Herr Pickwick, über dies Zu⸗ ſammentreffen verwundert, aus. »Ja, das iſt aber noch nicht Alles,« fuhr Sam ſort, indem er die Aufmerkſamkeit ſeines Herrn wieder auf die Kutſchenthür lenkte,»ſehen Sie hier— noch nicht zufrieden damit, Pickwick zu ſchreiben, haben ſie:»Moſes« davor geſetzt, und das nenne ich Beleidigung zum Unrecht hin⸗ zufügen, wie der Papagei ſagte, als ſie ihn nicht allein aus ſeinem Vaterlande entführten, ſondern er auch ſpäter noch Engliſch ſprechen lernen mußte.⸗« »Es iſt allerdings auffallend, Sam,« ſagte Herr Pickwick,»doch wenn wir ſtehen und ſchwatzen, ſo wer⸗ den wir unſere Plätze verlieren.« »Wie, wollen Sie denn gar nichts dagegen thun?« rief Sam, höchſt verwundert über die Kaltblütigkeit aus, mit welcher ſein Herr ſich wuſchiete in den Wagen zu ſteigen.« —.ͤͤ ——=Z—.—.——,,—— —. 8ͤ—— Die Pickwicker. 175 »Thun?« ſagte Herr Pickwick.»Was ſoll ich da⸗ gegen thun?« »Soll denn Niemand für dieſe Frechheit beſtraft werden, Sir?« ſagte Herr Weller, der erwartet hatte, er werde wenigſtens den Auftrag erhalten, den Conduk⸗ teur und den Kutſcher zu einem Fauſtkampf an Ort und Stelle herauszufordern. »Nein, nein,« erwiederte Herr Pickwick,»verhalten Sie ſich ruhig, und ſteigen Sie auf Ihren Platz.⸗ »Ich fürchte ſehr, murmelte Sam vor ſich hin, als er ſich abwendete, daß es mit meinem Herrn nicht ganz richtig iſt, denn ſonſt ließe er ſich das nicht bieten. Will doch hoffen, daß der verwünſchte Prozeß ihm nicht allen Muth benommen hat, aber es ſieht ſchlimm aus, ſehr ſchlimm.« Er ſchüttelte bedenklich den Kopf, und wie ſehr er dieſen Umſtand zu Herzen nahm, geht daraus hervor, daß er kein Wort mehr ſprach, bis die Kutſche am Kenſingtoner Schlagbaum hielt, und ein ſo langes Stillſchweigen war bei ihm etwas höchſt Ungewöhnliches. Uebrigens trug ſich während der Reiſe nichts ſonder⸗ lich Bemerkenswerthes zu. Herr Dowler erzählte eine Menge Anekdoten, die ſämmtlich ſeinen Muth und ſeine Tollkühnheit zum Gegenſtande hatten, und ließ ſie durch Miſtreß Dowler bekräftigen, welche ſtets noch einen oder den andern merkwürdigen Umſtand hinzufügte, den Herr Dowler vergeſſen oder vielleicht aus Beſcheidenheit ver⸗ ſchwiegen haben mochte; denn ſämmtliche Zuſätze liefen darauf hinaus, zu zeigen, daß Herr Dowler ein noch viel kühnerer Mann ſei, als er nach ſeinen eigenen Berich⸗ ten zu ſein ſchien. Herr Pickwick und Herr Winkle hör⸗ ten mit großer Bewunderung zu, und unterhielten ſich in den Pauſen mit Miſtreß Dowler, die eine ſehr an⸗ genehme und reizende Dame war, ſo daß die Geſchichten 4 176 Die Pickwicker. des Herrn Dowler, die Reize ſeiner Gemahlin, die gute Laune des Herrn Pickwick, und das treffliche Zuhören des Herrn Winkle der Geſellſchaft im Wagen die Zeit ſehr ſchnell und angenehm entſchwinden ließ. Mit den Außen⸗Paſſagieren ging es wie gewöhn⸗ lich— ſie waren ſehr munter und geſprächig beim Ab⸗ fahren von jeder Station, wurden dann ſehr wortkarg und ſchläfrig, und zuletzt wieder ſehr aufgeräumt. Ein junger Herr, in einem Gummimantel gehült, rauchte in einem fort Cigarren und ein zweiter noch jüngerer Herr in einer Pardie auf einem Ueberrock zündete, wenn die Reiſegefährten die Blicke auf ihn richteten, Eigarren an, und warf ſie weg, wenn es Niemand ſah; denn ohne Zweifel wurde ihm unwohl. Ein paar andere Reiſende entwickelten eine umfaſſende Kenntniß der Pferde und Stall⸗ und Hausknechte auf allen Stationen; und noch ein paar Andere ſprachen vom Wetter, von den Vieh⸗ und Kornpreiſen u. ſ. w. Eine halbe Krone für das Mittagsmahl würde ſehr billig geweſen ſein, wenn es die Paſſagiere nur nicht hätten ſtehen laſſen müſſen. Um ſieben Uhr Abends befanden ſich die Pickwicker und Herr Dowler und ſeine Frau, am Ziele ihrer Reiſe an⸗ gekommen, in ihren Zimmern unseen zum weißen Hirſch in Bath, dem großen Brunnenſaale gegenüber, wo man die Kellner ihrer Tracht wegen leicht mit jun⸗ gen Gymnaſiaſten aus Weſtminſter verwechſelt, nur daß die Täuſchung ſogleich wieder dadurch geſtört wird, daß ſie ſich beſſer zu benehmen wiſſen. 3 Die Pickwicker hatten am andern Morgen kaum ihr Frühſtück eingenommen, als Herr Dowler ſich durch einen Kellner anmelden und um Erlaubniß bitten ließ, einen Freund vorſtellen zu dürfen. Gleich darauf traten die beiden Herren ein. Die Pickwicker. 177 Der Freund war ein ſehr einnehmender junger Mann von nicht viel mehr als funfzig Jahren in einem neuen blauen Leibrock mit glänzenden Knöpfen, ſchwarzen Beinkleidern und möglichſt feinen, äußerſt blankgeputzten Stiefeln. Eine goldene Lorgnette hing an einem breiten ſchwarzen Bande vor ſeiner Bruſt; in der linken Hand hielt er eine goldene Doſe; unzählige goldene Ringe glänzten an ſeinen Fingern, und auf ſeinem Hemde funkelte eine diamantne in Gold gefaßte Buſennadel. Außerdem trug er eine goldene Uhr an einer goldenen Kette mit großen goldenen Petſchaften, und einen Stock von Ebenholz mit einem ſchweren goldenen Knopf. Seine Wäſche war äußerſt fein und geglättet, ſeine Perücke ungemein glänzend, ſchwarz und lockig; ſein Schnupftaback war Prinzregent⸗Miſchung; der Duft ſeiner ganzen Perſon Bouquet du Roi. Seine Züge um⸗ ſchwebte ein fortwährendes Lächeln, und er hatte ſeine Zähne in ſo vortrefflicher Ordnung gehalten, daß es in einiger Entfernung ſchwer war, die natürlichen von den künſtlichen zu unterſcheiden. »Herr Pickwick,« ſagte Dowler,»mein Freund Angelo Cyrus Bantam, Esquire, Kur⸗Marſchall, Bade⸗Inten⸗ dant und Ceremonienmeiſter— Bantam— Herr Pickwick.“« »Willkommen in Ba—ath, Sir.— In der That, eine treffliche Acquiſition. Beſtens willkommen in Ba-—ath, Sir.— Es iſt lange her— ſehr lange, Herr Pickwick, daß Sie den Brunnen nicht getrunken haben. Es kommt mir wie eine ſolche kleine E—wigkeit vor.⸗ Dieſes war die Anrede, mit welcher Herr Angelo Cyrus Bantam die Hand des Herrn Pickwick ergriff, ſie eine Zeit lang in der ſeinigen hielt, und nicht aufhörte, mit den Schultern zu zucken, als könne er ſie nicht wiieder loslaſſen. Die Pickwicker IV. 12 178 Die Pickwicker. „»Es muß allerdings lange her ſein, daß ich den Brunnen nicht getrunken,« exwiederte Herr Pickwick,« denn meines Wiſſens bin ich noch nie in Bath geweſen.« „»Noch nie in Ba- ath, Herr Pickwick?« rief der Ceremonienmeiſter aus, und ließ Herrn Pickwicks Hand vor Erſtaunen fahren.—»Noch nie in Ba—ath! Hi! hi! Herr Pickwick, Sie belieben zu ſcherzen. Nicht übel. Hi! hi! hi!« „»Ich muß zu meiner Schande bekennen, daß e mein vollkommener Ernſt iſt,« entgegnete Herr Wi vich war wirklich noch nie dort.« „»Ah, ich verſtehe,« verſetzte der Gerenronenmneiſter. sja, ja,— gut, ſehr gut— beſſer und immer beſſer. — Sie ſind der Herr, von dem wir gehört haben.— Ja, wir kennen Sie, Herr Pickwick, wir kennen Siel« „Die Berichte über die gerichtlichen Verhandlungen in den verwünſchten Journalen,« dachte Herr Pickwick. »Man wird hier ſicher Alles geleſen haben.« »Sie ſind der Herr, der auf Claphem⸗Green wohnt,« fuhr Bantam fort, der»den Gebrauch ſeiner Glieder dadurch verlor, daß er ſich erkältete, nachdem er Port⸗ wein getrunken— der wegen heftigen Schmerzen nicht von der Stelle bewegt werden konnte— dem das Waſ⸗ ſer von dem Königsbad zu 103 Grad nach London ge⸗ ſchickt wurde, wo er baden mußte, und an demſelben Tage wieder hergeſtellt war. Sehr merkwürdig.⸗ Herr Pickwick hatte die Selbſtverläugnung, die hier⸗ in liegende Schmeichelei abzulehnen, und benutzte ein augenblickliches Stillſchweigen Bantams, um ihm ſeine Freunde, die Herren Tupman, Winkle und Snodgraß vorzuſtellen. Der Ceremonienmeiſter war natürlich von Entzücken und Ehre ganz überwältigt. »Bantam,“« ſagte Herr Dowler,»Pickwick und ſeine ——— 89- Die Pickwicker. 179 Freunde ſind Fremde.— Sie müſſen ihre Namen in das Fremdenbuch einſchreiben— wo iſt es 2⸗ »Das Verzeichniß der ausgezeichneten Gäſte in Ba-ath wird um zwei Uhr im Brunnenſaal ſein,« er⸗ wiederte der Cexemonienmeiſter.„Wollen Sie unſere Freunde nach dem prachtvollen Gebäude führen, und mir ihre Autographa verſchaffen?« »Sehr gern,« evwiederte Dowler.»Doch es iſt jetzt Zeit, daß wir gehen— ich werde in einer Stunde wieder hier ſein.— Kommen Sie.« »Es iſt heute Ball⸗Abend,« ſagte der Ceremonien⸗ meiſter, indem er Herrn Pickwicks Hand zum Abſchiede abermals ergriff.»Die Ball⸗Abende in Ba-ath ſind pa⸗ radieſiſche Stunden, die uns durch Muſik, Schönheit, Eleganz, Etikette, in eine Zauberwelt einführen, vor Allem aber durch die Abweſenheit von Handels⸗ und Ge⸗ werbsleuten, die mit dem Paradieſe vollkommen unver⸗ einbar ſind, und alle vierzehn Tage ihre eigene Amalga⸗ mation in Guildhall haben, welche allerdings ſehr merk⸗ würdig iſt. Adieu, adien!«— Und bis vor das Haus betheuerte Angelo Cyrus Bantam, er ſei unendlich be⸗ friedigt, entzückt und überwältigt; ſtieg in den ihn er⸗ wartenden ſehr eleganten Wagen, und raſſelte davon. Zur beſtimmten Stunde begaben ſich Herr Pickwick und ſeine Freunde, von Dowler begleitet, nach dem Brunnenſaal, und ſchrieben ihre Namen in das Frem⸗ denbuch ein— ein Beweis von Herablaſſung, durch den Angelo Bantam ſich nur noch mehr überwältigt fühlte. Es ſollten Einlaßkarten zur Abend⸗Aſſemblee für die ganze Geſellſchaft genommen werden, da ſie aber noch nicht fertig waren, ſo ſchickte Herr Pickwick gegen vier Uhr Nachmittags Sam Weller nach der Wohnung des Ceremonienmeiſters auf Queen⸗Sauare, um ſie abzuholen. 12* 180 Die Pickwicker. Nachdem die Pickwicker einen Spaziergang durch die Stadt gemacht, und übereinſtimmend erklärt hatten, die Parkſtraße gleiche ſehr einer jener ſenkrechten Straßen, die man in Träumen ſieht, und um alles in der Welt nicht hinaufgehen kann, kehrten ſie nach dem weißen Hirſch zurück, und Sam erhielt den eben erwähnten Auftrag. Sam Weller drückte ſeinen Hut ſehr graziös ſeit⸗ waͤrts auf den Kopf, ſteckte die Hände in die Seiten⸗ taſchen, und ſchritt gemächlich und die beliebteſten Lieder jener Zeit mit ganz neuen Variationen, welche ihnen für das edle Inſtrument der Drehorgel zu Theil geworden, pfeifend Queen⸗Square zu. Vor dem bezeichneten Hauſe angelangt, hörte er auf zu pfeifen, und fing an, ſehr munter zu hämmern, worauf ſogleich ein gepuderter Portier in prachtvoller Livree und von ſymmetriſchem Körperbau die Thür öffnete. »Wohnt hier Herr Bantam, guter Freund,« fragte Sam, nicht im mindeſten geblendet oder niedergedrückt vom Glanz des Gepuderten. »Weßhalb? junger Menſch,« war die ſtolze Gegen⸗ frage des Gepuderten. 5 „Weil, wenn er hier wohnt, Sie mit dieſer Karte zu ihm gehen und ihm ſagen ſollen, Herr Weller wäre da; iſt's gefällig, Herr Sechsfuß?« ſagte Sam, trat gauz kaltblütig auf die Hausflur, und ſetzte ſich auf einen dort ſtehenden Stuhl. Der Bepuderte ſchlug die Thür heftig zu, und blickte Sam grimmig von der Seite an, was beides jedoch auf dieſen nicht den geringſten Eindruck machte, indem er einen Mahagoni⸗Schrank mit allen äußeren Zeichen kritiſcher Billigung betrachtete. Der Bepuderte ſchien durch die Art, wie ſein Herr die Karte angenommen, günſtiger für Sam geſtimmt zu 1 Die Pickwicker. 181 3 ſein, denn er kehrte freundlich lächelnd zuruͤck, und ſagte, die Antwort würde gleich fertig ſein. »Schon gut,« erwiederte Sam.»Sagen Sie dem alten Herrn, er möchte ſich nicht zu ſehr erhitzen. Es hat keine große Eile, Herr Sechsfuß.— Ich habe ſchon zu Mittag geſpeiſt.« »Sie ſpeiſen früh, Sir,« bemerkte der Bepuderte. „»Ich finde, daß mir dann das Abendeſſen beſſer ſchmeckt,« entgegnete Sam. »Waren Sie ſchon lange in Bath?« fragte der Portier.»Ich habe noch nicht das Vergnügen gehabt, von Ihnen zu hören.« »Ich konnte hier noch kein großes Aufſehen machen,⸗ erwiederte Sam,»denn wir ſind erſt geſtern Abend angekommen.« »Ein ſchöner Ort, Sir,« ſagte der Portier. »Scheint ſo,« bemerkte Sam. „» Angenehme Geſellſchaft, Sir,« fuhr der Bepuderte fort.»Sehr angenehme Dienerſchaft, Sir.“« »Glaub's gern,« antwortete Sam.„»Freundliche Leute ohne viel Complimente.« »Ja freilich, Sir,« entgegnete der Bepuderte, der Sams Bemerkung offenbar als eine große Schmeichelei aufnahm.—»Ja freilich.— Iſt dies zuweilen Ihre Gewohnheit, Sir?« fügte er hinzu, indem er eine kleine Schnupftabacksdoſe mit einem Fuchskopf auf dem Deckel anbot. »Ich muß noch zu ſehr darnach nieſen,« entgegnete Sam. »Das Schnupfen iſt allerdings ſchwer, Sir,« be⸗ merkte der Portier,»doch nach und nach lernt man's ſchon. Am beſten übt man ſich mit Kaffee ein; ich habe 182 Die Pickwickher. lange Kaffee geſchnupft, Sir. Er ſeßt ganz aus wie Rappe, Sir.« Hier unterbrach ihn ein ſcharfes Klingeln ſeines Herrn, und verſetzte ihn in die ſchmachvolle Nothwen⸗ digkeit, den Fuchskopf in die Taſche zu ſtecken, und mit unterwürfiger Miene in Herrn Bantams Studierzimmer zu eilen. Beiläufig geſagt, wir kannten kaum einen Mann, der, wenn er auch niemals las oder ſchrieb, nicht irgend ein kleines Hinterzimmer in ſeinem Hauſe ſein Studierzimmer genannt hätte. »Da iſt das Antwortſchreiben, Sir,« ſagte der Bepuderte.—»Ich fürchte, es wird ſeiner Größe wegen unbequem ſein.« »Hat nichts zu ſagen,« erwiederte Sam;»ich denke, die erſchöpfte Natur wird's überleben können.« »Ich hoffe, wir werden uns wiederſehen, Sir,«⸗ ſagte der Bepuderte, indem er ſich die Hände rieb, und Sam bis vor die Thür begleitete. »Sie ſind ſehr gütig, Sir,« entgegnete Sam,»aber ſein Sie nicht gar zu höflich, und greifen Sie ſich nicht über Ihre Kräfte an.— Bedenken Sie, was Sie der menſchlichen Geſellſchaft ſchuldig ſind, und ſchaden Sie ſich nicht durch zu viel Arbeit. Halten Sie ſich, um des Beſten ihrer Mitmenſchen willen, ſo ruhig als Sie können, und denken Sie ja einmal daran, wie ſchmerzlich man Ihren Verluſt empfinden würde.« Mit dieſen rüh⸗ renden Worten entfernte ſich Sam Weller.— »Ein äußerſt ſonderbarer junger Menſch,« ſagte der bepuderte Portier, indem er Herrn Weller mit einer Miene anſchaute, welche deutlich verkündete, daß er nichts aus ihm zu machen wußte. Sam ſeinerſeits ſagte gar nichts. Er blinzelte, ſchüttelte den Kopf, lächelte, blinzelte abermals, und Die Pickwicker. 183 verfolgte ſehr aufgeräumt und mit einer Miene ſeinen Weg, welche andeutete, daß ihn irgend etwas nicht wenig beluſtigte. Genau zwanzig Minuten vor acht Uhr deſſelben Abends ſtieg Angelo Cyrus Bantam Esguire, der Cere⸗ monienmeiſter, vor dem Aſſembleehauſe aus ſeinem Wa⸗ gen, und zwar mit derſelben Perücke, denſelben Zähnen, derſelben Lorgnette, derſelben Uhr, denſelben Ringen, der⸗ ſelben Buſennadel und demſelben Ebenholzrohr. Die einzigen bemerkbaren Veränderungen in ſeiner Toilette beſtanden darin, daß er einen noch eleganteren blauen Rock mit weiß ſeidenem Unterfutter, enge ſchwarze Hoſen, ſchwarze ſeidene Strümpfe, Tanzſchuhe und eine weiße Weſte trug, und wo möglich noch um einen Hauch ſtärker duftete. 6 Alſo ausgeſtattet begab ſich der Ceremonienmeiſter zur Erfüllung der wichtigen Pflichten ſeines hochwichtigen Amtes in die Säle, um die Geſellſchaft zu empfangen. Da Bath ſehr beſucht war, ſo ſtrömte die Geſell⸗ ſchaft und die Sixpence für den Thee in Maſſen herein. In dem Ballſaal, dem langen Spielzimmer, dem acht⸗ eckigen Spielzimmer, auf den Treppen und den Gängen, überall Gedränge und ein faſt betäubendes Geſumſe. Kleider rauſchten, Federn ſchwankten, Kerzen leuchteten und Iuwelen funkelten, Muſik ertönte— nicht die Tanzmuſik, die noch nicht begonnen hatte, aber die Muſik leiſer und zarter Fußtritte, und dann und wann leiſes Flüſtern und Kichern weiblicher Stimmen, ſo angenehm für das Ohr in Bath wie überall. Von allen Seiten ſtrahlten glänzende Augen in feuriger Erwartung, und wohin man blickte, ſchwebte eine ſchöne Geſtalt anmuths⸗ voll durch das Gedränge, und war kaum verſchwunden, als eine andere, eben ſo bezaubernde, an ihre Stelle trat. 4 Die Pickwicker. Im Theezimmer und um die Kartentiſche erblickte man eine große Anzahl wunderlich ausſehender alter Da⸗ men und gebrechlicher alter Herren mit dem Tags⸗Ge⸗ ſchwätz und Geklatſch ſo eifrig beſchäftigt, daß man ſah, wie viel Vergnügen es ihnen gewährte. Unter dieſen Gruppen befanden ſich drei bis vier heirathsſtiftende Mamas, welche in die Unterhaltung, an der ſie Theil nahmen, ganz vertieft zu ſein ſchienen, aber doch nicht verfehlten, von Zeit zu Zeit ihren Töchtern fürſorgliche Seitenblicke zuzuwerfen. Dieſe, die mütterlichen Ermah⸗ nungen, ihre Blüthenzeit ſo gut als möglich zu benutzen, eingedenk, hatten bereits ihre kleinen Koketterien begon⸗ nen, indem ſie abſichtlich verlegte Shawls ſuchten, Handſchuhe anzogen, Taſſen aus der Hand ſetzten, und ſofort— dem Anſchein nach unbedeutende Dinge, mit denen aber unendlich viel ausgerichtet werden kann. An den Thüren und in entfernten Winkeln trieben 184 ſich größere oder kleinere Häufchen einfältiger jung Herren umher, beluſtigten durch ihre Albernheiten alle verſtändigen Leute in ihrer Nähe, und fühlten ſich in dem Gedanken hochbeglückt, Gegenſtände der allgemeinen Be⸗ wunderung zu ſein— eine weiſe und gnädige Gottes⸗ Fügung gegen die kein Wohlgeſinnter etwas einwenden wird. Auf den hintern Sitzen im Ballſaal hatte eine Anzahl unverheiratheter Damen, die ihr großes Stu⸗ fenjahr bereits zurückgelegt, ihre Plätze für den Abend genommen. Sie tanzten nicht, weil ſich keine Tänzen für ſie finden wollten, ſpielten auch nicht Karten, um nicht als unwiderruflich paſſirt bezeichnet zu werden, ſondern befanden ſich in der günſtigen Lage, über Jeder⸗ mann läſtern zu können, außer über ſich ſelbſt— über Jedermann, denn alle Welt war da, und Alles war Licht ——— — N N — — A ͤ u Die Pickwicker. 8 185 und Glanz, überall ſah man elegant gekleidete Herren und Damen, prachtvolle Spiegel, friſche Blumen und Kränze, und überall war Angelo Cyrus Bantam, der Ceremonienmeiſter, ſich bald vor Dieſem ehrerbietig ver⸗ beugend, dann Jenem vertraulich zuwinkend, und Alle wohlgefällig anlächelnd. „»Kommen Sie in das Theezimmer. Trinken Sie für ihre ſechs Pence. Man gießt kochendes Waſſer auf, und nennt's Thee. Trinken Sie.« ſagte Herr Dow⸗ ler mit lauter Stimme zu Herrn Pitkwick, der Miſtreß Dowler am Arm führte, und der kleinen Geſellſchaft voranging. Herr Pickwick trat in das Theezimmerz der Ceremonienmeiſter erblickte ihn von weitem, wand ſich gleich einem Korkzieher durch das Gedränge, und bewill⸗ kommnete ihn mit Ertaſe. »Mein theurer Sir, ich fühle mich unendlich geehrt; Ba-—ath wiederfährt durch Ihre Anweſenheit eine un⸗ ſchätzbare Gunſt. Miſtreß Dowler, Sie verſchönern dieſe Räume.« »Iſt Jemand hier?« fragte Dowler zweifelhaft. „»Jemand! die Elite von Ba—ath. Herr Pickwick, ſehen Sie die Dame im Gazet⸗Turban?« 1 »Die dicke alte Dame dort?« fragte Herr Pickwick in ſeiner Unſchuld. »Pſt! mein theurer Sir— in Ba- ath iſt Niemand dick oder alt. Es iſt die verwittwete Lady Saufanuph.« »Wirklich?« fragte Herr Pickwick. „»Wie ich Ihnen ſage, keine geringere Perſon,« ent⸗ gegnete der Ceremonienmeiſter. Pſt! kommen Sie ein wenig näher, Herr Pickwick. Sehen Sie den llegant gekleideten jungen Mann dort 2« Den mit den langen Haaren und der ſchmalen Stirn 2 fragte Herr Pickwick. 186 Die Pickwicker. »Derſelbe. Er iſt gegenwärtig der reichſte Mann in Ba—ath. Der junge Lord Muthenhed.« »In der That?« ſagte Herr Pickwick. »Ohne Zweifel. Sie werden ihn ſogleich reden hö⸗ ren, Herr Pickwick; er wird ſich mit mir unterhalten. Der andre Herr neben ihm mit der rothen Unterweſte und dem ſchwarzen Backenbart iſt der hochachtbare Herr Cruſhton, ſein Buſenfreund.— Wie befinden Sie ſich, Mylord?« »Sehr heiß hier, Bantam,« bemerkte Seine Herr⸗ lichkeit. „Es iſt allerdings ſehr warm, Mylord,« erwiederte der Ceremonienmeiſter. »Verdammt heiß,« bekräftigte der hochachtbare Herr Cruſhton.»Haben Sie Seiner Herrlichkeit Poſtkarren ſchon geſehen, Bantam?« fragte er nach einer kurzen Pauſe, während welcher der junge Lord Muthenhed ſich bemüht hatte, Herrn Pickwick durch ſtarres Anſehn außer Faſſung zu bringen. »Nein, noch nicht,« entgegnete der Ceremonienmei⸗ ſter.»Ein Poſtkarren.— Welch ein vortrefflicher Ein⸗ fall la »Mein Himmel,« rief der junge Lord aus,»ich dachte, Jeder hätte den neuen Poſtkarren ſchon geſehen; es iſt das zierlichſte, artigſte Ding, was jemals auf Rä⸗ dern gelaufen iſt— roth angemalt mit einem iſabellfar⸗ bigen Schecken davor.⸗ »Und mit einem wirklichen Briefkaſten,« fügte der hochachtbare Herr Cruſhton hinzu. »Und einem kleinen Vorſitz mit eiſerner Schne für den Kutſcher,« ergänzte der Lord.»Ich fuhr in einem Carmoiſinrock vor ein paar Tagen damit nach Briſtol, und ließ zwei Bedienten eine Viertelſtunde hinten nach rei⸗ in glücklich ſchätzen,« entgegnete der Ceremonienm Die Pickwicker. 187 ten, und es war ein Hauptſpaß, als die Leute aus den Häuſern ſtürzten und mich anhielten, um zu fragen, ob ich keine Briefe für ſie hätte.« Seine Herrlichkeit lachte herzlich; natürlich folgten die Zuhörer ſeinem Beiſpiel. Er nahm jetzt des befiiſſe⸗ nen Herrn Cruſhton Arm, und entfernte ſich mit ihm. »Ein ſehr liebenswürdiger junger Mann,« bemerkte der Ceremonienmeiſter. 4 »Scheint ſo,« ſagte Herr Pickwick trocken. Nachdem Angelo Bantam alle nöthigen Einleitungen und Anordnungen zum Beginn des Tanzes gegeben hatte, ſuchte er Herrn Pickwick wieder auf, und führte ihn in das Spielzimmer. »Eben als ſie eintraten, ſtanden die verwittwete Lady Saufanuph nebſt zwei andern Damen von antikem und wißbegierigem Ausſehen um einen unbeſetzten Spiel⸗ tiſch, und kaum gewahrten ſie Herrn Pickwick unter dem Konvoy des Ceremonienmeiſters, als ſie bedeutſame Blicke mit einander wechſelten, durch welche ſie anzudeuten ſchie⸗ nen, Herr Pickwick ſei gerade der Mann, deſſen ſie be⸗ dürften, um ihren Robber machen zu können. ⸗Mein werther Bantam,“« redete die verwittwete Lady Saufanuph den Ceremonieumeiſter ſchmeichelnd an, „thun Sie uns doch den Gefallen, uns einen paßlichen Mitſpieler zuzuführen.«“ Da Herr Pickwick eben nach einer andern Seite hinſah, gab Ihre Herrlichkeit Ban⸗ tam noch einen deutlichern Wink. »Mein Freund, Herr Pickwick, wird ſich unendlich d.„»Herr Pickwick— Lady Saueuüßh— Frau Obriſtin Wugsby — Miß Bolo.« Herr Pickwick verbengke ſich vor jeder der drei Da⸗ men, und da er einſah, daß er doch nicht davon kommen 8 „ 188 Die Pickwicker. könne, ſo ergab er ſich in ſein Schickſal. Er und Miß Bolo ſpielten gegen Lady Saufanuph und die Obriſtin Wugsby. Eben als die zweite Parthie begann, hüpften zwei junge Damen in das Zimmer, und ſtellten ſich hinter den Stuhl der Obriſtin, wo ſie ruhig warteten, bis die Parthie zu Ende war. 3 »Was giebt's, Jane?« fragte die Obriſtin, ſich zu einer der jungen Damen wendend. »Ich wollte Sie fragen, Mama, ob ich wohl mit dem jüngſten Herr Prawley tanzen darf,« flüſterte die jüngere und hübſchere der beiden Töchter. »Gütiger Himmel, Jane, wie kannſt Du nur an ſo was denken,« erwiederte die Mutter unwillig.»Haſt Du nicht oft genug gehört, daß ſein Vater nur Achthundert jährlich hat, die mit ſeinem Tode wegfallen? Ich muß mich in Deiner Seele ſchämen. Nein, unter keiner Be⸗ dingung.« »Mama,“« flüſterte die Andere, die viel älter als ihre Schweſter und unendlich abgeſchmackt und affektirt war, „»Lord Muthenhed iſt mir vorgeſtellt worden. Ich habe geſagt: ich glaubte noch nicht engagirt zu ſein, Mama.« »Du biſt mein liebes, ſüßes Täubchen,« ſagte die Obriſtin, der Tochter Wange mit dem Fächer klopfend, vauf Dich kann ich mich immer verlaſſen. Er iſt uner⸗ meßlich reich mein Kind. Gott ſegne Dich.« Mit dieſen Worten küßte ſie ihre älteſte Tochter aufs zärtlichſte, warf der jüngſten zornige Blicke zu, und miſchte die Karten. Der arme Herr Pickwick! er hatte noch nie mit drei ausgelernteren Whiſtſpielern geſpielt. Sie waren ſo verzweifelt aufmerkſam, daß er in fortwährender Angſt ſchwebte. Spielte er falſch aus, ſo durchbohrten ihn die iß tin vei ter die Die Pickwicker. 189 Blicke von Miß Bolo, zögerte er einen Augenblick, um zu überlegen, ſo lehnte ſich Lady Saufanuph in ihrem Stuhle zurück, und lächelte der Obriſtin mit dem Aus⸗ druck theils des Mitleids, theils der Ungeduld zu, worauf dieſe mit den Achſeln zuckte, und huſtete, als wenn ſie ſagen wollte, es ſolle ſie doch wundern, ob Herr Pickwick ſich je entſchließen werde. Nach jedem Spiele fragte Miß Bolo mit verdrießlicher Miene und einem vorwurfs⸗ vollen Seufzer, weßhalb Herr Pickwick nicht Carro nach⸗ geſpielt, oder Trefle angeſpielt, oder Pique geſtochen, oder Coeur vorgebracht, oder das As herausgelockt, oder auf den König invitirt habe oder dem ähnliches, und auf alle dieſe ſchweren Anklagen wußte Herr Pickwick nie eine Entſchuldigung vorzubringen, da er inzwiſchen das ganze Spiel vergeſſen hatte. Außerdem kamen und gin⸗ gen Zuſchauer, wodurch er noch mehr geſtört wurde, und Angelo Bantam plauderte ganz in der Nähe mit den beiden Miß Matinters, welche, weil ſie keine Tänzer hatten, dem Ceremonienmeiſter viel Aufmerkſamkeit er⸗ zeigten, um durch ſeine Vermittlung dann und wann einem übriggebliebenen Partner überwieſen zu werden. Alles dieſes verurſachte, daß Herr Pickwick ziemlich ſchlecht ſpielte; auch waren die Karten gegen ihn, und als zehn Minunten nach elf Uhr das Spiel beſchloſſen wurde, erhob ſich Miß Bolo in großer Aufregung, und begab ſich ſo⸗ fort in einer Sänfte und unter einer Fluth von Thränen nach Hauſe. Herr Pickwick kehrte bald darauf mit ſei⸗ nen Freunden, die ſämmtlich verſicherten, kaum jemals einen Abend angenehmer zugebracht zu haben, nach dem weißen Hirſch zurück, ging zu Bette, und träumte noch viel von unrichtig ausgeſpielten Karten, und den ſtrafen⸗ den Blicken ſeiner Partnerin. 190 Die Pickwicker. Siebenunddreißigſtes Kapitel. In welchem eine authentiſche Verſton des Mährchens vom Prin⸗ zen Bladud mitgetheilt, und von einem höchſt merkwürdi⸗ gen Abenteuer, das Herrn Winkle widerfuhr, berichtet wird. Da Herr Pickwick wenigſtens zwei Monate in Bath zu verweilen gedachte, ſo hielt er es für rathſam, eine Privatwohnung zu nehmen, und da ſich eine günſtige Gelegenheit fand, ſo miethete er mit ſeinen Freunden das obere Stockwerk eines Hauſes auf Royal-Crescent, und da dieſes mehr Raum darbot, als ſie bedurften, ſo erbo⸗ ten ſich Herr und Miſtreß Dowler, ihnen ein Schlaf⸗ und ein Wohnzimmer abzunehmen. Dieſer Vorſchlag wurde ſofort angenommen; nach drei Tagen waren ſie Alle in ihrer neuen Wohnung eingerichtet, und Herr Pickwick begann jetzt mit dem größten Eifer, den Brun⸗ nen zu trinken. Er befolgte hierbei ein beſonderes Sy⸗ ſtem, trank ein viertel Maaß vor dem Frühſtück, und ſpazierte dann einen Hügel hinauf; ein zweites viertel Maaß nach dem Frühſtück, und ſpazierte einen Hügel hinab, und bei jedem neuen viertel Maaß erklärte Herr Pickwick auf das Feierlichſte und Nachdrücklichſte, er fühle ſich bei weitem wohler, worüber ſeine Freunde äußerſt entzückt waren, obgleich ſie vorher durchaus nichts von einer Unpäßlichkeit an ihm bemerkt hatten. Der große Brunnenſaal iſt ſehr geräumig, mit ko⸗ rinthiſchen Säulen, einer Muſikgallerie, einer Statue von Staſch, und einer goldenen Inſchrift geziert, welche alle Badegäſte beachten ſollten, denn ſie nimmt ihre Hülfe Die Pickwicker. 191 für die leidende Menſchheit in Anſpruch. Das Waſſer wird aus einer großen marmornen Vaſe geſchöpft, und in gelblichen Gläſern umhergereicht, und es iſt ein ſehr erbaulicher und befriedigender Anblick, zu ſehen, mit wel⸗ cher Ausdauer und Würde ſie geleert werden. Es ſind Baäder in der Nähe, und eine Muſikbande wünſcht ſpäter den Badenden Glück, daß ſie ſich abgewaſchen haben. Es iſt noch ein anderer Brunnenſaal vorhanden, in welchem gebrechliche Herren und Damen vermittelſt einer erſtaunlichen Menge und Mannigfaltigkeit von Sänften, Stühlen und Fuhrwerken gebracht werden, ſo daß, wer ſo kühn iſt, mit der gewöhnlichen Anzahl von Zehen hineinzutreten, Gefahr läuft, ſie einzubüßen. In einen dritten Brunnenſaal gehen alle ruhigen Leute, denn es iſt dort weniger geräuſchvoll, als in den andern. Es fehlt nicht an Promenaden, wo man Spaziergänger mit und ohne Krücken, mit und ohne Stöcken ſieht. Jeden Morgen trafen ſich die regelmäßigen Waſſer⸗ trinker, unter ihnen Herr Pickwick, in dem Brunnenſaal, tranken jedesmal ihr viertel Maaß, und gingen dann auf und ab. Auf der Nachmittagspromenade fanden ſich die ausgezeichnetſten Perſonen, Lord Muthenhed, der hochachtbare Herr Cruſhton, die verwittwete Lady Saufanuph, Frau Obriſtin Wugsby ꝛc. zuſammen. Darauf gingen oder fuhren ſie ſpazieren, oder ließen ſich in Seſſeln ſchieben, und trafen wieder zuſammen. So⸗ dann gingen die Herren in das Leſezimmer, und endlich zu Hauſe. War am Abend Theater, ſo trafen ſie ſich vielleicht dort, oder in der Aſſemblee, auf jeden Fall aber kamen ſie den nächſten Tag wieder zuſammen— ein ſehr angenehmer Kreis von Beſchäftigungen, der vielleicht nur ein wenig zu einförmig war. Nach einem auf dieſe Weiſe zugebrachten Tage war 192 Die Pickwicker. Herr Pickwick, als ſeine Freunde ſich ſchon zu Bett gelegt, noch mit ſeinem Tagebuch beſchäftigt. Er hörte plötzlich leiſe an ſeine Thür klopfen. »Entſchuldigen Sie, Sir,« ſagte die eintretende Wirthin, Miſtreß Craddak,»bedürfen Sie noch etwas, Sir 2« „Danke recht ſehr, Madame,« entgegnete Herr Pickwick. »Mein Hausmädchen iſt zu Bett gegangen, Sir,⸗ fuhr Miſtreß Craddak fort,»und Herr Dowler will die Güte haben, auf Miſtreß Dowler zu warten, da die Geſellſchaft ſich wahrſcheinlich erſt ſpät trennen wird. Wenn Sie daher nichts mehr bedürfen, Herr Pickwick, ſo möchte ich auch zu Bette gehen.« „Laſſen Sie ſich durch mich ja nicht abhalten,⸗ entgegnete Herr Pickwick. „Ich wünſche gute Nacht, Sir,« ſagte Miſtreß Craddak. „Gute Nacht, Madame,“ verſetzte Herr Pickwick. Miſtreß Craddak entfernte ſich, und Herr Pickwick fuhr fort, Notizen in ſein Tagebuch zu ſchreiben. Nach einer halben Stunde war er damit fertig; er wiſchte die Feder ſorgfältig ab, und öffnete die Schublade ſeines Schreibzeugs, um ſie hineinzulegen, als ihm ein Mann⸗ ſkript in die Augen fiel, deſſen Titel in deutlicher Hand⸗ ſchrift geſchrieben offen vor ihm lag. Da er hieraus entnahm, daß es kein Privat⸗Dokument ſei, es ſich auch auf Bath zu beziehen ſchien, und, überdem ſehr kurz war, ſo entfaltete er es, und indem er ſeinen Stuhl dicht an den Kamin zog, las er wie folgt: —— Die Pickwicker. 193 Die wahrhafte Geſchichte vom Prinzen Bladud. »Vor nicht ganz zweihundert Jahren las man über einem der öffentlichen Bäder dieſer Stadt eine jetzt nicht mehr vorhandene Inſchrift von dem Stifter derſelben, dem berühmten Prinzen Bladud. »„Seit vielen hundert Jahren war die Sage über⸗ liefert worden, der durchlauchte Prinz habe, weil er mit dem Ausſatz behaftet geweſen, nach ſeiner Rückkehr von dem alt⸗ehrwürdigen Athen, wo er eine reiche Ernte von Kenntniſſen eingeſammelt, den Hof ſeines königlichen Vaters gemieden, und trübſinnig unter Hirten und Säuen gelebt. Bei der Heerde befand ſich(ſo erzählte die Sage) ein Schwein von ernſten und feierlichen Mienen, weßhalb der Prinz mit ihm ſympathiſirte— denn auch er war ernſt und melancholiſch— ein Schwein von nachdenken⸗ dem und zurückhaltendem Weſen, allen andern Schweinen weit überlegen, deſſen Grunzen ſchrecklich und deſſen Biß gefährlich war. Der junge Prinz ſeufzte tief, wenn er das majeſtätiſche Thier anſchaute. Dieſes kluge Schwein badete ſich gern in tiefem Schlamm, doch nicht im Sommer, was gewöhnliche Schweine noch jetzt thun, um ſich abzukühlen, und ſchon in jenen entfernten Zeiten thaten(welches ein Beweis iſt, daß das Licht der Civi⸗ liſation bereits damals, wenn auch erſt ſchwach, ſich zu entzünden begonnen hatte), ſondern in den kälteſten Wintertagen. Das Schwein hatte immer ein ſo reines Fell, und ſah ſo geſund und munter aus, daß der Prinz beſchloß, die reinigenden Kräfte deſſelben Schlammes zu erproben.— Unter dieſem ſchwarzen Schlamm ſprudel⸗ ten die heißen Quellen von Bath.— Er badete und ward vom Ausſatz befreit.— Er eilte an den Hof Die Pickwicker. IV. 13 1 * 194 Die Pickwicker. ſeines Vaters, bezeigte ihm ſeine Ehrfurcht, kehrte ſchnell wieder hierher zurück, und grüͤndete dieſe Stadt und deren berühmte Bäder. b »Er ſuchte das Schwein nmit allem Eifer früherer Anhänglichkeit— doch ach, es hatte ſeinen Tod im Waſſer gefunden, hatte unvorſichtiger Weiſe bei zu heißer Temperatur ein Bad genommen, und das naturkundige Schwein war nicht mehr! Ihm folgte Plinius nach, der gleichfalls ein Opfer ſeines Durſtes nach Kenntniſſen wurde. »So lautet die Sage; Folgendes aber iſt die wahre Geſchichte: »Vor vielen hundert Jahren lebte in großer Pracht und Herrlichkeit der weit berühmte Lud Hudibras, König von Britannien. Er war ein mächtiger Monarch, und ein ſo ſtarker Mann, daß die Erde unter ſeinen Fuß⸗ tritten bebte. Sein Volk ſonnte ſich im Leuchten ſeines Angeſichts; ſo roth und glühend war dieſes Antlitz. Er war in der That»jeder Zoll ein König,« und dabei maß er viele Zoll, denn obgleich er nicht ungewöhnlich groß war, hatte er doch dafür einen deſto beträchtlicheren Um⸗ fang, ſo daß ſeine Breite die Zolle reichlich erſetzte, die ſeiner Länge abgehen mochten. Könnte irgend ein Mo⸗ narch der neuern Zeiten mit ihm verglichen werden, ſo würde ich ſagen, der ehrwürdige König Kole ſei dieſer erlauchte Potentat. „Dieſer gute König hatte eine Königin, die ihm vor achtzehn Jahren einen Sohn gebar, den man Bladud nannte. Er wurde bis zu ſeinem zehnten Jahre einer Erziehungsanſtalt anvertraut, und dann unter der Obhut eines zuverläſſigen Mannes nach Athen geſchickt, um dort ſeine Studien zu vollenden. Er blieb acht Jahre in Athen, nach deren Ablauf der König, ſein Vater, den Die Pickwicker. 195 Lord⸗Kammerherrn hinüberſchickte, um die Rechnungen zu bezahlen, und den Prinzen nach Hauſe zurück zu geleiten. Der Lord⸗Kammerherr that es, wurde mit Jubelgeſchrei empfangen, und durch ein reichliches Jahrgeld belohnt. Als der König Lud den Prinzen, ſeinen Sohn, erblickte, und ſah, daß er zu einem ſo ſchönen jungen Mann herangewachſen war, hielt er es gleich für angemeſſen, ihn ohne Aufſchub zu vermählen, um durch ſeine Nach⸗ kommen das glorreiche Geſchlecht der Luds bis auf die ſpäteſten Zeitalter fortzupflanzen. Zu dieſem Behuf ſchickte er eine aus vornehmen Hofleuten, die nichts be⸗ ſonderes zu thun hatten, und einträglicher Beſchäftigung bedurften, beſtehende Geſandtſchaft an einen benachbarten König ab, ließ um deſſen ſchöne Tochter für ſeinen Sohn werben, und ihm zugleich verkünden, es ſei ihm ſehr daran gelegen, mit ſeinem lieben Nachbar im beſten Vernehmen zu bleiben, würde ſich aber, falls die Ver⸗ mählung nicht ſollte zu Stande kommen können, in die unangenehme Nothwendigkeit verſetzt ſehen, ſein König⸗ reich anzugreifen, und ihm die Augen auszuſtechen. »Hierauf erwiederte der andere König(welcher der Schwächere von den beiden war), er ſei ſeinem Nachbar und Freunde für alle ſeine Güte und Großmuth ſehr verbunden, und ſeine Tochter ſei zur Vermählung bereit, ſobald es dem Prinzen Bladud gefällig ſein würde, zu kommen und ſie zu holen. „Dieſe Antwort erreichte kaum Britannien, als die ganze Nation vor Freude außer ſich war. Ueberall hörte man nur Töne des Jubels und Entzückens, mit Ausnahme derer des Geldklingels, wo gerade der könig⸗ liche Schatzmeiſter beim Einſammeln von Abgaben, um die Koſten des glücklichen Ereigniſſes zu beſtreiten, ſich befand. Es war bei dieſer Gelegenheit, daß König Lud 13* 196 Die Pickwicker. im verſammelten Rathe auf ſeinen Thron ſitzend, im Uebermaaß ſeiner Gefühle ſich erhob, und dem Lord⸗ Oberrichter befahl, die beſten Weine und die Minſtrels kommen zu laſſen. »Doch mitten unter dieſen Feſten und Luſtbarkeiten war ein Unglücklicher, der den feurigen Wein nicht koſtete, und nach den Tönen der Muſik nicht tanzte. Dieſer war kein Anderer als Prinz Bladud ſelbſt, zu deſſen Ehren ein ganzes Volk die Kehlen eben ſo ſehr, als die Geldbeutel in Bewegung ſetzte. Der Prinz hatte ſich nämlich, das unbezweifelte Recht des Miniſters der auswärtigen Angelegenheiten, ſich für ihn zu verlieben, nicht berückſichtigend, allen politiſchen und diplomatiſchen Formen und Gebräuchen zuwider, bereits nach ſeiner eigenen Neigung verliebt, und insgeheim mit der ſchönen Tochter eines angeſehenen Athenienſers verlobt. »Hier haben wir ein ſchlagendes Beiſpiel von einem der vielfachen Vortheile der Civiliſation und fortgeſchrit⸗ tenen Bildung. Hätte der Prinz in ſpätern Zeiten gelebt, ſo würde er ſich ſogleich mit dem Gegenſtande der Wahl ſeines Vaters vermählt haben, und dann ſofort darauf bedacht geweſen ſein, ſich von ſeiner ſchwer⸗ laſtenden Bürde zu befreien; ſei es, daß er ſich bemüht hätte, ſie ſyſtematiſch todt zu ärgern, oder, wenn weib⸗ liches Selbſtbewußtſein ſie aufrecht erhalten, ihrem Leben nachgeſtellt hätte. Prinz Bladud dachte jedoch an keines dieſer Mittel— er bat vielmehr ſeinen Vater um eine geheime Unterredung, und offenbarte ihm Alles. „»Es iſt ein altes Vorrecht der Könige, Alles zu regieren, außer ihre Leidenſchaften. König Lud gerieth daher in die ſchrecklichſte Wuth, warf ſeine Krone bis unter die Decke empor, und fing ſie wieder auf— denn in jenen Tagen hatten die Könige ihre Kronen auf dem NK— Die Pickwicker. 197 Kopfe und nicht im Tower— ſtampfte mit den Füßen, ſchlug ſich vor die Stirn, beklagte ſich, daß ſein eignes Fleiſch und Blut ſich gegen ihn empöre, rief ſeine Leib⸗ wache, und ließ den Prinzen in einen hohen Thurm werfen— wie die Könige früher immer ihre Söhne zu behandeln pflegten, wenn deren beſondere Neigungen ihren Vermählungsabſichten nicht entſprachen. »Als Prinz Bladud faſt ein Jahr in dem hohen Thurm eingeſperrt geweſen war, entwarf er einen Plan zur Flucht, den er auch nach langen Vorbereitungen glücklich ausführte. Mit großem Bedacht ließ er ſein Taſchenmeſſer im Herzen des Kerkermeiſters ſtecken, damit der arme Menſch, der Familie hatte, vor dem aufge⸗ brachten König nicht als Mitwiſſer ſeiner Flucht ange⸗ ſehen und demgemäß beſtraft werden möchte. »Der König war außer ſich vor Wuth, als ihm der Vorfall berichtet wurde. Er wußte nicht, an wen er ſeinen Zorn auslaſſen ſollte, als er zum Glück an den Lord⸗Kammerherrn dachte, der den Prinzen von Athen zurückbegleitet hatte, und dem er ſomit das Jahrgeld und den Kopf gleichzeitig verkürzte. »Der junge Prinz durchwanderte mittlerweile, gut verkleidet und entſtellt, zu Fuß das Reich ſeines Vaters, und ertrug mit Gleichmuth alle Mühſeligkeiten und Ge⸗ fahren bei dem entzückenden Gedanken an die ſchöne Athenienſerin, welche die unglückliche Urſache ſeiner ſchreck⸗ lichen Prüfungen war. Eines Tages wollte er in einem Dorfe raſten, und da er ſah, daß auf dem Raſenplatze munter getanzt wurde, ſo fragte er einen der Umher⸗ ſtehenden, welche Feſtlichkeit man hier begehe. „»O, Fremdling,« war die Antwort,»haſt Du denn nichts von der neueſten Proklamation unſers allergnädig⸗ ſten Königs gehört?« Die Pickwicker. »Was für eine Proklamation?« erwiederte der Prinz, 198 denn er war bisher nur auf wenig beſuchten Nebenwegen gewandert, und hatte nichts von dem erfahren, was im Reiche vorging. »Nun,« fuhr der Landmann fort,»die fremde Dame, die unſer Prinz zu heirathen wünſchte, hat ſich mit einem reichen Manne in ihrem eigenen Lande vermählt, und dieſes ließ der König verkünden, und große Feſtlich⸗ keiten anordnen, denn jetzt wird Prinz Bladud natürlich zurückkehren, und die Prinzeſſin heirathen, die ihm ſein Vater auserwählte, und die, wie man ſagt, ſo ſchön wie die Mittagsſonne iſt. Ihre Geſundheit, Sir. Gott erhalte den König! »Der Prinz hatte genug gehört; er enteilte in den nahen Wald, und drang in deſſen Wildniß ein. So wanderte er Tag und Nacht fort in der brennenden Sonnenhitze und durch die feuchten Nebel der Nacht, und war ſo verwirrt und zerſtreut, daß er auf den Weg gar nicht achtete, und ſtatt nach Athen zu gelangen, nach Bath kam, jedoch war damals, wo jetzt Bath ſteht, noch keine Stadt, ja nicht einmal eine Spur einer menſch⸗ lichen Wohnung, die den Namen hätte führen können; die Gegend aber war entzückend, wie ſie es noch jetzt iſt; dieſelbe ſchöne Abwechſelung von Hügeln und Thä⸗ lern; dieſelben entfernten Berge, welche, wie die Sorgen des Lebens, theilweiſe durch die Nebel des Morgens ver⸗ borgen, ihren rauhen und wilden Anblick verlieren, und mild und zugänglich erſcheinen. Von den Reizen dieſer Gegend ergriffen, ſank der Prinz auf den grünen Raſen nieder, und badete ſeine geſchwollenen Füße mit ſeinen Thränen. „»O,« rief der unglückliche Bladud aus, ſchlug ver⸗ zweifelnd die Hände zuſammen, und blickte zum Himmel *——— ————— R — 8u— — ⏑ NR — Die Pickwicker. 199 empor—»möchten doch meine Wanderungen hier ihr Ziel finden, und meine bittern Zähren, ausgepreßt von vergeblichem Hoffen und verſchmähter Liebe, für immer in Frieden fließen. »Sein Wunſch wurde erhört. Es war damals die Zeit der heidniſchen Gottheiten, welche die Leute oft zu ſchnell beim Wort zu nehmen pflegten. Der Boden öffnete ſich, unter den Füßen des Prinzen; er ſank hinab, und ſogleich ſchloß ſich wieder über ihm die Erde, außer wo ſeine heißen Thränen hervorquollen, die bis jetzt unausgeſetzt ſich als ein erprobtes Heilmittel be⸗ währt haben. »Es iſt bemerkenswerth, daß bis auf die heutige Stunde zahlloſe alternde Damen und Herren, die in ihrer Hoffnung, ſich Lebeusgefährten zu gewinnen, ge⸗ täuſcht wurden, und faſt eben ſo viele nach ſolchen ſich ſehnende junge Damen und Herren Bath beſuchen, um den Brunnen zu trinken, woraus ſie viel Troſt und Staͤrkung ſchöpfen; was ein gewichtiger Beweis der belebenden Wirkungen der Thränen des Prinzen Bladud, ſo wie der Wahrhaftigkeit dieſer Geſchichte iſt.« Herr Pickwick gähnte mehrere Mal, als er bis zum Ende des Manuſcripts gelangt war, faltete es ſorgfältig wieder zuſammen, legte es an dieſelbe Stelle, wo er es gefunden hatte, zündete ſein Nachtlicht an, und begab ſich auf den Weg nach ſeinem Schlafzimmer. Er blieb ſeiner Gewohnheit gemäß vor Herrn Dowlers Thüre ſtehen, um ihm gute Nacht z zu wünſchen. »Ah,« ſagte Dowler,»wollen Sie zu Bett?— Ich wünſchte, ich läge ſchon darin. Eine ſehr unange⸗ nehme Nacht.— Sehr windig, nicht wahr?« 200 Die Pickwicker. »Ja wohl,« ſagte Herr Pickwick.—»Gute Nacht!« »Gute Nacht.⸗ Herr Pickwick ging nach ſeinem Schlafzimmer, und Herr Dowler ſetzte ſich wieder vor das Kaminfeuer, und bereuete faſt ſein Verſprechen, aufbleiben zu wollen, bis ſeine Gattin kommen würde.. Nichts iſt ermüdender, als Nachts auf Jemanden zu warten, der in einer Geſellſchaft iſt. Man kann ſich des Gedankens nicht erwehren, wie ſchnell Jenen die Zeit vergeht, die für uns ſo langſam dahin ſchleicht, und je mehr man daran denkt, deſto mehr ſchwinden die Hoffnungen einer baldigen Ankunft. Die Hausuhren picken auch ſo laut, wenn man allein ſitzt, und einem ſolchen Wartenden kommt es faſt vor— wenigſtens iſt es bei uns immer der Fall— als habe er Unterkleider von Spinnwebe an. Erſt juckt es uns am rechten Knie; dann prickelt es am linken. Verändert man die Stellung, ſo fühlt man daſſelbe Jucken in den Armen, und endlich in der Naſe, die man ſich abreiben würde, wenn es möglich wäre. Dieſe und mehrere andere kleine Beſchwerlichkeiten machen das ſpäte Warten, wenn Alles zu Bett gegangen iſt, zu einer ſehr peinlichen Aufgabe. Dieſe Gedanken erfüllten auch Dowler, als er vor dem Kamin ſaß, und er fühlte ſich entrüſtet gegen alle die gefühlloſen Leute in der Geſellſchaft— die ihn ſo lange warten ließen.— Seine Laune wurde nicht ver⸗ beſſert, als er daran dachte, daß er ſich's gegen Abend in den Kopf geſetzt hatte, Kopfſchmerzen zu haben, weß⸗ halb er zu Hauſe geblieben war. Endlich, nachdem er ſchon mehrere Male eingenickt, und gegen das Kamin zu gewankt, aber immer noch frühzeitig genug erwacht war, Die Pickwicker. 201 beſchloß er, ſich auf das Bett in dem Hinterzimmer zu legen, und zu denken— natürlich nicht zu ſchlafen. „Ich habe einen ſehr ſchweren Schlaf,« ſagte Herr Dowler, als er ſich auf das Bett warf.—„»Ich muß wach bleiben— wenn geklopft wird, werde ich es hier hören können.— Ja. Ich kann den Nachtwächter hören. Er geht unten vorbei.— Jetzt geht er ſchon leiſer.— Immer leiſer.— Er wendet ſich um die Ecke.— Aha.«— Als Herr Dowler ſo weit in ſeinem Monolog gelangt war, wendete er ſich um die Ecke, an der er ſo lange gezögert hatte, und fiel in einen feſten Schlaf. Gerade als die Uhr drei ſchlug, wurde eine Sänfte, in welcher Miſtreß Dowler heimkehrte, auf den Halb⸗ mondplatz, wo ſie wohnte, gebracht. Die Träger waren ein kurzer Dicker, und ein langer Dürrer, die auf dem Wege viel Mühe gehabt hatten, ihre Körper ſenkrecht zu halten, um nichts von der Sänfte zu ſagen; doch auf jener Höhe wüthete und ſtürmte der Wind ſo ent⸗ ſetzlic, als wollte er das Straßenpflaſter aufreißen. Sie waren herzlich froh, als ſie endlich mit der Sänfte vor dem Hauſe anhalten konnten, und begannen mächtig an der Thür zu klopfen. Sie warteten etwas, aber es kam Niemand. „Die Dienerſchaft liegt ſicherlich in Propus Armen,⸗ ſagte der kurze Dicke, indem er ſich die Hände an der Fackel des begleitenden Fackeljungen erwärmte. »„Ich wollte, er kniffe ſie und weckte ſie auf,« be⸗ merkte der Lange. »So klopft doch,« rief Miſtreß Dowler aus der Sänfte—»klopft, was ihr könnt!« Der Kurze genügte willig der Aufforderung, und 202 Die Pickwicker. donnerte mit aller Kraft an die Thür, während der Lange ſich mitten auf die Straße ſtellte, um zu ſehen, ob er nicht Licht an einem Fenſter entdecken könne. Niemand kam.— Alles war noch ſo ſtill und dunkel wie zuvor. Miſtreß Dowler wurde ungeduldig, und ſagte:»Ihr müßt immerfort klopfen, dann wird man wohl endlich öffnen.« »Iſt keine Klingel da, Madam?« fragte der Kurze. »Ja wohl,« fiel der Fackeljunge ein,»ich habe ſchon in einem fort geläutet.« »Das kann nichts helfen,« ſagte Mifrreß Dowler, „der Drath iſt zerriſſen.— Ihr müßt ſtärker klopfen!« Der Kurze klopfte wieder mehrere Male, aber ohne die geringſte Wirkung. Der Lange wurde jetzt unge⸗ duldig, löſte ihn ab und gab fortwährend mächtige Doppelſchläge wie ein wahnſinniger Briefträger. Endlich begann Herr Winkle zu träumen, er ſei in einem Clubb, die Mitglieder geriethen in Streit, der Präſident ſei genöthigt, gewaltig auf den Tiſch zu häm⸗ mern, um die Ordnung wieder herzuſtellen; ſodann war es ihm, als wohne er einer Verſteigerung bei, und der Auctionator ſchlüge ſich Alles ſelber zu, weil es an Käufern fehle, und endlich kam es ihm vor, es könne in den Grenzen der Möglichkeit liegen, daß an der Hausthür geklopft werde. Um jedoch alle Zweifel zu beſeitigen, blieb er noch zehn Minuten im Bett liegen, und horchte, und als er zwei bis drei und dreißig Schläge gezählt hatte, hielt er ſich vollkommen über⸗ zeugt, und belobte ſich ſeiner Wachſamkeit wegen. „»Rap rap— rap rap— rap rap— ra, ra, ra, ra, ra, rap« ging der Klopfer an der Hausthür. — — Die Pickwicker. 203 Herr Winkle ſprang verwundert über dem ihm un⸗ erklärlichen Lärm aus dem Bett, zog Strümpfe und Pantoffeln an, wickelte ſich dicht in ſeinen Schlafrock, zündete ein Licht an, und eilte die Treppe hinab. „Da kommt endlich Jemand, Madame,“« ſagte der Kurze. „Ich wollte, ich wäre mit einer Hetzpeitſche hinter ihm,« murmelte der Lange. »Wer iſt da?« rief Winkle, die Riegel zurückſchie⸗ bend. »Halt uns nicht noch lange mit Fragen auf, Grütz⸗ kopf,« rief der Lange, der den Fragenden für einen Be⸗ dienten hielt, verdießlich zurück,»macht ſchnell auf!« »Hurtig, hurtig, Siebenſchläfer!« fügte der Kurze aufmunternd hinzu. Herr Winkle, der noch halb im Schlaf war, genügte mechaniſch dem Begehr, öffnete die Thür ein wenig, und blickte hinaus. Das Erſte, was er ſah, war die rothe Gluth der Fackel. Er erſchrack, denn er glaubte, das Haus ſtände in Flammen, riß heftig die Thür weit auf, hielt das Licht über ſeinem Kopfe empor, und ſtarrte grade vor ſich hin, nicht ganz gewiß, ob das, was er erblickte, eine Sänfte oder eine Feuerſpritze ſei. In die⸗ ſem Augenblick blies ein heftiger Windſtoß das Licht aus, Herr Winkle fühlte ſich unwiderſtehlich auf die Tritte vor die Hausthür getrieben, und dieſe ſchlug mit lautem Krachen zu. »Sehen Sie, junger Mann, das haben Sie nun davon,« ſagte der Kurze.— Als Herr Winkle durch das Fenſter der Sänfte eine Dame erblickte, wendete er ſich eiligſt nach der Thür 204 Die Pickwicker. zurück, begann aus Leibeskräften zu klopfen, und ſchrie dabei wie wahnſinnig den Trägern zu, ſie möchten ſich mit ihrer Sänfte entfernen. »So macht doch, daß Ihr fortkommt,« rief er.»Da kommt Jemand aus einem andern Hauſe— laßt mich in Eure Sänfte— Verſteckt mich— ſteht mir bei!« Er zitterte fortwährend vor Kälte, und ſo oft er die Hand zum Klopfer erhob, faßte der Wind auf höchſ unangenehme Weiſe ſeinen Schlafrock. »Da kommen ſie ſchon auf den Platz— es ſind Damen dabei— gebt mir doch etwas, womit ich mich bedecken kann— ſtellt Euch vor mich!« ſchrie und flehte Herr Winkle, doch die Sänftenträger waren zu ſehr durch ein unwiderſtehliches Gelächter erſchöpft, als daß ſie ihm den geringſten Beiſtand hätten leiſten können, und die Damen kamen näher und immer näher: er gab noch einen letz⸗ ten hoffnungsloſen Schlag; die Damen waren nur noch einige Häuſer entfernt.— Er warf den Leuchter fort, den er fortwährend über dem Kopf emporgehalten, und ſtürzte auf die Sänfte zu, in welcher Miſtreß Dowler ſich befand. Etwas früher hatte die Wirthin des Hauſes endlich das Klopfen und Lärmen gehört, und indem ſie ſich nur ſo viel Zeit nahm, um ihren Kopf paſſender zu bedecken, als mit dey Nachtmütze, lief ſie nach dem Fenſter des Wohnzimmers, um zu ſehen, ob es Hausbewohner ſeien, und öffnete gerade das Fenſter, als Herr Winkle nach der Sänfte ſprang. Kaum erblickte ſie, was unten vor⸗ ging, als ſie ein furchtbares Geſchrei erhob, zu Herrn Dowler lief, und ihm ſagte, ſeine Frau werde entführt. Als Herr Dowler dieſes vernahm, ſprang er wie Die Pickwicker. 203 ein Gummiball von ſeinem Bett aufv; ſtuͤrzte in ſein Wohnzimmer, und riß das Fenſter auf, als Herr Pick⸗ wick eben ein anderes öffnete, und der erſte Gegenſtand, der ſich ihren Blicken darbot, war Herr Winkle, der ſich in die Sänfte zu zwängen bemühte. »Nachtwächter!« ſchrie Dowler in furchtbarer Wuth, „haltet ihn feſt!— Fangt ihn!— haltet ihn, bis ich hinabkomme!— Ich werde ihm die Kehle abſchneiden! — Gebt mir ein Meſſer— von einem Ohr bis zum andern, ſo wahr ich Dowler heiße,« und der beleidigte Ehemann ergriff ein Meſſer, das auf dem Tiſche lag, und ſtürzte trotz alles Schreiens der Wirthin hinab und auf die Straße. Doch Herr Winkle erwartete ihn nicht. Kaum ver⸗ nahm er die ſchreckliche Drohung des tapfern Dowler, ſo ſprang er faſt eben ſo ſchnell von der Sitgesfs als er auf ſie zugeſtürzt war, ſchleuderte die Pankoffeln weit von ſich, und lief aus Leibeskräften davon, hitzig ver⸗ folgt von Dowler und dem Nachtwächter. Sie hetzten ihn auf dem Platze umher; er ſprang, als er zum zwei⸗ ten Mal vor der offenſtehenden Hausthür ankam, hinein, warf ſie Dowler vor der Naſe zu, rannte in ſein Schlaf⸗ zimmer, verſchloß und verrammelte die Thür mit einem Kleiderſchrank, Kommoden und Tiſchen, packte einige noth⸗ wendige Sachen zuſammen, und beſchloß, mit Tages⸗ anbruch zu entfliehen. Dowler kam nach einiger Zeit vor ſeine Thür, und kündigte durch das Schlüſſelloch ſeinen unerſchütterlichen Entſchluß an, Herrn Winkle am folgenden Tage die Kehle abzuſchneiden. Nach einem großen Durcheinander⸗ reden von Stimmen im Geſellſchaftszimmer, unter denen 206 Die Pickwicker. deutlich die des Herrn Pickwick zu vernehmen war, der ſich bemühte, den Frieden wieder herzuſtellen, begaben ſich die Hausgenoſſen in ihre Schlafzimmer, und endlich wurde alles wieder ſtill. Hier dürfte vielleicht die Frage aufgeworfen werden, wo Herr Weller dieſe Zeit über war? Wir wollen in dem nächſten Kapitel Aufſchluß darüber geben. Ende des vierten Theils. — —————— —— — Im Verlage der AUnterzeichneten iſt erſchienen: Sämmtliche Kinder⸗ und Jugendſchriften von Joachim Heinrich Campe. Neue, ſeit Januar 1829 die vierte, wohlfeile Geſammt⸗ ausgabe der letzten Hand. Subſcriptions⸗Preis für 37 Theile mit Kupfern und Karten 11 Thaler. Was Joachim Heinrich Campe als praktiſcher Er⸗ zieher geweſen, was er als Schriftſteller durch Werke, die in der Mutterſprache durch zahlreiche Auflagen in unge⸗ wöhnlichem Maße verbreitet und in alle Europäiſche Sprachen übertragen worden, in einem Wirkungskreiſe ſeltener Ausdehnung geleiſtet hat, iſt algemein und ehrend anerkannt. Campe wird nie aufhören, durch ſeine Schriften zu wirken. Er war Denker vom erſten Range, durch Scharf⸗ blick und Kenntniß berechtigt, mit neuen, glänzenden Ent⸗ deckungen hervorzutreten; aber er verzichtete zum Theil dgrauf, um zu verbreiten, was Allen wohl thut und noth iſt. Wenige haben mit ſo ernſtem, unabläſſigen Streben das Gute gewollt, und mit ſo menſchenfreundlichem Herzen und edlem Gemeinſinn es bewirkt. Als Jugendſchriftſteller iſt Campe uner⸗ reicht. Ein reifer Beobachtungsgeiſt, langes, unausgeſetztes Studium der Kinderſeele, philoſophiſche Genauigkeit und Beſtimmtheit inEntwickelung der Begriffe und die lichtvollſte Darſtellung charakteriſiren alle ſeine Schriften. Alle zwecken darauf ab, wahre Religioſität und reine Moral zu erwecken und zu befeſtigen, den jungen Weltbürger auf dem kürzeſten und ſicherſten Wege ſeiner Beſtimmung entgegen zu führen, die Steine des Anſtoßes aus dem Wege zu räumen und ver⸗ jährte Vorurtheile durch die faßlichſte Darlegung ihrer ſchäd⸗ lichen Folgen zu verbannen. Alle haben Bezug aufs Leben und auf praktiſche Bildung jugendlicher Seelen, indem ſie den Ver⸗ ſtand entwickeln, Welt⸗ und Menſchenkenntniß erweitern, mit Stärke und Muth Unglück und Widerwärtigkeiten entgegen zu treten lehren, den Hang zu romanhaften und myſtiſchen Lebensanſichten ertödten, Ekel gegen das empfindelnde Ge⸗ ſchwätz ſo mancher Modebücher erregen, und Geſchmack an ernſter und nützlicher Unterhaltung einflößen. Voll warmer Liebe zur Jugend, lehrt er ihr mit der innigſten, ſein ganzes Weſen durchdrungenen Ueberzeugung, daß ſtrenge Sittlich⸗ keit, geläuterter Verſtand, reger Fleiß und unermüdete Ar⸗ beitſamkeit im Beruf der einzig ſichere Weg zu einem nützlichen und dabei wahrhaft glücklichen Leben auf Erden und die Hauptbedingung innerer Zufriedenheit ſei. Sein Styl iſt rein, lebhaft undfließend, und meiſterhaft verſteht er die Kunſt, ſich zu dem Faſſungsvermögen der Ju⸗ gend, die er unterrichten will, herabzuſtimmen. Daher die ungewöhnliche Popularität, welche ſeine Schriften ſich er⸗ warben, die enthuſiaſtiſche Liebe und Verehrung, mit der ſeine Leſer an ihm hängen. Aeltern und Erzieher erhalten durch ſie eine Haus⸗ und Familien⸗Bibliothek, die an Gehalt und Werth ſchwerlich durch andere Werke erſetzt werden könnte, ihren Kindern und Pflegebefohlenen eine unerſchöpfliche Quelle von Freude und Belehrung verſchafft, die in ihrer richtigen Stufenfolge für die allmählige Ausbildung, das Kind bis zum Jüngling und zur Jungfrau bilden, und auch dem ſpätern Alter Unterhal⸗ tung und Belehrung in dem heiligſten und wichtigſten Ge⸗ ſchäfte, der guten und richtigen Erziehung der Angehörigen, gewährt. Für die Geſammtausgabe dieſer Werke, in 37 Theilen, welche zuſammen 522 Bogen, ſchön gedruckt, mit 53 ſaubern, theils kolorirten, theils ſchwarzen Kupfern und Karten, ent⸗ halten, iſt der überaus billige Subſcriptionspreis von 11 Thlr. feſtgeſetzt, wonach der Bogen compreſſen Drucks auf feinem Velinpapier, einſchließlich der Kupfer und Karten, nicht mehr als 6 Pf. koſtet. Um die Anſchaffung noch mehr zu erleich⸗ tern, iſt die Einrichtung getroffen, daß das ganze Werk auch in 4 Lieferungen, die drei erſten von 9 Bänden, die letzten von 10 Bänden, zum Preiſe von 2 Thlr. 18Ggr. jede Lieferung ab⸗ gelaſſen werden, wodurch jede Familie in den Stand geſetzt wird, ſich dieſe treffliche Jugendbibliothek nach und nach für eine ſehr geringe Auslage anzukaufen. S Die Verlagshandlung erfüllt den Wunſch des verewigten Verfaſſers durch ſolchen Preis ſeinen Schriften die mög⸗ lichſte Verbreitung und Gemeinnützigkeit zu geben, ſie ſelbſt weniger bemittelten Familien zugängig zu machen, und ihnen auch in ihrer Geſammtheit den Charakter eines Volks⸗ buchs für alle Klaſſen der deutſchen Jugend zu verſchaffen, den ſie einzeln längſt beſitzen. Braunſchweig, den 1. December 1838. Friedrich Vieweg& Sohn. —y———— 3 ““ 4