— —--- Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. — wird.— 4 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Nk. Pf. — „„„„ 3„= 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Mrs. Affery gibt ein bedingtes Verſprechen hinſichtlich ihrer Träume. Mit der lebhaften Erinnerung an die ausdrucksvollen Blicke und Geberden Mr. Baptiſts, auch Giovanni Bap⸗ tiſta Cavalletto genannt, allein gelaſſen, begann Clennam einen Tag voller Mühſal. Vergebens verſuchte er, ſeine Aufmerkſamkeit bei einem beſtimmten Geſchäft oder Ge⸗ dankengang feſtzuhalten; ſie hatte ſich feſtgeklammert an den Einen Gegenſtand und ließ ihn nicht los. Wie wenn ein Verbrecher in einem ſtillliegenden Boot auf einem tiefen klaren Fluſſe feſtgekettet wäre, verurtheilt, ſo viel zahlloſe Meilen Waſſer auch vor ihm vorüber ſtrömten, die Leiche des Mitmenſchen, den er ertränkt, unbeweglich und un⸗ veränderlich, außer wenn die wirbelnden Wellen ſie breit oder lang erſcheinen ließen, oder die ſchrecklichen Geſichts⸗ züge jetzt ausdehnen und dann wieder zuſammenziehen, be⸗ ſtändig auf dem Grunde liegen zu ſehen, ſo ſah Arthur unter dem wechſelnden Strome durchſichtiger Gedanken und Phan⸗ taſien, die kamen und verſchwanden und eben ſo raſch von andern verdrängt wurden, beſtändig und drohend und un⸗ Klein Dorrit. IX. 1 2 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. verrückbar den Einen Gegenſtand, von dem er ſich mit aller ſeiner Macht zu befreien bemühte, und dem er nicht ent⸗ fliehen konnte. Die Gewißheit, die er jetzt beſaß, daß Blandois, welchen Namen er immer eigentlich führen mochte, einer der verwor⸗ fenſten Menſchen war, machte die Laſt auf ſeinem Herzen be⸗ deutend größer. Wenn auch ſein Verſchwinden morgen Er⸗ klärung fände, ſo blieb doch immer die Thatſache beſtehen, daß ſeine Mutter im Verkehr mit einem ſolchen Menſchen ſtand. Daß der Verkehr einen verſteckten Charakter getragen, daß ſie nachgiebig gegen ihn geweſen und ſich vor ihm ge⸗ fürchtet hatte, würde, hoffte er, nur, ihm ſelbſt bekannt blei⸗ ben; aber da er es wußte, wie konnte er es von ſeinen alten † unbeſtimmten Befürchtungen trennen und wie konnte er glauben, daß ein ſolcher Verkehr nichts Schlimmes bedeute? Ihre entſchiedene Abneigung, die Frage mit ihm zu be⸗ ſprechen, und die Kenntniß, die er von ihrem unbeugſamen Charakter hatte, machten, daß er ſich noch hülfloſer fühlte. Wie ein beängſtigender Traum kam ihm der Gedanke vor, daß Schmach und Schande ihr und dem Andenken ſeines Vaters drohen könnten, und daß ihm, wie durch eine eherne Mauer, jede Möglichkeit abgeſchnitten war, ihnen zu Hülfe zu kommen. Den Zweck, den er in die Heimath mit zurückge⸗„ bracht und den er ſeitdem beſtändig im Auge behalten, hatte ſeine Mutter ſelbſt mit der größten Entſchiedenheit ge⸗ rade zu der Zeit, wo er ihm am dringlichſten erſchien, verei⸗ telt. Sein Rath, ſeine Energie, ſeine Thätigkeit, ſein Geld, * Mrs. Affery gibt ein bedingtes Verſprechen ꝛc. 3 ſein Credit, alle ſeine Hülfsquellen waren umſonſt. Wenn ſie in dem Beſitz der alten mythiſchen Kraft geweſen wäre, Alle, welche ſie anblickte, in Stein zu verwandeln, ſo hätte ſie ihn nicht vollſtändiger lähmen können(ſo erſchien es ihm in ſeiner Seelenpein), als er ſich jetzt fühlte, wenn ſie in ihrem düſtern Zimmer ihr unnachgiebiges Geſicht ihm zuwendete. Aber das Licht, welches die heutige Entdeckung auf dieſe Erwägungen warf, beſtimmte ihn zu entſchiedenem Handeln. Aufrecht erhalten von dem Bewußtſein der Redlichkeit ſeines Ziels und angetrieben von dem Gefühl immer näher drohen⸗ der Gefahr, beſchloß er, einen verzweifelten Verſuch bei Affery zu machen, wenn es ihm immer noch nicht gelang, ſich ſeiner Mutter zu nähern. Wenn er ſie geſprächig machen und be⸗ wegen konnte, was an ihr lag, zu thun, um den das Haus umgebenden Schleier des Geheimniſſes zu zerreißen, ſo ge⸗ lang es ihm vielleicht, die Lähmung abzuſchütteln, die er mit jeder Stunde ſchmerzlicher fühlte. Das war das Reſul⸗ tat des ſorgenvollen Nachgrübelns dieſes Tages und das war der Entſchluß, den er zur Ausführung brachte, als der Tag zu Ende ging. Seine erſte Täuſchung, als er das Haus erreichte, war, daß die Thür offen ſtand und Mr. Flintwinch in derſelben eine Pfeife rauchte. Unter nur gewöhnlich günſtigen Um⸗ ſtänden hätte ihm Mrs. Affery die Thür auf ſein Klopfen geöffnet. Unter ungewöhnlich ungünſtigen Umſtänden ſtand die Thür offen und Mr. Flintwinch rauchte auf den Stufen ſeine Pfeife. 1* 4 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „Guten Abend,“ ſagte Arthur. „Guten Abend,“ ſagte Mr. Flintwinch. Der Rauch kam gewunden aus Mr. Flintwinch's Mund, als ob er erſt durch ſeine ganze ſchiefe Geſtalt circulirte und in den ſchiefen Hals zurückkäme, ehe er zwiſchen den Lippen hervorkam, um ſich mit dem Rauch des Schornſteins und den Nebeln des gewundenen Fluſſes zu vermiſchen. „Haben Sie keine neuen Nachrichten?“ ſagte Arthur. „Wir haben keine neuen Nachrichten,“ ſagte Jeremiah. „Ich meine von dem Fremden,“ erläuterte Arthur. „Ich meine auch den Fremden,“ ſagte Jeremiah. Er ſah ſo unheimlich aus, wie er ſchief, mit den Knoten der Halsbinde unter den Ohren, daſtand, daß Clennam, und lange nicht zum erſtenmale, der Gedanke einfiel, ob wol Flintwinch ſeiner ſelbſt wegen Blandois bei Seite geſchafft haben könnte? Hatte vielleicht ſein Geheimniß und ſeine Sicherheit auf dem Spiele geſtanden? Er war klein und ſchon gebeugt und vielleicht nicht ſtark genug zum Angriff; aber er war ſo zäh wie ein alter Eibenbaum und ſo ſchlau wie eine alte Dohle. Wenn ein Mann dieſer Art hinter einem viel jüngern und viel kräftigern Mann hergeht und den Wil⸗ len hat, mit ihm ein Ende zu machen und kein Erbarmen, ſo konnte er es an dieſem einſamen Orte in einer ſpäten Stun⸗ de ziemlich ſicher thun. Während in der krankhaften Stimmung von Clennam’s Gemüth dieſe Gedanken den einen Alles beherrſchenden für einen Augenblick verdunkelten, betrachtete Mr. Flintwinch Mrs. Affery gibt ein bedingtes Verſprechen ꝛc. 5 mit verdrehtem Hals und das eine Auge zugemacht das ge⸗ genüberliegende Haus und rauchte mit einem giftigen Aus⸗ druck auf dem Geſicht ſeine Pfeife; mehr als wenn er ver⸗ ſuchte, die Spitze abzubeißen, als ob er wirklich einen Genuß dabei hätte. Aber er hatte einen Genuß dabei auf ſeine Art. „Ich ſollte meinen, Sie müßten das nächſte Mal, wo Sie herkommen, mein Portrait malen können, Arthur,“ ſagte Mr. Flintwinch trocken, wie er ſich bückte, um die Aſche aus der Pfeife zu klopfen. Etwas verwirrt, ſo ertappt worden zu ſein, bat Arthur ihn um Verzeihung, wenn er etwa auf unhöfliche Weiſe ihn angeſtiert hätte.„Aber meine Gedanken beſchäftigen ſich ſo mit dieſer Sache, daß ich mich ganz vergeſſe,“ ſetzte er hinzu. „Ha! Aber ich ſehe nicht ein, warum Sie ſich darum Sorge machen ſollten, Arthur,“ entgegnete Mr. Flintwinch ganz gemächlich. „Nicht?“ „Nein,“ ſagte Mr. Flintwinch ſehr kurz und entſchieden; ziemlich ſo, als ob er zum Hundegeſchlecht gehörte und nach Arthurs Hand geſchnappt hätte. „Kann es mir gleichgültig ſein, überall dieſe Anſchläge zu ſehen? Kann es mir gleichgültig ſein, wenn der Name und die Wohnung meiner Mutter in Verbindung mit einem ſolchen Menſchen in Aller Munde iſt?“ „Ich ſehe nicht ein, was es Ihnen viel ausmachen kann,“ entgegnete Mr. Flintwinch, indem er ſich an den lederartigen Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Backen kratzte.„Aber ich will Ihnen ſagen, was ich ſehe, Ar⸗ thur,“ ſagte er mit einem Blick zu den Fenſtern hinauf;„ich ſehe den Schein vom Kaminfeuer und vom Licht im Zimmer Ihrer Mutter!, „Und was hat dies damit zu thun?“ „Hm, Sir, ich leſe daraus,“ ſagte Mr. Flintwinch und trat dicht an ihn heran,„daß wenn es rathſam iſt(wie das Sprichwort ſagt), ſchlafende Hunde in Ruhe zu laſſen, es vielleicht ebenſo rathſam iſt, vermißte Hunde in Ruhe zu laſſen. Laſſen Sie ſie nur ruhig. Sie finden ſich meiſtens früh genug ein.“ Mr. Flintwinch drehte ſich kurz um, als er dieſe Bemer⸗ kung gemacht hatte und trat in die dunkle Vorhalle. Clennam blieb dort ſtehen und folgte ihm mit den Augen, wie er zwei oder drei Mal vergeblich verſuchte, mit einem Streichhölzchen in dem Stübchen nebenan Licht zu bekommen, und, als es ihm endlich gelungen, die trübe Wandlampe anbrannte. Die ganze Zeit über beſchäftigte ſich Clenmam mit den Wahr⸗ ſcheinlichkeiten— mehr als ob ſie ihm von einer unſichtbaren Hand gezeigt würden, denn als ob er ſie ſelbſt heraufbe⸗ ſchworen hätte,— mit welchen Mr. Flintwinch ſelbſt die ſchwarze That hätte thun und ihre Spuren verwiſchen können. „Nun Sir, wird's gefällig ſein, hinaufzugehen?“ ſagte Jeremiah etwas gereizt. „Meine Mutter iſt doch wol allein?“ „Nicht allein,“ ſagte Mr. Flintwinch.„Mr. Casby und ſeine Tochter ſind bei ihr. Sie kamen, während ich meine —— —xxé;— Mrs. Affery gibt ein bedingtes Verſprechen ꝛc. 7 Pfeife rauchte, und ich bin hier geblieben, um ſie vollends auszurauchen.“ Das war die zweite Täuſchung. Arthur ſagte weiter nichts darüber und begab ſich in das Zimmer ſeiner Mutter, wo Mr. Casby und Flora Thee, Anchovy Paſte und warmen gebutterten Toaſt genoſſen hatten. Die Ueberreſte dieſer De⸗ likateſſen waren weder von dem Tiſch, noch von dem verſeng⸗ ten Geſicht Affery's entfernt, die, immer noch mit der Toaſt⸗ gabel in der Hand, ausſah wie eine allegoriſche Perſon; nur daß ſie in ausdrucksvoller Bedeutſamkeit dieſe Perſonen, wie ſie im Durchſchnitt ſind, weit übertraf. Flora hatte Hut und Shawl mit einer Sorgfalt auf das Bett gelegt, welche eine Abſicht andeutete, einige Zeit zu bleiben. Auch Mr. Casby ſtrahlte unweit des Kamins, die wohl⸗ wollende Stirn ſo glänzend, als ſchwitze die warme Butter des Toaſtes durch den patriarchaliſchen Schädel und das Ge⸗ ſicht ſo geröthet, als ob der Färbeſtoff der Anchovy Paſte das patriarchaliſche Antlitz durchglühte. Dieſer Anblick brachte Clennam zu dem Entſchluß, ſo wie er die üblichen Begrü⸗ ßungen ausgetauſcht hatte, ohne Weiteres mit ſeiner Mutter zu ſprechen. Da ſie niemals ihr Zimmer verließ, ſo waren Alle, wel⸗ che mit ihr privatim zu ſprechen hatten, längſt gewohnt ge⸗ weſen, ſie in ihrem Stuhl an ihr Pult zu rollen. Dort ſaß ſie meiſtens den Rücken dem übrigen Zimmer zukehrend, und die Perſon, die mit ihr ſprach in einer Ecke auf einem Stuhl, der dort immer zu dieſem Zwecke bereit ſtand. Außer daß es Dreiundzwanzigſtes Kapitel. lange Zeit her war, daß Mutter und Sohn, ohne eine dritte Perſon als Zeugen zu haben, mit einander geſprochen, war es eine ſehr gewöhnliche Sache für Leute, welche Mrs. Clen⸗ nam beſuchten, mit einem Worte der Entſchuldigung wegen der Unterbrechung gefragt zu werden, ob ſie in Geſchäftsſachen zu ſprechen ſei und dann auf ihre bejahende Antwort zu ſehen, G wie ſie an das vorhin beſchriebene Pult gerollt wurde. Als daher dies jetzt geſchah und Arthur, nachdem er die Gäſte um Entſchuldigung gebeten, ſie an das Pult gefahren und ſich auf den Stuhl geſetzt hatte, fing Mrs. Finching nur lauter und ſchneller zu ſprechen an, um zart anzudeu⸗ ten, daß ſie nichts hören könnte und Mr. Casby glättete in ſeligem Seelenfrieden ſeine weißen Locken. 4 „Mutter, ich habe heute Etwas gehört, wovon, wie ich ——— überzeugt bin, Sie noch nichts wiſſen und was Sie meiner Anſicht nach wiſſen ſollten. Es bezieht ſich auf die Vergan⸗ genheit des Menſchen, den ich hier ſah.“ V„Ich weiß nichts von der Vergangenheit des Menſchen, den Du hier geſehen haſt, Arthur.“ Sie ſprach laut. Er hatte mit gedämpfter Stimme ge⸗ b redet; aber ſie wies dieſes Entgegenkommen des Vertrauens zurück, wie ſie jedes andere zurückwies, und ſprach in ihrem gewöhnlichen Tone und ihrer gewöhnlichen herriſchen Stimme. 2 „Ich habe es nicht durch Zwiſchenträger erfahren; ich habe aus unmittelbaren Quellen geſchöpft.“ Sie fragte ihn ganzwie vorhin, ob er gekommen ſei, ihr das Gehörte mitzutheilen? Mrs. Affery gibt ein bedingtes Verſprechen ꝛc. 9 „Ich hielt es für Recht, Sie davon in Kenntniß zu ſetzen.“ „Und was war es?“ „Er hat in einem franzöſiſchen Gefängniß geſeſſen.“ Sie gab mit Faſſung zur Antwort,„ich möchte das für ſehr wahrſcheinlich halten.“ „Aber in einem Kerker für Verbrecher, Mutter. Des Mordes beſchuldigt.“ Sie fuhr bei dem Wort zuſammen und iore Züge ſpra⸗ chen ihr natürliches Entſetzen aus. Aber ſie ſprach immer noch laut, wie ſie weiter frug: „Wer hat Dir das geſagt?“ „Ein Mann, der mit ihm im Gefängniß geſeſſen hat.“ „Die Vergangenheit dieſes Mannes haſt Du jedenfalls gekannt, ehe er es Dir ſagte?“ „Nein.“ „Aber den Mann ſelbſt?“ „Ja.“ „Ganz mein und Flintwinch's Fall in Bezug auf dieſen andern Mann! Doch iſt wahrſcheinlich die Aehnlichkeit nicht ſo groß, daß Du Deinen Gewährsmann durch einen Brief eines Correſpondenten kennen lernteſt, bei dem er Geld niedergelegt hatte? Trifft dieſe Aehnlichkeit auch?“ Arthur konnte blos antworten, daß keine derartige Be⸗ glaubigungsſchreiben oder überhaupt Empfehlungen ſeinen Gewährsmann bei ihm eingeführt hätten. Mrs. Clennams geſpanntes, aber zürnendes Geſicht hellte ſich allmälig in ein ſtrenges Frohlocken auf, und ſie gab mit Nachdruck zu⸗ 10 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. rück„hüte Dich alſo, Andere zu richten. Ich ſage Dir, Arthur, um Deiner ſelbſt willen, hüte Dich, Andere zu richten!“ Die emphatiſche Weiſe, mit der ſie das ſprach, lag ebenſo in ihrem Blicke, wie in dem Ton ihrer Stimme. Sie fuhr fort, ihn anzuſehen; und wenn noch bei ſeinem Eintritt in das Haus in ihm eine Hoffnung geſchlummert hatte, bei ihr das Mindeſte zu erreichen, ſo erſtarb ſie jetzt vor dieſem Blick. „Mutter, ſoll ich nichts zu Ihrem Beiſtand thun?“ „Nichts.“ „Wollen Sie mir kein Vertrauen ſchenken, keinen Auf⸗ trag, keine Aufklärung geben? Wollen Sie nicht mit mir zu Rathe gehen? Wollen Sie mir nicht erlauben, mich Ihnen zu nähern?“ „Wie kannſt Du das von mir verlangen? Du haſt Dich von meinen Angelegenheiten losgeſagt. Es war nicht mein Ent⸗ ſchluß; es war Deiner. Wie kannſt Du, ohne inkonſequent zu ſein, mir eine ſolche Frage vorlegen? Du weißt, daß Du mich Flintwinch überlaſſen haſt, und daß er Deine Stelle einnimmt.“ Ein Blick auf Jeremiah lehrte Clennam, daß er ſie mit geſpannter Aufmerkſamkeit beobachtete, obgleich er, ſich die Backen kratzend, an der Wand lehnte und ſich ſtellte, Flora zuzuhören, die in einer wahrhaft geiſtverwirrenden Weiſe über ein Chaos von Gegenſtänden predigte, in welchem Makrelen und Mr. Finchings Tante in einer ruſſiſchen Schau⸗ kel mit Kelleraſſeln und dem Weinhandel durcheinander tanzten. Mrs. Affery gibt ein bedingtes Verſprechen ꝛc. 11 „Eingekerkert in einem franzöſiſchen Gefängniß und des Mordes angeſchuldigt,“ wiederholte Mrs. Clennam mit ruh⸗ iger Ueberlegung.„Das iſt Alles, was Du von ſeinem Mit⸗ gefangenen weißt?“ „Dem weſentlichen Inhalt nach Alles.“ „Und war der Mitgefangene ſein Schuldgenoſſe und auch ein Mörder? Aber natürlich ſtellte er ſich beſſer dar als ſeinen Freund, es wäre überflüſſig, danach zu fragen. Die ganze Ge⸗ ſchichte wird den andern Leuten hier Stoff zum Reden geben. Casby, Arthur theilt mir mit—“ „Ich bitte Sie Mutter, ich bitte Sie!“ Er unterbrach ſie mit Haſt, denn es war ihm keinen Augenblick eingefallen, daß ſie offen verkünden würde, was er ihr geſagt hatte. „Was iſt's?“ ſagte ſie ſtreng.„Was gibts weiter?“ „Ich bitte Sie, mich zu entſchuldigen, Mr. Casby— und auch Sie, Mrs. Finching— ich möchte nur noch einen Augenblick mit meiner Mutter—“ Er hatte die Hand auf ihren Stuhl gelegt oder ſie hätte ihn mit einem Stoße gegen die Diele herumgedreht. Sie ſah ihn an, wie er ſich raſch die Möglichkeiten eines nicht er⸗ warteten und nicht beabſichtigten Ausganges überlegte, wenn Cavalletto's Enthüllung bekannt wurde, und kam zu dem Schluß, daß es beſſer wäre, nicht davon zu ſprechen; obgleich ihn vielleicht kein beſtimmterer Grund leitete, als daß er es als ausgemacht betrachtet hatte, daß ſeine Mutter dieſelbe für ſich und ihren Compagnon behalten würde. 12 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „Nun, was gibts!“ ſagte ſie nochmals ungeduldig.„Was noch?“ „Es war nicht meine Abſicht, Mutter, daß Sie weiter⸗ ſagen ſollten, was ich Ihnen mittheile. Ich glaube, es iſt beſſer, Sie ſagen es nicht weiter.“ „Machſt Du das zu einer Bedingung für mich?“ „Wenn es ſein muß, ja.“ „So merke wohl auf! Du machſt dies zu einem Ge⸗ heimniß,“ ſagte ſie und hielt die Hand empor,„undnicht ich. Du biſt es, Arthur, der mit Zweifeln und Verdächtigungen und Bitten um Aufklärung hierher kommt, und Du biſt es, Arthur, der Geheimniſſe hierherbringt. Meinſt Du wol, daß es mich irgendwie kümmert, wo oder was dieſer Mann geweſen iſt? Was kann das mich angehen? Die ganze Welt kann es wiſſen, wenn ſie es wiſſen will; mir iſt es gleich⸗ gültig. Jetzt laß mich.“ Er gab ihrem gebieteriſchen aber triumphirenden Blick nach und rollte ihren Stuhl wieder auf ſeinen alten Platz zurück. Dabei ſah er auch ein Frohlocken auf dem Geſichte Flintwinch's, das ſicherlich nicht von Flora hervorgebracht ſein konnte. Die Art und Weiſe, wie man ſeine Nachricht und ſeinen ganzen Verſuch und Plan gegen ihn ſelbſt gekehrt hatte, überzeugte ihn noch mehr, als die Starrheit und Feſtig⸗ keit ſeiner Mutter, daß alle Bemühungen bei ihr vergeblich ſein würden. Nichts blieb ihm nun übrig, als ſich an ſeine alte Freundin Affery zu wenden. Aber es ſchien ſchon eine der am wenigſten verſprechen⸗ Mrs. Affery gibt ein bedingtes Verſprechen ꝛc. 13 den menſchlichen Unternehmungen zu ſein, nur bis in das ſehr zweifelhafte und vorläufige Stadium zu kommen, ſich an ſie zu wenden. So vollſtändig ſtand ſie unter dem Ge⸗ bote der beiden Geſcheidten, ſo ſyſtematiſch behielt die Eine oder der Andere von Beiden ſie beſtändig im Auge und ſo ſehr fürchtete ſie ſelbſt, im Hauſe herumzugehen, daß jede Gele⸗ genheit, mit ihr allein zu ſprechen, von vorn herein abge⸗ ſchnitten zu ſein ſchien. Außerdem hatte Mrs. Affery auf irgend eine Weiſe(daß die nachdrücklichen Beweisführungen ihres Eheherrn am meiſten dazu beigetragen hatten, war nicht ſchwer zu errathen) eine ſo lebhafte Ueberzeugung von der Gefahr erlangt, überhaupt Etwas unter irgend welchen Verhältniſſen zu ſagen, daß ſie die ganze Zeit über in einer Ecke geblieben war, vor jeder Annäherung durch den ſym⸗ boliſchen Dreizack bewahrt, und ſo oft Flora oder ſelbſt der flaſchengrüne Patriarch an ſie ein paar Worte richteten, hatte ſie wie eine Stumme die Unterhaltung mit der Toaſtgabel parirt. Nach verſchiedenen mißlungenen Verſuchen, Affery zu bewegen, ihn anzuſehen, während ſie den Tiſch abräumte und das Theeſervice auswuſch, fiel Arthur auf ein Auskunfts⸗ mittel, welches Flora in Anregung bringen konnte. Er flüſterte ihr daher zu: „Könnten Sie wol ſagen, Sie möchten ſich gern ein⸗ mal das Haus beſehen?“ Die arme Flora hörte die geflüſterten Worte mit der größten Wonne, denn ſie war immer von der zitternden Er⸗ 14 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. wartung der Zeit erfüllt, wo Clennam wieder Jüngling wer⸗ den und wieder wahnſinnig in ſie verliebt ſein würde; und die Worte gefielen ihr nicht nur durch ihren geheimnißvollen Charakter, ſondern auch als Anbahnung eines zärtlichen Zwiegeſprächs, wo er ihr den Zuſtand ſeines Herzens ent⸗ hüllen würde. Sie machte ſofort Anſtalt, dem Winke nach⸗ zukommen. „O mein Gott, die arme alte Stube,“ ſagte Flora und ſah ſich um,„ſie ſieht gerade noch ſo aus wie immer Mrs. Clennam nur daß ſie verrauchter iſt was mit der Zeit zu erwarten war was wir Alle erwarten und uns gefallen laſ⸗ ſen müſſen ob wir daran Geſchmack finden oder nicht wie ich es mir ſelbſt habe gefallen laſſen müſſen zwar nicht eigentlich verrauchter, aber ſchrecklich ſtark geworden was daſſelbe iſt oder noch ſchlimmer wenn man an die Tage denkt, wo Papa mich oft hierher brachte als ein ganz kleines Mäd⸗ chen und ich mit lauter Froſtlallen auf einem Stuhl ſaß und mit den Füßen auf dem Querholz mit großen Augen Arthurn anſah— bitte entſchuldigen Sie mich— Mr. Clennam— ein ganz kleiner Knabe mit der ſchrecklichſten Halskrauſe und Jacke, ehe noch Mr. Finching als nebelhafter Schatten an dem Horizont erſchien die Cour machend wie das be⸗ kannte Geſpenſt in einer Stadt in Deutſchland die ſich mit B anfängt iſt eine moraliſche Lehre welche zeigt daß alle Pfade im Leben ähnlich ſind den Pfaden im Norden von England wo ſie die Kohlen finden und das Eiſen ma⸗ chen und die andern Dinge die mit Aſche beſtreut ſind.“ Mrs. Affery gibt ein bedingtes Verſprechen ꝛc. 15 Nachdem Flora der Unſicherheit des menſchlichen Lebens den Tribut eines Seußzers gezahlt hatte, ſchnurrte ſie weiter. „Nicht daß zu irgend einer Zeit,“ fuhr ſie fort,„ſein ſchlimmſter Feind hätte ſagen können es ſei ein freundliches Haus denn dazu war es nie gemacht aber immer voll von romantiſchem Effekt und immer noch erinnert ſich voll Zärt⸗ lichkeit die Seele an einen Tag in der Jugend ehe noch das Urtheil reif war wo Arthur— kann es mir nicht ab⸗ gewöhnen— Mr. Clennam— nich hinunter in eine un⸗ benutzte Küche nahm die ſchrecklich modrig roch und mir vorſchlug mich dort lebenslang zu verſtecken und mich mit dem zu ſpeiſen was er von ſeinem Eſſen verſtecken konnte, wenn er in den Ferien nicht zu Hauſe war und mit trockenem Brod wenn er in Ungnade war was in jener ſchönen ſeli⸗ gen Zeit nur zu häufig war würde ich wol beſchwerlich fallen oder zu Viel verlangen wenn ich um Erlaubniß bitte mir dieſe Scenen zurückrufen und das Haus beſehen zu dürfen!“ Mrs. Clennam gab mit gezwungener Huld zu erkennen, daß das ganze Haus ihr offen ſtehe. Flora ſtand auf und forderte Arthur mit einem Blick auf, ſie zu begleiten.„Ge⸗ wiß,“ ſagte er laut;„und Affery wird uns wol leuchten.“ Affery entſchuldigte ſich noch mit„verlangen Sie nichts von mir!“ als Mr. Flintwinch ihren Einreden mit den Wor⸗ ten ein Ende machte„warum nicht? Affery, was haſt Du nur, Weib? Warum nicht, Du Gans!“ Auf dieſe Vorſtel⸗ lung verließ ſie ungern ihre Ecke, legte die Toaſtgabel ihrem 16 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Gatten in die eine Hand und nahm aus der andern den ihr dargebotenen Leuchter. „Geh voraus, Du Einfalt!“ ſagte Jeremiah.„Gehen Sie zuerſt hinauf oder hinunter, Mrs. Finching?“ Flora gab zur Antwort„hinunter“. „So geh Du voraus und hinunter, Affery,“ ſagte Je⸗ remiah.„Und mach' es ordentlich oder ich komme das Trep⸗ pengeländer hinuntergerutſcht und purzele über Dich weg!“ Affery ging voraus und Jeremiah bildete den Schluß. Er beabſichtigte gar nicht, ſie allein zu laſſen. Als Clennam ſich umſchaute und ihn drei Stufen höher in der kühlſten und ordentlichſten Weiſe nachkommen ſah, rief er mit ge⸗ dämpfter Stimme aus„können wir ihn gar nicht los wer⸗ den!“ Flora beruhigte ihn durch die raſch folgende Antwort „o ja, obgleich es ſich eigentlich nicht ſchickt Arthur und es Etwas iſt woran ich in Anweſenheit eines jüngern Man⸗ nes oder eines Fremden nicht denken könnte, ſo will ich mich doch nicht wegen Ihrer geniren wenn Sie es ſo beſonders wünſchen und Sie nur ſo gut ſein wollen mich nicht ſo feſt zu umfaſſen.“ 4— Arthur konnte es nicht über das Herz bringen, ihr auseinander zu ſetzen, daß er das durchaus nicht meinte, und legte ſchonend den Arm um ihre Hüfte.„O du lieber Himmel,“ ſagte ſie,„Sie ſind wirklich recht gehorſam und ich bin überzeugt es iſt außerordentlich artig und ehrenhaft von Ihnen aber doch wenn Sie Luſt haben ſollten ein Mrs. Affery gibt ein bedingtes Verſprechen ꝛc. 17 Bischen feſter zu faſſen ſo würde ich es nicht für unartig halten.“ Als Mitſpielender in dieſer lächerlichen Rolle, die ſo ſchlecht zu ſeinem ſorgenvollen Gemüth paßte, ſtieg Clennam in das Erdgeſchoß des Hauſes hinunter, wobei er fand, daß überall, wo es dunkler wurde als anderswo, Flora ſchwerer und überall, wo das Haus hell war, ihm zu einer leichten Laſt ward. Aus den unheimlichen Küchenregionen zurückkehrend, die ſo öde waren, als man ſich nur denken konnte, ging Mrs. Affery mit dem Licht in das ehemalige Zimmer des Vaters und dann in das alte Speiſezimmer; immer ſchritt ſie vor⸗ an wie ein Phantom, das ſich nicht einholen läßt, und kehrte ſich weder um, noch antwortete ſie, wenn er flüſterte„Affery! ich muß mit Ihnen ſprechen!“ Im Speiſezimmer fühlte Flora ein ſentimentales Ver⸗ langen, ſich den gefürchteten Alkoven anzuſehen, der Arthur in den Tagen ſeiner Kindheit ſo oft in Gewahrſam genom⸗ men hatte— wahrſcheinlich weil er als ein ſehr dunkler Al⸗ koven ein vortrefflicher Ort war, um darin ſchwer zu werden. Der Verzweiflung nahe, hatte Arthur die Thür geöffnet, als man ein Klopfen an der Straßenpforte hörte. Mit einem unterdrückten Aufſchrei warf Mrs. Affery die Schürze über den Kopf. „Was? Du brauchſt noch eine Doſis!“ ſagte Mr. Flint⸗ winch.„Du ſollſt ſie bekommen, mein Frauchen, Du ſollſt eine gute Doſis bekommen! O! Du ſolſt a prächtige, Du ſollſt eine ſtarke Doſis haben!“ Klein Dorrit. IX. 2 2 18 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „Nun, geht Jemand hinunter?“ ſagte Arthur. „Nun, ich gehe hinunter, Sir,“ entgegnete der Alte ſo giftig, daß es klar wurde, er fühle, er müſſe gehen, obgleich er viel lieber nicht gegangen wäre. Bleiben Sie unterdeß Alle hier! Affery, mein Frauchen, geh nur Einen Zoll von der Stelle, oder ſprich nur Ein Wort in Deiner Dummheit und ich gebe Dir eine dreifache Doſis!“ Kaum war er fort, ſo ließ Arthur Mrs. Finching los mit einiger Schwierigkeit, weil dieſe Dame ſeine Abſicht mißverſtand und Anſtalten machte, ſich feſter umfaſſen zu laſſen. „Affery, reden Sie jetzt mit mir!“ „Rühren Sie mich nicht an, Arthur!“ rief ſie, vor ihm zurückweichend.„Kommen Sie mir nicht zu nahe. Er ſieht Sie. Jeremiah ſieht Sie, ganz gewiß. Gehen Sie, gehen Sie!“ „Er kann mich nicht ſehen, wenn ich das Licht ausblaſe!“ gab Arthur zurück und ließ auf das Wort die That folgen. „Er hört Sie,“ rief Affery. „Er kann mich nicht hören,“ entgegnete Arthur und ließ abermals die That auf das Wort folgen,„wenn ich Sie in dieſen dunkeln Alkoven führe und hier mit Ihnen ſpreche. Warum verſtecken Sie Ihr Geſicht?“ „Weil ich fürchte, Etwas zu ſehen.“ „Sie können nicht fürchten, in dieſer Dunkelheit Etwas zu ſehen, ry.“ „O doch. Viel mehr, als wenn es hell wäre.“ —-— ——— XXXIV Flora's Inlpertionstour. Mrs. Affery gibt ein bedingtes Verſprechen ꝛc. „Warum fürchten Sie ſich?“ „Weil das Haus voller Geheimniſſe und Räthſel iſt; weil ſo Viel geziſchelt und berathſchlagt wird; weil man oft ſo ſeltſames Geräuſch hört. Ich kenne kein anderes ſolches Haus. Ich ſterbe dran, wenn Jeremiah mich nicht vorher erwürgt. Was ich erwarte.“ „Ich habe hier nie ein Geräuſch gehört, das zu erwähnen der Mühe werth wäre.“ „O! aber Sie würden zu Viel hören, wenn Sie in dem Hauſe wohnten und darin herum gehen müßten, wie ich,“ ſagte Affery;„und Sie würden merken, daß das Geräuſch ſo ſehr der Rede werth wäre, daß es Ihnen vorkäme, Sie müßten faſt platzen, weil Sie nicht davon reden dürften. Hier iſt Jeremiah! Sie machen noch, daß er mich todt⸗ ſchlägt.“ „Meine gute Affery, ich erkläre Ihnen feierlich, daß ich den gelben Schein von der offenen Thür auf der Hausflur ſehe und Sie würden ihn auch ſehen, wenn Sie die Schürze von Ihrem Geſicht wegnehmen wollten.“ „Nein, das darf ich nicht,“ ſagte Affery,„das getraue ich mir nie, Arthur. Ich decke mir immer die Augen zu, wenn Jeremiah nicht dabei iſt und manchmal ſogar, wenn er da iſt.“ „Er kann die Thür nicht zumachen, ohne daß ich es ſehe,“ ſagte Arthur.„Sie ſind bei mir ſo ſicher, als wenn er fünfzig Meilen weit weg wäre.“ („Ich wollte, er wäre es!“ rief Affery aus.) 2* 19 20 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „Affery, ich will wiſſen, was hier vorgeht; ich muß eini⸗ ges Licht über die Geheimniſſe dieſes Hauſes haben.“ „Ich will's Ihnen ſagen, Arthur,“ unterbrach ſie ihn, „allerlei Geräuſch iſt das Geheimniß, Rauſchen und Umher⸗ ſchleichen, Erbeben, Schritte über und Schritte unter uns.“ „Aber das ſind nicht ſämmtliche Geheimniſſe.“ 1 „Ich weiß nicht,“ ſagte Affery.„Fragen Sie mich weiter nicht. Ihre alte Liebſte iſt nicht weit und ſie ſchwatzt's aus.“ Seine alte Liebſte, die in der That ſo nahe war, daß ſie ſich als ein ſehr ſubſtanzieller Winkel von 45 Graden in großer Erregtheit an ihn lehnte, miſchte ſich hier ein, um Mrs. Affery mit größerer Ernſthaftigkeit als Klarheit des Ausdrucks zu verſichern, ſie werde nichts, was ſie hörte, weiter ſagen, ſondern ein unverbrüchliches Schweigen darüber be⸗ obachten,„wenn auch nur Arthurs wegen— obgleich viel zu familiär und faſt undelikat zu nennen, Doyce und Clen⸗ nams wegen.“ „Ich bitte Sie inſtändigſt, Affery, Sie, eine der Weni⸗ gen angenehmen Jugenderinnerungen, die ich habe, um meiner Mutter willen, um Ihres Mannes willen, um mei⸗ ner ſelbſt, um unſerer Aller willen. Ich bin überzeugt, Sie können mir Etwas über das Hierſein dieſes Mannes ſagen, wenn Sie wollen.“ „Nun, ſo will ich Ihnen ſagen, Arthur,“ entgegnete Af⸗ fery—„Jeremiah kommt?“ „Nein, er iſt's nicht! Die Thür ſteht noch offen und er iſt noch draußen und ſpricht mit Jemand.“ Mrs. Affery gibt ein bedingtes Verſprechen ꝛc. 21 „So will ich Ihnen ſagen,“ ſagte Affery, nachdem ſie eine Weile gehorcht hatte,„daß er das erſte Mal, wo er hier⸗ her kam, das Geräuſch ſelbſt hörte.„Was iſt das!“ ſagte er zu mir. Ich weiß nicht, was es iſt, ſagte ich zu ihm und hielt mich an ihm feſt, aber ich habe es ſchon oft gehört. Während ich das ſage, ſteht er da und ſtarrt mich an und zittert am ganzen Leibe.“ „Iſt er oft hier geweſen?“ „Nur an jenem Abend und den letzten Abend.“ „Was haben Sie an dem letzten Abend von ihm geſehen, nachdem ich fort war?“ „Die beiden Geſcheidten haben ihn ganz allein für ſich gehabt. Jeremiah kam ſeitlings auf mich zugetanzt, nachdem ich Sie hinausgelaſſen hatte(er kommt immer ſeitlings auf mich zugetanzt, wenn er mir was thun will) und ſagte zu mir„jetzt, Affery, ſagte er, komme ich Dir nach, mein Frau⸗ chen, und nun ſollſt Du es kriegen.“ Und da faßte er mich hinten am Genick und drückte mich, bis ich den Mund auf⸗ ſperren mußte, und dann ſchob er mich vor ſich her ins Bett und würgte mich die ganze Zeit. Das nennt er mich kriegen. O, er iſt ein böſer Menſch!“ „Und haben Sie weiter nichts gehört oder geſehen, Affery?“ „Habe ich Ihnen nicht geſagt, daß ſie mich zu Bett ſchick⸗ ten, Arthur! Da iſt er!“ „Ich verſichere Ihnen, er iſt immer noch an der Thür. 22 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Und das Ziſcheln und Rathſchlagen, Affery, von dem Sie ſprachen. Was iſt damit?“ „Wie ſollt' ich's wiſſen! Fragen Sie mich nicht danach, Arthur, gehen Sie!“ „Aber, meine gute Affery; wenn ich nicht einen Einblick in dieſe Räthſel erlange, trotz Ihres Mannes und trotz mei⸗ ner Mutter, ſo kann großes Unglück daraus entſtehen.“ „Fragen Sie mich nicht,“ wiederholte Affery.„Wer weiß ſeit wie langer Zeit bin ich beſtändig im Traume. Gehen Sie, gehen Sie!“ „Sie ſagten das ſchon früher,“ gab Arthur zurück.„Sie brauchten dieſelben Worte jenes Abends an der Hausthür, als ich Sie frug, was hier vorging. Was meinen Sie da⸗ mit, beſtändig im Traume zu ſein?“ „Ich werde es Ihnen gewiß nicht ſagen. Gehen Sie! Ich würde es Ihnen nicht ſagen, wenn Sie allein wären; noch viel weniger, wenn ihre alte Liebſte dabei iſt.“ Vergeblich bat Arthur, vergeblich betheuerte Flora ihre Verſchwiegenheit. Affery, die die ganze Zeit gezittert und ſich geſträubt hatte, war gegen alle Beſchwörungen taub und wollte mit Gewalt wieder aus dem Alkoven heraus. „Ich ſchreie lieber nach Jeremiah, als daß ich noch ein Wort ſage! Ich rufe ihn, Arthur, wenn Sie nicht aufhören, in mich hineinzureden. Das iſt das allerletzte Wort, was ich ſage, ehe ich ihn rufe.— Wenn es Ihnen jemals gelingt, die beiden Geſcheidten unterzukriegen(Sie ſollten es thun, wie ich Ihnen gleich am erſten Tage Ihrer Ankunft ſagte, Mrs. Affery gibt ein bedingtes Verſprechen ꝛc. 23 denn Sie haben nicht lange Jahre hier gelebt, um ſich Ihr Lebenlang ängſtigen zu laſſen, wie es mir geſchehen iſt), ſo kriegen Sie ſie unter in meinem Beiſein; und wenn Sie dann ſagen zu mir„Affery, erzählen Sie mir Ihre Träume! Vielleicht erzähle ich ſie dann!“ Das Schließen der Thüre hielt Arthur ab, zu antworten. Sie traten raſch wieder auf die Plätze, wo Jeremiah ſie ver⸗ laſſen hatte; und als dieſer Herr wieder hereinkam, theilte ihm Clennam mit, daß er zufällig das Licht ausgelöſcht hätte. Mr. Flintwinch ſah zu, wie er es an der Lampe in der Vor⸗ halle wieder anbrannte, und beobachtete ein tiefes Still⸗ ſchweigen über die Perſon, mit der er geſprochen hatte. Viel⸗ leicht verlangte ſeine Leidenſchaftlichkeit Entſchädigung für die Langeweile, die ihm möglicherweiſe der Beſuch verurſacht hatte; wie dem immer ſein mochte, es machte ihn ſo böſe, ſeine Frau mit der Schürze über den Kopf daſtehen zu ſehen, daß er auf ſie losfuhr, ihre verſchleierte Naſe mit Daumen und Zeigefinger faßte und die ganze Schraubenkraft ſeiner Perſon in die Drehung zu legen ſchien, die er ihr gab. Flora, jetzt für immer ſchwer geworden, ließ Arthur nicht eher wieder los, als bis ſie in ihrer Umſchau in dem Hauſe bis zu ſeiner alten Schlafkammer unter dem Dache gekommen waren. Seine Gedanken waren zwar von ganz andern Dingen in Anſpruch genommen, aber es fiel ihm doch, wie er ſpäter Gelegenheit hatte ſich zu erinnern, die ſtickige dumpfe Luft im Hauſe auf; es fiel ihm auf, daß in dem Staube auf dem Fußboden der obern Zimmer ihre Tritte 24 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Spuren zurückließen; und daß ſich gegen das Oeffnen der Thür eines Zimmers Etwas zu ſtemmen ſchien, was Affery zu dem Ausruf veranlaßte, daß ſich Jemand drinnen verſteckt habe, und ſie blieb bei dieſem Glauben, obgleich man Je⸗ manden ſuchte und Niemanden fand. Als ſie endlich wieder in das Zimmer der Mutter zurückkehrten, ſprach dieſe, das Auge mit der behandſchuhten Hand vor dem Lichte ſchützend, leiſe mit dem Patriarchen, der vor dem Feuer ſtand. Die blauen Augen, die glänzende Stirn und die ſeidenen Locken dieſes Herrn gaben der Bemerkung, mit der er ſich bei ihrem Eintritt gegen ſie wendete, einen unſchätzbaren Werth und einen Inhalt unerſchöpflicher Menſchenliebe. Er ſagte: „So haben Sie ſich das Haus beſehen, das Haus be⸗ ſehen, das Haus beſehen!“ Die Bemerkung war nicht an ſich ein Juwel von Wohl⸗ wollen oder Weisheit, aber er machte ſie zu einem Muſter von Beiden, von dem man ſich wol eine Copie gewünſcht hätte. Bierundzwanzigätes Rapitel. Der Abend eines langen Tages. Der berühmte Mann und die große Zierde der Nation, Mr. Merdle, ſetzte ſeine glänzende Laufbahn fort. Es wurde allgemeine Meinung in weiten Kreiſen, daß ein Mann, wel⸗ Der Abend eines langen Tages. 25 cher der Geſellſchaft den bewundernswürdigen Dienſt geleiſtet, ſo viel Geld an ihr zu verdienen, kein Bürgerlicher bleiben dürfe. Mit Zuverſicht ſprach man von einer Baronetswürde, häufig von einer Pairie. Das Gerücht, Mr. Merdle habe ſein goldenes Geſicht von einem Baronetstitel abgewendet und er habe Lord Decimus ganz offen geſagt, ein Baronetstitel ſei nicht genug für ihn;„nein: eine Pairie, oder nichts als Merdle“, das waren ſeine Worte geweſen. Dieſe Antwort, wollte man wiſſen, hatte Lord Decimus bis ſo nahe an ſein adeliges Kinn in ein Meer des Zweifels geſtürzt, als eine ſo erhabene Perſon nur ſinken kann. Denn die Barnacles, in der Schöpfung eine Gruppe für ſich, meinten eigentlich, daß derartige Auszeichnungen ihnen allein gebührten; und daß wenn ein Militair, ein Seemann oder ein Juriſt geadelt würde, ſie ihn ſo zu ſagen aus beſonderer Herablaſſung zur Familienthür hereinließen und dieſe ſofort wieder zumachten. Nicht nur, ſagte das Gerücht, hatte der von Zweifel zerriſ⸗ ſene Decimus ſeinen eigenen erblichen Antheil an dieſer An⸗ ſchauung, ſondern er wußte auch, daß verſchiedene Anſprüche der Barnacles bereits angemeldet waren, die in Colliſion mit dem Anſpruch des Fürſten der Kaufleute und des Ab⸗ gotts der Börſe kamen. Das Gerücht, mochte es Recht oder Unrecht haben, war ſehr geſchäftig; und Lord Decimus gab ihm, während er über die Schwierigkeit würdevoll brütete oder brüten ſollte, einige Beſtätigung, indem er bei mehre⸗ ren öffentlichen Gelegenheiten einen ſeiner bekannten ele⸗ phantenartigen Galops durch eine Dſchungel von überwu⸗ 26 Vierundzwanzigſtes Kapitel. chernden Sätzen vornahm, und dabei auf ſeinem Rüſſel Mr. Merdle herumſchwenkte als rieſenhaften Unternehmungs⸗ geiſt, Reichthum Englands, Elaſticität, Credit, Capital, allgemeines Gedeihen und jeglichen andern Segen. So ruhig mähte die Zeit mit ihrer alten Senſe fort, daß drei volle Monate unbeachtet vorübergegangen waren, ſeit auf dem fremden Kirchhof in Rom ein Grab die beiden engliſchen Brüder aufgenommen hatte. Mr. und Mrs. Spark⸗ ler waren in ihrem eigenen Hauſe eingerichtet: ein kleiner Pallaſt, eher von der Tite Barnacleklaſſe, ein vollſtändiger Triumph der Bequemlichkeit, behaftet mit einem beſtändigen Geruch der vorgeſtrigen Suppe und der Kutſchpferde, aber ausnehmend theuer, da er genau in dem Mittelpunkt der bewohnbaren Erde lag. In dieſem beneidenswerthen Auf⸗ enthalt(und wirklich beneideten ihn viele Leute) hatte Mrs. Sparkler eigentlich ſofort mit der Beſiegung des Buſens an⸗ fangen wollen, als die Ankunft des Couriers mit ſeiner Todesnachricht den Ausbruch der Feindſeligkeiten noch ver⸗ ſchob. Mrs. Sparkler, die nicht ohne Herz war, hatte die Kunde mit einem leidenſchaftlichen Schmerzausbruch em⸗ pfangen, der volle zwölf Stunden dauerte; alsdann war ſie aufgeſtanden, um ſich um ihre Trauertoilette zu bekümmern und Sorge zu tragen, daß ſie darin hinter Mrs. Merdle nicht zurückbleibe. Trauer herrſchte nun in mehr als einer vornehmen Familie(nach den bewährteſten und eleganteſten⸗ Auskunftsquellen) und der Courier reiſte zurück. Mr. und Mrs. Sparkler hatten allein geſpeiſt, umhängt —æ— —æ— Der Abend eines langen Tages. 27 von dem Schleier ihrer Trauer und Mrs. Sparkler ruhte auf einem Sopha im Salon. Es war ein heißer Sommer⸗ ſonntagabend. Die Wohnung in dem Mittelpunkt der be⸗ wohnbaren Erde, zu allen Zeiten verſtopft und ohne Luft, als ob ſie einen unheilbaren Schnupfen hätte, war dieſen Abend beſonders erſtickend. Die Kirchenglocken hatten hin⸗ ſichtlich des Dröhnens durch die unmelodiſchen Echos der Straßen ihr Schlimmſtes gethan, und die erhellten Fenſter der Kirchen hatten in der grauen Dämmerung aufgehört, gelb zu ſein und waren zu undurchſichtigem Schwarz erſtor⸗ ben. Mrs. Sparkler, die auf ihrem Sopha lag und durch ein offenes Fenſter über Blumentöpfe nach der andern Seite einer engen Straße hinüberſchaute, fühlte ſich gelangweilt von dem Anblick. Mrs. Sparkler ſchaute nach einem andern Fenſter, wo ihr Gatte auf dem Balkon ſtand, und fühlte ſich auch von dieſem Anblick gelangweilt. Mrs. Sparkler ſah ſich ſelbſt in ihren Trauerkleidern an und war ſelbſt von dieſem Anblick gelangweilt: obgleich natürlich nicht ſo ſehr, wie von den beiden Andern. „Es iſt, als ob man in einem Brunnen läge,“ ſagte Mrs. Sparkler, indem ſie ſich ärgerlich herumwarf.„Mein Gott, Edmund, wenn Du Etwas zu ſagen haſt, warum ſagſt Du's da nicht?“ Mr. Sparkler hätte mit Offenheit antworten können, mein Leben, ich habe Nichts zu ſagen. Aber da ihm die Antwort nicht einfiel, ſo begnügte er ſich, von dem Balkon hereinzukommen und neben das Sopha ſeiner Frau zu treten. 28 Vierundzwanzigſtes Kapitel. „Aber mein Gott, Edmund!“ ſagte Mrs. Sparkler noch ärgerlicher,„Du ſteckſt ja geradezu die Reſeda in die Naſe! Bitte, thu' es nicht!“ In ſeiner Geiſtesabweſenheit— vielleicht in einem wört⸗ lichern Sinne, als man das Wort gewöhnlich braucht— hatte Mr. Sparkler ſo angelegentlich an einem Zweigelchen in ſeiner Hand gerochen, daß er ſich beinahe des fraglichen Vergehens ſchuldig gemacht hätte. Er lächelte, ſagte,„ich bitte um Verzeihung, Liebe!“ und warf es zum Fenſter hinaus. „Du machſt mir Kopfſchmerz, wenn Du ſo ſtehen bleibſt,“ ſagte Mrs. Sparkler, indem ſie, nachdem wieder eine Mi⸗ nute verſtrichen war, zu ihm aufblickte.„Du ſiehſt ſo ſchreck⸗ lich groß aus bei dieſem Lichte. Bitte, ſetz Dich.“ „Gewiß, liebe Fanny,“ ſagte Mr. Sparkler. Und nahm einen Stuhl auf ſelbiger Stelle. „Wenn ich nicht wüßte, daß der längſte Tag vorbei iſt,“ ſagte Fanny mit troſtloſem Gähnen,„ſo wär ich überzeugt, daß dies der längſte Tag iſt. Ich habe nie einen ſolchen Tag erlebt.“ „Iſt das Dein Fächer, liebe Fanny?“ fragte Mr. Sparkler, indem er einen aufhob und ihn ihr hinreichte. „Edmund,“ entgegnete ſeine Gattin noch abgeſpannter, „komme mir nicht mit einfältigen Fragen, ich bitte Dich. Wem kann er gehören als mir?“ „Ja ich glaubte, er gehörte Dir,“ ſagte Mr. Sparkler. „Dann ſollteſt Du nicht fragen,“ gab Fanny zur Ant⸗ Der Abend eines langen Tages. 29 wort. Nach einer kleinen Weile drehte ſie ſich auf ihrem So⸗ pha um und rief aus„mein Gott, mein Gott, ein ſo langer Tag iſt mir noch nicht vorgekommen!“ Wieder nach einer kleinen Weile ſtand ſie langſam auf, ging im Zimmer auf und ab, und kam wieder zurück. „Meine Beſte,“ ſagte Mr. Sparkler, den ein genialer Ge⸗ danke durchzuckte„ich glaube, Du haſt Deine Laune.“ Aber ich bitte Dich!“ ſagte Mrs. Sparkler. „Angebetetes Mädchen,“ bat Mr. Sparkler,„verſuche Dei⸗ nen aromatiſchen Eſſig. Ich habe oft geſehen, daß ihn meine Mutter brauchte und daß er ſie ſehr erfriſchte. Und ſie, iſt wie Du gewiß weißt, eine merkwürdig ſchöne Frau mit keinem Un—“ „Grundgütiger Himmel!“ rief Fanny aus, wieder auf⸗ ſpringend, es geht doch über alle Geduld! Das iſt der lang⸗ weiligſte Tag, der jemals über der Welt aufgegangen iſt, deß bin ich gewiß!“ Mr. Sparkler ſah ihr eingeſchüchtert nach, wie ſie lang⸗ ſam im Zimmer auf und ab ging, und ſchien etwas außer Faſſung gekommen zu ſein. Als ſie ein paar Kleinigkeiten umhergeworfen und aus allen drei Fenſtern auf die dunkler werdende Straße hinuntergeblickt hatte, kehrte ſie wieder zu dem Sopha zurück und warf ſich auf die Kiſſen. „Nun Edmund, komm her! Rück ein wenig näher, weil ich Dich mit dem Fächer anrühren möchte, damit Du Dir das, was ich Dir jetzt ſagen will, ſehr zu Herzen nimmſt. So Nun iſt's nahe genug. O, wie groß und dick Du ausſiehſt.“ 30 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Mr. Sparkler bat wegen des Fehlers um Verzeihung, führte für ſich an, daß er nichts dafür könne und ſagte, daß „unſere Leute“ ohne näher zu bezeichnen, weſſen Leute ihn ge⸗ wöhnlich Quinbus fleſtrin junior oder den jungen Berg nannten. „Das hätteſt Du mir früher ſagen ſollen,“ beſchwerte ſich Fanny. „Meine Gute,“ entgegnete Mr. Sparker, faſt geſchmeichelt „ich wußte nicht, daß es Dich intereſſiren würde, ſonſt hätte ich es mir zur Pflicht gemacht, es Dir zu ſagen.“ „Ich bitte Dich um's Himmelswillen, ſprich nicht,“ ſagte Fanny;„ich will ſelbſt ſprechen. Edmund, wir dürfen nicht länger allein ſein. Ich muß Vorkehrungen treffen, um nicht wieder in eine ſo ſchreckliche Niedergeſchlagenheit zu verſin⸗ ken wie heute Abend.“ „Liebe Fanny,“ gab Mr. Sparkler zur Antwort;„da Du, wie Du recht wohl weißt, eine merkwürdig ſchöne Frau mit keinem—“ „O du gütiger Himmel!“ rief Fanny aus. Mr. Sparkler kam ſo außer Faſſung durch die Energie dieſes Ausrufs, den ein Auffahren vom Sopha und ein Wiederzurückwerfen in ſeine Kiſſen begleiteten, daß ein oder zwei Minuten verſtrichen, ehe er ſich in Stand geſetzt fühlte, erläuternd hinzuzuſetzen: „Ich meine, meine Gute, daß Jedermann weiß, daß Du gemacht biſt, in Geſellſchaft zu glänzen.“ „Dazu gemacht, in Geſellſchaft zu glänzen,“ gab Fanny — ,— —/— Der Abend eines langen Tages. 31 mit Gereiztheit zurück;„ja wahrhaftig und was geſchieht nun? Ich erhole mich kaum, was das Beſuchen betrifft, von der Erſchütterung über den Tod des armen guten Papa und meines armen Onkels,— obgleich ich mir nicht verhehle, daß letzteres eine glückliche Erlöſung war, denn wenn man nicht präſentabel iſt, ſo iſt es beſſer, man ſtirbt—“ „Du ſprichſt doch nicht von mir, hoffe ich,“ unterbrach ſie Mr. Sparkler beſcheiden. „Edmund, Edmund, Du könnteſt einen Heiligen unge⸗ duldig machen. Spreche ich nicht ausdrücklich von meinem armen Onkel?“ „Du ſahſt mich ſo ausdrucksvoll an, meine Gute, daß ich mich ein Wenig unbehaglich fühlte,“ ſagte Mr. Sparkler. „Jetzt haſt Du mich aus dem Text gebracht,“ bemerkte Fanny mit einer reſignirten Bewegung des Fächers,„und ich könnte eben ſo gut zu Bett gehen.“ „Das thue nicht, liebe Fanny,“ bat Mr. Sparkler. „Nimm Dir Zeit.“ Fanny nahn ſich ſehr viel Zeit. Sie legte ſich in die Kiſſen zurück mit geſchloſſenen Augen und die Augenbrauen mit einem hoffnungsloſen Ausdruck in die Höhe ziehend, als ob ſie ſich von allen irdiſchen Angelegenheiten vollſtändig losgeſagt hätte. Endlich ſchlug ſie ohne die leiſeſte War⸗ nung die Augen wieder auf und begann von Neuem mit kurzem, ſcharfen Tone: „Was geſchieht nun, frage ich? Was geſchieht— nun? Ich finde mich in demſelben Zeitpunkt, wo ich am meiſten in 32 Vierundzwanzigſtes Kapitel. der Geſellſchaft glänzen könnte, und aus ſehr gewichtigen Gründen am meiſten wünſchen würde, in der Geſellſchaft zu glänzen, in einer Lage, welche mich bis zu einem gewiſſen Grade unfähig macht, in Geſellſchaft zu gehen; es iſt zu arg, wahrhaftig!“ „Meine Gute,“ ſagte Mr. Sparkler,„ich glaube nicht, daß Du deshalb zu Hauſe zu bleiben brauchſt.“ „Edmund, Du lächerlicher Menſch,“ entgegnete Fanny mit großer Entrüſtung;„meinſt Du, eine Frau in der Blüthe ihrer Jugend und nicht ganz ohne perſönliche Reize kann ſich in einen ſolchen Wettſtreit mit einer ſolchen Frau einlaſſen, die in jeder andern Hinſicht unter ihr ſteht? Wenn Du Dir ſo Etwas denkſt, ſo iſt Deine Einfalt bewundernswürdig.“ Mr. Sparkler erlaubte ſich, zu bemerken, daß er geglaubt habe, es würde ſich wol ertragen laſſen. „Ertragen laſſen!“ wiederholte Fanny mit unermeßli⸗ chem Hohn. „Eine Zeit lang,“ erlaubte ſich Mr. Sparkler weiter zu bemerken. Ohne die letzte Bemerkung einer Beachtung zu würdigen, erklärte Mrs. Sparkler mit Bitterkeit, daß es wirklich zu arg ſei, und daß es wahrhaftig vollkommen genüge, den Wunſch lebendig zu machen, man wäre todt! „Aber,“ ſagte ſie, als ſie ſich einigermaßen von dem Be⸗ wußtſein, grauſam hingeopfert zu ſein, erholt hatte,„ſo är⸗ gerlich es iſt und ſo grauſam es zu ſein ſcheint, ſo glaube ich doch, man muß es ſich gefallen laſſen.“ Der Abend eines langen Tages. 33 „Vorzüglich, wenn man es erwarten mußte“, ſagte Mr. Sparkler. „Edmund,“ erwiderte ſeine Frau,„wenn Du nichts Paſ⸗ ſenderes zu thun weißt, als Dich zu bemühen, die Frau, welche Dir die Ehre erwieſen hat, Dir ihre Hand zu reichen, zu einem Zeitpunkte zu beleidigen, wo Widerwärtigkeit und Un⸗ glück ſie trifft, ſo glaube ich, thäteſt Du beſſer, zu Bett zu gehen!“ Mr. Sparkler war von dieſen Anſchuldigungen ſehr be⸗ trübt und erbot ſich zu einer höchſt zärtlichen und aufrich⸗ tigen Abbitte. Seine Abbitte ward angenommen, aber Mrs. Sparkler hieß ihn auf die andere Seite des Sopha's gehen und ſich hinter den Fenſtervorhang ſetzen, damit er ihren Augen weniger auffällig erſcheine. „Alſo Edmund,“ ſagte ſie, indem ſie ihren Fächer auf Armlänge ausſtreckte und ihn damit berührte,„was ich eben ſagen wollte, als Du wie gewöhnlich unnöthiges Zeug zu ſchwatzen anfingſt, iſt, daß ich gegen unſer beſtändiges Allein⸗ ſein hier Vorſorge treffen werde und daß, wenn Verhältniſſe mich abhalten, in Geſellſchaft zu gehen, wie ich es wünſche, ich die Einrichtung treffen muß, immer Jemanden hier zu haben; denn ich kann und mag nicht noch einen ſolchen Tag wie dieſen erleben.“ Mr. Sparkler's Meinung über den Plan war kurz gefaßt, daß kein Unſinn dabei ſei. Er ſetzte hinzu„und außerdem weißt Du, daß wahrſcheinlich eheſtens Deine Schweſter—“ Klein Dorrit. IX. 3 34 Vierundzwanzigſtes Kapitel. „Beſte Amy, ja wohl!“ rief Mrs. Sparkler mit einem zärtlichen Seufzer aus.„Das liebe Herzchen! Doch allein mit Amy gehts nicht.“ Mr. Sparkler wollte mit einem fragenden Nicht? antwor⸗ ten. Aber er erkannte die Gefahr und ſagte lieber zuſtimmend: „o nein. Gewiß nicht; allein mit ihr ging es nicht.“ „Nein, Edmund, denn nicht nur ſind die Tugenden des lieben Kindes von der ruhigen Art, daß ſie einen Gegenſatz fordern— daß ſie Leben und Bewegung um ſich verlangen, um ſie in ihren rechten Farben zu zeigen und zu machen, daß man ſie vor Allem liebt; aber ſie muß auch ein neues Leben anfangen, in mehr als einer Hinſicht.“ .„Das iſt's eben,“ ſagte Mr. Sparkler.„Sie muß ein neues Leben anfangen.“ „Ich bitte Dich, Edmund! Deine Gewohnheit zu unter⸗ brechen, ohne das Mindeſte zu ſagen zu haben, könnte Einen von Sinnen bringen. Das mußt Du Dir abgewöhnen. Alſo, um von Amy zu ſprechen;— mein armes liebes Herzchen liebte den armen Papa auf das Innigſte und hat gewiß ſeinen Tod ſehr beklagt und ſich ſehr darüber gehärmt. Es iſt mir auch ſo gegangen. Ich habe es ſchrecklich gefühlt. Aber Amy wird es jedenfalls noch mehr gefühlt haben, da ſie die ganze Zeit über an Ort und Stelle war, und den armen guten Papa bis zuletzt nicht verlaſſen hat: was ich leider nicht thun konnte.“ Hier hielt Fanny inne, um zu weinen und zu ſagen:„Lieber, guter, geliebter Papa! Wie echt Gentlemän⸗ niſch! Welch ein Gegenſatz zu dem armen Onkel!“ —,—— —,—— Der Abend eines langen Tages. 35 „Von den Folgen dieſer prüfungsvollen Zeit,“ fuhr ſie fort,„muß ſich mein Schweſterchen erholen. Auch von den Wirkungen der anſtrengenden Pflege, die ſie Edward während ſo vieler Wochen in ſeiner Krankheit hat angedeihen laſſen: eine Pflege, die noch nicht zu Ende iſt, ſondern noch einige Zeit dauern kann, beiläufig geſagt ein Verhältniß, das uns Allen viel Sorge macht, indem dadurch ein Aufſchub in der Ordnung der Geſchäftangelegenheiten unſers guten Papa's eingetreten iſt. Zum Glück iſt jedoch der Briefwechſel mit ſeinem Agenten unter Siegel und Verſchluß in derſelben Ge⸗ ſtalt hier erhalten, wie er ihn zurückließ, als er, wie von der Vorſehung berufen, nach England kam, und die Angelegen⸗ heiten ſtehen ſo, daß ſie warten können, bis mein Bruder Edward in Sicilien wieder geſund genug wird und ſich in den Stand geſetzt ſieht, herüber zu kommen und zu verwal⸗ ten oder in ſeine Cur zu nehmen, oder wie ſie es eigentlich nennen mögen, was er zu thun hat.“ „Er konnte keine beſſere Pflege haben,“ wagte Mr. Sparkler zu behaupten. „Wahrhaftig, dasmal kann ich mit Dir übereinſtimmen und ganz dieſelben Worte gebrauchen,“ antwortete ſeine Gattin und wendete matt ihre Augen nach ihm hin(gewöhn⸗ lich that ſie, als ob ſie mit dem Meublement des Salons ſpreche).„Er konnte keine beſſere Pflegerin haben. Es gibt Zeiten, wo meine liebe Kleine für einen an Thätigkeit ge⸗ wöhnten Geiſt ein wenig ermüdend iſt, aber als Kranken⸗ pflegerin iſt ſie vollkommen. Die gute Amy!“ 3* 36 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Uebermüthig geworden von ſeinem letzten Erfolge, be⸗ merkte Mr. Sparkler, daß Edward einen verwünſcht langen Tanz gehabt habe. „Wenn Tanz der Ausdruck für Krankheit in Eurem Kau⸗ derwelſch iſt, Edmund, ſo war dies allerdings der Fall,“ entgegnete Mrs. Sparkler.„Wenn es nicht andem iſt, ſo kann ich keine Meinung über die barbariſche Sprache äußern, in der Du zu Edwards Schweſter ſprichſt. Daß er das Malaria⸗ fieber bekam— entweder, weil er ununterbrochen Tag und Nacht nach Rom reiſte, wo er am Ende doch zu ſpät ankam, um den armen guten Papa noch vor ſeinem Tode zu ſehen— oder aus einer andern Urſache, iſt unzweifelhaft, wenn Du das meinſt. Auch daß ſein ausnehmend leichtſinniges Leben ihn ſehr ungeeignet gemacht hatte, einer ſolchen Krankheit zu widerſtehen.“ Mr. Sparkler kam das ganz ſo vor wie mit einigen un⸗ ſerer Leute in Weſtindien mit dem gelben Fieber. Mrs. Sparkler machte die Augen zu und wollte weder von unſern Leuten, noch von Weſtindien, noch von dem gelben Fieber Etwas wiſſen. „Deshalb muß Amy“ fuhr ſie fort, als ſie die Augen wieder aufſchlug,„von den Folgen ſo vieler anſtrengenden und ſorgenvollen Wochen geheilt werden. Auch muß ſie geheilt werden von einer auf's Niedrige ſich richtenden Ten⸗ denz, von der ich recht wohl weiß, daß ſie dieſelbe im Grund ihres Herzens hegt. Frage mich nicht, was es iſt, Edmund, weil ich es Dir nicht ſagen darf.“ Der Abend eines langen Tages. 37 „Ich werde nicht fragen, meine Liebe,“ ſagte Mr. Sparkler. „Ich werde daher mit meinem lieben Kinde Viel zu thun haben,“ fuhr Mrs. Sparkler fort„und ſie kann nicht zu früh hierher kommen, das liebenswürdige, herzensgute kleine We⸗ ſen! Was das Ordnen von den Angelegenheiten unſeres guten Papa's betrifft, ſo habe ich daran kein ſehr ſelbſtſüch⸗ tiges Intereſſe. Papa hat ſich ſehr anſtändig gegen mich be⸗ nommen, als ich heirathete und ich habe Wenig oder Nichts zu erwarten. Vorausgeſetzt, daß er kein rechtsgültiges Teſta⸗ ment gemacht hat, das Mrs. General Etwas vermacht, bin ich zufrieden. Guter Papa, guter Papa!“ Sie weinte wieder, aber Mrs. General brachte ſie raſch wieder zu ſich. Der Name veranlaßte ſie bald, ſich die Augen zu trocknen und zu ſagen: „Es war eine ſehr ermuthigende Erſcheinung in Edwards Krankheit, dem Himmel ſei Dank, und rechtfertigt die größte Zuverſicht, daß ſein Geiſt geſund geblieben und ſein Selbſt⸗ bewußtſein nicht gebrochen iſt— wenigſtens zu der Zeit, wo der gute Papa ſtarb,— daß er Mrs. General auf der Stelle abgelohnt und fortgeſchickt hat. Dafür gebührt ihm mein ganzer Beifall. Ich könnte ihm Viel vergeben, daß er ſo raſch und entſchloſſen genau das gethan hat, was ich ſelbſt für ihn thun würde!“ Mrs. Sparkler ſchwelgte noch im vollen Genuß ihrer Befriedigung, als man ein doppeltes Klopfen an der Thür hörte. Ein ſehr ſeltſames Klopfen. Leiſe, als ſollte es keinen 38 Vierundzwanzi gſtes Kapitel. Lärm machen und keine Aufmerkſamkeit erregen. Lange an⸗ haltend, als ob der Klopfende in Gedanken verſunken wäre unnd außzuhören vergäße. „Hallo!“ ſagte Mr. Sparkler,„wer iſt das!“ „Doch nicht Amy und Edward, ohne vorher Nachricht zu geben, und ohne einen Wagen!“ ſagte Mrs. Sparkler. „Sieh doch hinaus.“ Im Zimmer war es dunkel, aber auf den Straßen heller wegen der Laternen. Wie Mr. Sparkler über den Balcon hinabguckte, ſah ſein Kopf ſo groß und ſchwer aus, daß er auf dem Punkt zu ſtehen ſchien, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen und den Unbekannten unten zu zerſchmettern. „s iſt ein Mann,“ ſagte Mr. Sparkler.„Ich kann nicht erkennen, wer es iſt— doch wart'!“ Er ging gleich wieder hinaus auf den Balkon und ſah noch einmal hinunter. Als die Thür unten geöffnet ward, kam er wieder herein und meldete, er glaube, er habe„den Hut ſeines Alten,“ erkannt. Er irrte ſich nicht, denn ſein Alter, den Hut in der Hand, ward gleich darauf eingeführt. „Lichter!“ ſagte Mrs. Sparkler und entſchuldigte die Dunkelheit. „Es iſt hell genug für mich,“ ſagte Mr. Merdle. Als man die Lichter brachte, ſah man Mr. Merdle hinter der Thür ſtehen und ſich an den Lippen zupfen.„Ich dachte, ich wollte Euch einen Beſuch machen,“ ſagte er.„Ich bin jetzt gerade ziemlich beſchäftigt, und da ich gerade einen Spa⸗ ziergang machte, dachte ich, ich wollte Euch beſuchen.“ Der Abend eines langen Tages. 39 Da er für ein Diner angekleidet war, fragte Fanny, wo er dinirt habe. „Eigentlich habe ich nirgends dinirt,“ ſagte Mr. Merdle. „Natürlich haben Sie geſpeiſt?“ ſagte Fanny. „Hm— nein— eigentlich habe ich nicht geſpeiſt,“ ſagte Mr. Merdle. Er ſtrich mit der Hand über die gelbe Stirn und über⸗ legte, als ob er es nicht ganz genau wüßte. Man bot ihm Etwas zu eſſen an.„Nein, ich danke,“ ſagte Mr. Merdle, „ich habe keinen beſondern Appetit. Ich war mit Mrs. Merdle zum Diner gebeten. Aber da ich keinen Appetit hatte, ließ ich Mrs. Merdle allein gehen, als wir in den Wagen ſtei⸗ gen wollten, und ich dachte, ich wollte lieber einen Spa⸗ ziergang machen.“ Wollte er Thee oder Kaffee haben?„Nein, ich danke,“ ſagte Mr. Merdle, ich war einen Augenblick im Club und habe eine Flaſche Wein getrunken.“ Mr. Merdle nahm jetzt Platz auf dem Stuhl, den Mr. Sparkler ihm angeboten hatte und den er bis dahin langſam vor ſich hergeſchoben hatte, wie Jemand, der Schlittſchuhe zum erſten Male anhat und ſich nicht entſchließen kann, zu laufen. Er ſetzte jetzt ſeinen Hut auf einen Stuhl neben ſich, ſah hinein, als ob er wol zwanzig Fuß tief wäre und wie⸗ derholte:„ich dachte, ich wollte Euch einen Beſuch machen.“ „Sehr ſchmeichelhaft für uns,“ ſagte Fanny,„denn Sie machen ſonſt eben nicht viel Beſuche.“ „N— nein,“ gab Mr. Merdle zur Antwort, der ſich . 40 Vierundzwanzigſtes Kapitel. jetzt in beiden Aermeln in Haft nahm.„Nein, ich mache eben nicht viel Beſuche.“ „Sie haben dazu zu Viel zu thun“, ſagte Fanny.„Da Sie ſo Viel zu thun haben, Mr. Merdle, iſt Verluſt des Appetits für Sie eine ernſthafte Sache und Sie dürfen es nicht ſo hingehen laſſen. Sie dürfen nicht krank werden.“ „O! ich befinde mich ſehr wohl,“ erwiderte Mr. Merdle, nachdem er es ſich überlegt hatte.„Ich fühle mich ſo wohl als ich wünſche.“ Der große Mann des Jahrhunderts, getreu ſeiner Eigen⸗ thümlichkeit, zu allen Zeiten ſo Wenig als möglich für ſich zu ſagen zu haben und dieſes Wenige ſehr ſchwer herauszu⸗ bringen, verſtummte wieder. Mrs. Sparkler fing an, ſich zu wundern, wie lange der große Mann wol bleiben würde. „Wir ſprachen eben vom armen Papa, als Sie eintraten, Sir.“ „So? ein merkwürdiges Zuſammentreffen,“ ſagte Mr. Merdle. Fanny ſah das nicht ein, hielt es aber doch für ihre Pflicht, das Geſpräch fortzuſetzen.„Ich ſagte eben,“ fuhr ſie fort,„daß die Krankheit meines Bruders die Ordnung der Vermögensverhältniſſe meines Vaters verzögert hätte.“ „Ja,“ ſagte Mr. Merdle; ja. Sie hat ſich verzögert.“ „Nicht daß es von Wichtigkeit wäre,“ ſagte Fanny. „Nein,“ ſtimmte Mr. Merdle bei, nachdem er den Kar⸗ nies des Zimmers rund herum gemuſtert hatte;„nicht daß es von Wichtigkeit wäre.“ Der Abend eines langen Tages. 41 „Das Einzige, was mir am Herzen liegt,“ ſagte Fanny, „iſt, daß Mrs. General Nichts bekommt.“ „Die wird Nichts bekommen.“ Fanny war erfreut, ihn dieſe Meinung ausſprechen zu hören. Nachdem Mr. Merdle noch einmal in die Tiefen ſeines Hutes geblickt hatte, als ob er auf dem Boden deſſelben Etwas zu ſehen glaubte, fuhr er ſich in die Haare und hängte ſeiner letzten Bemerkung langſam die beſtätigenden Worte an:„oGott nein. Nein. Die nicht. Sehr unwahrſcheinlich.“ Da dieſer Gegenſtand erſchöpft zu ſein ſchien und auch Mr. Merdle, ſo fragte ihn Fanny, ob er Mrs. Merdle und den Wagen unterwegs abholen würde. „Nein,“ gab er zur Antwort; nich gedenke den kürzeſten Weg zu gehen und Mrs. Merdle—“ hier ſah er ſich ganz genau die Flächen ſeiner beiden Hände an, als ob er ſich ſein Schickſal wahrſagte—„für ſich ſelbſt ſorgen laſſen. Ich glaube, es wird ihr nicht ſchwer werden.“ 7 „Gewiß nicht,“ ſagte Fanny. 2 Ein langes Schweigen folgte; während deſſelben legte ſich Mrs. Sparkler wieder in ihr Sopha zurück, ſchloß die Augen und zog die Augenbrauen in die Höhe, ganz wie vorhin ſich von den Angelegenheiten dieſer Welt ganz und gar zurückziehend. „Aber ich halte Sie und mich auf,“ ſagte Mr. Merdle. „Ich dachte, ich wollte Euch einen Beſuch machen.“ „Sehr geſchmeichelt, gewiß,“ ſagte Fanny. Vierundzwanzigſtes Kapitel. „So will ich denn gehen,“ ſprach Mr. Merdle und ſtand auf.„Könnten Sie mir ein Federmeſſer leihen?“ Es ſei doch drollig, bemerkte Fanny lächelnd, daß ſie, die ſich ſelten nur dahin bringen könnte, einen Brief zu ſchreiben, einen Mann von ſo weltumfaſſenden Geſchäften, wie Mr. Merdle, Etwas leihen ſollte. „Nicht wahr?“ ſtimmte Mr. Merdle bei;„aber ich brau⸗ che eins; und ich weiß, daß Sie verſchiedene kleine Hochzeits⸗ geſchenke bei der Hand haben mit Scheeren und Zangen und ſolchen Dingen darin. Sie ſollen es morgen zurückhaben.“ „Edmund,“ ſagte Mrs. Sparkler,„mach einmal(aber ich bitte Dich inſtändigſt, ſei vorſichtig, denn Du biſt ſo ungeſchickt) das Perlmutterkäſtchen auf dem Tiſchchen dort auf und gib Mr. Merdle das Perlmutterfedermeſſer.“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte Mr. Merdle;„aber wenn Sie eins mit einem dunklern Griff hätten, ſo würde es mir lieber ſein.“ „Schildkrot?“ „Ich danke,“ ſagte Mr. Merdle;„ja. Ich glaube Schild⸗ krot würde mir lieber ſein.“ Edmund empfing demnach Befehl, das Schildkrot⸗Käſt⸗ chen aufzumachen und Mr. Merdle das Schildkrotfedermeſſer zu geben. Während er den Befehl ausführte, ſagte ſeine Frau huldreich zu dem großen Manne:„ich werde Ihnen verzeihen, wenn Sie einen Tintenfleck darauf machen ſollten.“ „Ich verſpreche Ihnen, keinen Tintenfleck darauf zu machen,“ ſagte Mr. Merdle. 4 8 —— IIIXXX Der Haushofmeiſter gibt die Amtsſiegel zurück. 43 Der große Mann ſtreckte jetzt ſeinen Aermelaufſchlag vor und begrub für einen Augenblick Mrs. Sparklers Hand bis zum Armband darin. Wo ſich ſeine eigene Hand hinverlor, ließ ſich nicht erkennen, aber Mrs. Sparkler konnte ſie ſo wenig fühlen, als ob er ein hochverdienter Chelfeaveteran oder Greenwichpenſionär geweſen wäre. Durch und durch überzeugt, wie er das Zimmer verließ, daß dies der längſte Tag ſei, der jemals zu Ende gegangen und daß es keine Frau gebe, die, nicht ganz ohne perſönliche Reize, ſo von einfältigen und langweiligen Leuten gequält würde, trat Fanny auf den Balkon hinaus, un friſche Luft zu ſchöpfen. Thränen des Verdruſſes füllten ihre Augen; und ſie ſah durch ihren Schleier den berühmten Mr. Merdle, wie er die Straße hinabging, ſpringen und walzen und ſich drehen, als wäre er von mehreren Teufeln beſeſſen. Fünfundzmanzigätes Kanitel. Der Haushofmeiſter gibt die Amtsſiegel zurück. Das Diner war bei dem berühmten Arzte. Der Advo⸗ kat war dort und im vollen Glanze. Ferdinand Barnacle war dort in ſeiner gewinnendſten Erſcheinung. Wenige Wege des Lebens waren dem Arzte verborgen und er betrat 44 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. ſeine dunkelſten Stellen ſogar öfter als der Biſchof. Es gab glanzvolle Damen in London, die ganz in ihn verliebt waren und ihn den reizendſten Mann und den liebenswürdigſten Mann nannten, und die geſchaudert hätten, neben ihm zu ſtehen, wenn ſie gewußt hätten, was dieſe nachdenklichen Augen vor ein oder zwei Stunden geſehen und in welchen Stuben ſeine ruhige Geſtalt geſtanden hatte. Aber der Arzt war ein ruhiger Mann, der weder auf ſeiner eigenen Trom⸗ pete blies, noch auf den Trompeten anderer Leute. Viele wunderbare Dinge ſah und hörte er, und unter manchen un⸗ verſöhnlichen ſittlichen Widerſprüchen verbrachte er ſein Le⸗ ben; aber ſein Mitleid blieb ſich gleich, wie das des gött⸗ lichen Meiſters aller Heilkunſt. Er kam wie der Regen zu den Gerechten und Ungerechten, that ſo viel Gutes, als er konnte und verkündete es weder in den Synagogen noch an den Straßenecken. Wie kein Mann von ausgebreiteter Menſchenkenntniß, ſo wenig er ſich auch damit brüſtet, anders als eigenthümlich intereſſant durch den Beſitz dieſer Kenntniß ſein kann, ſo war auch der Arzt ein anziehender Mann. Selbſt die über⸗ zarten Herren und Damen, die keinen Begriff von ſeinem Geheimniß hatten und die vor Schrecken um mehr Ver⸗ ſtand, als ſie hatten, gekommen wären, wenn er ihnen den entſetzlich unanſtändigen Vorſchlag gemacht hätte, mit ihm zu kommen und zu ſehen, was er ſah, gaben zu, daß er anziehend ſei. Wo er war, war etwas Wirkliches. Und ein halbes Gran Wirklichkeit gibt wie der kleinſte Theil einiger andern kaum Der Haushofmeiſter gibt die Amtsſiegel zurück. 45 natürlichen Producte einem unermeßlichen Quantum Ver⸗ dünnungsſtoffe Geſchmack. Daher kam es, daß die kleinen Diners des Arztes die Leute immer in ihrem wenigſt conventionellen Lichte darſtell⸗ ten. Die Gäſte ſagten ſich unbewußt oder nicht„hier iſt ein Mann, der uns wirklich kennt, wie wir ſind, der einige von uns jeden Tag ohne Perrücken und Schminke ſieht, der die Phantaſien unſeres Geiſtes hört und den unverſchleierten Ausdruck unſerer Geſichter ſieht, wenn wir über beide keine Macht mehr haben; wir können im Umgang mit ihm uns eben ſo gut etwas mehr der Wirklichkeit gemäß zeigen, denn er hat die Vorhand vor uns und iſt uns zu ſtark.“ Daher waren die Gäſte des Arztes ſo wunderbar ungenirt an ſeinem runden Tiſch, daß ſie faſt natürlich waren. Der Advokat war als Kenner des bunten Haufens Ge⸗ ſchworner, den man die Menſchheit nennt, ſo ſcharf wie ein Raſirmeſſer; aber ein Raſirmeſſer iſt kein Inſtrument von allgemeiner Anwendbarkeit und des Arztes einfaches blankes Sezirmeſſer war, obgleich viel weniger ſcharf, zu unendlich mehr Zwecken zu gebrauchen. Der Advokat wußte ganz genau, wie leicht die Menſchen zu betrügen ſind, und wie gern ſie betrügen; aber der Arzt hätte ihm in einer einzigen Woche ſeiner Rundgänge einen beſſern Einblick in die war⸗ men und liebreichen Gefühle ihrer Herzen geben können, als Weſtminſterhall und alle Aſſiſen im ganzen Lande in ſiebzig Jahren. Der Advokat hatte immer eine Ahnung davon und beſtärkte ſie vielleicht gern.(Denn wenn die Welt wirk⸗ 46 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. lich ein großer Gerichtshof wäre, ſo ſollte man meinen, der letzte Aſſiſentag könnte nicht früh genug kommen); und ſo hatte er den Arzt eben ſo gern und achtete ihn eben ſo ſehr wie jede andere Klaſſe von Menſchen. Mr. Merdle's Ausbleiben ließ einen Banquoſtuhl am Tiſche; aber wenn er auch da geweſen wäre, ſo wäre er eben nur Banquo darauf geweſen und er war demnach kein Ver⸗ luſt. Der Advokat, der allerlei Endchen und Fädchen um Weſtinſterhall ſammelte, ungefähr wie ein Rabe, wenn der ſo viel von ſeiner Zeit dort zugebracht hätte, hatte in den letzten Tagen manchmal die Strohhalme dort aufgeleſen und in die Luft geworfen, um zu ſehen, woher der Merdlewind blieſe. Er ſprach jetzt ein paar Worte über die Sache mit Mrs. Merdle, der er ſich natürlich mit ſeinem doppelten Augenglas und ſeinen Kopfneigen für Geſchworene genähert hatte. „Ein gewiſſer Vogel,“ ſagke der Advokat— und er ſah aus, als ob es kein anderer Vogel geweſen ſein könnte, als eine Elſter—„hat neuerdings unter uns Advokaten gezwi⸗ tſchert, daß die betitelten Perſonen dieſes Reichs eine Ver⸗ mehrung erhalten ſollten.“ „Wirklich!“ ſagte Mrs. Merdle. „Ja,“ ſagte der Advokat.„Hat nicht der Vogel noch in ganz andere Ohren, als in die unſrigen gezwitſchert— in ein ſchönes Ohr!“ Er betrachtete ausdrucksvoll Mrs. Merdle's nächſten Ohrring. „Meinen Sie mich?“ fragte Mrs. Merdle. Der Haushofmeiſter gibt die Amtsſiegel zurück. 47 „Wenn ich ſage, ſchön,“ ſagte der Advokat,„ſo meine ich ſtets Sie.“ „Ich glaube, Sie meinen nie Etwas,“ entgegnete Mrs. Merdle, nicht ohne geſchmeichelt zu ſein. „O, wie grauſam ungerecht!“ ſagte der Advokat.„Aber der Vogel.“ „Ich bin die letzte Perſon in der Welt, die etwas Neues hört,“ bemerkte Mrs. Merdle gleichgültig.„Wer iſt es?“ „Was für eine bewunderungswürdige Zeugin würden Sie abgeben!“ ſagte der Advokat.„Keine Jury(außer wenn wir eine aus Blinden zuſammenſetzten) könnte Ihnen wider⸗ ſtehen. Selbſt wenn Sie noch ſo ſchlecht ausſagten; aber Sie würden ſo eine gute Zeugin ſein!“ „Warum, Sie lächerlicher Menſch?“ fragte Mrs. Merdle lachend. Der Advokat bewegte ſein doppeltes Augenglas drei oder viermal zwiſchen ſich und dem Buſen und fragte mit ſeinem einſchmeichelndſten Tone: „Wie werde ich die eleganteſte, hochgebildetſte und rei⸗ zendſte aller Damen in wenig Wochen oder vielleicht in we⸗ nig Tagen zu nennen haben!“ „Hat es Ihnen Ihr Vogel nicht geſagt?“ gab Mrs. Merdle zur Antwort.„Fragen ſie ihn morgen und ſagen Sie mir das nächſte mal, wo Sie mich ſehen, was er Ihnen er⸗ zählt!“ Das führte noch zu einigen weitern ſcherzenden Schar⸗ mützeln ähnlicher Art zwiſchen den Beiden; aber der Advo⸗ 48 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. kat konnte mit aller ſeiner Schlauheit nichts herausbringen. Der Arzt dagegen, der Mrs. Merdle hinunter zu ihrem Wagen brachte und ihr half, den Mantel umzunehmen, erkundigte ſich nach den Symptomen mit ſeiner gewöhnlichen Geradheit. „Darf ich fragen, ob es wahr iſt mit Merdle?“ ſagte er. „Lieber Doctor,“ gab ſie zurück,„Sie legen mir dieſelbe Frage vor, die ich Ihnen vorzulegen faſt Luſt hatte.“ „Mir! Warum mir?“ „Wahrhaftig, ich glaube, Mr. Merdle ſchenkt Ihnen grö⸗ ßeres Vertrauen als ſonſt Jemandem.“ „Im Gegentheil, er ſagt mir geradezu nichts, ſelbſt nicht als Arzt. Sie haben natürlich von dem Gerede gehört?“ „Natürlich. Aber Sie kennen Mr. Merdle. Sie wiſſen, wie ſchweigſam und zugeknöpft er iſt. Ich verſichere Ihnen, ich weiß nicht im Mindeſten, ob Grund dafür vorhanden iſt. Ich wollte, es wäre wahr; warum ſollte ich das Ihnen ge⸗ genüber leugnen! Sie würden es doch beſſer wiſſen?“ „Allerdings,“ ſagte der Arzt. „Aber ob es ganz wahr, oder nur zum Theil wahr, oder reine Erfindung iſt, bin ich ganz außer Stande, zu ſa⸗ gen. Es iſt eine verdrießliche, ſogar eine ärgerliche Lage; aber Sie kennen Mr. Merdle, und werden ſich nicht darüber wundern.“ Der Arzt wunderte ſich nicht darüber, half ihr in den Wagen und wünſchte ihr gute Nacht. Er blieb einen Augen⸗ blick in der Thür ſeines Hauſes ſtehen, und ſah mit nach⸗ denklicher Ruhe der eleganten Equipage nach, wie ſie davon Der Haushofmeiſter gibt die Amtsſiegel zurück. 49 rollte. Als er wieder oben war, gingen die übrigen Gäſte auch bald und er war wieder allein. Da er in jedem Fache der Literatur Viel las(und es fiel ihm nicht ein, ſich wegen der Schwäche zu entſchuldigen), ſo ſetzte er ſich noch zu einer ruhigen Lectüre hin. Die Uhr auf ſeinem Studirtiſch zeigte ein paar Minu⸗ ten vor Zwölf, als ein Schellen an der Hausthürklingel ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Als ein Mann von einfachen Lebensgewohnheiten hatte er die Dienerſchaft zu Bett ge⸗ ſchickt und mußte nun ſelbſt hinuntergehen, um die Thür zu öffnen. Er ging hinab und fand einen Mann ohne Hut oder Rock, die Hemdärmel bis an die Achſel aufgekrempelt, unten warten. Einen Augenblick glaubte er, der Mann kom⸗ me von einer Schlägerei: umſomehr, da er ſehr aufgeregt und außer Athem war. Ein zweiter Blick zeigte ihm jedoch, daß der Mann beſonders reinlich und an ſeinem Anzug nichts weiter in Unordnung war, als eben erwähnt worden. „Ich komme aus dem Badehauſe, Sir, hier in der Straße nebenan.“ „Und was iſt mit dem Badehaus?“ „Wollen Sie ſo gut ſein, gleich hinzukommen, Sir. Wir fanden dies hier auf dem Tiſch liegen.“ Er legte dem Arzte einen Zettel in die Hand. Der Arzt warf einen Blick darauf und las ſeinen Namen und ſeine Adreſſe mit Bleiſtift geſchrieben; weiter nichts. Er ſah ſich die Schrift genauer an, ſah ſich den Mann an, nahm ſeinen Klein Dorrit. IX. 4 50 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Hut von einem Haken, ſteckte den Hausthürſchlüſſel in die Taſche und ſie eilten miteinander fort. Als ſie das Badehaus erreichten, erwarteten ſie alle an⸗ dern zu der Anſtalt gehörigen Leute an der Thür oder rann⸗ ten in den Gängen auf und ab.„Laſſen Sie Niemanden weiter nachkommen,“ ſagte der Arzt laut zu dem Herrn,„und führen Sie mich geradewegs hin, Freund,“ zu dem Boten. Der Bote eilte ihm voraus an einer Reihe kleiner Zim⸗ mer vorüber bis an das letzte, um deſſen Thür er herum⸗ blickte. Der Arzt folgte ihm auf dem Fuße und ſah auch zur Thür hinein. In der einen Ecke war ein Bad, aus dem man das Waſſer in Eile abgelaſſen hatte. Darin lag, wie in einem Grab oder einem Sarkophag, flüchtig mit einem Betttuch zu⸗ gedeckt, ein plumpgebauter Mann mit einem dicken Kopf und mit groben, gemeinen Zügen. Oben an der Decke war ein Fenſter aufgemacht, um den Waſſerdunſt aus dem Zimmer hinauszulaſſen; aber er hing, zu Waſſertropfen, niederge⸗ ſchlagen, noch ſchwer an den Wänden und auf dem Geſicht und der Geſtalt im Bade. Das Zimmer und der Marmor des Bades waren noch warm; aber das Geſicht und die Ge⸗ ſtalt waren kalt anzufühlen. Der weiße Marmor auf dem Boden des Bades war mit Adern vom grauenhaften Roth⸗ durchzogen. Auf dem Rande der Vertiefung ſah man ein geleertes Laudanumfläſchchen und ein Federmeſſer mit einem Schildkrotgriff— befleckt, aber nicht mit Tinte. „Trennung der Jugularis— raſcher Tod— mindeſtens Der Haushofmeiſter gibt die Amtsſiegel zurück. 51¹ ſchon eine halbe Stunde todt.“ Dieſer Widerhall der Worte des Arztes ſchallte durch die Gänge und Zimmerchen und durch das Haus, noch während er ſich wieder in die Höhe richtete, denn er hatte ſich gebückt, um hinunter auf den Bo⸗ den des Bades zu reichen und noch während er ſich die Hände im Waſſer abſpülte, ſo daß dieſes röthliche Adern durchzogen, wie den Marmor, ehe Alles zu Einer Farbe ſich miſchte. Er wandte ſeine Blicke auf die Kleider auf dem Sopha, und auf die Uhr, das Geld und die Brieftaſche auf dem Tiſche. Halb aus der Brieftaſche hervor guckte die Ecke eines zuſam⸗ mengefalteten Zettels. Er ſah ihn an, zog ihn ein Wenig 4 weiter heraus, ſagte ruhig:„er iſt an mich adreſſirt,“ machte ihn auf und las ihn. Er hatte keine Anweiſungen zu ertheilen. Die Leute im Hauſe wußten, was ſie zu thun hatten. Die geeigneten Amts⸗ perſonen fanden ſich bald ein; und ſie nahmen in gleich⸗ müthiger, geſchäftsmäßiger Weiſe Beſitz von dem Todten und was ihm gehört hatte, eben ſo ruhig und gefaßt, wie man eine Uhr aufzuziehen pflegt. Der Arzt war froh, wieder in die Nachtluft hinaustreten zu können— war ſogar froh, trotz ſeiner großen Erfahrung, Gelegenheit zu finden, ſich einen Augenblick auf einer Treppenſtufe vor einer Hausthür auszuruhen: ſo hatte es ihn erſchüttert. Der Advokat war ſein Nachbar und als er an dem Hauſe vorüberkam, ſah er Licht in dem Zimmer, wo, wie er wußte, ſein Freund noch oft ſpät arbeitete. Da dort nie 4* 52 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Licht war, wenn der Advokat ſich nicht in dem Zimmer be⸗ fand, ſo gab ihm dies eine Verſicherung, daß der Advokat noch nicht zu Bett ſei. In der That hatte der fleißige Mann morgen einen Wahrſpruch gegen die Zeugenausſagen zu er⸗ langen und benutzten die goldenen Morgenſtunden, um den Herren Geſchwornen Fallſtricke zu legen. Das Klopfen des Arztes überraſchte den Advokaten; aber da er ſofort argwöhnte, Jemand komme, um ihm zu ſagen, daß ein anderer Jemand ihn beſtehlen oder ander⸗ weitig bevortheilen wolle, kam er ſogleich geräuſchlos her⸗ unter. Er hatte ſich den Kopf mit kaltem Waſſer gekühlt als gute Vorbereitung, morgen den Geſchwornen die Köpfe warm zu machen, und hatte den Hemdkragen weit zurück⸗ geſchlagen, um den Hals frei zu machen, damit er morgen um ſo beſſer den Gegenzeugen an den Hals könnte. Er ſah da⸗ her etwas verſtört aus. Als er den Arzt erblickte, den er am allerwenigſten erwartete, wurde ſein Geſicht noch verſtörter und er fragte„was gibts?“ „Sie fragten mich einmal, was Merdle fehlte.“ „Merkwürdige Antwort! Ich erinnere mich deſſen.“ „Ich ſagte Ihnen, ich wüßte es noch nicht.“ „Ja. Ich erinnere mich deſſen.“ „Ich weiß es jetzt.“ „O Gott!“ ſagte der Advokat, erſchrocken zurücktretend und die Hand auf die Bruſt des Andern legend„Und ich weiß es jetzt auch! Ich leſe es in Ihrem Geſicht.“ Sie traten in das nächſte Zimmer, wo der Arzt ihm den Der Haushofmeiſter gibt die Amtsſiegelzurück. 53 Brief zu leſen gab. Er las ihn wol ein halb Dutzend mal durch. Er war nicht lang; aber er nahm ſeine Aufmerkſam⸗ keit dauernd in Anſpruch. Er konnte nicht genug ſein Be⸗ dauern ausſprechen, den Faden in dieſes Labyrinth nicht ſelbſt gefunden zu haben. Die leiſeſte Andeutung, ſagte er, würde ihm genügt haben und welcher Meiſterſtreich wäre es geweſen, dieſen Fall zu ergründen! Der Arzt hatte es übernommen, die Nachricht nach Har⸗ leyſtreet zu bringen. Der Advokat fühlte ſich außer Stande, ſogleich wieder zu ſeinen Verlockungen der aufgeklärteſten und merkwürdigſten Jury zurückzukehren, die er jemals auf dieſer Bank geſehen, Männer, müßte er ſeinem gelehrten Freund ſagen, die ſich von keiner ſeichten Sophiſterei täuſchen, von keiner leider mißbrauchten advokatoriſchen Geſchicklichkeit hin⸗ tergehen laſſen würden(ſo gedachte er anzufangen); deshalb ſagte er, er wollte ſeinen Freund begleiten und in der Nähe des Hauſes auf und ab gehen, während der Arzt drinnen war. Sie gingen zu Fuß hin, um in der friſchen Luft ihre Faſſung um ſo eher wieder zu erlangen; und die Fittige des Tages verſcheuchten ſchon die Nacht, als der Arzt an die Thür klopfte. Ein regenbogenfarbener Bedienter war, auf den Herrn wartend, wach geblieben— d. h. er ſaß in der Küche im feſten Schlaf vor ein Paar Lichtern und einer Zeitung, und zeigte die große Anhäufung mathematiſcher Wahrſcheinlich⸗ keiten für die Möglichkeit, ein Haus durch Zufall in Brandzu ſtecken. Als dieſer Bediente geweckt war, hatte der Arzt noch 54 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. das Wecken des Haushofmeiſters abzuwarten. Endlich er⸗ ſchien dieſer hohe Herr im flanellenen Schlafrock und Schuhen von Tuchſchroten im Speiſezimmer; aber mit der hohen Halsbinde um, und vom Kopf bis zu den Füßen Haus⸗ hofmeiſter. Es war jetzt Morgen. Der Arzt hatte während des Wartens die Laden eines Fenſters geöffnet, um das Licht ſehen zu können. „Sie müſſen Mrs. Merdle's Kammerjungfer rufen und ihr ſagen, Mrs. Merdle zu wecken und ſie ſo vorſichtig wie möglich auf mein Kommen vorzubereiten. Ich habe Schreck⸗ liches mitzutheilen.“ So der Arzt zu dem Haushofmeiſter. Letzterer, der ein Licht in der Hand hatte, rief ſeinen Bedienten, es fortzuneh⸗ men. Dann trat er voll Würde ans Fenſter, allem Anſchein nach die Nachricht des Arztes genau ſo aufnehmend, wie er in dieſem ſelbigen Zimmer die Diners aufgenommen hatte. „Mr. Merdle iſt todt.“ „Dann möchte ich in vier Wochen abgehen,“ ſagte der Oberhofmeiſter. „Mr. Merdle hat ſich das Leben genommen.“ „Sir,“ ſagte der Haushofmeiſter,„das iſt ſehr unange⸗ nehm für die Gefühle eines Mannes in meiner Stellung, denn es iſt geeignet, Vorurtheile zu erwecken; und am lieb⸗ ſten wäre es mir, gleich abzugehen.“ „Sind Sie nicht erſchüttert, ſind Sie nicht erſtaunt Menſch?“ fragte ihn der Arzt mit Wärme. Hochaufgerichtet und ruhig ſprach der Oberhofmeiſter Der Haushofmeiſter gibt die Amtsſiegel zurück, 55 die denkwürdigen Worte:„Sir, Mr. Merdle war nie der Gentleman und kein ungentlemaniſches Benehmen von Sei⸗ ten Mr. Merdle's kann mich in Erſtaunen ſetzen. Kann ich ſonſt Jemand zu Ihnen ſchicken, oder haben Sie ſonſt noch Et⸗ was zu befehlen oder zu wünſchen, ehe ich gehe?“ Als der Arzt, nachdem er ſeinen Auftrag oben erfüllt, wieder zu dem Advokaten auf die Straße kam, ſagte er von ſeiner Unterredung mit Mrs. Merdle weiter nichts, als daß er ihr noch nicht Alles mitgetheilt habe, daß ſie aber das, was er ihr mitgetheilt, mit vieler Faſſung getragen⸗ Der Advokat hatte die freie Zeit auf der Straße der Erbauung einer höchſt ſinnreichen Falle gewidmet, um ſämmtliche Ge⸗ ſchworne auf einmal zu fangen; und da ihm nun dieſer Gegenſtand von der Seele genommen war, konnte er ſich un⸗ befangen mit der letzten Cataſtrophe beſchäftigen. Sie gingen langſam mit einander nach Hauſe und beſprachen ſie nach allen Richtungen hin. Ehe ſie ſich an der Thür des Arztes von einander trennten, ſahen ſie Beide hinauf zu dem ſon⸗ nenhellen Morgenhimmel, zu welchem der Rauch von ein paar frühzeitigen Heerdfeuern und der Athem und die Stim⸗ men von ein paar Frühaufſtehern friedlich emporſtiegen und blickten dann auf die Rieſenſtadt und ſagten: Wenn Alle dieſe Hunderte und Tauſende von zu Bettlern geworde⸗ nen Menſchen, die jetzt noch ſchlafen, nur wiſſen könnten, wie ſie Beide, welches Verderben über ihnen ſchwebte, welch ent⸗ ſetzlicher Schrei gegen eine elende Menſchenſeele würde dann zum Himmel hinaufſchallen! 56 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Das Gerücht von dem Tode des großen Mannes verbrei⸗ tete ſich mit erſtaunlicher Schnelligkeit. Anfangs war er an allen Krankheiten geſtorben, die jemals bekannt waren und an verſchiedenen nagelneuen Krankheiten, die man mit Blitzesſchnelligkeit für die Gelegenheit erfunden hatte. Er hatte von Kindheit an eine Waſſerſucht verheimlicht, er hatte vom Großvdater ein großes Gut Waſſer auf der Bruſt geerbt, er hatte ſich jeden Morgen ſeines Lebens während der letzten achtzehn Jahre einer Operation unterworfen, er hatte an dem Platzen wichtiger Adern in ſeinem Körper(nach der Art von Feuerwerken) gelitten, es war Etwas geweſen mit ſeiner Lunge, es war Etwas geweſen mit ſeinem Herzen, es war Etwas geweſen mit ſeinem Gehirn. Fünfhundert Leute, die ſich, ohne das Mindeſte von der ganzen Sache zu wiſſen, zum Frühſtück hinſetzten, waren, ehe ſie damit fertig waren, von der feſten Ueberzeugung erfüllt, daß ſie ſelbſt auf vertraulichem Wege in Erfahrung gebracht hätten, der Arzt habe zu Mr. Merdle geſagt:„Sie müſſen ſich darauf gefaßt machen, eines Tages auszulöſchen, wie eine Lichtſchnuppe,“ und daß ſie wüßten, Mr. Merdle habe dem Arzte geantwortet„der Menſch kann nur einmal ſterben.“ Gegen elf Uhr Vormittags wur⸗ de Etwas mit dem Gehirn die Lieblingstheorie gegen alle übrigen; um zwölf hatte man das Etwas beſtimmt als „Druck“ feſtgeſtellt. „Druck,“ ſtellte die öffentliche Meinung ſo vollſtändig zu⸗ frieden, und ſchien Jedermann ſo zu beruhigen, daß er den ganzen Tag hätte vorhalten können, wenn der Advokat nicht Der Haushofmeiſter gibt die Amtsſiegel zurück. 57 ein halb zehn Uhr den wirklichen Stand der Dinge in der Gerichtsſitzung mitgetheilt hätte. Das gab zuerſt Anlaß zu dem gegen ein Uhr Anfangs durch ganz London leiſe geflü⸗ ſterten Gerücht, daß Mr. Merdle ſich das Leben genommen habe. Jedoch Druck, weit entfernt, durch die Entdeckung be⸗ ſeitigt zu werden, war ein größerer Liebling als je. In jeder Straße moraliſirte man über Druck. Alle Leute, die Geld zu verdienen verſucht hatten, ſagten: Da haben wir's! ihr fangt kaum an, nach Reichthum zu jagen, ſo kriegt ihr den Druck. Die Nichtsthuer beuteten den Vorfall in ähnlicher Weiſe aus. Seht ihr, ſagten ſie, dahin bringt ihr's durch das unaufhör⸗ liche Arbeiten! Ihr arbeitet ohne Unterlaß, ihr übertreibt es, der Druck ſtellt ſich ein und es iſt um Euch geſchehen! Dieſe Erwägung machte großen Eindruck an vielen Orten, aber nirgends mehr, als bei den jungen Commis und Aſſo⸗ ciés, die niemals Gefahr liefen, ſich zu überarbeiten. Dieſe erklärten einſtimmig und wirklich mit Salbung, ſie hofften, ihr Lebelang dieſe Warnung nicht zu vergeſſen und ihr Be⸗ nehmen ſo einzurichten, um ſich vor Druck zu bewahren, und ſich, als ein Troſt für ihre Freunde, lange Jahre am Leben zu erhalten. Aber um die Börſenzeit fing es an, vom Druck ſtill zu werden, und Unheil verkündendes Geflüſter verbreitete ſich im Oſten, im Weſten, im Norden und im Süden. Anfangs nur leiſe und nur einen Zweifel ausſprechend, ob Mr. Mer⸗ dle's Reichthum ſich wol als ſo groß herausſtellen würde, wie man vermuthet hatte; ob nicht eine vorübergehende 58 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Schwierigkeit eintreten würde, ihn zu realiſiren; ob nicht vielleicht gar die wunderbare Bank eine Zeitlang ihre Zah⸗ lungen ſuspendiren würde— vielleicht einen Monat oder ſo. Wie das Geflüſter lauter ward, und dies geſchah mit jeder Minute, ward es auch drohender. Er war aus Nichts entſtanden und durch kein natürliches Wachsthum, ſo Viel Jemand wußte, in die Höhe gekommen; er war im Grunde doch ein gemeiner, unwiſſender Menſch geweſen; er hatte immer ſo ſcheu ausgeſehen und Niemand konnte ſich rühmen, ſeinem Auge begegnet zu ſein; allerlei Leute hatten ihn auf eine unerklärliche Weiſe pouſſirt; er hatte nie eigenes Ca⸗ pital gehabt, ſeine Spekulationen waren im höchſten Grad tollkühn geweſen und ſeine Ausgaben unermeßlich. Wie der Tag dahinſchwand, wurde das Gerede immer lauter und be⸗ ſtimmter. Er hatte in dem Bade einen Brief an ſeinen Arzt zurückgelaſſen, und der Arzt hatte den Brief bekommen und der Brief würde morgen bei der Todtenſchau vorgelegt wer⸗ den, und würde, wie ein Donnerſchlag, die Tauſende treffen, die er betrogen. Eine Unzahl Menſchen von jedem Stande und jedem Gewerbe würden durch ſeinen Banquerott zu Grunde gerichtet ſein; alte Leute, die ihr ganzes Lebelang an bequemen Wohlſtand gewöhnt geweſen, würden ihr Ver⸗ trauen in ihn nirgends anders bereuen können, als im Ar⸗ menhaus; Legionen von Frauen und Kindern würden ihre ganze Zukunft von der Hand dieſes gewaltigen Schurken vernichtet ſehen. Jeder Gaſt bei ſeinen prunkvollen Feſtlich⸗ keiten würde ſich darſtellen als mitſchuldig an der Berau⸗ Der Haushofmeiſter gibt die Amtsſiegel zurück. 59 bung zahlloſer Heerde; jeder knechtiſche Verehrer des Geldes, der ihn mit auf ſein Piedeſtal gehoben, hätte beſſer gethan, gleich den Teufel ſelbſt anzubeten. So ſchwoll das Gerede, immer lauter werdend, durch eine Beſtätigung nach der an⸗ dern, durch eine Ausgabe der Abendzeitungen nach der an⸗ dern, als die Nacht gekommen war zu einem Getöſe an, daß man hätte glauben können, ein einſamer Wächter auf der Gallerie über dem St. Paulsdom hätte beſtändig durch die Nachtluft den Namen Merdle, verbunden mit jeder Form der Verwünſchung, rauſchen hören müſſen. Denn um dieſe Zeit wußte man, daß die Krankheit des verſtorbenen Mr. Merdle lediglich Fälſchung und Betrug ge⸗ weſen war. Er, der unſchöne Gegenſtand ſo weit verbreiteter Verehrung, der Gaſt bei den Feſten vornehmer Männer, das Wunder der Aſſembléen vornehmer Damen, der Beſeitiger von Ausſchließlichkeit und Stolz, der Gönner von Gönnern, der Feilſcher um Lordſchaften des Umſchreibungsbüreau's, der Mann, der ſeit höchſtens zehn oder fünfzehn Jahren mehr Anerkennung gefunden, als ſeit mindeſtens zwei Jahrhunder⸗ ten England allen friedlichen öffentlichen Wohlthätern und allen Führern in Kunſt und Wiſſenſchaft, trotz des Zeugniſſes ihrer Werke, geſchenkt hat— er, das glänzende Mirakel, der neue Stern, dem die Weiſen mit Geſchenken folgten, bis er ſtehen blieb über einem Aas auf dem Boden einer Bade⸗ wanne und verſchwand— war einfach der größte Fälſcher und der größte Dieb, der jemals den Galgen um das brachte, was ihm gebührte. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Sechsundmanzigsträ Kupitel. Sie ernten Sturm. Sein Kommen mit dem Tone lauten Keuchens und eil⸗ ender Schritte vorherverkündend ſtürzte Mr. Pancks in Ar⸗ thur Clennams Comptoir. Die Todtenſchau war vorüber, der Brief war bekannt, die Bank war banquerott, die an⸗ dern Muſtergebäude von Stroh waren in Feuer und Rauch aufgegangen. Das vielbewunderte Piratenſchiff war inmitten einer ungeheuren Flotte von Schiffen aller Klaſſen und Booten jeder Größe in die Luft geflogen; und auf dem Meere war nichts zu ſehen als Trümmer: nichts als bren⸗ nende Schiffsrümpfe, in die Luft fliegende Magazine, von ſelbſt losgehende Kanonen, die Freunde und Nachbarn in Stücke zerriſſen, Ertrinkende, die ſich an ſchwache Breter klammerten und jede Minute unterſanken, todtmüde Schwim⸗ mer, auf den Wogen treibende Leichen, und Haifiſche. Der gewöhnliche Fleiß und die gewöhnliche Ordnung in dem Comptoir der Fabrik waren verſchwunden. Unaufge⸗ brochene Briefe und ungeordnete Papiere lagen über das Pult zerſtreut. Inmitten dieſer Zeichen gebrochener Energie und erſtorbener Hoffnung ſtand der Herr des Comptoirs unthätig auf ſeinem gewöhnlichen Platze. Er hatte die Arme vor ſich auf das Pult gelegt und ließ darauf müde den Kopf ruhen. Mr. Pancks ſtürzte herein und ſah ihn und blieb ſtehen. Sie ernten Sturm. 61 In der nächſten Minute lagen auch Mr. Pancks' Arme auf dem Pulte und Mr. Pancks' Kopf lag auf den Armen; und einige Zeit lang blieben ſie ſtumm und unthätig in dieſer Stellung, nur durch die Breite des kleinen Zimmers von einander getrennt. Mr. Pancks war der Erſte, der ſein Haupt erhob und ſprach: „Ich habe Sie dazu überredet, Mr. Clennam. Ich weiß es. Sagen Sie, was Sie wollen. Sie können mir nicht mehr ſagen, als ich mir ſelbſt ſage. Sie können nicht mehr ſagen, als ich verdiene.“ „O Pancks, Pancks!“ gab Clennam zurück.„Sprechen Sie nicht vom Verdienen. Was verdiene ich ſelbſt!“ „Beſſeres Glück,“ ſagte Pancks. „Ich, der ſeinen Compagnon zu Grunde gerichtet hat!“ fuhr Clennam fort, ohne auf ihn zu achten.„Pancks, Pancks, ich habe Doyce zu Grunde gerichtet! Der ehrliche, ſich ſelbſt helfende, unermüdliche Alte, der Alles durch ſich und ſeine Arbeit geworden iſt; der Mann, der mit ſo vielen Täuſchun⸗ gen zu kämpfen gehabt hat und aus dem Kampf mit einem ſo guten und zuverſichtlichen Herzen hervorgegangen iſt; der Mann, für den ich ſo Viel gefühlt habe und dem ich ſo treu und nützlich ſein wollte; ihn habe ich zu Grunde gerichtet — ihn habe ich in Verderben und Schande gebracht— ihn habe ich zu Grunde gerichtet!“ Die Seelenqual, welche ihm dieſer Gedanke verurſachte, war ein ſo ſchmerzlicher Anblick, daß Mr. Pancks ſich beim 62 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Haar packte und es ſich in Verzweiflung über das Schauſpiel ausriß. „Machen Sie mir Vorwürfe!“ rief Pancks aus.„Machen Sie mir Vorwürfe, Sir, oder ich thue mir ein Leids an. Sagen Sie, Sie Narr, Sie Schurke. Sagen Sie, Eſel, wie konnten Sie das thun, Vieh, was haben Sie damit beabſichtigt! Packen Sie mich irgendwo. Schimpfen Sie mich, wie Sie wollen!“ Die ganze Zeit über zerrte Mr. Pancks auf das Erbarmungsloſeſte und Grauſamſte an ſeinen ſtruppigen Haaren. „Wenn Sie nie dieſer unſeligen Manie nachgegeben hätten, Pancks,“ ſagte Clennam mehr aus Mitleid als zur Wiedervergeltung,„ſo wäre es viel beſſer für Sie geweſen, und viel beſſer für mich!“ „Immer nur zu, Sir,“ rief Pancks und knirſchte vor Reue mit den Zähnen.„Immer nur zu.“ „Wenn Sie ſich nie auf dieſe verwünſchten Berechnungen eingelaſſen und Ihr Facit mit ſo abſcheulicher Klarheit dar⸗ gelegt hätten,“ ſtöhnte Clennam,„wie viel beſſer wäre es da für Sie, Pancks, und wie viel beſſer für mich!“ „Immer nur zu, Sir!“ rief Pancks aus, indem er die Hände aus ſeinem Haar entfernte;„immer noch einmal, immer noch einmal!“ Clennam jedoch, welcher fand, daß er bereits ruhiger ward, hatte ihm Alles geſagt, was er wollte, und mehr. Er drückte ihm die Hand und ſetzte nur noch hinzu„Blinde Führer der Blinden, Pancks! Blinde Führer der Blinden! Sie ernten Sturm. 63 aber Doyce, Doyce, Doyce; mein armer Compagnon!“ Damit legte er den Kopf wieder auf das Pult. Abermals war Pancks der Erſte, welcher das Schweigen unterbrach.„Bin nicht zu Bett gekommen, Sir, ſeit es zu⸗ erſt ruchbar ward. Bin von Pontius zu Pilatus gegangen in der Hoffnung, noch eine Kleinigkeit aus dem Brande zu retten. Alles vergeblich. Alles fort. Alles verſchwunden.“ „Ich weiß es nur zu gut,“ entgegnete Clennam. Mr. Pancks füllte eine Pauſe mit einem Stöhnen aus, das aus dem tiefſten Herzen kam. „Erſt geſtern, Pancks,“ ſagte Arthur,„erſt geſtern, Mon⸗ tag, hatte ich die feſte Abſicht, Alles zu realiſiren und mich loszumachen von der Sache.“ „Das kann ich nicht von mir ſagen, Sir,“ entgegnete Pancks.„Obgleich es wunderbar iſt, wie viele Leute mir ge⸗ ſagt haben, daß ſie von allen dreihundertfünfundſechszig Ta⸗ gen gerade geſtern hätten verkaufen wollen, wenn es nicht zu ſpät geweſen wäre!“ Sein dampfmaſchinenartiges Keuchen, gewöhnlich von drolliger Wirkung, war jetzt tragiſcher, als eben ſo viele Seufzer; während er vom Kopf bis zum Fuße ſo rußig, ſchwarz und vernachläßigt war, daß man ihn für ein authen⸗ tiſches Portrait des Unglücks hätte halten können, das we⸗ gen ermangelnder Reinigung kaum zu erkennen war. „Mr. Clennam, haben Sie— Alles verloren?“— Nur ſehr ſchwer brachte er die letzten beiden Worte heraus. „Alles!“ 64 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Mr. Pancks packte wieder ſein ſtruppiges Haar und zerrte ſo gewaltig daran, daß er mehrere Zinken deſſelben in der Hand behielt. Nachdem er ſie mit wilder Haſt betrachtet, ſteckte er ſie in die Taſche. „Mein Entſchluß muß auf der Stelle gefaßt werden,“ ſagte Clennam, indem er einige Thränen wegwiſchte, die ihm ſtill über das Geſicht gefloſſen waren.„Das Wenige, was ich thun kann, muß gleich geſchehen. Ich muß von dem Rufe meines armen Compagnons jeden Schatten eines Verdachtes entfernen. Ich darf Nichts für mich behalten. Ich muß in die Hände unſerer Gläubiger die Dispoſitionsbefugniß legen, die ich ſo mißbraucht habe und von meinem Fehler— oder Verbrechen ſo Viel wieder gut machen, als ich während meiner noch übrigen Lebenszeit wieder gut machen kann.“ „Iſt es nicht möglich, über die Bedrängniß der Gegen⸗ wart hinweg zu kommen?“ „Außer aller Frage. Mit Aufſchub iſt Nichts gewoönnen, Pancks. Je eher das Geſchäft in andere Hände übergeht, deſto beſſer. Es ſind dieſe Woche Verbindlichkeiten zu er⸗ füllen, die, ehe viele Tage vergehen, die Cataſtrophe her⸗ beiführen müßten, ſelbſt wenn ich ſie nur einen einzigen Tag hinausſchieben und das Geſchäft mit dem, was ich im Geheimen weiß, noch ſo lange im Gange laſſen wollte. Die ganze vorige Nacht habe ich über das nachgedacht, was zu thun iſt; es bleibt nur übrig, es zu thun.“ „Sie wollen's doch nicht ganz allein thun?“ ſagte Pancks, deſſen Geſicht ſo feucht war, als würde ſein Dampf ſo raſch Sie ernten Sturm. 65 zu Waſſer, als er ihn trauervoll ausließ.„Nehmen Sie ju⸗ riſtiſchen Beiſtand.“ „Vielleicht wär es beſſer.“ „Nehmen Sie Rugg.“ „Es iſt nicht Viel dabei zu thun. Er kann es ſo gut verrichten, wie jeder Andere.“ „Soll ich Rugg holen, Mr. Clennam?“. „Wenn Sie Zeit dazu haben. Ich würde Ihnen ſehr verbunden dafür ſein.“ Mr. Pancks hatte in demſelben Augenblicke den Hut aufgeſetzt und dampfte fort nach Pentonville. Während ſei⸗ ner Abweſenheit richtete Arthur kein einziges Mal den Kopf vom Pulte empor, ſondern blieb unbeweglich in dieſer Stel⸗ lung. Als Mr. Pancks wiederkam, brachte er ſeinen Freund und Rechtsbeiſtand mit. Mr. Rugg hatte unterwegs ſo reichliche Erfahrungen über Mr. Pancks' gegenwärtigen un⸗ zurechnungsfähigen Gemüthszuſtand gemacht, daß der erſte Schritt ſeiner geſchäftlichen Vermittelung war, dieſen Herrn zu bitten, ſich zu entfernen. Vernichtet und unterwürfig ge⸗ horchte Mr. Pancks. „Er iſt ziemlich ſo wie meine Tochter war, Sir, als wir die Sache Rugg contra Bapkins wegen gebrochenen Hei⸗ rathsverſprechens einleiteten, wo ſie Klägerin war,“ ſagte Mr. Rugg.„Er nimmt ein zu ſtarkes und nnmittelbares Intereſſe an der Sache. Sein Gefühl iſt zu ſehr betheiligt Klein Dorrit. IX. 5 66 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. dabei. Man kommt in unſerm Berufe nicht vorwärts, Sir, wenn ſich das Gefühl an Etwas betheiligt.“ Wie er die Handſchuhe auszog und ſie in ſeinen Hut legte, ſah er mit einem Seitenblick, daß mit ſeinem Clienten eine große Veränderung vorgegangen war. „Es thut mir leid, zu bemerken, Sir,“ ſagte Mr. Rugg, „daß auch Ihre Gefühle ſich bei der Sache betheiligen. Aber ich bitte Sie, thun Sie das nicht. Dieſe Verluſte ſind ſehr zu beklagen, Sir, aber wir müſſen ihnen ins Geſicht ſehen.“ „Wenn das Geld, was ich verloren habe, blos mein eigenes geweſen wäre, Mr. Rugg, ſo würde es mich viel weniger ſchmerzen,“ ſeufzte Clennam. „Wirklich, Sir,“ ſagte Mr. Rugg und rieb ſich munter die Hände.„Sie ſetzen mich in Erſtaunen. Das iſt eigen⸗ thümlich, Sir. In meiner Erfahrung habe ich meiſtens ge⸗ funden, daß die Leute mit ihrem eigenen Gelde am ängſt⸗ lichſten ſind. Ich habe Leute gekannt, die eine anſehnliche Summe von anderer Leute Geld loszuwerden wußten und es recht gut zu tragen verſtanden; wirklich ſehr gut.“ Mit dieſen tröſtenden Bemerkungen nahm Mr. Rugg auf einem Comptoirſeſſel am Pulte Platz und ging an das Geſchäft. „Wenn Sie alſo erlauben, Mr. Clennam, ſo wollen wir auf die Sache eingehen. Sehen wir uns erſt die Sach⸗ lage an. Die Frage iſt einfach. Die Frage iſt die gewöhn⸗ liche, ſimple, gerade, verſtändige Frage. Was können wir für uns thun? Was können wir für uns thun?“ Sie ernten Sturm. 67 „Das iſt bei mir nicht die Frage, Mr. Rugg,“ ſagte Ar⸗ thur.„Sie mißverſtehen mich gleich von vornherein. Bei mir iſt die Frage: was kann ich für meinen Compagnon thun, wie kann ich ihm am Beſten Entſchädigung leiſten?“ „Sehen Sie, ich fürchte, daß Sie ſich noch immer von Ihren Gefühlen beeinfluſſen laſſen, Sir,“ warf Mr. Rugg überredend ein.„Mir gefällt das Wort Entſchädigung nicht, Sir, ausgenommen als ein Hebel in der Hand des Advoka⸗ ten. Wollen Sie mir erlauben, zu bemerken, daß ich es für meine Pflicht halte, Sie darauf aufmerkſam zu machen, daß Sie ſich wirklich von Ihren Gefühlen nicht beeinfluſſen laſ⸗ ſen dürfen?“ „Mr. Rugg,“ ſagte Clennam, alle ſeine Kraft zuſam⸗ menraffend, um das zu thun, wozu er ſich entſchloſſen hatte und dieſen Herrn dadurch in Erſtaunen ſetzend, daß er trotz ſeiner Niedergedrücktheit einen beſtimmten Vorſatz unwandel⸗ bar im Auge behielt;„es ſcheint mir faſt, daß Sie nicht allzuſehr geneigt ſein werden, den Weg einzuſchlagen, den ich zu gehen entſchloſſen bin. Wenn Ihre Mißbilligung deſ⸗ ſelben Sie abgeneigt machen ſollte, die nothwendigen Ge⸗ ſchäfte zu übernehmen, ſo thut es mir leid und ich muß an⸗ dern Beiſtand ſuchen. Aber ich ſage Ihnen ein für alle Mal, daß es nichts nützt, meinen Vorſatz zu bekämpfen.“ „Gut, Sir,“ gab Rugg achſelzuckend zur Antwort.„Gut, Sir. Da Jemand die Sache in die Hand nehmen muß, ſo will ich ſie in die Hand nehmen. Das war mein Princip in 5. 68 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. der Sache Rugg contra Bawkins. Das iſt mein Princip in den meiſten Fällen.“ Clennam ſetzte dann Mr. Rugg ſeinen feſten Vorſatz aus⸗ einander. Er ſagte Mr. Rugg, daß ſein Compagnon ein Mann von großer Einfachheit und Rechtſchaffenheit ſei, und daß er bei Allem, was er zu thun gedachte, ſich vor allen Dingen leiten laſſe von der Kenntniß des Charakters ſeines Compagnons und von der Rückſichtsnahme auf ſeine Gefühle. Er erzählte dann dem Juriſten, daß ſein Compagnon, mit der Ausführung eines wichtigen Unternehmens beauftragt, ſich im Auslande aufhalte und daß es ganz beſonders ſeine Pflicht ſei, den Tadel für das, was unüberlegt geſchehen, öf— fentlich auf ſich zu nehmen und öffentlich ſeinen Compagnon freizuſprechen von aller Theilnahme an der Verantwortlichkeit für daſſelbe, damit die erfolgreiche Leitung dieſes Unterneh⸗ mens auch nicht durch den leiſeſten Verdacht, der ungerechter Weiſe an der Ehre und dem Credit ſeines Compagnons in einem andern Lande hafte, gefährdet werde. Er ſagte Mr. Rugg, um ſeinen Compagnon moraliſch im ausgedehnteſten Maaße freizuſprechen, wolle er öffentlich und rückhaltlos er⸗ klären: er, Arthur Clennam von dieſer Firma, habe aus eig⸗ nem freien Antrieb und ſogar ausdrücklich gegen die War⸗ nung ſeines Compagnons die Capitalien des Geſchäfts in den Schwindelſpekulationen angelegt, die eben jetzt in Rauch aufgegangen wären. Das ſei die einzige wirkliche Sühne, die er geben könne; das ſei gerade für dieſen Mann eine beſſere Sühne, als es für viele Andere ſein würde; und ſei Sie ernten Sturm. 69 deshalb die Sühne, die er zuerſt darzubringen habe. In dieſer Abſicht gedachte er eine Erklärung ähnlichen Inhalts, die bereits abgefaßt war, drucken zu laſſen, und dieſe nicht nur unter den Geſchäftsfreunden des Hauſes zu ver⸗ breiten, ſondern auch in die Zeitungen einzurücken. Gleich⸗ zeitig mit dieſer Maßregel(bei deren Auseinanderſetzung Mr. Rugg unzählige Mal das Geſicht verzog, und in ewiger Unruhe auf dem Stuhle hin⸗ und herrückte) gedachte er ein Rundſchreiben an alle Gläubiger zu erlaſſen, welches ſeinen Compagnon auf das Feierlichſte von aller Schuld freiſprach, ihnen die Zahlungseinſtellung des Hauſes bis zu der Zeit meldete, wo ihre Wünſche ihm bekannt würden, und ſein Compagnon ihm antworten könnte, und ſich gehorſam ihnen zur Verfügung ſtellte. Wenn durch ihre Rückſichtsnahme auf die Unſchuld ſeines Compagnons das Geſchäft wieder ſo in Gang kommen ſollte, um mit Gewinn fortbetrieben zu wer⸗ den, ſo ſollte ſein Antheil ſeinem Compagnon als die einzig mögliche Entſchädigung anheim fallen, die er in Geldes⸗ werth für die Schmerzen und den Verluſt geben konnte, die er ihm unglücklicherweiſe zugezogen, und er ſelbſt wollte um Erlaubniß bitten, gegen ein ſo kleines Salair als nur zum Lebensunterhalte ausreichte, dem Geſchäft als pflichtgetreuer Commis zu dienen. Obgleich Mr. Rugg deutlich erkannte, daß Clennam ſich davon nicht würde abbringen laſſen, ſo verlangten doch die Verzerrungen ſeines Geſichts und die Unruhe ſeiner Glied⸗ maßen ſo gebieteriſch, durch eine Verwahrung verſöhnt zu Sechsundzwanzigſtes Kapitel. werden, daß er das Wort ergriff.„Ich erhebe keinen Ein⸗ wand, Sir,“ ſagte er,„ich führe keine Gründe gegen Sie an. Ich will Ihre Anſichten durchführen, Sir, aber unter Verwahrung.“ Mr. Rugg führte dann nicht ohne Weit⸗ ſchweifigkeit die Hauptſätze ſeiner Verwahrung an. Dieſe waren, daß die ganze Stadt, oder er könnte wol ſa⸗ gen, das ganze Land noch von der erſten Aufregung der neu⸗ lichen Entdeckung befangen wäre und daß die Erbitterung gegen die Opfer ſehr ſtark ſein würde; denn Diejenigen, welche ſich nicht hätten verführen laſſen, würden auf dieſe Opfer gewiß ausnehmend böſe ſein, weil ſie nicht ſo klug geweſen waren als ſie. Und Diejenigen, welche ſich hatten verführen laſſen, würden gewiß Entſchuldigungen und Gründe für ſich finden, die ſie aber gewiß bei den andern Leidens⸗ gefährten ganz und gar vermiſſen würden; ganz zu ſchweigen von der großen Wahrſcheinlichkeit, daß ſich jedes einzelne Opfer in ſeiner heftigen Entrüſtung überreden würde, wie er ohne das Beiſpiel aller andern Opfer ſich gar nicht hätte in dieſe Falle locken laſſen. Daß eine Erklärung, wie ſie Clennam geben wollte, zu einer ſolchen Zeit einen Sturm der Feindſchaft auf ſein Haupt herabziehen würde, der es ganz unmöglich machte, auf Nachſicht bei den Gläubigern oder Einſtimmigkeit unter ihnen zu rechnen, und ihn als einſame Zielſcheibe einem ungeregelten Kreuzfeuer ausſetzte, welches ihn gewiß von einem halbes Dutzend Seiten auf einmal verderben würde. Darauf bemerkte Clennam blos, daß, die Richtigkeit des Sie ernten Sturm. 71 ganzen Proteſtes zugegeben, Nichts die Bedeutung der frei⸗ willigen und öffentlichen Schuldloserklärung ſeines Com⸗ pagnons entkräftete oder entkräften könnte. Er forderte da⸗ her ein für allemal Mr. Rugg auf, ſofort an das gewünſchte Geſchäft zu gehen. Darauf machte ſich Mr. Rugg an die Arbeit; und Arthur, der für ſich nur ſeine Kleider und ſeine Bücher und eine kleine Summe baares Geld zurückbehielt, ſtellte ſein kleines Privatconto bei ſeinem Bankier zur Ver⸗ fügung des Geſchäfts. Die Bekanntmachung erſchien und der Sturm wüthete fürchterlich. Tauſende von Menſchen ſuchten voll Verzweife⸗ lung nach einem lebendigen Menſchen, auf den ſie ihre Vor⸗ würfe häufen könnten; und dieſer ausgezeichnete Fall, der ſich ſelbſt vor die Öffentlichkeit brachte, ſtellte den ſo ſehr gewünſchten Lebendigen wie auf ein Schaffot. Wenn Leute, die nichts mit der Sache zu thun hatten, ſo erzürnt waren über ihre Offenkundigkeit, ſo war es kaum zu erwarten, daß Leute, die Geld dabei verloren, milde verfahren würden. Vorwurfsvolle und grobe Briefe trafen haufenweiſe von den Gläubigern ein; und Mr. Rugg, der täglich auf dem hohen Stuhle ſaß und ſie alle las, benachrichtigte vor Ablauf von acht Tagen ſeinen Clienten, daß er fürchte, es wären Ver⸗ haftsbefehle gegen ihn ausgewirkt. „Ich muß mir die Folgen von dem, was ich gethan habe, gefallen laſſen,“ ſagte Clennam.„Die Verhaftsbefehle wer⸗ den mich hier finden.“ Schon am nächſten Morgen, als er bei Mrs. Plorniſh's 72 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Ecke in den Hof zum blutenden Herzen einbog, wartete Mrs. Plorniſh an der Thür auf ihn und erſuchte ihn geheim⸗ nißvoll, mit in das Hüttchen Sorgenfrei zu kommen. Dort fand er Mr. Rugg. „Ich dachte, ich wollte hier auf Sie warten. Wenn ich wie Sie wäre, Sir, ſo ging ich heute Morgen nicht auf's Comtoir.“ „Warum nicht, Mr. Rugg?“ „Es ſind nicht weniger als fünf ausgewirkt, ſo viel ich weiß.“ „Es kann nicht zu bald vorüber ſein,“ ſagte Clennam. „Sie mögen mich gleich nehmen.“ „Ja, aber,“ ſagte Mr. Rugg und trat zwiſchen ihn und die Thür.„Hören Sie ein vernünftiges Wort an. Sie wer⸗ den Sie bald genug feſtnehmen, Mr. Clennam, daran zweifle ich nicht; aber nehmen Sie Vernunft an. In ſolchen Fällen drängt ſich faſt immer irgend eine unbedeutende Sache vor und macht den meiſten Lärm. Nun finde ich, daß ein Verhaftsbefehl wegen einer kleinen Sache ausgewirkt iſt— eine bloße Pallaſtgerichtsſache— und ich habe Grund, zu glauben, daß man damit heute kommt. Ich wünſchte nicht, daß Sie deshalb verhaftet würden.“ „Warum nicht?“ fragte Clennam. „Ich würde mich lieber wegen einer großen Sache ver⸗ haften laſſen, Sir,“ ſagte Mr. Rugg.„Es iſt doch immer gut, auf den äußern Anſtand zu halten. Als Ihr juriſtiſcher Beiſtand würde ich vorziehen, wenn Sie ſich auf einen Be⸗ Sie ernten Sturm. 73 fehl eines der Obergerichte verhaften ließen, wenn Sie nichts dawider haben, mir dieſen Gefallen zu thun. Es nimmt ſich beſſer aus.“ „Mr. Rugg,“ ſagte Arthur in ſeiner Niedergeſchlagenheit, „ich hege nur den Einen Wunſch, daß es ſo bald als möglich vorüber ſein möchte. Ich will gehen und es darauf ankom⸗ men laſſen.“ „Nur noch ein einziges vernünftiges Wort, Sir!“ rief Mr. Rugg.„Sie werden hören, darin iſt Verſtand. Das Andere mag Geſchmacksſache ſein; aber darin liegt Verſtand. Wenn Sie auf die kleine Sache verhaftet werden, ſo kommen Sie in die Marſhalſea. Nun kennen Sie die Marſhalſea. Sehr eng und ausnehmend beſchränkt, während die King's Bench—“ hier ſchwenkte Mr. Rugg die rechte Hand, als wollte er Überfluß an Raum andeuten. „Ich würde lieber in die Marſhalſea gehen, als in jedes andere Gefängniß,“ ſagte Clennam. „Iſt das wirklich Ihr Ernſt, Sir!“ entgegnete Mr. Rugg. „Dann iſt es auch Geſchmacksſache, und wir können gehen.“ Er war Anfangs ein wenig beleidigt, aber er hatte es bald wieder vergeſſen. Sie gingen durch den Hofnach dem an⸗ dern Ende. Die Bewohner des blutenden Herzens nahmen an Arthur ſeit ſeinem Unglück mehr Intereſſe als früher; ſie betrachteten ihn jetzt als Einen, der dem Charakter des Ortes treu geblieben war und ſich das Bürgerrecht erworben hatte. Manche derſelben traten heraus, um ihm nachzuſehen undmit großer Salbung zu einander zu ſagen, daß es ihn doch recht 74 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. mitgenommen habe. Mrs. Plorniſh und ihr Vater ſtanden ſehr niedergeſchlagen und den Kopf ſchüttelnd oben auf der Treppe an ihrem Ende des Hofes. Es war Niemand ſichtbar, als Arthur und Mr. Rugg das Comtoir erreichten. Aber ein ältliches Mitglied der jü⸗ diſchen Gemeinde, gut in Rum conſervirt, folgte ihnen auf dem Fuße und ſah zu der Glasthür hinein, ehe Mr. Rugg einen der eingetroffenen Briefe erbrochen hatte.„O!“ ſagte Mr. Rugg, als er aufblickte.„Wie geht es Ihnen? Nur herein— Mr. Clennam, ich glaube, das iſt der Herr, von dem ich ſprach.“ Der Herr nannte als den Zweck ſeines Beſuchs ein„ganz kleines Geſchäftche“ und vollzog ſeinen gerichtlichen Auftrag. „Soll ich Sie begleiten, Mr. Clennam?“ fragte Mr. Rugg höflich, indem er ſich die Hände rieb. „Ich dank' Ihnen. Ich will lieber allein gehen. Sein Sie ſo gut und ſchicken Sie mir meine Sachen“ Mr. Rugg⸗ ſagte in ſorglos heiterer Weiſe zu und ſchüttelte ihm die Hand. Er und ſein Begleiter gingen dann hinunter, ſtiegen in den erſten Wagen, der zu haben war, und fuhren nach der alten Pforte. „Wo ich mir wenig träumen ließ, der Himmel verzeih mir's, jemals ſo Einlaß zu finden,“ ſagte Clennam zu ſich. Mr. Chivery hatte die Jour und der junge John war in dem Portierhäuschen: entweder als abgelöſt oder im Be⸗ griff, abzulöſen. Beide waren mehr erſtaunt, als ſie den neuen Gefangenen erkannten, als man von Schließern hätte Sie ernten Sturm. 75 erwarten ſollen. Der ältere Mr. Chivery ſchüttelte ihm die Hand in einer verlegenen Weiſe und ſagte„ich wüßte mich nicht zu erinnern, Sir, daß ich jemals weniger froh geweſen wäre, Sie zu ſehen.“ Der jüngere Mr. Chivery hielt ſich mehr entfernt und reichte ihm gar nicht die Hand; er betrachtete ihn mit einer ſo bemerkbaren Unentſchloſſenheit, daß es ſelbſt Clennam mit ſeinen ſchweren Augen und ſeinem ſchweren Herzen auffiel. Gleich darauf verſchwand der junge John in das Gebäude. Da Clennam den Ort genau genug kannte, um zu wiſſen, daß er einige Zeit im Portierhäuschen werde war⸗ ten müſſen, nahm er in einer Ecke Platz und ſtellte ſich, ſehr beſchäftigt mit Briefen zu ſein, die er aus der Taſche zog. Sie nahmen ſeine Aufmerkſamkeit nicht ſo ſehr in Anſpruch, daß er nicht mit Dankbarkeit bemerkt hätte, wie der ältere Chivery das Portierhäuschen von Gefangenen freihielt; wie er einigen mit den Schlüſſeln winkte, nicht hereinzukommen, andere mit den Ellbogen ſtieß, hinauszugehen, und wie er ihm ſein Unglück ſo leicht machte, als er konnte. Arthur ſaß da, die Augen auf den Boden geheftet, rief ſich die Vergangenheit zurück, und brütete über die Zukunft, als er fühlte, daß ſich eine Hand auf ſeine Schulter legte. Es war der junge John; und er ſagte„Sie können jetzt kommen.“ Er ſtand auf und folgte dem jungen John. Als ſie das innere Gitterthor ein paar Schritte hinter ſich hatten, wen⸗ dete ſich der junge John um und ſagte zu ihm: 76 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. „Sie wollen ein Zimmer haben. Ich habe eins für Sie.“ „Ich danke Ihnen von Herzen.“ Der junge John wendete ſich wieder um, führte ihn zum alten Thorweg hinein, die alte Treppe hinauf, in das alte Zimmer. Arthur ſtreckte ſeine Hand aus. Der junge John ſah ihn an— finſter und geſchwollen— und ſagte: „Ich weiß nicht, ob ich kann. Nein, ich kann's nicht. Aber ich glaubte, Sie würden das Zimmer gern haben, und hier iſt es für Sie.“ Das Erſtaunen über dies inconſequente Benehmen wich, als er fort war(er ging ſogleich wieder fort), den Gefühlen, welche das leere Zimmer in Clennams wunder Bruſt erweckte und den ſich herandrängenden Gedanken an das eine gute und ſanfte Weſen, welche es heilig gemacht hatte. Ihre Ab⸗ weſenheit bei ſeinen veränderten Glücksumſtänden ließ ihm das Zimmer und ſich ſelbſt darin ſo ſehr verlaſſen und ſo ſehr bedürftig eines ſo lieben und treuen Geſichts erſcheinen, daß er ſich gegen die Wand kehrte, um zu weinen, und ſeufzend ſich der Ausruf aus ſeiner Bruſt losrang„o meine Klein Dorrit!“ Der Zögling der Marſhalſea. 77 Siehenundzmanzigätes Rapitel. Der Zögling der Marſhalſea. Es war ein ſonniger Tag und die Marſhalſea war in den heißen Mittagſonnenſtrahlen ungewöhnlich ſtill. Arthur Clennam ſank in einen einſamen Lehnſtuhl, ſelbſt ſo ver⸗ ſchabt, wie die Schuldner im Gefängniß, und überließ ſich ſeinen Gedanken. In dem unnatürlichen Frieden, die befürchtete Verhaf⸗ tung überſtanden zu haben— der erſten Umſtimmung des Gefühls, welche das Gefängniß meiſtens herbeiführt und von welchem gefährlichen Ruhepunkt gar Viele auf vielerlei Wegen in die Tiefen der Erniedrigung und der Schmach ge⸗ ſunken waren— konnte er an einige Stellen aus ſeinem Leben faſt in einer Weiſe denken, als wäre er von ihnen in ein anderes Leben entrückt. Wenn man bedenkt, wo er war, was ihn zuerſt hierher geführt hatte, als es ihm noch frei ſtand, wegzubleiben, wenn man an das ſanfte Bild denkt, das eben ſo untrennbar von den Mauern und Gittern rings⸗ um, wie von den unfaßbaren Erinnerungen an ſein ſpäteres Leben war, welche Mauer und Gitter nicht einkerkern konnten, 78 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. ſo darf man ſich nicht wundern, daß alle ſeine Gedanken ihm Klein Dorrit zurückriefen. Dennoch war es ihm merkwürdig; nicht wegen des Umſtands ſelbſt; ſondern wegen der damit verbundenen Andeutung, welch großen Einfluß das geliebte Kind auf ſeine beſſern Entſchlüſſe gehabt hatte. Niemand von uns weiß mit Beſtimmtheit, welchen Men⸗ ſchen oder Dingen wir auf dieſe Weiſe verſchuldet ſind, außer bis eine auffällige Stockung in der wirklichen Bewe⸗ gung des Lebendsrads uns die Wahrheit bemerklich macht. Die Entdeckung kommt mit Krankheit, mit Bekümmerniß, mit dem Verluſt eines geliebten Weſens, und ſie iſt eine der häufigſten nützlichen Folgen des Unglücks. Stark und rüh⸗ rend kam ſie über Clennam in ſeinem Mißgeſchick.„Als ich mich zuerſt zuſammenraffte,“ dachte er,„und vor meine weltmüden Augen Etwas wie ein Ziel ſetzte, wen ſah ich vor mir, um eines guten Zwecks willen ohne Ermuthigung, ohne Beachtung gegen gemeine Hinderniſſe, die ein ganzes Heer von anerkannten Helden und Heldinnen entmuthigt hätten, mühevoll anſtreben, ein ſchwaches Mädchen? Als ich meine ein falſches Ziel wählende Liebe zu erobern und gegen den Mann, der glücklicher war als ich, großmüthig zu ſein ver⸗ ſuchte, obgleich er es vielleicht nicht erfahren oder mir mit einem freundlichen Wort danken würde, wer gab mir da das Beiſpiel von Geduld, Selbſtverleugnung, barmherziger Rück⸗ ſicht gegen Andere und großſinnigſter Liebe des Herzens? Daſſelbe arme Mädchen! Wenn ich, ein Mann mit den Vortheilen, den Mitteln und den Kräften eines Mannes, Der Zögling der Marſhalſea. 79 die geheime Stimme meines Herzens mißachtet hätte, daß, wenn mein Vater gefehlt, es meine erſte Pflicht ſei, den Feh⸗ ler zu verbergen und ihn wieder gut zu machen, welche ju⸗ gendliche Geſtalt, die mit faſt bloßen Füßen durch die feuchten Straßen ging, mit ſchwachen Händen immer arbeitete, und vor der Rauheit der Witterung kaum geſchützt war, wäre mir erſchienen und hätte mich beſchämt? Klein⸗Dorrit.“ So dachte er in Einem fort, wie er in dem verſchoſſenen Stuhle ſaß. Immer Klein⸗Dorrit. Bis es ihm ſchien, als ob er jetzt den Lohn fände dafür, daß er ſie von ſich gelaſſen und ge⸗ duldet hätte, daß Etwas zwiſchen ihn und die Erinnerung an ihre Tugenden trete. Die Thür ging auf und der Kopf des ältern Chivery ſah ein ganz klein Wenig herein, ohne ſich nach ihm hinzu⸗ wenden. „Ich bin abgelöſt, Mr. Clennam, und gehe aus. Kann ich Etwas für Sie thun?“— „Beſten Dank. Nichts.“ „Sie entſchuldigen, daß ich die Thür aufgemacht habe,“ ſagte Mr. Chivery;„aber Sie hörten mich nicht.“. „Haben Sie geklopft?“ „Ein halb Dutzend Mal.“ Clennam raffte ſich auf und wurde gewahr, daß das Gefängniß aus ſeinem Mittagsſchläfchen erwacht war, daß die Bewohner ſich auf dem ſchattigen Hofe umhertrieben und daß es ſpät Nachmittags war. Er hatte Stunden lang ge⸗ brütet. 80 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. „Ihre Sachen ſind gekommen,“ ſagte Mr. Chivery,„und mein Sohn wird ſie gleich heraufbringen. Ich hätte ſie her⸗ aufgeſchickt, aber er wünſchte, ſie ſelbſt'rauf zu bringen. Wahrhaftig, er wollte es durchaus und deshalb konnte ich ſie nicht heraufſchicken. Mr. Clennam, könnte ich ein Wort mit Ihnen ſprechen?“ „Bitte, treten Sie ein,“ ſagte Arthur; denn von Mr. Chivery war immer blos ein klein Stückchen des Kopfes in der Thür zu ſehen und Mr. Chivery hatte ihm blos ein Ohr zugewendet, anſtatt beide Augen. Das war ein angebornes Zartgefühl bei Mr. Chivery— achte Höflichkeit; obgleich ſein Aeußeres ſehr viel vom Schließer hatte und durchaus nichts vom Gentleman. „Ich danke Ihnen,“ ſagte Mr. Chivery, ohne hereinzu⸗ kommen:„es iſt nicht nöthig. Mr. Clennam, nehmen Sie's nicht übel von meinem Sohn(wenn Sie ſo gut ſein wollen), wenn Sie ihn curios finden. Mein Sohn hat ein Herz und das Herz meines Sohnes iſt auf dem rechten Flecke. Ich und ſeine Mutter wiſſen, wo es zu finden iſt, und wir finden es am richtigen Platze.“ Mit dieſer geheimnißvollen Rede ließ Mr. Chivery ſein Ohr verſchwinden und machte die Thür zu. Er mochte etwa zehn Minuten fort ſein, als ſein Sohn ihm folgte. „Hier iſt der Mantelſack,“ ſagte er zu Arthur und ſetzte ihn ſorgfältig hin. „Das iſt ſehr gütig von Ihnen. Es beſchämt mich, daß Sie ſich ſo viel Mühe geben.“ Der Zögling der Marſhalſea. 81 Er war fort, ehe er die Antwort ausgehört hatte; aber er kehrte bald zurück und ſagte genau wie vorhin,„hier iſt Ihr Reiſepult“, und ſetzte es eben ſo ſorgfältig hin. „Ich danke Ihnen ſehr für Ihre Aufmerkſamkeit. Ich hoffe, wir können uns jetzt die Hand ſchütteln, Mr. John.“ Der junge John trat jedoch zurück, drehte ſein rechtes Handgelenke zwiſchen ſeinen linken Daumen und Mittel⸗ finger und ſagte ganz wie das erſte Mal:„ich weiß nicht, ob es geht. Nein, ich ſehe, daß es nicht geht!“ Er blickte dann den Gefangenen finſter an, obgleich mit einer Feuch⸗ tigkeit in ſeinen Augen, die wie Mitleid ausſah. „Warum zürnen Sie mir,“ ſagte Clennam,„und ſind doch dabei ſo bereitwillig, mir dieſe freundlichen Dienſte zu leiſten? Es muß ein Irrthum zwiſchen uns getreten ſein. Wenn ich ſchuld daran bin, ſo thut es mir leid.“ „Kein Irrthum, Sir,“ entgegnete John, und drehte das Handgelenk zwiſchen den beiden Fingern, die es faſt zu eng umſchloſſen, vorwärts und rückwärts.„Kein Irrthum, Sir, in den Gefühlen, in welchen meine Augen Sie in dem gegenwärtigen Augenblick ſehen! Wenn ich nur halbwegs von Ihrer Schwere wäre, Mr. Clennam— was ich nicht bin; und wenn Sie nicht in Verlegenheiten wären— was Sie ſind; und wenn es nicht gegen alle Vorſchriften der Marſhalſea wäre— was es iſt, ſo ſind dieſe Gefühle der⸗ art, daß ſie mich eher anregen würden, es mit Ihnen mit Boxen auf dieſer ſelbigen Stelle auszumachen, als zu ſonſt Etwas, was ich nennen könnte.“ Klein Dorrit. IX.. 6 82 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Arthur ſah ihn einen Augenblick verwundert und ärger⸗ lich an.„Gut, gut!“ ſagte er.„Ein Irrthum, ein Irr⸗ thum!“ Und er ſetzte ſich wieder mit einem ſchweren Seufzer in den verlaſſenen Stuhl. Der junge John folgte ihm mit den Augen und rief nach einer kurzen Pauſe„ich bitte Sie um Verzeihung!“ „Sie iſt bereitwillig gewährt,“ ſagte Clennam und winkte ihm mit der Hand ohne aufzublicken.„Sagen Sie Nichts. Ich bin es nicht werth.“ „Dieſes Meublement, Sir, gehört mir,“ ſagte der junge John mit einem Tone milder und ſchonender Erklärung. „Ich pflege es Perſonen zu leihen, die dieſes Zimmer be⸗ kommen und keine Möbel haben. Es iſt nicht Viel, aber es ſteht Ihnen zu Dienſten. Umſonſt, meine ich. Ich könnte nicht daran denken, es Ihnen unter andern Bedingungen zu überlaſſen. Ich gebe es Ihnen gern umſonſt.“ Arthur hob den Kopf wieder in die Höhe, um ihm zu danken und ihm zu ſagen, daß er das Geſchenk nicht an⸗ nehmen könne. John drehte immer noch an ſeinem Hand⸗ gelenke und war ſichtlich immer noch mit ſich im Kampfe. „Was haben wir mit einander?“ ſagte Arthur. „Ich weigere mich, es zu nennen, Sir,“ entgegnete der junge John, plötzlich in einen lauten und ſcharfen Ton über⸗ gehend.„Es iſt Nichts.“ Arthur ſah ihn abermals fragend an, ohne eine Erklä⸗ rung ſeines Benehmens zu bekommen. Nach einer Weile Der Zögling der Marſhalſea. 83 wendete Arthur wieder den Kopf weg. Gleich darauf ſagte der junge John mit der größten Milde: „Das runde Tiſchchen, Sir, dort neben Ihnen, gehörte — Sie wiſſen wem— ich brauche ihn nicht zu nennen— er iſt geſtorben als ein vornehmer Gentleman. Ich kaufte es von einer Perſon, der er es ſchenkte und die hier nach ihm wohnte. Aber die Perſon kam ihm in keiner Weiſe gleich. Die meiſten Perſonen würden es ſchwer finden, ſich mit ihm auf gleichen Fuß zu ſtellen.“ Arthur zog das Tiſchchen näher an ſich heran und legte ſich mit dem Arme darauf. „Vielleicht wiſſen Sie nicht, Sir,“ ſagte der junge John, „daß ich ihn beſucht habe, wie er zuletzt hier in London war. Im Ganzen war er der Meinung, daß es eine Zudringlich⸗ keit ſei, obgleich er ſo gut war, mir einen Stuhl anzubieten und ſich nach dem Vater und allen andern Freunden zu er⸗ kundigen. Oder wenigſtens ſeinen Bekannten in aller Demuth. Er ſah mir ſehr verändert aus und ich äußerte es, als ich nach Hauſe kam. Ich erkundigte mich nach Miß Amy's Befinden—“ „Und ſie befand ſich wohl?“ „Ich hätte meinen ſollen, Sie ſollten es wiſſen, ohne ſolche Leute wie ich bin zu fragen,“ gab der junge John zur Antwort, mit einem Geſichte, als ob er eine große unſicht⸗ bare Pille verſchluckte.„Da Sie die Frage ſtellen, thut es mir leid, ſie nicht beantworten zu können. Aber die Wahr⸗ heit iſt, daß er die Frage meinerſeits wie eine Freiheit 6* 84 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. aufnahm und zu mir ſagte„was geht das Sie an?“ Da merkte ich erſt, daß er meinen Beſuch als eine Zudringlichkeit betrachtete, was ich vorher gefürchtet hatte. Er benahm ſich ſpäter jedoch ſehr anſtändig; ſehr anſtändig.“ Sie ſchwiegen Beide mehrere Minuten lang, nur daß der junge John ungefähr in der Mitte der Pauſe bemerkte: „er hat ſich ſehr anſtändig benommen.“ Abermals unterbrach der junge John das Schweigen mit der Frage: „Wenn ich mir keine Freiheit damit herausnehme, ſo er⸗ laube ich mir die Frage, Sir, wie lange Sie ohne Eſſen und Trinken bleiben wollen?“ „Ich habe noch kein Bedürfniß danach gefühlt,“ entgeg⸗ nete Clennam.„Ich habe keinen Appetit.“ „Umſomehr Grund, warum Sie Etwas genießen ſollen, Sir,“ drang der junge John in ihn.„Wenn Sie finden, daß Sie eine Stunde nach der andern hier ſitzen bleiben, ohne Etwas zu ſich zu nehmen, weil Sie keinen Appetit haben, ſo ſollen und müſſen Sie Etwas genießen ohne Appetit. Ich will eben Thee auf meinem Zimmer trinken. Wenn ich mir die Freiheit herausnehmen darf, ſo bitte ich Sie, eine Taſſe bei mir zu trinken. Oder ich kann das Theebret in zwei Minuten herbringen.“ Von der Ueberzeugung erfüllt, daß der junge John ſich dieſe Mühe geben würde, wenn er es ausſchlug, und den angelegentlichen Wunſch fühlend, zu zeigen, daß er ſowol des ältern Mr. Chivery Bitte wie des jüngern Mr. Chivery Der Zögling der Marſhalſea. 85 Entſchuldigung nicht vergeſſen, ſtand Arthur auf und gab ſeine Bereitwilligkeit zu erkennen, eine Taſſe Thee auf Mr. Johns Zimmer zu trinken. Der junge John ſchloß die Thür für ihn, als ſie hinausgingen, ließ den Schlüſſel mit großer Geſchicklichkeit in ſeine Taſche gleiten und geleitete ihn nach ſeiner Wohnung. Sie war im oberſten Stock des Hauſes, unmittelbar neben dem Thorweg. Es war das Zimmer, nach welchem Clennam an dem Tage geeilt war, wo die reichgewordene Familie für immer von dem Gefängniſſe ſchied, und wo er ſie bewußtlos vom Boden aufgehoben hatte. Er ahnte, wo⸗ hin ſie gingen, ſo wie ſein Fuß die Treppe berührte. Das Zimmer war jetzt tapezirt und neu gemalt, und viel wohn⸗ licher eingerichtet; aber er konnte ſich ſeiner noch genau ſo er⸗ innern, wie er es mit dem einzigen Blick geſehen, als er ſie vom Fußboden aufhob und hinunter nach dem Wagen trug. Der junge John ſah ihn feſt an und kaute an den Nägeln. „Ich ſehe, Sie erkennen das Zimmer wieder, Mr. Clennam?“ „Ich erkenne es recht gut wieder, Gott ſegne ſie!“ Den Thee ganz vergeſſend, fuhr der junge John fort, an den Nägeln zu kauen und ſeinem Gaſt mit den Augen zu folgen, ſo lange dieſer ſich im Zimmer umſah. Endlich ſtürzte er auf die Theekanne los, ſchüttete ſtürmiſch aus einer Büchſe Thee hinein und eilte nach der gemeinſamen Küche, um ſie mit heißem Waſſer zu füllen. 86 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Das Zimmer ſprach ſo beredt zu Clennam in den ver⸗ änderten Umſtänden ſeiner Rückkehr in den Jammer der Marſhalſea; es ſprach ſo trauervoll zu ihm von ihr und daß er ſie verloren, daß es ihm ſchwer geworden wäre, dem Ein⸗ drucke zu widerſtehen, ſelbſt wenn er allein geweſen wäre. Da er allein war, verſuchte er es nicht. Er legte die Hand an die gefühlloſe Wand ſo zärtlich, als wenn er ſie ſelbſt berührte, und ſprach ihren Namen mit leiſer Stimme aus. Er ſtand an dem Fenſter, ſah über die Gefängnißmauer mit ihrem mit eiſernen Spitzen beſetzten Rand und hauchte einen Segensſpruch hinaus durch die Sommerluft nach dem fernen Lande, wo ſie reich und glücklich war. Der junge John war einige Zeit abweſend, und als er zurückkam, zeigte es ſich, daß er draußen geweſen war, denn er brachte friſche Butter auf einem Kohlblatte, ein paar dünne Scheibchen gekochten Schinken und ein Körbchen mit Brunnenkreſſe und Salatkräutern mit. Als dieſe Sachen nach ſeiner Zufriedenheit auf dem Tiſche aufgeſtellt waren, ſetzten ſie ſich zum Thee. Clennam verſuchte, dem Mahle ſeine Ehre anzuthun, aber vergeblich. Der Schinken widerte ihn an, das Brod ſchien in ſeinem Munde zu Sand zu werden. Er konnte Nichts hinunter bringen, als eine Taſſe Thee. „Verſuchen Sie ein Bischen Grünes,“ ſagte der junge John, und reichte ihm das Körbchen. Er nahm ein wenig Brunnenkreſſe und verſuchte aber⸗ mals; aber das Brod wurde noch ſchwererer Sand als XXXVI An Mr. Jahn Chiverg's Chee⸗Cilch. Der Zögling der Marſhalſea. 87 vorher, und der Schinken(obgleich er ganz gut war), ſchien einen ſchwachen Samum von Schinken durch die ganze Marſhalſea zu wehen. „Verſuchen Sie noch ein Bischen Grünes, Sir,“ ſagte der junge John, und reichte ihm wieder das Körbchen hin. Es erinnerte ihn ſo lebhaft daran, wie man manchmal in den Käfig eines trübſinnigen Vogels etwas Grünes ſteckt, und John hatte ſo offenbar das Körbchen als ein Bischen Erquickung für das abgeſtandene heiße Pflaſter und die ſchwüle Ziegelmauer des Kerkers gekauft, daß Clennam ſich nicht enthalten konnte, mit einem Lächeln zu ſagen:„es war ſehr freundlich von Ihnen, auf den Gedanken zu kommen, das zwiſchen den Draht zu ſtecken; aber ich kann ſelbſt Dies nicht hinunter bringen.“ Als ob ſein Zuſtand anſteckend wäre, ſchob auch der junge John bald ſeinen Teller zurück, und fing an, das Kohl⸗ blatt, in welches der Schinken eingewickelt geweſen war, zu⸗ ſammenzulegen. Als er es ſo oft zuſammengelegt, daß es in die Fläche ſeiner Hand ging, begann er es zwiſchen beiden Händen platt zu drücken und Clennam aufmerkſam an⸗ zuſehen. „Ich wundere mich,“ ſagte er endlich, und drückte das grüne Packet mit einiger Kraft zuſammen,„daß, wenn es nicht Ihrer Mühe werth iſt, ſich um Ihrer ſelbſt willen in Acht zu nehmen, Sie es nicht um anderer Leute Willen thun.“ „Wahrhaftig, ich wüßte nicht, für wen,“ entgegnete Arthur mit einem Seufzer und einem Lächeln. 88 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. „Mr. Clennam,“ ſagte John mit Wärme,„ich muß mich wundern, daß ein Herr, der der Aufrichtigkeit fähig iſt, der Sie fähig ſind, der Niedrigkeit fähig ſein ſollte, mir eine ſolche Antwort zu geben. Mr. Clennam, ich muß mich wun⸗ dern, daß ein Herr, der fähig iſt, ſelbſt ein Herz zu haben, der Herzloſigkeit fähig ſein ſollte, das meinige auf dieſe Weiſe zu behandeln. Ich bin erſtaunt darüber, Sir. Wirklich und wahrhaftig, ich bin erſtaunt!“ Er war aufgeſtanden, um dieſen letzten Worten Nach⸗ druck zu geben und ſetzte ſich jetzt wieder hin, um das grüne Packet auf dem rechten Schenkel zuſammenzurollen. Dabei wendete er ſeine Augen nicht von Clennam ab, ſondern ſah ihn mit einem feſten Blick entrüſtungsvollen Vorwurfs an. „Ich hatte es verwunden,“ ſagte John.„Ich hatte es verwunden, da ich wußte, daß es verwunden werden mußte, und war zu dem Entſchluß gekommen, nicht mehr daran zu denken. Ich hätte nicht wieder daran gedacht, hoffe ich, wenn Sie nicht in dieſes Gefängniß gebracht worden wären und in einer für mich unglücklichen Stunde an dieſem heu⸗ tigen Tage! Als ich Sie heute zuerſt erblickte, Sir, in dem Portierhäuschen, mehr als ob ein Upasbaum verhaftet worden wäre als eine Privatperſon, brachen ſo wilde Ströme Empfindungen los in mir, daß ſie in den erſten paar Minu⸗ ten Alles mit ſich fortriſſen und mich in einem Wirbel um und um drehten. Ich arbeitete mich heraus. Ich kämpfte und arbeitete mich heraus. Wenn es mein letztes Sterbens⸗ wörtchen wäre, ſo ſage ich doch, gegen dieſen Wirbel kämpfte 89 Der Zogling der Marſhalſea. ich mit äußerſter Kraft und heraus habe ich mich gearbeitet. Ich ſagte zu mir, wenn ich verletzend geweſen wäre, müßte ich um Entſchuldigung bitten und das habe ich gethan ohne zu fragen, ob ich mich erniedrige. Und jetzt, wo ich ſo ſehr gewünſcht habe, zu zeigen, daß ein Gedanke mir faſt ein hei⸗ liger iſt und Allem voran geht— jetzt halten Sie zurück, wenn ich noch ſo leiſe darauf anſpiele und laſſen mich ſitzen. Denn ſeien Sie nicht ſo niedrig, Sir,“ ſagte der junge John, „ſeien Sie nicht ſo niedrig, zu leugnen, daß Sie wirklich zu⸗ rückhalten und mich ſitzen laſſen!“ Ganz Erſtaunen ſah Arthur ihn an und ſagte nur,„was iſt denn? Was meinen Sie, John?“ Aber John, der in jenem Gemüthszuſtand war, wo einer gewiſſen Klaſſe von Leuten nichts unmöglicher zu ſein ſcheint, als eine Antwort zu geben, fuhr, ohne auf ihn zu achten, fort. „Ich habe nie,“ erklärte John,„nein, ich habe nie die Kühnheit gehabt, zu denken, daß Alles anders als vorbei wäre. Ich habe nie eine, warum ſollte ich es nicht ſagen, wenn ich ſie je gehabt hätte, ich habe nie eine Hoffnung ge⸗ habt, daß es möglich wäre, ſo himmliſch glücklich zu ſein, nie, nachdem die Worte geſprochen worden, ſelbſt wenn nicht unüberſteigliche Schranken vorhanden wären, aber iſt das ein Grund, warum ich kein Gedächtniß, warum ich keine Gedanken, warum ich keine heiligen Stellen, warum ich gar Nichts haben ſoll?“ „Was können Sie meinen?“ rief Arthur. „Es iſt ganz gut, mit Füßen darauf zu treten, Sir,“ fuhr 90 Siebenundzwanzigſtes Kapitel.. John fort, durch eine ganze Prairie von wilden Worten ſchweifend,„wenn ſich Jemand entſchließen kann, ſo Etwas zu thun. Es iſt ganz gut, es mit Füßen zu treten, aber es iſt da. Möglich, daß man es nicht mit Füßen treten könnte, wenn es nicht da wäre. Aber das macht es nicht gentle⸗ maniſch, das macht es nicht ehrenhaft, das rechtfertigt es nicht, Jemanden ſitzen zu laſſen, nachdem er gekämpft und aus ſich herausgefahren iſt wie ein Schmetterling. Die Welt mag hohnlächeln über einen Schließer, aber er iſt ein Mann— wenn er keine Frau iſt, was bei Verbrecherinnen verlangt wird.“ So lächerlich dieſe unzuſammenhängende Rede war, ſo war doch eine ſolche Ehrlichkeit in des jungen Johns ein⸗ fachen ſentimentalen Charakter und es ſprach ſich in ſeinem brennenden Geſicht und in der Aufregung ſeiner Stimme und ſeines Weſens ſo ſehr das Gefühl aus, an einer ſehr zarten Stelle verwundet zu ſein, daß Arthur hartherzig hätte ſein müſſen, es zu überſehen. Er kehrte in Gedanken zurück zu dem Ausgangspunkt dieſer unbekannten Beleidigung; und unterdeſſen zerſchnitt der junge John das grüne Packet, nachdem er es hübſch rund gedreht, ſorgfältig in drei Stücke und legte es auf einen Teller, als wäre es eine be⸗ ſondere Delikateſſe. „Sollte es möglich ſein, daß Sie von Miß Dorrit ſprechen?“ ſagte Arthur, nachdem er die Unterhaltung bis zur Brunnenkreſſe zurück verfolgt hatte. — Der Zögling der Marſhalſea. 91 „Es wäre wol möglich, Sir,“ entgegnete John Chivery. „Ich verſtehe es nicht. Ich hoffe, ich werde nicht ſo un⸗ glücklich ſein, Sie glauben zu machen, ich beabſichtigte wieder, Sie zu beleidigen, denn ich habe noch nie beabſich⸗ tigt, Sie zu beleidigen, wenn ich ſage, daß ich es nicht verſtehe.“ „Sir,“ ſagte der junge John,„wollen Sie ſo perfid ſein, zu leugnen, daß Sie wiſſen und längſt gewußt haben, daß ich für Miß Dorrit, nennen Sie es nicht Anmaßung der Liebe, ſondern Verehrung und Hingebung fühle?“ „Wahrhaftig, John, es iſt keine Perfidie, wenn ich es weiß; warum Sie aber den Verdacht hegen, bin ich außer Stande zu begreifen. Hat Ihnen Ihre Mutter, Mrs. Chi⸗ very, vielleicht geſagt, daß ich einmal bei ihr geweſen bin?“ „Nein, Sir,“ entgegnete John kurz,„hab' nie etwas da⸗ von gehört.“ „Aber ich bin bei ihr geweſen. Können Sie ſich denken, warum?“ „Nein, Sir,“ gab John kurz zur Antwort.„Ich kann mir nicht denken, warum.“ „Ich will es Ihnen ſagen. Es lag mir am Herzen, Miß Dorrit's Glück zu fördern; und wenn ich hätte vorausſehen können, daß Miß Dorrit Ihre Neigung erwiderte—“ Der arme John Chivery wurde purpurroth bis hinter die Ohren.„Das hat Miß Dorrit nie gethan, Sir. Ich wünſche ehrenhaft und wahr zu ſein, ſo weit dies in meiner 92 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. 4 beſcheidenen Weiſe ſein kann, und ich würde mich ſchämen, nur einen Augenblick vorzugeben, ſie hätte jemals meine Neigung erwidert, oder mich je veranlaßt, es zu glauben; nein, nicht einmal, daß es bei ruhigem Verſtande jemals zu erwarten war, daß ſie es thun würde oder könnte. Sie ſtand weit über mir in jeder Hinſicht und zu allen Zeiten. Und auch ihre vornehme Familie,“ ſetzte John hinzu. Sein ritterliches Gefühl gegen Alle, die zu ihr gehörten, machten ihn trotz ſeiner kleinen Geſtalt und ſeiner ziemlich ſchwachen Beine und ſeines ſehr ſchwachen Haars und ſeines poetiſchen Temperaments ſo achtungswerth, daß ein Goliath an ſeiner Stelle hätte ſitzen und weniger Berückſichtigung von Arthur hätte verlangen können. „Sie ſprechen wie ein Mann, John,“ ſagte Arthur mit aus dem Herzen kommender Bewunderung. „Und ich wollte, Sie thäten es auch,“ ſagte John und fuhr mit der Hand über die Augen. Dieſe unerwartete Erwiderung kam raſch heraus und veranlaßte Arthur abermals, ihn verwundert anzuſehen. „Oder, wenn das zu ſtark geſagt iſt,“ ſagte John und reichte ihm die Hand über das Theebret,„ſo nehme ich's zurück! Aber warum nicht, warum nicht? Wenn ich zu Ihnen ſage, Mr. Clennam, nehmen Sie ſich in Acht um eines Andern willen, warum nicht offenherzig ſein, obgleich ein Schließer? Warum verſchaffte ich Ihnen das Zimmer, von dem ich wußte, daß es Ihnen am liebſten war? Warum ſchaffte ich Ihnen Ihre Sachen herauf? Nicht, daß ich ſie Der Zögling der Marſhalſea. 93 ſchwer fand; deshalb erwähne ich es nicht; weit entfernt davon. Warum habe ich Ihre Bekanntſchaft in der Weiſe cultivirt, wie ich es ſeit dieſem Morgen gethan habe? In Folge Ihrer eignen Verdienſte? Nein. Sie ſind ſehr groß, daran zweifle ich nicht; aber deswegen nicht. Einer andern Perſon Verdienſte haben ihr Gewicht gehabt und haben viel mehr Gewicht gehabt mit mir. Warum alſo nicht offen⸗ herzig ſein!“ „Ganz aufrichtig geſprochen, John,“ ſagte Clennam, „Sie ſind ein ſo guter Menſch und ich habe eine ſo aufrich⸗ tige Achtung vor Ihrem Charakter, daß, wenn ich meine An⸗ erkennung des Umſtands, daß die freundlichen Dienſte, die Sie mir heute geleiſtet haben, der Thatſache beizumeſſen ſind, daß Miß Dorrit mich als ihren Freund betrachtet hat, weniger an den Tag gelegt habe, als ich ſie fühle, ich ein⸗ geſtehe, daß dies ein Fehler geweſen iſt und ich Sie um Verzeihung bitte.“ „O! Warum nicht offenherzig ſein!“ wiederholte John abermals mit zurückweiſendem Tone. „Ich erkläre Ihnen,“ gab Arthur zurück,„daß ich Sie nicht verſtehe. Sehen Sie mich an. Bedenken Sie, in welchen Verlegenheiten ich mich befinde. Iſt es wahrſchein⸗ lich, daß ich muthwillig die Vorwürfe, die ich mir ſelbſt zu machen habe, mit dem vermehren würde, undankbar oder ver⸗ rätheriſch gegen Sie zu ſein? Ich verſtehe Sie nicht.“ Johns ungläubiges Geſicht milderte ſich allmälig in ein Geſicht des Zweifels. Er ſtand auf, trat rückwärts in das 94 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. 4 Dachfenſter des Zimmers zurück, winkte Arthur zu ſich und ſah ihn eine Zeit lang gedankenvoll an. „Mr. Clennam, wollen Sie damit ſagen, daß Sie es nicht wiſſen?“ „Was, John?“ „O Gott,“ ſagte der junge John, und ſah mit einem verzweifelten Stöhnen nach den eiſernen Spitzen auf der Mauer.„Er ſagt, Was!“ Clennam ſah die Spitzen an und ſah John an; und ſah die Spitzen an und ſah John an. „Er ſagt, Was! und, was mehr iſt,“ rief der junge John aus, und betrachtete ihn in trübſeliger Verwirrung,„er ſcheint es auch zu meinen! Sehen Sie dieſes Fenſter, Sir?“ Natürlich ſehe ich dieſes Fenſter.“ „Sehen Sie dieſes Zimmer?“ „Natürlich ſehe ich dieſes Zimmer.“ „Dieſe Mauer gegenüber und dieſen Hof dort unten? Sie ſind alle Zeugen davon geweſen, von Tag zu Tag, von Nacht zu Nacht, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat. Denn wie oft habe ich Miß Dorrit hier geſehen, wo ſie mich nicht geſehen hat!“ „Zeugen wovon?“ ſagte Clennam. „Von Miß Dorrit's Liebe.“ „Zu wem?“ „Zu Ihnen!“ ſagte John:. Und er legte den Rücken ſeiner Hand auf die Bruſt Arthur's und ging rücklings in ſeinen Stuhl zurück und ſetzte ſich mit blaſſem Geſicht Der Zögling der Marſhalſea. 95 darauf, ſchlug die Arme übereinander und ſah ihn kopf⸗ ſchüttelnd an. Wenn er Clennam einen ſchweren Schlag verſetzt hätte, anſtatt ihn mit ſo leichter Hand zu berühren, ſo hätte dieſer nicht mehr erſchüttert ſein können. Er ſtand ganz erſtaunt da, die Augen auf John geheftet und mit offenem Munde, als verſuchten die Lippen manchmal die Worte zu bilden,„zu mir!“ ohne ſie auszuſprechen. Die Hände waren ihm her⸗ untergeſunken und ſeine ganze Erſcheinung war die eines Mannes, den man vom Schlafe aufgeweckt und mit einer Nachricht, die er nicht ganz begreifen kann, verdutzt hat. „Zu mir!“ ſagte er endlich laut. „Ach!“ ſtöhnte der junge John.„Zu Ihnen!“ Er ſtrengte ſich an, zu lächeln und gab zurück,„das iſt Einbildung von Ihnen. Sie irren ſich vollſtändig.“ „Ich mich irren!“ ſagte der junge John.„Ich mich vollſtändig irren über dieſen Gegenſtand! Nein, Mr. Clen⸗ nam, ſagen Sie mir das nicht. Ueber jeden andern Gegen⸗ ſtand, wenn Sie wollen, denn ich maße mir nicht an, ſehr ſcharfblickend zu ſein, und ich kenne meine Mängel recht gut. Aber ich ſoll mich irren über einen Punkt, der mir das Herz mehr zerriſſen hat, als die Pfeile von einer ganzen Horde Wilder! Ich ſoll mich irren über einen Punkt, der mich faſt ins Grab gebracht hat, was ich manchmal wünſchte, wenn ſich das Grab nur hätte vertragen können mit dem Tabaks⸗ geſchäft und mit den Gefühlen von Vater und Mutter! Ich mich irren über einen Punkt, der mich ſelbſt noch in dem 96 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. jetzigen Augenblick veranlaßt, mein Taſchentuch herauszu⸗ ziehen wie ein großes Mädchen, wie die Leute ſagen; ob⸗ gleich ich nicht weiß, warum ein großes Mädchen ein Wort des Vorwurfs ſein ſollte, denn jedes unverfälſchte männliche Gemüth liebt ſie groß und klein! Sagen Sie das nicht, ſagen Sie das nicht!“ Immer noch ſehr achtungswerth im Grunde, obgleich lächerlich genug auf der Oberfläche, zog der junge John das Taſchentuch heraus und zwar mit einer ächten Abweſenheit von Prahlerei oder Verlegenheit, die man nur bei einem Mann, in dem ſehr viel Gutes iſt, findet, wenn er ſein Taſchentuch heraus nimmt und ſich die Augen wiſcht. Nach⸗ dem er ſie getrocknet und ſich den harmloſen Genuß verſchafft hatte, einmal zu ſchluchzen und zu ſchnauben, ſteckte er es wieder ein. Der Eindruck war immer noch ſo mächtig, daß Arthur nicht viel Worte zuſammenbringen konnte, um mit dem Gegenſtande abzuſchließen. Er verſicherte John Chivery, als dieſer das Taſchentuch wieder eingeſteckt hatte, daß er ſeiner Uneigennützigkeit und der Treue, mit der er an ſeiner Er⸗ innerung an Miß Dorrit feſthalte, volle Anerkennung zolle. Was die von ihm ausgeſprochene Vermuthung betreffe— hier unterbrach ihn John und ſagte:„Keine Vermuthung! Gewißheit!“— ſo werde er darüber vielleicht mit ihm zu einer andern Zeit ſprechen, wolle aber jetzt weiter nichts ſagen. Da er ſich niedergedrückt und müde fühle, wolle er ſich mit John's Erlaubniß auf ſein Zimmer begeben und es 4 Der Zögling der Marſhalſea. 97 für dieſen Abend nicht mehr verlaſſen. John gab ſeine Zu⸗ ſtimmung und ſchlich ſich in dem Schatten der Mauer nach ſeiner Wohnung zurück. So ſehr beherrſchte ihn noch der Eindruck, daß er, als das ſchmutzige alte Weib fort war, das, auf der Treppe vor ſeiner Thür ſitzend, auf ihn wartete, um ſein Bett zu machen und ihm, während ſie dies that, zu verſtehen gab, daß ſie ihre Inſtruktionen von Mr. Chivery empfangen,„nicht von dem alten, ſondern von dem jungen;“ er in den verblaßten Armſtuhl ſank und den Kopf mit ſeinen beiden Händen drückte, als ob er betäubt wäre. Klein Dorrit ihn lieben! Das war viel verwirrender für ihn als ein Unglück. Man denke nur die Unwahrſcheinlichkeit. Er war ge⸗ wohnt geweſen, ſie ſein Kind zu nennen und ſein liebes Kind und ihr Vertrauen dadurch in Anſpruch zu nehmen, daß er den Unterſchied in ihren beiderſeitigen Jahren hervorhob und von ſich wie von Einem ſprach, der alt würde. Aber ſie hatte ihn vielleicht nicht für alt gehalten. Ein Etwas erinnerte ihn daran, daß er ſich ſelbſt nicht für alt gehalten, als bis die Roſen auf dem Strom dahin geſchwommen waren. Er hatte ihre beiden Briefe unter andern Papieren in ſeinem Pulte, und er holte ſie hervor und las ſie. Es ſchien aus ihnen ein Ton herauszuklingen, wie der Ton ihrer lieben Stimme. Es ſchlug an ſein Ohr mit manchen herzlichen Tönen, die mit der neuen Bedeutung nicht unverträglich waren. Jetzt fiel ihm ihr ruhig und doch ſo ſchmerzlich ent⸗ ſagendes„nein, nein, nein“ an jenem Abend in dieſem ſelben Klein Dorrit. IX. 7 98 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. 4 Zimmer ein— an jenem Abend, wo er das Morgenroth ihres wiederkehrenden Glücks geſehen und wo ſie noch andere Worte gewechſelt hatten, an die er ſich nun mit Wehmuth und als Gefangener erinnern ſollte. Man bedenke die Unwahrſcheinlichkeit. Aber ſie hatte bei näherer Betrachtung eine vorwiegende Neigung, geringer zu werden. Eine andere und ſeltſame Frage in ſeinem Herzen drängte ſich gleichzeitig immer mehr vor. Lag in ſeiner Abneigung gegen den Glauben, daß ſie einen Andern liebe; in ſeinem Wunſche, dieſe Frage zu be⸗ ſeitigen; in ſeinem halbfertigen Bewußtſein, daß es edel ſei, ihre Liebe zu einem Andern zu unterſtützen, nicht ein unterdrücktes Etwas auf ſeiner Seite, das er beſchwichtigt hatte, wie es anfing, in ihm lebendig zu werden? Hatte er ſich jemals zugeflüſtert, daß er niemals daran denken dürfe, ſie könnte ihn lieben, daß er ihre Dankbarkeit nicht benutzen dürfe, daß er ſeine Erfahrung als Warnung und Mahnung vor Augen behalten müſſe; daß es ſeine Pflicht ſei, ſolche jugendliche Hoffnungen als abgeſchieden zu betrachten, wie die todte Tochter ſeines Freundes abgeſchieden war; daß er nicht aufhören dürfe, zu ſich zu ſagen, daß die Zeit für ihn vorüber und er ſelbſt zu ernſt und alt geworden ſei? Er hatte ſie geküßt, als er ſie vom Fußboden aufgehoben an dem Tage, wo man ſie, ſo treu der alten Weiſe und ſo bedeutungsvoll, vergeſſen hatte. Ganz ebenſo, wie er ſie ge⸗ küßt haben würde, wenn ſie bei vollem Bewußtſein geweſen wäre? Kein Unterſchied? — —yy Der Zögling der Marfhalſea. 99 Das abendliche Dunkel fand ihn noch mit dieſem Ge⸗ danken beſchäftigt. Das abendliche Dunkel fand auch Mr. und Mrs. Plorniſh an ſeine Thür klopfen. Sie brachten einen Korb mit, gefüllt mit einer Auswahl des Waaren⸗ vorraths, der ſo raſchen Abſatz mit ſo langſamer Bezahlung fand. Mrs. Plorniſh war bis zu Thränen gerührt. Mr. Plorniſh brummte liebenswürdig in ſeiner philoſophiſchen aber nicht klaren Weiſe, daß es im Leben heruntergeht und herauf, ſehen Sie. Es wäre vergeblich, zu fragen, warum herauf und warum herunter; aber ſo wär es doch, wiſſen Sie, er hätte es als wahr erzählen hören, daß wie die Welt ſich drehte, was ſie doch ganz gewißlich thun thäte, jeder noch ſo vornehme Herr ſich gefallen laſſen müßte, mit dem Kopf nach unten zu ſtehen und ſein Haar in der ver⸗ kehrten Richtung im Raume— um mich ſo auszudrücken— fliegen zu laſſen. Ganz gut alſo. Was Mr. Plorniſh ſagte, war ganz gut alſo. Des einen Herrn Kopf würde wieder in die Höhe kommen, wenn er an die Reihe käme, des andern Herrn Haar würde wieder glatt werden und alsdann ganz gut! Wir haben bereits erwähnt, daß Mrs. Plorniſh, die keine Philoſophin war, weinte. Es geſchah ferner, daß Mrs. Plorniſh, da ſie keine Philoſophin war, verſtändlich war. Es mag eine Folge ihrer weicheren Stimmung geweſen ſein, oder des weiblichen Scharfblicks, oder der weiblichen raſchern Ideenaſſociation, oder des weiblichen Mangels an Logik— aber es geſchah auch, daß Mrs. Plorniſh's Ver⸗ 7* 7 100 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. 4 ſtändlichkeit ſich gerade an dem Gegenſtand zeigte, mit dem ſich Arthurs Gedanken beſchäftigten. „Wie Vater von Ihnen geſprochen hat, Mr. Clennam, werden Sie kaum glauben,“ ſagte Mrs. Plorniſh.„Es hat ihn ganz unglücklich gemacht. Und gar ſeine Stimme, die hat das Unglück ganz weggenommen. Sie wiſſen, wie ſchön Vater ſingt; aber er konnte auch nicht einen Ton für die Kinder beim Thee herauskriegen, wenn Sie glauben wollen, was ich Ihnen ſage.“ Dabei ſchüttelte Mrs. Plorniſh den Kopf und wiſchte ſich die Augen und ſah ſich voller Rückerinnerungen im Zimmer um. „Und was Mr. Baptiſt thun wird, wenn er es erfährt, kann ich mir weder denken, noch träumen,“ fuhr Mrs. Plor⸗ niſh fort.„Sie können ſich darauf verlaſſen, er wäre ſchon hier, wenn Sie ihn nicht in vertrauten Aufträgen verſchickt hätten. Die Ausdauer, mit der er dieſen Aufträgen nach⸗ geht und ſich keine Ruhe gönnt, iſt wahrhaftig,“ ſagte Mrs. Plorniſh und ſchloß auf gut italieniſch zumerſtauniſcha Padrona.“ Obgleich nicht eingebildet, fühlte Mrs. Plorniſh doch, daß ſie dieſem toscaniſchen Satz eine beſonders elegante Wen⸗ dung gegeben. Mr. Plorniſh konnte ſeine Freude über ihre Fertigkeit als Sprachkundige nicht verhehlen. „Aber was ich ſagen wollte, Mr. Clennam,“ fuhr die gute Frau fort,„ſo iſt immer noch Etwas dabei, wofür wir dankbar ſein müſſen, wie Sie gewiß zugeben werden. Um von dieſem Zimmer zu ſprechen, ſo iſt es nicht ſchwer, zu —— — —— Der Zögling der Marſhalſea. 101 finden, was das gegenwärtige Etwas iſt. Gewiß muß man ſehr dankbar ſein, daß Miß Dorrit nicht hier iſt und es weiß.“ Arthur glaubte, ſie ſehe ihn mit beſonderm Ausdrucke an⸗ „Es iſt Etwas, wofür man dankbar ſein muß, daß Miß Dorrit weit weg von hier iſt,“ wiederholte Mrs. Plorniſh. „Es iſt zu hoffen, daß ſie nichts davon hört. Wenn ſie hier geweſen wäre, um es zu ſehen, Sir, ſo iſt es gar nicht zu bezweifeln, daß, Sie in Unglück und Bedrängniß zu ſehen—“ Mrs. Plorniſh wiederholte dieſe Worte und legte auf das Sie beſondern Nachdruck—„ſo iſt es gar nicht zu bezweifeln, daß, Sie in Unglück und Bedrängniß zu ſehen, für ihr lieb⸗ reiches Herz faſt zu Viel geweſen wäre. Ich kann mir auf der ganzen Welt nichts denken, was Miß Dorrit ſo weh gethan haben müßte, wie Das.“ Ganz gewiß ſah Mrs. Plorniſh ihn jetzt an mit einer Art zitternder Herausforderung in ihrer theilnehmenden Rüh⸗ rung.„Ja!“ ſagte ſie.„Und es zeigt, wie gut der Vater Achtung gibt, obgleich er ſchon ſo bei Jahren iſt, daß er heute Nachmittag zu mir ſagte, was ich gewiß nicht erfinde oder vergrößere, wie das Hüttchen Sorgenfrei weiß.„Mary, wir müſſen doch recht froh ſein, daß Miß Dorrit nicht da i*ſt, um es mit anſehen zu müſſen.“ Das waren Vaters eigene Worte. Vaters eigene Worte waren:„wir müſſen doch recht froh ſein, daß Miß Dorrit nicht da iſt, um es mit anſehen zu müſſen.“ Dann ſage ich zum Vater, ſage ich zu ihm:„Vater, Du haſt Recht! Das,“ Mrs. Plorniſh ſchloß mit der Miene 10² Siebenundzwanzigſtes Kapitel. 4 eines ſehr gewiſſenhaften Zeugen vor Gericht,„iſt zwiſchen Vater und mir vorgefallen. Und ich erzähle Ihnen weiter nichts, als was zwiſchen mir und Vater wirklich vorgefallen iſt.“ Mr. Plorniſh, der von einem lakoniſcheren Tempera⸗ ment war, benutzte dieſe Gelegenheit, um die Bemerkung einfließen zu laſſen, daß ſie beſſer thue, jetzt Mr. Clennam ſich ſelbſt zu überlaſſen.„Denn Du ſiehſt,“ ſagte Mr. Plor⸗ niſh mit Ernſt,„ich weiß, was es iſt, Alte.“ Dieſe Bemer⸗ kung wiederholte er mehrere Male, als ob ſie ihm ein großes moraliſches Geheimniß einzuſchließen ſchien. Schließlich ging das würdige Paar Arm in Arm fort. Klein Dorrit, Klein Dorrit. Wieder ganze Stunden lang immer Klein Dorrit. Zum Glück, wenn es jemals ſo geweſen war, war es vorbei und es war beſſer ſo. Angenommen, daß ſie ihn ge⸗ liebt hätte und daß er es gewußt und ſeiner Liebe nachgege⸗ ben hätte, welchen Weg hätte er ſie dann geführt— den Weg, der ſie zurückgebracht hätte in dieſen Jammerort! Es mußte für ihn der Gedanke viel Tröſtliches haben, daß ſie für immer von dem Ort geſchieden war; daß ſie verheirathet war oder bald verheirathet ſein mußte,(dunkle Gerüchte von ihres Vaters Plänen in dieſer Richtung waren mit der Heirath ihrer Schweſter in den Hof zum blutenden Herzen gedrungen); und daß das Narſßhalſeathor ſich für immer allen dieſen verwirrenden Möglichkeiten einer Zeit, die vor⸗ über war, verſchloſſen hatte. Liebe Klein Dorrit. —O—VV—— — Der Zögling der Marſhalſea. 103 Wenn er zurückblickte auf ſeine Leidensgeſchichte, ſo er⸗ ſchien ſie ihm als der Verſchwindungspunkt in dem Gemälde. Alle Linien in der Perſpective führten auf ihre unſchuldige Geſtalt zurück. Er war Tauſende von Meilen nach dieſem Ziele gereiſt; frühere unruhige Hoffnungen und Zweifel hatten ſich davor gelöſt; es war der Mittelpunkt ſeines In⸗ tereſſes am Leben; es war der Schlußpunkt von Allem, was gut und ſchön darin war; darüber hinaus war nichts, als bloße Wüſtenei und gewitterſchwangerer Himmel. So ruhelos, wie in der erſten Nacht, wo er ſich inner⸗ halb dieſer unwirthlichen Mauern zum Schlaf hingelegt, ver⸗ brachte er die Nacht mit ſolchen Gedanken. Unterdeſſen lag der junge John in friedlichem Schlummer, nachdem er auf ſeinem Kiſſen folgende Grabſchrift ſich ausgeſonnen hatte: Fremdling! Achte das Grab John Chivery'’s junior geſtorben in einem hohen Alter, das der Erwähnung nicht werth iſt. Er begegnete ſeinem Nebenbuhler in Unglück und Bedrängniß und fühlte Neigung, ſich mitihm zuboxen. Aber um der Heißgeliebten willen überwand er dieſe Gefühle des Zornes und zeigte ſich großherzig. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Achtundzmanzigätes Rapitel. Eine Erſcheinung in der Marſhalſea. Die Meinung der Gemeinde außerhalb der Gefängniß⸗ thore ſprach ſich im Verlauf der Zeit ſehr entſchieden gegen Clennam aus und unter der Gemeinde innerhalb derſelben erwarb er ſich keine Freunde. Zu niedergedrückt, um ſich unter den großen Haufen im Hofe zu miſchen, der zuſammen⸗ kam, um ſeine Sorgen zu vergeſſen; zu ſehr die Einſamkeit liebend und zu bekümmert, um an den armſeligen geſelligen Freuden des Wirthshauſes theilzunehmen, blieb er auf ſeinem eigenen Zimmer und ward von den Andern mit Miß⸗ trauen angeſehen. Einige ſagten, er ſei ſtolz; Andere mein⸗ ten, er ſei mürriſch und zurückhaltend; noch Andere verachte⸗ ten ihn, denn er ſei ein Kerl ohne Kraft und Charatter, der ſich ſeine Schulden zu Gemüth ziehe. Die ganze Gefäng⸗ nißbevölkerung zog ſich aus dieſen verſchiedenen Gründen von ihm zurück, aber beſonders wegen des letztern, der einer Art Landesverrath gleichkam; und er gewöhnte ſich bald ſo ſehr an ſeine Einſamkeit, daß er nur noch in dem Hofe er⸗ ſchien, wenn der Abendelub bei ſeinen Liedern und ſeinen Toaſten verſammelt war, und der Hof faſt ausſchließlich den Frauen und Kindern überlaſſen blieb. Die Haft fing an, Einfluß auf ihn zu gewinnen. Er Eine Erſcheinung in der Marſhalſea. 105 wußte, daß er träge und mürriſch ſeine Zeit verträumte. Nach dem, was er von den Wirkungen langer Haft innerhalb der engen vier Wände des Zimmers, das er jetzt bewohnte, geſehen hatte, flößte ihm dieſes Gefühl Angſt vor ſich ſelbſt ein. Das Auge anderer Menſchen und ſein eigenes ſcheuend, fing er an ſich ſehr merklich zu verändern. Jedermann konnte ſehen, daß der Schatten der Mauer finſter auf ihn fiel. Er mochte etwa zehn oder zwölf Wochen im Gefängniß geweſen ſein, und hatte verſucht, zu leſen, und war nicht einmal im Stande geweſen, die dichteriſchen Geſtalten des Buchs von der Marſhalſea zu trennen, als Tritte vor ſeiner Thür erſchallten und eine Hand daran klopfte. Er ſtand auf und öffnete und eine angenehme Stimme rief ihm ent⸗ gegen:„wie gehts Ihnen, Mr. Clennam? ich hoffe, ich bin Ihnen nicht unwillkommen, wenn ich Sie beſuche.“ Es war der muntere junge Barnacle, Ferdinand. Er ſah ſehr freundlich und einnehmend aus, obgleich über⸗ wältigend heiter und ungebunden im Gegenſatz zu dem ſchmutzigen Gefängniß. „Sie wundern ſich, mich zu ſehen, Mr. Clennam,“ ſagte er, indem er den Stuhl nahm, den ihm Mr. Clennam anbot. „Ich muß geſtehen, daß ich etwas überraſcht bin.“ „Nicht unangenehm, hoffe ich.“ „Durchaus nicht.“ „Danke Ihnen. Offen geſtanden,“ ſagte der gewinnende junge Barnacle,„hat es mir ausnehmend leid gethan, zu hören, daß Sie die Nothwendigkeit gefühlt haben, zeitweilig 106 Achtundzwanzigſtes Kapitel. 4 hier eine Zuflucht zu ſuchen und ich hoffe(natürlich ſage ich dies in meinem Privatcharakter, wie ein Gentleman zu dem andern ſpricht), daß wir keine Hand darin haben.“ „Ihr Amt?“ „Unſer Umſchreibungsamt.“ „Ich kann keinen Theil meiner Unfälle auf dieſe merk⸗ würdige Anſtalt ſchieben.“ „Auf Seele,“ ſagte der lebhafte junge Barnacle,„das zu erfahren freut mich herzlich. Es iſt ein wahrer Troſt für mich, das von Ihnen zu hören. Ich würde es ſo ausneh⸗ mend bedauert haben, wenn unſer Büreau Etwas mit Ihrem Unglück zu thun gehabt hätte.“ Clennam verſicherte ihm abermals, daß er es von aller Verantwortlichkeit losſpreche. „Das iſt Recht,“ ſagte Ferdinand.„Es macht mich ſehr glücklich, das zu hören. Mir war eigentlich innerlich bange, daß wir dazu beigetragen haben könnten, Sie zu ruiniren, weil es gar nicht bezweifelt werden kann, daß wir das Un⸗ glück haben, dann und wann ſo Etwas zu thun. Wir wollen es gar nicht; aber wenn Leute durchaus ruinirt ſein wollen, nun— ſo können wir nicht anders.“ „Ohne Ihnen unbedingt beizuſtimmen,“ gab Arthur düſter zur Antwort,„bin ich Ihnen doch für Ihre Theil⸗ nahme ſehr verbunden.“ „Aber ich bitte Sie! Unſer Büreau iſt das harmloſeſte Ding, was man ſich denken kann,“ ſagte der junge Barnacle leichthin.„Sie wollen vielleicht ſagen, wir wären ein Schwindel. Ich will nicht ſagen, daß wirs nicht ſind; aber Eine Erſcheinung in der Marfhalſea. 107 alle dieſe Sachen ſollen ſo ſein und müſſen ſo ſein. Sehen Sie's nicht ein?“ „Nein,“ ſagte Clennam. „So betrachten Sie's nicht vom richtigen Geſichtspunkte aus. Der Geſichtspunkt iſt die Hauptſache. Betrachten Sie unſer Bureau von dem Geſichtspunkte aus, daß wir von Ihnen nur verlangen, uns ungeſchoren zu laſſen, ſo ſind wir ein ſo ausgezeichnetes Departement, als Sie nur irgendwo finden können.“ „Alſo man muß Ihr Bureau ungeſchoren laſſen?“ fragte Clennam. „Sie treffen es auf den Nagel,“ entgegnete Ferdinand. „Es beſteht mit der ausdrücklichen Abſicht, daß Alles unge⸗ ſchoren gelaſſen werden ſoll. Das will es heißen. Dazu iſt es da. Allerdings muß eine gewiſſe Form zu andern Zwecken beobachtet werden, aber das iſt nur eine Form. O du mein Himmel, wir ſind nichts als Formalität. Denken Sie nur daran, welche Unmaſſe Formalitäten Sie haben durchmachen müſſen. Und Sie ſind deshalb dem Ende nicht näher ge⸗ kommen?“ „Durchaus nicht,“ ſagte Clennam. „Sehen Sie es von dem rechten Geſichtspunkte an, und Sie werden uns in amtlicher Wirkſamkeit und Tüchtigkeit finden. Es iſt wie eine geſchloſſene Partie Cricket. Eine Partei Draußenſtehender zielt immer mit dem Ball nach dem Staatsdienſt und wir ſchlagen die Bälle zurück.“ Clennam fragte, was aus den Ballwerfenden würde? 108 Achtundzwanzigſtes Kapitel. 4 Der unbefangene junge Barnacle gab zur Antwort, ſie würden müde, kämen außer Athem, würden lahm, brächen ſich's Rückgrat, ſtürben ab, gäben die Partie auf, oder be⸗ gännen ein anderes Spiel. „Und das veranlaßt mich abermals, Ihnen zu gratu⸗ liren,“ fuhr er fort,„daß unſere Expedition mit Ihrer vor⸗ übergehenden Bedrängniß nichts zu thun hat. Sie hätte ſehr leicht Etwas damit zu thun haben können; weil es ſich gar nicht leugnen läßt, daß wir mit unſern Wirkungen auf Leute, die uns nicht ungeſchoren laſſen wollen, manchmal ſehr unglücklich ſind. Mr. Clennam, ich ſpreche ganz rück⸗ haltlos mit Ihnen, und unter vier Augen kann ich das thun. Ich war das ſchon, als ich zuerſt bemerkte, daß Sie in den Irr⸗ thum verfielen, uns nicht ungeſchoren zu laſſen; weil ich ſah, daß Sie unerfahren und ſanguiniſch waren, und— Sie werden mir den Ausdruck verzeihen— die Sache echt kind⸗ lich auffaßten.“ „Schon gut.“ „Echt kindlich. Deshalb fühlte ich, wie ſchade es ſei, und ich ging ſo weit, Ihnen anzudeuten(was wahrhaftig nicht amtlich war, aber ich bin nie amtlich, wenn ich nicht muß), daß, wenn ich wie Sie wäre, ich mich nicht weiter darum bekümmern würde. Doch Sie haben ſich darum be⸗ kümmert und haben jetzt noch den Kummer davon. Aber ich bitte Sie jetzt, bekümmern Sie ſich nicht weiter darum.“ „Ich werde kaum die Gelegenheit haben,“ ſagte Clennam. Eine Erſcheinung in der Marſhalſea. 109 „O doch! Sie werden nicht ewig hier bleiben. Nie⸗ mand bleibt ewig hier. Es gibt unendlich viel Wege, von hier fortzukommen, aber um das Eine bitte ich Sie, kommen Sie nicht wieder zu uns. Auf meine Ehre,“ ſagte Ferdinand in ſehr freundſchaftlicher und vertraulicher Weiſe,„es ſollte mir ſehr wehe thun, wenn Sie ſich nicht von der Vergangen⸗ heit warnen laſſen, und ſich fern von uns halten.“ „Und die Erfindung?“ ſagte Clennam. „Mein Beſter,“ entgegnete Ferdinand—„wenn Sie mir dieſe Freiheit erlauben wollen, Niemand will Etwas von der Erfindung wiſſen, und Niemand gibt zwei Pence darauf.“ „Niemand auf dem Bureau?“ „Und außerhalb deſſelben auch nicht. Jedermann iſt bereit, jede beliebige Erfindung zu verachten und lächerlich zu machen. Sie haben gar keinen Begriff, wie viele Leute ungeſchoren bleiben wollen. Sie haben keinen Begriff, wie viel dem Genius dieſes Landes(vergeſſen Sie den parlamen⸗ tariſchen Ton dieſes Ausdrucks und laſſen Sie ſich davon nicht langweilen) daran liegt, ungeſchoren gelaſſen zu wer⸗ den. Glauben Sie mir, Mr. Clennam,“ ſagte der muntere junge Barnacle in ſeiner freundlichſten Weiſe,„unſer Bureau iſt kein grauſamer Rieſe, auf den man mit eingelegter Lanze anrennen muß; ſondern blos eine Windmühle, die Ihnen zeigt, während ſie ungeheure Quantitäten Spreu mahlt, woher der Wind des Landes weht.“ 110 Achtundzwanzigſtes Kapitel. 1 „Wenn ich das glauben könnte,“ ſagte Clennam,„ſo wäre es eine ſchlimme Ausſicht für uns Alle.“ „O! ſagen Sie das nicht!“ entgegnete Ferdinand.„Es i*ſt Alles in Ordnung. Wir müſſen Schwindel haben, wir finden Alle Gefallen am Schwindel, wir können ohne Schwindel gar nicht fortkommen. Ein wenig Schwindel und ein gerades Geleiſe und Alles geht bewundernswürdig ſeinen Gang, wenn Sie uns ungeſchoren laſſen.“ Mit dieſem hoffnungsvollen Bekenntniß ſeines Glaubens als das Haupt der ausſichtsreichen Barnacles, die vom Weibe geboren, um als Führer eine Unzahl Loſungsworte auszutheilen, die ſie vollſtändig verleugneten und für unecht hielten, ſtand Ferdinand auf. Nichts konnte angenehmer ſein, als ſeine offene und höfliche Haltung, oder mit einem gentlemaniſchern Inſtinkt den Verhältniſſen, unter denen er ſeinen Beſuch machte, angepaßt ſein. „Iſt es wol erlaubt, zu fragen,“ ſagte er, als ihm Clen⸗ nam mit einem aufrichtigen Gefühl der Dankbarkeit für ſeine Offenheit und gute Laune die Hand treichte,„ob es wahr iſt, daß unſer ſeliger vielbeklagter Merdle die Urſache dieſer vorübergehenden Verwickelung iſt?“ „Ich bin Einer von den Vielen, die er zu Grunde ge⸗ richtet hat.“ „Es muß ein ausnehmend kluger Kerl geweſen ſein,“ ſagte Ferdinand Barnacle. Arthur, nicht in der Laune, des Verſtorbenenlobendzu gedenken, ſchwieg. Eine Erſcheinung in der Marſhalſea. 111 „Natürlich ein vollendeter Spitzbube,“ ſagte Ferdinand, „aber merkwürdig klug! Man kann nicht umhin, den Bur⸗ ſchen zu bewundern— muß ein ſolcher Meiſter im Schwindel geweſen ſein. Kannte die Menſchen ſo gut— kriegte ſie ſo vollſtändig herum— wußte ſo Viel mit ihnen an⸗ zufangen!“ In ſeiner leichten Weiſe war er wirklich von Bewunde⸗ rung erfüllt. „Ich hoffe, daß er und die von ihm Betrogenen den Leuten eine Warnung ſein werden, nicht ſo Viel mit ſich an⸗ fangen zu laſſen,“ ſagte Arthur. „Mein lieber Mr. Clennam,“ entgegnete Ferdinand lachend,„ſind Sie wirklich von einer ſo grünen Hoffnung erfüllt? Dem Nächſten, der eine ſo umfaſſende Fähigkeit und einen ſo offenbaren Geſchmack für das Schwindeln hat, wird es eben ſo gut gelingen. Verzeihen ſie mir die Aeuße⸗ rung, aber ich glaube wirklich, Sie haben keinen Begriff, wie die menſchlichen Bienen dem Klappern jedes alten Blech⸗ keſſels nachſchwärmen; in dieſer Thatſache liegt der beſte Schlüſſel zu der Kunſt, ſie zu regieren. Wenn man ihnen glaublich machen kann, daß der Keſſel von edlem Metall iſt: in dieſer Thatſache liegt die ganze Macht von Männern gleich unſerm vielbeklagten Seligen. Allerdings gibt es hier und da Ausnahmefälle,“ ſagte Ferdinand höflich,„wo ſich Leute haben hintergehen laſſen von Etwas, was ihnen als viel beſſer begründet erſchien; und ich brauche nicht weit zu gehen, um ein ſolches Beiſpiel zu finden; aber ſie ſtoßen die 112 Achtundzwanzigſtes Kapitel. 4 Regel nicht um. Leben Sie wohl! Ich hoffe, daß, wenn ich das Vergnügen habe, Sie das nächſte Mal zu ſehen, an die Stelle dieſer trübenden Wolke Sonnenſchein getreten iſt. Ich bitte Sie, keinen Schritt über die Schwelle. Ich kenne den Weg recht gut. Leben Sie wohl!“ Mit dieſen Worten eilte der beſte und geſcheidteſte der Barnacles die Treppe hinab, ging vor ſich hin ſummend durch das Portierhaus, ſtieg im vorderſten Hofe auf ſein Pferd und ritt zu einer Conferenz mit ſeinem hochadeligen Verwandten, der ein klein Wenig des Einpaukens bedurfte, bevor er mit Siegesbewußtſein gewiſſen ungläubigen Mit⸗ gliedern der Canaille antworten konnte, welche die ſtaats⸗ männiſche Kunſt der Créme in Zweifel ziehen wollten. Er mußte Mr. Rugg unterwegs begegnet ſein, denn eine oder zwei Minuten darauf glänzte dieſer rothköpfige Herr, einem ältlichen Phöbus gleich, zur Thür herein. „Wie befinden Sie ſich heute, Sir?“ ſagte Mr. Rugg. „Kann ich heute irgend eine Kleinigkeit für Sie thun, Sir?“ „Nein, ich danke Ihnen.“ Mr. Rugg's Freude an Geſchäftsbedrängniſſen war gleich der Freude der Hausfrau am Einſalzen und Ein⸗ machen, oder gleich der Freude der Waſchfrau an einer großen Wäſche, oder der Freude eines Kehrigtkärrners an einer übervollen Kehrigtgrube, oder jeder andern gewerbs⸗ mäßigen Freude an einer Confuſion in Geſchäftsſachen. „Ich ſehe von Zeit zu Zeit immer noch nach, Sir,“ Eine Erſcheinung in der Marſhalſea. 113 ſagte Mr. Rugg mit Heiterkeit,„ob ſich noch nachhinkende Superarreſte an der Thür anſammeln. Sie ſind ziem⸗ lich dick gekommen, Sir, ſo dick, wie wir nur wünſchen konnten.“ Er machte ſeine Bemerkung über dieſe Erſcheinung, als ob ſie Anlaß zu Glückwünſchen gäbe, rieb ſich munter die Hände und wiegte dann ein Wenig hin und her. „So dick, als wir vernünftigerweiſe erwarten konnten.“ wiederholte Mr. Rugg.„Es war ein wahres Regenbad von Arreſtbefehlen. Ich ſtöre Sie nicht oft, wenn ich hierher komme, weil ich weiß, daß Sie Geſellſchaft nicht lieben und daß Sie es im Portierhauſe ſagen würden, wenn Sie mich zu ſehen wünſchten. Aber ich bin faſt jeden Tag hier, Sir. Wäre dies wol eine unpaſſende Zeit, mir eine Bemerkung zu erlauben?“ fragte Mr. Rugg einſchmeichelnd. „Es iſt ſo ſehr an der Zeit, wie zu jeder andern.“ „Hm! Die öffentliche Meinung, Sir, hat ſich ſehr viel mit Ihnen beſchäftigt,“ ſagte Mr. Rugg. „Daran zweifle ich nicht.“ „Dürfte es nicht rathſamer ſein,“ ſagte Mr. Rugg noch einſchmeichelnder als vorhin,„jetzt ein für allemal der öffent⸗ lichen Meinung eine unbedeutende Conceſſion zu machen? Wir thun das Alle auf die eine oder auf die andere Weiſe. Die Sache iſt die, daß wir es thun müſſen.“ „Ich kann mich damit nicht ausſöhnen, Mr. Rugg, imd habe keine Ausſicht, daß ich dies jemals kann.“ „Sagen Sie das nicht, Sir, ſagen Sie das nicht; die Klein Dorrit. IX. 8 114 Achtundzwanzigſtes Kapitel. s Koſten, um ſich in die Queens Bench verſetzen zu laſſen, ſind faſt nicht zu nennen, und wenn die allgemeine Meinung ſich ſehr entſchieden dafür ausſpricht, daß Sie ſich dort be⸗ finden ſollten—“ „Ich dachte, wir wären übereingekommen, Mr. Rugg,“ ſagte Arthur,„daß mein Verweilen hier eine Ge⸗ ſchmackſache iſt.“ „Schon gut, Sir, ſchon gut! Aber iſt es guter Ge⸗ ſchmack, iſt es guter Geſchmack? Das iſt die Frage.“ Mr. Rugg war ſo beſänftigend überredend, daß er ganz rührend ward.„Ich wollte faſt ſagen, heißt das richtig fühlen? Ihre Sache iſt eine große Sache; und daß Sie hier bleiben, wo Jedermann für ein oder zwei Pfund herkommen kann, wird als etwas Merkwürdiges beſprochen, was nicht zu dem Platze paßt. Es harmonirt wirklich nicht damit. Ich kann Ihnen gar nicht ſagen, Sir, auf wie vielen Seiten ich da⸗ von habe ſprechen hören. Ich habe in einem Salon, der von denen beſucht wird, welche ich die beſte juriſtiſche Geſell⸗ ſchaft nennen würde, wenn ich nicht ſelbſt gelegentlich hin⸗ ginge— darüber Bemerkungen gehört, welche hören zu müſ⸗ ſen mir leid that. Sie haben mir Ihretwegen wehgethan. Dann wieder erſt heute Morgen beim Frühſtück. Meine Tochter(nur ein Weib, werden Sie ſagen; aber dennoch mit einem Gefühl für dieſe Sachen, und ſelbſt nicht ganz ohne eigene Erfahrung, als Klägerin in dem Prozeß Rugg contra Bawkins) ſprach ihr größtes Erſtaunen aus; ihr größtes Erſtaunen. Würde unter dieſen Umſtänden, und Eine Erſcheinung in der Marſhalſea. 115 wenn Sie bedenken, daß ſich Keiner von uns ganz über die öffentliche Meinung hinwegſetzen kann, eine unbedeu⸗ tende Conceſſion gegen dieſe Meinung nicht— ich will Ihnen was ſagen, Sir!“ ſagte Rugg,„ich will den niedrigſten Grad annehmen und ſagen, nicht liebenswürdig ſein?“ Arthur's Gedanken hatten wieder auf Klein Dorrit ab⸗ geſchweift, und die Frage blieb unbeantwortet. „Was mich ſelbſt betrifft, Sir,“ ſagte Mr. Rugg, er⸗ füllt von der Hoffnung, ſeine Beredtſamkeit hätte ihn in einen Zuſtand der Unentſchiedenheit verſetzt,„ſo iſt es mein Grundſatz nicht, auf mich Rückſicht zu nehmen, wenn die Neigungen eines Clienten mit auf dem Spiele ſtehen. Aber da ich Ihren rückſichtsvollen Charakter und Ihren allge⸗ meinen Wunſch, Andern nützlich zu ſein, kenne, ſo will ich wiederholen, daß ich Sie viel lieber in der Queens Bench ſitzen ſehe. Ihre Sache hat viel Lärm gemacht; ſie verſchafft dem Advokaten, der damit zu thun hat, viel Anſehen, und ich würde mich beſſer mit meinen Bekannten ſtehen, wenn Sie in die Queens Bench gingen. Aber laſſen Sie ſich davon nicht beeinfluſſen, Sir, ich führe nur die Thatſache an, Sir.“ So abſchweifend waren ſchon die Gedanken des Ge⸗ fangenen durch die Einſamkeit und das Brüten geworden, und ſo gewohnt war er es, nur mit einer einzigen ſtummen Geſtalt innerhalb dieſer immer dräuenden Mauer zu ver⸗ kehren, daß Clennam ſich aufraffen mußte, ehe er Mr. Rugg 8.* 116 Achtundzwanzigſtes Kapitel. 4 anſehen, ſich auf den Gegenſtand des Geſprächs beſinnen und haſtig ſagen konnte:„mein Entſchluß iſt unverändert und unveränderlich. Ich bitte Sie, ſchweigen wir davon!“ Ohne zu verhehlen, daß ihm dies verdrießlich und ärgerlich war, gab Mr. Rugg zur Antwort: „O! Ganz gewiß, Sir, ich bin von den Akten abge⸗ ſchweift, Sir, indem ich Sie darauf aufmerkſam machte, das weiß ich wohl. Aber wahrhaftig, wenn ich in verſchiedenen Geſellſchaften, und in ſehr guter Geſellſchaft, Bemerkungen höre, daß, wenn es auch eines Ausländers, ſo doch nicht eines Engländers würdig iſt, in der Marſhalſea zu bleiben, wenn die glorreichen Freiheiten ſeiner Inſel ihm geſtatten, ſich nach der Bench verſetzen zu laſſen, ſo glaubte ich, ich dürfte von dem ſchmalen, gewerbsmäßigen Pfade, den ich mir vorgezeichnet habe, abweichen, und es erwähnen. Per⸗ ſönlich habe ich keine Meinung über den Gegenſtand,“ ſagte Mr. Rugg. „Das iſt gut,“ entgegnete Arthur. „O! durchaus nicht, Sir!“ ſagte Mr. Rugg.„Wenn ich eine hätte, ſo hätte ich nur ungern einen meiner Clienten hier vor ein paar Minuten einen Beſuch von einem vor⸗ nehmen Herrn bekommen ſehen, der hierher geritten kam. Aber es war nicht mein Geſchäft. Wenn ich eine Meinung hätte, ſo wünſchte ich Vollmacht zu haben, gegen einen andern Herrn, einen Herrn von militäriſchem Aeußern, der jetzt in dem Portierhäuschen wartet, erwähnen zu dürfen, daß mein Client gar nicht beabſichtigte, hier zu bleiben, und Eine Erſcheinung in der Marſhalſea. 117 im Begriff ſtehe, in ein vornehmeres Gefängniß zu ziehen. Aber mein Gang als juriſtiſche Maſchine liegt klar vor mir; ich habe nichts damit zu thun. Beliebt es Ihnen, den Herrn zu ſehen?“ „Wer, ſagten Sie, wünſchte, mich zu ſprechen?“ „Ich habe mir dieſe unjuriſtiſche Freiheit genommen, Sir. Da er hörte, daß ich Ihr juriſtiſcher Beiſtand ſei, wollte er nicht auftreten, als bis ich meine ſehr beſchränkte Funktion verrichtet hätte. Zum Glück,“ ſagte Mr. Rugg ſarkaſtiſch,„bin ich nicht ſo weit über die Akten hinausge⸗ gangen, um den Herrn nach ſeinem Namen zu fragen.“ „Ich vermuthe, es bleibt mir nichts übrig, als ihn zu empfangen,“ ſeufzte Clennam abgeſpannt. „Das iſt alſo Ihr Belieben, Sir?“ entgegnete Rugg; „beehren Sie mich mit dieſem Auftrag, dies dem Herrn zu ſagen, wenn ich hinaus gehe? Wirklich? Ich danke Ihnen, Sir. Ich empfehle mich Ihnen,“ und er empfahl ſich wirk⸗ lich ſchmollend. Der Herr von militäriſchem Aeußern hatte Clennams Neugier bei ſeinem gegenwärtigen Gemüthszuſtande ſo un⸗ vollkommen geweckt, daß ein halbes Vergeſſen, daß von einem ſolchen Beſuch geſprochen worden, ſich bereits als ein Theil des düſtern Schleiers darüber gebreitet hatte, der ſein Gemüth jetzt immer faſt verdunkelte, als ſchwere Tritte auf der Treppe ihn weckten. Sie ſchienen heraufzukommen, nicht ſehr raſch oder freiwillig, aber mit einem zur Schau getra⸗ genen Lärm, der beleidigend ſein ſollte. Als der Ankömm⸗ 118 Achtundzwanzigſtes Kapitel. 4 ling einen Augenblick auf dem Abſatz vor der Thür ſtehen blieb, konnte er ſich nicht auf die Ideenverbindung beſinnen, welche der eigenthümliche Schall in ihm rege zu machen ſchien, und doch glaubte er ihn zu kennen. Nur einen Augen⸗ blick konnte er nachdenken. Gleich darauf flog die Thür auf und auf der Schwelle ſtand der vermißte Blandois, die Ur⸗ ſache ſo vieler Sorgen. „Salve, Kamerad!“ ſagte er.„Sie wollen mich ſprechen, wie mir ſcheint. Hier bin ich!“ Ehe Arthur ſeinem Er⸗ ſtaunen und ſeiner Entrüſtung Worte geben konnte, folgte Cavalletto ihm in das Zimmer. Mr. Pancks folgte Caval⸗ letto. Keiner der Beiden hatte es betreten, ſeitdem ſein gegenwärtiger Bewohner es in Beſitz genommen hatte. Mr. Pancks ſchob ſich laut keuchend in die Nähe des Fenſters, ſetzte den Hut auf den Fußboden, ſtrich ſich das Haar mit beiden Händen in die Höhe, und verſchränkte die Arme wie ein Mann, der von einer ſchweren Tagearbeit ausruhen will. Mr. Baptiſt dagegen wendete kein Auge von ſeinem ge⸗ fürchteten Kameraden von ehedem, ließ ſich langſam auf den Fußboden nieder, ſo daß er ſich mit dem Rücken gegen die Thür lehnte und nahm einen ſeiner Knöchel in jede Hand So ſaß er wieder in derſelben Stellung da(nur daß ſie jetzt auch nimmerruhende Wachſamkeit ausdrückte), in welcher er vor demſelben Mann in dem tiefern Schatten eines andern Gefängniſſes an einem heißen Sommermorgen in Marſeille geſeſſen hatte. „Ich habe dieſe beiden Verrückten zum Zeugen,“ ſagte XXXNV Eine Erſcheinung in der Marſhalſea. 119 Monſieur Blandois, auch Lagnier oder Rigaud genannt, „daß Sie mich zu ſehen wünſchten, Kamerad. Hier bin ich!“ Indem er einen verächtlichen Blick auf die Bettſtelle warf, die während des Tages aufgeſchlagen war, lehnte er ſich bequem mit dem Rücken daran, ohne den Hut abzu⸗ nehmen, und ſtand trotzig herausfordernd, die Hände in den Taſchen, da. „Sie Unheil verkündender Böſewicht,“ ſagte Arthur. „Sie haben mit Vorſatz einen ſchrecklichen Verdacht auf das Haus meiner Mutter gebracht. Warum haben Sie das gethan? Wer hat Ihnen dieſe teufliſche Erfindung einge⸗ geben?“ Nachdem Monſieur ihn einen Augenblick zürnend ange⸗ ſehen, lachte er.„Man höre dieſen edlen Herrn! Die ganze Welt höre dieſes Tugendmuſter! Aber nehmen Sie ſich in Acht, nehmen Sie ſich in Acht! Es iſt möglich, mein Freund, daß Ihr Eifer ein Wenig compromittirend iſt. Sacre bleu! Es iſt möglich.“ „Signor,“ unterbrach ihn Cavalletto, ebenfalls an Ar⸗ thur ſich wendend:„Um anzufangen, hören Sie mich an! Sie gaben mir Ihre Inſtruktionen, um ihn zu finden, den Rigaud; nicht wahr?“ „Das iſt wahr.“ „Ich ging daher zuerſt unter meine Landsleute. Ich frage ſie, was für Neuigkeiten in London von angekommenen Fremden. Dann gehe ich zu den Franzoſen. Dann gehe ich zu den Deutſchen. Sie ſagen mir Alles. Die meiſten von 120 Achtundzwanzigſtes Kapitel. 4 uns kennen die Andern gut und ſie ſagen mir Alles. Aber! — Niemand kann mir nichts von ihm ſagen, von Rigaud. 15 Mal,“ ſagte Cavalletto, indem er dreimal ſeine linke Hand mit ausgeſtreckten Fingern vorwarf, und es ſo raſch that, daß kaum das Auge der Handlung folgen konnte,— „15 mal habe ich nach ihm an jedem Ort gefragt, wohin die Fremden kommen, und 15 Mal,“ wiederholte er mit der⸗ ſelben raſchen Geberde,„wußten ſie nichts. Aber!—“ Bei dieſer bedeutſamen italieniſchen Pauſe, bei dem Worte Aber, deutete er mit dem rechten Zeigefinger rückwärts; nur ein klein Wenig und ſehr vorſichtig. „Aber!— nach langer Zeit, wo ich nicht im Stande geweſen war, ihn hier in London außufinden, erzählt mir Jemand von einem Militär mit weißem Haar— ha?— Nicht ſolches Haar, wie ſein natürliches iſt— weiß— der an einem gewiſſen Orte ganz zurückgezogen lebt! Aber!—“ Abermals mit einer Pauſe auf dem Worte—„der manchmal nach dem Eſſen ſpazieren geht und raucht. Man muß Ge⸗ duld haben, wie ſie in Italien ſagen(und wie ſie wiſſen, die armen Leute). Ich habe Geduld. Ich erkundige mich, wo dieſer Ort ſei. Einer glaubt, er iſt da, Einer glaubt, er iſt dort. Gut denn! Aber er iſt nicht da, und er iſt nicht dort. Ich warte mit der allergrößten Geduld. Endlich finde ich ihn, den Ort. Nun ſtelle ich mich auf meinen Poſten; nun verſtecke ich mich, bis er ſpazieren geht und raucht. Es iſt ein Militär mit grauem Haar— Aber!—“ Eine ſehr ent⸗ ſchiedene Pauſe jetzt, und ein ſehr kräftiges Hin⸗ und Her⸗ Eine Erſcheinung in der Marſhalſea. 121 bewegen des Zeigefingers—„es iſt auch dieſer Mann, den Sie da ſehen.“ Es war beachtenswerth, daß er in ſeiner alten Gewohn⸗ heit der Unterwürfigkeit gegen einen Menſchen, der ſich die Mühe gegeben hatte, ſich eine Superiorität über ihn anzu⸗ maßen, ſelbſt jetzt noch ſich gegen Rigaud verwirrt berbengte nachdem er ſo auf ihn hingewieſen hatte. „Nun gut, Signor!“ rief er zum Schluß, indem er ſich wieder an Arthur wendete.„Ich wartete eine gute Gelegen⸗ heit ab. Ich ſchrieb ein paar Worte an Signor Panco“— Mr. Pancks bekam durch dieſe Benennung merklich ein ganz neues Ausſehen—„eer ſollte kommen und mir helfen. Ich wies Signor Panco dieſen Rigaud, und Signor Panco ſtand oft den Tag über Wache. Ich ſchlief des Nachts neben der Thür des Hauſes. Endlich kamen wir hinein, erſt heute, und jetzt ſehen Sie ihn! Da er nicht im Beiſein des be⸗ rühmten Advokaten“— ſo ehrenvoll zeichnete Mr. Baptiſt Mr. Rugg aus—„heraufkommen wollte, ſo warteten wir zuſammen dort unten, und Signor Panco bewachte den Straßeneingang.“ Als Arthur dieſe Erzählung angehört hatte, wendete er ſeinen Blick auf das freche und verworfene Geſicht. Wie des Andern Blick dem ſeinigen begegnete, zuckte die Naſe über den Schnurrbart herab und der Schnurrbart zuckte unter der Naſe herauf. Als Naſe und Schnurrbart wieder an ihrem Platz waren, ſchnippte Monſieur Rigaud ein halb Dutzend mal mit den Fingern und beugte ſich dabei vorwärts, 122 Achtundzwanzigſtes Kapitel. 4 als wollte er damit Wurfgeſchoſſe in Arthurs Geſicht ſchleudern. „Nun, Philoſoph,“ ſagte Rigaud.„Was wollen Sie von mir?“ „Ich will von Ihnen wiſſen,“ entgegnete Arthur, ohne ſeinen Abſcheu zu verbergen,„wie Sie wagen können, einen Verdacht des Mordes auf das Haus meiner Mutter zu lenken.“ „Wagen!“ rief Rigaud.„Ho, ho! Hört ihn! wagen? heißt es wagen? Beim Himmel, mein Bürſchchen, Sie ſind ein Wenig unvorſichtig!“ „Ich verlange, daß dieſer Verdacht entfernt werde,“ ſagte Arthur.„Ich werde Sie hinführen laſſen, damit man Sie öffentlich ſieht. Ich will außerdem wiſſen, was für ein Ge⸗ ſchäft Sie dort hatten, als ich ein brennendes Verlangen fühlte, Sie die Treppe hinunter zu werfen. Sehen Sie mich nicht ſo zornig an, Menſch! Ich kenne Sie genug, um zu wiſſen, daß Sie ein Renommiſt und eine Memme ſind. Mein Geiſt braucht ſich nicht erſt wieder von den Ein⸗ flüſſen dieſes Jammerorts zu erholen, um den Muth zu finden, Ihnen ſo offen zu ſagen, was Sie ſelbſt recht gut wiſſen.“ Weiß bis auf die Lippen, ſtrich ſich Rigaud den Schnurr⸗ bart und murmelte halblaut,„beim Himmel, mein Bürſch⸗ chen, Sie compromittiren Mylady, Ihre verehrenswürdige Mutter, nicht wenig,“ und ſchien eine Minute unentſchloſſen zu ſein, was er thun ſollte, Seine Unentſchloſſenheit war Eine Erſcheinung in der Marſhalſea. 123 bald vorüber. Er ſetzte ſich mit drohender Renommiſterei hin und ſagte:„Geben Sie mir eine Flaſche Wein, Sie können hier Wein zu kaufen bekommen. Laſſen Sie mir von einem der beiden Verrückten eine Flaſche Wein holen. Ich rede kein Wort ohne Wein. Sprechen Sie! Ja oder Nein?“ „Holen Sie, was er wünſcht, Cavalletto,“ ſagte Arthur verachtungsvoll, und wollte ihm Geld geben. 3 „Schmugglerbeſtie,“ ſetzte Rigaud hinzu,„bring Port⸗ wein! ich will nichts trinken als Porto, Porto!“ Die Schmugglerbeſtie verſicherte jedoch allen Anweſenden mit ſeinem ausdrucksvollen Finger, daß er durchaus nicht ſeinen Poſten an der Thür verlaſſen könnte, und Signor Panco bot daher ſeine Dienſte an. Er kehrte bald mit der Flaſche Wein zurück, die nach der Ortsſitte, entſtanden durch eine Seltenheit von Korkziehern unter den Collegiaten(ver⸗ geſellſchaftet mit einer Seltenheit von vielen andern Dingen) bereits entkorkt war. „Verrückter! ein großes Glas,“ ſagte Rigaud. Signor Panco ſetzte ihm ein Waſſerglas hin, aber nicht ohne einen ſichtbaren innern Kampf über die Frage, ob er es ihm nicht lieber an den Kopf werfen ſollte. „Ha, ha!“ prahlte Rigaud.„Einmal ein Cavalier und immer ein Cavalier. Ein Cavalier von Anfang an, und ein Cavalier bis zu Ende. Was zum Teufel! Ein Cavalier muß bedient werden, hoffe ich! Es gehört zu meinem Charakter, bedient zu werden!“ 124 Achtundzwanzigſtes Kapitel. 4 Er füllte bei dieſen Worten das Waſſerglas zur Hälfte und trank es aus. „Ha!“ ſagte er, mit den Lippen ſchmatzend.„Kein ſehr alter Gefangener, dieſer Wein! Nach Ihrem Ausſehen zu urtheilen, wackerer Herr, wird dieſe Haft Ihr Blut viel eher zähmen, als ſie dieſen heißen Wein mildert. Sie werden mürbe— verlieren ſchon an Fleiſch und Farbe. Mein Compliment!“ Er ſtürzte wieder ein halb gefülltes Glas hinunter, und hielt es vorher und nachher empor, wie um ſeine kleine weiße Hand zu zeigen. „Nun von Geſchäften,“ ſagte er alsdann.„Sprechen Sie darüber. Sie haben ſich mit Worten freier igt. als mit dem Körper, Sir.“ „Ich habe mir die Freiheit genommen Ihnen zu ſagen, was Sie von ſich ſelbſt recht gut wiſſen. Sie wiſſen, wie wir Alle, daß Sie noch viel ſchlechter ſind.“ „Setzen Sie immer hinzu, ein Cavalier, und es hat nichts auf ſich. Außer in dieſer Hinſicht, ſind wir Alle gleich. Zum Beiſpiel, Sie könnten kein Cavalier ſein, und wenn Sie Ihr Leben hingäben; ich könnte um denſelben Preis nicht anders ſein. Wie groß iſt der Unterſchied! Doch fahren wir fort. Worte, Sir, haben nie Einfluß auf den Fall der Karten oder der Würfel. Wiſſen Sie das? Sie wiſſen es? Ich ſpiele auch ein Spiel, und Worte haben keine Macht darüber.“ Jetzt, wo er Cavalletto gegenüber geſtellt war und Eine Erſcheinung in der Marſhalſea. 125 wußte, daß man ſeine Geſchichte kannte, ließ er jede Ver⸗ kleidung fallen, und trotzte mit frechem Geſicht der Schande. „Nein, mein Sohn,“ fuhr er mit den Fingern ſchnippend fort.„Ich ſpiele mein Spiel aus, trotz aller Worte; und beim Tode meiner Seele! ich will es gewinnen. Sie wollen wiſſen, warum ich den kleinen Streich ſpielte, den Sie ge⸗ ſtört haben? Wiſſen Sie alſo, ich hatte und ich habe— verſtehen Sie mich?— und ich habe— eine Waare an Mylady, Ihre liebenswürdige Mutter, zu verkaufen. Ich beſchrieb meine koſtbare Waare, und ich nannte den Preis. Was den Handel betrifft, ſo war Ihre bewundernswürdige Mutter ein Wenig zu ruhig, zu unbeweglich und ſtatuen⸗ artig. Mit Einem Worte, Ihre bewundernswürdige Mutter machte mir Aerger. Um eine Abwechslung in meine Stel⸗ lung zu bringen, und mich zu amüſiren— was! ein Cava⸗ lier muß ſich auf Jemandes Koſten amüſiren können!— kam ich auf den glücklichen Einfall, zu verſchwinden. Ein Gedanke, ſehen Sie, dem Ihre charaktervolle Mutter und mein Flintwinch gar zu gern Wirklichkeit gegeben hätten. Ah! Bah, bah, bah, ſehen Sie mich nicht ſo von oben an! ich wiederhole es, ſie wären ausnehmend froh geweſen, ganz entzückt, vollkommen bezaubert, wenn es geſchehen wäre. Soll ich mich noch ſtärker ausdrücken?“ Er warf den Reſt Wein aus ſeinem Glaſe auf den Fuß⸗ boden, ſo daß Cavalletto faſt davon beſpritzt ward. Das ſchien ſeine Aufmerkſamkeit von Neuem auf dieſen zu lenken. Er ſetzte das Glas hin und ſagte: 126 Achtundzwanzigſtes Kapitel. „Ich mag nicht einſchenken. Was! ich bin geboren, um bedient zu werden. Kommt her, Caͤvalletto, und ſchenkt ein!“ Der kleine Mann ſah Clennam an, deſſen Augen ſich auf Rigaud hefteten, und da er nichts Abmahnendes ſah, ſtand er auf und ſchenkte ein. Das Geniſch ſeiner alten Unterwürfigkeit mit einem Gefühl für das Humoriſtiſche; das Kämpfen dieſer Empfindung mit einer gewiſſen nieder⸗ gehaltenen Wuth, die jeden Augenblick zum Ausbruch kommen konnte(wie der geborne Cavalier zu denken ſchien, denn er wendete ſein wachſames Auge nicht von ihm); und das bequeme Zurückſinken in eine gutmüthige, ſorg⸗ loſe, vorherrſchende Neigung, ſich wieder auf den Fußboden zu ſetzen, bildeten eine ſehr merkwürdige Charaktercombi⸗ nation. „Dieſer glückliche Einfall war ein glücklicher Einfall aus verſchiedenen Gründen,“ fuhr Rigaud fort, nachdem er ge⸗ trunken hatte.„Ich amüſirte mich dabei, ich peinigte Ihre liebe Mama und meinen Flintwinch, ich quälte Sie(meine Bedingungen für eine Lection der Höflichkeit gegen einen Cavalier), und es deutete allen liebenswürdigen Betheiligten an, daß Ihr ganz ergebenſter Diener ein Mann iſt, der zu fürchten iſt. Beim Himmel, er iſt ein Mann, der zu fürch⸗ ten iſt! Außerdem hätte es Mylady, Ihre Mutter, zur Vernunft bringen können— hätte unter dem Druck des Verdachts, den Ihre Weisheit erkannt hat, ſie endlich be⸗ wegen können, in den Zeitungen auf eine nur mir verſtänd⸗ Eine Erſcheinung in der Marſhalſea. 127 liche Weiſe zu annonciren, daß die einem gewiſſen Contrakt entgegenſtehenden Hinderniſſe bei dem Erſcheinen einer ge⸗ wiſſen dabei betheiligten Partei verſchwinden würden. Viel⸗ leicht, vielleicht auch nicht. Aber dieſe Combination haben Sie geſtört. Was ſagen Sie nun? Was wollen Sie?“ Clennam hatte nie ſchmerzlicher gefühlt, daß er ein Ge⸗ fangener war, als da er dieſen Mann vor ſich ſah und ihn nicht nach ſeiner Mutter Haus begleiten konnte. Alle die unverkennbaren Schwierigkeiten und Gefahren, die er ge⸗ ahnt hatte, waren jetzt im Anzuge, wo er weder Hand noch Fuß bewegen konnte. „Vielleicht, Freund, Philoſoph, Tugendſpiegel, Thor, was Sie wollen, vielleicht,“ ſagte Rigaud, und ſetzte das Glas ab, um ihn mit ſeinem gräßlichen Lächeln anzuſehen, „hätten Sie beſſer gethan, mich ungeſchoren zu laſſen?“ „Nein!“ ſagte Clennam,„wenigſtens weiß man jetzt, daß Sie am Leben und unverletzt ſind. Wenigſtens können Sie nicht dieſen beiden Zeugen entſchlüpfen; und ſie können Sie jeder öffentlichen Behörde zeigen, oder Hunderten von Leuten.“ „Aber ſie werden mich Niemandem zeigen,“ ſagte Rigaud, und ſchnippte wieder mit einer Miene ſiegsbewußter Drohung die Finger.„Hol der Teufel Ihre Zeugen; zum Teufel mit Ihren Behörden! zum Teufel mit Ihnen ſelbſt! Was? weiß ich deshalb, was ich weiß? habe ich dafür meine Waare zu verkaufen? bah, armer Schlucker! Sie haben mein Plänchen geſtört. Laſſen wir das. Was nun? Was 128 Achtundzwanzigſtes Kapitel. 4 bleibt nun noch? Ihnen Nichts; mir Alles. Mich vor⸗ führen? Das verlangen Sie? ich werde mich nur zu raſch ſelbſt vorführen. Schmuggler! Gebt mir Feder, Tinte und Papier.“ Cavalletto ſtand auf wie vorhin, und legte auf dieſelbe Weiſe wie vorhin das Verlangte auf den Tiſch. Nach einer Weile boshaften Nachdenkens und Lächelns, ſchrieb Rigaud Folgendes und las es laut vor: „An Mrs. Clennam. Mit Bitte um umgehende Antwort. Gefängniß der Marſhalſea. Im Zimmer Ihres Sohnes. „Verehrte Madam. „Ich bin in Verzweiflung, heute von unſerm Gefangenen hier(der die Güte gehabt hat, Spione zu beauftragen, mich zu ſuchen, da er ſelbſt aus politiſchen Gründen in Zurück⸗ gezogenheit lebt) zu erfahren, daß Sie Beſorgniſſe wegen meiner Sicherheit hegen. „Beruhigen Sie ſich, verehrte Madam. Ich befinde mich wohl und bei Kräften, und beharre bei dem alten Vorſatz. „Mit der größten Ungeduld würde ich nach Ihrem Hauſe eilen, wenn ich es nicht unter den obwaltenden Umſtänden für möglich hielte, daß Sie ſich über die Annahme des kleinen Vorſchlags, den ich die Ehre hatte, Ihnen zu machen, noch nicht ganz entſchloſſen haben. Ich beſtimme heute über Eine Erſcheinung in der Marſhalſea. 129 8 Tage als den Zeitpunkt eines letzten Beſuchs von meiner Seite, wo Sie ihn entweder ohne Bedingung annehmen, oder mit allen daraus hervorgehenden Folgen verwerfen werden. „Ich unterdrücke meinen heißen Wunſch, Sie zu um⸗ armen, und dieſes intereſſante Geſchäft zum Abſchluß zu bringen, um Ihnen Zeit zu geben, alle Einzelnheiten zu unſerer vollkommneren gemeinſamen Zufriedenheit zu ordnen. „Unterdeſſen iſt es gewiß nicht zu Viel verlangt(da unſer Gefangener mich in meiner Wirthſchaft derangirt hat), daß Sie für mich Wohnung und Koſt in einem Hotel bezahlen. „Empfangen Sie, verehrte Madam, die Verſicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung Rigaud Blandois.“ „Tauſend freundliche Grüße an meinen geliebten Flint⸗ winch. „Ich küſſe Madam Flintwinch die Hand.“ Als Rigaud dieſen Brief vorgeleſen hatte, brach er ihn zuſammen und warf ihn Clennam vor die Füße.„Da! ſchicken Sie ihn an ſeine Adreſſe und geben Sie mir hier die Antwort.“ „Cavalletto,“ ſagte Arthur.„Wollen Sie den Brief dieſes Menſchen beſorgen?“ Aber da Cavalletto's ausdrucksvoller Finger abermals andeutete, daß jetzt, wo er Rigaud mit ſo vieler Mühe ent⸗ deckt, ſein Poſten an der Thür ſei, um über ihn Wache zu Klein Dorrit. IX. 9 130 Achtundzwanzigſtes Kapitel. 4 halten, und daß es auf ſeinem Poſten Pflicht für ihn ſei, mit dem Rücken an die Thür gelehnt, auf dem Fußboden zu ſitzen, Rigaud anzuſehen und ſich die Knöchel zu halten, erbot ſich Signor Panco abermals zur Ausführung des Auftrags. Da das Anerbieten angenommen ward, ließ Cavalletto die Thür gerade ſo weit aufmachen, um ihm zu erlauben, ſich durchzuquetſchen, und ſchlug ſie dann gleich wieder zu. „Rührt mich mit Einem Finger an, oder verletzt mich mit Einem Wort, zieht meine Ueberlegenheit in Zweifel, während ich hier in aller Bequemlichkeit meinen Wein trinke,“ ſagte Rigaud,„und ich folge meinem Brief und nehme die Gnadenfriſt von 8 Tagen zurück. Sie verlangten nach mir? Sie haben mich jetzt! Wie gefalle ich Ihnen?“ „Sie wiſſen, daß ich kein Gefangener war, als ich Sie ſuchte,“ erwiderte Clennam mit einem bittern Gefühl ſeiner Hülfloſigkeit. „Hol der Teufel Sie und Ihr Gefängniß,“ gab Rigaud gleichgültig zurück, indem er aus der Taſche ein Etui mit den zum Anfertigen von Cigarretten erforderlichen Materia⸗ lien herausholte und mit ſeinen gewandten Händen ein paar zurecht rollte;„Ihr ſeid mir Alle vollkommen gleichgültig. Schmuggler! Feuer.“ Abermals ſtand Cavalletto auf, und reichte ihm, was er verlangte. Es lag etwas Grauenerregendes in der ge⸗ räuſchloſen Hurtigkeit ſeiner kalten weißen Hände, deren Finger ſich ſo geſchmeidig durch einander bewegten, wie Schlangen. Clennam konnte ſich eines innerlichen Schauderns Eine Erſcheinung in der Marſhalſea. 131 nicht erwehren, als ob er in ein Neſt dieſer Geſchöpfe ge⸗ blickt hätte. „Heda, Schwein!“ rief Rigaud mit lärmender, antreiben⸗ der Stimme, als wäre Cavalletto ein italieniſches Pferd oder Maulthier.„Was! das hölliſche alte Gefängniß war ein Pallaſt gegen dieſes. Es lag eine Würde in den Gittern und Steinen des Orts. Es war ein Gefängniß für Männer. Aber das hier? bah! ein Spital für Blödſinnige!“ Er rauchte ſeine Cigarrette aus und ſein häßliches Lächeln ſtand dabei ſo feſt auf ſeinem Geſicht, daß es ausſah, als ob er eher mit der herabgebogenen Spitze ſeiner Naſe rauchte, als mit ſeinem Munde, gleich einer wunderlichen Geſtalt auf einem phantaſtiſchen Gemälde. Als er eine zweite Cigarrette an dem immer noch brennenden Ende der erſten angebrannt hatte, ſagte er zu Clennam: „Man muß ſich die Zeit vertreiben, bis der Verrückte wiederkommt. Man muß ſprechen. Man kann nicht den ganzen Tag lang ſtarken Wein trinken, ſonſt tränk ich noch eine Flaſche. Sie iſt ſchön, Sir. Obgleich nicht ganz nach meinem Geſchmack, ſo iſt ſie doch, beim Donner und Blitz! ſchön. Ich wünſche Ihnen Glück, daß Sie ſie bewundern.“ „Ich weiß nicht, von wem Sie ſprechen, und mag es nicht wiſſen,“ ſagte Clennam. „Della bella Gowana, Sir, wie ſie in Italien ſagen. Von der Gowan, der ſchönen Gowan.“ „Von deren Gatten Sie als Begleiter engagirt waren, glaube ich, Sir!“ 9* 132 Achtundzwanzigſtes Kapitel. 4 „Begleiter? Sie ſind unverſchämt. Freund.“ „Verkaufen Sie alle Ihre Freunde?“ Rigaud nahm die Cigarrette aus dem Munde und ſah ihn einen Augenblick mit Erſtaunen an. Aber er ſteckte ſie wieder zwiſchen die Lippen, wie er ganz kühl zur Antwort gab: „Ich verkaufe Alles, was einen Preis hat. Wie leben Eure Juriſten, Eure Politiker, Eure Intriguanten, Eure Bör⸗ ſenmänner? Wie leben Sie? Wie kommen Sie hierher? Haben Sie keinen Freund verkauft? Madonna mia! Ich ſollte doch wol meinen!“ Clennam drehte ihm den Rücken zu und trat ans Fenſter, um hinaus auf die Mauer zu ſehen. „Um die Wahrheit zu ſagen,“ ſagte Rigaud,„die Geſell⸗ ſchaft verkauft ſich und verkauft mich, und ich verkaufe die Geſellſchaft. Ich habe erfahren, daß Sie auch eine andere Dame kennen. Auch ſchön. Ein ſtarker Charakter. Wie heißt ſie doch? Wade.“ Er erhielt keine Antwort, konnte aber leicht bemerken, daß er das Ziel getroffen hatte. „Ja!“ fuhr er fort,„dieſe Dame von ſchönem Aeußern und ſtarkem Charakter redete mich auf der Straße an, und ich bin nicht gefühllos. Ich komme ihr entgegen. Dieſe Dame von ſchönem Aeußern und ſtarkem Charakter erweiſt mir die Gunſt, mir im vollſten Vertrauen zu ſagen,„ich habe meine Neugier und meine Bekümmerniſſe. Sie ſind vielleicht nicht mehr als gewöhnlich ehrenhaft! Ich ant⸗ worte ihr, Madam, ein Cavalier von Geburt an, und ein --— .—, —— Eine Erſcheinung in der Marfhalſea. 133 Cavalier bis zum Tode; aber blos gewöhnlich ehrenhaft. Ich verachte eine ſo ſchwächliche Phantaſterei. Darauf war ſie ſo gütig, mir ein Compliment zu machen. Der Unter⸗ ſchied zwiſchen Ihnen und den Uebrigen iſt, daß Sie es offen ſagen, gab ſie zur Antwort. Denn Sie kennen die Geſell⸗ ſchaft. Ich nehme Ihre Glückwünſche mit Galanterie und Höflichkeit an; Höflichkeit und kleine Galanterien ſind un⸗ zertrennlich von meinem Charakter. Sie macht mir als⸗ dann einen Vorſchlag, der in der That weiter nichts iſt, als daß ſie uns viel zuſammen geſehen hat; daß ich ihrer An⸗ ſicht nach für jetzt die Hauskatze, der Freund der Familie bin; daß ihre Neugier und ihre Bekümmerniſſe in ihr die Luſt erregen, zu erfahren, was ſie thun und treiben, und ob die ſchöne Gowana geliebt wird, und ſo weiter. Sie iſt nicht reich, erbietet ſich aber zu der und der kleinen Ent⸗ ſchädigung für die kleinen Ungelegenheiten und Bemühun⸗ gen ſolcher Dienſte; und ich erkläre mich huldvoll bereit, dieſe Entſchädigung anzunehmen. O ja! ſo läuft die Welt. So iſt die Mode.“ Obgleich Clennam ihm den Rücken zugedreht hatte, und auch in dieſer Stellung fortwährend blieb, heftete er doch die funkelnden Augen, die zu nahe an einander waren, keinen Augenblick von ihm ab, und ſah offenbar ſchon an der Hal⸗ tung des Kopfes, wie er mit prahleriſcher Rückſichtsloſigkeit ſeine Erzählung Punkt für Punkt fortſetzte, daß er nichts ſagte, was Clennam nicht ſchon wußte. „Uf! die ſchöne Gowana!“ ſagte er, und brannte eine 134 Achtundzwanzigſtes Kapitel. dritte Cigarrette mit einem Tone an, als ob ſein leichteſter Athem ſie wegblaſen könnte.„Reizend, aber unvorſichtig! Denn es war nicht gut von der ſchönen Gowana, Briefe von alten Liebhabern in ihrem Schlafzimmer auf dem Berge im Geheimen zu empfangen, damit es ihr Mann nicht ſehe. Nein, nein. Das war nicht gut. Uf! das war ein Irrthum von der Gowana.“ „Ich hoffe in allem Ernſte,“ rief Arthur laut aus,„daß Pancks bald wieder kommt, denn die Anyeſenheit dieſes Mannes verpeſtet das Zimmer.“ „Ja! aber er gedeiht hier und überall,“ ſagte Rigaud, und ſchnippte mit triumphirendem Blick mit den Fingern. „Das iſt immer ſo geweſen und wird immer ſo ſein!“ Darauf rekelte er ſich auf den einzigen drei Stühlen aus, die mit Ausnahme von dem, auf welchem Clennam ſaß, ſich im Zimmer befanden, und ſang, indem er ſich auf die Bruſt ſchlug, um ſich als den Helden des Lieds zu bezeichnen: „Wer reitet dieſes Wegs ſo ſpät? „Compagnon de la Majolaine; „Wer reitet dieſes Wegs ſo ſpät? „Immer froh!“ „Sing den Refrain, du Schwein! Du haſt ihn ja ſonſt ſingen können, in einem andern Kerkerloche. Sing! oder bei jedem Heiligen, der zu Tode geſteinigt worden, ich werde mich als beleidigt betrachten und compromittirend ſein; und dann thäten einige Leute, die noch nicht todt ſind, befſer ſich mit ihnen ſteinigen zu laſſen.“ Eine Erſcheinung in der Marſhalſea. 135 „Von des Königs Rittern iſt's die Blume; „Compagnon de la Majolaine; „Von des Königs Rittern iſt's die Blume; „Immer froh!“ Theils aus ſeiner alten Gewohnheit der Unterwürfigkeit, theils, weil es vielleicht ſeinem Wohlthäter ſchaden könnte, wenn er es nicht that, und theils, weil er es eben ſo gut thun konnte, wie etwas Anderes, wiederholte Cavalletto diesmal den Refrain. Rigaud lachte und rauchte dann mit geſchloſſenen Augen weiter. Es mochte wol noch eine Viertelſtunde verfloſſen ſein, ehe man Pancks' Schritte auf der Treppe hörte, aber die Zwiſchenzeit erſchien Clennam unerträglich lang. Noch ein anderer Schritt begleitete den ſeinen; und als Cavalletto die Thür öffnete, traten Mr. Pancks und Mr. Flintwinch ein. Kaum ward Letzterer ſichtbar, ſo ſtürzte Rigaud auf ihn los und umarmte ihn ſtürmiſch. „Wie befinden Sie ſich, Sir?“ ſagte Mr. Flintwinch, ſobald er ſich wieder hatte losmachen können, was er that, ohne viel Umſtände zu machen.„Dank' Ihnen, nein; ich habe genug.“ Das bezog ſich auf eine neue ihm drohende Umarmung von ſeinem wiedergefundenen Freund.„Nun, Arthur, Sie erinnern ſich noch, was ich Ihnen von ſchlafen⸗ den Hunden und von vermißten ſagte. Sie ſehen, es iſt ein⸗ getroffen.“ Er war allem Anſchein nach ſo gefaßt wie immer, und winkte mit dem Kopfe in ſchulmeiſternder Weiſe, wie er ſich im Zimmer umſah. 136 Achtundzwanzigſtes Kapitel. „Und das iſt das Marſhalſea⸗ Schuldgefängniß!“ ſagte Mr. Flintwinch.„Ha! Sie haben Ihre Schäflein auf einen ſehr ſchlechten Markt gebracht, Arthur.“ Wenn Arthur Geduld hatte, ſo hatte Rigaud keine. Er packte ſeinen kleinen Flintwinch ungeſtüm ſcherzend vorn am Rocke und ſagte: „Hol der Teufel den Markt, hol der Teufel die Schäfchen, und hol der Teufel den Schäfer! Geben Sie die Antwort auf meinen Brief heraus.“ „Wenn es Ihnen beliebt, mich einen Augenblick los zu laſſen, Sir,“ entgegnete Mr. Flintwinch,„ſo will ich erſt Mr. Arthur ein Briefchen übergeben, das ich für ihn habe.“ Er überreichte es ihm. Es war nur ein Zettelchen, von der halbgelähmten Hand ſeiner Mutter geſchrieben, und ent⸗ hielt nur folgende wenigen Worte: „Ich hoffe, es iſt genug, daß Du Dich zu Grunde ge⸗ richtet haſt. Gib Dich damit zufrieden. Jeremniah Flintwinch iſt mein Sendbote und Vertreter. Deine Dich liebende M. C.“ Clennam las den Zettel zweimal ſchweigend, und zerriß ihn dann. Rigaud ſtieg unterdeſſen auf einen Stuhl, und ſetzte ſich auf die Lehne, die Füße auf den Sitz ſtützend. „Nun, ſchönſter Flintwinch,“ ſagte er, als er dem Zer⸗ reißen des Zettels aufmerkſam zugeſehen hatte,„die Antwort auf meinen Brief?“ „Mrs. Clennam hat ſie nicht geſchrieben, Mr. Blandois, da ihre Hände gelähmt ſind, und glaubte, ſie könne die Eine Erſcheinung in der Marſhalſea. 137 Antwort eben ſo gut mündlich durch mich ſchicken.“ Mr. Flintwinch preßte das mit Widerwillen und mit Anſtrengung aus ſich heraus.„Sie läßt Ihnen ihr Compliment ſagen und findet Sie im Ganzen nicht unverſtändig, und gibt ihre Zuſtimmung. Aber ohne die Zuſammenkunft von heute über acht Tage zu präjudiciren.“ Nachdem Monſieur Rigaud ein lautes Gelächter auf⸗ geſchlagen hatte, ſtieg er von ſeinem Throne und ſagte: „Gut! ich ſuche mir ein Hotel aus!“ Aber hier fielen ſeine Augen auf Cavalletto, der immer noch auf ſeinem Poſten ſaß. „Vorwärts!“ ſagte er zu ihm.„Du haſt mich begleitet wider meinen Willen; jetzt ſollſt Du mich begleiten gegen Deinen Willen. Ich ſage Euch, Ihr Würmer, ich bin ge⸗ boren, um bedient zu werden. Ich verlange dieſen Schmugg⸗ ler als meinen Bedienten bis heute über acht Tage.“ Als Antwort auf Cavalletto's fragenden Blick gab ihm Clennam ein Zeichen, zu gehen; aber er ſetzte laut hinzu: „außer wenn Sie ihn fürchten.“ Cavalletto antwortete mit einer ſehr nachdrücklichen verneinenden Fingerbewegung. „Nein, Herr, ich fürchte ihn nicht, ſeitdem ich es nicht mehr geheim halte, daß er mein Kamerad geweſen.“ Rigaud nahm keine Notiz von dieſem Zwiegeſpräch, bis er ſeine letzte Cigarrette angebrannt hatte, und zum Aufbruch bereit war. „Ihn fürchten!“ ſagte er dann, und blickte ſie dann der Reihe nach an.„Uf! meine Kinderchen, meine Püppchen, Ihr fürchtet ihn Alle. Ihr gebt ihm hier ſeine Flaſche 138 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Wein; Ihr gebt ihm Eſſen, Trinken und Obdach; Ihr wagt ihn nicht mit Einem Finger anzurühren, oder mit Einem Wort zu verletzen. Nein. Es liegt in ſeinem Charakter, zu triumphiren! Uf!“ „Von des Königs Rittern iſt's die Blume; „Und er iſt immer froh!“ Indem er den Refrain ſo auf ſich anwendete, ſtolzirte er zum Zimmer hinaus, und Cavalletto folgte ihm auf dem Fuße. Vielleicht hatte er ihn für ſeinen Dienſt verlangt, weil er wußte, es würde nicht leicht ſein, ihn los zu werden. Mr. Flintwinch, nachdem er ſich am Kinn gerieben, und ſich mit kauſtiſcher Geringſchätzung im Zimmer umgeſchaut hatte, nickte Arthur zu und folgte. Mr. Pancks, immer noch bußfertig und niedergedrückt, folgte ebenfalls, nachdem er mit großer Aufmerkſamkeit ein paar heimliche Worte von Arthur angehört und flüſternd geantwortet hatte, daß er die Sache ſtandhaft bis zu Ende führen wolle. Der Ge⸗ fangene blieb wieder allein mit der Empfindung, daß er ver⸗ achteter, verſtoßener und hülfloſer, überhaupt unglücklicher und tiefer geſunken ſei, als je. Eine Bitte in der Marſhalſea. 139 Neuuundzmanzigétes Kapitel. Eine Bitte in der Marſhalſea. Kummer und Reue ſind ſchlechte Geſellen für einen Ge⸗ fangenen. Hinbrüten den ganzen Tag lang und ſehr wenig Schlummer des Nachts, ſind ſehr ſchlecht geeignet, einen Mann gegen Unglück zu wappnen. Am nächſten Morgen fühlte Clennam, daß ſeine Geſundheit ſchwand, wie ſchon ſein Muth geſchwunden war, und daß die Laſt, die auf ihm lag, ihn niederdrückte. Eine Nacht um die andere war er um 12 oder 1 Uhr von ſeinem Jammerlager aufgeſtanden, und hatte an ſeinem Fenſter geſeſſen, um die trübe brennenden Lampen im Hofe zu beobachten, oder ſich umzuſehen nach der erſten bleichen Spur des Tages, als noch Stunden vergehen mußten, ehe es möglich war, daß der Himmel ſie ihm zeigte. Jetzt, als die Nacht kam, konnte er ſich nicht einmal überreden, ſich auszukleiden. Denn eine brennende Ruheloſigkeit ſtellte ſich ein, ein qualvoller Widerwille gegen das Gefängniß und eine Ueber⸗ zeugung, daß ihm hier das Herz brechen, und er hier ſterben würde, die ihm unbeſchreibliche Leiden verurſachten. Ein ſolcher Abſcheu vor dem Tode bemächtigte ſich ſeiner, daß es für ihn eine Anſtrengung wurde, darin Athem zu holen. 140 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Das Gefühl, zu erſticken, überwältigte ihn manchmal ſo, daß er am Fenſter ſtehen blieb, und ächzend nach Luft ſchnappte. Zu derſelben Zeit brachte eine Sehnſucht nach anderer Luft, und ein Verlangen, außerhalb der leeren, kal⸗ ten Mauer zu ſein, in ihm ein Gefühl hervor, als müßte er wahnſinnig werden von der Inbrunſt des Wunſches. Viele andere Gefangene hatten vor ihm dieſe Empfin⸗ dung gekannt, und ihre Heftigkeit und Dauer hatten ſie bei ihnen abgeſtumpft, wie es auch bei ihm der Fall war. Zwei⸗ Nächte und ein Tag genügten dazu. Sie kehrte ruckweiſe wieder, aber die Anfälle wurden ſchwächer und ließen länger auf ſich warten. Eine öde Stille erfolgte; und die Mitte der Woche fand ihn in die Abgeſpanntheit eines ſchleichen⸗ den Fiebers verſunken. Da Cavalletto und Pancks fort waren, hatte er keinen Beſuch zu fürchten, als Mr. und Mrs. Plorniſh. Sein Streben in Bezug auf dieſes würdige Paar war, daß es ihm nicht zu nahe kommen möchte; denn in der krankhaften Stimmung ſeiner Nerven wünſchte er allein zu ſein, und nicht ſo niedergedrückt und ſchwach geſehen zu werden. Er ſchrieb ein paar Zeilen an Mrs Plorniſh, des Inhalts, daß er von ſeinen Angelegenheiten in Anſpruch genommen, und von der Nothwendigkeit, ſich ihnen ganz zu widmen, ge⸗ zwungen ſei, eine Zeit lang ſogar ſich den angenehmen An⸗ blick ihres freundlichen Geſichts zu entſagen. Was den jungen John betrifft, der täglich zu einer gewiſſen Stunde, wo die Schließer abgelöſt wurden, hereinſah, und ſich Eine Bitte in der Marſhalſea. 141 erkundigte, ob er Etwas für ihn thun könne, ſo that er ſtets, als ob er mit Schreiben beſchäftigt ſei, und antwortete mit heiterer Stimme„Nein.“ Der Gegenſtand ihres ein⸗ zigen langen Zwiegeſprächs war nie wieder berührt worden, doch hatte ihn durch alle traurige Wandlungen hindurch Clennam nicht vergeſſen. Der ſechſte Tag von der Wochenfriſt war ein naſſer, warmer, neblicher Tag. Es war, als ob die Aermlichkeit, die Schäbigkeit und der Schmutz des Gefängniſſes in der ſchwülen Atmoſphäre zunähmen. Mit brennendem Kopf und ſchmerzensmüden Herzen hatte Clennam die Leidensnacht durchwacht, und dem Niedertröpfeln des Regens auf dem Pflaſter des Hofs zugehört und ſeines ſanfteren Rauſchens draußen im Freien gedacht. Ein verſchwimmender Kreis von gelbem Nebel war am Himmel anſtatt der Sonne aufge⸗ gangen, und er hatte den trüben Fleck beobachtet, den ſie auf die Mauer warf. Er hatte die Thore aufmachen hören; hatte vernommen, wie die ſchlecht beſchuhten Füße, die draußen warteten, voruͤberſchleppten, und hatte das Kehren und Waſſerholen und Umherbewegen gehört, womit der Ge⸗ fängnißmorgen anfing. So ſchwach und unwohl fühlte er ſich, daß er viele Male inne halten mußte, während er ſich wuſch, und endlich war er nach ſeinem Stuhl am offenen Fenſter gekrochen. Dort ſaß er im Halbſchlummer, während die Alte, welche ſein Zimmer aufräumte, ihre Morgenarbeit verrichtete. Halb wirr im Kopfe in Folge des Mangels an Schlaf 142 Neunundzwanzigſtes Kapitel. und des Mangels an Nahrung ler hatte den Appetit und ſogar den Geſchmack ganz und gar verloren) war er ſich zwei⸗ oder dreimal des Nachts bewußt geworden, daß er phantaſirte. Er hatte durch die warme Luft Bruchſtücke von Melodien und Liedern klingen hören, von denen er wußte, daß ſie nicht vorhanden waren. Jetzt, wo er in einen er⸗ ſchöpften Halbſchlummer zu verſinken anfing, vernahm er ſie wieder; und Stimmen ſchienen ihn anzureden, und er ant⸗ wortete und fuhr auf. Halb ſchlummernd und träumend, ohne fähig zu ſein, 8 die Zeit zu berechnen, ſo daß eine Stunde eine Minute, und eine Minute eine Stunde hätte ſein können, fühlte er eine Vorſtellung immer lebhafter werden— die Vorſtellung von einem Blumengarten, deſſen ſüße Düfte ein feuchter, linder Wind auf ſeinen Schwingen trug. Es koſtete ihm ſo viel ſchmerzliche Anſtrengung, den Kopf aufzurichten, um darüber in's Klare zu kommen, oder um überhaupt über Etwas in's Klare zu kommen, daß die Vorſtellung ihm faſt ganz wie eine alte und läſtige vorkam, als er ſich umſchaute. Da erblickte er neben der Theetaſſe auf dem Tiſch einen blühenden Strauß: eine wundervolle Zuſammenſtellung der auserleſenſten und ſchönſten Blumen. Noch nie war ſeinen Augen Etwas ſo ſchön vorgekommen. Er nahn ſie und ſog ihren Duft ein, und legte ſie an ſeine heiße Stirn, und ſetzte ſie wieder hin, und hielt ſeine fiebernden Hände darüber, wie man kalte Hände ausbreitet, um die wohlthuende Flamme zu genießen. Erſt als er ſich . Eine Bitte in der Marſhalſea. 143 eine Zeit lang daran gefreut hatte, fing er verwundert an, ſich zu fragen, wer ſie wol gebracht haben möchte; und er machte die Thür auf, um die Alte zu fragen, die ſie hinge⸗ ſtellt haben mußte, wer ſie gebracht hätte. Aber ſie war fort, und ſchien ſchon lange fort zu ſein; denn der Thee, den ſie ihm auf den Tiſch geſtellt hatte, war kalt. Er verſuchte, ein Taſſe zu trinken, konnte aber den Geruch nicht er⸗ tragen; ſo kroch er nach ſeinem Stuhl am offenen Fenſter zurück, und ſtellte die Blumen auf das runde Tiſchchen aus alter Zeit. Als die erſte Schwäche in Folge ſeines Herumgehens ihn verlaſſen hatte, verfiel er wieder in ſeinen alten Zuſtand. Eine der nächtlichen Melodien klang durch die ſanftwehende Luft, als die Thür ſeines Zimmers ſich leiſe zu öffnen, und nach einem Augenblick eine ſtille Geſtalt in einem ſchwarzen Mantel dort zu ſtehen ſchien. Es war, als ob ſie den Mantel fallen ließ, und dann ſchien es ſeine Klein Dorrit in ihrem alten verſchabten Anzug zu ſein. Sie ſchien zu zittern und die Hände zu falten, und zu lächeln, und in Thränen aus⸗ zubrechen. 9 Er raffte ſich auf, und rief ihren Namen. Und dann ſah er in dem liebevollen Geſicht von Mitleid und Schmerz, wie in einem Spiegel, wie verändert er war, und ſie kam auf ihn zu, und die Hände auf ſeine Bruſt legend, damit er ſitzen bleibe, und vor ihm auf dem Fußboden niederkniend, und den Mund ihm zum Kuß darbietend, und mit ihren Thränen ihn bethauend, wie der Regen des Himmels die 144 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Blumen bethaut hatte, rief Klein Dorrit ihn bei ſeinem Namen. 1 „O mein beſter Freund! Lieber Mr. Clennam, laſſen Sie mich nicht Ihre Thränen ſehen! Außer wenn Sie vor Freuden weinen, mich zu ſehen. Ich hoffe, das iſt der Fall. Ihr armes Herzenskind iſt wieder da!“ So treu, ſo zärtlich und ſo unverdorben vom Glück. Im Tone ihrer Stimme, im Licht ihrer Augen, in der Berüh⸗ rung ihrer Hände ſo engelhaft tröſtend und wahr! Wie er ſie umarmte, ſagte ſie:„Kein Menſch hat mir geſagt, daß Sie krank wären,“ und ſie legte ihren Arm ſanft um ſeinen Hals, zog ſein Haupt an ihren Buſen, legte eine Hand auf ſein Haupt, ließ ihre Wange auf dieſer Hand ruhen, und liebkoſte ihn ſo zärtlich und, Gott weiß es, ſo unſchuldig, wie ſie ihren Vater in dieſem Zimmer geliebkoſt hatte, als ſie nur ein kleines Kind war und alle die Pflege von Andern bedurfte, die ſie ihm angedeihen ließ. Als er ſprechen konnte, ſagte er:„iſt es möglich, daß Sie zu mir kommen? und in dieſem Anzug?“ „Ich hoffte, ich würde Ihnen in dieſem Anzug beſſer 1 gefallen, als in jedem andern. Ich habe ihn immer zur Er⸗ innerung bei mir behalten; obgleich ich der Erinnerung nicht bedurfte. Ich bin nicht allein, wie Sie ſehen, ich habe eine 3 alte Bekannte mitgebracht.“ Wie er ſich umſah, erblickte er Maggy in ihrer großen Mütze, die ſie ſeit langer Zeit aufgehabt hatte, mit einem Eine Bitte in der Marſhalſea. 145 Korb am Arme wie ehedem, und ganz entzückt vor ſich hin⸗ lachend. „Erſt geſtern bin ich mit meinem Bruder in London an⸗ gekommen. Ich ſchickte faſt unmittelbar nach unſrer Ankunft zu Mr. Plorniſh, um mich nach Ihnen zu erkundigen, und Sie meine Ankunft wiſſen zu laſſen. Da hörte ich, daß Sie hier wären. Haben Sie vielleicht an mich in der Nacht gedacht? Ich glaube faſt, daß Sie ein Wenig an mich gedacht haben müſſen. Ich habe an Sie ſo angelegentlich gedacht, und es dauerte ſo lange, ehe der Morgen kam.“ „Ich habe an Sie gedacht“— er ſtockte aus Verlegen⸗ heit, wie er ſie nennen ſollte. Sie bemerkte es ſogleich. „Sie haben mich noch nicht bei meinem rechten Namen genannt. Sie wiſſen, wie ich ſtets bei Ihnen heiße.“ „Ich habe an Sie gedacht, Klein Dorrit, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, ſeit ich hier bin.“ „Wirklich? wirklich?“ Er ſah die helle Freude auf ihrem Geſicht, und die Röthe, die darüber aufflammte, mit einem Gefühl der Be⸗ ſchämung. Er, ein zu Grunde gerichteter, banquerotter, kranker, entehrter Gefangener. „Ich war ſchon hier, ehe das Thor auf war, aber ich fürchtete mich, geradenwegs zu Ihnen zu kommen. Das hätte im erſten Augenblick mehr geſchadet als genützt; denn das Gefängniß kam mir ſo vertraut und doch ſo fremd vor, und rief mir ſo viele Erinnerungen an meinen armen Vater und auch an Sie zurück, daß ich Anfangs ganz überwältigt davon Klein Dorrit. IX. 10 146 Neunundzwanzigſtes Kapitel. war. Aber wir gingen zu Mr. Chivery, ehe wir uns am Thor meldeten, und er brachte uns herein, und ließ uns in John's Zimmer— mein altes Stübchen, wie Sie wiſſen— und wir warteten dort ein Weilchen. Ich brachte die Blumen an die Thür, aber Sie hörten mich nicht.“ Sie ſah etwas frauenhafter als vor ihrer Reiſe aus, und die warme Berührung der italieniſchen Sonne war auf ihrem Antlitz ſichtbar. Aber ſonſt hatte ſie ſich gar nicht ver⸗ ändert. Immer noch ſah er dieſelbe tiefe, ſchüchterne In⸗ nigkeit, die er ſtets an ihr beobachtet hatte, und nie ohne Rührung. Wenn ſie eine neue Bedeutung hatte, die ihn ſchmerzlich ins Herz traf, ſo war die Veränderung in ſeiner Auffaſſung, nicht in ihr. Sie nahm ihren alten Hut ab, hing ihn an die alte Stelle, und fing an, mit Maggy's Hülfe das Zimmer ſo friſch und ſauber zu machen, als es nur möglich war, und und es mit einem angenehm duftenden Waſſer zu beſprengen. Nachdem dies geſchehen, ward der mit Trauben und anderm Obſt gefüllte Korb ausgepackt, und ſein ganzer Inhalt ge⸗ räuſchlos untergebracht. Als das geſchehen war, eilte auf ein paar zugeflüſterte Worte Maggy fort, um einer andern Perſon aufzutragen, den Korb wieder voll zu füllen; und bald kam er zurück mit neuen Vorräthen, von denen zuerſt kühlendes Getränke und Gelée mit der Ausſicht auf ein gebratenes Huhn, Wein und Waſſer herausgenommen wur⸗ den. Sowie dieſe verſchiedenen Anordnungen getroffen waren, holte ſie ihr altes Nähkäſtchen hervor, um ihm einen Eine Bitte in der Marſhalſea. 147 Vorhang vor ſeine Fenſter zu machen; und ſo fand er, während er ſtill in ſeinem Stuhle ſaß, Klein Dorrit mit einem ruhigen Walten, das eine Herrſchaft über das ſonſt ſo geräuſchvolle Gefängniß ausübte, an ſeiner Seite ar⸗ beiten. Das beſcheidene Köpfchen, wie es ſich wieder über ſeine Arbeit bückte, und die hurtig geſchäftigen Finger zu ſehen— obgleich ſie ſich nicht ſo ſehr von ihrem Thun in Anſpruch nehmen ließ, um ihn nicht manchmal mit mitleidvollen Augen anzuſehen, in denen, wie ſie ſich wieder wegwende⸗ ten, Thränen ſtanden— ſich ſo getröſtet und geſtärkt zu ſehen, und zu glauben, daß alle Hingebung dieſes großen Herzens ſich in ſeinem Unglück ihm zuwendete, um ſeinen unerſchöpflichen Reichthum von Güte über ihn auszuſchütten, machte Clennam's zitternde Stimme oder Hand nicht ruhiger, und ſtärkte ihn nicht in ſeiner körperlichen Schwäche. Und doch flößte es ihm eine innerliche Kraft ein, die mit ſeiner Liebe wuchs. Und wie zärtlich er ſie jetzt liebte, können Worte nicht ausſprechen! Wie ſie in dem Schatten der Mauer neben einander ſaßen, fiel der Schatten wie Licht auf ihn. Sie litt nicht, daß er viel ſprach, und er hatte ſich in ſeinen Stuhl zurück⸗ gelegt, und ließ ſeine Augen auf ihr ruhen. Dann und wann ſtand ſie auf und reichte ihm das Glas zum Trinken oder ſtrich die Stelle glatt, wo er ruhte; dann kehrte ſie ſtill auf ihren Platz zurück, und beugte ſich wieder über ihre Arbeit. 148 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Der Schatten rückte mit der Sonne vor, aber ſie wich nie von ſeiner Seite, außer um ihn zu bedienen. Die Sonne ging unter, und ſie war immer noch da. Sie war jetzt mit ihrer Arbeit fertig, und ihre Hand verweilte noch zögernd auf der Lehne ſeines Stuhls. Er legte ſeine Hand darauf, und ſie faßte ihn mit zitterndem Flehen. „Lieber Mr. Clennam, ich muß Ihnen Etwas ſagen, ehe ich gehe. Ich habe es von einer Stunde zur andern aufge⸗ ſchoben, aber ich muß es ſagen.“ „Auch ich, liebe Klein Dorrit. Auch ich habe aufge⸗ ſchoben, was ich ſagen muß.“ Sie bewegte unruhig die Hand nach ſeinen Lippen, als wollte ſie ihn zum Schweigen vermögen; aber ſie ließ ſie zitternd wieder ſinken. „Ich verlaſſe England nicht wieder. Mein Bruder wol, aber ich nicht. Er hat mich immer lieb gehabt, und er iſt jetzt ſo dankbar gegen mich— viel zu dankbar, denn es iſt nur, weil ich zufällig bei ihm war in ſeiner Krankheit— daß er ſagt, ich ſoll bleiben, wo es mir gefällt, und thun, was mir gefällt. Er wünſcht mich blos glücklich zu ſehen, ſagt er.“ Ein heller Stern glänzte am Himmel. Sie blickte zu ihm auf, während ſie ſprach, als wäre es der inbrünſtige Vorſatz ihres Herzens, der über ihr glänzte. „Ich brauche Ihnen wol nicht erſt zu ſagen, daß mein Bruder hergereiſt iſt, um ſich das Teſtament meines guten Vaters aushändigen zu laſſen und von ſeinem Vermögen — Eine Bitte in der Marſhalſea. 149 Beſitz zu nehmen. Er ſagt, wenn ein Teſtament da iſt, ſo würde ich gewiß reich ſein; und wenn keins da iſt, wolle er mich reich machen.“ Er wollte ſprechen; aber ſie hob wieder ihre zitternde Hand empor, und er ſchwieg. „Ich brauche kein Geld, und ich wünſche kein Geld, es wäre für mich von keinem Werthe, außer Ihretwillen. Ich könnte unmöglich reich ſein, während Sie hier ſind, ich würde immer viel ſchlimmer ſein, als arm, während Sie in Noth bleiben. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen Alles, was ich habe, vorzuſtrecken? Wollen Sie mir erlauben, es Ihnen hinzugeben? Wollen Sie mir erlauben, Ihnen zu zeigen, daß ich nie vergeſſen habe und nie vergeſſen kann, wie Sie mich zu einer Zeit, wo dies meine Heimath war, beſchützt haben? Lieber Mr. Clennam, machen Sie mich zum glück⸗ lichſten aller Menſchen, und ſagen Sie ja! Machen Sie mich ſo glücklich, als ich ſein kann, ſo lange Sie hier blei⸗ ben, indem Sie mir heute Abend keine Antwort geben, ſondern mich mit der Hoffnung von Ihnen ſcheiden laſſen, daß Sie es ſich mit freundlicher Stirn überlegen, und daß Sie mir um meinetwillen— nicht um Ihretwillen, ſondern nur einzig um meinetwillen!— die größte Freude machen werden, die ich je auf Erden erleben kann, die Freude, zu wiſſen, daß ich Ihnen einen Dienſt geleiſtet, und einen kleinen Theil der großen Schuld meiner Liebe und Dankbar⸗ keit bezahlt habe. Ich kann nicht ſagen, was ich zu ſagen wünſche. Ich kann Sie hier nicht beſuchen, wo ich ſo lange 1 150 Neunundzwanzigſtes Kapitel. gewohnt habe, ich kann nicht hier an Sie denken, wo ich ſo Viel geſehen habe, und ſo ruhig und tröſtlich ſein, wie ich ſollte. Meine Thränen zwingen ſich wider meinen Willen hervor. Ich kann ſie nicht zurückhalten. Aber bitte, bitte, wenden Sie ſich jetzt nicht von Ihrer kleinen Dorrit, nicht jetzt in ihrer Betrübniß! Ich bitte und flehe Sie aus meinem tieſſten Herzen, mein Freund— mein Geliebter!— Nehmen Sie Alles, was ich habe, und machen Sie es zu einem Segen für mich!“ Der Stern hatte bis jetzt hell auf ihr Geſicht geſchienen, aber jetzt ſank es auf ſeine Hand und auf die ihrige. Es war dunkler geworden, als er ſie aufrichtete und mit ſanfter Stimme ihr antwortete: „Nein, liebſte Klein Dorrit. Nein, mein Kind. Ich darf von einem ſolchen Opfer nicht hören. Freiheit und Hoffnung würden für einen ſolchen Preis ſo theuer erkauft ſein, daß ich nie ihre Laſt, nie den Vorwurf tragen könnte, ſie zu beſitzen. Aber mit welch heißem Dank und inniger Liebe ich dies ſage, rufe ich den Himmel zum Zeu⸗ gen an!“ „Und doch wollen Sie mir nicht geſtatten, Ihnen in Ihrem Unglück treu zu bleiben?“ „Sagen Sie, liebſte Klein Dorrit, und doch will ich verſuchen, Ihnen treu zu bleiben. Wenn ich in entſchwun⸗ denen Tagen, wo dies Ihre Heimath, und dies Ihr Kleid war, beſſer verſtanden(ich ſpreche nur von mir ſelber) und die Geheimniſſe meines eigenen Buſens deutlicher geleſen — * Eine Bitte in der Marſhalſea. 151 hätte; wenn ich durch den Schleier meiner Zurückhaltung und meines Mißtrauens gegen mich ſelbſt ein Licht erkannt hätte, das ich jetzt hell leuchten ſehe, wo es weit entfernt von mir iſt, und mein müder Fuß es nie wieder einholen kann; wenn ich damals gewußt und Ihnen geſagt hätte, daß ich Sie liebte und ehrte, nicht als das arme Kind, das ich in Ihnen zu ſehen pflegte, ſondern als ein Weib, deſſen treue Hand mich hoch über mich ſelbſt heben, und mich zu einem viel glücklichern und beſſern Mann machen würde; wenn ich ſo die Gelegenheit benutzt hätte, die nicht zurück zu rufen iſt— o wie ſehr ich dies wünſche, o wie ſehr!— und wenn uns damals Etwas fern von einander gehalten hätte, wo ich im mäßigen Wohlſtand mich befand, und Sie arm waren, ſo hätte ich auf das edle Anerbieten Ihres Ver⸗ mögens, geliebtes Mädchen, mit andern Worten antwor⸗ ten können, als mit dieſen, und hätte doch erröthen müſſen, es anzurühren. Aber wie es jetzt iſt, darf ich es nie an⸗ rühren, nie!“ Sie bat ihn rührender und inniger mit ihrer kleinen flehenden Hand, als ſie es mit Worten hätte thun können. „Ich bin genug mit Schmach beladen, meine Klein Dorrit. Ich darf nicht ſo tief ſinken, und Sie— ſo lieb, ſo edel, ſo gut— mit mir hinunter ziehen. Gott ſegne Sie, Gott lohne Sie! es iſt vorbei.“ Er ſchloß ſie in ſeine Arme, als ob ſie ſeine Tochter wäre. „Immer ſo viel älter, ſo viel rauher und ſo viel weniger 152 Neunundzwanzigſtes Kapitel. würdig, müſſen wir Beide ſelbſt das vergeſſen, was ich war und Sie müſſen mich nur ſehen, wie ich jetzt bin. Ich drücke dieſen Scheidekuß auf Ihre Wange, mein Kind— das mir hätte näher ſtehen, aber nie lieber ſein können— ein zu Grunde gerichteter Mann, der weit entrückt iſt von Ihnen, der für immer getrennt iſt von Ihnen, deſſen Lauf⸗ bahn zu Ende iſt, während die Ihrige erſt beginnt. Ich habe nicht den Muth, zu verlangen, daß Sie mich in meiner Er⸗ niedrigung vergeſſen ſollen; aber ich bitte Sie, meiner nur zu gedenken, wie ich bin.“ Die Glocke fing an zu läuten, zum Zeichen, daß die Gäſte gehen möchten. Er nahm ihren Mantel von der Wand, und hüllte ſie ſorgfältig ein. „Noch Ein Wort, Klein Dorrit. Ein hartes Wort für mich, aber ein nothwendiges. Die Zeit, wo Sie und dieſes Gefängniß Etwas mit einander gemein hatten, iſt längſt vorüber. Verſtehen Sie mich?“ „O Sie werden mir doch gewiß nicht ſagen,“ rief ſie bitterlich weinend, und ihre gefalteten Hände empor haltend, „daß ich nie wieder kommen ſoll! Sie werden mich gewiß nicht ſo verlaſſen!“ „Ich würde es ſagen, wenn ich könnte; aber ich habe nicht den Muth, ganz dieſes liebe Geſicht zu meiden, und alle Hoffnung auf ſeine Wiederkehr aufzugeben. Aber kommen Sie nicht bald, kommen Sie nicht oft! Das iſt jetzt ein ge⸗ zeichneter Ort, und ich fühle, daß ſein Zeichen auf mir haftet. Sie gehören in eine glänzendere und heiterere — — Eine Bitte in der Marſhalſea. 153 Umgebung. Sie dürfen nicht hierher zurückſchauen, meine Klein Dorrit, Sie müſſen auf ganz andere und glücklichere Pfade ſchauen. Noch einmal, Gott ſegne Sie auf denſelben! Gott belohne Sie!“ Maggy, die ſehr betrübt geworden war, rief jetzt aus: „o ſchaff ihn ins Spittel; ſchaff ihn ins Spittel, Mutter! er wird nie wieder der Alte, wenn er nicht ins Spittel kommt. uUnd dann kann das kleine Frauchen, das immer an ihrem Spinnrad ſaß, an den Schrank gehen mit der Prinzeſſin, und ſagen, für wen iſt das Hühnchen da? und dann können ſie es herausnehmen und es ihm geben, und Alle können dann glücklich ſein!“ Die Unterbrechung kam zur rechten Zeit, denn die Glocke hatte faſt ausgeläutet. Er wickelte ſie noch einmal ſorglich in ihren Mantel, nahm ſie an ſeinen Arm(obgleich er ohne ihren Beſuch faſt zu ſchwach zum Gehen geweſen wäre) und führte ſie die Treppe hinab. Sie war der letzte Beſuch, der zum Portierhäuschen hinausging, und das Thor ſchlug ſchwer und hoffnungslos hinter ihr zu. Mit dem Grabeston, der damit in Arthur's Herz klang, kehrte ſein Gefühl der Schwäche zurück. Es war eine müh⸗ ſelige Reiſe, die Treppe hinauf bis in ſein Zimmer, und er betrat den dunklen, einſamen Raum in dem unausſprech⸗ lichſten Elend. Als es faſt Mitternacht, und im Gefängniß längſt ſtill geworden war, hörte man einen vorſichtigen Tritt die Treppe heraufſchleichen und einen Schlüſſel vorſichtig an die Thür 154 Neunundzwanzigſtes Kapitel. klopfen. Es war der junge John. Er ſchlüpfte herein in Strümpfen, und hielt die Thür zu, während er flüſternd ſprach: „Es iſt gegen alle Vorſchriften, aber es iſt mir einerlei. Ich war entſchloſſen, durchzukommen, um zu Ihnen zu kommen.“ „Was gibts?“ „Nichts gibts, Sir. Ich war auf dem Hofe, als Miß Dorrit herauskam. Ich dachte, es würde Ihnen lieb ſein, wenn Jemand auf ſie Acht gab.“ „Ich dank' Ihnen, ich dank' Ihnen! Sie haben ſie nach Hauſe gebracht, John?“ „Ich habe ſie in ihr Hotel begleitet. Daſſelbe, in dem Mr. Dorrit wohnte. Miß Dorrit ging den ganzen Weg zu Fuße, und ſprach ſo freundlich zu mir, daß ich ganz weg war. Warum glauben Sie wol, daß ſie ging, anſtatt zu fahren?“ „Ich weiß es nicht, John.“ „Um von Ihnen zu reden. Sie ſagte zu mir: John, Sie ſind immer ehrenhaft geweſen, und wenn Sie mir ver⸗ ſprechen wollen, daß Sie für ihn ſorgen, und es ihm nie an Hülfe und Troſt fehlen laſſen wollen, wenn ich nicht da bin, ſo wird mein Gemüth ſoweit beruhigt ſein. Ich verſprach es ihr. Und ich will zu Ihnen ſtehen in alle Ewigkeit!“ ſagte John Chivery. Tief gerührt bot Clennam dem ehrlichen Burſchen ſeine Hand dar. —.— —— —— —— Eine Bitte in der Marſhalſea. 155 „Ehe ich ſie nehme,“ ſagte John, und ſah ihn an, ohne die Thür zu verlaſſen,„müſſen Sie erſt rathen, welche Bot⸗ ſchaft mir Miß Dorrit übergeben hat.“ Clennam ſchüttelte den Kopf. „Sagen Sie ihm,“ wiederholte John mit deutlicher, ob⸗ gleich zitternder Stimme,„daß ſeine Klein Dorrit ihn ewig lieben wird. Jetzt iſt's heraus. Habe ich ehrenhaft ge⸗ handelt, Sir?“ „Gewiß, gewiß!“ „Wollen Sie Miß Dorrit ſagen, daß ich ehrenhaft ge⸗ handelt habe, Sir?“ „Das will ich.“ „Hier iſt meine Hand, Sir,“ ſagte John,„und ich will zu Ihnen ſtehen in alle Ewigkeit!“ Nach einem herzlichen Händedruck verſchwand er mit der⸗ ſelben Vorſicht, wie vorhin, ſchlich ohne Schuhe über das Pflaſter des Hofs, ſchloß die Pforten hinter ſich, und ging nach dem Vordergebäude, wo er ſeine Schuhe ſtehen hatte. Wäre derſelbe Weg mit glühenden Pflugſcharen gepflaſtert geweſen, ſo iſt es gar nicht unwahrſcheinlich, daß John um deſſelben Zwecks willen ihn mit derſelben Hingebung ge⸗ gangen wäre. Ende des neunten Bandes. Druckfehler. In der Ueberſchrift zum 33. Bilde(17. Lfg.) muß es heißen Mr. Merdle, ſtatt Mr. Morelle. Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. ——