Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. 8 Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß v. beträgt: 4. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —,————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„ 2 3„— 3 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und C 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte defecte Bücher(namentlich bei ſolchen Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das und Zurückſendung zefahr ſelbſt zu ſorgen. „zexriſſene, verlorene und mit Kupfern ꝛc.) muß der zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet 7. Ausleihezeit. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 85 4 f ſ gem k 508 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——--⸗---= oraus bezahlt werden und J —= —, Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird K —— Boz(Dickens) Sämmtliche Werke. Hundertundzweiter Band. Alein Dorrit. ZehnterTheil. 0— Xeipeig 5 Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1857. Klein Dorrit. Roman von(Charles Dickens) Boz. In zwei Büchern. Aus dem Englischen unn Maritz Buach. Mit Vierzig Illuſtrationen von Hablot K. Browne. Zehnter Theil. — eee— Neipeig Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1857. Breizzigstes Kagitel. Die Stunde naht. Der letzte Tag der beſtimmten Woche ſchien auf das Git⸗ terthor der Marſhalſea. Schwarz die ganze Nacht hindurch, ſeit die Pforte hinter Klein Dorrit zugefallen war, wurden jetzt ſeine eiſernen Streifen von der Morgenſonne in goldene verwandelt. Weithin über die Stadt und ihr Labyrinth von Dächern und durch die durchbrochenen Pyramiden der Kirch⸗ thürme ſtreckten ſich die langen, hellen Strahlengitter des Ge⸗ fängniſſes dieſer Erdenwelt. Den ganzen Tag über blieb das alte Haus innerhalb des Thorwegs von Fremden unbeſucht. Aber als die Sonne tief ſtand, gingen drei Männer zum Thorweg hinein und auf das verfallende Haus zu. Rigaud war der erſte und ging mit der Cigarre im Munde allein. Mr. Baptiſt war der zweite und trabte dicht hinter ihm, ihn nicht aus dem Auge laſſend. Mr. Pancks war der dritte und trug den Hut unter dem Arm, der größern Be⸗ quemlichkeit ſeines ſich ſträubenden Haares wegen, denn das Klein Dorrit. X. 1 2 Dreißigſtes Kapitel. Wetter war ſehr warm. Sie erreichten Alle gleichzeitig die Stufen an der Thür. „Wahnſinnige!“ ſagte Rigaud, indem er ſich umdrehte. „Geht noch nicht!“ „Das wollen wir auch nicht,“ ſagte Mr. Pancks. Mit einem finſtern Blick ſeine Antwort erwidernd, klopfte Rigaud laut. Er hatte ſich angetrunken, um ſein Spiel aus⸗ zuſpielen und war jetzt voller Ungeduld, anzufangen. Er war kaum mit dem erſten nachhallenden Klopfen fertig, als er wieder zum Klopfer griff und von Neuem begann. Damit war er noch nicht fertig, als Jeremiah Flintwinch die Thür öffnete und Alle traten nun in die gepflaſterte Vorhalle. Ri⸗ gaud ſchob Mr. Flintwinch bei Seite und ging geraden⸗ wegs die Treppe hinauf. Seine beiden Begleiter folgten ihm, Mr. Flintwinch folgte ihnen und ſie Alle traten hinter einander in Mrs. Clennam's ſtilles Zimmer. Es war in ſei⸗ nem gewöhnlichen Zuſtande, außer daß eins der Fenſter offen ſtand und Affery auf dem altmodiſchen Fenſterſitz ſaß, und einen Strumpf ſtopfte. Die gewöhnlichen Gegenſtände lagen auf dem Tiſchchen; das gewöhnliche ſpärliche Feuer brannte im Kamin; um das Bett hing das gewöhnliche Leichentuch; und die Herrin von Allem ſaß auf ihrem ſchwarzen, wie eine Leichenbahre ausſehenden Sopha, geſtützt von dem ſchwar⸗ zen Keilkiſſen, das wie der Block des Scharfrichters ausſah. Das Zimmer hatte ein unausſprechliches Sonntagsaus⸗ ſehen, als wäre es für eine beſondere Feierlichkeit zugerich⸗ tet. Wo es herrührte, indem jeder einzelne Gegenſtand Die Stunde naht. 3 auf derſelben Stelle ſich befand, den er ſeit Jahren einge⸗ nommen hatte, hätte Niemand ſagen können, ohne aufmerk⸗ ſam die Herrin zu betrachten, und zwar mußte er ſchon früher ihr Geſicht geſehen haben. Obgleich ihr unveränderliches ſchwarzes Kleid in jeder Falte genau ſo war wie ehedem, und ſie ihre unveränderliche Haltung ſtreng beibehielt, drängte ſich doch eine ſehr geringe Zunahme der Spannung ihrer Ge⸗ ſichtssüge und des Zuſammenziehens ihrer düſtern Stirn ſo ſehr dem Auge auf, daß es Allem ringsum ſein Gepräge gab. „Wer ſind die Leute?“ ſagte ſie verwundert, als die bei⸗ den Begleiter eintraten.„Was wollen dieſe Leute hier?“ „Wer dieſe Leute ſind, verehrte Madam?“ erwiderte Ri⸗ gaud.„Meiner Treu, es ſind Freunde Ihres Sohnes, des Gefangenen. Und was ſie hier wollen? Tod meines Le⸗ bens, Madam, das weiß ich nicht. Sie werden gut thun, ſie zu fragen.“ „Sie wiſſen, Sie riethen uns an der Thür, noch nicht zu gehen,“ ſagte Pancks. „Und Sie, wie Sie wiſſen, ſagten mir an der Thür, Sie wollten noch nicht gehen,“ gab Rigaud zurück.„Mit Einem Worte, Madam, erlauben Sie mir, Ihnen zwei Spione des Gefangenen vorzuſtellen— Verrückte, aber Spione. Wenn Sie wünſchen, daß ſie während unſerer kleinen Unter⸗ redung hier bleiben ſollen, ſo ſagen Sie es. Mir iſt es einerlei.“ 1* Dreißigſtes Kapitel. „Warum ſollte ich ihr Hierbleiben wünſchen?“ ſagte Mrs. Clennam.„Was habe ich mit ihnen zu thun?“ „Dann, verehrteſte Madam, werden Sie wohlthun, ſie fortzuſchicken“, ſagte Rigaud, indem er ſich ſo ſchwer in einen Lehnſtuhl warf, daß das alte Zimmer zitterte.„Es iſt Ihre Sache. Es ſind nicht meine Spione, nicht meine Lumpe.“ „Hören Sie, Pancks,“ ſagte Mrs. Clennam und ſah ihn zornig an.„Sie, Casby's Commis! bekümmern Sie ſich um Ihres Prinzipals Angelegenheiten und um Ihre eigenen. Gehen Sie. Und nehmen Sie dieſen andern Mann mit.“ „Ich danke Ihnen, Madam,“ entgegnete Mr. Pancks, „es freut mich, ſagen zu können, daß ich nicht einſehe, war⸗ um wir nicht gehen ſollten. Wir haben Alles gethan, was wir Mr. Clennam verſprochen haben. Seine beſtändige Sorge war, vornehmlich ſeitdem er gefangen geſeſſen, daß dieſer angenehme Herr hieher zurückgebracht würde, an den Ort, von wo er zuletzt verſchwunden iſt. Hier iſt er, von uns zurückgebracht. Und ich ſage ihm in ſein boshaftes Geſicht,“ ſetzte Mr. Pancks hinzu,„daß meiner Meinung nach die Welt nichts verlieren würde, wenn er ſie ganz und gar verließe.“ „Man fragt Sie nicht um Ihre Meinung,“ antwortete Mrs. Clennam.„Gehen Sie.“ „Es thut mir leid, Sie nicht in beſſerer Geſellſchaft zu verlaſſen,“ ſagte Pancks,„und es thut mir auch leid, daß Mr. Clennam nicht anweſend ſein kann. Das iſt meine Schuld.“ Die Stunde naht. 5 „Sie meinen, ſeine Schuld,“ gab ſie zurück. „Nein, nein, die meine, Madam,“ ſagte Pancks,„denn ich hatte das Unglück, ihn zu verleiten, ſein Capital ſchlecht an⸗ zulegen.“(Mr. Pancks hielt ſich immer noch an dieſes Wort und ſprach nie von Spekulation).„Obgleich ich durch Zahlen beweiſen kann, daß es ein gutes Unternehmen hätte ſein müſſen,“ ſetzte Mr. Pancks mit Eifer hinzu.„Ich habe es durchgerechnet jeden Tag meines Lebens, ſeitdem es fehlge⸗ ſchlagen iſt und es ſtellt ſich, was die Zahlen betrifft, als vortrefflich heraus. Es iſt jetzt weder Zeit noch Ort, auf die Zahlen einzugehen,“ fuhr Mr. Pancks fort mit einem ſehn⸗ ſüchtigen Blicke in ſeinen Hut, wo er ſeine Berechnungen hatte;„aber die Zahlen laſſen ſich nicht beſtreiten. Mr. Clennam ſollte jetzt im eigenen Wagen fahren und ich ſollte wenigſtens 3 bis 5000 Pfund beſitzen.“ Mit einer Zuverſicht, die kaum hätte größer ſein können, wenn er das Geld in der Taſche gehabt hätte, ſtrich ſich Mr. Pancks das Haar in die Höhe. Dieſe unwiderleglichen Zah⸗ len waren ſeine Beſchäftigung geweſen in jeder freien Mi⸗ nute, ſeit er das Geld verloren hatte, und waren beſtimmt, bis an ſein Lebensende ſein Troſt zu ſein.— „Jedoch genug damit,“ ſagte Mr. Pancks.„Altro, alter Junge, Ihr habt die Zahlen geſehen und Ihr wißt, was ſie ſagen.“ Mr. Baptiſt, der nicht die mindeſte arithmetiſche Befähigung hatte, ſich auf dieſe Weiſe zu entſchädigen, nickte mit dem Kopfe und zeigte lachend ſeine Zähne. Dreißigſtes Kapitel. Mr. Flintwinch hatte ihn mittlerweile angeſehen und ſagte jetzt: „O! Ihr ſeid's, nicht wahr! Ich dachte mir doch, ich kännte Euer Geſicht, aber ich war meiner Sache nicht gewiß, bis ich Eure Zähne ſah. Ah! ja gewiß. Es war dieſer dienſteifrige Flüchtling,“ ſagte Jeremiah zu Mrs. Clennam, „der an dem Abend, wo Arthur und Plaudertaſche hier waren, an die Thür klopfte und mir einen ganzen Katechis⸗ mus von Fragen über Mr. Blandois vorlegte.“ „Das iſt wahr,“ gab Mr. Baptiſt bereitwillig zu,„und ſeht Ihr, Padrone! ich habe ihn gefunden.“ „Ich hätte nichts dawider gehabt, wenn Ihr dabei den Hals gebrochen hättet,“ entgegnete Mr. Flintwinch. „Und jetzt habe ich nur noch Ein Wort zu ſagen, ehe ich gehe,“ ſagte Mr. Pancks, deſſen Auge oft verſtohlen nach dem Fenſterſitz und nach dem Strumpf, der dort geſtopft wurde, geblickt hatte.„Wenn Mr. Clennam hier wäre— aber leider, obgleich er dieſen ſchönen Herrn genöthigt hat, wider ſeinen Willen hieher zu kommen, iſt er krank und im Gefängniß— krank und im Gefängniß, der Arme— wenn er hier wäre,“ ſagte Mr. Pancks und näherte ſich mit einem Schritt dem Fenſterſitz und legte ſeine rechte Hand auf den Strumpf,“ ſo würde er ſagen:„Affery, erzähle Deine Träume!“ Mr. Pancks hielt wie ein mahnendes Geſpenſt den rechten Zeigefinger zwiſchen ſeiner Naſe und dem Strumpfe in die Höhe, drehte ſich um und dampfte hinaus, Mr. Baptiſt ins Schlepptau nehmend. Man hörte die Hausthür hinter ihnen Die Stunde naht. 7 zufallen, hörte ihre Tritte auf dem Pflaſter des widerhallen⸗ den Hofs und immer noch hatte Niemand ein Wort geſpro⸗ chen. Mr. Clennam und Jeremiah hatten einen Blick ge⸗ wechſelt und ſahen ſeitdem Affery an, die immer noch mit großem Eifer an ihrem Strumpfe ſtopfte. „Na!“ ſagte endlich Mr. Flintwinch, indem er ſich nach dem Fenſterſitz hinſchob und dabei die Handflächen an den Rockſchößen rieb, als bereitete er ſich vor, Etwas zu thun:„Was wir uns einander zu ſagen haben, ſollten wir uns lieber ſa⸗ gen, ohne weiter Zeit zu verlieren.— Alſo, Affery, mein Frauchen, mach, daß Du fortkommſt!“ In einem Augenblick hatte Affery den Strumpf hinge⸗ worfen, war aufgeſprungen, hatte das Fenſterbret mit der rechten Hand gefaßt, ſtützte ſich mit dem rechten Knie auf den Fenſterſitz und fuhr mit der linken Hand in der Luft umher, erwartete Angreifer abwehrend. „Nein, ich will nicht, Jeremiah— nein, ich will nicht— nein, ich will nicht! Ich gehe nicht, ich bleibe hier. Ich will Alles hören, was ich nicht weiß und Alles ſagen, was ich weiß. Ich will es endlich, und wenn ich deshalb ſterben müßte. Ich will, ich will, ich will!“ Mr. Flintwinch, ganz ſtarr vor Entrüſtung und Stau⸗ nen, machte die Finger einer Hand im Munde naß, beſchrieb mit ihnen einen Kreis in der Fläche der andern Hand und ſchob ſich mit drohendem Grinſen auf ſeine Frau zu, wobei er ein paar Worte hervorſtieß, von denen ſeine athemloſe Wuth nur verſtehen ließ:„eine ſolche Doſis.“ 8 Dreißigſtes Kapitel. „Keinen Schritt näher, Jeremiah!“ rief Affery und fuhr immer noch mit der Hand in der Luft umher.„Keinen Schritt näher, oder ich bringe die ganze Nachbarſchaft in Aufruhr. Ich ſtürze mich zum Fenſter hinaus! Ich ſchreie: Mörder und Feuer! Ich wecke die Todten! Bleib, wo Du biſt, oder ich ſchreie laut genug, um die Todten aufzuwecken!“ Die entſchloſſene Stimme der Mrs. Clennam rief Halt!“ Jeremiah war bereits ſtehengeblieben. „Es naht unaufhaltſam, Flintwinch. Laſſen Sie ſie. Affery, kehren Sie ſich gegen mich nach ſo vielen Jahren?“ „Ja, wenn es gegen Sie kehren iſt, zu hören, was ich nicht weiß und zu ſagen, was ich weiß. Ich habe jetzt ange⸗ fangen und kann nicht wieder zurück. Ich bin entſchloſſen, es zu thun. Ich will es thun, ich will, ich will! Wenn das ſich gegen Sie kehren heißt, ja, ſo kehre ich mich gegen Sie Beide. Ich ſagte Arthur, als er zum erſtenmal wieder hier war, er ſollte ſeinen Willen gegen Sie behaupten. Ich ſagte ihm, daß ich mich vor Ihnen meines Lebens fürchtete, ſei kein Grund, daß er's auch thue. Seitdem iſt Allerlei geſchehen, und ich will mich nicht mehr würgen laſſen von Jeremiah und mich auch nicht mehr verwirrt machen und erſchrecken laſſen und nicht mehr zwingen laſſen, theilzunehmen an Sachen, die ich ſelbſt nicht weiß. Ich will nicht, ich will nicht! Ich trete auf für Arthur, wenn er nichts mehr hat und krank und im Gefängniß iſt und nicht für ſich ſelbſt auftreten kann. Ich will, ich will, ich will, ich will.“ — Die Stunde naht. 9 „Wie wiſſen Sie denn, Sie konfuſer Kopf,“ fragte Mrs. Clennam ſtreng,„daß Sie Arthur damit nützen!“ „Ich weiß von nichts was Rechtes,“ ſagte Affery,„und wenn Sie jemals in Ihrem Leben ein wahres Wort geſagt ha⸗ ben, ſo war es jetzt, wo Sie mich einen konfuſen Kopf nann⸗ ten, denn Sie Beide haben alles Mögliche gethan, mich dazu zu machen. Sie haben mich verheirathet, ob es mir gefiel oder nicht, und Sie haben mich ſeitdem die ganze Zeit über ein ſolches Leben voller Träume und beſtändiger Furcht führen laſſen, daß es nicht zu wundern iſt, wenn ich konfus geworden bin. Sie wollten mich ſo haben und ich bin ſo geworden; aber ich laſſe es mir nicht länger gefallen; nein, ich thue es nicht, ich thue es nicht, ich thue es nicht!“ Sie fuhr immer noch gegen Jeden, der ſich ihr nähern wollte, mit der Hand in der Luft umher. Nachdem Mrs. Clennam ſie eine Weile ſchweigend ange⸗ blickt, wendete Sie ſich gegen Rigaud.„Sie ſehen und hö⸗ ren dieſes einfältige Geſchöpf. Haben Sie Etwas dawider, daß ein ſo verrücktes Stück bleibt, wo ſie iſt?“ „Ich, Madam?“ gab er zur Antwort,„ich? Das iſt Ihre Sache.“ „Mir iſt es gleich,“ ſagte ſie düſter.„Ich habe kaum mehr zu wählen. Flintwinch, das Schickſal erfüllt ſich.“ Mr. Flintwinch antwortete mit einem wüthenden Blick auf ſeine Fran und ſteckte dann, als wollte er ſich gewaltſam abhalten, über ſie herzuſtürzen, ſeine Arme tief in die Bruſt ſeiner Weſte und ſtand ſo, das Kinn einem ſeiner Ellbogen Dreißigſtes Kapitel. ganz nahe, in einer Ecke, Rigaud in dieſer ſeltſamſten Stel⸗ lung beobachtend. Rigaud ſtand für ſeinen Theil auf und ſetzte ſich auf den Tiſch und ließ die Beine herunterbaumeln. In dieſer bequemen Stellung begegnete er Mrs. Clennams gefaßtem Geſicht, während ſein Schnurrbart hinauf und ſeine Naſe herunterzuckte. „Madam, ich bin ein Cavalier—“ „Von dem ich,“ unterbrach ſie ihn mit ihrer gefaßten Stimme,„Nachtheiliges in Verbindung mit einem franzö⸗ ſiſchen Gefängniß und einer Anklage wegen Mord gehört habe.“ Er warf ihr mit ſeiner übertriebenen Galanterie eine Kußhand zu.„Ganz richtig. Noch dazu einer Dame! Welche Abſurdität! Wie unglaublich! Ich hatte damals die Ehre, einen großen Erfolg zu haben. Ich küſſe Ihnen die Hand. Madam, ich bin ein Cavalier(wollte ich vorhin ſagen), der, wenn er ſagt, ich will dieſe oder jene Angelegenheit in dieſer Stunde zum Schluß bringen, ſie wirklich zum Schluß bringt. Ich erkläre Ihnen, daß jetzt in unſerm kleinen Geſchäft die letzte Sitzung ſtattfindet. Sie haben die Güte, mir Gehür zu ſchenken und mich zu verſtehen?“ Sie ſah ihn mit gerunzelter Stirn feſt an.„Ja.“ „Ferner bin ich ein Cavalier, dem bloßes Feilſchen um Geld unbekannt iſt, dem aber Geld, als ein Mittel, ſich Ge⸗ nuß zu verſchaffen, immer eine annehmbare Sache iſt. Sie haben die Güte, mir Gehör zu ſchenken und mich zu ver⸗ ſtehen?“ Die Stunde naht. 11 „Kaum nothwendig, zu fragen, ſollte man meinen. Ja.“ „Ferner bin ich ein Cavalier von der mildeſten und lieb⸗ reichſten Gemüthsart, der aber in Wuth geräth, wenn man mit ihm ſpielen will. Edle Naturen gerathen unter ſolchen Umſtänden in Wuth. Ich bin eine edle Natur. Wenn der Löwe geweckt wird— d. h. wenn ich in Wuth gerathe— iſt mir die Befriedigung meiner Rache ſo annehmbar wie Geld. Sie haben immer noch die Güte, mir Gehör zu ſchenken und mich zu verſtehen?“ „Ja,“ gab ſie zur Antwort, etwas lauter als vorhin. „Bitte, regen Sie ſich nicht auf; bleiben Sie ruhig. Ich habe geſagt, unſere letzte Sitzung iſt jetzt gekommen. Er⸗ lauben Sie mir, Sie an die beiden frühern Sitzungen zu erinnern.“ „Es iſt nicht nothwendig.“ „Tod meines Lebens, Madam,“ brach er heraus,„ich wünſche es aber! Außerdem dient es zur Erklärung des Spätern. Die erſte Sitzung war kurz. Ich hatte die Ehre, Ihre Bekanntſchaft zu machen— Ihnen meinen Brief zu übergeben; ich bin ein Induſtrieritter, Madam, wenn Sie wollen, aber meine gewandten Manieren verſchafften mir als Sprachlehrer ſo vielen Erfolg bei Ihren Landsleuten, die gegen einander ſo ſteif ſind wie ihre eigene Stärke, aber immer bereit, gegen einen fremden Cavalier von gewandten Manieren gefälliger zu ſein— und eine oder zwei Kleinig⸗ keiten“— er ſah ſich im Zimmer um und lächelte—„in dieſem ehrenwerthen Hauſe zu bemerken, deren Kenntniß mir Dreißigſtes Kapitel. nothwendig war, um mich zu überzeugen, daß ich die aus⸗ gezeichnete Ehre hatte, die Bekanntſchaft der Dame, die ich ſuchte, zu machen. Dies gelang mir. Ich gab meinem ge⸗ liebten Flintwinch dort mein Ehrenwort, wieder zu kommen. Ich ging mit Grazie ab.“ Ihr Antlitz ſtimmte weder zu noch verneinte es. Daſſelbe, wenn er ſchwieg und wenn er ſprach, zeigte es ihm doch im⸗ mer daſſelbe aufmerkende Stirnrunzeln und die früher er⸗ wähnte dunkle Andeutung, daß ſie auf Alles gefaßt war. „Ich ſage, ich ging mit Grazie ab, weil es graziös war, zu gehen, ohne eine Dame in Unruhe zu verſetzen. Mora⸗ liſch nicht weniger als phyſiſch voller Grazie zu ſein, gehört zum Charakter Rigaud Blandois'. Es war auch politiſch, Sie mit einem Damoklesſchwert über Ihrem Haupte hän⸗ gend zu verlaſſen, ſo daß Sie mich mit einiger Beſorgniß an einem nicht beſtimmten Tage erwarten mußten. Aber Ihr unterthänigſter Diener iſt politiſch. Beim Himmel, Madam, politiſch! Doch kehren wir wieder zu unſerer Sache zurück. An dem nicht vorher beſtimmten Tage hatte ich wieder die Ehre, mich nach Ihrem Hauſe zu begeben. Ich gebe Ihnen zu ver⸗ ſtehen, daß ich Etwas zu verkaufen habe, was, wenn es nicht verkauft wird, Madam, die ich im höchſten Grade achte, ſehr bloßſtellen würde. Ich erkläre mich im Allgemei⸗ nen. Ich verlange— ich glaube, es waren 1000 Pfund— ich glaube 1000 Pfund. Wollen Sie mich berichtigen, wenn ich Unrecht habe?“ Die Stunde naht. 13 So gezwungen, zu ſprechen, gab ſie widerwillig zur Ant⸗ wort„Sie verlangten die Summe von 1000 Pfund.“ „Ich verlange jetzt 2000. Das ſind die Nachtheile des Zögerns. Aber um noch einmal auf die Geſchichte zurückzu⸗ kommen. Wir werden nicht einig bei dieſer Gelegenheit. Ich ſcherze gern; Luſt am Scherz gehört zu meinem liebens⸗ würdigen Charakter. Aus Scherz werde ich ein todter Mann und verſchwinde. Denn es könnte für Madam allein die halbe Summe werth ſein, von dem Verdacht, den mein drol⸗ liger Einfall auf ſie wirft, befreit zu werden. Zufall und Spione miſchen ſich ein und verderben die Frucht vielleicht — wer weiß? Nur Sie und Flintwinch— als ſie gerade reif iſt. So bin ich hier zum letzten Male, Madam. Merken Sie wohl auf, unbedingt zum letzten Male.“ Als er mit ſeinen baumelnden Abſätzen gegen das her⸗ untergelaſſene Tiſchblatt ſchlug und ihrem Stirnrunzeln mit einem frechen Blick begegnete, nahm er einen unverſchämtern Ton an. „Bah! Warten Sie einen Augenblick! Gehen wir Schritt für Schritt vorwärts. Hier iſt meine Hotelrech⸗ nung zu bezahlen, wie wir verabredet haben. Fünf Minu⸗ ten ſpäter ſind wir vielleicht wie Hund und Katze. Bis da⸗ hin will ich es nicht warten laſſen oder Sie betrügen mich gar. Bezahlen Sie! Zählen Sie das Geld her!“ „Nehmen Sie die Rechnung und bezahlen Sie, Flint⸗ winch,“ ſagte Mrs. Clennam. Er warf ſie Mr. Flintwinch ins Geſicht, als der Alte Dreißigſtes Kapitel. vortrat, um ſie zu nehmen, und hielt ſeine Hand hin, indem er lärmend wiederholte:„Bezahlen Sie! Zählen Sie das Geld her— gutes Geld.“ Jeremiah hob die Rechnung auf, ſah mit blutunterlaufenen Augen die Summe an, zog einen kleinen leinwandenen Beutel aus der Taſche und zählte ihm die Summe in die Hand. Rigaud klimperte mit dem Gelde, wog es in der Hand, warf es in die Höhe und fing es wieder und klimperte von Neuem damit. „Der Klang iſt dem kühnen Rigaud Blandois wie der Geſchmack von friſchem Fleiſch dem Tiger. Sprechen Sie alſo, Madam. Wie Viel?“ Er wendete ſich plötzlich mit einer drohenden Bewegung der geballten Fauſt, in der er das Geld feſthielt, gegen ſie, als wollte er ſie damit ſchlagen. „Ich ſage Ihnen noch einmal, was ich ſchon früher ge⸗ ſagt habe, daß wir hier nicht reich ſind, wie Sie voraus⸗ ſetzen und daß Ihre Forderung übertrieben iſt. Ich habe jetzt nicht die Mittel, einer ſolchen Forderung zu entſprechen, ſelbſt wenn ich Luſt dazu hätte.“ „Wenn!“ rief Blandois aus.„Man höre dieſe Dame mit ihrem Wenn! Wollen Sie ſagen, daß Sie keine Luſt dazu haben?“ „Ich will ſagen, wie ſich mir die Sache darſtellt und nicht, wie ſie ſich Ihnen darſtellt.“ „So ſprechen Sie alſo. Was die Luſt betrifft. Raſch! Die Stunde naht. 15 Kommen Sie auf die Luſt und ich weiß, was Sie zu thun haben.“. Sie antwortete deshalb weder raſcher noch langſamer. „Wie es ſcheint, ſind Sie in Beſitz eines Papiers— oder von Papieren— gelangt, die ich allerdings wieder zu be⸗ ſitzen wünſchte.“ Mit einem lauten Lachen trommelte Rigaud mit den Ab⸗ ſätzen an den Tiſch und klimperte mit dem Gelde.„Ich ſollte meinen! Diesmal glaube ich Ihnen!“ „Das Papier iſt vielleicht eine Summe Geld werth. Ich kann nicht ſagen, wie viel oder wie wenig.“ „Was zum Teufel!“ fragte er wild.„Selbſt nicht, nach⸗ dem ich Ihnen eine Woche Bedenkzeit geſchenkt habe?“ „Nein! Aus meinen ſpärlichen Mitteln— denn ich ſage Ihnen abermals, wir ſind arm und nicht reich— mag ich, keinen Preis für eine Macht bieten, deren ſchlimmſte und vollſtändige Ausdehnung ich nicht kenne. Dies iſt das dritte Mal, daß Sie mit Ihren Winken und Drohungen hieher kommen. Sie müſſen deutlicher ſprechen, oder Sie können gehen, wohin Sie wollen und thun, was Sie wollen. Es iſt beſſer, auf einmal in Stücke zerriſſen zu werden, als eine Maus zu ſein, die von der Gnade einer ſolchen Katze lebt.“ Er ſah ſie eine Weile mit dem ſchielenden Blick ſeiner zu nahe aneinanderſtehenden Augen böſe an und ſagte dann mit einem teufliſchen Lächeln: „Sie ſind kühn!“ 16„Dreißigſtes Kapitel. „Ich bin entſchloſſen.“ „Das waren Sie immer. Was? Das waren Sie immer; nicht wahr, mein Flintwinchchen?“ „Flintwinch, antworten Sie ihm nicht. Es iſt ſeine Sache, hier uns jetzt Alles zu ſagen, was er weiß; oder zu gehen und zu thun, was er kann. Sie wiſſen, daß dies un⸗ ſer Entſchluß iſt. Laſſen Sie ihn nur handeln, wie er will.“ Sie ſcheute ſich nicht vor ſeinem böſen Blick und mied ihn auch nicht. Er hatte ſein Auge wieder auf ſie geheftet, aber ſie blieb feſt auf dem Punkte, an dem ſie ſich einmal feſtgehalten hatte. Er ſtand vom Tiſche auf, ſetzte einen Stuhl an das Sopha, nahm darauf Platz, legte einen Arm auf das Sopha dicht neben ihr und ſeine Hand auf ihren Arm. Ihr Geſicht blieb finſter, aufmerkend und gefaßt. „Sie wünſchen alſo, Madam, daß ich ein Stückchen Fa⸗ miliengeſchichte in dieſem kleinen Familienkreis erzähle,“ ſagte Rigaud und bewegte warnend ſeine flinken Finger auf⸗ ihrem Arm.„Ich bin ein Stück von einem Arzt. Erlauben Sie mir, Ihren Puls zu fühlen.“ Sie geſtattete ihm, ſie beim Handgelenke zu faſſen. In- dem er es feſthielt, fuhr er fort: „Eine Geſchichte von einer ſeltſamen Heirath und einer ſelt⸗ ſamen Mutter und einer Rache und einer Verheimlichung.— Nicht wahr? Dieſer Puls geht merkwürdig! Es ſcheint mir, als wenn er doppelt ſo ſchnell ginge, ſeitdem ich ihn Die Stunde naht. 17 fühle. Sind dies die gewöhnlichen Veränderungen Ihrer Krankheit, Madam?“ Es ging ein Zucken durch ihren gelähmten Arm, als ſie ihn wegriß, aber keins durch ihr Gefühl. Auf ſeinem Antlitz lag ſein früheres teufliſches Lächeln. „Ich habe ein abenteuerliches Leben geführt. Ich bin ein abenteuerlicher Charakter. Ich habe viele Abenteurer kennen gelernt; intereſſante Leute— liebenswürdige Ge⸗ ſellſchaft! Einem derſelben verdanke ich meine Kenntniß und meine Belege— ich wiederhole es, verehrenswürdige Dame— Belege— für die reizende kleine Familienge⸗ ſchichte, die ich jetzt erzählen will. Sie werden entzückt davon ſein. Aber bah! ich vergeſſe. Die Geſchichte muß einen Namen haben. Soll ich ſie die Geſchichte eines Hauſes nennen! Aber noch einmal, bah! Es gibt ſo viele Häuſer. Soll ich ſie die Geſchichte dieſes Hauſes nennen?“ Ueber das Sopha gelehnt, auf zwei Beinen ſeines Stuh⸗ les und auf dem Ellbogen ſich wiegend und dieſe Hand oft auf ihren Arm legend, um ſeinen Worten mehr Nachdruck zu ge⸗ ben; die Beine übereinander gelegt, mit der rechten Hand manchmal durch das Haar fahrend, manchmal mit dem Finger an die Naſe klopfend, aber mit jeder Gebehrde ſie bedrohend, roh, frech, habgierig, grauſam und im Bewußt⸗ ſein ſeiner Macht, fuhr er ungenirt in ſeiner Erzählung fort. „Alſo wir wollen es die Geſchichte dieſes Hauſes nennen. Klein Dorrit. X. 2 18 Dreißigſtes Kapitel. Ich fange damit an. Es wohnen hier, nehmen wir an, ein Onkel und ein Neffe. Der Onkel ein ſtrenger alter Herr von großer Charakterſtärke; der Neffe von Natur ſchüchtern, nie⸗ dergehalten und unfrei.“ Hier rief Mrs. Affery, die bis dahin in ſtarrer Auf⸗ merkſamkeit auf dem Fenſter geſeſſen, an dem zuſammenge⸗ rollten Zipfel ihrer Schürze gebiſſen und vom Kopf bis zu den Füßen gezittert hatte, plötzlich aus:„Jeremiah, bleib mir vom Leibe. Ich habe in meinen Träumen von Arthurs Vater und ſeinem Onkel gehört. Er ſpricht von ihnen. Er war vor meiner Zeit hier; aber ich habe in meinen Träumen gehört, daß Arthurs Vater ein willenloſer, unentſchloſſener, zaghafter armer Teufel war, dem ſie ſchon als Kind Alles, außer ſeinem Waiſenleben, aus der Seele geſcheucht hatten, und daß er nicht einmal eine Stimme bei der Wahl ſeiner Frau hatte, ſondern daß ſein Onkel ſie für ihn ausſuchte. Dort ſitzt ſie! Ich habe es in meinen Träumen gehört und Du haſt es ihr ſelbſt geſagt.“ Wie Mr. Flintwinch ihr mit der Fauſt drohte und Mrs. Clennam ſie anſah, warf ihr Rigaud eine Kußhand zu. „Sehr richtig, liebe Madam Flintwinch. Sie ſind ein Genie im Träumen.“ „Ich mag von Ihrem Lobe nichts wiſſen,“ gab Affery zur Antwort.„Ich mag gar nicht mit Ihnen reden. Aber Jere⸗ miah ſagte, es wären Träume und als Träume vill ich ſie erzählen!“ Hier ſteckte ſie wieder die Schürze in den Mund, als wollte ſie noch einem Andern den Mund ſtopfen— viel⸗ 2 Die Stunde naht. 19 leicht Jeremiah, deſſen Zähne von halbausgeſprochenen Dro⸗ hungen klapperten, als ob er fürchterlich fröre. „Unſere geliebte Madam Flintwinch trifft mit ihrer plötz⸗ lichen Entwickelung von feiner Auffaſſungsgabe und von Ah⸗ nungsvermögen wunderbar das Rechte. Ja. So lautet die Ge⸗ ſchichte. Monſieur der Onkel befiehlt dem Neffen, zu heira⸗ then. Monſieur ſagt zu ihm:„Reffe, ich mache Dich mit einer Dame von großer Charakterſtärke gleich mir bekannt: eine entſchloſſene Dame, eine ſtrenge Dame, eine Dame, welche einen Willen hat, der den Schwachen zu Staub zer⸗ malmen kann: eine Dame ohne Mitleid, ohne Liebe, un⸗ verſöhnlich, rachſüchtig, kalt wie Stein, aber verzehrend wie Feuer!““ Ah, welche Stärke! Ah, welche Ueberlegenheit von geiſtiger Kraft! Wahrhaftig, ein ſtolzer und edler Cha⸗ rakter, den ich mit den wahrſcheinlichen Worten Monſieurs des Onkels beſchreibe. Ha, ha, ha? Mort de ma vie, ich liebe die herrliche Dame!“ Mrs. Clennams Geſicht hatte ſich verändert. Es hatte eine merkwürdige, dunkle Farbe angenommen und die Stirn war finſterer geworden.„Madam, Madam,“ ſagte Rigaud, und klopfte ihr auf den Arm, als ob ſeine grauſame Hand den Ton eines muſikaliſchen Inſtrumentes probirte.„Ich bemerke, daß ich Sie zu intereſſiren anfange. Ich bemerke, daß ich Ihre Theilnahme erwecke. Fahren wir fort!“ Er mußte jedoch die herabzuckende Naſe und den hinaufzucken⸗ den Schnurrbart für einen Augenblick mit der weißen Hand 2* 20 Dreißigſtes Kapitel. bedecken, ehe er fortfahren konnte; ſo ſehr ſchwelgte er in dem Eindruck, den er hervorbrachte. „Der Neffe, der, wie die geſcheidte Madam Flintwinch be⸗ merkt hat, ein armer Teufel war, dem man allen eigenen Willen ausgetrieben hatte, ſenkt den Kopf und antwortet: „mein Onkel, Sie haben zu befehlen. Handeln Sie nach Ihrem Belieben.“ Monſieur der Onkel handelt nach ſeinem Belie⸗ ben. Das war immer der Fall geweſen. Die glückverheißende Hochzeit findet ſtatt. Die Neuverehelichten kehren in dieſes liebenswürdige Haus heim; die Dame wird empfangen, neh⸗ men wir an, von Flintwinch. Nun, alter Intriguant?“ Jeremiah, die Augen auf ſeine Herrin gewendet, gab keine Antwort. Rigaud ließ ſeinen Blick von Einem auf die Andere ſchweifen, klopfte mit dem Finger an ſeine häßliche Naſe und kluckſte mit der Zunge. „Sehr bald macht die Dame eine eigenthümliche und in⸗ tereſſante Entdeckung. Von Zorn, Eiferſucht und Durſt nach. Rache erfüllt, entwirft ſie darauf— hören Sie wohl, Ma⸗ dam!— einen Vergeltungsplan, deſſen Laſt ſie ſinnreich ihren unterdrückten Gatten zu tragen und den ſie ihn ſelbſt gegen ihre Feindin anzuwenden zwingt. Welche überlegene Geiſteskraft!“ „Bleib mir vom Leibe, Jeremiah!“ rief voller Aufregung Affery, nachdem ſie wieder die Schürze aus dem Munde ge⸗ nommen.„Aber es war einer meiner Träume, daß Du ihr einmal, als Ihr Euch an einem Winterabend in der Däm⸗ merung zanktet— dort ſitzt ſie und Du ſiehſt ſie an— ſag⸗ Die Stunde naht. 21 teſt, ſie hätte Arthurn nach ſeiner Rückkehr nicht blos ſeinen Vater beargwöhnen laſſen ſollen; ſie hätte immer die Kraft und die Macht gehabt und es wäre daher ihre Schuldigkeit geweſen, gegen Arthur ſeinen Vater mehr zu vertheidigen. In demſelben Traum ſagteſt Du ihr, ſie wäre nicht— Etwas nicht— aber ich weiß nicht was, denn ſie brach fürchterlich los und brachte Dich zum Schweigen. Du kennſt den Traum ſo gut wie ich. Wie Du die Treppe hinunter in die Küche kamſt, mit dem Lichte in der Hand und mir die Schürze vom Kopf riſſeſt. Wie Du mir ſagteſt, ich hätte geträumt. Wie Du nicht an das Geräuſch glauben wollteſt.“ Nach dieſer Ex⸗ ploſion ſtopfte Affery wieder die Schürze in den Mund, be⸗ hielt dabei immer ihre Hand auf dem Fenſterbret draußen— und ihr Knie auf dem Fenſterſitz, bereit zu ſchreien oder hinauszuſpringen, wenn ihr Herr und Meiſter ihr zu nahe kam. Rigaud hatte kein Wort davon verloren. „Ha, ha!“ rief er aus, indem er die Augenbrauen in die Höhe zog, die Arme über einander ſchlug und ſich in ſeinem Stuhl zurücklehnte.„Gewiß iſt Madam Flintwinch ein Orakel! Wie ſollen wir das Orakel auslegen, ſie und ich und der alte Intriguant? Er ſagte, Sie wären nicht—? und Sie brachen heraus und brachten ihn zum Schweigen! Was waren Sie nicht? Was ſind Sie nicht? Sagen Sie es jetzt, Madam.“ Getroffen von dieſem grauſamen Hohn, ſaß ſie da, ge⸗ preßt Athem holend und ihr Mund zuckte. Ihre Lippen öff⸗ 22 Dreißigſtes Kapitel. neten ſich trotz ihres angeſtrengten Bemühens, ſie geſchloſſen zu halten. „Sprechen Sie, Madam! Ich bitte Sie! Unſer alter Intriguant ſagte, Sie wären nicht— und Sie brachten ihn zum Schweigen. Er wollte ſagen, Sie wären nicht— was? Ich weiß es bereits, aber ich wünſchte, daß Sie mir ein we⸗ nig Vertrauen ſchenkten. Wie wars alſo? Was ſind Sie nicht?“ Sie verſuchte wieder, ſich zu halten, brach aber mit Hef⸗ tigkeit hervor„nicht Arthurs Mutter!“ „Gut,“ ſagte Rigaud.„Sie laſſen mit ſich reden.“ Der Ausbruch ihrer Leidenſchaft hatte die künſtliche Maske der Faſſung von ihrem Geſicht geriſſen und aus jedem Zuge zuckte das ſo lange niedergehaltene Feuer em⸗ por, wie ſie ausrief,„ich will es ſelbſt erzählen! Ich will es nicht von Ihren Lippen hören und befleckt durch ihre Schlechtigkeit. Da es geſehen werden muß, ſo verlange ich, daß es in dem Lichte geſehen wird, in dem ich ſelbſt ſtand. Kein Wort weiter. Hören Sie mich!“ „Wenn Sie nicht ein ſtarrköpfigeres und trotzigeres Weib ſind, als ich je geglaubt hätte,“ warf hier Mr. Flintwinch ein,„ſo thäten Sie beſſer, es Mr. Rigaud, Mr. Blandois, Mr. Bekzebub zu überlaſſen, es in ſeiner Weiſe zu erzählen. Was hat es zu bedeuten, wenn er Alles weiß?“ „Er weiß nicht Alles.“ „Er weiß Alles, was ihn kümmert,“ bemerkte Mr. Flint⸗ winch gereizt. Die Stunde naht. 23 „Er kennt mich aber nicht.“ „Glauben Sie, daß er darauf Etwas gibt, Sie einge⸗ bildete Frau?“ ſagte Mr. Flintwinch. „Ich ſage Ihnen, Flintwinch, ich will ſprechen. Ich ſage Ihnen, wenn es einmal ſo weit gekommen iſt, ſo will ich es mit eignem Munde erzählen und mich ganz und überall aus⸗ ſprechen. Was, habe ich in dieſem Zimmer nichts erduldet, keine Entbehrung, keine Einkerkerung, daß ich mich zuletzt erniedrigen ſollte, mich in einem Spiegel, wie dieſer iſt, zu betrachten! Können Sie ihn ſehen? Können Sie ihn hö⸗ ren? Wäre Ihre Frau hundertmal ſo undankbar als ſie iſt, und hätte ich tauſendmal weniger Hoffnung, ſie zum Schwei⸗ gen zu bewegen, wenn dieſer Mann zum Schweigen gebracht iſt, ſo würde ich es lieber ſelbſt erzählen, als daß ich die Qual trüge, es von ihm zu hören.“ Rigaud ſchob ſeinen Stuhl ein Wenig zurück, ſtreckte die Beine gerade vor ſich aus und ſaß, die Arme übereinander⸗ geſchlagen, ihr gegenüber. „Sie wiſſen nicht, was es heißt,“ fuhr ſie zu ihm ge⸗ wendet fort,„rechtlich und ſtreng erzogen werden. Ich wurde ſo erzogen. Ich hatte keine muntere Jugend voll ſündlicher Heiterkeit und ſündlichem Vergnügen. Meine Jugend waren Tage heilſamen Zwanges, heilſamer Strafe und Furcht. Die Verderbniß unſerer Herzen, die Sündhaftigkeit unſerer Wege, der Fluch, der auf uns liegt, die Schrecken, die uns umgeben — das waren die Gegenſtände, von denen ich in meiner Kindheit Tag für Tag ſprechen hörte. Sie bildeten meinen 24 Charakter und erfüllten mich mit Abſcheu vor allen Sün⸗ dern. Als der alte Mr. Gilbert Clennam ſeinen verwaiſten Neffen meinem Vater als Gatten für mich vorſchlug, ver⸗ weilte mein Vater mit Nachdruck darauf, daß er, gleich mir, eine ſtrenge Erziehung gehabt. Er ſagte mir, daß außer der ſtrengen Zucht, unter der er herangewachſen, er in einem verarmten Hauſe gewohnt, wo Weltgeräuſch und Weltluſt unbekannte Sachen und wo jeder Tag ein Tag der Arbeit und der Prüfung wie der vorhergehende geweſen, lange be⸗ vor ihn ſein Onkel als einen ſolchen anerkannt habe; und daß von ſeiner Schulzeit an bis zu dieſer Stunde das Haus ſeines Onkels für ihn ein Heiligthum geweſen, das ihn vor der Anſteckung der Gotteszweifler und der Weltkinder ge⸗ ſchützt. Als ich nicht 12 Monate nach unſerer Heirath ent⸗ deckte, daß mein Mann zu der Zeit, wo mein Vater ſo von ihm ſprach, gegen den Herrn geſündigt und mich ſchwer be⸗ leidigt hatte, indem er einem ſündhaften Geſchöpf die Stelle angewieſen, die mir gebührte, durfte ich da zweifeln, daß ich erwählt worden, die Entdeckung zu machen, und daß ich er⸗ wählt worden, die ſtrafende Hand an dieſes Kind der Fin⸗ ſterniß zu legen? Sollte ich in einem Augenblick vergeſſen— nicht was mir widerfahren,— denn wer war ich!— ſon⸗ dern den Abſcheu vor der Sünde und die Bekämpfung der⸗ ſelben, in denen ich erzogen war?“ Sie legte ihre zornige Hand auf die Uhr auf dem Tiſch. „Nein! Vergiß mein nicht. Die Anfangsbuchſtaben Dreißigſtes Kapitel. Die Stunde naht. 25 dieſer Worte ſtehen jetzt hier drin und ſtanden damals hier drin. Ich war auserwählt, den alten Brief zu finden, der davon ſprach und mir ſagte, was ſie bedeuteten und weſſen Arbeit ſie waren und warum ſie mit dieſer Uhr in dem ge⸗ heimen Fach ſeines Sekretairs lagen. Ohne dieſe Erinne⸗ rung wäre keine Entdeckung geweſen. Vergiß es nicht. Es ſprach zu mir wie eine Stimme aus einer dräuenden Wolke. Vergiß nicht die Todſünde, vergiß nicht die von Gott ge⸗ ſchickte Entdeckung, vergiß nicht das von Gott geſchickte Leiden. Ich vergaß es nicht. Erinnerte ich mich des Un⸗ rechts, das mir widerfahren? gewiß nicht! Ich war blos ein Knecht und ein Werkzeug. Welche Macht hätte ich über ſie haben können, wenn ſie nicht erſtickt geweſen wären in den Banden ihrer Sünde und in meine Hand gegeben worden wären!“ Mehr als 40 Jahre waren über dem grauen Haupte die⸗ ſer entſchloſſenen Frau hingeſchwunden ſeit der Zeit, an die ſie erinnerte. Mehr als 40 Jahre des Ringens und Käm⸗ pfens mit der leiſen Stimme, die ihr ſagte, daß, welchen Namen ſie auch ihrem rachgierigen Stolz und Zorn gebe, nichts in aller Ewigkeit ihr Weſen ändern könnte. Aber trotz der mehr als 40 entſchwundenen Jahre und trotz der Ne⸗ meſis, die ihr jetzt ins Antlitz ſah, blieb ſie immer noch bei ihrer alten Gottesläſterung— kehrte immer noch die Ord⸗ nung der Schöpfung um, und belebte mit ihrem Hauch ein Thonbild des Schöpfers. Fürwahr, fürwahr, Reiſende haben manche ungeheuerliche Götzenbilder in gar vielen Ländern 26 Dreißigſtes Kapitel. geſehen; aber nirgends haben menſchliche Augen keckere, grö⸗ bere und abſcheulichere Abbilder des göttlichen Weſens geſe⸗ hen, als wir Geſchöpfe von Staub in unſern eigenen Bild⸗ niſſen aus unſern ſchlimmen Leidenſchaften machen. „Als ich ihn zwang, mir ihren Namen und ihren Aufent⸗ halt zu entdecken,“ fuhr ſie im Sturm ihrer Entrüſtung und ihrem Vertheidigungseifer fort;„als ich ſie anklagte und ſie ihr Haupt verhüllend mir zu Füßen fiel, rächte ich da die mir angethane Schmach, überſchüttete ich ſie da mit meinen Vorwürfen? Diejenigen, welche vor Alters erwählt wurden, zu böſen Königen zu gehen und ſie zur Rechenſchaft zu zie⸗ hen— waren ſie nicht Gottgeſandte und Knechte? und hatte nicht auch ich, ſo unwürdig ich ihrer war und ſo tief ich unter ihnen ſtehe, eine Sünde zu rügen? Als ſie zu ihrer Entſchuldigung ihre Jugend anführten und ſein elen⸗ des und mühſeliges Leben(ſo nannte ſie die Erziehung zur Tugend, die ihm geworden) und die entweihte Feierlichkeit der Trauung, die ſie mit einander im Geheimen verbunden und die Schrecken der Noth und der Schande, die ſie Beide überwältigt, als ich zuerſt erwählt wurde, das Werkzeug zu ihrer Beſtrafung zu ſein und die Liebe(ſie wagten dieſes Wort zu meinen Füßen zu gebrauchen), von der erfüllt, ſie ihn auf⸗ gegeben und mir überlaſſen hatte, ſetzte ich da meinen Fuß auf meine Feindin und zitterte ſie vor den Worten mei⸗ nes Zorns! Nicht mir werde die Kraft zugerechnet; nicht mir das Auferlegen der Buße!“ Viele Jahre waren gekommen und gegangen, daß ſie — — Die Stunde naht. 27 nicht einmal ihre Finger bewegen konnte; aber es war be⸗ merkenswerth, daß ſie bereits mehr als einmal mit ihrer ge⸗ ballten Hand kräftig auf den Tiſch geſchlagen hatte, und daß ſie, als ſie dieſe Worte ſprach, den ganzen Arm erhob und ausſtreckte, als wäre dies bei ihr eine gewöhnliche Be⸗ wegung. „Und welche Buße verlangte ich von grer Herzenshärtig⸗ keit und ihrer argen Verworfenheit? Ich, die Rachgierige und Unverſöhnliche? So mag ich euch erſcheinen, die ihr keine Gerechtigkeit kennt und keine Erwählung, als die durch Satan. Lachen Sie; aber ich will ſo gekannt ſein, wie ich mich kenne und wie Flintwinch mich kennt, wenn auch nur von Euch und dieſem halb einfältigen Weibe.“ „Und rechnen Sie dazu ſich noch ſelbſt, Madam,“ ſagte Rigaud.„Ich habe meinen kleinen Verdacht, daß Madam ſehr Viel daran liegt, ſich vor ſich ſelbſt zu rechtfertigen.“ „Das iſt falſch. Das iſt nicht wahr. Ich bedarf Deſſen nicht,“ gab ſie mit großer Energie und ſtarker Entrüſtung zur Antwort. „Wirklich?“ gab Rigaud zurück.„Ha!“ „Ich frage, was war die Buße in Werken, die von ihr verlangt ward? Du haſt ein Kind; ich habe keins. Du haſt das Kind lieb. Gib es mir. Es ſoll ſich für meinen Sohn halten und ſoll vor Jedermann für meinen Sohn gelten. Um Dich vor Schande und Entdeckung zu retten, ſoll ſein Vater ſchwören, Dich nie wieder zu ſehen und nie wieder mit Dir zu verkehren; damit ihn ſein Onkel nicht enterbe 28 Dreißigſtes Kapitel. und Dein Kind kein Bettler werde, ſollſt Du ſchwören, nie wieder mit Einem von Beiden zu verkehren. Wenn Das ge⸗ ſchehen iſt und Du haſt Dein gegenwärtiges Vermögen, das Du meinem Gatten verdankſt, aufgegeben, ſo übernehme ich Deinen Unterhalt. Dann kannſt Du, während Dein Zu⸗ fluchtsort unbekannt bleibt, ohne meinen Widerſpruch zu er⸗ warten, die Lüge zurücklaſſen, daß, als Du aus Aller Ge⸗ dächtniß ſchwandeſt, außer aus meinem, Du einen guten Namen verdienteſt. Das war Alles. Sie hatte ihre ſünd⸗ hafte und ſchandbare Liebe hinzugeben, weiter nichts. Es ſtand ihr dann frei, im Geheimen die Laſt ihrer Schuld zu tragen und ſich im Geheimen zu Tode zu grämen; und durch eine ſolche Leidenszeit auf dieſer Welt(leicht genug für ſie, ſollt' ich meinen) ſich ihre Erlöſung von ewiger Leidenszeit zu erkaufen, wenn ſie könnte. Wenn ich ſie dadurch hier be⸗ ſtrafe, zeigte ich ihr da nicht die Möglichkeit eines Wegs des Heils in jener Welt? Wenn ſie wußte, daß ihrer unerſätt⸗ liche Vergeltung und unauslöſchliche Flammen harrten, rühr⸗ ten dieſe von mir her? Wenn ich ihr hier und in jener Welt mit den Schrecken drohte, die ſie umgaben, hielt ich ſie da in meiner rechten Hand?“ Sie drehte die Uhr auf dem Tiſche um, machte ſie auf und betrachtete mit nicht milder werdendem Geſicht die ge⸗ ſtickten Buchſtaben drin. „Sie vergaßen nicht. Es iſt das Verhängniß ſolcher Sünden, daß die Sünder nicht vergeſſen können. Wenn die Anweſenheit Arthurs ein täglicher Vorwurf für ſeinen Vater — — — Die Stunde naht. 29 war, und die Anweſenheit Arthurs eine tägliche Qual für ſeine Mutter, ſo war Dies die gerechte Vergeltung Jehova's. Ebenſo gut könnte es mir als Schuld beigemeſſen werden, daß die Vorwürfe eines erwachenden Gewiſſens ſie wahnſin⸗ nig machten und daß es der Wille der Alles ordnenden Vor⸗ ſehung war, daß ſie viele Jahre in dieſem Zuſtande am Leben blieb. Ich widmete mich der Errettung des ſonſt prädeſtinirten und verlornen Knaben; ich ſetzte es mir zum Ziel, ihm den Ruf einer ehelichen Geburt zu geben, ihn in Furcht und Zittern aufzuerziehen und in einem Leben wirklicher Buße für die Sünden, die auf ſeinem Haupt laſteten, ſchon ehe er in dieſe ſündhafte Welt kam. War das Grauſamkeit? Suchten mich nicht auch die Folgen urſprünglicher Schuld heim, an der ich keinen Theil hatte? Arthurs Vater und ich waren nicht mehr von einander geſchieden, wie die helle Erde zwiſchen uns lag, als damals, wo wir in dieſem Hauſe beiſammen wohn⸗ ten. Er ſtarb und ſchickte mir dieſe Uhr mit ihrem„Vergiß es nicht.“ Ich vergeſſe nicht, obgleich ich es nicht leſe, wie er. Ich leſe darin, daß ich auserleſen wurde, dieſes zu ver⸗ richten. Ich habe ſo dieſe drei Buchſtaben geleſen, ſeit ſie hier auf dieſem Tiſch lagen und ich las ſie ebenſo mit glei⸗ cher Beſtimmtheit, als ſie 100 Meilen von mir entfernt war.“ Wie ſie das Uhrgehäuſe in die Hand nahm mit der neu⸗ erlangten Fähigkeit, dieſelbe zu bewegen, von der ſie gar nichts zu wiſſen ſchien, und ihren Blick darauf heftete, als ob er die Buchſtaben herausforderte, ihr Herz zu rühren, Dreißigſtes Kapitel. rief Rigaud mit einem verächtlichen Schnalzen ſeiner Finger aus:„Kommen Sie, Madam! die Zeit vergeht. Kommen Sie, fromme Dame, es muß ſein! Sie können nicht ſa⸗ gen, was ich nicht weiß. Kommen Sie auf das geſtohlene Geld, oder ich fange davon an. Mort de ma vie, ich habe das Gerede ſatt. Kommen Sie gleich auf das geſtohlene Geld!“ „Elender, der Sie ſind,“ gab ſie zur Antwort, und jetzt faßten ihre Hände ihre Stirn;„durch welch verhängnißvollen Irrthum von Flintwinch, durch welch verhängnißvolles Ver⸗ ſäumniß von ſeiner Seite— denn er war der Einzige, der dabei half und ins Vertrauen gezogen ward— durch wen und durch welches Auffriſchen der Aſche verbrannten Papiers Sie in Beſitz des Codicills gekommen ſind, weiß ich ebenſo wenig, als wie Sie zu Ihrer übrigen Macht hier gekommen ſind.“— „Und doch iſt es mein merkwürdiges Glück,“ unterbrach ſie Rigaud,„an einem paſſenden Ort, den ich kenne, denſel⸗ ben kleinen Zuſatz zu dem Teſtamente Monſieur Gilbert Clen⸗ nams in Verwahrung zu haben, geſchrieben von einer Dame und bezeugt von derſelben Dame und unſerm alten Intri⸗ guanten! Ah, bah, alter Intriguant, krummes Püppchen! Madam, fahren wir fort. Die Zeit drängt. Wollen Sie, oder ſoll ich den Reſt erzählen?“ „Ich!“ gab ſie mit vermehrter Entſchloſſenheit(wenn das möglich wäre) zur Antwort.„Ich, weil ich nicht dulden will, daß man mich einer oder einem Andern mit der ſcheußlichen æ Die Stunde naht. 31 Verzerrung, die Sie mir aufzwingen, zeigt. Sie mit Ihren Tücken aus ehrloſen Kerkern und Galeeren des Auslandes ſtellen es dar, als ob das Geld mich dazu bewogen hätte. Es war nicht das Geld.“ „Bah, bah, bah! Ich laſſe für den Augenblick meine Höflichkeit fallen und ſage Lüge, Lüge, Lüge. Sie wiſſen, daß Sie das Dokument unterſchlugen und das Geld be⸗ hielten.“ „Nicht des Geldes willen, Elender!“ Sie ſtrengte ſich an, als wollte ſie aufſpringen, als ob ſie in ihrer Leiden⸗ ſchaft feſt auf ihren Füßen ſtände.„Wenn Gilbert Clennam in der Geiſtesſchwäche des Alters, auf dem Punkte, zu ſter⸗ ben und berückt von einer irrthümlichen Vorſtellung, einem Weib zu vergeben, zu dem, wie er gehört hatte, ſein Neffe einſt eine Neigung gefaßt hatte und die ſpäter in Trübſinn verfallen und von Allen, die ſie kannten, vergeſſen worden — wenn er in dieſem Zuſtande der Schwäche, mir, deren Leben ſie mit ihrer Sünde verdüſtert hatte und die erwählt worden war, ihre Verworfenheit aus ihrem eignen Munde zu erfahren, ein Legat dictirte, welches als eine Art Entſchädi⸗ gung für ihr vermeintlich unverdientes Leiden dienen ſollte, war dann kein Unterſchied darin, wenn ich dieſe Ungerechtig⸗ keit von mir wies und nach bloßem Gelde trachtete— eine Sache, die Ihr und Eure Gefängnißgeſellen von Jedem ſteh⸗ len könnt?“ „Die Zeit drängt, Madam. Nehmen Sie ſich in Acht!“ Dreißigſtes Kapitel. „Und wenn dieſes Haus von Firſt bis auf den Grund brännte,“ gab ſie zurück,„ſo würde ich darin bleiben, um mich zu rechtfertigen, damit meine gerechten Beweggründe nicht zuſammengeſtellt würden mit denen von Mördern und Dieben.“ Rigaud ſchnalzte herausfordernd mit den Fingern vor ihrem Geſicht.„Ein Tauſend Guineen der ſchönen Kleinen, die Sie langſam zu Tode quälten. Ein Tauſend Guineen der jüngſten Tochter ihres Beſchützers, oder ſeines Bruders, wenn er ſelbſt keine hatte beim Mündigwerden, als eine ſeiner Uneigennützigkeit am meiſten entſprechende Erinne⸗ rung an den Schutz, den er einer verlaſſenen Waiſe hat an⸗ gedeihen laſſen. Zweitauſend Guineen. Was! Sie wollen nicht auf das Geld kommen?“ „Dieſer Beſchützer,“ wollte ſie heftig fortfahren, als er ſie wieder unterbrach. „Namen! Nennen Sie ihn Mr. Frederick Dorrit. Keine Ausflüchte weiter!“ „Dieſer Frederick Dorrit war der Anfang von Allem. Wenn er nicht ein Muſikliebhaber geweſen wäre und damals in den Zeiten ſeiner Jugend und ſeines Wohlſtands offenes Haus für Sänger und Schauſpieler und ähnliche Kinder des Teufels gehalten hätte, wo ſie ihren Rücken dem Licht und ihre Geſichter der Finſterniß zukehrten, ſo wäre ſie vielleicht in ihrer beſcheidenen Stellung geblieben und nicht aus ihr erhoben worden, um wieder erniedrigt zu werden. Aber nein. Der Satan bemächtigte ſich dieſes Frederick Dorrit Die Stunde naht. 33 und flüſterte ihm zu, daß er ein Mann von unſchuldigem und lobenswerthem Geſchmack und mildem Herzen und daß hier ein armes Mädchen mit einer der Ausbildung würdigen Stimme ſei. Dann übernimmt er die Koſten ihrer Ausbil⸗ dung. Dann lernt Arthurs Vater, der auf den Pfaden rau⸗ her Tugend die ganze Zeit über im Geheim nach dieſen ver⸗ fluchten Schlingen, die man die Künſte nennt, gelechzt hat, ſie kennen. Und ſo trägt eine unbegnadete Waiſe, die eine Sängerin werden ſoll, durch dieſes Frederick Dorrits Hülfe den Sieg davon über mich, und ich bin gedemüthigt und hintergangen!— Nicht ich, darf ich ſagen,“ verbeſſerte ſie ſich raſch, während ihr Geſicht ſich röthete,„ſondern ein Größerer, als ich. Was bin ich?“ Jeremiah Flintwinch, der ſich allmälig nach ihr hinge⸗ rutſcht hatte und der jetzt ihrem Ellbogen ſehr nahe ſtand, ohne daß ſie es wußte, machte ein beſonders ſaures Geſicht des Nichteinverſtandenſeins, als ſie dieſe Worte ſprach, und zupfte außerdem an ſeinen Kamaſchen, als wären ſolche An⸗ ſprüche wie kleine Widerhaken in ſeinen Waden. „Schließlich,“ fuhr ſie fort,„denn ich bin jetzt mit dieſer Sache zu Ende, und ich will davon nicht weiter ſprechen und Sie ſollen nicht weiter davon ſprechen und es bleibt nur noch übrig, zu beſtimmen, ob die Kenntniß dieſer Dinge un⸗ ter den hier Anweſenden bleiben kann; ſchließlich, als ich das Dokument mit Wiſſen von Arthurs Vater unter⸗ drückte—“ Klein Dorrit. X. 3 Dreißigſtes Kapitel. „Aber nicht mit ſeiner Zuſtimmung, wiſſen Sie,“ ſagte Mr. Flintwinch. „Wer ſagte, mit ſeiner Zuſtimmung?“ Sie ſchrak auf, Jeremiah ſo in ihrer Nähe zu finden, legte den Kopf zurück und ſah ihn mit ſteigendem Mißtrauen an.„Sie vermittel⸗ ten oft zwiſchen uns, wenn er darauf beſtand, es zu veröffent⸗ lichen und ich nicht wollte, und hätten mir widerſprechen können, wenn ich geſagt hätte, mit ſeiner Zuſtimmung. Ich ſage, als ich das Dokument unterdrückte, dachte ich nicht daran, es zu vernichten, ſondern behielt es bei mir in dieſem Hauſe viele Jahre lang. Da Gilbert den Reſt ſeines Ver⸗ mögens Arthurs Vater vermachte, ſo konnte ich zu jeder Zeit, ohne mehr als die beiden Summen zu verändern, vorgeben, es gefunden zu haben. Aber außer, daß ich ein ſolches Vorgeben durch eine bare Unwahrheit hätte unterſtützen müſſen(eine ſchwere Verantwortlichkeit), habe ich während meiner ganzen langen Prüfungszeit hier keinen neuen Grund gefunden, es an's Tageslicht zu bringen. Es war ein Be⸗ lohnen der Sünde; das irrthümliche Ergebniß einer Täu⸗ ſchung. Ich that, wozu ich auserwählt war, und ich habe in dieſen vier Wänden geduldet, was mir zu dulden beſtimmt war. Als das Papier endlich vor meinen Augen vernichtet ward— wie ich wenigſtens glaubte— war ſie längſt todt, und ihr Gönner, Frederick Dorrit, war nach Verdienſt zu Grunde gegangen und halb blödſinnig. Er hatte keine Toch⸗ ter. Ich hatte vorher ſchon die Nichte entdeckt; und was ich für ſie that, war beſſer für ſie, viel beſſer als das Geld, das . Die Stunde naht. 3⁵ ihr nichts genützt haben würde.“ Sie ſetzte nach einer Pauſe hinzu, als ob ſie mit der Uhr ſpräche,„ſie ſelbſt war un⸗ ſchuldig und ich hätte vielleicht nicht vergeſſen, es ihr nach meinem Tode zu hinterlaſſen;“ und blieb ſo ſitzen. „Soll ich Sie an Etwas erinnern, würdige Frau?“ ſagte Rigaud.„Das Papierchen war in dieſem Hauſe an dem Abend, wo unſer Freund, der Gefangene, aus der Fremde zurückkehrte. Soll ich Sie an noch Etwas erinnern? Der kleine Singvogel, der niemals flügge wurde, ward lange von einem von Ihnen erwählten Wächter, der auch unſerm alten Intriguanten hier wohlbekannt iſt, im Käfig gehalten. Sol⸗ len wir unſern alten Intriguanten bitten, uns zu ſagen, wer ihn zuletzt geſehen hat?“ „Das will ich ſagen!“ rief Affery und nahm die Schürze wieder aus dem Munde.„Das war der erſte von allen mei⸗ nen Träumen. Jeremiah, wenn Du mir jetzt zu nahe kommſt, ſo ſchreie ich, daß ſie mich an der Paulskirche hören! Die Perſon, von der dieſer Mann ſpricht, war Jeremiah's Zwillingsbruder; und er war hier mitten in der Nacht an dem Tage, wo Arthur aus der Fremde heimkam, und Jere⸗ miah übergab ihm ſelbſt das Papier mit wer weiß wie vie⸗ len andern noch, und er trug ſie in einem eiſernen Kaſten fort.— Hülfe! Mörder! Rettet mich vor Jeremiah!“ Mr. Flintwinch war auf ſie losgeſtürzt, aber Rigaud hatte ihn unterwegs mit ſeinen Armen umfaßt. Nach kur⸗ zem Ringen gab Flintwinch nach und ſteckte die Hände in die Taſchen. * 3* 36 Dreißigſtes Kapitel. „Was!“ rief Rigaud, indem er ihn neckend ſtieß und ihn mit ſeinem Ellbogen zurückdrängte.„Was! auf eine Dame losſtürzen, die ein ſolches Genie fürs Träumen hat? Ha, ha, ha! Was, ſie iſt ja ein Vermögen für Euch, wenn Ihr ſie ſehen laßt! Alles, was ſie träumt, trifft ein, ha, ha, ha! Ihr ſeid ihm ſo ähnlich, Flintwinchchen. Ihr ſeid ihm ſo ähnlich, wie ich ihn(als ich zuerſt für ihn mit dem Wirth Engliſch ſprach) in der Schenke zu den drei Billards, in der ſchmalen Gaſſe mit den hohen Dächern, nicht weit vom Kai, in Antwerpen, kennen lernte! O, er war ein tapferer Trinker! O, er war ein tapferer Raucher! Und er wohnte in einem prächtigen Gargonlogis— meublirt, im 5. Stock, über dem Holz⸗ und Kohlenkaufmann, und dem Putzmacher, und dem Tiſchler, und dem Böttcher— wo ich ihn auch kannte und wo er mit ſeiner Cognacflaſche und ſeiner Ta⸗ bakspfeife 12 Mittagsſchläfchen den Tag über hielt und einen Anfall hatte, bis er einen Anfall zu viel hatte, und hinauf zum Himmel ſtieg. Ha, ha, ha! Was macht es jetzt aus, wie die Papiere in dem eiſernen Kaſten in meinen Be⸗ ſitz kamen? Vielleicht übergab er ſie mir für Euch, vielleicht war der Kaſten verſchloſſen und reizte meine Neugier. Viel⸗ leicht ſchaffte ich ihn bei Seite. Ha, ha, ha! Was macht es aus, wenn ich ihn nur ſicher habe? Wir ſind hier nicht all⸗ zuängſtlich, nicht wahr, Flintwinch? wir ſind hier nicht all⸗ zuängſtlich, nicht wahr, Madam?“ Mr. Flintwinch hatte ſich mit trotzigem Geſicht wieder in ſeine Ecke zurückgezogen, ſtand dort mit den Händen in Die Stunde naht. 37 den Taſchen, ſchöpfte Athem und erwiderte Mrs. Clennams verwunderten Blick. „Ha, ha, ha! Aber was iſt das?“ rief Rigaud.„Es ſcheint, als ob ſie ſich einander nicht kennten. Erlauben Sie mir, Madam Clennam, welche unterſchlägt, Ihnen Mr. Flintwinch vorzuſtellen, welcher intriguirt.“ Mr. Flintwinch nahm eine ſeiner Hände aus der Taſche und kratzte ſich damit in die Kinnbacken, während er einen Schritt weiter vortrat, ohne Mrs. Clennams Blick auszu⸗ weichen, und ſie mit folgen den Worten anredete: „Ich weiß wohl, warum Sie mich ſo erſtaunt anſehen, aber Sie brauchen ſich gar nicht die Mühe zu geben, weil es mir ganz einerlei iſt. Ich habe Ihnen ſeit vielen Jahren ge⸗ ſagt, daß Sie die eigenſinnigſte und hartnäckigſte aller Frauen ſind. Das ſind Sie. Sie nennen ſich demüthig und ſünd⸗ haft, ſind aber das hochfahrendſte Weib unter der Sonne. Das ſind Sie. Oft genug, wenn wir uns zankten, habe ich Ihnen geſagt, daß Sie verlangten, es ſollte ſich vor Ihnen Alles beugen, aber ich würde mich nicht vor Ihnen beugen — daß Sie Alles bei lebendigem Leibe verſchlingen wollten, daß ich mich aber nicht verſchlingen laſſen würde. Warum vernichteten Sie das Papier nicht, als es zuerſt in Ihre Hand fiel? Ich rieth es Ihnen; aber nein, es iſt nicht Ihre Art, auf Rath zu hören. Sie mußten es behalten, das half nichts. Vielleicht könnten Sie ihm zu einer ſpätern Zeit nachkommen, hieß es. Als ob ich das nicht beſſer gewußt hätte! Ich kann mir Ihren Stolz vorſtellen, wenn Sie ihm Dreißigſtes Kapitel. hätten nachkommen wollen mit der Gefahr, den Verdacht auf ſich zu ziehen, daß Sie es unterdrückt hätten. Aber auf dieſe Weiſe hintergehen Sie ſich ſelbſt. Gerade ſo, wie Sie ſich hintergehen, wenn Sie ſich vorſpiegeln, Sie thäten dies nicht etwa, weil Sie ein leidenſchaftliches Weib ſind, voller Haß, Rache, Unnachgiebigkeit und gewaltthätigem Charakter, ſondern weil Sie ein Knecht wären und ein Werkzeug und dazu auserwählt. Wer ſind Sie, daß Sie dazu erwählt ſein ſollen? Das mögen Sie Religion nennen, ich nenne es aber blauen Dunſt. Und um Ihnen die Wahrheit ganz zu ſagen, da ich einmal dabei bin,“ ſagte Mr. Flintwinch, indem er die Arme übereinanderſchlug und der wahre Typus jähzorni⸗ gen Trotzes wurde.„Ich habe mich geärgert— geärgert dieſe 40 Jahre lang, weil Sie immer ſo ſtolz gegen mich thaten, der ich's doch beſſer weiß, um mich ganz kaltblütig niedrig zu ſtellen. Ich bewundere Sie ſehr; Sie ſind eine Frau von ſtarkem Charakter und großem Talent; aber der ſtärkſte Charakter und das größte Talent kann einen Mann nicht 40 Jahre lang ärgern, ohne daß er aufrühreriſch wird. Des⸗ halb iſt es mir ganz gleich, was Sie jetzt für Augen machen. Ich komme jetzt auf das Papier und merken Sie wohl, was ich ſage. Sie bewahren es irgendwo auf, und ſagen Nie⸗ mandem, wo. Sie konnten ſich damals noch ordentlich rüh⸗ ren und wenn Sie das Papier brauchten, ſo konnten Sie es ſich holen. Aber merken Sie wohl! Es kommt eine Zeit, wo Sie ſind, wie Sie jetzt ſind und wo Sie das Papier nicht haben können, wenn Sie es brauchen. So liegt es Die Stunde naht. 39 lange Jahre in ſeinem Verſteck. Endlich, als wir jeden Tag Arthurs Rückkehr erwarten und er jeden Tag zurückkehren kann und man gar nicht wiſſen kann, wie er in dieſem Hauſe herumſtöbern wird, empfehle ich Ihnen 5000 Mal, wenn Sie es nicht holen können, es mich holen zu laſſen, um es zu verbrennen. Aber nein— Niemand als Sie weiß, wo es iſt und das iſt Macht; und wenn Sie ſich auch noch ſo demü⸗ thige Namen geben, ich nenne Sie, was die Herrſchſucht be⸗ trifft, einen weiblichen Lucifer! An einem Sonntag Abend kehrt Arthur zurück. Er iſt noch nicht 10 Minuten in dieſem Zimmer, ſo fängt er ſchon an, von der Uhr ſeines Vaters zu ſprechen. Sie wiſſen recht gut, daß das Vergiß es nicht, zu der Zeit, wo ſein Vater ihm die Uhr ſchickte, nur heißen konnte, vergiß nicht die Unterdrückung, denn alles Andere war ja vollkommen vorbei. Es herausgeben! Arthurs Art, und Weiſe ſchüchtert Sie ein Wenig ein und das Papier ſoll doch noch verbrannt werden. Daher, ehe dieſes verrückte Weib,“ Mr. Flintwinch grinſ'te ſeine Frau an,„Sie zu Bett gebracht hat, ſagen Sie mir endlich, wo Sie das Papier hingeſteckt haben, unter die alten Hauptbücher im Keller, wo Arthur wirklich ſchon den allernächſten Morgen umherſuchte. Aber es darf nicht in einer Sonntagsnacht verbrannt wer⸗ den. Nein, Sie ſind gewiſſenhaft; wir müſſen bis nach 1 12 Uhr warten, wo der Montag angefangen hat. Das Al⸗ les nun mußte mich ärgern und da ich nicht ſo gewiſſenhaft bin, wie Sie ſind, ſo ſehe ich mir vor 12 Uhr das Doku⸗ ment an, um mein Gedächtniß aufzufriſchen— breche eins 40 Dreißigſtes Kapitel. der alten gelben Papiere im Keller genau ebenſo zuſammen, und ſpäter, wie der Montag da iſt, und ich ſoll beim Schein Ihrer Lampe vor Ihren Augen das Papier in dieſen Kamin werfen, mache ich einen kleinen Tauſch wie ein Taſchenſpie⸗ ler und verbrenne das nachgemachte. Mein Bruder, Ephraim der Irrenhauswärter(ich wollte, er hätte ſich ſelbſt in eine Zwangsjacke geſteckt), hatte Mancherlei unternommen, ſeitdem er den großen Auftrag von Ihnen bekam, aber er hatte kein Glück gemacht. Seine Frau ſtarb(nicht, daß das viel Un⸗ glück geweſen wäre und ich wollte, meine wäre auch geſtor⸗ ben), er ſpekulirte unglücklich in Verrückten, er kam in eine böſe Geſchichte, weil er einen Patienten übermäßig gebraten hatte, um ihn zur Vernunft zu bringen und er gerieth in Schulden. Er wollte ſich mit dem, was er noch hatte zuſam⸗ menraffen können, und mit einer Kleinigkeit von mir aus dem Staube machen. Er war hier im Hauſe an jenem Montag⸗ morgen ganz früh, und wartete auf die Fluth; mit Einem Worte, er war im Begriff, nach Antwerpen abzuſegeln, wo (ich fürchte, es wird Sie verletzen, wenn ich ſage: und möge ihn der Teufel holen!) er die Bekanntſchaft dieſes Herrn machte. Er hatte eine lange Reiſe gemacht und ich glaubte damals, er wäre ſchläfrig; aber jetzt vermuthe ich, daß er betrunken war. Als die Mutter Arthurs unter ſeiner und ſeiner Frau Obhut geweſen war, hatte ſie immer geſchrie⸗ ben, unaufhörlich geſchrieben— meiſtens Briefe, in de⸗ nen ſie Ihnen Alles eingeſtand und Sie um Verzeihung bat. Mein Bruder hatte mir von Zeit zu Zeit ganze Packete dieſer —,, —,, Die Stunde naht. 41 Briefe gegeben. Ich glaubte, ich könnte ſie ebenſo gut ſelbſt behalten, anſtatt ſie auch lebendig begraben zu laſſen; ſo legte ich ſie in einen Kaſten und ſah ſie durch, ſo oft ich Luſt dazu bekam. Ueberzeugt, daß es rathſam ſei, das Dokument wegen Arthurs Ankunft hier fortzuſchaffen, legte ich es eben⸗ falls in den Kaſten, verſchloß das Ganze mit zwei Schlöſſern und übergab es meinem Bruder, der es mitnehmen ſollte, bis ich danach ſchrieb. Ich ſchrieb danach und bekam nie eine Antwort. Ich wußte nicht, was ich daraus machen ſollte, bis dieſer Herr uns mit ſeinem erſten Beſuche beehrte. Natürlich fing ich nun an, die Wahrheit zu ahnen; und ich brauchte es nicht erſt von ihm zu erfahren, wie er das, was er weiß, meinen Papieren und Ihrem Papier und dem Plau⸗ dern meines Bruders bei der Cognacflaſche und der Tabaks⸗ pfeife(ich wollte, er hätte ſich ſelbſt einen Knebel ins Maul zu ſtecken gehabt) zu verdanken hat. Jetzt habe ich Ihnen nur noch Etwas zu ſagen, Sie ſtarrköpfige Frau, und das iſt, daß ich noch nicht recht einig mit mir bin, ob ich Ihnen wegen des Codicills Ungelegenheit gemacht haben würde oder nicht. Ich glaube nicht, ſondern ich würde wol zufrieden geweſen ſein, zu wiſſen, daß ich Sie in meiner Macht hatte. Wie die Sache jetzt ſteht, habe ich Ihnen nichts mehr zu ſagen, bis morgen Abend. So können Sie ebenſogut Ihre Aufmerkſamkeit etwas Anderem zuwenden, denn bei mir nützt Sie Ihnen zu nichts,“ ſchloß Mr. Flintwinch. Sie wendete langſam ihren Blick weg, als er aufgehört hatte, und ließ den Kopf in die Hand ſinken. Ihre andere 42 Dreißigſtes Kapitel. Hand drückte ſie feſt auf den Tiſch und wieder war das merk⸗ würdige Zuſammenraffen an ihr zu bemerken, als ob ſie aufſtehen wollte. „Dieſe Kiſte kann nirgendwo bezahlt werden, wie ſie hier bezahlt wird. Keiner andern Perſon, als mir, kann ihr In⸗ halt ſo Viel werth ſein. Aber ich bin jetzt außer Stande, die Summe außutreiben, die Sie verlangen. Das Glück iſt mir nicht gefolgt. Was ſoll ich Ihnen jetzt bezahlen und was ſpäter, und wie kann ich mich Ihres Schweigens ver⸗ ſichern?“ „Mein Engel,“ entgegnete Rigaud,„ich habe geſagt, was ich haben will und die Zeit drängt. Ehe ich hieher ging, übergab ich Abſchriften der wichtigſten dieſer Papiere in die Hand einer andern Perſon. Schieben Sie den Ab⸗ ſchluß hinaus, bis die Pforte der Marſhalſea geſchloſſen iſt, ſo iſt es zu ſpät zum Unterhandeln. Der Gefangene hat ſie dann geleſen.“ Sie fuhr wieder mit den beiden Händen nach der Stirn, ſtieß einen lauten Schrei aus und ſprang auf. Einen Augen⸗ blick wankte ſie, als wollte ſie fallen; dann ſtand ſie auf⸗ recht. „Was wollen Sie damit ſagen? Was wollen Sie damit ſagen, Menſch?“ Vor ihrer geſpenſtigen Geſtalt, ſo lange ungewohnt, aufrecht zu ſtehen und doch ſo ſtarr in ihrer Haltung, trat Rigaud erſchrocken zurück und ſprach leiſer. Allen Dreien war es faſt, als ob eine Todte auferſtanden wäre, —,— —— —,— —— Die Stunde naht. 43 „Miß Dorrit,“ antwortete Rigaud,„die kleine Nichte Frederick Dorrits, den ich auf der andern Seite des Kanals kennen gelernt habe, liebt den Gefangenen. Miß Dorrit, die kleine Nichte Monſieur Fredericks, hält in dieſem Augenblicke Wache über den Gefangenen, der krank iſt. Für ſie ließ ich eigenhändig auf meinem Wege hieher ein Packet im Ge⸗ fängniß zurück mit einem Brief, welcher ihr ſagt, ſie ſoll es „ſeinetwegen“— ſie thut Alles ſeinetwegen— behal⸗ ten, um das Siegel zu brechen, wenn es vor der Schluß⸗ ſtunde für die Nacht abgefordert wird— wenn es ihr aber nicht vor dem Läuten der Gefängnißglocke abgefordert wird, dem Gefangenen übergeben. Da wir einmal ſo weit ſind, getraue ich mich nicht unter Euch, ohne meinem Geheimniß ein zweites Leben zu geben. Und was Ihre Behauptung betrifft, Madam, daß ich es anderwärts nicht ſo theuer be⸗ zahlt bekommen würde, wie hier, ſo frage ich Sie, Madam, ob Sie den Preis feſtgeſetzt haben, den die kleine Nichte geben wird— ſeinetwegen— um es geheim zu halten? Noch einmal ſage ich, die Zeit drängt. Wird das Packet nicht vor dem Läuten der Abendglocke abgefordert, ſo kön⸗ nen Sie es nicht mehr kaufen. Dann verkaufe ich an die Kleine!“. Noch einmal der innere Kampf in ihr und ſie ſtürzte nach einem Schrank, riß die Thür auf, nahm einen Ueber⸗ wurf oder Shawl heraus, und nahm ihn über den Kopf. Affery, die ihr erſchrocken zugeſehen hatte, eilte zu ihr in die 44 Mitte des Zimmers, hielt ſie am Kleide feſt und fiel vor ihr auf die Knie. 8 „Bitte, thun Sie's nicht! Was beabſichtigen Sie? Wo⸗ hin wollen Sie? Sie ſind eine ſchreckliche Frau, aber ich hege keinen Groll gegen Sie. Ich kann jetzt dem armen Ar⸗ thur nichts nützen, ſoweit ich ſehe, und Sie brauchen ſich nicht vor mir zu fürchten. Ich will Ihr Geheimniß heilig halten. Gehen Sie nicht aus; Sie fallen ſonſt auf der Straße todt nieder. Nur verſprechen Sie mir, wenn es das arme Mädchen iſt, das hier im Geheimen bewacht wird, mir zu erlauben, es unter meine Obhut zu nehmen und es zu pflegen. Verſprechen Sie mir nur das Eine und Sie brau⸗ chen ſich nicht vor mir zu fürchten.“ 4 Mrs. Clennam ſtand mitten in ihrem haſtigen Bewe⸗ gen einen Augenblick ſtill und ſagte mit ſtrengem Er⸗ ſtaunen: „Hier? Sie iſt ſeit 20 und mehr Jahren todt. Frage Flintwinch— frage ihn. Sie Beide können dies ſagen, daß b ſie ſtarb, als Arthur nach Oſtindien ging.“ „Um ſo ſchlimmer,“ ſagte Affery zuſammenſchauernd, „denn dann ſpukt ſie im Hauſe. Was ſonſt ſoll raſcheln b V Dreißigſtes Kapitel. und kniſtern und zum Zeichen, daß es da iſt, ganz leiſe Staub herabfallen laſſen? Wer ſonſt ſoll kommen und gehen H und an die Wände lange krumme Striche malen, während wir im Bett liegen? Wer ſonſt ſollte manchmal die Thüren zuhalten? Aber gehen Sie nicht— gehen Sie nicht, Mi⸗ ſtreß, Sie fallen todt nieder auf der Straße!“ 4 XXXVIII Damorles. Die Stunde naht. 45 Die Herrin befreite nur ihr Kleid aus den flehenden Händen, ſagte zu Rigaud:„warten Sie hier, bis ich wieder komme!“ und eilte zum Zimmer hinaus. Vom Fenſter aus ſahen ſie, wie ſie wie außer ſich über den Hof lief und hin⸗ aus zum Thorweg. Einige Augenblicke lang ſtanden ſie ganz erſtarrt da. Affery war die Erſte, die wieder zur Beſinnung kam, und ſie eilte Hände ringend ihrer Herrin nach. Ihr folgte Jeremiah Flintwinch, der rücklings langſam auf die Thür zuſchob, mit einer Hand in der Taſche und mit der andern das Kinn rei⸗ bend, und auf dieſe Weiſe verſchwand, ohne ein Wort zu verlieren. Rigaud, nun allein zurückgeblieben, machte es ſich in der alten, uns aus dem Gefängniß in Marſeille bekann⸗ ten Lage auf dem Sitz in dem offenen Fenſter bequem. Er legte ſeine Cigarrette und ſein Feuerzeug neben ſich und fing an zu rauchen. „Uf! faſt ſo dumpfig wie das hölliſche alte Kerkerloch. Wärmer, aber faſt ſo unheimlich. Warten, bis ſie wieder kommt? Ja gewiß; aber wo iſt ſie hin und wie lange wird ſie wegbleiben? Thut nichts! Rigaud Lagnier Blandois, mein liebenswürdiges Kerlchen, Du wirſt Dein Geld bekom⸗ men, Du wirſt reich werden. Du haſt als Cavalier gelebt; Du wirſt als Cavalier ſterben. Du frohlockſt, mein Bürſchchen; aber es iſt Dein Charakter, zu frohlocken. Uf!“ In der Stunde ſeines Frohlockens zuckte ſein Schnurr⸗ bart empor und ſeine Naſe herab, wie er mit einem großen 46 Einunddreißigſtes Kapitel. Balken über ſeinem Haupte mit beſonderer Befriedigung liebäugelte. Einunddreissigsätes Kanitel. Die Stunde iſt da. Die Sonne war untergegangen und ſtaubige Dämme⸗ rung herrſchte in den Straßen, als die derſelben ſo lange ungewohnte Geſtalt durch ſie hineilte. In der unmittelbaren Nachbarſchaft des alten Hauſes erregte ſie wenig Aufmerk⸗ ſamkeit, denn dort begegnete ſie nur einigen vereinzelten Leuten; aber wie ſie durch die krummen Gäßchen, die von der Londonbrücke aufwärts führen, von dem Fluſſe wegging und auf die große Verkehrsſtraße trat, umringte ſie ein Kreis von Staunenden. Mit entſchloſſenem und wildem Blick, ſchnellen Fußes und doch ſchwach und unſicher, auffällig in ihrer ſchwarzen Tracht und dem verhüllten Haupte, hager und von leichen⸗ hafter Bläſſe eilte ſie vorwärts, ohne auf das ſie umgebende Gedränge mehr Rückſicht zu nehmen, als eine Schlafwand⸗ lerin. Auffälliger durch eine derartige Auszeichnung vor dem Gewühl ringsum, als wenn ſie auf einem Fußgeſtell ſtünde, zog die Geſtalt Aller Augen auf ſich Herumlungerer fühlten ihre Aufmerkſamkeit angeſtachelt und beobachteten ſie; geſchäfts⸗ 2 Die Stunde iſt da. 47 eifrige Leute, an denen ſie vorüberkam, hemmten ihre Schritte und ſahen ihr nach; Miteinandergehende blieben ſtehen und machten ſich flüſternd einander aufmerkſam auf die geſpen⸗ ſtige Erſcheinung; und ſie ſchien im Vorübereilen einen Wirbel zu erzeugen, welcher die Unbeſchäftigſten und Neu⸗ gierigſten hinter ſich herzog. Schwindlich geworden durch den ſtürmiſchen Einbruch dieſer Unzahl verwunderungsſtarrer Geſichter in ihre jahre⸗ lange Einſamkeit, durch die verwirrende Empfindung, in der freien Luft zu ſein und die noch verwirrendere Empfindung, wieder auf eigenen Füßen zu ſtehen, durch die unerwarteten Veränderungen in Gegenſtänden, deren ſie ſich noch halb er⸗ innern konnte, und den Mangel einer Aehnlichkeit zwiſchen den Bildern, welche ihre Phantaſie von dem Leben, von dem ſie ausgeſchloſſen war, oft entworfen hatte und dem er⸗ drückenden Andrang der Wirklichkeit auf ſie, verfolgte ſie ihren Weg, als wäre ſie eher von zerſtreuenden Gedanken, als von irdiſcher Wirklichkeit und von menſchlichen Augen umgeben. Aber wie ſie die Brücke hinter ſich hatte und eine Strecke vorwärts gradaus gegangen war, ſing ſie an, ſich zu beſinnen, daß ſie nach dem Weg fragen müßte; und erſt jetzt, wo ſie ſtehen blieb und ſich nach einem zur Auskunft Bereiten umſah, fand ſie ſich von neugierig geſpannten Ge⸗ ſichtern umringt. „Warum umdrängt Ihr mich ſo?“ fragte ſie zitternd. Von den Näherſtehenden antwortete Niemand; aber 48 Einunddreißigſtes Kapitel. aus dem äußern Kreiſe ertönte ein gellender Ruf,„weil Ihr verrückt ſeid!“ „Ich bin ſo vernünftig, wie Ihr Andern Alle. Ich ſuche das Marſhalſeagefängniß.“ Der äußere Kreis antwortete wieder,„das beweiſt ſchon, daß Ihr verrückt ſeid, denn Ihr ſteht gerade davor!“ Als ein wildes Geheul ſich an dieſe Antwort anzuſchlie⸗ ßen anfing, drängte ſich ein kleiner, ſtillausſehender junger Mann zu ihr undſagte:„Sie wollen nach der Marſhalſea? Ich gehe zum Dienſt hin. Kommen Sie mit mir.“ Sie legte ihre Hand auf ſeinen Arm und er führte ſie über die Straße; das Gedränge, faſt beleidigt durch die Aus⸗ ſicht, ſie zu verlieren, umwogte ſie von allen Seiten und empfahl einen Spaziergang nach dem Irrenhauſe. Nach einem vorübergehenden Getümmel in dem äußern Hofe ging die Gefängnißthür auf und ließ ſie ein. Im Portierhäus⸗ chen, das durch den Gegenſatz zu dem Lärm draußen wie ein Ort der Rettung und des Friedens erſchien, kämpfte bereits eine röthlich brennende Lampe mit dem Gefängnißſchatten. „Nun, John!“ ſagte der Schließer, der ſie eingelaſſen hatte.„Was gibts?“ „Nichts, Vater; dieſe Dame wußte nur den Weg nicht und wurde von den Straßenjungen beläſtigt. Zu wem wol⸗ len Sie, Madam?“ „Zu Miß Dorrit. Iſt ſie hier?“ Der junge Mann fühlte eine größere Theilnahme in ſich rege werden.„Ja, ſie iſt hier. Wie heißen Sie wol?“ Die Stunde iſt da. 49 „Mrs. Clennam.“ „Mr. Clennams Mutter?“ fragte der junge eMann. Sie preßte die Lippen zuſammen und zögerte.„Ja. Sa⸗ gen Sie ihr lieber, es ſei ſeine Mutter.“ „Sie müſſen wiſſen,“ ſagte der junge Mann,„da die Fami⸗ lie des Marſhals jetzt auf dem Lande wohnt, hat der Marſhal Miß Dorrit eins der Zimmer ſeines Hauſes zum beliebigen Gebrauch überlaſſen. Wär's nicht beſſer, wenn ich Sie dort hinaufführte und Miß Dorrit zu Ihnen brächte?“ Sie gab ihre Zuſtimmung zu erkennen und er ſchloß ſeine Thür auf und führte ſie durch eine Seitentreppe in ein da⸗ nebenliegendes Wohnhaus. Hier ließ er ſie in ein ſchon halb⸗ dunkles Zimmer treten und ging dann fort. Das Zimmer ſah hinaus in den bereits dunkelwerdenden Gefängnißhof, in dem die Bewohner noch ſpazieren gingen oder zum Fenſter hinaus⸗ ſahen und ſo privatim, als es möglich war, mit den Freun⸗ den, die wieder fortgehen wollten, ſprachen und ſich im All⸗ gemeinen die Gefängnißzeit ſo gut als möglich an dieſem Sommerabend vertrieben. Die Luft war ſchwül und warm und an dieſem Orte doppelt drückend; und von draußen klang ein Rauſchen und Tönen der Freiheit herein, wie die verletzende Erinnerung an ſolche Dinge in einem Kopf⸗ oder Herzweh. Sie ſtand halb verwirrt am Fenſter, als ob ſie aus ihrem ganz andern Gefängniß in dieſes Gefängniß hinab ſehe, als ein leiſer Ausruf des Erſtaunens ſie auffahren machte und Klein Dorrit vor ihr ſtand. Klein Dorrit. X.. 4 50 Einunddreißigſtes Kapitel. „Iſt es möglich, Mrs. Clennam, daß Sie ſo glücklich ge⸗ neſen ſind—“ Klein Dorrit hielt inne, denn es war weder Etwas von Glück noch von Geſundheit auf dem Geſicht zu leſen, das ſich ihr zuwendete. „Es iſt keine Geneſung; es iſt keine Kraft; ich weiß nicht, was es iſt.“ Mit einer aufgeregten Bewegung ihrer Hand wies ſie das Alles von ſich.„Man hat Ihnen ein Packet übergeben, welches Sie Arthur aushändigen ſollen, wenn es Ihnen nicht vor der Schlußſtunde abgefordert wird.“ „Ill.“ „Ich fordere es Ihnen ab.“ Klein Dorrit zog es aus ihrem Buſen und legte es ihr in die Hand, die ausgeſtreckt blieb, nachdem ſie das Packet empfangen hatte. „Haben Sie eine Ahnung von ſeinem Inhalt?“ Erſchrocken, daß ſie die Frau vor ſich ſah, mit der neuen Kraft, ſich zu bewegen, die, wie ſie ſelbſt ſagte, nicht Geſund⸗ heit war und die ſich ſo unwirklich ausnahm, als ob ein Bild oder eine Statue lebendig geworden wäre, gab Klein Dorrit zur Antwort„nein.“ „So leſen Sie.“ Klein Dorrit nahm das Packet aus der ſich immer noch ihr entgegenſtreckenden Hand und brach das Siegel. Mrs. Clennam übergab ihr das innere Packet, das an ſie adreſſirt war und behielt das andere in der Hand. Der Schatten der Die Stunde iſt da. 51 Mauer und der Gefängnißgebäude, welche das Zimmer zu Mittag düſter machten, machten es jetzt zu dunkel, um darin leſen zu können, außer am Fenſter. Im Fenſter, wo ein kleines Eckchen des hellen Sommerabendhimmels auf ſie her⸗ abſah, ſtand Klein Dorrit und las. Nach einigen vereinzel⸗ ten Ausrufungen der Verwunderung oder des Erſchreckens las ſie ſchweigend weiter. Als ſie fertig war, ſah ſie ſich um, und ihre alte Herrin beugte ſich vor ihr. „Sie wiſſen jetzt, was ich gethan habe.“ „Ich glaube. Ich fürchte; obgleich ich noch ſo verwirrt bin und es mir ſo weh thut und ich ſo viel Mitleid fühle, daß ich nicht im Stande geweſen bin, Dem, was ich las, recht zu folgen,“ ſagte Klein Dorrit mit zitternder Stimme. „Ich will Ihnen zurückgeben, was ich Ihnen entzogen habe. Verzeihen Sie mir. Können Sie mir verzeihen?“ „Ich kann es und der Himmel weiß, daß ich es thue! Küſſen Sie mir nicht das Kleid und knien ſie nicht vor mir nieder; Sie ſind zu alt, vor mir zu knien; ich verzeihe Ihnen von Herzen ohne Das.“ „Ich habe noch eine Bitte.“ „Nicht in dieſer Stellung,“ ſagte Klein Dorrit.„Es iſt gegen die Natur, Ihr graues Haar vor mir knien zu ſehen. Bitte, ſtehen Sie auf; erlauben Sie mir, daß ich Ihnen helfe.“ Damit hob ſie die Bittende auf und trat, ſich etwas ſcheu zurückhaltend, neben ſie, ſah ſie aber immer noch mit ernſtem Blick an. „Die große Bitte, die ich noch zu machen habe(noch eine . 4* Einunddreißigſtes Kapitel. andere hängt damit zuſammen), die große Bitte, die ich an Ihr barmherziges und liebevolles Herz richte, iſt, daß Sie Arthur nichts davon ſagen, bis ich todt bin. Wenn Sie nach reiflicher Ueberlegung glauben, daß es ihm von Nutzen ſein kann, wenn er es noch während meines Lebens erfährt, ſo theilen Sie ihm es mit. Aber ich glaube nicht, daß Sie der Ueberzeugung ſein werden; und wollen Sie mir in dieſem Falle verſprechen, mich zu ſchonen, bis ich todt bin?“ „Ich bin ſo erſchüttert, und was ich geleſen habe, hat mich ſo verwirrt gemacht,“ gab Klein Dorrit zurück,„daß ich kaum im Stande bin, eine gefaßte Antwort zu geben. Wenn ich feſt überzeugt ſein ſollte, daß die Kenntniß dieſer Ver⸗ hältniſſe Mr. Clennam nichts nutzen könnte—“ „Ich weiß, daß Sie ihn lieben und ihn vor allen Dingen berückſichtigen. Es iſt recht, daß er zuerſt berückſichtigt wird; ich verlange das. Aber nachdem er berückſichtigt iſt, und wenn Sie dann immer noch finden, daß Sie mich für die kurze Zeit, die ich noch auf Erden verweile, ſchonen können, wollen Sie es dann thun?“ „Ich will es thun.“ „Gott ſegne Sie!“ Sie ſtand im Schatten, ſo daß Klein Dorrit nur eine verſchleierte Geſtalt ſehen konnte; aber als ſie dieſe drei dankbaren Worte ſagte, war der Ton ihrer Stimme innig und gerührt. Gerührt von einer Bewegung, die ihren Augen ſo fremd war, wie Bewegung ihren erſtarrten Gliedern. Die Stunde iſt da. 53 „Sie werden ſich vielleicht wundern,“ ſagte ſie feſter, „daß ich lieber von Ihnen gekannt ſein will, die ich geſchä⸗ digt habe, als von dem Sohn meiner Feindin, die mich ge⸗ ſchädigt hat.— Denn ſie hat mich geſchädigt! Sie hat nicht nur ſchwer gegen den Herrn geſündigt, ſondern ſie hat auch mir Unrecht gethan. Was Arthurs Vater mir war, dazu hat ſie ihn gemacht. Von unſerm Hochzeitstag an graute es ihm vor mir und das hat ſie bewirkt. Ich war Beiden eine Gei⸗ ßel und das iſt ihre Schuld. Sie lieben Arthur.(Ich kann ſehen, wie Sie roth werden; möge es das Morgenlicht glück⸗ licherer Tage für Sie Beide ſein) und Sie werden ſchon bei ſich gedacht haben, daß er ſo mitleidsvoll und gutherzig iſt wie Sie und warum ich mich nicht ihm ebenſo gut anver⸗ traue wie Ihnen. Haben Sie das nicht gedacht?“ „Kein Gedanke kann mir ganz fremd ſein, der mit der Kenntniß zuſammenhängt, daß man immer bei Mr. Clen⸗ nam auf Edelmuth und Gutherzigkeit rechnen kann.“ „Ich bezweifle es nicht. Dennoch iſt Arthur von der gan⸗ zen Welt der Eine, dem ich Dies verhehlen möchte, ſo lange ich lebe. Als er noch ein Kind war, ſo weit er zurückden⸗ ken kann, habe ich meine erziehende und züchtigende Hand über ihn gehalten. Ich habe ihn ſtreng behandelt, denn ich wußte, daß die Sünden der Eltern an ihren Kindern heim⸗ geſucht werden und daß er von dem Zorn des Himmels von Geburt an gezeichnet war. Ich habe neben ihm und ſeinem Vater geſeſſen und geſehen, wie die Schwäche des Vaters ſich ſehnte, gegen ihn milder zu werden, und habe dieſe Re⸗ Einunddreißigſtes Kapitel. gung zurückgedrängt, damit das Kind ſeine Erlöſung durch Knechtſchaft und ſchweren Dienſt verdienen möge. Ich habe geſehen, wie er mich mit dem Geſicht ſeiner Mutter voll Scheu angeblickt und verſucht hat, mir zu ſchmeicheln mit der Weiſe ſeiner Mutter, die mich verhärtet hat.“ Die Scheu, die ſie ihrer Zuhörerin ſichtbar einflößte, unterbrach für einen Augenblick den Fluß ihrer Rede, die ſie mit düſterer, in ihre Erinnerungen ſich verſenkender Stimme ſprach. „Zu ſeinem Beſten. Nicht, um das mir widerfahrene Unrecht zu ſühnen. Was war ich, und was war Dieſes ge⸗ gen den Fluch des Himmels! Ich habe den Knaben aufwach⸗ ſen ſehen; nicht, um ein auserwähltes Werkzeug zu werden (dazu lag die Sünde ſeiner Mutter zu ſchwer auf ihm), aber um gerecht und rechtſchaffen zu ſein und mir gehorſam. Er hat mich nie geliebt, wie ich einmal faſt hoffte— ſo ſchwach ſind wir und ſo kämpfen die verderbten Schwächen des Flei⸗ ſches gegen die uns anvertrauten Aufgaben an; aber er hat mich immer geachtet und als pflichtgetreues Kind mir nach⸗ gegeben. Er thut es bis zu dieſer Stunde. Mit einer leeren Stelle in ſeinem Herzen, deren Bedeutung er nie gekannt hat, hat er ſich von mir gewendet und iſt ſeinen beſondern Weg gegangen; aber ſelbſt das hat er ſtets mit Schonung gegen mich gethan. So war ſein Verhältniß zu mir. Ihres war von anderer Art und dauerte viel kürzere Zeit. Wenn Sie mit Ihrer Nadel in meinem Zimmer ſaßen, haben Sie ſich vor mir gefürchtet, aber geglaubt, ich erweiſe Ihnen etwas Die Stunde iſt da. 55 Gutes; Sie wiſſen es jetzt beſſer, Sie wiſſen, daß ich Ihnen Unrecht gethan habe Daß Sie die Sache, für die ich dieſes Werk verrichtet habe und die Beweggründe, die mich dabei geleitet haben, falſch deuteten und miß⸗ verſtänden, würde mir leichter zu ertragen ſein, als wenn er es thäte. Für keinen irdiſchen Lohn möchte ich Zeuge ſein, daß er mich, wenn auch verblendeter Weiſe, von der Stelle herunterwürfe, die ich in ſeinen Augen ſein gan⸗ zes Leben hindurch eingenommen habe, daß ich in ſeinen Augen zu Etwas würde, dem er ſeine Achtung verſagte und das er für entdeckt und bloßgeſtellt halten müßte. Wenn es geſchehen muß, ſo mag es geſchehen, wenn ich nicht mehr hier bin, um Zeuge davon zu ſein. O, möge ich nie fühlen, während ich noch am Leben bin, daß ich vor ſeinen Augen ſterbe und vor ihm ganz und gar untergehe, als hätte mich der Blitz verzehrt oder ein Erdbeben verſchlungen.“ Ihr Stolz war ſehr mächtig in ihr, die Qual deſſelben und ihre alten Leidenſchaften waren ſehr heftig in ihr, als ſie ſich ſo ausſprach. Nicht weniger, als ſie hinzuſetzte: „Selbſt jetzt ſehe ich, daß Sie ſich vor mir ſcheuen, als wenn ich mit grauſamer Härte gehandelt hätte.“ Klein Dorrit konnte es nicht läugnen. Sie gab ſich Mühe, es nicht zu zeigen, aber ein Gemüthszuſtand, der mit ſo wilder Flamme ſo lange gewährt hatte, flößte ihr Grauen ein. Er ſtellte ſich ihr ohne ſophiſtiſche Hülle dar in ſeiner ungeſchminkten Wahrheit. „Ich habe gethan, was mir beſtimmt war zu thun,“ ſagte 56 Einunddreißigſtes Kapitel. Mrs. Clennam.„Ich habe gegen das Böſe gekämpft, nicht gegen das Gute. Ich bin ein ſtrafendes Werkzeug für die Sünde geweſen. Sind nicht zu allen Zeiten bloße Sünder, wie ich, auserwählt worden, ſie zu ſtrafen?“ „Zu allen Zeiten?“ wiederholte Klein Dorrit. „Selbſt wenn mich das mir geſchehene Unrecht bewogen, wenn mich meine Rache erfüllt hätte, hätte ich dann keine Rechtfertigung finden können? Keine in den alten Zeiten, wo die Gerechten mit den Ungerechten untergingen, Tau⸗ ſend gegen Einen; wo der Zorn des Haſſers der Ungerechten nicht einmal in Blut erloſch und doch Gefallen fand vor Gott?“ „O Mrs. Clennam, Mrs. Clennam,“ ſagte Klein Dorrit, „zornige Empfindungen und mitleidloſe Thaten ſind kein Troſt und keine Führung für Sie und für mich. Mein Leben iſt in dieſem armſeligen Gefängniß vergangen und was ich gelernt habe, iſt ſehr Wenig; aber ich bitte Sie, denken Sie an ſpä⸗ tere und beſſere Zeiten. Richten Sie ſich nur nach dem, der die Kranken geheilt und die Todten erweckt hat, nach dem Freund aller mit Mühſal Beladenen und Verlorenen, nach dem Dulder und Herrn, der Thränen des Mitleids über un⸗ ſere Schwächen vergoß. Wir können nicht Unrecht handeln, wenn wir alles Uebrige bei Seite thun und nur ſeiner ein⸗ gedenk handeln. Er kennt keine Rache und keine unbarmher⸗ zige Strafe. Ihm zu folgen und keine andere Spur ſuchen, kann nicht irre führen, deß bin ich gewiß!“ Wie ſie in dem gemilderten Lichte des Fenſters von dem Die Stunde iſt da. 57 Schauplatz ihrer frühzeitigen Prüfungen hinaufblickte zu dem glänzenden Himmel, war ſie kein ſtärkerer Gegenſatz zu der ſchwarzen Geſtalt im Dunkel, als das Leben und die Lehre, auf die ſie vertraute, im Gegenſatz zu der Geſchichte dieſer Geſtalt. Sie beugte wieder tief das Haupt und ſagte kein Wort. So blieb ſie, bis der erſte warnende Glocken⸗ ſchlag ertönte. „Hört!“ rief Mrs. Clennam aufſchreckend, ‚ich ſagte, ich hätte noch eine andere Bitte. Es iſt eine, die keinen Ver⸗ zug geſtattet. Der Mann, der Ihnen dies Packet brachte und in deſſen Hand ſich die Beweiſe befinden, wartet jetzt in meinem Hauſe, um ſich dieſelben abkaufen zu laſſen. Ich kann dies Arthur nur verbergen, wenn ich ſie ihm abkaufe. Er fordert eine große Summe. Mehr, als ich, ohne Zeit zu haben, zuſammenbringen kann. Er weigert ſich, Etwas nach⸗ zulaſſen, indem er droht, wenn es ihm bei mir nicht gelingt, wolle er zu Ihnen gehen. Wollen Sie mich begleiten und es ihm zeigen, daß Sie es ſchon wiſſen? Wollen Sie mich begleiten und mir bei ihm helfen? Verweigern Sie mir nicht, was ich in Arthurs Namen verlange, obgleich ich nicht wagen darf, es um Arthurs willen zu beanſpruchen!“ Klein Dorrit gab bereitwillig nach. Sie verſchwand ein paar Augenblicke in das Gefängniß, kehrte zurück und ſagte, ſie ſei fertig. Sie verließen das Haus auf einer andern Treppe, durch die ſie das Portierhäuschen vermieden, er⸗ reichten den jetzt ganz ſtillen und verlaſſenen vordern Hof und von dort aus die Straße. 58 Einunddreißigſtes Kapitel. Es war einer der ſchönen Sommerabende, wo die Nacht nur ein langes Zwielicht iſt. Die lange Perſpective der Straße und Brücke war deutlich zu ſehen und der Himmel war klar und ſchön. Die Leute ſtanden und ſaßen vor den Hausthüren, ſpielten mit den Kindern und freuten ſich des Abends; Schaaren gingen ſpazieren, um friſche Luft zu ſchö⸗ pfen; der Lärm und die Haſt des Tages hatten ſich faſt aus⸗ gelärmt und ausgehaſtet und Wenige außer ihnen ſelbſt hat⸗ ten Eile. Wie ſie über die Brücke gingen, ſahen die klar umriſſenen Thürme der Kirchen aus, als ob ſie, aus dem Dunſt, der ſie meiſtens umhüllte, herausgetreten, viel näher gekommen wären. Der Rauch, der zum Himmel emporwir⸗ belte, hatte ſeine trübe Schwärze verloren und einen Glanz angenommen. Die Glorie des Sonnenuntergangs war noch nicht von den langen, leichten Wolkenſchleiern verſchwunden, die friedlich am Horizont hingen. Von einem leuchtenden Mittelpunkt ſchoſſen über die ganze Länge und Breite des Firmaments breite Lichtſtrahlen hinauf zu den frühen Ster⸗ nen, gleich Zeichen des geſegneten neuen Bundes des Frie⸗ dens und der Hoffnung, welcher die Dornenkrone in einen Glorienſchein verwandelte. Weniger auffällig jetzt, wo ſie nicht allein ging und wo es dunkel war, eilte Mrs. Clennam neben Klein Dorrit un⸗ beläſtigt die Straßen entlang. Sie verließen die Hauptver⸗ kehrsader an der Ecke, wo ſie dieſelbe betreten hatte, und gingen weiter durch die ſtillen, leeren Querſtraßen. Ihre Füße ————ÿ—ÿOꝛ;=—— Die Stunde iſt da. 59 berührten die Schwelle des Thorwegs, als ſich ein plötzliches Geräuſch wie Donner vernehmen ließ. „Was war das! Kommen Sie raſch herein,“ rief Mrs. Clennam. Sie ſtanden im Thorweg. Mit einem gellenden Aufſchrei hielt Klein Dorrit ſie zurück. In einem kurzen Augenblick ſahen ſie das alte Haus vor ſich mit dem Mann, der rauchend im Fenſter lag; noch ein Donner und es wankte, bog ſich nach vorn, ging auseinan⸗ der an fünfzig Stellen und ſtürzte in ſich zuſammen. Betäubt von dem Getöſe, erſtickt und geblendet von dem Staube, be⸗ deckten ſie mit den Händen das Geſicht und blieben wie ein⸗ gewurzelt ſtehen. Die Staubwolke, die zwiſchen ihnen und dem ruhigen Himmel emporwirbelte, zerriß für einen Augen⸗ blick und zeigte ihnen die Sterne. Wie ſie wieder, außer ſich nach Hülfe rufend, aufblickten, da wankte auch die hohe Schornſteinmaſſe, die allein noch ſtehen geblieben war, wie ein Thurm im Wirbelwinde und ſtürzte nieder auf den Trüm⸗ merhaufen, als wollte jeder niederſauſende Stein den Ver⸗ ſchütteten tiefer begraben. So von dem umherfliegenden Staube geſchwärzt, daß ſie kaum zu erkennen waren, eilten ſie weinend und ſchreiend aus dem Thorweg in die Straße zurück. Dort ſank Mrs. Clennam auf das Pflaſter; und von dieſer Stunde an konnte ſie nie wieder nur Einen Finger bewegen, konnte ſie nie wie⸗ der nur Ein Wort ſprechen. Länger als drei Jahre lag ſie in ihrem Räderſtuhl, aufmerkſam ihre Umgebung anſehend und 60 Einunddreißigſtes Kapitel. allem Anſchein nach verſtehend, was ſie ſagten; aber das ſtrenge Schweigen, das ſie ſo lange beobachtet hatte, war ihr jetzt für immer auferlegt und außer, daß ſie die Augen bewegen und mit dem Kopf eine ſchwache bejahende oder verneinende Geberde machen konnte, lebte und ſtarb ſie als eine Bildſäule. Affery hatte ſie am Gefängniſſe aufgeſucht und hatte ſie von Weitem auf der Brücke kommen ſehen. Sie holte ſie ge⸗ rade ein, um ihre alte Herrin in ihren Armen aufzufangen, ſie mit in ein benachbartes Haus zu tragen und ſie treu zu pflegen. Das Geheimniß des räthſelhaften Geräuſches war jetzt heraus; wie größere Leute, hatte Affery immer in ihren Thatſachen Recht gehabt, aber immer Unrecht in den Folge⸗ rungen, die ſie daraus gezogen. Als ſich die Staubwolke verzogen hatte und die Som⸗ mernacht wieder ruhig war, verſtopften Maſſen von Leuten jeden Zugang und es bildeten ſich Rotten von Arbeitern, die ſich bei dem Wegſchaffen der Trümmer ablöſen ſollten. Es waren in dem Hauſe, als es einſtürzte, hundert Perſonen ge⸗ weſen, oder fünfzig, oder zwanzig, oder zwei. Das Gerücht blieb zuletzt bei zwei ſtehen: Dem Ausländer und Mr. Flintwinch. Die Arbeiter gruben die ganze kurze Nacht hindurch bei flackernden Gasflammen und auf einer Ebene mit der Mor⸗ genſonne und tiefer und tiefer unter derſelben, wie ſie ſich bis in den Zenith erhob und unter ihren ſchrägen Strahlen, wie ſie ſich neigte, und wieder auf einer Ebene mit ihr, als — „ Die Stunde iſt da. 61 ſie wieder unterging. Angeſtrengtes Graben und Schaufeln und Fortſchaffen in Wagen, Karren und Körben ging ohne Unterbrechung fort bei Tag und bei Nacht; aber es war zum zweitenmal Nacht geworden, als ſie den ſchmutzigen Klumpen fanden, welcher der Fremde geweſen war, ehe der große Balken, der über ihm lag, ihm den Kopf zerquetſcht hatte. Aber immer hatten ſie noch nicht Flintwinch gefunden; ſo ging das angeſtrengte Graben und Schaufeln und Fort⸗ ſchaffen fort ohne Unterbrechung bei Tag und bei Nacht. Die Leute erzählten ſich, daß das Haus weitläufige und feſte Keller habe(was wirklich wahr war) und daß Flintwinch gerade in einem Keller geweſen wäre oder Zeit gehabt hätte, ſich in einen zu flüchten, und daß er unter ſeinem ſtarken Gewölbe ſicher ſei und ſogar, daß man ihn mit hohler Gra⸗ besſtimme hätte rufen hören: hier bin ich! An dem andern Ende der Stadt wußte man ſogar, daß die Ausgrabenden ſich mit ihm durch eine Röhre in Verbindung geſetzt hätten und daß er durch dieſen Kanal Suppe und Branntwein zu⸗ geführt bekommen und mit bewundernswürdiger Seelenſtärke geſagt hätte:„Alles in Ordnung, meine Jungen, mit Aus⸗ nahme des Schlüſſelbeins.“ Aber das Graben, Schaufeln und Forttragen ging ohne Unterbrechung fort, bis die Rui⸗ nen ganz umgegraben waren und die Keller ſich dem Tages⸗ licht öffneten; aber immer noch hatte man keinen Flintwinch lebendig oder todt gefunden. Jetzt fing man an zu bemerken, daß Flintwinch zur Zeit des Einſturzes gar nicht im Hauſe geweſen; und dann fing & 62 Einunddreißigſtes Kapitel. man an zu bemerken, daß er anderwärts ziemlich fleißig ge⸗ weſen, Werthpapiere in ſo viel Geld, als dafür in der Kürze zu erlangen war, umzuwandeln und daß er ſeine Vollmacht, für die Firma zu handeln, zu ſeinem ausſchließlichen Nutzen verwendet hatte. Affery erinnerte ſich, daß er geſagt hatte, er wolle ſich in 24 Stunden weiter erklären und war mit ſich darüber einig, daß ſein Verſchwinden innerhalb dieſer Zeit mit Allem, was er bekommen konnte, ſeine verſprochene letzte Erklärung ſei; aber ſie ſagte Niemandem ein Wort darüber und dankte dem Himmel, ihn los zu ſein. Da es vernünftig zu ſein ſchien, zu ſchließen, daß ein Mann, der nie begraben worden, auch nicht ausgegraben werden könnte, ſo gaben ihn die Arbeiter auf, als ihre Aufgabe gelöſt war und gru⸗ ben nicht nach ihm in den Eingeweiden der Erde. Das nahmen viele Leute übel, die bei dem Glauben be⸗ harrten, daß Flintwinch irgendwo unter den Londoner geo⸗ logiſchen Formationen liege. Auch ward ihr Glaube nicht durch wiederholte Nachrichten erſchüttert, die im Verlauf der Zeit eintrafen, daß ein alter Mann, der den Halstuchsknoten unter einem Ohr habe und von dem man wiſſe, daß es ein Engländer ſei, mit den Holländern am Ufer der Kanäle im Haag und in den Schenken von Amſterdam unter dem Namen Mynheer van Flyntevynge verkehre. Zum Schluß. 63 Smeiunddreissigates Kapitel. Zum Schluß. Da Arthur immer noch ſehr krank in der Marſhalſea lag und Mr. Rugg noch keine hellere Stelle am juriſtiſchen Him⸗ mel erblickte, die Hoffnung zur Freilaſſung gab, ſo litt Mrr Pancks ſehr an Selbſtanklagen. Wären die unfehlbaren Zahlen nicht geweſen, welche bewieſen, daß Arthur, anſtatt im Gefängniß zu ſchmachten, in einer zweiſpännigen Kutſche herumfahren und daß Mr. Pancks, anſtatt auf ſein Salair als Commis beſchränkt zu ſein, 3 bis 5000 Pfund baares Vermögen haben müßte, ſo hätte ſich dieſer unglückliche Rechenkünſtler wahrſcheinlich zu Bett gelegt und wäre einer von den Vielen geworden, die als letztes Opfer der Größe des verſtorbenen Mr. Merdle ihr Geſicht der Wand zugekehrt hätten und geſtorben wären. Nur aufrecht erhalten von ſei⸗ nen unanfechtbaren Berechnungen, führte Mr. Pancks ein unglückliches und ruheloſes Leben, trug beſtändig ſeine Zah⸗ len mit ſich im Hute herum und rechnete ſie nicht nur ſelbſt bei jeder möglichen Gelegenheit durch, ſondern drang auch in Jeden, deſſen er habhaft werden konnte, ſie mit ihm durch⸗ zurechnen und ſich zu überzeugen, welch unzweifelhaft gutes Geſchäft es ſei. Im Hofe zum blutenden Herzen gab es kaum einen Bewohner von nur einiger Bedeutung, dem Mr. Pancks die Sache nicht bewieſen hätte und da Zahlen 64 Zweiunddreißigſtes Kapitel. anſtecken, herrſchten in jener Lokalität eine Art Calculirma⸗ ſern, welche den ganzen Hof in ein Fieber verſetzten. Je ruheloſer Mr. Pancks in ſeinem Gemüth wurde, deſto mehr wurde ihm der Patriarch zuwider. In ihren neueſten Conferenzen hatte ſein Schnauben einen gereizten Ton an⸗ genommen, der dem Patriarchen nichts Gutes verhieß; auch hatte Mr. Pancks bei verſchiedenen Gelegenheiten die Stirn⸗ buckel des Patriarchen aufmerkſamer betrachtet, als ſich eigent⸗ lich mit dem Umſtand vertrug, daß er weder ein Maler, noch ein Perrückenmacher war, der ein lebendiges Modell ſucht. Er war jedoch aus ſeinem kleinen Dock hinein und her⸗ ausgedampft, je nachdem der Patriarch ſeiner Anweſenheit bedurfte oder nicht, und das Geſchäft ging ſeinen gewöhn⸗ lichen Gang. Der Hof zum blutenden Herzen war zu den regelmäßigen Zeiten von Mr. Pancks gepflügt und von Mr. Casby abgeerndtet worden. Mr. Pancks hatte die ganze Plackerei und den ganzen Schmutz des Geſchäfts für ſeinen Theil genommen, Mr. Casby aber allen Gewinn, allen ätheriſchen Dunſt und allen Mondſchein für ſich; und nach den Worten, welche dieſer von Wohlwollen ſtrahlende Herr Sonnabend Abends anwendete, wenn er nach dem Wochen⸗ abſchluß die fetten Daumen drehte,„war Alles für alle Be⸗ theiligte befriedigend geweſen— für alle Betheiligte— be⸗ friedigend, Sir, für alle Betheiligte.“ Der Dock des Dampfers Pancks hatte ein bleiernes Dach, welches in dem ſehr heißen Sonnenſchein ſchmorend das Zum Schluß. 65 Fahrzeug erhitzt haben mag. Sei dem, wie ihm wolle, an einem heißen Sonnabend Abend kam Mr. Pancks auf den Ruf ſeines Prinzipals in einer ſehr erhitzten Stimmung aus ſeinem Dock hervorgedampft. „Mr. Pancks,“ bemerkte der Patriarch,„Sie ſind ſaum⸗ ſelig geweſen, Sie ſind ſaumſelig geweſen, Sir.“ „Was meinen Sie damit?“ war die kurze Antwort. Der Gemüthszuſtand des Patriarchen, immer ein Zu⸗ ſtand der Ruhe und des Behagens, war dieſen Abend ein ſo vollkommener Seelenfrieden, daß es ärgerlich war. Jeder⸗ mann innerhalb des weiten Bereichs der Hauptſtadt war es warm, aber dem Patriarchen war es vollſtändig kühl. Jeder⸗ mann war durſtig und der Patriarch trank. Es umſchwebte ihn ein Duft von Citronen oder Limonen; und er hatte ſich einen Trank aus goldenem Keres gebraut, der in einem gro⸗ ßen Glaſe funkelte, als ob er den Abendſonnenſchein tränke. Das war ſchlimm, aber noch nicht das Schlimmſte. Das Schlimmſte war, daß er mit ſeinen blauen Glotzaugen, ſei⸗ nem glänzenden Scheitel und ſeinem langen weißen Haar und den flaſchengrünen Beinen, die er vor ſich ausſtreckte, ein ſtrahlendes Anſehen hatte, als ob er in ſeinem weltum⸗ faſſenden Wohlwollen den Trank für das ganze Menſchenge⸗ ſchlecht gemacht hätte, während er für ſich weiter nichts brauchte, als die eigene Milch der menſchlichen Güte. Deshalb ſagte Mr. Pancks„was meinen Sie damit?“ und ſtrich das Haar mit beiden Händen auf eine ſturmbedeu⸗ tende Weiſe in die Höhe. Klein Dorrit. X. 5 66 Zweiunddreißigſtes Kapitel. „Ich meine, Mr. Pancks, daß Sie den Leuten mehr zu⸗ ſetzen müſſen, Sir, mehr zuſetzen müſſen, Sir. Sie drücken ſie nicht genug. Sie drücken ſie nicht genug. Ihre Einnah⸗ men, Sir, erreichen die gewünſchte Summe nicht. Sie müſſen ſie drücken, Sir, oder unſere Verbindung wird nicht lange fortfahren, ſo befriedigend für alle Betheiligten zu ſein, als ich es wünſchte. Für alle Betheiligten.“ „Drücke ich ſie denn nicht?“ entgegnete Mr. Pancks, „wozu bin ich ſonſt da?“ „Sie ſind zu weiter nichts da, Mr. Pancks. Sie ſind dazu da, Ihre Pflicht zu thun, aber Sie thun Ihre Pflicht nicht. Sie werden bezahlt, um zu drücken und Sie müſſen drücken, um bezahlt zu werden.“ Der Patriarch war über dieſen brillanten Satz nach Dr. Johnſon, den er nicht im 2 Mindeſten erwartet oder beabſichtigt hatte, ſo überraſcht, daß er laut lachte; und er wiederholte dann mit großer Befrie⸗ digung, während er die Daumen drehte und ſeinem jugend⸗ lichen Portrait zunickte:„werden bezahlt, um zu drücken und müſſen drücken, um bezahlt zu werden, Sir.“ „O!“ ſagte Pancks.„Sonſt noch Etwas?“ „Ja, Sir, ja, Sir. Noch Etwas. Sie werden ſo gut ſein, Mr. Pancks, Montag mit dem Allerfrüheſten den Hof 1 wieder zu drücken.“ „O!“ ſagte Pancks.„Iſt das nicht zu früh? Ich habe ihn heute rein ausgequetſcht.“ „Unſinn, Sir. Noch lange nicht, noch lange nicht.“ „O!“ ſagte Pancks und ſah ihm zu, wie er wohlwollend Zum Schluß. 67 einen guten Schluck von ſeinem Tranke nahm.„Sonſt noch Etwas?“ „Ja Sir, ja Sir, noch Etwas. Ich bin durchaus nicht zufrieden mit meiner Tochter, Mr. Pancks; durchaus nicht zufrieden. Außer daß ſie mir viel zu oft ſich nach Mrs. Clen⸗ nam erkundigt, nach Mrs. Clennam, die gerade jetzt nicht in Verhältniſſen iſt, die geeignet ſind— befriedigend für alle Betheiligte zu ſein, beſucht ſie das Gefängniß, Mr. Pancks, wenn ich mich nicht ſehr irre, um ſich nach Mr. Clen⸗ nam zu erkundigen. Im Gefängniß.“ „Er liegt krank darnieder, wiſſen Sie ja,“ ſagte Pancks. „'s iſt vielleicht eine Freundlichkeit.“ „Bah, bah, Mr. Pancks. Es geht ſie nichts an, es geht ſie nichts an. Ich kann es nicht geſtatten. Er mag ſeine Schulden bezahlen und ſich auslöſen, auslöſen; ſeine Schulden bezahlen und ſich auslöſen.“ Obgleich Mr. Pancks' Haar in die Höhe ſtand wie ſtar⸗ ker Draht, ſtrich er es doch mit beiden Händen noch einmal in die Höhe und lächelte ſeinen Beſitzer gräßlich an. „Sie werden ſo gut ſein, es meiner Tochter zu ſagen, daß ich es nicht länger erlauben kann, nicht länger erlauben kann,“ ſagte der Patriarch wohlwollend. „O!“ ſagte Pancks.„Sie können es ihr nicht ſelbſt ſagen?“ „Nein, Sir, nein; Sie werden bezahlt, um es ihr zu ſa⸗ gen“— er konnte nicht der Verſuchung widerſtehen, noch einmal ſein Glück in dieſer Weiſe zu verſuchen—„und Sie 5* 68 4 Zweiunddreißigſtes Kapitel. müſſen es ſagen, um bezahlt zu werden, ſagen, um bezahlt zu werden.“ „O!“ ſagte Pancks.„Weiter nichts?“ „Ja, Sir. Es kommt mir vor, Mr. Pancks, als ob Sie ſelbſt zu oft und zu viel in dieſer Richtung geſehen würden, geſehen würden. Ich empfehle Ihnen, Mr. Pancks, ſich Ihre Verluſte und anderer Leute Verluſte aus dem Sinn zu ſchla⸗ gen und ſich um Ihr Geſchäft zu bekümmern, um Ihr Ge⸗ ſchäft zu bekümmern.“ Mr. Pancks anerkannte dieſe Empfehlung mit einem ſo außerordentlich ſchroffen, kurzen und lauten Ausſtoßen der Sylbe O, daß ſelbſt der ſchwerbewegliche Patriarch ſeine blauen Augen faſt mit einiger Eile auf ihn heftete. Mr. Pancks ließ ihr ein Schnauben von entſprechender Heftig⸗ keit folgen und ſetzte hinzu„weiter nichts?“ „Vor der Hand nicht, Sir, vor der Hand nicht. Ich denke, jetzt einen kleinen Spaziergang zu machen, einen klei⸗ nen Spaziergang zu machen,“ ſagte der Patriarch, indem er ſein Gebräu austrank und mit freundlichem Geſicht auf⸗ ſtand.„Vielleicht finde ich Sie bei meiner Rückkehr noch hier. Wenn nicht, Sir, Pflicht, Pflicht: drücken Sie, drücken Sie, drücken Sie auf den Montag, drücken Sie auf den Montag.“ Nachdem Mr. Pancks noch einmal mit den Händen durch das Haar gefahren war, ſah er mit einer bald wieder verſchwindenden Miene der Unentſchloſſenheit, die mit einem Gefühl des Beleidigtſeins kämpfte, zu, wie der Patriarch Zum Schluß. 69 ſeinen breitkrämpigen Hut aufſetzte. Es war ihm auch wär⸗ mer als vorhin, und er athmete laut. Aber er ließ Mr. Casby fort, ohne weiter eine Bemerkung zu machen und ſah ihm dann über die grünen Fenſtervorſetzer nach.„Ich dachte es mir,“ bemerkte er.„Ich wußte, wo Du hingingſt. Gut!“ Er dampfte dann zurück in ſeinen Dock, räumte ſorgfältig auf, nahm ſeinen Hut vom Nagel, ſah ſich noch einmal im Dock um, ſagte Lebewohl und dampfte auf eigene Rechnung fort. Er ſteuerte geradenwegs nach Mrs. Plorniſh' Ende des Hofs zum blutenden Herzen, und erreichte erhitzter als je die oberſte der Stufen. Auf der oberſten der Stufen blieb Mr. Pancks— nach⸗ dem er Mrs. Plorniſh' Einladungen, einzutreten und Papa im Hüttchen Sorgenfrei Geſellſchaft zu leiſten, abgelehnt hatte— Einladungen, die zu ſeinem Troſt nicht ſo zahlreich waren, wie ſie an jedem andern Tage, als Sonnabend, ge⸗ weſen wären, wo die Kundſchaft, die ſo aufopfernd das Ge⸗ ſchäft mit Allem, außer mit Geld, unterſtützte, ſehr zahlreiche Aufträge gab— alſo auf der oberſten Stufe blieb Mr. Pancks ſtehen und wartete, bis er den Patriarchen, der ſtets zum andern Ende des Hofs hereintrat, langſam kommen ſah, von Menſchenliebe ſtrahlend und von Bittſtellern umgeben. Da ſtieg Mr. Pancks die Stufen vollends hinab und dampfte voller Energie auf ihn los. Der Patriarch, der mit ſeinem gewöhnlichen Wohlwollen einherſchritt, wunderte ſich, Mr. Pancks zu ſehen, glaubte aber, ſeine Rüge hätte ihn angeregt, das Drücken gleich 70 Zweiunddreißigſtes Kapitel. vorzunehmen, anſtatt es bis Montag aufzuſchieben. Die Be⸗ wohner des Hofs wunderten ſich über das Zuſammentreffen, denn der älteſte von ihnen konnte ſich nicht erinnern, die beiden hohen Mächte jemals gleichzeitig hier geſehen zu ha⸗ ben. Aber unausſprechliches Staunen bemächtigte ſich ihrer, als Mr. Pancks, dicht vor den ehrwürdigſten aller Menſchen tretend, vor der flaſchengrünen Weſte Halt machte, den Zeige⸗ finger krumm an den rechten Daumen legte und damit mit eigenthümlicher Geſchicklichkeit und Raſchheit den breitkräm⸗ pigen Hut von dem glänzenden Kopfe ſchnellte, als wäre er ein großer Schuſſer. Nachdem er ſich dieſe kleine Freiheit mit dem Patriarchen genommen, ſetzte Mr. Pancks die blutenden Herzen weiter dadurch in Erſtaunen, daß er ganz laut ſagte:„Na, Sie zuckerſüßer Schwindler, jetzt will ich einmal mit Ihnen ab⸗ rechnen!“ Mr. Pancks und der Patriarch waren augenblicklich der Mittelpunkt eines dichten Haufens, der ganz Auge und Ohr war; Fenſter wurden aufgeriſſen und Thürſtufen ſtanden voller Menſchen. „Was geben Sie vor, zu ſein?“ ſagte Mr. Pancks.„Was ſpiegeln Sie vor? worin machen Sie Geſchäfte? In Wohl⸗ wollen, nicht wahr? Sie— Wohlwollen!“ Hier zielte Mr. Pancks, allem Anſchein nach ohne die Abſicht, ihn zu treffen, ſondern nur, um ſich das Herz zu erleichtern und ſeine über⸗ ſchüſſige Energie in geſunder Bewegung zu verwenden, einen Schlag nach dem dicken Kopf, vor dem ſich der dicke Kopf Zum Schluß. 71 duckte, um ihm auszuweichen. Dieſes eigenthümliche Kunſt⸗ ſtück wiederholte ſich zu der beſtändig zunehmenden Bewun⸗ derung der Zuſchauer am Schluſſe jedes folgenden Abſchnitts von Mr. Pancks' Rede. „Ich habe mich ſelbſt aus Ihrem Dienſt entlaſſen,“ ſagte Pancks,„damit ich Ihnen ſagen kann, was Sie ſind. Sie ſind einer von einer Sorte Betrüger, die die ſchlimmſte Sorte von allen Sorten iſt, die man findet. Obgleich ich aus eigner Erfahrung von beiden ſprechen kann, weiß ich doch nicht, ob mir die Merdleſorte nicht noch lieber wäre, als Ihre Sorte. Sie ſind ein Leuteſchinder durch Stellvertreter. Sie ſind ein Heuchler in Menſchenliebe. Sie ſind ein ſchä⸗ biger Betrüger!“ (Die Wiederholung des Kunſtſtücks bei dieſem Abſatz ward mit lautem Gelächter begrüßt.) „Fragen Sie dieſe guten Leute, wer hier für den Hart⸗ herzigen gilt. Sie werden Ihnen ſagen, Pancks, wollt ich meinen.“ Dies ward beſtätigt mit dem Rufen„gewiß“ und „hört!“— „Aber ich ſage Euch, Ihr guten Leute— Casby iſt's! Dieſer Berg von Milde, dieſer Klumpen Menſchenliebe, die⸗ ſer flaſchengrüne Allerwelts⸗Anlächler, das iſt Euer Bedrän⸗ ger!“ ſagte Pancks.„Wenn Ihr den Mann ſehen wollt, der Euch lebendig ſchinden würde— da ſteht er! Glaubt ihn nicht in mir zu ſehen, der ſeine 30 Schillinge die Woche Zweiunddreißigſtes Kapitel. bekommt, ſondern ſeht ihn in Casby, für wie weiß wie Viel jährlich.“ „Gut!“ riefen mehrere Stimmen.„Hört Mr. Pancks!“ „Hört Mr. Pancks?“ rief dieſer Herr, nachdem er das viel Beifall findende Kunſtſtück wiederholt hatte.„Ja, ich ſollt' es meinen! es iſt faſt Zeit, Mr. Pancks zu hören. Mr. Pancks iſt heute hergekommen, damit Ihr ihn hört. Pancks iſt nur das Werk; aber hier iſt der, der's aufzieht!“ Die ganze Zuhörerſchaft wäre Mann für Mann zu Mr. Pancks übergegangen ohne die langen grauen, ſeidenen Locken und den breitkrämpigen Hut. „Hier iſt der Schlüſſel,“ ſagte Pancks,„der die Melodie beſtimmt, die geſungen werden ſoll. Und es gibt blos Eine Melodie und die heißt, ſchindet ſie! Hier iſt der Eigenthü⸗ mer und hier iſt ſein Plackholz. Ich ſage Euch, Ihr guten Leute, wenn er ſich heute Abend hübſch ſanft hier durch den Hof dreht wie ein langſamgehender, wohlwollender Brumm⸗ kreiſel, und wenn Ihr ihm kommt mit Euren Beſchwer⸗ den über das Plackholz, ſo wißt Ihr gar nicht, was für ein Schwindler der Eigenthümer iſt! Was ſagt Ihr zu ſeinem Hierherkommen heute Abend, damit Montags auf mich die ganze Schuld fällt? Was ſagt Ihr dazu, daß er mich erſt vorhin ausgeſcholten hat, daß ich Euch nicht hart genug drücke? Was ſagt Ihr dazu, daß ich gegenwärtig beſondern Befehl habe, Euch Montag trocken auszuquetſchen?“ Die Antwort war ein allgemein murrendes„pfui!“ und „ſchäbig!“ Zum Schluß. 73 „Schäbig!“ ſchnaubte Pancks.„Ja, das ſollt' ich mei⸗ nen! Die Sorte, zu der dieſer Casby gehört, iſt die ſchä⸗ bigſte von allen Sorten. Sie ſtellen Ihre Plackhölzer an, um gegen kargen Lohn zu thun, was ſie ſich ſchämen oder fürch⸗ ten zu thun, und was ſie vorgeben, nicht zu thun, aber doch gethan wiſſen wollen und Niemandem Ruhe laſſen! Und damit hintergehen ſie Euch und Ihr ſchiebt alle Schuld auf die Plackhölzer und alles Gute auf ſie! Wahrhaftig, der ſchlechteſte Gauner in dieſer Stadt, der auf betrügliches Vor⸗ geben ſich 18 Pence erſchwindelt, iſt nicht zur Hälfte ſolch ein Gauner, wie dieſer Casby!“ Hier unterbrachen ihn die Rufe„das iſt wahr,“ und„jetzt nicht mehr.“ „Und ſeht nur, was Ihr durch ſolche Burſche gewinnt,“ ſagte Pancks.„Seht nur, was Ihr aus dieſen koſtbaren Brummkreiſeln herausbekommt, die ſich unter Euch ſo ſanft drehen, daß Ihr gar nicht ſehen könnt, was an ihnen iſt. Ich möchte einen Augenblick Eure Aufmerkſamkeit auf mich lenken. Ich bin kein ſehr angenehmer Buſche, das weiß ich recht gut.“ Die Zuhörerſchaft war über dieſen Punkt getheilt; die Strengern riefen„nein, das ſeid Ihr nicht“ und die Höflichern „o, ja, doch.“ „Ich bin im Allgemeinen ein trockenes, unbehagliches, trauriges Plackholz. Das iſt Euer gehorſamſter Diener. Das i*ſt ſein Portrait in ganzer Länge, von ihm ſelbſt gemalt, und Euch geſchenkt mit Garantie der Aehnlichkeit! Aber 74 Zweiunddreißigſtes Kapitel. wie ſoll man anders ſein, wenn man einen ſolchen Mann zum Beſitzer hat? Was iſt von ihm zu erwarten? Hat Je⸗ mand jemals geglaubt, Schöpſenfleiſch und Capernſance in einer Kokusnuß wachſen zu ſehen?“ Aus der Schnelligkeit der Antwort ging klar hervor, daß dies noch keinem der blutenden Herzen paſſirt war. „Und ebenſowenig könnt Ihr von Plackhölzern, wie ich bin, unter Eigenthümern, wie dieſer da iſt, angenehme Eigenſchaften erwarten. Ich bin ein Plackholz von Jugend auf geweſen. Woraus hat mein Leben beſtanden? Aus Pla⸗ gen und Schinden vom Morgen bis zum Abend! Ich habe mir ſelber nicht gefallen und es iſt nicht wahrſcheinlich, daß ich Andern gefallen habe. Wenn ich im Verlauf von 10 Jah⸗ ren einen Schilling die Woche weniger gearbeitet hätte, hätte mir dieſer Betrüger einen Schilling weniger die Woche ge⸗ geben; wenn er einen ſo nützlichen Mann um 6 Pence billi⸗ ger hätte haben können, ſo hätte er ihn an meine Stelle um 6 Pence weniger angenommen. Das iſt Geſchäftsweg, weiter nichts! Feſte Grundſätze! Es iſt ein gewaltig ſchönes Schild„zum wohlwollenden Casby,“ ſagte Mr. Pancks und muſterte ihn mit nichts weniger als Bewunderung, aber der eigentliche Name ſollte ſein„zum freundlichen Schinder.“ Das Motto iſt„laßt dem Plackholz keine Ruhe.“ Iſt einer von den anweſenden Herren mit der engliſchen Grammatik bekannt?“ ſagte Mr. Pancks und ſah ſich um. Der Hof zum blutenden Herzen war ſchüchtern in ſeinen Anſprüchen auf eine ſolche Bekanntſchaft. Zum Schluß. 75 „Es thut nichts,“ ſagte Mr. Pancks.„Ich wollte blos bemerken, daß die Aufgabe, welche mir dieſer Eigenthümer geſtellt hat, die war, in Einem fort dem Imperativ der ge⸗ genwärtigen Zeit des Verbums„keine Ruhe laſſen,“ zu con⸗ jugiren. Laß dir keine Ruhe. Laß ihnen keine Ruhe. Das iſt Euer wohlwollender Patriarch Casby und das iſt ſeine goldene Regel. Es thut ſo wohl, ihn anzuſehen, und bei mir iſt das vollſtändige Gegentheil der Fall. Er iſt ſo ſüß wie Honig und ich bin ſo ſchlecht wie Waſſer in der Stra⸗ ßenrinne. Er beſorgt das Pech und ich greife es an und an mir bleibt es kleben. Und nun,“ ſagte Mr. Pancks, indem er wieder herantrat an ſeinen alten Eigenthümer, von dem er ſich ein Wenig entfernt hatte, um ihn dem Hofe beſſer zu zeigen,„und nun, da ich nicht gewohnt bin, öffentlich zu ſprechen und ich unter den obwaltenden Umſtänden eine ziem⸗ lich lange Rede gehalten habe, ſchließe ich mit der Aufforde⸗ rung an Sie, ſich fortzumachen.“ Der letzte der Patriarchen war ſo überraſcht und brauchte ſo viel Platz, um einen Gedanken zu faſſen und ſo viel mehr Platz, ihn zu verarbeiten, daß er kein Wort dagegen hervor⸗ bringen konnte. Er ſchien über einen patriarchaliſchen Weg nachzudenken, ſich aus dieſer delikaten Lage herauszuhelfen, als Mr. Pancks ihm abermals plötzlich mit der alten Ge⸗ ſchicklichkeit den Hut vom Kopfe ſchnellte. Bei der frühern Gelegenheit hatten ein oder zwei von den Bewohnern des blutenden Herzens ihn dienſtfertig aufgehoben und dem Be⸗ ſitzer zurück gegeben; aber Mr. Pancks hatte jetzt ſo viel 76 Zweiunddreißigſtes Kapitel.* Eindruck auf die Zuhörerſchaft gemacht, daß der Patriarch ſich umdrehen und ihn ſelbſt aufheben mußte. Schnell wie ein Blitz holte Mr. Pancks eine Scheere aus der Taſche, fiel dem Patriarchen in den Rücken, und ſchnitt ihm die heiligen Locken, die auf ſeine Schulter her⸗ abwallten, kurz ab. In einem Paroxismus von Wuth und Haß riß er dann auch den breitkrämpigen Hut dem erſtaun⸗ ten Patriarchen aus der Hand, verſchnitt ihn zu einem blo⸗ ßen Cylinder und ſtülpte ihn dem Patriarchen auf den Kopf.. Vor den ſchrecklichen Folgen dieſer verzweifelten That ſchauderte Mr. Pancks ſelbſt entſetzt zurück. Eine kahlge⸗ ſchorne, glotzäugige, dickköpfige und ſchwerfällige Geſtalt ſtierte ihn an, nicht im Mindeſten eindrucksvoll oder ehrwür⸗ dig, und ſchien aus der Erde emporgeſtiegen zu ſein und zu fragen, was aus Casby geworden ſei. Nachdem Mr. Pancks das Phantom im ſtillen Grauſen wieder angeſtiert hatte, warf er die Scheere hin und floh nach einem Verſtecke, wo er ſich vor den Folgen ſeines Verbrechens retten könnte. Mr. Casby hielt es für klug, ſich ſchleunigſt aus dem Staube zu machen, obgleich ihn nichts verfolgte, als ein ſchallendes Gelächter, von dem der ganze Hof zum blutenden Herzen widerhallte. ——— Zum Schluß! 77 Dreinnddreissigstes Kanitel. Zum Schluß! Die Veränderungen im Zimmer von Fieberkranken ſind langſam und wechſelvoll; aber die Veränderungen der fiebern⸗ den Welt ſind raſch und unwiderruflich. Es war Klein Dorrits Loos, für beide Arten Verände⸗ rungen zu ſorgen zu haben. Die Mauern der Marſhalſea ſchloſſen ſie wieder mehrere Stunden täglich als ihr Kind ein, während ſie für Clennam ſorgte, für ihn arbeitete, bei ihm wachte, und ihn nur verließ, um ihm immer noch ihre größte Liebe zu widmen. Auch ihr Antheil an dem Leben draußen machte drängende Anforderungen an ſie, denen ihre Geduld unermüdlich entſprach. Da war Fanny, ſtolz, lau⸗ niſch, phantaſtiſch, viel weiter in der Unfähigkeit vorgerückt, in Geſellſchaft zu gehen, welche ſie an dem Abend des Schild⸗ krotmeſſers ſo ſehr geärgert hatte, entſchloſſen, immer Troſt zu bedürfen und nie ſich tröſten zu laſſen, entſchloſſen, ſchwe⸗ res Unrecht zu leiden und entſchloſſen, daß Niemand die Kühnheit haben dürfte, es zu glauben. Da war ihr Bruder, ein ſchwacher, dünkelhafter, immer berauſchter, greiſer Jüng⸗ ling, der vom Kopf bis zu den Füßen zitterte, ſo undeutlich ſprach, als ob ein Theil des Geldes, auf das er ſich ſo Viel einbildete, ihm im Munde ſtecken geblieben wäre, und nicht 78 Dreiunddreißigſtes Kapitel. herausgehen wollte, außer Stande, irgendwie in ſeinem Le⸗ ben ſelbſtſtändig aufzutreten, und der ſeine Schweſter, die er ſelbſtſüchtig liebte(dieſes negative Verdienſt hat er immer gehabt) begönnerte, weil er ihr erlaubte, ihn zu führen. Da war Mrs. Merdle in ſchwarzem Schleier und Flor, in einem Traueranzug, deſſen urſprüngliche Haube möglicherweiſe in einem Anfall von Schmerz zerriſſen, aber gewiß durch einen Artikel nach der neueſten Pariſer Mode erſetzt worden war, — mit Fanny in beſtändigem Kriegszuſtand und ihr jede Stunde des Tags eine Schlacht liefernd. Da war der arme Mr. Sparkler, der nicht wußte, wie er den Frieden zwiſchen ihnen erhalten ſollte, aber beſcheiden ſich zu der Meinung neigte, daß ſie nichts Beſſeres thun könnten, als ſich zu vertragen, da ſie Beide zwei merkwürdig ſchöne Frauen wären und keinen Unſinn an ſich hätten— zum Dank für welche ſchüchterne Empfehlung ſie ihn Beide tapfer aus⸗ ſchimpften. Auch war da Mrs. General, die zurückgekehrt war aus fremden Landen und jeden andernTag einen Pflaumen⸗und Prismenbrief ſchickte, in welchem ſie ein neues Zeugniß als Empfehlung für eine oder die andere erledigte Stelle ver⸗ langte. Ueber dieſe merkwürdige Dame muß noch ſchließlich bemerkt werden, daß es gewiß nie eine Dame gegeben hat, von deren ausgezeichneter Befähigung für jede erledigte Stelle auf dieſer Welt ſo viele Leute(wie die Wärme, mit der ſie empfohlen wurde, bezeugte) ſo vollkommen überzeugt waren — oder die ſo glücklich war, einen ſo großen Kreis begei⸗ Zum Schluß! 79 ſterter und vornehmer Bewunderer zu haben, die niemals Gelegenheit fanden, ſie anzuſtellen. In der erſten Aufregung nach dem Tode Mr. Merdle's waren viele angeſehene Perſonen ungewiß geweſen, ob ſie Mrs. Merdle fallen laſſen oder tröſten ſollten. Da es jedoch um ihrer ſelbſt willen wünſchenswerth zu ſein ſchien, ſie als grauſam hintergangen zu betrachten, ſo bekannten ſie ſich huldvoll zu dieſer Meinung und fuhren fort, ſie zu kennen. Die Folge war, daß Mrs. Merdle, als eine Dame von Welt und feinem Ton, die als ein Opfer der Hinterliſt eines ge⸗ meinen Barbaren(denn das vom Scheitel bis zur Zehe ge⸗ weſen zu ſein, ward jetzt von Mr. Merdle allerwärts aner⸗ kannt, ſo wie man entdeckte, daß er kein Geld mehr hatte) gefallen war, mußte um ihrer Klaſſe willen von ihrer Klaſſe vertheidigt werden. Sie vergalt dieſe Treue, indem ſie zu verſtehen gab, daß ſie dem verbrecheriſchen Schatten des Verſtorbenen viel erzürnter war als jeder Andere; und kam ſo aus dem feurigen Ofen als eine weiſere Frau und befand ſich ausnehmend wohl. Mr. Sparklers Lordſchaft war glücklicherweiſe einer von den Ruheplätzen, auf welchen man rechnen kann, lebensläng⸗ lich zu bleiben, wenn nicht Gründe für die Barnacles vor⸗ handen ſind, den Betreffenden in eine gewinnbringendere Lage zu verſetzen. Unſer patriotiſcher Staatsdiener hielt daher feſt zu ſeiner Fahne(dem Banner der vier Ahnen) und war ein wahrer Nelſon in der Tapferkeit, mit der er ſie an den Maſt nagelte. Die Früchte ſeines Heldenmuthes benutzten 80 Mrs. Sparkler und Mrs. Merdle, die jede eine Flur des gentilen kleinen Tempels der Unbehaglichkeit bewohnten, dem der Geruch der vorgeſtrigen Suppe und der Kutſchpferde ſo getreu blieb, wie der Tod dem Menſchen, um ſich auszu⸗ rüſten zum Kampf in den Schranken der Geſellſchaft als ge⸗ ſchworne Nebenbuhler. Und Klein Dorrit, die dem Werden aller dieſer Dinge zuſah, konnte ſich nur beſorgt wundern, in welcher verſteckten Ecke des gentilen Haushalts Fanny's Kinder gedrängt werden würden, und wer ſich der armen kleinen Opfer annehmen würde. 1 Da Arthur viel zu krank war, um über aufregende Ge⸗ genſtände ſprechen zu können und ſeine Geneſung ſehr von der Ruhe abhing, in der ſein Gemüth blieb, ſo war Klein Dorrits Stütze während dieſer ſchwer bedrängten Zeit Mr. Meagles. Er war immer noch auf Reiſen im Ausland; aber ſie hatte, gleich nachdem ſie Arthur in der Marſhalſea gefun⸗ den, durch ſeine Tochter an ihn geſchrieben, und auch ſeit⸗ dem ihm ihre Sorgen über die Punkte, die ihr am meiſten am Herzen lagen, mitgetheilt, vorzüglich aber über Einen. Dieſer Eine Punkt war ſchuld an der noch fortdauernden Abweſenheit Mr. Meagles'. Ohne ihm Alles über die Dokumente zu ſagen, welche in Rigaud's Beſitz gekommen waren, hatte Klein Dorrit Mr. Meagles in allgemeinen Umriſſen die Geſchichte mitgetheilt: und ihm auch erzählt, was aus dem Franzoſen geworden. Die alten vorſichtigen Gewohnheiten des Kaufmanns zeigten Mr. Meagles ſofort die Wichtigkeit, wieder in den Beſitz Dreiunddreißigſtes Kapitel. Zum Schluß! 81 der Originalpapiere zu gelangen; und deshalb ſchrieb er an Klein Dorrit zurück, beſtärkte ſie in der Sorge, die ſie dieſer⸗ halb hatte und ſetzte hinzu, daß er nicht nach England zu⸗ rückkehren würde, ohne einen Verſuch zu machen, ſie aufzu⸗ finden. Um dieſe Zeit war Mr. Henry Gowan zu der Ueberzeu⸗ gung gekommen, daß es für ihn angenehm ſein würde, die Meagles nicht mehr zu kennen. Er war ſo rückſichtsvoll über dieſen Punkt, ſeiner Frau keine beſondern Vorſchriften zu machen; aber gegen Mr. Meagles äußerte er, daß es ihm für ſeine Perſon ſchiene, daß ſie nicht gut mit einander aus⸗ kommen könnten, und daß er es für erſprießlich halte, wenn ſie— höflich und ohne eine Scene oder Etwas der Art— übereinkämen, daß ſie die beſten Kerle von der Welt wären, aber am Beſten thäten, ſich nicht zu ſehen. Der arme Mr. Meagles, der bereits fühlte, wie er durch die geringſchätzige Behandlung, die ihm beſtändig in der Gegenwart ſeiner Tochter widerfuhr, ihr Glück durchaus nicht vermehrt, ſagte: „Gut, Henry! Sie ſind der Mann meiner Pet; als ſolcher muß ich natürlich vor Ihnen zurücktreten; wenn Sie es wünſchen, gut.“ Dieſe Einrichtung hatte den weitern Vor⸗ theil, den Henry Gowan vielleicht nicht vorausgeſehen hatte, daß Mr. und Mrs. Meagles gegen ihre Tochter, ſeitdem ſie nur noch mit dieſer und deren Kinde verkehrten, noch frei⸗ gebiger waren, als früher; und daß ſich ſein ſtolzer Geiſt beſſer mit Geld verſehen ſah, ohne der erniedrigenden Noth⸗ wendigkeit ausgeſetzt zu ſein, zu wiſſen, woher es kam. Klein Dorrit. X. 6 8² Dreiunddreißigſtes Kapitel. Unter ſolchen Verhältniſſen widmete ſich Mr. Meagles einer Beſchäftigung mit großem Eifer. Er erfuhr von ſeiner Tochter, welche Städte ſeit längerer Zeit Rigaud beſucht und in welchen Hotels er gewohnt hatte. Die Beſchäftigung, der er ſich widmete, war, dieſe Orte mit möglichſter Schnellig⸗ keit und Discretion zu beſuchen, und, wenn er finden ſollte, daß Jener eine Rechnung unbezahlt und eine Kiſte als Pfand zurückgelaſſen hatte, dieſe Rechnung zu bezahlen und die Kiſte mitzunehmen. Nur von ſeiner Frau begleitet, trat Mr. Meagles ſeine Reiſe an und erlebte mancherlei Abenteuer. Nicht die ge⸗ ringſte ſeiner Schwierigkeiten war, daß er nie wußte, wa⸗ zu ihm geſagt wurde und daß er ſeine Nachforſchungen unter Leuten anſtellte, die nie wußten, was er zu ihnen ſagte. Aber in Einem fort haranguirte Mr. Meagles, mit einem uner⸗ ſchütterlichen Vertrauen, daß die engliſche Sprache die Mut⸗ terſprache der ganzen Walt ſei und daß die Leute ſie nur aus reiner Einfalt nicht verſtänden, die Hotelbeſitzer in der ge⸗ läufigſten Weiſe, erging ſich in lauten Auseinanderſetzungen der verwickeltſten Art und wies ganz entſchieden Antworten in der einheimiſchen Sprache zurück, da ſie nur„dummes Zeug“ wären. Manchmal wurden Dolmetſcher herbeigerufen, die Mr. Meagles mit ſo volksmäßigen Ausdrücken anredete, daß ſie ſofort zum Schweigen gebracht wurden— was die Sache nur ſchlimmer machte. Alles in Allem gerechnet iſt jedoch ſehr zu bezweifeln, ob er Viel verlor; denn obgleich er kein Eigenthum vorfand, fand er ſo viele Schulden und Zum Schluß! 83 nachtheilige Gerüchte mit dem Namen verbunden, der das einzige Wort war, welches er verſtändlich machen konnte, daß ihn faſt überall die beleidigendſten Beſchuldigungen über⸗ ſchütteten. Nicht weniger als viermal ward die Polizei her⸗ beigerufen, um Mr. Meagles bei ihr als Induſtrieritter, als Taugenichts und als Dieb anzuklagen, Schimpfwörter, welche er ſich mit der beſten Laune gefallen ließ, denn er hatte keine Ahnung, was ſie bedeuteten— und er ward in der ſchmählichſten Weiſe unter Polizeibegleitung nach Dampf⸗ booten und andern Transportmitteln gebracht, um ihn los zu werden, wobei er aber, die Mutter am Arme führend, als ewig heiterer und redefertiger Britte ohne Unterbre⸗ chung ſprach. Aber in ſeiner eigenen Sprache und in ſeiner eigenen Meinung war Mr. Meagles ein klarblickender, kluger und ausdauernder Mann. Als er nach langer Reiſe wieder in Paris angekommen war, ohne Etwas erreicht zu haben, war er noch nicht entmuthigt.„Je näher mich ſeine Spur Eng⸗ land führt, mußt Du wiſſen, Mutter,“ argumentirte Mr. Meagles,„deſto näher komme ich wahrſcheinlich den Papie⸗ ren, mögen ſie ſich finden oder nicht: weil es nur vernünf⸗ tig iſt, zu ſchließen, daß er ſie wo niedergelegt hat, wo ſie vor den Leuten in England ſicher ſind und wo ſie ihn doch leicht zugänglich bleiben, ſiehſt Du wol.“ In Paris fand Mr. Meagles einen Brief von Klein Dorrit auf ſich warten, in welchem ſie erwähnte, daß ſie über den Verunglückten mit Mr. Clennam ein paar Minuten habe 6* Dreiunddreißigſtes Kapitel. ſprechen können; und daß auf ihre Aeußerung, Mr. Meagles habe ein Intereſſe, Etwas von dieſem Manne zu erfahren, Mr. Clennam geantwortet habe, ſie ſolle Mr. Meagles ſa⸗ gen, er ſei mit Miß Wade bekannt geweſen, die in der und der Straße in Calais wohne.„Oho!“ ſagte Mr. Meagles. So kurz darauf, als in jenen Tagen der Eilwagen mög⸗ lich war, zog Mr. Meagles die zerſprungene Klingel an dem zerſprungenen Thore und es ging auf, und die Bauerfrau ſtand in dem dunkeln Thorweg und fragte in franzöſiſchem Engliſch nach dem Begehr des Fremden. In Folge der kau⸗ derwälſchen Anrede brummte Mr. Meagles vor ſich hin, daß dieſe Leute von Calais doch einigen Verſtand hätten und doch einigermaßen wüßten, was man mit ihnen wollte, und gab zur Antwort:„Miß Wade, meine Gute.“ Sie führte ihn darauf zu Miß Wade. „s iſt lange Zeit her, daß wir uns geſehen haben,, ſagte Mr. Meagles mit einem Räuspern;„ich hoffe, Sie haben ſich immer wohl befunden, Miß Wade.“ Ohne zu hoffen, daß er oder ſonſt Jemand ſich wohlbe⸗ funden habe, fragte ihn Miß Wade, welchem Umſtande ſie die Ehre verdanke, ihn wieder bei ſich zu ſehen? Unterdeſſen ließ Mr. Meagles ſeine Blicke im ganzen Zimmer umher⸗ ſchweifen, ohne Etwas von einer Kiſte zu ſehen. „Die Wahrheit iſt die, Miß Wade,“ ſagte Mr. Meagles in zutraulichem, um nicht zu ſagen ſchmeichelndem Tone,„es iſt möglich, daß Sie Aufklärung über eine Kleinigkeit geben können, die gegenwärtig dunkel iſt. Was zwiſchen uns (Zum Schluß! 85 Unangenehmes paſſirt iſt, iſt vergeſſen, hoffe ich. Iſt nicht mehr zu ändern. Sie erinnern ſich noch meiner Tochter? Die Zeiten ändern ſich ſo! Sie iſt jetzt Mutter.“. In ſeiner Unſchuld hätte Mr. Meagles keine ſchlimmere Saite anſchlagen können. Er wartete auf ein Wort der Theil⸗ nahme, wartete aber vergebens. „Von dieſem Gegenſtande wünſchten Sie nicht mit mir zu ſprechen?“ ſagte ſie nach einem kalten Schweigen. „Nein, nein,“ gab Mr. Meagles zurück,„nein. Ich glaubte, Ihr gutes Herz könnte—“ „Ich glaubte, Sie wüßten, daß auf mein gutes Herz nicht zu rechnen iſt,“ unterbrach ſie ihn mit einem Lächeln. „Sagen Sie das nicht,“ ſagte Mr. Meagles,„Sie thun ſich Unrecht. Aber, um auf die Sache zu kommen.“ Denn er fühlte, daß er nichts damit gewonnen hatte, daß er ſich ihr auf einem Umweg genähert hatte.„Ich habe durch mei⸗ nen Freund Clennam erfahren, der, wie Sie gewiß zu Ih⸗ rem Leidweſen hören werden, ſchwer krank geworden iſt und noch daniederliegt—“ Er hielt wieder inne und wieder ſchwieg ſie. „— daß Sie einige Bekanntſchaft mit einem gewiſſen Blandois gehabt haben, der vor Kurzem in London verun⸗ glückt iſt. Aber ich bitte, mich nicht mißzuverſtehen! Ich weiß, daß es eine ſehr oberflächliche Bekanntſchaft war,“ ſagte Mr. Meagles, geſchickt einer zornigen Unterbrechung zuvorkommend, die er im Anzuge ſah.„Ich weiß das voll⸗ kommen. Es war nur eine oberflächliche Bekanntſchaft. 86 Dreiunddreißigſtes Kapitel. Aber die Frage iſt die,“ Mr. Meagles' Stimme wurde hier wieder zutraulich,„hat er auf ſeiner letzten Reiſe nach Eng⸗ land eine Kiſte mit Papieren, oder ein Pack Papiere, oder überhaupt Papiere bei Ihnen zurückgelaſſen, mit der Bitte, ſie bei Ihnen auf einige Zeit niederlegen zu dürfen, bis er ſie wieder brauchte?“ „Die Frage iſt?“ wiederholte ſie.„Weſſen Frage iſt es?“ „Meine Frage,“ ſagte Mr. Meagles,„und nicht nur meine Frage, ſondern Clennams Frage und anderer Leute Frage. Nun bin ich überzeugt,“ fuhr Mr. Meagles fort, deſſen Herz von Pet überſtrömte,„daß Sie nie unfreundlich meiner Tochter gedenken können; das iſt unmöglich. Gut alſo! Es iſt auch Ihre Frage, weil eine vertraute Freundin von ihr dabei intereſſirt iſt. So bin ich hierher gekommen, um Ihnen offen zu ſagen, daß dies die Frage iſt, und Sie zu fragen: hat er was hier zurückgelaſſen?“ „Auf mein Wort,“ erwiderte ſie,„ich ſcheine eine Ziel⸗ ſcheibe der Nachfragen für Jedermann zu ſein, der Etwas wiſ⸗ ſen will von einem Manne, den ich einmal gemiethet und bezahlt und wieder entlaſſen habe!“ „Aber ich bitte Sie,“ bat Mr. Meagles.„Sein Sie nicht verletzt, weil es die einfachſte Frage von der Welt iſt, und Jedermann vorgelegt werden könnte. Die Dokumente, von denen ich ſpreche, gehörten nicht ihm, waren auf un⸗ rechtmäßige Weiſe erlangt, können zu einer oder der andern Zeit einer unbetheiligten Perſon, die ſie aufbewahrte, Unge⸗ legenheiten bereiten und werden von Leuten geſucht, denen Zum Schluß! 87 ſie wirklich gehören. Er kam auf ſeiner Reiſe nach London durch Calais, und er hatte Gründe, ſie nicht mit ſich zu nehmen, ſondern ſie wo zu hinterlegen, wo er ſie zu jeder Zeit wieder bekommen konnte, und ſie nicht Leuten ſeiner Art anzuvertrauen. Hat er ſie hier gelaſſen? Ich erkläre, wenn ich wüßte, wie ich vermeiden könnte, Sie zu verletzen, ſo würde ich keine Mühe ſparen, es zu thun. Ich lege Ihnen die Frage als eine perſönliche vor, aber es iſt nichts Perſön⸗ liches darin. Ich könnte ſie Jedermann vorlegen; ich habe ſie ſchon Vielen vorgelegt. Hat er ſie hier gelaſſen? Hat er überhaupt Etwas hier gelaſſen?“ „Nein.“ „Dann wiſſen Sie unglücklicherweiſe nichts davon, Miß Wade!“ „Ich weiß nichts davon. Ich habe jetzt Ihre unerklär⸗ liche Frage beantwortet. Er hat ſie nicht hier gelaſſen ugd ich weiß nichts davon.“ „So!“ ſagte Mr. Meagles und ſtand auf.„Es thut mir leid; das iſt vorbei; und ich hoffe, es iſt nicht viel Schade damit geſchehen.— Befindet ſich Tattycoram wohl, Miß Wade?“ „Harriet? O ja!“ „Da habe ich wieder verletzt,“ ſagte Mr. Meagles nach dieſer Berichtigung.„Es ſcheint, als ob ich hier gar nicht anders könnte, als verletzen. Vielleicht, wenn ich es mir beſ⸗ ſer überlegt hätte, hätte ich ihr nicht den dummen Namen gegeben. Aber wenn man mit jungen Leuten zuthulich ſein 88 Dreiunddreißigſtes Kapitel. und ſcherzen will, überlegt man es ſich nicht zweimal. Ihr alter Freund läßt ein freundliches Wort für ſie zurück, Miß Wade, wenn Sie für rathſam finden, es ihr zu ſagen.“ Sie gab darauf keine Antwort; und Mr. Meagles ver⸗ ließ mit ſeinem ehrlichen Geſichte das ungemüthliche Zimmer, wo es wie eine Sonne glänzte, brachte es mit nach dem Ho⸗ tel, wo er Mrs. Meagles gelaſſen hatte und wo er den Be⸗ richt abſtattete:„Geſchlagen, Mutter; nichts da!“ dann nahm er es mit nach dem Londoner Dampfpacketboot, wel⸗ ches noch in derſelben Nacht abfuhr und dann nach der Marſhalſea. Der getreue John hatte den Dienſt, als Vater und Mut⸗ ter Meagles kurz vor Abend ſich an der Pforte einfanden. Miß Dorrit ſei nicht da, ſagte er; aber ſie ſei früh dagewe⸗ ſen und komme regelmäßig des Abends. Mr. Clennam er⸗ hole ſich langſam; und Maggy und Mrs. Plorniſh und Mr. Baptiſt pflegten ihn abwechſelnd. Miß Dorrit würde ganz gewiß kommen, noch ehe die Abendglocke läutete. Wenn ſie wollten, könnten ſie in dem Zimmer oben warten, welches der Marſhal ihr überlaſſen hatte. In der Beſorgniß, daß es Arthur ſchaden könnte, wenn er unvorbereitet ihn beſuchte, nahm Mr. Meggles das Anerbieten an; und ſie blieben al⸗ lein in dem Zimmer zurück und ſahen durch das vergitterte Fenſter hinunter in das Gefängniß. Der umſchränkte Raum des Gefängniſſes machte einen ſolchen Eindruck auf Mrs. Meagles, daß ſie anfing, zu wei⸗ nen, und einen ſolchen Eindruck auf Mr. Meagles, daß er Zum Schluß! 89 anfing, nach Luft zu ſchnappen. Er ging keuchend im Zim⸗ mer auf und ab und verſchlimmerte ſeinen Zuſtand noch da⸗ durch, daß er ſich beſtändig mit dem Taſchentuch fächelte, als er ſich nach der aufgehenden Thür umſah. „Ha? Du mein Himmel!“ ſagte Mr. Meagles,„das iſt nicht Miß Dorrit! Sieh Mutter, ſieh! Tattycoram!“ Dieſelbe. Und in ihren Armen trug Tattycoram eine eiſenbeſchlagene Kiſte von ungefähr 2 Fuß im Quadrat. Eine ſolche Kiſte hatte Affery Flintwinch im erſten ihrer Träume, in ſtiller Mitternacht, unter des Doppelgängers Armen, aus dem Hauſe gehen ſehen. Dieſe ſtellte Tattyco⸗ ram vor die Füße ihres alten Herrn auf den Boden; neben dieſen fiel Tattycoram auf die Knie und ſchlug mit den Hän⸗ den darauf und rief halb vor Freude und halb vor Verzweif⸗ lung, halb lachend und halb weinend aus:„Verzeihung, guter Herr, nehmen Sie mich wieder an, gute Herrin, hier iſt er!“ „Tatty!“ rief Mr. Meagles aus. „Was Sie ſuchten!“ ſagte Tattycoram.„Hier iſt es! Sie wies mich in das Nebenzimmer, damit ich Sie nicht ſehe. Ich hörte, wie Sie danach fragten, ich hörte, wie ſie ant⸗ wortete, ſie wiſſe nichts davon; ich war dabei, wie er es da⸗ ließ, und ich nahm den Kaſten Nachts und ſchaffte ihn fort. Hier iſt er.“ „Aber, mein Kind, wie biſt Du herüber gekommen?“ rief Mr. Meagles athemloſer als vorher. „Ich kam in Einem Boote mit Ihnen. Ich ſaß in mein 90 Dreiunddreißigſtes Kapitel. Tuch eingehüllt am andern Ende. Als Sie einen Wagen am Landungsplatz nahmen, nahm ich einen andern und folgte Ihnen hierher. Sie hätte den Kaſten nie herausge⸗ geben, nach dem, was ſie ihr von dem Verlangen geſagt hatten, das andere Leute nach ihm trugen; lieber hätte ſie ihn ins Meer verſenkt oder verbrannt.„Aber hier iſt er!“ Das Frohlocken und die Begeiſterung, mit der das Mäd⸗ chen ſagte:„Hier iſt er!“ „Das muß ich von ihr ſagen, daß ſie ihn nie hat an⸗ nehmen wollen; aber er ließ ihn zurück, und ich wußte recht gut, daß ſie ihn nicht herausgeben würde, nachdem ſie Alles von Ihnen gehört und ihn verläugnet hatte. Aber hier iſt er! Lieber Herr, liebe Herrin, nehmen Sie mich wieder an und geben Sie mir meinen lieben alten Namen wieder! Laſ⸗ ſen Sie dies hier für mich bitten. Hier iſt er!“ Vater und Mutter Meagles verdienten ihren Namen nie beſſer, als wie ſie das trotzige Findlingsmädchen wieder un⸗ ter ihren Schutz nahmen. „O, ich bin ſo unglücklich geweſen,“ rief Tattycoram, mit noch viel reichlicheren Thränen, als vorhin;„immer ſo unglücklich und ſo voller Reue! Von dem erſten Augenblicke an, wo ich ſie ſah, habe ich mich vor ihr gefürchtet. Ich wußte, daß ſie eine Macht über mich erlangt hatte, weil ſie ſo klar erkannte, was ſchlecht in mir war. Es war ein Wahnſinn in mir und ſie konnte ihn heraufbeſchwören, wenn ſie Luſt hatte. Wenn ich in dieſen Zuſtand verfiel, fing ich an zu denken, daß alle Leute mir feind wären, wegen meines Zum Schluß! 91 erſten Anfangs; und je freundlicher ſie gegen mich waren, deſto mehr verargte ich es ihnen. Ich brachte es heraus, daß ſie über mich triumphirten und daß ſie meinen Neid erregen wollten, während ich weiß— was ich ſelbſt damals wußte, wenn ich wollte,— daß ihnen ſo Etwas nie in den Sinn gekommen war. Und meine ſchöne junge Herrin iſt nicht ſo glücklich, als ſie zu ſein verdiente, und ich habe ſie verlaſſen! Für wie ſchlecht ſie mich halten muß! Aber wollen Sie ein Wort für mich bei ihr einlegen, und ſie bitten, mir zu ver⸗ zeihen, wie Sie Beide mir verzeihen? Denn ich bin nicht ſo ſchlimm, wie ich war,“ ſagte Tattycoram mit eindringlicher Stimme;„ich bin ſchlimm genug, aber nicht ſo ſchlimm, als ich war, wahrhaftig nicht. Ich habe die ganze Zeit über Miß Wade vor Augen gehabt als mein zur Reife gelangtes Ich— alles nach der unrechten Seite wendend und Gutes zu Bö⸗ ſem verkehrend. Ich habe ſie die ganze Zeit über vor mir gehabt, wie ſie an Nichts Vergnügen fand, als mich eben ſo unglücklich, argwöhniſch und ſelbſtquäleriſch zu machen, wie ſie ſelbſt iſt. Nicht, daß ſie ſich dazu hätte ſehr anzuſtrengen gehabt,“ rief Tattycoram, mit einem letzten großen Aus⸗ bruche reuevollen Schmerzes,„denn ich war ſo ſchlimm als nur möglich war. Ich will nur ſagen, daß ich nach Allem, was ich durchgemacht habe, hoffe, nie wieder ganz ſo ſchlimm zu ſein und ſehr langſam Fortſchritte zum Beſſern zu machen. Ich will mich ſehr, ſehr anſtrengen, ich will nicht bei 25 ſtehen bleiben, Sir. Ich will bis 25 Hundert zählen, bis 25 Tauſend!“ 92 Dreiunddreißigſtes Kapitel. Abermals ging die Thür auf und Tattycoram ſchwieg, und Klein Dorrit trat herein, und Mr. Meagles zeigte ihr mit Stolz und Freude die Kiſte, und ihr ſanftes Geſicht dr⸗ hellte ſich mit dankbarer Freude. Das Geheimniß war jetzt ſicher! Sie konnte ihm ihren Antheil daran verſchweigen; er würde ihren Verluſt nie erfahren; in ſpätern Zeiten ſollte er Alles wiſſen, was von Wichtigkeit für ihn war; aber was nur ſie betraf, ſollte nie zu ſeiner Kenntniß kommen. Das war Alles vorüber, Alles vergeben, Alles vergeſſen. „Nun, meine liebe Miß Dorrit,“ ſagte Mr. Meagles; „ich bin Geſchäftsmann— oder ich war's wenigſtens— und ich gedenke, meine Maßregeln ſogleich als ſolcher zu er⸗ greifen. Wäre es nicht beſſer, wenn ich Arthur noch heute ſpräche?“ „Ich glaube nicht. Ich will auf ſein Zimmer gehen und ſehen, wie er ſich befindet. Aber ich glaube, es wird beſſer ſein, wenn Sie ihn heute nicht ſprechen.“ „Ich bin ziemlich Ihrer Meinung, meine Liebe,“ ſagte Mr. Meagles,„und deshalb bin ich ihm nicht näher gekom⸗ men, als bis in dies ungemüthliche Zimmer. Daher werde ich ihn wol für die nächſte Zeit noch nicht ſehen. Aber das werde ich Ihnen auseinanderſetzen, wenn Sie wiederkommen.“ Sie verließ das Zimmer. Mr. Meagles blickte ihr durch das Fenſtergitter nach und ſah ſie aus dem Portierhäus⸗ chen unten in den Gefängnißhof treten. Er ſagte mit ſanfter Stimme:„Tattycoram, komm einmal her, gutes Kind.“ Zum Schluß! 93 Sie trat zu ihm an's Fenſter. „Du ſiehſt die junge Dame, die eben hier war— die kleine, ſtille, ſchwächliche Geſtalt, die dort geht, Tatty? Sieh! Die Leute treten bei Seite, um ſie vorüber zu laſſen. Die Männer— ſieh die armen, ſchäbigen Burſchen— ziehen vor ihr ganz höflich den Hut und jetzt verſchwindet ſie dort in dem Thorweg. Haſt Du ſie geſehen?“ „Ja, Sir.“ „Es iſt mir geſagt worden, Tatty, daß ſie früher regel⸗ mäßig das Kind dieſes Ortes hieß. Sie iſt hier geboren und hat viele Jahre hier gelebt. Ich kann hier nicht ath⸗ men. Ein trauriger Ort, um hier geboren zu werden und aufzuwachſen, Tattycoram?“ „Gewiß, Sir!“ „Wenn ſie immer an ſich gedacht und ſich eingebildet hätte, Jeder ließ ihr ihren Geburtsort entgelten, und machte ihr denſelben beſtändig zum Vorwurf, ſo würde ſie ein un⸗ glückliches und wahrſcheinlich nutzloſes Daſein geführt ha⸗ ben. Aber ich habe mir ſagen laſſen, Tattycoram, daß ihr junges Leben voll werkthätiger Entſagung, voll guter Thaten und edlem Dienſte geweſen iſt. Soll ich Dir ſagen, was meiner Meinung nach dieſe Augen beſtändig vor ſich gehabt haben, um den Ausdruck zu erlangen, den Du an ihnen be⸗ merkt haſt?“ „Ja, wenn Sie ſo gut ſein wollen.“ „Pflicht, Tattycoram. Fange damit zeitig an und erfülle ſie gewiſſenhaft; und es gibt Nichts in jedem beliebigen 94 Dreiunddreißigſtes Kapitel. Stande, das gegen uns vor dem Allmächtigen oder vor uns auftreten wird.“ 4 Sie blieben am Fenſter ſtehen, nachdem die Mutter zu ihnen getreten war, und bemitleideten die Gefangenen, bis ſie Klein Dorrit zurückkehren ſahen. Sie war bald wieder im Zimmer und empfahl, Arthur, den ſie ruhig und gefaßt verlaſſen hatte, dieſen Abend nicht zu beſuchen. „Gut!“ ſagte Mr. Meagles heiter.„Ich bezweifle nicht, daß es das Beſte iſt. Ich werde daher meine Grüße Ihnen, liebenswürdige Pflegerin, anvertrauen, und ſie können nicht in beſſern Händen ſein. Ich reiſe morgen früh wieder ab.“ Verwundert fragte Klein Dorrit:„wohin?“ „Meine Gute,“ ſagte Mr. NM.* ich kann nicht leben, ohne zu athmen. Dieſer Ort nir den Athem verſetzt und meine Bruſt wird nicht ehe eder frei, als bis ich Ar⸗ thur hier heraus habe.“ „Inwiefern iſt das der Grund, morgen früh wieder ab⸗ zureiſen?“ „Sie werden es gleich einſehen,“ ſagte Mr. Meagles. „Dieſe Nacht bleiben wir alle drei in einem Hotel in der City. Morgen früh fahren Mutter und Tattycoram hinunter nach Twickenham, wo Mrs. Tickit, neben Dr. Buchan im Wohnſtubenfenſter ſitzend, ſie für ein paar Geſpenſter halten wird; und ich verreiſe wieder, um Doyce aufzuſuchen. Wir müſſen Dan hier haben. Nun ſage ich Ihnen, meine Liebe, es nutzt nichts, zu ſchreiben und Pläne zu machen und zu ſpeculiren und Alles das aufs Ungewiſſe und Unſichere; wir Zum Schluß! 95 müſſen Dan hier haben. Von dem morgenden Tage an, wenn die Sonne aufgeht, widme ich mich der Aufgabe, Doyce hierher zu bringen. Es iſt für mich nichts, mich auf den Weg zu machen und ihn zu finden. Ich bin ein alter Reiſender und alle fremden Sprachen und Sitten ſind mir gleich— ich habe nie Etwas davon verſtanden. Daher kön⸗ nen ſie mich in keine Ungelegenheiten bringen. Gehen muß ich auf der Stelle, das iſt klar; weil ich nicht leben kann, ohne frei zu athmen; und ich nicht frei athmen kann, bis Arthur aus dieſer Marſhalſea heraus iſt. Ich erſticke jetzt faſt und habe kaum Athem genug, Ihnen ſo Viel zu ſagen, und Ihnen dieſen koſtbaren Kaſten die Treppe hinab zu tragen.“ 8lOD⸗ Sie erreichten die inaße, Mr. Meagles mit dem Kaſten unter dem Arme, als dieich opcke anfing, zu läuten. Auf Klein Dorrit wartete dort kein Wagen, was den alten Herrn einigermaßen wunderte. Er rief einen Fiaker für ſie herbei und ſie ſtiegen ein, und er ſtellte den Kaſten neben ſie, als ſie Platz genommen hatte. In ihrer Freude und Dankbarkeit küßte ſie ihm die Hand. „Das will mir nicht gefallen, meine Liebe,“ ſagte Mr. Meagles.„Es widerſtrebt meinem Gefühl von dem was recht iſt, daß Sie mir dieſe Huldigung erweiſen— hier am Thore der Marſhalſea.“ Sie beugte ſich vor und küßte ihn auf die Wange. „Sie erinnern mich an die Tage,“ ſagte Mr. Meagles, und verfiel plötzlich in einen melancholiſchen Ton—„aber 96 Vierunddreißigſtes Kapitel. ſie hat ihn herzlich lieb und verbirgt ſeine Fehler und glaubt, es ſähe ſie Niemand— und es läßt ſich nicht läugnen, er bewegt ſich in vornehmen Kreiſen und iſt von ſehr guter Familie!“ Das war der Troſt, der ihn für den Verluſt ſeiner ein⸗ zigen Tochter tröſtete, und wer kann es ihm verdenken, wenn er ihn ſo viel als möglich ausbeutete? Bierunddreiésigstes Rapitel. Schluß. An einem geſunden Herbſttage hörte der Gefangene der Marſhalſea, noch ſchwach, aber ſonſt geneſen, einer Stimme zu, die ihm vorlas. An einem geſunden Herbſttage, wo die goldenen Felder geerndet und wieder gepflügt, wo die Som⸗ merfrüchte reif geworden und gebleicht, wo die langen, grü⸗ nen Gaſſen der Hopfenſtangen von den geſchäftigen Leſern umgeſtürzt waren, wo die Aepfel in den Gärten rothbäckig, und die Beerenbüſche der Ebereſche purpurn aus dem ver⸗ gelbenden Laube hervorglänzten. Im Walde konnte man ſchon Spuren des bevorſtehenden Winters errathen in un⸗ gewöhnten Oeffnungen in dem Laubgewölbe, wo die Aus⸗ ſicht ſich klar und beſtimmt zeigte, ohne den reifen Duft des ſchläfrigen Sommerwetters, der darauf lag wie der Reif Schluß. 97 auf einer Pflaume. Und auch am Strande ſchlummerte das Meer nicht mehr in der Hitze, ſondern ſeine tauſend funkeln⸗ den Augen ſtanden offen und ſein ganzer Athem war freudi⸗ ges Leben, von dem kühlen Sand auf dem Strande bis zu den kleinen Segeln am Horizonte, die dahin trieben wie herbſtlich gefärbte Blätter, die von den Bäumen herunter gezittert waren. Unveränderlich und kahl, und theilnahmlos allen Jah⸗ reszeiten mit dem ſtarren, hageren Geſicht der Armuth und Noth zuſehend, hatte das Gefängniß auch nicht eine Spur von allen dieſen Schönheiten an ſich. Mochte blühen was da wollte, ſeine ſteinernen Mauern und eiſernen Gitter tru⸗ gen immer dieſelbe todte Frucht. Aber Clennam vernahm, wie er der vorleſenden Stimme zuhörte, Alles, was die große Mutter Natur that, alle die beſchwichtigenden Lieder, welche ſie dem Menſchen vorſingt. An keiner andern Mutter Knie, als an der ihrigen, hatte er in ſeiner Jugend bei hoffnungs⸗ vollen Erwartungen, bei heitern Träumen, bei den reichen Schätzen von Liebe und Demuth verweilt, welche uns die zeitig gepflegten Samen der Einbildungskraft als Ernte verſprechen; oder an den Eichen, die uns vor ſengenden Winden ſchützen, und deren ſtarke Wurzeln in dem Keime von Ammenſtubeneicheln verborgen ſind. Aber in den Tö⸗ nen der Stimme, die ihm vorlas, ſtiegen Erinnerungen an eine alte Empfindung ſolcher Dinge und Widerhalle jedes barmherzigen und liebreichen Geflüſters auf, das ſich jemals in ſeinem Leben in ſein abgeſperrtes Herz geſchlichen hatte. Klein Dorrit. X. 7 . 98 Vierunddreißigſtes Kapitel. Als die Stimme ſchwieg, hielt er die Hand vor die Au⸗ gen und ſagte halblaut, daß das Licht ihn blende. Klein Dorrit legte das Buch weg und ſtand ſogleich ge⸗ räuſchlos auf, um den Fenſtervorhang zuzuziehen. Maggy ſaß über ihrer Nätherei, auf ihrer alten Stelle. Nachdem das Licht gemildert war, rückte Klein Dorrit ihren Stuhl ihm näher. „Das wird nun bald vorüber ſein, lieber Mr. Clennam. Nicht nur ſind Mr. Doyce's Briefe an Sie ſo freundſchaft⸗ lich und ermuthigend, ſondern Mr. Rugg ſagt auch, ſeine Briefe an ihn wären ſo hülfsbereit, und Jedermann ſetzt, wo das Bischen Aerger vorüber iſt) ſei ſo rückſichtsvoll und ſpräche ſo gut von Ihnen, daß es jetzt bald vorüber ſein wird.“ „Liebes Mädchen. Liebes Herz. Mein guter Engel!“ „Sie loben mich viel zu ſehr. Und doch iſt es ein ſo. wonniges Gefühl, Sie ſo von mir ſprechen zu hören, und — und zu ſehen,“ ſagte Klein Dorrit, indem ſie ihre Augen zu ihm empor hob,„daß es aus Ihrem tiefſten Herzen kommt, daß ich nicht ſagen kann: thun Sie es nicht.“ Er drückte ihre Hand an ſeine Lippen. „Sie ſind hier viele, viele Mal geweſen, wenn ich Sie nicht geſehen habe?“ „Ja, ich bin manchmal hier geweſen, ohne in dies Zim⸗ mer gekommen zu ſein.“ „Sehr oft?“ „Ziemlich oft,“ ſagte Klein Dorrit ſchüchtern. Schluß. 99 „Jeden Tag?“ „Ich glaube,“ ſagte Klein Dorrit nach einigem Zögern, „daß ich jeden Tag wenigſtens zweimal hier geweſen bin.“ Er hätte die kleine, leichte Hand loslaſſen können, nach⸗ dem er ſie noch einmal innig geküßt hatte, wenn ſie nicht mit einem ſehr ſanften Verweilen, wo ſie war, ihn einzu⸗ laden geſchienen hätte, ſie zu behalten. Er nahm ſie in ſeine beiden Hände und legte ſie ſanft an ſeine Bruſt. „Liebe Klein Dorrit, nicht nur meine Gefangenſchaft wird bald vorüber ſein. Auch Sie dürfen ſich nicht länger mir opfern. Wir müſſen lernen, wieder zu ſcheiden und unſere verſchiedenen Wege weit von einander zu gehen. Sie haben nicht vergeſſen, was wir nach Ihrer Rückkehr zuſammen be⸗ ſprachen?“ „O nein, ich habe es nicht vergeſſen. Aber Etwas iſt geſchehen— Sie fühlen ſich heute recht kräftig, nicht wahr?“ „Ganz kräftig“ Die Hand, die er feſt hielt, näherte ſich ein Wenig mehr ſeinem Geſicht. „Fühlen Sie ſich wirklich kräftig genug, zu erfahren, wie reich ich geworden bin?“ „Es ſoll mich ſehr freuen, das zu hören. Kein Reichthum kann groß, kein Glück gut genug für Klein Dorrit ſein.“ „Es hat mir ſehr auf dem Herzen gelegen, es Ihnen zu ſagen. Ich habe mich ſeit langer Zeit geſehnt, es Ihnen zu ſagen. Sie wiſſen es ganz gewiß, daß Sie es nicht nehmen werden?“ 7* 100 Vierunddreißigſtes Kapitel. „Niele „Sie wiſſen ganz gewiß, daß Sie nicht die Hälfte an⸗ nehmen werden?“ „Nie, liebe Klein Dorrit!“ Wie ſie ihn ſchweigend anſah, lag ein Etwas in ihrem liebreichen Geſichte, das er nicht ganz verſtand; ein Etwas, das in Einem Augenblicke in Thränen hätte ausbrechen kön⸗ nen und welches doch glücklich und ſtolz war. „Es wird Ihnen leid thun, zu hören, was ich Ihnen von Fanny zu ſagen habe. Die arme Fanny hat Alles verloren. Es iſt ihr nichts übrig geblieben, als der Gehalt ihres Man⸗ nes. Alles was Papa ihr bei ihrer Heirath mitgab, iſt den⸗ ſelben Weg gegangen, wie ihr Geld. Es war in derſelben Hand und es iſt Alles verloren.“ Arthur war von der Nachricht mehr erſchüttert als über⸗ raſcht.„Ich hätte gehofft, es wäre nicht ſo ſchlimm,“ ſagte er;„aber ich hatte bei der Verwandtſchaft zwiſchen ihrem Gatten und dem Banquerottirer einen ſchweren Verluſt ge⸗ fürchtet.“ „Ja. Es iſt Alles verloren. Fanny thut mir ſehr leid; ſehr, ſehr leid thut mir die arme Fanny. Und auch mein armer Bruder!“ „Hat er auch Geld denſelben Händen anvertraut?“ „Ja! Und es iſt Alles verloren.— Wie groß denken Sie wol mein Vermögen?“ Wie Arthur ſie fragend, von einer neuen Ahnung be⸗ Schluß. 101 herrſcht, anſah nahm ſie ihre Hand weg und legte ihr Ge⸗ ſicht an die Stelle, wo jene geruht hatte. „Ich habe nichts auf der Welt. Ich bin ſo arm wie da⸗ mals, wo ich hier lebte. Als der Vater zuletzt in England war, vertraute er Alles, was er hatte, den Händen dieſes Mannes an, und es iſt Alles verloren. O mein liebſtes, be⸗ ſtes Herz, weißt Du gewiß, daß Du jetzt mein Vermögen nicht theilen willſt?“ In ſeine Arme geſchloſſen, an ſein Herz gepreßt, wäh⸗ rend ſeine Mannesthränen ihre Wange bethauten, legte ſie ihre weiche Hand um ſeinen Hals und begegnete dort der andern. „Wir ſcheiden nie wieder, geliebteſter Arthur. Nie wie⸗ der, bis zum letzten Abſchied! Ich war noch nie ſo reich, ich war noch nie ſo ſtolz, ich war noch nie ſo glücklich. Ich bin reich, weil Du mich nimmſt, ich bin ſtolz, weil Du mir entſagt haſt, ich bin glücklich, weil ich mit Dir in dieſem Gefängniß bin, wie es mich glücklich machen würde, wenn ich mit Dir hieher zurückkehren könnte, wenn es der Wille Gottes wäre, um Dich mit aller meiner Liebe und Wahrheit zu tröſten und zu pflegen. Ich gehöre Dir in Allem und überall! Ich liebe Dich herzlichſt. Ich wollte lieber mein Le⸗ ben mit Dir hier verbringen und täglich in die Stadt gehen, um für mein Brod zu arbeiten, als das größte Vermögen haben, oder die vornehmſte Dame ſein, die es jemals auf der Welt gegeben hat. Ach, wenn der arme Papa jetzt nur 10² Vierunddreißigſtes Kapitel. wiſſen könnte, wie ſelig endlich mein Herz in dieſem Zimmer iſt, wo er ſo viele Jahre gelitten hat.“ Maggy hatte natürlich von Anfang an die Augen weit aufgeriſſen, und hatte ſich die Augen ausgeweint, lange ehe es zu dieſem Ende kam. Maggy war jetzt ſo überfroh, daß ſie, nachdem ſie ihre Mutter mit allen Kräften umarmt hatte, die Treppe hinunter polterte, um irgend Jemand zu finden, dem ſie ihre Freude mittheilen könnte. Wem aber ſollte Maggy begegnen, als Flora und Mr. F.'s Tante, die gerade zu rechter Zeit eintrafen? Und wen als Folge dieſes Zuſam⸗ mentreffens ſollte Klein Dorrit auf ſich warten finden, als ſie gute zwei oder drei Stunden ſpäter ausging? Flora's Augen waren ein Wenig roth und ſie ſchien etwas gedrückter Stimmung zu ſein. Mr. F.s Tante war ſo ſteif geworden, daß ſie ausſah, als wäre ſie gar nicht mehr zu biegen, außer durch gewaltige mechaniſche Kraft. Ihr Hut ſtand hinten in ſchrecklicher Weiſe in die Höhe; und ihr ſteinharter Strickbeutel war ſo ſtarr, als wäre er von dem Haupt der Meduſa verſteinert und hätte es jetzt eingepackt. So imponirend ausgeſtattet, war Mr. F.'s Tante, auf den Stufen der Amtswohnung des Marſhal ſitzend, ſeit den zwei oder drei fraglichen Stunden den jüngern Bewohnern der Borough ein großer Genuß geweſen und durch das be⸗ ſtändige Beſtrafen der Ausfälle der humoriſtiſchen Straßen⸗ jugend mit der Spitze ihres Regenſchirms in ziemliche Auf⸗ regung gerathen. „Ich fühle es wohl und recht ſchmerzlich, Miß Dorrit,“ Schluß. 103 ſagte Flora,„daß es als eine Zudringlichkeit erſcheint wenn ich einer die an Vermögen ſo über mir ſteht und ſich mit Glanz in der beſten Geſellſchaft bewegt vorſchlage ſich mit mir an einen andern Ort zu begeben ſelbſt wenn es kein Paſtetenbäckerladen iſt der weit unter ihrer gegenwärtigen Sphäre ſteht und ein Hinterzimmer obgleich ein ſehr höf⸗ licher Mann als wenn ich um Arthurs Willen— kann es nicht überwinden, obgleich es unſchicklicher iſt als früher Doyce und Clennam— noch eine letzte Bemerkung noch eine letzte Erklärung geben möchte ſo würde vielleicht Ihr gutes Herz unter dem Vorwande von drei Nierenpaſteten den beſcheidenen Ort der Unterhaltung entſchuldigen.“ Dieſe etwas dunkle Rede richtig auslegend, gab Klein Dorrit zur Antwort, daß ſie ganz zu Flora's Dienſten ſtehe. Flora zeigte demnach den Weg über die Straße nach dem fraglichen Paſtetenbäckerladen; Mr. F.s Tante ſchritt feier⸗ lich hinterher und ſetzte ſich, mit einer Ausdauer, die einer beſſern Sache werth war, der Gefahr aus, überfahren zu werden. Als die drei Nierenpaſteten, welche als Vorwand für die Unterhaltung dienen ſollten, vor ihnen auf drei kleinen Zinntellern ſtanden, jede Niere oben mit einem Loch verziekt, in welche der höfliche Mann aus einer mit einem langen Ausguß verſehenen Kanne heißen Bouillon goß, als ob er drei Lampen ſpeiſte, nahm Flora ihr Taſchentuch heraus. „Wenn die ſchönen Träume der Phantaſie,“ fing ſie an, „mir jemals vorgemalt haben daß wenn Arthur— kann es 104 Vierunddreißigſtes Kapitel. nicht überwinden aber bitte entſchuldigen Sie mich— wie⸗ der frei wäre ſelbſt eine Paſtete die ſo wenig friſch iſt wie die gegenwärtige und ſo wenig Niere hat daß ſie faſt wie eine gehackte Muskatennuß ausſieht nicht unannehmbar ge⸗ funden würde wenn die Hand wahrer Achtung ſie darböte ſo ſind ſolche Träume längſt entflohen und Alles iſt vorüber aber da ich weiß daß ein zärtlicheres Verhältniß in Ausſicht ſteht ſo erlauben Sie mir zu ſagen daß ich von Herzen allen Beiden Glück wünſche und keine von Beiden im Mindeſten zu tadeln habe und niederſchmettern mag es wol zu wiſſen daß ehe die Hand der Zeit mich viel weniger ſchlank als früher gemacht hatte und ſchrecklich roth nach der geringſten Anſtrengung vornehnlich nach dem Eſſen es hätte wol ge⸗ ſchehen können und geſchah nicht durch das Dazwiſchentre⸗ ten der Eltern und die Nacht der Verzweiflung trat ein bis Mr. F. die geheimnißvolle Löſung brachte, ſo möchte ich doch nicht ungroßmüthig gegen ſie ſein und wünſche Beiden herzlich Glück.“ 3 Klein Dorrit ergriff ihre Hand und dankte ihr für alle ihre frühere Güte. „Nennen Sie es nicht Güte,“ gab Flora mit einem ehr⸗ lichen Kuß zur Antwort,„denn Sie waren immer das beſte und herzigſte kleine Ding wenn ich mir die Freiheit nehmen darf und ſelbſt im Geldpunkte Erſparniß denn Sie waren das Gewiſſen ſelbſt obgleich ich hinzufügen muß viel ange⸗ nehmer als meines denn ob ich gleich behaupte daß nicht mehr auf ihm laſtet als auf dem Gewiſſen anderer Leute, ſo Schluß. 105 habe ich es doch immer bereitwilliger gefunden Einem Angſt zu machen als Troſt zu ſpenden und offenbar das Erſtere viel lieber aber ich ſchweife ab eine Hoffnung wünſche ich noch auszuſprechen ehe noch der Vorhang fällt und die iſt daß ich hoffe all der Zeit und all der Aufrichtigkeit wegen wird Arthur erfahren daß ich ihn in ſeinem Unglück nicht verlaſſen habe ſondern daß ich beſtändig hier ab und zuge⸗ gangen bin um mich zu erkundigen ob ich Etwas für ihn thun könnte und daß ich in dem Paſtetenbäckerladen geſeſſen habe wo ſie mir ſehr höflich etwas Warmes in einem Glaſe aus dem Hotel holten, und es war wirklich ſehr hübſch eine Stunde nach der andern in Geſellſchaft über die Straße zu laufen ohne daß er es wußte.“ Flora hatte jetzt wirklich Thränen in den Augen und ſie ſtanden ihr ſehr gut. „Und außerdem,“ ſagte Flora,„bitte ich Sie inſtändigſt als das herzigſte Ding das es jemals auf Erden gab wenn Sie die Vertraulichkeit einer Perſon entſchuldigen wollen die ſich in ganz andern Kreiſen bewegt Arthur zu verſtehen zu geben daß ich nach Allem doch nicht weiß ob es lauter dummes Zeug zwiſchen uns war und obgleich angenehm und auch prüfungsvoll und gewiß hat Mr. F. eine Verän⸗ derung zu Wege gebracht und da der Zauber zerbrochen war konnte natürlich nichts heraus kommen ohne ihn neu zu weben was zu verhindern verſchiedene Umſtände beitrugen wovon vielleicht nicht der mindeſt mächtige war daß es nicht ſein ſollte aber doch will ich nicht ſagen daß ich nicht ſehr 106 Vierunddreißigſtes Kapitel. froh geweſen wäre wenn es Arthur recht geweſen wäre und ſich gleich aufs Erſte natürlich gemacht hätte, da ich von leb⸗ hafter Natur bin und mich zu Hauſe langweilte wo Vater gewiß Einem recht viel Verdruß macht und ſich nicht im Min⸗ deſten gebeſſert hat ſeitdem ihn die Hand des Böſewichts zu einem Dinge zuſammen geſchnitten hat wie ich es noch nie in meinem Leben geſehen habe aber Eiferſucht liegt nicht in meinem Charakter! und auch nicht Mißgunſt, obgleich ich viele Fehler habe.“ Ohne vollkommen fähig zu ſein, Miß Finching durch dieſes Labyrinth zu folgen, verſtand Klein Dorrit doch, was ſie meinte, und übernahm mit herzlicher Bereitwilligkeit den Auftrag. „Der verwelkte Kranz mein Herz,“ ſagte Flora mit gro⸗ ßem Genuß,„iſt nun zerriſſen die Säule iſt gefallen und die Pyramide ſteht verkehrt auf ihrem wie heißt es gleich nennen Sie es nicht Schwärmerei nennen Sie es nicht Schwäche nennen Sie es nicht Thorheit aber ich muß mich jetzt in die Einſamkeit zurückziehen und nicht länger die Aſche entſchwundener Freuden betrachten ſondern mir nur noch die Freiheit nehmen für die Paſteten zu bezahlen die unſerm Hierherkommen zum Vorwand gedient haben und von Ihnen Abſchied nehmen auf Ewigkeit.“ Mr. F.'s Tante, die ihre Paſtete mit großer Feierlichkeit verzehrt, und, ſeitdem ſie zuerſt die öffentliche Stellung auf der Treppe des Hauſes des Marſhals eingenommen, über eine ihr widerfahrene ſchreckliche Beleidigung gebrütet Schluß. 107 hatte, benutzte die gegenwärtige Gelegenheit, um folgende ſibylliniſche Worte an die Wittwe ihres verſtorbenen Neffen zu richten. „Bringt ihn her, ich ſchmeiße ihn zum Fenſter naus!“ Flora ſuchte vergeblich die vortreffliche Frau mit der Auseinanderſetzung zu beſänftigen, daß ſie nach Hauſe zum Mittagseſſen gingen. Mr. F.'s Tante beſtand auf der Ant⸗ wort,„bringt ihn her, ich ſchmeiße ihn zum Fenſter hin⸗ aus!“ Nachdem ſie dieſe Forderung mit einem feſten Blicke der Herausforderung auf Klein Dorrit unendliche Mal wie⸗ derholt hatte, ſchlug ſie die Arme übereinander und nahm in einer Ecke des Paſtetenbäckerladens Platz. Dort wegzu⸗ gehen weigerte ſie ſich ſtandhaft, bevor er ihr nicht herge⸗ bracht würde und ſie ihn zum Fenſter hinausgeſchmiſſen hätte. In dieſer Sachlage vertraute Flora Klein Dorrit an, daß ſie Mr. F.'s Tante ſeit Wochen nicht ſo voller Leben und Charakter geſehen; daß es wahrſcheinlich nothwendig werden würde, ſtundenlang hier zu bleiben, bis die ehrwür⸗ dige Dame ſich beſänftigte; und daß ſie am Beſten mit ihr auskomme. Sie ſchieden daher in der freundſchaftlichſten Weiſe und mit den freundſchaftlichſten Gefühlen von beiden Seiten. Da Mr. F.’'s Tante wie eine dräuende Feſtung aushielt und Flora das Bedürfniß nach einer Erfriſchung zu fühlen anfing, ward ein Bote nach dem Hotel nach dem bereits erwähnten Glaſe abgeſchickt, das ſpäter noch einmal gefüllt 108 Vierunddreißigſtes Kapitel. ward. Mit Hülfe ſeines Inhalts, einer Zeitung und eines Abſchöpfens des Rahms des Paſtetenvorraths verbrachte Flora den Reſt des Tages in vollkommen guter Laune, ob⸗ gleich gelegentlich in Verlegenheit gebracht durch die Folgen eines thörigten, unter der leichtglaͤubigen Jugend der Nach⸗ barſchaft umgehenden Gerüchts, daß eine alte Dame ſich dem Paſtetenbäcker zum Verarbeiten verkauft hätte und jetzt, abgeneigt, ihren Contract zu erfüllen, im Laden ſäße. Dies zog ſo viele junge Leutchen von beiden Geſchlechtern herbei und verurſachte, als der Abend ſich einſtellte, ſo viel Stö⸗ rung im Geſchäft, daß der Kaufmann in ſeinen Vorſchlägen, Mr. F.'s Tante fortzuſchaffen, ſehr dringend ward. Es er⸗ ſchien demnach ein Wagen an der Thür, in den zu ſteigen dieſe merkwürdige Frau ſich endlich durch die gemeinſamen Anſtrengungen des Kaufmanns und Flora's bewegen ließ; aber auch hier noch ſteckte ſie den Kopf zum Fenſter hinaus und verlangte, daß er zu dem früher erwähnten Zweck„her⸗ gebracht würde.“ Da ſie dabei giftige Blicke auf die Mar⸗ ſhalſea warf, ſo iſt vermuthet worden, daß dieſe wunderbar conſequente Frau unter dieſem„ihn“ Arthur Clennam ver⸗ ſtand. Das iſt jedoch bloße Vermuthung; wer die Perſon war, die zur Beruhigung des Gemüths von Mr. F.'s Tante hätte hergebracht werden ſollen, und nie hergebracht wurde, wird nie mit Beſtimmtheit bekannt werden. Die Herbſttage dauerten fort und Klein Dorrit kam jetzt nie in die Marſhalſea, und ging nie weg, ohne ihn zu ſehen. Nein, nein, nein. —ÿ— — Schluß. 109 Eines Morgens, als Arthur erwartend auf den Schall der leichten Füßchen lauſchte, die jeden Morgen den himm⸗ liſchen Glanz einer neuen Liebe in das Zimmer brachte, wo die alte Liebe ſich ſo eifrig gemüht hatte und ſo treu geweſen war, hörte er ſie kommen, aber nicht allein. „Lieber Arthur,“ ſagte ihre frohe Stimme ſchon vor der Thür,„ich habe Jemanden mitgebracht. Darf er herein kommen?“ Nach den Tritten hatte er geglaubt, es wären zwei mit ihr gekommen. Er antwortete ja, und ſie trat mit Mr. Meagles ein. Sonnengebräunt und ſeelenvergnügt ſah Mr. Meagles aus, und er öffnete ſeine Arme und drückte Arthur an ſeine Bruſt, wie ein ſonnengebräunter und ſeelenvergnüg⸗ ter Vater. „Nun iſt Alles in Ordnung,“ ſagte Mr. Meagles nach einem Schweigen von einer Minute,„jetzt iſt Alles vorbei. Arthur, mein Beſter, geſtehen Sie nur gleich, daß Sie mich eher erwartet haben.“ „Allerdings,“ ſagte Arthur,„aber Amy ſagte mir—“ „Klein Dorrit. Nie einen andern Namen“(das flüſterte ſie ihm zu). —„Aber meine Klein Dorrit ſagte mir, daß ich, ohne weitere Erklärung zu verlangen, Sie nicht eher erwarten dürfe, als bis ich Sie ſähe.“ „Und jetzt ſehen Sie mich,“ ſagte Mr. Meagles und ſchüttelte ihm derb die Hand;„und jetzt ſollen Sie jede Er⸗ klärung haben, die Sie haben wollen. Die Wahrheit iſt, 110 Vierunddreißigſtes Kapitel. ich war hier— kam geradenwegs von den Allons⸗ und tarchons⸗Kerls, oder ich hätte mich geſchämt, Ihnen heute 8s Geſicht zu ſehen, aber Sie waren damals nicht zu ſpre⸗ chen, und ich mußte gleich wieder fort, um Doyce zu er⸗ wiſchen.“ „Der arme Doyce!“ ſeufzte Arthur. „Geben Sie ihm keine Namen, die er nicht verdient,“ ſagte Mr. Meagles.„Der iſt nicht arm; der befindet ſich gut genug. Dort drüben iſt Doyce ein wunderbarer Kerl. Dort zeigt er, was er iſt. Dort iſt er auf ſeine Beine gefal⸗ len, der Dan. Wo ſie Etwas nicht gethan haben wollen, und finden einen Mann, der es thun kann, da iſt er nicht auf ſei⸗ nem Flecke; aber wo ſie Etwas gethan haben wollen und einen Mann finden, um es thut, da iſt er auf ſeinem Flecke. Sie brauchen das Umſchreibungsbüreau nicht mehr zu be⸗ läſtigen. Ich ſage Ihnen das Eine, Dan iſt ohne ſie vor⸗ wärtsgekommen!“ „Welch eine Laſt nehmen Sie mir von der Seele!“ rief Arthur.„Wie glücklich machen Sie mich!“ „Glücklich?“ wiederholte Mr. Meagles.„Sprechen Sie nicht von Glück, bis Sie Dan geſehen haben Ich verſichere Ihnen, Dan leitet dort drüben Arbeiten und führt Dinge aus, bei deren Anblick Ihnen die Haare zu Berge ſtehen würden. Dort iſt es kein Verbrechen gegen das Gemeinweſen, be⸗ wahre nicht! Er bekommt Medaillen und Bänder, und Sterne und Kreuze, und wer weiß was ſonſt noch, wie ein Schluß. 111 geborner Edelmann. Aber davon dürfen wir hie nechft ſprechen.“ „Warum nicht?“ „Nun, er muß ja alle dieſe ſchönen Sachen unter Schloß und Riegel verbergen, wenn er hierher kommt,“ ſagte Mr. Meagles, mit ſehr ernſtem Kopfſchütteln.„Sie gelten hier nicht. In dieſer Sache iſt Britannia neidiſch, wie ein Hund in der Speiſekammer— will ihren Kindern ſelbſt keine ſolche Auszeichnung geben, und will ſie auch nicht zeigen laſſen, wenn andere Länder ſie geben. Nein, nein, Dan!“ ſagte Mr. Meagles und ſchüttelte abermals den Kopf.„Die gelten hier nicht!“ „Wenn Sie mir das Doppelte meines Verluſts gebracht hätten,“ rief Arthur,„ſo hätte es m außer um Doyce willen, nicht ſolche Freude gemacht, als dieſe Nachricht.“ „Natürlich, natürlich,“ ſtimmte Mr. Meagles bei„Na⸗ türlich weiß ich das, mein Beſter, und deshalb platzte ich gleich damit heraus Aber, um wieder auf Doyce zurückzu⸗ kommen. Ich fand Doyce. Fand ihn unter einem Haufen der ſchmutzigen, braunen Kerle mit Frauennachtmützen, die ihnen viel zu groß ſind, die Araber heißen oder wer weiß wie. Sie kennen ſie! Nun alſo! Er kam geradenwegs auf mich los und ich ging geradenwegs auf ihn los, und ſo ſind wir Beide nach England gekommen.“ „Doyce in England?“ rief Arthur aus. „Da haben wir's!“ ſagte Mr. Meagles und breitete ſeine Arme auseinander.„Ich paſſe am allerwenigſten zu einer 8 112 Vierunddreißigſtes Kapitel. ſolchen Geſchichte. Ich weiß nicht, wie ichs gemacht hätte, wenn ich Diplomat geweſen wäre— vielleicht recht! Das Lange und das Kurze von der Sache iſt, Arthur, daß wir Beide ſeit vierzehn Tagen in England ſind. Und wenn Sie weiter fragen, wo Doyee jetzt iſt, ſo iſt meine einfache Antwort — da iſt er! Und nun endlich kann ich wieder frei athmen.“ Doyce ſprang hinter der Thür hervor, ergriff Arthur bei beiden Händen und ſagte das Uebrige aus eignem Munde. „Mein Thema hat nur drei Theile, mein lieber Clennam,“ ſagte Doyce, und zeichnete ſie nach einander mit ſeinen pla⸗ ſtiſchen Daumen auf die Fläche ſeiner Hand,„und wir ſind bald damit fertig. Erſtlich kein Wort von dem, was geſche⸗ hen iſt. Es war ein Irrthum in der Berechnung. Ich weiß, was das ſagen will. Es hat auf die ganze Maſchine Ein⸗ fluß und macht, daß das ganze Ding fehlſchlägt. Man zieht Nutzen aus dem Fehler, und vermeidet ihn das nächſte Mal. Aehnliches iſt mir ſelbſt oft bei der Conſtruction be⸗ gegnet. Jedes Fehlſchlagen lehrt Einem Etwas, wenn man lernen will; und Sie ſind ein zu verſtändiger Mann, um nicht von dieſem Fehlſchlagen zu lernen. Das wäre der erſte Theil. Nun zu dem zweiten. Es hat mir leid gethan, daß Sie es ſich ſo ſehr zu Herzen genommen und ſich ſo ſchwere Vorwürfe gemacht haben; ich reiſte Tag und Nacht, um mit dem Beiſtand unſers Freundes die Sache in Ordnung zu bringen, als ich unſerm Freund begegnete, wie er Ihnen geſagt hat. Drittens: wir Beide waren darüber einig, daß 85 Schluß. 113 es. nach dem, was Sie gelitten hatten, und nach Ihren ſchwe⸗ ren Bekümmerniſſen, und nach Ihrer Krankheit, es für Sie eine angenehme Ueberraſchung ſein würde, wenn wir uns ſtill verhalten könnten, bis Alles ohne Ihr Wiſſen geordnet wäre, und dann zu Ihnen kämen und ſagten, daß Alles glatt wäre, daß das Geſchäft Ihrer mehr bedürfe als je, und daß uns Beiden als Compagnons eine neue und glückliche Lauf⸗ bahn offen ſtünde. Das iſt das Dritte. Aber Sie wiſſen, daß wir immer auf Friction rechnen, und deshalb habe ich noch einen kleinen, freien Raum übrig. Mein lieber Clen⸗ nam, ich ſetze das vollſtändigſte Vertrauen in Sie; es ſteht in Ihrer Macht, mir ebenſo nützlich zu ſein, als es in mei⸗ ner Macht ſteht oder geſtanden hat, Ihnen nützlich zu ſein; Ihr alter Platz wartet Ihrer und bedarf Ihrer gar ſehr; es iſt nichts vorhanden, was Sie nur noch eine halbe Stunde hier feſthalten könnte.“ Ein Schweigen trat ein, welches nicht eher unterbrochen ward, als bis Arthur, den Rücken ihnen zugekehrt, eine Zeit lang am Fenſter geſtanden hatte, und ſein zukünftiges Frau⸗ chen zu ihm getreten und bei ihm geblieben war. „Ich machte vorhin eine Bemerkung,“ ſagte nun Daniel Doyce,„welche, glaube ich, nicht ganz richtig war. Ich ſagte, Clennam, es ſei nichts vorhanden, was Sie nur eine halbe Stunde lang länger hier feſthalten könnte. Irre ich mich in der Vermuthung, daß Sie es vorziehen würden, bis morgen früh hier zu bleiben? Errathe ich, ohne ſehr weiſe zu Klein Dorrit. X. 8 114 Vierunddreißigſtes Kapitel. ſein, wohin Sie aus dieſen Mauern und aus dieſen Zim⸗ mern gehen möchten?“ „Sie errathen es,“ entgegnete Arthur.„Es war unſer liebſter Wunſch.“ „Sehr gut!“ ſagte Doyce.„Wenn mir alſo dieſe junge Dame die Ehre erweiſen will, mich auf 24 Stunden als einen Vater zu betrachten, und mich nach St. Paulskirchhof begleiten will, ſo glaube ich zu wiſſen, was wir dort haben wollen.“ Klein Dorrit und er verließen bald darauf das Zimmer und Mr. Meagles blieb zurück, um mit ſeinem Freund noch ein Wort zu reden. „Ich glaube, Arthur, Sie werden Mutter und mich* morgen früh nicht brauchen, und wir werden nicht kommen. Mutter könnte dabei an Pet zu denken anfangen; ſie iſt ſo weichherzig. Am beſten iſt's, ſie bleibt in der Cottage, und ich bleibe bei ihr und leiſte ihr Geſellſchaft.“ Damit ſchieden ſie vor der Hand. Und der Tag ging vorüber, und die Nacht ging vorüber, und der Morgen kam und Klein Dorrit, einfach gekleidet, wie gewöhnlich, und ohne andere Begleitung als Maggy, erſchien mit dem Son⸗ nenſchein in dem Gefängniß. Das dürftige Zimmer war an dieſem Morgen ein glückliches Zimmer. Wo in der Welt gab es ein Zimmer ſo voll von ſtiller, ſeliger Freude! „Meine Herzgeliebte,“ ſagte Arthur.„Warum zündet Maggy das Feuer an? Wir werden ja gleich gehen.“ „ — Schluß. 115 „Ich habe es ihr geheißen. Es iſt eine Grille von mir. Du ſollſt mir Etwas verbrennen.“ „Was?“ „Nur dies zuſammengebrochene Papier. Wenn Du es eigenhändig, ſo wie es iſt, in das Feuer ſtecken willſt, ſo iſt meine Grille befriedigt.“ „Abergläubiſch, liebe Klein Dorrit? Iſt es ein Zauber?“ „Es iſt Alles, was Du willſt, mein Herz,“ gab ſie zur Antwort, indem ſie mit leuchtenden Augen lachte und ſich auf die Zehen ſtellte, um ihm einen Kuß zu geben,„wenn Du nur meinen Willen thuſt, ſo wie das Feuer in die Höhe brennt.“ So ſtanden ſie vor dem Feuer und warteten: Clennam, den Arm um ſie geſchlungen, und das Feuer, wie es ſchon oft an dieſer ſelben Stelle gethan, in Klein Dorrits Augen glänzend.„Brennt es jetzt hell genug?“ ſagte Arthur. „Vollkommen hell genug,“ ſagte Klein Dorrit.„Müſſen zu dem Zauber noch Worte geſprochen werden?“ fragte Arthur. wie er das Papier über die Flamme hielt.„Du kannſt ſa⸗ gen, wenn Du nichts dawider haſt, ich liebe Dich!“ gab Klein Dorrit zur Antwort. So ſagte er es, und das Papier verbrannte zu Aſche. Sie gingen ſehr ſtill über den Hof; denn Niemand be⸗ fand ſich daſelbſt, obgleich viele Köpfe verſtohlen aus den Fenſtern blickten. Nur ein altes, vertrautes Geſicht war im Portierhäuschen. Als ſie es Beide angeredet, und viel aus dem Herzen kommende Worte mit ihm geſprochen, wendete 8* 116 Vierunddreißigſtes Kapitel. ſich Klein Dorrit noch einmal mit ausgeſtreckter Hand zu ihm um, und ſagte:„leben Sie wohl, guter John! Ich hoffe, Sie werden noch recht glücklich werden, Sie guter Menſch.“ Dann gingen ſie die Stufen der benachbarten St. Georgskirche hinauf und traten an den Altar, wo Daniel Doyce, als ſtellvertretender Vater, ihrer wartete. Und dort ſtand Klein Dorrits alter Freund, der ihr das Begräbnißre⸗ giſter als Kopfkiſſen gegeben hatte: voller Bewunderung, daß ſie doch noch zurückkehrte, um getraut zu werden. Und ſie wurden getraut, während die Sonne auf ſie, durch die gemalte Geſtalt unſers Heilands im Fenſter, her⸗ abglänzte. Und ſie gingen in daſſelbe Gemach, wo Klein Dorrit nach ihrer Abendgeſellſchaft geſchlafen hatte, um das Trauungsregiſter zu unterſchreiben. Und dort ſah Mr. Pancks(beſtimmt, erſter Commis bei Doyce und Clennam, und ſpäter Compagnon des Hauſes zu werden), den Böſe⸗ wicht über den friedfertigen Freund vergeſſend, zur Thür herein, tapfer unterſtützt von Flora an dem einen und von Maggy an dem andern Arm, und mit einem Hintergrund von John Chivery und deſſen Vater und andern Schließern, die einen Augenblick herüber gelaufen waren, um noch ein⸗ mal das glückliche Kind der Marſhalſea zu ſehen. Auch zeigte Flora nicht die geringſten Spuren einſiedleriſchen Lebens, trotz ihrer neulichen Erklärung; im Gegentheil ſah ſie ſehr munter aus und fand großen Genuß an der Feierlichkeit, obgleich in etwas aufgeregter Weiſe. XXXVII XXXVII Der dritte Band der Kirchenbücher. Schluß. 117 * Klein Dorrits alter Freund hielt das Tintenfaß, wäh⸗ rend ſie ihren Namen unterſchrieb, und der Küſter hielt einen Augenblick inne, wie er dem guten Geiſtlichen den Chorrock abnahm, und alle Zeugen ſahen mit beſonderem Intereſſe zu.„Denn Sie müſſen wiſſen,“ ſagte Klein Dorrits alter Freund,„dieſe junge Dame iſt eine von unſern Merkwürdig⸗ keiten, und iſt jetzt zum dritten Band unſerer Regiſter ge⸗ kommen. Ihre Geburt iſt eingetragen in dem, was ich den erſten Band nenne, hier auf dieſem ſelbigen Fußboden hat ſie mit ihrem hübſchen Köpfchen auf dem zweiten Bande ge⸗ ſchlummert, und jetzt ſchreibt ſie ihren Namen in den dritten Band ein.“ Sie traten Alle zurück, als das junge Paar mit dem Un⸗ terſchreiben fertig war, und Klein Dorrit und ihr Gatte verließen allein die Kirche. Einen Augenblick blieben ſie auf den Stufen der Eingangspforte ſtehen und betrachteten die heitere Perſpective der Straße in demſelben Schein der herbſt⸗ lichen Morgenſonne und traten dann hinaus. Traten hinaus in ein beſcheidenes Leben voll nützlicher Arbeit und ſtillen Glücks. Traten hinaus, um mit der Zeit Fanny's vernachläſſigten Kindern nicht weniger als ihren eigenen mütterliche Sorgfalt angedeihen zu laſſen, und die⸗ ſer Dame Zeit zu verſchaffen, ſich in alle Ewigkeit der Ge⸗ ſellſchaft zu widmen. Sie traten hinaus, um noch einige wenige Jahre liebevoll Tip zu pflegen, der niemals über die großen Opfer Gewiſſensbiſſe fühlte, die er von ihr als Entgelt für die Reichthümer forderte, die er ihr hätte 118 Vierunddreißigſtes Kapitel. Schluß. ſchenken können, hätte er ſie gehabt und der liebevoll ſeine Augen vor der Marſhalſea und allen ihren vor der Reife gewelkten Früchten ſchloß. Sie traten hinaus in die toſenden Straßen, unzertrennlich und glücklich, und wie ſie im Sonnenſchein und im Schatten dahin gingen, da eilten die Lärmenden und die Gierigen, und die Anmaßenden und die Voreiligen und die Eitlen an ihnen vorüber, gejagt von Neid und gieriger Haſt, und machten ihr gewöhnliches Getöſe. —— Ende. 4 4 Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. 4