— .„ 4 3 e 4* 4* 4 Leihbibliothek arar deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Okftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen mü eines Buches, eine dem Werthe deſſelbe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückg ſſen, bei Entgegennahme een entſprchende Summe abe von mir zurückerſtattet wird.— 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „„——„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 7— Zurückſendung lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jum Erſatz des Ganzen verp flichtet. „7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— ⸗—,—=i.— 8 = — — 4— ————— Boz(Bickens) „Sämmtliche Werke. Hundertſter Band. Klein Dorrit.. Achter Theil. ——— Neipeig Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber 1857. Klein Dorrit. Roman von(Charles Dickens) Boz. In zwei Büchern. Aus dem Euglischen uun Muritz Busch. Mit vierzig Illuſtrationen von Hablot A. Browne. Achter Theil. —=e Neipeig Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1857. Füntzehntes Kanitel. Keine gerechte Urſache oder Behinderung, warum dieſe beiden Perſonen nicht getraut werden ſollten. Als Mr. Dorrit von ſeiner ältern Tochter erfuhr, daß ſie einen Heirathsantrag von Mr. Sparkler empfangen und ſich mit ihm verſprochen habe, nahm er die Mittheilung mit großer Würde und zugleich mit großem väterlichen Stolz auf. Seine Würde ſchwelgte in der erweiterten Ausſicht der Möglichkeit, neue vortheilhafte Bekanntſchaften zu machen, und ſein vä⸗ terlicher Stolz in dem bereitwilligen Eifer Miß Fannys, mit ihm nach dem großen Ziel ſeines Daſeins zu ſtreben. Er gab ihr zu verſtehen, daß ihr edler Ehrgeiz einen entſprechenden Widerhall in ſeinem Herzen fände, und gab ihr, als ein Kind überall von Pflicht und guten Grundſätzen und bereit, ſich für die Geltendmachung des Familiennamens aufzuopfern, ſeinen Segen. Zu Mr. Sparkler, als Miß Fanny ihm aufzutreten er⸗ laubte, ſagte Mr. Dorrit, er wolle nicht verhehlen, daß das Bündniß, welches Mr. Sparkler ihm die Ehre anthue, vor⸗ zuſchlagen, ihn in hohem Grade befriedigt, da es ſowol mit Klein Dorrit. VIII. 1 2 Fünfzehntes Kapitel. den Herzensneigungen ſeiner Tochter Fanny übereinſtimme, wie eine Familienverbindung von höchſt befriedigender Art mit Mr. Merdle, den Meiſtergeiſt des Zeitalters, in Ausſicht ſtelle. Auch Mrs. Merdle, als einer Dame von hoher Geltung, Ele⸗ ganz, Anmuth und Schönheit, erwähnte er mit ſehr lobenden Worten. Er fühlte es als ſeine Pflicht, zu bemerken(er ſei überzeugt, ein Herr von Mr. Sparklers feiner Empfindung würde dies mit allem Zartgefühl deuten), daß er den Antrag nicht als endgültig angenommen betrachten könne, bevor er ſich nicht die Freiheit genommen, ſich mit Mr. Merdle in brieflichen Verkehr zu ſetzen und zu erfahren, daß es den An⸗ ſichten dieſes ausgezeichneten Herrn ſo weit entſpreche, daß ſeine(Mr. Dorrits) Tochter auf dem Fuße empfangen wer⸗ den würde, welche, wie ihre Stellung im Leben und ihre Mit⸗ gift und ihre Ausſichten ihn berechtigten zu erwarten, ſie in den Augen der großen Welt behaupten würde. Während er dies ſagte, was ſein Charakter als ein Gentleman von eini⸗ ger Stellung und ſein Charakter als Vater in gleicher Weiſe forderte, wollte er nicht ſo diplomatiſch ſein, um zu verheh⸗ len, daß der Antrag in hoffnungsvoller Schwebe und bedin⸗ gungsweiſe angenommen bleibe und daß er Mr. Sparkler für die ihm und ſeiner Familie erwieſene Ehre danke. Er ſchloß 1 miteinigen weitern und allgemeinern Bemerkungen über den — ha— Charakter eines Gentlemans von unabhängiger Stellung und den— hm— Charakter eines vielleicht zu nachſichtigen und ſtolzen Vaters. Um es kurz zu ſagen, er nahm Mr. Sparklers Antrag ohngefähr ebenſo auf, wie er N Keine gerechte Urſache oder Behinderung, ꝛc. 3 in früheren Zeiten von ihm drei oder vier halbe Kronen an⸗ genommen haben würde. Mr. Sparkler, ganz betäubt von den ſo auf ſein unſchul⸗ diges Haupt gehäuften Worten, antwortete kurz, aber paſſend, indem er nicht mehr und nicht weniger ſagte, als daß er längſt bemerkt habe, Miß Fanny habe keinen Unſinn an ſich und daß er nicht bezweifle, ſein Vater würde mit Allem zufrieden ſein. Wie er ſoweit gekommen war, klappte ihn der Gegen⸗ ſtand ſeiner Zuneigung zu, wie man einen Kaſten zuklappt, deſſen Deckel in einer Feder geht und ſchickte ihn fort. Als Mr. Dorrit kurz darauf ſeinen Beſuch bei Miß Merdle machte, empfing ihn dieſe dann mit vieler Auszeich⸗ nung. Mrs. Merdle hatte von dieſer Sache durch Edmund gehört. Sie war Anfangs überraſcht, weil ſie nicht geglaubt, daß Edmund ans Heirathen denke. Die Geſellſchaft habe nicht geglaubt, daß Edmund ans Heirathen denke. Dennoch habe ſie natürlich als Frau gemerkt(wir Frauen bemerken dieſe Sachen inſtinktmäßig, Mr. Dorrit), daß Miß Dorrit auf Edmund einen außerordentlichen Eindruck gemacht habe und ſie habe offen geſagt, daß Mr. Dorrit Viel zu verant⸗ worten habe, ein ſo reizendes Mädchen hierher gebracht zu haben, um ſeinen Landsleuten die Köpfe zu verdrehen. „Habe ich die Ehre, zu ſchließen, Madam,“ ſagte Mr. Dorrit,„daß Sie die Richtung, welche Mr. Sparklers Zu⸗ neigung genommen hat— hm— ha— billigen?“ „Ich verſichere Ihnen, Mr. Dorrit,“ entgegnete die Dame,„daß ich für meine Perſon entzückt bin.“ 1* Fünfzehntes Kapitel. Dies war ſehr erfreulich für Mr. Dorrit. „Für meine Perſon entzückt,“ wiederholte Mrs. Merdle. Die zufällige Wiederholung der Worte:„für meine Per⸗ ſon,“ bewog Mr. Dorrit, die Hoffnung auszuſprechen, daß auch Mr. Merdles Genehmigung nicht ausbleiben werde? „Ich kann es nicht auf mich nehmen, unbedingt für Mr. Merdle zu ſtehen,“ ſagte Mrs. Merdles;„Männer, vorzüg⸗ lich Männer, welche das ſind, was die Geſellſchaft Kapita⸗ liſten nennt, haben ihre eigenen Anſichten über dieſe Sachen. Aber ich ſollte meinen— ich ſpreche nur eine Meinung aus, Mr. Dorrit— ich ſollte meinen, Mr. Merdle müßte im Gan⸗ zen,“ hier machte ſie eine betrachtende Pauſe, ehe ſie mit Muße hinzuſetzte:„ganz entzückt ſein.“ Bei der Erwähnung von Männern, welche die Geſell⸗ ſchaft Kapitaliſten nennt, hatte Mr. Dorrit gehuſtet, als wenn er einen innerlichen Proteſt nicht unterdrücken könnte.“ Mrs. Merdle hatte es gemerkt und fuhr, den Wink benutzend, fort. „Ob es gleich eigentlich kaum nothwendig iſt, dieſe Be⸗ merkung zu machen, außer in meiner Aufrichtigkeit gegen einen Mann, den ich ſo hoch achte und mit dem ich das Ver⸗ gnügen zu haben hoffe, in noch angenehmere Beziehungen zu treten. Denn es läßt ſich nicht die große Wahrſcheinlich⸗ keit verkennen, daß Sie ſelbſt dieſe Sachen von Mr. Merd⸗ les eigenem Geſichtspunkt betrachten, mit der Ausnahme, daß Verhältniſſe es Mr. Merdles zufälliges Glück oder Unglück gemacht haben, in kaufmänniſchen Geſchäften betheiligt zu Keine gerechte Urſache oder Behinderung, ꝛc. 5 ſein und daß dieſe Geſchäfte„ſo großartig ſie auch ſein mö⸗ gen, einigermaßen den Horizont verengen können. Was meine Kenntniß von Geſchäften betrifft,“ ſagte Mrs. Merdle, „ſo bin ich ein wahres Kind; aber ich fürchte, Mr. Dorrit, Sie können dieſe Tendenz haben.“ Dieſe geſchickte Schaukelei Mr. Dorrits und Mrs. Merd⸗ les, ſo daß Jeder den Andern in die Höhe hob und wieder in die Tiefe ſinken ließ, und Keiner den Vorzug behielt, wirkte beruhigend auf Mr. Dorrits Huſten. Er bemerkte mit der größten Höflichkeit, daß er ſich erlauben müſſe, gegen das Vorurtheil zu proteſtiren, ſelbſt wenn eine ſo hochge⸗ ſtellte und anmuthige Dame, wie Mrs. Merdle(ſie verneigte ſich bei dieſem Compliment) es hegen ſollte, daß ſolche Un⸗ ternehmungen, wie die Mr. Merdles in ihrer die kleinlichen Unternehmungen der Menſchheit unendlich überragenden Großartigkeit eine andere Tendenz haben könnten, als dem Genie, das ſie entworfen, einen höhern Schwung zu geben. „Sie ſind die Großmuth ſelbſt,“ entgegnete Mrs. Merdle mit ihrem beſten Lächeln;„wir wollen es hoffen. Aber ich geſtehe, die Begriffe, die ich mir von Geſchäften mache, grenzen faſt an Aberglauben.“ Mr. Dorrit warf hier ein anderes Compliment ein, daß Geſchäfte, wie die Zeit, welche für dieſelben koſtbar ſei, für Sklaven wären; und daß es ſich für Mrs. Merdle, die über alle Herzen nach ihrem freien Belieben ſchalte, nicht zieme, Etwas mit Geſchäften zu thun zu haben. Mrs. Merdle Fünfzehntes Kapitel. lachte und machte auf Mr. Dorrit den Eindruck, daß ihr Buſen ſich hebe— einer ihrer beſten Effecte. „Ich ſage dies nur,“ erläuterte ſie dann,„weil Mr. Merdle immer das größte Intereſſe an Edmund genommen und immer den angelegentlichſten Wunſch ausgeſprochen hat, ihn im Leben vorwärts zu bringen. Edmunds öffentliche Stellung, glaube ich, kennen Sie. Seine Privatſtellung hängt ganz von Mr. Merdle ab. In meiner kindiſchen Un⸗ fähigkeit für Geſchäfte, verſichere ich Ihnen, weiß ich weiter nichts.“ Mr. Dorrit ſprach abermals auf ſeine Weiſe die Mei⸗ nung aus, daß Geſchäfte unter der Würde von Herzenbän⸗ digerinen und Zaubrerinen wären. Er gab dann ſeinen Ent⸗ ſchluß zu erkennen, als Gentleman und Vater an Mr. Merdle zu ſchreiben, Mrs. Merdle ſtimmte dem von ganzem Herzen bei, oder mit ihrer ganzen Kunſt— was ganz daſſelbe iſt— und ſchickte ſelbſt mit nächſter Poſt einen vorbereitenden Brief an das achte Weltwunder. In ſeiner brieflichen Mittheilung, wie in ſeinem Zwie⸗ geſpräch und Reden über die große Frage, umgab Mr. Dor⸗ rit den Gegenſtand mit Schnörkeln, wie Schreiblehrer Schreibebücher und Rechenbücher verzieren: wo die Titel der vier Spezies in Schwäne, Adler, Greife und andere kaligra⸗ phiſche Kunſtſtücke auslaufen, und wo die großen Buchſtaben Seele und Körper in einem Rauſch von Feder und Tinte ver⸗ lieren. Demungeachtet machte er den Zweck ſeines Briefs klar genug, um Mr. Merdle in Stand zu ſetzen, ſich auf an⸗ 46 46 Keine gerechte Urſache oder Behinderung, ꝛc. 7 ſtändige Weiſe den Schein zu geben, die Sache aus dieſer Quelle erfahren zu haben. In dieſer Weiſe beantwortete Mr. Merdle das Schreiben. Mr. Dorrit antwortete Mr. Merdle; Mr. Merdle antwortete Mr. Dorrit; und es konnte bald gemeldet werden, daß die correſpondirenden Mächte zu einem befriedigenden Einverſtändniß gekommen wären. Jetzt und nicht eher erſchien Miß Fanny auf der Scene, vollſtändig für ihre neue Rolle ausgerüſtet. Jetzt und nicht eher verſchlang ſie gänzlich Mr. Sparkler in ihrem Lichte und glänzte für Beide und Zwanzig mehr. Nicht länger von dem frühern Gefühle gedrückt, einer beſtimmtern Stellung und eines beſtimmten Charakters zu entbehren, fing dieſes ſchöne Schiff an, ſtandhaft auf einen wohl überlegten Cours zu be⸗ harren und mit einem Gewicht und einem Gleichgewicht zu ſchwimmen, welche ſeine Segelfähigkeit im beſten Lichte zeigten. „Nachdem nun die Präliminarien ſo befriedigend geord⸗ net ſind,“ ſagte Mr. Dorrit,„ſo gedenke ich nun, das Ereig⸗ niß— ha— hm— in aller Form der Mrs. General—“ „Papa,“ unterbrach ihn Fanny kurz bei dieſem Namen, „ich ſehe nicht ein, wie die Sache Mrs. General berühren kann.“ „Meine Liebe,“ ſagte Mr. Dorrit,„es wäre eine Höflichkeit gegen— hm— eine Dame von Geburt und Bildung—“ „O! ich habe Mrs. Generals Geburt und Bildung herz⸗ lich ſatt, Papa,“ ſagte Fanny.„Ich bin Mrs. General müde.“ Fünfzehntes Kapitel. „Müde!“ wiederholte Mr. Dorrit mit vorwurfsvollem Staunen—„müde, ha— Mrs. General!“ „Ich habe ſie ganz und gar ſatt, Papa,“ ſagte Fanny⸗ „Ich weiß wahrhaftig nicht, was ſie meine Heirath angeht. Sie mag ſich mit ihren eignen Heirathsplänen be ſchäſtigen — wenn ſie welche hat.“ „Fanny,“ erwiderte Mr. Dorrit mit einer ernſten und gewichtigen Langſamkeit, welche einen ſchroffen Gegenſatz zu der Frivolität ſeiner Tochter bildete:„ich bitte Dich, mir näher zu erklären— ha— hm— was Du damit ſagen willſt.“ „Ich will ſagen, Papa,“ ſagte Fanny,„daß, wenn Mrs. General ſelbſt Heirathspläne haben ſollte, ſie jedenfalls ihre freie Zeit vollauf in Anſpruch nehmen. Und daß, wenn es nicht der Fall iſt, es um ſo beſſer iſt; aber dennoch wünſche ich nicht, die Ehre zu haben, ihr Meldungen zu machen.“ „Erlaube mir, zu fragen, warum nicht?“ ſagte Mr. Dorrit. „Weil ſie ſich die Mühe geben kann, ſelbſt meine Verlo⸗ bung zu errathen,“ entgegnete Fanny.„Sie hat Spürkraft genug dazu. Sie mag ſie ſelbſt errathen. Und wenn ſie ſie nicht ſelbſt erräth, ſo wird ſie ſie erfahren, wenn ich getraut werde. Und ich hoffe, Sie werden es nicht einem Mangel an Liebe für Sie zuſchreiben, Papa, wenn ich ſage, daß mir dies für Mrs. General alsdann zeitig genug zu ſein ſcheint.“ „Fanny,“ erwiderte Mr. Dorrit,„dieſe— hm— dieſe launiſche und unverſtändige Feindſchaft gegen— ha— A— ————— Keine gerechte Urſache oder Behinderung, ꝛc. 9 Mrs. General— hm— erregt mein Staunen und meine Unzufriedenheit.“ „Bitte, nennen Sie es nicht Feindſchaft,“ gab Fanny zurück,„weil ich Ihnen verſichere, daß ich Mrs. General meiner Feindſchaft nicht werth halte.“ Bei dieſen Worten erhob ſich Mr. Dorrit mit einem ſtarren Blick ſtrengen Tadels von ſeinem Stuhl und blieb in ſeiner Würde vor ſeiner Tochter ſtehen. Seine Tochter ſpielte mit ihrem Armband und ſagte, bald auf dieſes, bald auf ihn blickend:„Nun ja, Papa. Es thut mir aufrichtig leid, daß es Ihnen nicht gefällt; aber ich kann Nichts dafür. Ich bin kein Kind, und ich bin nicht Amy, und ich muß reden.“ „Fanny,“ ſtieß Mr. Dorrit nach einem majeſtätiſchen Schweigen hervor,„wenn ich Dich erſuche, hier zu bleiben, wenn ich die— ha— uns bevorſtehende Veränderung der Mrs. General, als einer muſterhaften Dame, welche hm — ein hochgeehrtes Mitglied dieſer Familie iſt, anzeige; wenn ich— ha— Dich nicht nur darum erſuche, ſondern — hm— auch darauf beſtehe—“ „O Papa,“ unterbrach ihn Fanny mit nachdrucksvoller Bedeutſamkeit,„wenn Sie ſo viel Gewicht darauf legen, ſo iſt es meine Pflicht, zu gehorchen. Ich hoffe jedoch, es iſt mir erlaubt, meine Gedanken über die Sache zu haben, denn ich kann nun einmal nicht anders.“ Nach dieſen Wor⸗ ten nahm Fanny mit einer Unterwürfigkeit Platz, welche durch die Verbindung mit dem eben erſt zur Schau getrage⸗ nen Extrem herausfordernd wurde; und ihr Vater, entweder *Aᷣ 10 Fünfzehntes Kapitel. es unter ſeiner Würde haltend, zu antworten, oder nicht wiſſend, was er antworten ſollte, klingelte Mr. Tinkler. „Mrs. General!“ Mr. Tinkler, ungewohnt, ſo kurze Befehle in Bezug auf dieſe hochgeſtellte Dame zu empfangen, blieb ſtehen. Mr. Dorrit, der ſofort die ganze Marſhalſea und was dazu ge⸗ hörte, in dieſer Pauſe witterte, fuhr ihn gleich an:„Wie können Sie ſich unterſtehen, Sir? was ſoll das heißen?“ „Ich bitte um Verzeihung, Sir,“ entgegnete Mr. Tink⸗ ler,„ich wünſchte nur zu wiſſen—“ „Sie wünſchten Nichts zu wiſſen,“ ſchrie Mr. Dorrit in höchſter Aufregung.„Sagen Sie mir das nicht. Ha! Es iſt nicht wahr. Sie nehmen ſich heraus, zu höhnen, Sir.“ „Ich verſichere Ihnen, Sir— fing Mr. Tinkler wieder an. „Verſichern Sie mir Nichts!“ ſagte Mr. Dorrit.„Ich will mir Nichts von einem Domeſtiken verſichern laſſen. Sie nehmen ſich heraus, zu höhnen. Sie haben Ihren Abſchied — hm— die ganze Dienerſchaft hat ihren Abſchied. Wo⸗ rauf warten Sie?“ „Nur auf meine Befehle, Sir.“ „Das iſt nicht wahr,“ ſagte Mr. Dorrit.„Sie haben Ihre Befehle. Ha— hm. Mein Compliment an Mrs. Ge⸗ neral, und ich ließe ſie um die Freundlichkeit bitten, ein paar Minuten zu mir zu kommen, wenn es ihr paßt. Das ſind Ihre Befehle.“ In Erfüllung ſeines Auftrags berichtete Mr. Tinkler vielleicht, daß Mr. Dorrit in zornigſter Aufregung ſei. Wie Keine gerechte Urſache oder Behinderung, ꝛc. 11 dem immer ſein möge, man hörte ſehr bald das Kleid der Mrs. General draußen mit ungewöhnlicher Eile heranrau⸗ ſchen. Aber ſie faßte ſich vor der Thür und ſchwebte mit der gewöhnlichen Ruhe in's Zimmer. „Mrs. General,“ ſagte Mr. Dorrit,„bitte, nehmen Sie Platz.“ Mit einer anmuthigen anerkennenden Kopfneigung ließ ſich Mrs. General auf den Stuhl nieder, welchen ihr Mr. Dorrit darbot. 4 „Madam,“ fuhr dieſer Herr fort,„da Sie die Güte ge⸗ habt haben, ſich— hm— der Heranbildung meiner Töch⸗ ter zu unterziehen, und da ich überzeugt bin, daß Nichts, was ſie nahe angeht— ha— Ihnen gleichgültig ſein kann—“. „Rein unmöglich,“ ſagte Mrs. General in ihrer ruhig⸗ ſten Weiſe. —„So wünſche ich Ihnen anzuzeigen, Madame, daß meine Tochter hier—“ Mrs. General verbeugte ſich ein Wenig gegen Fanny, die ſich dafür ſehr tief gegen Mrs. General verneigte und ſich ſtolz wieder aufrichtete. —„Daß meine Tochter Fanny ſich— ha— mit Mr. Sparkler verlobt hat, den Sie kennen. Daher werden Sie ſich, Madame, von der Hälfte ihrer ſchwierigen Aufgabe be⸗ freit ſehen— ha— hm— Ihrer ſehr ſchwierigen Auf⸗ gabe,“ wiederholte Mr. Dorrit mit einem zornigen Blick auf Fanny.„Aber ohne daß deshalb, wie ich hoffe, die 12 Fünfzehntes Kapitel. Stellung— ha— hm— die Sie bis jetzt in meiner Fa⸗ milie einzunehmen die Güte gehabt haben— ha— direct oder indirect leiden kann.“ „Mr. Dorrit,“ entgegnete Mrs. General, während ſie ihre behandſchuhten Hände in muſterhafter Ruhe übereinan⸗ der liegen ließ,„iſt immer voller Rückſicht und würdigt meine freundſchaftlichen Dienſte zu hoch.“ Miß Fanny huſtete, als wollte ſie ſagen,„da haben Sie Recht.“ „Miß Dorrit hat jedenfalls die größte Discretion aus⸗ geübt, welche ihr die Umſtände geſtatteten, und wird mir hoffentlich erlauben, ihr meinen aufrichtigen Glückwunſch darzubringen. Wenn ſie ſich frei von den Feſſeln der Leidenſchaft halten,“— Mrs. General ſchloß bei dieſen Worten die Augen, ols ob ſie es nicht ausſprechen und Je⸗ manden anſehen könnte;„wenn ſie mit der Zuſtimmung naher Verwandten ſtattfinden und wenn ſie den ſtolzen Bau eines hohen Hauſes befeſtigen, ſo ſind es gewöhnlich glück⸗ liche Ereigniſſe. Ich hoffe, Miß Dorrit wird mir erlauben, ihr meine beſten Glückwünſche darzubringen.“ Hier machte Mrs. General eine Pauſe und ſetzte, um ihren Zügen wieder die nöthige Würde zu geben, innerlich hinzu:„Papa, Puter, Pflaumen und Prisma.“ „Mr. Dorrit,“ fuhr ſie dann laut fort,„iſt immer höchſt verbindlich; und für die Aufmerkſamkeit, und ich muß wol ſagen, Auszeichnung, daß er und Miß Dorrit mir dieſes Vertrauen ſo frühzeitig erweiſen, bitte ich, meinen Dank Keine gerechte Urſache oder Behinderung, ꝛc. 13 darbringen zu dürfen. Meinen Dank und meine Glück⸗ wünſche bringe ich zugleich Mr. Dorrit und Miß Dorrit dar“ „Mir ſind ſie ausnehmend wohlthuend,“ bemerkte Miß Fanny—„unausſprechlich wohlthuend. Den Troſt zu fin⸗ den, daß Sie keine Einwendung dagegen zu machen haben, Mrs. General, nimmt mir wirklich eine Laſt von der Seele. Ich weiß kaum, was ich gethan haben würde,“ ſagte Fanny, „wenn Sie einen Einwand erhoben hätten, Mrs. General.“ Mrs. General wechſelte mit einem Pflaumen⸗ und Prisma⸗ lächeln ihre Handſchuhe, ſo daß der rechte zu oberſt und der linke zu unterſt kam. „Ihren Beifall beſtändig zu verdienen, Mrs. General,“ ſagte Fanny mit einem antwortenden Lächeln, in welchem ſich auch keine Spur von dieſen Beigaben befand,„wird na⸗ türlich der höchſte Zweck meines Lebens als Gattin ſein; ihn zu verlieren, wäre natürlich das vollkommenſte Un⸗ glück. Ich bin jedoch überzeugt, daß Ihre große Güte mir erlauben wird— und ich hoffe das auch von Papa,— einen kleinen Irrthum, in den Sie verfallen ſind, zu berichtigen. Die beſten Menſchen ſind Irrthümern ſo ausgeſetzt, daß ſelbſt Sie, Mrs. General, in einen kleinen Irrthum ver⸗ fallen ſind. Die Aufmerkſamkeit und Auszeichnung, von der Sie, als mit dieſem Vertrauen verbunden, ſo ſchön geſpro⸗ chen haben, Mrs. General, ſind ganz gewiß von der erfreu⸗ lichſten und ehrendſten Art; aber ſie gehen nicht von mir aaus. Das Verdienſt, Sie über die Sache zu Rathe gezogen zu haben, würde in mir ſo groß ſein, daß ich fühle, ich darf *- 14 Fünfzehntes Kapitel. es nicht beanſpruchen, wenn es nicht wirklich das meinige iſt. Es gebührt lediglich Papa. Ich bin Ihnen tief ver⸗ pflichtet für Ihre Aufmunterung und Ihren Beifall, aber Papa allein hat dieſe gewünſcht. Ich habe Ihnen. Mrs. General, dafür zu danken, daß Sie durch Ihre bereitwillige Zuſtimmung zu meiner Verlobung mein Herz von einer gro⸗ ßen Laſt befreit haben. Ich hoffe, Sie werden auch, nach⸗ dem ich das Vaterhaus verlaſſen habe, fortfahren, meine Schritte zu billigen und auch meiner Schweſter noch lange die Gunſt ihrer Herablaſſung zu Theil werden laſſen.“ Mit dieſer Rede, welche ſie in ihrer höflichſten Manier von ſich gab, verließ Fanny mit eleganter und heiterer Miene das Zimmer— um, ſo wie ſie aus dem Hörbereich war, mit geröthetem Geſicht die Treppe hinauf zu eilen, zu ihrer Schweſter zu ſtürzen, ſie einen kleinen Maulwurf zu nennen, ſie zu ſchütteln, damit ſie beſſer ſehen lerne, ihr zu erzählen, was unten geſchehen, und ſie zu fragen, was ſie jetzt von Papa denke? Gegen Mrs. Merdle benahm ſich die junge Dame mit großer Unabhängigkeit und vielem Selbſtbewußtſein, aber ohne bis jetzt offen feindſelig aufzutreten. Gelegentlich hat⸗ ten ſie ein kleines Scharmützel, wie z. B., wenn Fanny glaubte, die Dame wolle ſie auf die Achſel klopfen, oder wenn Mrs. Merdle beſonders jugendlich und gut ausſah; aber Mrs. Merdle machte dieſen Tournieren immer bald da⸗ durch ein Ende, daß ſie mit der anmuthigſten Gleichgültig⸗ keit in ihre Kiſſen zurückſank und ihre Aufmerkſamkeit ander⸗ Keine gerechte Urſache oder Behinderung, ꝛc. 15 weitig in Anſpruch genommen fand. Die Geſellſchaft(denn dieſes geheimnißvolle Weſen thronte auch auf den ſieben Hügeln) fand Fanny durch ihre Verlobung viel beſſer ge⸗ worden. Sie war viel zugänglicher, viel offener und ein⸗ nehmender, viel weniger anmaßend; und ſie hatte jetzt zum bittern Ingrimm von Damen mit heirathsfähigen Töchtern eine ganze Schaar von Anhängern und Bewunderern, die als Abtrünnige von der Geſellſchaft wegen der Beſchwerden Miß Dorrits und als das einer aufrühreriſchen Fahne folgende Heer galten. Miß Dorrit freute ſich der Aufregung, die ſie verurſachte, und ſchritt nicht nur ſelbſt durch das Gewühl, ſondern führte auch ſtolz, ja ſogar prahlend, Mr. Sparkler durch daſſelbe, und ſchien zu Allen zu ſagen:„Wenn ich für gut finde, im Triumphzug lieber mit dieſen ſchwachen Ge⸗ fangenen in Ketten, als mit einem Andern an Euch vorbei⸗ zugehen, ſo iſt das meine Sache. Es iſt genug, daß es mir ſo gefällt!“ Mr. Sparkler für ſeinen Theil fragte nach Nichts, ſondern ging, wohin er mitgenommen wurde, that, was ihm geſagt wurde, fühlte, daß, wegen ſeiner Braut ausgezeichnet zu werden, für ihn unter den leichteſten Be⸗ dingungen ausgezeichnet werden hieß, und war wahrhaft dankbar für die offene Anerkennung, welche er auf dieſe Weiſe fand. Während in einem ſolchen Stande der Angelegenheiten der Winter in den Frühling überging, kam für Mr. Spark⸗ ler die Nothwendigkeit, ſich nach England zu begeben und den ihm zugewieſenen Antheil an der Aufgabe zu überneh⸗ 16 Fuünfzehntes Kapitel. men, ſeinem Genie, ſeiner Gelehrſamkeit, ſeinem Handel, ſeinem Geiſt und ſeinem Verſtand Ausdruck und Richtung zu geben. Das Land Shakeſpeare's, Miltons, Bacons, Newtons, Watts, das Land einer Schaar von früheren und gegenwärtigen Philoſophen, Phyſikern und Bewältigern von Natur und Kunſt in ihren tauſendfältigen Geſtalten, rief Mr. Sparkler an, es unter ſeine Obhut zu nehmen, damit es nicht zu Grunde ginge. Mr. Sparkler, außer Stande, dem verzweiflungsvollen Ruf aus den Tiefen der Seele ſeines Vaterlandes zu widerſtehen, erklärte, er müſſe gehen. Dadurch wurde die Frage dringlich, wann, wo und wie Mr. Sparkler mit dem erſten Mädchen auf der ganzen Welt, ohne allen Unſinn an ſich, getraut werden ſollte. Ihre Lö⸗ ſung zeigte nach einigem geheimnißvollen Treiben und Ver⸗ ſteckensſpielen Miß Fanny ihrer Schweſter ſelbſt an. „Jetzt will ich Dir Etwas ſagen, mein Kind,“ ſagte ſie, als ſie eines Tages zu ihr in's Zimmer trat.„Es iſt erſt dieſen Augenblick auf's Tapet gebracht; und natürlich eil' ich zu Dir, ſo wie es auf's Tapet gebracht iſt.“ „Deine Hochzeit, Fanny?“ „Mein Goldkind, greif' mir nicht vor,“ ſagte Fanny, „Du närriſche Kleine mußt mir erlauben, Dir mein Ver⸗ trauen in meiner eignen Weiſe zu ſchenken. Was Deine Vermuthung betrifft, ſo müßte ich Nein ſagen, wenn ich ſie wörtlich nehmen wollte. Denn eigentlich handelt es ſich nicht ſowol um meine, als vielmehr um Edmunds Heirath.“ — —,— Keine gerechte Urſache oder Behinderung, ꝛc. 17 Klein Dorrit machte, und vielleicht nicht ohne alle Ur⸗ ſache, ein etwas erſtauntes Geſicht über dieſen bis zur Un⸗ erkennbarkeit feinen Unterſchied. „Ich bin in keiner Verlegenheit und habe keine Eile,“ rief Fanny aus.„Ich habe keinen Regierungspoſten anzu⸗ treten oder eine Stimme abzugeben. Aber Edmund ſoll das thun. Und Edmund iſt ganz niedergeſchlagen von dem Ge⸗ danken, allein abzureiſen, und ich möchte ihn auch wirklich nicht ſich ſelbſt überlaſſen. Denn, wenn es möglich iſt— und das iſt meiſtens der Fall— einen dummen Streich zu machen, ſo macht er ihn gewiß.“ Während ſie dieſes unparteiiſche Urtheil über das Maß des Vertrauens, welches man ihrem zukünftigen Gatten mit Sicherheit ſchenken könnte, ausſprach, nahm ſie mit ge⸗ ſchäftsmäßiger Miene den Hut ab und ließ ihn an den Bän⸗ dern herunterbaumeln. „Es iſt deshalb viel mehr Edmunds Sache, als meine. Aber wir brauchen ja nicht weiter davon zu ſprechen. Es iſt ſo klar, wie Tageslicht. Die Sache, meine liebſte Amy, iſt die! Da es ſich darum handelt, ob er allein oder nicht al⸗ lein abreiſen ſoll, ſo entſteht die andere Frage, ob wir uns hier und binnen Kurzem, oder zu Hauſe erſt nach Monaten trauen laſſen ſollen?“ „Ich ſehe, ich werde Dich bald verlieren, Fanny.“ „Was Du für ein Kind biſt mit Deinem ewigen Unter⸗ brechen!“ rief Fanny, halb nachſichtig, halb ungeduldig. „Bitte, mein Schätzchen, laß mich ausſprechen. Däiſe Frau,“ Klein Doxrit. VIII. 2 18 Fünfzehntes Kapitel. — ſie ſprach natürlich von Mrs. Merdle—„bleibt hier bis nach Oſtern; ſo daß ich ihr zuvorkomme, wenn ich mich hier trauen laſſe und Edmund nach Hauſe begleite. Das iſt ſchon Etwas. Weiter, Amy. Wenn dieſe Frau einmal fort iſt, wüßte ich nichts Beſonderes gegen Mr. Merdle's Vorſchlag einzuwenden, daß Edmund und ich in das Haus ziehen ſoll⸗ ten— Du weißt, in das Haus, wo Du einmal mit einer Tänzerin hingingſt— bis unſer eigenes Haus eingerichtet iſt. Noch mehr, Amy. Da Vater immer beabſichtigt hat, im Frühjahr ſelbſt nach London zu reiſen, ſo ſiehſt Du, könnten wir nach Florenz gehen, wenn Edmund und ich uns hier trauen ließen, wo wir Papa treffen würden, und dann könnten wir drei zuſammen nach Hauſe reiſen. Mr. Merdle hat Papa eingeladen, in demſelben Hauſe, von dem ich ſprach, ſeine Wohnung zu nehmen, und ich glaube, er wird es thun. Aber er iſt Herr ſeiner Handlungen; und über dieſen Punkt(der durchaus nicht weſentlich iſt), kann ich nicht mit Beſtimmtheit ſprechen.“ Der Unterſchied, daß der Vater Herr ſeiner Handlungen war und Mr. Sparkler nicht dergleichen, ſprach ſich ſehr nach⸗ drücklich in Fanny's Art und Weiſe aus, die Sache darzu⸗ ſtellen. Ihre Schweſter gab jedoch darauf nicht Acht; denn es kämpfte in ihr der Schmerz über die bevorſtehende Tren⸗ nung und ein ſtiller Wunſch, in den Plan, England zu be⸗ ſuchen, mit inbegriffen zu ſein. „Und ſo iſt es verabredet, liebe Fanny?“ „Verabredet!“ wiederholte Fanny.„Aber wahrhaftig, Keine gerechte Urſache oder Behinderung, ꝛc. 19 Kind, Du ſtellſt Einen auf eine harte Probe. Du weißt, daß ich ganz beſondere Vorſorge trug, meinen Worten keine ſolche Deutung geben zu laſſen. Was ich ſagte, war, daß gewiſſe Fragen auf's Tapet kommen; und das ſind die Fragen.“ Klein Dorrits gedankenvolle Augen begegneten liebevoll und innig den ihrigen. „Aber, mein gutes Kind, das Augenaufſperren hilft nichts,“ ſagte Fanny, und ſchwang mit beträchtlicher Unge⸗ duld ihren Hut hin und her.„Eine kleine Eule könnte die Augen auch aufſperren. Ich verlange von Dir einen Rath, Amy. Was räthſt Du mir, zu thun?“ „Meinſt Du,“ frug Klein Dorrit nach einer kurzen Pauſe in überredendem Tone,„meinſt Du, Fanny, wenn Du es noch ein paar Monate hinausſchöbſt, würde es, Alles in Allem betrachtet, beſſer ſein?“ „Nein, einfältiges Kind,“ entgegnete Fanny mit auf⸗ fallender Heftigkeit,„ich denke gar nichts der Art.“ Hier warf ſie den Hut ganz fort und ſich in einen Stuhl. Aber gleich darauf wurde ſie wieder zärtlich, ſprang wieder auf und kniete auf dem Fußboden nieder, um ihre Schweſter ſammt den Stuhl zu umarmen. „Traue mir nicht zu, heftig oder böſe zu ſein, Gold⸗ kind, weil ich es wirklich nicht bin. Aber Du biſt ſo ein kleines närriſches Kind! Du machſt es ſo, daß man Dir den Kopf abbeißt, wenn man Dich liebkoſen möchte. Habe ich Dir nicht geſagt, Du garſtiges Mädchen, daß man Edmund 2* 20 Fünfzehntes Kapitel. ſich nicht ſelbſt überlaſſen darf? und weißt Du nicht, daß das der Fall iſt?“ „Ja, ja, Fanny. Du ſagteſt das, das weiß ich.“ „Und Du weißt es,“ entgegnete Fanny.„Alſo, mein Herzenskind, wenn man ihn ſich nicht ſelbſt überlaſſen darf, G ſo folgt daraus, ſollte ich meinen, daß ich ihn begleiten 6 muß?“ „Es— ſcheint ſo, Liebe,“ ſagte Klein Dorrit. „Hab' ich Dich alſo ſo zu verſtehen, liebſte Amy, daß Du, nachdem Du gehört haſt, welche Schritte in dieſer An⸗ gelegenheit möglich ſind, mir im Ganzen räthſt, ſie zu thun?“ „Es— ſcheint ſo, Liebe,“ ſagte Klein Dorrit abermals. „Gut alſo—“ rief Fanny mit reſignirter Miene aus, „ſo muß es wol geſchehen! Ich kam zu Dir, meine Liebe, in dem Augenblick, wo ich den Zweifel und die Nothwendig⸗ keit, einen Entſchluß zu faſſen, fühlte. Ich habe mich jetzt entſchloſſen. So mag es alſo ſein!“ Nachdem Fanny in dieſer muſterhaften Weiſe ſchweſter⸗ lichem Rath und der Gewalt der Umſtände nachgegeben, wurde ſie ausnehmend wohlwollend, wie Eine, welche ihre Herzensneigung ihrer theuerſten Freundin geopfert und da⸗ für in ihrem Gewiſſen ein höchſt wohlthuendes Gefühl em⸗ pfand.„Im Grunde, meine gute Amy,“ ſagte ſie zu ihrer Schweſter,„biſt Du die beſte von allen kleinen Schweſtern und voller Einſehen und Verſtand; und ich weiß nicht, wie ich jemals ohne Dich auskommen ſoll!“ Keine gerechte Urſache oder Behinderung, ꝛc. 21 Mit dieſen Worten umarmte ſie Amy nochmals und wirklich mit aller Herzlichkeit. „Nicht, daß ich beabſichtige, jemals ohne Dich auszu⸗ kommen, Amy; im Gegentheil hoffe ich, wir werden uns faſt ſo gut wie gar nicht trennen, und jetzt, mein Schätzchen, will ich auch Dir einen Rath ertheilen. Wenn Du hier al⸗ lein mit Mrs. General zurückbleibſt—“ „Ich ſoll hier allein mit Mrs. General zurückbleiben?“ frug Klein Dorrit ruhig. „Natürlich, Goldkind, bis der Vater wiederkommt! Außer wenn Du Edward Geſellſchaft nennſt, was er gewiß nicht iſt, ſelbſt wenn er hier iſt, und noch viel weniger, wenn er in Neapel oder Sicilien iſt. Ich wollte eben ſagen— aber Du haſt eine ſo närriſche gute Weiſe, Jemanden irre zu machen— wenn Du hier allein mit Mrs. General zurück⸗ bleibſt, Amy, ſo dulde nicht, daß ſie unverſehens und ſchlauer Weiſe es wie etwas Selbſtverſtändliches erſcheinen läßt, daß Papa ſich um ſie oder ſie ſich um Papa kümmert. Wenn ſie es machen kann, wird ſie es thun. Ich kenne ihre ſchlaue Manier, ſich mit ihren Handſchuhen den Weg zu taſten. Aber Du darfſt ſie um keinen Preis verſtehen. Und wenn Papa Dir bei ſeiner Rückkehr ſagen ſollte, daß er beabſich⸗ tige, Mrs. General zu Deiner Mama zu machen(was nicht weniger wahrſcheinlich wird, da ich fortgehe), ſo gebe ich Dir den Rath, gleich von vornherein zu ſagen:„Papa, ich bitte, mich dagegen ganz entſchieden ausſprechen zu dürfen. Fanny hat mich davor gewarnt und war dagegen, und ich 2 Fünfzehntes Kapitel. bin dagegen.“ Ich will damit nicht ſagen, daß ein Wider⸗ ſpruch von Dir, Amy, von der geringſten Wirkung ſein würde, oder daß ich glaube, Du würdeſt ihn mit der nöthi⸗ gen Feſtigkeit vorbringen. Aber es ſteht hier ein Princip auf dem Spiele— ein kindliches Princip— und ich bitte Dich inſtändigſt, Dich von Mrs. General nicht beſtiefmut⸗ tern zu laſſen, ohne das Princip dadurch zur Geltung zu bringen, daß Du es Deiner Umgebung ſo unbehaglich als möglich machſt. Ich erwarte von Dir nicht, daß Du es durchführſt— ich weiß ſogar, Du wirſt es nicht thun, ſo⸗ weit Papa dabei betheiligt iſt— aber ich wünſche, Dich zu einem Bewußtſein Deiner Pflicht zu bringen. Was meine Unterſtützung in jedem einer ſolchen Heirath zu leiſtenden Widerſtand betrifft, ſo werde ich Dich nicht im Stiche laſſen, meine Liebe. Alles Gewicht, welches mir meine Stellung als verheirathete Dame gibt, die nicht ganz entblößt von Reizen iſt, und gewohnt, wie ich in dieſer Stellung immer ſein werde, dieſer Frau Widerſtand zu leiſten— will ich, darauf kannſt Du Dich verlaſſen, auf das Haupt und das falſche Haar(denn ich bin überzeugt, daß es nicht ächt iſt, ſo häß⸗ lich es iſt und ſo unwahrſcheinlich es erſcheint, daß ein halb⸗ wegs vernünftiger Menſch ſo Etwas kaufen ſollte) von Mrs. General fallen laſſen!“ Klein Dorrit hörte dieſen Rath an, ohne zu wagen, ihm zu widerſprechen, aber ohne Fanny einen Grund zu dem Glauben zu geben, ſie beabſichtige, ihn zu befolgen. Da die ältere Schweſter nun gewiſſermaßen ihr Jungfrauenleben Keine gerechte Urſache oder Behinderung, ꝛc. 23 förmlich abgeſchloſſen und ihre weltlichen Angelegenheiten geordnet hatte, begann ſie mit dem ihr eigenthümlichen Feuer ihre Vorbereitungen für die wichtige Veränderung ih⸗ rer Lage. Die Vorbereitung beſtand in der Abſendung ihrer Zofe nach Paris unter dem Schutze des Couriers, um die Aus⸗ ſtattung für eine Braut anzukaufen, welcher die gegenwärtige Erzählung keinen engliſchen Namen geben kann, ohne aus⸗ nehmend gemein zu werden und der ſie(getreu ihrem ordi⸗ nairen Grundſatz, bei der Sprache zu bleiben, in der ſie ge⸗ ſchrieben iſt) keinen franzöſiſchen geben mag. Die von die⸗ ſen Sendlingen angekaufte reiche und ſchöne Garderobe machte im Verlaufe einiger Wochen die Reiſe durch das da⸗ zwiſchenliegende Land, trotz der Zollhäuſer, mit denen es beſetzt war, und trotz der in dieſem hauſenden unermeßlichen Armee ſchäbiger Bettler in Uniform, die beſtändig die Bitte um Almoſen wiederholten, als ob jeder Einzelne dieſer Krie⸗ ger der alte Beliſar wäre; und von denen es ſo zahlreiche Legionen gab, daß ſie die Garderobe durch bloßes Umwen⸗ den zerfetzt hätten, ehe ſie nach Rom gelangte, wenn der Courier nicht genau anderthalb Scheffel Silbergeld aus⸗ gegeben hätte, um dem Nothſtand beſagter Bettler abzuhel⸗ fen. Sie überſtand jedoch alle dieſe Gefahren und langte in beſter Beſchaffenheit am Ende ihrer Reiſe an. Dort wurde ſie auserleſenen Geſellſchaften von Beſuche⸗ rinnen vorgelegt, in deren ſanften Buſen der Anblick Em⸗ pfindungen unverſöhnlicher Feindſchaft erweckte. Gleichzeitig Fünfzehntes Kapitel. waren thätige Vorbereitungen für den Tag in Gange, wo einige dieſer Koſtbarkeiten öffentlich gezeigt werden ſollten. Die Hälfte der Engländer in der Stadt des Romulus erhielt Einladungskarten zum Frühſtück, die andere Hälfte machte Anſtalten, auf den verſchiedenen Außenpoſten der Feſtlichkeit als kritiſirende Freiwillige unter die Waffen zu treten. Der hochgeſtellte und ausgezeichnete engliſche Signor Ed⸗ gardo Dorrit kam mit Extrapoſt durch den tiefen Schmutz und die ſchlechten Wege herbeigeeilt, um das Feſt mitzu⸗ feiern. Das beſte Hotel und alle ſeine Kochkünſtler waren mit der Bereitung des Mahles in Anſpruch genommen. Die Anweiſungen Mr Dorrits brachten bei Torlonia faſt eine Geldkriſis hervor. Der engliſche Conſul hatte während ſei⸗ nes ganzen Conſulats keine ſolche Hochzeit gehabt. Der Tag kam und die Wölfin auf dem Kapitol hätte vor Neid die Zähne fletſchen können, wenn ſie ſah, wie die Inſelbarbaren jetzt ſolche Feſte zu feiern wußten. Die Bild⸗ ſäulen der böſen Kaiſer der Soldateska, welchen Bildhauer nicht ihre häßlichen Mördergeſichter hatten abſchmeicheln können, hätten von ihren Piedeſtalen herabkommen können, um die Braut zu entführen. Der vertrocknete alte Brunnen, wo ſich ehedem die Gladiatoren gewaſchen, hätte zu Ehren des Feſtes wieder munter aufſprudeln können. Der Tempel der Veſta hätte ſich wieder aus ſeinen Trümmern erheben können, nur um auch Etwas zur Verherrlichung des Tages zu thun. Hätten es thun können, aber thaten es nicht. Wie lebendige Weſen— ſelbſt wie manchmal die Herren Keine gerechte Urſache oder Behinderung, ꝛc. 25 und Damen der Schöpfung— hätten ſie Viel thun können, thaten es aber nicht. Die Feierlichkeit ging mit großem Pomp vor ſich; Mönche in ſchwarzen Kutten, weißen Kutten und braunen Kutten blieben ſtehen, um den Kutſchen nach⸗ zuſehen; herumziehende Landleute in Schafpelzen bettelten und muſicirten unter den Fenſtern des hochzeitlichen Hauſes; die engliſchen Freiwilligen zogen vorüber; der Tag verging bis zur Veſperſtunde und das Feſt war vorüber; die tauſend Kirchen läuteten ihre Glocken, ohne darauf Rückſicht zu neh⸗ men, und St. Peter leugnete, daß er Etwas damit zu thun habe. Aber um dieſe Zeit war die junge Frau dem Ende ihrer erſten Tagereiſe auf der Straße nach Florenz nahe. Es war eine Eigenthümlichkeit dieſer Hochzeit, daß ſie ganz Braut war. Niemand beachtete den Bräutigam. Niemand beach⸗ tete die erſte Brautjungfer. Wenige hätten in dem blenden⸗ den Schimmer Klein Dorrit ſehen können, welche dieſe Rolle übernommen hatte, ſelbſt vorausgeſetzt, daß Viele ſie geſucht hätten. So war die Braut oder vielmehr die junge Frau in ihren ſchönen Wagen geſtiegen, zufällig von dem Bräuti⸗ gam begleitet, und fing jetzt an, nachdem ſie wenige Minu⸗ ten lang ſanft über ein ſchönes Pflaſter gerollt war, ſich durch einen Sumpf der Melancholie und durch eine lange, lange Straße von Verfall und Trümmern mühſam hindurch zu arbeiten. Auch andere Hochzeitswagen ſollen vorher und ſeitdem dieſelbe Straße gefahren ſein. Wenn ſich Klein Dorrit an dieſem Abend etwas verlaſſen 26 Fünfzehntes Kapitel. und gedrückt fühlte, ſo hätte für ſie nichts eine beſſere Hei⸗ lung ſein können, als die Möglichkeit, wie vor alter Zeit neben ihrem Vater zu ſitzen und zu arbeiten oder ihm ſein Abendeſſen und ſein Ruhelager zu bereiten. Aber daran war jetzt nicht mehr zu denken, wo ſie, mit Mrs. General auf dem Bocke, in der Staatskutſche ſaßen. Und was das Abendeſſen betrifft! Wenn Mr. Dorrit ein Abendeſſen ver⸗ langt hätte, ſo mußten erſt ein italieniſcher Koch und ein Schweizerzuckerbäcker Mützen ſo hoch wie die Tiara des Pap⸗ ſtes aufſetzen, und die myſteriöſen Gebräuche von Alchymiſten in einem mit kupfernen Caſſerolen verſehenen Laboratorium unter der Erde verrichten, ehe er es bekommen konnte. Er war dieſen Abend ſententiös und lehrhaft. Wäre er einfach herzlich geweſen, ſo hätte es Klein Dorrit wohler ge⸗ than; aber ſie nahm ihn hin wie er war— wann hätte ſie ihn nicht hingenommen, wie er war!— und machte das Meiſte und Beſte aus ihm. Mrs. General zog ſich endlich zu⸗ rück. Der Abſchied für den Abend war ſtets ihre froſtigſte Ceremonie; als fände ſie es nothwendig, die menſchliche Phantaſie zu Stein zu erſtarren und ſie zu hindern, ihr zu folgen. Als ſie fort war, ſchlang Klein Dorrit ihren Arm um den Hals des Vaters, um ihm gute Nacht zu ſagen. „Meine gute Amy,“ ſagte Mr. Dorrit, indem er ihre Hand ergriff,„dies iſt das Ende eines Tages, der mich— ha— ſehr gerührt und erfreut hat.“ „Und auch ein Wenig müde gemacht, Lieber, nicht wahr?“ „Nein,“ ſagte Mr. Dorrit,„nein, ich fühle Müdigkeit Keine gerechte Urſache oder Behinderung, ꝛc. 27 nicht, wenn ſie eine ſo— hm— mit Freude von der rein⸗ ſten Art verbundene Veranlaſſung hat.“ Klein Dorrit freute ſich, ihn bei ſo guter Stimmung zu finden und ihre vom Herzen kommende Freude malte ſich auf ihrem Geſicht. „Meine Gute,“ fuhr er fort.„Dies iſt ein Tag, der— ha— mit einem guten Beiſpiel vorleuchtet. Mit einem gu⸗ ten Beiſpiel für Dich, meine geliebteſte Tochter.“ Klein Dorrit, etwas außer Faſſung gebracht von dieſen Worten, wußte nicht, was ſie ſagen ſollte, obgleich er inne hielt, als erwarte er von ihr eine Antwort. „Amy,“ ſing er wieder an,„Deine liebe Schweſter, un⸗ ſere Fanny, hat— ha, hm— eine Ehe geſchloſſen, die vortrefflich geeignet iſt, unſere— ha— Verbindungen aus⸗ zudehnen und unſere ſociale Stellung— hm— zu conſoli⸗ diren. Meine Liebe, ich hoffe, die Zeit wird nicht mehr fern ſein, wo wir auch für Dich— ha— einen paſſenden Ge⸗ mahl finden.“ „O nein! laß mich bei Dir bleiben. Ich bitte Dich, laß mich bei Dir bleiben! Ich verlange weiter Nichts, als bei Dir zu bleiben und über Dich zu wachen!“ „Nein, Amy, Amy,“ ſagte Mr. Dorrit.„Das iſt ſchwach, ſchwach und kindiſch. Du haſt— ha— eine Verpflichtung durch Deine Stellung übernommen. Dieſe iſt, dieſe Stel⸗ lung zu entwickeln und— hm— Dich dieſer Stellung würdig zu machen. Was das über mich wachen betrifft, ſo kann ich— ha— über mich ſelbſt wachen. Oder,“ ſetzte er Fünfzehntes Kapitel. nach einer kurzen Pauſe hinzu,„wenn dies nicht der Fall wäre, ſo könnte ich— hm— mit— ha— dem Willen der Vorſehung Jemanden dazu finden. Ich— ha— hm— kann nicht daran denken, mein liebes Kind, Dich ausſchließ⸗ lich in Anſpruch zu nehmen und Dich— ha— mir ge⸗ wiſſermaßen aufzuopfern.“ O, welche Tageszeit für dieſe Betheuerung von Selbſt⸗ verläugnung; welch eine Zeit, ſie mit einer Miene, als ob man ſtolz darauf ſei, zu betheuern; welch eine Zeit, daran zu glauben, wenn das ſein könnte! „Kein Wort, Amy. Ich ſage es auf das Beſtimmteſte, ich kann nicht. Ich— ha— darf es nicht. Ich ergreife daher die mir durch dieſe frohe und rührende Gelegenheit gegebene Veranlaſſung, um Dir— ha— eindringlichſt zu bemerken, daß es jetzt ein ernſtlicher Wunſch meines Herzens iſt, Dich— ha— angemeſſen(ich wiederhole angemeſſen) verheirit het zu ſehen.“ „O Gott, nein! ich bitte Dich!“ „Amy,“ ſagte Mr. Dorrit,„ich bin überzeugt, wenn die Sache einer Perſon von größerer Weltkenntniß, größerem Zartgefühl und größer Einſicht vorgelegt wurde— wir wol⸗ len ſagen z. B.— ha— Mrs. General— ſo würden nicht zweierlei Meinungen über den— hm— liebevollen Charak⸗ ter und die Angemeſſenheit deſſen, was ich geſagt habe, be⸗ ſtehen. Aber da ich Dein liebreiches und gehorſames Ge⸗ müth aus— hm— Erfahrung kenne, ſo beruhige ich mich dabei, da es überflüſſig wäre, weiter ein Wort zu verlieren. Keine gerechte Urſache oder Behinderung, ꝛc. 29 Ich wünſche blos, daß wir uns— ha— gegenſeitig ver⸗ ſtehen. Hm. Gute Nacht, meine geliebte und einzige noch übrige Tochter. Gute Nacht. Gott ſegne Dich:“ Wenn Klein Dorrit jemals in dieſer Nacht der Gedanke kam, daß er ſie in ſeinem Glück, und jetzt, wo er im Sinne hatte, ſie durch eine zweite Gattin zu erſetzen, leichtſinnig verſtoßen könnte, ſo wies ſie ihn weit von ſich. Ihm immer noch treu, wie in den ſchlimmſten Zeiten, wo ſie ihn mit ihrer alleinigen Kraft aufrecht erhalten, wies ſie den Gedan⸗ ken von ſich, und kannte die ganze ſchlummerloſe, thränen⸗ loſe Nacht hindurch keine herbere Klage, als daß er jetzt Alles durch den Schleier ſeines Reichthums und der beſtändigen Sorge ſah, reich zu bleiben und reicher zu werden. Sie ſaßen noch drei Wochen länger in ihrer Staats⸗ kutſche, mit Mrs. General auf dem Bock, und dann reiſte er nach Florenz, um Fanny zu treffen. Klein Dorrit hätte ihn nur um ihrer Liebe willen gern dorthin begleitet, um als⸗ dann, an ihr liebes England denkend, allein zurückzukehren. Aber obgleich der Courier die junge Gattin begleitet hatte, ſo war jetzt der Kammerdiener an der Reihe, und der Vor⸗ zug, ihrem Vater Geſellſchaft zu leiſten, konnte nicht ihr werden, ſo lange ein anderer Geſellſchafter für Geld zu be⸗ kommen war. Mrs. General nahm das Leben leicht— das heißt, ſo leicht, wie ſie überhaupt Etwas nehmen konnte römiſche Haushalt in ihrem alleinigen Beſitz blieb; und Klein Dorrit fuhr oft in einem Miethwagen aus und wanderte 30 dann allein unter den Trümmern des alten Roms umher. Die Trümmer des geräumigen alten Amphitheaters, der al⸗ ten viel betretenen Straßen und der alten Gräber erſchienen ihr außer in ihrer eigentlichen Geſtalt zugleich als Trümmer der alten Marſhalſea— als Trümmer ihres ehemaligen Le⸗ bens— als Trümmer der Geſichter und Geſtalten, die es ehedem bevölkert hatten— als Trümmer ihrer Neigungen, ihrer Hoffnungen, ihrer Sorgen und Freuden. Zwei unter⸗ gegangene Kreiſe des Thuns und Leidens ſtanden vor dem einſamen Mädchen, wie es oft auf einem Trümmerſtücke ſaß; und in der Verödung unter dem blauen Himmel ſah es Beide zugleich. Alsdann kam Mrs. General herzu und nahm jedem Gegenſtand alle Farbe, wie Natur und Kunſt alle Farbe aus ihr vertrieben hatten; ſchrieb nach Mr. Euſtace's Vorſchrift Pflaumen und Prisma überall hin, wo ſie hinlangen konnte, ſah ſich überall nach Mr. Euſtace und Geſellſchaft um und hatte ſonſt für Nichts Auge; ſcharrte die dürrſten Knöchelchen Alterthum zuſammen und verſchlang ſie ganz ohne menſch⸗ liches Erbarmen— wie ein Wehrwolf in Handſchuhen. Fünfzehntes Kapitel. In London. 31 Herhszehutes Kapitel. In London. Das junge Ehepaar ſah ſich bei ſeiner Ankunft in Har⸗ leyſtreet, Cavendiſhſquare, London, von dem Haushofmeiſter empfangen. Dieſer große Mann nahm kein Intereſſe an den beiden jungen Eheleuten, aber er ertrug ſie im Ganzen. Es müſſen Leute beſtändig verheirathet und getraut werden, ſonſt würden keine Haushofmeiſter gebraucht. Wie Staaten zum Beſteuern da ſind, ſo ſind Familien da um Haushof⸗ meiſter anzuſtellen. Der Haushofmeiſter bedachte jedenfalls, daß das Naturgeſetz ſeinetwegen die Fortpflanzung der reichen Bevölkerung vorſchreibe. Er ließ ſich daher herab, den Wagen von der Haus⸗ thür aus ohne zürnende Blicke anzuſehen, und ſagte recht herablaſſend zu einem ſeiner Bedienten:„Thomas, hilf das Gepäck mit hinauf ſchaffen!“ Er geleitete ſogar die junge Frau die Treppe hinauf zu Mr. Merdle, aber das war als eine dem ſchönen Geſchlecht(das er ſehr bewunderte, wie er überhaupt allbekannterweiſe ſein Herz an eine gewiſſe rei⸗ zende Herzogin verloren hatte) dargebrachte Huldigung, und nicht als eine Conceſſion gegen die Familie zu betrachten. Mr. Merdle ſtand ſcheu auf dem Teppiche vor dem Kamine, die Ankunft Mrs. Sparkler's erwartend. Alser ihr entgegenging, um ihr die Hand zu reichen, ſchien dieſe letztere 32 Sechszehntes Kapitel. ſeinen Aermel hinaufzukriechen und er gab ihr einen ſolchen Ueberfluß von Rockaufſchlag, daß es wie ein Empfang von dem der Volksvorſtellung entſprechenden Bilde Guy Fawkes war. Als er ſeine Lippen auf die ihrigen drückte, nahm er ſich bei den Handgelenken in Haft und ſchob ſich unter die Ottomanen und Stühle und Tiſche zurück, als wäre er ſein eigener Polizeimann, und ſagte zu ſich:„Na, damit iſt Nichts! Kommt! Ich habe Euch jetzt feſt und nun geht ruhig mit!“ Mrs. Sparkler, inſtallirt in den Prunkzimmern— dem innerſten Heiligthum von Eiderdunen, Seide, Zitz und feinen Linnen— fühlte, daß ſoweit ihr Triumph gelungen und ihr Weg Schritt für Schritt zurückgelegt ſei. Am Tage vor ihrer Hochzeit hatte ſie in Mrs. Merdle's Anweſenheit der Zofe dieſer Dame mit einer Miene anmuthiger Gleich⸗ gültigkeit ein kleines Andenken(Armband, Hut und zwei Kleider, ganz neu) geſchenkt, das ungefähr vier Mal ſoviel werth war als das Geſchenk, welches Mrs. Merdle früher ihr gemacht hatte. Sie wohnte jetzt in Mrs. Merdle's eige⸗ nen Zimmern, die mit einigen Extranachhülfen ihrer wür⸗ diger gemacht waren. Wie ſie dort weilte, umgeben von jedem Luxusgegenſtande, den der Reichthum erlangen oder die Phantaſie erfinden konnte, ſah ſie vor ſich in Gedanken den ſchönen Buſen, der im Einklang mit ihrem innerlichen Frohlocken ſchlug, mit dem ſo lange berühmten Buſen wett⸗ eifern und ihn überglänzen und verdrängen. Glücklich? In London. 33 Fanny mußte glücklich ſein. Kein Wünſchen mehr, lieber todt zu ſein. 3 Der Courier hatte Mr. Dorrits Plan, in dem Hauſe eines Freundes abzuſteigen, nicht gebilligt und vorgezogen, ihn nach einem Hotel in Brookſtreet, Grosvenorſquare zu bringen. Mr. Merdle befahl, morgen zu früher Stunde an⸗ ſpannen zu laſſen, damit er unmittelbar nach dem Frühſtück ſeine Aufwartung machen könne. Glänzend war der Wagen, wohlgenährt das Geſpann, ſchimmernd das Geſchirr, prunkend und dauerhaft die Livrée. Eine prächtige Equipage, die von ſolidem Reichthum ſprach. Eine Equipage für einen Merdle. Früh ihren Geſchäften nachgehende Leute ſahen ihr nach, wie ſie durch die Straßen rollte, und ſagten mit von Ehrfurcht geſchwängertem Athem, „da fährt er!“ Dort fuhr er, bis Brookſtreet ihm Halt gebot. Dann kam aus ſeinem prunkvollen Gehäuſe der Juwel heraus, nicht glänzend an ſich, ſondern ganz das Gegentheil. Aufruhr in den Comptoirs des Hotels. Merdle! Der Wirth, obgleich ein Gentleman von großem Stolz, der kaum mit einem Geſpann Vollblutpferden in die Stadt gekommen war, kam ſelbſt heraus, um ihn die Treppe hinauf zu führen. Die Commis und die Dienerſchaft liefen ihm durch Seiten⸗ corridore voraus und warteten wie zufällig in Thüren und Ecken, um ihn vorübergehen zu ſehen. Merdle! O ihr Sonne, Mond und Sterne, der große Mann! Der reiche Mann, der gewiſſermaßen das neue Teſtament verbeſſert Klein Dorrit. VIII. 3 34 Sechszehntes Kapitel. hatte, und ſchon in das Himmelreich gekommen war. Der Mann, der Jeden, wen er wollte, zu Tiſche einladen konnte, und der ſo viel Geld verdient hatte! Als er die Treppe hinauf ging, verſammelten ſich ſchon Leute auf der untern Treppe, damit beim Herabgehen ſein Schatten auf ſie fallen möge. So brachte man die Kranken, und legte ſie an den Weg, den der Apoſtel ging— der nicht in der guten Geſellſchaft Aufnahme gefunden und nicht das Geld verdient hatte. Mr. Dorrit ſaß im Schlafrock und die Zeitung in der Hand beim Frühſtück. Der Courier meldete mit aufgeregter Stimme: Mr. Mehrdehl! Mr. Dorrits übervolles Herz hüpfte, wie er aufſprang. „Mr. Merdle, dies iſt— ha— wahrhaftig eine große Ehre. Erlauben Sie mir auszuſprechen, wie— hm— hoch ich dieſen— ha, hm— ausnehmend ſchmeichelhaften Be⸗ weis Ihrer Aufmerkſamkeit— ha— zu würdigen weiß. Ich weiß recht gut, wie ſehr Ihre Zeit in Anſpruch genommen wird, und welchen— ha— unermeßlichen Werth ſie hat.“ Es gelang Mr. Dorrit nicht, auf das Wort unermeßlich den ehrfurchtsvollen Nachdruck zu legen, den er ihm zu geben wünſchte.„Daß Sie— ha— in dieſer frühen Stunde etwas von Ihrer koſtbaren Zeit an mich verſchwenden, iſt— hm— ein Compliment, das ich mit der größten Achtung anerkenne.“ Mr. Dorrit zitterte wirklich, wie er den großen Mann anredete. Mr. Merdle ließ in ſeiner gedämpften, in ſich hinein⸗ redenden, zögernden Stimme ein paar Töne hören, die gar In London. 35 nichts ſagten; und ſetzte dann hinzu, ich bin ſehr erfreut, Sie zu ſehen, Sir.“ „Sie ſind ſehr gütig,“ ſagte Mr. Dorrit.„Sehr, ſehr gütig.“ Unterdeſſen hatte ſich der Beſuch geſetzt und fuhr mit ſeiner großen Hand über die erſchöpfte Stirn.„Sie be⸗ finden ſich hoffentlich wohl, Mr. Merdle.“ „Ich befinde mich ſo wohl, wie— ja, ſo wohl, wie ich mich gewöhnlich befinde,“ ſagte Mr. Merdle. „Ihre Zeit muß außerordentlich in Anſpruch genom⸗ men ſein.“ „So ziemlich. Aber— o Gott, nein, es fehlt mir ſonſt eben nichts,“ ſagte Mr. Merdle, und ſah ſich im Zimmer um. „Verdauung etwas ſchlecht?“ wagte Mr. Dorrit zu fragen. „Sehr wahrſcheinlich. Aber ich— o, ich befinde mich gut genug“, ſagte Mr. Merdle.. Auf ſeinen Lippen, wo ſie ſich zuſammenſchloſſen, waren ſchwarze Streifen, als wäre dort Schießpulver abgebrannt worden; und er ſah aus, wie ein Mann, der bei einem etwas lebhafteren Temperamente dieſen Morgen ein ſtarkes Fieber gehabt haben würde. Dies und die müde Weiſe, mit der er mit der Hand über die Stirne ſtrich, hatten Mr. Dorrits beſorgliche Erkundigungen veranlaßt. „Mrs. Merdle,“ fuhr Mr. Dorrit in ſeiner einnehmen⸗ ſten Weiſe fort,„verließ ich, wie Sie wol zu hören erwar⸗ ten werden, als die— ha— von allen Beobachtern Beob⸗ achtete, als die— hm— von allen Bewunderern Bewunderte, 3⸗ Sechszehntes Kapitel. als den Stern und die Königin der Geſellſchaft in Rom. Sie ſah ausnehmend wohl aus, als ich ſie verließ.“ „Mrs. Merdle,“ ſagte Mr. Merdle,„gilt im Allgemeinen für eine ſehr anziehende Frau. Und ſie iſt es auch jedenfalls. Ich weiß recht wohl, daß ſie es iſt.“ „Wer kann anderer Meinung ſein?“ entgegnete Mr. Dorrit. 3 Mr. Merdle wendete ſeine Zunge in dem geſchloſſenen Munde herum— es ſchien überhaupt eine etwas ſteife und unlenkſame Zunge zu ſein— feuchtete die Lippen an— ſtrich mit der Hand über die Stirn und ſah ſich wieder im ganzen Zimmer um, und hauptſächlich unter den Stühlen. „Aber,“ ſagte er, indem er Mr. Dorrit zum erſtenmal ins Geſicht ſah, jedoch gleich darauf wieder die Augen auf Mr. Dorrits Weſtenknöpfe herabſinken ließ,„wenn wir von Anmuth ſprechen, ſo ſollte Ihre Tochter der Gegenſtand unſerer Unterhaltung ſein. Sie iſt ausnehmend ſchön. So⸗ wol in Geſicht wie Geſtalt iſt ſie eine ungewöhnliche Er⸗ ſcheinung. Als die jungen Leute geſtern Abend hier an⸗ kamen, war ich wirklich erſtaunt über den Anblick ſolcher Reize.“ Mr. Dorrit fühlte ſich ſo geſchmeichelt, daß er ſagte— ha— er könnte nicht umhin, gegen Mr. Merdle mündlich auszuſprechen, wie er es ſchon brieflich gethan, wie ſehr er dieſe Verbindung ihrer Familien als eine Ehre und ein Glück betrachte. Und er bot ihm ſeine Hand dar. Mr. Merdle ſah die Hand ein Weilchen an, nahm ſie einen Augenblick, In London. 37 als ob ſie ein Präſentirteller wäre, und gab ſie Mr. Dorrit wieder zurück. „Ich kam gleich auf den Gedanken, herzufahren,“ ſagte Mr. Merdle,„und meine Dienſte anzubieten, im Fall ich Etwas für ſie thun kann; und die Hoffnung auszuſprechen, daß Sie mir wenigſtens die Ehre erweiſen werden, bei mir heute und jeden Tag während Ihres Aufenthalts in der Stadt, wo Sie nicht beſſer in Anſpruch genommen ſind, zu eſſen.“ Mr. Dorrit war entzückt von dieſen Aufmerkſamkeiten. „Bleiben Sie lange in London, Sir?“ „Ich beabſichtige vor der Hand nicht länger als— ha — 14 Tage zu bleiben,“ ſagte Mr. Dorrit. „Das iſt nach einer ſo langen Abweſenheit eine ſehr kurze Zeit,“ entgegnete Mr. Merdle. „Hm. Ja,“ ſagte Mr. Dorrit.„Aber die Wahrheit iſt — ha— mein lieber Mr. Merdle, daß das Leben auf dem Continent meinem Geſundheitszuſtand und meinem Ge⸗ ſchmack ſo entſpricht, das ich blos— ha, hm— Zyeierlei bei meiner gegenwärtigen Anweſenheit in London im Auge habe, das erſte iſt— ha— das ausgezeichnete Glück und — ha— die Ehre, welche mir gegenwärtig zu Theil wird; das zweite die Ordnung— hm— mit Einem Worte, das Anlegen, d. h. auf die vortheilhafteſte Weiſe— ha, hm— meiner Kapitalien.“ „Nun, Sir,“ ſagte Mr. Merdle, nachdem er nochmals die Zunge im Munde herumgedreht,„wenn ich Ihnen da⸗ ——ÿÿ— 38 Sechszehntes Kapitel. bei von einigem Nutzen ſein kann, ſo ſtehe ich Ihnen zu Befehl.“ Mr. Dorrit hatte vorhin, als er auf den kitzlichen Ge⸗ genſtand kam, mit mehr Zögerung geſprochen, als gewöhn⸗ lich, denn er war ſich nicht vollkommen klar, wie ein ſo hoher Potentat es aufnehmen möchte. Er hegte Zweifel, ob die Bezugnahme auf ein individuelles Kapital oder Vermögen einem ſolchen Engroshändler nicht als ein jämmerliches Klein⸗ krämergeſchäft erſcheinen mochte. Nicht wenig erleichtert durch Mr. Merdle's leutſeliges Anerbieten ſeines Beiſtandes, haſchte er gleich danach und war verſchwenderiſch in ſeinen Dankesäußerungen. 4 „Ich hätte kaum— ha— gewagt,“ ſagte Mr. Dorrit, „verſichere ich Ihnen, einen ſo— hm— unermeßlichen Vor⸗ theil, wie Ihren unmittelbaren Rath und Beiſtand, zu hoffen. Obgleich ich natürlich unter allen Umſtänden, wie die— ha, hm— übrige civiliſirte Welt, Mr. Merdle's Fußſtapfen ge⸗ folgt wäre.“ „Sie wiſſen, wir können uns faſt Verwandte nennen, Sir,“ ſagte Mr. Merdle, indem er mit ganz beſonderer Auf⸗ merkſamkeit das Muſter des Teppichs ſtudirte,„und ich kann Ihnen deshalb verſichern, Ihnen ganz zu Dienſten zu ſtehen.“ „Ach. Sehr ſchön von Ihnen, wirklich!“ rief Mr. Dorrit.„Ha. Wirklich ſehr großmüthig!“ „Es würde gerade jetzt,“ bemerkte Mr. Merdle,„für einen nicht zu dem Kreiſe der Eingeweihten Gehörigen nicht In London. 39 leicht ſein, an einer von den guten Sachen theilzunehmen — ich ſpreche natürlich von meinen guten Sachen—“ „Natürlich, natürlich!“ rief Mr. Dorrit in einem Tone, welcher andeutete, daß es keine anderen guten Sachen gäbe. „— Außer für ſehr vieles Geld— oder, wie wir zu ſagen pflegen, für eine ſehr lange Zahl.“ Mr. Dorrit lachte in der gehobenen Stimmung ſeines Geiſtes.„Ha, ha, ha! Lange Zahl. Gut. Ha. Sehr be⸗ zeichnend. Gewiß!“ „Ich behalte jedoch meiſtens die Vollmacht in der Hand, einige Auswahl zu treffen— die Leute würden es vielleicht Begünſtigung nennen— was als eine Art Compliment für meine Sorgen und Mühen gilt.“ „Und Ihren Gemeingeiſt und Ihr Genie,“ ergänzte Mr. Dorrit. Mr. Merdle ſchien mit einer trockenen, ſchlingenden Bewegung dieſe Eigenſchaften wie eine Pille hinunterzu⸗ ſchlucken; dann ſetzte er hinzu, als eine Art Entſchädigung dafür:„Wenn Sie mir erlauben, werde ich ſehen, wie ich von dieſer beſchränkten Vollmacht, denn die Leute ſind eifer⸗ ſüchtig und ſie iſt beſchränkt, zu Ihrem Vortheil Gebrauch machen kann.“ „Sie ſind ſehr gütig,“ entgegnete Mr. Dorrit.„Sie ſind ſehr gütig.“. „Natürlich muß bei dieſen Geſchäften die ſtrengſte Recht⸗ ſchaffenheit und Ehrlichkeit herrſchen,“ ſagte Mr. Merdle, „Manneswort muß dabei für Manneswort gelten; zweifel⸗ 40 Sechszehntes Kapitel. loſes und nicht zu bezweifelndes Vertrauen iſt dabei noth⸗ wendig; ſonſt ließe ſich überhaupt kein Geſchäft machen.“ Mr. Dorrit ſtimmte mit Inbrunſt dieſen edeln Gefüh⸗ len bei. „Deshalb,“ ſagte Mr. Merdle,„kann ich Ihnen nur bis zu einer gewiſſen Ausdehnung den Vorzug geben.“ „Ich verſtehe. In einer beſchränkten Ausdehnung,“ be⸗ merkte Mr. Dorrit. „In einer beſchränkten Ausdehnung. Und ganz offen und vor aller Welt. Was jedoch meinen Rath betrifft,“ ſagte Mr. Merdle,„ſo iſt das etwas Anderes. Dieſer, ſo viel er eben gilt—“. O! ſo viel er eben gilt!“(Mr. Dorrit konnte ſelbſt aus Mr. Merdle's eignem Mund nicht die geringſte Herabwür⸗ digung deſſelben vertragen.) „— Dieſen zu geben, verhindert mich Nichts in meinen Verpflichtungen, wenn ich will. Und dieſer ſoll immer zu Ihren Dienſten ſtehen, wenn Sie danach verlangen,“ ſagte Mr. Merdle, jetzt ganz in Anſpruch genommen von dem Kehrigtkarren, der vor dem Fenſter vorüberfuhr. Neue dankende Anerkennung von Mr. Dorrit. Aber⸗ maliges Streichen der Hand Mr. Merdle's über ſeine Stirn. Ruhe und Schweigen. Langes Betrachten der Weſtenknöpfe Mr. Dorrit's von Seiten Mr. Merdle's. „Da meine Zeit ziemlich koſtbar iſt,“ ſagte Mr. Merdle, plötzlich aufſtehend, als hätte er bis dahin auf ſeine Beine gewartet und ſie wären eben gekommen,„ſo muß ich jetzt In London. 41 nach der City. Kann ich Sie vielleicht wohin mitnehmen, Sir? Ich werde mich glücklich ſchätzen, Sie ausſteigen zu laſſen oder Ihnen den Wagen mitzugeben. Mein Wagen ſteht ganz zu Ihrer Verfügung.“ Mr. Dorrit fiel ein, daß er bei ſeinem Banquier zu thun habe. Sein Banquier wohnte in der City. Das traf ſich glücklich; Mr. Merdle konnte ihn mit in die City nehmen. Aber er durfte ſich doch nicht erlauben, Mr. Merdle warten zu laſſen, bis er ſeinen Rock angezogen? Doch, er durfte und er mußte; Mr. Merdle beſtand darauf. So zog ſich Mr. Dorrit in das nächſte Zimmer zurück, vertraute ſich ſeinem Kammerdiener an und kehrte in fünf Minuten ſtrah⸗ lend zurück. Dann ſagte Mr. Merdle:„Erlauben Sie mir, Sir. Nehmen Sie meinen Arm!“ Dann ſtieg, auf Mr. Merdle's Arm gelehnt, Mr. Dorrit die Treppe hinab, und ſah die Anbeter auf den Stufen, und fühlte, daß das Licht Mr. Merdle's im Abglanz auf ihn fiel. Dann der Wagen und die Fahrt in die City; und die Menge, die ihnen nachſah; und die Hüte, die von grauen Köpfen herunterflogen; und das allgemeine Bücken und Kriechen vor dieſem wunderbaren Sterblichen, mit einer Demuth, wie ſie nicht— nein, beim hohen Himmel nicht! das mögen Schweifwedler aller Art bedenken— das ganze Jahr hindurch in Weſtminſterabtei und der St. Paul's Kathedrale zuſammengenommen zu ſehen war. Es war ein berauſchender Traum für Mr. Dorrit, hoch in dieſem öffentlichen Triumpfwagen zu ſitzen, und im 42 4 Sechszehntes Kapitel. Prunk nach dieſem ſchönen Ziele, der goldenen Straße der Lombarden zu fahren. Hier beſtand Mr. Merdle darauf, auszuſteigen, und zu Fuß weiter zu gehen, indem er ſein beſcheidenes Gefährt Mr. Dorrit zur Verfügung ließ. So wurde der Traum noch be⸗ rauſchender, als Mr. Dorrit vor der Thür des Banquiers allein ausſtieg, und die Leute in Abweſenheit Mr. Merdle's ihn anſahen, und er mit den Ohren ſeines Geiſtes die häufig wiederholte Ausrufung hörte:„welch ein wunder⸗ barer Mann muß das ſein, um Mr. Merdle's Freund zu ſein!“ Bei dem Mittagsmahle, obgleich die Veranlaſſung nicht vorgeſehen und vorbedacht worden, war eine glänzende Ge⸗ ſellſchaft von ſolchen, welche nicht von irdiſchem Staube, ſondern aus einem bis jetzt unbekannten, koſtbarern Stoffe gemacht ſind, verſammelt, um die Heirath der Tochter Mr. Dorrits mit ihrem Segen zu beglücken. Und an dieſem Tage fing die Tochter Mr. Dorrit's in allem Ernſte ihren Wett⸗ lauf mit jenem nicht anweſenden Weibe an; und fing ihn ſo gut an, daß Mr. Dorrit hätte nöthigenfalls vor Gericht beſchwören können, Mrs. Sparkler habe ihr ganzes Leben hindurch, ſo lang ſie war, im Schooße des Glücks gelegen, und hätte nie ein ſo grobes Wort, wie Marſhalſea, gehört. Am nächſten Tag, und den Tag darauf, und jeden Tag, alle von neuen Tiſchgeſellſchaften geehrt, wurde Mr. Dorrit von Viſitenkarten wie von einem Theaterſchneefall über⸗ ſchüttet. Als Freund und Verwandten des berühmten Merdle, In London. 43 wünſchten der Advocat, der Biſchof, das Schatzamt, der Chor und Jedermann, Mr. Dorrit kennen zu lernen. In den vielen Comptoirs Mr. Merdle's in der City, wenn Mr. Dorrit in einem derſelben bei ſeinen Geſchäftsbeſuchen im Oſten erſchien,(was häufig geſchah, denn das Geſchäft ging erſtaunlich vorwärts) war der Name Dorrit immer ein Paß, der Zutritt zu dem großen Merdle verſchaffte. So wurde der Traum mit jeder Stunde berauſchender, wie Mr. Dorrit immer mehr fühlte, daß dieſe Verwandtſchaft ihn wirklich vorwärts gebracht hatte. Nur Eines ſchwebte anders als wie ein goldiger und zu⸗ gleich leichter Traum durch Mr. Dorrits Seele. Das war der Haushofmeiſter. Dieſe erhabene Perſönlichkeit ſah ihn während ſeines amtlichen Zuſehens bei den Diners in einer Weiſe an, welche Mr. Dorrit in Frage zu ziehen geneigt war. Wenn er durch die Vorhalle und die Treppe hinauf⸗ ging, ſah er ihn mit einer theilnahmloſen Starrheit an, welche Mr. Dorrit nicht gefiel. Wenn Mr. Dorrit an der Tafel ſaß und trank, ſah er ihn durch das Weinglas, wie er ihn mit kaltem und geſpenſterhaftem Auge betrachtete. Er fing an, zu fürchten, daß der Haushofmeiſter ihn als Col⸗ legiaten gekannt und im Colleg geſehen haben müſſe— vielleicht ihm vorgeſtellt worden war. Er ſah ſich den Haus⸗ hofmeiſter ſo genau an, als ein ſolcher Mann angeſehen werden kann, und konnte ſich doch nicht beſinnen, ihn je irgendwo anders geſehen zu haben. Zuletzt fing er an, ſich zu dem Glauben hinzuneigen, daß der große Mann keine 44 Pietät, kein Gefühl habe. Aber das war keine Erleichterung für ſein Herz; denn mochte er denken, was er wollte, der Haushofmeiſter hatte ſein geringſchätziges Auge auf ihn, ſelbſt wenn dieſes Auge anf dem Silberzeug oder anderm Schmuck der Tafel ruhte; und es ließ nie von ihm ab. Ihm einen Wink zu geben, daß ihm dieſe Behandlung unange⸗ nehm ſei, oder ihn zu fragen, was er damit meine, war ein zu verwegenes Unterfangen, um es zu wagen; denn er war gegen ſeinen Herrn und deſſen Gäſte entſetzlich ſtreng und erlaubte ihnen niemals, ſich die geringſte Freiheit mit ihm zu nehmen. Siebzehntes Kapitel. Hiebzehutes Kapitel. Vermißt. Es fehlten nur noch 2 Tage bis zu Mr. Dorrits Abreiſe und er zog ſich eben an, um eine neue Inſpection vor dem Haushofmeiſter zu beſtehen— denn die Opfer dieſes Herrn wurden ſtets für ihn beſonders herausgeputzt— als einer von den Dienern des Hotels mit einer Viſitenkarte erſchien. Mr. Dorrit nahm ſie und las: „Mrs. Finching.“ Der Kellner wartete in ſprachloſer Demuth. „Menſch, Menſch,“ ſagte Mr. Dorrit zu ihm, ſchwerer —— ——— Vermißt. 45 Entrüſtung voll,„erklären Sie mir, warum Sie mir dieſe Karte mit dieſem lächerlichen Namen bringen. Er iſt mir gänzlich unbekannt. Finching, Sir?“ ſagte Mr. Dorrit, der ſich vielleicht an dem Haushofmeiſter durch Erſatzmann rächte. „Ha! wer ſoll das ſein— Finching?“ Der Mann trat vor Mr. Dorrits ſtrengem Blick ſcheu zurück und ſagte,„eine Dame, Sir.“ „Ich kenne keine Dame dieſes Namens, Sir,“ ſagte Mr. Dorrit.„Nehmen Sie dieſe Karte wieder mit. Ich kenne keinen Finching, Mann oder Frau.“ „Bitte um Verzeihung, Sir. Die Dame ſagte, es ſei möglich, daß ſie nicht bei Namen bekannt ſei. Aber ſie bat mich, zu ſagen, Sir, daß ſie früher die Ehre gehabt, mit Miß Dorrit bekannt zu ſein. Die Dame ſagte, mit der jüngſten Miß Dorrit.“ Mr. Dorrit runzelte die Stirn und entgegnete nach einigem Beſinnen,„ſagen Sie Mrs. Finching“— er legte auf den Namen einen Nachdruck, als ob der unſchuldige Kellner allein dafür verantwortlich wäre—„daß ſie herauf kommen kann.“ Er hatte während dieſer kurzen Pauſe be⸗ dacht, daß ſie, abgewieſen, unten eine Botſchaft hinterlaſſen oder Etwas ſagen könnte, was auf eine ſeine Ehre kränkende Weiſe auf ſein früheres Leben Bezug nahm. Daher die Nach⸗ gibigkeit, und daher das Erſcheinen Flora's, welcher der Kellner die Thür öffnete. „Ich habe nicht das Vergnügen, dieſen Namen oder Sie zu kennen, Madam,“ ſagte Mr. Dorrit mit der Karte 46 Siebzehntes Kapitel. in der Hand und mit einem Blick, welcher ſagte, daß es kaum ein Vergnügen erſter Klaſſe wäre, wenn er es hätte, vor dem Kamin ſtehend.„Geben Sie der Dame einen Stuhl. Sir.“ Aufſchreckend gehorchte der Kellner und ging auf den Zehen hinaus. Flora ſchlug mit einem verſchämten Beben den Schleier zurück, um ſich ſelbſt vorzuſtellen. Gleichzeitig verbreitete ſich ein eigenthümliches Gemiſch von Wohlge⸗ rüchen durch das Zimmer, als ob ein wenig Cognac aus Jrrthum in eine Lavendelwaſſerflaſche oder ein wenig La⸗ vendelwaſſer aus Irrthum in eine Cognacflaſche gekommen wäre. „Ich bitte Mr. Dorrit tauſendmal um Verzeihung und das nur in der That viel zu wenig für eine ſolche Freiheit die außerordentlich groß von einer Dame erſcheinen muß die noch dazu allein kommt aber ich hielt es im Ganzen für das Beſte ſo ſchwer und anſcheinend unpaſſend es iſt ob⸗ gleich Mr. F's. Tante mich gewiß gern begleitet und als ein Charakter von großer Kraft und Energie wahrſcheinlich einen Mann intereſſirt hätte der ſo viel Weltkenntniß hat wie ihm ſo viele Veränderungen im Leben gegeben haben müſſen denn Mr. F. äußerte häufig daß obgleich er eine gute Erziehung in der Nähe von Blackheath für ein ſo be⸗ deutendes Honorar wie 80 Guineen jährlich genoſſen was Viel für Eltern iſt und behielten das Silberzeug noch dazu beim Abgang was mehr eine Gemeinheit als ſein Werth iſt er doch in ſeinem erſten Jahre als Handelsreiſender mit einer bedeutenden Commiſſion auf einen Artikel den Nie⸗ —* Vermißt. 47 mand nennen hören geſchweige denn kaufen wollte was viele Jahre vor dem Weingeſchäft war mehr gelernt hätte als in den ganzen 6 Jahren in dieſer Akademie.“ Mr. Dorrit ſtand feſtgewurzelt auf dem Teppich, ein Steinbild des myſtificirten Mannes. offen geſtehen daß ich kein Anrecht habe,“ ſagte Flora,„aber da ich die liebe Kleine gekannt habe was unter veränderten Umſtänden wie eine Freiheit erſcheint aber nicht dafür beabſichtigt iſt und der Himmel weiß es war nichts verſchenkt eine halbe Krone täglich einer ſolchen Nätherin zu geben ſondern ganz das Gegentheil und es iſt gar nichts Erniedrigendes darin denn der Arbeiter iſt ſeines Lohnes werth und ich wünſche nur, er bekäme ihn öfter und mehr Fleiſch dazu und weniger Rheumatismus in dem Rücken und den Beinen die armen Leute.“ „Madam,“ ſagte Mr. Dorrit, vermittelſt einer großen Anſtrengung zu Athem kommend, während die Witwe des ſeligen Mr. Finching inne hielt, um ihrerſeits Athem zu ſchöpfen;„Madam,“ ſagte Mr. Dorrit ſehr roth im Geſicht, „wenn ich Sie recht verſtehe, ſo ſprechen Sie— ha— von einem Verhältniß in dem frühern Leben— hm— einer meiner Töchter, welches— ha, hm— von einer täglichen Entſchädigung begleitet war. In dieſem Falle bitte ich Sie, zu bemerken, Madam, daß die— ha— Thatſache, vor⸗ ausgeſetzt, daß— ha— es eine Thatſache iſt, nie zu meiner Kenntniß gekommen iſt. Hm. Ich hätte es nicht geſtattet. Ha. Nie! nie!“ Siebzehntes Kapitel. „Es wäre unnöthig den Gegenſtand weiter zu ver⸗ folgen,“ fuhr Flora fort,„und ich hätte ihn um keinen Preis erwähnt außer als einen günſtigen und einzigen Einfüh⸗ rungsbrief aber daß es Thatſache iſt darauf können Sie ſich verlaſſen und ſich darüber beruhigen denn daſſelbige Kleid was ich anhabe kann es beweiſen und es iſt e ge⸗ macht obgleich es einer beſſer gewachſenen Perſon wie ich bin beſſer ſtehen würde denn ich werde viel zu ſtark obgleich ich nicht weiß wie ich's verhindern ſoll aber bitte entſchuldigen Sie ich ſchweife wieder ab.“ Mr. Dorrit trat ganz erſtarrt an ſeinen Stuhl zurück und ſetzte ſich, während Flora ihm einen beſänftigenden Blick zuwarf und mit ihrem Sonnenſchirm ſpielte. „Daß die liebe Kleine,“ fuhr Flora ſort,„ganz weiß und kalt in Ohnmacht ſiel in meinem eigenen Hauſe oder wenigſtens Papa ſeinem denn obgleich es kein Volleigenthum iſt ſo iſt doch ein langer Pacht für einen Pappenſtiel an dem Morgen wo Arthur— thörichte Angewohnheit aus unſerer Jugend und Mr. Clennam viel paſſender für gegenwärtige Verhält⸗ niſſe beſonders wenn man zu einem Fremden ſpricht und dieſer Fremde in einer hohen Stellung iſt— die frohe Nach⸗ richt mittheilte die er von eine Perſon Namens Pancks er⸗ fahren macht mich ſo kühn.“ Bei der Nennung dieſer beiden Namen runzelte Mr. Dorrit die Stirn, ſah die Rednerin ſtarr an, runzelte wieder die Stirn, beſann ſich mit den Fingern vor dem Munde, wie er ſich vor langer Zeit beſonnen hatte und ſagte,„haben — —,— —,— Vermißt. 49 Sie die Güte Madam, mir— ha— zu ſagen, was Sie wünſchen.“ „Mr. Dorrit,“ ſagte Flora,„es iſt ſehr gütig von Ihnen mir das zu erlauben und ſehr natürlich finde ich es daß Sie gütig ſind denn obgleich ſtattlicher finde ich doch eine Aehn⸗ lichkeit natürlich voller aber doch eine Aehnlichkeit der Zweck meines Herkommens iſt mein eigner ohne Jemanden im Mindeſten zu Rathe zu ziehen und ganz gewiß nicht Arthur — entſchuldigen Sie Doyce und Clennam ich weiß nicht was ich ſpreche, Mr. Clennam Solus— denn dieſes Indi⸗ viduum welches mit einer goldenen Kette an eine purpurne Zeit wo Alles ätheriſch war gefeſſelt iſt von einer Sorge zu befreien wäre für mich das Löſegeld eines Königs werth, obgleich ich nicht den mindeſten Begriff habe auf wie Viel ſich das belaufen würde aber ich meine damit die Ge⸗ ſammtſumme von Allem was ich auf der Welt habe und noch mehr.“ Ohne die aufrichtige Wärme dieſer letzten Worte beſon⸗ ders zu beachten, wiederholte Mr. Dorrit,„bitte, was ſteht zu Ihren Dienſten?“ „Es iſt freilich nicht wahrſcheinlich das weiß ich wohl,“ ſagte Flora,„aber es iſt möglich und da es möglich iſt ent⸗ ſchloß ich mich als ich das Vergnügen hatte in den Zeitungen von Ihrer Ankunft aus Italien und Ihrer baldigen Rück⸗ kehr dorthin zu leſen zu verſuchen ob Sie ihm nicht begegnen oder Etwas von ihm hören könnten und wenn das der Fall wäre was wäre das für ein Segen und Troſt für uns Alle!“ Klein Dorrit. VIII. 4 50 Siebzehntes Kapitel. „Erlauben Sie mir zu fragen,“ ſagte Mr. Dorrit, in deſſen Kopf es wie ein Mühlrad wirbelte,„von wem— ha — von wem,“ wiederholte er aus reiner Verzweiflung mit gehobener Stimme,„Sie eigentlich ſprechen?“ „Von dem Fremden aus Italien der in der City ver⸗ ſchwunden iſt wie Sie jedenfalls in den Zeitungen geleſen haben ſo gut wie ich,“ ſagte Flora,„um nicht von Privat⸗ quellen Namens Pancks zu ſprechen aus welchen man erfährt was für boshafte Reden manche Leute führen weil ſie Andere wahrſcheinlich nach ſich beurtheilen und wie aufgeregt und entrüſtet Arthur— bin ganz außer Stande darüber wegzu⸗ kommen Doyce und Clennam— natürlich darüber ſein muß.“ Zum Glück für die Auflöſung der von der Dame hervor⸗ geſprudelten Räthſel, hatte Mr. Dorrit nichts von der Sache gehört oder geleſen. Dadurch ſah ſich Mrs. Finching mit vielen Entſchuldigungen, unter den Streifen ihres Kleides nicht den Weg in die Taſchen finden zu können, ver⸗ anlaßt, endlich eine polizeiliche Bekanntmachung heraus zu holen, welche beſagte, daß ein fremder Herr, Namens Blandois, zuletzt in Venedig, auf unerklärliche Weiſe an dem und dem Abend, in dem und dem Theile der City von London, verſchwunden ſei; daß man wiſſe, er ſei zu der und der Stunde in das und das Haus gegangen; daß er nach der Angabe der Bewohner dieſes Hauſes, es ſo und ſo viel Minuten vor Mitternacht verlaſſen, und daß man ihn von da an nie wieder geſehen habe. Dies mit genauen An⸗ Vermißt. 51 gaben über Zeit und Oertlichkeit und einer guten ins Ein⸗ zelne gehenden Beſchreibung des ſo geheimnißvoll verſchwun⸗ denen fremden Herrn, las Mr. Dorrit in der Bekannt⸗ machung. „Blandois!“ ſagte Mr. Dorrit.„Venedig! und dieſes Signalement! Ich kenne dieſen Herrn. Er iſt oft bei mir geweſen. Er iſt der vertraute Freund eines Herrn von guter Familie(aber nicht in den beſten Verhältniſſen), deſſen— hm— Gönner ich bin“ „Dann erlaube ich mir um ſo mehr die ergebene und dringende Bitte,“ ſagte Flora,„auf Ihrer Rückreiſe die Güte zu haben ſich nach dieſen fremden Herrn auf allen Straßen und an allen Ecken umzuſehen und ſich nach ihm in allen Hotels und Orangenbäumen und Weinbergen und Vulkanen und andern Orten zu erkundigen denn er muß irgendwo ſein und warum kommt er nicht und ſagt hier bin ich und macht Alles klar und richtig?“ „Bitte, Madam,“ ſagte Mr. Dorrit, und blickte wieder auf die Bekanntmachung,„wer iſt Clennam und Comp.? Ha. Ich ſehe den Namen in Verbindung mit dem Hauſe ge⸗ nannt, wo Monſieur Blandois zuletzt geſehen wurde; wer iſt Clennam und Comp.? Iſt es die Perſon, mit der ich früher — ha— hm— eine vorübergehende Bekanntſchaft hatte, und die Sie, glaube ich, vorhin erwähnt haben! Iſt es— ha— dieſe Perſon?“ „Eine ganz andere Perſon,“ entgegnete Flora,„ohne Beine 4* 52 Siebzehntes Kapitel. und Räder dafür und die mürriſchſte Frau obgleich ſeine Mutter.“ „Clennam und Comp. eine— hm— eine Mutter?“ rief Mr. Dorrit. „Und außerdem ein alter Mann,“ ſagte Flora. Mr. Dorrit ſah aus, als ob dieſe Auskunft ihn auf der Stelle von Sinnen bringen müßte. Auch brachte es ihm keine Erleichterung, daß Flora eine raſche Analyſe von Mr. Flintwinch's Halstuch begann und ihn, ohne eine nur im Mindeſten erkennbare Grenze zwiſchen ſeiner und Mrs. Clen⸗ nams Perſon zu ziehen, als eine roſtige Schraube in Ga⸗ maſchen beſchrieb. Dieſe Zuſammenſetzung von Mann und Frau, ohne Beine und mit Rädern, verroſteter Schraube, mür⸗ riſchem Weſen und Gamaſchen verblüffte Mr. Dorrit ſo vollſtändig, daß er einen bemitleidenswerthen Anblick darbot. „Aber ich will Sie keinen Augenblick länger aufhalten,“ ſagte Flora, auf welche dieſer Zuſtand ſeine Wirkung her⸗ vorgebracht hatte, obgleich ſie nicht die mindeſte Ahnung hatte, ihn hervorgerufen zu haben,„wenn Sie die Güte haben wollten mir als Gentleman zu verſprechen auf Ihrer Rückreiſe nach Italien und Italien ſelbſt ſich nach dieſem Mr. Blandois unten und oben umzuſehen und wenn Sie ihn finden oder von ihm hören ihn zu veranlaſſen ſich zu melden.“ Um dieſe Zeit hatte ſich Mr. Dorrit von ſeiner Verwir⸗ rung ſo weit erholt, daß er in leidlich zuſammenhängender Weiſe ſagen konnte, er werde dies als ſeine Pflicht betrach⸗ Vermißt. 53 ten. Flora war ſehr erfreut über dieſen Erfolg, und ſtand auf, um Abſchied zu nehmen. „Mit Millionen Dankſagungen,“ ſagte ſie,„und meiner Adreſſe auf meiner Karte im Fall an mich eine Mittheilung zu machen wäre ich will der lieben Kleinen nicht meinen herzlichen Gruß ſenden denn es wäre vielleicht nicht annehm⸗ bar und eigentlich iſt gar keine liebe Kleine in der Umwand⸗ lung übrig geblieben alſo hat es auch keinen Grund aber ich und Mr. F.'s Tante haben immer gute Wünſche für ſie und gründen keine Anſprüche auf Dienſte die wir ihr geleiſtet hätten darauf können Sie ſich verlaſſen ſondern ganz das Gegentheil denn was ſie ſich vornahm das führte ſie aus und das iſt mehr als Viele von uns thun nicht davon zu ſprechen daß ſie Alles ſo gut machte als es nur gemacht werden konnte und ich ſelbſt gehöre zu denen, denn ſeitdem ich mich von der Erſchütterung über Mr. F.'s Tod erholt habe, habe ich immer geſagt ich wollte die Orgel lernen und ich muß mich ſchämen zu geſtehen daß ich noch keine Note kann, guten Abend!“ Als Mr. Dorrit, der ſie bis an die Thür begleitete, Zeit gefunden hatte, ſich etwas zu ſammeln, fand er, daß der Beſuch alte Erinnerungen wach gerufen hatte, die ſich mit dem Diner bei Mr. Merdle nicht vertrugen. Er ſchrieb ein Billetchen, um ſich für heute zu entſchuldigen und befahl, ihm in ſeinem Zimmer im Hotel das Mittageſſen zu ſerviren. Er hatte dafür noch einen andern Grund. Seine Zeit in London war faſt abgelaufen und von Geſchäften ſchon im 54 Siebzehntes Kapitel. Voraus in Anſpruch genommen; er dachte bereits an die Rückreiſe; und er glaubte es ſeiner hohen Stellung ſchuldig zu ſein, über das Verſchwinden Blandois' nähere Nachfor⸗ ſchungen anzuſtellen, um Mr. Henry Gowan das Reſultat ſeiner perſönlichen Erkundigungen mittheilen zu können. Er beſchloß daher, dieſen freien Abend zu benutzen, um zu Clennam und Comp. zu gehen, die ſich leicht durch die in der Bekanntmachung angegebene Adreſſe auffinden ließen: und ſich den Ort anzuſehen und ſelbſt einige Erkundigungen einzuziehen. Nachdem er ſo einfach gegeſſen hatte, als das Hotel und der Courier es zuließen, und vor dem Feuer ſich durch einen kurzen Schlummer einigermaßen von Mrs. Finching erholt hatte, nahm er allein einen Miethwagen. Die tieftönende Glocke von St. Paul ſchlug Neun, wie er unter dem dunkeln Gewölbe des Tempelthors, verlaſſen und ungeſchmückt mit Köpfen von Enthaupteten in dieſen entarteten Zeiten, hin⸗ durchfuhr. Wie er durch die Gäßchen und Gaſſen am Waſſer hin ſich ſeinem Ziele näherte, erſchien ihm dieſer Theil Londons zu einer ſolchen Stunde häßlicher, als er ihn ſich jemals ge⸗ dacht hatte. Viele, viele Jahre waren vergangen, ſeit er hier geweſen war; er war niemals hier ſehr bekannt geweſen, und die Oertlichkeit ſtellte ſich ſeinen Augen geheimnißvoll und unheimlich dar. Der Eindruck der Umgebung wirkte ſo mächtig auf ſeine Phantaſie, daß, als der Kutſcher hielt, nachdem er mehr als einmal ſich nach dem Wege erkundigt — Vermißt. 55 hatte, und ſagte, dies ſcheine ihm der gewünſchte Thorweg zu ſein, Mr. Dorrit mit dem Kutſchenſchlage in der Hand zögernd ſtehen blieb, beinahe eingeſchüchtert von dem düſtern Ausſehen des Ortes. Gewiß ſah er dieſe Nacht ſo düſter aus, als nur je. Zwei von den Bekanntmachungen waren an der äußern Mauer angeklebt, eine auf jeder Seite, und wie die Laterne von dem Nachtwind flackerte, glitten Schatten darüber, faſt wie die Schatten von Fingern, welche den Zeilen folgten. Offenbar wurde der Ort beobachtet. Wie Mr. Dorrit ſtehen blieb, ging ein Mann von der andern Seite der Straße her⸗ über hinein, und ein anderer kam aus irgend einer dunkeln Ecke drinnen hervor, und Beide betrachteten ihn ſich im Vorbeigehen und ſchienen in der Nähe zu warten. Da ſich nur ein Haus innerhalb der Mauer befand, war kein Zweifel möglich, und er ging daher die Stufen vor dieſem Hauſe hinauf und klopfte. In zwei Fenſtern des erſten Stockwerks bemerkte man ein ſchwaches Licht. Die Thür gab einen hoh⸗ len unheimlichen Schall zurück, als wäre das Haus unbe⸗ wohnt; aber das war nicht der Fall, ſondern faſt unmittel⸗ bar darauf ſah man Licht und hörte Schritte kommen. Sie näherten ſich der Thür, eine Kette klirrte und eine Frau, die Schürze über Geſicht und Kopf geworfen, ſtand in der Oeffnung. „Wer iſt da?“ ſagte die Frau. Mr. Dorrit, durch dieſen Anblick ſehr überraſcht, er⸗ widerte, er komme aus Italien, und wünſche einige Er⸗ 56 Siebzehntes Kapitel. kundigungen über die vermißte Perſon, die er kenne, ein⸗ zuziehen. „Hei!“ rief die Frau und erhob ihre tonloſe Stimme. „Jeremia!“ Darauf erſchien ein vertrockneter Alter, in welchem Mr. Dorrit durch die Gamaſchen die verroſtete Schraube zu er⸗ kennen glaubte. Die Frau fürchtete ſich vor dieſem Alten, denn ſie zog raſch die Schürze weg, wie er ſich näherte, und zeigte ein blaſſes, erſchrockenes Geſicht.„Mach' die Thür auf, du Gans,“ ſagte der Alte,„und laß den Herrn ein.“ Nicht ohne einen beſorgten Blick⸗zurück nach dem Kut⸗ ſcher und dem Wagen zu werfen, trat Mr. Dorrit in die dämmerdunkle Vorhalle.. „Hier können Sie Alles fragen, was Sie wollen,“ ſagte Mr. Flintwinch,„wir haben hier keine Geheimniſſe, Sir.“ Ehe der Andre antworten konnte, rief eine ſtarke ſtrenge Stimme, obgleich es die einer Frau war, von oben herunter, „wer iſt da?“ „Wer da iſt?“ gab Jeremia zurück.„Wieder Erkundigun⸗ gen. Ein Herr aus Italien.“ „Bringen Sie ihn herauf!“ Mr. Flintwinch brummte Etwas vor ſich hin, als ob er das für überflüſſig halte, ſetzte aber dann, zu Mr. Dorrit gewendet, hinzu:„Mrs. Clennam. Sie läßt ſich nicht aus⸗ reden, zu thun, wie's ihr gefällt. Ich will Ihnen den Weg zeigen.„Er führte dann Mr. Dorrit die von den Jahren ge⸗ ſchwärzte Treppe hinauf; und dieſer Herr, der nicht uner⸗ ſSS Vermißt. 57 klärlicher Weiſe ſich umſah, erblickte die Frau hinter ſich, die wieder wie vorhin, wie ein Geſpenſt, die Schürze über den Kopf geworfen hatte. Mrs. Clennam hatte auf ihrem kleinen Tiſch ihre Bücher offen vor ſich liegen.„O!“ ſagte ſie kurz, als ſie mit ruhi⸗ gem Blick den Eintretenden maß.„Sie kommen alſo aus Italien, Sir. Nun?“ Mr. Dorrit wußte für den Augenblick keine paſſendere Antwort zu geben, als„— ha— Nun?“ „Wo iſt der Vermißte? bringen Sie uns Nachricht über ihn? Ich hoffe doch.“. „Weit entfernt davon, ſuche ich— hm— hier Aus⸗ kunft über ihn.“ „Leider ſind wir außer Stande, Ihnen welche zu geben. Flintwinch, zeigen Sie dem Herrn die Bekanntmachung. Geben Sie ihm einige Exemplare zum Mitnehmen. Halten Sie dem Herrn das Licht, damit er ſie leſen kann.“ Mr. Flintwinch that, wie ihm geheißen, und Mr. Dorrit las die Bekanntmachung durch, als ob er ſie noch nicht ge⸗ ſehen hätte, froh genug, ſo Gelegenheit zu bekommen, ſich zu ſammeln, denn das Ausſehen des Hauſes und der Be⸗ wohner deſſelben hatte ihn ein Wenig außer Faſſung ge⸗ bracht. Während ſeine Augen auf dem Papier verweilten, fühlte er, daß die Augen Mr. Flintwinch's und Mrs. Clen⸗ nam's auf ihm ruhten. Als er aufblickte, fand er, daß dieſes Gefühl ſich auf keine bloße Einbildung gründete. 58 Siebzehntes Kapitel. „Nun wiſſen Sie ſo Viel, wie wir wiſſen, Sir,“ ſagte Mrs. Clennam.„Iſt Mr. Blandois ein Freund von Ihnen?“ „Nein— ein— hm— ein Bekannter,“ gab Mr. Dorrit zur Antwort. „Sie haben vielleicht Aufträge von ihm?“ „Ich? ha. Nein, durchaus nicht.“ Der forſchende Blick ſenkte ſich allmälig zu Boden, nachdem er unterwegs Flintwinch's Geſicht mitgenommen hatte. Mr. Dorrit, durch den Umſtand außer Faſſung ge⸗ bracht, daß er der Ausgefragte anſtatt der Frager war, ver⸗ ſuchte jetzt, dieſes unerwartete Verhältniß umzukehren. „Ich bin— ha— ein Gentleman von Vermögen, und wohne für jetzt mit meiner Familie und Dienerſchaft— hm — meinem ziemlich großen Haushalt in Italien. Da ich mich jetzt wegen Angelegenheiten, die ſich auf— ha— meine Beſitzungen beziehen, in London bin, und von dieſem uner⸗ klärlichen Verſchwinden hörte, ſo wünſchte ich mich über die näheren Umſtände aus erſter Au zu unterrichten, weil ſich— ha, hm— ein engliſcher Gentleman in Italien auf⸗ hält, den ich jedenfalls bei meiner Rückkehr treffen werde, und der in ſehr vertrauten Umſtänden mit Monſieur Blandois geſtanden hat. Mr. Henry Gowan. Der Name iſt Ihnen vielleicht bekannt?“ „Habe ihn nie gehört.“ Mrs. Clennam ſagte das, und Mr. Flintwinch hallte es wider. „Da ich wunſche, ihm einen zuſammenhängenden und —,— —4,— Vermißt. 59 vollſtändigen Bericht abzuſtatten,“ ſagte Mr. Dorrit,„ſo darf ich mir wol— ich will ſagen— drei Fragen er⸗ lauben?“ „Dreißig, wenn es Ihnen beliebt.“ „Haben Sie Monſieur Wlaudbis ſeit langer Zeit gekannt? 2“ „Noch kein Jahr. Mr. Flintwinch hier wird in den Büchern nachſehen, und Ihnen ſagen, wann und von wem in Paris er uns empfohlen worden iſt. Wenn das Ihnen zur Beruhigung gereichen ſollte,“ ſetzte Mrs. Clennam hinzu. „Für uns iſt es eine armſelige Beruhigung.“ „Haben Sie ihn oft geſehen?“ „Nein. Zweimal. Einmal früher, und— „Das Einemal,“ half Mr. Flintwinch ein. „Und das Einemal.“ „Bitte, Madam,“ ſagte Mr. Dorrit, den allmälig, wie er ſeine Wichtigkeit wieder zu fühlen anfing, die Einbildung beſchlich, auf eine ungewöhnliche Weiſe mit der Friedens⸗ richter⸗Commiſſion betraut zu ſein,„darf ich mir wol zu größerer Beruhigung des Herrn, den ich die Ehre habe zu — ha— beſchäftigen oder zu protegiren, oder wollen wir ſagen— hm— zu kennen— zu kennen— die Frage er⸗ lauben, ob an dem hier auf dieſem gedruckten Zettel ange⸗ gebenen Abend Monſieur Blandois in Geſchäften hierher ge⸗ kommen war?“ „Was er Geſchäfte nannte,“ entgegnete Mrs. Clennam. „Waren ſie— ha— ich bitte um Entſchuldigung— von einer Art, um mitgetheilt werden zu können?“ 60 Siebzehntes Kapitel. „Nein.“ Es war offenbar unmöglich, über den Schlagbaum dieſer Antwort hinwegzukommen. „Die Frage iſt ſchon früher geſtellt worden,“ ſagte Mrs. Clennam,„und die Antwort war Nein. Wir lieben es nicht, in unſere Geſchäfte, ſo unbedeutend ſie auch ſind, die ganze Stadt einzuweihen. Wir ſagen Nein.“ „Ich meine zum Beiſpiel, er nahm kein Geld mit ſich fort?“ ſagte Mr. Dorrit. „Er hat keins von uns mitgenommen, Sir, und keins hier bekommen.“ „Ich vermuthe, Sie können ſich ſelbſt dieſes Geheimniß in keinerlei Weiſe erklären?“ bemerkte Mr. Dorrit, und ließ ſeinen Blick von Mrs. Clennam auf Mr. Flintwinch, und von Mr. Flintwinch auf Mrs. Clennam ſchweifen. „Warum vermuthen Sie das?“ entgegnete Mrs. Clennam. Außer Faſſung gebracht durch die kalte und harte Frage, war Mr. Dorrit nicht im Stande, einen Grund für ſeine Vermuthung anzugeben. „Ich erkläre es ſo, Sir,“ fuhr ſie nach einer verlegenen Pauſe von Seiten Mr. Dorrit's fort,„daß er jedenfalls wo reiſt, oder ſich wo verſteckt hält.“ „Kennen Sie einen Grund, warum er ſich verſteckt hal⸗ ten ſollte?“ „Nein.“ — —, v Vermißt. 61 Es war genau daſſelbe Nein, wie vorhin, und richtete einen neuen Schlagbaum auf. „Sie frugen mich, ob ich mir ſein Verſchwinden er⸗ klärte,“ erinnerte Mrs. Clennam ihn ſtreng,„nicht, ob ich es Ihnen erklären könnte. Ich unternehme es nicht, die Sache Ihnen zu erklären, Sir. Meiner Anſicht nach iſt dies eben ſo wenig meine Sache, als eine Erklärung von mir zu erwarten die Ihrige iſt.“ Mr. Dorrit antwortete mit einer um Entſchuldigung bittenden Kopfneigung. Wie er zurücktrat, ehe er ſagte, daß er keine Fragen wieder zu ſtellen habe, konnte er nicht um⸗ hin, zu bemerken, wie düſter und feſt ſie die Augen auf den Boden geheftet hatte, und mit wie ſtarrer Entſchloſſenheit ſie daſaß; und wie derſelbe Ausdruck ſich von Mr. Flint⸗ winch's Geſicht widerſpiegelte, der in einiger Entfernung von ihrem Stuhle mit zu Boden geſenktem Blick und mit der rechten Hand ſanft das Kinn ſtreichend, daſtand. In dieſem Augenblick ließ Mrs. Affery(natürlich die Frau mit der Schürze über den Kopf) den Leuchter aus der Hand fallen, und ſchrie auf:„da! grundgütiger Himmel! da iſt's wieder. Horch, Jeremia! jetzt!“ Wenn ein Geräuſch vorhanden war, ſo war es ſo leiſe, daß ſie ſich angewöhnt haben mußte, auf die ſchwächſten Töne zu merken; aber Mr. Dorrit glaubte Etwas zu hören, wie das Niederfallen dürrer Blätter. Das Erſchrecken der Frau ſchien auf eine ganz kurze Zeit die drei Andern ange⸗ ſteckt zu haben, und ſie horchten Alle. 62 Siebzehntes Kapitel. Vermißt. Mr. Flintwinch faßte ſich zuerſt wieder.„Affery, Frau,“ ſagte er, indem er ſich mit geballten Fäuſten, und die Ell⸗ bogen zitternd vor Ungeduld, ſie zu ſchütteln, an ſie heran⸗ ſchob,„Du machſt wieder Deine alten Streiche, Du wirſt näch⸗ ſtens wieder im Schlafe wandeln, meine Gute, und die ganze Reihe deiner verrückten Kunſtſtücke wieder durchmachen. Du mußt einnehmen. Wenn ich dieſen Herrn hinausge⸗ bracht habe, will ich Dir ein Beruhigungspülverchen geben; ein ſo beruhigendes Pülverchen, meine Gute!“ Die Ausſicht ſchien Mrs. Affery nicht ſehr tröſtlich zu ſein; aber Jeremia nahm, ohne weiter von ſeiner heilſamen Medicin zu ſprechen, einen andern Leuchter von dem Tiſch der Mrs. Clennam, und ſagte:„Soll ich Sie jetzt hinunter leuchten, Sir!“ Mr. Dorrit war ihm dankbar für ſein Anerbieten, und ging hinunter. Mr. Flintwinch ſperrte ihn. ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren, mit Thüre und Kette hinaus. Wieder gingen zwei Männer, der Eine von Draußen, der Andere von Drinnen kommend, an ihm vorüber; er ſtieg in den Wagen, den er hatte warten laſſen, und fuhr fort. Ehe er weit gefahren war, hielt der Kutſcher, um ihm zu ſagen, daß er den beiden Männern, auf ihre gemeinſchaft⸗ liche Aufforderung, ſeinen Namen, ſeine Nummer und die Adreſſe gegeben, auch die Adreſſe, wo Mr. Dorrit einge⸗ ſtiegen, die Stunde, wo er von ſeinem Stand abgerufen worden, und den Weg, den er gefahren wäre. Dies trug nicht dazu bei, den Eindruck, welchen das nächtliche Aben⸗ 5 4 ¹ — uchen und Tränmen. 5 Achtzehntes Kapitel. Ein Luftſchloß. 63 teuer auf Mr. Dorrit hervorgebracht hatte, weniger lebhaft zu machen, und es kam ihm nicht aus dem Sinn, weder wie er wieder vor dem Feuer ſaß, noch wie er ſich zu Bett legte. Die ganze Nacht verließ er nicht das unheimliche Haus, ſah die beiden Leute unverdroſſen wachen, hörte die Frau mit der Schürze über dem Geſicht wegen des Geräuſches auf⸗ ſchreien, und fand die Leiche des vermißten Blandois jetzt in einem Keller gelegen und jetzt hinter einer Wand vermauert. Achtzehutes Kapitel. Ein Luftſchloß. Reichthum und Glanz haben gar viele Sorgen. Die Befriedigung, welche Mr. Dorrit bei der Erinnerung fühlte, daß er ſich bei Clennam und Comp. nicht hatte zu nennen brauchen, und eben ſo wenig nöthig gehabt hatte, zu er⸗ wähnen, daß er früher die zudringliche Perſon dieſes Namens gekannt habe, wurde, während ſie noch friſch war, von einem Zweifel getrübt, ob er auf dem Rückweg an der Marſhalſea vorbeifahren, und ſich das alte Thor anſehen ſollte, oder nicht. Nach langem Streite mit ſich ſelbſt hatte er ſich entſchloſſen, es nicht zu thun, und hatte den Kutſcher durch ſein heftiges Auffahren über einen Vorſchlag über die Londonbrücke, und dann auf der Waterloobrücke wieder Achtzehntes Kapitel. zurück über den Fluß zu fahren— wobei er faſt unmittelbar vor ſeinem alten Wohnort vorbeigekommen wäre— in Er⸗ ſtaunen geſetzt. Trotz Alledem hatte die Frage einen Streit in ſeinem Innern hervorgerufen; und er war aus irgend einem ſeltſamen Grunde, oder aus keinem Grunde unzu⸗ frieden mit ſich. Selbſt an der Mittagstafel Merdle's, am Tage darauf, verſtimmte ihn die Sache noch ſo ſehr, daß er nicht umhin konnte, mit einer zu der guten Geſellſchaft rund um ihn ganz und gar nicht paſſenden Weiſe, immer und immer wieder darauf zurück zu kommen. Es überlief ihn heiß, wenn er dachte, was wol der Haushofmeiſter von ihm denken möchte, wenn dieſe hochgeſtellte Perſönlichkeit mit ſeinem trüben Blick den Strom ſeiner Gedanken bis auf den Grund ermeſſen hätte. Das Abſchiedsbanquet war höchſt prunkvoll, und gab ſeinem Beſuch einen glänzenden Abſchluß. Fanny verband mit den Reizen ihrer Jugend und Schönheit ein gewiſſes gewichtiges Selbſtbewußtſein, als wäre ſie ſchon 20 Jahre verheirathet. Er fühlte, daß er ohne Beſorgniß es ihr über⸗ laſſen konnte, die Pfade der vornehmen Welt zu betreten, und wünſchte— aber ohne Verminderung ſeiner herab⸗ laſſenden Anerkennung, und ohne die ſtillern Tugenden ſeines Lieblingkinds zu vergeſſen— ſich noch eine ſolche Tochter. Meine Gute,“ ſagte er zu ihr beim Abſchied,„unſere Familie erwartet von Dir— ha— die Aufrechterhaltung ihrer Würde und— hm— ihrer Bedeutung. Ich weiß, daß Du dieſe Erwartung nie täuſchen wirſt.“ — —,— —— — Ein Luftſchloß. 65 „Nein. Papa,“ ſagte Fanny,„darauf können Sie ſich verlaſſen, hoffe ich. Meinen herzlichen Gruß an meine gute Amy, und ich werde ihr ſehr bald ſchreiben.“ „Haſt Du— haſt Du ſonſt noch an Jemand Etwas auszurichten?“ fragte Mr. Dorrit mit gewinnendem Tone. „Papa,“ ſagte Fanny, vor der auf der Stelle das Bild der Mrs. General aufzuſteigen begann,„nein, ich danke Ihnen, Sie ſind ſehr gütig, Papa, aber ich muß um Ent⸗ ſchuldigung bitten. Ich habe keine andere Botſchaft auszu⸗ richten, ich danke Ihnen, lieber Papa, keine, die Sie gern übernehmen würden.“ Sie nahmen von einander Abſchied in einem äußern Salon, wo nur Mr. Sparkler auf ſeine Dame wartete und pflichtſchuldigſt des Zeitpunkts harrte, wo er ſeinem Schwie⸗ gervater die Hand ſchütteln konnte. Als Mr. Sparkler zu dieſer Schlußaudienz zugelaſſen ward, kam Mr. Merdle her⸗ eingeſchlichen, und ſchien in ſeinen Aermeln nicht mehr Arme zu haben, als wäre er der Zwillingsbruder der Miß Biffin. Er beſtand darauf, Mr. Dorrit die Treppe hinunter zu ge⸗ leiten. Da alle Proteſtationen Mr. Dorrit's vergeblich blieben, genoß er der Ehre, von dieſem ausgezeichneten Mann, der(wie Mr. Dorrit ihm ſagte, als er ihm auf der letzten Stufe die Hand ſchüttelte) ihn während ſeines, ihm ewig in Erinnerung bleibenden Beſuchs, wirklich mit Auf⸗ merkſamkeiten und Dienſtleiſtungen überſchüttet hatte, bis an die Hausthür begleitet zu werden. Hier ſchieden ſie, und Klein Dorrit. VIII. 5 66 Achtzehntes Kapitel. Mr. Dorrit ſtieg mit ſchwellendem Herzen in ſeinen Wagen, durchaus nicht unzufrieden, daß ſein Courir, der in den untern Regionen Abſchied genommen hatte, Gelegenheit er⸗ halten hatte, Zeuge ſeiner ehrenvollen Abreiſe zu ſein. Mr. Dorrit ſchwelgte noch in dieſem Glanze, als er vor ſeinem Hotel abſtieg. Von dem Courier und einem halben Dutzend Bedienten des Hotels aus dem Wagen gehoben, ging er mit heiterer Großartigkeit durch die Vorhalle, als er ein Schauſpiel erblickte, das ihn ſtumm und ſtarr machte. John Chivery in ſeinen beſten Kleidern, mit dem hohen Hut unter dem Arme, den Stab mit dem Elfenbeingriff in gentiler Verlegenheit umfaſſend, und ein Packet Cigarren in der Hand! „Hier, junger Mann,“ ſagte der Portier,„das iſt der Herr. Dieſer junge Mann beſtand durchaus darauf, Sie zu erwarten, Sir, und ſagte, Sie würden erfreut ſein, ihn zu ſehen.“ Mr. Dorrit ſtierte den jungen Mann an, und ſagte im mildeſten Tone, während ihm doch die Worte faſt in der Kehle ſtecken blieben:„ach! der gute John! der gute John, wenn ich recht ſehe; nicht wahr?“ „Ja Sir,“ entgegnete der junge John. „Hm— ha— dachte es gleich!“ ſagte Mr. Dorrit. „Der junge Mann kann herauf kommen,“ ſagte er zu der Dienerſchaft, wie er vorüberging.„Er mag mir nachfolgen. Ich will ihn oben ſprechen.“ Der junge Mann folgte lächelnd und ſehr geſchmeichelt. X —Vʒ⏑—:’ʃ—:ñ·.·—— Begrüssung eines alten Freundes. Ein Luftſchloß. 67 Sie erreichten Mr. Dorrits Zimmer. Brennende Kerzen wurden gebracht. Die Dienerſchaft entfernte ſich. „Nun ſagen Sie, Menſch,“ ſagte Mr. Dorrit, indem er ſich gegen ihn wendete und ihn bei dem Kragen packte, als ſie ganz allein waren.„Was wollen Sie damit ſagen?“ Das Erſtaunen und der Schrecken, die ſich auf des armen Johns Geſicht malten— denn er hätte eher eine Um⸗ armung erwartet— waren ſo ausdrucksvoll, daß Mr. Dorrit ſeine Hand entfernte, und ihn blos mit zornfunkelnden Augen anſah. „Wie können Sie das wagen?“ ſagte Mr. Dorrit.„Wie können Sie ſich herausnehmen, hierher zu kommen? Wie können Sie wagen, mich zu beleidigen?“ „Ich Sie beleidigen, Herr?“ rief der junge John.„O!“ „Ja, Sir,“ entgegnete Mr. Dorrit.„Mich beleidigen. Ihr Hiererſcheinen iſt eine Beleidigung, eine Impertinenz, eine Frechheit. Sie ſind hier überflüſſig. Wer hat Sie her⸗ geſchickt? Was— ha— zum Teufel wollen Sie hier?“ „Ich glaubte, Sir,“ ſagte der junge John mit einem ſo blaſſen und entſetzten Geſichte, als Mr. Dorrit jemals in ſeinem Leben angeſehen hatte— ſelbſt während ſeines Lebens in der Marſhalſea,„ich dachte, Sir, Sie würden ſich nicht für ſo vornehm halten, ein Packet Cigarren—“ Werdammt wären Ihre Cigarren, Sir!“ ſchrie Mr. Dorrit mit nicht zu bezähmender Wuth.„Ich— hm— rauche nicht.“ 5* 68 Achtzehntes Kapitel. „Ich bitte in Demuth um Verzeihung, Sir. Sie rauch⸗ ten früher.“ „Sagen Sie mir das noch einmal,“ ſchrie Mr. Dorrit ganz außer ſich,„und ich nehme das Schüreiſen.“ John Chivery wich ſcheu rückwärts nach der Thür. „Bleiben Sie, Sir,“ rief Mr. Dorrit.„Bleiben Sie, ſetzen Sie ſich. Verwünſcht wären Sie, ſetzen Sie ſich!“ John ſank in den der Thür zunächſt ſtehenden Stuhl, und Mr. Dorrit ging im Zimmer auf und ab; anfangs raſch, dann langſam. Einmal trat er an's Fenſter, und legte dort die Stirn an die Scheibe. Plötzlich drehte er ſich um, und ſagte: „Was wollen Sie ſonſt noch hier, Sir?“ „Nichts auf der Welt, Sir. O Gott, nein! Ich wollte nur ſagen, Sir, ich hoffte, Sie befänden ſich wohl, und nur fragen, ob ſich Miß Amy wohl befindet?“ „Was geht das Sie an, Sir?“ gab Mr. Dorrit zurück. „Es geht mich nichts an von Rechtswegen. Ich habe mir gewiß nie angemaßt, die Entfernung zwiſchen uns zu verringern. Ich weiß, daß ich mir eine Freiheit nehme, aber ich glaubte nicht, daß Sie es übelnehmen würden. Auf mein Wort und meine Ehre, Sir,“ ſagte der junge John bewegt,„ich bin, verſichere ich Ihnen, in meiner beſcheidenen Weiſe zu ſtolz, um hieher zu kommen, wenn ich das ge⸗ glaubt hätte.“ Mr. Dorrit ſchämte ſich. Er trat wieder an das Fenſter † — Ein Luftſchloß. 69 und legte die Stirn eine Zeit lang gegen die kalte Scheibe. Als er ſich umwendete, hatte er das Taſchentuch in der Hand und hatte ſich die Augen damit getrocknet, und ſah ange⸗ griffen und unwohl aus. „Junger John, es thut mir ſehr leid, mich ſo gegen Sie übereilt zu haben. Aber— ha— es gibt Erinnerungen, die wir nicht zu den glücklichen zählen, und— hm— Sie hätten nicht kommen ſollen.“ „Ich fühle das jetzt, Sir,“ entgegnete John Chivery; naber ich hatte vorher nicht daran gedacht, und der Himmel weiß es, ich habe es nicht böſe gemeint, Sir.“ „Nein. Nein,“ ſagte Mr. Dorrit.„Ich bin— hm— davon überzeugt. Ha. Geben Sie mir Ihre Hand, John, geben Sie mir Ihre Hand.“ Der junge John gab ſie ihm; aber Mr. Dorrit hatte das Herz herausgeſchreckt, und Nichts konnte mehr den bleichen, entſetzten Ausdruck ſeines Geſichts verändern. „So!“ ſagte Mr. Dorrit, und ſchüttelte ihm langſam die Hand.„Setzen Sie ſich wieder, John.“ „Ich danke Ihnen, Sir— aber ich will lieber ſtehen.“ Mr. Dorrit nahm ſtatt deſſen Platz. Nachdem er, wie von Schmerz ergriffen, den Kopf mit der Hand geſchützt hatte, wendete er ſich zu ſeinem Beſuch und ſagte mit einer Anſtrengung, unbefangen zu erſcheinen. „Und was macht Ihr Vater, John? Wie— ha— wie befinden ſie ſich Alle, John?“ 70 Achtzehntes Kapitel. „Danke Ihnen, Sir. Sie befinden ſich Alle ziemlich wohl, Sir. Sie klagen ganz und gar nicht.“ „Hm. Sie ſind in Ihrem— ha— alten Geſchäfte, John, wie ich ſehe?“ ſagte Mr. Dorrit mit einem Blick auf die armen Cigarren, die er verwunſcht hatte. „Zum Theil, Sir. Ich helfe auch“— John ſtockte ein Wenig,„meinem Vater zuweilen.“ „So, ſo!“ ſagte Mr. Dorrit. Sie— ha, hm— hel⸗ fen mit beim— ha—“ „Schließen, Sir? Ja, Sir.“ „Viel beſchäftigt, John?“ „Ja, Sir; wir haben jetzt ziemlich viel. Ich weiß nicht, wie es zugeht, aber wir haben meiſtens ziemlich viel.“ Um dieſe Jahreszeit, John?“ „Meiſtens zu allen Zeiten des Jahres, Sir. Ich wüßte nicht, daß die Zeit bei uns einen Unterſchied machte. Ich wünſche Ihnen guten Abend, Sir.“ „Warten Sie einen Augenblick, John— ha— warten Sie einen Augenblick— hm. Laſſen Sie die Cigarren da. John. Ich— ha, bitte darum.“ „Gewiß, Sir.“ John legte Sie mit zitternder Hand auf den Tiſch. „Warten Sie einen Augenblick, John; warten Sie noch einen Augenblick. Es würde mir— ha— ſehr zur Be⸗ friedigung gereichen, durch einen ſo zuverläſſigen Ver⸗ mittler ein kleines— hm— Andenken zu überſchicken, um es unter— ha, hm— ſie— ſie— nach ihren Bedürf⸗ Ein Luftſchloß. 71 niſſen zu vertheilen. Würden Sie das wol übernehmen, John?“ „Gewiß, recht gern, Sir. Gar Viele von ihnen können es recht gut brauchen.“ „Danke Ihnen, John. Ich— ha— vill es aufſchrei⸗ ben, John.“ Seine Hand zitterte ſo, daß er lange dazu brauchte, und zuletzt doch nur ein undeutliches Gekritzel zuſtande brachte. Es war eine Anweiſung auf hundert Pfund. Er faltete ſie zuſammen, legte ſie John in die Hand, und drückte dieſe. „Ich hoffe, Sie werden— ha— vergeſſen— hm— was vorgefallen iſt, John.“ „Verlieren Sie kein Wort weiter darüber, Sir. Ich trage gewiß nicht nach, gewiß nicht.“ Aber Nichts konnte, ſo lange er hier war, John's Ge⸗ ſicht ſeine natürliche Farbe und ſeinen natürlichen Ausdruck, ihm ſelbſt ſein natürliches Weſen wiedergeben. „Und, John,“ ſagte Mr. Dorrit, indem er die Hand noch einmal drückte, ehe er ſie losließ,„ich hoffe, wir— ha— ver⸗ ſtehen uns, daß wir im Vertrauen geſprochen haben; und daß Sie beim Herausgehen unterlaſſen, zu Jemandem Etwas zu ſagen, was— hm— andeuten könnte, daß— ha— ich früher einmal—“ „O! ich verſichere Ihnen, Sir,“ entgegnete JohnChivery, „daß ich in meiner beſcheidenen Weiſe zu ſtolz und ehrenhaft bin, ſo Etwas zu thun, Sir.“ 72 Achtzehntes Kapitel. Mr. Dorrit war nicht zu ſtolz und zu ehrenhaft, an der Thür zu horchen, um ſich zu verſichern, ob John wirklich geradenwegs fortging, oder ſtehen blieb, um mit Jemandem zu ſprechen. Es ließ ſich nicht bezweifeln, daß er ohne Aufenthalt zur Thüre hinaus und mit raſchem Schritt die Straße hinab eilte. Nachdem Mr. Dorrit eine Stunde lang allein geblieben war, klingelte er dem Courier, der ihn, den Rücken ihm zugekehrt, in ſeinem Stuhl vor dem Feuer ſitzen fand.„Sie können das Packet Cigarren nehmen, und es auf der Reiſe rauchen, wenn Sie Luſt haben,“ ſagte Mr. Dorrit mit einer gleichgültigen Handbewegung.„Ha— kleines Geſchenk— von— dem Sohne eines alten Päch⸗ ters— hm. ha— auf meinen Gütern.“ Die Sonne des nächſten Morgens ſah Mr. Dorrit's Equipage auf der Straße nach Dover, wo jeder rothbejackte Poſtillon das Zeichen eines ſchrecklichen Hauſes war, er⸗ richtet, um die Reiſenden unbarmherzig zu plündern. Da die einzige Beſchäftigung des Menſchengeſchlechts zwiſchen London und Dover Freibeuterei war, ſo litt Mr. Dorrit in Dartford von Wegelagerung, in Graveſend von Plünde⸗ rung, in Rocheſter von Taſchendieberei, in Sittingbourne von Erpreſſung, in Canterbury von Beraubung. Aber da es des Couriers Amt war, ihn aus den Händen der Ban⸗ diten zu befreien, ſo kaufte ſich dieſer Herr auf jeder Station los; und jetzt leuchteten die Rothjacken luſtig in der Früh⸗ lingslandſchaft, und ſtiegen nach regelmäßigem Takt auf und nieder zwiſchen Mr. Dorrit in ſeiner gemüthlichen Ein Luftſchloß. 73 Ecke und der nächſten kalkigen Erhebung der ſtaubigen Chauſſee. Die Sonne des andern Tages ſah ihn in Calais. Und da er jetzt den Canal zwiſchen ſich und John Chivery hatte, fing er an, ſich ſicherer zu fühlen, und zu finden, daß die Luft im Auslande leichter zu athmen war, als die Luft in England. Weiter auf den tiefſpurigen franzöſiſchen Straßen nach Paris. Da jetzt in Mr. Dorrit's Seele das Gleichgewicht ganz wieder hergeſtellt war, ſo beſchäftigte er ſich in ſeiner gemüthlichen Ecke mit Luftſchlöſſerbauen. Es war offen⸗ bar, daß er den Bau eines ſehr ausgedehnten Schloſſes be⸗ gonnen hatte. Den ganzen Tag lang baute er Thürme in die Höhe, trug er Thürme ab, baute hier einen Flügel an, ſetzte dort eine Zinne auf, ſah nach den Mauern, verſtärkte die Werke, gab dem Innern hier und dort neue Verzierun⸗ gen, kurz— er errichtete ein in jeder Hinſicht prunkvolles Schloß. Sein ſinnendes Geſicht verrieth ſo deutlich, womit er ſich beſchäftigte, daß jeder Krüppel in den Poſthäuſern, der nicht blind war, und ſeine kleine verbogene Blechſchaale zum Wagenfenſter hereinhielt, um um Almoſen im Namen des Himmels, im Namen der Mutter Gottes, im Namen aller Heiligen zu bitten, eben ſo gut wußte, was in ihm ar⸗ beitete, als es ihr Landsmann Lebrun gewußt hätte, wenn er den engliſchen Reiſenden zum Gegenſtand einer be⸗ ſondern phyſiognomiſchen Abhandlung gemacht hätte. In Paris angelangt, wanderte Mr. Dorrit während 74 Achtzehntes Kapitel. ſeines dreitägigen Aufenthalts viel allein in den Straßen herum, und blieb an den Ladenfenſtern, und vorzüglich an den Ladenfenſtern der Juweliere ſtehen. Zuletzt trat er bei dem berühmteſten Juwelier ein und ſagte, er wünſche ein kleines Geſchenk für eine Dame zu kaufen. Er brachte ſein Anliegen bei dem reizenden kleinen Frauchen an— einem muntern Frauchen, in beſtem Ge⸗ ſchmack gekleidet, das aus einer grünen Sammetlaube her⸗ vortrat, wo ſie in ſchmucken kleinen Rechnungsbüchern ar⸗ beitete, die man kaum zum Eintragen eines andern Han⸗ delsartikels, als Küſſe, für geeignet halten konnte, und wo ſie vor einem ſchmucken, kleinen, glänzenden Pult ſaß, welches ſchon für ſich wie ein Zauberwerk ausſah. „Welche Art Geſchenk wünſchte Monſieur wol zu machen?“ fragte die junge Dame,„ein Liebesgeſchenk?“ Mr. Dorrit lächelte und ſagte, nun, vielleicht. Wer könne das wiſſen? Bei den großen Reizen des weiblichen Geſchlechts ſei das immer möglich. Ob ſie ihm welche zeigen wollte? „Mit dem größten Vergnügen,“ ſagte die junge Dame. Sie ſei ganz entzückt, ihm viele vorzulegen. Aber Pardon! Zuerſt wolle er gütigſt bemerken, daß dieſes Liebesgeſchenke, und dieſes Hochzeitsgeſchenke wären. 3. B. dieſe reizend ſchönen Ohrringe und dieſes dazu gehörige prächtige Hals⸗ band würden ein Liebesgeſchenk ſein. Dieſe Brochen und dieſe Ringe von ſo anmuthiger und ausnehmender Schön⸗ Ein Luftſchloß. 75 heit möchte Sie, wenn es Monſieur erlaubte, lieber ein Hochzeitsgeſchenk nennen. „Vielleicht wird es angemeſſen ſein,“ meinte Mr. Dorrit lächelnd,„Beide zu kaufen, um zuerſt das Liebesgeſchenk und dann das Hochzeitsgeſchenk zu überreichen.“ „O Himmel!“ ſagte die junge Dame, und legte die Fingerſpitzen ihrer kleinen Hände zuſammen,„das wäre ganz beſonders galant! und ohne Zweifel würde die mit Geſchen⸗ ken ſo überſchüttete Dame Sie ganz unwiderſtehlich finden.“ Mr. Dorrit wußte das nicht ſo gewiß. Aber die muntre junge Dame war feſt davon überzeugt, ſagte ſie. So kaufte denn Mr. Dorrit ein Geſchenk von jeder der beiden Arten, und bezahlte anſehnlich dafür. Wie er nachher nach ſeinem Hotel zurückging, trug er den Kopf hoch, denn er hatte jetzt offenbar ſein Schloß viel höher emporgegipfelt, als die bei⸗ den viereckigen Thürme von Notredame in die Luft ragen. Aus allen Kräften mit ſeinem Bau beſchäftigt, aber die Pläne ſeines Schloſſes ganz für ſich behaltend, fuhr Mr. Dorrit weiter nach Marſeille. Er baute und baute fort, fleißig und unermüdlich vom Morgen bis zum Abende. Er ſchlief ein und ließ große Bauſteine in der Luft ſchweben; er wachte auf, um wieder an die Arbeit zu gehen und ſie an ihren Platz zu ſchaffen. Unterdeſſen ließ der Courier, hinten auf dem Bedientenſitz des jungen Johns beſte Cigarren rauchend, ein kleines Wölkchen dünnen Rauch's hinter ſich— dielleicht während auch er ein oder zwei Schlöſſer mit verzet⸗ telten Stücken von Mr. Dorrit's Gelde baute. Neunzehntes Kapitel. Keine von den befeſtigten Städten, durch welche ſie auf ihrer Reiſe fuhren, war ſo feſt, kein Domgiebel ſo hoch, wie Mr. Dorrit's Schloß. Weder die Saone noch die Rhone eilten ſo ſchnell, wie dieſes unvergleichliche Gebäude, ihrem Ziele zu; das Mittelländiſche Meer war nicht tiefer, als ſein Grundbau; die fernen Landſchaften auf der Corniceſtraße, oder die Hügel und die Bucht Genua's des prächtigen waren nicht ſchöner. Mr. Dorrit und ſein unvergleichliches Schloß landeten unter den ſchmutzigen weißen Häuſern und ſchmutzi⸗ geren Sträflingen Civita Vecchia's und rumpelten dann, ſo gut es ging, weiter nach Rom durch den Koth, der die Straßen bedeckte. Nennzehntes Kanitel. Der Sturm auf das Luſtſchloß. Die Sonne iſt volle vier Stunden untergegangen, und es war ſpäter, als ſich die meiſten Reiſenden gern außerhalb der Mauern Roms befinden möchten, als Mr. Dorrit's Wagen immer noch auf ſeiner letzten mühſamen Station über die einſame Campagna rollte. Die wilden Hirten und die finſter blickenden Bauern, welche noch den Weg belebt hatten, ſo lange es hell war, waren alle mit der Sonne untergegangen und ließen die Wildniß öde. Bei einigen ₰ Der Sturm auf das Luſtſchloß. 7 Wendungen des Wegs zeigte ein bleicher Schimmer am Hori⸗ zont, gleich einer meteoriſchen Ausdünſtung aus dem trüm⸗ merüberſäten Lande, daß die Stadt noch weit entfernt war; aber dieſer armſelige Troſt war von kurzer Dauer. Der Wagen ſenkte ſich bald wieder in einen Trog des ſchwarzen trockenen Meeres, und lange Zeit war Nichts ſichtbar, als der Kamm ſeiner verſteinerten Woge und der düſtre Himmel. Obgleich mit ſeinem Luftſchloßbau beſchäftigt, konnte Mr. Dorrit in dieſer einſamen Gegend doch nicht ganz ruhig ſein. Er war bei jedem Ausbiegen des Wagens und jedem Ruf der Poſtillone neugieriger, als er ſeit ſeiner Ab⸗ reiſe von London geweſen war. Der Bediente auf dem Bocke zitterte ſichtlich. Dem Courier auf dem Hinterſitz war es nicht leicht um's Herz. So oft Mr. Dorrit das Fenſter her⸗ unter ließ, und ſich nach ihm umſah(was ſehr oft geſchah), ſah er ihn allerdings John Chivery ausrauchen, aber dabei meiſtens ſtehen und ſich umſchauen, wie ein Mann, der ſeinen Verdacht hat und auf ſeiner Hut bleibt. Dann zog Mr. Dorrit das Fenſter wieder in die Höhe, und dachte bei ſich, dieſe Poſtillone wären banditenartig ausſehende Kerle, es wäre doch beſſer geweſen, wenn er in Civita Vecchia ge⸗ blieben und bei Zeiten früh des Morgens aufgebrochen wäre, aber trotzdem baute er von Zeit zu Zeit an ſeinem Schloſſe. Und jetzt verriethen Bruchſtücke verfallener Einfaſſungen, gähnende Fenſteröffnungen und morſche Mauern, verlaſſene Häuſer, geborſtene Brunnen und Ciſternen, geſpenſterhafte 6 78 3 Neunzehntes Kapitel. Cypreſſenbäume, Büſche verwilderter Reben und die Ver⸗ änderung des nur durch Geleiſe bezeichneten Wegs in eine lange unregelmäßige, unordentliche Gaſſe, wo Alles in Ver⸗ fall war, von den unanſehnlichen Gebäuden bis zum hol⸗ perigen Fahrweg, daß ſie ſich Rom näherten Und jetzt flößte ein plötzliches Ausbiegen und Anhalten des Wagens die Furcht ein, daß der Straßenräuberaugenblick gekommen ſei, ihn in einen Graben zu ſchleppen und auszurauben; bis er das Fenſter wieder herunter ließ und ſah, daß ihn nichts Schlimmeres anfiel, als eine Leichenprozeſſion, die, ein un⸗ deutliches Schauſpiel von ſchmutzigen Prieſterkleidern, flackern⸗ den Fackeln, dampfender Weihrauchpfanne und einem großen Kreuze, dem ein Prieſter nachfolgte, mit mechaniſcher Gleich⸗ gültigkeit ſingend an ihm vorüber zog. Der Prieſter war ein häßlicher Mann bei Fackellicht; von finſterm Ausſehen, mit einer überhängenden Stirn; und wie ſeine Augen denen Mr. Dorrits, der mit entblößtem Haupte aus dem Wagen herausſah, begegneten, ſchienen die vom Singen ſich bewe⸗ genden Lippen dieſem bedeutenden Mann zu drohen; auch die Bewegung ſeiner Hand, womit er eigentlich blos den Gruß des Reiſenden erwiderte, ſchien dieſe Drohung zu unterſtützen. So dachte Mr. Dorrit, deſſen Phantaſie durch die Anſtrengungen des Luftſchloßbauens und des Rei⸗ ſens aufgeregt war, wie der Prieſter und die Prozeſſion mit ihrer Leiche vorüber zogen. Seinen ganz andern Weg ging auch Mr. Dorrit mit ſeiner Dienerſchaft; und bald klopften ſie mit ihrer Wagenladung von Luxusartikeln aus — Der Sturm auf das Luftſchloß. 79 den beiden großen Hauptſtädten Europa's, gleich umgekehr⸗ ten Gothen, an die Thore Roms. Mr. Dorrit wurde von ſeinen eigenen Leuten dieſe Nacht nicht mehr erwartet. Man hatte ihn erwartet, hatte es aber bis zum andern Morgen aufgegeben, da man nicht glaubte, er werde in einer ſo ſpäten Zeit noch unterwegs ſein. Als daher ſein Wagen vor der eignen Thür hielt, er⸗ ſchien blos der Portier, um ihn zu empfangen. Iſt Miß Dorrit ausgebeten? frug er. Nein. Sie war drinnen. Gut, ſagte Mr. Dorrit zu den ſich allmälig ſammelnden Bedien⸗ ten; ſie ſollten bleiben, wo ſie wären; ſie ſollten den Wagen mit abladen helfen; ich werde Miß Dorrit ſelbſt aufſuchen. So ging er langſam und müde die große Treppe hin⸗ auf und blickte in verſchiedene Gemächer, welche leer waren, bis er Licht in einem kleinen Vorzimmer bemerkte. Es war ein verhangener Raum wie ein Zelt hinter zwei andern Ge⸗ mächern; und er nahm ſich warm und hell aus, wie er ſich ihm durch die dunkeln Vorzimmer näherte. Der Eingang war verhangen, ohne Thür; und wie er hier ſtehen blieb und ungeſehen hineinſchaute, fühlte er einen Stich im Herzen. Doch nicht etwa Eiferſucht? Doch warum Eiferſucht? Nur ſeine Tochter und ſein Bruder waren drin; er, den Stuhl an das Kamin gerückt, erfreute ſich der Wärme des abendlichen Holzfeuers; ſie ſaß an einem kleinen Tiſchchen mit einer Stickerei beſchäftigt. Sieht man von dem großen Unterſchied in den Rahmen des Bildes ab, 80 Neunzehntes Kapitel. ſo waren die Geſtalten ziemlich dieſelben, wie ehedem; denn ſein Bruder war ihm ähnlich genug, um ihn für einen Augenblick in dem Gemälde darzuſtellen. So hatte er manchen Abend über einem Steinkohlenfeuer in ferner Hei⸗ math geſeſſen; ſo hatte ſie geſeſſen, ſich ihm zu treuem Dienſte widmend. Und doch war in der alten elenden Armuth Nichts, worauf man hätte eiferſüchtig ſein können. Warum alſo dieſer Stich im Herzen?— „Weißt Du, Onkel, ich glaube, Du wirſt wieder jung.“ Der Onkel ſchüttelte den Kopf und ſagte:„ſeit wann, mein Kind, ſeit wann?“ „Ich glaube,“ ſagte Klein Dorrit, fleißig ihre Nadel durch den Stoff bewegend,„daß Du ſeit Wochen ſchon immer jünger biſt. So heiter, Onkel, und ſo raſch, und ſo theilnehmend.“ „Mein liebes Kind,— das machſt Du Alles.“ „Ich Alles! ich, Onkel!“ „Ja, ja. Du haſt unendlich gut auf mich eingewirkt. Du biſt ſo rückſichtsvoll gegen mich geweſen, und ſo lieb⸗ reich, und haſt ſo zartfühlend verſucht, Deine Aufmerkſam⸗ keiten mir zu verbergen, daß ich— ſchon gut, ſchon gut! Es geht nicht verloren, mein Herz, nicht verloren.“ V„Aber, lieber Onkel, das denkſt Du Dir blos,“ ſagte Klein Dorrit heiter. „Schon gut, ſchon gut!“ murmelte der Alte.„Gott ſei Dank!“ Sie hielt einen Augenblick in ihrer Arbeit inne, um ihn Der Sturm auf das Luftſchloß. 81 anzuſehen und ihr Blick machte wieder den früheren Schmerz in der Bruſt ihres Vaters lebendig; in dieſer armen, ſchwa⸗ chen Bruſt, ſo voller Widerſprüche, Schwankungen, Incon⸗ ſequenzen, den kleinen launiſchen Verlegenheiten dieſes un⸗ wiſſenden Lebens, Nebel, welche nur der Morgen ohne Nacht zerſtreuen kann. „Ich bin ungenirter bei Dir geweſen, ſeit wir allein ſind,“ ſagte der Alte.„Ich ſage allein, denn ich zähle Mrs. General nicht; ich kümmere mich nicht um ſie, ſie hat nichts mit mir zu thun. Aber ich weiß, daß Fanny immer mich zu tadeln hatte. Ich wundre mich nicht und klage auch nicht darüber, denn ich fühle, daß ich im Wege ſein muß, obgleich ich mich bemühe, ſo viel als möglich für mich zu bleiben. Ich weiß, daß ich keine paſſende Geſellſchaft für unſere Ge⸗ ſellſchaft bin. Mein Bruder William,“ ſagte der Alte be⸗ wundernd,„iſt geeignete Geſellſchaft für Monarchen; aber nicht dein Onkel, mein Herz. Frederick Dorrit macht William Dorrit keine Ehre, und er weiß es recht wohl. Ah! da iſt ja Dein Vater, Amy! lieber William, ſei mir willkommen! Geliebter Bruder, es freut mich unendlich, Dich zu ſehen!“ (Er hatte beim Sprechen den Kopf gewendet und dabei den Bruder in der Thüre ſtehen ſehen.) 4 Mit einem Freudenausruf umarmte Klein Dorrit ihren Vater und küßte ihn wieder und wieder. Ihr Vater war ein Wenig ungeduldig und ein Wenig verſtimmt.„Ich bin froh, Dich endlich zu finden, Amy,“ ſagte er.„Ha. Ich bin wirk⸗ lich froh— hm— endlich Jemand zu finden, der mich in Klein Dorrit. VIII. 6 82 Neunzehntes Kapitel. Empfang nimmt. Man ſcheint mich ſo wenig— ha— er⸗ wartet zu haben, daß ich auf mein Wort ſchon anfing— ha, hm— zu glauben, ich würde um Verzeihung bitten müſſen, daß ich mir— ha— die Freiheit genommen habe, überhaupt zurückzukommen.“ „Es war ſo ſpät, lieber William,“ ſagte ſein Bruder, „daß wir dich heute Nacht nicht mehr erwarteten.“ „Ich bin ſtärker als Du, lieber Frederick,“ entgegnete der Bruder mit einer gewiſſen Strenge im Ausdrucke ſeiner Stimme;„und ich hoffe, ich kann zu jeder Stunde— ha — ohne Nachtheil für mich reiſen.“ „Gewiß, gewiß,“ erwiderte der Andere mit einer unbe⸗ ſtimmten Ahnung, daß er verletzt habe.„Gewiß, William.“ „Ich danke Dir, Amy,“ fuhr Mr. Dorrit fort, wie ſie ihn aus ſeinen Umhüllungen heraushalf.„Ich kann es ohne Dich thun. Ich— ha— brauche Dich nicht zu bemühen, Amy. Könnte ich einen Biſſen Brod und ein Glas Wein haben, oder— hm— wird es zu viel Umſtände machen?“ „Lieber Vater, in wenig Minuten wirſt Du Dein Abend⸗ eſſen haben.“ „Ich danke Dir, meine Liebe,“ ſagte Mr. Dorrit mit vorwurfsvoller Kälte;„ich— ha— fürchte, ich mache Euch Ungelegenheiten— hm.— Befindet ſich Mrs. General wohl?“ „Mrs. General klagte über Kopfweh und Müdigkeit und da wir Dich nicht mehr erwarteten, ging ſie zu Bett.“ Vielleicht dachte Mr. Dorrit, daß Mrs. General gut ge⸗ Der Sturm auf das Luftſchloß. 83 than habe, von der Täuſchung über ſein Nichtkommen etwas angegriffen zu ſein. Jedenfalls nahm ſein Geſicht einen mil⸗ dern Ausdruck an und er ſagte mit offenbarer Befriedigung, „es thut mir ausnehmend leid, zu hören, daß Mrs. General nicht wohl iſt.“ Während dieſes kurzen Zwiegeſprächs hatte ſeine Tochter ihn mit etwas mehr als gewöhnlicher Theilnahme betrach⸗ tet; es ſchien, als ob er ihr verändert oder angegriffen vor⸗ komme und als ob er es bemerke und davon verletzt ſei; denn er ſagte wieder wie vorhin ärgerlich, als er ſeinen Reiſemantel abgelegt hatte und an das Feuer getreten war. „Amy, was ſiehſt Du mich an? Was ſiehſt Du an mir, um Dich zu veranlaſſen, Deine— ha— Aufmerkſamkeit auf mich in dieſer— ha— ſehr eigenthümlichen Weiſe zu concentriren?“ „Ich wußte es nicht, Vater; ich bitte um Verzeihung. Es thut meinen Augen wohl, Dich wiederzuſehen; das iſt Alles.“ 3 „Sage nicht, das ſei Alles, weil— ha— das nicht Alles iſt. Du— hm— Du glaubſt,“ ſagte Mr. Dorrit mit anklagendem Nachdruck,„daß ich nicht wohl ausſähe.“ „Ich glaube, Du ſiehſt ein Wenig angegriffen aus, lieber Vater.“ 4 „Dann irrſt Du Dich,“ ſagte Mr. Dorrit.— Ha— ich bin nicht angegriffen— ha, hm—. Ich bin viel fri⸗ ſcher, als ich bei meiner Abreiſe von hier war.“ Er war ſo geneigt, gereizt zu werden, daß ſie nichts mehr 6* 84 Neunzehntes Kapitel. zu ihrer Rechtfertigung ſagte, ſondern ruhig neben ihm ſtehen blieb und ſeinen Arm in den ihrigen nahm. Wie er ſo da ſtand und der Bruder auf der andern Seite neben ihm, fiel er plötzlich in einen ſchweren Schlaf von nicht minutenlan⸗ ger Dauer, aus dem er gleich wieder auffuhr. „Frederick.“ ſagte er, zu ſeinem Bruder ſich wendend:„ich empfehle Dir, auf der Stelle zu Bett zu gehen.“ „Nein, William, ich will warten, bis Du gegeſſen haſt.“ „Frederick,“ gab erzurück,„ich bitte Dich, zu Bett zu gehen. Ich— ha— mache es zu einer perſönlichen Bitte an Dich, zu Bett zu gehen. Du ſollteſt ſchon längſt zu Bett ſein. Du biſt ſehr ſchwach.“ „Ha!“ ſagte der Alte, der keinen andern Wunſch hatte, als den, ihm zu Willen zu ſein,„gut, gut! ich glaube, ich bin's.“ „Lieber Frederick,“ entgegnete Mr. Dorrit mit einem er⸗ ſtaunlichen Gefühl der Ueberlegenheit über ſeinen ſchwächer werdenden Bruder,„es läßt ſich gar nicht daran zweifeln. Es macht mir Schmerz, Dich ſo ſchwach zu ſehen.— Ha—. Es thut mir weh.— Hm.— Du ſiehſt mir durchaus nicht wohl aus, Du paſſeſt nicht für ein ſolches Leben. Du ſoll⸗ teſt Dich mehr in Acht nehmen, Du ſollteſt Dich mehr in Acht nehmen.“ „Soll ich zu Bett gehen?“ fragte Frederick. „Lieber Frederick,“ ſagte Mr. Dorrit,„geh, ich beſchwöre Dich! Gute Nacht, Bruder. Ich hoffe, Du wirſt morgen ſtärker ſein. Mir gefällt Dein Ausſehen gar nicht. Gute Der Sturm auf das Luftſchloß. 85 Nacht, Beſter.“ Nachdem er ſeinen Bruder auf dieſe gnädige Weiſe entlaſſen, ſank er wieder in einen kurzen Schlaf, ehe der Alte ganz aus dem Zimmer war, und er wäre vorwärts auf die Holzſtücke gefallen, wenn ſeine Tochter ihn nicht gehalten hätte. „Dein Onkel iſt ſehr zerſtreut, Amy,“ ſagte er, als er wieder aufwachte.„Er iſt weniger— ha— zuſammenhän⸗ gend und ſchweift mehr ab in— hm— ſeinen Reden, als mir— ha, hm— früher vorgekommen iſt. Iſt er krank geweſen während meines Wegſeins?“ „Nein, Vater.“ „Du— ha— ſiehſt eine größere Veränderung in ihm, Amy?“ „Ich hatte es nicht bemerkt, lieber Vater.“ „Sehr gebrochen,“ ſagte Mr. Dorrit,„ſehr gebrochen. Mein armer, liebreicher, gebrochener Frederick!— ha. Selbſt wenn ich bedenke, wie er früher war, iſt er— ha, hm— ſehr, ſehr gebrochen!“ Das Abendeſſen, welches jetzt hereingebracht und auf das Tiſchchen geſetzt wurde, wo er ſie hatte arbeiten ſehen, lenkte jetzt ſeine Aufmerkſamkeit ab. Sie ſaß neben ihm, wie in der frühern Zeit zum erſten Mal, ſeitdem jene Tage vorüber waren. Sie waren allein und ſie ſervirte ihm das Fleiſch und ſchenkte ihm den Wein ein, wie ſie im Gefängniß ge⸗ wohnt geweſen war. Alles dies geſchah jetzt zum erſten Male, ſeit ſie reich geworden waren. Seitdem er es vorhin ſo übel genommen, ſcheute ſie ſich, ihn viel anzuſehen; aber ſie be⸗ 86 Neunzehntes Kapitel. merkte zweimal im Verlaufe der Mahlzeit, daß er ſie plötzlich anſah und ſich umſchaute, als ob die Vorſtellungen in ihm ſo ſtark wären, daß er das Zeugniß ſeines Geſichtsſinnes brauchte, um ſich zu vergewiſſern, daß ſie nicht in dem alten Gefängnißzimmer wären. Beidemale fuhr er mit der Hand nach dem Kopf, als ob er ſein altes ſchwarzes Käppchen vermißte — obgleich es in der Marſhalſea ſchmählich verſchenkt wor⸗ den und nicht wieder herausgekommen war, ſondern immer noch auf dem Kopf ſeines Nachfolgers in den Höfen weilte. Er aß ſehr Wenig, brauchte aber ſehr lange dazu und kam wiederholt auf die abnehmenden Kräfte ſeines Bruders zurück. Obgleich er das größte Mitleid mit ihm ausſprach, wurde er doch faſt bitter über ihn. Er ſagte, der arme Fre⸗ derik— ha, hm— würde kindiſch. Es gäbe kein anderes Wort dafür als kindiſch. Der arme Menſch! Es wäre trau⸗ rig, zu bedenken, was Amy von der übermäßigen Langwei⸗ ligkeit ſeiner Geſellſchaft— mit ſeinem kindiſchen, und ein⸗ fältigen Geſchwätz, der arme gute Menſch— hätte ausſtehen müſſen, wenn ſie nicht Mrs. General zum Troſt gehabt hätte. Ausnehmend leid thäte es ihm, wiederholte er dann mit ſei⸗ ner frühern Befriedigung, daß dieſe— ha— ausgezeichnete Freau ſich nicht wohl befände. Klein Dorrit würde ſich in ihrer Alles beachtenden Liebe an das Unbedeutendſte, was er in dieſer Nacht ſagte oder that, haben erinnern können, wenn ſie auch keine ſpätere Urſache gehabt hätte, ſich dieſe Nacht zurückzurufen. Sie er⸗ innerte ſich ſtets, daß, wenn er unter dem ſtarken Einfluß der —8.— — Der Sturm auf das Luftſchloß. 87 alten Gedankenverbindung ſich umſah,— er dieſe immer von ihr und vielleicht auch von ſich dadurch fern zu halten ſuchte, daß er ſofort von den großen Reichthümern und der vorneh⸗ men Geſellſchaft ſprach, von denen er während ſeiner Reiſe umgeben geweſen, und von der hohen Stellung, die er und ſeine Familie aufrecht zu erhalten hätten. Auch konnte ſie nicht umhin, ſich zurückzurufen, daß durch alle ſein Reden und ſein ganzes Benehmen ſich zwei Bemühungen hindurch zogen; die eine, ihr zu zeigen, wie gut er ohne ſie ausgekommen und wie unabhängig er von ihr ſei; die andre, in launiſcher und unverſtändlicher Weiſe ſich faſt über ſie zu beklagen, als ob es möglich geweſen wäre, daß ſie ihn während ſeiner Ab⸗ weſenheit vernachläßigt hätte. Seine Erzählungen von dem prunkenden Reichthum Mr. Merdle's und von dem Hofe, der ihn in Demuth umgab, brachte ihn natürlich auf Mrs. Merdle. So natürlich kam dies, daß obgleich der größere Theil ſeiner Bemerkungen un⸗ gewöhnlich unzuſammenhängend war, er gleich auf ſie über⸗ ging und fragte, wie ſie ſich befände.— „Sie befindet ſich ſehr wohl. Sie reiſt nächſte Woche ab.“ „Nach Hauſe?“ fragte Mr. Dorrit. „Nachdem ſie ſich einige Wochen unterwegs aufgehalten hat.“ „Sie wird ein großer Verluſt für uns hier ſein,“ ſagte Mr. Dorrit.„Ein großer— ha— Gewinn für zu Hauſe. Für Fanny und für— n— den Reſt der— ha— großen Welt.“ 88 Neunzehntes Kapitel. Klein Dorrit dachte an den Wettbewerb, der beginnen ſollte und gab ſehr ſchüchtern ihre Zuſtimmung. „Mrs. Merdle gibt eine große Abſchied⸗Aſſemblée, lie⸗ ber Vater und ein Diner vorher. Sie hat ſehr lebhaft ihren Wunſch ausgeſprochen, daß Du noch zur rechten Zeit zurück⸗ kehren möchteſt. Sie hat Dich und mich zu ihrem Diner eingeladen.“ „Sie iſt— ha— ſehr gütig. Wann iſt der Tag?“ „Uebermorgen.“ „Schreibe ihr morgen und melde ihr meine Rückkehr und ſage ihr, daß ich mir— hm— die Ehre geben würde.“ „Soll ich Dich die Treppe hinauf in Dein Zimmer be⸗ gleiten, lieber Vater?“ „Nein,“ gab er mit einem ärgerlichen Blick zur Antwort, denn er war im Begriff, hinauszugehen, als vergäße er das Gute Nacht ſagen.„Nein, Amy. Ich brauche keine Unter⸗ ſtützung. Ich bin Dein Vater, nicht Dein hinfälliger On⸗ kel!“ Er unterbrach ſich hier ſo plötzlich, wie er dieſe Antwort gegeben hatte und ſagte:„Du haſt mir keinen Kuß gegeben, Amy. Gute Nacht, Liebe!— Wir müſſen an eine Partie denken— für Dich, meine Gute.“ Damit ging er lang⸗ ſamer und müder die Treppe hinauf, in ſeine Gemächer und entließ, kaum dort vorgekommen, ſeinen Kammerdiener. Seine nächſte Sorge war, ſich ſeine pariſer Einkäufe anzu⸗ ſehen, und nachdem er die Käſtchen geöffnet und ſie ſorgſam beſchaut hatte, ſie unter Schloß und Riegel zu bringen. Dennoch verlor er ſich theils mit Schlafanfällen und theils Der Sturm auf das Luftſchloß. 89 mit Luftſchlöſſer bauen ſo lange, daß am öſtlichen Rande der öden Campagna ſchon ein leichtes Morgengrauen zu be⸗ merken war, ehe er zu Bett ging. Mrs. General ſchickte nächſten Tag zur frühen Stunde ihre Complimente herauf und hoffte, er werde nach ſeiner anſtrengenden Reiſe wohl geruht haben. Er ſchickte ſeine Complimente hinunter und bat, Mrs. General zu melden, daß er ſehr wohl geruht habe und ſich ſehr wohl befinde. Trotzdem verließ er ſeine Zimmer erſt ſehr ſpät des Nachmit⸗ tags; und obgleich er ſich dann zu einer Ausfahrt mit Mrs. General und ſeiner Tochter prächtig hatte ankleiden laſſen, entſprach ſein Ausſehen kaum der Beſchreibung, die er von ſich gegeben hatte. Da die Familie heute keinen Beſuch hatte, ſpeiſten ihre vier Mitglieder allein mit einander. Er führte Mrs. Gene⸗ ral mit unendlicher Feierlichkeit auf den Platz an ſeiner rech⸗ ten Seite und Klein Dorrit konnte nicht verfehlen, zu be⸗ merken, wie ſie mit ihrem Onkel folgte, daß er ebenfalls wieder ſehr ſorgfältig gekleidet war und daß ſein Benehmen gegen Mrs. General etwas Eigenthümliches hatte. Die Voll⸗ kommenheit der Außenſeite dieſer hochgebildeten Dame machte es ſchwer, ein Atom ihrer gentilen Glaſur von der Stelle zu bringen, aber Klein Dorrit glaubte, ein kaum bemerkbares Thautröpfchen des Frohlockens in einem Winkel ihres kalten Auges zu entdecken. Trotzdem, was wir hier die Pflaumen⸗ und Prismennatur des Familienbanquets nennen dürfen, ſchlief Mr. Dorrit 90 Neunzehntes Kapitel. während deſſelben mehreremal ein. Dieſe Anfälle kamen ſo plötzlich wie geſtern Abend und der Schlaf war eben ſo kurz⸗ dauernd und tief. Beim erſten Male machte Mrs. General ein faſt erſtauntes Geſicht; aber ſo oft ſich alsdann die Sym⸗ ptome wieder einſtellten, zählte ſie ihren Höflichkeitsroſen⸗ kranz Papa, Puter, Pflaumen und Prismen ab, und wurde, da ſie dieſes unfehlbare Heilmittel ſehr langſam anwendete, um dieſelbe Zeit damit fertig, wo Mr. Dorrit wieder auf⸗ wachte. Er bemerkte wieder mit Schmerzen ein ſchlafſüchtiges Weſen bei Frederick(welches blos in ſeiner Einbildung vor⸗ handen war) und bat nach dem Eſſen, als Frederick ſich ent⸗ fernt hatte, Mrs. General privatim um Verzeihung für den Armen.„Mein höchſt achtbarer und liebreicher Bruder,“ ſagte er,„aber— ha, hm— ganz zuſammengebrochen. Leider geht es raſch mit ihm zu Ende.“ „Mr. Frederick, Sir,“ entgegnete Mrs. General,„iſt für gewöhnlich zerſtreut und hinfällig, aber wir wollen hoffen, daß es noch nicht ſo ſchlimm iſt.“ Mr. Dorrit war jedoch entſchloſſen, ihn nicht ſo billigen Kaufs wegkommen zu laſſen.„Es geht raſch mit ihm zu Ende, Madam. Er iſt eine vollkommene Ruine. Er ſinkt vor unſern Augen zuſammen— hm— der gute Frederick!“ „Sie verließen Mrs. Sparkler ganz wohl und glücklich, hoffe ich,“ ſagte Mrs. General, nachdem ſie Frederik mit einem kühlen Seufzer beſchenkt hatte. „Umgeben“ entgegnete Mr. Dorrit,„von Allem— ha— v.,— —— v.,— —y.— Der Sturm auf das Luftſchloß. 91 was dem Geiſt gefallen und— hm— die Seele erheben kann. Glücklich, verehrte Madam, im Beſitz eines— hm— Gatten.“ Mrs. General wurde etwas aufgeregt und ſchien zart⸗ fühlend das Wort mit ihren Handſchuhen bei Seite zu ſchie⸗ ben, als ob man nicht wiſſe, zu was es führen könnte. „Fanny,“ fuhr Mr. Dorrit fort,„Fanny, Mrs. Gene⸗ ral, hat ausgezeichnete Eigenſchaften.— Ha— Ehrgeiz— hm feſten Vorſatz, Bewußtſein ihrer— ha— Stellung, Entſchloſſenheit, dieſe Stellung zu behaupten— ha, hm— Anmuth, Schönheit und angebornen Adel.“ „Ohne Zweifel,“ ſagte Mrs. General mit etwas mehr Steifheit als gewöhnlich. „Verbunden mit dieſen Eigenſchaften, Madam,“ ſagte Mr. Dorrit,„hat Fanny— ha— einen Flecken gezeigt, der mich— hm— beſorgt gemacht und— ha— ich muß hinzuſetzen, erzürnt hat; aber ich hoffe, daß dieſer jetzt mit Bezug auf ſie ſelbſt für beſeitigt gelten kann und daß er je⸗ denfalls in Bezug auf andere beſeitigt iſt.“ „Was können Sie meinen, Mr. Dorrit,“ entgegnete Mrs. General, deren Handſchuhe ſich abermals etwas auf⸗ geregt zeigten.„Ich kann mir durchaus nicht—“ „Sagen Sie das nicht, Madam,“ unterbrach Mr. Dorrit. Als Mrs. General's Stimme erſtarb, ſprach ſie die Worte:„ich kann mir durchaus nicht denken.“ Darauf verfiel Mr. Dorrit plötzlich wieder in einen 92 Neunzehntes Kapitel. Schlaf von ungefähr einer Minute Dauer und raffte ſich daraus mit krampfhafter Hurtigkeit auf. „Ich meine, Mrs. General, jenen— ha— ſtarken Wi⸗ derſpruchsgeiſt oder— hm— ich möchte ſagen— ha— jene Eiferſucht Fanny's, welche ſie gelegentlich gegen die— ha — Würdigung an den Tag gelegt hat, die ich den— hm— den Anſprüchen— ha— der Dame zolle, mit der ich jetzt die Ehre habe zu ſprechen.“ „Mr. Dorrit,“ entgegnete Mrs. General,„iſt immer zu verbindlich, zu bereitwillig mit ſeiner Anerkennung. Wenn es Augenblicke gegeben hat, wo es mir vorgekommen iſt, als ob Miß Dorrit in der That verletzt wäre von der gün⸗ ſtigen Meinung, mit welcher Mr. Dorrit meine Dienſte be⸗ trachtet, ſo habe ich in dieſer nur zu günſtigen Meinung meinen Troſt und meine Belohnung gefunden.“ „In der hohen Meinung von Ihren Dienſten, Madam?“ ſagte Mr. Dorrit. „Meiner Dienſte,“ wiederholte Mrs. General in einer elegant eindrucksvollen Weiſe. „Nur Ihre Dienſte, liebe Madam?“ ſagte Mr. Dorrit. „Ich vermuthe, nur meine Dienſte,“ entgegnete Mrs. Ge⸗ neral in ihrer frühern Weiſe.„Denn welchem Umſtande ſonſt könnte ich zuſchreiben—“ ſagte Mrs. General mit einer kaum merklichen fragenden Bewegung ihrer Handſchuhe. „Zuſchreiben— ha— ſich ſelbſt, Mrs. General. Ha, hm. Sich ſelbſt und Ihren Verdienſten,“ gab Mr. Dorrit zur Antwort. —— —y—— Der Sturm auf das Luftſchloß. 93 „Mr. Dorrit wird mir die Bemerkung verzeihen, daß dies nicht die Zeit, noch der Ort iſt, dieſes Geſpräch fortzu⸗ ſetzen,“ ſagte Mrs. General.„Mr. Dorrit wird entſchuldi⸗ gen, wenn ich ihn erinnere, daß ſich Miß Dorrit im Neben⸗ zimmer befindet und daß ich ſie ſogar ſehe, während ich ſie nenne. Mr. Dorrit wird mir verzeihen, wenn ich bemerke, daß ich aufgeregt bin und daß ich finde, es gibt Augen⸗ blicke, wo Schwächen, die ich überwunden zu haben glaubte, mit verdoppelter Macht wiederkehren. Mr. Dorrit wird mir erlauben, mich zu entfernen.“ „Hm. Vielleicht können wir dieſes— hm— ha— zu einer andern Zeit wieder aufnehmen,“ ſagte Mr. Dorrit; außer, wenn es Ihnen, was ich nicht hoffe— hm— Ihnen, Mrs. General, in anderer Weiſe— ha— unangenehm ſein ſollte.“ „Mr. Dorrit,“ ſagte Mrs. General und ſenkte die Augen zu Boden, während ſie mit einer Verbeugung aufſtand,„hat immer auf meine Ehrerbietung und meinen Gehorſam An⸗ ſpruch.“ Mrs. General ſchwebte dann ſtattlich hinaus und nicht ſo tief erſchüttert, als man bei einer weniger merkwürdigen Dame hätte erwarten ſollen. Mr. Dorrit, der ſeinen Theil des Zwiegeſprächs mit einer gewiſſen majeſtätiſchen und he⸗ wundernden Herablaſſung geführt hatte— ziemlich wie manche Leute ſich in Kirchen benehmen und ihren Theil zur Liturgie beitragen— zeigte ſich im Ganzen ſehr wohl zufrie⸗ den mit ſich und auch mit Mrs. General. Als dieſe Dame 94 Neunzehntes Kapitel. zum Thee wieder erſchien, hatte ſie ſich mit ein wenig Puder und Pomade aufgefriſcht und auch im Innern war eine Ver⸗ änderung eingetreten; letztere zeigte ſich in einer gewiſſen huldvollen Gönnermiene gegen Miß Dorrit und in einem ſo zärtlichen Intereſſe für Mr Dorrit, als ſich mit ſtrengſtem Anſtand vertrug. Am Schluſſe des Abends, als ſie aufſtand, um ſich zurückzuziehen, ergriff Mr. Dorrit ihre Hand, als wollte er ſie auf die Piazza del Popolo hinausführen, um bei Mondenſchein eine Menuet zu tanzen, und geleitete ſie mit großer Feierlichkeit bis an die Zimmerthür, wo er ihre Knöchel an die Lippen drückte. Nachdem er von ihr alſo mit einem Kuß geſchieden war, den man gewiſſermaßen knochig hätte nennen können und deſſen Geſchmack einigermaßen kosmetiſch ſein mußte, gab er ſeiner Tochter huldvoll ſeinen Segen. Nach dieſer Andeutung, daß etwas Merkwürdiges im Anzuge ſei, begab er ſich wieder zu Bett. Er blieb den ganzen nächſten Morgen allein auf ſeinem Zimmer; aber zu einer frühen Stunde des Nachmittags ſchickte er durch Mr. Tinkler ſeine beſten Complimente an Mrs. General und bat ſie, Miß Dorrit ohne ihn auf einer Spazierfahrt zu begleiten. Seine Tochter war für Mrs. Merdle's Diner bereits angekleidet, als er erſchien. Er ſtellte ſich jetzt „ ſichtlich der Kleidung ſehr glanzvoll, aber im Uebrigen zu⸗ ſammengeſunken und alt dar. Da er aber offenbar entſchloſ⸗ ſen war, ihr zu zürnen, wenn ſie ſich nur nach ſeinem Be⸗ finden erkundigte, wagte ſie blos, ihn auf die Wange zu küſ⸗ ſen, ehe ſie ihn mit bangem Herzen zu Mrs. Merdle begleitete. —— Der Sturm auf das Luftſchloß. 95 Die Entfernung, welche ſie zurückzulegen hatten, war ſehr gering, aber er war wieder mit ſeinen Luftſchlöſſern be⸗ ſchäftigt, ehe der Wagen den Weg halb zurückgelegt hatte. Mrs Merdle empfing ihn mit großer Auszeichnung; der Buſen war bewundernswürdig conſervirt und ſehr zufrieden mit ſich, das Diner war vortrefflich und die Geſellſchaft ſehr gewählt. Es waren faſt lauter Engländer; nur daß der gewöhn⸗ liche franzöſiſche Graf und der gewöhnliche italieniſche Mar⸗ cheſe— die zur Ausſchmückung dienenden geſellſchaftlichen Meilenſteine, die immer an gewiſſen Orten zu finden ſind und in ihrem Ausſehen ſich ſehr wenig verändern— mit darunter waren. Der Tiſch war lang und das Diner dauerte lange; und Klein Dorrit, überſchattet von einem gewaltigen ſchwarzen Backenbart und einer hohen weißen Halsbinde, verlor ihren Vater ganz aus den Augen, bis ein Bedienter ihr ein Zettelchen mit einer zugeflüſterten Bitte von Mrs. Merdle, es gleich zu leſen, überbrachte. Mrs. Merdle hatte mit Bleiſtift darauf geſchrieben:„Bitte, kommen Sie und ſprechen Sie mit Mr. Dorrit. Ich fürchte, er iſt unwohl.“ Sie eilte unbeobachtet auf ihn zu, als er von ſeinem Stuhle aufſtand, ſich über die Tafel beugte und in der Mei⸗ nung, ſie ſei noch auf ihrem Platz, ſie rief: „Amy, Amy, mein Kind!“ Der Auftritt war ſo ungewöhnlich, ganz abgeſehen von ſeinem ſeltſam aufgeregten Weſen und dem ſeltſam aufge⸗ 96 Neunzehntes Kapitel. regten Ton ſeiner Stimme, daß auf der Stelle das tiefſte Schweigen entſtand. „Gute Amy!“ wiederholte er.„Geh doch und ſieh, ob Bob den Dienſt als Schließer hat!“ Sie war neben ihm und faßte ihn an, aber er blieb immer noch bei der Meinung, ſie ſei auf ihrem Platze und rief über die Tafel vorgebogen hinüber:„Amy, Amy. Ich fühle mich nicht ganz wohl. Ha. Ich weiß nicht, was mit mir iſt. Ich möchte gern Bob ſprechen. Ha. Von allen Schließern iſt er mir ſo gut befreundet wie Dir. Sieh, ob Bob den Dienſt hat und bitte ihn, zu mir zu kommen.“ Alle Gäſte ſtanden jetzt voller Beſtürzung auf. „Lieber Vater, ich bin nicht dort, ich ſtehe hier neben dir.“ „O! Du biſt hier, Amy! Gut. Hm. Gut. Ha. Rufe Bob. Wenn er abgelöſt iſt und nicht an der Thür ſteht, ſo mag Mrs. Bangham ihn holen.“ Sie verſuchte ſanft, ihn wegzuführen; aber er wider⸗ ſtand und wollte nicht fort. „Ich ſage Dir, Kind,“ ſagte er ärgerlich, nich kann ohne Bob nicht die engen Treppen hinauf. Ha. Laß Bob holen. Hm. Laß Bob holen— den beſten von allen Schließern— laß Bob holen!“ Er ſah verwirrt um ſich und fing an, als er ſich bewußt wurde, daß ſo viele Geſichter ihn umringten: „Geehrte Damen und Herren, es fällt mir— ha— die Pflicht zu, Sie willkommen zu heißen— hm— in der XXXI Eine nnermartete Nachtisch⸗Kede. 5 ———— Der Sturm auf das Luftſchloß. 97 Marſhalſea. Willkommen in der Marſhalſea! Der Raum iſt— ha— beſchränkt— beſchränkt— der Spazierplatz könnte größer ſein; aber er wird Ihnen bald geräumiger vorkommen— nach einiger Zeit, meine Damen und Her⸗ ren— und die Luft iſt, Alles in Allem betrachtet, ſehr gut. Sie weht über die— ha— Hügel von Surrey, weht über die Hügel von Surrey. Dies iſt das Stille Vergnügen. Hm. Im Gange erhalten durch eine kleine Subſeription der— ha— Körperſchaft der Collegiaten. Dafür erhalten wir— heißes Waſſer— Küche zum allgemeinen Gebrauch— und kleine häusliche Genüſſe. Diejenigen, welche an die— ha — Marſhalſea gewöhnt ſind, haben die Güte, mich ihren Vater zu nennen. Ich bin gewöhnt, von Fremden begrüßt zu werden als der— ha— Vater der Marſhalſea. Gewiß, wenn jahrelanger Aufenthalt einen Anſpruch auf einen ſo — ha— ehrenvollen Titel begründet, ſo darf ich dieſe— hm— Auszeichnung wol annehmen. Mein Kind, geehrte Damen und Herren. Meine Tochter. Hier geboren!“ Sie ſchämte ſich deſſen nicht und ſchämte ſich ſeiner nicht. Sie war blaß und erſchrocken; aber ſie hatte keine andern Sorgen, als ihn zu beruhigen und ihn fortzubringen nur um ſeiner ſelbſt willen. Sie ſtand zwiſchen ihm und den verwunderten Geſichtern und lag an ſeiner Bruſt, ihr Antlitz zu ihm empor gekehrt. Er hielt ſie mit ſeinem linken Arm umſchlungen und bisweilen hörte man ihre gedämpfte Stimme ihn zärtlich bitten, mit ihr fortzugehen. „Hier geboren,“ wiederholte er, in Thränen ausbrechend. Klein Dorrit. VIII. 7 98 Neunzehntes Kapitel. „Hier geboren. Geehrte Damen und Herren, meine Tochter. Das Kind eines unglücklichen Vaters, aber— ha— immer ein Gentleman. Arm allerdings, aber— hm— ſtolz. Im⸗ mer ſtolz. Es iſt ein— hm— nicht ſeltener Gebrauch für meine— ha— perſönlichen Bewunderer geworden— nur für meine perſönlichen Bewunderer— die Güte zu haben, ihren Wunſch, meine halbamtliche Stellung hier anzuerkennen, deutlich dadurch zu erkennen zu geben, daß Sie mir— ha— einen kleinen Tribut zollen, welcher gewöhnlich die Form von— ha— Geſchenken annimmt— Geldgeſchenken. Bei Annahme dieſer— ha— freiwilligen Anerkenntniſſe mei⸗ ner beſcheidenen Bemühungen hier— hm— einen Ton aufrecht zu erhalten— einen Ton— verſteht es ſich meiner Meinung nach von ſelbſt, daß ich mich nicht als compromit⸗ tirt betrachte. Ha. Nicht als compromittirt. Ha. Kein Bett⸗ ler. Nein; ich weiſe den Titel zurück! Gleichzeitig ſei es fern von mir— die— hm— edlen Gefühle, welche meine zu parteiiſch geſinnten Freunde hegen, zu verletzen, indem ich einzugeſtehen verabſäume, daß dieſe Geſchenke— hm— ſehr annehmbar ſind. Im Gegentheil, ſie ſind höchſt annehm⸗ bar. In meines Kindes Namen, wenn nicht in meinem eig⸗ nen, geſtehe ich es in der vollſtändigſten Weiſe ein, wobei ich zugleich— ha— ſoll ich ſagen meine perſönliche Würde mir wahre. Verehrte Damen und Herren, Gott ſegne Sie Alle.“ Um dieſe Zeit hatte der ausnehmende Aerger, welchen der Vorfall dem Buſen verurſachte, den größern Theil der Der Sturm auf das Luftſchloß. 99 Geſellſchaft bewogen, ſich in andere Zimmer zurückzuziehen. Die Wenigen, welche ſo lange geblieben waren, folgten nun den Uebrigen und Klein Dorrit und ihr Vater waren den Bedienten und ſich ſelbſt überlaſſen. Liebſter und beſter Va⸗ ter, wollte er jetzt nicht mit ihr gehen? Auf ihre innigen Bitten gab er zur Antwort, er werde niemals die ſchmale Treppe hinaufkommen ohne Bob, wo Bob ſei, ob Niemand Bob holen wolle! Unter dem Vorwand, Bob zu ſuchen, brachte ſie ihn hinaus gegen den Strom der glänzenden Ge⸗ ſellſchaft, die ſich jetzt zur Abendaſſemblée einfand, und in eine Kutſche, die gerade ihre Ladung abgeſetzt hatte, und ſo nach Hauſe. Die breiten Treppen ſeines römiſchen Pallaſtes erſchie⸗ nen ſeinem verwirrten Auge wie die ſchmale Stiege ſeines Londoner Gefängniſſes; und er ließ ſich von Niemandem an⸗ rühren, als von ihr, ſeinen Bruder ausgenommen. Sie brachten ihn ohne Hülfe auf ſein Zimmer und legten ihn auf ſein Bett. Und von dieſer Stunde an ſtrich ſein armer, ge⸗ lähmter Geiſt, nur des Ortes gedenkend, wo er ſein Schwei⸗ gen gebrochen, den Traum, den er ſeitdem gehabt, und kannte wieder nichts weiter als die Marſhalſea. Wenn er Schritte auf der Straße hörte, hielt er ſie für die alten, müden Tritte in den Höfen. Wenn die Stunde zum Zuſchließen gekom⸗ men war, glaubte er, alle Fremde wären für die Nacht hin⸗ ausgeſchloſſen. Als die Zeit zum Aufſchließen wiederkam, ſehnte er ſich ſo ſehr nach Bobs Anblick, daß ſie endlich eine Geſchichte erfinden mußten, daß Bob— damals ſeit vielen 7* 100 Neunzehntes Kapitel. Jahren todt, der gute Schließer— ſich erkältet habe und hoffentlich morgen oder den nächſten oder gewiß den über⸗ nächſten Tag werde ausgehen können. Er wurde ſo ſchwach, daß er nicht die Hand in die Höhe heben konnte. Aber immer noch begönnerte er ſeinen Bruder nach ſeiner alten Gewohnheit, und ſagte fünfzigmal des Tages, wenn er ihn am Bett ſtehen ſah, huldvoll zu ihm: „guter Frederick, ſetz Dich. Du biſt wirklich ſehr ſchwach.“ Sie verſuchten es mit Mrs. General, aber er kannte ſie nicht im Mindeſten. Er konnte einen ſchlimmen Verdacht nicht los werden, daß ſie Mrs. Bangham verdrängen wolle und dem Trunk ergeben ſei. Er warf ihr dies in nicht ge⸗ meſſenen Ausdrücken vor; und drang ſo heftig in ſeine Toch⸗ ter, zum Marſhal zu gehen und ihn zu bitten, ſie hinaus⸗ zuweiſen, daß ſie nach dieſem erſten fehlgeſchlagenen Verſuch nie wieder vor ihm erſchien. Außer daß er einmal fragte, ob Tip hinausgegangen ſei? ſchien die Erinnerung an ſeine beiden nicht anweſenden Kin⸗ der ganz von ihm gewichen zu ſein. Aber das Kind, das ſo Viel für ihn gethan und ſo armſeligen Lohn dafür gefunden hatte, vergaß er nie. Nicht, daß er ſie ſchonte oder fürchtete, ſie möge ſich durch Wachen übermäßig anſtrengen; er war in dieſer Hinſicht nicht beſorgter um ſie als gewöhnlich. Nein; er liebte ſie in ſeiner alten Weiſe. Sie waren wieder im Schuldgefängniß und ſie pflegte ihn und er bedurfte ihrer beſtändig und konnte ſich ohne ſie nirgends hinwenden; und er ſagte ihr ſogar manchmal, daß er gern für ſie viel gelitten —c···. 2 —ꝗꝙꝗ̃—- Der Sturm auf das Luftſchloß. 101 haben wolle. Was ſie betrifft, ſo beugte ſie ihr ſtilles Ge⸗ ſicht über ſein Bett und hätte ihr Leben hingegeben, um ihn wieder herzuſtellen. Als er auf dieſe ſchmerzloſe Weiſe zwei oder drei Tage lang an Kräften abgenommen hatte, bemerkte ſie, daß ihn das Picken ſeiner Uhr ſehr beunruhigte— eine prunkhafte goldene Uhr, die ſo viel Lärm mit ihrem Gehen machte, als ob nichts ginge als ſie und die Zeit. Sie ließ ſie ab⸗ laufen; aber er war immer noch unruhig und gab zu ver⸗ ſtehen, daß er das nicht meine. Endlich raffte er ſich genug auf, um erklären zu können, daß er Geld auf die Uhr aufge⸗ nommen wiſſen wollte. Er war ordentlich froh, als ſie vor⸗ gab, ſie zu dieſem Zwecke mit fortzunehmen und ſpäter ſchmeckten ihm die kleinen Delikateſſen von Wein und Gelee viel beſſer als früher. Es wurde bald klar, daß dies ganz nach ſeinem Sinn war; denn ein oder zwei Tage ſpäter ſchickte er ſeine Hemd⸗ knöpfe und Ringe fort. Es gereichte ihm zur ganz erſtaun⸗ lichen Befriedigung, ihr dieſe Aufträge anzuvertrauen und ſchien ſie als gleichbedeutend mit den methodiſchſten und vorſorglichſten Anordnungen zu betrachten. Nach ſeinen Kleinodien oder wenigſtens denjenigen, die in ſeinem Ge⸗ ſichtsbereich waren, zogen ſeine Kleidungsſtücke ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf ſich; und es iſt wol möglich, daß ihn einige Tage die Befriedigung am Leben erhielt, ſie Stück für Stück zu einem eingebildeten Pfandverleiher wandern zu ſehen. So beugte ſich Klein Dorrit zehn Tage lang über ſein 102 Neunzehntes Kapitel. Kiſſen und ließ ihre Wange an der ſeinen ruhen. Manchmal war ſie ſo erſchöpft, daß ſie einige Augenblicke neben ihm einſchlummerte. Dann wachte ſie wieder auf, um mit raſch fließenden ſtummen Thränen zu bedenken, was ſie mit ihrem Geſicht berührt hatte und zu ſehen, wie ſich auf das geliebte Geſicht ein tieferer Schatten ſenkte, als der Schatten der Marſhalſea. Unmerklich ſchmolzen alle Linien des Planes zu dem großen Schloſſe dahin, eine nach der andern. Unmerklich wurde das Geſicht, auf welches ſie gezeichnet waren, glatt und leer. Unmerklich verſchwanden die Schatten von dem Gefängnißgitter und die Eiſenſtacheln auf der Mauerkrone. Unmerklich wurde das Geſicht zu einem viel jüngern Eben⸗ bild des ihrigen, als ſie ſonſt unter dem grauen Haar geſe⸗ hen hatte, und war zur Ruhe eingegangen. Anfangs war ihr Onkel wie von Sinnen.„O mein Bru⸗ der! O William, William! Du gehſt von mir; Du gehſt allein; Du gehſt und ich bleibe! Du, ſo hoch ſtehend, ſo ausgezeichnet, ſo voll Adel; ich, ein armes, nichtsnutziges Geſchöpf, das Niemand vermißt haben würde!“ Das that ihr für jetzt inſofern gut, als ſie an ihn den⸗ ken und ihn aufrecht erhalten mußte.„Onkel, lieber Onkel, ſchone Dich, ſchone mich!“ Der alte Mann war gegen die letzten Worte nicht taub. Als er anfing, ſich zu mäßigen, that er es, um ihr keinen Schmerz zu machen. Er kümmerte ſich nicht um ſich; aber mit der ganzen Kraft, die ſeinem ehrlichen Herzen noch übrig —9ð —.. Der Sturm auf das Luftſchloß. 103 blieb, dem Herzen, das ſo lange geſchlummert hatte und jetzt erwachte, um gebrochen zu werden, ehrte und ſegnete er ſie. „O Gott,“ rief er und faltete über ihr ſeine gerunzelten Hände, ehe er das Zimmer verließ.„Du ſiehſt dieſe Tochter meines geliebten verſtorbenen Bruders! Alles, was ich mit meinen halbblinden und ſündigen Augen geſehen habe, haſt Du klar und hell erkannt. Kein Haar ihres Hauptes ſoll vor Dir gekrümmt werden! Du wirſt ſie aufrecht erhalten bis zu ihrer letzten Stunde. Und ich weiß, Du wirſt ſie belohnen im Jenſeits!“ Sie blieben in einem halberleuchteten Zimmer daneben, bis es Mitternacht war, Beide ſtill und traurig. Manchmal ſuchte ſein Schmerz Erleichterung in einem Ausbruch, gleich jenem, in welchem er zuerſt Ausdruck geſucht hatte; aber außer daß der geringe, ihm noch übrige Reſt von Kraft nicht lange ſolchen Anforderungen genügen konnte, erinnerte er ſich auch ſtets wieder ihrer Worte, machte ſich Vorwürfe und beruhigte ſich. Die einzige Aeußerung, mit der er ſeinem Schmerz Luft machte, war der häufige Ausruf, daß ſein Bruder allein gegangen ſei; daß ſie beiſammen beim Aus⸗ gange ihrer Lebensbahn geweſen, daß ſie zuſammen ins Un⸗ glück gerathen; daß ſie zuſammengehalten während der lan⸗ gen Jahre der Armuth; daß ſie zuſammen geblieben bis auf den heutigen Tag und daß ſein Bruder allein, allein ge⸗ gangen ſei! Von ſchwerem Kummer bedrückt, ſchieden ſie. Sie wollte ihn nicht wo anders verlaſſen, als in ſeinem eignen Zimmer 104 Neunzehntes Kapitel. und ſie ſah ihn ſich in ſeinen Kleidern auf das Bett legen und deckte ihn mit eignen Händen zu. Dann ſank ſie auf ihr eignes Bett und fiel in einen tiefen Schlaf: den Schlaf der Erſchöpfung und Ruhe, obgleich nicht vollſtändiger Be⸗ freiung von einem Alles durchdringenden Schmerzbewußtſein. Schlummere, gute Klein Dorrit. Schlummere die Nacht hindurch! Es war eine mondhelle Nacht; aber der Mond ging ſpät auf, da er längſt über den Vollmond hinaus war. Als er hoch an dem friedlichen Himmel ſtand, ſchien er durch halbgeſchloſſene Jalouſien in das feierlich ſtille Zimmer, wo die Irrthümer und Wanderungen eines Lebens vor ſo kurzer Zeit geendigt hatten. Zwei ſtumme Geſtalten waren im Zimmer; zwei Geſtalten gleich ſtarr und regungslos, gleich⸗ mäßig durch eine unüberſchreitbare Entfernung entrückt der lebensvollen Erde und Allem, was ſie enthält, obgleich ihr Schooß ſie bald bergen ſoll. Eine Geſtalt ruhte auf dem Bett. Die andere kniete auf dem Fußboden und war über die erſtere geſunken; die Arme ruhten leicht und friedlich auf der Bettdecke; das Antlitz war herabgeſunken, ſo daß die Lippen die Hand berührten, über welche es ſich mit ſeinem letzten Athemzuge gebeugt hatte. Die beiden Brüder ſtanden vor ihrem Vater; weit über dem dämmerhaften Urtheile dieſer Welt; hoch über ſeinen Ne⸗ beln und Finſterniſſen. Welches dem nächſten zur Einleitung dient. 105 Sulanzigstes Kapitel. welches dem nächſten zur Einleitung dient. Die Paſſagiere landeten vom Packetboot an dem Hafen⸗ damm von Calais. Ein niedrigliegender und niederdrücken⸗ der Ort war Calais jetzt, wo die Ebbe auf ihrem niedrigſten Punkte ſtand. Auf der Barre war nur noch gerade Waſſer genug geweſen, um das Packetboot herein zu laſſen; und jetzt ſah die Barre, die eine ſeichte Brandung bedeckte, aus wie ein träges, eben an die Oberfläche gekommenes Seeun⸗ geheuer, deſſen Geſtalt nur undeutlich zu erkennen war, wäh⸗ rend es ſchlief. Der hagere, über und über weiße Leucht⸗ thurm, der am Meeresufer umging, als wäre er das Geſpenſt eines Gebäudes, welches früher Farbe und Rundung gehabt, weinte melancholiſche Thränen den Wellen nach, die aufge⸗ hört hatten, gegen ihn an zu ſtürmen. Die langen Reihen nack⸗ ter ſchwarzer Pfähle, ſchleimig und naß und wetterbenagt, von der letzten Fluth mit Leichenkränzen von Seetang be⸗ hangen, hätten einen unheimlich ausſehenden Meereskirch⸗ hof darſtellen können. Jeder wellenbeſtürmte, windumſauſte Gegenſtand war unter dem weiten grauen Himmel, in dem Lärm von Wind und Meer, und vor der ſich dagegen wild anbäumenden, ſchaumgekrönten Brandung ſo niedrig und *¼ 106 Zwanzigſtes Kapitel. klein, daß man ſich wundern mußte, daß überhaupt noch ein Calais da war und daß ſeine niedrigen Thore, und niedrige Mauer, und niedrigen Dächer, und niedrigen Gräben, und niedrigen Sandhügel, und niedrigen Feſtungswälle, und flachen Straßen nicht längſt vor der unterwühlenden und belagernden See geſunken waren, gleich den Feſtungen, welche Kinder am Meeresufer bauen. Nach manchem Ausglitſchen unter ſchleimigen Pfählen und Planken, manchem Stolpern auf naſſen Treppen und manchem Kampf mit den Hemmniſſen des Salzwaſſers, tra⸗ ten die Paſſagiere ihre troſtloſe Wanderung dem Hafendamm entlang an, wo alle franzöſiſchen Vagabunden und engliſchen Flüchtlinge in der Stadt(die halbe Bevölkerung) ſie erwar⸗ teten, um ſie von ihrer Verwirrung ſich nicht erholen zu laſſen. Nachdem alle Engländer ſie ſorgſam beſichtigt und alle Franzoſen ſie wiederholt als Beute in Anſpruch genom⸗ men hatten, durften ſie, nachdem ſie ein Handgemenge von drei Viertel Meilen Länge beſtanden hatten, die Straßen betreten und, hitzig verfolgt, ihren verſchiedenen Beſtimmun⸗ gen nachgehen. Clennam, von mehr als einer Sorge gepeinigt, war unter den Landenden. Nachdem er die wehrloſeſten ſeiner Landsleute aus den ſchlimmſten Lagen befreit hatte, ging er nun ſeines Weges allein, oder eigentlich ſo allein als es möglich war, mit einem eingebornen Herrn in einem ſchmie⸗ rigen Rock und einer Mütze von gleicher Beſchaffenheit als Gefolge, der ihm in einer Entfernung von 50 Schritt nach⸗ 4 — ,,,— Welches dem nächſten zur Einleitung dient. 107 eilte und ihm athemlos und in verſtümmeltem Engliſch ein Hotel anbot. Aber ſelbſt dieſer gaſtfreundliche Herr blieb zuletzt zu⸗ rück und Clennam konnte unbeläſtigt ſeinen Weg weiter ver⸗ folgen. Nach dem Gelärm des Canals und des Strandes hatte die Stadt etwas Ruhiges und ihre Stille war in die⸗ ſem Vergleich angenehm. Er begegnete neuen Gruppen ſei⸗ ner Landsleute, die alle ein verkommenes Ausſehen hatten, als hätten ſie ſich einmal im Blühen übernommen, wie ge⸗ wiſſe Blumen, und wären nun bloßes Unkraut geworden. Sie hatten auch alle den Anſtrich, als ob ſie Tag für Tag einen gewiſſen beſchränkten Umkreis abgingen, was ſehr an die Marſhalſea erinnerte. Aber ohne ſie weiter zu beachten, als gerade genügte, um dieſe Gedanken in ihm hervorzuru⸗ fen, ſuchte er eine gewiſſe Straße und Hausnummer auf, die er im Sinne hatte. „Pancks nannte dieſes,“ ſprach er halblaut vor ſich hin, wie er vor einem ſtillen Hauſe ſtehen blieb, welches die ge⸗ wünſchte Nummer trug.„Ich halte ſeine Nachricht für rich⸗ tig und ſeine Entdeckung unter Mr. Casby's Zetteln für unbeſtreitbar; ſonſt würde ich dies kaum für das Haus halten.“ Ein todtes Haus, mit einer kahlen Mauer gegenüber und einem Thorweg an der Seite, wo ein herabhängender Klin⸗ gelgriff ein todtes tonloſes Geklingel und ein Klopfer ein todtes, verhallendes Geklopf hervorbrachte, das nicht kräftig genug zu ſein ſchien, um nur durch die geborſtene Thür durch⸗ 34 108 Zwanzigſtes Kapitel. zudringen. Doch die Thür ging langſam auf und er ſchloß ſie hinter ſich, wie er in einen ſtillen Hof trat, den bald eine leere Wand abſchloß, an der man den Verſuch gemacht hatte, einige Schlinggewächſe zu ziehen, die abgeſtorben waren; und einen kleinen Brunnen in einer Grotte anzulegen, der ausgetrocknet war; und dieſe mit einer kleinen Bildſäule zu ſchmücken, die zerbrochen war. Der Eingang in das Haus war links und war, wie der äußere Thorweg, mit zwei gedruckten Anſchlägen in franzö⸗ ſiſcher und engliſcher Sprache verziert, wonach meublirte Zimmer zur ſofortigen Beziehung zu vermiethen waren. Eine kräftige, muntere Bauerfrau, ganz Strumpf, Unterrock, weiße Mütze und Ohrring, ſtand hier in einem dunkeln Thor⸗ weg und redete ihn freundlich, die weißen Zähne zeigend, in gebrochenem Engliſch an. Clennam erkundigte ſich auf Franzöſiſch nach der eng⸗ liſchen Dame; er wünſchte, die engliſche Dame zu ſprechen. „So treten Sie ein und kommen Sie herauf, wenn es Ihnen gefällig iſt,“ entgegnete die Bäuerin jetzt franzöſiſch. Er folgte ihr eine dunkle, kahle Treppe hinauf in ein Hinter⸗ zimmer des erſten Stocks. Hier hatte man eine düſtere Aus⸗ ſicht auf den ſtillen Hof und die abgeſtorbenen Schlingge⸗ wächſe und den ausgetrockneten Brunnen und das Fußge⸗ ſtell des verſchwundenen Bildſäulchens. „Monſieur Blandois,“ ſagte Clennam. „Mit Vergnügen, Monſieur.“ Darauf entfernte ſich die Frau und ließ ihm Zeit, ſich Welches dem nächſten zur Einleitung dient. 109 im Zimmer umzuſehen. Es war das Muſter eines Zimmers, wie ſie in ſolchen Häuſern immer zu finden ſind. Kühl, un⸗ gemüthlich, dunkel. Ein gebohnter, ſehr ſchlüpfriger Fuß⸗ boden. Ein Zimmer, nicht groß genug, um darin Schlitt⸗ ſchuh zu laufen und nicht zum bequemen Betrieb einer andern Beſchäftigung geeignet. Fenſter mit roth und weißen Vor⸗ hängen, eine kleine Strohmatte, ein kleiner runder Tiſch mit einem Gewirr von Beinen darunter, plumpe Strohſtühle, zwei große rothſammetne Lehnſtühle, in denen genug Platz war, ſich unbehaglich zu fühlen, ein Bureau, ein Spiegel aus mehreren Stücken, angeblich aber aus Einem Stück, ein Paar prahleriſche Vaſen mit ſehr künſtlichen Blumen, zwiſchen ihnen ein griechiſcher Krieger mit abgenommenem Helm, der dem Genius Frankreichs eine Uhr opferte. Nach einigem Warten ging eine Nebenthür auf und eine Dame trat ein. Sie legte großes Erſtaunen über Clennams Anblick an den Tag und ließ ihr Auge im Zimmer umher⸗ ſchweifen, als ſuche ſie noch Jemanden. „Verzeihen Sie, Miß Wado, ich bin allein.“ „Aber Ihr Name ward nicht angemeldet?“ „Nein, das weiß ich. Entſchuldigen Sie mich. Ich habe bereits Erfahrungen gehabt, daß mein Name Sie nicht einer Zuſammenkunft mit mir geneigt macht; und ich wagte, den Namen eines Mannes nennen zu laſſen, den ich ſuche.“ „Bitte, unter welchem Namen ließen Sie ſich anmelden?“ entgegnete ſie, indem ſie ihn ſo kalt einlud, ſich zu ſetzen, daß er ſtehen blieb. Zwanzigſtes Kapitel. „Blandois.“ „Blandois?“ „Ein Name, den Sie kennen.“ „Es iſt ſeltſam,“ ſagte ſie mit Stirnrunzeln,„daß Sie immer noch ein unverlangtes Intereſſe an mir und meinen Bekanntſchaften, an mir und meinen Angelegenheiten neh⸗ men, Mr. Clennam. Ich weiß nicht, was Sie meinen.“ „Verzeihen Sie. Sie kennen den Namen?“ „Was geht Ihnen der Name an? Was kann mich der Name angehen? Was kann es Sie angehen, ob ich den Namen kenne oder nicht? Ich kenne viele Namen und habe noch viel mehr vergeſſen. Dieſer kann zu der einen oder zu der andern Klaſſe gehören, oder ich habe ihn vielleicht auch nie gehört. Ich kenne keinen Grund, weshalb ich mich nach ihm fragen laſſen ſoll.“ „Wenn Sie mir erlauben, will ich Ihnen meinen Grund ſagen, mich nach ihm mit Eifer zu erkundigen,“ ſagte Clennam.„Ich geſtehe, daß mir ſehr viel daran gelegen iſt und ich muß deshalb um Verzeihung bitten, wenn ich zu⸗ dringlich erſcheine. Der Grund rührt ganz von mir her. Ich will durchaus nicht andeuten, daß es irgend Ihretwegen ge⸗ ſchähe.“ Sie wiederholte jetzt etwas weniger kalt als vorhin ihre frühere Einladung, Platz zu nehmen, und er gehorchte ihr diesmal, da ſie ſich ebenfalls ſetzte. Dann fuhr ſie fort: „Es freut mich wenigſtens, zu erfahren, daß es ſich nicht wie⸗ der um eine Sklavin eines Ihrer Freunde handelt, die nicht Welches dem nächſten zur Einleitung dient. 111 frei wählen darf und die ich entführt habe. Laſſen Sie mich Ihren Grund hören, wenn es Ihnen gefällig iſt.“ „Um die Perſon feſtzuhalten, um welche es ſich handelt,“ ſagte Clennam,„laſſen Sie mich zuerſt bemerken, daß es die⸗ ſelbe Perſon iſt, welche ich vor einiger Zeit in London in Ihrer Geſellſchaft ſah; Sie werden ſich vielleicht erinnern, daß Sie unweit des Fluſſes— in Adelphi mit ihr zuſam⸗ men trafen?“ „Sie miſchen ſich auf ganz unerklärliche Weiſe in meine Angelegenheit,“ gab ſie zur Antwort und ſah ihm mit ſtren⸗ ger Unzufriedenheit ins Geſicht.„Woher wiſſen Sie das?“ „Ich bitte Sie, es nicht übel zu nehmen. Durch reinen Zufall.“ „Durch welchen Zufall?“ „Einfach durch den Zufall, Sie auf der Straße zu tref⸗ fen und Zeuge der Zuſammenkunft zu ſein.“ „Sprechen Sie von ſich ſelbſt oder von einem Andern?“ „Von mir ſelbſt. Ich war Zeuge.“ „Allerdings war es auf offener Straße,“ bemerkte ſie, nachdem ſie einige Augenblicke nachgedacht hatte und ihre Gereiztheit ſichtlich abnahm.„Fünfzig Leute hätten es ſehen können. Und es würde nichts ausgemacht haben.“ „Auch lege ich keine Wichtigkeit darauf, es geſehen zu haben, noch bringe ich meinen jetzigen Beſuch(außer als eine Erklärung daß ich überhaupt hieher komme) oder die Gunſt, die ich von Ihnen erbitte, damit in Verbindung.“ „O! Sie haben von mir eine Gunſt zu erbitten! Es 112 Zwanzigſtes Kapitel. kommt mir vor,“ und das ſchöne Geſicht ſah ihn mit Bitter⸗ keit an,„als ob Sie milder geworden wären, Mr. Clennam.“ Er begnügte ſich, mit einer leichten Handbewegung da⸗ gegen zu proteſtiren. Er erwähnte dann Blandois' Verſchwin⸗ den, von dem ſie wahrſcheinlich gehört hätte? Nein. So wahrſcheinlich es ihm auch ſei, hätte ſie doch nichts davon gehört. Er möge ſich umſehen, ſagte ſie und ſelbſt urtheilen, welche Kunde von allgemeinem Intereſſe wol das Ohr einer Frau erreichen könnte, welche hier, mit ihrem eigenen Leid beſchäftigt, ſich zurückgezogen habe. Er hatte keine Urſache, nicht zu glauben, was ſie ſagte, und ward nun von ihr wei⸗ ter gefragt, was es mit dieſem Verſchwinden für eine Be⸗ wandtniß habe? Dies veranlaßte ihn, die Umſtände aus⸗ führlich zu erzählen und durchblicken zu laſſen, wie ſehr es ihm am Herzen lag, zu erfahren, was wirklich aus dem Mann geworden, um den ſchwarzen Verdacht zu zerſtreuen, der ſich um ſeiner Mutter Haus ſammelte. Sie hörte ihn mit offen⸗ barem Staunen an und verrieth mehr unterdrückte Theil⸗ nahme, als er bisher an ihr bemerkt hatte. Aber dennoch legte ſie nicht ihr fernhaltendes, ſtolzes, in ſich verſchloſſenes Weſen ab. Als er fertig war, ſagte ſie nichts als folgende Worte: „Sie haben mir noch nicht geſagt, Sir, was mich die Sache angeht und welche Gunſt Sie verlangen. Wollen Sie die Güte haben, mir dies zu ſagen?“ „Ich vermuthe,“ ſagte Arthur, immer noch bemüht, ihre Kälte zu überwinden,„daß, da Sie im Verkehr— darf ich Welches dem nächſten zur Einleitung dient. 113 ſagen im vertraulichen Verkehr— mit dieſer Perſon ſind—“ „Sie können natürlich ſagen, was Ihnen beliebt,“ ent⸗ gegnete ſie,„aber ich unterſchreibe nicht Ihre Vermuthungen, Mr. Clennam, und eben ſo wenig die jedes Andern.“ „— daß, da Sie wenigſtens in perſönlichem Verkehr mit ihm ſtehen,“ begann Clennam von Neuem, und in andrer Form, in der Hoffnung, auf weniger Widerſpruch zu ſtoßen, „Sie mir Etwas von ſeinen frühern Erlebniſſen, von ſei⸗ nem Thun und Treiben, ſeinem gewöhnlichen Wohnort ſagen können— mir eine Andeutung geben können, wie ich ihn am Eheſten finden könnte, um ihn entweder herbeizuholen oder feſtzuſtellen, was aus ihm geworden iſt. Dies iſt die Gunſt, die ich von Ihnen verlange und ich verlange ſie in einer See⸗ lenpein, auf die Sie, hoffe ich, einige Rückſicht nehmen wer⸗ den. Wenn Sie irgend welchen Grund haben ſollten, mir Bedingungen aufzuerlegen, ſo werde ich ihn achten, ohne weiter danach zu forſchen.“ „Sie haben mich zufällig mit dem Mann auf der Straße geſehen,“ ſagte ſie, nachdem ſie ſehr zu ſeinem Verdruß ſich offenbar mehr mit dem Gedanken über ihre eigne Sache, als mit ſeiner Bitte beſchäftigt hatte.„Sie kannten alſo den Mann früher?“ „Nicht früher. Ich lernte ihn erſt ſpäter kennen. Ich hatte ihn vorher nie geſehen, aber ich ſah ihn noch einmal wieder an demſelben Abend, wo er verſchwunden iſt. Näm⸗ lich im Zimmer meiner Mutter. Dort verließ ich ihn. Sie Klein Dorrit. VIII. 8 3 114 Zwanzigſtes Kapitel. können in dieſem Papier Alles leſen, was von ihm be⸗ kannt iſt.“ Er übergab ihr einen der gedruckten Zettel, welchen ſie mit ruhigem und aufmerkſamem Geſicht las. „Dies iſt mehr, als ich jemals von ihm gewußt habe,“ ſagte ſie und gab das Papier zurück. Clennams Blick ſprach ſeine ſchmerzliche Enttäuſchung, vielleicht ſeinen Unglauben aus; denn ſie ſetzte in demſelben untheilnehmenden Ton hinzu:„Sie glauben es nicht. Den⸗ noch iſt es ſo. Was den perſönlichen Verkehr betrifft, ſo ſcheint es, daß er im perſönlichen Verkehr mit Ihrer Mutter geſtanden hat. Und dennoch ſagen Sie, Sie glaubten ihrer Erklärung, daß ſie nichts weiter von ihm wiſſe!“ Dieſe Worte und das Lächeln, welches ſie begleiteten, wieſen ſo deutlich auf einen Verdacht hin, daß Clennam das Blut ins Geſicht ſchoß. „Hören Sie mich an, Sir,“ ſagte ſie, mit einer grauſa⸗ men Freude den Stich wiederholend,„ich will ſo offen gegen Sie ſein, als Sie nur wünſchen können. Ich will geſtehen, daß, wenn ich Etwas auf meinen Ruf gäbe(was ich nicht thue) oder mir einen guten Namen zu erhalten hätte(was nicht der Fall iſt, denn es iſt mir ganz gleichgültig, ob er für gut oder ſchlecht gilt), ſo würde ich mich für ſehr bloß⸗ geſtellt halten, wenn ich Etwas mit dieſem Menſchen zu thun gehabt hätte. Doch iſt er nie über meine Schwelle gekom⸗ men— hat nie mit mir bis Mitternacht verhandelt.“ Sie rächte ihren alten Groll, indem ſie ſo ſein Anliegen * Welches dem nächſten zur Einleitung dient. 115 gegen ihn wendete. Es lag nicht in ihrem Charakter, zu ſcho⸗ nen, und ſie hatte kein Mitleid. Daß er ein gemeiner, für Geld zu habender Menſch iſt; daß ich ihn zuerſt in Italien traf(wo ich vor nicht langer Zeit war) und daß ich ihn dort als das geeignetſte Werkzeug für einen Zweck, den ich gerade hatte, miethete, habe ich keinen Grund, Ihnen zu verhehlen. Kurz, ich hielt es für der Mühe werth, zu meinem Vergnügen— zur Befriedi⸗ gung eines ſehr lebhaften Gefühls— einen Spion zu be⸗ zahlen, der mir zutrug, was ich wünſchte. Ich bezahle die⸗ ſes Geſchäft. Und ich bin überzeugt, wenn ich ihn zu ſo Etwas gebraucht hätte, und wenn ich ihm genug hätte bezah⸗ len und wenn er es ungeſehen und ungefährdet hätte thun können, würde er Jemanden das Leben mit ſo wenig Be⸗ denken genommen haben, wie er mein Geld nahm. Das iſt wenigſtens meine Meinung von ihm; und ich ſehe, daß ſie von der Ihrigen nicht allzuſehr abweicht. Die Meinung Ihrer Mutter von ihm, vermuthe ich,(wenn ich Ihrem Beiſpiel folge, dies und das zu vermuthen) war ganz an⸗ ders.“ „Erlauben Sie mir, zu bemerken,“ ſagte Clennam,„daß meine Mutter zuerſt mit ihm im unglücklichen Geſchäftsgang in Berührung kam.“ „Es ſcheint mir ein unglücklicher Geſchäftsgang geweſen zu ſein, der ſie zuletzt mit ihm in Berührung brachte,“ er⸗ widerte Mrs. Wade,„und die Geſchäftsſtunden waren ſehr ſpät.“ 8* Zwanzigſtes Kapitel. „Sie wollen andeuten,“ ſagte Arthur, unter dieſen kalt⸗ blütigen Stichen, deren Kraft er ſchon tief gefühlt hatte, zuckend,„Sie wollen andeuten, das noch Etwas—“ „Mr. Clennam,“ unterbrach ſie ihn mit großer Ruhe, „bedenken Sie, daß ich durchaus nicht andeutungsweiſe von dieſem Manne ſpreche. Er iſt, wie ich abermals ohne alle Umſtände ſage, ein gemeiner, für Geld zu habender Menſch. Ich glaube, ein ſolches Geſchöpf geht überall hin, wo es für ſich Etwas zu thun findet. Wenn ich nichts für ihn zu thun gehabt hätte, hätten Sie mich mit ihm nicht geſehen.“ Gepeinigt von der Ausdauer, mit der ſie dieſe dunkle Seite der Sache, die ihn ſelbſt wie eine böſe Ahnung be⸗. drückte, beſtändig vor die Augen hielt, ſchwieg Clennam. „Ich habe von ihm geſprochen, als ob er noch lebte,“ ſetzte ſie hinzu,„aber er kann eben ſo gut bei Seite geſchafft worden ſein. Mir kann das gleichgültig ſein. Ich bedarf ſeiner nicht weiter.“ Mit einem trüben Seufzer und mit niedergeſchlagener Miene erhob ſich Clennam langſam. Sie ſtand nicht mit auf, ſondern ſagte, nachdem ſie ihn eine Zeit lang mit einem feſten, argwöhniſchen Blick und zornig zuſammengekniffenen Lippen angeſehen hatte. „Er war der tägliche Genoſſe Ihres werthen Freundes, G Mr. Gowan, nicht wahr? Warum erholen Sie ſich nicht Raths bei Ihrem werthen Freunde?“ Die Antwort, daß er nicht ſein werther Freund ſei, Welches dem nächſten zur Einleitung dient. 117 kam Arthur auf die Lippen; aber er hielt ſie zurück, ſeiner alten Kämpfe und Entſchlüſſe eingedenk, und ſagte: „Mr. Gowan weiß gar nichts von ihm, als daß er Blandois nicht geſehen ſeit deſſen Abreiſe nach England. Es war eine zufällige Reiſebekanntſchaft.“ „Eine zufällige Reiſebekanntſchaft!“ wiederholte ſie. „Ja. Ihr werther Freund hat wol das Bedürfniß, ſich mit allen Bekanntſchaften, die er machen kann, zu zerſtreuen, wenn man bedenkt, was er für eine Frau hat. Ich haſſe ſeine Frau, Sir.“ Die Leidenſchaft, mit welcher ſie dies ſagte, um ſo auf⸗ fälliger, als ſie dieſelbe ſo ſehr beherrſchte, feſſelte Clennams Aufmerkſamkeit und veranlaßte ihn, noch zu bleiben. Sie blitzte aus ihren dunkeln Augen, wie ſie ihn anblickte, zuckte in ihren Naſenlöchern und durchglühte ſogar ihren Athem. Aber ſonſt war über ihr Geſicht eine gleichgültige, gering⸗ ſchätzige Ruhe verbreitet und ihre Stellung war ſo gehalten und ſtolz anmuthvoll, als ob ihr Herz nicht die leiſeſte Re⸗ gung kennte. „Ich kann weiter nichts ſagen, Miß Wade,“ bemerkte er,„als daß man Ihnen keinen Anlaß zu einem Gefühl ge⸗ geben haben kann, das, glaube ich, Niemand mit Ihnen theilt.“ „Sie können Ihren werthen Freund nach ſeiner Mei⸗ nung über dieſen Gegenſtand fragen, wenn Sie Luſt haben,“ gab ſie zurück. „Ich ſtehe kaum auf ſo vertrautem Fuße mit meinem 118 Zwanzigſtes Kapitel. werthen Freunde, um eine ſolche Anfrage bei ihm ſehr wahr⸗ ſcheinlich zu machen, Miß Wade,“ ſagte Arthur trotz ſeiner Entſchließungen. „Ich haſſe ihn,“ gab ſie zurück.„Mehr noch als ſeine Frau, weil ich einſt Thörin genug und treulos genug gegen mich ſelbſt war, ihn faſt zu lieben. Sie haben mich nur bei gewöhnlichen Gelegenheiten geſehen, Sir, wo Sie mich wahrſcheinlich für ein gewöhnliches Weib gehalten haben, ein wenig eigenſinniger, als ſie im Allgemeinen ſind. Sie wiſſen nicht, was ich unter Haß verſtehe, wenn Sie mich nur unter dieſer Geſtalt geſehen haben: Sie können es nicht wiſſen, ohne zu wiſſen, mit welcher Sorgfalt ich mich und die Menſchen um mich ſtudirt habe. Aus dieſem Grunde hatte ich ſeit einiger Zeit Luſt, Ihnen meine Le⸗ bensgeſchichte zu erzählen— nicht um mir Ihre gute Mei⸗ nung zu gewinnen, denn ich lege keinen Werth darauf; ſon⸗ dern, damit Sie begreifen, wenn Sie an Ihren werthen Freund und ſeine werthe Gemahlin denken, was ich unter Haß verſtehe. Soll ich Ihnen Etwas geben, was ich für Sie niedergeſchrieben und bei Seite gelegt habe, oder ſoll ich es behalten?“. Arthur bat ſie, es ihm zu geben. Sie ging an das Bureau, ſchloß es auf und holte aus einem Käſtchen ein paar zuſammengebrochne Bogen Papier hervor. Ohne das mindeſte Entgegenkommen und kaum ihn anredend, ſondern eher ſprechend als rechtfertigte ſie ſich gegen ihren Spiegel über ihren Trotz, ſagte ſie, wie ſie ihm die Papiere übergab: 8½ „Welches dem nächſten zur Einleitung dient. 119 „Jetzt werden Sie erfahren, was ich unter haſſen ver⸗ ſtehe! Doch nichts weiter davon, Sir. Mögen Sie mich in einer billigen Wohnung, in einem leeren Londoner Hauſe oder in Calais finden, ſtets wird Harriet bei mir ſein. Sie möchten ſie vielleicht gerne ſehen, ehe Sie gehen. Har⸗ riet; bitte, kommen Sie!“ Sie rief Harriet noch einmal. Auf das zweite Rufen kam Harriet, früher Tattycoram. „Hier iſt Mr. Clennam,“ ſagte Miß Wade;„er kommt nicht Ihretwegen; er hat Sie aufgegeben.— Ich vermuthe es wenigſtens, nicht?“ 1„Da ich weder Autorität noch Einfluß habe— ja. ſtimmte Clennam bei. „Sie ſehen, er ſucht Sie nicht; aber er ſucht doch Je⸗ manden. Er fragt nach dieſem Blandois.“ „Mit dem ich Sie am Strand in London ſah,“ deutete Arthur an. „Wenn Sie Etwas von ihm wiſſen, Harriet, außer daß er von Venedig kam, was wir Alle wiſſen— ſo ſagen Sie es Mr. Clennam offen.“ „Ich weiß nichts weiter von ihm,“ ſagte das Mädchen. „Sind Sie zuftiedengeſtellt?“ fragte Miß Wade, zu Ar⸗ thur hingewendet. Er hatte keinen Grund, ihr nicht zu glauben; das Be⸗ nehmen des Mädchens war ſo natürlich, daß es faſt hätte überzeugen müſſen, wenn er früher gezweifelt hätte. Er gab zur Antwort,„ich muß anderswo Etwas zu erfahren ſuchen.“ Er wollte noch nicht gleich fortgehen; aber er war auf⸗ Zwanzigſtes Kapitel. geſtanden, ehe Harriet hereingetreten war und ſie glaubte offenbar, er ſei im Begriff zu gehen. Sie warf einen ra⸗ ſchen Blick auf ihn und ſagte: „Befinden ſie ſich wohl, Sir?“ „Wer?“ „Sie hatte ſagen wollen, ſie Alle;“ ſagte aber mit einem Blick auf Miß Wade,„Mr. und Mrs. Meagles.“ „Sie befanden ſich wohl, als ich zuletzt von ihnen hörte. Sie ſind nicht in England. Beiläufig erlauben Sie mir eine Frage. Iſt es wahr, daß man Sie dort geſehen hat?“ „Wo! wo will man mich geſehen haben?“ gab das Mäd⸗ chen zurück und ſchlug mürriſch die Augen nieder. „An der Gartenthür der Cottage?“„ „Nein,“ ſagte Miß Wade.„Sie iſt nie in die Nähe ge⸗ kommen.“ „Da irren Sie ſich,“ ſagte das Mädchen.„Ich ging das Letztemal, als wir in London waren, hin. Ich ging eines Nachmittags hin, als Sie mich allein ließen. Und ich warf einen Blick hinein.“ „Sie niedrige Seele,“ erwiderte Miß Wade mit unend⸗ licher Verachtung;„hat unſer Zuſammenſein, haben alle unſere Geſpräche und alle Ihre alten Beſchwerden ſo wenig bewirken können?“ „Es konnte nichts ſchaden, einen Augenblick zur Gar⸗ tenthür hinein zu ſehen,“ ſagte das Mädchen.„Ich ſah an den Fenſtern, daß die Familie nicht da war.“ „Warum gingen Sie hin?“ Welches dem nächſten zur Einleitung dient. 121 „Weil ich den Ort ſehen wollte. Weil ich fühlte, daß ich gern wieder einen Blick darauf werfen würde.“ Wie die beiden ſchönen Geſichter ſich anſahen, fühlte Clennam, daß jede der beiden Naturen die andere beſtän⸗ dig zerfleiſchen müſſe. „O!“ ſagte Miß Wade, ihren Blick zur Gleichgültigkeit zwingend,„wenn Sie den Ort wieder zu ſehen wünſchen, wo Sie das Leben führten, von dem ich Sie erlöſte, weil Sie fühlen gelernt hatten, was für ein Leben es war, ſo iſt das etwas Anderes. Aber iſt das Ihre Offenheit gegen mich; iſt das Ihre Treue? Heißt das gemeinſchaftliche Sache machen? Sie ſind nicht des Vertrauens werth, das ich in Sie geſetzt habe, nicht der Gunſt, die ich Ihnen geſchenkt habe. Sie ſind nicht beſſer, als ein Hündchen und ſollten lieber zu den Leuten zurückkehren, die Ihnen noch Schlimmeres zu koſten gegeben, als die Peitſche.“ „Wenn Sie im Beiſein eines Dritten ſo von ihnen ſpre⸗ chen, reizen Sie mich, ihre Partie zu ergreifen,“ ſagte das Nädchen. „Kehren Sie zu ihnen zurück,“ entgegnete Miß Wade. „Kehren Sie zu ihnen zurück.“ „Sie wiſſen recht gut,“ erwiderte nun Harriet,„daß ich nie zu ihnen zurückkehren werde. Sie wiſſen recht gut, daß ich mich von ihnen losgeſagt habe und nie zu ihnen zurück⸗ kehren kann und will. Alſo ſprechen Sie nicht von ihnen, Miß Wade.“ „Sie ziehen ihren Ueberfluß Ihrer weniger fetten Koſt 122 Zwanzigſtes Kapitel. hier vor,“ gab die Andere zurück.„Sie erhöhen ſie und ſetzen mich herab. Was hätte ich Anderes von Ihnen erwar⸗ ten können? Ich hätte es wiſſen ſollen.“ „Das iſt nicht wahr,“ ſagte das Mädchen zornroth wer⸗ dend,„und Sie ſagen nicht, was Sie meinen. Ich weiß, was Sie meinen. Sie rücken mir unter der Hand vor, daß ich Niemanden habe, als Sie. Und weil ich Niemanden habe, als Sie, glauben Sie, ich ſoll Alles thun oder laſſen, wie Sie wünſchen und ſoll mir jede Beleidigung von Ihnen gefallen laſſen. Sie ſind ſo ſchlimm wie Jene in jeder Hin⸗ ſicht. Aber ich will mich nicht ganz zahm und unterwürfig machen laſſen. Ich ſage es noch einmal, daß ich hingegan⸗ gen bin, um das Haus anzuſehen, weil ich oft glaubte, ich würde es gern noch einmal ſehn. Ich will mich noch einmal erkundigen, wie ſie ſich befinden, weil ich ſie einmal gern ge⸗ habt habe und manchmal glaubte, ſie wären freundlich gegen mich.“ Clennam äußerte jetzt, er ſei überzeugt, ſie würden ſie mit aller Freundlichkeit aufnehmen, wenn ſie jemals wün⸗ ſchen ſollte, zurückzukehren. „Nie!“ ſagte das Mädchen mit Leidenſchaft.„Ich werde das nie thun, Niemand weiß das beſſer, als Miß Wade, obgleich ſie mich verhöhnt, daß ich von ihr abhängig gewor⸗ den bin. Und ich weiß, daß ich das bin; und ich weiß, daß es ihr Freude macht, wenn ſie mir das ins Gedächtniß brin⸗ gen kann.“ „Ein guter Vorwand!“ ſagte Miß Wade, mit nicht Welches dem nächſten zur Einleitung dient. 123 weniger Zorn, hochfahrendem Weſen und Bitterkeit;„aber zu abgenutzt, um zu bedecken, was ich klar dahinter ſehe. Meine Armuth hält den Bewerb mit ihrem Gelde nicht aus. Beſſer, auf der Stelle zurückkehren, beſſer, auf der Stelle zu⸗ rückkehren, und der Sache entledigt ſein.“ Arthur Clennam betrachtete ſie, wie ſie in dem ungemüth⸗ lichen, beengten Zimmer nicht weit von einander ſtanden. Jede ſtolz ihren eignen Zorn pflegend und Jede mit feſter Entſchloſſenheit ihr eignes Herz und das der Andern peinigend. Er nahm mit ein paar Worten Abſchied; aber Miß Wade neigte einfach den Kopf und Harriet that mit der angenom⸗ menen Demuth einer gemeinen Magd l(aber trotzdem nicht ohne Trotz), als ob ſie zu niedrig ſtände, um zu beachten oder beachtet zu werden. Er kam die dunkle Treppe hinab in den Hof, gedrückt von einem ſtärkern Gefühl des düſtern Eindrucks, den auf ihn die leere Mauer, die abgeſtorbenen Gewächſe, der ausge⸗ trocknete Brunnen und die zerbrochene Bildſäule machten. Viel beſchäftigt mit Gedanken über das, was er in dieſem Hauſe geſehen und gehört und über das Fehlſchlagen aller ſeiner Bemühungen, eine Spur von dem Verſchwundenen aufzufinden, kehrte er mit demſelben Packetboot, das ihn herübergebracht hatte, nach England und London zurück. Unterwegs zog er die Papiere heraus und las in ihnen, was das nächſte Kapitel wiedergibt. 8 124 Einundzwanzigſtes Kapitel. Einundzwanzigstes Kanitel. Die Geſchichte einer Selbſtquälerin. Ich hatte das Unglück, nicht einfältig zu ſein. Schon in ſehr früher Jugend brachte ich heraus, was meine Um⸗ gebung vor mir verborgen zu haben glaubte. Wäre es meine Gewohnheit geweſen, mich hintergehen zu laſſen, an⸗ ſtatt gewöhnlich die Wahrheit zu erkennen, ſo hätte ich ſo ruhig leben können, wie die meiſten Thoren leben. Ich verlebte meine Kindheit bei einer Großmutter; das heißt bei einer Dame, welche dieſe Verwandte gegen mich vertrat und dieſen Titel annahm. Sie hatte kein Recht darauf, aber ich— ſo thöricht war ich damals— ahnte nichts Arges. Sie hatte einige Kinder eigener Familie in ihrem Hauſe und einige Kinder anderer Leute. Lauter Mäd⸗ chen; zehn an der Zahl, mich eingeſchloſſen. Wir lebten alle miteinander und wurden miteinander erzogen. Ich muß ungefähr 12 Jahr alt geweſen ſein, als ich zu entdecken anfing, wie entſchloſſen dieſe Mädchen waren, mich zu patroniſiren. Man ſagte mir, ich ſei eine Waiſe. Es war keine andre Waiſe unter uns; und ich bemerkte(das war der erſte Nachtheil, nicht einfältig zu ſein), daß ſie mich mit einem zudringlichen Mitleid und mit einem Gefühl der Ueberlegenheit ſchonten. Ich nahm dies nicht leichtſinniger Weiſe an. Ich ſtellte ſie oft auf die Probe. Ich konnte Die Geſchichte einer Gelbſtcnälerin. 125 es kaum ſo weit bringen, daß ſie ſich mit mir zankten. Wenn es mir bei Einer gelang, ſo kam ſie gewiß nach einer oder zwei Stunden und verſuchte eine Ausſöhnung. Ich habe ſie immer und immer wieder auf die Probe geſtellt und es nie erlebt, daß eine auf mich gewartet hätte. Sie verziehen mir immer in ihrer Eitelkeit und Herablaſſung. Kleine Ebenbil⸗ der erwachſener Leute! Eine der Kleinen war meine erwählte Freundin. Ich liebte dieſes dumme Mädchen mit einer Leidenſchaft, die es eben ſo wenig verdiente, als ich mich ihrer ſchämte, ob⸗ gleich ich nur ein Kind war. Sie hatte, was man ein lieb⸗ reiches Weſen nannte. Sie hatte für Jede von uns freund⸗ liche Blicke und freundliches Lächeln. Ich glaube, es war Niemand im Hauſe außer mir, welcher wußte, daß ſie es vor⸗ ſätzlich that, um mir weh zu thun. Demungeachtet liebte ich dieſes unwürdige Mädchen ſo, daß meine Liebe zu ihr mir alle Ruhe koſtete. Ich bekam beſtändig Strafreden, weil ich ſie„reizte“; mit andern Wor⸗ ten: weil ich dem Mädchen ſeine kleine Perfidie vorwarf und ihm Thränen auspreßte, indem ich ihm zeigte, wie ich in ſeinen Herzen las. Dennoch liebte ich das Kind aufrichtig und begleitete es einmal während der Ferien nach Hauſe. Die Kleine war zu Hauſe ſchlimmer, als ſie in der Schule geweſen war. Sie hatte eine Unzahl von Couſinen und Bekannten, und wir hatten Tanz bei ihr im Hauſe und gingen zum Tanzen zu Andern und ſowol zu Hauſe, wie an⸗ derswo quälte ſie meine Liebe, daß ich es nicht ertragen 126 Einunbzwanzigſtes Kapitel. konnte. Ihr Plan war, Aller Herzen zu gewinnen— und ſo mich mit Eiferſucht von Sinnen zu bringen; mit Allen vertraut und gegen Alle liebreich zu ſein— und ſo mich vor Neid wahnſinnig zu machen. Des Abends, wenn wir in unſerm Schlafzimmer allein waren, machte ich ihr Vor⸗ würfe und zeigte ihr, wie vollkommen ich ihre Niederträch⸗ tigkeit durchſchaute; und dann fing ſie an zu weinen und ſagte, ich wäre grauſam und dann hielt ich ſie mit meinen Armen umſchloſſen, bis es wieder Tag wurde: denn ich liebte ſie ſo ſehr, wie ſonſt und oft war es mir, daß ich lieber, anſtatt ſo zu leiden, ſie ſo in meinen Armen halten, und mich in einen tiefen Fluß ſtürzen möchte— wo ich ſie im⸗ mer noch umſchlungen halten würde, nachdem wir Beide längſt todt wären. Es kam zu einem Ende und ich wurde frei. In der Fa⸗ milie war eine Tante, die mich nicht gern hatte. Ich be⸗ zweifle, daß mich Jemand von der Familie beſonders gern hatte; aber daran war mir weiter nichts gelegen, ſo ganz und gar nahm mich dieſes eine Mädchen in Anſpruch. Die Tante war noch jung und hatte eine ernſte Art, mich mit ihren Augen zu beobachten. Sie war keck und ſah mich mit unverhohlenem Mitleid an. Nach einer der erwähnten Nächte kam ich vor dem Frühſtück in ein Gewächshaus. Charlotte (ſo hieß meine falſche junge Freundin) war vor mir hinunter gegangen und ich hörte dieſe Tante mit ihr von mir ſpre⸗ chen, als ich eintrat. Ich blieb ſtehen, wo ich war, von dem Laube verborgen, und horchte. Die Geſchichte einer Gelbſiauälerin. 127 Die Tante ſagte:„Charlotte, Miß Wade quält dich zu Tode und das darf nicht fortdauern.“ Ich wiederhole wört⸗ lich, was ich hörte. Was antwortete ſie nun? Sagte ſie etwa„nein, ich bin es, die ſie zu Tode quält, ich, die ſie beſtändig auf der Fol⸗ ter geſpannt hält und doch ſagt ſie mir jede Nacht, daß ſie mich innig liebt, obgleich ſie weiß, was ſie von mir leiden muß?“ Nein; meine erſte denkwürdige Erfahrung entſprach ganz dem, was ich von ihr erwartete und allen meinen an⸗ dern Erfahrungen. Sie fing an zu ſchluchzen und zu weinen (um die Theilnahme ihrer Tante für ſich zu gewinnen) und ſagte:„Liebe Tante, ſie hat ein unglückliches Temperament; andere Mädchen in der Schule, außer mir, geben ſich viele Mühe, es zu beſſern; wir geben uns Alle viel Mühe.“ Darauf liebkoſete die Tante ſie, als ob ſie etwas Edles, anſtatt etwas Verächtliches und Falſches geſagt hätte und ſetzte die niederträchtige Heuchelei fort durch die Antwort, „aber Alles hat ſeine vernünftigen Grenzen, mein Herz, und ich ſehe, daß dieſes arme unglückliche Mädchen Dir mehr be⸗ ſtändigen und nutzloſen Schmerz verurſacht, als ſogar ein ſo löbliches Wollen rechtfertigen würde.“ Das arme unglückliche Mädchen trat aus ſeinem Verſteck hervor, wie Sie ſich wol werden denken können, und ſagte, „ſchicken Sie mich nach Hauſe.“ Ich habe nie ein anderes Wort zu einer von ihnen geſprochen, als:„ſchicken Sie mich nach Hauſe oder ich gehe den Tag und die Nacht hindurch allein nach Hauſe!“ 128 Einund 82 igſtes Kapitel. zwanz Als ich nach Hauſe kam, ſagte ich zu meiner vermeint⸗ lichen Großmutter, wenn ſie mich zur Vollendung meiner Erziehung nicht anders wohin ſchickte, ehe dieſes Mädchen oder eine von den Andern zurückkehrte, ſo würde ich mich lieber in das Feuer werfen und mir die Augen ausbrennen, als den Anblick ihrer intriguirenden Geſichter ertragen. Ich kam jetzt unter erwachſene Mädchen und fand ſie nicht beſſer. Schöne Worte und ſchöner Schein; aber ich durchſchaute dieſes Großthun mit ſich ſelbſt und dieſes her⸗ abſetzende Weſen gegen mich und ſie waren nicht beſſer. Ehe ich ſie verließ, erfuhr ich, daß ich keine Großmutter und keine Verwandte hatte, die ich dem Geſetz nach ſo nennen konnte. Mit der Leuchte dieſes Wiſſens beleuchtete ich meine Vergan⸗ genheit und die Zukunft. Sie zeigte mir viele neue Gelegen⸗ heiten, wo Leute über mich triumphirten, während ſie vor⸗ gaben, voll Rückſicht gegen mich zu ſein, oder mir einen Dienſt zu erweiſen. Ein Geſchäftsmann hatte für mich ein kleines Vermögen zu verwalten. Ich ſollte Erzieherin werden. Ich wurde Er⸗ zieherin; und kam in die Familie eines armen Edelmanns, wo zwei Töchter waren— kleine Kinder; aber die Eltern wünſchten ſie womöglich unter einer Lehrerin aufwachſen zu laſſen. Die Mutter war jung und hübſch. Von Anfang an trug ſie es zur Schau, mich mit großem Zartgefühl zu be⸗ handeln. Ich behielt meinen Groll für mich; aber ich wußte recht gut, daß dies ihre Art war, ſich Etwas darauf zu gute Die Geſchichte einer Selbſtquälerin. 129 zu thun, daß ſie meine Herrin war, und ihre Dienerin anders behandeln könnte, wenn es ihr einfiel. Ich ſagte, daß ich meinen Groll nicht zeigte und ich that es auch nicht; aber ich zeigte ihr, daß ich ſie verſtand, in⸗ dem ich ihr nichts zu Gefallen that. Wenn ſie mich einlud, Wein zu trinken, trank ich Waſſer. Wenn etwas Auserleſe⸗ nes auf den Tiſch kam, ſchickte ſie es ſtets mir; aber ich dankte ſtets dafür und aß von den verſchmähten Gerichten. Dieſes Zurückweiſen ihrer Gönnerſchaft war wie eine ſcharfe Erwiderung, und gab mir ein Gefühl der Unabhängigkeit. Ich hatte die Kinder gern. Sie waren ſchüchtern, aber im Ganzen geneigt, mich liebzugewinnen. Es war jedoch ein Kindermädchen im Hauſe, eine Frau mit einem muntern Geſicht, die immer zudringlich zur Schau trug, daß ſie hei⸗ ter und guter Dinge war, die beide geſtillt hatte und die ihre Liebe gewonnen, ehe ich ſie ſah. Ohne dieſe Frau hätte ich faſt mit meinem Schickſal zufrieden ſein können. Ihre Kunſtgriffe, vor den Kindern in beſtändigem Wettbewerb mit mir zu bleiben, hätten manche an meiner Stelle nicht ge⸗ ſehen; aber ich durchſchaute ſie vollkommen gleich vom An⸗ fang an. Unter dem Vorwand, in meinem Zimmer aufzu⸗ räumen und mir aufzuwarten und meine Garderobe zu be⸗ ſorgen(was ſie Alles mit großem Fleiß that), war ſie nie abweſend. Der ſchlaueſte ihrer vielen Kunſtgriffe war ihre Heuchelei, ſich zu ſtellen, als wollte ſie den Kindern lehren, mich liebzugewinnen.„Kommt zur guten Miß Wade, Klein Dorrit. VIII. 9 130 Einundzwanzigſtes Kapitel. kommt zur lieben Miß Wade, kommt zur hübſchen Miß Wade. Sie hat euch ſo lieb. Miß Wade iſt eine ge⸗ ſcheidte Dame, die viele, viele Bücher geleſen hat und viel beſſere und ſchönere Geſchichten als ich erzählen kann. Kommt und laßt Euch von Miß Wade erzählen!“ Wie konnte ich ihre Aufmerkſamkeit gewinnen, wenn mein Herz gegen dieſe unwiſſenden Pläne entbrannte? Wie konnte ich mich wundern, wenn ich ſah, wie ihre unſchuldigen Geſichter ſich abwendeten und die kleinen Arme ſie umſchlangen, an⸗ ſtatt mich? Dann ſah ſie mich an, ſtrich ſich ihre Locken aus dem Geſicht und ſagte:„Sie werden ſchon kommen, Miß Wade; ſie ſind ſehr einfach und gutherzig, Madam; machen Sie ſich darüber keine Gedanken, Madam.“ So triumphirte ſie über mich! Noch etwas Anderes that dieſe Frau. Manchmal, wenn ſie ſah, daß es ihr gelungen war, mich auf dieſe Weiſe in ein düſtres Hinbrüten zu verſetzen, lenkte ſie die Aufmerk⸗ ſamkeit der Kinder darauf und zeigte ihnen den Unterſchied zwiſchen ſich ſelbſt und mir.„Still! die arme Miß Wade iſt nicht wohl. Macht keinen Lärm, Kinder, der Kopf thut ihr weh. Kommt, tröſtet ſie. Kommt, fragt ſie, ob ſie ſich beſſer befindet; bittet ſie, ſich hinzulegen. Ich hoffe, Sie haben keinen Kummer auf der Seele, Madam. Ich bitte Sie, Madam, grämen Sie ſich nicht!“ Es wurde unausſtehlich. Als die gnädige Frau, meine Herrin, einmal in meine Stube trat, als ich allein war und ſo recht fühlte, daß ich es nicht länger ertragen könnte, ſagte Die Geſchichte einer Selbſtquälerin. 131 ich ihr, daß ich fort müſſe. Ich könnte das Zuſammenſein mit dieſer Dawes nicht vertragen. „Miß Wade! die arme Dawes hat Sie herzlich lieb; ſie würde Alles für Sie thun!“ Ich wußte im Voraus, daß ſie ſo ſprechen würde; ich war ganz gefaßt darauf; ich gab nur zur Antwort, es komme mir nicht zu, meiner Herrin zu widerſprechen; ich müſſe fort. „Ich hoffe, Miß Wade,“ entgegnete ſie und verfiel ſo⸗ gleich in den Ton der Ueberlegenheit, den ſie bis dahin ſo dünn verſchleiert hatte,„daß nichts, was ich ſeit unſerm Zu⸗ ſammenſein geſagt und gethan habe, Sie rechtfertigt, dieſes unangenehme Wort Herrin zu gebrauchen. Es muß ganz unwiſſentlich von meiner Seite geſchehen ſein. Bitte, ſagen Sie mir, was es iſt.“ Ich antwortete, daß ich mich nicht zu beſchweren hätte, weder über, noch gegen meine Herrin; aber ich müßte fort. Sie zögerte einen Augenblick, und ſetzte ſich dann neben mich und legte ihre Hand auf die meinige. Als ob dieſe Ehre jede Erinnerung auswiſchen müſſe! „Miß Wado, ich fürchte, Sie fühlen ſich unglücklich aus Gründen, über die ich nicht gebieten kann.“ Ich lächelte, weil ich an das Erlebniß dachte, an wel⸗ ches mich das Wort erinnerte und ſagte:„Ich habe ein un⸗ glückliches Temperament, vermuthe ich.“ „Das habe ich nicht geſagt.“ „Es läßt ſich auf dieſe Weiſe leicht Alles erklären, 5 ſagte ich. 9* 132 Einundzwanzigſtes Kapitel. „Vielleicht; aber ich habe es nicht geſagt. Was ich zu berühren wünſche, iſt etwas ganz Anderes. Mein Mann und ich haben darüber geſprochen, ſeitdem wir mit Schmerz be⸗ merkt haben, daß Sie ſich unter uns nicht unbefangen fühlen.“ „Unbefangen? O! Sie ſind ſo vornehme Leute, Mylady,“ ſagte ich. „Ich bedauere, ein Wort gebraucht zu haben, welches eine Meinung andeuten kann— und in der That andeutet, die ganz gegen meine Abſicht iſt.„(Sie hatte meine Antwort nicht erwartet und fühlte ſich beſchämt.)“ Ich meine nur, daß 'Sie ſich nicht glücklich unter uns fühlen. Es läßt ſich nur ſchwer davon ſprechen; aber unter Frauen von faſt gleichem Alter, vielleicht— kurz, wir haben gefürchtet, daß Ihnen ein Verhältniß, an dem Sie ſelbſt ganz und gar unſchuldig ſind, viel zu ſehr Kuͤmmerniß macht. Wenn dies der Fall iſt, ſo laſſen Sie uns Sie bitten, ſich darüber nicht zu grä⸗ men. Mein Mann ſelbſt hatte, wie wol bekannt iſt, früher eine ſehr geliebte Schweſter, die dem Geſetz nach nicht ſeine Schweſter war, und die allgemein geliebt und geachtet wurde—“ Ich ſah gleich, daß ſie mich nur in das Haus genom⸗ men hatten, um dieſer Todten willen, wer ſie immet ein mochte, und um mir dies vorzurücken und damit prahlen zu können. Die Kinderfrau wußte, um ſie aufzumuntern, mich zu quälen, wie ſie es gethan hatte; und in dem ſcheuen Fernbleiben der Kinder gab ſich mir die Wirkung eines unbe⸗ Die Geſchichte einer Selbſtquälerin. 133 ſtimmten Eindrucks, daß ich nichts ſei, wie andere Leute, zu erkennen. Ich verließ noch an demſelben Abend das Haus. Nach ein oder zwei kurzen, ſehr ähnlichen Erfahrungen, die nicht hierher gehören, kam ich in eine andere Familie, wo ich nur Eine Schülerin hatte; ein Mädchen von 15 Jah⸗ ren, die einzige Tochter des Hauſes. Die Eltern waren ält⸗ liche Leute, von Rang und Vermögen. Ein Neffe, den ſie erzogen hatten, beſuchte neben vielen andern Gäſten häufig das Haus; und er fing an mir den Hof zu machen. Ich wies ihn entſchieden zurück; denn ich hatte, als ich hinging, den Entſchluß gefaßt, von Niemand zu dulden, daß er mich bemitleide, oder ſich zu mir herablaſſe. Aber er ſchrieb mir einen Brief und dieſer Brief führte zu unſrer Verlobung. Er war ein Jahr jünger als ich und ſah noch jünger aus. Er war auf Urlaub von Oſtindien, wo er eine Anſtellung hatte, die bald ſehr gut werden ſollte. In ſechs Monaten ſollte Hochzeit ſein und dann ſollten wir nach Oſtindien gehen. Ich ſollte im Hauſe bleiben und im Hauſe ſollte auch die Hochzeit gefeiert werden. Niemand hatte etwas gegen dieſen Plan einzuwenden. Ich kann nicht verſchweigen, daß er mich bewunderte; aber ich würde es gern. Eitelkeit hat mit dieſer Erklärung tts zu thun, denn ſeine Bewunderung quälte mich. Er gab ſich keine Mühe, ſie zu verbergen; und machte, daß ich mich unter den reichen Leuten fühlte, als hätte er mich we⸗ gen meines Geſichts gekauft, und ſtellte ſeinen Kauf aus zu ſeiner Rechtfertigung. Ich ſah, wie ſie mich innerlich ab⸗ 134 Einundzwanzigſtes Kapitel. ſchätzten und neugierig waren, was wol mein voller Werth ſein möchte. Ich war entſchloſſen, daß ſie es nie erfahren ſollten. Ich war vor ihnen unbeweglich und ſtumm; und hätte mich lieber von ihnen tödten laſſen, als daß ich einen Finger bewegt hätte, um ihren Beifall zu gewinnen. Er ſagte mir, ich handelte ungerecht gegen mich. Ich verneinte das und ſagte, daß weil ich mir Gerechtigkeit wi⸗ derfahren ließ bis zuletzt, ich mich nicht herablaſſen wollte, Einem von ihnen zu ſchmeicheln. Es that ihm faſt weh, als ich hinzuſetzte, ich wünſchte, er möchte ſeine Neigung zu mir nicht ſo zur Schau tragen; aber er ſagte, er wollte ſelbſt dieſe ehrlichen Regungen ſeiner Liebe meiner Seelenruhe opfern. Unter dieſem Vorwand begann er Vergeltung an mir zu üben. Ganze Stunden lang hielt er ſich fern von mir und ſprach mit jedem Andern eher, als mit mir. Ich habe halbe Abende allein und unbeachtet geſehen, während er ſich mit ſeiner Couſine, meiner Schülerin, unterhielt. Dabei ſah ich in den Augen der Leute, daß ſie glaubten, die Beiden paßten ihrem Ausſehen nach beſſer zuſammen, als er und ich. Ich habe da geſeſſen und bin ihren Gedanken nachgegangen, bis ich fühlte, daß ſein jugendliches Ausſehen mich lächerlich machte, und habe gegen mich gewüthet, daß ich ihn jemals geliebt hatte. Denn ich hatte ihn geliebt. So wenig er es verdiente und ſo wenig er an alle die Qualen dachte, die es mir koſtete — Qualen, die ihn bis zu ſeinem Lebensende ganz und Die Geſchichte einer Selbſtquälerin. 135 dankbar mir zu eigen hätten machen ſollen— liebte ich ihn doch. Seinetwegen ertrug ich es, daß ſeine Couſine ihn mir ins Geſicht lobte und vorgab zu glauben, daß mir das Freude mache, obgleich ſie recht gut wußte, daß es mich peinigte. Während ich in ſeiner Gegenwart daſaß und alles mir ge⸗ ſchehene Unrecht mir zurückrief und überlegte, ob ich nicht lieber gleich entfliehen und ihn nie wieder ſehen ſollte, habe ich ihn geliebt. Seine Tante(meine Herrin, wollen Sie gefälligſt bemer⸗ ken) vermehrte wohlüberlegt und muthwillig noch meine Prüfungen und Leiden. Es machte ihr Freude, viel und ausführlich zu reden von dem Hauſe, das wir in Oſtindien machen, von der Geſellſchaft, die wir empfangen würden, ſobald er ſeinen höhern Poſten angetreten. Mein Stolz empörte ſich gegen dieſes nackte Hervorheben des Gegen⸗ ſatzes, in dem mein verheirathetes Leben zu meiner gegen⸗ wärtigen abhängigen, untergeordneten Stellung ſtehen würde. Ich verbarg meine Entrüſtung; aber ich zeigte ihr, daß ich ihre Abſicht recht gut erkenne und bezahlte ihre Quälereien mit geheuchelter Demuth. Was ſie beſchrieb, würde gewiß viel zu viel Ehre für mich ſein, pflegte ich ihr zu ſagen. Ich beſorgte, eine ſo große Veränderung nicht ertragen zu kön⸗ nen. Wenn man bedenke, daß eine bloße Erzieherin, die Erzieherin ihrer Tochter, zu einer ſo hohen Auszeichnung ge⸗ lange! Sie fühlte ſich befangen und Alle fühlten ſich be⸗ fangen, wenn ich auf dieſe Weiſe antwortete. Sie wußten, daß ich ſie vollſtändig verſtand. 13³6 Einundzwanzigſtes Kapitel. Gerade als meine Bedrängniſſe am größten waren, und als ich meinen Geliebten wegen der Undankbarkeit, mit der er ſich um die unzähligen Kränkungen, die ich ſeinetwegen erdulden mußte, gar nicht kümmerte, am meiſten erzürnt war, erſchien Ihr werther Freund, Mr. Gowan, im Hauſe. Er hatte ſeit langer Zeit zu den Freunden deſſelben gehört, aber er war im Auslande geweſen. Er verſtand die Sachlage mit Einem Blick, und er verſtand mich. Er war die erſte Perſon, die mir im Leben begegnet war, die mich verſtand. Er war nicht dreimal bei uns geweſen, ehe ich wußte, daß er jeder Regung meines Geiſtes folgte. In ſeiner gleichgültig nachläſſigen Weiſe, mit der er Alle und mich und die ganze Sache behandelte, ſah ich es deutlich. In ſeiner kühlen Betheuerung der Bewunderung für meinen zukünftigen Gatten, in ſeiner Begeiſterung über unſere Ver⸗ bindung und unſere Ausſichten, in ſeinen hoffnungsvollen Beglückwünſchungen unſers zukünftigen Reichthums und ſeine niedergeſchlagenen Aeußerungen über ſeine Armuth— alle gleich hohl und voller Spott und Ironie— ſah ich es deut⸗ lich. Er lehrte mir immer mehr, mit mir zu grollen und mich ſelbſt zu verachten, indem er mir meine ganze Umgebung ſtets in einem neuen haſſenswerthen Lichte zeigte, während er vorgab, ſie mir in ihrem beſten Lichte zu meiner und ſei⸗ ner Bewunderung darzuſtellen. Er war wie der angeputzte Tod in dem niederländiſchen Todtentanz; jede Geſtalt, die er umſchlang, mochte ſie jung oder alt, ſchön oder häßlich Die Geſchichte einer Selbſtquälerin. 137 ſein, mochte er mit ihr tanzen, mit ihr ſingen, mit ihr ſpie⸗ len oder mit ihr beten, machte er grauenhaft. Sie werden daher leicht einſehen, daß wenn Ihr wer⸗ ther Freund mich beglückwünſchte, er in Wirklichkeit mir condolirte; daß wenn er mich in meinen Schmerzen zu tröſten verſuchte, er jede meiner offnen Wunden bloß legte; daß wenn er erklärte, mein„treuer Schäfer“ zu ſein,„der verliebteſte Jüngling von der Welt mit dem zärtlichſten Herzen, das jemals geſchlagen habe,“ er meine alte Ahnung wieder wach rief, daß man mich lächerlich machte. Das waren keine großen Dienſte, werden Sie ſagen. Ich nahm ſie an, weil ſie wiedergaben, was ich dachte, und beſtätigten, was ich wußte. Ich begann bald an der Geſellſchaft Ihres werthen Freundes größern Gefallen zu finden, als an jeder andern. Als ich gewahr wurde(was faſt ſogleich geſchah), daß daraus Eiferſucht entſtand, gefiel mir dieſe Geſellſchaft noch beſſer. Hatte ich nicht von Eiferſucht leiden müſſen und ſollte ich allein leiden? Nein. Er ſollte auch erfahren, was Eiferſucht iſt! Ich freute mich, daß er es erfahren ſollte; ich freute mich, daß er es tief empfinden würde, und ich hoffte es. Mehr noch als das. Er war matt im Ver⸗ gleich mit Mr. Gowan, der mich auf gleichem Fuße zu unter⸗ halten wußte, und unſere elende Umgebung zu zergliedern verſtand. Dies ging ſo fort, bis die Tante, meine Herrin, es über⸗ nahm, mit mir zu ſprechen. Es ſei kaum der Rede werth; ſie wüßte, ich hätte keine Abſicht dabei, aber ſie erlaube ſich, 138 Einundzwanzigſtes Kapitel. anzudeuten, wohl wiſſend, daß eine Andeutung genüge, ob es nicht beſſer ſei, wenn ich mich etwas weniger mit Mr. Gowan beſchäftige? Ich frug ſie, wie ſie für das, was meine Abſicht ſei, ſtehen könnte? Sie gab zur Antwort, ſie könnte immer da⸗ für ſtehen, daß ich nichts Unrechtes beabſichtige. Ich dankte ihr, ſagte aber, ich würde vorziehen, für mich ſelbſt zu ſtehen. Ihre andern Dienſtboten würden ihr wahrſcheinlich für ein gutes Zeugniß dankbar ſein, aber ich brauchte keins. Ein Wort gab das andere und ich fragte, wie ſie wüßte, daß es nur eines Winks von ihr bedürfte, um mich zu be⸗ ſtimmen? Ob ſie mir meine Geburt oder meinen Lohn an⸗ rechnete? Ich wäre nicht mit Leib und Seele gekauft. Sie ſchiene zu glauben, daß ihr ausgezeichneter Neffe auf den Sklavenmarkt gegangen wäre und ſich eine Frau erhandelt hätte. Er wäre wahrſcheinlich früher oder ſpäter eben dahin ge⸗ kommen, aber ſie brachte die Sache ſogleich zur Entſchei⸗ dung. Sie ſagte mir mit erheucheltem Mitleid, ich hätte ein unglückliches Temperament. Als ich die alte boshafte Belei⸗ digung wieder hören mußte, hielt ich nicht länger an mich, und hielt ihr Alles vor, was ich von ihr kennen gelernt und von ihr geſehen hatte, und Alles, was ich hatte innerlich er⸗ dulden müſſen, ſeitdem ich in das verabſcheuungswerthe Ver⸗ hältniß getreten, mit ihrem Neffen verlobt zu ſein. Ich ſagte ihr, Mr. Gowan ſei mein einziger Troſt in meiner Erniedrigung; ich hätte es zu lange ertragen und riſſe mich Die Geſchichte einer Selbſtquälerin. 139 zu ſpät davon los; aber ich wollte nie wieder Einen von ihnen von Angeſicht zu Angeſicht ſehen. Und ich habe Wort gehalten. Ihr werther Freund folgte mir in meine Zurückgezogen⸗ heit, und war über den Bruch des Verhältniſſes ſehr drollig, obgleich ihm auch die vortrefflichen Leute(in ihrer Art die beſten, die er kannte) leid thaten und er die Nothwendigkeit beklagte, bloße Stubenfliegen mit Keulen todtzuſchlagen. Es dauerte nicht lange, und er betheuerte, und viel aufrich⸗ tiger, als ich damals glaubte, daß er nicht werth ſei, vor den Augen einer Frau von ſolchen Gaben und ſolcher Cha⸗ rakterkraft Gnade zu finden; aber— ſchon gut, ſchon gut!— Ihr werther Freund amüſirte mich und amüſirte ſich, ſo lange er daran Geſchmack fand; und erinnerte mich dann, daß wir Beide Leute von Welt wären, daß wir Beide die Menſchen kennten, daß wir Beide wüßten, es gäbe keine Poeſie auf Erden, daß wir Beide darauf gefaßt wären, wie vernünftige Leute unſer Lebensglück auf geſonderten Wegen zu verfolgen und daß wir Beide einſähen, wir würden uns als die beſten Freunde von der Welt begrüßen, wenn wir uns wieder begegnen ſollten. So äußerte er ſich und ich widerſprach ihm nicht. Es dauerte nicht lange, ſo entdeckte ich, daß er ſeiner gegenwärtigen Frau den Hof machte und daß ihre Eltern mit ihr reiſten, damit ſie außer ſeinen Bereich käme. Ich haßte ſie damals ebenſo ſehr, wie ich ſie jetzt haſſe; und 140 Cinundzwanzigſtes Kapitel. ich wünſchte deshalb natürlich nichts mehr, als daß ſie ihn heirathen möchte. Aber meine Neugier, ſie zu ſehen, ließ mir keine Ruhe— ſie war ſo ſtark, daß ſie mir zu einem der wenigen Genüſſe wurde, die mir noch übrig waren. Ich machte einige kleine Reiſen und reiſte, bis ich in ihre Ge⸗ ſellſchaft kam und in die Ihrige. Ich glaube, Sie kann⸗ ten Ihren werthen Freund damals noch nicht und er hatte Ihnen noch keinen jener ausgezeichneten Beweiſe der Freund⸗ ſchaft gegeben, mit denen er Sie ſeitdem beſchenkt hat. In dieſer Geſellſchaft fand ich ein Mädchen, deſſen Stel⸗ lung in verſchiedenen Punkten der meinigen ſo eigenthüm⸗ lich ähnlich war, und in deſſen Charakter ich mit Intereſſe einen anſehnlichen Theil der mir eigenthümlichen Auf⸗ lehnung gegen prahleriſche Gönnerſchaft und Selbſtſucht, die ſich Herzlichkeit, Herablaſſung, Wohlwollen und andere ſchöne Namen beilegen, entdeckte. Auch von ihr hörte ich oft ſagen, ſie habe ein unglückliches Temperament. Da ich recht wohl wußte, was man mit dieſer handlichen Phraſe ſagen wollte und eine Gefährtin brauchte, die wußte, was ich wußte, ſo kam ich auf den Gedanken, einen Verſuch zu machen, das Mädchen aus der Sklaverei und von dem Ge⸗ fühl, Unrecht zu leiden, zu befreien. Ich brauche Ihnen nicht zu erzählen, daß es mir gelang. Wir haben ſeit jener Zeit zuſammen gelebt und mein klei⸗ nes Vermögen getheilt. Wer reitet dieſes Wegs ſo ſpät? Sweiundzmanzigstes Kapitel. wer reitet dieſes Wegs ſo ſpät? Arthur Clennam hatte ſeine nutzloſe Reiſe nach Calais inmitten eines großen Andrangs von Geſchäften gemacht. Ein gewiſſer Barbarenſtaat mit bedeutenden Beſitzungen auf der Weltkarte brauchte die Dienſte von einem oder zwei Inge⸗ nieuren, raſch im Erfinden und entſchloſſen in der Ausfüh⸗ rung; praktiſche Männer, welche die Menſchen und Mittel, die ihr Scharfſinn als nothwendig erkannte, aus den beſten Stoffen, die ſich ihnen darboten, zu machen verſtanden; und die in dem Fertigmachen ſolcher Stoffe zu dieſem Zwecke ſo kühn und ſinnreich waren, wie im Entwerfen ihrer Pläne. Da dieſer Staat eine Barbarenmacht war, dachte er nicht daran, eine große Nationalſache in einem Umſchreibungs⸗ bureau zu verſtecken, wie man ſtarken Wein in einen Keller begräbt, bis ſein Feuer und ſeine Jugend verflogen und die Arbeiter, die in dem Weinberg gearbeitet und die Trauben gekeltert haben, Staub geworden ſind. Mit charakteriſtiſcher Unwiſſenheit handelte dieſe Macht nach den entſchiedenſten und energiſcheſten Begriffen, wie es zu thun ſei; und zeigte nie die mindeſte Verehrung oder Rückſicht auf die große politiſche Wiſſenſchaft, wie es nicht zu thun ſei. Ueberhaupt hatte ſie eine barbariſche Art und Weiſe, die letztere Kunſt in der Per⸗ ſon jedes erleuchteten Unterthans, der ſie übte, todtzuſchlagen. 142 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Daher wurden die Männer, deren man bedurfte, geſucht und gefunden: Was ſchon an ſich ein höchſt unciviliſirtes und unregelmäßiges Verfahren war. Als man ſie gefunden hatte, ſchenkte man ihnen großes Vertrauen und erwies ihnen viel Ehre(was abermals die größte politiſche Unwiſſenheit bewies) und lud ſie ein, gleich zu kommen und zu verrichten, was ſie zu verrichten hatten. Kurz, man betrachtete ſie als Männer, welche es zu verrichten beabſichtigten, und die mit andern Männern einen Contract eingingen, welche es ver⸗ richtet haben wollten. Daniel Doyce war einer von den Auserwählten. Es war damals nicht vorauszuſehen, ob er Monate oder Jahre abweſend ſein würde. Die Vorbereitungen zu ſeiner Abreiſe und die gewiſſenhafte Zuſammenſtellung aller Einzelnheiten und Reſultate ihres gemeinſchaftlichen Geſchäfts für ihn. hatten in einem kurzen Zeitraume viel Arbeit zuſammenge⸗ drängt, die Clennam Tag und Nacht beſchäftigt hatte. Im erſten freien Augenblick hatte er einen Ausflug über den Ca⸗ nal gemacht und war eben ſo raſch zurückgekehrt, um von Doyce Abſchied zu nehmen. Arthur legte ihm jetzt ſorgfältig und genau den Stand ihrer Gewinne und ihrer Verluſte, ihrer Verbindlichkeiten und ihrer Ausſichten dar. Daniel ſah Alles in ſeiner ge⸗ duldigen Weiſe durch und bewunderte es über die Maßen. Er ging die Rechnungen durch, als ob ſie ein viel ſinnreichrer Me⸗ chanismus wären, als er jemals einen gebaut hatte, und blieb dann betrachtend vor ihnen ſtehen, den Hut mit beiden Hän⸗ 8 Wer reitet dieſes Wegs ſo ſpät? 143 den am Rande über den Kopf haltend, als ob er in die Be⸗ trachtung einer wunderbaren Maſchine verſunken wäre. „Es iſt Alles wunderſchön in ſeiner Regelmäßigkeit und Ordnung, Clennam. Nichts kann einfacher ſein. Nichts kann beſſer ſein.“ „Es freut mich, daß Sie es ſo finden, Doyce. Was nun die Verwendung unſers Kapitals während Ihrer Ab⸗ weſenheit betrifft und das Flüſſigmachen von ſo Viel, als das Geſchäft von Zeit zu Zeit braucht“— hier unterbrach ihn ſein Compagnon. „Was das betrifft und alles Andere dieſer Art, ſo über⸗ laſſe ich das Ihnen. Sie werden fortfahren, in all dieſen Angelegenheiten uns Beide zu vertreten, wie Sie bisher ge⸗ than haben und meiner Seele eine Laſt abzunehmen, die ſie ſehr fühlt.“ „Obgleich, wie ich Ihnen oft geſagt habe, Sie ganz un⸗ gerechter Weiſe Ihre Gaben als Geſchäftsmann herabſetzen,“ gab Clennam zurück. „Vielleicht,“ ſagte Doyce lächelnd.„Und vielleicht nicht. Jedenfalls habe ich einen Beruf, den ich gründlicher ſtudirt habe, als dieſe Sachen und für den ich beſſer paſſe. Ich ſetze feſtes Vertrauen in meinen Compagnon und bin über⸗ zeugt, daß er thun wird, was am Beſten iſt. Wenn ich ein Vorurtheil in Bezug auf Geld und Geldſachen habe,“ fuhr Doyce fort, und legte den Daumen auf den Revers von ſei⸗ nes Compagnons Rock,„ſo gilt es dem Spekuliren. Ich glaube, ich habe kein anderes. Es iſt möglich, daß ich ein 144 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Vorurtheil dagegen hege, weil ich nie ernſtlich über die Szu nachgedacht habe.“ „Aber Sie ſollten es kein Vorurtheil 1 nennen,“ ſagte Clennam.„Lieber Doyce, es iſt der geſundeſte Verſtand.“ „Es freut mich, daß Sie der Meinung ſind,“ entgegnete Doyce, während ſein graues Auge hell und freundlich wurde. „Zufällig ſagte ich ganz daſſelbe erſt vor der halben Stunde zu Pancks, der hier vorkam. Wir waren Beide darüber einverſtanden, daß das Anlegen von Capitalien in unſichern Unternehmungen eine der gefährlichſten, aber auch eine der gewöhnlichſten Thorheiten iſt, welche den Namen Laſter verdienen.“ „Pancks?“ ſagte Doyce, indem er den Hut hinten in die Höhe ſchob und zuverſichtlich nickte.„Ja wohl, ja wohl! er iſt ein vorſichtiger Mann.“ „Er iſt ein ſehr vorſichtiger Mann,“ entgegnete Arthur. „Ein wahres Muſter von Vorſicht.“ Der vorſichtige Charakter Mr. Pancks' ſchien ihnen weit mehr zur Befriedigung zu gereichen, als die Worte ihres Ge⸗ ſprächs erklären konnten. „Und jetzt,“ ſagte Daniel, nach der Uhr blickend,„da Zeit und Fluth auf Niemand warten, mein wackrer Com⸗ pagnon, und Alles zur Abreiſe bereit iſt, ſo geſtatten Sie mir noch ein Wort. Sie ſollen mir eine Bitte gewähren.“ „Jede Bitte, die Sie ausſprechen.— Nur dürfen Sie nicht verlangen,“ denn Clennam war raſch mit ſeiner Aus⸗ — Wer reitet dieſes Wegs ſo ſpät? 145 nahme bei der Hand, da er raſch auf dem Geſichte ſeines Compagnons las,„daß ich Ihre Erfindung aufgebe.“ „Das iſt die Bitte und Sie wiſſen es,“ ſagte Doyce. „Dann ſage ich, nein. Ich ſage beſtimmt, nein. Jetzt, wo ich einmal angefangen habe, will ich einen deutlichen Grund, eine verläßliche Darlegung, Etwas, was wie eine wirkliche Antwort iſt, von dieſen Leuten haben.“ „Sie bekommen ſie nicht,“ entgegnete Doyce kopfſchüt⸗ telnd.„Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, Sie bekommen ſie nicht.“ „Wenigſtens will ich es verſuchen,“ ſagte Clennam.„Das Verſuchen kann mir nicht ſchaden.“ „Davon bin ich nicht ſo feſt überzeugt,“ entgegnete Doyce und legte ihm die Hand überredend auf die Achſel.„Es hat mir geſchadet, mein Freund, es hat mich alt, gemacht, mich geärgert, mich getäuſcht. Es thut Niemanden gut, wenn ſeine Geduld erſchöpft wird und er glaubt, Unrecht leiden zu müſſen. Ich glaube ſelbſt jetzt ſchon, daß das nutzloſe Warten auf immer neue Verzögerungen und Aus⸗ flüchte Sie etwas weniger elaſtiſch gemacht hat, als Sie frü⸗ her waren.“ „Familienſorgen mögen dabei ihren Antheil haben,“ ſagte Clennam,„aber keine Quälereien von Amts wegen. Noch nicht. Ich bin noch nicht verwundet.“ „Alſo wollen Sie meine Bitte nicht gewähren?“ „Gewiß nicht,“ ſagte Clennam.„Ich würde mich ſchä⸗ Klein Dorrit. VIII. 10 146 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. men, mich ſo bald aus dem Felde ſchlagen zu laſſen, wo ein viel älterer und viel näher betheiligter Mann ſo lange mit Kraft gekämpft hat.“ Da er ſich durchaus nicht bewegen ließ, erwiderte Da⸗ niel Doyce ſeinen Händedruck, ſchenkte dem Comptoir noch einen Abſchiedsblick und ging mit Clennam die Treppe hin⸗ unter. Doyce wollte nach Southampton, um dort ſeine Mitreiſenden zu treffen; und ein Wagen ſtand vor der Thür, wohl ausgeſtattet und bepackt und bereit, ihn hinzufahren. Die Arbeiter der Fabrik waren an der Thür verſammelt, um ihn abreiſen zu ſehen und waren gewaltig ſtolz auf ihn.„Glück⸗ liche Reiſe, Mr. Doyce!“ ſagte einer von ihnen.„Wo Sie immer hinkommen, werden ſie finden, daß ſie einen Mann bekommen haben, einen Mann, der ſeine Werkzeuge kennt und den ſeine Werkzeuge kennen, einen Mann, der will und der kann und wenn das kein Mann iſt, wer iſt dann ein⸗ Mann!“ Dieſe Rede eines ſonſt ſchweigſamen Freiwilligen im Hintergrund, dem man früher ſo Etwas gar nicht zuge⸗ traut hatte, ward mit drei lauten Cheers beantwortet und der Sprecher war von da an ein Mann von Bedeutung. Während dieſe drei Cheers noch erſchallten, ſagte Daniel ihnen Allen ein herzliches„Lebt wohl, Ihr Leute!“ Und die Kutſche ſchwand aus den Augen, als ob die Erſchütterung der Luft ſie aus dem Hofe zum blutenden Herzen hinausge⸗ blaſen hätte. Mr. Baptiſt hatte als dankbarer Burſche mit einem Ver⸗ trauenspoſten unter den Arbeitern geſtanden und in die — — — Wer reitet dieſes Wegs ſo ſpät? 147 Cheers herzlich eingeſtimmt, wie es einem bloßen Ausländer nur möglich war. Denn in Wahrheit können keine Men⸗ ſchen auf Erden eine Cheer erklingen laſſen, wie die Eng⸗ länder, die, wenn ſie damit Ernſt machen, ſo ihr ganzes Herz und Feuer zuſammenraffen, daß es iſt, als ob ihre Ge⸗ ſchichte von dem ſächſiſchen Alfred an mit allen ihren Ban⸗ nern in Winde flatternd herangebrauſt käme. Mr. Baptiſt war ſo zu ſagen von dem Sturm mit fortgewirbelt worden und ſchöpfte ganz verwirrt wieder Athem, als Clennam ihm einen Wink gab, mit ihm hinauf zu kommen und die Bücher und Papiere wieder an ihren Platz zu bringen. Während der auf die Abreiſe folgenden Stille— in jener erſten Leere, welche jeder Trennung folgt und eine Ah⸗ nung von der großen Trennung gibt, welche immer über der ganzen Menſchheit ſchwebt— ſtand Arthur an ſeinem Pulte und verfolgte träumeriſch einen Sonnenſtrahl. Aber ſeine freigewordene Aufmerkſamkeit kehrte bald zu dem Gegen⸗ ſtand zurück, der ihn immer vor allen andern beſchäftigte und fing zum hundertſtenmale an, auf jedem Umſtand zu ver⸗ weilen, der ihm in der geheimnißvollen Nacht, als er den Mann bei ſeiner Mutter geſehen, aufgefallen war. Wieder ſtieß der Mann in der krummen Straße an ihn an, wieder folgte er dem Mann und verlor ihn aus den Augen, wieder fand er den Mann wieder, wie er im Hofe ſtand und das Haus betrachtete, wieder folgte er dem Mann und ſtand neben ihm auf den Stufen vor der Hausthür. 10* 148 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. „Wer reitet dort ſo ſpät vorbei? Compagnon de la Majolaine! Wer reitet dort ſo ſpät vorbei? Immer froh!“ Es war nicht das Erſtemal, daß er ſich das Liedchen des Kinderſpiels zurückrief, von dem der Mann dieſe Strophe ge⸗ ſummt hatte, während er neben ihm ſtand; aber er war ſich ſo wenig bewußt, daß er ihn laut hergeſagt hatte, daß er zuſammenſchrak, als er den nächſten Vers hörte: „Von des Königs Rittern iſt's die Blume, Compagnon de la Majolaine, Von des Königs Rittern iſt's die Blume Immer froh!“ Cavalletto hatte ehrerbietig die Worte und die Melodie eingeſchoben, in der Meinung, er habe abgebrochen, weil ihm die Fortſetzung unbekannt ſei. „Ah! Sie kennen das Lied, Cavalletto?“ „Beim Bacchus, ja, Sir! Jedermann kennt es in Frank⸗ reich. Ich habe es viele Mal von kleinen Kindern ſingen hören. Das letzte Mal, wo ich es habe gehört,“ ſagte Mr. Baptiſt, früher Cavalletto, der gewöhnlich wieder ſeine Sätze baute, wie er es von Jugend auf gewohnt geweſen, wenn ſich ſeine Erinnerungen der Heimath näherten,„war es von einer lieblichen Kinderſtimme. Ein ſehr hübſches, ſehr un⸗ ſchuldiges Stimmchen. Altro!“ „Das letzte Mal, wo ich es gehört habe,“ entgegnete Arthur,„war es von einer Stimme, die ganz das Gegentheil von hübſch und ganz das Gegentheil von unſchuldig war.“ Er ſagte dies mehr zu ſich als zu ſeinem Gefährten und ſetzte ——— Wer reitet dieſes Wegs ſo ſpät? 149 hinzu, des Mannes nächſte Worte wiederholend:„Mort de ma vie, es liegt in meinem Charakter, ungeduldig zu ſein.“ „Ha!“ rief Cavalletto erſtaunt aus, während in einem Augenblick alle Farbe aus ſeinem Geſicht entwichen war. „Was gibts?“ „Sir! Sie wiſſen, wo ich das Lied zum letzten Mal ge⸗ hört habe?“ Mit der raſchen Lebendigkeit des Italieners ſtellten ſeine Hände den Umriß einer großen Habichtsnaſe dar, ſchoben die Augen nahe zuſammen, wühlten das Haar durch, machten die Oberlippe dick, um einen ſtarken Schnauzbart darzuſtel⸗ len, und warfen den ſchweren Zipfel eines eingebildeten Mantels über die Achſel. Während er dies mit einer Schnel⸗ ligkeit that, die Jedem unglaubhaft iſt, der nicht einen ita⸗ lieniſchen Landmann beobachtet hat, deutete er ein ſehr merk⸗ würdiges und falſches Lächeln an. Die ganze Veränderung fuhr über ihn weg, wie ein Blitz, und er ſtand im nächſten Augenblick wieder blaß und erſtaunt vor ſeinem Beſchützer. „Im Namen aller Wunder,“ ſagte Clennam,„was woll⸗ ten Sie ſagen? kennen Sie einen Mann Namens Blandois?“ „Nein!“ ſagte Mr. Baptiſt und ſchüttelte den Kopf. „Sie haben eben einen Mann beſchrieben, der dabei war, als Sie das Lied hörten; nicht wahr?“ „Ja!“ ſagte Mr. Baptiſt und nickte fünfzigmal. „Und hieß er nicht Blandois?“ „Nein!“ ſagte Mr. Baptiſt.„Altro, Altro, Altro, Altro!“ Er konnte mit der gleichzeitigen Bewegung ſeines 150 Kopfs und ſeines rechten Zeigefingers den Namen nicht weit genug von ſich wegweiſen. „Halt!“ rief Clennam und breitete die Bekanntmachung auf ſeinem Pulte aus.„War dies der Mann? Sie verſtehen, was ich Ihnen vorleſe?“ „Ja wohl. Vollkommen.“ „Aber ſehen Sie auch mit hinein. Leſen Sie es mit, während ich es vorleſe.“ Mr. Baptiſt trat an das Pult, folgte jedem Wort mit ſeinen raſchen Augen, ſah und hörte Alles mit der größten Ungeduld bis zu Ende; und klopfte dann ſeine beiden Hände flach auf den Zettel, als ob er mit wilder Heftigkeit ein ſchädliches Thier finge, und ſah Clennam mit Eifer an,„er iſt's! Sehen Sie den Mann!“ „Das iſt mir unendlich wichtiger, als Sie ſich denken können,“ ſagte Clennam in großer Aufregung.„Sagen Sie mir, wo Sie den Mann kennen gelernt haben.“ Mr. Baptiſt nahm die Hände ſehr langſam und ſehr ungern von dem Papier weg, trat zwei oder drei Schritte zurück, that, als ob er den Staub von den Händen blieſe und gab ſehr gegen ſeinen Willen zur Antwort. „In Marſiglia— Marſeille.“ „Was war er?“ „Gefangener und— Altro! Ich glaube ja!“— Mr. Baptiſt ſchlich näher, um ihm zuzuflüſtern:„Mörder!“ Clennam fuhr zurück, als ob das Wort ihn wie ein Schlag getroffen hätte; ſo entſetzlich ließ es ihn den Verkehr Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Wer reitet dieſes Wegs ſo ſpät? 151 ſeiner Mutter mit dieſem Mann erſcheinen. Cavalletto ſank auf ein Knie und bat ihn mit den lebhafteſten Gebehrden, anzuhören, was ihn in ſo ſchlechte Geſellſchaft gebracht hatte. Er erzählte vollkommen der Wahrheit gemäß, wie er durch ein kleines Schmuggelgeſchäft dazu gekommen ſei, wie man ihn ſeiner Zeit wieder frei gelaſſen, und wie er auf im⸗ mer dieſem Leben Valet geſagt. Wie in dem Wirthshaus zur aufgehenden Sonne zu Chalons an der Saone derſelbe Mörder, der ſich damals Lagnier genannt, obgleich er früher Rigaud geheißen, ihn des Nachts aus dem Bett geweckt und ihm vorgeſchlagen, zuſammen ihr Glück zu verſuchen; wie er ſolche Furcht und ſolchen Abſcheu vor dem Mörder gehegt, daß er mit Tagesanbruch ihm entflohen ſei, und wie ihn ſeit⸗ dem beſtändig die Angſt gepeinigt habe, der Mörder werde ihm wieder begegnen, und ihn als einen Bekannten an⸗ ſprechen. Als er dies mit einer Emphaſe und einem gewich⸗ tigen Nachdruck auf dem Wort Mörder, der ſeiner Mutter⸗ ſprache eigenthümlich war und welcher es Clennam nicht we⸗ niger ſchrecklich machte, erzählt hatte, ſprang er plötzlich wie⸗ der auf, ſtürzte über den Zettel her und rief mit einer Lei⸗ denſchaftlichkeit, die bei jedem Nordländer unbedingt Ver⸗ rücktheit geweſen wäre.„Sehen Sie hier denſelben Mörder! Hier iſt er!“ In ſeiner Heftigkeit vergaß er zuerſt den Umſtand, daß er vor Kurzem den Mörder in London geſehen hatte. Als er ſich darauf beſann, ſchöpfte Clennam Anfangs einige Hoff⸗ nung, das Zuſammentreffen möchte von ſpäterm Datum 152 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. ſein, als der Abend, wo er bei ſeiner Mutter geweſen; aber Cavalletto bezeichnete Zeit und Ort zu deutlich und beſtimmt, um einen Zweifel aufkommen zu laſſen, daß es vorher ge⸗ weſen war. „Hören Sie mich an,“ ſagte Arthur ſehr ernſthaft.„Die⸗ ſer Mann iſt, wie wir hier geleſen haben, ganz und gar ver⸗ ſchwunden.“ „Das erleichtert mir das Herz!“ ſagte Cavalletto mit frommem Aufblick zum Himmel.„Dem Himmel tauſend mal Dank! Verfluchter Mörder!“ „Nicht doch,“ entgegnete Clennam; denn ſo lange ich nicht mehr von ihm in Erfahrung bringe, habe ich keine Ruhe mehr.“ „Genug, Wohlthäter; das iſt ganz was Anderes. Bitte millionenmal um Entſchuldigung!“ „Jetzt hören Sie mich an, Cavalletto,“ ſagte Clennam und drehte ihn ſanft beim Arme um, ſo daß ſie ſich in die Augen ſahen.„Ich bin überzeugt, daß für das Wenige, was ich für Sie habe thun können, Sie der am aufrichtigſten dankbare aller Menſchen ſind.“ „Ich ſchwöre es,“ rief der Andere. „Ich weiß es. Wenn Sie dieſen Mann finden oder ent⸗ decken könnten, was aus ihm geworden iſt, oder überhaupt eine Nachricht von ſpäterem Datum von ihm bekommen könn⸗ ten, ſo würden Sie mir einen Dienſt leiſten, größer als jeder andere Dienſt, den man mir in der Welt leiſten könnte, und —— Wer reitet dieſes Wegs ſo ſpät? 153 würden mich(mit viel größerm Grunde) ſo dankbar gegen Sie machen, wie Sie es gegen mich ſind.“ „Ich weiß nicht, wo ich hinſehen ſoll,“ rief der kleine Mann, und küßte voll Feuer Arthur die Hand.„Ich weiß nicht, wo ich anfangen ſoll. Ich weiß nicht, wohin ich gehen ſoll. Aber Muth! Genug! Es iſt Einerlei! Ich gehe in dieſem Augenblick.“ „Kein Wort gegen einen Andern, außer gegen mich, Cavalletto.“ „Altro!“ rief Cavalletto. Und war mit großer Eile zur Thür hinaus. Ende des achten Bandes. ——4jj———ꝙꝑł—— S 1 4 Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. ääõõõ —-—— —