—= 2 3 iothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 JLeih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—. 4. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nrchentlich SBücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 3 Monat: 1 NMk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Ni. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt b der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird V goys(Dickens) ſämmtliche Werke. Aus dem Engliſchen von Adolph Banner. Erſter Band. Schwere Zeiten. Stuttgart. Hoffmann'ſche Verlags⸗Buchhandlung. 1855. Schwere Zeiten. Ein Roman von Boz(Dickens). 1 Aus dem Engliſchen von Adolph Banner. Stuttgart. Hoffmann'ſche Verlags⸗Buchhandlung. 1855. Einleitung des Aeberzetzers. Durch Walter Scott und das zahlreiche Heer ſeiner zum Theil geiſtloſen Nachahmer war die engliſche Roman⸗ literatur dem wirklichen Leben ſo vollſtändig entrückt worden, daß man Hochlandsnebel, Turniere, Hofkabalen und Vaſal⸗ lenromantik für die nothwendigen Requiſiten eines guten Romans hielt. Das engliſche Leben war aber längſt über dieſe Dinge hinweggeſchritten und hatte Angeſichts der in tauſend neuen Geſtaltungen arbeitenden und ringenden Ge⸗ genwart kaum noch eine Erinnerung von den Stuarts und ihren Kämpfen, von der altengliſchen Adelsherrſchaft und ihrer Romantik behalten. Sein Schwerpunkt lag ſchon längſt nicht mehr in den blaſirten Salons des Weſtends oder in den verfallenen Schlöſſern Hochſchottlands, ſondern in den düſteren Bureau's der City, welche ſich einen Adel zum Privatvergnügen hält, in gleicher Weiſe wie ſie ſich Lurxus⸗ pferde und goldbetreßte Bedienten zu halten beliebt;— um der Canaille Reſpekt einzuflößen und um die Allmacht des Geldes zu beweiſen, vor deſſen Altare Alle in den Staub VI ſinken, Höflinge und Würzkrämer, Fabrikanten und Arbeiter, Lords, Pächter und Bauern, nur nicht die Cityherrſcher ſelbſt, denn dieſe haben es verſtanden, den Gott in die Taſche zu ſtecken. Der erſte, welcher dem wirklichen Leben ſein Recht in der erzählenden Literatur wieder eroberte, war Charles Dickens. Anſtatt in ſtaubigen Chroniken, ſuchte er ſich ſeine Helden auf den Londoner Straßen, in den Clubs, der Stockbörſe, den bublic houses, den Gerichtsſälen. Da⸗ her der ungeheure Erfolg, mit dem Dickens(Boz) gleich in ſeinen erſten Publikationen debütirte, die romantiſirende Walter⸗Scott⸗Ariſtokratie der Bulwer, James u. ſ. w. ſtürzte, und ſich eine literariſche Alleinherrſchaft gründete, der ſich weder die eleganten Drawingrooms in Belgrania, noch die ſchmutzigen Souterrains in Whitechappel zu ent⸗ ziehen vermögen. Aber, macht man Dickens auf dem Continente zum Vorwurf, das iſt kein wirkliches Leben, das iſt Karrikatur oder höchſtens Satire. Habt ihr euch wohl einmal einen der vielen energiſch bevatermörderten Engländer betrachtet, welche alljährlich ihren Spleen, ihre ſteifen Beine, ihren Brittenſtolz und ihre Geſchmackloſigkeit im lieben Deutſch⸗ land ſpazieren führen? Betrachtet euch doch einen ſolchen Gentleman, wie er nachdenklich ſeine Fußſohlen bewundert, oder mit geſpreizten Beinen und eingeklemmter Lorgnette die Lachmuskeln ſeines Jahrhunderts in die Schranken for⸗ dert; und dann ſagt mir, was das anders iſt, als Karri⸗ katur? Die Engländer ſind die Karrikaturen Europa's, über die man unaufhörlich lachen würde, wenn man nicht zugleich einen ſo verteufelten Reſpekt vor ihnen haben müßte. Das Leben keiner anderen Nation bewegt ſich in ſo ſchroffen Gegenſätzen und unheilbaren Widerſpruͤchen, als das eng⸗ VII liſche. Da iſt ein ſo confuſes Gemiſch von krankhafter Affectation und geiſtiger Geſundheit, von Mormonenthum und Unglauben, von Pruderie und Proſtitution, von Feig⸗ heit und Courage, von Glanz und Elend, von Freiheit und despotiſcher Sitte, von Kohlenſtaub und feudalem Schutt, von Hunger und Schwelgerei, von Baumwollen⸗Induſtrie und Heraldik, und die Gegenſätze fliegen einem ſo provo⸗ zirend an den Kopf, daß man nicht anders kann, man muß lachen oder weinen, man ſchreibt Young'ſche Nachtgedanken oder Falſtaff'ſche Unfläthereien, Miller'ſche Sentimentalitäten oder Boz'ſche Pickwickier. Etwas anderes iſt kaum möglich, und diejenigen, welche es verſuchen, jene unheilbaren Ge⸗ genſätze zu verſöhnen, zugleich in ihr Herz aufzunehmen, welche das Engländerthum mit dem Menſchenthum verei⸗ nigen, welche lachen und weinen wollten zu gleicher Zeit, wie Byron, giengen dabei zu Grunde. Wenn gleich Charles Dickens in allen ſeinen Romanen von den Pickwickiern und Niclas Nicleby an bis herab zum»Bleak house« die ſociale Gegenwart Englands nach den verſchiedenartigſten Richtungen hin zur Erſcheinung zu bringen verſuchte und mit Glück verſucht hat, ſo iſt ihm dieſes doch noch nie ſo vollſtändig gelungen, als in ſeinem neueſten Buche, das der Leſer in der Hand hält, den»Hard times« oder„Schweren Zeiten“«. Mit warmer, bewegter Hand greift der Dichter in das ſtürmende, engliſche Leben hinein und trifft den Mittelpunkt der Kämpfe und Schmer⸗ zen, in denen die heutige engliſche Geſellſchaft fiebert und unheilbar darnieder liegt, ſo genau, daß wir ſtaunen müſſen, wie er ſeinen brillanten Humor behalten und ein ſo düſteres Gemälde mit ſo bunter Farbenpracht beleuchten konnte. Die»Hard times« ſind eine Satire auf die Mancheſter Schule— ſagt die engliſche Kritik— die ſich ſehr wohlfeil VIII mit der Literatur abzufinden pflegt, und Tory, Wig und Bankier beten das Stichwort gläubig nach, und dabei reiben ſie ſich wohlgefällig die Hände und freuen ſich, daß der Noman ſie weiter nichts angeht. Ein Tendenzroman, wie Disraeli ſolche gegen die Wigs, und Bulwer gegen die Tory's geſchrieben hat, weiter nichts. Die»Hard times« ſind ein Lebensbild, und gar kein Tendenzroman, und gar keine Satire, und wenn ſie als ſolche erſcheint, ſo iſt es, weil euer Leben ſelbſt nichts anderes iſt. Der induſtrielle Materialismus, in dem wir nach der »Kölniſchen Zeitung“ und»Daily News« den Meſſias der Neuzeit zu verehren haben, iſt natürlich in keinem Lande ſo ausgebildet als in England. Mit dem Fall der Korn⸗ geſetze, von dem nur die Fabrikanten und keineswegs die armen Arbeiter Vortheil zogen, hat die Mancheſter Schule, als Repräſentantin der induſtriellen Bourgeoiſte, eine unun⸗ terbrochene Reihe von Triumphen gefeiert. Obgleich ſelbſt noch nicht an der Herrſchaft, hat ſie doch den Zerfall der alten Parteien ſo ſchlau zu benutzen gewußt, daß die herr⸗ ſchenden Ariſtokraten und Bankokraten nur durch ſie ſich zu behaupten vermögen und ihr daher im Intereſſe ihrer Selbſt⸗ erhaltung alle und jede Conceſſionen machen müſſen. Denn ohne die Partei Cobden⸗Bright gibt es gegenwärtig keine parlamentariſche Majorität mehr. Sie hat daher, wie der Fall des Ruſſell'ſchen, der Fall des Derbyitiſchen, die Exi⸗ ſtenz des Aberdeen'ſchen und die von allen dreien dem Frei⸗ —* handel und den Mancheſter⸗Prinzipien gemachten Conceſ⸗ ſionen beweiſen, immer ihren Willen durchgeſetzt, und wenn der ſogenannte Krieg gegen Rußland wider den Willen ihrer* Hauptſtimmführer Cobden und Bright erklärt wurde, ſo geſchah es, weil ſie in dieſem Falle in ſich ſelbſt uneinig 4 † IX war, und ein Theil der Mancheſtermänner bei einem Kriege, der große Erſchütterungen mit ſich zu führen und ſomit die continentale Induſtrie zu vernichten drohte, ihre Rechnung zu finden hoffte. Die bedeutende Verringerung des Arbeits⸗ lohns, welche in Folge der Abſchaffung des Kornzolles ein⸗ trat, die Prosperität, deren ſich die engliſche Induſtrie während der continentalen Revolutionswirren erfreute, haben eine ſo ungeheure Vermehrung des induſtriellen Kapitals erzeugt, daß der Reichthum der Mancheſter Schule nur von ihrem Uebermuthe erreicht und dieſer nur von dem namen⸗ loſen Elend der Arbeiterbevölkerung übertroffen wird. Dieſer induſtrielle Materialismus, der ſich mit liberaler Lüge herausputzt, um die beſtehenden alten Mächte zu zer⸗ ſtören, und Hunger und Kartätſchen zu Hülfe ruft, um das Proletariat niederzuſchmettern, welcher in der Welt nur noch Maſchinen und„Hände“ ſieht, aber keine Menſchen kennt und keine menſchliche Berechtigung, welcher die„Blü⸗ then der Eriſtenz“ ſyſtematiſch zertritt und in ſeinen Haupt⸗ büchern berechnet, wie viel ihm dieſe Verläugnung einer Empfindung und jener Triumph der Unmenſchlichkeit ein⸗ gebracht, welcher Kunſt und Poeſie, alles das, was das Menſchenleben Großes und Schönes bot, Aufopferung, Liebe, Begeiſterung für Freiheit und Menſchenglück vom Altare geſtürzt und denſelben zu einer Unterlage für Baumwollen⸗ ballen und Kohlenkaſten herabgewürdigt, dieſer herzloſe Egoismus, der die Ausbeutung in ein Syſtem gebracht und mit dem eigenen Herzen begonnen, der an die Stelle der Ideen die„harten Thatſachen“ geſtellt— bildet die Welt, in welche uns Dickens durch den vorliegenden „Roman einführt. Bounderby und Gradgrind ſind die Repräſentanten dieſer Welt, mit ſolcher Naturwahrheit und Friſche geſchildert, daß man ſieht, er hat den erſten 8 in Schopfe. und abcon⸗ maͤtiſche Formulirung der„harten Thatſachen« dar. untergekommene Ariſtokratie, welche vor dem auf⸗ ſchildert. Die großartigen Strins(Arbeitseinſtellungen) in Preſton und ganz Lancaſhire, welche während dieſes Frühjahrs und Sommers die induſtrielle Welt Englands ſo ſehr in Allarm ſetzten und mehr durch Hunger als durch den Palmerſton⸗ ſchen Staatsſtreich beendigt wurden, waren ein heldenmü⸗ thiger aber ohnmächtiger Kampf der Arbeiter gegen die allzu große Härte beſagter Thatſachen. Von ihren Fabrikherrn ausgebeutet und als„Hände“ neben werth⸗ vollere Maſchinen geſtellt, von communiſtiſchen Schwind⸗ lern betrogen und verrathen, haben ſie ſich wieder unter das Joch gebeugt, welches die liberale Preſſe„Freiheit“ nennt. Dieſe Arbeiterſcenen ſind von Dickens mit einer dramatiſchen Lebendigkeit geſchildert, die von wahrhaft dra⸗ ſtiſcher Wirkung iſt. Wer die Reden des Arbeiter⸗Delegates „Slakbridge“ liest, kann ſich in die beſten Zeiten unſerer 1848er Revolution zurückverſetzt wähnen, und wird ſehr er⸗ ſtaunt ſein, die abgeſtandenen Barrikadenphraſen in gutem Engliſch wieder aufgewärmt zu finden. Wenn man jedoch weiß, daß der engliſche theoretiſche Socialismus ſehr mo⸗ dernen Datums iſt und ſich ſeine Stichworte unmittelbar von den Bürgern Marr und Louis Blanc holt, von ———— —— — — 8 5 denen der erſtere die»Notes of people« arch Jones und der letztere den„Star of fridom« durch H arney redigiren läßt, ſo erſcheint das ſchon begreiflicher. Sehr bezeichnend, und von dem Autor richtig erkannt iſt es, daß die Communiſten mit ihren ärgſten Feinden, den Fabrik⸗ herrn, im Grundprinzipe ganz übereinſtimmen: auch ſie huldigen ausſchließlich den„harten Thatſachen«, auch ſie ſetzen an die Stelle der geächteten Ideen den alleinſelig⸗ machenden Materialismus, an die Stelle des Herzens den Magen und appelliren von der Bildung und Empfindung an die rohen Leidenſchaften, vom Menſchen an das Thier. So iſt es auch ganz natürlich, daß Bounderby und Slak⸗ bridge ſich brüderlich die Hand reichen, um den Arbeiter, der in rührender Einfachheit das Wehe ſeines Standes im Herzen trägt, und ein ſo ſchönes Bewußtſein ſeines Berufes und der in ihm geſchändeten Menſchenmajeſtät be⸗ wahrt,„Stephen Blackpool“«, zu ächten und zu ver⸗ folgen. Die„harten Thatſachen“ triumphiren, Luiſens Lebens⸗ glück iſt zertreten und geht bei der unſyſtematiſirten Natur (Cilli) betteln, Gradgrind's Syſtem hat ſeine vernichtende Gewalt gegen den Erfinder ſelbſt gewandt, Stephen Black⸗ pool iſt geopfert, Bounderby verachtet und vereinſamt, alles kalt, öde, rauchig wie die Coketowner Maſchinenatmoſphäre — aber der Roman iſt noch nicht zu Ende, weil die Ent⸗ wickelung der„harten Thatſachen“ ſelbſt noch nicht zu Ende iſt. Daher iſt es ganz natürlich, daß Charles Dickens, welcher nichts ohne die angeſchauten Vorbilder des wirk⸗ lichen Lebens zu ſchreiben vermag, nur ein Fragment geben konnte. Die»Hard times« ſind bereits dramatiſirt und machen auf allen engliſchen Bühnen die Runde. Aber der letzte Akt fehlt, den wird das Leben ſelbſt erſt nach Jahren, 4 XII vielleicht Jahrzehnten aufführen. Dann erſt wird das Publikum den letzten Akt zu ſehen bekommen— eine Tra⸗ gödie aber wird das Stück unter allen Umſtänden bleiben, ſelbſt wenn der engliſche Bühnenhumbug das Ende mit obligaten Verſöhnungen dekoriren ſollte, wie das mirslich geſchehen iſt. London, im Auguſt 1854. ——,— Erſtes Kapitel. „Nun, was ich brauche, das ſind Thatſachen. Bringen Sie dieſen Knaben und Mädchen nichts als Thatſachen bei. Im Leben bedarf man nur der Thatſachen. Pflanzen Sie nichts Anderes ein und entwurzeln Sie alles Uebrige. Den Geiſt vernunftbegabter Thiere können Sie nur durch Thatſachen bilden; nichts Anderes wird ihnen je von Nutzen ſein. Dem Grundſatze gemäß erziehe ich meine eigenen Kinder und nach dem Grundſatze erziehe ich dieſe Kinder. Halten Sie ſich an Thatſachen, mein Herr.“ Der Schauplatz beſtand aus einem kahlen, ſchmuckloſen und einförmigen Gewölbe von Schulzimmer, und der plumpe Zeige⸗ finger des Sprechers verlieh deſſen Bemerkungen Nachdruck, indem er jeden Satz mit einer Linie am Aermel des Schulmeiſters un⸗ terſtrich. Der Nachdruck wurde erhöht durch des Sprechers plumpe, mauerartige Stirn, die deſſen Augenbrauen zur Baſis hatten, während ſeine Augen ein bequemes Kellergeſchoß in zwei dunklen Höhlen fanden, die von der Mauer beſchattet wurden. Der Nachdruck wurde erhöht durch den Mund des Sprechers, der dünn, weit und ſcharfgezeichnet war. Der Nachdruck wurde erhöht durch die Stimme des Sprechers, die unbiegſam, trocken und gebieteriſch klang. Der Nachdruck wurde erhöht durch das Haar des Sprechers, das ſich borſtenartig an den Enden ſeines kahlen Kopfes wie eine Pflanzſchule von Tannen emporſträubte, um den Wind von deſſen ſchimmernder Oberfläche abzuhalten, die der Kruſte einer Roſinenpaſtete gleich, ganz mit Knoten bedeckt war, als ob der Kopf kaum genug Lagerraum für die harten That⸗ ſachen hätte, die in ſeinem Innern aufgeſpeichert lagen. Das ſtöckiſche Benehmen, der plumpe Rock, die plumpen Beine und die plumpen Schultern des Sprechers— ja, ſein Halstuch ſogar, Boz. Schwere Zeiten. 1 das in ſeiner unbiegſamen Thatſächlichkeit ſo zuſammengezogen war, um ihn bei der Kehle mit einem unnachgiebigen Griffe zu faſſen— das Alles erhöhte den Nachdruck. „In dieſem Leben bedürfen wir nichts als Thatſachen, mein Herr; nichts als Thatſachen.“ Der Sprecher und der Schulmeiſter ſammt der dritten er⸗ wachſenen Perſon, die gegenwärtig war, Alle zogen ſich ein wenig zurück und ließen ihre Augen über die geneigte Ebene kleiner Ge⸗ fäße ſchweifen, die hie und da in Ordnung aufgepflanzt waren, bereit mit richtig gemeſſenen Gallonen*) von Thatſachen vollge⸗ ſchüttet zu werden, bis ſie bis zum Rande gefüllt wären. 8 terdings— Thomas Gradgrind. Mit einem Lineal und einer Wage, ſammt der Multiplikationstafel in der Taſche, mein Herr, bereit jedes Stück menſchlicher Natur zu wägen und zu meſſen, unnd Euch genau zu beſtimmen, auf wie viel es ſich belauft. Das 4 iſt eine bloße Zahlenfrage, ein Gegenſtand der einfachen Arith⸗ b ffnung hegen, ſonſt etwas Unſinniges in den Kopf von George Gradgrind, oder Auguſtus Gradgrind, oder Mit ſolchen Ausdrücken führte ſich Mr. Gradgrind immer, ent⸗ weder beim Privatkreiſe ſeiner Bekanntſchaften oder beim Publi⸗ kum im Allgemeinen, in Gedanken ein. Mit ſolchen Ausdrücken und nur„Knaben und Mädchen“ anſtatt„mein Herr“ ſetzend, ſtellte jetzt Thomas Gradgrind ohne Zweifel Thomas Gradgrind den kleinen vor ihm ſtehenden Krügen vor, die ganz und gar mit Thatſachen vollgefüllt werden ſollen.. Als er von dem früher erwähnten Kellergeſchoß feurige Blicke auf ſie ſchleuderte, glich er in der That einer Art Kanone, die *) Ein engliſches Maß, 3 bis zur Mündung mit Thatſachen gefüllt, bereit war, ſie mit einer Lage aus den Regionen der Kindheit hinwegzuwehen. Er hatte auch Aehnlichkeit mit einem galvaniſchen Apparate, der anſtatt der zarten, jugendlichen Bilder, die verſcheucht werden ſollten, mit einem gräulichen, mechaniſchen Erſatzmittel ange⸗ füllt war.. 8 „Mädchen, Nummer Zwanzig,“ ſagte Mr. Gradgrind mit ſeinem plumpen Zeigefinger plump hindeutend.„Ich kenne dieſes Mädchen nicht. Wer iſt dieſes Mädchen? 3 „Cili Jupe, mein Herr,“ ſetzte Nummer Zwanzig erröthend, ſich erhebend und knixend, auseinander. „Cili iſt kein Name,“ ſagte Mr. Gradgrind.„Nenne dich nicht Cili. Nenne dich Cecilie.“* „Vater nennt mich Cili, mein Herr,“ erwiederte das junge Mädchen mit zitternder Stimme und mit einem zweiten Knix. „ Dann hat er kein Recht dazu,“ ſagte Mr. Gradgrind.„Sag' ihm, Cecilie Jupe, daß er das nicht thun muß. Laß einmal ſehen. Was iſt dein Vater? „Er gehört zur Reitertruppe, wenn Sie erlauben, mein Herr.« Nr. Gradgrind runzelte die Stirn und machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung gegen den verwerflichen Beruf. „„»Wir brauchen darüber hier nichts zu wiſſen. Du mußt uns dunber hier nichts ſagen. Dein Vater reitet Pferde zu, nicht wahr? „Ja, zu dienen, mein Herr. Wenn welche zum Bereiten zu beroiͤtden ſind, ſo werden ſie in der Reitbahn zugeritten, mein err. „Du mußt uns hier nichts über die Reitbahn erzählen. Gut alſo. Beſchreibe deinen Vater als einen Bereiter. Er curirt Pferde, wie ich vorausſetze?“ 4 „O ja, mein Herr.“. „Sehr gut nun. Er iſt alſo ein Veterinär, ein Pferdearzt und Bereiter. Gib mir deine Auseinanderſetzung von einem Pferde.“ Göchſte Beſtürzung von Cili Jupe über dieſe Frage). „»Mädchen Nummer Zwanzig nicht im Stande auseinander⸗ zuſetzen, was ein Pferd iſt,“ ſagte Mr. Gradgrind zum allgemeinen Frommen der ſämmtlichen kleinen Krüge.„Mädchen Nummer Zwanzig hat in Bezug auf eines der gewöhnlichſten Thiere keine Thatſachen inne. Die Auseinanderſetzung eines Knaben nun von einem Pferde. Bitzer, die deinige.“ — 1* Der plumpe Finger gerieth, hin⸗ und herſchweifend, plötzlich auf Bitzer, vielleicht weil er gerade von demſelben Sonnenſtrahle getroffen wurde, der durch eines der kahlen Fenſter des unge⸗ wöhnlich weißgewaſchenen Zimmers fallend, auf Cili ſeinen Schim⸗ mer warf. Die Knaben und Mädchen ſaßen nämlich auf der Vor⸗ derſeite der geneigten Ebene, in der Mitte durch einen ſchmalen Zwiſchenraum getrennt, in zwei dichten Haufen, und Cili, die ſich an der Ecke einer Reihe an der ſonnigen Seite befand, wurde von dem Anfange eines Sonnenſtrahles getroffen, von welchem Bitzer, der ſich an der Ecke einer Reihe auf der andern Seite, um einige Reihen im Vorſprung befand, das Ende auffing. Während jedoch das Mädchen ſo dunkeläugig und ſo dunkelhaarig war, daß ſie eine tiefere und glänzendere Farbe durch den Sonnenſchein er⸗ hielt, war der Knabe wieder ſo helläugig und lichthaarig, daß ganz dieſelben Strahlen das Bischen aus ihm herauszuziehen ſchienen, was er an Farbe je beſeſſen. Seine glanzloſen Augen würden kaum als ſolche gegolten haben, wenn die kurzen Enden von Augenwimpern ihre Form nicht dadurch hervorgehoben hätten, daß ſie dieſelben in einen unmittelbaren Contraſt mit noch etwas Blaſſerem, als ſie ſelbſt waren, gebracht hätten. Sein kurzge⸗ ſtutztes Haar konnte als eine bloße Fortſetzung der röthlichen Sommerſproſſen auf Stirn und Geſicht gelten. Seine Haut hatte, was die natürliche Farbe betraf, ein ſo ungeſundes und mangel⸗ haftes Ausſehen, daß er den Anſchein hatte, als würde er weiß bluten, wenn man ihn ſchnitte. „Bitzer,“ ſagte Thomas Gradgrind,„deine Auseinanderſetzung von einem Pferde.“ „Vierfüßig. Grasfreſſend. Vierzig Zähne, nämlich: vier und zwanzig Backenzähne, vier Augenzähne und zwölf Schneidezähne. Wirft im Frühling die Haut ab und in moraſtigen Gegenden auch die Hufe. Die Hufe hart, müſſen jedoch mit Eiſen beſchlagen werden. Zeichen im Maule geben das Alter an.“ So(und noch viel mehr) Bitzer. „Nun, Mädchen Nummer Zwanzig,“ ſagte Mr. Gradgrind, „weißt du was ein Pferd iſt.“ Sie knixte abermals und würde noch mehr erröthet ſein, wenn ſie überhaupt noch mehr hätte erröthen können, als ſie es bisher gethan hatte. Nachdem Bitzer auf Thomas Gradgrind, mit bei⸗ den Augen zugleich, raſch hingeblinzelt hatte und das Licht auf ſeinen zitternden Enden von Augenwimpern ſo auffing, daß ſie wie Fühlhörner geſchäftiger Inſekten ausſahen, fuhr er mit den Knöcheln an die ſommerſproſſige Stirn und ſetzte ſich wieder nieder. Der dritte Herr trat jetzt vorwärts. Er war ein tüchtiger Mann im Raufen und Schlagen; ein Regierungsbeamter. Nach ſeiner Weiſe(und auch in der der meiſten Leute) ein erklärter Boxer. Immerfort in Uebung, immerfort mit einem Plane bei der Hand, die Kehle von aller Welt wie ein Arzneikügelchen hinun⸗ terzuwürgen und immerfort vor den Schranken ſeines Büreau auspoſaunend, daß er bereit ſei, es mit„ganz England“ aufzu⸗ nehmen. Um in der Phraſeologie der Fauſt fortzufahren, beſaß er ein eigenes Talent, allenthalben mit Jedermann auzubinden und ſich als einen abſcheulichen Kumpan zu bewähren. Er konnte irgendwo hinkommen und was immer für eine Perſon mit der Rechten verletzen, mit der Linken nachholen, einhalten, Arme wechſeln, ſich ſtemmen und ſeinen Gegner(er ſchlug ſich ſtets mit „ganz England“) bis zu dem Seilringe drängen und dann über ihn geſchickt herfallen. Er war ſicher ihm das Lebenslicht auszu⸗ blaſen und ſeinen unglücklichen Gegenkämpfer taub zu machen für ewig. Er hatte auch von einer höhern Autorität den Auf⸗ trag, das große Büreau des tauſendjährigen Reiches zu begrün⸗ den, wenn Commiſſäre zur Herrſchaft auf Erden gelangen ſollten. „Sehr gut,“ ſagte dieſer Herr, munter lächelnd und die Arme kreuzend.„Das iſt ein Pferd. Laßt mich Euch nun die Frage vorlegen, Mädchen und Knaben, würdet Ihr ein Zimmer mit den bildlichen Darſtellungen eines Pferdes tapeziren?“ Nach einer Pauſe rief die eine Hälfte der Kinder im Chor: „Ja, mein Herr!“ worauf die andere Hälfte, die in dem Geſichte dieſes Herrn las, daß Ja unrichtig war, im Chor ausrief:„Nein, mein Herr,“ wie es bei ſolchen Prüfungen gewöhnlich geſchieht. „Verſteht ſich, nein. Warum aber?“ Eine Pauſe. Ein wohlbeleibter, bedachtſamer Knabe, der keuchend Athem holte, wagte die Antwort; weil er ein Zimmer gar nicht tapeziren, ſondern malen laſſen würde. „Du mußt es tapeziren,“ ſagte der Herr ziemlich leiden⸗ ſchaftlich. „Du mußt es tapeziren,“ ſagte Thomas Gradgrind,„ob du wolleſt oder nicht. Sag' uns nicht, du würdeſt es nicht tapeziren. Was meinſt du, Knabe?“ Nach einer zweiten und ſchrecklichen Pauſe begann der Herr abermals:„Ich will Euch alſo erklären, warum Ihr ein Zimmer nicht mit den bildlichen Darſtellungen eines Pferdes tapeziren würdet. Sehet Ihr je in Wirklichkeit Pferde auf den Seiten eines Zimmers hin⸗ und hergehen? Seht Ihr das in der That?“ „Ja, mein Herr,“ von der einen Hälfte und„Nein, mein Herr,“ von der andern. „Verſteht ſich, nein,“ ſagte der Herr mit einem unwilligen Blick auf die unrichtige Hälfte.„Nun, Ihr werdet nie etwas ſehen, was Ihr nicht in der That ſehet. Ihr werdet nirgends etwas haben, was Ihr nicht in der That habt. Was man Ge⸗ ſchmack nennt, iſt nur eine andere Bezeichnung für Thatſache.“ Thomas Gradgrind nickte ſeine Beiſtimmung zu. „Das iſt ein neues Prinzip, eine Entdeckung, eine große Ent⸗ deckung,“ ſagte der Herr.„Nun werde ich Euch nochmals auf die Probe ſtellen. Vorausgeſetzt Ihr ließet ein Zimmer mit einem Teppich belegen. Würdet Ihr von einem Teppich Gebrauch machen, auf dem ſich bildliche Darſtellungen von Blumen befinden?« Da jetzt die allgemeine Ueberzeugung vorherrſchte, daß„Nein, mein Herr,“ bei dieſem Herrn immer die richtige Antwort ſei, ſo war der Chor von Nein ſehr ſtark. Nur einige Nachzügler riefen Ja; unter dieſen Cili Jupe. „Mädchen Nummer Zwanzig,“ ſagte der Herr in der ruhigen Würde ſeiner Weisheit lächelnd. Cili erröthete und erhob ſich. „Alſo du würdeſt dein Zimmer, oder dasjenige deines Man⸗ nes, wenn du ſchon erwachſen wäreſt und einen Mann hätteſt, mit einem Teppich belegen, auf dem Blumen abgebildet ſind— würdeſt du das?“ rief der Herr.„Warum würdeſt du das?“ „Wenn Sie erlauben, mein Herr, ich habe Blumen ſehr lieb,“ erwiederte das Mädchen. „Und warum möchteſt du alſo Tiſche und Stühle auf ſie ſtellen und die Leute mit ihren ſchweren Stiefeln darauf herum⸗ treten laſſen?“ „Das würde ihnen nichts ſchaden, mein Herr. Sie würden nicht zerdrückt werden und verwelken. Wenn Sie erlauben, mein Herr. Sie wären nur die Bilder von etwas recht Hübſchem und Angenehmem und ich würde mir einbilden—“ „Ei! Ei! Ei! Aber du mußt dir nichts einbilden,“ rief der Herr ganz ſtolz darauf, ſo glücklich zu dieſem Punkte gerathen zu ſein.„Das iſt's ja gerade. Du mußt dir nie etwas einbilden.“ 1 7 „Du mußt nie, Marie Jupe,“ wiederholte Thomas Grad⸗ grind feierlich,„dergleichen thun.“ „Thatſachen! Thatſachen! Thatſachen!“ ſagte der Herr, nnd „Thatſachen! Thatſachen! Thatſachen!“ wiederholte Thomas Gradgrind. „In allen Dingen müßt Ihr,“ ſagte der Herr,„von That⸗ ſachen geleitet und regiert werden. Wir hoffen, in Kurzem einen Ausſchuß der Thatſachen, zuſammengeſetzt aus Commiſſären der Thatſachen, zu haben, die das Volk zwingen werden, ein Volk der Thatſachen und nur der Thatſachen zu ſein. Das Wort Ein⸗ bildung müßt Ihr ganz verbannen. Ihr habt nichts gemein da⸗ mit. Ihr müßt in keinem Gegenſtande, der zum Nutzen oder zur Zierde gereicht, etwas haben, das mit der Thatſächlichkeit im Widerſpruche ſteht. Ihr gehet in der That nicht auf Blumen; Ihr dürfet alſo auf Blumen in Teppichen nicht gehen. Ihr ſehet uirgends, daß ausländiſche Vögel und Schmetterlinge herbeiflie⸗ gen, um ſich auf Eurem Geſchirre niederzulaſſen; es kann Euch daher nicht geſtattet werden, ausländiſche Vögel und Schmetter⸗ linge auf Euer irdenes Geſchirr zu malen. Ihr begegnet nie vierfüßigen Thieren, die auf den Wänden hin und her⸗ ſpazieren; Ihr müßt alſo keine vierfüßigen Thiere auf den Wänden dar⸗ ſtellen laſſen. Zu all dieſen Zwecken,“ fügte der Herr hinzu, „müßt Ihr Vergleichungen und Zuſammenſtellungen(in Grund⸗ farben) mathematiſcher Figuren in Anwendung bringen, die einer Beweisführung fähig ſind. Das iſt die neue Entdeckung. Das iſt Thatſache. Das iſt Geſchmack.“ Das Mädchen knixte und ſetzte ſich. Sie war ſehr jung und ſah aus, als ob ſie vor dem Proſpeet der Thatſächlichkeit, den die Welt darbot, erſchrocken wäre. „Nun, wenn Mr. M'Choakumchild,“ ſagte der Herr,„zu ſeiner erſten Lektion hier ſchreiten will, ſo werde ich mich glücklich ſchätzen, auf Ihr Erſuchen, Mr. Gradgrind, ſeine Verfahrungsweiſe zu beobachten.“ Nr. Gradgrind war ſehr verbunden.„Mr. M'Choakumchild, wir warten nur auf Sie.“ So fing denn Mr. M'Choakumchild in ſeiner beſten Weiſe an. Er und andere hundert und vierzig Schulmeiſter wurden vor Kurzem zu gleicher Zeit, in derſelben Faktorei und nach denſelben Prinzipien wie ebenſo viele Pianofortegeſtelle, gedrechſelt. Er war durch eine zahlloſe Menge von Fächern gegangen und hatte ganze 8 Bände von kopfzerbrechenden Fragen beantwortet. Orthographie, Etymologie, Syntax und Proſodie, Biographie, Aſtronomie, Geo⸗ graphie und allgemeine Kosmographie, die Wiſſenſchaften der zu⸗ ſammengeſetzten Proportionen, Algebra, Landmeſſen und Nivelliren, Geſang und Zeichnen nach Modellen, das Alles hatte er an den Spitzen ſeiner erſtarrten zehn Finger. Er hatte ſich den ſteinigen Pfad in die Liſte B. des hochehrwürdigen geheimen Rathes Ihrer Majeſtät gebahnt, und hatte die Blüthe in den höheren Zweigen der Mathematik und Naturwiſſenſchaft und im Deutſchen, Fran⸗ zöſiſchen, Lateiniſchen und Griechiſchen davongetragen. Er wußte Alles hinſichtlich der geſammten Waſſerſcheidungen der ganzen Welt(was ſie immer ſein mögen) und alle Geſchichten aller Völ⸗ ker, und alle Namen aller Berge und Flüſſe, und alle Erzeugniſſe, Sitten und Gebräuche aller Länder und all ihre Grenzen und Lagen auf den zwei und dreißig Punkten des Kompaſſes. Ach, ziemlich überladen, Mr. M'Choakumchild! Wenn er nur um et⸗ was weniger gelernt hätte, wie unendlich beſſer hätte er weit mehr beibringen können! Er machte ſich in der Vorbereitungslektion an die Arbeit, wie ungefähr Morgiana in den„Vierzig Dieben“, indem er nach⸗ einander in all die Gefäße blickte, die vor ihm geordnet ſtanden, um zu ſehen, was ſie enthalten. Sage doch, guter M'Choakum⸗ child, glaubſt du, wenn du von deinem ſprndelnden Vorrath jeden Krug bis an den Rand füllen wirſt, im Stande zu ſein, dem Wegelagerer Fantaſie der darinnen lauert, immer den Garaus zu machen, oder zuweilen ihn nur zu verſtümmeln und zu verrenken? Drittes Kapitel. Mr. Gradgrind ging von der Schule in einem Zuſtande be⸗ trächtlicher Zufriedenheit nach Hauſe. Es war ſeine Schule und er hatte ſie zu einem Muſter beſtimmt. Er wollte aus jedem Kinde darin ein Muſter machen— ganz wie die jungen Grad⸗ grinds ſämmtlich Muſter waren. s gab fünf junge Gradgrinds und Jedes von ihnen war ein Muſter. Sie waren von ihrem zarteſten Alter an gehofmeiſtert worden; gehetzt wie junge Haſen. Beinahe ſeitdem ſie allein laufen konnten, wurden ſie angehalten in die Schule zu laufen. Der erſte Gegenſtand mit dem ſie in Berührung traten, oder von dem ſie eine Erinnerung hegten, war eine große ſchwarze Tafel, 1 A —— u —uͤ—-— ꝛ— 9 woran ein garſtiger Oger*) ſchreckliche weiße Figuren mit Kreide malte. Nicht daß ſie etwas von der Natur oder dem Namen Oger wußten. Bewahre die Thatſächlichkeit! Ich bediene mich nur des Ausdrucks, um ein Ungeheuer in einem pädagogiſchen Schloſſe zu bezeichnen, das mit einem, der Himmel weiß aus wie vielen Köpfen beſtehendem Haupte, die Jugend gefangen nahm und ſie in die düſtern ſtatiſtiſchen Höhlen bei den Haaren ſchleppte. Kein Junges von den Gradgrinds hat je ein Geſicht im Monde geſehen; es war ſchon oben im Monde ehe es noch deutlich ſpre⸗ chen konnte. Kein Junges von den Gradgrinds hat je das ein⸗ fältige Reimgeklingel gelernt: O ſchimmre, ſchimmre kleiner Stern. Was du denn biſt, wie wüßt' ich's gern! es hat nie Bewunderung für dieſen Gegenſtand gehegt, da es ſchon zu fünf Jahren den großen Bären wie ein Profeſſor Owen zergliedern und den Charle's Wain*) wie ein Lokomotiveführer treiben konnte. Kein Junges von den Gradgrinds hat je eine Kuh auf dem Felde mit jener berühmten Kuh mit dem krummen Horne in Verbindung gebracht, die den Hund emporſchleuderte, der die Katze erwürgte, welche die Ratte tödtete, die das Malz fraß, oder mit der noch berühmteren Kuh, die Tom Thumb verſchlang. Es hatte nie von jenen Berühmtheiten vernommen und wurde mit der Kuh nur be⸗ kannt, als mit einem grasfreſſenden, wiederkäuenden, vierfüßigen Thiere, mit verſchiedenen Magen. Mr. Gradgrind lenkte ſeine Schritte ſeiner Wohnung der Thatſächlichkeit zu, die den Namen Stone Lodge(Steinhaus) führte. Er hatte ſich der Wirklichkeit gemäß von ſeinem Groß⸗ handel mit Eiſenwaaren zurückgezogen, ehe er noch Stone Lodge baute und ſah ſich jetzt nach einer ſchicklichen Gelegenheit um, eine arithmetiſche Figur im Parlamente auszumachen. Stone Lodge war in einem Marſchlande innerhalb einer Meile oder zwei von einer großen Stadt gelegen,— die in dem gegenwärtigen verläßlichen Wegweiſer den Namen Coketown(Kohlenſtadt) führt. Stone Lodge bildete eine ganz regelmäßige Figur auf der Fläche der Gegend. Kein einziger Gegenſtand verdunkelte oder um⸗ ſchattete dieſe unnachgiebige Thatſache in der Landſchaft. Ein großes vierkantiges Haus, deſſen Hauptfenſter von einem plumpen *) Kinder⸗ oder Menſchenfreſſer. **) Charle's Wain heißt das Geſtirn des großen Bären und wörtlich: Karl's Wagen. 10 gewölbten Gang verdunkelt waren, wie die Augenbrauen ſeines Beſitzers deſſen Augen umsüſterten. Ein berechnetes, gemodeltes, erwogenes und erprobtes Haus war es. Sechs Fenſter auf dieſer Seite der Thüre, ſechs auf jener Seite; im Ganzen zwölf auf dieſem Flügel und im Ganzen zwölf auf jenem Flugel; vier und zwanzig waren auf der Rückſeite angebracht. Ein freier Raſen⸗ platz und Garten ſammt einer jungen Allee, Alles gerade abge⸗ meſſen, wie ein botaniſches Regiſter. Die Gasröhren und der Ventilator, die Abzugsgräben und die Waſſerleitung, Alles war von der vorzüglichſten Beſchaffenheit. Eiſerne Latten und Bin⸗ debalken, feuerfeſt von oben bis unten. Mechaniſche Hebemaſchi⸗ nen für die Hausmägde, mit ihren ſämmtlichen Bürſten und Beſen — Alles was das Herz begehren konnte. Alles? Nun, ich vermuthe ſo. Die kleinen Gradgrinds hatten auch Cabinete für verſchiedene wiſſenſchaftliche Fächer. Sie hatten ein kleines conchyliologiſches Cabinet, ein kleines metallurgiſches Cabinet und ein kleines mineraliſches Cabinet. Die Proben waren ſämmtlich geordnet und mit Zetteln verſehen und die Stücke Me⸗ tall und Stein ſahen aus, als ob ſie von ihren verwandten Stoffen vermittelſt jener erſchrecklich harten Inſtrumente— ihren eigenen Namen— abgelöst worden wären, und wenn, um die einfältige Legende von Peter Piper, der nie ſeinen Weg in ihre Kinderſtube gefunden, zu umſchreiben, die lüſternen jungen Gradgrinds nach mehr als dieſem haſchten, was war es, um Gottes Barmherzig⸗ keit willen, wornach die lüſternen jungen Gradgrinds haſchten! Ihr Vater ſchritt in einer hoffnungsvollen, zufriedenen Ge⸗ müthsſtimmung zu. Er war, nach ſeiner Weiſe, ein zärtlicher Vater, aber er würde ſich wahrſcheinlich,(wenn er wie Cili Jupe um eine Definition beſragt worden wäre) als einen„ausgezeichnet praktiſchen“ Vater beſchrieben haben. Er ſetzte einen beſondern Stolz in die Redensart„ausgezeichnet praktiſch“ was eine beſon⸗ dere Anwendung auf ihn zu haben ſchien. Was für ein Meeting immer in Coketown abgehalten wurde und was deſſen Gegenſtand auch immer ſein mochte, ſo ergriff ein Coketowner ganz gewiß die Gelegenheit, auf ſeinen ausgezeichnet praktiſchen Freund Grad⸗ grind anzuſpielen. Dies erhielt immer den Beifall des ausge⸗ zeichnet praktiſchen Freundes. Er wußte, daß dies ihm gebührte, aber dieſe Gebühr war ihm angenehm. Er hatte den neutralen Boden außerhalb des Weichbildes der Stadt erreicht, der weder Stadt noch Land war, und doch war 11 Eines von Beiden beeinträchtigt, als der Klaug von Muſik an ſeine Ohren ſcholl. Die ſchmetternde und lärmende Bande, die zu der Kunſtreitergeſellſchaft gehörte, welche ſeit einiger Zeit ſich in dem hölzernen Pavillon daſelbſt niedergelaſſen hatte, war in vollem Zuge. Eine Fahne, die von der Spitze des Tempels flat⸗ terte, verkündigte der Menſchheit, daß es„Sleary's Reitertruppe“ ſei, die auf ihren Beifall Anſpruch mache. Sleary ſelbſt, eine derbe, moderne Statue, mit einer Geldbüchſe am Elbogen, in einer kirchlichen Niſche von alterthümlicher gothiſcher Bauart, nahm das Geld. Miß Joſephine Sleary weihte damals, wie einige ſehr lange und ſehr ſchmale Streifen von Ankündigungszetteln an⸗ zeigten, die Beluſtigungen mit ihrem anmuthigen Reiterkunſtſtück des Tyroler⸗Blumentanzes ein. Unter den ſonſtigen angenehmen, aber ſtets höchſt moraliſchen Wundern, die geſehen werden müſſen, um geglaubt zu werden, ſollte Signor Jupe an jenem Nachmit⸗ tage„die ergötzlichen Fertigkeiten ſeines ausgezeichnet dreſſirten und ſich produzirenden Hundes Merrylegs(Munterbein) erläu⸗ tern“. Er ſollte ferner preisgeben„ſein Erſtaunen erregendes Kunſtſtück, 75 Centner in haſtiger Aufeinanderfolge rückwärts über den Kopf zu ſchleudern und auf dieſe Weiſe einen Springbrunnen von feſtem Eiſen inmitten der Luft bilden, ein Kunſtſtück das weder in dieſem noch in einem andern Lande je verſucht worden, und welches, nachdem es einen ſo entzückenden, ſtürmiſchen Bei⸗ fall unter den begeiſterten Maſſen hervorgerufen, nicht vorent⸗ halten werden kann“. Derſelbe Signor Jupe ſollte in häufigen Zwiſchenräumen„die verſchiedenartigen Darſtellungen mit ſeinen keuſchen Shakſperiſchen Stichelreden und Neckereien beleben“. Schließlich ſollte er ſie dadurch ſpannen, daß er in der„funkel⸗ nagelneuen und drolligen Hippocomedietta des Schneiders Reiſe nach Brentford, in ſeiner Lieblingsrolle des Mr. William Button von Tooley Street, erſchien“.— Thomas Gradgrind beachtete dieſe Trivialitäten, wie es ſich von ſelbſt verſteht, nicht im Geringſten, ſondern ging vorüber, wie ein praktiſcher Menſch vorübergehen ſollte, die lärmenden Inſekten entweder von ſeinen Gedanken verſcheuchend oder ſie dem Zucht⸗ haus überliefernd. Die Wendung der Straße führte ihn indeſſen an der Rückſeite der Bude vorüber und an der Rückſeite der Bude war eine Menge von Kindern in einer Menge von verſtohlenen Stellungen verſammelt, ſich beſtrebend die verborgenen Wunder des Platzes zu begaffen. 12 Dies brachte ihn zum Stehen.„Nun, ſehe man einmal dieſe Vagabunden,“ ſagte er,„wie ſie das junge Pack aus einer Muſter⸗ ſchule anlocken.“. Da ein Raum von niedergetretenem Graſe und trockenem Schutt ſich zwiſchen ihm und dem jungen Pack befand, ſo nahm er ſein Augenglas aus der Taſche, um nach einem Kinde zu ſehen, das er bei Namen kannte und wegſchaffen mochte. Ein faſt un⸗ glaubliches, obwohl deutlich wahrgenommenes Phänomen— was mußte er denn erblicken, als ſeine eigene metallurgiſche Luiſe, die mit aller Gewalt durch ein Loch in einem Dielenbrette guckte, und ſeinen eigenen mathematiſchen Thomas, der ſich auf dem Boden niederkauerte, um nur einen Huf von dem anmuthigen Reiterkunſtſtück des Tyroler⸗Blumentanzes zu erhaſchen! Stumm vor Beſtürzung ſchritt Mr. Gradgrind zu der Stelle, wo ſeine Familie ſich ſo ſehr entwürdigte, legte ſeine Hand auf jedes der fündigen Kinder und ſagte:„Luiſe! Thomas!“ Beide erhoben ſich, roth und außer Faſſung. Luiſe blickte jedoch zu ihrem Vater mit mehr Kühnheit als Thomas empor. Thomas ſah ihn in der That gar nicht an, ſondern ließ ſich ruhig wie eine Maſchine nach Hauſe bringen. „Im Namen des Erſtaunens, des Müſſiggangs und der Thor⸗ heit,“ ſagte Mr. Gradgrind, indem er Jedes mit einer Hand weg⸗ führte,„was macht Ihr hier?« „Wollten ſehen wie das Ding ausſchaut,“ erwiederte Luiſe kurz. „Wie das Ding ausſchaut?“ „Ja, mein Vater.“ In Beiden war die Miene unterdrückter Hartnäckigkeit aus⸗ geprägt, beſonders aber in dem Mädchen; dennoch war, durch die Unzufriedenheit ihres Geſichtes ſich Bahn brechend, ein Lichtpunkt zu ſehen, der keinen Ruhepunkt hatte, ein Feuer, das keinen Nah⸗ rungsſtoff vorfand, eine verkommene Fantaſie, die auf irgend eine Weiſe Leben in ſich erhielt, was ſeinem Ausdruck Glanz verlieh. Nicht den Glanz, welcher der fröhlichen Jugend ſo eigen, ſondern den mit unſtäten, heftigen und ungewiſſen Flammen, die etwas Schmerzliches in ſich hatten, ähnlich den Zuckungen eines blinden Geſichtes, das nach dem Wege umhertappt. Sie war jetzt noch ein Kind, von fünfzehn oder ſechzehn, dürfte ſich aber in Kurzem plötzlich zur Jungfrau entfalten. Ihr Vater war dieſer Meinung, als er ſie anblickte. Sie war hübſch. 13 Würde eigenſinnig geweſen ſein(dachte er in ſeiner ausgezeichnet praktiſchen Weiſe) wenn es die Erziehung nicht verhindert hätte. „Thomas, obgleich die Thatſache vor mir liegt, kann ich es doch kaum glauben, daß du mit deiner Erziehung und deinen Hülfsmitteln, deine Schweſter an einen ähnlichen Schauplatz ge⸗ bracht haben ſollteſt.“ „Ich brachte ihn, Vater!“ ſagte Luiſe raſch.„Ich bat ihn mitzukommen.“ „Es thut mir leid, das zu hören. Es thut mir in der That ſehr leid, das zu hören. Es macht Thomas darum nicht beſſer und macht dich nur ſchlechter, Luiſe.“ Sie blickte abermals zu ihrem Vater empor, aber keine Thräne benetzte ihre Wangen. „„Du Thomas und du, denen der Kreis der Wiſſenſchaften geöffnet iſt, Thomas und du, die Ihr ſo zu ſagen mit Thatſachen angefüllt ſeid, Thomas und du, die Ihr zur mathematiſchen Ge⸗ nauigkeit erzogen wurdet, Thomas und du hier!“ rief Mr. Gradgrind.„In dieſer entwürdigenden Lage! Ich bin voll Be⸗ ſtürzung!“ „Ich war überdrüſſig, Vater. Ich bin ſeit lange überdrüſſig geweſen,“ ſagte Luiſe. „Ueberdrüſſig? Weſſen?“ fragte der erſtaunte Vater. „Ich weiß nicht weſſen— ich glaube aller Dinge.“ „Sag mir keine Antwort mehr,« entgegnete Mr. Gradgind. „Du biſt kindiſch. Ich will nichts mehr hören.“ Er ſprach nicht wieder bis ſie ungefähr eine halbe Meile ſtill⸗ ſchweigend gegangen waren, als er auf einmal losbrach:„Was würden deine beſten Freunde ſagen, Luiſe? Legſt du auf ihre gute Meinung keinen Werth? Was würde Mr. Bounderby ſagen?“ Bei der Nennung dieſes Namens warf ſeine Tochter einen verſtohlenen Blick auf ihn, der wegen ſeiner heftigen und forſchen⸗ den Beſchaffenheit merkwürdig war. Er merkte nichts davon, denn ehe er ſie anblickte, hatte ſie ihre Augen wieder auf den Boden geheftet. „Was,“ wiederholte er gleich darauf,„was würde Mr. Boun⸗ derby ſagen?“ Während des ganzen Weges nach Stone Lodge wiederholte er in Zwiſchenräumen, während er die beiden Delinquenten nach Hauſe führte; 3 14 „Was würde Mr. Bounderby ſagen?“ Als ob Mr. Bounderby Mrs. Grundy geweſen wäre! Viertes Kapitel. 3 Da Mr. Bounderby nicht Mrs. Grundy war, wer war er enn? Nun, Mr. Bounderby war ſo nahe daran, Mr. Gradgrind's Buſenfreund zu ſein, als ein Mann allen Gefühles bar, ſich in jener geiſtigen Verwandtſchaft an einen Zweiten anzuſchmiegen vermag, der allen Gefühles bar iſt. So nahe, oder wenn der Leſer es vorziehen ſollte, ſo ferne ſtand ihm Mr. Bounderby. Er war ein reicher Mann: Banquier, Kaufmann, Fabrikant und was nicht alles noch. Ein dicker, lärmender Mann, mit glotzenden Blicken und einem metallenem Gelächter. Ein Mann aus einem rohen Stoffe geſchaffen, der ausgedehnt worden zu ſein ſchien, um ihn ſo umfangreich zu machen. Ein Mann, deſſen Kopf und Stirn aufgedunſen war, mit aufgeſchwollenen Adern an den Schläfen und einer Haut, die auf ſeinem Geſichte der Art aus⸗ geſpannt war, daß es ſchien als hielte ſie ſeine Augen offen und als hebe ſie ſeine Augenbrauen empor. Ein Mann mit dem vor⸗ waltenden Anſchein, als ſei er wie ein Ballon aufgebläht und bereit aufzufliegen. Ein Mann, der ſich nie genug damit brüſten konnte, ſich ſelbſt aufgeſchwungen zu haben. Ein Mann, der durch ſeine, wie ein metallenes Sprachrohr klingende Stimme, fortwährend ſeine ehemalige Unwiſſenheit und Armuth auspoſaunte. Ein Mann, welcher der Rennomiſt der Demuth war. Um ein oder zwei Jahre jünger als ſein ausgezeichnet prak⸗ tiſcher Freund, ſah Mr. Bounderby doch älter aus. Seinen ſieben oder acht und vierzig Jahren konnten die Sieben oder Acht noch hinzugefügt werden, ohne daß es Jemanden überraſcht hätte. Er hatte nicht viele Haare. Man mochte denken, er habe ſie weggeſchwatzt und die übriggebliebenen, die ſämmtlich in Unord⸗ nung emporſtanden, befanden ſich in dieſem Zuſtande, weil ſie durch ſeine aufgeblaſene Ruhmredigkeit fortwährend hin⸗ und her⸗ getrieben wurden. Indem Mr. Bounderby in dem förmlichen Geſellſchaftszim⸗ mer von Stone Lodge auf dem Kaminteppich ſtand und ſich am Feuer wärmte, ließ er einige Bemerkungen über den Umſtand fallen, daß gerade ſein Geburtstag ſei. Er ſtand vor dem Feuer, 15 theils weil der Frühlingsnachmittag, obgleich die Sonne ſchien, kühl war, theils weil das Geſpenſt von feuchtem Mörtel ſtets in dem Schatten von Stone Lodge ſpuckte, und theils weil er auf dieſe Weiſe eine gebieteriſche Stellung einnahm, von wo aus er Mr. Gradgrind ſich unterwerfen konnte. „»Kein Schuh bedeckte meinen Fuß. Was Strümpfe betrifft, ſo kannte ich dergleichen nicht einmal dem Namen nach. Die Tage brachte ich in einem Graben zu und die Nächte in einem Schweinſtalle. Auf dieſe Weiſe feierte ich meinen zehnten Ge⸗ burtstag. Nicht daß ein Graben mir etwas Neues wäre— denn in einem Graben wurde ich geboren.“ Mrs. Gradgrind ein kleines, dünnes, weißes Bündel von Shawls mit winzigen Aeugelein und einer ungemeinen, ſowohl geiſtigen als körperlichen Schwäche; die immer Medizin nahm, ohne daß es eine Wirkung hervorbrachte, und die, zu jeder Zeit wenn Symptome eines neuen Auflebens ſich bei ihr einſtellten, unausbleiblich von einem wuchtigen Stück Thatſache, das auf ſie niederſtürzte, betäubt wurde— Mrs. Gradgrind hoffte, daß der Graben trocken geweſen? »Nein! So naß wie ein eingetunkter Biſſen. Ein Fuß hoch Waſſer darin,“ ſagte Mr. Bounderby. „Genug um einem Kindchen eine Erkältung zuzuziehen,“ be⸗ merkte Mrs. Gradgrind. „Eine Erkältung? Ich wurde mit einer Lungenentzündung geboren und dies war, wie ich glaube, die einzig mögliche Ent⸗ zündung,“ entgegnete Mr. Bounnderby.„Jahre lang, Ma'am*), war ich Eines der elendeſten, beklagenswertheſten Kinder, die es je gegeben. Ich war ſo kränklich, daß ich fortwährend ſtöhnte und ächzte. Ich war ſo zerlumpt und ſchmutzig, daß Sie mich nicht mit einer Zange berührt hätten.“ Mrrs. Gradgrind warf einen matten Blick auf die Zange, was in ihrem Blödſinn das geeignetſte zu thun war. »Wie ich mich durchgewunden, das wüßte ich nicht zu ſagen,“ meinte Bounderby.„Ich glaube, mit meiner Entſchloſſenheit. Ich war in meinem nachherigen Leben ein entſchloſſener Charakter und ſo war ich dazumal, wie ich glaube. Da bin ich nun, Mrs. Gradgrind, auf irgend eine Weiſe und habe Niemanden als mir ſelbſt dafür zu danken.“. *) Engl. Abkürzung für Madam. 16 Mrs. Gradgrind drückte ſchwach und zart die Hoffnung aus, daß ſeine Mutter— „Meine Mutter? Durchgebrannt, Ma'am,“ ſagte Bounderby. Mrs. Gradgrind ſtutzte wie gewöhnlich, brach zuſammen und gab nach. „Meine Mutter überließ mich meiner Großmutter,“ ſagte Bounderby,„und meiner ſchärfſten Erinnerung gemäß war meine Großmutter das boshafteſte und ſchlechteſte alte Weib das je ge⸗ lebt hat. Wenn ich zufällig ein Paar Schuhe erhielt, ſo war ſie im Stande ſie mir abzunehmen und für Getränke zu verkaufen. Ja, ich habe mit angeſehen, wie dieſe Großmutter im Bette lie⸗ gend, vierzehn Gläſer Branntwein vor dem Frühſtück austrank.“ Mrrs. Gradgrind, die matt lächelte und kein ſonſtiges Lebens⸗ zeichen von ſich gab, ſah aus(wie das bei ihr gewöhnlich der Fall war) wie ein leidlich ausgeführtes Transparent einer kleinen Frauenfigur ohne hinreichendes Licht hinter demſelben. „Sie hielt einen Krämerladen,“ fuhr Bounderby fort,„und legte mich in eine Eierkiſte. Das war die Wiege meiner Kind⸗ heit; eine alte Eierkiſte. Sobald ich ſo groß war, um davonzu⸗ laufen, lief ich natürlich davon. Alsdann ward aus mir ein junger Vagabund, und anſtatt daß Ein altes Weib mich prügelte und verhungern ließ, ward ich jetzt von Jedermann geprügelt und dem Hunger preisgegeben. Sie hatten Recht; für ſie war kein Grund vorhanden anders zu verfahren. Ich war eine Laſt, ein Krebsſchaden und eine Peſt. Ich weiß das Alles recht wohl.“ Sein Stolz, es zu einer Periode ſeines Lebens, zu der großen geſellſchaftlichen Auszeichnung gebracht zu haben, eine Laſt, ein Krebsſchaden und eine Peſt zu ſein, konnte nur durch eine drei⸗ malige laute Wiederholung der Großſprecherei befriedigt werden. „Ich war, wie ich glaube, beſtimmt, mich durchzuwinden, Mrs. Gradgrind. Ob ich dazu beſtimmt war, oder nicht, Ma'am, ich that es. Ich wand mich durch, obgleich mir Niemand an die Hand ging.— Vagabund, Laufjunge, wieder Vagabund, Arbeiter, Träger, Schreiber, erſter Geſchäftsführer, halber Compagnon, Jo⸗ ſiah Bounderby von Coketown. Dies ſind die Antecedentien und der Culminationspunkt. Joſiah Bounderby von Coketown erlernte das ABC an den Aufſchriften der Laden, und erhielt erſt die Fertigkeit, die Zeit auf einem Zifferblatte zu enträthſeln, da er 17 die Thurmglocke der St. Giles⸗Kirche*) in London unter der Leitung eines verſoffenen Krüppels ſtudirte, der ein überführter Dieb und ein unverbeſſerlicher Landſtreicher war. Erzählet Jo⸗ ſtah Bounderby von Coketown von Euren Kreisſchulen und Euren Muſterſchulen und Euren Erziehungsanſtalten und Eurem ganzen Plunder von Schulen, und Joſiah Bounderby von Coketown wird Euch einfach ſagen, ganz recht, ganz ſchön— er hatte nicht dieſe günſtige Gelegenheiten— laßt uns jedoch Leute mit harten Köpfen und ſtarken Fäuſten haben— die Erziehung, welche ihn empor⸗ geſchwungen, taugt nicht für Jedermann, das weiß er recht gut — auf dieſe Weiſe jedoch war ſeine Erziehung und Ihr könnt ihn dazu zwingen, kochendes Fett hinabzuſchlucken, aber nie werdet Ihr ihn dazu bewegen, die Thatſachen aus ſeinem Leben zu ver⸗ heimlichen.“. Erhitzt auf dieſem Gipfel ſeiner Rede angekommen, hielt Joſiah Bounderby von Coketown inne. Er hielt gerade inne, als ſein ausgezeichnet praktiſcher Freund, noch immer von den beiden Verbrechern begleitet, in's Zimmer trat. Als ſein aus⸗ gezeichnet praktiſcher Freund ihn erblickte, blieb er ſtehen und warf auf Luiſen einen vorwurfsvollen Blick, der einfach ſagte:„Sieh hier deinen Bounderby!“ „Nun,“ polterte Mr. Bounderby,„was gibts? Weßhalb ſieht der kleine Thomas ſo ſauertöpfiſch drein?“ Er ſprach von dem kleinen Thomas, ſah aber dabei Luiſen an. „Wir guckten in den Circus hinein,“ murrte Luiſe hochmü⸗ thig, ohne ihre Augen zu erheben,„und Vater erwiſchte uns.“ „Und, Mrs. Gradgrind,“ ſagte ihr Gatte pathetiſch,„ich hätte meine Kinder ebenſo gern beim Leſen von Gedichten über⸗ raſchen mögen.“ „Du lieber Himmel,“ wimmerte Mrs. Gradgrind.„Wie konntet Ihr nur, Lniſe und Thomas? Ich verwundere mich über Euch. Ich geſtehe offen, Ihr könntet Einen bereuen machen, überhaupt je Kinder gehabt zu haben. Ich habe große Luſt zu ſagen, ich wollte ich hätte keine. Was Ihr aber dann gethan haben würdet, das möchte ich gerne wiſſen.“ Ddieſe triftigen Bemerkungen ſchienen auf Mr. Gradgrind krien günſtigen Eindruck zu machen. Er runzelte ungeduldig ie Stirne. *) St. Giles iſt eines der verrufenſten Viertel von London. Boz. Schwere Zeiten. 2 18 „Als ob Ihr bei dem pochenden Zuſtande, in dem ſich mein Kopf jetzt befindet, die Muſcheln, Mineralien und ſonſtigen Dinge, die für Euch angeſchafft wurden, nicht hättet anſtatt der Eircuſſe beſichtigen können!“ ſagte Mrs. Gradgrind.„Ihr wißt ſo gut als ich, daß Kinder keine Circuslehrer haben, oder Cir⸗ cuſſe in Cabineten beſitzen oder über Circuſſe Lectionen an⸗ hören. Was könntet Ihr alſo möglicher Weiſe von den Circuſſen erfahren? Ihr habt ſicherlich genug Beſchäftigung, wenn Euch darum zu thun wäre. Bei dem gegenwärtigen Zuſtande meines Kopfes könnte ich mich ſelbſt der Namen von der Hälfe der That⸗ ſachen nicht erinnern, die Ihr Euch zu merken habt.“. „Das iſt der Grund,“ ſchmollte Luiſe. „Sag' mir nicht, daß das der Grund iſt, weil es dergleichen nicht ſein kann,“ ſagte Mrs. Gradgrind.„Geht und treibt ſo⸗ gleich etwas Graphieologiſches.“ Mrs. Gradgrind war nicht ge⸗ lehrter Natur und ſchickte ihre Kinder gewöhnlich mit dieſem allgemeinen Befehle fort, um ihre Studien fortzuſetzen. Mrs. Gradgrinds Vorrath an Thatſachen befand ſich wirk⸗ lich im Allgemeinen in einem jammervollen Zuſtande der Mangel⸗ haftigkeit. Mr. Gradgrind war jedoch durch zwei Gründe be⸗ wogen worden ſie zur ehelichen Würde zu erheben. Erſtens ge⸗ währte ſie als arithmetiſches Problem die höchſte Befriedigung, und zweitens war ihr jeder„Unſinn“ fremd. Mit Unſinn bezeich⸗ nete er Fantaſie und es iſt in der That wahrſcheinlich, daß ſie von jedem derartigen Makel ebenſo frei war, als je ein menſch⸗ liches Weſen, welches nicht die höchſte Stufe des Blödſinns er⸗ reicht hatte. Der einfache Umſtand mit ihrem Manne und Mr. Bounderby ſich allein zu befinden, war hinreichend dieſe bewunderungswür⸗ dige Frau abermals zu betäuben, ohne daß ſie mit einer andern Thatſache zuſammengeſtoßen wäre. So ſtarb ſie abermals hin, und Niemand bekümmerte ſich um ſie. 7 „Bounderby,« ſagte Mr. Gradgrind, indem er einen Stuhl an das Feuer rückte,„Sie intereſſiren ſich ſtets ſo ſehr für meine Kinder— beſonders für Luiſe— daß ich um gar keine Entſchuldigung für meinen Ausſpruch bitte, daß dieſe Entdeckung mich tief kränkt. Ich habe mich(wie Sie wiſſen) der Ausbil⸗ dung der Vernunft meiner Kinder ſyſtematiſch gewidmet. Die Vernunft iſt(wie Sie wiſſen) die einzige Naturgabe, die von der 19 Erziehung ausgebildet werden ſollte. Und dennoch dürfte es aus dem heutigen unerwarteten Umſtande, ſo unbedeutend er an und für ſich ſein mag, erſichtlich werden, daß ſich etwas in die Köpfe von Thomas und Luiſen geſchlichen, das beſtimmt iſt— oder vielmehr das es nicht iſt— ja, ich wüßte mich nicht beſſer aus⸗ zudrücken, als indem ich ſage das niemals beſtimmt war, ent⸗ wickelt zu werden und woran ihre Vernunft keinen Antheil hat. „Es liegt gewiß nichts Vernünftiges darin, einen Haufen Va⸗ gabunden zu betrachten,“ erwiederte Bounderby.—„Als ich ſelbſt noch ein Vagabund war, wurde ich von Niemanden mit Intereſſe betrachtet. Das weiß ich wohl.“ „Dann entſteht die Frage,“ ſagte der ausgezeichnet praktiſche Vater, indem er die Augen auf das Feuer heftete—„worin hat dieſe gemeine Neugierde ihren Urſprung 2*4 „Ich will Ihnen ſagen worin. In eitler Einbildungskraft.“ „Ich will nicht hoffen,“ ſagte der ausgezeichnete Praktikus. „Ich muß indeſſen geſtehen, daß dieſe Beſorgniß mich auf dem Heimwege wirklich ergriffen.“ „In eitler Einbildungskraft, Gradgrind,“ wiederholte Boun⸗ derby.„Das iſt höchſt ſchädlich für Jedermann, und verflucht ſchädlich für ein Mädchen wie Luiſe. Ich würde Mrs. Grad⸗ grind für meine derben Ausdrücke um Verzeihung bitten, wenn ſie nicht wüßte, daß ich keine Bildung beſitze. Wer bei mir Bil⸗ dung erwartet, wird ſich getäuſcht finden. Ich habe keine gebil⸗ dete Erziehung genoſſen.“. „Ob irgend,“ ſagte Mr. Gradgrind, mit den Händen in den Taſchen und die höhlenartigen Augen auf das Feuer gerichtet,„ob irgend Einer von den Lehrern oder der Dienerſchaft ihnen etwas zugeflüſtert hat? Ob Luiſe oder Thomas etwas geleſen haben mögen? Ob trotz aller Vorſichtsmaßregeln ein unnützes Mär⸗ chenbuch ſeinen Weg in's Haus gefunden? Denn es iſt wahr⸗ lich gar ſeltſam und unbegreiflich bei Gemüthern, die durch Re⸗ gel und Norm von der Wiege auf praktiſch ausgebildet wurden.“ „Halt!« rief Bounderby, der während der ganzen Zeit, wie früher beim Feuer ſtehend, auf demſelben Stück Möbel in herz⸗ brechender Demuth zerfloſſen war.„Sie haben Eines von den Kindern jener Landſtreicher in der Schule ee „Cecilie Jupe mit Namen!« ſagte Mr. Gradgrind, ſeinen Freund einigermaßen betroffen anblickend. „Nun halt!« rief Bounderby abermals. Wie kam ſie hieher?“ 2* 20 »Nun, die Thatſache iſt, daß ich das Mädchen gerade jetzt zum erſten Mal geſehen. Sie kam eigens hieher mit der Bitte aufgenommen zu werden, da ſie nicht eigentlich zur Stadt ge⸗ hört und— ja Sie haben Recht, Bounderby, Sie haben Recht.“ »Nun halt!«“ rief Bounderby nochmals.„Luiſe hat ſie bei ihrer Ankunft geſehen?« 3 „Luiſe hat ſie ſicherlich geſehen, denn ſie meldete mir noch das Geſuch. Aber Luiſe hat ſie ohne Zweifel in Mrs. Gradgrinds Gegenwart geſehen.“ »Bitte, Mrs. Gradgrind,“ ſagte Bounderby,„was war vor⸗ gegangen?“ „Ach, ich arme Kranke!“ erwiederte Mrs. Gradgrind.„Das Mädchen bedurfte der Schule und Mr. Gradgrind brauchte Mäd⸗ chen für die Schule und Luiſe und Thomas ſagten beide, das Mädchen wünſche zu kommen und daß Mr. Gradgrind wünſche, daß Mädchen kommen möchten und wie war es nun möglich ihnen zu widerſprechen, da ſich die Thatſache ſo verhielt?“ „Ich will Ihnen nun was ſagen, Gradgrind,“ rief Boun⸗ derby.„Jagen Sie das Mädchen geradezu aus der Schule und damit hat die Geſchichte ein Ende.“ „Ich bin ganz Ihrer Meinung.“ „Auf einmal abgethan!e ſagte Bounderby,„war mein Wahl⸗ ſpruch von Kindheit auf. Als mir der Gedanke kam, von der Eierkiſte und meiner Großmutter davon zu laufen, ſo that ich es auf einmal. Verfahren Sie ebenſo. Thun Sie es auf einmal.“ „Wollten Sie einen Gang machen?« fragte ſein Freund.„Ich habe die Adreſſe des Vaters. Vielleicht hätten Sie nichts da⸗ gegen, mit mir nach der Stadt zu gehen.“ „Nicht das Geringſte,“ ſagte Mr. Bounderby,„da Sie es auf einmal abmachen wollen.“ Mr. Bounderby warf ſich den Hut auf— er warf ihn immer auf, um ſich als einen Mann darzuſtellen, der zu ſehr damit be⸗ ſchäftigt war, ſich empor zu ſchwingen, als daß er die Mode hätte ſtudiren können, wie ein Hut aufzuſetzen ſei— und ſchlen⸗ derte, mit den Händen in der Taſche, in den Vorſaal. „Ich trage nie Handſchuhe,“ pflegte er gewöhnlich zu ſagen. „Ich hatte keine, als ich die Leiter emporklomm. Würde ſonſt nicht ſo hoch geſtiegen ſein.“. Als er, während Mr. Gradgrind hinauf ging um die Adreſſe des Vaters zu holen, einige Minuten in dem Vorſaale herum⸗ * 21 ſchlendernd zurückgeblieben war, öffnete er die Thüre des Studir⸗ zimmers der Kinder und blickte in jenes helle, mit einer Fuß⸗ bodendecke belegte Gemach, das ungeachtet ſeiner Bücher⸗ und Schubladenſchränke und ſeiner mannigfachen gelehrten und wiſ⸗ ſenſchaftlichen Einrichtungen den heitern Anblick einer Friſeurſtube gewährte.— Luiſe lehnte träge am Fenſter, und ſah hinaus, ohne etwas zu ſehen, während der kleine Thomas racheſchnau⸗ bend beim Feuer ſtand. Adam Smith und Malthus, zwei jün⸗ gere Gradgrinds, waren bei einer Lection aufgehoben, und die kleine Jane war, nachdem ſie auf ihrem Geſichte vermittelſt Griffel und Thränen eine ziemliche Maſſe von feuchtem Pfeifenthon fabri⸗ zirt hatte, über einfachen Brüchen eingeſchlafen. „Iſt ſchon abgemacht, Luiſe! Schon abgemacht, kleiner Thomas!“ ſagte Mr. Bounderby.„Ihr werdet es nicht mehr thun. Ich ſtehe gut dafür, daß Vater es vergeſſen wird. Nun, Luiſe, das iſt einen Kuß werth, nicht wahr?“ „Sie können einen nehmen, Mr. Bounderby,“ entgegnete Luiſe nach einer froſtigen Pauſe, ging langſam durch das Zimmer und hob, während ſie ihr Geſicht abwandte, ihre Wange zu ihm in unfreundlicher Weiſe empor.. „Immer mein Goldkindchen! Biſt's nicht, Luiſe?“ ſagte Mr. Bounderby.„Adjes, Luiſe!“ Er ging ſeines Weges, ſie aber blieb an derſelben Stelle ſtehen und rieb ſich mit ihrem Taſchentuche die Wange, welche er geküßt hatte, bis ſie feuerroth wurde. Fünf Minuten nachher that ſie noch immer daſſelbe. „»„Was treibſt du denn, Liſe?« warnte ſie ihr Bruder in ver⸗ drießlichem Tone.„Du wirſt dir ein Loch in's Geſicht reiben.“ „Du kannſt die Stelle mit deinem Federmeſſer ausſchneiden, Tom, wenn du willſt. Es würde mich nicht weinen machen.“ Fünftes Kapitel. Cobetown, wohin die Herren Bounderby und Gradgrind ſich jetzt begaben, war ein Triumph der Thatſächlichkeit. Es zeigte ſich nicht mehr von Fantaſie befleckt, als Mrs. Gradgrind ſelbſt. Laßt uns zuerſt den Grundton anſchlagen, Coketown, bevor wir in unſerm Liede fortfahren. Es war eine Stadt von rothen Ziegelſteinen, oder von Zie⸗ 22 gelſteinen die roth geweſen wären, wenn Rauch und Aſche es ge⸗ ſtattet hätten; wie ſich aber die Sachen nun verhielten, ſo hatte die Stadt ein unnatürliches, ſchwarzrothes Ausſehen, wie das gemalte Geſicht eines Wilden. Es war eine Stadt von Maſchi⸗ nen und hohen Rauchfängen, aus welchen endloſe Schlangen fort und fort ſich emporwirbelten und niemals ſich abwickelten. Da⸗ ſelbſt befand ſich auch ein ſchwarzer Kanal und ein Fluß der mit einer übelriechenden Farbe purpurn dahinſtrömte, und ungeheure Häuſermaſſen die voll von Fenſtern waren, wo es den ganzen Tag ein Klappern und Zittern gab und wo der Stempel der Dampf⸗ maſchine eintönig auf und nieder arbeitete, wie der Kopf eines Elephanten in melancholiſchem Wahnſinn. Sie enthielt große Straßen, die ſich alle einander glichen und viele kleine Straßen, die ſich noch mehr glichen, bewohnt von Leuten, die ſich ebenfalls gleich waren, die Alle zu denſelben Stunden ein⸗ und ausgingen, mit demſelben Tritt auf demſelben Pflaſter um die nämliche Ar⸗ beit zu verrichten, bei denen jeder Tag dem von geſtern und morgen gleich kam und jedes Jahr das Dupplikat des vergan⸗ genen und des künftigen war. Dieſe Eigenſchaften von Coketown waren überhaupt von der Beſchäftigung, durch die es ſich ernährte, unzertrennlich. Gegen dieſe waren hervorzuheben jene Bequemlichkeiten des Lebens die ihren Weg durch die ganze Welt fanden und die Annehmlichkeiten des Lebens, die an der feinen Dame, wir wollen gar nicht nachfor⸗ ſchen, wie viel Antheil haben und die es kaum ertragen könnte den Namen des erwähnten Ortes nennen zu hören. Der Reſt der Züge war willkürlich; es waren folgende. Ihr ſahet in Coketown Nichts was nicht ſtreng arbeitſam war. Wenn die Bekenner einer Religion eine Kapelle daſelbſt bauten— wie die Bekenner von achtzehn Religionsſekten es ge⸗ than— ſo machten ſie es zu einem frommen Packhauſe aus rothen Ziegelſteinen, zuweilen mit einer Glocke(das aber nur bei be⸗ ſondern Prachtmuſtern) in einem Vogelkäfig an der Spitze. Als einzige Ausnahme ſtand die neue Kirche da, ein mit Stuckarbeit verſehenes Gebäude, mit einem vierkantigen Thurme oberhalb des Thores, der mit vier kurzen Zinnen endete, die wie geſchmückte Stelzen ausſahen. Alle öffentlichen Inſchriften in der Stadt waren auf gleiche Weiſe mit harten Schriftzügen in Schwarz und Weiß ausgeführt. Das Gefängniß hätte das Krankenhaus und das Krankenhaus das Gefängniß abgeben können, das Rathhaus 23 hätte Eines von Beiden oder Beides zugleich, oder ſonſt was immer ſein können und das Alles wegen der Ungereimtheit im Style ſeiner Bauwerke. Thatſachen, Thatſachen, Thatſachen gaben ſich in jedem we⸗ ſentlichen Anblick der Stadt kund und Thatſachen, Thatſachen, Thatſachen in jedem nicht weſentlichen. Die Schule von MChoa⸗ kumchild war durchgehends Thatſache und die Zeichenſchule war durchgehends Thatſache und die Beziehungen zwiſchen Arbeitgeber und Arbeiter waren lauter Thatſachen, und Alles war auch That⸗ ſache zwiſchen der Entbindungsanſtalt und dem Kirchhof und was Ihr nicht mit Zahlen beweiſen und darthun konntet, daß es auf dem billigſten Markte zu kaufen und auf dem theuerſten zu ver⸗ kaufen war, das war nicht, ſollte niemals ſein, in aller Welt Ende, Amen.. Eine Stadt die der Thatſächlichkeit ſo ſehr geweiht und ſo ſiegreich in deren Aufrechterhaltung war, die gedieh natürlich in hohem Grade?— Nein, doch nicht, nicht beſonders. Nicht? Du lieber Himmel! Nein. Coketown entſprang aus ſeinen Schmelzöfen nicht in jeder Beziehung, wie Gold das die Feuerprobe ausgehalten. Er⸗ ſtens waltete in dem Orte das verwirrende Geheimniß vor: Wer gehört zu den achtzehn Sekten? Denn wer es auch immer that, bei der arbeitenden Klaſſe war es nicht der Fall. Es machte einen ſeltſamen Eindruck, wenn man Sonntags Morgens durch die Straßen ſchritt und wahrnahm, wie Wenige von dieſen durch das barbariſche Glockengeklimper, das Kranke und Nerven⸗ ſchwache zum Wahnſinn trieb, aus ihrem eigenen Viertel, aus ih⸗ rem eigenen engen Zimmer und von denEcken ihrer eigenen Straße hinweggerufen wurden, wo ſie unthätig umherlungerten und auf den Kirchen⸗ und Kapellengang hinſtarrten, als auf ein Ding mit dem ſie durchaus nicht in Berührung ſtanden. Es war auch nicht der Fremde allein, der das wahrnahm, denn es beſtand eine einhei⸗ miſche Geſellſchaft in Coketown ſelbſt, deſſen Mitglieder man bei jeder Seſſion des Hauſes der Gemeinen mit Entrüſtung um einen Parlamentsakt petitioniren hören konnte, wodurch man dieſe Leute mit Gewalt religiös machen könnte. Dann kam die Teetotal⸗ Geſellſchaft“), die ſich darüber beſchwerte, daß dieſelben Leute ſich betrinken könnten und durch tabellariſche Ueberſichten zeigten, *) Eine Geſellſchaft die ſich aller geiſtigen Getränke enthält. 24 daß ſie ſich wirklich betranken und die bei Theegeſellſchaften be⸗ wieſen, daß keine Beweggründe, weder menſchliche noch göttliche (ausgenommen eine Medaille) ſie dazu bewegen konnte, die Ge⸗ wohnheit des Betrunkenwerdens aufzugeben. Dann kam der Apo⸗ theker und Droguiſt mit andern tabellariſchen Ueberſichten, durch die dargethan wurde, daß ſie Opium nehmen würden, wenn ſie ſich nicht berauſchten. Dann kam der erfahrungsreiche Kaplan des Gefängniſſes, mit noch mehr tabellariſchen Ueberſichten, die alle ſonſtigen tabellariſchen Ueberſichten übertrafen und worin er zeigte, daß dieſelben Leute zu verrufenen, dem Auge der Welt ver⸗ ſteckten Schlupfwinkeln, ihre Zuflucht nähmen, wo ſie gemeine Lieder ſingen hören und gemeine Tänze aufführen ſähen und auch daran Antheil nehmen könnten, und wo, wie A. B. der nächſtens ſeinen vier und zwanzigſten Geburtstag haben wird, und zu achtzehn⸗ monatlicher, einſamer Haft verurtheilt worden, ſelbſt geſtanden (nicht daß er ſich etwa je des Glaubens beſonders würdig gezeigt hätte) ſein Ruin begonnen, da er ſonſt nach ſeiner völligen innern Ueberzeugung ein Muſterbild der vorzüglichſten Moral geworden wäre. Dann kamen Mr. Gradgrind und Mr. Bounderby, welche beiden Herren in dem gegenwärtigen Augenblicke Coketown durch⸗ ſchritten und beide ausgezeichnet praktiſch waren, die bei Gele⸗ genheit noch mehr tabellariſche Ueberſichten liefern konnten, die ſich auf ihre eigenen perſönlichen Erfahrungen gründeten und mit Fällen, die ſie ſahen und kannten, belegt wurden, woraus klar hervorging— kurz es war das einzig Klare in der Sache— daß dieſelben Leute insgeſammt ein ſchlechtes Pack wären, meine Herren; daß Ihr was immer für ſie thun könntet und ſie würden doch nie dafür dankbar ſein, meine Herren; daß ſie ein unruhiges Volk wären, meine Herren; daß ſie niemals wüßten, was ihnen eigentlich Noth thut; daß ſie immer nur das Beſte haben müß⸗ ten, friſche Butter kauften, auf Mokkakaffee beſtünden und nur das beſte Fleiſch genießen wollten und doch immer und ewig un⸗ zufrieden und unlenkſam wären. Kurz, es war die Moral des Ammenmährchens: 3 Es war mal'ne Alte, was mögt Ihr wohl denken? Die hatte gelebt nur von Speiſ' und Getränken; Nur Speiſ' und Getränke das hatt' ſie zur Koſt, Doch nie war und nimmer die Alte bei Troſt. Ob es wohl möglich ſei, daß eine Aehnlichkeit zwiſchen dem Zuſtande der Bevölkerung von Coketown und demjenigen der ͤ——f i . 25 kleinen Gradgrinds obwaltete? Man braucht es wohl bei unſerem nüchternen Verſtande und bei unſerer Zahlenkenntniß, zur jetzigen Zeit, uns nicht erſt zu ſagen, daß eines der Urelemente im Da⸗ ſein der arbeitenden Klaſſe von Coketown mit Bedacht für viele Jahre in den Wind geſchlagen wurde? Daß Fantaſie in ihnen ruhte, bei welcher das Bedürfniß vorherrſchte, in einen geſunden Zuſtand verſetzt zu werden, anſtatt ſie krampfhaften Zuckungen preis zu geben? Daß gerade in dem Verhältniß wie ſie viel und einförmig arbeitete, die Begierde nach einer phyſiſchen Er⸗ quickung bei denſelben rege wurde— nach einer Erholung die den Muth und die gute Laune befördern ſollte, um ihnen Luft zu machen— nach einem anerkannten Feſttage, ſei es auch nur für einen ehrſamen Tag bei einer rührigen Muſikbande— nach einer einfachen Paſtete, bei welcher ſelbſt M'Choakumchild die Hand nicht im Spiele hatte— welche Begierde Befriedigung er⸗ langen muß und wird, oder unvermeidlich eine verkehrte Richtung nehmen wird und muß, es ſei denn, daß die Geſetze der Natur aufgehoben würden! „Jener Menſch hält ſich in Pod's End auf und ich weiß nicht genau, wo Pod's End iſt,“ ſagte Mr. Gradgrind.„Wo iſt es, Bounderby 246 Mr. Bounderby wußte, daß es irgendwo in dem untern Theile der Stadt liege, ſonſt hatte er keine Kenntniß davon. Sie ſtanden daher eine Weile ſtill und ſchauten ſich um. Gerade als ſie das thaten, kam von der Straßenecke ein Mädchen mit raſchen Schritten und furchtſamen Blicken herbei⸗ gelaufen, das von Mr. Gradgrind ſogleich erkannt wurde. „Hallo!“ rief er.„Halt! Wohin gehſt du? Halt!“ Mädchen Nummer 20 blieb pochenden Herzens ſtehen und machte einen Knix. „Was rennſt du in den Straßen,“ rief Mr. Gradgrind,„in dieſer unſchicklichen Weiſe umher?“ „Ich bin— ich bin verfolgt worden,“ keuchte das Mädchen, „und ich wollte entwiſchen.“ „Verfolgt?“ wiederholte Mr. Gradgrind.„Wer wird dich verfolgen?“ Die Frage ward durch den farbloſen Knaben Bitzer raſch und unerwartet für ſie beantwortet, indem er in ſolch' blinder Haſt um die Ecke gelaufen kam und ſo wenig eine Hemmung auf dem 26 Pflaſter erwartete, daß er an Mr. Gradgrinds Weſte anrannte und in die Straße zurückprallte. „Was ſoll das heißen, Junge?“ ſagte Mr. Gradgrind.„Was treibſt du? Wie wagſt du es gegen— Jedermann— in dieſer Weiſe anzuſtoßen?“ Bitzer raffte ſeine Mütze auf, die durch den Zuſammenſtoß auf die Erde geflogen war, und, indem er zurücktrat und mit den Knöcheln der Hand an die Stirne fuhr, gab er als Entſchuldi⸗ gung an, daß dieß ein Zufall ſei. „Hat dich dieſer Knabe verfolgt, Jupe?“ fragte Mr. Gradgrind. „Ja, mein Herr,“ ſagte das Mädchen mit Sträuben. „Nein, ich that es nicht, mein Herr!“ rief Bitzer.„Nicht ehe ſte von mir weglief. Aber Kunſtreiter ſcheeren ſich wenig um das was ſie ſagen, mein Herr. Sie ſind dafür berühmt. Du weißt, daß Kunſtreiter dafür berühmt ſind, ſich nicht um das zu ſcheeren, was ſie ſagen,“ ſagte er zu Cili gewendet.„Das iſt ſo allgemein bekannt in der Stadt als— mit Erlaubniß mein Herr— als die Multiplikationstabelle bei den Kunſtreitern unbe⸗ kannt iſt.“ Bitzer wollte Mr. Bounderby damit verſuchen. „Er erſchreckte mich ſo ſehr,“ ſagte das Mädchen,„mit den gräulichen Fratzen, die er ſchnitt.“ „Oh,“ rief Bitzer.„Oh! Biſt nicht wie die Andern? Biſt nicht von den Kunſtreitern? Ich habe ſie nicht einmal angeſehen, mein Herr. Ich fragte ſie, 55) ſie morgen werde definiren können, was ein Pferd iſt und bot mich an, es ihr nochmals zu ſagen, und ſie rannte davon und ich lief ihr nach, mein Herr, damit ſie Beſcheid wiſſe, wenn ſie gefragt würde. Wenn du nicht zur Kunſtreiterei gehörteſt, ſo würdeſt du mit deiner Zunge dcht⸗ ſo viel Unheil anſtiften.“ „Ihr Beruf ſcheint unter ihnen ſchon ziemlich bekannt zu ſein,“ bemerkte Mr. Bounderby.„Sie werden es in einer Woche nech erleben, daß die ganze Schule ſchaarenweiſe hineingucken wir „Wahrlich, ich bin derſelben Meinung,“ entgegnete ſein Freund.„Dreh' dich herum, Bitzer, und pack' dich nach Hauſe. Jupe, bleib eine Weile hier. Laß mich noch einmal von dir hören, ſo davon gerannt zu ſein, Junge, und du wirſt von mir durch den Schulmeiſter hören. Du verſtehſt was ich meine. Geh' fort.“. Der Knabe hielt in ſeinem raſchen Blinzeln inne, fuhr aber⸗ 27 mals mit den Knöcheln der Hand an die Stirne, warf einen Blick auf Cili, drehte ſich um und zog ſich zurück.. 3 „Nun, Mädchen,“ ſagte Mr. Gradgrind,„bringe mich und dieſen Herrn zu deinem Vater. Wir wollen zu ihm gehen. Was haſt du in der Flaſche da?“ „Gin*),“ ſagte Mr. Bounderby. „Gott behüte, mein Herr!'s iſt Neunkraftöl**).“ „Was?“ rief Mr. Bonderby.. „Neunkraftöl, mein Herr. Um Vater damit einzureiben.“ Drauf Mr. Bounderby nach einem kurzen, lauten Gelächter: „Weßhalb, zum Teufel, reibſt du deinen Vater mit Neunkraft⸗ Oel ein?* 4 „Unſere Leute gebrauchen's immer, mein Herr, wenn ſie ſich in der Reitbahn beſchädigen,“ erwiederte das Mädchen, indem ſie über ihre Achſel wegſah, um ſich zu vergewiſſern, daß ihr Ver⸗ folger fort ſei.„Sie beſchädigen ſich zuweilen ſehr ſtark.. „Geſchieht ihnen Recht,“ ſagte Mr. Bounderby,„da ſie Müſ⸗ ſiggänger ſind.“ Sie ſchaute ihm in's Geſicht mit einer Miſchung von Staunen und Furcht. „Beim heiligen Georg ¹« rief Mr. Bounderby,„als ich noch vier oder fünf Jahre jünger als du war, hatte ich ärgere Beulen aufzuweiſen, als Zehn⸗, Zwanzig⸗ oder Vierzigkraftöl hätten heilen können. Ich erhielt ſie nicht durch Poſiturenmachen, ſon⸗ dern weil man mich tüchtig durchbläute. Für mich gab es kein Seiltanzen; ich tanzte auf dem bloßen Boden, wobei man mir mit dem Strick aufſpielte.“ Mr. Gradgrind war, obgleich ziemlich hartherzig, durchaus nicht ſo roh, als Mr. Bounderby. Im Ganzen betrachtet war ſeine Natur nicht herzlos. Sie hätte in der That ſehr herzlich ſein können, wenn er nur ein einfaches Verſehen in der Arithmetik begangen hätte, die ihr ſeit Jahren das Gleichgewicht hielt. Er ſagte in einem, wie er meinte, beruhigenden Tone, während ſie ſich nach einer engen Straße zu wandten:„Das iſt Pod's End, Jupe, nicht wahr?“ „Das iſt es, mein Herr— und mit Verlaub, mein Herr— das iſt das Haus.“ 2) Wachholderbranntwein. 4 *) Im Original heißt es nine oils, was eine Mirtur bedeutet, die aus neun Oelgattungen beſteht. Sie wurde vorzüglich in England gegen Beulen und Quet⸗ ſchungen benützt, iſt aber ſchon längſt außer Gebrauch. 28 Sie hielt in der Dämmerung vor der Thüre eines armſeligen, kleinen Wirthshauſes, das von fahlen Lichtern erleuchtet war. Es ſah ſo verſtört und ſo jämmerlich aus, als ob es ſich aus Mangel an Kunden ſelbſt dem Trunke ergeben hätte, den Weg aller Trunkenbolde gegangen wäre und nun ſeinem Ende nahe ſei. „Brauchen nur an dem Schenktiſch vorüber, mein Herr, und dann die Treppen hinauf. Bitte dann zu warten mit Verlaub, bis ich ein Licht bringe. Sollten Sie einen Hund hören, mein Herr, ſo wird es nur Merrylegs ſein, der nur bellt.“ „Merrylegs*) und Neunkraftöl,« ſagte Mr. Bounderby mit ſeinem metallenen Gelächter, indem er zuletzt eintrat,„das klingt wunderhübſch für Einen der ſich ſelbſt aufgeſchwungen!“ Sechstes Kapitel. gebracht: „Ein gutes Malz gibt gutes Bier, Tritt nur herein, man ſchenkt es hier, Ein guter Wein gibt guten Branntwein, Sei unſer Gaſt, er wird zur Hand ſein.“ An der Wand, hinter dem kleinen ſchmutzigen Schenktiſch, be⸗ fand ſich unter Glas und Rahmen ein zweiter Pegaſus— ein theatraliſcher— mit Flügeln aus wirklicher Gaze, über und über mit goldenen Sternen beklebt und ſein ätheriſches Geſchirr aus rother Seide gefertigt. 6 Da es draußen ſchon zu dunkel geworden war, um das Schild zu ſehen, und da es drinnen noch nicht hell genug war, um das Bild zu ſehen, ſo nahmen Mr. Gradgrind und Mr. Bounderby an dieſen Idealitäten keinen Anſtoß. Sie folgten dem Mädchen einige Winkeltreppen hinauf, ohne Jemanden zu begegnen und blieben im Dunkeln, während ſie Licht holen ging. Sie erwar⸗ teten jeden Augenblick Merrylegs' Stimme ertönen zu hören, aber *) Merrylegs bedeutet muntere Beine. *) Pegaſus⸗Wappen. 29 der auszezeichnet abgerichtete Hund hatte noch nicht gebellt, als das Mädchen und das Licht mit einander erſchienen. 3 „Vater iſt nicht in unſrem Zimmer,“ ſagte ſie mit einem Ausdrucke tiefer Verwunderung.„Wenn Sie gefälligſt eintreten wollten, ſo würde ich ihn ſogleich auffinden.“ Sie traten ein; und Cili eilte, nachdem ſie zwei Stühle für ſie hingeſtellt, mit leichten, raſchen Schritten davon. Es war ein ſchlechtes, armſelig eingerichtetes Zimmer, worin ein Bett ſtand. An einem Nagel hing eine weiße Nachtmütze, mit zwei Pfauenfedern und einem kurzen, aufrechtſtehenden Zopfe geſchmückt, in welcher Signor Jupe an demſelben Nachmittage die mannig⸗ fachen Vorſtellungen mit ſeinen keuſchen Shakſperiſchen Stichel⸗ reden und Witzeleien belebt hatte; ſonſt konnte nirgends etwas von ſeiner Garderobe, oder ein anderes Merkmal ſeiner ſelbſt oder ſeiner Beſchäftigung wahrgenommen werden. Was Merry⸗ legs anbelangt, ſo mag man den ehrwürdigen Ahn des wohl⸗ dreſſirten Thieres, der ſich auf der Arche einſchiffte, zufällig aus derſelben ausgeſchloſſen haben, da ſich nicht die geringſte Spur tinßs Sündes weder den Augen noch den Ohren in Pegaſus⸗Arms undgab. Sie hörten das Auf⸗ und Zuſchlagen von den Thüren der oberen Zimmer, da Cili von einem in das andere ging, um ihren Vater zu ſuchen; bald darauf vernahmen ſie Stimmen, die Ueber⸗ raſchung ausdrückten. Sie kam bald wieder in großer Eile herun⸗ tergeſprungen, öffnete einen abgenützten, wurmſtichigen und alten Koffer, mit Fell überzogen, fand ihn leer und blickte, die Hände zuſammenſchlagend, mit einem beſtürzten Geſichte umher. „Vater muß nach der Bude gegangen ſein. Ich weiß nicht, weßhalb er dahin gegangen ſein ſollte, aber er muß da ſein. Ich brinde ihn in kiſer Minüfe. Sie war ſogleich ohne Hut fort. re langen warzen Ainderſaate Kerireeten in Winde. 4 34 gene ſhman „Wo denkt ſie hin?“ ſagte Mr. Gradgrind.„Zurück in einer Minute? Es iſt mehr als eine halbe Meglern 3 Ehe Mr. Bounderby noch antworten konnte, war ein junger Mann an der Thüre erſchienen, der mit den Worten„Mit Ihrer Erlaubniß, meine Herren“, ſich vorſtellend, mit den Händen in der Taſche hereintrat. Sein glatt raſirtes, mageres und bleiches Geſicht war von einer dichten Maſſe ſchwarzen Haares beſchattet, das rundgerollt um den Kopf gekämmt und in der Mitte geſchei⸗ telt war. Seine Beine waren ſehr kräftig, aber kürzer als Beine von richtigen Verhältniſſen hätten ſein ſollen. Bruſt und Rücken hatte er um eben ſo viel zu breit, als ſeine Beine zu kurz waren. Er trug einen Rock von Newmarket und enganliegende Beinklei⸗ der; hatte einen Shawl um den Hals gewunden, roch nach Brennöl, Stroh, Orangenſchalen, Pferdefutter und Sägeſpänen und ſah wie ein höchſt ſonderbarer Centaur aus, eine Miſchung von Stall und Theater. Wo das Eine begann und das Andere auf⸗ hörte, konnte von Niemanden mit Genauigkeit beſtimmt wer⸗ den. Dieſer Herr war auf den Anſchlagzetteln angezeigt, als Mr. E. W. B. Childers, der mit Recht wegen ſeiner kühnen Volten, im„Wilden Jäger in den nordamerikaniſchen Prairien“ ſo be⸗ rühmt war, bei welchem beliebten Kunſtſtück ein winzig kleiner Knabe mit einem alten Geſichte, der jetzt in ſeiner Begleitung erſchien, ihm als junges Söhnchen beiſtand, indem er oberſt zu unterſt bei einem Fuße über ſeines Vaters Schulter gehoben und mit den Ferſen nach oben, in der flachen Hand ſeines Vaters beim Scheitel gehalten wurde, nach der ſtürmiſch väterlichen Weiſe, wie man wilde Jäger ihre Sprößlinge liebkoſen ſehen kann. Aufgeputzt mit Locken, Blumenkränzen, Flügeln, weißem Wismuth und Karmin, ſchwang ſich dieſe hoffnungsvolle junge Perſönlichkeit der Art zu einem anmuthigen Cupido empor, daß ſte das Hauptentzücken des mütterlichen Theiles der Zuſchauer bildete. Im Privatleben jedoch, wo die Kennzüge ſeines Charak⸗ ters ein zu frühzeitig verſchnittener Rock und eine ungewöhnlich rauhe Stimme waren, ſank er vom ergötzlichen Götterkinde zum entſetzlichen Stalljungen herunter. „Mit Erlaubniß, meine Herren,“ ſagte Mr. E. W. B. Chil⸗ ders, im Zimmer umherblickend.„Ich glaube, Sie waren es, die Jupe zu ſehen wünſchten?“ „Ja wohl,“ ſagte Mr. Gradgrind,„ſeine Tochter ging ihn zu holen, aber ich kann nicht warten. Ich möchte daher, wenn Sie es erlauben, eine Botſchaft für ihn zurücklaſſen.“ „Sehen Sie, mein Freund,“ warf Mr. Bounderby ein,„wir gehören zu den Leuten, welche den Werth der Zeit kennen, ihr aber gehört zu den Leuten, die den Werth der Zeit nicht kennen.“ „Ich habe nicht,“ entgegnete Mr. Childers, nachdem er ihn von Kopf bis Fuß gemeſſen,„die Ehre Sie zu kennen— wenn Sie jedoch ſagen wollen, daß Sie es verſtehen vermittelſt Ihrer Zeit mehr Geld zu machen, als ich vermittelſt der meinigen, ſo 31 wüßte ich nach Ihrem Ausſehen urtheilen, daß Sie wohl Recht aben.“ „Und wenn Sie welches gemacht haben, ſo, ſollte ich meinen, verſtehen Sie auch, es feſtzuhalten,“ ſagte Cupido. „Laß ſtecken, Kidderminſter,“ ſagte Mr. Childers(Maſter Kidderminſter war Cupido's irdiſcher Name). „Was kommt er denn her, vor uns den Prahler zu ſpielen?“ rief Maſter Kidderminſter ein choleriſches Temperament verra⸗ thend.„Wenn Sie vor uns groß thun wollen, ſo zahlen Sie Ihr Geld an der Thüre und machen Sie ſich dann breit.“ „Kidderminſter,“ ſagte Mr. Childers ſeine Stimme erhebend, „laß ſtecken!— Mein Herr,“— zu Mr. Gradgrind gewen⸗ det.—„Ich ſprach zu Ihnen. Vielleicht wiſſen Sie es, oder vielleicht wiſſen Sie es nicht,(denn Sie dürften nicht viel den Vorſtellungen beigewohnt haben) daß Jupe in letzter Zeit den Saum ſehr oft verfehlt hat.“ „Was— was hat er verfehlt?“ fragte Mr. Gradgrind, in⸗ dem er dem gewakltigen Bounderby einen hülfeflehenden Blick zuwarf. „Hat den Saum verfehlt.“ „Hat ſich vorigen Abend dreimal beim Hoſenbandorden prä⸗ ſentirt und brachte nicht einmal was zu Stande,“ ſagte Maſter Kidderminſter.„Hat den Saum bei den Fähnlein verfehlt und war ſehr ungeſchickt beim Reifdurchlöchern.“ 4 „That nicht was er hätte thun ſollen. Machte kurze Sprünge und ſchlechte Purzelbäume,“ verdolmetſchte Mr. Childers. Sed, ſagte Mr. Gradgrind,„das heißt man Saum, nicht wahr 2⸗ .„Im Allgemeinen heißt man das den Saum verfehlen,“ ant⸗ wortete Mr. E. W. B. Childers. „Neunkraftöl, Merrylegs, Saum verfehlen, Hoſenbänder, Fahnen und Reifdurchbrechen,“ ſchrie Mr. Bounderby mit ſeinem Gelächter der Gelächter.„Sonderbare Geſellſchaft das für einen Mann, der ſich ſelbſt aufgeſchwungen.“ „„»Laſſen Sie ſich nun herab,“ warf Cupido ein.„O, du meine Güte! Wenn Sie ſich zu der Höhe aufgeſchwungen haben, auf der Sie ſtehen, ſo ſteigen Sie ein klein wenig herunter.“ „Das iſt ein höchſt zudringlicher Burſche,“ ſagte Mr. Grad⸗ grind, indem er ſich herumdrehte und mit gerunzelter Stirn ſich gegen ihn wandte. „Wir würden Sie von einem jungen Herrn haben empfangen laſſen, wenn wir gewußt hätten, daß Sie kommen würden,“ warf Maſter Kidderminſter ganz unbetreten ein.„'s iſt Schade, daß Sie nicht vorerſt eine Anmeldung machten, da Sie ſo etwas Be⸗ ſonderes ſind. Sie ſind auf dem ſtraffen Friedchen, nicht wahr?“ „Was meint dieſer unmanierliche Junge,“ fragte Gradgrind ihn mit einer Art Verzweiflung betrachtend,„mit ſeinem ſtraffen Friedchen?“ „Hinaus mit dir! Hinaus mit dir,“ rief Mr. Childers, in⸗ dem er ſeinen jungen Freund einigermaßen nach der Prairieweiſe hinauswarf.„Straffes oder lockeres Friedchen— das hat nicht viel zu ſagen. Es bedeutet blos ein ſtraffes oder lockeres Seil. Sie wollten doch eine Botſchaft für Jupe hinterlaſſen?“ „Ja, ich wollte es.“ „Dann,“ fuhr Childers raſch fort,„bin ich der Meinung, daß er ſie nie erhalten wird. Kennen Sie ihn beſonders?« „Ich habe dieſen Menſchen nie in meinem Leben geſehen.“ „Ich zweifle ſehr daran, ob Sie ihn nun je ſehen werden. Es iſt mir ziemlich klar, daß er ſich davongemacht.“ „Meinen Sie, daß er ſeine Tochter im Stiche gelaſſen?“ „Ja, ich glaube,“ ſagte Mr. Childers mit einem bejahenden Nicken,„daß er durchgebrannt iſt. Er war geſtern Nacht ge⸗ bügelt, er war vorgeſtern Abend gebügelt und er war heute ge⸗ bügelt. In letzterer Zeit iſt es ihm oft paſſirt und er kann es nicht aushalten.“ „Warum iſt er— gar ſo ſehr—„gebügelt“ geweſen?“ fragte Mr. Gradgrind, das Wort höchſt feierlich und gewaltſam heraus⸗ würgend. „Seine Glieder werden ſteif und er wird immer mehr abge⸗ nützt,“ ſagte Childers.„Er hat wohl noch ſeine treffenden Poin⸗ ten als Gackerer, aber davon kann er doch nicht leben.“. „Als Gackerer,“ wiederholte Bounderby,„da haben wir's wieder.“ „Als Sprecher, wenn es dem Herrn beſſer gefällt,“ ſagte Mr. E. W. B. Childers, indem er die Erklärung in anmaßender Weiſe über die Achſel hinwarf und ſie mit einem Schütteln der Haare, die ſich alle auf einmal bewegten, begleitete.„Es iſt doch eine merkwürdige Thatſache, mein Herr, daß dieſen Mann der Gedanke, daß ſeine Tochter von ſeinem Gebügeltſein wußte, zu tief ſchmerzte, als daß er dabei ausgehalten hätte.“ ——— —— 33 „Gut!“ unterbrach ihn Bounderby.„Das iſt gut, Grad⸗ grind! Ein Menſch der ſeine Tochter ſo lieb hat, daß er von ihr wegläuft, das iſt verflucht gut. Ha! Ha! Nun will ich Ihnen was ſagen, junger Mann. Ich habe mich nicht immer in meiner gegenwärtigen Lage befunden. Ich weiß, was das heißen will. Sie dürfen wohl erſtaunt ſein, es zu hören und doch iſt's wahr, daß meine Mutter von mir weglief.“ E. W. B. Childers machte die beißende Bemerkung, daß er über dieſe Mittheilung durchaus nicht erſtaunt ſei. „Sehr gut,“ ſagte Boͤunderby.„Ich wurde in einem Graben geboren und meine Mutter lief von mir davon. Entſchuldige ich ſie dafür? Nein! Habe ich ſie je dafür entſchuldigt? Ich, ge⸗ wiß nicht! Wie ſchelte ich ſie dafür? Ich ſchelte ſie wohl das ſchlechteſte Weib, das je auf Erden gelebt hat, mit Ausnahme meiner verſoffenen Großmutter. Ich hege keinen Familienſtolz und kenne keine ideal⸗ſentimentale Aufſchneiderei. Einen Spaten nenne ich einen Spaten und die Mutter von Joſiah Bounderby von Coketown ſchelte ich ohne Furcht oder Vergünſtigung eben das, was ich ſie geſcholten haben würde, wenn ſie die Mutter von Dick Jones von Wapping geweſen wäre. Ebenſo iſt es mit jenem Menſchen. Er iſt ein davongelaufener Schurke und ein Vagabund, das iſt er auf gut Engliſch.“ „Es iſt mir einerlei, was er iſt oder nicht iſt, auf Franzö⸗ ſiſch oder auf Engliſch,“ erwiederte E. W. B. Childers ſich um⸗ wendend.„Ich erzähle Ihrem Freunde die Thatſache. Wenn Sie es nicht hören mögen, ſo ſteht Ihnen die freie Luft zu Ge⸗ bote. Sie laſfen ſich wirklich ziemlich darüber verlauten; thun Sie es indeſſen wenigſtens in Ihrer eigenen Behauſung,“ er⸗ mahnte E. W. B. Childers mit ſtrenger Ironie.„Laſſen Sie ſich in dieſer Behauſung über nichts verlauten, ohne dazu aufgefor⸗ dert zu ſein. Ich ſollte doch glauben, daß Sie auch eine eigene Behauſung haben?“ „Dürfte ſein,“ antwortete Mr. Bounderby, indem er lachte und mit ſeinem Gelde klingelte. „Dann ſprechen Sie ſich in Ihrer eigenen Behauſung aus, wenn Sie ſo gut ſein wollen,“ ſagte Childers,„da dieſes Ge⸗ bäude nicht ſtark iſt und Sie es durch vieles Sprechen leicht in Schutt verwandeln könnten.“ Indem er Mr. Bounderby abermals vom Kopfe bis zum Boz. Schwere Zeiten.— 3 34 Fuße maß, wandte er ſich von ihm, wie von einem Manne mit dem man fertig iſt, zu Mr. Gradgrind. „Jupe ſchickte ſeine Tochter vor ungefähr einer Stunde auf einen Gang aus und dann ſah man ihn, den Hut in die Augen gedrückt, mit einem in ein Taſchentuch gewickeltes Bündel unter dem Arme, ſich davon ſchleichen. Sie wird es nie von ihm glau⸗ ben mögen und doch hat er ſich davon gemacht und ſie ſitzen laſſen.“. „Bitte,“ ſagte Mr. Gradgrind,„warum wird ſie es nie glau⸗ ben wollen?“ „Weil ſie Beide Eins waren. Weil ſie nie getrennt geweſen. Weil er ſie bis jetzt ſchwärmeriſch zu lieben ſchien,“ ſagte Chil⸗ ders, indem er einige Schritte vortrat, um in den leeren Koffer zu blicken. Sowohl Mr. Childers als Maſter Kidderminſter hatten einen ſeltſamen Gang, da ihre Beine weiter auseinander geſtreckt waren, als dies bei dem gewöhnlichen Menſchenſchlage der Fall iſt und eine ihnen wohlbewußte Aneignung einer gewiſſen Steif⸗ heit in den Knieen kundgaben. Dieſer Gang war allen männlichen Mitgliedern der Sleary'ſchen Truppe eigen und ſollte eigentlich andeuten, daß ſie immer zu Pferde ſäßen.“ „Arme Cili! hätte er ſie doch lieber in die Lehre gegeben,“ ſagte Childers, indem er von dem Koffer aufblickend ſein Haar abermals ſchüttelte.„Jetzt hat er ſie ohne alle Hülfsmittel zu⸗ rückgelaſſen.“. „Es ſpricht ſehr zu Ihren Gunſten, der Sie niemals in der Lehre waren, eine ſolche Meinung zu äußern,“ bemerkte Mr. Gradgrind billigend. „Ich niemals in der Lehre geweſen? Ich kam in dem Alter von ſieben Jahren in die Lehre.“ „Ach, wirklich?“ ſagte Mr. Gradgrind,„etwas empfindlich darüber, ſich um ſeine gute Meinung betrogen zu ſehen.„Ich wußte nicht, daß es der Gebrauch iſt, junge Leute in die Lehre zu geben, um—“ „Müſſiggang zu lernen,“ fügte Mr. Bounderby mit lautem Gelächter hinzu.„Nein, bei Lord Harry! auch ich wußte es nicht.“ „Ihr Vater hatte es ſich immer in den Kopf geſetzt,“ nahm Childers wieder das Wort, indem er ſich ſtellte, als ignorirte er Mr. Bounderby's Daſein,„daß ſie das ganze Teufelszeug der Erziehung lernen müſſe. Wie ihm dieſer Gedanke kam, weiß ich nicht; ich weiß nur, daß er ihn niemals aufgegeben. Seit ſieben Jahren hat er für ſie— hier etwas Leſen— dort etwas Schrei⸗ den und dann wieder etwas Rechnen aufgeſchnappt.“ Mr. E. W. B. Childers zog eine ſeiner Hände aus der Taſche, ſtreichelte ſich Geſicht und Kinn damit und betrachtete Mr. Gradgrind mit einem Blicke, der viel Zweifel und wenig Hoffnung ausdrückte. Gleich vom Anfang an trachtete er jenen Herrn zu Gunſten des verlaſſenen Mädchens einzunehmen. „Als Cili hier in die Schule gebracht wurde,“ fuhr er fort, „war er vergnügt wie ein Politſchinello. Ich ſelbſt konnte die Urſache nicht vollſtändig ergründen, da wir bei unſerer herum⸗ wandernden Lebensweiſe hier nicht anſäſſig ſind. Ich vermuthe indeſſen, er hatte dieſen Sparren im Kopfe— er war immer halb vernagelt— und nun betrachtete er ſie als verſorgt. Wenn Sie heute Abend hergekommen ſein dürften, um ihm mitzutheilen, daß Sie etwas zu ihrem Beſten thun wollten,“ ſagte Mr. Childers, ſich das Geſicht abermals ſtreichelnd und ſeinen Blick wiederho⸗ lend,„ſo würde ſich das höchſt glücklich fügen und zur rechten Zeit kommen— ſehr glücklich und ganz zur rechten Zeit.“ „Im Gegentheil,“ verſetzte Mr. Gradgrind.„Ich wollte ihm ſagen, daß ihre Verbindungen ihr nicht geſtatten, ein Gegenſtand für die Schule zu ſein und daß ſie dieſelbe nicht mehr beſuchen⸗ darf. Wenn ihr Vater ſie jedoch wirklich ſchonungslos verlaſſen hat— Bounderby laſſen Sie uns ein Wort miteinander ſprechen.“ Mr. Childers begab ſich hierauf in höflicher Weiſe mit ſeinen Kunſtreiterſchritten an den Treppentritt außerhalb der Thüre und blieb daſelbſt ſtehen, ſich das Geſicht ſtreichelnd und dabei leiſe pfeifend. Auf dieſe Weiſe beſchäftigt, fielen ihm einzelne Redensarten aus Mr. Bounderby's Munde in's Ohr, als: „Nein. Ich ſage, nein. Ich rathe Ihnen, es nicht zu thun. Ich ſage, durchaus nicht.“ Während deſſen vernahm er die von Mr. Gradgrind in einem leiſern Tone geſprochenen Worte:„Aber ſelbſt als ein Beiſpiel für Luiſe, zu was dieſer Beruf, welcher der Gegenſtand gemeiner Neugierde geweſen, führen und kommen kann. Betrachten Sie die Sache von dieſem Geſichtspunkte aus, Bounderby.“ Unterdeſſen hatten ſich die verſchiedenen Mitglieder der Sleary'ſchen Truppe von den oberen Regionen, wo ſie einquar⸗ tiert waren, nach und nach verſammelt und von dem Kreiſe, den ſie, unter ſich und mit Mr. Childers leiſe ſprechend, gebildet hatten, ſchoben ſie ſich und ihn unvermerkt in's Zimmer. Unter 3*½ 36 denſelben befanden ſich zwei oder drei hübſche junge Frauen, mit ihren zwei oder drei Männern, und ihren zwei oder drei Müttern, ſammt ihren acht oder neun Kindern, die nöthigenfalls Feendienſte verſahen. Der Vater der einen Familie pflegte den Vater der andern Familie auf der Spitze einer großen Stange zu balanciren; der Vater einer dritten Familie formte oft eine Py⸗ ramide aus dieſen beiden Vätern, wobei Maſter Kidderminſter die Spitze und er ſelbſt die Baſis bildete. Sämmtliche Väter ver⸗ ſtanden es, auf rollenden Fäſſern zu tanzen, auf Flaſchen zu ſtehen, Meſſer und Bälle aufzufangen, Teller zu wirbeln, auf allerhand Dinge zu reiten, über Alles zu ſpringen und an einem Nichts ſich feſtzuhalten. Die Mütter konnten alle auf einem ſchlaffen Drahte und einem ſtraffen Seile tanzen und thaten es auch; ferner konnten ſie auch raſche Sprünge auf ſattelloſen Pferden ausführen. Keine von ihnen nahm es, was die Bloßſtel⸗ lung ihrer Beine betraf, im geringſten genau und Eine von ihnen hielt, allein einen ſechsſpännigen griechiſchen Wagen lenkend, ihren Einzug in jede Stadt. Sie gaben ſich insgeſammt das Anſehen, höchſt locker und welterfahren zu ſein, waren nicht be⸗ ſonders ſorgfältig in ihrer gewöhnlichen Kleidung, hielten in ihrem Hausweſen nicht die geringſte Ordnung und die geſammte Bibliothek der ganzen Geſellſchaft beſchränkte ſich auf einige arm⸗ ſelige Abhandlungen über gleichgültige Gegenſtände. Dennoch war dieſen Leuten eine wunderbare Leutſeligkeit und Kindlichkeit, eine unverkennbare Unfähigkeit Gaunerſtreiche zu verüben und eine unermüdliche Bereitwilligkeit eigen, ſich gegenſeitig beizuſtehen und zu bemitleiden, was häufig ebenſo großer Achtung und im⸗ mer einer ebenſo edlen Deutung werth war, als dies bei den Aüſeerotugenden von was immer für Leuten in der Welt der Fall iſt. Mr. Sleary erſchien von Allen zuletzt. Er war, wie bereits erwähnt, ein wohlbeleibter Mann, mit einem ſtarren und einem beweglichen Auge, mit einer Stimme(wenn man ſie ſo nennen darf), die wie das Schnaufen eines alten, geſprungenen Blaſe⸗ balges klang, mit einem fahlen Geſichte und mit einem verwor⸗ renen Kopfe, der niemals nüchtern und niemals betrunken war. „Tquire,“ ſagte Sleary, der mit Enabrüſtlqteit behaftet war und deſſen Athem für den Buchſtaben S zu dick und zu ſchwer war.„Ihr Eih hener Dat it in der That ein tlecht Getäft, 37 tehr tlecht. Tie werden wohl gehört haben, dat man vermuthet, mein Clown*) mit teinem Hunde wären durchgebrannt?“ Er hatte ſich an Mr. Gradgrind gewendet, der mit Ja antwortete. „Gut, Tauire,“ entgegnete er, indem er ſeinen Hut abnahm und das Futter mit einem Taſchentuche rieb, das er zu dieſem Zwecke darin bewahrte.„It et Ihre Abticht, etwat für dat Mäd⸗ chen zu thun?“ „Ich werde ihr einen Vorſchlag machen,“ ſagte er,„wenn ſie zurückkommt.“ „Frent mich, et zu hören, Tquire. Nicht dat ich dat Kind lotwerden oder ihr überhaupt im Wege tehen will. Ich bin gar geneigt tie in die Lehre zu nehmen, obgleich et für ihr Alter nicht mehr gut it. Meine Timme it etwat heiter, Tquire, und kann nicht leicht von denen vernommen werden, die mich nicht kennen. Wenn Tie aber ebento in Ihrer Jugend in Kälte und Hitze, in Hitze und Kälte und in Kälte und Hitze in der Reitbahn getrieben worden wären, wie dat oft bei mir der Fall war, to würde et Ihre Timme nicht better übertanden haben, alt die meinige.“ „Ich glaube, nicht,“ ſagte Mr. Gradgrind. „Wat wollen Tie haben, Tquire, während Tie warten? Toll et Terry**) tein? Befehlen Tie nur, Tquire,“ ſagte Mr. Sleary mit gaſtfreundlicher Bereitwilligkeit.. „Ich danke Ihnen, ich bedarf gar Nichts,“ antwortete Mr. Gradgrind. „Tagen Tie dat nicht, Tquire. Wat tagt Ihr Freund 2 Haben Tie noch nicht gegetten, to können Tie ein Glat Bit⸗ tern nehmen.“ Seeine Tochter Joſephine— eine hübſche achtzehnjährige Blon⸗ dine, die ſchon zu zwei Jahren auf ein Pferd geſetzt worden und die ſchon zu zwölf Jahren ein Teſtament gemacht hatte, das ſie immer mit ſich herumtrug und das ihren letzten Willen ausdrückte, von den beiden ſcheckigen Ponys zu Grabe geführt zu werden, rief jetzt aus:„St! Vater! Sie iſt ſchon zurück.“ Dann kam Cili Jupe in derſelben Weiſe in das Zimmer gelaufen, wie ſie es verlaſſen hatte. Als ſie ſo Alle verſammelt ſah, ihre Blicke *) Hanswurſt. **) Scherry. 38 ſah und keinen Vater ſah, ſtieß ſie einen kläglichen Schrei aus und ſtürzte ſich troſtſuchend an den Buſen der geſchickteſten Seiltänzerin(die ſich gerade in guter Hoffnung befand) worauf dieſelbe niederkniete, um ſie zu pflegen und über ſie zu weinen. „Dat it eine höllite Tande, meiner Teel, dat it et,“ ſagte Sleary. „O mein theurer Vater, mein guter, lieber Vater, wohin biſt du gegangen? Du biſt wohl fortgegangen, um etwas Gutes für mich aufzutreiben, das weiß ich gewiß. Aber wie unglücklich und elend wirſt du ohne mich ſein, armer, armer Vater, bis du zurückkömmſt!“ Es war ſo rührend, dieſe und ähnliche Dinge von ihr zu hören, während ſie den Blick aufwärts gerich⸗ tet hatte und die Arme ausſtreckte, als ob ſie es verſuchte, ſeinen ſcheidenden Schatten aufzuhalten und zu umarmen, daß Niemand ein Wort redete, bis Mr. Bounderby(der ungeduldig geworden war) die Stille brach: „Nun, Ihr guten Leutchen alle,“ ſagte er,„das iſt eitel Zeit⸗ verluſt. Macht dem Mädchen die Thatſache begreiflich. Wenn Ihr wollt, ſo laßt ſie dieſelbe von mir vernehmen, der auch ein⸗ mal im Stiche gelaſſen worden. Da, wie heißt du doch? Dein Vater hat ſich davon gemacht— hat dich im Stiche gelaſſen— und du darfſt nicht erwarten, ihn jemals in deinem Leben wieder zu ſehen.“ Jene Leute kümmerten ſich ſo wenig um reine Thatſachen und waren in dieſer Beziehung ſchon ſo weit ausgeartet, daß ſie an⸗ ſtatt von dem ſtark ausgeprägten, geſunden Menſchenverſtand des Sprechers einen günſtigen Eindruck zu empfangen, denſelben ſehr übel nahmen. Die Männer murmelten:„Pfui, Schande!“ und die Frauen:„roher Menſch“ und Sleary ertheilte Mr. Bounderby bei Seite folgenden Wink in einiger Haſt: „Ich will Ihnen wat tagen, Tquire. Um et Ihnen gerade heraut zu tagen, to it meine Meinung, die Tache abzubrechen und gut tein zu latten. Et tind gutherzige Leute, die Meinigen, aber ti tind gewohnt, in ihren Bewegungen tnell zu verfahren und wenn Tie meinen Rath nicht befolgen, to will ich verdammt tein, wenn tie Tie nicht zum Fenſter hinauswerfen.“ Da Mr. Bounderby in Folge dieſer freundlichen Zuflüſterung ſich zurückhaltend benahm, fand Mr. Gradgrind einen Ausweg für lſeine ausgezeichnet praktiſche Auseinanderſetzung des Gegen⸗ andes. —— 5—,——— 39 „Es iſt von keiner Bedeutung,“ ſagte er,„ob man die Perſon zu irgend einer Zeit zurückerwarten kann oder nicht. Er iſt fort und für den Augenblick kann man ſeine Rückkehr nicht erwarten. Damit, glaube ich, ſind Alle einverſtanden.“ „Einvertanden, Tauire. Halten Tie fet daran,“ ließ ſich Sleary vernehmen. „Nun gut. Ich, der ich hieher kam, um Jupe, dem Vater des armen Mädchens, mitzutheilen, daß ſie nicht mehr in der Schule zugelaſſen werden könnte, da ſich thatſächliche Einwen⸗ dungen, die ich nicht weiter zu erläutern brauche, gegen die Auf⸗ nahme von Kindern erheben, deren Väter auf ähnliche Weiſe be⸗ ſchäftigt ſind, ich bin jetzt bei den veränderten Umſtänden bereit einen Vorſchlag zu machen. Ich willige ein, die Aufſicht über dich zu übernehmen, Jupe, und dich zu erziehen und für dich zu ſorgen. Die einzige Bedingung(nebſt deinem guten Betragen), welche ich mache, iſt die, daß du dich ſogleich mit einem Male entſcheideſt, ob du mich begleiten, oder hier bleiben willſt. Auch daß du, wenn du mich einmal begleiteſt, mit deinen Freunden, die hier gegenwärtig ſind, wie es ſich von ſelbſt verſteht, jede Verbindung abbrichſt. Dieſe Bemerkungen ſchließen die ganze An⸗ gelegenheit in ſich.«. „Zu gleicher Zeit,“ ſagte Sleary,„mut ich auch mein Wort hinzufügen, Tauire, dat beide Teiten der Fahne getehen werden können. Wenn du bei mir in die Lehre gehen willt, Tetilie, to weit du wat du zu thun hat und wer deine Gefährten tind. Emma Gordon, in deren Toot du jetzt lieget, würde dir eine Mutter und Jotephine würde dir eine Tweter ſein. Ich will mich nicht alt einen engelguten Menten autgeben und ich mut nur tagen, dat wenn du den Taum verfehlen wirt, ich tehr böte tein und einen oder twei Flüche auttoten werde. Wat ich aber tagen will, Tquire, dat it, ich mag in guter oder tlechter Laune ge⸗ weten tein, to habe ich doch noch keinem Pferde wat zu Leide gethan, Flüche autgenommen— und dat et nicht zu erwarten it, dat ich in meinem Alter anfangen werde, mit einem Reiter andert zu verfahren. Ich habe nie viel von einem Gackerer an mir ge⸗ habt und ich habe nur getagt, wat ich tagen wollte.“ Der letztere Theil dieſer Rede war an Mr. Gradgrind ge⸗ richtet, der ihn mit einer feierlichen Verneigung des Kopfes ent⸗ gegennahm und dann ſagte: „Die einzige Bemerkung, die ich machen will, um auf deine 40 Entſcheidung einzuwirken, beſteht darin, Jupe, daß es höchſt wünſchenswerth iſt, eine vernünftige praktiſche Erziehung zu ge⸗ nießen und daß ſelbſt dein Vater(wenn ich recht verſtehe) deinet⸗ halben dies ſehr wohl gewußt und gefühlt zu haben ſcheint.“ Die letzten Worte brachten einen ſichtbaren Eindruck auf ſie hervor. Sie hielt in ihrem unmäßigen Schluchzen inne, machte ſich ein wenig von Emma Gordon los und wandte ihr ganzes Geſicht ihrem Gönner zu. Die ganze Geſellſchaft nahm die gewal⸗ tige Veränderung wahr und holte tief Athem, was einfach ſagen ſollte:„Sie wird gehen.“ „Sei verſichert, daß du deine eigenen Gedanken kennſt, Jupe,“ warnte ſie Mr. Gradgrind.„Ich ſage nichts mehr. Sei ver⸗ ſichert, daß du deine eigenen Gedanken kennſt.“ „Wenn Vater zurückkömmt,“ rief das Mädchen, nach einer minutenlangen Pauſe abermals in Thränen ausbrechend,„wie wird er mich je wieder finden können, wenn ich fort gehe?« „Darüber kannſt du vollſtändig beruhigt ſein,“ ſagte Mr. Gradgrind gelaſſen, denn er hatte die ganze Angelegenheit wie ein Rechenexempel ausgearbeitet.„In dieſem Falle wird dein Vater, wie ich denke, ſich wenden müſſen an Mr.—« „Tleary, dat it mein Name, Tquire. Täme mich nicht detten. It in ganz England bekannt und klingt überall tehr gut.“ „Mr. Sleary, der ihm dann mittheilen wird, wohin du dich begeben. Ich würde nicht die Macht haben, dich gegen ſeinen Willen zu behalten und es wird ihm wohl niemals ſchwer fallen, Thomas Gradgrind von Coketown aufzufinden. Ich bin wohl bekannt.“. „Wohl bekannt,“ ſtimmte Sleary bei, indem er ſein beweg⸗ liches Auge rollen ließ.„Tie gehören zu den Leuten, die ziemlich viel Geld auter dem Haute bewahren. Doch latten wir jetzt dat tein.“ Eine zweite Pauſe trat ein, und dann rief ſie ſchluchzend und die Hände ſich vor das Geſicht haltend:„Oh, gebt mir meine Kleider, gebt mir meine Kleider und laßt mich fort, ehe mein Herz bricht.“ Mit Betrübniß bemühten ſich die Frauen, die Kleider zuſam⸗ menzuſuchen— es war bald geſchehen, da ihrer nicht viel waren— und ſie in einen Korb einzupacken, der ſie oft auf Reiſen begleitet hatte. Cili ſaß die ganze Zeit hindurch immer ſchluchzend auf dem Boden mit den Händen vor den Augen. Mr. Gradgrind ———.——,——,,——,,——.—S— —,————-.—9 41 und ſein Freund ſtanden an der Thüre, bereit, ſie mit ſich fort⸗ zunehmen. Mr. Sleary ſtand in der Mitte des Zimmers, um⸗ geben von den männlichen Mitgliedern der Truppe, ganz ſo, wie er im Centrum der Reitbahn, während ſeine Tochter Joſephine ihre Kunſtſtücke ausführte, würde geſtanden haben. Ihm fehlte nichts als ſeine Peitſche.. Nachdem der Korb unter Stillſchweigen gepackt war, brachten ſie ihr den Hut, glätteten das in Unordnung gerathene Haar und ſetzten ihn ihr auf. Hierauf drängten ſie ſich um ſie herum, beugten ſich über ſie in ganz natürlichen Stellungen und küßten und herzten ſie. Dann brachten ſie die Kinder, um Abſchied von ihr zu nehmen und geberdeten ſich insgeſammt wie eine Truppe weichherziger, natürlicher und närriſcher Frauen. „Nun, Jupe,“ ſagte Mr. Gradgrind,„wenn du feſt entſchloſſen biſt, ſo komm.“ Sie mußte indeſſen noch von dem männlichen Theile der Ge⸗ ſellſchaft Abſchied nehmen und Jeder von ihnen breitete ſeine Arme aus(denn ſie nahmen Alle, wenn ſie ſich in Sleary's Nähe befanden, die berufsmäßige Stellung an) und gaben ihr den Ab⸗ ſchiedskuß. Maſter Kidderminſter machte dabei eine Ausnahme, da in ſeinem jugendlichen Weſen der urſprüngliche Anſtrich eines Menſchenfeindes ſich kund gab und man von ihm auch wußte, daß er Heirathspläne gehegt und ſich ſpäter verdrießlich zurück⸗ gezogen. An Mr. Sleary kam die Reihe zuletzt. Indem er ſeine Arme weit öffnete, nahm er ſie bei beiden Händen und würde ſie auf- und niedergeſchwungen haben, wie Reitmeiſter gewöhnlich junge Damen nach der Ausführung eines raſchen Rittes zu be⸗ glückwünſchen pflegen, aber Cili zeigte ſich zu keinem Rückprall geneigt, ſondern ſtand blos weinend vor ihm. Leb wohl, mein Kind,“ ſagte Sleary.„Ich hoffe, du wirt dein Glück machen und Niemand von untern Leuten wird dich jemals belätigen, dafür tehe ich ein. Ich wollte, dein Vater hätte teinen Hund nicht mitgenommen. Et it unangenehm den Hund von den Zetteln autlatten zu mütten. Wenn ich et aber gut überlege, to würde der Hund ohne teinen Herrn tich nicht pro⸗ duzirt haben— und die Tache it eben to breit alt lang.“ Dabei ſah er ſie mit ſeinem ſtarren Auge aufmerkſam an, überflog die Truppe mit dem beweglichen, küßte ſie, ſchüttelte den Kopf und führte ſie zu Mr. Gradgrind wie zu einem Pferde. „Da it tie, Tquire,“ ſagte er, einen berufsmäßigen Blick auf 42 ſie werfend, als ob ſie in dem Sattel zurecht geſetzt werden ſollte. „Tie wird Ihnen Ehre machen. Leb wohl, Tetilie!“ „Leb wohl, Cecilie! Leb wohl, Cili! Gott mit dir, mein Kind!“ ertönte es von verſchiedenartigen Stimmen im ganzen Zimmer. Das reitmeiſterliche Auge hatte die Flaſche Neunkraftöl in ihrem Buſen bemerkt und fiel jetzt ein:„Lat die Flate hier, mein Kind. Tie it zu grot für dich, tie zu tragen. Nun wird tie für dich unnütz tein. Gieb tie mir.“ „Nein, nein!“ rief ſie, wieder in Thränen ausbrechend.„Ach, nein! Bitte, laſſen Sie mich ſie aufbewahren, bis Vater zurück⸗ kömmt. Er wird ſie brauchen, wenn er zurückkömmt. Er hat nie daran gedacht fortzugehen, als er mich nach ihr ſchickte. Bitte, ich muß ſie für ihn aufheben.“ „Nun, meinetwegen, mein Kind,(Tie tehen, Tquire, wie die Tachen tehen). Lebe wohl, Tetilie! Diet it mein letztet Wort zu dir. Halte die Bedingungen deiner Verpflichtung ein, gehorche dem Tquire und vergit unt. Aber wenn du einmal grot ge⸗ worden, verheirathet und wohlhabend bit, einer Reitertruppe be⸗ gegnen tolltet, to tei nicht unempfindlich gegen tie, türne nicht mit ihr, betuche tie, wenn du kannt und bedenke, du könntet noch wat Tlimmeret thun. Die Leute mütten tich auch unterhalten, Tquire,“ fuhr Sleary fort, durch das viele Sprechen engbrüſtiger als je gemacht,„Tie können nicht immer arbeiten und auch nicht immer tudiren. Denken Tie dat Bete und nicht dat Tlimmte von unt. Ich weit, dat ich mich all mein Lebtag von der Rei⸗ terei ernährt habe; ich glaube jedoch die ganze Philotophie der Tache auteinander getetzt zu haben, wenn ich Ihnen tage, Tquire, denken Tie dat Bete von unt; nicht dat Tlimmte.“ Die Sleary'ſche Philoſophie ward vorgetragen, als ſie die Treppe hinuntergingen, und vor dem ſtarren Auge der Philoſophie — und ebenſo vor dem beweglichen— verſchwanden bald die drei Geſtalten ſammt dem Korbe in der Dunkelheit der Straße. Siebentes Kapitel. Da Mr. Bounderby ein Junggeſelle war, ſo ſtand eine ält⸗ liche Frau, gegen einen gewiſſen Jahrgehalt, ſeinem Haushalte vor. Sie hieß Mrs. Sparſit und bildete eine hervorragende Er⸗ ſcheinung als Begleiterin in Mr. Bounderby's Wagen, wenn er, 43 mit dem Renommiſten der Demuth in ſeinem Innern, im Triumph⸗ zuge ſo dahinrollte. Lady Scadgers(eine unendlich fette alte Frau, mit einem zügelloſen Appetit nach Rindfleiſch und einem geheimnißvollen Beine, das ſchon ſeit vierzehn Jahren das Bett nicht verlaſſen mochte) brachte die Heirath zu einer Periode zu Stande, als Sparſit gerade mündig geworden und ſich vorzüglich durch einen ſchmächtigen Körper auszeichnete, der von zwei langen, dünnen Stützen getragen wurde und auf dem ſich ein Kopf erhob, der nicht der Erwähnung werth war. Er erbte ein hübſches Ver⸗ mögen von ſeinem Oheim, hatte es aber verſchuldet, noch ehe er es erlangte und brachte es unmittelbar nachher zweimal durch. So kam es, daß er, bei ſeinem Tode, der in ſeinem vier und zwanzigſten Jahre erfolgte(der Schauplatz ſeiner Krankheit war Calais und die Urſache Brandy en) ſeine Wittwe, von welcher er ſich bald nach den Flitterwochen getrennt hatte, nicht in Ueber⸗ fluß zurückließ. Dieſe ſchutzverlaſſene Frau, die um fünfzehn *) Ein engl. Hazardſpiel. ) Insolvent Debtors Court. **) Branntwein. 44 Jahre älter war, als er, verfiel ſogleich mit ihrer einzigen Ver⸗ wandten, Lady Scargers, in eine tödtliche Fehde und verdingte ſich, theils dieſer zum Trotz und theils der Selbſterhaltung wegen, für Lohn. Hier war ſie nun in ihren alten Tagen, mit ihrer im Coriolaniſchen Style geformten Naſe und den dicken, ſchwarzen Brauen, die Sparſit bezaubert hatten, und bereitete den Thee für Mr. Bounderby's Frühſtück zu. Wenn Mr. Bounderby ein Eroberer und Mrs. Sparſit eine gefangene Prinzeſſin geweſen wäre, die er in ſeinen Triumph⸗ zügen zur Schau preisgab, ſo konnte er nicht mehr Aufhebens machen als er wirklich that. Ebenſo wie es zu ſeiner Großthuerei gehörte, ſeinen eigenen Urſprung zu erniedrigen, ſo gehörte es auch zu derſelben, den der Mrs. Sparſit zu erhöhen. In dem Maße wie er es nicht geſtatten wollte, daß ein einziger günſtiger Umſtand in ſeiner Jugend obwaltete, verherrlichte er Mr. Sparſits jugendliche Laufbahn mit allen möglichen Vorzügen und über⸗ ſchüttete den Pfad dieſer Frau mit ganzen Wagenladungen von Frühroſen. „Und doch, mein Herr,“ pflegte er zu ſagen,„auf was läuft das Alles hinaus?— Hier iſt ſie für ein Hundert das Jahr. (Ich gebe ihr ein Hundert, welchen Gehalt ſie hübſch zu nennen beliebt) und führt den Haushalt von Joſiah Bounderby von Co⸗ ketown.“ Ja, er machte ſo viel Weſens aus dieſer ſeiner Folie, daß dritte Perſonen ſich des Stoffes bemächtigten und ihn bei mancher Gelegenheit mit großer Lebhaftigkeit verarbeiteten. Es gehörte zu den ärgerlichſten Eigenheiten Bounderby's, daß er nicht nur ſelbſt ſein Lob ſang, ſondern auch Andere anregte, daſſelbe zu ſingen. Ihm wohnte eine moraliſche Anſteckung der Renommiſterei inne. Fremde, die ſonſt ziemlich beſcheiden waren, erhoben ſich bei Gaſtmahlen in Coketown plötzlich vom Stuhle und thaten in einer überſchwenglichen Weiſe mit Bounderby groß. Sie erklär⸗ ten, er ſtelle dar: das königliche Wappen der Nationalflagge, die Magna Charta, John Bull, das Habeas Corpus, die Bill of Rights), des„Britten Haus iſt ſeine Burg“, Staat und Kirche, und God save the Oueen— das Alles zuſammengenommen! Und ſo oft(und es geſchah ſehr oft), daß ein Redner dieſes Schlages zum Schluß anführte: *) Die dem Prinzen und der Prinzeſſin von Oranien den 13. Februar 1688 vom Parlament überreichte, von ihnen als König und Königin beſtätigte Erklärung übe die wahren, alten und unzweifelhaften Rechte des Volks. 3 ——-——4 ͤ 45 „Die Großen mögen leben im Glück oder in Unglücksnacht, Ein Hauch kann ſie machen, wie ein Hauch ſie gemacht,“ ſo war die Geſellſchaft gewiß mehr oder weniger überzeugt, daß er von Mrs. Syparſit gehört hatte. „Mr. Bounderby,“ ſagte Mrs. Sparſit,„Sie frühſtücken heute ungewöhnlich langſam.“ 4 „Nun, Ma'am,“ entgegnete er.„Ich denke gerade über Tom Gradgrinds Grille nach“— Tom Gradgrind ſagte er barſch und rückſichtslos— als ob Jemand ihn immer mit ungeheuren Be⸗ ſtechungen dazu bewegen wollte, Thomas zu ſagen und er ſich dennoch weigerte—„über Tom Gradgrinds Grille, Ma'am, das Gauklermädchen zu erziehen.“ „Das Mädchen wartet eben,“ ſagte Mrs. Sparſit,„um zu hürtn, u ſie geradezu in die Schule oder hinauf in die Wohnung gehen ſoll.“ „Sie muß warten, Ma'am,“ ſagte Bounderby,„bis ich es ſelbſt weiß. Ich vermuthe, daß Tom Gradgrind bald hier ſein wird. Sollte er wünſchen, daß ſie noch einen oder zwei Tage hier bleibt, ſo kann ſie natürlich bleiben.“ „Natürlich kann ſie es, wenn Sie wollen, Mr. Bounderby.“ „Ich ſagte ihm, ich wolle ihr für die vorige Nacht ein Abſteige⸗ quartier hier erlauben, damit er es unterdeſſen überſchlafen kann, ehe er ſich entſchließt, ſie mit Luiſen in Verbindung zu bringen.“ „Wirklich, Mr. Bounderby? Das iſt ſehr bedächtig von Ihnen.“ Mrs. Sparſit's Coriolaniſche Naſe erlitt eine leichte Aus⸗ dehnung an den Rüſtern und ihre ſchwarzen Augenbrauen zogen ſich zuſammen, als ſie einen Schluck Thee nahm. „Mir iſt es ziemlich klar,“ ſagte Bounderby,„daß das kleine Mäuschen von ſolcher Geſellſchaft nur wenig Nutzen ziehen kann.“ „Sprechen Sie von dem jungen Fräulein Gradgrind, Mr. Bounderby? „Ja, Ma'am! Ich ſpreche von Luiſen.“ „Da ſich Ihre Bemerkung auf„kleines Mäuschen“ beſchränkte,“ ſagte Mrs. Sparſit,„und die Rede eigentlich von zwei jungen Mädchen war, ſo wußte ich nicht, welche von den Beiden mit dieſem Ausdrucke bezeichnet werden ſollte.“ „Luiſe,“ wiederholte Mr. Bounderby,„Luiſe, Luiſe.“ „Sie ſind wirklich ein zweiter Vater zu Luiſen.“ Mrs. Sparſit ſchlürfte wieder etwas Thee und hatte, als ſie die aber⸗ mals zuſammengezogenen Augenbrauen über die dampfende Taſſe 46 beugte, das Ausſehen, als ob ihr klaſſiſches Antlitz die Götter der Hölle anriefe. „Wenn Sie geſagt hätten, daß ich ganz wie ein zweiter Vater zu Tom ſei— ich meine den kleinen Tom und nicht meinen Freund, Tom Gradgrind— dann hätten Sie dem Ziele näher geſchoſſen. Ich werde den jungen Tom in meinem Geſchäfts⸗ büreau verwenden. Werde ihn unter meine Fuchtel nehmen, Ma'am.“ „Wirklich? Er iſt dafür noch etwas jung— nicht wahr, mein Herr?“«— Das„mein Herr“ der Mrs. Sparſit in der An⸗ ſprache gegen Mr. Bounderby, klang wie ein ceremoniöſes Wort, da Gebrauch mehr achtunggebietend für ſie als ehrerbietig für ihn war. „Ich werde ihn nicht ſogleich nehmen. Vorerſt muß er mit ſeinem Erziehungskram fertig ſein,“ ſagte Mr. Bounderby.„Beim Lord Harry! Er wird genug daran haben, für jetzt und alle Zeit. Wie würde dieſer Knabe große Augen machen, wirklich, wie würde er das, wenn er wüßte, wie leer mein junger Magen von Kenntniſſen war, als ich in ſeinem Alter ſtand.“ Was er, beiläufig bemerkt, wahrſcheinlich wußte, da er oft genug davon gehört hatte.„Wie außerordentlich iſt indeſſen die Schwierigkeit, auf die ich bei hunderterlei ähnlichen Gegenſtänden ſtoße, wenn ich mich über ſie in gebührlicher Sprache unterhalten will. So habe ich heute Morgen mit Ihnen über Gaukler geſprochen. Nun, was wiſſen Sie denn von Gauklern?— Zur Zeit, wo es für mich ein Gottesſegen, ein Gewinnſt in der Lotterie geweſen wäre, mich im Straßenkothe als Gaukler herumzutreiben, da waren Sie in der Italieniſchen Oper. Sie verließen das Italieniſche Opernhaus, Mazam, in weißem Atlas und Juwelen ſtrahlend von Pracht, da ich keinen Penny beſaß, um eine Fackel zu kaufen, um Ihnen da⸗ mit zu leuchten.“. „Ich war wohl, mein Herr,“ ſagte Mrs. Sparſit mit einer heiter wehmüthigen Würde,„ſchon in ſehr zartem Alter mit der Italieniſchen Oper bekannt.“ „Allerdings war ich es auch!“« rief Bounderby,„aber mit der rauhen Seite davon. Ich verſichere Sie, daß das Pflaſter ſeiner Arkaden mir zum harten Lager zu dienen pflegte. Leute Ihres Schlages, Ma'am, die von Kindheit auf daran gewöhnt ſind, auf Flaumfedern zu ruhen, können ſich, ohne es verſucht zu haben, keinen Begriff davon machen, wie hart ein Pflaſterſtein Aᷣ——————*8* — 47 iſt. Nein, nein! Es iſt ganz fruchtlos mit Ihnen von Gauklern zu ſprechen. Ich ſollte mit Ihnen von ausländiſchen Tänzern, vom Weſt End in London*), von May Fair und Lords und Ladies und von Honoratioren ſprechen.“ „Ich bin der Anſicht, mein Herr,“ entgegnete Mrs. Sparſit mit anſtandsvoller Reſignation,„daß Sie es nicht nöthig haben, dergleichen zu thun. Ich hoffe es gelernt zu haben, mich in den Wechſel des Lebens zu fügen. Wenn ich Intereſſe daran gefunden habe, Ihre lehrreichen Erfahrungen zu vernehmen und ich mich an ihnen nicht ſatt hören kann, ſo rechne ich es mir nicht zum Ver⸗ dienſte an, zumal ich weiß, daß es die allgemeine Meinung iſt.“ „Gut, Ma'am,“ ſagte ihr Gönner.„Vielleicht ſind manche Leute ſo gut zu behaupten, daß ſie von Joſiah Bounderby von Coketown in ſeiner plumpen Weiſe hören mögen, was er Alles durchgemacht. Aber Sie müſſen doch geſtehen, daß Sie ſelbſt im Schooße des Ueberfluſſes geboren wurden. Laſſen Sie das gut ſein, Ma'am, Sie wiſſen, daß Sie im Schooße des Ueberfluſſes geboren wurden.“ „Ich mag es,“ erwiederte Mrs. Sparſit mit einem Kopf⸗ ſchütteln,„nicht verneinen.“ Mr. Bounderby ſah ſich genöthigt, ſich vom Tiſche zu er⸗ heben und ſtellte ſich, ſie betrachtend, mit dem Rücken gegen das Feuer. Sie half ſo ſehr ſeine Verdienſte erhöhen! „Und Sie waren in vornehmer Geſellſchaft, in verflucht hoher Geſellſchaft,“ fügte er hinzu, ſich die Füße wärmend. „Es iſt wahr, mein Herr,“ ſagte Mrs. Sparſit, mit einer affectirten Demuth, die der ſeinigen ganz entgegengeſetzt war und darum keine Gefahr lief, ſie zu verletzen. „Sie ſtanden auf dem Gipfel der Mode und alle dem, was daran hängt,“ ſagte Mr. Bounderby. „Ja, mein Herr,“ entgegnete Mrs. Sparſit mit leutſeliger Wittwenhaftigkeit.„Es iſt unſtreitig wahr.“ Indem Mr. Bounderby die Kniee krümmte, umarmte er bei⸗ nahe ſeine Beine vor großer Zufriedenheit und lachte laut auf. Da Mr. und Miß Gradgrind gerade angemeldet wurden, ſo empfing er den Erſteren mit einem Händeſchütteln und die Letztere mit einem Kuſſe. *) Ein von Ariſtokraten bewohnter Platz in London. 48 „Kann man Jupe hieher kommen laſſen, Bounderby?“ fragte Mr. Gradgrind. „Gewiß.“ Man ließ daher Jupe kommen. Indem ſie ein⸗ trat, machte ſie einen Knix vor Mr. Bounderby, vor ſeinem Freunde, Tom Gradgrind und ebenfalls vor Luiſen. In ihrer Verwirrung vergaß ſie jedoch unglücklicherweiſe Mrs. Sparſit. Dies bemer⸗ kend, ließ der polternde Bounderby ſich folgendermaßen vernehmen: „Ich will dir nun was ſagen, mein Kind. Jene Lady bei der Theekanne heißt Mrs. Sparſit. Dieſe Lady herrſcht als Herrin in dieſem Hauſe und ſie iſt eine Lady von vornehmen Verbindungen. Wenn du daher in was immer für ein Zimmer dieſes Hauſes kommſt, ſo wirſt du nur kurze Zeit daſelbſt verweilen, wenn du dich gegen jene Lady nicht in ehrerbietigſter Weiſe benimmſt. Was mich nun betrifft, ſo iſt es mir gleichviel, wie du dich gegen mich benimmſt, denn ich glaube der Niemand zu ſein. Da ich weit davon entfernt bin, vornehme Verbindungen zu haben, ſo habe ich gar keine Verbindungen und ſtamme vom Abſchaum der Menſch⸗ heit ab. Wie du dich aber gegen jene Lady benimmſt, daran iſt mir gelegen und du wirſt thun was ehrerbietig und anſtändig iſt, oder du wirſt gar nicht herkommen.“ „Ich will hoffen,“ ſagte Mr. Gradgrind in verſöhnendem Tone,„daß es blos ein Verſehen war.“ „Mein Freund, Tom Gradgrind, vermuthet,“ ſagte Mr. Bounderby,„daß es blos ein Verſehen war, Mrs. Sparſit. Sehr möglich. Wie Sie aber wohl wiſſen, Ma'am, ſo erlaube ich nicht einmal ein Verſehen gegen Sie.“ „Wirklich, Sie ſind ſehr gütig,“ entgegnete Mrs. Sparſit, ihr Haupt in ſtaatlicher Demuth ſchüttelnd.„Es iſt nicht der Erwähnung werth.“ Cili, die ſich während der ganzen Zeit mit Thränen in den Augen furchtſam entſchuldigt hatte, ward von dem Herrn des Hauſes zu Mr. Gradgrind hinübergewinkt. Sie ſtand, ihn auf⸗ merkſam anblickend, vor ihm und Luiſe ſtand, die Augen auf den Boden geheftet, kalt neben ihr, während er folgendermaßen ſich vernehmen ließ: „Jupe, ich habe mich entſchloſſen, dich in mein Haus zu nehmen und dich, wenn du nicht in der Schule biſt, bei Mrs. Gradgrind zu verwenden, die ziemlich kränklich iſt. Ich habe Miß Luiſen— dies iſt Miß Luiſe— das jämmerliche, aber na⸗ türliche Ende deiner früheren Laufbahn auseinandergeſetzt und du 49 mußt es ausdrücklich verſtehen lernen, daß dieſer Gegenſtand gänz⸗ lich vorüber iſt und nicht mehr erwähnt werden darf. Von jetzt fängt deine Geſchichte an. Du biſt gegenwärtig, ſo viel ich weiß, unwiſſend.“ „Ja, mein Herr, ſehr,“ antwortete ſie knixend. „Es wird zu meiner Befriedigung gereichen, dir eine ſtrenge Erziehung zu geben und du wirſt Allen, die mit dir in Berührung kommen werden, zum lebendigen Beweiſe der Vorzüge dienen, welche deine zu empfangende Bildung dir verleihen wird. Du wirſt gebeſſert und gebildet werden. Du pflegteſt wohl vor deinem Vater und den Leuten, unter denen ich dich fand, zu leſen?“ ſagte Mr. Gradgrind, nachdem er ſie zu ſich gewinkt hatte, mit ge⸗ dämpfter Stimme.. „Bloß vor Vater und Merrylegs, mein Herr. Das heißt eigentlich vor Vater, da Merrylegs immer dabei war.“ „Laß Merrylegs gut ſein, Jupe, ſagte Mr. Gradgrind mit einem flüchtigen Stirnrunzeln. Ich frage nicht nach ihm. Du pflegteſt alſo, wenn ich recht verſtehe, deinem Vater vorzuleſen?“ O ja, mein Herr! Wohl an tauſend Mal. Das waren die glücklichſten, ach, von allen Zeiten die glücklichſten, die wir zu⸗ ſammen verlebten, mein Herr.“ Jetzt erſt, als ihr Schmerz zum Ausbruch kam, blickte Luiſe ſie an. „Und was,“ fragte Mr. Gradgrind mit noch leiſerer Stimme, „laſeſt du deinem Vater vor, Jupe?« „Von Feen, mein Herr, von Zwergen und Geiſtern,“ ſchluchzte ſie. »Da haben wir's,“ ſagte Mr. Gradgrind,„das iſt genug. Athme nie mehr ein Wort von ſolch' verderblichem Unſinn aus. Bounderby, das iſt ein Fall für ſtrenge Erziehung und ich werde ihn mit Intereſſe verfolgen.“ „Nun, gut,“ ſagte Mr. Bounderby.„Ich habe Ihnen meine Meinung bereits mitgetheilt und ich würde nicht wie Sie han⸗ deln. Doch, ſehr gut, ſehr gut. Da ſie einmal darauf erpicht ſind, ſehr gut.“ So nahmen denn Mr. Gradgrind und ſeine Tochter Cecilie Jupe mit ſich nach Stone Lodge; Luiſe ſprach unter Weges kein einziges Wort, weder ein gutes noch ein böſes. Mr. Bounderby ging ſeinen täglichen Beſchäftigungen nach und Mrs. Sparſit zog Boz. Schwere Zeiten. 4 50 ſich hinter ihre Augenbrauen zurück und ſtellte in dem Düſter jener Zurückgezogenheit während des ganzen Morgens Betrach⸗ tungen an. Achtes Kapitel. Laßt uns abermals den Grundton anſchlagen, ehe wir in unſerem Liede fortfahren! Als Luiſe um ein halb Dutzend Jahre jünger war, wurde ſie eines Tages belauſcht, wie ſie mit ihrem Bruder ein Geſpräch mit den Worten anknüpfte:„Tom, ich ſollt' mich wundern“— worauf Mr. Gradgrind, welcher der Lanſchende war, hervortrat und ſagte:„Luiſe, man muß ſich nie wundern!“ Hierin ruht die Springfeder der mechaniſchen Kunſt und des Geheimniſſes, die Vernunft zu bilden, ohne ſich zur Ausbildung der Gefühle und Neigungen herabzulaſſen. Man muß ſich nie wundern! Bringe alle Sachen vermittelſt Addition, Subtraction, Multiplication und Diviſion in Ordnung und wundere dich nie. „Gebt mir ein Kind,“ ſagt M'Choakumchild,„das wenigſtens allein gehen kann und ich werde es dahin bringen, ſich niemals zu wundern.“ Nun befand ſich zufällig in Coketown, nebſt vielen Kin⸗ dern, die wenigſtens gehen konnten, eine beträchtliche Anzahl von Kindern, die gegen die Zeit an zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig oder noch mehr Jahre, auf die unendliche Welt losgingen. Da dieſe gräßlichen Kinder für jede menſchliche Geſellſchaft Entſetzen erregende Geſchöpfe waren, ſo zerkratzten ſich die achtzehn Glau⸗ bensſekten gegenſeitig das Geſicht und rauften ſich einander die Haare aus, um ein Uebereinkommen über die Schritte zu treffen, die ſie für die Verbeſſerung ihrer Zuſtände nehmen müßten— was freilich nie zu Stande kam. Ein überraſchender Umſtand das, wenn man die glückliche Anwendung der Mittel, für das Ziel in Erwägung zieht. Dennoch waren ſie, obgleich ſie hin⸗ ſichtlich jedes andern begreiflichen und unbegreiflichen(beſonders aber unbegreiflichen) Umſtandes differirten, über dieſen Punkt ziemlich einig, daß dieſe unglücklichen Kinder ſich nie über etwas wunderten. Nummer Eins ſagte, man müſſe Alles mit Credit betreiben. Nummer Zwei ſagte, Alles müſſe mit Nationalöko⸗ nomie betrieben werden. Nummer Drei ſchrieb ſinnloſe Werkchen, worin er bewies, wie das erwachſene gute Kind unumgänglich ——,——— 2 —& ðA& — 51 die Sparkaſſe benütze und das erwachſene ſchlimme Kind unum⸗ gänglich transportirt würde. Nummer Vier machte unter dem kläglichſten Vorwand ein rechter Schalk zu ſein(während ſie eigentlich recht kläglich war) die ſeichteſten Anſprüche, ganze Fall⸗ gruben von Wiſſenſchaften zu verbergen, in welche es Pflicht war, jene Kinder zu verleiten und hinein zu ſchmuggeln. Alle dieſe Kinder ſtimmten jedoch darin überein, daß ſie ſich nie wunderten. Es befand ſich eine Bibliothek in Coketown, zu welcher der allgemeine Zutritt leicht war. Mr. Gradgrind quälte ſich viel darüber, was die Leute in dieſer Bibliothek laſen: ein Punkt, worüber kleine Flüſſe tabellariſcher Verzeichniſſe zu gewiſſen Pe⸗ rioden in den heulenden Ozean von tabellariſchen Verzeichniſſen floſſen, in deſſen Tiefen noch kein Taucher hinabgefahren und wie⸗ der glücklich emporgekommen war. Es war ein entmuthigender Umſtand, aber doch ein trauriges Faktum, daß ſelbſt dieſe Leſer ſich unnachgiebig wunderten. Sie wunderten ſich über die menſch⸗ liche Natur, die menſchlichen Leidenſchaften, die menſchlichen Hoff⸗ nungen und Befürchtungen, über die Kämpfe, Siege und Nieder⸗ lagen, über die Sorgen, Freuden und Bekümmerniſſe, und über Leben und Sterben gewöhnlicher Männer und Frauen. Nach fünfzehnſtündiger Arbeit ſetzten 3 ſic hin, bloße Märchen über Männer und Frauen zu leſen, die ihnen mehr oder weniger glichen und über Kinder, die den ihrigen mehr oder weniger gleich kamen. De Foe ging ihnen mehr als Euklid zu Herzen und ſie ſchienen überhaupt mehr Erholung bei Goldſmith als bei Cocker zu finden. Mr. Gradgrind hatte ſich in Schrift und Wort fortwährend mit dieſer Summe beſchäftigt und er konnte nie herausbringen, wie dieſes unerklärbare Produkt dabei herauskam. „Das Leben iſt mir zuwider, Loo. Ich haſſe es ganz und gar und ich haſſe Jedermann, dich ausgenommen,“ ſagte der unna⸗ türliche kleine Thomas Gradgrind während der Abenddämmerung in der Friſeurſtube. „Du haſſeſt doch nicht Cili, Tom?“ „Ich haſſe es, ſie Jupe heißen zu müſſen. Und ſie haßt mich,“ ſagte Tom verdrießlich. „Nein, das thut ſie gewiß nicht, Tom.“ „Sie muß,“ ſagte Tom.„Sie muß unſere ganze Sippſchaft haſſen und verabſchenen. Man wird ſie eher ſtumpfſinnig machen, .4* 52 als daß man mit ihr zurecht kommt. Sie wird ſchon ſo gelb wie Wachs und ſo ſchwerfällig wie— ich.“ Der keine Thomas äußerte dieſe Anſichten, indem er mit den Beinen in die Quere, mit den Händen auf dem Rücken und dem mürriſchen Geſichte auf die Arme gelehnt, vor dem Feuer ſaß. Seine Schweſter ſaß in dem dunkeln Winkel beim Feuer, bald ihn und bald die hellen Funken betrachtend, wie ſie auf den Herd flogen. „Was mich betrifft,“ ſagte Tom, indem er ſein Haar mit der mürriſchen Hand auf jede mögliche Weiſe zerraufte.„Ich bin ein Eſel, ja, das bin ich. Ich bin ſo eigenſinnig wie nur Einer ſein kann und dümmer wie irgend Einer. Ich habe ſo viel Vergnügen wie irgend Einer und möchte nur gerne prügeln wie irgend Einer.“ „Doch nicht mich, Tom, ich will hoffen?« „Nein, Loo, ich würde dir nichts zu Leide thun. Ich habe mit dir gleich von Anfang eine Ausnahme gemacht. Ich weiß nicht, was dieſes— gemüthliche— gelbſüchtige Gefängniß,“ Tom machte hier eine Pauſe, um einen genügend ſchmeichelhaften und bezeichnenden Ausdruck für das väterliche Dach zu finden und ſchien auf einen Augenblick durch die ſtarke Alliteration ſein Ge⸗ müth beruhigt zu haben,„ohne dich ſein würde.“ „Wirklich, Tom? Meinſt du es wirklich ſo?“ „Nun freilich, thue ich es. Wozu nützt es aber davon zu ſprechen?“ entgegnete Tom, ſich das Geſicht am Rockärmel rei⸗ bend, als wollte er ſich in's Fleiſch beißen, um es in den gleichen Zuſtand mit ſeinem Geiſte zu verſetzen. „Sieh, Tom,“ ſagte ſeine Schweſter, nachdem ſie eine Weile die Funken ſchweigend betrachtet hatte,„da ich immer älter und größer werde, ſitze ich oft da, mich wundernd und nachdenkend, wie unglücklich ich doch bin, daß ich dich mit unſerem elterlichen Hauſe nicht beſſer verſöhnen kann, als ich es wirklich zu thun vermag. Ich weiß nicht, was andere Mädchen können. Ich kann dir nichts vorſingen, oder vorſpielen. Ich kann kein Geſpräch mit dir führen, um deinen Geiſt zu erheitern, denn ich ſehe nichts Unterhaltendes und ich leſe keine unterhaltenden Bücher, daß es dir zum Vergnügen gereichen könnte, wenn ich mit dir darüber ſpräche zur Zeit da du müde biſt.“ „Nun, bei mir iſt es ebenſo. Ich bin in dieſer Beziehung ebenſo ſchlimm daran und ich bin noch dazu ein Maulthier, was — — 53 du nicht biſt. Sobald ſich Vater einmal entſchloſſen hat, aus mir einen Naſeweis oder ein Maulthier zu machen und ich kein Naſeweis bin, nun, ſo iſt es doch klar, daß ich ein Maulthier werden muß. Und das bin ich auch,“ ſagte Tom verzweiflungsvoll. „Es iſt ſehr Schade,“ ſagte Luiſe nach einer zweiten Pauſe, bedächtig aus dem dunkeln Winkel hervorſprechend,„es iſt Jam⸗ merſchade. Es iſt ſehr unglücklich für uns Beide. „Ach du,“ ſagte Tom,„du biſt ein Mädchen, Loo, und ein Mädchen hilft ſich beſſer heraus als ein Knabe. Ich ſehe nicht, daß dir etwas abgeht. Du biſt das einzige Vergnügen, das ich habe— Du kannſt ſelbſt dieſen Ort aufheitern— und du kannſt mich immer führen, wie es dir gefällt.“ „Du biſt ein lieber Bruder, Tom, und da du glaubſt, ich kann das Alles thun, ſo liegt mir Nichts daran es beſſer zu ver⸗ ſtehen. Obwohl ich es beſſer verſtehe und das thut mir ſehr leid.“ Sie ging zu ihm und küßte ihn und ging wieder in ihren Win⸗ kel zurück. „Ich wollte, ich könnte alle Thatſachen ſammeln, von denen wir ſo viel hören,“ ſagte Thomas trotzig mit den Zähnen knirſchend, „und alle Figuren ſammt den Leuten, die ſie erfunden haben und ich wollte ich könnte tauſend Fäſſer Pulver unter ſie ſtellen und ſie alleſammt in die Luft ſprengen. Wenn ich jedoch bei dem alten Bounderby ſein werde, dann will ich mich rächen.“ „Dich rächen, Tom?“ „Ich werde mir ein wenig gütlich thun und herumſchlendern und mir Manches anſehen und Manches hören. Ich werde mich für die Weiſe entſchädigen, in welcher ich erzogen worden.“ „Täuſche dich nur vorderhand nicht, Tom. Mr. Bounderby denkt wie Vater und iſt noch weit rauher und nicht halb ſo gut wie er iſt.“ „O!« ſagte Tom lachend,„daran liegt mir nichts. Ich weiß ſchon, wie ich den alten Bounderby herumzukriegen und zu be⸗ ſänftigen habe.“ Ihre Schatten zeichneten ſich auf der Wand ab, aber die der hohen Bücherſchränke floſſen an der Wand und auf der Zim⸗ merdecke ineinander, gleich als ob das Gewölbe einer dunkeln Höhle über Bruder und Schweſter hinge. Nun hätte aber eine ſchwärmeriſche Einbildungskraft(wenn ein ſolches verrätheriſches Ding ſich dort hätte einſchleichen können) leicht herausgebracht, daß der fragliche Schatten der ihres Unterhaltungsgegenſtandes 54 und ſeiner mehr und mehr hereindrohenden Verſchwiſterung mit ihrer Zukunft ſei. „Und was iſt deine große Beſänftigungsmethode, Tom? Iſt ſie ein Geheimniß?“ „O,“ ſagte Tom,„wenn es ein Geheimniß iſt, ſo iſt es nicht ſchwer zu errathen. Du ſelbſt biſt das Beſänftigungsmittel. Du biſt Mr. Bounderby's kleiner Liebling, ſein Favorit; für dich thut er Alles. Wenn er etwas Unangenehmes zu mir ſagt, ſo brauche ich ihm nur zu ſagen:„„Meine Schweſter Loo wird ſich darüber ärgern und ſchmollen, Mr. Bounderby. Sie hat mir immer geſagt, Sie würden ſicherlich nachſichtiger mit mir ſein, als der—.“« Wenn das ihn nicht herumkriegt, ſo weiß ich nicht, was ſonſt.“ Nachdem er eine Weile auf eine Antwort gewartet und keine bekommen hatte, ſiel Tom ermüdet in die Wirklichkeit zurück, wand ſich gähnend an der Stuhllehne herum und brachte ſeine Friſur mehr und mehr in Unordnung, bis er am Ende plötzlich aufblickte und fragte: „Schläfſt du, Loo?2 „Nein Tom. Ich ſehe dem Feuer zu.“ „Es ſcheint, daß du mehr daran zu ſehen findeſt, als ich jemals darin entdecken konnte,“ ſagte Tom.„Vermuthlich ein anderer von den Vortheilen, die es mit ſich bringt, ein Mädchen zu ſein.“ „Tom,“ fragte ſeine Schweſter bedächtig und in ſonderbarem Tone, als ob ſie ihre Frage aus dem Feuer herausbuchſtabirte, in welchem die Schriftzüge übrigens nicht ganz deutlich zu ſein ſchienen,„Tom, gewährt dir die Ausſicht auf die Ueberſtedlung zu Mr. Bounderby irgend welche Befriedigung?“ „Je nun,“ erwiederte Tom, ſeinen Stuhl zurückſchiebend und aufſtehend,„es hat wenigſtens etwas Gutes, d. h. es ſchafft mich von Haus fort.“ „Es hat wenigſtens etwas Gutes,“ wiederholte Luiſe in dem vorigen ſonderbaren Tone, ves ſchafft mich von Haus fort. Ja.“ „Freilich thut es mir dann auch wieder ſehr leid, Loo, dich zu verlaſſen, und beſonders dich hier zu laſſen. Aber du weißt ja, gehen muß ich, ich mag wollen oder nicht, und es iſt doch beſſer ich gehe an einen Ort, wohin ich einigen Vortheil von deinem Einfluſſe mitnehmen kann, als an einen Platz, wo ich dieſen Vortheil ganz und gar verlieren müßte. Siehſt du das nicht ein?“ 55 „Ja wohl, Tom.“ Die Antwort, obwohl entſchieden, hatte ſo lange auf ſich warten laſſen, daß Tom hingehen und auf ihre Stuhllehne ſich hatte ſtützen können, um das Feuer, das die Schweſter ſo ſehr in Anſprach nahm, auch einmal von ihrem Geſichtspunkte aus zu betrachten und zu ſehen, was er etwa daraus machen könne. „Abgeſehen davon, daß es ein Feuer iſt,“ ſagte Tom,„ſchaut es mich ſo dumm und ungereimt an, wie jedes andere Ding. Was ſiehſt du denn darin? Doch keinen Circus?“ 3„Ich ſehe gar nichts Beſonderes darin, Tom. Aber ſeitdem ich ſo hineingeſchaut, habe ich mich gewundert über dich und mich, nun beide erwachſen.“ „Haſt dich ſchon wieder einmal gewundert!“ ſagte Tom. „Ich habe ſo ungefüge Gedanken,« erwiederte die Schwe⸗ ſter,„daß ſie ſich nothwendig verwundern müſſen.“ „Aber ich bitte dich, Luiſe,“ ſagte Mrs. Gradgrind, welche unbemerkt die Thüre geöffnet hatte,„nichts der Art zu thun, um Gotteswillen nicht, du leichtſinniges Mädchen, oder dein Vater wird mich es nicht oft genug hören laſſen können. Und Thomas, es iſt wirklich eine Schande, wenn mein armer Kopf mich be⸗ ſtändig ſo ſchmerzt, daß ein Junge von deiner Erziehung, deſſen Ausbildung ſo viel gekoſtet hat, wie die deinige, ſeine Schweſter noch aufmuntert, ſich zu verwundern, da du doch weißt, daß es dein Vater ausdrücklich verboten hat.“ Luiſe ſtellte Toms Betheiligung an dem Vergehen in Ab⸗ rede; aber ihre Mutter ſtopfte ihr mit der ſchlußgültigen Ant⸗ wort den Mund:„Luiſe, ſprich mir nichts dawider, bei meinem gegenwärtigen Geſundheitszuſtande; denn wäreſt du nicht von einem Andern dazu verführt worden, ſo würde es ja moraliſch und phyſiſch unmöglich ſein, daß du dergleichen gethan haben könnteſt.“ „Es hat mich Niemand dazu verführt, Mutter, als der An⸗ blick der rothen Funken, wie ſie aus dem Feuer fallen, erbleichen und ſterben. Es hat mich denken machen, wie kurz denn doch am Ende mein Leben ſein werde, und wie wenig ich darin zu erreichen hoffen könne.“ „Unſinn!“ ſagte Mrs. Gradgrind, beinahe mit Nachdruck. „Unſinn! Stehe nicht länger ſo da und ſchwatze mir kein ſolches Zeug mehr vor, Luiſe, mir in's Geſicht, da du doch weißt, daß wenn es je deinem Vater zu Ohren kommen ſollte, er gar nicht dem ſie einmal einen allgemeinen Begriff von dem Globus gefaßt wieder damit würde aufhören können. Und das nach all' der Mühe, die man ſich mit dir gegeben hat! Nach all' den Vor⸗ leſungen, die du beſucht und den Experimenten, die du mit an⸗ geſehen haſt! Muß ich nun, nachdem ich doch ſelbſt, während meine ganze rechte Seite ſtarr war vor Kälte, dich mit deinem Lehrer über Combuſtion, Calcination und Calorification, und ich kann wohl ſagen über jede Art von Ation, die eine arme, ſchwache Perſon von Sinnen bringen kann, habe verhandeln hören, nun ſolches unſinnige Geſchwätz von Aſche und Funken von dir ver⸗ nehmen! Ich wünſche,“ wimmerte am Ende Mrs. Gradgrind, einen Stuhl nehmend, und ſich ihres ſtärkſten Grundes entladend, ehe ſie unter dem Gewicht dieſer bloßen Schatten von Thatſachen zuſammenſank,„ja wahrlich, ich wünſchte, ich hätte nie Kinder ge⸗ habt, und dann ſolltet ihr einmal erfahren haben, was ihr ohne mich hättet anfangen wollen!“ Neuntes Kapitel. Cili Jupe führte zwiſchen Mr. M'Choakumchild und Mrs. Gradgrind kein angenehmes Leben und war in den erſten Mo⸗ naten ihrer Probezeit manch' heftigen Verſuchungen ausgeſetzt, davonzulaufen. Den ganzen Tag hindurch fiel ein ſolch' gewal⸗ tiger Hagel von Thatſachen, und das Leben ward ihr im Allge⸗ meinen als ein ſo dicht vollgepfropftes Rechenbuch entfaltet, daß ſie ohne einen gewiſſen Zwang ſicherlich davongelaufen wäre. Es iſt ein beklagenswerther Gedanke, aber dieſer Zwang war nicht das Reſulat der Arithmetik, ſondern trotz aller Berechnung, ſelbſt auferlegt und machte alle Wahrſcheinlichkeits⸗Tabellen zu Schanden, die irgend ein Aktnar aus den Prämiſſen hätte zuſam⸗ menſtellen können. Das Mädchen lebte dem Glauben, ihr Vater habe ſie nicht gänzlich verlaſſen; ſie nährte die Hoffnung, daß er zurückkommen werde und vertraute feſt, daß es ihn glücklicher machen wird, wenn ſie bleibe wo ſie war. Die jämmerliche Un⸗ wiſſenheit mit welcher Jupe an dieſen Troſt ſich anklammerte und die höhere Beruhigung verſchmähete vermittelſt einer richtigen arithmetiſchen Baſis zum Bewußtſein zu gelangen, daß ihr Vater ein unnatürlicher Vagabund ſei, erfüllte Mr. Gradgrind mit Be⸗ dauern. Doch was war zu thun? MoChoakunchild berichtete, daß ſie einen ſchwerfälligen Kopf für Zahlen habe; daß ſie, nach⸗ ——=uͤ— — A— — 57 hatte, das geringſt⸗mögliche Intereſſe für ſeine genaue Ausmeſſung empfand; daß ſie in der Erlernung von Daten äußerſt langſam war, wenn nicht ein erbärmliches Ereigniß damit in Verbindung ſtand; daß ſie in Thränen ausbrechen konnte, wenn man ſie auf⸗ forderte, den Preis von 247 Muslin⸗Hauben zu vierzehn und einem halben Penny, unmittelbar(durch Kopfrechnen) anzugeben, daß ſie in der Schule ſo weit als möglich zurück war, daß ſie nach einem achtwöchentlichen Unterrichte in der Staatswirthſchaft erſt geſtern von einem drei Fuß hohen Schwätzer zurecht gewieſen wurde, da ſie auf die Frage:„Was iſt das erſte Prinzip dieſer Wiſſenſchaft?“ die alberne Antwort ertheilte:„Thue Andern, wie du willſt, daß Andere dir thun ſollen.“ Mr. Gradgrind bemerkte mit Kopfſchütteln, daß das alles ſehr ſchlimm ſei, daß es die Nothwendigkeit eines unaufhörlichen Mahlens in der Mühle des Wiſſens, vermittelſt Syſteme, Liſten, Blue⸗Book), Berichte und Tabellenverzeichniſſe von A bis 3 darthue, und daß Jupe„tüchtig angehalten werden müſſe“. So ward denn Jupe angehalten, wurde trauriger aber nicht gelehrter. „Es wäre doch was herrliches an Ihrer Stelle zu ſein, Miß Luiſe,“ ſagte ſie eines Abends, als Luiſe ſich beſtrebte ihre ver⸗ worrenen Begriffe für den nächſten Tag etwas klarer zu machen. „Meinſt du?“ 8 „Ich würde ſo vieles wiſſen, Miß Luiſe. Alles was mir jetzt ſchwer fällt, würde dann ſo leicht ſein.“ „Du würdeſt darum nicht beſſer daran ſein, Cili.“ Cili äußerte nach einer kleinen Zögerung:„Ich würde nicht ſchlimmer daran ſein.“ Worauf Miß Luiſe antwortete:„Das weiß ich nicht.“ Zwiſchen dieſen Beiden fand ſo wenig Verkehr ſtatt— ſo⸗ wohl weil das Leben in Stone Lodge einförmig wie eine Maſchine ſich fortbewegte, was den geſellſchaftlichen Umgang abſchreckte, als auch weil die Verpönung hinſichtlich Cili's früherer Laufbahn noch obwaltete— daß ſie ſich noch immer beinahe fremd waren. Cili, deren dunkle Augen ſich verwundert auf Luiſens Geſicht hefteten, war im Zweifel ob ſie noch etwas hinzufügen oder ſchweigen ſollte. „Du biſt meiner Mutter nützlicher und angenehmer, als ich *) Engliſche Parlamentsberichte. 58 es je ſein kann,“ fuhr Luiſe fort.„Du biſt dir ſelbſt angenehmer, als ich es mir bin.« „Aber bitte, Miß Luiſe,“ widerſtritt Cili,„ich bin— ach gar ſo dumm.“ Luiſe bemerkte ihr mit einem lauteren Gelächter als gewöhn⸗ lich, daß ſie mit der Zeit klüger werden würde. „Sie wiſſen nicht,“ ſagte Cili halb weinend,„was für ein dummes Mädchen ich bin, während der ganzen Schulzeit mache ich Fehler. Ich werde von Mr. und Mrs. M'Choakumchild aber und abermals vorgerufen, nur um regelmäßig Fehler zu machen. Ich kann ſie nicht vermeiden, ſie ſcheinen mir ſo natürlich.“ „Sch vermuthe wohl, Cili, daß Mr. und Mrs. M'Choakum⸗ child ſich nie irren?“ „O nein,“ erwiederte ſie lebhaft,„ſie wiſſen Alles.“ „Laß mich hören, worin du dich geirrt haſt.“ „Ich ſchäme mich faſt, es zu thun,“ ſagte Cili mit Wider⸗ ſtreben.„Aber erſt heute, zum Beiſpiel, ſetzte uns Mr. M'Choa⸗ kumchild die„Natürliche Wohlfahrt auseinander.“ „Es muß wohl, wie ich glaube,„Nationale Wohlfahrt“ heißen,“ bemerkte Luiſe. „Ja, das war's.— Aber iſt's nicht daſſelbe?“ fragte ſie furchtſam. „Du würdeſt richtiger„Nationale“ gebrauchen, da er ſich dnedrüceten entgegnete Luiſe mit ihrem kalten zurückhaltenden eſen. „Nationale Wohlfahrt. Nun, ſagte er, dieſes Schulzimmer iſt eine Nation und beſitzt an Geld fünfzig Millionen. Iſt das nicht eine glückliche Nation? Mädchen, Nummer Zwanzig, iſt das nicht eine glückliche Nation und befindeſt du dich nicht in einem Zuſtande des Gedeihens?“ „Was ſagteſt du darauf?« fragte Luiſe.. „Ich ſagte, Miß Luiſe, daß ich es nicht wiſſe. Ich meinte, ich könnte nicht wiſſen, ob es eine glückliche Nation ſei und ob ich mich in einem Zuſtande des Gedeihens befände, bis ich wußte, wer denn eigentlich das Geld hatte und ob etwas davon mein wäre. Aber das gehörte nicht zur Sache. Es war durchaus nicht in den Zahlen enthalten,“ ſagte Cili ſich die Augen ab⸗ wiſchend.. „Da haſt du dich gröblich geirrt,“ bemerkte Luiſe. „Ja, Miß Luiſe, nun weiß ich, daß ich es that. Mr. M'Choa⸗ 59 kumchild ſagte hierauf, er wolle mich abermals auf die Probe ſtellen. Er ſagte nun, dieſes Schulzimmer iſt eine unendlich große Stadt, worin eine Million Einwohner ſich befindet, von denen im Verlaufe eines Jahres bloß fünf und zwanzig in den Straßen Hungers ſterben. Was für eine Bemerkung würdeſt du über dieſes Verhältniß machen? Worauf ich die Bemerkung machte— da ich eben keine beſſere machen konnte— daß es für jene, welche verhungerten, gerade ſo traurig ſei, ob die Uebrigen noch eine Million oder eine Million Millionen zählten. Und das war ebenfalls falſch.“ „Feilich war es das.“ „Dann ſagte Mr. M'Choakumchild er wolle mich noch ein— mal auf die Probe ſtellen. Er ſagte, nun, hier iſt die ſtam⸗ melnde—“ „Statiſtiſche,“ bemerkte Luiſe. „Ja wohl, Miß Luiſe— das erinnert mich immer an ſtam⸗ melnde, was auch zu meinen Verſehen gehört— Ueberſicht der Ereigniſſe zur See. Ich finde nun(ſagte Mr. M'Choakumchild), daß hundert tauſend Perſonen in einer beſtimmten Zeit große Seereiſen unternahmen und von dieſen ertranken oder verbrannten bloß fünf hundert. Wie viel Prozent bringt das ein? Worauf ich antwortete, Miß,“ hier ſchluchzte Cili laut auf, da ſie ſich mit äußerſter Zerknirſchung des größten Verſehens anklagte, „worauf ich antwortete: Gar keine!“ „Gar keine, Cili?“ „Gar keine, Miß— für die Verwandten und Freunde der Umgekommenen. Ich werde nie etwas lernen,“ ſagte Cili,„das Schlimmſte dabei iſt aber, daß obgleich mein armer Vater ſo ſehr wünſchte, daß ich etwas lernen möchte und obgleich ich es ſo gerne thun möchte, da es ſein Wunſch war, ſo befürchte ich doch, daß ich keine Neigung dazu habe.“ Luiſe beobachtete den hübſchen beſcheidenen Kopf, wie er ſich verſchämt niederſenkte bis er ſich wieder erhob, um ihr in's Ge⸗ ſicht zu blicken. Darauf fragte ſie: „Hat dein Vater ſelbſt ſo viel gewußt, Cili, daß er wünſchte, du möchteſt gut unterrichtet werden?“ Cili zögerte mit einer Antwort und ließ ſo deutlich merken, daß ſie einen verbotenen Grund betreten— daß Luiſe hin⸗ zufügte:„Niemand hört uns, und wenn es ſelbſt der Fall 60 wäre, ſo würde Niemand in einer ſo harmloſen Frage was Ar⸗ ges ſehen.“ „Nein, Miß Luiſe,“ antwortete Cili nach dieſer Ermuthigung mit einem Kopfſchütteln,„Vater wußte in der That ſehr wenig. Es iſt ſchon viel, daß er ſchreiben konnte und es iſt noch mehr, als Leute gewöhnlich thun können, daß er im Stande war das von ihm Geſchriebene zu leſen— obgleich es für mich ganz deut⸗ lich war.“ „Und deine Mutter?“ „Vater ſagte, ſie war eine ganze Gelehrte. Sie ſtarb als ich geboren wurde. Sie war,“« Cili machte die ſchreckliche Mit⸗ theilung mit nervöſer Aufregung,„ſie war eine Tänzerin.“ „Hatte dein Vater ſie geliebt?“ Luiſe ſtellte all' dieſe Fragen mit einem heftigen, wilden und unſtäten Intereſſe, das ihr eigen war— ein Intereſſe, das ſich einem verbannten Weſen gleich verirrt hatte und ſich in einſamen Orten verbarg. 1 „O ja! So zärtlich wie er mich liebte. Zuerſt liebte mich Vater bloß um ihretwillen. Er ſchleppte ſich mit mir herum, als ich noch ein kleines Kindchen war. Seit jener Zeit waren wir nie getrennt geweſen.“ „Und doch hat er dich jetzt verlaſſen, Cili?“ „Bloß zu meinem Beſten. Niemand verſteht ihn wie ich und Niemand kennt ihn ſo wie ich. Als er mich zu meinem Wohle verließ— er würde mich nie ſeines Wohles wegen verlaſſen haben — hatte ihm, das weiß ich wohl, dieſe harte Verſuchung beinahe das Herz gebrochen. Er wird nicht einen einzigen Augenblick glücklich ſein, bis er nicht zurückkömmt.“ „Erzähle mir mehr von ihm,“ ſagte Luiſe.„Ich werde dich niemehr darum befragen. Wo wohntet Ihr?“ „Wir reiſ'ten im Lande umher und hatten keinen beſtimmten Aufenthaltsort. Vater iſt,« Cili lispelte das grauenhafte Wort, „ein Clown**.“ 3 „Der die Leute lachen macht?“ ſagte Luiſe mit einem Nicken des Verſtändniſſes. „Ja wohl. Zuweilen wollte aber Niemand lachen, und dann pflegte Vater zu weinen. In letzterer Zeit geſchah es öfter, daß man nicht lachen mochte, und er pflegte in Verzweiflung nach Hauſe zu kommen. Vater gleicht nicht den Meiſten von ihnen. *) Engliſcher Hanswurſt. 61 Diejenigen, welche ihn nicht ſo gut wie ich kannten und ihn nicht ſo zärtlich wie ich liebten, mochten denken, daß er nicht bei Sinnen war. Zuweilen ſpielten ſie ihm einen Poſſen; ſie ahn⸗ ten aber nicht, wie ſehr er es fühlte und wie es ihn niederdrückte, wenn er ſich mit mir allein befand. Er war weit, weit furcht⸗ ſamer als ſie meinten.“ „Und du wareſt in Allem ſein Troſt?“ Sie nickte bejahend, indem die Thränen auf ihr Geſicht herunterſtrömten.„Ich hoffe es und Vater ſagte, daß ich es war. Weil er ſo ſcheu und furchtſam wurde und weil er ſich ſo arm, ſchwach, unwiſſend und hülflos(ſo pflegte er ſich ſelbſt zu nennen) fühlte, deßhalb wünſchte er, daß ich ſehr viel wiſſen und von ihm ganz verſchieden ſein möchte. Ich pflegte ihm vorzu⸗ leſen, um ihn zu erheitern und er fand viel Vergnügen daran. Die Bücher waren unpaſſend— ich muß ihrer hier keine Erwäh⸗ nung thun— wir wußten jedoch nicht, daß ſie etwas Arges enthielten.“ „Und er mochte ſie?“ fragte Luiſe ihren forſchenden Blick fortwährend auf Cili geheftet. „O, ungewöhnlich. Sie bemabrten ihn oft vor Dingen, die ihm wirklich ein Leids zufügten. Gar oft und oft pflegte er des Nachts all' ſeine Mühſeligkeiten zu vergeſſen, indem er voller Neugierde war, ob der Sultan der Dame geſtatten werde, in der Erzählung fortzufahren oder ob er ſie enthaupten laſſen werde, bevor dieſelbe zu Ende ſei.“ „Und dein Vater war immer gütig? Bis zuletzt?“ fragte Luiſe, indem ſie das große Prinzip verletzte und ſich ſehr ver⸗ wunderte. „Immer, immer!“ entgegnete Cili, die Hände zuſammen⸗ ſchlagend.„Gütiger und gütiger als ich es ſagen kann. Er war bloß eines Abends zornig und das nicht gegen mich, ſondern gegen Merrylegs. Merrylegs,“(ſie nannte lispelnd die grauenhafte Thatſache)„iſt ſein Künſtlerhund. 4 „Weßhalb war er auf den Hund böſe?“ fragte Luiſe. »Vater befahl Merrylegs, nachdem ſie von der Vorſtellung nach Hauſe gekommen waren, auf die Lehne von zwei Stühlen zu ſpringen und kreuzweiſe auf denſelben zu ſtehen— was zu ſeinen Kunſtſtücken gehörte.— Er ſah Vater an, that es aber nicht ſogleich. An jenem Abend war Vater Alles mißlungen und er hatte beim Publikum durchaus keinen Beifall gefunden. Er 62 rief klagend aus, daß ſelbſt der Hund um ſein Mißlingen wiſſe und kein Mitleid mit ihm habe. Darauf ſchlug er den Hund und ich war erſchrocken und ſagte:„„Vater, Vater! Bitte thu' dem Thiere nichts zu Leide, das dich ſo lieb hat. Der Himmel möge dir verzeihen, Vater, halt ein.“« Er hielt inne. Der Hund blu⸗ tete und Vater warf ſich, den Hund in ſeinen Armen haltend, weinend auf den Boden und der Hund leckte ihm das Geſicht.“ Luiſe ſah, daß ſie ſchluchzte und küßte ſie, nachdem ſie ſich ihr genähert hatte, nahm ſie bei der Hand und ſetzte ſich neben ie nieder. „Nun erzähle mir noch, wie dein Vater dich verlaſſen hat, Cili. Da ich dich bereits um ſo Vieles gefragt habe, ſage mir auch das Ende davon. Wenn Jemand dabei zu tadeln iſt, ſo bin ich es und nicht du.“ „Meine theuere Miß Luiſe,“ ſagte Cili, indem ſie ihre Augen bedeckte und fortwährend ſchluchzte.„Ich kam an jenem Nach⸗ mittage aus der Schule nach Hauſe und traf den armen Vater, der ebenfalls gerade von der Reiterbude nach Hauſe gekommen war. Er ſaß beim Feuer ſich rüttelnd, als ob er Schmerzen empfände. Ich ſagte zu ihm:„„Haſt du dich verletzt, Vater?““ (wie es oft geſchah und wie es bei ihnen im Allgemeinen der Fall war) worauf er ſagte:„„Ein wenig, mein Herz!“ Als ich mich dann niederbeugte und ihm in's Geſicht blickte, ſah ich, daß er weinte. Je mehr ich zu ihm ſprach, deſto mehr verbarg er ſein Geſicht. Zuerſt ſchüttelte er ſich heftig und ſagte nichts als: „„Mein Herz! Mein Lieb!“* Tom kam hier faullenzend hereingeſchlichen und ſtarrte die Beiden mit einer Kälte an, die kein beſonderes Intereſſe für etwas Anderes als ſich ſelbſt verrieth und gegenwärtig war auch davon nicht viel ſichtbar. „»Sch ſtelle bloß an Cili mancherlei Fragen, Tom,“ bemerkte ſeine Schweſter,„du brauchſt darum nicht fortzugehen. Unter⸗ brich uns jedoch nicht auf einen Augenblick, lieber Tom.“ „Oh! ſehr wohl!“ erwiederte Tom.'s iſt nur, daß Vater den alten Bounderby mit nach Hauſe gebracht hat und ich möchte, daß du in das Geſellſchaftszimmer kämeſt. Wenn du nänlich kömmſt, ſo dürfte es ſich leicht fügen, daß der alte Bounderby mich zu Tiſche ladet und wenn du nicht kömmſt, ſo iſt keine Hoff⸗ nung dafür.“ „Ich werde ſogleich kommen.“ 63 „Ich werde auf dich warten,“ ſagte Tom,„um gewiß zu ſein.“ Cili fuhr in einem leiſeren Tone fort:„Endlich ſagte Vater, daß er abermals das Publikum nicht befriedigt habe, und ihm dieß jetzt nie gelinge, und daß er nur zur Schande und Schmach da ſei, und daß ich mich im Ganzen ohne ihn beſſer befunden hätte. Ich ſagte ihm alles Liebe, das mir vom Herzen kam, worauf er ſich beruhigte und ich ſetzte mich neben ihn uͤnd er⸗ zählte ihm Alles von der Schule und den Dingen, die man da⸗ ſelbſt gethan oder geſagt hatte. Nachdem ich ihm nichts mehr zu ſagen hatte, ſchlang er die Arme um meinen Nacken und küßte mich recht oft. Dann bat er mich, ihm die Miyxtur, deren er ſich bediente, für die kleine Verletzung zu holen und ſie in dem beſten Laden, der ſich an dem andern Ende der Stadt befand, zu kaufen. Dann ließ er mich fort, nachdem er mich abermals ge⸗ küßt hatte. Als ich die Treppe hinuntergegangen war, kehrte ich nochmals zurück, um ihm noch ein klein wenig Geſellſchaft zu leiſten, guckte durch die Thüre und ſagte:„„Lieber Vater, ſoll ich Merrylegs mitnehmen?“« Vater ſchüttelte mit dem Kopfe und ſagte:„„Nein, Cili, nein! Nimm nichts mit dir, mein Herz, das als mir gehörig bekannt iſt,““ worauf ich ihn beim Feuer ſitzend verließ. Dann erſt muß ihm, dem armen, armen Vater der Gedanke gekommen ſein, fortzugehen, um etwas zu meinem Wohle zu verſuchen, denn als ich zurückkam, war er fort.“ „Hör' mal! Spute dich zum alten Bounderby, Loo,“ warf Tom ein. „Weiter iſt nichts zu erzählen, Miß Luiſe. Ich bewahre für ihn das Neunkraftöl und ich weiß, daß er zurückkommen wird. Jeder Brief, den ich in der Hand von Mr. Gradgrind ſehe, be⸗ nimmt mir den Athem und blendet meine Augen, denn ich meine immer, er komme vom Vater, oder von Mr. Sleary hinſichtlich Vaters. Mr. Sleary verſprach, ſobald er nur von Vater hören ſollte, ſogleich zu ſchreiben und ich hege das Vertrauen zu ihm, daß er Wort halten wird.“ „Spute dich doch zum alten Bounderby, Loo!“ ſagte Tom mit einem ungeduldigen Pfiff.„Er wird bald fort ſein, wenn du dich nicht ſputeſt.“. 3 Wann immer Cili nachher vor Mr. Gradgrind in Gegen⸗ wart ſeiner Familie einen Knix machte und mit zitternder Stimme ſagte:„Ich bitte um Verzeihung, Sir, wenn ich läſtig falle aber— iſt noch kein Brief für mich angekommen?“— dann ließ 64 Luiſe die jeweilige Arbeit ruhen, was dieſe auch immer ſein mochte, und harrte mit ſo ernſthafter Miene der Antwort als Cili ſelbſt es that. Wenn dann Mr. Gradgrind regelmäßig zur Antwort gab:„Nein, Jupe, nichts dergleichen,“ ſo wiederholte ſich das Zittern von Eili's Lippen in dem Geſichte Luiſens und ihre Augen folgten Cili mitleidsvoll bis zur Thüre. Mr. Grad⸗ grind benützte dieſe Gelegenheit gewöhnlich zur Belehrung, indem er, wenn ſie fort war, die Bemerkung machte, wenn Jupe vom früheſten Alter an gehörig erzogen worden wäre, ſo würde ſie die Grundloſigkeit ſolcher fantaſtiſchen Hoffnungen vermittelſt rich⸗ tiger Prinzipien ſich haben demonſtriren können. Dennoch ſchien es(obwohl nicht ihm, denn er merkte nichts davon) als ob eine fantaſtiſche Hoffnung ebenſo gut wie eine Thatſache ſich einwur⸗ zeln könne. Dieſe Bemerkung muß ſich ausſchließlich auf ſeine Tochter beſchränken. Was Tom betrifft, ſo ward aus ihm ein nicht bei⸗ ſpielloſer Triumph der Berechnung, die gewöhnlich mit Nummer Eins arbeitet. Was Mrs. Gradgrind anbelangt, ſo entpuppte ſie ſich, wenn ſie etwas über den Gegenſtand bemerken wollte, wie ein Murmelthier aus ihren Umſchlagtüchern und ſagte: „Um Gottes Barmherzigkeit willen, wie wird mir der arme Kopf geplagt und zerriſſen durch das beharrliche, aber und aber⸗ malige Fragen des Mädchens Jupe wegen ihrer läſtigen Briefe. Auf Ehr' und Seligkeit, ich ſcheine dazu beſtimmt, verdammt und verurtheilt, von Gegenſtänden umgeben zu ſein, die nie ein Ende nehmen wollen. Es iſt wirklich ein ganz außerordentlicher Um⸗ ſtand, daß Alles was mich umgibt, kein Ende nehmen will.“ Bei dieſer Stelle fiel Mr. Gradgrinds Blick auf ſie und unter dem Einfluſſe dieſes winterlichen Stücks Thatſache, verfiel ſie wieder in Stumpffinnigkeit. Zehntes Kapitel. Ich gebe dem leiſen Gedanken Raum, daß die Engländer ebenſo harte Arbeit verrichten, als irgend ſonſt ein Volk unter der Sonne. Dieſer lächerlichen Idioſynkraſie ſchreibe ich es zu, warnm ich denſelben etwas mehr Erholung gönnen möchte. In dem am ſchwerſten arbeitenden Theile von Coketown— in den innerſten Befeſtigungen dieſer häßlichen Citadelle, wo die Natur ebenſo nachdrücklich hinausgebant, wie Gaſe und tödtliche 65 Dünſte hereingebaut waren— im Herzen des Labyrinthes von engen Höfen über Höfen, von ſchmalen Gaſſen über Gaſſen, die alle ſtückweiſe in's Leben gerufen wurden, ein jedes Stück in ge⸗ waltiger Eile für irgend Jemands Gebrauch und das Ganze eine unnatürliche Familie bildend, die ſich gegenſeitig zu Tode drängte, trat und drückte— in dem letzten dumpfen Winkel dieſes großen erſchöpften Recipienten, wo die Rauchfänge aus Mangel an Luftzug in einer unendlichen Mannigfaltigkeit von verkrüppelten und krum⸗ men Geſtalten erbaut waren, als ob jedes Haus ein Zeichen aus⸗ ſteckte, was für Leute darin geboren werden dürften— unter dem Volke von Coketown, das man mit dem generiſchen Namen„die Hände“ bezeichnete, eine Raſſe, die bei gewiſſen Leuten weit mehr in Gunſt geſtanden wäre, wenn die Vorſehung es für gut be⸗ funden hätte, ſie bloß als Hände, oder gleich den niedrigeren Thieren der Meeresküſte, bloß mit Händen und Magen zu ſchaffen — lebte ein gewiſſer Stephen Blackpool, der vierzig Jahre alt war. Stephen ſah älter aus, er hatte aber auch ein ſaures Leben gehabt. Man ſagt, jedes Leben hat ſeine Roſen und Dor⸗ nen. Bei Stephen ſchien jedoch ein Unfall oder Mißgriff ſtatt⸗ gefunden zu haben, in Folge deſſen ein Anderer in den Beſitz ſeiner Roſen gelangte und ihm die Dornen deſſelben Andern als Zugabe zu den ſeinigen zugeeignet wurden. Er hatte, um ſeine eigenen Worte zu gebrauchen, ein ſchwer Stück Kummer kennen gelernt. Man nannte ihn gewöhnlich den alten Stephen in einer Art roher Huldigung gegen die Thatſache. Der alte Stephen mochte wohl, bei ſeiner gebückten Haltung, mit ſeiner runzeligen Stirne und ſeinem ſtrengausſehenden, um⸗ fangreichen Kopfe, der von eiſengrauem, langem und dünnem Haar bedeckt war, für einen beſonders intelligenten Mann in ſeinem Stande gehalten werden. Dennoch war er es nicht. Er nahm keinen Platz unter jenen bemerkenswerthen„Händen“ ein, die viele Jahre hindurch ihre Mußezeit zuſammenhäkelnd, mancher ſchwierigen Wiſſenſchaft Meiſter wurden und eine Kenntniß der ungewöhnlichſten Dinge ſich angeeignet hatten. Er gehörte nicht zu den„Händen“, die Reden halten und Debatten führen konnten. Tauſende ſeiner Genoſſen waren im Stande, zu jeder beliebigen Zeit, viel beſſer als er zu ſprechen. Er war ein guter Maſchinen⸗ weber und ein vollkommen redlicher Mann. Was er mehr war, oder ihm ſonſt noch eigen war, das möge er ſelbſt zeigen, wenn es überhaupt vorhanden. Boz. Schwere Zeiten. 5 — ———— —— ——— 66 Die Lichter in den großen Fabriken, die, wenn ſie erleuchtet waren, wie Feenpaläſte ausſahen— wie die mit Extrazug Rei⸗ ſenden wenigſtens behaupteten— waren ſämmtlich ausgelöſcht und die Glocken zur Einſtellung der Arbeit für die Nacht waren ertönt und wieder verhallt und die„Hände“, Männer und Frauen, Knaben und Mädchen trappelten nach Hauſe. Der alte Stephen ſtand in der Straße mit der ſonderbaren Empfindung, die das Stilleſtehen der Maſchinen immer hervorbrachte— eine Empfindung, daß dieſelben auch in ſeinem Kopfe arbeiteten und ſtilleſtehen. „ Ich ſehe noch immer Rachael nicht!“ ſagte er. Die Nacht war naß und manche Gruppe junger Frauen eilte an ihm vorbei, die Umhängetücher um das bloße Haupt geſchla⸗ gen und dieſelben unter dem Kinne dicht zuſammengezogen um den Regen abzuhalten. Er mußte Rachael wohl kennen, denn ein flüchtiger Blick auf die Vorbeigehenden ſagte ihm, daß ſie ſich nicht unter ihnen befinde. Endlich waren Keine mehr übrig, die kommen konnten und er wandte ſich um, indem er mit einem Tone der Unzufriedenheit ausrief:„Nun, ſo muß ich ſie denn verfehlt haben.“ Er hatte jedoch noch nicht drei Straßen durchkreuzt, als er eine andere tuchumhüllte Geſtalt ſich voraneilen ſah, die er ſo ſcharf anblickte, daß vielleicht ihr bloßer auf dem naſſen Pflaſter undeutlich reflektirter Schatten— wenn er denſelben ohne die Geſtalt ſelbſt hätte ſehen können, die ſich längs der Lampenreihe, im Gehen bald zum Vorſchein kommend und bald verſchwindend, dahinbewegte— ſchon genügt hatte, um ihm zu ſagen, wer es ſei. Indem er ſeinen Schritt raſch in einen ſchnelleren und ſach⸗ teren verwandelte, huſchte er vorwärts, bis er ganz in der Nähe dieſer Geſtalt war, worauf er wieder ſeinen früheren Gang an⸗ nahm und ausrief:„Rachael!“ Sie wandte ſich um, als gerade der Lampenſchimmer auf ſie ſiel und zeigte, indem ſie die Kaputze ein wenig lüftete, ein ruhi⸗ ges ovales Geſicht von dunkler Farbe und ziemlich zartem Aus⸗ drucke, das von einem Paar äußerſt ſanfter Augen belebt und durch die vollkommene Ordnung, mit welcher ihr ſchwarzglän⸗ zendes Haar daſſelbe umſchattete, hervorgehoben wurde. Das Geſicht prangte nicht in erſter Jugendblüthe; ſie war eine Frau von fünf und dreißig Jahren. „Ah, Burſche! Biſt du's?“« Nachdem ſie dieſe Worte mit — — 67 einem Lächeln geſagt hatte, das ſich ganz deutlich zeigte, obwohl nur ihre lieblichen Augen ſichtbar waren, zog ſie die Kaputze wieder zuſammen und ſie ſchritten mit einander fort. „Ich dachte, du ſeieſt mir noch zurück, Rachael?« „Nein. „Früh heut' Abend, Mädel?« 8 „Komm manchmal etwas früher, Stephen, manchmal etwas ſpäter. Es iſt nie darauf zu rechnen, wenn ich nach Hauſe gehe.“ „Auch nicht, ob man den andern Weg einſchlägt, wie es mir ſcheint, Rachael?“ „Nein, Stephen.“ Er betrachtete ſie mit einem Blicke der Unzufriedenheit, zu⸗ gleich aber mit einer ehrfurchtsvollen und nachgiebigen Ueberzeu⸗ gung, daß ſie in Allem, was ſie ſagte, Recht haben müſſe. Dieſer Ausdruck war ihr nicht unbemerkt geblieben; ſie legte ihre Hand für einen Augenblick ſachte auf ſeinen Arm, um ihm ihren Dank dafür auszudrücken. „Wir ſind ſolch' treue Freunde, Burſche, und ſo alte Freunde und fangen jetzt an, ſolch' alte Leute zu werden.“ „Nein, Rachael, du biſt ſo jung als du es je geweſen.“ „Es würde einen von uns in Verlegenheit verſetzen, wie es anzuſtellen ſei, daß man alt werde, Stephen, ohne daß der An⸗ dere ebenfalls alt würde, wenn Beide am Leben ſind,“ erwie⸗ derte ſie lachend;„wie dem immer auch ſein mag, ſo ſind wir ſo alte Freunde, daß es Jammerſchade und eine Sünde wäre, wenn wir auch nur ein Wort aufrichtiger Wahrheit vor einan⸗ der verbergen möchten.'s iſt beſſer, wenn wir nicht zu viel zu⸗ ſammengehen, zuweilen, ja! denn es wäre wirklich gar zu ſchlimm, wenn es gar nie geſchehen ſollte,“ fügte ſie mit einer Heiterkeit hinzu, die ſie ihm mitzutheilen ſuchte. „ S iſt allwege ſchlimm, Rachael.“ »Verſuch, nicht daran zu denken, dann wird's dich beſſer dünken.“ „Hab' das ſchon lang verſucht und iſt nicht beſſer worden. Aber haſt Recht; es könnt' die Leut' reden machen— ſelbſt von dir. Du biſt mir ſeit vielen Jahren ſo viel geweſen, du haſt mir ſo viel Gutes gethan und durch deine heitere Weiſe ſo viel Muth eingeflößt, daß dein Wort für mich Geſetz iſt. Ach Mädel, ein herrliches, gutes Geſetz! Beſſer als manche wirklichen.“ „Erzürne dich nicht über ſie, Stephen,“ antwortete ſie raſch, 5* . 68 nicht ohne einen ängſtlichen Blick auf ſein Geſicht.„Laß die Geſetze gut ſein.“ „Ja,“ ſagte er mit einem langſamen Kopfnicken.„Laß ſie gut ſein. Laß Alles ſein. Laßt alle Dinge für ſich.'s iſt trü⸗ ber Schlamm und nichts weiter.“ „Immer trüber Schlamm?“ fragte Rachael mit einer zweiten leiſen Berührung ſeines Armes, als wollte ſie ihn aus der Tief⸗ ſinnigkeit wecken, indem er an den langen Enden ſeines loſen Halstuches, wie er ſo hinging, kaute. Er ließ ſie los, wandte ſich mit einem lächelnden Geſichte um und ſagte, indem er in ein wohlgelauntes Gelächer ausbrach: „Ah, Rachael, Mädel! Immer trüber Schlamm, dabei bleib' ich. Ich komme oft und oft auf den trüben Schlamm zurück und kann nie darüber hinauskommen.“ Sie waren ſchon eine Strecke gegangen und waren jetzt in der Nähe ihrer Wohnungen; die der Frau kam zuerſt. Dieſelbe befand ſich in einer der vielen kleinen Straßen, für welche ſich der beliebte Leichenbeſorger(der eine hübſche Summe aus dem ein⸗ zigen— freilich armen und ſchrecklichen— Schangepränge der Nachbarſchaft zog) eine ſchwarze Leiter hielt, damit diejenigen, welche ihr tägliches Hinauf⸗ und Hinuntertappen auf den ſchmalen Treppen beendet hatten, aus dieſer Arbeitswelt durch die Fenſter hinausgleiten konnten. Sie ſtand an der Ecke ſtill und wünſchte ihm, indem ſie ihre Hand in die ſeinige legte, gute Nacht. „Gut' Nacht, lieb' Mädel, gut Nacht!“ Sie ging, mit ihrer zierlichen Geſtalt und ihrem gelaſſenen weiblichen Schritt, die dunkle Straße hinunter und er ſtand da, ihr nachblickend bis ſie in eines der Häuschen verſchwunden war. Es war vielleicht keine einzige flatternde Bewegung ihres groben Umſchlagetuches in den Augen dieſes Mannes ohne Intereſſe und kein Ton ihrer Stimme ohne Echo in ſeinem innerſten Herzen. Als ſie aus ſeinem Geſichte verſchwunden war, machte er ſich wieder auf den Heimweg, indem er manchmal zum Himmel em⸗ porblickte, wo die Wolken raſch und wild dahinſegelten. Nun waren ſie zerriſſen, der Regen hatte aufgehört und der Mond guckte durch die hohen Schornſteine von Coketown in die tiefen Oefen hinunter und zeichnete die titaniſchen Schatten der nun ruhenden Dampfmaſchinen auf den Mauern ab, die ſie ein⸗ ſchloßen.— Unſer Mann ſchien, wie er ſo hinging, mit der Nacht heiterer zu werden. Seine Wohnung, die in einer andern 69 8 Straße lag, welche der frühern ähnlich und nur noch ſchmaler war, befand ſich oberhalb eines kleinen Ladens. Wie es eigent⸗ lich kam, daß es die Leute der Mühe werth fanden, daſelbſt ihre armſeligen Spielwaaren zu kaufen oder zu verkaufen, die in deſſen Fenſtern mit billigen Zeitungen und Schweinefleiſch untermengt waren,(den folgenden Abend ſollte eine Keule ausgewürfelt wer⸗ den) daran iſt hier nichts gelegen. Er nahm einen Lichtſtumpfen von einem Sims, zündete ihn an einem andern Lichtſtumpfen auf dem Ladentiſche an, ohne die Eigenthümerin zu ſtören, die in ihrem kleinen Zimmer eingeſchlafen war, und ging in ſeine Woh⸗ nung hinauf. Es war ein Zimmer, das bei ſeinen verſchiedenen Einwoh⸗ nern mit der ſchwarzen Leiter nicht unbekannt war, ſah aber jetzt ſo niedlich aus, als es bei einem ſolchen Zimmer möglich war. Einige Bücher und Schriften lagen auf einem Schreibtiſch in der Ecke, die Möbel waren vollſtändig und obgleich die Atmoſphäre dumpfig war, ſo ſah das Zimmer doch rein aus. Indem er zum Herde ging, um das Licht auf einen dreibei⸗ nigen runden Tiſch zu ſtellen, der ſich daſelbſt befand, ſtolperte er an einen Gegenſtand. Als er zurückfuhr um denſelben zu be⸗ trachten, erhob dieſer ſich in der Geſtalt einer Frau in einer ſitzen⸗ den Stellung.. „Um's Himmels willen, Weib,“ rief er, indem er von der Geſtalt noch weiter zurückfuhr.„Biſt du wieder zurückgekommen?“ Was für ein Weib! Ein krüppelhaftes, betrunkenes Geſchöpf, das bloß im Stande war in der ſitzenden Stellung ſich aufrecht zu erhalten, indem ſie ſich mit der einen rußigen Hand an den Boden feſtklammerte, während die andere durch den vergeblichen Verſuch ſich das verwickelte Haar aus dem Geſichte zu ſtreichen, mit dem an derſelben klebenden Schmutz ſie nur noch mehr blen⸗ dete. Ein Geſchöpf mit ihren Lumpen und ſchmierigen Kothflecken ſo ſchmutzig anzuſehen, in ihrer moraliſchen Schändlichkeit jedoch noch um ſo viel ſchmutziger, daß es ſchon eine Schande war ſie bloß zu betrachten. Nachdem ſie einige ungeduldige Flüche ausgeſtoßen und ſich mit der Hand, die zu ihrer Unterſtützung nicht nöthig war, ſich einfältigerweiſe zerkrazt hatte, war endlich das Haar genugſam aus ihrem Geſichte entfernt, um ihn zu erblicken. Dann ſaß ſie da, den Leib hin⸗ und herſchaukelnd und machte mit ihrem entneryvten Arm Bewegungen, die ein beabſichtigtes Gelächter 70 begleiten ſollten, obgleich ihr Geſicht einen dummen und ſchläf⸗ rigen Ausdruck zeigte. „He, Burſch! Was, biſt da?“ Einige heiſere Töne, die das bedeuten ſollten, entfuhren ihr endlich ſpöttiſcherweiſe. Dann ſank ihr Kopf vorwärts auf die Bruſt. „Wieder zurück?“ kreiſchte ſie nach einigen Minuten, als ob er es in demſelben Augenblicke erſt geſagt hätte.„Ja! Und wieder zurück, immer und immer ſo oft. Zurück? Ja, zurück. Warum nicht?“ Durch die nichtsſagende Heftigkeit, mit welcher ſie dies aus⸗ rief, munter gemacht, krabbelte ſie in die Höhe und ſtand da, ſich— mit den Schultern an der Wand ſtützend, wobei ſie in der einen Hand ein NMiſthaufen⸗Fragment von einer Haube am Bändchen baumelte und ihn zornig anzublicken verſuchte. „Ich werde dich wieder ausverkaufen und ich werde dich wie⸗ der ausverkaufen und ich werde dich ein dutzend Mal ausverkau⸗ fen,“ rief ſie mit einer Geberde, die halb wie eine furiöſe Dro⸗ hung und halb wie ein herausfordernder Tanz ausſah.„Geh' fort vom Bett!“ Er ſaß auf deſſen Rand, ſich das Geſicht mit den Händen verbergend.„Geh' fort davon!'s gehört mir— ich habe ein Recht darauf.“ Als ſie demſelben zuwankte, wich er ihr mit Schaudern aus und ging— das Geſicht immer bedeckt— nach dem entgegenge⸗ ſetzten Ende des Zimmers. Sie warf ſich ſchwerfällig auf's Bett und fing bald tüchtig zu ſchnarchen an. Er ſank auf einen Stuhl und bewegte ſich in jener Nacht nur einmal. Er that es um eine Decke auf ſie zu werfen, als ob ſeine Hände ſelbſt in der Dun⸗ kelheit nicht genügten, um ſie ſeinen Augen zu verbergen. Elftes Kapitel. Vor Morgengrauen ſtanden die Feenpaläſte auf einmal in voller Beleuchtung, und man konnte die monſtröſen Rauchſchlangen ſehen, die ſich über Coketown hinwälzten. Ein Klappern von Holz⸗ ſchuhen auf dem Straßenpflaſter, ein haſtiges Schellen der Glocken, und die ſämmtlichen melancholiſch⸗wahnſinnigen Elephanten, die für die Monotonie des Tages polirt und geölt waren, befanden ſich abermals in ihrer ſchwerfälligen Thätigkeit. Stephen neigte ſich über ſeinen Webeſtuhl, ruhig, wachſam und anhaltend. Er bildete, wie Jedermann der in dem Walde * 71 von Webeſtühlen wie Stephen arbeitete, einen beſondern Con⸗ traſt zu dem zerbrechenden, zerſchmetternden und zerwühlenden Mechanismus, mit dem er beſchäftigt war. Fürchtet nicht, ihr guten Leute von ängſtlicher Gemüthsbeſchaffenheit, daß die Natur von der Kunſt in Vergeſſenheit zurückgedrängt werden wird. Stellet das Werk Gottes und des Menſchen Werk nebeneinander und das erſte wird, beſtünde es auch aus einer Truppe„Hände“ von ſehr geringer Bedeutung, durch die Vergleichung an erhabener Würde nur gewinnen. Vierhundert und noch mehr„Hände“ in dieſem Mühlwerk— zweihundert und fünfzig Pferdedampfkraft. Man weiß bis auf ein Pfund hinaus anzugeben, wie viel die Maſchine zu Stande bringen wird. Sämmtliche Berechner der Nationalſchuld ver⸗ mögen jedoch nicht, die Fähigkeit zum Guten oder Böſen, zur Liebe oder zum Haſſe, zum Patriotismus oder zur Rebellion, zur Verwandlung der Tugend in Laſter oder zum Gegentheil, in dem Gemüthe ihrer ruhigen Diener, mit den geſetzten Mienen und ge⸗ regelten Verrichtungen, auch nur für einen einzigen Augenblick anzugeben. In jenem liegt kein Geheimniß, in dieſen aber— ſelbſt in den Geringſten von ihnen— ruht ein ewiges, undurch⸗ dringliches Myſterium.— Wie wäre es denn, wenn wir die Arithmetik für materielle Gegenſtände aufbewahrten und bei dieſen hehren unbekannten Quantitäten andere Hülfsmittel in Anwen⸗ dung brächten! 4 Der Tag ward heller und zeigte ſich draußen, trotz der drin⸗ nen ſchimmernden Lichter. Dieſelben wurden ausgelöſcht und die Arbeit ward fortgeſetzt. Der Regen fiel und die Rauchſchlangen wälzten ſich, dem Fluche dieſes ganzen Stammes ſich unter⸗ werfend, auf der Erde hin. In dem außerhalb liegenden Ablaß⸗ hofe war der Dampf aus der Abzugsröhre, das Gemengſel von Fäſſern und altem Eiſen, die glitzernden Kohlhaufen und ſelbſt die herumgeſtreute Aſche von einem Regen⸗ und Nebelſchleier umhüllt. 4 Die Arbeit ward fortgeſetzt bis die Mittagsglocke ertönte. Vermehrtes Klappern auf dem Straßenpflaſter. Der Weberſtuhl, die Räder und Hände, ſämmtlich für eine Stunde außer Thätig⸗ keit geſetzt. „Stephen kam aus dem heißen Mühlwerke, verſtört und er⸗ ſchöpft in den feuchten Wind und in die naßkalten Straßen. Er verließ ſeine eigenen Gefährten und ſein eigenes Viertel, indem 72 er bloß ein Stück Brod auf dem Wege zu ſich nahm, und wandte ſich gegen einen Hügel, wo ſein Prinzipal in einem rothen Hauſe lebte, mit ſchwarzen Fenſterladen von außen, grünen Jalouſien von innen, mit einer ſchwarzen Hausthüre, wohin zwei weiße Stufen führten und wo„Bounderby“(mit Buchſtaben die ihm ſehr ähnelten) auf einer metallenen Platte ſtand, und mit einem run⸗ den, metallenen Thürgriff unterhalb derſelben, der wie ein metal⸗ lener Schlußpunkt ausſah. Mr. Bounderby befand ſich beim Gabelfrühſtück. Stephen hatte das erwartet. Ob ſein Diener ihm ankündigen wollte, daß Einer der„Hände“ um die Erlaubniß bäte, mit ihm zu ſprechen? Als Erwiederung die Anfrage, wie der Name dieſer„Hand“ lautet. Stephen Blackpool. Gegen Stephen Blackpool lag nichts Mißliebiges vor— ja, er dürfte kommen. Stephen Blackpvol im Parlour*). Mr. Bounderby(den er bloß vom Anſehen kannte) beim Gabelfrühſtück mit Chop) und Sherry en⸗) beſchäftigt. Mrs. Sparſit beim Feuer in einer Quer⸗ ſattelſtellung mit einem Fuße in einem baumwollenen Steigbügel. Es gehörte zu Mrs. Sparſit's Würde und Dienſtverrichtung kein Gabelfrühſtück zu nehmen. Sie beaufſichtigte das Mahl offizieller. Weiſe, gab jedoch vor, daß ſie bei der Vornehmheit ihrer Perſon Gabelfrühſtück für eine Schwachheit halte. 3 4⸗Aun⸗ Stephen,“ ſagte Mr. Bounderby,„was gibt's mit uch? „Stephen machte eine Verbeugung. Keine knechtiſche— dieſe „Hände“ werden ſich nimmer dazu verſtehen! Gott bewahre, mein Herr, Sie werden ſie nie darauf ertappen, wenn ſie auch zwanzig Jahre um Sie geweſen ſind!— Hierauf ſtopfte er ſich, als ein Toilettencompliment für Mrs. Sparſit, die Enden ſeines Halstuches in die Weſte. „Nun, Ihr wißt,“ ſagte Mr. Bounderby, indem er etwas Sherry nahm, wir hatten nie Schwierigkeiten mit Euch und Ihr gehörtet nie zu denen, die unbillige Forderungen ſtellten. Ihr erwartet nicht in einem ſechsſpännigen Wagen zu ſtolziren und Schildkrötenſuppe und Wildpret mit goldenen Löffeln zu eſſen, wie es ſo viele Andere treiben.“ Mr. Bounderby ſtellte dies definder Sprech⸗ oder Beſuchzimmer heißt dasjenige Zimmer, das ſich zu ebener Erde ·) Hammelsrippchen. ***) Pereswein. 73 immer als das einzige, unmittelbare und direkte Streben einer „Hand“ dar, die nicht vollſtändig zufrieden war,„und deßhalb bin ich auch überzeugt, daß ihr nicht gekommen, um eine Klage varzueiigen. Nun wißt Ihr, daß ich deſſen im Voraus ge⸗ wiß bin.“ „Nein, Sir, ich bin gewiß wegen ſo was nicht gekommen.“ Mr. Bounderby ſchien, trotz ſeiner frühern feſten Ueberzeu⸗ gung, angenehm davon überzeugt zu ſein.„Sehr gut,“ entgeg⸗ nete er,„Ihr ſeid eine ſolide„Hand“, ich habe mich alſo nicht getäuſcht. Nun, laßt mich Alles hören, was es gibt. Da es nicht jenes iſt, ſo laßt mich hören, was es gibt. Was habt Ihr zu ſagen? Heraus damit, Burſche!“ Stephen warf zufällig einen Blick auf Mrs. Sparſit.„Ich kann mich entfernen, Mr. Bounderby, wenn Sie es wünſchen,“ ſagte dieſe ſich aufopfernde Lady, indem ſie ſich ſtellte, als ob ſie den Fuß aus dem Steigbügel nehmen wollte. Mr. Bounderby hielt ſie zurück, indem er einen Mundvoll Chop in der Schwebe hielt, ehe er ihn verſchluckte, und dabei ſeine linke Hand ausſtreckte. Nachdem er ſeine Hand zurückge⸗ zogen und den Mundvoll Chop verſchluckt hatte, ſagte er zu Stephen: „Nun, Ihr müßt wiſſen, daß dieſe gute Lady eine geborene Lady iſt, eine hochgeſtellte Lady. Ihr müßt nicht glauben, daß ſie, weil ſie jetzt meinen Haushalt beaufſichtigt, nicht hoch auf dem Baume ſich befunden— ach, auf dem Gipfel des Baumes! Wenn Ihr nun etwas zu ſagen habt, das nicht vor einer Lady von Geburt geſagt werden kann, ſo wird dieſe Lady das Zimmer verlaſſen. Habt Ihr jedoch etwas zu ſagen, das vor einer Lady von Geburt wirklich geſagt werden kann, ſo wird dieſe Lady bleiben wo ſie iſt.“ „Sir, ich glaub' ich hab' nie Nichts zu ſagen gehabt, das nicht vor einer Lady von Geburt geſagt werden kann, ſeit ich ſelbſt geboren bin„ lautete die Antwort mit einem leichten Erröthen. „Sehr gut,“ ſagte Mr. Bounderby, indem er den Teller von ſich ſtieß und ſich zurücklehnte.„Losgefeuert!« „Ich bin gekommen,“ fing Stephen nach kurzem Nachdenken an, indem er ſeine Augen erhob,„um mich bei Ihnen Raths zu erholen. Brauche nicht gar zu viel. Neunzehn Jahre ſind's, ſeit ich an einem Oſtermontag bin verheirathet worden. Sie war ein 74 junges Mädel, ziemlich hübſch und hatte guten Ruf. Gut! Fing bald an umzuſchlagen. War nicht meine Schuld. Weiß Gott, bin kein ſchlechter Ehemann für ſie geweſen.“ „Ich habe das Alles ſchon früher gehört,“ ſagte Mr. Boun⸗ derby.„Sie gerieth in fremde Geſellſchaft, ergab ſich dem Trunke, verließ die Arbeit, verkaufte die Möbel, verſetzte die Kleider und geberdete ſich ganz rechthaberiſch.“ 1 „Ich hatt' Geduld mit ihr.“ („Um ſo thörichter von Euch,“ ſagte Mr. Bounderby im Ver⸗ trauen zu ſeinem Weinglaſe.) „Ich hatt' viel Geduld mit ihr. Ich probirte ſie davon los⸗ zukriegen— nochmals und nochmals. Probirte dies, probirte jenes und probirte was anderes. Kam gar oft nach Hauſe und fand Alles verſchwunden, was ich in der lieben Welt beſaß und ſie ſelbſt ohne einen ſeligen Gedanken bewußtlos am Boden liegen. Das paſſirte nicht ein Mal— nicht zwei Mal— ſondern zwan⸗ zig Mal.“ Jeder Zug ſeines Geſichtes vertiefte ſich, wie er ſo ſprach, und ſpiegelte auf rührende Weiſe die Leiden ab, die er ertragen. „Vom Regen in die Traufe und immer ſchlimmer als je. Sie verließ mich. Sie machte ſich überall zu Schanden, gar bitterböſe. Sie kam zurück, kam wieder und wieder. Was konnt' ich thun, um ſie daran zu hindern? Ich bin ganze Nächte durch die Straßen gerannt, nur um nicht nach Hauſe zu gehen. Bin zur Brücke gegangen, um darüber zu ſpringen und Alles los zu ſein. Ich habe gar ſo Vieles ertragen, woran ich nicht dachte, als ich jung war.“ Mrs. Sparſit, welche die Stricknadeln leicht hin und her be⸗ wegte, erhob die coriolaniſchen Augenbrauen und ſchüttelte mit dem Kopfe, als wollte ſie ſagen:„Die Großen kennen Beſchwer⸗ den ſowohl wie die Kleinen. Belieben Sie doch Ihr beſcheidenes Auge auf mich zu richten.“ „Ich gab ihr Geld, um ſie von mir fern zu halten. Fünf Jahre lang hab' ich ihr Geld gegeben. Ich hab' mir wieder an⸗ ſtändiges Hausgeräth angeſchafft. Ich habe ein ſchweres und trübes Leben geführt, brauch' mich aber keiner einzigen Minute zu ſchämen. Vorige Nacht ging ich nach Hauſe. Da lag ſie auf dem Fußboden. Da iſt ſie nun le⸗ In der Gewalt ſeines Unglücks und in der Energie ſeines Elends loderte er für einen Augenblick einem ſtolzen Manne gleich 75 auf. Im nächſten Augenblicke ſtand er da, wie er bisher da⸗ geſtanden— in ſeiner gewöhnlichen gebückten Stellung. Sein nach⸗ denkliches Geſicht war gegen Mr. Bounderby mit einem ſonderbaren Ausdrucke gerichtet, der halb ſchlau und halb verlegen war, als ob er etwas höchſt Schwieriges hätte enträthſeln wollen. Den Hut hielt er feſt in ſeiner linken Hand, die auf ſeinen Lippen ruhete. Sein rechter Arm gab ſeinen Worten, vermittelſt einer rauhen Eigenthümlichkeit und Kraft in ſeinem Geberdenſpiel, ernſthaften Nachdruck, was nicht weniger geſchah, wenn er dieſelbe, ein wenig gebogen aber immer ausgeſtreckt, bei einer Pauſe ruhen ließ. „Ich habe das Alles, wie Ihr wißt,“ ſagte Mr. Bounderby, „mit Ausnahme des letzteren Theiles ſchon längſt gewußt. Es iſt eine ſchlimme Geſchichte— ja, das iſt es. Ihr hättet lieber mit Eurem Stande zufrieden ſein und nicht heirathen ſollen. Es iſt indeſſen zu ſpät, das zu ſagen.“ „War es hinſichtlich des Alters eine ungleiche Heirath, Sir?« fragte Mrs. Sparſit. 3 „Ihr hört, was dieſe Lady frägt. War dieſe ſchlimme Affaire eine ungleiche Heirath hinſichtlich des Alters?« ſagte Bounderby. »Nicht ſo ganz. Ich ſelbſt war ein und zwanzig und ſie noch nicht ganz zwanzig. „Wirklich, Sir,« ſagte Mrs. Sparſit mit großer Gelaſſen⸗ heit zu ihrem Obern.„Ich ſchloß aus dem Umſtande— daß es eine ſo unglückliche Heirath iſt, daß eine Altersverſchiedenheit dabei obgewaltet haben müſſe.“ Mr. Bounderby warf einen ſehr ſcharfen Seitenblick auf die gute Lady, der einen wunderlichen Ausdruck von Einfältigkeit an ſich trug. Er ſtärkte ſich hierauf mit etwas Sherry. „Nun? Warum fahrt Ihr nicht fort?“ fragte er, ziemlich zornig gegen Stephen Blackpool gewendet. „Ich habe Sie fragen wollen, Sir, wie ich mir das Weib vom Halſe ſchaffen kann.“ Stephen verlieh dem vermiſchten Aus⸗ druck ſeines aufmerkſamen Geſichtes einen noch tiefern Ernſt. Mrs. Sparſit ſtieß einen leiſen Ausruf aus, als hätte ſie einen moraliſchen Stoß erlitten. „»Was meint Ihr?“ fragte Mr. Bounderby, der aufgeſtanden war, um ſich mit dem Rücken gegen den Kamin zu lehnen.„Wo⸗ von ſprecht Ihr? Ihr habt ſie auf's Gerathewohl genommen.“ »„Ich muß ſie los werden. Ich kann es nicht länger mehr ertragen. Ich hab' nur darum ſo lange dabei exiſtiren können, 76 weil ich das Mitleid und den Troſt eines Mädels hatte, des beſten unter den lebendigen oder todten. Vielleicht hab' ich es nur ihr zu verdanken, daß ich nicht verrückt geworden bin.“ „Er will frei werden, um, wie ich fürchte, das Frauenzimmer zu heirathen, von welchem er ſpricht, Sir!“ bemerkte Mrs. Sparſit mit gedämpfter Stimme, höchſt betrübt über die Sittenloſigkeit dieſer Leute. „Das will ich. Die Lady hat richtig geſprochen. Das will ich. Ich wollte ſelbſt darauf herauskommen. Ich hab' in den Zeitungen geleſen, daß die Großen(denen es wohl ergehen möge — ich wünſche ihnen nichts Schlimmes) nicht auf's Gerathewohl ſo feſt miteinander verbunden ſind, daß ſie ihre unglücklichen Ehen nicht wieder auflöſen könnten, um nochmals zu heirathen. Wenn ſie ſich nicht gut vertragen, weil ſie ein ungleiches Temperament haben, ſo haben ſie allerhand verſchiedene Zimmer in ihren Häu⸗ ſern und ſie können abgeſondert leben. Wir armen Leute haben nur ein Zimmer und wir können das nicht thun. Wenn das nicht geht, ſo haben ſie Gold und anderes Geld und ſie können ſagen: „„Dies iſt für mich und das für dich.“« Dann können ſie Jedes ihrer Wege gehen. Wir können das nicht. Trotz alledem können ſie ſich wegen kleinerer Ungerechtigkeiten frei machen, als Hun⸗ derte und Hunderte von uns erleiden müſſen, und zwar mehr noch die Frauen als die Männer— ſie können ſich wegen kleinerer Unbilden, als die meinigen ſind, frei machen. Ich will nun mein Weib los werden und möchte nun gerne wiſſen auf welche Weiſe?“ „Auf keine Weiſe!“ erwiederte Mr. Bounderby. „Wenn ich ſie beſchädige, gibt's ein Geſetz, um mich zu be⸗ ſtrafen?“ 4 „Freilich gibt's eins.“ „Wenn ich von ihr fortlaufe, gibt's ein Geſetz, um mich zu beſtrafen?“ 4 „Freilich gibt's eins.“ „Wenn ich das andere liebe Mädel heirathe, gibt's ein Ge⸗ ſetz, um mich zu beſtrafen?“ „Freilich gibt's eins.“ „Wenn ich mit ihr lebte, ohne ſie zu heirathen— den Fall angenommen, daß ſo etwas ſein könnte, was eigentlich nie ge⸗ ſchehen würde oder könnte, da ſie ſo gut iſt— gibt es ein Geſetz, mich in jedem unſchuldigen Kinde zu beſtrafen, das mir gehören würde?“ ——- 8S8 2——,— 77 „Freilich gibt's eins.“ „»Zeigt mir nun, um Gottes willen,“ rief Stephen Blackpool, „das Geſetz womit mir zu helfen wäre.“ „ Dieſes Lebensverhältniß,“ ſagte Mr. Bounderby,„iſt ſanc⸗ tionirt und— und— muß aufrecht erhalten werden.“ „Nein, nein— ſagen Sie das nicht, Sir. In dieſer Weiſe kann es nicht aufrecht erhalten werden. Nicht in dieſer Weiſe. In dieſer Weiſe muß es zu Grunde gehen. Ich bin ein Weber und kam ſchon als Kind in die Fabrik, aber ich habe Augen um zu ſehen und Ohren um zu hören. Ich leſe die Zeitungen— jede Aſſiſenzeit, jede Seſſionszeit— und Sie leſen ſie auch— ich weiß es!— mit banger Beſorgniß, wie die Unmöglichkeit, ſich auf immer von einander loszuketten, um welchen Preis und unter welchen Bedingungen es auch geſchehen mag, Blut über unſer Land bringt und viele gemeine verheirathete Leute(ich ſage abermals mehr noch die Frauen als die Männer) zu Kampf, Mord und Todtſchlag führt. Räumt uns doch dieſes Recht ein. Mein Fall iſt ein ſehr trauriger und ich möchte von Ihnen— wenn ſie ſo gut ſein wollten— erfahren, welches Geſetz mir helfen könnte.“ „Ich will Euch nun was ſagen,“ bemerkte Bounderby, indem er die Hände in die Taſche ſteckte.„Es gibt ein ſolches Geſetz.“ Stephen nickte mit dem Kopfe, indem er in ſeine frühere Ruhe verſank und in ſeiner Aufmerkſamkeit verharrte. „Aber es iſt durchaus nicht für Euch. Es koſtet Geld. Koſtet eine ungeheure Summe.“ »Wie viel würde das ſein?“ fragte Stephen ruhig. „Nun, Ihr müßtet zu den Doctors' Commons) mit dem Prozeſſe gehen, dann müßtet Ihr zu dem Common Law n) mit einem Prozeſſe gehen, und Ihr müßtet zu dem Hauſe der Lords mit einem Prozeſſe gehen— dann müßtet Ihr einen Parlaments⸗ akt erlangen, wieder zu heirathen und es wuͤrde Euch koſten(wenn der Wind günſtig bläst), wie ich glaube, an tauſend bis fünfzehn⸗ hundert Pfund,“ ſagte Mr. Bounderby.„Vielleicht die doppelte Summe.“ „Gibt's kein anderes Geſetz?“ „Gewiß nicht.“ „»Nun denn, Sir,“ ſagte Stephen, indem er erblaßte und mit *) Collegium der Rechtsgelehrten in London. **) Gewohnheitsrecht. 78 der rechten Hand eine Bewegung machte, als gäbe er Alles den vier Wänden preis,„'s iſt trüber Schlamm. ˙s iſt alles zuſammen bicht als truͤber Schlamm und je früher ich ſterbe, deſto beſſer iſt's. (Mrs. Sparſit abermals über die Gottloſigkeit dieſer Leute in Betrübniß verſetzt.) „Pah, pah! ſprecht keinen Unſinn, mein gutes Närrchen,“ ſagte Mr. Bounderby,„von Dingen, die Ihr nicht verſtehet und nennt die Inſtitutionen Eures Landes nicht trüben Schlamm, oder Ihr werdet eines ſchönen Morgens ſelbſt in einen Schlamm gerathen. Die Inſtitutionen Eures Landes ſind nicht Eure Arbeit und das Einzige, was Ihr zu thun habt, iſt Eure Arbeit zu be⸗ ſorgen. Eure Frau iſt Euch nicht durch ein betrügeriſches Spiel zugefallen, ſondern Ihr habt ſie auf's Gerathewohl genommen. Wenn ſie ſich ſchlecht bewährt— nun, Alles was uns zu ſagen übrig bleibt iſt, daß ſie ſich als gut hätte bewähren können.“ „'S iſt trüber Schlamm,“ ſagte Stephen mit einem Kopf⸗ ſchütteln, als er ſich der Thüre näherte—„'s iſt Alles trüber Schlamm.“ „Ich will Euch nun was ſagen, fuhr Mr. Bounderby in einer Abſchiedsermahnung fort.„Mit Euren Geſinnungen, die ich als ruchlos bezeichnen möchte, habt Ihr dieſe Lady vollſtändig entrüſtet, die, wie ich Euch bereits geſagt habe, eine Lady von Geburt iſt und die, wie ich Euch noch nicht geſagt habe, ihre eigenen Unglücksfälle in der Ehe gehabt hat, die ſich auf ein zehntauſend Pfund beliefen— auf ein zehntauſend Pfund(er wiederholte es mit großem Behagen). Bis jetzt ſeid Ihr nun eine ſolide„Hand“ geweſen; meine Meinung iſt jedoch, und das will ich Euch geradezu ſagen, daß Ihr anfangt eine ſchlechte Bahn einzuſchlagen. Ihr habt irgend einem boshaften Fremden oder ſonſt Jemand Gehör gegeben— ſie ſind immer dabei— und das Beſte was Ihr thun könnt, iſt, Euch das Alles aus dem Kopfe zu ſchlagen. Nun, Ihr verſteht mich;“ hier nahm ſein Geſicht einen Ausdruck wunderbaren Scharfſinus an,„ich kann ebenſo tief in einen Schleifſtein gucken wie jeder Andere— ja, noch tiefer als Viele, weil mir die Naſe in meiner Jugend tüchtig ge⸗ rieben wurde. Ich wittre etwas von Schildkrötenſuppe, Wild⸗ pret und goldenen Löffeln. Ja, das thue ich,“ rief Mr. Boun⸗ derby den Kopf in ſeiner obſtinaten Weisheit ſchüttelnd.„Beim Lord Harry, das thue ich.“ N — yA———— — R er 79 Mit einem ganz verſchiedenen Kopfſchütteln und tiefem Seuf⸗ zer ſagte Stephen:„Ich danke Ihnen, Sir, und wünſche Ihnen einen guten Tag.“ So verließ er Mr. Bounderby, der gegen ſein Portrait an der Wand ſich aufblähte, als wollte er ſich hinein explodiren, und Mrs. Sparſit ſtrickte fortwährend mit ihrem Fuß im Steigbügel und ganz betrübt über die Laſter des Volkes. Zwölftes Kapitel. Der alte Stephen ſtieg die zwei weißen Stufen herab, nach⸗ dem er die ſchwarze Thüre mit der metallenen Thürplatte, ver⸗ mittelſt des metallenen Schlußpunktes geſchloſſen, dem er zum Abſchiede mit ſeinem Rockärmel noch eine kleine Politur gab, da er bemerkte, daß er von ſeiner warmen Hand angelaufen war. Mit niedergeſchlagenen Augen ging er über die Straße und ſchritt ſo kummervoll dahin, als er ſich plötzlich am Arm berührt fühlte. Es war nicht die Berührung, deren er in einem ähnlichen Augenblicke am meiſten bedurfte— die Berührung, welche die brauſenden Gewäſſer ſeiner Seele hätte beſchwichtigen können, wie die erhobene Hand der höchſten Liebe und Geduld das Toben des Meeres dämpfen konnte— und doch war es die Berührung einer Frauenhand. Seine Augen fielen, als er ſtillſtand und ſich umwandte, auf ein altes Weib, das groß und wohlgeformt war, obgleich die Zeit ſie ſchon welk gemacht hatte. Ihre Klei⸗ dung war ſehr reinlich und einfach, der Koth vom Lande klebte an ihren Schuhen— ſie mußte eben von einer Fußreiſe ge⸗ kommen ſein. Die Verwirrung ihres Benehmens in dem unge⸗ wohnten Straßenlärm— der ärmliche Shawl, den ſie entfaltet am Arme trug— der ſchwerfällige Regenſchirm und der kleine Korb— die weiten langfingerigen Handſchuhe, an welche ihre Hände nicht gewöhnt waren— Alles verrieth ein altes Weib vom Lande, das in den einfachen Feiertagskleidern auf eine Expedition höchſt ſeltener Art nach Coketown kam. Indem Stephen Black⸗ pool dieß mit der ſchnellen Beobachtungskraft ſeiner Klaſſe be⸗ merkte, neigte er ſein aufmerkſames Geſicht— ſein Geſicht, das wie die Geſichter ſo Vieler ſeines Standes, durch anhaltendes Arbeiten mit Augen und Händen inmitten eines ungeheuren Lär⸗ mens, einen concentrirten Blick ſich angeeignet hatte, den wir in dem Angeſicht des Tauben gewöhnlich vorfinden— um deſto beſſer ihre Frage vernehmen zu können.. 80 „Bitte, Sir,“ ſagte die Alte,„hab' ich Euch nicht aus dem Hauſe jenes Gentlemans kommen ſehen?“ wobei ſie nach demje⸗ nigen von Mr. Bounderby hinzeigte.„Ich glaube, Ihr waret es, wenn ich nicht ſo unglücklich war, mich in der Perſon zu irren, dem ich nachfolgte.“ „Ja, Miſſus,“ erwiederte Stephen,„ich war's.“ „Habt Ihr— entſchuldigt gefälligſt die Neugierde einer alten Frau— habt Ihr den Gentleman geſehen?“ „Ja, Miſſus.“ „Und wie ſah er aus, Sir? War er ſtattlich, kühn, redſelig, munter?“ Indem ſie ihren Leib emporrichtete und den Kopf in die Höhe hielt, um ihre Geberden den Worten anzupaſſen, durchkreuzte Stephen der Gedanke, daß er dieſe Frau ſchon früher geſehen und ſie nicht leiden mochte. 3 r0 ja,“ antwortete er, ſie aufmerkſamer betrachtend,„er war all' das. „Und geſund,“ fragte die Alte,„wie der friſchwehende Wind? „Ja,“ entgegnete Stephen,„er aß und trank ſo lärmend und derb, wie eine Hummel.“ 3 „Danke,“ ſagte die Alte mit unendlicher Zufriedenheit. Danke ſehr.“ Er hatte die alte Frau früher wohl nie geſehen. Dennoch ſchwebte ihm die unbeſtimmte Erinnerung vor, als habe er ſchon mehr als einmal von einer ähnlichen alten Frau geträumt. Sie ſchritt neben ihm her und bemerkte, indem er ſich ihrem Weſen fügte, daß Coketown ein betriebſamer Ort ſei, nicht wahr? Worauf ſie zur Antwort gab:„Ei, gewiß, ſchrecklich betriebſam.“ Dann ſagte er, ſie komme vom Lande, wie er ſehe? Worauf ſie eine bejahende Antwort gab. „Mit dem Parlamentstrain*), dieſen Morgen. Ich kam vierzig Meilen mit dem Parlamentstrain dieſen Morgen und dieſelben vierzig Meilen werde ich heute Nachmittag wieder zurück machen. Ich ging heute Morgen neun Meilen zu der Eiſenbahnſtation zu Fuße und wenn ich auf meinem Wege Niemanden finde, der mich mitnimmt, ſo werde ich dieſelben neun⸗ Meilen am Abend wieder *) Ein Train, der zufolge eines Parlamentsaktes jeden Morgen zu einem billigen Preiſe geht. Die engl. Meile koſtet dann einen Penny. 81 zurücklegen. Das iſt bei meinem Alter ein ſchönes Stück Arbeit, Sir!“ ſagte die alte Frau, mit fröhlich leuchtenden Augen. „Das iſt's. Ihr müßt es nicht zu oft thun, Miſſus.“ „Nein, nein. Einmal im Jahre,“ antwortete ſie kopfſchüt⸗ telnd,„gebe ich auf dieſe Weiſe meine Erſparniſſe aus,„nur ein⸗ mal jedes Jahr. Ich komme regelmäßig, um die Straßen durch⸗ zurennen und die Herren zu ſehen.“ „Bloß um ſie zu ſehen?“ fragte Stephen. »Das genügt mir,“ antwortete ſie mit großer Ernſthaftig⸗ keit und in Intereſſe erregender Weiſe.„Ich verlange nicht mehr. Ich bin hier auf dieſer Seite geſtanden, um jenen Gentleman“ ſich mit dem Kopfe abermals nach Mr. Bounderby's Wohnung umdrehend,„herauskommen zu ſehen. Aber er verweilt lange dieſes Jahr und ich habe ihn nicht geſehen. Ihr kamet anſtatt ſeiner heraus. Wenn ich nun zurückgehen muß, ohne einen Blick auf ihn geworfen zu haben— ich bedarf nur eines Blickes— auch gut! Ich habe Euch geſehen und ich muß damit zufrieden ſein.“ Indem ſie dieſes ſagte, betrachtete ſie Stephen, als wollte ſie ſich ſeine Geſichtszüge einprägen, wobei ihre Augen den frühern Glanz verloren hatten. Bei aller Einräumung der Verſchiedenheit des Geſchmackes und bei aller Unterwürfigkeit gegen die Patrizier von Coketown, ſchien ihm das doch ein außergewöhnlicher Gegenſtand des In⸗ tereſſes zu ſein, um ſich ſo viel Mühe deßhalb zu geben, daß er ganz verwirrt ward. Sie kamen jedoch gerade an der Kirche vorüber, und da er die Uhr erblickte, beſchleunigte er ſeinen Schritt. „Er geht wohl zur Arbeit?“ fragte die Alte, indem ſie leich⸗ terweiſe auch den ihrigen beſchleunigte. Ja, die Zeit war beinahe um. Da er ihr mittheilte, wo er arbeitete, ward die Alte eine noch ſeltſamere Alte als früher. „Seid Ihr nicht glücklich?“ fragte ſie ihn. „Nun— es gibt— vielleicht Niemanden, der nicht ſeine Beſchwerden hat, Miſſus,“ antwortete er ausweichend, da die Alte es für ausgemacht zu halten ſchien, daß er in der That ſehr glücklich ſein müſſe und er nicht das Herz hatte, ſie zu enttäuſchen. Er wußte, daß es des Ungemachs in der Welt genug gebe, und wenn die Alte ſchon ſo lange gelebt hatte und darauf rechnen konnte, daß ihm nur ſo wenig davon zu Theil geworden, nun, um ſo beſſer für ſie und nicht ſchlimmer für ihn. „Ja, ja! Ihr habt wohl häuslichen Kummer?“ fragte ſie. Boz. Schwere Zeiten. 6 82 „Manchmal. Dann und wann eben,“ antwortete er leichthin. „Da Ihr bei einem ſolchen Gentleman in Arbeit ſtehet, ſo folgt er Euch nicht in die Fabrik?“ „Nein, nein, er folgt mir nicht dahin,“ ſagte Stephen. Da iſt Alles ohne Tadel, Alles in Ordnung.(Er ging nicht ſo weit, um zu ihrem Vergnügen zu bemerken, daß eine Art gött⸗ lichen Rechtes daſelbſt obwalte, wir haben jedoch in letzterer Zeit faſt ähnliche herrliche Anſprüche verlauten hören.) Sie befanden ſich nun in der ſchwarzen Seitengaſſe, in der Nähe der Fabrik, wohin die„Hände“ ſich drängten. Die Glocke ſchellte und die Schlange war eine Schlange von verſchiedenen Windungen und der Elephant machte ſich bereit. Die ſonderbare Alte ſchien ſelbſt von der Glocke entzückt zu ſein. Es war die allerſchönſte Glocke, die ſie je vernommen, und klang großartig. Sie fragte ihn, als er vor ſeinem Eintreten gutmüthiger Weiſe ſtille ſtand, um ihr die Hand zu ſchütteln, wie lange er hier ſchon arbeite? „Ein Dutzend Jahre,“ ſagte er. „Ich muß die Hand küſſen,“ ſagte ſie,„die in dieſer ſchönen Fabrik ein Dutzend Jahre gearbeitet.“ Sie zog ſie empor, obgleich er ſie daran hindern wollte, und führte ſie an die Lippen. Die Harmonie ihres Weſens konnte er ſich bei ihrem Alter und ihrer Einfachheit nicht erklären, aber ſelbſt in dieſem fantaſtiſchen Be⸗ nehmen lag ein gewiſſes Etwas, das weder für Zeit noch Ort unſchicklich war, ein gewiſſes Etwas, von dem es ſchien, als ob ſonſt Niemand daſſelbe ſo ernſthaft und mit ſo einer natürlichen und rührenden Weiſe hätte thun können. Eine volle halbe Stunde war er, über dieſe Alte in Nach⸗ denken verſunken, an ſeinem Webeſtuhle geſeſſen, als er bei Gele⸗ genheit einer Wendung, die er zu deſſen Zurichtung machen mußte, einen Blick durch das Fenſter warf, das ſich in der Ecke befand, und ſie noch, vor dem Gebäude in Verwunderung verloren, da⸗ ſtehen ſah. Unbekümmert um Rauch, Kälte und Näſſe und ihre zwei langen Reiſen, ſtaunte ſie es an, als ob das ſchwerfällige Knarren, das aus ſeinen vielfachen Stockwerken ertönte, wie rauſchende Muſik an ihre Ohren klänge. Bald darauf war ſie fort, und der Tag folgte ihr, und die Lichter erglänzten wieder, und der Expreßtrain flog Angeſichts der Feenpaläſte über die Schwibbogen in raſchem Fluge vorüber: wenig ward inmitten des Maſchinengeklappers davon geſpürt, und bei dem Krachen und Knarren wurde kaum etwas gehört. Seine Gedanken waren indeſſen zu ſeinem trübſeligen Zimmer ober⸗ halb des kleinen Ladens und zu der ſchmachvollen Geſtalt zurück⸗ geeilt, die ſchwer auf dem Bette, noch ſchwerer aber ihm auf dem Herzen lag. Die Maſchinen erſchlafften— ſchlugen ſchwach wie ein er⸗ mattender Puls— hielten inne. Abermals die Glocke— der Lichtſchimmer und die Hitze verſchwanden— die Fabriken ſahen in der ſchwarzen naſſen Nacht düſter darein— und ihre hohen Sehefüſteine erhoben ſich in der Luft gleich den Thürmen von Babel. Es iſt wahr, daß er mit Rachael erſt am vorigen Abend geſprochen und ein wenig mit ihr gegangen war; nun lag aber das neue Unglück auf ihm, wobei ihm ſonſt Niemand auch nur für einen Augenblick Troſt zu gewähren vermochte, und deßhalb und auch weil er wußte, daß er jener Beſänftigung ſeines Zornes bedürfe, welche ihre Stimme allein bewirken konnte, fühlte er nun, daß er wenigſtens in ſo ferne ihre Worte aus der Acht laſſen dürfte, um wieder auf ſie zu warten. Er wartete, aber ſie hatte ihn getäuſcht. Sie war bereits fort. An keinem Abend des ganzen Jahres kam es ihm ſo ſchwer an, ihr ſanftes Geſicht zu entbehren. 3 O! Wahrlich beſſer keinen häuslichen Herd beſitzen, wohin man ſein müdes Haupt legen kann, als einen wirklich haben und wegen einer ſolchen Urſache ſich ſcheuen, ihn zu betreten. Er aß und trank, denn er war erſchöpft— aber er wußte nicht was, noch kümmerte er ſich darum. Er irrte in dem kalten Regen umher, immerfort denkend und denkend und brütend und brütend. Kein einziges Wort hinſichtlich einer zweiten Heimath war je zwiſchen ihnen gewechſelt worden; aber Rachael hatte ihm ſeit Jahren Mitleid bewieſen, und ihr allein hatte er während dieſer ganzen Zeit ſein gedrücktes Herz über die Urſache ſeines Elends geöffnet, und er wußte wohl, daß wenn er um ihre Hand anhalten dürfte, ſie ihm dieſelbe nicht verweigern würde. Er dachte an den häuslichen Herd, zu dem er im jetzigen Augenblicke mit Stolz und Vergnügen geeilt wäre— welch ein anderer Mann er jetzt geweſen wäre, wie leicht es ihm dann um das Herz geweſen wäre, das jetzt ſo ſchwer beladen war, und an die wieder herge⸗ ſtellte Ehre, Selbſtachtung und Ruhe— was jetzt Alles zerſtort 6* 84 war. Er dachte an den Verluſt ſeiner beſten Lebenszeit, an den Wechſel der in ſeinem Charakter in jeder Beziehung zum Schlechten ſtattgefunden, an die ſchreckliche Beſchaffenheit ſeiner Exiſtenz, da ihm Hand und Fuß an ein todtes Weib gebunden war und ihn ein Dämon in ihrer Geſtalt folterte. Er dachte an Rachael, wie jung ſie war, als ſie ſich zum erſten Mal unter dieſen Umſtänden begegneten, wie herangereift ſie jetzt war, und wie bald ſie alt werden ſollte. Er dachte an die Mädchen und Jungfrauen, die ſie ſich verheirathen geſehen, wie viele Familien ſie um ſich geſehen, wo die Kinder heranwuchſen, wie ſie ſich zufrie⸗ den gab, ihren ruhigen, einſamen Pfad fortzuwandeln— ſeinet⸗ wegen bloß— und wie er zuweilen den Schatten der Melancholie über ihr liebreiches Geſicht hat ſchweben ſehen, waäs ihn mit Ge⸗ wiſſensbiſſen und Verzweiflung erfüllte. Er ſtellte ſich ihr Bild neben der ſchmachvollen Erſcheinung von der vergangenen Nacht vor und dachte: Iſt es möglich, daß die ganze irdiſche Laufbahn eines ſo ſanften, guten und ſich aufopfernden Weſens von ſo einem erbärmlichen Geſchöpfe, wie jene iſt, abhängig ſein ſollte! Er füllt von dieſen Gedanken— ſo ſehr erfüllt, daß er ein unbehagliches Gefühl der Ausdehnung empfand, als träte er in eine neue und krankhafte Beziehung zu den Gegenſtänden, die ihn umgaben, und als ſähe er den Lichtkreis von jedem Nebel⸗ lichte roth erglänzen— ging er Obdach ſuchend nach Hauſe. Dreizehntes Kapitel. Ein ſchwacher Lichtſchimmer erhellte das Fenſter, vor welchem die ſchwarze Leiter ſchon oft aufgerichtet worden, um das, was einer ſich abmühenden Frau und einer Brut hungriger Kinder in dieſer Welt am koſtbarſten war, darauf heruntergleiten zu laſſen. Stephen ward nun bei ſeinen ſonſtigen Gedanken auch auf die ernſthafte Betrachtung geleitet, daß von allen zufälligen Ereigniſſen des irdiſchen Daſeins keines mit ſo ungleicher Hand ausgetheilt werde, als der Tod. Die Ungleichheit der Geburt ſchien ihm Nichts dagegen. Denn angenommen, daß das Kind eines Königs und das eines Webers in dieſer Nacht in demſelben Augenblicke geboren wurde, was war dieſe Verſchiedenartigkeit gegen den Tod eines menſchlichen Weſens, das einem zweiten nutzdienlich oder theuer war, während dieſes verworfene Weib am Leben bleibt!. Von der Außenſeite ſeiner Wohnung begab er ſich düſter 85 geſtimmt in das Innere derſelben, mit angehaltenem Athem und leiſen Schritten. Er näherte ſich ſeiner Thür, öffnete ſie und trat ſo in's Zimmer. Ruhe und Friede herrſchte daſelbſt. Rachael befand ſich da, am Bette ſitzend. Sie wandte ihren Kopf, und der Schimmer ihres Geſichtes fiel leuchtend in die Mitternächtigkeit ſeines Gemüthes. Sie ſaß am Bette, bei ſeiner Frau wachend und ſie pflegend. Das heißt, er ſah Jemanden daſelbſt liegen und er wußte zu gut, daß ſie es ſein müſſe; Rachael hatte jedoch einen Vorhang angebracht, um ſie vor ſeinen Blicken zu verbergen. Ihre elenden Kleidungsſtücke waren beſeitigt und einige von Rachael lagen an deren Stelle. Alles war an ſeinem Platze und in Ordnung, wie er es immer gehabt. Das kleine Feuer war ſauber geſchürt und der Herd friſch gefegt. Es ſchien ihm als ſähe er all' das in Rachaels Geſicht und ſah ſonſt auf Nichts. Während er es ſo betrachtete, verſchwand es durch die Thränen der Rührung, die ſein Auge erfüllten, vor ſeinem Blick— doch geſchah das nicht eher als bis er geſehen hatte, wie ernſthaft ſie ihn anſchaute, und wie ſelbſt ihre Augen mit Thränen gefüllt waren. Sie wandte ſich abermals gegen das Bett und ſprach, nach⸗ dem ſie ſich gerne überzeugt hatte, daß daſelbſt Alles ruhig war, mit einer leifen, gelaſſenen und heiteren Stimme: „Ich bin froh, daß du endlich nach Hauſe gekommen biſt, Stephen. Du kommſt ſehr ſpät.“ „Ich bin auf und ab gegangen.“ „Ich dachte es. Aber dazu iſt die Nacht zu ſchlimm. Der Regen iſt ſehr ſtark und der Wind bläst heftig.“ »Der Wind? Wohl wahr. Er wehete ſtark. Horch auf das Donnern im Kamin und auf das tobende Gepolter. Bei einem ſolchen Winde ausgeweſen zu ſein und nicht gewußt zu haben, daß er wehete!“ „Ich bin heute ſchon einmal da geweſen, Stephen. Die Hausfrau holte mich um die Mittagsſtunde.„„Jemand iſt hier,«** ſagte ſie,„„der Pflege braucht.“« Und wahrlich, ſie hatte Recht. Sie fantaſirt und iſt bewußtlos, Stephen. Auch verwundet und voller Beulen.“ 3 Er ging ſachte zu einem Stuhle und ſetzte ſich nieder, indem er den Kopf vor ihr ſenkte. „Ich kam um das Wenige zu thun, was in meiner Macht 86 ſteht, Stephen. Erſtens weil wir als Mädchen zuſammen arbei⸗ teten, und weil du ihr den Hof machteſt und ſie heiratheteſt, als ſie meine Freundin war—“ Er legte die furchenreiche Stirne auf die Hand mit einem tiefen Seufzßer. „Und dann weil ich dein Herz kenne und es ganz gewiß weiß, daß es zu barmherzig iſt, um ſie ſterben, oder aus Mangel an Hülfe ſie auch nur leiden zu laſſen. Du kennſt wohl den Spruch: „Der ohne Sünde unter Euch iſt, werfe den erſten Stein auf ſie.“ Gar Viele haben das gethan. Du aber biſt nicht der Mann, den letzten Stein auf ſie zu werfen, wenn ſie ſo tief geſunken.“ „O Rachael, Rachael!“ „Du haſt grauſam gelitten, der Himmel belohne dich dafür,“ ſagte ſie in mitleidsvollem Tone.„Ich bin deine arme Freundin mit ganzem Herzen und Gemüthe.“ Die Wunden, von denen ſie geſprochen hatte, ſchienen am Halſe der Selbſtſchänderin zu ſein. Sie verband ſie jetzt, ohne dieſelbe ſeinen Blicken bloßzuſtellen. Sie tauchte ein Stück Linnen in ein Becken, worein ſie etwas Flüſſiges aus einer Flaſche ge⸗ goſſen hatte und legte es ſanft auf die wunde Stelle. Der drei⸗ beinige Tiſch war in die Nähe des Bettes gezogen worden und auf ihm befanden ſich zwei Flaſchen. Das war eine davon. Sie befand ſich nicht ſo weit von ihm entfernt, daß Stephen, der ihren Bewegungen mit den Blicken gefolgt war, nicht hätte leſen können, was mit großen Buchſtaben darauf gedruckt war. Todtenbleich wandte er ſich ab und ein plötzliches Grauen ſchien ihn zu überkommen. „Ich will hier bleiben,“ ſagte Rachael, indem ſie ihren Platz wieder ruhig einnahm,„bis die Glocke drei ſchlagen wird. Um drei muß es wieder vorgenommen werden, dann kann man ſie bis zum Morgen allein laſſen.“ ⸗ „Aber deine Ruhe für die morgige Arbeit, meine Gute?“ „Ich habe vergangene Nacht gut geſchlafen. Ich kann viele Nächte durchwachen, wenn es ſein muß. Du jedoch bedarfſt der Ruhe— ſo bleich und müde. Verſuche es doch, in dem Stuhle hier zu ſchlafen, während ich wache. Du haſt die vorige Nacht nicht geſchlafen, das kann ich mir wohl denken. Die morgige Arbeit wird dir ſchwerer fallen als mir.“ Er vernahm das Donnern und Toben von draußen und es 87 ſchien ihm, als ob ſeine frühere düſtere Verſtimmung ſich wieder Mühe gebe, es ihm anzuthun. Sie hatte ſie ausgetrieben, ſie wird ſie wohl auch ferne halten; er hegte das Vertrauen zu ihr, daß ſie ihn vor ſich ſelbſt beſchützen werde. „Sie kennt mich nicht; ſie murmelt nur ſo ſchläfrig und ſtiert herum. Ich habe einige Mal zu ihr geſprochen, aber ſie achtete nicht darauf.'s iſt ſo auch gut. Wenn ſie wieder zur Beſinnung kommt, ſo werde ich gethan haben, was ich konnte, ſie aber wird darum nicht beſſer ſein.“ „Wie lang dürfte ſie in dieſem Zuſtand bleiben, Rachael?“ »Der Doktor ſagte, ſie könnte wohl morgen zur Beſinnung kommen.“ Seine Augen fielen abermals auf die Flaſche, wobei ihn ein Schaudern überkam, das alle ſeine Glieder erbeben machte. Sie glaubte er zittere vor Kälte.„Nein,“ ſagte er,„es war nicht das. Ich habe einen Schrecken gehabt.“ „Einen Schrecken?“ „Ja doch! Ja doch! als ich hereintrat. Als ich herumging. Als ich nachdachte. Als ich—« Es hatte ihn wieder erfaßt— und er erhob ſich, indem er ſich auf das Kamingeſims ſtützte und das naßkalte Haar mit der Hand, welche zitterte als ob ſie lahm wäre, bei Seite ſtrich. „Stephen!“ Sie wollte ſich ihm nähern, er ſtreckte jedoch ſeine Hand aus, um ſie zurückzuhalten. „Nicht! Nicht doch, bitte! Nicht doch! Laß mich dich wieder am Bette ſitzen ſehen. Laß mich dich ſehen, ſo gut und ſo ver⸗ gebend. Laß mich dich ſehen, wie ich dich bei meinem Herein⸗ treten ſah. Ich kann dich nie beſſer als ſo ſehen. Niemals, niemals, niemals.“ Er bekam wieder ein heftiges Zittern und ſank dann in den Stuhl. Nach einiger Zeit ermannte er ſich und indem er den Ellbogen auf das Knie und den Kopf auf die Hand ſtützte, konnte er Rachael betrachten. Wie er ſie durch den matten Lichtſchimmer mit ſeinen feuchten Augen anblickte, ſah ſie aus, als ſchwebe ein Glorienſchein um ihr Haupt. Er hätte glauben mögen, das ſei wirklich der Fall. Er glaubte es, als der Wind von außen die Fenſter erſchütterte, an der Thür unten raſſelte und tobend und klagend um das Haus brauste. „»Wenn ſie beſſer wird, Stephen, dann iſt zu hoffen, daß ſie 88 dich wieder allein laſſen und dir keinen Schaden mehr zufügen wird. Hoffen wir das auf jeden Fall. Nun aber werde ich ſchweigen, denn ich will, daß du ſchlafeſt.“ Er ſchloß ſeine Augen, mehr aus Liebe zu ihr als um ſeinem müden Haupte Ruhe zu gönnen; wie er jedoch dem Toben des Windes lauſchte, hörte er nach und nach auf, ihn zu vernehmen, oder er verwandelte ſich in das Schnurren ſeines Webeſtuhles, oder ſelbſt in die Stimmen, die er am Tage vernommen(die ſeinige mit eingeſchloſſen) die das wiederholten, was wirklich ge⸗ ſagt worden. Selbſt dieſes unvollkommene Bewußtſein verſchwand endlich und er träumte einen langen, verworrenen Traum. Er meinte, daß er ſich mit einer Perſon, die ihm ſchon ſeit Langem theuer war— aber dieß war nicht Rachael und das nahm ihn Wunder ſelbſt inmitten ſeines illuſoriſchen Glückes— in der Kirche befand, um getraut zu werden. Während die Ceremonie vollzogen wurde, und während er unter den Zeugen Manche er⸗ kannte, die noch am Leben, und Manche von denen er wußte, daß ſie ſchon todt waren, brach eine Finſterniß herein, der ein ſchreck⸗ liches Licht folgte. Es ging aus von einer Zeile auf den Tafeln des Geſetzes und die flammenden Worte erleuchteten das Gebäude. Sie ertönten auch durch die Kirche, als ob die feurigen Buchſtaben Stimmen beſäßen. Hierauf veränderte ſich die ganze Erſcheinung ringsum und nichts war von Allem übrig geblieben, außer ihm und dem Geiſtlichen. Sie ſtanden am hellen Tageslicht vor einer ſo ungeheuren Menge, daß er meinte, wenn ſämmtliche Bewohner dieſer Welt in Einen Raum hätten zuſammengebracht werden können, ſo würden ſie keinen zahlreicheren Anblick gewährt haben. Sie verabſcheuten ihn alle, und unter den Millionen, die ihn anſtarrten, war nicht ein einziges freundliches oder mitleids⸗ volles Auge für ihn. Er ſtand auf einem erhöheten Gerüſte unter ſeinem eigenen Webeſtuhle, und indem er die Geſtalt be⸗ trachtete, die der Webeſtuhl annahm, und die Leichenfeier ganz deutlich über ſich abhalten hörte, wußte er wohl, daß er ſich da befinde, um hingerichtet zu werden. In einem Augenblicke war das, worauf er geſtanden hatte, unter ihm zuſammengebrochen, und er war fort. Durch welches Wunder er zu ſeiner gewöhnlichen Lebens⸗ weiſe und zu den ihm bekannten Stellen wieder zurückkehrte, das vermochte er nicht zu enträthſeln; er befand ſich jedoch durch irgend welche Mittel wieder an jenen Stellen, aber mit dem Fluche 89 beladen, weder in dieſer noch in der andern Welt, durch alle undenkbaren Ewigkeiten hin, jemals Rachaels Geſicht zu ſehen oder ihre Stimme wieder zu hören. Indem er unaufhörlich hin und her irrte, um ein unbekanntes Etwas aufzuſuchen(er wußte bloß, daß er verdammt ſei, es aufzuſuchen), war er von einem na⸗ menloſen fürchterlichen Grauen, einer tödtlichen Furcht vor einer gewiſſen Geſtalt beherrſcht, die alle Dinge annahmen. Was er immer betrachten mochte, vewandelte ſich früher oder ſpäter in jene Geſtalt. Sein jammervolles Daſein drehte ſich einzig darum, zu verhindern, daß nicht jemand von den verſchiedenen Leuten, die ihm begegneten, ſie erkennen möchte. Vergebliche Mühe! Wenn er ſie aus den Zimmern entfernte wo ſie ſich befand, wenn er Kaſten und Schränke verſchloß wo ſie war, wenn er die Neugierigen von den Stellen entfernte wo er ſie verborgen wußte und ſie auf die Straße führte, ſo nahmen ſelbſt die Schornſteine der Mühlwerke jene Geſtalt an und rund um dieſelben ſtand jenes Wort gedruckt. Der Wind blies abermals, der Regen ſchlug auf die Giebeln der Häuſer und die größeren Räume, die er durchgeſtreift hatte, ſchrumpften zu den vier Wänden ſeines Zimmers zuſammen. Mit der Ausnahme, daß das Feuer verloſchen war, befand ſich da Alles wie als ſeine Augen ſich geſchloſſen hatten. Rachael ſchien auf dem Stuhle am Bette eingeſchlummert zu ſein. Sie ſaß in ihren Shawl eingehüllt vollkommen ruhig. Der Tiſch ſtand an derſelben Stelle, dicht beim Bette und darauf befand ſich, mit ſeinen wirklichen Proportionen und ſeinem Aeußern, die ſo oft erwähnte Geſtalt. Er meinte den Vorhang ſich bewegen zu ſehen. Er ſah aber⸗ mals hin und war jetzt gewiß, daß er ſich bewege. Er nahm jetzt eine Hand wahr, die zum Vorſchein kam und ein wenig herum⸗ tappte. Dann bewegte ſich der Vorhang ſichtbarer, das Weib im Bette ſchob ihn zurück und richtete ſich empor. Mit ihren jammervollen Augen, die ſo graß und wild, ſo matt und weit offen waren, blickte ſie im ganzen Zimmer umher und ſtreifte den Winkel wo er auf einem Stuhle ſchlief. Ihre Augen kehrten wieder zu jenem Winkel und ſie hielt die Hand vor dieſelben, wie um ſie zu beſchatten, während ſie nach dem Winkel ſah. Sie ſchweiften abermals im Zimmer umher, bemerkten kaum Rachael und kehrten wieder zu jenem Winkel zurück. Er meinte, als ſie dieſelben wieder beſchattete— nicht ſowohl um auf ihn zu ſehen, als um nach ihm zu ſehen mit dem thieriſchen 90 Inſtinkte, daß er da ſei— daß keine einzige Spur von dem Weibe, das er vor achtzehn Jahren geheirathet hatte, in jenen wüſten Zügen oder in dem Geiſte der ſich in ihnen kundgab, zu⸗ rückgeblieben ſei. Hätte er ſie zu dieſem Zuſtande nicht ſtufen⸗ weiſe herunterſinken geſehen, ſo würde er nie haben glauben mögen, daß ſie dieſelbe ſei. Während dieſer ganzen Zeit war er bewegungs⸗ und kraftlos und war bloß im Stande ſie zu bewachen. Schläfrig hinbrütend oder mit ihrem unfähigen Selbſt ſich über Nichts unterhaltend, ſaß ſie eine kurze Weile mit den Händen an den Ohren und ſtützte ſich auf dieſelben. Gleich darauf fing ſie wieder an herumzuſtieren. Jetzt ruheten ihre Augen zum erſten Male auf dem Tiſche, wo ſich die Flaſchen befanden. Flugs wandte ſie ihre Augen mit dem herausfordernden Trotze von der vorigen Nacht zurück nach dem Winkel und ſtreckte, indem ſie ſich höchſt vorſichtig und ſachte bewegte, ihre ſchmierige Hand aus. Sie nahm einen Becher zu ſich in's Bett und ſaß eine Weile nach⸗ denkend da, welche von den beiden Flaſchen ſie wählen ſollte. Endlich griff ſie unſinniger Weiſe nach der Flaſche, die ſchnellen und gewiſſen Tod in ſich barg, und riß vor ſeinen Augen den Stöpſel mit den Zähnen heraus. Traum oder Wirklichkeit, er war nicht der Stimme mächtig und beſaß auch nicht Kraft genug um ſich zu bewegen. Wenn das Wirklichkeit iſt und ihre beſtimmte Zeit iſt noch nicht da, wache, Rachael, wache! Sie dachte auch daran. Sie blickte Rachael an und goß den Inhalt ganz ſachte und höchſt vorſichtig aus. Der Trank war an ihren Lippen. Einen Augenblick und ſie wäre rettungslos ver⸗ loren geweſen, käme auch die ganze Welt mit all' ihrer Macht herbei, um über ſie zu wachen. In demſelben Augenblicke fuhr Rachael mit einem unterdrückten Schrei empor. Die Creatur rang, ſchlug ſie und faßte ſie bei den Haaren; Rachael hatte jedoch den Becher. Stephen rief von ſeinem Stuhle aus:„Rachael, wache oder träume ich, in dieſer ſchrecklichen Nacht?“ „Geht Alles gut, Stephen. Ich ſelbſt war eingeſchlafen! 's iſt gleich drei. St! Ich höre die Glocke.“ Der Wind brachte den Schall der Kirchenuhr an's Fenſter. Sie horchten auf und es ſchlug drei. Stephen blickte ſie an, ſah wie bleich ſie war, bemerkte die Unordnung ihres Haares und die u—44 4 1—————— * 91 rothen Fingerſpuren auf ihrer Stirne und war nun gewiß, daß ſeine Sinne des Geſichtes und des Gehöres ſich im bewußten Zu⸗ ſtande befänden. Sie hielt noch immer den Becher in der Hand. „Ich dachte, es müſſe nah' an drei ſein,“ ſagte ſie, indem ſie den Becher in das Becken ruhig ausleerte und das Linnen wie früher wieder eintauchte.„Ich bin froh, daß ich geblieben bin. Wenn ich das aufgelegt habe, ſo iſt Alles gethan. Da— jetzt iſt ſie wieder rnhig. Die wenigen Tropfen im Becken will ich ausſchütten, das iſt zu ſchlechtes Zeug, um es ſo herumſtehen zu laſſen, wenn auch noch ſo wenig davon.“ Während ſie das ſagte, ließ ſie das Becken in die Aſche beim Feuer abtropfen und zer⸗ brach die Flaſche am Herde. Sie hatte dann nichts mehr zu thun, als ſich in den Shawl zu hüllen, ehe ſie in den Wind und Regen hinausging. „Du wirſt mich doch um dieſe Stunde mit dir gehen laſſen, Rachael?“ „Nein, Stephen, es dauert nur eine Minute und ich bin zu Hauſe.“ „8u fürchteſt dich nicht,“ ſagte er mit leiſer Stimme, indem ſie auf die Thüre zugingen,„mich mit ihr allein zu laſſen!“ Wie ſie ihn nun anſah und„Stephen“ ausrief, ſank er auf den ſchlichten, ärmlichen Treppen vor ihr auf die Kniee nieder und drückte einen Zipfel ihres Shawles an die Lippen. „Du biſt ein Engel. Gott mit dir! Gott mit dir!« „Ich bin, wie ich dir geſagt habe, Stephen, deine arme Freundin. Engel ſind nicht wie ich. Zwiſchen ihnen und einer ſündigen Arbeiterin befindet ſich ein tiefer Abgrund. Mein Schwe⸗ ſterlein iſt unter ihnen, aber ſie iſt ganz verwandelt. Sie erhob ihre Augen für einen Moment, als ſie dieſe Worte ausſprach; dann fielen ſie wieder mit ihrer ganzen Milde und Sanftheit auf ſein Geſicht. »Du haſt mich vom Schlechten zum Guten geleitet. Du er⸗ regſt in mir den demüthig frommen Wunſch, dir mehr gleich zu werden und die Furcht, dich zu verlieren, wenn dieſes Leben vorüber und der ganze trübe Schlamm beſeitigt iſt. Du biſt ein Engel; es dürfte wohl ſein, daß du meine Seele bei Lebzeiten gerettet haſt.“ Sie blickte ihn an, wie er ihren Shawl noch in der Hand haltend, zu ihren Füßen kniete, und der Verweis erſtarb auf ihren Lippen, als ſie das Arbeiten ſeiner Geſichtszüge wahrnahm. „Ich kam verzweiflungsvoll nach Hauſe. Ich kam ohne Hoff⸗ 92² nung nach Hauſe, und der Gedanke machte mich wie verrückt, daß wenn ich eine Klage laut werden ließe, ſie mich für eine unraiſon⸗ nable„Hand“ halten würden. Ich ſagte dir, daß ich einen Schrecken gehabt hatte. Es war die Giftflaſche auf dem Tiſche. Ich habe nie einem lebendigen Geſchöpfe was zu Leide gethan— da ich aber ſo raſch darauf ſtieß, dachte ich: Wer weiß, was ich mir ſelbſt oder ihr, oder uns Beiden angethan hätte!“ Mit ſchreckenbleichem Geſichte legte ſie ihm die Hände auf den Mund, um ihn davon abzuhalten, noch mehr zu ſagen. Er fing dieſelben in den freien Händen auf, und hielt ſie feſt, indem er ſich fortwährend an ihren Shawl klammerte und haſtig ausrief: „Aber ich ſah dich, Rachael, beim Bette ſitzen. Ich habe dich während dieſer ganzen Nacht geſehen. In meinem unruhigen Schlaf wußte ich auch noch, daß du da biſt. Ich werde dich immer da ſehen. Ich werde ſie niemals ſehen oder ihrer gedenken, ohne daß du an ihrer Seite ſein wirſt. Ich werde niemals etwas ſehen, das mich zornig machen kann oder daran denken, ohne daß du, die du um ſo Vieles beſſer biſt, als ich, an deſſen Seite ſtehen wirſt. Und nun will ich verſuchen, der Zeit entgegen zu ſehen und will auch verſuchen, der Zeit zu vertrauen, wo du und ich endlich weit dahin gehen werden, jenſeits des tiefen Abgrunds, in das Land wo dein Schweſterlein weilet.“ Er küßte abermals den Zipfel ihres Shawles und ließ ſie gehen. Sie wünſchte ihm mit gebrochener Stimme gute Nacht und ging hinaus auf die Straße. Der Wind blies von der Seite, wo der Tag bald heranbrechen ſollte, und blies noch immer heftig. Er hatte den Himmel aufgeklärt; der Regen hatte ſich erſchöpft oder zog nach andern Orten, und die Sterne ſchienen hell. Er ſtand mit entblößtem Haupte auf der Straße und beobachtete ihr ſchnelles Verſchwinden. Wie die ſchimmernden Sterne dem matten Lichte im Fenſter glichen, ſo verhielt ſich Rachael in der rauhen Nanaſe dieſes Mannes zu den gewöhnlichen Erfahrungen ſeines ebens. Vierzehntes Kapitel. Die Zeit bewegte ſich in Coketown wie deſſen eigene Ma⸗ ſchinerien: ſo viel Stoff verarbeitet, ſo viel Brennmaterial verbraucht, ſo viele, Kräfte abgenützt und ſo viel Geld gemacht. Aber weniger unerbittlich als Eiſen, Stahl und Meſſing machte 24— AR 93 ſie ihre veränderlichen Jahreszeiten ſelbſt in dieſer Wildniß von Rauch und Ziegelſteinen geltend und brachte die einzige Abwechſe⸗ lung hervor, die jemals in der ſchrecklichen Einförmigkeit dieſes Ortes ſtattgefunden. „Luiſe,“ ſagte Mr. Gradgrind,„iſt beinahe zur Jungfrau gereift.“ Die Zeit mit ihrer unzählbaren Pferdekraft arbeitete fort, unbekümmert darum was Jemand ſagen mochte, und ſtellte den jungen Thomas jetzt um einen Fuß höher hin, als damals wo ſein Vater zum letzten Mal beſondere Notiz von ihm genommen. „Thomas,“ ſagte Mr. Gradgrind,„iſt beinahe zum jungen Manne gereift.“ Die Zeit brachte unterdeſſen Tdhomas in dem Mühlwerke vor⸗ wärts, während ſein Vater noch darüber nachdachte, und da ſtand er nun in einem langen Rock mit Schößen und in einem ſteifen Hemdkragen. „»Wahrlich,“ ſagte Mr. Gradgrind,„die Zeit iſt herangerückt, wo Thomas zu Mr. Bounderby gehen ſollte.“ Die Zeit verſetzte Thomas, indem ſie ſich an ihm feſt anhielt, in Mr. Bounderby's Bank, verwandelte ihn zu Mr. Bounderby's Hausgenoſſen, machte den Ankauf des erſten Raſirmeſſers für ihn erforderlich und übte ihn fleißig in ſeinen Berechnungen in Bezug auf Nummer Eins. Derſelbe große Fabrikant, fortwährend mit einer unermeßlichen Mannigfaltigkeit von Arbeit in jedem Ent⸗ wickelungszuſtande beſchäftigt, brachte auch Eili in ſeinem Mühl⸗ werke vorwärts und arbeitete ſie wirklich zu einem ſehr ſchönen Artikel aus. „Ich befürchte, Jupe,“ ſagte Mr. Gradgrind,„daß dein fer⸗ neres Verbleiben in der Schule nutzlos ſein dürfte.“ „Ich befürchte das ebenfalls, Sir,“« antwortete Cili mit einem Knix. »Ich kann es dir nicht verbergen, Jupe,“ ſagte Mr. Grad⸗ grind mit einem Stirnrunzeln,„daß ich mich in dem Reſultate deiner Probezeit allhier getäuſcht ſehe, ſehr getäuſcht ſehe. Du haſt unter Mr. und Mrs. M'Choakumchild bei weitem nicht den Grad von exaktem Viſſen erlangt, den ich erwartete. Du biſt äußerſt unvollkommen in deinen Thatſachen, deine Bekanntſchaft vt Zahlen iſt ſehr beſchränkt, du biſt arg zurück und weit vom iele. 3 „Es thut mir leid, Sir,“ erwiederte ſie,„aber ich weiß, es 94 iſt vollkommen wahr. Und doch habe ich mir ſchwere Mühe ge⸗ geben, Sir.“ „Ja,“ ſagte Mr. Gradgrind,„ich glaube, daß du dir ſchwere Mühe gegeben; ich habe dich beobachtet und finde in dieſer Hin⸗ ſicht nichts zu tadeln.“ „Ich danke, Sir. Manchmal dachte ich,“ Cili ſprach hier äußerſt furchtſam,„daß ich mich vielleicht beſtrebte, zu viel zu lernen und daß, wenn ich um Erlaubniß gebeten hätte, ein Bischen weniger zu verſuchen— dann dürfte ich wohl—“ „Nein, Jupe, nein,“ ſagte Mr. Gradgrind, das Haupt in ſeiner vollkommenſten und höchſt ausgezeichnet praktiſchen Weiſe ſchüttelnd.„Nein, den Weg den du verfolgteſt, haſt du nach dem Syſteme verfolgt— nach dem Syſteme— und darüber läßt ſich nun weiter nichts ſagen. Ich kann bloß der Vermuthung Raum geben, daß die Verhältniſſe deines früheren Lebens für die Ent⸗ wickelung deines Verſtandes zu ungünſtig waren, und daß wir zu ſpät angefangen haben. Wie dem aber auch ſein mag, ſo bin ich in meinen Erwartungen getäuſcht worden.“ „Ich wollte, ich wäre im Stande geweſen, meine Erkenntlich⸗ keit, Sir, für ihre Güte gegen ein armes verlaſſenes Mädchen, das auf Sie keinen Anſpruch hatte und für Ihren Schutz gegen dieſelbe, beſſer an den Tag zu legen.“ „Weine doch nicht,“ ſagte Mr. Gradgrind,„weine nicht. Ich beklage mich nicht über dich. Du biſt ein liebevolles, ernſtes, gutes Mädchen und— wir müſſen uns damit zufrieden geben.“ „Danke, Sir, danke Ihnen ſehr,“ ſagte Cili mit einem dank⸗ baren Knix. „Du biſt für Mrs. Gradgrind von Nutzen und im Allge⸗ meinen biſt du auch der Familie nußdienlich: ſo ſagte mir Luiſe, und ich habe es in der That ſelbſt gemerkt. Ich hoffe daher,“ ſagte Mr. Gradgrind,„daß du dich in dieſem Verhältniß glücklich fühlen könnteſt.“ „Mir würde Nichts zu wünſchen übrig bleiben, Sir, wenn—“ „Ich verſtehe, was du meinſt,“ ſagte Mr. Gradgrind,„du kommſt immer wieder auf deinen Vater zurück. Ich hörte von Miß Luiſen, daß du jene Flaſche noch immer aufbewahrſt. Gut! Wenn deine Ausbildung in der Wiſſenſchaft zu exakten Reſultaten zu gelangen erfolgreicher geweſen wäre, ſo würdeſt du in dieſem Punkte vernünftiger geweſen ſein. Ich will nichts mehr darüber ſagen.“ Er hatte in der That Eili zu lieb, um ſie gering zu ſchätzen. Uebrigens hatte er von ihrer Calkulationskraft eine ſo geringe Meinung, daß er auf jenen Schluß verfallen mußte. Auf die eine oder andere Weiſe faßte er die Idee, daß in dieſem Mädchen ein gewiſſes Etwas vorhanden ſei, das kaum durch tabellariſche Formen auseinandergeſetzt werden könnte. Ihre Definitionsfähigkeit konnte mit einer niedrigen Zahl, ihr mathematiſches Weſen mit Null bezeichnet werden. Trotzdem war er nicht gewiß, ob er im Stande geweſen wäre, ſie vollſtändig zu entziffern, wenn man an ihn die Forderung geſtellt hätte, ſie in einem Parlamentsberichte genau auseinander zu ſetzen. Der Prozeß der Zeit geht bei manchen Stufen der Produ⸗ zirung in der menſchlichen Fabrik äußerſt raſch vor ſich. Der kleine Thomas und Cili, die ſich eben auf dieſer Stufe ihrer Ausarbeitung befanden, erlebten dieſe Veränderungen in einem oder zwei Jahren— während Mr. Gradgrind ſelbſt in ſeiner Laufbahn ſtehen blieb und keine Veränderung erlitt. Mit Ausnahme von Einer, die nicht zu ſeinem nothwendigen Prozeſſe in dem Mühlwerk gehörte. Die Zeit drängte ihn in eine geräuſchvolle und ziemlich ſchmutzige Maſchine, in einen engen Winkel, und machte ihn zum Parlamentsmitglied für Coketown— zu einem der geachteten Mit⸗ glieder für Maß und Gewicht— zu einem der Repräſentanten für die Multiplikationstafel— zu einem der für alles Uebrige taub ehrenwerthen Gentlemen, blind ehrenwerthen Gentlemen, krumm ehrenwerthen Gentlemen, todt ehrenwerthen Gentlemen. Wozu lebten wir denn ſonſt in einem chriſtlichen Lande, achtzehn hundert und ſo und ſo viel Jahre nach unſerem Heiland! Während dieſer ganzen Zeit entwickelte ſich Luiſe ſo ſtill und verſchloſſen und hatte ſich ſehr der Beobachtung der funkenſprü⸗ henden Aſche ergeben, wie ſie in der Dämmerung in den Kaminroſt hinunterfiel und erloſch, daß ſie von der Zeit, wo ihr Vater ge⸗ ſagt hatte, ſie reife beinahe zur Jungfrau heran— was erſt wie geſtern ſchien— kaum ſeine Aufmerkſamkeit wieder erregt hatte, als er ſie auf einmal wirklich als vollendete Jungfrau vor ſich ſah. „Eine ganze Jungfrau!« ſagte Mr. Gradgrind nachſinnend. „Du lieber Himmel!“ Bald nach dieſer Entdeckung ward er mehrere Tage hindurch nachdenklicher als gewöhnlich und ſchien von einem Gegenſtande vollſtändig eingenommen zu ſein. Eines Abends, als er eben im Begriffe war auszugehen und Luiſe vor ſeinem Weggehen gute 96 Nacht ſagen wollte— da er erſt ſpät nach Hauſe kommen wollte und ſie ihn nicht bis zum nächſten Morgen ſehen würde— hielt er ſie in den Armen, indem er ſie in ſeiner wohlwollendſten Weiſe betrachtete und ſagte: „Meine liebe Luiſe, du biſt eine Jungfrau.“ Sie antwortete mit dem alten, flüchtigen und forſchenden Blick von jenem Abend, wo ſie beim Circus getroffen ward: dann ſchlug ſie die Augen nieder.„Ja, mein Vater.“ „Meine Liebe,“ ſagte Mr. Gradgrind,„ich muß mit dir allein und ernſthaft ſprechen. Morgen nach dem Frühſtück komm zu mir auf mein Zimmer. Willſt du?“ „Ja, mein Vater.“. „Deine Hände ſind ja ſo kalt, Luiſe. Biſt du unwohl?“ „Ganz wohl, mein Vater.“ „Und frohen Muthes?“ Sie blickte ihn abermals an und lachte in ihrer eigenthüm⸗ lichen Weiſe.„Ich bin ſo frohen Muthes, mein Vater, wie ich es gewöhnlich bin und wie ich es gewöhnlich geweſen bin.“ „SDas iſt recht,“ ſagte Mr. Gradgrind, damit küßte er ſie und ging fort. Luiſe kehrte zu dem heitern Gemach, das wie eine Friſeur⸗ ſtube ausſah, zurück und betrachtete, indem ſie den Ellbogen auf die Hand lehnte, die verſprühenden Funken, die ſich ſo raſch in Aſche verwandelten. „Biſt du hier, Loo?“ fragte ihr Bruder, indem er zur Thüre hineinguckte. Er war nun ganz ein Gentleman nach der Mode, aber nicht ein ganz einnehmender. „Lieber Tom,“ antwortete ſie ſich erhebend und ihn umar⸗ mend,„wie lange iſt es her, ſeitdem du mich nicht geſehen haſt!“ „Nun, ich bin in den Abenden anderweitig beſchäftigt geweſen, Loo, und während des Tages werde ich von dem alten Bounderby ziemlich ſtreng gehalten. Aber ich ziehe ihn mit dir auf, wenn er zu ſtark damit kommt und ſo bewahren wir ein gutes Einver⸗ nehmen. Hör' mal! Hat Vater dir heute oder geſtern etwas Beſonderes mitgetheilt, Loo 2 „Nein, Tom. Aber er ſagte mir heute Abend, daß er es morgen thun wolle.“ „Ahl das meine ich,“ ſagte Tom, und mit einem bedeutungs⸗ dollen Ahedrnge:„Weißt du, wo er heute Abend iſt?“ „Nein. 97 „Dann will ich's dir ſagen. Er iſt beim alten Bounderby. Sie plaudern regelmäßig zuſammen, oben in der Bank. Warum in der Bank, frägſt du? Nun, ich will dir auch das ſagen. Um Mirs. Sparſit's Ohren ſo fern als möglich zu halten, wie ich glaube.“ Die Hand auf die Schulter ihres Bruders legend, ſtand Luiſe noch immer da und betrachtete das Feuer. Ihr Bruder ſah ihr mit mehr Intereſſe als gewöhnlich in's Geſicht und indem er ſeine Arme um ihren Leib ſchlang, zog er ſie ſchmeichelnd an ſich heran. „Du haſt mich recht lieb, Loo, nicht wahr? „Das iſt wirklich der Fall, obgleich du eine ſo geraume Zeit dahin gehen laſſen konnteſt, ohne mich zu beſuchen.“ „Nun gut, meine liebe Schweſter,“ ſagte Tom,„wenn du ſo ſprichſt, ſo kommſt du meinen Gedanken nahe. Wir könnten um ſo viel öfter beiſammen ſein— nicht wahr? Beinahe immer beiſammen— nicht wahr? Es würde für mich von großem Nutzen ſein, wenn du dich, ich weiß recht wohl zu was, ent⸗ 3 ſchließen würdeſt, Loo. Das wär' was Herrliches für mich. Das wäre ungemein heiter.“ Ihre Tiefſinnigkeit vereitelte all' ſein ſchlaues Forſchen. Er konnte aus ihrem Geſichte nichts herausleſen. Er umarmte ſie und küßte ſie auf die Wangen. Sie erwiederte den Kuß, blickte aber immer in's Feuer. e„Hör' mal, Loo! Ich dachte, es ſei gut hieher zu kommen 4 und dir eben einen Wink zu geben von dem was vorgeht: obwohl ich vermuthete, daß du es wahrſcheinlich errathen würdeſt, ſelbſt N —— ⸗ wenn du es nicht weißt. Ich kann nicht bleiben, weil ich heute 8 Abend mit einigen Kameraden zuſammenkomme. Du wirſt doch 1 nicht vergeſſen, wie ſehr du mich lieb haſt?“ y„Nein, lieber Tom, ich werde es nicht vergeſſen.“ n„»Das iſt ein famoſes Mädchen,“ ſagte Tom.„Adje, Loo.“ ⸗ Sie wünſchte ihm herzlich gute Nacht und begleitete ihn bis 8 zur Thüre, von wo man die Lichter von Coketown ſehen konnte, was der Entfernung einen dunkeln Anſtrich gab. Sie ſtand da, 8 blickte dieſelben unverwandt an und horchte auf ſeine davoneilenden Schritte. Sie waren raſch, als wären ſie froh ſich von Stone 3 Lodge zu entfernen— ſie aber ſtand noch immer da, als er be⸗ reits fort und Alles ruhig war.. Es ſchien als ob ſie— zuerſt aus dem Feuer an ihrem eigenen Boz. Schwere Zeiten. 7 98 Herde und dann aus dem dichten, feuerigen Nebel von draußen— herauszugrübeln verſuchte, was für ein Gewebe der alte Chronos, dieſer größte und von Allen am längſten etablirte Spinner, aus den Fäden weben würde, die er bereits in ein Frauengemüth ge⸗ ſponnen. Aber ſeine Faktorei iſt ein geheimnißvoller Ort, ſein Arbeiten geräuſchlos und ſeine„Hände“ ſind ſtumm. Fünfzehntes Kapitel. Obgleich Mr. Gradgrind ſich nicht wie Blaubart benahm, ſo war ſein Zimmer doch ein vollſtändig blaues Gemach, in Folge der großen Menge von blauen Büchern), die ſich daſelbſt vor⸗ fanden. Was ſie immer auch beweiſen mochten(was gewöhnlich Alles war, das man wünſchte), das bewieſen ſie allda in einer Armee, die durch die Ankunft von neuen Rekruten fortwährend Verſtärkung erhielt. In dieſem Zaubergemache wurden die complicirteſten ſocialen Fragen aufgeworfen, in exacte Summen ausgerechnet und endlich in's Reine gebracht— wenn die Betref⸗ fenden nur zum Verſtändniß derſelben gebracht werden konnten. Wie ein Aſtronom, der in einer Sternwarte ohne Fenſter, das Sternenſyſtem einzig und allein durch Papier, Feder und Dinte regeln würde, ſo brauchte Mr. Gradgrind in ſeinem Obſerva⸗ torium(und es gibt gar viele, die demſelben gleichen) auf die fruchtbaren Myriaden von menſchlichen Weſen nicht erſt einen Blick der Beobachtung zu werfen, ſondern war im Stande, ihre ſämmtlichen Schickſale auf einer Schiefertafel anzugeben und all' ihre Thränen mit einem ſchmutzigen Stückchen Schwamm abzu⸗ wiſchen. In dieſem Obſervatorium nun— ein ſtarres Zimmer mit einer grauenhaft⸗ſtatiſtiſchen Uhr, die jede Sekunde mit einem Schlage verkündete, der wie das Pochen auf einem Sargdeckel klang— erſchien Luiſe an dem beſtimmten Morgen. Das Fenſter ſah nach Coketown und als ſie ſich zu ihrem Vater an den Tiſch ſetzte, fiel ihr Blick auf die hohen Rauchfänge und die langen Rauchwindungen, die in der trüben Entfernung düſter zum Vor⸗ ſchein kamen. 2 „Meine liebe Luiſe,“ ſagte ihr Vater.„Ich bereitete dich geſtern Abend darauf vor, mir in dem Geſpräche, das wir jetzt *) Blue books werden die engl. Parlamentsrapporte genannt. 2 — N= N= 99 miteinander haben werden, ernſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Du biſt ſo wohl erzogen worden und du machſt, was ich mit Ver⸗ gnügen geſtehe, der Erziehung, die dir zu Theil worden, ſo viel Ehre, daß ich in deinen Verſtand viel Vertrauen ſetze. Du biſt nicht reizbarer oder romantiſcher Natur, du biſt gewöhnt Alles von dem kräftigen und leidenſchaftloſen Standpunkte der Vernunft und der Calculation zu betrachten. Ich weiß, du wirſt auch nur von dieſem Standpunkte den Gegenſtand betrachten, den ich dir mittheilen will.“ Er wartete, als hätte es ihn gefreut, wenn ſie etwas ſagte. Aber ſie ließ ſich kein Wort verlauten. „Luiſe, meine Theure, du biſt der Gegenſtand eines Heiraths⸗ antrages, der mir gemacht worden.“ Er wartete abermals und abermals antwortete ſie mit keiner Sylbe. Das überraſchte ihn ſo ſehr, daß er ſich bewogen fühlte, mit ſanfter Stimme zu wiederholen: „Ein Heirathsantrag, meine Theure.“ Worauf ſie ohne die geringſte ſichtbare Erregung antwortete: „Ich höre, mein Vater. Seien Sie verſichert, ich bin auf⸗ merkſam.“ »Nun gut,“ ſagte Mr. Gradgrind, nachdem er einen Augen⸗ blick ganz verdutzt dageſtanden,„du biſt ſelbſt leidenſchaftloſer als ich erwartete. Oder biſt du vielleicht auf die Mittheilung, die ich dir machen will, nicht unvorbereitet?“ „Ich kann nichts darüber ſagen, bis ich ſie gehört habe. Vorbereitet oder unvorbereitet, ich will ſie nun einmal ganz von Ihnen vernehmen. Ich wünſche, daß Sie mir dieſelbe auseinander⸗ ſetzten, mein Vater.“ Es klingt ſonderbar, aber Mr. Gradgrind war in dieſem Augenblicke nicht in ſolcher Faſſung als ſeine Tochter. Er nahm ein Papiermeſſer in die Hand, drehte es herum, legte es nieder, hob es wieder auf und ſelbſt dann mußte er, in der Betrachtung wie er fortfahren ſollte, die Klinge beſchauen. „»Was du da ſagſt, meine liebe Luiſe, iſt ganz vernünftig. Ich habe es nun übernommen, dich davon in Kenntniß zu ſetzen, daß Mr. Bounderby mich davon benachrichtigte, daß er deine Fortſchritte ſeit Langem mit Vergnügen und beſonderer Theil⸗ nahme beobachtet hat und ſchon längſt die Hoffnung hegte, daß die Zeit endlich heranrücken dürfte, wo er dir ſeine Hand anbieten könnte. Dieſe Zeit, welcher er ſo lange und wahrlich mit ſo 7* 100 viel Beharrlichkeit entgegengeſehen, iſt nun gekommen. Mr. Boun⸗ derby hat mir den Heirathsantrag mitgetheilt und hat mich dringend gebeten, ihn zu deiner Kunde zu bringen und ſeine Hoffnung aus⸗ zudrücken, daß du ihn in freundliche Erwägung ziehen werdeſt.“ Stillſchweigen unter ihnen. Die grauenhaft⸗ſtatiſtiſche Wand⸗ Uhr ſehr hohl. Der ferne Rauch ſehr ſchwarz und dicht. „Mein Vater,“ ſagte Luiſe,„glauben Sie, daß ich Mr. Boun⸗ derby liebe?“ btüfkr. Gradgrind war ganz durch dieſe unerwartete Frage ver⸗ üfft. „Gut, mein Kind,“ entgegnete er.„Ich— kann— es wahr⸗ lich nicht über mich nehmen, das zu behaupten.“ „Mein Vater,“ fuhr Luiſe ganz in der frühern Stimme fort, „fordern Sie von mir, daß ich Mr. Bounderby liebe?“ „Nein, meine liebe Luiſe, nein. Ich fordere nichts.“ „Mein Vater,“ beharrte Luiſe,„ſtellt Mr. Bounderby die Forderung an mich, daß ich ihn liebe 2* „Wirklich, meine Theure,“ ſagte Mr. Gradgrind,„deine Frage iſt ſchwer zu beantworten.“ „Schwer zu beantworten. Ja oder Nein, mein Vater?“ „Gewiß, mein Kind. Weil,“ hier gab es etwas zu demon⸗ ſtriren, was ihn wieder in's rechte Geleiſe brachte,„weil die Antwort, Luiſe, ſo weſentlich von dem Sinne abhängt, in welchem wir einen Ausdruck gebrauchen. Nun iſt Mr. Bounderby nicht ſo ungerecht gegen dich und auch nicht gegen ſich ſelbſt, daß er auf etwas Schwärmeriſches, Fantaſtiſches oder(ich bediene mich ſyno⸗ nymer Ausdrücke) etwas Sentimentales Anſpruch machte. Mr. Bounderby müßte dich wohl vergeblich unter ſeinen Augen haben aufwachſen ſehen, wenn er geradezu vergeſſen könnte, was er deinem geſunden Menſchenverſtand, geſchweige gar dem ſeinigen, ſchuldig iſt, und an dich in ähnlicher Abſicht ſich wenden wollte. Deßhalb dürfte ſelbſt der Ausdruck— ich mache dich bloß auf⸗ merkſam darauf, mein Kind— ein wenig übel angewendet ſein.“ „Was würden Sie mir rathen, Vater, an deſſen Stelle zu gebrauchen?“ „Nun, meine liebe Luiſe,“ antwortete Mr. Gradgrind, dies⸗ mal mit volle. Faſſung.„Ich würde, da du mich einmal darum agſt, dir rat, en, dieſe Frage ſo zu betrachten, wie du gewohnt s bei jede⸗ andern Frage zu thun, ſie nämlich als ein greif⸗ — 2— 101 bares Faktum zu betrachten. Die Unwiſſenden und Leichtſinnigen mögen bei ſolchen Gegenſtänden von unanwendbaren Hirngeſpinnſten geplagt werden, und auch von anderen Gegenſtänden, die gar keine Exiſtenz— vom richtigen Standpunkte aus betrachtet, wirklich gar keine Exiſtenz haben— daß du die Sache aber beſſer ver⸗ ſtehſt, iſt gar kein Compliment für dich. Nun, was ſind denn die Fakten bei dieſem Falle? Du biſt, wir wollen in runden Zahlen ſprechen, zwanzig Jahre alt, Mr. Bounderby iſt, wir wollen in runden Zahlen ſprechen, fünfzig Jahre alt. Es waltet in eurem bezüglichen Alter einige Ungleichheit vor— in euren Verhältniſſen und eurer Lage jedoch iſt gar keine vorhanden. Im Gegentheil, bei dieſen herrſcht eine große Gleichförmigkeit. Dann entſteht die Frage, iſt dieſe einzige Ungleichheit genügend, um ſich als Schranke gegen eine ſolche Heirath zu erheben?* Bei der Erwägung dieſer Frage iſt es nicht unwichtig, die Statiſtik der Heirathen in Berechnung zu ziehen, in ſo ferne ſie uns in England und Wales bekannt worden. Ich finde, wenn ich die Zahlen zu Rathe ziehe, daß eine große Anzahl dieſer Heirathen zwiſchen Parteien von ungleichem Alter geſchloſſen werden, und daß der ältere Theil bei dieſen Partien, in mehr als drei Vierteln ähnlicher Fälle, der Bräutigam iſt. Es verdient als merkwürdiger Beweis der Ueberlegenheit dieſes Geſetzes beſonders hervorgehoben zu werden, daß unter den Eingebornen in den Britiſchen Be⸗ ſitzungen von Indien, wie auch in einem beträchtlichen Theile von China und unter den Kalmücken der Tartarei, nach den beſten Berechnungen, die von Reiſenden angeſtellt worden, dieſelben Re⸗ ſultate zum Vorſchein kommen. Die Ungleichheit, deren ich Er⸗ wähnung gethan, hoͤrt daher beinahe auf Ungleichheit zu ſein und(in der Wirklichkeit) verſchwindet ſie auch.« „Was rathen Sie mir,“ fragte Luiſe, deren gefaßtes, zurück⸗ haltendes Weſen nicht im geringſten durch dieſe erhebenden Re⸗ ſultate ergriffen wurde,„für den Ausdruck zu gebrauchen, deſſen ich mich foeben bediente? für den übel angewendeten Ausdruck?“ „»Luiſe,“ entgegnete ihr Vater,„es ſcheint mir, daß nichts einfacher ſein kann. Wenn du dich ſtreng auf das Faktum be⸗ ſchränkſt, ſo lautet die Frage des Faktums, die du dir zu ſtellen haſt: ‚Macht Mr. Bounderby mir einen Heirathsantrag 2⸗ Ja, er thut es. Die einzige Frage, welche. dann noch übrig bleibt iſt:„Soll ich ihn heirathen?: Ich glaube, niches kann einfacher ſein, als das.“ 4 10² 8„Soll ich ihn heirathen?“ wiederholte Luiſe mit tiefem Nach⸗ innen. „Ganz richtig. Es gereicht mir, als deinem Vater, meine gute Luiſe, zur Befriedigung, wahrzunehmen, daß du bei der Er⸗ wägung dieſer Frage nicht auf vorhergefaßte Meinungen oder Gewohnheiten zurückkömmſt, wie ſie bei vielen jungen Frauen⸗ zimmern gefunden werden.“ „Nein, mein Vater,“ entgegnete ſie,„das thue ich nicht.“ „Ich überlaſſe nun die Sache deinem eigenen urtheil,“ ſagte Mr. Gradgrind,„den Fall habe ich einmal ſtatuirt, wie der⸗ gleichen Fälle unter praktiſchen Leuten gewöhnlich ſtatuirt werden. Ich habe ihn ſtatuirt, wie der ähnliche Fall zwiſchen mir und deiner Mutter zu ſeiner Zeit ſtatuirt worden. Das Uebrige fällt deiner Entſcheidung anheim, meine gute Luiſe.“ Sie war von Anfang, den Blick unverwandt auf ihn geheftet, dageſeſſen. Wie er ſich nun jetzt auf ſeinem Sitze zurücklehnte und die Augen ſeinerſeits auf ſie richtete, hätte er vielleicht einen ſchwankenden Moment bei ihr wahrnehmen können, da es ſie ge⸗ waltſam antrieb, ſich an ſeine Bruſt zu werfen und die ver⸗ ſchloſſenen Geheimniſſe ihres Herzens vor ihm auszuſchütten. Um indeſſen dafür ein Auge zu haben, hätte er mit einem Satze über die künſtlichen Schranken ſpringen müſſen, die er ſeit Jahren zwiſchen ſich und den ſubtilen Weſenheiten des Menſchenthums aufgerichtet hatte, welche ſtets der äußerſten Gewandtheit der Algebra entwiſchen werden, bis der Schall der letzten Trompete ſelbſt die Algebra in den Wind blaſen wird. Die Schranken waren für einen ſolchen Sprung zu zahlreich und zu hoch. Er hatte kein Ange dafür. Er härtete ſie mit ſeinem hartnäckigen, utilitariſchen Thatſachen⸗Geſichte wieder ab— und der Moment ſchoß in die grundloſe Tiefe der Vergangenheitz hinunter, um ſich mit all den verlorenen guten Gelegenheiten zu miſchen, die dort ſchon ertrunken waren. Indem ſie ihre Augen von ihm abwandte, blickte ſie ſo lange ſchweigend nach der Stadt hin, daß er endlich ausrief:„Willſt du dich bei den Schornſteinen der Gebäude von Coketown Raths erholen, Luiſe?“ „Ich ſehe daſelbſt nichts, als öden, einförmigen Rauch, dennoch kommt, wenn die Nacht herniederſinkt, Feuer zum Vor⸗ ſchein,“ antwortete ſie ſich raſch umdrehend. 103 „Freilich, das iſt mir wohl bekannt, Luiſe. Ich ſehe die Anwendung der Bemerkung nicht ein.“ Um ihm Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, er ſah es wirk⸗ lich nicht ein.⸗ Sie ging darüber mit einer leichten Handbewegung hinweg und ſagte, indem ſie ihre Aufmerkſamkeit wieder auf ihn con⸗ centrirte:„Mein Vater, ich habe oft daran gedacht, daß das Leben ſo kurz iſt.“ 1 Das gehörte ſo ſehr in ſeinen Bereich, daß er einfiel: „Ohne Zweifel iſt es kurz, mein Kind, dennoch iſt es be⸗ wieſen, daß die durchſchnittliche Dauer des menſchlichen Lebens in den letzten Jahren zugenommen hat. Die Calculationen ver⸗ ſchiedener Lebensverſicherungs⸗Anſtalten und Leibrenten⸗Büreaux haben mit anderen untrüglichen Berechnungen dieſes Faktum be⸗ ſtätigt.“ 9,3ch ſpreche von meinem eigenen Leben, mein Vater.“ „O, wirklich?« rief Mr. Gradgrind.„Doch brauche ich nicht erſt hervorzuheben, daß es denſelben Geſetzen unterworfen iſt, welche das Menſchenleben in Summa regieren.“ „So lange es währt, möchte ich das Wenige vollbringen, deſſen ich im Stande und wozu ich geeignet bin. Was iſt daran gelegen!“ Mr. Gradgrind war über die Bedeutung der letzten vier Worte in ziemlicher Verlegenheit und rief:„Wie, gelegen? Was, gelegen, mein Kind?“ „Mr. Bounderby,“ fuhr ſie in geſetzter, gerader Weiſe fort, „macht mir einen Heirathsantrag. Die Frage, die ich mir dabei zu ſtellen habe, iſt die: ‚Soll ich ihn heirathen?'s iſt doch ſo, Vater, nicht wahr? Sie ſagten mir ſo, mein Vater? Sagten Sie nicht!“ „Gewiß, mein Kind.“ „Dem ſei ſo. Da Mr. Bounderby mich in dieſer Weiſe nehmen mag, ſo bin ich gewillt auf ſein Anerbieten einzugehen. Sa⸗ gen Sie ihm, Vater, ſobald es Ihnen gefällig iſt, daß dieß meine Antwort war. Wiederholen Sie dieſelbe, Wort für Wort, wenn Sie können, denn ich wünſche, daß er wiſſe, was ich geſagt habe.“ „Es iſt ganz recht, mein Kind,“ entgegnete ihr Vater billi⸗ gend,„pünktlich zu ſein. Ich werde dein billiges Begehren er⸗ füllen. Haſt du noch einen Wunſch, hinſichtlich der Zeit deiner Vermählung, mein Kind?“. 104 „Keinen, mein Vater. Was iſt daran gelegen!“ Mr. Gradgrind hatte ſeinen Stuhl näher zu ihr gerückt und ihre Hand gefaßt, die Wiederholung dieſer Worte ſchien jedoch wie ein Mißklang an ſeine Ohren zu dringen: Er machte eine Pauſe, um ſie zu betrachten und ſagte, ſie fortwährend bei den Händen haltend: „Luiſe, ich hielt es nicht für weſentlich nothwendig, an dich eine gewiſſe Frage zu richten, weil die Möglichkeit, die mit der⸗ ſelben verbunden iſt, zu weit hergeholt iſt. Vielleicht ſollte ich es aber dennoch thun. Du haſt doch niemals ingeheim einen andern Antrag empfangen?“ „Mein Vater,“ erwiederte ſie beinahe zornig,„welch' ein An⸗ trag konnte mir denn gemacht werden? Wen habe ich geſehen? Wo bin ich geweſen? Was ſind die Erfahrungen meines Herzens? „Meine gute Luiſe,“ entgegnete ihr Vater ermuthigt und zu⸗ frieden geſtellt,„du weiſeſt mich ganz richtig zurecht. Ich wollte mich bloß meiner Pflicht entledigen.“ „Was weiß ich denn, Vater, von Geſchmack und Neigung, von Sehnſucht und Vorliebe? von all' dem Theile meines Weſens, in dem dergleichen geringfügige Dinge genährt werden konnten? Welche Abſchweifung hatte ich von zu demonſtrirenden Problemen und greifbaren Realitäten?“ Indem ſie dieß ſagte, ſchloß ſie unbewußt die Hand, wie um einen feſten Körper und öffnete ſie dann langſam, als ob ſie Staub und Aſche losließe. „Mein Kind,“ ſtimmte ihr ausgezeichnet praktiſcher Vater bei, „vollkommen wahr, vollkommen wahr.“ „Nun, mein Vater,“ fuhr ſie fort,„was iſt das für eine ſonderbare Frage? Der Vorzug, den ſich Kinder unter einander zu geben pflegen und von dem ich ſelbſt gehört habe, hat in meiner Bruſt nie ſeinen unſchuldigen Sitz aufgeſchlagen. Sie ſind ſo vorſichtig mit mir geweſen, daß ich nie das Herz eines Kindes beſaß. Sie haben mich ſo wohl erzogen, daß ich niemals den Traum eines Kindes geträumt. Sie ſind, mein Vater, von meiner Wiege bis zur gegenwärtigen Stunde, ſo weiſe mit mir verfahren, daß ich niemals einen kindiſchen Glauben oder eine kindiſche Furcht empfand.“ Mr. Gradgrind war von ſeinem Erfolge und dem darüber ausgeſtellten Zeugniſſe ganz gerührt.„Meine gute Luiſe,“ ſagte — 10⁵ er,„du vergiltſt mir reichlich meine Sorgfalt. Küſſe mich, meine geliebte Tochter!“ Demzufolge küßte ihn ſeine Tochter. Dann ſagte er, indem er ſie umarmt hielt: „Ich kann dir die Verſicherung geben, mein Lieblingskind, daß mich der wohlweisliche Entſchluß, den du gefaßt haſt, glück⸗ lich macht. Mr. Bounderby iſt ein höchſt merkwürdiger Menſch und was man auch immer von einer Ungleichheit ſagen mag,— wenn es überhaupt eine iſt— die zwiſchen Euch obwalten dürfte, das erhält durch die Bildung deines Geiſtes mehr als ein bloßes Gegengewicht. Es war immer mein Streben, dich ſo zu erziehen, daß du ſelbſt in früher Jugend ſchon jedes Alter(wenn ich mich ſo ausdrücken darf) haben könnteſt. Küſſe mich nochmals, Luiſe. Nun laß uns zu deiner Mutter gehen.“ Demzufolge giengen ſie hinunter in's Drawing-room*), wo die geſchätzte Lady, die keinen Nonſens an ſich hatte, wie ge⸗ wöhnlich in liegender Stellung daſaß, während Cili bei ihr mit einer Arbeit beſchäftigt war. Sie gab einige ſchwache Zeichen des Auflebens, als ſie eintraten, und gleich darauf zeigte ſich das matte Transparent wieder in liegender Stellung. „Mrs. Gradgrind,“ ſagte ihr Gatte, der auf die Ausführung dieſer Heldenthat mit Ungeduld gewartet hatte,„erlauben Sie mir, Ihnen Mrs. Bounderby vorzuſtellen.“ „»Oh!“ rief Mrs. Gradgrind.„Ihr habt alſo die Geſchichte in Ordnung gebracht. Nun gut, ich hoffe wahrhaftig, daß du in guter Geſundheit bleiben wirſt, denn wenn dein Kopf zu zer⸗ ſpringen anfängt, ſobald du verheirathet biſt, was bei mir der Fall war, ſo kann ich nicht denken, daß du zu beneiden biſt, ob⸗ gleich du ohne Zweifel glaubſt, daß du es biſt, wie dieß bei allen Mädchen der Fall iſt. Ich gratulire dir indeſſen, mein Kind, und ich hoffe, daß du deine ſämmtlichen graphieologiſchen Stu⸗ dien gut anwenden wirſt— ja, das thue ich ganz gewiß. Ich muß dir einen Gratulationskuß geben, Luiſe, aber berühre nicht meine rechte Schulter, denn daſelbſt rieſelt etwas den ganzen Tag herunter. Nun ſeht nur zu,“ winſelte Mrs. Gradgrind, indem ſie ihre Shawls nach der zärtlichen Ceremonie wieder zurecht legte,„wie ich mich jetzt Morgens, Mittags und Abends ab⸗ quälen werde, um auszudenken, wie ich ihn nennen ſoll.“ *) Geſellſchaftsszimmer. Das vordere Zimmer im erſten Stock. 106 „Mrs. Gradgrind,“ ſagte ihr Gatte feierlich,„was meinen Sie?2« 6 „Wie ich ihn denn nennen ſoll, Mr. Gradgrind, wenn er einmal mit Luiſen verheirathet iſt. Ich muß ihn doch etwas nennen.'s iſt unmöglich,“ ſagte Mrs. Gradgrind mit einem aus Höflichkeit und Vorwurf gemiſchten Gefühle,„ihn immer anzuſprechen, ohne ihm einen Namen zu geben. Ich kann ihn nicht Joſiah heißen, denn dieſer Name iſt mir unerträglich. Sie ſelbſt würden nichts von Joe hören wollen, das wiſſen Sie recht wohl. Oder ſoll ich meinen Schwiegerſohn mit Miſter anreden? Nicht eher, wie ich glaube, bis die Zeit herangerückt iſt, wo meine Verwandten auf mir, als einer Hinſiechenden mit Füßen herumtreten würden. Nun aber, wie ſoll ich ihn denn nennen?“ Da Niemand zugegen war, der in dieſer Bedrängniß ein Auskunftsmittel dargeboten hätte, ſo ſchied Mrs. Gradgrind für jetzt von dieſem Leben, nachdem ſie das folgende Codicil zu den bereits mitgetheilten Bemerkungen hinzugefügt hatte: „»Was die Hochzeit anbelangt, ſo iſt Alles, was ich begehre, Luiſe— und ich begehre es mit einem Zittern in der Bruſt, das 4 ſich thatſächlich bis zu den Sohlen meiner Füße erſtreckt— daß 8 ſie bald ſtatt finde, ſonſt weiß ich, wird das eines von den Ge⸗ genſtänden ſein, die gar kein Ende nehmen wollen.“ Als Mrs. Bounderby von Mr. Gradgrind vorgeſtellt wurde, hatte Cili den Kopf umgewandt und blickte in Verwunderung, in Bedauern, in Kummer, in Zweifel und in einer Menge von Gefühlen auf Luiſen. Luiſe hatte es gewußt und geſehen, ohne ſie anzublicken, von dieſem Augenblicke an war ſie paſſiv, ſtolz und kalt— hielt Cili entfernt von ſich— und war gegen ſie ganz verwandelt. Sechzehntes Kapitel. Als Mr. Bounderby die Kunde von ſeinem Glücke vernahm, ſo beſtand ſeine erſte Verlegenheit in der Nothwendigkeit, dieſelbe Mrs. Sparſit mitzutheilen. Er konnte mit ſich ſelbſt nicht darüber einig werden, wie das anzuſtellen ſei, oder was die Folgen eines ſolchen Schrittes ſein dürften. Ob ſie ſogleich mit Sack und Pack zu Lady Scadgers reiſen, oder ſich weigern würde das Haus überhaupt zu verlaſſen, ob ſie ſich durch Klagen oder Schmäh⸗ reden Luft machen oder ob ſie Alles zerreißen oder ſelbſt zerriſſen ſein würde, ob ſie ihr Herz oder den Spiegel entzwei brechen 2——-ͤ 107 würde— das konnte Mr. Bounderby durchaus nicht vorherſehen. Da es aber geſchehen mußte, ſo blieb ihm keine andere Wahl übrig, als es zu thun; nachdem er es nun mit mehreren Briefen verſucht hatte und ſte ihm ſämmtlich mißlangen, entſchloß er ſich es mündlich zu thun.. Auf ſeinem Heimwege an dem Abend, den er zu dieſem wich⸗ tigen Zwecke anberaumt hatte, gebrauchte er die Vorſicht ſich in den Laden eines Apothekers zu begeben und eine Flaſche der am allerſtärkſten riechenden Salzeſſenzen zu kaufen.„Beim Georg,“ ſagte Mr. Bounderby,„wenn ſie mir mit einer Ohnmacht kommt, ſo werde ich ihr jedenfalls die Haut von der Naſe abreiben.“ Trotzdem er jedoch auf dieſe Weiſe bewaffnet war, trat er in ſein eigenes Haus mit einer nichts weniger als muthigen Miene und erſchien vor dem Gegenſtande ſeiner bangen Beſorgniſſe, wie ein Hund, der es ſich bewußt war, direkt aus der Speiſekammer zu kommen. „Guten Abend, Mr. Bounderby.“ »Guten Abend, Ma'am, guten Abend.“ Er ſchob ſeinen Stuhl vor, Mrs. Sparſit ſchob den ihrigen zurück, als wollte ſie ſagen:„Ihr Kamin, Sir. Ich räume es ungehindert ein. Sie können ihn ganz einnehmen, wenn Sie es für billig halten.“ „Wandern Sie doch nicht gar nach dem Nordpol, Ma'am,“ ſagte Mr. Bounderby. „Danke, Sir,“ erwiederte Mrs. Sparſit, indem ſte zu ihrer frühern Poſition, obgleich nur unbedeutend vorrückte. „Mr. Bounderby ſaß da und betrachtete ſie, wie ſie in ein Stückchen Batiſt mit einer ſteifen, ſcharfen Scheere zu einer uner⸗ forſchlichen Verzierung Löcher ausſchnitt. Dieſe Operation erin⸗ nerte, verbunden mit den buſchigen Augenbrauen und der römiſchen Naſe, lebhaft an einen Habicht, der ſich an die Augen eines zähen Vögelchens gemacht. Sie war ſo emſig beſchäftigt, daß mehrere Minuten verfloſſen, ehe ſie von ihrer Arbeit aufblickte. Als dieß geſchehen war, zog Mr. Bounderby ihre Aufmerkſamkeit auf ſich, indem er ſich mit dem Kopfe vorbog.. „Mrs. Sparſit, Ma'am,“ ſagte Mr. Bounderby, indem er die Hände in die Taſche ſteckte und mit der Rechten ſich über⸗ zeugte, daß der Kork des Fläſchchens zum Gebrauche bereit ſei. „Ich habe es gar nicht nöthig, Ihnen zu ſagen, daß Sie nicht nur eine Lady von Geburt und Erziehung ſind, ſondern auch ein verdammt kluges Weib.“ 108 „Sir,“ erwiederte die Lady,„es iſt in der That nicht zum erſten Male, daß Sie mich mit ähnlichen Ausdrücken Ihrer guten Meinung beehren.“ „Mrs. Sparſit, Ma'am,“ ſagte Mr. Bounderby.„Ich werde Sie in Erſtaunen ſetzen.“ „Wirklich, Sir 2« entgegnete Mrs. Sparſit fragend und mit der größtmöglichen Ruhe. Sie trug gewöhnlich Fauſthandſchuhe Pnd 35 glättete ſie dieſelben, nachdem ſie ihre Arbeit niederge⸗ eegt hatte. „Ich bin auf dem Sprunge, Ma'am,“ ſagte Mr. Bounderby, „Tom Gradgrinds Tochter zu heirathen.“ „Wirklich, Sir? Ich wünſche, daß Sie glücklich ſein mögen, Sir.“ Sie ſagte dieß mit ſo vieler Herablaſſung und mit ſo großem Bedauern für ihn, daß Bounderby, der jetzt mehr außer Faſſung gebracht war, als wenn ſie ihr Arbeitskiſtchen an den Spiegel geſchleudert hätte oder auf dem Kaminteppich in Ohnmacht ge⸗ fallen wäre, die Salzeſſenz in der Taſche wieder feſt zuſtöpſelte und dachte:„Nun, hol' der Teufel dieſes Weib, wer hätte je gedacht, daß ſie es in dieſer Weiſe aufnehmen würde!“ „Ich wünſche es von ganzem Herzen, Sir,“ ſagte Mr. Sparſit in einer höchſt vornehmen Weiſe— auf irgend eine Art ſchien ſie in einem Augenblicke ſich das Recht erworben zu haben, ihn nachher fortwährend zu bedauern—„daß Sie in jeder Beziehung vollkommen glücklich ſein mögen.“ „Nun gut, Ma'am,“ entgegnete Mr. Bounderby mit einiger⸗ maßen empfindlichem Tone, den er unwillkürlich dämpfte.„Ich bin Ihnen ſehr verbunden. Ich hoffe, ich werde es ſein.“ „Thun Sie das, Sir?“ fragte Mrs. Sparſit mit großer Wenndliahteif.„Aber natürlich, thun Sie es— freilich thun ie es. Eine höchſt verlegene Pauſe trat auf Mr. Bounderby's Seite ein. Mrs. Sparſit machte ſich wieder emſig an die Arbeit und ließ gelegentlich ein leiſes Huſten vernehmen, das wie der Huſten der ſich ſelbſt bewußten Kraft und Nachſicht klang. „Nun gut, Ma'am,“ nahm Mr. Bounderby wieder das Wort, unter ſolchen Umſtänden dürfte es für einen Charakter wie der Ihrige iſt, nicht angenehm ſein, hier zu verweilen, obſchon Sie hier ſehr willkommen ſind.“ „O du lieber Himmel, nein! Ich könnte auf keinen Fall 109 daran denken.“ Mrs. Sparſit ſchüttelte noch immer den Kopf in einer höchſt vornehmen Weiſe und veränderte ein wenig den leiſen Huſten— indem ſie huſtete, als ob ein prophetiſcher Geiſt über ſie käme und der Meinung wäre, es ſei beſſer, ihn hinunter zu huſten. „Es ſind indeſſen, Ma'am,“ ſagte Bounderby,„in dem Bank⸗ hauſe Gemächer, wo eine Lady von Geburt und Erziehung, als Haushälterin eine vorzügliche Stellung wäre und wenn die Be⸗ dingungen—“ „Ich bitte um Verzeihung, Sir. Sie waren ſo gefällig, mir zu verſprechen, daß Sie ſtets die Redensart jährliches Com⸗ pliment ſubſtituiren wollen.“ 3 „Gut, Ma'am, jährliches Compliment. Wenn daſſelbe jähr⸗ liche Compliment daſelbſt annehmbar iſt, ſo ſehe ich nicht ein, warum wir ſcheiden ſollten, ausgenommen Sie thun es.“ „Sir,“ entgegnete Mrs. Sparſit,„der Antrag gleicht Ihnen vollkommen, und wenn die Poſition, die ich in dem Bankhauſe einnehmen ſoll, der Art iſt, daß ich ſie ausfüllen kann, ohne tiefer auf der geſellſchaftlichen Stufenleiter herunterzuſteigen—“ „Freilich iſt ſie's,“ ſagte Bounderby.„Sie werden doch nicht denken, daß ich ſie einer Lady angeboten hätte, die ſich in einer ſolchen Geſellſchaft bewegte, wie das bei Ihnen der Fall war, wenn ſie es nicht wäre. Nicht, daß mir an ſolcher Geſellſchaft läge! Aber Ihnen liegt daran!“ „Mr. Bounderby, Sie ſind äußerſt rückſichtsvoll.“ „Sie werden Ihre eigenen Gemächer haben, und Sie werden ihre eigenen Kohlen, Kerzen und alles Uebrige haben, Sie werden auch ihre eigene Magd zur Bedienung haben, und Sie werden Ihren Hausmann zur Beſchützung haben, ja, Sie werden ſich ſo daſelbſt befinden, was ich mir die Freiheit nehme, köſtlich com⸗ fortable zu nennen,“ ſagte Bounderby. „Sir,“ erwiederte Mrs. Sparſit,„ſagen Sie nichts weiter. Indem ich das mir anvertraute Pflegeamt hier aufgebe, werde ich doch von der Nothwendigkeit nicht befreit ſein, das Brod der Abhängigkeit zu eſſen.“ Sie hätte wohl ſagen mögen, das Zucker⸗ brod, denn dieſer delikate Artikel war eine Lieblingsſpeiſe von ihr,„und ich empfange es lieber aus Ihrer Hand als aus einer andern. Ich nehme daher Ihr Anerbieten, Sir, dankbar und mit vieler aufrichtiger Erkenntlichkeit für frühere Gunſtbezeugungen an. Und ich wünſche, Sir,“ ſagte Mrs. Sparſit in einem nach⸗ 110 drucksvoll mitleidigen Tone,„ich wünſche es von Herzen, daß Wii Gradgrind all' das ſein möge, was Sie erwarten und ver⸗ ienen.“ Nichts vermochte Mrs. Sparſit von dieſem Standpunkte mehr zu entfernen. Vergebens geberdete ſich Bounderby geräuſchvoll oder verſuchte ſanft in ſeiner gewöhnlichen polternden Weiſe ſich auszudrücken; Mrs. Sparſit war entſchloſſen ihn als ein Opfer zu bemitleiden. Sie war höflich, gefällig, munter, hoffnungsvoll. Je höflicher, gefälliger, munterer, hoffnungsvoller und überhaupt je exemplariſcher ſie war, ein deſto unglücklicheres Schlachtopfer war er. Sie hatte eine ſolche Zärtlichkeit für ſein tragiſches Geſchick, daß ſein volles rothes Geſicht gewöhnlich in einen kalten Schweiß ausbrach, ſobald ſie ihn anblickte. Unterdeſſen ward feſtgeſetzt, daß die Hochzeitsfeier in acht Wochen ſtattfinden ſollte, und Mr. Bounderby begab ſich jeden Abend als ein anerkannter Freier nach Stone Lodge. Die Liebe ward daſelbſt in der Geſtalt von Braceletten betrieben und nahm bei ſämmtlichen Veranlaſſungen während des Brautſtandes einen fabrikmäßigen Anſtrich an. Kleider wurden gemacht, Schmuck⸗ ſachen wurden gemacht, Kuchen und Handſchuhe wurden gemacht und ein ausgedehntes Waarenlager von Fakten that dem Con⸗ trakte gebührende Ehre an. Die ganze Angelegenheit war ein Faktum von Anfang bis zu Ende. Die Stunden ſchwanden nicht inmitten jener roſigen Ereigniſſe dahin, von welchen thörichte Poeten zu ſolchen Zeiten zu träumen pflegen; auch giengen die Uhren um nichts ſchneller oder langſamer als zu anderen Perioden. Der grauenhaft⸗ ſtatiſtiſche Zeitmeſſer in dem Gradgrindiſchen Obſervatorium, ſchlug jeder Sekunde auf den Kopf, ſobald ſie geboren wurde und begrub ſie mit der herkömmlichen Regel⸗ mäßigkeit. So rückte dieſer Tag heran, wie alle Tage den Leuten heranrücken, die ſich bloß an die Vernunft halten, und als er da war, wurden in der Kirche mit den Schnörkelbeinen— dieſer beliebt gewordenen Bauart— Joſiah Bounderby Eſquire, von Coketown und Luiſe, die älteſte Tochter von Thomas Gradgrind Eſquire, von Stone Lodge, M. P.*) für den Flecken, mit einander vermählt. Und als ſie in heiliger Ehe verbunden waren, begaben ſie ſich zum Frühſtück nach dem vorerwähnten Stone Lodge. *) Member of Parliament. 6 6 111 Bei der glücklichen Veranlaſſung war eine vorzügliche Ge⸗ ſellſchaft verſammelt, die genau wußte, woraus Alles, was gegeſſen und getrunken wurde, gemacht war, wie es importirt oder expor⸗ tirt wurde, ob dieß in fremden oder einheimiſchen Schiffen ge⸗ ſchah, kurz, ſie wußten Alles darüber. Von den Brautjungfern angefangen bis zu der kleinen Jane Gradgrind, waren ſie ſämmt⸗ lich vom intellectuellen Standpunkte aus betrachtet, ganz geeignete Gehülfinnen für den Calculirer und Niemand von der Geſell⸗ ſchaft hatte etwas vom Nonſens an ſich. Nach dem Frühſtück redete ſie der junge Ehemann in fol⸗ gender Weiſe an: „Ladies und Gentlemen! Ich bin Joſiah Bounderby von Coketown. Seitdem Sie mir und meiner Frau die Ehre an⸗ thaten, auf unſere Geſundheit und unſer Glück zu trinken, ſo muß ich wohl auf dieſelbe erwiedern, obſchon Sie, da Sie mich Alle kennen und wiſſen, was ich bin und was mein Urſprung war, keine Rede von einem Manne erwarten werden, der, wenn er einen Poſtwagen ſieht, ſagt: ‚das iſt ein Poſtwagen“, und wenn er eine Pumpe ſieht, ſagt: ‚das iſt eine Pumpe', und der nicht dahin gebracht werden kann, einen Poſtwagen eine Pumpe, und eine Pumpe einen Poſtwagen, oder eines von Beiden einen Zahnſtocher zu nennen. Wenn Sie gegenwärtig eine Rede wollen, nun, mein Freund und Schwiegervater, Tom Gradgrind, iſt Par⸗ lamentsmitglied und Sie wiſſen, wo dieſelbe zu haben iſt. Dazu bin ich nicht Euer Mann. Wenn ich jedoch ein wenig das Ge⸗ fühl der Unabhängigkeit empfinde, da ich meinen Blick um dieſen Tiſch ſchweifen laſſe und reflektire, wie wenig ich daran gedacht habe Tom Gradgrinds Tochter zu heirathen, als ich ein zerlumpter Straßenjunge war, der ſich das Geſicht nur bei den Pumpen wuſch und das nicht öfter als einmal in vierzehn Tagen, ſo wird man mich hoffentlich entſchuldigen. Demnach hoffe ich nun, daß Sie mein Gefühl der Unabhängigkeit billigen werden; thun Sie es nicht, ſo kann ich nichts dafür. Ich fühle mich unabhängig. Nun habe ich erwähnt und auch Sie haben deſſen Erwähnung gethan, daß ich heute mit Tom Gradgrinds Tochter vermählt worden. Es freut mich ſehr, daß dieß der Fall iſt. Es war ſchon längſt mein Wunſch, daß dieß der Fall ſein möge. Ich habe ihre Erziehung genau beobachtet und ich glaube, ſie iſt meiner würdig. Zu gleicher Zeit glaube ich— um Euch nicht zu täu⸗ ſchen— daß ich ihrer würdig bin. Demnach danke ich Ihnen 112 für uns Beide gemeinſchaftlich, für die Güte, die Sie gegen uns an den Tag legten und der beſte Wunſch, den ich dem unverhei⸗ ratheten Theile dieſer Geſellſchaft geben kann, iſt dieß: Ich wünſche, daß jeder Junggeſelle eine ſolche Frau finden möge, wie ich ſie gefunden. Und ich wünſche, daß jede Jungfer einen ſo guten Mann finden möge, wie meine Frau ihn bekommt.“ Kurz nach dieſer Rede war dieſes glückliche Paar— da ſie eine Hochzeitsreiſe nach Lyons machten, damit Mr. Bounderby die Gelegenheit habe, ſich zu überzeugen, wie es mit den„Händen“ daſelbſt ſteht und ob ſie auch verlangen mit goldenen Löffeln ge⸗ ſpeiſt zu werden— zur Eiſenbahn hingefahren. Die Braut fand, als ſie in den Reiſekleidern hinuntergieng, Tom— deſſen Geſicht entweder von Aufregung oder von dem rebenſaftigen Theile des Frühſtücks geröthet war— auf ſie wartend. „Was du doch für ein ſpaſſiges Mädchen biſt, daß du eine ſo vortreffliche Schweſter geweſen, Loo,“ lispelte Thomas. Sdie ſchmiegte ſich an ihn an, wie ſie ſich an dieſem Tage an ein weit beſſeres Weſen hätte anſchmiegen ſollen, und zum erſten Male war jetzt ihre ſteife Zurückhaltung erſchüttert. „Der alte Bounderby iſt fix und fertig,“ ſagte Tom.„'s iſt gerade Zeit, Adieu. Ich werde dich aufſuchen, wenn du zurück⸗ kömmſt. Hör' mal, meine gute Loo! Iſt das jetzt nicht un⸗ gemein heiter!“ Siebenzehntes Kapitel. Ein ſonnengoldener Sommertag. Selbſt in Coketown gab es oft dergleichen. Bei ſolcher Witterung von der Ferne betrach⸗ tet, lag Coketown in ſeinem eigenen Nebeldunſte eingehüllt, den kein Sonnenſtrahl durchbrach. Man wußte nur, daß ſich die Stadt daſelbſt befindet, weil man gewiß war, daß ohne Stadt kein ähnlicher Schmutzflecken ſich dem Anblick darbieten konnte. Ein Qualm von Dunſt und Rauch, der bald dieſe, bald jene Richtung nahm, bald zum Himmelsgewölbe ſich emporſchwang, bald düſter längs der Erde hinkroch, je nachdem der Wind ſich erhob, oder ſich ſenkte, oder die Richtung veränderte— ein dich⸗ tes unförmliches Gemengſel mit plötzlich aufblitzenden Lichtſtreifen, die nur dunkle Maſſen ſichtbar werden ließen— und Coketown gab ſich ſchon von der Ferne kund, obgleich kein einziger Ziegel⸗ ſtein zum Vorſchein gekommen. —,— —— 113 Das Wunder beſtand darin, daß es überhaupt vorhanden war. Es war ſchon ſo oft zu Grunde gerichtet worden, daß es Erſtaunen erregen mußte, wie es ſo viele ſchwere Unglücksfälle ertragen konnte. Es gab ſicherlich nie eine ſo zerbrechliche Por⸗ zellanwaare, als die, aus welcher die Fabrikanten von Coketown geſchaffen waren. Handhabe ſie noch ſo behutſam, und ſie fallen in Stücke mit einer Leichtigkeit, daß man vermuthen möchte, ſie hätten vorher ſchon einen Sprung gehabt. Sie waren ruinirt, es nahm zu und vermehrte ſich. Die Straßen waren an dem Sommertage heiß und ſtaubig, und der Sonnenſchein war ſo hell, daß er ſogar durch den dicken Dunſt, welcher Coketown einhüllte, und den man nicht anhaltend anſchauen konnte, hindurchſchien. Feuerknechte tauchten aus den tiefen unterirdiſchen Gängen in die Faktoreihöfe auf, ſaßen auf Stufen, Pfoſten und Geländern, rieben ihre rußgeſchwärzten Ge⸗ ſichter und betrachteten die Kohlen. Die ganze Stadt ſchien in Oel zu braten. Allenthalben war ein erſtickender Dunſt von heißem Oel. Die Dampfmaſchinen glänzten davon. Die Kleider Boz. Schwere Zeiten. 8 114 der„Hände“ waren damit beſchmutzt, die Fabriken in ihren vielen Stockwerken, floſſen und troffen davon. Die Atmoſphäre dieſer Feenpaläſte war wie der heiße Hauch des Samums, und ihre Be⸗ wohner vor Hitze ſchier vergehend, arbeiteten ſchlaff und träge in dieſer Wüſte. Aber kein Wechſel der Temperatur machte die melancholiſch⸗wahnſinnigen Elephanten wahnſinniger oder vernünf⸗ tiger. Ihre langweiligen Köpfe giengen ſtets in demſelben Grade auf und nieder, in heißem und kaltem, feuchtem und trockenem, ſchönem und häßlichem Wetter. Die abgemeſſene Bewegung ihrer Schatten an den Wänden war der Erſatz, welchen Coketown für den Schatten rauſchender Wälder aufzuweiſen hatte, während es anſtatt des Geſummes der Sommerkäfer das ganze Jahr hindurch, von dem erſten Tagesgrauen des Montags bis zur Nacht des Sonnabends das Schnurren der Schafte und Räder bot. Schläfrig ſchnurrten ſie jenen ganzen Sommertag hindurch, den Wanderer nur noch ſchläfriger und heißer machend, wenn er an den ſummenden Wänden der Fabriken vorübergieng. Sonnen⸗ Blenden und Waſſerſprengungen kühlten die Hauptſtraßen und die Kramladen ein wenig; aber die Fabrikgebäude und Höfe und Gaſſen wurden gebacken in grimmiger Hitze. Unten auf dem Fluße, der ſchwarz war von dem dicken Abfluſſe der Färbeſtoffe, ſteuerten einige Buben von Coketown, welche unbeſchäftigt waren,— ein ſeltener Anblick in dieſem Orte— ein altes Boot, welches, wie es ſich ſo dahinſchleppte, eine trüb⸗ſchlammige Furche auf dem Waſſer zog, während jeder Stoß der Ruder ekle Gerüche aufſtörte. Aber er Sonnenſchein ſelbſt, obwohl ſo allgemein wohlthuend, zeigte ſich in Coketown ungnädiger als ſtrenge Kälte und blickte ſelten eine Zeitlang anhaltend auf eine ſeiner eingepferchten Regionen, ohne mehr Tod als Leben zu erzeugen. So wird das Auge des Himmels ſelbſt ein ſchlimmes Auge, wenn ungeſchickte oder ſchmutzige Hände ſich vor die Dinge legen, auf die es ſegnend blickt. Mrs. Sparſit ſaß in ihrem Nachmittagszimmer in der Bank, an der ſchattigen Seite der ſonnengeſchmorten Straße. Die Ge⸗ ſchäftsſtunde war vorüber, und juſt zu jener Tageszeit pflegte ſie bei warmem Wetter, ein Haushaltungs⸗ und Eßzimmer, das ſich über der Geſchäftsſtube befand, mit ihrer lieblichen Gegenwart zu ſchmücken. Ihr Privatzimmer war ein Stockwerk höher, und an dem Fenſter dieſes Beobachtungspoſtens ſaß ſie jeden Morgen, bereit, Mr. Bounderby, welcher die Straße heraufkam, mit jenem, für ein Opfer angemeſſenen, ſympathetiſchen Blick der Wiederer⸗ . 115 kennung zu begrüßen. Er war bereits ein Jahr verheirathet, und Mrs. Sparſit hatte ihn noch keinen Augenblick von ihrem beharr⸗ lichen Bedauern erlöst. 3 Die Bank natürlich that der heilſamen Monotonie der Stadt keine Gewalt an. Es war nur ein rothes Backſteinhaus mehr mit ſchwarzen Außenſchaltern und grünen inwendigen Blenden, einem ſchwarzen Eingangsthore über zwei weißen Stufen, einem meſſingenen Schilde an der Thüre, und einem Schlußpunkt von ehernem Thürdrücker. Es war eine Portion größer als Mr. Bounderby's Haus, wie andere Häuſer um eine oder ein halb Dutzend Portionen kleiner waren, in allen übrigen Einzelnheiten war es ſtrikt nach der Regel. 4 Mrs. Sparſit war ſich ſehr wohl bewußt, daß ihre Erſchei⸗ nung des Abends unter den Pulten und Schreibgeräthſchaften eine gewiſſe weibliche, um nicht zu ſagen ariſtokratiſche Grazie über die Geſchäftsſtube verbreite. Wenn ſie mit ihrem Nähzeuge oder Netzapparate ſo an dem Fenſter ſaß, ſo beſchlich ſie ſtets eine Art ſelbſtgefälligen Gefühls, daß ſie durch ihre Lady⸗artige Haltung das rohgeſchäftliche Ausſehen des Orts in etwas verbeſſere. Mit dieſem Eindrucke ihrer intereſſanten Perſönlichkeit, betrachtete ſich Mrs. Sparſit gewiſſermaßen als die Fee der Bank. Die Stadt⸗ leute dagegen, wenn ſie vorbeipaſſirend Mrs. Sparſit ſo daſitzen ſahen, erblickten in ihr den Drachen der Bank, der über den Schätzen der Mine Wache halte. Worin dieſe Schätze beſtanden, das wußte Mrs. Sparſit eben ſo wenig als es die Stadtleute wußten. Gold⸗ und Silber⸗ münzen, koſtbare Papiere, Geheimniſſe, welche ausgeſchwatzt ein unbeſtimmtes Zugrundegehen unbeſtimmter Perſonen(doch ge⸗ wöhnlich Leute, denen ſie abgeneigt war) zur Folge haben würde. Dieß waren die Haupt⸗Items in ihrem Ideal⸗Katalog. Im Uebri⸗ gen wußte ſie, daß ſie nach den Geſchäftsſtunden über das ganze geſchäftliche Ameublement und über ein wohlverwahrtes Zimmer mit drei Schlöſſern, wider deſſen Thür der Laufburſche jede Nacht auf einem Rollbette, das mit dem Hahnenſchrei verſchwand, ſeinen Kopf legte, mit Allgewalt herrſchte. Ferner herrſchte ſie als all⸗ gebietende Dame über gewiſſe Räume in dem unterirdiſchen Ge⸗ ſchoß, ſcharf verwahrt vor jeder Verbindung mit der räuberiſchen Welt; außerdem über Ueberreſte der laufenden Tagesarbeit, be⸗ ſtehend aus Dintenklekſen, abgenutzten Federn, Oblaten⸗Fragmenten und Papierfetzen, die in ſo kleine Stücke zerriſſen waren, daß 8* 116 es Mrs. Sparſit niemals gelingen wollte, etwas Intereſſantes darin zu entziffern. Endlich war ſie Hüterin einer kleinen Rüſt⸗ kammer von Küraſſen und Karabinern, in rachgieriger Ordnung über eins der Kamine der Geſchäftsſtube gereiht, und über jenes altehrwürdige Herkommen, das ſich niemals von einer Geſchäfts⸗ ſtube, wenn ſie anders auf den Anſtrich von Reichthum Anſpruch macht, trennen läßt, über eine Reihe von Feuereimern— Gefäße, auf keinen phyſiſchen Nutzen irgend welcher Art berechnet, bezüglich deren man aber beobachtet haben will, daß ſie auf die meiſten Beſchauer einen guten moraliſchen Eindruck, faſt dem der Gold⸗ und Silberbarren gleichkommend, äußerten. Eine taube Dienſtmagd und der Laufburſche vollendeten Mrs. Sparſit's Herrſchaftsbereich. Von der tauben Dienſtmagd mur⸗ melte man, daß ſie wohlhabend ſei, und ein Gerücht war ſchon ſeit Jahren in den niederen Klaſſen von Coketown umgegangen, daß ſie gewiß einmal in der Nacht nach dem Schluſſe der Bank ihres Geldes wegen würde ermordet werden. Man betrachtete ſie in der That ſchon längſt als pflichtſchul⸗ digſt dem Tode verfallen, allein ſie bewahrte Leben und Stellung mit einer übel angebrachten Zähigkeit, die viel Anſtoß und Aer⸗ gerniß erregte. Mrs. Sparſit's Thee war juſt für ſie auf ein zierliches Tiſch⸗ chen geſetzt; dieſes nahm mit ſeinem Dreigeſtell von Füßen eine Stellung ein, die ſie, wenn das Geſchäft beendigt war, in die Geſellſchaft des düſtern, lederbeſchlagenen, langen Speiſetiſches, welcher die Mitte des Zimmers einnahm, einſchmuggelte. Der Büreaudiener ſetzte das Theegeſchirr darauf, ſeine Stirn zum Zeichen der Huldigung tief duckend. „Danke dir, Bitzer,“ ſagte Mrs. Sparſit. „Danke Ihnen,“ erwiederte der Büreaudiener. Er war in der That wie zum Büreaudiener geſchaffen, ſo federleicht und leichtfüßig, wie in den Tagen, da er blinzelnd für das Mädchen Nummer Zwanzig ein Pferd definirte. „Alles verſchloſſen, Bitzer?“ fragte Mrs. Sparſit. „Alles verſchloſſen, Ma'am.“ „Und was,“ fragte Mrs. Sparſit, ihren Thee einſchenkend, „gibt es heute Neues? Etwas von Belang?“ „In der That, Ma'am, nichts Abſonderliches, das ich wüßte. Unſere Leute ſind ein böſes Pack, Ma'am; aber das iſt zum Un⸗ glück keine Neuigkeit.“ 117 „Was treibt denn das unruhige Geſindel wieder?“ fragte Mrs. Sparſit. „Treiben es nur ſo fort in der alten Weiſe, Ma'am. Ver⸗ Fuden, ſich, verbinden ſich, verpflichten ſich, es mit einander zu halten.“ „Es iſt ſehr zu bedauern,“ ſagte Mrs. Sparſit, und ihre ge⸗ waltige Strenge ließ ihre Naſe nur noch römiſcher und ihre Brauen noch coriolaniſcher erſcheinen,„es iſt ſehr zu bedauern, daß der Verein der Fabrikherrn nur irgend ſolche Klaſſen⸗Ver⸗ ſchwörungen geſtatten.“ „Ja, Ma'am,“ ſagte Bitzer. „Da ſie doch ſelbſt verbunden ſind, ſo ſollten ſie Einer wie Alle ſich darauf ſteifen, keinen Mann in Arbeit zu nehmen, der mit einem Andern verbündet iſt,“ ſagte Mrs. Sparſit. „Das haben ſie gethan, Ma'am,“ entgegnete Bitzer,„aber— es fiel ſo zu ſagen in die Brüche, Ma'am.“ „Ich prätendire nicht etwas von dieſen Dingen zu verſtehen,“ ſagte Mrs. Sparſit mit Würde,„da mein Lebensloos eigentlich in einer weit verſchiedenen Sphäre gelegen war und Mr. Sparſit als ein Powler außerhalb des Bereiches ſolcher Störungen ſich befand. Ich weiß nur, daß man dieſes Volk unterkriegen muß und daß es hohe Zeit iſt, daß es geſchehe, einmal für allemal.“ „Ja, Ma'am,“ erwiederte Bitzer mit großer Reſpektbezeugung für Mrs. Sparſtt's orakelmäßige Autorität.„Sie hätten es nicht klarer ausdrücken können, ſicherlich nicht, Ma'am.“ Da dieß ſeine gewöhnliche Zeit war, wo er mit Mrs. Sparſit ein wenig im Vertrauen ſchwatzte und er einen Blick von ihr auf⸗ griff, aus dem hervorgieng, daß ſie ihm eine Frage vorlegen wollte, ſo ſtellte er ſich, als brächte er die Lineale, Dintenfäßer und ſo weiter in Ordnung, während unſere Lady ſich mit ihrem Thee beſchäftigte und durch das Fenſter flüchtige Blicke auf die Straße warf. „War der Tag ein geſchäftiger?“ fragte Mrs. Syparſit. „»Kein ſehr geſchäftiger, Mylady. Ungefähr ein Durchſchnitts⸗ tag.“ Zuweilen ſchlüpfte er in Mylady anſtatt in Ma'am über, was eine unwillkürliche Anerkennung von Mrs. Syparſit's perſön⸗ licher Würde und ihrer Anſprüche auf Ehrerbietung ſein ſollte. „Die Clerks*) ſagte Mrs. Sparſit, indem ſie von dem linken *) Comptoirdiener und Commis. 118 Fäuſtling ein unmerkliches Butterbrodkrümchen abbürſtete,„ſind natürlich zuverläſſig, pünktlich und fleißig?“ „Ja, Ma'am, ſo ziemlich, Ma'am. Mit der gewöhnlichen Ausnahme.“ Er bekleidete das ehrenhafte Amt eines allgemeinen Spiones und Angebers in dem Etabliſſement, für welchen freiwilligen Dienſt er zu Weihnachten, außer ſeinem gewöhnlichen Wochengehalte, noch ein Geſchenk erhielt. Er war zu einem äußerſt helldenkenden, vorſichtigen und klugen jungen Mann herangewachſen, der ſicher war in der Welt ſein Glück zu machen. Sein Verſtand war ſo exakt regulirt, daß er weder Neigungen noch Leidenſchaften hegte. All ſein Thun und Laſſen war das Reſultat der ſpitzfindigſten und kälteſten Berechnung; es war daher nicht ohne Grund, wenn Mrs. Sparſit gewöhnlich von ihm bemerkte, daß ſie nie einen jungen Mann ge⸗ kannt, der ſeinen Grundſätzen ſo treu geblieben als er. Nachdem er beim Tode ſeines Vaters zur Ueberzeugung gelangt war, daß ſeine Mutter das Recht der Niederlaſſung in Coketown habe, machte der ausgezeichnete junge Oekonom dieſes Recht für ſie mit einer ſolchen ſtandhaften Anhänglichkeit an das Motiv des Rechtsfalles geltend, daß ſie ſeitdem in das Arbeitshaus eingeſchloſſen worden. Es muß noch erwähnt werden, daß er ihr jährlich ein halbes Pfund Thee geſtattete, was eine Schwäche von ihm war: erſtens, weil alle Gaben ſich der unvermeidlichen Tendenz hinneigen, den Empfänger der Armuth preiszugeben; zweitens, weil ſeine einzige vernünftige Trausaction bei dieſer Waare, eigentlich darin beſtehen ſollte, ſie für ſo wenig als möglich zu kaufen und für ſo viel als möglich zu verkaufen— da es von Philoſophen klar dargethan worden, daß darin die ganze Pflicht des Menſchen begriffen ſei — nicht ein Theil der menſchlichen Pflicht, ſondern die ganze. „So ziemlich, Ma'am. Mit der gewöhnlichen Ausnahme, Ma'am,“ antwortete Bitzer. „A— ch!“ ſagte Mrs. Sparſit, indem ſie den Kopf über der Theetaſſe ſchüttelte und einen langen Schluck nahm. „Mr. Thomas, Ma'am. Ich habe viel Verdacht gegen Mr. Thomas, Ma'am. Seine Manieren gefallen mir durchaus nicht.“ „Bitzer« ſagte Mrs. Sparſit mit vielem Nachdruck,„erinnerſt du dich, daß ich dir hinſichtlich der Namen was ſagte?“ „Ich bitte um Verzeihung, Ma'am. Es iſt vollkommen wahr, daß Sie ſich gegen die Erwähnung von Namen erklärten und 's iſt auch ſtets das Beſte, ſie zu vermeiden.“ 119 „Erxinnere dich gefälligſt, daß ich hier ein Amt bekleide,“ ſagte Mrs. Sparſit mit ihrer ſtattlichen Weiſe.„Ich verſehe hier ein Pflegeamt, Bitzer, unter Mr. Bounderby. Wie unwahr⸗ ſcheinlich wir Beide, Mr. Bounderby und ich es vor Jahren würden gedacht haben, daß er je mein Patron ſein ſollte, indem er mir ein jährliches Compliment machte, ſo muß ich ihn doch als ſolchen betrachten. Von Mr. Bounderby habe ich jedmögliche Anerkennung meiner geſellſchaftlichen Stellung und jede Ein⸗ ränmung meiner Familienabſtammung erhalten, die ich möglicher Weiſe erwapten konnte. Noch mehr, weit mehr. Ich muß daher gegen meinen Patron gewiſſenhaft treu ſein. Und ich glaube nicht und mag nicht glauben und kann nicht glauben,“ ſagte Mrs. Sparſit mit einem ſehr ausgedehnten Waarenvorrath von Ehre und Moralität,„daß ich gewiſſenhaft treu ſein würde, wenn ich es geſtattete, daß man unter dieſem Dache Namen nenne, die unglücklicher Weiſe, höchſt unglücklicher Weiſe— daran iſt kein Zweifel— mit dem ſeinigen in Verbindung ſtehen.“ Bitzer duckte abermals die Stirn und bat abermals um Verzeihung. „Nein, Bitzer,“ fuhr Mrs. Sparſit fort,„ſage ein Indivi⸗ duum und ich will dich anhören; ſagſt du Mr. Thomas, ſo mußt du mich entſchuldigen.“ »Mit der gewöhnlichen Ausnahme, Ma'am,“ ſagte Bitzer, der es wieder gut machen wollte,„eines Individuums.“ „A— ch!“ Mrs. Sparſit wiederholte den Ausruf, das Kopf⸗ ſchütteln über der Theetaſſe und den langen Schluck, um das Geſpräch wieder bei dem Punkte anzuknüpfen, wo es unter⸗ brochen worden war. „Ein Individuum, Ma'am,“ ſagte Bitzer„das niemals das geweſen iſt, was es ſein ſollte, ſeitdem es ſich an dieſem Orte befindet. Er iſt ein liederlicher, verſchwenderiſcher Burſche. Er iſt das Salz nicht werth, das er genießt. Er würde es nicht be⸗ kommen, Ma'am, wenn er nicht einen Freund und Verwandten bei Hofe hätte.“ »A— ch!“ ſagte Mrs. Sparſit mit einem abermaligen me⸗ lancholiſchen Kopfſchütteln. 3 „Ich will nur hoffen,“« fuhr Bitzer fort,„daß die ihm be⸗ freundete und verwandte Perſon ihn nicht mit den Mitteln ver⸗ ſieht, es ſo fort zu treiben. Sonſt wiſſen wir wohl, Ma'am, aus welcher Taſche das Geld kommt.“ 120 „A— chl!« ſeufzte Mrs. Sparſit abermals, mit einem aber⸗ maligen Kopfſchütteln. „Er iſt zu bedauern. Die letzte Perſon auf die ich anſpielte iſt zu bedauern, Ma'am,“ ſagte Bitzer. „Ja, Bitzer,“ ſagte Mrs. Sparſit.„Ich habe immer die Täuſchung bedauert— immer.“ „Was ein Individuunm betrifft,“ ſagte Bitzer, der die Stimme ſenkte und näher trat,„ſo iſt es ſo unbedachtſam, wie nur irgend Einer unſerer Stadtbewohner. Und Sie wiſſen, Ma'am, wie groß die Unbedachtſamkeit daſelbſt iſt. Niemand brauchte es beſſer zu wiſſen, als eine Lady von Ihrer hohen Stellung es weiß.“ „Sie thäten wohl daran,“ verſetzte Mrs. Sparſit,„ein Bei⸗ ſpiel an dir zu nehmen, Bitzer.“ „Danke ſehr, Ma'am. Da Sie ſich aber auf mich beziehen, ſo betrachten Sie mich einmal. Ich habe ſchon etwas bei Seite gelegt, Ma'am. Jenes Geſchenk, das ich zu Weihnachten er⸗ halte, berühre ich nie. Ich verbrauche nicht einmal meinen ganzen Lohn, obgleich er nicht hoch iſt, Ma'am. Warum können ſie es nicht machen, wie ich, Ma'am? Was der Eine thun kann, das kann auch der Andere thun.“ Das gehörte ebenfalls zu den Fiktionen von Coketown. Jeder dortige Kapitaliſt, der ſich durch ſechs Pence ſechzig Tauſend Pfund erworben, drückte ſtets ſeine Verwunderung darüber aus, daß die nächſten ſechzig Tauſend Hände nicht ebenfalls ſechzig Tauſend Pfund durch ſechs Pence ſich erworben und warf es Jedem von ihnen mehr oder minder vor, daß ſie die kleine That nicht zu Stande brächten. Was ich gethan, das kannſt du auch thun. Warum gehſt du alſo nicht hin und thuſt es? „Was ihre Bedürfniſſe für Erholungen betrifft, Ma'am,“ ſagte Bitzer,„ſo iſt es dummes Zeug und Unſinn. Ich brauche keine Erholungen. Ich hatte ſie nie nöthig und werde ſie nie nöthig haben; ich mag ſie nicht. Was ihre enge Vereinigung be⸗ trifft— ſo gibt es ohne Zweifel viele unter ihnen, die hie und da durch gegenſeitiges Bewachen und Angeben eine Kleinigkeit, ſei es an Geld oder Wohlwollen, ſich erwerben könnten, wodurch ſie ihre Lage verbeſſern würden. Warum alſo verbeſſern ſie die⸗ ſelbe nicht, Ma'am? Das iſt die vorzüglichſte Erwägung eines vernünftigen Geſchöpfes und das iſt's was ſie mit Frechheit be⸗ haupten, nöthig zu haben.“ „Ja wohl, mit Frechheit behaupten!“ ſagte Mrs. Sparſit. 121 „Wahrlich wir müſſen fort und fort das Geſchwätz über ihre Weiber und Kinder hören, bis es zuletzt ganz ekelhaft wird,“ ſagte Bitzer.„Nun, betrachten Sie mich einmal, Ma'am! Ich brauche weder Weib noch Kind. Warum denn dieſe?“ „Weil ſie unbedachtſam ſind,“ ſagte Mrs. Sparſit. „Ja wohl, Ma'am,“ verſetzte Bitzer.„Da ſteckt eigentlich der Haken. Wenn ſie bedachtſamer und weniger verderbt wären, Ma'am, was würden ſie thun? Sie würden ſagen: ‚So lange mein Hut meine ganze Familie bedeckt oder ‚ſo lange meine Haube meine ganze Familie bedeckt“— je nachdem der Fall wäre, Ma'am — ‚ſo brauche ich nur Einen zu ernähren und das iſt die Perſon, die ich am liebſten ernähre.“ „Ganz gewiß,“ ſtimmte Mrs. Sparſit bei, indem ſie ein Stück Muffin*) aß. „Danke ſehr, Ma'am,“ ſagte Bitzer, abermals die Stirne duckend als Erkenntlichkeit für die Gunſt der Theilnahme an Mrs. Syparfit's feiner Unterhaltung.„Wünſchten Sie vielleicht non twas heißes Waſſer oder kann ich Ihnen ſonſt etwas olen?“ „Nichts für den Augenblick, Bitzer.« „Danke ſehr, Ma'am. Ich würde Sie nicht gerne bei Ihrem Eſſen ſtören, Ma'am, beſonders beim Thee nicht, da ich Ihre Vorliebe für denſelben kenne,“ ſagte Bitzer, indem er ſich ein wenig emporſchraubte, um von der Stelle, wo er ſich befand, nach der Straße zu ſehen—„aber da unten hat ein Gentleman ungefähr eine Minute heraufgeſehen, Ma'am, und er gieng dann über die Straße, als wollte er anklopfen. Das iſt ſein Klopfen an die Thüre— ohne Zweifel, Ma'am.“ Er gieng zum Fenſter, und nachdem er hinausgeſehen und den Kopf wieder zurückgezogen, beſtätigte er es mit den Wor⸗ ehe 3Ja, Ma'am. Wollen Sie, daß ich den Gentleman herein⸗ führe?“ „Ich weiß nicht, wer es ſein kann,“ ſagte Mrs. Sparſit, indem ſie ſich den Mund abwiſchte und die Fäuſtlinge in Ord⸗ nung brachte. „Augenſcheinlich ein Fremder, Ma'am.“ „Welcher Fremder um dieſe Abendſtunde etwas in der Bank hier zu thun haben kann, wenn er nicht wegen eines Geſchäftes *) Eine Art dünner, glatter Semmel. 3 122 „Ich bitte um Verzeihung,“ ſagte er, indem er und den Hut abnahm,„bitte, entſchuldigen Sie m Haar und kühne Augen.“ kommt, wofür es ſchon zu ſpät iſt, das wüßte ich wahrlich nicht,“ ſagte Mrs. Sparſit,„aber ich habe in dieſem Etabliſſement von Mr. Bounderby ein Pflegeamt übernommen und ich deſſen nicht entziehen. Wenn es zu meiner Pflicht gehört ihn zu ſehen, ſo will ich ihn ſehen. Verfahre nach deiner gewöhnlichen Der Beſucher wiederholte hier, völlig unbekannt mit der großmüthigen Aeußerung von Mrs. Sparſit, das Klopfen an der Weſen, welche theils von der übermäßigen Hitze und theils von übermäßiger Vornehmheit herrührte. Denn man konnte es ihm mit einem flüchtigen Blick gleich anſehen, daß er durch und durch ſich umwandte ilen⸗ „Hm!“ dachte Mrs. Sparſit, während ſie eine ſtattliche Ver⸗ beugung machte, fünf und dreißig, gut ausſehend, gute Figur, 3 gute Zähne, gute Stimme, gute Erziehung, gut gekleidet, dunkles — ,— — 123 Das Alles hatte Mrs. Sparſit in ihrer Frauenmanier— gleich dem Sultan, der ſeinen Kopf in einen Eimer Waſſer ge⸗ taucht— bloß beim Untertauchen und Emporkommen bemerkt. „Bitte Platz zu nehmen, Sir,“ ſagte Mrs. Sparſit. „Danke ſehr. Erlauben Sie.“ Er rückte einen Stuhl für ſie herbei, blieb aber ſelbſt nachläſſig an den Tiſch gelehnt ſtehen. „Ich ließ meinen Diener bei der Eiſenbahn um mein Gepäck zu beſorgen— ein ſtarker Zug und ungeheure Quantitäten im Gepäckwagen— und ſchlenderte fort, um mich ein wenig um⸗ zuſehen. Ein höchſt ſeltſamer Ort. Wollen Sie mir die Frage erlauben, ob er ſtets ſo ſchwarz ausſieht wie heute?“ „Im Allgemeinen noch ſchwärzer,« erwiederte Mrs. Sparſit in ihrer geſetzten Weiſe. „Iſt es möglich! Bitte um Entſchuldigung, Sie ſind doch kein hieſiges Stadtkind, wie ich vermuthe 2« „Nein, Sir,“ entgegnete Mrs. Sparſit.„Ich war einſt ſo glücklich oder ſo unglücklich, je nachdem man es nehmen will, mich— ehe ich Wittwe geworden— in einer ganz verſchiedenen Sphäre zu bewegen. Mein Mann war ein Powler.“ „Vilte um Verzeihung, wirklich!“ rief der Fremde.„War ein— 2⸗ Mrs. Sparſit wiederholte:„Ein Powler.“„Die Powler⸗ familie,“ ſagte der Fremde nach einigem Nachdenken. Mrs. Sparſit nickte beiſtimmend. Der Fremde ſchien ein wenig mehr ermüdet als früher. „Sie müſſen hier viel Langeweile haben?“ war der Schluß den er aus der Mittheilung zog. „Ich bin die Sklavin der Verhältniſſe, Sir,“ ſagte Mrs. Sparſit,„und ich habe mich ſchon längſt der Macht gefügt, die mein Leben regieret.“ „Sehr philoſophiſch,“ verſetzte der Fremde,„und ſehr exempla⸗ riſch und lobenswerth und—“ es ſchien ihm nicht einmal der Mühe werth, den Satz zu vollenden, und ſpielte deßhalb ermüdet mit der Uhrkette. „Darf ich mir die Frage erlauben, Sir,“ ſagte Mrs. Sparſit, „welchem Umſtande ich die Gunſt zuzuſchreiben habe—“ „Sicherlich,“ ſagte der Fremde.„Bin ſehr verbunden, für die Erinnerung. Ich bin der Ueberbringer eines Empfehlungs⸗ ſchreibens, an den Banquier Mr. Bounderby. Indem ich, wäh⸗ rend das Diner für mich in dem Hotel bereitet wird— durch 124 dieſe außerordentlich ſchwarze Stadt ſpazierte, fragte ich einen Kerl, dem ich begegnete— Einer von den Arbeitern, der ein Schauerbad von etwas Schmierigem genommen zu haben ſchien, was, wie ich vermuthe, das Rohmaterial ſein muß—“ Mrs. Sparſit neigte ſich mit dem Kopfe vor. „— Unverarbeiteter Stoff ſein muß— wo Mr. Bounderby wohne. Worauf er mich, wahrſcheinlich durch das Wort Banquier irre geführt, zur Bank wies. Das Faktum iſt nun, wie ich ver⸗ muthe, daß Mr. Bounderby, der Banquier, nicht in dem Hauſe reſidirt, wo ich die Ehre habe, dieſe Erklärung zu geben?“ „Nein, Sir,“« entgegnete Mrs. Sparſit,„er wohnt nicht hier.“ „Danke ſehr. Ich hatte nicht die Abſicht den Brief im ge⸗ genwärtigen Momente abzugeben, auch habe ich ihn jetzt nicht. Da ich jedoch zur Bank ſchlenderte, um die Zeit zu tödten, und das Glück hatte am Fenſter“ wohin er träge mit der Hand hin⸗ winkte und ſich dann leichthin verneigte—„eine Lady von höchſt vornehmem und angenehmem Aeußern zu bemerken, ſo dachte ich nichts Beſſeres thun zu können, als mir die Freiheit zu nehmen, jene Lady zu fragen, wo Mr. Bounderby, der Banquier, eigent⸗ lich wohnt. Was ich mir demgemäß mit allen gehörigen Ent⸗ ſchuldigungen zu thun erlaube.“ Die Unachtſamkeit und Trägheit ſeiner Manieren waren in Mrs. Sparſit's Augen genugſam durch eine natürliche Galanterie gemildert, die auch ihr huldigte. Da befand er ſich zum Beiſpiel in dieſem Augenblicke ganz und gar in einer ſitzenden Stellung an dem Tiſche und doch neigte er ſich ſachte zu ihr hin, als ob er in ihr einen Reiz anerkennte, der ſie— in ihrer Weiſe— be⸗ zaubernd erſcheinen ließ. „Die Banken ſind, wie ich weiß, ſtets mißtrauiſch und müſſen es auch, offiziell ſein,“ ſagte der Fremde, deſſen leichte und glatte Redeweiſe zugleich angenehm war— und die weit mehr Humor und Gefühl vermuthen ließ als ſie wirklich enthielt— was vielleicht auf das ſchlaue Anrathen des Gründers dieſer zahlreichen Ge⸗ ſellſchaft— wer dieſer große Mann auch immer geweſen ſein mag— geſchehen mochte—„ich erlaube mir daher zu bemerken, daß mein Brief— hier iſt er— von dem Parlamentsmitgliede für dieſen Ort— von Mr. Gradgrind— iſt, deſſen Bekannt⸗ ſchaft ich das Vernügen hatte, in London zu machen.“ Mrs. Sparſit, welche die Handſchrift erkannte, betheuerte, daß eine ſolche Beſtätigung durchaus nicht von Nöthen ſei und 125 gab Mr. Bounderby's Adreſſe mit allen erforderlichen Anweiſungen und Anleitungen an. „Tauſend Dank,“ ſagte der Fremde.„Sie kennen natürlich den Banquier recht wohl?“ „Ja, Sir,“ verſetzte Mrs. Sparſit,„ich kenne ihn in meinem abhängigen Verhältniſſe bereits zehn Jahre.“ „Eine ganze Ewigkeit! Ich glaube er hat Gradgrinds Tochter geheirathet?“ „Ja,“ ſagte Mrs. Sparſit, plötzlich den Mund zuſammen⸗ preſſend.„Er hatte dieſe— Ehre.“ „Die Lady iſt eine ganze Philoſophie, wie man mir ſagt?« „In der That, Siré— rief Mrs. Sparſit.„Iſt ſie das?“ „Entſchuldigen Sie meine unbeſcheidene Neugierde,“ fuhr der Fremde fort, indem er mit verſöhnendem Blicke über Mrs. Spar⸗ ſit's Augenbrauen hinflatterte,„aber Sie kennen die Familie und kennen die Welt. Ich bin daran die Bekanntſchaft der Familie zu machen und dürfte mit ihr viel in Verkehr ſein. Iſt denn die Lady gar ſo alarmirend? Ihr Vater bringt ſie in den Ruf ſo erſchrecklicher Hartköpfigkeit, daß ich vor Begierde brenne, ſie kennen zu lernen. Iſt ſie abſolut unnahbar? Abſtoßend und er⸗ ſtaunlich geſcheidt? Ich ſehe aus Ihrem bedeutungsvollen Lächeln, daß Sie nicht dieſe Meinung theilen. Sie haben Balſam in mein geängſtigtes Gemüth gegoſſen. Nun zum Alter. Vierzig? Fünf und dreißig?“ Mrs. Sparſit lachte laut auf. „Ein Backfiſch,“ ſagte ſie.„Bei ihrer Verheirathung war ſie nicht ganz zwanzig.“ „Ich verſichere Sie auf Ehre, Mrs. Powler,“ verſetzte der Fremde, ſich vom Tiſche erhebend,„daß ich all mein Lebtag nicht ſo erſtaunt geweſen bin.“ Es ſchien in der That Eindruck auf ihn zu machen und zwar nach dem ganzen Umfange der Möglichkeit bei ihm einen Eindruck hervorzubringen. Er betrachtete die Berichterſtatterin eine volle Viertel⸗Minute und ſchien während dieſer ganzen Zeit voll Ver⸗ wunderung zu ſein. „Ich verſichere Sie, Mrs. Powler,“ ſagte er darauf ſehr er⸗ ſchöpft,„daß die Manieren des Vaters mich auf eine grimmige und ſteinharte Reife vorbereiteten. Ich bin Ihnen über Alles verbunden, daß Sie meinen ſo groben Irrthum berichtigten. 126 Bitte, entſchuldigen Sie meine Zudringlichkeit. Vielen Dank. Guten Tag.“ Unter Verbeugungen entfernte er ſich und Mrs. Sparſit, die ſich hinter einem Fenſtervorhang verborgen, ſah ihn, von der ganzen Stadt beobachtet, auf der ſchattigen Seite der Straße nachläſſig hinſchlendern. „Was hältſt du von dem Gentleman, Bitzer?“ fragte ſie den Büreaudiener, als er abzuräumen kam. „Gibt viel Geld für Kleider aus, Ma'am.“ „Man muß geſtehen,“ ſagte Mrs. Sparſit,„daß ſie ſehr ge⸗ ſchmackvoll ſind.“ „Ja, Ma'am,“ verſetzte Bitzer,„wenn das allein das Geld werth iſt.“ 3 „Ueberdieß, Ma'am,“ fuhr Bitzer fort, indem er den Tiſch blank rieb,„ſieht er mir aus, als ob er ſpielte.“ „Spielen iſt unmoraliſch,“ ſagte Mrs. Sparſit. „'S iſt lächerlich, Ma'am,“ ſagte Bitzer,„weil die Chancen gegen die Spieler ſind.“ Ob es die Hitze war, die Mrs. Sparſit am Arbeiten hin⸗ derte, oder ob ſie nicht mehr im Zuge war, kurz jenen Abend arbeitete ſie nicht. Sie ſaß hinter dem Fenſter, als die Sonne hinter dem Rauch untergieng; ſie ſaß da, als der Rauch glühroth erſchien, als er die Farbe verlor, als Dunkelheit langſam aus der Erde zu ſchleichen ſchien und hinaufkroch, hinauf bis zu den Giebeln der Häuſer, hinauf bis zum Kirchthurm, hinauf bis zu den Spitzen der Fabrikrauchfänge und hinauf bis zum Himmel. Ohne Licht im Zimmer, ſaß Mrs. Sparſit am Fenſter, die Hände vor ſich geſtreckt und wenig bekümmert um die Abendklänge, um das Geſchrei der Kinder, das Bellen der Hunde, das Gepolter der Räder, die Stimmen und Schritte der Vorübergehenden, die ſchrillen Straßenausrufe, das Getön der Holzſchuhe auf dem Pflaſter, als die Zeit ihres Vorbeipaſſirens kam, und um das Schließen der Ladenthüren. Nicht eher bis der Büreandiener an⸗ kündigte, daß ihr Abendeſſen bereit ſei, erwachte Mrs. Sparſit aus ihren Träumereien und beförderte ihre dichten ſchwarzen Augen⸗ brauen— jetzt durch Nachſinnen ſo ſehr in Falten gelegt, daß ſie des Bügeleiſens zu bedürfen ſchienen— nach dem obern Stockwerk. „O du Narr!“ ſagte Mrs. Sparſit, als ſie allein bei ihrem Eſſen ſaß. Wen ſie eigentlich meinte, ſagte ſie nicht; ſie konnte jedoch kaum das Süßbrod damit gemeint haben. 127 Achtzehntes Kapitel. Die Partei der Gradgrinds bedurfte des Beiſtandes bei der Ermordung der Grazien. Sie giengen auf Rekrutirung aus, und wo konnten ſie leichter Rekruten finden, als unter den feinen Gentlemen, welche, da ſie ſich überzeugt, daß Alles und Jedes nichts werth ſei, gleichfalls zu Allem bereit ſein würden? Ueberdieß beſaßen dieſe munteren Geiſter, welche ſich zu dieſer erhabenen Höhe emporgeſchwungeun, für gar Viele aus der Grad⸗ grindiſchen Schule zu viel Anziehungskraft. Sie waren für die feinen Gentlemen eingenommen; ſie behaupteten, daß dieß nicht der Fall ſei, aber es war doch ſo. Sie erſchöpften ſich in Nach⸗ ahmungen von ihnen; ihnen gleich gackelten ſie im Sprechen, und mit einer ſchlaffen Manier kramten ſie die winzigen ſchimmeligen Portionen von Staatsökonomie aus, mit denen ſie ihre Jünger regalirten. Eine ſo wunderbar baſtardartige Raſſe, wie die auf dieſe Weiſe erzeugte, war früher nie auf Erden geſehen worden. Unter den feinen Gentlemen, die nicht förmlich zu der Grad⸗ grindiſchen Schule gehörten, befand ſich einer aus guter Familie und mit noch beſſerem Aeußern, der einen glücklichen Anſtrich von Humor beſaß, welcher ſich großartig im Hauſe der Gemeinen bei der Gelegenheit bewährte, wo er daſſelbe mit ſeiner Anſicht (und mit derjenigen des Direktoren⸗Ausſchuſſes) über einen Ei⸗ ſenbahnunfall unterhielt, bei welchem die umſichtigſten Beamten, die man jemals gekannt, angeſtellt von den edelſten Vorſtehern, von denen man jemals gehört, unterſtützt durch die kunſtvollſten mechaniſchen Erfindungen, die je erdacht wurden und zwar auf der beſten Bahn, die jemals gebaut worden, durch einen Zufall, ohne welchen das ganze Syſtem durchaus unvollſtändig geweſen wäre, fünf Perſonen tödten und zwei und dreißig verwunden ließen. Unter den Getödteten befand ſich eine Kuh, und unter den zerſtreuten Effekten, die keinen Eigenthümer hatten, war die Haube einer Wittwe. Das ehrenwerthe Mitglied hatte nun das Haus der Gemeinen(das einen delikaten Sinn für Humor hat), indem er der Kuh die Haube aufſetzte, der Art gekitzelt, daß er wegen einer ernſthaften Unterſuchung des Coroners*) in * unterſuchungsbeamter für unnatürliche Topesfälle. 128 Ungeduld gerieth und die Eiſenbahn unter Beifallsruf und Ge⸗ lächter ſpedirte. Dieſer Gentleman hatte nun einen jüngern Bruder von noch beſſerm Aeußern als das ſeinige war, der das Leben eines Cornets bei den Dragonern verſucht hatte und es langweilig fand; dann hatte er es in dem Gefolge eines engliſchen Miniſters im Auslande verſucht und fand es langweilig, dann war er nach Jeruſalem ge⸗ trollt und langweilte ſich da; dann war er mit Nachtſchiffen in der Welt umhergeſegelt und wurde überall gelangweilt. Zu dieſem ſagte nun das ehrenwerthe und ſpaßhafte Mitglied eines Tages in brüderlicher Weiſe:„Jem, unter den Anhängern der trockenen Fakten bietet ſich eine gute Ausſicht dar und ſie brauchen Leute. Es wundert mich, daß du nicht unter ſie gehſt, um ihre Statiſtik zu ſtudiren.“ Jem, der von der Neuheit der Idee ziemlich ein⸗ genommen war und der ſich wegen einer Veränderung in Nöthen befand, zeigte ſich ebenſo bereit, auf„Statiſtik auszugehen“ wie auf irgend was Anderes. Demnach gieng er nun darauf aus. Er machte ſich mit einem oder zwei Blue Books auf die Reiſe und ſein Bruder ſprengte es unter den Anhängern der trockenen Fakten aus und ſagte:„Wenn Ihr für irgend einen Platz einen prächtigen Kerl auftreiben wollt, der Euch eine verflucht gute Rede fabriziren kann, ſo wendet Euch an meinen Bruder Jem, denn er iſt der Mann dazu.“ Nachdem man durch öffentliche Meetings einigen Lärm ge⸗ ſchlagen, erklärte ſich Mr. Gradgrind und ein Rath von politi⸗ ſchen Weiſen für Jem, und es wurde beſchloſſen ihn nach Co⸗ ketown zu ſenden, damit er daſelbſt und in der Nachbarſchaft bekannt werde; daher kam der Brief, den Jem die vorige Nacht Mrs. Sparſit gezeigt hatte und den Mr. Bounderby jetzt in der Hand hielt— mit der Ueberſchrift:„An Joſiah Bounderby, Eſquire. Banquier. Coketown. Inſonderheit die Einführung von James Harthouſe, Eſquire, betreffend. Thomas Gradgrind.“ „Nach einer Stunde ſeit dem Empfange dieſer Depeſche und einer Karte von Mr. James Harthouſe, ſetzte ſich Mr. Boun⸗ derby den Hut auf und gieng nach dem Hotel. Er fand daſelbſt Mr. James Harthouſe in einem ſo troſtloſen Gemüthszuſtand zum Fenſter hinausſehend, daß derſelbe ſchon halb bereit geweſen ſein muß, auf etwas Anderes„auszugehen“. „Mein Name, Sir,“ ſagte der Beſucher,„iſt Joſiah Boun⸗ derby von Coketown.“ 129 Mr. James Harthouſe ſchätzte ſich in der That ſehr glücklich, (obwohl er kaum darnach ausſah) ein Vergnügen zu haben, das er ſo lange erwartet hatte. „Coketown, Sir,“ ſagte Bounderby, ſich in ſeiner obſtinaten⸗ Art einen Stuhl nehmend,„gehört nicht zu den Plätzen, an die Sie gewöhnt ſein dürften. Ich will Ihnen daher, wenn Sie er⸗ lauben— oder ob ſie es erlauben oder nicht erlauben, denn ich bin ein Mann ohne Umſtände— etwas darüber ſagen, ehe wir weiter ſchreiten.“ Mr. Harthouſe war entzückt. „Seien Sie deſſen nicht zu gewiß,“ ſagte Bounderby,„ich verſpreche es Ihnen nicht. Vor Allem betrachten Sie unſern Rauch. Der iſt Speiſe und Trank für uns. Er iſt das Ge⸗ ſündeſte von der Welt in jeder Hinſicht, beſonders aber für die Lungen. Wenn Sie zu denjenigen gehören, die verlangen, daß wir ihn conſumiren ſollen, ſo bin ich nicht Ihrer Meinung. Wir werden den Boden unſerer Dampfkeſſel, wegen all der Humbug⸗ Gefühle in Großbritannien und Irland, nicht ſchneller verbrauchen, als es jetzt geſchieht.“ Um das„Daraufausgehen“ vollſtändig zu betreiben, erwie⸗ derte Mr. Harthouſe.„Mr. Bounderby, ich kann Ihnen die Ver⸗ ſicherung geben, daß ich durchaus und vollſtändig Ihrer Anſicht bin. Aus Ueberzeugung.“ 1 „Es freut mich das zu hören,“ ſagte Bounderby.„Sie werden ohne Zweifel viel Geſchwätz über das Arbeiten in unſeren Fabriken gehört haben. Nicht wahr? Nun gut. Ich werde Ihnen das Faktiſche darüber mittheilen. Es iſt die beſte Arbeit, welche exiſtirt, es iſt die leichteſte Arbeit, welche exiſtirt, und es iſt die beſtbezahlte Arbeit, welche exiſtirt. Was noch mehr iſt, wir könnten die Fabriken in keinen beſſern Zuſtand verſetzen, es ſei denn, daß wir mit türkiſchen Teppichen den Fußboden belegten. Was wir aber nicht thun werden.“ „Ganz recht,“ Mr. Bounderby. „Schließlich,“ ſagte Bounderby,„zu unſeren Händen. Es gibt keine Hand in unſerer Stadt, Sir, ſei ſie Mann, Weib oder Kind, die nicht ein letztes Lebensziel vor Augen hat. Dieſes Ziel iſt, Schildkrötenſuppe und Wildpret mit goldenen Löffeln eſſen zu können. Nun werden ſie es wohl nie erleben,— keiner von ihnen— daß ſie Schildkrötenſuppe und Wildpret mit gol⸗ denen Löffeln eſſen. Jetzt kennen Sie den Ort.“ Boz. Schwere Zeiten. 9 130 Mr. Harthouſe geſtand, durch den gedrängt kurzen Auszug der ganzen Coketowner Frage, im höchſten Grade belehrt und er⸗ baut zu ſein. „Nun, ſehen Sie,“ verſetzte Mr. Bounderby,„es ziemt ſich für meine Stellung, im vollſten Einverſtändniß mit einem Manne u ſtehen, deſſen Bekanntſchaft ich mache, beſonders wenn es ein öffentlicher Charakter iſt. Ich habe Ihnen nur noch Eines mit— zutheilen, Mr. Harthouſe, bevor ich Ihnen die Verſicherung gebe, mit welchem Vergnügen ich, mit Anwendung all meiner geringen Fähigkeit, dem Empfehlungsſchreiben meines Freundes Tom Grad⸗ grind nachkommen werde. Sie ſind ein Mann von guter Familie. Laſſen Sie ſich keinen Augenblick durch den Glauben täuſchen, daß ich ein Mann von guter Herkunft ſei. Ich bin ein ſchmutziges Stück von Lumpenkerl und ein ächtes Exemplar von Janhagel. Wenn irgend was Jems Intereſſe für Mr. Bounderby er⸗ höhen konnte, ſo würde es gerade dieſer Umſtand geweſen ſein. Wenigſtens ſagte er ſo. 3 „Nun denn,“ ſagte Bounderby,„jetzt können wir auf gleichem Fuße ſtehend, uns die Hände ſchütteln. Ich ſage auf gleichem Fuße, denn obwohl ich weiß, was ich bin und die genaue Tiefe der Pfütze, aus der ich mich emporgeſchwungen, beſſer wie jeder Andere kenne, ſo bin ich doch ſo ſtolz, wie Sie ſelbſt ſind. Ich bin juſt ſo ſtolz, wie Sie ſind. Nachdem ich nun meine Unab⸗ hängigkeit in gehöriger Weiſe dargethan, ſo darf ich wohl zur Frage kommen: Wie befinden Sie ſich? Ich hoffe recht wohl.“ „Beſſer als ſonſt,“ gab ihm Mr. Harthouſe zu verſtehen, während ſie ſich die Hände ſchüttelten,„durch die geſunde Luft von Coketown.“ Mr. Bounderby nahm die Antwort gnädig auf. „Vielleicht wiſſen Sie,“ ſagte er,„oder vielleicht wiſſen Sie es nicht, daß ich Tom Gradgrinds Tochter geheirathet habe. Wenn Sie nichts Beſſeres vorhaben, als mit mir einen Gang zu machen, ſo würde es mich freuen, Sie Tom Gradgrinds Tochter vorzuſtellen.“ 3 „Mr. Bounderby,“ ſagte Jem,„Sie kommen meinen ſehn⸗ lichſten Wünſchen zuvor.“ Sie giengen aus, ohne weiter das Geſpräch fortzuſetzen, und Mr. Bounderby ſteuerte mit ſeiner neuen Bekanntſchaft, die gegen ihn ſo ſehr abſtach, dem ziegelrothen Privatwohnſitz zu, mit den ſchwarzen Außenſchaltern, den grünen innern Blenden und der 4 —+☛—-A——— R— aA—— 82 .„ 131 ſchwarzen Straßenthüre oberhalb der zwei weißen Stufen. Im hDrawing-room dieſes Herrſchaftshauſes trat ihnen das merkwür⸗ digſte Frauengeſchöpf entgegen, das Mr. James Harthouſe jemals geſehen. Sie erſchien ſo gezwungen und doch ſo ſorglos, ſo zurück⸗ haltend und doch ſo aufmerkſam— ſo kalt und ſtolz und doch ſo zartverſchämt über ihres Mannes großprahleriſche Demuth— vor welcher ſie zurückbebte, als wäre jede Probe davon ein Stich oder Schlag— daß ihre Beobachtung einen ganz neuen Eindruck hervorbrachte. Ihr Geſicht war nicht weniger merkwürdig, als ihr Weſen. Ihre Züge waren ſchön; aber ihr natürliches Spiel war der Art unterdrückt und abgeſchloſſen, daß es unmöglich ſchien, ihren urſprünglichen Ausdruck zu errathen. Ganz und gar gleichgültig, vollſtändig ſelbſtvertrauend, niemals in Verlegenheit und doch niemals behaglich— mit ihrer Geſtalt in der Geſell⸗ ſchaft anweſend, mit dem Geiſte jedoch offenbar abweſend— war es fruchtlos auf das Verſtändniß dieſes Frauengeſchöpfes ſchon jetzt„auszugehen“, denn ſie machte allen Scharfſinn zu Schanden. Von der Herrin des Hauſes ließ der Gaſt den Blick auf das Haus ſelbſt ſchweifen. Kein ſtilles Zeichen der Weiblichkeit war in dem Zimmer ſichtbar. Keine anmuthige kleine Verzierung, kein ſchwärmeriſches, wenn auch noch ſo gewöhnliches, kleines Emblem, verkündete daſelbſt den Einfluß derſelben. Ohne Heiterkeit und unbehaglich, mit prahleriſchem und mürriſchem Pomp ausge⸗ ſchmückt, glotzte das Zimmer, nicht durch die leiſeſte Spur einer weiblichen Beſchäftigung gemildert und verſchönt, die Anweſenden an. In derſelben Weiſe, wie Mr. Bounderby ſeinen Standpunkt in der Mitte ſeiner Hausgötter einnahm, umgaben dieſe unnach⸗ giebigen Gottheiten mit ihren Poſitionen Mr. Bounderby und ſie waren einander würdig und paßten zuſammen. „Dieſes iſt,“ ſagte Bounderby,„meine Frau, Mrs. Boun⸗ derby, Tom Gradgrinds älteſte Tochter. Loo, Mr. James Harthouſe. Mr. Harthouſe hat ſich der Muſterrolle deines Va⸗ ters zugeſellt. Wenn er nicht in Kurzem Tom Gradgrinds Col⸗ lege ſein wird, ſo werden wir, wie ich glaube, von ihm wenigſtens in Verbindung mit einer der benachbarten Städte hören. Sie ſehen wohl, Mr. Harthouſe, daß meine Frau die jüngere von uns Beiden iſt. Ich weiß nicht, was ſie in mir geſehen haben mochte, da ſie mich heirathete, aber ſie muß doch, wie ich vermuthe, etwas in mir geſehen haben, ſonſt hätte ſie mich nicht geheirathet. Sie beſitzt eine Maſſe von allerhand Wiſſenſchaften, Sir, ſowohl in 9* 132 politiſcher als in anderer Beziehung. Wenn Sie etwas aufſtöbern wollen, ſo würde ich in Verlegenheit ſein, Ihnen ein beſſeres Sachregiſter anzuweiſen, als Loo Bounderby iſt. Einem Rathgeber der angenehmer geweſen wäre oder von dem er leichter im Stande geweſen wäre etwas zu lernen, konnte Mr. Harthouſe nicht empfohlen werden.. „Nur zu!“ ſagte Mr. Bounderby,„wenn Sie ſich auf's Complimentenmachen verlegen, ſo werden Sie hier gut ankommen, denn Sie ſtoßen auf keine Concurrenz. Es war nie meine Ge⸗ wohnheit Complimente zu ſtudiren und ich verſtehe auch nicht die Kunſt, welche zu machen. Es iſt ein Faktum, daß ich ſie verachte. Aber Ihre Erziehung war verſchieden von der mei⸗ nigen— die meinige war etwas Reelles— beim George! Sie ſind ein Gentleman und ich behaupte nicht, ein ſolcher zu ſein. Ich bin Joſiah Bounderby von Coketown und das genügt mir. Obwohl ich mich indeſſen von Stand und Sitten nicht beein⸗ fluſſen laſſe, ſo mag das doch der Fall bei Loo Bounderby ſein. Sie hatte nicht dieſelben Vortheile wie ich— Sie werden es Nachtheile nennen, ich aber nenne es Vortheile— Sie werden daher, wenn ich ſo ſagen darf, Ihre Kräfte nicht verſchwenden.“ „Mr. Bounderby,“ ſagte Jem, ſich lächelnd an Luiſen wen⸗ dend,„iſt ein edles Thier in einem vergleichsweiſe natürlichen Zuſtand und ganz frei von dem Geſchirr, in welchem ich als conventioneller Gaul mich abarbeiten muß.“ „Sie hegen viel Achtung vor Mr. Bounderby,“ erwiederte ſie ruhig.„Es iſt natürlich, daß ſie es thun.“ Als ein Gentleman, der ſo Vieles in der Welt geſehen hatte, war er ſchmählich aus dem Sattel geſchleudert und dachte:„Nun, wie ſoll ich das eigentlich nehmen?“ „Sie wollen ſich dem Dienſte Ihres Vaterlandes widmen, wie ich aus dem folgere, was Mr. Bounderby mir mitgetheilt hat. Sie haben ſich entſchloſſen,“ ſagte Luiſe, die ſich noch immer auf derſelben Stelle befand, wo ſie zuerſt vor ihm ſtehen geblieben war— mit all dem ſonderbaren Widerſpruch ihrer Selbſtbe⸗ herrſchung und ihres offenbar unbehaglichen Zuſtandes—„der Nation einen Ausweg aus allen ihren Schwierigkeiten zu zeigen?“ „Mrs. Bounderby,“ verſetzte er lachend,„nicht das, bei meiner Ehre. Ich will Ihnen gegenüber nicht darauf Anſpruch machen. Ich habe hie und da, dies⸗ und jenſeits etwas geſehen und ich habe gefunden, daß Alles werthlos iſt, wie Jeder es gefunden, ¹ ſ ——„„„—. ——— 133 und wie Manche es geſtehen und Andere es wieder nicht geſtehen. Ich ſtehe ein für die Anſichten Ihres geſchätzten Vaters— weil ich in der That keine andere Auswahl habe und mag ſie, wie ſonſt irgend was, unterſtützen.“ „Haben Sie denn keine eigenen?“ fragte Luiſe. „Mir iſt nicht einmal die leiſeſte Vorliebe übrig geblieben. Ich verſichere Sie, daß ich nicht die geringſte Bedeutung was immer für Anſichten beimeſſe. Das Reſultat von der Mannig⸗ faltigkeit der Langeweile die ich erlitten, iſt eine Ueberzeugung (es ſei denn, daß das Wort Ueberzeugung eine zu große Thätig⸗ keit für das träge Gefühl bezeichne, welches ich über dieſen Ge⸗ genſtand empfinde), daß die eine Reihe von Ideen gerade ſo viel Nutzen bringen wird, als eine andere Reihe von Ideen und juſt eben ſo viel Nachtheil, wie jede andere Reihe. Es gibt eine eng⸗ liſche Familie mit einem ausgezeichneten italieniſchen Sinnſpruch: „Was ſein wird, das wird ſein!’ Das iſt die einzige gangbare Wahrheit.“ Dieſe laſterhafte Vorausſetzung der Ehrlichkeit in der Unehrlich⸗ keit— ein Laſter, das ſo gefährlich, ſo tödtlich und ſo allgemein iſt— ſchien, wie er bemerkte, einigermaßen einen günſtigen Ein⸗ druck bei ihr hervorzubringen. Er verfolgte ſeinen Vortheil, indem er in der angenehmſten Weiſe, die ihm zur Verfügung ſtand, und der ſie ſo viel oder ſo wenig Werth beilegen mochte, als ihr be⸗ liebte, noch hinzufügte:„die Partei, die was immer in einer Reihenfolge von Einheiten, Zehnern, Hunderten und Tauſenden beweiſen kann, dieſe ſcheint mir, Mrs. Bounderby, einem Manne den meiſten Spaß machen und das beſte Glück bringen zu können. Ich fühle mich ihr ſo anhänglich, als wenn ich an ſie glaubte. Ich bin ganz bereit für dieſelbe einzuſtehen, in demſelben Umfange, als wenn ich an ſie glaubte. Und was könnte ich möglicher Weiſe denn mehr thun, wenn ich wirklich an ſie glaubte?“ „Sie ſind ein ſonderbarer Politiker,“ ſagte Luiſe. „Bitte um Verzeihung! Ich habe nicht einmal dieſes Ver⸗ dienſt. Wir bilden, ich verſichere Sie, Mrs. Bounderby, die größte Partei im Staate, ſobald wir nur Alle aus dem adoptirten Stande hervortreten und ſämmtlich die Revue paſſiren würden.“ Mr. Bounderby, der in Gefahr geweſen war vor Still⸗ ſchweigen zu berſten, fiel hier mit dem Vorſchlag ein, das Fa⸗ miliendiner auf halb ſieben zu verſchieben und mit Mr. James Harthouſe in der Zwiſchenzeit eine Reihe von Beſuchen bei den * 134 votirenden und intereſſanten Notabilitäten von Coketown und der Nachbarſchaft zu machen. Die Reihe von Beſuchen war gemacht; und Mr. James Harthouſe kam vermittelſt eines beſcheidenen Gebrauches ſeines blauen Gepäckes mit Triumph, wenn auch mit einem ſtarken An⸗ fluge von Langeweile davon. Abends fand er den Mittagstiſch für vier gedeckt, ſie ſetzten ſich aber nur zu drei an den Tiſch. Das war eine paſſende Gele⸗ genheit für Mr. Bounderby, um den Geſchmack der geſchmorten Aale zu beſprechen, die er als achtjähriger Knabe in der Straße um einen halben Pfennig gekauft, und ebenſo den des ſchlechten Waſſers, das eigentlich zum Staublöſchen verwendet wird, wo⸗ mit er die Mahlzeit hinuntergeſchwemmt. Er. unterhielt ſeinen Gaſt gleichfalls, während man Suppe und Fiſche genoß, mit der Berechnung, daß er(Bounderby) in ſeiner Jugend drei Pferde in der Geſtalt von Fleiſch und Blutwürſten gegeſſen. Dieſe Erzählungen nahm Jem hie und da mit einem matten „Charmant!“ entgegen und ſie würden ihn wahrſcheinlich zum Entſchluß gebracht haben, den folgenden Morgen ſich wieder nach Jeruſalem aufzumachen, wenn er hinſichtlich Luiſens weniger neu⸗ gierig geweſen wäre. »Gibt es denn nichts,“ dachte er, indem er einen flüchtigen Blick auf ſie warf, wie ſie an der Spitze des Tiſches ſo daſaß, wo ihre jugendliche Geſtalt, die klein und ſchmächtig, aber äußerſt anmuthig war, ebenſo hübſch ſich ausnahm, als ſie nicht am rechten Platze war,„gibt es denn nichts, das in dieſes Geſicht Bewegung bringen könnte?“ Ja! Beim Jupiter, es gab ſo etwas und hier ſtand es in unerwarteter Geſtalt. Tom erſchien. Sie veränderte ſich als die Thüre aufgieng und ließ ein ſtrahlendes Lächeln ſehen. Ein ſchönes Lächeln. Mr. James Harthouſe würde nicht ſo viel Weſens davon gemacht haben, wenn er ſich nicht ſo ſehr über ihr ſtarres Geſicht gewundert hätte. Sie ſtreckte ihre Hand aus — ein hübſches, zartes Händchen und ihre Finger umſchloſſen die ihres Bruders, als wollte ſie dieſelben an ihre Lippen führen. »Ei, ei,“ dachte der Gaſt,„dieſer Bengel iſt das einzige Ge⸗ ſchöpf, an dem ihr was gelegen iſt. So, ſo!“ 135 Der Bengel ward vorgeſtellt und nahm ſeinen Sitz ein. Die Benennung war nicht ſchmeichelhaft, aber nicht unverdient. „Als ich in deinem Alter war, junger Mann,“ ſagte Boun⸗ derby,„war ich pünktlich, ſonſt bekam ich nichts zu eſſen.“ „Als Sie in meinem Alter waren,“ verſetzte Tom,„hatten Sie keine falſche Bilanz in Ordnung zu bringen und ſich dann anzukleiden.“ „Laß das jetzt gut ſein,“ ſagte Bounderby. „Nun denn,“ murrte Tom.„So fangen Sie nicht an.“ „Mrs. Bounderby,“ ſagte Harthouſe, der den dumpfen Ton gleich ganz richtig auffaßte, wie er ſich hören ließ,„das Geſicht Ihres Bruders iſt mir wohl bekannt. Kann ich ihn im Auslande geſehen haben? Oder in irgend einer öffentlichen Schule?“ Nein,“ antwortete ſie mit vielem Intereſſe,„er iſt noch nie im Auslande geweſen und iſt hier zu Hauſe erzogen worden. Tom, Lieber, ich ſage eben Mr. Harthouſe, daß er dich nie im Auslande geſehen.“ „War nicht ſo glücklich, Sir,“ ſagte Tom.. Es war ihm wenig genug eigen, um ihr Geſicht aufzuheitern, denn er war ein mürriſcher Junge und in ſeinem Benehmen ſelbſt gegen ſie unfreundlich. Um ſo größer muß die Einſamkeit ihres Herzens und ihr Bedürfniß, es auf Jemanden zu richten, ge⸗ weſen ſein. „Um ſo viel mehr iſt dieſer Bengel das einzige Geſchöpf, an dem ihr je was gelegen war,“ dachte Mr. James Harthouſe hin und her reflektirend.„Um ſo viel mehr. Um ſo viel mehr!“ Der Bengel gab ſich keine Mühe, gegen Mr. Bounderby ſo⸗ wohl in der Gegenwart ſeiner Schweſter, als auch nachdem ſie das Zimmer verlaſſen, ſeine Verachtung zu verbergen, ſobald es ihm möglich war, unbemerkt von jenem unabhängigen Manne, dadurch, daß er ſaure Geſichter ſchnitt, oder ein Auge ſchloß, dieſelbe an den Tag zu legen. Ohne auf dieſe telegraphiſchen Mittheilungen einzugehen, er⸗ muthigte ihn Mr. Harthouſe im Verlaufe des Abends und offen⸗ barte eine ungewöhnliche Vorliebe für ihn. Als er ſich endlich erhob, um ſich nach ſeinem Hotel zu begeben und einigen Zweifel ausdrückte, ob er des Nachts den Weg finden werde, bot der Bengel augenblicklich ſeine Dienſte als Führer an und gieng mit ihm fort, um ihn dahin zu begleiten. 136 Neunzehntes Kapitel. Es war höchſt merkwürdig, daß ein junger Mann, der nach einem ununterbrochenen Syſteme unnatürlichen Zwanges erzogen worden, ein Hypokrit ſein ſollte; und doch war dieß ſicherlich bei Tom der Fall. Es war höchſt ſonderbar, daß ein junger Mann, der ſich ſeiner eigenen Leitung nie auf fünf Minuten hinter einan⸗ der überlaſſen war, unfähig ſein ſollte, ſich ſelbſt zu beherrſchen; aber ſo war es mit Tom. Es war ganz und gar unerklärbar, daß ein junger Mann, deſſen Fantaſie ſchon in der Wiege er⸗ droſſelt worden, dennoch von ihrem Geſpenſte in der Form nied⸗ riger Leidenſchaften heimgeſucht werden ſollte; aber ein ſolches Ungeheuer war ohne Zweifel Tom. „Rauchen Sie?“ fragte Mr. James Harthouſe, als ſie nach dem Hotel kamen. „Das will ich meinen!“ ſagte Tom. Er konnte nichts weniger thun, als Tom zu ſich einladen, und Tom konnte nichts weniger thun, als dieſe Einladung an⸗ nehmen. Theils vermittelſt eines kühlenden Getränkes, das der Witterung angemeſſen, aber nicht ſo ſchwach als kühl war, und theils vermittelſt eines ſelteneren Tabaks als in jenem Orte zu haben war, befand ſich Tom bald in einem höchſt freien und be⸗ haglichen Zuſtand an dem einen Ende des Sophas, und mehr als je geneigt ſeinen neuen Freund am andern Ende zu bewundern. Tom blies, nachdem er eine kleine Weile geraucht hatte, den Rauch bei Seite und unterwarf ſeinen Freund einer genauen Be⸗ trachtung.„Er ſcheint ſich um ſeine Toilette nicht zu kümmern,“ dachte Tom,„und doch wie famös hat er ſie gemacht. Was für ein eleganter Swell*) er iſt!« Mr. James Harthouſe, der Toms Blick zufällig auffing, be⸗ merkte, daß er gar nichts trinke und füllte deſſen Glas mit ſeiner eigenen nachläſſigen Hand. „Danke,“ ſagte Tom,„danke.„Nun, ich hoffe, Mr. Harthouſe, Sie haben heute Abend eine gehörige Doſis vom alten Boun⸗ derby gehabt.“ Tom ſagte das, indem er ein Auge wieder ſchloß, und warf einen ſchlauen Blick über ſein Glas nach ſeinem Ge⸗ ſellſchafter. *) Londoner Stutzer. 137 „Ein ſehr guter Kamerad, wahrhaftig,“ verſetzte Mr. Harthouſe. „Das iſt Ihre Meinung, nicht wahr?« fragte Tom und ſchloß wieder das Auge. Mr. James Harthouſe lächelte und bemerkte, nachdem er ſich an das Kamingeſims der Art gelehnt hatte, daß er im Rauchen begriffen, vor dem leeren Feuerplatze Tom gegenüber zu ſtehen kam und auf denſelben niederblickte:„Was für ein komiſcher Schwager Sie ſind!“ „Ich glaube, Sie meinen wohl, was für ein komiſcher Schwa⸗ ger der alte Bounderby iſt!“ „Sie ſind ein Stück Satyrikus, Tom,“ warf Mr. James Harthouſe ein.— Es lag ſo etwas Angenehmes darin, mit einer ſolchen Weſte ſo intim zu ſein, von einer ſolchen Stimme Tom genannt zu werden— und mit einem ſolchen Schnurrbart in ſo kurzer Zeit auf einem ſo vertrauten Fuße zu ſtehen, daß Tom mit ſich ſelbſt ſehr zufrieden war. „Oh, kümmern Sie ſich nicht um die Bezeichnung des alten Bounderby,“ ſagte er,„wenn Sie das meinen. Ich habe ihn immer den alten Bounderby genannt, wann ich von ihm ſprach oder an ihn dachte. Ich werde jetzt des alten Bounderby wegen nicht anfangen höflich zu werden. Das wäre etwas zu ſpät am Tage.“ „An mich kehren Sie ſich nicht,“ entgegnete James,„nehmen Sie ſich aber in Gegenwart ſeiner Frau in Acht, merken Sie ſich's wohl.“. „Seiner Frau?“ rief Tom.„Meiner Schweſter Loo? O, frei⸗ lich!« Er lachte und nahm einen Schluck von dem kühlenden Getränke. James Harthouſe verharrte in derſelben nachläſſigen Stel⸗ lung auf demſelben Platze, indem er die Cigarre in ſeiner eigenen leichten Manier rauchte und den Bengel vergnügt anſah, als ob er ſich als eine Art angenehmen Dämon betrachtete, der nur über ihn zu ſchweben brauche, um ihn nöthigen Falls ſeine ganze Seele aufgeben zu machen. Es ſchien wirklich, als ob ſich der Bengel ſeinem Einfluſſe füge. Er betrachtete ſeinen Geſellſchafter ſchlau, er betrachtete ihn verwundernd, er betrachtete ihn kühn und legte ein Bein auf das Sopha. „Meine Schweſter Loo?« ſagte Tom.„Sie kümmerte ſich nie um den alten Bounderby.“ 138 „Das iſt die vergangene Zeit, Tom,“ verſetzte Mr. James Harthouſe, indem er die Aſche der Cigarre mit dem kleinen Finger abſtreifte.„Jetzt befinden wir uns aber in der gegen⸗ wärtigen Zeit.“ Zurückführendes Zeitwort, ſich nicht kümmern. Anzeigende Art, gegenwärtige Zeit. Erſte Perſon, Singular: Ich kümmere mich nicht. Zweite Perſon, Singular: Du kümmerſt dich nicht. Dritte Perſon, Singular: Sie kümmert ſich nicht,“ erwiederte Tom. „Gut. Sehr ſinnreich,“ ſagte ſein Freund,„obgleich Sie nicht dieſer Meinung ſind.“ „Aber es iſt meine Meinung,“ rief Tom.„Bei meiner Ehre! Ei, Sie wollen mir doch nicht ſagen, daß Sie wirklich annehmen, meine Schweſter Loo kümmere ſich um den alten Bounderby 2 „Nein, lieber Junge,“ verſetzte der Andere,„was muß ich denn annehmen, wenn ich ſehe, daß ein paar Eheleute in Glück und Frieden zuſammen leben?“ Tom hatte mittlerweile beide Beine auf das Sopha ge⸗ legt. Wenn ſein zweites Bein ſich nicht ſchon daſelbſt befunden hätte, als er mein lieber Junge genannt worden, ſo würde er es bei jenem großen Stadium des Geſpräches emporgezogen haben. Da er jedoch alsdann fühlte, daß er etwas thun müſſe, ſtreckte er ſich noch beſſer aus, und während er ſich mit der Rückſeite des Kopfes an das Ende des Sopha's lehnte und eine unendlich nach⸗ läſſige Manier im Rauchen annahm, wandte er ſich mit ſeinem gemeinen Geſichte und ſeinen nicht zu nüchternen Augen gegen das Geſicht, das auf ihn ſo nachläſſig und doch ſo mächtig herabblickte. „Sie kennen unſern Hofmeiſter, Mr. Harthouſe,“ ſagte Tom, „und brauchen daher nicht überraſcht zu ſein, daß Loo den alten Bounderby geheirathet. Sie hatte nie einen Liebhaber, und der Hofmeiſter ſchlug den alten Bounderby vor und ſie nahm ihn.“ „Das iſt äußerſt gehorſam von Ihrer intereſſanten Schwe⸗ ſter,“ ſagte Mr. James Harthouſe. „Ja, aber ſie würde nicht ſo gehorſam geweſen ſein und die Sache wäre nicht ſo leicht zu Stande gekommen,“ verſetzte der Bengel,„wenn es nicht meinetwegen geſchehen wäre.“ Der Verſucher zog bloß ſeine Augenbrauen in die Höhe; aber der Bengel ſah ſich genöthigt fortzufahren. „Ich beredete ſie,“ ſagte er mit einer erbaulichen Ueber⸗ legenheitsmiene.„Ich ward in die Bank des alten Boun⸗ 139 derby gepflanzt(wo ich nie ſein mochte) und ich wußte, daß ich daſelbſt in die Klemme gerathen würde, wenn ſie dem alten Boun⸗ derby einen Korb gäbe. Ich theilte ihr daher meine Wünſche mit und ſie erfüllte ſie. Sie würde alles Mögliche für mich thun. Das war ſehr ſpaßhaft von ihr, nicht wahr?“ „Es war charmant, Tom.“. „Nicht, daß es ganz und gar ſo wichtig für ſie war, als für mich,“ fuhr Tom gleichmüthig fort,„denn meine Freiheit und mein Comfort und vielleicht gar mein Weiterkommen hingen davon ab, und ſie hatte keinen Liebhaber, und zu Hauſe bleiben, war wie im Gefängniß ſein— beſonders wenn ich fort war. Es war nicht, daß ſie einen andern Liebhaber für den alten Boun⸗ derby aufgab,'s war aber immer hübſch von ihr.“ „Ganz herrlich. Und ſie erträgt es ſo gelaſſen.“. „Oh,“ verſetzte Tom mit verächtlicher Schutzherrnmiene. „Sie iſt durchaus Mädchen. Ein Mädchen kann überall fortkom⸗ men. Sie hat ſich für's Leben gebunden und ihr iſt's einerlei. Dieſes Leben behagt ihr eben ſo gut wie jedes andere. Ueber⸗ dieß, obwohl Loo ein Weib iſt, ſo iſt ſie doch kein gewöhnliches Weib. Sie kann ſich in ſich ſelbſt verſchließen und nachdenken— wie ich ſie oft ſitzen und das Feuer betrachten ſah— eine volle Stunde.“ „Wirklich, wirklich? Hat in ſich ſelbſt Reſſourcen?“ fragte Mr. Harthouſe, ruhig fortrauchend.: „Nicht ſo viel wie Sie vermuthen mögen,“ entgegnete Tom, „denn unſer Hofmeiſter hat ſie mit allerhand dürren Knochen und Sägeſpänen vollgepfropft. Das iſt ſo ſein Syſtem.“ „Formte ſeine Tochter nach ſeinem eigenen Modelle?“ erläu⸗ terte Harthouſe. „Seine Tochter? Ach, und alle Welt ſonſt. Nun, er mo⸗ dellirte auch mich auf dieſe Weiſe,“ ſagte Tom. „Unmöglich!« »Doch, er that es,“ ſagte Tom, kopfſchüttelnd.„Glauben Sie mir, daß, als ich zuerſt das väterliche Haus verließ und zu dem alten Bounderby kam, ich ſo flach war wie eine Bettflaſche und nicht mehr als eine Auſter vom Leben wußte.“ „Gehen Sie, Tom. Das kann ich gar nicht glauben. Scherz bleibt Scherz.“ „Bei meiner Seele,“ ſagte der Bengel.„Ich rede ernſthaft, wirklich ernſthaft.“ Er rauchte eine Weile mit großer Gravität 140 und Würde und fügte dann in einem äußerſt gefälligen Ton hinzu: „aber ich habe ſeitdem was gelernt. Das beſtreite ich nicht. Doch that ich es allein und habe dem Hofmeiſter nichts dafür zu danken.“ „Und Ihre intelligente Schweſter?“ „Meine intelligente Schweſter iſt ungefähr noch auf dem⸗ ſelben Standpunkte, wo ſie ſich früher befand. Sie pflegte ſich zu beklagen, daß ihr dergleichen Vergnügungen mangeln, wie Mädchen ſie gewöhnlich haben und ich weiß wirklich nicht, wie ſie darüber hinauskommen konnte. Aber ihr iſt's einerlei,“ fügte er ſcharfſinnig hinzu, die Cigarre abklopfend.„Mädchen können überall anf irgend eine Weiſe fortkommen.“ „Als ich geſtern Abend in der Bank nach Mr. Bounderby's Adreſſe fragte, geind ich daſelbſt eine altmodiſche Dame, die viel Bewunderung für Ihre Schweſter zu hegen ſcheint,“ bemerkte Mr. James Harthouſe, indem er den letzten Reſt der Eigarre, die er jetzt ausgeraucht hatte, wegwarf. „Mutter Sparſit?“ fragte Tom.„Was! Sie haben ſie alſo ſchon geſehen?“ Sein Freund nickte bejahend. Tom nahm die Cigarre aus dem Munde, um das Auge(welches ganz unlenkſam geworden war) mit mehr Ausdruck ſchließen und mit dem Finger mehrere Male hintereinander ſich auf die Naſe klopfen zu können. „Mutter Sparſit's Gefühl für Loo iſt, ich ſollte meinen, mehr als Bewunderung,“ ſagte Tom.„Sagen Sie lieber Wohlwollen und Ergebung. Mutter Sparſit hatte nie nach Bounderby geangelt, als er noch Junggeſelle war. Oh, nein!“ Die letzten Worte wurden von dem Bengel ausgeſprochen, ehe ihn noch eine ſchwindelige Schläfrigkeit überfiel, der voll⸗ ſtändige Vergeſſenheit nachfolgte. Aus dem letzteren Zuſtande ward er durch den unangenehmen Traum geweckt, vermittelſt eines Stiefels aufgeſchreckt zu werden, während eine Stimme rief: ‚Auf! Es iſt ſpät! Pack' er ſich fort!““ „Gut,“ ſagte er, indem er von dem Sopha herunterkrabbelte. „Ich muß doch Abſchied von Ihnen nehmen. Ich glaube wohl. Ihr Tabak iſt ſehr gut. Nur zu ſchwach iſt er.“ „Ja, er iſt zu ſchwach,“ verſetzte ſein Geſellſchafter. „Er iſt— iſt lächerlich ſchwach,“ ſagte Tom.„Wo iſt die Thür? Gut' Nacht!“ ½ Er hatte einen zweiten ſeltſamen Traum, von einem Kellner durch einen Nebel geführt zu werden, der, nachdem er ihm Mühe 7 141 und Schwierigkeit in den Weg gelegt, ſich in die Hauptſtraße verwandelte, in welcher er jetzt allein ſtand. Er gieng dann ziem⸗ lich leicht nach Hauſe, obwohl nicht ganz frei von dem Eindruck der Gegenwart und dem Einfluſſe ſeines neuen Freundes— als ob er noch in derſelben nachläſſigen Stellung irgendwo in der Luft herumlungerte, ihn mit demſelben Blicke betrachtend. Der Bengel gieng nach Hauſe und legte ſich ſchlafen. Wenn er irgend ein Gefühl davon gehabt hätte, was er in jener Nacht angerichtet, und weniger Bengel und mehr Bruder geweſen wäre, ſo würde er ſich plötzlich auf der Straße umgewandt haben, wäre zu dem übelriechenden Fluſſe, der ſchwarz gefärbt war, hinabge⸗ gangen, hätte ſich daſelbſt für immer ſchlafen gelegt, und hätte ſich den Kopf für alle Zeiten mit ſeinen ſchmutzigen Wellen bedeckt. Zwanzigſtes Kapitel. „Oh, meine Freunde, ihr mit Füßen getretene Werkleute von Coketown! Oh, meine Freunde und Mitbürger, ihr Sklaven eines eiſernen und zermalmenden Despotismus! Oh, meine Freunde und Leidensgenoſſen und Arbeitsgenoſſen und Mitge⸗ noſſen! Ich ſage euch, daß die Stunde geſchlagen, wo wir uns zu Einer feſten Macht vereinigen müſſen, um die Unterdrücker zu Staub zu zerreiben, welche ſich nur zu lange gemäſtet haben, mit dem Raube unſerer Familien, mit dem Schweiße unſerer Stirne, mit der Arbeit unſerer Hände, mit der Kraft unſerer Nerven, mit den gottgeborenen, glorreichen Rechten der Humanität, und mit den heiligen und ewigen Privilegien der Brüderlichkeit!“ „Gut!“„Hört, hört, hört!„Hurrah!“ und ſonſtige Aus⸗ rufungen ertönten von vielen Stimmen aus verſchiedenen Theilen der dichtgedrängten und zum Erſticken vollen Halle, in welcher der Redner— der ſich auf einem Gerüſte aufgepflanzt hatte— ſich des Obigen, und was er ſonſt noch von Schaum und Rauch in ſich hatte, entleerte. Er hatte ſich ſelbſt in hitzigen Eifer hinein⸗ deklamirt und war ebenſo heiſer als heiß. Indem er unter der Ausſtrömung der blendenden Gasflammen aus voller Kehle brüllte, die Fäuſte ballte, die Stirne runzelte, mit den Zähnen knirſchte und mit den Armen arbeitete, hatte er ſich nun dermaßen er⸗ ſchöpft, daß er nicht mehr weiter konnte und nach einem Glas Waſſer rief. 3 Wie er ſo daſtand und verſuchte, das glühende Geſicht mit 142 einem Trunk Waſſer zu kühlen, fiel der Vergleich zwiſchen dem Redner und der Menge von aufmerkſamen Geſichtern, die auf ihn— geheftet waren, gewaltig zu ſeinem Nachtheil aus. Nach ſeiner augenfälligen Perſönlichkeit zu urtheilen, erhob er ſich nur ver⸗ mittelſt des Gerüſtes, auf welchem er ſtand, um ein Weniges über die Maſſe. In vielen anderen Beziehungen ſtand er ihr weſentlich nach. Er war nicht ſo rechtlich, nicht ſo männlich und nicht ſo gutmüthig. Er ſubſtituirte Schlauheit für ihre Einfach⸗ heit und Leidenſchaftlichkeit, für ihren geraden geſunden Verſtand. Als ſchlechtgebauter, hochſchulteriger Mann mit eingeſunkenen Augenbrauen und mit Geſichtszügen, die gewöhnlich einen ſauer⸗ töpfiſchen Ausdruck annahmen, bildete er ſelbſt in ſeiner bunten 3 Tracht, gegen einen großen Theil ſeiner Zuhörer in ihren ein⸗ fachen Arbeiterkleidern, einen ungünſtigen Contraſt. Iſt ſchon der Anblick jeder Verſammlung ſeltſam, die ſich dem Eindrucke einer beliebten Perſon— Lord oder Commoner— demüthig unterwirft, einer Perſon, welche drei Viertheile der Ver⸗ ſammelten durch kein menſchliches Mittel aus dem Schlamme der Nichtigkeit zu ihrer eigenen geiſtigen Höhe erheben könnten, ſo war es unendlich ſeltſam, ja ſogar unendlich rührend, dieſe Menge von ernſten Geſtalten, deren Rechtlichkeit im Allgemeinen von keinem competenten, vorurtheilsfreien Beobachter bezweifelt werden konnte, durch einen ſolchen Führer aufgeregt zu ſehen. Gut! Hört, hört! Hurrah! Die eifrige Spannung und Aufmerkſamkeit, die ſich auf jedem Antlitze kundgab, gewährte einen eindrucksvollen Anblick. Da gab ſich keine Unachtſamkeit, keine Mattigkeit und keine eitle Neugierde kund; kein einziger Schatten der Gleichgültigkeit, der man in allen anderen Ver⸗ ſammlungen begegnet, war daſelbſt auch nur auf einen einzigen Augenblick ſtchtbar. Daß Jedermann fühlte, wie ſeine Lage in 4 gewiſſer Beziehung ſchlimmer ſei, als ſie ſein ſollte; daß Jeder⸗ mann es als ſeine ihm obliegende Pflicht betrachtete, ſich mit den Uebrigen zu vereinigen, um Verbeſſerungen hervorzurufen; daß Jedermann ſeine einzige Hoffnung in den Anſchluß an ſeine Gefährten ſetzte, von denen er umgeben war, und daß die ge⸗ ſammte Menge in dieſem Glauben, ſei er begründet oder unbe⸗ gründet(unglücklicher Weiſe war er damals das Letztere) in feier⸗ lichem, tiefem und aufrichtigem Ernſt begriffen war— muß Jedem, der das Vorhandene ſehen mochte, ebenſo deutlich in's Auge ge⸗— ſprungen ſein, wie das kahle Balkenwerk des Daches und die 143 geweißten Ziegelwände. Ein ähnlicher Beobachter konnte ſich auch der innern Ueberzeugung nicht erwehren, daß dieſe Männer ſelbſt durch ihre Täuſchungen große Eigenſchaften durchſchimmern ließen, die dafür empfänglich waren, auf das Beſte und Vortheilhafteſte ausgebildet zu werden; und daß die Behauptung(auf prahleriſche Axiome gegründet, wie ſie immer auch zugeſtutzt und geformt ſein mochten), daß ſie ohne alle Urſache und bloß aus unvernünf⸗ tigem Eigenwillen irre Wege einſchlugen, der Behauptung gleich war, daß es Rauch ohne Feuer gebe, Tod ohne Geburt, Ernte ohne Saat und daß Alles und Jedes aus Nichts geſchaffen wer⸗ den könne. Nachdem der Redner die Erfriſchung genommen, wiſchte er ſich die Stirne mit einem wulſtartig⸗gefalteten Taſchentuche meh⸗ rere Male von Links nach Rechts und conzentrirte ſeine erfriſchten Lebenskräfte alle in ein Grinſen der Verachtung und Bitterkeit. „Aber, oh, meine Freunde und Brüder! Oh, Bürger und Britten, ihr mit Füßen getretenen Werkleute von Coketown! Was ſollen wir von jenem Manne ſagen— von jenem Arbeiter — oh, daß ich gezwungen bin, dieſen glorreichen Namen ſo ſehr zu beſchimpfen— der mit den Beſchwerden und Unbilden, die ihr, der Kern und das Mark unſeres Vaterlandes, zu erleiden habt, in praktiſcher Weiſe gar wohl vertraut iſt und der euch mit einer edlen und majeſtätiſchen Einſtimmigkeit, die Tyrannen erzit⸗ tern machen wird, den Entſchluß faſſen hörte, für den Fond des „Vereinigten Aggregat⸗Tribunals zu ſubſcribiren und an allen Be⸗ ſchlüſſen feſtzuhalten,“ die von jener Körperſchaft zu eurem Wohle ausgehen mögen— was, frage ich euch, werdet ihr von dem Arbeiter— da ich ihn als ſolchen doch anerkennen muß— ur⸗ theilen, der zu einer ſolcher Zeit ſeinen Poſten verläßt und ſeine Fahne verkauft— der zu einer ſolchen Zeit zum Verräther, zum Feigling und zum Abtrünnigen wird— der nicht vor Schmach vergeht, euch das memmenhafte und entwürdigende Geſtändniß zu machen, daß er ſich ferne halten will und nicht zu denen ge⸗ hören mag, die ſich zu dem herviſchen Kampfe für Freiheit und für Recht vereinigt haben?“ Die Verſammlung war über dieſen Punkt uneinig. Hie und da ertönte Geziſch und Murren; das allgemeine Ehrgefühl war jedoch zu ſtark um einen ungehörten Mann zu verdammen.„Ihr habt vollkommen Recht, Slackbridge.“„Laßt ihn hinaufſteigen.“ 144 „Laßt uns ihn hören.“ Solche Ausrufe ließen ſich von vielen Seiten vernehmen. Endlich rief eine ſtarke Stimme aus:„Iſt der Mann hier? Wenn der Mann hier iſt, Slackbridge, ſo laſſet uns ihn anſtatt Eurer hören,“ welche Worte einen tüchtigen Applaus einernteten. Slackbridge, der Redner, blickte mit einem trockenen Lächeln um ſich, und indem er die Hand(nach der Art aller Slackbridge) der ganzen Länge des Armes nach ausſtreckte, um die tobende See zu beruhigen, wartete er bis tiefe Stille herrſchte. „Oh, meine Freunde und Mitbürger,“ rief Slackbridge mit zornigem Kopfſchütteln.„Ich wundere mich nicht, daß ihr, die zertretenen Kinder der Arbeit, die Exiſtenz eines ſolchen Mannes mit ungläubigem Auge betrachtet, aber derjenige, welcher ſein Geburtsrecht für ein Gericht Speiſen verkaufte, exiſtirte, und Judas Iſchariot exiſtirte, und Caſtlereagh exiſtirte, und auch dieſer Mann exiſtirt!“ Ein kurzes Drängen und verworrenes Durcheinander, das in der Nähe der Rednerbühne entſtanden war, endigte mit der Er⸗ ſcheinung des Mannes ſelbſt, an der Seite des Redners vor dem Gedränge. Sein Geſicht war blaß und zeigte Spuren von Auf⸗ regung— was ſich beſonders auf ſeinen Lippen kundgab; er ſtand jedoch ruhig da mit der linken Hand am Kinn und wartete bis er Gehör erlangte. Es war ein Präſident da, den Geſchäfts⸗ gang zu leiten, und dieſer Beamte nahm jetzt die Sache ſelbſt in die Hand. „Meine Freunde!“ rief er,„kraft meines Amtes als euer Präſident, fordere ich unſren Freund Slackbridge auf, der in dieſer Angelegenheit ſich zu ſehr ereifert haben mag, ſeinen Platz wieder einzunehmen, während dieſer Mann hier, Stephen Blackpool, das Wort führt. Ihr kennt ihn ſchon lange durch ſein Unglück und ſeinen guten Namen.“. Mit dieſen Worten ſchüttelte ihm der Präſident herzlich die Hand und ſetzte ſich wieder nieder. Slackbridge ſetzte ſich ebenfalls, indem er ſich die glühende Stirne abwiſchte— immer von links nach rechts und niemals umgekehrt. „Meine Freunde,“ begann Stephen inmitten einer Todten⸗ ſtille.„Ich habe gehört was von mir geſagt worden iſt und wahrſcheinlich werde ich nichts dazu noch davon thun. Aber ich möchte lieber, daß ihr die Wahrheit in Betreff meiner von mir ſelbſt hörtet, als von einem Andern, obgleich ich nie vor ſo einer 145 een Menge ſprechen konnte, ohne verwirrt und verlegen zu werden.“ Slackbridge ſchüttelte mit dem Kopfe, als wollte er ihn in ſeiner Erbitterung abſchütteln. „Ich bin die alleinzige„Hand“ in Bounderby's Faktorei— von Allen die hier verſammelt ſind— der mit den vorgeſchlagenen Verhaltungsmaßregeln nicht übereinſtimmt. Ich kann nicht mit ihnen übereinſtimmen. Meine Freunde, ich zweifle daran, daß ſie für euch vortheilhaft ſind. Sie könnten euch vielmehr ſchäd⸗ lich ſein.“ deer Slackbridge lachte, verſchränkte die Arme und ſah ſpöttiſch rein. „Aber das iſt es nicht allein, warum ich mich ausſchließe. Wenn das Alles wäre, ſo würde ich mich den Uebrigen verbin⸗ den. Seht, ich habe meine Gründe— meine eigenen— die mich verhindern. Nicht bloß jetzt, ſondern immer— immer— all mein Leben lang.“. Slackbridge fuhr auf und ſtellte ſich neben ihn knirſchend und wüthend.„Oh, meine Freunde, habe ich euch nicht das Alles geſagt? Oh, meine Mitbürger, habe ich euch nicht dieſe Warnung zugerufen? Und wie erſcheint euch dieſes verrätheriſche Benehmen an einem Manne, von dem man weiß, daß ihn die Ungleichheit der Geſetze ſo ſchwer betroffen? Oh, ihr Engländer, ich frage euch, wie erſcheint euch dieſe Verleitung bei einem Manne, der euresgleichen iſt, und der ſeine Einwilligung gibt zu ſeinem Verderben und dem eurigen— zu dem eurer Kinder und Kindeskinder?“. Einiger Beifall ließ ſich hören mit einigen Ausrufungen: „Schande über dieſen Mann!“ Die Mehrheit der Zuhörer war indeſſen ruhig. Sie betrachteten Stephen's verſtörtes Geſicht, das durch die natürliche Aufregung die es kundgab, einen feierlicheren Anblick gewährte, und waren bei der Güte ihres Herzens mehr zum Mitleid als zur Entrüſtung geneigt.. „Es iſt das Geſchäft dieſes Abgeordneten zu ſprechen,“ ſagte Stephen,„er wird dafür bezahlt und er verſteht ſein Handwerk. Dabei laßt ihn bleiben. Er ſoll ſich nicht darum kümmern, was ich nicht dulden ſollte. Das geht ihn nichts an. Das geht Nie⸗ manden was an außer mich.“. Esd herrſchte ein gewiſſer Anſtand, um nicht zu ſagen Würde in dieſen Worten, wodurch die Zuhörer noch ſtiller und aufmerk⸗ Boz. Schwere Zeiten. 10 146 ſamer wurden. Die frühere ſtarke Stimme rief aus:„Slackbridge, laß den Mann ſprechen und halt' du das Maul!“ worauf eine wunderbare Stille eintrat. „Meine Brüder,“ ſagte Stephen, deſſen leiſe Stimme deut⸗ lich vernommen ward,„und meine Arbeitsgenoſſen— denn das ſeid ihr zu mir, obwohl, wie ich gut weiß, nicht zu dieſem Ab⸗ geordneten hier— ich habe euch bloß ein Wort zu ſagen und ich könnte euch nicht mehr ſagen, wenn ich bis zum hellen Tage ſpräche. Ich weiß wohl, was mich erwartet. Ich weiß wohl, daß ihr Alle entſchloſſen ſeid, nichts mehr mit einem Manne zu thun zu haben, der in dieſer Angelegenheit nicht mit euch geht. Ich weiß wohl, daß wenn mir der Tod in der Straße betten follte, ihr es für recht halten würdet, an mir wie an einem Fremden und Ausländer vorüberzugehen. Nun, was mein Schickſal iſt, damit muß ich zufrieden ſein.“ „Stephen Blackpool,“ ſagte der Vorſitzende, indem er ſich erhob,„überlege es dir noch einmal. Ueberlege es dir noch⸗ mals, mein Junge, ehe du von all deinen alten Freunden ge⸗ mieden wirſt.“ Ein allgemeines Murmeln gab ſich zur Bekräftigung deſſen kund, obgleich Niemand ein Wort verlauten ließ. Alle Augen waren auf Stephens Geſicht geheftet. Wenn er ſeinen Entſchluß bereute, ſo würde er eine ſchwere Laſt von ihren Gemüthern ab⸗ wälzen. Er blickte um ſich und wußte, daß dieß der Fall war. Nicht ein Funke von Zorn loderte in ihren Herzen, er kannte ſie tiefer als ihre oberflächlichen Schwächen und Irrthümer reich⸗ ten— wie Niemand außer ihrem Arbeitsgenoſſen ſie kennen konnte. „Ich habe es mir überlegt, genau überlegt, Sir. Ich kann einfach nicht beitreten. Ich muß den Weg einſchlagen, der vor mir liegt. Ich muß von Euch Allen hier Abſchied nehmen.“ Er machte ihnen eine Art Reverenz, indem er die Arme empor hielt und verharrte einen Augenblick in dieſer Stellung. Er ſprach nicht wieder, bis ſie ihm ein wenig zur Seite traten. „Gar viel freundliche Worte ſind von Manchen der Anwe⸗ ſenden mit mir gewechſelt worden; gar viele Geſichter ſehe ich hier, die ich ſah, als ich noch jung und heiterer war als jetzt. Ich habe, ſeitdem ich geboren, nie mit einem der Anweſenden keinen Streit gehabt, und Gott weiß, ich habe auch jetzt keinen mit meinem Verſchulden. Ihr werdet mich Verräther und wer 147 weiß was noch ſchelten, ich meine Euch damit— ſich an Slack⸗ bridge wendend— aber es iſt leichter Jemanden ſchelten als be⸗ weiſen. Darum laßt es gut ſein.“ Er war einen oder zwei Schritte vorgetreten, um die Platt⸗ form zu verlaſſen, als er ſich an Etwas erinnerte, das er noch zu ſagen hatte, und nochmals umkehrte. „Vielleicht,“ ſagte er, indem er ſein gefurchtes Geſicht lang⸗ ſam im Halbkreis wandte, wie um anzudeuten, daß er ſeine Worte an ſämmtliche Zuhörer, ſowohl die nahen als die fernen, perſönlich richten wolle.„Vielleicht, wenn dieſe Frage aufge⸗ nommen und erörtert ſein wird, ſo wird man die Drohung aus⸗ ſtoßen, den Platz aufzugeben, wenn man mir erlaubt unter euch zu arbeiten. Ich hoffe, daß ich eher ſterben werde, als dieſe Zeit herankömmt, und ich werde abgeſondert unter euch arbeiten, dis das geſchehen wird— wahrlich, ich muß es thun, meine Freunde; nicht euch zum Trotze, ſondern um leben zu können. Ich habe nichts als meine Arbeit, wovon ich leben kann, und wohin kann ich gehen, ich, der ich hier in Coketown von Kin⸗ desbeinen an gearbeitet habe?— Ich beklage mich nicht darüber, daß ich ſo weit gebracht worden, daß ich verſtoßen und verachtet bin für die Zukunft, aber ich hoffe, man wird mich arbeiten laſſen. Wenn ich überhaupt auf irgend ein Recht Anſpruch machen kann, ſo iſt es auf dieſes, meine ich.“ 3 Kein Wort ließ ſich vernehmen. Kein Laut ließ ſich im ganzen Gebäude hören, mit Ausnahme eines leiſen Geräuſches von Perſonen, die ſich fortbewegten, ſämmtlich nach dem Centrum des Zimmers, um dem Manne freien Raum zu ſeiner Entfernung zu verſchaffen, mit dem die Kameradſchaft aufzugeben ſie ſich alle verpflichtet hatten. Ohne Jemand anzuſehen, gedrückt und doch mit anſpruchsloſer Feſtigkeit, verließ der alte Stephen, mit all ſeinem Kummer auf dem Herzen, den Schauplatz. Hierauf ſchickte ſich Slackbridge, der den oratoriſchen Arm während ſeines Hinausgehens ausgeſtreckt hielt, als wollte er mit unendlicher Sorgfalt und vermittelſt einer wunderbar mora⸗ liſchen Macht die heftigen Leidenſchaften der Menge unterdrücken, wieder an, ihre Gemüther aufzurichten.—„Hatte nicht Brutus, der Römer, oh, meine brittiſchen Mitbürger, ſeinen Sohn zum Tode verurtheilt, und hatten nicht, oh, meine bald triumphi⸗ renden Freunde, ſpartaniſche Mütter ihre fliehenden Kinder den ſcharfen Schwertern des Feindes entgegengetrieben?— War es 10* 148 alſo nicht die heilige Pflicht der Männer von Coketown, mit den Vorfahren vor ihnen— mit der bewundernden Mitwelt im Vereine mit ihnen— und mit der Nachwelt nach ihnen— war es nicht ihre heilige Pflicht, frage ich, die Verräther aus den Zelten zu treiben, die ſie in einer heiligen und Gott wohlgefälligen Sache aufgerichtet hatten? Die Lüfte des Himmels antworteten:„Ja,“ und trugen dieſes Ja nuach Oſten, Weſten, Süden und Norden. Und darum ein dreimaliges Hoch! für das vereinigte Aggregat⸗ Tribunal!“ Slackbridge machte den Flügelmann und ſchlug den Takt. Die Menge mit den zweifelhaften Geſichtern(mit dem Ausdruck der Gewiſſensunruhe) lebte bei dem Tone neu auf und ſtimmte ein. Das Privatgefühl muß der allgemeinen Sache weichen. „Hurrah! Das Dach zitterte noch von dem Beifallsrufe, als die Verſammlung ſich zerſtreute. Stephen Blackpool führte nun das einſamſte Leben— das Leben der Einſamkeit unter einer vertrauten Menge. Der Fremde im Lande, der in zehntauſend Geſichter ſtarrt, um einen theil⸗ nehmenden Blick zu erhaſchen und ihm niemals begegnet, iſt im Vergleiche mit ihm, der täglich an zehn abgewandten Geſichtern vorübergeht, die früher ſämmtlich das Antlitz ſo vieler Freunde waren, noch in erheiternder Geſellſchaft. Dieſe Erfahrung ſollte nun Stephen in jedem wachen Augenblick ſeines Lebens machen — bei der Arbeit, auf ſeinem Wege zu und von derſelben, vor ſeiner Thüre, an ſeinem Fenſter— allenthalben!— In gemein⸗ ſchaftlichem Einverſtändniß vermieden ſie ſelbſt die Seite der Straße, welche er gewöhnlich einſchlug, und von ſämmtlichen Arbeitern gieng er allein auf derſelben. Er war viele Jahre her ein ruhiger, ſtiller Mann geweſen, hatte ſich nur wenig zu Andern geſellt und war an die Geſellſchaft ſeiner eigenen Gedanken gewöhnt. Er hatte früher nie gewußt, wie ſtark das Bedürfniß ſeines Herzens nach der öftern Wahr⸗ nehmung eines Zunickens, eines Blickes oder Wortes ſei, und ebenſo wußte er nicht, wie unendlich groß der Troſt war, den er vermittelſt ſolcher unbedeutenden Dinge tropfenweiſe ein⸗ ſchlürfte. Es fiel ihm ſelbſt ſchwerer als er es für möglich hielt, das Verlaſſenſein von ſeinen Gefährten in ſeinem Bewußtſein von einem grundloſen Gefühle der Schande und des Schimpfes zu trennen. Die erſten vier Tage ſeiner Duldung waren ſo lange und 149 düſter, daß er ſelbſt vor dem, was ihm bevorſtand, zu erſchrecken begann. Nicht nur, daß er während der ganzen Zeit nichts von Rachael ſah, ſondern er vermied auch jede Gelegenheit ſie zu ſehen; denn obgleich er wußte, daß das Verbot ſich noch nicht auf die Arbeiterinnen der Faktoreien erſtreckte, ſo merkte er doch, daß einige von ihnen, mit denen er bekannt war, nun ganz verändert gegen ihn waren, er fürchtete nun es mit Andern zu verſuchen und bebte vor dem Gedanken zurück, daß ſelbſt Rachael von den Uebrigen abgeſondert würde, wenn man ſie in ſeiner Geſellſchaft ſähe. So brachte er denn vier Tage ganz allein zu und hatte mit Niemanden ein Wort geſprochen, als er eines Abends beim Nachhauſegehen von der Arbeit von einem jungen Manne mit äußerſt heller Geſichtsfarbe in der Straße angeſprochen wurde. „Ihr heißt Blackpool, nicht wahr?“ ſagte der junge Mann. Stephen erröthete darüber, daß er ſich plötzlich mit dem Hute in der Hand ſah und zwar aus Dankbarkeit wegen der Anſprache, oder wegen der Plötlichkeit, mit welcher ſie geſchah oder aus beiden Gründen zugleich. Er ſtellte ſich, als ob er das Futter in Ordnung brächte und ſagte:„Ja.“ „Ihr ſeid die„Hand“, die man nach Coventry*˙) geſchickt hat, nicht wahr?“« ſagte Bitzer, denn dieſer war der erwähnte junge Mann mit heller Geſichtsfarbe. Stephen antwortete abermals mit:„Ja.“ „Geht nun gerade da hinauf, wollt Ihr?« ſagte Bitzer.„Ihr werdet erwartet und braucht dem Diener bloß zu ſagen, daß Ihr es ſeid. Ich gehöre zur Bank. Wenn Ihr nun ohne mich geraden⸗ wegs hinauf geht(ich bin geſchickt worden um Euch zu holen), ſo erſparet Ihr mir einen Gang.“ Stephen, deſſen Weg in der entgegengeſetzten Richtung lag, wandte ſich um und begab ſich, ſeiner Verpflichtung gemäß, in das rothe Backſteinſchloß des Rieſen Bounderby. ⸗ Offiziere, die ſich eines für das Kriegsgericht nicht geeigneten Vergehens ſchuldig gemacht, werden in der engl. Armee auf eine gewiſſe Zeit von jeder Con⸗ verſation ausgeſchloſſen. Derjenige, welcher ein Wort nur mit dem Verurtheilten wechſelt, zieht ſich dieſelbe Strafe zu, die herkömmlich„nach Coventry ſchicken“ ge⸗ nannt wird, wahrſcheinlich mit Bezug auf ein anderes ſtrenges, militäriſches Geſetz, das den Namen Coventry⸗Geſetz führt. 150 Einundzwanzigſtes Kapitel. „Nun, Stephen,“ rief Bounderby in ſeiner Windmanier, „was für Dinge hör' ich? Was haben dieſe Peſtbeulen der Erde denn Euch gethan? Kommt herein und ſprecht zu.“ Auf dieſe Weiſe ward er in das Drawing-room geladen. Ein Theetiſch war gedeckt und Mr. Bounderby's junge Frau war ſammt ihrem jungen Bruder und einem großen Gentleman aus London gegenwärtig. Stephen machte dieſen eine Verbeugung, ſchloß die Thüre und blieb mit dem Hute in der Hand in deren Nähe ſtehen. „Das iſt der Mann, von dem ich Ihnen geſprochen habe, Harthouſe,“ ſagte Mr. Bounderby. Der Gentleman an den er ſich wandte und der mit Mrs. Bounderby in einem Geſpräch be⸗ griffen auf dem Sopha ſaß, ſtand auf und ſagte in gleichgültigem Tone:„Oh, wirklich?“ und bewegte ſich träge nach dem Kamin⸗ teppich, wo Mr. Bounderby ſtand. „Nun,“ ſagte Bounderby,„ſprecht nur zu.“ Nach den vier verlebten Tagen klang dieſe Anſprache roh und unwirſch an Stephens Ohr. Nebſtdem, daß ſie in rauher Weiſe ſein verwundetes Gemüth berührte, ſchien ſie anzunehmen, daß er wirklich der ſelbſtſüchtige Abtrünnige ſei, den man ihn geſcholten. „Was iſt es, Sir,“ ſagte Stephen,„das Sie gefälligſt von mir wollten?“ „Nun, ich habe es Euch geſagt,“ erwiederte Bounderby. „Sprecht heraus wie ein Mann, da Ihr doch ein Mann ſeid und erzählt uns von Euch und dieſem Bündniß.“ „Mit Ihrer Erlaubniß, Sir,“ ſagte Stephen Blackpool.„Ich habe darüber nichts mitzutheilen.“ Mr. Bounderby, der ſtets mehr oder weniger einem Winde glich, fing, da er etwas im Wege fand, ſogleich an es anzuwehen. „Nun, ſehen Sie einmal, Harthouſe,“ rief er,„hier iſt ein Muſter von ihnen. Als dieſer Mann ſchon früher einmal hier war, warnte ich ihn vor den unheilbringenden Fremden die ſtets geſchäftig ſind— und die man hängen ſollte, wo man ſie nur findet— und ich ſagte dieſem Manne, daß er einen falſchen Weg einſchlägt. Können Sie nun glauben, daß er, obgleich ſie ihn ——.— 151 der Art gezeichnet haben, ihnen noch immer ſo ſklaviſch unter⸗ worfen iſt, daß er ſich ſcheut den Mund über ſie aufzuthun?“ „Ich ſagte, daß ich nichts mitzutheilen habe, Sir; nicht, daß ich mich fürchtete den Mund aufzuthun.“ „Das ſagtet Ihr. Ah, ich weiß, was Ihr ſagtet; und ſeht, was noch mehr iſt, ich weiß, was Ihr denket. Beim Lord Harry! nicht immer eins und daſſelbe. Oft ganz verſchiedene Dinge. Sagt uns lieber gleich heraus, daß jener Kerl, der Slackbridge, nicht in der Stadt iſt, um das Volk zur Meuterei aufzuhetzen, und daß er nicht ein regelmäßig qualifizirter Volksführer iſt— das heißt ein ganz verfluchter Schurke! Sagt das lieber gleich heraus; Ihr könnt mich nicht täuſchen. Das wollt Ihr uns ſagen. Warum thut Ihr es nicht?“ „Es thut mir ebenſo leid wie Ihnen, wenn die Führer des Volkes ſchlimm ſind,“ ſagte Stephen kopfſchüttelnd.„Man nimmt die, welche ſich darbieten. Vielleicht iſt es nicht die geringſte ihrer Beſchwerden, wenn ſie keine beſſeren bekommen können.“ Der Wind fing an heftig zu werden. „Nun, Sie werden denken, das klingt recht hübſch, Harthouſe,“ ſagte Mr. Bounderby.„Sie werden denken, das iſt ziemlich ſtark. Sie werden ſagen, bei meiner Seele, das iſt ein nied⸗ liches Exemplar von dem, womit meine Freunde zu thun haben; aber das iſt noch nichts, Sir! Hören Sie mich einmal, dieſem Manne eine Frage ſtellen. Bitte ſehr, Mr. Blackpool“— der Wind ſprang jetzt äußerſt heftig um—„darf ich mir die Frei⸗ heit nehmen, Sie zu fragen, wie es kommt, daß Sie ſich wei⸗ gerten an dieſem Bündniß Theil zu nehmen?“ „Wie es kommt?“ »Ah,“ ſagte Mr. Bounderby, mit den Daumen in den Aermeln ſeines Rockes, den Kopf zurückgeworfen und die Augen im Ver⸗ trauen auf die entgegengeſetzte Wand geſchloſſen,„wie es kommt?“ „Ich möchte es lieber nicht berühren; da Sie mir aber einmal die Frage ſtellen— und ich mich nicht unmanierlich betragen mag — ſo will ich antworten. Ich habe ein Verſprechen geleiſtet.“ „Nicht mir, wie Ihr wiſſen werdet,“ ſagte Bounderby. (Stürmiſches Wetter mit trügeriſcher Stille jetzt vorherrſchend.) „O nein, Sir. Nicht Ihnen.“ 3. „Was mich betrifft, ſo iſt die Berückſichtigung meiner ſelbſt gar nicht in Betracht gezogen worden,“ ſagte Bounderby immer im Vertrauen mit der Wand.„Wenn Joſiah Bounderby von 152 Coketown bloß im Spiele geweſen wäre, ſo würdet Ihr beige⸗ treten ſein und Euch kein Gewiſſen daraus gemacht haben?“ „Ja wohl, Sir. Das iſt richtig.“ „»Obwohl er weiß,“ ſagte Mr. Bounderby, jetzt in einen Sturm ausbrechend,„daß ſie eine Bande von Spitzbuben und Rebellen ſind, für welche Deportation noch zu gut iſt. Nun, Mr. Harthouſe, Sie haben ſich ein wenig in der Welt herumge⸗ trieben. Sind Sie jemals einem Manne wie dieſem in unſerem geſegneten Lande begegnet?« Mr. Bounderby wies hier auf ihn mit zornigem Finger. „Nein, Ma'am,“ ſagte Stephen Blackpool gegen ſolche Rede lebhaft proteſtirend, indem er ſeine Worte inſtinktmäßig an Luiſe richtete, auf deren Züge er einen raſchen Blick geworfen. „Keine Rebellen und auch keine Spitzbuben. Nichts dergleichen, Ma'am, nichts dergleichen. Sie haben mir, meinem Wiſſen und Gefühle nach, Ma'am, nichts Gutes erwieſen. Aber es gibt kein Dutzend Männer unter ihnen, Ma'am— ein Dutzend? nicht ſechs gibt es unter ihnen, die nicht glauben, daß ſie ſelbſt und die Uebrigen ihre Schuldigkeit gethan. Gott bewahre, daß ich, der ich all mein Leben lang dieſe Männer aus Erfahrung kenne— ich, der ich mit ihnen gegeſſen und getrunken habe, mich mit ihnen plagte und ſie liebte— mich weigern ſollte, mit ihnen für die Wahrheit einzuſtehen, mögen ſie mir was auch immer zuge⸗ fügt haben.“ Er ſprach mit dem rauhen Ernſt ſeines Standes und Cha⸗ rakters— der vielleicht durch das ſtolze Bewußtſein, daß er ſeiner eigenen Klaſſe inmitten ihres Mißtrauens treu geblieben, erhöht worden; er erinnerte ſich jedoch vollſtändig wo er war und erhob nicht einmal die Stimme. »Nein, Ma'am, nein. Sie ſind einander treu, ſind ſich gut und ergeben bis zum Tode. Man ſei arm unter ihnen, krank unter ihnen, gramvoll unter ihnen— wegen einer von den vielen Urſachen die den Gram zur Pforte des Armen führen— und ſie begegnen einem liebevoll, freundlich, willfährig und chriſtlich. Deſſen können Sie gewiß ſein, Ma'am. Sie würden ſich eher in Stücke zerreißen laſſen, als daß ſie anders ſein möchten.“ „Kurz,“ ſagte Mr. Bounderby,„bloß weil ſie ſo voll guter Eigenſchaften ſind, haben ſie Euch auf's Trockene geſetzt. Vollendet nun, weil Ihr gerade daran ſeid. Heraus damit!“ „Wie es kommt, Ma'am,“ ſagte Stephen, der ſeinen natür⸗ 153 lichen Zufluchtsort noch in Luiſens Geſicht zu finden ſchien,„daß das Beſte in uns Leuten die vornehmſte Urſache unſrer Sorgen, Leiden und Verirrungen wird, das kann ich nicht ſagen. Aber 's iſt einmal ſo. Ich weiß, es iſt ſo, wie ich weiß, daß der Himmel über mir, hinter dem Rauche iſt. Wir ſind auch geduldig und wollen im Allgemeinen nur Recht üben. Und ich kann nicht glauben, daß der Fehler nur auf unſerer Seite liegt.“ „Nun, mein Freund,“ ſagte Mr. Bounderby, den er durch nichts mehr hätte aufbringen können— obgleich es ganz abſicht⸗ los geſchah— als dadurch, daß er ſich an eine andere Perſon zu wenden ſchien.„Wenn Ihr mir für eine halbe Minute Eure Auf⸗ merkſamkeit gönnen wollt, ſo würde ich gerne ein oder zwei Worte mit Euch ſprechen. Ihr ſagtet ſoeben, daß Ihr uns über dieſe ganze Angelegenheit nichts mitzutheilen hättet. Seid Ihr deſſen ganz gewiß? ſprecht, ehe wir weiter fortfahren.“ „Sir, ich bin deſſen gewiß.“ „Hier iſt ein Gentleman von London gegenwärtig,“ Mr. Bounderby machte eine Bewegung mit dem Rücken der Hand und deutete mit dem Daumen auf Mr. James Harthouſe,„ein Parlaments⸗Gentleman. Ich möchte, daß er ein klein Stück Zwie⸗ geſpräch zwiſchen Euch und mir anhöre, anſtatt bloß das Weſent⸗ lichſte davon zu erfahren— denn ich weiß im Voraus nur zu wohl, was es ſein wird, Niemand weiß es beſſer als ich, das merkt Euch wohl— anſtatt es von mir auf Treu und Glauben anzunehmen.“ Stephen verneigte ſich gegen den Gentleman von London und zeigte mehr Verwirrung als gewöhnlich. Er wandte die Augen unwillkürlich nach der früheren Zufluchtsſtätte, auf einen Blick von jener Seite jedoch(der ausdrucksvoll, obgleich nur momentan war), heftete er ſie auf Mr. Bounderby's Geſicht. „Nun, worüber beklagt Ihr Euch?“ fragte Mr. Bounderby. „Ich bin nicht hieher gekommen,“ erinnerte ihn Stephen, „mich zu beklagen. Ich kam, weil man nach mir geſchickt hat.“ „Worüber, wiederholte Mr. Bounderby, indem er die Arme kreuzte,„beklagt ihr Leute euch im Allgemeinen?“ Stephen betrachtete ihn eine Weile mit einiger Unentſchloſſen⸗ heit, hierauf ſchien er einen Entſchluß gefaßt zu haben. „ ‚Sir, ich mochte mich niemals darüber auslaſſen, obwohl ich mein Theil im Ertragen gehabt habe. Wir ſtecken in der That im tiefen Schlamme, Sir. Blickt in der Stadt umher— ſo reich 154 4 ſie auch iſt— und betrachtet die Anzahl der Leute, die nur dazu geboren ſcheinen, um zu weben, zu krämpeln und das Leben, Alle in gleicher Weiſe, zu friſten— von ihrer Wiege an bis zu ihrem Grabe. Seht doch, wie wir leben, wo wir leben, und in welcher Anzahl, unter welchen Wechſelfällen und mit welcher Gleichför⸗ migkeit. Seht nur, wie die Maſchinen immerfort arbeiten, und wie ſie uns doch nie einem fernen Gegenſtande näher bringen— außer ſtets dem Tode. Seht nur, wie ihr uns beurtheilt, und über uns ſchreibt und ſprechet und unſertwegen eure Deputa⸗ tionen zum Staatsſekretär ſchickt, und wie ihr ſtets Recht habt und wir ſtets Unrecht, und wie wir keinen Funken Verſtand in uns haben, ſeitdem wir geboren wurden. Seht nur, wie das zu⸗ genommen hat, Sir, ſtärker und ſtärker, immer weiter und weiter und immer ſchwerer und ſchwerer, von Jahr zu Jahr, von Ge⸗ neration zu Generation. Wer kann das Alles betrachten, Sir, und einem Manne kühn ſagen, daß es kein trüber Schlamm iſt?« „Ohne Zweifel,“ ſagte Mr. Bounderby.„Vielleicht wollt Ihr nun dem Gentleman mittheilen, wie man aus dieſem trüben Schlamme(wie Ihr es zu nennen beliebt) herauskommen kann?“ „Das weiß ich nicht, Sir. Das kann man von mir nicht erwarten. Es iſt nicht meine Aufgabe, die Sache in Ordnung zu bringen, Sir. Das kommt denen zu, die über mir ſtehen und über allen Andern von uns. Weßhalb haben ſie die Sache über⸗ nommen, Sir, wenn nicht, um ſie in Ordnung zu bringen?“ „Ich will Euch darüber um jeden Preis etwas ſagen,“ ver⸗ ſetzte Mr. Bounderby.„Wir wollen an einem halben Dutzend Slackbridge's ein Exempel ſtatuiren. Wir werfen dieſen Lumpen⸗ hunden den peinlichen Prozeß an den Hals und laſſen ſie in die Strafcolonien transportiren.“ Stephen ſchüttelte ernſthaft den Kopf. 8— „Sagt mir nicht, Mann, daß wir es nicht thun werden,“ ſagte Mr. Bounderby in einen Orkan ausbrechend,„denn ich ſahe Euch, daß wir es thun werden.“ „Sir,“ entgegnete Stephen mit dem ruhigen Vertrauen voll⸗ kommener Sicherheit,„wenn Sie hundert Slackbridge's nehmen — alle die exiſtiren, und ihre Anzahl noch zehnfach vorgrößert gedacht— und Sie dieſelben in verſchiedene Säcke einnähen und ſie in den tiefſten Ozean verſenken würden, der vor der Erſchaffung des feſten Landes vorhanden war, ſo würde der trübe Schlamm doch bleiben wo er iſt. Unheilbringende Fremde,“ fügte Stephen ⁸½ 8 g N 8N — 5— A N ———-—-—O—& die gewohnt ſind, ſich in ihrem Unglück ſo enge aneinander anzu⸗ 155 mit einem unruhigen Lächeln hinzu,„wann haben wir wohl, ſo weit unſere Erinnerung reicht, von dieſen unheilbringenden Frem⸗ den nicht gehört! Nicht durch ſie ſind die Unruhen hervorgerufen worden und nicht durch ſie haben ſie begonnen. Ich habe keine Vorliebe für ſie— ich habe keinen Grund ihnen gewogen zu ſein — aber es iſt unnütz und hoffnungslos, davon zu träumen, ſie ihrem Gewerbe zu entreißen, anſtatt das Gewerbe ihnen zu ent⸗ reißen. Alles, was in dieſem Zimmer um mich iſt, war hier, be⸗ vor ich kam und wird hier ſein, wenn ich fort bin. Nehmen Sie jene Standuhr und verſenden Sie ſie nach den Norfolkinſeln, ſo wird die Zeit doch wie früher ihren Lauf fortſetzen. So iſt es auf's Haar mit den Slackbridge's.“ Ein ſchneller Blick nach ſeiner früheren Zufluchtſtätte ließ ihn bemerken, wie Luiſe ihre Augen warnend nach der Thüre be⸗ wegte. Er trat zurück und legte die Hand auf das Schloß. Aber er hatte nicht nach ſeinem eigenen Wunſch und Willen geſprochen und er fühlte in ſeinem Innern, daß es eine edle Vergeltung für die jüngſt empfangene ungerechte Behandlung ſei, denjenigen, welche ihn zurückgeſtoßen, bis zuletzt treu zu bleiben. Er blieb um zu vollenden, was ihm noch am Herzen lag. „Sir, bei meinen geringen Kenntniſſen und meiner ſchlichten Weiſe kann ich dem Gentleman nicht ſagen, wodurch das Alles gebeſſert werden kann— obgleich manche Arbeiter aus unſerer Stadt, die mir überlegen ſind, es thun könnten— aber ich bin im Stande ihm zu ſagen, wodurch es nicht geſchehen kann. Die Hand der Gewalt wird es niemals thun können. Sieg und Triumph werden es niemals zu Stande bringen. Das Uebereinkommen, der einen Partei unnatürlicher Weiſe für immer und ewig Recht zu geben, und der andern Partei unnatürlicher Weiſe für immer und ewig Unrecht, wird es nie und nimmer zu Stande bringen. Auch damit wird man nichts ausrichten, daß man ſie ſich allein überläßt. Laßt Tauſende über Tauſende allein — und dieſelbe Lebensweiſe führen, und in denſelben Schlamm verſinken, und ſie werden wie ein Mann daſtehen, und ihr wie ein zweiter mit einer dunkeln undurchdringlichen Nacht zwiſchen euch, die gerade eine ſo lange oder kurze Zeit währt, als der⸗ gleichen Elend dauern kann. Auch dadurch, daß man ſich den euten nicht nähert— mit Güte, Geduld und Freundlichkeit— deſſen Mitglieder Euch am beſten kennen w 156 ſchließen, und ſich in ihrem Ungemach gegenſeitig ſo lieb gewinnen — wie, nach meiner beſcheidenen Meinung, der Gentleman auf all ſeinen Reiſen keine Leute ſah, von denen ſie übertroffen wür⸗ den— auch dadurch wird man nichts ausrichten, bis die Sonne ſich in Eis verwandeln würde. Und ſchließlich dadurch, daß man ſie als eine gewiſſe Kraft abſchätzt, und ſie ſo regulirt, als wären ſie bloß Zahlen in einer Summe, oder bloße Maſchinen— ohne Luſt und Liebe, ohne Erinnerungen und Neigungen, ohne Seelen die erſchlaffen und in Hoffnung aufleben können— dadurch, daß man wenn Alles ruhig iſt, mit ihnen verfährt, als gehörten ſie nicht zur Menſchheit, und wenn es wieder unruhig wird, ihnen den Mangel an menſchlichen Gefühlen in ihrem Betragen gegen euch vorwirft— dadurch wird niemals was ausgerichtet werden, Sir, bis das Werk Gottes zu Grunde geht!“ Stephen ſtand mit der offenen Thür in der Hand und war⸗ tete, um zu erfahren, ob man noch etwas von ihm zu wiſſen verlangte. „Bleibt nur noch einen Augenblick,“ ſagte Mr. Bounderby, außerordentlich roth im Geſichte.„Ich ſagte Euch, als Ihr jüngſt mit einer Beſchwerde hier waret, daß Ihr Euch lieber die Sache aus dem Kopfe ſchlagen möget. Und ich ſagte Euch auch, daß ich die Ausſicht auf den goldenen Löffel wohl gemerkt habe.« „Ich habe nicht darauf hingeſtrebt, Sir; deſſen kann ich Sie verſichern.“ »„Nun iſt es mir klar,“ ſagte Mr. Bounderby,„daß Ihr zu jenen ſauberen Kunden gehört, die ſtets eine Beſchwerde haben. Und Ihr treibt Euch damit herum, ſie zu verbreiten und Lärm zu ſchlagen. Das iſt das Geſchäft Eures Lebens, mein Freund.“ Stephen ſchüttelte den Kopf, als wollte er ſtillſchweigend dagegen proteſtiren, da er in der That einen andern Lebensberuf atte. h„Ihr ſeid ein ſolcher Zänker und Stänker,“ ſagte Mr. Boun⸗ derby,„und ein ſo nichtsnutziger Burſche, daß ſelbſt Euer Verein, erden, mit Euch nichts zu thun haben will. Ich dachte nie daran, daß jene Burſchen in Etwas Recht haben könnten, aber ich will Euch etwas ſagen! der Neuigkeit wegen gehe ich jetzt inſoferne mit ihnen, daß auch ich mit Euch nichts zu thun haben will.“ Stephen heftete die Augen raſch auf ſein Geſicht. 1. „Ihr könnt das vollenden, woran Ihr gerade ſeid,“ ſagte Mr. Bounderby mit einem bedeutſamen Kopfnicken,„und dann anderswo hingehen.“ 4 „Sir, Sie wiſſen wohl,“ ſagte Stephen mit Nachdruck,„daß wenn ich nicht bei Ihnen Arbeit bekomme, mir ſonſt keine ge⸗ geben wird.“ Die Antwort lautete:„Was ich weiß, das weiß ich, und Ihr wißt, was Ihr wißt. Mehr habe ich nicht zu ſagen.“ S tephen warf wieder einen Blick auf Luiſe, ihre Augen waren jedoch nicht mehr auf die ſeinigen gerichtet. Er entfernte ſich daher mit einem Seufzer, indem er mit ſtockendem Athem aus⸗ rief:„Gott ſteh' uns Allen bei in dieſer Welt!« Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Es dunkelte als Stephen Mr. Bounderby's Haus verließ. Die Schatten der Nacht waren ſo dicht herabgeſunken, daß Stephen nicht um ſich blickte, während er die Thüre zumachte, ſondern ſich gerade die Straße hinſchleppte. Nichts lag ſeinen Gedanken entfernter, als die ſonderbare Alte, der er bei ſeinem frühern Beſuche in demſelben Hauſe begegnet war, als er ein wohlbekannten Schritt hinter ſich hörte und ſich umwendend die⸗ ſelbe in Rachaels Geſellſchaft erblickte. K Er ſah Rachael jetzt erſt, da er ſie vorher nur gehört hatte. „Ach, meine gute Rachael! Miſſus*)— du mit ihr!“ „Ja wohl, und nun ſeid Ihr ſicherlich überraſcht, und ich muß ſagen, mit Recht,“ entgegnete die Alte.„Hier bin ich wieder, wie Ihr ſehet.“ „Aber, wie ſo mit Rachael?“ fragte Stephen, indem er in gleichen Schritt mit ihnen trat, und ſie wechſelweiſe anblickend, zwiſchen Beiden dahingieng. „Nun, ich ſtieß auf dieſe hübſche, gute Jungfer, wie ich auf Euch geſtoßen war,“ ſagte die Alte, die Antwort über⸗ nehmend, in munterem Tone.„Meine Beſuchszeit fällt dieſes Jahr ſpäter als gewöhnlich, denn ich war mit Engbrüſtigkeit geplagt und verſchob ſie daher, bis das Wetter gut und warm geworden. Aus demſelben Grunde lege ich die Reiſe nicht in einem und demſelben Tage zurück, ſondern vertheile ſie auf zwei *) Corrupte Abbreviation für Mistress. 8 158. Tage, und nehme für heute Nacht ein Bett in Travelleys Coffee House*)(ein hübſches, reinliches Haus das), da unten bei der Eiſenbahn, und gehe morgen früh um ſechs Uhr wieder mit dem Parlamentstrain zurück. ‚Nun, was hat das Alles aber mit dieſer guten Jungfer gemein? fragt Ihr. Das will ich Euch ſagen. Ich habe gehört, daß ſich Mr. Bounderby verheirathet hat. Ich las es in der Zeitung, wo es ſich großartig ausnahm — oh, es nahm ſich prachtvoll aus!“ die Alte verweilte bei dieſem Gedanken mit ſonderbarer Begeiſterung,„und ich möchte ſeine Frau ſehen. Ich habe ſie noch nie geſehen. Nun ſtellt Euch nur vor, ſeit heute Mittag hat ſie das Haus nicht verlaſſen. Um ſie aber nicht zu leicht aufzugeben, wartete ich noch ein letztes Weilchen, als ich an dieſer guten Jungfer zwei⸗ oder dreimal vorüber gieng, und da ſie freundlich ausſieht, ſo ſprach ich ſie an und ſie antwortete mir. Da habt Ihr's nun!“ ſagte die Alte zu Stephen,„das Uebrige könnt Ihr ſelbſt errathen, und wie ich glaube, um Vieles raſcher, als ich es ſagen kann.“ Stephen mußte abermals einen inſtinktmäßigen Widerwillen gegen dieſe Frau überwinden, obgleich ihr Benehmen ſo anſtändig und einfach wie nur möglich war. Mit einem Wohlwollen, das ihm und, wie er wußte, auch Rachael ſo natürlich war, verfolgte f den Gegenſtand, der in ihrem Alter ſo viel Intereſſe für ie hatte. „Gut, Miſſus,“ ſagte er,„ich habe die Lady geſehen und ſie iſt ebenſo jung als ſchön. Sie hat ſchöne, dunkle und verſtän⸗ dige Augen, und ein ſtilles Weſen, Rachael, wie ich nie etwas Aehnliches geſehen habe.“ „Jung und ſchön. Ja,“ rief die Alte, ganz entzückt.„So lieblich wie eine Roſe. Und was für eine glückliche Frau! „Ei, Miſſus, ich vermuthe ſie iſt es,“ ſagte Stephen, warf jedoch einen zweifelhaften Blick auf Rachael. „Ihr vermuthet, daß ſie es ſei? Sie muß es ſein. Sie iſt die Frau Eures Herrn,“ verſetzte die Alte. Stephen nickte beiſtimmend.„Obwohl, was den Herrn an⸗ belangt,“ ſagte er einen flüchtigen Blick auf Rachael werfend, „mein Herr geweſen. Es iſt aus zwiſchen mir und ihm.“ „Haſt du die Arbeit bei ihm verlaſſen?“ fragte Rachael be⸗ ſorgt und ſchnell. *) Im Kaffeehaus für Paſſagiere. — 3 159 1 „Nun, Rachael,“ antwortete er,„ob ich die Arbeit verlaſſen, oder ob die Arbeit mich verlaſſen, kommt auf Eins heraus. Seine Arbeit und ich ſind geſchieden.'s iſt ſo auch gut— beſſer noch — dachte ich als du mit mir heraufkamſt. Es hätte mir nur Verdruß verurſacht, wenn ich geblieben wäre. Vielleicht iſt's noch eine Gefälligkeit für Viele, daß ich gehe; vielleicht iſt's gar eine Gefälligkeit für mich. Jedenfalls muß es geſchehen. Ich muß nun Coketown den Rücken kehren und mein Glück ſuchen, Liebe, indem ich von vorne anfange.“ „Wohin willſt du gehen, Stephen?“ „Ich weiß noch nicht heut' Nacht,“ ſagte er, indem er den Hut lüftete und ſich das dünne Haar mit der flachen Hand glät⸗ tete.„Aber ich gehe noch nicht dieſe Nacht fort, Rachael, auch morgen nicht.'s iſt nicht ſo gar leicht zu wiſſen, wohin ich mich wenden ſoll, doch werden mir ſchon gute Gedanken kommen.“ Auch hierin kam ihm ſeine Natur, ſogar uneigennützig zu denken, zu Hülfe. Bevor er noch Mr. Bounderby's Hausthüre zugemacht hatte, war ihm der Gedanke gekommen, daß es wenig⸗ ſtens für ſie gut ſei, wenn er ſich entfernen müſſe, da ſie dadurch der Möglichkeit entgehe, wegen ihres Feſthaltens an ihm, bloß⸗ geſtellt zu werden. Obwohl es ihm viel Schmerz verurſachen mußte, ſie zu verlaſſen, und obwohl er keinen Ort wußte, wo ſeine Verfehmung ihn nicht verfolgen würde, ſo war es vielleicht gegen die Schwierigkeiten und Drangſale, welche ihm bevorſtan⸗ den, noch eine Erleichterung, die Leiden der verfloſſenen vier Tage aufgeben zu müſſen. 3. Darum ſagte er auch mit voller Wahrheit:„Es iſt mir wohler dabei, Rachael, als ich gedacht hätte.“ Sie mochte nicht ſeine Laſt ſchwerer machen. Sie antwortete mit ihrem troſtreichen Lächeln, und die drei ſetzten ihren Weg fort. Das Alter findet, beſonders wenn es ſich beſtrebt, ſelbſtver⸗ trauend und munter zu erſcheinen, viel Berückſichtigung bei den Armen. Die alte Frau war ſo anſtändig und machte ſo wenig Umſtände mit ihren Gebrechen, obwohl dieſelben ſeit ihrer erſten Zuſammenkunft mit Stephen ſich noch vermehrt hatten, daß ſie Beide Intereſſe für ſie faßten. Sie war zu lebhaft um zuzugeben, daß ſie ihretwegen lang⸗ ſameren Schrittes gehen ſollten, war jedoch ſehr dankbar, wenn man mit ihr ſprach und ſehr willig ſo ausführlich wie immer zu 160 ſprechen; ſie war daher, als ſie nach ihrem Stadtviertel kamen, munterer und lebhafter als ſonſt. „Kommt nach meiner beſcheidenen Wohnung, Miſſus,“ ſagte Stephen,„und nehmt etwas Thee. Rachael wird auch kommen und dann will ich Euch nach Eurer Traveller⸗Herberge bringen. Es dürfte lang dauern, Rachael, eh' ich wieder die Gelegenheit habe, in deiner Geſellſchaft zu ſein.“ 85 Sie ſagten zu, und die drei begaben ſich nach dem Hauſe, wo er wohnte. Als ſie in die enge Straße kamen, warf Stephen einen flüchtigen Blick nach dem Fenſter mit einer Angſt, die ſeine troſtloſe Wohnung ſtets umſchwebte; es war jedoch offen, ſo wie er es verlaſſen hatte und Niemand befand ſich daſelbſt. Der Dämon ſeines Lebens war ſeit einigen Monaten wieder verſchwun⸗ den und ſeitdem hatte er nichts von ihr vernommen. Das einzige Zeugniß von ihrer letzten Zurückkunft gaben die ſpärlicheren Möbel ſeines Zimmers und die grauer gewordenen Haare ſeines Kopfes.. Er zündete ein Licht an, machte ein Theebrett zurecht, holte warmes Waſſer von unten und brachte von dem nächſten Spezerei⸗ laden kleine Portionen Thee und Zucker, einen Laib Brod und etwas Butter. Das Brod war neugebacken und kruſtig, die Butter friſch und der Zucker natürlich weiß— als Beſtätigung der maßgeblichen Behauptung der Coketowner Magnaten, daß „dieſe Leute wie die Prinzen leben“. Rachael bereitete den Thee(eine ſo große Geſellſchaft machte das Borgen einer Taſſe nöthig) und der Gaſt genoß ihn mit vielem Vergnügen. Es war der erſte Strahl geſellſchaftlicher Freuden, der dem Wirthe ſeit langer Zeit zu Theil geworden. Auch er, vor dem die Welt wie eine weite Wüſte da lag, erfreute ſich des ſchlichten Mahles— wieder ein Beiſpiel zur Bekräftigung des Magnatenausſpruches, daß es „dieſen Leuten an aller und jeder Berechnung fehlt.“ „Ich hab' noch nicht daran gedacht, Miſſus,“ ſagte Stephen, „dich um deinen Namen zu fragen.“ Die alte Frau ſtellte ſich als„Mrs. Pegler“ vor. „Wittwe vermuthlich?“ fragte Stephen. „Oh, ſeit langen Jahren.“— Mrs. Peglers Mann(einer der beſten, die es je gegeben) war, nach Mrs. Pegler's Berechnung, ſchon todt, als Stephen geboren wurde. „Das war auch ein ſchlimmer Streich, einen ſo guten Mann zu verlieren,“ ſagte Stephen.„Sind Kinder da?“ N 161 Mrs. Peglers Obertaſſe raſſelte, wie ſie dieſelbe in der Hand hielt, gegen die Untertaſſe und deutete auf ihre nervöſe Aufregung. „Nein,“ ſagte ſie.„Nicht jetzt, nicht jetzt.“ „Todt, Stephen,“ deutete Rachael mit ſanfter Stimme an. „ S thut mir leid, daß ich davon geſprochen,“ ſagte Stephen. „Ich hätte daran denken ſollen, daß ich eine wunde Stelle be⸗ rühren würde. Ich— ich muß mich ſelbſt tadeln.“ Während er ſich entſchuldigte, raſſelte die Taſſe der alten Frau immer mehr.„Ich hatte einen Sohn,“ ſagte ſie mit ſelt⸗ ſamer Betrübniß, die nicht den gewöhnlichen Schmerzäußerungen gleich kam,„dem es wohl, wunderbar wohl gieng. Aber, bitte, ſchweigen wir davon. Er iſt—“ indem ſie die Taſſe niederſtellte, machte ſie eine Bewegung mit der Hand, wie um ihren Worten Nachdruck zu verleihen,„todt.“ Dann rief ſie laut:„Ich habe ihn verloren!“ Stephen hatte ſich noch nicht darüber beruhigt, der alten Frau Schmerz verurſacht zu haben, als die Hauswirthin die enge Treppe heraufgeſtolpert kam, ihn an die Thüre rief und ihm etwas in's Ohr flüſterte. Mrs. Pegler war durchaus nicht taub, denn ſie griff ein Wort auf, ſo wie es ausgeſprochen wurde. „Bounderby,“ rief ſie mit gedämpfer Stimme, indem ſie vom Tiſche aufſprang.„Oh, verbergt mich. Laßt mich um alle Welt nicht geſehen werden. Laßt ihn nicht herauf, bis ich fort bin. Bitte, bitte ſehr!« Sie zitterte und war über die Maßen auf⸗ geregt. Als Rachael ſie zu beruhigen ſuchte, verbarg ſie ſich biuter derſelben und ſchien nicht zu wiſſen, was ſie anfangen ollte. „Aber hört doch, Miſſus, hört doch,“ ſagte Stephen erſtaunt. „' iſt nicht Mr. Bounderby.'s iſt ſeine Frau. Ihr werdet Euch doch vor ihr nicht fürchten. Ihr waret ja kaum vor einer Stunde halb toll für ſie.“ „Seid Ihr aber gewiß, daß es die Lady und nicht der Gentleman iſt?“ fragte ſie noch immer zitternd. „Vollkommen gewiß.“. „Nun denn, bitte, ſprecht nicht mit mir und nehmt auch keine Notiz von mir,“ ſagte die Alte.„Ueberlaßt mich ganz mir ſelbſt in dieſem Winkel.“ 4 Stephen nickte beiſtimmend, indem er Rachael um eine Er⸗ Boz. Schwere Zeiten. 11 162 klärung auſah, die ſie nicht im Stande war, ihm zu geben. Dann nahm er das Licht, gieng hinunter und kehrte nach einigen Augen⸗ blicken, Luiſen in's Zimmer leuchtend, wieder zurück. Der Bengel folgte ihr nach. Rachael hatte ſich erhoben und ſtand abſeits mit ihrem Shawl und Hut in der Hand, als Stephen, durch dieſen Beſuch höchſt überraſcht, das Licht auf den Tiſch ſetzte. Dann ſtand er da, die Hände auf einem nahen Tiſche übereinander gelegt und harrte der Anſprache. Luiſe hatte zum erſten Mal in ihrem Leben eine der Woh⸗ nungen der Cokerowner„Hände“ beſucht, und zum erſten Male in ihrem Leben erſchienen ihr dieſe mit einer Art Individualität behaftet. Sie wußte von deren Exiſtenz zu Hunderten und Tau⸗ ſenden. Sie wußte, welche Reſultate eine gegebene Zahl derſel⸗ ben in einem beſtimmten Zeitraume, in der Arbeit hervorbringen würde. Sie wußte, wie dieſelben in Maſſen, gleich Ameiſen und Käfern, von oder zu ihren Neſtern ſich bewegten. Etwas, das ſo und ſo viel Arbeit liefern muß und mit ſo und ſo viel bezahlt wird und dann endigt; etwas, das unfehlbar nach den Geſetzen von Vorrath und Nachfrage regulirt werden muß— zugleich aber etwas, das ſtets gegen dieſe Geſetze ver⸗ ſtößt und ſich in Verlegenheiten ſtürzt; etwas, das ein wenig hungert, wenn Weizen theuer iſt und ſich überißt, wenn Weizen wohlfeil iſt; etwas, das mit ſo viel Prozent ſich vermehrt, und wieder ſo viel Prozent in Verbrechen und ſo viel Prozent in Pauperismus abwirft; etwas, das ein Handel im Großen iſt, wodurch ſchon unermeßliche Reichthümer erworben wurden; etwas, das gelegentlich gleich der See ſteigt und viel Schaden und Nach⸗ theil(vorzüglich ſich ſelbſt) verurſacht und darauf wieder fällt— das war Alles, was ſie über die Coketowner„Hände“ wußte. Sie hatte jedoch kaum mehr daran gedacht, dieſelben in Einheiten aufzulöſen, als die See ſelbſt, in die Tropfen, aus denen ſie zu⸗ ſammengeſetzt iſt, zu zertheilen. Einige Augenblicke ſtand ſie da und blickte ſich im Zimmer um. Von den wenigen Stühlen, den wenigen Büchern, den ordinären Kupferſtichen und dem Bette, warf ſie einen flüchtigen Blick auf die beiden Frauen und auf Stephen. „Ich kam, um Ench, in Folge des juſt Vorgefallenen zu —x ——— —— 163 ſprechen. Ich möchte mich Euch gerne nützlich erweiſen, wenn Ihr nichts dagegen habt. Iſt das Eure Frau?« Rachael erhob ihre Augen, die genugſam die Frage verneinten und ließ ſie dann wieder ſinken. .„ Ich beſinne mich,“ ſagte Luiſe, über den Mißgriff erröthend, vich beſinne mich, von Eurem häuslichen Unglück ſprechen gehört zu haben, obwohl ich damals den Einzelnheiten keine beſondere Aufmerkſamkeit ſchenkte. Es lag nicht in meiner Abſicht eine Frage zu ſtellen, die einem der Anweſenden Schmerz verurſachen könnte. Sollte ich eine andere Frage thun, welche daſſelbe Re⸗ ſultat hervorbringen könnte, ſo bitte ich Euch, mir zu glauben, daß es nur aus Unwiſſenheit geſchieht, wie ich mit Euch zu ſprechen habe.“ 1 So wie Stephen ſich erſt vor Kurzem inſtinktmäßig an ſie gewandt hatte, ſo wandte ſie ſich jetzt inſtinktmäßig an Rachael. Ihr Benehmen war kurz und abgebrochen und doch unſicher und furchtſam. „Er hat Euch geſagt, was zwiſchen ihm und meinem Manne vorgegangen war. Ihr müßt wohl, wie ich glaube, ſeine erſte Zuflucht ſein?“. „Ich habe das Ende davon gehört, junge Frau,“ ſagte Rachael. „Verſtand ich recht, daß er, von einem Arbeitsgeber zurück⸗ gewieſen, wahrſcheinlich von Allen zurückgewieſen werden dürfte? Ich glaube, er ſagte das ungefähr?« „Die Ausſicht iſt ſehr gering, junge Frau— beinahe Null — für einen Mann, der einen ſchlechten Ruf unter ihnen er⸗ langt hat.“ „Was muß ich unter dem Ausdruck„ſchlechten Ruf“ ver⸗ ſtehen 2⸗.4. 3 „Den Ruf, ein unruhiger Kopf zu ſein.“. „Er iſt alſo, durch die Vorurtheile ſeines eigenen Standes und durch die Vorurtheile des andern, auf gleiche Weiſe geopfert? Sind dieſe beiden Stände in unſerer Stadt ſo ſehr geſchieden, daß ſich zwiſchen ihnen für einen redlichen Arbeiter kein Platz vorfindet?“ Rachael ſchüttelte ſtillſchweigend mit dem Kopfe. „Er fiel,“ ſagte Luiſe,„bei ſeinen Arbeitsgenoſſen in Ver⸗ dacht, weil er das Verſprechen geleiſtet, ihnen nicht beizutreten. 11* 164 Ich glaube, er muß Euch das Verſprechen gemacht haben. Darf ich fragen, warum das geſchah?“ Rachael brach in Thränen aus.„Ich habe es nicht von ihm — dem armen Burſchen— verlangt. Ich bat ihn zu ſeinem eigenen Beſten, jeden Verdruß zu vermeiden und dachte wenig daran, daß er durch mich dazu kommen werde. Aber ich weiß, daß er eher hundert Mal ſterben würde, als daß er ſein Wort brechen möchte. Dafür kenne ich ihn ſehr wohl.“ Stephen war in ſeiner gewöhnlichen, nachdenkenden Stellung, mit der Hand am Kinn, in ſtiller Aufmerkſamkeit dageſtanden. Er ſprach jetzt mit einer weniger ſtandhaften Stimme als ge⸗ wöhnlich. „Niemand außer mir kann wiſſen, welche Ehrfurcht, welche Liebe und Achtung ich für Rachael fühle— oder aus welcher Ur⸗ ſache das geſchieht. Als ich jenes Verſprechen leiſtete, hielt ich ſie wirklich für den Schutzgeiſt meines Lebens.'s war ein feier⸗ liches Verſprechen. Ich habe es geleiſtet für immer.“ Luiſe wandte ſich mit dem Kopfe gegen ihn und neigte ihn mit einer Hingebung, die neu an ihr war. Sie blickte von ihm auf Rachael und ihre Züge nahmen einen mildern Ausdruck an. „Was wollt Ihr beginnen?“« fragte ſie ihn. Ihre Stimme war ebenfalls milder geworden. „Nun, Ma'am,“ ſagte Stephen, der gute Miene zum böſen Spiel machte, mit einem Lächeln,„wenn ich mit der Arbeit zu Ende bin, dann muß ich dieſen Ort verlaſſen und es mit einem andern verſuchen. Glücklich oder unglücklich— der Menſch kann nichts thun, als verſuchen. Man ſoll nichts thun, ohne es ver⸗ ſucht zu haben— außer das ſich Niederlegen und Sterben.“ „Wie wollt Ihr reiſen 2 „Zu Fuße, meine gute Lady, zu Fuße.“ Luiſe erröthete, während eine Geldbörſe in ihrer Hand ſicht⸗ bar wurde. Das Rauſchen einer Banknote ließ ſich hören, wäh⸗ rend ſie eine entfaltete und auf den Tiſch legte. „Wollt Ihr ihm ſagen, Rachael— denn Ihr wißt wie es ohne Beleidigung anzuſtellen ſei— daß dieß ihm ganz zu Gebote ſteht um ihm die Reiſe zu erleichtern? Wollt Ihr ihn inſtändig bitten, es anzunehmen?“ „Ich kann es nicht, junge Frau,“ antwortete ſie, ſich mit dem Kopfe abwendend.„Gott ſegne Sie, daß Sie mit ſo viel 165 Güte an den armen Mann denken. Aber er muß ſein Herz ſelber kennen und wiſſen, was demgemäß recht iſt.“ Luiſe ſah theils ungläubig, theils erſchrocken und theils von ſchneller Sympathie ergriffen aus, als dieſer Mann von ſo vieler Selbſtbeherrſchung, der ſo einfach und geſetzt während der kürz⸗ lichen Unterredung geweſen war, ſeine Faſſung in einem Augen⸗ blicke verlor, und nun mit der Hand vor dem Geſichte daſtand. Sie ſtreckte die ihrige aus, wie um ihn zu berühren— dann be⸗ zwang ſie ſich und blieb ruhig. „Nein, ſelbſt Rachael,“ ſagte er, als er wieder mit unbe⸗ decktem Geſichte daſtand,„könnte ein ſo liebreiches Anerbieten, durch was immer für Worte, nicht liebreicher machen. Um zu zeigen, daß ich kein Mann ohne Verſtand und Dankbarkeit bin, will ich zwei Pfund nehmen. Ich will ſie als Darlehen annehmen und ſie wieder zurückbezahlen. Und die Arbeit ſoll mir die ſüßeſte ſein, die ich je verrichtet, welche mich in den Stand ſetzen wird, noch einmal meine ewige Dankbarkeit für die gegenwärtige Hand⸗ lung zu erkennen zu geben.“ Sie mußte gern oder ungern die Banknote wieder zurück⸗ nehmen und die viel kleinere Summe, die er genannt hatte, an deren Stelle ſetzen. Stephen war in keiner Beziehung weder höflich noch hübſch oder pittoresk und doch lag in der Art, wie er dieſelbe annahm und ſeinen Dank ohne viele Worte ausdrückte, eine Anmuth, die Lord Cheſterfield ſeinem Sohne in einem ganzen Jahrhundert nicht hätte beibringen können. Tom war, bis der Beſuch in dieſes Stadium getreten war, auf dem Bette geſeſſen, indem er mit ziemlicher Gleichgültigkeit einen Fuß hin und her ſchwang und an ſeinem Spazierſtock ſaugte. Da er ſeine Schweſter zum Aufbrechen bereit ſah, ſtand er ziem⸗ lich raſch auf und rief:. „Wart' nur einen Augenblick, Loo. Ehe wir fortgehen, möchte ich ihn auf einen Moment ſprechen.'s fällt mir gerade was ein. Wenn Ihr mit mir auf die Treppe hinausgehen wollt, Blackpool, ſo will ich's Euch mittheilen. Wir brauchen kein Licht, Mann.“ Tom war in merkwürdiger Ungeduld, als ſich Stephen nach dem Speiſeſchranke hin in Bewegung ſetzte, um eines zu holen.„Man braucht kein Licht dazu.“. Stephen folgte ihm nach und Tom machte die Zimmerthüre zu und hielt das Schloß in der Hand. „Hört einmal!“ flüſterte er.„Ich glaube Euch einen guten 166 Dienſt erweiſen zu können. Fragt mich nicht, was es iſt, weil vielleicht nichts daraus werden dürfte. Aber's ſchadet nichts, wenn ich's verſuche.“ Sein Athem wehte, einer Feuerflamme gleich, Stephens Ohren an; er war ſo heiß! „Es war unſer Büreaudiener auf der Bank, der Euch dieſen Abend die Botſchaft hinterbracht hatte,“ ſagte Tom.„Ich heiße ihn unſern Büreaudiener, weil ich auch zur Bank gehöre.“ eeſehden dachte:„Was für Eile er hat!“ Er ſprach ſo confus „Gut,“ ſagte Tom.„Nun, laßt einmal hören. Wann iſt Eure Zeit um?“ „Heut' iſt Montag,“ erwiederte Stephen nachdenkend.„Nun, Sir, Freitag oder Samstag ungefähr.“ „Freitag oder Samstag,“ ſagte Tom.„Nun ſeht einmal. Ich bin nicht gewiß, ob ich Euch den guten Dienſt erweiſen kann, den ich beabſichtige— wißt, das iſt meine Schweſter, die in Eurem Zimmer iſt— aber ich dürfte im Stande ſein, es zu thun, und ſollte ich es nicht ſein, ſo iſt doch kein Schaden dabei. Darum will ich Euch was ſagen. Würdet Ihr unſern Büreaudiener wie⸗ der erkennen?“ „Ganz gewiß,“ ſagte Stephen. „Sehr gut,“ verſetzte Tom.„Wenn Ihr eines Abends, zwiſchen heute und Eurer Abreiſe zu arbeiten aufhört, ſo treibt Euch ungefähr ein Stündchen um die Bank herum, wollt Ihr das? Laßt keine Abſicht merken, wenn er Euch daſelbſt ſich herum⸗ treiben ſieht, denn ich werde ihn nicht beauftragen, mit Euch zu ſprechen, außer ich kann Euch den Dienſt erweiſen, den ich beab⸗ ſichtige. In dieſem Falle würde er einen Zettel oder eine Bot⸗ ſchaft für Euch haben, ſonſt nicht. Nun ſeht einmal! Ihr ver⸗ ſteht mich doch gewiß?« Er hatte in der Dunkelheit einen Finger in das Knopfloch von Stephens Rock eingepfercht und ſchraubte in einer unge⸗ wöhnlichen Weiſe jenen Winkel des Kleidungsſtückes feſt herum. „Ich verſtehe wohl, Sir,“ ſagte Stephen. „Nun, ſeht einmal,“ wiederholte Tom.„Seid gewiß, daß Ihr Euch nicht irrt und vergeßt Nichts. Ich werde meiner Schweſter im Nachhauſegehen ſagen, was ich beabſichtige und ich weiß, ſie wird es billigen. Nun, ſeht einmal, die Sache iſt doch in Ordnung, nicht wahr? Ihr verſteht Alles davon? Sehr gut alſo. Komm fort, Loo!“. ——— 167 Er ſtieß die Thüre auf, während er ſie rief, kehrte jedoch nicht mehr in's Zimmer zurück und wartete auch nicht, bis man ihr die engen Treppen hinunterleuchtete. Er war ſchon unten, als ſie herabzuſteigen begann, und befand ſich ſchon auf der Straße, ehe ſie ſeinen Arm nehmen konnte. Mrs. Pegler blieb in ihrem Winkel, bis das Geſchwiſterpaar fort war und Stephen mit dem Licht in der Hand zurückkam. Sie befand ſich in einem Zuſtand unausſprechlicher Bewunderung für Mrs. Bounderby, und weinte wie eine höchſt ſeltſame Alte, „weil ſie ſo ein lieber Schatz iſt“. Mrs. Pegler befand ſich jedoch in ſolcher Angſt, daß der Gegenſtand ihrer Bewunderung zurück⸗ kehren oder ſonſt Jemand kommen könnte, daß es mit ihrer Fröh⸗ lichkeit für jene Nacht vorüber war. Es war auch ſpät für Leute die früh aufſtanden und hart arbeiteten. Die Geſellſchaft brach daher auf, und Stephen und Rachael begleiteten ihre räthſelhafte Bekanntſchaft bis an die Thüre des Travellers Coffee House, wo ſie von ihr ſchieden. Sie giengen zuſammen bis zur Ecke der Straße zurück, in welcher Rachael wohnte, und wie ſie derſelben ſich mehr und mehr näherten, verſanken ſie in Stillſchweigen. Als ſie zu der finſtern Ecke gelangten, wo ihre ſeltenen Zuſammenkünfte gewöhnlich endeten, hielten ſie, noch immer ſchweigend, inne, als ob Beide ſich ſcheuten zu ſprechen. „Ich werde mich beſtreben, dich noch einmal zu ſehen, Ra⸗ chael, bevor ich gehe, wo nicht aber—“ „Du wirſt das nicht thun, Stephen, ich weiß es.'s iſt beſſer wir entſchließen uns offen gegen einander zu ſein.“ „Du haſt immer Recht.„'s iſt kühner und beſſer. Ich dachte daran, Rachael, daß es beſſer iſt, wenn man dich nicht mit mir ſieht, meine Liebe, da es doch nur einen oder zwei Tage dauern wird. Es könnte dir nur, ohne irgend einen Nutzen, Unannehm⸗ lichkeiten verurſachen.“. „Deßhalb hätte ich nichts dagegen, Stephen. Aber du kennſt unſere frühere Uebereinkunft. Und das iſt die Urſache.“ „Gut, gut,“ ſagte er,„'s iſt beſſer ſo, wie es auch immer ſei.“ „Du wirſt mir ſchreiben, Stephen, und mir Alles mittheilen, was vorfällt?“ „Ja. Was kann ich aber nun mehr ſagen, als: Gott ſei mit dir, Gott ſegne dich, Gott belohne und vergelte dir's!“ „Möge er auch dich ſegnen, Stephen, auf all' deinen Wan⸗ derungen und dir endlich Friede und Ruhe gewähren.“ „Ich dachte, meine Theure—“ ſagte Stephen Blackpool, „in jener Nacht— daß ich Nichts ſehen oder hören würde, das mir Aerger verurſachte, ohne daß du zu meinem Beſten mir zur Seite ſtehen würdeſt. Du ſtehſt mir auch jetzt zur Seite. Du läßt es mich mit einem beſſern Auge betrachten. Gott ſegne dich. Gut' Nacht. Leb' wohl!“ Es war nur ein flüchtiger Abſchied in der gemeinen Straße und doch blieb er jenen zwei gemeinen Leuten eine heilige Erin⸗ nerung. Utilitariſche Staatsökonomen, Skelette von Schulmei⸗ ſtern, Commiſſäre des Faktenweſens, elegante und abgenützte Un⸗ gläubige, Schwätzer ſo mancher unbedeutenden Glaubensbekennt⸗ niſſe mit Eſelsohren, der Arme wird immer mit euch ſein! Cul⸗ tivirt in ihnen, während es noch Zeit iſt, die ſämmtlichen Gra⸗ zien der Fantaſie und des Gemüthes, um ihr Leben damit zu ſchmücken, das ſo ſehr der Verzierung bedarf, oder die Realität wird, in dem Augenblicke eures Triumphes— wo die Romantik aus ihrer Seele gärzlich verſcheucht iſt und ſie einer kahlen Exiſtenz von Angeſicht zu Angeſicht gegenüber ſtehen, einen wolfsartigen Charakter annehmen und euch ein Ende machen. Stephen arbeitete den andern Tag und den folgenden, ohne von Jemanden mit einem Worte erfreut zu werden und wie frü⸗ her in ſeinem Thun und Laſſen von Allen gemieden. Am Ende des zweiten Tages erblickte er Land, und am Ende des dritten ſtand ſein Webeſtuhl leer. An jedem der erſten zwei Abende hatte er länger als eine Stunde gearbeitet, aber nichts war vorgefallen, weder Gutes noch Schlimmes. Damit er jedoch nicht ſeinerſeits nachläſſig erſcheine, entſchloß er ſich in der dritten und letzten Nacht volle zwei Stunden zu warten. Er ſah die Lady, welche einſt den Haushalt von Mr. Boun⸗ derby beſorgte, wie früher am Fenſter des erſten Stockwerkes ſitzen, und auch der Büreaudiener befand ſich daſelbſt, der zu⸗ weilen mit ihr ſprach, zuweilen über die Blende herabſah, wo „Bank“ geſchrieben ſtand, und zuweilen vor die Thür kam und ſich auf die Stufen ſtellte, um friſche Luft zu ſchöpfen. Als er zuerſt herauskam, meinte Stephen er ſuche ihn und ging an ihm nahe vorbei; der Büreaudiener warf jedoch bloß ſeine blinzelnden Augen auf ihn, ſagte aber nichts. Zwei Stunden wartend herum⸗ — ,—+₰ ͤ—õʒ u ö—— 169 ſtreifen war nach einer langen Tagesarbeit eine ſtarke Anſtrengung. Stephen ſetzte ſich auf eine Hausthürſtufe, lehnte ſich an die Mauer eines Schwibbogens, ſchlenderte hin und her, lauſchte den Schlägen der Thurmuhr, hielt inne und betrachtete die ſpielenden Kinder auf der Gaſſe. Es iſt ſo natürlich, daß Jedermann eine be⸗ ſtimmte Abſicht habe, daß ein bloßer Faullenzer immer ſonderbar ausſieht und ſich auch ſo fühlt. Als die erſte Stunde um war, fing ſelbſt Stephen an, von einem unbehaglichen Gefühl beſchlichen zu werden, daß er für den Augenblick eine ſchimpfliche Rolle ſpiele. Dann erſchienen der Lampenanzünder und zwei ſich ver⸗ längernde Lichtſtreifen längs der ganzen Perſpektive der Straße, bis ſie ſich in der Ferne vermengten und verloren. Mrs. Sparſit ſchloß das Fenſter des erſten Stockwerkes, ließ die Blende herab und gieng in das obere Stockwerk. Ein Licht folgte ihr gleich nach, indem es auf ſeinem Wege nach Oben zuerſt an dem fächerarti⸗ gen Thürfenſter und an den beiden Treppenfenſtern vorüberſchwebte. Bald darauf gerieth eine Ecke der Blende im zweiten Stockwerke in Bewegung, als ob Mrs. Sparſit's Auge ſich daſelbſt befände; ebenſo die zweite Ecke, als ob das Auge des Büreaudieners an dieſer Stelle wäre. Dennoch ward Stephen keine Mittheilung gemacht. Um Vieles erleichtert, als die zwei Stunden endlich vorüber waren, gieng er, als Erſatz für ſo langes Herumſchweifen, raſchen Schrittes davon. Er hatte nur noch von der Hauswirthin Abſchied zu nehmen, und ſich dann auf die temporäre Lagerſtätte auf dem Boden nie⸗ derzulegen, denn ſein Bündel war für den folgenden Tag ſchon geſchnürt und Alles für ſeine Abreiſe vorbereitet. Er beabſich⸗ tigte die Stadt frühzeitig zu verlaſſen— noch ehe die„Hände“ ſich in den Straßen zeigten. Es war kaum Tagesanbruch als er das Zimmer verließ, nachdem er einen Abſchiedsblick um ſich geworfen niid traurig darüber nachdachte, ob er es je wieder ſehen werde. Die Stadt lag ſo öde da, als ob deren Einwohner ſie lieber verlaffen hätten, als mit ihm Gemeinſchaft zu pflegen. Alles hatte einen blaß⸗ trüben Anſtrich um dieſe Stunde. Selbſt die aufgehende Sonne erſchien blaß und öde am Himmel— wie ein farbloſer See. Von dem Platze wo Rachael wohnte, obgleich er nicht in ſeinem Wege lag— von den ziegelrothen Straßen— von den großen ſtillen Faktoreien, die noch nicht erzitterten— von der Ei⸗ ſenbahn, wo die Signallichter in dem heller werdenden Tag er⸗ 170 bleichten— von der verworrenen Umgebung der Eiſenbahn, die halb niedergeriſſen und halb aufgebaut war— von den zerſtreuten, ziegelrothen Villa's, wo das rauchgeſchwärzte Immergrün mit ſchmutzigem Pulver geſprenkelt war— gleich unordentlichen Schnupfern— von kohlbeſtaubten Wegen und einer großen Man⸗ nigfaltigkeit von häßlichen Dingen— gelangte Stephen auf die Spitze eines Hügels, von wo aus er zurückſah. Die Sonne ergoß ihren hellen Schimmer über die Stadt und die Schellen ertönten zur Morgenarbeit. Noch braunte kein Herd⸗ feuer und den hohen Schornſteinen gehörte noch der Himmel, den ſie bald genug bedeckten, wenn ſie ihre giftigen Maſſen empor⸗ blieſen; für eine halbe Stunde jedoch erglänzten die Fenſter von manchen Häuſern golden, was den Coketownern vermittelſt rauch⸗ geſchwärzten Glaſes eine Sonne zeigte, die ſich in ewiger Ver⸗ finſterung befindet. Es iſt ſo ſonderbar, von den Kaminen zu den Vögeln zu ge⸗ langen— ſo ſonderbar, den Straßenſtaub anſtatt des Kohlen⸗ ſandes an den Füßen zu haben— ſo ſonderbar, ſo lange ſchon gelebt zu haben und doch an dieſem Sommermorgen wie ein Schulknabe wieder zu beginnen! Mit dieſen Betrachtungen im Kopfe und mit dem Bündel unter dem Arme, wandte Stephen ſein gedankenvolles Geſicht längs der Landſtraße. Und die Bäume wölbten ſich über ihm und flüſterten ihm zu, daß er ein treues, liebevolles Herz zurückgelaſſen. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Mr. James Harthouſe fing, indem er auf ſeine adoptirte Partei „ausgieng“, bald an, ſich bemerkbar zu machen. Mit Hülfe von etwas vermehrtem Gepäck für die polikiſchen Weiſen, von etwas vermehrter eleganter Unachtſamkeit gegen die allgemeine Geſell⸗ ſchaft und einer Lidlichen Haushaltung der Ehrlichkeit in der Unehrenhaftigkeit dieſer höchſt wirkſamen und höchſt begün⸗ ſtigten aller feinen Todſünden— wurde er bald als ein vielver⸗ ſprechender Mann betrachtet. Daß er nicht von Ernſthaftigkeit geplagt wurde, fiel nur als günſtiger Umſtand für ihn aus, da derſelbe ihn in den Stand ſetzte, ſich unter die Genoſſen der harten Fakten mit ſolchem Geſchick zu mengen, als wäre er ein Eingeborener ihres Stammes, und dabei alle ſonſtigen Stämme als bewußte Betrüger über Bord zu werfen. 171 „Denen Niemand von uns glaubt, meine theure Mrs. Boun⸗ derby, und die ſich nicht einmal ſelbſt Glauben ſchenken. Der einzige Unterſchied, der zwiſchen uns und den Profeſſoren der Tugendhaftigkeit, der Wohlthätigkeit und der Philanthropie— der Name thut nichts zur Sache— obwaltet, beſteht darin, daß wir wohl wiſſen, Alles iſt bedeutungslos, und es auch eingeſtehen, während ſie es ebenfalls wiſſen, aber niemals das Geſtändniß davon ablegen.“ Warum ſollte ihr dieſe Wiederholung Aergerniß einflößen oder ihr als Warnung dienen? Das war den Grundſätzen ihres Vaters und ihrer erſten Erziehung ſo ungleich nicht, daß ſie darob zu erſchrecken brauchte. Wo lag der Ünterſchied zwiſchen den beiden Schulen, da beide ſie an die materielle Wirklichkeit ſchmie⸗ deten und ihr für Nichts ſonſt Glauben einflößten? Was war in ihrer Seele für James Harthonſe noch zu zerſtören übrig geblie⸗ ben, das Thomas Gradgrind im Zuſtand der Unſchuld daſelbſt großgezogen? Dieſe Lage ſtellte ſich um ſo nachtheiliger für ſie heraus, da in ihrem Geiſte— in ſie eingepflanzt, ehe ihr ausgezeichnet prak⸗ tiſcher Vater ihn zu bilden begann— eine ankämpfende Neigung an eine höhere und ausgedehntere Humanität zu glauben, be⸗ ſtändig mit Zweifeln und grollenden Empfindungen im Kampfe lag. Mit Zweifeln, weil das Streben in ihrer Tugend erſtickt worden. Mit grollenden Empfindungen, der Unbilden halber, die ihr zugefügt worden, als wären ſie in der That Einflüſterungen der Wahrheit. Einer an Selbſtunterdrückung ſeit langer Zeit ge⸗ wöhnten Natur, die ſo zerriſſen und mit ſich ſelbſt zerworfen war, erſchien die Harthouſiſche Philoſophie als Troſt und Recht⸗ fertigung. Da doch Alles hohl und werthlos war, ſo hatte ſie nichts verloren und nichts aufgeopfert. ‚Was liegt daran,“ ſagte ſie zu ihrem Vater, als er ihren Gatten vorſchlug. Was liegt daran,“ ſagte ſie noch immer. Wit zürnendem Selbſtvertrauen fragte ſie ſich ſelbſt:„Was iſt überhaupt an Allem gelegen,“ und ſo gieng ſie weiter. Wohin? Schritt für Schritt, vorwärts und abwärts, einem Ziele zu, und doch ſo allmählig, daß ſie ſelbſt im Wahne ſtand unbeweglich zu bleiben. Was Harthouſe anbelangt, ſo wußte er es weder, noch kümmerte er ſich darum, wohin ihn ſeine Rich⸗ tung führte. Vor ihm lag kein beſonderer Entwurf, kein Plan; keine energiſche Bosheit ſtörte ihn von ſeiner Mattigkeit auf. 172 Gegenwärtig unterhielt und intereſſirte er ſich juſt ſo viel, als es für einen ſo feinen Gentleman ſchicklich war, vielleicht noch etwas mehr, als zu geſtehen mit ſeinem Rufe ſich vertragen hätte. Bald nach ſeiner Ankunft ſchrieb er einen ſchläfrigen Brief an ſeinen Bruder, das ehrenwerthe und ſpaßhafte Mitglied, daß die Bounderby's ihm„viel Spaß“ machten, und ferner, daß Frau Bounderby, anſtatt die Gorgone zu ſein, die er vermuthet hatte, jung und merkwürdig hübſch ſei. Hierauf ſchrieb er gar nicht mehr über dieſelben, und widmete ſeine Muſe vorzüglich ihrem Hauſe. Er fand ſich während ſeinen Streifereien und Beſuchen im Coke⸗ towner Diſtrikt ſehr oft in ihrem Hauſe, wozu er von Mr. Boun⸗ derby aufgemuntert worden. Es lag ganz in Mr. Bounderby's Windmanier gegen ſeine ſämmtlichen Bekannten damit zu prahlen, daß er ſich um eure vornehmen Leute durchaus nicht ſchere, daß aber, wenn ſein Weib, Tom Gradgrind's Tochter, es thue, ſie in ihrem Kreiſe willkommen ſei. Mr. James Harthouſe gerieth auf den Gedanken, daß es einen neuen Eindruck auf ſeine Empfindung machen müſſe, wenn das Geſicht, das ſich ſo ſchön für den Bengel veränderte, für ihn ſich verändern würde. Er war raſch genug im Beobachten, er beſaß ein gutes Ge⸗ dächtniß, und vergaß kein Wort von den Enthüllungen des Bruders. Er verwob dieſelben mit Allem was er von der Schwe⸗ ſter ſah, und fing an ſie zu verſtehen. Der beſſere und tiefere Theil ihres Charakters lag wahrlich nicht im Bereiche ſeiner Auf⸗ faſſung, denn die Naturen gleichen hierin dem Meere, in deſſen Tiefen nur die Tiefe des Himmels ſich abſpiegelt— das Uebrige jedoch begann er bald mit dem Auge des Gelehrten zu leſen. Mr. Bounderby hatte ein Haus ſammt Gründen in Beſitz ge⸗ nommen, die ungefähr fünfzehn Meilen von der Stadt gelegen und in einer oder zwei Meilen durch eine Eiſenbahn zu er⸗ reichen waren, die auf mehreren Schwibbogen über eine wüſte Gegend hinrollte, die von öden Kohlengruben unterminirt und des Nachts von Feuern und den dunklen Formen der Maſchinen gefleckt war. Dieſe Gegend, welche gegen dee Nachbarſchaft von Mr. Bounderby's Ruheſitz hin allmählig an Härte verlor, nahm daſelbſt einigermaßen den Schmelz einer Landſchaft an, die zur Frühlingszeit golden von Heidekraut und ſchneeig von Hagedorn, und zur Sommerszeit zitternd von den Blättern und ihrem Schatten erſchien. Die Bank hatte eine auf das ſo lieblich ge⸗ — 22—.——. —— ——&᷑ᷣ 173 legene Grundſtück laſtende Hypothek für verfallen erklärt, welche von einem Coketowner Magnaten aufgenommen worden war. Der⸗ ſelbe hatte ſich bei ſeinem Entſchluſſe einen raſcheren Sprung als gewöhnlich zur Erwerbung eines enormen Vermögens zu machen, nachträglich mit ungefähr zweimal hunderttauſend Pfund ver⸗ ſpekulirt. Dergleichen Fälle trugen ſich zuweilen in den beſt⸗ regulirten Familien von Coketown zu, obgleich die Bankrotteure in gar keiner Verbindung mit den unvorſichtigen Klaſſen ſtanden. Es gewährte Mr. Bounderby die höchſte Befriedigung, ſich auf dieſem eingefriedeten, kleinen Grundbeſitz zu inſtalliren, und daſelbſt in dem Blumengarten Kohl anzubauen. Es ergötzte ihn, inmitten der eleganten Möbel ein Barrakenleben zu führen, und er übertäubte ſelbſt die Gemälde mit ſeiner Herkunft.„Nun, Sir,“ pflegte er zu einem Gaſte zu ſagen,„man ſagte mir, daß Nickit, der frühere Eigenthümer, ſiebenhundert Pfund für jenes Strandgemälde zahlte. Um aufrichtig zu ſagen, ſo wird es ſchon viel ſein, wenn ich in meinem ganzen Leben es ſiebenmal anblicke, was hundert Pfund für den Blick macht. Nein, beim George! Ich will nicht vergeſſen, daß ich Joſiah Bounderby von Coketown bin! Jahrelang beſtanden die Bilder die ich je beſaß, oder in deren Beſitz zu gelangen mir die Mittel geſtatteten, es ſei denn, daß ich ſie geſtohlen hätte, in den Kupferſtichen eines Mannes, der ſich vor einem Stiefel raſirte, auf den Wichs⸗ bouteillen, von denen ich beim Stiefelputzen mit Entzücken Ge⸗ brauch machte und die ich, wenn ſie leer waren, für einen Farthing*) das Stück verkaufte und dabei noch froh war, wenn ich ihn bekommen konnte.“ Dann ſprach er Mr. Harthouſe in ähnlicher Weiſe an: „Harthouſe, Sie haben da unten ein paar Pferde. Bringen Sie noch ein halbes Dutzend und es wird ſich Platz für ſie finden. Hier gibt es Stallungen für ein Dutzend Pferde, und wenn man Nickit nicht verläumdet hat, ſo hielt er dieſe runde Zahl. Ein rundes Dutzend, Sir. Als Knabe beſuchte jener Mann die Weſt⸗ minſter Schule. Gieng als königlicher Stipendiat in die Weſt⸗ minſter Schule, während ich vorzüglich von Wildpretgedärmen lebte und in Markekörben ſchlief. Nun, wenn ich ein Dutzend Pferde halten müßte— was ich aber nicht zu thun brauche, eines iſt genug für mich— ſo könnte ich ihren Anblick in den *) Der vierte Theil eines Penny. 174 5 Ställen hier nicht ertragen, ohne dabei denken zu müſſen, was meine eigene Wohnung zu ſein pflegte. Ich könnte ſie nicht an⸗ ſehen, ohne ſie wegſchaffen zu laſſen. Und doch drehen ſich die Dinge ſo. Sie ſehen dieſen Ort. Sie wiſſen was für ein Ort es iſt. Sie wiſſen wohl, daß es beinen vollkommenern Ort von ſeinem Umfange in dieſem Königreiche oder anderwärts gibt— 's iſt mir einerlei wo— und hier befindet ſich in ſeiner Mitte, wie ein Wurm in einer Nuß— Joſiah Bounderby. Während Nickits(wie ein Mann, der geſtern in mein Büreau kam, mir berichtete), der in den lateiniſchen Stücken der Weſtminſter Schule mitzuſpielen pflegte, wobei ihn die Hauptautoritäten und der Adel unſeres Landes ſo lange applaudirten, bis ſie ſchwarz im Geſichte wurden— in dieſem Augenblicke faſelt— faſelt, Sir, und das im fünften Stock in einer düſteren, engen Gaſſe in Antwerpen! Es war in den langen ſchwülen Sommertagen unter den Blätterſchatten dieſes Ruheſitzes, wo Mr. Harthouſe anfing das Geſicht zu prüfen, deſſen erſter Anblick ihn in Verwunderung ver⸗ ſet, und es zu verſuchen, ob es ſich nicht für ihn verändern würde. „Mrs. Bounderby, ich erachte es für einen ſehr glücklichen Zufall, daß ich Sie hier allein finde. Ich hege ſeit einiger Zeit den beſondern Wunſch Sie zu ſprechen.“ Es war nicht durch einen wunderbaren Zufall, daß er ſie gefunden, da es um jene Tageszeit war, wo ſie ſich immer allein befand und die Stelle ihr Lieblingsplätzchen bildete. Es war eine gelichtete Stelle im dunklen Gehölze, wo einige gefällte Bäume umherlagen, und wo ſie zu ſitzen pflegte, um das abge⸗ fallene Laub vom vergangenen Jahre zu beobachten, ſowie ſie im elterlichen Hauſe die fallende Aſche beobachtete. Er ſetzte ſich neben ſie, indem er einen flüchtigen Blick auf ihr Geſicht warf. „Ihr Bruder, mein junger Freund Tom—« Ihre Züge klärten ſich auf, und ſie wandte ſich gegen ihn mit einem theilnahmsvollen Blicke.„Nie in meinem Leben,“ dachte er,„ſah ich etwas ſo Merkwürdiges und Einnehmendes als das Aufſtrahlen jener Züge!“ Sein Geſicht verrieth ſeine Gedanken — vielleicht ohne ihn zu verrathen, denn es möchte wohl auf dieſe Wirkung eingeſchult geweſen ſein. „Verzeihen Sie. Der Ausdruck Ihrer ſchweſterlichen Theil⸗ nahme iſt ſo ſchön— Tom ſollte ſtolz darauf ſein.— Ich weiß, ⁸½ ᷣ —— ρÆ——— KN Æ N 175 dieß iſt nicht zu entſchuldigen— aber ich kann nicht umhin zu bewundern—“ „Bei Ihrer Empfänglichkeit?“ ſagte ſie gefaßt.. „Nein, Mrs. Bounderby, Sie wiſſen, ich mache keine An⸗ ſprüche Ihnen gegenüber. Sie wiſſen, ich bin ein grobes Stück von Menſchennatur, bereit, mich zu jeder Zeit für jede vernünf⸗ tige Summe zu verkaufen, und durchaus jedes arkadiſchen Be⸗ nehmens unfähig.“ „Ich warte,“ entgegnete ſie,„auf Ihre ferneren Mittheilungen hinſichtlich meines Bruders.“ „Sie ſind ſehr ſtrenge gegen mich, und ich verdiene es. Ich bin ein ſo unwürdiger Hund wie man nur einen finden kann, mit der Ausnahme, daß ich nicht falſch bin— durchaus nicht falſch. Aber Sie überraſchten mich, und entfernten mich von meinem Gegenſande⸗ der Ihren Bruder betrifft. Ich fühle Intereſſe ür ihn. „Fühlen Sie für etwas Intereſſe, Mr. Harthouſe?“ fragte ſie halb ungläubig und halb dankbar. „Hätten Sie mich das bei meinem erſten Beſuche gefragt, ſo würde ich Nein geantwortet haben.— Jetzt aber muß ich— ſelbſt auf die Gefahr hin anſpruchsvoll zu erſcheinen, und gerechter Weiſe Ihre Ungläubigkeit zu erwecken— Ja antworten.“ Sie machte eine leichte Bewegung als ob ſie zu ſprechen verſuchte und die Stimme ihr verſagte. Endlich ſagte ſie:„Mr. Harthonſe, ich traue es Ihnen zu, ſich für meinen Bruder zu intereſſtreu.“— „Danke Ihnen. Ich mache darauf Anſpruch, das zu verdienen. Sie wiſſen, wie wenig Anſprüche ich mache. Dieſe will ich aber behaupten. Sie haben ſo viel für ihn gethan. Sie haben ihn ſo lieb, Ihr ganzes Leben— Mrs. Bounderby legt eine ſo rei⸗ zende Selbſtvergeſſenheit ſeinethalben an den Tag— bitte aber⸗ mals um Verzeihung, ich entferne mich zu ſehr von dem Gegen⸗ ſtande. Ich intereſſire mich ſeinetwillen für ihn.“ Sie hatte die möglichſt leiſe Bewegung gemacht, als wollte ſie ſich haſtig erheben um ſich zu entfernen. Er aber veränderte in demſelben Augenblick den Ton des Geſpräches und ſie blieb. „Mrs. Bounderby,“ fuhr er in einer leichteren Weiſe fort, bei deren Annahme er jedoch eine Anſtrengung durchſcheinen ließ, die noch ausdrucksvoller als jene Manier war, die er ſo eben aufgab,„es iſt bei einem jungen Burſchen, von dem Alter Ihres 176 Bruders, kein unabänderliches Vergehen, unbeſonnen, unbedachtſam und verſchwenderiſch zu ſein; ja ſelbſt ein wenig liederlich in der Lewöhulichen Redeweiſe. Iſt er's? „Ja.“ „Erlauben Sie mir offen zu reden. Glauben Sie, daß er überhaupt ſpielt?“ „Ich glaube, er pflegt zu wetten.“ Da Mr. Harthouſe wartete, als ob dieß nicht die ganze Ant⸗ wort ſei, fügte ſie hinzu:„Ich weiß, er thut es.“ „Natäelich verliert er?« „Ja.“ „Jedermann der wettet verliert. Darf ich auf die Wahr⸗ ſcheinlichkeit hindeuten, daß Sie ihn zu dieſen Zwecken zuweilen mit Geld verſehen?“«. Sie ſaß mit niedergeſchlagenen Augen da, erhob jetzt aber dieſelben ein wenig forſchend und empfindlich. „Halten Sie meine Neugierde nicht für unverſchämt, meine theure Mrs. Bounderby. Ich meine, Tom müßte allmählig in Verlegenheit gerathen, und ich möchte ihm aus der Tiefe meiner ſündhaften Erfahrung eine helfende Hand entgegenſtrecken. Muß ich abermals ſagen, ſeinetwillen? Iſt das nothwendig?“ Sie ſchien eine Antwort zu verſuchen, konnte aber nichts hervorbringen. „Um Alles aufrichtig zu geſtehen, was mir einfiel,“ ſagte James Harthouſe, indem er abermals mit demſelben Anſchein von Anſtrengung in ſeine leichtere Weiſe übergieng,„ſo will ich Ihnen meine Zweifel mittheilen, daß er vielen Vortheil gehabt. Ob— entſchuldigen Sie meine Geradheit— ob es wahrſcheinlich iſt, daß ein großes Vertrauen zwiſchen ihm und ſeinem höchſt ehren⸗ werthen Vater obwaltete.“ „Ich,“ antwortete Luiſe erröthend,“ halte es nicht für wahr⸗ ſcheinlich.“ „Oder zwiſchen ihm— ich darf doch ſicherlich Ihrem voll⸗ ſtändigen Verſtändniß meiner Meinung vertrauen— und ſeinem hochgeſchätzten Schwager?“ Sie erröthete immer tiefer, und war glühend roth als ſie mit einer gedämpfteren Stimme antwortete:„Ich halte auch das nicht für wahrſcheinlich.“ „Mrs. Bounderby,“ ſagte Harthouſe nach kurzem Stillſchweigen, 177 „darf ein beſſeres Vertrauen zwiſchen uns ſtattfinden? Tom hat wohl eine beträchtliche Summe von Ihnen geliehen?“ „Sie werden wohl begreifen, Mr. Harthouſe,“ entgegnete ſie nach einiger Unſchlüſſigkeit— ſie war während des Geſprächs mehr oder weniger unſicher und verwirrt geweſen, hatte jedoch im Ganzen ihre ſelbſtbeherrſchende Weiſe beibehalten—„Sie werden wohl begreifen, daß wenn ich Ihnen ſage, was Sie zu erfahren dringen, dieſes nicht im Wege der Beſchwerde oder des Bereuens geſchieht. Ich würde mich nie über etwas beklagen, und was ich that, das berene ich nicht im Geringſten.“ „So geiſtreich noch dazu,“ dachte James Harthouſe. „Als ich heirathete, fand ich, daß mein Bruder eben damals ſchwer verſchuldet war— ſchwer für ihn, meine ich, ſchwer genug, um mich zum Verkaufe einiger Schmuckſachen zu zwingen. Das war für mich kein Opfer, ich verkaufte ſie ſehr gerne. Ich legte ihnen keinen Werth bei, ſie waren ganz unnütz für mich.“ Entweder ſie ſah es ihm am Geſichte an, daß er es wußte, oder ſie fürchtete bloß in ihrem Gewiſſen, daß es ihm bekannt ſei, ſie habe von den Geſchenken ihres Mannes geſprochen. Sie hielt inne und erröthete abermals. Wenn er es nicht früher ge⸗ wußt hätte, ſo würde es ihm nun klar geworden ſein, ſelbſt wenn er noch ſtumpferen Geiſtes geweſen wäre, als er wirklich war. „Inzwiſchen gab ich meinem Bruder zu verſchiedenen Zeiten alles Geld, das ich entbehren konnte. Kurz, alles Geld, das ich beſaß. Da ich Ihnen im Vertrauen auf das Intereſſe, das Sie für ihn äußern, volles Zutrauen ſchenke, ſo will ich es nicht halb thun. Seitdem Sie uns hier zu beſuchen pflegen, brauchte er ſelbſt die Summe von hundert Pfund. Ich bin nicht im Stande geweſen, ſie ihm zu geben. Ich fühlte mich unbehaglich wegen der Folgen ſeiner Verſchuldung, ich habe dieſe Geheimniſſe jedoch bis jetzt bewahrt, wo ich ſie Ihrer Ehre anvertraue. Ich habe Niemanden in mein Vertrauen eingeweihet, weil— Sie haben den Grund ſo eben angegeben.“— Hierauf brach ſie raſch ab. Er war ein gewandter Mann, nahm die Gelegenheit wahr und ergriff ſie, ihr jetzt unter der leichten Verkleidung ihres Bru⸗ ders ihr eigenes Bild vorzuſtellen.—. »Mrs. Bounderby, obſchon ich eine unwürdige Perſon in dieſer irdiſchen Welt bin, ſo fühle ich doch das höchſte Intereſſe — deſſen verſichere ich Sie— für Ihre Mittheilung. Ich kann unmöglich ſtrenge gegen Ihren Bruder ſein, ich begreife und theile Boz. Schwere Zeiten. 12 178 die kluge Anſchauung mit der Sie ſeine Fehler betrachten. Bei allem möglichen Reſpekt, ſowohl für Mr. Gradgrind als für Mr. Bounderby, glaube ich doch zu bemerken, daß er nicht glücklich in ſeiner Erziehung war. Zum Nachtheile für die Geſellſchaft erzogen, in welcher er eine Rolle zu ſpielen hat, ſtürzt er auf ſeine eigene Rechnung in dieſe Extreme von den entgegengeſetzten Extremen, die man— ohne Zweifel mit den beſten Abſichten— ſeit langer Zeit ihm aufgedrungen. Mr. Bounderby's ausge⸗ zeichnet barſche, engliche Unabhängigkeit, obwohl ſie eine höchſt anziehende Charakteriſtik gewährt, iſt nicht geeignet— und darüber ſind wir einverſtanden— Vertrauen einzuflößen. Wenn ich wagen dürfte zu bemerken, daß jener Mangel an Zartgefühl am wenig⸗ ſten geeignet iſt, einem verirrten Jüngling, einem ſchlechtverſtan⸗ denen Charakter und übelgeleiteten Fähigkeiten Troſt und Unter⸗ ſtützung zu gewähren— ſo würde ich bloß ausdruͤcken, was meine eigene Anſicht iſt.“ Wie ſie daſaß, gerade vor ſich hinblickend, mitten durch das auf dem Graſe ſpielende Licht in die Dunkelheit des Gehölzes hinein, nahm er in ihrem Geſicht die Anwendung ſeiner ganz deutlich ausgeſprochenen Worte wahr.„Man muß,“ fuhr er fort, „jede Nachſicht walten laſſen. Eines Fehlers muß. ich jedoch Tom zeihen, den ich ihm nicht vergeben kann, und für welchen ich ihn ſchwer zur Rechenſchaft ziehe.“— Luiſe heftete die Augen auf ſein Geſicht und fragte, worin dieſer Fehler beſtünde?2 „Vielleicht,“ entgegnete er,„habe ich genug geſagt. Vielleicht wäre es im Ganzen beſſer geweſen, wenn gar keine Anſpielung darauf mir entwiſcht wäre. „Sie erſchrecken mich, Mr. Harthouſe, laſſen Sie es mich wiſſen.“ „um Sie von unnützer Furcht zu befreien— und da dieſes Vertrauen hinſichtlich Ihres Bruders— das ich über alle Dinge in der Welt hochſchätze, zwiſchen uns begründet worden— ſo gehorche ich. Ich kann es ihm nicht vergeben, daß er nicht in jedem Worte, Blicke, in jeder Handlung ſeines Lebens ſich empfänglicher für die Neigung ſeiner beſten Freundin zeigt. Für die Ergebenheit ſeiner beſten Freundin, für ihre Uneigennützigkeit, für ihre Aufopferung. Die Erkenntlichkeit, die er ihr, meiner Beobachtung gemäß, erweist, iſt eine ſehr armſelige. Für das, was ſie für ihn gethan, ſollte er ihr ewige Liebe und Dankbar⸗ keit, nicht aber üble Laune und Grillenhaftigkeit zu Theil werden ————* 179 laſſen. Ein ſo unbedachtſamer Menſch ich auch bin, ſo bin ich doch, Mrs. Bounderby, nicht ſo unempfindlich, daß ich dieſen Fehler in Ihrem Bruder nicht beachten oder geneigt ſein ſollte, es als ein verzeihliches Unrecht anzuſehen.“ Das Gehölz ſchwamm vor ihren Augen, die ſich mit Thränen füllten. Sie entſprangen aus einer tiefen, lang verborgenen Quelle, ihr Herz war vom ſtechenden Schmerz überfüllt, das keinen Troſt in ihnen fand. „Mit einem Worte, ich ſtrebe vorzüglich darnach, Mrs. Boun⸗ derby, Ihren Bruder hierin zu beſſern. Meine beſſere Bekannt⸗ ſchaft mit ſeinen Verhältniſſen, meine Leitung und mein Rath ihn herauszuziehen— hoffentlich von einigem Werth, da dieß Alles von einem großartigeren Wüſtling kömmt— wird mir eini⸗ gen Einfluß über ihn verſchaffen, und meinen ganzen Vortheil werde ich gewiß zu dieſem Zwecke benützen. Ich habe genug ge⸗ ſagt und mehr als genug. Es ſcheint ich wolle mich für einen guten Kerl ausgeben, da ich doch, bei meiner Ehre, nicht die ge⸗ ringſte Abſicht hege, dergleichen zu betheuern und offen erkläre, daß ich nichts dergleichen bin. Dort zwiſchen den Bäumen,“ fügte er hinzu, nachdem er die Augen erhoben und um ſich geblickt hatte, denn bis jetzt beobachtete er ſie genau,„iſt Ihr Bruder ſelbſt— der ohne Zweifel eben gekommen iſt. Da er in dieſer Richtung herzuſchlendern ſcheint, ſo dürfte es wohl gut ſein, ihm entgegen zu gehen, um ihm in den Weg zu treten. Seit Kurzem iſt er ſtill und düſter geworden. Vielleicht iſt ſein brüderliches Gewiſſen erwacht, wenn es ein Ding wie ein Gewiſſen überhaupt gibt; obwohl, bei meiner Ehre, ich zuviel davon höre, um daran zu glauben.“ Er half ihr beim Aufſtehen, worauf ſie ſeinen Arm nahm und ſie zuſammen vorſchritten, um dem Bengel zu begegnen. Dieſer ſchlug träger Weiſe die Zweige wie er ſo herſchlenderte, oder blieb boshafter Weiſe ſtehen, um mit ſeinem Stocke das Moos von den Bäumen zu reißen. Er ſchrak auf, als ſie auf ihn zu⸗ kamen, während er mit dieſem Zeitvertreib beſchäftigt war, wobei er die Farbe wechſelte. „Hallo,“ ſtammelte er,„ich wußte nicht, daß ihr da ſeid.“ „Tom,“ ſagte Mr. Harthouſe, indem er die Hand auf ſeine Schulter legte und ihn umdrehte, worauf ſie alle Drei dem Hauſe zugiengen,„weſſen Namen haben Sie in die Bäume geſchnitten?“ „»Weſſen Namen?“ erwiederte Tom.„Oh! Sie meinen was für einen Mädchennamen?« 12* „Sie haben das verdächtige Ausſehen, den Namen eines holden Weſens in die Rinde geſchnitten zu haben, Tom.“ „Nicht ſo gefährlich das, Mr. Harthouſe. Es ſei denn, daß irgend ein holdes Weſen mit einem namhaften Vermögen, das zu ihrer eigenen Verfügung ſtehet, mich auf einmal liebgewänne. Sie könnte auch ebenſo häßlich wie reich ſein, ohne meinen Ver⸗ luſt zu befürchten. Dann würde ich ihren Namen ſo oft ſie wollte einſchneiden.“ „Ich fürchte, Sie ſind geldſüchtig, Tom.“ 3 „Geldſüchtig?“ erwiederte Tom,„wer iſt nicht geldſüchtig? Fragen Sie meine Schweſter.“ „Haſt du den Beweis, daß das mein Fehler iſt, Tom?“ ſagte Luiſe, die nichts weiter über ſeine Mißlaune und Bosheit äußerte. „Du weißt, ob die Anſpielung dich betrifft, Loo,“ entgegnete ihr Bruder mürriſch,„wenn ſie es thut, ſo kannſt du's einſtecken.“ „Tom iſt heute miſanthropiſch, wie alle Kopfhänger zuweilen ſind,“ ſagte Mr. Harthouſe.„Glauben Sie ihm nicht, Mrs. Bounderby, er weiß es viel beſſer, ich werde einige von ſeinen Urtheilen über Sie preisgeben, die er mir privatim mitgetheilt, wenn er nicht ein wenig nachgibt.“ „Jedenfalls können Sie, Mr. Harthouſe,“ ſagte Tom, indem er aus Bewunderung vor ſeinem Patron milder ward, aber doch düſter den Kopf ſchüttelte,„ihr nicht ſagen, daß ich ſie je deß⸗ halb gelobt, weil ſie geldſüchtig iſt. Ich mag ſie des Gegentheils wegen gelobt baben, und ich würde es abermals thun, wenn ich guten Grund dazu hätte. Laſſen wir aber das jetzt gut ſein. Das iſt für ſie nicht ſehr intereſſant, und mich ekelt die Sache an.“ Sie giengen dem Hauſe zu, wo Luiſe den Arm ihres Gaſtes losließ und hineintrat. Er ſtand da und betrachtete ſie, als ſie die Treppe hinaufgieng und im Dunkel der Thüre verſchwand. Dann legte er wieder die Hand auf die Schulter ihres Bruders, und lud ihn mit einem vertraulichen Nicken zu einem Spazier⸗ gang in den Garten ein. Geo mein guter Junge, ich habe ein Wort mit Ihnen zu ſprechen.“ Sie blieben in einem Gewirre von Roſen ſtehen— es machte einen Theil von Mr. Bounderby's Demuth aus, die Roſen von Nickits in vernachläſſigtem Zuſtande zu halten, und Tom ſetzte ſich auf eine Raſenbank, pflückte Knospen ab, und zerriß ſie in Stücke, während ſein gewaltiger Schutzgeiſt über ihm mit einem Fuße 181 auf der Raſenbank ſtand, und ſein Körper leicht auf dem Arm ruhte, der von dem gebogenen Knie geſtützt war. Sie waren juſt von ihrem Fenſter aus ſichtbar, vielleicht waren ſie von ihr geſehen. „Tom, was gibt es?“ „Oh, Mr. Harthouſe,“ ſagte Tom ſtöhnend,„mir geht's ſchlimm, und ich langweile mich zu Tode.“ „Mein guter Junge, ſo geht's auch mir.“ „Ihnen?“ entgegnete Tom.„Sie ſind das leibhaftige Bild der Unabhängigkeit. Mr. Harthouſe, ich befinde mich in einer ſchrecklichen Patſche. Sie haben keinen Begriff davon, in welche Lage ich mich geſtürzt habe,— aus welcher Lage meine Schweſter mich erretten könnte, wenn ſie es nur thun wollte.“ Er fing jetzt an die Roſenknospen zu zerbeißen, und er rieß ſie aus ſeinen Zähnen mit einer Hand, welche gleich der eines alten kranken Mannes zitterte. Nach einem höchſt forſchenden Blick auf ihn nahm ſein Geſellſchafter ſein leichteſtes Weſen an. „Tom, Sie ſind unbedachtſam, Sie erwarten zu viel von Ihrer Schweſter, Sie haben Geld von ihr erhalten, Sie Tauge⸗ nichts, das wiſſen Sie wohl.“ „Gut, Mr. Harthonſe, ich weiß es wohl. Wo ſollte ich es ſonſt hernehmen? Hier iſt der alte Bounderby, der ſtets damit groß thut, daß er in meinem Alter mit zwei Pence monatlich, oder ſo etwas, gelebt hat. Da iſt mein Vater, der, wie er's ſo zu nennen beliebt, eine Linie zieht, und mich mit Kopf und Fuß von Kindheit an, daran bindet. Dort iſt meine Mutter, die nie etwas beſitzt, außer ihre Beſchwerden, was ſoll man nun thun, um Geld zu erlangen, und wo ſoll ich's herkriegen, wenn nicht von meiner Schweſter?“ Er weinte beinahe, und warf die Knospen zu Dutzenden um⸗ her. Mr. Harthouſe faßte ihn beſänftigend bei ſeinem Rock. „Aber, mein theurer Tom, wenn Ihre Schweſter keines hat?“ „Keines hat, Mr. Harthouſe? Ich ſage ja nicht, daß ſie welches hat. Ich dürfte wohl mehr brauchen, als ſie wahrſchein⸗ lich beſitzt. Aber dann ſollte ſie ſich welches verſchaffen. Sie könnte es ſich verſchaffen. Nachdem, was ich Ihnen bereits mit⸗ getheilt habe, iſt es ganz unnütz, aus dieſen Dingen ein Geheimniß machen zu wollen. Sie wiſſen, daß ſie den alten Bounderby nicht ihret⸗ oder ſeinetwegen, ſondern meinetwegen geheirathet hat. Warum beſtrebt ſie ſich alſo nicht, weinetwegen das von ihm herauszukriegen, was ich brauche? Sie iſt nicht genöthigt anzu⸗ 182 geben, was ſie damit anfangen will. Sie iſt geſcheidt genug. Sie könnte es leicht durch Liebkoſungen von ihm erlangen, wenn ſie nur wollte. Warum aber will ſie nicht, da ich ihr ſage, wie wichtig es für mich iſt? Aber nein. Da ſitzt ſie wie ein Stein in ſeiner Geſellſchaft, anſtatt ſich liebenswürdig zu zeigen und es leicht herauszukriegen. Ich weiß nicht, was Sie davon halten, ich meinerſeits halte es für ein unnatürliches Benehmen.“ Ein künſtliches Waſſer floß dicht an der Raſenbank vorbei und Mr. Harthouſe empfand große Luſt Thomas Gradgrind jun. hineinzuſchleudern, ſowie die beleidigten Männer von Coketown gedroht hatten, ihr Eigenthum in den atlantiſchen Ozean zu ſchleudern. Er behielt jedoch ſeine leichte Stellung bei— und nichts Solideres flog über die ſteinerne Baluſtrade, als die auf⸗ gehäuften Roſenknospen, die ietzt auf der Oberfläche eine kleine Inſel bildend, umherſchwammen. „Mein theurer Tom,“ ſagte Harthouſe,„laſſen Sie mich ver⸗ ſuchen, Ihr Banquier zu ſein.“ „Um Gotteswillen,“ rief Tom plötzlich aus,„ſprechen Sie nicht von Banquier.“ Dabei ſah er im Contraſte zu den Roſen ſehr bleich aus. Aeußerſt bleich. Mr. Harthouſe konnte als ein wohlerzogener Mann, der an die beſte Geſellſchaft gewöhnt war, nicht überraſcht werden— er hätte eben ſo leicht in Rührung gerathen können— er erhob jedoch um ein weniges die Augenlider, als wären ſie durch eine leiſe Berührung der Ueberraſchung gelüpft worden. Demungeachtet war es ebenſo den Vorſchriften ſeiner Schule, wie den Doctrinen des Gradgrind⸗Collegiums zuwider, ſich zu wundern. „Worin beſteht die jetzige Noth, Tom? In drei Zahlen? Heraus damit. Nennen Sie ihren Betrag.“ „Mr. Harthouſe,“ entgegnete Tom, der jetzt wirklich weinte, wobei ſeine Thränen viel beſſer waren als ſeine Schmähungen, wie kläglich er auch immer dabei ausſah,„'s iſt zu ſpät. Das Geld iſt für mich jetzt ganz nutzlos. Ich hätte es früher haben müſſen, wenn es mir nüten ſollte. Aber ich bin Ihnen ſehr ver⸗ bunden. Sie ſind ein treuer Freund.“ Ein treuer Freund!„Bengel! Bengel!“ dachte Harthouſe träge.„Was du für ein Eſel biſt!“ „Ich betrachte Ihr Anerbieten als höchſt gütig,“ ſagte Tom, indem er ſeine Hand ergriff.„Als beſonders gütig, Mr. Harthouſe.“ „Gut,“ entgegnete der Andere,„es dürfte ſich bald als nutz⸗ 2———— 183 bringender bewähren. Und wenn Sie, mein wackerer Junge, Ihre verwünſchten Verlegenheiten mir mittheilen wollen, zumal ſie Ihnen zu dick kommen, ſo dürfte ich Ihnen einen beſſern Ausweg zeigen, als Sie ſelbſt finden können.“ „Danke Ihnen,“ ſagte Tom, trübſelig den Kopf ſchüttelnd und Roſenknospen kauend.„Ich wollte, ich hätte Sie früher ge⸗ kannt, Mr. Harthouſe.“ „Nun, ſehen Sie,“ ſagte Mr. Harthouſe ſchließlich, indem er einige Roſen als Beitrag zu der Inſel fortſchleuderte, die immer zu der Mauer trieb, als wollte ſie ſich dem feſten Lande einver⸗ leiben,„Jedermann iſt in Allem was er thut eigennützig, und ich bin gerade ſo wie meine übrigen Nebenmenſchen. Ich bin ver⸗ zweifelt darauf erpicht,“ dabei war die Schlaffheit ſeiner Ver⸗ zweiflung vollkommen tropiſch,„daß Sie Ihr Betragen gegen Ihre Schweſter mildern, was Sie wohl thun ſollten. Daß Sie ferner ein mehr liebevoller und angenehmer Bruder ſeien— was Sie wohl ſein ſollten.“ „Ich werde es thun, Mr. Harthouſe.“ „Nichts geht über die gegenwärtige Zeit. Fangen Sie ſo⸗ gleich an.“ „Das werde ich gewiß, und meine Schweſter Loo ſoll es geſtehen.“ „Da wir nun dieſen Handel abgeſchloſſen haben, Tom,“ ſagte Harthouſe, indem er ihm abermals auf die Schulter in einer Weiſe klopfte, die es ihm frei ſtellte daraus zu folgern— wie der arme Tropf es auch that— daß dieſe Bedingung ihm aus bloßer anſpruchsloſer Gutmüthigkeit auferlegt worden, um das Gefühl der Verpflichtung zu vermindern,„ſo wollen wir uns bis zur Tiſchzeit trennen.“ Als Tom vor Eſſenszeit erſchien, hielt er ſich aufrecht, obgleich ſein Gemüth noch gedrückt genug war— er war auch erſchienen, ehe Mr. Bounderby eintrat.„Ich habe es nicht böſe gemeint, Loo,“ ſagte er, indem er ihr die Hand reichte und ſie küßte.„Ich weiß, du haſt mich lieb, und du weißt, daß ich auch dich lieb habe.“ Nach dieſem Vorgang ſchwebte auf Luiſens Geſicht dieſen ganzen Tag ein Lächeln, für einen Andern. Ach, für einen Andern! „Um ſo weniger iſt der Bengel das einzige Geſchöpf, um das ſie ſich kümmert,“ dachte James Harthouſe, indem er die Betrach⸗ tung umkehrte, die er an dem Tage anſtellte, wo er ihr hübſches Geſicht zuerſt erblickt hatte.„Um ſo weniger! Um ſo weniger!“ 184 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Der nächſte Morgen war zu ſchön um zu ſchlafen, und James Harthouſe ſtand früh auf und ſaß in einem ſchönen Bogenfenſter ſeines Ankleidezimmers, den ſeltenen Tabak rauchend, welcher einen ſo wohlthätigen Einfluß auf ſeinen jungen Freund gehabt. Im Sonnenlicht ruhend, umgeben von den Wohlgerüchen ſeiner morgenländiſchen Pfeife, deren träumeriſcher Rauch in der von den Düften des Sommers ſo reichen milden Luft verſchwand, berechnete er ſeinen Vortheil, wie ein müſſiger Gewinner ſeinen Gewinn berechnen dürfte. Er war in dieſem Augenblick gar nicht gelangweilt, und konnte dieſer Berechnung ſeine ganze Aufmerk⸗ ſamkeit ſchenken. Er hatte eine Vertraulichkeit mit ihr hergeſtellt, von welcher ihr Gatte ausgeſchloſſen war. Er hatte eine Vertraulichkeit mit ihr hergeſtellt, die ſich ganz auf ihre Gleichgültigkeit gegen ihren Gatten, und auf den gegenwärtigen und zu allen Zeiten beſtehen⸗ den Mangel irgend einer Verwandtſchaft zwiſchen ihnen begrün⸗ dete. Er hatte ihr fein aber deutlich erklärt, daß er ihr Herz in ſeinen geheimſten Falten kenne; er hatte ſich ihr durch deſſen zärtlichſtes Gefühl ſo ſehr genähert; er hatte ſich mit dieſem Ge⸗ fühl verbunden; und die Schranke, hinter welcher ſie lebte, war gefallen. Alles ſehr ſeltſam, aber ſehr befriedigend. 3 Und dennoch hatte er, ſelbſt jetzt nicht, eine ernſtlich ſchlechte Abſicht. Es wäre beſſer für das Zeitalter, in welchem er lebte, wenn, im öffentlichen und im Privatleben, er und die Legion, von welcher er einer war, abſichtlich ſchlecht wären, anſtatt indifferent und zwecklos. Es ſind die treibenden Eisberge, die ſich, je nach der Strömung, irgendwo anſetzen, an welchen die Schiffe ſcheitern. Wenn der Teufel gleich einem brüllenden Löwen umhergeht, ſo geht er in einer Geſtalt um, durch welche nur einige wenige Wilde und Jäger angezogen werden. Aber wenn er, nach der Mode geſchmückt, gefirnißt und polirt iſt, wenn er ermüdet vom Laſter und ermüdet von der Tugend, abgenützt ſelbſt gegen Leiden und abgenützt ſelbſt gegen Freuden iſt, dann iſt er, ob er ſich mit dem Serviren von Spirituoſen oder mit dem Anfachen von Spi⸗ rituellem abgibt, der wahre Teufel. So lehnte James Harthouſe, indolent rauchend, in dem Fen⸗ ſter und berechnete die Schritte, die er auf dem Wege gethan, 185 auf welchem er zufällig reiste. Das Ende, zu welchem er führte, war ihm ziemlich klar, aber er beunruhigte ſich durch keinerlei Berechnungen deſſelben. Was kommen wird, wird kommen. Da er an dieſem Tage einen ziemlich langen Ritt zu machen hatte, — es gab nämlich einen öffentlichen Vorgang in einiger Ent⸗ fernung mitzumachen, wobei ſich eine ziemlich gute Gelegen⸗ heit darbot, auf die Gradgrindmänner auszugehen— ſo kleidete er ſich früh an und gieng zum Frühſtück hinab. Er war begierig zu ſehen, ob nicht, ſeit dem vorhergeßenden, Abend, ein Rückfall bei ihr Statt gefunden.— Nein.— Er fuhr fort, wo er auf⸗ gehört hatte. Es gab wieder einen Blick voll Intereſſe für ihn. Er kam über dieſen Tag ſo ſehr(oder ſo wenig) zu ſeiner Befriedigung weg, als man es unter ſo ermüdenden Umſtänden erwarten konnte, und kam gegen ſechs Uhr nach Hauſe geritten. Es war eine Strecke von etwa einer halben Meile zwiſchen dem Thorweg und dem Haus, und er ritt langſamen Schrittes über den weichen Sand dahin, der einſt Nickit zugehörte, als Mr. Bounderby mit ſolcher Heftigkeit aus dem Gebüſch hervorbrach, daß ſein Pferd ſcheu über den Weg ſprang. „Harthouſe,“ ſchrie Bounderby, ligauct Sie gehört?“ „Gehört, was?“ ſagte Harthouſe, ſein Pferd beſänftigend und innerlich Herrn Bounderby nicht mit den beſten Wünſchen beehrend. „So haben Sie nicht gehört?“ „Ich habe Sie gehört, und das hat dieß Thier auch gethan. Sonſt habe ich nichts gehört.“ Mr. Bounderby, roth und erhitzt, pflanzte ſich in der Mitte des Weges vor des Pferdes Kopf auf, um ſeine Bombe mit mehr Erfolg platzen zu laſſen. 2 „Die Bank iſt ausgeraubt.“ „Sie ſprechen nicht im Ernſt.“ 3 »Vergangene Nacht ausgeraubt, Sir. In außerordentlicher Weiſe ausgeraubt. Mit einem falſchen Schlüſſel ausgeraubt.“ „Um viel?“ Mr. Bounderby ſchien bei ſeinem Wunſche, ſo viel als mög⸗ lich daraus zu machen, wirklich betrübt, zu der Antwort genöthigt zu ſein.„Nein, nicht um ſehr viel.— Aber es hätte viel ſein können.“ „Um wie viel?“ „Oh, was die Summe betrifft,— wenn Sie auf der Summe 186 beſtehen, ſo iſt's nicht mehr, als hundert und fünfzig Pfund,“ ſagte Bounderby ungeduldig.„Aber es handelt ſich nicht um die Summe, es handelt ſich um das Faktum, um die Thatſache, daß die Bank ausgeraubt worden, das iſt der wichtige Umſtand. Ich bin erſtaunt, daß ſie dieß nicht einſehen.“ „Mein lieber Bounderby,“ ſagte James, abſteigend und den Zaum ſeinem Diener gebend,„ich ſehe es ein, und bin ſo beſtürzt, als Sie es nur immer wünſchen können, durch das was meinem geiſtigen Auge ſich darſtellt. Nichtsdeſtoweniger hoffe ich, daß Sie mir erlauben werden, Ihnen Glück zu wünſchen, und ich thue es von ganzem Herzen, daß ſie keinen größeren Verluſt er⸗ litten haben.“ „Danke,“ ſagte Bounderby kurz und unfreundlich.„Aber ich will Ihnen nur ſagen, es hätten zwanzig tauſend Pfund ſein können.“ „Ich vermuthe, es hätte ſo ſein können.“ „Vermuthen es? Bei Gott, Sie mögen es vermuthen. Beim George!“ ſagte Mr. Bounderby, mit oftmaligem drohendem Nicken und Schütteln ſeines Kopfes.„Man kann nicht wiſſen, was es hätte ſein können, oder was es nicht hätte ſein können, da es nur ſo viel war, weil die Kerle geſtört wurden.“ Luiſe und Mrs. Sparſit und Bitzer waren indeſſen hinzuge⸗ kommen. „Hier iſt Tom Gradgrinds Tochter, ſie weiß ziemlich gut, was es hätte ſein können, wenn Sie es nicht wiſſen,“ polterte Mr. Bounderby.„Sank um, Sir, wie von einer Kugel getroffen, als ich's ihr ſagte. Habe ſie vorher nie ſo geſehen. Macht ihr Ehre unter den Umſtänden in meiner Meinung.“ Sie ſah immer noch ſchwach und blaß aus. James Hart⸗ houſe bat ſie, ſeinen Arm zu nehmen, und fragte, als ſie ſich ſehr langſam fortbewegten, wie der Diebſtahl ſich zugetragen. „Nun, ich will es Ihnen erzählen,“ ſagte Mr. Bounderby, gereizt Mrs. Sparſit ſeinen Arm anbietend.„Wenn Sie nicht ſo außerordentlich auf die Summe verſeſſen geweſen wären, ſo würde ich damit angefangen haben, es Ihnen vorhin zu erzählen. Sie kennen dieſe Lady(denn es iſt eine Lady) Mrs. Sparſit?“ „Ich habe ſchon die Ehre gehabt.“ „Gut denn, und dieſen jungen Mann, Bitzer, Sie ſahen ihn bei derſelben Gelegenheit?“« Mr. Harthouſe neigte ſein Haupt bejahend, und Bitzer duckte ſeine Stirne. 187 „Gut denn, ſie wohnen in der Bank. Sie wiſſen vielleicht, daß ſie in der Bank wohnen? Gut denn. Geſtern Nachmittag, beim Schluß der Geſchäftsſtunden, wurde Alles wie gewöhnlich bei Seite geſchafft. In dem eiſernen Gemach, vor welchem dieſer junge Burſche ſchläft, war— es iſt einerlei, wie viel. In der kleinen Kaſſe, in des jungen Toms Kabinet, der Kaſſe, die für Kleinigkeiten benützt wird, waren hundert und einige fünfzig Pfund.“ „Hundert vier und fünfzig Pfund, ſieben Schilling, ein Penny,“ ſagte Bitzer. „Laß das gut ſein,“ entgegnete Bounderby, ſich wie ein Rad zu ihm umdrehend,„laſſe uns keine deiner Unterbrechungen hören. Es iſt genug, beſtohlen zu werden, während du ſchnarchſt, weil du zu bequem biſt, ohne daß man noch mit deinen vier, ſieben und eins behelligt wird. Ich ſchnarchte nicht, als ich in deinem Alter war, das kann ich dir ſagen. Ich hatte nicht Lebensmittel genug, um zu ſchnarchen. Und ich ſagte nicht vier, ſieben, eins. Nicht daß ich's wüßte!“ Bitzer duckte wieder ſeine Stirne in einer kriechenden Weiſe, und ſchien augenblicklich von dem Beiſpiel, das Mr. Bounderby zuletzt von ſeiner moraliſchen Enthaltſamkeit angeführt, eine ein⸗ drückliche und niederdrückende Wirkung zu empfinden. „Hundert fünfzig und einige Pfund,“ fuhr Bounderby fort. „Dieſe Summe ſchloß der junge Thomas in ſeine Kaſſe, keine ſehr ſtarke Kaſſe, aber das iſt jetzt von keinem Belang. Alles befand ſich in guter Ordnung. In der Nacht, während dieſer junge Burſche ſchnarchte— Mrs. Sparſit, Ma'am, Sie ſagen, Sie haben ihn ſchnarchen hören?“« „Sir,“ erwiederte Mrs. Sparſit,„ich kann nicht ſagen, daß ich ihn gerade habe ſchnarchen hören, und muß deßhalb nicht dieſe Behauptung aufſtellen. Aber an Winterabenden, wenn er an ſeinem Tiſche eingeſchlafen war, habe ich es, was ich als eng⸗ brüſtiges Athmen am liebſten bezeichnen möchte, bei ihm wahrge⸗ nommen.„Ich habe ihn bei ſolchen Gelegenheiten Töne hervor⸗ bringen hören, ähnlich denen, welche man manchmal bei holländiſchen Uhren vernimmt.— Nicht,“ ſagte Mrs. Sparſit, im ſtolzen Be⸗ wußtſein ein wahrhaft getreues Zeugniß abzulegen,„als ob ich irgend einen Tadel gegen ſeinen moraliſchen Charakter vorbringen wollte. Im Gegentheil. Ich habe Bitzer immer für einen jungen 188 Mann von den biederſten Grundſätzen gehalten, und in dieſer Weiſe bitte ich Sie mein Zeugniß aufzufaſſen.“ „Gnt,“ ſagte der erbitterte Bounderby,„während er ſchnarchte oder erſtickte, oder wie eine holländiſche Uhr ſchnarrte, oder das eine oder das andere that, während er ſchlief, kamen einige Burſche irgendwie, ob vorher im Hauſe verſteckt oder nicht, bleibt uns zu wiſſen, über des jungen Toms Kaſſe, erbrachen ſie und entwen⸗ deten ihren Inhalt. Da ſie hierauf geſtört wurden, machten ſie ſich davon; ſie giengen zur Hauptthüre hinaus, und verſchloſſen ſie doppelt(ſie war doppelt verſchloſſen geweſen, und der Schlüſſel unter Mrs. Sparſit's Kiſſen) mit einem falſchen Schlüſſel, welcher heute gegen zwölf Uhr in der Nähe der Bank auf der Straße gefunden worden. Kein Alarm findet ſtatt, bis dieſer Menſch, Bitzer, heute Morgen aufſteht, um die Comptoirs für das Ge⸗ ſchäft zu öffnen und in Ordnung zu bringen. Als er dabei nach Tom's Kaſſe ſah, fand er die Thür offen, das Schloß erbrochen und das Geld fort.“ „Wo iſt Tom eigentlich?« fragte Harthouſe, um ſich ſchauend. „Er hat der Polizei geholfen und iſt länger in der Bank ge⸗ blieben. Ich wollte dieſe Burſche hätten verſucht mich zu be⸗ rauben, als ich in ſeinem Alter war. Sie würden im Verluſt geweſen ſein, wenn ſie auch nur achtzehn Pence für die Affaire ausgelegt hätten. Das kann ich Sie verſichern.“ „Iſt Jemand verdächtig?“ „Verdächtig?“ Ich ſollte meinen, daß Jemand verdächtig iſt, zum Guckuck!“ ſagte Bounderby, Mrs. Sparſit's Arm los⸗ laſſend um ſeinen erhitzten Kopf abzutrocknen. Joſtah Bounderby von Coketown wird nicht ausgeplündert, ohne daß Jemand ver⸗ dächtig iſt!— Nein, danke Ihnen ſchönſtens.“ „Dürfte Mr. Harthouſe wohl fragen, wer verdächtig iſt?« „Nun,“ ſagte Bounderby ſtille ſtehend und ſich ſo placirend, daß er ſie Alle ſich gegenüber hatte,„es ſoll nirgends davon ge⸗ ſprochen werden, damit die in Frage ſtehenden Schurken(es iſt eine ganze Bande) nicht gewarnt werden, auf ihrer Hut zu ſein. So hören Sie dieß im Vertrauen. Nun, warten Sie ein wenig.“ Mr. Bounderby trocknete ſeinen Kopf von Neuem.„Was würden Sie ſagen, wenn es«— heftig losplatzend—„eine„Hand“ wäre?“ „Ich hoffe,“ ſagte Harthouſe träge,„nicht unſer Freund Blackpot?“ 189 „Sagen Sie Pool anſtatt Pot,“ erwiederte Bounderby,„und Sie haben den Mann.“ Luiſe äußerte leiſe einige Worte des Unglaubens und des Erſtaunens. „Oh ja, ich weiß,“ ſagte Bounderby, augenblicklich den Ton auffangend.„Ich weiß, ich bin daran gewöhnt. Ich weiß Alles darüber. Sie ſind das ſchlaueſte Volk von der Welt, dieſe Ge⸗ ſellen. Sie haben die Gabe der Rede, das haben ſie. Sie wollen nur ihr Recht erklärt haben, das wollen ſie. Aber ich will Ihnen etwas ſagen. Zeigen Sie mir eine unzufriedene„Hand“, und ich will Ihnen einen Mann zeigen, der für alles Schlechte, ſei es was immer es wolle, fähig iſt.“ Ein anderes von den populären Märchen der Coketowner, welche auszuſprengen man ſich einige Mühe genommen, und die bei einigen Perſonen wirklich Glauben fanden. „Aber ich kenne dieſe Geſellen,“ ſagte Bounderby,„ich kann in ihnen leſen, wie in Büchern, Mrs. Sparſit, Ma'am, ich berufe mich auf Sie. Welche Warnung gab ich dieſem Geſellen, als er das erſte Mal ſeinen Fuß in das Haus ſetzte, und der ausge⸗ ſprochene Grund ſeines Beſuches war, zu wiſſen, wie er die Re⸗ ligion niederſchlagen und die beſtehende Kirche über den Haufen werfen könne? Mrs. Sparſit, in Beziehung auf vornehme Ver⸗ wandtſchaft, ſtehen Sie auf einer Höhe mit der Ariſtokratie— ſagte ich, oder ſagte ich nicht zu dieſem Geſellen, Ihr könnt die Wahrheit nicht vor mir verbergen, Ihr ſeid nicht von dem Schlage, den ich leiden mag; Ihr werdet zu nichts Gutem kommen?“ „Gewiß Herr, erwiederte Mrs. Sparſit, das thaten Sie. Sie gaben ihm dieſe Warnung in einer ſehr eindringlichen Weiſe. „Als er Sie beleidigte, Ma'am,“ ſagte Bounderby,„als er Ihre Gefühle verletzte?« „Ja, Herr,“ erwiederte Mrs. Sparſit, mit einem demüthigen Kopfſchütteln, er that dieß wirklich. Obgleich ich nicht ſagen will, daß meine Gefühle in ſolchen Punkten, vielleicht empfind⸗ licher, thörichter wären— wenn dieſer Ausdruck vorgezogen wer⸗ den ſollte— als ſie ſonſt ſein würden— wenn ich mich ſtets in meiner gegenwärtigen Lage befunden hätte.“ Mr. Bounderby ſtarrte Mr. Harthouſe mit emporſtrudelndem Stolze an, der ſo viel ſagen wollte als:„Ich bin der Eigen⸗ thümer dieſes Weibes, und mich dünkt, ſie iſt deiner Beachtung würdig,“ worauf er wieder in dem Geſpräch fortfuhr. 4 190 „Sie können ſich wohl erinnern, Harthouſe, was ich dem Manne ſagte, als Sie ihn ſahen. Ich gieng mit der Affäre nicht fein um. Ich bin nicht gelinde mit dieſen Leuten, ich kenne ſie ſehr gut, Sir. Drei Tage darauf riß er aus, gieng fort, Nie⸗ mand weiß wohin, wie es meine Mutter mit mir in der Kind⸗ heit machte, nur mit dem Unterſchiede, daß er wo möglich noch ein ſchlechteres Subjekt iſt, als meine Mutter. Was that er, ehe er fortgieng? Was ſagen Sie dazu,“ Mr. Bounderby, der den Hut in der Hand hielt, gab bei jedem kleinen Abſatze ſeiner Worte einen Schlag auf den Deckel, als wäre derſelbe ein Tambourin, „daß er— Nacht für Nacht— bei der Bank herumſtreichend ge⸗ ſehen worden?— daß er daſelbſt— nach Dunkelwerden— um⸗ herſchlich?— daß Mrs. Sparſit auf den Gedanken kam, daß er nichts Gutes im Sinne haben müſſe— daß ſie Bitzers Aufmerk⸗ ſamkeit auf ihn lenkte— daß ſie beide Notiz von ihm nahmen — daß es ſich heute auf Erkundigungen ergeben, er ſei ebenfalls von der Nachbarſchaft bemerkt worden?“— Nachdem Mr. Boun⸗ derby zu dieſer Steigerung gelangt war, ſetzte er ſich, gleich einem Tänzer des Orients, das Tambourin auf. „Verdächtig,“ ſagte James Harthouſe,„ſicherlich.“ „Das will ich meinen, aber es ſind noch mehrere von ihnen im Spiele. Auch ein altes Weib iſt dabei. Man hört nie von dieſen Dingen, bis das Unglück geſchehen iſt— nachdem das Pferd geſtohlen worden, findet man allerhand Fehler an der Stall⸗ thüre. Jetzt taucht ein altes Weib auf. Eine Alte, die zuweilen auf einem Beſenſtiel nach der Stadt geflogen zu ſein ſcheint. Sie beſichtigt den Platz während eines ganzen Tages, ehe der Kerl beginnt, und an dem Abend, wo ſie ihn ſahen, ſchleicht ſie ſich mit ihm davon, pflegt mit ihm Rath— um ihren Bericht über ihre Pflichtverletzung abzuſtatten, wie ich vermuthe, und dann mit ihr verdammt zu werden.“ 5 „An jenem Abend fand ſich eine ſolche Perſon im Zimmer, und ſie ſcheute ſich, bemerkt zu werden,“ dachte Luiſe. „Das ſind noch nicht Alle von denen wir wiſſen,“ ſagte Bounderby, den Kopf mehrere Male bedeutungsvoll ſchüttelnd. „Aber ich habe für jetzt genug geſagt. Haben Sie nur die Güte, die Sache geheim zu halten und ſie vor Niemand zu erwähnen. Es mag noch einige Zeit dauern, aber wir werden ſie kriegen. Das iſt Politik, ihnen freie Luft zu gönnen und dagegen iſt nichts einzuwenden.“ 191 „Sie werden natürlich nach der äußerſten Strenge des Ge⸗ ſetzes beſtraft werden,“ entgegnete James Harthouſe,„und es geſchieht ihnen ſchon Recht. Kerle, die auf Banken ausgehen, müſſen ſich ſchon die Folgen gefallen laſſen. Wenn es keine Folgen gäbe, ſo würden wir Alle auf Banken ausgehen.“— Er hatte in ſanfter Weiſe Luiſen den Sonnenſchirm aus der Hand genommen und öffnete ihn für ſie. Sie gieng unter ſeinem Schatten dahin, obgleich die Sonne auf dieſe Seite nicht ſchien. „Für den Augenblick, Loo Bounderby,“ ſagte ihr Mann, „muß Mrs. Sparſit gepflegt werden. Mrs. Sparſit's Nerven ſind durch dieſe Affäre angegriffen worden, und ſie wird ſich hier einen oder zwei Tage aufhalten. Richte es ihr daher bequem ein.“ „Danke Ihnen ſehr, Sir,“ bemerkte jene beſcheidene Lady, „aber bitte, halten Sie meine Bequemlichkeit nicht der Beachtung werth. Für mich wird Alles gut ſein.“ Es ergab ſich bald, daß wenn Mrs. Sparſit bei ihrer Ver⸗ bindung mit jenem Familienetabliſſement etwas Mangelhaftes be⸗ ſaß— ſo war es bloß, daß ſie um ſich ſelbſt außerordentlich unbekümmert war, und um Andere ſich ſo ſehr bekümmerte, daß es läſtig werden mußte. Als man ſie auf ihr Zimmer führte, war ſie über deſſen Comfort ſo ergriffen, daß ſie zu der Fol⸗ gerung berechtigte, ſie hätte die Nacht über lieber im Waſch⸗ hauſe auf der Rolle geſchlafen.„Es iſt wahr, daß die Powlers und Scadgers an Pracht gewohnt waren,— aber es iſt meine Pflicht mich zu erinnern,“ pflegte ſie gerne mit ſtolzer Anmuth zu bemerken— beſonders wenn Jemand von der Dienerſchaft gegenwärtig war—„daß ich nicht mehr bin, was ich geweſen. In der That,“ ſagte ſie,„wenn ich ganz und gar die Erinnerung ausmerzen könnte, daß Mrs. Sparſit eine Powler war, oder daß ich ſelbſt mit der Scadgersfamilie in Verwandtſchaft ſtehe— oder wenn ich ſelbſt das Faktum zu Nichte machen und mich in eine Perſon von gemeiner Herkunft und gewöhnlichen Verbindungen verwandeln könnte, ſo würde ich es gerne thun. Ich würde es unter den obwaltenden Umſtänden für recht halten, ſo zu han⸗ deln.“— Derſelbe hermetiſche Geiſteszuſtand verleitete ſie auch zur Verzichtleiſtung auf beſonders präparirte Gerichte und auf Wein bei Tiſche, bis Mr. Bounderby ihr geradezu gebot dieſelben zu nehmen, wobei ſie ſagte:„Sie ſind wirklich ſehr gütig, Sir,“ und von dem Entſchluß abwich, den ſie ziemlich formell und öffentlich verkündigt hatte, auf den einfachen Hammelsbraten warten zu wollen. Sie war ebenfalls voll Entſchuldigungen, wenn ſie des Salzes bedurfte, und da ſie die angenehme Ver⸗ pflichtung fühlte, Mr. Bounderby's Urtheil hinſichtlich ihrer Ner⸗ venſchwäche in ſeiner ganzen Ausdehnung zu beſtätigen, pflegte ſie ſich zuweilen in ihrem Stuhle zurückzulegen und im Stillen zu weinen; bei welchen Perioden eine höchſt umfangreiche Thräne gleich einem kriſtallenen Ohrringe geſehen werden konnte, oder vielmehr geſehen werden mußte(denn ſie beſtand auf öffentliche Aufmerkſamkeit), wie ſie ihre römiſche Naſe hinabglitt. Mrs. Sparſit's größtes, erſtes und letztes Augenmerk beſtand jedoch in ihrem Entſchluſſe, Mr. Bounderby zu bedauern. Es gab Veranlaſſungen, wo ſie ihn betrachtend unwillkürlich den Kopf auf eine Weiſe ſchütteln mußte, die ſagen wollte:„Ach, du armer Yorick!“ Nachdem ſie ſich bei dieſen verrätheriſchen Zeichen der Rührung gehen ließ, erzwang ſie eine flüchtige Heiterkeit, war manchmal fröhlich und ſagte:„Sie ſind immer bei guter Laune, Sir, was ich dankbar anerkenne,“ worauf ſie es als eine geſegnete That begrüßte, daß Mr. Bounderby ſo geduldig war. Eine Idioſyncraſie, für welche ſie ſich öfters entſchuldigte, fand ſie außerordentlich ſchwer zu beſiegen; ſie hatte einen beſonderen Hang Mrs. Bounderby Miß Gradgrind zu heißen, und gab dem⸗ ſelben während des Abends einige Dutzend Male nach. Die Wiederholung dieſes Irrthums hüllte Mr. Sparſit in beſcheidene Verwirrung,— aber wirklich, ſagte ſie, es ſcheine ihr ſo natürlich, Miß Gradgrind zu ſagen, während ſie's beinahe für unmöglich hielt ſich zu überreden, daß die junge Lady, die ſie das Glück hatte von Kindheit an zu kennen, in der That und Wirk⸗ lichkeit Mrs. Bounderby ſei. Eine fernere Eigenheit in dieſer merkwürdigen Sache war, daß es ihr, je mehr ſie darüber nach⸗ dachte, deſto unmöglicher erſchien, da die Verſchiedenheiten, wie ſie bemerkte, der Art ſeien.— Nach dem Eſſen ſtellte Mr. Bounderby im Geſellſchaftszimmer über den Diebſtahl eine gerichtliche Unterſuchung an, verhörte die Zeugen, notirte ihre Ausſagen, fand die beſchuldigten Perſonen ſchuldig und verurtheilte ſie zur äußerſten geſetzlichen Strafe. Nachdem dieß vorüber war, wurde Bitzer in die Stadt geſchickt, um Tom zu beſtimmen mit dem Güterzuge nach Hauſe zu kommen. Als Lichter gebracht wurden, murmelte Mrs. Sparſit:„Seien Sie nicht niedergeſchlagen, Sir! Laſſen Sie mich Sie fröhlich ſehen, wie ich es gewohnt bin.“ Mr. Bounderby, auf den dieſe 79—— n A—- —-————&ᷣ& — ⁸½. — AA= 193 Troſtworte die Wirkung zu machen begonnen hatten, daß er in ochſige, abgeſchmackte Sentimentalität verfiel— ſeufzte wie ein Seeungeheuer.—„Ich kann es nicht ertragen, Sie ſo zu ſehen, Sir,“ ſagte Mrs. Sparſit,„verſuchen Sie eine Partie Back⸗ gammon), Sir, wie Sie es zu thun pflegten, als ich noch die Ehre hatte unter Ihrem Dache zu leben.“ „Ich habe ſeit jener Zeit kein Backgammon geſpielt,“ ſagte Mr. Bounderby. 3 „Nicht, Sir?« ſagte Mrs. Sparſit beſänftigend,„ich weiß, daß Sie es nicht gethan. Ich erinnere mich, daß Miß Grad⸗ grind für dieſes Spiel kein Intereſſe hat. Ich werde mich in⸗ deſſen glücklich ſchätzen, wenn Sie ſich herbeilaſſen wollten.“ Sdie ſpielten in der Nähe eines Fenſters, das auf den Garten gieng. Es war eine ſchöne Nacht— nicht mondhell, aber warm und duftig. Luiſe und Mr. Harthouſe ſchlenderten in dem Gar⸗ ten, von wo man ihre Stimmen, obwohl nicht ihre Worte ver⸗ nehmen konnte. Mrs. Syparſit ſtrengte von ihrem Platze bei dem Backgammontiſche aus, fortwährend die Augen an, um draußen die Schatten zu durchdringen. „»Was gibt's Ma'am? fragte Mr. Bounderby.„Sie ſehen doch wohl kein Feuer?“ „O, du lieber Himmel, nein! Sir!“ entgegnete Mrs. Sparſit, „ich dachte bloß an den Thau.“ 57s geht Sie der Thau an, Ma'am?“ fragte Mr. Boun⸗ erby. „Es iſt nicht meinetwegen,“ entgegnete Mrs. Sparſit,„ich fürchte bloß, Miß Gradgrind werde ſich erkälten.“ »Sie erkältet ſich niemals,“ ſagte Mr. Bounderby. „Wirklich, Sir 2 fragte Mrs. Sparſit, und hatte darauf einen Anfall von Huſten. Als die Zeit zum Schlafengehen heranrückte, trank Mr. Bounderby ein Glas Waſſer. 3 „O, Sir,“ rief Mrs. Sparſit,„keinen warmen Sherry mit Citronenſchale und Muskatnuß?“ 3 »Nun, ich bin jetzt aus der Gewohnheit herausgekommen, das vor dem Schlafengehen zu nehmen,“ ſagte Mr. Bounderby. „Um ſo mehr iſt es zu bedauern,“ ſagte Mrs. Sparſit.„Sie entwöhnen ſich all' ihrer guten alten Gewohnheiten. Seien Sie *) Eine Art Trictrac. Boz. Schwere Zeiten. 13 194 fröhlich, Sir! Wenn Miß Gradgrind es mir geſtattet, ſo will ich mich erbieten, den Trank für Sie zu bereiten, wie ich es oft gethan.“ Da Miß Gradgrind bereit war, Mrs. Sparſit Alles zu ge⸗ ſtatten, was ſie nur thun wollte, ſo bereitete dieſe aufmerkſame Lady das Getränk und reichte es Mr. Bounderby.„Das wird Ihnen gut bekommen, Sir. Es wird Ihnen das Herz erwärmen. Es iſt gerade das, was ſie brauchen und nehmen ſollen, Sir.“ Und als Mr. Bounderby ſagte:„Ihre Geſundheit, Ma'am!“ antwortete ſie mit tiefem Gefühl:„Danke Ihnen, Sir! Ihnen ein Gleiches und viel Glück!“ Endlich wünſchte ſie ihm mit vielem Pathos gute Nacht. Und Mr. Bounderby gieng zu Bette mit der benebelten Ueberzeugung, daß er in einem zarten Punkte verletzt worden, obgleich er für fein Leben nicht hätte ſagen können, um was es ſich eigentlich handle. Lange nachdem Luiſe ſich entkleidet und niedergelegt hatte, wachte und wartete ſie auf die Nachhauſekunft ihres Bruders. Dieſelbe konnte erſt, das wußte ſie wohl, eine Stunde nach Mit⸗ ternacht ſtattfinden— in der ländlichen Stille jedoch, welche die Aufregung ihrer Gedanken durchaus nicht beruhigen konnte, ſchlich die Zeit langſam dahin. Als endlich die Dunkelheit und Stille Stundenlang ſich gegenſeitig zu vergrößern ſchienen, hörte ſie die Hausſchelle. Es war ihr, als hätte ſie es mit Vergnügen hören können, wenn dieſelbe bis Tagesanbruch fortſchellte. Sie hörte jedoch auf, und das Erklingen des letzten Tones verbreitete ſich ſchwach und weit in der Luft, worauf Alles wieder todtenſtill ward. Sie wartete nach ihrer Berechnung noch eine Viertelſtunde. Alsdann erhob ſie ſich, warf ein weites Kleid um, verließ im Dunkeln ihr Zimmer und begab ſich die Treppe hinauf zu dem ihres Bruders. Da die Thür deſſelben zugemacht war, öffnete ſie die⸗ ſelbe leiſe, und ſprach zu ihm, während ſie ſich ſeinem Bette mit geräuſchloſem Schritte näherte. Sie kniete neben demſelben nieder, ſchlang den Arm um ſeinen Nacken, und zog ſein Geſicht an das ihrige. Sie wußte, er ſtellte ſich bloß, als ob er ſchliefe, ſagte aber nichts darüber. Er fuhr bald darauf empor, als wäre er eben erwacht, fragte wer es ſei und was es gäbe? „Tom, haſt du mir Etwas zu ſagen? Wenn du mich je in H Rn 195 deinem Leben lieb hatteſt, und du Etwas haſt, das du vor allen Uebrigen verbirgſt, ſo ſage es mir.“ „Ich weiß nicht was du meinſt, Loo. Du mußt was ge⸗ träumt haben.“ »Mein theurer Brnder!“ Sie legte ihren Kopf auf ſein Kopfkiſſen nieder, und ihr Haar wallte über ihn, als ob ſie ihn vor allen Andern verbergen wollte.„Haſt du mir denn gar nichts zu ſagen? Giebt es nichts, das du mir ſagen könnteſt, wenn du wollteſt? Du kannſt mir nichts ſagen, das mich gegen dich verändern könnte. O, Tom, ſag' mir die Wahrheit!“ „Ich weiß nicht was du meinſt, Loo!“ „Wie du, mein theurer Bruder, hier in der düſtern Nacht allein liegſt, ſo wirſt du einſt irgendwo allein liegen, wo ſelbſt ich, wenn ich noch am Leben ſein ſollte, dich werde verlaſſen haben. Wie ich hier bei dir bin, barfuß, entkleidet, unerkennbar in der Dunkelheit, ſo werde ich liegen müſſen, während der ganzen Nacht meiner Verweſung bis ich zu Staub geworden. Im Namen jener Zeit, Tom, ſage mir nun die Wahrheit!“ „Was willſt du denn eigentlich wiſſen?“ „Du kannſt gewiß ſein,“— in der Gewalt ihrer Liebe drückte ſie ihn, einem Kinde gleich, an ihren Buſen—„daß ich dir keinen Vorwurf machen werde. Du kannſt gewiß ſein, daß ich mitleids⸗ voll und treu gegen dich ſein werde. Du kannſt gewiß ſein, daß ich dich um jeden Preis retten werde. O, Tom, haſt du mir nichts zu ſagen? Flüſtere es ganz leiſe, ſage bloß„Ja“ und ich werde dich verſtehen.« Sie wandte ihr Ohr gegen ſeine Lippen, er aber verharrte in mürriſchem Schweigen. „Nicht ein Wort, Tom?“ „Wie kann ich„Ja“, oder wie kann ich„Nein“ ſagen, wenn ich nicht weiß, was du meinſt? Loo, du biſt ein liebes, gutes Mädchen, und wie ich zu glauben anfange, eines beſſeren Bru⸗ ders würdig. Ich habe jedoch nichts mehr zu ſagen, geh' ſchlafen, geh' ſchlafen.“ „Du biſt müde,“ flüſterte ſie gleich darauf, mehr in ihrer gewöhnlichen Weiſe. „Ja, ich bin ſchrecklch müde.“ „Du haſt heute ſo viel Unruh' und Mühe gehabt. Sind neue Entdeckungen gemacht worden?« loß diejenigen, von denen du ſchon gehört haſt. Von — ihm.“ 1 13* 196 „Tom, haſt du Jemanden mitgetheilt, daß wir jene Leute be⸗ ſuchten, und daß wir die Drei beiſammen ſahen?“ „Nein. Haſt du es mir nicht beſonders aufgetragen, die Sache geheim zu halten, als du mich aufforderteſt, mit dir hin⸗ zugehen?«. 6 „S. „Aber damals wußte ich nicht, was vorfallen werde.“ „Auch ich nicht. Wie konnt' ich auch?“ Er war mit dieſer Antwort ſehr raſch gegen ſie. „Sollte ich nach dem, was vorgefallen iſt, ſagen,“ frug ſeine Schweſter, die jetzt bei ſeinem Bette ſtand— ſie hatte ſich all⸗ mälig zurückgezogen und erhoben—„daß ich jenen Beſuch machte, ſoll ich es ſagen? muß ich es ſagen 2 „Du lieber Himmel, Loo!“ entgegnete ihr Bruder,„du biſt nicht gewohnt, mich um Rath zu fragen. Sage was dir beliebt. Wenn du es verſchweigſt, ſo will ich es auch verſchweigen, wenn du es aufdeckſt, ſo hat die Geſchichte ein Ende.“ Es war für beide zu dunkel, das Geſicht des anderen zu ſehen. Jedes ſchien jedoch höchſt aufmerkſam zu ſein, und genau zu bedenken, was zu ſprechen ſei. „Tom, glaubſt du, daß der Mann, dem ich das Geld gab, bei dieſem Verbrechen wirklich betheiligt iſt?“ „Ich weiß nicht. Ich ſehe es nicht ein, warum er es nicht ſein ſollte.“ „Er ſchien mir ein redlicher Mann.“ „Ein Anderer mag dir ehrlos erſcheinen, und iſt es doch nicht.“ Eine Pauſe trat ein, denn er zögerte und hielt inne.„Kurz,“ fuhr Tom fort, als ob er einen Entſchluß gefaßt hätte,„wenn du darauf zurückkömmſt, ſo bin ich vielleicht durchaus nicht in ſeiner Gunſt geſtanden, weil ich ihn vor die Thüre rief um ihm zu ſagen, daß er ſich glücklich ſchätzen mag, zu einem ſolchen guten Fund durch meine Schweſter gelangt zu ſein, und ich hoffe, er werde einen guten Gebrauch davon machen. Du wirſt dich erinnern, ob ich ihn hinausrief oder nicht. Ich will nichts gegen den Mann ſagen— er mag nach dem, was ich von ihm weiß, ein ehrlicher Kerl ſein; ich will hoffen, er iſt es.“ „War er durch deine Worte beleidigt?“ „Nein. Er nahm ſie ziemlich gut auf. Er war höflich genug. Wo biſt du, Lov?“ Er richtete ſich im Bette empor und küßte ſie.„Gute Nacht, meine Theure, gute Nacht!“ 197 „Du haſt mir nichts mehr zu ſagen?“ „Nein. Was ſollte ich ſagen? Du willſt doch nicht, daß ich dir eine Lüge ſage?“ „Ich wollte nicht, du thäteſt es dieſe Nacht, Tom, vor allen anderen Nächten deines Lebens, deren du, wie ich hoffe, noch viele und glücklichere haben wirſt.“ „Ich danke dir, meine gute Loo. Ich bin ſo müde, daß es mich wirklich wundern ſollte, wenn ich nicht alles Mögliche ſage, um nur ſchlafen zu können. Gehe du ſchlafen, geh' ſchlafen!“ Indem er ſie abermals küßte, drehte er ſich um, zog ſich die Decke über den Kopf und lag ſo ſtille, als ob jene Zeit ſchon ge⸗ kommen wäre, bei welcher ſie ihn beſchworen. Sie ſtand ein wenig bei dem Bette ſtill, ehe ſie ſich langſam zurückzog. An der Thüre verweilte ſie, blickte zurück, nachdem ſie dieſelbe geöffnet hatte und frug ihn, ob er ſie gerufen. Aber er lag ſtille, und ſie ſchloß ſachte die Thüre und kehrte in ihr Zimmer zurück. Der elende Junge blickte jetzt vorſichtig auf und ſah, daß ſie fort war, ſchlich aus dem Bette, ſchloß die Thüre und warf ſich wieder auf ſein Lager, wobei er ſich das Haar zerraufte, trotzi weinte, mit widerwilliger Liebe ihrer gedachte, ſich ſelbſt vo Haß aber unbußfertig verachtete, und ebenſo haßerfüllt und zweck⸗ los alles Gute in der ganzen Welt verachtete. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Indem ſich Mrs. Sparſit ruhig verhielt, um die Spannkraft ihrer Nerven in Mr. Bounderby's Ruheſitz wieder zu erlangen, paßte ſie unter ihren Corolianiſchen Augenbrauen Tag und Nacht ſo wachſam auf, daß ihre Augen, gleich einem Paar Leuchtthür⸗ men an einer mit eiſernen Reifen verſehenen Küſte, alle vorſich⸗ tigen Seeleute vor jenen kühnen Felſen ihrer römiſchen Naſe und der düſteren und holperigen Region in ihrer Nachbarſchaft ge⸗ warnt hätten, wenn ihr Benehmen nicht ſo ſanft geweſen wäre. Obgleich man ſchwer anders glauben konnte, als daß ſie ſich nur der Form wegen in der Nacht zurückzog,— ſo weit offen ſtanden ihre klaſſiſchen Augen und ſo unmöglich ſchien es, daß ihre ſtrenge Naſe einem erſchlaffenden Einfluß nachgeben könnte— ſo war doch ihre Weiſe zu ſitzen, und ihre unbequemen, um nicht zu ſagen kieſigen Fäuſtlinge zu glätten,(ſie waren aus einem kühlenden . 198 Stoffe gleich einem Speiſeſchrank bereitet) oder mit ihrem Fuße in den wollenen Steigbügel nach unbekannten Beſtimmungsorten hinzubaumeln— ſo vollkommen heiter, daß die meiſten Beobachter ſie als eine Taube hätten betrachten müſſen, die durch eine Grille der Natur in das irdiſche Tabernakel eines Vogels von dem Ha⸗ bichtſchnabelgeſchlechte verkörpert worden. Was das Herumſtreifen in dem Hauſe betraf, war ſie ein höchſt wunderbares Weib. Wie ſie von Stockwerk zu Stockwerk gerieth, war ein unlösbares Räthſel. Eine Lady, die an und für ſich ſelbſt ſo anſtändig und ſo vornehm war, konnte nicht in den Verdacht gerathen, über die Geländer zu ſetzen oder dieſelben hinunterzugleiten, und dennoch mußte ihre außerordentliche Leich⸗ tigkeit in ihren Bewegungen auf dieſe kühne Idee führen. Ein zweiter bemerkenswerther Umſtand bei Mrs. Sparſit war, daß ſie nie in übermäßiger Eile erſchien, ſie ſchoß mit vollkommener Geſchwindigkeit vom Dache zur Halle, und war dennoch im vollen Beſitze ihres Athems und ihrer Würde, in dem Augenblicke ihrer Ankunft daſelbſt. Auch hatte kein menſchliches Auge ſie große Schritte machen ſehen. Sie benahm ſich ſehr freundlich gegen Mr. Harthouſe, und hatte bald nach ihrer Ankunft ein angenehmes Geſpräch mit ihm. Sie machte ihm eines Morgens vor dem Frühſtück in dem Garten ihre Staatsaufwartung. „Es ſcheint mir, als wäre es erſt geſtern geweſen, Sir,“ ſagte Mrs. Sparſit,„daß ich die Ehre hatte, Sie in der Bank zu empfangen, als Sie ſo gütig waren, den Wunſch auszudrücken, Mr. Bounderby's Adreſſe zu erfahren.“ „Gewiß, ein Ereigniß, das von mir im Verlauf der Zeiten nicht vergeſſen werden wird,“ ſagte Mr. Harthouſe, indem er mit der möglichſten Gleichgütigkeit den Kopf vor Mrs. Sparſit verneigte. „Wir leben in einer ſonderbaren Welt, Sir,“ ſagte Mrs. Sparſit.. „Ich habe vermöge einer Uebereinſtimmung unſres Urtheils, worauf ich ſtolz bin, die Ehre gehabt, eine Bemerkung gemacht zu haben, die daſſelbe ausſpricht, obgleich ſie nicht ſo epigram⸗ matiſch ausgedrückt war.“ „In einer ſonderbaren Welt, möchte ich ſagen, Sir,“ fuhr Mrs. Sparſit fort, nachdem ſie für das Compliment mit einer Neigung ihrer dunklen Augenbrauen gedankt, deren Ausdruck nicht ganz ſo milde war, als ihre ſüßtönende Stimme.„Was —— 199 die intimen Verhältniſſe anbetrifft, in die wir zu einer Zeit mit Individuen treten, welche uns zu einer anderen ganz unbekannt waren. Ich erinnere mich, Sir, daß Sie bei jener Veranlaſſung ſo weit giengen, zu geſtehen, daß Sie vor Miß Gradgrind wirk⸗ liche Apprehenſion hätten.“ „Ihr Gedächtniß erweist mir mehr Ehre, als meine Unbe⸗ deutendheit verdient. Ich machte von Ihren gefälligen Andeu⸗ tungen Gebrauch, um meine Furchtſamkeit zu vermeiden, und es iſt nicht nothwendig hinzuzufügen, daß jene vollkommen richtig waren; Mrs. Sparſit's Talent für— in der That für Alles was Genauigkeit bedarf, mit einer Combination von Geiſtesſtärke— und Familie— iſt zu gewohnheitsmäßig entwickelt, um noch be⸗ zweifelt zu werden.“ Er war über dieſem Compliment beinahe eingeſchlafen— es währte ſo lange, bis er ſich durchwand, und ſein Geiſt hatte im Verlaufe ſeiner Ausführung einen ſo großen Weg zurückzulegen. „Sie finden Miß Gradgrind— ich kann ſie wirklich nicht Mrs. Bounderby nennen— das iſt höchſt dumm von mir— ſo ſugendlich, wie ich ſie beſchrieben?“ fragte Mrs. Sparſit in ſüß⸗ lichem Tone. „Sie zeichneten ihr Porträt vollkommen,“ ſagte Mr. Hart⸗ houſe,„ſtellten ihr leibhaftes Bildniß dar.“ „Sehr einnehmend, Sir?“ fragte Mrs. Sparſit, indem ſie ihre Fäuſtlinge langſam übereinander drehte. „Ganz ausgezeichnet.“ „Man pflegte zu bemerken,“ ſagte Mrs. Sparſit,„daß es Miß Gradgrind an Lebhaftigkeit mangle— aber ich geſtehe, es ſcheint mir, als hätte ſie in dieſer Beziehung höchſt bedeutende und auffallende Fortſchritte gemacht.— Ja, und in der That, hier iſt Mr. Bounderby!“ rief Mrs. Sparſit, indem ſie mit dem Kopfe vielmals nickte, als ob ſie über Niemand anders geſprochen oder gedacht hätte.. 4 „»Wie befinden Sie ſich heute morgen, Sir? Bitte, zeigen Sie ſich uns fröhlich, Sir.“ 3 Dieſe beharrlichen Beſänftigungen ſeines Elends und Erleich⸗ terungen ſeiner Bürde, fingen nun an die Wirkung zu haben, daß Mr. Bounderby milder als je gegen Mrs. Sparſit und härter als gewöhnlich gegen alle Uebrigen, von ſeiner Frau abwärts, war. Als daher Mrs. Syparſit mit erzwungener Gemüthsruhe bemerkte:„Sie bedürfen Ihres Frühſtücks, Sir,— ich glaube 200 jedoch, daß Miß Gradgrind ſich bald einfinden wird, um bei Tiſche zu präſidiren,“ antwortete Mr. Bounderby:„Wenn ich warten wollte, bis meine Frau ſich um mich bekümmerte, Ma'am, ſo wiſſen Sie recht wohl, wie ich glaube, daß ich bis zum jüngſten Tag warten müßte. Ich werde Sie daher bitten, den Thee zu ſerviren.“ Mrs. Sparſit fügte ſich und nahm ihre alte Poſition bei Tiſche ein. Auch hierbei zeigte ſich die vortreffliche Frau höchſt ſentimental. Sie war bei alle dem ſo demüthig, daß ſie ſich erhob als Luiſe erſchien und dabei betheuerte, unter den obwalten⸗ den Umſtänden an jenem Platz durchaus nicht ſitzen zu können, ſo oft ſie auch die Ehre gehabt habe, Mr. Bounderby's Frühſtück zu bereiten— ehe Miß Gradgrind— ſie bitte um Verzeihung — ſie wollte ſagen: Mrs. Bounderby— ſie hoffe man werde ſie entſchuldigen, aber ſie kann ſich wirklich noch nicht darein finden — obwohl ſie die Hoffnung hege, bald daran gewöhnt zu ſein— ihre gegenwärtige Stellung eingenommen hatte. Es geſchah bloß, (bemerkte ſie) weil Miß Gradgrind ſich ein wenig verſpätete, und Mr. Bounderby's Zeit ſo koſtbar ſei, und ſie es von früher wußte, wie weſentlich es für ihn ſei, pünktlich zu frühſtücken,— daß ſie ſich die Freiheit nahm, dem Erſuchen zu willfahren, da ſein Wille ſeit langem für ſie Geſetz ſei. „Bleiben Sie nur, wo Sie ſind, Ma'am,“ ſagte Mr. Boun⸗ derby; bleiben Sie nur, wo Sie ſind. Ich glaube, Mrs. Boun⸗ derby wird ſich freuen, der Mühe überhoben zu ſein.“ „Sagen Sie das nicht, Sir,“ entgegnete Mrs. Sparſit bei⸗ nahe mit Strenge,„denn das klingt ſehr ungütig für Mrs. Bounderby; und ungütig ſein, ſieht Ihnen nicht gleich.“ „Sie können ſich beruhigen, Ma'am. Du kannſt es wohl ruhig mit anſehen, nicht wahr, Loo?« ſagte Mr. Bounderby in polternder Weiſe zu ſeiner Frau. „Natürlich, die Sache hat keine Bedeutung, warum ſollte ſie für mich von Wichtigkeit ſein?“ „Warum ſollte ſie überhaupt für Jemand von Wichtigkeit ſein, Mrs. Sparſit, Ma'am?“ ſagte Mr. Bounderby mit auf⸗ geblaſener Verachtung.„Sie legen dieſen Dingen zu viel Wich⸗ tigkeit bei, Ma'am, beim George! Manche Ihrer Begriffe werden hier zurecht gewieſen werden. Sie ſind noch altmo⸗ diſche Ma am, Sie ſind hinter der Zeit von Gradgrind's Kindern zurück. —, ͤͤͤͤ ———„——— 201 „Was fehlt Ihnen?“ fragte Luiſe, mit kaltblütigem Er⸗ ſtaunen.„Was hat Sie beleidigt?“ „Beleidigt?“ wiederholte Bounderby.„Glauben Sie, wenn ich beleidigt worden wäre, ich würde dazu ſchweigen und nicht darauf dringen, daß es gut gemacht werde? Ich bin, wie ich glaube, ein gerader Mann, ich brauche nicht auf Nebenwegen zu ſchleichen.“ „Ich glaube, Niemand iſt je veranlaßt worden, Sie für zu furchtſam oder zu delikat zu halten,“ antwortete ihm Luiſe gefaßt. „Ich habe Ihnen nie dieſen Vorwurf gemacht, weder als Kind, noch als Frau. Ich begreife nicht, was Sie haben wollen.“ „Haben?« erwiederte Mr. Bounderby,„nichts. Weißt du, Loo Bounderby, denn nicht vollkommen gut, daß ich, Joſiah Bounderby von Coketown, es ſonſt auch haben würde?“ Sie ſah ihn, wie er auf den Tiſch ſchlug und die Theetaſſen klirren machte, mit ſtolzer Röthe im Geſichte, an, die nach der Meinung von Mr. Harthouſe eine neue Veränderung war. „Sie ſind heute Morgen unbegreiflich,“ ſagte Luiſe,„bitte, bemühen Sie ſich nicht weiter, ſich zu erklären, ich bin nicht neugierig, Ihre Meinung zu wiſſen. Was iſt daran gelegen?“ Es wurde über dieſen Gegenſtand nichts weiter geſprochen, und Mr. Harthouſe unterhielt ſich bald in träger Luſtigkeit über gleichgültige Gegenſtände. Von dieſem Tage an wurden jedoch Luiſe und James Harthouſe durch den Sparſiteinfluß auf Mr. Bounderby enger an einander geknüpft, was die gefährliche Entfremdung von ihrem Manne, und das vertrauliche Verhältniß mit einem anderen gegen ihn ſtärkte, in welches ſie auf ſo feine Weiſe gerathen, daß ſie die Spuren trotz ihrer Verſuche nicht auf⸗ zufinden vermochte. Ob ſie es aber je verſucht hat oder nicht, lag in ihrem eigenen verſchloſſenen Herzen verborgen. Mrs. Sparſit war, bei dieſer beſonderen Veranlaſſung ſo ſehr ergriffen, daß ſie nach dem Frühſtück Mr. Bounderby den Hut reichte und dann während ihres Alleinſeins in der Halle, ihm einen keuſchen Kuß auf ſeine Hand drückte, indem ſie murmelte:„Mein Wohlthä⸗ ter!« worauf ſie ſich von Schmerz überwältigt zurückzog. Dennoch bleibt es, nach dem Zeugniß dieſer Geſchichte, ein unzweifelhaftes Faktum, daß fünf Minuten, nachdem er das Haus mit demſelben Hute verlaſſen, derſelbe Sprößling der Scadgers und die durch Hei⸗ rath mit den Powlers in Verbindung gerathene Perſon den Fäuſt⸗ ling ihrer rechten Hand gegen ſein Porträt ſchwang, eine verächt⸗ 202 liche Grimaſſe gegen jenes Kunſtwerk machte, und ausrief:„Ge⸗ ſchieht dir ſchon recht, du Tropf, und ich freue mich darüber!“ Mr. Bounderby war noch nicht lange fort, als Bitzer er⸗ ſchien. Bitzer war vermittelſt eines Extrazugs von Stone Lodge herabgekommen, der ſchreiend und raſſelnd über die lange Schwibbogenlinie dahinfuhr, die ſich in jener wilden Gegend ehe⸗ maliger und jetziger Kohlengruben erhebt. Er brachte die eilige Botſchaft für Luiſe, daß Mrs. Gradgrind ſehr krank ſei. Sie hatte ſich, wie ihrer Tochter bekannt war, nie wohl befunden, ſeit den letzten Tagen jedoch hatte ſie ſehr abgenommen, und war in der Nacht ſchwächer und ſchwächer geworden; jetzt war ſie in dem Grade dem Tode nah, als ihre beſchränkte Fähigkeit ſich in einem Zuſtande zu befinden, der bei dem Geiſte die Abſicht vorausſetzte, ſich aus demſelben loszuwinden, es geſtattete. Begleitet von dem blondeſten der Thürhüter— ein geeigneter farbloſer Portier an der Todespforte, wo Mrs. Gradgrind an⸗ klopfte— raſſelte Luiſe nach Coketown, über die ehemaligen und jetzigen Kohlengruben hinweg, und wurde in ſeinen rauchgefüllten Rachen hineingewirbelt. Sie überließ den Boten ſeiner eigenen Pfiffigkeit, und fuhr ihrem elterlichen Hauſe zu. Seit ihrer Verheirathung war ſie ſelten da geweſen. Ihr Vater befand ſich gewöhnlich bei ſeinem parlamentariſchen Aſchen⸗ haufen in London, ſichtend und ſichtend(ohne daß man ihn je viele koſtbare Dinge aus dem Quarke herausfinden ſah), und war ſehr emſig in dem nationalen Kehrichthof beſchäftigt. Ihre Mutter hätte es mehr als eine Störung betrachtet, wenn man ſie beſuchte, während ſie auf dem Sopha ruhete; als junge Perſon fühlte ſich Luiſe ganz ungeſchickt dazu; Cilli hatte ſie ſich ſeit jener Nacht, wo des Landſtreichers Kind die Augen zu Mr. Bounderby's künftiger Frau erhob, nie freundlich genähert. So hatte ſie keine Veranlaſſung zurückzugehen und that es auch ſelten. Auch wurden keine ſchönen Eindrücke des Schauplatzes ihrer Kindheit in ihr rege, als ſie ſich jetzt dem Vaterhauſe näherte. Die Träume der Kindheit— ihre luftigen Mährchen; ihre an⸗ muthigen, ſchönen, menſchlichen, unmöglichen Ausſchmückungen einer jenſeitigen Welt, an die einmal zu glauben ſo wohlthuend iſt, und ſo ſüß ſich deren zu erinnern, wenn wir erwachſen ſind — denn alsdann wächst die geringſte derſelben zum erhabenen Bilde einer Liebeswohnung im Herzen, wo Kinder eintreten dürfen, 203 und mit ihren reinen Händen inmitten der ſteinigen Pfade dieſer Welt einen Garten pflegen, allwo, in vertrauensvoller Einfachheit und nicht weltklug, ſich öfter zu ſonnen, für alle Adamskinder weit beſſer wäre— was für Theil hatte ſie daran? Erinnerungen, wie ſie zu dem Wenigen, das ſie wußte, durch die bezauberten Wege gelangte, wovon ſie und Millionen unſchuldiger Geſchöpfe hoffnungsvolle Phantaſien hegten— wie ſie durch das zarte Licht der Einbildungskraft zuerſt zur Vernunft gelangend, dieſe als eine wohlthätige Gottheit betrachtete, welche andere Gottheiten, ſo groß als ſie ſelbſt, ſich unterwarf: aber nicht als grimmiges Götzenbild, grauſam und kalt, ſeinen Opfern Hände und Füße zuſammengebunden, und ſeine plumpe ſtumme Geſtalt da hockend mit gläſernem Blicke und durch nichts in Bewegung zu ſetzen, als durch ſo viele berechnete Tonnen Hebekraft— was für Theil hatte ſie daran?— Ihre Erinnerungen an Elternhaus und Kind⸗ heit waren Erinnerungen an das Austrocknen jeder Quelle und jedes Brunnens in ihrem jungen Herzen, wie ſie hervorſtrömten. Die goldenen Fluthen befanden ſich nicht daſelbſt. Sie floßen, um das Land fruchtbar zu machen, wo Trauben von Dornen und Feigen von Diſteln eingeſammelt werden. 3 Sie trat mit ſchwerem, verhärtetem Gram in das Haus und in das Zimmer ihrer Mutter. Seitdem ſie das Elternhaus verlaſſen, hatte Cilli mit der übrigen Familie auf gleichem Fuß geſtanden. Cilli ſaß neben ihrer Mutter, und ihre Schweſter Jane, die jetzt zehn bis zwölf Jahre alt war, befand ſich auch im Zimmer. Es koſtete viele Muͤhe, ehe man es Mrs. Gradgrind begreiflich machen konnte, daß ihr älteſtes Kind da ſei. Sie ſank zurück und ſtützte ſich aus bloßer Gewohnheit auf ein Kiſſen, und das Alles in ihrer frühern gewöhnlichen Stellung, die ein ſo hülfloſes Geſchöpf annehmen konnte. Sie hatte es entſchieden verweigert, ſich zu Bette zu begeben, und zwar aus dem Grunde, daß wenn ſie es thäte, die Sache kein Ende nehmen würde. Ihre ſchwache Stimme klang ſo entfernt aus ihrem Bündel Shawls, und der Klang einer andern Stimme, die ſie anſprach, ſchien ſo lange Zeit zu gebrauchen, bis ſie an ihr Ohr gelangte, als hätte ſie im Grund eines Brunnens gelegen. Die arme Frau befand ſich näher der Wahrheit als je, was viel heißen wollte. Als man ihr ſagte, Mrs. Bounderby ſei da, antwortete ſie im Geiſte des Wider⸗ ſpruchs, daß ſie ihm nie dieſen Namen gegeben, ſeitdem er Luiſen geheirathet; daß ſie, unentſchieden in der Wahl eines un⸗ 204 verwerflichen Namens, ihn bloß J nannte; und daß ſie dermalen von dieſer Regel nicht abweichen könne, da ſie mit keinem aus⸗ reichenden Erſatzmittel verſehen ſei. Luiſe war bei ihr einige Minuten geſeſſen, und hatte oft zu ihr geſprochen, ehe ſie es klar begreifen konnte wer es ſei. Hierauf ſchien ſie es auf einmal zu begreifen.„Gut denn, mein Kind,“ ſagte Mrs. Gradgrind,„ich hoffe, du biſt ganz zufrieden. Dein Vater allein hat es gethan. Er iſt darauf beſtanden. Er muß es wiſſen warum.“ „Ich will von dir hören, Mutter, und nicht von mir.“ „Von mir willſt du hören, mein Kind? das iſt gewiß etwas Neues, wenn Jemand von mir hören will; durchaus nicht wohl, Luiſe, ſehr ſchwach und ſchwindelig.“ „Fühlſt du Schmerz, liebe Muͤtter 2“ „Ich glaube, es befindet ſich ein Schmerz irgendwo im Zim⸗ mer,“ ſagte Mrs. Gradgrind, aber ich kann nicht behaupten, daß ich ihn habe.“ Nach dieſen ſonderbaren Worten lag ſie einige Zeit ſtill. Luiſe konnte, indem ſie ihre Hand hielt, keinen Puls fühlen, ſah jedoch, indem ſie dieſelbe küßte, einen leichten, dünnen Lebens⸗ faden in unruhiger Bewegung. „Du ſieheſt deine Schweſter ſehr ſelten,“ ſagte Mrs. Grad⸗ grind.„Sie wächst auf gleich dir, ich wünſche, daß du dich ihrer annimmſt. Cilly, bringe ſie her.“ 4 Sie ward herbeigeführt, und ſtand da, ihre Schweſter bei der Hand haltend. Luiſe hatte ſie ihren Arm um Cilli's Nacken ſchlingen geſehen, und ſie fühlte den Unterſchied dieſer Annäherung. „Siehſt du die Aehnlichkeit, Luiſe?“ „Ja, Mutter, ich ſollte denken ſie iſt mir gleich, aber— „Nun? ich ſage es ja immer,“ ſagte Mrs. Gradgrind mit unerwarteter Raſchheit.„Und das erinnert mich.— Ich habe Etwas mit dir zu ſprechen, mein Kind. Eilli, mein gutes Mädchen, laß uns einen Augenblick allein.“ Luiſe hatte die Hand losgelaſſen, dachte, daß das Geſicht ihrer Schweſter ſchöner und heiterer ſei, als ihres je geweſen,— ſah in demſelben nicht ohne ein aufkeimendes Gefühl des Un⸗ willens ſelbſt an jenem Orte und zu jener Zeit— Etwas von der Sanftheit des anderen Geſichtes in dem Zimmer, des Ge⸗ ſichtes mit den vertrauensvollen Angen, das durch das reiche dunkle Haar bläſſer gemacht wurde, als es durch Wachen und Theilnahme geſchah. 205 Mit ihrer Mutter allein gelaſſen, ſah Luiſe wie dieſelbe da lag, mit einer trüben Schläfrigkeit auf ihrem Geſichte, gleich Einem, der widerſtandslos auf einem weiten Waſſer dahinſchwimmt, damit zufrieden, den Strom hinunter getragen zu werden. Sie führte den Schatten einer Hand abermals an ihre Lippen und weckte ſie aus ihrer Ohnmacht. „Du wollteſt mit mir ſprechen, Mutter.“ „Ei! Ja gewiß, mein Kind. Du weißt, dein Vater iſt faſt immer abweſend, und daßhalb muß ich ihm darüber ſchreiben.“ „Worüber, Mutter? Beunruhige dich nicht; worüber denn?“ „Du mußt dich erinnern, mein Kind, daß wenn ich je irgend etwas über einen Gegenſtand geſagt hatte, ich nie das Ende davon hörte; deßhalb habe ich es ſeit langer Zeit unterlaſſen, überhaupt etwas zu ſagen.“ „Ich höre dich wohl, Mutter,“ aber ſie konnte nur dadurch, daß ſie ihr Ohr neigte und gleichzeitig die Lippen betrachtete wie ſie ſich bewegten, dergleichen ſchwache und abgebrochene Töne in zuſammenhängende Verbindung bringen. „Du haſt ſehr viel gelernt, Luiſe, und ebenſo dein Bruder, allerhand Ologien*), vom Morgen bis Abend. Wenn es irgend eine Ologie, von welch' immer einer Beſchaffenheit gibt, die in dieſem Haus nicht zerfetzt worden iſt, ſo kann ich nur darüber ſagen, ich hoffe, nie ihren Namen zu hören.“ „Ich kann dich hören, Mutter, wenn du nur Kraft haſt fort⸗ ſufaßrenes Das ſagte ſie, um ſie vom Davonſchwimmen abzu⸗ alten. „Aber es gibt Etwas, durchaus keine Ologie— das dein Vater ausgelaſſen oder vergeſſen hat, Luiſe. Ich weiß nicht was es iſt. Ich habe oft daran gedacht, wenn Cilli neben mir daſaß, ich werde mich jetzt ſeines Namens nicht erinnern, aber dein Vater kennt es, es macht mich unruhig, ich will ihm darüber ſchreiben, damit er um des Himmelswillen ausfinde was es iſt. Gib mir eine Feder! Gib mir eine Feder!“ Selbſt die Kraft der Unruhe war verſchwunden, ausgenommen von dem armen Kopfe, der ſich gerade von einer Seite auf die andere drehen konnte. 3 Sie bildete ſich jedoch ein, daß ihre Bitte erfüllt worden, lun*) Mrs. Gradgrind meint hiermit die Wiſſenſchaften, deren Namen auf ologie“ endigen. 206 und daß die Feder, die ſie nicht halten konnte, ſich in ihrer Hand befinde. Es iſt wenig daran gelegen, welche Geſtalten wunder⸗ baren Unſinns ſie auf ihren Umſchlagtüchern zu zeichnen begann. Die Hand hielt bald mitten in der Bewegung inne; das Licht, das hinter dem ſchwachen Transparente immer matt und dunkel ge⸗ weſen, gieng aus; und ſelbſt Mrs. Gradgrind, die aus dem Schatten emportauchte, in welchem der Menſch wandelt und ver⸗ gebens ſich abmüht, nahm die grauenhafte Feierlichkeit der Weiſen und Patriarchen an. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Da Mrs. Sparſit's Nerven nur ſehr langſam ihre Spann⸗ kraft wieder erlangten, ſo blieb die würdige Frau mehrere Wochen auf Mr. Bounderby's Ruheſitz, woſelbſt ſie, trotz ihrer Vorliebe für Einſamkeit, welche auf dem ſchicklichen Bewußt⸗ ſein ihres veränderten Standes beruhte, ſich mit edler Stärke darein ergab, ſo zu ſagen im Füllhorn des Ueberfluſſes zu leben und am Fett des Landes zu zehren. Während der ganzen Zeit dieſer Zurückgezogenheit von der Bewachung der Bank, benahm ſich Mrs. Sparſit als ein Muſter von Standhaftigkeit, indem ſie fortfuhr, Mr. Bounderby der Art in's Geſicht zu bemitleiden, wie das nur ſelten einem Manne widerfährt, und ſein Porträt „Tropf“ in's Geſicht zu heißen, mit der größten Bitterkeit und Verachtung. Mr. Bounderby, der es in ſein explodirendes Weſen auf⸗ genommen, daß Mrs. Sparſit überlegen genug ſei um wahrzu⸗ nehmen, daß er jenes allgemeine Kreuz in ſeiner Einſamkeit trage(er hatte noch nicht ausgefunden was es war) und ferner, daß Luiſe ſie nicht wohl gerne als ihren öftern Gaſt ſehen möchte, wenn es ſich überhaupt mit ſeiner Größe vertragen konnte, daß ſie ſich gegen Etwas erklärte, das er thun wollte, entſchloß ſich nun, Mrs. Sparſit nicht ſo leicht aus dem Geſicht zu ver⸗ lieren. Als daher ihre Nerven ſo weit geſpannt waren, daß ſie wieder Süßbrod in der Einſamkeit zu ſich nehmen konnte, ſagte er zu ihr während des Mittageſſens am Tage vor ihrer Abreiſe:„Ich will Ihnen was ſagen, Ma'am. Sie müſſen, ſo lange es ſchönes Wetter gibt, am Samstag zu uns her⸗ kommen und bis Montag bleiben.“ Worauf Mrs. Sparſit, in 207 der That, obwohl nicht im mahommedaniſchen Glauben, erwie⸗ derte:„Hören iſt gehorchen.“. Nun, Mrs. Sparſit war kein poetiſches Weib, ſie faßte jedoch eine Idee in einer allegoriſchen Geſtalt auf. Indem ſie Luiſe ſorgfältig bewachte und ihr undurchdringliches Betragen beharr⸗ lich beobachtete, wodurch die Schneide von Mrs. Sparſit ſcharf gewetzt und geſchliffen war, muß ſie auf dem Wege der Inſpira⸗ tion ſo zu ſagen einen Schwung erhalten haben; ſie ſchuf in ihrem Geiſte eine gewaltige Treppe, die in einen düſtern Schlund von Schande und Verderben mündete; und dieſe Treppe ſah ſie den Tag zu Tag und von Stunde zu Stunde Luiſen hinunter⸗ eigen. Es machte nun Mrs. Syxarſit's Lebensgeſchäft aus, dieſe Treppe zu betrachten und Luiſe herabſteigen zu ſehen; zuweilen langſam, zuweilen raſch, zuweilen mehrere Staffeln mit einem Satze, zuweilen inne haltend, aber niemals umwendend. Wenn ſie einmal umgewandt hätte, ſo würde Mrs. Sparſit in Spleen und Schmerz den Tod davon erlitten haben. Sie war beharrlich heruntergeſtiegen, bis zu dem Tage und an dem Tage, wo Mr. Bounderby die obenerwähnte wöchentliche Einladung ergehen ließ. Mrs. Sparſit war in guter Laune und geneigt ein Geſpräch anzuknüpfen. „Nun bitte, Sir,“ ſagte ſie,„wenn ich wagen darf, eine Frage zu ſtellen, die einen Gegenſtand berührt, über welchen Sie Stillſchweigen beobachten— was wohl kühn von mir iſt, denn ich weiß recht gut, daß Sie einen Grund haben für Alles was Sie thun— haben Sie hinſichtlich des Diebſtahls Nachrichten erhalten?“ »Nun, Ma'am, nein, noch nicht! Unter den Umſtänden habe ich es noch nicht erwartet. Rom wurde nicht in einem Tag erbaut, Ma'am.“ „Sehr wahr, Sir,“ ſagte Mrs. Sparſit kopfſchüttelnd. „Auch in einer Woche nicht, Ma'am.“ „Nein, in der That nicht,“ entgegnete Mrs. Sparſit mit einem Anſtrich von Wehmuth. „Auf ähnliche Weiſe,“ ſagte Bounderby,„kann ich auch warten, wie Sie wiſſen. Wenn Romulus und Remus warten konnten, kann Joſiah Bounderby auch warten. Sie waren in⸗ deſſen in ihrer Jugend beſſer daran als ich. Sie hatten eine Wölfin zur Amme, ich hatte bloß eine Wölfin zur Großmutter, 208 ſie gab mir keine Milch, Ma'am, Sie gab Prügel. Sie war in dieſer Beziehung eine vollſtändige Alderney*). „Ach!“ ſeufzte Mrs. Sparſit und ſchauderte. „Nein, Ma'am,“ fuhr Mr. Bounderby fort,„ich habe nichts weiter darüber gehört. Man iſt jedoch damit beſchäftigt, und der junge Tom, der im Geſchäfte jetzt ziemlich fleißig arbeitet— was etwas Neues bei ihm iſt, er hat nicht meine Schule durchgemacht — iſt dabei thätig. Mein Beſcheid iſt, ſich bei dieſer Sache ruhig zu verhalten und ihr den Anſchein der Vergeſſenheit zu geben. Alles, was man thun will, muß geheim geſchehen, und nichts darf durch irgend ein Zeichen verrathen werden, ſonſt ſammelt ſich gleich ein halbes Hundert von dieſem Gelichter und hilft jenem Kerl entwiſchen, daß man ſeiner nicht mehr habhaft werde. Man verhalte ſich nur ruhig, und die Diebe werden nach und nach Vertrauen faſſen, worauf wir ſie ſchon kriegen werden.“ „Sehr ſinnreich, in der That, Sir,“ ſagte Mrs. Sparſit, „ſehr intereſſant. Die alte Frau, deren Sie Erwähnung ge⸗ than, Sir—« „Die alte Frau, deren ich erwähnte, Ma'am,“ ſagte Boun⸗ derby, die Sache kurz abmachend, da nichts dabei aufzuſchneiden war,„iſt nicht eingefangen worden, ſie kann jedoch einen Eid darauf ablegen, daß es geſchehen wird, wenn das ihre alte, garſtige Seele beruhigt. Unterdeſſen, Ma'am, bin ich der Mei⸗ nung, wenn Sie mich überhaupt um meine Meinung fragen, daß es deſto beſſer iſt, je weniger man von ihr ſpricht.“ An demſelben Abend ſah Mrs. Sparſit von dem Fenſter ihres Zimmers aus, als ſie vom Einpacken ausruhte, auf ihre große Treppe und ſah Luiſe immer abwärts ſteigen. Sie ſaß neben Mr. Harthouſe in einer Gartenlaube in leiſes Geſpräch vertieft. Er lehnte ſich über ſie, wie ſie zuſammen⸗ flüſterten, und ſein Geſicht berührte beinahe ihre Haare.„Warum nicht gar!“ ſagte Mrs. Sparſit, indem ſie ihre Falkenaugen auf's Aeußerſte anſtrengte. Mrs. Sparſit war zu entfernt, um ein Wort ihres Geſprächs zu vernehmen oder ſelbſt um zu wiſſen, daß ſie leiſe ſprachen, außer was ſie nach dem Ausdruck ihrer Geſtalten ſchloß; was ſie aber ſprachen, war Folgendes: *) Eine wilde Kuh von der Inſel Alderney. „Sie erinnern ſich des Mannes, Mr. Harthouſe?“ „Oh, vollkommen!“ ſagt »Vollkommen! und er erſchien mir auch als eine unendlich trübſelige Perſon. Langweilig und proſaiſch über die Maßen. Er war ſehr gewandt darin, in der demüthig⸗tugendhaften Schule der Beredſamkeit einem ein Licht vorzuhalten. Ich kann Sie indeſſen verſichern, daß ich gleich damals dachte: mein lieber Mann, Sie übertreiben die Geſchichte.“ 1 135 fiel mir ſehr ſchwer, von jenem Manne ſchlecht zu enken.“ „Meine theure Luiſe— wie Tom ſagt“— was er eigentlich nie that—„Sie wiſſen doch nichts Gutes von jenem Burſchen?« „Nein, gewiß nicht.“ „Auch nicht von einer anderen ähnlichen Perſon?“ „Wie vermöchte ich,« antwortete ſie, mehr mit jenem ſon⸗ ſtigen Ausdrucke, als er ſeit kürzlich bei ihr bemerkt,„da ich überhaupt nichts von ihnen weiß, Männern oder Weibern ² »Meine theuere Mrs. Bounderby! So geſtatten Sie denn die unterthänige Vorſtellung ihres ergebenen Freundes anzunehmen, der etwas von den verſchiedenen Klaſſen ſeiner ausgezeichneten Nebenmenſchen weiß— denn ausgezeichnet ſind ſie, daran zweifle ich nicht, trotz ähnlicher kleiner Schwächen die darin beſtehen, ſich das anzueignen, was ſie können. Jener Burſche ſpricht. Gut, das thun ſie alle. Seine ausgeſprochene Moralität verdient allein eine augenblickliche Erwägung, da ſie ein ſehr verdächtiger Umſtand iſt. Alle Arten von Humbugs bekennen ſich zur Mora⸗ lität, von dem House of Commons bis zum House of Correction*), ausgenommen Leute unſeres Schlages; und es iſt in der That jene Ausnahme, die unſere Leute neu aufleben macht. Sie haben die Sache geſehen und gehört. Hier war ein gemeiner Mann, der durch meinen geſchätzten Freund Mr. Bounderby ſehr in die Enge getrieben war— welcher, wie wir wohl wiſſen, ſänftigen könnte. Der gemeine Mann war verletzt und verließ, zur Verzweiflung getrieben, murrend das Haus, begegnete Je⸗ manden, der ihm anbot in dieſem Bankgeſchäft Actien zu nehmen, *) Haus der Gemeinen und Zuchthaus. Boz. Schwere Zeiten. „Seines Geſichtes, ſeines Benehmens, und deſſen was er e?“ nicht jenes Zartgefühl beſitzt, das eine ſo halsſtarrige Hand be⸗ —— 210 gieng darauf ein, ſteckte etwas in die Taſche, wo früher ſich nichts befand, und fühlte ſein Gemüth dadurch höchſt erleichtert. Er müßte in der That ein ungewöhnlicher, ſtatt ein gewöhnlicher Mann geweſen ſein, wenn er eine ſolche Gelegenheit nicht be— nützt hätte. Oder er hätte es doch gethan, wenn er nur die Ge⸗ ſchicklichkeit dazu beſeſſen. Ebenfalls wahrſcheinlich.“ „Es dünkt mich, als wäre es ſchlecht von mir,“ erwiederte Luiſe nach einer gedankenvollen Pauſe,„ſo ſchnell bereit zu ſein, mit Ihnen übereinzuſtimmen und mein Gemüth durch Ihre Worte ſo erleichtert zu fühlen.“ „Ich ſage nur was vernunftgemäß iſt; nichts Schlimmeres. Ich habe die Sache mehr als einmal mit meinem Freunde Tom be⸗ ſprochen— ich befinde mich natürlich immer auf vollkommen ver⸗ trautem Fuße mit Tom, und er iſt gänzlich meiner Meinung, wie ich gänzlich der ſeinigen bin. Wollen Sie einen Spatziergang machen?“ Sie ſchlenderten fort durch die ſchmalen Wege zwiſchen den Hecken, welche jetzt in der Dämmerung undeutlich zu werden an⸗ fiengen— ſie ſtützte ſich auf ſeinen Arm— und ſie dachte wenig daran, wie ſie immer hinab, hinab, hinab die Treppe von Mrs. Sparſit gieng. Tag und Nacht ſtand vor Mrs. Sparſit dieſe Treppe. Wenn Luiſe einmal am Boden angelangt und in dem Abgrunde ver⸗ ſchwunden war, ſo konnte ſie auch über ihr zuſammenſtürzen; bis dahin jedoch mußte ſie aufrecht ſtehen, als ein Gebäude vor Mrs. Sparſit's Augen. Luiſe befand ſich immer auf derſelben. Sie glitt immer hinunter, hinunter, hinunter. Mrs. Sparſit ſah James Harthouſe kommen und gehen; ſie hörte von ihm hie und da; ſie ſah die Veränderungen des Ge⸗ ſichtes, das er ſtudirt hatte; ſie bemerkte ebenfalls mit vollkom⸗ mener Genauigkeit, wie und wann es ſich umwölkte, wie und wann es ſich erheiterte; ſie hielt ihre ſchwarzen Augen weit offen, ohne einen Zug des Mitleids, ohne Aufregung, ganz in Intereſſe verſunken, doch in das Intereſſe zuzuſehen, wie jene, ohne von ihr aufgehalten zu werden, dem Abgrunde jener neuen Rieſentreppe immer näher kam. Bei aller Achtung vor Mr. Bounderby, der ſich durch verſchiedene Eigenſchaften vor ſeinem Bilde ſo ſehr auszeichnete, hatte Mrs. Sparſit nicht die geringſte Abſicht das Herabſteigen zu hindern. Begierig daſſelbe vollendet zu ſehen, und doch geduldig, ſah ſie dem letzten Fall wie der Reife und Fülle der Ernte ihrer Hoffnungen erwartungsvoll entgegen. Und — 211 in Erwartung eingelullt, heftete ſie den vorſichtigen Blick auf die Treppe und ſehr ſelten ſchwang ſie auch nur leiſe den rechten dinſiling(mit der Fauſt in demſelben) gegen die niederſtiegende eſtalt. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Die Geſtalt kam die große Treppe herab, Schritt vor Schritt; und neigte ſich fortwährend, gleich einer Laſt im tiefen Waſſer, dem ſchwarzen Schlunde im Abgrunde zu. Mr. Gradgrind, von dem Hinſcheiden ſeiner Frau in Kenntniß geſetzt, machte eine Expedition von London und begrub ſie in ge⸗ ſchäftsmäßiger Weiſe. Mit Pünktlichkeit kehrte er dann wieder zum nationalen Aſchenhaufen zurück und nahm das Sichten ſeines Quarkes wieder vor, und begann wieder Sand in die Augen jener Leute zu ſtreuen, die ihren eigenen Quark traten. Kurz, er lag wieder ſeinen parlamentariſchen Pflichten ob. Mrs. Syparſit hielt indeſſen raſtloſe Wache. Während der ganzen Woche von ihrer Treppe geſchieden, durch die Länge der eiſernen Bahn, welche Coketown von dem Landhauſe trennte, ſetzte ſie dennoch ihre katzenartige Beobachtung Luiſens fort, und zwar durch ihren Mann, durch ihren Bruder, durch James Harthouſe, durch die Adreſſen der Packete und Briefe, durch alles Lebendige und Lebloſe das ſich irgend der Treppe näherte:„Ihr Fuß ruhet auf der letzten Stufe, Mylady,“ ſagte Mrs. Sparſit, die herunter⸗ kommende Geſtalt mit Beihülfe ihres drohenden Fäuſtlings apo⸗ ſtrophirend,„und all Ihre Kunſt wird mich nicht täuſchen!“ Sei es indeſſen Kunſt oder Natur, der angeborne Grundzug von Luiſens Charakter, oder die Umſtände, welche demſelben ein⸗ geimpft wurden— ihre ſonderbare Verſchloſſenheit machte ſelbſt den Scharfſinn einer Mrs. Sparſit's zu Schanden, während ſie ihn herausforderte. Es gab Zeiten, wo Mr. James Harthouſe an ihr irre ward. Es gab Zeiten, wo er in dem Geſichte nicht leſen konnte, das er ſo lange ſtudirt hatte, und wo dieſes allein ſtehende Frauengeſchöpf für ihn ein größeres Geheimniß war, als irgend ein Weib in der Welt, das einen Kreis von ſchützenden Rittern um ſich hat. So vergieng die Zeit, bis es ſich fügte, daß Mr. Bounderby, durch ein Geſchäft, das ſeine Gegenwart anderwärts nothwendig 14* 212 machte, für drei oder vier Tage vom Hauſe abgerufen ward. Es war an einem Freitag wo er dieſes Mrs. Sparſit in der Bank mittheilte und hinzufügte:. „Sie werden jedoch morgen hinuntergehen, Ma'am, ganz wie ſonſt. Sie werden hinuntergehen, gerade als wenn ich da wäre. Das wird für Sie keinen Unterſchied machen.“ „Bitte, Sir,“ entgegnete Mrs. Sparſit vorwurfsvoll,„laſſen Sie mich Sie bitten, dergleichen nicht zu ſagen. Ihre Abweſen⸗ heit wird für mich einen mächtigen Ünterſchied machen, Sir, wie Sie, glaube ich, recht wohl wiſſen.“ „Gut, Ma'am, dann müſſen Sie ſich in meiner Abweſenheit ſo gut behelfen, wie Sie können,“ ſagte Bounderby nicht un⸗ gehalten. „Mr. Bounderby,“ entgegnete ſie,„Ihr Wille iſt für mich Geſetz, Sir; ſonſt wäre ich geneigt, gegen Ihre freundliche Be⸗ fehle zu proteſtiren, da ich nicht gewiß bin, ob es Miß Grad⸗ grind ſo angenehm ſei, mich zu empfangen, als es mit Ihrer großmüthigen Gaſtfreundſchaft der Fall iſt. Sprechen Sie jedoch nichts mehr darüber, Sir, ich werde auf Ihre Einladung gehen.“ „Nun, wenn ich Sie in mein Haus einlade, Ma'am,“ ſagte Bounderby die Augen aufreißend,„ſo ſollte ich meinen, daß keine andere Einladung mehr nothwendig iſt.“ „Wahrlich nicht, Sir,“ erwiederte Mrs. Sparſit.„Ich ſollte meinen, nein. Sprechen Sie nicht mehr darüber, Sir. Ich wollte, Sir, ich könnte Sie wieder fröhlich ſehen.“ „Was meinen Sie, Ma'am?“ ſchnaubte Bounderby. „Sir,“ entgegnete Mrs. Sparſit,„es pflegte ſonſt eine Ela⸗ ſticität in Ihrem Weſen vorzuherrſchen, die ich mit Betrübniß vermiſſe. Seien Sie munter, Sir. Mr. Bounderby konnte unter dem Einfluſſe dieſer wunderlichen Beſchwörung, die von ihrem mitleidsvollen Auge unterſtützt war, ſich bloß in einer ſchwachen und lächerlichen Weiſe den Kopf kratzen, und ſpäter ſich ſchon von weitem bemerklich machen, uide ar den ganzen Morgen in ſeinen Geſchäften polterte und rumorte. „Bitzer,“ ſagte Mrs. Sparſit an jenem Nachmittag, als ihr Gönner die Reiſe antrat und die Bank geſchloſſen wurde,„bring' meine Complimente dem jungen Mr. Thomas, und frage ihn ob er heraufkommen könnte, um Lammsſchnittchen mit Champignon⸗ ſauce nebſt einem Glas India⸗Ale zu genießen.“ Der junge Mr. — — 213 Thomas, welcher zu dergleichen immer aufgelegt war, ſandte eine freundliche Antwort zurück und folgte derſelben auf den Ferſen. „Mr. Thomas,“ ſagte Mrs. Sparſit,„da dieſe einfachen Speiſen ſich auf dem Tiſche befinden, ſo meinte ich, daß Sie darnach lüſtern werden könnten.“ „Danke, Mrs. Sparſit,“ ſagte der Bengel. Und fiel finſtern Blickes darüber her. „Wie befindet ſich Mr. Harthouſe, Mr. Tom?“ fragte Mrs. Sparſit. „Ohl dem geht's gut!“ ſagte Tom. „Wo mag er jetzt ſein?“ fragte Mrs. Sparſit in einer leich⸗ ten Geſprächsweiſe, nachdem ſie den Bengel in Gedanken zu allen Furien gewünſcht hatte, weil er ſo unmittheilſam war. „Er befindet ſich auf der Jagd in Jorkſhire,“ ſagte Tom. „Schickte geſtern an Loo einen Korb halb ſo groß wie eine Kirche.“ „Der liebe Gentleman!“ ſagte Mrs. Sparſit ſüßlich;„man möchte wetten, er ſei ein guter Schütze.“. „Paff!“ ſagte Tom. Man hat ihn ſeit langer Zeit nur mit niedergeſchlagenen Blicken geſehen, dieſes charakteriſtiſche Zeichen hatte jedoch ſeit Kurzem ſo ſehr zugenommen, daß er auf kein Geſicht volle drei Sekunden die Augen heftete. Mrs. Sparſit hatte demgemäß reiche Gelegenheit ſeine Blicke zu beobachten, wenn ſie ſich dazu aufge⸗ legt gefühlt hätte. „Mr. Harthouſe iſt ein großer Liebling von mir,“ ſagte Mrs. Sparſit,„wie er es auch wahrlich von den Meiſten iſt. Dürfen wir erwarten, ihn bald zu ſehen, Mr. Tom?“ „Nun, ich erwarte ihn morgen wieder zu ſehen,“ erwiederte der Bengel. „Eine angenehme Nachricht,“ rief Mrs. Sparſit freundlich. „Ich habe mit ihm ein Rendezvous bei der Eiſenbahnſtation hier verabredet,“ ſagte Tom,„und ich werde dann, denke ich, mit ihm zu Mittag eſſen. Er kommt eine Woche oder ſo was nicht zu Nickits hinunter, da er anderwärts beſchäftigt iſt. Wenigſtens ſagt er's; ich würde mich aber nicht wundern, wenn er über den Sonntag hier verweilte, um ſich da herumzutreiben.“ 3„Das erinnert mich an was!“ ſagte Mrs. Sparſit.„Wollten Sie Ihrer Schweſter eine Botſchaft überbringen, Mr. Tom, wenn ich Ihnen eine auftrüge?“. 214 „Gut, ich will's verſuchen,“ entgegnete der unwillige Bengel, „wenn ſie nicht lange iſt.“ „Sie beſtehet bloß in meinem ehrerbietigen Complimente,“ ſagte Mrs. Sparſit,„und daß ich befürchte, ſie dieſe Woche mit meiner Geſellſchaft nicht zu beläſtigen, da ich noch ein wenig herdes bin, und mich beſſer bei meinem armen Selbſt befinden ürfte.“ „Ohl wenn es nur das iſt,“ bemerkte Tom,„daran wäre nicht viel gelegen, ſelbſt wenn ich's vergeſſen ſollte, denn Loo dürfte ſchwerlich an Sie denken, bis Sie von ihr geſehen werden.“ Nachdem er für das Genoſſene mit dieſem angenehmen Compli⸗ mente gedankt hatte, verfiel er in ein mürriſches Stillſchweigen bis kein India⸗Ale mehr übrig war, worauf er ſagte:„Nun, Mrs. Sparſit, ich muß fort,“ und fortgieng. Sonnabends, am nächſten Tage, ſaß Mrs. Sparſit den ganzen Tag über am Fenſter, indem ſie die Kunden betrachtete, die ein⸗ und ausgiengen, die Briefträger beobachtete, den Handel und Wan⸗ del auf der Straße überblickte, viele Dinge in ihren Gedanken überlegte, vor Allem jedoch ihre Aufmerkſamkeit auf ihre Treppe richtete. Als der Abend kam, nahm ſie Hut und Shawl, und gieng ruhig aus, wobei ſie ihre Gründe hatte, verſtohlener Weiſe um den Bahnhof zu ſtreichen, wo ein Paſſagier von Yorkſhire ankommen ſollte, und es vorzuziehen, hinter Säulen und Ecken und von den Fenſtern der Wartezimmer für Frauen aus Umſchau zu halten, als ſich frei in den Gängen zu zeigen. Tom wartete und ſchlenderte umher, bis der erwartete Zug ankam. Er brachte keinen Mr. Harthouſe. Tom wartete bis die Menge ſich zerſtreute und der Lärm vorüber war, dann wandte er ſich zu den angeſchlagenen Liſten der Züge, und erholte ſich Raths bei den Gepäckträgern. Nachdem er dies gethan, ſchlen⸗ derte er träge fort indem er in der Straße innehielt, dieſelbe nach oben und unten betrachtete, den Hut abnahm und wieder aufſetzte, gähnte, ſich ausſtreckte und alle Symptome ſterblicher Langweile zur Schau legte, die man bei Jemanden erwarten kann, der bis zur Ankunft des nächſten Trains eine Stunde und Nrierzig Minuten harren muß. „ Das iſt eine Liſt um ihn aus dem Wege zu ſchaffen,“ ſagte Mrs. Sparſit, indem ſie von dem trüben Büreaufenſter auf⸗ —.— —.— 215 ſprang, von wo ſie ihn zuletzt bewacht hatte.„Harthonſe iſt jetzt bei ſeiner Schweſter.“ Es war die Eingebung eines inſpirirten Augenblickes, und ſie ſchoß mit äußerſter Schnelligkeit davon, es auszuführen. Der Bahnhof für das Landhaus befand ſich am entgegengeſetzten Ende der Stadt, die Zeit war kurz, der Weg beſchwerlich, allein ſie bemächtigte ſich ſo raſch eines leeren Wagens, ſprang ſo raſch hinein, zahlte ihr Geld, ergriff ihr Billet und ſtürzte in den Zug, daß ſie längs der Schwibbogen, die über das Land mit den ehemaligen und gegenwärtigen Kohlengruben ſich aufſpannten, ſo ſchnell weggeführt wurde, als ob ſie in eine Wolke gehüllt und fortgewirbelt worden wäre. Während der ganzen Reiſe hatte Mrs. Sparſit ihre Treppe mit der herabſteigenden Figur unbeweglich in der Luft, obwohl nie zurückbleibend, deutlich vor den dunklen Augen ihres Geiſtes, wie ſie die elektriſchen Drähte, die am Himmel gleich den Linien auf Notenpapier ſich dahinzogen, deut⸗ lich vor den dunklen Augen ihres Körpers hatte. Schon ſehr nahe am Boden. Am Rande des Abgrundes. Ein trüber Septemberabend ſah bei einbrechender Nacht unter ſeinem ſinkenden Augenlide Mrs. Sparſit aus ihrem Wagen glei⸗ ten, die hölzernen Stufen der kleinen Eiſenbahnſtation in eine ſteinige Straße hinuntergehen, von derſelben in einen grünen Heckenweg ſich begeben und daſelbſt unter Blättern und Zweigen verſchwinden. Ein oder zwei verſpätete Vögel, die ſchläfrig in ihren Neſtern zirpten, und eine Fledermaus, die langſam auf ſie zu und wieder zurückflog, und die Dunſtwolke, welche ihre eigenen Schritte in dem dichten Staube erregte, der ſich wie Sammet anfühlte— das war Alles was Mrs. Sparſit hörte oder ſah, bis ſie ſehr leiſe ein Gitter ſchloß. Sie gieng auf das Haus zu, ſich immer im Geſträuche hal⸗ tend, umkreiste es und lauſchte zwiſchen den Blättern hindurch nach den niedrigen Fenſtern. Die meiſten derſelben waren offen, wie gewöhnlich bei ſolchem warmen Wetter, es waren jedoch noch keine Lichter ſichtbar, und es war Alles ſtill. Sie ver⸗ ſuchte es mit dem Garten ohne beſſeren Erfolg. Sie gedachte des Gehölzes und ſtahl ſich nach demſelben, unbekümmert um das hohe Gras und die Sträucher, die Würmer, die nackten, Gartenſchnecken und all' die kriechenden Geſchöpfe. Mit den dun keln Augen und der Habichtsnaſe als Vorhut, arbeitete ſich 216 Mrs. Sparſit leiſe durch das dicke Unterholz, ſo ſehr erpicht auf ihren Gegenſtand, daß ſie wahrſcheinlich nichts weniger gethan haben würde— wenn das Gehölz aus Nattern beſtanden hätte. Horch! Die kleineren Vögel hätten können, bezaubert von Mrs. Sparſit's im Dunkeln ſchimmernden Augen, aus ihren Neſtern taumeln, während ſie innehielt und lauſchte. eeiſe Stimmen dicht in der Nähe. Seine Stimme und die ihrige. Das Rendezvous war eine Liſt um den Bruder fern zu halten! Dort ſaßen ſie, bei dem gefällten Baume. Mrs. Sparſit ſchritt dichter an ſie heran, indem ſie ſich in das thaubenetzte Gras niederbeugte. Dann richtete ſie ſich empor und ſtand hinter einem Baume, gleich Robinſon Cruſoe in ſeinem Hinterhalte gegen die Wilden. Sie war ihnen jetzt ſo nahe, daß ſie mit einem Sprunge, und das nicht mit einem großen, die Beiden hätte erreichen können. Er war heimlicherweiſe da und hatte ſich nicht im Hauſe gezeigt. Er war zu Pferde gekommen und mußte die benachbarten Felder paſſirt haben, denn ſein Pferd war auf der Wieſenſeite der Hecke, nur einige Schritte entfernt, feſtgebunden. „Mein theures Lieb,“ ſagte er,„was ſollte ich machen? War es für mich möglich fern zu bleiben, da ich dich allein wußte?“ „Du magſt den Kopf hängen laſſen, um dich anziehender zu machen— ich weiß nicht, was ſie an dir ſehen, wenn du ihn emporhältſt,“ dachte Mrs. Sparſit,„du denkſt aber wenig daran, mein theures Lieb, welche Augen dich bewachen.“ Daß ſie den Kopf herabhängen ließ, war gewiß. Sie drang in ihn ſich zu entfernen, ſie befahl ihm ſich zu entfernen, aber ſie wandte ihr Geſicht nicht gegen ihn und erhob es auch nicht. Dennoch war es merkwürdig, daß ſie ſo ruhig ſaß, wie das lie⸗ benswürdige Weib im Hinterhalt ſie zu jeder Zeit ihres Lebens hatte ſitzen ſehen. Ihre Hände ruhten ineinander, gleich den Hän⸗ den einer Statue, und ſelbſt ihre Redeweiſe war nicht haſtig. „Mein theures Kind,“ ſagte Harthouſe; Mrs. Sparſit be⸗ merkte mit Entzücken, daß er ſie mit ſeinem Arm umſchlang, „willſt du meine Geſellſchaft nicht für eine kurze Weile erlauben? „Nicht hier.“ „Wo, Luiſe?“ „Nicht hier.“ ℳ „Aber wir haben ſo wenig Zeit für ſo Vieles, und ich bin ſo weit hergekommen und bin zugleich ſo ergeben und ſo außer mir. Es gab nie einen Sklaven, der zu gleicher Zeit ſo ergeben und von ſeiner Gebieterin ſo ſchlecht behandelt wurde. Es iſt wahrhaft herzzerreißend, herbeigeeilt zu ſein, um deine ſonnige Begrüßung, die mir neues Leben gewährt, zu empfangen, und in deiner froſtigen Weiſe aufgenommen zu werden.“ »Soll ich es abermals ſagen, daß ich hier allein ſein muß?“ „»Aber wir müſſen wieder zuſammen kommen, meine theure Luiſe. Wo ſollen wir zuſammen kommen?2“ Sie fuhren Beide empor, die Lauſcherin fuhr ſchuldbewußt ebenfalls empor, denn ſie glaubte, es befinde ſich noch Jemand lauſchend zwiſchen den Bäumen. Es war bloß der Regen, der in ſchweren Tropfen ſtark niederzuſtrömen begann. »Soll ich in einigen Minuten nach dem Hauſe reiten, in der unſchuldigen Vorausſetzung, daß der Herr ſich daſelbſt befinde, und entzückt ſein werde, mich zu empfangen?“ „Nein!“ „Deine grauſamen Befehle müſſen blindlings befolgt werden, obgleich ich, wie ich glaube, der unglücklichſte Menſch in der Welt bin, allen übrigen Frauen gegenüber unempfindlich geweſen zu ſein, und endlich gedemüthigt zu den Füßen der ſchönſten, an⸗ ziehendſten und zugleich herrſchſüchtigſten zu fallen. Meine theure Luiſe, ich kann es meinet⸗ und deinetwillen nicht geſtatten, daß du mit deiner Macht einen ſolchen Mißbrauch treibeſt.“ Mrs. Sparſit ſah, wie er ſie mit ſeinen umſchlingenden Armen zurückhielt, vernahm ihn mit ihren gierigen Ohren hier und dort das Geſtändniß ablegen, wie er ſie liebe, und wie ſie der Preis ſei, für den er Alles, was er beſitze, mit glühender Leidenſchaft auf's Spiel ſetzen würde. Alles, womit er ſich kürzlich beſchäf⸗ tigt, ſtelle ſich neben ihr als werthlos heraus— den Erfolg, der beinahe in ſeiner Hand war, ſchleuderte er fort, da er im Vergleiche mit ihr nur Schmutz wäre. Seine Laufbahn jedoch, wenn ſie ihn in ihrer Nähe halte, oder deren Verzichtleiſtung, wenn ſie ihn von ihr entfernte, oder Flucht, wenn ſie dieſelbe theilte, oder Geheimhaltung, wenn ſie es gebot, oder was immer für ein Geſchick, oder jedes Loos, das war ihm Alles gleich, wenn ſie ihm wahrhaft angehörte— der Mann, der geſehen wie ver⸗ kannt ſie ſei, dem ſie bei ihrer erſten Begegnung Bewunderung 218 Intereſſe eingeflößt hat, wie er ſich deren für unfähig hielt, dem ſie ihr Vertrauen ſchenkte, der ihr ergeben war und ſie anbetete — das Alles und noch mehr prägte ſich in Mrs. Sparſit's Ge⸗ danken ein, während ſeiner Haſt und der ihrigen, in dem Wirbel ihrer eigenen befriedigten Bosheit, in dem Schrecken entdeckt zu werden, bei dem raſch ſich vergrößernden Getöſe des Regens zwiſchen den Blättern und des heranziehenden Gewitters— worauf ſie mit einer ſo unvermeidlichen Verwirrung und Unklarheit ſich fortbewegte, daß ſie, als er endlich über die Hecke klomm und ſein Pferd wegführte, durchaus nicht gewiß war, wo und wann ſie ſich treffen ſollten, mit der Ausnahme, daß ſie beſtimmt hätten, es ſoll noch in derſelben Nacht geſchehen. Aber eins von ihnen blieb noch in der Dunkelheit vor ihr; und während ſie die Spuren deſſelben verfolgte, mußte ſie zurecht kommen.„Oh! mein theures Lieb!“ dachte Mrs. Sparſit,„du denkſt wohl wenig daran, wie gut beobachtet du biſt!“ Mrs. Sparſit ſah ſie das Gehölz verlaſſen und in das Haus treten. Was ſollte ſie zunächſt thun? Der Regen goß in Strö⸗ men herab. Mrs. Sparſit's weiße Strümpfe ſpielten viele Farben, wobei die grüne vorherrſchend war. In ihre Schuhe hatte ſie Stacheln bekommen. Raupen ſchlangen ſich in ſelbſtgewebten Hängematten von verſchiedenen Theilen ihrer Kleider; kleine Bäche ſtrömten von ihrem Hute und von ihrer römiſchen Naſe. In einem ſolchen Zuſtande befand ſich Mrs. Sparſit verborgen in dem Dickicht, nachdenkend was zu thun ſei. Sieh, Luiſe kommt aus dem Hauſe, in Haſt eingehüllt und vermummt, ſich wegſtehlend. Sie läuft davon, ſie ſtürzt von der letzten Stufe und wird von dem Abgrunde verſchlungen! Gleichgültig gegen den Regen ſchlug ſie mit raſchem, ent⸗ ſchloſſenem Schritte einen Seitenweg ein, der mit dem Gebüſche in gleicher Richtung lief. Mrs. Sparſit folgte, nur in kurzer Entfernung, in dem Schatten der Bäume, denn es war nicht leicht, eine Geſtalt im Geſichte zu behalten, welche durch die ſchattenreiche Dunkelheit raſch dahineilte. Als ſie innehielt, um die Seitenthüre ohne Geräuſch zu ſchließen, hielt auch Mrs. Sparſit inne; wie ſie ſich fortbewegte, bewegte ſich auch Mrs. Sparſit fort. Sie ſchlug denſelben Weg ein, auf welchem Mrs. Sparſit gekommen war, verließ den grünen Heckenweg, gieng über die ſteinige Straße und ſtieg die hölzernen Treppen zur Eiſenbahn hinauf. Mrs. Sparſit wußte, daß eis * 219 Zug nach Coketown augenblicklich ankommen mußte— ſie wußte daher auch, daß Coketown ihr nächſter Beſtimmungsort ſei. Bei Mrs. Sparſit's feuchtem und ſtrömendem Zuſtande waren keine beſonderen Vorſichtsmaßregeln nöthig, um ihr gewöhnliches Ausſehen zu verändern— ſie blieb jedoch unter dem Schatten einer Mauer ſtehen, warf ihr Tuch in eine neue Form und band es um ihren Hut. Auf dieſe Weiſe verkappt, hatte ſie keine Furcht erkannt zu werden, als ſie auf den Stufen der Eiſenbahn nach⸗ folgte und ihren Platz in dem Büreau bezahlte. Luiſe ſaß war⸗ tend in einer Ecke. Mrs. Sparſit ſaß wartend in einer anderen Ecke. Beide lauſchten dem Donner, der laut dahinrollte, und dem Regen, der auf dem Dache plätſcherte und auf die Bruſt⸗ wehren der Schwibbogen niederbrauste. Zwei bis drei Lampen waren von Wind und Regen ausgegangen, ſie konnten daher Beide vollkommen den Blitz wahrnehmen, wie er ſich in Zickzack längs der eiſernen Gleiſe hinſchlängelte. Ein plötzliches Zittern, das über die Eiſenbahnſtation kam, welches ſich bis zum Herzweh ſteigerte, kündigte den Zug an. Feuer und Dampf und Rauch und rothes Licht, ein Ziſchen, ein Krachen, Schellen und ein Schrei— Luiſe ward in einen Wagen geſchoben, Mrs. Sparſit in einen andern, und die kleine Station war ein öder Fleck im Gewitter. Mrs. Sparſit frohlockte, obgleich ihr die Zähne vor Näſſe und Kälte im Munde klapperten. Die Geſtalt war in den Ab⸗ grund hinabgeſunken, und ſie hatte das Gefühl als beſtatte ſie den Leib. Konnte ſie, die ſo thätig war um den Leichenpomp her⸗ beizuſchaffen, weniger thun als frohlocken? Sie wird lange vor ihm in Coketown ſein, ſo gut ſein Pferd auch immer ſein mag. Wo wird ſie ihn erwarten? Und wohin werden ſie zuſammen gehen? Geduld! wir werden ſehen. Der fürchterliche Regen verurſachte unendliche Verwirrung, als der Zug an ſeinem Beſtimmungsorte anhielt. Waſſerrinnen und Brunnenröhren waren geplatzt, die Ableitungsgräben aus⸗ getreten, und die Straßen ſtanden unter Waſſer. In dem erſten Augenblick des Ausſteigens hatte Mrs. Sparſit ihre Augen auf die wartenden Kutſchen geheftet, nach denen man ſehr be⸗ gehrte.„Sie wird in eine derſelben ſteigen,“ überlegte ſie,„und wird davon ſein, ehe ich in einer anderen nachfolgen kann. Selbſt auf die Gefahr hin überfahren zu werden, muß ich die Nummer en und den Befehl vernehmen, der dem Kutſcher gegeben wird.“ 8 *K * 220 Mrs. Sparſit hatte ſich jedoch verrechnet. Luiſe beſtieg keinen Wagen und war bereits fort. Die ſchwarzen Augen, die auf den Waggon geheftet waren, in welchem ſie gereist war, fielen um einen Augenblick zu ſpät auf denſelben. Da die Thüre einige Minuten ungeöffnet blieb, gieng Mrs. Sparſit an derſelben vorüber und abermals vorüber, ſah nichts, blickte hinein und fand ihn leer. Durch und durch naß, mit den Füßen klatſchend und platſchend in den Schuhen wie ſie ſich bewegte, das klaſſiſche Geſicht von Regen triefend, mit einem Hute, der einer überreifen Feige gleich⸗ ſah, an all' ihren Kleidern ruinirt, mit feuchten Eindrücken jedes Knopfes, Bändchens und jeder Schnalle die ſie trug, auf ihren höchſt vornehmen Rücken eingeprägt, mit einer compakt⸗grünen Decke auf ihrem ganzen Aeußeren, wie man ſie beim Zaune eines alten Parkes an einem moderigen Wege bemerkt— war endlich Mrs. Syparſit nichts anderes übrig geblieben, als in bittere Thränen auszubrechen und auszurufen:„Ich habe ſie verloren!“ Achtundzwanzigſtes Kapitel. Die nationalen Gaſſenkehrer hatten ſich— nachdem ſie ſich mit zahlreichen, geräuſchvollen, kleinen Gefechten gegenſeitig amüſirt— für jetzt zerſtreut, und Mr. Gradgrind befand ſich auf Ferien zu Hauſe. Er ſaß ſchreibend in dem Zimmer mit der ſtatiſtiſchen Todten⸗ uhr— ohne Zweifel, um irgend etwas zu demonſtriren— im Allgemeinen, wahrſcheinlich— daß der gute Samaritaner ein ſchlechter Oekonom geweſen ſei. Das Getöſe des Regens ſtörte ihn nicht viel. Es zog jedoch genugſam ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich, um ihn zuweilen den Kopf erheben zu laſſen, als wollte er gar gegen die Elemente auftreten. Wenn es ſehr laut donnerte, warf er einen flüchtigen Blick auf Coketown, indem es ihm ein⸗ fiel, daß manche hohe Schornſteine jetzt vom Zlitz getroffen werden könnten. Der Donner rollte in der Ferne, und der Regen ſtrömte gleich einer Sündfluth hernieder, als die Thüre ſeines Zimmers aufgieng. Er blickte um die Lampe auf dem Tiſche herum und ſah mee Beſtliezung ſeine älteſte Tochter vor ſich. „Luiſe!“ „Vater, ich habe mit dir zu ſprechen.“ 64 „Was gibt es? Wie ſonderbar du ausſiehſt! und, gerechter 221 Gott!“ rief Mr. Gradgrind ſich immer mehr wundernd aus,„biſt du hieher gekommen, in dieſem Sturme 2 Sie taſtete an ihre Kleider, als wüßte ſie kaum davon. Sie nahm den Hut ab, ließ Mantel und Haube hinfallen wo es ihnen beliebte, und ſtand ihn betrachtend da: mit verworrenem Haar, ſo farblos, ſo herausfordernd und verzweiflungvoll, daß er vor ihr erſchrak. „Was gibt es? Ich beſchwöre dich, Luiſe, ſag' mir was du haſt!“ Sie ſank vor ihm in einen Stuhl und legte ihre kalte Hand auf ſeinen Arm. „Vater, du haſt mich von der Wiege auf erzogen.“ „Ja, Luiſe.“ „Ich verfluche die Stunde, in welcher ich zu einem ſolchen Geſchicke geboren wurde!“ Er ſah ſie mit Zweifeln und Schrecken an, indem er ge⸗ dankenlos wiederholte:„Verfluchſt die Stunde... verfluchſt die Stunde... 2 „Wie konnteſt du mir Leben geben, und mich all' jener un⸗ ſchätzbaren Dinge berauben, die es über den Zuſtand bewußten Todes hinausheben? Wo ſind die Grazien meiner Seele? wo ſind die Gefühle meines Herzens? was haſt du gethan, o Vater, was haſt du gethan mit dem Garten, der einſt hier in dieſer großen Wildniß blühen ſollte?“ Sie ſchlug ſich mit beiden Händen auf die Bruſt. „»Wenn er ſich je hier befunden hätte, ſo würde mich ſelbſt ſein Schutt von der Leere retten, in welche mein Leben verſinkt. Ich meinte das nicht ſagen zu müſſen, aber Vater, du erinnerſt dich des letzten Geſpräches, das wir hier zuſammen hatten?“ „Er war auf das eben Gehörte ſo unvorbereitet, daß er nur mit Mühe antwortete:„Ja, Luiſe.“ „Was jetzt über meine Lippen gekommen, würde damals über dieſelben gekommen ſein, wenn du mir nur einen augenblicklichen Veiſand geleiſtet hätteſt. Ich mache dir keine Vorwürfe, Vater. Was du nie in mir groß gezozen, das haſt du in dir ſelbſt nie groß gezogen. Aber, o! wenn du das nur ſeit lange gethan— oder wenn du mich nur vernachläſſigt hätteſt— was für ein beſſeres und glücklicheres Geſchöpf wäre ich heute?“ Wie er das, nach all' ſeiner Sorgfalt, hören mußte, ließ er den Kopf auf ſeine Hand ſinken und ſtöhnte laut auf. „Vater, wenn du bei unſerer letzten Zuſammenkunft hier ge⸗ wußt hätteſt, wovor ich eben Furcht empfand, während ich dagegen ankämpfte, ſo wie es von Kindheit an meine Aufgabe war, gegen jeden natürlichen Antrieb zu kämpfen, der in meinem Herzen rege geworden— wenn du gewußt hätteſt, daß meine Bruſt Gefühle, Neigungen und Schwächen barg, welche durch zarte Pflege in Kraft verwandelt werden konnten, zum Trotze aller Berechnungen, welche je von Menſchen angeſtellt worden, und welche ihrer Rechenkunſt nicht bekannter ſind, als ihr Schöpfer— würdeſt du mir den Mann gegeben haben, von dem ich jetzt gewiß weiß, daß ich ihn haſſe?“ „Nein! Nein, mein armes Kind!“ ſagte er. „Würdeſt du mich je zu der eiſigen Kälte verbannt haben, die mich verhärtet und entſtellt hat, würdeſt du mich beraubt haben, zu Niemand's Bereicherung, bloß zur Vergrößerung der Troſtloſigkeit dieſer Welt, des unkörperlichen Theiles meines Le⸗ bens, des Frühlings und Sommers meines Glaubens, meiner Zuflucht vor dem, was mich an Niedrigkeit und Schlechtigkeit in den wirklichen Dingen umgibt, meiner Schule, wo ich lernen ſollte demüthiger und vertrauensvoller gegen dieſelben zu ſein, und in meiner kleinen Sphäre die Hoffnung zu hegen, ſie beſſer zu machen?“ „O nein, nein, Luiſe!“. „Und dennoch, Vater, wenn ich ſtockblind geweſen wäre, wenn ich meinen Weg hätte tappend auffinden müſſen und die Freiheit beſeſſen hätte— da ich die äußere Form und die Ober⸗ fläche der Dinge kannte, meine Phantaſie dabei als Richtſchnur zu nehmen— ſo würde ich jetzt um vieles weiſer, glücklicher, liebevoller, unſchuldiger und menſchlicher in jeder Beziehung ge⸗ weſen ſein, als ich jetzt mit meinen Augen bin. Nun höre, was ich dir ſagen wollte.“ Er machte eine Bewegung, um ſie mit ſeinem Arme zu unter⸗ ſtützen, und da ſie zu gleicher Zeit aufſtand, ſo befanden ſie ſich dicht nebeneinander; ihre Hand ruhete auf ſeiner Schulter und ſie ſah ihm ſtarr in die Augen. „Mit einem Hunger und Durſt, Vater, die keinen Augenblick 223 geſtillt wurden— mit einem heftigen Verlangen nach einer Region wo Regeln, Zahlen und Definitionen nicht ganz abſolut ſind— bin ich aufgewachſen, indem ich auf meinem Pfade Zoll für Zoll erkämpfen mußte.“ „Ich wußte nie, daß du unglücklich warſt, mein Kind.“ „Vater, ich wußte es immer. Unter dieſem Kampfe habe ich meinen beſſeren Engel beinahe zu einem Dämon gewaltſam ver⸗ wandelt. Was ich gelernt habe, hat mir gegen Alles, was ich nicht lernte, zweifelnde, ungläubige, verachtende und bedauernde Gefühle eingeflößt; und mein trübſeliger Troſt beſtand in dem Gedanken, daß mein Leben bald dahin ſchwinden werde, und daß es nichts enthalte, das der Qual und Mühe eines Kampfes werth ſei.“ „„Und biſt noch ſo jung, Luiſe!“ ſagte er mit Bedauern. „Und bin ſo jung. In dieſem Zuſtand, Vater— denn ich zeige dir ohne Furcht und Verzweiflung die verödete Beſchaffen⸗ heit meines Gemüthes ſo wie ich ſie kenne— ſchlugſt du mir meinen Mann vor. Ich behauptete nie dir oder ihm gegenüber ihn zu lieben; ich wußte es, und auch du, Vater, wußteſt es, ſo gut wie er, daß ich es nie that. Ich war nicht ganz ohne In⸗ tereſſe dabei, denn ich hegte die Hoffnung, Tom dadurch ange⸗ nehme und nützliche Dienſte leiſten zu können. Ich unternahm dieſe wilde Flucht nach einem trügeriſchen Ziele, und habe es all⸗ mählig erprobt, wie wild ſie war. Tom jedoch iſt ſtets der Ge⸗ genſtand aller kleinen Zärtlichkeiten meines Lebens geweſen— vielleicht geſchah dieß weil ich wußte, wie ſehr er zu bedauern ſei. Jetzt iſt wenig daran gelegen, ausgenommen, es könnte dich gegen ſeine Fehltritte milder ſtimmen.“ Während ihr Vater ſie in ſeinen Armen hielt, legte ſie die andere Hand auf ſeine Schulter und fuhr fort, ihm immer ſtarr in das Geſicht ſehend: 3 „Als ich unwiderruflich verheirathet ward, erhob ſich der alte Kampf in Empörung gegen das Bündniß, jetzt nur noch wil⸗ der gemacht durch alle jene Urſachen der Ungleichheit, die aus unſeren beiden individuellen Naturen entſtehen, und die durch keine allgemeinen Geſetze für mich regulirt oder ſtatuirt werden können, Vater, bis man dem Anatomiker die Anleitung geben kann, an welcher Stelle er mit ſeinem Meſſer in die Geheimniſſe meiner Seele zu fahren vermag.“. „Luiſe!“ rief er, und rief es flehend— denn er erinnerte *4 224 ſich wohl, was während ihrer früheren Unterredung zwiſchen ihnen vorgegangen war. „Ich mache dir keine Vorwürfe, Vater, ich beklage mich nicht. Ich bin hier wegen eines andern Gegenſtandes.“ „Was kann ich thun, mein Kind? Fordere von mir, was du willſt.“ „Ich komme jetzt dazu. Vater, der Zufall ließ mich eine neue Bekanntſchaft machen. Einen Mann lernte ich kennen, der für mich ganz neu iſt und der die Welt kennt; fein, munter, lebhaft und ohne Anſprüche— der den geringen Werth von allen Dingen anerkennt, wie ich es kaum im Stillen zu denken wagte, der mich faſt im erſten Augenblick überzeugte, obgleich es mir unbekannt iſt auf welche Weiſe, daß er mich verſtehe, und meine Gedanken leſe. Ich konnte nicht finden, daß er ſchlechter ſei als ich. Es ſchien eine nahe Verwandtſchaft zwiſchen uns ob⸗ zuwalten. Ich wunderte mich nur, daß er es der Mühe werth hielt— er, der ſich um nichts kümmert— ſich ein wenig um mich zu kümmern.“ „Um dich, Luiſe? Ihr Vater hätte ſeine Laſt wohl inſtinktmäßig losgelaſſen, wenn er ihre Kräfte nicht ſchwinden gefühlt und ein wildes ſich ausdehnendes Feuer in ihren Augen bemerkt hätte, die unverwandt auf ihn gerichtet waren. „Ich ſage nichts zu ſeiner Entſchuldigung, daß er ſich um mein Vertrauen bewarb. Es iſt wenig daran gelegen, wie er es erlangte. Vater, er hat es erlangt. Was du von der Geſchichte meiner Heirath weißt, das wußte er bald ebenſogut. Das Geſicht ihres Vaters war aſchgrau, und er hielt ſie in ſeinen beiden Armen. „Ich habe nichts Schlimmeres gethan, ich habe dich nicht entehrt. Wenn du mich aber frägſt, ob ich ihn geliebt habe oder jetzt liebe, ſo muß ich dir einfach ſagen, daß es ſo ſein mag. Ich weiß es nicht.“ Sie zog ihre Hände raſch von ſeinen Schultern und preßte ſie beide an ihre Seite, während in ihrem Geſichte, das ſich nicht mehr gleichſah, und in ihrer Geſtalt, die emporgerichtet und entſchloſſen daſtand, durch eine letzte Anſtrengung das was ſie noch mitzutheilen hatte, zu vollenden— die ſo lang unterdrückten Gefühle losbrachen.— „Heute Abend war er, während der Abweſenheit meines — 225 n. Mannes, bei mir und erklärte ſich als meinen Geliebten. In dieſem Augenblick erwartet er mich, denn ich konnte ihn durch kein anderes Mittel entfernen. Ich könnte nicht ſagen, daß ich darüber betrübt oder beſchämt bin— ich könnte nicht ſagen, daß ich in meiner eigenen Achtung geſunken. Alles was ich ſagen kann, das iſt, daß deine ganze Philoſophie und all' deine Lehren mich nicht retten werden. Nun, Vater, du haſt mich dazu ge⸗ bracht, rette du mich durch ein anderes Mittel.“ Er hielt ſeine Laſt noch zur rechten Zeit feſt, um ihr Nieder⸗ ſinken zu verhindern, ſie rief jedoch mit einer ſchrecklichen Stimme aus:„Ich ſterbe, wenn du mich hältſt! Laß mich auf den Boden ſinken!« So ließ er ſie denn auf den Boden gleiten, und ſah den Stolz ſeines Herzens und den Triumph ſeines Syſtems als eine lebloſe Maſſe zu ſeinen Füßen liegen. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Luiſe erwachte aus der Erſtarrung, und ihre Augen öff⸗ neten ſich matt auf ihrem alten Bette daheim und in ihrem alten Zimmer. Es ſchien ihr Anfangs, als wenn all' die Ereig⸗ niſſe ſeit dem Tage, wo dieſe Gegenſtände ihr vertraut waren, Schatten eines Traumes geweſen; aber allmälig, als die Um⸗ gebung ſich beſtimmter vor ihren Augen geſtaltete, traten auch die Ereigniſſe beſtimmter vor ihren Sinn. Sie vermochte kaum ihren Kopf vor Schmerz und Schwere zu bewegen, ihre Augen waren entzündet und wund, ſie war ſehr ſchwach. Eine auffallende Theilnahmsloſigkeit hatte ſich ihrer ſo vollſtändig bemächtigt, daß ſelbſt die Anweſenheit ihrer kleinen Schweſter im Zimmer eine Zeitlang ihre Aufmerkſamkeit nicht auf ſich zog. Ja, als ihre Augen ſich begegnet und ihre Schwe⸗ ſter zum Bette getreten war, lag Luiſe noch mehrere Minuten lang ſie ſchweigend betrachtend und ließ es bewußtlos geſchehen, daß dieſelbe ſchüchtern ihre Hand ergriff, ehe ſie fragte: „Wann bin ich in dieß Zimmer gebracht worden?« „Letzte Nacht, Luiſe.“ „Wer brachte mich hierher?« „Cilli, glaube ich.“ „Warum glaubſt du ſo?«. „Weil ich ſie dieſen Morgen hier fand. Sie kam nicht an mein Bett, um mich zu wecken, wie ſie immer thut, und ich Boz. Schwere Zeiten. 15 . 226 machte mich deßhalb auf, ſie zu ſuchen. Sie war auch in ihrem eigenen Zimmer nicht, und ich mußte das ganze Haus durchſuchen, bis ich ſie hier fand, um dich beſchäftigt und kalte Umſchläge um deinen Kopf machend. Willſt du Vater ſehen? Eilli ſagte, ich ſollte es ihm mittheilen, wenn du erwachteſt.“ „Wie du ſchön und geſund ausſiehſt, Jane!“ ſagte Luiſe, als ſich ihre kleine Schweſter, noch immer ſchüchtern, niederbeugte, um ſie zu küſſen. „Wirklich? Es freut mich, daß du ſo denkſt. Ich bin ge⸗ wiß, daß es Cilli's Werk iſt.“ Der Arm, den Luiſe im Begriff war um ihren Nacken zu ſchlingen, zog ſich zurück.„Du kannſt es dem Vater ſagen, wenn du willſt.“ Dann, ſie noch einen Augenblick zurückhaltend, ſagte ſie:„Du warſt es, die mein Zimmer ſo freundlich eingerichtet und ihm dieſes Anſehen des Willkommens gegeben hat?“ „O nein, Luiſe, das war gethan, ehe ich kam. Es war—“ Luiſe wandte ſich auf ihrem Kiſſen um und hörte nicht weiter. Als ſich ihre Schweſter zurückgezogen hatte, drehte ſie ihren Kopf wieder um, und lag mit ihrem Geſicht gegen die Thüre, bis dieſe ſich öffnete und ihr Vater eintrat. Er hatte ein qualvolles und ängſtliches Ausſehen, und ſeine Hand, gewöhnlich ſo ruhig, zitterte in der ihrigen. Er ſetzte ſich an ihr Bett, zärtlich fragend, wie ſie ſich befinde, und ihr die Nothwendigkeit einſchärfend, ſich ruhig zu verhalten, nachdem ſie in vergangener Nacht ſo aufgeregt und dem Unwetter ausgeſetzt geweſen ſei. Er ſprach in mildem und zitterndem Tone, ganz verſchieden von ſeiner gewöhnlichen diktatoriſchen Weiſe; und oft war er verlegen um Worte. „Meine theure Luiſe. Meine arme Tochter!“ Die Sprache gieng ihm an dieſer Stelle ſo vollſtändig aus, daß er ganz inne hielt. Er verſuchte von neuem. „Mein unglückliches Kind.“ Ueber dieſe Stelle war ſo ſchwierig hinwegzukommen, daß er nochmals begann. „Es würde ein vergebliches Bemühen ſein, Luiſe, wenn ich dir erzählen wollte, wie erſchüttert ich war und noch bin durch das, was letzte Nacht auf mich eingeſtürmt iſt. Der Boden, auf dem ich ſtand, hat aufgehört feſt unter meinen Füßen zu ſein. Die einzige Stütze, auf die ich mich lehnte und die Stärke, welche ſie zu haben ſchien und ohne alle Frage noch zu haben ſcheint, iſt 227 in einem Augenblicke gefallen. Ich bin betäubt von dieſen Ent⸗ deckungen. Ich habe keine ſelbſtiſchen Empfindungen bei dem, was ich ſage, aber ich muß geſtehen, daß der Schlag, welcher mich in vergangener Nacht betroffen hat, in der That ſehr ſtark war.“ Sie konnte ihm hierbei keinen Troſt geben. Ihr ganzes Leben hatte auf dem Felſen Schiffbruch gelitten. „Ich will nicht ſagen, Luiſe, daß wenn du mich bei einer paſſenden Gelegenheit früher enttäuſcht hätteſt, es beſſer für uns beide geweſen ſein würde, beſſer für deine Ruhe und beſſer für die meinige, denn ich fürchte, daß es nicht in mein Erziehungs⸗ ſyſtem gepaßt haben möchte, ein derartiges Vertrauen zu ermun⸗ tern. Ich habe mein— mein Syſtem bei mir ſelbſt geprüft und es ſtreng durchgeführt; ich muß die Verantwortlichkeit ſeines Fehl⸗ ſchlagens über mich nehmen. Nur bitte ich dich zu glauben, mein vor allen geliebtes Kind, daß ich die Ueberzeugung hatte, recht zu handeln.“ Er ſagte das im Ernſte, und um ihm Gerechtigkeit wider⸗ fahren zu laſſen, er hatte dieſe Ueberzeugung wirklich. Indem er unergründliche Tiefen mit ſeinem kleinen, ſchlechten Accisſtäbchen maß und über das Weltall mit ſeinen verroſteten, ſteifbeinigen Compaſſen hintaumelte, glaubte er große Dinge zu thun. Indem er ſich innerhalb der Grenzen ſeines beſchränkten Geſichtskreiſes herumbewegte, vernichtete er die Blüthen der Exiſtenz in aufrich⸗ tigerer Abſicht, als viele von den blöckenden Perſonen, mit denen er Umgang pflegte. »Ich bin vollkommen von der Wahrheit deiner Worte über⸗ zeugt, Vater. Ich weiß, daß ich dein Lieblingskind geweſen bin. Ich weiß, du hatteſt die Abſicht, mich glücklich zu machen. Ich habe dich nie getadelt und ich werde es nie thun.“ Er faßte ihre ausgeſtreckte Hand und behielt ſie in der ſeinigen. „Meine Theure, ich habe die ganze Nacht an meinem Tiſche zugebracht, und die Dinge, welche ſo ſchmerzvoll zwiſchen uns getreten ſind, hin und her überlegt. Wenn ich deinen Charakter bedenke; wenn ich bedenke, daß das, was vor wenigen Stunden zu meiner Kenntniß gelangt, Jahre lang in deiner Bruſt ver⸗ ſchloſſen geweſen iſt; wenn ich bedenke, unter welchem unmittel⸗ baren Drange es dir endlich ausgepreßt wurde; ſo komme ich zu dem Schluſſe, daß ich nur Mißtrauen in mich ſelbſt ſetzen kann.« Er hätte mehr als alles hinzufügen können, wie er das jetzt 15* 228 hinzu, als er mit ſanfter Hand das wirre Haar von ihrer Stirne ſtrich. Solche kleine Handlungen, bedeutungslos bei einem anderen Manne, waren ſehr bezeichnend bei ihm; und ſeine Tochter nahm ſie auf, als wären es Worte der Zerknirſchung. „Aber,“ ſagte Mr. Gradgrind langſam und ſtockend, mit dem traurigen Gefühle der Hülfloſigkeit,„wenn ich Grund ſehe mir für die Vergangenheit zu mißtrauen, Luiſe, ſo dürfte ich mir auch für die Gegenwart und Zukunft mißtrauen. Um offen mit dir zu ſprechen, ich thue es. Ich bin weit entfernt, mich überzeugt zu fühlen, ſo verſchieden ich auch noch geſtern um dieſe Stunde darüber gedacht haben mag, daß ich das Vertrauen verdiene, das du in mich ſetzeſt; daß ich weiß, wie ich deinem Begehren das du bei deiner Heimkehr in's Elternhaus an mich geſtellt haſt, ent⸗ ſprechen ſoll; daß ich den richtigen Inſtinkt habe— nehmen wir für den Augenblick eine derartige Eigenſchaft an— wie dir zu helfen und dich auf den rechten Weg zu bringen, mein Kind.“ Sie hatte ſich auf dem Kiſſen umgewandt und lag mit dem Geſichte auf ihrem Arme, ſo daß er es nicht ſehen konnte. All' ihre Aufregung und Leidenſchaft hatte ſich gelegt; aber, obgleich beſänftigt, war ſie nicht in Thränen. Ihr Vater war in nichts ſo ſehr verändert, als darin, daß er froh geweſen wäre, ſie in Thränen zu ſehen. „Einige Perſonen glauben,“ fuhr er noch ſtockend fort,„daß es eine Weisheit des Kopfes, und daß es eine Weisheit des Her⸗ zens gebe. Ich habe nicht ſo gedacht; aber, wie geſagt, ich ſetze jetzt Mißtrauen in mich ſelbſt. Ich nahm an, der Kopf reiche zu allen Dingen aus, er mag vielleicht nicht ausreichend ſein; wie kann ich dieſen Morgen zu behaupten wagen, daß es ſo iſt. Wenn die andere Art von Weisheit das ſein ſollte, was ich vernachläſ⸗ ſigt habe, und der Inſtinkt, welcher von Nöthen iſt, dann Luiſe—“ Er brachte das ſehr zweifelhaft vor, als wenn er halb un⸗ willig wäre, es ſelbſt jetzt einzugeſtehen. Sie gab ihm keine Antwort; während ſie vor ihm auf ihrem Bette dalag, noch halb angekleidet, faſt ganz ſo, wie er ſie in vergangener Nacht am Boden ſeines Zimmers liegen geſehen hatte. „Luiſe,“ und ſeine Hand ruhte wieder auf ihrem Haar,„ich bin in letzter Zeit oft abweſend geweſen, meine Liebe, und obgleich die Erziehung deiner Schweſter gemäß dem— Syſtem verfolgt worden iſt,“ er ſchien immer mit großem Widerſtreben auf dieß auf ihn gewandte Geſicht ſah. Er fügte es in der That vielleicht 229 Wort zurückzukommen,„ſo iſt es durch tägliche geſellſchaftliche Verbindungen, die in ihrem Falle frühzeitig begonnen haben, noth⸗ wendigerweiſe modificirt worden. Nun frage ich dich, in demü⸗ thiger Unwiſſenheit, meine Tochter,— denkſt du, daß es zum beſſeren ausgeſchlagen ſei?« „Vater,“ antwortete ſie, ohne ſich zu regen,„wenn in ihrer Bruſt irgend eine Harmonie geweckt worden iſt, die in der mei⸗ nigen ſtumm lag, bis ſie ſich in Disharmonie auflöste, ſo mag ſie dem Himmel dafür danken, ihren glücklicheren Lebensweg wandeln, und es für ihren größten Segen halten, meinen Weg vermieden zu haben.“ „O! mein Kind, mein Kind!“ rief er in troſtloſem Tone aus, ich bin ein unglücklicher Mann, daß ich dich ſo ſehen muß. Was hilft es mir, daß du mir keine Vorwürfe machſt, wenn ich mir ſelbſt ſo bittere machen muß!“ Er ſenkte ſein Haupt und ſprach leiſe zu ihr.„Luiſe, ich habe die Ahnung, daß bei lauterer Liebe und Dankbarkeit in dieſem Hauſe ſich allmälig eine Verän⸗ derung auf mich würde geltend gemacht haben; daß das, was der Kopf verſäumt und nicht zu thun vermochte, das Herz ſchwei⸗ gend gethan haben möchte. Iſt das wahrſcheinlich?« Sie gab ihm keine Antwort. „Ich bin nicht zu ſtolz, es zu glauben, Luiſe. Wie könnte ich ſo anmaßend ſein, und du vor meinen Augen! Kann es ſo ſein? Iſt es ſo?“ Er richtete von neuem ſein Auge auf ſie, wie ſie ſo geknickt dalag, und gieng ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer. Er hatte ſich noch nicht lange entfernt, als ſie einen leichten Tritt an der Thüre vernahm und bemerkte, daß Jemand neben ihr ſtand. Sie richtete ſich nicht auf. Ein unklarer Verdruß, daß ſie in ihrem Leiden geſehen werden, und daß die unwillkommene Beobachtung, von der ſie ſich ſo ſchmerzlich berührt fühlte, zu ihrem Zwecke gelangen ſollte, arbeitete in ihr, wie ein krankhaftes Feuer. Alle in ihr verſchloſſenen Kräfte kamen zu einem zerſtören⸗ den Durchbruch. Die Luft, welche der Erde heilſam ſein, das Waſſer, welches ihr erfriſchende und die Hitze, welche ihr befruch⸗ tende Kraft geben ſollen, zerfleiſchen ſie, wenn dieſe Elemente zurückgedämmt werden. So eben jetzt in ihrem Buſen; die ſtärkſten Seelenkräfte, welche ſie beſaß, ſo lange gegen ſich Hü Herichtet, verſtockten ſich und übten ihre Gewalt an einem reund. 230 Es war gut, daß eine ſanfte Berührung ſich auf ihrem Nacken fühlbar machte, und daß ſie merkte, man glaube ſie eingeſchlafen. Die theilnehmende Hand hatte nichts mit ihrem Verdruß zu ſchaffen. Laßt ſie da liegen, die Hand, laßt ſie liegen. So blieb ſie denn liegen, eine Menge freundlicherer Empfin⸗ dungen ausbrütend; und Luiſe verhielt ſich ſtill. Als ſie durch die Ruhe und das Bewußtſein einer ſo liebreichen Hut milder geſtimmt wurde, fanden Thränen den Weg in ihre Augen. Ein Geſicht berührte das ihrige, und ſie ward inne, daß ſich auch auf dieſem Thränen befanden, und daß ſie die Urſache dieſer Thrä⸗ nen war. Als Luiſe ſich ſtellte, wie wenn ſie erwache, und ſich aufrecht Pbie, zog ſich Cilli zurück, und ſtand ruhig an der Seite des ettes. „Ich hoffe, ich habe Sie nicht geſtört. Ich habe Sie fragen wollen, ob ich bei Ihnen bleiben darf.“ „Warum willſt du bei mir bleiben? Meine Schweſter wird dich vermiſſen. Du biſt ihr Alles.“ „Bin ich wirklich?“ erwiederte Cilli, den Kopf ſchüttelnd. „Ich möchte gern Ihnen etwas ſein, wenn ich dürfte. „Was?“ fragte Luiſe faſt ſtrenge. „Das, was Ihnen am meiſten Noth thut, wenn ich es ver⸗ mögend wäre. Auf alle Fälle möchte ich mein Möglichſtes ver⸗ ſuchen. Wollen Sie es mir geſtatten?“ „Mein Vater ſchickt dich her, mich darum zu fragen?“ „Ganz gewiß nicht,“ antwortete Cilli.„Er ſagte mir, daß ich jetzt hereinkommen dürfte; aber dieſen Morgen ſchickte er mich aus dem Zimmer— oder wenigſtens—“ ſie ſtockte und ſchwieg. „Was wenigſtens?“ ſagte Luiſe, ihre forſchenden Augen auf ſie gerichtet. „Ich hielt es ſelbſt für das beſte, hinausgeſchickt zu wer⸗ den, denn ich war ſehr zweifelhaft, ob Sie mich gern hier ſehen würden.“ „Habe ich dich immer ſo ſehr gehaßt?“ „Ich hoffe es nicht; denn ich habe Sie immer geliebt und immer gewünſcht, daß Sie es erkennen möchten. Aber Sie nahmen ein etwas verändertes Benehmen gegen mich an, kurz ehe Sie das Elternhaus verließen. Sie wußten ſo viel und ich ſo wenig, und es war in vielen Beziehungen ſo natürlich, da Sie &—[ũ 8—9BgEG — N V G 0— 231 neuen Freunden entgegengiengen, daß ich mich nicht darüber zu beklagen hatte, und durchaus nicht verletzt fühlte.“ Ihre Farbe röthete ſich, als ſie das beſcheiden und haſtig ſägte. uiſe verſtand die liebevolle Entſchuldigung und ihr Herz rafte ſie. „Darf ich es verſuchen?“ ſagte Cilli, ſo viel ermuthigt, daß ſie die Hand auf ihren Nacken legte, der ſich unmerklich nach ihr hinneigte. Luiſe nahm die Hand, welche ſie im nächſten Augen⸗ blicke umſchlungen haben würde, herunter, hielt ſie in einer der ihrigen und antwortete: „Vor allem, Cilli, weißt du, was ich bin? Ich bin ſo ſtolz und verhärtet, ſo verwirrt und zerſtört, ſo verdrießlich und un⸗ gerecht gegen Jedermaun und gegen mich ſelbſt, daß alles unge⸗ ſtüm, Auſe und böſe an mir iſt. Stößt dich das nicht zurück?“ „Nein!“ „Ich bin ſo nnglücklich, und alles das, was mich hätte an⸗ ders machen können, iſt ſo vollſtändig zerſtört in mir, daß wenn ich bis zu dieſer Stunde meiner Vernunft beraubt geweſen wäre, und wenn ich anſtatt ſo gelehrt zu ſein, als du denkſt, noch an⸗ fangen müßte die erſten Wahrheiten zu erlernen, ich eines Füh⸗ rers zum Frieden, zur Zufriedenheit, Ehre und all' den Gütern, deren ich gänzlich baar bin, nicht dringender bedürftig ſein würde, als ich es in meiner Verworfenheit wirklich bin. Stößt dich das nicht zurück?“ „Nein!“ In der Unſchuld ihrer edlen Zuneigung, und in der Fülle ihrer alten Anhänglichkeit, leuchtete das einſt verlaſſene Mädchen wie ein ſchönes Licht in das dunkle Leben der anderen hinein. Luiſe erhob die eine Hand, ihren Nacken zu ſtreicheln, und flocht ſie dann in die andere. Sie fiel auf ihre Kniee, und ſich an des Landſtreichers Kind anklammernd blickte ſie zu ihm auf beinahe mit Verehrung. „Vergib mir, habe Mitleid mit mir, hilf mir! Blicke theil⸗ nehmend auf meine große Noth und laß mich meinen armen Kopf auf ein liebendes Herz legen.“ »O! lege ihn hier hin!« rief Cilli aus,„lege ihn hier hin, meine Geliebte!“ 232 Dreißigſtes Kapitel. Mr. James Harthouſe brachte eine ganze Nacht und einen Tag in einem Zuſtande ſo großer Aufregung hin, daß die „Welt“, mit ihrem beſten Glas im Auge, ſo lange dieſer Zuſtand der Geiſtesabweſenheit dauerte, ſchwerlich in ihm den Bruder Jem des ehrenwerthen und ſcherzhaften Parlamentsmit⸗ gliedes erkannt haben würde. Er war wirklich aufgeregt. Er ſprach verſchiedene Male mit einer Emphaſe, die an's Ge⸗ meine ſtreifte. Er gieng aus und ein in einer unerklärlichen Weiſe, wie ein Mann, der von einem Gegenſtande beſeſſen iſt. Er machte Bewegungen, wie ein Straßenräuber. Mit einem Worte, er war von den obwaltenden Umſtänden ſo gelangweilt, daß er vergaß, in der von den Autoritäten vorgeſchriebenen Weiſe auf die Langeweile auszugehen. Nachdem er ſein Pferd durch das Unwetter nach Coketowu gepeitſcht, als wenn es ein Katzenſprung wäre, brachte er die ganze Nacht wachend zu: von Zeit zu Zeit mit der größten Hef⸗ tigkeit klingelnd, den Portier, welcher Wache hielt, mit dem Ver⸗ brechen belaſtend, Briefe oder Beſtellungen zurückzuhalten, die ohne Zweifel ihm für ihn anvertraut worden ſeien, und die Zu⸗ ſtellung auf der Stelle verlangend. Da der Abend kam und der Morgen kam und der Tag kam und weder eine Botſchaft noch einen Brief brachte, ſo gieng er hinab nach dem Landhauſe. Hier war der Rapport: Mr. Bounderby verreist und Mrs. Bounderby in der Stadt. Begab ſich vergangenen Abend plötzlich dahin. Nicht eben bekannt, ob ſie auf eine erhaltene Nachricht hin abgereist, mit dem Anfügen, daß ihre Rückkehr im Augenblick nicht zu er⸗ warten ſtehe. Unter dieſen Umſtänden blieb ihm nichts übrig, als ihr in die Stadt zu folgen. Er gieng nach dem Haus in der Stadt. Mrs. Bounderby nicht da. Er ſprach bei der Bank vor. Mrs. Boun⸗ derby weg und Mrs. Sparſit weg. Mrs. Sparſit weg? Wer konnte ſo urplötzlich zur äußerſten Verzweiflung getrieben worden ſein, daß er ſich die Geſellſchaft dieſes Greifen ausgebeten! „Nun, ich weiß es nicht,“ ſagte Tom, der ſeine eigenen Gründe hatte, ſich hierüber unbehaglich zu fühlen.„Sie iſt dieſen Morgen bei Tagesanbruch irgendwohin aufgebrochen. Sie iſt immer geheimnißvoll, ich haſſe ſie. Ja ich haſſe das bleiche 233 Ding; es hat immer ſeine blinzenden Augen auf einem bra⸗ ven Kerl.“ „Wo waret Ihr geſtern Abend, Tom?“ „Wo war ich geſtern Abend!“ antwortete Tom. Sieh' doch, ſo habe ich es gern. Ich wartete auf Euch, Mr. Harthouſe, bis es heruntermachte, wie ich es nie zuvor habe heruntermachen ſehen. Wo war ich auch? Wo waret Ihr, wollt Ihr ſagen?“ „Ich war verhindert zu kommen— abgehalten.“ „Abgehalten!“ murrte Tom.„Zwei von uns waren abge⸗ halten. Ich war durch Warten abgehalten, bis ich jeden Zug, ausgenommen die Poſtkutſche, verpaßt hatte. Es würde eine ganz ergötzliche Partie geweſen ſein, mit ihr in einer ſolchen Nacht zurückzurumpeln und durch einen Sumpf heimzuwaten. Kurz, ich war genäthint, in der Stadt zu ſchlafen.“ 0 64 „Wo? Nun, in meinem eigenen Bette bei Bounderby's.“ „Saht Ihr Eure Schweſter?“ „Was der Teufel!« antwortete Tom, mit ſtarrer Verwun⸗ derung,„konnte ich meine Schweſter ſehen, wenn ſie fünfzehn Meilen weit war?“ Dieſe raſchen Erwiederungen des jungen Herrn, dem er ein ſo treuer Freund war, verwünſchend, machte ſich Mr. Harthouſe von dieſer Zuſammenkunft mit dem kleinſtmöglichen Aufwand von Cere⸗ monien los und überlegte zum hundertſten Male, was das alles bedeuten ſollte? Er machte ſich nur eins klar. Das war, daß ſie entweder in der Stadt oder auswärts ſich befinde, daß er entweder zu ſchnell mit ihr, der Unbegreiflichen, geweſen, oder ſie den Muth verloren hatte, oder daß ſie entdeckt, oder daß ein zur Zeit noch unbekanntes Unglück oder Mißverſtändniß vorgekommen war, und daß er dieſem Unglücke entgegen gehen müſſe, worin es auch be⸗ ſtehen möge. Das Hotel, in dem er bekanntlich lebte, ſeitdem er zu dieſem Lande der Finſterniß verurtheilt, war der Pfahl, an den er gebunden war. Im Uebrigen— Was ſein wird, wird ſein. „So, entweder ich erwarte eine feindliche Botſchaft, oder eine Beſtellung, oder eine bußfertige Vorſtellung, oder einen Steg⸗ reifkampf mit meinem Freunde Bounderby in der Lancaſhirer Manier— was ſo wahrſcheinlich als etwas bei dem gegenwär⸗ tigen Stande der Dinge ſein dürfte.—„Ich will zu Mittag eſſen,« ſagte Mr. James Harthouſe.„Bounderby hat den Vor⸗ theil in Bezug auf das Gewicht, und wenn etwas von britiſcher 234 Natur zwiſchen uns vorfallen ſollte, ſo wäre es gut, ein wenig in der Uebung zu ſein.“ Darauf klingelte er, warf ſich nachläſſig auf ein Sopha, beorderte„ein Diner um ſechs— mit einem Beefſteak darunter“, und brachte die Zwiſchenzeit ſo gut hin, als er konnte. Das war nicht ſehr gut; denn er verblieb in der größten Rathloſigkeit, und als die Stunden vergiengen und keine Art der Aufklärung ſich zeigen wollte, ſo vermehrte ſich ſeine Rathloſigkeit mit Zinſes Zinſen. Jedoch, er nahm die Angelegenheit ſo kühl als es nur immer möglich war, und unterhielt ſich mehr als einmal mit der luſtigen Idee der zu erwartenden Colliſion.„Es würde nicht übel ſein,“ gähnte er in einem Augenblick,„dem Kellner fünf Schilling zu geben und ihn niederzuſchlagen.“ In einem anderen Augenblick kam ihm die Idee:„Oder ein Kerl von beiläufig drei⸗ zehn oder vierzehn Steinen könnte auf die Stunde gemiethet werden.“ Aber dieſe Scherze verriethen an dieſem Nachmittag nichts, als ſeine Unruhe; und um die Wahrheit zu ſagen, beide blieben furchtſam hinter der Ausführung zu rück. Es war unvermeidlich, ſelbſt vor dem Mittageſſen, noch oft in dem Muſter des Fußteppichs zu luſtwandeln, aus dem Fenſter zu ſehen, an der Thüre nach Fußtritten zu horchen, und gelegentlich ziemlich heiß zu werden, wenn ſich dem Zimmer Tritte näherten. Aber nach dem Mittageſſen, als der Tag ſich in Zwielicht auf⸗ löste und das Zwielicht in Nacht und noch immer keine Mitthei⸗ lung ihm gemacht war, begann es nach ſeiner Ausdrucksweiſe zu ſein„wie Inquiſition und gelinde Tortur.“ Jedoch, immer treu ſeiner Ueberzeugung, daß Indifferenz die natürliche vor⸗ nehme Lebensart ſei(das war die einzige Ueberzeugung, welche er hatte) benutzte er dieſe Kriſis als paſſende Gelegenheit, Lichter und eine Zeitung zu beſtellen. Er hatte eine halbe Stunde lang vergebens ſich abgemüht, dieſe Zeitung zu leſen, als der Kellner erſchien und geheimnißvoll und entſchuldigend zugleich, ſagte: „Ich bitte um Verzeihung, Sir. Man verlangt nach Ihnen, wenn Sie es erlauben.“ Eine vage Erinnerung, daß dieß die gewöhnliche Formel ſei, welche die Polizei gegen den zuſammengelaufenen Pöbel an⸗ wendet, veranlaßte Mr. Harthouſe, den Kellner in Erwiederung, mit trotziger Entrüſtung zu fragen, was zum Teufel er mit dem „verlangt? ſagen wolle. 235 „Ich bitte um Verzeihung, Sir. Eine junge Dame draußen wünſcht Sie zu ſprechen.“ „Draußen? Wo?“ „Hier vor der Thüre, Sir.“ Indem er den Kellner in aller Form zum Teufel wünſchte, wohin er als Dummkopf erſter Größe gehörte, eilte Mr. Hart⸗ houſe auf den Gang. Hier ſtand ein junges Frauenzimmer, das er nie zuvor geſehen hatte. Einfach gekleidet, ſehr ruhig, ſehr hübſch. Als er ſie in das Zimmer führte und einen Stuhl für ſie hinſtellte, bemerkte er beim Lichtſcheine, daß ſie noch ſchöner war, als er Anfangs gedacht. Ihre Erſcheinung war unſchuldig und jugendlich, und ihr Geſichtsausdruck außerordentlich ange⸗ nehm. Sie war nicht in Furcht vor ihm, noch in der geringſten Verwirrung; ihr Sinn ſchien ganz mit dem Gegenſtande ihres Beſuches beſchäftigt, und dieſen Gedanken ſchien ſie an die Stelle ihrer Perſon geſetzt zu haben. „Ich ſpreche zu Mr. Harthouſe?“ ſagte ſie, als ſie allein waren. „Zu Mr. Harthouſe. Und zwar,“ fügte er innerlich hinzu, „mit den vertrauensvollſten Augen, die ich je geſehen, und der ernſthafteſten Stimme, obgleich ſo ruhig, die ich je gehört habe.“ „Wenn ich auch nicht weiß— und ich weiß es wirklich nicht, Sir—“ ſagte Cilli,„was Sie Ihre Ehre als Gentleman in andern Fällen thun heißt,“ das Blut ſtieg ihr in's Geſicht, als ſie mit dieſen Worten begann:„ſo bin ich doch überzeugt, daß ich darauf vertrauen kann, mein Beſuch und was ich zu ſagen im Begriff ſtehe, werde geheim gehalten. Ich will mich darauf verlaſſen, wenn Sie mir ſagen, daß ich Ihnen ſo weit ver⸗ trauen darf.“ „Sie dürfen es, ich verſichere Sie.“ „Ich bin jung, wie Sie ſehen; ich bin allein, wie Sie ſehen. Indem ich zu Ihnen komme, Sir, habe ich weder Rath noch Er⸗ muthigung außer meiner eigenen Hoffnung.“ Er dachte,„Aber das iſt doch ſehr ſtark,“ als er dem mo⸗ mentan erhobenen Blick ihrer Augen folgte. Er meinte im Stillen, „Das iſt ein ſehr drolliges Beginnen. Ich ſehe nicht, wo das hinaus will.“ „Sie haben wohl ſchon errathen,“ fuhr Cilli fort,„von wem ich eben komme?“ 236 „Während der letzten vierundzwanzig Stunden,(die mir als ebenſo viele Jahre erſchienen ſind) habe ich mich in der größten Aufregung und Unruhe in Betreff einer Dame befunden. Die Hoffnung, welche ich zu hegen wage, daß Sie von dieſer Dame kommen, täuſcht mich nicht, wie ich vertrauensvoll annehme.“ „Ich verließ ſie vor einer Stunde.“ „In 2 „In dem Hauſe ihres Vaters.“ Mr. Harthouſe's Geſicht verlängerte ſich, trotz ſeinem kühlen Weſen, und ſein Erſtaunen wuchs.„Dann ſehe ich ganz gewiß nicht,“ dachte er,„wohin das führen ſoll.“ „Vergangene Nacht eilte ſie dorthin. Sie kam da in großer Aufregung an und war die ganze Nacht hindurch ohne Beſinnung. Ich lebe in dem Hauſe ihres Vaters und war bei ihr. Sie können ſich darauf verlaſſen, Sir, Sie werden ſie nie wieder ſehen, ſo lange Sie leben.“ Mr. Harthouſe that einen langen Athemzug; und wenn ſich je ein Mann in der Lage befand, daß er nicht wußte, was er ſagen ſollte, ſo war es ohne alle Frage bei ihm der Fall. Die kindliche Natürlichkeit, mit der ſeine Beſucherin ſprach, ihre be⸗ ſcheidene Furchtloſigkeit, ihr ungekünſteltes Vertrauen, ihr gänz⸗ liches Selbſtvergeſſen in ihrem ernſten, ruhigen Verhalten zu dem Gegenſtande, um den ſie gekommen war; alles das, zuſammenge⸗ nommen mit ihrem Vertrauen auf ſein leichthin gegebenes Ver⸗ ſprechen— welches ihn in ſeinem Innern beſchämte— ſtellte ſich ihm als etwas dar, worin er ſo unerfahren war, und woran ſeine gewöhnlichen Waffen ſo unmächtig abprallen mußten, daß er nicht ein Wort zu ſeiner Hülfe aufzubieten vermochte. Endlich ſagte er: „Eine ſo überraſchende Nachricht, ſo vertrauensvoll gegeben und von ſolchen Lippen, iſt fürwahr im höchſten Grade beunru⸗ higend. Darf ich mich erkundigen, ob Sie von der fraglichen Dame beauftragt ſind, mir dieſe Mittheilung in jenen hoffnungs⸗ loſen Worten zu machen?“ „Ich habe keinen Auftrag von ihr.“ „Der Verſinkende hält ſich an einem Strohhalm. Ohne Mißachtung Ihres Urtheils und ohne Zweifel in Ihre Aufrich⸗ tigkeit zu ſetzen, bitte ich mich zu entſchuldigen, wenn ich mich zu der Anſicht neige, es ſei noch Hoffnung vorhanden, daß ich 237 nicht zu einer immerwährenden Verbannung vom Antlitz dieſer Dame verurtheilt bin.“ „Nicht die leiſeſte Hoffnung bleibt übrig. Der erſte und hauptſächlichſte Zweck meines Kommens, Sir, iſt, Sie zu ver⸗ ſichern, daß Sie glauben müſſen, es ſei nicht mehr Hoffnung vor⸗ handen, ſie je wieder zu ſprechen, als wenn ſie im Augenblicke, wo ſie geſtern Abend in's elterliche Haus trat, geſtorben wäre.“ „Glauben müſſen? Aber wenn ich nun nicht kann— oder wenn ich bei der Schwachheit der menſchlichen Natur halsſtarrig bin— und nicht will?“ „Es iſt dennoch wahr. Da iſt keine Hoffnung.“ James Harthouſe blickte ſie an mit einem ungläubigen Lächeln um ſeine Lippen. Aber an ihrem durchdringenden Blicke wurde ſein Lächeln zu Schanden. Er biß ſich in die Lippen und nahm ſich ein wenig Zeit zur Ueberlegung. „Nun gut, wenn es unglücklicher Weiſe der Fall ſein ſollte,“ ſagte er,„daß ich zu einer ſo troſtloſen Lage, wie dieſe Verban⸗ nung, gebracht bin, ſo werde ich die Dame nicht mit meiner Ge⸗ genwart verfolgen. Aber Sie ſagten, Sie haben keine Vollmacht von ihr?“ „Ich habe einzig und allein die Vollmacht meiner Liebe für ſie, und ihrer Liebe für mich. Ich habe keine andere Beglaubigung, als daß ich ſeit ihrer Heimkunft bei ihr geweſen, und daß ſie mir ihr Vertrauen geſchenkt hat. Ich habe keine andere Beglaubigung, als daß ich etwas von ihrem Charakter und von ihrer Ehe kenne. O! Mr. Harthouſe, ich dächte, Sie könnten das auch zur Grund⸗ lage Ihrer Ueberzeugung machen!“ In der Höhle, wo ſein Herz hätte ſein ſollen— in dieſem Neſte verdorbener Eier, wo die Vögel des Himmels hätten leben können, wenn ſie nicht hinweggeſcheucht worden wären— wurde er von dem Stachel dieſes Vorwurfes getroffen. „Ich gehöre nicht zu der moraliſchen Menſchenſorte,“ ſagte er,„und ich habe niemals Anſpruch auf derartige Eigenſchaften gemacht. Ich bin ſo unmoraliſch als nöthig iſt. Wenn ich auf der andern Seite jedoch der Dame, die der Gegenſtand unſerer Converſation iſt, irgend welche Unannehmlichkeiten bereitet oder ſie unglücklicher Weiſe compromittirt, oder wenn ich mich ſelbſt durch irgend eine Ausſprache von Gefühlen gegen ſie vergangen habe, die nicht ganz vereinbar ſind mit— in der That mit— 238 dem häuslichen Herde; oder wenn ich es zu benutzen ſuchte, daß ihr Vater eine Maſchine, ihr Bruder ein Bengel und ihr Gatte ein Bär iſt; ſo bitte ich mir die Verſicherung zu geſtatten, daß ich keine beſonders üblen Abſichten hatte, ſondern von einer Stufe zur andern mit ſo unwiderſtehlicher Leichtigkeit gleitete, daß ich nicht die leiſeſte Ahnung hatte, das Sündenregiſter ſei halb ſo lang, bis ich es durchzublättern begann. Wo ich denn finde,“ ſchloß Mr. Harthouſe,„daß es mehrere Bände ſtark iſt.“ Obgleich er alles das in ſeiner frivolen Weiſe ſagte, ſo war dieſe Weiſe doch dießmal nur bewußte Politur einer häßlichen Oberfläche. Er ſchwieg einen Augenblick; dann fuhr er mit mehr Selbſtvertrauen in ſeiner Miene, jedoch mit Zügen von Unruhe und Mißvergnügen, die ſich nicht ganz abglätten laſſen wollten, alſo fort: „Nach dem, was mir eben vorgeſtellt worden iſt, in einer Weiſe, in die ich unmöglich Zweifel ſetzen kann— ich kenne kaum eine andere Quelle, von der ich es ſo bereitwillig angenommen hätte— fühle ich mich verbunden, Ihnen, die Sie Ihrer Aus⸗ ſage nach mit dem Vertrauen beſchenkt worden ſind, zu ſagen, daß ich nicht umhin kann, die Möglichkeit(ſo unerwartet ſie auch kommt) anzunehmen, die Dame nicht wieder zu ſehen. Ich bin lediglich zu tadeln, daß ich die Sache habe ſo weit kommen laſſen — und— und, ich kann nicht ſagen,“ fügte er, ziemlich forcirt für einen allgemeinen Redeſchluß, hinzu,„daß ich eine ſanguiniſche Hoffnung darauf ſetze, jemals ein Kerl von der moraliſchen Sorte zu werden, oder daß ich überhaupt irgend welchen Glauben an beſagte moraliſche Sorte habe.“ Cilli's Miene zeigte zur Genüge, daß ihr Begehren an ihn noch nicht zu Ende ſei. „Sie ſprachen,“ reſumirte er, als ſie ihre Augen von neuem zu ihm aufſchlug,„von Ihrem erſten Zwecke. Darf ich annehmen, daß noch ein zweiter zu beſprechen iſt 2*G 66 „Jg. „Wollen Sie ſo freundlich ſein, ihn mir mitzutheilen?“ „Mr. Harthouſe,“ erwiederte Cilli, mit einer Miſchung von Güte und Feſtigkeit, woran er ganz erlag, und mit einem einfachen Vertrauen in ſeine Verpflichtung, ihr Verlangen zu erfüllen, das ihn in einem eigenthümlichen Nachtheil hielt,„die einzige Genug⸗ thuung, welche Ihnen zu geben übrig bleibt, iſt, dieſen Ort ſofort und für immer zu verlaſſen. Ich habe die feſte Ueberzeugung, 239 daß Sie auf keine andere Weiſe das Unrecht und den Kummer, den Sie verurſacht haben, mildern können. Ich habe die beſtimmte Ueberzeugung, daß dieß die einzige Vergütung iſt, die noch in Ihrer Gewalt ſteht. Ich ſage nicht, daß es viel, oder daß es genug iſt; aber es iſt etwas und es iſt nothwendig. Daher, ob⸗ gleich ohne eine andere Autorität, als ich Ihnen gegeben habe, und ſelbſt ohne das Mitwiſſen einer anderen Perſon als Ihrer und meiner, verlange ich von Ihnen, noch dieſe Nacht von hier abzureiſen, und zwar mit der Verpflichtung, nie wiederzukommen.“ Hätte ſie irgend einen anderen Einfluß auf ihn geltend ge⸗ macht, als ihr ſchlichtes Vertrauen in das Recht und die Wahr⸗ heit deſſen, was ſie ſagte; hätte ſie den leiſeſten Zweifel oder Unentſchloſſenheit gezeigt, oder hätte ſie in der beſten Abſicht einen Hintergedanken oder Vorwand beherbergt, hätte ſie den leiſeſten Zug von einer Empfindlichkeit gegen ſeinen Spott oder ſein Er⸗ ſtaunen, oder ſeinen etwaigen Widerſpruch, ſehen laſſen oder ge⸗ fühlt; bei dieſem Punkte würde er es zur Waffe gegen ſie benutzt haben. Aber er würde ebenſo leicht im Stande geweſen ſein, einen klaren Himmel zu verändern dadurch, daß er ihn erſtaunt betrachtete, als hier einen Eindruck hervorzubringen. „Aber kennen Sie,“ fragte er ganz verzweifelt,„die Tragweite deſſen, was Sie verlangen? Sie wiſſen wahrſcheinlich nicht, daß ich in einer öffentlichen Geſchäftsangelegenheit hier bin, abge⸗ ſchmackt genug an und für ſich, aber auf die ich eingegangen bin, und geſchworen habe, und der man mich mit Leib und Seele er⸗ geben glaubt? Sie wiſſen wahrſcheinlich nichts davon, aber ich verſichere Sie, daß es eine Thatſache iſt.“. Er brachte keine Wirkung auf Cilli hervor, Thatſache oder nicht Thatſache. »„Außerdem,“ ſagte Mr. Harthouſe, indem er einen oder zwei Gänge durch das Zimmer machte, zweifelhaft,„iſt es ſo ver⸗ teufelt abſurd. Es würde einen Mann ſo lächerlich machen, nachdem er einmal für dieſe Kerls eingetreten iſt, in ſolch unbe⸗ greiflicher Weiſe auszukneifen.“ „Es iſt meine feſte Ueberzeugung,“ wiederholte Cilli,„daß es der einzige Erſatz iſt, der noch in Ihrer Macht liegt. Das iſt meine feſte Ueberzeugung, oder ich würde nicht hierhergekom⸗ men ſein.“ p Er blickte in ihr Geſicht und gieng von neuem im Zimmer erum. „Bei meiner Seele, ich weiß nicht, was ſagen. So unge⸗ heuer abſurd!“ Es war jetzt ſeine Aufgabe, wegen Geheimhaltung zu unter⸗ handeln. „Wenn ich im Stande wäre, etwas ſo wahrhaft lächerliches zu thun,“ ſagte er, indem er augenblicklich wieder ſtockte und ſich gegen das Kamingeſimſe lehnte,„ſo könnte es nur in dem unver⸗ letzlichſten Vertrauen geſchehen.“ „Ich werde Ihnen vertrauen, Sir,“ erwiederte Cilli,„und Sie werden mir vertrauen.“ Sein Anlehnen gegen das Kamingeſimſe erinnerte ihn an den Abend mit dem Bengel. Es war ganz daſſelbe Kamingeſimſe, und es regte ſich etwas in ihm, als wenn er dieſen Abend der Bengel wäre. Er wußte gar nicht wo aus noch ein. „Meiner Anſicht nach wurde noch nie ein Mann in eine ſo lächerliche Poſition geſtellt,“ ſagte er, bald zur Erde, bald in die Höhe blickend, bald lachend, bald die Stirne runzelnd, bald auf⸗ bald niedergehend.„Aber ich ſehe keinen Ausweg. Was geſchehen ſoll, wird geſchehen. Dieſes wird allem Vermuthen nach ge⸗ ſchehen. Ich muß mich aufmachen, denke ich— kurz, ich ver⸗ pflichte mich, es zu thun.“. Cilli erhob ſich. Sie war durch das Reſultat nicht über⸗ Wü aber ſie war glücklich darüber, und ihr Antlitz ſtrahlte vor reude. „Erlauben Sie mir zu ſagen,“ fuhr Mr. James Harthouſe fort, „daß ich zweifle, ob ein anderer Abgeſandter oder Geſandtin, ſich mit demſelben Erfolg an mich gewendet haben würde. Ich muß mich nicht nur als in eine ſehr lächerliche Lage verſetzt betrachten, ſondern als auf allen Punkten geſchlagen. Wollen Sie mir die Gunſt gewähren, mich an den Namen meiner Feindin zu erinnern?“ „Meinen Namen?“ ſagte die Geſandtin. „Der einzige Name, den ich möglicher Weiſe dieſen Abend zu kennen Verlangen tragen könnte.“ „Cilli Jupe.“ „Verzeihung für meine Neugier zum Abſchiede. Und in Be⸗ ziehung zu der Familie?2“ „Ich bin nur ein armes Mädchen,“ antwortete Cilli.„Ich wurde von meinem Vater getrennt— er war nur ein Landſtreicher— ——„ ——————— 241 und aus Mitleid von Mr. Gradgrind aufgenommen. Seitdem habe ich immer in dem Hauſe gelebt.“ Sie war gegangen. „Das war nöthig, um die Niederlage vollſtändig zu machen,“ ſagte Mr. James Harthouſe, mit reſignirter Miene auf das Sopha ſinkend, nachdem er eine Weile wie angewurzelt dageſtanden. „Die Niederlage kann jetzt als vollſtändig angeſehen werden. Nur ein armes Mädchen— nur ein Landſtreicher— nur James Hart⸗ houſe zu nichte gemacht— nur James Harthouſe eine große Pyramide von Bankerott.“ 1 Die große Pyramide ſetzte ſich's in den Kopf den Nil hinauf zu gehen. Er nahm augenblicklich eine Feder und ſchrieb folgen⸗ des Billet(in geeigneten Hieroglyphen) an ſeinen Bruder. „Lieber Jack. Alles aus in Coketown. Herausgelangweilt aus dem Neſte und auf Kameele ausgehend. Mit Liebe, Jem.“ Er zog die Klingel. „Schickt meinen Burſchen her.“ „Iſt zu Bette gegangen, Sir.“ „Laßt ihn aufſtehen und einpacken.“ Er ſchrieb noch zwei Billete. Eines an Mr. Bounderby, welches ihm anzeigte, daß er ſich aus dieſem Theile des Landes zurückziehe, und mittheilte, wo er in den nächſten vierzehn Tagen zu finden ſei. Das andere, ähnlichen Inhalts, an Mr. Gradgrind. Kaum war die Tinte auf den Adreſſen trocken, ſo hatte er die hohen Schornſteine von Coketown hinter ſich und ſaß in einem Eiſenbahnwagen, gedankenlos über die finſtere Landſchaft hin⸗ ſtierend. Die moraliſche Menſchenſorte dürfte vielleicht annehmen, daß Mr. James Harthouſe ſpäter einige behagliche Betrachtungen an ſeinen ſchnellen Rückzug geknüpft hätte, als eine der wenigen Hand⸗ lungen ſeines Lebens, die einer Buße gleich ſah, und als Denkzeichen für ihn, einer ſehr ſchlimmen Kataſtrophe glücklich entkommen zu ſein. Aber dem war durchaus nicht ſo. Ein ge⸗ heimes Bewußtſein, Fiasko gemacht zu haben und lächerlich ge⸗ worden zu ſein, eine Furcht, was andere Geſinnungsgenoſſen, welche für ähnliche Dinge einträten, zu ſeiner Aufführung ſagen möchten, wenn ſie ihnen bekannt würde— drückten ſo auf ihn, daß er gerade dieſe Leiſtung, die doch bis jetzt ſeine beſte geweſen ſein mochte, um keinen Preis als ſein Eigenthum anerkennen Boz. Schwere Zeiten. 16 —— —— — 242 wollte, und daß dieß das einzige Blatt in ſeiner Lebensgeſchichte war, deſſen er ſich vor ſich ſelbſt ſchämte. Einunddreißigſtes Kapitel. Mit einem entſetzlichen Schnupfen, mit einer Stimme, die es nur noch zum Wispern brachte, und in ihrem ſtattlichen Na⸗ ſengeſtell durch immerwährendes Nieſen ſo erſchüttert, daß eine Verſtümmelung zu drohen ſchien— jagte die unermüdliche Mrs. Sparſit ihrem Patron nach, bis ſie ihn in der Hauptſtadt fand. Hier ſegelte ſie gravitätiſch auf ihn zu in ſeinem Hotel in St. James Street, zündete die brennbaren Stoffe, womit ſie geladen war, an und ſchoß los. Nachdem ſie nun mit unendlicher Be⸗ friedigung ihre Miſſion erfüllt hatte, fiel dieſes hochherzige Weib in Ohnmacht auf Mr. Bounderby's Rockkragen. Mr. Bounderby's erſte Procedur war Mrs. Sparſit abzu⸗ ſchütteln, und es ihr zu überlaſſen, am Boden ſo viel Stufen des Leidens zu durchlaufen, als ſie wollte. Demnächſt nahm er ſeine Zuflucht zu mächtigen Wiederbelebungsmitteln, drehte ihre Daumen, rieb ihre Hände, begoß ihr Geſicht reichlich mit Waſſer und ſteckte ihr Salz in den Mund. Als dieſe Aufmerkſamkeiten ſie wieder zu ſich gebracht hatten(und eilig thaten ſie das), ſchaffte er ſie gewaltſam in einen Schnellzug, ohne ihr eine weitere Erfriſchung anzubieten, und brachte ſie mehr todt als lebendig nach Coketown urück. 3 Als klaſſiſche Ruine betrachtet bot Mrs. Sparſit am Ende ihrer Reiſe ein intereſſantes Schauſpiel dar; aber in jeder an⸗ deren Beziehung war der Belauf des Schadens, den ſie letzte Zeit erlitten hatte, außerordentlich und ſtimmte ihre Anſprüche auf Bewunderung herab. Ohne alle Rückſicht auf die klägliche Beſchaffenheit ihrer Kleidung und Körper⸗Conſtitution, und trotz ihres pathetiſchen Nieſens packte ſie Mr. Bounderby unmittelbar in eine Kutſche und fuhr ſie nach Stone Lodge. „Nun, Tom Gradgrind,“ platzte Bounderby bei ſpäter Nacht in das Zimmer ſeines Schwiegervaters;„hier iſt eine Dame, hier — Mrs. Sparſit— Ihr kennt Mrs. Sparſit— die Euch etwas zu ſagen hat, was Euren Mund ſtopfen wird.“ „Ihr habt meinen Brief nicht erhalten!“ rief Mr. Gradgrind aus, von dem Auftritte überraſcht. „Euren Brief nicht erhalten, Sir!“ ſchrie Bounderby.„Gegen⸗ 243 wärtig iſt keine Zeit für Briefe. Niemand ſoll Joſiah Bounderby von Coketown bei der Gemüthsverfaſſung, in welcher er ſich jetzt befindet, von Briefen ſprechen. „Bounderby,“ ſagte Mr. Gradgrind mit dem Tone milder Einrede.„Ich ſpreche von einem ganz ſpeciellen Briefe, den ich Euch in Betreff Luiſens geſchrieben habe.“ „Tom Gradgrind,“ erwiederte Bounderby, indem er mehrere Male mit flacher Hand heftig auf den Tiſch ſchlug;„ich ſpreche von einem ganz ſpeciellen Boten, der in Betreff Luiſens zu mir gekommen iſt. Mrs. Sparſit, Ma'am, tretet vor!“ Als dieſe unglückliche Lady hierauf verſuchte, ihr Zeugniß abzulegen, ohne eine Spur von Stimme und mit ſchmerzlichen Gebärden ihre entzündete Kehle bekundend, verſchlimmerte ſich ihr Zuſtand ſo ſehr und ihre Geſichtsverdrehungen wurden ſo häufig, daß Mr. Bounderby, unfähig es länger zu ertragen, ſie am Arm faßte und ſchüttelte. „Wenn Ihr es nicht herausbringen könnt, Ma'am,“ ſagte Mr. Bounderby,„ſo laßt es mich herausbringen. Das iſt keine Zeit für eine Dame, mag ſie auch noch ſo hohe Verbin⸗ dungen haben, um gänzlich unhörbar zu ſein und ſich zu ſtellen, als ſchlinge ſie Schuſſer. Tom Gradgrind, Mrs. Sparſit befand ſich zufälligerweiſe kürzlich in der Lage, eine Un⸗ terredung außer dem Hauſe zwiſchen Eurer Tochter und Eurem liebenswürdigen Gentleman⸗-Freund, Mr. James Harthouſe, mit anzuhören.“ „In der That?“ ſagte Mr. Gradgrind. „Ah! In der That!“ ſchrie Bounderby.„Und in dieſer Unterredung—“ „Es iſt nicht nöthig, ihren Inhalt zu wiederholen, Boun⸗ derby. Ich weiß, was vorgieng.“ „So? Vielleicht,“ ſagte Bounderby und ſtarrte mit ſeiner ganzen Kraft auf ſeinen ſo ruhigen und gefaßten Schwiegervater, „vielleicht wißt Ihr auch, wo Eure Tochter ſich im gegenwärtigen Augenblicke befindet?“ „Ohne Zweifel. Sie befindet ſich hier.“ „Hier?“ „Mein lieber Bounderby, ich bitte Euch, dieſe lauten Aus⸗ brüche zu mäßigen, unter allen Umſtänden. Luiſe iſt hier. So⸗ bald ſie ſich von der Zuſammenkunft mit der Perſon, von welcher Ihr ſprecht und die ich aufrichtig bedaure bei Euch eingeführt zu 16* 244 haben, losmachen konnte, eilte Luiſe hierher, um Schutz zu ſuchen. Ich ſelbſt war erſt wenige Stunden zu Hauſe geweſen, als ich ſie hier in dieſem Zimmer empfing. Sie eilte mit dem Eiſenbahn⸗ zuge zur Stadt, lief von der Stadt zu dieſem Hauſe in einem raſenden Unwetter— und erſchien hier vor mir in einem Zu⸗ ſtande von Geiſtesabweſenheit. Wie ſich von ſelbſt verſteht, iſt ſie ſeitdem hier geblieben. Laßt Euch jedoch inſtändig erſuchen, um Euret⸗ und ihretwillen, ruhiger zu ſein.« Mr. Bounderby ſtarrte einige Augenblicke ſchweigend vor ſich hin, nach jeder Seite, nur nicht nach derjenigen, wo ſich Mrs. Sparſit befand; und dann ſich plötzlich zur Nichte Lady Scadgers wendend, ſagte er zu dieſer unglücklichen Frau: „Nun, Madame! Wir würden uns glücklich ſchätzen, wenn Sie es paſſend finden ſollten, uns eine kleine Entſchuldigung darüber hören zu laſſen, warum Sie eine expreſſe Reiſe über Land unternehmen und kein anderes Gepäck mit ſich führen als ein Altweibermärchen, Madame!“ „Sir,“ flüſterte Mrs. Sparſit,„meine Nerven ſind gegen⸗ wärtig zu ſehr angegriffen und meine Geſundheit iſt gegenwärtig zu ſehr zerrüttet, und zwar in Ihrem Dienſte, um mir etwas anderes zu geſtatten, als meine Zuflucht zu Thränen zu nehmen.“ Und ſo that ſie. „Nun wohl, Madame,“ ſagte Bounderby,„ohne Ihnen eine Bemerkung machen zu wollen, die ſich für eine Frau von guter Familie nicht ſchickt, möchte ich mir doch erlauben, darauf auf⸗ merkſam zu machen, daß es etwas anderes gibt, wozu Sie Ihre Zuflucht nehmen dürften, nämlich eine Kutſche. Und da diejenige, in welcher wir herkamen, noch vor der Thüre ſteht, ſo werden Sie mir erlauben, Sie hinein zu geleiten, und dann packen Sie ſich heim in die Bank. Das beſte, was Sie da thun können, wird ſein, Ihre Füße in das heißeſte Waſſer zu ſtecken, das Sie aushalten können, ein Glas ſiedend⸗heißen Rum mit Butter zu nehmen und dann zu Bette zu gehen.“ Mit dieſen Worten ſtreckte Mr. Bounderby ſeine rechte Hand nach der weinenden Dame aus und eskortirte ſie in das fragliche Fuhrwerk, während ſie noch manche klägliche Schnupfenthräne auf dem Wege vergoß. Er kehrte bald allein zurück. „Nun, da Ihr mir mit Eurer Miene zu verſtehen gegeben habt, Tom Gradgrind, daß Ihr mit mir zu ſprechen wünſcht,“ nahm er wieder das Wort,„hier bin ich. Aber ich bin nicht in b bitte Bou unte 245 einer ſehr angenehmen Stimmung, ich ſage es Euch offen; denn ich finde keinen Geſchmack an dieſer Angelegenheit, ſo wie ſie nun einmal liegt, und ich glaube nicht, daß ich zu jeder Zeit ſo pflicht⸗ ſchuldig und unterwürfig von Eurer Tochter behandelt worden bin, als Joſtah Bounderby von Coketown von ſeiner Frau be⸗ handelt werden ſollte. Ihr habt Eure Meinung, ich darf es ſagen, und ich habe die meinige, denk' ich. Wenn Ihr nun meint, mir heute Abend etwas ſagen zu wollen, das dieſer klaren Be⸗ merkung zuwider läuft, ſo hättet Ihr beſſer gethan es unterwegs zu laſſen.“ Hierbei muß bemerkt werden, daß Mr. Bounderby, da Mr. Gradgrind ſehr ſanft war, ganz beſondere Mühe darauf verwandte, in allen Beziehungen hart zu erſcheinen. Das war ſo ſeine lie⸗ benswürdige Natur. „Mein theurer Bounderby,“ begann Mr. Gradgrind ſeine Entgegnung. „Halt, Ihr müßt mich entſchuldigen, aber ich wünſche nicht zu theuer zu ſein. Das ein für alle Mal. Wenn ich anfange Jemanden theuer zu ſein, ſo finde ich gewöhnlich, daß es ſeine Abſicht iſt, mich über den Löffel zu barbieren. Ich ſpreche nicht höflich zu Euch, denn, damit Ihr es wißt, ich bin nicht höflich. Wenn Ihr Höflichkeit haben wollt, ſo wißt Ihr, wo ſie zu ſuchen. Ihr habt Eure Gentleman⸗Freunde, und dieſe werden Euch ſo. viel von dieſem Artikel vorſetzen, als Ihr wollt. Ich für meine Perſon führe ihn nicht.“ „Bounderby,“ nahm Mr. Gradgrind eifrig das Wort,„wir Alle ſind dem Irrthum unterworfen—« 5 „Ich dachte, Ihr könntet nicht irren,“ unterbrach ihn Bounderby. „Vielleicht dachte ich ſo. Aber ich ſage, wir Alle ſind dem Irrthum unterworfen; und ich würde erkenntlich und dank⸗ bar für Euer Zartgefühl ſein, wenn Ihr mir dieſe Hinweiſungen auf Harthouſe erſparen wolltet. Ich werde dieſen Namen im Laufe unſerer Unterredung nicht mit Eurer Vertraulichkeit und Ermuthigung in Verbindung bringen; beharrt nicht darauf, ich bitte, ihn der meinigen beizugeſellen. „Sein Name iſt nicht über meine Zunge gekommen!“ ſagte Bounderby. „Gut, gut!“ lenkte Mr. Gradgrind mit einer geduldigen, ja unterwürfigen Miene ein. Dann ſaß er eine kleine Weile in Nach⸗ 246 denken verſunken.„Bounderby, ich habe Grund zu zweifeln, ob wir immer Luiſe ganz verſtanden haben.“ „Wen meint Ihr mit dem Wir?“ „Laßt mich denn ſagen: ich,“ erwiederte er auf die plumpe Frage.„Ich trage Bedenken, ob ich Luiſe verſtanden habe. Ich zweifle faſt, ob ich in ihrer Erziehungsweiſe ganz recht gehabt.“ „Da trefft Ihr den richtigen Fleck,“ nahm Bounderby das Wort.„Darin Erziehung iſt— Hals über Kopf zum Hauſe hinausgeworfen, und in allen Dingen, mit Ausnahme der Prügel, kurzgehalten werden. Das iſt es, was ich Erziehung nenne.“ „Ich denke, Euer geſunder Verſtand wird begreifen,“ wandte Mr. Gradgrind in aller Beſcheidenheit ein,„daß, was auch immer die Verdienſte eines ſolchen Syſtems ſein mögen, ſeine allgemeine Anwendung auf Mädchen doch ſchwierig ſein dürfte.“ .„SIch ſehe das durchaus nicht, Sir,“ erwiederte der halsſtar⸗ rige Bounderby. „Nun,“ ſeufzte Gradgrind,„wir wollen nicht auf die Erör⸗ terung dieſer Frage eingehen. Ich verſichere Euch, daß ich keine Luſt zu Controverſen habe. Ich wünſche wo möglich das wieder gut zu machen, was verloren iſt, und ich hoffe, Ihr werdet mir mit gutem Willen beiſtehen, denn ich bin ſehr niedergeſchlagen geweſen.“ „Ich verſtehe Euch noch nicht,“ ſagte Bounderby mit ent⸗ ſchloſſener Halsſtarrigkeit,„und daher kann ich kein Verſprechen geben.“ „Im Verlaufe weniger Stunden, mein lieber Bounderby,“ fuhr Mr. Gradgrind in derſelben gedrückten und verſöhnlichen Weiſe fort,„glaube ich beſſer über Luiſens Charakter unterrichtet worden zu ſein, als in Jahren zuvor. Die Aufklärung iſt mir ſchmerzlich aufgedrungen worden und die Entdeckung alſo nicht mein Verdienſt. Ich glaube, es ſind— Bounderby, Ihr werdet erſtaunt ſein, mich das ſagen zu hören— ich glaube, es ſind Fähigkeiten in Luiſe, welche— welche rauh vernachläſſigt und— und ein wenig verkehrt worden ſind. Und— und ich möchte Euch meine Meinung ausdrücken, daß— daß wenn Ihr mich in dem rechtzei⸗ tigen Bemühen unterſtützen wolltet, ſie eine Zeit lang ihrer beſſeren G bin ich mit Euch einverſtanden. Ihr habt es end⸗ lich gefunden, nicht wahr? Erziehung! Ich will Euch ſagen, was 247 Natur zu überlaſſen, und dieſe durch Zärtlichkeit und Aufmerk⸗ ſamkeit zu ihrer eigenen Entfaltung aufzumuntern— ſo— ſo würde es für unſer aller Glück beſſer ſein. Luiſe,“ ſagte Mr. Gradgrind, indem er ſein Geſicht mit ſeiner Hand bedeckte,„iſt immer mein Lieblingskind geweſen.“ Der polternde Bounderby ſchwoll ſo roth an, als er dieſe Worte hörte, daß er einem Schlagfluſſe nahe zu ſein ſchien und wahrſcheinlich auch war. Obgleich er bis in die beiden Ohr⸗ ſpitzen carmoiſinroth anlief, ſo verſchloß er doch ſeinen Unwillen und ſagte:. „Ihr möchtet ſie gern eine Zeit lang hier behalten?« „Ich— ich hatte allerdings die Abſicht anzurathen, mein lieber Bounderby, daß Ihr Luiſe erlauben möchtet, zu einem Be⸗ ſuche hier zu bleiben, wo ſie dann von Cilli(ich meine natürlich Cäcilie Jupe), die ſie verſteht und ihr Vertrauen genießt, gepflegt werden könnte.“ „Aus alle dem nehme ich ab, Tom Gradgrind,“ ſagte Boun⸗ derby, indem er mit den Händen in der Taſche aufſtand,„daß Ihr der Meinung ſeid, es beſtehe zwiſchen Loo Bounderby und mir Unverträglichkeit, wie man zu ſagen pflegt.“ „Ich befürchte, es beſteht gegenwärtig eine allgemeine Unver⸗ träglichkeit zwiſchen Luiſe und— und— und faſt allen den Ver⸗ hältniſſen, in welche ich ſie gebracht habe,“ war des Vaters ſor⸗ genvolle Antwort. „»Gut, nun merkt auf, Tom Gradgrind,« ſagte Bounderby, indem er ſich ihm gegenüberſtellte mit weit ausgeſpreizten Beinen, ſeine Hände tiefer in den Taſchen, und ſein Haar einem Heufelde vergleichbar, in welchem der Wind ſeines Aergers wühlte.„Ihr habt geſagt, was Ihr zu ſagen habt; ich bin im Begriff, daſſelbe zu thun. Ich bin ein Coketowner Mann. Ich bin Joſtah Boun⸗ derby von Coketown. Ich kenne die Bauſteine dieſer Stadt, und ich kenne die Werke dieſer Stadt, und ich kenne die Kamine dieſer Stadt, und ich kenne den Rauch dieſer Stadt, und ich kenne die »Hände“ dieſer Stadt. Ich kenne das alles ſehr wohl. Das iſt reell. Wenn mir aber Jemand von idealen Eigenſchaften ſpricht, ſo ſage ich ihm ſofort, wer er auch ſein mag, daß ich weiß, was er meint. Er meint Schildkrötenſuppe und Wildpret mit einem goldenen Löffel, und in einer ſechsſpännigen Kutſche fahren. Das iſt es, was Eure Tochter will. Wenn Ihr nun der Meinung ſeid, daß ſie haben ſollte, was ſie will, ſo empfehle ich Euch, es 248 ihr zu verſchaffen. Denn, Tom Gradgrind, von mir wird ſie es nie erhalten.“ „Bounderby,“ erwiederte Mr. Gradgrind,„nach meiner Einlei⸗ tung hoffte ich, Ihr würdet einen anderen Ton angenommen haben.“ „Wartet einmal eben ein bischen,“ entgegnete Bounderby; „Ihr habt geſagt, was Ihr zu ſagen habt, glaube ich. Ich ließ Euch ausſprechen; hört mich auch gefälligſt zu Ende. Macht nicht einen Narren der Unbilligkeit und Ungereimtheit aus Euch, denn obgleich es mir leid thut, Tom Gradgrind auf ſeinen gegenwärtigen Standpunkt herabgeſunken zu ſehen, ſo ſollte es mir doch doppelt leid thun, wenn er ſo tief fiele. Nun wohl, Ihr gebt mir zu verſtehen, daß eine Unverträglichkeit der einen oder der anderen Art zwiſchen mir und Eurer Tochter beſtehe. Ich will Euch als Antwort darauf zu verſtehen geben, daß ohne alle Frage eine Unverträglichkeit erſter Größe hier obwaltet und die iſt in Summa, daß Eure Tochter die Verdienſte ihres Gatten nicht geziemend kennt und die Ehre einer Verbindung mit ihm nicht zu würdigen verſteht, wie ſie es von Gott und Rechts wegen thun müßte. Das iſt verſtändlich geſprochen, hoffe ich.“ „Bounderby,“ verſetzte Mr. Gradgrind mit Nachdruck,„das iſt unvernünftig.“ „In der That?“« ſagte Bounderby. Es iſt mir angenehm, Euch ſo ſprechen zu hören. Denn wenn Tom Gradgrind mit ſeiner ungewöhnlichen Erleuchtung mir ſagt, daß das, was ich ſpreche, unvernünftig ſei, dann muß es einen verteufelten Eindruck machen. Mit Eurer Erlaubniß fahre ich fort. Ihr kennt meine Herkunft und Ihr wißt, daß ich eine ziemliche Reihe meiner Lebensjahre keinen Schuhanzieher brauchte, weil ich keine Schuhe hatte. Jetzt, Ihr mögt das glauben oder nicht, wie es Euch gut dünkt, gibt es Lady's— geborne Lady's— aus Familien— Familien ſage ich— die faſt den Boden küſſen möchten, auf dem ich ſtehe.“ Dieſe Worte warf er ſeinem Schwiegervater, wie eine Ra⸗ kete, herausfordernd an den Kopf. „Gleichwohl,“ fuhr Bounderby fort,„iſt Eure Tochter weit entfernt, eine geborene Lady zu ſein, wie Ihr ſelbſt recht gut wißt. Nicht als ob ich einen Deut auf ſolche Dinge gäbe, Ihr wißt ſehr wohl, daß ich es nicht thue; aber es iſt eine Thatſache, an der Ihr nichts zu ändern vermögt. Warum ſage ich das?« „Nicht, um mich zu ſchonen, fürchte ich;“ bemerkte Mr. Gradgrind mit leiſer Stimme. En ͤ— 249 „»Hört mich zu Ende,“ ſagte Bounderby,„und wartet bis Ihr wieder an die Reihe kommt. Ich ſage das, weil hochgeſtellte Frauen mit Erſtaunen das Benehmen Eurer Tochter bemerkt und ihre Gefühlloſigkeit beobachtet haben. Sie haben ſich gewundert, wie ich es dulden konnte. Und ich wundere mich ſelbſt und will es nicht dulden.“ „Bounderby,“ erwiederte Mr. Gradgrind,„je weniger wir mei⸗ ner Anſicht nach dieſen Abend ſprechen, deſto beſſer wird es ſein.“ „Im Gegentheil, Tom Gradgrind, je mehr wir dieſen Abend ſprechen, deſto beſſer iſt es. Das iſt meine Anſicht. Das heißt,“ fügte er einlenkend hinzu,„bis ich alles geſagt habe, was ich zu ſagen wünſche, und dann iſt es mir gleichguͤltig, wie bald wir uns trennen. Ich komme zu einer Frage, welche unſere Verhand⸗ lungen abkürzen dürfte. Was meint Ihr mit dem Vorſchlag, den Ihr eben gemacht habt?« „Was ich damit meine, Bounderby?« „Mit Eurem Beſuchsvorſchlage,“ ſagte Bounderby mit einem ſtarren Drucke auf ſein Heufeld. »„Ich meine, daß ich hoffe, Ihr dürftet Euch bewegen laſſen, es in freundſchaftlicher Weiſe ſo einzurichten, daß Ihr Luiſe eine Zeit der Ruhe und des Nachdenkens hier geſtattet, was zu einer allmäligen Beſſerung der Verhältniſſe in vielen Beziehungen führen könnte.“ „Zu einem ſanften Erholungsſchlummer auf Euren Ideen von der Unverträglichkeit?“ fiel Bounderby ein. „Wenn Ihr es ſo auffaßt.“ „Was brachte Euch auf den Gedanken?« ſagte Bounderby. „Ich habe es ſchon geſagt, ich fürchte, Luiſe iſt nicht ver⸗ ſtanden worden. Iſt es zu viel verlangt, daß Ihr, Bounderby, inſofern Ihr älter als ſie ſeid, behülflich ſein ſolltet, ſie auf den richtigen Weg zu führen? Ihr habt eine große Laſt auf Euch genommen; trotz alledem——« Mr. Bounderby dürfte von der Wiederholung ſeiner eigenen Worte zu Stephen Blackpool ſehr unangenehm berührt worden ſein; aber er ſchnitt das Citat mit einem ärgerlichen Ruck kurz ab. „Laßt das!“ ſagte er,„ich verlange nicht, hierüber belehrt zu werden. Welcher Mühe und Sorge ich mich unterzog, weiß ich ſelbſt ſo gut, als Ihr. Was ich für ſie gethan habe, geht Euch nichts an, das iſt meine Sache.“. „Ich war einfach im Begriff zu bemerken, daß wir alle mehr b 250 oder weniger gefehlt haben, Ihr eben nicht ausgenommen, Boun⸗ derby; und daß einige Nachgiebigkeit von Eurer Seite, Ange⸗ ſichts der übernommenen Verantwortlichkeit, nicht nur ein Akt aufrichtiger Güte, ſondern vielleicht auch eine Luiſen ſchuldige Pflicht ſein dürfte.“. „Ich denke anders darüber,“ polterte Bounderby heraus; nund werde dieſen Handel gleich nach meiner eigenen Anſicht zu Ende bringen. Seht, ich wünſche mich nicht hierüber mit Euch zu zanken, Tom Gradgrind. Euch die Wahrheit zu ſagen, glaube ich nicht, daß es ſich mit meiner Ehre verträgt, über einen ſolchen Gegenſtand zu zanken. Was Euren Gentleman⸗Freund betrifft, ſo mag er ſich zum Teufel ſcheeren, wohin es ihm gut dünkt. Wenn er mir je in den Weg kommt, ſo werde ich ihm meine Meinung ſagen, fällt er mir nicht in den Weg, ſo werde ich es nicht, denn es würde in dieſem Falle meiner unwürdig ſein, es zu thun. Was Eure Tochter anbetrifft, die ich zu Loo Bounderby gemacht habe, jedoch vielleicht beſſer gethan hätte, bei ihrem Namen Loo Gradgrind zu belaſſen, ſo wiſſet: Wenn ſie nicht morgen Mittag zwölf Uhr nach Hauſe kommt, ſo nehme ich an, daß ſie vorzieht außerhalb zu wohnen, und werde ihr ihre Putz⸗ ſachen u. ſ. w. hierher ſchicken; Ihr aber werdet in Zukunft für ſie zu ſorgen haben. Was ich den Leuten im Allgemeinen in Betreff der Unverträglichkeit ſagen werde, die mich zur Auflöſung des ehelichen Verhältniſſes bewogen hat, wird folgendes ſein. Ich bin Joſiah Bounderby und hatte meine Erziehung; ſie iſt die Tochter von Tom Gradgrind und hatte ihre Erziehung; und die zwei Pferde wollten nicht zuſammengehen. Ich bin, glaube ich, ſehr wohl als ein ziemlich ungewöhnlicher Mann bekannt; und die Mehrzahl wird leicht genug begreifen, daß es auch eine ziemlich außergewöhnliche Frau ſein müßte, welche bei dem langen Laufe Spur mit mir halten könnte.“ „Laßt Euch ernſtlich erſuchen, Bounderby, die Sache noch einmal zu überlegen,“ ſtellte ihm Gradgrind vor,„ehe Ihr einen ſolchen Entſchluß faßt.“ „Mein Entſchluß iſt immer gefaßt,“ ſagte Bounderby, indem er ſeinen Hut aufſetzte,„und was ich auch thue, ich thue es auf einmal. Es müßte mich überraſchen, daß Tom Gradgrind eine ſolche Bemerkung an Joſiah Bounderby von Coketown richtet, nachdem er ſo viel von ihm kennt, als er kennt, wenn mich von Tom Gradgrind noch etwas überraſchen könnte, ſeitdem er 251 ſich an ſentimentalem Humbug betheiligt. Ich habe Euch meinen Entſcheid gegeben und habe nichts mehr zu ſagen. Gute Nacht!“ Hiermit gieng Mr. Bounderby nach ſeinem Hauſe in der Stadt und legte ſich zu Bette. Am folgenden Tage, fünf Minuten nach zwölf Uhr, gab er Befehl Mrs. Bounderby's Effekten ſorg⸗ ſam zu verpacken und in die Wohnung Tom Gradgrind's zu ſen⸗ den, ließ ſeinen Landſitz zum Privatverkauf ausſchreiben und ſetzte ſich wieder auf den Junggeſellenfuß.. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Die Ränuberei in der Bank beſchäftigte fortwährend in erſter Linie die Aufmerkſamkeit des Prinzipals dieſes Etabliſſements. In prahleriſcher Schauſtellung ſeiner Geſchäftsbereitſchaft und Thätig⸗ keit, als ein gewichtiger Mann, und als ein Mann, der es durch ſich ſelbſt geworden iſt, und als ein commercielles Wunder, das wunderbarer als Venus, aus Schlamm anſtatt aus dem Meere emporgeſtiegen iſt, liebte er zu zeigen, wie wenig ſeine häuslichen Angelegenheiten im Stande ſeien, ſeinen Geſchäftseifer niederzu⸗ ſchlagen. Daher bewegte er ſich gleich in den erſten Wochen ſeines wiederangenommenen Junggeſellenſtandes in ſeiner gewöhnlichen geräuſchvollen Weiſe, und erneuerte jeden Tag ſeine Nachforſchun⸗ gen in Betreff des Diebſtahls mit ſolchem Lärm, daß die Polizei⸗ beamten, welche dieſe Sache in Händen hatten, faſt wünſchten, ſie wäre niemals begegnet. 1 Auch waren ſie ganz rathlos und weit ab von der Witterung. Obgleich ſie ſich ſeit Beginn der Angelegenheit ſo ruhig verhalten hatten, daß die meiſten Leute wirklich glaubten, ſie ſei als hoff⸗ nungslos aufgegeben worden, ſo wollte ſich doch kein neuer Inci⸗ denzpunkt zeigen. Keines der implicirten Individuen verrieth unzei⸗ tigen Muth oder that einen compromittirenden Schritt. Und was noch auffallender war, von Stephen Blackpool konnte keine Spur aufgefunden werden, und das geheimnißvolle alte Weib blieb ein Geheimniß. 4 Da die Dinge einen ſolchen Gang nahmen, und ſich keine geheimen Merkmale, die zur Entdeckung hätten führen können, zeigen wollten, ſo war das Endreſultat von Mr. Bounderby's Nachforſchungen, daß er beſchloß einen kühnen Streich zu ris⸗ kiren. Er ſetzte ein Plakat auf, in welchem er zwanzig Pfund Belohnung für die Ergreifung von Stephen Blackpool ausſetzte, 252 als welcher der Theilnahme an dem Einbruche in der Coketowner Bank in der und der Nacht verdächtig ſei; beſchrieb beſagten Stephen Blackpool nach Kleidung, Ausſehen, muthmaßlicher Größe und Manieren ſo genau, als er konnte; erzählte, wie er die Stadt verlaſſen, und nach welcher Richtung hin man ihn zu⸗ letzt habe gehen ſehen; ließ das Ganze in großen ſchwarzen Lettern auf einem Rieſenbogen drucken, und ſorgte dafür, daß die Wände in der Stille der Nacht damit beklebt wurden, ſo daß es der ganzen Bevölkerung mit einem Male in die Augen fallen mußte. An dieſem Morgen hatten die Fabrikglocken nöthig noch einmal ſo ſtark zu läuten, um die Arbeitergruppen zu zerſtreuen, welche mit Tagesanbruch rund um die Plakate verſammelt ſtanden und ſie mit neugierigen Augen verſchlangen. Nicht die am we⸗ nigſten neugierigen von den verſammelten Augen, waren die Augen derjenigen, welche nicht zu leſen verſtanden. Als dieſe Leute der gefälligen Stimme lauſchten, die laut vorlas— es findet ſich immer ſo Jemand, der gerne aus der Noth hilft— ſtarrten ſie mit ſo vagem, ehrfurchsvollem Reſpekt auf die Buchſtaben, daß es faſt ergötzlich geweſen wäre, wenn der Anblick der Unwiſſen⸗ heit ſolcher Leute je anders als bedrohlich und unheilvoll ſein könnte. Manche Augen und Ohren wurden noch vier Stunden ſpäter von dieſen Plakaten als Viſton verfolgt, während die Spin⸗ deln ſchnurrten, die Webſtühle raſſelten und die Räder ſchwirr⸗ ten; und als die„Hände“ wieder auf die Straßen entlaſſen wurden, fanden ſich immer noch ſo viele Leſer, als zuvor. Slackbridge, der Arbeiterdelegirte, hatte dieſen Abend ſein Auditorium darüber zu haranguiren; und Slackbridge hatte ein reines Plakat vom Drucker erhalten und es in ſeiner Taſche mit⸗ gebracht. O! meine Freunde und lieben Landsleute, mit Füßen getretene Arbeiter von Coketown, o! meine lieben Brüder, Ar⸗ beitsgenoſſen, Mitbürger und Collegen, was war das für eine Scene, als Slackbridge das entfaltete, was er das„verdammte Document“ nannte, und es an die Gasflamme hielt zum Abſcheu der Arbeitergemeinde!„O, meine theuren Brüder, ſeht, wozu ein Verräther in dem Feldlager dieſer großen Geiſter, die eingeſchrie⸗ ben ſind auf der heiligen Rolle der Gerechtigkeit und Eintracht, wirklich fähig iſt! O, meine niedergetretenen Freunde, mit dem drückenden Joch der Tyrannen auf eurem Nacken und von dem eiſernen Fuße des Despotismus in den Staub der Erde getreten, wie erfreut würden eure Unterdrücker ſein, euch alle Tage eures 253 Lebens auf den Bäuchen kriechen zu ſehen, wie die Schlange in dem Garten,— o, meine Brüder, und ſoll ich als Mann nicht auch hinzufügen: meine Schweſtern, was ſagt ihr nun von Stephen Blackpool, dem Manne mit einer leichten Senkung an der Schulter und ungefähr fünf Fuß ſteben Zoll Größe, wie es in dieſem entwür⸗ digenden und widerlichen Document, auf dieſem nichtswürdigen Zettel, dieſem ehrloſen Plakat, dieſem abſcheulichen Anſchlag ge⸗ ſchrieben ſteht; und mit welcher Majeſtät der Anklage werdet ihr die Viper zerſchmettern, welche dieſe Schande und Schmach über den gottgleichen Stand bringen würde, der ihn glücklicher Weiſe für immer aus ſeinen Reihen geſtoßen hat! Ja, meine Com⸗ patrioten, glücklicher Weiſe für immer ausgeſtoßen und fortge⸗ ſchickt! Denn ihr erinnert Euch, wie er hier vor euch ſtand auf dieſer Plattform; ihr erinnert euch, wie ich ihn, Auge gegen Auge und Fuß gegen Fuß, durch all' dieſe verwickelten Krüm⸗ mungen hin verfolgte; ihr erinnert euch, wie er ſich klein machte und ſchlich und ſich ſchmiegte und haarſpaltete; bis ich ihn, ohne einen Schatten von Grund, an dem man ſich halten konnte, aus⸗ ſtieß aus unſerer Mitte, als Gegenſtand für den unvergänglichen Finger des Spottes, auf ihn zu weiſen, und für das rächende Feuer jedes freien und denkenden Geiſtes ihn zu verſengen und zu verbrennen! Und jetzt, meine Freunde— meine arbeiten⸗ den Freunde, denn ich ſetze einen triumphirenden Stolz in dieſen „Schandfleck“— meine Freunde, deren harte aber ehrenvolle Betten auf Trübſal gemacht und deren karge aber unabhängige Töpfe auf Mühſeligkeit gekocht ſind; und nun ſage ich, meine Freunde, wie hat ſich dieſe feige Memme auf ſich ſelbſt berufen, jetzt, wo er, die gleisneriſche Maske von ſeinen Laſtern geriſſen, vor uns ſteht in all' ſeiner urſprünglichen Häßlichkeit! Ein was 2 Ein Dieb! Ein Plünderer! Ein geächteter Flüchtling mit einem Preiſe auf ſeinen Kopf; eine Wunde und Eiterbeule auf dem edlen Charakter der Coketown'ſchen Arbeiterverbündeten. Daher meine zu einem heiligen Bunde verbündeten Brüder, einem Bunde, auf welchen eure Kinder und eure Kindeskinder noch ungeboren ihre kindlichen Hände und Siegel gedrückt haben, ſchlage ich euch von Seiten des vereinigten aggregirten Tribunals, immer wachſam für eure Wohlfahrt, immer voll Eifer für euren Nutzen, vor, daß dieſe Verſammlung beſchließe: daß, da Stephen Blackpool, Weber, angezogen in dieſem Plakat, bereits feierlich von der Gemeinde der Coketowner„Hände“ verworfen worden, dieſelbe frei iſt von 254 der Schande ſeiner Miſſethaten, und nicht als Klaſſe für ſeine ehrloſen Handlungen verantwortlich gemacht werden kann!“ So weit Slackbridge, knirſchend und ſchwitzend in's Un⸗ glaubliche. Wenige rauhe Stimmen riefen:„Nein!“ und ein oder zwei Dutzend ſtimmten mit„Hört! Hört!« einem Manne bei, der mit den Worten zur Vorſicht mahnte:„Slackbridge, Ihr verfahrt zu hitzig hierbei, Ihr geht zu weit!« Aber das waren Pygmäen gegen eine Armee; die ungeheure Majorität der Ver⸗ ſammlung unterzeichnete das Slackbridge'ſche Evangelium und brachte ihm ein dreifaches Hoch, als er mit unverkennbarer Be⸗ klemmung ſich zu ihnen niederſetzte. Dieſe Männer und Frauen waren noch in den Straßen und giengen ruhig nach Hauſe, als Cilli, die vor wenigen Minuten von Luiſe weggerufen worden war, zurückkehrte. „Wer iſt es?“ fragte Luiſe. „Es iſt Mr. Bounderby,“ ſagte Cilli, vor dem Namen zu⸗ ſammenſchreckend,„und Euer Bruder, Mr. Tom, nebſt einer jungen Frau, die ſich Rachael nennt und Euch zu kennen vorgibt.“ „Was wollen ſie, liebe Cilli?“ „Sie verlangen Euch zu ſehen. Rachael hat geweint und ſcheint betrübt zu ſein.“ „Vater,“ ſagte Luiſe, denn dieſer war gegenwärtig,„ich kann aus einem ſelbſtverſtändlichen Grunde nicht abſchlagen, ſie zu ſehen. Sollen ſie hereinkommen?“ Als ſie eine bejahende Antwort erhielt, gieng Cilli hinaus um ſie zu holen. Sie kehrte im Augenblick mit ihnen zurück. Tom war der letzte und blieb in der dunkelſten Ecke des Zimmers bei der Thüre ſtehen. „Mrs. Bounderby,“ ſagte ihr Gatte, mit einer kühlen Ver⸗ beugung eintretend,„ich ſtöre Sie hoffentlich nicht. Es iſt eine unpaſſende Stunde, aber dieſes junge Frauenzimmer hier hat Eröffnungen gemacht, welche meinen Beſuch nöthig machen. Tom Gradgrind, da Euer Sohn, der junge Tom, aus irgend einem eigenſinnigen Grunde ſich weigert, das Allergeringſte in Betreff dieſer Eröffnungen auszuſagen, weder Gutes noch Böſes, ſo ſehe ich mich genöthigt, ſie mit Eurer Tochter zu confrontiren.« „Ihr habt mich ſchon einmal früher geſehen, junge Dame,“ ſagte Rachael; indem ſie ſich Luiſe gegenüberſtellte. Tom huſtete. 255 „Ihr habt mich ſchon einmal früher geſehen, junge Dame,“ wiederholte Rachael, als ſie ohne Antwort blieb. Tom huſtete wieder. „So iſt es.“ Rachael warf Mr. Bounderby einen ſtolzen Blick zu und fuhr fort:„Wollt Ihr mittheilen, junge Lady, wo und in welcher Geſellſchaft das war?“ „Ich kam in das Haus, wo Stephen Blackpool wohnte, am Abende ſeiner Entlaſſung, und hier ſah ich Euch. Er war auch da; und eine alte Frau, welche nicht ſprach und kaum zu ſehen war, ſtand in einer dunkeln Ecke. Mein Bruder war mit mir.“ „Warum konntet Ihr das nicht ſagen, junger Tom?“ fragte Bounderby. „Ich verſprach meiner Schweſter, es nicht zu thun.“ Dieß wurde ſchnell von Luiſe beſtätigt.„Und außerdem,“ ſagte der Bengel bitter, verzählt ſie ihre eigene Geſchichte ſo außerordentlich gut und ſo ausführlich, daß es Schade geweſen wäre, ſie ihr aus dem Munde zu nehmen!“ „Saget gefälligſt, Madame,“ fuhr Rachael fort,„warum Ihr zu einer böſen Stunde an jenem Abend überhaupt zu Stephen kamt?“ „Ich fühlte Mitleid mit ihm,“ ſagte Luiſe, ihre Farbe verän⸗ dernd,„und wünſchte zu wiſſen, was er nun anzufangen gedenke, und wollte ihm meinen Beiſtand anbieten.“ „Danke ſchön, Madame,“ ſagte Bounderby.„Sehr ge⸗ ſchmeichelt und verbunden!“ »Botet Ihr ihm,“ fragte Rachael wieder,„eine Banknote an?« „Ja; aber er ſchlug ſie aus und wollte bloß zwei Pfund in Geld annehmen.“ iachut warf Mr. Bounderby abermals einen bedeutungsvollen ick zu.. „O, gewiß!“ verſetzte Bounderby.„Wenn Ihr die Frage ſtellt, ob Eure lächerliche und unglaubliche Erzählung wahr war oder nicht, ſo bin ich zu der Erklärung genöthigt: Sie war es l⸗ „„»„ Junge Dame,“ ſagte Rachael,„Stephen Blackpool iſt jetzt in öffentlichem, durch die ganze Stadt und wo ſonſt überall verbrei⸗ tetem Druckanſchlage als Dieb bezeichnet. Heute Abend hat ein Meeting ſtattgefunden, wo in derſelben ſchimpflichen Weiſe von ihm geſprochen wurde. Stephen, der ehrenhafteſte, treueſte, beſte Burſche!“ Ihr Unwille verſagte ihr die Worte und ſie brach ſchluchzend ab. „Ich bin ſehr, ſehr betrübt darüber,“ ſagte Luiſe. „O! junge Dame, junge Dame,“ erwiederte Rachael,„ich hoffe Ihr ſeid es, aber ich weiß es nicht. Ich kann nicht ſagen, was Ihr gethan haben mögt! Euresgleichen kennt uns nicht, hat keine Theilnahme für uns, gehört nicht zu uns. Ich weiß nicht gewiß, warum Ihr an jenem Abend gekommen ſein mögt. Ich kann Euch nicht ſagen, was für einen eigennützigen Zweck Ihr bei Eurem Beſuche gehabt, da ich nicht vermuthen kann, in welche traurige Lage Ihr den armen Knaben geſtürzt. Damals ſagte ich, Gott lohne Euch Euren Beſuch, und ich ſagte es von Herzen, Ihr ſchient ſo theilnehmend für ihn zu ſein; aber jetzt weiß ich nicht mehr, was ich denken ſoll!“ Luiſe konnte ſie wegen ihres ungerechten Verdachtes nicht bideln⸗ ſie war ſo treu in ihrem Glauben an den Mann und ſo betrübt. „Und wenn ich denke,“ ſagte Rachael unter Schluchzen,„wie der arme Junge dankbar war, da er Euch für ſo gütig hielt; wenn ich mich erinnere, wie er ſeine Hand über ſein abgehärmtes Geſicht legte, die Thränen zu verdecken, die Ihr in ſeine Augen brachtet.— O, ich hoffe, daß Ihr über ſein Unglück betrübt ſein möget, und— daß Ihr keine ſchlimme Urſache dazu habt; aber ich weiß nicht, ich weiß nicht!“ „Ihr ſeid eine ſauberes Stück,“ brummte der Bube, indem er ſich verdrießlich in ſeiner Ecke regte,„mit ſolchen koſtbaren Beſchuldigungen hierher zu kommen! Ihr ſolltet hinausgeworfen werden, da Ihr Euch ſo wenig zu benehmen wißt, und es würde Euch recht geſchehen.“ 3 3 Sie erwiederte nichts, und ihr leiſes Schluchzen war der einzige Ton, der ſich vernehmen ließ, bis Mr. Bounderby das Schweigen mit den Worten unterbrach: „Kommt! Ihr wißt, was Ihr zu thun übernommen habt. Ihr hättet beſſer gethan, Eure Anſicht hierüber mitzutheilen, als über jenen Gegenſtand.“ „Wirklich, es thut mir leid,“ entgegnete Rachael, ihre Augen trocknend,„wenn Jemand hier mich ſo anſehen ſollte; denn ich bin ſonſt nicht gewohnt, ſo angeſehen zu werden. Als ich ge⸗ leſen hatte, Madame, was auf Stephen gedruckt iſt, und was gerade ſo viel Wahrheit enthält, als wenn es auf Euch gedruckt — G&— 257 wäre,— gieng ich direkt zur Bank, um zu erklären, daß ich Stephen's Aufenthalt kenne, und das beſtimmte Verſprechen zu geben, daß er in zwei Tagen hier ſein ſolle. Ich konnte da⸗ mals Mr. Bounderby nicht ſprechen, und Euer Bruder ſchickte mich weg; ich verſuchte nun Euch zu finden, aber auch Ihr waret nicht zu treffen, daher kehrte ich zu meiner Arbeit zu⸗ rück. Sobald ich dieſen Abend aus der Fabrik kam, beeilte ich mich zu hören, was man von Stephen ſpräche— denn ich weiß mit Stolz, er wird zurückkommen und ſeine Verläumder be⸗ ſchämen!— Darauf ſuchte ich wieder Mr. Bounderby auf, fand ihn und erzählte ihm alles haarklein, was ich wußte; er aber laree kein Wort von dem was ich ſagte, und brachte mich ierher.“ „So weit ziemlich wahr,« ſtimmte Mr. Bounderby bei, mit den Händen in den Taſchen und dem Hut auf dem Kopf.„Aber ich kenne euch Art Leute nicht erſt ſeit geſtern, bitte ich zu bemerken, und ich weiß, daß ihr aus Mangel an Worten nie umkommen werdet. Nun, ich empfehle Euch jetzt, weniger zu ſprechen, als zu handeln. Ihr habt übernommen, etwas zu thun; all' meine Bemerkung hierauf iſt gegenwärtig: thut es!“ „Ich habe an Stephen mit der Poſt, die dieſen Nachmittag abgeht, geſchrieben, wie ich ihm ſchon einmal geſchrieben hatte, ſeitdem er abgereist iſt,“ ſagte Rachael,„und er wird ſpäteſtens in zwei Tagen hier ſein.“ „Dann will ich Euch etwas ſagen. Ihr wißt vielleicht nicht,“ erwiederte Mr. Bounderby,„daß man Euch ſelbſt dann und wann beobachten läßt, da ihr als nicht ganz frei von Verdacht in dieſer Angelegenheit angeſehen wurdet, denn meiſtens beurtheilt man die Leute nach dem Umgange, den ſie pflegen. Das Poſtbüreau iſt ebenſo wenig vergeſſen worden. Was ich Euch nun ſagen will, iſt, daß kein Brief an Stephen Blackpool je aufgegeben worden iſt. Daher überlaſſe ich Euch zu rathen, was aus den Eurigen geworden iſt. Vielleicht irrt Ihr Euch und habt niemals an ihn geſchrieben.“ „Er war noch keine Woche von hier weg, Madame,“ ſagte Rachael, indem ſie ſich an das Zutrauen Luiſens wandte,„als er mir den einzigen Brief überſandte, den ich von ihm erhalten habe, und worin er ſagte, daß er ſich genöthigt ſehe, unter einem an⸗ deren Namen Arbeit zu ſuchen.“. „O, bei St. Georg!“ rief Bounderby, den Kopf ſchüttelnd Boz. Schwere Zeiten. 17 258 und pfeifend,„er wechſelt ſeinen Namen, ſo! Das iſt ein ſchlimmer Fall für einen ſo fleckenloſen Tugendhelden. Das gilt, glaube ich, bei den Gerichtshöfen für etwas Verdächtiges, wenn ein Unſchuldiger zufälliger Weiſe mehrere Namen hat.“ „Was,“ ſagte Rachael, und wieder traten ihr Thränen in die Angen,„was um Gottes Barmherzigkeit Willen, blieb dem armen Jungen anders übrig. Die Meiſter gegen ſich auf der einen Seite und die Arbeiter auf der anderen, da er nur ver⸗ langte, in Frieden zu arbeiten und zu thun, was er für Recht hielt. Kann ein Mann keine Seele und keine Ueberzeugung für ſich allein haben? Muß er durch alles Unrecht mit dieſer Seite, oder muß er durch alles Unrecht mit jener Seite gehen, oder ſich wie ein Wild hetzen laſſen?“ „Ja, ja, ich bemitleide ihn von ganzem Herzen,“ erwiederte Luiſe;„und ich hoffe, daß er ſich rechtfertigen wird.“ „Was das betrifft, ſo habt Ihr nichts zu fürchten, junge Dame. Deſſen iſt er gewiß!“ „Um ſo gewiſſer vermuthlich,“ warf Mr. Bounderby ein,„da Ihr zu ſagen verweigert, wo er ſich befindet. He?“« „Er ſoll durch keine Handlung von meiner Seite die unver⸗ diente Schmach erdulden, zurückgebracht zu werden. Er ſoll auf eigenen Antrieb zurückkommen, um ſich zu rechtfertigen, und alle diejenigen beſchämen, welche ſeinen guten Charakter verun⸗ glimpft haben, während er ſelbſt zu ſeiner Vertheidigung nicht zugegen war,“ ſagte Rachael, allem Mißtrauen trotzend, wie ein Felſen im Meere,„und er wird längſtens in zwei Tagen hier ſein.“ „Nein, noch mehr als dieß,“ ſetzte Mr. Bounderby hinzu, „wenn er an einem früheren Tage zu haben iſt, ſo ſoll er noch eher Gelegenheit zu ſeiner Rechtfertigung finden. Was Euch betrifft, ſo habe ich nichts gegen Euch. Was Ihr mir geſagt habt, erweist ſich als wahr, und ich habe Euch die Mittel verſchafft, die Wahr⸗ heit zu beweiſen, damit iſt die Sache zu Ende. Ich wünſche euch aller Seits gute Nacht. Ich muß mich an's Werk machen, um ein wenig weiter in dieſer Sache zu ſehen.“ Tom kam aus ſeiner Ecke, als Mr. Bounderby aufbrach, brach ebenfalls auf, hielt ſich dicht hinter ihm und gieng mit ihm hin⸗ weg. Der einzige Gruß, zu dem er ſich herabließ, war ein mür⸗ riſches„Gute Nacht, Vater!“ Mit dieſem kurzen Worte und einem finſteren Geſichte für ſeine Schweſter, verließ er das Haus. — — ²ʃ— N —— 9u— 2— — 259 Seitdem ſein Stammhalter in das Haus getreten war, hatte Mr. Gradgrind kein Wort geſprochen; er ſaß noch ſchweigend, als Luiſe in einem milden Tone ſagte: „Rachael, Ihr werdet eines Tages kein Mißtrauen in mich ſetzen, wenn Ihr mich beſſer kennt.“ „Es geht mir wider die Natur,“ antwortete Rachgel freund⸗ licher,„in Jemanden Mißtrauen zu ſetzen; aber wenn man mir ſo ſehr mißtraut, wenn man uns allen ſo ſehr mißtraut— ſo kann ich eine gleiche Empfindung nicht ganz fern halten. Ich bitte um Verzeihung, daß ich Euch Unrecht gethan habe. Jetzt glaube ich nicht mehr, was ich ſagte. Doch könnte ich wieder dahin kommen es zu glauben, da man dem armen Jungen ſo großes Unrecht thut.“ „Sagtet Ihr ihm in Eurem Briefe,“ fragte Cilli,„daß Ver⸗ dacht auf ihn gefallen zu ſein ſchiene, weil er des Nachts bei der Bank geſehen worden ſei? Er würde dann wiſſen, worüber er ſich zu erklären hat, wenn er zurückkommt und vorbereitet ſein.“ „Ja, Liebe,“ antwortete ſie;„aber ich kann nicht errathen, was ihn dahin getrieben haben mag. Er pflegte nie dahin zu gehen. Das lag ganz außer ſeinem Wege. Sein Weg war der⸗ ſelbe, wie der meinige, und niemals dahinaus.“ 3 Cilli war ſchon an ihrer Seite und fragte ſie, wo ſie wohne, und ob ſie morgen Abend kommen und ſich nach Neuigkeiten von ihm erkundigen dürfe. „Ich glaube nicht,“ ſagte Rachael,„daß er am morgenden Tag hier ſein kann.“ „Dann will ich auch nächſten Abend kommen,“ erwiederte Cilli. Als Rachael zugeſtimmt hatte und gegangen war, erhob Mr. Gradgrind ſeinen Kopf und ſagte zu ſeiner Tochter: „Luiſe, meine Theure, ich habe niemals, daß ich wüßte, dieſen Mann geſehen. Hältſt du ihn für ſchuldig?« „Ich glaube, ich habe ihn dafür gehalten, Vater, obgleich mit großem Widerſtreben. Ich halte ihn nicht mehr dafür.* „Das heißt, es gab eine Zeit, wo du dich ſelbſt überredeteſt, es zu glauben, weil du wußteſt, daß er verdächtig war. Seine Erſcheinung und Manieren, ſind ſie ehrbar?“ „Sehr ehrbar.“ 8 „Und ihr Vertrauen nicht zu erſchüttern! Ich frage mich oft ſelbſt,“ ſagte Mr. Gradgrind ſinnend,„weiß der wirkliche Schuldige von dieſen Anklagen? Wo iſt er? Wer iſt er 2 17* 260 Sein Haar hatte ſeit Kurzem begonnen, die Farbe zu än— dern. Als er ſich wieder ſo auf ſeine Hand ſtützte und grau und alt ausſah, eilte Luiſe, Beſorgniß und Theilnahme in ihren Zügen, voll Unruhe auf ihn zu und ſetzte ſich dicht an ſeine Seite. Ihre Augen trafen zufällig die Cilli's, welche erſchrocken auf die Gruppe geheftet waren, und Luiſe legte ihren Finger an die Lippen. Am nächſten Abend, als Cilli heimkam und Luiſe erzählte, daß Stephen nicht gekommen ſei, that ſie es flüſternd. Am darauf folgenden Abend, als ſie mit derſelben Nachricht nach Hauſe kam und hinzufügte, daß er nicht das Geringſte von ſich habe hören laſſen, ſprach ſie in demſelben gedämpften, furchtſamen Tone. Von dem Augenblicke an, wo ſie dieſe Blicke gewechſelt, erwähnten ſie niemals ſeinen Namen, oder irgend etwas, das mit ihm in Beziehung ſtand, laut; noch wurde jemals die Diebſtahlsaffaire verfolgt, wenn Mr. Gradgrind davon ſprach. Die zwei ausbedungenen Tage verfloſſen, drei Tage und Nächte verfloſſen, und Stephen Blackpool erſchien nicht, er blieb verſchollen. Am vierten Tage kam Rachael, mit unerſchütter⸗ lichem Vertrauen, jedoch in der Meinung, daß ihr Brief verun⸗ glückt ſei, zur Bank und zeigte ihren von ihm erhaltenen Brief mit ſeiner Adreſſe in einer Arbeiter⸗Colonie, die abſeits von der Hauptſtraße lag, ſechzig Meilen weit. Boten wurden zu dieſem Ort geſchickt, und die ganze Stadt war erwartungsvoll, Stephen am folgenden Tage eingebracht zu ſehen. Während dieſer ganzen Zeit folgte der Bengel Mr. Boun⸗ derby wie ſein Schatten und nahm thätigen Antheil an allen Proceduren. Er war ſehr aufgeregt, ſchrecklich erhitzt, zerbiß ſeine Nägel bis in's Fleiſch, ſprach mit rauher, raſſelnder Stimme und mit Lippen, die ſchwarz und verbrannt erſchienen. Zur Stunde, wo der verdächtige Mann erwartet wurde, war der Bengel an der Station, Wetten anbietend, daß er vor Ankunft der didlizeibdten ſich davon gemacht haben und nicht erſcheinen werde. Der Bengel hatte Recht, die Boten kehrten allein zurück. Nachaels Brief war abgegangen, Rachaels Brief war abgegeben, Stephen Blackpool hatte zur ſelben Stunde ſich aus dem Staub gemacht; und keine Seele wußte mehr von ihm. Der einzige Zweifel in Coketown war, ob Rachael geſchrieben hatte in gutem Glauben, daß er zurückkommen würde, oder ob ſie ihn gewarnt, ——— 261 um ſeine Flucht zu erleichtern. In dieſem Punkte waren die Mei⸗ nungen verſchieden. 1 Sechs Tage, ſieben Tage, eine neue Woche. Der gemarterte Bengel trug einen todtenbleichen Muth zur Schau und begann trotzig zu werden.„War der verdächtige Menſch der Dieb? Eine hübſche Frage! Wenn nicht, wo war der Mann, und warum kam er nicht zurück?« Wo war der Mann und warum kam er nicht zurück? In der Stille der Nacht kehrte das Echo ſeiner eigenen Worte, die am Tage, der Himmel weiß, wie weit gerollt waren, wieder zu ihm zurück und weilten bei ihm bis zum Morgen. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Tag und Nacht vergiengen wieder und wieder. Kein Stephen Blackpool. Wo war der Mann und warum kam er nicht zurück? Jeden Abend kam Cilli zu Rachaels Wohnung, und ſetzte ſich mit ihr nieder in ihrem kleinen, reinlichen Zimmer. Den ganzen Tag mühte ſich Rachael an ihrer Arbeit ab, wie ſich dieſer Schlag Leute abmühen muß, ſo groß ihr Kummer auch ſein mochte. Die Rauchſchlangen waren gleichgiltig dagegen, wer verloren oder ge⸗ funden wurde, wer einen guten oder ſchlimmen Ausgang nahm; die melancholiſch tollen Elephanten verloren, gleich den Männern der„harten Thatſachen“, nichts von ihrer geſetzten Routine, was immer auch ſich ereignen mochte. Ein Tag nach dem andern, eine Nacht nach der andern. Die Einförmigkeit war ununterbrochen. Selbſt Stephen Blackpool's Verſchwinden fiel der Alltäglichkeit anheim und wurde ein ſo monotones Wunder als ein Maſchinen⸗ ſtück von Coketown. „Ich zweifle,“ ſagte Rachael,„ob im Ganzen noch zwanzig in der ganzen Stadt übrig ſind, welche an den armen, lieben Jungen noch Glauben haben.“ Sie ſagte das zu Cilli, als ſie in ihrer Wohnung beiſammen ſaßen, die einzig von der Lampe an der Straßenecke beleuchtet wurde. Cilli war hergekommen, als es ſchon dunkel war, um ihre Heimkehr von der Arbeit zu erwarten; und ſie hatten ſeitdem am Fenſter geſeſſen, wo Rachael ſie gefunden, ohne ein helleres Licht zu verlangen, um ihr kummervolles Geſpräch zu beſcheinen. »„Wenn es nicht aus Barmherzigkeit ſo veranſtaltet wäre, daß ich mit Euch ſprechen könnte,“ fuhr Rachael fort,„ſo gibt es 262 Zeiten, wo ich glaube, mein Verſtand würde ſich nicht unverwirrt gehalten haben. Aber ich erhalte Hoffnung und Stärke durch Euch; und Ihr glaubt, daß, obgleich der Anſchein ſich gegen ihn erheben mag, er unſchuldig erfunden werden wird.“ „Ich glaube ſo,“ antwortete Cilli,„von ganzem Herzen. Ich fühle ſo zuverſichtlich, Rachael, daß das Vertrauen, das Ihr allen Entmuthigungen zum Trotze auf das Eurige ſetzt, nicht falſch ſein kann, daß ich nicht mehr an ihm zweifle, als wenn ich ihn durch die Erfahrung ſo vieler Jahre kennen gelernt hätte, wie Ihr.“ „Und ich, meine Theure,“ ſagte Rachael mit zitternder Stimme,„habe ihn während aller dieſer Zeit als ſo treu gegen alles Edle und Gute in ſeiner ruhigen Weiſe erkannt, daß, ſelbſt wenn nie wieder etwas von ihm gehört und ich hun⸗ dert Jahre alt werden ſollte, ich mit meinem letzten Athemzuge erklären könnte: Gott kennt mein Herz, ich habe nicht ein ein⸗ ziges Mal im Vertrauen auf Stephen Blackpool geſtrauchelt!“ „In unſerem Hauſe, Rachael, glaubt Alles, daß er vom Ver⸗ dachte frei kommen werde, früher oder ſpäter.“ „Je mehr ich erkenne, daß man dort ſo geſinnt iſt, meine Theure, und je dankbarer ich es empfinde, daß Ihr von dort herkommt, in der Abſicht mich zu erfreuen, mir Geſellſchaft zu leiſten, und bei mir geſehen zu werden, während ich ſelbſt noch nicht von allem Verdachte frei bin; deſto mehr betrübt es mich, daß ich je dieſe mißtrauiſchen Worte zu der jungen Lady ſprechen konnte. Und noch—“ „Ihr ſetzt kein Mißtrauen mehr in ſie, Rachael?“ „Jetzt, wo Ihr uns einander näher gebracht habt, nein. Aber ich kann es nicht zu jeder Zeit aus meinem Sinne verbannen—“ Ihre Stimme ſank ſo vollſtändig zu einem leiſen und lang⸗ ſamen Inſichhineinreden herab, daß Cilli, obgleich an ihrer Seite, genöthigt war, mit Aufmerkſamkeit zu horchen. „Ich kann es nicht zu jeder Zeit aus meinem Sinne ver⸗ bannen, irgend Jemanden in Verdacht zu haben. Ich kann mir nicht denken, wer es iſt, ich kann mir nicht denken, wie und warum es geſchehen ſein mag, aber ich hege Verdacht, daß Je⸗ mand Stephen aus dem Wege geräumt hat. Ich hege Verdacht, daß irgend Jemand durch ſeine freiwillige Zurückkunft und dadurch, daß er ſich vor ihnen allen als unſchuldig erweiſen werde, ſich — 9— 263 unangenehm berührt gefühlt haben würde und, um das zu ver⸗ hüten, ihn aufgehalten und aus dem Wege geräumt hat.“ „Das iſt ein ſchrecklicher Gedanke,“ ſagte Cilli erbleichend. „Es iſt ein ſchrecklicher Gedanke, anzunehmen, daß er ge⸗ mordet ſein könnte.“ Cilli ſchauderte und wurde noch bleicher. „Wenn er mir in den Sinn kommt, Liebe,“ ſagte Rachael, „und er wird oft kommen, obgleich ich alles thue, um ihn mir fern zu halten, indem ich bis zu hohen Zahlen bei meiner Arbeit zähle und immer wieder und wieder Stücke herſage, die ich wußte, als ich Kind war,— ſo verfalle ich in eine ſo wilde, heiße Un⸗ ruhe, daß ich trotz meiner Ermüdung nöthig habe, in meiner aufgeregten Haſt meilenweit zu gehen. Ich muß die Oberhand darüber gewinnen, ehe ich ſchlafen gehe. Laßt mich mit Euch nach Hauſe gehen.“ 3 „Er könnte vielleicht auf der Rückreiſe krank geworden ſein,“ verſetzte Cilli, indem ſie ihr ſchüchtern einen abgenutzten Hoff⸗ nungsbroſamen vorwarf;„und in dieſem Falle gibt es viele Orte längs dem Wege, wo er weilen könnte.“ „Aber er iſt in keinem von allen. Er iſt in allen geſucht und nicht gefunden worden.“ „Wahr,“ mußte Cilli widerſtrebend zugeſtehen. „Er konnte den Weg in zwei Tagen machen. Wenn er ſchlecht zu Fuß und nicht gehen konnte, ſo ſchickte ich ihm in dem Brief, den er erhielt, das Geld, um zu fahren, damit er ſein eigenes nicht auszugeben brauche.“ „Laßt uns hoffen, daß der morgende Tag etwas beſſeres bringen werde, Rachael. Kommt an die Luft!« Ihre freundliche Hand legte Rachael's Shawl über ihr glän⸗ zend ſchwarzes Haar zurecht in der gewöhnlichen Weiſe, wie ſie ihn trug, und ſie giengen aus. Da der Abend ſchön war, ſo befanden ſich kleine Arbeitertruppen draußen, hier und da an den Straßenecken ſtehen bleibend; aber für den größten Theil der⸗ ſelben war es Abendeſſenzeit, und daher waren nur wenige Leute auf den Straßen. „Ihr ſeid gegenwärtig nicht ſo aufgeregt, Rachael, und Eure Hand iſt kühler.“. „Es geht beſſer mit mir, meine Theure, wenn ich nur gehen und ein wenig friſche Luft ſchöpfen kann. Zur Zeit, wo ich es nicht kann, werde ich ſchwach und verwirrt. 264 „Aber Ihr dürft nicht anfangen ſchwach zu werden, denn man könnte Eurer einſt bedürfen um Stephen zur Seite zu ſtehen. Morgen iſt Sonnabend. Wenn wir morgen nichts Neues hören, ſo laßt uns am Sonntag Morgen einen Spaziergang auf's Land machen und uns für eine neue Woche ſtärken. Wollt Ihr?“ „Ja, Beſte.“ Sie befanden ſich jetzt in der Straße, wo Mr. Bounderby's Haus ſtand. Der Weg zu Cilli's Beſtimmungsorte führte ſie an der Thüre vorüber und ſie giengen gerade darauf los. Vor Kurzem war ein Eiſenbahnzug in Coketown angekommen, welcher eine Anzahl Fahrzeuge in Bewegung geſetzt und ein beträchtliches Ge⸗ räuſch uͤber die Stadt verbreitet hatte. Verſchiedene Kutſchen raſſelten vor ihnen und hinter ihnen, als ſie ſich Mr. Bounderby's Wohnung näherten; und eine von den letzteren fuhr mit ſolcher Vehemenz vor, als beabſichtige ſie das Haus umzufahren, ſo daß ſie ſich unwillkürlich umſahen. Das helle Gaslicht über Mr. Bounderby's Treppe ließ ſie Mrs. Sparſit in der Chaiſe erblicken und das in einem Uebermaß von Aufregung, während ſie ſich an⸗ ſtrengte, den Schlag zu öffnen. Mrs. Sparſit, welche ſie in demſelben Augenblicke bemerkte, rief ihnen zu, anzuhalten. „Das iſt ein glücklicher Zufall,“ ſchrie Mrs. Sparſit, als ſie vom Kutſcher herausgelaſſen worden war.„Das iſt ein Wink der Vorſehung! Kommt heraus, Madame,“ ſagte ſie darauf zu Jemanden drinnen,„oder wir werden Euch heraustragen müſſen!“ Hierauf ſtieg Niemand anders als das geheimnißvolle alte Weib heraus. Mrs. Sparſit hielt ſie unabläſſig am Kragen feſt. „Rührt ſie nicht an, kein Menſch!“ rief Mrs. Sparſit mit großer Energie.„Laßt Niemand ihr nahe kommen. Sie gehört mir. Kommt herein, Madame, oder wir werden Euch herein⸗ ſelendent⸗ ſagte ſie darauf, ihr früheres Commandowort wieder⸗ olend. Der Anblick einer Matrone von claſſiſcher Haltung, welche ein altes Weib am Schopfe gefaßt hält und ſie in ein Wohnhaus ſchleppt, würde unter allen Umſtänden für alle ächt engliſchen Pflaſtertreter, denen das Glück geworden es zu ſehen, eine hin⸗ reichende Verſuchung geweſen ſein, ſich mit Gewalt einen Weg in dieſes Wohnhaus zu bahnen und die Geſchichte mit anzuſehen. Aber wenn dieſes Phänomen noch erhöht worden wäre durch das Notoriſche und das Geheimnißvolle, das ſich zur Zeit in der ganzen Stadt an die Bankränberei knüpfte, ſo würde es die 265 Pflaſtertreter hineingezogen haben mit unwiderſtehlicher Gewalt, felbſt wenn zu erwarten geſtanden hätte, daß die Decke über ihren Häuptern zuſammenfalle. Demgemäß drängten ſich die Zuſchauer, welche ſich zufällig vor dem Hauſe befanden und aus einigen fünfundzwanzig der flinkſten Nachbarn beſtanden, dicht hinter Cilli und Rachael hinein, als dieſe hinter Mrs. Sparſit und ihrem Opfer eintraten; und die ganze Maſſe machte einen wüſten Einfall in Mr. Bounderby's Speiſeſaal; und ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren, ſtiegen die Leute auf die Stühle um beſſer über die Vornſtehenden hinwegſehen zu können. „Ruft Mr. Bounderby herunter!« ſchrie Mrs. Syparſit. „Jungfer Rachael, wißt Ihr, wer das iſt?“ „Es iſt Mrs. Pegler,“ antwortete Rachgel. „Ich ſollte denken, daß ſie es iſt!“ rief Mrs. Sparſit froh⸗ lockend.„Holt Mr. Bounderby. Weg von hier, Jedermann!“ Hier murmelte die alte Mrs. Pegler, während ſie ſich verhüllte und der Beobachtung entzog, ein bittendes Wort.„Nichts da⸗ von,“ rief Mrs. Sparſit laut,„ich habe Euch zwanzig Mal auf dem Wege geſagt, daß ich Euch nicht laſſen will, bis ich Euch ihm ſelbſt überliefert habe.“ Jetzt erſchien Mr. Bounderby, in Begleitung von Mr. Grad⸗ grind und ſeinem Bengel, mit denen er eben Conferenz gehalten hatte. Mr. Bounderby ſah mehr erſchrocken als gaſtfreundſchaft⸗ lich aus, als er dieſe ungebetene Geſellſchaft in ſeinem Speiſe⸗ zimmer zu Geſichte bekam. „Wie, was iſt da los!“ rief er aus;„Mrs. Sparſit, Madame?“ „Sir,“ erklärte die würdige Fran,„ich ſchätze mich glücklich, eine Perſon vorzuführen, die zu finden Sie großes Verlangen ge⸗ tragen haben. Angefeuert von dem Wunſche, Ihrer Abſicht zu Hülfe zu kommen, Sir, und die unvollkommenen Leitfäden zu dem Landestheile, wo dieſe Perſon ſich möglicher Weiſe aufhalten könnte, wie ſie von der jungen Rachael, glücklicher Weiſe hier gegenwärtig, um die Identität zu beweiſen, dargeboten wurden, an einander knüpfend, war ich ſo glücklich, meine Bemühungen von Erfolg gekrönt zu ſehen und beſagte Perſon mitzubringen, ich brauche nicht hinzuzufügen, ganz gegen ihren Willen. Es iſt nicht ohne einige Beſchwerlichkeit geweſen, daß ich es durchgeſetzt habe; aber Beſchwerlichkeit in Ihrem Dienſte iſt mir ein Ver⸗ gnügen, und Hunger, Durſt und Kälte eine wirkliche Gratification.“ Hier hielt Mrs. Sparſit inne, denn Mr. Bounderby's Geſicht — — 266 zeigte eine außergewöhnliche Miſchung von allen möglichen Farben und Aeußerungen des Mißvergnügens, als ſich die alte Mrs. Pegler ſeinem Blicke entſchleierte. „Wie, was meinen Sie damit?“ lautete ſeine höchlich uner⸗ wartete Frage, in großem Zorne.„Ich frage Sie, was Sie damit meinen, Mrs. Sparſit, Madame?“ »„Sir!“ rief Mrs. Sparſit, mit einer Ohnmacht ringend. „Warum bekümmern Sie ſich nicht um Ihre eigenen Ange⸗ legenheiten, Madame?“ brüllte Mr. Bounderby. Wie erkühnen Sie ſich, Ihre zudringliche Naſe in meine Familienangelegen⸗ heiten zu ſtecken?« Dieſe Anſpielung auf ihren Liebling über⸗ wältigte Mrs. Sparſit, ſie fiel ſteif auf einen Stuhl nieder, als wenn ſie erfroren wäre; und mit einem ſtarren Blick auf Mr. Bounderby rieb ſie langſam ihre Handſchuhe gegen einander, als wären ſie auch erfroren. „Mein theurer Joſiah!“ rief Mrs. Pegler zitternd.„Mein liebes Kind! Ich bin nicht zu tadeln. Es iſt nicht meine Schuld, Joſiah! Ich ſagte dieſer Lady immer wieder und wieder, daß ich wüßte, ſie wäre im Begriff etwas zu thun, was dir nicht ange⸗ nehm ſein würde, aber ſie wollte es ſo.« „Warum ließt Ihr Euch von ihr herbringen? Konntet Ihr nicht ihr die Haube ein⸗ oder einen Zahn ausſchlagen, oder ſie kratzen oder ihr etwas anderes anthun?« fragte Bounderby. „»Mein leibliches Kind! Sie drohte mir, daß ich, wenn ich ihr Widerſtand leiſtete, von Conſtablern transportirt werden würde, und es ſei beſſer ruhig mitzukommen, als einen ſolchen Aufruhr in einem—“ Mrs. Pegler blickte ſcheu aber ſtolz rund um die Wände—„ſo feinen Hauſe, wie dieſes zu erregen. Wahrlich, wahr⸗ lich, es iſt nicht meine Schuld! Mein lieber, guter, ſtattlicher Junge! Ich habe immer ruhig und geheim gelebt, Joſiah, mein Geliebter. Ich habe nicht ein einziges Mal die Bedingung ge⸗ brochen. Ich habe nie geſagt, ich ſei deine Mutter. Ich habe dich aus der Entfernung bewundert; und wenn ich zuweilen zur Stadt kam, in langen Zwiſchenräumen, um einen ſtolzen Blick auf dich zu thun, ſo habe ich es unerkannt gethan, meine Seele, und bin wieder weggegangen.“ Mr. Bounderby, ſeine Hände in den Taſchen, gieng in quälender Ungeduld längs dem langen Speiſetiſche auf und ab, während die Zuſchauer gierig jede Sylbe von Mrs. Pegler's Rede 267 verſchlangen und mit jeder neuen Sylbe größere Augen machten. Da Mr. Bounderby noch auf und ab gieng, als Mrs. Pegler geendet hatte, ſo redete Mr. Gradgrind das gehaßte alte Weib an: „Ich bin erſtaunt, Madame,“ bemerkte er ſtreng,„daß Ihr in Euren alten Tagen noch die Stirne habt, auf Mr. Bounderby als Euren Sohn Anſpruch zu machen, nachdem Ihr ihn ſo un⸗ natürlich und unmenſchlich behandelt.“ „Ich unnatürlich!“ ſchrie die arme alte Mrs. Pegler.„Ich unmenſchlich gegen mein theures Kind?“ „Theuer!« wiederholte Mr. Gradgrind.„Ja theuer durch ſein ſelbſt erworbenes Vermögen, Madame, nehme ich mir die Freiheit zu ſagen. Jedoch nicht ſehr theuer, als Ihr ihn in ſeiner Kindheit verließet und der Rohheit einer verſoffenen Großmutter anheimgabt.“ „Ich meinen Joſiah verlaſſen!“ rief Mrs. Pegler aus, ihre Hände zuſammenſchlagend.„Nun, der Herr vergebe Euch Eure gottloſen Erfindungen und Eure Sünde gegen das Andenken meiner armen Mutter, welche in meinen Armen ſtarb, ehe Joſiah geboren ward. Möget Ihr Reue deßhalb fühlen, Sir, und leben, um zur beſſeren Erkenntniß zu gelangen!“ Sie war ſo ernſthaft und empört, daß Mr. Gradgrind, von der Möglichkeit, die in ihm aufdämmerte, betroffen, in freund⸗ licherem Tone weiter ſagte: „Ihr läugnet alſo, Madame, daß Ihr Euren Sohn in einer Goſſe ſeinem Schickſal überließt?“. „Joſiah in der Goſſe!« rief Mrs. Pegler aus.„Nichts von der Art, Sir. Schämt Euch vor Euch ſelbſt! Mein liebes Kind weiß, und wird es Euch wiſſen laſſen, daß, wenn er auch von geringen Eltern herkommt, er doch von Eltern herkommt, die ihn ſo ſehr liebten, als es die beſten unr zu thun vermöchten, und es nie für eine harte Entbehrung hielten, ſich einen Biſſen abzuzwacken, damit er gut ſchreiben und rechnen lernen möchte; und ich habe ſeine Bücher noch zu Hauſe, die es beweiſen. Wahrhaftig, ich habe ſie!« ſagte Mrs. Pegler mit unwilligem Stolze.„Und mein lieber Knabe weiß, und wird es Euch auch wiſſen laſſen, Sir, daß nach ſeines geliebten Vaters Tode, als er acht Jahre alt war, ſeine Mutter ſich ebenfalls ein Bischen abſparen konnte, wie zu thun ihre Schuldigkeit und ihr Stolz und ihr Glück war, um ihm im Leben aufzuhelfen und Erziehung beizubringen. Und b — 268 da er ein beharrlicher Junge war und einen gütigen Lehrer zur Seite ſtehen hatte, ſo gieng er ſchön ſeinen eigenen Weg vor⸗ wärts, bis er reich und glücklich wurde. Und ich will Euch wiſſen laſſen, Sir,— für den Fall, daß mein lieber Sohn nicht will— daß, obgleich ſeine Mutter nur eine kleine Dorfbude hält, er ſie nimmer vergaß, ſondern mir eine Penſion von dreißig Pfund jährlich ausſetzte,— mehr als ich nöthig habe, denn ich lege davon auf die Seite— indem er nur die Bedingung ſtellte, daß ich mich in ſtiller Zurückgezogenheit halten, nicht mit ihm groß⸗ thun und ihn nicht in Verlegenheit bringen ſollte. Und ich habe es nie gethan, außer daß ich einmal des Jahrs nach ihm ſah, während er es nie wußte. Und es iſt recht,“ ſagte die arme alte Mrs. Pegler in ihrer liebevollen Vertheidigung,„daß ich mich zurückhalten ſollte, und ich habe gar keinen Zweifel, daß ich, wenn ich hier wäre, gar viel unpaſſende Dinge thun würde, und ich bin wohl zufrieden damit, und ich kann meinen Stolz auf meinen Joſiah für mich behalten, und ich kann lieben um der Liebe ſelbſt willen. Und ich ſchäme mich in Eure eigene Seele hinein, Sir,“ ſagte Mrs. Pegler am Ende,„für Eure Lügen und Verdächtigungen. Und ich ſtand hier nie zuvor, noch verlangte ich je hier zu ſtehen, da mein theurer Sohn nein ſagte. Und ich würde auch jetzt nicht hier ſein, wenn ich nicht hierher ge⸗ bracht worden wäre. Und Scham über Euch, ol der Schande, mich anzuklagen, meinem Sohn eine ſchlechte Mutter geweſen zu ſein, während ich mit meinem Sohn hier ſtehe, um Euch ſo ganz anders zu berichten!“ Die Beiſtehenden, an und auf den Stühlen des Speiſezim⸗ mers, erhoben ein Gemurmel der Theilnahme für Mrs. Pegler, und Mr. Gradgrind fühlte ſich unſchuldiger Weiſe in eine ſehr unangenehme Lage verſetzt, als Mr. Bounderby, der unabläſſig auf⸗ und niedergegangen, und mit jedem Augenblicke dicker und dicker aufgeſchwollen und röther und röther geworden war, ſeine Promenade kurz abbrach. „Ich weiß nicht,« ſagte er,„wie ich dazu komme, mit der Gegenwart der anweſenden Geſellſchaft beehrt zu werden, aber ich will es unerörtert laſſen. Wenn ſie ganz zufrieden geſtellt ſind, ſo wollen ſie vielleicht ſo gut ſein, ſich zu verlieren; oder mögen ſie zufriedengeſtellt ſein, oder nicht, vielleicht wollen ſie doch ſo gut ſein, ſich zu verlieren. Ich bin nicht verbunden, eine Vorleſung über meine Familienangelegenheiten zu halten, ich habe 269 nicht übernommen es zu thun, und bin nicht Willens es zu thun. Daher werden diejenigen, welche irgendwelche Auseinanderſetzung über dieſen Gegenſtand erwarten, ſich ſehr getäuſcht ſehen,— namentlich Tom Gradgrind und er kann dieſes nicht zu früh er⸗ fahren. Den Bankdiebſtahl anlangend, iſt hier ein Verſehen ge⸗ macht, ſo weit es meine Mutter betrifft. Wenn hier nicht Ueber⸗ dienſtfertigkeit ſtattgefunden hätte, ſo würde es nicht gemacht worden ſein, und ich haſſe Ueberdienſtfertigkeit zu jeder Zeit, mit oder ohne Erfolg. Guten Abend!“ Obgleich Mr. Bounderby es in dieſer Weiſe todt zu ſchlagen ſuchte, indem er die Thüre für den Abmarſch ſeiner Geſellſchaft offen hielt, ſo war doch etwas Schafmäßiges an ihm, das ihn zu gleicher Zeit ſehr niedergeſchlagen und über alle Maßen lächerlich erſcheinen ließ. Entlarvt als ein Menſch, der von Niedrigkeit renommirt, der ſeine windige Reputation auf Lügen erbaut und in ſeiner geräuſchvollen Prahlerei den ehrenhaften Glauben ſo weit von ſich geworfen hatte, als wenn er die verächtlichen Anſprüche erhoben hätte(es gibt keine verächtlicheren) ſich an einen Stammbaum zu heften, machte er eine höchſt komiſche Figur. Als das Volk an der Thüre vorüberzog, welche er hielt, und ihn die Ueberzeugung überkam, daß daſſelbe das Geſchehene in der ganzen Stadt herumtragen und ſeinen Namen den vier Winden preisge⸗ ben werde, hätte er nicht augenfälliger als ein geſchorener und ver⸗ lorener Aufſchneider erſcheinen können, und wenn er abgeſtutzte Ohren gehabt hätte. Selbſt das unglückliche Frauenzimmer, Mrs. Sparſit, welche, vom Gipfel ihres Frohlockens herabgeſun⸗ ken, verzweiflungsvoll ihren Kopf hängen ließ, befand ſich nicht in einem ſo kläglichen Zuſtande, als jener wichtige Mann und ſelbſtgegründete Humbug, Joſtah Bounderby von Coketown. Als Rachael und Cilli Mrs. Pegler, welche für dieſe Nacht ein Bett im Hauſe ihres Sohnes erhalten ſollte, verließen, giengen ſie miteinander bis zum Thore von Stone Lodge und trennten ſich hier. Mr. Gradgrind holte ſie ein, ehe ſie noch ſehr weit ge⸗ gangen waren, und ſprach mit großem Intereſſe von Stephen Blackpool, für den ſeiner Meinung nach dieſes wunderbare Aufhören des Verdachtes gegen Mrs. Pegler von guter Wirkung ſein mußte. Was den Bengel anbetraf, ſo hielt er ſich während dieſer ganzen Scene, ſowie bei allen früheren Gelegenheiten der letzten Zeit, dicht hinter Bounderby. Er ſchien zu fühlen, daß ſo lange Bounderby keine Entdeckungen ohne ſein Mitwiſſen machen konnte, 270 er ſo ziemlich ſicher war. Er beſuchte nie ſeine Schweſter; ſeit⸗ dem ſie heimgekehrt war hatte er ſie nur einmal geſehen, d. h an dem Abend, als er Bounderby auf den Ferſen gefolgt war, wie ſchon erwähnt. Es lagerte eine dunkle, unbeſtimmte Furcht auf dem Gemüthe ſeiner Schweſter, der ſie nie Sprache verlieh, aber die den gott⸗ loſen und undankbaren Bengel mit einem geheimnißvollen Grauen umgab. Dieſelbe dunkle Möglichkeit hatte ſich auch in gleich ge⸗ ſtaltloſer Weiſe Cilli's Geiſte gerade an dieſem Tage vorgeſtellt, als Rachael von Jemanden ſprach, der vielleicht durch Stephen's Rückkunft hätte in Verlegenheit gebracht werden können und ihn deßhalb aus dem Wege geräumt habe. Luiſe hatte nie davon geſprochen, daß ſie irgend welchen Verdacht auf ihren Bruder in Betreff des Diebſtahls hege; ſie und Cilli hatten hierüber keine vertrauliche Mittheilung gepflogen, ausgenommen in jenem Aus⸗ tauſch von Blicken, als der Vater ohne Ahnung ſein greiſes Haupt auf die Hand ſtützte; aber ſie hatten ſich verſtanden, und ſie wußten es beide. Dieſe gegenſeitige Befürchtung hatte etwas ſo Feierliches, daß ſie jede von ihnen wie ein geiſterhafter Schatten umſchwebte; obgleich keine zu denken wagte, er ſei ihr nahe, und noch weit weniger, daß er ſich neben der anderen befinde. Und immer wuchs der forcirte Muth, den der Bengel gefaßt hatte. Wenn Stephen Blackpool der Dieb nicht ſein ſollte, laßt ihn ſich doch zeigen. Warum that er es nicht? Eine andere Nacht. Ein anderer Tag und Nacht. Kein Stephen Blackpool. Wo war der Mann, und warum kam er nicht zurück? Vierunddreißigſtes Kapitel. „Es war ein ſtrahlender Herbſtſonntag, klar und kühl, als Cilli und Rachael früh am Morgen ſich trafen, um einen Spazier⸗ gang auf's Land zu machen. Da Coketown nicht nur ſein eigenes Haupt ſondern auch das der Nachbarſchaft mit Aſche beſtreute— nach Art jener frommen Perſonen, die für ihre eigenen Sünden Buße thun, indem ſie andere Leute in den Sack ſtecken— ſo pflegten diejenigen, welche dann und wann nach einem Zug friſcher Luft dürſteten, (nicht gerade die ſchlimmſte von den Eitelkeiten des menſchlichen ——— 8 —&—— eͤe it 271 Lebens) erſt einige Meilen weit auf der Eiſenbahn zu fahren und dann ihren Spaziergang zu beginnen oder ſich gemächlich im Freien zu lagern. Cilli und Rachael halfen ſich aus dem Rauche durch das übliche Mittel und ſtiegen auf der Station, welche auf halbem Wege zwiſchen der Stadt und Mr. Bounderby's Landſitz lag, aus. Obgleich die grüne Landſchaft hier und da mit Kohlenhaufen befleckt war, ſo war ſie doch an anderen Orten grün, und hier waren Bäume zu ſehen, und da ſangen Lerchen(obgleich es Sonntag war) und dort erfüllten angenehme Düfte die Luft, und alles war von einem glänzend blauen Himmel überwölbt. Nach einer Richtung hin zeigte ſich Coketown wie ein ſchwarzer Nebel; nach einer anderen begannen Hügel emporzuſteigen; nach einer dritten machte ſich eine leiſe Veränderung in der Beleuchtung des Horizontes bemerkbar, da wo er auf das ferne Meer leuchtete. Unter ihren Füßen war das Gras friſch, ſchöne Schatten von Baumzweigen ſpielten auf ihm hin und her und ſprenkelten es; die Laubhecken waren üppig; über alles verbreitete ſich Friede. Grubenmaſchinen und magere alte Pferde, welche den Kreislauf ihrer täglichen Arbeit auf dem Felde unterbrochen hatten, waren gleichfalls ruhig; die Räder hatten für eine kurze Zeit aufgehört, ſich zu drehen, und das große Erdrad ſchien ſich ohne ſeine ge⸗ wöhnlichen Stöße und lärmenden Töne umzuwälzen. Sie wanderten weiter durch die Felder und die ſchattigen Zaungänge hinunter, zuweilen ſchritten ſie über ein Umzäunungs⸗ fragment, ſo moderig, daß es unter der Berührung ihres Fußes zuſammenfiel, zuweilen paſſirten ſie die mit Gras bewachſenen Trümmer von Ziegelſteinen und Balken, welche die Stelle ver⸗ laſſener Werkſtätten bezeichneten. Sie folgten Pfaden und Spuren, ſo unbedeutend ſie auch ſein mochten. Schlünde, wo das Gras dicht und hoch, und wo Brombeerſträuche, Ampferkraut und ähn⸗ liche Vegetation verworren zuſammengehäuft war, vermieden ſie immer; denn man erzählte ſich in dieſer Gegend ſchreckliche Ge⸗ ſchichten von alten Gruben, welche unter ſolchen Anzeigen ver⸗ borgen lägen. Die Sonne ſtand hoch, als ſie ſich zur Ruhe niederſetzten. Sie hatten ſeit lange keinen Menſchen, weder nah noch fern, ge⸗ ſehen; und die Einſamkeit blieb ununterbrochen.„Es iſt ſo ſtill hier, Rachael, und der Weg iſt ſo unbetreten, daß ich glaube, 1 ——— 6 3 — — 272 wir müſſen die erſten ſein, welche den ganzen Sommer über hier geweſen ſind.“ Als Cilli das ſagte, wurden ihre Augen von einem anderen dieſer verrotteten Gehegeüberbleibſel auf dem Felde angezogen. Sie ſtand auf, um es in Augenſchein zu nehmen.„Ich weiß nicht, dieß iſt noch nicht lange abgebrochen worden. Das Holz. iſt ganz friſch, wo es gebrochen. Hier ſind auch Fußtapfen.— O, Rachael!“ Sie lief zurück und fiel ihr um den Hals. Rachael war ſchon aufgeſprungen. „Was gibt's?“ „Ich weiß nicht. Da liegt ein Hut im Graſe.“ Sie giengen zuſammen vorwärts. Rachael nahm ihn auf, am ganzen Leibe zitternd. Sie brach in eine Fluth von Thränen und Wehklagen aus,„Stephen Blackpool“ ſtand auf der inwen⸗ digen Seite von ſeiner eigenen Hand geſchrieben. „O, der arme Junge, der arme Innge! Er iſt alſo doch auf die Seite geſchafft worden; er liegt ermordet hier!“ „Hat denn— hat der Hut eine Blutſpur an ſich?“ ſtam⸗ melte Cilli. Sie fürchteten ſich, darauf zu blicken; gleichwohl unter⸗ ſuchten ſie ihn und fanden kein Merkmal von Gewaltthätigkeit, weder auswendig noch inwendig. Er mußte hier einige Tage gelegen haben, denn Regen und Thau hatten ihn gehärtet und das Kennzeichen ſeiner Form befand ſich auf dem Graſe, da wo er gefallen war. Sie blickten angſtvoll um ſich, ohne ſich von der Stelle zu rühren, aber ſie konnten nichts weiter bemerken. „Rachael, flüſterte Cilli, ich will allein ein wenig vorwärts gehen.“ Sie hatte ihre Hand losgemacht und war im Begriff vor⸗ wärts zu ſchreiten, als Rachael ſie in beide Arme ſchloß und einen Schrei ausſtieß, der weithin über das Feld ertönte. Gerade vor ihren Füßen war der Abgrund eines ſchwarzen, zerriſſenen Schlun⸗ des, unter dichtem Graſe verborgen. Sie ſprangen zurück und fielen auf ihre Knie, indem jede ihr Geſicht auf der Schulter der andern verbarg. „O, mein guter Gott, er liegt unten, er liegt unten!“« Dieß und ihre ſchrecklichen Schmerzensrufe waren für's Erſte alles, was von Rachael herausgebracht werden konnte, trotz aller Thränen, Bitten, Vorſtellungen und Verſuchen. Es war unmöglich, ſie zu 273 beſänftigen, und dringend nothwendig ſie zu halten, oder ſie würde ſich ſelbſt in den Abgrund geſtürzt haben. „Rachael, theure Rachael, gute Rachael, bei der Liebe des Himmels, nicht dieſe fürchterlichen Schreie! Denk an Stephen, denk an Stephen, denk au Stephen!“ Durch eine ernſtliche Wiederholung dieſer Bitte, die mit all' der Verzweiflung eines ſolchen Momentes ausgeſprochen wurde, brachte es Cilli endlich dahin, daß ſie ſchwieg und ſie mit einem thränenloſen, verſteinerten Geſichte anblickte. „Rachael, Stephen kann noch leben. Du würdeſt ihn doch nicht einen Augenblick verſtümmelt auf dem Grunde dieſes fürchterlichen Ortes liegen laſſen wollen, wenn du ihm Hülfe bringen könnteſt?“ „Nein, nein, nein!“ »Rühre dich nicht von der Stelle, ihm zu Liebe! Ich will gehen und horchen.“ Sie ſchauderte, ſich der Grube zu nähern; aber ſie kroch auf Händen und Knieen auf ſie zu, und rief ſeinen Namen, ſo laut ſte nur rufen konnte. Sie lauſchte, aber kein Schall antwortete. Sie rief wieder und horchte wieder, noch immer kein antworten⸗ der Ton. Sie that dieß zwanzig, dreißig Mal. Sie nahm eine Erdſcholle von dem aufgewühlten Boden, worüber ſie geſtolpert war, und warf ſie hinein. Sie konnte ihren Fall nicht hören. Die weite Ausſicht, noch vor wenigen Minuten ſo ſchön in ihrer Stille, erfüllte jetzt ihr muthiges Herz faſt mit Verzweiflung, als ſie ſich erhob und nach allen Seiten blickte, ohne Hülfe zu ſehen.„Rachael, wir dürfen keinen Augenblick verlieren. Wir müſſen nach verſchiedenen Richtungen gehen und Hülfe ſuchen. Du wirſt den Weg gehen, den wir gekommen, und ich will auf dem Pfade vorwärts gehen. Erzähle Jedermann, den du triffſt, was ſich ereignet hat, wer es auch ſei. Denk an Stephen, denk an Stephen!« Sie ſah an Rachgels Geſicht, daß ſie jetzt Vertrauen auf ſie ſetzen konnte. Nachdem ſie ihr eine Zeitlang nachgeſehen, während ſie ſo dahinlief und die Hände rang, wandte ſie ſich um und gieng fort um ſelbſt nachzuſuchen; ſie hielt an der Hecke an, um hier ihren Shawl zu befeſtigen, als einen Wegzeiger zu dem Platze, dann warf ſie ihren Hut zur Seite und lief, wie ſie nie zuvor gelaufen war. Laufe, Cilli, laufe, in des Himmels Namen! Halte nicht an, um Athem zu ſchöpfen. Lauf, lauf! Sich ſelbſt zur Eile an⸗ Boz. Schwere Zeiten. 18 —— — V V — — — 274 treibend, indem ſie ſolche Ermahnungen in ihren Gedanken machte, lief ſte von Feld zu Feld, von Zaungang zu Zaungang, von Platz zu Platz, wie ſie noch nie zuvor gelaufen war; bis ſie zu einem Schuppen an einem Maſchinenhauſe kam, in deſſen Schatten zwei Männer lagen und auf Stroh ſchliefen. Erſt ſie wecken, und dann ihnen erzählen, ſo verſtört und athemlos wie ſie war, was ſie hierhergeführt, hatte ſeine Schwie⸗ rigkeiten; aber kaum hatten ſie verſtanden, worum es ſich handelte, als ihre Lebensgeiſter von gleichem Feuer ergriffen wurden, wie die ihrigen. Einer der Männer war in einem betrunkenen Duſel, aber als ſein Kamerad ihm laut zuſchrie, daß ein Mann in den„Alten Höllenſchacht“ gefallen ſei, ſprang er hinaus zu einem Pfuhle ſchmu⸗ tzigen Waſſers, ſteckte ſeinen Kopf hinein und kam nüchtern zurück. Mit dieſen zwei Männern lief ſie zu einem andern eine halbe Meile weiter, und mit dieſem noch zu einem andern, während ſie immer weiter liefen. Dann wurde ein Pferd gefunden, und ſie gab einem andern Mann den Auftrag auf Leben und Tod zur Eiſen⸗ bahn zu reiten und Luiſe eine Botſchaft zu übermitteln, die ſie ſchrieb und ihm einhändigte. Mittlerweile war die Bevölkerung eines ganzen Dorfes auf den Beinen, und Winden, Stricke, Stangen, Eimer, Lichter, Laternen wurden ſchnell herbeigeſchafft und auf einen Platz zuſammengetragen, um zu dem„Alten Höl⸗ lenſchacht“ gebracht zu werden. Es ſchienen ihr bereits Stunden verfloſſen zu ſein, ſeitdem ſie den unglücklichen Mann in dem Grabe liegend, worin er lebendig begraben worden war, verlaſſen hatte. Sie konnte nicht länger von ihm entfernt bleiben— das hätte einem vollſtändigen Verlaſſen gleich geſehen— und ſie eilte ſchnell zurück, von einem halben Dutzend Arbeiter begleitet, einſchließlich des betrunkenen Mannes, den die Nachricht nüchtern gemacht hatte, und welcher der tüchtigſte von allen war. Als ſie zu dem„Alten Höllen⸗ ſchacht“ kamen, fanden ſie ihn ſo einſam, als ſie ihn verlaſſen hatte. Die Leute riefen und horchten, wie ſie gethan hatte, unter⸗ ſuchten den Rand des Abgrundes, beſprachen, wie es hätte ge⸗ kommen ſein können, und ſetzten ſich dann nieder, um die Werk⸗ zeuge zu erwarten, die herbeigeſchafft werden ſollten. Jedes Schwirren der Inſekten in der Luft, jede Bewegung der Blätter, jedes Geflüſter unter dieſen Männern, machte Cilli erzit⸗ tern, denn ſie hielt es für einen Schrei in der Tiefe der Grube. Aber der Wind bließ läſſig über dieſelbe hin und kein Ton drang —,—y — ⏑SUoSo=SOÖ= — — er 275 zur Oberfläche, und ſie ſaßen auf dem Gras, wartend und war⸗ tend. Nachdem ſie eine Zeitlang ſo geſeſſen hatten, begannen herumſtreifende Leute, welche von dem Unfall gehört hatten, heranzukommen, dann langte die wahre Hülfe der Werkzeuge an. Mitten unter ihnen kehrte Rachgel zurück, und in ihrem Gefolge befand ſich ein Wundarzt mit Wein und Arzneien. Aber die Hoff⸗ nung unter den Leuten, daß der Mann noch am Leben gefunden werden könne, war in der That ſehr klein. Da jetzt genug Leute gegenwärtig waren, um die Arbeit zu hindern, ſo ſtellte ſich der nüchtern gewordene Mann an die Spitze des Ganzen, oder wurde durch allgemeine Zuſtimmung dazu berufen, zog einen weiten Kreis um den„Alten Höllenſchacht“ und ſtellte Männer an, ihn zu hüten. Außer den Freiwilligen, welche zur Hülfeleiſtung angenommen worden waren, wurde vorerſt nur Cilli und Rachael geſtattet, in dieſen Kreis einzutreten; aber im Verlaufe des Tages, als die Nachricht einen Extrazug von Coketown brachte, befanden ſich auch Mr. Gradgrind und Luiſe und Mr. Bounderby undeder Bengel da. Die Sonne ſtand vier Stunden tiefer als zu der Zeit wo ſich Rachael und Cilli zuerſt in des Gras niedergeſetzt hatten, ehe eine Maſchine von Stangen und Stricken errichtet war, vermit⸗ telſt deren zwei Männer mit Sicherheit hinabſteigen konnten. Bei der Conſtruktion dieſer Maſchine hatten ſich Schwierigkeiten erhoben, ſo einfach ſie auch war; man hatte gefunden, daß ge⸗ wiſſe Requiſiten mangelten, und Berichte mußten hin und zurück gegeben werden. Es war fünf Uhr am Nachmittage dieſes hei⸗ tern Sonntags, ehe ein Licht hinuntergelaſſen werden konnte, um die Luft zu prüfen, während drei bis vier rauhe Geſichter dicht zuſammengedrängt ſtanden, um es aufmerkſam zu beobachten, und die Männer an der Winde drehten wie ſie angewieſen wurden. Das Licht wurde wieder heraufgebracht, noch ſchwach brennend, dann wurde etwas Waſſer hineingeſchüttet. Hierauf wurde der Eimer angehakt, und der nüchtern gewordene Mann ſtieg in Begleitung eines anderen mit Lichtern hinein und gab das Commando„Nie⸗ dergelaſſen!“ Als das Seil auslief, feſt geſpannt und angezogen und die Winde knarrte, war kein Athem unter den ein oder zwei hundert männlichen oder weiblichen Zuſchauern, der ſo gieng, wie er zu gehen gewohnt war. Das Signal war gegeben und die Winde hielt an, ein anſehnliches Stück Tau war unbenutzt. Jetzt folgte 18* 276 dem Anſcheine nach ein ſo langer Zwiſchenraum, während dem die Männer an der Winde müſſig ſtanden, daß einige Weiber ſchrieen, es habe ſich ein zweites Unglück ereignet! Aber der Arzt, welcher die Uhr in der Hand hielt, erklärte, daß noch nicht fünf Minuten verfloſſen wären und forderte ſie ſtreng auf, ſich ſtill zu verhalten. Kaum hatte er zu Ende geſprochen, als die Winde ſich umdrehte und von neuem arbeitete. Geübte Augen bemerkten, daß ſie nicht ſo ſchwer gieng, als wenn beide Arbeiter heraufkämen, und daß nur einer zurückkehre. Das Seil kam an feſt und ſtramm, Ring auf Ring wurde um den Windebaum ge⸗ wunden und alle Augen waren auf die Grube gerichtet. Der ernüchterte Mann wurde heraufgebracht und ſprang munter auf das Gras. Jetzt erhob ſich ein allgemeiner Schrei:„Lebendig oder todt?“ und dann tiefe, athemloſe Stille. Als er antwortete:„Lebendig!“ erhob ſich ein allgemeiner Ausruf der Freude und manches Auge füllte ſich mit Thränen. „Aber er iſt ſehr ſchwer verletzt,“ fügte er hinzu, ſobald er ſich wieder Gehör verſchaffen konnte.„Wo iſt der Doktor? Er iſt ſo außerordentlich ſchwer verletzt, daß wir nicht wiſſen, wie wir ihn heraufbringen ſollen.“ Sie berathſchlagten jetzt gemeinſam mit einander und blickten geſpannt auf den Arzt, als er einige Fragen that, und bei den erhaltenen Antworten ſeinen Kopf ſchüttelte. Die Sonne neigte ſich jetzt, und die rothe Beleuchtung des Abendhimmels ſiel auf jedes Geſicht, ſo daß es genau in all' ſeiner ausgeprägten Span⸗ nung beobachtet werden konnte. Das Reſultat der Berathung war, daß die Männer zur Winde zurückkehrten und der Grubenmann nochmals hinunter⸗ ſtieg und den Wein und einige andere Kleinigkeiten mit ſich nahm. Dann kam der andere Mann herauf. Mittlerweile brachten einige Männer unter Anleitung des Wundarztes eine Hürde herbei, auf welche andere ein dickes Bett von wenigen mit loſem Stroh überdeckten Tüchern machten; während er ſich ſelbſt einige Ban⸗ dagen und Binden aus Shawls und Taſchentüchern verfertigte. Als dieſe zu Stande gebracht waren, wurden ſie dem Gruben⸗ manne, welcher zuletzt heraufgekommen war, um den Arm ge⸗ hangen und Inſtruktionen hinzugefügt, wie er ſie gebrauchen ſolle; und als er ſo daſtand, von dem Lichte, welches er bei ſich führte, beleuchtet, während er ſeine kräftige Hand nachläſſig auf einen der Pfähle lehnte, bald in die Grube hinunterblickend, bald auf das Volk im Kreiſe umher, war er nicht die am wenigſten her⸗ vorragende Geſtalt in der Scene. Es war jetzt finſter und man zündete Fackeln an. Nach dem Wenigen, was der Mann zu den Umſtehenden ſagte, und welches ſchnell über den ganzen Kreis hin wiederholt wurde, ſchien es, daß der verunglückte Mann auf einen Haufen zerkrümelten Schuttes gefallen war, mit welchem die Grube halb verſtopft war, und daß die Gewalt ſeines Falles ferner durch Erd⸗ unebenheiten an der Seite gebrochen worden ſei. Er lag auf ſei⸗ nem Rücken, den einen Arm gequetſcht unter ſich, und hatte ſeinem eigenen Glauben nach kaum ſich geregt, ſeitdem er gefallen, außer daß er ſeine freie Hand zu einer Seitentaſche geführt, worin er ſich erinnerte, etwas Fleiſch und Brod zu haben(wovon er einige Krumen verſchluckte) und in gleicher Weiſe hin und wieder ein wenig Waſſer damit aufgeſchöpft hatte. Er war geraden Wegs von ſeiner Arbeit gegangen, ſobald man an ihn geſchrieben hatte, und den ganzen Tag über marſchirt; er befand ſich gerade auf dem Wege zu Mr. Bounderby's Landſitze nach Einbruch der Dun⸗ kelheit, als er fiel. Er durchſchritt dieſe gefährliche Gegend zu einer ſo gefährlichen Zeit, weil er unſchuldig an dem war, was man ihm zur Laſt legte, und ſich nicht verſagen konnte, den nächſten Weg einzuſchlagen, auf dem er ſich ſtellen konnte. Der„Alte Höllenſchacht“, ſagte der Grubenmann, mit einem Fluche auf denſelben, hätte ſich endlich ſeines böſen Namens würdig gezeigt, denn obgleich Stephen jetzt noch ſprechen könne, ſo glaubte er doch, man würde bald ſehen, wie er ihn um's Leben gebracht. Als alles bereit war, verſchwand dieſer Mann, indem er noch die letzten haſtigen Aufträge von ſeinen Kameraden und dem Arzte empfing, nachdem die Winde ſchon begonnen hatte ihn hinab⸗ zulaſſen, in der Grube. Das Tau lief aus wie zuvor, das Signal wurde gegeben wie zuvor und die Winde hielt an. Kein Arbeiter zog jetzt ſeine Hand von ihr zurück, Jeder wartete, ſeine Hand am Griffe und ſeinen Körper zur Maſchine niedergebeugt, fertig umzuwinden und aufzuwinden. Endlich wurde das Zeichen ge⸗ geben und der ganze Kreis neigte ſich vorwärts. Denn jetzt wand ſich das Seil ein, wie es ſchien auf's äußerſte angeſpannt und ſtramm gezogen, die Männer drehten mit Anſtrengung und die Winde ächzte. Es war faſt unerträglich auf das Seil zu blicken und zu denken, daß es reißen könnte. 278 Aber Ring auf Ring ſchlang ſich ſicher um den Windebaum, und die Verbindungskette erſchien und endlich der Eimer mit den zwei Männern, die ſich an den Seiten feſthielten— ein Anblick, um den Kopf ſchwindeln zu machen und das Herz zu erdrücken— und die Geſtalt eines armen, zerſchlagenen, menſchlichen Weſens, ſorgſam von ihnen unterſtützt, umſchlungen und angeknüpft. Ein leiſes Gemurmel des Mitleids erhob ſich rings aus dem Gedränge und die Weiber weinten laut, als dieſe Geſtalt, bei⸗ nahe ohne Geſtalt, ganz langſam von ſeiner eiſernen Transport⸗ maſchine befreit und auf das Strohbett gelegt wurde. Zuerſt trat Niemand als der Wundarzt zu demſelben. Er that was er konnte, in ſeinen Anordnungen am Ruhebette, aber das beſte, was er thun konnte, war ihn zuzudecken. Als er das ſanft gethan hatte, rief er Rachael und Cilli herbei. Und zu dieſer Zeit ſah man das bleiche, abgehärmte, leidende Geſicht zum Himmel blicken, während die gebrochene rechte Hand bloß auf der Außenſeite der Kleider⸗ decken lag, als wenn ſie darauf wartete, von einer anderen Hand ergriffen zu werden. Sie gaben ihm zu trinken, beſprengten ſein Geſicht mit Waſſer und reichten ihm einige Tropfen Wein und Herzſtärkung. Obgleich er ganz bewegungslos dalag und zum Himmel blickte, lächelte er und ſagte:„Rachael.“ Sie fiel nieder auf's Gras an ſeine Seite und beugte ſich über ihn, bis ſich ihre Augen zwiſchen den ſeinigen und dem Himmel befanden, denn er war nicht im Stande ſie zu bewegen, um Rachael anzublicken. „Rachael, meine Geliebte!“ 3 Sie nahm ſeine Hand. Er lächelte wieder und ſagte:„Laß ſte nicht wieder fahren.“ „Du haſt viele Schmerzen, mein lieber, theurer Stephen?“ „Ich habe ſie gehabt, aber jetzt nicht mehr. Ich habe ſie gehabt— ſchrecklich und lang gelitten— aber es iſt jetzt vorüber. Ah, Rachael, und alles ein trüber Schlamm! Ein trüber Schlamm, von Anfang bis zu Ende!“ Das Geſpenſt früherer Tage ſchien an ihm vorüberzugehen, als er dieſe Worte ſprach. „Ich bin in die Grube gefallen, meine Liebe, wie, nach den Erzählungen alter Leute, bereits hunderte und hunderte von Menſchenleben— Väter, Söhne, Brüder, Tauſenden und Tau⸗ ſenden theuer, die ſie vor Mangel und Hunger ſchützten. Ich bin in eine Grube gefallen, die mit Feuerdampf angefüllt war, ſchrecklicher als eine Schlacht. Ich habe in der öffentlichen Pe⸗ tition geleſen, wie Jedermann leſen konnte, von den Männern, welche in den Gruben arbeiten, worin ſie die Geſetzgeber um Chriſti Willen auflehen, ihre Arbeit nicht zum Mörder an ihnen werden zu laſſen, ſondern ſie zu erhalten für Weib und Kind, welche ſie ſo ſehr liebten, wie die vornehmen Leute die ihrigen lieben. Als ſie in Arbeit war, tödtete ſie ohne Noth; jetzt wo ſie verlaſſen iſt, tödtet ſie auch ohne Noth. Sieh, wie wir ſterben ohne unſer Verſchulden auf die eine oder die andere Weiſe— in einem trüben Schlamme— alle Tage!“ Er ſagte das matt, ohne den geringſten Zorn gegen irgendwen. Lediglich als Wahrheit. „Deine kleine Schweſter, Rachael, du haſt ſie nicht vergeſſen. Du biſt nicht leicht im Stande, jetzt ſie zu vergeſſen und mich, der ich ihr ſo nahe bin. Du weißt— arme, ſtille, liebe Dul⸗ derin— wie du für ſie arbeiteteſt, während ſie alle Tage lang in ihrem kleinen Stuhl an deinem Fenſter ſaß, und ſie ſtarb, jung und ungeſtaltet, hinſiechend an krankhafter Luft, wie es doch nicht zu ſein brauchte, und hinſtechend an den elenden Wohnungen des Arbeitervolkes. Ein ſchmutziger Schlamm! Alles ein ſchmutziger Schlamm!“ Luiſe näherte ſich ihm; aber er konnte ſie nicht ſehen, da er mit ſeinem Antlitze gegen den nächtlichen Himmel gerichtet lag. „Wenn nicht alle Dinge, die ſich auf uns beziehen, meine Theure, ſo finſter und ſchmutzig wären, ſo würde ich nicht nöthig gehabt haben, hierher zu kommen. Wenn wir uns nicht unter uns ſelbſt im Schlamme bewegten, ſo würde ich nicht von meinen eigenen Webergenoſſen und Arbeiterbrüdern ſo mißverſtanden wor⸗ den ſein. Wenn Mr. Bounderby mich jemals recht gekannt hätte — wenn er mich jemals nur im mindeſten gekannt hätte, ſo würde er ſich niemals gegen mich erzürnt haben. Er hätte mich nicht in Verdacht haben können. Aber ſieh nur dort, Rachael! Blicke nach oben hin!“ Indem ſie ſeinen Augen folgte, bemerkte ſie, daß er auf einen Stern blickte. „Der hat auf mich geſchienen,“ ſagte er ehrfurchtsvoll,„in meinen Leiden und Elend da unten. Er hat in mein Herz ge⸗ ſchienen. Ich habe auf ihn geblickt und dachte an dich, Rachael, 280 bis das Dunkel in meinem Sinne ſich zerſtreute. Wenn Manche ſich die Mühe genommen hätten, mich beſſer zu verſtehen, ſo würde ich mir auch die Mühe genommen haben, ſie beſſer zu ver⸗ ſtehen. Als ich deinen Brief erhielt, glaubte ich leicht, daß das, was die junge Lady mir ſagte und that, und was ihr Bruder mir ſagte und that, ein und daſſelbe wäre und ein gottloſes Complot zwiſchen ihnen beſtände. Als ich fiel, war ich ſehr aufge⸗ bracht auf ſie und ließ mich verleiten, ſo ungerecht gegen ſie zu ſein, als andere gegen mich waren. Aber in unſeren Urtheilen, wie in unſeren Handlungen, müſſen wir duldſam und geduldig ſein. Als ich in meiner Noth und Trübſal ſo nach oben blickte— der Stern über mir leuchtend— habe ich klarer geſehen und es zu meinem Sterbegebet gemacht, daß die ganze Welt nur näher zuſammen⸗ rücken und ein beſſeres gegenſeitiges Verſtändniß erreichen möge, als es meinem armen ſchwachen Selbſt vergönnt war.“ Als Luiſe hörte, was er ſagte, beugte ſie ſich auf der andern Heiten Rachael gegenüber, auf ihn herunter, ſo daß er ſie ſehen onnte. „Ihr habt gehört?«“ ſagte er nach einem Schweigen von einigen Augenblicken.„Ich habe Euch nicht vergeſſen, Lady.« „Ja, Stephen, ich habe Euch gehört; und Euer Gebet iſt das meinige.“ „Ihr habt einen Vater. Wollt Ihr einen Auftrag für ihn übernehmen 2 4. „Er iſt hier,« ſagte Luiſe mit Schrecken.„Soll ich ihn zu Euch bringen?« 4 „Wenn Ihr ſo gefällig ſein wollt.“ Luiſe kehrte mit ihrem Vater zurück. Hand in Hand da⸗ ſtehend, blickten beide nieder auf den feierlichen Ausdruck ſeines Geſichts. „Sir, Ihr werdet mich rechtfertigen und meinen ehrlichen Namen bei allen Menſchen wieder herſtellen. Das überlaſſe ich Euch als mein Vermächtniß.“ Mr. Gradgrind war betroffen und fragte:„Wie?« „»Sir,“ war die Antwort,„Euer Sohn wird Euch ſagen wie. Fragt ihn. Ich klage nicht an: ich laſſe nichts hinter mir, nicht ein einziges Wort. Ich habe Euren Sohn geſehen und mit ihm geſprochen in einer gewiſſen Nacht. Ich verlange nicht mehr von Ench, als daß Ihr mich rechtfertigt,— und ich habe das Vertrauen zu Ench, daß Ihr es thun werdet.“ 281 Da die Träger nun bereit waren, ihn wegzuſchaffen und der Arzt auf ſeine Entfernung drang, ſo ſchickten ſich diejenigen, welche Laternen und Fackeln hatten, an, ſich vor der Sänfte in Marſch zu ſetzen. Bevor ſie erhoben wurde und während ſie darüber übereinkamen, wie ſie gehen ſollten, ſagte er zu Rachael, zum Stern hinaufblickend: „So oft ich zu mir ſelbſt kam und ihn auf mein Elend her⸗ niederſcheinend fand, dachte ich, es wäre der Stern, der zu unſeres Erlöſers Heimath führte; ich glaube faſt, es iſt der Stern wirklich.“ Sie nahmen ihn jetzt auf und er war innig erfreut, als er fand, daß ſie im Begriff waren, ihn nach der Richtung hin zu tragen, wohin der Stern ihn zu führen ſchien. „Rachael, geliehtes Mädchen! Laß meine Hand nicht los. Wir wollen heute Abend zuſammengehen, meine Theure.“ „Ich will deine Hand halten und an deiner Seite bleiben, den ganzen Weg über, Stephen.“ „Gott lohne es dir! Will Jemand ſo gefällig ſein, mein Geſicht zuzudecken?“ 4. Sie trugen ihn ſehr ſanft über die Felder, die Zaunpfade herab durch die weite Landſchaft; Rachael hielt immer ſeine Hand in der ihrigen. Selten unterbrach ein Flüſtern das traurige Schweigen. Es war bald ein Leichenzug. Der Stern hatte ihm gezeigt, wo der Gott des Armen zu finden, und durch Erniedri⸗ gung, Sorge und Vergebung war er zur Ruhe ſeines Erlöſers eingegangen. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Ehe der Kreis, der ſich rings um den„Alten Höllenſchacht“ gebildet hatte, ſich öffnete, war eine Geſtalt aus ihm verſchwun⸗ den. Mr. Bounderby und ſein Schatten ſtanden nicht bei Luiſe, welche ihren Vater am Arm hielt, ſondern an einem entfernten Orte allein. Als Mr. Gradgrind zu der Sänfte gerufen wurde, ſchlüpfte Cilli, immer aufmerkſam auf alles was vorgieng, hinter dieſen böſen Schatten— welch' ein Blick auf den Schrecken, der ſich auf ſeinem Geſichte ausdrückte, wenn hier Augen zu einem An⸗ blick vorhanden geweſen wären, außer zu dem einen— und flü⸗ ſterte etwas in ſein Ohr. Ohne ſeinen Kopf umzudrehen, ſprach er 282 einige Augenblicke mit ihr und verſchwand. So war der Bengel aus dem Kreiſe getreten, ehe das Volk aufbrach. Als der Vater nach Hauſe kam, ſchickte er in Mr. Boun⸗ derby's Wohnung und ließ ſeinen Sohn auffordern, unverzüglich zu ihm zu kommen. Die Antwort war, Mr. Bounderby habe, da er ihn in dem Volksgedränge verloren und ſeitdem nichts von ihm geſehen, angenommen, daß er in Stone Lodge ſei. „Ich glaube, Vater,“ ſagte Luiſe,„er wird heute Nacht nicht nach der Stadt zurückkommen.“ Mr. Gradgrind wandte ſich ab und ſagte nichts mehr. Am anderen Morgen gieng er ſelbſt zur Bauk hinunter, ſo⸗ bald ſie geöffnet wurde, und als er den Platz ſeines Sohnes leer ſah(anfänglich hatte er nicht den Muth hineinzublicken), kehrte er die Straße entlang zurück, um Mr. Bounderby auf ſeinem Wege hierher zu treffen. Er ſagte ihm dann, daß er aus Grün⸗ den, die er ſehr bald auseinanderſetzen würde, über die er jedoch jetzt nicht gefragt zu werden wünſche, es nöthig gefunden habe, ſeinen Sohn für kurze Zeit in einiger Entfernung zu beſchäftigen. Deßgleichen, daß er beauftragt ſei, das Andenken Stephen Black⸗ pool's von Verdacht zu reinigen und den Dieb anzugeben. Mr. Bounderby blieb ganz verwirrt auf der Straße ſtehen, nachdem ihn ſein Schwiegervater verlaſſen hatte, aufſchwellend wie eine ungeheure Seifenblaſe, jedoch ohne ihre Schönheit. Mr. Gradgrind kehrte nach Hauſe zurück, verſchloß ſich in ſein Zimmer und hütete es den ganzen Tag über. Als Cilli und Luiſe an ſeine Thüre klopften, ſagte er, ohne ſie zu öffnen:„Jetzt nicht, meine Lieben; am Abend.“ Als ſie des Abends wieder kamen, gab er zur Antwort:„Ich bin jetzt nicht aufgelegt— morgen.“ Er aß den ganzen Tag nichts und zündete kein Licht nach Dunkelwerden an; ſie hörten ihn auf⸗ und abgehen bis ſpät in die Nacht. Aber am nächſten Morgen erſchien er zur gewöhnlichen Zeit beim Frühſtück und nahm ſeinen gewöhnlichen Platz am Tiſche ein. Er ſah alt und gebeugt und ganz niedergedrückt aus; und doch erſchien er ein weiſerer Mann und ein beſſerer Mann, als in den Tagen, wo er nichts in ſeinem Leben verlangte, als „Thatſachen“. Ehe er das Zimmer verließ, beſtimmte er ihnen eine Zeit, wo ſie zu ihm kommen ſollten, und dann gieng er, ſein graues Haupt zu Boden gebeugt, hinweg. 4. „Theurer Vater,“ ſagte Luiſe, als ſie zur beſtimmten Zeit ein⸗ t 9 S ——,,— 283 trafen,„Sie haben drei Kinder; es wird noch beſſer mit ihnen Hehene ich für meine Perſon will mich noch ändern, mit Gottes ülfe.“ Sie gab Cilli die Hand, als wenn ſie ausdrücken wollte: auch mit ihrer Hülfe. „Dein unglücklicher Bruder,“ ſagte Mr. Gradgrind.„Glaubſt du, daß er dieſen Diebſtahl im Plane hatte, als er mit dir in das Haus gieng?“ „Ich fürchte ſo, Vater. Ich weiß, er brauchte ſehr viel Geld und hatte nicht unbedeutende Summen verſchwendet.“ „Da der arme Mann im Begriff war, die Stadt zu ver⸗ laſſen, kam es ihm in den verderbten Sinn, den Verdacht auf ihn zu wälzen?“ „Ich glaube, es muß ihm plötzlich eingefallen ſein, während er dort ſaß. Denn ich bat ihn, mit mir hinzugehen. Der Beſuch ſchien nicht ſein urſprünglicher Gedanke zu ſein.“ „Er hatte eine Beſprechung mit dem armen Manne. Nahm er ihn bei Seite?“ „Er rief ihn aus dem Zimmer. Ich fragte ihn ſpäter, warum er ſo gethan hätte, und er gab eine plauſible Entſchuldi⸗ gung; aber ſeit geſtern Abend, Vater, und wenn ich die Umſtände in ihrem wahren Lichte betrachte, fürchte ich, daß ich mir nur zu gut vorſtellen kann, was zwiſchen ihnen verhandelt wurde.“ „Laß mich wiſſen,“ ſagte ihr Vater,„ob deine Anſichten deinen ſchuldigen Bruder in derſelben ſchwarzen Geſtalt erſcheinen laſſen, als die meinigen.“. „Ich fürchte, Vater,“ ſagte Luiſe zögernd,„daß er Stephen Blackpool irgend welche Vorſtellungen gemacht haben muß, viel⸗ leicht in meinem Namen, vielleicht in ſeinem eigenen, welche ihn bewogen, in gutem, ehrlichem Glauben etwas zu thun, was er nie zuvor gethan hatte, und ſich an zwei oder drei Abenden in der Nähe der Bank aufzuhalten, ehe er die Stadt verließ.“ „Zu klar!“ erwiederte ihr Vater.„Zu klar!“ Er verhüllte ſein Geſicht und ſaß einige Augenblicke ſchwei⸗ gend da. Sich wieder faſſend, ſagte er: 1 „Und jetzt, wie kann er aufgefunden, wie kann er der Ge⸗ rechtigkeit entzogen werden? Wie kann er in den wenigen Stun⸗ den, die ich vergehen laſſen darf, ehe ich den wahren Sachverhalt veröffentliche, von uns gefunden werden und von uns allein? Zehntauſend Pfund könnten dieß nicht bewerkſtelligen.“ 284 „Eilli hat es bewerkſtelligt, Vater!“ Er wandte ſeine Augen nach dem Platze, wo ſie ſtand, gleich einer guten Fee des Hauſes, und ſagte in einem Tone ſanfter Dankbarkeit und gerührter Güte:„Immer du, mein Kindl« „Wir hatten unſere Beſorgniſſe,“ erklärte Cilli auf Luiſe blickend,„ſchon vorgeſtern, und als ich ſah, wie Sie an die Säufte gerufen wurden und hörte was vorgieng(denn ich ſtand während der ganzen Zeit dicht neben Rachael), ſo ſchlüpfte ich zu ihm, ohne von Jemanden geſehen zu werden und ſagte ihm: Blickt nicht auf mich. Seht, wo Euer Vater iſt. Flieht unverzüglich, um ſeinet⸗ und um euretwillen.: Er zitterte, ehe ich ihm dieſe Worte zuflüſterte, er fuhr zuſammen und zitterte darauf noch mehr und ſagte:„Wohin kann ich gehen? Ich habe ſehr wenig Geld, und ich weiß nicht, wer mich verbergen wollte! Ich dachte an meines Vaters alten Circus. Ich habe nicht ver⸗ geſſen, wo ſich Mr. Sleary zu dieſer Jahreszeit aufzuhalten pflegt, und zum Ueberfluß hatte ich noch neulich in einer Zeitung von ihm geleſen. Ich gab ihm daher den Rath, dahin zu eilen, ſeinen Namen zu nennen und Mr. Sleary zu erſuchen, ihn zu verbergen, bis ich käme. Vor morgen will ich bei ihm ſein,“ ſagte er. Und ich ſah ihn unter dem Volke verſchwinden.“ „Dem Himmel ſei gedankt!« rief ſein Vater aus.„Er mag noch entkommen ſein.“ Das war um ſo mehr zu hoffen, als die Stadt, wohin ihm Cilli die Richtung gegeben hatte, nur drei Stunden von Liverpool entfernt lag, von wo er dann ſchnell nach einem beliebigen Theile der Welt befördert werden konnte. Aber da Vorſicht in Unterhaltung der Verbindung mit ihm nothwendig war— denn die Gefahr, daß man ihn in Verdacht ziehen würde, wurde mit jedem Augenblicke größer und Niemand konnte ernſtlich verſichert ſein, ob nicht Bounderby ſelbſt, in einer lärmenden Laune öffentlichen Eifers, eine Römerrolle ſpielen werde— ſo verabredete man, daß Luiſe und Cilli allein ſich auf Umwegen an den fraglichen Ort begeben, und der unglückliche Vater nach einer entgegengeſetzten Richtung hin abreiſen und auf einem anderen und weiteren Wege zu dem⸗ ſelben Ziele gelangen ſollte. Es war ferner beſtimmt worden, daß er ſich Mr. Sleaxy nicht vorſtellen ſollte, damit ſeine Ab⸗ ſichten kein Mißtrauen erregten oder die Nachricht von ſeiner Ankunft ſeinen Sohn von neuem zur Flucht veranlaßten; ſon⸗ dern daß es Cilli und Luiſe überlaſſen bliebe, den Verkehr zu 2— ——Anℳ-N8N 285 eröffnen, und daß dieſe den Urheber von ſo viel Kummer und Unglück von der Anweſenheit ſeines Vaters und von der Urſache ihres Kommens benachrichtigen ſollten. Als dieſe Anordnungen genau überlegt und von allen Dreien hinlänglich begriffen worden waren, war es Zeit, ihre Ausführnng zu beginnen. Früh am Nachmittage begab ſich Mr. Gradgrind direkt von ſeinem Hauſe auf das Land, um ſich von der Eiſenbahnlinie aufnehmen zu laſſen, mit welcher er zu reiſen beabſichtigte; und am Abend machten ſich die zwei Zurückgebliebenen in andrer Richtung auf den Weg, ſehr ermuthigt durch den Umſtand, daß ihnen kein bekannkes Geßcht aufſtieß. Die Zwei reisten die ganze Nacht hindurch, ausgenommen wenn ſie für ſo und ſo viel Minuten an Zwiſchenſtationen mit unendlichen Treppen hinauf oder hinunter— worin die einzige Mannigfaltigkeit ſolcher Stationen beruhte— anhielten, und ſtiegen früh am Morgen bei einem Sumpfe aus, eine oder zwei Meellen von der Stadt, welche ſie ſuchten. Von dieſem traurigen Platze wurden ſie durch einen rohen, alten Poſtillon erlöst, welcher zufällig früh auf war und einen Einſpänner hatte; ſo wurden ſie durch all' die Hintergäßchen, wo die Ferkel wohnten, geführt, welches zwar kein glänzender oder ſehr wohlriechender Zugang, jedoch, wie in ſolchen Fällen üblich, die geſetzliche Landſtraße war. Das erſte, was ſie beim Eintritt in die Stadt ſahen, war das Gerippe von Sleary's Circus. Die Geſellſchaft war in eine andere, über zwanzig Meilen weite Stadt gereist und hatte da⸗ ſelbſt am vergangenen Abend ihre Vorſtellungen eröffnet. Die Verbindung zwiſchen dieſen zwei Plätzen wurde durch eine hügelige Chauſſee unterhalten und das Reiſen ging hier ſehr langſam von Statten. Obgleich ſie nur in aller Eile ein wenig frühſtückten und nicht raſteten(was unter ſo ängſtlichen Umſtänden ein ver⸗ geblicher Verſuch geweſen ſein würde) ſo war es doch Mittag, ehe ſie die Zettel von Sleary's Reitervorſtellungen an Scheunen und Mauern angeſchlagen fanden, und ein Uhr, als ſie auf dem Marktplatze ſtill hielten. Eine große Morgenvorſtellung der Reitergeſellſchaft, welche unmittelbar ihren Anfang nehmen ſollte, wurde eben von dem Ausrufer ausgeſchellt, als ſie ihren Fuß auf das Pfaſter ſetzten. Cilli rieth, um Nachfragungen und Aufſehen in der Stadt zu vermeiden, ſich ſelbſt am Eingange ein Billet zu nehmen. Wenn 286 Mr. Sleary das Geld einnehme, ſo würde er ſie gewiß erkennen und mit Diccretion ſich benehmen. Wo nicht, ſo würde er ſie gewiß im Innern bemerken, und im Bewußtſein deſſen, was er mit dem Flüchtling vorgenommen, ebenfalls Discretion beobachten. Daher erſchienen ſie mit klopfendem Herzen bei der wohlbe⸗ kannten Bude. Die Fahne mit der Inſchrift„Sleary's Reiter⸗ Akademie“ war vorhanden und die gothiſche Niſche war vorhanden aber Mr. Sleary war nicht vorhanden. Maſter Kidderminſter, welcher zu groß und bärtig geworden war, als daß er auch von der ungebildetſten Leichtgläubigkeit noch länger als Cupido hätte hingenommen werden können, hatte der unwiderſtehlichen Gewalt der Umſtände(und ſeines Bartes) nachgegeben und präſidirte in der Eigenſchaft eines Mannes, der ſich allgemein nützlich macht, bei dieſer Gelegenheit dem Finanzdepartement,— indem er zu⸗ gleich eine Trommel in Reſerve hatte, welcher er ſeine müſſigen Augenblicke und ſeine überflüſſigen Kräfte widmete. Bei der außerordentlichen Schärfe, mit der er auf falſche Münze aus⸗ ſpähte, ſah Mr. Kidderminſter, wie man ihn nach ſeiner jetzigen Stellung nennen muß, nie etwas anderes als Geld. So kam Cilli unerkannt an ihm vorüber und ſie traten ein. Der Kaiſer von Japan, auf einem ſtetigen alten Schimmel, hübſch mit ſchwarzen Flecken bemalt, war gerade damit beſchäf⸗ tigt fünf Waſchbecken auf einmal zu drehen, wie denn ſolches die Lieblingserholung dieſer Monarchen iſt. Cilli, obgleich wohlbe⸗ kannt mit ſeinem fürſtlichen Stammbaum, hatte keine Perſonal⸗ kenntniß vom gegenwärtigen Kaiſer, ſeine Herrſchaft war friedlich. Darauf wurde Miß Joſephine Sleary mit ihrer berühmten„Eque⸗ ſtriſchen Tyroler Blumen⸗Tour“ von einem neuen Clown(der humoriſtiſch„Blumenkohl⸗Tour“ ſagt) angekündigt, und Mr. Sleary erſchien, ſie einführend. Mr. Sleary hatte dem Clown kaum einen Schlag mit ſeiner langen Peitſche gegeben und dieſer nur geantwortet:„Wenn Ihr das noch einmal thut, ſo werde ich das Pferd auf Euch werfen!“ als Cilli von Vater und Tochter zugleich erkannt wurde. Aber ſie ſpielten den Akt mit großer Selbſtbeherrſchung zu Ende; und Mr. Sleary legte, ausgenommen im erſten Augenblicke, nicht mehr Ausdruck in ſein bewegliches als in ſein unbewegliches Auge. Die Vorſtellung kam Luiſe und Cilli ein wenig lang vor, zumal als ſie pauſirte, um dem Clown Gelegenheit zu gewähren, Mr. Sleary(welcher mit der größten Ruhe auf all' ſeine Bemerkungen 287 „Nicht möglich, Sir!“ erwiederte und ſein Auge auf das Haus ge⸗ richtet hielt), von zwei Beinen zu erzählen, welche auf drei Beinen ſaßen und auf ein Bein ſchauten, als vier Beine hereinkamen und ſich eines Beines bemächtigten, worauf zwei Beine aufſpran⸗ gen, drei Beine ergriffen und ſie nach vier Beinen warfen, welche mit einem Bein davonliefen. Denn obgleich es eine geiſtreiche Allegvrie auf einen Metzger, einen dreibeinigen Stuhl, einen Hund und ein Schöpſenbein war, ſo nahm dieſe Erzählung doch Zeit weg, und ſie waren in großer Spannung. Endlich jedoch machte die kleine ſchönhaarige Joſephine ihre Verbeugung unter großem Applauſe, und der Clown, welcher allein in der Bahn geblieben war, hatte ſich gerade erwärmt und ſagte:„Jetzt kommt die Reihe an mich!“ als Cilli ſich an der Schulter berührt fühlte und ein Zeichen zum Herauskommen erhielt. Sie nahm Luiſe mit ſich, und ſie wurden von Mr. Sleary in einem ſehr kleinen Privatzimmer empfangen mit Segeltuchwänden, Grasboden und hölzerner, ganz ſchiefer Decke, auf welche das Logen⸗ publikum ſeinen Beifall ſtampfte, als wenn es durchbrechen wollte. „Tetilia,“ ſagte Mr. Sleary, welcher Branntwein und Waſſer zur Hand hatte,„et thut mir wohl, Euch tu tehen. Ihr wart immer ein Liebling unter unt und habt unt von alter Teit her Credit vertafft, ich bin detten gewit. Ihr mütt untere Leute tehen, meine Liebe, bevor wir von Getäften tprechen, oder et wird ihnen dat Hert brechen,— vor allen den Frauen. Da it Jote⸗ phine, tie it mit E. W. C. Childerth verheirathet und hat einen Jungen, und obgleich er nur drei Jahre alt it, klettert er auf jedet Ponny, dat man ihm vorführt. Er führt den Namen: Dat kleine Wunder in Tuhlreiterei; und wenn Ihr von dem Knaben nicht bei Atley hören tolltet, to werdet Ihr von ihm in Parit hören. Und Ihr erinnert Euch Kidderminter't, von dem man glaubte, dat er tiemlich galant gegen Euch telbt tei? Nun, der it auch verheirathet. Verheirathet mit einer Wittwe. Alt genug, teine Mutter tu tein. Tie war Teiltänterin und jett it tie nichtt — in Folge ihret Fettet. Tie haben twei Kinder; to tind wir tark in der Feen⸗Branche und in Kindertubenterten. Wenn Ihr untere„Kinder im Wald“ tähet, Vater und Mutter beide auf einem Pferde terbend,— ihr Onkel, tie in teine Hut nehmend, auf einem Pferde,— tie telbt beide Heidelbeeren tuchend auf einem Pferde, und der Robint herbeikommend und tie mit Blättern be⸗ deckend, auf einem Pferde— Ihr würdet tagen, datt et dat voll⸗ 288 kommente Ding tei, wat je Eure Augen getehen. Und Ihr erinnert Euch Emma Gordon, meine Liebe, welche fat Muttertelle an Euch vertrat? Gant gewit thut Ihr dat; et it unnöthig tu fragen. Nun gut. Emma hat ihren Mann verloren. Er türtte in einem traurigen Rückenfall von einem Elephanten in einer Art von Pagodenvortellung alt Tultan von Indien, und nimmer gab er ihn better; und tie hat tich tum tweiten Male verheirathet— verheirathet mit einem Kätekrämer, der gleich beim erten An— blick in Liebe tu ihr erglühte— und er it ein Knauter und auf dem Wege, reich tu werden.“ ieſe verſchiedenen Vorkommniſſe wurden von Mr. Sleary, der nunmehr ſehr kurzathmig geworden, mit großer Herzlichkeit und in wunderbar kindlicher Weiſe erzählt, wenn man dabei in Anſchlag bringt, welch' ein triefäugiger und bejahrter Grog⸗ Veteran er war. Später brachte er Joſephine herein und E. W. B. Childers und„das kleine Wunder von Schulreiterei“, und mit einem Worte, die ganze Geſellſchaft. Es waren köſtliche Ge⸗ ſchöpfe in Luiſen's Augen, ſo weiß und roth an Geſichtsfarbe, ſo ſpärlich gekleidet und mit ſo bezeichnenden Beinen; aber es war ſehr angenehm, ſie um Cilli geſchaart zu ſehen, und ſehr natür⸗ lich bei Cilli, daß ſie ſich der Thränen nicht enthalten konnte. „To! Jett hat Tätilia alle Kinder gekütt, und alle Freunde umarmt, und allen Männern der Reihe nach die Hände getüt⸗ telt, nun fort jeder von Euch, und geklingelt tur tweiten Ab⸗ theilung.“ Sobald als ſie gegangen waren, fuhr er in gedämpftem Tone fort.„Nun, Tätilia, ich will mich nicht in Geheimnitte ein⸗ drängen, aber ich vermuthe, dat ich diete Dame alt Mitt Tquire antutehen habe.“ „Es iſt ſeine Schweſter. Ja.“. „Und det anderen Tochter. Dat it gerade, wat ich meine. Ich hoffe, Euch wohl tu tehen, Mitt. Und ich hoffe der Tquire befindet tich auch wohl.“ „Mein Vater wird bald hier ſein,“ ſagte Luiſe, ängſtlich be⸗ müht, ihn zur Sache zu bringen.„Iſt mein Bruder in Sicherheit 2⸗ „Ticher und getund!“« antworkete er.„Ich möchte Euch ge⸗ rade bitten, einen Blick auf die Reitbahn tu werfen, hier durch. Tätilia, Ihr kennt die Kniffe, tucht Euch telbt ein Guckloch.“ Alle blickten durch eine Bretterritze.— 4 „Dat it Jack, der Rietentödter— ein Tück, dat tum komiten 289 Kinderfache gehört,“ ſagte Sleary.„Dort it ein eigenet Haut für Jack, wie du tieht, um tich darin tu vertecken; da mein Clown mit einem Pfannendeckel und Brattpiet für Jack' Bedienten; hier der kleine Jack telbt in gläntender Rüttung; dort twei komite twarte Bedienten, tweimal to grot alt dat Haut, welche beauf⸗ tragt tind, demtelben beitutehen und et herein⸗ und hinaut⸗ tutragen; und der Riete(ein tehr theurer Korb) it noch nicht da. Nun, teht Ihr tie alle?“ „Ja,“ ſagten beide. „Blickt noch einmal darauf,“ ſagte Sleary,„blickt noch ein⸗ mal genau hin. Teht Ihr alle? Teht gut. Nun, Mitt,“ er ſetzte eine Bank für ſie hin um Platz zu nehmen;„ich habe meine An⸗ tichten und der Tquire, Euer Vater, hat die teinigen. Ich ver⸗ lange nicht tu witten, wat Euer Bruder begangen hat; et it better für mich, et nicht tu witten. Allet, wat ich tage, it, der Tqauire hat bei Tätilia getanden und ich will bei dem Tauire tehen. Euer Bruder it einer von den twarten Bedienten.“ Luiſe entfuhr ein Schrei, der theils Bekümmerniß theils Ge⸗ nugthuung verrieth. „Et it ein Fact,“ fuhr Sleary fort,„und obgleich Ihr ihn jetzt kennt, dürftet Ihr ihn doch mit Eurem Finger nicht be⸗ rühren. Latt den Tauire kommen. Ich werde Euren Bruder nach der Vortellung herkommen latten. Ich werde ihn nicht umkleiden und ebentowenig teine Malerei abwaten latten. Latt den Tquire nach der Vortellung herkommen oder kommt telbt her nach der Vortellung und Ihr tollt Euren Bruder finden und den ganten Platt haben, um mit ihm tu tprechen. Mögen tie nach ihm auttpähen, to viel tie wollen, to lange er wohl ver⸗ teckt it.“. Unter vielem Dank und mit erheiterter Miene empfahl ſich darauf Luiſe, um Mr. Sleary nicht länger aufzuhalten. Sie ließ ihrem Bruder ihr Herz zurück mit thränenvollen Augen, und gieng mit Cilli hinweg bis ſpäter auf den Nachmittag. Eine Stunde darauf langte Mr. Gradgrind an. Auch er war keinem begegnet, den er gekannt hätte; und war jetzt voller Hoff⸗ nung, ſeinen entehrten Sohn mit Sleary's Hülfe in der Nacht nach Liverpool zu ſchaffen. Da ihn Niemand von den Dreien be⸗ gleiten konnte, ohne ſich in eine gleiche Verkleidung zu ſtecken, ſo hielt er einen Brief an einen Correſpondenten bereit, dem er Ver⸗ Boz. Schwere Zeiten⸗ 19 — 290 trauen ſchenken konnte, und erſuchte denſelben, den Ueberbringer nach irgend einer Küſte, von Nord⸗ oder Südamerika, oder nach einem anderen entfernten Welttheil, wohin er am ſchnellſten und geheimſten befördert werden konnte, einzuſchiffen. Nachdem dieß geſchehen war, giengen ſie umher und warteten bis der Circus ganz geräumt ſein würde, nicht nur vom Publikum, ſondern auch von der Geſellſchaft und den Pferden. Nachdem ſie ziemlich lange Zeit darauf gewartet, ſahen ſie Mr. Sleary einen Stuhl herausbringen und mit der Pfeife im Munde an der, Seitenthür Vic niederſetzen, als wenn das ſein Signal wäre, daß ſie nahen könnten. „Euer Diener, Tquire,« war ſeine vorſichtige Begrüßung, als ſie herzutraten.„Wenn ihr meiner bedürft, to werdet Ihr mich hier finden. Ihr dürft nicht etwa glauben, Euer Tohn habe eine komite Livree an.“ Sie traten alle drei ein, und Mr. Gradgrind ſetzte ſich, in düſteres Sinnen verloren, auf den Stuhl, auf welchem der Clown ſeine Vorſtellungen zu geben pflegte, mitten in der Bahn. Auf einer der hinteren Bänke, entfernt unter dem Einfluſſe des gedämpften Lichtes und der Abenteuerlichkeit des Platzes, ſaß der böſe Bube, trotzig bis auf's Aeußerſte, den er das Unglück hatte, ſeinen Sohn zu nennen. In einem abgeſchmackten Rock, wie ein Kirchenthürſteher*), mit Aufſchlägen und Lappen von unſäglicher Ausdehnung; in einer unermeßlichen Weſte, Kniehoſen, Schnallenſchuhen und aufgeſtutz⸗ tem Narrenhute; und nichts ihm ſitzend, alles von grobem Stoffe, mottenzerfreſſen und voller Löcher; mit Streifen in ſeinem ſchwar⸗ zen Geſichte, da wo Furcht und Hitze durch die ſchmierige Miſchung gedrungen war, die es über und über beſudelte; etwas ſo wider⸗ lich, abſcheulich, lächerlich Schmachvolles, als der Bengel in dieſer komiſchen Livree war, würde Mr. Gradgrind bei einer anderen Gelegenheit nie für möglich gehalten haben, eine ſo unläugbare und greifbare Thatſache es auch war. Und eins von ſeinen Mu⸗ ſterkindern war ſo weit gekommen! Anfangs wollte der Bengel nicht näher rücken, ſondern ver⸗ harrte in ſeiner Zurückgezogenheit. Endlich gab er, wenn eine *) Die man in England, der Himmel weiß in Folge welcher chriſtlich anglika⸗ niſchen Errungenſchaft, in ein ſchrillend rothes Harlekincoſtüm zu ſtecken pflegt. Anm. des Ueberſetzers. 291 ſo mürriſch gemachte Conceſſſon ein Nachgeben genannt werden kann, den Aufforderungen Cilli's nach— denn Luiſe verleugnete er gänzlich— und kam herunter von einer Bank zur andern, bis er in den Sägeſpänen ſtand, am Rande der Bahn, ſo weit als möglich von dem Platze, wo ſein Vater ſaß. „ Wie wurde das ausgeführt?“ fragte der Vater.. „Wie wurde was ausgeführt?“ antwortete der Sohn ver⸗ drüßlich. „Dieſer Diebſtahl,“ ſagte der Vater, indem er einen beſon⸗ deren Nachdruck auf das Wort legte.* „Ich ſelbſt machte den Schrank in der Nacht auf und ſchloß ihn wieder halb, ehe ich weg gieng. Ich hatte den Schlüſſel ge⸗ habt, welcher gefunden wurde und lange zuvor gemacht worden war. An dem Morgen warf ich ihn hin, damit man glauben ſollte, er ſei zum Diebſtahle benutzt worden. Ich nahm das Geld nicht alles auf einmal. Ich gab vor, meinen Kaſſenüberſchuß jede kacht wegzulegen, that es jedoch nicht. Nun wißt Ihr alles, was ſich darauf bezieht.“ „Wenn ein Donnerſchlag auf mich gefallen wäre,“ ſagte der Vater,„es würde mich weniger erſchüttert haben, als dieſes.“ „Ich ſehe nicht ein, warum,“ murrte der Sohn. So viele Leute ſind in Stellungen, wo ſie volles Vertrauen genießen; ſo viele Leunte unter den vielen werden unehrlich ſein. Ich habe Euch zu hundert Malen davon ſprechen hören, daß dieß ein Geſetz ſei. Wie kann ich für Geſetze verantwortlich ſein? Ihr habt an⸗ dere mit ſolchen Dingen getröſtet, Vater. Tröſtet Euch jetzt ſelbſt!“ Der Vater verhüllte ſein Geſicht mit den Händen, und der Sohn ſtand in ſeiner häßlichen Phantaſtik da und kaute Stroh; ſeine Hände glichen, da das Schwarze auf der inwendigen Seite abgerieben war, denen eines Affen. Der Abend brach herein; und von Zeit zu Zeit richtete er das Weiße ſeiner Augen raſtlos und ungeduldig auf ſeinen Vater. Sie waren der einzige Theil ſeines Geſichtes, der irgend welches Leben oder Ausdruck zeigte: die Farbe lag zu dick auf demſelben. „Du mußt nach Liverpool geſchafft und außer Landes ge⸗ ſchickt werden.“ „Ich vermuthe ſo. Ich kann mich nirgends miſerabler be⸗ finden,“ lamentirte der Bengel,„als ich mich hier befunden habe, ſo weit ich zurückdenken kann. Das iſt eins.“. Mr. Gradgrind gieng zur Thüre und kehrte mit Sleary 19* 292 zurück, dem er die Frage vorlegte:„Wie dieß beklagenswerthe Subjekt wegſchaffen?“ „Freilich, ich habe daran gedacht, Tquire. Da it nicht viel Teit tu verlieren, bit Ihr tagen mütt ja oder nein. Et it über twantig Meilen tur Eitenbahn. In einer halben Tunde kommt eine Kutſche, die geht tur Eitenbahn, um den Poſttug tu treffen. Dieter Tug wird ihn ticher nach Liverpool bringen.“ „Aber betrachtet ihn,“ ſeufzte Mr. Gradgrind.„Wird eine Kutſche—“ „Ich meine nicht, dat er in dieter komiten Livree gehen toll,“ ſagte Sleary.„Tagt ein Wort und ich will mit Hülfe der Garderobe einen Jotkin aus ihm machen in fünf Minuten.“ „Ich verſtehe nicht,“ bemerkte Mr. Gradgrind. 4 „»Ein Jotkin it ein Fuhrmann. Tagt tnell Eure Meinung, Tquire. Da mut Bier her. Ich habe nie etwat gefunden, dat— to tnell einen komiten Mohren reinigt, alt Bier.“ Mr. Gradgrind ſtimmte ſchnell bei; Mr. Sleary nahm eben ſo ſchnell aus einem Kaſten einen Bauernkittel, einen Filzhut und andere nothwendige Garderobeſtücke; der Bengel wechſelte ſchnell ſeine Kleider hinter einem Schirm von Wollzeug; Mr. Sleary brachte ſchnell Bier und wuſch ihn wieder weiß. „Jett,“ ſagte Sleary,„geht tur Kute und tpringt hin⸗ ten auf; ich werde mit Euch gehen und tie werden Euch für einen von meinen Leuten halten. Tagt Eurer Familie Lebewohl und macht et kurt!“« Hiermit zog er ſich zartfühlend zurück. „Hier iſt dein Brief,“ ſagte Mr. Gradgrind.„Alle noth⸗ wendigen Mittel werden dir verabfolgt werden. Mache durch Reue und Beſſerung die gräßliche That wieder gut, welche du begangen, und die traurigen Folgen zu denen ſie geführt hat. Gib mir deine Hand, armer Knabe, und möge Gott dir verge⸗ ben, wie ich dir vergebe!“ Der Verbrecher wurde durch dieſe Worte und ihren pathe⸗ tiſchen Klang zu wenigen, verrinnenden Thränen gerührt. Aber als Luiſe ihre Arme öffnete, ſtieß er ſie von neuem zurück. »Nicht du. Ich will nichts mit dir zu thun haben.“ gehnn Tom, Tom, ſollen wir ſo enden, nach all' meiner ie e!“* „Nach all' deiner Liebe!“ antwortete er rauh.„Schöne Liebe! welche den alten Bounderby ſich ſelbſt überläßt, meinen beſten — — 293 Freund, Mr. Harthouſe, fortjagt, und gerade, während ich in der größten Gefahr ſchwebe, nach Hauſe geht. Schöne Liebe das! Mit jedem Wort in Bezug auf deinen Beſuch an dem bewußten Orte herauszurücken, während du wußteſt, daß ſich das Netz rings um mich zuſammenzog. Schöne Liebe das! Du haſt mich in aller Form aufgegeben. Du haſt mich nie geliebt!« „Macht et kurt!“ rief Sleary an der Thüre. Sie eilten alle beſtürzt heraus: Luiſe rief ihm nach, daß ſie ihm vergebe und ihn noch immer liebe, daß er es eines Tages bereuen werde, ſie ſo verlaſſen zu haben, und daß er ſich mit Freuden an dieſe ihre letzten Worte erinnern würde, in weiter Ferne; als Jemand gegen ſie rannte. Mr. Gradgrind und Cilli, welche beide vor ihm hergiengen, während ſeine Schweſter noch an ſeinen Schultern hieng, hielten an und prallten zurück. Denn es war Bitzer, außer Athem, ſeine dünnen Lippen *etſeinander geriſſen, ſeine kleinen Naſenlöcher erweitert, ſeine ßen Augenwimpern zitternd, ſein farbloſes Geſicht noch farb⸗ loſer als gewöhnlich, wie wenn er ſich in eine weiße Hitze liefe, während ſich andere Leute in eine rothe Hitze zu laufen pfle⸗ gen. Da ſtand er, keuchend und ſchnaufend, als wenn er ſeit dem Morgen nicht angehalten, bereits lange Zeit, nachdem er ſie angerannt hatte. „Es thut mir leid, daß ich Eure Pläne durchkreuze,“ ſagte Bitzer den Kopf ſchüttelnd,„aber ich kann mich nicht durch Kunſt⸗ reiter betrügen laſſen. Ich muß den jungen Mr. Tom haben, er darf nicht von Kunſtreitern weggeſchafft werden; da ſteht er in einem Bauernkittel und ich muß ihn haben!“ Am Rockkragen, noch dazu, ſchien es. Denn ſo ergriff er Beſitz von ihm. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Sie giengen in die Bude zurück und Sleary verſchloß die Thüre um Eindringlinge abzuhalten. Bitzer ſtand, den gelähmten Verbrecher noch immer am Kragen haltend, in der Bahn und blickte auf ſeinen alten Patron durch das Dunkel des Zwielichts. „Bitzer,“ ſagte Mr. Gradgrind, ganz niedergedrückt und mit kläglicher Unterwürfigkeit,„habt Ihr ein Herz 2e „Die Circulation, Sir,“ erwiederte Biter über die Seltſam⸗ — 294 keit der Frage lächelnd,„würde ſich ohne ein ſolches nicht bewerk⸗ ſtelligen laſſen. Niemand, Sir, der mit den Harvey'ſchen Unter⸗ ſuchungen bezüglich des Blutumlaufs vertraut iſt, kann zweifeln, daß ich ein Herz habe.“ „Iſt es irgend einer Regung des Mitleids zugänglich?“ ver⸗ ſetzte Mr. Gradgrind. „Es iſt der Vernunft zugänglich, Sir,« erwiederte der⸗ vortreffliche junge Mann,„und nichts anderem.“ Sie ſtanden ſich gegenüber, der eine den anderen betrach⸗ tend, und Mr. Gradgrinds Geſicht war ſo bleich, wie das des Verfolgers. »Was für ein Motiv— ſelbſt was für ein vernünftiges Motiv— könnt Ihr haben, das Entkommen dieſes unglücklichen Jünglings,“ ſagte Mr. Gradgrind,„zu verhindern und ſeinen be⸗ klagenswerthen Vater zu Boden zu treten? Blickt auf ſeine Schweſter hier. Habt Mitleid mit uns!“ 1 „Sir,“ antwortete Bitzer, in einer ſehr geſchäftsmäßigen und logiſchen Manier,„da Ihr mich fragt, was für ein vernünf⸗ tiges Motiv ich habe, den jungen Mr. Tom nach Coketown zurückzubringen, ſo iſt es nicht mehr als vernünftig, es Euch wiſſen zu laſſen. Ich habe den jungen Mr. Tom vom erſten Augenblick an in Betreff dieſes Bankdiebſtahls beargwohnt. Ich hatte mein Auge auf ihm ſchon vor dieſer Zeit, denn ich kenne ſeine Schliche. Ich habe meine Beobachtungen für mich behalten, aber ich habe ſie gemacht, und ich habe mir vollgültige Beweiſe jetzt gegen ihn verſchafft, ganz abgeſehen von ſeiner Flucht und ſeinem eigenen Bekenntniſſe, das ich das Glück hatte mit auzu⸗ hören. Ich hatte das Vergnügen, Euer Haus geſtern Morgen zu umlauern und Euch hierher zu folgen. Ich will den jungen Mr. Tom nach Coketown zurückbringen, um ihn Mr. Bounderby zu überliefern. Sir, ich habe nicht den geringſten Zweifel, daß Mr. Bounderby mich zu dem Platze des jungen Mr. Tom beför⸗ dern wird. Und ich wünſche ſeine Stellung zu haben, denn ſie wird ein Avancement für mich ſein und mir gut thun.“ 5 „»Wenn dieſes ausſchließlich eine Frage des perſönlichen In⸗ tereſſes für Euch iſt—“ begann Mr. Gradgrind. „Ich bitte um Verzeihung,“ daß ich Euch unterbrechen muß, Sir,« fiel ihm Bitzer in die Rede;„aber es wird Euch gewiß nicht unbekannt ſein, daß das ganze ſociale Syſtem eine Frage des perſönlichen Intereſſes iſt. Woran Ihr immer appelliren 1 295 müßt, daß iſt der perſönliche Egoismus. Dieſer iſt Euer einziger Halt. So ſind wir nun einmal organiſirt. Ich wurde in dieſem zatechiomiu erzogen, als ich noch ſehr jung war, Sir, wie Euch ekannt.“ „Was für eine Summe,“ ſagte Mr. Gradgrind,„wollt Ihr gegen Eure gehoffte Beförderung geſetzt haben?“ „Ich bin Euch zu Danke verpflichtet, Sir,“« entgegnete Bitzer,„daß Ihr Euch zu dieſem Vorſchlage beilaßt; aber ich will gar keine Summe dagegen geſetzt haben. Da ich vorausſah, daß Euer heller Kopf dieſe Alternative ſtellen würde, ſo habe ich die desfallſigen Calculationen in meinen Gedanken überſchlagen, und finde, daß eine Untreue zu begehen, ſelbſt um eine ſehr hohe Summe, in dieſem Falle nicht ſo ſicher und vortheilhaft für mich ſein würde, als meine beſſeren Ausſichten bei der Bank.“ „Bitzer,“ ſagte Mr. Gradgrind, ſeine Hände ausſtreckend, als wollte er ſagen: Siehe, wie elend ich bin!„Bitzer, ich ſehe nur noch eine Möglichkeit, Euren Sinn zu beugen. Ihr wart viele Jahre in meiner Schule. Wenn Ihr Euch, in dankbarer Erin⸗ nerung an die Mühe, die man daſelbſt auf Euch verwandt hat, in irgend einer Art überreden könnt, von Eurem augenblicklichen Intereſſe abzuſehen und meinen Sohn loszulaſſen, ſo bitte ich Euch inſtändig, ihm den Vortheil dieſer dankbaren Erinnerung zukommen zu laſſen.“ 4 „Ich bin in der That erſtaunt, Sir,“ verſetzte ſein alter Schüler im Tone eines Beweisführers,„Euch auf einer ſo unhalt⸗ baren Poſition zu ſehen. Mein Unterricht wurde bezahlt; er be⸗ ruhte auf einem Handels⸗Contrakt, und der Contrakt war zu Ende, als ich die Schule verließ.“ Es war ein Fundamentalprinzip der Gradgrind'ſchen Philo⸗ ſophie, daß Alles zu bezahlen ſei. Niemand war unter irgend welchen Umſtänden verpflichtet, Jemanden irgend etwas zu geben oder irgend welche Hülfe zu leiſten, ohne Kaufpreis. Dankbarkeit mußte abgeſchafft werden und die aus ihr entſpringenden Tugenden mußten aufhören zu exiſtiren. Jeder Zoll der menſchlichen Exiſtenz war demzufolge ein auf dem Kaſſentiſche abgeſchloſſener und gere⸗ gelter Contrakt. Und wenn wir über den Zahltiſch nicht in den Himmel kommen konnten, ſo war es, weil derſelbe kein natio⸗ nalökonomiſcher Platz, und wir daſelbſt nichts zu ſuchen hatten.“ „Ich läugne nicht,“ fuhr Bitzer fort,„daß mein Unterricht billig war. Aber das paßt ja gerade ſo gut, Sir. Ich bin um 296 4 den billigſten Marktpreis geliefert worden, und habe um den theuerſten über mich zu disponiren.“ HKier wurde er durch die lanten Thränenausbrüche Luiſens und Cilli's etwas außer Faſſung gebracht. „Laßt das, wenn ich bitten darf,“ ſagte er,„das nützt zu nichts und genirt nur. Ihr ſcheint zu glauben, ich hätte eine gewiſſe Animoſität gegen den jungen Mr. Tom; jedoch ich habe eine ſolche durchaus nicht. Ich beabſichtige nur, aus den er⸗ wähnten vernünftigen Gründen, ihn nach Coketown zurückzu⸗ bringen. Wenn er Widerſtand leiſten ſollte, ſo würde ich den Ruf erheben: Haltet den Dieb! Aber, wenn er keinen Wider⸗ ſtand eutgegenſetzt, ſo könnt Ihr darüber ganz beruhigt ſein.“ r. Sleary, der mit offenem Munde und ſein rollendes Auge ſo unbeweglich in ſeinen Kopf gezwängt, wie ſein feſtſtehendes, dieſen Doctrinen in tiefer Aufmerkſamkeit ſein Ohr geliehen hatte, trat hier vor. „Tquire, Ihr wit tehr wohl und Eure Tochter weit tehr wohl(better alt Ihr, weil ich et ihr getagt habe), dat et mir unbekannt war, wat Euer Tohn begangen, und dat ich et auch nicht tu witten wünte— ich tagte, et wäre better, obgleich ich tu der Teit nur glaubte, et wäre eine Lumperei. Jedoch, da dieter junge Mann erklärt hat, dat et ein Bankdiebtahl, to it dat, traun, eine tehr ernthafte Tache; viel tu ernthaft für mich, um diet Getäft tu entriren, wie dieter junge Mann tich tehr pattend auttudrücken beliebt. Daher dürft Ihr mir et nicht übel nehmen, Tauire, wenn ich mich auf die Teite von dietem jungen Manne telle und tage, er hat Recht und da it nicht zu helfen. Aber ich will Euch tagen, wat ich thun will, Tquire, ich will Euren Tohn und dieten jungen Mann tur Eitenbahn fahren und hier öffentliche Blottellung verhüten. Ich kann nicht vertprechen mehr tu thun, aber dat will ich thun.“ Neue Lamentationen von Luiſe und tiefere Betrübniß von Seiten Mr. Gradgrind's folgten dieſer Erklärung, welche ihnen bewies, daß ſie auch von ihrem letzten Freunde verlaſſen ſeien. Aber Cilli blickte mit großer Spannung auf ihn, auch mißver⸗ ſtand ſie ihn nicht. Als ſie alle im Begriff waren hinauszugehen, begünſtigte er ſie mit einem leichten Rollen ſeines beweglichen Auges, um ihr anzuzeigen, daß ſie zurück bleiben ſollte. Als er die Thüre ſchloß, ſagte er in haſtiger Aufregung: „Der Tquire tand bei Euch, Tätilia, und ich werde bei dem 3 297 Tquire tehen. Mehr alt dat. Diet it ein Prachttaugenicht’ und gehört dem polternten Turken, der meine Leute fat mitten im Winter herautſchmitt. Et wird eine fintere Nacht geben. Ich habe ein Pferd betorgt, dat allet thun kann und wird, nur nicht tprechen; ich habe ein Ponny in Bereittaft, dat fünftehn Meilen in einer Tunde macht, wenn et Childert lenkt, ich habe einen Hund tur Teite, der teinen Mann vierundtwantig Tunden auf einem Platte hält. Wechtelt ein Wort mit dem jungen Tquire. Tagt ihm, wenn er tieht, dat unter Pferd tu tanten beginnt, to toll er tich nicht fürchten, umgeworfen tu werden, tondern tarf nach einem herankommenden Pony⸗Gig auttauen. Tagt ihm, wenn er dat Gig dicht hinter tich bemerkt, to toll er herunter⸗ tpringen, et werde ihn im Trab aufnehmen. Wenn mein Hund dieten jungen Mann einen Fut aufheben lätt, to gebe ich ihm die Erlaubnit tu gehen. Und wenn mein Pferd tich von dem Platte rührt, wo et tu tanten anfängt, vor Morgen,— dann kenne ich et tlecht! Macht et kurt und eindringlich!“ Es wurde ſo kurz gemacht, daß innerhalb zehn Minuten Mr. Childers, der auf dem Marktplatze in einem Paar Pantof⸗ feln herumſchlenderte, ſeinen Wink hatte und Mr. Sleary's Equipage bereit war. Es war ein ſchöner Anblick, den gelehrigen Hund um dieſelbe herumbellen und Mr. Sleary ihn mit ſeinem einzigen practicablen Auge unterweiſen zu ſehen, daß Bitzer der Gegenſtand ſeiner beſonderen Aufmerkſamkeit ſein ſolle. Bald nach Dunkelwerden ſtiegen alle drei ein und fuhren ab; während der gelehrige Hund(ein Furcht einflößendes Thier) ſchon Bitzer mit ſeinen Augen fixirte und ſich neben dem Wagen hart an ſeiner Seite hielt, damit er für ihn bereit ſei, im Falle er die leiſeſte Neigung zum Ausſteigen verrathen ſollte. Die anderen Drei blieben im Wirthshaus die ganze Nacht hindurch in großer Unruhe auf. Um acht Uhr des Morgens er⸗ ſchien Mr. Sleary mit dem Hunde wieder; beide ſehr frohen Muthes. „Allet in Ordnung, Tquire!« rief Mr. Sleary,„Euer Tohn kann in dietem Augenblicke am Bord einet Tiffes tein. Childert nahm ihn anderthalb Tunden nach unterer Abfahrt am vergangenen Abend auf. Dat Pferd tanzte die Polka, bit et müde getrieben war(et würde gewalzt haben, wenn et nicht im Getirr geweten wäre), dann gab ich ihm dat Wort und et begann bequem tu tlafen. Alt dat Prachtexemplar vom jungen Taugenicht' nach⸗ 298 dem er herautgeworfen war, tu Fut weiter gieng, hieng tich der Hund an tein Halttuch mit allen vier Beinen in der Luft, tog ihn nieder und rollte ihm dat Unterte tu oben. To kam er turück in den Wagen und tat hier, bit ich dat Pferd umwandte, um halb tieben Uhr dieten Morgen.“ Mr. Gradgrind überſchüttete ihn mit Dankſagungen, wie ſich von ſelbſt verſteht, und ſpielte ſo zart er konnte auf eine anſtän⸗ dige Geldbelohnung an. „Ich telbt verlange kein Geld, Tquire, aber Childert it Fa⸗ milienvater, und wenn Ihr ihm etwa eine Fünfpfundnote aubieten tolltet, to dürfte tie nicht turückgewieten werden. In gleicher Weite, wenn Ihr vielleicht Willent wäret ein Haltband für den Hund oder ein Glockentpiel für dat Pferd tu ertehen, to würde ich tehr erfreut tein, et antunehmen. Grog nehme ich immer.“ Er hatte bereits ein Glas beſtellt und jetzt beſtellte er ein an⸗ deres.„Wenn Ihr nicht glauben tolltet, et hiete tu weit gehen, eine kleine Tpende der Getelltaft tu machen, ungefähr drei und techs auf den Kopf, Luce nicht gerechnet, to würde et tie glück⸗ lich machen.“ Mr. Gradgrind übernahm es ſehr gern, alle dieſe kleinen Beweiſe ſeiner Dankbarkeit zu geben; obgleich er ſagte, ſie ſeien ſeiner Meinung nach viel zu gering für einen ſolchen Dienſt. „Tehr gut, Tquire; dann, wenn Ihr untere Vortellungen betuchen wollt, to werdet Ihr die Rechnung mehr alt autge⸗ glichen haben. Nun, Tquire, wenn Eure Tochter mir erlauben will, möchte ich gern ein Wort in't Geheim mit Euch tprechen.“ Luiſe und Cilli zogen ſich in ein anſtoßendes Gemach zurück; Mr. Sleary begann, indem er ſich bückte und ſtehend ſeinen Grog trank: „Tquire, Ihr könnt nicht läugnen, dat man Euch berichtet hat, wie der Hund ein wunderbaret Thier iſt. „Ihr Inſtinkt,“ ſagte Mr. Gradgrind,„iſt überraſchend. „Wie Ihr et auch heiten mögt— und ich bin froh, wenn ich weit, wie et heiten— et it erſtaunlich. Der Weg, auf welchem ein Hund Euch finden will— in der Richtung wird er kommen!“ 1 „Weil,« verſetzte Mr. Gradgrind,„ſein Geruch ſo fein iſt.“ „Et würde mich glücklich machen, wenn ich wütte, wie ich et nennen tollte,“ wiederholte Sleary, ſein Haupt ſchüttelnd, „aber, Tquire, ich habe Hunde mich finden getehen, auf einem 299 Wege, der mich ungewit lätt, ob der Hund nicht tu einem andern Hunde gegangen und ihn gefragt hat:„Kennt ihr nicht vielleicht eine Perton Nament Tleary, kennt ihr? Perton Nament Tleary, in der Kuntreiterei⸗Tphäre— untertetzter Mann— Tielauge?: Und dieter dürfte dann getagt haben:„Tön, ich kann nicht tagen, dat ich ihn pertönlich kenne, aber ich kenne einen Hund, der glaube ich wohl mit ihm bekannt tein könnte.“ Und dann mag dieter Hund noch einmal darüber nachgedacht und getagt haben:„Tleary, Tleary! O ja, gant ticher! Ein Freund von mir erwähnte teiner einmal. Ich kann euch teine Adrette augenblicklich geben.“ Weil ich vor dem Publikum tehe und to viel herumkomme, to begreift Ihr, Tauire, dat eine grote Tahl Hunde mit mir bekannt tein mut, die ich nicht kenne!“ Mr. Gradgrind ſchien durch dieſe Philoſophie ganz in Ver⸗ legenheit gebracht zu ſein.— „Einmal,“ ſagte Sleary, nachdem er ſeine Lippen an den Grog geſetzt hatte,„waren wir in Chethter, et mag wohl ungefähr viertehn Monate her tein. Wir waren gerade im Begriff, an einem Morgen untere„Kinder im Walde“ eintuüben, alt ein Hund durch dat Theaterthor in untere Reitbahn hereinkam. Er hatte einen langen Weg turückgelegt und war in einer tehr üblen Verfattung, lahm und fat gant blind. Er gieng rund um tu unteren Kindern, von einem tum andern, alt wenn er ein Kind tuchte, dat er kannte; dann kam er tu mir, tellte tich hinten auf und mit den twei Vorderfüten in die Höhe, krank wie er war, und darauf wedelte er mit dem Twante und crepirte. Tquire, dieter Hund war Merrylegt.“ „Cilli's Vatert Hund?“ 1 „Tätilia's Vaters alter Hund. Nun, Tauire, kann ich einen Eid darauf ablegen, wie ich den Hund kenne, dat jener Mann todt und begraben war— bevor der Hund tu mir zurückkam. Jotephine, Childert und ich betprachen et lange Teit, ob ich treiben tollte oder nicht. Aber wir kamen überein: Nein. Denn et gibt nicht' angenehmet tu berichten, warum alto ihren Tinn betrüben, und tie unglücklich machen? Ob daher ihr Vater tie bötwillig verliet, oder ob er lieber tein Hert allein brechen latten, alt tie tugleich mit tich verderben wollte, wird nie be⸗ kannt werden, Tquire, bit— nein, bit wir witten, wie ein Hund unt autfindet.“ 4 3 „Sie bewahrt die Flaſche, nach welcher er ſie ausgeſchickt 300 hatte, noch bis zu dieſer Stunde; und ſie wird an ſeine Liebe noch bis zum letzten Augenblicke ihres Lebens glauben,“ ſagte Mr. Gradgrind. „Dat teint einem twei Dinge tu beweiten; it et nicht to, Tauire?“ ſagte Mr. Sleary, während er nachdenklich auf den Grund ſeines Grogs blickte.„Dat eine it, dat et eine Liebe in der Welt gibt, die nicht durchweg im tieften Grunde Telbtin⸗ terette, tondern etwat gant anderet it; dat andere, dat et eine Art Telbtberechnung oder Nichtberechnung gibt, welche in ge⸗ witter Weite to twer tu beteichnen it, alt die Handlungtweite einet Hundet!“ Mr. Gradgrind blickte aus dem Fenſter und gab keine Ant⸗ wort. Mr. Sleary leerte ſein Glas und rief die Damen zurück. „Tätilia, meine Liebe, kütt mich und gehabt Euch wohl! Mitt Tauire, tu tehen, wie Ihr tie alt eine Tweter behandelt und alt Tweter, der Ihr Vertrauen und Achtung von ganter Teele tenkt und noch mehr alt dat, it ein Anblick, der mir tehr wohl thut. Ich hoffe, Euer Bruder wird leben, um et better um Euch tu ver⸗ dienen und Euch mehr Frende tu machen. Tauire, gebt mir Eure Hand tum erten und tum letten Male. Legt unt armen Vaga⸗ bunden nicht' in den Weg. Dat Volk mut amütirt werden. Nicht alle Leute können gelehrt und nicht alle können Arbeiter tein; untereint it nicht dafür gemacht. Ihr mütt unt haben, Tqauire. Teit daher klug und freundlich tugleich, und macht dat bete aut unt, und nicht dat tlechtete!“ „Und ich würde nie tuvor geglaubt haben,“ ſagte Mr. Sleary von neuem, indem er ſeinen Koöpf noch einmal zur Thüre herein⸗ ſtreckte,„dat ich to viel von einem Moralplapperer hätte!“ Siebenunddreißigſtes Kapitel. Es iſt ein gefährliches Ding, in der Sphäre eines dünkel⸗ haften Polterers etwas zu ſehen, ehe es der Polterer ſelbſt ſieht. Mr. Bounderby fühlte, daß Mrs. Sparſit ihm unverſchämt zuvor⸗ gekommen und der Anſicht war, weiſer zu ſein als er. Unver⸗ ſöhnlich aufgebracht gegen ſie, wegen ihrer triumphirenden Ent⸗ deckung von Mrs. Pegler, drehte er dieſe Vermeſſenheit von Seiten einer Frau in ihrer abhängigen Stellung, ſo lange um und um in ſeinem Sinne, bis ſie im Umdrehen anſchwoll wie eine Lawine. Endlich machte er die Entdeckung, daß dieſes Frauen⸗ zimmer von hohen Familienverbindungen los zu werden und es in ſeiner Gewalt zu haben zu ſagen:„Sie war eine Frau von Familie und wünſchte ſich an mich zu hängen, aber ich wollte es nicht haben und traf Anſtalt, mich von ihr zu befreien“— heißen würde, den größtmöglichen Betrag von krönendem Ruhm aus dieſer Verbindung ziehen und zu gleicher Zeit Mrs. Sparſit nach Verdienſt beſtrafen. Mehr als je von dieſer großen Idee erfüllt, trat Mr. Boun⸗ derby ein zum zweiten Frühſtück und ſetzte ſich in dem aus frü⸗ heren Zeiten bekannten Speiſezimmer nieder, in welchem ſein Porträt hing. Mrs. Sparſit ſaß am Feuer, ihren Fuß in ihrem baumwollenen Fußſacke, wenig denkend, was ihr bevorſtand. Seit der Pegler⸗Affaire hatte dieſe edle Dame ihre Theil⸗ nahme für Mr. Bounderby mit einem Schleier von ruhiger Me⸗ lancholie und Ergebenheit umhüllt. In Folge deſſen war es ihre Gewohnheit geworden, einen wehmuthsvollen Blick anzunehmen, welchen wehmuthsvollen Blick ſie jetzt auf ihren Patron richtete. „Was iſt Ihr Begehr, Ma'am?“ ſagte Mr. Bounderby in kurzer und rauher Weiſe. „Bitte, Sir,“ antwortete Mrs. Sparſit,„beißen Sie meine Naſe nicht ab.“ „Ihre Naſe abbeißen, Ma'am!“ wiederholte Mr. Bounderby. „Ihre Naſe!“« indem er andeuten wollte, wie Mrs. Sparſit wohl begriff, daß es zu dieſem Behufe eine zu ausgebildete Naſe ſei. Nach dieſer beleidigenden Bemerkung ſchnitt er ſich eine mrodrrnſte ab und warf das Meſſer mit gewaltſamem Geräuſch nieder.. Mrs. Sparſit nahm ihren Fuß aus dem Fußſacke und ſagte: „Mr. Bounderby, Sir!“ „Nun, Ma'am?“ verſetzte Bounderby.„Was ſtarren Sie?“ „Darf ich fragen, Sir,“ ſagte Mrs. Sparſit,„ob Sie dieſen Morgen Unannehmlichkeiten gehabt haben?“ „Ja, Ma'am. „Darf ich fragen, Sir,“ fuhr die beleidigte Frau fort,„ob ich die unglückliche Urſache bin, daß Sie Ihre gute Laune ver⸗ loren haben?“ „Nun wohl, ich will Ihnen etwas ſagen, Ma'am,“ erwiederte Bounderby,„ich bin nicht hierhergekommen, um mich auszanken zu laſſen. Ein Frauenzimmer mag noch ſo hohe Familienconnexio⸗ nen haben, und es kann ihr doch nicht geſtattet merden, einen Mann in meiner Stellung zu langweilen und zu ärgern, und ich habe nicht Luſt, mir das gefallen zu laſſen.“(Bounderby hielt es für nöthig, einzuhalten; denn er ſah voraus, daß er geſchlagen werden würde, ſobald er auf Details eingieng.) Mrs. Sparſit erhob ſich erſt, dann zog ſie ihre Coriolani⸗ ſchen Augenbrauen zuſammen, legte ihre Arbeit in ihren Korb und brach auf. „Sir,« ſagte ſie würdevoll,„es iſt offenbar, daß ich Ihnen gegenwärtig im Wege bin. Ich werde mich auf mein eigenes Zimmer zurückziehen.“ „Erlauben Sie mir, die Thüre zu öffnen, Ma'am.“ „Danke, Sir, ich kann es ſelbſt thun.“ „Sie ſollten es mir lieber erlauben, Ma'am,“ ſage Boun⸗ derby, indem er an ihr vorübergieng und ſeine Hand auf das Schloß legte,„weil es mir Gelegenheit verſchaffen wird, Ihnen ein Wort zu ſagen, ehe Sie gehen. Mrs. Sparſit, ich glaube, Sie ſind genirt hier, nicht wahr? Es ſcheint mir, daß es unter meinem niedrigen Dache ſchwerlich genug Raum gibt für eine Lady von Ihrem Talent in anderer Leute Angelegenheiten.“ Mrs. Sparſit warf ihm einen Blick der finſterſten Verachtung zu und ſagte mit großer Höflichkeit:„Wirklich, Sir 24 „Ich habe darüber ſeit der letzten Affaire nachgedacht, ſehen Sie, Ma'am,“ ſagte Bounderby;„und es ſcheint nach meinem unmaßgeblichen Urtheile—“ „O, bitte, Sir,“ unterbrach ihn Mrs. Sparſit mit lebhafter Heiterkeit, ſetzen Sie Ihr Urtheil nicht herab. Jedermann weiß, wie unfehlbar Mr. Bounderby's Urtheil iſt. Jedermann hat Beweiſe davon. Es muß das Thema der allgemeinen Unterhaltung ſein. Setzen Sie alles an ſich herab, nur Ihr Urtheil nicht, Sir,“ ſagte Mrs. Sparſit lachend. Mr. Bounderby, ſehr roth und unbehaglich, recapitulirte: „Es ſcheint mir, Ma'am, ſage ich, daß eine ganz andere Art Hausweſen für eine Lady von Ihren Verdienſten viel paſ⸗ ſender ſein würde. Solch ein Hausweſen z. B., wie das Ihrer Verwandtſchaft, der Lady Scadgers. Glauben Sie nicht auch, Sie dürften da einige Dinge finden, mit denen Sie ſich befaſſen könnten?“ „Es iſt mir nie zuvor aufgefallen, Sir,“ erwiederte Mrs. Sparſit,„aber jetzt, wo Sie deſſen Erwähnung thun, halte ich es für höchſt wahrſcheinlich.“ 303 „Dann nehmen Sie das Wahre an, Ma'am,“ ſagte Mr. Boun⸗ derby, indem er ein couvertirtes Bankbillet in ihren kleinen Kopb legte.„Sie können nach Gutdünken die Zeit zu Ihrer Abreiſe wählen, Ma'am. Aber indeſſen dürfte es wohl für eine Lady von Ihren Geiſteskräften angenehmer ſein, ihren Budding bei ſich ſelbſt zu eſſen, als beſchwerlich zu fallen. Ich muß mich wirklich bei Ihnen entſchuldigen, daß ich Ihnen ſo lange im Lichte geſtanden, obgleich ich nur Joſiah Bounderby von Coketown bin.“ „Bitte, das iſt nicht der Erwähnung werth, Sir,“ erwiederte Mrs. Sparſit.„Wenn dieß Porträt ſprechen könnte, Sir— aber es hat den Vortheil vor ſeinem Original voraus, daß es nicht die Fähigkeit beſitzt, ſich ſelbſt zu compromittiren und andere zu degoutiren— ſo würde es bezeugen, daß ich es ſchon vor langer Zeit als das Gemälde eines Einfaltspinſels betrachtete. Nichts was ein Einfaltspinſel thut, kann Erſtaunen oder Unwillen er⸗ regen; das Thun und Laſſen eines Einfaltspinſels kann nur Verachtung einflößen.“ Während ſie dieß ſagte, bemühte ſich Mrs. Sparſit, mit ihren römiſchen, eiſernen Zügen ihre Verachtung gegen Mr. Boun⸗ derby auszudrücken, maß ihn mit feſtem Blicke von Kopf bis zu Fuße, ſchwebte verächtlich an ihm vorüber und ſtieg die Treppe hinauf. Mr. Bounderby ſchloß die Thüre und ſtellte ſich vor das Feuer; ſich nach ſeiner alten exploſiven Manier in ſein Porträt verſenkend und in die Zukunft. Wie weit in die Zukunft? Er ſah Mrs. Sparſit einen täg⸗ lichen Kampf auf die Spitzen aller weiblichen Waffen mit der neidiſchen, beißenden, eigenſinnigen, quälenden Lady Scadgers auskämpfen, die noch immer mit ihrem geheimnißvollen Fuße im Bette lag und ihr unzureichendes Einkommen ungefähr in der Mitte jedes Quartals aufgezehrt hatte, in einem niedrigen, kleinen, luftloſen Logis, nur ein Cloſet für einen, nur ein Stall für zwei; aber ſah er mehr? Erhaſchte er einen Strahl von ſich ſelbſt, wenn er Bitzer den Fremden vorſtellte, als den ſtrebſamen jungen Mann, ſo ergeben den großen Verdienſten ſeines Herrn, welcher den Platz des jungen Toms errungen und den jungen Tom beinahe ſelbſt gefangen hätte, zur Zeit als dieſer von ver⸗ ſchiedenen Landſtreichern entführt wurde? Sah er einen ſchwachen Reflex von ſeinem eigenen Bilde, wie er ein großprahleriſches 304 Teſtament machte, wonach fünfundzwanzig Humbugs nach zurück⸗ gelegtem fünfundfünfzigſten Jahre, deren jeder den Namen Joſiah Bounderby von Coketown annehmen mußte, für immer in Bonn⸗ derby⸗Hall ſpeiſen, für immer in Bounderby⸗Häuſern wohnen, für immer eine Bounderby⸗Kapelle beſuchen, für immer ſich von einem Bounderby⸗Kaplan einſchläfern laſſen, für immer von einer Boun⸗ derby⸗Stiftung ernährt werden, für immer alle geſunden Magen mit einem Uebermaß von Bounderby⸗Miſchmaſch und Bounderby⸗ Prahlerei verderben ſollten? Hatte er eine Ahnung von dem Tage, fünf Jahre ſpäter, als Joſiah Bonnderby von Coketown an einem Schlaganfalle in der Coketownſtraße ſterben und daſſelbe köſtliche Teſtament ſeine lange Carriere von Spitzfindigkeiten, Betrügereien, falſchen Anſprüchen, ſchlechtem Beiſpiel, wenig Dienſt und vielen Prozeſſen beginnen ſollte? Wahrſcheinlich nicht. Jedoch das Porträt zeigte das alles. Auch Mr. Gradgrind ſaß an demſelben Tage und zur ſelben Stunde gedankenvoll in ſeinem Zimmer. Wie viel von der Zu⸗ kunft ſah er? Sah er ſich ſelbſt einen ergrauten, verlebten Mann, ſeine bisherigen unbiegſamen Ideen für feſtſtehende Umſtände beugen, ſeine Thatſachen und Figuren der Hoffnung, dem Glauben und der Menſchenliebe unterordnen und nicht länger den Verſuch machen, dieſe himmliſchen Drei in ſeinen ſtaubigen kleinen Mühlen zu zermahlen? Erhaſchte er einen Blick von ſich ſelbſt, wie er deßhalb von ſeinen früheren politiſchen Verbündeten verachtet wurde? Sah er ſie in der Aera, wo es allgemein anerkannt war, daß die nationalen Gaſſenkehrer nur mit einander etwas zu thun haben und keine Verpflichtung gegen eine Abſtraction, ge⸗ nannt Volk, anerkennen, das den ehrenwerthen Gentleman mit dieſem und mit dem und womit nicht, fünf Tage in der Woche bis zu den frühen Morgenſtunden drangſalt? Wahrſcheinlich hatte er eine ſtarke Vorahnung davon, denn er kannte ſeine Leute. Auch Luiſe betrachtete am Vorabend deſſelben Tages das Feuer, wie in früheren Zeiten, jedoch mit freundlicherer und de⸗ müthigerer Miene. Wie viel von der Zukunft mochte vor ihrem Blick aufſteigen? Plakate an den Straßenecken, mit ihres Vaters Namen unterzeichnet, welche den verſtorbenen Stephen Blackpool, Weber, von dem falſchen Verdacht entlaſteten, und die Schuld ſeines eigenen Sohnes veröffentlichten, mit ſo viel Milderung als ſeine Jahre und Verſuchung(er konnte ſich nicht überwinden „Erziehung“ hinzuzufügen) beanſpruchen dürften, gehörten der 305 Gegenwart an. So Stephen Blackpool's Grabſtein, mit ihres Vaters Document über ſeinen Tod gehörte auch faſt zur Gegen⸗ wart, denn ſie wußte, daß das ſo ſein ſollte. Dieſe Dinge konnte ſie leicht ſehen. Aber, wie viel von der Zukunft? Ein Arbeitermädchen, Namens Rachael, welches nach einer langen Krankheit eines Tages wieder auf den Ruf der Fabrik⸗ glocke erſchien und wieder zur beſtimmten Stunde hin⸗ und zurückgieng unter den Coketown'ſchen„Händen“; ein Mädchen von gedankenvoller Schönheit, immer ſchwarz gekleidet aber mil⸗ den Sinnes und heiter, ſelbſt munter; welches allein von allen Leuten an dem Orte mit einer geſunkenen, verſoffenen Elenden ihres eigenen Geſchlechts Mitleid zu haben ſchien, die man zu Zeiten in der Stadt insgeheim ſie anbetteln und anrufen ſah; ein Arbeitermädchen, immer arbeitend, aber zufrieden damit, wie mit ihrem natürlichen Looſe, bis ſie zu alt zu fernerer Arbeit ſein würde. Sah Luiſe das? So etwas ſollte geſchehen. Ein verlaſſener Bruder, viele tauſend Meilen entfernt, auf thränendurchnäßtem Papier ſchreibend, daß ihre Worte zu bald in Erfüllung gegangen, und daß alle Schätze der Welt unbedenk⸗ lich hingeworfen werden würden für einen Blick auf ihr theures Geſicht. Später dieſer Bruder ſich der Heimath nähernd, voll Hoffnung ſie zu ſehen, und durch Krankheit aufgehalten; und dann ein Brief von fremder Hand, in dem es heißt, er ſtarb in dem Hoſpitale, am Fieber, und ſtarb in Reue und Liebe zu Euch: ſein letztes Wort war Euer Name.“ Sah Luiſe dieſe Dinge? Solche Dinge ſollten geſchehen. Sie ſelbſt wieder ein Weib— eine Mutter— liebreich be⸗ ſorgt für ihre Kinder, immer voll Sorge, daß ſie Kindlichkeit des Geiſtes in nicht geringerem Grade als Kindlichkeit des Kör⸗ pers bewahrten, da ſie erkannt, daß jene noch ein ſchöneres Ding ſei und ein Beſitz, von dem ein aufgeſpartes Stückchen ein Segen und ein Glück für den Weiſeſten? Sah Luiſe das? So etwas ſollte nimmer geſchehen. Aber, der glücklichen Cilli glückliche Kinder ſie liebend; alle Kinder ſie liebend; ſie ſelbſt, unterrichtet in kindlichem Wiſſen; nie denkend, daß eine unſchuldige und hübſche Neigung zu ver⸗ achten ſei; unabläſſig bemüht, ihre niedriger geſtellten Mitge⸗ ſchöpfe kennen zu lernen und ihr maſchinenmäßiges Leben der rauhen Wirklichkeit mit jenen idealen Annehmlichkeiten und Ge⸗ nüſſen zu verſchönen, ohne welche das Herz der Kindheit ver⸗ Boz. Schwere Zeiten. 20 306 welken, die ſtärkſte phyſiſche Manneskraft vollkommen moraliſch 3 todt, und die klarſten Berechnungen von Nationalreichthum, die man ſehen kann, ein Wandgekritzel ſein werden,— ſie dieſe Rich⸗ tung verfolgend ohne phantaſtiſches Gelübde, oder Unterſchrift, oder Brüderſchaft, oder Schweſterſchaft, oder Bürgſchaft, oder Vertrag, oder Putz, oder Armenbazar); ſondern einfach als eine zu erfüllende Pflicht. Sah Luiſe dieſe Dinge von ſich ſelbſt? Dieſe Dinge ſollten geſchehen. Lieber Leſer! Es hängt von dir und mir ab, ob in unſeren beiden Wirkungskreiſen ähnliche Dinge geſchehen ſollen, oder nicht! Laßt ſie geſchehen! Wir werden dann mit leichterem Herzen am Feuer ſitzen und ſeine Aſche grau und kalt werden ſehen. *) Bezieht ſich auf die gefühlvolle Manie„hochgeſtellter“ Lady's durch Lotterien von Putzſachen und durch Märkte, welche zum Verkauf von Handarbeiten und Nipp⸗ ſachen beſtimmt ſind,„reſpektable“ d. h. von der Hochkirche approbirte Arme zu unterſtützen. Anm. des Ueberſetzers. — 8So— Druck von C. Hoffmann in Stuttgart. ——— —— S“ 3 8 8“ .—8 3 8 —