8 von Olkmann in Gießen, Schhloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Ceih- und LCeſebedingungen. 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 5 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 1 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. — —— — „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen..— ſ 3. Haution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe ſſ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 8 wird.. 6 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſl beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. e 3„„„ 3„„„—„ 45. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre ei eenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für heſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 3 8 defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— 8 das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buͤch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. „7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 8 Ne ee e 4 AN — 8N — — — — — —— — An Herrn Sergeant Talfourd, laments⸗ Mitglied 2c. a7. Par⸗ Mein theurer Herr! Hätte ich mich auch nicht des Glücks Ihrer perſön⸗ lichen Freundſchaft erfreut, ſo würde ich Ihnen doch die⸗ ſes Werk als eine geringe Anerkennung der unſchätzbaren Dienſte gewidmek haben, welche Sie der Literatur Ihres Landes leiſteten und der dauernden Vortheile, welche Sie Schriftſtellern dieſer und folgender Generationen übertra⸗ gen, indem Sie ihnen und ihren Nachkommen ein per⸗ manentes Recht an Ihren Werken ſichern. Manche zitternde Hand wird in der Stunde der Krank⸗ heit und des Unglücks Ihren vortrefflichen Bemühungen nüne Kraft verdanken; manche Wittwe und manche Waiſe, die von dem Ruhm des dahingegangenen Genius nichts erben wünden als ſeine zu häufige Hinterlaſſenſchaft von Armuth * Leiden, werden jetzt ein höheres Zeugniß des Werthes Ihrer Bemühungen ablegen, als das beredteſte Lob des Red⸗ ners oder Schriftſtellers Ihnen je gewähren könnte. Neben ſolchen Anerkennungen würde ein Urtheil von mir äber die Frage, der Sie die vereinigten Vortheile Ihrer Beredſamkeit, Ihres Charakters und Ihres Genies gewidmet haben, in der That kraftlos ſein. Indem ich jedoch Ihnen auf dieſe Weiſe öffentlich mein tiefes und dankbares Gefühl für Ihre Bemühungen zu Gunſten der engliſchen Literatur und Derer, die ſich dem imißichſten Die Picwicker. 2 aller Berufe hingeben, ausſpreche, laſſe ich nur dem Ein⸗ druck, den der Gegenſtand ſelbſt auf mich machte, Gerech⸗ tigkeit widerfahren, wenn ich Ihnen auch keinen Dienſt damit leiſte. Dieſes Wenige wird Alles in ſich begreifen, was ich zu ſagen hätte, wenn Sie mir nur in Ihrem öffent⸗ lichen Charakter bekannt geworden wären; in Beziehung auf meine perſönlichen Gefühle aber, laſſen Sie mich noch ein Wort hinzufügen. Genehmigen Sie die Zueignung dieſes Buches, mein theurer Herr, als einen Beweis meiner tiefſten Achtung und Ergebenheit— als ein Andenken an die beglückendſte Freundſchaft, die ich je ſchloß, und an einige der ange⸗ nehmſten Stunden, die ich je verlebte— als ein Zeichen meiner innigen Bewunderung jeder edlen Eigenſchaft Ihres Geiſtes und Herzens— als eine Verſicherung, wie wahr und aufrichtig ich immer ſein werde 6 Ganz der Ihrige Charles Dickens. Doughtyſtraße No 48. den 27. September 1837. Borrede. Der Zweck des Verfaſſers war, in dieſem Werke dem Leſer eine fortwährende Reihefolge von Charakteren und Ereigniſſen vorzulegen, ſie in ſo lebhaften Farben zu ſchildern, als er vermochte und ſie zugleich lebendig und unterhaltend zu machen. 1 Indem er ſich dem Urtheil Anderer beim Beginn der Arbeit unterwarf, nahm er die Maſchincrie des Klubbs an, welche als die für ſeinen Zweck geeignetſte angegeben wurde, da er aber fand, daß ſie ihm nicht ganz zuſagte, ſo gab er ſie allmählig auf, indem er es von wenig Bedeutung für das Werk hielt, ob dem Klubb genau epiſche Gerechtigkeit werde oder nicht. Die Erſcheinung des Buches in monatlichen Heften, von denen jedes nur 32 Seiten enthielt, machte es er⸗ forderlich, daß, während die verſchiedenen Ereigniſſe hin⸗ länglich mit einander in Verbindung ſtehen mußten, um nicht als abgeriſſen oder unmöglich zu erſcheinen, der all⸗ gemeine Plan einfach genug war, um durch dieſe Art der Veröffentlichung, die nicht weniger als 20 Monate währte, nicht beeinträchtigt zu werden. Kurz, es war nothwendig, oder es erſchien wenigſtens dem Verfaſſer ſo, daß jede Nummer bis auf einen gewiſſen Grad an und für ſich vollſtändig ſein, und doch alle 20 Hefte ein leid⸗ lich harmoniſches Ganzes bilden mußten, von denen jedes durch einen allmähligen und nicht unnatuͤrlichen Fort⸗ ſchritt zu dem andern hinuͤberleitete. Es iſt einleuchtend, daß in einem, mit ſolch en Rück⸗ ſichten veröffentlichten Werke kein künſtlich angelegter oder ſinnreich verwickelter Plan billiger Weiſe erwartet 4 Vorrede. werden kann. Der Verfaſſer lebt der Hoffnung, daß er die Schwierigkeiten ſeines Unternehmens mit Erfolg be⸗ ſiegt hat, und, wenn man den Pickwick⸗Papieren vor⸗ wirft, daß ſie nur eine Reihefolge von Abenteuern ſind, in denen die Scenen immer wechſeln und die Charaktere kommen und gehen, wie die Männer und Frauen, denen wir in der wirklichen Welt begegnen, ſo kann er ſich nur damit beruhigen, daß ſie auf nichts weiter Anſpruch machen, und daß derſelbe Vorwurf gegen die Werke einiger der berühmteſten engliſchen Schriftſteller vor⸗ gebracht worden iſt. 3 Die folgenden Seiten wurden von Zeit zu Zeit ge⸗ ſchrieben, faſt wie die Gelegenheit es gab. Da ſie dem größten Theile nach in der Geſellſchaft eines ſehr theuren jungen Freundes geſchrieben wurden, der jetzt nicht mehr lebt, ſo ſtehen ſie in dem Geiſte des Schriftſtellers zu⸗ gleich mit der glücklichſten Periode ſeines Lebens und mit dem traurigſten und ergreifendſten Ereigniß in Verbindung. Die faſt beiſpielloſe Güte und Gunſt, mit der dieſe Blätter durch das Publikum aufgenommen wurden, wird ihcein Verfaſſer, ſo lange er lebt, eine nie verſiegende Quelle dankbarer und angenehmer Erinnerung ſein. Er hofft, daß in dieſem Buche kein Ereigniß oder kein Aus⸗ druck ſich findet, der auf der zarteſten Wange eine Scham⸗ röthe hervorrufen, oder die Gefühle der empfindlichſten Perſon verletzen könnte. Wenn eine ſeiner unvollkomme⸗ nen Schilderungen, während ſie Unterhaltung gewährt, auch nur einen Leſer veranlaſſen ſollte, beſſer von ſeinen Mitmenſchen zu denken und auf die glänzenden und freundlicheren Seiten der menſchlichen Natur zu blicken, ſo würde der Verfaſſer ſich ſtolz und glücklich fühlen, ein ſolches Ergebniß herbeigeführt zu haben. Nachgelaſſene Papiere des Pickwick⸗Klubb. Erſtes Kapitel. Die Pickwicker. Der erſte Lichtſtrahl, welcher jene Dunkelheit, in der die frühere Geſchichte der öffentlichen Laufbahn des unſterblichen Pickwick begraben zu ſein ſcheint, aufhellt und in blenden Glanz verwandelt, iſt aus folgendem Aus⸗ zug aus den Verhandlungen des Pickwick⸗Klubbs zu ent⸗ nehmen, welche ſeinen Leſern vorzulegen der Herausgeber dieſer Papiere das höchſte Vergnügen fühlt, als einen Beweis der ſorgſamen, unermüdlichen Aufmerkſamkeit und feinen Unterſcheidungsgabe, mit dem er die, ihm anver. trauten verſchiedenartigen Dokumente durchforſcht hat. „»Am 12. Mai 1827 wurden unter dem Vorſitz von Joſeph Smiggers Esq. B. V. P.— P. K. M.*) folgende Beſchlüſſe einſtimmig angenommen:. »Daß dieſe Verſammlung mit großer Zufriedenheit und uneingeſchränkter Billigung die durch Samuel Pick⸗ wick Esg. P. P. K. M.*“) mitgetheilten Papiere hat. *) Beſtändiger Vize⸗Präſident.— Pickwick⸗Klubb„Mitglied. **) Präſident.— Pickwick⸗Klubb⸗Mitglied. 6 Die Pickwicker. vorleſen hören, und zwar unter dem Titel:»Betrachtun⸗ gen über die Quelle der Hampſtead Fiſchteiche mit einigen Bemerkungen über die Theorie der Froſchſprünge« und daß dieſe Geſellſchaft hiermit dem beſagten Samuel Pickwick Esg. P. P. K. M. ihren wärmſten Dank ab⸗ ſtattet. »Daß, während dieſer Geſellſchaft vollkommen die Vortheile anerkennt, welche der Wiſſenſchaft aus oben⸗ erwähnter Abhandlung erwachſen, nicht weniger als aus den unermüdlichen Unterſuchungen des Herrn Samuel. Pickwick Esg. P. P. K. M. in Hornſey, Highga, Brirton und Camberwell, ſie den unſchätzbaren Gewinn, welcher unvermeidlich ſich ergeben muß, wenn die Spekulationen dieſes gelehrten Mannes ſich auf ein größeres Feld aus⸗ dehnen, ſobald er Reiſen unternimmt und folglich den Wirkungskreis ſeiner Beobachtungen erweitert, für die Fortſchritte der Gelehrſamkeit und die Verbreitung der⸗ ſelben nicht verkennen kann. »Daß, in der obenerwähnten Abſicht dieſe Verſamm⸗ lung einen Vorſchlag in ernſte Berathung gezogen hat, der von dem vorbeſagten Samuel Pickwick Esq. P. P. K. M. und drei andern gleich namhaft zu machenden Pickwickern ausgegangen, um eine neue Abtheilung vereinigter Pick⸗ wicker unter dem Namen der»correſpondirenden« Geſell⸗ ſchaft des Pickwicks⸗Klubbs zu bilden. »Daß der beſagte Vorſchlag die Sanction und Billi⸗ gung dieſer Geſellſchaft erhalten hat. »Daß die correſpondirende Geſellſchaft des Pickwick⸗ Klubbs daher hiermit conſtituirt iſt und daß Samuel Pickwick Esg. P. P. K. M., Tracy Tupman Esgq. P. K. M., Auguſtus Snodgraß Esgq. P. K. M. und Na⸗ taniel Winkle Esg. P. K. M. hierdurch zu Mitgliedern ernannt und beſtimmt, und daß ſie erſucht werden, von 4 Die Pickwicker. Zeit zu Zeit authentiſche Berichte über ihre Reiſen und Unterſuchungen, ihre Beobachtungen von Charakteren und Sitten, und über alle ihre Abenteuer, ſo wie alle Er⸗ zählungen und Nachrichten, welche Local⸗Scenen oder Gedanken⸗Verbindungen hervorrufen können, dem Pick⸗ wick⸗Klubb in London mitzutheilen. »Daß dieſe Geſellſchaft den Grundſatz anerkennt, jedes Mitglied der correſpondirenden Geſellſchaft müſſe ſeine eigenen Reiſekoſten bezahlen, und daß ſie nicht das geringſte dagegen hat, wenn die Mitglieder der beſagten Geſellſchaft unter denſelben Bedingungen ihre Unterſu⸗ chungen ſo lange fortſetzen, als es ihnen beliebt. »Daß die Mitglieder der vorbeſagten correſpondiren⸗ den Geſellſchaft hierdurch benachrichtigt werden, wie ihr Vorſchlag, das Porto der Briefe und Packete ihrerſeits bezahlen zu wollen, durch dieſe Geſellſchaft berathen wurde, daß dieſer Vorſchlag der großen Geiſter, von denen er ausging, für würdig erklärt wurde und ſie hiermit ſich vollkommen einverſtanden damit erklärt.«— Ein oberflächlicher Beobachter,— fügt der Sekretair, deſſen Notizen wir den folgenden Bericht verdanken, hin⸗ zu— ein oberflächlicher Beobachter könnte möglicherweiſe nichts Außergewöhnliches in dem kahlen Schädel und der Brille, welche während der Vorleſung obiger Beſchlüſſe fortwährend auf ſein(des Sekretairs) Geſicht gerichtet waren, bemerkt haben. Für Diejenigen aber, welche wuß⸗ ten, daß das gigantiſche Gehirn Pickwicks unter dieſer Stirn arbeitete, und daß die ſtrahlenden Augen Pickwick's unter dieſer Brille funkelten, war es in der That ein intereſſanter Anblick. Da ſaß er, der Mann der die Quelle der großen Fiſchteiche von Hampſtead aufgefunden, und die wiſſenſchaftliche Welt mit ſeiner Theorie der Froſchſprünge in Bewegung geſetzt hatte, ſo ſtill und Die Pickwicker. ruhig, wie die Gewäſſer der erſtern an einem froſtigen Tage, oder wie ein einſames Exemplar der Vierfüßler, die er ſo ſcharfſinnig beobachtete, in dem innerſten Schlupf⸗ winkel einer Erdhöhle. Und um wie viel intereſſanter wurde das Schauſpiel, als jener berühmte Mann, da ein allgemeiner Ruf nach»Pickwick« von ſeinen Anhängern ertönte, langſam von ſeinem Sitze ſich erhob, und den Klubb anredete, den er ſelbſt gegründet hatte!— Welches Studium für einen Künſtler bot dieſe Scene dar!— Der beredſame Pickwick, eine Hand hinter ſeinen Rockſchoß haltend, und die andere in der Luft bewegend, um ſeine lebendige Deklamation zu unterſtützen; indem ſeine erhabene Stellung jene eng anliegenden Beinkleider und Kamaſchen be⸗ merklich machte, welche, wenn ſie einen gewöhnlichen Mann bekleidet hätten, unbeachtet geblieben ſein möchten, die aber jetzt, da ſie einen Pickwick bekleideten— wenn wir uns des Ausdrucks bedienen dürfen— unwillkührlich Achtung und Ehrerbietung geboten; von den Männern umgeben, die ſich freiwillig entſchloſſen hatten, die Gefahren ſeiner Reiſe mit ihm zu beſtehen, welche beſtimmt waren, den Ruhm ſeiner Entdeckungen zu theilen. Zu ſeiner rechten Seite ſaß Herr Tracy Tupman; der nur zu empfäng⸗ liche Tupman, der mit der Weisheit und Erfahrung rei⸗ ferer Jahre die Begeiſterung und Innigkeit des Jünglings, in der anziehendſten und verzeihlichſten aller menſchlichen Schwächen— der Liebe— vereinigte. Die Zeit und das Wohlleben hatten jene einſt ſo romantiſche Formen aus⸗ gedehnt; die ſchwarze ſeidene Weſte hatte an Umfang immer mehr zugenommen; von der goldenen Uhrkette unter ihr war ein Zoll nach dem andern aus Tupmans Geſichtskreis entrückt worden, und das volle Kinn hatte allmählig ſich über die Ränder der weißen Halsbinde ge⸗ legt,— aber der Geiſt Tupmans war unyerändert geblie⸗ — 4— — Die Pickwicker. 9 ben— die Bewunderung des ſchönen Geſchlechts war noch immer ſeine vorherrſchende Leidenſchaft.— Zur Linken ſeines großen Lehrers ſaß der poetiſche Snodgraß und neben ihm der launige Winkle, der erſtere in einen violen⸗blauen Mantel mit einem Kragen von Kaninchenfell gehüllt, und der letztere mit einem neuen grünen Jagdrock, einem ſchottiſchen Halstuch und dicht anſchließenden Tuch⸗ beinkleidern noch mehr Glanz gewährend. Die Rede des Herrn Pickwick bei dieſer Gelegenheit, ſo wie die darauf folgenden Debatten finden ſich in den Verhandlungen des Klubbs. Beide ſind den Discuſſionen an⸗ derer berühmter Geſellſchaften ſehr ähnlich und da eine Ver⸗ gleichung zwiſchen den Aeußerungen großer Männer immer ſehr intereſſant iſt, ſo theilen wir wenigſtens den Eingang mit. „»Herr Pickwick bemerkte(ſagt der Sekretair), der Ruhm ſei dem Herzen eines jeden Mannes theuer. Der poetiſche Ruhm ſei dem Herzen ſeines Freundes Snod⸗ graß theuer; der Ruhm der Eroberungen ſei es eben ſo ſehr ſeinem Freunde Tupman, und der Wunſch, Ruhm auf den Jagdgebieten der Erde, der Luft und des Waſſers einzuernten, erfülle vor allem die Bruſt ſeines Freundes Winkle. Er(Herr Pickwick) wolle nicht leugnen, daß er durch menſchliche Leidenſchaften und menſchliche Gefühle bewegt werde(Beifall)— vielleicht auch durch menſch⸗ liche Schwäche(man ruft laut: nein), aber ſo viel glaube er ſagen zu dürfen, daß wenn ja das Feuer der Selbſt⸗ ſucht in ſeinem Buſen ſich entzünde, vor Allem der Wunſch es augenblicklich wieder dämpfe, dem Menſchen⸗ geſchlecht nützlich zu werden. Das Wohl ſeiner Mitmen⸗ ſchen ſei der Fittig, der ſeinen Geiſt erhöbe, die Men⸗ ſchenliebe, ſei ſein Lebensprinzip.(Lebhafter Beifall.) Er habe einigen Stolz gefühlt— er geſtehe es offen ein —— 10 Die Pickwicker. und ſeine Feinde möchten ihn darüber tadeln— er habe eini⸗ gen Stolz gefühlt, als er der Welt ſeine Theorie der Froſch⸗ ſprünge vorgelegt, ſie möge nun anerkannt werden oder nicht (man ruft: ſie iſt es, und ſtürmiſcher Beifall). Er wolle der Behauptung des ehrenwerthen Pickwickers, deſſen Stimme er eben vernommen habe, glauben, daß ſie anerkannt werde, doch wenn auch der Ruhm jener Abhandlung bis zu der fern⸗ ſten Grenze der bekannten Welt gelange, ſo würde doch der Stolz, mit welchem er auf dieſes Erzeugniß ſeines Geiſtes blicke, nichts im Vergleich zu dem Stolz ſein, mit wel⸗ chem er in dieſem, dem glücklichſten Augenblick ſeines Daſeins, um ſich blicke(Beifall), er ſei nur ein beſchei⸗ denes Individuum(nein, nein), er könne jedoch nicht umhin, zu fühlen, daß man ihn zu einem Beruf von hoher Ehre und mit einiger Gefahr verknüpft erwählt habe. Das Reiſen ſei jetzt mißlich, die Heerſtraßen in einem beun⸗ ruhigten, und die Gemuͤther der Kutſcher in einem keines⸗ wegs zuverläſſigen Zuſtande; die ehrenvollen Mitglieder möchten die Unfälle, die ſich täglich ereigneten, berückſichti⸗ gen. In allen Richtungen höre man von Unglücksfällen— Wagen würden umgeworfen, Pferde gingen durch, Böte ſchlügen um, und Dampfkeſſel platzten.(Beifall— eine Stimme, nein!—) Nein? möge jener ehrenwerthe Pick⸗ wicker, der ſo laut Nein gerufen, vortreten und es leugnen, wenn er könne(Beifall). Wer war es, der Nein rief? (Enthuſiaſtiſcher Beifall)— War es irgend ein eitler und unzufriedener Mann— er wolle nicht ſagen Ver⸗ läumder—(lauter Beifall), welcher eiferſüchtig auf das Lob, das vielleicht unverdient ſeinen(des Herrn Pickwick) Unterſuchungen geworden und unter dem Tadel erliegend, der ſeinen eigenen ſchwachen Verſuchen einer Nebenbuhler⸗ ſchaft geworden, jetzt auf dieſe gehäſſige Art.—— Herr Blotton(von Aldepate) erhob ſich, um zur Die Pickwicker. 11 Ordnung zu rufen. Meinte der ehrenwerthe Pickwicker ihn?(man ruft: zur Ordnung— ja!— nein!— fahren ſie fort!— treten ſie ab! ꝛc.) Herr Pickwick erklärte, er werde ſich durch Geſchrei nicht zum Stillſchweigen bringen laſſen. Er habe den ehrenwerthen Herrn gemeint(große Aufregung). Herr Blotton wies die falſche und thörichte An⸗ klage des ehrenwerthen Herrn mit tiefer Verachtung zurück. Der ehrenwerthe Herr ſei ein Windmacher. (Große Verwirrung und lauter Ruf zur Ordnung.) Herr A. Snodgraß eilt nach dem Rednerſtuhl. Er wünſchte zu wiſſen, chört!) ob dieſem traurigen Streit zwiſchen zwei Mitgliedern des Klubbs nicht Einhalt ge⸗ than werden ſolle.(Hört! hoͤrth Der Präſident erklärte, er ſei überzeugt, der ehren⸗ werthe Pickwicker werde den Ausdruck zurücknehmen, deſſen er ſich ſo eben bedient habe. Herr Blotton erklärte beſtimmt, es werde nicht geſchehen. Der Praͤſident hielt es für ſeine gebieteriſche Pflicht, den ehrenwerthen Herrn zu fragen, ob er ſich des ihm eben entſchlüpften Ausdrucks im gewöhnlichen Sinn be⸗ dient habe. Herr Blotton nahm nicht Anſtand zu erklären, die Frage zu verneinen; er habe ſich des Wortes nur in ſeinem pickwickiſchen Sinne bedient.(Hört! hört!) Er erkläre ferner, daß er perſönlich die höchſte Achtung gegen den ehrenwerthen Herrn hege, er habe ihn nur aus pick⸗ wickiſchem Geſichtspunkt einen Windmacher genannt. (Hört! hört!) Herr Pickwick fühlte ſich durch die offene, aufrichtige und genügende Erklärung ſeines ehrenwerthen Freundes vollkommen zufrieden geſtellt. Er fügte zugleich hinzu, 7 Die Pickwicker. ſeine eigenen Bemerkungen ſeien ebenfalls nur in pick⸗ wickiſchem Sinn zu nehmen.(Beifall.) Hier endigt die Einleitung und wie wir nicht zwei⸗ feln auch die Debatte, nachdem ſie bis zu einem ſo be⸗ friedigenden Punkt gelangt war. Wir haben keine officielle Berichte von den Thatſachen, die wir dem Leſer in dem folgenden Kapitel mittheilen werden, aber ſie wurden ſorgfältig aus Briefen und andern, ſo unbezwei⸗ felbar echten Manuſcript⸗Belegen geſammelt, daß deren Erzählung im Zuſammenhang dadurch gerechtfertigt wird. Zweites Kapitel. Die erſte Tagereiſe und die Abenteuer des erſten Abends mit 8 ihren Folgen. Jener pünktliche Jedermanns⸗Diener, die Sonne, hatte ſich eben erhoben und begann den Morgen des 13. Mai 1827 zu erleuchten, als Herr Samuel Pickwick gleich einer zweiten Sonne aus ſeinem Schlummer er⸗ wachte, das Fenſter ſeines Schlafzimmers öffnete und auf die Welt unter ſich blickte. Die Goswellſtraße lag zu ſeinen Füßen, die Goswellſtraße lag zu ſeiner Rech⸗ ten— ſo weit das Auge reichen konnte, dehnte ſich die Goswellſtraße zu ſeiner Linken aus, und die Häuſer der Goswellſtraße ſtanden ihm gegenüber.»So— dachte Herr Pickwick— ſind die beſchränkten Anſichten jener Philoſophen, welche zufrieden mit der Unterſuchung der Dinge, die ſie vor Augen haben, nicht die Wahrheiten zu erforſchen ſuchen, welche dahinter verborgen ſind. 4 Die Pickwicker. 13 Ebenſo gut könnte ich mich begnügen, für immer auf die Goswellſtraße zu blicken, ohne daß ich mich je bemühte, nach den verborgenen Gegenden zu dringen, welche ſie auf allen Seiten umgeben«. Nachdem Herr Pickwick dieſe ſchöne Bemerkung gemacht, warf er ſich in ſeine Kleider und ſeine andern Kleider in ſeinen Mantelſack. Große Männer verwenden ſelten auf ihren Anzug viel Zeit, das Raſiren, Ankleiden und Kaffeetrinken war bald vollbracht, und nach einer Stunde war Herr Pickwick, mit ſeinem Mantelſack unter dem Arm, ſeinem Fernrohr in der Rock⸗ und ſeinem Tagebuch in der Seitentaſche, um es für die Aufnahme aller bemerkenswerthen Ent⸗ deckungen bereit zu haben, an dem Standort der Mieth⸗ wagen in Saint⸗Martin's-le-grand angekommen. „Kabriolet,« rief Herr Pickwick. »Hier, Sir,« rief ein ſeltſames Exemplar des Menſchengeſchlechtes in einem ſackleinwandnen Rock und einer dito Schürze, der mit ſeiner Nummer auf dem meſſingenen Schild ausſah, als ſei er für eine Raritäten⸗ Sammlung numerirt.»Hier bin ich, Sir.— Hallo, erſtes Kabriolet!«— Herr Pickwick und ſein Mantel⸗ ſack wurden in das Fahrzeug geſchoben, nachdem der Kutſcher aus der Schenke geholt worden, wo er ſeine erſte Pfeife geraucht hatte. »Nach dem goldenen Kreuz,« ſagte Herr Pickwick. „Nur'nen Schilling werth, Tommy«— rief der Kutſcher mürriſch ſeinem Freunde, dem Aufpaſſer, zur Nachricht zu.»Wie alt iſt das Pferd, mein Freund 2 fragte Herr Pickwick, indem er ſeine Naſe mit dem Schilling rieb, den er zum Fuhrlohn beſtimmt hatte. „Zwei und vierzig,« erwiederte Jener. »Wie?« rief Herr Pickwick, ſeine Hand an das Notizenbuch legend. Der Kutſcher wiederholte ſeine erſte —— — —— 14 Die Pickwicker. Angabe.— Herr Pickwick blickte dem Mann befremdet in das Geſicht; aber, da deſſen Züge unbeweglich blieben, ſo ſchrieb er ſofort den Umſtand auf. „»Und wie lange bleibt es gewöhnlich auf den Bei⸗ nen?« fragte Herr Pickwick forſchbegierig weiter. „»Zwei bis drei Wochen,« erwiederte der Kutſcher. »Wochen!« rief Herr Pickwick erſtaunt, und er zog wieder das Taſchenbuch hervor. »Sein Stall iſt in Pentonwil,«— bemerkte der Kutſcher kaltblütig;»aber wir bringen es ſeiner Schwach⸗ heit wegen, ſelten zu Hauſe.« »Seiner Schwachheit wegen!« wiederholte Herr Pickwick. »Es fällt jedesmal zur Erde, wenn es ausgeſpannt wird,« fuhr der Kutſcher fort;»aber wenn es im Geſchirr iſt, ſo wird es ſtraff und kurz gehalten, daß es nicht gut niederfallen kann und wir haben ein Paar tüchtige breite Räder, und wenn es ſich von der Stelle bewegt, ſo laufen ſie hinter ihm und es muß weiter— es mag wollen oder nicht.⸗— Herr Pickwick trug jedes Wort von dieſem Berichte in ſein Tagebuch mit der Abſicht ein, es dem Klubb als einen merkwürdigen Beweis von der Zähigkeit des Lebens der Pferde unter beſondern Umſtänden bekannt zu machen. Kaum hatte er die Angabe eingetragen, als ſie das goldene Kreuz erreichten. Der Kutſcher ſprang vom Wagen hinab und Herr Pickwick hinaus, Herr Tupman, Herr Snodgraß und Herr Winkle, welche die Ankunft ihres glorreichen Meiſters ſehnlichſt erwartet hatten, drängten ſich zu ihm, um ihn zu bewillkommnen. »Hier iſt Euer Geldl« ſagte Herr Pickwick, in⸗ dem er dem Kutſcher ſeinen Schilling reichte. Wie erſtaunte aber der gelehrte Mann, als jener N Die Pickwicker. 15 unerklärliche Menſch den Schilling auf das Straßen⸗ pflaſter warf und in figürlichen Ausdrücken ſich das Ver⸗ gnügen erbat, mit ihm(Herrn Pickwick) um den Betrag boren zu dürfen. »Ihr ſeid wahnſinnig,« ſagte Herr Snodgraß. »Oder betrunken,« ſagte Herr Winkle. »Oder beides,« ſagte Herr Tupman. »Kommt her!« ſagte der Kabrioletführer, indem er mit den Fäuſten um ſich focht,»kommt her,— Ihr alle viere.«— »Hier giebt's einen Spaß,« ſchrie ein halbes Dutzend Miethkutſcher.»D'rauf los, Sam«— und ſie ſchloſſen in großer Heiterkeit einen Kreis um die Geſellſchaft. »Was haſt Du mit dem vor, Sam?« fragte ein Gentleman mit ſchwarzen Kaliko⸗Aermeln. »Was ich mit ihm vorhabe?«— erwiederte der Kutſcher,—»was hat er mit meiner Nummer zu ſchaffen?«— »Mit Eurer Nummer,« ſagte der erſtaunte Herr Pickwick. »Weshalb haben Sie ſie denn auſgeſchrieben?« fragte der Kutſcher. »Ich ſchrieb ſie nicht auf,« entgednete Herr Pick⸗ wick unwillig. „»Sollte man's woht glanben, fuhr der Kutſcher fort, indem er ſich zu den Umherſtehenden wendete— „ſollte man's wohl glauben, iſt da als Angeber in das Kabriolet geſtiegen und ſchrieb nicht allein die Nummer zuf, ſondern noch obenein jedes Wort, das man ſagte.« Herrn Pickwick ging jetzt ein Licht auf— es war das 8 Tagebuch.) 4 Die Pickwicker. »That zer das wirklich?« fragte ein anderer Kut⸗ ſcher. »Ja wohl,« erwiederte Sam,»und dann beſtellt er hier drei Zeugen her, um mich deſto ſicherer ins Un⸗ glück zu bringen. Aber er ſoll mir dafür büßen, wenn ich auch ſechs Monat d'rum ins Gefängniß muß.— Kommt an!«— und der Kutſcher warf ſeinen Hut mit wenig Rückſicht für ſein Eigenthum auf die Erde, und ſchlug Herrn Pickwick die Brille ab, und verfolgte ſeinen Angriff mit einem Schlag auf Herrn Pickwicks Naſe, und einem andern auf Herrn Pickwicks Bruſt und einem dritten in des Herrn Snodgraß Auge und einem vierten zur Abwechſelung auf des Herrn Tupman Bauch, und dann tanzte er in die Runde und ſchnell wieder zurück zu ſeinen Gegnern, und endlich gab er dem Herrn Winkle einen Schlag auf den Leib, daß ihm aller Vorrath von Athem ausging, den er für den Augenblick geſammelt hatte, und alles dieſes geſchah etwa in ſechs Sekunden. »Iſt kein Polizei⸗Beamter da?« ſchrie Herr Snod⸗ graß. »Steckt ſie unter die Pumpe,« rief ein Mann, der heiße Paſteten umhertrug. »Das ſoll Euch ſchon eingetränkt werden,« ſtöhnte Herr Pickwick. »Angeber!« rief die Menge. »Kommt her!« ſchrie der Kutſcher nochmals, der die ganze Zeit über, ſie unaufhörlich herausgefordert hatte. Die Umherſtehenden waren bis jetzt nur müſſige Zu⸗ ſchauer geweſen, als ſich aber die Nachricht unter ihnen verbreitete, daß die Pickwicker Angeber ſeien, ſo began⸗ 16 nen ſie mit großer Lebhaftigkeit ſich über den Vorſchlag des Paſtetenverkäufers zu berathen und wer weiß, welche 3 Die Pickwicker. 17 6 Thätlichkeiten ſie begangen haben möchten, wenn nicht 4 die Angelegenheit durch die unerwartete Dazwiſchenkunft eeines Neu⸗Angekommenen beigelegt worden wäre. »Was giebt's hier?« ſagte ein ziemlich großer, ſchmächtiger junger Mann, indem er ſich an Herrn Pick⸗ wick wendete und ſich ſeinen Weg durch die Menge ver⸗ möge des unfehlbaren Mittels bahnte, die Geſichter 4 derer, die ihm im Wege waren, mit ſeinen Elbogen nicht zu ſchonen. Dieſer junge Mann, in einem grünen Rock, trat plötzlich auf den Hof. »Angeber!« ſchrie die Menge nochmals. »Wir ſind es nicht,« rief Herr Pickwick in einem LVon, der jeden Unbefangenen überzeugen mußte. »Sind Sie Angeber oder nicht?« ſagte der junge Mann, ſich zu Herrn Pickwick wendend. Dieſer gelehrte Herr ſetzte den Fremden durch wenige flüchtige Worte von dem wahren Zuſammenhang der Sache in Kenntniß. »Kommen Sie nur mit mir,« ſagte der junge Mann im grünen Rock, indem er Herrn Pickwick mit Gewalt nach ſich zog und dabei fortwährend ſprach.—»Hier, No. 924, nimm dein Geld und mach dich aus dem Staube,— ehrenwerther Herr— kenne ihn ſehr gut — verwünſchter Unſinn— hierher, Sir— wo ſind Ihre Freunde?— nichts als ein Mißverſtändniß— ich ſehe ſchon,— kann vorfallen— anſtändigſte Fa⸗ milien— Muth nicht verlieren— ihn verklagen— ſchlecht bekommen— verwünſchte Burſche!« Mit einer Menge ähnlicher abgebrochenen Phraſen, die mit außerordentlicher Zungenfertigkeit vorgebracht wurden, führte der Fremde die Pickwicker in das Gaſt⸗ zimmer. 1 „»Hier, Kellner!« rief er mit heftiger Stimme, Die Pickwicker. I. 2 18 Die Pickwicker. indem er die Klingel zog—»Gläſer geben— Brannt⸗ wein und Waſſer, heiß und kräftig, und lieblich und die Fülle— Auge beſchädigt, Sir?— Kellner, rohes Rindfleiſch auf das Auge des Gentleman— nichts ſo gut, als rohes Rindfleiſch für eine Beule, Sir— kalter Laternenpfahl ſehr gut, aber unbequem— verdammt unbequem, auf offener Straße mit dem Auge an einem Laternenpfahle zu ſtehen— ha— ſehr gut, ha hal«— Und der Fremde ſtürzte, ohne Athem zu ſchöpfen, ein halbes Maß dampfenden Branntwein mit Waſſer hin⸗ unter, und warf ſich ſo unbefangen in einen Lehnſtuhl, als wenn durchaus nichts Ungewöhnliches vorgefallen ſei. Wahrend ſeine drei Gefährten eifrigſt beſchäftigt waren ihren Dank gegen ihren neuen Bekannten auszu⸗. ſprechen, hatte Herr Pickwick Zeit, ihn ſelbſt und ſeinen Anzug zu muſtern. Er war von mittlerer Größe, aber ſein ſchmächtiger Körper und ſeine langen Beine ließen ihn viel größer erſcheinen. Sein grüner Rock war zu der Zeit, als man die Schwalbenſchwänze trug, ein elegantes Kleidungsſtück geweſen, hatte aber damals offenbar einem viel kleinern Mann als dem Fremden angehört, welchem die beſchmutz⸗ ten und abgetragenen Aermel kaum bis an die Hand⸗ gelenke reichten. Er war, auf die Gefahr hin, im Rücken zu reißen, bis dicht unter das Kinn feſt zugelnöpft, und eine alte Halsbinde, über der man keine Spur eines Hemd⸗ kragens ſah, ſchmückte ſeinen Hals. Seine dünnen, ſchwarzen Hoſen zeigten hier und. da jene abgeſchabten Stellen, welche Beweiſe langer Dienſte ſind, und waren ſehr feſt uͤber ein Paar, mehrmals ausgebeſſerte Schuhe geknöpft, als ſollten ſie die ſchmutzigen weißen Strümpfe rDunti verbergen, die dennoch deutlich ſichtbar waren. Sein langes ſchwarzes Haar drängte ſich in nachläſſigen Locken Die Pickwicker. 3 19 unter einem alten eingedrückten Hute hervor, und man bemerkte bisweilen das nackte Handgelenk zwiſchen ſeinen Handſchuhen und Aermeln. Sein Geſicht war ſchmal und hager, aber in dem ganzen Manne ſprach ſich kecke Unverſchämtheit und das vollkommenſte Selbſtvertrauen aus. Dieſes war das Individuum, welches Herr Pickwick durch ſeine Brille(die er glücklich gerettet hatte) betrach⸗ tete, und auf das er zutrat, als ſeine Freunde ſich er⸗ ſchöpft hatten, um ihm in gewählten Ausdrücken den wärmſten Dank für ſeinen Beiſtand auszuſprechen. „Laſſen Sie das,« ſagte der Fremde, indem er die An⸗ rede unterbrach,»ſchon genug geſagt— nichts mehr davon— tüchtiger Burſche, der Kutſcher— wußte ſeine 1 Fäͤuſte gut zu führen— wäre aber ich Ihr Freund in dem gruͤnen Rock da geweſen, hätte ihn wollen zurichten r— und den Paſtetenmann dazu— Gott verdamm' mich!« r Dieſe Rede wurde durch die Nachricht unterbrochen, n k daß der»Komodore,« der Wagen nach Rocheſter, gleich abgehen werde. ⸗»Kommodore,« ſagte der Fremde aufſpringend, „»mein Wagen— Platz genommen— Außenſeite— über⸗ 1 laß es Ihnen für Branntwein und Waſſer zu zahlen— d muß wechſeln laſſen— kein kleines Geld— geht nicht.« ⸗ Es war nun aber auch die Abſicht des Herrn Pick⸗ 1, wick und ſeiner drei Reiſegefährten, ſich zuerſt nach Ro⸗ n cheſter zu begeben, und nachdem ſie ihrem neuen Bekann⸗ n een mitgetheilt hatten, daß ſie nach derſelben Stadt zu e reiſen gedächten, vereinigten ſie ſich, die Plätze oben zu fe nehmen, wo ſie alle zuſammen ſitzen konnten. * 4 n„»Hinauf mit Ihnen,« ſagte der Fremde, indem n ſer dem Herrn Pickwick mit einer Haſt behülflich war, 2* 20 Die Pickwicker. die der würdigen Haltung des ehrenwerthen Herrn be⸗ deutenden Abbruch that. »Haben Sie Gepäcks, Sir,« fragte der Conducteur. »Wer— ich? ein Packet in braunem Papier— das iſt alles— die andere Bagage zu Waſſer fort— Koffer und Kiſten, groß wie Häuſer— ſchwer, ver⸗ dammt ſchwer,« erwiederte der Fremde, indem er, ſo viel er konnte, von dem Packet in braunem Papier, welches ſehr verdächtige Anzeichen darbot, ein Hemde und ein Taſchentuch zu enthalten, in ſeine Rocktaſche hineinſchob. „»Kopf zurück, Kopf zurück— nehmen Sie Ihre Köpfe in Acht,« rief der redſelige Unbekannte, als ſie unter den niedrigen gewölbten Thorweg fuhren, der zu dieſer Zeit den Eingang bildete,»höchſt gefährliche Durchfahrt — vor einigen Tagen— fünf Kinder— Mutter— große Dame— Sandwiches eſſend— denkt nicht an die Durchfahrt— knack!— Kinder ſehen ſich um— ihrer Mutter Kopf ab— einen Sandwich in der Hand— kei⸗ nen Mund, ihn hinein zu ſtecken.— Haupt einer Familie fort— ſchrecklich!— Sehen Sie Whitehall, Sir?— ſchöner Palaſt— kleines Fenſter— ſonſt Jemands Kopf dort ab— he Sir?— ſah ſich auch nicht genug vor— he Sir, wie?« »„Ich dachte ſo eben über die wunderbaren Wechſel der menſchlichen Schickſale nach,« ſagte Herr Pickwick. „»Ah, ich ſehe— hinein in die Palaſtthüre den einen Tag, hinaus zu dem Fenſter den andern.— Philoſoph, Sir 2« erwiederte Herr Pickwick. »Ah, bin ich auch— die meiſten Leute ſind es „Nur ein Beobachter der menſchlichen Natur, S 14 1 wenn ſie wenig zu thun und noch weniger zu eſſe en haben. — Dichter, Sir?« »Mein Freund, Herr Snodgraß, hat eine ſtarke poetiſche Ader!« erwiederte Herr Pickwick. »O ich auch— epiſches Gedicht— zehntauſend Verſe— Juli⸗Revolution an Ort und Stelle gedichtet — Mars bei Tage, Apollo bei Nacht— Kanonen ab⸗ geſchoſſen— in die Saiten der Lyra gegriffen.« »Sie waren bei jener glorreichen Begebenheit gegen⸗ wärtig, Sir?« fragte Herr Snodgraß. »Gegenwärtig?— ſoll's meinen, ſchoß eine Mus⸗ kete ab— wurde von einer Idee begeiſtert— eilte in eine Weinſtube— ſchrieb die Idee nieder— ſchnell zu⸗ rück— piff, paff!— wieder eine Idee— wieder in die Weinſtube— Feder und Tinte nochmals zurück— ge⸗ hauen und geſtochen— ſchöne Zeit, Sir.— Jäger, Sir?«— indem er ſich plötzlich zu Herrn Winkle wendete. »Ein wenig, Sir,« entgegnete jener Herr. „»Edle Beſchäftigung, Sir!— Hunde, Sir?⸗ »Jetzt gerade nicht,« entgegnete Herr Winkle. »Ah, ſollten Hunde halten— herrliche Thiere— kluge Geſchöpfe.— Hatte einſt einen Hund— Hüh⸗ nerhund— bewunderungswürdiger Inſtinkt— gehe eines Tages auf die Jagd— trete in eine Umzäunung— pfeife— Hund ſteht ſtill— pfeife nochmals— Ponto! — kommt nicht,— ſteht ſtockſtill— rufe nochmals— Ponto Ponto!— bleibt unbeweglich— ſtarrt nach einer afet— blickt hinauf nach einer Inſchrift!—»Wild⸗ wärter hat Befehl, alle Hunde todt zu ſchießen, die er in dieſer Umzäunung antrifft«— will nicht hinein— wundervoller Hund— koſtbarer Hund, das! 1— Die Pickwicker.= 21 Die Pickwicker. »bEin merkwürdiges Ereigniß,« ſagte Herr Pickwick, „erlauben Sie, das ich es notire?«*— »Sehr gern, Sir, ſehr gern— ſtehen noch hundert Anekdoten von demſelben Thier zu Dienſt, Sir— Schö⸗ nes Mädchen, Sir(zu Herrn Tracy Tupman, der einer jungen Dame einige anti⸗ pickwickiſche Blicke zugewor⸗ fen hatte). „Sehr ſchön,« ſagte Herr Tupman. 8 »Engliſche Mädchen nicht ſo ſchön als die ſpani⸗ ſchen— edle Geſtalten— rabenſchwarzes Haar— feurige Augen— ſüße Geſchöpfe!« „Sie waren in Spanien, Sir?«— fragte Herr Tupman. 5 „Lange dort geweſen, Sir.“« „Viel Eroberungen, Sir?« »Eroberungen! tauſende. Don Bollaro Fizzgig— Grand— einzige Tochter— Donna Chriſtina— rei⸗ zendes Weſen— liebte mich bis zum Wahnſinn— Miß⸗ trauiſcher Vater— hochherzige Tochter— Donna Chri⸗ ſtina in Verzweiflung— Blauſäure— Magenpumpe in meinem Mantelſack— Operation glückte— alte Bol⸗ laro außer ſich vor Entzücken— willigt in unſere Ver⸗ bindung— Händedrücken und Thränenfluthen— ro⸗ mantiſche Geſchichte— ſehr romantiſch!« „»Lebt die Dame jetzt in England, Sir?« fragte Herr Tupman, auf welchen die Schilderung ihrer Reize einen mächtigen Eindruck gemacht hatte.“ *) Obgleich wir dieſes Ereigniß als ein merkwürdiges in dem Tagehuche des Herrn Pickwick angegeben finden, ſo können wir nicht umhin, zu bemerken, daß die Anekdote nicht halb 5 wunderbar iſt, als einige von denen, welche Herr Jeſſe in ſeinen Gleanings mittheilt. Ponto wird ganz unbedeutend, im Ver gleich zu den Hunden, deren Handlungen dort erwähnt werden! Die Pickwicker. 238 „»Todt, Sir— todt,«— erwiederke der Fremde, 8 indem er den kleinen Üüberreſt eines ſehr alten baumwol⸗ lenen Schnupftuchs vor ſein rechtes Auge hielt— nie wieder von der Magenpumpe erholt— untergrabene Conſtitution— als ein Opfer gefallen.«— „Und ihr Vater?«— fragte der poetiſche Snodgraß. „Reue und Elend, erwiederte der Fremde— plötz⸗ lich verſchwunden— Stadtgeſpräch. Ueberall Nachfor⸗ ſchungen— ohne Erfolg— Springbrunnen auf dem großen Platze blieb plötzlich aus— Wochen vergingen— immer noch verſtopft— Arbeiter finden meinen Schwie⸗ gervater— Kopf ſteckt in der Hauptröhre— im Stie⸗ fel ſeine Beichte— ziehen ihn heraus— Springbrun⸗ nen wieder in Gang.«— »Wollen Sie erlauben, Sir, daß ich den kleinen Roman niederſchreibe?« ſagte Herr Snodgraß tief er⸗ griffen.. »Sehr gern, Sir, ſehr gern— noch funfzig andere, wenn Sie zuhören wollen— mein ganzes Leben aben⸗ teuerlich— merkwürdige Geſchichte— nicht außerordent⸗ lich, aber merkwürdig!«— Auf dieſe Art fuhr der Fremde unabläſſig fort, außer daß er, wenn die Pferde gewechſelt wurden, ein Glas Ale als Parantheſe einſchaltete, bis ſie an der Brücke von Rocheſter ankamen, um welche Zeit die No⸗ tizenbücher des Herrn Pickwick und des Herrn Snodgraß mit einer Auswahl ſeiner Abenteuer vollkommen ange⸗ füllt waren. „Herrliche Ruine!« ſagte Herr Auguſtus Snodgraß, mit all dem poetiſchen Drange, der ihn auszeichnete, als ſie das ſchöne alte Kaſtell erblickten. »Welch ein Studium für einen Alterthumsforſcher!« rief Herr Pickwick, indem er durch ſein Fernrohr blickte. 2 Die Pickwicker. 2 1 3 Alh, romantiſcher Ort,« fiel der Fremde ein, »mächtiges Gebäude— kühne Mauern— zerfal ene Gewölbe und Wendeltreppen— finſtere K öh Alte Kathedrale— dumpfer Geruch— Füße der die Stufen ganz ausgehöhlt— kleine ſäch ſiſche Thuren — Beichtſtühle wie Theater⸗Einnehmer⸗Logen— eigene Käutze dieſe Mönche— Päpſte und Miniſter, und alle Arten alte Herrn mit zerbrochenen Naſen— Sarko⸗ phage— alte Legenden— ſeltſame Geſchichten«— und ſo fuhr er fort, bis der Wagen vor dem Wirthshauſe zum Stier, in der Hochſtraße, anhielt. „»Bleiben Sie hier, Sir?« fragte Herr Nathaniel Winkle. »Hier?— ich nicht— aber Sie thun wohl daran — gutes Wirthshaus— reinliche Betten— Wrights Hotel nebenan, theuer— ſehr theuer— halbe Krone auf die Rechnung, wenn Sie den Kellner nur anſehen— ſchreiben Ihnen mehr an, wenn Sie bei einem Freunde, als wenn Sie im Hauſe ſelbſt ſpeiſen— verdammte Prellerei!«— Herr Winkle wendete ſich zu Herrn Pickwick und murmelte ihm einige Worte zu, Herr Pickwick flüſterte dann Herrn Snodgraß und dieſer Herrn Tupman zu, und alle nickten ihre Zuſtimmung. Herr Pickwick redete den Fremden an: »Sie leiſteten uns heute Morgen einen ſehr wichti⸗ gen Dienſt, Sir,« ſagte er,»wollen Sie uns erlauben, Ihnen einen kleinen Beweis unſerer Dankbarkeit zu ge⸗ ben, indem wir um Ihre Geſellſchaft zum Mittageſſen bitten.« »Mit vielem Vergnügen— will keine Vorſchriften machen, aber Geflügel mit Champignons— köſtliches Eſſen!— um welche Zeit?«— ,— — Die Pickwicker. 25 »Laſſen Sie ſehen,« erwiederte Herr Pickwick, indem er ſeine Uhr hervorzog, ves iſt jetzt duii Uhr. Wollen wir 5 Uhr beſtimmen?« „Iſt mir ſehr gelegen,« ſagte der Fremde, „»Punkt 5 Uhr— bis dahin leben Sie wohl!«— und indem er den eingedrückten Hut um einige Zoll lüftete und ihn nachläſſig ſchief auf die Seite ſetzte, entfernte er ſich mit dem Packet in braunem Papier, das ihm halb aus der Taſche hervorſtand, und ſchlug den Weg nach der Hochſtraße ein. „Offenbar ein Reiſender, der viele Länder geſehen hat und ein ſcharfer Beobachter der Menſchen und Dinge iſt,«— ſagte Herr Pickwick. „»Ich möchte wohl ſein Heldengedicht leſen,«— ſagte Herr Snodgraß. „»Ich hätte wohl ſeinen Hund ſehen mögen,«— ſagte Herr Winkle. Herr Tupman ſagte nichts, aber er dachte an Donna Chriſtina, an die Magenpumpe und an den Springbrunnen, und ſeine Augen füllten ſich mit Thraͤnen. Nachdem die Herren ein beſonderes Zimmer genom⸗ men, die Betten beſehen und das Mittagseſſen beſtellt hatten, gingen ſie aus, um die Stadt und deren Um⸗ gebungen in Augenſchein zu nehmen. Nach einer ſorgfältigen Durchſicht der Notizen des Herrn Pickwick über die vier Städte Stroud, Rocheſter, Chatam und Brompton, finden wir nicht, daß der Ein⸗ druck, den ſie auf ihn machten, ſich im Weſentlichen von den Bemerkungen anderer Reiſenden unterſcheidet. Sei⸗ naer allgemeinen Ueberſicht entnehmen wir einen kurzen Auszug. »Die Haupt⸗Erzeugniſſe dieſer Städte,« ſagt Herr Pickwick,»ſcheinen Soldaten, Matroſen, Juden, 26 Ddie Pickwicker. Kreide, Seefiſche, Offiziere und Dockenarbeiter zu ſein. In den Straßen werden am meiſten zum Verkauf aus⸗ geboten: Seevorräthe, grobes Brod, Aepfel, Plattfiſche und Auſtern. Die Straßen ſind ſehr lebendig, beſonders in Folge der Munterkeit des Militairs. Es iſt wirklich entzückend für ein philantropiſches Gemüth, dieſe Tapfern, unter dem Einfluß der Ueberfülle moraliſcher und materiel⸗ ler Begeiſterung umhertaumeln zu ſehen; beſonders wenn wir berückſichtigen, daß es zugleich der jugendlichen Bevöl⸗ kerung eine wohlfeile und unſchuldige Unterhaltung ge⸗ währt, ihnen nachzufolgen und Scherz mit ihnen zu trei⸗ ben.— Nichts(fügt Herr Pickwick hinzu) kann ihre Gutmüthigkeit überbieten. Erſt am Tage vor meiner Ankunft war einer von ihnen in einem Gaſthauſe gröb⸗ lich beleidigt worden. Das Schenkmädchen haͤtte ſich beſtimmt geweigert ißm noch mehr Getränk zu geben, wofür er(nur ſcherzender Weiſe) ſein Bajonet gezogen und das Mädchen an der Schulter verwundet hatte, und doch ging der wackere Mann am andern Morgen gleich wieder nach dem Hauſe, um ſeine Bereitwilligkeit auszuſprechen, die Sache überſehen und was vorgefallen war, vergeſſen zu wollen. »Die Tabacks⸗Conſumtion in dieſen Städten(fährt Herr Pickwick fort) muß ſehr bedeutend und der Geruch in den Straßen unendlich angenehm für Jemand ſein, der das Rauchen außerordentlich liebt. Ein fluchtiger Reiſender würde über den Schmutz klagen, der ſich in den Straßen findet, aber für diejenigen, denen er ein Beweis des blühenden Handels⸗Verkehrs iſt, uuß er wahrhaft erfreulich erſcheinen.«⸗— Der Fremde erſchien pünktlich um 5 Uhr und bald darauf das Mittageſſen. Er hatte ſich des Packets in braunem Papier entledigt, aber ſeinen Anzug nicht ver⸗— Die Pickwicker. 27 aͤndert und war wo möglich noch geſprächiger als vor⸗ hin. „»Was iſt das?« fragte er, als der Aufwärter eine Schüſſel brachte. »Schollen, Sir.«— „»Schollen— ah— köſtliche Fiſche— kommen alle von London— Poſtwagenbeſitzer veranſtalten politiſche Diners— Wagen voll Schollen— Dutzende von Kör⸗ ben— ſchlaue Burſche— Glas Wein, Sir?«— „»Mit Vergnügen,« ſagte Herr Pickwick und der Fremde trank Wein, zuerſt mit ihm und darauf mit Herrn Snodgraß und dann mit Herrn Tupman und dann mit Herrn Winkle und endlich mit der ganzen Ge⸗ ſellſchaft zuſammen, faſt eben ſo ſchnell als er ſprach. »Welcher Teufels⸗Lärm auf de Treppe, Aufwär⸗ ter?« ſagte der Fremde,»Bänke hinaufgetragen— Zimmerleute hin und her— Gläͤſer, Harfen.— Wo⸗ zu das Alles 2« „Ball, Sir,« erwiederte der Aufwärter. „Aſſemblée— wie?«— „Nein, Sir, keine Aſſemblée, Sir, Ball fuͤr wohl⸗ thaͤtige Zwecke, Sir.«— „»Wiſſen Sie nicht, ob viel ſchöne Damen hier in der Stadt ſind?«— fragte Herr Tupman ſehr ange⸗ legentlich. „»O köſtlich— Kent, Sir— jeder kennt Kent— Aepfel, Kirſchen, Hopfen und Mädchen.— Glas Wein, Sir?«— »Mit großem Vergnügen,«— erwiederte Herr Tup⸗ man.— Der Fremde ſchenkte ein und lehrte ſein Glas. »Ich möchte gern auf den Ball gehen,«— ſagte Herr Tupman,»ſehr gern.«— —— 28 Die Pickwicker. »Einlaßkarten beim Wirth, Sir,« fiel der Wärter ein,»zu einer halben Guinee, Sir.«— Herr Tupman ſprach nochmals ſeinen Wunſch aus, an der Feſtlichkeit Theil zu nehmen, da ihm aber in des Herrn Snodgraß düſtern und des Herrn Pickwick zer⸗ ſtreutem Blick keine Antwort wurde, ſo wendete er ſich mit großer Theilnahme zu dem eben aufgetragenen Port⸗ wein und Deſſert. Der Aufwärter entfernte ſich und die Geſellſchaft konnte ſich der Freude der traulichen Stunden nach Tiſch ungeſtört überlaſſen. »Bitt um Entſchuldigung, Sir,«— ſagte der Fremde, —„»Flaſche ſteht ſtill— laſſen Sie ſie wandern— Sonne geht auch rund— Nagelprobe— rein austrinken«— und er leerte ſein eben erſt gefülltes Glas und ſchenkte mit der Miene eines alten Weintrinkers ein neues ein. Der Wein machte die Runde und es wurde noch mehr beſtellt. Der Fremde ſchwatzte, die Pickwicker hörten zu.— Herr Tupman fühlte immer mehr Ver⸗ langen nach dem Ball.— In den Zügen des Herrn Pickwick erglühte ein Ausdruck allgemeiner Philantropie und Herr Winkle und Herr Snodgraß ſchliefen ſanft ein. »Der Ball beginnt ſchon über uns,« ſagte der Fremde,»Hören Sie— Geigen geſtimmt.“— Die verſchiedenen Töne, welche die Treppe hinab ertönten, verkündeten den Beginn der erſten Quadrille. »Wie gern nähme ich Theil daran,« ſagte Herr Tupman nochmals. »Auch ich,« entgegnete der Fremde,„verwünſchte Bagage— langſam zur See— keinen Ball⸗ Anzug— verdrießlich, nicht wahr?«— Nun war allgemeines Wohlwollen, ein Hundthg in der Theorie der Pickwicker und niemand gab ſich dem edlen Prinzip eifriger hin, als Herr Tracy Tupman. * Die Pickwicker. 29 Die Zahl der, in den Verhandlungen der Geſellſchaft er⸗ wähnten Fälle, in denen dieſer treffliche Mann Hülfsbe⸗ dürftige an andere Mitglieder zur Unterſtützung mit ab⸗ gelegten Kleidungsſtücken oder Geld verwies, iſt faſt un⸗ glaublich. »Ich würde mir ein Vergnügen daraus machen,⸗ ſagte Herr Tracy Tupman„»Ihnen einen meiner An⸗ züge anzubieten, aber Sie ſind etwas ſchlank und ich bin—« „Ein wenig dick— ausgewachſener Bacchus— von der Tonne herabgeſtiegen— Hoſen angezogen— ha ha ha!— laſſen Sie die Flaſche rund gehen.«— Es iſt noch nicht vollkommen aufgeklärt, ob Herr Tupman etwas unwillig über den entſchiedenen Ton war, in welchem er aufgefordert wurde, die Flaſche herum zu geben, die der Fremde ſo ſchnell zu leeren wußte, oder ob er ein Aergerniß daran nahm, daß ein einflußreiches Mitglied des Pickwicker⸗Klubbs ſchmählicher Weiſe mit einem von der Tonne herabgeſtiegenen Bacchus verglichen wurde. Er gab jedoch dem Fremden die Flaſche, huſtete zweimal und blickte ihn dann einige Sekunden feſt und bedeutſam an, als Jener jedoch durchaus unbefangen und ruhig unter ſeinem ſcharfen Blick blieb, lenkte Herr Tup⸗ man das Geſpräch wieder auf den Ball. „»Ich wollte bemerken, Sir,« ſagte er,»daß, wenn meine Kleider Ihnen auch zu weit ſind, ein Anzug mei⸗ nes Freundes Winkle Ihnen vielleicht beſſer paſſen dürfte.« Der Fremde maß die Geſtalt des Herrn Winkle mit den Augen und ſagte erfreut:»Wie gemacht für mich!« Herr Tupman blickte umher, der Wein, der ſeine einſchläfernde Macht an Herrn Snodgraß und Herru Winkle bewieſen, hatte auch Herrn Pickwick überwältigt. Herr war allmählig durch die verſchiedenen Ueber⸗ Die Pickwicker. gänge gelangt, welche der, durch das Mittageſſen veran⸗ laßten Lethargie und ihren Folgen vorhergehen. Wie eine Gaslampe auf der Straße, die der Windzug anfacht, hatte er für einen Augenblick eine unnatürliche Munter⸗ keit gezeigt, dann war er plötzlich ganz ſtill geworden, nach einer kurzen Zwiſchenzeit flammte ſein Geiſt wie⸗ der auf, um für einen Augenblick zu erleuchten und zu erwärmen, darauf flackerte er in einem unſichern ſchwan⸗ kenden Licht und erloſch zuletzt gänzlich. Sein Kopf neigte ſich auf ſeine Bruſt und ein fortwährendes Schnar⸗ chen verkündete allein noch dem Ohr die Anweſenheit des großen Mannes. Die Verſuchung, auf den Ball zu gehen und die er⸗ ſten Eindrücke der Schönheit der Kentiſchen Damen auf ſich wirken zu laſſen, war ſehr groß bei Herrn Tupman, und eben ſo ſtark war die Verſuchung, den Fremden mit zu nehmen. Er ſelbſt war durchaus unbekannt mit der Stadt und deren Bewohner; der Fremde dagegen ſchien Beide ſo genau zu kennen, als habe er von ſeiner Kind⸗ heit an in dem Orte gelebt. Herr Winkle ſchlief und Herr Tupman hatte hinlänglich Erfahrung in ſolchen Dingen, um zu wiſſen, daß, ſo bald er erwachte, er dem gewöhnlichen Gange der Natur gemäß ſich zu Bett be⸗ geben würde. Er war unentſchloſſen.—»Füllen Sie Ihr Gias und reichen Sie mir die Flaſche,« ſagte der unermüdliche Trinker. Herr Tupman genügte ſeinem Verlangen und die Anregung des letzten Glaſes befeſtigte ſeinen Entſchluß. »Winkles Schlafzimmer iſt neben dem meinigen,«⸗ ſagte Herr Tupman, ich könnte mich ihm jetzt nicht verſtändlich machen, wenn ich ihn auch aufweckte, aber ich weiß, daß er einen neuen Anzug unter ſeinem Ge⸗ päck hat und was meinen Sie dazu, wenn Sie denſelben — Die Pickwicker. 31 zum Ball benutzten?— ſobald wir zurückkehren, könnte ich ihn wieder an Ort und Stelle legen, ohne daß wir Herrn Winkle mit der Sache behelligen.« »Köſtlich,« entgegnete der Fremde,»herrlicher Plan — verwünſchte Lage— vierzehn Röcke in meinen Kiſten und muß eines Andern Rock anziehen— ſehr gute Idee von Ihnen,— ſehr gut!«— »Wir müſſen unſere Einlaßkarten kaufen,« ſagte Herr Tupman. »Nicht der Mühe werth, eine Guinee zu halbiren,« — ſagte der Fremde,»Schrift oder Bild, wer für uns Beide bezahlen ſoll— ich rathe, Sie werfen in die Höhe— das Bild«— und das Goldſtüͤck fiel wirklich mit dem Bilde nach oben nieder. Herr Tupman zog die Klingel, bezahlte die Einlaß⸗ karten, und beſtellte Licht zum Hinaufgehen. Eine Vier⸗ telſtunde darauf war der Fremde mit dem vollſtändigen Anzuge des Herrn Nathaniel Winkle ausgeſtattet. »Es iſt ein neuer Rock,« ſagte Herr Tupman, wäh⸗ rend der Fremde ſich mit großer Selbſtgefälligkeit im Spiegel beobachtete—»der erſte, der mit unſerm Klubb⸗ knopf gemacht worden iſt,« und er lenkte die Aufmerk⸗ ſamkeit' ſeines Gefährten auf den großen vergoldeten Knopf mit dem Bruſtbilde des Herrn Pickwick in der Mitte und den Buchſtaben P. C. zu beiden Seiten. „»P. C.,« ſagte der Fremde,»der alte Herr iſt ähnlich, und P. C.— was bedeutet P. C.?— merk⸗ würdiger Rock,— he?«— Herr Tupman erklärte mit zunehmendem Unwillen und indem er eine wichtige Miene annahm, das myſtiſche Sinnbild. »Etwas kurz in der Taille,— nicht wahr,« ſagte der Fremde, indem er über die Schulter in den Spiegel Die Pickwicker. blickte, und die hintern Knöpfe ſaßen in der That faſt in der Mitte ſeines Rückens. »Sieht gerade aus, wie ein Briefträgers⸗Rock— merkwürdige Röcke das— kontraktmäßig geliefert— kein Maß genommen— wunderbare Wege der Vor⸗ ſehung— alle kleine Männer bekommen lange Röcke, alle große kurze.«— Auf dieſe Weiſe fortſchwatzend, zog Herrn Tupmans neuer Gefährte deſſen Kleider oder vielmehr die des Herrn Winkle an, und ging dann mit Herrn Tupman die Treppe nach dem Ballſaal hinauf. »Ihre Namen, meine Herren?«— ſagte der Thür⸗ ſteher. Herr Tracy Tupman wollte vortreten, um ſeinen Namen und Stand anzugeben, aber der Fremde verhin⸗ derte es.. »Keinen Namen nennen,« und dann flüſterte er Herrn Tupman zu,»Namen thun nichts zur Sache— nicht bekaunt— ſehr gute Namen in ihrer Art, aber keine große Namen— vortrefflich für eine kleine Geſell⸗ ſchaft— machen aber keinen Eindruck in ſolchen Geſell⸗ ſchaften— incognito beſſer— Herren aus London— ausgezeichnete Fremde.« Die Thüre ward geöffnet und Herr Tracy Tupman und der Fremde traten in den Ballſaal. 5 Es war ein langes Zimmer mit Bänken, die mit rothem Sammt überzogen waren, und mit Wachslichtern in Glasleuchtern. Die Muſiker ſaßen auf einem erhöhten Gerüſt, und Quadrillen wurden durch mehrere Partien ſyſtematiſch getanzt. Zwei Spieltiſche waren in dem be⸗ nachbarten Zimmer aufgeſtellt und zwei alte Damen und eine entſprechende Anzahl Herren ſpielten dort eine Partie Whiſt. Das Finale war beendigt, die Tänzer ſpazierten im * 4 n Die Pickwicker. Saal umher und Herr Tupman und ſein Gefährte ſtell⸗ ten ſich in eine Ecke, um die Geſellſchaft zu beobachten. »Reizende Damen,“« ſagte Herr Tupman. »Noch etwas warten— flüſterte der Fremde— gleich beſſer kommen— vornehmſte noch nicht da— merkwürdiger Ort— erſte Claſſe kennt, die zweite, dritte, die unterſte nicht— Docken⸗Direktor kennt keinen Men⸗ ſchen.“⸗— »Wer iſt der junge blonde Mann, mit den kleinen Augen, im Mode⸗Anzug?« fragte Herr Tupman. „»Pſt, bitte— kleine Augen— junger Mann— ſtill doch— Fähnrich im 97. Regiment— der ehren⸗ werthe Wilmot Snipe— angeſehene Familie die Sni⸗ pes— ſehr angeſehen.“⸗— Jetzt rief der Thürſteher mit einer Stentorſtimme in den Saal:»Sir Thomas Clubber, Lady Clubber und die Miß Clubbers.«— Allgemeines Aufſehen wurde durch den Eintritt eines großen hagern Herrn in einem blauen Leibrock mit glänzenden Knöpfen, einer wohlbeleibten Dame in einem Kleide von blauem Sammet und zwei junger Damen in eleganten Anzügen von derſelben Farbe, ver⸗ anlaßt. »Direktor— ſehr angeſehener Mann,« flüſterte der Fremde Herrn Tupman zu, als die Mitglieder des Armen⸗Comité Herrn Thomas Clubber und ſeine Fa⸗ milie nach dem obern Ende des Saales führten. Der ehrenwerthe Wilmot Snipe und andere vornehme Herren drängten ſich hinzu, um den Miß Clubbers ihre Huldi⸗ gungen darzubringen und Herr Thomas Clubber blickte majeſtätiſch aus ſeiner ſchwarzen Halsbinde auf die ver⸗ ſammelte Geſellſchaft. Herr Smithie, Miſtreß Smithie und die Miß Smithies waren die zunächſt Eintretenden. Die Pickwicker. I. 3 Die Pickwicker. „»Wer iſt Herr Smithie?« fragte Herr Tracy Tupman. »Ein Angeſtellter,« erwiederte der Fremde.— Herr Smithie verbeugte ſich ſehr ehrerbietig vor Herrn Thomas Clubber, und Herr Thomas Clubber erwiederte den Gruß mit angemeſſener Herablaſſung. Lady Clubber beäugelte durch ihr Glas Miſtreß Smithie nebſt Familie, und Miſtreß Smithie blickte ihrerſeits nach Miſtreß Sonſt⸗Jemand, deren Gemahl nicht zu den bei den Docks Angeſtellten gehörte. Obriſt Bulder, Miſtreß Bulder und Miß Bulder waren die nächſten Ankommenden. „Kommandeur der Garniſon«,— ſagte der Fremde in Erwiederung auf Herrn Tupmans fragenden Blick. Miß Bulder wurde mit Herzlichkeit von den Miß Clubbers bewillkommt, die Frau Obriſtin Bulder und Lady Clubber wechſelten die freundlichſten Gruͤße, Obriſt Bulder und Sir Thomas Clubber boten ſich gegegenſeitig Schnupftaback an, und ſahen faſt ganz wie ein Paar Alexander Selkirks aus— Beherrſcher von Allem, was ſie überblickten!— Während die Ariſtokratie des Orts— die Bulders und Elubbers und Snipes— auf dieſe Weiſe ihre Würde am obern Ende des Saals behaupteten, ahmten die andern Claſſen der Geſellſchaft ihr Beiſpiel nach. Die weniger ariſtokratiſchen Offiziere des 97. Regiments un⸗ terhielten ſich mit den Familien der weniger angeſehenen Beamten von den Docks. Die Frauen der Anwälte und Weinhändler ſtanden an der Spitze einer dritten Claſſe und Miſtreß Tomlinſon, die Poſthalterin, ſchien durch gegenſeitiges Uebereinkommen als Haupt der Familien der Kaufleute auerkannt zu ſein. Eine der beliebteſten Perſonen ſeines Zirkels war ———-—„--—ͤ Die Pickwicker. ein kleiner, wohlbeleibter Mann mit einer großen, von ſchwarzem, ſich emporſträubendem Haar umgebenen Gaatze, — Doktor Slammer, Wundarzt des 97. Regiments. Der Doktor ſchnupfte mit Jedermann, plauderte mit Je⸗ 2 dermann, lachte, tanzte, ſcherzte, ſpielte Whiſt, that Al⸗ les, was man wollte und war überall.— Zu dieſen Beſchäftigungen, ſo vielfach wie ſie waren, fügte der kleine Doktor noch eine wichtigere hinzu— er war unermüd⸗ lich, einer kleinen ältlichen Wittwe, deren reicher Anzug und Schmuck ſie als eine ſehr wünſchenswerthe Zugabe zu einem beſchränkten Einkommen verkündete, die zarte⸗ ſten und ſorgſamſten Aufmerkſamkeiten zu beweiſen. 8 Die Blicke des Herrn Tupman und ſeines Begleiters hatten eine Zeit lang auf dem Doktor und der Wittwe verweilt, als der Fremde das Stillſchweigen brach. „»Geld genug— heirathsluſtige Alte— aufgeblaſener Doktor— kein ſchlechter Einfall— guter Spaß—⸗ waren die hörbaren Sätze, die er vernehmen ließ. Herr Tupman blickte ihn fragend an. »Will mit der Wittwe tanzen,« ſagte der Fremde. „Wer iſt ſie?«— fragte Herr Tupman. „Weiß nicht— noch nie geſehen— den Doktor ausſtechen,« entgegnete er, ging durch den Saal und 4 indem er ſich an einen Kamin lehnte, begann er mit einer Miene ehrfurchtsvoller und wehmüthiger Bewunderung das feiſte Geſicht der kleinen alten Dame anzublicken. Herr Tupman ſah in ſtummer Verwunderung zu. Der Fremde machte ſchnelle Fortſchritte; der kleine Doktor tanzte mit einer andern Dame— die Wittwe ließ ihren Fächer fal⸗ len— der Fremde nahm ihn auf und gab ihn ihr zu⸗ rück— ein Lächeln— eine Verbeugung— ein Knix— einige freundliche Worte. Der Fremde ging keck zu dem Ceremonienmeiſter, 3* 4 G᷑.———— *εᷣ 0 & 8 T —— 7 α Die Pickwicker. kehrte mit ihm zurück, und nach einer kurzen pantomi⸗ miſchen Vorſtellung trat er mit Miſtreß Budgery zu einer Quadrille an. Die Verwunderung des Herrn Tupman über dieſes ſummariſche Verfahren wurde, ſo groß ſie war, noch un⸗ endlich durch das Erſtaunen des Doktors überboten. Der Fremde war jung und die Wittwe fühlte ſich ge⸗ ſchmeichelt;— ſie beachtete des Doktors Aufmerkſamkeiten nicht mehr, deſſen Unwille auch ſeinen unerſchütterlichen Nebenbuhler nicht im Geringſten zu beunruhigen ſchien. Doktor Slammer war außer ſich.— Er, Doktor Slam⸗ mer, vom 97. Regiment, in einem Augenblick durch einen Menſchen vollkommen ausgeſtochen zu werden, den Niemand je geſehen hatte und den Niemand ſelbſt jetzt kannte!— Doktor Slammer— Doktor Slammer vom 97. Regiment zurückgewieſen!— unmöglich!— Es konnte nicht ſein, und doch war es ſo— da ſtanden ſie. — Wie konnte er ſeinen Augen trauen— er blickt noch⸗ mals und befand ſich in der traurigen Nothwendigkeit, die Wahrheit anerkennen zu müſſen. Da hüpfte die Wittwe vor ihm mit Herrn Tracy Tupman in unge⸗ wöhnlicher Leichtigkeit, und Herr Tracy Tupman tanzte mit einer ſehr feierlichen Miene(wie viele Leute thun), als ſei eine Quadrille eine ernſte Prüfung der Gefühle, die zu beſtehen unbeugſame Entſchloſſenheit erforderlich ſei. Alles dieſes ertrug der Doktor ſchweigend und gedul⸗ dig, ſo wie das darauf ſolgende Glühwein⸗ und Zucker⸗ werk⸗Präſentiren, kaum aber war der Fremde verſchwun⸗ den, um Miſtreß Budger nach ihrem Wagen zu führen, ſo ſchoß er aus dem Ballſaal hinaus, indem die bis dahin unterdruckte Wuth ſich jetzt in allen ſeinen Zügen malte und ſein Geſicht röthete. Der Fremde kehrte eben mit Herrn Tupman zurhek, 4 der wüthende Doktor,»ein Poltron— e Die Pickwicker. 37 mit dem er leiſe und lachend ſprach. Den Kleinen dür⸗ ſtete nach ſeinem Blut.— Jener rühmte ſich ſeines Sieges— er hatte triumphirt. »Sir,« ſagte der Doktor mit Unheil verkündender Stimme, indem er eine Karte aus der Taſche zog, »mein Name iſt Slammer— Doktor Slammer, Sir, vom 97. Regiment— in der Chatham⸗Kaſerne— meine Karte, Sir, meine Karte.⸗— Er wollte noch mehr hinzufügen, aber der Zorn erſtickte ſeine Stimme. „»Ah,« erwiederte der Fremde kaltblütig,»Slammer — ſehr verbunden— höfliche Aufmerkſamkeit— jetzt nicht krank, Slammer— ſollt' ich es werden— Sie aufſuchen.« »Sie— Sie ſind ein Intriguant, Sir,« ſchnaubte in Feigling— ein Lügner— ein— ein— Wird Sie nichts vermögen, mir Ihre Karte zu geben, Sir?«— »O, ich ſehe,« ſagte der Fremde halb bei Seite, »Glühwein zu ſtark hier— liberaler Gaſtwirth— ſehr thöricht— ſehr— Limonade viel beſſer— große Hitze im Saal— altere Herrn— Morgen dafür leiden— grauſam— ſehr grauſam«— und er bewegte ſich einige Schritte vor. »Sie logiren hier im Hauſe, Sir?« ſagte der entrüſtete kleine Mann,»Sie ſind jetzt berauſcht, Sir, Sie ſollen morgen von mir hören, Sir.— Ich will Sie ſchon ausfinden!— »Beſſer, wenn Sie mich zu Haus finden,« Fremde. Doktor Slammer blickte ihn unbeſchreiblich wüthend an, als er mit einem unwilligen Schlag ſeinen Hut auf den Kopf drückte, und der Fremde und Herr Tupman mich ausfinden, als wenn Sie erwiederte der unerſchütterliche 38 Die Pickwicker. begaben ſich nach dem Schlafzimmer des letztern, um die erborgten Federn des nichtsahnenden Winkle zurück zu geben. Dieſer Herr lag im tiefen Schlaf, der Anzug war bald wieder an ſeinen Ort gelegt.— Der Fremde war äußerſt aufgeräumt, und Herr Tracy Tupman von Wein, Glühwein, Lichtern und Damen ganz berauſcht, betrach⸗ tete die ganze Sache als einen vortrefflichen Spaß. Sein neuer Freund entfernte ſich, und nachdem Herr Tupman mit einiger Schwierigkeit die Oeffnung ſeiner Nachtmütze gefunden und bei dem Verſuch, das Licht auszulöſchen, den Leuchter umgeſtoßen hatte, gelang es ihm endlich, durch eine Reihefolge complicirter Evolutionen ſein Bett zu erreichen, und er verſank bald darauf in tiefen Schlaf. Es hatte am folgenden Morgen kaum 7 Uhr geſchla⸗ gen, als der umfaſſende Geiſt des Herrn Pickwick aus dem Zuſtande der Bewußtloſigkeit, in welchen der Schlum⸗ mer ihn geſtürzt hatte, durch ein lautes Klopfen an ſei⸗ ner Stubenthür geweckt wurde. „Wer iſt da?« rief er, ſich im Bett aufrichtend. „Hausknecht, Sir!« „Was wollt Ihr?2« »Mit Verlaub, Sir,— können Sie mir nicht ſa⸗ gen, welcher Herr von Ihrer Geſellſchaft einen ſchönen blauen Leibrock mit vergoldeten Knöpfen trägt, worauf P. C. ſteht?« „»Der Rock wird zum Abbürſten hinausgegeben ſein,« dachte Herr Pickwick,„und der Menſch hat vergeſſen, wem er gehört.— Herr Winkle,« rief er,»im dritten Zimmer, rechter Hand.« »Ich danke Ihnen, Sir,« ſagte der Hausknecht und entfernte ſich. „Was giebt's?« rief Herr Tupman, als ein lautes 2 ,— 2 —— Die Pickwicker. Klopfen an ſeiner Thüre ihn aus ſeiner tiefen Ruhe erweckte. »Kann ich Herrn Winkle ſprechen, Sir 2« erwie⸗ derte der Hausknecht von Außen. »Winkle!— Winkle!« rief Herr Tupman nach dem Nebenzimmer zu. »Hallo,« erwiederte eine ſchwache Stimme aus dem Bett. »Es will Sie Jemand ſprechen— Jemand an der Thüre,« und nachdem er ſo viel hervorgebracht hatte, wendete ſich Herr Tracy Tupman auf die andere Seite und ſchlief ſogleich wieder ein. »Mich ſprechen?« ſagte Herr Winkle, indem er eiligſt aus dem Bette ſprang und einige Kleidungsſtücke anlegte,»mich ſprechen?— ſo weit von London— wer kann mich hier ſprechen wollen?« »Ein Herr im Gaſtzimmer, Sir,« erwiederte der Hausknecht, als Herr Winkle ihm die Thüre öffnete und ihn befragte,»der Herr ſagt, er will Sie keinen Au⸗ genblick aufhalten, Sir,— aber er könne ſich nicht ab⸗ weiſen laſſen.« »Sehr ſeltſam,« erwiederte Herr Winkle,»ich werde gleich unten ſein.«— Er hüllte ſich ſchnell in ſeinen Schlafrock und ging hinab.— Eine alte Frau und einige Kellner reinigten das Gaſtzimmer und ein Offizier in Halbuniform blickte zum Fenſter hinaus. Letzterer wendete ſich um, als Herr Winkle eintrat, und machte eine kalte und ſteife Verbeu⸗ gung. Nachdem er den Aufwärtern geboten, ſich zu ent⸗ fernen, und die Thüre ſehr ſorgfältig verſchloſſen hatte, ſagte er:»Herr Winkle, wenn ich nicht irre.« »Mein Name iſt allerdings Winkle, Sir!« »Es wird Sie nicht befremden, Sir, wenn ich Sie 40 Die Pickwicker. benachrichtige, daß ich im Namen und Auftrag meines Freundes, des Doktors Slammer vom 97. Regiment, hier bin.« »Doktor Slammer?« wiederholte Herr Winkle. „»Doktor Slammer.— Er hat mich erſucht, Ihnen ſeine Anſicht auszuſprechen, daß Ihr Benehmen am ge⸗ ſtrigen Abend der Art war, wie kein Gentleman es ſich gefallen laſſen kann und(fügte er hinzu) wie kein Gentle⸗ man es ſich gegen einen andern erlauben wird.“«— Das Erſtaunen des Herrn Winkle war zu unver⸗ kennbar, als daß es der Beachtung von Doktor Slam⸗ mers Freunde hätte entgehen können; er fuhr daher fort: „»Mein Freund, Doktor Slammer, bat mich, hinzuzufü⸗ gen, er ſei feſt überzeugt, daß Sie während eines Theils des geſtrigen Abends betrunken geweſen ſeien, und viel⸗ leicht ſelbſt nicht wüßten, wie ſehr Sie ihn beleidigt hät⸗ ten.— Er beauftragte mich, zu ſagen, daß wenn Sie Ihr Benehmen etwa hiermit entſchuldigen würden, er geneigt ſei, eine durch mich dictirte, von Ihnen geſchrie⸗ bene ſchriftliche Entſchuldigung anzunehmen.⸗ „Eine ſchriftliche Entſchuldigung?« wiederholte Herr Winkle im Ton des höchſten Erſtaunens. »Sie wiſſen natürlich, welche Wahl Ihnen bleibt!e erwiederte der Offizier kaltblütig. »Wurde Ihnen dieſer Auftrag, an mich namentlich, anvertraut?«— fragte Herr Winkle, deſſen Geiſt durch dieſe ſeltſame Unterhaltung in die höchſte Verwirrung gerathen war.. »Ich ſelbſt war nicht gegenwärtig, und in Folge Ihrer beſtimmten Weigerung, Ihre Karte dem Doktor Slammer zu geben, wurde ich durch denſelben erſucht, einen Herrn ausfindig zu machen, der einen Leibrock mit vergoldeten Knöpfen, auf welchen ein Bruſtbild N E Die Pickwicker. 41 und die Buchſtaben P. C. ſtünden, auf dem geſtrigen Balle trug.« Die Verwunderung des Herrn Winkle erreichte den allerhöchſten Grad, als er ſeinen Rock ſo genau beſchrei⸗ ben hörte.— Doktor Schlammers Freund fuhr fort. »Aus den Erkundigungen, die ich eben von den Auf⸗ wärtern einzog, mußte ich entnehmen, daß der Beſitzer des fraglichen Rocks geſtern Nachmittag mit drei andern Herrn hier angekommen iſt.— Ich ſchickte gleich hin⸗ auf, und wurde an Sie verwieſen.« Das Erſtaunen des Herrn Winkle, mit welchem er dieſe Anrede hörte, hätte nicht größer ſein können, wenn der Hauptthurm von Rocheſter ſich plötzlich von der Stelle bewegt und ſich dem Fenſter des Zimmers gegenüber auf⸗ geſtellt hätte.— Sein erſter Gedanke war, daß ſein Rock geſtohlen ſein müſſe.—»Wollen ſie mich einen Augenblick entſchuldigen?«— ſagte er. . Der unwillkommene Beſucher hatte nichts dagegen einzuwenden.— Herr Winkle eilte ſchnell die Treppe hinauf und eröffnete mit zitternden Händen ſeinen Man⸗ telſack.— Der Rock lag an ſeinem gewöhnlichen Ort, zeigte aber bei genauer Beſichtigung offenbare Spuren, daß er am Abend vorher getragen worden ſein müſſe. »Es muß ſo ſein,« dachte Herr Winkle und ließ den Rock aus der Hand fallen.—»Ich trank zuviel Wein nach dem Eſſen, und ich habe wirklich eine ſehr dunkle Erinnerung, nachher auf der Straße umher gegan⸗ gen zu ſein und Zigarren geraucht zu haben.— Daß ich ſehr berauſcht war, läßt ſich nicht in Abrede ſtellen — ich muß meinen neuen Leibrock angezogen haben— irgendwo hingegangen ſein— und irgend Jemand beleidigt haben— ich kann nicht daran zweifeln und dieſe Bot⸗ ſchaft iſt die ſchreckliche Folge davon?«— Die Pickwicker. Herr Winkle ging jetzt wieder hinab in das Gaſt⸗ zimmer mit dem düſtern und ſchrecklichen Entſchluß, die Herausforderung des kampfluſtigen Doktor Slammer an⸗ zunehmen, und das Schlimmſte über ſich ergehen zu laſſen. Zu dieſem Entſchluß wurde Herr Winkle durch eine Menge von Rückſichten bewogen, deren erſte ſein Anſehen im Klubb war. Man hatte ihn immer bei allen Din⸗ gen offenſiver, defenſiver oder inoffenſiver Art, welche Kör⸗ perſtärke oder Gewandtheit erfordern, für eine große Au⸗ torität gehalten; wenn er ſich daher bei dieſer erſten Ge⸗ legenheit, wo er eine Probe ablegen konnte, unter des Meiſters Augen ängſtlich zurückzog, ſo war ſeine Stel⸗ lung in der Geſellſchaft für immer verloren. Ueberdem erinnerte er ſich, von den in ſolchen Angelegenheiten Er⸗ fahrenen häufig gehört zu haben, daß in Folge eines Ein⸗ verſtändniſſes zwiſchen den Sekundanten, die Piſtolen ſel⸗ ten mit Kugeln geladen würden, und er hoffte ferner, daß wenn er Herrn Snodgraß auffordern würde, ihm zu ſecundiren und demſelben die Gefahr in glühenden Aus⸗ drücken ſchilderte, dieſer Herr wahrſcheinlich den Vorfall Herrn Pickwick mittheilen und dieſer dann ohne Zweifel keine Zeit verlieren würde, bei den Lokalbehörden Anzeige zu machen, und dadurch die Tödtung oder Verſtümme⸗ lung ſeines Jüngers zu verhindern. Dieſes waren ſeine Gedanken, als er nach dem Gaſt⸗ zimmer zurückkehrte, und die Abſicht zu erkennen gab, des Doktors Herausforderung anzunehmen. »Wollen Sie mir einen Freund nennen, damit wir Zeit und Ort beſtimmen?« fragte der Offizier. »Iſt nicht nöthig,« erwiederte Herr Winkle,»be⸗ 3 ſtimmen Sie ſelbſt Zeit und Ort, und ich werde für einen Sekundanten ſorgen.«⸗ Die Pickwicker. 43 »Iſt's Ihnen Recht, heut Abend bei Sonnenunter⸗ gang?« fragte der Offizier in gleichgültigem Tone. „Sehr gut,« erwiederte Herr Winkle, dachte aber in ſeinem Herzen, es ſei recht ſchlimm. „Fort Pitt iſt Ihnen doch bekannt 2« „Ja, ich ſah es geſtern.«— „Wenn Sie am Graben angelangt ſind, ſo ſchlagen Sie gefälligſt den Fußpfad linker Hand ein, der Sie an einen Winkel der Befeſtigungen führen wird, und verfol⸗ gen Sie dieſen Weg bis Sie mich ſehen. Ich werde vor Ihnen her nach einem entlegenen Platze gehen, wo die Sache ohne Beſorgniß vor Unterbrechung abgemacht wer⸗ den kann.«. „»Beſorgniß vor Unterbrechung!«— dachte Herr Winkle. „Sie haben, denke ich, nichts mehr hinzuzufügen,« ſagte der Offizier. »Ich wüßte nicht,« erwiederte Herr Winkle. „Guten Morgen!«— »Guten Morgen!«— und der Offizier pfiff, indem er fortging, eine muntere Melodie. Das Frühſtück der Pickwicker ging deſto trauriger vorüber. Herr Tupman war nach ſeinem ungewohnten Nachtſchwärmen nicht im Stande aufzuſtehen, Herr Snodgraß ſchien mit einem poetiſchen Unmuth zu käm⸗ pfen, und ſelbſt Herr Pickwick zeigte eine ungewöhnliche Neigung zum Stillſchweigen und zu Sodawaſſer.— Herr Winkle wartete begierig ſeine Gelegenheit ab, die nicht lange ausblieb.— Herr Snodgraß ſchlug einen Spaziergang nach dem Caſtell vor, und da nur Herr Winkle geneigt war, ihn zu begleiten, ſo machten ſie ſich zuſammen auf den Weg. „Snodgraß,“« ſagte Herr Winkle, ſobald ſie im Freien Die Pickwicker. waren:»Snodgraß, mein theurer Freund, kann ich auf Ihre Verſchwiegenheit rechnen!«— Indem er dieſes ſagte, wünſchte er nichts mehr, als daß ſein Freund das Geheimniß verrathen möge. »Sie können es,« erwiederte Herr Snodgraß.— „Hören Sie meinen Schwur—« »Nein, nein,« unterbrach ihn Winkle, indem er bei dem Gedanken erſchrak, ſein Freund könne unbewußt ſich ſelbſt zur Verſchwiegenheit verpflichten,»ſchwören Sie nicht— ſchwören Sie nicht,— es iſt durchaus nicht nöthig!« Herr Snodgraß ließ die Hand, die er bereits em⸗ porgehoben hatte, wieder ſinken, und nahm die Stellung eines aufmerkſamen Zuhörers an. »Ich bedarf Ihres Beiſtandes, mein Theurer, in einer Ehrenſache,« fuhr Herr Winkle fort. »Er iſt Ihnen hiemit zugeſagt,« erwiederte Herr Snodgraß, des Freundes Hand drückend. »Mit einem Doktor— Doktor— Slammer vom 97. Regiment,— fuhr Herr Winkle fort, der ſich bemühete, die Sache ſo wichtig als möglich erſcheinen zu laſſen,—»eine Ehrenſache mit einem Offizier, der von einem andern Offizier ſekundirt wird, heute Abend bei Sonnenuntergang an einem entlegenen Ort, hinter dem Fort Pitt.« „»Ich will Sie geglekten ſagte Herr Snod⸗ graß. 3 Er war verwundert, aber keineswegs erſchrocken.— Es iſt merkwürdig, wie kaltblütig Jeder, außer die Duel⸗ lanten ſelbſt, in ſolchen Fällen ſind.— Herr Winkle hatte dies vergeſſen, er hatte die Gefühle ſeines Freundes nach ſeinen eigenen beurtheilt. „»Die Folgen können ſchrecklich ſein!« ſagte er. Die Pickwicker. 45 „Ich hoffe nicht,« entgegnete Herr Snodgraß. »Der Doktor iſt,— glaube ich, ein ſehr guter Schütze,«— ſagte Herr Winkle. »Die meiſten Militairs ſind es,« bemerkte Herr Snodgraß ruhig,»aber Sie gleichfalls, nicht wahr?«— Herr Winkle bejahte und da er bemerkte, daß er ſeinen Freund noch nicht hinlänglich beunruhigt hatte, ſo veränderte er ſeinen Plan. »Snodgraß, ſagte er mit zitternder Stimme,— wenn ich falle, ſo werden Sie in einem Packet, das ich Ihnen einhändigen will, ein Schreiben finden, an— an meinen Vater.« Auch dieſer Angriff ſchlug fehl.— Herr Snodgraß war gerührt, er übernahm jedoch den Auftrag ſo bereitwillig, als ſei er ein Briefträger geweſen. »Wenn ich fallen ſollte,« fuhr Herr Winkle fort,— voder wenn der Doktor fällt, ſo werden Sie, mein theurer Freund, als Mitſchuldiger zur Rechenſchaft gezogen wer⸗ den.— Darf ich meinen Freund in die Gefahr der Deportation, vielleicht des Todes bringen?2« Dieſes machte einigen Eindruck auf Herrn Snodgraß, aber ſein Heldenmuth blieb unbeſiegbar.»Für die Freund⸗ ſchaft,« ſagte er mit Waͤrme,»werde ich allen Gefahren Trotz bieten.«. Wie verwünſchte Herr Winkle innerlich die hingebende Freundſchaft ſeines Gefährten, als ſie einige Minuten neben einander herwandelten, jeder in ſeine eigenen Be⸗ trachtungen vertieft!— Es ging ſchon gegen Mittag,— Winkle gerieth in Verzweiflung. »Snodgraß,« ſagte er, plötzlich ſtillſtehend,»ſor⸗ gen Sie, daß nichts dazwiſchen tritt— machen Sie keine Anzeige bei den Behörden— ſuchen Sie nicht den Beiſtand mehrerer Conſtablers nach, um entweder 46 Die Pickwicker. mich, oder den Doktor Slammer vom 97. Regiment, gegenwärtig in der Chatham⸗Kaſerne wohnend, verhaften zu laſſen, und ſo den Zweikampf zu verhindern— ich bitte, thun Sie das nicht!— Herr Snodgraß ergriff mit Wärme die Hand ſeines Freundes und erwiederte mit begeiſtertem Ton:»nicht für Welten!«— Herrn Winkle überlief ein kalter Schauder, als ſich ihm die Ueberzeugung unabweislich aufdrang, daß er von ſeines Freundes Bedenklichkeiten nichts zu hoffen habe und beſtimmt ſei, eine lebendige Zielſcheibe zu werden. Nachdem Herrn Snodgraß die Angelegenheit förmlich erörtert worden und ſich die Freunde mit Piſtolen und den nöthigen Vorräthen Pulver und Kugeln verſehen hatten, kehrten ſie nach ihrem Gaſthofe zurück, Herr Winkle, um über den bevorſtehenden Kampf nachzuden⸗ ken, und Herr Snodgraß um die mörderiſchen Waffen in Stand zu ſetzen, und alle erforderlichen Vorbereitun⸗ gen zu treffen. Es war ein trüber und unfreundlicher Abend, als ſie ſich auf den Weg machten.— Herr Winkle war in einen weiten Mantel gehüllt, um unbemerkt zu bleiben, und Herr Snodgraß trug unter dem ſeinigen die Werk⸗ zeuge der Zerſtörung.. „Haben Sie ſich mit Allem verſehen?« ſagte Herr Winkle im aufgeregten Tone. »Mit Allem,« erwiederte Herr Snodgraß,»und auch mit hinreichendem Schießbedarf, im Fall häufig fehl geſchoſſen werden ſollte.— Hier iſt ein viertel Pfund Pulver und ich habe zwei Zeitungsblätter zum Laden mit genommen.⸗— Dieſes waren Freundſchaftsbeweiſe, für welche billi⸗ gerweiſe Jeder hätte dankbar ſein müſſen.— Wahrſchein⸗ —— ———— — Die Pickwicker. 47 lich waren jedoch die Dankgefühle des Herrn Winkle ſo ſtark, daß er ſie in Worten nicht ausſprechen konnte, denn er ſagte nichts, ſondern ging ſchweigend weiter— allerdings etwas langſam. »Wir kommen gerade zu rechter Zeit,« ſagte Herr Snodgraß, als ſie den bezeichneten Fußpfad betreten hat⸗ ten,»die Sonne geht eben unter.«— Herr Winkle blickte hin und dachte ſchmerzlich daran, daß auch ſein Untergang vielleicht bald bevorſtehen könne! »Da iſt der Offizier«,— rief er aus, nachdem ſie einige Minuten weitergegangen waren. »Wo?« fragte Herr Snodgraß. »Da— der Herr im blauen Mantel.«⸗ Herr Snodgraß blickte nach der, durch den Zeigefin⸗ ger ſeines Freundes angedeuteten Richtung und bemerkte eine in einen Mantel gehüllte Geſtalt.— Sie winkte mit der Hand und die beiden Freunde folgten in einiger Entfernung. Das Wetter wurde immer unangenehmer und ein rauher Wind wehte über die einſamen Felder, als ob ein Rieſe in der Ferne ſeinen Haushund pfiffe.— Der un⸗ heimliche Eindruck der Umgebungen verſetzte Herrn Winkle in eine noch trübere Stimmung.— Ein Schauder über⸗ lief ihn, als ſie an dem Winkel des Grabens ankamen— er erſchien ihm wie ein koloſſales Grab. Der Offizier wendete ſich plötzlich von dem Fußpfade ab, und ſie traten durch die Oeffnung einer Hecke in ein abgeſchloſſenes Feld.— Zwei Herren warteten bereits auf ſie, ein kleiner wohlbeleibter Mann mit ſchwarzem Haar und ein ſtattlicher Herr in militairiſchem Oberrock, der mit dem größten Gleichmuth auf einem Feldſtuhl ſaß. »Ohne Zweifel Ihr Gegner mit einem Chirurgus,« ſagte Herr Snodgraß,»nehmen Sie einen Tropfen 48— Die Pickwicker. Branntwein.«⸗— Herr Winkle nahm die umſponnene Flaſche, die ſein Freund darbot, und that einen langen Zug von dem belebenden Getränk. „»Mein Freund, Sir, Herr Snodgraß,« ſagte Herr Winkle, als der Offizier ſich näherte.— Der Freund des Doktor Slammer verbeugte ſich.— Er trug ein Käſtchen, jenem ähnlich, in welchem Herr Snodgraß die Piſtolen und den Schießbedarf bei ſich führte. »Wir haben,— denke ich,— nichts weiter zu be⸗ merken, Sir,— ſagte er in einem gleichgültigen Tone, indem er das Käſtchen öffnete— eine Entſchuldigung iſt ja beſtimmt verweigert worden.« »Nichts, Sir,« entgegnete Herr Snodgraß, dem doch ein wenig unheimlich zu Muth wurde. »Wollen Sie vortreten?« ſagte der Offizier. „»Gewiß!«— erwiederte Herr Snodgraß. Die Ent⸗ fernung wurde abgemeſſen, und alles Erforderliche an⸗ geordnet. „Sie werden dieſe Piſtolen beſſer finden, als die Ihrigen,« ſagte der Sekundant des Gegners.—»Sie ſahen mich ſie laden.— Haben Sie etwas dagegen, daß wir uns ihrer bedienen 2« »Durchaͤus nicht,« entgegnete Herr Snodgraß.— Das Anerbieten enthob ihn keiner geringen Verlegenheit, denn ſeine bisherigen Begriffe vom Laden eines Piſtols waren etwas oberflächlich und unbeſtimmt. »Wir können dann die Herren aufſtellen,« be⸗ merkte der Offizier mit ſo viel Unbefangenheit, als ſeien die Duellanten Schachfiguren und die Sekundanten die Spieler. »Ich denke auch,« erwiederte Herr Snodgraß, der in jeden Vorſchlag eingewilligt haben würde, weil er nichts Die Pickwicker. 49 von der Sache verſtand.— Der Offizier begab ſich zu Doktor Slammer und Herr Snodgraß zu Herrn Winkle. »Es iſt alles bereit,« ſagte jener, ſeinem Freunde das Piſtol reichend.—»Geben Sie mir Ihren Mantel.« »Sie haben doch das Packet, mein theurer Freund?« ſagte der arme Winkle. „»Alles in Ordnung,« entgegnete Herr Snodgraß. „Zielen Sie mit Ruhe und ſchießen Sie ihm durch den Arm.« Dieſer Rath war fuͤr Herrn Winkle wie jener, den bei einem Straßenkampf die Umherſtehenden gewöhnlich dem ſchwächſten ertheilen, nämlich:»Drauf los und wirf ihn zu Boden!«— was ſehr leicht zu ſagen iſt, wenn der betreffende Theil nur immer wüßte, wie er es aus⸗ führen ſollte.— Winkle zog jedoch ſchweigend ſeinen Mantel aus— er brauchte immer viel Zeit, dieſen Mantel auszuziehen— und nahm das Piſtol.— Die Sekundanten zogen ſich zurück, und die Gegner näherten ſich einander. Herr Winkle hatte ſich immer durch die größte Hu⸗ manität ausgezeichnet.— Es läßt ſich daher vermuthen, daß nur ſeine Abneigung, einen Mitmenſchen abſichtlich zu beſchädigen, ihn veranlaßte, ſeine Augen zu ſchließen, als er an dem verhängnißvollen Punkt ankam, und daß dieſer Umſtand ihn verhinderte, das auffallende und uner⸗ klärliche Benehmen des Doktor Slammer zu bemerken.— Dieſer Herr ſtutzte, ſtarrte ſeinen Gegner an, trat zurück, rieb ſich die Augen, ſtarrte wieder hin, und rief endlich aus:»Halt! Halt!«— »Was hat das zu bedeuten?« ſagte Doktor Slam⸗ mer, als die Sekundanten herbeieilten.+„»Das iſt ja der Herr nicht.« »Iſt der Herr nicht?«— ſagte Doktor Slammers Sekundant. Die Pickwicker. I. 4 50 Die Pickwicker. »Iſt der Herr nicht?« rief Herr Snodgraß. »Iſt der Herr nicht?« ſagte der ſtattliche Herr, den Feldſtuhl in der Hand. »Gewiß nicht,« erwiederte der kleine Doktor.— »Das iſt der Herr nicht, der mich geſtern Abend belei⸗ digte.« »Sehr ſeltſam!« rief der Offizier. »Höchſt ſeltſam,« ſagte der Herr mit dem Feld⸗ ſtuhl.—„Die einzige Frage iſt, ob der Herr, da er ein⸗ mal auf dem Kampfplatz erſchien, nicht der Form wegen als der Beleidiger unſeres Freundes, des Doktor Slam⸗ mer, angeſehen werden müſſe; er möge es nun wirklich geweſen ſein oder nicht,«— und nachdem er dieſen Zwei⸗ fel mit einer ſehr weiſen und geheimnißvollen Miene aus⸗ geſprochen, nahm er eine große Priſe, und blickte die andern Herren an, indem er ſich die Miene der Autorität in ſolchen Dingen gab. Herr Winkle hatte mittlerweile ſeine Augen geöffnet, und auch ſeine Ohren, als er ſeinen Gegner die Einſtellung der Feindſeligkeiten verlangen hörte, und da er aus deſſen Aeußerungen entnahm, es müſſe irgend ein Mißverſtändniß obwalten, gewahrte er ſogleich, ſein Anſehn werde unfehl⸗ bar bedeutend erhöht werden, wenn er den wahren Grund ſeines Erſcheinens verſchwiege.— Er trat daher kühn vor, und ſagte: 1 „Ich bin es nicht, der Sie beleidigte.— Ich weiß es!« „Dann,« ſagte der Mann mit dem Feldſtuhl, viſt Ihr Benehmen eine offenbare Beleidigung gegen Dok⸗ tor Slammer und ein genügender Grund, ſofort zum Werk zu ſchreiten.« „Erlauben Sie einen Augenblick, Payne!«— ſagte der Sekundant des Doktor.— Warum ſagten Sie mir das aber heute Morgen nicht, Sir?« — 8 Die Pickwicker. 51 »Ja wohl,« fiel der Mann mit dem Feldſtuhl zor⸗ nig ein,»weshalb ſagten Sie es nicht?«— »Ich bitte, Payne, ſein Sie ruhig.— Darf ich meine Frage wiederholen, Sir?« „»Weil Sie,« erwiederte Herr Winkle, welcher jetzt Zeit gehabt hatte, ſich auf eine Antwort zu beſin⸗ nen,»weil Sie, mein Herr, Jemanden betrunken ſchal⸗ ten, der einen Rock getragen, welchen ich die Ehre hatte, nicht allein zu tragen, ſondern auch zu erfinden— die angenommene Uniform des Pickwick⸗Klubbs in London, „Sir.— Die Ehre deſſelben zu behaupten, fuͤhlte ich mich verpflichtet und nahm daher ohne weitere Nachfrage die Herausforderung an.« »Mein theurer Herr,« entgegnete der gutmüthige kleine Doktor, ihm ſeine Hand reichend,»ich ehre Ihre Tapferkeit.— Erlauben Sie mir zu ſagen, Sir, daß ich Ihr Benehmen aufrichtig bewundere, und daß ich recht ſehr bedaure, Sie unnöthigerweiſe behelligt zu haben.« »Hat nichts zu ſagen, Sir!« erwiederte Herr Winkle. »Ich werde ſtolz auf Ihre Bekanntſchaft ſein, Sir!« fuhr der kleine Doktor fort. »Es wird mir ſehr angenehm ſein, Sie näher ken⸗ nen zu lernen, Sir!« erwiederte Herr Winkle.— Darauf drückten der Dokor und Herr Winkle einander die Hände, und dann Herr Winkle und Lieutenant Tapple⸗ ton(des Doktors Sekundant), und dann Herr Winkle und der Mann mit dem Feldſtuhl und endlich Herr Winkle und Herr Snodgraß, der letztere ganz außer ſich vor Bewunderung über das edle Benehmen ſeines helden⸗ müthigen Freundes. 4 ⅓ 52. Die Pickwicker. »Ich denke, wir können aufbrechen,« ſagte Lieu⸗ tenant Tappleton. »Ja wohl,« fügte der Doktor hinzu. »Es ſei denn,« fiel der Herr mit dem Feldſtuhl ein,»daß Herr Winkle ſich durch die Herausforderung beleidigt fühlt, in welchem Fall er, wie ich behaupten muß, das Recht hat, Genugthuung zu verlangen.«— Herr Winkle erklärte mit großer Selbſtverleugnung, 4 er wollte ſich dieſes Rechtes begeben. »Oder vielleicht,k« fuhr der Herr mit dem Feld⸗ ſtuhl fort,»fühlt der Sekundant des Gegners ſich durch einige Bemerkungen beleidigt, die ich mir vorhin erlaubte.— Wenn es der Fall iſt, ſo bin ich bereit, ihm auf der Stelle Genugthuung zu geben.«— Herr Snodgraß beeilte ſich, für das gütige Aner⸗ bieten ſeinen Dank auszuſprechen, welches Anerbieten er jedoch in Folge ſeines vollkommenen Einverſtändniſſes„ mit Allem, was geſchehen ſei, abzulehnen für gut fand. V— Die beiden Sekundanten legten die Piſtolen wieder in die Käſtchen, und die ganze Geſellſchaft entfernte ſich in viel heiterer Stimmung, als ſie gekommen war. »Werden Sie lange in Rocheſter bleiben?« fragte Doktor Slammer Herrn Winkle, während ſie freund⸗ ſchaftlich neben einander gingen. »Ich denke, wir werden übermorgen abreiſen,« G war die Antwort.— 1 »Ich hoffe, das Vergnügen zu haben, Sie und Ihren Freund bei mir zu ſehen, und nach dieſem Mißverſtänd⸗ niß einen vergnügten Abend mit Ihnen zuzubringen,« ſagte der kleine Doktor.—„Darf ich heute Abend auf Sie rechnen?2« „»Wir ſind mit einigen Freunden hier,« erwiederte Herr Winkle,»und ich möchte ſie heut Abend nicht Die Pickwicker. 53 verlaſſen.— Vielleicht beehren Sie und Ihr Freund uns mit Ihrem Beſuch im Stier.« »Mit vielem Vergnügen,« ſagte der kleine Dok⸗ tor,»wird zehn Uhr zu ſpät ſein, um eine halbe Stunde bei Ihnen einzuſprechen?« „»O, gewiß nicht,« erwiederte Herr Winkle, ves wird mich ſehr glücklich machen, Sie meinen Freunden, Herrn Pickwick und Herrn Tupman vorzuſtellen.« »Wird mir eine Ehre ſein,« entgegnete Doktor Slammer, der ſich nicht träumen ließ, wer Herr Tup⸗ man war. »Sie werden alſo beſtimmt kommen?«— ſagte Herr Snodgraß. „»O gewiß!« Sie hatten jetzt die Stadt erreicht.— Es wurden freundliche Grüße gewechſelt, und die Geſellſchaft trennte ſich.— Doktor Slammer und ſeine Freunde kehrten nach der Kaſerne und Herr Winkle mit Herrn Snodgraß nach ihrem Gaſthofe zurück. Drittes Kapitel. Eine neue Bekanntſchaft.— Die Erzählung des wandernden Schauſpielers.— Eine unangenehme Unterbrechung und ein unerwartetes Zuſammentreffen. Herr Pickwick war etwas beſorgt wegen der unge⸗ wöhnlichen Abweſenheit ſeiner beiden Freunde, und ihr geheimnißvolles Benehmen während des Vormittags machte ihn, als er ſich deſſen erinnerte, noch unruhiger. Mit 5⁴ Die Pickwicker. 3 um ſo größerer Freude begrüßte er ſie, als ſie eintraten, und mit um ſo größerer Theilnahme erkundigte er ſich nach der Urſache ihres langen Ausbleibens.— Herr Snodgraß ſtand im Begriff, in Erwiederung auf ſeine Fragen, einen hiſtoriſchen Bericht über ihre Abenteuer abzuſtatten, als er plötzlich innehielt, indem er bemerkte, daß nicht allein Herr Tupman und ihr Reiſegefährte vom vorigen Tage, ſondern auch noch ein anderer Frem⸗ der von eben ſo auffallendem Aeußern gegenwärtig ſei.— Es war ein Mann, in deſſen bleichem Antlitz und tief eingeſunkenen Augen, Kummer und Sorge deutlich zu leſen waren, und ſeine ſchwarzen, nachläſſig in ſein Ge⸗ ſicht hinabhängende Haare vermehrten noch ſein auffal⸗ lendes Anſehen.— Die Augen hatten einen, faſt un⸗ natürlichen ſtechenden Blick, ſeine Backenknochen ſtanden weit hervor, und waren ſo lang und ſcharf, daß man hätte glauben ſollen, er ziehe durch eine Zuſammenpreſſung der Muskeln die hagern Wangen ein, wenn ſein halb geöffneter Mund und der ruhige Ausdruck ſeiner Züge nicht bewieſen hätten, daß es ſeine natürliche Geſichts⸗ bildung war.— Um den Hals trug er einen grünen Shawl, deſſen breite Enden über ſeine Bruſt hinab hin⸗ gen, und dann und wann unter der abgetragenen Weſte zum Vorſchein kamen. Sein übriger Anzug beſtand aus einem langen ſchwarzen Üüberrock, weiten Tuchbeinkleidern und Stiefeln, die einer Reparatur ſehr bedürftig waren. Auf dieſer merkwürdigen Erſcheinung haftete der Blick des Herrn Winkle, und Herr Pickwick nahm jetzt das Wort:»Ein Freund unſeres Freundes hier.— Wir erfuhren heute Morgen, daß unſer Reiſegefährte bei dem hieſigen Theater angeſtellt iſt, obgleich er nicht wünſcht, daß es allgemein bekannt werde, und dieſer Herr iſt ein Mitglied derſelben Geſellſchaft.— Er wollte uns eben —— —— Die Pickwicker. 55 mit einer kleinen Theater⸗Anekdote unterhalten, als Sie eintraten.« „Steckt ganz voll Anekdoten,« ſagte der grün⸗ röckige Fremde, indem er Herrn Winkle ſich näherte, in leiſem vertraulichen Ton.»Merkwürdiger Kauz das— kein eigentlicher Schauſpieler, nur Figurant— eigene Schickſale gehabt— Unglück aller Art— nennen ihn unter uns den trübſeligen Jenny.«“— Herr Winkle und Herr Snodgraß grüßten freundlich den Herrn, der ihnen als der trübſelige Jenny bezeichnet war, und indem ſie Branntwein und Waſſer verlangten, ſetzten ſie ſich zu den Andern an den Tiſch. »Wollen Sie nun die Güte haben, Sir,« ſagte Herr Pickwick,»uns mit Ihrer Erzählung zu er⸗ freuen?«— Das trübſelige Individuum zog eine ſchmutzige Pa⸗ pierrolle aus der Taſche, und ſich an Herrn Snodgraß, der eben ſein Notizenbuch zur Hand genommen hatte, mit hohler, vollkommen ſeinem ganzen Aeußern entſpre⸗ chender Stimme wendend, fragte er:»Sind Sie der Dichter?« »Ich— ich beſchäftige mich ein wenig mit der Poeſie,« erwiederte Herr Snodgraß etwas verlegen, da die Frage ſo unerwartet kam. »Ah, Poeſie iſt für das Leben, was Erleuchtung und Muſik für die Bühne iſt.— Das Wirkliche in beiden iſt des Lebens oder des Schauens nicht werth, wenn man der letztern ihre falſche Verſchönerung, dem erſtern ſeine Täuſchungen nimmt.« »Sehr wahr, Sir,« entgegnete Herr Snodgraß. »Vor den Lichtern ſitzen,« fuhr der trubſelige Mann fort,»heißt ſo viel als ein glänzendes Hof⸗ gepränge und die ſeidenen Gewänder der prunkenden Die Pickwicker. Menge ſchauen— hinter den Lichtern ſtehen, heißt zu den Unglücklichen gehören, welche den ganzen Prunk zu⸗ bereiten, ſie ſelbſt unbekannt und vernachläſſigt, mögen ſie unterſinken oder oben bleiben, verhungern oder leben, wie das Glück es willle „»Allerdings!« bemerkte Herr Snodgraß, denn der Blick des trübſeligen Mannes verweilte auf ihm, und er hielt es für nöthig, etwas zu ſagen. »Weiter Jenny,« ſagte der ſpaniſche Reiſende, „keine Umſchweife— heraus mit der Sprache— macht kein ſo trübſeliges Geſicht!« »Wollen Sie nicht noch ein Glas trinken, bevor Sie beginnen?« ſagte Herr Pickwick. Der trübſelige Mann folgte der Einladung, und nachdem er ein Glas Branntwein und Waſſer gemiſcht und es zur Hälfte ausgeſchlürft hatte, öffnete er die Papierrolle, um die nachſtehende Erzählung, die wir in den Verhandlungen des Klubbs unter dem Titel:»die Erzählung des wandernden Schauſpielers,« angegeben finden, vorzuleſen. Viertes Kapitel. Die Erzählung des wandernden Schauſpielers. »In dem, was ich zu erzählen beabſichtige,« be⸗ gann der Trübſelige,»iſt nichts Wunderbares, ja nicht einmal etwas Ungewöhnliches.— Armuth und Krank⸗ heit ſind in vielen Lebensverhältniſſen zu gewöhnlich, als daß ſie mehr beachtet würden, wie die gewöhnlichſten 3 Die Pickwicker. 57 Wechſelfälle des menſchlichen Geſchicks.— Ich habe dieſe wenigen Thatſachen zuſammengeſtellt, weil ich mit dem Mann, auf den ſie ſich beziehen, ſeit vielen Jahren genau bekannt war.— Ich beobachtete Schritt vor Schritt ſein allmähliges Hinabſinken, bis er jenes Ueber⸗ maß von Elend erreichte, aus dem er ſich nie wieder erhob.« »Er trat in den niedrig komiſchen Pantomimen auf, und war, wie viele ſeiner Claſſe, aus Gewohnheit dem Trunke ergeben.— In ſeinen beſſeren Tagen, bevor er durch Ausſchweifungen geſchwächt und durch Krankheiten zerrüttet war, hatte er eine gute Einnahme, welche er, wenn er regelmäßig gelebt hätte, noch einige Jahre hätte fortbeziehen können, doch freilich nicht auf die Dauer, weil dieſe Leute entweder früh ſterben oder, indem ſie ſich über ihre Kräfte anſtrengen, frühzeitig jene phyſiſchen Fähigkeiten verlieren, auf welche ſie allein mit ihrem Lebensunterhalt angewieſen ſind.— Die Trunkſucht bemächtigte ſich ſeiner ſo ſehr, daß man ihn in den Rol⸗ len, die er auszuführen fähig war, nicht mehr benutzen konnte.— Die Trinkſtuben hatten einen Zauber für ihn, dem er nicht zu wiederſtehen vermochte. Krankheit ohne Pflege und hoffnungsloſe Armuth wurden ſo gewiß ſein Loos, als ein baldiger Tod, wenn er bei dieſer Le⸗ bensweiſe beharrte, aber er that es, und man kann die Folgen leicht errathen.— Er konnte keine neue Stel⸗ lung finden, und die Noth bedrängte ihn.« „»Jeder, der mit dem Theaterweſen irgend bekannt iſt, weiß, welchen zahlreichen Anhang armer Teufel jede größere Bühne hat— nicht regelmäßig engagirte Schau⸗ ſpieler, ſondern Tänzer, Statiſten, Poſſenreißer und der⸗ gleichen, welche zu einer beliebten Pantomime oder zu einem Gelegenheitsſtück angenommen und dann wieder 58 Die Pickwicker. entlaſſen werden, bis man ihrer Dienſte wieder bedarf.— Zu dieſem Gewerbe mußte der Mann, von dem ich rede, ſeine Zuflucht nehmen und er verdiente ſich damit wö⸗ chentlich einige Schillinge, womit er ſeiner verderblichen Leidenſchaft fröhnen konnte.— Aber auch dieſe Hülfs⸗ quelle verſtegte bald, ſein Leichtſinn war zu grenzenlos, und er kam dem Hungertode nahe, dem er nur dadurch entging, daß er mitunter bei einem früheren Bekannten eine Kleinigkeit borgte, oder dann und wann auf einem Winkeltheater noch zugelaſſen wurde, und wenn er etwas einnahm, ſo ward es ſofort nach alter Gewohnheit ver⸗ geudet.« „»Um dieſe Zeit und als er ſchon länger als ein Jahr ſein Leben gefriſtet, ohne daß Jemand wußte, wie, hatte ich ein kurzes Engagement bei einem der Theater auf der Surrey⸗Seite des Fluſſes, und hier ſah ich dieſen Mann wieder, den ich ſeit einiger Zeit aus den Augen verloren hatte, denn ich war in den Provinzen umher gereiſt, während er ſich in den verrufendſten Stadttheilen umhertrieb. Ich ſtand eines Abends im Begriff, das Schauſpielhaus zu verlaſſen, als er mich auf die Schulter klopfte.— Ich werde nie den Anblick vergeſſen, der mich erſchreckte, als ich mich umwendete. Er war für die Pantomime ausgeſtattet, er ſtand vor mir in aller Geckenhaftigkeit des Narren⸗Anzuges. Die geſpenſtigen Geſtalten im Todtentanz, die ſcheußlichſten Bilder, die jemals die Phantaſie eines Malers hervorrief, können keinen ſo unheimlichen Eindruck machen.— Sein auf⸗ getriebener Leib und ſeine dünnen Beine— deren Unform durch das phantaſtiſche Koſtüm noch erhöht ward— ſeine gläſernen Augen im ſchroffſten Contraſt mit der dicken weißen Farbe, womit ſein Geſicht bemalt war— ſein grotesk geſchmückter zitternder Kopf und die langen, mit Die Pickwicker. 59 Kreide überſtrichenen magern Hände— dieſes Alles gab ihm ein ſo geſpenſtiſches und unnatürliches Anſehen, daß keine Beſchreibung es zu ſchildern vermag, und ich ſelbſt jetzt nur noch mit Schaudern daran denken kann. Seine Stimme war hohl und bebend, als er mich bei Seite zog, mir in abgebrochenen Worten eine lange Geſchichte ſeiner Krankheiten und Entbehrungen erzählte, und wie gewöhnlich mit einer dringenden Bitte um ein kleines Darlehn ſchloß.— Ich drückte ihm einige Schillinge in die Hand, und als ich mich abwendete, hörte ich das ſchallende Gelächter, welches ſein Auftreten auf der Bühne begleitete.« »Einige Abende ſpäter brachte mir ein Knabe einen ſchmutzigen Papierſtreifen, auf dem einige Worte mit Bleiſtift geſchrieben waren, welche die Bitte ausſprachen, daß ich ihn nach der Vorſtellung, da er gefährlich krank ſei, in ſeiner Wohnung, unweit des Schauſpielhauſes — ich vergaß die Straße— beſuchen möchte.— Ich verſprach zu kommen, ſobald ich mich entfernen könnte, und als der Vorhang gefallen war, begab ich mich ſo⸗ gleich zu ihm.« »Es war ſpät, denn ich hatte in dem letzten Stück geſpielt, und da es eine Benefiz⸗Vorſtellung geweſen war, ſo hatte ſie ungewöhnlich lange gedauert.— Es war eine dunkle, kalte Nacht und es wehte ein ſcharfer Wind, der den Regen heftig gegen die Fenſter und Dächer trieb.— In den engen und wenig beſuchten Straßen dieſes Stadttheils hatten ſich Pfützen gebildet, und da viele von den ſpärlich getränkten Oellampen durch den Wind ausgelöſcht waren, ſo ging man nicht allein ſehr unbequem, ſondern auch unſicher.— Ich hatte jedoch glücklicher Weiſe den richtigen Weg eingeſchlagen, und fand bald das bezeichnete Haus— eine Kohlenniederlage Die Pickwicker. mit einem Stockwerk darüber, in deſſen hintern Zimmer der Kranke lag.« »Eine elend ausſehende Frau,— des Unglücklichen Weib,— trat mir an der Treppe entgegen und indem ſie mir ſagte, daß er eben in eine Art von Schlummer gefallen ſei, führte ſie mich leiſe ein, und ſetzte einen Stuhl für mich an das Bett.— Der Kranke lag mit dem Geſicht gegen die Wand zu, und da er meine An⸗ weſenheit nicht bemerkte, ſo hatte ich Zeit, mich in dem Zimmer umzuſehen.« »Er lag auf einem alten Bettgeſtell, das während des Tages in die Höhe geſchlagen werden konnte. Die zerriſſenen Ueberbleibſel eines bunten Vorhanges waren um das obere Ende des Bettes gezogen, aber der Wind drang durch die zahlreichen Spalten in der Thür und be⸗ wegte den Vorhang fortwährend hin und her. Auf ei⸗ nem roſtigen und ſchadhaften Kamin glimmte ein ſchwa⸗ ches Kohlenfeuer und vor demſelben ſtand ein alter drei⸗ eckiger beſchmutzter Tiſch mit einigen Arzneiflaſchen, ei⸗ nem zerbrochenen Glaſe und einigem andern Hausge⸗ räth.— Ein kleines Kind ſchlief auf einem elenden Lager, das auf dem Fußboden zubereitet war, und die Frau ſaß auf einem Stuhl daneben.— Auf einem Sims ſtanden einige Schüſſeln und Teller, und darunter hingen Harlequins⸗Anzüge und ein Paar Rapiere.— Außer einigen Lumpen und Flicken, die in den Winkeln umher lagen, war weiter nichts in dem Zimmer zu ſehen.« „Ich hatte Zeit gehabt, dieſe Beſichtigung anzuſtellen, und die ſchweren Athemzüge und das fieberhafte Auf⸗ ſchrecken des Kranken zu beobachten, bevor er meine An⸗ weſenheit gewahrte. In ſeinen unruhigen Verſuchen, einen bequemen Ruheplatz für ſeinen Kopf zu finden, ſtreckte er ſeine Hand aus dem Bette, und ſie berührte Die Pickwicker. 61 die meinige. Er fuhr auf und ſtarrte mir in das Geſicht.« »Herr Hutley, John,— ſagte ſeine Frau,— Du weißt ja, Herr Hutley, nach dem Du heute Abend ſchick⸗ teſt!— Ah,— ſagte er,— indem er ſich die Stirn mit der Hand rieb,— Hutley— Hutley— laß doch ſe⸗ hen.— Er ſchien ſeine Gedanken zu ſammeln, dann faßte er mich krampfhaft am Arm und ſagte: Verlaß mich nicht— verlaß mich nicht, alter Kamerad!— Sie will mich ermorden, ich weiß es!«— »Iſt er ſchon lange in dieſem Zuſtand?— fragte ich die weinende Frau.« »Seit geſtern Abend,— erwiederte ſie.— John, John, kennſt Du mich nicht?— Laß ſie mir nicht nahe kommen,— ſagte er ſchaudernd, als ſie ſich über ihn beugte.— Bringe ſie fort, ich kann ſie nicht in meiner Nähe leiden.— Er ſtarrte ſie mit einem Blick furchtbarer Angſt an, und flüſterte mir dann in das Ohr: Ich ſchlug ſie, Jem, ich ſchlug ſie geſtern und ſchon manchesmal früher. Ich habe ſie und das Kind faſt ver⸗ hungern laſſen, und jetzt, da ich ſchwach und hülflos bin, wird ſie mich ermorden— ich weiß es ganz beſtimmt.— Hätteſt Du ſie jammern gehört, wie ich, ſo würdeſt Du es auch wiſſen.— Ich bitte dich, bringe ſie fort!«— »Er ließ meinen Arm los, und ſank erſchöpft auf das Kopfkiſſen zurück. Ich wußte nur zu gut, was alles dieſes zu bedeuten hatte.— Hätte ich einen Au⸗ genblick daran zweifeln können, ſo würde mir ein Blick auf das bleiche abgehärmte Geſicht der Frau ſogleich die Wahrheit verkündigt haben.— Treten Sie lieber bei Seite, ſagte ich zu dem armen Weibe.— Sie können ihm nicht helfen— vielleicht wird er ruhiger, wenn er Sie nicht ſieht.— Sie zog ſich zurück, ſo daß er ſie 62 Die Pickwicker. nicht bemerken konnte, er öffnete gleich darauf die Augen und ſah ſich ängſtlich um.« »Iſt ſie fort?— fragte er haſtig.« »Ja, ja,— entgegnete ich,— ſie ſoll Dir nichts zu Leide thun!«— »Ich will Dir was ſagen, Jem,— fuhr er mit leiſer Stimme fort,— ſie thut mir ſchon viel zu Leide.— Es liegt etwas in ihrem Blick, das die entſetzlichſte Angſt in meinem Herzen erweckt, und mich faſt wahnſinnig macht.— Die ganze vorige Nacht durch waren ihre großen ſtieren Augen und ihr bleiches Geſicht dicht vor dem meinigen,— wohin ich mich wendete, verfolgte ſie mich— und ſo oft ich aus dem Schlaf auſſchreckte, ſtand ſie am Bett und ſtarrte mich an.— Er zog mich näher zu ſich, und fuhr mit tiefem beunruhigten Flüſtern fort: Jem, ſie muß ein böſer Geiſt ſein— ein Teu⸗ fel!— Still! ich weiß, daß ſie es iſt.— Wüäre ſie ein Weib, ſo müßte ſie längſt geſtorben ſein!— Kein Weib könnte ertragen, was ſie ertragen hat!« »Ich ſchauderte bei dem Gedanken an die lange Folge von Grauſamkeiten und Vernachläſſigungen, welche vorhergegangen ſein mußten, um bei einem ſolchen Men⸗ ſchen eine ſolche Wirkung hervorzubringen.— Ich wußte ihm nichts zu erwiedern, denn wer konnte dem Verworfenen Hoffnung und Troſt darbieten?« »Ich verweilte über zwei Stunden bei ihm, wäh⸗ rend welcher Zeit er ſich fortwährend von einer Seite zur andern warf, und vor Schmerz und vor Ungeduld ſtöhnte und ſeufzte. Endlich verſank er in jenen Zuſtand halber Bewußtloſigkeit, in welchem der Geiſt, des Zü⸗ gels der Vernunft entbehrend, von Ort zu Ort, von Scene zu Scene, wandert, doch ohne dabei im Stande zu ſein, einem unbeſchreiblichen Gefühl des Schmerzes Die Pickwicker. 63 1 zu entfliehen.— Da ich aus ſeinem Zuſtande glaubte entnehmen zu können, daß das Fieber in der Nacht nicht heftiger werden würde, ſo verließ ich ihn, indem ich der 3 unglücklichen Frau verſprach, meinen Beſuch am nächſten Abend zu wiederholen, und wenn es nöthig ſein ſollte, t die Nacht bei dem Patienten zu wachen.« .»Ich hielt mein Verſprechen. Die letzten 24 Stun⸗ t den hatten eine ſchreckliche Veränderung bewirkt.— e Seine tief eingeſunkenen Augen funkelten in einem Grau⸗ — ſen erregenden Glanz, die Lippen waren trocken und an 3 vielen Stellen aufgeſprungen, die Haut glühte von einer brennenden Hitze, und in ſeinen Zügen las man eine un⸗ natürliche wilde Beängſtigung, welche noch deutlicher die Heftigkeit der Krankheit ausſprach.— Das Fieber hatte ſeinen höchſten Grad erreicht.« »Ich ſetzte mich, wie am vorigen Abend, neben das Bett und hier hörte ich Stunden lang Töne, welche das Herz des Verſtockteſten tief aufregen müſſen— das ſchreckliche Irrereden eines Sterbenden!— Nach dem, — was ich von dem Arzte vernommen hatte, wußte ich, daß b der Kranke hoffnungslos darnieder lag: Ich ſaß an ſei⸗ 1. nem Sterbebett.— Ich ſah den zerrütteten Körper, welcher vor noch ſo kurzer Zeit zur Unterhaltung fröhlicher Auſchäner ſeine letzten Kräfte aufgeboten hatte, jetzt un⸗ ter den Qualen der Fieberglut ſich krümmen und win⸗ 1 den— ich hörte das ſchallende Gelächter des Poſſenrei⸗ ßers ſich mit dem leiſen Gemurmel des Sterbenden ver⸗ miſchen.« 3»Es hat immer etwas tief Ergreifendes, einen matt und hülflos daliegenden Kranken von ſeinen Beſchäfti⸗ gungen und Beſtrebungen in den Tagen der Geſundheit reden zu hören, wenn aber jene Beſchäftigungen der Art lind, daß ſie in ſchroffem Gegenſatze zu Allem ſtehen, Die Pickwicker. was auf uns einen feierlichen und ernſten Eindruck macht, ſo iſt die Wirkung noch bei Weitem eindringlicher.— Das Theater und die Trinkſtube waren die Gegenſtände, welche in den Phantaſien des Unglücklichen vorherrſchten. Er bildete ſich ein, daß es Abend ſei,— er hatte eine Rolle zu ſpielen,— es war ſchon ſpät und er mußte augenblicklich fort.— Weshalb hielten ſie ihn zurück und verhinderten ihn, zu gehen?— er ſollte ſeinen Er⸗ werb verlieren.— Er mußte fort, aber nein, ſie hielten ihn mit Gewalt zurück!— Er verbarg ſein Geſicht in ſeinen glühenden Händen und beklagte ſich über ſeine Schwäche und über die Grauſamkeit ſeiner Verfolger. — Eine kurze Pauſe und er deklamirte einige elende Verſe— die letzten, die er auswendig gelernt hatte.— Er richtete ſich dann im Bette auf, verdrehte ſeine kraft⸗ loſen Glieder und wälzte ſich in wunderlichen Stellungen um⸗ her:— er ſpielte ſeine Rolle— er war auf dem Theater.— Wieder eine Pauſe, und er ſang mit matter Stimme den Refrain eines muntern Trinkliedes.— Er kam endlich in der Trinkſtube an— wie drückend heiß war es!— Er war krank, ſehr krank geweſen, fühlte ſich aber jetzt wohl und glücklich.— Er nahm das gefüllte Glas.— Wer ſchlug es ihm vor dem Munde fort?— Derſelbe Unhold, der ihn auch früher verfolgt hatte.— Er ſank auf ſein Kiſſen zurück, und ſtöhnte laut.— Eine kurze Bewußtloſigkeit trat ein und dann wanderte er durch ein ermüdendes Labyrinth niedriger gewölbter Zimmer— bisweilen ſo niedrig, daß er auf Händen und Füßen hin⸗ durchkriechen mußte, und wohin er ſich wendete, trat ihm ein beängſtigendes Hinderniß entgegen.— Häßliche kriechende Thiere ſtarrten ihn mit funkelnden Augen in der Finſterniß an, das Gewölbe dehnte ſich jetzt zu einer unermeßlichen Höhe aus,— ſchreckliche Geſtalten ſchwebte Die Pickwicker. 65 hin und her— und er erkannte die Geſichter vieler ſeiner Bekannten, aber ſchrecklich entſtellt und verzerrt; dieſe Ungethüme ſtachelten ihn mit glühenden Stangen und wanden Stricke um ſeinen Kopf, bis das Blut her⸗ ausſprang— und er kämpfte wahnſinnig um ſein Leben.« »Nach einem dieſer Paroxismen, während deſſen ich nur mit vieler Mühe ihn in ſeinem Bette zurückhalten konnte, verſank er in eine Art von Schlummer.— Ich hatte erſchöpft meine Augen einige Minuten geſchloſſen, als ich heftig an der Schulter gefaßt wurde.— Ich er⸗ wachte plötzlich.— Er hatte ſich im Bett aufgerichtet — ſeine Züge waren furchtbar verändert, aber ſein Be⸗ wußtſein war zurückgekehrt, denn er erkannte mich.— Das Kind, welches ſchon lange im Schlaf geſtört worden war, erhob ſich von ſeinem Lager und lief ſchreiend und weinend zu ſeinem Vater— die Mutter nahm es je⸗ doch eiligſt auf den Arm, damit der Kranke ihm in der Heftigkeit ſeines Anfalls kein Leid anthun möge, und blieb wie betäubt neben dem Bette ſtehen, als ſie die Veränderung ſeiner Züge bemerkte.« »Er faßte mich krampfhaft an der Schulter, und ſich mit der andern Hand auf die Bruſt ſchlagend, machte er einen gewaltſamen Verſuch zu reden.— Aber es war vergeblich— er ſtreckte die Arme nach Weib und Kind aus— noch eine heftige Anſtrengung— ein Gurgeln in der Kehle— ein ſchrecklicher Starrblick— ein kurzes erſticktes Stöhnen— und er ſank zurück— eine Leiche.« Es würde uns die höchſte Freude gewähren, wenn wir Herrn Pickwicks Anſicht über die vorſtehende Er⸗ zählung berichten könnten, und ohne das Dazwiſchentreten Die Pickwicker. I. 5 66 Die Pickwicker. eines höchſt unglücklichen Vorfalls würde es uns ohne Zweifel möglich geweſen ſein. Heerr Pickwick hatte das Glas wieder auf den Tiſch geſtellt, welches er gegen das Ende der Erzählung in der Hand hielt, und ſtand eben im Begriff zu reden, ja, nach dem Notizenbuche des Herrn Snodgraß, hatte er bereits den Mund geöffnet, als der Kellner in das Zim⸗ mer trat und ſagte: »Es ſind einige Herren da, die mit Ihnen zu ſpre⸗ chen wünſchen.« Es läßt ſich mit Grund vorausſetzen, daß Herr Pickwick, als er ſo unterbrochen wurde, einige Bemerkungen auszuſprechen im Begriff ſtand, welche die Welt erleuch⸗ tet haben würden. Er blickte dem Kellner befremdet in das Geſicht und dann rund umher, als ob er über die Angemeldeten Näheres zu vernehmen wünſche. »O,« ſagte Herr Winkle, indem er auſfſtand, veinige Freunde von mir— führen Sie ſie herein.— Sehr angenehme Leute,— fügte Herr Winkle hinzu, nachdem der Kellner ſich entfernt hatte— Offiziere vom 97. Regiment, deren Bekanntſchaft ich heute Morgen, allerdings auf etwas wunderliche Art, gemacht habe. Ihre Geſellſchaft wird Ihnen ſehr zuſagen.— Der Gleichmuth des Herrn Pickwick war ſofort wieder hergeſtellt; der Kellner kehrte zurück und öffnete dreien Herren die Thür. »Lieutenant Tapleton,« begann Herr Winkle,»Lieu⸗ tenant Tapleton, Herr Pickwick— Doktor Payne, Herr Pickwick— Herr Snodgraß, den Sie ſchon ken⸗ nen,— mein Freund, Herr Tupman, Doktor Payne 5 — Doktor Slammer, Herr Pickwick— Herr Tupman, Doktor Slam—« Hier ſtockte Herr Winkle plötzlich, denn ſowohl„„ 5 Die Pickwicker. 67 den Zügen des Herrn Tupman als in denen des Doktors zeigte ſich eine höchſt auffallende Bewegung. »Dieſen Herrn habe ich ſchon geſehen,« ſagte der Doktor mit ſcharfer Betonung. »Wirklich?« entgegnete Herr Winkle. „Und— den Menſchen da auch, wenn ich nicht irre,« fuhr der Doktor fort, indem er einen forſchenden Blick auf den Fremden im grünen Rock warf.—»Mich dünkt, daß ich geſtern Abend eine dringende Einladung an ihn richtete, die er fuͤr gut fand, abzulehnen;«— und der Doktor warf dem Fremden drohende und zornige Blicke zu, ſprach leiſe mit ſeinem Freunde, dem Lientenant Tapleton. »Sind Sie deſſen auch ganz gewiß?« fragte der Lieutenant. 4— 1 »Vollkommen!« erwiederte Doktor Slammer. »Sie müſſen ihm auf der Stelle einen Fußttitt geben,« ſagte der Herr vom Feldſtuhle, indem er ſich ein martialiſches Anſehen gab. »Bitte, Payne, ſein Sie ruhig,« unterbrach ihn der Lieutenant.—»Erlauben Sie mir, Sie zu fragen, Sir,« ſagte er zu Herrn Pickwick, der außerſt befrem⸗ det uͤber dieſes ſeltſame Benehmen zu ſein ſchien, ver⸗ kauben Sie mir, zu fragen, Sir, ob jene Perſon zu Ihrer Geſellſchaft gehört?« »Nein, Sir,« erwiederte Herr Pickwick, yer iſt unſer Gaſt.« »Iſt er ein Mitglied Ihres Klubbs, oder bin ich im Irrthum?« fragte der Lieutenant. »Er gehört unſerm Klubb nicht an,« entgegnete Herr Pickwick. »Und trägt er nie Ihren Klubbknopf?2« Die Pickwicker. »Nein, nie!« erwiederte der immer mehr erſtau⸗ nende Herr Pickwick. Lientenant Tapleton wendete ſich jetzt zu ſeinem Freunde, Doktor Slammer mit einem kaum bemerkbaren Achſelzucken, als wolle er andeuten, dem Doktor könne ſein Gedächtniß wohl getäuſcht haben. Dieſer machte ein zorniges aber etwas verlegenes Geſicht, und Herr Payne blickte mit wilder Wuth in das leuchtende Geſicht des den Zuſammenhang nicht ahnenden Pickwick. »Sir,« redete der Doktor plötzlich Herrn Tupman in einem Tone an, der dieſen ſo zuſammenſchrecken ließ, als ſei ihm unverſehens eine Nadel in die Wade geſteckt worden,»Sir, Sie waren geſtern auf dem Ball?«— Herr Tupman lispelte ein kaum hörbares: Ja!— indem er fortwährend Herrn Pickwick anſtarrte. »Dieſer Menſch war Ihr Begleiter,« fuhr der Doktor fort, auf den Fremden zeigend, der noch immer ſeine vollkommene Faſſung behauptete. Herr Tupman gab die Thatſache zu. 1 „Sir,« ſagke der Doktor zu dem Fremden,»ich frage Sie nochmals in Gegenwart diefer Herren, ob Sie mir Ihre Karte geben und wie ein Mann von Ehre behandelt ſein, oder ob Sie mich in die Nothwen⸗ digkeit verſetzen wollen, Sie auf der Stelle perſönlich zu züchtigen?« »Halten Sie ein, Sir,« ſagte Herr Pickwick, vich kann wirklich nicht dulden, daß die Sache weiter getrie⸗ ben wird, bevor ich nicht einige Aufflärung darüber habe. Herr Tupman, erzählen Sie, was vorgegangen iſt.« Herr Tupman, ſo feierlich aufgefordert, berichtete, was vorgefallen war, mit kurzen Worten, berührte nur leicht die Erborgung des Rockes, verweilte lange bei de 68 — Die Pickwicker. 69 7 ließ einige Entſchuldigungen ſeines eigenen Benehmens einfließen, und überließ es dem Fremden, ſich ſeiner Seits zu rechtfertigen ſo gut er könne.— Dieſer ſchien eben beginnen zu wollen, als Lieutenant Tapleton, der ihn 2 forſchend angeblickt hatte, in äußerſt verächtlichem Tone 1 ſagte:»Habe ich Sie nicht auf dem Theater geſehen, Sir?⸗ 3„Allerdings,« erwiederte der Fremde unbefangen. »Er iſt ein wandernder Schauſpieler,« ſagte der 1 Lieutenant verächtlich, indem er ſich zu Doktor Slammer 2 wendete, ver ſpielt in dem Stück, das morgen gegeben t werden ſoll.— Sie können ſich mit der Sache nicht. — weiter befaſſen, Slammer,— unmöglich!« .»Durchaus unmöglich,«— ſagte Herr Payne mit großer Würde. 3»Es thut mir leid, Sie in dieſe unangenehme Lage r f gebracht zu haben,« bemerkte Lieutenant Tapleton ge⸗ gen Herrn Pickwick, verlauben Sie mir zu ſagen, daß das beſte Mittel, ähnliche Auftritte in Zukunft zu ver⸗ 3 meiden, eine ſorgfältige Auswahl Ihrer Geſellſchaft ſein wird.— Guten Abend, Sir!«— und der Lieutenant 1 eilte aus dem Zimmer. f»Und erlauben Sie mir, zu ſagen, Sir,« nahm Doktor Payne zornig das Wort,»daß ich, wenn ich Taple⸗ h„ ton, oder wenn ich Slammer geweſen wäre, Sie, Sir, und ſämmtliche Herren Ihrer Geſellſchaft behandeln würde, le⸗ e.. 2 wie ſie es verdienen.— Ja wohl, Sir, die ſämmtlichen Herren.— Mein Name iſt Payne, Sir— Doktor Payne e vom 43. Regiment.— Guten Abend, Sir!«— Nachdem 7 er dieſe Anrede beendigt, und die drei letzten Worte mit beſonderm Nachdruck geſprochen hatte, entfernte er ſich nitt majeſtäͤtiſchen Schritten, und ihm folgte ſofort Dok⸗ 70 Die Pickwicker. tor Slammer, der kein Wort ſagte, ſondern ſich begnügte, der Geſellſchaft einen verächtlichen Blick zuzuwerfen. Waͤhrend dieſer hade Herausforderungen war die edle Bruſt des Herrn Pickwick faſt bis zum Zerreißen ſeiner Weſte vor Entrüſtung und äußerſtem Unwillen an⸗ geſchwollen.— Er ſtand mit ſtarrem Blick, wie an den Boden geheftet da.— Das Zuwerfen der Thüre rief ihn zum Bewußtſein nurii.— Er ſtürzte vor, mit edlem Zorn in ſeinen Zügen und verzehrendem Feuer in den Blicken.— Seine Hand faßte ſchon den Thürgriff, und würde im nächſten Augenblicke die Kehle des Doktor Payne vom 43. Regiment gefaßt haben, wenn nicht Herr Snodgraß ſeinen verehrten Meiſter am Rockſchoß gehalten und zurückgezogen hätte. »Halten Sie ihn,« ſchrie Herr Snodgraß,»Winkle, Tupman— er darf ſein koſtbares Leben in einer Sache wie dieſe nicht in Gefahr bringen.« „»Laſſen Sie mich,« ſchrie Herr Pickwick. »Haltet ihn feſt,« ſchrie Herr Snodgraß, und durch die vereinigten Kräfte Aller wurde Herr Pitkwich widerſtrebend in einen Lehnſtuhl gezogen. »Allein laſſen,« ſagte der grünröckige Fretüde, »Branntwein und Waſſer— lebhafter alter Herr— trin⸗ ken Sie— ah— kapitales Getränk!«— und, nachdem er ein durch den Trübſeligen gemiſchtes Glas gekoſtet hatte, hielt er es Herrn Pickwick an den Mund und es war bald ausgeleert. Es trat eine kleine Pauſe ein,— das Getränk hatte ſeine Wirkung gethan,— das liebenswürdige Ant⸗ litz des Herrn Pickwick nahm ſchnell ſeinen gewöhnliche en Ausdruck wieder an. »Sie ſind Ihrer Vrachtung nicht Kneäiß, Sirt ſagte der Trübſelige. Die Pickwicker. 71 »Sie haben Recht, Sir,« erwiederte Herr Pickwick. »Ich ſchäme mich, daß ich mich ſo hinreißen ließ.— Setzen Sie ſich zu mir an den ir!«— Der Trübſelige folgte ſof Aufforderung; es wurde wieder ein munterer Kreis um den Tiſch gebildet und die Harmonie war bald hergeſtellt. In Herrn Winkle's Buſen ſchien noch einiger Unwille, wahrſchein⸗ lich über die Erborgung ſeines Rockes, zu weilen, obgleich ſich wohl kaum vorausſetzen läßt, daß ein ſo unbedeuten⸗ der Umſtand auch nur ein vorübergehendes Gefühl des Unmuths in einer Pickwicker⸗Bruſt hervorrufen konnte. — Mit dieſer Ausnahme kehrte die heitere Stimmung vollkommen zurück, und der Abend wurde eben ſo fröhlich beſchloſſen, als man ihn begonnen hatte. Fuͤnftes Kapitel. Eine Revue— Noch mehr neue Freunde und eine Einladung auf das Land. Viele Schriftſteller hegen eine nicht allein thörichte, ſondern in der That verwerfliche Abneigung, die Quellen anzugeben, aus denen ſie viele ſchätzbare Nachrichten ent⸗ nehmen.— Wir kennen dieſes Gefühl nicht und bemü⸗ hen uns nur, die verantwortlichen Pflichten eines Her⸗ ausgebers treu und redlich zu erfüllen, und wie ſehr es auch unſerm Ehrgeiz geſchmeichelt haben würde, auf die Erfindung dieſer Abenteuer ſelbſt Anſpruch zu machen, 4 ſo gebietet uns doch die Rückſicht für die Wahrheit, nur das Verdienſt ihrer unpartheiiſchen Erzählung und ver⸗ 72 Die Pickwicker. ſtändigen Anordnung uns zuzueignen.— Die Arbeiten Anderer haben und große Maſſe von Materialien und wichtigen To dargeboten. Wir theilen ſie ſe unſerer Quellen, der nach Pickwicker⸗Kenntniß dürſtenden Welt mit. Dieſem Plane gemäß geſtehen wir aufrichtig, daß wir die in dieſem und im folgenden Kapitel berichteten Ereigniſſe dem Notizenbuche des Herrn Snodgraß ver⸗ danken, und nachdem wir ſo unſere Pflicht erfüllt haben, gehen wir nunmehr ohne weitere Bemerkungen zu der Erzählung über. Die ganze Bevölkerung von Rocheſter und den be⸗ nachbarten Städten erhob ſich ſchon früh am folgenden Morgen aus ihren Betten, in einem Zuſtande der größ⸗ ten Unruhe und Aufregung.— Es ſollte nämlich an je⸗ nem Tage eine große Revue ſtattfinden. Das Adlerauge des Oberbefehlshabers ſollte die Manövres von ſechs Re⸗ gimentern einer Prüfung unterwerfen,— es waren Schanzen aufgeworfen worden,— die Citadelle ſollte an⸗ gegriffen und genommen und eine Mine geſprengt werden. Herr Pickwick war, wie unſere Leſer aus unſerm kurzen Auszug ſeiner Beſchreibung von Chatham entnom⸗ men haben, ein enthuſiaſtiſcher Bewunderer des Landheers. — Nichts hätte ihn mehr in Entzücken ſetzen, nichts zu⸗ gleich ſo ſehr den beſondern Gefühlen eines jeden ſeiner Gefährten fentſprechen können, als ein ſolcher Anblick.— Sie waren demgemäß ſchon frühe auf den Beinen, und eilten, wie tauſend andere, die von allen Richtungen her⸗ kamen, dem Schauplatze zu. Alles verkündete hier, daß etwas höchſt Großartiges und Impoſantes zu erwarten ſei.— Es waren Schild⸗ wachen ausgeſtellt, um den Raum für die Truppen frei zu halten, auf den Batterien wurden Plätze für d Die Pickwicker. 73 Damen vorbehalten, Feldwebel mit Büchern in Perga⸗ ment⸗Einband unter dem Arme liefen hin und her, und Obriſt Bulder in ſein niform galopirte von einem Punkt zum Ande ſein Pferd kur⸗ bettiren und Sätze machen, und rief und ſchrie ſeine Stimme heiſer und ſein Geſicht roth, alles aus uner⸗ klärlichen oder aus gar keinen Gründen.— Offiziere eilten hin und her, ſprachen zuerſt mit Obriſt Bulder, ertheilten dann den Unteroffizieren Befehle und begaben ſich endlich wieder an ihre Poſten. Selbſt die Gemeinen ſchauten hinter ihren glänzenden Musketen mit ſo geheim⸗ nißvoll⸗feierlichen Blicken hervor, daß man daraus ent⸗ nehmen konnte, es ſei etwas ganz Beſonderes zu er⸗ warten. Herr Pickwick und ſeine drei Gefährten ſtanden in der vorderſten Reihe der Zuſchauer, und warteten ruhig den Anfang ab.— Die Volksmenge vermehrte ſich mit jedem Augenblicke und die Anſtrengungen, zu denen ſie gezwungen waren, um ihre Stellung zu behaupten, be⸗ ſchäftigten während der erſten beiden Stunden ihre ganze Aufmerkſamkeit.— Bald wurde von hinten her ſo plötz⸗ lich gedrängt, daß Herr Pickwick mehrere Schritte weit vorgeſtoßen wurde, und dabei einen Grad von Eile und Elaſticität entwickelte, die mit der gewöhnlichen Würde ſeines Benehmens nicht gans im Einklang ſtanden; bald wurde ihm von vorn ein„»Zurück!« zugerufen und dann ſenkte ſich eine Musketen⸗Kolbe auf Herrn Pickwicks Zehen, um ihm die Aufforderung noch verſtändlicher zu machen, oder er erhielt damit einen Stoß auf die Bruſt, um die Ausführung des Befehls zu erleich ern. Dann wieder drängten einige ſpaßhafte Herren zuſammen gegen Herrn Snodgraß zu, und wollten darauf von ihm wiſſen, was zum Teufel er ſo dränge, und als Herr Winkle * Herrn Winkle. 1 »Nein,« erwiederte dieſer, auf deſſen Füßen ſeit einer Viertelſtunde ein kleiner Mann geſtanden hatte. 74 Die Pickwicker. ſeinen lebhafteſten Unwillen hierüber ausſprach, ſchlug ihm Jemand von in ſeinen Hut über die Augen, und bat ihn, er möcht Gefallen thun, ſeinen Kopf in die Taſche zu Dieſe und andere Späße, ſo wie die unerklärliche Abweſenheit des Herrn Tupman (der plötzlich verſchwunden und nirgends zu finden war) machten ihre Lage im Ganzen mehr unbequem als wün⸗ ſchenswerth. Endlich ertönte jenes freudige Geſumme durch die Menge, das gewöhnlich den Eintritt des erſehnten Au⸗ genblicks bezeichnet.— Man ſah jetzt die Truppen mit fliegenden Fahnen und in der Sonne glänzenden Waffen heranziehen, eine Kolonne nach der andern rückte auf die Ebene.— Die Batalllone hielten und ſtellten ſich auf, das Kommandowort ertönte; es wurde präſentirt und der Oberbefehlshaber, von Obriſt Bulder und vielen an⸗ dern Offizieren begleitet, ritt die Fronte hinab.— Die Muſikcorps ſpielten alle zuſammen, die Pferde tanzten auf den Hinterbeinen, und bäumten ſich, die Hunde heul⸗ ten; das Volk ſchrie, und ſoweit der Blick reichte, ſah man nichts zu beiden Seiten als eine lange Linie von rothen Röcken und weißen Beinkleidern— feſt und unbeweglich. Herr Pickwick war ſo ſehr beſchäftigt geweſen, ſeine Stelle zu behaupten, und wunderbarer Weiſe den Fuß⸗ tritten der Pferde zu entgehen, daß er bisher nicht Muße gehabt hatte, ſich der Scene ſich zu erfreuen, bis ſie das eben geſchilderte Anſehen nahm. Als er ſich endlich feſt auf ſeinen Beinen halten konnte, war er außer ſich vor Bewunderung und Entzücken. n es etwas Schöneres geben?e fragte er „»Kann — Die Pickwicker. 75 »Es iſt wirklich ein erhabener Anblick,« ſagte Herr Snodgraß(in deſſen Buſen ſich plötzlich die poe⸗ tiſche Flamme regte),»die tapfern Vertheidiger des Va⸗ terlandes kriegeriſch gerüſtet vor den friedlichen Bürgern ſtehen zu ſehen— ihre Geſichter ſtrahlend, nicht von kampfluſtiger Wildheit, ſondern von bürgerfreundlicher Milde— ihre Augen glühend, nicht von dem verzehren⸗ den Feuer der Beute⸗ und Nachſut„ ſondern von dem ſanften Licht der Intelligenz und der Humanität.« Herr Pickwick ſtimmte vollkommen mit dieſen Lobes⸗ erhebungen überein, konnte aber nicht gänzlich mit den Ausdrücken einverſtanden ſein, denn das ſanfte Licht der Intelligenz ſchien ihm nur ſchwach in den Augen der Krieger zu leuchten, als»Augen grad' aus!«— kom⸗ mandirt wurde, und Alles, was er vor ſich ſah, einige tauſend gradaus ſtarrende Sehwerkzeuge waren, in denen ſich durchaus kein beſtimmter Ausdruck erkennen ließ. »Ah, jetzt können wir uns wieder frei bewegen,« ſagte Herr Pickwick umherblickend.— Die Menge hatte ſich allmählig aus ihrer Nähe entfernt und ſie ſtanden faſt allein. Herr Snodgraß und Herr Winkle ſchienen ebenfalls uber die ihnen gewordene Erleichterung ſehr erfreut zu ſein. „»Was werden ſie jetzt beginnen?« fragte Herr Pick⸗ wick, ſeine Brille z uusletſern »Ich— ich— ich glaube faſt,« erwiederte Herr Winkle erbleichend,»ich glaube faſt, daß ſie im Begriff ſind, Feuer zu geben.« „Nicht doch,« ſagte Herr Pickwick haſtig. »Ich— ich glaube es wirklich auch,« fiel Herr Snodgraß ein wenig erſchrocken ein. unanöalich«erwiederte Herr Pickwick. Er hatte 76 Die Pickwicker. jedoch kaum das Wort geſprochen, als alle ſechs Re⸗ gimenter die Musketen anlegten, und zwar ſo, als hät⸗ ten ſie nur ein gemeinſchaftliches Ziel, nämlich die Pick⸗ wicker, und eine ſo ſchreckliche Salve gaben, als je die Erde erſchütterte oder einen ältlichen Herrn aus ſeinem Gleichgewicht brachte. In dieſer verhängnißvollen Lage, dem Feuer blanker Gewehre ausgeſetzt und von den angreifenden Truppen auf der andern Seite bedrängt— in dieſer verhängniß⸗ vollen Lage entwickelte Herr Pickwick jene vollkommene Kaltblütigkeit und Geiſtesgegenwart, welche große Män⸗ ner ſtets auszeichnen. Es faßte Herrn Winkle am Arm, und indem er ſich zwiſchen ihn und Herrn Snodgraß ſtellte, ermahnte er ſie ernſtlich, ſich ruhig zu verhalten, da außer der Möglichkeit, durch den Lärm taub zu wer⸗ den, keine unmittelbare Gefahr von dem Schießen zu befürchten ſei.. »Doch wie, wenn einige von den Soldaten ſich ver⸗ griffen und ſcharfe Patronen geladen hätten?« erwiederte Herr Winkle, über die Unterſtellung erbleichend, die er ſelbſt herauf beſchworen hatte.—»Ich hörte eben etwas, wie eine Flintenkugel dicht an meinem Ohr vorbeipfeifen.« »Wäre es nicht am beſten, wenn wir uns flach auf die Erde legten?« ſagte Herr Snodgraß. »Nein, nein— es iſt jetzt vorüber,« entgegnete 3 Herr Pickwick.— Mochten ſeine Lippen auch beben„ und ſeine Wangen erbleichen, ſo vernahm man doch kei⸗ nen Ausdruck der Furcht oder des Schreckens von den Lippen des unſterblichen Mannes. Herr Pickwick hatte Recht, das Schießen hörte auf, er hatte kaum Zeit, ſich über ſeinen Scharfſinn Glück zu wünſchen, als in der Linie eine Bewegung bewerklich wurde; das rauhe Kommandowort ertönte an allen Punkten, Die Pickwicker. 77 und bevor die Pickwicker ſich einen Begriff von dem Zweck dieſes neuen Manöyres machen konnten, rückten die ſechs Regimenter im Sturmſchritt und mit gefälltem Bajonet grade gegen Herrn Pickwick und ſeine Freunde an. Der Menſch iſt ſterblich und über einen gewiſſen Punkt hinaus reicht kein menſchlicher Muth.— Herr Pickwick ſchaute einen Augenblick durch ſeine Brille nach den vordringenden Maſſen, er wendete darauf den Rücken — wir wollen nicht ſagen, daß er davon lief,— erſtlich, weil dieſes ein unedler Ausdruck iſt, und zweitens, weil des Herrn Pickwick Geſtalt für dieſe Art von Rückzug keineswegs geeignet war— er entfernte ſich ſo ſchnell ſeine Füße ihn forttragen wollten, und zwar ſo eilig, daß er das Unerfreuliche ſeiner Lage erſt ganz erkannte, als es zu ſpät war. 4 Die neu angerückten Truppen ſollten den fingirten Angriff der Belagerer der Citadelle zurückweiſen, und die Folge hiervon war, daß Herr Pickwick ſich mit ſeinen zwei Freunden plötzlich zwiſchen zwei Linien befand, von denen die eine im Sturmſchritt vordrang, während die andere den Angriff— zum Kampf bereit— erwartete. »Ho! ho!«— riefen die Offiziere der vordringenden Linie.—»Aus dem Wege!«— die der andern.— »Wohin ſollen wir uns wenden?«— die erſchrockenen Pickwicker. 2 »Hoho!«— war die einzige Antwort. Es erfolgte ein verworrenes Getöſe— man vernahm unterdrücktes Gelächter— die Regimenter waren nur noch einige tau⸗ ſend Schritte entfernt, und die Sohlen von den Stiefeln des Herrn Pickwick waren plötzlich den Wolken zuge⸗ wendet. Herr Snodgraß und Herr Winkle hatten Jeder mit bemerkenswerther Geſchicklichkeit einen unfreiwilligen Bur⸗ 78 Die Pickwicker. zelbaum geſchlagen, als der erſte Gegenſtand, den der Letztere erblickte, während er auf der Erde ſaß, und mit einem gelbſeidenen Schnupftuch den aus ſeiner Naſe her⸗ vordringenden Strom des Lebens zu ſtillen ſuchte, ſein verehrter Meiſter war, der in einiger Entfernung hinter ſeinem Hute herlief, der ein Spiel des Windes geworden. Es giebt wenige Augenblicke im menſchlichen Leben, in denen uns ſo viel ſpaßhaftes Leid widerfährt oder in denen ſo wenig Theilnahme zu erwarten iſt, als wenn Jemand ſeinem Hut nachlänft. Es gehört viel Geiſtes⸗ gegenwart und eine beſondere Gewandtheit dazu, einen Hut wieder einzufangen. Wer zu haſtig iſt, läuft über das Ziel hinaus; wer in das entgegengeſetzte Ertrem verfällt, bleibt hinter ihm zurück. Am rathſamſten iſt es, vorſichtig und faltblütig zu bleiben, den rechten Zeit⸗ punkt abzupaſſen, ſich dann raſch zu bücken, den Hut feſt zu faſſen und auf den Kopf zu drücken, und dabei fort⸗ während zu lächeln, als fände man den Spaß eben ſo unterhaltend, wie jeder andere. Ein gelinder Wind rollte den Hut des Herrn Pick⸗ wick ſpielend vor ſich her. Der Wind wehte ſtärker und Herr Pickwick lief ſchneller und der Hut rollte ſo haſtig, wie eine Schildkröte in der Wogenbrandung, und er wäre bald aus dem Bereich des Herrn Pickwick verſchwunden, wenn das Schickſal ſeinen Lauf nicht aufgehalten hätte, als Herr Pickwick ſchon im Begriff ſtand, ihn ſeinem Schickſal zu überlaſſen. Herr Pickwick war ſo erſchöpft, daß er die Jagd aufgeben wollte, als der Hut gegen das Rad einer Kutſche durch den Wind geſchleudert ward, der nach der Stelle hinwehte, wo ein halbes Dutzend Wagen in einer Linie hielten. Als Herr Pickwick ſeinen Vortheil bemerkte, ſprang er ſchnell hinzu, ergriff den Hut, ſetzt ihn auf den Kopf, und blieb ſtehen, — ——y— Die Pickwicker. 79 1 um wieder Athem zu holen. Er hatte ſich noch keine halbe Minute ausgeruht, als er ſeinen Namen von einer Stimme rufen hörte, in welcher er ſogleich die des Herrn Tupman erkannte, und als er ſich umſah, wurde er durch das, was er erblickte, mit Verwunderung und Freude J erfüllt. h F In einer offenen Kaleſche, aus der die Pferde aus⸗ geſpannt waren, um mehr Platz zu gewinnen, ſtanden: Ein ſtattlicher alter Herr in einem blauen Rock mit glänzenden Knöpfen, Korducey⸗Beinkleidern und Stul⸗ penſtiefeln— zwei junge Damen mit Shawls und Fe⸗ T —— derhüten— ein junger Herr, der in eine der jungen Damen mit Shawl und Federhut verliebt zu ſein ſchien — eine Dame von zweifelhaftem Alter, vermuthlich die Tante der jungen Damen und Herr Tupman, ſo unbe⸗ fangen, als habe er von ſeiner Kindheit an zu der Familie gehört. Hinter der Kaleſche war ein Korb von gerän⸗ migem Umfang befeſtigt— einer jener Körbe, die immer in einem contemplativem Gemüthe Gedanken an kaltes b Geflügel, Zunge und Weinflaſchen erregen— und auf dem Bocke ſaß ein feiſter rothbäckiger Burſche im Zu⸗ ſtande der Schlaftrunkenheit, welchem, was kein ſpecula⸗ tiver Beobachter, der nur einen Augenblick hinſah, ver⸗ kennen konnte, offenbar das Amt oblag, den Inhalt des vorerwähnten Korbes zu vertheilen, ſobald die Zeit dazu 5 gekommen. Herr Pickwick hatte einen fluc ——— htigen Blick auf dieſe intereſſanten Gegenſtände geworfen, als er nochmals durch ſeinen treuen Jünger begrüßt wurde. „»Pickwick!— Pickwick!«— 3 rief Herr Tupman, „kommen Sie her!— ei 4 . 1 bitte, kommen Sie!« hinzu. Joe 4 „»Ja kommen S N fügte der ſtattlich 80 Die Pickwicker. der verwünſchte Burſche iſt ſchon wieder eingeſchlafen.— Joe, laß den Wagentritt herunter.« Der feiſte Burſche ſtieg langſam vom Bock, ließ den Tritt hinab und öffnete den Wagenſchlag. In demſelben Augenblicke kamen auch Herr Snodgraß und Herr Winkle an. „»Hier iſt Platz fuͤr Sie alle, meine Herren,«— ſagte der ſtattliche Alte.—„»Zwei im Wagen und einer⸗ auf dem Bock.— Joe, mach' für einen dieſer Herren Platz!— Nun kommen Sie, Sir!«— und er ſtreckte die Hand aus, und zog zuerſt Herrn Pickwick und dann Herrn Snodgraß zu ſich in die Kaleſche.— Herr Winkle ſtieg auf den Bock, der feiſte Burſche ſetzte ſich neben ihn, und ſchlief ſofort wieder ein. „Freue mich ſehr, meine Herren, Sie hier zu ſehen,« ſagte der ſtattliche Alte.»Ich kenne Sie ſehr gut, wenn Sie ſich auch vielleicht meiner nicht mehr erinnern.— Ich brachte im vorigen Winter einige Abende in Ihrem Klubb zu, fand heute Morgen meinen Freund Tupman hier, und war ſehr erfreut, ihn hier zu ſehen. Wie be⸗ finden Sie ſich, Sir?— Sie ſehen in der That ſehr wohl aus!« Herr Pickwick dankte für das Compliment, und drückte dem ſtattlichen Herrn in den Stulpenſtiefeln freundlich die Hand. 4 „Und wie befinden Sie ſich,« redete dieſer Herrn Snodgraß mit asge Theilnahme an.—»Vortreff⸗ lich, wie?— nun das iſt ſchön— das iſt ſchön.— Und wie befinden Sie ſich, Sir?— Gzu Herrn Winkle) ah, freue mich zu hören, daß Sie ſich ſo wohl befinden — freuet mich ſehr. ine Töchter, Gentlemen— iſt meine Schweſter, Die Pickwicker. 81 Hanbe iſt, aber gern darunter möchte«— und der ſtatt⸗ liche Herr ſtieß ſcherzweiſe mit ſeinem Elbogen Herrn Pickwick zwiſchen die Rippen, und brach in ein herzliches Gelächter aus. »Ich bitte Dich, Bruder,« ſagte Miß Wardle mit einem flehenden Lächeln. „»Es iſt aber doch wahr,« entgegnete der ſtattliche Herr,»Du kannſt es nicht in Abrede ſtellen.« »Gentleman, ich bitte um Entſchuldigung— dies iſt mein Freund, Herr Trundle, und jetzt, da Sie alle einander kennen, laſſen Sie uns munter und vergnügt ſein, und ſehen, was ſich weiter begiebt.«— Der ſtattliche Herr ſetzte ſeine Brille auf, Herr Pick⸗ wick zog ſein Fernrohr aus der Taſche. Alle ſtanden auf und ſahen einer über des andern Schulter die mili⸗ tairiſchen Evolutionen mit an. Es waren erſtaunliche Manövres;— ein Glied feuerte über die Köpfe eines andern hinweg, und lief dann fort, darauf feuerte ein anderes Glied wieder über die Köpfe eines andern, und lief ebenfalls fort, und dann bildeten ſie Quarrees mit Offizieren in der Mitte;— die Truppen ſtiegen auf Sturmleitern in Gräben hin⸗ unter und auf der andern Seite hinauf, zerſtörten Schanzkörbe und Paliſſaden, und verrichteten Wunder der Tapferkeit.— Dann wurden auch die Kanonen geladen und wenn man ihren Donner hörte, erfüllte das Angſtgeſchrei der Damen die Luft. Die jungen Miß Wardles waren ſo erſchrocken, daß Herr Trundle ge⸗ nöthigt war, die eine, Herr Snodgraß die andere auf⸗ recht zu erhalten, und des Herrn Wardle Schweſter litt ſo ſehr an nervöſer Aufregung, daß Herr Tupman es für durchaus nöthig erachtete, den Arm um ihren Leib zu ſchlingen, damit ſie nicht zurückſinke.— Jeder war Die Pickwicker. I. 6 82 Die Pickwicker. beſchäftigt, außer der feiſte Burſche, und er ſchlief ſo ſüß, als ſei der Kanonendonner ſein Wiegenlied geweſen. „»Joe, Joe,« rief der ſtattliche Herr, als die Ci⸗ tadelle genommen war, und die Belagerten und die Be⸗ lagerer gemeinſchaftlich zu Tiſche gingen.»Der ver⸗ wünſchte Burſche iſt ſchon wieder eingeſchlafen.— Haben Sie die Güte, ihn zu zwicken, Sir— in's Bein, wenn es Ihnen gefällig iſt— er iſt durch kein anderes Mittel zu erwecken— danke recht ſehr.— Joe, binde den Korb los!«— Der feiſte Burſche, der durch das Zuſammenpreſſen eines Theils ſeines Beins zwiſchen Herrn Winkles Zeige⸗ finger und Daumen wirkſam genug geweckt worden war, ſtieg vom Bock und begann den Korb mit mehr Schnel⸗ ligkeit auszupacken, als man nach ſeiner bisherigen Un⸗ thätigkeit hätte erwarten ſollen. »Wir werden jetzt etwas gedrängt ſitzen,« ſagte Herr Warre, und nach vielen Scherzen über die weiten Damenärmel und nach eben ſo vielem Erröthen über mehrere ſcherzhafte Vorſchläge, daß die Damen ſich auf den Schooß der Herren ſetzen ſollten, war endlich die ganze Geſellſchaft, außer Herrn Winkle, der auf dem Bock blieb, in der Kaleſche untergebracht und der ſtattliche Herr ließ ſich von dem feiſten Burſchen(der hinten auf den Wagen geſtiegen war), den Inhalt des Korbes hineinrei⸗ chen.—»Jetzt Joe, Meſſer und Gabeln.«— Sie wurden hineingereicht und die Damen und Herren im Wagen und Herr Winkle auf dem Bock, mit dieſen nütz⸗ lichen Werkzeugen verſehen. »Teller, Joe, Teller!«— und ſie wurden auf gleiche Art vertheilt. »Jetzt, Ive, das kalte Geflügel.— Der verwünſchte Die Pickwicker. 83 Burſche— er iſt wieder eingeſchlafen,— Joe! Joe! (Nach einigen Schlägen auf den Kopf erwachte der feiſte Burſche aus ſeiner Schlafſucht.)— Komm, gieb die Speiſen her!« Es lag etwas in dem Tone dieſer Worte, das den Schlaftrunkenen aufregte. Die matten Augen, die zwi⸗ ſchen ſeinen feiſten Wangen hervorblickten, muſterten mit ungewöhnlichem Feuer die Speiſen, als er ſie aus dem Korbe packte. »Nun, ſchnell,« ſagte Herr Wardle, denn der feiſte Burſche war mit einem Kapaun beſchäftigt, und es ſchien, als könne er ſich durchaus nicht von ihm trennen. — Er ſeufzte tief auf, und indem er dem leckern Biſ⸗ ſen noch einen ſehnſüchtigen Blick nachwarf, überreichte er ihn widerſtrebend ſeinem Herrn. »So iſt's recht— jetzt die Zunge— nun die Tau⸗ benpaſtete.— Vergiß die Hammelkeule nicht— denke an die Hummern— nimm den Salat aus dem Tuch— gieb mir den Eſſig und das Oel!«— So lauteten die haſtigen Befehle des Herrn Wardle, während er die ver⸗ ſchiedenen verlangten Artikel umherreichte und Jeden reichlich verſorgte. „»War das nicht ein guter Einfall?« fragte der muntere alte Herr, als das Werk der Zerſtörung begon⸗ nen hatte. »Ein herrlicher Einfall!« ſagte Herr Winkle, der ein Hühnchen auf dem Bock zerlegte. »Ein Glas Wein?« „»Mit dem größten Vergnügen.« »Ich will Ihnen lieber eine ganze Flaſche auf den Bock geben.« „»Sie ſind ſehr gütig!« „»Ihe la. 84 Die Pickwicker. »Ja Sir,“«(er war jetzt in wachendem Zuſtande, denn er ermangelte nicht, an dem Mahle Theil zu nehmen.) „»Eine Flaſche Wein für den Herrn auf dem Bock.— Freue mich ſehr, Sie bei mir zu ſehen, Sir!⸗ »Sehr verbunden, Sir!«— Herr Winkle leerte ſein Glas, und ſtellte die Flaſche neben ſich. „Wollen Sie mir das Vergnügen gewähren, ein Glas Wein mit mir zu trinken?« ſagte Herr Trundle zu Herrn Winkle. „»Mit vielem Vergnüͤgen!« erwiederte Herr Winkle, worauf die beiden Herren erſt Wein mit einander und ſodann mit der ganzen Geſellſchaft in der Runde tranken.. „»Wie unſere theure Emilie mit dem fremden Herrn kokettirt!« flüſterte die Tante mit echtem Altjungfern⸗ Neide ihrem Bruder zu. »O, ich wüßte nicht,« ſagte der muntere alte Herr,»alles ganz natürlich— nichts Ungewöhnliches.— Herr Pickwick, ſoll ich Ihnen einſchenken?« Herr Pickwick, mit der gründlichen Erforſchung des Innern einer Taubenpaſtete beſchäftigt, nahm das Aner⸗ bieten höflich an. „Emilie, mein Kind,« ſagte die Tante, mi weiſender Miene,»ſprich nicht ſo laut!« »Mein Gott, Tante.« zurecht⸗ »Mich dünkt, die Tante und der kleine alte Herr 4 möchten gerne ganz allein ſprechen,« flüſterte Miß Iſa⸗ belle Wardle ihrer Schweſter Emilie zu.— Die jun⸗ gen Damen kicherten, und die alte bemühte ſich liebens⸗ würdig auszuſehen, was ihr aber durchaus nicht ge⸗ lingen wollte. »Die jungen Maͤdchen ſind ſo lebhaft,«— ſagte Die Pickwicker. 85 Miß Wardle zu Herrn Tupman mit einer Miene des Mitleids, als ſei natürliche Lebhaftigkeit Contrebande und ihr Beſitz ohne beſondere Erlaubniß ein großes Ver⸗ brechen. „»Ja, das ſind ſie,« entgegnete Herr Tupman, indem er keineswegs die Antwort gab, die von ihm er⸗ wartet wurde;»es iſt zum Entzücken!«— Miß Wardle erwiederte durch ein etwas zweifelu⸗ des:»Hm!« „»Wollen Sie mir erlauben,« ſagte Herr Tupman mit dem einſchmeichelnden Ton, der ihm zu Gebot ſtand, indem er den Arm der bezaubernden Rachel mit der einen Hand berührte und mit der andern die Flaſche em⸗ porhob,—»wollen Sie mir erlauben—« „O Sir!«— Herr Tupman warf ihr feurige Blicke zu und Rachel ſprach ihre Beſorgniß aus, daß noch mehr Kanonen abgeſchoſſen werden könnten, in wel⸗ chem Fall ſie natürlich ſeines Beiſtandes wieder bedurft haben würde. »Gefallen Ihnen meine lieben Nichten!« flüſterte deren zaͤrtliche Tante Herrn Tupman zu. „Sie würden mir gefallen, wenn ihre Tante nicht hier wäre,« erwiederte der galante Pickwicker mit einem vielſagenden Blick. - Sie böſer Mann— aber glauben Sie nicht, venn ihr Teint ein wenig beſſer wäre, daß man ſie für hübſche Mädchen halten könnte,— bei Licht.«— „»Ja, ſo ſcheint es mir auch,« entgegnete Herr Tupme gleichgültigem Ton. »9 Sie Schalk— ich weiß ſchon, was Sie ſagen wollten.⸗“ „»Was denn?« fragte Herr Tupman, der ſelbſt nicht wußte, was er hatte ſagen wollen. 86 Die Pickwicker. „Sie wollten ſagen, daß Iſabelle ſich krumm hält— leugnen Sie nur nicht— Ihr Mäͤnner beobachtet uns ſo ſcharf.— Nun ja, ſie hält ſich allerdings krumm, und wenn irgend etwas ein Mädchen häßlich macht, ſo iſt es dieſes. Ich ſage ihr oft, daß es ſie fürchterlich ver⸗ unſtalten wird, wenn ſie einige Jahre älter iſt. Ja, Sie ſind ein Schalk!«— Herr Tupman hatte nichts dawieder, ſo wohlfeil zu dem Ruf eines ſcharfen Beobachters zu gelangen, er nahm daher eine ſehr ſchlaue Miene an und lächelte geheim⸗ nißvoll. „»Welches ſarkaſtiſche Lächeln!« ſagte die bewun⸗ dernde Rachel,»ich muß Ihnen geſtehen, daß ich mich entſetzlich vor Ihnen fuͤrchte.“« „»Vor mir?« 4 „O, Sie können nichts vor mir verbergen— ich weiß ſehr wohl, was dieſes Lächeln bedeutet.« „Was denn?« ſagte Herr Tupman, der ſelbſt nicht das Geringſte davon wußte. „Sie wollen damit ſagen,« fuhr die liebenswür⸗ dige Tante, noch leiſer flüſternd fort,»Sie wollen da⸗ mit ſagen, daß Emiliens Keckheit Ihnen noch mehr miß⸗ fällt als Iſabellens krumme Haltung.— Ja, Sie haben recht, Emilie iſt etwas zu keck und vorlaut füt ein junges Mädchen. Sie können ſich nicht denken, unglücklich dies mich bisweilen macht— ich weine Stunden lang darüber— mein theurer Bruder iſt ſo herzensgut und ſo ohne Arg, daß er dieſe Untugenden nie bemerkt, und wenn es der Fall wäre, urde es ihm gewiß ſehr zu Herzen gehen.— Ich möchte mich gern überreden, daß es nur eine Angewohnheit meiner Nichte iſt— aber«—(hier ſtieß die zärtliche Tante 3 Die Pickwicker. 87 einen tiefen Seufzer aus und ſchüttelte troſtlos den Kopf.) „»Tante ſpricht von uns,« flüſterte Emilie ihrer Schweſter zu;»ich will darauf wetten— ſie ſieht ſo boshaft aus.« „»So 2« erwiederte Iſabelle;»om!— Liebe Tante!«— »Ja, meine theure Iſabelle!« »Ich beſorge ſo ſehr, daß Sie ſich erkälten, Tante — binden Sie ſich ein Tuch um den Kopf— Sie ſoll⸗ ten mehr auf Ihre Geſundheit achten— bedenken Sie doch Ihr Alter!«— So wohl verdient dieſe Wiedervergeltung auch ge⸗ weſen ſein mochte, ſo war ſie doch ſo boshaft, als nur eine aufgefunden werden konnte. Es läßt ſich nicht ſa⸗ gen, wie die Tante ihrem Zorn Luft gemacht haben würde, wenn Herr Wardle ſie nicht zufällig dadurch un⸗ terbrochen hätte, daß er ungeſtüm nach Joe rief. „Der verwünſchte Burſche,« ſagte der alte Herr, ver iſt ſchon wieder eingeſchlafen!« »Ein äußerſt merkwürdiger Menſch, das,« be⸗ merkte Herr Pickwick.—»Schläft er immer auf dieſe Weiſe 2« »r iſt immer im Schlaf,« entgegnete der alte Herr.»Er richtet im Schlaf Beſtellungen aus, und er ſchnarcht, während er bei Tiſche aufwartet.«— »Aeußerſt merkwürdig!« ſagte Herr Pickwick. „»Ja wohl,« erwiederte der alte Herr;»ich bin ſtolz auf den Burſchen— möchte ihn um keinen Preis entbehren— er iſt ein Naturwunder!— Joe— Joe, nimm hier alles weg und öffne noch eine Flaſche— hörſt Du?«— Der feiſte Burſche erhob ſich, öffnete ſeine Augen, Die Pickwicker. ſchluckte ein großes Stück Paſtete hinunter, das er ge⸗ kaut hatte, als er das letztemal eingeſchlafen war, und richtete langſam die Befehle ſeines Herrn aus, indem er die Ueberbleibſel des Mahls anſtarrte, als er die Teller in den Korb legte.— Die Faſche, die er brachte, war bald geleert— der Korb wurde an ſeiner alten Stelle befeſtigt— der feiſte Burſche beſtieg wieder den Bock— die Brillen und Augengläſer wurden nochmals in Anſpruch genommen und die Evolutionen des Militairs begannen von Neuem. Nachdem der Donner des Geſchützes wie früher die Luft erſchüttert und die Damen erſchreckt hatte, und nachdem die Mine zu Aller Zufriedenheit ge⸗ ſprengt war, machten die Zuſchauer Anſtalt, ſich auf den Rückweg zu begeben. Nun, ich hoffe,«— ſagte der alte Herr, als er Herrn Pickwick nach einer Unterredung, die während der letzten Evolutionen zwiſchen ihnen Statt gefunden, freund⸗ lich die Hand gedrückt hatte—»ich hoffe, wir werden Sie Morgen Alle bei uns ſehen.«— »Gewiß!« erwiederte Herr Pickwick. »Sie haben doch die Adreſſe?« »Manor Farm in Dingley Dell!l« ſagte Herr Pick⸗ wick, in ſein Taſchenbuch blickend. »Ganz recht,« entgegnete der alte Herr;»aber unter einer Woche laſſe ich Sie nicht fort— Sie müſſen alles ſehen, was bei uns ſehenswerth iſt.— Kommen Sie des Landlebens wegen, ſo finden Sie es bei mir in vollem Maaß.— Joe— der verwünſchte Burſche, er iſt ſchon wieder eingeſchlafen— Iwe— Hilf Tom beim Anſpannen.«— e 3 Die Pferde wurden angeſpannt— der Kutſcher ſtieg auf den Bock— der feiſte Burſche ſetzte ſich neben — ihn— Abſchiedsgrüße wurden gewechſelt— und der 4 Die Pickwicker. 89 Wagen fuhr ab.— Als die Pickwicker ſich umwende⸗ ten und ihrem Gaſtgeber nachſahen, warf die untergehende Sonne eine brennende Glut auf die Geſichter der Ge⸗ ſellſchaft. Joe's Haupt war auf ſeine Bruſt geſunken und ein ſüßer Schlaf umfing ihn. Sechstes Kapitel. Ein kurzes Kapitel— in welchem unter andern berichtet wird, wie Herr Pickwick es unternahm, zu fahren, und Herr Winkle, zu reiten, und wie ſie es ausführten.. Klar und heiter war der Himmel, balſamiſch die Luft und herrlich alles rings umher zu ſchauen, als Herr Pickwick ſich an das Geländer der Brücke von Rocheſter lehnte, der Schönheit der Natur ſich erfreuend und das Frühſtück erwartend. Die Landſchaft, die ſich ſeinen Blicken darbot, war in der That ſo reizend, daß ſie auch wohl auf einen weniger kontemplativen Geiſt ihren Ein⸗ druck nicht verfehlt haben würde. Links von dem Zuſchauer lag die verfallene Mauer, an manchen Stellen unterbrochen, und an einigen, in ſchweren und rohen Maſſen, hoch über dem Waſſer hän⸗ gend.— Die Felſen am Ufer waren mit Seegewächſen hedeckt, die jedes Lüftchen in Bewegung ſetzte und dichter Epheu umſchlang das verfallene Gemäuer.— Hinter ihm erhob ſich das alte Kaſtell mit ſeinen dachloſen Thürmen, deren feſte Mauern hier und da nachgaben, aber frühere Stärke und Macht verkündeken, wie da⸗ mals, als vor 700 Jahren hier der Klang der Waffen Die Pickwicker. oder feſtliches Geräuſch ertönte. Auf jeder Seite dehn⸗ ten ſich die Ufer des Medway, mit Getreidefeldern und Wieſen bedeckt, hier und dort mit einer Windmühle oder einer entfernten Kirche, ſo weit aus, als das Auge blicken konnte,— eine reiche und mannichfaltige Land⸗ ſchaft darbietend, die noch ſchöner durch die wechſelnden Schatten wurde, welche ſchnell darüber hinflogen, als die leichten Wolken in dem Licht der Morgenröthe fortzo⸗ gen.— Der leiſe dahin murmelnde Fluß warf das klare Blau des Himmels zurück und die Ruder der Fi⸗ ſcher tauchten mit einem hellen Ton in das Waſſer, als ihre ſchweren, aber pittoresken Böte langſam den Strom hinabfuhren. Herr Pickwick wurde aus den angenehmen Träume⸗ reien, in welche ihn dieſe Gegenſtände gewiegt hatten, durch einen tiefen Seufzer und eine Berührung ſeiner Schulter erweckt. Er wendete ſich um, und der trüb⸗ ſelige Mann ſtand vor ihm. „Betrachten Sie die Landſchaft 2« fragte der Trüb⸗ ſelige! »Ja wohl,«— erwiederte Herr Pickwick. »Und Sie freuen ſich, daß Sie ſo früh aufgeſtan⸗ den ſind?«— Herr Pickwick nickte bejahend.»Ach, man ſollte immer früh aufſtehen, um die Sonne in all ihrem Glanz bewundern zu können, denn ſie ſtrahlt ſelten den ganzen Tag durch ſo hell.— Der Morgen des Tages und der Morgen des Lebens gleichen ſich nur zu ſehr!« »Sie haben Recht!« ſagte Herr Pickwick.— »Wie allgemein iſt das Sprichwort: Der Tag fängt zu ſchön an, um ſo zu bleiben. Wie gut läßt es ſich auf unſer Alltagsleben anwenden.— O Gott, was gäbe ich darum, wenn ich zu den Tagen meiner Kind⸗ — — Die Pickwicker. 91 heit zurückkehren oder mein ſpäteres Leben für immer vergeſſen könnte!« »Sie haben in Ihrem Leben viel Unglück gehabt, Sir!« Afagte Herr Pickwick mitleidig. „»Ja gewiß, Sir,“« erwiederte der trübſelige Mann, »mehr als für möglich halten würde, wer mich jetzt ſieht.«— Er ſchwieg einen Augenblick und fuhr dann fort:»Hat ſich Ihnen wohl je an einem Morgen wie dieſer der Gedanke aufgedrängt: daß im Ertrinken Glück und Ruhe ſein müßte?« »Gott behüte, nein,« entgegnete Herr Pickwick, etwas vom Geländer zurücktretend, denn der Gedanke an die Möglichkeit, daß der trübſelige Mann, um ihn einen Verſuch machen zu laſſen, ihn hinüberſchleudern könne, erſchreckte ihn. »Ich habe oft daran gedacht,« fuhr der Trübſelige fort, ohne die Bewegung des Herrn Pickwick zu beach⸗ ten.»Das ſtille kühle Waſſer ſcheint mir eine Ein⸗ ladung zur Ruhe und zum Frieden zu murmeln.— Ein Sprung,— ein kurzer Kampf— die Gewäſſer ſchließen ſich über dem Kopf zuſammen, und die Welt mit ihrem Elend und Unglück iſt für immer vergeſſen.«“— Die eingeſunkenen Augen des trübſeligen Mannes leuchteten hell auf, während er ſo ſprach, doch der augen⸗ blicklichen Aufregung folgte gleich wieder ſeine gewöhnliche Ruhe und er fuhr fort: »Genug davon!— Ich wünſchte wegen eines an⸗ dern Gegenſtandes mit Ihnen zu ſprechen.— Sie for⸗ derten mich vorgeſtern Abend auf, jenes Manuſcript vor⸗ zuleſen, und hörten mir aufmerkſam zu.⸗ »Ja wohl,« erwiederte Herr Pickwick,»es ſchien mir in der That—« „Ich erſuchte Sie nicht um Ihr Urtheil, und ich / 4 92 Die Pickwicker. bedarf deſſen nicht,« unterbrach ihn der trübſelige Mann.»Sie reiſen Ihres Vergnügens wegen und zu Ihrer Belehrung. Was meinen Sie, wenn ich Ihnen ein anderes merkwürdiges Manuſcript mittheilte?— doch bemerken Sie, merkwürdig als ein Blatt aus der Romantik des wirklichen Lebens und nicht etwa ſeines widernatürlichen oder unwahrſcheinlichen Inhalts we⸗ gen.— Würden Sie es dem Klubb, von welchem Sie ſo viel ſprachen, vorlegen 2⸗ »Gewiß!« entgegnete Herr Pickwick,»wenn Sie es wünſchen, und es würde dann unter die Klubb⸗Akten aufgenommen werden.⸗« »Sie ſollen es haben,« fuhr der trübſelige Mann fort.»Ihre Adreſſe?— und nachdem Herr Pick⸗ wick ihm ſeine wahrſcheinliche Reiſetour angegeben hatte, notirte Jener ſie ſorgfältig in einer ſchmutzigen Brief⸗. taſche, lehnte Herrn Pickwicks dringende Einladung zum* Frühſtück ab, begleitete ihn bis vor ſein Gaſthaus, und 3 entfernte ſich dann langſam. Herr Pickwick wurde von ſeinen drei Gefährten zum Frühſtück erwartet, und die einladenden Beſtandtheile d deſſelben verſchwanden mit einer Schnelligkeit, welche eben ſo ſehr ein Beweis ihrer Güte, als der Eßluſt der Pickwicker war. 1 »Wie ſollen wir die Reiſe nach Manor Farm machen?« fragte Herr Pickwick.„ eEs wäre vielleicht gut, wenn wir den Kellner dar⸗ über befragten,« bemerkte Herr Tupman, und der Kellner ward demgemäß gerufen. Ieteg 4 „»Dingley Dell— funfzehn Meilen, meine Herren— Feldwege— Poſtpferde, meine Herren?« »In einer Poſtchaiſe würden nur zwei von uns Platz haben,« entgegnete Herr Pickwick. ⅛ — 8 Die Pickwicker. 93 t 6»Sie haben Recht, Sir— bitte um Entſchuldigung, Sir— ſehr hübſcher vierrädriger Wagen, Sir— ein Sitz für zwei Herren— einer für den Herrn, der fährt— o, bitte um Entſchuldigung, Sir— hat nur für drei Platz.⸗. „»Was iſt zu thun?« fragte Herr Snodgraß. »Wenn einer der Herren reiten wollte, Sir,« fuhr der Kellner fort, auf Herrn Winkle blickend, »ſehr gutes Reitpferd, Sir— wer von Herrn Ward⸗ le's Leuten nach Rocheſter kommt, kann's zurückbringen, Sir.⸗ »Ja, das wäre nicht übel,« fiel Herr Pickwick ein, »Winkle,— wollen Sie reiten?«— Nun ſtiegen in den verborgenſten Tiefen von Herrn Winkle's Herzen böſe Ahnungen bei dem Gedanken an eine . Probe auf, die er als geſchickter Reiter ablegen ſolle; da . er aber ſeinen Ruf in dieſer Beziehung nicht gleich aufgeben wollte, ſo erwiederte er mit großer Zuverſicht:„»Sehr gern,— ich ziehe dieſe Art zu reiſen jeder andern vor.«— Herr Winkle hatte dem Schickſal Trotz geboten— er konnte jetzt nicht mehr zurück. »Um elf Uhr muß der Wagen und das Reitpferd vor dem Hauſe ſtehen,« ſagte Herr Pickwick. —»Sehr wohl, Sir!« erwiederte der Kellner und ent⸗ fernte ſich. „ Nachdem das Frühſtück beendigt war, begaben ſich die Reiſenden in ihre Zimmer, um ihre Sachen einzupacken. Herr Pickwick hatte ſeine Vorbereitungen eben been⸗ digt und beobachtete aus dem Fenſter des Gaſtzimmers die Vorübergehenden auf der Straße, als der Kellner ein⸗ trat und berichtete, der Wagen ſei bereit,— eine Mel⸗ dung, welche durch das Erſcheinen des Fuhrwerks vor dem Hotel ſofort beſtätigt wurde. 94 Die Pickwicker. Es war ein ſeltſamer kleiner grüner Wagenkaſten auf vier Rädern mit einem niedrigen ſchmalen Sitz für zwei Perſonen und ein hoher Bock für eine, und ein mächtig braunes Pferd von dem ſtärkſten Knochenbau, war vor⸗ geſpannt. Ein Stallknecht ſtand daneben, ein anderes eben ſo großes Pferd am Zügel haltend,— wie es ſchien, ein naher Blutsverwandter des Thieres vor dem Wagen — und das für Herrn Winkle geſattelt war. »O Himmel,« rief Herr Pickwick, als ſie auf dem Pflaſter ſtanden,»o Himmel, wer ſoll denn fahren?— Daran habe ich noch gar nicht gedacht!« »„Ich denke, Sie ſelbſt,« ſagte Herr Tupman. „Natürlich!« ſagte Herr Snodgraß. „Ich 2« rief Herr Pickwick aus. »Sein Sie unbeſorgt, Sir,« ſagte der Stallknecht, „das Pferd iſt ganz ruhig, Sir,— ein Kind kann es leiten.« »Es iſt aber doch nicht ſcheu?« fragte Herr Pick⸗ wick. »Scheu, Sir?— Es würde nicht ſcheu, und wenn es an einem ganzen Wagen voll Affen vorbei müßte.« Dagegen ließ ſich nichts einwenden.— Herr Tup⸗ man und Herr Snodgraß ſetzten ſich auf den Rückſitz, Herr Pickwick beſtieg den Bock. »Jetzt, glänzender William,⸗ ſagte der Hausknecht zu dem Stallknecht,»gieb dem Herrn die Zügel.«— Der glänzende William— wahrſcheinlich ſo genannt wegen ſei⸗ nes feiſten Geſichts— übergab Herrn Pickwick die Zügel, und der Hausknecht reichte ihm die Peitſche hinauf. „»Burr!« rief Herr Pickwick, als der Gaul eine entſchiedene Neigung darlegte, den Wagen rückwärts nach dem Fenſter zu drängen. 2e —— Die Pickwicker. 95 »Burr!« ſchrieen Herr Snodgraß und Herr Tup⸗ man aus dem Wagen. »Das Thier iſt nur etwas munter,« ſagte der Hausknecht ermuthigend,»halt ihn feſt, William!«— Und der Stallknecht mäßigte die Lebhaftigkeit des Thieres, und der Hausknecht eilte hinzu, um Herrn Winkle beim Aufſteigen behülflich zu ſein. »Auf der andern Seite, Sir, wenn's gefällig iſt.« »Wahrhaftig,— der Herr will auf der unrechten Seite aufſteigen,« flüſterte ein greinender Poſtknecht dem unendlich vergnügten Kellner zu. Herr Winkle klimmte, nachdem er gehörig inſtruirt worden war, in den Sattel, faſt mit eben ſo viel Leich⸗ tigkeit, als wenn er die Wand eines Linienſchiffes hätte erſteigen müſſen. »Alles in Ordnung?« fragte Herr Pickwick mit einem inneren Vorgefühl, daß die Verwirrung nun erſt beginnen werde. »Alles in Ordnung!« erwiederte Herr Winkle mit ſchwacher Stimme. »Nun denn,— in Gottes Namen!« ſagte der Stallknecht, indem er das Pferd losließ, und fort rollte der Wagen und fort trabte Herr Winkle zur großen Be⸗ luſtigung der Zuſchauer. »Weshalb geht denn das Pferd ſo zur Seite 2« rief Herr Snodgraß im Wagen Herrn Winkle im Sat⸗ tel zu. »Ich kann mir es auch nicht erklären,« erwie⸗ derte Herr Winkle, deſſen Pferd auf die wunderlichſte Weiſe mit ihm ging, nämlich ganz von der Seite, den Kopf links und den Schweif rechtshin gewendet. Herr Pickwick hatte nicht Zeit, dieſe oder andere Beſonderheiten zu beachten, indem alle ſeine körperlichen Die Pickwicker. und geiſtigen Kräfte mit der Lenkung ſeines eigenen Pfer⸗ des beſchäftigt waren, welches vielfache Eigenthümlichkei⸗ ten entwickelte, die zwar für den Zuſchauer, aber keines⸗ weges für die im Wagen Sitzenden unterhaltend ſein konnten. Nicht allein warf es beſtändig auf eine höchſt unangenehme und für Herrn Pickwick ſehr ermüdende Weiſe den Kopf in die Höhe, und riß ſo ſtark in den Zügeln, daß ſie kaum feſt zu halten waren, ſondern es hatte auch die ſeltſame Neigung, bald plötzlich zur Seite zu ſpringen, bald eben ſo plötzlich ſtill zu ſtehen, und dann wieder einige Minuten ſo davon zu eilen, daß Herr Pickwick es kaum in den Zügeln halten konnte. »Ich bitte Sie, was kann das Thier vorhaben?« ſagte Herr Snodgraß, als das Pferd dieſes Manövre zum zwanzigſten Mal ausführte. Sch weiß es nicht,« erwiederte Herr Tupman, „»man ſollte faſt glauben, daß es ſich ſcheut.«— Herr Snodgraß ſtand im Begriff zu antworten, als er durch Herrn Pickwick unterbrochen wurde, der laut ausrief: „O weh, ich habe die Peitſche verloren!« »Winkle,« rief Herr Snodgraß, als der Reiter auf ſeinem hohen Roß herantrabte, den Hut über die Ohren und von der heftigen Bewegung am ganzen Leibe zitternd, als wenn er zuſammenbrechen wollte, v»o bitte, lieber Winkle, heben Sie die Peitſche auf!«— Herr Winkle zog an den Zügeln des hohen Roſſes, bis er ſchwarz im Geſicht ward, und als es ihm endlich gelungen war, ſein Pferd anzuhalten, ſtieg er ab, reichte Herrn Pickwick die Peitſche, und ſchickte ſich an, wieder aufzuſteigen. Ob nun das hohe Roß bei ſeinem von Natur mun⸗ tern Temperament ſich einen kleinen Spaß mit Herrn Winkle zu machen beabſichtigte, oder ob es ihm einfiel, —ſnn 14—*— r Die Pickwicker. 97 daß es die Reiſe eben ſo gut ohne einen Reiter, als mit einem ſolchen, vollenden könne, dieſes ſind Fragen, auf die wir natürlich keine ſichere und beſtimmte Antwort geben können— ſo viel iſt aber gewiß, das, welchen Beweggründen das Thier auch folgen mochte, Herr Winkle kaum die Zügel berührt hatte, als es dieſelben durch eine ſchnelle Bewegung rückwärts über den Kopf warf, ſo daß er ſie der vollen Länge nach in der Hand hielt. »Komm, komm, mein gutes Thier,« rief Herr Winkle beſänftigend,»komm, mein gutes altes Pferd!« aber»mein gutes Thier« widerſtand allen Schmeiche⸗ leien. Je mehr Herr Winkle ſich bemühte, ihm näher zu kommen, um deſto mehr trat es zur Gelea⸗ und trotz aller möglichen Wendungen gingen Herr Winkle und das Pferd wohl zehn Minuten lang im Kreiſe umher, un maren nach Verlauf dieſer Zeit dennoch eben ſo weit von einander entfernt, als beim Beginnen des Drehens— eine unangeneh⸗ me Sache unter allen Umſtänden, aber beſonders auf einem einſamen Feldwege, wo keine Hülfe zu erwarten war. »Wie ſoll ich es anfangen?« rief Herr Winkle, nachdem er ſeine Verſuche noch eine Zeitlang vergeblich fortgeſetzt hatte, vich kann dem Gaul durchaus nicht beikommen.« „»Es wird am beſten ſein, wenn Sie ihn am Zügel führen, bis wir an einen Schlagbaum kommen,« rief Herr Pickwick ihm zu. »Aber es will nicht mit,« rief Herr Winkle zu⸗ ruck.»Kommen Sie und helfen Sie mir! Herr Pickwick war die Gute und Gefälligkeit ſelbſt; er warf ſeinem Pferde die Zügel auf den Rücken, ſtieg vom Bock und eilte, Herrn Tupman und Herrn Snod⸗ graß im Wagen zurücklaſſend, ſeinem betrübten Gefähr⸗ ten zu Hülfe. Die Pickwicker. I. 7 Die Pickwicker. Kaum ſah das Pferd Herrn Pickwick mit der Peitſche in der Hand auf ſich zukommen, als es ſeine vorige Be⸗ wegung im Kreiſe in eine ſo entſchieden rückgängige ver⸗ wandelte, daß es Herrn Winkle, der immer noch das Ende der Zügel in beiden Händen hielt, faſt im Trabe mit ſich fortzog.— Herr Pickwick eilte ihm zu Hülfe, aber je ſchneller er lief, um deſto ſchneller entfernte ſich auch das Pferd. Herr Winkle, dem die Arme faſt ausgeriſſen wurden, vermochte die Zügel nicht mehr 98 zu halten, und ließ ſie fahren.— Das Pferd ſtutzte, ſchüttelte mit dem Kopf, wendete ſich um, und trabte ruhig nach Rocheſter zurück.— Herr Winkle und Herr Pickwick ſtarrten einander in ſtummer Beſtürzung an, aus welcher ſie endlich durch ein raſſelndes Geräuſch in Rintiger Entfernung aufgeſchreckt wurden.— Sie blickten auf. „»O barmherziger Himmel,« rief der geplagte Herr Pick⸗ wick aus,»da läuft uns auch das andere Pferd davon!« Es war nur zu wahr.— Das Pferd wurde durch das Geräuſch erſchreckt und die Zügel lagen auf ſeinem Rücken. Was darauf folgte, läßt ſich denken.— Es lief mit dem Wagen davon, Herr Tupman ſprang in die Hecke, Herr Snodgraß folgte ſeinem Beiſpiel; der Wagen wurde bald gegen ein Brückengeländer geſchleudert und zerſchmettert, ſo daß die Räder von der Achſe und der Binnenſitz von dem Bock getrennt waren, und das Pferd ſtand jetzt ſtockſtill, ruhig die Verwüſtung anblickend, die es angerichtet hatte. Die erſte Sorge der zwei unverletzten Freunde war, die unglücklichen Gefährten aus ihrem Dornenbett zu ziehen, wobei ſie ſich zu ihrer Freude überzeugten, daß Jene keinen bedeutenden Schaden gelitten, ſondern ne Kleidung an vielen Stellen zerriſſen und ihre Haut — Die Pickwicker. 99 und da geritzt hatten. Es blieb ihnen jetzt noch übrig, das Pferd aus ſeinem Geſchirr zu entwirren.— Nach⸗ dem ſie dieſes ſchwierige Geſchäft beendigt hatten, gingen ſie langſam weiter, das Pferd neben ſich herziehend und den Wagen ſeinem Schickſal überlaſſend. Nach einer Stunde gelangten die Reiſenden an ein kleines Wirthshaus, vor welchem zwei Ulmenbäume, eine Pferdekrippe und ein Pfahl mit dem Schilde ſtanden; hinter demſelben umſchloſſen verwilderte Hecken ein kleines Feld; zur Seite lag ein Küchengarten, und verfallende Scheunen und Nebengebäude ſtanden in wilder Verwir⸗ rung umher. Ein rothhaarigter Mann arbeitete im Garten und Herr Pickwick rief ihn ſofort munter an: »Heda— Hallo!« Der rothköpfige Mann richtete ſich empor, beſchat⸗ tete ſeine Augen mit der Hand, und ſtarrte Herrn Pick⸗ wick und deſſen Gefährten lange und gleichgültig an. »Hallo!« wiederholte Herr Pickwick. »Hallo!« war die Antwort des rothköpfigen Mannes. »Wie weit haben wir wohl noch nach Dingley Dell?« »Starke ſieben Meilen.« „»Iſt der Weg gut?« »Ne,— das nicht.« Nachdem der rothköpfige Mann dieſe lakoniſche Antwort ertheilt und wie es ſchien, ſeine Wißbegierde hinlänglich befriedigt hatte, fuhr er in ſeiner Arbeit fort. »Wir möchten Euch gern dieſes Pferd in Verwah⸗ rung geben,« ſagte Herr Pickwick. »Möchtet das Pferd hier in Verwahrung geben, ſo?« wiederholte der Rothköpfige, indem er ſich auf ſeinen Spaten lehnte. »Nun ja doch,« entgegnete Herr Pickwick, der 7* .100 Die Pickwicker. ſich inzwiſchen, das Pferd an der Hand, dem Garten⸗ zaun genähert hatte. „»Frau!« rief der Mann mit den rothen Haaren aus dem Garten tretend und das Pferd ſcharf in das Auge faſſend,»Frau!« Eine große, ſtarkknochige Frau in einer groben blauen Jacke, deren Taille einige Zoll unter den Achſelgruben ſaß, erſchien auf den Ruf. „Können wir dieſes Pferd wohl hier unterbringen, gute Frau?« ſagte Herr Tupman, ſich ihr nähernd und ſeinen ſchmeichelndſten Ton annehmend. Die Frau ſah die Reiſenden mit mißtrauiſchen Blicken an, und der Rothköpfige flüſterte ihr etwas in das Ohr. »Ne,« antwortete ſie nach einigem Bedenken, »wir können's nicht riskiren.« »Nicht riskiren?« rief Herr Pickwick aus,»was furchtet Ihr denn, gute Frau?« »Es hat uns erſt voriges Mal Verdruß gemacht,« ſagte die Frau, indem ſie in das Haus zurückging, wich will nichts damit zu thun haben.« »So etwas iſt mir doch in meinem Leben noch nicht vorgekommen,« ſagte der ſehr erſtaunte Herr Pickwick. „»Ich— ich glaube wirklich,« flüſterte Herr Winkle ſeinen um ihn ſtehenden Freunden zu,»daß die Leute argwöhnen, wir ſeien auf unehrliche Weiſe zu dem Pferde gekommen.« „»Wie?« rief Herr Pickwick in einem Sturm der Entrüſtung aus. Herr Winkle wiederholte beſchei⸗ den ſeine Vermuthung. 1 „»Heda!« rief Herr Pickwick dem Rothköpfigen zu,»glaubt Ihr, daß wir dieſes Pferd geſtohlen haben?« Die Pickwicker. 101 »Ich glaub's ganz gewiß,« erwiederte der roth⸗ köpfige Mann mit einem Grinzen, welches ſeinen Mund von einem Ohr bis zum andern zog. Darauf folgte er ſeiner Frau in das Haus nach, und warf die Thür heftig hinter ſich zu. »Es iſt wie ein Traum,« rief Herr Pickwick aus,»wie ein häßlicher Traum.— Den ganzen Tag mit einem ſtörriſchen Pferde umherwandern zu müſſen, das man nicht loswerden kann!«— Die ge⸗ plagten Pickwicker gingen truͤbſelig weiter, das hohe Roß hinter ſich herziehend, welches ihnen allen ein Gräuel geworden. Es war ſchon ſpät am Nachmittag, als die vier Freunde mit ihrem vierfüßigen Gefährten in den nach Manor Farm führenden Seitenweg einlenkten, und ſelbſt, als ſie ihrem Beſtimmungsort ſo nahe waren, wurde das Vergnügen, welches ſie ſonſt empfunden haben wür⸗ den, durch den Gedanken an ihre ſeltſame äußere Er⸗ ſcheinung und an das Liächerliche ihrer Lage weſentlich vermindert. Zerriſſene Kleider, Schmarren im Geſichte, ſtaubige Schuhe, erſchöpftes Ausſehen, und vor Allem— das fatale Pferd.— O, wie Herr Pickwick das Thier verwünſchte;— er hatte es von Zeit zu Zeit mit Blicken des Haſſes und der Rache angeſehen— mehr als einmal hatte er berechnet, wie viel es ihm koſten würde, wenn er ihm die Kehle abſchnitte, und jetzt drang ſich ihm um ſo mehr die Verſuchung auf, es entweder zu tödten oder in die weite Welt laufen zu laſſen. Er wurde jedoch durch die plötzliche Erſcheinung zweier Geſtalten bei einer Wendung des Weges aus ſeinem unheilſchwangern Brü⸗ ten erweckt.— Es war Herr Wardle und deſſen ge⸗ treuer Begleiter, der feiſte Burſche. »Mein Gott, wie ſind Sie ſo lange ausgeblieben,« 10² Die Pickwicker. begann der gaſtliche alte Herr.»Ich habe Sie den ganzen Tag erwartet. Sie ſcheinen auch ſehr ermüdet zu ſein.— Wie?— Schmarren im Geſicht! — will doch hoffen, daß Sie keinen Schaden genommen haben?— Freue mich ſehr es zu hören.— Alſo Sie haben umgeworfen?— Das kommt freilich in unſerer Gegend häufig vor.— Joe— der verwünſchte Burſche, er ſchläft ſchon wieder— Joe, nimm dem Herrn das Pferd ab, und bringe es in den Stall.« Der feiſte Burſche zog das Pferd mühſam nach, waͤhrend Herr Wardle ſeinen Gäſten ſein Bedauern über ihre Abenteuer ausſprach, ſo weit ſie es für gut fanden ſie ihm mitzutheilen, und ſie in die Küche ein⸗ führte. »Hier können Sie ſich vor allen Dingen ein wenig reſtauriren,« ſagte der alte Herr,»dann führe ich Sie zu der Geſellſchaft. Emma, den Kirſchbrannt⸗ wein— Jane, eine Nähnadel und Zwirn— Mary, Waſchwaſſer und Handtücher! Kommt, Mädchen, raſch!« Drei bis vier handfeſte Mägde verſchwanden ſchnell, um die verſchiedenen Artikel zu holen, während zwei männliche Dienſtboten mit großen Köpfen und runden Geſichtern von der Bank am Heerde(denn obgleich es ein Mai⸗Abend war, ſo drängten ſie ſich doch an das Feuer, als wenn es um Weihnachten geweſen wäre) ſich erhoben, und in dunkeln Winkeln verloren, aus denen ſie bald mit einem halben Dutzend Bürſten und mit einer Büchſe voll Schuhwichſe wieder zum Vorſchein kamen. „»Tummelt Euch!« ſagte der alte Herr; aber die Aufforderung war unnöthig, denn eine von den Mägden ſchenkte bereits Kirſchwaſſer ein; eine andere brachte das Waſchwaſſer, und indem einer von den Männern plötzlich Herrn Pickwick beim Bein ergriff, auf die offenbare Gr. Die Pickwicker. 103 fahr hin, ihn aus ſeinem Gleichgewicht zu bringen, begann er, deſſen Stiefel dermaßen zu wichſen, daß ſie brennend heiß wurden, während der andere Herrn Winkle mit einer großen Kleiderbürſte bearbeitete, und bei dieſer 2)) Operation den ziſchenden unbeſchreiklichen Ton von ſich 5003 gab, welcher Stallknechten eigenthümlich zu ſein pflegt, C wenn ſie ein Pferd ſtriegeln. 8 4— Nachdem Herr Snodgraß ſeine Abwaſchungen be⸗ 3 endigt hatte, ſtellte er ſich, das Kirſchwaſſer ſchlürfend, mit dem Rücken an das Feuer und überblickte die Küche. Er beſchreibt ſie als einen großen Raum mit Backſteinen gepflaſtert, und einem geräumigen Heerde verſehen, die Decke verziert mit Schinken, Spſckſeiten und aufgereihe⸗ ten Burittelu die Wände mit! mehreren Hetpeitſchen, Sätteln, Zäumen und einem alken roſtigen Gewehr, worunter geſchrieben ſtand, daß es geladen ſei, was auch in der That— derſelben Quelle zufolge— vor wenig⸗ ſtens einem halben Jahrhundert der Fall geweſen war.— In der einen Ecke pickte ernſt eine ehrwürdige alte Wanduhr, und eine ſilberne von gleichem Alter hing über dem Heerde. »Fertig?« fragte der alte Herr, als ſeine Gäſte gewaſchen, gebürſtet, mit Brauntwein getränkt und ihre Kleider ausgeflickt waren. »Wir ſind bereit!« erwiederte Herr Pickwick. »So folgen Sie mir,« fuhr Herr Wardle fort, und führte ſie durch mehrere dunkle Gänge in das Wohnzimmer, nachdem Herr Tupman, der ein Paar Augenblicke zurückgeblieben war, um Emma einen Kuß zu geben, wofür er gebührend durch einiges Zu⸗ rückſtoßen und Kratzen beſtraft worden war, ſich ihnen noch zur rechten Zeit angeſchloſſen hatte. »Willkommen!« ſagte der gaſtliche Wirth, indem 104 Die Pickwicker. er die Thüre öffnete, und vortrat, um ſie anzumelden. »Willkommen in Manor Farm, meine Herren!« Siebentes Capitel. Eine altmodige Spielpartie— Die Erzählung von der Rück⸗ kehr des Deportirten. Mehrere Gäſte, die in dem alten Wohnzimmer ver⸗ ſammelt waren, erhoben ſich, um Herrn Pickwick und ſeine Freunde bei ihrem Eintreten zu begrüßen, und während der Vorſtellungs⸗Ceremonie, die mit allen ge⸗ bührenden Förmlichkeiten erfolgte, hatte Herr Pickwick Muße, das Aeußere der Perſonen, von denen er ſich um⸗ geben ſah, zu beobachten, und Vermuthungen über ihren Stand und Charakter anzuſtellen, eine Gewohnheit, wel⸗ cher er ſich gern, wie viele andere ausgezeichnete Männer, hinzugeben pflegte. Eine ſehr alte Dame in einer hohen Haube und einem verblichenen ſeidenen Kleide— keine geringere Per⸗ ſon als Herrn Wardles Mutter— nahm den Ehren⸗ poſten an der rechten Seite des Kamins ein. Die Tante, die beiden jungen Damen und Herr Wardle wett⸗ eiferten mit einander, der alten Dame ſorgſame und viel⸗ fache Aufmerkſamkeit zu erweiſen, indem ſie um ihren Lehnſtuhl verſammelt waren— die eine ihre Ohrentrom⸗ pete haltend, eine andere eine Pomeranze, und eine dritte ein Riechfläſchchen, während eine vierte beſchäftigt war, die Kiſſen zurecht zu legen, an welche ſie ſich lehnte. — 8 Gegenüber ſaß ein alter Herr mit kahlem Scheitel und Die Pickwicker. 105 einem gutmüthigen wohlwollenden Geſicht, der Geiſt⸗ liche von Dingley⸗-Dell, und neben ihm ſeine Ehehälfte, eine rüſtige blühende alte Dame, die ganz ausſah, als ob ſie nicht allein in der Kunſt und dem Geheimniß, Herzſtärkungen zu Anderer Zufriedenheit zu bereiten, ſehr erfahren ſei, ſondern dieſelben auch zu ihrer eigenen gele⸗ gentlich ſelbſt koſtete. Ein kleiner Mann unterhielt ſich in einer Ecke des Zimmers mit einem dicken alten Herrn, und noch zwei bis drei alte Herren und zwei bis drei alte Damen ſaßen kerzengerade und regungslos auf ihren Stühlen und ſtarrten Herrn Pickwick und deſſen Reiſe⸗ gefährten an. »Herr Pickwick, Mutter!« ſchrie Herr Wardle mit kräftiger Stimme. „»Ah,« ſagte die alte Dame mit dem Kopf ſchüttelnd, vich verſtehe nicht.« »Herr Pickwick, Großmutter,« ſchrien die beiden jungen Damen zugleich. „»Ah,« rief die alte Dame.»Doch es kommt auf eins heraus, er wird ſich um eine alte Frau, wie ich bin, wenig kümmern.« »Ich verſichere Sie, Madame,« ſagte Herr Pick⸗ wick, indem er ihre Hand ergriff, und ſo laut redete, daß die Anſtrengung ſein menſchenfreundliches Antlitz mit glühender Röthe überzog, vich verſichere Sie, Madame, daß mich nichts inniger freut, wie der Anblick einer Dame in Ihrem Alter, als das Haupt einer ſo lie⸗ benswürdigen Familie, und ſo jugendlich und wohl aus⸗ ſehend.«, »Ah,« ſagte die alte Dame nach einer kurzen Pauſe, „das iſt gewiß Alles ſehr gut geſagt, aber ich verſtehe kein Wort davon.« „Großmutter iſt gerade nicht bei Laune,⸗ ſagte A 106 Die Pickwicker. Miß Iſabella Wardle mit leiſer Stimme,»ſie wird jedoch bald mit Ihnen ſprechen.« Herr Pickwick gab nickend ſeine Bereitwilligkeit zu erkennen, mit den Schwächen des Alters Nachſicht zu haben, und knüpfte ein allgemeines Geſpräch mit der übrigen Geſellſchaft an. „»Dieſes Gut hat eine entzückende Lage,« ſagte Herr Pickwick. 3 „»Entzückende Lage!« wiederholten die Herren Snod⸗ graß, Tupman und Winkle. »Die Lage des Guts gefällt mir auch ſehr,« ſagte Herr Wardle. »Es giebt keinen beſſern Boden in ganz Kent,« ſagte der kleine Mann»gewiß nicht, Sir— ich kann es beſtimmt behaupten«— und er blickte triumphirend umher, als habe ihm Jemand hartnäckig widerſprochen, er aber zuletzt dennoch den Sieg davon getragen. »Es giebt keinen beſſern Boden in ganz Kent!« ſagte der kleine Mann nochmals nach einer Pauſe. »Ausgenommen Mullins⸗Meadows,“« bemerkte der dicke Mann in feierlichem Ton. »Mullins⸗Meadowsl!« rief der Andere mit dem Ausdruck tiefſter Verachtung. »Sehr gutes Land, das,«— ſiel ein zweiter dicker Mann ein. »Ja, in der That ſehr gutes Land,« fügte ein dritter dicker Mann hinzu. „Jeder weiß das,« ſagte der wohlbeleibte Wirth. Der kleine Mann blickte zweifelnd umher, aber als er bemerkte, daß er in der Minorität ſei, ſo nahm er eine mitleidige Miene an, und ſagte nichts mehr. »Wovon ſprechen ſie?« fragte die alte Dame eine ihrer Großtöchter mit ſehr lauter Stimme, den . 8 107 ſie glaubte, wie die meiſten ſchwerhörenden Perſonen, kaum laut genug reden zu können, um von Andern ver⸗ ſtanden zu werden. „Sie ſprechen vom Lande, Großmutter.« „Vom Lande?— Es iſt doch kein Unglück vor⸗ gefallen?«. »Nein, nein; Herr Miller ſagte, unſer Land ſei beſſer als Mullins⸗Meadows.“« „»Was kann er davon wiſſen?« erwiederte die alte Dame etwas unwillig.»Herr Miller iſt ein eingebil⸗ deter Narr, und das kannſt Du ihm nur ſagen,«— und die alte Dame, welche nicht daran dachte, daß ihr lau⸗ tes Sprechen kein Flüſtern geweſen war, richtete ſich in ihrem Lehnſtuhl empor und warf dem kleinen Herrn bit⸗ terböſe Blicke zu. »Beruhigen Sie ſich, liebe Mutter,« ſagte der gutmüthige Wirth, indem er bemüht war, der Unter⸗ haltung eine andere Wendung zu geben.»Was meinen Sie zu einer Partie Whiſt, Herr Pickwick?« „»Es würde mir ſehr angenehm ſein,» erwiederte dieſer Herr,»aber ich bitte, nur nicht um meinetwillen allein.« 4 »O, ich verſichere Sie, meine Mutter ſpielt ſehr gern,« ſagte Herr Wardle,„nicht wahr, Mutter?« Die alte Dame, die bei dieſer Gelegenheit viel we⸗ niger taub zu ſein ſchien, als bei irgend einer andern, erwiederte bejahend. »Joe, Joe!« rief der alte Herr.—»Joe— dea verwünſchte Burſche— ah, da iſt er— Joe, ſtelle die Spieltiſche zurecht!« 3 Der ſchlafſüchtige Jüngling ſtellte zwei Spieltiſche auf, den einen zum Spiel Pope Joan und den andern zum Whiſt. An dem Whiſttiſche nahmen Platz: Herr Die Pickwicker. 108 Die Pickwicker. Pickwick und die alte Dame, Herr Miller und der dicke Herr; die üͤbrigen ſetzten ſich zu dem Geſellſchaftsſpiele. Das Whiſt wurde mit aller jener Würde und Ruhe geſpielt, welche dieſe Beſchäftigung in Anſpruch nimmt, ein feierliches Beginnen, welchem, wie uns bedünkt, der Name Spiel mit Unrecht beigelegt wurde. An dem an⸗ dern Tiſche ging es dagegen ſo laut und munter her, daß Herr Miller in ſeiner Aufmerkſamkeit geſtört wurde, und zerſtreuter war, als er hätte ſein ſollen. In Folge deſſen ließ er ſich mehrere Mißgriffe und Vergehen zu Schulden kommen, die in ſehr hohem Grade den Zorn des dicken Herrn erregten, und eben ſo ſehr die gute Laune der alten Dame hervorriefen. „»Sehen Sie,« ſagte Herr Miller triumphirend, als er eben ein Trick vollmachte,»das hätte, denke ich, nicht beſſer geſpielt werden können— es war unmöglich, einen Trick mehr zu machen.⸗ »Miller hätte den Buben ſtechen müſſen, nicht wahr, Sir?« ſagte die alte Dame. Herr Pickwick nickte bejahend.. »Wirklich?« fragte der Unglückliche mit einem zweifelnden Blick auf ſeinen Mitſpielenden. »Allerdings, Sir!« ſagte der dicke Herr in ver⸗ weiſendem Ton. „»Thut, mir ſehr leid,« entgugnete der gedemüthigte Miller. »Bin es ſchon gewohnt,« murmelte der dicke Herr. »Zwei Honneurs!« ſagte Herr Pickwick. »Können Sie den Trick machen?« fragte die alte Dame. „»Ja wohl!« erwiederte Herr Pickwick. — — Die Pickwicker. 109 »Dann haben wir den Robber gewonnen,« ſagte die alte Dame freudig. »Das nenne ich Glück!« bemerkte Herr Miller. »Das nenne ich ſchlechtes Spiel!«— bemerkte der dicke Herr. Ein feierliches Stillſchweigen folgte, Herr Pickwick machte eine heitere, die alte Dame eine ernſte, der dicke Herr eine verdrießliche und Herr Miller eine verlegene Miene. 4 „»Noch ein Double,« ſagte die alte Dame, indem ſie triumphirend den Umſtand dadurch bezeichnete, daß ſie zwei kleine Münzen unter den Leuchter legte. »Ein Double, Sir!« ſagte Herr Pickwick. »Habe ſchon bemerkt, Sir,« erwiederte der dicke Herr in ſcharfem Ton. Ein neues Spiel hatte einen ähnlichen Erfolg und der unglückliche Miller entſchuldigte ſeine Fehler ſo gut er konnte; der dicke Herr aber gerieth in einen aufgereg⸗ ten Zuſtand, der bis zum Ende des Spiels fortwährte, worauf er ſich in einen Winkel zurückzog und eine Stunde und ſiebenundzwanzig Minuten lang vollkommen ſtumm blieb. Nach Verlauf dieſer Zeit kam er wieder zum Vorſchein und bot Herrn Pickwick eine Priſe mit der Miene eines Mannes an, der ſich entſchloſſen hatte, das erduldete Unrecht mit dem Mantel chriſtlicher Milde zu bedecken. Das Gehör der alten Dame hatte ſich bedeu⸗ tend gebeſſert, und der Menu Miller fühlte ſich ſo ſo ſehr außer ſeinem Element, wie ein Delphin in einem Fiſchteich. Das Geſellſchaftsſpiel am andern Tiſch nahm um deſto munterer ſeinen Fortgang. Iſabelle Wardle und Herr Trundle wurden Partner, ſo wie auch Emilie unnd Herr Snodgraß, und ſelbſt Herr Tupman und die 110 3 Die Pickwicker. alte Tante traten in Compagnie. Der alte Wardle war in ſeiner beſten Laune, und handhabte die Tafel ſo er⸗ götzlich, und die alten Damen zogen ihren Gewinn ſo eilfertig ein, daß fortwährend ein ſchallendes Gelächter um den Tiſch herrſchte. Eine alte Dame hatte immer ein halbes Dutzend Karten zu bezahlen, worüber jedes Mal gelacht wurde, und noch lauter, wenn ſie dabei verdrieß⸗ lich ausſah. Bemerkte ſie dieſes, ſo klärten ſich ihre Züge allmählig auf, und ſie lachte zuletzt noch lauter als alle Andere. Bekam die alte Tante»Eheſtand,« ſo lachten die jungen Damen von Neuem, und Jene ſchien aufbrauſen zu wollen, bis ſie Herrn Tupmans Hände⸗ druck unter dem Tiſche fühlte, und eine Miene annahm, als wollte ſie ſagen, ſie ſei wohl nicht ſo fern mehr vom Eheſtand, als manche Leute meinen möchten, worüber Alle nochmals lachten, und beſonders der alte Herr Wardle, der einen Scherz trotz dem Jüngſten liebte. Herr Snodgraß flüſterte fortwährend ſeiner Partnerin poetiſche Sentenzen in das Ohr, was einem alten Herrn Gelegenheit zu vielen Bemerkungen und Anſpielungen auf Partnerſchaften im Spiel und im Leben gab, wor⸗ über die Geſellſchaft wiederum herzlich lachte, beſonders die Ehehälfte des alten Herrn. Herr Winkle brachte Scherze vor, die in der Stadt allgemein, auf dem Lande aber weniger bekannt waren, und da Jeder über ſie lachte, und ſie für vortrefflich erkläͤrte, ſo fühlte ſich Herr Winkle geſchmeichelt und hrt. Der wohlwollende Geiſtliche ſah theilnehmend zu, denn der Anblick der heitern Geſichter, die den Tiſch umgaben, machte den guten alten Mann auch glücklich, und obgleich die Hei⸗ terkeit etwas geräuſchvoll war, ſo kam ſie doch aus dem Herzen und nicht von den Lippen, und das iſt der wahre Frohſinn. Die Pickwicker. 111 Der Abend verging bei dieſen fröhlichen Unterhal⸗ tungen ſehr ſchnell, und als die Geſellſchaft nach dem kräftigen, wenn auch ländlichen Abendeſſen einen Halbkreis am Kamin bildete, war es Herrn Pickwick, als habe er ſich nie in ſeinem Leben ſo glücklich und ſo geneigt ge⸗ fühlt, ſich der Gegenwart zu erfreuen. 8 »Gerade ſo,« ſagte der gaſtliche Wirth, der neben dem Lehnſtuhl der alten Dame ſaß,»gerade ſo gefällt es mir— ich brachte die glücklichſten Augenblicke meines Lebens an dieſem alten Kamin zu, und ich liebe ihn ſo ſehr, daß ich jeden Abend Feuer einlegen laſſe, bis es zu warm dafür wird. Meine gute alte Mutter hier ſaß ſchon vor dieſem Kamin auf jenem kleinen Stuhl, als ſie noch ein Kind war— nicht wahr Mutter?« Die Thräne, die unwillkührlich in das Auge tritt, wenn die Rückerinnerung an alte Zeiten und an das Glück vergangener Jahre plötzlich erweckt wird, rann die Wange der alten Dame hinab, als ſie ihren Kopf mit einem melanchöliſchen Lächeln ſchüttelte. »Sie müſſen entſchuldigen, wenn ich ſo viel von die⸗ ſen alten Orten ſchwatze, Herr Pickwick,« fuhr der Wirth nach einer kurzen Pauſe fort,»aber ich liebe ſie ſehr und kenne faſt keine andere—; die alten Gebäude und Felder ſind mir wie lebende Freunde, und ſo auch unſere kleine Kirche mit dem Epheu, über welchen, beiläufig geſagt, unſer vortrefflicher Freund hier ein Lied dichtete, als er zu uns kam.⸗ 3 Herr Pickwick wendete ſich jetzt an den Geiſtlichen mit den Worten:»Entſchuldigen Sie eine Bemerkung nach einer ſo kurzen Bekanntſchaft, Sir, aber ich ſollte denken, ein Mann wie Sie, müßte im Lauf ſeiner Amts⸗ führung als Diener des Evangeliums viel Mittheilens⸗ werthes erlebt haben.« 112 Die Pickwicker. »Ich habe allerdings vieles erlebt,« erwiederte der Geiſtliche,»aber die Ereigniſſe und Charaktere, die ich bennen lernte, waren in Folge meines beſchränkten Wir⸗ kungskreiſes nur gewöhnlicher Art.⸗« »Aber ich denke, Sie ſchrieben Einiges über John Edmunds auf, nicht wahr?« Pgte Herr Wardle, der ſehr geneigt ſchien, ſeinen Freund zur Erbauung ſeiner neuen Gäſte zum Erzählen zu bringen. Der alte Herr nickte bejahend, wollte jedoch dem Geſpräch eine andere Wendung geben, als Herr Pickwick ſagte: »Entſchuldigen Sie, Sir, aber, wenn ich fragen darf, wer war John Edmunds?« »Das wollte ich eben auch fragen,« fiel Herr Snod⸗ graß ein. »Wir laſſen Sie nicht los,« ſagte der muntere Wirth.»Sie müſſen die Neugierde dieſer Herren frü⸗ her oder ſpäter doch befriedigen, es wäre vaſehe wenn Sie dieſe günſtige Gelegenheit benutzten und es gleich thäten.« Der alte Herr lächelte gutmüthig, indem er ſeinen Stuhl vorzog— die übrigen rückten näher zuſammen, beſonders Herr Tupman und die unverheirathete Tante, die etwas hart von Gehör ſein mochte, und nachdem die Ohrtrompete der alten Dame angelegt worden war, be⸗ gann der Geiſtliche folgende Erzählung, der wir die Ueber⸗ ſchrift geben: Die Rückkehr des Deportirten. »Als ich mich zuerſt in dieſem Dorfe, jetzt ſchon vor fünfundzwanzig Jahren, niederließ, war die verrufenſte Perſon unter meinen Pfarrkindern, ein Mann Namens Edmunds, der eine kleine Pachtung in der Nähe hatte. 2 Die Pickwicker. 113 Er war ein wilder, verſtockter böſer Menſch, träge, und ausſchweifend in ſeinen Gewohnheiten. Mit Ausnahme weniger verworfener Geſellen, mit denen er umher zu ſtreichen und in den Schenken ſich zu betrinken pflegte, hatte er nicht einen einzigen Freund oder Bekannten; Niemand mochte mit dem Mann Umgang haben, der von Vielen gefürchtet und von Jedem verachtet wurde. »Edmunds hatte eine Frau und einen Sohn, der, als ich hierher kam, etwa zwölf Jahr alt ſein mochte. Von den bittern Leiden dieſer Frau, von der Geduld und Sanftmuth, womit ſie dieſelben ertrug, von den Be⸗ ſorgniſſen, unter denen ſie den Knaben erzog, kann man ſich kaum eine Vorſtellung machen. Der Himmel ver⸗ zeihe mir die Vorausſetzung, wenn es eine unchriſtliche ſein ſollte, aber ich hege die feſte Ueberzeugung, daß er viele Jahre hindurch es abſichtlich darauf anlegte, ſein Weib durch Kummer und Gram zu tödten. Sie ertrug jedoch alles um ihres Kindes, und wie unwahrſcheinlich es V erſcheinen mag, auch um ſeines Vaters Willen, denn ſo verworfen er war und ſo grauſam er ſie behandelte, ſo hatte ſie ihn doch einſt geliebt und die Erinnerung deſſen, was er ihr früher geweſen war, er⸗ weckte Gefühle der Nachſicht und Milde in ihrem Buſen, wie ſie von allen Geſchöpfen Gottes nur dem Weibe eigen ſind. 4 »Sie waren arm,— eine natürliche Folge der Le⸗ bensweiſe des Mannes,— aber der unermüdliche und ange⸗ ſtrengte Fleiß der Frau ſchützte ſie vor gänzlichem Man⸗ gel. Ihre Thätigkeit wurde indeß ſchlecht belohnt.— Leute, die am Abend, bisweilen noch ſpät in der Nacht, an dem Hauſe vorüber gegangen waren, erzählten, ſie hätten das Stöhnen und Wimmern einer Frau und den Schall von Schlägen gehört, und mehr als einmal Die Pickwicker. I. 3 8 114 Die Pickwicke hatte der Knabe, wenn Mitternacht längſt vorüber war, an dem Hauſe eines Nachbars⸗ geklopft, wohin er geſchickt worden war, um der Wuth ſeines betrunkenen unnatür⸗ lichen Vaters zu entgehen. »Während dieſer ganzen Zeit, und als die arme Frau häufig die Spuren erlittener Gewalthätigkeiten nicht ganz verbergen konnte, beſuchte ſie regelmäßig unſere kleine Kirche. Sie erſchien mit ihrem Knaben jeden Sonntag Morgens und Nachmittags an derſelben Stelle, und obgleich beide nur ärmlich gekleidet waren, und zwar ärmlicher als viele ihrer noch bedürftigern Nachbaren, ſo war ihr Anzug doch immer ſauber und reinlich. Jeder hatte ein tröſtliches Wort und einen freundlichen Gruß für die arme Frau Edmunds, und wenn ſie bisweilen nach dem Gottesdienſt unter den Ulmenbäumen vor der Kirche ſtehen blieb, um mit einer Nachbarin einige Worte zu wechſeln, oder zu⸗ rückblieb, um mit allem Stolze, aller Liebe einer Mutter den Spielen ihres blühenden Knaben mit ſeinen kleinen Gefährten zuzuſchauen, dann las man den Ausdrülk herz⸗ licher Dankbarkeit in ihren kummervollen Zügen, und in ihren Blicken, wenn auch nicht das Gefühl des Glücks und des Frohſinns, doch ſtiller Zufriedenheit.« »So vergingen fünf bis ſechs Jahre; der Knabe war zu einem kräftigen blühenden Jüngling herangewachſen. Die Zeit, welche die zarten Glieder des Kindes zu männ⸗ licher Kraf reifte, hatte die Geſtalt der Mutter gebeugt, aber der Arm, der dem ihrigen eine freundliche Stütze hätte ſein ſollen, war nicht länger in den ihrigen geſchlun⸗ gen; die geliebten Züge, die ihr Troſt gewähren konnten, waren ihrem Anblick entzogen. Sie nahm noch immer denſelben Sitz in der Kirche ein, aber der Platz neben ihr war leer, die Bibel gewährte ihr Beruhigung wie immer, aber Niemand las ſie mit ihr, und heiße Thränen fielen Die Pickwicker. 115 auf das Buch, ſo daß ihr die heiligen Worte vor den Blicken entſchwanden. Die Nachbaren waren noch eben ſo freundlich wie früher, aber ſie vermied ihre Grüße, indem ſie ſich abwendete. Unter den alten Ulmenbäumen weilte ſie nicht mehr, denn kein ſüßer Vorgenuß des Glückes erfüllte ſie jetzt hier. Die verlaſſene Frau zog den Strohhut Hefer in das Geſicht und ging ſchuell vor⸗ über. »Der junge Drenſch welcher, wenn er in die erſten Tage ſeiner Kindheit zurückblickte, zu denen ſein Gedächt⸗ niß reichte, ſich an nichts erinnern konnte, was nicht auf dieſe oder jene Weiſe mit einer langen Reihe von freiwil⸗ ligen Entbehrungen, die ſeine Mutter ſich um ſeinetwillen auferlegt, von Kränkungen und Leiden, die ſie für ihn er⸗ duldet hatte, verknüpft war, ſchloß ſich mit gefühlloſer Gleichgültigkeit gegen ihre zärtliche Mutterliebe und in verſtockter Vergeſſenheit alles deſſen, was ſie für ihn er⸗ tragen, einigen nichtswürdigen und verworfenen Geſellen an, und verfolgte eine verderbliche Bahn, die ihm einen ſchmerzlichen Tod und der Mutter Schande bereiten mußte. »Das Maaß des Elends der unglücklichen Frau ſollte bald voll werden. Zahlreiche Frevel waren in der Umge⸗ gend verübt worden, doch die Thäter blieben unentdeckt, und wurden dadurch nur um ſo kühner. Endlich veran⸗ laßte eine mit beiſpielloſer Frechheit verübte Beraubung eine ungewöhnlich ſtrenge Nachforſchung. Der Verdacht traf den jungen Edmunds nebſt drei ſeiner Spießgeſellen. Er wurde verhaftet— vor Gericht geſtellt— ſchuldig erkannt und— zum Tode verurtheilt. »Der durchdringende klagende Jammerſchrei einer weiblichen Stimme, welcher im Gerichtsſaal ertönte, als das feierliche Urtheil ausgeſprochen ward, erklingt noch . g 116 Die Pickwicker. jetzt in meinen Ohren. Dieſer Schrei erfüllte das Herz des Verbrechers, das unbewegt bei dem Verhör und ſo⸗ gar bei dem Todesurtheil geblieben war, mit Schrecken und Grauſen. Die in hartnäckigem Stillſchweigen bisher zuſammengepreßten Lippen bebten und zuckten krampfhaft, ſein mit kaltem Schweiß bedecktes Geſicht wurde todten⸗ bleich, die kräftigen Glieder des Verbrechers zitterten und er entfernte ſich mit ſchwankenden Schritten. »Nach dem erſten Ausbruch ihres Schmerzes warf ſich die unglückliche Mutter zu meinen Füßen auf die Kniee und flehte mit heißen Thränen zu dem Allmächti⸗ gen, der ſie bisher in allen ihren Leiden aufrecht erhalten hatte, ſie aus einer Welt des Elends zu erlöſen und das Leben ihres einzigen Kindes zu verſchonen. Es folgte darauf ein heftiger innerer Kampf, der mich tief ergriff. Ich wußte, daß von dieſer Stunde an das Leben für ſie eine Laſt ſei, aber ich hörte nie wieder eine Klage von ihrm Lippen. »Ach, es war ein trauriger Anblick, die arme Fran Tag für Tag nach dem Gefängniß wandern zu ſehen, um durch unabläſſiges Flehen den verhärteten Sinn ihres verſtockten Sohnes zu erweichen, aber vergebens, er verharrte in düſterm hartnäckigen Schweigen. Selbſt die unerwartete Verwandlung ſeiner Todesſtrafe in vier⸗ zehnjährige Deportation vermochte ſein hartes Herz nicht zu rühren. »Der Geiſt der Reſignation und Ergebung, der ſie ſo lange aufrecht erhalten hatte, unterlag endlich ihrer Körperſchwäche und Hinfälligkeit. Sie erkrankte.— Noch einmal wollte ſie mit zitternden Gliedern in das Gefängniß zu ihrem Sohne ſich ſchleppen, aber die Kräfte verſagten ihr, und ſie ſank ohnmächtig zu Boden. »Jetzt wurde die Käͤlte und Gleichgültigkeit des jun⸗ — — — n⸗ Die Pickwicker. 117 gen Mannes auf eine harte Probe geſtellt, und die Wie⸗ dervergeltung, die ihn traf, brachte ihn faſt zum Wahn⸗ ſinn.— Ein Tag verging, und ſeine Mutter kam nicht, eben ſo wenig als am zweiten und dritten, und in viex und zwanzig Stunden ſollte er von ihr getrennt werden— vielleicht für immer!— O wie drangen ſich ſeinem Geiſt jetzt die längſt vergeſſenen Erinnerungen an frühere Tage auf, als er in dem kleinen Gefängnißhofe mit ſchnellen Schritten umherging, und welches bittere Gefühl ſeiner Verlaſſenheit erfüllte ihn, als er die Wahrheit vernahm! Seine Mutter, die ihn ſo innig liebte, lag krank dar⸗ nieder— vielleicht ſterbend— nur wenige Häuſer von ihm entfernt, ſo daß er, wäre er frei und feſſellos gewe⸗ ſen, in wenigen Minuten hätte bei ihr ſein können. Er ſtürzte auf das Thor des Gefängniſſes zu, griff in die Eiſenſtäbe mit aller Kraft der Verzweiflung, und warf ſich gegen die dicken Mauern, als wolle er ſich durch das Geſtein eine Bahn brechen; doch das feſte Gemäuer ſpot⸗ tete ſeiner eiteln Bemühungen und er ſchlug die Hände zuſammen, und weinte wie ein Kind. »Im Auftrag der Mutter ging ich in das Gefäng⸗ niß, um den Sohn ihrer Verzeihung zu verſichern und ihm ihren Segen zu überbringen, und ich brachte ihr die feierliche Verſicherung ſeiner Reue und ſein dringen⸗ des Flehen um ihre Vergebung an ihr Krankenbett zurück. Ich vernahm mit Theilnahme und Mitleiden tauſend kleine Pläne, die der Reuige für ihre Unterſtützung ent⸗ warf, wenn er zurückgekehrt ſein würde, aber ich wußte, daß ſeine Mutter viele Monate, bevor er ſeinen Beſtim⸗ mungsort erreicht haben könne, nicht länger auf dieſer Welt ſein würde. »Der Verurtheilte wurde bei Nacht abgeführt, und wenige Wochen darauf ging die arme Frau, wie ich zu⸗ 118 Die Pickwicker. 4 verſichtlich hoffe und feſt glaube, zu ewiger Glückſelig⸗ keit und Ruhe ein. Ich verrichtete den feierlichen Got⸗ tesdienſt über ihrer irdiſchen Hülle. Sie ruht auf unſerm kleinen Kirchhofe. Kein Stein bezeichnet ihre Grabſtätte. Ihre Leiden waren ihren Mitmenſchen, ihre Tugenden Gott bekannt. »Vor der Abreiſe des Deportirten war verabredet worden, er wolle, ſobald es ihm geſtattet werde, an ſeine Mutter ſchreiben und den Brief an mich adreſſiren. Der Vater hatte ſich beſtimmt geweigert, ſeinen Sohn ſeit dem Augenblick ſeiner Verhaftung zu ſehen, und es war ihm durchaus gleichgültig, ob er verurtheilt oder freige⸗ ſprochen werde. Es vergingen viele Jahre, ohne das man von dem Deportirten Nachricht erhielt, und als mehr als die Hälfte ſeiner Strafzeit verfloſſen war, und ich keinen Brief erhalten hatte, zog ich daraus den Schluß, daß er geſtorben ſein müſſe, ja ich hoffte es faſt. „Edmunds war jedoch bei ſeiner Ankunft in Neuhol⸗ land weit in das Innere des Landes geführt worden und dieſem Umſtand mochte es zuzuſchreiben ſein, daß, obgleich er mehrere Briefe an mich ſchickte, keiner in meine Hände gelangte.. »Er blieb an demſelben Ort während ſeiner ganzen Strafzeit. Sobald dieſe abgelaufen war, kehrte er ſeinem frühern Entſchluſſe und dem ſeiner Mutter gegebenen Verſprechen gemäß unter unzähligen Schwierigkeiten nach England zurück, und machte ſich zu Fuß nach ſeinem Ge⸗ burtsorte auf den Weg. »An einem ſchönen Sonntag Abend im Monat Au⸗ guſt kam John Edmunds in dem Dorfe an, das er vor 17 Jahren, mit Schimpf und Schande bedeckt, verlaſſen hatte. Sein nächſter Weg führte ihn über den Kirch⸗ hof und tiefe Wehmuth erfüllte hier ſeine Bruſt. Die (— Die Pickwicker. 119 hohen Ulmenbäume, zwiſchen deren Zweigen die Strahlen der untergehenden Sonne hier und dort helle Streiflichter auf den beſchatteten Pfad warfen, erweckten die Erinnerungen ſeiner erſten Jugendzeit. Er gedachte der Tage, wo er an der Hand ſeiner Mutter ſtill und fromm zu der Kirche gegangen war, und wie ſich ihre Augen, wenn ſie ihm in das Geſicht ſchaute, bisweilen mit Thränen gefüllt hatten— Thränen, welche, wenn die Mutter ſich zu ihm beugte, um ihn zu küſſen, heiß auf ſeine Stirne fielen, und auch die ſeinigen hervorlockten, obgleich er damals wenig ahnte, wie bitter die ihrigen waren. Er gedachte, wie oft er mit ſeinen Spielgefährten jenen Pfad in mun⸗ term Laufe vorangeeilt ſei, tauſendmal zurückſchauend, um ſeiner Mutter Lächeln zu gewahren, oder ihre freund⸗ liche Stimme zu hören, und jetzt ſchien ein Schleier von ſeinem Gedächtniß entrückt zu ſein, und die Erinne⸗ rung an ihre übel belohnte Zärtlichkeit, ihre nicht be⸗ achteten Ermahnungen und ſeine gebrochenen Gelübde drängten ſich ſeiner Errinnerung auf und dieſe Gefühle drückten ihn mit vernichtender Gewalt zu Boden. »Er trat in die Kirche. Die Abendandacht war vor⸗ über und die Gemeinde hatte ſich entfernt. Seine Schritte hallten dumpf durch das gewölbte Gebäude, und es war ſo ſtill und ruhig, daß ihn faſt ein unheimliches Gefühl ſeines Alleinſeins ergriff. Er ſchaute um ſich her.— Nichts war verändert.— Der Raum ſchien ihm kleiner, als früher zu ſein, aber die alterthümlichen Grabmäler, die er einſt mit kindlicher Ehrfurcht ſo oft betrachtet hatte, die kleine Kanzel mit dem verblichenen Kiſſen, der Altar, vor welchem er als Kind die Gebote, die er als Mann vergaß, ſo oft im frommen Glauben hergeſagt hatte— alles war noch wie ſonſt.— Er nä⸗ herte ſich dem altbekannten Kirchſtuhl, er ſah öde und 120 Die Pickwicker. verlaſſen aus. Das Kiſſen war fortgenommen, und die Bibel lag nicht mehr dort. Vielleicht nahm ſeine Mut⸗ ter jetzt einen ärmlicheren Sitz ein, oder ſie mochte zu hülfslos geworden ſein, um ohne Unterſtützung nach der Kirche gehen zu können. Er wagte es nicht, zu denken, was er fürchtete.— Ein kalter Schauder überlief ihn, und er zitterte heftig, als er ſich abwendete. »Ein Greis trat ihm entgegen, als er eben die Kirche verlaſſen wollte. Edmunds fuhr betroffen zurück, denn er kannte ihn, und hatte ihm oft zugeſchaut, wenn er ein Grab auf dem K Kirchhofe grub. Der alte Mann blickte ihm in das Geſicht, bot ihm Gutenabend und ging langſam weiter. Er hatte ihn vergeſſen. »Edmunds ging den Hügel hinab und durch das Dorf. Es war warm und die Leute ſaßen vor ihren Thüren, oder gingen in ihren Gärtchen umher, ſich des ſchönen Abends und der Ruhe von der Arbeit erfreuend. Mancher Blick wurde nach ihm gerichtet, und oft ſchaute er hier und dort verſtohlen hin, um zu ſehen, ob er er⸗ kannt und gemieden werde. Faſt vor jedem Hanſe ſah er fremde Geſichter, in einigen erkannte er ehemalige Schulgenoſſen wieder— ſie waren Knaben geweſen, als er ſie zuletzt ſah, und jetzt von einem Häufchen munterer Kinder umgeben, in Andern erkannte er Männer, die in der Blüthe ihrer Jahre ſtanden, als er ſich von ſeinem Geburtsort entfernt hatte, und jetzt hinfällige und ſchwache Greiſe waren, aber Alle hatten ihn vergeſſen und er ging unerkannt vorüber. »Die letzten erble under Strahlen der untergehenden Sonne hatten die Se ten der Bäume verlängert, als er vor dem alten Hauſe ſtand, der Heimath ſeiner Kind⸗ heit, zu welcher ſein Herz ihn mit unbeſchreiblicher Sehn⸗ ſucht nach ſo vielen Jahren der Gefangenſchaſt und des — 2——* — u 2—A— Die Pickwicker. 121 Unglücks gezogen hatte. Der Gartenzaun war niedrig obgleich er ſich noch wohl der Zeit erinnerte, in welcher er ihm viel höher erſchienen war. Im Garten blühten mehr Blumen und er war beſſer beſtellt, als früher, aber die alten Bäume ſtanden noch da— dieſelben, unter denen er tauſendmal im Schatten geſpielt, oder ſich des ſüßen Schlummers der glücklichen Kindheit erfreut hatte. In dem Hauſe vernahm er Stimmen. Er horchte— aber ſie waren ſeinem Ohr fremd— er kannte ſie nicht. Es waren fröhliche Stimmen, und er wußte wohl, daß ſeine arme alte Mutter nicht fröhlich ſein konnte, ſo lange er fern von ihr war.— Die Thür ward geöffnet, und eine Schaar kleiner Kinder ſprang munter und lär⸗ mend aus dem Hauſe. Der Vater mit dem jüngſten Kinde auf dem Arm erſchien in der Thüre, und die an⸗ dern drängten ſich um ihn, und zogen ihn mit ihren zar⸗ ten Händchen nach ſich, damit er an ihren frohen Spie⸗ len Theil nehme.— Der Deportirte dachte, wie oft er an derſelben Stelle vor ſeinem Vater zurückgeſchreckt war, er erinnerte ſich, wie oft er zitternd den Kopf un⸗ ter der Bettdecke verborgen, und rauhe Worte, ſchwere Streiche und das Weinen ſeiner Mutter vernommen hatte. Er ging weiter, ſchluchzend vor unſäglichem Schmerz, die Hände und Zähne krampfhaft zuſammengedrückt, in wahnſinniger tödtlicher Seelenpein. »So war ſeine Heimkehr— die Heimkehr, nach wel⸗ cher er ſo viele traurige Jahre hindurch ſo ſehnſüchtig verlangt, die ihm ſo viele und ſchwere Opfer gekoſtet hatte! Kein Lächeln des Willkommens, kein Blick der Ver⸗ zeihung, kein häuslicher Heerd, keine hülfreiche Hand— nichts, nichts— ſelbſt in ſeinem Geburtsort nicht!— Was war ſeine Einſamkeit in den menſchenleeren Wäldern und den Einöden im Lande ſeiner Verbannung und 122 Die Pickwicker. Schande gegen dieſe Verlaſſenheit in der Heimath ge⸗ weſen! »Jetzt erſt fühlte er, daß er in der Ferne an ſeinen Geburtsort nur gedacht hatte, wie derſelbe war, als er ihn verließ— nicht, wie er ihn bei ſeiner Rückkehr finden würde. »Die traurige Wirklichkeit zeigte ſich ihm kalt und abſchreckend, wie ſie war, und der Reſt von Muth ent⸗ wich ihm vollends. Er wagte es nicht, zu fragen, oder ſich der Einzigen zu entdecken, von welcher er eine. gütige mitleidige Aufnahme hoffen durfte. Er ſchlich weiter, wendete ſich gleich einem ſchuldbewußten Verbrecher vom Wege ab auf eine, ihm aus früherer Zeit wohl bekannte Wieſe, bedeckte das Geſicht mit den Händen und warf ſich auf das Gras nieder. »Er hatte nicht bemerkt, daß er ſich neben einen Mann niederwarf, der ſich jetzt neugierig in eine ſitzende Stellung emporrichtete. Auch Edmunds hob, durch das Geräuſch aus ſeiner Betäubung geweckt, den Kopf empor. Der Unbekannte war ein Mann von gebeugter Geſtalt und ſein Geſicht war gefurcht und blaß. Seiner Klei⸗ dung nach ſchien er ein Zuchthäusler zu ſein; er ſah alt aus, doch weniger bejahrt, als durch ein wüſtes Leben oder ſchwere Krankheit früh gealtert. Er blickte Edmunds ſcharf in das Geſicht, und obgleich ſeine Augen matt und leblos geweſen waren, ſchien ſich nach einiger Zeit ein unnatürliches, eine angſtvolle Bewegung verkündendes Feuer in ihnen zu entzünden, bis es endlich war, als wenn die Augen aus ihren Höhlen hervorſpringen wollten. Edmunds hob ſich langſam auf die Kniee empor und ſah dem Alten eben ſo ſcharf und immer ſchärfer in das Ge⸗ ſicht; ſie ſtarrten beide einander ſchweigend an. »Der alte Mann ward todtenbleich, ſchaudernd hob Die Pickwicker. 123 er ſich auf ſeine ſchwankenden Füße empor, und taumelte ein Paar Schritte zurück. Edmunds näherte ſich ihm. „»Laßt mich Euch reden hören,« ſagte er mit dumpfer, gebrochener Stimme. „Zurück!« ſchrie der Alte mit einem ſchrecklichen Fluche ihm zu. Der Deportirte trat noch näher zu ihm. »Zurück!« wiederholte der Alte, hob außer ſich vor Entſetzen ſeinen Stab auf, und verſetzte Edmunds einen heftigen Schlag über das Geſicht. „»Vater— Teufel,« murmelte Edmunds durch die Zähne.— Er ſtürzte ſich wüthend auf den Alten und faßte ihn bei der Kehle— doch es war ſein Vater, und kraftlos ſank ihm ſein Arm an der Seite nieder. „Der alte Mann ſtieß ein lautes gellendes Geſchrei aus, das über die einſamen Felder hintönte wie das Ge⸗ heul eines böſen Geiſtes. Sein Geſicht wurde ſchwarz, ein Blutſtrom drang aus Mund und Naſe und färbte das Gras um ihn her; er wankte und ſank zu Boden. Es war ihm ein Blutgefäß geſprungen, und nach weni⸗ gen Augenblicken lag er todt zu ſeines Sohnes Füßen.« »„In dem Winkel des Kirchhofs,« fuhr der Geiſtliche fort,»von welchem ich vorhin ſprach, liegt ein Mann be⸗ graben, der drei Jahre lang nach dieſem Vorfall mein Taglöhner war, und ſo reuig, bußfertig und demüthig, wie es je ein Menſch geweſen iſt. Mich ſelbſt ausgenom⸗ men, wußte, ſo lange er lebte, Niemand, wer er war oder von wo er gekommen:— es war John Edmunds, der Deportirte! Die Pickwicker. Siebentes Kapilel. Wie Herr Winkle ſtatt nach der Taube zu ſchießen und die Krähe zu tödten, nach der Krähe ſchoß und die Taube traf.— Wie der Cricket⸗Klubb von Dingley⸗Dell gegen Muggle⸗ ton ſpielte, und wie Muggleton und Dingley⸗Dell einen feſtlichen Schmaus hielten— nebſt andern intereſſanten und belehrenden Gegenſtänden. Die ermüdenden Abenteuer des Tages oder die ein⸗ ſchläfernde Wirkung der Erzählung des Geiſtlichen riefen in Herrn Pickwick eine ſolche Neigung zum Schlaf hervor, daß in weniger als fünf Minuten, nachdem er in ſein confor⸗ tables Schlafzimmer geführt war, er in einen geſunden und traumloſen Schlummer verfiel, aus dem er erſt erwachte, als die Morgenſonne mit ihren glänzenden Strahlen vor⸗ wurfsvoll ſeine Augenlieder traf. Herr Pickwick war kein Faullenzer, und er ſprang, wie ein kampffertiger Krie⸗ ger aus ſeinem Zelt, hinter ſeinen Bett⸗Umhängen hervor. 4 »Schönes herrliches Landleben,« ſeufzte der enthu⸗ ſiaſtiſche Gentleman, indem er ſein Fenſter öffnete.»Wer kann täglich auf Ziegelſteine und Rauchfänge blicken, der nur einmal die Wirkung einer Landſchaft wie dieſe em⸗ pfunden hat— wer kann ſein Leben unter jenen Stein⸗ maſſen zubringen?« Der ſuͤße Geruch von den Gärten und Hecken ſtieg 5 zu ſeinem Fenſter empor, das lebhafte Grün der Wieſen erglänzte in dem Morgenthau, der ſich auf jedem Blatt zeigte, wenn es von einem leichten Lüftchen erzitterte, und die Vögel ſangen, als ſei jeder funkelnde Tropfen ihnen eine Quelle der Begeiſterung. Herr Pickwick ver⸗ ſank in eine wehmüthige und entzückende Träumerei. »Hallo!« war der Ton, der ihn daraus erweckte. ——yöõ Die Pickwicker. Er ſchaute nach der rechten Seite hin, ſah aber Niemand— nach der linken, wo er eben ſo wenig Jemand erblickte, er ſtarrte nach dem Himmel, aber dort ſchien man ſeiner auch nicht zu begehren, und dann that er, was gewöhnliche Menſchen zuerſt gethan haben würden — er ſchaute in den Garten hinunter und dort erblickte er den Herrn Wardle. „»Wie befinden Sie ſich,« ſagte der gemüthliche alte Herr.»Ein ſchöner Morgen, nicht wahr? freut mich, daß Sie ſo früh aufgeſtanden ſind. Kleiden Sie ſich ſchnell an und kommen Sie herab, ich will Sie hier er⸗ warten.« Herr Pickwick bedurfte keiner zweiten Einladung. Zehn Minhten genügten zur Vollendung ſeiner Toilette und nach Verlauf dieſer Zeit war er bei dem alten Herrn. »Hallo!« ſagte jetzt Herr Pickwick ſeiner Seits, als er ſah, daß ſein Gefährte mit einer Flinte bewaffnet war, und eine andere auf dem Graſe lag.»Was haben Sie vor?« »Ihr Freund und ich,« erwiederte Herr Wardle, »wollen noch vor dem Frühſtück Krähen ſchießen. Er iſt ein ſehr guter Schütze, nicht wahr?« „»Ich habe es ihn behaupten hören,« entgegnete Herr Pickwick,»doch ich ſah ihn nie nach etwas ſchießen.« »Gut,« ſagte der Wirth, vich wollte, daß er käme. Ide— Joe!«— Der feiſte Burſche, der unter dem Einfluß der friſchen Morgenluft ſich nicht halb ſo ſchlaftrunken als ſonſt zeigte, trat aus dem Hauſe. »Geh hinauf und rufe den Herrn und ſage thnr, er werde Herrn Pickwick und mich in dem Krähenſtieg fin⸗ den. Zeige dem Herrn den Weg dorthin— hörſt du 2« Joe eilte, um ſeinen Auftrag auszurichten, und 126 Die Pickwicker. Herr Wardle ging voran, beide Gewehre wie ein zweiter Robinſon Curſoe tragend. »Wir ſind ſchon an Ort und Stelle,« ſagte der alte Herr, indem er nach einigen Minuten im Eingange einer Baumreihe anhielt. Die Bemerkung war über⸗ flüſſig, denn das unaufhörliche Gekrächze der nichtsahnen⸗ den Krähen deutete hinlänglich ihren Aufenthalt an. Der alte Herr legte das eine Gewehr auf die Erde und ladete das andere. »Da ſind ſie,« ſagte Herr Pickwick, und man er⸗ blickte wirklich in einiger Entfernung Herrn Tupman, Herrn Snodgraß und Herrn Winkle. Der feiſte Burſche, der nicht genau verſtanden hatte, welchen Heurn er rufen ſollte, war mit ſo ſeltenem Scharfſinn begabt, daß er, um der Möglichkeit eines Irrthums vorzubeugen, ſie alle drei gerufen hatte. „Kommen Sie, Sir,« rief der alte Herr dem Herrn Winkle zu,»ein ſo ausgezeichneter Schütze wie Sie, hätte längſt aufgeſtanden ſein ſollen, ſelbſt zu einer ſo geringfügigen Jagd.« 5 Herr Winkle antwortete durch ein gezwungenes Lächeln, und nahm die auf dem Graſe liegende Flinte mit der Miene eines Unglücklichen an, der ſeiner Schande nicht mehr zu entgehen hofft. Dieſe Miene hätte eifrige Begier andeuten können, aber ſie war nicht als der Aus⸗ druck eines innern Mißbehagens zu verkennen. Der alte Herr winkte und zwei zerlumpte Knaben begannen ſofort auf ein Paar Bäume zu klettern. »Wozu ſind die Knaben beſtimmt?« fragte Herr Pickwick dringend, denn er glaubte faſt, die Armuth der Landleute, von der er ſo viel gehört hatte, möchte die Kleinen veranlaßt haben, ſich dadurch einigen Unterhalt Die Pickwicker. zu verſchaffen, daß ſie ſich zu Zielſcheiben für ungeübte Schützen hergaben. »Sie ſollen nur das Wild aufſcheuchen,« erwiederte Herr Wardle lachend. »Was ſollen ſie?« fragte Herr Pickwick. »Nun, die Krähen von den Bäumen jagen.« »O, iſt das Alles 2« »Ja wohl. Sie ſind doch beruhigt 2« »Vollkommen!« »Gut. Soll ich den Anfang machen, Herr Winkle?« »Wenn es Ihnen gefällig iſt,« entgegnete Herr Winkle ſehr erfreut, eine kleine Friſt zu gewinnen. »So treten Sie zur Seite.« Der Knabe begann ſchon zu ſchreien, und einen Zweig mit einem Neſt zu ſchütteln. Ein halbes Dutzend junge Krähen in eifrigſter Unterhaltung flogen heraus, um zu fragen, was man mit ihnen vorhabe.— Der alte Herr antwortete durch einen Schuß. Einer von den Vögeln fiel herab, und die anderen flogen davon. »Nimm die Krähe auf, Joe,« ſagte der alte Herr. In den Zügen des Jünglings ſpielte ein Lächeln als er vortrat, indem umbeſtimmte Ahnungen von Krähenpaſte⸗ ten ſeine Phantaſie erfüllten. » Jetzt, Herr Winkle,« ſagte der Wirth, indem er ſeine Flinte wieder lud,»iſt die Reihe an Ihnen.« Herr Winkle trat vor, und legte an. Herr Pick⸗ wick und ſeine Freunde bückten ſich unwillkührlich, um durch den ſchweren Fall der Krähen, welcher, wie ſie ſich überzeugt hielten, durch das verwüſtende Geſchoß ihres Gefährten veranlaßt werde würde, nicht verletzt zu werden. Es trat eine feierliche Pauſe ein— man hörte das Flügelſchlagen der Krähen— das Abdrücken des Gewehrs. Die Pickwicker. »Hallo!« ſagte der alte Herr. »Will es nicht losgehen?« fragte Herr Pickwick. »Es hat verſagt,« fiel Herr Winkle ein, der ſehr bleich geworden war. »Seltſam,« ſagte der alte Herr, indem er die Flinte nahm. ⸗Sie hat doch früher nie verſagt. Aber was iſt das? ich ſehe ja kein Zündhütchen?2« »Wahrhaftig,« ſagte Herr Winkle, vich muß das Zündhütchen vergeſſen haben.« Das kleine Veuſehen wurde wieder gut gemacht. Herr Pickwick bückte ſich nochmals; Herr Winkle trat mit entſchloſſener Miene vor, Herr Tupman hatte ſich hinter einen Baum geſtellt. Der Knabe ſchrie— vier Krähen flogen auf— Herr Winkle drückte ab. Man vernahm ein Angſtgeſchrei— aber nicht von einer Krähe. Herr Tupman rettete unzähligen unſchuldigen Vögeln das Leben dadurch, daß er einen Theil der Ladung in ſeinen linken Arm aufgenommen hatte. Es würde unmöglich ſein, die hierauf folgende Ver⸗ wirrung zu ſchildern— wie Herr Pickwick in dem erſten 128 Ausbruch ſeines Zorns Herrn Winkle einen»Schänd⸗ lichen« nannte, wie Herr Tupman ausgeſtreckt auf der Erde lag, und wie Herr Winkle, außer ſich vor Schrecken, neben ihm nieder kniete— wie Herr Tupman in ſeiner Zerſtreuung deutlich einen weiblichen Vornamen nannte, darauf zuerſt das eine und dann das andere Auge öffnete, dann zurückſank und beide wieder ſchloß— alles dies würde ſo ſchwer zu ſchildern ſein, als die allmählige Wiederherſtellung des Unglücklichen, wie ihm zuerſt der Arm mit Schnupftüchern verbunden, und er von den beſorgten Freunden unterſtützt, langſam nach dem Wohn⸗ hauſe zurückgeführt wurde. Die Damen ſtanden an dem Gartenthor, auf die —y—; Die Pickwicker. 129 Ankunft der Herren und auf das Frühſtück wartend. Die Tante lächelte und winkte ihnen, ſchneller zu gehen. Es war offenbar, daß ſie noch nichts von dem Unfall wußte. Die Aermſte! es giebt Zeiten, in denen die Un⸗ wiſſenheit ein Segen iſt. Sie kamen näher. »Was mag dem kleinen alten Herrn fehlen?« ſagte Iſabella Wardle. Die Tante beachtete die Frage nicht, indem ſie glaubte, ſie bezöge ſich auf Herrn Pickwick. In ihren Augen war Tracy Tupman noch ein Jüngling; ſie erblickte ſeine Jahre durch ein Verkleinerungsglas. »Erſchreckt nicht!« rief der Wirth den Damen zu. „Was iſt denn vorgefallen?« riefen die Damen. „Herr Tupman hat nur einen kleinen Unfall gehabt.⸗ Die Tante ſtieß einen durchdringenden Schrei aus und ſank ohnmächtig in die Arme ihrer Nichten zurück. »Beſpritzt ſie mit etwas kaltem Waſſer,« ſagte der alte Herr. »Nein, nein,« murmelte die Tante,»ich erhole mich ſchon. Bella! Emilie! laßt ſchnell einen Wundarzt rufen. Iſt er verwundet? iſt er todt? iſt er— ha ha hal«⸗— und ſie brach in ein hyſteriſches Lachen aus. »Beruhigen Sie ſich,« ſagte Herr Tupman, durch dieſen Beweis der Theilnahme an ſeinen Leiden faſt bis zu Thränen gerührt.»Theure, theure Miß, beruhigen Sie ſich!« „Es iſt ſeine Stimme,“« rief ſie aus, und es zeigten ſich ſtarke Symptome eines neuen hyſteriſchen Lachens. »Ich bitte Sie, meine Theuerſte, ſeien Sie unbe⸗ ſorgt,« ſagte Herr Tupman.»Ich verſichere Sie, daß ich nur leicht verwundet bin.« »So ſind Sie alſo nicht todt?« rief die hyſteriſche Dame.»O ſagen Sie, daß Sie nicht todt ſind.. Die Pickwicker. I. 9 . 130 Die Pickwicker. »Sei keine Närrin, Rachel,« fiel Herr Wardle etwas rauher ein, als ſich eigentlich mit der poetiſchen Natur der Scene vertrug.»Wie zum Teufel kannſt Du verlangen, daß er ſagen ſoll, er ſei nicht todt?« „»Nein, nein, ich bin es nicht,« ſagte Herr Tupman. „Ich bedarf keines andern Beiſtandes als des Ihrigen. Geben Sie mir Ihren Arm,« fügte er flüſternd hinzu, „po Miß Rachel!« Die aufgeregte Dame reichte ihm ihren Arm. Alle begaben ſich in das Wohnzimmer, Herr Tracy Tupman drückte ihre Hand an ſeine Lippen und ſank auf das Sopha. „»Wird Ihnen unwohl?« ſragte die beſorgte Rachel. „Nein,« entgegnete Herr Tupman,»es iſt nichts. Mir wird gleich beſſer ſein.« Er ſchloß ſeine Augen. »Er ſchläft,« murmelte die Tante, als er ſeine Augen etwa zwanzig Minuten geſchloſſen hatte.»Theurer, theurer Tupman.« Herr Tupman ſprang auf.»O ſagen Sie dieſe Worte noch einmal,« rief er aus. Sie hörten ſie doch hoffentlich nicht?« erwiederte die Tante verſchämt. »Ach ja, ich hörte ſie,« entgegnete Herr Tupman. „»O, ich bitte, wiederholen Sie die Worte. Thun Sie es, wenn Sie wünſchen, daß ich wieder geneſe!« »Still,« ſagte die Dame,»mein Bruder.« Herr Tracy Tupman ſank wieder auf das Sopha zurück und Herr Wardle trat mit einem Wundarzt ein. Der Arm wurde unterſucht, die Wunde verbunden und für ſehr unbedeutend erklärt, und nachdem die Ge⸗ müther beruhigt waren, ſetzte ſich die Geſellſchaft bei wieder hergeſtellter Heiterkeit zum Frühſtück. Nur Herr Pickwick war ſtill und zurückhaltend, ſeine Mienen drück⸗ ten Zweifel und Mißbehagen aus. Sein Vertrauen zu — Die Pickwicker. 131 Herrn Winkle war durch die Vorfälle des Morgens er⸗ ſchüttert, zu heftig erſchüttert. »Sind Sie ein Cricket⸗Spieler 2« fragte Herr Wardle den Schützen. Zu jeder andern Zeit würde Herr Winkle bejahend geantwortet haben, er fühlte jedoch das Mißliche ſeiner Lage und erwiederte beſcheiden:»nein.« »Sind Sie es, Sir?« fragte Herr Snodgraß. »Ich war es zu meiner Zeit,« erwiederte Herr Wardle, vaber ich habe es jetzt aufgegeben. Ich bin Mit⸗ glied des hieſigen Klubbs, ſpiele aber nicht mehr mit.« »Heute findet, glaube ich, die große Wettpartie Statt,« ſagte Herr Pickwick. »Ja wohl,« erwiederte Herr Wardle,»Sie würden natürlich gern zuſchauen 2a »Es macht mir viel Vergnügen, Sir,« entgegnete Herr Pickwick,»körperlichen Uebungen beizuwohnen, wenn es mit Sicherheit geſchehen kann und ungeſchickte Anfän⸗ ger kein Menſchenleben in Gefahr bringen.« Herr Pick⸗ wick hielt inne und blickte ſcharf auf Herrn Winkle, der durch des Meiſters Bemerkung wie vernichtet war. Der große Mann wendete ſeine Angen nach einigen Minuten von ihm ab und fügte hinzu:»Wird es auch recht ſein, wenn wir unſern verwundeten Freund der Fürſorge der Damen allein überlaſſen?«—»Ich könnte nicht in beſ⸗ ſern Händen ſein,« ſagte Herr Tupman. »Unmöglich!« bemerkte Herr Snodgraß. Es wurde demnach beſchloſſen, daß Herr Tupman der Pflege der Damen anvertraut und Herr Wardle mit den andern Herren nach dem Schauplatz des Wettſpiels, welches ganz Muggleton und Dingley⸗Dell fieberiſch auf⸗ regte, ſich begeben ſolle. Da der Weg durch ſchattiges Gebüſch auf einſamen Fußpfaden führte, und ihre Unterhaltung die herrliche 9* 13² Die Pickwicker. 2 Ausſicht betraf, welche ſie nach allen Seiten hatten, ſo bedauerte Herr Pickwick faſt die Eile ihrer Wanderung, als er in der Hauptſtraße der Stadt Muggleton ange⸗ langt war. Wer nur einigermaßen mit der Topographie ver⸗ traut iſt, weiß, daß Muggleton eine Stadt mit einer Korporation, einem Mayor, Wahlbürgern und Freemen iſt, und wer die Anreden des Mayors an die Freemen oder der Freemen an den Mayor, oder beider an die Wahlbürger⸗Korporation, oder aller drei an das Parla⸗ ment nicht unbeachtet ließ, wird daraus entnommen ha⸗ ben, was er ſchon vorher hätte wiſſen ſollen, daß nämlich Muggleton ein alter und loyaler Burgflecken iſt, der ſtets mit großem Eifer für chriſtliche Prinzipien eine hingebende Vorliebe für die Handelsgerechtſame verband, wie dieſes ſchon daraus hervorgeht, daß der Mayor, die Korpora⸗ tion und andere Einwohner zu verſchiedenen Zeiten nicht weniger als 1420 Petitionen gegen die Fortdauer der Negerſklaverei in den Kolonien und eine gleiche Anzahl gegen die Abſchaffung des Faktorei⸗Syſtems in England, 68 für die Geſtattung des Verkaufs von Kirchenpfründen und 86 für das Verbot des Kaufens und Verkaufens am Sonntage eingereicht hatten. Herr Pickwick ſtand auf der Hauptſtraße dieſer ruhmwürdigen Stadt, und blickte ſich mit Neugier und nicht ohne lebhafte Theil⸗ nahme um. Dort ſah er ein offenes Viereck, zum Markt⸗ platz dienend, und in der Mitte deſſelben ein großes Gaſthaus, deſſen Schild ein Geſchöpf zeigte, das in der Kunſt ſehr gewöhnlich, in der Natur dagegen deſto ſelte⸗ ner iſt, nämlich einen blauen Löwen, mit drei Beinen in der Luft ſchwebend und auf der äußerſten Spitze der mittleren Kralle ſeines vierten Fußes balancirend. Hier erblickte er die Büreau's eines Auctionators, eines Feuer⸗ 2 Die Pickwicker. 133 verſicherungs⸗Agenten und eines Kornmäklers; ferner die Läden eines Linnenhändlers, eines Sattlers, eines Liqueur⸗ Fabrikanten, eines Krämers und eines Schuhmachers, und der des letztern diente zugleich zur Verbreitung von Hüten, Hauben, Kleidungsſtücken, baumwollenen Regen⸗ ſchirmen und gemeinnützigen Kenntniſſen. Herr Pickwick ſah ferner ein von Ziegelſteinen erbauetes Haus mit einem kleinen gepflaſterten Hofe, von welchem Jeder wußte, daß es dem Sachwalter angehöre, und ein anderes aus Zie⸗ gelſteinen erbauetes Haus mit grünen Jalouſien und einer großen Kupferplatte an der Thür, worauf ſehr deutlich zu leſen war, daß der Wundarzt hier wohne. Einige Knaben eilten nach dem Cricket⸗Platze, und zwei bis drei vor ihren Thüren ſtehenden Ladenbeſitzern ſah man es an, daß ſie ebenfalls gern hingegangen wären, was ſie allem Anſchein nach auch wohl hätten thun können, ohne daß ſie dadurch etwas Sonderliches in ihrem Geſchäft ein⸗ gebüßt haben würden. Nachdem Herr Pickwick etwas verweilt hatte, um dieſe Bemerkungen zu machen, die er u gelegener Zeit in ſein Notizenbuch einzutragen beab⸗ ſichtigte, eilte er ſeinen Freunden nach, die ſich ſchon dem Schauplatze des Wettſpiels näherten. 3 Die Pfähle waren bereits ausgeſteckt, und einige Zelte für die Ruhe und Erquickung der ſtreitenden Par⸗ teien aufgeſchlagen, aber das Spiel hatte noch nicht be⸗ gonnen. Einige Dingley⸗Deller und Muggletonier ver⸗ trieben ſich die Zeit, indem ſie den Ball von Hand zu Hand warfen, und mehrere andere Herren, wie jene für das Cricket⸗Spiel gekleidet, nämlich mit Strohhüten, in Flanell⸗Jacken und weißen weiten Beinkleidern, ver⸗ weilten in den Zelten, zu deren einem Herr Wardle die Geſellſchaft führte. Der alte Herr ward durch einige Dutzend:„»Wie —O—;—Z—— ¹ 4 2 - 134 Die Pickwicker. befinden Sie ſich« und ein allgemeines Strohhut⸗Abneh⸗ men begrüßt. Er ſtellte darauf ſeine Gäſte als Gentle⸗ men aus London vor, die äußerſt begierig ſeien, den Feſt⸗ lichkeiten des Tages beizuwohnen, welche, wie er nicht d zweifle, ihnen viel Vergnügen machen würden. »Treten Sie doch herein, Sir,« ſagte ein korpulen⸗ ter Gentleman, deſſen Leib und Beine wie die Haͤlfte eines rieſenhaften Flanellballens auf einem Paar aufgeblaſe⸗ nen Kopfkiſſen⸗Ueberzügen ausſahen. Sie werden es hier ſehr angenehm finden,« ſagte 92 a ein anderer feiſter Herr, der genau der andern Hälfte .. on K 8 7 1 der vorerwähnten Flanellrolle glich. »Sie ſind ſehr gütig,« entgegnete Herr Pickwick. „»Hier,« fuhr der erſte handfeſte Gentleman fort,»hier wird gekerbt; es iſt hier gerade der beſte Platz auf dem ganzen Felde,« und mit dieſen Worten ging er ihnen voran dem Zelte zu... 3 »Treffliches Sport— herrliches Spiel— kapitale Leibesübung! ſehr, ſehr!« Dieſe Worte kamen Herrn Pickwick beim Hinein⸗ treten in das Zelt zu Ohren, und in demſelben Augen⸗ blicke bemerkte er ſeinen grünröckigen Freund von der Rocheſter⸗Diligence, der in der Mitte eines auserwählten Kreiſes von Muggletoniern zur großen Beluſtigung der⸗ ſelben figurirte. Seine Garderobe hatte ſich ein wenig verbeſſert und er trug Stiefel, war jedoch nicht leicht zu verkennen. Auch erkannte er gleich ſeine Freunde, lief auf Herrn Pickwick zu, ergriff die Rechte des würdigen Mannes, zog ihn mit ſeiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit zu einem Sitz, und plauderte dabei in einem fort, mit einer Miene, als wenn das ganze Arrangement unter ſeine beſondere Protection und Leitung geſtellt wäre. —. Die Pickwicker. 135 „Hier— hier— kapitaler Spaß— Bier die Hülle und Fülle— ganze Tonnen;— Rindsbraten— ganze Ochſen;— Senf— Wagen voll;— glorreicher Tag— ſetzen Sie ſich— machen's ſich bequem— freut mich, Sie zu ſehen— freut mich ſehr.« Herr Pickwick nahm Platz, weil es ſo ſein mußte, und die Herren Winkle und Snodgraß unterwarfen ſich gleichfalls den Anordnungen ihres myſteriöſen Freundes. Herr Wardle ſah in ſtummer Verwunderung zu. »Herr Wardle, ein Freund von mir,« ſagte Herr Pickwick. „»Freund von Ihnen!— Mein werther Herr, ich grüße Sie, wie geht's?— Freund meiner Freunde— Ihre Hand, Sir,« ſagte der Grünrock, und ergriff die Hand des Herrn Wardle, die er mit der Wärme eines vieljährigen vertrauten Freundes drückte; er trat darauf einige Schritte zurück, als wolle er Wardles Ge⸗ ſicht und Geſtalt recht genau beſchauen, und dann reichte und drückte er abermals mit wo möglich noch größerer Wärme deſſen Hand. »Aber, ſagen Sie mir, welcher Zufall bringt Sie hierher,« ſagte Herr Pickwick mit einem Lächeln, in welchem ſich Wohlwollen und Verwunderung zugleich ausſprachen. »Ah,« erwiederte der Unbekannte,»ſtieg in der Krone ab— Krone in Muggleton, ſtieß auf'ne Geſellſchaft— Flanell-Jacken— weiße Hoſen— But⸗ terbrod mit Anchovies— gepfefferte Nieren— treffliche Kumpane— wundervoll!« Herr Pickwick war mit dem ſtenographiſchen Syſtem des Grünrocks hinreichend bekannt, um aus ſeinen ge⸗ brochenen Phraſen entnehmen zu können, daß er auf irgend eine Weiſe Bekanntſchaft mit Muggletoniern ge⸗ 136 Die Pickwicker. macht habe, die er ſogleich auf die ihm eigene Weiſe in eine Art von Vertraulichkeit verwandelt und darauf eine Einladung erhalten hatte, die jedoch in der That ſo all⸗ gemein war, daß ſie den Namen kaum verdiente. Herrn Pickwicks Neugierde war daher ſofort befriedigt, und er ſetzte ſeine Brille zurecht, um dem eben beginnenden Cricketſpiel zuzuſchauen. Muggleton war zuerſt am Spiele, und groß war die Spannung, als Herr Dunckins und Herr Podder, zwei der ausgezeichnetſten Klubbmitglieder, mit den Ballhöl zern in der Hand, zu ihren Wickets gingen. Herr Luf⸗ fey, Dingley⸗Dells höchſte Zier, war auserkohren, den Ball gegen das Wicket des bisher unbeſiegten Dunckins zu ſchleudern, und Herr Struggles, dem noch nie über⸗ wundenen Podder denſelben Liebesdienſt zu erzeigen. An mehreren Plätzen wurden Spieler als Aufpaſſer hin⸗ geſtellt, die ſich in gehörige Poſitur ſetzten, indem ſie ſich, wie alle regelrechten Cricketſpieler, ein wenig bückten, und die Hände auf die Knie ſtemmten, als wollten ſfe ſich für einen Anfänger im Voltigiren zurecht ſtellen, weil man es als ausgemacht annimmt, daß man unmöglich in einer andern Stellung gut aufpaſſen könne. Die Schiedsrichter begaben ſich hinter die Wickets; die Anſchreiber bereiteten ſich zum Ankerben; es herrſchte die größte Stille. Herr Luffey trat einige Schritte hin⸗ ter Podders Wicket zurück und hielt einige Sekunden lang den Ball vor ſein rechtes Auge. Luffey's Bewegungen ſcharf beobachtend, erwartete Dunckins das Heranfliegen des Balls. »Aufgepaßt!« ſchrie plötzlich der Bowler, und der Ball flog wie ein Pfeil gerade auf den mittleren Stab des Wickets zu. Dunckins war auf ſeiner Hut, und fing mit dem obern Ende ſeines Ballholzes den Ball Die Pickwicker. 137 auf, der dicht über die Köpfe der Aufpaſſer weg ſauſ'te, welche nur eben Zeit hatten, ſich tief genug zu bücken, um nicht getroffen zu werden. Ein Bowler nach dem andern trat auf und wieder ab, erlahmt von der Anſtrengung; Dunckins und Podder aber waren unermüdlich und blieben unüberwunden. Muggleton zählte vier und funfzig; Dingley⸗Dell noch immer nichts. Luffey und Struggles thaten ihr Beſtes, doch vergebens; Dingley⸗Dell war endlich genöthigt, ſich für beſiegt zu erklären. Während des Spiels hatte der Unbekannte ohne Aufhören gegeſſen, getrunken und geſchwatzt. Nach jedem guten Schlag gab er ſeine Zufriedenheit durch eine ſehr herablaſſende Göttermiene zu erkennen, wodurch die Be⸗ lobten ſich höchſt geſchmeichelt fühlen mußten; dagegen drückte er ſein Mißfallen, wenn ein Ball gefehlt oder ſchlecht aufgefangen wurde, durch ein:»Dumm!« aus, oder durch ein:»Tölpiſch!« ein»Schmachvoll!« — und ſofort, Ausrufungen, welche in der Meinung Aller ihn als einen trefflichen und untrüglichen Rich⸗ ter in der Kunſt und den Geheimniſſen des edlen Cricketſpiels anerkennen ließen. „»Kapitales Spiel— gut geſpielt— einige Schläge ganz ausgezeichnet,« ſagte er, als beide Parteien nach dem Schluſſe des Spiels in das Zelt zurückkehrten. »Sie ſind Cricketſpieler, Sir?« fragte Herr Wardle, den ſeine Redſeligkeit ſehr beluſtigt hatte. „Ob ich's bin?— tauſendmal geſpielt— nicht hier— in Weſtindien— heiße Arbeit— ſehr heiß.« „In einem ſolchen Klima muß dieſes Spiel aller⸗ dings warm machen,« bemerkte Herr Pickwick. »Warm!— glühendheiß!— feuerroth!— Spielte einſt um eine Wette— mein Freund der Obriſt, Sir * 6 138 3 Die Pickwicker. Thomas Blazo, ſing an— ſechs Eingeborne kamen— hielten mit— wurden alle ohnmächtig— fortgebracht — neues halbes Dutzend— auch ohnmächtig— Sonne ſo heiß, daß Ball und Ballholz rauchten— brandig rochen— hielt mit Allen aus— von Morgens ſieben Uhr bis Mittag— fünfhundert ſiebenzig Ballſchläge— Quanko⸗Samba— letzte Mann im Spiel— bot alle ſeine Kräfte auf— mußte ein Bad nehmen— äußerſt erſchöpft.⸗ »Und was wurde aus dem Herrn, Sir, wie hieß er doch?« fragte ein alter Herr. „»Blazo.« „»Nein, der Andere.« »Quanko⸗Samba?«. »Ja, Sir.« „»Arme Quanko— erholte ſich nicht— ſtarb, Sir!« Hier begrub der Fremde ſein Geſicht in einem Bier⸗ kruge; wir können nicht beſtimmt behaupten, ob es ge⸗ ſchah, um ſeine Rührung zu verbergen oder um deſſen Inhalt zu leeren. Wir wiſſen nur, daß er plötzlich ab⸗ ſetzte, lange und tief Athem holte, und unruhig auf zwei der angeſehenſten Mitglieder des Dingley⸗Deller⸗Klubbs blickte, die ſich Herrn Pickwick mit den Worten nä⸗ herten: »Wir werden ein einfaches Mittageſſen im blauen Löwen einnehmen, Sir, und hoffen, daß Sie und Ihre Freunde ſich uns anſchließen werden.« „»Natürlich,« ſagte Herr Wardle,»zu unſern Freun⸗ den zählen wir auch Herrn—« und er blickte auf den Fremden. »Jingle,« ſagte der Geſchwätzige, den Wink ſofort benutzend—»Jingle— Alfred Jingle Esg.“« „Es wird mich ſehr freuen,« ſagte Herr Pickwick. 6 —— ⏑ ☛—* Die Pickwicker. 139 »Mich auch,« fiel Herr Alfred Jingle ein, indem er Herrn Pickwick an den einen und Herrn Wardle an den andern Arm faßte, und vertraulich dem Erſtgenann⸗ ten zuflüſterte: „Vortreffliches Diner— kalt, aber kapital— heute Morgen in den Saal geblickt— Geflügel— Paſteten und dergleichen— angenehme Leute hier— ſehr gut benommen— ſehr gut!« Die Geſellſchaft begab ſich zu zweien und dreien in die Stadt zurück, und nach einer Viertelſtunde ſaßen Alle in dem großen Saale des Wirthshauſes zum blauen Löwen in Muggleton— Herr Dunckins nahm den Prä⸗ ſidentenſtuhl ein und Herr Luffey fungirte als Vice⸗ Präſident.— Es wurde viel geſprochen und gelacht, die Meſſer und Gabeln in lebhafte Bewegung geſetzt, und die nahrhaften Speiſen verſchwanden ſchnell von dem Tiſch. Zu allem dieſem trug der muntere Herr Jingle mehr bei, als ein halbes Dutzend von den An⸗ dern.— Als Jeder ſo viel gegeſſen hatte als er konnte, ward das Tiſchtuch fortgenommen, Flaſchen, Gläſer und Deſſert aufgeſtellt, und die dienenden Geiſter entfernten ſich, um ſich von dem Eßbaren und Trinkbaren, das übrig geblieben war, ſo viel als möglich zuzueignen. Unter der allgemeinen muntern Geſprächigkeit hielt ſich nur ein kleiner Mann mit einer Miene, in welcher der Geiſt des Widerſpruchs ausgeprägt zu ſein ſchien, ganz ſtill. Er blickte nur bisweilen, wenn die Unter⸗ haltung in Stocken gerieth, bedeutſam umher, als wolle er etwas ſehr Wichtiges vorbringen, und räusperte ſich dann und wann mit unbeſchreiblicher Würde.— End⸗ lich, als eine kleine Pauſe eingetreten war, rief der kleine Mann mit ſehr lauter feierlicher Stimme: „»Herr Luffey!« 9 140 4 Die Pickwicker. Ein tiefes Stillſchweigen trat ein, als der Ange⸗ redete erwiederte: „Sir!« „Ich wünſchte, einige Worte an Sie zu richten, Sir, wenn Sie die Herren erſuchen wollen, ihre Gläſer zu füllen.« Herr Jingle ließ ein»Hört! Hört!« im Gönner⸗ ton vernehmen, welches von der ganzen Geſellſchaft wie⸗ derholt wurde, und nachdem die Gläſer gefüllt waren, nahm der Vice⸗Präſident eine ſehr wichtige Miene an und ſagte: »Herr Staple!« »Sir,« begann der kleine Mann ſich erhebend, vich wünſche, was ich zu ſagen habe, an Sie, und nicht an unſern würdigen Vorſitzenden zu richten, weil derſelbe eini⸗ germaßen— ich ſollte ſagen in hohem Grade— der Gegenſtand deſſen iſt, was ich zu ſagen habe, oder viel⸗ mehr zu— zu—« „»Vorzutragen,« warf Herr Jingle ein. »„Ja, vorzutragen,« fuhr der kleine Mann fort.»Ich danke meinem ehrenwerthen Freunde für ſeine Unterſtü⸗ tzung— wenn ich ſo kühn ſein darf, ihn ſo zu nennen— (vier:»hört's!« und eins davon gewiß aus dem Munde des Herrn Jingle).»Sir, ich bin ein Deller— ein Dingley⸗Deller(Beifall), ich kann keinen Anſpruch auf die Ehre machen, mich zu einem Mitglied der Bevöl⸗ kerung Muggletons zu zählen, auch will ich offen beken⸗ nen, daß ich eine ſolche Ehre nicht verlange. Ich will Ihnen den Grund davon ſagen, Sir(hört!)— Ich geſtehe Muggleton bereitwillig alle Ehre und Auszeich⸗ nungen zu, auf welches es begründete Anſprüche hat. Sie ſind zu zahlreich und wohlbekannt, als daß es hier einer Aufzählung derſelben noch bedürfte. Während wir —— — „— 2 Die Pickwicker. 141 uns jedoch erinnern, Sir, daß Muggleton einen Dun⸗ ckins und einen Podder hervorgebracht hat, laſſen Sie uns nie vergeſſen, daß Dingley⸗Dell ſich eines Luffey und eines Struggles rühmen kann(ſtürmiſcher Beifalh. Möge man jedoch nicht glauben, als wolle ich die Ver⸗ dienſte der erſtgenannten Herren ſchmälern.— Sir, ich beneide Ihnen Ihre entzückenden Gefühle in dieſer Stunde (Beifall). Die mir zuhörenden Gentlemen ſind ohne Zweifel mit der Antwort bekannt, welche einſt der Kaiſer Alexander von einem Mann in einer Tonne erhielt:— »Wenn ich nicht Diogenes wäre, ſagte er, ſo möchte ich Alexander ſein.“⸗— Ich kann mir nun denken, daß auch die genannten Gentlemen ſagen möchten:»Wenn ich nicht Dunckins wäre, ſo möchte ich Luffey ſein,— wenn ich nicht Podder wäre, ſo möchte ich Struggles ſein!« (Enthuſiaſtiſcher Beifall). Aber, Gentlemen von Mug⸗ gleton, zeichnen ſich Ihre Mitbürger nur im Cricketſpiel aus?— Haben Sie nicht von Dunckins und ſeiner Entſchloſſenheit vernommen?— Haben Sie nicht längſt den Namen Podder mit dem Begriff der Standhaftigkeit verknüpft?(großer Beifall.) Haben Sie ſich nie, wenn Sie für Ihre Rechte, Freiheiten und Privilegien kämpf⸗ ten, ſich, wenn auch nur für einen Augenblick, bangen Beſorgniſſen oder ſelbſt der Verzweiflung hingegeben?— Und wenn Sie ſich darnieder gebeugt fühlten, entzündete dann der Name Dunckins nicht von Neuem das eben erloſchene Feuer in Ihrer Bruſt, und ließ nicht ein Wort dieſes Mannes es ſo hell wieder aufleuchten, als ſei es nie erloſchen geweſen?(ſtürmiſcher Beifall). Meine Her⸗ ren, ich erſuche Sie, die vereinigten Namen Dunckins und Podder mit dem reichen Strahlenkranz eines begei⸗ ſterten Lebehoch zu umgeben.“⸗ Hier ſchwieg der kleine Mann und die Geſellſchaft 1 142 Die Pickwicker. wurde wieder ſehr munter und geſprächig. Es wurden noch viele andere Geſundheiten ausgebracht. Herr Luf⸗ fey und Herr Struggles, Herr Pickwick und Herr Jingle waren die Gegenſtände uneingeſchränkten Lobes und jeder Toaſt ward durch die Dankreden der Herren gebührend erwiedert. Die Begeiſterung, die uns für die edle Sache be⸗ ſeelt, welcher wir unſere Kräfte gewidmet, würde uns mit einem unausſprechlichen Gefühl des Stolzes und mit dem Bewußtſein, etwas gethan zu haben, um die Un⸗ ſterblichkeit zu verdienen, deren wir jetzt beraubt ſind, erfüllt haben, wenn wir unſeren geneigten Leſern dieſe Reden mittheilen könnten. Zwar zeichnete Herr Snod⸗ graß wie gewöhnlich ſehr Vieles auf, woraus ſich ohne Zweifel die nützlichſten und werthvollſten Materialien würden entnehmen laſſen, wenn nicht die blühende Be⸗ redſamkeit der Worte, oder der Einfluß des Weins, die Hand dieſes Herrn ſo unſicher gemacht hätten, daß ſeine Schrift faſt unlesbar iſt. In Folge genauer Nachfor⸗ ſchungen gelang es uns nur, hin und wieder Schriftzüge zu entdecken, die eine leichte Aehnlichkeit mit den Namen der Redner hatten und wir können auch den Anfang eines Liedes unterſcheiden, das wahrſcheinlich durch Herrn Jingle geſungen wurde, und in welchem die Worte: Glas, Faß— Becher— Zecher— häufig wiederholt werden. Wir glauben auch gegen das Ende der Notizen eine un⸗ beſtimmte Andeutung auf Quetſchungen und Beulen zu entdecken, und dann finden ſich noch die Worte:»kalt, draußen,« doch da wir hierdurch nicht befähigt ſind, be⸗ ſtimmte Thatſachen aufzuſtellen, ſo wollen wir uns auf Hypotheſen nicht einlaſſen. —————=— 29 Die Pickwicker. 143 Neuntes Kapitel. Welches den Satz, daß die Bahn treuer Liebe keine Eiſenbahn ſei, erörtert. Die ſtille Abgeſchiedenheit von Dingley⸗Dell, die Anweſenheit ſo vieler Mitglieder des zarteren Geſchlechts und die von denſelben Herrn Tupman gewidmete Theil⸗ nahme und Pflege, dieſes Alles war dem Wachsthume und der Entwickelung jener ſanfteren Gefühle günſtig, welche die Natur tief in ſeinen Buſen gepflanzt hatte, und die jetzt beſtimmt zu ſein ſchienen durch einen einzi⸗ gen liebenswürdigen Gegenſtand gefeſſelt zu werden. Die jungen Damen waren hübſch, ihr Benehmen gewinnend und untadelhaft, aber in dem ganzen Weſen der Tante lag eine Würde, in ihrem Gange etwas Ehrfurchtgebie⸗ tendes, das zu ſagen ſchien:»Berühre mich nicht!« in ihrem Blicke eine Hoheit, worauf ihre Nichten in ſo jugendlichem Alter noch keinen Anſpruch machen konnten, und wodurch die Tante ſich bei Weitem vor allen Frauen auszeichnete, die Herr Tupman je kennen gelernt hatte. Es war einleuchtend, daß etwas Verwandtes in beider We⸗ ſen— eine geheime Sympathie ihrer Geiſter— ſie zu einander hinzog. Ihr Name war der erſte, der den Lippen des Herrn Tupmann entſchlüpfte, als er verwundet auf dem Graſe lag, und ihr hyſteriſches Lachen war der erſte Ton, der ſein Ohr traf, als er nach dem Wohnhauſe zurück⸗ geführt wurde. War aber ihre Aufgeregtheit nur die Folge einer liebenswürdigen weiblichen Empfindſamkeit geweſen, welche ſie in keinem ähnlichen Fall hätte zurück⸗ drängen können, oder war ſie durch ein glühenderes oder 144 Die Pickwicker. leidenſchaftlicheres Gefühl, das nur er allein von allen Sterblichen in ihrem Buſen zu enzünden vermochte, her⸗ vorgerufen wurde?— Dieſes waren die Zweifel, die ihn quälten, als er ausgeſtreckt auf dem Sopha lag— dieſes die folternde Ungewißheit, welcher er ſogleich und für immer ein Ende zu machen beſchloß. Es war Abend.— Jaabelle und Emilie machten einen Spaziergang mit Herrn Trundle.— Die taube alte Dame war in ihrem Lehnſtuhl eingeſchlafen— das Schnarchen des feiſten Burſchen drang in lauten mono⸗ tonen Tönen aus der entfernten Küche her— die derben Mägde ſaßen auf dem Hofe, ſich der Feierſtunde und der Schäckerei mit gewiſſen unbeholfenen zum Haus⸗ halt gehörigen Thieren erfreuend. Und da ſaß nun unſer intereſſantes Paar unbeachtet von Allen, um Niemand ſich kümmernd, und nur mit ſich ſelbſt beſchäf⸗ tigt— da ſaßen ſie, mit einem Wort, wie ein Paar ſorgfältig zuſammengezogene Handſchuhe. „Ich habe meine Blumen vergeſſen,« ſagte die Tante. „O, begießen Sie ſie jetzt,« entgegnete Herr Tup⸗ man in zärtlichem Ton. »Aber Sie würden ſich in der Abendluft erkälten,« ſagte die Tante beſorgt. »Nein, nein,« entgegnete Herr Tupman aufſtehend, nſie wird mir wohl thun. Erlauben Sie, daß ich Sie begleite.« Als die Jungfrau das Band geordnet hatte, in wel⸗ chem der Jüngling den Arm trug, ließ ſie ſich von ihm in den Garten führen. In der obern Ecke deſſelben war eine Laube von Geißblatt, Jasmin und Schlinggewächſen— eins der allerliebſten Verſtecke, die von leutſeligen Menſchen zur ——— Die Pickwick er. 145 Bequemlichkeit der Spinnen gepflanzt und gezogen werden. 3 45 Die Tante langte nach einer Gießkanne, die in einem Winkbel der Laube lag, und war im Begriff die Laube zu verlaſſen. Herr Tupman hielt ſie zurück und zog ſie neben ſich auf die Bank nieder. „»Miß Wardle!« ſagte er. 8 Die Tante zitterte ſo heftig, sß einige Kieſelſtein⸗ chen, welche zufällig in der Gießkanne lagen, wie eine Kinderklapper zu raſſeln begannen. »Miß Wardle!« wiederholte Herr Tupman,„»Sie ſind ein Engel!«. „»Herr Tupman!⸗« flüſterte Rachel, und wurde ſo roth wie ihr rothglaſirtes Gießgeſchirr. „»Doch, g fuhr der beredte Pickwicker fort,»ja, ich weiß es nur zu gewiß!« „»Nach der Ausſage der Maͤnner ſind alle Frauen⸗ zimmer Engel,« lispelte die Dame, kokettirend. „»Und wenn das der Fall ſein ſollte, was müſſen Sie dann ſein— und mit wem kann ich Sie in Ver⸗ gleich ſtellen, ohne Ihre Reize zu verringern?« verſetzte Herr Tupman.„»Wo wäre je eine Frau geſehen wor⸗ den, die Ihnen geglichen hätte?— Wo könnte ich jemals hoffen, einen ſo ſeltenen Verein von Trefflichkeit und Schönheit zu finden, als bei Ihnen? Wo— wo?— ols Herr Tupman hielt hier inne und drückte die Hand, welche den Henkel der glücklichen Gießkanne umfaßt hielt. Die Dame wandte den Kopf zur Seite. „Die Männer ſind gar zu flatterhaft,« flüſterte ſie. „»Ja, ja, ſie ſind es,« rief Herr Tupman aus, es giebt jedoch Ausnahmen. Wenigſtens lebt ein Mann, dem es unmöglich iſt, ſeine Geſinnungen je zu ändern— Die Pickwicker. I. 10 146 Die Pickwicker. der ſein ganzes Daſein Ihrem Glücke opfern möchte, der nur von Ihren Blicken lebt, durch Ihr Lächeln athmet— die drückende Bürde des Lebens nur für Sie allein trägt.⸗ »Wäre ein ſolcher Mann zu finden?« ſagte die Dame,»doch—« 3 »Er iſt zu finden,« fiel der glühende Tupman ein, ver iſt gefunden, und liegt hier zu Ihren Füßen!« Und bevor die Dame ſeine Abſicht von fern ahnen konnte, war Herr Tupman vor ihr auf die Kniee nieder⸗ geſunken. »Stehen Sie auf, Herr Tupman!« ſagte Rachel. „»Nie!« war ſeine entſchloſſene Antwort.»O Ra⸗ chel!« Er ergriff ihre geduldige Hand und preßte ſie an ſeine Lippen, ſie ließ die Gießkanne zu Boden fallen. »O Rachel, ſagen Sie, daß Sie mich lieben!« 1 »Herr Tupman,“ ſagte die Tante,»ich vermag die Worte nicht auszuſprechen; doch— doch— Sie ſind mir nicht ganz gleichgültig.« Kaum hatte Herr Tupman dieſes Geſtändniß vernom⸗ men, ſo ſchickte er ſich an, das zu thun, was unſeres Wiſſens (denn in ſolchen Dingen ſind wir nur wenig erfahren) bei ſolchen Umſtänden gewöhnlich zu geſchehen pflegt, und wozu ſeine aufs Höchſte geſpannte Empfindung ihn an⸗ trieb. Er ſprang auf, ſchlang den Arm um den Nacken der Tante, und drückte zahlreiche Küſſe auf ihren Mund, welche ſie ſich, nach dem gebührenden Spiel des Erſchrek⸗ kens und Sträubens, ſo ruhig gefallen ließ, daß man nicht leicht ſagen kann, wie freigebig Herr Tupman noch geweſen ſein möchte, wenn die Dame nicht plötzlich durch eine ernſte Anſtrengung ſich ſeiner Umarmung zu entreißen geſucht, und in erſchrecktem Tone ausgerufen häfte. 4 8 4 147 „»Herr Tupman, wir werden beobachtet— Alles iſt entdeckt!« Herr Tupman blickte auf, und— da ſtand, ganz regungslos, der feiſte Burſche, und ſtarrte mit ſeinen großen runden Augen in die Laube hinein, doch, ohne daß in ſeinem Geſichte das Mindeſte zu entdecken gewe⸗ ſen wäre, worin ſelbſt der erfahrenſte Phyſiognom Er⸗ ſtaunen, Neugierde, oder ſonſt einen der Affekte hätte entdecken können, die das menſchliche Gemüth in Bewegung ſetzen. Herr Tupman ſtarrte den feiſten Burſchen an, und je länger er ihm in das runde Geſicht ſah, deſto feſter wurde in ihm die Meinung, daß er entweder nicht ſähe, oder von dem nichts verſtände, was eben in der Laube vorgefallen war. Mit großer Beſtimmtheit ſchrie er ihm daher endlich zu: 3 „»Was ſtehſt Du da, Burſche?« „»Das Abendeſſen iſt aufgetiſcht,« war die eben ſo beſtimmte Antwort. „»Kamſt Du eben erſt?« fragte Herr Tupman, ihn forſchend anblickend.. „Eben,« erwiederte der zur unzeit gekommene Gaffer. Herr Tupman faßte ihn noch ein Mal ſcharf ins Auge, doch ſein Geſicht und ſeine Mienen blieben ganz unverändert. 4 14 Herr Tupman bot der Tante den Arm und führte ſie ins Haus zurück, gefolgt vom feiſten Burſchen. „»Er hat nichts gemerkt,« flüſterte Herr Tupman. „»Er weiß von Allem nichts,« ſagte die Schöne. Hinter ſich vernahmen ſie Laute, wie von einem unterdrückten Lachen. Herr Tupman ſah ſich ſchnell um. Von dem feiſten Burſchen konnten ſie nicht her⸗ rühren, denn ſein Geſicht hatte ſich um keinen Zug verändert. Die Pickwicker. 10* 148 Die Pickwicker. „Er muß im höchſten Grade in Schlaftrunkenheit geweſen ſein,« flüſterte Herr Tupman. „Ich glaube es ſelbſt,« erwiederte ſeine Begleiterin. Beide lachten aus vollem Herzen. Herr Tupman ſchoß jedoch fehl. Der Burſche war dies einzige Mal nicht im Schlafe, er war vollkommen wach geweſen und hatte ſehr gut geſehen. Ueber Tiſch verſuchte Niemand, eine allgemeine Un⸗ terhaltung anzuknüpfen. Die alte Dame war zu Bette. Iſabelle war ganz Aufmerkſamkeit gegen Herrn Trundle, die Tante hatte nur Gehör für Herrn Tupman, und Emiliens Geiſt war, wie es ſchien, mit einem fernen Gegenſtande beſchäftigt— vielleicht war er bei Herrn Snodgraß. Die elfte Stunde rückte heran— die zwölfte— endlich ſchlug es ein Uhr, und die Herren waren noch immer nicht zurückgekehrt, was Allen große Beſorgniß erweckte. Waren ſie überfallen und beraubt worden?— Sollte man Leute mit Laternen nach allen Richtungen ausſchicken?— Horch! da kommen ſie.— Was konnte Anlaß zu einem ſo langen Ausbleiben ſein?— Und über⸗ dem eine unbekannte Stimme!— Sie eilten hinaus in die Küche, in welche ſich die Verſpäteten begeben hatten, und ſahen ſogleich die tragi⸗komiſche Lage der Dinge ein. Die Hände in den Taſchen und den Hut bis über das linke Auge auf den Kopf gedrückt, taumelte Herr Pickwick gegen den Küchentiſch, nickte mit dem Kopfe hin und her, und lächelte auf das Wonnetrunkenſte und Sü⸗ ßeſte in einem fort, ohne daß auch nur die kleinſte Spur einer Veranlaſſung zu dieſem Wohlbehagen zu entdecken war. In das Antlitz des alten Wardle war eine hohe Röthe geſtiegen; er hielt die Hand eines fremden Herrn, dem er ewige Freundſchaft ſchwor. Mit matter Stimme — 8—*— 2— Die Pickwicker. 149 rief Herr Winkle, der ſich am Kaſten der Wanduhr mit Mühe aufrecht hielt, den Fluch des Himmels auf jedes Familienmitglied herab, das vom Zubettgehen zu ſpre⸗ chen ſich erkühnen würde. Herr Snodgraß war auf einen Stuhl geſunken und in jedem Zuge ſeiner vielſa⸗ genden Phyſiognomie ſpielte ein ſo hoffnungsloſes, kläg⸗ liches Elend, wie man ſich es nur irgend vorzuſtellen vermag. »Iſt etwas vorgefallen?« fragten die drei Damen. »Nichts— vorgefallen,« lallte Herr Pickwick. »Uns— fehlt— gar nichts.— Nicht wahr, Wardle? — uns fehlt nichts— ganz und gar nichts.« »Ei, das ſollt' ich meinen,« erwiederte der muntere Wirth.»Meine Lieben— dies iſt mein Freund, Herr Jingle— Herrn Pickwicks Freund— macht uns'nen Beſuch.⸗« „»Iſt Herrn Snodgraß etwas widerfahren⸗ fragte Emilie beſorgt. »Nicht das Mindeſte,« antwortete der Fremde. „»Cricketſchmaus— herrliche Geſellſchaft— kapitale Lieder — alter Portwein— Claret— guter, ſehr guter Wein.« „»Der Wein iſt nicht Schuld, es lag am Lachs,« murmelte Herr Snodgraß mit jämmerlicher Stimme. Wie es ſich auch zuträgt, nie liegt es bei ähnlichen Vor⸗ fällen am Wein. »Wäre es nicht am rathſamſten, wenn Sie zu Bette gingen?« fragte Emma.»Der Kutſcher und der Haus⸗ knecht würden Sie hinaufbringen können.« »Ich werde nimmer zu Bette gehen« erklärte Herr Winkle mit Beſtimmtheit. „Kein Hausknecht in der Welt ſoll mich zu Bette bringen,« ſagte Herr Pickwick entſchieden, worauf er wie⸗ der ſein Lächeln annahm wie vorher. Die Pickwicker. „»Hurrah!« ſtöhnte Herr Winkle. »Hurrah!« wiederholte Herr Pickwick, nahm ſeinen Hut ab, und warf ihn zu Boden, dann ſchleuderte er ſeine Brille wie unſinnig wider die Wand, und lachte laut auf über ſeine Heldenthat.— „»Laßt uns— noch eine Flaſche— leeren,« ſchrie Herr Winkle in ſtarkem Tone anhebend und mit ſchwa⸗ cher Stimme endend. Der Kopf ſank ihm auf die Bruſt, und nachdem er ſeinen unerſchütterlichen Beſchluß wie⸗ derholt hatte, nicht zu Bett zu gehen, und ein blutdür⸗ ſtiges Bedauern gemurmelt,»dem alten Tupman nicht das Garaus am Vormittage gemacht zu haben,« verfiel er in Schlummer, worauf er von zwei jungen Rieſen, unter der Oberaufſicht des feiſten Burſchen, in ſein Zim⸗ mer getragen wurde. Herr Snodgraß unterwarf ſich ſelbſt dem fürſorglichen Schutz Joe'. Herr Pickwick nahm den ihm dargebotenen Arm des Herrn Tupman an und verſchwand in aller Stille, immerfort lächelnd. Herr Wardle nahm von ſeiner ganzen Familie einen ſo rüh⸗ renden Abſchied, als wenn er zum Scheiterhaufen geführt werden ſollte; dann zog er ſich, nachdem er Herrn Trundle die Ehre geſtattet hatte, ihn hinauf zu begleiten, mit einem ſehr komiſchen Verſuche, ſich eine würdevolle und feier⸗ liche Miene zu geben, zurück. „Welch ein unerhörter Vorfall!« ſagte die Tante. „Sehr unangenehm!« ſagten die beiden jungen Damen. »Erſchrecklich— fürchterlich!« ſetzte Herr Jingle hinzu.. 1 Heerr Jingle hatte dabei ein ſo feierliches Ausſehen; aber er hatte auch eine und eine halbe Flaſche mehr ge⸗ trunken, als die Andern. 1 »Gräuliches Spektakel— ſcheußliches!« wieder⸗ holte er.. 1 2 —— N N Die Pickwicker. 151 „O, ein allerliebſter Mann« lispelte die Tante Herrn Tupman zu.. »Und ſieht gut aus dabei!« flüſterte Miß Emilie. »Ganz charmant,« bemerkte Rachel. Herr Tupman erinnerte ſich der Wittwe in Roche⸗ ſter und er füͤhlte ſich in ſeinem Gemüth ſehr beunru⸗ higt. Die halbſtündige Unterhaltung, nachdem die andern Herren in die Federn geſunken, verſetzte ihn in einen be⸗ dauernswerthen Zuſtand. Der neue Gaſt war ſehr geſprä⸗ chig, und die Zahl ſeiner Anekdötchen wurde nur durch die ſeiner feinen Aufmerkſamkeiten überboten. Herr Tupman ſah ein, daß er immer mehr in der Gunſt der Miß Rachel ſiel, indeß Jingle immer höher in derſelben emporſtieg. Sein Lachen war ein erkünſteltes, ſeine Heiterkeit eine erzwungene, und als er endlich ſeine glü⸗ hende Schläfe in die Kiſſen getaucht hatte, ſchwelgte in ſeinem Gedankenrevier die ſchauderhafte Luſt, welches Wohlbehagen es ihm ſein müßte, Jingles Kopf jetzt zwi⸗ ſchen dem Federbett und der Matratze zu haben. Am andern Morgen war der unermüdliche Jingle frühzeitig auf, indeß die anderen Herren noch immer ihren Rauſch nicht ausgeſchlafen hatten. Er wußte die herr⸗ ſchende heitere Stimmung noch mehr zu erhöhen, ſo daß ſelbſt die alte Dame nicht eher ruhte, bis man ihr einige ſeiner feinſten Scherze ins Ohr trompetet hatte; ja ſie ließ ſich ſogar herab, gegen die Tante zu bemerken, daß er ein ſehr kecker junger Burſche ſei— ein Urtheil, mit welchem ſämmtliche gegenwärtige Damen überein⸗ ſtimmten. Ihrer Gewohnheit gemäß, begab ſich die alte Dame an jedem heitern Sommermorgen in die Laube, die am Abend zuvor der Schauplatz einer ſo zärtlichen Scene geweſen war. Sie ließ ſich immer von Joe in den 152 Die Pickwicker. Garten führen, und er mußte ſie eine halbe Stunde nach⸗ her abholen. Auch am heutigen Tage wurde dieſe Wan⸗ derung unternommen. Die alte Dame hielt ſehr pünktlich auf die fortge⸗ ſetzte Ordnung, und war daher nicht wenig erſtaunt, als ſie wahrnahm, daß Joe, anſtatt ſie, wie ſonſt, in der Laube allein zu laſſen, ſich nur einige Schritte entfernte, ſich nach allen Richtungen umſah, und dann ſtill und mit geheimnißvoller Miene zurück ſchlich. Die alte Dame ward furchtſam, und die Angſt flößte ihr ſogleich den Gedanken ein, der Burſche habe im Sinn, ſie zu ermorden, um ihr die Börſe abzuneh⸗ men. Gern hätte ſie nach Hülfe gerufen, wenn ihrer Stimme die Kraft zum Schreien geblieben wäre. Sie beobachtete daher den Burſchen in ſchauderndem Entſetzen, und ihre Angſt ſtieg noch höher, als er auf ſie zukam, und ihr in ungewöhnlich aufgeregtem, und wie es ihr ſchien, drohendem Ton in das Ohr ſchrie:»Maam!« Ein Zufall wollte, daß Herr Jingle in demſel⸗ ben Augenblick ſich dicht bei der Laube befand. Er ſtand ſtill, um mehr zu vernehmen, wozu er drei Gründe hatte. Erſtens war er neugierig; zweitens war er gar nicht ſerupulös; und drittens undeletztens ſtand er hinter dem grünen Geſträuch ſehr gut verborgen. Alſo er Fuihte „»Ma'am!« ſchrie Ioe zum zweiten Mal. 1 »Höre, Joe,« ſprach die alte Dame bebend, vich bi dir doch immer gut geweſen, Joe; habe dich immer ſo gut behandelt. Du haſt nie zu viel zu arbeiten und immer genug zu eſſen gehabt.« Dieſe letzten Worte fanden bei dem zurtfühlenden Joe beſondern Anklang. Er ſchien gerührt zu ſein, als er mit beller Stimme erwiederte:— »Ja, das habe ich!« Die Pickwicker. 153 »Aber was kannſt du nun noch mehr begehren?« fuhr die alte Dame, Muth faſſend, fort. »Es wird bei Ihnen Schauder erregen!« antwortete IJpe. Das klang keineswegs ermuthigend, und die Angſt der alten Dame kehrte zurück. »Nun, was meinen Sie, das ich geſtern Abend in der Laube erblickte?« ſchrie Joe. »Barmherziger Himmel, was denn?« ſchrie die durch ſeine ernſte Miene erſchreckte Dame. „Den fremden Herrn— den mit dem Arm in der Binde— und es war ein Küſſen und Drücken—« »Joe!— mit wem?— ich hoffe doch nicht mit einer der Mägde?« »Noch ſchlimmer als das,« raunte ihr Ioe ins Ohr. „»Doch nicht mit einer von meinen Großtöchtern?« »Noch viel ſchlimmer als das!« »„Schlimmer als das, Joe?« fragte die alte Dame, die der Meinung war, es könne nichts Verruchteres ge⸗ ben.»Joe, mit wem war es denn? Ich will es durch⸗ aus wiſſen.« Joe ſpähte vorſichtig nach allen Richtungen und ſchrie ihr darauf ins Ohr: »Miß Rachel!« „Wer?« fragte die Großmutter mit erhöheter Stimme.—»Sprich lauter!« »Miß Rachel!« ſchrie Ive, ſo laut es ſeine Kehle erlaubte. »Meine Tochter!« Der Burſche nickte mehrere Mal bejahend, wodurch ſeine Backen in eine blanc manger Bewegung geriethen. »Und ſie ließ ihn gewähren?« fragte die alte Dame. Ein Grinzen verzerrte die Züge des feiſten Burſchen, 154 Die Pickwicker. indem er erwiederte:»Ich ſah, wie ſie ihn wieder küßte.« Hätte Herr Jingle aus ſeinem Verſteck den Aus⸗ druck ſehen können, den das Geſicht der alten Dame bei dieſer Mittheilung annahm, ſo iſt alle Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß er ſeine Nähe durch ein lautes Gelächter verrathen haben würde. Er horchte aufmerkſam. Bruch⸗ ſtücke zorniger Redensarten, wie:»Ohne mein Wiſſen— in ihren Jahren— alte Frau— hätte warten können, bis ich todt war,« und dergleichen mehr drangen zu ihm, und dann vernahm er die Fußtritte des ſich entfernenden feiſten Burſchen auf dem Kieswege. Es war vielleicht ein ſeltſames Zuſammentreffen, aber nichts deſto weniger eine Thatſache, daß Herr Jingle ſchon fünf Minuten nach ſeiner Ankunft in Manor⸗ Farm am vorhergehenden Abend innerlich beſchloſſen hatte, das Herz der Tante ohne Verzug zu beſtürmen. Er hatte Beobachtungsgabe genug, um zu bemerken, daß ſein keckes Weſen dem ſchönen Gegenſtand ſeines beab⸗ ſichtigten Angriffs keineswegs unangenehm war, und er hegte überdem mehr als eine ſtarke Vermuthung, daß ſie jenes wünſchenswertheſte aller Erforderniſſe, ein unabhän⸗ giges Vermögen beſitze. Die dringende Nothwendigkeit, den Sieg über ſeinen Nebenbuhler auf irgend eine Weiſe davon zu tragen, leuchtete ihm ſofort ein, und er be⸗ ſchloß, demgemäß ſeinen Kriegsplan zu entwerfen. Fiel⸗ ding ſagt:»die Männer ſeien Feuer, die Frauen Werg und der Fürſt der Finſterniß bringe ſie mit einander in Berührung.« Herr Jingle wußte, daß junge Männer bei alten Mädchen ſind, was Feuerfunken bei Schieß⸗ pulver, und er beſchloß, ohne Zeitverluſt die Wirkung einer Exploſion zu verſuchen. Indem er noch über die Ausführung ſeines Plans Die Pickwicker. 155 nachdachte, ſchlich er ſich hinter den mehrbeſagten Ge⸗ ſträuchen aus dem Garten und näherte ſich dem Hauſe. Das Glück ſchien ſeine Abſichten begünſtigen zu wollen. Herr Tupman und die andern Herrn traten eben aus der Seitenthüre in den Garten und er wußte, daß die jungen Damen gleich nach dem Frühſtück ausgegangen waren. Die Thüre des Wohnzimmers ſtand halb offen; er blickte hinein. Die Tante war mit einer weiblichen Ar⸗ beit beſchäftigt. Er huſtete,— ſie blickte auf und lächelte. Blödigkeit lag nicht in dem Charakter des Herrn Alfred Jingle. Er legte geheimnißvoll einen Finger auf die Lippen, und trat ein. „Miß Wardle,« ſagte er mit verſtelltem Ernſt— entſchuldigen Sie— kurze Bekanntſchaft— aber keine Zeit zu Ceremonien— Alles entdeckt!« „Sir!« rief die Tante aus, etwas überraſcht durch ſein unerwartetes Erſcheinen und etwas zweifelhaft, ob er noch ganz bei Sinnen ſei. „Pſt!« ſagte Herr Jingle im Theatergeflüſter— „feiſter Burſche— Mehlklös⸗Geſicht— runde Augen— Verräther!«— Hier ſchüttelte er bedeutſam mit dem Kopf und die Tante erzitterte vor Aufregung. »Sie reden, wie es ſcheint, von Joe, Sir,« ſagte ſie, indem ſie ſich bemühte, ihre Faſſung zu behaupten. »Ja Madame,— verwünſcht, dieſer Joe— ſagte Alles der alten Dame— alte Dame in Wuth— wüthet— tobt— Laube— Tupman— Küſſen und Drücken— was meinen Sie Miß, wie?—« »Herr Jingle,« erwiederte die Dame,»wenn Sie hierher kamen, Sir, um mich zu beleidigen—« »Keineswegs— durchaus nicht,« fuhr Herr Jingle fort;»hörte die Geſchichte— kam, Sie vor Gefahr 156 Die Pickwicker. zu warnen— meine Dienſte anbieten— Aufſehn ver⸗ hüten.— Doch, wie Sie wollen— halten Sie es für Beleidigung— das Zimmer verlaſſen«— und er ſtellte ſich, als wolle er die Drohung ausführen. »Was ſoll ich beginnen?« ſagte ſie in Thränen aus⸗ brechend.»Mein Bruder wird wüthend ſein.« »Freilich,« fiel Herr Jingle zurückkehrend ein,»über alle Maaßen.« »Ach, Herr Jingle, was kann ich ſagen?« rief die Tante im Ausbruch ihrer Verzweiflung aus. »Sagen Sie— Joe hätt's geträumt,« erwiederte Herr Jingle kaltblütig. Dieſe Andeutung erfuͤllte die Tante mit neuer Hoff⸗ nung. Herr Jingle bemerkte es, und verfolgte ſeinen Vortheil. »Nichts leichter,« fuhr er fort,»einfältiger Schlin⸗ gel— liebenswürdige Dame— Schlingel gepeitſcht— Dame geglaubt— Ende von der Geſchichte— Alles in Ordnung!« Ob die Wahrſcheinlichkeit, den Folgen dieſer unan⸗ genehmen Entdeckung zu entgehen, die Tante erfreute, oder ob die Bitterkeit ihres Schmerzes dadurch vermin⸗ dert wurde, daß ſie ſich eine liebenswürdige Dame nennen hörte, können wir nicht beſtimmt behaupten. Sie warf leicht erröthend Herrn Jingle einen dankbaren Blick zu. Dieſer inſinuante Herr ſeufzte tief auf, ließ ſeine Blicke einige Minuten auf der Tante Antlitz verweilen, ſchreckte melodramatiſch zuſammen, und wendete ſich plötz⸗ lich von ihr ab. »Sie ſcheinen ſich unglücklich zu fühlen, Herr Jingle,« ſagte die Dame in bedauerndem Ton. Darf ich meine Dankbarkeit für Ihre gutige Theilnahme dadurch bewei⸗ —:-ſ— — 9O 8— Die Pickwicker. 157 ſen, daß ich nach der Urſache frage, um ſie wo möglich zu beſeitigen?« „»Ha!« rief Herr Jingle, nochmals zuſammenſchreckend aus;»beſeitigen— Urſache meines Unglücks— liebt einen Andern— ſolcher Seligkeit unwürdig— der ſelbſt in dieſem Augenblick— Abſichten auf Nichte des ſüßen Weſens— doch nein, iſt mein Freund— will von ſeinen Untugenden ſchweigen— Miß Wardle— leben Sie wohl!« Nach der Beendigung dieſer Anrede, der zuſammenhän⸗ gendſten, die er je vorgebracht hatte, hielt Herr Jingle die Ueberbleibſel ſeines bereits erwähnten Taſchentuchs vor die Augen und wendete ſich nach der Thür. »Bleiben Sie, Herr Jingle,« rief ihm Miß Wardle mit gebieteriſcher Würde zu. Sie erlaubten ſich Andeu⸗ tungen auf Herrn Tupman— erklären Sie ſich näher.« »Nimmermehr!« rief Jingle mit einer berufsmäßigen (d. h. theatraliſchen) Miene aus.»Nimmermehr!«— und um zu zeigen, daß er nicht ferner gefragt zu ſein wünſche, zog er einen Stuhl dicht neben den der Tante und ſetzte ſich an ihre Seite. „»Herr Jingle,« ſagte ſie,»ich bitte, ich beſchwöre Ste,— wenn ein ſchreckliches Geheimniß in Beziehung auf Herrn Tupman obwaltet— offenbaren Sie es!« „»Kann ich es,« erwiederte Herr Jingle, ſeine Blicke auf ihr Antlitz heftend,»kann ich ſehen— holdes ſüßes Weſen— vor dem Altare geopfert— gefühlloſer Hab⸗ ſucht!« Er ſchien einige Augenblicke mit verſchiedenen widerſtrebenden Gefühlen zu kämpfen und ſagte dann mit leiſer Stimme:»Tupman iſt's nur um Ihr Geld zu thun.« »Der Böſewicht!« rief die Dame in höchſter Ent⸗ 158 Die Pickwicker. rüſtung aus(Herrn Jingles Zweifel waren gelöſt: Sie hatte Geld). »Nochmehr,« ſagte Jingle,»— liebt eine Andere!« »Eine Andere!« rief die Tante.»Wen 2« »Klein von Geſtalt— ſchwarze Augen— Nichte Emilie.⸗ Es entſtand eine Pauſe. Wenn die Dame gegen irgend ein Frauenzimmer in der Welt eine tief einge⸗ wurzelte, unvertilgbare Eiferſucht hegte, ſo war es gegen dieſe Nichte. Die Röthe des Zorns färbte ihr Geſicht und ſie wiegte den Kopf mit dem Ausdruck unausſprech⸗ licher Verachtung ſchweigend hin und her. Endlich brach ſie in die Worte aus: „»Es kann nicht ſein— ich kann es nicht glauben.« »Sich ſelbſt überzeugen,« erwiederte Herr Jingle. „»Das will ich!« »Seine Blicke beobachten.« „Das will ich!« »Sein Flüſtern.« „Das will ich!« »Er wird ſich bei Tiſche neben ſie ſetzen.⸗ »Immerhin!« »Ihr Schmeicheleien ſagen.« „»Meinethalb!« „»Ihr alle miglichen Aufmerkſamkeiten erweiſen.« »Mag er!« »Wird Sie gar nicht beachten.⸗ »Mich nicht beachten!« rief die Tante aus, und ſie zitterte vor Wuth und Entrüſtung. »Wollen Sie ſich ſelbſt überzeugen?« ſtagte Iingle. »Ich will es!« »Seine Anträge zurückweiſen?« »Unfehlbar!« — — Die Pickwicker. 159 „Ihn ganz aufgeben?2« „»Gewiß.« »Einen Andern erhören?«⸗ „Ja!l« »So thun Sie es!« Herr Jingle fiel auf die Kniee vor ihr nieder, blieb fünf Minuten in dieſer Stellung und ſtand mit dem Ja⸗ wort der Tante wieder auf, welches jedoch nur unter der Bedingung gegeben wurde, daß die Untreue des Herrn Tupman beſtimmt und offenbar erwieſen werde. Die Laſt des Beweiſes lag Herrn Alfred Jingle ob, und er führte ihn noch an demſelben Tage beim Mittageſſen. Die Tante konnte kaum ihren Augen trauen. Herr Tracy Tupman hatte ſich neben Emilie geſetzt, und lieb⸗ äugelte, flüſterte und lächelte trotz Herrn Snodgraß. Er ſchien kein Wort, keinen Blick mehr für die Wahl ſeines Herzens vom vorigen Abend zu haben. »Was der Joe für ein Schlingel iſt,« dachte der alte Wardle. Seine Mutter hatte ihn von der Scene in der Laube unterrichtet.—»Der verwünſchte Burſche— er muß geſchlafen und es geträumt haben.— Es iſt alles Einbildung geweſen.« »Verräther!— dachte die Tante bei ſich ſelbſt. Der gute Herr Jingle hat mich nicht getäuſcht.— O wie haſſe ich den Treuloſen.« Das nachfolgende Geſpräch wird unſern Leſern über das ſcheinbar unerklärliche Benehmen des Herr Tupman die nöthige Auskunft geben. Die Zeit war Abend— der Schauplatz der Garten. In einem Seitengange wandelten zwei Perſonen, die eine kurz und beleibt, die andere ziemlich lang und ſchmächtig. Sie waren Herr Tupman und Herr Iingle. 1Der ſüius begann den Dialog. 1 8 160 4 Die Pickwicker. »Habe ich meine Rolle gut geſpielt?« fragte er. »Herrlich— kapital— hät's ſelber nicht beſſer ge⸗ macht— müſſen die Rolle Morgen wiederholen— jeden Abend, bis auf ferneres Begehren.« »Iſt es noch immer meiner theuren Rachel Wunſch?« »Natürlich— gefällt Ihr ſchlecht— doch nicht zu andern— Argwohn abwenden— fürchtet ihren Bruͤder — ſagt, es müſſe ſein— nur noch einige Tage— den Alten Sand in die Augen geſtreut— Ihre Wünſche mit Glück gekrönt.« 3 „»Läßt ſie mir nichts weiter ſagen 2⸗ „»Grüße— zärtliche Grüße— ewige Liebe. Ha⸗ ben Sie mir etwas an ſie aufzutragen?a »Ach, mein Theuerſter,« erwiederte der argloſe Tup⸗ man, indem er die Hand ſeines— Freundes mit Wärme drückte—»bringen Sie ihr meine zärtlichſten Grüße— ſagen Sie ihr, wie ſchwer es mir wird, mich zu verſtellen— ſagen Sie ihr alles, was freundlich und liebevoll iſt; doch fügen Sie hinzu, wie ſehr ich von der Nothwendigkeit des Benehmens überzeugt bin, daß ſie mir heute Morgen durch Sie vorſchreiben ließ. Sagen Sie ihr, ich ſtimmte ganz mit ihrer Anſicht überein und bewunderte ihre kluge Vorſicht.« »Will alles ausrichten.— noch mehr?⸗ »Nein. Fügen Sie nur hinzu, wie ſehr ich mich nach der Zeit ſehne, da ich ſie werde die Meinige nennen dürfen, und alle Verſtellung unnöthig iſt.« »Ja wohl, ja wohl— Noch etwas?« „O, mein Freund,« rief der arme Tupman aus, in⸗ dem er nochmals Jingles Hand ergriff, vempfangen Sie meinen wärmſten Dank für Ihre uneigennützige Güte und verzeihen Sie mir, wenn ich je auch nur in Gedanken Ihnen das Unrecht widerfahren ließ, zu glauben, Die Pickwicker. 161 Sie könnten mir in den Weg treten wollen. Wie kann ich Ihnen je meine Dankbarkeit beweiſen, theurer Freund?« »Nichts mehr davon!« erwiederte Herr Jingle. Er blieb aber ſtehen, als ob ihm plötzlich etwas einfiele und ſagte: „»Könnten Sie nicht zehn Pfund entbehren— auf einige Tage— hab' was Beſonderes vor— geb' ſie Ihnen übermorgen wieder.« »Ich kann ſie wohl entbehren,« entgegnete Herr Tupman in der Fülle ſeiner Gefühle.—»Uebermorgen, ſagten Sie 2« »Uebermorgen— dann Alles in Ordnung— keine Schwierigkeiten mehr.⸗« Herr Tupman gab dem Freunde das Geld, der es Stück füͤr Stück in ſeine Taſche ſenkte, während ſie nach dem Hauſe zurückgingen. »Sein Sie vorſichtig,« ſagte Herr Jingle,»keinen Blick.« »Keinen Wink!« ſagte Herr Tupman. »Keine Sylbe!« „»Kein Flüſtern!« »Alle Ihre Aufmerkſamkeit der Nichte— lieber grob als höflich gegen die Tante— einziges Mittel die Alten zu täuſchen.« »Laſſen Sie mich nur gewähren,« ſagte Herr Tup⸗ man laut. »Und ich will auch ſchon das Meinige thun,« ſagte Herr Jingle bei ſich, und ſie traten in das Haus. Die Scene des Nachmittags wurde am Abend und während der drei folgenden Tage wiederholt. Am vierten war der Wirth in beſter Laune, denn er fühlte ſich über⸗ zeugt, daß zu der gegen Herrn Tupman erhobenen An⸗ klage kein Grund vorhanden ſei. Auch Herr Tupman war bei guter Laune, denn Jingle hatte ihm geſagt, daß Die Pickwicker. I. 11 162 Die Pickwicker. die Entſcheidung ſeiner Angelegenheit nahe bevorſtehe. Auch Herr Pickwick war es, denn er war ſelten übellau⸗ nig. Herr Snodgraß war es nicht, denn er war auf Herrn Tupman eiferſüchtig geworden. Die alte Dame war es, denn ſie hatte im Whiſt gewonnen.— Herr Jingle und Miß Rachel waren es aus Gründen, die in dieſer inhaltreichen Geſchichte wichtig genug ſind, um ein neues Kapitel damit zu beginnen. Zehntes Kapitel. Eine Entdeckung und eine Verfolgung. Das Abendeſſen war aufgetragen, die Stühle waren um den Tiſch geſetzt, Flaſchen, Krüge und Gläſer ſtan⸗ den auf den Seitentiſchen und Alles verkündete die An⸗ näherung der geſelligſten von allen 24 Stunden des Tags. »Wo iſt Rachel?« fragte Herr Wardle. »Ja, und Jingle,« fügte Herr Pickwick hinzu. »Ich weiß wirklich nicht, wie es kommt,« ſagte der Wirth, daß ich ſie nicht ſchon längſt vermißt habe. »Mich dünkt, ich hörte ſeine Stimme wenigſten ſeit zwei Stunden nicht. Emilie, liebes Kind, ziehe die Klingel.« Es geſchah, und der feiſte Burſche erſchien. »Wo iſt Miß Rachel?« Er konnte es nicht ſagen. »Wo iſt denn Herr Jingle?« Er wußte es nicht. Alle ſahen einander befremdet an. Es war ſpät— Die Pickwicker. 163 elf Uhr vorüber. Herr Tupman machte ſich ſeine eigene Gedanken— ſie verweilten irgendwo und ſprachen von ihm.—»Ha ha, ein vortrefflicher Spaß, das!« »Hat nichts zu ſagen,« bemerkte Wardle nach einem kurzen Stillſchweigen;»ſie werden gewiß gleich kommen. Ich warte übrigens mit dem Abendeſſen auf Nie⸗ mand.« 5 »Ein vortreffliches, bewundernswerthes Princip,« ſagte Herr Pickwick. »Bitte, nehmen Sie Platz,« ſagte der Wirth. Man ſetzte ſich.— Es ſtand ein koloſſales Stück kaltes Rindfleiſch auf dem Tiſch, und Herr Pickwick wurde mit einer reichlichen Portion davon verſehen. Er hatte eben ſeine Gabel zu den Lippen erhoben und ſtand im Begriff, ſeinen Mund für die Aufnahme der beſtimm⸗ ten Zufuhr zu eröffnen, als plötzlich aus der Küche her ein verworrenes Geräuſch von vielen Stimmen erſchallte. Er legte die Gabel nieder und Herr Wardle ließ das Trangier⸗Meſſer in dem Fleiſch ſtecken. Herr Pickwick blickte hin, er blickte Herrn Pickwick an. Man hörte ſchwere Fußtritte auf dem Gange, die Thür des Zimmers wurde plötzlich geöffnet, und der Mann, der die Stiefel des Herrn Pickwick bei deſſen An⸗ kunft gereinigt hatte, ſtürzte herein, und der feiſte Burſche und das ſämmtliche dienende Perſonal hinter ihm her. „»Was zum Teufel, ſoll das bedeuten?« rief der Hausherr. »Brennt es im Schornſtein, Emma?« fragte die alte Dame. „»O Himmel, was iſt denn vorgefallen?« ſchrieen die beiden jungen Damen. »Was giebt's? was wollt ihr?« donnerte der Haus⸗ herr. 11* 164 Die Pickwicker. »Sie ſind fort— auf und davon, Sir,« brachte endlich der Hausknecht keuchend heraus. Herr Tupman legte bei dieſer Nachricht Meſſer und Gabel gleichfalls aus der Hand und ward ſehr bleich. »Wer iſt fort?« rief Herr Wardle zornig. »Herr Jingle und Miß Rachel in einer Poſtchaiſe aus dem blauen Löwen in Muggleton. Ich war da⸗ bei, konnte ſie aber nicht zurückhalten und bin drum — hergerannt, um es zu melden. c „Ich ſchoß ihm das Geld dazu vor!« rief Herr Tupman,» indem er wie wahnſinnig aufſprang. Er hat 10 Pfund von mir— haltet ihn— er hat mich geprellt— ich laß es mir nicht gefallen— ich will Ge⸗ rechtigkeit haben,— Pickwick— ich dulde es nicht,«— und mit mehreren ähnlichen unzuſammenhängenden Aus⸗ rufungen lief der unglückliche Mann wüthend im Zimmer umher. »Der Himmel ſei uns gnädig!« rief Herr Pickwick, die Worte ſeines Freundes mit Schrecken und Staunen vernehmend.»Er iſt wahnſinnig geworden. Was ſol⸗ len wir beginnen?« »Beginnen?« fiel Herr Wardle ein, der nur die letzten Worte beachtet hatte.»Spannt gleich den Reiſe⸗ wagen an!— Ich will Poſtpferde im Löwen nehmen und ſie verfolgen.— Wol« rief er, als der Hausknecht hinauseilte, um ſeinen Auftrag zu beſtellen—»wo iſt der Schlingel, der Joe 2« 4»Hier bin ich,— bin aber kein Schlingel,« erwie⸗ derte eine Stimme. Es war die des feiſten Burſchen. „Laſſen Sie mich, Pickwick!« rief Herr Wardle, in⸗ dem er auf den unglücklichen Joe losſtürzen wollte. »Er hat ſich von dem ſchurkiſchen Jingle beſtechen laſſen, um mich auf eine falſche Spur zu leiten, indem er mir * 8 — Die Pickwicker. 165 eine alberne Geſchichte von meiner Schweſter und Ihrem Freunde Tupman aufbinden wollte(hier ſank Herr Tup⸗ man auf einen Stuhh. Laſſen Sie mich!« „»Nein, nein!« ſchrieen ſämmtliche Damen, durch deren Stimmen man das Gehäul Joes deutlich hörte. »Ich will nicht feſt gehalten ſein!« rief der alte Wardle.—»Herr Wintle Herr Pickwick! laſſen Sie mich los!« Es war ein rpekende Anblick, in dieſem Moment. der Verwirrung und Aufregung den ruhigen und philo⸗ ſophiſchen Ausdruck des ein wenig gerötheten Antlitzes Herrn Pickwicks zu ſchauen, als er mit ſeinem Freunde mit feſten Armen den wohlbeleibten Körper des Wirthes umſpannt hielt, um ſo die Wuth ſeines Zornes ſich ab⸗ kühlen zu laſſen, während der feiſte Burſche durch ſämmt⸗ liche in dem Zimmer verſammelte Frauenzimmer hinaus⸗ gedrängt wurde. Kaum war dieſes geſchehen, als der Kutſcher eintrat, um zu melden, daß der Wagen ange⸗ ſpannt ſei. „Laſſen Sie ihn nicht allein fort!« riefen die Da⸗ men.»Er wird noch Jemanden umbringen.« »Ich will ihn begleiten,« ſagte Herr Pickwick. »Sie ſind ein braver Mann, Pickwick,« ſagte Herr Wardle, ihm die Hand reichend.—»Emma, hole Herrn Pickwick einen Shawl um den Hals zu binden. Seht nach Eurer Großmutter, Mädchen, ſie iſt in Ohnmacht gefallen.— Nun ſo kommen Sie denn— ſind Sie bereit?« Herrn Pickwick war ſchnell ein breiter Shawl um Mund und Kinn gewickelt, ſein Hut ihm auf den Kopf gedrückt, ſein Oberrock ihm über den Arm geworfen, er antwortete alſo bejahend. Sie ſtiegen ein.—»Und nun ſo ſchnell du kannſt, 166 Die Pickwicker. Tom!« rief Herr Wardle ſeinem Kutſcher zu; und fort ging es über Stock und Stein, ſo daß das Gig jeden Augenblick zerſchmettern zu müſſen ſchien. »Wie lange ſind ſie ſchon fort?⸗ fragte Herr Wardle, als ſie vor dem blauen Löwen ankamen, wo ſich, ſo ſpät es auch ſchon war, eine Menge von Neugierigen verſam⸗ melt hatte.““ „»Kaum drei Viertel Stunden,« war Aller einſtim⸗ mige Antwort. »Sogleich eine Poſtchaiſe mit Vieren— ſchnell— ſchnell!« »Schnell, Burſche!« rief der Poſthalter,»den Wa⸗ gen und die Pferde heraus! tummelt Euch!« Hausknechte, Poſtknechte, Stallknechte, Kellner, Alle liefen und ſchrieen durcheinander. Die Chaiſe ward vor⸗ gezogen, die Pferde wurden angeſpannt, der Poſtillon ſtieg auf, die Reiſenden ein. „Die Siebenmeilen⸗Station in einer halben Stunde— verſtanden?« rief Herr Wardle, und fort ſauſeten die Pferde in geſtrecktem Galop. »Eine ganz vertrackte Situation,« dachte Herr Pick⸗ wick, ſobald er etwas Muße zum Nachdenken gewann, veine ganz vertrackte Situation für den Präſidenten des Pickwick⸗Klubbs. Eine dumpfe Chaiſe— fremde Pferde — funfzehn Meilen die Stunde— und Mitternacht!« Während der erſten Viertelſtunde wurde unter den beiden Herren kein Wort gewechſelt, weil der Eine wie der Andere zu ſehr in ſeine Betrachtungen verſunken war. Herr Pickwick unterbrach endlich das Stillſchweigen, in⸗ dem die Schnelligkeit der Bewegung ihn aufregte. »Ich hoffe, wir holen ſie noch ein,« ſagte er. »Ich hoffe es auch,« erwiederte eneeeſsgelihre. d8— Die Pickwicker. 167 »Eine ſchöne Nacht,« ſagte Herr Pickwick, indem er nach dem hell ſcheinenden Monde emporblickte. „»Deſto ſchlimmer,« erwiederte Herr Wardle;»dadurch gewinnen ſie einen großen Vorſprung, denn der Mond geht für uns bald unter, und ſie kommen uns bei Mond⸗ licht ſo viel weiter vor.« „»Das ſchnelle Fahren im Dunkeln möchte ein wenig unangenehm werden, meinen Sie nicht?« bemerkte Herr Pickwick. »Ganz gewiß,“ verſetzte ſein Freund trocken. Herrn Pickwicks Aufregung legte ſich einigermaßen, als er ſeine Gedanken auf die Beſchwerlichkeiten und Ge⸗ fahren eines Abenteuers lenkte, in welches er ſich ſo unbedachtſamer Weiſe eingelaſſen hatte. Aus ſeinem trü⸗ ben Nachſinnen wurde er durch das laute»Hallo!« des Poſtil⸗ lons geweckt, in welches Herr Wardle ſogleich mit ein⸗ ſtimmte, und ſo auch Herr Pickwick, obgleich er nicht die Veranlaſſung zu errathen vermochte. Die Chaiſe hielt. »Was giebt es 2« fragte Herr Pickwick. „Wir ſind an einem Schlagbaume,« erwiederte Herr Wardle;»hier werden wir etwas über die Flüchtigen erfahren.« Nach einem beſtändig fortgeſetzten Hallo⸗Rufen, Schreien und Klopfen von fünf Minuten, erſchien ein alter Mann, im Hemde und in Beinkleidern, und zog den Schlagbaum in die Höhe. „Wie lange iſt es, ſeit eine Poſt⸗Chaiſe hier durch⸗ kam?« fragte Herr Wardle. »Wie lange?« »Ja doch, ja!« »Hm, kanns nicht ſo beſtimmt ſagen. Lange iſt's 168 Die Pickwicker. aber nicht und'ne kurze Zeit iſt's auch nicht,— ich denke, nicht gar zu lange.« »Es iſt aber doch eine Chaiſe hier durchgekommen?« »Ja,'ne Chaiſe iſt durchgekommen.« »Wie lange iſt es her, mein Freund? ſo vor einer Stunde etwa?« fiel Herr Pickwick ein. »Freilich, vor'ner Stunde mag's geweſen ſein.« »Oder vor zwei Stunden?« fragte einer der Poſtil⸗ lons. »Ja, zwei Stunden mögen's ſein,« erwiederte der alte Mann. »Fort, fort!« rief Herr Wardle unwillig,»verliert nicht noch mehr Zeit mit dem alten Strohkopf.« »Strohkopf!« kreiſchte der alte Schlagwärter, als die Chaiſe dahin rollte.»Magſr's ſelber ſein; haſt hier zehn Minuten verſäumt, und biſt eben ſo klug gegangen, als du gekommen biſt. Wenn alle Schlagwärter für ihre Guinee nur halb ſo viel thun als ich, ſo holſt du die andere Chaiſe vor Michelstag ſicher nicht ein, alter Fett⸗ wanſt!« und greinend kehrte der Alte in das Haus zurück und verſchloß die Thür hinter ſich. Unſere Reiſenden näherten ſich inzwiſchen ſchnell dem Ende der erſten Station. Der Mond ſtand ſchon tief am Himmel, welcher ſich mit düſtern Wolken umzog, und einzelne, gegen die Wagenfenſter ſchlagende Regen⸗ tropfen ſchienen eine ſtürmiſche Nacht zu verkünden. Sie hatten den Wind, der mit jedem Augenblick rauher wurde, gegen ſich. Herr Pickwick verſenkte das Kinn in ſeinen zugeknöpften Oberrock, drückte ſich in eine Ecke und ver⸗ fiel in Schlaf, woraus er erſt wieder erwachte, als der Wagen hielt und Herr Wardle nach friſchen Pferden ſchrie.. Abermals wurde hier die Reiſe verzögert. Die Poſt⸗ — Die Pickwicker. 169 knechte lagen in einem ſo tiefen, feſten Schlaf, daß man zum Aufwecken bei Jedem fünf Minuten Zeit nöthig hatte. Der Stallknecht hatte den Schlüſſel zum Stall verlegt, und als er ihn endlich fand, wurde durch zwei ſchlaftrunkene Gehülfen das falſche Geſchirr auf die un⸗ rechten Pferde gelegt, dann das unrechte auf die rechten und endlich erſt das rechte Geſchirr auf die rechten Pferde, wodurch wiederum Zeit verloren ging. Wäre Herr Pick⸗ wick allein geweſen, ſo würden dieſe ſich häufenden Hin⸗ derniſſe der Verfolgung ein für alle Mal ein Ende gemacht haben; aber der alte Wardle war nicht ſo leicht zu ermü⸗ den. Er ſpornte die trägen Poſtknechte an, und half überall ſelber mit, ſo daß Alles weit eher in Ordnung gebracht war, als man bei ſo vielen Schwierigkeiten hätte erwarten können. Die Reiſe wurde demnach fortgeſetzt, jedoch unter keineswegs ermuthigenden Umſtänden. Die Station be⸗ trug funfzehn Meilen, die Nacht war finſter, der Wind ſtürmiſch und dabei goß der Regen in Strömen herab. Es war daher unmöglich, ſehr ſchnell zu fahren, und auf der Funfzehnmeilen⸗Station kamen ſie erſt vor ein Uhr an. Sie gewahrten jedoch dafür einen Gegenſtand, deſſen Anblick ihre Hoffnungen und ihren Muth neu belebte. »Wann kam dieſe Chaiſe hier an?« rief der alte Wardle, der herausgeſprungen war, und auf ein ſehr be⸗ ſchmutztes Fahrzeug hindeutete, das im Hofe ſtand. »Vor'nem Viertelſtündchen, Sir!« war die Ant⸗ wort des Hausknechts. »Mit einer Dame und einem Herrn?« fragte Herr Wardle, faſt athemlos vor Ungeduld. „»Ja, Sir le »Der Herr groß— ſchlank— lange Beine und einem Leibrock?« 170 Die Pickwicker. »Ja, Sir!« »Aeltliche Dame— ſchmales Geſicht— etwas mager?«* „»Ja, Sir!« „»Beim Himmel, ſie ſind es!« rief der alte Herr aus. »Würden früher hier eingetroffen ſein,« ſagte der Hausknecht, wenn ihnen nicht ein Zugriemen geriſſen wäre.« »Ja, ja, ſie ſind es!— auf der Stelle vier Poſtpferde. Wir holen ſie noch vor der nächſten Station ein. Eilt Euch, Burſchen! jeder von Euch erhält eine Guinee, aber ſchnell, ſchnell!« Der alte Herr ſpornte die Leute durchsſolche Er⸗ mahnungen an, und lief ſo geſchäftig hin und her, daß ſein Eifer ſich auch Herrn Pickwick mittheilte, der gleich⸗ falls anfing, anzutreiben und anzufaſſen, wobei er ſich in das Geſchirr verwickelte und es in die größte Unordnung brachte, in der feſten Ueberzeugung, die Vorbereitungen zur Abfahrt weſentlich zu beſchleunigen. Er war noch in voller Beſchäftigung, als er ſich auf einmal von Herrn Wardle, der ſchon eingeſtiegen war, in die Poſtchaiſe ge⸗ zogen und von einem Poſtillon hineingeſchoben fühlte; und fort ging es abermals in äußerſter Haſt. »Endlich ſind wir wieder in Bewegung gekommen, ſagte der alte Herr freudig, und Herr Pickwick bewies es durch die That, indem er fortwährend bald gegen die Seitenwand, bald gegen ſeinen Reiſegefährten geſchleudert wurde, welcher ihm tröſtend zuſprach. Drei Meilen konnten ſie ungefähr zurückgelegt haben, als Herr Wardle, wie er öfter gethan, aus dem Wagen⸗ fenſter ſah, und bald darauf mit kothbeſprengtem Geſicht ſchrie:»Da ſind ſie!« Herr Pickwick blickte gleichfalls hinaus, und es fuhr NR————3—— NK — — 8— Die Pickwicker. 171 wirklich eine Poſtchaiſe mit Vieren in kleiner Entfernung in vollem Galop vor ihnen. „»Vorwärts, vorwärts!« ſchrie der alte Herr den Poſtillons zu.»Für Jeden zwei Guineen, wenn Ihr ihnen vorkommt,« und die Poſtillons beider Wagen hiel⸗ ten ein förmliches Wettrennen. „Ich ſehe ſeinen Kopf,« rief der hitzige alte Herr aus;»will verdammt ſein, wenn ich nicht ſeinen Kopf ſehe.« »Ich auch,« ſagte Herr Pickwick,»ich auch, er iſt's!« Sie irrten nicht. Herr Jingle lehnte aus dem Wa⸗ genfenſter und trieb die Poſtillons an. Sie waren dicht hinter der erſten Chaiſe und vernahmen deutlich ſeine Stimme. Herr Wardle ſchäumte vor Wuth und Zorn, er ſtieß ganze Dutzende von Buben und Schurken aus, und drohte dem Gegenſtande ſeines Zorns ſehr ausdrucks⸗ voll mit geballten Fäuſten. Herr Jingle antwortete indeß nur durch ein ſpöttiſches Lächeln und ein Triumph⸗ geſchrei, wenn er eben wieder einen Vorſprung vor ſei⸗ nem Verfolger gewonnen hatte. Herr Pickwick hatte eben den Kopf wieder hereinge⸗ zogen, und Herr Wardle erſchöpft daſſelbe gethan, als ſie plötzlich durch einen heftigen Stoß von ihren Sitzen geworfen wurden. Sie hörten ein lautes Krachen, eines der Hinterräder fiel aus, und der Wagen ſchlug um. Herr Pickwick fühlte nach einigen Augenblicken der Betäubung und Verwirrung, wie er aus der zertrüm⸗ merten Chaiſe hervorgezogen wurde, und ſobald er auf den Füßen ſtand, ſah er ohne Brille die Größe des vor⸗ gefallenen Unheils, zumal da es eben anfing, Tag zu wer⸗ den. Sein Reiſegefährte ſtand ohne Hut und mit hier und da zerriſſenen Kleidern neben ihm. Die Poſtillons hatten die Zugriemen abgeſchnitten und ſtanden, von Kopf * 172 Die Pickwicker. bis zu den Füßen mit Koth beſpritzt, vor den Pferden. Einige Hundert Schritte weiter ſtand die andere Chaiſe, die auf das Krachen der umgeworfenen eingehalten hatte. Die Poſtillons ſchauten aus den Sätteln, und Herr Jingle aus dem Wagenfenſter mit merklichem Vergnügen nach dem Wrack zurück. »Hallo!« rief der unverſchämte Jingle;»Jemand 'nen Schaden bekommen?— ältlicher Herr— keine kleine Laſt— gefährlicher Sturz— höchſt gefährlich.« »Sie ſind ein Schurke!« rief Wardle zurück. Jingle lachte, und fuhr darauf mit einem bedeut⸗ ſamen Wink, und mit dem Daumen nach ſeiner Chaiſe deutend, fort: »Sie befindet ſich ſehr wohl— empfiehlt ſich Ih⸗ nen— bittet, ihretwegen keine Sorge zu tragen— läßt Tuppy grüßen— hinten drrauf ſetzen?— vorwärts, Schwager!« Seine Poſtillons gaben den Pferden die Sporen und Herr Jingle grüßte ſpöttiſch mit einem weißen Tuche aus dem Wagenfenſter. Herrn Pickwicks ruhiger und gleichmäßiger Strom der Gemüthsſtimmung war durch keinen Unfall bei dem ganzen Abenteuer, nicht einmal durch den Umſturz in Wallung gebracht worden; allein die Schändlichkeit Jing⸗ le's, von ſeinem treuen Jünger erſt Geld zur Entführung der Geliebten deſſelben zu leihen, und dann noch oben⸗ drein ſeinen Namen höhniſch in Tuppy zu verwandeln, war mehr, als ſeine Geduld zu ertragen vermochte. Er ath⸗ mete ſchwer, eine dunkle Zornröthe überzog ſein Geſicht, und er begann langſam und mit großem Nachdruck: »Komme ich jemals wieder mit dieſem Menſchen zuſammen, ſo werde ich—« »Ja ja,« fiel ihm Wardle ins Wort,»das iſt Alles — Die Pickwicker. 173 ſehr ſchön; aber während wir hier ſtehen und ſchwatzen, wird er ſich in London die Heiraths⸗Licenz verſchaffen, und ſich mit meiner Schweſter trauen laſſen.« Herr Pickwick hielt inne, und verſchloß ſeine Rede ſammt Rachegefühl in ſeiner Bruſt. »Wie weit haben wir bis zur nächſten Station?« fragte Herr Wardle einen der Poſtillons. »Sechs Meilen; nicht ſo, Tom?« »Noch ein Biſſel weiter.« »Ein Biſſel weiter als ſechs Meilen, Sir.« »Iſt nicht anders;— müſſen ſie zu Fuß abmachen, Herr Pickwick,« ſagte Wardle. »Iſt nicht zu ändern,« erwiederte der wahrhaft große Mann. Der alte Herr befahl einem der Poſtillons, vorauf⸗ zureiten, um für friſche Pferde zu ſorgen, und ſetzte mit ſeinem Reiſegefährten den Weg nach der nächſten Sta⸗ tion fort, und zwar unter um ſo unfreundlichern Um⸗ ſtänden, da es nach kurzem Aufhören wieder angefangen hatte, immer ſtärker zu regnen. Elftes Kapitel. In welchem alle Zweifel(ſofern deren vorhanden waren) an dem uneigennützigen Charakter des Herrn Jingle beſeitigt werden. Es giebt in London mehrere Wirthshäuſer, welche zu der Zeit, da die Poſtkutſchen ihre Fahrten auf eine feierlichere und ernſtere Weiſe zurücklegten, als in unſern 174 Die Pickwicker. Tagen, Sammelplätze für dieſelben waren, die aber jetzt ſo zurückgekommen ſind, daß ſie meiſt nur noch von Frachtfuhrleuten beſucht werden. Der Leſer würde ver⸗ geblich einige von dieſen alten Wirthshäuſern unter den „goldenen Kreutzen und Löwen und Ochſen« aufſuchen, deren Schilde die Hauptſtraßen von London zieren. Um ſie aufzufinden, muß er ſich zu den entlegneren Stadtthei⸗ len wenden, und dort wird er ſie hier und da noch in verborgenen Winkeln finden, wo ſie durch ihr düſteres altväteriſches Anſehen mitten unter ſtattlichern Gebäuden, welche ſie umgeben, ſich bemerkbar machen! Beſonders in der Borough iſt etwa noch ein halbes Dutzend dieſer Wirthshäuſer unverändert der modernen Verſchönerungs⸗ und Spekulationsſucht entgangen. Es ſind große wunderliche alte Gebäude mit Gallerien und einem Labyrinth von Treppen und Gängen, breit und alterthümlich genug, um Stoff zu hundert Spuck⸗ und Spenſtergeſchichten zu geben, wenn wir je in die traurige Nothwendigkeit verſetzt ſein ſollten, deren erfinden zu müſſen. In dem Hofe eines dieſer Wirthshäuſer— keines geringerm als der»weiße Hirſch«— war früh am Mor⸗ gen, nach den in dem letzten Kapitel berichteten Ereig⸗ niſſen, ein Mann eifrig beſchäftigt, ein Paar Stiefel zu reinigen. Er trug eine grobe geſtreifte Weſte mit ſchwar⸗ zen Kaliko⸗Aermeln und blauen Glasknöpfen, graugelbe Tuchhoſen und Kamaſchen, ein ſehr kunſtlos geknüpftes rothes Tuch um den Hals und einen alten weißen Hut nachläſſig auf der einen Seite des Kopfes. Es ſtanden zwei Reihen Stiefel vor ihm, eine gereinigte und eine ungereinigte und bei jeder Verlängerung der erſtern hielt er etwas mit der Arbeit inne, um die Früchte ſeines Fleißes mit unverkennbarem Vergnügen zu betrachten. 1 —,— — 8& ᷑— ᷣ ⏑&◻⏑ ⏑. ÖG*. d, u dà8¼ 4 —— Die Pickwicker⸗ 175 In dem Hofe bemerkte man keineswegs das leben⸗ dige Treiben und die Geſchäftigkeit wie gewöhnlich in einem großen Wirthshauſe. Drei bis vier Frachtwagen, jeder ſo hoch bepackt, daß er bis zum zweiten Fenſter eines gewöhnlichen Hauſes gereicht haben würde, ſtanden unter einem geräumigen Schuppen, der von einem Ende des Hofes bis zum andern ging, und ein anderes Fuhr⸗ werk, welches wahrſcheinlich am Morgen ſeine Reiſe be⸗ ginnen ſollte, war in den offenen Raum gezogen. Eine doppelte Reihe von Schlafzimmern öffnete ſich auf zwei Gallerien mit plump gearbeitetem Geländer und eine doppelte Reihe von Schellen, durch einen Vorſprung des Dachs vor dem Wetter geſchützt, hing über der Thüre, die in das Speiſe⸗ und Geſellſchaftszimmer führte. Zwei bis drei Gigs und Poſtwagen waren unter kleinere Re⸗ miſen gezogen und der dann und wann hörbare Huftritt eines Karrenpferdes, oder das Raſſeln einer Kette an dem entfernteren Ende des Hofes, verkündete Jedem, der es zu wiſſen wünſchte, daß der Stall in jener Richtung lag. Wenn wir hinzufügen, daß einige Fuhrleute, in Kit⸗ teln hier und da auf ſchweren Ballen und Kiſten liegend, ſich dem Schlaf hingaben, ſo haben wir ſo viel als nöthig den Hof des Wirthshauſes zum weißen Hirſch in der Hochſtraße, an jenem Morgen beſchrieben. Auf ein lautes Klingeln erſchien eine rüſtige Haus⸗ magd auf der obern Gallerie, welche, nachdem ſie an die Thüre geklopft und einen Befehl von Innen erhalten hatte, über das Geländer in den Hof rief: „Sam!« „Hallo ly rief der Mann mit dem weißen Hut zurück. „Nummer 22 will ſeine Stiefel haben.« »Frag' Nummer 22, ob er ſie jetzt haben muß, oder warten will, bis er ſie bekommt.« 176 Die Pickwicker. »Mach' keine dummen Späße, Sam,« ſagte das Mädchen,»der Herr will ſeine Stiefel gleich haben.« »Siehſt Du dieſe Stiefeln hier,« entgegnete Sam, velf Paar und außerdem ein Schuh, der Nummer 6 mit dem hölzernen Bein gehört. Die Stiefel ſind um halb neun und der Schuh um neun Uhr beſtellt.— Wer iſt denn Nummer 22, daß er früher bedient ſein will als alle Andere?— Nein, nein, Einer nach dem Andern, wie der Henker ſagte, als er die Leute auf⸗ knüpfte.— Thut mir leid, Sir, daß Ihr warten müßt, aber die Reihe wird gleich an Euch kommen.«— Der Mann im weißen Hut begann nach dieſen Worten einen Stulpenſtiefel mit vielem Eifer zu bear⸗ beiten. Es wurde nochmals laut geſchellt, und die geſchäf⸗ tige alte Wirthin vom weißen Hirſch erſchien auf der Gallerie gegenüber. »Sam!« rief ſie,»wo ſteckt der Faulpelz— ah Sam, da biſt Du— weshalb antworteſt Du nicht?«. »Es würde nicht höflich ſein, zu antworten, ehe Sie ausgeſprochen haben,« entgegenete Sam mürriſch. »Hier;— putze gleich dieſe Schuhe für Nummer 17, und bringe ſie nach Nummer fünf unten.« Die Wirthin warf ein Paar Damenſchuhe in den Hof und eilte weiter. »Nummer 5,z ſagte Sam, indem er die Schuhe aufnahm und, ein Stück Kreide aus der Taſche nehmend, ihre Beſtimmung auf den Sohlen verzeichnete—»Damen⸗ ſchuhe und Nummer 5 unten.— Ich wette, daß die nicht mit dem Frachtwagen gekommen iſt.«. »Sie kam heute Morgen ganz früh,« rief ihm das Mädchen zu, das noch immer über dem Geländer der Gallerie lehnte,»mit einem Herrn in'ner Miethskutſche ,—— Die Pickwicker. 177 und der will ſeine Stiefel haben und Du thäteſt beſſer, ſie zu putzen und nicht ſo viel zu ſchwatzen.« »Weshalb ſagteſt Du das nicht gleich?« erwiederte Sam ſehr unwillig, indem er die fraglichen Stiefel aus der Reihe hervorſuchte.—»Ich konnte nicht anders glauben, als daß es ein gewöhnliches Drei⸗Penny Trink⸗ geld geben würde. Zimmer Nummer 5 und noch eine Dame dabei! Wenn er im mindeſten ein anſtändiger Herr iſt, ſo bringt er mir täglich'nen Schilling ein, außer den Trinkgeldern für die Beſtellungen.« Durch dieſen begeiſternden Gedanken angeregt, bür⸗ ſtete und putzte Herr Samuel mit ſolchem Eifer, daß in wenigen Minuten die Stiefel und Schuhe eine Politur erhielten, welche das Herz des liebenswürdigen Herrn Warren(denn ſie brauchten Day und Martinwichſe im weißen Hirſch) mit Neid erfüllt haben würde. Sam klopfte, mit den Stiefeln und Schuhen in der Hand, an der Thür von Nummer 5. „»Herein!« rief eine männliche Stimme. Sam machte ſeine beſte Verbeugung und trat vor eine Dame und einen Herrn, die beim Frühſtück ſaßen. Nachdem er dienſtfertig dem Herrn ſeine Stiefel und der Dame ihre Schuhe rechts und links neben ihre Füße geſetzt hatte, zog er ſich wieder nach der Thüre zurück. „»Hausknecht!« rief der Herr. „»Sir,« ſagte Sam, den Thürgriff in der Hand be⸗ haltend. »Wißt Ihr— wie heißt's doch— Docktors Com⸗ mons.« 3 „»Ja, Sir!« „»Wo iſts 2« „An der Paulskirche, Sir— niedriger Thorweg an der Fahrſeite, Buchladen an der einen Ecke, Gaſt⸗ Die Pickwicker. I. 12 Die Pickwicker. aus an der andern und zwei Thürſteher davor, als 3 h h Lockvögel.« „Lockpögel?« fragte der Herr. »Ja wohl, Lockvögel,« entgegnete Sam.»Zwei Kerle mit weißen Schürzen— nehmen die Hüte ab, wenn man eintritt— kurioſe Leute, Sir, und ihre Herren auch, Sir!« »Was fangen ſie denn an?« fragte der Herr. „»Fangen? Sie ſelbſt, Sir, was aber noch nicht das Schlimmſte iſt.— Sie ſetzen alten Leuten Dinge in den Kopf, wovon die ſich in ihrem Leben nicht haben träumen laſſen.— Mein Vater iſt ein Kutſcher, Sir, er war Wittwer und ſehr wohl beleibt. Seine Frau hinterließ ihm 400 Pfund.— Er geht nach Docktors Commons, um das Geld zu erheben— putt ſich her⸗ aus— zieht Stulpenſtiefeln an— ſteckt'nen Blumen⸗ ſtrauß ins Knopfloch, ſetzt einen breitkrämpigen Hut auf — geht durch den Thorweg, und denkt nach, wie er das Geld unterbringen will— da kommt der Lockvogel und zieht den Hut vor ihm ab.—»Licenz, Sir, Licenz?2«. —»Was iſt das?« fragt mein Alter—»Licenz, Sir— Licenz,« wiederholt der Lockvogel.—»Was für'ne Li⸗ cenz?« ſagt mein Alter.—„»Heiraths⸗Licenz,« ſagt der Lockvogel.—»Will verdammt ſein, ſagt mein Alter, wenn ich daran denke.«—»Ich denke, Sie brauchen eine,« ſagt der Lockvogel.— Mein Alter hält ſtill und beſinnt ſich'ne Weile.—»Ne,« ſagt er,»bin zu alt und auch zu korpulent dazu.«—»Durchaus nicht, Sir,« ſagt der Lockvogel.—»Glaubt Ihr nicht?« ſagt mein Alter.—»Nein,« ſagt der Lockvogel,»wir ver⸗ heiratheten erſt am Montag'nen Herrn, der zweimal ſo korpulent war, wie Sie.«—»Wirklich?« ſagte mein Alter.—»Gewiß,« ſagt der Lockvogel,»Sie ſind ein 1 Die Pickwicker. 179 Kind dagegen— Hier, Sir— hierher«— und mein Alter, geht hinter ihm her wie ein zahmer Affe hinter 'ner Drehorgel und ſie kommen in'ne kleine Schreibſtube, wo ein Herr zwiſchen ſchmutzigen Papieren und zinner⸗ nen Büchſen ſitzt, und thut, als wenn er beſchäftigt wäre.—»Bitte, ſetzen Sie ſich, Sir, bis ich die Ur⸗ kunde ausgefertigt habe,« ſagte der Mann vom Gericht. »Danke, Sir,« ſagt mein Alter und ſetzt ſich und ſtarrt mit offenem Munde die Namen an den Büchſen an.— »Wie heißen Sie, Sir?« fragt der Rechtsverdreher.— »Tony Weller,« ſagt mein Alter.—»Das Kirchſpiel?2« fragt der Rechtsverdreher.—»Belle⸗Savage,« ant⸗ wortet mein Alter, weil da ſein Kutſchenſtand war, und er wußte von keinem andern Kirchſpiel.—»Und wie heißt die Braut?« ſagt der Rechtsverdreher.— Mein Alter wurde ganz verdutzt.—»Gott ſtraf' mich, wenn ich's weiß,« antwortete er endlich.—»Sie wiſſen's nicht,« ſagt der Rechtsverdreher.—»Eben ſo wenig, wie Sie,« ſagt mein Alter,»kann das nicht ſpäter noch 'rein geſetzt werden?«—»Unmöglich,« antwortet der Rechtsverdreher.—»Gut,« ſagt mein Alter, wie er ſich ein Bischen beſonnen hat,»ſchreiben Sie Miſtreß Clarke.«—»Stand und Vornamen?« fragt der Rechts⸗ verdreher und tunkt ſeine Feder in die Tinte.—»Su⸗ ſanne Clarke im Markis von Granby zu Dorking,« ſagt mein Alter,»ſie wird mich ganz gewiß nehmen, wenn ich ihr yrum angehe— ich hab ihr noch nie was davon geſagt, aber ich weiß, daß ſie mich nehmen wird.«— Die Licenz wurde ausgefertigt, und Miſtreß Clarke nahm ihn wirklich, und was noch mehr iſt, ſie hat ihn jetzt, aber ich habe noch kein Pfund von den 400 geſehen.— »öEntſchuldigen, Sir,« fügte Sam hinzu,»aber wenn ich auf dieſe Geſchichte komme, ſo geht's mir vom 12* 180 Die Pickwicker. Munde, wie'n neuer Schubkarren mit'nem friſch ge⸗ ſchmiertem Rade.« Nachdem er dies geſagt hatte, und noch einige Au⸗ genblicke geblieben war, um zu ſehen, ob man ſeiner Dienſte noch bedürfe, entfernte ſich Sam aus dem Zimmer. »Halb neun Uhr— gerade Zeit— gleich fort,« ſagte der Herr, den unſere Leſer ohne Zweifel als Herrn Jingli wieder erkennen. »Wozu iſt es Zeit?« fragte die Tante kokettirend. »Licenz, theuerſter Engel— dem Geiſtlichen An⸗ zeige machen— Morgen Sie die Meinige nennen,« er⸗ wiederte Herr Jingle, indem er der Jungfrau die Hand drückte. »Die Heiraths⸗Licenz?2« flüſterte Rachel erröthend. „»Die Heiraths⸗Licenz!« wiederholte Herr Jingle. »Wie eilen Sie!« ſagte Rachel. »Eilen— Stunden, Tage, Wochen, Jahre nichts, — wenn Sie die Meine— eilen— verfolgen uns mit Tauſend Pferde Kraft.« »Iſt es— iſt es nicht möglich, daß wir noch vor Morgen früh vereinigt werden?« fragte Rachel ver⸗ ſchämt.. »Unmöglich— kann nicht ſein— heute Anzeige in der Kirche und Licenz— Morgen Trauung.« »Ich bin nur ſo beſorgt, mein Bruder könnte uns aufſpüren,« ſagte Rachel. »Aufſpüren— keine Gefahr— zu beſchädigt vom Umſtürzen— wir ſehr vorſichtig geweſen— Poſtchaiſe verlaſſen— zu Fuß weiter gegangen— Miethwagen genommen— im weißen Hirſch uns nicht ſuchen— hal ha!— kapitaler Einfall das— ha! hal« »Bleiben Sie auch nicht zu lange aus,« ſagte die △ Die Pickwicker. 181 Jungfrau zärtlich, als Herr Jingle den eingedrückten Hm. auf den Kopf ſetzte. »Lange fortbleiben von Ihnen— grauſame Zau⸗ berinn!« rief Herr Jingle aus, hüpfte ſcherzend zu der Jungfrau, drückte einen keuſchen Kuß auf ihre Lippen und eilte hinaus. »O welch ein lieber Mann!« ſeufzte die Tante, als die Thüre ſich hinter ihm ſchloß. »Fatale alte Priſe,« ſagte Herr Jingle, als er aus dem Hauſe trat. Es iſt ſchmerzlich, der Treuloſigkeiten des Menſchen⸗ geſchlechts zu gedenken, und wir wollen daher den Faden der Betrachtungen des Herrn Jingle auf ſeinem Wege nach Docktors Commons nicht weiter verfolgen. Es wird für unſern Zweck genügen, wenn wir berichten, daß er den Fallſtricken der Drachen mit weißen Schürzen, die den Eingang zu jener bezaubernden Region bewachen, glücklich entging, das Geſchäftszimmer des General⸗Vi⸗ ears ſicher erreichte, und daß, nachdem er ſich ein höchſt ſchmeichelhaft lautendes Document auf Pergament von dem Erzbiſchof von Canterbury für»unſern getreuen und vielgeliebten Alfred Jingle und Rachel Wardle« verſchafft, er das Dokument ſorgfältig in ſeine Taſche ſteckte, um ſich dann im Triumph auf den Rückweg nach dem weißen 8 Hirſch zu begeben. 3 Er war noch auf dem Wege, als zwei korpulente Herren und ein ſchmächtiger in den Hof eintraten, und ſich nach einer Perſon umſahen, der ſie einige Fragen ſtellen könnten. Herr Samuel Weller war in dieſem Augenblick gerade beſchäftigt, die Stiefel eines Pächters zu reinigen, der ſich bei einem kleinen Frühſtück, beſtehend aus zwei bis drei Pfund kaltem Rindfleiſch und einigen Krügen Porter von den Anſtrengungen des Wochenmark⸗ 3 182 Die Pickwicker. tes erholte. Der ſchmächtige Herr trat ſogleich⸗ auf Sam zu. »Mein Freund,« begann er. „Das iſt einer, der mich umſonſt ausholen will,« dachte Sam,»ſonſt würde er nicht ſo freundlich gegen mich ſein.« Er ſagte jedoch laut:»Nun, Sir 2« »Mein Freund,« wiederholte der ſchmächtige Herr mit einem gewinnenden»Hm,« logiren jetzt wohl viel Gäſte hier?— Sehr geſchäftig, he?« Sam warf einen forſchenden Seitenblick auf den Fragenden. Es war ein kleiner, hagerer Mann, mit einem ſchmalen, bleichen Geſicht und kleinen, unruhigen, ſchwarzen Augen, die zu beiden Seiten ſeiner kleinen auf⸗ geworfenen Naſe fortwährend blinzelten, als ob ſie mit einander Verſteckens ſpielten. Er war ganz ſchwarz ge⸗ kleidet und ſeine Stiefel blinkerten wie ſeine Augen; er trug ein weißes Halstuch und ein feines Hemde mit einer Krauſe. Eine goldene Uhrkette und Petſchafte hingen aus der Uhrtaſche. Er trug ſeine ſchwarzen Handſchuhe in den Handen, und hielt dieſe, während er ſprach, auf dem Rücken unter den Rockſchößen, mit der Miene eines Mannes, der Erfahrung im Eraminiren beſitzt. »Viel Verkehr— he?«— ſagte der kleine Mann. „O, leidlich, Sir,« erwiederte Sam,»wir ma⸗ chen nicht bankerott, aber wir werden auch nicht reich. Wir eſſen unſer Hammelfleiſch, wie es die Küche bringt, und fragen nichts nach Meerrettig, wenn wir Rindfleiſch haben können.«„ »Ah« ſagte der kleine Mann,»Ihr ſcheint ein Spaß⸗ vogel zu ſein.« »Mein älteſter Bruder litt an der Krankheit,« ent⸗ gegnete Sam,»möglich, daß ſie anſteckt, wir ſchliefen zuſammen.« — Die Pickwicker. 183 „Dies iſt ein merkwürdiges altes Gebäude,« ſagte der kleine Mann, im Hofe umherblickend. »Wenn Sie hätten ſagen laſſen, daß Sie kommen wollten, ſo würden wir es haben ausbeſſern laſſen,« ent⸗ gegnete der unerſchütterliche Sam. Der kleine Mann ſchien durch dieſe ſcherzhaften Er⸗ wiederungen etwas außer Faſſung gebracht zu werden, und es fand eine kurze Berathung zwiſchen ihm und ſei⸗ nen beiden Begleitern Statt, worauf er eine Priſe aus einer ſilbernen Doſe nahm, und wie es ſchien, im Begriff ſtand, die Unterhaltung mit Sam wieder anzuknüpfen, als einer von ſeinen Begleitern, der ſich durch ein men⸗ ſchenfreundliches Antlitz, eine Brille und ſchwarze Kama⸗ ſchen auszeichnete, einfiel: »Die Sache iſt die, daß mein Freund hier(indem er auf den andern korpulenten Herrn zeigte), Ihnen eine halbe Guinee geben will, wenn Sie uns ein Paar Fra——« »Mein theurer Sir,« unterbrach ihn der kleine Mann, vbitte, erlauben Sie,— der erſte in Fällen dieſer Art zu beobachtende Grundſatz iſt, daß, wer einmal einem Geſchäftsmann ſeine Sache übergeben hat, ſich durchaus nicht weiter einmiſcht, ſondern ihm unbedingtes Zutrauen ſchenkt. Wirklich, Herr(er wendete ſich zu dem andern korpulenten Herrn),»ah! ich vergaß den Namen Ihres Freundes.⸗ „Pickwick,« ſagte der Herr(denn dieſer war es). »Ah, Pickwick— wirklich, Herr Pickwick, mein theu⸗ rer Herr, entſchuldigen Sie, es wird mich immer ſehr freuen, Ihren Rath oder Beiſtand als amicus curiae anzunehmen, aber Sie müſſen einſehen, wie zweckwidrig es iſt, wenn Sie mir in einem Fall wie dieſer, durch ein ſolches ad captandum-Argument, als das Anerbieten einer halben Guinee iſt, vorgreifen wollen. Wirklich, . Die Pickwicker. mein theurer Herr, wirklich!«— und der kleine Mann nahm eine Argumentations⸗Priſe, indem er dabei eine ſehr weiſe und wichtige Miene machte. »Mein einziger Wunſch, Sir,« ſagte Herr Pickwick, »war, dieſe höchſt unangenehme Angelegenheit ſo ſchnell als möglich zu Ende zu bringen.« »Ganz recht, ganz recht,« ſagte der kleine Mann. „In dieſer Abſicht,« fuhr Herr Pickwick fort,»be⸗ diente ich mich des Arguments, das mir nach meiner Menſchenkenntniß als das erfolgreichſte in ſolchen Fällen bekannt iſt.« »Ja, ja,« ſagte der kleine Mann,»ſehr gut, ſehr gut, nur hätten Sie es mir überlaſſen ſollen. Es wird Ihnen gewiß nicht unbekannt ſein, mein theurer Herr, welch' ein unbedingtes Zutrauen dem Anwalt gewährt werden muß. Bedürfte es hierbei noch irgend einer Au⸗ torität, ſo würde ich Sie auf den wohlbekannten Fall Barnwell contra—« »Ei was George Barnwell,« unterbrach Sam, der bis dahin verwundert zugehört hatte;»jedermann weiß aus der Komödie, was das für ein Fall war, ob⸗ ſchon ich immer geglaubt habe, ſehen Sie, daß das junge Frauenzimmer viel mehr zu baumeln verdient hätte als⸗ er. Das hat aber mit unſerer Sache gar nichts zu thun. Sie boten mir'ne halbe Guinee an, Sir. Gut, ich habe nichts dagegen, und kann ich mehr thun, Sir?2« (Herr Pickwick lächelte.)»Dann iſt die nächſte Frage, was Teufel wollen Sie von mir, wie der Mann auf dem Theater ſagte, da er den Geiſt ſah?« »Wir wünſchen zu wiſſen,« ſagte Herr Wardle. „O, mein beſter Herr, mein beſter Herr!« unterbrach ihn der kleine Geſchäftsmann. Herr Wardle zuckte die Achſeln und ſchwieg. Die Pickwicker. 185 „Wir wünſchen zu wiſſen,« nahm der kleine Mann feierlich das Wort,»und wir ſtellen die Frage an Sie, um nicht Aufſehen zu erregen,— wir wünſchen zu wiſ⸗ ſen, wer gegenwärtig hier im Hauſe logirt?« „Wer hier logirt,« ſagte Sam, der die Gäſte ſtets nach den ſeiner beſondern Fürſorge anvertrauten Artikeln ihres Anzugs claſſificirte.»Da iſt ein hölzernes Bein in Nummer ſechs, ein Paar hohe Stiefel in Nummer dreizehn, zwei Paar Halbſtiefel in Nummer zwölf, und fünf Paar Stolpenſtiefel im Gaſtzimmer.« »Sonſt Niemand?« fragte der kleine Mann. »Ja, warten Sie einmal,« entgegnete Sam, ſich be⸗ ſinnend,»ja, da ſind noch ein Paar ziemlich abgetragene Wellington⸗Stiefel und ein Paar Damenſchuhe in Num⸗ mer fünf.« »Was ſind das für Schuhe?« fragte Herr Wardle, welcher, ſo wie Herr Pickwick, über dieſen ſeltſamen Ka⸗ talog der Gäſte höchſt erſtaunt war. „Landmachne,« erwiederte Sam. »Was für ein Name ſteht darin?« »Brown.⸗ »Und der Ortsname?« »Muggleton.« »Sie ſind es!« rief Herr Wardle;»beim Himmel, wir haben ſie gefunden!« „Pſt!« ſagte Sam,»die Wellingtons ſind nach Dock⸗ tors Commons gegangen.« »Wirklich?« ſagte der kleine Mann. »Ja wohl, um ſich'ne Heiraths⸗Licenz zu holen.⸗ »Wir kommen noch nicht zu ſpät,« ſagte Herr Wardle.»Führt uns nach dem Zimmer, es iſt kein Au⸗ genblick zu verlieren.« »Ich bitte, mein theurer Herr,« ſagte der kleine 3 Die Pickwicker. Mann,»Vorſicht, Vorſicht!« Er zog eine rothe ſeidene Börſe aus der Taſche, nahm ein Goldſtück heraus, und blickte Sam dabei ſcharf an, der ſehr bedeutſam greinte. „»Führt uns ſogleich, ohne uns anzumelden, in das Zimmer,« ſagte der kleine Mann,»und das Goldſtück iſt Euer.« Sam warf den Stulpenſtiefel, den er in der Hand hielt, in einen Winkel, und führte die Herren über einen dunkeln Gang und dann eine breite Treppe hinauf. Am Ende eines zweiten Ganges ſtand er ſtill und hielt dem Anwalt die Hand entgegen. »Iſt es hier?« flüſterte dieſer, indem er ihm das Goldſtück reichte. Sam trat einige Schritte vor, und blieb vor einer Thuür ſtehen. »Iſt dies das Zimmer?« flüſterte der kleine Herr nochmals. Sam nickte bejahend. Der alte Wardle öffnete die Thür, und die drei Her⸗ ren traten eben ein, als Herr Jingle, der vor einigen Augenblicken zurückgekehrt war, ſeiner Schönen die Licenz gezeigt hatte. Die Dame ſtieß einen lauten Schrei aus, warf ſich auf einen Stuhl, und bedeckte das Geſicht mit den Hän⸗ den. Herr Jingle ſteckte das Pergament haſtig in ſeine „Rocktaſche. Die unwillkommenen Beſucher traten mitten in das Zimmer. »Sie Nichtswürdiger— ſnd Sie. nicht ein rechter Schurke?« rief Herr Wardle faſt athemlos vor Zorn aus. »Mein beſter Herr, mein beſter Herr,« ſagte der kleine Mann, ſeinen Hut auf den Tiſch legend, vich bitte, bedenken Sie— scandalum magnatum— ſchwere 1 — —— Die Pickwicker. 187 Injurie— Entſchädigungs⸗Klage— Beruhigen Sir ſich, mein beſter Herr— ich bitte!« »Wie konnten Sie es wagen, meine Schweſter aus meinem Hauſe zu entführen?2« fuhr der alte Herr fort. »Ja, ja— ſehr gut— die Frage können Sie thun— Ja, wie konnten Sie es wagen, Sir?— he, Sir 2 »Wer zum Teufel ſind Sie denn?« fuhr ihn Jingle ſo heftig an, daß jener unwillkührlich einige Schritte zurückfuhr.. »Wer der Herr iſt, Sie Hallunke!« rief Herr Wardle.»Es iſt mein Sachwalter, Herr Perker von Grays Inn.— Perker, ich will dieſen Schuft in An⸗ klageſtand verſetzt wiſſen— beſtraft wiſſen— es ſoll ihm theuer zu ſtehen kommen.— Und Du, fuhr er, ſich plötzlich zu ſeiner Schweſter wendend fort, Du Ra⸗ chel, was ſind mir das für Streiche, daß Du in einem Alter, da Du es beſſer wiſſen könnteſt, mit einem Land⸗ ſtreicher davon läufſt, Deine Familie beſchimpfſt, und Dich ſelbſt unglücklich machſt?— Setz' Deinen Hut auf, und komm' ſogleich mit.— Beſtellt ſchleunigſt einen Miethwagen und bringt die Rechnung dieſer Dame— hört Ihr?— hört Ihr? »Ja ja, Sir,« erwiederte Sam, der auf Wardles heftiges Klingeln mit einer Schnelligkeit erſchien, die Jedermann wunderbar erſcheinen mußte, der in das Ge⸗ heimniß nicht eingeweiht war, daß Sam ein Zuſchauer des ganzen Auftritts durch das Schlüſſelloch geweſen war. »Setz' Deinen Hut auf, und folge mir!« wiederholte Wardle. „Nichts, davon,« fiel Jingle ein,»Zimmer verlaſſen, Sir— nichts zu ſchaffen hier— Dame kann thun, was ſie will— über 21 Jahr alt— mündig!l«— Die Pickwicker. „»Ueber 21 rief Wardle verächtlich,»über 41 iſt ſie!« „»Das bin ich nicht,« ſagte die Dame, indem Ent⸗ rüſtung ihren Entſchluß beſiegte, in Ohnmacht zu fallen. »Das biſt Du allerdings,« erwiederte Wardle,»Du haſt bald Deine Funfzig auf dem Rücken.« Jetzt ſchrie die Tante laut auf und fiel wirklich in Ohnmacht. »Ein Glas Waſſer,« ſagte der menſchenfreundliche Pickwick, die Wirthin rufend. »Ein Glas Waſſeer,« rief der entrüſtete Wardle. »Bringt einen Eimer voll und gießt ihn ihr über den Kopf, das wird ihr gut thun, und ſie hat es reichlich verdient.« »Pfui, Sie Unmenſch,« ſagte die gutherzige Wir⸗ thin, welche ſogleich, durch ein Stubenmädchen unter⸗ ſtützt, begann, die Stirne der Dame mit Eſſig zu reiben, die Naſe zu kitzeln, die Schnürbruſt zu löſen, und alle andern Mittel anzuwenden, mit welchen mitleidige Frauen⸗ zimmer den Damen beizuſpringen pflegen, welche ſich be⸗ mühen, in Krämpfe und Ohnmachten zu fallen. »Der Wagen iſt da, Sir,« rief Sam an der Thür des Zimmers. »Komm— komm,« ſagte Wardle.»Ich werde ſie die Treppe hinuntertragen müſſen.« Bei dieſer Aeußerung kehrten die Krämpfe mit dop⸗ pelter Heftigkeit zurück, und die Wirthin ſtand im Be⸗ griff, ſehr heftigen Einſpruch gegen dieſes Verfahren zu zu thun, und hatte bereits entrüſtet die Frage aufgewor⸗ fen, ob Herr Wardle ſich für den Herrn der Schöpfung halte, als Herr Jingle ſie unterbrach: »Hausknecht, holt mir einen Konſtabel!l« »Halt— halt,« ſagte der kleine Mann.„Beden⸗ ken Sie, Sir— bedenken Sie wohl—« m Die Pickwicker. 189 »Will nichts bedenken,« erwiederte Jingle,»ſie ſteht nicht mehr unter Vormundſchaft— will ſehen, wer es wagt, ſie fortzuſchleppen— wenn ſie nicht ſelbſt will.« »Ich will mich nicht fortſchleppen laſſen,« murmelte die Tante.(Die Krämpfe kehrten heftig zurück.) »Mein beſter Herr,« ſagte der kleine Mann leiſe, indem er Herrn Wardle und Herrn Pickwick bei Seite zog,»mein beſter Herr, wir befinden uns in einer ſehr mißlichen Lage.— Es iſt ein äußerſt bedenklicher Fall — mir noch nie vorgekommen— aber wirklich, mein beſter Herr, wir haben nicht das Recht, die Handlungen dieſer Dame zu beſtimmen.— Ich ſagte es Ihnen vorher, daß wir nichts zu hoffen haben, als durch einen gütlichen Vergleich.« Nach einem kurzen Stillſchweigen fragte Herr Pick⸗ wick:»Welchen Vergleich würden Sie verſchlagen?« »Mein beſter Herr, unſer Freund hier, iſt in einer ſehr unangenehmen Lage.— Wir werden uns entſchlie⸗ ßen müſſen, ein Opfer an Geld zu bringen.« »Ich will lieber jedes Opfer bringen, als einen ſol⸗ chen Schimpf erdulden, und die Thörin für ihr ganzes Leben ſich unglücklich machen laſſen,« ſagte Wardle. »Ich denke, es wird ſich ſchon alles ausgleichen laſ⸗ ſen,« ſagte der geſchäftige kleine Mann.»Herr Jingle, wollen Sie die Güte haben, auf einen Augenblick mit mir in das nächſte Zimmer zu treten?« Herr Jingle willigte ein, die vier Herren begaben ſich in ein anderes Zimmer, und nachdem der kleine Mann die Thür ſorgfältig verſchloſſen hatte, begann er. »Kommen Sie, Sir, ſollte ſich dieſe Angelegenheit nicht auf dem Wege der Güte beilegen laſſen?— Kom⸗ men ſie hier an dieſes Fenſter, Sir, wo man uns nicht hört.— Bitte, ſetzen Sie ſich, Sir.— Nun, mein Die Pickwicker. beſter Herr— unter uns geſagt, wir wiſſen ſehr wohl, mein beſter Herr, daß Sie dieſe Dame um ihres Geldes willen entführt haben.— O, blicken Sie mich doch nicht ſo finſter an— ich ſagte, unter uns, wir Beide wiſſen das.— Wir ſind Weltmänner und wiſſen ſehr wohl, daß unſere Freunde dort es nicht ſind— wie?« Herrn Jingles Züge heiterten ſich auf und in ſeinem linken Auge ließ ſich etwas wie ein Zuwinken erkennen. »Sehr gut, ſehr gut,« ſagte der kleine Mann, den Eindruck gewahrend, den er gemacht hatte. Die Sache iſt nun, daß außer einigen hundert Pfund, die Dame wenig oder nichts bis zum Tode ihrer Mutter hat— noch eine rüſtige alte Frau, Sir.« „»Alte ſagte Herr Jingle kurz, aber mit Nachdruck. »Freilich,« fuhr der Anwalt huſtend fort.»Sie haben Recht, mein beſter Herr; ſie iſt allerdings etwas bei Jahren, aber ſtammt von einer ſehr alten Familie ab, Sir, alt in jedem Sinne des Worts.— Der Stammvater jener Familie kam nach Kent zur Zeit Julius Cäſars— ſeitdem iſt nur ein einziges Mitglied der Familie vor dem 85ſten Jahre geſtorben, und dieſes eine wurde unter einem der Heinriche enthauptet.— Die alte Dame iſt noch nicht 73 Jahr alt, mein beſter Herr.« Der kleine Mann machte eine Pauſe und nahm eine Priſe. »Nun?« ſagte Herr Jingle. »Nun, mein beſter Herr— Sie ſchnupfen nicht?— Ah, deſto beſſer für Sie— koſtſpielige Gewohnheit— nun, mein beſter Herr, Sie ſind ein hübſcher junger Mann— ein Mann von Welt— können Ihr Glück noch machen, wenn Sie nur Kapital hätten— he⸗ 2 »Nun?« wiederholte Herr Ingle. Die Pickwicker. »Verſtehen Sie 2« »Nicht ganz.« »Glauben Sie nicht— ich lege die Frage Ihnen vor, mein beſter Herr— glauben Sie nicht, das funf⸗ zig Pfund und die Freiheit mehr werth ſind, als Miß Wardle und auf ihr etwaiges Vermögen warten zu müſſen?2« »Nicht genug— nicht halb genug,« ſagte Herr Jingle und ſtand auf. yöi, ei, mein beſter Herr,« fuhr der kleine Anwalt fort, und faßte Jingle bei einem Knopfe, vein hübſches rundes Sümmchen— ein Mann wie Sie kann es in kurzer Zeit verdreifachen— mit funfzig Pfund läßt ſich ſchon etwas anfangen, mein beſter Herr.« »Mit hundert funfzig noch mehr,« erwiederte Jingle kaltblütig. »Nun, mein beſter Herr, wir wollen unſere Zeit nicht mit Kleinigkeiten verlieren,« fuhr der kleine Mann fort,»was— was meinen Sie zu ſiebzig Pfund 2« »Geht nicht,« ſagte Herr Jingle, indem er aufſtand. »Bleiben Sie doch, mein beſter Herr, wir haben ja nicht ſo große Eile— was ſagen Sie zu achtzig Pfund?— ich ſchreibe Ihnen ſogleich die Anweiſung.« »Immer noch zu wenig,« ſagte Herr Jingle. »Nun gut, mein beſter Herr,« fuhr der kleine Mann fort, ihn immer noch zurückhaltend—»ſo ſagen Sie mir nur, wie viel Ihnen genügen wird.« „Koſtſpielige Geſchichte,« entgegnete Jingle.»Baare Auslagen— Poſtpferde neun Pfund, Licenz drei— macht zwölf— Entſchädigungsſumme 100 Pfund— macht hundert und zwölf— Ehrenkränkung— Verluſt der Dame. „Ja, mein beſter Herr, ja doch, ſchon gut,« ſagte *. n, Die Pickwicker. der kleine Mann mit einem bedeutſamen Blick,»die bei⸗ den letzten Poſten geben Sie natürlich auf. Das macht hundert und zwölfe,— ich denke hundert— was mei⸗ nen Sie 2« »Und zwanzig,« ſagte Jingle. »Kommen Sie, ich ſchreibe die Anweiſung,« fuhr der kleine Mann fort, und er ſetzte ſich zu dieſem Behuf an den Tiſch;»übermorgen zahlbar,« mit einem Blick auf Herrn Wardle—»bis dahin kann die Dame wieder zu Hauſe ſein.« Herr Wardle gab etwas unwillig ſeine Zuſtimmung durch ein Kopfnicken zu erkennen. »Alſo hundert!« ſagte der kleine Mann. »Und zwanzig,« ſagte Jingle. »Mein beſter Herr,« fuhr Perker fort, und wollte abermals Einwendungen machen. »Schreiben Sie nur, und laſſen Sie ihn laufen,« rief Herr Wardle dazwiſchen. Der kleine Herr ſtellte die Anweiſung aus, und Herr FJingle ſteckte ſie ein. »Und jetzt ſcheren Sie ſich augenblicklich aus dem Hauſe,« rief Herr Wardle anſſpringend. „»Mein theurer Sir!« ſagte der kleine Mann dringend. »Und wiſſen Sie,« fuhr Wardle fort,»daß mich nichts in der Welt zu dieſem Vergleiche vermocht haben würde, nicht einmal die Rückſicht auf meine Familie, wenn ich nicht wüßte, daß Sie, ſobald Sie Geld in der Taſche haben, wo möglich noch ſchneller zum Teufel ge⸗ hen werden, als Sie es ohne Geld— e »Mein theuerſter Sir,« fiel der kleine Mann noch dringender ein. »Sein Sie ruhig, Perker,« fuhr Herr Wardle fort. »Scheren Sie ſich hinaus, Sir!« * Die Pickwicker. 193 »Augenblicklich,« ſagte Jingle in äußerſter Ruhe. Adien— adieun, Pickwick.“« Hätte ein ruhiger Zuſchauer das Antlitz des be⸗ rühmten Mannes, des Helden unſerer Erzählung, wäh⸗ rend dieſer Unterredung beobachten können, es würde ihm unerklärlich geweſen ſein, daß ſeine Brillengläſer vor dem aus ſeinen Augen blitzenden Feuer der Entrüſtung nicht ſchmolzen— ſo majeſtätiſch war ſein Zorn. Sprühende Zornblitze ſchoſſen aus ſeinen Augen und kramphaft zogen ſich ſeine Hände zuſammen, als der Elende ihn anredete Er hielt jedoch abermals an ſich— er pulveriſirte ihn nicht. »Da,« fuhr der verſtockte Böſewicht fort, indem er Herrn Pickwick die Licenz vor die Füße warf, Namen umändern laſſen, alte Schachtel nach Hauſe bringen— für Tuppy gut genug!« Herr Pickwick war Philoſoph, allein zuletzt ſind Philoſophen doch nur gepanzerte Männer. Der Pfeil war durch den Harniſch ſeiner Philoſophie und ihm bis tief in das Herz. gedrungen. Er ſchleuderte in ſeiner unnennbaren Wuth das Dintenfaß nach Jingle, und ſtürzte ſelbſt hintendrein auf den Verruchten los. Allein Jingle war verſchwunden, und Sams Arme fingen Herrn Pickwick auf. »Daß Dich!« rief Sam aus,»das Sch hreibzeug muß wohlfeil ſein, wo Sie her ſind. Das iſt Dinte, die von ſelber ſchreibt; hat Ihr Handzeichen an die Wand ge⸗ ſchrieben, alter Herr. Sachte, ſachte, Sir. Was kann's nützen, daß Sie'nem Menſchen nachſetzen, der lange Beine hat, und jetzo ſchon die ganze Straß''nunter iſt.⸗ Für die Wahrheit ſtand Herrn Pickwicks Ohr ſtets offen, gleich denen aller wirklich großen Männer. Er war ein raſcher und ſtarker Denker, und die Ueberlegung Die Pickwicker I. 13 194* Die Pickwicker. eines Augenblicks war hinreichend, ihn von der Ohn⸗ macht ſeines Zorns zu überzeugen. Sein Ingrimm war eben ſo ſchnell verraucht, als er in ihm aufgeſtiegen war. Er holte tief Athem, und blickte wohlwollend ſeine Freunde an. Sollen wir die Wehklagen der Miß Wardle ſchil⸗ dern, welche begannen, als ſie vernahm, daß der treuloſe Jingle ſie verlaſſen hatte? Geben wir einen Auszug aus Herrn Pickwicks meiſterhafter Schilderung der Scene? Sein Notizenbuch, getränkt mit den Zähren mitfühlen⸗ der Menſchlichkeit, liegt offen vor uns; ein Wort, und es iſt in den Händen des Druckers.— Doch nein! wir bleiben unſerm Vorſatze getreu! Wir wollen die Empfin⸗ dungen unſerer Leſer durch eine ſo ſchaudererregende Schilderung nicht noch höher auf die Folter ſpannen. In der ſchwerfälligen Poſtkutſche von Muggleton kehrten die beiden Freunde mit der ver aſſenen Jungfrau langſam und traurig am nächſten Tage heim. Der ſchwarze Schleier der Nacht hatte die Erde überzogen, als die Reiſenden in Dingley⸗Dell wieder ankamen. Ende des erſten Theils. — 2 *