————== Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Olkmann in Gießen, 1 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Jeſehedingungen. 11. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 0 84 5 ſ ¹ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme T F binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. he 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— Se auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 6 „„—„„ 4„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung — der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ *lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt † der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 1 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufme 5 A. e 3 rkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— hn Capt. Marryat's, Capt. Chamier's, Dr. Harriſſon's(Samuel Warren's), Wilſon's, James Morier's, Boz's u. A. Geſammelte Werke. Eine Sammlung der neueſten und ausgezeichnetſten V Romane der engliſchen Literatur. Achtundkunkzigster Band. Die nachgelaſſenen Papiere des Pickwick⸗Clubbs Boz(Charles Dickens). Zweiter Theil. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1839. —* . 44 — ——— — — — — Boz 3 (Charles Dickens) Geſammelte Werke. Zweiter Theil. 3 Die Pickwicker. Zweiter Theil. Mit einer Federzeichnung nach Phiz. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1839. 5 . FMg ſ Die nachgelaſſenen Papiere 1 4 des Pickwick⸗Clubbs, enthaltend einen getreuen Bericht 3 der 5 Wahrnehmungen, Gefahren, Reiſen, Abenteuer und heitern Erlebniſſe der 6 correſpondirenden Mitglieder des Clubbs. Von Boz(Charles Dickens). Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von O. v. Czarnowsky. Zweiter Theil. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1839. Zwoöͤlftes Kapitel. Nochmals eine Reiſe, und auch eine antiquariſche Entdeckung. Herrn Pickwicks Beſchluß, einer Parlamentswahl beizu⸗ wohnen, und ein Manuſkript des alten Geiſtlichen. Zu Herrn Pickwicks Erholung von ſeinen Reiſe⸗ beſchwerden und ſeiner leiblichen und geiſtigen Abſpannung, war eine Nachtruhe in Dingley⸗Dells tiefer Stille und ein Spaziergang in der erquickenden Landluft am andern Morgen, vollkommen hinreichend. Der treffliche Mann war zwei ganze Tage von ſeinen Freunden und Jüngern getrennt geweſen, und mit wie großem Entzücken er Herrn Winkle und Herrn Snodgraß begrüßte, davon können ſich gewöhnliche Menſchen durchaus keine Vor⸗ ſtellung machen. Die Freude war gegenſeitig; denn wer konnte in Herrn Pickwicks ſtrahlendes Antlitz ſchauen, ohne die innigſte Luſt zu empfinden. Dem großen Manne entging es jedoch nicht, daß unter der Hülle des Ent⸗ zückens der Seinen etwas Geheimnißvoll⸗Düſteres ver⸗ borgen zu ſein ſchien, worüber er in einige Unruhe gerieth. 3 Die Pickwicker. II. 1 Die Pickwicker. »Wie beſindet ſich Tupman?« fragte er, Winkle und Snodgraß mit innigſter Wärme die Hände drückend. Herr Winkle, an den die Frage beſonders geſtellt war, gab keine Antwort. Er wendete das Geſicht ab und ſchien in eine ſchwermüthige Träumerei zu verſinken. »Snodgraß,« fuhr Herr Pickwick dringend fort,»wie geht es mit unſerm Freunde, er wird doch nicht krank geworden ſein?« »Nein,« erwiederte Herr Snodgraß, und eine Thräne zitterte an ſeinem empfindſamen Augenliede, wie ein Regentropfen an einem Fenſtectät nen.—.»Nein, er iſt nicht erkrankt.« Herr Pickwick ſah jetzt bald den hlen⸗ bald den an⸗ dern ſeiner Freunde an. 2 »Winkle— Shohoiaſ⸗« ſagte er,»was hat das zu bedeuten?— Wo iſt unſer Freund?— Was hat ſich ereignet?— Reden Sie— ich beſchwöre Sie— ich bitte— ich befehle Ihnen, zu reden.« Eine hohe Würde— ein feierlicher Ernſt lagen in Herrn Pickwicks ganzem Weſen, ſo daß die Jünger nicht länger zu ſchweigen vermochten. »Er iſt fort,« ſagte Herr Snodgraß. »Fort!« rief Herr Pickwick aus;»fort!« »Fort!« wiederholte Herr Snodgraß. „»Und wohin?« fragte Herr Pickwick. „»Wir haben nur Vermuthungen, die ſich auf dieſes Schreiben gründen,« ſagte Snodgraß, indem er dem Meiſter einen Brief überreichte.»Geſtern Morgen, als Herr Wardle ſchrieb, daß er mit Ihnen und ſeiner Schwe⸗ ſter am Abend zurückkehren würde, bemerkten wir, daß die düſtere Stimmung unſeres Freundes, die ihn den ganzen Tag zuvor bedrückt hatte, immer mehr zunahm. Bald darauf verſchwand er, ließ ſich nicht wieder blicken, —— ———ÿ— Die Pickwicker. 3 und gegen Abend brachte der Hausknecht aus der Krone in Muggleton dieſen Brief, den er ihm mit dem aus⸗ drücklichen Befehl übergeben hatte, ihn nicht vor Abend hierher zu bringen.« Herr Pickwick erbrach den Brief, er hatte ſogleich ſeines Freundes Handſchrift erkannt; und las, wie folgt: »Mein theurer Pickwick! »Sie, mein theurer Gönner und Freund, ſind weit über viele menſchliche Schwächen erhaben, die von Men⸗ ſchen gewöhnlicher Art nicht zu beſiegen ſind. Sie wiſſen nicht, was es heißt, in demſelben Augenblick von einem liebenswürdigen bezaubernden Weſen verlaſſen, und ein Opfer der böſen Kunſtgriffe eines Schurken zu werden, der unter der Maske der Freundſchaft das Grinzen teuf⸗ liſcher Liſt verbirggt. Ich wünſche und hoſſe, daß Sie es nie erfahren mögen! „»Ihre Briefe werden mir zukommen, wenn Sie ſie nach der Ledernen Flaſche zu Cobham in Kent addreſſiren — vorausgeſetzt, daß ich noch am Leben bin. Ich fliehe den Anblick der Welt— ſie iſt mir verhaßt geworden. Sollte ich ſie ganz verlaſſen, ſo weihen Sie mir eine Zähre des Mitleids— und verzeihen Sie mir. Das Leben, theurer Pickwick, iſt mir zu einer unerträglichen Laſt geworden. Der Lebensmuth, der in uns glüht, iſt des Laſtträgers Tragkiſſen, um das ſchwere Gewicht der irdiſchen Sorgen und Leiden darauf zu ſtützen, und weicht er von uns, ſo wird die Bürde zu ſchwer zu tragen. Wir unterliegen ihr.— Sagen Sie Rachel— Ah, der Name!— . Tracy Tupman.« »Auf der Stelle müſſen wir von Dingley⸗Dell ab⸗ reiſen,« ſagte Pickwick, den Brief zuſammenfaltend.»Wir würden, nach dem, was hier vorgefallen iſt, auf keine 1* 4 Die Pickwicker. Weiſe mit Anſtand noch länger bleiben können; jetzt aber iſt es unſere Pflicht, den Freund aufzuſuchen.« Die Pickwicker begaben ſich ſogleich nach Manor⸗ Farm zurück, und theilten ihren Entſchluß mit, ſofort abzureiſen. Der alte Herr machte die dringendſten Ge⸗ genvorſtellungen, doch Herr Pickwick war von ſeinem Vorhaben nicht abzubringen. Er ſchützte unaufſchiebliche Geſchäfte vor, die ſeine Gegenwart an einem andern Ort erforderten. Zufällig war der alte Geiſtliche anweſend, Er zog Herrn Pickwick bei Seite, und ſagte zu ihm: „Sie wollen doch nicht wirklich fort?« Herr Pickwick erklärte, daß es allerdings ſein feſter Entſchluß ſei, ſofort abzureiſen. »Dann nehmen Sie dieſes Mannſkript,« fuhr der Geiſtliche fort,»ich hoffte, das Vergnügen zu haben, den Inhalt Ihnen ſelbſt vorleſen zu können. Ich fand es unter den hinterlaſſenen Papieren eines meiner Freunde — er war Arzt in der Irrenanſtalt unſerer Grafſchaft. Ich hatte die Wahl, ſeine Papiere zu vernichten oder zu behalten.— Ich glaube nicht, daß wirklich ein Wahn⸗ ſinniger den Aufſatz ſchrieb. Doch iſt die Hand eine andere als die meines Freundes. Nach meiner Anſicht haben die Irr⸗Reden eines Wahnwitzigen nur den Stoff zu der Erzählung gegeben. Doch leſen Sie, und urthei⸗ len Sie ſelbſt.« Mit Dank nahm Herr Pickwick die Handſchrift an, und trennte ſich von dem guten alten Geiſtlichen unter vielen Freundſchafts⸗ und Achtungs⸗Bezeigungen. Schwerer war jedoch der Abſchied der Pickwicker von den Bewohnern Manor⸗Farms, von welchen ſie ſo gütig und gaſtlich aufgenommen worden waren. Herr Pickwick küßte die jungen Damen; wir würden 4 Die Pickwicker. 5 nicht unpaſſend geſagt haben:»als wenn ſie ſeine eigenen Töchter geweſen wären,« wenn er es nicht mit allzu viel Feuer gethan hätte— umarmte die alte Dame mit der Herzlichkeit eines Sohnes, und klopfte die roſigen Wangen der Mägde äußerſt patriarchaliſch, indeß er ſub⸗ ſtantiellere Beweiſe ſeiner Huld in ihre Hände gleiten ließ. Noch herzlicher war, und noch länger währte der Abſchied von dem wackern Wirthe und Herrn Trundle; und nachdem Herr Snodgraß mehrere Mal gerufen war, und endlich aus dem dunklen Gange, von Emilien ge⸗ folgt(deren glänzende Augen ungewöhnlich verdüſtert ſchienen), zum Vorſchein kam, vermochten die Freunde ſich erſt loszureißen. Während ſie langſam fortgingen, ſendeten ſie noch manchen Blick nach Manor⸗Farm, und manche Kußhand warf Herr Snodgraß, das Wehen eines Damentuchs aus einem Fenſter im zweiten Stock dank⸗ bar erwiedernd zurück, bis eine Wendung des Weges das alte gaſtliche Haus ihren Blicken entzog. In Muggleton nahmen ſie einen Wagen nach Ro⸗ cheſter. Als ſie daſelbſt angekommen waren, hatte die Zeit die Heftigkeit ihres Schmerzes inſofern gemildert, daß ſie ein frühzeitiges, vortreffliches Mittagsmahl zu ſich zu nehmen im Stande waren; und nachdem ſie Er⸗ kundigungen in Betreff des Wegs eingezogen hatten, brachen ſie abermals auf, um nach Cobham zu gehen. Es war ein äußerſt angenehmer Spaziergang an einem ſchönen Nachmittage im Monat Juni. Ihr Weg führte durch ein ſchattiges Gehölz, ein kühler Zephyr wehete in dem dichten Laub, die Sänger des Waldes ſangen auf den Zweigen und der grüne Raſen breitete ſich wie eine ſeidene Matte aus. Die Wanderer traten in einen offenen Park ein, und ein ſehr romantiſch gele⸗ genes Landhaus von alterthümlicher Bauart, aus der Die Pickwicker. Zeit der Königin Eliſabeth, bot ſich ihren Blicken dar. Lange ſtattliche Alleen von Eichen und Ulmen zogen ſich nach allen Seiten hin; große Viehheerden weideten in dem friſchen Graſe, und dann und wann rannte ein auf⸗ geſchreckter Haſe mit der Schnelligkeit der leichten Wol⸗ ken davon, welche wie ein vorübergehender Sommerhauch über eine blühende Landſchaft ziehen. »O!« rief Herr Pickwick aus,»o! kämen Alle, die von den Leiden unſeres Freundes gequält werden, hierher, die Liebe zu dieſer Welt würde gewiß neu in ihnen erwachen.« »Das iſt auch meine Anſicht,« ſagte Herr Winkle. »Und wirklich,« fügte Herr Pickwick hinzu, als ſie nach einer halben Stunde in dem Dorfe ankamen,»da⸗ für, daß ein Menſchenhaſſer ſich dieſen Wohnort ausge⸗ wählt hat, iſt es einer der freundlichſten und angenehm⸗ ſten, die ich je geſehen habe.« Auch mit dieſer Anſicht erklärte ſich Herr Winkle und Herr Snodgraß einverſtanden, und nachdem ſie ſich„die Lederne Flaſche,« eine nett und reinlich aus⸗ ſehende Dorfſchenke, hatten zeigen laſſen, traten die drei Wanderer ein und fragten ſogleich nach einem Herrn Namens Tupman. »Führe die Herren ins Gaſtzimmer, Tom,« ſagte die Wirthin. Ein ſtämmiger Bauernburſche öffnete eine Thüre am Ende des Hausflurs, und die drei Freunde traten in ein langes niedriges Zimmer, das mit einer großen An⸗ zahl phantaſtiſch geſtalteter Stühle mit Lederkiſſen und hohen Rücklehnen verſehen und mit vielen alten Portraits und kunſtlos colorirten alterthümlichen Bildern ausge⸗ ſchmückt war. Am obern Ende ſtand ein gedeckter Tiſch mit gebratenem Geflügel, Schinken, Bier ꝛc. und an dem — — † —— Die Pickwicker. Tiſche ſaß Herr Tupman, ſo wenig als möglich einem Manne gleichend, der von der Welt Abſchied genommen hat. ₰ Als ſeine Freunde eintraten, legte dieſer Herr Meſſer und Gabel aus der Hand, und ging ihnen mit einer traurigen Miene entgegen. »Ich erwartete nicht, Sie hier zu ſehen,« ſagte er, indem er Herrn Pickwicks Hand ergriff.—»Es iſt ſehr freundlich von Ihnen.« »Ah!« ſagte Herr Pickwick, ſich ſetzend, und den Schweiß, den die Bewegung hervorgetrieben hatte, ab⸗ wiſchend.»Beendigen Sie Ihr Mittagsmahl und kom⸗ men Sie dann mit mir hinaus.— Ich wünſche, allein mit Ihnen zu ſprechen.« Herr Tupman that, wie ihm geheißen war, und nachdem ſich Herr Pickwick durch einen reichlichen Trunk Ale erquickt hatte, wartete er ab, bis ſein Freund Muße haben würde. Das Mittageſſen war ſchnell beendigt und ſie gingen zuſammen hinaus. Eine halbe Stunde lang ſah man ſie auf dem Kirch⸗ hofe umhergehen. Herr Pickwick ſuchte den Entſchluß ſeines Freundes zu bekämpfen. Eine Wiederholung ſeiner Argumente würde jedoch vergeblich ſein, denn welche Sprache könnte die Kraft und Energie wiedergeben, welche der Vortrag des Mannes ihnen gewährte, in deſſen Gehirn ſie entſprungen waren. Ob Herr Tupman ſeiner Zurückgezogenheit bereits müde geworden, oder ob er der beredſamen Aufforderung, die an ihn erfolgt war, durchaus nicht zu widerſtehen vermochte— das wiſſen wir nicht— genug, er leiſtete keinen Wiederſtand. »Es läge ihm wenig daran,« ſagte er,»wo er den traurigen Ueberreſt ſeiner Tage zubringe, und da ſein Freund einen ſo großen Werth auf ſeine Begleitung lege, Die Pickwicker. ſo ſei er bereit, ſeine ferneren Abenteuer mit ihm zu theilen.« Herr Pickwick lächelte, ſie drückten einander die Hände und gingen zurück zu ihren Gefährten. In dieſem Augenblick machte Herr Pickwick jene un⸗ ſterbliche Entdeckung, die der Stolz und Ruhm ſeiner Freunde und der Neid eines jeden Alterthumsforſchers in England und in andern Ländern geworden iſt. Sie wa⸗ ren vor der Thür ihres Gaſthauſes vorübergegangen, und erſt einige Hundert Schritte weiter unten im Dorf erin⸗ nerten ſie ſich der Stelle, wo es ſtand. Als ſie ſich um⸗ wendeten, fielen Herrn Pickwicks Blicke auf einen kleinen zerbrochenen Stein, der halb aus der Erde hervor⸗ ragte und der Thüre einer armſeligen Hütte gegenüber ſtand. »Das iſt ſehr merkwürdig,« ſagte Herr Pickwick, indem er ſtehen blieb. »Was iſt merkwürdig?« fragte Herr Tupman, nach allen Gegenſtänden rings umher, nur nicht nach dem rich⸗ tigen blickend.»O Himmel, was giebt's 2« Dieſe letztern Worte waren ein Ausruf unbeſchreib⸗ lichen Erſtaunens, indem er Herrn Pickwick in ſeinem Enthuſiasmus für Entdeckungen vor dem kleinen Stein niederfallen, und mit ſeinem Schnupftuch den Staub da⸗ von abwiſchen ſah. „Hier iſt eine Inſchrift,« ſagte Herr Pickwick. »Iſt es möglich?« ſagte Herr Tupman. »Ich unterſcheide,« fuhr Herr Pickwick, aus allen Kräften reibend, und forſchend durch ſeine Brille ſchauend, fort,»ich unterſcheide ein Kreuz und ein B und ein T. Dieſe Entdeckung iſt ſehr wichtig,« ſagte Herr Pickwick, indem er aufſtand.»Dies iſt eine ſehr alte Inſchrift, 7 — Die Pickwicker. 9 vielleicht viel äͤlter als das hieſige alte Armenhaus. Wir müſſen den Stein aufbewahren.« Er klopfte an die Thür der Hütte. Der Eigenthü⸗ mer trat heraus. »Wißt Ihr, wie dieſer Stein herkam, mein Freund?⸗ fragte der wohlwollende Pickwick. »Ne, ich kann's nicht, Sir,« entgegnete der Gefragte höflich.»Der Stein lag ſchon lange vor meiner Geburt dort.« Herr Pickwick blickte triumphirend ſeinen Gefähr⸗ ten an. »Ihr könnt gewiß den Stein entbehren,« ſagte Herr Pickwick, vor Erwartung bebend.»Würdet Ihr ihn wohl verkaufen?« »O ja, aber wer wird ihn kaufen?« erwiederte der Mann mit einer Miene, die er wahrſcheinlich für ſchlau hielt. »Ich gebe Euch gleich zehn Schilling dafur,« fuhr Herr Pickwick fort,»wenn Ihr mir ihn herausgraben wollt.« Man kann ſich das Erſtaunen der Dorfbewohner leicht denken, als, nachdem der Stein auf einen Zug mit einem Spatenſtiche aus der Erde gehoben war, Herr Pickwick ihn mit großer körperlicher Anſtrengung eigen⸗ händig nach dem Wirthshauſe trug, und als er ihn ſorg⸗ fältig abgewaſchen hatte, auf den Tiſch legte. Der Jubel und die Freude der Pickwicker waren gränzenlos, als ihre Geduld und Beharrlichkeit, ihr Wa⸗ ſchen und Reiben ihnen ſolchen Erfolg gebracht hatte. Der Stein war uneben und zerbrochen, die Buchſtaben ſtanden ſehr regellos, aber das folgende Bruchſtück einer Inſchrift war noch deutlich zu leſen: Herrn Pickwick's Augen funkelten vor Entzücken, als er ſich ſetzte, und den von ihm entdeckten Schatz von allen Seiten betrachtete. Er hatte einen der größten Zwecke ſeines Ehrgeizes erreicht. In einer Grafſchaft, die wegen der Menge ihrer Denkmäler aus früherer Zeit berühmt war, in einem Dorfe, in welchem noch mehrere derartige Denkmäler ſich fanden, hatte er— er, der Präſident des Pickwick⸗Klubbs— eine merkwürdige und räthſelhafte Inſchrift von unzweifelhaftem Alterthum ent⸗ deckt, die den Nachforſchungen vieler gelehrten Männer vor ihm entgangen war. Er konnte kaum dem Zeugniß ſeiner Sinne trauen. »Dies— dies,« ſagte er,»beſtimmt mich. Wir werden morgen nach der Stadt zurückkehren.« »Morgen!« riefen ſeine verwunderten Jünger aus. »Morgen!« wiederholte Herr Pickwick.„Dieſes Kleinod muß gleich an einen Ort geſchafft werden, wo man es gründlich zu unterſuchen und genügend zu erklä⸗ ren im Stande iſt. Ich habe noch einen andern Grund, der mich hierzu veranlaßt. In wenigen Tagen wird eine Parlamentswahl für den Burgflecken Eatanswill ſtattfin⸗ den, wobei Herr Perker, ein Gentleman, den ich vor Kurzem kennen lernte, Agent von einem der Kandidaten iſt. Wir wollen einen für jeden Engländer ſo intereſſanten Auftritt genau und ſcharf beobachten.« »Das wollen wir!« riefen ſeine drei Jünger wie aus einem Munde. F Die Pickwicker. 11 Herr Pickwick blickte umher. Die Hingebung und Glut ſeiner Begleiter erfüllte ihn mit der höchſten Be⸗ geiſterung. Er war ihr Führer, und er würdigte ganz die Wichtigkeit einer ſolchen Stellung. „»Laſſen Sie uns dieſe glückliche Stunde durch ein erfreuendes Glas feiern,« ſprach er. Dieſer Vor⸗ ſchlag fand, wie der erſte, allgemeinen Beifall, und nachdem Herr Pickwick den bedeutſamen Stein in eine hölzerne, von der Wirthin zu dieſem Behuf gekaufte Kiſte gelegt hatte, nahm er in einem Lehnſtuhl, am obern Ende des Tiſches Platz, und der Abend verging unter Frohſinn und munteren Geſprächen. Elf Uhr war vorüber— eine ſpäte Stunde für das Dörfchen Cobham— als Herr Pickwick ſich in das Ge⸗ mach zurückzog, worin ein Bett zu ſeiner Aufnahme be⸗ reit ſtand. Er ſtellte ſein Licht auf den Tiſch, öffnete das Fenſter und verſank in ein tiefes Nachſinnen über⸗ die wechſelvollen Ereigniſſe der beiden letzten Tage. Ort und Stunde waren der Betrachtung günſtig; die zwölfte Stunde ſchlug und weckte Herrn Pickwick aus ſeinen Träumereien. Feierlich drang der erſte Schlag an ſein Ohr, aber nach dem letzten ſchien ihm die tiefe Stille umher unerträglich: es war ihm beinahe zu Muth, als hätte er einen Freund und Gefährten verloren. Er fühlte ſich äußerſt aufgeregt, zog ſich eilig aus, ſtellte das Licht in den Kamin und legte ſich ins Bett. Wer hätte ſich nie in dem unangenehmen geiſtigen Zuſtande befunden, wenn man körperlich müde iſt und doch nicht einſchlafen kann? Es war Herrn Pickwicks Zuſtand in dieſem Angenblick. Er wendete ſich von einer Seite auf die andere und ſchloß beharrlich die Augen, um den Schlaf herbeizulocken, doch vergebens; ob es nun die ungewohnte Anſtrengung war, der er ſich unter⸗ 8 3 8 12 Die Pickwicker. worfen hatte, oder die Hitze des Tages, der Branntwein mit Waſſer, oder das fremde Bett;— genug, die gräu⸗ lichen Bilder in dem Gaſtzimmer ſchwebten ihm fort⸗ während vor, und er dachte wider Willen ohne Aufhören an die wunderlichen, durch ſie im Laufe des Abends ver⸗ anlaßten Erzählungen. Nach einer halben Stunde war er feſt überzeugt, daß alle ſeine Bemühungen vergeblich ſein würden; er ſtand daher wieder auf und ſchaute zum Fenſter hinaus— es war ſehr finſter; er ſpazierte im Zimmer auf und ab— es war ſehr einſam. Er war einige Mal zwiſchen dem Fenſter und der Thür hin und her gegangen, als ſeine Gedanken plötzlich auf die Handſchrift des Geiſtlichen fielen. Dieſe kam ihm jetzt ſehr gut zu ſtatten; feſſelte ſie ihn nicht, ſo verhalf ſie ihm vielleicht zum Schlaf. Er zog ſie aus ſeiner Rocktaſche hervor, rückte einen kleinen Tiſch an ſein Bett, ſetzte die Brille zurecht, putzte das Licht, und ſchickte ſich zum Leſen an. Es war eine äußerſt auffal⸗ lende Handſchrift, das Papier beſchmutzt und zerknittert. Die Ueberſchrift verſetzte ihn in eine Art von Schrecken, er konnte ſich nicht enthalten, faſt ängſtlich im Zimmer umher zu blicken. Er bedachte jedoch, wie thöricht es ſei, Gefühlen ſolcher Art Einfluß auf ſich zu geſtatten, putzte das Licht nochmals und begann zu leſen, wie folgt: Das Manuſkript eines Wahnwitzigen. „»Ja— eines Wahnwitzigen! Wie mir vor vielen Jahren das Wort Schauder erregt haben würde! Wie es die Angſt, die mich bisweilen zu befallen pflegt, er⸗ weckt,— mir das Blut ziſchend und tobend durch die Adern gejagt haben würde, bis mir das Entſetzen den kalten Thau in großen Perlen auf die Stirn getrieben, und die Knie vor Grauen zuſammengeſchlagen hätte!— 7 — — Die Pickwicker. 13 Jetzt aber lieb' ich's. Es iſt ein ſchönes Wort. Zeigt mir den König, deſſen zürnende Blicke gefürchtet würden, wie der Starrblick des Auges eines Wahnſinnigen, deſſen Kerker und Banden nur halb ſo ſtark wären, als des Wahnſinnigen Griff und Umarmung! Ha!l hal— es iſt etwas Erhabenes, wahnſinnig ſein— angeſchaut werden, wie ein Löwe durch das eiſerne Gitter ſeines Gefäng⸗ niſſes— zu luſtigem Kettengeraſſel mit den Zähnen knir⸗ ſchen, und heulen durch die lange, ſtille Nacht; durch ſo erhabene Muſik bis in den dritten Himmel verzückt, in Stroh ſich einniſten und wälzen und wühlen! Hoch lebe das Tollhaus! Ah!— ahl iſt es nicht eine wunderherr⸗ liche Wohnung? »Ich erinnere mich der Zeit, da ich mich vor dem Wahnſinn fürchtete, aus dem Schlafe auffuhr, mich auf die Kniee niederwarf und zu Gott flehte, mich vor dem Fluch meiner Familie zu bewahren; muntere Ge⸗ ſellſchaft, den Anblick glücklicher Menſchen floh, um mich an einem einſamen Orte zu verbergen, und die langen, ermüdenden Stunden damit zubringen, daß ich das Zu⸗ nehmen des Fiebers beobachtete, das wie ein Feuer mein Hirn verzehrte. Ich wußte, daß mir der Wahnſinn tief im Blute, im Mark meiner Gebeine wurzelte, daß eine Generation von ſeiner Peſt verſchont geblieben, daß ich der erſte war, bei dem ſie wieder aufleben würde. Ich wußte, daß es ſo ſein mußte; daß es immer ſo geweſen war, ſo ſein würde; und drückte ich mich in einen dun⸗ keln Winkel eines von Menſchen angefüllten Zimmers, und hörte ſie flüſtern, und ſah die Finger und Blicke nach mir richten, dann wußt' ich, ſie ſprachen unter ein⸗ ander von dem zum Wahnſinn Verdammten, und ich ſchlich hinaus, um in der Einſamkeit meinem düſtern Brüten und Traͤumen nachzuhängen. 8 . — ———,· 8 14 Die Pickwicker. »So war es Jahre lang; und lange, lange Jahre waren es.— Die Nächte hier ſind bisweilen lang— ſehr lang; ſie ſind aber nichts im Vergleich zu den ruheloſen Näch⸗ ten, den ſchrecklichen Träumen, die ich damals hatte. Es überläuft mich ein Schauder, wenn ich daran zurückdenke. Große düſtere Schatten⸗Geſtalten mit höhniſchen Geſichtern lauſchten und ſchlichen in den Winkeln und Ecken des Zim⸗ mers, und beugten ſich Nachts über mein Bett, und reizten mich zum Wahnſinn. Sie ſagten mir in leiſem Ge⸗ flüſter, daß die Flur des alten Hauſes, in welchem mein Großvater geſtorben war, mit ſeinem, in tobendem Wahn⸗ ſinn von ſeiner eigenen Hand vergoſſenem Blute befleckt ſei. Ich verſtopfte die Ohren mit den Fingern, doch dann ſchrieen ſie lauter, bis das Zimmer davon dröhnte, der Wahnſinn hatte bei einer Generation geſchlummert, mein Großvater habe Jahre lang mit an die Wände ge⸗ feſſelten Händen, um ihn zu hindern, ſich ſelbſt zu zer⸗ fleiſchen, gelebt. Ich wußte, daß ſie die Wahrheit ſag⸗ ten— wußte es genau. Ich hatte es ſchon vor Jahren entdeckt, obwohl ſie es mir zu verheimlichen geſucht hat⸗ ten.— Ha, ha! ich war ihnen zu ſchlau, und wenn ſie mich auch zehn Mal für wahnſinnig halten mochten. „Endlich ergriff mich die Krankheit, und ich wun⸗ derte mich, wie ich mich vor derſelben hatte fürchten können. Jetzt konnte ich unter den Menſchen leben, und lachen und lärmen trotz ihnen. Ich wußte, daß ich toll war, ſie aber hatten nicht einmal eine Ahnung davon. »Mit welchem Entzücken dachte ich daran, welch einen köſtlichen Streich ich ihnen jetzt ſpielte, nachdem ſie mit Fingern und Blicken auf mich gedeutet, als ich noch nicht wahnſinnnig war, ſondern als ſie nur fürchteten, ich könnte es werden!— Und wie lachte ich vor ſeliger Luſt laut auf, wenn ich allein war und daran dachte, Die Pickwicker. 15 wie gut ich mein Geheimniß bewahrte, und wie ängſt⸗ lich meine zärtlichen Freunde mich fliehen würden, wenn es ihnen durch Zufall entdeckt würde. In jubelnder Wonne hätte ich laut aufſchreien mögen, wenn ein luſti⸗ ger Bruder mit mir ſpeiſte, und ich daran dachte, wie er erblaſſen, und wie ſchnell er davon eilen würde, wenn er gewußt hätte, daß ſein lieber, dicht neben ihm ſitzender, ein blankes Meſſer ſchärfender Tiſchgenoß ein Wahnſinni⸗ ger wäre, bei dem vollkommen die Kraft und halb und halb der Wille vorhanden war, es ihm ins Herz zu ſtoßen! O, es war ein gar luſtiges Leben! »Ich, wurde reich, unnennbar reich, ich ſchwelgte in Vergnügungen aller Art, und durch das Bewußt⸗ ſein meines wohlbewahrten Geheimniſſes ward meine Luſt tauſendfach erhöht. Weitläuftige Beſitzungen fielen mir durch Erbſchaft zu. Das Geſetz— das adleräugige Geſetz ſelbſt war getäuſcht worden, und es ließ beſtrittene Tauſende in die Hände eines Wahnwitzigen gelangen. Wo war der Witz der ſcharfſinnigen Leute von geſundem Verſtande?— Wo die Geſchicklichkeit der Rechtsmänner, die ſo begierig ſind, Nullitäten zu entdecken? Die Schlau⸗ heit des Wahnwitzigen hatte über ſie Alle den Sieg da⸗ von getragen. 3 »Ich hatte Geld. Wie ward ich geehrt! Ich ver⸗ gendete es verſchwenderiſch. Wie ward ich geprieſen. Wie dieſe drei ſtolzen hochmüthigen Brüder ſich vor mir demüthigten! Und ſelbſt der alte Vater mit weißem Haupt— welche Zärtlichkeit— welche Ehrerbietung er mir bewies, betete er mich nicht faſt an? Der alte Mann hatte eine Tochter, die jungen Männer hatten eine Schweſter, und alle fünf waren arm. Ich war reich; und als ich das Mäͤdchen zur Gattin nahm, herrſchte ein triumphirendes Lächeln in den Zügen der geld⸗ * — ꝗ%ꝗ% qqq qꝓq D„‚„‚„— —n — Die Pickwicker. gierigen Verwandten— ſie triumphirten ob dem Gelin⸗ gen ihres wohlgeſchmiedeten Plans und freuten ſich ihrer Beute. Aber an mir war es zu lächeln, zu triumphi⸗ ren!— Zu lächeln? Laut, laut auf zu lachen, und mir das Haar zu zerraufen, und mich, ſchreiend vor Luſt, auf der Erde zu wälzen. Es war ihnen nicht in den Sinn gekommen, daß ſie die Tochter und Schweſter einem Wahnſinnigen vermählt hatten.. »Doch wie?— wenn ſie es gewußt hätten, würden ſie ſie gerettet haben? Ah— was iſt einer Schweſter Glück, gegen ihres Gatten Gold? Was die leichteſte Feder, die ich in die Luft blaſe, gegen die feſte Kette iſt, die meinen Körper feſſelt. »Trotz aller meiner Schlauheit täuſchte ich mich doch in einem Punkt. Wäre ich nicht verrückt geweſen — denn obgleich wir Wahnwitzigen hell genug im Kopf ſind, werden wir doch bisweilen irre und zerſtreut— ſo würde ich gewußt haben, daß das Mädchen ſich lieber ſteif und kalt in einen bleiernen Sarg hätte legen, als in mein glänzendes Haus ſich als beneidete Gattin ein⸗ führen laſſen; ich würde gewußt haben, daß ihr Herz einem ſchwarzäugigen Burſchen angehörte, deſſen Namen ich ſie einſt im unruhigen Traum lispeln hörte, in wel⸗ chem ſie verrieth, daß ſie ſich aufgeopfert, um den weis⸗ köpfigen Mann und die hochmüthigen Brüder aus der Armuth zu ziehen. »Ich kann mich jetzt keiner Geſtalten oder Geſichts⸗ züge mehr erinnern; aber ſo viel weiß ich, daß das Mädchen ſchön war. Ich weiß es, denn wenn ich in den hellen Mondnächten aus dem Schlafe auſſchrecke, und Alles um mich her ſtill iſt, dann ſehe ich in einer Ecke einer Zelle meine zarte, abgemagerte Frauengeſtalt mit langem ſchwarzem Haar, das über ihren Rücken 4 Die Pickwicker. 17 1 hinunterwallt, und ſich von einem, nicht irdiſchen Winde regt, und mit ſtier und unbeweglich auf mich gehefteten Augen mir regungslos gegenüber ſtehen. Pſt!— mein Herzblut erſtarrt, indem ich es niederſchreibe— die Ge⸗ ſtalt iſt die ihrige, das Antlitz ſehr bleich, und die Augen leuchten mit gläſernem Glanz; aber ich kenne ſie gut. Zürnen, ſchelten oder keifen höre ich ſie nie, wie Andere zu thun pflegen, die bisweilen zu mir kommen; und doch erſcheint ſie mir weit ſchrecklicher, als ſelbſt die böſen Geiſter, die mich vor vielen Jahren in den Wahn⸗ ſinn verlockten— denn ſie kommt eben aus dem Grabe, ſie ſieht ſo leichenhaft aus. »Faſt ein Jahr lang ſah ich ihr; Antlitz immer bleicher werden, eben ſo lange ſah ich Thränen ihre abgehärmten Wangen feuchten, und wußte die Urſache nicht. Aber endlich ward ſie mir klar. Sie konnte ſie mir nicht lange verborgen halten. „Nie hatte ſie mich geliebt, auch hatte ich es nie ge⸗ glaubt; ſie verachtete meinen Reichthum und der Glanz, mit welchem ich ſie umgab, war ihr gehäſſig:— das hatte ich nicht erwartet. Sie liebte einen Andern. Selt⸗ ſame Gefühle bemächtigten ſich meiner, und bedrohliche Gedanken, durch eine geheimnißvolle Gewalt angeregt, drängten ſich mir auf und wirbelten und tobten in mei⸗ nem Hirn. Sie haßte ich nicht, aber den Mann, um den ſie fortwährend weinte. Ich bedauerte— ja be⸗ dauerte ſie um des kläglichen Lebens willen, zu welchem ihre kalten ſelbſtſüchtigen Verwandten ſie verdammt hat⸗ ten. Ich wußte, daß ſie nicht lange leben konnte; doch der Gedanke, daß ſie vor ihrem Tode ein unglückliches Weſen zur Welt bringen könnte, beſtimmt, den Wahnſinn auf ſeine Nachkommen zu vererben, brachte den Entſchluß in mir zur Reife, ſie zu ermorden. Die Pickwicker. II. 2 „ 4 —— ⁸△= 18 Die Pickwicker. »Wochenlang dachte ich an Gift, dann an Erſäufen, und dann an Feuer. Welch ein herrlicher Anblick— das prächtige Haus in Flammen, und das Weib des Wahnwitzigen zu Aſche verbrennen zu ſehen! Und dann der Gedanke an den Spaß, eine große Beloh⸗ nung auszuſetzen, und irgend einen Menſchen im Winde baumeln zu ſehen, wegen einer Unthat, die ein Wahn⸗ ſinniger verübt— und Alles dies durch des Wahnſinns Schlauheit! Ich ſann oft darüber nach, gab es aber endlich auf. O, welch ein Genuß es mir war, Tag für Tag das Raſirmeſſer zu ſtreichen, die ſcharfe Schneide zu prüfen, und ſich die klaffende Wunde vorzu⸗ ſtellen, die ein einziger Schnitt mit dem dünnen Stahl machen könnte! »„Die altbekannten Geiſter, die mich ſo oft heimgeſucht hatten, flüſterten mir endlich in das Ohr, daß die Zeit gekommen ſei, und drückten mir das offene Raſirmeſſer in die Hand. Ich nahm es mit feſtem Griff, erhob mich leiſe aus dem Bett, und beugte mich über meine ſchlum⸗ mernde Gattin. Ihr Geſicht war in ihren Händen ver⸗ graben, die ich leiſe fortſchob, und auf ihren Buſen hinab⸗ ſinken ließ. Sie mußte geweint haben, denn auf ihren Wangen gewahrte ich Spuren von noch nicht getrockne⸗ ten Thränen. Ruhig und ſanft war ihr Antlitz, und während ich ſo hinſchaute, ſtrahlte ein mildes Lächeln in ihren Zügen. Ich legte leiſe meine Hand auf ihre Schul⸗ ter; ſie ſchrack zuſammen— doch nur im ſchnell vor⸗ übergehenden Traum. Ich beugte mich tiefer über ſie. Sie ſchrie laut auf und erwachte. VyFine einzige Bewegung meiner Hand, und ſie hätte nie mehr einen Schrei oder Laut vernehmen laſſen; allein ich war erſchreckt und trat zurück. Sie heftete ihre Blicke auf mich, und ich weiß nicht, wie es zuging, ———— — 0 8 xoææ——iͤ— — 8&—, ðX½Ḱ àX¼—ä———— .ᷣ 88 Die Pickwicker. 19 aber ſie jagten mir Furcht und Angſt ein und die Ban⸗ gigkeit lähmte mich. Sie ſtand auf, immer feſt die Blicke auf mich heftend. Ich bebte, mit dem Meſſer in der Hand, fühlte mich aber keiner Bewegung mächtig. Sie ging auf die Thüre zu; wendete ſich ſchnell um, und ihre Blicke trafen mich nicht mehr. Jetzt war der Zau⸗ ber gebrochen. Ich ſtürzte auf ſie zu und ergriff ſie beim Arm, worauf ſie zu ſchreien begann, und zu Boden ſank. »Jetzt konnte ich ſie tödten; aber im Hauſe ward Alles wach; ich vernahm Fußtritte auf der Treppe. Ich legte das Meſſer in das Käſtchen an ſeinen Ort, öffnete die verſchloſſene Thüre, und ſchrie laut um Hülfe. »Sie kamen, hoben ſie auf und legten ſie auf das Bett. Viele Stunden lag ſie ohne Bewußtſein da, und als ihr endlich Leben und Sprache zurückkehrten, hatte das Licht der Vernunft ſie für immer verlaſſen und ſie redete furchtbar irre, wüthete und tobte. »Aerzte wurden gerufen— berühmte Männer, die in glänzenden Equipagen vorfuhren. Sie hielten lange Berathungen, und flüſterten leiſe und feierlich in einem Nebenzimmer. Einer, der erfahrenſte und berühmteſte von ihnen, zog mich bei Seite, ſagte, ich müßte mich auf das Schlimmſte gefaßt machen, und erklärte mir — mir, dem Wahnſinnigen!— daß mein Weib wahn⸗ ſinnig ſei. Er ſtand dicht bei mir an einem offenen Fenſter, mir in das Geſicht blickend und ſeine Hand auf meinen Arm gelegt. Wie leicht hätte ich ihn mit einiger Kraftanſtrengung hinunter in die Straße ſchleu⸗ dern können;— es wäre ein herrlicher Spaß ge⸗ weſen— aber mein Geheimniß lief Gefahr, entdeckt zu werden, und ich ließ ihn gehen. Einige Tage nachher ſagten ſie mir, ich müſſe meine Frau unter ſtrenger Auf⸗ ſicht halten und einen Wächter für ſie annehmen. 2* 4 Die Pickwicker. Ich!— ich ging hinaus ins Freie, wo mich Niemand hören konnte, und lachte bis es von den Hügeln her wiederhallte. »Am andern Tage ſtarb ſie. Der grauhaarige alte Mann folgte ihrem Begräbniß, und die hochmüthigen Brüder weinten an ihrem Sarge eine Thräne, bei ihrer Schweſter Leiche, deren Leiden ſie bei ihren Lebzeiten kalt und gleichgültig gelaſſen hatten. Alles dies war Nah⸗ rung für meine geheime Fröhlichkeit, und hinter dem weißen Tuch, das ich mir beim Nachhauſefahren vor die Augen hielt, lachte ich, bis mir die Thräͤnen in den Au⸗ gen ſtanden. 1 Obgleich ich meinen Zweck erreicht und ſie getödtet hatte, war ich doch äußerſt unruhig, und fühlte, daß mein Geheimniß binnen Kurzem entdeckt werden müßte. Befand ich mich allein, ſo vermochte ich die in mir ſchäumende wilde Luſt nicht zu verbergen, in welcher ich mich nicht enthalten konnte, aufzuſpringen, in die Hände zu klatſchen, zu tanzen und laut auf zu ſchreien. Ging ich aus, und ſah die Menſchen geſchäftig hin und her eilen, oder beſuchte ich das Theater, hörte den Klang der Muſik und ſah die Tänzer ſpringen, dann empfand ich ein ſo raſendes Vergnügen, daß ich mich mitten un⸗ ter ſie hätte ſtürzen, einen nach dem andern zerreißen und vor Entzücken heulen können. Aber ich knirſchte mit den Zähnen, ſtampfte mit den Füßen und drückte mir meine langen Nägel tief in die Hände. Ich nahm mich gewaltſam zuſammen, und noch wußte Niemand, daß ich wahnſinnig war. »Ich entſinne mich— obgleich es zu den letzten Dingen gehört, deren ich mich entſinnen kannz denn ich vermiſche jetzt Wirklichkeiten mit meinen Träumen, und habe ſo viel zu thun und ſo wenig Zeit übrig, als daß ich Die Pickwicker. 21 den ſonderbar verſchlungenen Knäuel der Wahrheit und der Einbildung zu entwirren vermöchte,— ich entſinne mich, wie ich mich endlich verrieth. Ha, ha, ha!— es iſt mir, als ſähe ich ihre beſtürzten Mienen noch, als fühlte ich jetzt noch die Kraft in mir, mit welcher ich ſie ſo leicht von mir ſtieß, und mit geballter Fauſt ihnen in die kreideweißen Geſichter ſchlug, und dann, mit Windesſchnelle entfliehend, ſie hinter mir herrufen und ſchreien ließ. Ich fühle die Kraft eines Rieſen in mir, wenn ich daran denke. »Seht hier— ſeht, wie ſich dieſe eiſerne Stange unter meinem wüthenden Griff beugt. Gleich einer Ru⸗ the würde ich ſie zerknicken, wenn die langen Gänge mit den vielen Thüren nicht wären,— denn ich glaube, ich würde mich nicht hinausfinden, und könnte ich es auch, ich weiß, daß unten eiſerne, feſt verſchloſſene Thore ſind. Sie wiſſen es, was für ein ſchlauer Wahnwitziger ich geweſen bin, und ſie brüſten ſich damit, mich hier zur Schau zu haben. „»Laßt einmal ſehen!— ja, ich war ausgegangen, und es war ſpät am Abend, als ich nach Hauſe zurück⸗ kehrte, und den ſtolzeſten der drei hochmüthigen Brüder auf mich wartend vorfand, welcher, wie er ſagte, wegen dringender Angelegenheiten mit mir zu reden wünſchte; ich weiß es noch ganz gut. Ich haßte ihn mit allem Haß eines Wahnwitzigen. Wie oft hatte die Begier, ihn zu zerreißen, in meinen Fingern gezuckt! Kaum hatte ich vernommen, daß er da war, ſo eilte ich hinauf. Er hatte mir etwas allein zu ſagen; ich ſchickte die Bedienten hinaus. Es war ſpät, und wir waren allein— zum erſten Mal. Anfangs wendete ich meine Blicke ſorgfältig von ihm ab, denn ich wußte, was er nicht ahnte— und war voll „ 22 Die Pickwicker. von freudigem Stolze auf mein Bewußtſein, daß der Wahnſinn wie hölliſches Feuer in meinen Augen ſprühte. Schweigend ſaßen wir da einander gegenüber. Endlich nahm er das Wort und ſagte, mein luſtiges Leben und meine auffallenden Redensarten ſobald nach dem Tode ſeiner Schweſter, ſeien eine Beleidigung ihres Andenkens; wenn er mancherlei, früher ſeiner Aufmerkſamkeit ent⸗ gangene Umſtände mit andern in Verbindung ſetze, ſo⸗ müſſe er glauben, daß ich ſie nicht gut behandelt hätte— er wolle daher wiſſen, ob er Recht habe, wenn es ihm ſcheine, als hätte ich die Abſicht, ihr Andenken und ihre Familie zu beſchimpfen— die Uniform, die er trüge, erheiſche es, eine ſolche Erklärung zu verlangen. »Der Menſch hatte ſein Offizierpatent mit meinem Gelde und ſeiner Schweſter Lebensglück erkauft. Sie hatten ein Komplott geſchmiedet, mein Vermögen an ſich zu ziehen, und er wurde zu dieſem Behuf zuerſt vorge⸗ ſchoben. Er war der Eifrigſte geweſen, ſeine Schweſter zu nöthigen, mir ihre Hand zu geben, obſchon er ſehr wohl wußte, daß ihr Herz dem winſelnden Bürſchlein gehörte. Seine Uniform erforderte es! ſeine Schand⸗ Livree!— Ich wendete meine Augen nach ihm hin— ich konnte nicht anders— ſprach aber noch kein Wort. „Wie er ſich vor meinen Blicken verwandelte! Er war ein beherzter Menſch, aber aus ſeinen Wangen ent⸗ floh das Blut, und er rückte ſeinen Stuhl immer weiter von mir; ich rückte ihm mit dem meinigen nach; und als ich lachte— denn ich war gerade in fröhlicher Stim⸗ mung— ſah ich ihn zuſammenſchaudern. Ich fühlte den Wahnwitz in meinem Hirn. Er war entſetzt vor mir. »Sie waren äußerſt liebevoll gegen Ihre Schweſter bei ihren Lebzeiten,« ſagte ich,»äußerſt liebevoll.« — A— a8—&— 2— ⏑* 1A. Die Pickwicker. 23 »Ich ſah, wie er feſt die Stuhllehne faßte, indem er unruhig umher blickte; er erwiederte aber nichts. „»O, Sie Schurke!“« fuhr ich fort, vich habe Sie durchſchaut; ich kenne Ihr hölliſches, gegen mich geſchmie⸗ detes Komplott; ich weiß, daß das Herz Ihrer Schweſter einem Andern gehörte, als Sie ſie zwangen, mich zum Gatten zu nehmen. Ich weiß, weiß es!« „ůPlötzlich ſprang er von ſeinem Stuhl auf und hielt ihn hoch empor, indem er mir zurief, ihm fern zu blei⸗ ben, denn ich war ihm, während er redete, immer näher gerückt. »Ich ſchrie mehr, als ich redete, denn ich fühlte auf⸗ wallende, glühende Leidenſchaften durch meine Adern toben und die altbekannten Geiſter flüſterten und redeten mir zu, ihm das Herz aus der Bruſt zu reißen. „Gott verdamme Dich,« ſchrie ich, mich über ihn her ſtuͤrzend;»ich habe fie ermordet!— ich bin ein Wahnſinniger!— nieder mit Dir!— Blut— Blut— ich will es haben!« 3 »Mit einem Schlage ſchleuderte ich den Stuhl zur Seite den er nach mir warf; ich faßte ihn, wir ſtürzten nieder und wälzten uns beide auf der Erde. „»Es war ein prachtvoller Kampf, denn er war ein großer, ſtarker Mann, und rang für ſein Leben; ich beſaß die Kraft des Wahnſinns, und ich dürſtete nach ſeinem Blute. Ich wußte, daß keine Stärke der meinigen gleich kam, und ich irrte nicht— ich hatte wieder Recht, ob⸗ ſchon ich ein Wahnwitziger war. Ihn verließen die Kräfte, ich ſetzte ihm meine Kniee auf die Bruſt, und umfaßte mit wüthendem Griff ſeine Kehle mit beiden Händen. Sein Geſicht ward purpurroth, und es ſchien mir, als höhnte er mich mit der Zunge und mit den 24 Die Pickwicker. Augen, die aus dem Kopfe hervortraten. Ich drückte und preßte um ſo gewaltiger, um ſo wüthender. »Die Thüre wurde plötzlich unter großem Lärm auf⸗ geriſſen, und eine Menge Menſchen ſtuͤrzten herein, und riefen Einer dem Andern zu, ſich des Wahnſinnigen zu bemächtigen.. »Mein Geheimniß war entdeckt, und es blieb mir nichts mehr übrig, als meine Freiheit zu vertheidigen. Ich ſtand aufrecht, bevor noch Jemand die Hand an mich gelegt hatte, ſtürzte mich mitten in den Haufen, und bahnte mir durch meine kräftige Fauſt einen Weg, als wenn ich ein Beil in der Hand gehabt und Alle vor mir niedergeſchmettert hätte. Ich erreichte die Thür, ſprang über das Treppengeländer, und in einigen Augen⸗ blicken war ich auf der Straße. »Ich lief, Niemand wagte es, mich aufzuhalten. Hinter mir hörte ich die Verfolger, und verdoppelte meine Schritte. Endlich hörte ich ſie nicht mehr, rannte dennoch immer weiter, und ſprang über Zäune und Grä⸗ ben, unter wildem Geſchrei, in welches die ſeltſamen Geſpenſter einſtimmten, die, mich rundumgebend, mit mir durch die Luft fortſauſten. Dämonen nahmen mich auf ihre Arme, und fuhren mit mir auf dem Winde dahin, der Alles vor ſich niederwarf, und das Gelärm und To⸗ ben, die Eile und Haſt waren ſo groß, daß mir ſchwin⸗ delte, bis ſie mich endlich mit einem heftigen Stoß auf die Erde niederſchleuderten. Als ich aus meiner Betäu⸗ bung erwachte, befand ich mich hier— hier in dieſer hintern Zelle, in die das Sonnenlicht nur ſelten fällt, ſtets aber das Mondlicht mit Strahlen, die nur dazu dienen, mir die ſchwarzen Schatten um mich her, und die ſtumme Geſtalt in ihrem gewohnten Winkel zu enthüllen. Wache ich, ſo läßt ſich bisweilen ein ſeltſa⸗ Die Pickwicker. 25 ſames Geſchrei vernehmen, welches aus fernen Zellen zu mir ſchallt. Ich weiß nicht, was es bedeutet, es rührt aber nicht von der bleichen Geſtalt her, denn von der Morgendämmerung bis zum Abend ſteht ſie regungslos an demſelben Ort, horcht der Muſik meiner Ketten, und ſchaut meinem Wühlen und Wälzen auf meinem Stroh⸗ lager zu.« Nachſtehende Bemerkung, von einer andern Hand geſchrieben, fand ſich auf dem letzten Blatt des Manu⸗ ſkripts: »Der Unglückliche war ein lebendes trauriges Bei⸗ ſpiel der unſeligen Folgen jugendlicher, auch in ſpätern Jahren fortgeſetzter Ausſchweifungen. Dieſe Lebensart erzeugte Fieber und Delirium. Im letztern drang ſich ihm die wunderliche Idee auf, daß der Wahnſinn in ſei⸗ ner Familie erblich ſei. Er verſank darauf in eine ſtille, düſtere Melancholie, und endlich in vollkommenen Wahnwitz und Tobſucht. Aus genügenden Gründen kann man annehmen, daß ſeine Erzählung ſich in den Haupt⸗ punkten auf Thatſachen gründet— daß er wirklich er⸗ lebte, was er freilich mit krankhafter Phantaſie ſchildert. Diejenigen, welche ſeinen früheren Lebenswandel kannten, wundern ſich nur, daß ſeine Leidenſchaften, als ſie des Zügels der Vernunft zu entbehren angefangen, ihn nicht zu noch ſchrecklichern Thaten fortgeriſſen haben.« Das heruntergebrannte Licht des Herrn Pickwick wollte eben erlöſchen, als er die letzten Worte der Hand⸗ ſchrift des alten Geiſtlichen las; es erloſch plötzlich ohne vorheriges warnendes Flackern, und er ſchreckte, aufgeregt — 26 Die Pickwicker. wie er war, beträchtlich zuſammen. Er warf einen ängſtlichen Blick im Zimmer umher, kroch bis über die Ohren unter die Decke und lag bald darauf in feſtem Schlaf.. Er erwachte erſt, als die Sonne zum Fenſter hinein ſchien, und zwar ziemlich ſpät am Morgen. Seine bedrückende Stimmung der vergangenen Nacht war mit dem Dunkel, das die Landſchaft umhüllte, voll⸗ kommen gewichen. Nach einem kräftigen Frühſtück tra⸗ ten die vier Herren mit einem Manne, der den Stein in einem hölzernen Kaſten trug, ihre Wanderung nach Graveſend an, wo ſie gegen ein Uhr ankamen, und wo⸗ hin ſie auch ihr Gepäck von Rocheſter geſchickt hatten. Sie nahmen Außenplätze auf einer Poſtkutſche, und lang⸗ ten noch denſelben Nachmittag wohlbehalten wieder in London an. Die nächſten drei oder vier Tage wurden unter Vorbereitungen zu ihrer Reiſe nach dem Burgflecken Catanswill zugebracht; jedoch Alles, was Bezug auf dies höchſt wichtige Unternehmen hat, erfordert ein beſonderes Capitel, und wir berichten daher am Schluſſe von die⸗ ſem nur noch ganz kurz über den Verlauf der großen antiquariſchen Entdeckung des Herrn Pickwick. Aus den Klubb⸗Verhandlungen geht hervor, daß Herr Pickwick in einer allgemeinen, am Abend nach ſei⸗ ner Rückkehr veranſtalteten Klubb⸗Verſammlung eine Vorleſung über ſeine Entdeckung hielt, und ſich in einer Menge ſcharfſinniger und gelehrter Hypotheſen über die Bedeutung der Inſchrift erſchöpfte. Ein geſchickter Künſtler gab eine treue Zeichnung der Curioſität, die ſofort lithographirt und der königlichen alterthumfor⸗ ſchenden Geſellſchaft, ſo wie andern gelehrten Societäten zugeſandt wurde. Ueber dieſen Gegenſtand entſtanden Die Pickwicker. 27 eine Menge von Streitigkeiten, welche unſäglichen Ver⸗ druß, Eiferſucht und Erbitterung hervorriefen. Herr Pickwick ſchrieb ſelbſt ein Pamphlet von ſechsundneunzig ſehr enggedruckten Seiten, in welchem er ſiebenundzwanzig verſchiedene Lesarten der Inſchrift erörterte. Drei alte Herren enterbten ihre älteſten Söhne, zur Strafe dafür, daß ſie an dem Alter des Steinfragments zweifelten; ja, ein enthuſiaſtiſcher Alterthümler gab ſich den Tod, nur aus Verzweiflung darüber, daß er ſich außer Stande ſah, die Inſchrift zu enträthſeln. Herr Pickwick wurde wegen ſeiner Entdeckung von ſiebenzehn in⸗ und auslän⸗ diſchen gelehrten Geſellſchaften zum Ehrenmitgliede er⸗ nannt. Alle ſiebenzehn wußten aus der Entdeckung zwar nichts zu machen, kamen aber ſämmtlich darin überein, daß der Fund etwas ganz Außerordentliches ſei. Wir dürfen nicht verhehlen, daß Herr Blotton— und der Name wird von allen Freunden des Geheimniß⸗ vollen und Erhabenen ewiger Verachtung übergeben werden— daß Herr Blotton— ſagen wir, mit der, gemeinen Seelen eigenen Zweifelſucht und Splitterrich⸗ terei eine ebenſo ſchimpfliche als lächerliche Anſicht geltend zu machen ſuchte. Angetrieben von der elenden Abſicht, Pickwicks unſterblichem Namen ſeinen Glanz zu entziehen, unternahm Herr Blotton in eigener Perſon eine Reiſe nach Cobham, und behauptete nach ſeiner Rückkehr in einer vor der Klubbgeſellſchaft gehaltenen Rede, den Mann geſprochen zu haben, dem Herr Pick⸗ wick den Stein abgekauft hatte. Der Mann, ſagte der Redner, welcher Strumps heiße, habe allerdings das Alter des Steins nicht gewußt, aber feierlich das der Inſchrift geleugnet, welche er, zufolge ſeiner Behauptung, vielmehr ſelbſt in einer müſſigen Stunde hineingehauen und die nichts anders bedeuten ſolle, als: Bill Strumps 28 Die Pickwicker. ſein Gränzzeichen. Da er der Orthographie wenig kundig, ſo habe er die Worte ſo geſchrieben, wie ſie ſich vorfänden. Dieſes Alles wurde vom Pickwick⸗Klubb, wie es ſich von einem ſo erleuchteten Verein erwarten ließ, mit verdienter Verachtung aufgenommen, der übermüthige und ſchlechtgeſinnte Blotton ward ſofort ausballotirt, wogegen zum Zeichen des Vertrauens und der Anerken⸗ nung Herrn Pickwick eine goldene Brille verehrt wurde. Herr Pickwick ließ ſich dagegen malen, und ſchenkte dem Klubb ſein Portrait als Zierde des Verſammlungsſaals— ein Portrait, das er, beiläufig geſagt, nicht vernichtet zu ſehen wünſchte, wenn er einige Jahre älter gewor⸗ den wäre. 4 Herr Blotton, der zwar ausgeſtoßen war, hielt ſich noch nicht für überwunden. Er ſchrieb gleichfalls ein, an die ſiebenzehn gelehrte Inſtitute gerichtetes Pam⸗ phlet, worin er ſeine, im Klubb vorgebrachten Angaben wiederholte, und deutlich genug zu verſtehen gab, daß das Wirken der ſiebenzehn gelehrten Societäten ſeiner Mei⸗ nung nach aus nichts als lauter pomphaften Windbeu⸗ teleien beſtände. Hierdurch wurde natürlich die edle Entrüſtung der Siebenzehn geweckt, und es erſchienen bald noch mehrere Pamphlets— die ausländiſchen Ge⸗ ſellſchaften traten in Correſpondenz mit den inländiſchen — ſandten einander ihre Pamphlets zu, die ſie in alle mögliche Sprachen überſetzen ließen— und dies war der Anfang des berühmten gelehrten Streits, der aller Welt unter der Benennung der»Pickwick⸗Fehde« ſo wohl bekannt iſt. Blotton's ſchändlicher Verſuch, Herrn Pickwicks Ruhm zu verringern, ſiel auf das Haupt des boshaften Splitterrichters zurück. Die ſiebenzehn gelehrten Geſell⸗ —— 83 Die Pickwicker. 29 ſchaften erklärten ihn einſtimmig für einen Ignoranten, der ſich unberufener Weiſe in Dinge einmenge, die ihn nichts angingen, und ſie veröffentlichten noch mehr Abhandlungen als zuvor. Der Stein aber wird bis auf den heutigen Tag als ein unlesbares Monument der Größe Herrn Pickwicks, und als eine fortdauernde, an die Verworfenheit ſeiner Feinde erinnernde Siegstrophäe aufbewahrt. Dreizehntes Kapitel. Ein ſehr wichtiger Schritt Herrn Pickwicks, der ſowohl Epoche in ſeinem Leben, wie in dieſer Geſchichte macht. Herrn Pickwicks Zimmer auf der Goswell⸗Straße bildeten eine zwar beſcheidene, aber doch ſehr nette und bequeme, und für einen Mann von ſeinem Genie und ſeiner Beobachtungs⸗Neigung und Gabe äußerſt paſſende Wohnung. Das Studierzimmer war im erſten Stock, und ging, gleich dem im dritten Stockwerk liegenden Schlaf⸗ gemach, nach der Straße hinaus; ſo daß Herr Pickwick, mochte er an ſeinem Schreibtiſche ſitzen oder vor ſeinem Ankleideſpiegel ſtehen, die beſte Gelegenheit hatte, die Men⸗ ſchen und ihr Treiben in hundertfachen Geſtaltungen zu beobachten. Seine Hauswirthin, Frau Bardell— die Wittwe eines Acciſe⸗Beamten— war eine ſtattliche, geſchäftige Frau von angenehmem Aeußern, und beſaß ein natürliches, durch Studium und lange Praxis ausgebil⸗ detes Kochgenie. In ihrem Hauſe befanden ſich weder Kinder, noch Hausmägde, noch Hofgeflügel. Außer Herrn Die Pickwicker. Pickwick und Frau Bardell waren ein großer Mann und ein kleiner Knabe die einzigen Hausbewohner— jener ein Miether, dieſer ein Sprößling der Vermiethe⸗ rin. Der große Mann fand ſich ſtets um zehn Uhr Abends ein, zu welcher Zeit er ſich regelmäßig in ſein zwerghaftes franzöſiſches Bettgeſtell in ſeinem Hinterzim⸗ mer einzwängte. Der Lieblingsort der kindlichen Spiele und gymnaſtiſchen Uebungen Maſter Bardells war auf dem Straßenpflaſter und in den Gaſſen. In dem Hauſe, in welchem Herrn Pickwicks Wille als Geſetz galt, herrſchte Reinlichkeit und Ruhe. Einem Jeden, der mit dem häuslichen Zuſtande und mit der bewundernswürdigen Gemüthsruhe und Selbſt⸗ beherrſchung Herrn Pickwicks bekannt geweſen wäre, würde ſein Benehmen höchſt geheimnißvoll und vollkom⸗ men unerklärlich an dem Morgen vorgekommen ſein, der dem zur Abreiſe nach Eatanswill beſtimmten Tage vor⸗ herging. Er bewegte ſich mit haſtigen Schritten in ſei⸗ nem Zimmer auf und ab, ſchaute von drei zu drei Minu⸗ ten unruhig aus dem Fenſter, und dann auf ſeine Uhr, und legte noch viele andere, bei ihm ganz ungewöhnliche Zeichen der Ungeduld an den Tag. Offenbar beabſich⸗ tigte er etwas ſehr Wichtiges, das ſelbſt Frau Bardell nicht zu errathen vermochte. »Frau Bardell,« begann Herr Pickwick endlich, als dieſes liebenswürdige Frauenzimmer mit ihrem langen Staubabwiſchen faſt zu Ende war. »Sir,« ſagte Frau Bardell. »Ihr kleiner Knabe bleibt lange aus.« »Es iſt ein weiter Weg nach der Boraugh, Sir,⸗ erwiederte Frau Bardell. „Das iſt freilich wahr,⸗ entgegnete Herr Pickwick, ——-——— Die Pickwicker. 31 worauf er von Neuem in Stillſchweigen verſank und Frau Bardell wieder den Staub abzuwiſchen begann. »Frau Bardell,« hub Herr Pickwick nach einigen Minuten wieder an. »Sir,« erwiederte Frau Bardell abermals. »Glauben Sie, daß es viel theurer iſt, zwei Per⸗ ſonen zu unterhalten, als eine einzige 2« fragte Herr Pickwick. »O, Herr Pickwick,« rief Frau Bardell aus, indem ſie bis an den Rand ihrer Haube erröthete, denn ſie glaubte in den Augen ihres Miethers ein heirathsluſti⸗ ges Blinzeln zu bemerken;»O, Herr Pickwick, was iſt das für eine Frage?« »Glauben Sie es wirklich?« fragte Herr Pickwick weiter. »Ja, ſehen Sie, Herr Pickwick,« erwiederte Frau Bardell, und trat dabei ſo nahe an ihn, daß ſie mit ihrem Stäuber Herrn Pickwicks auf dem Tiſche ruhen⸗ den Elbogen faſt berührte,»das kommt ſehr viel auf die Perſon an, Herr Pickwick, und ob's eine haushälteriſche und verſtändige iſt, Sir.« „»Das iſt ſehr wahr,« fuhr Herr Pickwick fort;»doch ich glaube, daß die Perſon, die ich im Auge habe(er blickte bei dieſen Worten Frau Bardell ſcharf an) die ge⸗ nannten Eigenſchaften, nebſt einer beträchtlichen Welt⸗ Kenntniß und vieler Klugheit beſitzt, Frau Bardell, was mir von weſentlichem Nutzen ſein könnte.« »O Gott, Herr Pickwick,« rief Frau Bardell aus, indem ſie abermals bis hinter die Ohren roth wurde. »Ich glaube es wirklich,« ſagte Herr Pickwick, in Eifer gerathend, wie es gewöhnlich bei ihm der Fall zu ſein pflegte, wenn er von einem ihn intereſſirenden 32 Die Pickwicker. Gegenſtande ſprach;»ich glaube es wirklich; und um Ih⸗ nen die Wahrheit zu geſtehen, Frau Bardell, ich habe meinen Entſchluß ſchon gefaßt.« »Ach, du meine Güte, Sir!« rief Frau Bardell aus. »Es wird Ihnen ſonderbar genu vorkommen,« fuhr der liebenswürdige Pickwick fort, ſäner Hausgenoſſin freundlich lachelnd in das Geſicht ſchauend,»daß ich Sie über dieſen Punkt gar nicht zu Rath gezogen, Ihnen nichts davon geſagt habe bis zu dieſer Stunde, wo ich Ihren kleinen Knaben ausſchickte— he— was ſagen Sie 2« Frau Bardell vermochte nur durch einen Blick zu antworten.— Liängſt ſchon hatte ſie Herrn Pickwick im Geheimen verehrt, ſah ſich aber jetzt auf eine Höhe gehoben, die ſelbſt ihren kühnſten Hoffnungen noch nie erreichbar geſchienen hatte. Herr Pickwicke ſtand im Be⸗ griff einen Antrag zu machen,— deshalb hatte er ihren Knaben fortgeſchickt— wie trefflich ausgedacht, wie klug ausgeführt das war! »Nun, was meinen Sie?« fragte Herr Pickwick dringend. »Ach, Herr Pickwick,« ſagte Frau Bardell vor Auf⸗ regung zitternd,»Sie ſind gar zu gütig, Sir,« »Glauben Sie nicht, daß Sie eine große Erleichte⸗ rung dadurch erhalten würden?« fragte Herr Pickwick. »O, darauf kommt es mir ja gar nicht an, Sir,« entgegnete Frau Bardell,»und ich unterziehe mich gern, um Sie nur zufrieden zu ſtellen, größerer Mühe als je; ach, es iſt unausſprechlich viel Güte von Ihnen, daß Sie meiner Verlaſſenheit ſo gedenken.« „Beim Himmel,« ſagte Herr Pickwick,»daran habe sich noch nicht einmal gedacht. Sie werden, wenn 6 Die Piickwicker. 33 ich in der Stadt bin, ſtets Jemand haben, der Ihnen Geſellſchaft leiſtet.« »Wahrhaftig, ich werde eine ſehr glückliche Frau ſein,« ſagte Miſtreß Bardell. »Und Ihr kleiner Knabe,« ſagte Herr Pickwick. »Gott ſegne ihn!« fiel ihm Frau Bardell ins Wort, indem ſie einen mütterlichen Seufzer ausſtieß. »Auch Ihr kleiner Knabe wird einen Gefährten ha⸗ ben,« fuhr Herr Pickwick fort,»und zwar einen recht muntern, der ihn, ich will darauf wetten, mehr Schel⸗ menſtreiche in einer Woche lehren wird, als er anderswo in einem Jahre lernen würde.«. Ein gutmüthiges Lächeln von Seiten Herrn Pick⸗ wicks begleiteten dieſe Worte. »O, Sie lieber—« rief⸗Frau Bardell aus. Herr Pickwick ſtutzte. „»O Sie lieber guter prächtiger,« ſagte Frau Bardell, ſprang von ihrem Stuhle auf und ſchlang ohne Weiteres unter einem Katarakt von Thränen und einem Chor von Seufzern ihre Arme um Herrn Pickwicks Nacken. »Barmherziger Himmel!« ſchrie Herr Pickwick be⸗ ſtürzt;»Frau Bardell, meine gute Frau— welch eine Situation— bitte, bedenken Sie doch— Frau Bar⸗ dell— bitte, bitte um Alles in der Welt— wenn jetzt gerade Jemand hereinkäme.« „»O, laſſen Sie kommen, wer da will,« rief Frau Bardell im Enthuſiasmus ihrer Liebe aus, ihn noch feſter umſchlingend;»nie werde ich mich von Ihnen trennen— o, Sie lieber, Sie theurer Mann!«. »O Himmel,« ächzte Herr Pickwick, und bot alle Kräfte auf, ſich der unerwarteten Umarmung zu entzie⸗ hen,»ich höre wahrhaftig Jemand auf der Treppe. O bitte, bitte, ſein Sie doch vernünftig.⸗« Die Pickwicker. II. 3 Die Pickwicker. Alle Bitten und Vorſtellungen waren jedoch vergeb⸗ lich, denn Frau Bardell war in Pickwicks Armen ohn⸗ mächtig geworden; und bevor er Zeit gewinnen konnte, ſie auf einen Stuhl nieder zu laſſen, öffnete Maſter Bar⸗ dell die Thür, und hereintraten die Herren Tupman, Winkle und Snodgraß. Wie vom Donner gerührt, ſtand Herr Pickwick, ſeine liebliche Bürde in den Armen haltend, beſtürzt und re⸗ gungslos da, und ſtarrte ſeine Freunde an, ohne ſie zu begrüßen, ja ohne auch nur den Verſuch zu machen, ihnen eine Erklärung zu geben. Seine Freunde ſtarrten ihn gleichfalls, und Maſter Bardell ſtarrte Alle zuſammen an. Wenn ſich die kindliche Zärtlichkeit des Sprößlings der Ohnmächtigen nicht auf eine äußerſt rührende Weiſe Luft gemacht hätte, ſo würden ſämmtliche Perſonen ohne Zweifel bis zur Rückkehr der Lebensgeiſter Frau Bardell's ihre Stellungen behauptet haben, ſo übermäßig groß war das Erſtaunen der Pickwicker und die Verwirrung Herrn Pickwicks. Der junge Maſter, in einem Korduroy⸗ Anzug mit metallenen Knöpfen von beträchtlicher Größe, war anfangs verwundert und ungewiß an der Thur ſte⸗ hen geblieben; aber allmählig drang ſich ihm der Gedanke auf, daß Herr Pickwick ſeiner Mutter irgend ein Leid angethan habe; er ſtimmte daher ein jämmerliches Ge⸗ ſchrei an, ſtürzte über den unſterblichen Mann, und begann deſſen Rücken und Beine, ſo empfindlich er nur konnte, ſchlagend, ſtoßend, tretend und kneifend zu bearbeiten. »Halten Sie doch den kleinen Schlingel ab,« rief Herr Pickwick, ver iſt ja ganz toll.« »Was giebt's denn hier?« riefen die drei Pickwicker zuſammen. »„Ich weiß es nicht,« entgegnete Herr Pickwick miß⸗ 34 8 ——— Die Pickwicker. 35 gelaunt.»Bringen Sie nux den Knaben fort(Herr Winkle zog den ſchreienden und ſich ſträubenden Knaben in den entfernteſten Winkel des Zimmers) und helfen Sie mir die Frau hinunterbringen.« »Ach, ich fühle mich ſchon beſſer,« ſagte Frau Bar⸗ dell mit matter Stimme. »Erlauben Sie mir, Sie hinunter zu geleiten,« ſagte der ſtets galante Tupman. »Ich danke Ihnen, Sir— danke beſtens,« ſagte Frau Bardell noch immer ſehr angegriffen, und ſie wurde ſo⸗ fort mit ihrem Knaben von Herrn Tupman hinunter⸗ geführt. »Ich kann mir gar nicht erklären,« ſagte Herr Pick⸗ wick, als ſein Freund zurückkehrte,»was das mit der Frau geweſen ſein mag. Ich hatte ihr nur meine Ab⸗ ſicht angezeigt, einen Bedienten anzunehmen, worauf ſie ganz außer ſich gerieth, und endlich in Ohnmacht fiel. Ein höchſt merkwürdiger Vorfall!« »Höchſt merkwürdig!« riefen die drei Freunde aus einem Munde. „Sie verſetzte mich in der That in eine ganz fatale Situation!« fuhr Herr Pickwick fort. »Sehr fatal!« wiederholten ſeine Jünger, ein wenig huſtend und einander mit zweifelnden Mienen anſehend, was von Herrn Pickwick nicht unbemerkt blieb. Es war einleuchtend, daß ſie ihn in Verdacht hatten. »Ein Mann wartet auf dem Gange,« bemerkte Herr Tupman. »Der Bediente, deſſen ich erwähnte,« ſagte Herr Pickwick.»Ich ſchickte heute Morgen nach ihm. Sein Sie ſo gut, ihn zu rufen, Snodgraß.⸗ Herr Snodgraß entſprach ſeinem Wunſch, und bald darauf ſtand im Zimmer— Herr Samuel Weller. 3* Die Pickwicker. »Ich denke, Sie erinnern ſich meiner,« redete Herr Pickwick ihn an. »Sollt's meinen,« antwortete Sam mit einer Gön⸗ nermiene.»Es war'ne wunderliche Geſchichte, aber es waren Ihrer zu viele gegen ihn;— ein Pfiffikus— hatt's doppelt und dreifach hinter den Ohren!« »Genug davon jetzt,« fiel Herr Pickwick haſtig ein, ich wollte über etwas Anderes mit Ihnen reden. Setzen Sie ſich.« »Danke, Sir,« ſagte Sam, und nahm Platz, ohne ſich weiter nöthigen zu laſſen, nachdem er ſeinen alten weißen Hut auf einen Tiſch gelegt hatte.»Er ſieht nicht vom beſten aus,« bemerkte er hierbei,»aber ſitzt unmenſch⸗ lich gut, und's war ein ſehr hübſcher Deckel, ehe der Rand abging, ohne den er aber leichter iſt, und dazu laſſen die Löcher friſche Luft durch zur Abkühlung.«— Herr Weller lächelte nach dieſer Erörterung die Pickwicker freundlich an. »„Recht gut,« ſagte Herr Pickwick,»doch nun zu der Angelegenheit, wegen der wir Sie haben rufen laſſen, zurückzukommen.« »Sehr wohl, Sir,« unterbrach ihn Sam;»nur heraus damit, wie der Vater zu dem Kinde ſagte, das 'nen Pfenning verſchluckt hatte.« »Zuerſt möchten wir wiſſen,« fuhr Herr Pickwick fort, vob Sie aus irgend einem Grunde mit Ihrer gegen⸗ wärtigen Lage unzufrieden ſind 2« »Eh' ich die Frage beantworte,« erwiederte Sam, „möcht' ich erſt gerne wiſſen, ob Sie mir'ne beſſere verſchaffen wollen?2« 36 »Ein Strahl milden Wohlwollens glänzte auf Herrn Pickwicks Antlitz, als er ſagte:»Ich bin ſo halb und halb entſchloſſen, Sie ſelbſt in Dienſt zu nehmen.“« 5 Die Pickwicker. 37 »So?« ſagte Sam. Herr Pickwick nickte bekräftigend. „»Lohn 2« fragte Sam. »Zwölf Pfund das Jahr,« erwiederte Herr Pickwick. »Kleidung?2« „»Zwei Anzüge.« »Arbeit?« »Sie bedienen mich, und begleiten mich und dieſe Herren hier auf Reiſen.« „»Nehmen's Plackat'runter,« ſagte Sam emphatiſch, vich bin an'nen einzelnen Herrn vermiethet, und wir ſind einig über die Bedingungen.« »Sie nehmen alſo die Stelle an?« fragte Herr Pickwick. »Ja doch,« entgegnete Sam.»Wenn die Röcke nur halb ſo gut paſſen, wie die Kondition, ſo ſoll's ſchon gehen.« »Ein Zeugniß werden Sie natürlich aufweiſen kön⸗ nen?« ſagte Herr Pickwick. »Wenden Sie ſich deshalb an die Wirthin vom weißen Hirſch, Sir,« antwortete Sam. „»Können Sie heute noch Ihren Dienſt antreten?« »Ich werfe mich auf der Stelle in Ihre Lirree, wenn ſie parat iſt,« ſagte Sam äußerſt vergnügt. »Kommen Sie heut Abend um acht Uhr wieder,« ſagte Herr Pickwick, vund wenn meine Nachfragen be⸗ friedigend ausgefallen ſind, ſo ſoll für die Livree ſogleich geſorgt werden.⸗« Einen einzigen kleinen Fehltritt ausgenommen, an welchem ein Hausmädchen die Hälfte der Schuld trug, war Sam's Aufführung vollkommen tadellos geweſen. Herr Pickwick ſchloß daher ſeinen Vertrag mit ihm ab, und führte ſeinen neugewonnenen Diener mit der raſchen 38 Die Pickwicker. Entſchloſſenheit und Thatkraft, die nicht bloß das öffent⸗ liche, ſondern auch das Privatleben des außerordentlichen Mannes charakteriſirten, ſogleich zu einem Kleiderhändler; und noch nicht ſehr ſpät am Abend war Sam Weller mit einem grauen Rocke mit dem P. C. Knopfe, einem ſchwarzen Hute mit einer Kokarde, einer fleiſchfarbigen geſtreiften Weſte, hellen Beinkleidern und Kamaſchen und ſonſtigem Bedarf reichlich verſehen. »Nun möcht' ich wohl wiſſen,« ſagte der ſo plötzlich Verwandelte, als er am folgenden Morgen die Eatans⸗ willer Poſtkutſche beſtiegen hatte,»ob ich'nen Bedienten oder'nen Reitknecht,'nen Wildwärter oder'nen Portier vorſtellen ſoll. Ich ſeh' aus, als wenn ich aus dem Allen zuſammengeſetzt wäre. Mags ſein, ich kriege viel zu ſehen und habe wenig zu thun; und das behagt mir Alles unmenſchlich gut; alſo vivant die Pickwicker!« Vierzehntes Capitel. Etwas über Eatanswill— den dortigen Stand der Parteien und über die Wahl eines Parlaments⸗Mitgliedes für jenen alten loyalen und patriotiſchen Burgflecken. Wir wollen offen bekennen, daß wir bis zu der Zeit, wo wir uns in die voluminöſen Papiere des Pickwick⸗ Klubbs vertieften, nie von Eatanswill gehört hattenz und wir geſtehen mit gleicher Offenherzigkeit, daß wir uns vergeblich nach Beweiſen des wirklichen Daſeins einer Ortſchaft, die in unſerer Zeit dieſen Namen führt, um⸗ geſehen haben. Da wir nun den Angaben des Herrn Die Pickwicker. Pickwick das vollkommenſte Vertrauen ſchenken dürfen, und nicht Anſtand nehmen, unſere geringen Kenntniſſe unterzuordnen, ſo bleibt uns nichts übrig, als anzunehmen, daß Herr Pickwick, geleitet von dem Wunſche, Niemand auf irgend eine Weiſe zu verletzen, und von jenem Zartgefühl, welches, nach dem Zeugniß Aller, die das Glück gehabt haben ihn zu kennen, ihm in einem ſo hohen Maaße eigen war, einen fingirten an die Stelle des wahren Namens der Stadt oder des Burgfleckens geſetzt hat, in welchem er ſeine Beobachtungen anſtellte. Wir haben alle Namen in den Schedulen A und B nach⸗ geſehen, aber den von Eatanswill nicht gefunden, wir haben auf den Specialkarten unſerer Grafſchaften genau geforſcht, aber mit eben ſo wenig Erfolg. Wir werden in unſerer Vorausſetzung, daß hier Pickwick einen fingir⸗ ten Namen gewählt habe, durch einen kleinen Umſtand beſtärkt, welcher, wenn auch geringfügig an und für ſich, doch, aus dieſem Geſichtspunkte betrachtet, nicht gänzlich außer Acht gelaſſen werden dürfte. In Herrn Pickwicks Notizenbuch ſteht nämlich ange⸗ merkt, daß er nebſt ſeinen Freunden Plätze auf der Nor⸗ wicher Diligence genommen habe; dieſe Notiz iſt jedoch durchgeſtrichen und kaum mehr lesbar, ſo daͤß es offenbar iſt, Herr Pickwick wollte ſogar die Richtung im Dunkeln gelaſſen wiſſen, in welcher der angebliche Burgflecken Ea⸗ tanswill liegt. Wir geben daher die Vermuthungen auf, und fahren in unſerer Erzählung, uns mit dem Inhalt derſelben begnügend, fort. Gleich den Einwohnern vieler andrer kleiner Städte hatten auch die Bürger von Eatanswill die ungemeſſenſte Meinung von ihrer Wichtigkeit; und alle ohne Ausnahme hielten ſich, im Bewußtſein der Bedeutſamkeit ihres Vor⸗ ganges, für verpflichtet, ſich mit Leib und Seele zu einer 40 Die Pickwicker. der großen, das Städtchen entzweienden Parteien— den Färberblauen und Ledergelben— anzuſchließen. Die Fär⸗ berblauen benutzten jede Gelegenheit, ſich den Ledergelben entgegen zu ſtellen; wogegen die Ledergelben gewiß keine Gelegenheit vorübergehen ließen, den Färberblauen zu op⸗ poniren, ſo daß es niemals ohne Streit herging, wenn die Blauen und Gelben auf Märkten, in Gaſthäuſern oder bei öffentlichen Verſammlungen zuſammentrafen. Alles und Jedes, was in Eatanswill zur Sprache kam oder vorging, wurde natürlicher Weiſe zur Parteiſache gemacht. Schlugen die Ledergelben vor, auf dem Markt⸗ platz Laternen anzubringen, ſo veranſtalteten die Färber⸗ blauen öffentliche Verſammlungen und kämpften bis auf das Blut gegen das neue Licht; ſchlugen die Färberblauen vor, einen zweiten Brunnen in der Hauptſtraße graben zu laſſen, ſo erhoben ſich die Ledergelben gegen das Be⸗ ginnen, wie Ein Mann. Es gab Färberblau⸗ und Leder⸗ gelb⸗Läden, Ledergelb⸗ und Färberblau⸗Gaſthäuſer und ſogar in der Kirche Färberblau⸗ und Ledergelb⸗Plätze. Wie weſentlich und nothwendig es war, daß dieſe mächtigen Parteien ihre erwählten Organe und Reprä⸗ ſentanten hatten, kann man ſich wohl leicht vorſtellen. Demnach erſchienen in dem Burgflecken zwei Zeitungen, die Eatanswill⸗Gazette und der Eatanswill⸗Independent. Die Gazette vertheidigte die Färberblau⸗Grundſätze, der Independent war von entſchiedener Ledergelb⸗Farbe. Beide wurden vortrefflich redigirt. Welche wundervolle leitende Artikel, welche muthvolle Angriffe! »Unſre werthloſe Collegin— die Gazette—⸗ »Jenes ehrloſe und feige Tagsblatt, der Indepen⸗ dent—« 2 3 „Das Geſchmier des lügenhaften, poſſenreißeriſchen, über allen Begriff erbäͤrmlichen Independenten—e Die Pickwicker. 41 »Die verläumderiſche Gazette, für deren ſchmach⸗ volle Niederträchtigkeit das ganze Sprachgebiet keinen Namen hat—« In den Spalten jeder Nummer der beiden Blätter fand man dieſe und hundert ähnliche aufregende Aus⸗ fälle, die bei den Stadtbewohnern das größte Entzücken und die tiefſte Entrüſtung zu erregen nicht verfehlten. Herr Pickwick hatte mit ſeinem gewohnten Scharf⸗ blick einen ganz beſonders glücklichen Zeitpunkt zu ſeiner Reiſe nach Eatanswill gewählt. Ein ſolcher Kampf war noch nie gekämpft worden. Der hochachtbare Samuel Slumkey von Slumkey⸗Hall war der Candidat der Färberblauen, und Horatio Fizkin, Esg. von Fizkin⸗ Lodge, unweit Eatanswill, hatte ſich von ſeinen Freun⸗ den bewegen laſſen, auf die Seite des Ledergelb⸗Intereſſe zu treten. Die Gazette hielt den Wählern von Eatans⸗ will vor, daß die Augen nicht nur Englands, ſondern auch der ganzen civiliſirten Welt auf ſie gerichtet ſeien; und der Independent verlangte gebieteriſch zu wiſſen, ob des Abgeordneten von Eatanswill Conſtituenten wirklich die Männer wären, für welche man ſie ſtets gehalten, oder nichts mehr als elende ſervile Werkzeuge, die nicht werth ſeien, den Namen von Engländern zu tragen, und die Segnungen der Freiheit zu ärnten. Nie ſeit Menſchengedenk war die Stadt ſo in Aufregung geweſen. Es war ſchon ſpät am Abend, als Herr Pickwick unnd ſeine Gefährten, mit Sams Beiſtand, vom Dache der Eatanswiller Poſtkutſche hinabſtiegen. Aus den Fenſtern des Wirthshauſes zum Stadtwappen weheten große blauſeidene Fahnen, und das ganze Haus war mit Zetteln beklebt, deren rieſenhafte Schrift verkündete, daß das Komite des hochachtbaren Samuel Slumkey hier täglich ſeine Sitzungen halte. Auf der Straße hatte 42 Die Pickwicker. ſich eine Menge Müſſiggänger verſammelt, und gaffte zu dem heiſern Herrn auf dem Balkon hinauf, der zu Gun⸗ ſten Herrn Slumkey's zu reden ſchien und ſich kirſchroth im Geſicht ſprach. Der Nachdruck ſeiner Argumentation und das Gewicht ſeiner Gründe wurden jedoch einiger⸗ maßen dadurch vermindert, daß an der nächſten Ecke fortwährend vier große Trommeln, die von Herrn Fiz⸗ kin's Komite dorthin beordert waren, einen furchtbaren Lärm machten. Neben dem Redner auf dem Balkon ſtand ein kleiner lebhafter Mann, der von Zeit zu Zeit den Hut ſchwenkte und das Volk dadurch zu einem Hurrahrufen aufforderte, welches auch regelmäßig mit dem größten Enthuſiasmus erſchallte; ſo daß der heiſere Herr ſeinen Zweck eben ſo gut erreichte, als wenn er von Jedermann gehört worden wäre. Die Pickwicker waren kaum von dem Wagen geſtie⸗ gen, als ſie von einem Haufen der»Redlichen und Un⸗ abhängigen« umgeben wurden, der ſofort drei betäubende Hurrahs erſchallen ließ, in welche das Hauptcorps(denn es iſt durchaus nicht nothwendig, daß ein Volkshaufe wiſſe, weshalb er ſchreit) aus einiger Entfernung der⸗ maßen einſtimmte, daß die Hurrahs zu einem Triumph⸗ gebrüll anſchwollen, welches ſelbſt den heiſeen Mann auf dem Balkon zum Schweigen brachte. »Noch einmal Hurrah!« ſchrie der kleine Manu auf dem Balkon, und der Haufe ſchrie abermals, als wenn die Lungen aus Gußeiſen mit geſtählten Federn beſtanden hätten. »Slumkey für immer!« brüllten die axedlichem und Unabhängigen.« »Slumkey für immer!« wirderholte Herr Pickwick, den Hut abnehmend. s „»Kein Fizkin!⸗ brüllte der Haufen. K Die Pickwicker. 43 »Nein, kein Fizkin!« ſchrie Herr Pickwick. Und es erhob ſich abermals ein allgemeines Gebrüll, gleich dem in einer Menagerie, wenn der Elephant nach kalter Küche geklingelt hat. »Wer iſt denn Slumkey?« flüſterte Herr Tupman. »Pſt— ich weiß es nicht,« erwiederte Herr Pick⸗ wick eben ſo leiſe.»Thun ſie keine Fragen.— Bei thun, was das Volk thut.« »Wie aber, wenn nun zwei einander feindſelige Volkshaufen da ſind?« bemerkte Herr Snodgraß. »Dann ſchreit man mit dem größten,« ſagte Herr Pickwick. Ganze Bände hätten nicht mehr ſagen können. Sie traten in das Gaſthaus; die Menge wich links und rechts aus, um ſie durchzulaſſen, indem ſie ihnen lär⸗ menden Beifall zuſchrie. Ein Nachtquartier zu erlan⸗ gen, war jetzt der erſte Gegenſtand, der in Erwägung gebracht wurde. „Können wir hier Betten bekommen?« fragte Herr Pickwick den Kellner. »Kann's nicht ſagen, Sir,« war die Antwort, „fürchte, daß wir ſchon überfüllt ſind— will nachfragen, Sir.« Er ging, kehrte aber ſogleich wieder zurück, um ſich zu erkundigen, ob die Herven Färberblaue ſeien. ſolchen Gelegenheiten iſt es immer am beſten, das zu Da die Pickwicker kein perſönliches Intereſſe für die Sache irgend eines der beiden Candidaten hatten, ſo war die Frage nicht ſo leicht zu beantworten. In dieſer Verlegenheit erinnerte ſich Herr Pickwick ſeines neuen Freundes, des Herrn Perker. „Kennen Sie einen Herrn, Namens Perker?« fragte er. 8 Die Pickwicker. »Allerdings, Sir; Agent des hochachtbaren Herrn Samuel Slumkey.« »Iſt er nicht Färberblau?« „»Ja wohl, Sir!« »So ſind wir auch Färberblaue,« ſagte Herr Pick⸗ wick; als er aber bemerkte, daß der Kellner über dieſe Ankündigung ein etwas mißtrauiſches Geſicht zog, ſo gab er ihm ſeine Karte, die er befahl, ſogleich Herrn Perker zu bringen, wenn derſelbe im Gaſthauſe wohnte. Der Kellner entfernte ſich, kehrte nach einigen Augen⸗ blicken zurück, bat Herrn Pickwick, ihm zu folgen, und führte ihn in ein geräumiges Zimmer im erſten Stock⸗ werk, wo Herr Perker an einem langen, mit Büchern und Papieren bedeckten Tiſch ſaß. »Ah— ah, mein theuerſter Herr,« rief ihm der kleine Mann entgegen,»freut mich ſehr, Sie zu ſehen, mein theurer Herr. Bitte, nehmen Sie Platz. Sie ſind alſo Ihrem Vorhaben getreu geblieben; ſie ſind hier⸗ her gereiſt, um einer Wahl beizuwohnen— wie?«— Herr Pickwick bejahte. »Ein heißer Kampf, mein theurer Sir!« ſagte der kleine Mann. »Ich freue mich unendlich, dies zu vernehmen,« ſagte Herr Pickwick, indem er ſich die Hände rieb; vdenn ich ſehe nichts lieber, als kräftigen Patriotismus, gleichviel auf welcher Seite ich ihn erblicke. Der Kampf iſt alſo hartnäͤckig?«. »Freilich, freilich,« erwiederte der kleine Mann,»ſehr hartnäckig. Wir haben alle Gaſthäuſer im Ort zu freier Zeche für unſern Anhang in Beſchlag genommen, und unſern Gegnern nur die Bierhäuſer übrig gelaſſen 44 — ein meiſterhafter Coup von Politik, mein theurer —O—OQ—Q—Q—Q—CQOQ—·—— Die Pickwicker. 45 Herr, nicht ſo?«— und der kleine Mann lächelte wohl⸗ gefällig und nahm eine große Priſe. »Was wird das wahrſcheinliche Reſultat ſein?« fragte Herr Pickwick. »Der Ausgang iſt noch ſehr zweifelhaft, mein beſter Herr— noch ſehr zweifelhaft bis jetzt,«— antwortete der kleine Mann.»Fizkin's Commiſſaire halten drei⸗ undvierzig Wähler in der Wagenremiſe im weißen Hirſch eingeſperrt.« »In der Wagenremiſe!« rief Herr Pickwick; dieſen zweiten Coup von Politik bewundernd, aus. »Sie halten ſie dort ſo lange feſt, bis ſie ihrer be⸗ dürfen,« fuhr Herr Perker fort;»und ſie bezwecken nur damit, wie Sie ſehen, daß ſie uns verhindern wollen, an ſie zu kommen; und ſelbſt wenn wir dies könnten, ſo würde es uns nichts nützen, denn man hat ſie betrunken gemacht, und ſorgt dafür, daß ſie nicht wieder nüchtern werden. Tüchtiger Menſch, der Fizkinſche Agent— ſehr tüchtiger Menſch.⸗ Herr Pickwick ſtarrte dem kleinen Mann ins Ge⸗ ſicht, ſagte aber Richts. »Wir haben jedoch ziemlich gute Hoffnungen,« fuhr Perker fort, und ließ ſeine Stimme faſt bis zum Ge⸗ flüſter ſinken.»Wir hielten geſtern Abend hier eine Theegeſellſchaft— fünfundvierzig Damen, mein beſter Herr, und beſchenkten eine Jede, als ſie fortgingen, mit einem grünen Sonnenſchirm.⸗« „»Einem Sonnenſchirm!« wiederholte Herr Pickwick. »Ja, ja, mein theurer Herr. Fünfundvierzig grüne Sonnenſchirme, das Stück zu ſechs Pence. Alle Frauen⸗ zimmer lieben Putzſachen— der Effect der Sonnenſchirme i*ſt ganz außerordentlich.— Wir haben dadurch ihre Maänner und die Hälfte ihrer Brüder gewonnen— 46 Die Pickwicker. Strümpfe, Flanell und dergleichen iſt nichts dagegen.— Meine Jee, mein theurer Herr, ganz allein meine Idee. Sie können keine zwölf Schritte weit durch die Stadt gehen, mag's ſonniger Himmel ſein, mag's regnen oder ſchneien, ohne einem halben Dutzend Sonnenſchirme zu begegnen.« Der kleine Mann wollte ſich ausſchütten vor Lachen, als ein langer ſchmächtiger Herr mit rothem Haar, Spuren einer werdenden Glatze und einem Geſicht ein⸗ trat, in deſſen Ausdruck feierliche Wichtigkeit und uner⸗ gründliche Weisheit ſich vermiſchten. Er trug einen lan⸗ gen braunen Rock, eine ſchwarze Weſte und graugelbe Beinkleider. Vor ſeiner Bruſt hing ein Augenglas, und auf dem Kopf hatte er einen ungewöhnlich hohen, breit⸗ rändrigen Hut. Er wurde Herrn Pickwick, als Herr Pott, Redakteur der Eatanswiller⸗Gazette vorgeſtellt. Nach einigen allgemeinen Bemerkungen wendete ſich Herr Pott zu Herrn Pickwick, und ſagte feierlich: »Dieſer Kampf erregt großes Aufſehen in der Haupt⸗ ſtadt, Sir, nicht wahr?« »Ich glaube es allerdings,« antwortete Herr Pickwick. »Und ich habe Grund zu behaupten,« fuhr Herr Pott fort, indem er Perker mit einem, zur Bekräftigung auffordernden Blick anſah,»und ich habe Grund zu be⸗ haupten, daß mein Artikel vom vorigen Sonntag einiger⸗ maßen dazu beigetragen hat.« »Iſt nicht im geringſten zu bezweifeln,« bekräftigte der kleine Mann. »Die Preſſe iſt doch ein gar mächtiger Hebel,« ſagte Pott. Herr Pickwick gab ſeine volltommene Zuſtimmung zu erkennen. »Ich glaube jedoch ſagen zu können,« fuhr Pott —-—————dlãä. Die Pickwicker. 47 fort,»daß ich die in meinen Händen habende unum⸗ ſchränkte Gewalt niemals mißbraucht habe. Ja, Sir, nie habe ich die edle Waffe, mit welcher ich kämpfte, ge⸗ gen die Heiligkeit des Privatlebens, oder die Ehre des Privatmanns gezuckt; ich habe ſtets meine literariſchen Verſuche— ſo geringfügig ſie auch ſein mögen, und ich weiß, daß ſie es ſind— der Aufgabe gewidmet, die Prinzipien der— der—« Da Herr Pott hier in Verwirrung gerieth, ſo hielt Herr Pickwick es für Pflicht, ihm zu Hülfe zu kommen, und ſagte daher»Ohne allen Zweifel.«⸗ »Und wie, Sir,« ſagte Pott,»laſſen Sie mich die Frage Ihnen als Unparteiiſchem vorlegen: wie iſt der Stand der öffentlichen Meinung in London in Betreff meiner Fehde mit dem Independent 2« »Ohne Zweifel ſehr aufgeregt,« fiel Perker mit einem ſchlauem Lächeln ein, das aller Wahrſcheinlichkeit nach nur zufällig war. „Dieſe Fehde wird dauern,« fuhr Pott fort,»ſo lange mir Geſundheit und Kräfte und das geringe Talent blei⸗ ben, womit ich begabt bin. Von dieſer Fehde, Sir, werde ich nie ablaſſen, mag ſie die Gemüther in Unruhe ver⸗ ſetzen, Haß und Erbitterung in den Herzen der Men⸗ ſchen erzeugen, und ſie zur Erfüllung der Pflichten des täglichen Lebens unfähig machen— nie werde ich ruhen, bis ich dem Independent von Eatauswill meinen Fuß auf den Nacken geſetzt habe.« »Ich wünſche, daß die Einwohner Londons, s ganze engliſche Volk es wiſſe, daß es ſich auf mich verlaſſen kann, daß ich es nie im Stich laſſen werde, ja, Sir.— Daß ich ent⸗ ſchloſſen bin, bei ihm auszuharren bis zum letzten Athmenzuge.« „»Ihr Benehmen iſt unendlich edel, Sir,« ſagte Herr Pickwick, die Hand des großherzigen Pott ergreifend. 48 Die Pickwicker. „»Ich ſehe, Sir, Sie ſind ein Mann von Einſicht und Talent,« rief Herr Pott, ffaſt athemlos im Feuer dieſer patriotiſchen Erklärung aus.»Ich ſchätze mich ſehr glücklich, Sir, die Bekanntſchaft eines ſolchen Mannes gemacht zu haben.« »Und ich,« ſagte Herr Pickwick,»fühle mich durch Ihre Meinung hoch geehrt. Erlauben Sie mir, Sir, Sie meinen Reiſegefährten, den übrigen Mitgliedern des Klubbs, den ich ſtolz bin, geſtiftet zu haben, vorzuſtellen.« „Ich werde entzückt ſein,« ſagte Herr Pott. Herr Pickwick entfernte ſich, kehrte mit ſeinen drei Freunden zurück, und ſtellte ſie dem Herausgeber der Gazette von Eatanswill mit aller Förmlichkeit vor. „»Nun aber iſt die Frage, mein theurer Pott,« ſagte der kleine Perker,»was wir mit unſern Freunden hier beginnen ſollen?« »Hier im Hauſe werden wir doch ein Unterkommen finden?« fragte Herr Pickwick. „»Nicht ein Bett— nicht ein einziges Bett iſt mehr zu haben, mein theurer Sir!« „Das iſt ſehr fatal,« ſagte Herr Pickwick. »Sehr fatal!« wiederholten ſeine Reiſegefährten. »Da habe ich einen Einfall,« ſagte Herr Pott,»den wir, denke ich, mit Glück verfolgen könnten. Im Pfau ſind noch zwei Betten zu haben, und ich kann kühn im Namen von Miſtreß Pott verſichern, daß, wenn die zwei andern Herren und Ihr Bedienter ſich im Pfau ſo gut behelfen wollen als ſie können, dieſelbe mit dem größten Vergnügen Herrn Pickwick und einem ſeiner Freunde mit Betten dienen wird.« Nach wiederholten dringenden Bitten von Seiten des Herrn Pott und wiederholten Verſicherungen Herrn Pick⸗ wicks, daß ihm der Gedanke, Pott's liebenswürdige —2ꝗ △☛———— Die Pickwicker. 49 Gemahlin zu inkommodiren oder zu bemühen, unerträglich ſei, wurde dennoch entſchieden, daß nichts Anders übrig bliebe. Nach beendigtem Mittagsmahle und nach getroffener Verabredung, ſich am andern Morgen im Stadtwappen wieder einzufinden, um ſich dem Zuge des hochachtbaren Samuel Slumkey anzuſchließen, trennten ſich die Freunde. Die Herren Tupman und Snodgraß begaben ſich in den Pfau und Herr Pickwick und Herr Winkle nach Herrn Pott's Wohnung, deſſen häuslicher Zirkel auf ihn ſelbſt und ſeine Gattin beſchränkt war.„Die Männer, die durch ihr mächtiges Genie zu einer ſtolzen Höhe in der Welt ge⸗ langt ſind, pflegen einige kleine Schwächen an ſich zu haben, die durch den Kontraſt mit ihrem öffentlichen Charakter um ſo auffallender werden. Hatte nun Herr Pott eine Schwäche, ſo beſtand ſie vielleicht darin, daß er die Kontrole ſeiner Ehehaͤlfte etwas zu unterwürfig duldete. Wir glauben jedoch kein Recht zu haben, ein großes Gewicht auf dieſen Umſtand zu legen, weil Miſtreß Pott im vorſtehenden Falle allen ihren gewinnenden Liebreiz aufbot, um die beiden Herren auf das zuvorkommenſte zu empfangen. »Meine Liebe,« ſagte Herr Pott,»Herr Pickwick— Herr Pickwick aus London.-“ 856 Mrs. Pott erwiederte Herrn Pickwicks väterliches Handſchütteln mit entzückender Anmuth und Herzlichkeit, und Herr Winkle, der nicht vorgeſtellt worden war, trat zur Seite und machte fortwährend Verbeugungen, die aber eine Zeit lang unbeachtet blieben. »Theurer Pott!« ſagte ſeine Gattin. „»Mein ſüßes Leben!« erwiederte Herr Pott. »Mach' mich doch auch mit dem andern Herrn bekannt.« Die Pickwicker. II. 4 50 Die Pickwicker. »Ich bitte tauſend Mal um Entſchuldigung,« ſagte Herr Pott.— Miſtreß Pott— Herr »Winkle,« half Herr Pickwick ein. »Herr Winkle,« wiederholte Herr Pott, womit die Ceremonie des Vorſtellens beſeitigt war. „»Wir müſſen ſehr um Verzeihung bitten,« nahm Herr Pickwick das Wort,»daß wir Sie nach einer ſo kurzen Bekanntſchaft ſchon in Ihrem Hauſe beläſtigen.« »Kein Wort davon, Sir, wenn ich bitten darf,« er⸗ wiederte Miſtreß Pott mit Lebhaftigkeit.»Es iſt immer ein hoher Genuß für mich, neue Geſichter zu ſehen, da ich aus einem Tage in den andern und aus einer Woche in die andere an dieſem langweiligen Orte lebe, und Nie⸗ mand ſehe. »Niemand, meine Theure?« fiel Herr Pott ſchalk⸗ haft ein.. „»Niemand als Dich,z entgegnete Miſtreß Pott mit Bitterkeit. »Sie ſehen, Herr Pickwick,« ſagte der Wirth zur Er⸗ örterung der Klagen ſeiner Gattin,»daß wir viele Genüße und Vergnügungen entbehren müſſen, an denen wir ſonſt Theil nehmen könnten.— Mein öffentlicher Charakter als Herausgeber der Eatanswiller Gazette— die Stel⸗ lung, welche dieſes Blatt im Lande behauptet— mein fortwährendes Umhertreiben in dem Wirbel der politi⸗ ſchen—« „»Theuerſter Pott,« fiel Miſtreß Pott ein. »Mein ſüßes Leben,« ſagte der Redakteur. »Ich wünſchte, mein Lieber, daß Du Dich bemühteſt, einen Gegenſtand des Geſpräches zu finden, an welchem dieſe Herren mehr Intereſſe nehmen könnten.« „Aber, meine Liebe,« entgegnete Herr Pott in ſehr ——— Die Pickwicker. 51 demüthigem Tone,»Herr Pickwick nimmt ein Intereſſe daran.« »Es iſt gut für ihn, wenn das der Fall iſt,« entgeg⸗ nete Miſtreß Pott mit einigem Nachdruck,« mir iſt aber Deine Politik, die Zänkereien mit dem Independenten und all' der Unſinn bis in den Tod zuwider.— Ich muß mich wirklich ſehr wundern, Pott, wie Du Deine Albernheiten ſo zur Schau tragen kannſt.« „»Aber, meine Liebe,« begann Herr Pott. »Ach, ſchweigen wir jetzt davon,« unterbrach Miſtreß Pott.—„»Spielen Sie Ecarte, Sir 2⸗ »Es würde mich ſehr freuen, es unter Ihrer Anlei⸗ tung zu lernen,« erwiederte Herr Winkle. »Nun gut, ſo rücke deun dieſen kleinen Tiſch an das Fenſter, daß ich nichts mehr von Deiner abgeſchmackten Politik höre.« 3 1 »Jane,« ſagte Herr Pott zu dei Hausmädchen, das eben Licht brachte,„geh' in meine Schreibſtube und bringe mir den Jahrgang 1828. Ich will Ihnen(ſich zu Herrn Pickwick wendend) einige meiner leitenden Artikel vorleſen, die ich zu jener Zeit über das alberne Vorhaben der Le⸗ dergelben ſchrieb, einen neuen Schlagbaumwärter anzu⸗ ſtellen; ich denke, die Aufſätze werden Ihnen zuſagen.« »Es wird mir viel Vergnügen gewähren, ſte zu hö⸗ ren,« ſagte Herr Pickwick.— Die Zeitungen wurden gebracht, und der Redakteur ſetzte ſich neben Herrn Pickwick. Vergebens haben wir das Notizenbuch des Herrn Pickwick in der Hoffnung durchſucht, einen Auszug aus jenen werthvollen Artikeln zu finden. Wir haben alle Urſache zu glauben, daß er von der Kraft und Friſche des Stils äußerſt entzückt war, denn Herr Winkle hat die Thatſache aufgezeichnet, daß während der ganzen Vor⸗ 4* 5²2 Die Pickwicker. leſung ſeine Augen wie im Uchermiaas des Vergnügens geſchloſſen waren. Die Nachricht, das Abendeſſen ſe aufgetragen, un⸗ terbrach ſowohl das Ecarte als die Recapitulation der Schönheiten der Gazette von Eatanswill.— Miſtreß Pott war äußerſt lebhaft und in der angenehmſten Lanne. — Herr Winkle hatte bereits bedeutende Fortſchritte in ihrer Gunſt gemacht, und ſie nahm nicht Anſtand, ihm vertraulich zu ſagen, daß Herr Pickwick ein ſcharmanter alter Mann ſei.— Dieſe Ausdrücke würden ſich wenige von den genauern Bekannten eines Mannes von ſo koloſ⸗ ſalem Geiſt, wie jener Pickwicks war, erlaubt haben. Wir bewahren ſie dennoch auf, weil ſie zum rührenden und überzeugenden Beweiſe dienen, wie ſehr alle Klaſſen der Geſellſchaft ihn verehrten, und wie leicht er in allen Herzen Eingang zu finden wußte. 3 Es war ſpät in der Nacht, lange nachdem Herr Tupman und Herr Snodgraß unter den Fittigen des Pfau in Schlummer geſunken waren, als die beiden Freunde ſich zur Ruhe begaben. Herr Winkle ſchlief bald ein, aber ſeine Gefühle waren ſo aufgeregt, und ſeine Bewunderung in einem ſo hohen Grade hervorgerufen worden, daß die Geſtalt und die Züge der reizenden Mi⸗ ſtreß Pott ſeiner Phantaſie im Traume fortwäͤhrend vor⸗ ſchwebten. Das Getümmel und der Lärm am andern Mougm waren der Art, daß, wer auch noch ſo romantiſch geſtimmt war, doch keine andere Gedanken feſtzuhalten vermochte, als jene, welche ſich auf die bevorſtehende Parlaments⸗ wahl bezogen. Von Tagesanbruch an hörte man in allen Straßen Trommeln ſchlagen, Hörner und Trompe⸗ ten blaſen, Menſchen ſchreien und Roſſe ſtampfen, und gelegentlich brachte ein Scharmützel zwiſchen den Plänklern — ⏑— /„— Die Pickwicker. 53 beider Parteien noch mehr Abwechſelung in die Vorberei⸗ tungen zu der Wahl. »Nun Sam,; ſagte Herr Pickwick, als dieſer an der Thüre ſeines Schlafzimmers erſchien, während er mit ſeiner Toilette beſchäftigt war,—»es iſt gewiß heute leb⸗ haft genug in der Stadt?« »Alles auf den Beinen, Sir,« erwiederte Sam,»unſere Leute verſammeln ſich ſchon vor dem Stadtwappen und werden ſich bald heiſer geſchrieen haben.« »Ach,« ſagte Herr Pickwick,»Sie werden wohl ihrer Partei ſehr ergeben ſein.« »Hab' in meinem ganzen Leben keinen ſolchen Eifer geſehen, Sir.« „»Zeigen alſo viel Energie?« ſagte Herr Pickwick. »Sehr viel,« entgegnete Sam, vich ſah noch nie in meinem Leben ſo viel eſſen und trinken. Was mich wundert, iſt, daß ſie nicht beſorgen aus einander zu berſten.« „Das ſind die Folgen der mißverſtandenen Menſchen⸗ freundlichkeit der hieſigen Honoratioren,« bemerkte Herr Pickwick. »Sehr wahrſcheinlich,« erwiederte Sam lakoniſch. „Es ſcheinen friſche kräͤftige Burſchen zu ſein,« ſagte Herr Pickwick, aus dem Fenſter ſchauend. »Friſch genug ſind ſie,« antwortete Sam,»ich und die beiden Kellner im Pfau haben die Independent⸗Wähler, die geſtern Abend dort ſpeiſten, unter der Brunnen⸗Pumpe gehabt.« „»Die Independent⸗Wähler unter der Pumpe gehabt?⸗ rief Herr Pickwick aus. »Ja wohl,« fuhr Sam fort, vjeder von ihnen ſchlief ein, wo er hingefallen war; heute Morgen zogen wir ſie, einen nach dem andern hervor, und brachten ſie unter 54 Die Pickwicker. die Pumpe; jetzt ſind ſie wieder ganz friſch und munter. Das Komite zahlle für den Spaß'nen Schilling per Kopf.« „Iſt ſo etwas möglich rief der verwunderte Herr Pickwick aus. »Du lieber Himmel, Sir,« ſagte Sam,»wo ſind Sie denn getauft, daß Ihnen dieſes was Neues iſt?— Das iſt noch gar nichts, ganz und gar nichts.« »Gar nichts?« fragte Herr Pickwick befremdet. „»Nein, Sir,« entgegnete ſein Diener.»Bei der vori⸗ gen Wahl beſtach die Oppoſitions⸗Partei den Tag vorher das Schenkmädchen im Stadtwappen, um Hokus⸗Po⸗ kus mit dem Branntwein zu machen, den die vierzehn Wähler, die ihre Stimme noch nicht abgegeben hatten, dort zu ſich nehmen würden.« »Was ſoll das heißen, Hokus-Pokus mit dem Branntwein machen?« fragte Herr Pickwick. »Einen Schlaftrunk hineinthun,« erwiederte Sam. „Sie ſchliefen auch wirklich alle vierzehn bis zwölf Stun⸗ den nach der Wahl. Man brachte einen von den Männern in einer Tragbahre nach dem Stimmhaus, aber er konnte nicht mitgerechnet werden.« »Saubere Kunſtgriffe das,« ſagte Herr Pickwick halb bei ſich, und halb zu Sam redend. »Nicht halb ſo ſauber, als eine wunderliche Geſchichte, die einſtmals meinem leiblichen Vater bei einer Wahl an dieſem ſelben Ort paſſirte,« erwiederte Sam. »Was war das für ein Vorfall?« fragte Herr Pickwick. »Er fuhr einſtmals mit einer Kutſche hierher,« ſagte Sam,»und da die Wahlzeit nahe war, ſo miethete ihn die eine Partei, Wähler aus London herzubringen. Am Abend vor dem Tage, da er abfahren will, läßt Die Pickwicker. 55 ihn das Komite der Gegenpartei in aller Stille holen, und der Bote führt ihn in ein großes Zimmer, ganz voll von Herren, und Papiere, Feder und Dinte auf dem Tiſche.—»Ach, Herr Weller,« ſagt der Herr auf dem Präſidenten⸗Stuhl,»freut mich, Sie zu ſehen, Sir, wie befinden Sie ſich?«—»Sehr gut, zu dienen, Sir,« ſagt mein Alter, vich hoffe, daß Sie ſich auch ziemlich befinden,« ſagt er.—»Recht wohl, danke Ihnen, Sir,« ſagt der Herr—»nehmen Sie Platz, Herr Weller, bitte, ſetzen Sie ſich, Sir.«— Mein Alter ſetzt ſich alſo, und er und der Herr ſtarren ſich mit großen Augen an.»Ken⸗ nen Sie mich denn nicht mehr?« fragt der Herr.— »Wüßte nicht,« antwortet mein Alter.—»O, ich kenne Sie aber, Herr Weller, habe Sie ſchon gekannt, als Sie noch ein kleiner Knabe waren,« ſagt er.—»Wohl möglich, erinnere mich Ihrer nicht mehr,« ſagt mein Alter.—»Das iſt ſehr eigen,⸗ ſagt der Herr.—»Ja wohl,« ſagt mein Alter.»Sie müſſen ein ſchlechtes Ge⸗ dächtniß haben, Herr Weller,« ſagt der Herr.—»Es iſt freilich nicht vom Beſten,« ſagt mein Alter.—»Das hab ich mir wohl gedacht,« ſagt der Herr, ſchenkt ihm darauf ein Glas Wein ein, weiß ihn in die beſte Laune zu verſetzen, und ſchiebt ihm endlich eine zwanzig⸗Pfund⸗ Note in die Hand.»Es iſt ein ſehr ſchlechter Weg zwi⸗ ſchen hier und London,« ſagt er.—»Hier und da iſt er ſchlecht genug,« ſagt mein Alter.—»Ich denke beſon⸗ ders bei dem Kanal,« ſagt der Herr.—»Es iſt freilich 'ne böſe Strecke,« ſagt mein Alter.—»Hören Sie mal, Herr Weller,« fängt jetzt der Herr an,»wir wiſſen, daß Sie ein ſehr guter Kutſcher ſind und mit Ihren Pferden anfangen können, was Sie wollen.— Wir Alle ſind Ighnen ſehr gewogen, Herr Weller, und im Fall Sie ein kleines Unglück haben ſollten, wenn Sie die Wähler her⸗ 56 Die Pickwicker. bringen, wenn Sie dieſelben zum Beiſpiel etwa in den Kanal werfen ſollten, ohne ſie zu beſchädigen, ſo iſt dies hier für Sie,« ſagt er.»Meine Herren, Sie ſind ſehr gütig,« ſagt mein Alter,»und ich will noch ein Glas Wein auf Ihre Geſundheit trinken,« ſagt er, und das thut er auch und ſteckt das Geld ein und empfiehlt ſich mit einem Kratzfuß.—»Sie werden es kaum glauben, Sir,« fuhr Sam mit einem unausſprechlich unverſchämten Blick auf ſeinen Herrn fort,„daß an demſelben Tage, da mein Alter mit den Wählern, die ihre Stimmen abgeben ſollten, herfuhr, wirklich grade an der Stelle umwarf, ſo daß die Paſſagiere alle in den Kanal ſtürzten.« »Sie kamen doch wieder heraus?« ſagte Herr Pickwick haſtig. »Ich glaube, daß ein alter Herr vermißt wurde,« antwortete Sam, vich weiß nur ſo viel, daß ſie ſeinen Hut fanden, kann aber nicht genau ſagen, ob ſein Kopf d'rin war oder nicht. Was ich aber beſonders bewundere, iſt der merkwürdige Zufall, daß die Kutſche meines Alten gerade an derſelben Stelle und an demſelben Tage um⸗ warf, wie die Herren geſagt hatten.« »Es war ohne Zweifel ein äußerſt wunderbares Zu⸗ ſammentreffen,« bemerkte Herr Pickwick.»Doch bürſten Sie meinen Hut, Sam; ich höre, daß Herr Winkle mich zum Frühſtück ruft.« Mit dieſen Worten ſtieg Herr Pickwick in das Wohnzimmer hinab, wo er das Frühſtück bereit und die Familie ſchon verſammelt fand. Das Frühſtück ward ſchnell eingenommen, die Hüte der Herren wurden mit großen blauen Schleifen geſchmückt, von den heene ſchönen Händen der Miſtreß Pott gebunden, und da Herr Winkle ſich erboten hatte, jene Dame in den Giebel .— — Die Pickwicker. 57 eines dicht bei dem Gerüſt für die Redner gelegenen Hauſes zu führen, ſo begaben ſich die Herren Pickwick und Pott allein nach dem Stadtwappen, wo ein Mit⸗ glied des Komites für Herrn Slumkey ſechs kleine Kna⸗ ben und ein kleines Mädchen von einem der hintern Fenſter anredete. Dieſes Publikum würdigte er zwiſchen jedem Satze mit der Benennung:»Männer von Eatans⸗ will,« worüber die ſechs kleinen Knaben nicht laut ge⸗ nug:»Hurrah!« ſchreien konnten. Der Hofraum zeigte unverkennbare Symptome von dem Glanz und der Stärke der Färberblauen von Eatans⸗ will. Man ſah dort eine ganze Armee von Trägern blauer Fahnen, deren einige zwei Stangen hatten, andere nur eine, ſämmtlich mit angemeſſenen Deviſen in goldnen vier Fuß hohen und verhältnißmäßig breiten Buchſtaben geziert. Ferner erblickte man eine Menge von Trompetern und Trommelſchlägern, vier Mann hoch aufgeſtellt, und ihren Lohn ehrlich verdienend, beſonders die Trommel⸗ ſchläger, äußerſt kräftige Leute. Dann ſah man: Meh⸗ rere Conſtabel⸗Corps mit blauen Stäben, zwanzig Komite⸗Mitglieder mit blauen Schärpen, und eine große Menge Votirende mit blauen Kokarden— Wäͤhler zu Pferde und Wähler zu Fuß— einen offenen Wagen mit Vieren für den hochachtbaren Samuel Slumkey— end⸗ lich vier zweiſpännige Kaleſchen für ſeine Freunde und Be⸗ ſchützer. Die Fahnen rauſchten, die Trompeter und Trommler blieſen und lärmten; die Conſtabel fluchten, die Komite⸗Mit⸗ glieder flüſterten unter einander, der Volkshaufen ſchrie und tobte, die Pferde bäumten ſich und machten Sprünge, und Alles und Jedes, was geſchah und gegenwärtig war, geſchah und war da, zu Nutz, Vortheil, Ehre und Ruhm des hochachtbaren Samuel Slumkey von Slumkey⸗Hall, eines der Kandidaten für die Vertretung der Rechte des 58 Die Pickwicker. Burgflecken Eatanswill in dem Hauſe der Gemeinen des vereinigten Königreichs. Langes und lautes Beifallrufen ertönte, und gewal⸗ tig war das Rauſchen einer der blauen Fahnen mit der Inſchrift:»Freiheit der Preſſe,« als die Volksmenge den rothen Kopf des Herrn Pott an einem Fenſter erblickte, und unbeſchreiblich war der Jubel, als der hochachtbare Samuel Slumkey ſelbſt in Stulpenſtiefeln und mit einem blauen Halstuch zu dem beſagten Herrn Pott trat, die Hand deſſelben ergriff, und durch melodramatiſche Geber⸗ den vor der Menge, deſſen unendliche Verpflichtungen ge⸗ gen die Eatanswiller Gazette an den Tag legte. »Iſt alles bereit?« fragte der hochachtbare Samuel Slumkey den Herrn Perker. »Alles, mein theuer Herr,« war des kleinen Mannes Antwort. »Ich hoffe, daß nichts verabſäumt worden iſt,« ſagte der hochachtbare Samuel Slumkey. »Es iſt nichts überſehen worden, mein theurer Herr. Unten an der Thür ſtehen zwanzig Männer mit rein⸗ gewaſchenen Händen, damit Sie ihnen die Ihrige reichen können; ferner ein halbes Dutzend Frauenzimmer mit Kindern auf den Armen, um auf deren zarte Wangen zu klopfen und nach ihrem Alter zu fragen— beachten Sie beſonders die Kleinen, mein theurer Herr, ſo etwas macht immer bedeutenden Effekt.« »Ich werde mir es merken,« erwiederte der hochacht⸗ bare Samuel Slumkey. 3 »Und wenn Sie, mein theurer Herr,« fuhr der um⸗ ſichtige kleine Mann fort,»wenn Sie vielleichd— ich will nicht ſagen, daß es durchaus nothwendig iſt— aber wenn Sie vielleicht eins von den Kinderchen küßten, ſo würde das gewiß ſeinen Eindruck nicht verfehlen.« 1 —— Die Pickwicker. 59 „Sollte es nicht von derſelben Wirkung ſein, wenn Peiner von dem Komite dies übernähme?« erwiederte der hochachtbare Samuel Slumkey. »Ich fürchte, nein,« ſagte Herr Perker,»vich bin überzeugt, mein theurer Herr, daß es Sie ſehr populair machen würde, wenn Sie es ſelbſt thäten.« »Nun gut,« entgegnete der hochachtbare Samuel Slumkey mit der Miene der Reſignation,»dann muß es allerdings geſchehen!« „»Laßt den Zug antreten,« riefen die zwanzig Komite⸗ Männer. Unter lautem Hurrah der verſammelten Menge tra⸗ ten jetzt die Muſiker, die Conſtabler, die Komite⸗Mit⸗ glieder, die Votirenden auf die ihnen angewieſenen Plätze. Ihnen folgten die Reiter und die Wagen; von den zweiſpännigen nahm Jeder ſo viel Herren auf, als mög⸗ licher Weiſe aufrecht darin ſtehen konnten— in dem für Herrn Perker beſtimmten, befanden ſich außer ihm, die Herren Pickwick, Tupman und Snodgraß nebſt einem halben Dutzend Komite⸗Männer. Es war ein Augenblick feierlicher Erwartung, als das Einſteigen des hochachtbaren Samuel Slumkey das Signal für den Zug ſein ſollte, ſich in. Bewegung zu ſetzen.— Plötzlich begann die Volksmenge ein ohren⸗ zerreißendes Hurrahgeſchrei. »Er iſt aus dem Hauſe getreten,« ſagte Herr Per⸗ ker ſehr aufgeregt, und zwar um ſo mehr, da er von ſeinem Standpunkte aus, von Allem, was vorging, nichts ſehen konnte. Ein abermaliges noch lauteres Hurrah ertönte. »Jetzt drückt er den Männern an der Thür die Hände!« rief Herr Perker. 1 Ein noch kräftigeres Hurrah erſchallte. 60 Die Pickwickher. »Er hat die Kinderchen auf die Wangen geklopft,⸗ ſagte Herr Perker in ängſtlicher Erwartung. Ein neues Beifallgeſchrei erhob ſich. »Er hat ein's von ihnen geküßt,« rief der kleine Mann, vor Entzücken ganz außer ſich. Ein zweiter Jubelſchrei. »Er hat noch eins geküßt!« rief der beglückte Herr Perker. Ein dritter Jubelſchrei. »Er küßt ſie alle zuſammen!« rief der enthuſtaſtiſche kleine Mann.— Der Zug ſetzte ſich jetzt unter dem betäubenden Geſchrei der Volksmenge in Bewegung. Wie es zuging, daß Herr Pickwick unter den andern Zug gerieth und wie die hierauf folgende Verwirrung ein Ende nahm, davon können wir leider nichts berichten, weil gleich im Anfang dieſes unglücklichen Vorfalls der Hut des Herrn Pickwick durch den Schlag einer leder⸗ gelben Fahnenſtange über ſein Geſicht hinabgetrieben wurde.— Nach ſeiner Schilderung befand er ſich in dichtem Gedränge und konnte, als er ſeinen Hut zurückgeſchoben, nichts um ſich erblicken, als wüthende Geſichter, eine Staubwolke und einen dichten Haufen von Kämpfenden. Er berichtet, eine ungeſehene Kraft habe ihn vom Wagen geriſſen, worauf er perſönlich in einen Fauſtkampf gera⸗ then ſei, er wiſſe aber durchaus nicht anzugeben, mit wem, wie, oder weshalb. Dann fühlte er ſich von hin⸗ ten eine Treppe hinaufgezogen, und ſah, als er um ſich blickte, daß er mitten unter ſeinen Freunden auf der linken Seite der Huſtings ſtand. Die rechte nahmen die Ledergelben, das Centrum der Mayor und ſeine Be⸗ amten ein, von denen einer— der korpulente Ausrufer von Eatanswill— eine große Glocke läutete, um Still⸗ Die Pickwicker. 61 ſchweigen zu gebieten, während Herr Horatio Fizkin und der hochachtbare Samuel Slumkey, die Hände auf ihren Herzen, ſich mit der größten Leutſeligkeit gegen die wogende See von Köpfen verbeugten, die auf dem offenen Platz dicht an einander gedrängt waren, und aus welcher ein Tongebrauſe, aus Schreien, Rufen, Pfeifen, Grunzen und Ziſchen beſtehend, ſich vernehmen ließ, wie man es kaum bei einem Erdbeben hören kann. »Da iſt Winkle,« ſagte Herr Tupman, ſeinen Freund am Arm faſſend. »Wo 2« fragte Herr Pickwick, indem er ſeine Brille aufſetzte, die er bis dahin glücklicher Weiſe in der Taſche gehabt hatte. »Da!« erwiederte Herr Tupman,»oben rauf jenem Hauſe!« und in der That erblickte Herr Pickwick den Herrn Winkle und Miſtreß Pott, welche behaglich auf Stühlen in der bleiernen Rinne eines Ziegeldaches ſaßen, und zum Zeichen der Erkennung ihre Tücher ſchwenkten, welches Kompliment Herr Pickwick erwiederte, indem er der Dame Handküſſe hinüberwarf. Die Feierlichkeiten hatten noch nicht begonnen, und da ein unbeſchäftigter Volkshaufen immer zu Späßen geneigt iſt, ſo gab ſchon dieſe unſchuldige Handlung An⸗ laß dazu. „»O, Du gottloſer, alter Sünder!« ertönte eine Stimme,»charmirſt mit den Mädchen— Ei, ſieh doch.« »Setzt ſeine Brille auf, um mit einer verheirathe⸗ ten Frau zu liebäugeln,« ließ ſich eine zweite Stimme vernehmen. »Ich ſehe, wie er mit ſeinen reichtfertigen alten Au⸗ gen ihr zublinzelt!« rief eine dritte. »Pott, nimm Deine Frau in Acht!« eine vierte, worauf ein ſchallendes Gelächter erfolgte. Die Pickwicker. Da Herr Pickwick üͤberdem vernahm, daß man ihn mit einem alten Ziegenbock verglich, und mehrere Späße der Art, und da dieſe Spöttereien einen Schatten auf die Ehre einer unſchuldigen Dame werfen konnten, ſo gerieth er in eine unbeſchreibliche Entrüſtung, doch in demſelben Augenblick ward Stillſchweigen geboten, und er begnügte ſich daher, einen Blick der Verachtung und des Mitleids auf die Menge hinabzuwerfen, worüber dieſelbe noch lauter lachte als zuvor. »Ruhe!« ſchrieen die dem Mayor umringenden Be⸗ amten. 4 3 4 »Whiffin, gebietet Stillſchweigen!« rief der Mayor in feierlichem, ſeiner hohen Stellung ganz entſprechen⸗ dem Ton.— Der Ausrufer begann aus allen Kräften mit ſeiner Glocke zu läuten, worauf ein Gentleman aus dem Volkshaufen laut:»Friſche Semmeln, friſche Sem⸗ meln!« ſchrie, welches abermals ein ſchallendes Gelächter erregte. »Meine Herren,« begann der Mayor ſo laut, als es ſeine Stimme nur geſtattete,»meine Herren, Wahl⸗ brüder des Burgfleckens Eatanswill! Wir ſind heute hier verſammelt, um einen Abgeordneten an die Stelle—⸗ Hier ward der Mayor wieder durch eine Stimme aus dem Volk unterbrochen.»Vivat unſer Mayor!a rief ſie, vund möge er nie das Nagelſchmiedhandwerk auf⸗ geben, wodurch er zu ſeinem Gelde gekommen iſt.« Dieſe Anſpielung auf das bürgerliche Gewerbe des Redners wurde mit ſtürmiſchem Jubel aufgenommen, wel⸗ cher nebſt der Glockenbegleitung von dem übrigen Theil ſeiner Rede nichts vernehmen ließ, außer die Schluß⸗ worte, in denen er der Verſammlung für die Ruhe und Aufmerkſamkeit dankte, mit der ſie ihn angehört habe — ein Ausdruck der Dankbarkeit, der einen nochma⸗ 62 Die Pickwicker. 63 ligen rauſchenden Jubel hervorrief, welcher faſt erſt nach einer Viertelſtunde aufhörte, Hierauf erſuchte ein langer ſchmächtiger Herr mit einer ſehr ſteifen weißen Halsbinde,— nachdem wieder⸗ holte Aufforderungen von Seiten der Volksmenge an ihn erfolgt waren, einen Jungen nach Hauſe zu ſchicken, um nachzuſehen, ob er nicht ſeine Stimme unter ſeinem Kopf⸗ kiſſen habe liegen laſſen— die Männer von Eatanswill, eine geeignete Perſon, um im Parlament ihre Rechte wahrzunehmen, ernennen zu wollen. Als er ferner ſagte, eine ſolche Perſon ſei Horatio Fizkin Esg., von Fizkin⸗ Lodge bei Eatanswill, ſo bezeigten die Fitzkiniten laut ihren Beifall, die Slumkerziten dagegen ihren Unwillen und zwar ſo auf tobende Weiſe, daß er ſammt ſeinem Aſſi⸗ ſtenten ſtatt zu reden eben ſo gut komiſche Lieder hätte ſingen können. Nachdem die Freunde des Horatio Fizkin Esg. ihren Triumph gehabt hatten, trat ein kleiner choleriſch aus⸗ ſehender Mann mit rothem Geſicht vor, um eine andere, zur Vertretung der Wähler von Eatanswill im Parla⸗ ment paſſende und geeignete Perſon vorzuſchlagen, und er würde in ſehr fließender Rede fortgefahren haben, wenn er nicht eben zu choleriſch geweſen wäre, um für die zum Spaß ſo ſehr aufgelegte Stimmung der Menge ganz empfänglich zu ſein. Nach einigen ſehr kurzen Proben blumenreicher Beredſamkeit, machte er zuerſt denen, die ihn in der Volksmenge unterbrachen, Vorwürfe, und wechſelte ſodann Drohungen mit den Herren auf den Huſtings, worauf ein ſolcher Lärm entſtand, daß er ſich gezwungen ſah, ſeine Gefühle nur durch eine ernſte Ge⸗ berden⸗Sprache anzudeuten, welches er that, und dann die Rednerbühne ſeinem Aſſiſtenten überließ, der eine geſchriebene Rede, die eine halbe Stunde währte, ablas 64 Die Pickwicker. und ſich nicht unterbrechen ließ, weil er ſie der Eatans⸗ willer Gazette zugeſchickt und dieſe ſie vom Aufange bis zu Ende hatte abdrucken laſſen. Hierauf erſchien Horatio Fizkin Esg. von Fizkin⸗ Lodge unweit Eatanswill, um die Wähler anzure⸗ den, aber kaum hatte er begonnen, als die im Dienſte des hochachtbaren Herrn Samuel Slumkey aufgezogene Muſikbande dermaßen zu lärmen anfing, daß ihre Leiſtungen am Morgen nur als ein Kinderſpiel da⸗ gegen erſchienen. Zur Vergeltung dafür bearbeitete der Ledergelb⸗Haufen die Köpfe und Rücken des Färberblau⸗ Haufens, worauf der letztere ſich eine ſo äußerſt unan⸗ genehme Nachbarſchaft fern zu halten ſuchte, und es ent⸗ ſtand hieraus ein Kämpfen, Raufen, Prügeln und Stoßen, dem wir eben ſo wenig ſein Recht können widerfahren laſſen, als der Mayor, obgleich er zwölf Conſtabels die gemeſſenſten Befehle ertheilte, ſich der Rädelsführer zu bemächtigen, deren Zahl ſich ungefähr auf zweihundert und funfzig belaufen mochte. Alle dieſe Vorfälle regten Horatio Fizkin Esq. von Fizkin⸗Lodge und ſeine Freunde noch mehr auf, bis endlich Horatio Fizkin Esq. ſeinem Gegner, dem hochachtbaren Samuel Slumkey von Slum⸗ key⸗Hall die Frage vorzulegen ſich erlaubte, ob die Muſikbande mit ſeiner Einwilligung ſo lärme. Als der hochachtbare Samuel Slumkey ſich weigerte, dieſe Frage zu beantworten, drohte ihm Horatio Fizkin Esq. mit geballten Fäuſten, worauf der hochachtbare Samuel Slumkey, der ebenfalls in Eifer gerieth, Horatio Fizkin Esg. zu tödtlichem Zweikampf herausforderte. Bei dieſer Verletzung alles alten Herkommens und Gebrauchs be⸗ fahl der Mayor ein nochmaliges Glockenconzert und erklärte, daß er Horatio Fizkin Esg. von Fizkin⸗Lodge und den hochachtbaren Samuel Slumkey von Slumkey⸗ —— Die Pickwicker. 65 Hall vor ſich laden und ſie den Frieden beſchwören laſſen werde. Dieſe ſchreckliche Ankündigung veranlaßte die Freunde beider Kandidaten, dazwiſchen zu treten, und nachdem ſie gegenſeitig drei Viertelſtunden lang mit ein⸗ ander geſtritten hatten, verbeugte ſich Horatio Fizkin Esg. gegen den hochachtbaren Samuel Slumkey, welcher mit derſelben Pantomime erwiederte; die Muſikbande ward zum Schweigen gebracht, das Volk hatte ſich einigermaßen beruhigt, und Horatio Fizkin Esg. konnte fortfahren. Die Reden beider Kandidaten, ſo verſchieden ſie auch in allen andern Beziehungen ſein mochten, ließen den Verdienſten und Tugenden der Wähler von Eatanswill doch hohe Gerechtigkeit wiederfahren. Beide ſprachen laut ihre Ueberzeugung aus, daß in der ganzen Welt keine unabhängigere, uneigennützigere, erleuchtetere, patriotiſchere und edelgeſinntere Männer zu finden ſeien, als die, welche für ſie zu ſtimmen verſprochen hatten; Jeder deutete aber leiſe den Verdacht an, daß die Wähler für das Intereſſe des Gegners an einer gewiſſen Geiſtesbeſchränkung leiden dürften, welche ſie zur Ausübung der ihnen anvertrauten hochwichtigen Pflichten eigentlich ganz unfähig mache. Fizkin erklärte ſich bereit, alles zu thun, was man von ihm begehre; Slumkey dagegen ſprach ſeinen feſten Ent⸗ ſchluß aus, nichts von Allem zu thun, was man von ihm verlangen werde. Beide ſagten, der Handel, die Fabriken und die Wohlfahrt von Eatanswill würden immer ihrem Herzen theurer ſein, als irgend ein anderer irdiſcher Zweck, und Jeder von ihnen glaubte die voll⸗ kommenſte Ueberzeugung hegen zu dürfen, daß er beſtimmt gewählt werden würde. Die Hände wurden jetzt emporgehoben; der Mayor entſchied zu Gunſten des hochachtbaren Samuel Slumkey Die Pickwicker. II. 5 66 Die Pickwicker. von Slumkey⸗Hall.— Horatio Fizkin Esg. von Fizkin⸗ Lodge verlangte Stimmenzählung, welche demgemäß ver⸗ anſtaltet ward. Hierauf wurde dem Mayor ein Dank für ſein gewandtes und umſichtiges Benehmen votirt. Jetzt traten die Züge in der vorigen Ordnung wieder an. Die Wagen fuhren langſam durch das Volk und dieſes bezeigte laut ſeinen Beifall oder Unwillen, je nachdem die Laune oder wirkliche Geſinnung es ihm eingab. Während des Stimmen⸗Einſammelns blieb die Stadt in fieberhafter Aufregung. Alles wurde auf die liberalſte und großartigſte Weiſe betrieben. In den Gaſthäuſern konnte man accisbare Artikel ungemein wohlfeil kaufen, und in allen Straßen waren Wagen zum Gebrauch der Stimmgeber bereit, die etwa plötzlich ſchwindlig im Kopfe werden ſollten— eine Epidemie, welche während des ganzen Wahlkampfs in einem äußerſt beunruhigenden Grade unter den Wählern graſſirte, indem viele von ih⸗ nen ſo heftig davon ergriffen wurden, daß man ſie voll⸗ kommen bewußtlos auf dem Straßenpflaſter liegen ſah. Die Stimmen eines Häufleins von Wählern waren bis zum letzten Tage noch nicht eingezeichnet worden. Sie gehör⸗ ten beſonnenen genau berechnenden Männern an, die ſich bis dahin durch die Argumente keines von den beiden Kandidaten hatten überzeugen laſſen, obgleich ſie häufige Zuſammenkünfte mit beiden hielten. Eine Stunde vor dem Schluß der Stimmregiſter bat Herr Perker um die Ehre einer geheimen Conferenz mit dieſen einſichtsvollen und patriotiſchen Männern.— Sie ward bewilligt.— Seine Argumente waren kurz, aber genügend. Jene Herren begaben ſich einmüthig zum Stimmen, und als ſie zurückkehrten, war der hochachtbare Samuel Slumkey von Slumkey⸗Hall zum Parlamentsmitglied für Eatans⸗ will erwählt. Die Pickwicker. 67 Funfzehntes Kapitel. Eine kurze Schilderung der im Gaſthof zum Pfau verſammelten Geſellſchaft, und die Erzählung eines Hauſirers. Es iſt höchſt erfreulich, wenn man ſich von den Kämpfen und Zerwürfniſſen des politiſchen Lebens der friedlichen Stille des häuslichen wieder zuwenden kann. Obgleich Herr Pickwick in der That in dem Wahlkampf nicht lebhaft Partei ergriffen hatte, ſo war doch der Enthuſiasmus des Herrn Pott hinlänglich geweſen, um ihn zu veranlaſſen, daß er ſeine ganze Zeit und Auf⸗ merkſamkeit den Ereigniſſen widmete, von denen das vorhergehende Kapitel eine aus ſeinen eigenen Außzeich⸗ nungen entnommene Schilderung enthält.— Während Herr Pickwick ſo beſchäftigt war, blieb auch Herr Winkle keineswegs müſſig, ſondern verwendete ſeine ganze Zeit zu angenehmen Spaziergängen und kleinen Ausflügen auf das Land mit Miſtreß Pott, welche, wenn eine derartige Gelegenheit ſich darbot, nie verfehlte, einige Entſchädigung für das einförmige Leben, worüber ſie fortwährend klagte, zu ſuchen.— Da nun die beiden Herren ſich in dem Hauſe des Redakteurs ganz einheimiſch gemacht hatten, 5 ſo wurden Herr Tupman und Herr Snodgraß meiſt nur auf ihre eigenen Hülfsquellen verwieſen.— Sie ver⸗ trieben ſich daher die Zeit, indem ſie nur wenig Intereſſe an den öffentlichen Angelegenheiten nahmen, mit Unter⸗ haltungen, wie der Pfau ſie darbot, welche auf ein chineſiſches Billard in einem der oberen Zimmer und auf eine Kegelbahn im Hinterhauſe beſchränkt waren. In die Kunſt und die Geheimniſſe dieſer beiden Ergötzlichkeiten, 5* 68 Die Pickwicker. welche weit abſtruſer ſind, als gewöhnliche Menſchen glauben, wurden ſie durch Herrn Weller eingeweiht, der die vollkommenſte Kenntniß davon beſaß. Wenn ſie nun auch den größten Theil ihrer Zeit über des Vergnügens und der Vortheile der Geſellſchaft des Herrn Pickwick beraubt waren, ſo ſtanden ihnen doch Mittel zu Gebot, um die Langeweile zu verſcheuchen. Der Pfau entfaltete meiſt erſt am Abend ſeine ganze Pracht und Herrlichkeit, und die beiden Freunde vermochten dieſen Reizen ſo wenig zu widerſtehen, daß ſie ſelbſt die Einladungen des talent⸗ vollen, wenn auch proſaiſch geſinnten Herrn Pott ab⸗ lehnten.— Am Abend fand man in dem Gaſtzimmer des Pfau eine Geſellſchaft, deren Charaktere und Treiben zu beobachten Herrn Tupmans entzückende Luſt, und deren Reden und Thun aufzuzeichnen, des Herrn Snod⸗ graß Gewohnheit war. Es iſt den Meiſten bekannt, wie Gaſtzimmer be⸗ ſchaffen zu ſein pflegen. Das im Pfau war von andern im Allgemeinen nicht ſehr verſchieden, d. h. es war ein großes geräumiges Zimmer, deſſen Ausſtattung ohne Zweifel vor vielen Jahren, als die Möbel noch neu waren, beſſer geweſen ſein mochte.— Es ſtand ein großer Tiſch in der Mitte und eine Mannigfaltigkeit von kleineren in den Ecken; ferner ſah man ein Sorti⸗ ment vielgeſtaltiger Stühle und einen alten türkiſchen Teppich, der zu der Größe des Zimmers ungefähr in demſelben Verhältniß ſtand, wie ein Damen⸗Taſchentuch zu dem Fußboden eines Schilderhauſes ſtehen würde. Die Wände waren mit einigen großen Landkarten geziert und in einem Winkel hing an einer langen Reihe von hölzernen Pflöcken eine Menge grober Ueberröcke und Mäntel mit Kragen aller Art, die meiſt ſchon in rauhem Wetter ihre Dienſte gethan hatten. Auf dem Kaminſims ſchwarzäugige Mann. Die Pickwicker. ſah man ein Schreibzeug, das einen Federſtumpf und⸗ ein halbe Oblate enthielt, ein Poſt⸗ und Reiſebuch, einen Adreßkalender, eine Geſchichte der Grafſchaft, deren Ein⸗ band jedoch ſchon ſehr beſchädigt war; und die ſterblichen Ueberreſte einer Forelle in einem gläſernen Sarge. Die Atmoſphäre war von Takbacksrauch geſchwängert, der dem ganzen Zimmer und beſonders den ſtaubigen rothen Vorhängen eine etwas bräunliche Färbung gegeben hatte. Auf dem Schenktiſche erblickte man in maleriſcher Un⸗ ordnung eine Menge der verſchiedenartigſten Gegenſtände, wovon wir nur einige ſehr ſchmutzige Fiſch⸗Saucen⸗Fläſch⸗ chen, zwei oder drei Peitſchen, eben ſo viel Reiſe⸗Shawls, einen Meſſerkorb und eine Senfbüchſe erwähnen. So war das Zimmer beſchaffen, worin die Herren Tupman und Snodgraß am Abend nach Beendigung der Wahl mit mehreren, ebenfalls im Pfau logirenden Rei⸗ ſenden und andern Gäſten des Hauſes, ſchmauchend und trinkend verweilten. »Holla, Ihr Herren,« ſagte ein großer ſtarker ein⸗ äugiger Mann, etwa im Alter von vierzig Jahren, in⸗ dem er mit dem einen, aber hellglänzenden ſchwarzen Auge, aus welchem muntere ironiſche Laune hervorſtrahlte, ſchelmiſch blinzelte:»Unſre eignen werthen Perſonen, Gentlemen! Dies iſt die Geſundheit, zu welcher ich immer die Geſellſchaft auffordere, indem ich Mary's ihre für mich allein trinke. He, Mary?« »Marſchiren Sie ab, und flunkern Morgen mehr, Sie alter Saufaus,« erwiederte das Schenkmädchen, jedoch offenbar nichts weniger als mißvergnügt über die Schmeichelei. »Ei, ei, lauf' doch nicht fort, Mary,« ſagte der Die P ickwicker. „Laſſen Sie mich in Ruhe, Herr Unverſchämt,« verſetzte die junge Dame. »Sei nur ruhig,« rief der Einäugige der Hinaus⸗ eilenden nach.»Ich komme gleich heraus, Mary.— Gräme Dich unterdeß nicht zu ſehr, mein Schatz.« Bei dieſen Worten blinzelte er mit dem einzigen Auge der Geſellſchaft zu, zum unnennbaren Entzücken eines ältlichen Mannes mit ſchmutzigem Geſicht und einer Thonpfeife. »Sind doch kurioſe Geſchöpfe, die Frauenzimmer,« begann nach einer kleinen Pauſe der Mann mit der thönernen Pfeife. „Das will ich meinen,« ſagte ein Mann mit ſehr rothem Geſicht, indem er ſeine Eigarre dampfen ließ. Nach dieſer philoſophiſchen Bemerkung entſtand wieder eine Pauſe. 3 »Man hat doch aber noch kurioſere Dinge in dieſer Welt, als die Frauenzimmer ſind,« ſagte der Schwarz⸗ aͤugige, indem er vorſichtig den geräumigen Pfeifenkopf anfüllte. »Sind Sie verheirathet?« fragte der Mann mit 70 dem ſchmutzigen Geſicht. „»Könnt's nicht ſagen.« »Das dacht' ich mir gleich,« ſagte der Mann mit der Thonpfeife, ganz außer ſich vor Vergnügen über ſeine glückliche Entgegnung; und ein Mann mit zarter Stimme und mildem Angeſicht, der ſtets Jedermann beipflichtete, ſtimmte in ſein Gelächter ein. „Alles erwogen, meine Herren,« rief der enthuſia⸗ ſtiſche Snodgraß dazwiſchen,»ſind die Frauen die großen Stützen und die Freudebringerinnen unſeres Daſeins!« »Ja wahrhaftig, das ſind ſie,« ſagte der Milde bei⸗ fällig. Die Pickwicker. 71 »Wenn ſie nämlich bei guter Laune ſind,« fügte der Mann mit dem ſchmutzigen Geſicht hinzu. »Sehr wahr,« ſagte darauf der milde Mann. »Ich weiſe dieſe Beſchränkung und den darin liegen⸗ den Vorwurf mit Verachtung— mit Entrüſtung zurück,« ſagte Herr Snodgraß, deſſen Gedanken ſogleich zu Emilie Wardle geſchweift waren. Und ich möchte den Mann ſehen, der auch nur ein Wort gegen die Frauen als Frauen ſagt, und ich erkläre dreiſt, daß er kein Mann iſt.“— Und Herr Suodgraß nahm ſeine Cigarre aus dem Munde und ſchlug mit geballter Fauſt auf den Tiſch. »Eine ſehr vernünftige und wohlbegründete Meinung,« bemerkte der ſanfte Mann. »Eine unbegründete Behauptung, der ich wider⸗ ſpreche,« fiel ſogleich der Mann mit dem ſchmutzigen Ge⸗ ſicht ein. „»Ohne Zweifel liegt auch in dem, was Sie da bemerk⸗ ten, viel Wahrheit, Sir,« ſagte der milde Mann. »Auf Ihr Wohlſein, Sir,« ſagte der einäugige Hau⸗ ſirer, Herrn Snodgraß beiläufig zunickend. Herr Snodgraß dankte höflichſt. »Ich höre gerne'ner kleinen Disputation zu,« fuhr der Hauſirer fort,»beſonders wenn's dabei ein wenig ſcharf hergeht; man lernt etwas dabei. Aber dieſe über die Weiber erinnert mich an eine Geſchichte, die mein alter Onkel zu erzählen pflegte, und weshalb ich denn auch ſagte, es kämen zuweilen kurioſere Dinge in der Welt vor, als die Frauenzimmer.« »Ich möchte dieſe Geſchichte wohl hören,« ſagte der rothnaſige Mann mit der Cigarre. »So?« war die einzige Antwort des Einäugigen, der ſtarke Rauchwolken aus ſeiner Pfeife zog. „Auch ich;« fiel Herr Tupman ein, und es waren Die Pickwicker. die erſten Worte, die er vernehmen ließ. Er war ſtets begierig, ſeinen Vorrath von Kenntniſſen und Erfahrun⸗ gen zu vergrößern. »Gut denn, ſo will ich ſie erzählen.— Nein, ich thu' es doch nicht; ich weiß, es würde Niemand glauben, daß die Geſchichte wahr iſt,« ſagte der Mann mit dem ſchelmiſchen Auge, und blinzelte mit demſelben noch ſchel⸗ miſcher, als während des ganzen bisherigen Geſprächs. »Wenn Sie betheuern, daß ſie wahr iſt, ſo werde ich ſie natürlicher Weiſe für wahr halten,« ſagte Herr Tupman. »Nun, wenn das der Fall iſt, ſo will ich ſie erzäh⸗ len,« ſagte der Hauſirer.»Haben Sie wohl einmal von dem großen Handelshauſe Bilſon und Slum gehört?— Wenn nicht, iſt's auch gleichviel, denn die Firma beſteht längſt nicht mehr. Es ſind achtzig Jahre her, ſeitdem ſich die Begebenheit mit einem Reiſenden jenes Hauſes zutrug; er war gut Freund mit meinem Onkel, der ſie einſt zum Beſten gab. Da Sie es alſo haben wollen, ſo hören Sie denn. Mit folgenden Worten pflegte mein Onkel die Geſchichte vorzutragen.»Und er begann: Die Erzählung des Hauſirers. 4 „Es war einmal an einem Winterabend, ungefähr gegen fünf Uhr, da es eben dunkel wurde, als man auf der Straße, welche die Marlborough⸗Downs durchſchnei⸗ det, in der Richtung noch Briſtol, einen Mann in einem Gig hätte ſehen können, der ſein müdes Pferd vorwärts trieb. Ich ſage, man hätte ihn ſehen können, und ich zweifle auch nicht, daß er geſehen ſein würde, wenn ihm Einer, der nicht blind war, begegnet wäre; aber das Wetter war ſo ſchlecht und es war ſo finſter und naß und rauh, daß draußen Niemand war, als der Wind und Regen, und Die Pickwicker. 73 S der Reiſende, der mitten auf dem Wege einſam und ziem⸗ lich mißvergnügt dahinfuhr. Hätte ein Hauſirer jener Zeit das kleine Gig mit erdfarbenem Kaſten und rothen Rä⸗ dern, und die bösartige, biſſige, ſchnellfüßige braune Stute, die von einem Metzgerpferde und einem Zweipfennigpoſt⸗ Pony gefallen zu ſein ſchien, geſehen, er würde auf der Stelle gewußt haben, daß der Reiſende kein Anderer ſein könne, als Tom Smart von Bilſon und Slum aus der Cateatan⸗Straße in London; weil nun aber kein Hau⸗ ſirer zugegen war, ſo wußte Niemand etwas von der Sache, und Tom Smart, ſein graues Gig mit den rothen Rädern, und die ſchnellfüßige bösartige Stute behielten daher das Geheimniß für ſich allein, wodurch auch Nie⸗ mandem Schaden geſchah. 6.»Selbſt auf dieſer traurigen Welt giebt es viele an⸗ genehmere Plätzchen, als die, dem rauhen Nordwind aus⸗ geſetzten Marlborough⸗Downs; und rechnet man einen finſtern Winterabend, eine kothige, grundloſe Straße, und anhaltende ſtarke Regenſchauer noch hinzu, und verſucht es damit zur Probe, ſo wird man an ſeiner eigenen ge⸗ ſchätzten Perſon die volle Wahrheit dieſer Bemerkung einſehen. „»Der Wind blies— nicht etwa die Heerſtraße hinauf und hinunter, obſchon auch das unangenehm genug iſt, ſondern er ſtuͤrmte grade queer hinüber; und auch der Reggen goß nicht etwa ſenkrecht von oben herab, ſondern kam, was weit ſchlimmer war, in ſchräger Richtung von der Seite, ſo ſchräg etwa wie der Lauf der Zeilen in den Schreibbüchern der Schul⸗Jugend. Aber am allerärger⸗ lichſten war es, daß der Wind und Regen bisweilen ein wenig nachließen; woraus unſer Reiſender immer Hoff⸗ 1 nung ſchöpfte, aber bloß, um ſich bald darauf nur um ſo bitterer getäuſcht zu ſehen. Ein neuer Guß füllte 74 Die Pickwicker. Mann und Pferd mit heftigem Regen die Ohren, ein nochmaliger Schauer durchnäßte und durchkältete ſie bis in das Mark ihrer Gebeine, und die Windsbraut ſchien ihrer Ohnmacht zu ſpotten, und im Bewußtſein ihrer Kraft und Macht ein Triumphlied zu pfeifen. »Mit herabhängenden Ohren trabte die braune Stute im Koth und Waſſer, warf dann und wann den Kopf empor, als wenn ſie ihr Mißfallen über das unhöf⸗ liche Benehmen der Elemente zu erkennen geben wollte, und blieb denſelben zum Trotz in ihrem ſchnellen Trabe, als plötzlich ein Windſtoß, noch heftiger als alle zuvor, gegen ſie heranbrauſte, und ſie nöthigte, augenblicklich ſtockſtill zu ſtehen und ihre Füße feſt gegen, oder vielmehr in den Erdboden zu ſtemmen, um nicht umgeworfen zu werden. Es war eine beſondere Gnade für ſie, daß ſie auf dieſen Einfall kam; denn hätte ſie ſich umwehen laſſen, ſo würde ſie mit Tom Smart, da ſie und Gig und Tom ſo ziemlich leicht wogen, um und um gewälzt und gerollt ſein, bis an's Ende der Welt, oder bis der Sturm ſich gelegt hätte; und in beiden Fällen iſt es wahrſcheinlich, daß die braune Stute, das graue, rothrä⸗ drige Gig ſammt Tom Smart ſofort für alle Zeit dienſt⸗ unfähig geweſen ſein würden. „»Verdammt ſei mein Knebelbart!« ſagte Tom Smart, der bisweilen in die unangenehme Gewohnheit verfiel, zu fluchen;»Donner und Wetter!« ſagte er,»ich will verdammt ſein, wenn das nicht'n ſchöner Puſter iſt!« und als er dies geſagt, wieherte die Stute, als wenn ſie ganz ſeiner Meinung geweſen ſei. „Laß nur den Muth nicht ſinken, altes Mädchen,« ſagte Tom, indem er ſie mit dem Peitſchenſtiel auf den Hals klopfte.»Toll und raſend wär' es ja, in einem ſol⸗ Die Pickwicker. 75 . chen Wetter immer zu zu fahren. Im erſten beſten Wirths⸗ 1 hauſe, das wir antreffen, kehren wir ein, alſo je ſchneller dü gehſt, deſto eher geht's vorüber.— Brr, altes Mäd⸗ chen— ſachte— ſachte!« „Ob nun die biſſige Stute Tom's Stimme ſo genau kannte, daß ſie ſie vollkommen verſtand, oder ob ſie meinte, 424 daß ſie beim Stillſtehen noch kälter würde als bei 1 raſcher Bewegung, kann ich natürlicher Weiſe nicht ſagen; das aber kann ich verſichern, daß, als Tom kaum obige Worte geſprochen hatte, ſie die Ohren ſpitzte, und ſo plötzlich und wild anzog und fortgalopirte, daß das rothrädrige Gig jeden Augenblick in tauſend Stücke zu zerſchellen drohte, und daß Tom, ſo gut er ſich auch auf das Fahren verſtand, ſie weder zum Stillſtehen noch aus dem Galop bringen konnte; endlich hielt ſie jedoch von ſelbſt vor einem Wirthshauſe an der rechten Seite „, der Landſtraße, ungefähr eine Viertelſtunde von dem T Ende des Downs. Tom nahm flüchtigen Blicks das Ge⸗ bäude in Augenſchein, während er dem Hausknecht die Zügel zuwarf und die Peitſche auf den Bock legte. Es war ein ſonderbar ausſehendes altmodiſches Gebäude, ſchien indeß einem behaglichen Nachtquartier zu entſpre⸗ chen, denn Tom bemerkte ſogleich, mit dem geübten Auge eines Reiſenden, hinter dicht zugezogenen Fenſtervorhängen ein helles Licht und ein röthlich glänzendes Kaminfeuer, 88 welches einen hellen Strahl über die Landſtraße warf und ſelbſt die Hecke an der andern Seite beleuchtete. Er ſtieg daher ſo behende, als er es bei ſeinen halberfrornen Gliedern vermochte, von ſeinem Gig, und trat in das Haus. »»Fünf Minuten nachher ſaß Tom in einem dem Schenkſtübchen gegenüberliegenden Zimmer an einem tüch⸗ tigen Feuer, deſſen Rauſchen und Kniſtern allein ſchon jedem vernünftigen Manne das Herz erwärmt haben Die Pickwicker. würde. Aber dies war noch nicht Alles; denn eine hübſch ge⸗ kleidete Dirne mit glänzenden Augen und zierlichen Füßen breitete ein ſehr reines weißes Tiſchtuch auf dem Tiſche aus, und Tom, der die Füße am Feuer und den Rücken der Thür zugewandt daſaß, hatte in dem Spiegel über dem Geſims den erfreulichſten Anblick; denn er ſchaute in das Schenkſtübchen, und auf die darin ſtehenden, ihn entzückenden Reihen grüner Flaſchen mit goldenen Auf⸗ ſchriften, auf Gläſer mit Eingemachtem, Käſe, gekochten Schinken und Rindsbraten, und zwar Alles auf das Appetitlichſte ausgeſtellt und geordnet. Auch dies war erfreulich, aber es war noch nicht Alles, denn im Schenk⸗ ſtübchen hinter dem zierlichſten, dicht an ein kleines Feuer geſtellten Theetiſche ſaß eine rüſtige gut ausſehende Wittwe von etwa achtundvierzig Jahren, oder ſo unge⸗ fähr, mit einem eben ſo behaglichen Geſicht, als das Schenkſtuͤbchen ſelbſt es war, gewiß die Wirthin und oberſte Gebieterin all' dieſer wünſchenswerthen Beſitz⸗ thümer. Nur ein einziger böſer Zug that der Schönheit des ganzen Gemäldes Eintrag, und dieſer Zug rührte her von einem großen— einem ſehr großen Manne— in einem braunen Rock mit blanken Knöpfen, einem Mann mit ſchwarzem Knebelbart und wogendem ſchwar⸗ zen Haar, der mit der Wittwe beim Thee ſaß, und zwar dergeſtalt, daß es keinen großen Scharfſinn erforderte, um einſehen zu können, daß er ſie mit vielem Glück be⸗ redete, nicht länger Wittwe zu bleiben, ſondern ihm das Recht zu ertheilen, ſein ganzes übriges Leben hindurch in dem Schenkſtübchen zu ſitzen.. »Freilich war Tom Smart nicht im Mindeſten von reizbarer und neidiſcher Gemüthsart; aber wie dem auch ſein mochte, der große Mann im braunen Rock mit blanken Knöpfen regte all' ſein wenig Galle in ihm auf. ..“ un Die Pickwicker. Er fühlte ſich äußerſt empört, und zwar um ſo mehr, als er im Spiegel gewiſſe kleine Vertraulichkeiten zwi⸗ ſchen dem großen Manne und der Wittwe bemerkte, Vertraulichkeiten, welche genügend bewieſen, daß der ſehr große Mann in ſehr großer Gunſt ſtand. »»om trank gern— ja man kann wohl ſagen, trank ſehr gern— heißen Punſch, und beſtellte ein Glas zur Probe, nachdem ſeine biſſige Stute wohl verſorgt war, und er ſelbſt Alles verzehrt hatte, was die Wittwe eigenhändig für ihn zubereitete. Verſtand ſich die Wittwe auf irgend etwas in der Haushaltung beſſer, als auf Anderes, ſo war es die Punſchbereitung, und das erſte Glas fand bei Tom ſo viel Beifall, daß er ſogleich ein zweites beſtellte. Unter allen Umſtänden, meine Herren, iſt hei⸗ ßer Punſch ein angenehmes Getränk. Tom Smart aber, vor ſeinem tüchtigen Feuer, während draußen der Sturm heulte, daß alle Balken in dem alten Gebäude krachten, kam er wirklich himmliſch vor, und Tom ließ daher noch ein Glas, und noch, und noch eins bringen; und je mehr er trank, je mehr dachte er an den großen Mann. »Verwünſchte Unverſchämtheit,« ſprach Tom zu ſich ſelbſt; was hat er in dem hübſchen Schenkſtübchen zu ſchaffen? Und dazu noch ein ſo häßlicher langer Spin⸗ nenbein! Hätte die Wittwe nur die Probe Geſchmack, wie leicht könnte ſie ganz andere Leute finden. Hier blickte Tom zu dem Spiegel hinauf, und leerte, allmäh⸗ lig empfindſam werdend, das vierte, und verlangte das fünfte Glas. »Tom Smart, meine Herren, hatte immer ſehr viel Neigung zur Gaſtwirthſchaft gehabt. Seit lange war es ein Ziel ſeiner ehrgeizigen Wünſche geweſen, in einem grünen Rock, Kniehoſen und Stulpenſtiefeln in ſeinem eigenen Schenkſtübchen zu ſtehen. Er konnte ſich 4 78 Die Pickwicker. nichts Beglückenderes denken, als an Wirthstafeln zu präſidiren, und glaubte, daß er ſich trefflich darauf ver⸗ ſtehen würde, an ſeinem eigenen Tiſche die Unterhaltung zu lenken, und daß er zugleich ſeinen Kunden, was das Trinken betraf, mit dem beſten Beiſpiel vorangehen könne. Alles dieſes ging ihm ſchnell durch den Kopf, als er vor ſeinem heißen Punſch an dem kniſternden Feuer ſaß, und er fühlte mit Recht den äußerſten Unwillen darüber, daß der große Mann auf dem beſten Wege war, zu einem ſo trefflichen Gaſthauſe zu gelangen, während er, Tom Smart, weniger Ausſichten dazu hatte als je. Nachdem er nun über den zwei letztern Gläſern erwogen, ob er nicht ein vollkommenes Recht habe, mit dem großen Manne Streit darüber anzufangen, daß es ihm gelungen ſei, die Gunſt der rüſtigen Wittwe zu gewinnen, kam er endlich zu dem befriedigenden Entſchluſſe, daß er ſchmäh⸗ lich gekränkt ſei, und ſehr ſchlecht behandelt würde und am beſten thäte, zu Bett zu gehen. „Die ſchmucke Dirne ging Tom auf einer breiten alt⸗ modigen Treppe voran, das Licht mit der Hand beſchü⸗ tzend, damit der Zugwind, der in einem ſolchen alten Hauſe Oeffnungen genug finden konnte, es nicht auslöſche, was derſelbe jedoch demunerachtet that, und dadurch Toms Feinden Gelegenheit darbot, zu behaupten, er ſelbſt und nicht der Wind habe das Licht ausgelöſcht, und unter dem Vorwande, es wieder anzublaſen, hätte er das Mädchen geküßt. Dem ſei nun, wie ihm wolle, ein an⸗ deres Licht wurde gebracht, und Tom durch eine lange Reihe von Zimmern und ein Labyrinth von Gängen nach ſeinem Schlafgemach geführt, wo das Mädchen ihm Gute Nacht wünſchte, und ihn allein ließ. »Es war ein weitläufiges Zimmer, mit dichten Ja⸗ louſien, und in einer Ecke ſtand ein Bett, das für eine —ꝛꝛ n Die Pickwicker. 79 ganze Koſtſchule Raum darbot, um nichts von zwei eiche⸗ nenen Schränken zu erwähnen, welche das Gepäck einer kleinen Armee hätten aufnehmen können. Was Tom jedoch am meiſten auffiel, war ein wunderlich ausſehender, häßlicher, altmodiger Seſſel, mit hoher Rücklehne, ver⸗ ziert mit äußerſt phantaſtiſchem Schnitzwerk und einem geblümten Damaſtkiſſen, und deſſen Beine ſogar mit rothen, unten an den runden Knöpfen ſo ſorgfältig zugebundenen Ueberzügen verſehen waren, als wenn er die Gicht in den Zehen gehabt hätte. Bei einem jeden anderen wunderlichen Lehnſtuhl würde Tom nur gedacht haben, es ſei ein wunderlicher Lehnſtuhl, und damit Punk⸗ tum; dieſer hatte jedoch etwas ganz Abſonderliches, ob⸗ gleich er nicht genau angeben konnte, worin es beſtand, und war allen Lehnſtühlen, die er bisher geſehen hatte, ſo durchaus unähnlich, daß er ſeine Sinne gleichſam be⸗ zaubert fühlte. Er ſetzte ſich an das Feuer und ſtarrte den wunderlichen Lehnſtuhl eine halbe Stunde lang fort⸗ während an, denn er erſchien ihm ſo ſeltſam, daß er un⸗ möglich die Augen von ihm abwenden konnte. „»So was,« ſagte Tom, indem er ſich langſam aus⸗ kleidete und fortwährend nach dem Seſſel blickte, der wie eine geheimnißvolle Geſtalt vor dem Bette ſtand,»ſo etwas iſt mir in meinem ganzen Leben noch nicht vor⸗ gekommen. Sehr ſeltſam, wirklich ſehr ſeltſam.« Er ſchüttelte äußerſt bedächtig den Kopf und ſchaute noch⸗ mals nach dem Seſſel hin. Er wußte nicht, was er dazu denken ſollte, ſtieg jedoch in das Bett, hüllte ſich in die Decke und ſchlief ein. »Nach ungefähr einer halben Stunde erwachte er plötzlich aus einem verwirrten Traum von großen Män⸗ nern und Punſchgläſern, und der erſte Gegenſtand der — 80 Die Pickwicker. ſich ſeiner wachenden Phantaſie darbot, war der wunder⸗ liche Seſſel. r »Ich will ihn gar nicht mehr anſehen, dachte Tom, und er drückte die Augenlieder feſt zuſammen, bemühte ſich aber vergebens, einzuſchlafen; denn wunderliche Stühle tanzten vor ſeinem Bette, warfen die Beine empor, ſchwangen ſich einer über des andern Lehne, und mach⸗ ten die ſeltſamſten Bewegungen aller Art. Am Ende iſt's eben ſo gut, wenn ich einen wirklichen Seſſel ſehe, als mehrere Dutzend eingebildete, ſagte Tom, erhob den Kopf aus den Kiſſen, und erkannte deutlich beim Leuch⸗ ten des Feuers aus dem Kamin den Seſſel, der noch eben ſo herausfordernd als früher daſtand. „»Tom blickte feſt hin, und indem es geſchah, ſchien eine höchſt wunderbare Verwandlung mit dem alten Mö⸗ bel vorzugehen. Das Schnitzwerk der Lehne nahm all⸗ mählig die Form und den Ausdruck eines alten runz⸗ lichen menſchlichen Geſichts an, das Damaſtkiſſen ward eine altmodiſche Weſte mit Klapptaſchen, die runden Knöpfe an den Beinen wurden zu ein Paar Füßen, mit Pantoffeln und rothem Tuch bekleidet, und der ganze Seſſel ſah aus, wie ein ſehr häßlicher alter Mann aus dem vorigen Jahrhundert, der die Arme in die Seite geſtemmt hatte. Tom richtete ſich im Bette empor, und rieb ſich die Augeſt, um die Täuſchung zu verbannen. Doch vergebens, der Stuhl war und blieb ein häßlicher alter Herr und was noch mehr ſagen wollte, er nickte Tom Smart zu. »Tom war von Natur beherzt und furchtlos, und er hatte überdem fänf Gläſer heißen Punſch getrunken, und obgleich ihm Anfangs nicht ganz wohl zu Muth war, ſo wurde er doch bald unwillig darüber, daß ihm der alte Herr mit ſo unverſchämter Miene in das Die Pickwicker. 81 Geſicht ſtarrte, und ihm ſo dreiſt winkte und zublinzelte. Er beſchloß endlich, ſich dieſes nicht länger gefallen zu laſſen, und rief daher dem alten Burſchen in ſehr zorni⸗ gem Tone zu »Was Teufel habt Ihr mir zuzuwinken!« »Es gefällt mir nun einmal ſo, Tom Smart,« ſagte der Seſſel oder der alte Herr, wie man ihn nennen will. Er hörte jedoch auf zu nicken, als Tom ſprach, und begann zu grinſen, wie ein alterſchwacher Affe. »Wie habt Ihr meinen Namen erfahren, Ihr altes Nußknacker⸗Geſicht 2« fragte Tom Smart, dem etwas unheimlich zu Muth geworden war, obgleich er ſich ganz unbefangen ſtellte. »Komm, komm Tom,“« erwiederte der alte Herr, das iſt nicht die Manier, wie man mit altem maſſiven ſpa⸗ niſchen Mahagoni ſpricht. Gott verziehe mir die Sünde, Du könnteſt mich nicht mit weniger Achtung behandeln, wenn ich nur fournirt wäre,« und während der alte Herr dies ſagte, blickte er ſo zornig, daß Tom allen Muth verlor. »Ich hatte nicht im mindeſten die Abſicht, Euch verächtlich zu behandeln, Sir,« ſagte Tom in viel demü⸗ thigerem Ton, als er Anfangs geſprochen hatte. »Gut, gut, vielleicht nicht— vielleicht nicht, Tom—« „Sir.« »Ich kenne Dich und Deine Verhältniſſe, Tom, kenne ſie alle. Du biſt ſehr arm, Tom.« „Das bin ich allerdings, Sir,« verſetzte Tom Smart. Aber woher wißt Ihr das?« »Das wird ſich wohl ganz gleich bleiben,« ſagte der Herr;»Du liebſt den Punſch viel zu ſehr, Tom.« »Tom Smart lag die Betheurung, ſeit ſeinem letzten Die Pickwicker. II. 6 ————M—Z—F—F 82 Die Pickwicker. Geburtstage keinen Tropfen gekoſtet zu haben, auf der Zunge; aber als ſeine Blicke denen des alten Herrn begegneten, erröthete er und ſchwieg, denn der alte Herr ſah augenſcheinlich ganz ſo aus, als wenn er Alles genau wüßte. »Tom,« begann der alte Herr von Neuem,»die Wittwe iſt eine artige Frau— eine ſehr artige Frau— was ſagſt Du dazu, Tom?2.4. Bei dieſen Worten blinzelte der alte Burſche, hob eins ſeiner dürren Beine empor, und hatte überhaupt ein ſo ſchamlos verliebtes Ausſehen, daß ſein leichtferti⸗ ges Benehmen, beſonders in ſeinem hohen Alter, Tom ordentlich anekelte. „»Tom,«fuhr der alte Herr fort,»ich bin ihr Vormund.⸗« »Wirklich?« ſagte Tom Smart. »Habe ihre Mutter und ihre Großmutter gekannt,« ſagte der Alte,»die ſehr viel auf mich hielt, und mir dieſe Weſte gemacht hat, Tom.« »Iſt's möglich!« rief Tom aus. »Und dieſe Pantoffeln;« fuhr der Alte fort,»ſag' es aber Niemanden, Tom; denn ich hätte nicht gern, daß es bekannt würde, wie ſehr ſie mir gewogen war. Es könnte Verdruß in der Familie geben.“ Und das Geſicht des alten Spitzbuben ſah hierbei ſo entſetzlich im⸗ pertinent aus, daß Tom ſpäterhin verſicherte, er hätte ſich in dieſem Augenblick, ohne Gewiſſensbiſſe, mit ſeinem ganzen Gewicht auf ihn ſetzen können. »In meiner Zeit war ich ein großer Liebling der Frauen, Tom,« ſagte der alte Bruder Liederlich;»manch Hundert ſchöne Weiber haben Stundenlang auf meinem Schooß geſeſſen. Was ſagſt Du dazu— he?« Der alte Herr ſtand im Begriff, ſich noch fernerhin ſeiner galanten Iugendjahre zu rühmen, als ihn plötzlich 12 Die Pickwicker. 83 ein ſo heftiger Knarr⸗ und Krachzufall überkam, daß er außer Stand geſetzt wurde, fortzufahren. »Das geſchieht Dir gerade Recht, alter Junge,« dachte Tom, ſagte aber kein Wort. »Ach, davon werde ich jetzt ſehr geplagt,« hub der Alte endlich wieder an.»Ich werde alt, Tom, und ge⸗ rathe faſt ganz aus den Fugen. Auch hab' ich mich einer Operation unterziehen müſſen— mußte mir ein Stück in den Rücken einſetzen laſſen— litt entſetzliche Schmerzen dabei, Tom.« »Das will ich gern glauben, Sir,« ſagte Tom. »Doch genug davon, Tom; wir ſind von unſerer Spur abgekommen,« ſagte der Alte.»Tom, ich wünſche, daß Du die Wittwe heiratheſt.« »Ich, Sir?« rief Tom aus. »Kein Anderer,« ſagte der alte Herr. »Bei Eurem ehrwürdigen Haar, Sir,« ſagte Tom (der Alte hatte nämlich noch einiges Pferdehaar behal⸗ ten,)»ſie wird mich nicht nehmen wollen.« Und Tom ſeufzte unwillkührlich, als er des Schenkſtübchens gedachte. »Meinſt Du?« fragte der alte Herr. „»Nein, nein,« fuhr Tom fort,»ein Anderer ſteht mir im Wege— ein großer— ein verwünſcht großer Mann mit einem ſchwarzen Knebelbart.« »Sie wird ihn nie heirathen, Tom,« ſagte der alte Herr beſtimmt. »Meinen Sie?« ſagte Tom.»Hätten Sie im Schenk⸗ ſtübchen geſtanden, alter Herr, Sie würden anders reden.« »Pah, pah, das weiß ich Alles,« ſagte der alte Herr. »Was denn Alles?2« fragte Tom. »Ei, das Küſſen hinter der Thür und dergleichen. Doch weiter im Text, Tom,« antwortete der Alte, indem 6* — d%% 84 Die Pickwicker. er ihn abermals ſo ſchamlos anblickte, daß Tom wieder entſetzlich böſe wurde,»denn Sie wiſſen es Alle, meine Herren, wie unangenehm es iſt, alte Burſchen, die mehr Verſtand haben ſollten, von dergleichen Dingen ſo ſprechen zu hören.« »Ich weiß das Alles ſehr genau, Tom,« fuhr der alte Herr fort,»habe es meiner Zeit von mehr Leuten thun ſehen, Tom, als ich dir hernennen möchte; und zu⸗ letzt führte es dennoch nie zu etwas.⸗ „»Ihr mögt viele wunderliche Dinge erlebt haben,« bemerkte Tom. »Das magſt Du wohl glauben, Tom,« erwiederte der Alte mit einem vielſagenden Blinzeln.»Ich bin der letzte von meiner Familie, Tom,« ſetzte er mit einem wehmüthigen Seufzer hinzu. »War Eure Familie zahlreich?« fragte Tom Smart. »Wir waren unter uns zwölf, Tom,« ſagte der alte Mann,»ſo wackere Burſchen mit ſtraffem Rücken, als Du ſie zu ſehen nur wünſchen magſt— ganz andere Kerls als Eure modernen Mißgeburten— alle mit ſoli⸗ den Armen, und ſo ſchön polirt, daß es eine Luſt war, uns anzuſehen; das kannſt Du mir glauben, obſchon ich es ſelbſt ſage.⸗ »Und wie ging's mit den andern, Sir?2« fragte Tom Smart weiter. »Sie ſind hin, Tom, alle dahin,« erwiederte der alte Herr, ſeine Elbogen vor das Geſicht bringend. »Wir hatten ſchweren Dienſt, Tom, und ihre Conſtitution ſtand der meinigen weit nach. Sie bekamen Gicht in den Armen und Beinen, und wurden in die Küchen und andere Hoſpitäler gebracht; einer ſogar wurde vor Alter und langem ſaurem Dienſt kindiſch und verlor den Ver⸗ Die Pickwicker. 85 ſtand, ſo daß er verbrannt werden mußte. Eine ſchreck⸗ liche Begebenheit, Tom.« »Schrecklich!« wiederholte Tom Smart. Der Alte ſchwieg einige Minuten, wahrſcheinlich um gegen ſeine innere Bewegung zu kämpfen, und fuhr dann wieder fort: »Aber, Tom, ich komme ganz von der Sache ab. Der große Mann iſt ein nichtswürdiger Abenteurer. Wenn er die Wittwe heirathete, ſo würde er, was niet⸗ und nagelfeſt iſt, an demſelben Tage verkaufen und wie⸗ der in alle Welt gehen. Was würden die Folgen ſein? Sie wäre endlich eine verlaſſene und außerdem noch zu Grunde gerichtete Wittwe, und ich würde mich in einem Trödler⸗Laden erkälten, und mir den Tod holen.« »Wohl wahr; aber—« „Unterbrich mich nicht,« ſagte der alte Herr.»Von Dir, Tom, hege ich eine ganz andere Meinungz; denn ich weiß ganz genau, daß Du, wenn Du in einem Wirths⸗ hauſe erſt Poſto gefaßt hätteſt, es nie wieder verlaſſen würdeſt, ſo lange es zwiſchen ſeinen Wänden noch einen Tropfen zu ſchlürfen gäbe.« »Sehr verbunden für Ihre gütige Meinung, Sir,⸗ ſagte Tom Smart. »Deshalb ſollſt Du die Wittwe haben, und der große Mann ſoll ſie nicht haben,« ſagte der Alte in be⸗ ſtimmtem, gebieteriſchem Ton. »Was wird ihn aber daran hindern, Sir?« fragte Tom mit großer Lebhaftigkeit. »Die Entdeckung, daß er ſchon verheirathet iſt,« er⸗ wieherte der alte Herr. »Wie ſollen wir aber den Beweis führen?« fragte Tom, vor Eifer und Unruhe halb aus dem Bett ſpringend. Der alte Herr hob ſeinen rechten Arm empor, und 86 Die Pickwicker. brachte ihn, auf einen der eichenen Schränke hindeutend, gleich wieder in ſeine frühere Lage. »Er läßt ſich's nicht träumen,« ſagte er,»daß er in der rechten Taſche eines dort im Schranke hängenden Beinkleides einen Brief hat ſtecken laſſen, worin er an⸗ gefleht wird, zu ſeiner verzweifelnden Frau und ſeinen ſechs— hörſt Du, Tom?— zu ſeinen ſechs kleinen Kinderchen zurückzukehren.« „»Als der alte Herr dieſe Worte mit feierlicher Stimme ſprach, wurde ſein Geſicht und ſeine ganze Ge⸗ ſtalt immer unbeſtimmter, und Tom ſchwindelte es vor den Augen. Der alte Herr ſchien ſich allmählig wieder in den Seſſel umzugeſtalten die damaſtene Weſte in ein Kiſſen, die rothen Pantoffeln in kleine rothe Knopf⸗ Ueberzüge. Tom ſank auf ſein Kiſſen zurück, das Licht erloſch allmählig und er ſchlief ein. 3 Tom erwachte erſt ſpät am Morgen aus dem be⸗ täubenden Schlummer, in welchen er nach dem Verſchei⸗ den des alten Herrn verſunken war. Er hob ſich im Bette empor, und bemühte ſich mehrere Minuten lang vergeblich, ſich der Vorfälle der vergangenen Nacht zu entſinnen. Plötzlich ging ihm ein Licht auf; er blickte auf den Seſſel hin; dieſer war allerdings ein phantaſtiſch, grämlich ausſehendes Meuble; allein um einen alten Mann in ihm zu erblicken, wenn er nicht wirklich die Geſtalt eines ſolchen angenommen, dazu würde eine höchſt lebhafte und ſchöpferiſche Einbildungskraft gehört haben. „Guten Morgen, alter Junge,« rief Tom ihm zu, denn er war, wie die meiſten Leute, bei Tage weit be⸗ herzter als in der Nacht. Der Seſſel regte ſich jedoch nicht, und ſagte kein Wort. . Die Pickwicker. 87 »Schlecht geſchlafen!« fuhr Tom fort; aber der Seſſel ſchien nicht zur Unterhaltung aufgelegt zu ſein. »Welcher Schrank war es doch, nach dem Ihr zeigtet? das könnt Ihr mir doch wohl ſagen,« fuhr Tom fort; aber der Seſſel war und blieb ſtumm. »Kann wohl leicht ſelber zuſehen,« ſagte Tom; ſtieg bedächtig aus dem Bette, ging nach den Schränken, und öffnete den erſten, in welchem er den Schlüſſel ſtecken ſah, und worin er auch wirklich ein Paar Beinkleider fand. Er griff in die Taſche und zog richtig den Brief hervor, deſſen der Alte erwähnt hatte. „»Bei meiner Seligkeit, das reicht an's Wunder⸗ bare,« ſagte Tom Smart, und er blickte abwechſelnd auf den Seſſel, den Schrank, den Brief, und wieder auf den Seſſel.»Aeußerſt wunderbar,« ſagte Tom. Da er jedoch nichts entdeckte, wodurch ihm Aufſchluß darüber geworden wäre, ſo hielt er es für das Beſte, ſich anzuzie⸗ hen, und die Sache mit dem großen Manne ſogleich ab⸗ zumachen, und ihm aller ferneren Qual zu entheben. Beim Hinuntergehen überſchaute Tom die Gemächer, die er zu paſſiren hatte, mit dem pruͤfenden Blick eines Gaſtwirths und dachte es ſich nicht als ſo ganz unmög⸗ lich, daß ſie binnen Kurzem mit allem Zubehör ſein Ei⸗ genthum ſein könnten. Der große Mann ſtand, die Hände auf dem Rücken, wie zu Hauſe, in dem behaglichen Schenkſtübchen, und ſtarrte Tom mit einem Grinſen an. Einer, der alg gegenwärtig geweſen wäre, würde vielleicht geglaubt haben, daß er es nur thäte, um ſeine weißen Zähne zu zeigen; aber Tom Smart hielt ſich überzeugt, daß Triumph⸗Bewußtſein die Stelle erfüllte, wo das Herz des großen Mannes ſeinen Sitz gehabt haben würde, wenn er eins gehabt hätte. Tom lachte ihm ins Geſicht, und rief die Wirthin. 88 Die Pickwicker. »Guten Morgen, Ma'am,« ſagte Tom, als die Wittwe in das Gaſtzimmer eintrat. »Guten Morgen, Sir,« erwiederte ſie.»Was iſt Ihnen zum Frühſtück gefällig, Sir?« Tom, der bei ſich ſelbſt überlegte, wie er die Sache am beſten anzufangen habe, gab keine Antwort. »Ich kann mit ſchönem Schinken aufwarten,« fuhr die Wittwe fort,»und einem leckern geſpickten Hähnchen. Was befehlen Sie, Sir?« Dieſe Worte weckten Tom aus ſeinem Nachſinnen. Während ſie ſprach, nahm ſeine Bewunderung der Wittwe zu. Vorſorgliche, wackere Frau das! »Wer iſt der Herr im Schenkſtübchen, Ma'am?« fragte Tom. »Er heißt Jinkins,« erwiederte die Wittwe, indem ſie leicht erröthete. »Er iſt ein großer Mann,« fuhr Tom fort. »Und ein ſehr ſchöner Mann, Sir,« verſetzte die Wirthin, vein wahrhafter Gentleman.« »Sol!« ſagte Tom. »Haben Sie noch etwas zu befehlen, Sir?« fragte die Wittwe, welche Toms Benehmen etwas befremdete. »Wollen Sie die Güte haben, meine theure Ma⸗ dame, ſich einen Augenblick niederzulaſſen?« Die Wittwe machte eine äußerſt verwunderte Miene, ließ ſich jedoch nieder und Tom ſetzte ſich dicht neben ſie. Ich weiß nicht, wie es kam, meine Herren— mein Onkel pflegte mir zu ſagen, Tom Smart habe erklärt, er wiſſe ſelbſt nicht, wie es gekommen ſei, aber dem ſei, wie ihm wolle, Toms Hand ſenkte ſich auf die der Wittwe hinab, und blieb, während er ſprach auf derſelben liegen. »Meine theure Madame,« begann Tom Smart, des A Die Pickwicker. 89 immer gar zu gern den Liebenswürdigen ſpielte,»meine theure Madame, Sie verdienen es in der That, einen ausgezeichnet vortrefflichen Ehemann zu bekommen.« »Ich bitte Sie, Sir,« ſagte die Wittwe, was auch ganz natürlich war, denn Toms Art und Weiſe, die Unterhaltung zu beginnen, war etwas ungewöhnlich, um nicht zu ſagen befremdend, beſonders wenn man die That⸗ ſache berückſichtigt, daß er ſie am vorigen Abend zum Erſtenmal in ſeinem Leben geſehen hatte. »Schmeichelei iſt nicht meine Sache,« fuhr Tom Smart fort.»Sie verdienen einen ausgezeichnet treff⸗ lichen Ehemann, und wen Sie auch dazu wählen mögen, er wird ein höchſt glücklicher Mann ſein.« Während Tom ſo ſprach, ſchweiften ſeine Blicke unwillkührlich von der Wittwe Antlitz auf die behaglichen und angenehmen Um⸗ gebungen im Zimmer umher. Die Wittwe blickte noch weit befremdeter und wollte aufſtehen, aber Tom drückte leiſe ihre Hand, wie um ſie zurückzuhalten, und ſie blieb ſitzen. Wittwen, meine Herren, ſind in der Regel nicht ſchüchtern, wie mein Onkel zu ſagen pflegte. »Ich bin Ihnen für Ihre gütige Meinung wirklich ſehr verbunden, Sir,« ſagte die rüſtige Wittwe leicht lächelnd, und wenn ich mich je wieder vermählen ſollte—« »Wenn,« ſagte Tom Smart, indem er äußerſt liſtig aus dem rechten Winkel ſeines linken Auges blinzelte. »Wenn—« »Nun ja,« ſagte die Wittwe, indem ſie dieſes Mal laut lachte.»Wenn es geſchieht, ſo hoffe ich, einen ſo guten Mann zu bekommen, als Sie ihn ſchildern.« „»Jinkins zum Beiſpiel,« ſagte Tom. „»Wie kommen Sie darauf, Sir!« rief die Wittwe aus. Die Pickwicker. „»O ſeien Sie unbeſorgt,« entgegnete Tom, ich kenne ihn.« »„Ich bin überzeugt, wer ihn kennt, wird nichts Schlechtes von ihm wiſſen,« ſagte die Wittwe, und ſie ſchien etwas empfindlich zu werden. »Hm!« ſagte Tom Smart. Die Wittwe glaubte, es ſei jetzt hohe Zeit, Thränen zu vergießen, Sie zog daher ihr Taſchentuch hervor, und fragte Tom, ob er ſie beleidigen wolle, und ob es ſich für einen Ehrenmann ſchicke, einem andern Ehrenmann hinter deſſen Rücken Böſes nachzuſagen und weshalb, wenn er etwas der Art vorzubringeu hätte, er es nicht dem Manne ins Geſicht ſagte, ſtatt einer armen ſchwa⸗ chen Frau auf dieſe Weiſe Schrecken einzujagen. »Ich will es ihm bald ſelbſt ſagen,« entgegnete Tom,»nur wünſche ich, daß Sie es zuerſt hören.« »Was iſt's denn?« fragte die Wittwe, Tom erwar⸗ tungsvoll anſehend. »Es wird Sie in das höchſte Erſtaniden ſetzen,« ſagte Tom, in die Taſche greifend. »Wenn es das iſt, daß er Geld Pranebt, erwiederte die Wittwe,»daß weiß ich ſchon, und Sie brauchen ſich dann nicht weiter zu bemühen.« »Pah, das hat nichts zu ſagen,« fuhr Tom Smart fort,»Geld kann ich auch brauchen.— Das iſt's nicht!« »O Himmel, was kann es denn ſein?« rief die geängſtete Wittwe aus. »Erſchrecken Sie aber nicht!« ſagte Tom Smart. Er zog langſam den Brief hervor und entfaltete ihn. »Werden Sie auch nicht ſchreien?« ſagte er bedenklich. »Nein, nein,« antwortete die Wittwe,»laſſen Sie mich nur leſen.«. »Wollen Sie auch nicht in Ohnmacht fallen?« —*† Die Pickwicker. 91 »Nein, nein,« wiederholte die Wittwe ungeduldig. »Und auch nicht zu ihm laufen und ihn ausſchelten?⸗ fuhr Tom fort,»denn das Alles will ich ſchon ſelbſt für Sie thun— Sie brauchen ſich gar nicht ſelbſt zu be⸗ mühen.« „Ja doch, ja doch,« ſate die Wittwe,„geben Sie mir nur den Brief.« »Da iſt er,« ſagte Tom Smart, und gab ihr den Brief. »Meine Herren, ich habe meinen Onkel ſagen hören, Tom Smart habe erklärt, die Klagen und das Jammern der Wittwe, als ſie den Brief geleſen, hätte ein Herz von Stein rühren müſſen. Tom war von Natur weich⸗ herzig und die Scene machte daher um ſo mehr Eindruck auf ihn.— Die Wittwe rang ihre Hände und vergoß einen Strom von Thränen. »O wie treulos, wie verrätheriſch der Mann iſt!« rief ſie aus. »Jawohl meine theure Madame,« ſagte Tom Smart,»es iſt eine Schande, aber beruhigen Sie ſich!« »O, ich kann mich nicht beruhigen,« ſchluchzte die Wittwe.—»Ich werde nie einen Mann finden, den ich ſo innig lieben könnte.« »Doch, doch, Sie werden ſicher einen ſolchen Mann finden, mein ſüßes Leben,« ſagte Tom Smart, und ſchwere Thränen rannen ihm im Mitgefühl über das Unglück der Wittwe die Wangen hinab. Er hatte im Ausbruch ſei⸗ nes Schmerzes ſeinen Arm um ihren Leib geſchlungen und ſie, im Uebermaß ihres Kummers, hatte Tom's Hand ergriffen. Sie blickte empor in Tom's Geſicht und lächelte durch ihre Thränen; Tom blickte in ihr Antlitz, und lächelte durch die ſeinigen. „Ich habe nie erfahren können, meine Herren, ob ————, 92 Die Pickwicker. Tom in jenem verhängnißvollen Augenblick die Wittwe geküßt hat oder nicht. Er pflegte meinem Onkel zu ſa⸗ gen, es ſei nicht geſchehen, aber ich hege meine Zweifel darüber. Unter uns geſagt, meine Herren, ich glaube doch, daß er es that. »Soyiel iſt gewiß, daß Tom eine Stunde darauf den großen Mann aus dem Hauſe warf, und einen Mo⸗ nat ſpäter die Wittwe heirathete.— Er pflegte noch lange in dem kleinen Gig mit grauem Kaſten und rothen Rä⸗ dern und mit der bösartigen, biſſigen, ſchnellfüßigen Stute im Lande umher zu fahren, bis er viele Jahre ſpäter das Geſchäft aufgab, und mit ſeiner Frau nach Frankreich zog, warauf das alte Haus niedergeriſſen wurde.« »Erlauben Sie mir die Frage zu ſtellen, was aus dem Seſſel geworden iſt?« ſagte der wißbegierige alte Heyv. „»Am Hochzeitstage hörte man ihn ſehr ſtark knarren,⸗ erwiederte der Einäugige; Tom Smart aber war unge⸗ wiß, ob er es aus Vergnügen, oder in Folge ſeiner Alters⸗ ſchwäche that. Er war geneigt, das Letztere zu glauben, denn der Seſſel ſprach niemals wieder.« »Hielt Jedermann die Geſchichte für wahr?« fragte der Mann mit dem ſchmutzigen Geſicht, indem er aber⸗ mals ſeine Pfeife ſtopfte. »Ja, Jederman glaubte daran, Tom's Feinde ausge⸗ nommen,« antwortete der Hauſirer;»von denen Einige ſo⸗ gar ſagten, Tom hätte ſie von Anfang bis zu Ende er⸗ logen; Andere, er wäre betrunken geweſen, hätte ſie geträumt, und den Brief durch Verwechſelung der Bein⸗ kleider gefunden. Doch achtete Niemand auf ihr Ge⸗ ſchwätz.«— E Die Pickwicker. 93 »Sagte Tom, daß Alles wahr ſei?« »Er behauptete es beſtimmt!« »Und ihr Onkel?2« 8 »Ebenfalls.« »Sie müſſen Beide eigene Männer geweſen ſein,« ſagte der Mann mit dem ſchmutzigen Geſicht. »Ja, das waren ſie,« erwiederte der Hauſirer; in der KFhat ſehr eigene Männer. Sechszehntes Kapitel. In welchem zwei ausgezeichnete Perſonen getreu abkonterfeit werden, und die anſchauliche Beſchreibung einer faſhio⸗ nablen Feſtlichkeit im Hauſe und Park derſelben enthalten iſt, welche faſhionable Feſtlichkeit ein ungeahntes Zuſam⸗ mentreffen mit einem alten Bekannten herbeiführt und den Anfang eines neuen Kapitels veranlaßt. Herr Pickwick hatte einige Gewiſſensbiſſe darüber, daß er in der letzten Zeit ſeine Freunde im Pfau ver⸗ nachläſſigte; am dritten Morgen, nach Beendigung der Parlamentswahl ſtand er eben im Begriff, ſie zu be⸗ ſuchen, als ihm ſein getreuer Kammerdiener eine Karte brachte, auf welcher die Worte zu leſen waren: Mrs. Leo Hunter. Den, bei Eatanswill. »Es wartet Jemand,« ſagte Sam mit ißramma⸗ tiſcher Kürze. ,Winſcht die Perſon mich zu ſprechen, Sam?⸗ fragte Herr Pickwick. »Mit Gewalt will er Sie ſprechen, Sir, Sie ſelber 94 Die Pickwicker. und keinen Andern, wie des Teufels Privatſekretär ſagte, als er den Doktor Fauſt holte,«— antwortete Sam Weller. »Er?— Iſt er ein Gentleman?« fragte Herr Pick⸗ wick weiter. »Wenn's keiner iſt, ſo iſt es doch eine gute Kopie von einem,« erwiederte Sam. »Aber dieſe Karte iſt von einer Dame;« bemerkte Herr Pickwick. »xMir aber von'nem Herrn gegeben,« ſagte Sam, und er wartet im Beſuchzimmer, und ſagte mir,»er wolle lieber den ganzen Tag warten, als Sie nicht ſehen.« Nachdem Herr Pickwick dies vernommen, begab er ſich in das Beſuchzimmer, in welchem ein ſehr gravitätiſcher Mann ſaß, der bei Herrn Pickwicks Eintreten ſogleich auf⸗ ſtand und im Tone tiefer Ehrerbietung ſprach: »Herr Pickwick, wie ich vermuthe?« »Aufzuwarten,« entgegnete Herr Pickwick. „»Dann gönnen Sie mir die Ehre, Sir, Ihre Hand zergreifen zu dürfen, erlauben Sie mir, ſie zu ſchütteln,« fuhr der gravitätiſche Mann fort. »Mit Vergnügen,« ſagte Herr Pickwick. Der Unbekannte ſchüttelte Herrn Pickwicks darge⸗ botene Rechte, und fuhr darauf fort: »Ihr Ruhm iſt zu uns gedrungen, Sir; der Ruf Ihrer antiquariſchen Entdeckungen und Fehden hat Mrs. Leo Hunters— meiner Gattin— Ohren erreicht; ich bin Mr. Leo Hunter.« Er hielt inne, als ob er erwartete, durch dieſe Er⸗ öffnung Herrn Pickwick vor freudigem Erſtaunen außer ſich gerathen zu ſehen; allein da derſelbe vollkommen ruhig blieb, fuhr der Fremde fort. »Meine Gattin, Sir— Mrs. Leo Hunter— iſt ſtolz darauf, alle diejenigen zu ihren Bekannten zählen zu — Die Pickwicker. 95 dürfen, die ſich durch ihre Leiſtungen und Talente be⸗ rühmt gemacht haben. Geſtatten Sie mir, Sir, die Namen Herrn Pickwicks und der Mitglieder des nach ihm benannten Klubbs, der glänzendſten der Liſte hinzufügen zu dürfen.« »Ich werde mich höchſt glücklich ſchätzen, Sir, die Bekanntſchaft einer ſolchen Dame zu machen,« entgegnete Herr Pickwick. »Sie ſollen ſie machen, Sir,« ſagte der gravitätiſche Mann.»Wir geben Morgenfrüh ein großes Frühſtück — eine féte champétre— wir geben ſie einer großen Anzahl von Männern, die ſich durch Geiſt und geniale Leiſtungen berühmt gemacht haben. Gönnen Sie Mrs. Leo Hunter die Freude, und kommen Sie nach Den, Sir.«⸗ »Mit dem größten Vergnügen,« ſagte Herr Pickwick. »Mrs Leo Hunter veranſtaltet häufig dergleichen Feſte, Sir,« fuhr Herrn Pickwicks Bewunderer fort. »Banketts der Vernunft und Schmäuſe der Seele,« wie ein Herr mit Gefühl und Originalität bemerkte, der an Mrs. Leo Hunter ein auf ihre Dejeuners gedichtetes Sonet ſchrieb.« „War jener Herr auch wegen ſeiner Werke und ſei⸗ nes Genies berühmt?« fragte Herr Pickwick. »Allerdings, Sir, wie es alle Bekannte von Mrs. Leo Hunter ſind,« antwortete der Gravitätiſche; ves iſt das Ziel ihres Ehrgeizes, Sir, keine andere Bekannt⸗ ſchaften anzuknüpfen.« »Ein ſehr edler Ehrgeiz,« bemerkte Herr Pickwick. »Welchen Stolz wird Mrs. Leo Hunter empfinden, eenn ich ihr ſage, daß dieſe Bemerkung von Ihren Lip⸗ kam, Sir,« ſagte der Gravitätiſche.»Wenn ich nicht irre, ſo iſt ein Herr in Ihrem Gefolge, der einige aausgezeichnete kleine Gedichte gemacht hat, Sir.« * 96 Die Pickwicker. »Mein Freund Snodgraß hat ſehr viel Sinn für Poeſie,« erwiederte Herr Pickwick. „»Auch Mrs. Leo Hunter, Sir; ſie iſt ganz vernarrt in die Dichtkunſt, Sir. Sie vergöttert ſie; ich könnte wohl ſagen, daß ihre Seele mit der Poeſie verſchwiſtert iſt, daß ihr ganzes Gemüth darin aufgeht. Sie hat ſelbſt einige entzückende Piecen gedichtet. Vielleicht iſt Ihnen ihre Ode auf einen ſterbenden Froſch⸗ zu Geſicht ge⸗ kommen, Sir.« KA »Ich wüßte nicht,« ſagte Herr Pickwick. »Sie ſetzen mich in Erſtaunen, Sir,« fuhr Herr Leo Hunter fort. Die Ode machte ungeheure Senſation. Sie war mit einem 2 und acht Sternen dahinter unterzeichnet, und erſchien zuerſt in einem Damen⸗Maga⸗ zin. Der erſte Vers lautet folgendermaßen: „Kann ich ohne inn'res Zagen, Liegen ſeh'n Dich auf dem Magen, Hören Deine Todes⸗Klagen; O armes Thier, Der Fröſche Zier!“ 1 „»Vortrefflich!« rief Herr Pickwick aus. »In der That ſehr artig; ſo einfach, ſo naiv l« ſagte Herr Leo Hunter. »Aeußerſt naiv!« wiederholte Herr Pickwick. „Der zweite Vers iſt aber noch rührender. Wollen Sie ihn hören?« fragte der gravitätiſche Hunter. „»Wenn Sie mir die Freude gewähren wollen,« er⸗ wiederte Herr Pickwick. »Er lautet wie folgt,« ſagte der Gravitätiſche noch feierlicher: 4„Ließen Dich die wilden Knaben Ungetrübt das Glück nicht haben,*½ Im Moraſte Dich zu laben; 4 O armes Thier, Der Fröſche Zier!“ 4 Die Pickwicker. 97 »Schön ausgedrückt,« bemerkte Herr Pickwick. »Und Alles ſo anſchaulich, Sir, ſo treffend,« ſagte Herr Leo Hunter. Doch Sie müſſen dieſe Piece von Mrs. Leo Hunter ſelbſt recitiren hören; morgen früh wird Sie es thun, Sir, im Charakter—« »Im Charakter?« unterbrach Herr Pickwick. »Als Minerva. Doch ich vergaß zu ſagen, daß Mrs. Leo Hunters Frühſtück ein Fancydreß⸗Déjeuné iſt.« »O weh!« ſagte Hern Pickwick, indem er ſeine Blicke an ſich heruntergleiten ließ; ves iſt mir unmöglich—« »Unmöglich, Sir, unmöglich? O nicht doch, Sir,« fiel Herr Leo Hunter ein.»Der Jude Salomon Lucas auf der Haupt⸗Straße, hat eine große Auswahl Mas⸗ kenball⸗Anzüge. Bedenken Sie, Sir, welch eine Menge angemeſſener Charaktere Ihrer Wahl frei ſtehen— Plato, Zeno, Epikur, Pythagoras— alle Begründer von Klubbs.« »Das weiß ich recht gut,« ſagte Herr Pickwick; vallein ich kann mich dieſen großen Männern nicht zur Seite ſtellen— mir es unmöglich herausnehmen, ihre Kleider zu tragen.« Der gravitätiſche Mann gerieth in tiefes Nachſin⸗ nen, und hub nach einer Weile an: »Nach reiflicher Ueberlegung, Sir, bin ich in der That ungewiß, ob Mrs. Leo Hunter nicht ein noch grö⸗ ßeres Vergnügen empfinden würde, wenn ihre Gäſte einen ſo berühmten Mann, in ſeiner eigenen Kleidung, ſtatt in einer angenommenen Tracht erblickten. Ich glaube ſagen zu dürfen, daß mit Ihnen, Sir, gerne eine Aus⸗ nahme gemacht werden würde, und was Mrs. Leo Hun⸗ 4 ter betrifft, ſo bin ich meiner Sache vollkommen gewiß.« »Wenn das der Fall iſt,« ſagte Herr Pickwick,»ſo werde ich mich mit dem größten Vergnügen einfinden.« Die Pickwicker. II. 7 98 Die Pickwicker. „Doch ich ſtöre Sie, Sir,« ſagte Herr Leo Hunter; vich kenne den Werth der Zeit, Sir, und will Sie nicht länger aufhalten. Ich darf Mrs. Leo Hunter alſo ſagen, daß ſie ſich feſt darauf verlaſſen kann, Sie und Ihre ausgezeichneten Freunde bei ſich zu ſehen?— Ich em⸗ pfehle mich Ihnen, Sir, ſtolz darauf, einen ſo hervor⸗ ragenden Geiſt mit meinen leiblichen Augen geſchaut zu haben— keinen Schritt, Sir, kein Wort;« und ohne Herrn Pickwick zu geſtatten, ihn bis an die Thür zu geleiten, entfernte ſich Herr Leo Hunter mit gravitäti⸗ ſchen Schritten. Herr Pickwick ſetzte ſeinen Hut auf, und begab ſich zum Pfau, wo man jedoch ſchon durch Herrn Winkle die Kunde von dem Fancydreß⸗Dejeuné erhalten hatte. »Mrs. Pott wird hingehen,« waren die Worte, mit denen er den Meiſter begrüßte. »Wirklich?« fragte Herr Pickwick. »Und zwar als Apollo,« fuhr Winkle fort.»Pott macht nur noch allerhand Einwendungen gegen die Tu⸗ nica.« »Er hat Recht, vollkommen Recht!« rief Herr Pick⸗ wick mit Würde und Nachdruck aus. »Allerdings; ſie wird daher in einem weißen Atlas⸗ Anzuge mit Goldflittern auftreten.« »Wird man dann aber wiſſen, was ſie vorſtellen will?2« fragte Herr Snodgraß. »Weshalb nicht 2« entgegnete Herr Winkle unwillig. »Man wird ſie ja an der Lyra erkennen.⸗ „Richtig, richtig— daran dachte ich nicht,« ſagte Herr Snodgraß. »Ich werde als Bandit erſcheinen,« fiel Herr Tup⸗ man ein. . Die Pickwicker. 99 »Als was?« rief Herr Pickwick in plötzlicher Auf⸗ regung aus. »Als Bandit,« wiederholte Herr Tupman mild. „»Es wird doch nicht im Ernſt Ihre Abſicht ſein,« ſagte Herr Pickwick, den Freund mit ſtrenger Miene in's Auge faſſend, ves wird doch nicht im Ernſt Ihre Abſicht ſein, Herr Tupman, eine grüne Sammet⸗Jacke mit kur⸗ zen Schößen anzuziehen 2« »Es iſt in der That meine Abſicht, Sir,« erwiederte Herr Tupman etwas empfindlich.»Und weshalb nicht, Sir 2« »Weil Sie zu alt dazu ſind, Sir,« fuhr Herr Pick⸗ wick in ziemlich großer Aufregung fort. »Zu alt!« rief Herr Tupman aus. »Und, wenn es noch eines zweiten Grundes bedür⸗ fen ſollte, Sie ſind zu fett, Sir.« 1»Sir,« fuhr Herr Tupman mit einem von Car⸗ 5 moiſin⸗Röthe überzogenen Geſicht auf:»dies iſt eine Be⸗ leidigung!« 9»Sir,« erwiederte Herr Pickwick in ſeinem vorigen Tone, ves iſt nicht halb ſo beleidigend für Sie, als es beleidigend für mich ſein würde, wenn Sie in meiner Gegenwart in einer grünen Sammet⸗Jacke mit kurzen Schößen auftreten wollten.⸗ »Sir,« ſchnaubte Herr Tupman,»Sie ſind ein verächtlicher Menſch!« 3 »Sir,« entgegnete Herr Pickwick,»Sie ſind ſelbſt ein verächtlicher Menſch.«. Herr Tupman trat ein Paar Schritte vor, und ſtarrte Herrn Pickwick, und Herr Pickwick ſtarrte durch l ſeine Brille Herrn Tupman an, und ſein ganzes Weſen kühnen Trotz. Herr Snodgraß und Herr Winkle 3 X 4 7* 100 Die Pickwicker. gafften zu, ganz betäubt, Zeugen eines Auftrittes der Art zwiſchen zwei ſolchen Männern zu ſein. »Sir,« begann Herr Tupman nach einem kurzen Stillſchweigen, mit tiefer feierlicher Stimme,»Sie haben mich alt genannt.« inn Das that ich allerdings,« ſagte Herr Pickwick. »Und fett.⸗« »Und wiederhole es.« „»Und einen verächtlichen Menſchen.« »Und der ſind Sie!« Es trat eine peinliche Pauſe ein. »Meine Zuneigung zu Ihrer Perſon, Sir,« hub Herr Tupman endlich wieder an, und ſchob— mit einer Stimme, welche vor innerer Bewegung zitterte— ſeine Hemdärmel zurück, meine Zuneigung zu Ihrer Perſon, Sir, iſt groß, ſehr groß— aber ich muß mich auf der Stelle rächen an dieſer Ihrer Perſon.« „Kommen Sie an, Sir,« rief Herr Pickwick zurück. Aufgeregt durch die empörende Natur des Wort⸗ wechſels warf ſich der herviſche Mann wirklich in eine paralytiſche Stellung, von welcher die beiden Aſſiſtenten zuverſichtlich annahmen, daß ſie der Abſicht nach eine ver⸗ theidigende ſein ſollte. »Wie!« rief Herr Snodgraß aus, dem die Macht der Sprache, deren er bisher durch ſein grenzenloſes Er⸗ ſtaunen beraubt geweſen war, endlich zurückkehrte,»wiel« rief er, und ſtürzte ſich, in augenſcheinlicher Gefahr, Fauſtſchläge an den Kopf zu bekommen, zwiſchen die beiden kampfbegierigen Freunde.—»Wie, Herr Pick⸗ wick, Sie bedenken nicht, daß die Augen der Welt auf Siie gerichtet ſind?— Sie vergeſſen es, Herr Tupman, daß ſein unſterblicher Name Ihnen, wie uns allen Glani verleiht? Pfui, Gentlemen, pfui.« — Die Pickwicker. 191 Während ſein junger Freund dieſe Worte ſprach, verſchwanden die ungewohnten Runzeln, die durch eine augenblickliche Erregung auf Herrn Pickwicks heiterer und offener Stirn ſich zuſammengezogen hatten, zuſehends, wie die vom Bleiſtift zurückgelaſſenen Spuren unter dem Einfluß des Gummi elaſticum verſchwinden. Noch hatte Herr Snodgraß die Lippen nicht geſchloſſen, als Herrn Pickwicks Antlitz ſchon ſeinen gewöhnlichen milden und wohlwollenden Ausdruck angenommen hatte. »Ich habe mich übereilt,« ſagte er.»Tupman, Ihre Hand!«— Auch das finſtere Geſicht des Herrn Tupman ver⸗ klärte ſich, und er ergriff mit Wärme ſeines Freundes Hand.. »Auch ich habe mich übereilt,« ſagte er. »Nein, nein,« entgegnete Herr Pickwick,»die Schuld lag an mir. Sie erſcheinen alſo in der grünen Sammet⸗ jacke?« 41 »Nimmermehr,« entgegnete Herr Tupman. »Sie würden mir einen großen Gefallen damit er⸗ zeigen,« ſagte Herr Pickwick. »Wohlan, ſo bin ich dazu bereit,« erwiederte Herr Tupman. Es wurde beſchloſſen, daß auch Herr Winkle und Herr Snodgraß in Charakter⸗Anzügen erſcheinen ſollten. Demnach wurde Herr Pickwick, jedoch nur durch die Wärme ſeiner edelſten Gefühle, bewogen, in ein Vorhaben einzuwilligen, das er gemäß ſeinem beſſeren Urtheil nicht billigen konnte,— und wie hätte ſein liebenswürdiger Charakter beſſer hervorgehoben werden können, ſelbſt wenn alles in dieſen Blättern Erzählte nur erdichtet wäre? Herrn Leo Hunters Lob über Salomon Lucas Vor⸗ räthe war nicht übertrieben; denn des Juden Garderobe Die Pickwicker. war äußerſt reichhaltig, obgleich weder vollkonnnen klaſſiſch noch nagelnen; auch ſtimmte kein einziger Anzug mit der Mode irgend eines Zeitalters genau überein; dagegen waren alle mehr oder minder mit Flittern verziert; und was in aller Welt kann hübſcher ſein, als Flittern?— Man könnte wohl einwenden, daß ſie ſich bei Tage nicht gut ausnehmen, aber ein Jeder weiß, daß ſie beim Licht funkeln. Auch kann nichts einleuchtender ſein, als daß die Leute und nicht die Flittern die Schuld tragen, wenn man Maskenbälle bei Tage veranſtaltet und ſich die Co⸗ ſtüms nicht ſo gut ausnehmen, als es der Fall bei Abend ſein würde. Auch war dies des Herrn Salomon Lucas überzeugendes Raiſonnement, das bei den Herren Tupman, Winkle und Snodgraß ſeine Wirkung nicht verfehlte. Die, von des Juden Geſchmack und Erfahrung als die paſſendſten für den bevorſtehenden Fall anempfohlenen Anzüge wurden ſofort von Herrn Saldmon erborgt. Die Pickwicker und Herr Pott nebſt Gattin beſtell⸗ ten im Stadtwappen Miethwagen, zur Fahrt nach Mi⸗ ſtreß Leo Hunters Landſitz, von welchem Herr Pott, zum Dank für die erhaltene Einladung, bereits mit Zuverſicht im Voraus in der Eatanswiller Gazette ver⸗ kündigt hatte,»daß er— ein wahrer Schauplatz wech⸗ ſelnder und ſüßeſter Zauberei— blendenden Glanzes, der Schönheit und des Genies— großartiger und ver⸗ ſchwendriſcher Gaſtlichkeit werden würde, ſo jedoch, daß man allen Prunk mit dem ausgeſuchteſten Geſchmack vereint ſehen würde, mit welchem die vollkommenſte Har⸗ monie und der feinſte Geſellſchaftston nicht verfehlen würden, ſich in die Geſellſchaft zu theilen; ſo daß ſelbſt die fabelhafte Pracht und Herrlichkeit des morgenländi⸗ ſchen Feenreichs, wenn man ſie überhaupt mit demſelben in Vergleichung ziehen wolle, als in dieſelben dunklen 83 A Die Pickwicker. 103 grünlichen Farben gehüllt erſcheinen müßte, welche die Gemüther der ſauertöpfiſchen und unmännlichen Geſchöpfe umgäben, welche die Vorbereitungen und Zurüſtungen der tugendhaften und in jeder Beziehung ausgezeichneten Dame, zu deren Füßen man dieſen demüthigen Tribut der Bewunderung niederlege, mit dem Geifer ihres Nei⸗ des zu beſudeln ſich anmaßten.« In dieſen letztern Worten lag ein bitter⸗ſarkaſtiſcher Ausfall gegen den Redakteur des Independenten, der, weil er nicht eingela⸗ den worden war, das Fancydreß⸗Déjeuné in vier Num⸗ mern nach einander zur Zielſcheibe ſeiner Sticheleien gewählt hatte, und noch dazu dieſe, Neid und Falſchheit athmenden Artikel mit ſeiner größten Schrift und die Beiworte mit Verſal⸗Buchſtaben hatte drucken laſſen. Der Feſtmorgen erſchien.— Eine anmuthige im⸗ poſante Erſcheinung war Herr Tupman in completer Räubertracht, beſtehend in einer ſehr knappen Jacke, die ihm auf dem Rücken wie ein Nadelkiſſen ſaß, kurzen Sammet⸗Beinkleidern, und die Waden mit komplizirten Bandagen umhüllt, was alle Räuber vorzugsweiſe zu lieben pflegen. So keck als gefällig ſchaute ſein offenes und edles, geſchwärztes und ſchnauz⸗ und knebelbärtiges Geſicht aus einem Buſenkragen hervor, und dazu denke man ſich noch den breiträndrigen Zuckerbrot⸗Hut, mit Bändern von allen möglichen Farben geziert, den er auf den Knieen halten mußte, denn kein Kutſchenverdeck in der Welt wäre hoch genug geweſen, um einem Manne zu geſtatten, mit einem ſolchen Hute auf dem Kopf, un⸗ ter ihm Platz zu nehmen. Gleich humoriſtiſch und anmuthig nahm Herr Snod⸗ graß in ſeinem blauſeidenen Wamms und ſpaniſchem Mantel, knappen weiß⸗ſeidenen Strümpfen, rothen Atlas⸗ ſchuhen und römiſchem Helm ſich aus, dem althergebrach⸗ 104 Die Pickwicker. ten wohlbekannten Troubadour⸗Coſtüm von den erſten Zeiten ab bis zu ihrem gänzlichen Verſchwinden von der Erde. Allein alles dieſes war dennoch nichts im Ver⸗ gleich mit dem anmuthig⸗lärmenden Geſchrei der Volks⸗ menge, als der Wagen voll Pickwicker hinter Herrn Pott's Wagen dahin fuhr; als Herrn Pott's Hausthür geöffnet wurde, und der große Pott in derſelben zum Vorſchein kam, und zwar im Coſtüm eines ruſſiſchen Juſtizmannes, eine furchtbare Knute in der Hand— das trefflich ge⸗ wählte Sinnbild der ernſten und gewaltigen Macht der Eatanswiller Gazette, und der furchtbaren Streiche, mit welcher dieſelbe öffentliche Bellidigungen geißelte. „Bravo!«— ſchrie Herr Tupman und Herr Snodgraß, als ſie die wandelnde Allegorie erblickten. „»Bravo!« hörte man auch Herrn Pickwick hinter⸗ drein rufen. »Hurrah! Pott!— Hurrah!«— ſchrie die Volks⸗ menge. Unter dieſen Begruͤßungen ſtieg Herr Pott in den Wagen, und er lächelte mit jener freundlichen Würde, welche hinlänglich andeutete, daß er ſich ſeiner M acht bewußt war, und ſie auszuüben verſtand. Bald darauf erſchien auch Miſtreß Pott, die Apollo ſehr ähnlich geſehen haben würde, wenn ſie keinen Unter⸗ rock angehabt hätte, und dann Herr Winkle, der in ſei⸗ nem rothen Rock ſehr einem Fuchsjäger geglichen haben würde, wenn nicht eine eben ſo große Aehnlichkeit mit einem königlichen Briefträger vorhanden geweſen wäre. Zuletzt erſchien Herr Pickwick, welchem die Gaſſenbuben noch lauteres Beifallgeſchrei zollten, als allen Uebrigen, „ Die Pickwicker.. 105 wahrſcheinlich, weil ſie ſeine engen Beinkleider und Ka⸗ maſchen für Reliquien aus alten guten Zeiten hielten. Nachdem Sam Weller(der bei der Aufwartung hülf⸗ reiche Hand leiſten ſollte) den Bock des vorderſten Wa⸗ gens, in welchem ſein Herr ſaß, beſtiegen hatte, fuhren Beide nach Miſtreß Leo Hunters Landſitz ab. Sämmtliche Männer und Weiber, Mägde, Buben und Kinder, die ſich verſammelt hatten, um die ankommenden Gäſte in ihren Charakter⸗Anzügen zu ſehen, ſchrieen vor Bewunderung und Entzücken, als Herr Pickwick mit dem Räuber im einen und dem Troubadour im andern Arm mit feierlichen Schritten auf das Haus zuging. Nie war ein ſolches Jubelgeſchrei gehört worden, wie das, womit Herr Tupman begrüßt ward, als er ſich be⸗ mühte, den Zuckerbrot⸗Hut auf ſeinem Kopfe zu befeſti⸗ gen, um in vollkommenem Coſtüm den Park zu betreten. Die Anordnungen der Feſtlichkeit waren ſo aus⸗ gezeichnet, daß die Vorherſagungen des poetiſchen Pott in Betreff des, die Pracht und Herrlichkeit des morgen⸗ ländiſchen Feenreiches übertreffenden Glanzes, auf das vollkommenſte in Erfüllung gingen, und die boshaften Läſterungen des giftigen und elenden Independenten auf das ſieghafteſte widerlegt wurden. Der Park war über anderthalb Morgen groß und mit Menſchen überfüllt. Nie war ein ſo glaͤnzender Verein von Schönheiten, Modedamen und Herren, Künſtlern und Literaten geſehen worden. Da war die junge Dame zu ſchauen, welche die Gedichte in der Gazette von Eatanswill machte, als Sultana, am Arme des jungen Gentleman, der dem Recenſir⸗Departement vorſtand, und der ſehr ſchicklich in „der Feldmarſchalls⸗Uniform— wozu nur die Stiefel fehlten— erſchien. Von Genies dieſer ⸗Art hatten ſich ganze Schaaren eingefunden, und jeder verſtändige Mann 106 Die Pickwicker. würde ſich eine Ehre daraus gemacht haben, mit ihnen zuſammenzutreffen. Aber mehr noͤch als dieſes war zu ſchauen, nämlich ein halbes Dutzend»Löwen« aus Lon⸗ don— Autoren, wirkliche Autoren, die ganze Bücher geſchrieben und ſie alsdann in Druck gegeben hatten. Sie ſpazierten wie Alltags⸗Menſchen auf und ab, lächelten und plauderten, und redeten obendrein ziemlich erklecklichen Unſinn, aller Wahrſcheinlichkeit nach in der wohlwollen⸗ den Abſicht, ſich den, ſie umringenden gewöhnlichen Men⸗ ſchen verſtändlicher zu machen. Auch gebrach es natürlich nicht an einer Bande von Muſikern mit Wachstuchkap⸗ pen. Ferner waren noch zu ſchauen vier ausländiſche Sänger in ihrer Landestracht, und ein Dutzend gemiethete Aufwärter in ihrem— ſehr ſchmutzigen— Land⸗ Coſtüm. Schließlich aber und hauptſächlich war Miſtreß Leo Hunter, die als Minerva die Geſellſchaft empfing, und die in dem Gedanken, ein ſo ausgezeichnetes Perſo⸗ nal zuſammengebracht zu haben, vor Stolz und Vergnü⸗ gen außer ſich war, zu bewundern. „»Herr Pickwick, Ma'am,« rief ein Diener, als der berühmte Mann, den Hut in der Hand, den Räuber am rechten und den Troubadur am linken Arm, ſich der prä⸗ ſidirenden Göttin näherte. »Wie?— wo« rief Miſtreß Leo Hunter, aufſprin⸗ gend, in theatraliſcher Extaſe und Ueberraſchung aus. „Hier,« ſagte Herr Pickwick. »Iſt es möglich, daß ich wirklich das Glück habe, Herrn Pickwick in eigener Perſon zu ſchauen?« rief Mi⸗ ſtreß Leo Hunter. 7 »Ich bin es, Ma'am,« erwiederte Herr Pickwick, und machte eine tiefe Verbeugung,»geſtatten Sie mir, der Dichterinn des ‚ſterbenden Froſches' meine Freunde — — Die Pickwicker. vorzuſtellen:— Herr Tupman— Herr Winkle— Herr Snodgraß!« 3— Nur Derjenige, der den Verſuch an ſich ſelbſt ge⸗ macht hat, weiß, wie ſchwierig es iſt, ſich in engen grü⸗ nen Sammet⸗Hoſen, einer knappen Jacke mit einem hohen ſpitzen Hute— oder in blauſeidenen Inerpreſſibles — oder in kurzen Korduroys und Stulpenſtiefeln zu ver⸗ beugen, bei deren Anfertigung, an den, der ſie trägt, gar nicht gedacht war, und die er, ohne alle Rückſicht darauf zu nehmen, ob ſie ihm paſſen oder nicht, hat anziehen müſſen. Nie waren ſolche Verrenkungen geſehen worden, wie die, welchen Herr Tupman bei ſeinem Bemühen, Leichtigkeit und Grazie zu entwickeln, ſich unterwerfen mußte— nie ſo kunſtvolle, ſo ſcharfſinnig erdachte Stel⸗ lungen, als die, welche von ſeinen Freunden im Charakter⸗ Anzug verſucht und angenommn wurden. »Herr Pickwick,« ſagte Miſtreß Leo Hunter,»Sie müſſen mir verſprechen, den ganzen Tag hindurch an meiner Seite zu bleiben; denn Sie ſehen hier Hunderte von Leuten, mit denen ich Sie durchaus bekannt machen muß.« »Sie ſind ſehr gütig, Ma'am,« antwortete Herr Pickwick. »Hier, zuerſt, ſind meine kleinen Mäͤdchen; ich hätte ſie beinah vergeſſen,« fuhr Minerva fort, nachläſſig auf zwei vollkommen erwachſene Damen hindeutend, von de⸗ nen die eine zwanzig und die andere noch etwa zwei Jahre älter zu ſein ſchien. Beide waren ſehr jugendlich koſtümirt— Herr Pickwick ſpricht ſich nicht ganz deut⸗ lich darüber aus, vb deshalb, damit ſie ſehr jung erſchei⸗ nen möchten, oder, damit ihre Mama jünger ausſehen ſollte. »Sie ſind ſehr ſchön,« bemerkte Herr Pickwick, 108 Die Pickwicker. nachdem die jungen Damen im Flügelkleide ſich nach der Vorſtellung wieder entfernt hatten. „»Sie ſehen ihrer Mama ſehr ähnlich, Sir,« ſagte Herr Pott mit Pathos. »O Sie loſer Mann,« rief Miſtreß Leo Hunter aus, den Redakteur mit ihrem Fächer(Minerva mit einem Fächer) ſchalkhaft auf den Arm ſchlagend. »Ach, meine theuerſte Miſtreß Hunter,« ſagte Herr Pott, der außer ſeiner Redaktion noch den Trompeter⸗ dienſt in der Miliz von Den verſah,»wiſſen Sie nicht, als im vorigen Jahr Ihr Portrait die Kunſt⸗Ausſtellung der königlichen Akademie zierte, Jedermann fragte, ob es das Ihrige oder das Ihrer jüngſten Tochter ſei? denn Sie ſehen ja Ihrem Töchterchen ſo vollkommen ähnlich, daß durchaus kein Unterſchied zu entdecken war.« »Wenn's ſich auch ſo verhält, warum reden Sie davon vor Fremden?« ſagte Miſtreß Leo Hunter, indem ſie mit einem abermaligen Fächerſchlage auf den Arm, den ſchlummernden Löwen der Gazette von Eatanswill beglückte. »Herr Graf— Herr Graf!« rief Miſtreß Leo Hunter einem vorübergehenden Herrn mit ſtarkem Backen⸗ bart und in ausländiſcher Uniform zu. „»Ah, was befehlen Sie?« ſagte der Graf, indem er näher trat. »Ich wünſche, zwei geiſtreiche Männer mit einander bekannt zu machen,« ſagte Minerpa.»Herr Pickwick, es macht mir äußerſt viel Vergnügen, Sie dem Grafen Smorltork vorzuſtellen.« Und eiligſt Herrn Pickwick in das Ohr flüſternd, fügte ſie hinzu:»der berühmte Fremde — ſammelt Materialien zu ſeinem großen Werke über England— hm!— Graf Smorltork, Herr Pickwick.« Herr Pickwick verbeugte ſich vor dem Grafen mit 9 vom beträglichſten Um fange.« d Die Pickwicker. 109 aller einem ſo bedeutenden Manne ſchuldigen Ehrerbietung, und der Graf zog ſeine Brieftafel aus der Taſche. »Was Sie ſagen, Miſtreß Hunt?« fragte der Graf, der graciöſen Minerva graciös zulächelnd;»Pig Wig oder Big Wig?— Ah, was Sie heißen Lawyer— Rechtsgelehrter, Sachwalter— verſtehe ſchon— ah Big Wig,« ſagte er, und ſchickte ſich an, Herrn Pickwick als einen Rechtsmann, der den Namen von ſeiner Amts⸗ perücke habe, in ſeine Schreibtafel aufzuzeichnen, als Miſtreß Leo Hunter ihn davon abhielt. „»Nein, nein,« ſagte die Dame,»Pickwick.« »Ah, ah, ich verſtehe,« erwiederte der Graf.»Pihk iſt der Taufname; Wihks der Zuname; gut, ſehr gut.— Pihk Wihks. Wie befinden Sie ſich, Wihks 2« »Sehr wohl, ich danke Ihnen,« ſagte Herr Pickwick mit aller ſeiner gewöhnlichen Leutſeligkeit.»Iſt es ſchon lange, daß Sie in England ſind 2« »Lange— ſehr lange Zeit— vierzehn Tage und wohl noch länger.« »Werden Sie noch lange bei uns verweilen?2« »Eine Woche noch.« »Dann werden Sie genug zu ſchaffen haben,« be⸗ merkte Herr Pickwick lächelnd,»alle die Materialien zu ſammeln, deren Sie bedürfen.« »O, ſie ſind ſchon geſammelt,« ſagte der Graf. »Wirklich?« rief Herr Pickwick verwundert aus. »Hier ſind ſie,« ſagte der Graf, indem er ſich auf die Stirn klopfte.»Großes Buch zu Haus— ganz voll von Bemerkungen— Muſik, Malerei, Wiſſenſchaft, Poeſte, Politik— über alle Dinge.« »Das Wörtchen Politik, Sir,« ſagte Herr Pickwick, »umfaßt für ſich allein ſchon ein ſchwieriges Sidinm 110 Die Pickwicker. »Ah!« rief der Graf aus, und nahm ſeine Schreib⸗ tafel wieder zur Hand;»ſehr gut— ſehr gute Worte, um ein Kapitel damit zu beginnen.— Sieben und vierzigſtes Kapitel.— Politik.— Das Wörtchen Po⸗ litik umfaßt für ſich allein ſchon—« und der Graf zeichnete ſofort Herrn Pickwicks Bemerkungen mit ſolchen Abänderungen und Zuſätzen in ſeine Schreibtafel ein, wie ſie ihm von ſeiner ſchöpferiſchen Phantaſie eingegeben, oder durch ſeine mangelhafte Sprachkunde herbeigeführt wurden. »Herr Graf,« ſagte Miſtreß Leo Hunter. »Miſtreß Hund,« entgegnete der Graf. »Dies iſt Herr Snodgraß, ein Freund des Herrn Pickwick und ein Dichter.« »Halt!« rief der Graf aus, und griff abermals nach der Schreibtafel.»Gegenſtand: Poeſie— Kapitel, lite⸗ rariſche Freunde— Name Snowgras;— ſehr gut. Snowgras vorgeſtellt— großer Dichter, Freund von Pihk Wihks— von Miſtreß Hund, die ſelbſt geſchrieben hat, unter andern ein ſehr ſchön Gedicht auf einen— wie nennen Sie's doch?— Froſch— ſterbenden Froſch — ſehr gut— vorzüglich ſehr gut.« Bei dieſen Worten ſteckte der Graf ſeine Brieftafel wieder ein, und entfernte ſich, äußerſt vergnügt über die wichtige und ſchätzbare Vermehrung, die ſeiner Kunde von engliſchen Zuſtänden eben zugefloſſen, und unter unaufhörlichen Verbeugungen und Dankbarkeits⸗Bezei⸗ gungen. »Ein wunderboller Mann, dieſer Graf Smorltork, 4 bemerkte Miſtreß Ley Hunter. »Ein gründlicher Philoſoph!« ſagte Pott. „Lichtvoller Kopf, ſtarker Geiſt,« fügte Herr Snod⸗ graß hinzu. 4 A 2 1 Die Pickwicker. 111 Ein Chorus von den Umſtehenden fiel in dieſen Päon auf Graf Smorltork ein; ſie ſchüttelten weiſe die Köpfe und riefen wie aus einem Munde:»Sehr wundervoll!« Da der Enthuſiasmus zu Gunſten des Grafen Smorl⸗ tork ſehr hoch ſtieg, ſo würde ſein Lob bis zum Ende der Feſtlichkeiten erklungen ſein, wenn ſich nicht jetzt die vier ausländiſchen Sänger vor einen kleinen Apfelbaum poſtirt hatten, um ſich maleriſch auszunehmen. Sie be⸗ gannen ſofort ihre Nationallieder zu ſingen, deren Vor⸗ trag keineswegs mit Schwierigkeiten verbunden ſchien, da das große Geheimniß offenbar nur darin beſtand, daß drei von ihnen zu dem Geheul des vierten grunzten. Als ſie unter lautem Bravorufen der ganzen Geſellſchaft abgetreten waren, begann gleich darauf ein Knabe, ſich zwiſchen den Beinen eines Stuhls hindurch zu zwängen, über denſelben zu ſpringen, unter ihm durchzukriechen, ſich mit ihm umzuwerfen und alles Mögliche mit ihm zu beginnen, nur ohne ſich auf denſelben zu ſetzen; dann ſchlang er ſeine eigenen Beine um den Hals, und machte ſie zur Kravatte, ferner lieferte er praktiſch den Beweis, wie leicht ein Menſchenkind es dahin bringen kann, daß es einer Kröte im vergrößerten Maaßſtabe gleicht— alles Kunſtſtuͤcke, die zur vollkommenſten Zufriedenheit der ver⸗ ſammelten Zuſchauer ausgeführt wurden. Dann ließ ſich Miſtreß Pott mit einem ſchwachen Gepiep hören, das aus Höflichkeit Geſang genannt wurde, vollkommen klaſſiſch war und genau zu ihrem Charakter⸗Anzug paßte; denn Apollo war ſelbſt Komponiſt und nur ſelten ſind die Komponiſten im Stande, ihre eigenen muſikaliſchen Produkte oder die Anderer vorzutragen. Hierauf dekla⸗ mirte Miſtreß Hunter ihre weltberühmte Ode an den oſterbenden Froſch«, worauf da capo geſchrieen wurde, und ſie mußte die Ode an den ſterbenden Froſch noch 112 Die Pickwicker. einmal deklamiren, und man würde abermals da capo gerufen haben, wenn die Mehrzahl der Gäſte, welche glaubten, daß es hohe Zeit ſei, etwas zu eſſen zu bekom⸗ men, nicht geſagt hätte, es würde abſcheulich und voll⸗ kommen unverantwortlich ſein, Miſtreß Hunters Güte auf eine ſolche Weiſe zu mißbrauchen. Miſtreß Leo Hun⸗ ter erklärte freilich, daß, ſo oft ſie hoffen dürfte, ihren Gäſten Unterhaltung durch ihre Ode zu gewähren, ſie dieſelbe mit dem allergrößten Vergnügen recitiren würde; allein ihre beſcheidenen, guͤtigen und rückſichtsvollen Freunde wollten die Ode unter keiner Bedingung zum dritten Mal hören. Als die Thüren des Salons geöffnet wur⸗ den, in welchem die Erfriſchungen verabreicht werden ſollten, drängten ſich alle, die früher ſchon eine Einladung von Miſtreß Lev Hunter gehabt hatten, mit größter Eile hinein; denn die ſorgſame und weiſe Gaſtgeberin theilte gewöhnlich Karten für Hundert und nur Frühſtücke für funfzig Perſonen aus, oder mit andern Worten geſagt, ſie fütterte nur die Löwen, und überließ es den kleineren Thieren, für ſich ſelbſt zu ſorgen. »Wo iſt Herr Pott?« fragte Miſtreß Led Hunter, als ſie die beſagten Löwen um ſich her ſammelte. »Hier!« rief der Publiciſt aus der entlegendſten Ecke des Salons zurück, ohne nur ein Fünkchen von Hoffnung zu haben, etwas zu bekommen, wenn ſich die Wirthin ſeiner nicht annahm. »Wollen Sie nicht näher treten?« »Bitte, laſſen Sie ihn,« unterbrach Miſtreß Pott im verbindlichſten Ton;—»Sie machen ſich gar zu viel unnöthige Mühe, Miſtreß Hunter.— Du biſt dort ſehr wohl aufgehoben, nicht wahr, mein Lieber?« „»Allerdings, meine Liebe,« erwiederte der unglückliche Pott mit einem ſauerſüßen Lächeln.— Denn— o, Die Pickwicker. 113 mächtig⸗ ohnmächtiges Strafwerkzeug!— der nervige Arm, der es mit ſolcher Rieſenkraft gegen öffentliche Charaktere führte, erlahmte vor Miſtreß Potts gebiete⸗ riſchem Blick. Miſtreß Leo Hunter blickte triumphirend umher.— Graf Smoltork war auf's Eifrigſte beſchäftigt, die Spei⸗ ſen und Getränke aufzuzeichnen; Herr Tupman reichte einigen Löwinnen den Hummerſalat, und zwar mit einer Anmuth, wie ſie noch nie an einem Banditen geſehen worden iſt; Herr Snodgraß, nachdem er den jungen Herrn ausgeſtochen, der das Autoren⸗Anſtechen und Durchhecheln für die Gazette beſorgte, hatte ſich in ein feuriges Geſpräch mit der jungen Dame eingelaſſen, welche die Poeſieen für dieſelbe lieferte; und Herr Pick⸗ wick machte ſich allgemein angenehm. Der ausgewählte Cirkel ſchien vollſtändig zu ſein, als man Herrn Leo Hunter— dem bei den Feſten ſeiner Frau das Geſchäft oblag, ſich in den äußerſten Regionen des Salons auf⸗ zuhalten, um dort den minder wichtigen Perſonen durch Geſpräch die Zeit und wo möglich den Hunger zu ver⸗ treiben— als man Herrn Leo Hunters laute Stimme von unten herauf hörte:—»Meine Liebe, hier kommt Herr Charles Fitz⸗Marſhall.⸗« »O Himmel!« erwiederte Miſtreß Leo Hunter,»wie ſehnſüchtig habe ich ihn erwartet. Darf ich bitten, daß Sie Platz machen, um Herrn Fitz⸗Marſhall paſſiren zu laſſen?— Mein Lieber, ſage Herrn Fitz⸗Marſhall, daß er ſogleich vor mir erſcheinen ſolle, um für ſein Nach⸗ zügeln ausgeſchmält zu werden.« »Komme ſchon— ſo ſchnell ich kann, meine theure Ma'am,« ließ ſich eine Stimme vernehmen ver⸗ ſtaunlich viel Leute— angefüllte Zimmer— ſchweres Stück Arbeit— ſehr ſchwierig.« Die Pickwicker. II. 8 Die Pickwicker. Meſſer und Gabel entſanken Herrn Pickwicks Hän⸗ den, welcher über den Tiſch Herrn Tupman anſtarrte, der ebenfalls ſein Meſſer und ſeine Gabel hatte fallen laſſen, und ausſah, als wenn er eben ohne Weiteres in die Erde ſinken wollte. »Ahl ordentliche Zeugpreſſe,« ertönte die Stimme, indeß ihr Eigner, der ſich durch die letzten fünfundzwan⸗ zig Türken, Offiziere, Cavaliere und Könige Carls hin⸗ durch arbeitete, die ihm noch die Bahn zum erſehn⸗ ten Tiſch verſperrten,»ordentliche Zeugpreſſe— keine Falte mehr im Rock nach all' dieſem Quetſchen— hätte meine Wäſche ungebügelt anziehen können— ha! ha! ha!— kein ſo ſchlechter Einfall das— ſie auf dem Leibe glätten zu laſſen— freilich unangenehm— unbequem — ſehr unbequem!« Mit dieſen abgebrochenen Phraſen brach ſich ein junger Mann in der Uniform eines Marine⸗Offiziers Bahn zu dem Tiſch, an dem die erſtaunten Pickwicker ſaßen, die Herrn Alfred Jingle in leibhaftiger Geſtalt vor ſich erblickten. Der Sünder hatte kaum Zeit gehabt, die dargebo⸗ tene Hand der Miſtreß Leo Hunter zu ergreifen, als ſeine Heiterkeit ſtrahlenden Augen den zornſprühenden Blicken des Herrn Pickwick begegneten. »Verflucht,« ſagte Jingle,»ganz vergeſſen— Po⸗ ſtillon noch keine Befehle— ſogleich ertheilen— in der Minute wieder hier ſein.« »Der Bediente oder Herr Hunter kann es thun, mein theurer Fitz⸗Marſhall« ſagte die gütige Gaſtgeberin. »Nein, nein— muß es ſelbſt thun— Licht lange ausbleiben— im Nu wieder hier ſein,« ſagte Herr Jingle, und er verſchwand unter der Menge der Gäſte. »Erlauben Sie mir die Frage, Ma'am,« ſagte — Die Pickwicker. 115 Herr Pickwick, indem er in großer Aufregung von ſeinem Stuhl aufſtand,»wer iſt der junge Mann, und wo wohnt er?« »Er iſt ein reicher Gentleman, Herr Pickwick,« ver⸗ ſetzte Miſtreß Leo Hunter,»den ich begierig bin, Ihnen vorzuſtellen. Der Graf wird entzückt ſein, dieſe Bekannt⸗ ſchaft zu machen.« 3 »Gut, gut,« ſagte Herr Pickwick haſtig,»aber wo wohnt er?« »Gegenwärtig zu Bury im Engel.« „»Zu Bury 2« „»Zu Bury St. Edmunds, einige Meilen von hier. — Aber in aller Welt, Herr Pickwick, Sie wollen doch nicht aufbrechen, uns ſo früh ſchon verlaſſen 2« Dieſe letzten Worte erreichten Herrn Pickwicks Ohr ſchon nicht mehr, denn er hatte ſich mitten in das Ge⸗ wühl der Gäſte geſtürzt und ſein Freund Tupman war ihm auf dem Fuße gefolgt. »Es iſt vergebens,« ſagte Herr Tupman, als ſie den Park erreicht hatten.»Er iſt fort.« »Weiß es,« ſagte Herr Pickwick,»aber ich werde ihm folgen.« »Ihm folgen? Wohin denn?« fragte Herr Tupman. »In den Engel von Bury,« erwiederte Herr Pick⸗ wick ſehn haſtig.»Man kann nicht wiſſen, wen er dort berückt. Ein Mal hat er einen würdigen Mann betro⸗ gen, woran wir die unſchuldige Urſache waren; aber er ſolls nicht mehr thun, wenn ich ihn darin hindern kann. Ich werde 8 vor aller Welt ſeine Ihrue abreißen.— »Sam! wo iſt mein Bedienter?2« »Da ſein wir, Sir,« rief Herr Weller, aus einer ſtillen Laube hervortretend, wo er eine Flaſche Madera 8 8 116 Die Pickwicker. bearbeitete, die er vor ein paar Stunden aus der Speiſe⸗ kammer entfremdet hatte. „Hier iſt Ihr Bedienter, Sir, und ich bin ſtolz auf dieſen Titel, wie das lebendige Skelet ſagte, als es ſich für Geld ſehen ließ.« »Kommen Sie ſchnell mit mir, Sam,« ſagte Herr Pickwick.»Tupman, falls ich in Bury bleiben ſollte, ſo kommen Sie mir, wenn ich ſchreibe, dahin nach. Auf Wiederſehen!« Alle Vorſtellungen waren vergeblich, denn Herr Pickwick hatte einmal ſeinen Entſchluß gefaßt und er blieb unerſchütterlich. Herr Tupman kehrte zur Geſell⸗ ſchaft zurück, und nach einer Stunde hatte er Herrn Alfred Jingle oder Herrn Charles Fitz⸗Marſhall im Rauſche einer aufheiternden Quadrille und einer Flaſche Champagner gänzlich vergeſſen. Unterdeß behauptete Herr Pickwick mit Sam Weller Außenplätze auf einer Poſtkutſche, die ſchon nicht mehr weit von der guten alten Stadt Bury St. Edmunds entfernt war. 6 Siebenzehntes Kapitel. Allzu reich an Abenteuern, als daß dieſelben in der Kürze angegeben werden könnten. Kein Monat des ganzen Jahres bietet einen herr⸗ lichern Anblick dar, als der Auguſt. Der Frühling hat ſeine großen Reize, und der Mai iſt duftend und blüthen⸗ reich; aber die Schönheiten dieſer Jahrszeit werden durch den Gegenſatz mit den vorhergehenden Wintermonaten* Die Pickwicker. 117 gehoben. Der Auguſt entbehrt jedoch dieſes Vortheils; er kommt, wenn wir an nichts mehr denken, als an ſon⸗ nige Tage, an grüne Auen und ſüßduftende Blumen— wenn uns die Erinnerung an Schnee, Regen und Nord⸗ ſtürme ſo gänzlich fern liegt, als ſei dergleichen nie wie⸗ der zu erwarten— und doch noch ein Mal, welch' ein herrlicher Monat iſt der Auguſt! Belebt durch geſchäftige Arbeiter ſind Baumgärten und Kornfelder, und tief ſen⸗ ken ſich die Zweige der Bäume unter der Laſt goldener Früchte; das Korn ſteht dicht und wogt gleich einem bewegten See, wenn auch nur ein Lüftchen darüber weht, als wenn es nach der Sichel verlangte. Eine ſüße Milde ſcheint Per der ganzen Erde zu ruhen, und ſelbſt der ſchwere Erntewagen verletzt das Ohr nicht mit rauhem Geräuſch. Die Poſtkutſche rollt eilend vorbei an Baumgärten und Feldern, wo Frauen und Kinder, geſchäftig, das Obſt in Körbe zu ſammeln oder Garben zu binden, ihre Ar⸗ beit einen Augenblick unterbrechen, und die ſonnverbrann⸗ ten Geſichter mit noch braunern Händen beſchattend, neugierig nach den Reiſenden hinüberblicken; und wo ein kräftiger Bube, zu klein, um bei der Arbeit behülf⸗ lich zu ſein, und zu muthwillig, um daheim gelaſſen wer⸗ den zu können, aus dem Korbe, in den die Mutter ihn vorſorglich geſetzt hat, herausklimmt, und vor lauter Luſt ſchreit und ſich auf dem Raſen wälzt. Auch der Mäher hält inne, und ſieht mit untergeſchlagenen Armen dem dahinrollenden Fuhrwerk nach; und die ſtarken Acker⸗ pferde ſehen gleichgültig nach den prächtig aufgeſchirrten flüchtigen Roſſen hinüber, und ihre Blicke ſagen ſo deut⸗ lich, als Pferdeblicke es vermögen:»Es iſt hübſch genug anzuſehen, aber langſam Gehen auf einem Acker iſt am Ende doch beſſer, als ſo heiße Arbeit auf der ſtaubigen 118 Die Pickwicker. Heerſtraße.« Bei einer Wendung des Weges wirfſt Du einen Blick zurück, und die Weiber und Kinder, die Mä⸗ her und Ackerpferde— Alles ſiehſt Du wieder rüſtig an der Arbeit. Bei Herrn Pickwicks wohlgeordnetem Gemüth gin⸗ gen die Eindrücke einer ſolchen Scene nichts weniger als ſpurlos vorüber. Der Entſchluß, den ſchändlichen Jingle zu entlarven, wo derſelbe es auch verſuchen möchte, argloſe Mitmenſchen durch ſeine betrügeriſchen Anſchläge zu berücken, erfüllte ihn ganz; er ſaß anfangs ſtumm und ſinnend da, und bedachte, wie er ſeinen Vorſatz am Beſten ins Werk ſetzen könnte, doch nach und nach feſſelten die ſei⸗ nen Blicken ſich darbietenden Gegenſtände ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit, ſo daß ihm durch dieſe Fahrt endlich nicht min⸗ der reichen Genuß gewährt wurde, als wenn er ſie aus der angenehmſten Veranlaſſung in der Welt unternom⸗ men hätte. »Welch' eine ſchöne Ausſicht, Sam,« ſagte Herr Pickwick. »Geht über alle Londoner Schornſteine, Sir,« er⸗ wiederte Sam, indem er ſeinen Hut lüftete. »Ich glaube, Weller, Sie haben Ihr Lebtag wenig mehr als Schornſteine, Backſteine und Mörtel geſehen,« bemerkte Herr Pickwick lächelnd. »Bin auch nicht immer Hausknecht geweſen, Sir,« ſagte Sam kopfſchüttelnd, veinſtmals war ich auch ein Fuhrmanns⸗Junge.« „»Wann war das?« fragte Herr Pickwick. „»Das war, als ich einmal Hals über Kopf in die Welt geſchleudert wurde, um Froſchſprung mit allen ſei⸗ nen Mühſeligkeiten zu ſpielen,« antwortete Sam.»Zuerſt war ich'n Kärrners⸗ und darauf'n Fuhrmanns⸗Junge, und darauf'n Ausläufer, und darauf n Hausknecht, und darauf —, — Die Pickwicker. 119 — und noch gegenwärtig bin ich'n's Gentlemans Bedienter; und vielleicht werd' ich einſtens noch ſelber'n Gentleman ſein, mit'ner Pfeife im Munde und'nem Sommerhäuschen im Garten. Wer weiß?— ich würde mich keinen Au⸗ genblick darüber wundern.« »Jetzt ſind Sie ſchon ein Philoſoph,« bemerkte Herr Pickwick. »Das ſteckt, glaub' ich, in unſrer Familie, Sir,« verſetzte Sam Weller.—»Mein Alter verſteht ſich ſehr gut auf die Philoſophie. Keift meine Stiefmutter mit ihm, ſo pfeift er; wird ſie wüthig und ſchlägt ihm ſeine Pfeife entzwei, ſo geht er'naus und packt ſich'ne andre. Dann fängt ſie ganz unſinnig zu ſchreien an, und kriegt Krämpfe; und er ſchmaucht in ſtiller Ruh, bis ſie wieder zu ſich kommt. Iſt das keine Philoſophie, Sir 2« »Jedenfalls ein ſehr guter Erſatz dafür,« erwiederte Herr Pickwick lachend,»der Ihnen bei Ihrem unſtäten Leben gute Dienſte geleiſtet haben muß.« »Das will ich meinen,« fuhr Sam fort.»Als ich von dem Kärrner fortgelaufen war, und es mit dem Fuhrmann verſuchte, hatte ich zwei Wochen'ne Woh⸗ nung ohne Meubel.⸗ »Wohnung ohne Meubel?« »Ja wohl— die trockenen Bogen der Waterloo⸗ Brücke. Es iſt'ne einzige Schlafſtelle— nur zehn Mi⸗ nuten vom Poſthaus, Packhaus und dergleichen mehr Häuſern— und wenn etwas daran auszuſetzen iſt, ſo wär's nur das, daß ſie ein Biſſel zu luftig iſt. Hab' da viele kurioſe Dinge erlebt.« »Das glaube ich gern,« ſagte Herr Pickwick, und in ſeinen Mienen war nicht zu verkennen, welch ein großes Intereſſe er an dieſen Mittheilungen nahm. Dinge erlebt, Sir,« fuhr Sam Weller fort,»die ——— — — — Die Pickwicker. Ihnen durch Ihr menſchenfreundliches Herz dringen wür⸗ den, ſo daß ſie an der andern Seite wieder heraus kämen. Die ausgelernten Vagabunden trifft man dort nicht an; ſie ſind klug genug dazu. Junge Bettler und Bettlerinnen, die es in ihrer Profeſſion noch nicht weit gebracht haben, ſchlagen dort bisweilen ihr Quartier auf; gewöhnlich ſind es aber nur die verhungernden Creaturen, die kein Dach und Fach haben, und ſich in den dunkelſten Winkeln verkriechen— arme Teufel, die den Zweipfennig⸗Strick nicht bezahlen können.⸗ »Was iſt denn das, Sam?« fragte Herr Pickwick. »Ein wohlfeiles Schlafhaus, wo ein Bett zum Ueber⸗ nachten zwei Pfennig koſtet,« erwiederte Sam Weller. »Warum wird aber ein Bett ein Strick genannt?« fragte Herr Pickwick weiter. »Gott ſegne Ihre Unſchuld, Sir; das geſchieht auch nicht,« erwiederte Sam.»Als die Lady und der Gent⸗ leman, die das Hotel halten, das Geſchäft eröffneten, legten ſie die Betten auf den Fußboden, wobei ſie aber nicht zu ihrer Rechnung kamen; denn ſtatt beſcheiden füͤr ihre zwei Pfennig zu ſchlafen, blieben die Gäſte obenein den halben Tag im Bett. Drum haben ſie jetzt zwei Stricke, ſechs Fuß von einander und anderthalb Ellen über'm Fußboden aufgeſpannt, und die Betten, die von grober Sackleinwand ſind, werden oben drauf gelegt.« »Nun?« ſagte Herr Pickwick. »Der Vortheil dieſer Erfindung iſt klar; denn alle Morgen um ſechs Uhr werden die Stricke an einem Ende gelöſ't; die Gäſte purzeln dann auf den Fußboden, und da ſie ganz munter geworden ſind, ſo ſtehen ſie ruhig wieder auf, und gehen von dannen.« »Bitte um Verzeihung,« unterbrach Sam plöͤtzlich ſeine geſchwätzige Rede;»iſt das Bury St. Edmunds 2« — — — Die Pickwicker. 121 „»Ja,« ſagte Herr Pickwick. Die Poſtkutſche raſſelte durch die wohlgepflaſterten Straßen eines hübſchen Stäͤdtchens, und hielt vor einem großen, in einer breiten Straße, dem alten Kloſter faſt gegenüber gelegenen Gaſthofe. »Und dieſes iſt der Engel,« ſetzte Herr Pickwick, nach dem Schilde hinaufblickend, hinzu.»Wir ſteigen hier aus, Sam. Doch es iſt einige Vorſicht nöthig. Beſtellen Sie ein beſonderes Zimmer für mich, und nennen Sie nicht meinen Namen. Verſtanden?« Sam antwortete durch ein pfiffiges Blinzeln und ging, um die Befehle ſeines Herrn auszurichten; nachdem er den Mantelſack deſſelben herabgenommen hatte. Bald darauf erſchien ein Kellner, der Herrn Pick⸗ wick in das für ihn beſtimmte Zimmer führte. »Sam,« ſagte Herr Pickwick,»das erſte, was wir zu beſorgen haben, iſt—« »Das Mittagsmahl zu beſtellen,« fiel Sam ein. »Es iſt ſchon ſehr ſpät, Sir.« »In der That,« ſagte Herr Pickwick, auf ſeine Uhr ſehend,»Sie haben Recht, Weller.« »Und wenn ich Ihnen rathen darf, Sir,« ſagte Sam,»ſo legen Sie ſich nach dem Eſſen zu Bett, ſchla⸗ fen ordentlich aus, und greifen erſt Morgen früh die Sache mit dem Schlaukopf hier an. Es iſt nichts ſo erfriſchend als der Schlaf, Sir, wie das Hausmädchen ſagte, als es die Taſſe voll Laudanum austrinken wollte.« »Ich glaube, Sie haben Recht, Weller,« ſagte Herr Pickwick.»Doch Eins muß ich erſt wiſſen, ob er hier im Hauſe verweilt, und ſich nicht etwa aus dem Staube zu machen im Begriff ſteht.« »Dafür laſſen Sie mich nur ſorgen, Sir,« ſagte Sam.„»Ich heſtelle ein leckeres kleines Mittageſſen für 12²2 Die Pickwicker. Sie, und ziehe unten meine Nachrichten ein, während es aufm Feuer iſt; ich will nicht mehr Sam Weller hei⸗ ßen, wenn ich nicht jedes Geheimniß aus dem innerſten Herzkaſten des Hausknechts in Zeit von fünf Minuten heraushabe.« »Gut, ſehr gut,« ſagte Herr Pickwick, und Sam Weller entfernte ſich. Nach Verlauf einer halben Stunde ſaß Herr Pick⸗ wick vor einem ſehr befriedigenden Mittagsmahl und nach drei Viertel Stunden kehrte Sam mit der Kunde zurück, daß Herr Charles Fitz⸗Marſhall ausgegangen ſei, um den Abend in einem Privathauſe zuzubringen; daß er dem Hausknecht befohlen, bis zu ſeiner Rückkehr aufzu⸗ bleiben, und daß er ſeinen Bedienten mitgenommen habe. »Kann ich nun,« ſagte Sam ſchließlich,»mit ſeinem Bedienten ein Geſpräch anſpinnen, ſo erfahre ich Alles, was ſein Herr treibt und im Sinne hat.« »Wie können Sie das denn ſo beſtimmt behaup⸗ ten?« fragte Herr Pickwick. »Ei, ſo geht's ja immer unter der Dienerſchaft, Sir,« antwortete Sam. »Ja, ja, das habe ich nicht bedacht,« ſagte Herr Pickwick.. »Sie können dann überlegen, was am beſten zu thun iſt, Sir, und danach nehmen wir unſere Maßregeln.« Herr Pickwick war damit zufrieden, und Sam bat ſich die Erlaubniß aus, ſich einen luſtigen Abend machen zu dürfen. Bald darauf wurde er von der im Schenk⸗ ſtübchen verſammelten Geſellſchaft einſtimmig zum Präſi⸗ denten erwählt. Er übte die Pflicht ſeines ehrenvollen Berufs ſo ſehr zur Zufriedenheit der verſammelten Gent⸗ lemen aus, daß ihr Beifallrufen und ſchallendes Geläch⸗ ter bis in Herrn Pickwicks Schlafgemach drang, und Die Pickwicker. 123 das gewöhnliche Zeitmaß ſeiner Nachtruhe um wenig⸗ ſtens drei Stunden verkürzte. Früh am folgenden Morgen war Herr Weller be⸗ ſchäftigt, die fieberiſchen Nachwehen des fröhlichen Gelags vom vorigen Abend vermittelſt eines Pfennig⸗Sturz⸗ bades zu vertreiben— indem er nämlich einen jungen im Stall⸗Departement angeſtellten Gentleman durch das Anerbieten ebengenannten Geldſtücks bewogen hatte, ihm Waſſer üͤber Kopf und Geſicht zu pumpen, bis er wieder vollkommen friſch wäre— als er einen jungen Mann in maulbeerfarbiger Livree erblickte, der auf einer Bank im Hofe ſaß, in die Lektüre eines Gebetbuchs vertieft ſchien, aber bisweilen einen verſtohlenen Blick auf den unter der Pumpe Befindlichen warf, als ob er trotz ſeiner Andacht dennoch einigen Antheil an demſelben nähme. »Ein ſchnackiſcher Geſell,« dachte Sam Weller, als ſeine Blicke denen des Unbekannten zum erſten Mal be⸗ gegneten. Er hatte ein großes erdfarbiges häßliches Geſicht, tief eingeſunkene Augen und einen rieſenhaften Kopf, von dem ein dichtes, ſtraffes, ſchwarzes Haar her⸗ unterhing.»Ein ſchnackiſcher Geſell,« dachte Tom Wel⸗ ler bei ſich ſelbſt, ſetzte dann ſeine Abwaſchungen fort, und beachtete nicht mehr den Maulbeerfarbigen. Die Blicke des Mannes im maulbeerfarbiger Livree ſchweiften fortwährend zwiſchen ſeinem Gebetbuch und Sam hin und her, als ob er ein Geſpräch anzuknüpfen wünſche, was Sam bald bemerkte, und daher die ge⸗ wünſchte Unterredung begann: »Wie ſteht's Landsmann?« fragte er mit einem ver⸗ traulichen Kopfnicken.. »Freue mich, ſagen zu können, daß ich bei gutem Wohlbefinden bin, Sir,« erwiederte der Andächtige ſehr Die Pickwicker. abgemeſſen, indem er ſein Buch bei Seite legte.»Ich hoffe, daß Ihr Euch auch wohl befindet.« »Wenn mir's weniger zu Sinn wäre, wie'ner leben⸗ digen Branntweinflaſche, ſo würde mir heut Morgen nicht ſo ſchwimelig ſein,« ſagte Sam.„Logirt Ihr hier im Hauſe, alter Burſche?« 4 Der Maulbeerfarbige antwortete bejahend. »Wie kommt's denn, daß Ihr geſtern Abend nicht bei unſerer Geſellſchaft war't?« fragte Sam, ſich das Ge⸗ ſicht mit dem Handtuch reibend, und vor ſich hinredend fügte er hinzu:»Du ſcheinſt mir auch gerade nicht von der luſtigen Brüderſchaft zu ſein— ſiehſt ſo vergnügt aus, wie'ne lebendige Forelle in'nem Weidenkorbe.« »Geſtern Abend war ich mit meinem Herrn ausge⸗ gangen,« ſagte der Unbekannte. »Wie nennt ſich denn Euer Herr?« fragte Sam, und wurde nicht bloß vom Reiben kirſchroth, denn es ging ihm plötzlich ein Licht auf. 8 »Fitz⸗Marſchall,« ſagte der Maulbeerfarbige. »Wollen uns die Hände geben,« ſagte Herr Weller auf ihn zugehend,»möcht' wohl Eure Bekanntſchaft machen;— Euer Geſicht gefällt mir, alter Knabe.« »Das iſt doch ſehr ſonderbar,« verſetzte mit argloſer Miene der Maulbeerfarbige,»Eures gefällt mir ſo ſehr, daß ich vom erſten Augenblick an, da ich Euch unter der Pumpe ſah, mit Euch zu ſprechen wünſchte.« 4 »Wahrhaftig?« »Mein Wort drauf!— Und iſt das nicht ſon⸗ derbar?« »Sehr ſonderbar,« ſagte Sam, ſich im Stillen zu der ehrlichen Einfalt des Unbekannten Glück wünſchend. »Und wie nennt Ihr Euch, alter Graubart?« „Hiob,« Die Pickwicker. 125 „»Das iſt ein ganz guter Name, der einzige, den ich kenne, dem man keinen Spitznamen angehängt hat. Und wie iſt Euer Zuname?« »Trotter.— Und wie heißt Ihr 2« Sam gedachte der Warnung ſeines Herrn und er⸗ wiederte: »Ich nenne mich Walker, und der Name meines Herrn iſt Wilkins.— Wollt Ihr nicht heut' Morgen nen Tropfen von Etwas zu Euch nehmen, Herr Trotter?« Herr Trotter nahm dieſen willkommenen Vorſchlag an, ſteckte ſein Buch in die Taſche, und begab ſich in Geſellſchaft des Herrn Weller nach dem Gaſtſtübchen, wo ſie alsbald beſchäftigt waren, in einem zinnernen Trinkgeſchirr aus Wachholderbranntwein und Gewürz⸗ nelken einen aufmunternden Trank zu bereiten, dem ſie fleißig Beſcheid thaten. »Wie verhält es ſich denn mit Eurer Condition?« fragte Sam, der das Glas ſeines Gefährten zum zweiten Mal füllte. »Schlecht,« erwiederte Hiob mit den Lippen ſchma⸗ ckend,»ſehr ſchlecht.« »Iſt das Euer Ernſt?« fragte Sam. »Voller Ernſt; und was noch ſchlimmer iſt, mein Herr will heirathen.« »Wahrhaftig?« »Wie geſagt; und was noch viel ſchlimmer iſt, er will eine unermeßlich reiche Erbin aus einer Koſtſchule entführen.« »Muß doch ein wilder Herr ſein,« ſagte Sam, dem Maulbeerfarbigen abermals einſchenkend.»Iſt denn die Koſtſchule hier in der Stadt?⸗ Obgleich nun Sam dieſe Frage in dem unbefangen⸗ ſten Ton geſtellt hatte, ſo gab Herr Hiob Trotter doch — 126 Die Pickwicker. deutlich genug durch Geberden zu verſtehen, daß er die Abſicht der letzten Worte ſeines neuen Freundes durch⸗ ſchaut habe; denn er leerte ſein Glas, ſah Sam Weller geheimnißvoll an, blinzelte mit den kleinen Augen, und machte endlich eine Bewegung mit den Armen, als wenn er den Schwengel einer Brunnenpumpe be⸗ wegte, wodurch er andeuten wollte, daß er ſich gleichſam für einen Brunnen hielt, der durch Sam Weller aus⸗ gepumpt werden ſolle, »Nein, nein,« ſagte Herr Trotter endlich„ſo etwas darf nicht Jedermann wiſſen. Das iſt ein Ge⸗ heimniß— ein großes Geheimniß, Herr Walker.« Bei dieſen Worten ſtülpte er ſein Glas um, ſeinem Freund dadurch andeutend, daß nichts mehr darin ſei, womit er den Durſt befriedigen könne. Sam verſtand den Wink, und ließ, da er für die Zartheit deſſelben em⸗ pfänglich war, das zinnerne Gefäß aufs Neue füllen, wobei die kleinen Augen des Maulbeerfarbigen gar hell glänzten. »Es iſt alſo ein Geheimniß?« ſagte Sam. »Müßte mich ſonſt ſehr irren,« erwiederte der Maul⸗ beerfarbige, behaglich das Getränk einſchlürfend. »Euer Herr iſt wohl ſehr reich?« fragte Sam. Herr Trotter lächelte, und ſchlug vier Mal auf die Taſche ſeiner maulbeerfarbenen Beinkleider, als wenn er damit zu verſtehen geben wolle, daß fein Herr daſſelbe thun könne, ohne durch das Geklingel von Geld irgend Jemand zu beunruhigen. »Ha, ha! ſo ſteht's alſo bei ihm!« rief Sam aus. Herr Trotter nickte bedeutungsvoll. »Und meint Ihr denn nicht, mein alter Prophet,« begann Sam von Neuem,»daß Ihr ein Erzböſewicht Die Pickwicker. 127 ſeid, wenn Ihr's zulaßt, daß Euer Herr die junge Dame entführt?« »Das weiß ich ganz gut,« erwiederte Hiob Trotter ſeufzend, und Sam mit einer Miene der tiefſten Zer⸗ knirſchung anblickend.»Das weiß ich ganz gut, und es laſtet mir ſchwer auf dem Herzen.— Aber was ſoll ich beginnen?« »Beginnen!« rief Sam aus;»könnt Ihr die Vor⸗ ſteherin der Anſtalt nicht davon in Kenntniß ſetzen, und Eure Condition aufgeben?« »Würde ſie mir glauben?« ſagte Hiob Trotter. »Man ſchildert die junge Dame als ein wahres Muſter der Unſchuld und Klugheit, und zudem würde ſie es leug⸗ nen gerade wie mein Herr auch. Wer würde mir glau⸗ ben, und ich verlöre meine Stelle; das hätte ich davon.« „Das iſt freilich nicht ohne,—« ſagte Sam nach⸗ denkend,»es iſt wahrhaftig nicht ohne—« »Kennte ich einen achtbaren Herrn, der die Sache auf ſich nehmen wollte,« fiel Herr Hiob Trotter ein, „ſo ließe ſich hoffen, daß die Entführung zu verhindern wäre; doch, da iſt wieder dieſelbe Schwierigkeit, Herr Walker.— Ich bin fremd hier, und kenne keinen acht⸗ baren Herrn, und wenn ich auch einen kennte, er würde mir, ich wette zehn gegen eins, nicht glauben.« »Kommt einmal mit mir,« ſagte Sam, plötzlich aufſpringend und den Maulbeerfarbigen beim Arm neh⸗ mend.»Mein Herr iſt gerade der Mann, den Ihr ſucht.« Hiob Trotter leiſtete nur ſchwachen Widerſtand, und Sam zerrte ſeinen neugewonnenen Freund in Herrn Pickwicks Zimmer, ſtellte Hiob vor, und berichtete den Haupt⸗Inhalt ſeines mit dem Maulbeerfarbigen ehad tenen Zwiegeſpraͤchs. 1 128 Die Pickwicker. »Es ſchmerzt mich ſehr, an meinem Herrn zum Verräther zu werden, Sir,“« ſagte Hiob Trotter, der ſich ein Taſchentuch von ungefähr drei Quadratzoll Flächen⸗ Icchalt vor die Augen hielt. »Das gereicht Ihnen zu großer Ehre,« erwiederte Herr Pickwick;»unter ſolchen Umſtänden iſt es aber durchaus Ihre Pflicht.« »Ich weiß, daß es meine Schuldigkeit iſt, Sir,« 1 ſagte Hiob ſehr bewegt.»Ein Jeder muß ſeine Pflichten erfüllen, und ich beſtrebe mich, nach beſtem Wiſſen und . Gewiſſen, den meinigen nachzuleben, Sir; aber es hält doch ſehr ſchwer, ſeinen Herrn zu verrathen, Sir, deſſen Rock man trägt und deſſen Brod man ißt, und ſollte es auch ein noch ſo großer Böſewicht ſein, Sir.« b»Sie ſind ein vortrefflicher Menſch,« ſagte Herr Pickwick ſehr gerührt,»ein ſehr braver Menſch.« »Hört, guter Freund,« fiel Sam ein, der den Thrä⸗ nenfluß des Herrn Trotter mit großer Ungeduld zuge⸗ ſchaut hatte,»es ſtäubt hier nicht, ſo macht denn ein Ende mit der Waſſerkarre. Es kommt nichts Gut's dabei heraus, ganz und gar nichts.« »Sam,“ ſagte Herr Pickwick im Ton des Vorwurfs, ves thut mir leid, zu ſehen, daß Sie ſo wenig Achtung vor den Gefühlen dieſes jungen Mannes zeigen.«⸗ „»Seine Gefühle ſind allerdings ſehr gut, Sir,« ent⸗ gegnete Sam Weller,»und weil ſie ſo ſehr ſchön ſind 1 und es Schade wäre, wenn ſie verloren gingen, ſo meine ich, er thäte beſſer, ſie in ſeiner Bruſt verſchloſſen zu halten, als ſie in heißem Waſſer wegfließen und ver⸗ trocknen zu laſſen, beſonders, da ſie zu nichts Gutem dienen. Thränen haben noch nie'ne Uhr aufgezogen oder— ene Dampfmaſchine getrieben. Stopft Euch Eure Pfeife f mit dieſer Betrachtung, junger Menſch, wenn Ihr das Die Pickwicker. 129 nächſte Mal in'ne Rauchgeſellſchaft geht; für jetzt aber ſteckt Euer baumwollenes Tuch in die Taſche. Es iſt auch gar nicht ſo ſchön, daß Ihr damit henunäeßgren braucht, grade als wenn Ihr ein Seiltänzer wär' »Mein Bedienter hat Recht,« ſagte Herr Pickwick, ſich zu Hiob wendend,»obſchon er ſeine Meinung auf eine derbe, und zuweilen auch etwas unverſtändliche Weiſe darlegt.« »Er hat ſehr Recht,« ſagte Hiob Trotter,»und ich will meinen Gefühln Einhalt thun.⸗ »Sehr wohl,« entgegnete Herr Pickwick,»und nun ſagen Sie mir, wo die Koſtſchule iſt.« »Es iſt ein großes, altes, aus rothen Backſteinen gebautes Haus, gerade vor der Stadt,« antwortete Herr Trotter. »Und wann ſoll der ſchändliche Plan ansgeführt wer⸗ den?« fragte Herr Pickwick,»wann ſoll die Entführung ſtattfinden?« »Heute Abend, Sir,« erwiederte Hiob. »Heute Abend!« rief Herr Pickwick aus. »Heute Abend ſchon, Sir,« beſtätigte Herr Trotter; und das iſt's eben, was mich ſo ſehr beunruhigt.« »Auf der Stelle müſſen Maßregeln getroffen werden,« ſagte Herr Pickwick.»Ich werde ſogleich zu der Dame gehen, unter deren Leitung ſich die jungen Mädchen befinden.« »Ich bitte um Entſchuldigung, Sir,« fiel Hiob ein, „aber dadurch werden wir nie zum Ziele gelangen.« »Warum nicht?« fragte Herr Pickwick. »Mein Herr iſt ein anßerſt ſchlauer Mann, Sir.« »Ich weiß es!« ſagte Herr Pickwick. »Und er hat die alte Dame ſo umgarnt,« fuhr Hiob fort,»daß ſie nichts, was ihm zum Macheh gereicht, Die Pickwicker. II. 130 Die Pickwicker. glauben würde, und wenn Sie es auf Ihren bloßen Knieen beſchwören wollten; beſonders da Sie keinen Be⸗ weis haben, ſondern nur die Ausſage eines Dieners, den. ſein Herr,(was er ſogleich ſagen würde,) wegen irgend eines Vergehens fortgejagt, und den nichts als Nache dazu bewogen hätte.« »Was können wir aber Beſſeres thun?« fragte Herr Pickwick. „»Die alte Dame wird nicht anders zu überzeugen ſein, als wenn wir ihn auf der That ertappen, Sir,« erwiederte Hiob. »Die alten Katzen ſind alle ſo ſtarrſinnig, daß ſie mit ihren Köpfen gegen Meilenſteine anrennen,« bemerkte Herr Weller in Parentheſe. „»'ch fürchte aber nur,« ſagte Herr Pickwick,»daß es ſehr ſchwer halten wird, ihn auf der That zu er⸗ tappen.« .»Ich ſollte meinen, Sir,« verſetzte Herr Hiob Trot⸗ ter, nach einigem Nachſinnen,»daß es ſehr leicht anzu⸗ fangen wäre.«⸗ „Aber wie?« fragte Herr Pickwick. »Das will ich Ihnen ſagen,« antwortete Hiob. »Wir, mein Herr und ich, ſind mit den zwei Mägden einverſtanden, die uns um zehn Uhr in der Küche verſte⸗ cken werden. Wenn die Vorſteherin und die Koſtgänge⸗ rinnen ſich zur Ruhe gelegt haben, kommen wir aus der Küche und die junge Dame aus ihrem Schlafzimmer; eine Poſtchaiſe ſteht bereit und wir machen uns auf und davon.«* „»Nun?« ſagte Herr Pickwick. »Nun, ich denke, Sir, wenn Sie im Garten hinter dem Hauſe warteten, allein—« Die Pickwicker. 131 »Allein?« unterbrach Herr Pickwick.»Weshalb allein?2« »Ich denke, Sir,« erwiederte Hiob,„daß es der alten Dame natürlich ſehr unangehm ſein müßte, wenn dieſe ärgerliche Entdeckung in Beiſein mehrerer Perſonen er⸗ folgte. Und auch der jungen Dame, Sir, bedenken Sie deren Gefühle.« »Sie haben ganz Recht,« ſagte Herr Pickwick,»und verrathen ſehr viel Zartgefühl.— Nun weiter;— Sie haben vollkommen Recht.« »Nun denke ich, wenn Sie allein im Garten warte⸗ ten, ließe ich Sie dann Schlag Zwölf durch die Hinter⸗ thür, die auf die Hausflur führt, ein, und Sie würden gerade im rechten Augenblick dort ſein, um mir beizuſtehen, das Vorhaben des ſchlechten Mannes, von welchem ich mich unglücklicher Weiſe habe umgarnen laſſen, zu hin⸗ tertreiben.« Hier ſeufzte Herr Trotter tief auf. „»Betrüben Sie ſich hierüber doch nicht,« ſagte Herr Pickwick,»wenn er nur eine Spur von dem Zartgefühl hätte, das Sie auszeichnet, ſo niedrig Ihre Stellung in der Welt auch iſt; ſo würde ich ſelbſt ihn noch nicht ganz aufgeben.« Hiob Trotter machte eine tiefe Verbeugung, und trotz Wellers vorherigen Ermahnungen füllten ſich ſeine Augen wiederum mit Thränen. »Nein, ſo'n Patron iſt mir mein Lebstag noch nicht vorgekommen,« ſagte Sam.»Ich glaube wahr⸗ haftig, er hatt'nen Waſſerſchlauch im Kopf, der fort⸗ während gedrückt wird.« „»Weller,« ſagte Herr Ait wii ſehr ernſthaft,»Sie halten den Mund.« »Sehr wohl, Sir,« erpiederte Herr Weller. 3 132 Die Pickwicker. „Der Plan gefällt mir nicht,« ſagte Herr Pickwick nach tiefem Nachſinnen.—»Warum ſoll ich die Ange⸗ hörigen der jungen Dame nicht von der Sache in Kennt⸗, niß ſetzen 2« »Weil ſie hundert Meilen weit von hier wohnen, Sir,« erwiederte Herr Trotter. »Da ſtehen die Ochſen ſchon wieder am Berge,« ſagte Sam Weller bei Seite. »Aber wie ſoll ich in den Garten kommen?« fragte Herr Pickwick weiter. »Die Mauer iſt ſehr niedrig, Sir, und Ihr Bedien⸗ ter kann Ihnen das Bein aufheben.« „»Mein Bedienter wird mir das Bein aufheben,« wiederholte Herr Pickwick mechaniſch.—»Sie werden doch ſicher an der Thüre ſtehen, von der Sie ſprachen?« »Sie können ſie nicht verfehlen, Sir, denn es iſt nur eine, die in den Garten führt. Klopfen Sie nur an, wenn Sie den Glockenſchlag hören, und ich werde ſie Ihnen ſogleich öffnen.⸗ »Der Plan gefällt mir nicht,« ſagte Herr Pickwick zum zweiten Mal;—»doch da das ganze Lebensglück der jungen Dame auf dem Spiel ſteht, und mir kein beſſerer einfallen will, ſo muß ich wohl darauf eingehen.— Sie werden mich am beſtimmten Orte finden.« So verwickelte Herrn Pickwick's angeborne Men⸗ ſchenfreundlichkeit ihn in ein Abenteuer, das er ſehr wünſchte, ſchon überſtanden zu haben. »Wie wird das Haus genannt?« fragte er. »Weſtgate⸗Houſe, Sir. Wenn Sie aus der Stadt kommen, wenden Sie ſich ein wenig rechts; es liegt abgeſondert, und nur in geringer Entfernung von der Heerſtraße, und ſein Name iſt au feiner meſſingenen Platte am Thore zu leſen.« ———— Die Pickwicker. 133 »Ich weiß ſchon,« ſagte Herr Pickwick.»Es iſt mir früher ſchon einmal aufgefallen, als ich hier im Orte war; Sie können ſich auf mich verlaſſen.« Herr Trotter verbeugte ſich abermals, und wollte ſich entfernen; allein Herr Pickwick ging ihm nach, und drückte ihm eine Guinee in die Hand. »Sie ſind ein vortrefflicher Menſch,« ſagte Herr Pickwick,»und ich bewundere Ihre Herzenszüte. Keinen Dank.— Vergeſſen Sie nicht— elf Uhr.« »Hat gute Wege, Sir, ich werde es gewiß nicht vergeſſen,« ſagte Hiob Trotter und verließ, gefolgt von Sam, das Zimmer. »Hört einmal,« begann Sam draußen,»mit dem Heulen, das iſt nicht gar ſo dumm. Unter ſo guten Bedingungen würde ich ſelbſt gießen, wie'ne Dachrinne bei'nem Regenſchauer.— Wie fangt Ihr's denn an?« »Es kommt mir vom Herzen, Herr Weller,« ſagte Hiob Trotter feierlich.—»Guten Morgen, Sir.⸗ »O du Kameel!— dachte Herr Weller, als Hiob ſich entfernte;— v»aber ganz egal, wir haben doch mal Alles aus Dir herausgepumpt.« Was Hiob dachte, können wir nicht genau ſagen, da wir ſeine innerſten Gedanken nicht kennen. Der Tag verſtrich, der Abend kam, und kurz vor zehn Uhr berichtete Herr Weller, daß Herr Jingle und Hiob mit einander ausgegangen, daß ihr Gepäck ſchon hinabgebracht ſei, und daß ſie eine Poſtchaiſe beſtellt hätten.— Alles ſtimmte mit Hiob Trotters Ausſage überein, der Anſchlag ſollte offenbar ausgeführt werden. Halb elf Uhr hatte geſchlagen, und es war hohe Zeit zu Herrn Pickwicks Aufbruch, um die ihm über⸗ tragene mißliche Rolle zu übernehmen. Sam reichte ihm den Ueberrock, den er jedoch zurückwies, um beim BMn 134 Die Pickwicker. Ueberſteigen der Mauer nicht durch ihn gehindert zu werden. Beide machten ſich auf den Weg. Sie hatten Vollmond, der aber beſtändig durch dicke Wolken verborgen wurde, und die Nacht war un⸗ gewöhnlich finſter. Die Wege, Felder, Hecken, Häuſer und Bäume— Alles war mit tiefen, ſchwarzen Schat⸗ ten überzogen; die Luft war heiß und drückend; am Rande des Horizonts zuckte ſchwaches Wetterleuchten, und unterbrach allein die einförmige Dunkelheit, in die Alles gehüllt war; auch vernahm man keinen Laut, als das entfernte Gebell irgend eines wachſamen Haus⸗ hundes. Sie fanden das Haus, laſen die Inſchrift, gingen rund um die Gartenmauer, und hielten an dem Punkt, der zum Ueberſteigen gewählt wurde. „Wenn Sie mir hinübergeholfen haben, Weller, ſo kehren Sie nacheͤdem Gaſthofe zurück,« flüſterte Herr Pickwick. „»Wie Sie befehlen, Sir!« »Und bleiben auf bis zu meiner Rückkehr.«⸗ »Ganz recht, Sir!« „»Faſſen Sie mein Bein, und wenn ich ſage: Ueber“ ſo heben Sie ſacht.« »Gut, Sir!« Nachdem dieſe Präliminarien verabredet waren, faßte Herr Pickwick den Rand der Mauer, und gab das Com⸗ mandowort»Ueber,« welchem Sam mehr als wörtlich nachkam. Sei es nun, daß Herrn Pickwicks Körper der Elaſticität ſeines Geiſtes einigermaßen entſprach, oder daß Sam Wellers Begriffe von einem Sachtheben etwas gröberer Art, als die ſeines Herrn waren; genug, die unmittelbare Wirkung des Wellerſchen Beiſtandes war die, daß der unſterbliche Pickwick eigentlich über die Die Pickwicker. 135 Mauer hinübergeſchleudert ward, und nachdem er drei Stachelbeerbüſche, und einen Roſenſtock zerdrückt hatte, ſeiner vollen Länge nach auf dem jenſeitigen Beete an⸗ langte. „Ich denke, Sie haben keinen Schaden genommen, Sir,« ſagte Sam ſehr laut flüſternd, als er ſich von dem Erſtaunen, das ſich ſeiner nach dem geheimnißvollen Verſchwinden ſeines Herrn bemächtigte, erholt hatte. »Ich habe keinen Schaden genommen, Sam,« flü⸗ ſterte Herr Pickwick von der andern Seite der Mauer,« aber es kommt mir faſt ſo vor, als wenn Sie mich beſchädigt hätten.« „Das will ich nicht hoffen, Sir,« flüſterte Sam. »Laſſen wir es gut ſein,« flüſterte Herr Pickwick, indem er aufſprang;»hat nichts zu bedeuten, ſind nur etliche Schrammen. Gehen Sie, Weller, man könnte uns ſonſt reden hören.«⸗ »Wünſche Ihnen gute Geſchäfte, Sir.⸗ 4„Adieu.« Sam entfernte ſich mit leiſen Schritten, und ließ ſeinen Herrn allein im Garten zurück. In den Zimmern von Weſtgate⸗Houſe erſchienen und verſchwanden bisweilen Lichter, als wenn die Be⸗ wohner ſich zur Ruhe begäben. Vor der verabredeten Zeit wollte Herr Pickwick ſich dem Hauſe nicht zu ſehr nähern; weshalb er ſich einſtweilen in einen Winkel der Gartenmauer drückte. Herrn Pickwicks Lage war der Art, daß ſie ſicher manchen beherzten Mann mit Beſorgniſſen erfüllt haben würde; ihn wandelte aber nicht die mindeſte Bangigkeit an. Er war ſich bewußt, daß ſeine Abſichten rein und gut ſeien, er ſetzte ein unbedingtes Vertrauen in den zartfuͤhlenden, redlichen Hiob. Seine Lage war aller⸗ 136 Die Pickwicker. dings eine langweilige und unangenehme, aber ein Phi⸗ loſoph kann ſich immer mit Nachdenken beſchäftigen, und ſo philoſophirte Herr Pickwick ſich in einen halben Schlummer, aus dem er durch den Glockenſchlag von der nächſten Kirche erweckt wurde— es ſchlug halb zwölf »Jetzt iſt es Zeit!«— dachte er, und näherte ſich be⸗ hutſam dem Hauſe. Er blickte an demſelben hinauf; die Lichter waren verſchwunden; die Fenſterſchläge geſchloſſen; ohne Zweifel alle Hausbewohner zu Bette. Er ſchlich ſich auf den Zehen an die Thür, und pochte leiſe an. Als nach einigen Minuten Alles fortwährend ſtill blieb, pochte er ein wenig lauter, dann noch lauter und immer lauter. Endlich hörte er Fußtritte auf der Treppe, und der Schein eines Lichtes fiel durch das Schluͤſſelloch der Thür. Es ward aufgeſchloſſen und aufgeriegelt, und die Thür langſam geöffnet. Sie ging nach außen auf, und je weit er auf⸗ gemacht wurde, deſto weiter trat Herr Pickwick hinter dieſelbe zurück; denn wer malt ſein Erſtaunen, als er vermittelſt eines vorſichtig und geſchickt angewendeten Blickes die Entdeckung machte, daß die Perſon, welche die Thür öffnete— nicht Hiob Trotter war, ſondern ein Hausmädchen, das ein Licht in der Hand hielt. Herr Pickwick zog ſeinen Kopf ſchnell zurück. 3 »Es muß die Katze geweſen ſein, Sarah,« ſprach das Mädchen in das Haus hinein.»Miez, Miez, Miez, — pfwe, pſwe, pſwe! Kein Thier ließ ſich aber durch die Schmeicheltöne herbeilocken; das Mädchen verſchloß und verriegelte die Thür wieder, und ließ Herrn Pickwick, der ſich feſt wider die Wand gedrückt hatte, ſtehen. »Das iſt höchſt ſonderbar,« dachte Herr Pickwick. »Es ſcheint, daß ſie länger als gewöhnlich aufbleiben. Die Pickwicker. 137 Welch ein höchſt unglückliches Zuſammentreffen, daß ſie gerade dieſe Nacht vor allen andern dazu wählten— ſehr verdießlich!« So vor ſich hinſprechend, ſchlich ſich Herr Pickwick behutſam nach dem Winkel, in dem er ſich vorhin ver⸗ borgen hatte, zurück, um dort noch einige Zeit zu warten, und dann das verabredete Signal zu wiederholen. Er hatte kaum fünf Minuten in ſeinem Verſteck verweilt, als auf einen leuchtenden Blitzſtrahl ein hefti⸗ ger Donnerſchlag folgte, deſſen Getöſe noch dumpf in der Ferne nachhallte, als auch die Blitz⸗ und Donner⸗ ſchläge bald immer ſchneller auf einander folgten und immer ſchrecklicher wurden, und hintendrein fiel ein hef⸗ tiger Platzregen, mit einer Kraft und Wuth, das er Alles mit ſich fortriß. Herr Pickwick wußte wohl, daß ein Baum in dem Gewitter ein ſehr gefährlicher Nachbar iſt; und er hatte einen Baum zu ſeiner Rechten, einen Baum zur Lin⸗ ken, einen vor und einen hinter ſich. Blieb er, wo er war, ſo konnte er leicht das Opfer eines Unfalls werden; ließ er ſich mitten im Garten ſehen, ſo ſetzte er ſich der Gefahr aus, daß man einen Conſtabel rufen ließ, um ihn feſtzunehmen. Er erneuerte mehrere Male den Verſuch, über die Mauer zu ſteigen; aber da er dieſesmal keine andere Beine hatte, als mit denen ihn die Natur begabt, ſo war ſeiner Bemühungen einziger Erfolg, daß er ſich die Kniee und Schienbeine auf eine ſehr unangenehme Weiſe verletzte, und in einen ſehr hef⸗ tigen Schweiß gerieth. »Welch' eine ſchreckliche Lage!« ſagte Herr Pickwick zu ſich ſelbſt, als er endlich von ſeinen fruchtloſen Ver⸗ ſuchen abließ und ſich die Stirn abtrocknete. Er blickte an dem Hauſe hinauf— Alles war finſter— Sie 138 Die Pickwicker. möchten jetzt wohl zu Bett gegangen ſein.— Er be⸗ ſchloß, das Signal zu wiederholen. Er ging über den naſſen Kiesſand, und klopfte an die Thür. Er hielt den Athem an und lauſchte durch das Schlüſſelloch. Nichts regte ſich.— Er pochte und horchte, und horchte aber⸗ und abermals, und vernahm endlich ein leiſes Ge⸗ flüſter. Bald darauf rief eine Stimme: „»Wer iſt da 2« »Das iſt Hiob's Stimme wiederum nicht,« dachte Herr Pickwick, und drückte ſich eiligſt hinter die Thür an die Wand; ves iſt eine Weiberſtimme.« Er hatte kaum Zeit gehabt, die Wahrnehmung bei ſich feſtzuſtellen, als im obern Stock ein Fenſter geöffnet ward, und drei bis vier weibliche Stimmen die Frage wiederholten. »Wer iſt da 2⸗ Herr Pickwick getraute ſich nicht, weder Hand noch Fuß zu bewegen. Offenbar war das ganze Haus wach. Er beſchloß zu bleiben, wo er war, bis Alles wieder ſtill geworden ſei, und alsdann eine übernatürliche Anſtren⸗ gung zu machen, um über die Mauer zu ſteigen oder in dem Verſuch zu ſterben. Dieſer war, wie alle ſeine Entſchlüſſe, der beſte, den er unter den obwaltenden Umſtänden faſſen konnte; nur war er unglücklicherweiſe auf die Vorausſetzung begründet, daß man es nicht wagen würde, die Thüre zum zweiten Male zu öffnen. Man denke ſich daher Herrn Pickwicks Schreck, als er aufſchließen und aufriegeln hörte, und die Thür langſam weiter und immer weiter öffnen ſah. Er drückte ſich ſo feſt als nur irgend möglich an die Wand, konnte aber trotz dem nicht verhindern, daß ſeine Perſon endlich dem Beſtreben, die Thür ſo weit zu öffnen, als ſie ſonſt geöffnet werden konnte, Widerſtand leiſten mußte. Die Pickwicker. 139 „Wer iſt da?« rief ein Chor von Stimmen, die der unverheiratheten Vorſteherin von Weſtgate⸗Houſe, drei Lehrerinnen, fünf Dienerinnen und dreißig Koſtſchülerin⸗ nen angehörten, welche Alle auf der Hausflur und Treppe halb angekleidet, und in einem Walde von Haar⸗ wickeln zuſammengedrängt ſtanden. Herr Pickwick gab natürlich keine Antwort, und auf das:»Wer iſt da?« der Damen folgte nunmehr der Ausruf:»Barmherziger Himmel, wie erſchrocken ich bin!« und dergleichen mehr. „Köchin,“« rief die Vorſteherin, welche ſich vorſichtig am allerweiteſten von der Gefahr entfernt oben auf der Treppe hielt.»Köchin, warum gehen Sie nicht ein Paar Schritte weit in den Garten hinein?« »Bitte um Entſchuldigung, Ma'am, wie kann ich denn das 2« Ach, welch ein einfältiges Geſchöpf die Köchin iſt!a riefen die dreißig Koſtſchülerinnen. „Köchin,« begann die Vorſteherin abermals mit hoher Würde;»keine Widerreden, wenn ich bitten darf. Ich will, daß Sie augenblicklich in den Garten hineingehen.⸗ Hierauf fing die Köchin an zu weinen, und das Stu⸗ benmädchen ſagte:»daß es ein Schimpf und eine Schande ſei, die Köchin ſo zu behandeln,« für welche Theilnahme an der begonnenen Gehorſamsverweigerung dem Stuben⸗ mädchen ſogleich der Dienſt aufgekündigt ward. »Haben Sie nicht gehört, Köchin?« rief die Vorſte⸗ herin, aufgebracht mit den Füßen ſtampfend. »Haben Sie den Befehl Ihrer Herrſchaft nicht ge⸗ hört?« riefen die drei Lehrerinnen. »„Welch ein unverſchämtes Geſchöpf die Köchinn iſtla riefen die dreißig Koſtſchülerinnen. 1 Die unglückliche und von allen Seiten bedrängte 140 Die Pickwicker. Köchin nahm ſich das Herz, ein paar Schritte in den Garten zu wagen, wobei ſie aber das Licht ſo hielt, daß ſie nichts ſehen konnte, und ſie erklärte, daß Niemand da ſei, und das der Wind es geweſen ſein möge. Die Thür wurde eben wieder zugezogen, als eine forſchbegie⸗ rige Koſtſchülerin, die zwiſchen den Angeln durchgeblickt hatte, ein furchtbares Geſchrei erhob. »Was iſt denn das mit Miß Smithers?« rief die Vorſteherin, als Miß Smithers in Krämpfe von vier junger Damen⸗Kraft verfiel. »Ach Gott, liebſte Schmithers!« riefen die anderen neun und zwanzig Koſtſchülerinnen. »Ach, ein Mann— ein Mann— hinter der Thür!« rief Miß Smithers aus. Kaum erreichten dieſe ſchrecklichen Worte der Vorſte⸗ herin Ohr, als ſie in ihr Schlafgemach ſprang; die Thür doppelt und dreifach verriegelte und ganz comfortabel in Ohnmacht ſank. Die Koſtſchülerinnen und die Lehrerin⸗ nen, die Köchin und die Hausmädchen ſtolperten zurück und über einander her, die Treppe hinauf, und nie war ſolch ein Schreien, Ohnmächtigwerden, Ächzen und Durch⸗ einanderlaufen gehört und geſehen worden. In dieſem Wirwarr kam Herr Pickwick aus ſeinem Verſteck hervor, und präſentirte ſich den Damen. »Meine Damen— meine allerwertheſten Damen,« begann Herr Pickwick. „»O, er nennt uns Allerwertheſte,« ſchrie die älteſte und häßlichſte der drei Lehrerinnen.»O des Elenden!“« »Meine Damen,« ſchrie Herr Pickwick nach Her⸗ zenskraft, denn er war durch die Gefahr ſeiner Lage in Verzweiflung gerathen.»Hören Sie mich an. Ich bin kein Räuber. Sie können ganz ruhig ſein; ich begehre nur mit der Dame vom Hauſe zu reden.“« Die Pickwicker. 141 „O, welch ein abſcheuliches Unthier!« ſchrie eine andere Lehrerin.»Miß Tomkins begehrt er.« Hier ſtimmten ſämmtliche Damen ein Geſchrei an und faſt zwölf Stimmen riefen: „»Läute Jemand die Sturmglocke!« »O bitte, bitte, thun Sie das nicht,« rief Herr Pickwick flehend.»Sehen Sie mich doch nur an. Können Sie mich für einen Räuber halten?— Meine theuren Damen— Sie können mir Hände und Füße binden, mich einſperren, wenn's Ihnen beliebt. Hören Sie aber nur, was ich zu ſagen habe— hören Sie mich doch nur an!« »Wie ſind Sie in den Garten gekommen?« fragte ſtotternd eins der Hausmädchen. „»Rufen Sie die Vorſteherin, und ich werde ihr Alles ſagen,« erwiederte Herr Pickwick.— Rufen Sie ſie— beruhigen Sie ſich doch nur, und Sie werden Alles vernehmen.« Der einſichtsvollere Theil der Mitglieder der Pen⸗ ſions⸗Anſtalt, das heißt vier bis fünf Individuen, wurden wirklich verhältnißmäßig ruhiger; mochte es nun durch Herrn Pickwicks Perſönlichkeit, ſein ganzes We⸗ ſen, den Ton ſeiner Stimme, oder durch das für weibliche Gemüther ſo unwiderſtehliche Verlangen, etwas noch in Geheimniß Eingehülltes zu erfahren, bewirkt werden. Sie machten Herrn Pickwick den Vorſchlag, er ſolle ſich als Beweis, daß er die Wahrheit ſage, und es redlich meine, einſperren laſſen; und da er darauf einging, mit Miß Tomkins aus dem Kabinet, in welchem die Tags⸗Schü⸗ lerinnen ihre Hüte und Butterbrod⸗Beutel aufzuhängen pflegten, zu unterhandeln, wurde er ſofort in daſſelbe eingelaſſen, und es hinter ihm verriegelt. Dies flößte auch den Uebrigen Muth ein, und als Miß Tomkins K 142 1 Die Pickwicker. ſich wieder erholt hatte und hinabgekommen war, begann die Conferenz: „»Was hatten Sie in meinem Garten zu thun?« ſagte Miß Tomkins mit ſchwacher Stimme. »Ich kam, um Ihnen zu berichten, daß eine Ihrer jungen Damen ſich in dieſer Nacht entführen laſſen wollte,« antwortete Herr Pickwick aus dem Innern ſeines Kabinets. »Entführen laſſen!« riefen Miß Tomkins, die drei Lehrerinnen, die dreißig Koſtſchülerinnen, und die fünf Dienerinnen aus.»Von wem denn 2« „»Von Ihrem Freunde, dem Herrn Charles Fitz⸗ Marſhall.« „»Meinem Freunde?— Ich kenne keinen Herrn dieſes Namens.⸗ »Oder Herr Jingle, wie er ſonſt heißen mag.«⸗ „Den Namen habe ich in meinem Leben noch nicht gehört.« „»Dann hat man mich ſchändlich getäuſcht und belo⸗ gen,« ſagte Herr Pickwick.»Ich bin das Opfer einer Verſchwörung— einer nichtswürdigen ruchloſen Ver⸗ ſchwörung.— Schicken Sie nach dem Engel, meine theure Ma'am, wenn Sie mir nicht glauben wollen. Ich bitte auf das Inſtändigſte, laſſen Sie Herrn Pick⸗ wicks Bedienten rufen.⸗ „Es muß doch ein anſtändiger Mann ſein— er hält einen Bedienten,⸗ ſagte Miß Tomkins, ſich zu der Schreib⸗ und Rechenlehrerin wendend. »Ich glaube vielmehr, Miß Tomkins,« erwiederte die Schreib⸗ und Rechenlehrerin,„daß ſein Bedienter ihn hält. Ich glaube, es iſt ein Wahnſinniger und der Andere ſein Wächter.« „Ich glaube, daß Sie wohl Recht haben mögen, Die Pickwicker. 2 143 Miß Gwynn,« entgegnete Miß Tomkins.»Zwei Mägde ſollen nach dem Engel gehen, und die übrigen zu unſerm Schutz hier bleiben.« Es wurden demgemäß ſofort zwei Hausmädchen nach dem Engel abgeſandt, um Herrn Samuel Weller aufzuſuchen, und die andern drei traten in den Hinter⸗ grund, um Miß Tomkins, die drei Lehrerinnen und die dreißig Koſtſchülerinnen zu beſchützen. Herr Pickwick, der ſich in ſeinem Kabinet unter einem Luſtwäldchen von Butterbrod⸗Beuteln ſetzte, erwartete die Rückkehr der Abgeſandten mit ſo viel Philoſophie und Seelenſtärke, als er nur aufzubieten vermochte. Es vergingen anderthalb Stunden, bevor die Mäd⸗ chen zurückkehrten, und als ſie endlich kamen, vernahm Herr Pickwick außer Sam Wellers Stimme noch zwei andere, die ihm bekannt ſchienen; er wußte ſich jedoch . nicht gleich zu entſinnen, wem ſie angehörten. Nach kurzen Verhandlungen ward die Thür auf⸗ geſchloſſen, und Herr Pickwick trat aus ſeinem Kabinet hervor, und erblickte mitten unter ſämmtlichen Bewoh⸗ nerinnen von Weſtgate⸗Houſe Herrn Samuel Weller und— den alten Wardle nebſt deſſen erkornen Schwir⸗ gerſohn, Herrn Trundle. »Mein theurer Freund,« ſagte Herr Pickwick, Ward⸗ les Hand ergreifend,»mein theurer Freund, ich bitte um's Himmels Willen, erklären Sie doch dieſer Dame, in welcher ſchrecklichen und grauſamen Lage ich mich befinde. Von meinem Bedienten müſſen Sie ſchon Alles vernommen haben; o, mein Beſter, ſagen Sie doch dieſer Dame, daß ich weder ein Räuber noch ein Wahnſinniger bin.« »Iſt bereits geſchehen,« erwiederte Herr Wardle und ſchüttelte des Freundes Rechte, während Herr Trundle die Linke drückte. „ 144 Die Pickwicker. „Und wer geſagt hat oder noch ſagt, daß er toll, oder'n Räuber ſein ſoll,« fiel Sam hervortretend ein, „der ſpricht nicht die Wahrheit, ſondern gerade au con- traire, das Gegentheil davon. Und wenn hier im Haus, Hof und Garten Burſche ſein ſollten, die das geſagt haben, ſo werd ich mich glücklich ſchätzen, ihnen Allen enen überzeugenden Beweis ihres Irrthums zu geben, hier auf der Stelle, wenn die geehrteſten Damen die Gütigkeit haben wollen, ſich zu entfernen und ſie Einen nach dem Andern herüber zu ſchicken.« Nach dieſer Herausforderung ſchlug Sam Weller mit der geballten Fauſt grimmig in ſeine flache Hand und blinzelte zugleich Miß Tomkins freundlich zu, deren Schauder und Grauen, es könne für möglich gehalten werden, daß ſich Männer in ihrer Penſions⸗Anſtalt für junge Damen befänden, unbeſchreiblich war. Ddeerr Pickwick ſetzte hinzu, was an Aufſchlüſſen noch erforderlich ſein mochte; aber weder auf dem Heimwege nach dem Engel mit ſeinen Freunden, noch im Engel ſelbſt bei dem ſo hochnöthigen Nachteſſen war etwas Fer⸗ neres aus ihm herauszubringen. Vor Verdruß und nachwirkendem Schrecken ſchien er fortwährend ganz außer ſich zu ſein. Einmal, doch auch nur das ein einziges Mal, wendete er ſich zu Herrn Wardle mit den Worten: „»Wie kommt es, daß Sie hier ſind?« „»Trundle und ich ſind wegen einer Jagdpartie hier,« erwiederte Wardle,»wir kamen ſpät am Abend an, und waren erſtaunt, von Ihrem Bedienten zu vernehmen, daß Sie ſich auch hier befänden. Doch ich freue mich, daß Sie da ſind,« ſagte der muntere alte Herr, ihm auf den Rücken klopfend.»Wir werden eine vergnügliche Jagd haben und Winkle zugleich Gelegenheit geben, ſein Heil — G— Die Pickwicker. 145 noch einmal zu verſuchen— was ſagen Sie dazu, alter Knabe?2« Herr Pickwick blieb ſeine Antwort ſchuldig; ja er zog nicht einmal Erkundigungen über ſeine Freunde und Freundinnen in Dingley⸗Dell ein, und begab ſich gleich darauf in ſein Schlafzimmer, Sam den Befehl zurück⸗ laſſend, wenn er klingele, ſein Licht zu holen, welches auch nach einiger Zeit geſchah, und Sam Weller ge⸗ horchte dem Befehl. »Sam,« ſagte Herr Pickwick, aus dem Kiſſen her⸗ vorſchauend. »Sir,« entgegnete Sam Weller. Herr Pickwick ſchwieg, und Sam putte das Licht. »Sam,« begann Herr Pickwick mit verzweifelter Kraft⸗Anſtrengung zum zweiten Mal. »Sir,« ſagte auch Sam zum zweiten Mal. »Wo iſt der Trotter?2« »Hiob, Sir?« »Ja!« »Fort, Sirle »Mit ſeinem Herrn vermuthlich?« »Freund, Herr, oder was er ſonſt ſein mag, er iſt fort mit ihm,« entgegnete Weller.»Das iſt ein ſauberes Paar Vögel.« »Es kommt mir faſt vor, als habe Jingle meinen Plan errathen, und den Kerl angeleitet, Ihnen die Ge⸗ ſchichte weiß zu machen,« ſagte Herr Pickwick, faſt erſtickend vor Verdruß. „»Ganz recht, Sir,« antwortete Sam Weller. »Sie war natürlich erlogen?« »Von vorn bis hinten, Sir. Der ſchlaue Burſche hat uns gar nicht übel an der Naſe'rumgeführt.« Die Pickwicker. II. 10 146 Die Pickwicker. »Ich denke, er ſoll uns das nächſte Mal nicht ſo leicht entwiſchen, Sam.« »Solb's meinen, Sir.«. „Treff' ich mit dieſem Jingle wieder zuſammen, wann oder wo es auch ſein mag,« rief Herr Pickwick aus, richtete ſich im Bette empor und verſetzte ſeinem Kiſſen einen furchtbaren Schlag,»ſo werde ich ihn nicht nur, wie er es ſo reichlich verdient, vor aller Welt an den Pranger ſtellen, ſondern ihn auch noch perſönlich züch⸗ tigen; das werd' ich, oder mein Name iſt nicht Pickwick.⸗ »Und wenn ich mit dem trübſeligen Burſchen mit dem ſchwarzen Haar wieder zuſammentreffe,« ſagte Sam,»ſo werd' ich ihm mal echtes und wahrhaftiges Waſſer in die Augen bringen, das werd' ich, oder mein Name iſt nicht Weller.— Gute Nacht, Sir.« Achtzehntes Kapitel. Welches zeigt, wie eine Erkältung in einigen Fällen die Wir⸗ kung hat, ein fruchtbares Genie zu erhöhter Thätigkeit anzuregen. Wenn auch Herrn Pickwicks Conſtitution noch ſo kräftig ſein mochte, um Anſtrengungen und Mühſelig⸗ keiten zu ertragen, ſo war doch kaum zu erwarten, daß ſie im Stande ſein würde, ſo mannigfachen und harten Angriffen Widerſtand zu leiſten, als in der denkwürdigen Nacht auf ſie gemacht wurden, deren Schilderung das vorige Kapitel enthält. In der Nachtluft ausgewaſchen und in einem dumpfigen Kabinet wieder getrocknet werden, Die Pickwicker. 147 iſt ein eben ſo gefährlicher als eigenthümlicher Prozeß. Herr Pickwick hatte ſich eine heftige Erkältung zugezogen und mußte das Bett hüten. Obgleich aber die körperlichen Kräfte des großen Mannes durch ſein Uebelbefinden nicht wenig geſchwächt waren, ſo that doch dieſes denen ſeines Geiſtes nicht den mindeſten. Eintrag; auch kehrte ſeine gute Laune bald zu⸗ rück, und ſelbſt der Verdruß über ſein letztes Abenteuer verſchwand ſo gänzlich, daß er vollkommen unbefangen und herzlichſt in das Gelächter einſtimmte, welches Herr Wardle bei jeder Anſpielung darauf erhob. Hierzu kam, daß Sam, während der beiden Tage, da er das Bett hüten mußte, ſein beſtändiger Wärter war. Am erſten bemühte ſich der treue Diener, ſeinem Herrn die Lange⸗ weile durch Geſpräch und Geſchichten⸗Erzählen zu ver⸗ ſcheuchen; am zweiten ließ Herr Pickwick ſich Feder und Dinte geben, und ſchrieb vom Morgen bis zum Abend; am dritten ließ er Herrn Wardle und Herrn Trundle durch Sam ſagen, er ſei aufgeſtanden, dürfe aber noch nicht das Zimmer verlaſſen, und die Herren würden ihn ſehr erfreuen, wenn ſie Abends ihr Glas Wein bei ihm trinken wollten. Die Einladung wurde mit Vergnügen angenommen, und als ſie beim Weine ſaßen, zog Herr Pickwick, unter mehrmaligem Erröthen, die nachſtehende kleine Erzählung hervor, die er, wie er ſagte, während ſeiner Unpäßlichkeit aus Wellers Munde vernommen, geordnet und ſie niedergeſchrieben habe. Der Dorf⸗Schulmeiſter. Eine Erzählung von treuer Liebe. »Es lebte einſt in einem kleinen, ſehr weit von Lon⸗ don gelegenen Orte, in einem kleinen Hauſe, in der kleinen Hauptſtraße gelegen, kaum zehn Minuten von der 3 10* Die Pickwicker. kleinen Kirche, ein kleiner Mann, Namens Nathaniel Pipkin, welcher Schulmeiſter und Küſter des Kirchſpiels, und jeden Tag von neun bis vier Uhr damit beſchäftigt war, der Dorfjugend einige Gelehrſamkeit beizubringen. Nathaniel Pipkin war ein harmloſer, freundlicher, gut⸗ müthiger Menſch, mit einer aufgeworfenen Naſe und ein wenig einwärts gebogenen Beinen; er ſchielte ein wenig und hinkte ein wenig; theilte ſeine Zeit zwiſchen der Kirche und der Schule, und glaubte beſtimmt, daß es auf der ganzen Erde keinen ſo geſcheiten Mann als den Pfarrer, keinen ſo ehrwürdigen Ort, als die Sakriſtei, und keine ſo wohl beſtellte Schule als die ſeinige geben könne. Ein einziges, doch auch nur ein einziges Mal in ſeinem Leben hatte er einen Biſchof, einen wirklichen Biſchof im Ornat und Perücke geſehen; er hatte ihn gehen ſehen und ihn reden hören bei einer Confirmation, und als beſagter Biſchof ihm bei dieſer Handlung die Hand auf den Kopf legte, wurde Nathaniel dermaßen von Ehrfurcht und heiliger Scheu übermannt, daß er auf der Stelle in Ohn⸗ macht fiel, und von dem Kirchendiener hinausgetragen werden mußte. „Dieſer Vorfall war ein großes Ereigniß in Nathaniel Pipkins Leben, und ſo ziemlich das einzige geweſen, wel⸗ ches die glatte Oberfläche des Stroms ſeines ſtillen Da⸗ ſeins gekräuſelt hatte. Eine zweite bedeutungsvolle Epoche trat aber ein, als Nathaniel einſt an einem ſchönen Som⸗ mer⸗Nachmittage in einem Moment der Zerſtreutheit ſeine Augen von der Tafel abwendete, auf welche er ein ab⸗ ſchreckendes Addirexempel zu ſchreiben geſonnen war, das ein ſtrafwürdiger Knabe ausrechnen ſollte. Seine Blicke hafteten plötzlich auf dem blühenden Antlitz von Marie Lobbs, der einzigen Tochter des alten Lobbs, des reichen, gegenüber wohnenden Sattlers. —+—½—— NR —₰— Die Pickwicker. 149 »Nun hatten die Blicke des Herrn Pipkins auf dem hübſchen Geſichte der Marie Lobbs ſchon oft, in der Kirche und anderwärts, gehaftet; aber Marie Lobbs Augen hat⸗ ten nie ſo hell geſtrahlt, und ihre Wangen nie ſo roſig ausgeſehen, als gerade in dieſem Augenblick. Es war demnach kein Wunder, daß Nathaniel Pipkin ſeine Blicke unmöglich von Miß Lobbs abwenden konnte; kein Wun⸗ der, daß Miß Lobbs, als ſie ſich von einem jungen Manne angeſtarrt ſah, das Fenſter ſchloß, aus dem ſie ge⸗ ſchaut hatte, und die Vorhänge zuſammenzog; kein Wun⸗ der, daß Nathaniel Pipkin ſich gleich darauf über den kleinen Schlingel hermachte, der vorhin geſündigt hatte, und ihn nach Herzensluſt abbläute. Alles dies war ganz natürlich und giebt zum Verwundern nicht den mindeſten Anlaß. »Das war aber wirklich zum Verwundern, daß ein Mann von Nathaniel Pipkins Eingezogenheit, Schüch⸗ ternheit und kärglichem Einkommen vom ſelbigen Tage an beherzt daran dachte, die Hand und das Herz der einzigen Tochter des hitzköpfigen, alten Lobbs zu gewin⸗ nen— Lobbs, des reichen Sattlers, der mit einem ein⸗ zigen Federſtrich das ganze Dorf häͤtte auskaufen können, ohne die Ausgabe zu empfinden— des alten Lobbs, von dem man wußte, daß er⸗Tauſende, angelegt in der Bank der nächſten Stadt, beſitze— von dem das Gerücht ging, daß er einen unermeßlichen Schatz in der kleinen eiſernen Truhe mit dem großen Schlüſſelloch auf dem Kaminſims im hintern Zimmer aufbewahre— und von dem man ſehr wohl wußte, daß er bei feſtlichen Gelegenheiten ſeinen Tiſch mit einem Theetopfe, einer Milchkanne und einem Zuckerkorbe von echtem Silber ſchmückte, Koſtbarkeiten, von denen er im Stolz ſeines Herzens zu ſagen pflegte, daß ſie ſeiner Tochter Erbe und Eigenthum ſein ſollten, 150 Die Pickwicker. ſobald ſie einen Mann nach ihrem Sinn gefunden hätte. Wahrhaftig, man hätte ſich nicht genug darüber wun⸗ dern können, daß Nathaniel Pipkin die Kühnheit gehabt, ſeine Blicke auf Marie Lobbs zu richten; aber die Liebe iſt blind, und Nathaniel hatte ja auch einen Fehler an den Augen! und vielleicht waren es dieſe beiden Umſtände vereint, welche ihn hinderten, die Sache in ihrem wahr⸗ haften Licht zu ſehen. »Wenn der alte Lobbs auch nur von ferne den Zu⸗ ſtand der Gefühle und Wünſche Nathaniel Pipkins geahnt hätte, ſo würde er das Schulhaus bis auf den Grund niedergeriſſen, oder alle Pipkins aus der Welt vertilgt, oder ſonſt etwas Wildes und Schreckliches der Art voll⸗ bracht haben; denn der alte Lobbs war ein furchtbarer Mann, wenn ſein Stolz beleidigt oder ſein Blut in Wallung gebracht ward. Zürnte er, was zuweilen der Fall war, wegen der Trägheit des knöcherigen Lehrlings mit den dünnen Beinen, dann ſchallte eine Menge ſo ent⸗ ſetzlicher Flüche über die Straße herüber, daß Nathaniel vor Beſtürzung und Angſt in den Schuhen erbebte, und ſeinen Schülern die Haare zu Berge ſtanden. „Nathaniel Pipkin ſetzte ſich trotz allem dem tagtäglich, wenn die Schulſtunden vorüber und die Schuljugend ent⸗ laſſen war, an das Fenſter, und warf, indem er that, als ob er in einem Buche läſe, ſehnſüchtige, Marie Lobbs glanzende Augen ſuchende Blicke über die Straße hin⸗ über, und viele Tage hatte er dieſes nicht getrieben, als die glänzenden Augen am Fenſter ſich zeigten und gleich⸗ falls, dem Anſcheine nach, in ein Buch vertieft waren. Das mußte erquickend und herzerfreuend für Nathaniel Pipkin ſein. War es nicht ſchon eine Seligkeit, Stun⸗ den lang da zu ſitzen und nach dem hübſchen Mädchen hinüber zu ſchielen, wenn die glänzenden Augen auch nie⸗ Die Pickwicker. 151 dergeſenkt waren; aber wenn Marie Lobbs ihre Augen von dem Buche ſchlug, und nach ihm herüberblickte, dann war Nathaniel Pipkins Bewunderung und Entzücken grenzenlos. Eines Tages endlich, da er wußte, daß der alte Lobbs ausgegangen war, hatte Nathaniel Pipkin die Verwegenheit, Marie Lobbs eine Kußhand hinüberzuwer⸗ fen, und Marie Lobbs, anſtatt das Fenſter zuzumachen und die Vorhänge zuſammen zu ziehen, warf eine Kuß⸗ hand zurück und lächelte. Jetzt beſchloß Nathaniel Pip⸗ kin, möge auch daraus entſtehen, was da wolle, ſeine Gefühle ohne weitern Aufſchub auszuſprechen. „Ein fröhlicheres Gemüth, ein lieblicheres Geſicht, eine ſchlankere Geſtalt und ein niedlicherer Fuß ſchwebten nie über die Erde hin, deren Zierde ſie waren, als die der Marie Lobbs, des alten Sattlers Tochter, angehörten. In ihren funkelnden Augen ſpielte ein ſchelmiſches Lächeln, das ſei⸗ nes Eindrucks bei weit minder empfänglichen Gemüthern, als das Natßae Pipkins war, nicht verfehlt haben würde, und beim Schall ihres fröhlichen Gelächters hätte auch der trübſeligſte Menſchenhaſſer lächeln müſſen. So⸗ gar der alte Lobbs ſelbſt konnte dem Schmeicheln ſeines hübſchen Töchterchens nicht widerſtehen, und wenn er auch noch ſo wüthend war; und hatte ſie es im Verein mit Käthe, ihrer Muhme— einer ſchelmiſchen, ſchnippiſchen, bezaubernden kleinen Perſon— ernſtlich auf den Alten abgeſehen, was, die Wahrheit zu geſtehen, nicht eben ſel⸗ ten vorkam, ſo vermochte er den Mädchen nichts abzu⸗ ſchlagen und wenn ſie auch einen Theil des unermeßlichen Schatzes von ihm verlangt hätten, der in der eiſernen Truhe verborgen lag. 1 »Heftig pochte Nathaniel Pipkins Herz, als er an einem herrlichen Sommerabend die ſchnippiſche Käthe und die liebreizende Marie auf demſelben Anger wandeln ſah, 152 Die Pickwicker. auf dem er ſelbſt, von Marie Lobbs Schönheiten träu⸗ mend, bis zum Dunkelwerden zu luſtwandeln pflegte. Aber ſo oft er in ſolchen Stunden auch gedacht hatte, wie raſch und kühn er auf ſie zutreten, und ihr ſeine Glut geſtehen und ſchildern wollte, wenn ſich nur die Gelegenheit dazu darböte, ſtieg ihm doch jetzt, da er ſie ſo unerwartet vor ſich ſchaute, alles Blut in das Geſicht, offenbar zu großem Nachtheil ſeiner Beine, die gar zu ſehr, von ihrer gewöhnlichen Blutmenge entleert, unter ihm zu beben begannen. »Standen die Mäͤdchen ſtill, um eine Blume zu pflü⸗ cken, oder auf den Geſang eines Vogels zu lauſchen, ſo ſtand auch Nathaniel Pipkin ſtill, und that, als wenn er tief in Gedanken wäre, was im Grunde auch wirklich der Fall war; denn er dachte fortwährend, was er wohl beginnen ſolle, wenn ſie zurückkehrten, welches unfehlbar in Kurzem geſchehen mußte, und wenn ſie dann Angeſicht zu Angeſicht vor ihm ſtänden. Obgleich er es nicht wagte, ſich ihnen anzuſchließen, konnte er es doch nicht über ſich bringen, ſie aus den Augen zu verlieren. Gingen ſie da⸗ her ſchueller, ſo ging auch er ſchneller, ſchlenderten ſie, ſo ſchlenderte auch er, und ſtanden ſie ſtill, ſo ſtand er ebenfalls ſtill. So würde es immer fort gegangen ſein, hätte Käthe nicht verſtohlen zurückgeſchaut, und Natha⸗ niel ermurhigend zugewinkt. »In Käthe's Weſen lag etwas ganz unwiderſtehliches; Nathaniel folgte der Einladung, und nach vielem Errö⸗ then von ſeiner und unmäßigem Gelächter von der gott⸗ loſen Muhme Seite, ließ ſich Nathaniel Pipkin auf die Knie in das bethaute Grün nieder, und ſchwor, daß er nie wieder aufſtehen würde, wenn Marie Lobbs ihn nicht als ihren erklärten Liebhaber aufſtehen hieße. »Marie Lobbs ausgelaſſenes Gelächter ſchallte jetzt — i 8 3 8 8 Die Pickwicker. 153 laut durch die ſtille Abendluft— doch, wie es ſchien, ohne dieſelbe zu beunruhigeg; denn es klang ſo unendlich ſüß, und die gottloſe kleine Muhme lachte noch unmäßi⸗ ger als zuvor, und Nathaniel Pipkin erröthete noch mehr als zuvor. Als der ſterblich verliebte kleine Mann Marie immer heftiger beſtürmte, flüſterte ſie ihrer Muhme zu, ſie möchte ſagen, oder Käthe ſagte doch jedenfalls, daß Marie ſich durch Herrn Pipkins Antrag ſehr geſchmei⸗ chelt fühle, daß ihr Vater über ihre Hand und ihr Herz zu verfügen habe, daß Herrn Pipkins Vorzüge indeß alle mögliche Anerkennung verdienten. Da dies Alles mit großem Ernſt vorgebracht wurde, und Nathaniel Pipkin Marie Lobbs auf dem Heimwege begleitete und ihr beim Abſchied faſt einen Kuß geraubt hätte, legte er ſich über⸗ glücklich zu Bett, und träumte die ganze Nacht von Er⸗ weichung des alten Lobbs, von Oeffnung der eiſernen Truhe und von Mariens Heimführung. „»Am andern Tage ſah Nathaniel Pipkin den alten Lobbs auf ſeinem alten Grauſchimmel ausreiten, und nachdem die gottloſe kleine Hexe von Muhme allerlei Zei⸗ chen am Fenſter gemacht hatte, woraus er gar nicht klug werden konnte, ſprang der knöcherige Lehrjunge mit den dünnen Beinen zu ihm herüber, und ſagte ihm, ſein Herr würde den ganzen Abend nicht zu Hauſe ſein, und die jungen Damen erwarteten Herrn Pipkin Punkt ſechs Uhr zum Thee. »Wie die Schulſtunden an dieſem Tage gegeben wur⸗ den, wußte Nathaniel Pipkin ſpäter ſelbſt nicht zu ſagen, eben ſo wenig als ſeine Zöglinge, indeß ſie wurden gege⸗ ben, und die Jugend verlief ſich und Nathaniel Pipkin wandte alle übrige Zeit bis ſechs Uhr, und darüber dazu an, ſich zu ſei⸗ ner Zufriedenheit anzukleiden; nicht daß er ſo viel Zeit ge⸗ braucht hätte, einen Entſchluß behufs der anzulegenden Klei⸗ ———— 154 Die Pickwicker. dungsſtücke zu faſſen, da er in dieſer Beziehung überhaupt keine Wahl hatte; ſondern die eben ſo ſchwierige als wich⸗ tige Frage für ihn war, wie er ſie anlegen ſollte, um in ihnen am meiſten zu ſeinem Vortheil zu erſcheinen. 8 »Nathaniel fand eine allerliebſte kleine Geſellſchaft vor, aus Maria Lobbs, ihrer Muhme Käthe, und noch drei bs vier andern ſchalkhaften, muntern und rothwan⸗ gigen Maädchen beſtehend. Er überzeugte ſich durch den Augenſchein, daß das Gerücht von den Schätzen des alten Lobbs keineswegs zu viel ſagte; denn Theetopf, Milch⸗ kanne und Zuckerkorb von echtem Sliber ſtanden auf dem Tiſch, und eben ſo wenig fehlte es an ſilbernen Theelöffeln, und echten Porzelan⸗Taſſen und Kuchenſchüſſeln. »Von allem dem, was Nathaniel Pipkin erblickte, war ihm nur eine einzige Perſon ein Dorn im Auge, und zwar ein Vetter von Maria Lobbs, ein Bruder von Käthe, welchen Maria Lobbs vertraulich»Henry« nannte, und der Marien an der einen Seite des Tiſches ganz allein in Beſchlag genommen zu haben ſchien. Es iſt gar ſchön im Schooße der Familie Zuneigung und Liebe zu erblicken; allein auch das kann übertrieben werden, und Nathaniel Pipkin konnte ſich des Gedankens nicht erwehren, daß Maria Lobbs ihre Anverwandten mit ſel⸗ tener Zärtlichkeit lieben müſſe, wenn ſie ihnen allen ſo viel Aufmerkſamkeit ſchenke, wie dieſem Vetter. Nach dem Thee ward auf den Vorſchlag der gottloſen kleinen Muhme Blindekuh geſpielt, und er war faſt immer der Blinde; Nathaniel bemerkte auch, daß, wenn er den Vetter erhaſchte, Maria Lobbs niemals weit entfernt von ihm war. Und obgleich die gottloſe kleine Muhme und die andern Mädchen ihn zwickten, und ihn bei den Haaren zupften, ihm Stühle in den Weg ſtellten und viel andern Schabernack ſpielten, ſchien gerade ——,——,—— — Z 828AS⏑ ——— Die Pickwicker. 15⁵ Maria Lobbs ſeine Nähe zu meiden; und Einmal kam es Nathaniel Pipkin vor— und er hätte darauf ſchwö⸗ ren können, als vernähme er den Schall eines Kuſſes, und ein leiſes Schmählen von Maria Lobbs, und ein halb unterdrücktes Kichern ihrer Freundinnen. »Alles dies war ſeltſam— ſehr ſeltſam— und der Himmel mag wiſſen, was Nathaniel Pipkin ſich dadurch bewogen gefühlt haben würde, zu thun oder nicht zu thun, wenn ſeine Gedanken nicht plötzlich eine andere Richtung genommen hätten. »Der dazu Anlaß gebende Umſtand war ein lautes Klopfen an der Hausthür, und der Klopfende war kein anderer, als der alte Lobbs ſelbſt, der unerwartet zurück⸗ gekehrt war, und trotz einem Bötticher drauf los klopfte; denn ein heftiges Verlangen nach dem Abendeſſen hatte ſich ſeiner bemächtigt. „»Kaum war die ſchreckliche Kunde von dem knöche⸗ rigen Lehrjungen mit den dünnen Beinen gebracht worden, als die Mädchen ſich eiligſt die Treppe hinauf begaben und in Maria Lobbs Schlafzimmer huſchten, und der Vetter und Nathaniel Pipkin wurden, in Ermangelung beſſerer Verſtecke in ein Paar Wandſchränke genöthigt; und nachdem Maria Lobbs und die gottloſe kleine Muhme ſie auf die Seite geſchafft und im Zimmer aufgeräumt hatten, öffneten ſie dem immer ſtärker klopfenden alten Lobbs die Thüre. „»Nun trug es ſich aber unglücklicher Weiſe zu, daß, wenn der alte Lobbs ſehr hungrig war, er entſetzlich mürriſch zu ſein pflegte. Nathaniel Pipkin konnte ihn deutlich knurren hören, wie einen alten Hofhund mit hei⸗ ſerer Kehle; und ſo oft der unglückliche Lehrling mit den dünnen Beinen in das Zimmer trat, begann der Alte ganz heidniſch zu wüthen und zu wettern, offenbar nur, Die Pickwicker. um ſeinem Ueberfluß von Flüchen Luft zu machen. End⸗ lich erſchien ſein Abendeſſen, er ſiel wie ein hungriger Löwe darüber her, es verſchwand binnen kurzer Zeit; dann küßte er ſeine Tochter, und verlangte ſeine Pfeifé. »Die Natur hatte Nathaniel Pipkins Kniee ſehr weit aus einander gebracht; doch als er den alten Lobbs nach ſeiner Pfeife rufen hörte, ſchlugen ſie gegen einander, als ob ſie ſich zu Pulver hätten ſtoßen wollen, denn in dem nämlichen Schrank, in welchem er ſich verſteckt hielt, hing die Pfeife mit ſilberbeſchlagenem braunem Kopf, die er ſeit den letzten fünf Jahren regelmäßig jeden Nachmittag und Abend im Munde des alten Lobbs geſehen hatte. „Die beiden Mädchen gingen hinunter, um die Pfeife zu ſuchen, und hinauf, um ſie herunter zu holen, und ſie ſuchten uͤberall, ausgenommen da, wo ſie, wie ihnen ſehr wohl bekannt, zu finden war. Indeß donnerte und wetterte der alte Lobbs auf das Schrecklichſte; endlich dachte er an den Schrank und ging auf denſelben zu. Für einen ſo kleinen ſchwachen Mann wie Nathaniel Pipkin, war es vergeblich, die Thür einwärts zu ziehen, wenn ein ſo großer, ſtarker Mann, wie der alte Lobbs, ſie nach außen riß. Nur ein einziger Ruck vom alten Lobbs geſchah, und die Thür flog weit auf, und zeigte den Blicken des Alten den kerzengrade im Schrank ſtehenden und vor Angſt an allen Gliedern bebenden Nathaniel Pipkin. Und, o Him⸗ mel,— mit welch' einem furchtbaren Blick riß der alte Lobbs ihn beim Kragen heraus, und hielt ihn auf Arms⸗ länge von ſich. »Was zum Teufel, habt Ihr hier zu ſchaffen?« donnerte der alte Lobbs ihm zu.— Da Nathaniel Pipkin keine Antwort hervorbringen konnte, wurde er einige Minuten lang vom alten Lobbs ingrimmig hin und her geſchuttelt, damit er ſeine Gedanken ſammeln könne. Die Pickwicker. 157 „»Was wollt Ihr hier?« donnerte Lobbs von Neuem: »Ich glaube wahrhaftig, Ihr ſeid meiner Tochter wegen hier.« »Dies ſagte der alte Lobbs nur mit ſpöttiſchem Lächeln, denn es kam ihm nicht von fern in den Sinn, daß menſchliche Frechheit wirklich ſo weit gehen könne, Nathaniel Pipkin zu bewegen, ſich im Ernſt ſo etwas heraus zu nehmen. Wer malt aber des alten Lobbs Zorn, als der kleine Mann erwiederte: »Ja, das bin ich, Herr Lobbs, bin Eurer Tochter wegen hier.— Ich liebe ſie, Herr Lobbs.« „»Wie!— Ihr jaͤmmerlicher, ſchiefmäuliger, klei⸗ ner Schuft,« keuchte der alte Lobbs, der, als er das unerhörte Geſtändniß Nathaniels hörte, wie vom Donner gerührt, daſtand;—»was ſoll das heißen?— Ihr erkühnt Euch, mir ſo etwas ins Geſicht zu ſagen? Gott verdamm' mich; ich muß Euch erwürgen.« »Es iſt keineswegs unwahrſcheinlich, daß der alte Lobbs in ſeiner gränzenloſen Wuth die Drohung erfüllt haben würde, wenn ihn nicht eine unerwartete Erſchei⸗ nung davon abgehalten hätte; nämlich die des Vetters, der aus ſeinem Schrank hervorkam, auf den alten Lobbs zuging, und ſagte: »Ich kann nicht zugeben, Sir, daß dieſer harmloſe Mann, den die Mädchen, um ſich einen Spaß mit ihm zu machen, in Euer Haus eingeladen haben, ſo edelmüthig die Schuld(wenn es eine Schuld iſt) auf ſich nimmt, zu der ich mich ſelbſt bekennen muß. Ich liebe Eure Tochter, und ich kam um ihretwillen hierher.« »„Der alte Lobbs riß ſeine Angen entſetzlich weit auf, aber weiter gewiß nicht, wie Nathaniel Pipkin die ſei⸗ nigen. 158 Die Pickwicker. „Das thatſt du?« ſchrie Lobbs, als er wieder zu Athem gekommen war. »Ja, das that ich.«.. »Und hab' ich Dir nicht ſchon ſeit langer Zeit mein Haus verboten?« »Allerdings; denn ſonſt würde ich nicht verſtohlen gekommen ſein.« Um Lobbs Willen thut's mir leid, ſagen zu müſſen, daß er den Vetter geſchlagen haben würde, hätte ſich ſeine hübſche Tochter mit den glänzenden, in Thränen ſchwim⸗ menden Augen ihm nicht an den ſchon emporgehobenen Arm gehangen. 3 »Wehre ihm nicht, Maria,« ſagte der junge Mann; »will er mich ſchlagen, ſo laß ihn. Um alles Geld in der Welt würde ich kein Haar ſeines grauen Hauptes verletzen.« Bei dieſem zarten Vorwurf ſenkte der Alte die Au⸗ gen nieder, und ſie begegneten denen ſeiner Tochter. Ich habe bereits ein oder zwei Mal geſagt, daß dieſe Augen glänzend waren, und obgleich ſie jetzt voll Thränen ſtan⸗ den, ſo wurde ihre Macht doch keineswegs dadurch ver⸗ mindert.— Der alte Lobbs wandte das Geſicht ab, als wenn er es hätte vermeiden wollen, von ihnen überredet zu werden, und der Zufall wollte, daß ſeine Blicke denen der gottloſen kleinen Muhme begegneten, die, halb für ihren Bruder zitternd, halb über Nathaniel Pipkin lachend und ſo liebreizend und zugleich ſo erzſchelmiſch ausſah, daß Jung wie Alt ſich über ſie hätte freuen müſſen. Sie ſteckte ſchmeichelnd ihren Arm zwiſchen den des alten Mannes, und flüſterte ihm etwas ins Ohr, und er mochte ſich ſtellen wie er wollte, er konnte ſich eines Lächeln und zugleich einer Thräne, die ihm über die Wange hin⸗ abrollte, nicht erwähren. »Nach fünf Minuten wurden auch die Mädchen aus „ —-————— 5 4 n Die Pickwicker. 159 dem Schlafzimmer Mariens herbeigeholt und erſchienen unter großem Verſchämtthun und Kichern; und während das junge Volk ganz glücklich wurde, nahm der alte Lobbs ſeine Pfeife und zündete ſie an; und es war ein bemerkenswerther Umſtand, daß gerade die Pfeife Taback, die er eben rauchte, die lieblichſte und ange⸗ nehmſte war, die er in ſeinem ganzen Leben geraucht hatte. »Nathaniel Pipkin fand es für gut, ſein Geheimniß für ſich zu behalten, wodurch er bei dem alten Lobbs, der ihn mit der Zeit das Rauchen lehrte, zu hoher Gunſt gelangte; ſo ſaßen ſie denn noch manches Jahr an ſchönen Abenden draußen im Garten, und ſchmauch⸗ ten und tranken mit großer Würde und Wohlbehagen. Nathaniel überwand den Schmerz über ſeine unglückliche Liebe gar bald, denn im Kirchenbuche finden wir ſeinen Namen unter jenen der Zeugen bei Marie Lobbs Trau⸗ ung mit ihrem Vetter; auch geht aus andern Documen⸗ ten hervor, daß er in der Hochzeitnacht eingeſperrt wurde, weil er im höchſten Grade der Trunkenheit Exceſſe im Dorf begangen hatte, bei welchen der knöchrige Lehrling mit den dünnen Beinen ſowohl ſein Verführer als Hel⸗ fershelfer geweſen war.« Die Pickwicker. Neunzehntes Kapitel. Worin kürzlich zweierlei ins Licht geſetzt wird: Erſtlich, die Macht der Krämpfe, und zweitens: die Gewalt der Umſtände. Die Pickwicker ſahen zu Eatanswill, zwei Tage nach Miſtreß Hunters Dejeuné ſehnſüchtig den Nach⸗ richten von ihrem verehrten Meiſter entgegen. Die Herren Tupman und Snodgraß waren abermals auf ihren eigenen Zeitvertreib beſchränkt; denn Herr Winkle wohnte in Folge der dringendſten Einladung fortwäh⸗ rend in Herrn Potts Hauſe, und widmete all' ſeine Zeit der liebenswürdigen Gattin deſſelben. Biswei⸗ len beehrte ſie(Herr Winkle und Miſtreß Pott) auch Herr Pott mit ſeiner Geſellſchaft, um ihr Glück vollkom⸗ men zu machen. Der große Mann, tief in ſeine Pläne für die öffentliche Wohlfahrt und die Erniedrigung und gänzliche Unterdrückung des Independenten verſenkt, pflegte ſich von ſeiner geiſtigen Höhe auf die niedrige Stufe gewöhnlicher Geiſter nicht herabzulaſſen. Bei den erwähnten Gelegenheiten aber, und offenbar um einen Pickwicker dadurch auszuzeichnen, ſtieg er von ſeinem Adafanſ d die ebene Erde hinab, indem er der Faſ⸗ ngskraft von Leuten aus der Menge ſeine Ausſprüche leutſelig anpaßte, und ihnen, dem äußern Menſchen, wenn auch nicht dem Geiſte nach, anzugehören ſchien. So war des berühmten Publiciſten Benehmen gegen Herrn Winkle geweſen, und man kann ſich daher leicht vorſtellen, daß die Mienen des eben genannten Herrn ein großes Erſtaunen ausſprachen, als eines Morgens, Die Pickwicker. 161 da er ſich im Wohnzimmer befand, Herr Pott plötzlich die Thür aufriß und dieſelbe wieder ſchloß, majeſtätiſch auf ihn zuſchritt, ſeine dargebotene Hand zurückſtieß, mit den Zähnen knirſchte, als ob er ſeinen Worten noch eine größere Schärfe zu geben beabſichtigte, und ihm mit hohler Stimme zudonnerte: „Schlange!« »Sir!« rief Herr Winkle, von ſeinem Stuhl auf⸗ ſpringend, aus. »Schlange, Sir,« wiederholte Herr Pott, ſeine Stimme hebend und ſie dann plötzlich wieder ſinken laſ⸗ ſend, vich ſagte Schlange, Sir— nehmen Sie es, ſo ſtark Sie können.« Haſt Du nun um zwei Uhr Nachts einem guten Freunde freundſchaftlichſt, wie gewöhnlich, gute Nacht geſagt, und er Dir eben ſo freundſchaftlich wohl zu ruhen gewünſcht, und er kommt um halb zehn Uhr Morgens zu Dir ins Zimmer, und ſeine erſte Begrüßung iſt:»Schlange!« ſo iſt es nicht unvernünftig, daraus zu ſchließen, daß ſich in der Zwiſchenzeit etwas Unangenehmes zugetragen haben müſſe. So ſchloß und dachte denn auch Herr Winkle. Er warf Herrn Pott verſteinerte Blicke zurück, und nahm, in Folge der Aufforderung des erzürnten Publiziſten, die»Schlange⸗ ſo ſtark er konnte; er wußte ſie aber überhaupt nicht zu nehmen, da das Benehmen ſeines Freundes ihm ganz u gar unbegreiflich war, weshalb er denn nach einem Still⸗ ſchweigen von einigen Minuten anhob: »Schlange, Sir!— Schlange, Mr. Pott! Was wollen Sie damit ſagen, Sir⸗ Sie belieben zu ſcherzen, Sir. a „Scherzen, Sir?⸗ lei gott aus, und er machte eine Die Pickwicker. II. 11. Die Pickwicker. Bewegung mit der Hand, welche die Abſicht errathen ließ, ſeinem Gaſte den Theetopf von Britannia⸗Metall an den Kopf werfen zu wollen.»Scherzen, Sir!— doch nein, ich will ruhig ſein, will ruhig ſein, Sir!« unterbrach ſich Herr Pott ſelbſt, und er warf ſich, zum Beweis ſeiner Ruhe, vor Wuth ſchäumend auf einen Stuhl. »Mein guter Herr,« ſagte Herr Winkle. »Guter Herr!« brauſ'te Pott wieder auf,»Sir, Sie können ſich unterfangen, mich gut zu nennen, Sir? Wie können Sie es wagen, mir ins Geſicht zu blicken und mich gut zu nennen, Sir?« »Ah, wenn Sie da hinaus wollen, Sir,« verſetzte Herr Winkle,»wie können Sie es wagen, mir ins Ge⸗ ſicht zu ſehen, und mich eine Schlange zu nennen, Sir?« »Weil Sie eine Schlange ſind,« ſagte Herr Pott. »Beweiſen Sie es, Sir,« rief Herr Winkle zornig aus,»beweiſen Sie es!« Das tiefe Gelehrſamkeit verkündende Antlitz des Re⸗ dakteurs der Gazette nahm auf einen Augenblick den Ausdruck ingrimmiger Bosheit an; er zog das Blatt des Independenten von demſelben Morgen aus der Taſche, breitete es auf dem Tiſche vor Herrn Winkle aus, und wies mit dem Finger auf einen Artikel, den Herr Winkle ſofort zu leſen begann, und welcher lautete wie folgt: »Unſer obſcurer und niedriggeſinnter College hat die Frechheit gehabt, in einigen Ekel erregenden Bemerkun⸗ gen über die letzte Parlamentswahl für Eatanswill die unantaſtbare Heiligkeit des Privatlebens zu verletzen, und auf eine nicht undeutliche Weiſe die perſönlichen Angelegenheiten des von uns unterſtützten Kandidaten — und, trotz ſeiner jetzigen unverdienten, für unſere Gegner ſchmachvollen Niederlage, wie wir hinzuzu⸗ ſetzen nicht anſtehen können— künftigen Mitgliedes für — — Die Pickwicker. 163 dieſen Burgflecken, Herrn Fizkins— in den Bereich ſeiner Niederträchtigkeiten hineinzuziehen. Was beabſichtigte unſer memmenhafter College damit? Was würde der Bübiſchgeſinnte ſagen, wenn wir, gleich ihm, die dem Publikum ſchuldige Achtung und jede Anſtandsregel bei Seite ſetzen und den Schleier lüften wollten, deſſen Hülle glücklicher Weiſe ſein Privatleben dem allgemeinen Hohn und Gelächter, um nicht zu ſagen, dem allgemeinen Abſcheu entzieht?— wenn wir auf Vorfälle und Thatſachen hinweiſen und dieſelben ins Licht ſtellen wollten, die no⸗ toriſch genug ſind, und offen vor aller Welt Augen, nur nicht vor denen unſers maulwurfäugigen Collegen, da⸗ liegen,— wenn wir die nachſtehenden Verſe abdrucken laſſen wollten, die ein talentvoller Mitbürger und Correſpon⸗ dent uns zuſendete, als wir eben die erſten Worte dieſes Artikels niederſchrieben: An einen leeren Topf.*) O Topf, Du biſt ein armer Tropf, Es ſprießt Geweih' an Deinem Kopf. O, hätteſt Du, als Du ſie nahmſt, Genau gewußt, was Du bekamſt—. Dem Mann von übermäß'gem Dünkel, Hätt'ſt Du ſie dann— ich wette drauf, Damals gegeben in den Kauf, Wie jetzt Du mußt,— nämlich Herrn..... 2 »Was reimt auf Dünkel, Sie Elender 2« ſagte Pott feierlich. „»Was auf Dünkel reimt?« erwiederte ſtatt des Be⸗ fragten Miſtreß Pott, die ſo eben unbemerkt eingetreten war.»Was auf Dünkel reimt?— Nun, ich dächte Winkle— aber warum das?« und Miſtreß Pott blickte 164 Die Pickwicker. lächelnd an, und reichte ihm die Hand dar, die der auf⸗ geregte junge Mann in ſeiner Beſtürzung auch ergriffen haben würde, wenn Herr Pott nicht zornig zwiſchen ihn und ſeine Frau getreten wäre. »Zurück Weib— zurück!« rief er aus.—»Du reichſt ihm vor meinen eigenen Augen die Hand?« „Pott!« ſagte ſeine erſtaunte Gattin. »Elende! ſieh hier,« donnerte er ihr entgegen.»Sieh hier, dieſe Verſe: An einen leeren Topf, Weib— der leere Topf— das bin ich.— Die treuloſe Frau biſt Du! — ja Du, Du!« Henr Pott machte durch dieſe wüthigen Worte ſeinem Ingrimm Luft, und warf ſchließlich ſeiner Gattin, nicht ohne ſchwaches Zittern vor ihren Verachtung ſprühenden Blicken und Mienen, die Tagsnummer des Independenten vor die Füße. »So wahr ich hier ſtehe, Pott,« ſagte die erſtaunte Dame, ſich bückend, um das Blatt aufzunehmen,»ſo wahr ich hier ſtehe, Pott—e In dieſen unſchuldigen Worten,»ſo wahr ich hier ſtehe,« ſcheint nichts beſonders Schreckliches zu liegen, wenn man ſie lieſit; allein der Ton, in welchem ſie aus⸗ geſprochen, und der Blick, mit welchem ſie begleitet wur⸗ den, ſchienen ein ſchweres, über Pott's Haupt ſich zu⸗ ſammenziehendes Gewitter zu verkünden, und verfehlten nicht, ihre volle Wirkung auf ihn hervorzubringen. In ſeinen beſorgten Mienen würde der unerfahrenſte Beob⸗ achter die offenbare Bereitwilligkeit bemerkt haben, ſeine Wellington⸗Stiefel jedem geeigneten Subſtituten, welcher in dieſem Augenblick in denſelben hätte ſtehen mögen, abzutreten. Miſtreß Pott las den Artikel, ſtieß einen lauten Schrei aus, warf ſich ihrer ganzen Länge nach auf den Fußboden vor dem Kamin nieder, und ſtampfte fortwäh⸗ Die Pickwicker. 165 rend mit den Abſätzen ihrer Schuhe auf eine Weiſe, daß kein Zweifel, ſowohl an einem heftigen Krampfanfalle als an der Schicklichkeit ihrer Gefühle bei einer ſolchen Ver⸗ anlaſſung übrig bleiben konnte. „»Meine Theure,« ſagte der beſtürzte Pott,»ich habe ja nicht geſagt, daß ich glaubte— ich—« Doch vergebens; die Stimme des unglücklichen Man⸗ nes wurde von dem Geſchrei ſeiner Ehehälfte überboten. »Miſtreß Pott, ich bitte Sie, theure Frau, beruhi⸗ gen Sie ſich,« ſagte Herr Winkle. Aber alles vergebens; das Schreien und Stampfen wurde lauter und immer lauter. »Meine Liebe,« begann Herr Pott von Neuem,»ich bin entſetzlich bekimmert. Wenn Du Deine eigene Ge⸗ ſundheit nicht bedenkſt, ſo nimm wenigſtens Rückſicht auf mich, meine Liebe. Es wird bald ein Auflauf vor dem Hauſe entſtehen.« Aber je dringender Herr Pott bat, deſto heftiger ſchrie Miſtreß Pott. Glücklicher Weiſe befand ſich eine, aus einer jun⸗ gen Dame beſtehende Leibwache im Hauſe, die Miſtreß Pott ſehr ergeben war, und deren oſtenſibles Amt in der Aufſicht über Miſtreß Potts Toilette beſtand; doch machte ſie ſich auch auf manche andere Weiſe nützlich, und in keiner mehr, als in dem beſondern Geſchäft, ihrer Ge⸗ bieterin bei jedem ihrer Wünſche, jeder ihrer Neigungen Vorſchub und Beiſtand zu leiſten, die den Wünſchen des unglücklichen Pott zuwiderliefen. Das Jammergeſchrei war bis zu den Ohren der jungen Dame gedrungen, die denn auch mit einer Eilfertigkeit die Treppe herauf und in das Zimmer hereinſtürzte, welche das ausgewählte Arrangement ihrer Haube und Locken mit dem weſent⸗ lichſten Derangement bedrohte. Die Pickwicker. »O, meine theure, meine theure Miſtreß!« ſchrie die Leibgardiſtin ihrerſeits, indem ſie ſich wie wahnſinnig neben Miſtreß Pott auf die Kniee warf.»O, meine theuerſte Miſtreß, was geht hier vor?« „»Dein Herr— Dein Ungeheuer von Herrn,« mur⸗ melte die Patientin. Pott war offenbar jetzt ſchon zum Nachgeben geneigt, und wurde ſichtbar immer betretener. »Es iſt ein Schimpf und eine Schande,« ſagte die Leibgardiſtin im Ton des Vorwurfs.»Ich weiß, er wird Sie noch zu Tode quälen, Ma'am— O, Sie arme, liebe Frau!« Pott wurde immer weichmüthiger, wogegen die Gegenpartei ihren Vortheil verfolgte. „»O, verlaß mich nicht— verlaß mich nicht, liebe Gordwin,« murmelte Miſtreß Pott, krampfhaft die Hand⸗ gelenke beſagter Gordwin umfaſſend,»Du allein meinſt es gut mit mir, Gordwin!« Bei dieſer rührenden Anrede ſpielte die Leibgarde ein wenig häusliche Tragödie auf ihre eigene Rechnung, indem ſie reichlich Thränen vergoß. »Niemals, Ma'am— niemals,« ſchluchzte ſie.»O, Sir, Sie ſollten ſich doch wahrhaftig beſſer vorſehen und aufmerkſamer ſein; Sie wiſſen es nicht, wie ſehr Sie der Miſtreß Geſundheit nachtheilig werden können; aber ich weiß, Sie werden es einſt bereuen— ich habe es immer geſagt.« Der unglückliche Pott ſah ſie ſchüchtern an, wagte aber nicht, etwas zu erwiedern. »Gordwin,« lispelte Miſtreß Pott. »Ma'am,« ſagte die Leibgarde. »O, wenn Du wüßteſt, wie ich den Menſchen ge⸗ liebt habe.« Die Pickwicker. 167 »Bereiten Sie ſich doch nicht ſelbſt Kummer und Verdruß, indem Sie daran denken, Ma'am,« ſiel Miß Gordwin ein. 1 Pott machte eine beſtürzte Miene, und der günſtige Augenblick zum Haupt⸗Angriff war nun gekommen. »O, ich unglückliches Weib,« wehklagte Miſtreß Pott ſchluchzend,»daß ich mich ſo behandeln laſſen muß — in Gegenwart eines Dritten, beinah Fremden mich ſchelten und ſchimpfen laſſen muß! Ich will und werde es aber nicht länger ertragen, Gordwin,« fuhr ſie fort, ſich in den Armen ihrer Gardiſtin emporrichtend.»Mein Bruder, der Lieutenant, ſoll ſich ins Mittel legen.— Ich will mich ſcheiden laſſen, Gordwin.« „»Ohne Zweifel würde ihm vollkommen Recht ge⸗ ſchehen,« ſagte die treue Dienerin. Welche Gedanken die Drohung ſeiner Gattin, ſich von ihm ſcheiden laſſen zu wollen, in Herrn Pott auch erzeugen mochte, er enthielt ſich, ihnen Worte zu geben, und begnügte ſich damit, äußerſt demüthig zu ſagen: »Meine Liebe, willſt Du mich anhören?« Ein erneuertes Schluchzen war Miſtreß Potts ein⸗ zige Antwort; auch die Krämpfe wurden wieder heftiger; ſie wollte wiſſen, warum ſie Unglückſelige geboren wäre, und verlangte Auskunft über mehrere Punkte verwandter Art. „»Meine Liebe,« fiel Herr Pott ein,„beruhige Dich doch und verſchlimmere Deinen Zuſtand nicht ſelbſt durch peinigende Gedanken. Ich habe auch nicht einen Augen⸗ blick geglaubt, daß der Artikel nur im Mindeſten wahr ſei— das verſteht ſich ja von ſelbſt, meine Liebe. Ich war nur erzürnt, Beſte— ja ich könnte ſagen, wüthend, auf den Redakteur des Independenten, daß er ſich erfrecht hat, ihn aufzunehmen— das iſt ja das Ganze, meine Liebe.« 6 168 Die Pickwicker Herr Pott warf hier der unſchuldigen Urſache des ganzen Unheils einen jammervollen Blick zu, der deutlich genug die Bitte ausſprach, daß Herr Winkle doch ja von der Schlange ſchweigen möge. »Und was für Maßregeln denken Sie zu ergreifen, Sir, um Genugthuung zu nehmen oder zu erhalten?« fragte Herr Winkle, deſſen Muth ſtieg, als er den des Herrn Pott ſinken ſah. »O Gordwin,« ächzte Miſtreß Pott,„beabſichtigt er den Redakteur des Independenten mit der Peitſche zu züchtigen?— ſag' mir's, Gordwin.« „»Ruhig, nur ruhig, Maam;— bitte, verhalten Sie ſich ruhig,« erwiederte die Leibgarde, ver wird es ſicher thun, wenn Sie es wünſchen, Ma'am.« »Allerdings,« ſagte Herr Pott, der aus unzweideu⸗ tigen Symptomen erſah, daß die Krämpfe zurückzukehren drohten;»natürlich, meine Liebe; das verſteht ſich ja ganz von ſelbſt.« »Wann, Gordwin— wann?« murmelte Miſtreß Pott, noch unentſchloſſen in Betreff der Krämpfe. »Auf der Stelle— noch eh es Abend wird, meine Liebe,« entgegnete Herr Pott. »O Gordwin,« fuhr Miſtreß Pott fort, ves iſt das beſte Mittel, der Verleumdung entgegen zu treten, und meinen Ruf vor der Welt wieder herzuſtellen.« »Da haben Sie vollkommen Recht,« erwiederte die Leibgarde.»Kein Mann, der wirklich ein Mann iſt, könnte ſich weigern, das zu thun.« Da die Krämpfe noch immer drohten, wiederholte Herr Pott ſeine Zuſage; allein Miſtreß Pott war ſchon von dem Gedanken, man könne an ihrer weiblichen Ehre zweifeln, ſo überwältigt, daß ſie noch ein halbes Dutzend 4 Mal einem Rückfall auf ein Haar nahe war. Die böſen Die Pickwicker. 169 Zufälle würden ſich ohne Zweifel erneuert haben, wenn die unermüdlichen Anſtrengungen der dienſtbefliſſenen Leib⸗ garde und die wiederholten Bitten um Verzeihung von Seiten des überwundenen Pott, ſie nicht zurückgehalten hätten. Als endlich der unglückliche Gatte durch Thrä⸗ nen und Krämpfe, Anfahren und Drohen vollkommen mürbe gemacht, und in ſeine gewohnten Schranken zurück⸗ gewieſen war, erholte ſich Miſtreß Pott, und man ſetzte ſich zum Frühſtück. „»Das niederträchtige Zeitungsgeklatſch wird Sie doch nicht veranlaſſen, Ihren Aufenthalt bei uns zu ver⸗ kürzen, Herr Winkle?« ſagte Miſtreß Pott, durch die Spuren ihrer Thränen lächelnd. »Um Alles in der Welt nicht,« fiel Herr Pott ein, innerlich wünſchend, daß ſein Gaſt an dem Biſſen, den er eben zum Munde führte, erſticken und ſeinem Aufent⸗ halt dadurch für immer ein Ziel ſetzen möchte. »Um Alles in der Welt nicht.« „Sie ſind ſehr gütig,« verſetzte Herr Winkle; vallein Herr Tupman ſchreibt mir heute Morgen, daß ein Brief von Herrn Pickwick angekommen ſei, worin er uns bittet, noch heute zu ihm zu kommen; wir müſſen daher um Mittag abreiſen.« »Sie werden aber doch zurückkehren?« fragte Miſt⸗ reß Pott. »Unfehlbar,« erwiederte Herr Winkle.. „»Es iſt doch aber ganz gewiß?« ſagte Miſtreß Pott, ihrem Gaſt einen zärtlichen Blick zuwerfend. »Sie können ſich feſt darauf verlaſſen,« entgegnete Herr Winkle. Das Frühſtück wurde ſchweigend beendigt, denn Alle drei brüteten über dem, was ihre Galle oder ihre Angſt erregt hatte., Miſtreß Pott war verdrießlich, einen Die Pickwicker. Galan zu verlieren; Herr Pott in Sorgen, es ſo übereilt auf ſich genommen zu haben, den Redakteur des Inde⸗ pendent zu peitſchen, und Herr Winkle ärgerlich, ſich in eine ſo widerwärtige Lage verſetzt zu haben. Der Mit⸗ tag rückte heran, und nach manchem Lebewohl und nach manchem Verſprechen, zurückzukehren, riß er ſich los. »Betritt er mir je wieder die Schwelle, ſo vergifte ich ihn,« dachte Herr Pott, als er ſich in das Hinter⸗ ſtübchen zurückzog, in welchem er ſeine Donnerkeile ſchmiedete. »Wenn ich dem Geſindel jemals wieder einen Fuß ins Haus ſetzte,« ſagte Herr Winkle bei ſich ſelbſt, als er nach dem Pfau ging,»ſo verdiene ich ſelber ausge⸗ peitſcht zu werden. Seine Freunde und die Poſtkutſche ſtanden zur Ab⸗ fahrt bereit, und ſchlugen dieſelbe Straße nach Bury ein, auf welcher vor kurzem Herr Pickwick mit Sam die Reiſe gemacht hatten. Da wir ſchon etwas über ſie geſagt haben, ſo fühlen wir uns nicht berufen, einen Auszug aus Herrn Snodgraß's feierlich poetiſcher und ſehr gelun⸗* gener Beſchreibung zu liefern. Sam Weller ſtand vor dem Thor am Engel, als ſie ankamen, und führte ſie in Herrn Pickwicks Zimmer, 3 wo ſie zu Herrn Winkles und Herrn Snodgraß nicht geringer Ueberraſchung, und zu Herrn Tupman's nicht geringerem Schrecken den alten Wardle und Trundle er⸗ blickten... »Wie ſieht's aus, mein Beſter?« ſagte der alte Herr, Heerrn Tupmans Hand ergreifend.—»Ei, was iſt denn das?— Machen Sie doch kein ſo trübſeliges Geſicht— ſchlagen Sie ſich's aus dem Sinn. Es iſt nicht zu än⸗ dern, Freundchen.— Um meiner Schweſter Willen wollt; ich, daß Sie ſie bekommen hätten; für Sie aber iſt's —— Die Pickwicker. 171 gut, daß Sie ſie nicht bekommen haben, und ich wünſche Ihnen Glück dazu. Ein junger Mann, wie Sie, kann's noch beſſer treffen.« Und bei dieſen Troſtworten klopfte der alte Wardle Herrn Tupman, herzlich lachend auf die Schulter. »Und wie geht es Ihnen, meine wertheſten Herren?« fuhr er fort, Herrn Winkle und Herrn Snodgraß die Hände drückend.»Ich habe eben Pickwick geſagt, daß wir Sie alle zuſammen zu Weihnachten in Dingley⸗Dell bei uns ſehen müſſen. Es wird eine Hochzeit bei uns geben— und dies Mal eine wirkliche Hochzeit.« »Eine Hochzeit,« rief Herr Snodgraß erblaſſend aus. »Ja, eine Hochzeit. Aber erſchrecken Sie nicht,« ſagte der muntere Alte;»Trundle heirathet nur Bella.« »O, iſt das Alles?« ſagte Herr Snodgraß, als er ſich von den peinlichen Zweifeln, die in ihm aufgeſtiegen waren, befreit ſah.»Ich wünſche von Herzen Glück dazu. Wie geht's denn mit Joe?⸗ „»Joe?— befindet ſich ſehr wohl,« erwiederte der Alte,»ſchläft noch immer vortrefflich.« »Und Ihre Frau Mutter, der geiſtliche Herr, und Alle Andern?2« „»Befinden ſich alle ſehr wohl.« »Wo,« überwand ſich endlich Herr Tupman zu fragen, wo iſt— ſie, Sir?« Er wendete das Geſicht ab, und verhüllte es mit beiden Händen. „»Sie!« ſagte der alte Herr mit einem ſchelmiſchen Kopfſchütteln.»Meinen Sie meine Schweſter 2 Herr Tupman nickte bejahend. 4 „O, ſie iſt fort,« ſagte Wardle; oiſt bei einer Ver⸗ wandten, weit genug von hier. Es war ihr unerträͤglich, 172 Die Pickwicker. von den Mäͤdchen verſpottet zu werden; ich ließ ſie daher reiſen. Doch genug davon für jetzt; das Eſſen iſt aufgetragen. Sie müſſen nach Ihrer Fahrt hungrig geworden ſein; denn ich bin's ohne Fahrt— alſo laſſen wir uns es munden.« Sie nahmen Platz, ſpeiſ'ten alle ohne Ausnahme tapfer drauf los, und beim Nachtiſch erzählte Herr Pick⸗ wick ſein Abenteuer, welches den Schrecken und Unwil⸗ len der Zuhörenden hervorrief, als ſie vernahmen, mit welchem Glück die ſchändlichen Künſte des teufliſchen Jingle gekrönt worden ſeien. »Und die Erkältung, die ich mir in dem verwünſch⸗ ten Garten zuzog,« ſchloß Herr Pichwick,»macht mich noch bis auf den jetzigen Augenblick lahm.« »Ein kleines Abenteuer hab' ich auch beſtanden,⸗ ſagte Herr Winkle mit einem Lächeln, und er mußte ſo⸗ fort erzählen, wie es ihm im Hauſe des Herrn Pott, des Redakteurs der Eatanswiller Gazette, ergangen war. Während Herrn Winkle's Erzählung umzog ſich Herrn Pickwicks Stirn mit düſterm Gewölk, welches ſeinen Freunden nicht entging; und als Herr Winkle endlich ſchwieg, beobachteten auch ſie ein tiefes Still⸗ ſchweigen. Herr Pickwick ſchlug heftig mit geballter Fauſt auf den Tiſch und begann, wie folgt: »Iſt es nicht wunderbar und ganz heillos, daß wir beſtimmt ſcheinen, kein Haus zu betreten, ohne unſern Wirthen Verdruß zu bereiten? Und ich frage, iſt es nicht ein Beweis der Unvorſichtigkeit oder gar der Ruch⸗ loſigkeit meiner Freunde— o ſo etwas ausſprechen zu müſſen!— daß ſie, unter welchem gaſtlichen Dache ſie auch ſein mögen, das Glück und den Seelenfrieden eines argloſen weiblichen Weſens ſtören? Iſt das nicht, frag' ich?—« 1 —————— Die Pickwicker. 173 Aller Wahrſcheinlichkeit nach würde Herr Pickwick noch einige Zeit auf dieſe Weiſe fortgefahren haben, wäre er in ſeiner Beredſamkeit nicht durch den eintretenden Sam, der einen Brief in der Hand hielt, unterbrochen worden. Herr Pickwick wiſchte mit ſeinem Taſchentuch über die Stirn, nahm ſeine Brille ab, und ſetzte ſie, nachdem er die Gläſer gerieben, wieder auf. Seine Stimme klang wieder im gewöhnlichen, milden Ton, als er Sam fragte: »Was haben Sie da, Weller?« »„Ich ging eben bei dem Poſthauſe vorbei, Sir, wo man mir dieſen Brief gab, der ſchon ſeit zwei Tagen dort lag,« erwiederte Sam.»Er iſt mit'ner großen Oblate verſiegelt, und die Aufſchrift iſt von'ner Geſchäftshand.« »Ich kenne dieſe Hand nicht,« ſagte Herr Pickwick, den Brief erbrechend.»Barmherziger Himmel, was iſt das? Es muß ein Scherz ſein; es— es— es kann nicht Ernſt ſein.« »Was giebt's denn?« fragten Alle wie aus einem Munde. »Es wird doch Niemand geſtorben ſein?« fragte Herr Wardle, erſchreckt durch die in Herrn Pickwicks Zügen ſich malende Beſtürzung. Herr Pickwick gab keine Antwort, überreichte Herrn Tupman den Brief, mit der Bitte, ihn vorzuleſen, und ſank mit einem Blick ſtarren Entſetzens auf ſeinen Stuhl zurück. Mit bebender Stimme las Herr Tupmann das Schvreiben, welches wir für unſere Leſer abdrucken laſſen, es lautet wie folgt: Frenman's Court, Cornhil, den 28. Auguſt 1830. Bardell contra Pickwick. Sir! Beauftragt von Miſtreß Martha Bardell, eine Klage gegen Sie aufzuſtellen, wegen Nichterfüllung eines Die Pickwicker. Eheverſprechens, ſind wir ſo frei, Sie zu benachrichti⸗ gen, daß die Klägerin ihre Entſchädigungsforderung auf funfzehnhundert Pfund feſtgeſetzt hat, und daß der Pro⸗ zeß von uns bei dem Gerichtshofe der Common⸗Pleas anhängig gemacht iſt. Wir erſuchen Sie, uns den Namen Ihres Anwalds in London, den Sie mit der Führung Ihres Prozeſſes beauftragen wollen, umgehend anzuzeigen. Wir unterzeichnen, Sir, An Ihre gehorſamen Diener, Herrn Samuel Pickwick. Dodſon und Fogg. Ein ſtummes Erſtaunen herrſchte in den Zügen der um den Tiſch Sitzenden; Alle blickten befremdet Herrn Pickwick an, und es ſchien, als ſcheue ſich Jeder, zuerſt das Wort zu nehmen. Endlich brach Herr Tupman das Stillſchweigen. »Dodſon und Fogg,« wiederholte er mechaniſch. »Bardell contra Pickwick,« ſagte Herr Snodgraß nachdenkend. »Das Glück und der Seelenfrieden argloſer weiblicher Weſen,« murmelte Herr Winkle mit zerſtreutem Blick. »Es iſt eine Verſchwörung,« fuhr Herr Pickwick, dem endlich die Macht der Sprache wiederkehrte, auf; veine ſchändliche Verſchwörung der beiden habſüchtigen Anwälde Dodſon und Fogg. Frau Bardell würde dies nie gethan haben— ſie hat das Herz nicht dazu, hat keinen Grund dazu. O wie lächerlich, wie lächerlich!« »Was ihr Herz betrifft,« ſagte der alte Wardle lä⸗ chelnd,»ſo müſſen Sie das freilich ſelbſt am Beſten ken⸗ nen; aber was das anbelangt, ob ſie Grund zur Klage hat oder nicht, ſo— ich möchte Ihnen den Muth nicht S 2 Die Pickwicker. 175 gerne nehmen— aber ſo glaube ich doch, daß Dodſon und Fogg das beſſer wiſſen, als Einer unter uns.« »Es iſt ein niederträchtiger Anſchlag, mir Geld abzu⸗ preſſen,« eiferte Herr Pickwick. »Ich will ſehr wünſchen, daß es weiter nichts iſt,« ſagte Wardle mit einem kurzen trockenen Huſten. »Wer hat mich je mit der Frau anders reden hören, als wie ein Miether mit der Wirthin ſpricht?« fuhr Herr Pickwick mit großer Heftigkeit fort.»Wer hat mich je⸗ mals mit ihr allein geſehen? Nicht einmal meine Freunde hier—« »Ein Mal ausgenommen,« unterbrach ihn Herr Tup⸗ man, worüber Herr Pickwick ſich verfärbte. »Ah ſo,« ſagte Wardle.»Das iſt allerdings von Wichtigkeit. Es fiel bei dieſer Gelegenheit doch nichts Verdächtiges vor? Herr Tupman warf dem Meiſter einen ſcheuen Blick zu. »Nein,« ſagte er, ves fiel freilich nichts Verdächti⸗ ges vor, nur— ich weiß nicht, wie es kommen mochte — nur ſoviel iſt gewiß, daß Miſtreß Bardell in ſeinen Armen lag.« »Großer Gott!« rief Herr Pickwick aus, als er ſich plötzlich der Scene erinnerte, worauf Herr Tupman hindeutete;»welch ein ſchreckensvolles Beiſpiel von der Macht der Umſtände! Es iſt nur zu— nur zu wahr!« »Und unſer Freund wandte alle mögliche Mühe an, ſie zu tröſten, oder wie ich ſagen ſoll,—« bemerkte Herr Winkle ein wenig boshaft. »Ja, ja,« rief Herr Pickwick aus.»Ich läugne es nicht; ſo iſt es!« »Ah, ha,« ſagte Wardle;»das ſieht doch bei einem Fall, wobei nichts Verdächtiges porgefallen ſein ſoll, 176 Die Pickwicker. etwas wunderlich aus,— he Pickwick, was ſagen Sie dazu? Ah, Sie Schalk, wie Sie es hinter den Ohren haben!« und er lachte, daß die Gläſer auf dem Seiten⸗ tiſch klirrten. »Welch eine entſetzliche Vereinigung von Umſtänden, die den Anſchein gegen mich erregen!« rief Herr Pickwick aus, das Kinn in die Hände ſtützend.»Winkle, Tup⸗ man, ich bitte Sie meiner Bemerkung von vor⸗ hin wegen, um Verzeihung. Wir ſind alle Schlacht⸗ opfer der Umſtände, und ich bin das größte.“« Hier⸗ auf bedeckte Herr Pickwick nachſinnend das Geſicht mit den Händen, indeß Wardle allen Andern der Reihe nach bedeutſame Blicke zuwarf. »Ich will Licht über die Sache haben,« rief Herr Pickwick endlich, den Kopf emporhebend und auf den Tiſch ſchlagend, aus.»Ich will ein Wörtchen mit dem Dodſon und Fogg reden; morgen kehre ich noch London zurück.« »Morgen noch nicht,« ſagte Wardle,»Sie ſind noch zu lahm.« »Nun gut, übermorgen.« »Dann iſt der erſte September, und Sie haben uns zugeſagt, an unſerer Partie nach Sir Geoffrey's Landſitz Theil zu nehmen, und jedenfalls mit uns zu frühſtücken, wenn Sie auch der Jagd nicht beiwohnen wollen. »Auch gut, noch einen Tag ſpäter,« ſagte Herr Pickwick.»Donnerſtag alſo— Weller!« „Sir!« erwiederte Sam. »Nehmen Sie für uns Beide zwei Außenplätze auf der Londoner Poſtkutſche. Am Donnerſtag reiſen wir.«⸗ »Sehr wohl, Sir!« Sam Weller ging, und ſchlenderte, die Hände in den Taſchen und die Augen auf die Erde geſchlagen, nach dem Poſtbüreau. 3 Die Pickwicker. 177 »Daß dich das Wetter! wer hätte ſo etwas von dem alten Herrn gedacht?« ſprach er bei ſich ſelbſt. „Das ſtell' ſich mal Einer vor— macht ſich an die Miſtreß Bardell, die noch obendrein'nen kleinen Jungen hat. Freilich, die alten Hähne machen's immer nicht anders, ſo ehrlich ſie auch ausſehen. Hätt's mir aber doch nicht von ihm gedacht— hätt's mir doch nicht gedacht!« So moraliſirend kam Sam Weller im Poſtbü⸗ reau an. Zwanzigſtes Capitel. Ein angenehmer, aber unangenehm endender Tag. Die gefiederten Bewohner der Stoppelfelder begrüß⸗ ten ohne Zweifel den Morgen des erſten September als einen der angenehmſten ihres kurzen Daſeins, da ſie zum Glück für ihren Seelenfrieden und heiteren Lebens⸗ genuß, in ſeliger Unkunde der zu ihrem Verderben getroffenen Vorbereitungen waren. So ſtolzirte denn manch junges Rebhuhn mit großer Geckenhaftigkeit und Leichtfertigkeit der Jugend zwiſchen den Stoppeln einher; und manch altes ſchaute mit ſeinen kleinen runden Augen und dem Blick eines weiſen und erfahrenen Vogels dem thörichten Treiben zu, und ſonnte ſich, ſein herannahen⸗ des Schickſal eben ſo wenig ahnend, munter und ver⸗ gnügt in der friſchen Morgenluft— und einige Stun⸗ den nachher lagen alle todt da!. Doch wir werden zu empfindſam, und wollen lieber in unſerer Erzählung fortfahren. Die Pickwicker. II. 12 178 Die Pickwicker. Wohlan! Es war, um in gewöhnlicher Proſa zu reden, ein ſchöner— ein ſo ſchöner Morgen, daß man nicht leicht daran denken konnte, die wenigen Monate eines engliſchen Sommers ſeien bereits entflohen. Hek⸗ ken, Felder und Bäume, Hügel und Wieſen prangten im herrlichſten Grün; es war noch kaum ein Blatt abge⸗ fallen; kaum eine Spur bräunlicher Färbung erinnerte daran, daß der Herbſt begonnen hatte. Der Himmel war rein, und die Sonne ſchien glänzend und heiß; das Gezwitſcher der Vögel, das Geſumme zahlreicher Inſekten erfüllte die Luft, und die mit Blumen von den ſchönſten Farben gezierten Gärtchen vor den ländlichen Wohnungen hingen voll ſchwerer Thautropfen, welche wie Sdelſteine vom reinſten Waſſer erglänzten. Alles, was ſich dem Auge darbot, was das Ohr hörte, deutete auf den Sommer, und nur auf den Sommer hin, und noch war keine feiner ſchönen Far⸗ ben erbleicht. So war der vielbeſagte Morgen beſchaffen, als ein offener Wagen mit drei Pickwickern(Herr Snodgraß hatte es vorgezogen, zu Hauſe zu bleiben), ferner den Herren Wardle und Trundle und endlich Sam Weller, der neben dem Kutſcher auf dem Bock ſaß, vor einem Thore an der Heerſtraße hielt, vor welchem ein großer kräftiger Wildwärter und ein Burſche in Halbſtiefeln und ledernen Beinkleidern ſtanden, jeder mit einer geräu⸗ migen Jagdtaſche und einem Paar Hühnerhunden. »Sie denken doch nicht,« flüſterte beim Ausſteigen Herr Winkle dem alten Wardle zu,»daß wir Hühner genug ſchießen ſollen, um dieſe Jagdtaſchen damit ganz anzufüllen?« »Ei, verſteht ſich!« rief Wardle aus.»Sie ſollen die eine und ich die andere anfüllen; und wenn ſie voll ſind, Die Pickwicker. 179 gehen noch eben ſo viele in die Taſchen unſerer Jagdröcke.⸗ Herr Winkle ſtieg aus, ohne etwas zu erwiedern, dachte aber bei ſich ſelbſt, wenn die Geſellſchaft ſo lange unter freiem Himmel bleiben ſolle, bis er eine der Jagd⸗ taſchen gefüllt hätte, ſo würde ſie große Gefahr laufen, ſich eine ziemlich beträchtliche Erkältung zuzuziehen. »Holla, Juno— komm, mein altes Mädchen!— ruhig, Daphne, ruhig,« ſagte der alte Herr, die Hunde liebkoſend. »Nicht wahr, Martin, Sir Geoffrey verweilt noch in Schottland?« fragte Wardle den langen Wildwärter. Dieſer bejahte und blickte mit einiger Verwunderung bald Herrn Winkle, der ſein Schießgewehr ſo hielt, als ob er wünſche, ſeine Rocktaſche möchte ihm die Mühe er⸗ ſparen, den Hahn aufzuziehen, und bald Herrn Tupman an, der das ſeinige ſo hielt, als ob er ſich vor ihm fürch⸗ tete— und kein Grund in der Welt hält uns davon ab, anzunehmen, daß es wirklich der Fall war. »Meine Freunde ſind in dieſen Dingen noch nicht ſehr erfahren, Martin,« ſagte der alte Wardle, als er des Wildwärters Seitenblicke bemerkte.»Ihr wißt wohl: leben und lernen.- Sie werden ſchon noch mit der Zeit tüchtige Schützen werden. Freund Winkle muß ich aber um Verzeihung bitten; er hat bereits einige Uebung gehabt.«* Herr Winkle lächelte ſchwach aus ſeiner blauen Hals⸗ binde in dankbarer Anerkennung des Compliments, und handhabte und drehte in ſeiner beſcheidenen Verwirrung ſeine Flinte ſo wunderlich und myſteriös, daß er, wenn ſie geladen geweſen wäre, ſich ohnfehlbar ſelbſt erſchoſſen haben würde.. »So dürfen Sie aber Ihr Gewehr nicht halten, Sir, wenn Sie geladen haben,« ſagte der Wildwärter 1²* 180 Die Pickwicker. barſch;»oder ich will verdammt ſein, wenn Sie nicht kalte Küche aus einem von uns machen.« In Folge dieſer Erinnerung anderte Herr Winkle ſchnell ſeine Stellung, und brachte dabei den Lauf ſeines Gewehrs in eine unangenehme Berührung mit Weller's Kopf. »Donner und Wetter!« rief Sam aus, ſeinen her⸗ untergeſchlagenen Hut aufnehmend und ſich die Schlaͤfe reibend.»Sir, wenn Sie's auf dieſe Manier anfangen, ſo werden ſie auf einen Schuß'ne Jagdtaſche und oben⸗ ein noch Ihre Rocktaſchen voll haben.« Hierüber begann der Jägerburſche in den Lederbein⸗ kleidern laut zu lachen, bemühte ſich aber auszuſehen, als wenn ſonſt Jemand gelacht hätte, worüber Herr Winkle ihm einen majeſtätiſchen Zornblick zuwarf. »Wohin habt Ihr den Burſchen mit dem Proviant beſtellt, Maxtin 2« fragte Wardle. „»Um zwölf Uhr ſoll er am One⸗Tree⸗Hill ſein, Sir.⸗ »So viel ich weiß, iſt das nicht in Sir Geoffrey's Jagd?« »Nein, Sir; aber dicht dabei. One⸗Tree⸗Hill ge⸗ hört zwar zu Capitain Boldwig's Feldmark; es wird aber Niemand da ſein, uns zu ſtören, und wir haben dort ſo herrlichen Raſen.⸗« »Sehr gut,« ſagte Wardle;»aber laſſen Sie uns aufbrechen, meine Herren. Um zwölf Uhr treffen wir alſo wieder zuſammen, Pickwick?« Herr Pickwick, der äußerſt begierig war, der Jagd zuzuſchauen, und beſonders aus dem Grunde, weil er für Winkle's Leben und geſunde Glieder ein wenig beſorgt war, und dem es an einem ſo einladenden Morgen durch⸗ aus nicht zuſagte, umzukehren, und die Freunde ſich allein * Die Pickwicker. 181 beluſtigen zu laſſen, antwortete mit einer gar trübſeligen Miene:* »Ich glaube leider, daß es ſo ſein muß.« »Iſt der Herr kein Jäger, Sir?« fragte der Wild⸗ wärter. »Nein,« ſagte Wardle,»und überdem iſt er lahm.« »Ich ginge gar zu gerne mit,« ſagte Herr Pickwick, „gar zu gerne.« Alle ſchwiegen und blickten ihn mitleidig an. »Hinter der Hecke ſteht ein Schubkarren,« ſagte der Jägerburſche.»Wenn der Herr ſich von ſeinem Bedien⸗ ten darin auf den Fußſteigen nachſchieben ließe, ſo könnte er in unſerer Nähe bleiben, und wir wollten ihn über die Hecken und Steigen ſchon hinüberheben.« »Ja, ſo geht's,« fiel Sam Weller ſogleich ein, denn er hatte das lebhafteſte Verlangen, der Jagd zuzuſchauen. »„Sehr gut ausgedacht, kleiner Freiſchütz; ich hole gleich den Schiebkarren.⸗ Allein es zeigte ſich ein Hinderniß. Der lange Wild⸗ wärter proteſtirte aus allen Kräften dagegen, indem es eine grobe Verletzung aller bekannten Jagd⸗Regeln und Gebräuche ſei, daß ein Herr in einem Schubkarren der Jagd beiwohne. Sein Widerſtand war energiſch, doch nicht unüber⸗ windlich; durch Gegengründe und Geld ließ er ſich zu ſtillſchweigender Einwilligung bewegen, und nachdem er zum Ueberfluß ſein Herz durch einige Püffe erleichtert hatte, die er dem Kopfe des ſcharfſinnigen Jünglings bei⸗ brachte, der den Gebrauch des beſcheidenen Fuhrwerks angerathen, wurde Herr Pickwick in daſſelbe geſetzt, und die Geſellſchaft brach auf, indem Wardle und der lange Wildwärter die Vor⸗ und Herr Pickwick, von Sam ge⸗ ſchoben, die Nachhut bildeten. Die Pickwicker. »Halt, Sam, rief Herr Pickwick, als ſie halb über den erſten Acker hinüber waren. »Was giebt's denn?« fragte Wardle. »Ich laſſe mich keinen Schritt weiter ſchieben,« ſagte Herr Pickwick mit Beſtimmtheit,»wenn Winkle ſein Schießgewehr ſo unvorſichtig trägt.« »Wie ſoll ich es denn tragen?« rief der unglückliche Winkle. »So, daß der Lauf der Erde zugekehrt iſt,« entgeg⸗ nete Herr Pickwick. „»Das iſt ganz unwaidmänniſch,« wendete Winkle ein. »Waidmänniſch oder nicht; ich habe keine Luſt mich irgend Jemand zu Gefallen in einem Schubkarren todt⸗ ſchießen zu laſſen.« „»Ich weiß, der Herr wird ſeinen Schuß Jemanden in den Leib jagen, eh' er's ſich verſieht,« ſagte der lange Wildwärter mürriſch. „Nun, es mag drum ſein,« ſeufzte der arme Winkle, ſeinen Gewehrkolben in die Luft kehrend. Nichts geht über ein ruhiges Leben,« ſagte Sam Weller, und die Schützen und der Schubkarren ſetzten ſich wieder in Bewegung. „»Halt!« rief Herr Pickwick abermals, als ſie zwan⸗ zig Schritt weiter waren. »Was giebt's denn nun 2« fragte Wardle. „»Tupman's Gewehr iſt gefährlich, ich weiß es ganz beſtimmt,« erwiederte Herr Pickwick. „»Wie! was iſt gefährlich?« fragte Tupman er⸗ ſchrocken. »Ihr Gewehr, ſo wie Sie es tragen,« rief ihm Herr Pickwick zu.»Es thut mir ſehr leid, abermaligen Aufenthalt zu veranlaſſen, doch ich kann mich nicht 182 Die Pickwicker. 183 weiter ſchieben laſſen, wenn Sie es nicht eben ſo tragen, wie Winkle das ſeinige.« »Thun Sie es nur, Sir,« ſagte der lange Wild⸗ wärter,»ſonſt könnten Sie Ihren Schuß eben ſo leicht in Ihrer, als in ſonſt Jemands Weſte anbringen.« Herr Tupman beeilte ſich gefällig, ſeine Flinte in die gewünſchte Lage zu bringen, und der Zug ſetzte ſich von Neuem in Bewegung; die beiden Jagdliebhaber mit umgekehrten Waffen, wie Soldaten bei einem Leichenbe⸗ gängniß. Plötzlich»ſtanden« die Hunde, und die Schützen ſtanden gleichfalls, nachdem ſie leiſe einige Schritte vor⸗ getreten waren. „Was machen ſich denn die Hunde mit ihren Bei⸗ nen zu ſchaffen?« flüſterte Herr Winkle.»Sie ſtehen ja da ganz eigen.⸗ „Pſt! ſtill doch,« flüſterte Wardle zurück.»Sehen Sie denn nicht, ſie markiren.s« „Markiren!« wiederholte Herr Winkle und ſchaute nach allen Richtungen um ſich her, als habe er eine verſteckte Schönheit der Landſchaft zu entdecken gehofft, welcher die klugen Thiere eine beſondere Aufmerkſamkeit gewidmet hätten.„Was markiren ſie denn?« fragte er in ſeiner Unſchuld. »Aufgepaßt— jetzt— Feuer,« ſagte Wardle in der Aufregung des Augenblicks, die Frage nicht beachtend. Es wurde ein ſtarkes ſchwirres Geräuſch vernommen, in Folge deſſen Herr Winkle zurückfuhr, als ſei er ſelbſt getroffen worden; denn Paff! Paffl fielen mehrere Schüſſe, und gleich darauf hatte ſich der Dampf, welcher⸗ einen Augenblick über dem Felde ſchwebte, ſchon wieder verzogen und kräuſelte ſich in der Luft. »Wo ſind ſie?« fragte Herr Winkle, in höchſter 184 Die Pickwicker. Aufregung rings umherſchauend.»Wo ſind ſie?— Sa⸗ gen Sie mir, wenn ich Feuer geben ſoll.— Wo ſind ſie denn— wo ſind ſie denn?« »Wo ſie ſind? Nun, da ſind ſie,« ſagte Wardle, ein Paar Rebhühner aufnehmend, welche die Hunde ihm ſo eben vor die Füße gelegt hatten. »Nein, nein, ich meine die andern,« ſagte Winkle, äußerſt verwirrt. »Ei, die ſind wohl jetzt ſchon weit genug von hier,« erwiederte Wardle, und lud ruhig ſein Gewehr wieder. »Binnen fünf Minuten werden wir wahrſcheinlich auf eine zweite Kette treffen,« ſagte der lange Wildwär⸗ ter.»Wenn der Herr jetzt anfängt loszudrücken, ſo kommt ſein Schuß vielleicht gerade zu rechter Zeit, wenu ſie ſich in die Luft erheben, aus dem Lauf heraus.« Sam Weller lachte überlaut. »Weller!« ſagte Herr Pickwick, welchem die Verle⸗ genheit ſeines Freundes Mitleiden einflößte. »Sir,« ſagte Weller. »Lachen Sie nicht!« »Zu Befehl, Sir;« ſagte Sam, der, um ſich zu ent⸗ ſchädigen, Geſichter hinter ſeinem Schubkarren ſchnitt, und zwar zur ausſchließlichen Beluſtigung des Lehrburſchen mit den Halbſtiefeln, der darüber in ein ſchallendes Ge⸗ lächter ausbrach, wofür er von dem langen Wildwärter, der eines Vorwandes bedurfte, ſich umzuwenden, und ſeine eigene Heiterkeit zu verbergen, ſummariſch abgeknufft wurde. „»Bravo, alter Burſche!« rief Wardle Herrn Tupman zu.»Sie haben doch wenigſtens gefeuert.« 3 »Freilich,« erwiederte Herr Tupman mit Selbſtge⸗ fühl.»Ich drückte los!« b »Brabo!— Das nachſte Mal werden Sie, wenn 4* Die Pickwicker. 185 Sie gut zielen, auch etwas treffen.— Iſt's nicht ſehr leicht?« »Es iſt allerdings ſehr leicht,« ſagte Herr Tupman, „nur daß einem die Schulter ſo weh davon thut. Ich wäre faſt zu Boden geſtürzt, und hätte mir nie gedacht, daß dieſe kleinen Jagdflinten ſo ſtießen.⸗ »Mit der Zeit werden Sie es ſchon gewohnt wer⸗ den,« ſagte lächelnd der alte Herr.„»Und nun vorwärts. Iſt alles in Ordnung mit dem Schubkarren da?« „»Aufzuwarten, Sir,« erwiederte Sam Weller. »Sitzen Sie feſt, Sir,« ſagte Sam, ſeinen Schub⸗ karren aufhebend. »Ja, ja— ſein Sie unbeſorgt,« erwiederte Herr Pickwick, und ſie folgten der Geſellſchaft ſo ſchnell, als es möglich war. „Bleiben Sie jetzt mit dem Schubkarren zurück,« rief Wardle, als derſelbe über eine Steige auf ein an⸗ deres Ackerfeld gehoben und Herr Pickwick wieder hinein⸗ geſetzt worden war.»Wie Sie befehlen, Sir,« erwiederte Weller, und blieb ſtehen. »Folgen Sie mir ſachte nach, Winkle,« fuhr der alte Herr fort,»und verſäumen Sie jetzt den rechten Augenblick nicht.« »Sein Sie unbeſorgt,« ſagte Herr Winkle.„»Spü⸗ ren die Hunde ſchon etwas?« »Nein, nein, noch nicht.— Pſt! ganz ſtilll⸗ Sie ſchlichen vor, und würden ſehr ſtill weiter ge⸗ drungen ſein, wäre Herrn Winkles Gewehr nicht, bei Voll⸗ bringung einer ſehr ſchwierigen Evolution, gerade im kri⸗ tiſchen Augenblick zufällig losgegangen; ohnfehlbar würde er des Jägerburſchen Kopf getroffen haben, wenn er auf des langen Wildwärters Schultern geſeſſen hätte. Die Pickwicker. »Um's Himmels willen, weshalb thaten Sie das?⸗ fragte Wardle, als die Rebhühner unverſehrt davon flogen.« »Solch eine Flinte hab' ich in meinem Leben noch nicht geſehen,« verſetzte der arme Winkle, das Schloß von allen Seiten betrachtend, als wenn das noch etwas helfen könnte.»Es geht ganz von ſelbſt los.« »Geht ganz von ſelbſt los!« wiederholte Wardle et⸗ was zornig.»Ich wollte, daß es von ſelbſt etwas träfe.« »Das könnte leicht genug geſchehen, Sir,« bemerkte der lange Wildwärter in unheimlich⸗prophetiſchem Ton. »Was wollen Sie damit ſagen?« rief Herr Winkle verdrießlich. »Nun, laſſen Sie es nur gut ſein, Sir,« erwiederte der lange Wildwärter; vich ſelbſt habe keine Familie, Sir, und Sir Geoffrey wird ſich der Mutter dieſes jun⸗ gen Burſchen annehmen, wenn er in ſeiner Jagd todt geſchoſſen werden ſollte. Laden Sie nur wieder, Sir— laden Sie nur wieder.« »Nehmt ihm die Flinte ab,« ſchrie Herr Pickwick in ſeinem Karren, durch die Unheil verkündende Andeu⸗ tung des langen Mannes in Schrecken geſetzt.»Hört Niemand? Nehm' ihm Einer das Gewehr weg!« Niemand folgte jedoch der Aufforderung; Herr Winkle warf Herrn Pickwick einen rebelliſchen Blick zu, lud von Neuem ſeine Flinte, und ging mit den Uebrigen wieder vor. Wir ſind verpflichtet, nach Herrn Pickwicks Zeug⸗ niß zu berichten, daß Herrn Tupmans Verfahrungsweiſe weit mehr Takt und Ueberlegung bewies, als die von Herrn Winkle beobachtete. Dies thut jedoch der großen Autorität des letztgenannten Herrn in allen Dingen, die 186 auf das Waidwerk Bezug haben, nicht den mindeſten Eintrag; denn es iſt, wie Herr Pickwick ſehr ſchön ————ri, Die Pickwicker. 187 bemerkt, gleichviel worin der Grund auch liegen mag— ſeit unvordenklichen Zeiten der Fall geweſen, daß viele der größten und tiefſinnigſten Philoſophen gänzlich außer Stande geweſen ſind, ihr ausgebreitetes theoretiſches Wiſſen praktiſch anzuwenden. Gleich vielen der wichtigſten Entdeckungen, war auch Herrn Tupmans Verfahren äußerſt einfach. Mit dem Scharfblick eines Mannes von Genie hatte er ſogleich wahrgenommen, daß die beiden Punkte, welche der Schütze vor allen Dingen zu beobachten habe, die ſeien: erſtlich, zu ſchießen ohne ſich ſelbſt zu beſchädigen, und zweitens loszudrücken, ohne die Jagdgefährten todtzuſchießen. Eben ſo wenig war es ihm entgangen, daß das Beſte, was man nach Ueberwindung der Schwierigkeit des Ab⸗ ſchießens überhaupt thun könne, darin beſtehe, die Au⸗ gen feſt zu ſchließen und in die Luft zu feuern. Einmal, als Herr Tupman, nachdem er dieſe Re⸗ gel mit Glück befolgt hatte, eben die Augen öffnete, ſah er ein großes Rebhuhn verwundet auf die Erde fallen. Er wollte eben Wardle wegen ſeines beſtändigen Glücks gratuliren, als dieſer zu ihm trat, und ſehr erfreut ſeine Hand ergriff. „»Tupman,“ ſagte der alte Herr,»hatten Sie gerade dieſes Rebhuhn auf's Korn genommen?« „»Nein,« erwiederte Herr Tupman,»Nein.⸗ »Sie thaten es allerdings; ich habe es geſehen,« fuhr Wardle fort;»ich beobachtete Sie, als Sie anlegten und zielten, und ich muß Ihnen geſtehen, der beſte Schütze in der Welt hätte es nicht beſſer machen können.— Sie ſind geübter, als ich dachte, Tupman; denn, geſtehen Sie es nur, Sie haben ſchon manche Jagd mitgemacht.« Vergeblich erklärte Herr Tupman mit einem ſelbſt⸗ verläugnenden Blick, daß er noch niemals einer Jagd bei⸗ 188 Die Pickwicker. gewohnt habe. Sogar Kein Lächeln mußte als ein Be⸗ weis des Gegentheils gelten, und ſein waidmänniſcher Ruhm ward von der Stunde an begründet. Seine Be⸗ rühmtheit war freilich nicht die einzige, ſo leicht erwor⸗ bene, und die Umſtände treffen keineswegs nur auf Rebhüh⸗ nerjagden ſo glücklich zuſammen. Unterdeß feuerte Herr Winkle ſeinerſeits nach Her⸗ zensluſt, doch ohne irgend einen der Aufzeichnung würdi⸗ gen Erfolg. Bald ſchoß er weit über die Höhe, bis zu welcher ein Rebhuhn ſich je erhebt, bald ſo dicht über der Erde hin, daß der beiden Hunde Lebensdauer höchſt un⸗ ſicher wurde. Aus dem Geſichtspunkt eines Luſtfeuerns be⸗ trachtet, war ſein Schießen ſehr hübſch; als Schießen. nach einem beſtimmten Gegenſtand aber mußte es vielleicht für gänzlich verunglückt gelten. Man ſagt, daß»jede Kugel ihren Quartierzettel habe;« will man indeß auch das Sprichwort auf Hagelkörner anwenden, ſo waren demnach die des Schützen Winkle unglückliche, ihrer natürlichen Rechte beraubte, aufs Gerathewohl in die Welt geblaſene und mit keinem Quartierzettel verſehene Findlinge. »Nicht wahr, ein heißer Tag?« ſagte Wardle, indem er an den Schubkarren trat, und ſich den Schweiß von ſeinem gerötheten heitern Geſicht trocknete. »In der That,« erwiederte Herr Pickwick.»Die Hitze plagt mich ſchon ſehr; wie müſſen Sie von ihr leiden.⸗ »Hat nichts zu ſagen,« entgegnete der alte Herr: »Doch zwölf Uhr iſt ſchon vorüber; ſehen Sie den grü⸗ nen Hügel dort? »Jawohl,« entgegnete Herr Pickwick. »Dort werden wir frühſtücken,« fuhr der Alte fort— vund beim Jupiter! da iſt auch der Burſche ſchon mit dem Korbe, pünktlich wie eine Uhr.« »Wahrhaftig,« ſiel Herr Pickwick, der auf einmal „ Die Pickwicker. 189 äußerſt vergnügt ausſah, ein. Ein punktlicher Burſche das. Ich muß ihn auf der Stelle mit einem Schilling erfreuen. Vorwärts, Sam; ſchieben Sie munter auf den Hügel zu.« »Sitzen Sie feſt, Sir,« rief Sam, gleichfalls neu be⸗ lebt durch die Ausſicht auf einen Imbiß.—»Aus dem Wege, junger Lederbein, wenn mein koſtbares Leben Euch lieb iſt, ſo werft mich nicht um, wie Jener zum Kutſcher ſagte, als man ihn nach Tyburn fuhr.⸗ Sam ſetzte ſich bei dieſen Worten in einen muntern Trab, und ſchob ſeinen Herrn nach dem grünen Hügel, wo er den Karren mit ſo viel Geſchicklichkeit umſtülpte, daß Herr Pickwick gerade neben dem Korbe herausgewälzt war, und Sam beeilte ſich jetzt, dis Viktualien mit aus⸗ packen zu helfen. »Kalbfleiſch⸗Paſtete,« ſprach er während ſeiner Ge⸗ ſchäftigkeit zu ſich ſelbſt;—»Kalbfleiſch⸗Paſtete iſt ein ſehr gutes Eſſen, wenn man die Dame kennt, die ſie fa⸗ bricirt hat, und ganz gewiß iſt, daß das Kalbfleiſch kein Katzenfleiſch iſt; doch was hat's zu ſagen, wenn ne Katzenfleiſch⸗Paſtete eben ſo gut ſchmeckt, ſo daß der Pa⸗ ſteten⸗Bäcker ſelbſt ſie nicht von'ner Kalbfleiſch⸗Paſtete unterſcheiden kann?« »Können das die Paſteten⸗Bäcker wirklich nicht?2« fragte Herr Pickwick. »Gott behüte, Sir,« antwortete Sam an den Hut greifend.—»Einſtmals wohnte ich mit'nem Paſteten⸗ Bäcker in dem nämlichen Hanſe, Sir, und es war ein ſehr artiger Mann, verſtand auch ſein Handwerk aus dem Grunde, Sir, fabricirte Paſteten ans allem Mög⸗ lichen, Sir.«—»Herr Broocks,« ſagte ich einſtmals zu ihm, da wir gute Freunde geworden waren;»was Sie doch'ne Menge Katzen halten.«»O ja,« ſagte er,»ich Die Pickwicker. 190 halte nicht wenige,⸗ ſagt er.—»Sie müſſen die Katzen ſehr gern haben,« ſagt' ich.—»Ich nicht, t, aber andere Leute haben ſie gern,« antwort' er, mir zublenzeind;— „die Zeit iſt aber jetzt noch nicht da; erſt im Winter.«⸗— »Jetzt iſt ihre Zeit nicht?« fragt' ich.—»Nein,« ant⸗ wort' er,»jetzt iſts Obſt an der Zeit; Katzen aber nicht,« ſagt' er.—»Wie ſoll ich das verſtehen?« fragt' ich.»Daß ich mit den Fleiſchern gar nichts zu ſchaffen haben will, denen es nur darum zu thun iſt, die Fleiſch⸗ tare in die Höhe zu halten,« ſagt' er.—»Herr Wel⸗ ler,« ſagt' er,»drückte mir vertraulich die Hand, und flüſterte mir ins Ohr: ſagen Sie's Niemand wieder, aber es kommt Alles auf die Zubereitung an.— Die Paſteten, die ich verkaufe, werden alle aus den niedlichen Thierchen dort fabricirt, und ich mache aus ihnen auch Beefſteaks, Kalb⸗ und Hammelfleiſch⸗Paſteten, und was ſonſt gerade verlangt werden ſollte; und was noch mehr iſt, ich kann in'ner Minute aus Kalbfleiſch Beefſteaks, aus Beefſteaks Nieren, aus Nieren Hammelfleiſch machen, je nachdem der Markt und Appetit es erfordert,« ſagt' er. »Das muß ein ſehr geſchickter Mann geweſen ſein, Sam,“ ſagte Herr Pickwick nicht ohne einigen Schauder. »Ja, das war er, Sir,« erwiederte Sam, während er fortwährend den Inhalt des Korbs auspackte,»und ſeine Paſteten waren ſehr ſchmackhaft. Ah, Zunge— iſt gar nicht übel, wenn es keine Weiberzunge iſt.— Brot— Schinken, wie gemalt— kaltes Rindfleiſch, gar nicht übel— Was iſt in den ſteinernen Krügen, blonder Jüngling?« »In dieſem Bier, und in dem andern kalter Punſch,« antwortete der Burſche, indem er zwei große ſteinerne durch einen ledernen Riemen verbundene Krüge von der Schulter nahm. Die Pickwicker. 191 „'S iſt ein gutes Frühſtück, wenn man alles zu⸗ ſammen nimmt,« ſagte Sam, ſeine Anordnungen mit Selbſtzufriedenheit betrachtend.»Und nun, meine Herren, greifen Sie an, wie die Engländer zu den Franzoſen ſagten, als ſie die Bajonets aufſteckten.« Die Geſellſchaft, die keiner ferneren Einladung be⸗ durfte, machte einen tapfern Angriff auf die von Sam ſervirten Speiſen und Getränke; und eben ſo leicht lie⸗ ßen ſich Sam und der lange Wildwärter und die beiden Burſchen bewegen, auf dem Raſen in einiger Entfernung ihrem Antheil an dem Frühſtück volle Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Die Gruppe ſaß in dem Schat⸗ ten einer alten Eiche, und erfreute ſich einer reizenden Ausſicht auf fruchtbare Aecker, grünende Wieſen und an⸗ muthiges Gehölz. „»Das iſt hier entzückend— ganz entzückend!« rief Herr Pickwick, von deſſen vielſagendem Antlitz in Folge der Sonnenhitze die Haut ſich ſtark löſte, aus. »Sie haben Recht, alter Freund,« erwiederte Wardle, laſſen Sie uns ein Glas Punſch trinken.« »Mit großem Vergnügen,« ſagte Herr Pickwick, in deſſen Antlitz eine ſelige Zufriedenheit ſtrahlte, welche die Aufrichtigkeit ſeiner Antwort bezeugte. »Der Punſch iſt gut, ſehr gut,« fuhr Herr Pickwick fort, dieſe Worte mit ſchnalzenden Lippenlauten begleitend. »Ich will noch ein Glas trinken.— Es iſt kühl — ſehr kühl.— Meine Herren, unſern Freundinnen und Freunde in Dingley⸗Dell!« Die Geſundheit wurde unter lautem Jubel getrunken. M„»Ich will Ihnen ſagen, wie ich's anſtellen werde, um meine Ungeſchicklichkeit im Schießen wieder gut zu machen,« ſagte Herr Winkle, der ſich Brot und Schinken mit einem Taſchenmeſſer vorlegte.»Ich befeſtige ein ——— 192 Die Pickwicker. 2 aufgeſtopftes Rebhuhn auf einer Stange, und ſchieße danach, und zwar ſo, daß ich in kurzer Entfernung an⸗ fange und ſie darauf allmählig vergrößere. Wie man mir geſagt hat, ſoll das eine vortreffliche Uebung ſein.«⸗ »Ich kenn'nen Herrn, Sir,« ſagte Sam Weller, „»der das that, und zwar auf vier Fuß anfing; er pro⸗ birt's aber ſein Lebstag nicht wieder; denn er knallte den Vogel auf den erſten Schuß'runter, und kein Menſch hat keine Feder mehr davon zu ſehen bekommen.⸗ »Sam!« rief Herr Pickwick. »Sir!« erwiederte Sam. »Sei'n Sie ſo gut, Ihre Geſchichtchen für ſich zu behalten, bis man ſie von Ihnen zu hören verlangt.« »Sehr wohl, Sir.« Sam Wellers außerſt komiſches Blinzeln aus den Angenwinkeln, ward durch den Bierkrug, den er dabei an den Mund ſetzte, ſo wenig verborgen, daß die beiden jungen Burſchen ein ſchallendes Geluchter anſtimmten, und der lange Wildwärter ſelbſt ſich eines Lächelns nicht erwehren konnte. »In der That ein ausgezeichnetes Getränk,« ſagte Herr Pickwick, indem er auf den ſteinernen Krug bedeu⸗ tungsvolle Blicke warf.»Der heutige Tag iſt ſehr heiß und — Tupman— mein theurer Freund, ein Glas Punſch?« »Mit dem größten Vergnügen,« erwiederte Herr Tupmanz und nach dem Verſchwinden des Inhalts ſeines Glaſes trank Herr Pickwick noch eins, doch nur um nachzuſehen, ob Zitronenſchalen in dem Punſch ſeien, weil er gegen dieſelben von jeher eine Antipathie hegte; als er jedoch fand, daß derſelbe rein war, leerte er noch ein Glas und zwar auf das Wohl ihres abweſenden Freun⸗ des; worauf er von den Anweſenden dringend aufgefordert Die Pickwicker. 193 wurde, noch eine Geſundheit zu trinken, und zwar dem unbekannten Punſchbereiter zu Ehren. Auf Herrn Pickwick brachte dieſe unaufhörliche Glä⸗ ſerfolge eine ſo beträchtliche Wirkung hervor, daß ſein Antlitz vom ſonnigſten Lächeln ſtrahlte, Fröhlichkeit ſeine Lippen umſpielte, und heitere Laune aus ſeinen Augen ſprühte. Sich dem Einfluß des bei der Hitze noch ſtärker aufregenden Getränks allmählig immer mehr und mehr hingebend, wandelte ihn ein heftiges Verlangen an, ſich auf ein Lied zu beſin en, das er in ſeiner Jugend hatte ſingen hören; da aber der Verſuch mißlang, dachte er ſein Gedächtniß durch noch ein paar Gläſer Punſch an⸗ regen und ſtärken zu müſſen, was aber grade die entge⸗ gengeſetzte Wirkung hervorzubringen ſchien; denn hatte er vorhin die Worte des Liedes nicht ordnen können, ſo vermochte er jetzt überhaupt keine Worte mehr hervor⸗ zubringen; und als er zuletzt aufſtand, um an die Ge⸗ ſellſchaft eine feurige Anrede zu halten, fiel er in den Schubkauden zurück, und gleichzeitig in tiefen Schlaf. Der Korb war wieder gepackt, allein man fand es rein unmöglich, Herrn Pickwick aufzuwecken. Was war jetzt am rathſamſten?— daß Weller ſeinen Herrn nach dem Wagen zuruͤckſchob, oder daß man ihn ruhig in ſei⸗ nem Schubkarren liegen ließ, bis Alle wieder nach dem Hügel zurückkehren würden? Nach langem Hin⸗ und Widerreden entſchied man für das Letztere; und da in einigen Stunden die Jagd beendigt werden ſollte, und Weller ſehr angelegentlich bat, ihr beiwohnen zu dürfen, ſo kam man überein, Herrn Pickwick in dem Schubkarren ausſchlafen zu laſſen, und ihn bei ihrer Aller Rückkehr abzuholen. In Folge dieſes Beſchluſſes brach die Jagd⸗ geſellſchaft auf, während Herr Pickwick im Schatten der alten Eiche äußerſt komfortabel ſchnarchte. Die Pickwicker. II. 13 194 Die Pickwicker. Aus vernünftigen Gründen kann durchaus nicht be⸗ † zweifelt werden, daß Herr Pickwick bis zur Rückkehr ſeiner Freunde, oder wenn ſie auch nicht zurückgekehrt wären, im Schatten fortgeſchnarcht haben würde; jedoch V unter der Bedingung, daß ihn Niemand in ſeinem Schlum⸗ mer geſtört hätte. Doch er wurde darin geſtört, und dadurch geweckt. Kapitain Boldwig war ein kleiner lebhafter Mann, mit einer ſteifen ſchwarzen Halsbinde und in einem blauen* Ueberrock; und er ließ ſich bisweilen herab, in ſeinen Wäldern und Feldern umherzugehen, und zwar in Ge⸗ 5 ſellſchaft eines eiſenbeſchlagenen ſpaniſchen Rohrs, und eines Gärtners und Untergärtners, die ihm in größter Demuth folgten, und denen er ſeine Befehle mit aller gebührenden Würde und hochfahrenden Barſchheit ertheilte; denn Kapitain Boldwig's Frauen Schweſter hatte einen Marquis geheirathet, und des Kapitains Haus war eine Villa, ſein Garten ein Park, und dies und alles Andre 1 um ihn und an ihm war ſehr vornehm, pomphaft und großartig. Noch nicht eine kleine halbe Stunde hatte Herr Pickwick geſchlummert, als der kleine Kapitain Boldwig mit ſeinen beiden Gärtnern ſo ſchnell heranſtolzirte, als es ſeine Statur und Würde erlaubten. An der Eiche ſtand er ſtill, holte ſchwer Athem, und beſchaute die Aus⸗ ſicht, gerade ſo, als wenn er gemeint hätte, ſie müſſe ſich 8 geſchmeichelt fühlen, daß er Notiz von ihr nehme; er ſtieß ſein Rohr alsdann mit Macht auf den Raſen, und rief ſeinen Obergärtner. „Hunt's rief Kapitain Boldwig. »Ja, ja, Sir,« erwiederte der Gärtner. 4 „Dieſer Fleck ſoll morgen früh gewalzt werden— hört Ihr, Hunt?« —„—— . Die Pickwicker. 195 „»Ja, Sir.« »Er ſoll mir überhaupt in guter Ordnung gehalten werden— hört Ihr, Hunt?« „Ja, Sir.« „»Erinnert mich auch, daß ich eine Warnungstafel anheften und Selbſtſchüſſe anbringen laſſe, und was wei⸗ ter dazu gehört, um gemeines Volk abzuhalten. Hört Ihr, Hunt? Habt Ihr's gehört?« »Ich werde nicht ermangeln, Sir.« »Bitte um Verzeihung, Sir,« ſagte der Untergärtner, der ſich, mit dem Hut in der Hand, näherte. »Ei, was wollt Ihr denn, Wilkins?« fuhr ihn Kapitain Boldwig an. »Bitte um Verzeihung, Sir— aber ich glaube, daß heute Jagd⸗Frevler hier geweſen ſind.« »Jagd⸗Frevler?— ha!« rief Kapitain Boldwig, zornig um ſich her blickend, aus. „Ich glaube, daß ſie hier gegeſſen haben, Sir.“« »Welch' raſende Frechheit! Ihr habt Recht,« ſagte Kapitain Boldwig, der Ueberbleibſel von dem gehaltenen Mahl auf dem Raſen bemerkte.»Hier haben ſie wahr⸗ haftig ihr Fruhſtuck verſchlungen. Ich wünſchte nichts mehr, als daß ich die Schurken hier hätte!« wüthete der Kapitain, indem er noch feſter ſein Rohr umfaßte. „»Bitte um Verzeihung, Sir,“« ſagte Wilkins, vabey—« »Nun, was giebt's?« tobte der Kapitain, und als ſeine zornſprühenden Blicke den ſchüchternen von Wilkins folgten, erblickte er den Schubkarren und Herrn Pickwick. „»Wer ſeid Ihr, Halunke?« ſchnaubte der Kapitain, und er verſetzte Herrn Pickwick einige unſanfte Stöße mit ſeinem Rohr.»Wie heißt Ihr?« »Kalter Punſch,« murmelte Herr Pickwick, und ſchlummerte ſanft wieder ein. Die Pickwicker. »Was ſagt Ihr da?« fragte Kapitain Boldwig. Keine Antwort. »Wilkins, wie nannte er ſich?« »Ich glaube Punſch, Sir,« erwiederte Wilkins. »Das iſt ſeine Unverſchämtheit— ſeine ſchändliche Impertinenz,« tobte der Kapitain.»Er ſtellt ſich nur, als wenn er ſchliefe— er iſt betrunken, ein betrunkener Plebejer. Schiebt ihn fort, Wilkins; ſchiebt ihn auf der Stelle fort.« 3 »Wohin befehlen Sie, Sir?⸗ fragte Wilkins ſehr ſchüchtern. »Zum Teufel!« erwiederte Kapitain Boldwig mit Beſtimmtheit. »Sehr wohl, Sir,« ſagte Wilkins. »Halt!« rief der Kapitain. Wilkins hielt. »Schiebt ihn in den Pfandſtall,« ſagte der Kapitain. „»Es ſoll mich wundern, ob er ſich noch Punſch nennt, wenn er nüchtern wird. Wollen doch ſehen, ob er mir trotzen— ob er mich foppen will. Fort mit ihm!« Dem gebieteriſch ertheilten Befehl ward ſofort Folge geleiſtet, und Wilkins ſchob Herrn Pickwick fort, worauf der große Kapitain Boldwig ſeinen Spaziergang fortſetzte. Wer malt das Erſtaunen der Jagdgeſellſchaft, als ſie bei ihrer Rückkehr die Entdeckung machte, daß Herr Pickwick ſammt dem Schubkarren verſchwunden war? Hatte ſich jemals ſo etwas Unbegreifliches zugetragen? Daß ſich ein lahmer Mann ohne weiteres auf die Beine gemacht, und davon gegangen, wäre ſchon unbegreiflich genug geweſen; daß er aber zudem noch ſeinen Schub⸗ karren zum Vergnügen vor ſich her geſchoben haben ſollte, war im eigentlichen Sinne wunderbar. Sie ſuch⸗ ten überall, einzeln und vereint; ſie riefen, pfiffen und Die Pickwicker. 197 lachten um die Wette— doch Alles ohne Erfolg.— Von Herrn Pickwick war keine Spur zu entdecken, und als ſie einige Stunden vergebens geſucht hatten, mußten ſie ſich widerſtrebend entſchließen, ohne ihn nach Hauſe zurückzukehren. Unterdeß war Herr Pickwick, fortwährend ſchlum⸗ mernd, nach dem Pfeandſtall geſchoben, und glücklich in demſelben deponirt worden, und zwar nicht nur zum ent⸗ zückendſten Jubel der ganzen Dorfjugend, ſondern auch der halben Einwohnerſchaft überhaupt, die ſich verſam⸗ melt hatte, um ſein Erwachen abzuwarten. Schon das Hineinſchieben Herrn Pickwicks rief bei den Dorfbewoh⸗ nern die ausgelaſſenſte Freude hervor, aber wie wurde ihre Luſt noch hundertfach erhöht, als er, nachdem er einige Mal»Sam! Sam!« gemurmelt und dann geru⸗ fen, ſich in ſeinem Schubkarren emporrichtete, und mit unbeſchreiblichem Erſtaunen um ſich blickte, als er ſich von ſo vielen fremden Geſichtern umgeben ſah. Auf ſein Erwachen folgte ganz natürlich ein allge⸗ meines Geſchrei, und ſeine unwillkührliche Frage:»Was geht hier vor?« gab das Signal zu einem zweiten, wo möglich noch betäubendern Geſchrei. »Hollah! welch ein Spaß— eine luſtige Jagd!« ſchrie die ausgelaſſene Menge. »Wo bin ich?« rief Herr Pickwick aus. „»Im Pfandſtall,« erhielt er zur Antwort. »Wie kam ich hierher? Was habe ich begangen? Wer ließ mich herbringen?« »Boldwig, Kapitain Boldwig,« war die einzige Ant⸗ wort. 3„»Laßt mich hinaus,« rief Herr Pickwick.»Wo iſt mein Bedienter? Wo ſind meine Freunde?« 7.»Ihr habt keine Freunde! Hurrah!« — Die Pickwicker... Nun warf man eine Rübe, dann eine Kartoffel, und dann ein Ei nach ihm; ſo und noch auf mannigfache Art bezeugte die vielköpfige Menge ihre ſcherzhafte Stim⸗ mung. Der Himmel mag wiſſen, wie lange dies noch ſo gewährt, oder wie viel Herr Pickwick noch ausgeſtanden haben würde, hätte nicht plötzlich ein ſchnell vorüberrollen⸗ der Wagen inne gehalten, aus welchem der alte Wardle 4 und Sam Weller ſtiegen. Wardle machte ſich in weni⸗ ger Zeit, als es ſich niederſchreiben, wenn nicht leſen ließe, Bahn zu Herrn Pickwick, eilte mit ihm nach dem Wa⸗ gen zurück, und ſchob ihn gerade hinein, als Sam den dritten und letzten Gang eines Fauſtkampfes mit dem Büttel beſtanden hatte. »Ruft den Friedensrichter,« hörte man ein Dutzend Stimmen ſchreien. »Ja, lauft nur zu,« rief Sam, indem er auf den Bock ſprang.»Viele Grüße von mir— ſagt ihm, Herr Weller ließe den Herrn Friedensrichter grüßen; hätt' ſei⸗ nen Büttel zurechtgeſetzt, und wenn er'nen neuen an⸗ nähme, ſo wollt' Herr Weller morgen wiederkommen und ihm den auch zurechtſchlagen. Fahr' zu Kutſcher!« »Ich werde eine Klage gegen dieſen Kapitain Bold⸗ wig einreichen laſſen, ſobald ich nach London komme, ſagte Herr Pickwick, als der Wagen aus dem Orte fuhr. 1 »Es iſt nur ſchlimm, daß wir unſre Grenze über⸗* ſchritten hatten,« bemerkte Wardle. »Das iſt mir ganz gleich,« entgegnete Herr Pick⸗ wick; v»ich reiche eine Klage gegen ihn ein.«⸗ »Thun Sie das nicht!« ſagte Wardle. „»Ich will es, ſo wahr—«. Da Herr Pickwick Wardle lächeln ſah, unterbrach er ſc ſelbſt und ſtagte »Warum denn nicht?« —— Die Pickwicker. 199 »Weil Sie das Schwert gegen uns wenden, und ſagen könnten, wir hätten zu viel kalten Punſch getrun⸗ ken,« erwiederte Wardle mit lautem Gelächter. Herr Pickwick mochte wollen oder nicht, er mußte lächeln; aus dem Lächeln wurde wirkliches Lachen, aus dieſem ein ſchallendes Gelächter, und aus Herrn Pick⸗ wicks ſchallendem, ein allgemeines ſchallendes Gelächter. Um ihre gute Laune nicht verrauchen zu laſſen, fuhren ſie am erſten Wirthshauſe an der Heerſtraße vor, und für den Mann ward ein wohlgemiſchtes Glas Brannt⸗ wein mit Waſſer verabreicht, für Sam Weller aber ein noch etwas größeres. Ende des zweiten Theils. 4 4 S 4 8 4 8 5⁸ — 8 3 —— 1 3 1 4— 8 „