N —-.-—-,. N 1 2 „—--— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen mü eines Buches, eine dem Werthe deſſelbe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgab ird ſſen, bei Entgegennahme n entſprchende Summe e von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3— 3 4 „ II— ur u— 9„ 7— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte„ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet.— 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. . K N8 Boz(Dickens) Sämmtliche Werke. Neunundneunzigſter Band. Klein Dorrilt. Siebenter Theil. w Xeipeig 3 V Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1857. Q7„ 2 Klein Borrit. Roman von(Charles Dickens) Boz. In zwei Büchern. Aus dem Euglischen unn Morit; Busch. Mit vierzig Illuſtrationen von Hablot K. Sromne. Siebenter Theil. — ne Neipeig Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1857. Achtes Kanitel. Die hochgeborne Mrs. Sowan beſinnt ſich, daß es durchaus nicht geht. Während die Canäle Venedigs und die Ruinen Roms ſich zum Vergnügen der Familie Dorrit ſonnten und täglich von zahlloſen reiſenden Bleiſtiften mit einem Vergeſſen jeder irdiſchen Proportion und Aehnlichkeit abkonterfeit wurden, hämmerte die Firma Doyce und Clennam drauf los im Blu⸗ tenden Herzen und durch alle Werkelſtunden hindurch ver⸗ nahm man dort den weithin ſchallenden Schlag von Eiſen auf Eiſen. Der jüngere Aſſocié hatte um dieſe Zeit das Geſchäft in das richtige Geleiſe gebracht, und der ältere, in Stand ge⸗ ſetzt, mit Muße ſeine ſinnreichen Pläne zu verfolgen, hatte viel zur Erhöhung des Rufs der Fabrik gethan. Als ſinn⸗ reicher Mann hatte er ſich nothwendigerweiſe jede Entmuthi⸗ gung gefallen laſſen müſſen, welche die herrſchenden Gewal⸗ ten eine Zeit lang Mittel gehabt hatten, Verbrechern ſeiner Klaſſe in den Weg zu legen; aber das war nur vernünftige Klein Dorrit. VII. 1 2 Achtes Kapitel. Nothwehr dieſer Gewalten, da offenbar das Wie es zu thun iſt als natürlicher und Todfeind des Wie es nicht zu thun iſt, betrachtet werden muß. Das war die Grundlage des vom Umſchreibungsbüreau mit Leibeskräften aufrechterhalte⸗ nen weiſen Syſtems, jedem ſinnreichen britiſchen Unterthanen bemerklich zu machen, daß er auf ſeine eigene Gefahr ſinn⸗ reich ſein müſſe, ihn zu peinigen und zu hemmen, Räuber aufzumuntern, ihn zu plündern(indem man die Abhülfe da⸗ gegen unſicher, ſchwierig und koſtſpielig machte) und im beſten Fall ſein Eigenthum nach kurzem Genuß zu confisciren, als ob Erfinden auf gleichem Fuße ſtände mit einem Criminal⸗ verbrechen. Das Syſtem hatte ſtets in großer Gunſt bei den Barnacles geſtanden und das war ebenfalls nur vernünftig; denn Einer, der etwas Ordentliches erfindet, dem muß es ernſt ſein, und nichts verabſcheuten und fürchteten die Bar⸗ nacles halb ſo ſehr. Das war ebenfalls ſehr vernünftig; weil in einem an der Krankheit von zu vielem ernſten Wil⸗ len leidenden Lande in ganz ungewöhnlich kurzer Zeit auch kein einziger Barnacle mehr im Amte ſein könnte. Daniel Doyce ertrug ſeine Lage mit den dazu gehöxigen Leiden und Laſten und arbeitete ruhig fort um der Arbeit willen. Clennam munterte ihn mit williger Mitwirkung auf und war ihm eine moraliſche Stütze, außer daß er ihm als Geſchäftsmann gute Dienſte leiſtete. Das Geſchäft gedieh und die Aſſociés waren eng befreundet. Aber Daniel konnte den alten ſo viele Jahre lang ge⸗ hegten Plan nicht vergeſſen. Das war vernünftigerweiſe 5 * Mrs. Gowan beſinnt ſich, daß es durchaus nicht geht. 3 nicht anders zu erwarten; wenn er ihn hätte leicht vergeſſen können, ſo wäre er nie im Stande geweſen, ihn zu faſſen, oder die Geduld und Ausdauer zu haben, ihn auszuarbeiten. So dachte Clennam, als er ihn manchmal Abends ſeine Modelle und Zeichnungen muſtern ſah, und wie er ſie wieder wegſetzte, ſich mit einem Seufzer halblaut mit der Aeußerung tröſten hörte, daß die Sache doch richtig ſei. Für ein ſo ausdauerndes Streben und ſo viele Täu⸗ ſchungen keine Theilnahme zu zeigen, wäre eine Verletzung von dem geweſen, was Clennam als die ſelbſtverſtändlichen Verpflichtungen ſeiner Stellung als Geſchäftstheilhaber be⸗ trachtete. Ein Wiederaufleben vorübergehenden Intereſſes an dem Gegenſtand, welches aus Zufall an der Thür des Umſchreibungsbüreaus in ihm erweckt worden war, entſtand in dieſem Gefühle. Er bat ſeinen Aſſocié, ihm die Erfindung auseinanderzuſetzen;„mit einiger Rückſicht, daß ich kein Sach⸗ verſtändiger bin, Doyce,“ machte er zur Bedingung. „Kein Sachverſtändiger?“ ſagte Doyce.„Sie wären ein ganz ordentlicher Sachverſtändiger, wenn Sie ſich der Sache gewidmet hätten. Mir iſt kein beſſerer Kopf vorgekommen, dieſe Sachen zu verſtehen.“ „Leider iſt er nicht im Mindeſten dazu gebildet worden,“ ſagte Clennam. „Das weiß ich nicht,“ entgegnete Doyce,„und ich möchte das nicht von Ihnen hören. Kein verſtändiger Mann, der allgemeine Bildung beſitzt und ſelbſt etwas für ſeine Bil⸗ dung gethan hat, kann unfähig genannt werden, irgend ein 1* 4 Achtes Kapitel. beliebiges Fach zu lernen. Ich bin kein beſonderer Freund von Geheimniſſen. Nach einer gehörigen und deutlichen Aus⸗ einanderſetzung möchte ich mich ebenſogut von der einen wie von der andern Klaſſe Menſchen beurtheilen laſſen, voraus⸗ geſetzt, daß die Eigenſchaft vorhanden iſt, die ich eben ge⸗ nannt habe.“ „Jedenfalls,“ ſagte Clennam—„es klingt, als ob wir uns gegenſeitig Complimente machten, aber wir wiſſen, daß dies nicht der Fall iſt— werde ich den Vortheil einer ſo deutlichen Erklärung haben, als gegeben werden kann.“ „Gut,“ ſagte Daniel in ſeiner gelaſſenen, ruhigen Weiſe, „ich werde es verſuchen.“ Er beſaß die bei ſolchen Charakteren nicht ſeltene Fähig⸗ keit, das, was er ſelbſt ſah und meinte, mit derſelben unmit⸗ telbaren Kraft und Deutlichkeit zu erklären, mit der es in ſeinem Geiſte lebte. Seine Art auseinanderzuſetzen war ſo ordentlich, einfach und klar, daß ihn mißzuverſtehen ſchwer war. Es lag faſt etwas Komiſches in der vollſtändigen Un⸗ verträglichkeit einer unbeſtimmten herkömmlichen Anſicht, daß er ein Träumer ſein müſſe, mit der ſichern und verſtändigen Bewegung ſeines Auges und Zeigefingers auf den Plänen, dem geduldigen Verweilen an beſtimmten Stellen, ihrem ſorgfältigen Zurückkehren nach andern Stellen, wo auf ſchon Erklärtes zurückzuweiſen war, und ſeiner ruhigen Art, auf jeder wichtigen Stufe erſt Alles vollkommen klar zu machen und feſtzuſtellen, ehe er ſeinen Zuhörer nur um eine Linie weiter führte. Nicht weniger bemerkenswerth war es, wie 4 Mrs. Gowan beſinnt ſich, daß es durchaus nicht geht. 5 er ſein Ich aus der Beſchreibung ganz und gar weg ließ. Er ſagte nie, ich habe dieſe Anwendung entdeckt oder dieſe Com⸗ bination erfunden, ſondern zeigte die ganze Sache, als wenn der göttliche Werkmeiſter ſie gemacht und er ſie zufällig gefunden hätte. So beſcheiden war er dabei, ein ſo ange⸗ nehmer Schimmer von Reſpect davor vermiſchte ſich mit ſei⸗ ner ſtillen Bewunderung der Sache und ſo ruhig überzeugt war er, daß ſie auf unumſtößliche Geſetze gegründet ſei. Nicht nur dieſen Abend, ſondern verſchiedene Abende hintereinander fand Clennam einen großen Genuß in dieſer Auseinanderſetzung. Je mehr er ſich damit beſchäftigte und je öfter ſein Auge auf das graue Haupt ſah, welches ſich darüber beugte, und auf das geſcheidte Auge, das mit Freude an dem Plane und mit Liebe dafür leuchtete, deſto weniger konnte ſich ſeine jüngere Energie mit dem Gedanken vertra⸗ gen, ihn fallen zu laſſen, ohne noch einen Verſuch zu machen. Endlich ſagte er: „Doyce, endlich kam es dahin, daß die Sache entweder mit der Himmel weiß wie viel geſcheiterten Plänen vergeſſen oder von vorne wieder angefangen werden mußte?“ „Ja,“ entgegnete Doyce,„ſo weit waren die hohen Herr⸗ ſchaften nach etwa einem Dutzend Jahren gekommen.“ „Hübſche Burſche!“ ſagte Clennam bitter. „Es iſt nur, was gewöhnlich geſchieht,“ bemerkte Doyce. „Ich darf keinen Märtyrer aus mir machen, wenn ich ſo zahlreiche Genoſſen habe.“ Achtes Kapitel.. „Es aufgeben oder ganz von vorn wieder anfangen?“ ſagte Clennam nachdenklich. „Das iſt genau das Lange und das Kurze von der Sache,“ ſagte Doyce. „Dann, mein Freund,“ rief Clennam, indem er lebhaft ſich aufrichtete und die harte Hand ſeines Gefährten ergriff, „dann muß es noch einmal von vorn angefangen werden!“ Doyce machte ein erſchrockenes Geſicht und gab heftig für ſeinen Theil zur Antwort:„nein, nein. Beſſer, wir laſſen es ſein. Viel beſſer, wir laſſen es ſein. Man wird ſchon ſeiner Zeit davon hören. Ich kann es ſein laſſen. Sie vergeſſen, mein guter Clennam; ich habe es ſein laſſen. Es iſt Alles vorbei.“ „Ja, Doyce,“ entgegnete Clennam,„vorbei, was Ihre Anſtrengung und Abweiſung betrifft, das gebe ich zu, aber nicht für mich. Ich bin jünger als Sie, ich bin nur ein einzigesmal in dieſes koſtbare Büreau gekommen und bin eine friſche Beute für ſie. Hören Sie! Ich werde es mit ihnen verſuchen. Sie ſollen ſich nicht anders verhalten als Sie ſich ſeit unſerem Zuſammenſein verhalten haben. Neben dem, was ich bis jetzt gethan habe, will ich noch, was ich leicht kann, den Verſuch machen, Ihnen Recht vor dem Publi⸗ kum zu verſchaffen; und ehe ich nicht über einen Erfolg zu berichten habe, ſollen Sie nichts von mir hören.“ Daniel Doyce war immer noch abgeneigt, ſeine Zuſtim⸗ mung zu geben und ſtellte wiederholt vor, daß es viel beſſer ſei, die Sache zu begraben. Aber es war natürlich, daß er —— Mrs. Gowan beſinnt ſich, daß es durchaus nicht geht. 7 ſich allmälig von Clennam überreden ließ und nachgab. Er ließ es geſchehen und Arthur begann die lange und hoff⸗ nungsloſe Arbeit, zu verſuchen, mit dem Umſchreibungsbüreau vorwärts zu kommen. Den Wartezimmern dieſes Departements wurde ſeine Ge⸗ ſtalt wohlbekannt und die Thürſteher geſtatteten ihm meiſtens auf dieſelbe Weiſe Zutritt, wie man einen Taſchendieb in ein Polizeibüreau weiſt; der Hauptunterſchied war, daß der Zweck des letztgenannten Büreaus iſt, den Taſchendieb zu behalten, während das Umſchreibungsbüreau den Zweck hatte, Clennam los zu werden. Er war jedoch entſchloſſen, an dem großen Departement feſtzuhalten; und ſo begann die Arbeit des Schemaausfüllens, Correſpondirens, Protokoll⸗ aufnehmens, Eingabemachens, Zeichnens, Gegenzeichnens, Gegengegenzeichnens, Vorwärts und Rückwärts und Seit⸗ wärts, übers Kreuz und Zickzackverweiſens von Neuem. Hier zeigt ſich ein neuer Zug des Umſchreibungsbüreaus, von dem wir noch nicht geſprochen haben. Wenn dieſes be⸗ wundernswürdige Departement in Ungelegenheiten kam, und von einem wüthenden Parlamentsmitglied, den die kleinen Barnacles faſt für verdächtig hielten, vom Teufel beſeſſen zu ſein, nicht auf Grund einer beſondern Sache, ſondern als ein ganz verabſcheuungswerthes und ins Tollhaus gehören⸗ des Inſtitut angegriffen wurde, ſo vernichtete der edle oder ſehr ehrenwerthe Barnacle, der das Büreau in dem Hauſe vertrat, beſagtes Mitglied vollſtändig mit einer Angabe der im Umſchreibungsamt verrichteten Arbeit zur Behinderung 8 Achtes Kapitel. der Geſchäfte. Dann ſtand der edle oder ſehr ehrenwerthe Barnacle auf, in der Hand ein Papier mit einigen Zahlen, auf welche er mit der Erlaubniß des Hauſes die Aufmerkſam⸗ keit deſſelben lenken wollte. Alsdann riefen die kleineren Barnacles erhaltenem Befehle gemäß aus:„Hört, hört, hört!, und„Vorleſen!“ Dann erſah der edle oder ſehr ehrenwerthe Barnacle aus dieſem kleinen Document, Sir, welches ſeiner Meinung nach ſelbſt den Verkehrteſten überzeugen müßte(höhniſches Ge⸗ lächter und Zurufen von den kleinen Barnacles), daß in der kurzen Zeit des letztverfloſſenen halben Finanzjahres dieſes vielverläumdete Departement(Beifall) 15000 Briefe(lauter Beifall), 24,000 Protokollentwürfe(lauterer Beifall) und 32,817 Verordnungen geſchrieben und empfangen habe (lebhafteſter Beifall). Ein mit dem Departement in Ver⸗ bindung ſtehender ſinnreicher Herr, der ſelbſt ein geſchätzter Beamter ſei, ſei ſo gütig geweſen, eine merkwürdige Berech⸗ nung über die in derſelben Zeit verbrauchte Menge von Papier und Schreibmaterialien zu machen. Das ſei eben⸗ falls in dieſem kurzen Document verzeichnet; und er erſehe daraus die merkwürdige Thatſache, daß man mit den zum Beſten des Staats verbrauchten Bogen Papier die Trottoirs zu beiden Seiten der Orfordsſtraße von einem Ende zum an⸗ dern belegen könnte, und immer noch faſt eine viertel engliſche Meile für den Park übrig behalten würde(endloſer Beifall und Gelächter), während es von rothem Leinenband ſo viel gebraucht, daß es die ganze Strecke von Hydeparkcorner bis —— b Mrs. Gowan beſinnt ſich, daß es durchaus nicht geht. 9 zum Generalpoſtamt mit anmuthigen Guirlanden behängen könnte. Alsdann ſetzte ſich unter einem allgemeinen Aus⸗ bruch offiziellen Jubels der edle oder ſehr ehrenwerthe Bar⸗ nackle nieder und ließ die verſtümmelten Glieder des Mitglieds auf der Wahlſtatt zurück. Nach dieſer zum warnenden Bei⸗ ſpiel dienenden Vernichtung deffelben hatte Niemand den Muth, zu bemerken, daß, jemehr das Umſchreibungsbüreau that, deſtoweniger gethan wurde, und daß die größte Wohl⸗ that, welche es einem unglücklichen Publikum erweiſen könnte, die wäre, Nichts zu thun. Mit genug Beſchäftigung jetzt, wo er auch noch dieſe Arbeit übernommen hatte— eine Arbeit, an der mancher tüchtige Mann vor ſeiner Zeit geſtorben war— führte Ar⸗ thur Clennam ein Leben von geringer Abwechslung. Regel⸗ mäßige Beſuche in dem ſtillen Krankenzimmer ſeiner Mutter, und kaum weniger regelmäßige Beſuche bei Mr. Meagles in Twickenham waren die einzige Abwechſelung mehrere Monate lang. Er vermißte Klein Dorrit ſehr und mit Schmerzen. Er hatte ſich darauf gefaßt gemacht, ſie ſehr zu vermiſſen, aber nicht ſo ſehr. Erſt durch die Erfahrung wurde es ihm voll⸗ ſtändig klar, welch große Lücke in ſeinem Leben blieb, als die Geſtalt daraus verſchwand. Er fühlte auch, daß er die Hoffnung auf ihre Rückkehr aufgeben müſſe, denn er kannte den Charakter der Familie gut genug, um überzeugt zu ſein, daß er und ſie durch eine weite Kluft getrennt waren. Die alte Theilnahme, die er für ſie gefühlt und ihr altes, ver⸗ 10 Achtes Kapitel. trauendes Verlaſſen auf ihn färbten ſich in ſeiner Seele mit trüber Rückerinnerung: ſobald hatten ſie ſich unmerklich ver⸗ ändert und ſobald waren ſie mit andern geheimen Herzens⸗ anliegen in die Vergangenheit entrückt worden. Als er ihren Brief empfing, war er ſehr gerührt, fühlte aber nichtsdeſtoweniger, daß ſie nicht blos durch die Ferne weit von ihm geſchieden war. Er wurde durch ihn klarer und ſchärfer die Stellung gewahr, welche ihm die Familie an⸗ wies. Er ſah, daß ſie ihn in ihrer dankbaren Erinnerung im Geheimen werth hielt und daß die Familie ihm mit dem Kerker und Allem, was dazu gehörte, grollte. Neben dieſen Bildern von ihr, welche jeder Tag ſeines Lebens um ihn heraufbeſchwor, gedachte er ihrer auch in der alten Weiſe. Sie war ſeine unſchuldige Freundin, ſein zar⸗ tes Kind, ſeine liebe kleine Dorrit. Gerade die Veränderung ihrer Lebensverhältniſſe paßte merkwürdig mit der Gewohn⸗ heit zuſammen, die ſich von dem Abend, wo die Roſen fort⸗ ſchwammen, herſchrieb, ſich als einen viel älteren Mann zu betrachten, als er den Jahren nach war. Er betrachtete ſie in einer Weiſe, von der er nicht ahnte, daß ſie in ihrem Sichfernhalten, ſo liebevoll ſie war, unausſprechliche Qual für ſie ſein würde. Er beſchäftigte ſich in ſeinen Gedanken mit ihrem zukünftigen Schickſal und mit dem Gatten, den ſie einſt bekommen würde, mit einem Eifer, der aus ihrem Herzen den theuerſten Tropfen Hoffnung ausgepreßt und es gebrochen haben würde. Seine ganze Umgebung trug dazu bei, ihn in der Ge⸗ — Mrs. Gowan beſinnt ſich, daß es durchaus nicht geht. 11 wohnheit zu beſtärken, ſich als einen ältlichen Mann zu be⸗ trachten, der von ſolchen Beſtrebungen, wie er ſie in Bezug auf Minnie Gowan bekämpft hatte(obgleich das, nach Mo⸗ naten und Sommern gerechnet, noch nicht ſo lange her war) für das Leben Abſchied genommen hatte. Seine Beziehungen zu ihrem Vater und ihrer Mutter waren denen eines ver⸗ witweten Schwiegerſohnes am ähnlichſten. Wenn die hin⸗ geſchiedene Zwillingsſchweſter erſt in der Blüthe des Frauen⸗ alters geſtorben, und er ihr Gatte geweſen wäre, ſo wäre ſein Verhältniß zu Mrs. und Mr. Meagles wahrſcheinlich von der Art geweſen, wie es jetzt war. Dies trug unmerk⸗ bar dazu bei, ihn an die Anſchauung zu gewöhnen, daß er mit dieſer Seite des Lebens ganz und gar fertig ſei. Er hörte durch ſie von Minnie nur, daß ſie in ihren Briefen er⸗ zählte, wie glücklich ſie ſei und wie ſehr ſie ihren Gatten liebe; aber unzertrennlich von dieſem Gegenſtand ſah er unwandelbar den alten Schatten auf Mr. Meagles' Geſicht. Mr. Meagles war ſeit der Hochzeit nie wieder ſo heiter ge⸗ weſen wie früher. Von der Trennung von Pet hatte er ſich nie ganz erholt. Er war derſelbe gutmüthige, offene Menſch; aber als ob ſein Geſicht von dem beſtändigen Anblicken der Bilder ſeiner beiden Kinder, die ihm nur Ein Geſicht zeigen konnten, unbewußt von ihnen einen Charakterzug herüber⸗ nehme, ſprach es jetzt beſtändig durch alle Wandlungen ſei⸗ nes Ausdrucks hindurch von einem erlittenen Verluſt. An einem winterhaften Sonnabend, wo Clennam ſich in dem Landhäuschen befand, fuhr die hochgeborne Mrs. 12 Achtes Kapitel. Gowan in der Hamptoncourt⸗Kutſche vor, welche die aus⸗ ſchließliche Equipage ſo vieler einzelnen Eigenthümer zu ſein vorgab. Sie ſtieg hinter dem ſchattigen Hinterhalt ihres grünen Fächers aus, um Mrs. und Mr. Meggles mit einem Beſuch zu beehren. „Und wie geht es Ihnen Beiden, Papa und Mama Meagles?“ ſagte ſie mit gnädiger Herablaſſung zu ihren nied⸗ riggebornen Verwandten.„Wann haben Sie zum letztenmale Etwas von meinem armen Jungen gehört?“ Mein armer Junge war ihr Sohn; und dieſe Art von ihm zu ſprechen erhielt, ohne Jemanden in der Welt zu be⸗ leidigen, den Vorwand lebendig, daß er der Liſt und den Tücken der Familie Meagles zum Opfer gefallen ſei. „Und unſer liebes, hübſches Kind,“ ſagte Mrs. Gowan. „Haben Sie neuere Nachrichten von der Kleinen, als ich?“ Das deutete ebenfalls auf zarte Weiſe an, daß ihr Sohn ſich hätte von bloßer Schönheit gefangen nehmen laſſen, und, von ihr bezaubert, allen möglichen irdiſchen Vortheilen ent⸗ ſagt habe. „Ich bin überzeugt,“ ſagte Mrs. Gowan, ohne ihre Aufmerkſamkeit ſoweit anzuſtrengen, um die Antworten des Paares anzuhören,„es iſt ein unausſprechlicher Troſt, zu wiſſen, daß ſie immer noch glücklich ſind. Mein armer Junge iſt von ſo ruheloſem Charakter und iſt ſo ſehr gewöhnt, um⸗ herzuſtreifen und unbeſtändig und beliebt unter allerlei Leu⸗ ten zu ſein, daß es der größte Tooſt im Leben iſt. Ich ver⸗ Mrs. Gowan beſinnt ſich, daß es durchaus nicht geht. 13 muthe, ſie ſind ſo arm wie die Kirchmäuſe, Papa Meag⸗ les?“ Mr. Meagles, den die Frage unruhig hin und herrücken machte, gab zur Antwort:„ich hoffe nicht, Madame. Ich hoffe, ſie werden ſich mit ihrem kleinen Einkommen ein⸗ richten.“ „O mein beſter Meagles!“ entgegnete die Dame, indem ſie ihm mit dem grünen Fächer auf den Arm tüpfte und den Schirm alsdann geſchickt zwiſchen ein Gähnen und die Ge⸗ ſellſchaft ſchob.„Wie können Sie als ein Mann von Welt und als einer der tüchtigſten Geſchäftsmänner— denn Sie wiſſen, daß Sie ein Geſchäftsmann ſind und in viel zu ho— hem Grade für uns, die wirs nicht ſind—“ (Das diente ebenfalls dem früher angegebenen Zweck, indem Mr. Meagles auf dieſe Weiſe als ein ſchlauer Intri⸗ guant dargeſtellt wurde.) „— Wie können Sie vom Einrichten mit ihrem kleinen Einkommen ſprechen? Mein armer, guter Junge! ſich ihn zu denken, wie er ſich mit Hunderten einrichtet und das liebe gute Kind dazu. Zu denken, daß ſie ſich einrichten ſollen! Papa Meagles! ich bitte Sie, thun Sie das nicht!“ „Wohlan, Madame,“ ſagte Mr. Meagles mit Ernſt,„ſo thut es mir leid, zugeben zu müſſen, daß Henry ſelbſt über ſeine Mittel hinausgeht.“ „Mein lieber, guter Mann— ich mache mit Ihnen keine Complimente, weil wir eine Art Verwandte ſind— wahr⸗ haftig, Mama Meagles,“ rief Mrs. Gowan heiter aus, als Achtes Kapitel. ob das ſeltſame Zuſammentreffen ihr zum erſtenmal auf⸗ fiele—„wahrhaftig, eine Art Verwandte! Mein lieber, guter Mann, auf dieſer Welt kann nicht Jeder Alles nach ſeiner Weiſe haben.“ Das war wieder auf das frühere Ziel berechnet, und zeigte Mr. Meagles mit aller Höflichkeit, daß ihm ſoweit in ſeinen tief ausgeſonnenen Plänen Alles aufs Schönſte gelun⸗ gen ſei. Mrs. Gowan hielt den Treffer für ſo gut, daß ſie da⸗ bei verweilte und wiederholte:„nicht Alles. Nein, nein; auf dieſer Welt dürfen wir nicht Alles erwarten, Papa Meagles.“ Und darf ich fragen, Madam, wer Alles erwartet?“ un⸗ terbrach ſie Mr. Meagles, deſſen Geſicht ſich etwas lebhafter färbte. „O Niemand, Niemand!“ ſagte Mr. Gowan.„Ich wollte ſagen— aber Sie haben mich aus dem Text gebracht. Sie Störenfried, was wollte ich ſagen?“ Sie ſenkte ihren großen, grünen Fächer und ſah nach⸗ ſinnend Mr. Meagles an, während ſie darüber nachdachte; ein Unternehmen, was nicht eben dazu beitrug, dieſes Herrn etwas erhitztes Gemüth abzukühlen. „Ah ſo! Richtig!“ ſagte Mrs. Gowan.„Sie müſſen be⸗ denken, daß mein armer Junge immer gewohnt geveſen iſt, ſich Erwartungen zu machen. Sie mögen verwirklicht worden ſein oder nicht—“ „Wir wollen alſo ſagen, ſie mögen nicht verwirklicht wor⸗ den ſein,“ bemerkte Mr Meagles. „— Mrs. Gowan beſinnt ſich, daß es durchaus nicht geht. 15 Die hochgeborne Wittwe warf ihm einen zornigen Blick zu, ſchüttelte aber ihren Zorn mit ihrem Kopf und ihrem Fächer ab, und verfolgte ruhig ihren Weg wie vorhin. „Es macht keinen Unterſchied. Mein armer Junge war daran gewöhnt und natürlich wußten Sie es und waren auf die Folgen gefaßt. Ich habe die Folgen immer klar voraus⸗ geſehen und bin nicht überraſcht. Und Sie darf es auch nicht überraſchen. In der That, es kann Sie nicht überraſchen. Sie müſſen darauf gefaßt geweſen ſein.“ Mr. Meagles ſah ſeine Frau an und dann Clennam, biß ſich in die Lippen und huſtete. „Und nun muß mein armer Junge hören,“ fuhr Mrs. Gowan fort,„daß er ſich auf eine Vermehrung ſeiner Fami⸗ lie und alle damit verbundenen Ausgaben gefaßt machen muß! Der arme Henry! Aber jetzt kann nicht mehr gehol⸗ fen werden; dazu iſt es zu ſpät. Nun ſagen Sie mir nicht, das hätte ſich erwarten laſſen, als ſagten Sie damit etwas Neues, Papa Meagles; weil das zu viel wäre.“ „Zu viel, Madam?“ ſagte Mr. Meagles, der ſie nicht zu verſtehen ſchien. „Schon gut, ſchon gut!“ ſagte Mrs. Gowan, indem ſie ihm mit einer ausdrucksvollen Handbewegung ſeine unter⸗ geordnete Stelle anwies.„Das iſt zu viel für meines ar⸗ men Jungen Mutter. Sie ſind feſt verheirathet und können nicht geſchieden werden. Schon gut, ſchon gut! Ich kenne das! Sie brauchen mir das nicht zu ſagen, Papa Meagles. Ich kenne es recht gut. Was ſagte ich eben? Daß es ein 16 Achtes Kapitel. großer Troſt ſei, daß ſie immer noch glücklich mit einander ſind. Es iſt zu hoffen, daß ſie fortfahren werden, glücklich zu ſein. Es iſt zu hoffen, daß die hübſche Kleine Alles, was ſie kann, thun wird, um meinen armen Jungen glücklich und zufrieden zu machen. Papa und Mama Meggles, es iſt beſſer, wir ſprechen nicht weiter davon. Wir haben die Sachen nie von derſelben Seite angeſehen und werden auch in Zukunft nicht. So, ſo! Nun iſt es abgemacht.“ Da Mrs. Gowan jetzt Alles geſagt hatte, was ſie zur Aufrechthaltung ihrer wunderbar mythiſchen Stellung und als Ermahnung für Mr. Meagles, nicht zu erwarten, die Ehre einer Verbindung mit ihr ſo billig zu haben, ſagen konnte, war ſie wirklich geneigt, über das Uebrige zu ſchwei⸗ gen. Hätte Mr. Meagles einem flehenden Blick von Mrs. Meagles und einer ausdrucksvollen Geberde Clennams nachge⸗ geben, ſo hätte er ſie in ungeſtörtem Genuß ihres Gemüths⸗ zuſtandes gelaſſen, aber Pet war der Liebling und Stolz ſei⸗ nes Herzens; und wenn er ſie jemals hingebender hätte ver⸗ theidigen oder beſſer lieben können, als in den Tagen, wo ſie der Sonnenſchein ſeines Hauſes war, ſo wäre es jetzt ge⸗ weſen, wo ſie ihm als ſeine tägliche Anmuth und Zierde. verloren war. „Mrs. Gowan,“ ſagte Mr. Meagles,„ich bin mein gan⸗ zes Lebenlang ein einfacher Mann geweſen. Wenn ich ent⸗ weder gegen mich ſelbſt oder gegen einen Andern oder gegen Beide gentile Myſtificationen verſuchen wollte, ſo würde es mir wahrſcheinlich nicht gelingen.“ Mrs. Gowan beſinnt ſich, daß es durchaus nicht geht. 17 „Papa Meagles,“ entgegnete die hochgeborne Wittwe mit einem leutſeligen Lächeln, wobei aber das blühende Roth auf ihrer bläſſer werdenden Wange ein wenig lebhafter ausſah als gewöhnlich,„wahrſcheinlich nicht.“ „Deshalb, meine gute Madam,“ ſagte Mr. Meagles, der mit großer Mühe ſeine Faſſung bewahrte,„deshalb hoffe ich ohne Beleidigung bitten zu dürfen, keine ſolchen Myſtifi⸗ kationen gegen mich anzuwenden.“ „Mama Meagles,“ bemerkte Mrs. Gowan, Ihr lieber Mann iſt ganz unbegreiflich.“ Daß ſie ſich an dieſe würdige Dame wendete, war nur ein Kunſtgriff, ſie ins Geſpräch zu ziehen, mit ihr Zank an⸗ zufangen und ſie zu überwinden. Um dies zu verhüten, trat Mr. Meggles dazwiſchen. „Mutter,“ ſagte er,„Du biſt unerfahren und es iſt keine gleiche Partie. Ich bitte Dich, Dich ruhig zu verhalten, meine Gute. Hören Sie, Mrs. Gowan, laſſen Sie uns ver⸗ ſuchen, verſtändig zu ſein und die Sache im Guten und un⸗ parteiiſch anzuſehen. Bemitleiden Sie nicht Henry und ich werde Pet nicht bemitleiden. Und ſeien Sie nicht einſeitig, meine werthe Madam; es iſt nicht rückſichtsvoll, es iſt nicht wohlwollend. Wir wollen nicht ſagen, daß wir hoffen, Pet werde Henry glücklich machen oder ſelbſt, daß wir hoffen, Henry werde Pet glücklich machen“(Mr. Meagles ſah ſelbſt nicht glücklich aus, als er ſo ſprach),„ſondern laſſen Sie uns hof⸗ fen, daß ſie ſich einander glücklich machen werden.“ Klein Dorrit. VII. 2 18 Achtes Kapitel. „Ja gewiß und dabei wollen wir es laſſen, Vater,“ ſagte die wohlwollende und gutmüthige Mrs. Meagles. „Nein, Mutter, nein,“ entgegnete Mr. Meagles,„wir dürfen es dabei noch nicht laſſen. Ich muß noch ein halb Dutzend Worte ſagen. Mrs. Gowan, ich hoffe, ich bin nicht übermäßig empfindlich. Ich glaube, ich ſehe nicht dar⸗ nach aus.“ „Gewiß nicht,“ ſagte Mrs. Gowan, indem ſie den Kopf und dazu des größern Nachdrucks wegen den großen grünen Fächer ſchüttelte. „Ich danke Ihnen, Madam, das iſt gut. Trotzdem fühle ich mich ein wenig— ich möchte kein ſtarkes Wort gebrau⸗ chen— ſoll ich ſagen verletzt!“ frug Mr. Meagles mit Of⸗ fenheit und Mäßigung zugleich und mit einem verſöhnlichen Ton in ſeiner Stimme. „Sagen Sie, was Ihnen beliebt,“ ſagte Mrs. Gowan. „Es iſt mir vollkommen gleichgültig.“ „Nein, nein, ſagen Sie das nicht,“ drang Mr. Meag⸗ les in ſie,„weil das keine freundſchaftliche Antwort iſt. Ich fühle mich ein wenig verletzt, wenn ich von Folgen ſprechen höre, welche hätten vorausgeſehen werden können und daß es jetzt zu ſpät iſt und ſo weiter.“ „Wirklich, Papa Meagles,“ ſagte Mrs. Gowan.„Das wundert mich nicht.“ „Nun ich hoffte, Sie würden ſich wenigſtens wundern, weil es wirklich nicht großmüthig iſt, mir abſichtlich in Be⸗ 14 Mrs. Gowan beſinnt ſich, daß es durchaus nicht geht. 19 zug auf einen ſo zarten Gegenſtand weh zu thun,“ bemerkte Mr. Meagles dagegen. „Ich bin nicht verantwortlich für Ihr Gewiſſen, müſſen Sie bedenken,“ ſagte Mrs. Gowan. Der arme Mr. Meaggles blickte um ſich, ganz verſtummt vor Erſtaunen. „Wenn ich unglücklicher Weiſe eine Mütze tragen muß, die Ihnen gehört und Ihnen paßt,“ fuhr Mrs. Gowan fort, „ſo muß ich bitten, mir ihre Fagon nicht Schuld zu geben, Papa Meagles.“ „Aber Madam, ich bitte Sie!“ brach Mr. Meagles her⸗ aus,„das heißt ja ſoviel als ſagen—“ „Hören Sie, Papa Meagles,“ ſagte Mrs. Gowan, die eine ausnehmend gemeſſene und zuvorkommende Manier an⸗ nahm, ſo oft dieſer Herr nur im Mindeſten warm wurde, „vielleicht iſt es beſſer, um Verwirrung zu vermeiden, wenn ich für mich ſelbſt rede, als wenn ich Ihre Güte in Anſpruch nehme, für mich zu reden. Das heißt ſoviel wie ſagen— fingen Sie an. Wenn Sie erlauben, werde ich den Satz zu Ende führen. Es heißt ſoviel wie ſagen— nicht, daß ich wünſche, es hervor zu heben oder nur daran zu erinnern, denn es nutzt jetzt nichts und mein Wunſch iſt blos, die Sachen, wie ſie liegen, zum Beſten zu wenden— daß ich von Anfang bis zu Ende beſtändig gegen dieſe Heirath war und nur ſehr ſpät ſehr wider Willen meine Genehmigung dazu ertheilte.“ 2* 20 Achtes Kapitel. „Mutter!“ rief Mr. Meagles,„hörſt Du dies! Arthur! Hören Sie dies!“ „Da das Zimmer die rechte Größe hat,“ ſagte Mrs. Go⸗ wan, indem ſie ſich fächelnd umſah,„und in jeder Hinſicht zur Unterhaltung ganz ausgezeichnet geeignet iſt, ſo ſollte ich meinen, daß ich in jedem Theile deſſelben müßte gehört werden können.“ Einige Augenblicke vergingen in Stillſchweigen, ehe Mr. Meagles ſicher war, auf ſeinem Stuhle ruhig ſitzen blei⸗ ben zu können, ohne mit dem erſten Wort, was er ſagte, los⸗ zubrechen. Endlich ſagte er:„Madam, ich komme ſehr un⸗ gern darauf zurück, aber ich muß Sie erinnern, was während der ganzen Zeit meine Meinung und mein Benehmen in die⸗ ſer unglücklichen Angelegenheit war.“ „O mein werther Herr!“ ſagte Mrs. Gowan, indem ſie mit der Miene einer Eingeweihten anklagend lächelte und den Kopf ſchüttelte,„ich habe Sie recht wohl erkannt, das verſichere ich Ihnen.“ „Vor jener Zeit habe ich nie Kummer und Sorge ge⸗ kannt, Madam,“ ſagte Mr. Meagles.„Es war eine Zeit von ſo ſchwerem Herzeleid für mich, daß—“ daß Mr. Meag⸗ les wirklich nicht weiter darüber ſprechen konnte, ſondern mit dem Taſchentuch über das Geſicht fuhr. „Ich durchſchaute die ganze Geſchichte,“ ſagte Mrs. Go⸗ wan, indem ſie mit ruhiger Faſſung über ihren Fächer weg⸗ ſah.„Da Sie Mr. Clennam als Zeugen aufgerufen haben, 4.— Mrs. Gowan beſinnt ſich, daß es durchaus nicht geht. 21 ſo kann ich daſſelbe thun. Er weiß, ob es mit mir der Fall war oder nicht.“ „Ich bin ſehr abgeneigt, mich bei dieſem Streite zu be⸗ theiligen,“ ſagte der von allen Parteien angerufene Clen⸗ nam,„hauptſächlich, weil ich im beſten Einvernehmen und im freundlichſten Verhältniß mit Mr. Henry Gowan zu blei⸗ ben wünſche. Ich habe wirklich ſehr gewichtige Gründe für dieſen Wunſch. Mrs. Gowan ſchrieb meinem Freunde hier in einer Unterredung, die ich früher mit ihr hatte, gewiſſe Abſichten zur Förderung dieſer Heirath zu; und ich bemühte mich, ſie darüber eines Anderen zu belehren. Ich ſagte ihr, daß ich wüßte(was damals der Fall war und auch jetzt noch der Fall iſt), daß er in ſeiner Meinung und ſeinem Thun ganz entſchieden dagegen ſei.“ „Sie ſehen alſo?“ ſagte Mrs. Gowan und kehrte die Flächen ihrer Hände Mr. Meagles zu, als ob ſie die Gerech⸗ tigkeit ſelbſt wäre, und ihm vorſtellte, es wäre beſſer für ihn, zu geſtehen, da auch kein Wort zu ſeiner Vertheidigung zu ſagen wäre.„Sie ſehen alſo. Sehr gut!“ „So erlauben Sie mir jetzt, Papa und Mama Meagles“ — ſie ſtand dabei auf—„mir die Freiheit zu nehmen, die⸗ ſem ziemlich unangenehmen Streit ein Ende zu machen. Ich will kein Wort mehr darüber verlieren. Ich will nur ſagen, daß es ein Beweis mehr für Das iſt, was uns alle Erfah⸗ rungen lehren; daß dieſe Art Verhältniſſe nie gut aus⸗ ſchlagen— wie mein armer Junge ſagen würde, daß ſie ſich 22 Achtes Kapitel. nie bezahlen— mit Einem Worte, daß es damit durchaus nicht geht.“ Mr. Meagles frug:„Welche Art Verhältniſſe?“ „Ganz umſonſt verſuchen Leute mit einander fortzukom⸗ men, welche eine ſo verſchiedene Vergangenheit gehabt haben,“ ſagte Mrs. Gowan;„Leute, welche der launen⸗ hafte Zufall auf dieſe Weiſe in ein Ehebündniß zuſammen⸗ wirft, und welche den ungelegenen Umſtand, welcher ſie ſo zuſammen gebracht hat, nicht in demſelben Lichte betrachten können. Es geht durchaus nicht.“ Mr. Meagles wollte anfangen:„Erlauben Sie mir zu ſagen, Madam—“ „O nein, ich bitte Sie!“ entgegnete Mrs. Gowan. „Warum auch? Es iſt eine ausgemachte Thatſache. Es geht niemals. Ich will deswegen, wenn Sie mir erlauben, mei⸗ nen Weg gehen, und Sie Ihren Weg gehen laſſen. Ich werde mich zu allen Zeiten glücklich ſchätzen, meines armen Jungen hübſche Frau bei mir zu empfangen, und ich werde mir es ſtets zum Geſetz machen, auf dem liebreichſten Fuße mit ihr zu ſtehen. Aber was dieſes halb vertraute und halb fremde, halb verletzende und halb langweilende Verhältniß betrifft, ſo verſichere ich Ihnen, daß es in ſeiner Unausführ⸗ barkeit geradezu ſpaßhaft iſt. Ich verſichere Ihnen, es geht niemals.“ Die hochgeborne Wittwe verbeugte ſich hier lächelnd, mehr gegen das Zimmer, als gegen einen der darin Befind⸗ lichen, und verabſchiedete ſich damit auf immer von Papa —,— Kommen und Verſchwinden. 23 und Mama Meagles. Clennam begleitete ſie nach der Pillen⸗ ſchachtel, die allen Pillen des Hamptoncourt⸗Palaſtes zu Dienſten ſtand, und ſie ſtieg mit vornehmer Seelenruhe in den Wagen und fuhr von dannen. Seitdem erzählte Mrs. Gowan ihren nähern Bekann⸗ ten oft mit leichtem und harmloſem Humor, wie ſie es nach einem anſtrengenden Verſuch unmöglich gefunden habe, die Perſonen zu kennen, welche die nächſten Verwandten von Henry's Frau wären, und ſich ſo verzweifelt angeſtrengt hat⸗ ten, ihn zu fangen. Ob ſie vorher zu dem Schluß gekommen war, daß der Bruch mit ihnen ihrem Lieblingsvorwand einen beſſeren Anſtrich geben, ihr manche gelegentliche Un⸗ annehmlichkeit erſparen und unter keiner Bedingung etwas ſchaden würde(da das hübſche Kind einmal verheirathet war und ihr Vater ſie zärtlich liebte), mag ſie ſelbſt am Beſten wiſſen. Obgleich dieſe Geſchichte ebenfalls ihre Meinung über dieſen Punkt hat, und zwar eine beſtätigende. Aruntes Kapitel. Kommen und herſchwinden. „Mein lieber Arthur,“ ſagte Mr. Meagles am Abend des folgenden Tages,„Mutter und ich haben die Sache durch⸗ geſprochen, und wir fühlen uns nicht behaglich, wenn wir Neuntes Kapitel. unter dieſen Verhältniſſen hier bleiben. Unſere vornehme Verwandte von geſtern— die verehrte Dame, welche hier war—“ „Ich verſtehe,“ ſagte Arthur. „Selbſt dieſe leutſelige und herablaſſende Zierde der Geſellſchaft kann uns falſch darſtellen, fürchten wir,“ fuhr Mr. Meagles fort.„Wir könnten ihretwillen viel ertragen, Arthur; aber wir glauben, wir würden das lieber nicht er⸗ tragen, wenn es nur ſonſt einerlei iſt.“ „Gut,“ ſagte Arthur.„Fahren Sie fort.“ „Sie ſehen,“ fuhr Mr. Meagles fort,„es könnte uns in ein falſches Verhältniß zu unſerem Schwiegerſohn brin⸗ gen, es könnte uns ſogar in ein falſches Verhältniß zu unſe⸗ rer Tochter bringen, und es könnte großen häuslichen Kum⸗ mer zur Folge haben. Sie ſehen es ein, nicht wahr?“ „Gewiß,“ entgegnete Arthur,„es iſt ſehr viel Wahres in Dem, was Sie ſagen.“ Er hatte Mrs. Meagles ange⸗ ſehen, die immer auf der guten und verſtändigen Seite war; und in ihren ehrlichen Augen glänzte eine Bitte, daß er Mr. Meagles in ſeinem gegenwärtigen Vorhaben be⸗ ſtärken möge. „Deshalb haben Mutter und ich große Luſt, Alles zu⸗ ſammenzupacken und wieder einmal zu den Allons und Marchons zu gehen,“ ſagte Mr. Meagles.„Ich meine, wir haben große Luſt, uns auf den Weg zu machen, gerade durch Frankreich nach Italien zu reiſen, und Pet zu be⸗ ſuchen.“ 5 Kommen und Verſchwinden. 25 „Und ich glaube nicht, daß Sie etwas Beſſeres thun können,“ entgegnete Arthur, gerührt von dem Vorgenuß mütterlicher Freude in dem freundlichen Geſicht Mrs. Meag⸗ les(ſie mußte früher ihrer Tochter ſehr ähnlich geweſen ſein). „Und wenn Sie mich um Rath fragen, ſo ſage ich, reiſen Sie morgen ab.“ „Wirklich?“ ſagte Mr. Meagles.„Mutter, das nenne ich in meinem Vorhaben beſtärkt werden?“ Mutter gab mit einem Blicke, welcher Clennam auf eine ihm äußerſt wohlthuende Weiſe dankte, eine beſtätigende Antwort. „Außerdem iſt die Sache die, Arthur,“ ſagte Mr. Meag⸗ les, während der alte Schatten wieder ſein Geſicht trübte, „daß mein Schwiegerſohn wieder in Schulden ſteckt, und ich werde wol wieder einmal Alles abmachen müſſen, vermuthe ich. Selbſt deshalb iſt es vielleicht gut, wenn ich hinüber reiſe und ihm in freundlicher Weiſe zuſpreche. Und dann hat Mutter eine närriſche Angſt(und im Grunde iſt es ganz natürlich) wegen Pet's Geſundheitszuſtand, und daß ſie ſich unter ſolchen Verhältniſſen gar zu einſam fühlt. Es iſt jedenfalls eine große Entfernung, Arthur, und unter allen Umſtänden ein fremder Ort für das arme, gute Kind. Und wenn ſie ſo gut gepflegt wird, wie die vornehmſte Dame in jenem Lande, ſo iſt es doch immer weit, weit weg. Es iſt immer die Fremde und nicht die Heimath.“ „Alles vollkommen wahr,“ bemerkte Arthur,„und lau⸗ ter genügende Gründe zum Reiſen.“ e 26 Neuntes Kapitel. „Es freut mich, daß Sie dieſer Meinung ſind; das be⸗ ſtimmt mich vollends. Liebe Mutter, Du kannſt dich fertig machen. Wir haben unſern angenehmen Dolmetſcher ver⸗ loren(ſie ſprach drei fremde Sprachen wunderſchön, Arthur; Sie haben ſie oft gehört), und Du mußt mich durchſchlep⸗ pen, Mutter, ſo gut Du kannſt. Es gehört viel dazu, mich durchzuſchleppen, Arthur,“ ſagte Mr. Meagles mit Kopf⸗ ſchütteln,„ſehr viel. Ich bleibe an Allem hängen, was über ein Subſtantiv hinausgeht— und ich bleibe auch daran hängen, wenn's nur halbwegs ſchwer iſt.“ „Jetzt fällt mir ein,“ entgegnete Clennam—„wir haben ja Cavalletto. Er ſoll Sie begleiten, wenn Sie wünſchen. Ich möchte ihn nicht verlieren, aber Sie bringen mir ihn ſicher zurück.“ „Ich bin Ihnen ſehr verbunden, mein Sohn,“ ſagte Mr. Meagles, als er es eine Weile überlegt hatte,„aber es iſt nicht nöthig. Nein, ich glaube, Mutter wird mich durch⸗ ſchleppen. Cavalluro(ich halte gleich an ſeinem Namen feſt, um einen Anfang zu haben, und er klingt wie der Chor zu einem ſpaßigen Liede) iſt Ihnen ſo nothwendig, daß mir der Gedanke, ihn mitzunehmen, nicht gefällt. Noch mehr, es iſt gar nicht zu beſtimmen, wann wir wiederkommen, und es geht durchaus nicht, daß wir ihn auf eine unbeſtimmte Zeit mitnehmen. Das Häuschen iſt nicht mehr, was es war. Es ſind nur zwei kleine Leute weniger darin als früher, Pet und ihre arme unglückliche Zofe Tattycoram; aber es kommt uns jetzt leer vor. Sind wir einmal hinaus, ſo läßt ſich gar Kommen und Verſchwinden. 27 nicht ſagen, wann wir wiederkommen. Nein, Arthur, Mut⸗ ter mag mich durchſchleppen.“ Sie würden nach Allem am beſten allein mit einander auskommen, dachte Clennam; deshalb drang er nicht wei⸗ ter in ſie. „Wenn Sie manchmal herkommen und der Veränderung wegen ein paar Tage hier wohnen wollen, wenn es Ihnen keine Ungelegenheiten macht,“ fing Mr. Meagles wieder an, „ſo würde mir der Gedanke Freude machen— und der Mut⸗ ter auch— daß Sie das alte Haus mit einem Stück Leben aus der alten Zeit aufheiterten, und daß auf den Kindern dort an der Wand manchmal ein freundliches Auge ruhte. Sie gehören ſo zu dem Hauſe und zu ihnen, Arthur, und wir wären Alle ſo glücklich geweſen, wenn es ſich gemacht hätte aber, wollen einmal ſehen— wie iſt jetzt das Wetter zum Reiſen?“ Mr. Meagles brach ab, räusperte ſich und ſtand auf, um zum Fenſter hinauszuſehen. Sie waren darüber einig, daß das Wetter vielverſpre⸗ chend ſei; und Clennam hielt das Geſpräch in dieſer ſichern Richtung fort, bis es wieder unbefangen wurde, wo er es unbemerkt auf Henry Gowan lenkte und auf ſein lebhaftes Gefühl und ſeine angenehmen Eigenſchaften, wenn man ihn geſchickt behandelte; er verweilte auch bei ſeiner unzweifel⸗ haften Liebe zu ſeiner jungen Gattin. Clennam verfehlte nicht, Eindruck auf den guten Mr. Meagles zu machen, den dieſe Bemerkungen ſehr tröſteten, und der die Mutter zum Zeugen nahm, daß der einzige und aufrichtige Wunſch ſeines Neuntes Kapitel. Herzens in Bezug auf den Gatten ſeiner Tochter ſei, ein⸗ trächtig Freundſchaft gegen Freundſchaft und Vertrauen ge⸗ gen Vertrauen zu tauſchen. Binnen wenigen Stunden waren die Möbeln des Landhäuschens, der beſſern Erhaltung wegen, während der Abweſenheit der Familie zugedeckt und einge⸗ packt— oder, wie Mr. Meagles ſich ausdrückte, das Haus hatte ſeine Lockenpapiere angelegt— und nach wenigen Tagen waren Vater und Mutter fort, Mrs. Tickit und Dr. Buchan hatten wie ehedem ihren Poſten am Fenſter des Wohnzimmers bezogen, und Arthurs einſamer Tritt raſchelte unter dem dürren Laub in den Gängen des Gartens. Da er den Ort gern hatte, ließ er ſelten eine Woche ver⸗ ſtreichen, ohne ihm einen Beſuch abzuſtatten. Manchmal ging er allein vom Sonnabend bis zum Montag hin; manch⸗ mal begleitete ihn ſein Aſſocié; manchmal beſuchte er auf eine oder zwei Stunden Haus und Garten, ſah nach, ob Alles in Ordnung ſei und kehrte wieder nach London zurück. Zu al⸗ len Zeiten und unter allen Umſtänden ſaß Mrs. Tickit mit ihrer dunklen Lockenreihe und Dr. Buchan im Fenſter des Wohnzimmers die Rückkehr der Familie abwartend. Bei einem ſeiner Beſuche empfing ihn Mrs. Tickit mit den Worten:„Ich habe Ihnen Etwas zu ſagen, Mr. Clen⸗ nam, worüber Sie ſich wundern werden.“ So wunderbar war das fragliche Etwas, daß Mrs. Tickit ſich wirklich davon veranlaßt ſah, das Fenſter der Wohnſtube zu verlaſſen und in den Garten herauszukommen, als Clennam zum Thore deſſelben hereintrat. Kommen und Verſchwinden. 29 „Was iſt geſchehen, Mrs. Tickit?“ ſagte er. „Sir,“ entgegnete die getreue Haushälterin, nachdem ſie ihn in die Wohnſtube geführt und die Thür hinter ſich zuge⸗ macht hatte,„wenn ich jemals das verleitete und verlorene Kind in meinen Leben geſehen habe, ſo habe ich es geſtern Abend in der Dämmerung geſehen.“ „Sie meinen nicht Tatty—“ „Coram, gewiß!“ ergänzte Mrs. Tickit. „Wo?“ „Mr. Clennam,“ entgegnete Mrs. Tickit,„es war mir ein wenig ſchwer in den Augen, weil ich länger als gewöhn⸗ lich auf meine Taſſe Thee wartete, die mir Mary Jane gerade zurecht machte. Ich war eingeſchlafen und auch nicht— — wenn man es bei dem rechten Worte nennen ſoll— ein⸗ geduſelt. Wenn man es ganz genau ausdrücken will, ſo wachte ich vielmehr mit geſchloſſenen Augen.“ Ohne weiter über dieſen ſeltſamen, abnormen Zuſtand nachzuforſchen, ſagte Clennam:„Richtig. Und was weiter?“ „Je nun, Sir,“ fuhr Mrs. Tickit fort,„ich dachte an das Eine und ich dachte an das Andere. Gerade ſo wie es Ih⸗ nen gehen kann. Gerade ſo wie es Jedem gehen könnte.“ „Ganz richtig. Mnd nun?“ „Und wenn ich an das Eine und das Andere denke,“ fuhr Mrs. Tickit fort,„ſo brauche ich Ihnen wol kaum zu ſagen, Mr. Clennam, daß ich an die Familie denke. Weil natür⸗ lich unſere Gedanken—“ Mrs. Tickit ſagte dies mit einer belehrenden und philoſophiſchen Miene,—„ſo ſehr ſie auch 30 Neuntes Kapitel. umherſchweifen, ſich immer mehr oder weniger mit dem be⸗ ſchäftigen werden, was uns am meiſten im Sinne liegt. Sie laſſen ſich das nicht abgewöhnen, Sir, und Niemand kann es ihnen verwehren.“ Arthur beſtätigte dieſe Entdeckung mit einem bejahenden Nicken. „Sie finden das gewiß ſelbſt, Sir, wage ich zu behaup⸗ ten,“ ſagte Mrs. Tickit,„und wir finden es Alle. Unſere Lebensſtellungen machen uns nicht anders, Mr. Clennam; Gedanken ſind frei!— Wie ich ſagte, ich dachte an das Eine und ich dachte an das Andere, und ich dachte ſehr viel an die Familie. Nicht blos an die Familie, wie ſie jetzt iſt, ſondern auch an die Familie, wie ſie früher war. Denn wenn Jemand anfängt, an das Eine zu denken und an das Andere zu denken, um die Zeit, wenn es dunkel wird, ſo behaupte ich, daß alle Zeiten gegenwärtig zu ſein ſcheinen und man erſt aus dieſem Zuſtande heraus ſein und es ſich überlegen muß, ehe man ſagen kann, wie man daran iſt.“ Er nickte wieder; denn er fürchtete ſich, ein Wort zu ſprechen, um Mrs. Tickits Redegabe nicht einen neuen An⸗ knüpfungspunkt zu geben. „Als ich daher mit den Augen zwinkerte und ſie wirklich und leibhaftig zur Gartenthür hereinſchauen ſah, ſo machte ich ſie wieder zu, ohne nur zu zucken; denn dieſe leibhaftige Geſtalt paßte ſo zu der Zeit, wo ſie zu dem Hauſe gehörte, ſo gut wie ich oder Sie, daß ich in dieſem Augenblick nicht im Mindeſten daran dachte, daß ſie längſt fort war. Aber „ — Kommen und Verſchwinden.. 31 Sir, als ich wieder mit den Augen zwinkerte und ſah, daß ſie nicht da war, da ſtrömte es über mich her mit einer Angſt und ich ſprang auf.“ „Sie liefen gleich hinaus?“ ſagte Clennam. „Ich lief ſo raſch hinaus, als meine Füße mich tragen wollten,“ beſtätigte Mrs. Tickit;„aber wollen Sie mir's glauben, Mr. Clennam, es war auch an dem ganzen hellen Himmel nicht ſo viel wie ein Finger von dem Mädchen zu ſehen.“ Das Nichtvorhandenſein dieſes neuen Sternbilds am Firmament mit Stillſchweigen übergehend, erkundigte ſich Arthur bei Mrs. Tickit, ob ſie ſelbſt vor das Gartenthor hinausgegangen wäre? „Ich bin hin und her und hinauf und hinunter gegan⸗ gen, und habe nicht das Mindeſte von ihr geſehen,“ ſagte Mrs. Tickit. Er frug alsdann Mrs. Tickit, wie viel Zeit ihrer Mei⸗ nung nach wol zwiſchen dem zweimaligen Augenzwinkern ver⸗ ſtrichen ſein möge? Mrs. Tickit, obgleich in ihrer Antwort auf die kleinſten Umſtände eingehend, konnte ſich zwiſchen fünf Sekunden und zehn Minuten nicht beſtimmt entſchei⸗ den. Sie war ſich üper dieſen Theil der Geſchichte ſo voll⸗ kommen unklar, und war ſo offenbar aus dem Schlafe auf⸗ gewacht, daß Clennam ſehr geneigt war, das Ganze als einen Traum zu betrachten. Ohne Mrs. Tickits Empfindun⸗ gen mit dieſer ungläubigen Löſung ihres Räthſels zu ver⸗ letzen, verließ er, von dieſer Meinung erfüllt, das Land⸗ 8 Neuntes Kapitel. 3²2 häuschen und würde wahrſcheinlich in alle Ewigkeit daran feſtgehalten haben, wenn ein bald darauf eintretendes Er⸗ eigniß ihn nicht auf andere Gedanken gebracht hätte. Er ging nach Dunkelwerden den Strand entlang und vor ihm her ging der Laternenmann, unter deſſen Hand die Straßenlaternen, um die der Nebel einen Heiligenſchein malte, eine nach der andern aufflammten, wie eben ſo viele leuch⸗ tende Sonnenblumen, die mit Einem Schlag zur vollen Blü⸗ the aufbrechen— als auf dem Trottoir durch einen Zug Kohlenwagen, die langſam von dem Aufladeplatz am Strome heraufkamen, eine Stockung entſtand, und er ſtehen bleiben mußte. Er war raſch gegangen und mit mancherlei Gedan⸗ ken beſchäftigt geweſen und die plötzliche Unterbrechung, die ſowol ſein Gehen, wie ſein Nachſinnen erlitt, veranlaßte ihn, ſich überraſcht umzuſehen, wie man unter ſolchen Um⸗ ſtänden zu thun pflegt. Auf den erſten Blick ſah er vor ſich— es waren einige Leute dazwiſchen, aber doch waren ſie noch ſo nahe, daß er mit ausgeſtrecktem Arme ſie hätte erreichen können— Tatty⸗ coram und einen unbekannten Mann von auffälligem Aus⸗ ſehen. Er hatte ein renommiſtiſches Weſen, eine gebogene Naſe und einen ſchwarzen Schnurrbart von ſo falſcher Farbe, wie ſeine Augen von falſchem Ausdruck waren, und war in einen weiten, langen Mantel gehüllt, den er wie ein Ausländer trug. Seine Bekleidung und ſein allgemeines Ausſehen war wie bei einem Manne auf Reiſen, und er ſchien erſt vor ganz Kurzem mit dem Mädchen zuſammengetroffen zu ſein. Kommen und Verſchwinden. 33 Während er ſich herabbeugte(denn er war viel größer als das Mädchen) und ihr zuhörte, ſah er ſich mit dem arg⸗ wöhniſchen Blicke eines Mannes um, der nicht ungewohnt iſt zu fürchten, daß man ihm nachgeht. Bei einem ſolchen Rückwärtsblicken ſah Clennam ſein Geſicht, wie ſeine Augen finſter und tückiſch auf die hinter ihm Stehenden im Allge⸗ meinen blickten, ohne gerade auf Clennams Geſicht oder je⸗ dem andern Einzelnen zu verweilen. Er hatte kaum wieder den Kopf umgewendet und ſtand immer noch herabgebeugt und dem Mädchen zuhörend da, als die Stockung aufhörte und der gehemmte Menſchenſtrom weiter floß. Immer noch dem Mädchen zuhörend, ging er neben ihr weiter und Clennam folgte ihnen, entſchloſſen, das unerwartete Spiel auszuſpielen und zu ſehen, wohin ſie gingen. Er hatte kaum den Entſchluß gefaßt(obgleich er ſehr bald damit fertig war), als er wieder eben ſo plötzlich zum Stillſtand gebracht wurde, wie vorhin. Sie machten eine kurze Wendung nach dem Adelphi— offenbar diente ihm das Mädchen als Führerin— und gingen gerade fort, als wäre die über den Fluß hinausgebaute Terraſſe ihr Ziel. Auch heute herrſcht hier immer eine plötzliche Stille im Vergleich mit dem Brauſen der großen Verkehrsader. Der wirre Lärm wird hier ſo gedämpft, daß es iſt, als ob man plötzlich Baumwolle in die Ohren geſtopft, oder ſich den Kopf dick zugebunden habe. Damals war der Gegenſatz noch viel ſtärker; denn es gab noch keine kleinen Dampf⸗ Klein Dorrit. VII. 3 34 Neuntes Kapitel. boote auf dem Fluſſe, keine Landungsplätze als ſchlüpfrige hölzerne Treppen oder gepflaſterte Fußwege, keine Eiſenbah⸗ nen auf dem andern Ufer, keine Kettenbrücken und keinen Fiſchmarkt in der Nähe, keinen Verkehr auf der nächſten ſteinernen Brücke, keine Fahrzeuge auf dem Strome, als die kleinen Boote der Themſeſchiffer und die Kohlenkähne. Lange und breite ſchwarze Reihen von den letzteren, feſtgeankert in dem Schlamm, als ob ſie nie wieder flott werden ſollten, gaben dem Ufer nach Dunkelwerden ein trauerndes und ſtil⸗ les Ausſehen und drängten den geringen Stromverkehr weit hinaus in die Mitte des Fahrwaſſers. Zu jeder Stunde nach Sonnenuntergang und nicht am Mindeſten zu der Stunde, wo die meiſten Leute, welche Etwas zu Hauſe zu eſſen haben, zum Eſſen nach Hauſe gehen, und wo die mei⸗ ſten von Denen, die nichts haben, noch nicht hervor gekrochen ſind, um zu betteln oder zu ſtehlen, war es ein verlaſſener Ort und ſah auf eine verlaſſene Umgebung hinaus. In ſolcher Stunde blieb Clennam an der Ecke ſtehen und ſah dem Mädchen und dem fremden Manne nach, wie ſie die Straße hinab gingen. Die Schritte des Mannes er⸗ klangen ſo laut auf den wiederhallenden Steinen, daß er nicht gern den Schall ſeiner eigenen Tritte dazu geben wollte. Aber als ſie die Wendung der Straße hinter ſich hatten und ſich in dem Schatten der dunklen Ecke befanden, die nach der Terraſſe hinführt, ging er ihnen nach, ſoviel als möglich das gleichgültige Ausſehen eines zufällig dieſe Straße Gehenden annehmend.. — Kommen und Verſchwinden. 35 Als er um die dunkle Ecke herumkam, gingen ſie die Terraſſe entlang auf eine Geſtalt zu, die ihnen entgegen kam. Wenn er ſie allein unter ähnlichen Bedingungen der Gasbeleuchtung, des Nebels und der Entfernung geſehen hätte, hätte er ſie wol nicht auf den erſten Blick erkannt; aber mit der Geſtalt des Mädchens zur Schärfung des Ge⸗ dächtniſſes erkannte er auf der Stelle Miß Wade. Er blieb an der Ecke ſtehen und blickte zum Scheine er⸗ wartungsvoll die Straße hinauf, als hätte er Jemanden hierher beſtellt, ihn zu treffen; aber er behielt auf die Drei ein wachſames Auge. Als ſie ſich trafen, nahm der Mann den Hut ab und machte Miß Wade eine Verbeugung. Das Mädchen ſchien ein Paar Worte zu ſagen, als ob ſie ihn vor⸗ ſtellte oder erklärte, warum er ſpaͤt oder früh käme, oder ſonſt Etwas. Miß Wade und der Mann fingen an, auf und ab zu gehen, wobei der Mann das Ausſehen hatte, ausneh⸗ mend höflich und voller Complimente und Miß Wade das Ausſehen, ausnehmend ſtolz zu ſein. Als ſie die Ecke erreichten und umkehrten, ſagte ſie: „wenn ich mir deshalb Etwas abgehen laſſe, Sir, ſo iſt dies meine Sache. Beſchränken Sie ſich auf die Ihrige und fra⸗ gen Sie nicht.“ „Beim Himmel, Madam!“ entgegnete er mit einer neuen Verbeugung.„Es war die tiefe Verehrung, die ich Ihrer Charakterſtärke und die Bewunderung, die ich Ihrer Schön⸗ heit zolle.“ 3* 36 Neuntes Kapitel. „Ich verlange weder die eine noch die andere von Je⸗ manden,“ ſagte ſie,„und gewiß am wenigſten von Ihnen. Fahren Sie fort mit Ihrem Berichte.“ „Iſt mir verziehen?“ frug er mit einer Miene gekränkter Galanterie. „Sie ſind bezahlt,“ ſagte ſie,„und das iſt Alles, wo⸗ nach Sie verlangen.“ Ob das Mädchen zurück blieb, weil ſie nichts von der Sache hören ſollte, oder weil ſie ſchon vollkommen damit bekannt war, konnte Clennam nicht feſtſtellen. Sowol das Paar wie das Mädchen kehrten um. Sie ſah hinüber nach dem Fluß, wie ſie die Hände vor ſich her übereinander gelegt einher ging; und weiter konnte er von ihr nichts erkennen, ohne ſein Geſicht zu zeigen. Ein glücklicher Zufall wollte es, daß wirklich eine Perſon hier auf Jemanden wartete; und ſie blickte manchmal über das Geländer in das Waſſer und kam manchmal an die dunkle Ecke und ſchaute die Straße hinauf, wodurch ſie Arthurs Stehenbleiben weniger auffällig machte. Als Miß Wade und der Unbekannte wiederkamen, ſagte ſie:„Sie müſſen bis morgen warten.“ „Bitte tauſendmal um Verzeihung!“ gab er zurück. „Meiner Treu! Es paßt alſo heute Abend nicht?“ „Nein. Ich ſage Ihnen, ich muß es erſt bekommen, ehe ich es Ihnen geben kann.“ Sie blieb auf dem Fahrwege ſtehen, als wollte ſie dem „— „— Kommen und Verſchwinden. 37 Zwiegeſpräch ein Ende machen. Er blieb natürlich ebenfalls ſtehen. Und auch das Mädchen. „Es iſt ein wenig ſtörend,“ ſagte er.„Ein wenig. Aber beim heiligen Blau! das hat in einem ſolchen Dienſt nichts zu bedeuten. Ich habe zufällig heute Abend kein Geld. Ich habe einen guten Banquier in dieſer Stadt, aber ich möchte nicht eher auf ihn traſſiren, als bis ich eine runde Summe beanſpruche.“ „Harriet,“ ſagte Miß Wade,„beſprechen Sie mit— mit dem Herrn hier— wie Sie ihm morgen Geld zukommen laſſen können.“ Sie ſagte dies mit einem Weghuſchen über das Wort Herr, das verächtlicher war, als der nachdrücklichſte Accent und ging langſam weiter. Der Mann beugte ſich wieder herab und das Mädchen ſprach mit ihm, während ſie Beide Jener folgten. Clennam wagte, einen Blick auf das Mädchen zu werfen, wie ſie Beide fortgingen. Er konnte ſehen, daß ihre tiefen, ſchwarzen Au⸗ gen ſich mit einem forſchenden Ausdrucke auf den Mann wendeten, und daß ſie ſich von ihm in einiger Entfernung hielt, wie ſie nebeneinander nach dem andern Ende der Ter⸗ raſſe gingen. Ein lauterer Schall von raſcheren Tritten auf dem Pfla⸗ ſter benachrichtigte ihn, ehe er ſehen konnte, was dort vor⸗ ging, daß der Mann allein zurück kam. Clennam trat auf dem Fahrweg mehr nach dem Geländer zu; und der Unbe⸗ kannte ging raſchen Schritts vorüber, den Zipfel des Man⸗ Neuntes Kapitel. tels über die eine Schulter geworfen und ein Bruchſtück eines franzöſiſchen Liedes vor ſich hinſingend. Es war jetzt Niemand auf der ganzen Strecke als er al⸗ lein. Der vorhin Wartende war ebenfalls verſchwunden und Miß Wade und Tattycoram waren fort. Mehr als je darauf bedacht, zu ſehen, was aus ihnen würde, um im Stande zu ſein, ſeinem guten Freunde Mr. Meagles Etwas mitzutheilen, ging er bis an's andere Ende der Terraſſe und ſah ſich vorſichtig um. Er urtheilte ganz richtig, daß ſie jedenfalls zu Anfang in der entgegengeſetzten Richtung von derjenigen gehen würden, welche ihr früherer Begleiter eingeſchlagen. Er entdeckte ſie bald in einer nahen Nebenſtraße, die keinen Ausgang hatte, offenbar in der Ab⸗ ſicht, erſt den Fremden ganz fort ſein zu laſſen. Sie gingen langſam Arm in Arm die eine Seite der Straße hinab und kehrten am andern Ende wieder um. Als ſie wieder die Straßenecke erreichten, nahmen ſie den Schritt von Perſonen an, die ein Ziel und eine beſtimmte Strecke vor ſich haben und entfernten ſich. Clennam behielt ſie ſtets im Auge. Sie gingen über den Strand und durch Covent Garden (unter den Fenſtern ſeiner alten Wohnung vorbei, wo Klein Dorrit ihn an jenem Abend beſucht hatte) und ſchlugen dann eine nordweſtliche Richtung ein, bis ſie an dem großen Ge⸗ bäude, dem Tattycoram ihren Namen verdankte, vorbei wa⸗ ren, und in den Gray's Inn Road einlenkten. Clennam war hier durch Flora, den Patriarchen und Pancks nicht zu gedenken, ganz zu Hauſe, und behielt ſie ohne Mühe im Kommen und Verſchwinden. 39 Auge. Er fing an ſich zu wundern, wohin ſie zunächſt gehen würden, als ſich dieſe Verwunderung in der größeren Ver⸗ wunderung zu verlieren ſchien, ſie in die Straße des Patriar⸗ chen einlenken zu ſehen. Dieſe Verwunderung ward noch größer, als er ſie vor der Thür des Patriarchen Halt machen ſah. Ein leiſes doppeltes Klopfen mit dem hellpolirten meſ⸗ ſingnen Klopfer, ein Streifen Licht, der aus der offenen Thür auf den Fahrweg fiel, eine kurze Pauſe zur Anfrage und Antwort und die Thür ging wieder zu und ſie waren darin. Nach einer Muſterung der Umgebung, und um ſich zu vergewiſſern, daß er nicht von einem wunderlichen Traum befangen ſei, und nachdem er ein paar Mal vor dem Hauſe auf⸗ und abgegangen war, klopfte Arthur an die Thür. Die gewöhnliche Dienerin machte auf und führte ihn ſogleich mit ihrer gewöhnlichen Schnelligkeit in Floras Beſuchzimmer. Es war Niemand bei Flora als Mr. Finchings Tante, welche achtbare Dame, in einer duftenden Atmoſphäre von Thee und Toaſt ſchwelgend, in einem bequemen Lehnſtuhl neben dem Kamin ſaß, neben ſich ein Tiſchchen und über den Schoos ein reines, weißes Taſchentuch gebreitet, auf welchem gerade zwei Scheiben Toaſt bereit lagen, verzehrt zu werden. Ueber eine rauchende Theeurne gebeugt, und durch den Dampf hindurchſchauend und den Dampf ausathmend, wie eine böſe chineſiſche Zauberin in der Verrichtung unhei⸗ liger Gebräuche begriffen, ſetzte Mr. Finchings Tante ihre 40 Neuntes Kapitel. große Theetaſſe hin und rief aus:„der verwünſchte Kerl, da iſt er ſchon wieder!“ Nach dieſem Ausrufe ſchien es, als ob die unnachgibige Verwandte des viel beklagten Mr. Finching, die Zeit nach der Lebhaftigkeit ihrer Empfindungen und nicht nach der Uhr meſſend, des Glaubens war, Clennam ſei eben erſt fortgegangen, während mindeſtens ein Vierteljahr verſtrichen war, ſeitdem er die Verwegenheit gehabt hatte, vor ihr zu erſcheinen. „Mein Himmel, Arthur!“ rief Flora aus und ſtand auf, um ihn herzlich zu begrüßen,„Doyce und Clennam welch ein Schreck und welch eine Ueberraſchung denn obgleich es nicht weit von der Maſchinenfabrik und der Gießerei iſt und gewiß kann man es manchmal genießen wenigſtens gegen Mittag wo ein Glas Sherry und ein beſcheidener Butter⸗ ſchnitt mit was vom kalten Braten gerade noch der Speiſe⸗ kammer iſt nicht zu verachten iſt und nicht ſchlechter ſchmeckt weil es aus Freundſchaft gegeben iſt denn Sie wiſſen kau⸗ fen thut man's wo und wo man'’s immer kauft, ein Profit muß immer dabei ſein ſonſt würden ſie das Geſchäft nicht fortführen das verſteht ſich von ſelbſt aber niemals ge⸗ ſehen und jetzt gelernt, nicht länger zu erwarten, denn wie Mr. F. ſelbſt ſagte wenn Sehen Glauben iſt ſo iſt nicht Sehen auch Glauben und wenn man nicht ſieht ſo kann man vollkommen glauben man denkt unſer nicht nicht daß ich von Ihnen, Arthur Doyce und Clennam erwarte, daß Sie meiner gedenken warum ſollt ich auch denn die Kommen und Verſchwinden. 41 Zeiten ſind vorüber aber bring gleich noch eine andere Taſſe und ſage ihr friſchen Toaſt und bitte ſetzen Sie ſich hier an’s Feuer.“ Arthur lag außerordentlich viel daran, den Zweck ſei⸗ nes Beſuchs auseinander zu ſetzen; aber wider ſeinen Willen hielt ihn der vorwurfsvolle Inhalt dieſer Worte, ſo weit er ſie verſtand und die aufrichtige Freude, mit der ſie ihn be⸗ grüßte, davon ab. „Und jetzt bitte erzählen Sie mir Etwas Alles was Sie wiſſen,“ ſagte Flora, und rückte ihren Stuhl näher an ihn heran,„Alles von der guten lieben ſtillen Kleinen und alle ihre Schickſalswechſel; haben jetzt jedenfalls Equi⸗ page und Pferde ohne Zahl ſehr romantiſch und auch na⸗ türlich ein Wappen und wilde Beſtien auf den Hinterfüßen die es zeigen als wäre es ein Bild das ſie gemacht hätten mit Rachen die von einem Ohr bis zum andern gehen o du mein Himmel und iſt ſie geſund was im Grunde das Allerwichtigſte it denn was iſt Reichthum ohne Geſund⸗ heit wie Mr. F. ſelbſt ſo oft ſagte wenn ſeine Gicht kam daß ſechs en⸗ täglich und für die Koſt ſelber ſorgen und keine Gicht ſehr vorzuziehen iſt; nicht daß er für eine ſolche Summe hätte leben können dazu war er der Letzte oder auch nur das liebe gute Kind, obgleich das ein zu ver⸗ traulicher Ausdruck jetzt iſt eine Neigung dazu gehabt hätte denn ſie war viel zu klein und zart dazu aber ſie ſah ſo ſchwächlich aus; Gott ſegne ſie!“ Mr. F's. Tante, die ein Scheibchen Toaſt bis auf die Neuntes Kapitel. 42 Rinde gegeſſen hatte, überreichte jetzt feierlich dieſe Rinde Flora, welche ſie aufaß, als ob es ſich von ſelbſt verſtände. Dann leckte Mr. F's. Tante langſam ihre zehn Finger nach einander und wiſchte ſie genau in derſelben Reihe an dem weißen Taſchentuch ab; dann nahm ſie das andere Scheib⸗ chen Toaſt und fing an, es zu verzehren. Während ſie ſich damit beſchäftigte, blickte ſie Clennam mit ſo fürchterlicher Strenge an, daß er ſich gegen ſeine perſönliche Neigung ge⸗ zwungen fühlte, ſie ebenfalls anzuſehen. „Sie iſt in Italien mit ihrer ganzen Familie, Flora,“ ſagte Clennam, als die furchteinflößende Dame ſich wieder mit ihrem Toaſt beſchäftigte. „In Italien iſt ſie wirklich?“ ſagte Flora,„wo die Trau⸗ ben und Feigen überall wachſen und auch Lava⸗ Arm⸗ und Halsbänder; dieſes poetiſche Land mit feuerſpeienden Ber⸗ gen und über die Maaßen maleriſch obgleich man ſich nicht wundern kann, daß die Drehorgeljungen mit ihren weißen Mäuſen noch ſo jung in die Fremde gehen um nicht zu verbrennen und iſt ſie wirklich in dieſem herrlichen Lande mit ewig blauem Himmel rings herum und ſterbenden Fech⸗ tern und Belvedera's obgleich Mr. F. ſelbſt nicht daran glaubte denn ſein Einwand wenn er bei guter Laune war war daß die Abbildungen nicht richtig ſein könnten da gar keine Mittelſtufe zwiſchen koſtſpieligen Maſſen von ſchlecht geplättetem und ganz zerkrümpeltem Leinenzeug wäre und gar keinen was gewiß keine Wahrſcheinlichkeit iſt obgleich nur — — Kommen und Verſchwinden. 43 eine Folge der ſchroffen Gegenſätze von arm und reich iſt was es erklären mag.“ Arthur verſuchte, ein Wort einzuwerfen, aber Flora fuhr haſtig fort. „Auch das gerettete Venedig,“ ſagte ſie;„ich glaube, Sie ſind dabei geweſen iſt es gut oder ſchlecht gerettet denn die Leute ſind darüber nicht einig und Maccaroni wenn ſie ſie wirklich ſo eſſen wie die Taſchenſpieler warum zerſchneiden ſie ſie da nicht Arthur— lieber Doyce und Clennam wenigſtens nicht lieb und ganz gewiß nicht Doyce denn ich habe nicht das Vergnügen aber bitte entſchuldi⸗ gen Sie mich— Sie kennen auch Mantua glaub' ich was das mit Mantuamachen*) zu thun hat, das habe ich nie be⸗ greifen können!“ „Ich glaube, ſie haben nichts miteinander zu thun, Flora,“ fing Arthur an, als ſie ihn abermals unterbrach. „Auf Ihr Wort alſo wirklich nicht ich dachte mir's auch aber das ſieht mir ähnlich ich laufe mit einem Gedanken davon und da ich keinen übrig habe behalte ich ihn. Ach es gab eine Zeit lieber Arthur das heißt ich ſollte unbe⸗ dingt nicht ſagen: lieber und auch nicht Arthur aber Sie verſtehen mich wenn ein ſchöner Gedanke den— wie heißt es gleich— Horizontvergoldet und ſo weiter aber er iſt jetzt düſter umzogen und Alles iſt vorüber.“ *) Mantua, ehedem ein ſeidener Damenmantel, davon Mantuamachen, Putzmachen. 44 Neuntes Kapitel. 6 Arthurs immer dringender werdender Wunſch, von etwas ganz Anderem zu ſprechen, ſtand jetzt ſo deutlich auf ſeinem Geſicht geſchrieben, daß Flora mit einem zärtlichen Blicke inne hielt und ihn frug, was er habe? 1 „Ich hege den lebhafteſten Wunſch, mit Jemand zu ſpre⸗ chen, der jetzt hier im Hauſe iſt— jedenfalls bei Mr. Casby. Eine Perſon, die ich hier hereingehen ſah, und die irre ge⸗ leitet und auf beklagenswerthe Weiſe das Haus eines mei⸗ ner Freunde verlaſſen hat.“ „Es kommen zu Papa ſo viele und ſonderbare Leute,“ ſagte Flora, indem ſie aufſtand,„daß ich nicht wagen würde hinunter zu gehen außer Ihretwegen Arthur; aber Ihret⸗ wegen würde ich gern in eine Taucherglocke hinunter gehen geſchweige denn in ein Speiſezimmer und will gleich wieder zurück ſein wenn Sie während ich fort bin, auf Mr. Fin⸗ ching's Tante achten und auch nicht achten wollen.“ Mit dieſen Worten und einem Blick zum Abſchied eilte Flora hinaus und ließ Clennam voll ſchrecklicher Beſorgniſſe über ſeine ſchwere Aufgabe zurück. Die erſte Veränderung, welche Mr. Finching's Tante an den Tag legte, als ſie mit ihrer Scheibe Toaſt fertig war, war ein lautes und langes Schnauben. Außer Stande, dieſe Aeußerung auf andere Weiſe zu deuten, als eine gegen ihn geſchleuderte Herausforderung, denn ſie war gar nicht miß⸗. zuverſtehen, ſah Clennam die vortreffliche, obgleich vorur⸗ theilsvolle Dame, von der ſie ausging, flehend an, in der Hoffnung, daß demüthige Unterwerfung ſie entwaffnen werde. 2 azur D2 8.F 4 U uon uap nE g40 uaIsa H Kommen und Verſchwinden. 45 „Machen Sie mir keine Augen,“ ſagte Mr. Finching's Tante, die vor Feindſeligkeit zitterte.„Hier nehmen Sie Das!“ „Das“ war die Rinde des Scheibchens Toaſt. Clen⸗ nam nahm die Gabe mit dankbarem Blick an, und hielt ſie in der Hand, nicht frei von einiger Verlegenheit, die nicht geringer wurde, als Mr. Finching's Tante ihre Stimme zu einem Schrei von ziemlicher Lungenkraft erhob und ausrief: „Er iſt ſtolz, der Burſche! er iſt zu ſtolz, es zu eſſen!“ Dar⸗ auf ſtand ſie aus ihrem Stuhl auf und ſchüttelte ihre ehr⸗ würdige Fauſt ſo dicht vor ſeiner Naſe, daß es ihm an der Spitze kitzelte. Ohne die rechtzeitige Rückkehr Flora's, wäh⸗ rend er gerade in dieſer ſchwierigen Lage war, hätten wei⸗ tere Folgen eintreten können. Ohne im Mindeſten außer Faſſung zu gerathen oder überraſcht zu ſein, führte Flora die alte Dame in ihren Stuhl zurück, wobei ſie ihr in bei⸗ fälligem Tone Glück wünſchte, daß ſie heute Abend ſehr lebhaft ſei. „Er iſt ſtolz, der Burſch,“ ſagte Mr. Finching's Tante, als ſie wieder im Stuhle ſaß.„Gib ihm eine Schüſſel Heckſel!“ „O! ich glaube nicht, daß es ihm ſchmecken würde, Tante,“ entgegnete Flora. „Gib ihm eine Schüſſel Heckſel, ſage ich,“ ſagte Mr. Fs. Tante, und maß ihren Feind mit zornfunkelnden Augen. „Es iſt das einzige Mittel gegen Stolz. Laß ihn jeden Biſ⸗ 46 Neuntes Kapitel. ſen davon eſſen. Gib dem verwünſchten Burſchen eine Schüſſel Heckſel.“ Unter einem allgemeinen Vorwand, ihm dieſe Erfri⸗ ſchung zukommen zu laſſen, brachte ihn Flora bis an die Treppe; ſelbſt da noch wiederholte Mr. Fs. Tante beſtän⸗ dig mit unausſprechlichem Ingrimm, daß er ein Burſche und zwar ein ſtolzer Burſche ſei, und beſtand immer wieder dar⸗ auf, ihm die Stallfütterung reichen zu laſſen, die ſie bereits ſo entſchieden empfohlen hatte. „Eine ſo unbequeme Treppe und ſo viele Eckſtufen, Ar⸗ thur,“ flüſterte Flora,„würden Sie Etwas dawider haben mich unter meiner Pelerine mit dem Arm zu umfaſſen?“ Mit dem Gefühl, in einer höchſt lächerlichen Weiſe die Treppe hinab zu gehen, erfüllte Clennam ihren Wunſch und ließ ſeine ſchöne Bürde erſt an der Thür des Speiſeſaales los; ſelbſt da war es ziemlich ſchwer, ſie los zu werden, denn ſie blieb in ſeinen Armen liegen, um ihm zuzuflü⸗ ſtern:„Arthur, um Gotteswillen nur dem Papa kein Wort davon!“ Sie begleitete Arthur in das Zimmer, wo der Patriarch allein ſaß, mit den Schuhen von Tuchſchroten auf dem Ka⸗ mingitter und die Daumen drehend, als ob er niemals da⸗ mit aufgehört hätte. Der jugendliche Patriarch, zehn Jahre alt, ſah aus dem Rahmen über ihm mit nicht ruhigerer Miene als er ſelbſt hernieder. Beide glatte Köpfe waren gleich freundlich gedanken⸗-confus und rund um die Stirn. „Mr. Clennam, es freut mich, Sie zu ſehen. Ich hoffe, Kommen und Verſchwinden. 47 Sie befinden ſich wohl, Sir, ich hoffe, Sie befinden ſich wohl. Bitte, nehmen Sie Platz, bitte, nehmen Sie Platz.“ „Ich hatte gehofft, Sie nicht allein zu finden, Sir,“ ſagte Clennam, indem er einen Stuhl nahm und ſich mit getäuſchtem Geſicht umſah. „Ah, wirklich?“ ſagte der Patriarch leutſelig.„Ah, wirklich?“ „Ich ſagte es Ihnen, Papa, Sie wiſſen es ja, Papa,“ rief Flora. „Ah, ja wohl!“ entgegnete der Patriarch.„Ja, ganz richtig. Ah, ja wohl!“ „Bitte, Sir, ſagen Sie mir,“ drang Clennam angele⸗ gentlich in ihn,„iſt Miß Wade fort?“ „Miß—? O, Sie nennen ſie Wade,“ entgegnete Mr. Casby.„Sehr guter Name.“ Arthur entgegnete raſch:„Wie nennen Sie ſie?“ „Wade,“ ſagte Mr. Casby.„O, immer Wade.“ Nachdem Arthur ein paar Secunden lang das menſchen⸗ freundliche Geſicht und die langen, ſeidenweichen, weißen Haare angeſehen hatte, während welcher Zeit Mr. Casby die Daumen drehte und das Feuer anlächelte, als wenn er wohl⸗ wollend wünſchte, es möchte ihn brennen, damit er ihm ver⸗ zeihen könne, fing er wieder an: „Ich bitte um Verzeihung, Mr. Casby—“ „Durchaus keine Urſache, durchaus keine Urſache,“ ſagte der Patriarch. „— Aber Miß Wade hatte eine Begleiterin bei ſich— 48 Neuntes Kapitel. eine von einem Freunde von mir erzogene junge Dame, auf welche ſie einen Einfluß ausübt, der nicht als ſehr heilſam betrachtet werden kann, und der ich ſehr gern die Mitthei⸗ lung machen möchte, daß ihre Beſchützer immer noch mit der alten Theilnahme ihrer gedenken.“ „Wirklich, wirklich?“ entgegnete der Patriarch. „Wollten Sie deshalb wol ſo gut ſein, mir die Adreſſe Miß Wade's zu geben?“ „O, du meine Güte!“ ſagte der Patriarch,„wie ſich das unglücklich trifft! Wenn Sie nur zu mir geſchickt hätten, als ſie noch hier waren! Die junge Dame fiel mir auf, Mr. Clennam. Eine ſchöne junge Dame von blühendem Aus⸗ ſehen, ſehr dunklem Haar und ſehr dunklen Augen, Mr. Clennam? Wenn ich mich nicht irre, wenn ich mich nicht irre?“ Arthur ſtimmte bei, und ſagte nochmals mit Nachdruck, „wenn Sie ſo gut ſein wollen, mir die Adreſſe zu geben.“ „O, du meine Güte!“ rief der Patriarch mit holdſeligem Bedauern aus.„Hm, hm, hm! wie ſchade, wie ſchade! ich habe keine Adreſſe, Sir. Miß Wade lebt meiſtens im Aus⸗ lande, Mr. Clennam. Das thut ſie ſeit mehreren Jahren, und ſie iſt(wenn ich ſo von einem Mitmenſchen und einer Dame reden darf), launiſch und unverläßlich, daß es faſt zu einem Fehler wird, Mr. Clennam. Ich ſehe ſie vielleicht auf lange, lange Zeit nicht wieder. Ich ſehe ſie vielleicht gar nicht wieder. Wie ſchade, wie ſchade!“ Clennam ſah jetzt, daß er eben ſo viel Hoffnung hätte, Kommen und Verſchwinden. 49 Etwas aus dem Portrait, wie aus dem Patriarchen heraus⸗ zubekommen; demungeachtet ſagte er: „Mr. Casby, könnten Sie mir zur Beruhigung der Freunde, die ich erwähnt habe, und unter jeder Verpflich⸗ tung des Schweigens, die Sie aufzuerlegen für gut finden möchten, mir Etwas über Miß Wade mittheilen? Ich habe ſie auf dem Feſtland geſehen, und ich habe ſie hier geſehen, aber ich weiß nichts von ihr. Können Sie mir irgend welche Auskunft über ſie geben?“ „Nein,“ entgegnete der Patriarch, indem er den dicken Kopf mit dem größten Wohlwollen ſchüttelte.„Nicht die mindeſte; hm, hm, hm! Es iſt doch wirklich ſchade, daß ſie nur ſo kurze Zeit hier blieb, und Sie Abhaltung hatten! Als vertrauter Agent, vertrauter Agent, habe ich zuweilen der Dame Geld ausgezahlt; aber welche Befriedigung kann es Ihnen gewähren, Sir, das zu erfahren 1 „Nicht die mindeſte,“ ſagte Clennam. „Ganz gewiß,“ ſtimmte der Patriarch mit glänzendem Antlitz, wie er menſchenfraundlich das Feuer anlächelte, bei, „nicht die mindeſte, Sir. Sie haben die richtige Antwort ge⸗ funden, Mr. Clennam, gewiß nicht die mindeſte.“ Das gleichmäßige Drehen der glatten Daumen war für Clennam ein ſolches Bild der Art, wie es den Gegenſtand, wenn er ihn weiter verfolgte, um und um drehen würde, ohne im Mindeſten eine neue Seite deſſelben zu zeigen, oder einen Schritt damit vorwärts zu kommen, daß es viel dazu beitrug, ihn von der Fruchtloſigkeit ſeiner Bemühungen zu Klein Dorrit. VII. 4 50 Neuntes Kapitel. überzeugen. Er hätte ſich mit dem Nachdenken darüber Zeit neh⸗ men können, denn Mr. Casby, trefflich gewöhnt, zu allen Zeiten vorwärts zu kommen, indem er Alles ſeiner wohlwollenden Stirn und ſeinen weißen Haaren überl ließ, wußte, daß ſeine Stärke im Schweigen lag Daher ſaß Casby da und drehte, en drehte und ließ Wohlwollen aus jeder Erhöhung ſeines polirten Kopfs und ſeiner glatten Stirn hervorleuchten. 3 Mit dieſem Schauſpiel vor ſich, war Arthur aufgeſtan⸗ den um zu gehen, als aus dem nern Dock, wo das gute Schiff Pancks vor Anker lag, 1n es nicht auf einer Kreuz⸗ fahrt abweſend war, ſich das Geränſch dieſes im Anſegeln begriffenen Dampfers vernehmbar machte. Es fiel Arthur auf, daß das Geräuſch wie abſichtlich in der Ferne begann, als ob Mr. Pancks Jedem, der darüber nachdenken möchte, die Meinung beizubringen wünſchte, daß er ſeine Reiſe au⸗ ßer Hörbereich angetreten habe. Mr. Pancks und er ſchüttelten ſich die Hände, und erſte⸗ rer brachte ſeinem Prinzipal einen oder zwei Briefe zum Un⸗ terſchreiben. Beim Händeſchütteln kratzte ſich Mr. Pancks blos mit dem linken Zeigefinger über der Augenbraue und ſchnaubte einmal, aber Clennam, der ihn jetzt beſſer kannte als früher, begriff, daß er für den Abend faſt fertig ſei, und draußen auf der Straße ein Wort mit ihm zu ſprechen wünſche. Als er daher Abſchied von Mr. Casby und(was in der Nähe auf Mr. Pancks Heimwege umher. Er hatte nur kurze Zeit gewartet, als Mr. Pancks er⸗ „† ſchwieriger war) von Flora genommen hatte, ſchlenderte er⸗ hwierig 9 h) —— Kommen und Verſchwinden. 51 ſchien. Da Mr. Pancks ihm wieder mit einem ausdrucksvol⸗ len Schnaufen die Hand ſchüttelte und den Hut abnahm, um das Haar in die Höhe zu ſtreichen, glaubte Arthur dies für eine Andeutung nehmen zu müſſen, mit ihm wie mit Jemanden zu reden, der recht gut wiſſe, was eben geſchehen ſei. Deshalb ſagte er ohne weitere Vorrede „Ich vermuthe, ſie waren wirklich fort, Pancks?“ „Ja,“ entgegnete Pancks.„Sie waren wirklich fort.“ „Weiß er, wo die Dame zu finden iſt?“ „Weiß es nicht. Ich ſollte meinen—“ „Mr. Pancks wüßte es auch nicht? Nein, Mr. Pancks wüßte es auch nicht. Wüßte Mr. Pancks ſonſt Etwas von ihr?“ „Ich glaube, ich weiß ſo viel von ihr, wie ſie ſelbſt von ſich weiß,“ entgegnete Dieſer.„Sie iſt Jemandes— Jeder manns— Niemandes Kind. Man bringe ſie in ein Zim⸗ mer in London, in welchem ſich die erſten, beſten ſechs Leute, alt genug, um ihre Eltern zu ſein, befinden, und ſie kann nicht wiſſen, ob darunter nicht ihre Eltern ſind. Sie kön⸗ nen in dem erſten, beſten Hauſe ſein, das ſie ſie ſioht, ſie kön⸗ nen auf jedem Kirchhof liegen, ſie kann in jeder Straße gegen ſie rennen, ſie kann zu jeder beliebigen Zeit mit ihnen zufällig Bekanntſchaft anknüpfen, und nicht das Mindeſte davon wiſſen. Sie weiß nicht das Mindeſte von ihnen. Sie kennt keinen einzigen Verwandten von ſich. Hat nie welche gekannt. Wird nie welche kennen lernen.“ „Mr. Casby könnte ihr vielleicht Aufklärung geben?“ 4* 52 Neuntes Kapitel. „Vielleicht,“ ſagte Mr. Pancks.„Ich vermuthe es, aber ich weiß es nicht. Er hat ſeit langer Zeit Geld(nicht allzu⸗ viel, wie ich erfahren) in ſeiner Verwahrung, um es ihr in kleinen Summen auszuzahlen, wenn ſie auf andere Weiſe nicht auskommen kann. Manchmal iſt ſie ſtolz, und erhebt lange Zeit nichts; manchmal iſt ſie ſo arm, daß ſie es haben muß. Sie kämpft gegen ihr Leben an. Ein zornigeres, lei⸗ denſchaftlicheres, rachſüchtigeres Weib iſt mir nie vorgekom⸗ men. Sie holte heute Geld. Sagte, ſie brauchte es zu einem beſonderen Zweck.“ „Ich glaube zufällig erfahren zu haben, welchem Zweck es diente,“ bemerkte Clennam nachdenklich—„ich meine, in weſſen Taſche das Geld kommen ſoll.“ „Wirklich?“ ſagte Pancks.„Wenn's ein Contract iſt, ſo möchte ich dem Betreffenden empfehlen, genau in der Erfül⸗ lung zu ſein. Ich möchte mich dieſem Weibe, ſo jung und ſchön es iſt, nicht anvertrauen, wenn ich ihm Unrecht gethan hätte; nein, nicht für das doppelte Geld meines Beſitzers! Außer,“ ſetzte Pancks als Vorbehalt hinzu,„außer, wenn ich eine ſchleichende Krankheit hätte, und dieſelbe los ſein möchte.“ Bei einer raſchen Muſterung des Eindrucks, den ſie auf ihn gemacht hatte, fand Arthur, daß er mit Mr. Pancks ſo ziemlich übereinſtimmte. „Was mich wundert,“ fuhr Pancks fort,„iſt, daß ſie noch nicht meinen Beſitzer bei Seite geſchafft hat, als die einzige zu ihrem Schickſal in Beziehung ſtehende Perſon, Die Träume von Mrs. Flintwinch mehren ſich. 53 deren ſie habhaft werden kann. Da ich einmal davon ſpreche, kann ich Ihnen auch unter uns ſagen, daß ich manchmal ſelbſt verſucht bin, es zu thun.“ Arthur erſchrak und ſagte,„mein Gott, Pancks, ſagen Sie das nicht!“ „Verſtehen Sie mich recht,“ ſagte Pancks, indem er fünf abgebiſſene, kohlſchwarze Fingernägel auf Arthurs Arm aus⸗ breitete;„ich meine nicht, ihm die Kehle abſchneiden. Aber bei Allem, was heilig iſt, wenn er es zu arg macht, ſchneide ich ihm die Haare ab!“ Nachdem ſich Mr. Pancks durch Ausſprechen dieſer fürch⸗ terlichen Drohung in einem neuen Licht gezeigt hatte, ſchnaubte er mehrere Mal mit vielſagendem Geſicht und dampfte von dannen. Srhutrs Kapitel. Die Träume von Mrs. Alintwinch mehren ſich. Die kühlen Wartezimmer des Umſchreibungsbüreaus, wo Arthur Clennam einen guten Theil ſeiner Zeit in Geſell⸗ ſchaft verſchiedener läſtiger Sträflinge, verurtheilt, bei le⸗ bendigem Leibe mit dieſem Rade gerädert zu werden, zu⸗ brachte, hatten ihm während drei oder vier aufeinanderfol⸗ genden Tagen Muße genug gegeben, den Gegenſtand ſeines 54 Zehntes Kapitel. letzten Begegnens mit Miß Wade und Tattycoram zu er⸗ ſchöpfen. Er hatte darüber nicht mehr erfahren können und konnte ihn doch auch nicht vergeſſen, und auf dieſem unbe⸗ friedigenden Punkte mußte er die Sache liegen laſſen. Während dieſer Zeit war er nicht in dem unwohnlichen alten Hauſe ſeiner Mutter geweſen. Da aber jetzt wieder einer ſeiner gewöhnlichen Beſuchsabende gekommen war, verließ er kurz vor neun Uhr ſeine Wohnung und ſeinen Ge⸗ ſchäftstheilhaber und ſchlug langſam den Weg nach dem un⸗ heimlichen Hauſe ſeiner Jugend ein. Es machte immer auf ſeine Phantaſie den Eindruck von etwas Grimmigem, Geheimnißvollem und Trauerndem; und ſeine Phantaſie war empfänglich genug, um die ganze Nach⸗ barſchaft wie von einem dunklen Schatten umdüſtert zu ſehen. Wenn er in einer unwirthlichen Nacht durch die ſchwach erleuchteten Straßen ging, ſchienen ſie ihm alle ſchauerliche Geheimniſſe aufzubewahren. Die verlaſſenen Comtoirs mit ihren Geheimniſſen von Büchern und Papie⸗ ren, in Kaſten und Schränken eingeſchloſſen; die Bankhäuſer mit ihren Geheimniſſen von feuerfeſten Zimmern und Kel⸗ lern, deren Schlüſſel ſich in ſehr wenigen geheimen Taſchen und geheimſten Herzen befanden; die Geheimniſſe aller der zerſtreuten Arbeiter in der ungeheuren Mühle, unter denen ſich jedenfalls Räuber, Fälſcher und Betrüger allerlei Art befanden, welche das Licht jedes anbrechenden Tages zur Entdeckung bringen konnte; er hätte ſich einbilden können, daß dieſe Dinge aus ihrem geheimen Verſteck heraus die Luft Die Träume von Mrs. Flintwinch mehren ſich. 55 dick und ſchwer machten. Und wie der Schatten immer dü⸗ ſterer wurde, je näher er ſeiner Quelle kam, dachte er an die Geheimniſſe der einſamen Kirchengrüfte, wo die Leute, die heimlich in eiſernen Koffern eingeſcharrt und aufgehoben hatten, jetzt auch in ähnlicher Weiſe aufgehoben waren, im⸗ mer noch im Stande, andern wehe zu thun; und dann an die Geheimniſſe des Fluſſes, wie er zwiſchen zwei finſtern Labyrinthen von Geheimniſſen, die ſich dicht gedrängt viele Meilen weit erſtreckten und die von wehenden Lüften und fliegenden Vögeln heimgeſuchten Auen und Felder aus⸗ ſchloſſen, ſeine trübe wirbelnde Fluth hinrollte. Aber immer noch wurde der Schatten dunkler, wie er dem Hauſe näher kam und das düſtere Zimmer, wo ſein Vater früher gewohnt, noch behaftet mit der Erinnerung an das flehende Geſicht, das er ſelbſt erſtarren geſehen hatte, wie er allein neben dem Bette wachte, ſtieg vor ſeiner Seele auf. Seine ſtickige Luft athmete Geheimniß. Das Düſter und der Schimmel und der Staub des ganzen Gebäudes athmete Geheimniß. Im Herzen deſſelben waltete ſeine Mut⸗ ter mit ſtarrem Antlitz und unbeugſamem Willen, mit feſter Hand alle Geheimniſſe aus ihrem eigenen und aus ſeines Vaters Leben bewahrend und mit ſtrengem Sinn dem letzten, großen Geheimniß alles Lebens die Stirn bietend. Er hatte in die ſchmale und ſteile Straße eingelenkt, in welcher das Haus im Hintergrunde ſeines Hofes ſtand, als ein anderer Schritt hinter ihm ebenfalls einlenkte, und zwar ſo dicht hinter ihm, daß er gegen die Wand gedrängt wurde. 56 Zehntes Kapitel. Da ſein Geiſt voll von jenem Gedanken war, traf ihn der Vorfall ganz unvorbereitet, ſo, daß der Andere Zeit hatte, auffällig laut zu ſagen:„Pardon! nicht meine Schuld!“ und vorbeizugehen, ehe er recht zum Bewußtſein der ihn um⸗ gebenden Wirklichkeit gekommen war. Als er ſich beſonnen, ſah er, daß der vor ihm Hergehende derſelbe Mann war, der in den letzten Tagen ſeine Gedan⸗ ken ſo ſehr in Anſpruch genommen hatte. Es war keine zu⸗ fällige Aehnlichkeit, unterſtützt durch die Kraft des Eindrucks, den der Mann auf ihn gemacht hatte. Es war der Mann; derſelbe Mann, dem er, wie er mit dem Mädchen ſprach, nachgegangen und den er alsdann mit Miß Wade zuſam⸗ mengeſehen hatte. Die Straße ging ſteil bergab und war außerdem krumm, und der Mann(der, obgleich nicht betrunken, doch das An⸗ ſehen hatte, von ſtarkem Getränke aufgeregt zu ſein) ging die Straße ſo raſch hinab, daß Clennam ihn aus dem Auge verlor. Ohne eine beſtimmte Abſicht, ihm zu folgen, aber von einem dunklen Trieb beſtimmt, die Geſtalt noch ein we⸗ nig länger im Auge zu behalten, beſchleunigte Clennam ſeine Schritte, um über die Wendung der Straße hinauszu⸗ kommen, welche den Fremden ſeinen Blicken entzog. Als er ſie erreichte, ſah er ihn nicht mehr. Er ſtand nun dicht vor dem Thorweg des mütterlichen Hauſes und ſchaute die Straße hinab, aber ſie war leer. Es war kein ſchattenwerfender Vorſprung vorhanden, um den Die Träume von Mrs. Flintwinch mehren ſich. 57 Mann zu verſtecken. Keine Ecke in der Straße, hinter der er hätte verſchwunden ſein können; auch war nichts vom Oeff⸗ nen und Zumachen einer Thür zu vernehmen geweſen. Dem⸗ ungeachtet ſchloß er, daß der Fremde einen Schlüſſel bei ſich gehabt und eine der vielen Hausthüren aufgeſchloſſen haben und darin verſchwunden ſein müßte. Ueber den ſeltſamen Vorfall nachdenkend, trat er in den Hofraum. Wie er aus bloßer Gewohnheit nach den ſchwach⸗ erleuchteten Fenſtern ſeiner Mutter hinblickte, fielen ſeine Augen auf die eben verlorene Geſtalt, welche an dem eiſer⸗ nen Geländer vor dieſen Fenſtern ſtand und vor ſich hin⸗ lachte. Eine der vielen herrenloſen Katzen, die beſtändig bis Nachts hier herumſtreiften und die er verſcheucht hatte, ſchien ſtehen geblieben zu ſein, wie er ſtehen geblieben, und ſah ihn von ſichern Orten oben auf der Mauer, oder über dem Thürbogen mit Augen an, die keineswegs den ſeinigen un⸗ ähnlich waren. Er war nur einen Augenblick ſtehen geblie⸗ ben, um die Katze zu necken; gleich darauf ging er weiter, warf den Zipfel ſeines Mantels über die Schulter, ſtieg die ungleich verſunkenen Stufen hinauf und klopfte laut an die Thür. Clennams Ueberraſchung war nicht ſo groß, daß ſie ihn abgehalten hätte, auf der Stelle ſeinen Entſchluß zu faſſen. Er ging ebenfalls nach der Thür und ſtieg die Stufen hin⸗ auf. Der Fremde ſah ihn mit renommirender Miene an, und ſang vor ſich hin: Zehntes Kapitel. „Wer reitet dort ſo ſpät vorbei? Compagnon de la Majolaine! Wer reitet dort ſo ſpät vorbei? Immer froh!“ Darauf klopfte er wieder. „Sie ſind ungeduldig, Sir,“ ſagte Arthur. „Das bin ich, Sir. Mort de ma vie! Sir,“ entgegnete der Fremde,„es liegt in meinem Charakter, ungeduldig zu ſein.“ Das Klirren der Kette, welche Mrs. Affery vorſichtig vor b die Thür legte, ehe ſie dieſelbe öffnete, ließ ſie Beide nach dieſer Richtung blicken. Affery machte die Thür nur ein ganz klein wenig auf und frug mit einem flackernden Lichte in der Hand,„wer das ſei, der in ſo ſpäter Stunde ſo laut klopfe? Was, Arthur!“ ſetzte ſie mit Verwunderung hinzu, als ſie ihn zuerſt erblickte.„Doch Sie nicht? Ach, der Herr behüte uns! Nein!“ rief ſie aus, wie ſie den Andern ſah. „Er iſt's wieder!“ „Jawol! Er iſt's wieder, liebe Mrs. Flintwinch,“ rief * der Fremde.„Machen Sie die Thür auf und laſſen Sie mich meinen werthen Freund Jeremias umarmen! Machen Sie die Thür auf und laſſen Sie mich meinen Flintwinch 4 an's Herz ſchließen!“ „Er iſt nicht zu Hauſe,“ ſagte Affery. „Holen Sie ihn!“ rief der Fremde.„Holen Sie meinen Flintwinch! ſagen Sie ihm, es iſt ſein alter Blandois, der eben in England angekommen iſt; ſagen Sie ihm, ſein Die Träume von Mrs. Flintwinch mehren ſich. 5 ) Jüngelchen ſei hier, ſein Kleinod, ſein Vielgeliebter! Ma⸗ chen Sie die Thüre auf, ſchöne Mrs. Flintwinch, und ge⸗ ſtatten Sie mir, unterdeſſen hinauf zu gehen, um meine Huldigung— Blandois' Huldigung— Mylady darzubrin⸗- gen. Mylady befindet ſich wohl? Sehr gut. Machen Sie alſo auf!“ Zu Arthurs wachſendem Erſtaunen machte Mrs. Affery, während ſie ihn mit weitaufgeriſſenen Augen anſah, als wollte ſie ihn warnen, mit dieſem Herrn anzubinden, die Kette los, und öffnete die Thür. Ohne weitere Umſtände trat der Fremde in die Vorhalle, und überließ es Arthur, ihm zu folgen. „Nun raſch, raſch! ſputen Sie ſich! Holen Sie meinen Flintwinch! Melden Sie mich bei Mylady an,“ rief der Fremde und maß mit hallendem Schritt die ſteinerne Flur. „Bitte, ſagen Sie mir, Affery,“ ſagte Arthur laut und ſtreng, während er Jenen entrüſtet vom Kopf bis zu den Füßen maß, wer iſt dieſer Herr?“ „Bitte, ſagen Sie mir, Affery.“ wiederholte der Fremde, „wer— ha, ha, ha!— wer iſt dieſer Herr?“ Mrs. Clennams Stimme rief gerade zur rechten Zeit aus ihrem Zimmer oben:„Affery, laß Beide heraufkommen, Arthur, komm gleich zu mir!“ „Arthur!“ rief Blandois aus, indem er ſeinen Hut tief abnahm und ſeine Abſätze zuſammenbrachte, indem er ſich ceremoniös verbeugte.„Der Sohn von Mylady? Ich bin der ergebenſte Diener des Sohnes von Mylady!“ 60 Zehntes Kapitel. Arthur ſah ihn nicht freundlicher an als vorhin, drehte ſich ohne Gegengruß um und ging die Treppe hinauf. Der Fremde folgte ihm. Mrs. Affery nahm den Schlüſſel von ſeinem Nagel hinter der Thür und ſchlüpfte hurtig hinaus, um ihren Herrn und Meiſter zu holen. Ein Zuſchauer, der von der frühern Angelegenheit Monſieur Blandois' in dieſem Zimmer wußte, hätte bemerkt, daß Mrs. Clennam ihn jetzt anders empfing als damals. In ihrem Geſicht konnte ſich das nicht verrathen, und ihr gehaltenes Weſen und ihre ruhige Stimme waren ebenfalls ganz in ihrer Gewalt. Der Unterſchied beſtand lediglich darin, daß ſie ſeit dem Augenblick ſeines Eintretens nie⸗ mals die Augen von ihm abwendete, und ſich zwei⸗ oder dreimal, wenn er zu laut wurde, im Stuhle, in dem ſie un⸗ beweglich ſaß, die Hände auf den Seitenlehnen ruhend, ſich verbeugte, als wollte ſie ihm die Verſicherung geben, daß ſie ihm ſogleich, ſo lange er wünſche, Gehör ſchenken werde. Arthur bemerkte dies recht gut, obgleich er über den Unter⸗ ſchied zwiſchen dem gegenwärtigen und dem frühern Empfang nicht urtheilen konnte. „Madam,“ ſagte Blandois,„erweiſen Sie mir die Ehre, mich Ihrem Herrn Sohne vorzuſtellen. Es ſcheint mir, Ma⸗ dam, daß Ihr Herr Sohn geneigt iſt, über mich Beſchwerde zu führen. Er iſt nicht höflich.“ „Sir,“ ſagte Arthur, ihm raſch in das Wort fallend, „wer Sie immer ſeien und wie Sie immer hieher kommen Die Träume von Mrs. Flintwinch mehren ſich. 61 mögen, wenn ich Herr in dieſem Hauſe wäre, ſo würde ich keine Zeit verlieren, Ihnen die Außenſeite zu zeigen.“ „Aber Du biſt nicht Herr hier,“ ſagte ſeine Mutter, ohne ihn anzuſehen.„Zum Unglück für die Befriedigung Deiner unverſtändigen Leidenſchaft biſt Du nicht Herr hier, Arthur“ „Ich mache keinen Anſpruch darauf, Mutter. Wenn ich Etwas an dem Benehmen dieſer Perſon hier im Hauſe aus⸗ zuſetzen habe und zwar ſo viel, daß ich ihn gewiß hier nicht dulden würde, wenn ich Etwas hier zu ſagen hätte, ſo thue ich es Ihretwegen.“ „Im Falle Etwas einzuwenden wäre, könnte ich es ſelbſt thun,“ gab ſie zurück.„Und natürlich würde ich es thun.“ Der Gegenſtand ihres Streits, der ſich geſetzt hatte, lachte laut und ſchlug ſich mit der Hand auf den Schenkel. „Du haſt kein Recht,“ ſagte Mrs. Clennam, immer auf Blandois bedacht, obgleich ſie die Worte an ihren Sohn richtete,„zum Nachtheil eines Herrn(am allerwenigſten eines Herrn aus einem fremden Lande) zu reden, weil er Deinem Maßſtab nicht entſpricht, oder ſein Benehmen nicht nach Deinen Anſichten einrichtet. Es iſt möglich, daß der Herr aus ähnlichen Gründen gegen Dich Viel zu ſagen hat.“ „Ich hoffe das,“ entgegnete Arthur. „Der Herr,“ fuhr Mrs. Clennam fort,„brachte uns bei einer frühern Gelegenheit einen Empfehlungsbrief von hoch⸗ geachteten Correſpondenten. Ich weiß nicht im Mindeſten, was der Zweck des gegenwärtigen Beſuchs des Herrn iſt. 62 Zehntes Kapitel. Ich weiß es nicht im Mindeſten, und es läßt ſich nicht vor⸗ ausſetzen, daß ich es nur von fern vermuthen könnte;“ ihr gewöhnlich finſteres Geſicht wurde finſterer, wie ſie dieſe Worte langſam und gewichtig ausſprach;„aber wenn der Herr den Zweck ſeines Beſuchs auseinanderſetzen wird, was ich ihn bitte zu thun, mir und Flintwinch, ſobald Flintwinch wieder da iſt, ſo wird es ſich jedenfalls zeigen, daß es mehr oder weniger mit unſeren gewöhnlichen Geſchäften zuſam⸗ menhängt, welchen förderlich zu ſein uns zugleich Beruf und Vergnügen ſein wird. Weiter kann es nichts ſein.“ „Wir werden ſehen, Madam!“ ſagte der Fremde: „Wir werden ſehen,“ ſtimmte ſie zu;„der Herr kennt Flintwinch; und als der Herr das letzte Mal in London war, erinnere ich mich, gehört zu haben, daß er und Flintwinch einen Abend in freundſchaftlicher Geſelligkeit mit einander zugebracht haben. Es iſt mir nicht gegeben, Viel von dem zu vernehmen, was außerhalb dieſes Zimmers vorgeht, und das Geräuſch unbedeutender irdiſcher Angelegenheiten von draußen nimmt meine Theilnahme nicht ſehr in Anſpruch; aber ich erinnere mich, das gehört zu haben.“ „Sehr richtig, Madam. Es iſt wahr.“ Er lachte wieder und pfiff den Refrain der Melodie, die er vor der Thür ge⸗ ſungen hatte. „Deshalb, Arthur, kommt dieſer Herr hier als ein Be⸗ kannter her und nicht als ein Fremder,“ ſagte die Mutter; „und es iſt ſehr zu bedauern, daß Deine unverſtändige Leiden⸗ ſchaft Anſtoß an ihm genommen hat. Ich bedauere es, das XXV S e, 9 22 Mr. Flintmich empfängt die Amarmung der Freundschaft. —— Die Träume von Mrs. Flintwinch mehren ſich. 63 ſpreche ich dieſem Herrn aus. Du wirſt es nicht ausſprechen, das weiß ich; deswegen ſpreche ich es für mich und für Flint⸗ winch aus, da mit uns Beiden dieſer Herr Geſchäfte hat.“ Man hörte jetzt den Schlüſſel in dem Schloſſe der Haus⸗ thür und die Thür auf⸗ und zugehen. Nach einigen Minu⸗ ten erſchien Mr. Flintwinch, bei deſſen Eintritt der Beſuch laut lachend aufſtand und ihn feſt in die Arme ſchloß. „Wie geht es, mein verehrteſter Freund?“ ſagte er. „Wie ſieht die Welt aus, mein Flintwinch? roſenfarben? umſobeſſer, umſobeſſer! Aber Sie ſehen vortrefflich aus! O, Sie ſehen jung und friſch aus wie Frühlingsblumen! O mein Jüngelchen! O mein wackerer Junge!“ Während er Mr. Flintwinch mit dieſen Complimenten überhäufte, drehte er ihn, die beiden Schultern feſthaltend, um und um, bis dieſer Herr, den dieſe Behandlung trockener und verdrehter als je machte, wie ein faſt ausgelaufener Kreiſel hin und her ſchwankte. „Ich hatte das vorige Mal eine Ahnung, daß wir mit der Zeit beſſer und inniger bekannt werden würden. Füh⸗ len Sie das auch, Flintwinch? Fühlen Sie das auch?“ „O nein, Sir,“ erwiderte Mr. Flintwinch.„Wüßte nichts davon zu ſagen. Wollen Sie nicht lieber Platz neh⸗ men? Sie wollen gewiß noch einmal den Portwein koſten, Sir?“ „O Sie kleiner Spaßvogel! Sie loſer Schäker!“ rief der Fremde.„Ha, ha, ha!“ Und indem er zum Abſchluß 64 Zehntes Kapitel. ſeines neckiſchen Scherzens Mr. Flintwinch von ſich ſtieß, ſetzte er ſich nieder. Das Erſtaunen, der Argwohn, die Entrüſtung und Be⸗ ſchämung, womit Arthur all Dieſem zuſah, machten ihn ſtumm. Mr. Flintwinch, der von der Gewalt des zuletzt erhaltenen Stoßes zwei oder drei Schritt zurückgetau⸗ melt war, kam zuletzt wieder mit einem mit Ausnahme der Wirkung der Athemloſigkeit in ſeiner ſtumpfen Gleichgül⸗ tigkeit ganz unveränderten Geſicht zu ſich und ſtierte Arthur an. Nicht weniger verſchloſſen und hart war Mr. Flintwinch äußerlich als im gewöhnlichen Verlauf der Dinge: der ein⸗ zige wahrnehmbare Unterſchied war, daß der Knoten des Halstuchs, der ſich gewöhnlich unter dem Ohre befand, her⸗ um nach dem Nacken gerutſcht war, wo er wie die Schleife eines Haarbeutels herunter hing und ihm faſt das Ausſehen eines Hofmanns gab. Da Mrs. Clennam ihre Augen nie von Blandois ab⸗ wendete(auf welchen ſie einigen Eindruck machten, etwa wie ein feſter Blick auf einen ſchlechten Köter), ſo wendete Jere⸗ mias niemals ſein Auge von Arthur ab. Es war, als wären ſie ſtillſchweigend übereingekommen, Jeder ſeine beſondere Stelle zu übernehmen. So ſtand in der nun folgenden Pauſe Jeremias da und kratzte ſich am Kinn und ſah Arthur an, als verſuchte er, ſeine Gedanken mit einem Inſtrumente her⸗ auszuholen. Nach einer Weile ſtand der Beſuch, als ob ihm das Schweigen langweilig würde, auf, und ſtellte ſich voll Un⸗ Die Träume von Mrs. Flintwinch mehren ſich. 65 ) geduld mit dem Rücken gegen das heilige Feuer, welches ſo viele Jahre hindurch gebrannt hatte. Darauf ſagte Mrs. Clennam, indem ſie zum erſtenmale eine ihrer Hände be⸗ wegte und damit eine kaum merkbare Geberde der Verab⸗ ſchiedung machte: „Ich bitte Dich, Arthur, überlaß uns unſern Geſchäften.“ „Mutter, ich thue es ungern.“ „Beunruhige Dich darüber nicht,“ gab ſie zurück. Bitte, verlaß uns. Komm zu jeder andern Zeit wieder, wo Du es für eine Pflicht hältſt, eine langweilige Stunde hier zu ver⸗ lieren. Gute Nacht.“ Sie reichte ihm ihre behandſchuhten Finger hin, damit er dieſelben, wie herkömmlich, an den Spitzen faſſen möchte, und er beugte ſich über den Rollſtuhl herab, um ihr Antlitz mit ſeinen Lippen zu berühren. Dabei kam's ihm vor, als ob ihre Wange geſpannter und kälter wäre als gewöhnlich. Wie er ſich wieder aufrichtete und der Richtung ihres Blickes auf Mr. Flintwinchs guten Freund, Mr. Blandois, folgte, ſchlug dieſer Letztere mit Finger und Daumen ein lautes, ver⸗ achtungsvolles Schnippchen. „Ich laſſe Ihren— Ihren Geſchäftsfreund mit nicht ge⸗ ringem Erſtaunen und im höchſten Grade ungern in meiner Mutter Zimmer zurück, Flintwinch,“ ſagte Clennam. Der Erwähnte ſchlug abermals mit Zeigefinger und Dau⸗ men ein Schnippchen. „Gute Nacht, Mutter.“ Klein Dorrit VII. 5 66 Zehntes Kapitel. „Gute Nacht.“ „Ich hatte einmal einen Freund, mein wertheſter Flint⸗ winch,“ ſagte Blandois, mit ausgeſpreizten Beinen vor dem Feuer ſtehend, und ſo offenbar in der Abſicht, daß Clennam es noch unterwegs hören möchte, daß dieſer in der Nähe der Thür ſtehen blieb,— ‚ich hatte einmal einen Freund, der ſo viel von der Nachtſeite dieſer Stadt und ihres Treibens gehört hatte, daß er ſich nach Dunkelwerden nicht allein zwei Leuten anvertraut hätte, die Urſache hatten, ihn unter die Erde zu wünſchen— meinertreu! nicht einmal in einem achtbaren Hauſe, wie dieſes hier iſt— außer wenn er ſicher war, ihnen an körperlicher Kraft überlegen zu ſein. Bah! welch ein Feigling, mein Flintwinch! nicht wahr?“ —„Ein niederträchtiger Haſenfuß, Sir.“ „Gewiß! Ein Haſenfuß. Aber er hätte es nicht gethan, mein Flintwinch, außer wenn er gewußt hätte, daß ſie zwar den Willen hätten, ihn ſtumm zu machen, aber nicht die Macht. Er hätte unter dieſen Verhältniſſen nicht einmal aus einem Glas Waſſer getrunken— nicht einmal in einem achtbaren Hauſe wie dieſes hier iſt, mein Flintwinch— ohne vorher einen von ihnen trinken und es auch hinunter ſchlucken geſehen zu haben!“ Clennam verſchmähte es, zu antworten, oder war es eigentlich nicht gut im Stande, denn die Entrüſtung be⸗ nahm ihm faſt den Athem, und er warf nur noch im Hin⸗ ausgehen dem Beſuch einen Blick zu. Der Beſuch antwor⸗ Die Träume von Mrs. Flintwinch mehren ſich. 67 tete abermals mit einem Schnippchen und die Naſe zuckte über den Schnurrbart hinab und der Schnurrbart zuckte unter der Naſe hinauf mit einem Böſes verkündenden und häßlichen Lächeln. „Um des Himmels willen, Affery, was geht hier vor?“ flüſterte Clennam, als ſie in der dunklen Vorhalle die Thür für ihn aufmachte, und er ſich hinaustaſtete, bis er den Nachthimmel erblickte. Als er ſie wieder ſehen konnte, war ihr Aeußeres ge⸗ ſpenſtig genug, wie ſie mit der Schürze über den Kopf im Dunkeln daſtand und darunter hervor mit einer leiſen ge⸗ dämpften Stimme ſprach: „Fragen Sie mich nach Nichts, Arthur. Ich bin ſeit wer weiß wie lange ſchon fortwährend im Traum begriffen. Gehen Sie.“ Er ging hinaus und ſie machte die Thür hinter ihm zu. Er ſah hinauf nach den Fenſtern ſeiner Mutter, und das trübe Licht, durch die gelben Vorhänge noch trüber gemacht, ſchien als Antwort auf Affery's Warnung vor ſich hin zu brummen:„Frage mich nach Nichts. Geh!“ Elftes Kapitel. Elftes Kapitel. Ein Brief von Klein Dorrit. „Lieber Mr. Clennam. Da ich in meinem letzten Briefe ſchrieb, daß es das Beſte ſei, wenn gar Niemand an mich ſchrieb, und da deshalb ein neues Briefchen von mir Ihnen keine andere Beſchwerlichkeit machen kann, als die Nothwen⸗ digkeit, es zu leſen(vielleicht finden Sie nicht einmal Zeit dazu, obgleich ich hoffe, daß auch dieſer Tag kommen wird), ſo will ich jetzt eine Stunde dem Geſchäft widmen, Ihnen zu ſchreiben. Diesmal ſchreibe ich Ihnen von Rom. Wir verließen Venedig vor Mr. und Mrs. Gowan, aber ſie waren nicht ſo lange unterwegs wie wir und reiſten nicht dieſelbe Straße, ſo daß wir bei unſerer Ankunft hier ſie in einer Wohnung in der Nähe eines Ortes vorfanden, den man Via Gregoriana nennt. Ich bin überzeugt, Sie ken⸗ naen ihn. Nun will ich Ihnen ſo viel von ihnen allen erzählen, als ich erzählen kann, weil ich weiß, daß Sie das am lieb⸗ ſten hören möchten. Sie haben keine ſehr comfortable Woh⸗ nung, aber vielleicht erſchien ſie mir anfangs weniger in dieſem Lichte als es bei Ihnen der Fall geweſen wäre, weil Sie in vielen Ländern waren und vielerlei Volksſitten ken⸗ nen gelernt haben. Natürlich iſt es eine viel viel ſchönere Wohnung— millionenmal ſchöner— als diejenige, an die Ein Brief von Klein Dorrit. 69 ich bis vor ganz Kurzem gewöhnt geweſen bin; und ich bilde mir ein, ich betrachtete mir ſie nicht mit meinen Au⸗ gen, ſondern mit Ihren. Denn es läßt ſich leicht erkennen, daß ſie ſtets in einer liebevollen und glücklichen Umgebung aufgewachſen iſt, ſelbſt wenn ſie mir es nicht mit ſo über⸗ ſtrömender Liebe mitgetheilt hätte. Es iſt eine etwas kahle Wohnung, eine ziemlich dunkle, von Vielen begangene Treppe hinauf und ſie beſteht faſt aus weiter nichts als einem einzigen großen, öden Zimmer, wo Mr. Gowan malt. Die Fenſter, durch die man hinausſehen könnte, ſind verhangen und die Wände ſind über und über mit Kreide und Kohle von Andern bemalt, die früher hier gewohnt haben, ach wer weiß ſeit wie viel Jahren! Ein Vorhang, der mehr ſtaubfarbig als roth ausſieht, theilt den Saal in der Mitte und der Raum dahinter iſt das Privat⸗ zimmer. Als ich ſie zuerſt darin ſah, war ſie allein und die Arbeit war ihr aus der Hand geſunken und ſie blickte hinauf nach dem Himmel, der durch den obern Theil der Fenſter herein ſah. Bitte, machen Sie ſich keine beſorglichen Ge⸗ danken, wenn ich es Ihnen ſage, aber es war nicht ganz ſo luftig oder ſo hell und ſo freundlich und glücklich als ich es gern geſehen hätte. Da Mr. Gowan Papa's Portrait malt(das ich, glaube ich, beinah gar nicht dafür gehalten hätte, wenn ich es nicht gewußt hätte), habe ich öfter Gelegenheit gehabt, bei ihr zu ſein, als es ohne dieſen glücklichen Zufall der Fall geweſen wäre. Sie iſt ſehr viel allein. Wirklich ſehr viel allein. Elftes Kapitel. Soll ich Ihnen erzählen, wie ich das zweite Mal bei ihr war? Ich ging eines Tages, wo es ſich gerade traf, daß ich allein hinüberſpringen konnte, um 4 oder 5 Nachmittags zu ihr. Sie aß allein zu Mittag und ihr einſames Mahl war ihr über die Straße, über einer Art Kohlenbecken mit Feuer darin, gebracht worden, und ſie hatte keine Geſellſchaft oder keine Hoffnung auf Geſellſchaft, ſo viel ich ſehen konnte, als den alten Mann, der das Eſſen gebracht hatte. Er er⸗ zählte ihr eine lange Geſchichte von Räubern, die draußen vor der Stadt ein ſteinernes Heiligenbild feſtgenommen hätte, um ſie zu zerſtreuen, wie er ſpäter zu mir ſagte,„weil er ſelbſt eine Tochter hatte, obgleich ſie nicht ſo ſchön war.“ Ich muß jetzt auch von Mr. Gowan ſprechen, ehe ich das Wenige mittheile, was ich ſonſt noch von ihr zu ſagen habe. Er muß ihre Schönheit bewundern und ſtolz auf ſie ſein, denn ihr Lob iſt in Jedermanns Mund, und er muß ſie lieb haben, und ich zweifle gar nicht daran— aber in ſeiner Weiſe. Sie kennen ſeine Art, und wenn ſie Ihnen ebenſo gleichgültig und unzufrieden erſcheint wie mir, ſo denke ich gewiß nicht falſch, wenn ich meine, daß ſie beſſer für ſie paſſen könnte. Wenn Sie nicht ſo denken, ſo bin ich über⸗ zeugt, daß ich mich vollſtändig irre; denn Ihr unverändertes armes Kind vertraut Ihrem Wiſſen und Ihrer Güte mehr als es Ihnen jemals ſagen kann, wenn es den Verſuch machte. Aber erſchrecken Sie nicht, ich will es nicht verſuchen. In Folge(wie ich glaube, wenn Sie auch der Meinnng ſind) von Mr. Gowans unbeſtändigem und unzufriedenem Weſen Ein Brief von Klein Dorrit. 71 widmet er ſich ſeinem Beruf ſehr wenig. Er thut nichts mit Ausdauer oder Geduld, ſondern fängt Sachen an oder wirft ſie hin, und verrichtet ſie oder unterläßt ſie, ohne das min⸗ deſte Herz dafür zu haben. Wenn ich ihn mit Papa wäh⸗ rend des Malens habe reden hören, habe ich manchmal nachgedacht, ob er vielleicht an gar nichts glaubte, weil er keinen Glauben an ſich hat. Iſt dies an dem? Ich bin neu⸗ gierig, was Sie ſagen werden, wenn Sie darauf kommen! Ich weiß, was Sie für ein Geſicht machen werden und kann faſt die Stimme hören, mit der Sie zu mir auf der eiſernen Brücke ſprechen würden. Mr. Gowan kommt viel unter das, was hier für die beſte Geſellſchaft gilt— obgleich es nicht ausſieht, als ob er daran Gefallen fände, oder einen Genuß dabei hätte— und ſie begleitet ihn manchmal, aber in der letzten Zeit iſt ſie ſehr wenig ausgegangen. Ich glaube bemerkt zu haben, daß ſie in einer merkwürdigen Weiſe von ihr reden, als ob die Heirath mit Mr. Gowan ein großer Erfolg ihrer Selbſt⸗ ſucht wäre, während es doch zugleich denſelben Leuten nicht im Traume einfalle würde, ihn für ſich oder ihre Töchter zu wählen. Dann geht er auch häufig auf's Land, um Vorkeh⸗ rungen zu machen, Skizzen zu entwerfen; und in allen Or⸗ ten, wo Fremde hinkommen, hat er zahlreiche Freunde und iſt ſehr wohl bekannt. Außerdem hat er auch einen Freund, der ſehr viel um ihn iſt, zu Hauſe und außer dem Hauſe, obgleich er dieſen Freund ſehr kühl behandelt und ſehr lau⸗ niſch in ſeinem Benehmen gegen ihn iſt. Ich weiß(weil ſie 72 Elftes Kapitel. es mir geſagt hat), daß ſie an dieſem Freunde keinen Gefal⸗ len findet. Er hat auch für mich etwas ſo Zurückſtoßendes, daß es eine wahre Erleichterung für meine Seele iſt, daß er gegenwärtig ſich nicht hier befindet. Wie viel mehr muß das bei ihr der Fall ſein! Aber was ich Ihnen ganz beſonders mittheilen wollte und warum ich mich entſchloſſen habe, Ihnen ſo Viel zu ſa⸗ gen, ſelbſt während ich fürchte, es möchte Sie ohne Grund ein wenig beunruhigen, iſt Folgendes. Sie iſt ſo voll wah⸗ rer und hingebender Liebe und weiß ſo vollkommen, daß alle ihre Liebe und Pflicht für immer ihm gehören, daß Sie über⸗ zeugt ſein können, ſie wird ihn lieben, ihn bewundern und alle ſeine Fehler verbergen bis ſie ſtirbt. Ich glaube, ſie verhehlt dieſelben ſogar ſich ſelbſt und wird es immer thun. Sie hat ihm ein Herz geſchenkt, das ſie nie wieder zurück⸗ nehmen kann, und wie ſehr er es auch verſuchen mag, nie wird er ihre Liebe erſchöpfen. Sie wiſſen das, wie Alles, viel beſſer als ich; aber ich mußte Ihnen ſagen, welchen Charakter ſie an den Tag legt und daß Sie nie zu gut von ihr denken können. Ich habe in dieſem Briefe noch nicht ihren Namen ge⸗ nannt, aber wir ſind jetzt ſo gut Freund, daß ich ſie bei ihrem Vornamen nenne, wenn wir ruhig bei einander ſitzen, und ſie auch— aber nicht bei meinem Taufnamen, ſondern bei dem Namen, den Sie mir gegeben haben. Als ſie mich an⸗ fing Amy zu nennen, erzählte ich ihr meine kurze Geſchichte, und daß Sie mich immer Klein Dorrit genannt hätten. Ich Ein Brief von Klein Dorrit. 73 ſagte ihr, daß mir dieſer Name viel lieber wäre als jeder an⸗ dere, und ſo nennt ſie mich auch Klein Dorrit. Vielleicht hat Ihnen ihr Vater oder ihre Mutter noch nicht geſchrieben, und Sie wiſſen noch nicht, daß ſie einen kleinen Sohn hat. Er wurde erſt vor zwei Tagen geboren, und genau eine Woche nach ihrer Ankunft. Sie waren dar⸗ über ſehr glücklich. Jedoch, ich muß Ihnen ſagen, da ich Ihnen Alles ſagen ſoll, daß es mir vorkommt, als wäre ihr Verhältniß zu Mr. Gowan etwas geſpannt, und daß ſie ſein ſpöttiſches Weſen gegen ſie zuweilen für eine Kränkung der Liebe, die ſie für ihr Kind hegen, zu halten ſcheinen. Erſt geſtern, als ich dort war, ſah ich Mr. Meagles die Farbe wechſeln und aufſtehen und hinausgehen, als ob er fürchtete, er könnte es offen herausſagen, wenn er durch dieſes Mit⸗ tel nicht vorbeugte. Und doch bin ich überzeugt, daß ſie beide ſo rückſichtsvoll, wohlwollend und verſtändig ſind, daß er ſie damit verſchonen könnte. Es iſt hart von ihm, nicht ein wenig mehr an ſie zu denken. Ich unterbrach mich bei dem letzten Abſatz, um das Ganze noch einmal durchzuleſen. Es kam mir anfangs vor, als verſuchte ich eigentlich blos, mir ſelbſt Alles verſtändlich zu machen und zu erklären, daß ich halb Luſt hatte, den Brief nicht abzuſchicken Aber als ich ein wenig darüber nachgedacht hatte, fing ich an zu hoffen, daß Sie gleich ſehen würden, ich hätte nur Ihretwegen ſo aufgemerkt und nur Das beach⸗ tet, was ich blos beachtet zu haben glaube, weil das In⸗ tereſſe, das Sie dafür nehmen, mich dazu aufmunterte. faſt ſchwindlig wird, wenn ich daran denke. Aber Sie könn⸗ 74 Elftes Kapitel. Wirklich, Sie können überzeugt ſein, daß das die Wahr⸗ heit iſt. Und jetzt bin ich mit dieſer Sache in dem gegenwärti⸗ gen Briefe fertig, und habe wenig mehr zu ſagen. Wir befinden uns Alle ganz wohl, und Fanny macht jeden Tag Fortſchritte. Sie können ſich kaum vorſtellen, wie freundlich ſie gegen mich iſt, und welche Mühe ſie ſich mit mir gibt. Sie hat einen Verehrer, der ihr erſt auf der gan⸗ zen Reiſe von der Schweiz nach Venedig, und dann von Venedig hieher gefolgt iſt, und der mir eben anvertraut hat, daß er ihr überall hin zu folgen gedenkt. Es machte mich ſehr verlegen, daß er mit mir davon ſprach, aber er wollte durchaus nicht anders. Ich wußte nicht, was ich ſagen ſollte, aber zuletzt ſagte ich ihm, das Beſte wäre, meiner Meinung nach, er ließe es ganz ſein. Denn Fanny(aber das ſagte ich ihm nicht) iſt viel zu lebhaft und geſcheidt für ihn. Aber er verharrte bei ſeinem Vorſatz. Ich habe natürlich keinen Verehrer. Wenn Sie jemals dieſen langen Brief ſo weit leſen, ſo werden Sie vielleicht ſagen, gewiß wird Klein Dorrit nicht aufhören, ohne mir Etwas von ihren Reiſen zu erzählen, und gewiß wird es jetzt Zeit. Der Meinung bin ich auch, aber ich weiß nicht, was ich Ihnen erzählen ſoll. Seit wir Venedig verlaſſen haben, ſind wir in vielen wundervollen Städten geweſen, unter andern in Genua und in Florenz und haben ſo viele wundervolle Dinge geſehen, daß es mir Ein Brief von Klein Dorrit. 75 ten mir ſo viel mehr davon erzählen, als ich Ihnen, daß es ganz überflüſſig iſt, Sie mit meinen Berichten und Beſchrei⸗ bungen zu langweilen. Lieber Mr. Clennam, da ich den Muth gehabt habe, Ihnen früher zu ſagen, in welche Verlegenheiten dieſe Reiſe⸗ eindrücke manchmal meinen Geiſt ſetzen, ſo will ich auch jetzt nicht feig ſein. Einer meiner häufigen Gedanken iſt folgen⸗ der: So alt dieſe Städte ſind, iſt mir ihr Alter in meinen Gedanken kaum ſo merkwürdig als der Umſtand, daß ſie während der ganzen Zeit an ihrer Stelle waren, wo ich höch⸗ ſtens von dem Vorhandenſein von zweien oder dreien Etwas wußte, und kaum Etwas jenſeit unſerer alten Mauern kannte. Es iſt etwas Trauriges in dem Gedanken, und ich weiß nicht warum. Als wir uns neulich den berühmten ſchiefen Thurm in Piſa anſahen, war helles, ſonniges Wet⸗ ter, und der Thurm und die Gebäude in der Nähe ſahen ſo alt, und die Erde und der Himmel ſo jung aus, und der Schatten auf dem Boden war ſo weich und heimlich. Ich konnte Anfangs nicht daran denken, wie ſchön oder wie merk⸗ würdig es war, ſondern ich dachte:„O, wie viele Male, wo der Schatten der Mauer in unſer Zimmer fiel, und wo die müden Schritte im Hofe auf und ab gingen— o, wie viele Male war dieſer Ort eben ſo ſtill und lieblich, wie heute!“ Es überwältigte mich vollſtändig. Mein Herz war ſo voll, daß mir Thränen aus den Augen hervorquollen, obgleich ich mein Möglichſtes that, ſie zurückzuhalten. Und oft, gar oft kommt daſſelbe Gefühl über mich. Elftes Kapitel. Wiſſen Sie, daß ich ſeit der Veränderung in unſern Vermögensverhältniſſen, obgleich es mir vorkommt, als träumte ich öfter, als früher, ich immer von mir geträumt habe, als wäre ich ſehr jung? Ich bin nicht ſehr alt, wer⸗ den Sie ſagen. Nein, aber das meine ich nicht. Ich habe immer von mir geträumt, als von einem Kinde, das Nähen lernt. Oft träumt mir, ich wäre wieder dort und ſähe wenig bekannte Geſichter in dem Hofe, die ich glauben ſollte, ganz vergeſſen zu haben; aber ebenſo oft bin ich im Traume auch auf Reiſen— in der Schweiz, in Frankreich oder Italien— irgend wo, wo wir geweſen ſind— aber immer als das kleine Kind. Ich bin im Traume zur Frau Generalin hin⸗ unter gegangen, mit den Flicken auf den Kleidern, in dem ich mich meiner zuerſt erinnere. Oft genug hat mir geträumt, ich ſetze mich in Venedig in großer Geſellſchaft zu Tiſch in Trauer um meine arme Mutter, in demſelben Kleide, das ich als Kind von acht Jahren trug, und noch lange trug, nachdem es ganz dünn geworden war, und ſich nicht mehr wollte flicken laſſen. Dann hat mir der Gedanke großen Kummer gemacht, wie ſchlecht verträglich es der Geſellſchaft mit dem Reichthum meines Vaters vorkommen, und wie ſehr es ihn und Fanny und Edward kränken und ihnen Schande bringen würde, daß ich ſo offen darlegte, was ſie Alle ge⸗ heim zu halten wünſchten. Aber während ich darüber nach⸗ dachte, bin ich doch kleines Kind geblieben, und in demſel⸗ ben Augenblicke habe ich geträumt, ich ſäße ſehr bekümmert am Tiſche, berechnete die Koſten des Eſſens, und wäre halb Ein Brief von Klein Dorrit. 77 verzweifelt bei dem Gedanken, wie ich das Geld dazu jemals ſchaffen ſollte. Von den Veränderungen in unſern Vermö⸗ gensverhältniſſen habe ich nie geträumt; ebenſowenig von jenem denkwürdigen Morgen, wo Sie zu uns kamen, um es mitzutheilen; auch von Ihnen habe ich nie geträumt. Lieber Mr. Clennam, es iſt möglich, daß ich an Sie— und Andere— ſo viel bei Tage gedacht habe, daß ich des Nachts keine Gedanken mehr übrig habe, die ſich mit Ihnen beſchäftigen könnten. Denn ich muß Ihnen jetzt geſtehen, daß ich am Heimweh leide— daß ich mich ſo innig und ernſtlich nach der Heimath ſehne, daß ich mich manchmal, wenn mich Niemand ſieht, darum gräme. Ich kann es nicht ertra⸗ gen, mein Geſicht noch weiter von der Heimath abzuwenden. Mein Herz wird mir etwas leichter, wenn wir uns wieder der Heimath zukehren, wenn es auch nur ein paar Meilen ſind, und wenn ich auch weiß, daß wir uns bald wieder weg⸗ wenden müſſen. So herzlich lieb' ich den Schauplatz meiner Armuth und Ihrer Güte. O, ſo herzlich, ſo herzlich! Der Himmel weiß, wann Ihr armes Kind England wie⸗ derſehen wird. Uns Allen, außer mir, gefällt das Leben hier ſehr, und ich höre kein Wort von unſerer Rückkehr. Mein guter Vater ſpricht von einer Reiſe nach London gegen Ende nächſten Frühjahrs, wegen einiger Geſchäfte, aber ich habe nicht die geringſte Hoffnung, daß er mich mitnehmen wird. Ich habe verſucht, mit der Frau Generalin Beihülfe etwas beſſere Fortſchritte zu machen, und ich hoffe, ich bin Elftes Kapitel. nicht ganz ſo ungelehrig, wie früher. Ich fange an, die ſchweren Sprachen, von denen ich Ihnen ſagte, faſt mit Leichtigkeit zu ſprechen und zu verſtehen. Als ich Ihnen zuletzt ſchrieb, fiel es mir nicht ein, daß Sie beide ſpre⸗ chen; aber ich dachte ſpäter daran, und das half mir vorwärts. Gott ſegne Sie, lieber Mr. Clennam. Vergeſſen Sie nicht Ihre ewig dankbare und Sie herzlich liebende Klein Dorrit. P. S. Beſonders vergeſſen Sie nicht, daß Minnie Go⸗ wan verdient, daß Siezauf das Beſte ihrer gedenken. Sie können nicht zu edel Nn hoch von ihr denken. Ich habe Mr. Pancks das letzte Mal vergeſſen. Wenn Sie ihn ſehen ſollten, bitte ich, ihn von Klein Dorrit freundlichſt zu grü⸗ ßen. Er war ſehr gut mit Klein Dorrit. 4 — 3 3 —— —— Swülftes Rapitel. Eine große patriotiſche Verſammlung. Der berühmte Name Merdle wurde mit jedem Tage be⸗ rühmter im Lande. Niemand wußte, daß der Merdle von ſo hohem Rufgy einem Lebendigen oder Todten oder irgend welcher Sache auf Erden etwas Gutes gethan hatte; Nie⸗ mand wußte, daß er eine Fähigkeit oder Kraft irgend welcher Art in ſich trage, welche für das unbedeutendſte Geſchöpf nur den ſchwächſten Pfenniglichtſtrahl auf einem Pfad der Pflicht oder Zerſtreuung, des Schmerzes oder der Freude, der Arbeit oder der Ruhe, der Thatſache oder der Phantaſie un⸗ ter den vielen Pfaden in dem von den Söhnen Adams be⸗ tretenen Labyrinthe geworfen hätte; Niemand hatte den geringſten Grund, den Thon, aus welchem dieſer Gegenſtand der Verehrung gemacht war, für etwas Anderes als den ge⸗ meinſten Thon zu halten, mit einem ſo ſchmutzigen und ſchläfrig brennenden Docht darinnen, als jemals ein Men⸗ ſchenbild am Leben erhalten hat. Alle Leute wußten(oder glaubten zu wiſſen), daß er unermeßlichen Reichthum er⸗ worben habe, und warfen ſich nur aus dieſem Grunde vor Klein Dorrit VII. 6 80 Zwölftes Kapitel. ihm auf die Knie, niederträchtiger und weniger zu entſchul⸗ digen, als der verthierteſte Wilde, der aus ſeiner Erdhöhle hervorkriecht, um in einem Stein oder einer Schlange die Gottheit ſeiner umnachteten Seele zu verſöhnen. Noch mehr! Die Hohenprieſter dieſes Cultus ſahen den Mann als eine Verwahrung gegen ihre Niederträchtig⸗ keit vor ſich ſtehen. Die Menge betete auf das Wort an— obgleich immer beſtimmt wiſſend weshalb— aber die Die⸗ ner des Altars hatten den Mann beſtändig vor Augen. Sie ſaßen an ſeiner Tafel und er an der ihrigen. Beſtändig umſchwebte ihn ein Geſpenſt, welches zu dieſen Hohenprie⸗ ſtern ſagte:„Vertraut Ihr auf ſolche Zeichen und liebt Ihr dieſe zu ehren; dieſen Kopf, dieſe Augen, dieſe Art zu ſpre⸗ chen, den Ton und die Manieren dieſes Mannes? Ihr ſeid die Hebel des Umſchreibungsbureaus und die Regenten der Menſchheit. Wenn ein halb Dutzend von Euch ſich unterein⸗ ander zanken, ſo ſcheint die Mutter Erde keine anderen Regen⸗ ten gebähren zu können. Liegt Eure Befähigung in der über⸗ legneren Menſchenkenntniß, welche dieſen Mann ſich gefallen läßt, ihm huldigt und ihn anpreiſt? Oder wenn Ihr die Zeichen richtig beurtheilen könnt, die ich Euch ſtets vor⸗ führe, wenn er unter Euch tritt, beſteht alsdann Eure Be⸗ fähigung in Eurer größern Ehrlichkeit?“ Zwei ziemlich fa⸗ tale Fragen, die immer mit Mr. Merdle in der Stadt herum⸗ gehen; und es beſtand ein ſtillſchweigendes Uebereinkommen, ſie nicht laut werden zu laſſen. Während ſich Mrs. Merdle auf dem Feſtlande befand, Eine große patriot. Verſammlung. 81 hielt Mr. Merdle immer noch ſein großes Haus offen für den Durchgang eines Stromes von Gäſten. Einige von dieſen nahmen herablaſſend Beſitz von dem Haushalt. Drei oder vier lebhafte und vornehme Damen pflegten einander zu ſagen:„Wir eſſen nächſten Donnerſtag bei unſerm guten Merdle. Wen ſollen wir einladen?“ Dieſer gute Merdle empfing dann ſeine Verhaltungsbefehle, und ſaß ganz ſchweigſam unter der Geſellſchaft bei Tiſch und ſtolperte als⸗ dann ſchläfrig durch ſeine Salons, blos dadurch merkwürdig, daß er ausſah, als habe er nichts mit dem Feſte zu thun, als im Wege zu ſein. Der Haushofmeiſter, der Racheengel im Leben dieſes großen Mannes, ließ nichts in ſeiner Strenge nach. Er ſah dieſen Diners, wenn der Buſen nicht da war, eben ſo zu wie andern Diners, wenn der Buſen da war, und ſein Auge war ein Baſilisk für Mr. Merdle. Er war ein harter Mann und wollte auch nicht ein Loth Silberzeug oder eine Flaſche Wein nachlaſſen. Er wollte kein Diner erlauben, wenn es nicht ſeinen Anſprüchen gemäß war. Er deckte die Tafel ſeiner eignen Würde willen. Wenn es den Gäſten gefiel, ſich von dem Aufgetragenen zu bedienen, ſo hatte er nichts dawider; aber es war zur Aufrechterhaltung ſeines Ranges aufgetragen. Wie er neben dem Büffet ſtand, ſchien er zu verkünden:„Ich habe den Dienſt angenommen, um das zu betrachten, was jetzt vor mir ſteht und nichts Geringeres zu betrachten.“ Wenn er den vorſitzenden Buſen vermißte, ſo war es wie ein Stück ſeines eignen Prunkes, das ihm in 6* Zwoͤlftes Kapitel. Folge unvermeidlicher Verhältniſſe zeitweilig geraubt war. Gerade wie er einen Tafelaufſatz oder einen kunſtreich ge⸗ arbeiteten Weinkühler, der zu dem Banquier geſchickt worden, vermißt hätte. Mr. Merdle erließ Einladungen zu einem Diner für die Barnacles. Lord Decimus ſollte da ſein und Mr. Tite Bar⸗ nacle und der angenehme junge Barnacle; auch der Chor der parlamentariſchen Barnacles, welche während der Parla⸗ mentsferien in der Provinz herumreiſten und das Lob ihres Oberhaupts ſangen, war unter den Gäſten vertreten. Es ſollte ein großer Tag werden. Mr. Merdle wollte ſich der Barnacles annehmen. Zwiſchen ihm und dem edeln Deci⸗ mus hatten vertrauliche Verhandlungen ſtattgefunden— der junge Barnacle, von einnehmenden Manieren, hatte den Vermittler geſpielt— und Mr. Merdle hatte ſich entſchloſ⸗ ſen, das Gewicht ſeiner ganzen Rechtſchaffenheit und ſeines großen Reichthums in die Wagſchale der Barnacles zu werfen. Böswillige nannten das ein unſauberes Kaupelgeſchäft, viel⸗ leicht weil es unbeſtreitbar war, daß, wenn der Anſchluß des unſterblichen Feindes der Menſchheit ſich hätte durch Be⸗ ſtechung ſichern laſſen, die Barnacles ihn beſtochen haben würden— dem Vaterland zu Liebe, dem Vaterland zu Liebe. Mrs. Merdle hatte dieſem ihrem hochſtehenden Ehe⸗ geſponſt, den als etwas Geringeres als alle engliſchen Kauf⸗ leute ſeit Whittingtons Zeit, in einen einzigen zuſammen⸗ geſchweißt und drei Fuß dick vergoldet, zu betrachten Ketzerei war— Mrs. Merdle hatte dieſem ihrem Ehegeſponſt raſch Eine große patriot. Verſammlung. 83 hintereinander verſchiedene Briefe aus Rom geſchrieben, welche ihm angelegentlich an's Herz legten, daß jetzt oder nie die Zeit gekommen ſei, Edmund Sparkler zu verſorgen. Mrs. Merdle hatte ihm gezeigt, daß Edmunds Angelegen⸗ heit dringlich ſei und daß ſich unendliche Vortheile ſichern ließen, wenn er ſofort etwas Ordentliches bekomme. In der Grammatik von Mrs. Merdle's Zeitwörtern über dieſen wich⸗ tigen Gegenſtand gab es blos einen Modus, den Imperativ; und dieſer Modus hatte nur ein Tempus, das Präſens. Mrs. Merdle legte ihre Verba Mr. Merdle ſo angelegentlich zu conjugiren vor, daß ſein träges Blut und ſeine langen Aermelaufſchläge ganz in Aufregung geriethen. In welchem Zuſtande der Aufregung Mr. Merdle dem Haushofmeiſter, indem er ausweichend mit ſeinen Augen um die Schuhe deſſelben herumgeguckt hatte, ohne zu wagen, ſich bis zu dem Geſicht dieſes erhabenen Geſchöpfes zu er⸗ heben, die Abſicht zu erkennen gegeben hatte, ein ſo⸗ lennes Diner zu geben. Kein ſehr großes Diner, aber ein ſolennes Diner. Der Haushofmeiſter hatte dagegen zu er⸗ kennen gegeben, daß er nichts dawider habe, bei der theuer⸗ ſten Feſtlichkeit dieſer Art zuzuſchauen: und der Tag des Diners war jetzt da. Mr. Merdle ſtand in einem ſeiner Salons, mit dem Rücken dem Feuer zugekehrt, und wartete auf die Ankunft ſeiner hohen Gäſte. Er nahm ſich ſelten oder nie die Frei⸗ heit heraus, mit dem Rücken nach dem Feuer zuzuſtehen, außer wenn er ganz allein war. Im Beiſein des Haushof⸗ Zwölftes Kapitel. meiſters hätte er dieſe That nicht gewagt. Er hätte ſich in der ihm eigenthümlichen polizeidienerhaften Weiſe beim Handgelenk gefaßt und wäre auf dem Teppich vor dem Ka⸗ min auf⸗ und abgegangen, oder hätte ſich zwiſchen den koſt⸗ baren Meubeln verkrochen, wenn der ſeinen Geiſt nieder⸗ drückende Diener in dieſem Augenblicke in's Zimmer getreten wäre. Die liſtigen Schatten, welche aus ihrem Verſtecke hervorzuſchießen ſchienen, wenn das Feuer aufflammte, und wieder raſch zurückzutreten, wenn das Feuer ſank, waren Zeugen genug, daß er es ſich bequem machte. Sie waren ihm ſogar ſchon zuviel, wenn die unbehaglichen Blicke, die er auf ſie warf, Etwas zu bedeuten hatten. In ſeiner rechten Hand hatte Mr. Merdle die Abend⸗ zeitung und die Abendzeitung war voll von Mr. Merdle. Sein wunderbarer Unternehmungsgeiſt, ſein wunderbarer Reichthum, ſeine wunderbare Bank waren die Speiſe, von der ſich die Abendzeitung dieſe Nacht nährte. Die wunder⸗ bare Bank, deren Haupterfinder, Begründer und Director er war, war das Neueſte von den Wundern Merdle's. In⸗ mitten dieſer glänzenden Leiſtungen war jedoch Mr. Merdle ſo beſcheiden, daß er viel mehr ausſah wie ein Mann, der ſein Haus nur mit einem Executionsmandat belaſtet inne hat, als wie ein Börſencoloß, der über ſeinen Kaminteppich ſteht, während die kleinen Schiffe zum Diner hereinſegelten. Seht die Schiffe in dem Hafen einlaufen! Der einneh⸗ mende junge Barnacle war der erſte; aber der Advokat holte ihn auf der Treppe ein. Der Advokat, wie gewöhnlich mit Eine große patriot. Verſammlung. 85 ſeiner doppelten Lorgnette und ſeiner gewinnenden Kopf⸗ neigung für die Geſchwornen verſtärkt, freute ſich über die Maßen, den einnehmenden jungen Barnacle zu ſehen, und ſprach die Meinung aus, daß wir in Banco, wie wir Ad⸗ vokaten es nennen, ſitzen würden, um eine Specialfrage zu verhandeln? „Wie ſo,“ ſagte der lebhafte junge Barnacle, welcher Ferdinand hieß. „O,“ lächelte der Advokat.„Wenn Sie es nicht wiſſen, wie kann ich's denn wiſſen? Sie ſind in dem innerſten Hei⸗ ligthume des Tempels; ich bin einer von den bewundernden Zuſchauern auf dem Platze vor demſelben.“ Der Advokat konnte leicht oder ſchwer ſein, je nach der Art des Mannes, den er zu behandeln hatte. Mit Ferdi⸗ nand Barnacle war er leicht wie Sommerfäden. Der Ad⸗ vokat war auch beſtändig beſcheiden und ſich ſelbſt herunter⸗ ſetzend— in ſeiner Weiſe. Der Advokat war ein ſehr viel⸗ ſeitiger Mann; aber ein Faden lief durch die Kette aller ſeiner Muſter. Jedermann, mit dem er zu thun hatte, war in ſeinen Augen ein Geſchworner, und ſein Beruf war es, dieſen Geſchwornen herum zu bekommen, wenn es ihm mög⸗ lich war. „Unſer ausgezeichneter Wirth und Freund,“ ſagte der Advokat,„unſer glänzender Börſenſtern will ſich der Politik widmen?“ „Will ſich widmen? Er iſt ja ſchon ſeit einiger Zeit im I 86 Zwölftes Kapitel. Parlament, wie Sie wiſſen,“ entgegnete der einnehmende junge Barnacle. „Richtig,“ ſagte der Advokat mit ſeinem elegant komi⸗ ſchen Lachen für Specialgeſchworne, das ein ganz anderes Lachen war, als ſein niedrig komiſches Lachen für ſpaßhafte Handwerker als Mitglieder einer gewöhnlichen Jury;„rich⸗ tig, er iſt ſchon ſeit einiger Zeit im Parlament. Aber bis jetzt iſt unſer Stern ein wandelnder und unſicherer ge— weſen? Hm?“ Ein gewöhnlicher Zeuge hätte ſich durch dieſes Hm? zu einer bejahenden Antwort verleiten laſſen. Aber Ferdinand Barnacle ſah den Advokaten, wie ſie mit einander die Treppe hinaufgingen, ſchlau an und gab ihm gar keine Antwort. „Richtig, richtig,“ ſagte der Advokat und nickte mit dem Kopfe, denn er ließ ſich nicht auf dieſe Art abweiſen,„und deshalb ſprach ich von unſerm in Banco ſitzen, um einen Spezialfall abzuhören— ich verſtehe darunter eine hohe und ſolenne Veranlaſſung, wo, wie Capitain Mae Heath ſagt, „die Richter ſich ſammeln: ein ſchreckliches Schauſpiel!“ Wir Advocaten ſind freiſinnig genug, wie Sie ſehen, den Capitain anzuführen, obgleich der Capitain ſich ſehr hart über uns ausdrückt. Deſſenungeachtet glaube ich, könnte ich als Zeugenausſage ein Zugeſtändniß des Capitains an⸗ führen,“ ſagte der Advokat mit einer ſcherzenden Wendung des Kopfes; denn wenn er als Juriſt eine Rede hielt, nahm er ſtets die Miene an, auf die anmuthigſte Weiſe von der Eine große patriot. Verſammlung. 87 Welt mit ſich ſelbſt zu ſcherzen;„demungeachtet könnte ich ein Zugeſtändniß des Capitains anführen, daß die Juſtiz im Ganzen wenigſtens unparteiiſch zu ſein beabſichtigt. Denn was ſagt der Capitain, wenn ich ihn richtig anführe— und wenn nicht,“ ſetzte er hinzu, indem er ſeinen Gefährten ſcher⸗ zend mit der Doppellorgnette auf die Achſel klopfte,„ſo wird mein gelehrter Freund mich corrigiren: „Da Geſetze für Vornehm und Gering ſind gemacht Um ſo gut wie mich auch zu ſtrafen die Andern, So ſollten wir wahrlich in beſſerer Geſellſchaft Nach Tyburn zum Galgen wandern!“ Dieſe Worte brachten ſie in den Salon, wo Mr. M erdle vor dem Feuer ſtand. So unermeßlich verwundert war Mr. Merdle über das Eintreten des Advokaten mit einem ſolchen Citat im Munde, daß der Advokat ihm erläuterte, er habe eine Stelle aus Gay angeführt. Allerdings nicht eine von unſern Autoritäten in Weſtminſterhall, ſägte er, aber dem⸗ ungeachtet nicht von einem Mann zu verachten, der des groß⸗ artig praktiſchen Mr. Merdles Welterfahrung beſitzt. Mr. Merdle ſah aus, als ob er glaubte, er wollte Etwas ſagen, machte aber hernach ein Geſicht, als ob er glaubte, er würde nichts ſagen. In der Zwiſchenzeit ward der Biſchof angemeldet. Der Biſchof trat mit Sanftmuth und dennoch mit kräftigem und raſchem Schritt ein, als ob er ſeine Sie⸗ benmeilen⸗Glanzſtiefeln anzuhaben und um die Welt herum⸗ zugehen wünſchte, um nachzuſehen, ob Alles in Ordnung ſei. Der Biſchof hatte nicht die leiſeſte Ahnung, daß diesmal 88 Zwolftes Kapitel. etwas Beſonderes vorgehen ſolle. Das war der merkwürdigſte Zug in ſeinem Benehmen. Er war munter, friſch, heiter, leutſelig, freundlich; aber ſo wunderbar unſchuldig! Der Advokat war gleich bei ihm, um ſich höflichſt nach der Ge⸗ ſundheit der Mrs. Biſchof zu erkundigen. Mrs. Biſchof hatte das Mißgeſchick gehabt, ſich bei einer Confirmation zu erkälten, befand ſich aber ſonſt wohl. Der junge⸗Mr. Bi⸗ ſchof befand ſich ebenfalls wohl. Er war mit ſeiner jungen Gattin und kleinen Familie auf ſeiner Seelſorge. Die Mitglieder des Barnaclechors kamen zunächſt und nach ihnen Mr. Merdle's Arzt. Der Advokat, der ein Stück⸗ chen von einem Auge und ein Stückchen von ſeiner Doppel⸗ lorgnette für Jeden hatte, der zur Thür hexeintrat, mochte er mit ſonſt wem oder über Etwas ſprechen, wußte auf irgend welche geſchickte Weiſe mit Allen in Berührung zu kommen, ohne daß man bemerken konnte, wie er's machte, und ſtrei⸗ chelte jedem einzelnen Herrn der Jury den beſondern Lieblings⸗ fleck. Mit einigen Mitgliedern des Chors lachte er über das verſchlafene Mitglied, welches neulich Abends in das Vorzim⸗ mer hinausgegangen war und für die falſche Seite geſtimmt hatte; mit andern beklagte er den Neuerungsgeiſt der Zeit, welcher ſich nicht einmal abhalten ließ, ein unnatürliches In⸗ tereſſe an den Staatsangelegenheiten und den Staatsfinanzen zu nehmen. Mit dem Arzte hatte er ein Wort über den Ge⸗ ſundheitszuſtand im Allgemeinen zu ſprechen; er erbat ſich auch von ihm einige Auskunft über einen Collegen von unbezwei⸗ felter Gelehrſamkeit und von feinen Manieren— aber dieſe em⸗ —j— „ —— —— Eine große patriot. Verſammlung. 89 pfehlenden Eigenſchaften in ihrer höchſten Entwickelung glaube er im Beſitz anderer Meiſter der Heilkunſt gefunden zu haben(mit ſeinem Kopfneigen für die Geſchwornen)— den er vorgeſtern zufällig als Zeugen vernommen, und von dem er beim Kreuzverhör erfahren, daß er ein Anhänger jener neuen Behandlungsweiſe zu ſein beanſpruche, welche ihm— dem Advokaten— nicht anders erſcheine als— he?— rich⸗ tig! Advokat war ganz der Meinung; Advokat hatte gleich geglaubt und gehofft, der Arzt werde ihm dies ſagen. Ohne ſich Etwas herauszunehmen,„wo Aeskulape zweifeln, zu ent⸗ ſcheiden,“ erſchiene, es doch dem Advokaten, wenn er es als Frage des gemeinen Menſchenverſtandes und nicht des ſogenannten juriſtiſchen Scharfſinns betrachtete, daß dieſes neue Syſtem nichts ſei— wenn er es im Beiſein einer ſo großen Autorität ausſprechen dürfe,— nichts als Schwin⸗ del? Ah! durch dieſe Aufmunterung geſtärkt, könne er wagen, es Schwindel zu nennen; und jetzt ſei von ſeiner Seele eine Laſt genommen. Mr. Tite Barnacle, der, wie Dr. Johnſons berühmter Bekannter, nur eine einzige Idee im Kopf hatte, und das war eine falſche, war um dieſe Zeit eingetreten. Dieſer aus⸗ gezeichnete Herr und Mr. Merdle, von einander abgekehrt und mit ruminirenden Geſichtern auf einem gelben Divan im Scheine des Feuers ohne ein Wort mit einander zu ſprechen daſitzend, ſahen im Allgemeinen den beiden Kühen auf dem Bilde von Cuyp ihnen gegenüber ſehr ähnlich. Aber jetzt kam Lord Decimus. Der Haushofmeiſter, der Zwölftes Kapitel. bis dahin ſich auf einen Zweig ſeiner gewöhnlichen Beſchäf⸗ tigung beſchränkt hatte, indem er die Gäſte, wie ſie eintra⸗ ten, anſah(und zwar mit mehr Mißtrauen als Gunſt), wurde ſich ſo weit untreu, daß er mit dem neuen Ankömmling die Treppe heraufkam und ihn anmeldete. Da Lord Decimus ein überwältigender Pair war, ſo machte ein verſchämtes junges Mitglied des Unterhauſes, der vorletzte der von den Barnaecles gefangenen Fiſche und heute zur Feier ſeiner Ge⸗ fangennahme eingeladen, die Augen zu, als Se. Herrlichkeit eintrat. Lord Decimus war demungeachtet erfreut, das Mitglied zu ſehen. Er war auch erfreut, Mr. Merdle zu ſehen, erfreut, den Biſchof zu ſehen, erfreut, den Advokaten zu ſehen, erfreut, den Arzt zu ſehen, erfreut, Tite Barnaele zu ſehen, erfreut, den Chor zu ſehen, erfreut, Ferdinand, ſeinen Privatſekretair, zu ſehen. Lord Decimus, obgleich einer der Größten auf Erden, zeichnete ſich nicht durch einnehmendes Weſen aus, und Ferdinand hatte ihn erſt mühſam einlernen müſſen, von den Anweſenden Notiz zu nehmen, und zu ſagen, er freue ſich, ſie zu ſehen. Als dieſer Ausbruch von Lebhaftigkeit und Herablaſſung vorüber war, ſetzte ſich Se. Herrlichkeit nach dem Bilde Cuyps in Poſitur und bildete eine dritte Kuh in der Gruppe. Der Advokat, erfüllt von dem Bewußtſein, ſämmtliche Geſchworne bereits gewonnen zu haben und nun ſich des Vormanns verſichern zu müſſen, kam alsbald mit dem dop⸗ pelten Augenglas in der Hand herangeglitten. Der Advokat V —ᷣ—ÿ—ÿÿꝛ——ꝛ—ꝛ—ꝛ—:n-—— Eine große patriot. Verſammlung. 91 empfahl zur Beachtung des Vormanns das Wetter als einen Gegenſtand, der mit dem Amtsgeheimniß nichts zu thun hatte. Der Advokat behauptete, gehört zu haben(wie ſtets Jeder⸗ mann hört, obgleich es ewig ein Geheimniß bleiben wird, wer es ihm geſagt hat), daß es dieſes Jahr kein Spalierobſt geben würde. Lord Decimus hatte nichts Nachtheiliges über ſeine Pfirſiche gehört, aber er glaubte feſt, wenn ihn ſeine Leute recht berichtet hätten, er werde keine Aepfel bekommen. Keine Aepfel? Der Advokat war in Staunen und Theilnahme ver⸗ loren. In Wirklichkeit wär' es ihm ganz gleichgültig gewe⸗ ſen, wenn es keinen einzigen Apfel auf der ganzen Erde ge⸗ geben hätte, doch der Anblick ſeiner Theilnahme an die⸗ ſer Aepfelfrage war geradezu peinlich. Aber Lord Decimus — denn wir läſtigen Advokaten ziehen gern Erkundigungen ein und können nie wiſſen, wie ſie uns nützen werden— aber Lord Decimus, was mag der Grund davon ſein? Lord Decimus konnte nicht daran denken, eine Theorie darüber aufzuſtellen. Dies hätte jeden Andern zum Schweigen ge⸗ bracht, aber unſer Advokat war noch ſo friſch und muthig wie zu Anfang und fuhr fort:„Aber die Birnen, Mylord?“ Lange nachdem der Advokat zum Generalanwalt erhoben worden, erzählte man dies von ihm als ein Meiſterſtück. Lord Decimus hatte eine Jugenderinnerung an einen Birnbaum, der ehedem in einem Garten hinter dem Hauſe ſeiner Wir⸗ thin in Eton geſtanden, auf welchem Birnbaum der einzige Witz ſeines Lebens perennirend blühte. Es war ein Witz von ſolider und handlicher Natur, der ſich um den Unter⸗ Zwölftes Kapitel. ſchied zwiſchen Etonbirnen und parlamentariſchen Abpaarun⸗ gen“) drehte; aber es war ein Witz, den recht zu genießen Lord Decimus unmöglich erſchien ohne eine gründliche und vertraute Bekanntſchaft mit dem Baume. Daher hatte zuerſt die Geſchichte keine Idee von einem ſolchen Baume, dann entdeckte ſie ihn allmälig im Winter, begleitete ihn durch die wechſelnden Jahreszeiten, ſah ihn knospen, ſah ihn blü⸗ hen, ſah ihn Frucht tragen, ſah die Frucht reif werden, pflegte mit Einem Worte den Baum in dieſer fleißigſten und aufs Kleinſte eingehenden Weiſe, ehe die Geſchichte aus dem Schlaßzimmerfenſter ſtieg, um das Obſt zu ſtehlen, in Betreff deſſen verſpätete Zuhörer ſchon oft dem Himmel mit Inbrunſt gedankt hatten, daß der Baum wenigſtens noch vor Lord Deci⸗ mus Zeit gepflanzt und gepfropft worden war. Des Advokaten Intereſſe an den Aepfeln war von der geſpannten Erwartung, mit welcher er die Wandlungen dieſer Birnen von dem Augen⸗ blicke an verfolgte, wo Lord Decimus feierlich begann,„da Sie von Birnen ſprechen, fällt mir ein Birnbaum ein,“ bis zu dem geiſtreichen Schluß„und ſo gelangen wir durch die verſchiedenen Veränderungen des Lebens von Etonbirnen zu parlamentariſchen Abpaarungen,“ ſo zurückgedrängt, daß er mit Lord Decimus hinuntergehen und ſich ſelbſt bei Tiſch neben ihn ſetzen mußte, um die Anekdote auszuhören. So weit gekommen, fühlte der Advokat, daß er des Vormanns *) Ein unüberſetzbares Wortſpiel zwiſchen Pear und Pair, die beide gleich ausgeſprochen werden. Eine große patriot. Verſammlung. 93 ſicher ſei, und ſein Diner mit gutem Appetit verzehren könne. Es war ein Diner, welches den Appetit hätte reizen müſ⸗ ſen, wenn er keinen gehabt hätte. Die ſeltenſten Gerichte aufs Koſtbarſte zubereitet und aufs Koſtbarſte aufgetragen; die auserleſenſten Früchte; die ausgewählteſten Weine; Wunder von kunſtreicher Arbeit in Gold und Silber, Por⸗ zellain und Glas; unzählige Dinge, welche den Sinnen des Geſchmacks, des Geruchs und des Geſichts köſtlich waren, hatten dazu beigeſteuert. O welch ein wundervoller Mann dieſer Merdle iſt, wie groß als Mann, wie meiſterlich als Geſchöpf, wie herrlich und beneidenswerth begabt— mit Einem Wort, was für ein reicher Mann! Er verzehrte ſeine gewöhnliche kärgliche Achtzehnpfennig⸗ Portion Speiſe in ſeiner gewöhnlichen unverdaulichen Weiſe und hatte ſo Wenig für ſich zu ſagen, wie andere wunderbare Männer auch. Zum Glück war Lord Decimus einer von den erhabenen Charakteren, die nicht unterhalten zu werden brau⸗ chen, denn ſie können ſich zu allen Zeiten hinreichend mit der Betrachtung ihrer eigenen Größe beſchäftigen. Dies ſetzte das verſchämte junge Parlamentsglied in Stand, ſeine Augen lange genug hintereinander offen zu behalten, um ſehen zu können, was auf dem Teller vor ihm lag. Aber ſo oft Lord Decimus ſprach, machte es die Augen wieder zu. Der angenehme junge Barnacle und der Advokat führ⸗ ten das Geſpräch. Auch der Biſchof wäre recht ausnehmend angenehm geweſen, wenn ihm ſeine Unſchuld nicht im Wege 94 Zwölftes Kapitel. geſtanden hätte. Er ward ſo bald im Stich gelaſſen. So wie der kleinſte Wink fiel, daß Etwas zu profitiren ſei, war er gleich verloren. Weltliche Angelegenheiten waren zu un⸗ verdaulich für ihn; mit ihnen konnte er nichts machen. Dies wurde ſichtbar, als der Advokat zufällig äußerte, es freue ihn, gehört zu haben, daß wir bald den Vortheil haben würden, den geſunden und einfachen Verſtand ne glänzenden oder prahleriſchen Gaben, aber durch und durch geſund und praktiſch— unſers Freundes Mr. Spark⸗ ler für die gute Seite zu gewinnen. Ferdinand Barnacle lachte und ſagte, o ja, er glaube es. Eine Stimme ſei eine Stimme und immer annehmbar. Dem Advokaten that es leid, unſern guten Freund Mr. Sparkler heute zu vermiſſen, Mr. Merdle. „Er iſt mit Mrs. Merdle verreiſt,“ entgegnete dieſer Herr, langſam von einer langedauernden Zerſtreuung ſich erholend, während der er einen filbernen Löffel ſich in den Aermel ge⸗ ſchoben hatte.„Es iſt nicht unumgäng er an Ort und Stelle iſt.“ „Der magiſche Name Merdle,“ ſagte der Advokat mit ſei⸗ nem Kopfneigen für die Geſchwornen,„wird jedenfalls für Alles genügen.“. „Nun ja— ich glaube,“ ſtimmte Mr. Merdle bei, indem er den Löffel wieder hinlegte und verlegen ſeine beiden unter die Rockärmel verſteckte. meinem Intereſſe machen.“ — kei⸗ lich nothwendig, daß Hände „Ich glaube, die Leute in dort unten werden keine Schwierigkeit Eine große patriot. Verſammlung. 95 „Muſterleute!“ ſagte der Advokat. „Es freut mich, daß ſie Ihren Beifall finden,“ ſagte Mr. Merdle. „Und was die Leute der beiden andern Wahlflecken be⸗ trifft,“ fuhr der Advokat mit einem raſchen Blitz in ſeinen klugen Augen fort, wie er ſie kaum merklich nach ſeinem vor⸗ nehmen Nachbarn hinwendete;—„wir Advokaten ſind immer neugierig, immer frageluſtig, ſuchen immer einzelne Bruch⸗ ſtückchen und Endchen für unſern aufs Einzelne gerichteten Geiſt zuſammen, da wir nicht wiſſen können, wie und wo wir ſie brauchen können;— alſo was die Leute der beiden andern Wahlflecken betrifft, wie ſteht es da? Fügen ſie ſich ſo lobenswerth dem weitgreifenden und ſo viele Kräfte in ſich ſchließenden Einfluß ſolchen Unternehmungsgeiſtes und ſolchen Rufs; verſchwinden dieſe kleinen Bäche ſo ruhig und ſtill und wie unter dem Einfluß von Naturgeſetzen ſo ſchön in den Wogen des majeſtätiſchen Stroms, wie er ſeine Wun⸗ derbahn, die ganze umliegende Gegend befruchtend, dahin⸗ fließt, ſo ruhig und leicht, daß ihr Lauf ſich vollſtändig be⸗ rechnen und mit Beſtimmtheit vorausſagen läßt?“ Mr. Merdle, ein wenig beunruhigt von der Beredſam⸗ keit des Advokaten, ließ einige Augenblicke lang unſtäte Blicke um das nächſte Salzfaß ſchweifen und ſagte dann zögernd: „Sie kennen ihre Pflicht gegen die Geſellſchaft vollkom⸗ men. Sie werden Jeden wählen, den ich ihnen zu dieſem Zwecke hinſchicke.“ Klein Dorrit. VII. 7 Zwölftes Kapitel. „Ein wahrer Troſt,“ ſagte der Advokat.„Ein wahrer Troſt.“ Die drei fraglichen Wahlflecken waren drei kleine verrot⸗ tete Löcher mit drei kleinen unwiſſenden, verſoffenen, ſchmutzi⸗ gen, außerhalb aller Verbindung mit der Welt gelegenen Wahlgemeinden, welche in Mr. Merdles Taſche geſtolpert waren. Ferdinand Barnacle lachte in ſeiner unbekümmerten Weiſe und ſagte leichthin, es wären ganz hübſche Burſchen. Der Biſchof ließ ſeine Seele auf Pfaden des Friedens wan⸗ deln und war ganz aufgegangen in Geiſtesabweſenheit. „Bitte,“ fragte Lord Decimus und ließ ſeinen Blick um die Tafel ſchweifen,„was iſt das für eine Geſchichte von einem Herrn, der, lange in Schuldhaft, ſich als ein Mitglied einer reichen Familie herausgeſtellt und ein großes Vermögen geerbt hat?“ „Ich weiß nur ſo viel,“ ſagte Ferdinand,„daß er dem Departement, zu dem ich die Ehre habe zu gehören“— die⸗ ſer muntre junge Barnacle warf die Phraſe bewußtvoll ſpie⸗ lend hin, als wollte er ſagen, wir wiſſen Alle, wie es mit die⸗ ſen Redeformen iſt, aber wir müſſen den Schein aufrecht erhalten—„unendliche Mühe gemacht und uns unzählige Mal in Schwulitäten gebracht hat.“ „In Schwulitäten?“ wiederholte Lord Decimus mit einem ſo majeſtätiſchen Verweilen auf dem Worte, daß das verſchämte Mitglied die Augen ganz feſt zumachte.„Schwu⸗ litäten?“ „Hat ihnen ſehr viele Verlegenheit verurſacht,“ bemerkte Eine große patriot. Verſammlung. 97 Mr. Barnacle mit einer Miene, die Strenge und Tadel aus⸗ ſprach. „Was hatte er mit dem Departement eigentlich zu thun, Ferdinand?“ ſagte Lord Decimus. „O, es iſt eine gute Geſchichte als Geſchichte,“ entgegnete ihm dieſer Herr;„ſo gut, wie man es nur in dieſer Art ver⸗ langen kann. Dieſer Mr. Dorrit(er heißt Dorrit), hatte lange bevor die Fee aus der Bank kam und ihm ſein Ver⸗ mögen ſchenkte, ſich gegen uns zur Erfüllung eines Contracts verpflichtet, der gar nicht erfüllt wurde. Er war Aſſocié in einem Engrosgeſchäft— in Spiritus oder Knöpfen, oder Wein, oder Haken und Oehſen, oder Eiſen, oder Syrup, oder Schuhen, oder irgend einem andern Artikel, der für die Truppen oder für die Marine, oder für ſonſt Jemanden ge⸗ braucht wurde, und das Haus fallirte und da er mit uns den Contract abgeſchloſſen und wir alſo eine Forderung an ihn hatten, ließ die Krone in rechtsgültiger Weiſe Execution ein⸗ legen u. ſ. w. Als die Fee erſchienen war und er ſeine Schuld bei uns abtragen wollte, fanden wir, daß wir in ein ſolches Labyrinth von Controliren und Revidiren, von Zeichnen und Gegenzeichnen gerathen waren, daß es ſechs Monate dauerte, ehe wir wußten, wie wir das Geld nehmen oder wie wir eine Quittung dafür ausſtellen ſollten. Es war ein Muſterſtück guter Verwaltung,“ ſagte der hübſche junge Barnacle mit herzlichem Lachen.„Sie haben in Ihrem Le⸗ ben nie eine ſolche Maſſe ausgefüllter Schemas geſehen. Wahrhaftig, ſagte der Notar zu mir einmal, wenn ich von 7* Zwölftes Kapitel. dieſem Amte zwei oder dreitauſend Pfund haben wollte, an⸗ ſtatt daß ich ſie zu zahlen habe, könnte es nicht mehr Um⸗ ſtände machen. Sie haben Recht, Alter, gab ich ihm zur Ant⸗ wort und in Zukunft werden Sie wiſſen, daß wir wirklich hier Etwas zu thun haben.“ Der angenehme junge Barnacle ſchloß ſeine Erzählung mit einem abermaligen herzlichen La⸗ chen. Er war wirklich ein recht gemüthlicher hübſcher Mann V und ſeine Manieren waren über die Maßen gewinnend. Mr. Tite Barnacle ſah die Sache weniger leicht an. Er V nahm es übel auf, daß Mr. Dorrit dem Departement die Ungelegenheit gemacht hatte, das Geld bezahlen zu wollen und betrachtete es als einen groben Verſtoß gegen die Ge⸗ ſchäftsordnung, nach ſo vielen Jahren zu zahlen. Aber Mr. 3 Tite Barnacle war ein zugeknöpfter Mann und demnach ein Mann von Gewicht. Alle zugeknöpften Leute ſind Männer von Gewicht. Alle zugeknöpften Männer finden Glauben und Vertrauen. Ob nun die vorbehaltene und nie ausge⸗ übte Befugniß, aufzuknöpfen, die Menſchheit bezaubert oder nicht; ob man glaubt oder nicht, daß die Weisheit an Tiefe und Umfang zunimmt, wenn ſie zugeknöpft iſt, und verduftet, wenn ſie aufgeknöpft wird, ſo viel iſt gewiß, daß der zuge⸗ knöpfte Mann immer derjenige iſt, dem man Wichtigkeit zu⸗ ſchreibt. Mr. Tite Barnacle hätte nie die Hälfte ſeines um⸗ ſetzbaren Werths gegolten, wenn er nicht ſtets ſeinen Frack bis zu ſeiner weißen Halsbinde hinauf zugeknöpft hätte. „Darf ich fragen,“ ſagte Lord Decimus„ob Mr. Darrit — oder Dorrit— Familie hat?“ B Eine große patriot. Verſammlung. 99 Da Niemand ſonſt antwortete, ſagte der Wirth:„Er hat zwei Töchter, Mylord.“— „O! Sie kennen ihn?“ fragte Lord Decimus. „Mrs. Merdle kennt ihn. Mr. Sparkler auch. Die Sache iſt die,“ ſagte Mr. Merdle,„daß, wie mir ſcheint, eine von den jungen Damen Eindruck auf Edmund Sparkler ge⸗ macht hat. Erziſt empfänglich und— ich— glaube— die Eroberung——“ hier ſtockte Mr. Merdle und ſah auf das Tiſchtuch, wie er es gewöhnlich machte, wenn er ſah, daß man ihn beobachtete oder ihm zuhörte. Der Advokat freute ſich ungemein, zu vernehmen, daß die Familie Merdle und dieſe Familie bereits mit einander in Berührung gekommen waren. Mit halblauter Stimme über die Tafel hinweg wagte er es, dem Biſchof als ſeine Anſicht vorzulegen, daß dies eine Art analoger Beweisführung der phyſiſchen Geſetze ſei, kraft deren das Gleiche von dem Glei⸗ chen angezogen wird. Er betrachtete dieſe Anziehungskraft, die Reichthum auf Reichthum ausübte, als etwas beſonders Intereſſantes und Merkwürdiges— als Etwas, was auf eine unerklärliche Weiſe mit dem Magnet und dem Geſetz der Schwere verwandt ſei. Der Biſchof, der ſich wieder auf die Erde herabgelaſſen hatte, als das gegenwärtige Thema aufs Tapet kam, ſtimmte bei. Er ſagte, es ſei in der That von hoher Wichtigkeit für die Geſellſchaft, daß eine Perſon, welche in die verſuchungsvolle Lage käme, unerwartet in Beſitz einer Macht zu gerathen, der Geſellſchaft Gutes oder Böſes zu thun, gewiſſermaßen in der überlegnen Macht einer legitime⸗ Zwölftes Kapitel. ren und rieſenmäßigern Entwickelung aufgehe, deren Ein⸗ fluß(wie in dem Falle unſers Freundes, an deſſen Tafel wir ſitzen) ſchon von ſelbſt in Harmonie mit dem beſten In⸗ tereſſe der Geſellſchaft wirkt. So bekämen wir anſtatt zwei rivaliſirender und ſich bekämpfender Flammen, einer größern und einer kleinern, jede mit trübem und ungewiſſem Schim⸗ mer brennend, ein vereinigtes und gemildertes Licht, deſſen wohlthuender Strahl eine gleichmäßige Wärme durch das ganze Land verbreitet. Dem Biſchof ſchien ſeine Art, die Sache ins Licht zu ſtellen, ganz beſonders zu gefallen und er verweilte ziemlich lange dabei; und der Advokat, um nicht einen Geſchwornen zu verlieren, gab ſich den Anſchein, als ſäße er zu ſeinen Füßen und nähme ſeine weiſen Lehren ins Herz auf. Da das Eſſen und das Deſſert drei Stunden dauerte, ſo kühlte ſich das verſchämte Mitglied in dem Schatten des Lord Decimus raſcher ab, als es ſich mit Speiſe und Trank erwärmt hatte und der Abend kam ihm ſehr winterlich vor. Lord Decimus ſchien wie ein hoher Thurm in einer ebenen Gegend über das ganze Tiſchtuch hinüber zu reichen, verdeckte dem ehrenwerthen Mitglied das Licht, kältete das ehrenwerthe Mitglied bis auf das Mark und gab ihm einen traurigen Begriff von der zwiſchen ihnen liegenden Entfernung. Als er dieſen unglücklichen Reiſenden aufforderte, ein Glas Wein mit ihm zu trinken, umſtrickte er ſeine wankenden Schritte mit den düſterſten Schatten; und als er zu ihm ſagte,„Ihre Eine große patriot. Verſammlung. 101 Geſundheit, Sir!“ war Alles rings um ihn Einöde und Wüſtenei. 3 Endlich fing Lord Decimus mit einer Kaffeetaſſe in der Hand an, unter den Bildern herumzuwandern und zu einer intereſſanten Betrachtung Anlaß zu geben, wann er wol aufhören würde, zu wandern und wann er die kleinern Vö⸗ gel in Stand ſetzen würde, die Treppe hinaufzuflattern; denn das konnte nicht eher geſchehen, als bis er ſeinen adeligen Fittigen dieſe Rcchtung gegeben. Nach einigem Warten und nach verſchiedenen Verſuchen ſeiner Fittige, die zu nichts führten, ſchwang er ſich wieder in die Salons hinauf. Und hier entſtand eine Schwierigkeit, die immer entſteht, wenn zwei Perſonen in der Abſicht mit einander zu einem Di⸗ ner eingeladen worden, um mit einander über Etwas zu ver⸗ handeln. Jedermann(mit Ausnahme des Biſchofs, der keine Ahnung davon hatte) wußte recht gut, daß dieſes Diner blos zu dem Zwecke gegeſſen und getrunken worden war, Lord Decimus und Mr. Merdle Gelegenheit zu verſchaffen, fünf Minuten mit einander zu ſprechen. Die ſo kunſtreich vorbereitete Gelegenheit war nun da und es ſchien von die⸗ ſem Augenblicke an, als wäre es von dem menſchlichen Scharf⸗ ſinn zu Viel verlangt, die beiden Spitzen der Geſellſchaft gleichzeitig in Ein Zimmer zu bringen. Mr. Merdle und ſein hochadeliger Gaſt verweilten hartnäckig an entgegenge⸗ ſetzten Enden der Perſpective. Vergebens führte der gewin⸗ nende Ferdinand Lord Decimus zu den ſchönen Pferden von Bronce, neben welchen Mr. Merdle ſtand. Mr. Merdle wich Zwölftes Kapitel. aus und machte ſich aus dem Staube. Vergebens führte er Mr. Merdle zu Lord Decimus, um ihm die Geſchichte von den nur einmal vorhandenen Meißner Porzellainvaſen zu er⸗ zählen. Jetzt wich Lord Decimus aus und machte ſich aus dem Staube, während er ſeinen Mann auf die Kriſis vor⸗ bereitete. „Haben Sie jemals ſo Etwas geſehen?“ ſagte Ferdinand zum Advokaten, als er es zwanzigmal vergebens verſucht hatte. „Oft,“ entgegnete der Advokat. „Wenn ich nicht den Einen in einer beſtimmten Ecke feſt⸗ halte und Sie den Andern, ſo wird gar nichts draus,“ ſagte Ferdinand. „Sehr gut,“ ſagte der Advokat.„Ich will Merdle neh⸗ men, wenns Ihnen recht iſt; aber nicht Mylord.“ Ferdinand lachte trotz ſeines Aergers.„Verwünſcht wä⸗ ren ſie Beide!“ ſagte er und ſah nach der Uhr.„Ich möchte gerne fort. Warum zum Guckuck können ſie ſich nicht zu⸗ ſammenfinden! Beide wiſſen recht gut, was ſie eigentlich im Sinn haben. Sehen Sie ſie nur an.“ Sie ſtanden noch immer an den Enden der Perſpective in dämmernder Ferne, Jeder mit einem albernen Vorwand, an den Andern nicht zu denken, der nicht lächerlicher hätte durchſchaubar ſein können, wenn Jeder ſich ſeine Abſicht mit Kreide auf den Rücken geſchrieben hätte. Der Biſchof, der jetzt als Dritter bei dem Advokaten und Ferdinand geſtanden hatte, aber deſſen Unſchuld ihn abermals hatte der Sache fremd bleiben laſſen und ihn in ſüßes Oel eingewickelt Eine große patriot. Verſammlung. 103 hatte, machte jetzt Anſtalt, ſich Lord Decimus zu nähern und ein Geſpräch mit ihm anzuknüpfen. „Merdle's Doctor wird mir wol helfen müſſen, ihn zu fangen und feſtzuhalten,“ ſagte Ferdinand;„und dann muß ich mich meines hochgeſtellten Verwandten bemächtigen und ihn in die Conferenz locken, wenn es geht, oder ihn in die⸗ ſelbe ſchleppen, wenn es nicht gehen will.“ „Da Sie mir die Ehre erweiſen, meine beſcheidenen Kräfte in Anſpruch zu nehmen, ſo ſtehe ich Ihnen mit dem größten Vergnügen zu Dienſten,“ ſagte der Advokat mit ſei⸗ nem ſchlaueſten Lächeln.„Ich glaube nicht, daß ein Ein⸗ ziger es bewerkſtelligen kann. Aber wenn Sie es auf ſich nehmen wollen, Mylord in dem hinterſten Salon, wo er gegenwärtig ſo eifrig beſchäftigt iſt, feſtzuhalten, ſo will ich es auf mich nehmen, unſern guten Merdle, ohne die Mög⸗ lichkeit, wieder loszukommen, zu ihm zu bringen.“ „Top!“ ſagte Ferdinand.„Top!“ ſagte der Advokat. Es war ein bedeutungsvoller und wunderbarer Anblick, zu ſehen, wie der Advokat, in flotter Weiſe ſeine doppelte Lorgnette am Bande ſchwingend und in flotter Weiſe gegen ein Univerſum von Geſchwornen den Kopf neigend, ſich durch den allergrößten Zufall in der Welt neben Mr. Merdle wiederfand, und dieſe Gelegenheit benutzte, mit ihm über eine kleine Sache zu ſprechen, über die er durch das Licht ſeiner praktiſchen Erfahrung erleuchtet zu werden wünſchte. (Hier nahm er Mr. Merdle's Arm und führte ihn mit ſanf⸗ tem Zwange fort.)„Ein Banquier, den wir Mr. B. nennen 104 Zwölftes Kapitel. wollen, ſchoß eine beträchtliche Geldſumme, nehmen wir an 15,000 Pfund, einem ſeiner Kunden, den wir mit P. Q. bezeichnen, vor.“(Hier hielt er Mr. Merdle feſt, da ſie ſich Lord Decimus näherten.)„Als Sicherheit für die Wiederbe⸗ zahlung dieſes, P. Q., die wir eine Witwe von Rang nennen wollen, geleiſteten Vorſchuſſes befanden ſich in A. B.'s Händen die Beſitztitel eines Allodialgutes, das wir Blinkiter Doddles nennen wollen. Nun iſt die Rechtsfrage die: der Sohn von P. Q., der bereits mündig war und den wir . Y. nennen wollen, beſaß ein beſchränktes Recht des Holz⸗ ſchlagens in den Forſten von Blinkiter Doddles— aber wahrhaftig, das iſt zu arg! Im Beiſein des Lords Deci⸗ mus den Hausherrn mit dem Dreſchen unſers dürren juri⸗ ſtiſchen Strohes aufzuhalten, iſt wahrhaftig zu arg! ein andermal!“ Der Advokat fühlte aufrichtige Reue und wollte auch keine Silbe mehr ſagen. Würde ihm wol der Biſchof für ein halb Dutzend Worte Gehör ſchenken?(Er hatte jetzt Mr. Merdle neben Lord Decimus auf ein Sopha geſetzt und nun mußten ſie davon anfangen, oder nie.) Und jetzt bildete die übrige Geſellſchaft, ſehr aufgeregt und begierig auf den Ausgang, ſtets mit Ausnahme des Biſchofs, der nicht die leiſeſte Ahnung hatte, daß Etwas vorging, eine Gruppe um das Feuer im nächſten Salon, und gab vor, unbefangen über eine endloſe Muſterkarte un⸗ bedeutender Gegenſtände zu ſprechen, während Jedermanns Gedanken und Augen ſich im Geheimen dem alleingelaſſenen Paar zuwendeten. Der Chor war ausnehmend unruhig, uaru aſpstjotaput auſt IIIAXX — Eine große patriot. Verſammlung. 105 vielleicht weil ihn die ſchreckliche Befürchtung peinigte, daß ein guter Poſten einmal nicht Einem aus ſeiner Mitte zufallen würde. Nur der Biſchof ſprach gefaßt und ruhig. Er unter⸗ hielt ſich mit dem großen Arzt über die Heiſerkeit, welche junge Prediger nur zu oft befällt, und über das Mittel, das häufige Vorkommen dieſer Krankheit in der Kirche zu ver⸗ mindern. Der Arzt war im Allgemeinen der Meinung, die beſte Art, ſie zu vermeiden, ſei, das Leſen gründlich zu ler⸗ nen, ehe man aus dem Leſen einen Beruf machte. Der Bi⸗ ſchof ſagte zweifelnd, ob dies wirklich ſeine Meinung ſei? und der Arzt gab zur Antwort, unbedingt und gewiß. Unterdeſſen war Ferdinand der Einzige von der Geſell⸗ ſchaft, der an dem andern Ende des Kreiſes ſcharmützelte; er hielt ſich ungefähr halbwegs zwiſchen ihm und den Beiden, als wenn Lord Decimus an Mr. Merdle oder Mr. Merdle an Lord Decimus eine chirurgiſche Operation verrichtete und jeden Augenblick ſein Beiſtand als Verbandgehülfe erforder⸗ lich werden könnte. Wirklich rief auch nach einer Viertel⸗ ſtunde Lord Decimus:„Ferdinand!“ und er ging in das Zimmer und nahm ungefähr noch fünf Minuten lang An⸗ theil an der Conferenz. Dann ertönte aus dem Chor ein halbunterdrücktes Ah!, denn Lord Decimus ſtand auf, um ſich zu verabſchieden. Wieder von Ferdinand gehörig ge⸗ ſchult, daß er ſich populär machen müſſe, ſchüttelte er der ganzen Geſellſchaft auf die brillanteſte Weiſe die Hände und ſagte ſogar zum Advokaten:„Ich hoffe, meine Birnen ha⸗ ben Sie nicht gelangweilt?“, worauf der Advokat zurückgab: 106 Zwölftes Kapitel. „Von Eton, Mylord, oder parlamentariſche?“ So auf hüb⸗ ſche Weiſe zeigend, daß er den Witz begriffen, und zart an⸗ deutend, daß er ihn ſein ganzes Leben lang nie wieder ver⸗ geſſen würde. Die ganze ernſte Wichtigkeit, die in Mr. Tite Barnacles Frack eingeknöpft war, verſchwand zunächſt; und ihm folgte Ferdinand, um noch in die Oper zu gehen. Einige von den Uebrigen blieben noch eine Weile und vermählten goldene Liqueurgläſer vermittelſt klebriger Ringe mit Buhltiſchen, in der verzweifelten Hoffnung, daß Mr. Merdle Etwas ſagen werde. Aber Mr. Merdle ſchlich wie gewöhnlich ſcheu und trübe in ſeinen Salons umher, ohne auch nur ein Wort zu ſagen. Nach ein oder zwei Tagen erfuhr die ganze Stadt, daß Edmund Sparkler Esquire, Stiefſohn des ausgezeichneten Mr. Merdle von weltbekanntem Rufe, einer der Lords des Umſchreibungsbureaus geworden; und allen wahren Gläu⸗ bigen wurde bei Trompetenſchall verkündet, wie dieſe be⸗ wundernswerthe Anſtellung als eine anmuthige und gnädige Huldigung zu betrachten ſei, welche der anmuthige und gnä⸗ dige Decimus dem Handelsſtande darbrachte, welches in einem großen Handelsſtaat— und wie es weiter heißt. So durch dieſe Huldigung der Regierung in den Augen des Publikums gehoben, ſtiegen die wunderbare Bank und alle die andern wunderbaren Unternehmungen immer höher und höher, und Neugierige kamen nach Harleyſtreet, Cavendiſh —— ———— Die Fortſchritte einer epidemiſchen Krankheit. 107 Square, nur um ſich das Haus zu beſehen, wo das goldene Wunder wohnte. Und wie ſie den Haushofmeiſter in Augenblicken gnädi⸗ ger Herablaſſung aus der Hausthür herausgucken ſahen, ſag⸗ ten die Neugierigen, wie reich er ausſehe, und fragten ſich, wie viel Geld er wol in der wunderbaren Bank haben möge. Aber wenn ſie dieſe reſpectable Nemeſis beſſer gekannt hätten, ſo wären ſie nicht darüber in Zweifel geweſen und hätten den Betrag mit der größten Genauigkeit angeben können. Breizehntes Kapitel. Die Lortſchritte einer epidemiſchen Krankheit. Daß es wenigſtens ſo ſchwer iſt, eine moraliſche Epi⸗ demie wie eine phyſiſche aufzuhalten; daß ſich eine ſolche Seuche mit der Bösartigkeit und Schnelligkeit der Peſt ver⸗ breitet; daß die Anſteckung, wenn ſie einmal die Oberhand⸗ eiant ehen Beruf oder keinen Stand ſchont, ſondern ſich in den Menſchen von der kräftigſten Geſundheit und in Conſtitutionen, die ihr am Wenigſten förderlich zu ſein ſchei⸗ nen, entwickelt, iſt eine von der Erfahrung ſo feſtgeſtellte That⸗ ſache, als die, daß wir Menſchenkinder Luft einathmen. Ein gar nicht zu würdigender Segen wäre es für die Menſchheit, Dreizehntes Kapitel. wenn die Kranken, in dexen Schwäche oder Verdorbenheit dieſe giftigen Seuchen zuerſt einen Anhalt finden, auf der Stelle feſtgenommen und in ſtrengem Gewahrſam gehalten werden könnten(um nicht ſummariſches Erſticken vorzu⸗ ſchlagen), ehe ſie das Gift weiter zu verbreiten im Stande wären. Wie ein gewaltiges Feuer noch bis in große Ferne die Luft mit ſeinem Brauſen erfüllt, ſo ließ die heilige Flamme, welcher die mächtigen Barnacles neues Leben gegeben hat⸗ ten, die Luft immer lauter und weiter von dem Namen Merdle widerhallen. Er ertönte von jeder Lippe und klang in jedes Ohr. Einen Mann wie Mr. Merdle hatte es noch niemals gegeben und konnte es nie wieder geben. Niemand, wie ſchon bemerkt, wußte, was er gethan hatte, aber Jedermann kannte ihn als den größten Mann, den die Welt je geſehen. Unten im Hofe zum blutenden Herzen, wo es keinen un⸗ verwendeten halben Penny gab, war die Theilnahme an die⸗ ſem Menſchen ſo lebhaft wie an der Stocksbörſe. Mrs. Plorniſh, jetzt Inhaberin eines kleinen Grütz⸗ und Allerlei⸗ handels in einem kleinen ſchmucken Laden am lebendigſten Ende des Hofes oben an der Treppe, mit ihrem kleinen alten Vater und Maggy als Gehülfen, pflegte den berühmten Mann zum gewöhnlichen Gegenſtand ihrer Unterhaltung mit ihren Kunden über den Ladentiſch zu machen. Mr. Plor⸗ niſh, der einen kleinen Antheil an dem Geſchäft eines kleinen Bauunternehmers in der Nachbarſchaft hatte, ſagte mit der Maurerkelle in der Hand auf der höchſten Stufe von Ge⸗ Die Fortſchritte einer epidemiſchen Krankheit. 109 rüſten und auf den Ziegeln der Dächer, wie Leute ihm er⸗ zählten, daß Mr. Merdle derjenige ſei, ſage ich euch, der Alles in Bezug auf das, was wir Alle erwarten, ins Geleiſe bringen und, ſage ich euch, ſo Viel wir brauchen, ſicher in's Haus ſchaffen wird. Von Mr. Baptiſt, dem einzigen Ab⸗ miether von Mr. Plorniſh und Mrs. Plorniſh, flüſterten ſich die Leute zu, er lege die Erſparniſſe, die er in Folge ſei⸗ nes einfachen und mäßigen Lebens machte, zurück, um ſie in einer von Mr. Merdle's glänzenden Unternehmungen anzu⸗ legen. Die Bewohnerinnen des blutenden Herzens, wenn ſie ihr Loth Thee und ihren Centner Klatſch holten, theilten Mrs. Plorniſh mit, wie ſie von ihrer Couſine Marie Anne, die in dieſem Fach arbeitete, gehört hätten, daß die Kleider ſeiner Gemahlin drei Frachtwagen füllen würden. Wie ſie eine ſo ſchöne Dame ſei, wie nur irgend wo eine lebte, und einen Buſen habe wie Marmor. Daß, nach dem, was ſie ge⸗ hört hatten, es ihr Sohn von einem frühern Manne war, der in das Miniſterium getreten, und ein General war er geweſen und Armeen hatte er geführt und der Sieg hatte ihn gekrönt, wenn man Alles glauben konnte, was man hörte. Wie man erzählte, hätte Mr. Merdle geſagt, wenn ſie es ihm der Mühe werth machten, das ganze Miniſterium zu übernehmen, ſo wollte er es ohne Profit übernehmen, aber es übernehmen und dabei verlieren könnte er nicht. Wie es nicht zu erwarten ſei, daß er dabei verlieren ſollte, denn ſeine Wege wären, wie man wol ſagen könnte, ohne ein unwahres Wort zu ſprechen, mit Gold gepflaſtert; wie 110 Ddrreizehntes Kapitel. es ſehr zu bedauern ſei, daß man nicht etwas Hübſches zu⸗ ſammengeſchoſſen hätte, um die Uebernahme ihm der Mühe werth zu machen; denn nur ſolche und nur ſolche wüßten, wie theuer Brod und Fleiſch geworden, und ſolche und nur ſolche könnten und wollten die theuern Preiſe herunter⸗ bringen. So hoch und ſo mächtig geſtiegen war das Fieber im Hofe zum blutenden Herzen, daß es ſelbſt an Mr. Pancks Einſammlungstagen, nicht von den Patienten wich. Die Krankheit nahm hei dieſen Gelegenheiten die eigenthümliche Form an, die Krauken eine unergründliche Entſchuldigung und Tröſtung in Anſpielung auf den magiſchen Namen fin⸗ den zu laſſen. „Nun alſo!“ ſagte Mr. Pancks zu einem den Zins nicht bezahlenden Miethsmann,„zahlen Sie! Heraus mit dem Gelde!“ „Ich habe es nicht, Mr. Pancks,“ entgegnete der Schuld⸗ ner.„Ich ſage Ihnen die Wahrheit, Sir, wenn ich Ihnen ſage, ich habe auch nicht einen einzigen Sixpence.“ „Das geht nicht, wiſſen Sie,“ gab Mr. Pancks zurück. „Sie glauben doch nicht, daß das gehen kann?“ Der Schuldner gab mit einem niedergeſchlagenen„Nein, Sir,“ zu, einen ſolchen Glauben nicht zu hegen. Mein Beſitzer läßt ſich das nicht gefallen, wiſſen Sie,“ fuhr Mr. Pancks fort.„Er ſchickt mich nicht dazu hierher. Zahlen Sie! Heraus mit dem Gelde!“ Der Schuldner antwortete dann:„Ach, Mr. Pancks! Die Fortſchritte einer epidemiſchen Krankheit. 111 Wenn ich der reiche Herr wäre, deſſen Name in Jedermanns Munde iſt— wenn ich Mr. Merdle wäre, Sir,— ſo würde ich bald bezahlen und froh ſein, es zu können.“ Zwiegeſpräche über die Miethzinsfrage fanden meiſtens vor den Hausthüren oder in den Hofeingängen und im Bei⸗ ſein mehrerer tieftheilnehmenden blutenden Herzen ſtatt. Eine Hinweiſung dieſer Art rief bei ihnen ſtets ein zuſtim⸗ mendes Gemurmel hervor, als ob ſie überzeugend wäre; und der Schuldner fühlte ſich davon immer ein Wenig ge⸗ tröſtet, mochte er vorher auch noch ſi athlos und nieder⸗ geſchlagen geweſen ſein. „Wenn ich Mr. Merdle wäre, Sir, ſo ſollten Sie keine Urſache haben, über mich zu klagen. Nein, gewiß nicht, glauben Sie mir!“ fuhr der Schuldner gewöhnlich mit einem Kopfſchütteln fort.„Ich würde dann ſo raſch bezahlen, Mr. Pancks, daß Sie das Geld gar nicht zu verlangen brauchten.“ Hier fiel das beifällige Gemurmel wieder ein, um anzu⸗ deuten, es ſei unmöglich, ſich anſtändiger zu betragen, und es ſei das Nächſtbeſte nach dem Baarbezahlen. Mr. Pancks konnte nun weiter nichts thun, als, während er den Fall in ſeinem Notizbuche vermerkte, zu ſagen:„Gut, Sie werden Execution bekommen und herausgeſetzt werden; ſo wird's Ihnen gehen. Es nutzt nichts, mir von Mr. Merdle vorzureden. Sie ſind nicht Mr. Merdle, ſo wenig wie ich's bin.“ „Nein, Sir,“ entgegnete der Schuldner.„Ich wünſche nur, Sie wären es, Sir.“ Klein Dorrit. VII. 8 112 Dreizehntes Kapitel. Das Gemurmel fiel alsdann ſofort mit großem Gefühle ein:„Ich wünſche nur, Sie wären es, Sir.“ „Sie würden milder mit uns ſein, wenn Sie Mr. Merdle wären, Sir,“ fuhr nun der Schuldner, muthiger werdend, fort,„und es wäre beſſer für uns Alle. Beſſer für uns und beſſer füj Sie. Sie würden dann Niemanden zu peinigen haben, Sir. Sie würden uns nicht zu peinigen haben und Sie würden ſich nicht zu peinigen haben. Es würde Ihnen leichter ums Herz ſein, Sir, und Sie würden Andern das Herz nicht ſchwer machen, wenn Sie Mr. Merdle wären.“ Mr. Pancks, den dieſe unperſönlichen Complimente immer ganz und gar verblüfften, erholte ſich nie wieder nach einem ſolchen Angriff. Er konnte ſich nur die Nägel abbeißen und auf den nächſten Gläubiger losdampfen. Die theilnehmen⸗ den blutenden Herzen ſammelten ſich dann um den Schuld⸗ ner, den er eben verlaſſen hatte, und die abenteuerlichſten Gerüchte über die Summe von Mr. Merdle's baarem Gelde gingen dann zu ihrem Troſte im Kreiſe herum. Nach einer von den vielen ſolcher Niederlagen an einem der vielen Zinstage zog ſich Mr. Pancks nach Beendigung der Tagesgeſchäfte mit ſeinem Notizbuch unter dem Arm in Mrs. Plorniſh'Eckezurück. Er verfolgte keinen geſchäftlichen, ſondern einen geſelligen Zweck. Er hatte einen ſchweren Tag gehabt und er brauchte einige Zerſtreuung. Er ſtand jetzt auf freundſchaftlichem Fuße mit der Familie Plorniſh, da er ſie manchmal zu ähnlichen Zeiten beſucht und mit ihnen von Miß Dorrit geplaudert hatte. Die Fortſchritte einer epidemiſchen Krankheit. 113 Mrs. Plorniſh' Wohnſtübchen hinter dem Laden war unter ihrer eignen Aufſicht gemalt und bot dem Auge auf der Seite nach dem Laden zu eine kleine Fiction dar, welche Mrs. Plorniſh unausſprechliche Freude machte. Der poe⸗ tiſche Reiz, der dem Stübchen gegeben war, beſtand in der Benutzung der Wand zur bildlichen Darſtellung des Aeußern einer mit Stroh gedeckten Hütte, und der Künſtler hatte dabei (ſo wirkſam, als es die freilich ſehr unverhältnißmäßige Größe nur erlaubte) die wirkliche Thür und das wirkliche Fenſter in das Bild mit aufgenommen. Die beſcheidene Sonnen⸗ blume und der Hülſenſtrauch waren in üppigem Gedeihen vor dieſer ländlichen Wohnung dargeſtellt, während eine aus der Eſſe aufſteigende dicke Rauchwolke vom guten Leben drin⸗ nen und vielleicht auch vom Nichtgekehrtſein der Eſſe ſelbſt erzählte. Ein treuer Hund fuhr von der Schwelle nach den Beinen des befreundeten Ankömmlings, und ein runder Taubenſchlag, von einer Wolke Tauben umringt, erhob ſich hinter dem Gartengeländer. Auf der Thür, wenn ſie geſchloſſen war, war ein Meſſingſchild mit der Aufſchrift:„Sorgenfrei, T. und M. Plorniſh“(die Namen der beiden Gatten als ge⸗ meinſchaftliche Beſitzer) gemalt. Nie haben Poeſie und bil⸗ dende Kunſt eine Phantaſie mehr entzückt, als die Vereini⸗ gung der beiden in dieſer gemalten Hütte Mrs. Plorniſh entzückte. Es war ihr Einerlei, daß ſich Plorniſh gewöhnlich daran lehnte, wenn er am Feierabend ſeine Pfeife rauchte, wo dann ſein Hut den Taubenſchlag und ſämmtliche Tauben verdeckte, ſein Rücken das Haus verſchwinden machte und 8* 114 Dreizehntes Kapitel. ſeine Hände in den Taſchen den Blumengarten ausrodeten und die ganze Umgegend wüſt legten. Für Mrs. Plorniſh blieb es immer ein allerliebſtes Hüttchen, eine höchſt wunderbare Täuſchung, und ſie machte ſich nichts daraus, daß Mr Plor⸗ niſh' Auge einige Zoll über dem Schlafzimmer in dem Giebel⸗ vorſprung des Daches ſich befand. Nach geſchloſſenem Ge⸗ ſchäft in den Laden herauszukommen und ihren Vater ein Lied drinnen ſingen zu hören, war für Mrs. Plorniſh eine wahre Idylle, das wieder zurückgekehrte goldene Zeitalter. Und wahrhaftig, wenn dieſe goldene Zeit hätte wiederkehren können oder jemals geweſen wäre, ſo möchte man bezweifeln, ob ſie mit größerer Herzlichkeit bewundernde Töchter als die⸗ ſes arme Weib hervorzubringen im Stande geweſen wäre. Von dem Klingeln an der Ladenthür benachrichtigt, daß Jemand da ſei, kam Mrs. Plorniſh aus dem Hüttchen Sorgenfrei heraus, um nach dem Ankömmling zu ſehen. „Ich dachte mir's gleich, daß Sie es wären, Mr. Pancks,“ ſagte ſie,„denn es iſt eigentlich Ihr Abend, nicht wahr? Sehen Sie, hier iſt Vater gleich auf das Klingeln heraus⸗ gekommen, wie ein flinker junger Ladendiener. Sieht er nicht recht wohl aus? Vater freut ſich mehr, Sie zu ſehen, als wenn Sie eine Kunde wären, denn er plaudert gar zu gern; und wenn das Plaudern auf Miß Dorrit kommt, ſo iſt es ihm um ſo lieber. Vater iſt nie ſo bei Stimme geweſen wie jetzt,“ ſagte Mrs. Plorniſh, und ihre eigene Stimme zitterte vor Stolz und Freude.„Er ſang uns geſtern Abend Strephon in einer Weiſe, daß Plorniſh aufſtand und ihm Die Fortſchritte einer epidemiſchen Krankheit. 115 folgende Rede hielt: John Edward Nandy, ſagte Plorniſh zum Vater, ich habe Euch nie ſolchen Triller ſingen hören, wie Ihr heute Abend getrillert habt;— iſt das nicht wohl⸗ thuend, Mr. Pancks, nicht wahr?“ Mr. Pancks, der den Alten in ſeiner freundlichſten Ma⸗ nier angeſchnaubt hatte, bejahte die Frage und erkundigte ſich beiläufig, ob der muntere Altroburſche ſchon da ſei? Mrs. Plorniſh gab zur Antwort, nein, noch nicht; er ſei mit einem Stück Arbeit nach dem Weſtende gegangen und hätte verſprochen, zur Theezeit wieder da zu ſein. Mr. Pancks erhielt denn die angelegentliche und gaſtliche Einladung, in das Hüttchen zu treten, wo er den älteſten Sohn der Fa⸗ milie fand, der eben aus der Schule zurückgekehrt war. Wie er den jungen Schüler obenhin über das an dem Tag Ge⸗ lernte examinirte, erfuhr er, daß die vorgerückteren Schüler in der Schreibſtunde, die ſchon große Buchſtaben und das M ſchrieben, als Vorſchrift erhalten hatten:„Merdle, Mil⸗ lionen.“ „Und wie geht's bei Ihnen mit dem Geſchäft, Mrs. Plorniſh, da wir gerade von Millionen ſprechen?“ ſagte Pancks. „Es geht ſeinen ſoliden Gang,“ entgegnete Mrs. Plor⸗ niſh.„Lieber Vater, willſt Du nicht hinaus in den Laden gehen und das Fenſter ein Bischen aufputzen, Du haſt ſo viel Geſchmack.“ John Edward Nandy trabte hinaus, ſehr erfreut, einen Wunſch ſeiner Tochter erfüllen zu können. Mrs. Plorniſh, 7 116 Dreizehntes Kapitel. die bei jeder Erwähnung von Geldangelegenheiten vor dem alten Herrn in tödtlicher Angſt war, daß eine ihrer Aeuße⸗ rungen ſeinen Stolz verletzen und ihn verleiten könnte, ſich in das Armenhaus zurückzuziehen, konnte jetzt ungeſcheut ihr Herz vor Mr. Pancks ausſchütten. „Es iſt vollkommen wahr, daß das Geſchäft ſeinen ſo⸗ liden Gang geht und eine vortreffliche Kundſchaft hat,“ ſagte Mrs. Plorniſh mit gedämpfter Stimme.„Das Einzige, was ihm im Wege ſteht, Sir, iſt der Credit.“ Dieſer Uebelſtand, den die meiſten Leute ziemlich hart em⸗ pfanden, welche mit den Bewohnern des Hofes zum blutenden Herzen in geſchäftlicher Beziehung ſtanden, war der Krebs⸗ ſchaden, der Mrs. Plorniſh' Geſchäft nicht zur Blüthe kom⸗ men laſſen wollte. Als Mr. Dorrit ſie in dem Laden etablirt hatte, hatten die blutenden Herzen eine Theilnahme und einen Entſchluß, ihr unter die Arme zu greifen, gezeigt, welche dem menſchlichen Herzen Ehre machten. Daß ſie als ein langjähriges Mitglied ihrer kleinen Gemeinde einen An⸗ ſpruch auf ihre Großmuth hatte, erkannten ſie bereitwillig an, und ſie verpflichteten ſich mit großer Rührung, komme, was da wolle, bei Mrs. Plorniſh zu kaufen und ihre Kund⸗ ſchaft keinem andern Geſchäft zuzuwenden. Unter dem Ein⸗ fluß dieſer edlen Gefühle hatten ſie ſich ſogar etwas über⸗ nommen und dann und wann Luxus in Materialwaaren und Producten getrieben, und ſich damit entſchuldigt, daß, wenn ſie zu Viel thäten, es für eine gute Nachbarin und Freundin geſchehe, und für wen ſollte man denn Luxus treiben, wenn ——.—— Die Fortſchritte einer epidemiſchen Krankheit. 117 nicht für ſolche? So unterſtützt ging das Geſchäft außer⸗ ordentlich flott und die vorhandenen Vorräthe waren ſehr ſchnell verkauft. Kurz, wenn die blutenden Herzen nur be⸗ zahlt hätten, ſo wäre das Geſchäft recht glänzend geweſen; da ſie ſich jedoch ausſchließlich auf's Borgen beſchränkten, ſo zeigten ſich die wirklich realiſirten Gewinne noch nicht in den Büchern. Mr. Pancks fuhr ſich während dieſer Darſtellung der Sachlage mit den Händen durch die Haare und hatte ſich dadurch zu einem wahren Stachelſchwein gemacht, als der alte Mr. Nandy mit geheimnißvoller Miene wieder eintrat und ſie bat, hinauszukommen und zu ſehen, wie ſeltſam ſich Mr. Baptiſt benehme, dem Etwas großen Schrecken einge⸗ jagt haben müſſe. Alle drei gingen in den Laden hinaus und ſahen durch das Fenſter, wie Mr. Baptiſt blaß und auf⸗ geregt folgende außerordentliche Streiche machte. Erſt hielt er ſich oben an der in den Hof hinabführenden Treppe ver⸗ ſteckt und blickte verſtohlen die Straße hinauf und hinab, wobei er gar vorſichtig mit dem Kopf nur ein ganz klein Wenig neben der Ladenthür hervorguckte. Nach ſehr ängſt⸗ lichem Umſehen kam er aus ſeinem Verſteck hervor und ging raſch die Straße hinab, als ob er ganz fortgehen wollte; dann machte er plötzlich kehrt und ging in demſelben Tempo und mit demſelben Ernſte die Straße hinauf. Als er eine gute Strecke gegangen war, lief er auf die andere Seite und verſchwand. Was er er mit dieſem letzten Manöver beabſich⸗ tigte, ward erſt klar, als er mit einem plötzlichen Ruck von XXVII 118 Dreizehntes Kapitel. der Treppe herunter in den Laden gefahren kam, denn er mußte einen weiten, verſteckten Umweg nach dem andern oder Doyce und Clennam⸗Eingang des Hofs gemacht haben und durch die ganze Länge des Hofs gelaufen ſein. Er war jetzt ganz außer Athem, wie ſich wol denken läßt; und ſein Herz ſchien ſich raſcher zu bewegen, als die kleine Ladenklingel, wie ſie von ſeinem haſtigen Thürzuwerfen zitterte und klin⸗ gelte. „Hallo, altes Haus!“ ſagte Mr. Pancks.„Altro, alter Junge! Was gibts?“ Mr. Baptiſt oder Signor Cavalletto verſtand jetzt Eng⸗ liſch faſt ebenſo gut wie Mr. Pancks und konnte es auch recht gut ſprechen. Dennoch miſchte ſich Mrs. Plorniſh. mit einem verzeihlichen Stolz auf ihr Talent, welches ſie faſt zur Italienerin machte, als Dolmetſcherin ein. „Ich fragen will,“ ſagte Mrs. Plorniſh,„was paſſirt ſein?“ „Kommen Sie herein, Padrona,“ entgegnete Mr. Bap⸗ tiſt und bewegte noch verſtohlener als gewöhnlich den rech⸗ ten Zeigefinger rückwärts.„Kommen Sie!“ Mrs. Plorniſh war ſtolz auf den Titel Padrona, wel⸗ chem ſie die Bedeutung beilegte: nicht ſowol Herrin und Meiſterin im Hauſe, ſondern Meiſterin der italieniſchen 4 Sprache. Sie entſprach ſofort Mr. Baptiſts Wunſch und ſie gingen alle drei in das Hüttchen hinein. „Ich hoffe, Sie nicht erſchrocken ſein,“ ſagte jetzt Mr. Plorniſh und machte ſich mit ihrer gewöhnlichen Fruchtbar⸗ 1 IIXXX Die Fortſchritte einer epidemiſchen Krankheit. 119 keit an Auswegen Mr. Pancks auf eine neue Weiſe als Dol⸗ metſcherin dienſtbar.„Was paſſirt? Padrona muß wiſſen!“ „Ich habe Jemanden geſehen,“ gab Baptiſt zur Antwort. „Ich habe ihn rincontrato.“ „Ihn? Wer ihn?“ fragte Mrs. Plorniſh. „Einen böſen Mann. Einen böſeſten Mann. Ich hatte gehofft, ihn nie wieder zu ſehen.“ „Wie wiſſen, daß er böſe ſein?“ fragte Mrs. Plorniſh. „Das iſt Einerlei, Padrona. Ich weiß es zu gut.“ „Er Euch geſehen?“ fragte Mrs. Plorniſh. „Nein. Ich hoffe nicht. Ich glaube nicht.“ „Er ſagt,“ verdolmetſchte Mrs. Plorniſh nun, indem ſie ſich mit milder Herablaſſung gegen ihren Vater und Pancks wendete,„daß er einen böſem Mann begegnet, aber er hoffe, daß der böſe Mann ihn nicht geſehen habe. Warum hoffen,“ fragte Mrs. Plorniſh weiter, abermals ſich ihres Italieni⸗ ſchen bedienend,„daß ſchlechter Mann nicht geſehen Euch?“ „Padrona,“ entgegnete der kleine Italiener, den ſie ſo gnädig beſchützte,„bitte, fragen Sie nicht. Ich ſage noch einmal, es iſt Einerlei. Ich fürchte mich vor dieſem Mann. Ich wünſche nicht, ihn zu ſehen, ich wünſche nicht, von ihm erkannt zu ſein— niemals mehr! Genug, Belliſſima, laſſen wir es!“ Der Gegenſtand war ihm ſo unangenehm und ließ ihn ſeine gewöhnliche Munterkeit ſo ganz und gar vergeſſen, daß Mrs. Plorniſh ſich enthielt, weiter in ihn zu dringen: um ſo eher, da der Thee ſchon einige Zeit am Feuer gezogen hatte. * 120 Dreizehntes Kapitel. Aber ſie war deshalb nicht weniger verwundert und neugie⸗ rig; ebenſo Mr. Pancks, deſſen ausdrucksvolles Athmen ſeit dem Erſcheinen des kleinen Italieners ſehr laut ge⸗ weſen war, wie eine Dampfmaſchine, die mit einer ſchweren Ladung ſich einen ſteilen Abhang hinauf arbeitet. Maggy, jetzt beſſer gekleidet als ehedem, obgleich hinſichtlich ihrer Mütze immer noch an dem Typus des Ungeheuerlichen feſt⸗ haltend, hatte von Anfang an mit weitoffenem Mund und Augen im Hintergrund geſtanden und dieſe äußern Zeichen ihrer Verwunderung nahmen keineswegs an Deutlichkeit ab durch die vorzeitige Beſeitigung des Gegenſtands. Er ward jedoch nicht weiter berührt, obgleich Alle viel daran zu den⸗ ken ſchienen; ſelbſt die beiden kleinen Plorniſh's nicht aus⸗ genommen, die ihr Abendbrod verzehrten, als ob das Eſſen von Brod und Butter durch die peinliche Wahrſcheinlichkeit, daß der ſchlimmſte aller Menſchen eheſtens erſcheinen werde, um ſie ſelbſt aufzufreſſen, faſt überflüſſig würde. Mr. Bap⸗ tiſt wurde allmälig wieder etwas muntrer; aber er rührte ſich nicht von dem Sitze, den er hinter der Thür und dicht am Fenſter gewählt hatte, obgleich es nicht ſein gewöhn⸗ licher Platz war. So oft die Klingel laut wurde, fuhr er auf und blickte, mit dem Zipfel des kleinen Vorhangs in der Hand und den Reſt vor ſeinem Geſicht, verſtohlen hin⸗ aus, offenbar nichts weniger als beruhigt, daß der Gefürch⸗ tete ihn nicht dennoch trotz aller ſeiner Umwege mit der Ge⸗ wißheit eines ſchrecklichen Schweißhundes ausfindig machen würde, —— — Die Fortſchritte einer epidemiſchen Krankheit. 121 Das Kommen von zwei oder drei Kunden und von Mr. Plorniſh zu verſchiedenen Zeiten hielt Mr. Baptiſt gerade genug in Thätigkeit, um die Aufmerkſamkeit der Geſellſchaft immer wieder auf ihn zurück zu lenken. Der Thee war vor⸗ bei und die Kinder waren zu Bett und Mrs. Plorniſh berei⸗ tete bereits kunſtreich die ſchüchterne Bitte vor, ihr Vater möge ſie mit Chloe erfreuen, als die Klingel abermals ging und Mr. Clennam hereintrat. Clennam hatte lange über ſeinen Briefen und Büchern geſeſſen; denn die Wartezimmer des Umſchreibungsbureaus nahmen ſeine Zeit gewaltig in Anſpruch. Außerdem machte ihn der letzte Vorfall in dem Hauſe ſeiner Mutter unruhig und beſorgt. Er ſah angegriffen und vereinſamt aus. Er fühlte ſich auch ſo, aber dennoch ging er von ſeinem Comptoir durch dieſen Theil des Hofs nach Hauſe, um ihnen Kunde von dem Empfange eines neuen Briefs von Mrs. Dorrit zu geben. Die Nachricht machte in der Hütte eine Senſation, welche die allgemeine Aufmerkſamkeit von Mr. Baptiſt ablenkte. Maggy, die ſich ſogleich in den Vordergrund drängte, ſchien die Nachrichten von ihrer kleinen Mutter zugleich mit Oh⸗ ren, Naſe, Mund und Augen aufzunehmen, nur daß die letztern von Thränen getrübt waren. Sie war beſonders erfreut, als Clennam ihr verſicherte, es gebe ihn Rom auch Spitäler und ſehr menſchenfreundlich geleitete Spitäler. Mr. Pancks ſtieg noch in Anſehen, weil er in dem Brief be⸗ ſonders genannt war. Jedermann fühlte ſich geſchmeichelt 122 Dreizehntes Kapitel. und von Theilnahme erfüllt und Clennam ſah ſich für ſeine Mühe gut bezahlt. „Aber Sie ſind müde, Sir. Erlauben Sie mir, Ihnen eine Taſſe Thee zu bereiten,“ ſagte Mrs. Plorniſh,„wenn Sie ſich ſo gemein machen wollen, ſo Etwas hier anzuneh⸗ men, und unſern ſchönſten Dank auch, daß Sie ſich unſerer ſo freundlich erinnern.“ Da es Mr. Plorniſh für ſeine Schuldigkeit als Wirth hielt, ebenfalls ſeine perſönliche Anerkennung auszuſprechen, ſo that er es in einer Form, welche ſtets ſein höchſtes Ideal einer Vereinigung von Ceremoniell mit Aufrichtigkeit dar⸗ ſtellte. „John Edward Nandy,“ ſagte Mr. Plorniſh, ſich an den alten Herrn wendend.„Sir. Es iſt nicht zu oft, daß Ihr anſpruchsloſe Handlungen ohne einen Funken Stolz ſeht und deshalb, wenn Ihr ſie ſeht, ſo erkennt ſie mit Dankbarkeit und Verehrung an, denn wenn Ihr ſie nicht ſeht und kommt in Verhältniſſe, wo Ihr ſie umſonſt erwartet, ſo iſts natürlich, daß Euch Recht geſchieht.“ Worauf Mr. Nandi antwortete:„Ich bin von Herzen Eurer Meinung, Thomas und wenn die Eurige Meinung die⸗ ſelbe iſt, wie die meinige und deshalb wollen wir kein Wort weiter verlieren und da ich mit dieſer Meinung nicht hinter dem Berge halte, welche Meinung ich abgebe, ja, Thomas ja, und welche die Meinung iſt, in welcher Ihr und ich im⸗ mer mit Allen übereinſtimmen und wo keine Verſchiedenheit Die Fortſchritte einer epidemiſchen Krankheit. 123 der Meinung iſt, da kann nur eine einzige Meinung ſein, ganz gewiß, ja, Thomas, Thomas, ja!“ Arthur ſagte ihnen mit wenigen Formalitäten, wie ſehr es ihm wohlthue, daß ſie eine ſo geringe Aufmerkſamkeit von ſeiner Seite ſo hochſchätzten; und erklärte hinſichtlich des Thees, daß er noch nicht gegeſſen habe und geradenwegs nach Hauſe gehen wolle, um ſich nach einer langen Tage⸗ arbeit zu erquicken, ſonſt hätte er gern ihr gaſtliches Aner⸗ bieten angenommen. Da Mrs. Pancks ziemlich geräuſchvoll ſeinen Dampf zur Abreiſe anſpannte, ſchloß er mit einer an dieſen Herrn gerichteten Frage, ob er ihn begleiten wolle? Mr. Pancks ſagte, er wünſche nichts angelegentlicher und die Beiden verabſchiedeten ſich von den Bewohnern von Sor⸗ genfrei. „Wenn Sie mit mir nach Hauſe kommen und das Mit⸗ tags⸗ oder Abendeſſen theilen wollen, Pancks, ſo würden Sie faſt eine gute That verrichten; denn ich bin heute Abend abgeſpannt und bei ſchlechter Laune.“ „Verlangen Sie mehr von mir und ich werde es thun,“ ſagte Pancks. Zwiſchen dieſem excentriſchen Charakter und Clennam hatte ſich ein beſtändig vertraulicher werdendes ſtillſchwei⸗ gendes Einvernehmen hergeſtellt, ſeitdem Mr. Pancks in dem Hof des Marſhalſea über Mr. Rugg's Rücken geflogen war. Als an dem denkwürdigen Tage der Abreiſe der Familie der Wagen fortfuhr, hatten dieſe Beiden zu⸗ ſammen ihm nachgeſehen und waren langſam mit einander 124 Dreizehntes Kapitel. fortgegangen. Als der erſte Brief von Klein Dorrit ankam, hörte ihn Niemand mit ſo lebhaftem Intereſſe vorleſen, wie Mr. Pancks. Der zweite Brief, gegenwärtig in Mr. Clen⸗ nams Bruſttaſche, erwähnte ſeiner namentlich. Obgleich Clen⸗ nam von ihm nie Dienſtzuſicherungen oder Anhänglichkeits⸗ betheuerungen gehört hatte und obgleich auch das, was er eben jetzt geſagt, den Worten nach nur ſehr Wenig ausdrückte, ſo fühlte ſich Clennam doch ſchon ſeit langer Zeit zu der im⸗ mer ſtärker werdenden Ueberzeugung veranlaßt, daß Mr. Pancks nach ſeiner eignen ſonderbaren Weiſe ihn ins Herz geſchloſſen habe. Alles dieſes zuſammengenommen machte Mr. Pancks zu einem wahren Nothankertau für dieſen Abend. „Ich bin ganz allein,“ erzählte ihm Arthur unterwegs. „Mein Compagnon iſt verreiſt, um an einem andern Ort Etwas einzurichten und Sie brauchen ſich gar nicht zu geniren.“ „Danke Ihnen. Sie haben den kleinen Altro vorhin nicht beſonders beachtet?“ ſagte Pancks. „Nein. Warum?“ „Er iſt ein muntrer Burſche und ich habe ihn gern,“ ſagte Pancks,„es muß ihm heute was zugeſtoßen ſein. Kön⸗ nen Sie ſich irgend Etwas denken, was ihn außer Faſſung gebracht haben könnte?“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen! Nicht das Mindeſte.“ Mr. Pancks ſetzte auseinander, warum er fragte. Ar⸗ thur war auf das, was er hörte, gar nicht gefaßt und ganz außer Stande, es zu erklären. Die Fortſchritte einer epidemiſchen Krankheit. 125 „Vielleicht fragen Sie ihn, da er ein Ausländer iſt,“ ſagte Pancks. „Was ſoll ich fragen?“ entgegnete Clennam. „Was er auf der Seele hat.“ „Ich ſollte erſt ſelbſt unterſuchen, ob er Etwas auf der Seele hat, glaube ich,“ ſagte Clennam.„Ich habe ihn in jeder Hinſicht ſo fleißig, ſo dankbar(für Wenig genug) und ſo zuverläßig gefunden, daß es ausſähe, als ob ich ihm miß⸗ traute. Und das wäre ſehr ungerecht.“ „Wahr,“ ſagte Pancks.„Aber hören Sie, Mr. Clen⸗ nam! Sie dürften Niemandes Beſitzer ſein. Sie ſind viel zu zartfühlend.“ „Was das betrifft,“ entgegnete Clennam lachend,„ſo habe ich keinen großen Beſitzantheil an Cavalletto. Sein Holzſchnitzen iſt ſein Erwerb. Er hat die Schlüſſel der Fabrik in ſeiner Obhut, wacht jede andere Nacht im Hofe und ver⸗ tritt im Allgemeinen die Stelle eines Hausmanns; aber wir haben für ſein eigentliches Fach wenig Arbeit, obgleich wir ihm alle geben, die wir haben. Nein! ich bin viel mehr ſein Berather, als ſein Beſitzer. Mich ſeinen beſtändigen Rechts⸗ freund und Banquier zu nennen, wäre der Wahrheit näher. Da ich mich ſeinen Banquier nenne, Pancks, iſt es nicht ſelt⸗ ſam, daß dieſe Spekulationen, die jetzt ſo vielen Leuten den Kopf verdrehen, auch dem kleinen Cavalletto nicht Ruhe laſſen?“ „Spekulationen?“ entgegnete Pancks mit einem Schnau⸗ ben.„Was für Spekulationen?“ 126 Dreizehntes Kapitel. „Dieſe Spekulationen Merdles.“ „O! Unternehmungen, meinen Sie,“ ſagte Pancks.„Ja, ja! ich wußte nicht, daß Sie von Unternehmungen ſprächen.“ Sein raſches Antworten veranlaßte Clennam, ihn mit einem Zweifel, ob er mehr meinte, als er ſagte, anzublicken. Da jedoch ein raſcheres Ausſchreiten und eine entſprechende Beſchleunigung der Bewegung ſeiner Maſchinerie die Aeuße⸗ rung begleiteten, ſo verfolgte Arthur die Sache nicht weiter und ſie erreichten bald ſeine Wohnung. Suppe und eine Taubenpaſtete auf einem runden Tiſch⸗ chen vor dem Feuer aufgetragen und mit einer guten Flaſche Wein hinuntergeſpült, ölten Mr. Pancks' Maſchinerie auf eine höchſt wirkſame Weiſe ein. So daß, als Clennam ſeine türkiſche Pfeife herbeiholte und Mr. Pancks eine andere tür⸗ kiſche Pfeife übergab, letzterer Herr ſich höchſt comfortabel befand. Sie rauchten eine Weile ſchweigend, Pancks wie ein Dampfer mit Wind, Fluth, ruhigem Meere und allen an⸗ dern Bedingungen zu ſeinen Gunſten. Er fing zuerſt an zu ſprechen und ſagte: „Ja. Unternehmungen iſt das Wort.“ Clennam ſagte mit ſeinem frühern forſchenden Blick: „Ah!“ „Ich komme darauf zurück, wie Sie ſehen,“ ſagte Pancks. „Ja. Ich ſehe, Sie kommen darauf zurück,“ entgegnete Clennam, verwundert, warum. „Iſt es nicht curios, daß ſie dem kleinen Altro nicht aus Die Fortſchritte einer epidemiſchen Krankheit. 127 dem Kopf wollen? He?“ ſagte Pancks, während er weiter rauchte.„Stellen Sie die Frage nicht ſo?“ „So ſagte ich.“ „Ja! Aber denken Sie, der ganze Hof iſt voll davon. Denken Sie, ſie treten mir damit an meinen Einſammlungs⸗ tagen hier und dort und überall entgegen. Ob ſie bezahlen oder ob ſie nicht bezahlen. Merdle, Merdle, Merdle. Im⸗ mer Merdle.“ „Sehr ſeltſam, wie die Leute oft ſo ein Schwindel er⸗ greift,“ ſagte Arthur. „Nicht wahr?“ entgegnete Pancks. Nachdem er eine oder zwei Minuten fortgeraucht hatte, ſetzte er trockener, als ſich mit ſeinem eben ſtattgefundenen Einölen vertrug, hinzu: „weil, ſehen Sie, dieſe Leute die Sache nicht verſtehen.“ „Nicht im Mindeſten,“ ſtimmte Clennam bei. „Nicht im Mindeſten,“ rief Pancks.„Verſtehen nichts von Zahlen. Verſtehen nichts von Geldfragen. Haben nie calculirt. Haben nie nachgerechnet, Sir!“ „Hätten ſie das gethan—“ wollte Clennam ſagen, als Mr. Pancks, ohne das Geſicht zu verändern, einen ſeine ge⸗ wöhnlichen Anſtrengungen mit der Naſe oder mit dem Kehl⸗ kopf ſo ſehr übertreffenden Ton hervorbrachte, daß er inne hielt. „Hätten ſie das gethan?“ wiederholte Pancks in fragen⸗ dem Tone. „Ich glaubte, Sie— ſprachen,“ ſagte Arthur, ungewiß, welchen Namen er der Unterbrechung geben ſollte. Klein Dorrit. VII. 9 128 Dreizehntes Kapitel. „Nein,“ ſagte Pancks.„Noch nicht. In einer Minute vielleicht. Hätten ſie das gethan?“ „Wenn ſie es gethan hätten,“ bemerkte Clennam, der nicht recht wußte, wie er ſeinen Freund nehmen ſollte,„ſo glaube ich, müßten ſie es beſſer wiſſen.“ „Wie ſo, Mr. Clennam?“ frug Pancks raſch und mit einem ſeltſamen Geſichtsausdruck, als wäre er vom Anfang des Geſprächs an mit dem ſchweren Caliber geladen geweſen, das er jetzt abſchoß.„Sie haben Recht, wiſſen Sie. Sie verſtehen es nicht, aber ſie haben Recht.“ „Recht, indem ſie Cavallettos Neigung theilen, mit Mr. Merdle zu ſpekuliren?“ „Vollkommen Recht,“ ſagte Pancks.„Ich habe es ge⸗ prüft. Ich habe die Calculation gemacht. Ich habe nachge⸗ rechnet. Sie ſind gut und ſicher.“ Von ſeiner Laſt erleich⸗ tert, machte Mr. Pancks einen ſo langen Zug, als ſeine Lunge erlaubte, an ſeiner türkiſchen Pfeife und ſah Clennam ſchlau und feſt an, während er den Rauch einſog und wie⸗ der ausblies. In dieſen Augenblicken verbreitete Mr. Pancks den, ge⸗ fährlichen Anſteckungsſtoff um ſich, mit dem er behaftet war. So werden dieſe Krankheiten mitgetheilt; das iſt die räth⸗ ſelhafte Weiſe, in der ſie um ſich greifen. „Meinen Sie, mein guter Pancks,“ fragte Clennam mit Nachdruck,„daß Sie z. B. Ihre 1000 Pfd. in einer ſolchen Unternehmung wagen würden?“ „Gewiß,“ ſagte Pancks.„Hab's ſchon gethan, Sir.“ Die Fortſchritte einer epidemiſchen Krankheit. 129 Mr. Pancks ſog wieder langſam den Rauch ein, blies ihn wieder langſam von ſich und warf auf Clennam einen langen ſchlauen Blick. „Ich ſage Ihnen, Mr. Clennam, ich bin dabei,“ ſagte Pancks.„Er iſt ein Mann von unermeßlichen Hülfsquellen — von ungeheurem Capital— von Einfluß bei der Regie⸗ rung. Es ſind die beſten Spekulationen, die im Gange ſind. Sie ſind ſicher. Sie ſind gewiß.“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen!“ entgegnete Clennam und ſah erſt ſeinen Gefährten, dann das Feuer ernſt an. „Pah!“ gab Pancks zurück.„Sagen Sie das nicht, Sir. Sie ſollten das ſelbſt thun. Warum machen Sie's nicht wie ich?“ Wer Mr. Pancks mit der herrſchenden Krankheit ange⸗ ſteckt hatte, hätte er eben ſo wenig zu ſagen gewußt, als wenn ihn unverſehens ein Fieber befallen hätte. Wie viele phyſiſche Krankheiten, zuerſt in der Verderbtheit der Menſchen entſtanden, und dann in ihrer Unwiſſenheit weiter um ſich greifend, ſtecken dieſe Epidemien nach einer gewiſſen Zeit Viele an, welche weder unwiſſend noch verderbt ſind. Mr. Pancks mochte die Krankheit ſelbſt von einem Patienten die⸗ ſer Art geerbt haben oder auch nicht, jedenfalls aber erſchien er vor Clennam in dieſer Eigenſchaft und der von ihm ver⸗ breitete Anſteckungsſtoff war um ſo gefährlicher. „Und Sie haben Ihre Tauſend Pfund wirklich ange⸗ legt?“ Clennam war ſchon bis zur Anwendung dieſes Wor⸗ tes gekommen. 9- 130 Dreizehntes Kapitel. „Ganz gewiß, Sir!“ entgegnete Pancks keck und blies ſeine Rauchwolke von ſich.„Ich wünſche nur, es wären Zehn!“ Clennam lagen an dieſem Abend zwei Gegenſtände ſchwer auf ſeiner ſich vereinſamt fühlenden Seele; der eine, ſeines Compagnons lange hinausgeſchobenen Hoffnungen, der an⸗ dere, was er im Hauſe ſeiner Mutter geſehen und gehört hatte. In der Erleichterung, die ihm ſein Geſellſchafter ver⸗ urſachte, und erfüllt von dem Gefühle, daß er ihm vertrauen könnte, fing er von beiden Gegenſtänden zu reden an und beide brachten ihn mit vermehrter und beſchleunigter Kraft auf den Ausgangspunkt zurück. Es machte ſich in der einfachſten Weiſe. Die Spekula⸗ tionsfrage verlaſſend, nachdem er eine Weile ſchweigend durch den Rauch ſeiner Pfeife in das Feuer geblickt hatte, erzählte er Pancks, wie und warum er mit dem großen Regierungs⸗ bureau zu thun habe.„Es iſt ein harter Fall für Doyce ge⸗ weſen und iſt es noch,“ ſagte er zum Schluſſe ſeiner Erzäh⸗ lung mit dem ganzen ehrlichen Gefühl, welches der Gegen⸗ ſtand immer in ihm erweckte. „Ein harter Fall, allerdings,“ ſtimmte Pancks bei.„Aber Sie wirthſchaften für ihn, Mr. Clennam?“ „Wie ſo?“ „Sie beſorgen die Geldangelegenheiten des Geſchäfts?“ „Ja. So gut ich kann.“ „Beſorgen Sie ſie noch beſſer,“ ſagte Pancks.„Belohnen Sie ihn für ſeine Mühe und ſeine fehlgeſchlagenen Hoffnun⸗ Die Fortſchritte einer epidemiſchen Krankheit. 131 gen. Laſſen Sie ihn die Chancen benutzen, welche die Zeit darbietet. Er, der geduldige und immer mit ſeinen Arbeiten beſchäftigte Mann, wird nie auf dieſe Weiſe von Ihnen Ge⸗ winn ziehen können. Er verläßt ſich auf Sie, Sir.“ „Ich thue mein Mögliches, Pancks,“ gab Clennam un⸗ ruhig zur Antwort.„Zum Prüfen und Erwägen dieſer neuen Unternehmungen, von denen ich keine Erfahrung habe, fürchte ich, bin ich nicht geeignet. Ich werde alt.“ „Alt?“ rief Pancks aus.„Ha, ha!“ Es lag etwas ſo unzweifelhaft Aechtes in dieſem wun⸗ derbaren Lachen und in dem Schnauben und Puſten, was darauf folgte, um Mr. Pancks Erſtaunen über dieſen Ge⸗ danken und gänzliche Zurückweiſung deſſelben auszuſprechen, daß man gar nicht zweifeln konnte, es ſei ihm vollkommen Ernſt damit. „Alt?“ rief Pancks aus.„Hört, hört, hört! Alt? Hört, hört, hört!“ Die unbedingte Weigerung, nur einen einzigen Augen⸗ blick dieſen Gedanken zu hegen, welche Mr. Pancks durch ſein fortdauerndes Schnauben und durch dieſe Ausrufungen ausſprach, brachte auch Arthurn davon ab. Er mußte ſogar befürchten, daß Mr. Pancks in dem heftigen Kampfe zwi⸗ ſchen dem Athem, den er aus ſich herausſtieß und dem Rauch, den er in ſich hineinſchluckte, Etwas zuſtoßen könnte. Dieſes Aufgeben des zweiten Gegenſtandes brachte ihn auf den dritten. „Jung, alt oder in mittleren Jahren, Pancks,“ ſagte er, Dreizehntes Kapitel. ein großes Vertrauen ſchenken?“ ſagte Pancks. „Das thue ich.“ ſpricht. 3 als eine günſtige Pauſe eintrat,„ich befinde mich in einem Zu⸗ ſtand großer Sorgen und der Ungewißheit; in einem Zuſtand, der mich manchmal bezweifeln läßt, ob überhaupt Etwas, was jetzt mir zu gehören ſcheint, wirklich mir gehört. Soll ich Ihnen ſagen, wie es ſich damit verhält? Soll ich Ihnen „Ja, Sir, wenn Sie mich deſſen für würdig halten,“ „Das können Sie!“ Mr. Pancks' kurze und entſchiedene Antwort, beſtätigt durch das plötzliche Hervorſtrecken ſeiner kohlengeſchwärzten Hand, war höchſt ausdrucksvoll und über⸗ zeugend. Arthur ſchüttelte die Hand mit Wärme. Indem er nun ſeine alten Befürchtungen ſo viel milder darſtellte, als ſich nur immer mit einem Verſtändlichmachen derſelben vertrug und niemals ſeine Mutter bei Namen nannte, ſondern nur unbeſtimmt von einem Verwandten ſprach, ver⸗ traute er Mr. Pancks im Umriß die ſchlimmen Ahnungen, die ihn quälten und die Zuſammenkunft, deren Zeuge er geweſen. Mr. Pancks hörte mit ſolcher Theilnahme zu, daß er, die Reize der türkiſchen Pfeife vergeſſend, ſie neben das Camin unter die Feuereiſen hinſtellte, und während der ganzen Zeit mit ſeinen Händen ſein Haar ſo in die Höhe ſträubte, daß er, wie Mr. Clennam fertig war, ausſah, wie ein Handwerkerhamlet, der mit dem Geiſte ſeines Vaters „Bringt mich wieder auf dieſe Unternehmungen, Sir,“ Die Fortſchritte einer epidemiſchen Krankheit. 133 rief er nun aus, indem er Clennam aufgeregt aufs Knie klopfte.„Ich meine nicht, daß Sie ſich arm machen ſollen, um ein Unrecht wieder gut zu machen, das Sie nicht began⸗ gen haben. Das iſt Ihre Sache. Ein Mann muß für ſich ſelbſt ſtehen. Aber ich ſage nur das, da Sie fürchten Geld zu bedürfen, um Ihr eignes Blut vor Schmach und Schande zu retten, ſo verdienen Sie ſo viel, als Sie können!“ Arthur ſchüttelte den Kopf, aber ſah ihn auch gedanken⸗ voll an. „Werden Sie ſo reich, als Sie können, Sir,“ beſchwor ihn Pancks mit einer mächtigen Concentration aller ſeiner Energie auf dieſen Rath.„Werden Sie ſo reich, als Sie mit Ehren können. Es iſt Ihre Pflicht. Nicht Ihretwegen, ſon⸗ dern Anderer wegen faſſen Sie die Gelegenheit beim Schopfe. Der arme Mr. Doyce(der wirklich alt wird) muß ſich auf Sie verlaſſen. Ihr Verwandter muß ſich auf Sie verlaſſen. Sie wiſſen gar nicht, was ſich Alles auf Sie verläßt.“ „Nun, laſſen wirs gut ſein für heute Abend,“ entgeg⸗ nete Arthur. „Nur noch Ein Wort, Mr. Clennam, und dann ſoll es genug ſein für heute Abend,“ gab Pancks zurück.„Warum wollen Sie allen Gewinn den Habſüchtigen, den Schelmen und den Betrügern überlaſſen? warum ſollen meine Beſitzer und ähnliche Leute allen Gewinn, der zu machen iſt, davon tragen? Und doch laſſen Sie ſich das gefallen. Wenn ich ſage, Sie, ſo meine ich ſolche Maänner, wie Sie. Sie wiſ⸗ ſen, daß Sie das thun. Ich ſehe es an jedem Tag meines ᷣ 134 Dreizehntes Kapitel. Lebens. Ich ſehe nichts Anderes. Es iſt mein Beruf, es zu ſehen. Deshalb ſage ich“, ſchloß Pancks dringlich,„wagen und gewinnen!“ „Aber wenn es heißt, wagen und verlieren?“ ſagte Arthur. „Kann nicht geſchehen,“ entgegnete Pancks.„Ich habe mirs genau beſehen. Name überall berühmt— unermeßliche Hülfsquellen— ungeheures Capital— hohe Stellung— vornehme Verbindungen— Einfluß bei der Regierung. Kann nicht geſchehen!“ Nach dieſer Auseinanderſetzung zum Abſchluß beruhigte ſich Mr. Pancks allmälig wieder, ließ ſein Haar ſich ſoweit glätten, als es ſich überhaupt durch den größten Aufwand von Beredſamkeit bewegen ließ, glatt zu werden, erlöſte die Pfeife aus der Gefangenſchaft bei den Feuereiſen, ſtopfte ſie von Neuem und rauchte ſie aus. Sie ſprachen nicht viel mehr, aber leiſteten ſich Geſellſchaft in ſtillſchweigendem Ver⸗ folgen derſelben Gegenſtände und trennten ſich erſt um Mit⸗ ternacht. Als Mr. Pancks Abſchied nahm, fuhr er, nachdem er Clennam die Hand geſchüttelt, ganz um ihn herum, ehe er zur Thür hinausdampfte. Dies nahm Arthur für eine Ver⸗ ſicherung, daß er ſich unbedingt auf Pancks verlaſſen könnte, wenn er entweder in einer der Sachen, von der ſie heute ge⸗ ſprochen oder in jeder andern ihn berührenden Angelegen⸗ heit Beiſtand bedürfte. Zu verſchiedenen Zeiten, während des ganzen nächſten Tags, und ſelbſt während andere Sachen ſeine Aufmerkſam⸗ Die Fortſchritte einer epidemiſchen Krankheit. 135 keit in Anſpruch nahmen, dachte er an Mr. Pancks' Speku⸗ lation mit Tauſend Pfund und an ſeine Verſicherung, die Sache geprüft zu haben. Er bedachte, wie ſanguiniſch Pancks dieſe Sache betrachtete und wie wenig ſanguiniſch er ſonſt in ſeinem Charakter war. Er dachte an das große Na⸗ tionaldepartement und welche Freude es ihm machen würde, Doyce in beſſern Umſtänden zu ſehen. Er dachte an den dunkeldräuenden Ort, den ſeine Erinnerung unter dem Na⸗ men des Vaterhauſes kannte und die ſich zuſammenziehenden Wolken, welche es noch düſtrer dräuend als früher machten. Er bemerkte abermals, daß er überall, wo er hinging, den berühmten Namen Merdle ſah, hörte oder berührte; es wurde ihm ſogar ſchwer, ein paar Stunden lang an ſeinem Pulte zu bleiben, ohne daß ſich derſelbe Name durch eine oder die andere Vermittlung einem ſeiner körperlichen Sinne darſtellte. Er fing an zu denken, es ſei doch ſeltſam, daß er überall ſei, und daß Niemand als er ihm zu mißtrauen ſcheine. Obgleich, wenn er ſo weit war, er ſich zu erinnern anfing, daß ſelbſt er ihm nicht mißtraute; er hatte ſich nur zufällig davon fern gehalten. Solche Symptome ſind, wenn eine Seuche in der Luft ſchwebt, gewöhnlich Zeichen des Krankwerdens. Vierzehntes Kapitel. Bierzehntes Rauitel. Raths erholen. Als die Briten an dem Ufer der gelben Tiber erfuhren, daß ihr geſcheidter Landsmann Mr. Sparkler einer der Lords des Umſchreibungsamts geworden, nahmen ſie die Nachricht wie eine Neuigkeit auf, die ſie nicht näher anging als jede andere Nachricht von einem Unglücksfall oder einem Verbre⸗ chen in den engliſchen Zeitungen. Einige lachten; einige führten als vollſtändige Entſchuldigung an, die Stelle ſei thatſächlich eine Sinecure, und jeder Dummkopf, der ſeinen Namen richtig ſchreiben könne, ſei gut genug für die Stelle; einige, und das waren die feierlichern politiſchen Orakel, ſagten, Decimus handle klug, ſeine Stellung zu verſtärken, und der einzige conſtitutionelle Zweck aller Stellen, welche Decimus zu vergeben habe, ſei, Decimus die Möglichkeit zu geben, ſeine Stellung zu verſtärken. Ein paar gallige Bri⸗ ten waren allerdings vorhanden, welche dieſen Glaubens⸗ artikel nicht unterſchreiben wollten, aber ihre Einwendungen waren rein theoretiſch. In praktiſcher Hinſicht ließen ſie die Sache theilnahmlos liegen, als die Sache gewiſſer andern unbekannten, irgendwo oder nirgendwo vorhandenen Briten. Ebenſo behaupteten zu Hauſe eine große Menge Briten ganze 24 Stunden lang, daß dieſe unſichtbaren und namenloſen Briten die Sache zur Sprache bringen ſollten; und daß ſie es nicht beſſer verdienten, wenn ſie es ſich ruhig gefallen Raths erholen. 137 ließen. Aber welcher Klaſſe dieſe pflichtvergeſſenen Briten angehörten und wo dieſe unglücklichen Geſchöpfe ſich verſteck⸗ ten, und warum es beſtändig geſchah, daß ſie ihre Intereſ⸗ ſen vernachläſſigten, während ſo viele andere Briten ſich gar nicht erklären konnten, warum ſie dieſe Intereſſen nicht beſſer in Acht nahmen, das wußte weder an den Ufern der gelben Tiber, noch an den Ufern der ſchwarzen Themſe Jemand zu erklären. Mrs. Merdle brachte die Nachricht mit einer ſorgloſen Grazie, welche ſie in das rechte Licht ſtellte, wie die Faſſung den Juwel hebt, in Umlauf und empfing auch in derſelben Weiſe die Glückwünſche.„Ja,“ ſagte ſie,„Edmund hat die Stelle angenommen. Mr. Merdle wünſchte, er ſolle ſie an⸗ nehmen und er hat ſie angenommen. Sie hoffte, die Stelle werde Edmund gefallen, aber ſie wiſſe wahrhaftig nichts da⸗ von. Sie werde ihn in der Stadt feſthalten und er ziehe das Landleben vor. Dennoch ſei es keine unangenehme Stellung— und es ſei eine Stellung. Es laſſe ſich nicht läugnen, daß die Sache ein Compliment gegen Mr. Merdle und auch nicht ſchlecht ſei für Edmund. Es ſei ganz gut, daß er Etwas zu thun habe, und es ſei auch ganz gut, daß er Etwas dafür bekomme. Ob die Stelle Edmund beſſer paſſe als eine Offizierſtelle, müſſe man abwarten.“ So ſprach der Buſen, wohlerfahren in der Kunſt, auf Dinge ſcheinbar nur geringen Werth zu legen, und ſie gerade dadurch werthvoller darzuſtellen. Unterdeſſen machte Henry Gowan, der Juwel, den Decimus weggeworfen hatte, eine 138 Vierzehntes Kapitel. Rundreiſe bei allen ſeinen Bekannten von der Porta del Popolo bis zur Stadt Albano, und betheuerte faſt(aber nicht ganz) mit Thränen in den Augen, daß Sparkler der gemüthlichſte, kindlichſte, mit einem Wort der liebenswürdigſte Eſel ſei, der jemals auf der großen Staatsweide gegraſt habe, und daß ihm(Gowan) außer dem Umſtand, daß er(der geliebte Eſel) die Stelle bekommen hätte, nur der Andere ihm mehr Freude hätte machen können, daß er(Gowan) ſie ſelbſt be⸗ kommen hätte. Er ſagte, die Stelle ſei ganz gemacht für Sparkler. Es ſei nichts dabei zu thun, und das würde er allerliebſt machen; es ſei ein hübſcher Gehalt einzuſtreichen, und er werde ihn allerliebſt einſtreichen; es ſei eine ſchöne, angemeſſene, ausgezeichnete Anſtellung; und daß der hohe Gönner ihn ſelbſt zurückgeſetzt, vergab er ihm faſt in ſeiner Freude, den guten Eſel, dem er ſo herzlich zugethan war, ſo vortrefflich untergebracht zu ſehen. Damit war ſein Wohl⸗ wollen noch nicht erſchöpft. Er gab ſich bei allen geſelligen Gelegenheiten Mühe, Mr. Sparkler vor der Geſellſchaft auf dem Paradepferd zu zeigen; und obgleich dieſe rückſichtsvolle Handlung ſtets damit endete, daß dieſer junge Herr ſeinen Geiſt in einem ſehr traurigen Lichte zeigte, ſo ließ ſich an der freundlichen Abſicht doch nicht im Mindeſten zweifeln. Außer etwa, wenn ſie von dem Gegenſtand von Mr. Sparkler's Herzensneigung bezweifelt ward. Miß Fanny war jetzt in der ſchwierigen Lage, überall als dieſer Gegen⸗ ſtand betrachtet zu werden und Sparkler nicht verabſchiedet zu haben, ſo launiſch ſie ihn behandelte. Daher war ſie mit Raths erholen. 139 dem Herrn identificirt genug, um ſich bloßgeſtellt zu fühlen, wenn er lächerlicher als gewöhnlich erſchien; und daher, und weil es ihr keineswegs an Mutterwitz fehlte, kam ſie ihm manchmal gegen Gowan zu Hülfe und leiſtete ihm ſehr gute Dienſte. Aber während ſie dies that, ſchämte ſie ſich ſeiner, unentſchloſſen, ob ſie ſich ſeiner entledigen oder ihn oft noch aufmuntern ſollte, gepeinigt von der Angſt, täglich mehr in das Netz ihrer Ungewißheiten verſtrickt zu werden, und ge⸗ quält von dem Argwohn, Mrs. Merdle frohlocke über ihre Verlegenheiten. Bei einem ſo ſtürmiſch bewegtem Gemüthe darf man ſich nicht wundern, daß Miß Fanny eines Abends von einem Concert und Ball in Mr. Merdle's Haus in großer Aufregung nach Hauſe kam, und als die Schweſter ſie liebreich zu tröſten verſuchte, Amy von dem Toilettentiſch, an welchem ſie, vor Aerger nach Thränen ringend, ſaß, weg⸗ ſtieß und mit hochfliegendem Buſen erklärte, ſie haſſe die ganze Menſchheit und wünſche, ſie wäre todt. „Liebe Fanny, was iſt geſchehen? ſage es mir.“ „Was geſchehen iſt, Du kleiner Maulwurf! Wenn Du nicht die Blindeſte von den Blinden wäreſt, ſo brauchteſt Du nicht erſt zu fragen. Zu denken, daß es Jemand wagt, zu behaupten, er habe Augen im Kopfe, und dennoch fragt, was geſchehen iſt!“ „Iſt es Mr. Sparkler, liebe Fanny?“ „Mi— ſter Spark— ler!“ wiederholte Fanny in unend⸗ licher Geringſchätzung, als wäre er das letzte Atom im Son⸗ 140 Vierzehntes Kapitel. nenſyſtem, an das ſie möglicher Weiſe denken könnte.„Nein, Miß Fledermaus, er iſt's nicht.“ Unmittelbar darauf fühlte ſie Gewiſſensbiſſ e, ihre Schwe⸗ ſter geſchimpft zu haben, und erklärte mit Schluchzen, ſie wüßte wol, wie ſie ſich verhaßt machte, aber daß Jedermann ſie dazu nöthigte. „Du ſcheinſt mir heute nicht ganz wohl zu ſein, liebe Fanny?“ „Reiner Unſinn!“ entgegnete die Dame, abermals zornig werdend;„ich befinde mich ſo wohl wie Ihr Alle. Vielleicht könnte ich ſagen beſſer und brauchte dennoch damit nicht zu prahlen.“ Die arme Klein Dorrit, außer Stande, zu entdecken, wie ſie Troſt ſpenden ſollte, ohne zurückgewieſen zu werden, hielt es für das Beſte, zu ſchweigen. Anfangs nahm Fanny auch das übel, indem ſie ihtem Spiegel verſicherte, von al⸗ len Prüfungen, die ein Mädchen treffen könnten, wäre eine Schweſter, die nicht begreifen könne, die ſchlimmſte. Sie wüßte, ſie ſei manchmal bei ſchrecklicher Laune; ſie wüßte, ſie machte ſich verhaßt, und wenn ſie ſich verhaßt machte, ſo wär' es ihr am Beſten, wenn man ihr es offen herausſagte; aber da ſie eine Schweſter habe, die nicht begreifen könne, ſo ſagte man es ihr nie offen heraus, und eine Folge wäre, daß ſie geradezu angeſtachelt würde, ſich un⸗ angenehm zu machen. Außerdem ſagte ſie bitterböſe ih⸗ rem Spiegel, ſie wollte ſich nicht immer verzeihen laſſen. Es ſei nicht recht, daß ſie ſich immer demüthigen müſſe, um Raths erholen. 141 ſich von einer jüngern Schweſter verzeihen zu laſſen. Und das ſei eben die Kunſt, daß man ſie immer in eine Lage brächte, wo ihr verziehen würde, mochte es ihr gefallen oder nicht. Endlich brach ſie in leidenſchaftliche Thränen aus, und ſagte, als ihre Schweſter ſich dicht an ſie anſchmiegte, um ſie zu tröſten:„Amy, Du biſt ein Engel!“ „Aber ich will Dir was ſagen, Goldkind,“ ſagte Fanny, als die Sanftmuth ihrer Schweſter ſie beruhigt hatte,„es iſt jetzt ſo weit gekommen, daß es nicht mehr ſo fortgehen kann und ſoll, wie es bisher gegangen iſt und daß der Sache auf eine oder die andere Weiſe ein Ende gemacht werden muß.“ Da die Erklärung unbeſtimmt, obgleich ſehr entſchieden war, gab Klein Dorrit zur Antwort:„Wir wollen die Sache beſprechen.“ „Ganz recht, meine Gute,“ ſtimmte Fanny bei, indem ſie ihre Augen trocknete.„Wir wollen darüber ſprechen. Ich bin jetzt wieder vernünftig und Du ſollſt mir einen Rath geben, mein ſüßes Kind!“ Selbſt Amy lächelte bei dieſem Einfall, aber ſie ſagte: „Gewiß, Fanny, ſo gut ich kann.“ „Ich danke Dir, beſte Amy,“ entgegnete Fanny mit einem Kuß.„Du biſt mein Nothanker.“ Nachdem Fanny ihren Nothanker mit großer Liebe um⸗ armt hatte, nahm ſie ein Fläſchchen wohlriechenden Waſſers vom Tiſch, und befahl ihrer Zofe, ihr ein feines Taſchentuch zu bringen. Dann entließ ſie die Dienerin für die Nacht und machte ſich bereit, ſich Rath ertheilen zu laſſen, indem 8 Vierzehntes Kapitel. ſie von Zeit zu Zeit ſich Auge und Stirn mit dem Taſchen⸗ tuch betupfte, um ſie zu kühlen. „Meine Liebe,“ fing Fanny an,„unſere Charaktere und Anſchauungen ſind abweichend genug von einander(gib mir wieder einen Kuß, Goldkind), um es ſehr wahrſcheinlich zu machen, daß Dich das, was ich Dir ſagen will, verwundern wird. Ich wollte Dir nämlich ſagen, meine Liebe, daß wir trotz unſers Reichthums in ſocialer Hinſicht im Nachtheile ſtehen. Du verſtehſt nicht ganz, was ich meine, Amy.“ „Wenn Du noch ein paar Worte mehr ſagſt, werde ich Dich wol verſtehen,“ ſagte Amy mild. „Was ich meine, meine Liebe, iſt, daß wir im Grunde doch nur Neulinge im faſhionablen Leben ſind.“ „Ganz gewiß wird das Niemand an Dir entdecken, Fanny,“ unterbrach ſie Klein Dorrit in ihrem warmen Eifer, zu bewundern. „Nun, vielleicht nicht,“ ſagte Fanny,„obgleich es recht hübſch und lieb von Dir iſt, mein beſtes Mädchen, dies zu ſagen.“ Hier betupfte ſie die Stirn ihrer Schweſter und blies ein Wenig darauf.„Aber Du biſt, wie Jedermann weiß, das allerbeſte Schweſterchen auf der Welt,“ fuhr F Fanny fort.„Doch, um wieder auf die Sache zu kommen, Kind. Papa iſt ſehr ein Gentleman und ſehr gut unterrichtet, aber in einigen Kleinigkeiten iſt er ein Wenig verſchieden von an⸗ dern Gentlemen von ſeinem Vermögen; theils in Folge deſſen, was er hat durchmachen müſſen, der Arme, theils, bilde ich mir ein, weil er ſich immer mit dem Gedanken be⸗ Raths erholen. 143 ſchäftigt, andere Leute dächten daran, wenn er mit ihnen ſpricht. Der Onkel, meine Liebe, iſt ganz unpräſentabel. Obgleich ein gutes Herz, das ich zärtlich liebe, iſt Onkel doch in ſocialer Hinſicht affrös. Edward iſt ſchrecklich verſchwen⸗ deriſch und liederlich. Ich will nicht ſagen, daß dies an und für ſich ungentil iſt— weit entfernt davon— aber ich meine, daß er es nicht geſchickt macht, und daß er, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, in der Art liederlichen Ruf's, den er ſich erwirbt, nicht genug für ſein Geld bekommt.“ „Der arme Edward!“ ſeußzte Klein Dorrit mit der gan⸗ zen Familiengeſchichte in dem Seufzer. „Ja. Und auch Du Arme und ich Arme,“ entgegnete Fanny, nicht ohne einige verhaltene Schärſe.„Sehr wahr! Ferner, meine Gute, haben wir keine Mutter und wir ha⸗ ben eine Mrs. General. Und ich ſage Dir noch einmal, mein Schatz, dieſe Mrs. General iſt, wenn ich ein gewöhn⸗ lich Sprichwort umkehren und auf ſie anwenden darf, eine Katze in Handſchuhen, welche Mäuſe fangen wird. Dieſes Weib, davon bin ich feſt und ſicher überzeugt, will unſere Stiefmutter werden.“ „Ich kann es mir kaum denken, Fanny—“ „Widerſprich mir darin nicht, Amy,“ unterbrach ſie Fanny,„weil ich es beſſer weiß.“ Das Bewußtſein, wieder heftig geweſen zu ſein, veranlaßte ſie abermals, die Stirn ihrer Schweſter zu betupfen und darauf zu blaſen.„Doch, um wieder auf die Sache zurückzukommen, Liebe. Es ent⸗ ſteht jetzt für mich die Frage(ich bin ſtolz, Amy, wie Du Klein Dorrit. VII. 10 144 Vierzehntes Kapitel. recht wohl weißt: vielleicht zu ſtolz?), ob ich mich entſchlie⸗ ßen ſoll, auf eigene Hand die Stellung der Familie zu be⸗ haupten.“ „Wie?“ fragte ihre Schweſter mit beſorgter Spannung. „Ich mag mir nicht gefallen laſſen, von Mrs. General beſtiefmuttert zu werden,“ ſagte Fanny, ohne auf die Frage zu antworten;„und ich werde in keiner Hinſicht dulden, mich von Mrs. Merdle patroniſiren oder quälen zu laſſen.“ Klein Dorrit legte mit noch beſorgterm Blick ihre Hand auf die Hand, welche das Fläſchchen wohlriechendes Waſſer hielt. Fanny, ihre Stirn mit den heftigen Tupfen, die ſie jetzt darauf vertheilte, in allem Ernſte beſtrafend, fuhr mit unterdrückter Leidenſchaft fort: „Daß er auf die eine oder die andere Art— und wie, iſt von keiner Bedeutung— eine ſehr gute Stellung erlangt hat, kann Niemand läugnen. Daß es eine ſehr gute Partie wäre, kann Niemand läugnen. Und was die Frage, ob geiſtreich oder nicht geiſtreich, betrifft, ſo bezweifle ich gar ſehr, daß ein geiſtreicher Mann mir paſſen würde. Ich kann mich nicht unterordnen. Ich waͤre nicht im Stande, ihm ſo nachzugeben, wie ſich's gebührt.“ „O, meine gute Fanny!“ rief Klein Dorrit aus, der ſich eine Art Schrecken bemächtigt hatte, als ſie zu merken anfing, was ihre Schweſter meinte.„Wenn Du Jemanden liebteſt, würdeſt Du ganz anders fühlen. Wenn Du Jeman⸗ den liebteſt, würdeſt Du gar nicht mehr Du ſelbſt ſein, ſon⸗ dern würdeſt Dich in Deiner Hingebung für ihn ganz und Raths erholen. 145 gar vergeſſen. Wenn Du ihn liebteſt, Fanny—“ Fanny hatte mit Tüpfen innegehalten und ſah ſie feſt an. „O, ſeh nur Einer zu!“ rief Fanny.„Wirklich? Du mein Himmel, wie Viel manche Leute von manchen Gegen⸗ ſtänden wiſſen! Man ſagt, Jeder habe einen Lieblings⸗ gegenſtand und jedenfalls ſcheine ich Deinen getroffen zu haben, Amy. Da, du kleines Ding, ich habe nur geſcherzt,“ ſagte ſie, indem ſie die Stirn ihrer Schweſter betüpfte; „aber ſei kein närriſches Kätzchen und ſprich nicht leichtſinnig und beredt über entartete Unmöglichkeiten. So! Jetzt will ich wieder auf mich zurückkommen.“ „Liebe Fanny, erlaube mir erſt, Dir zu ſagen, daß ich viel lieber wünſchte, wir arbeiteten wieder für unſer dürf⸗ tiges Brod, als daß ich Dich reich und mit Mr. Sparkler verheirathet ſehen möchte.“ „Ich ſoll es Dir erlauben, Liebe?“ entgegnete Fanny. „Mein Gott, natürlich erlaube ich Dir, Alles zu ſagen. Du brauchſt Dir keinen Zwang anzulegen, hoffe ich. Wir wollen ja die Sache mit einander durchſprechen. Und was Mr. Sparkler heirathen betrifft, ſo hege ich nicht die mindeſte Abſicht, ihn heute Abend oder morgen früh zu heirathen.“ „Aber ſpäter?“ „Niemals, ſo viel ich für jetzt weiß,“ gab Fanny gleich⸗ gültig zur Antwort. Dann ging ſie aus ihrer Gleichgültig⸗ keit plötzlich in brennende Ruheloſigkeit über und ſetzte hinzu: „Du ſprichſt von geiſtvollen Männern, Du kleines Ding! Es iſt ſehr ſchön und leicht, von geiſtvollen Männern zu 10* 146 Vierzehntes Kapitel. ſprechen, aber wo ſind ſie? Ich habe ſie noch nie in mei⸗ ner Nähe bemerkt!“ „Liebe Fanny, in ſo kurzer Zeit—“ „Kurze Zeit oder lange Zeit,“ unterbrach ſie Fanny,„ich habe unſere Stellung ſatt, unſere Stellung gefällt mir nicht, und ſehr Wenig würde mich bewegen, ſie zu verändern. An⸗ dere Mädchen, die anders auferzogen ſind und in ganz an⸗ dern Verhältniſſen leben, wundern ſich vielleicht über das, was ich ſage oder thue. Sie mögen es thun. Sie werden durch ihr Leben und ihren Charakter in eine Bahn gedrängt; ich werde durch mein Leben und meinen Charakter in meine Bahn gedrängt.“ „Fanny, gute Fanny, Du weißt, Du haſt Eigenſchaften, welche Dich zur Gattin für einen Mr. Sparkler weit über⸗ legenen Mann geeignet machen!“ „Amy, gute Amy,“ entgegnete Fanny, ihre Worte paro⸗ dirend,„ich weiß, daß ich eine beſtimmtere und deutlichere Stellung in der Geſellſchaft zu haben wünſche, durch die ich mich mit mehr Nachdruck gegen dieſes anmaßende Weib be⸗ haupten kann.“ „Würdeſt Du deshalb— verzeih mir die Frage, Fanny — würdeſt Du deshalb ihren Sohn heirathen?“ „Nun, vielleicht,“ ſagte Fanny mit einem triumphirenden Lächeln.„Es kann viele weniger verſprechende Wege geben, als dieſen, meine Liebe. Dieſes anmaßende Weib denkt jetzt vielleicht, daß es ein großer Sieg wäre, wenn ſie ihren Sohn an mich los würde und mich bei Seite ſchöbe. Aber vielleicht 1 ₰ 1 *- Raths erholen. 147 ahnt ſie wenig, wie ich's ihr vergelten würde, wenn ich ih⸗ ren Sohn heirathete. Ich wollte ihr in Allem entgegen ſein und ihr in Allem den Rang ablaufen. Ich würde es zur Beſchäftigung meines Lebens machen.“ Fanny ſetzte jetzt das Fläſchchen hin und ging in der Stube auf und ab; ſtand aber immer ſtill, während ſie ſprach. „Eins könnte ich gewiß erreichen, Kind; ich könnte ſie älter machen. Und das würde ich thun!“ Sie fing wieder an, im Zimmer auf und ab zu gehen. „Ich würde von ihr reden, wie von einer alten Frau. Ich würde vorgeben, ganz genau ihr Alter zu wiſſen— und ich brauchte es gar nicht vorzugeben, denn ich würde es von ihrem Sohn erfahren. Und ſie ſollte mich ſagen hören, Amy— ganz liebreich und wie es einer gehorſamen Schwie⸗ gertochter geziemt— wie gut ſie conſervirt ſei, wenn man ihr Alter bedenke. Schon dadurch, daß ich viel jünger bin, würde ich ſie älter ausſehen machen. Ich bin vielleicht nicht ſo ſchön wie ſie; darüber bin ich vielleicht kein unparteiiſcher Richter; aber ich weiß, ich bin ſchön genug, um ihr ein Dorn in der Seite zu ſein. Und ich würde es ſein!“ „Liebe Schweſter, würdeſt Du Dich dafür zu einem un⸗ glücklichen Leben verdammen?“ „Es würde kein unglückliches Leben ſein, Amy. Es wäre das Leben, für das ich geeignet bin. Ob aus Anlage oder in Folge von Verhältniſſen, iſt gleichgültig; ich bin für ein ſolches Leben beſſer geeignet, als für faſt jedes andere.“ Vierzehntes Kapitel. Es klang faſt wie etwas Verzweiflung aus dieſen Worten heraus; aber mit einem kurzen ſtolzen Lachen begann ſie einen neuen Umgang im Zimmer, und blieb, nachdem ſie vor einem großen Spiegel vorbeigekommen war, wieder ſtehen. „Geſtalt! Geſtalt, Amy! Gut. Das Weib hat eine ſchöne Geſtalt. Ich gebe ihr, was ihr gebührt und läugne es nicht. Aber iſt ſie darin allen Andern ſo ſehr überlegen, daß ſie ganz unnahbar iſt? Auf mein Wort, ich bin davon nicht ſo feſt überzeugt. Wenn erſt eine viel Jüngere ſich als verheirathete Frau erlauben darf, ſich ſo zu kleiden wie ſie, ſo möchte ich doch einmal ſehen, meine Gute!“ Ein Etwas in dieſem Gedanken, das ihr wohlthat und ihr ſchmeichelte, brachte ſie in beſſerer Stimmung auf ihren Sitz zurück. Sie ergriff die Hände ihrer Schweſter mit ihren beiden Händen und ſchlug alle vier Hände über ihrem Kopf zuſammen, wie ſie ihre Schweſter lachend anſah. „Und die Tänzerin, Amy, welche ſie ganz vergeſſen hat, die Tänzerin, welche mir auch gar nicht ähnlich iſt und an die ich ſie auch nicht im Mindeſten erinnere, o, nicht im Mindeſten!— ſollte durch ihr Leben tanzen und ihr im Wege herumtanzen nach einer Melodie, die ihren anmaßen⸗ den Gleichmuth ein Wenig außer Faſſung bringen würde. Ein ganz klein Wenig, meine gute Amy, ein ganz klein Wenig!“ Da ſie bemerkte, wie Amy ſie voll Ernſt und fle⸗ hend anſah, brachte ſie die vier Hände herunter, und legte nur Eine Amy auf den Mund. —— Raths erholen. 149 „Widerſprich mir nicht, Kind,“ ſagte ſie mit ſtrengerem Tone,„weil es zu Nichts nützt. Ich verſtehe dieſe Sache viel beſſer als Du. Ich bin noch lange nicht feſt entſchloſſen, aber es könnte werden. Jetzt haben wir die Sache ruhig durchgeſprochen und können zu Bett gehen. Du gutes, lieb⸗ ſtes, kleines Mäuschen, gute Nacht!“ Mit dieſen Worten lichtete Fanny ihren Anker und ließ, nachdem ſie ſoviel Rath angehört hatte, für diesmal ab vom Rathserholen. Von nun an beobachtete Amy die Behandlung, welche ihre Schweſter Mr. Sparkler angedeihen ließ, mit neuen Beweggründen, Allem, was zwiſchen ihnen vorging, Wich⸗ tigkeit beizulegen. Es gab Zeiten, wo Fanny ganz außer Stande zu ſein ſchien, ſeine geiſtige Schwäche zu ertragen, und wo ſie ſo ärgerlich darüber wurde, daß ſie ihm faſt den Abſchied gab. Andere Zeiten gab es, wo ſie viel beſſer mit ihm auskam, wo er ihr Spaß machte und wo bei ihr das Bewußtſein der Ueberlegenheit dieſe andere Schale der Wage in der Schwebe zu erhalten ſchien. Wenn Mr. Sparkler et⸗ was Anderes als der getreueſte und der gehorſamſte aller Liebhaber geweſen wäre, ſo waren ſeine Prüfungen hart ge⸗ nug, um ihn zu bewegen, den Schauplatz ſeiner Leiden zu fliehen und mindeſtens die ganze Entfernung von Rom nach London zwiſchen ſich und die Zauberin zu bringen. Aber er hatte nicht mehr eignen Willen, als ein Boot, das von einem Dampfſchiff in Schlepptau genommen iſt; und er folgte ſeiner grauſamen Herrin, von gleich ſtarkem Zwang in Bewegung geſetzt, durch Dick und Dünn. 150 Vierzehntes Kapitel. Während dieſer Zeit ſagte Mrs. Merdle wenig zu Fanny, aber deſto mehr über ſie. Es war, als wäre ſie gezwun⸗ gen, ſie durch ihre Lorgnette anzuſehen und in der allgemei⸗ nen Unterhaltung ſich lobende Aeußerungen über ihre Schön⸗ heit und von der Unwiderſtehlichkeit derſelben abringen zu laſſen. Der herausfordernde Charakter, welchen dieſe Schön⸗ heit annahm, ſo oft Fanny dieſe Lobſprüche hörte(was mei⸗ ſtens geſchah), ſprach nicht von Nachgibigkeit gegen den un⸗ parteiiſchen Buſen; aber die größte Rache, welche der Buſen übte, war hörbar zu ſagen,„eine verzogene Schönheit— doch wer kann ſich darüber bei einer ſolchen Geſtalt und einem ſolchen Geſicht wundern?“ Ungefähr vier oder ſechs Wochen mochten nach dem Abend des Rathserholens verſtrichen ſein, als Klein Dorrit zu glau⸗ ben anfing, ein neues Einverſtändniß zwiſchen Mr. Spark⸗ ler und Fanny zu entdecken. Wie in Erfüllung eines Ver⸗ trags ſprach Mr. Sparkler faſt nie, ohne vorher Fanny um Erlaubniß anzublicken. Dieſe junge Dame war zu discret, ihm den Blick zurückzugeben; aber wenn Mr. Sparkler ſpre⸗ chen durfte, blieb ſie ſtumm, wenn er nicht durfte, ſprach ſie ſelbſt. Außerdem ward es klar, daß, ſo oft Henry Gowan den Freundſchaftsdienſt verſuchte, ihn zu blamiren, er ſich nicht blamiren ließ. Und nicht nur das, ſondern Fanny pflegte auch ſtets, ohne die mindeſte Beziehung in der Welt, Etwas zu ſagen, was einen ſolchen Stachel in ſich hatte, daß Gowan ſich zurückzog, als hätte er mit der Hand in einen Bienenkorb gegriffen. Raths erholen. 151 Noch ein anderer Umſtand beſtärkte Klein Dorrit ſehr in ihren Beſorgniſſen, obgleich es an und für ſich kein Umſtand von Bedeutung war. Mr. Sparklers Benehmen gegen ſie wurde anders. Es wurde brüderlich. Manchmal, wenn ſie ſich in dem äußern Kreiſe von Geſellſchaften befand— bei ’1 ſich zu Hauſe, bei Mr. Merdle, oder anderswo— fand ſie ſich unverſehens von Mr. Sparklers Arm umfangen. Mr. Sparkler äußerte ſich nie mit einem Wort erklärend über dieſe Aufmerkſamkeit; ſondern lächelte nur mit einer Miene verlegener, zufriedner, gutmüthiger Eigenthümerſchaft, die bei einem ſo ſchwerfälligen Herrn doppelt bedeutſam war. Klein Dorrit war eines Tags zu Hauſe und dachte mit ſchwerem Herzen an Fanny. Sie hatten ein Zimmer an dem einen Ende ihrer Reihe von Salons, das faſt ganz aus einer unregelmäßigen, über die Straße hervorragenden Fenſter⸗ niſche beſtand und das ganze maleriſche Leben und Treiben auf dem Corſo überſehen ließ. Um drei oder vier Uhr Nach⸗ mittags nach engliſcher Zeit war die Ausſicht von dieſem Fenſter ſehr intereſſant und eigenthümlich; und Klein Dor⸗ rit pflegte hier zu ſitzen und zu träumen, ziemlich in derſel⸗ ben Weiſe, wie ſie die Zeit auf ihrem Balkon in Venedig verbracht hatte. Wie ſie eines Tags ſo da ſaß, legte ſich eine Hand ſanft auf ihre Schulter und Fanny ſagte„nun, meine gute Amy,“ und nahm neben ihr Platz. Ihr Sitz war ein Theil des Fenſters und wenn eine öffentliche Feſtlichkeit oder eine Proceſſion war, ſo pflegten ſie bunte Teppiche aus dem Fenſter hinauszuhängen und auf dem Sitz zu knien oder zu —- —— 152 Vierzehntes Kapitel. ſitzen und über der bunten Draperie hinauszuſchauen. Aber es war heute keine Proceſſion und Klein Dorrit war ſehr überraſcht, Fanny zu dieſer Stunde zu Hauſe zu ſehen, da ſie gewöhnlich um dieſe Zeit ausritt. „Nun, Amy, woran denkſt Du?“ ſagte Fanny. „Ich dachte an Dich, Fanny.“ „Wirklich? Welch ein Zuſammentreffen! Hier iſt noch Jemand. Du dachteſt nicht auch an dieſen Jemand; nicht wahr, Amy?“ Amy hatte wirklich auch an dieſen Jemand gedacht; denn es war Mr. Sparkler. Sie ſprach ſich jedoch nicht aus, als ſie ihm ihre Hand gab. Mr. Sparkler ſetzte ſich an ihre an⸗ dere Seite und ſie fühlte, wie der brüderliche Arm ſie um⸗ faßte und auch Fanny mit in die Umarmung einſchloß. „Nun, Schweſterchen,“ ſagte Fanny mit einem Seufßzer, „ich vermuthe, Du weißt, was Dies bedeutet?“ „Sie iſt ſo ſchön, wie ſie angebetet wird,“ ſtammelte Mr. Sparkler—“ und es iſt kein Unſinn an ihr— es iſt abgemacht—“ „Du brauchſt das nicht auseinanderzuſetzen, Edmund,“ ſagte Fanny. „Nein, meine Liebe,“ ſagte Mr. Sparkler. „Um es kurz zu machen, mein liebes Goldkind,“ fuhr Fanny fort,„wir ſind verſprochen. Wir müſſen es entweder heute Abend oder morgen, wie es ſich macht, Papa ſagen. Dann iſt es abgemacht und wir brauchen wenig mehr Worte darüber zu verlieren.“ Raths erholen. 153 „Liebe Fanny,“ ſagte Mr. Sparkler ſchüchtern,„ich möchte ein Wort zu Amy ſagen.“ „Gut, gut! ſo ſei ſo gut und ſage es,“ entgegnete die junge Dame. „Ich bin überzeugt, meine liebe Amy,“ ſagte Mr. Spark⸗ ler,„daß, wenn es jemals außer Ihrer hochbegabten und ſchö⸗ nen Schweſter ein Mädchen gegeben, das keinen Unſinn an ſich hatte—“ „Wir haben das Alles ſchon gehört, Edmund,“ unter⸗ brach ihn Miß Fanny.„Laß das. Bitte, ſprich von etwas Anderm, als von unſerm keinen Unſinn an uns haben.“ „Ja, meine Liebe,“ ſagte Mr. Sparkler.„Und ich ver⸗ ſichere Ihnen, Amy, daß nichts ein größeres Glück für mich ſein kann, ſein kann— nächſt dem Glück von der Wahl des herrlichſten Mädchens, das auch kein Fünkchen—“ „Bitte, Edmund, bitte!“ unterbrach ihn Fanny mit einem leichten Aufſtampfen ihres hübſchen Füßchen's auf den Boden. „Meine Gute, Du haſt ganz Recht,“ ſagte Mr. Sparkler „und ich weiß, es iſt meine Gewohnheit. Was ich zu erklä⸗ ren wünſchte, war, daß nichts für mich ein größeres Glück ſein kann, ſein kann— nächſt dem Glück, mit dem ausge⸗ zeichnetſten und herrlichſten aller Mädchen verbunden zu wer⸗ den, als das Glück zu haben, die aufrichtige Freundſchaft Amy's zu gewinnen. Ich bin vielleicht,“ ſagte Mr. Sparkler mit männlicher Offenheit,„über einige andere Gegenſtände nicht immer ganz klar, und ich weiß, wenn man in der Ge⸗ ſellſchaft Umfrage halten wollte, würde die allgemeine Mei⸗ Vierzehntes Kapitel. nung ſein, ich wäre es nicht; aber in Bezug auf Amy bin ich vollkommen klar!“ Mr. Sparkler gab ihr, um das zu beſiegeln, einen Kuß. „Ein Meſſer, eine Gabel und ein Zimmer werden im⸗ mer zu Amy's Verfügung ſtehen,“ fuhr Mr. Sparkler fort, indem er in Vergleich mit ſeinen frühern Redeübungen ge⸗ radezu wortreich wurde.„Mein Alter wird gewiß ſtets ſtolz ſein, eine Perſon zu empfangen, die ich ſo hoch achte. Und was meine Mutter betrifft,“ ſagte Mr. Sparkler,„eine merk⸗ würdig ſchöne Frau ohne—“ „Edmund, Edmund!“ warnte Miß Fanny wie vorhin. „Mit Deiner Erlaubniß, mein Herz,“ entſchuldigte ſich Mr. Sparkler.„Ich weiß, ich habe die Gewohnheit und ich bin Dir recht ſehr dankbar, mein angebetetes Mädchen, daß Du Dir die Mühe gibſt, mich darauf aufmerkſam zu machen; aber alle Welt gibt zu, daß meine Mutter eine merkwürdig ſchöne Frau iſt und wirklich keinen—“ „Das mag ſein oder nicht ſein;“ unterbrach ihn Fanny wieder,„aber bitte, ſprich nicht weiter davon.“ „Ich gehorche, meine Liebe,“ ſagte Mr. Sparkler. „Dann haſt Du eigentlich weiter nichts mehr zu ſagen, Edmund, nicht?“ fragte Fanny. „So Wenig, meine Angebetete,“ gab Mr. Sparkler zur Antwort,„daß ich um Verzeihung bitte, ſo Viel geſagt zu haben.“ Mr. Sparkler bemerkte durch eine Art Inſpiration, daß die Frage andeutete, ob es nicht beſſer für ihn ſei, zu gehen? Raths erholen. 155 Er machte daher der brüderlichen Umarmung ein Ende und ſagte, daß er mit ihrer Erlaubniß Abſchied nehmen wolle. † Er ging nicht, ohne Amy's Glückwunſch zu empfangen, ſo gut ſie dies in ihrer Aufregung und Betrübniß thun konnte. Als er fort war, ſagte ſie:„O Fanny, Fanny!“ und wendete ſich zu ihrer Schweſter in dem Fenſter und ſank ihr an die Bruſt und weinte dort. Fanny lachte anfangs, aber ſie legte bald ihre Wange an die ihrer Schweſter und weinte V auch— ein klein Wenig. Es war das letzte Mal, wo Fanny zeigte, daß ein verborgenes, unterdrücktes oder überwunde⸗ nes Gefühl über dieſe Sache in ihr vorhanden war. Von dieſer Stunde an lag der Weg, den ſie ſich gewählt hatte, 8 vor ihr und ſie ging ihn mit ihrem herriſchen, eigenwilligen Schritt. Ende des ſiebenten Bandes. 4—— 4 — ärtel in Leipzig. f und H Breitkop 2 ruck von — D Literariſche Anzeige. Im Verlage des Unterzeichneten iſt erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu erhalten: Weibliche Hausgymnaſtik. Eine leicht verſtändliche, im Haus und Zimmer ausführ⸗ bare Selbſtanweiſung zu geſundheitsgemäßer und heilkräf⸗ tiger Körperübung. Als Beitrag zur Geſundheitslehre für das weibliche Geſchlecht aller Altersſtufen von Moritz Rloſſ. Mit 27 in den Text gedruckten Abbildungen und einer Muſikbeilage. In Leinwand gebunden.— Preis 1 Thaler. „Seitdem die Pädagogik und die Geſundheitslehre angefangen haben, die Erziehung einfach und naturgemäß auf die Baſis eines Gleichgewichtes zwi⸗ ſchen körperlicher und geiſtiger Entwickelung der Kräfte zu ſtellen, hat ſich auch das Beſtreben kund gegeben, die menſchliche Lebensführung an die ein⸗ fachen unumſtößlichen Geſetze der Natur zu knüpfen und die Bedingungen zu erfüllen, unter denen die Lebenseinheit des Einzelnen, je nach ſeiner ſittlichen, geiſtigen und leiblichen Beſchaffenheit, den ſtörenden Civiliſationseinflüſſen gegenüber, bewahrt werde. Bei ſolchen Beſtrebungen für Geſundheitskultur hat man nicht mit Un⸗ recht ein beſonderes Augenmerk auf die Verbeſſerung der weiblichen Geſund⸗ heit gerichtet, weil ſich leicht nachweiſen läßt, daß durch die Schwäche der Frauen eine kräftigere Entwickelung des Menſchengeſchlechts weſentlich ge⸗ hemmt werden muß. Die Geſundheit iſt für Jedermann das ſchätzbarſte aller Lebensgüter; ſie hat aber ihre ganz beſondere Bedeutung für die Familien⸗ mutter, von welcher ſich Abweichungen von der Geſundheit oft auf zwei, drei Generationen übertragen. Häufige und neu auftretende Krankheitserſcheinun⸗ gen des weiblichen Geſchlechtes ließen darauf ſchließen, vaß Manches in ſeiner Lebensweiſe nicht ſo ſein müſſe, wie es naturgemäß ſein ſollte; und mancherlei Verbeſſerungsvorſchläge ſind gemacht worden, welche ſich auf Nahrung, Klei⸗ dung, Gewohnheiten u. dgl. beziehen. Unter dieſen Vorſchlägen iſt der, daß ſich unſere Damen mehr Bewegung machen ſollten, einer der am Meiſten ge⸗ hörten, weil er am Wenigſten befolgt wird, trotzdem, daß der große Einfluß der körperlichen Bewegungen und Uebungen auf die Förderung der Geſundheit ſchon im grauen Alterthume anerkannt war und ſich heutzutage fortwährend aufdrängt, namentlich den Bewohnerinnen großer Städte. Mit dieſem einfachen und doch ſo wichtigen Gedanken der Leibesübung für das weibliche Geſchlecht beſchäftigt ſich nun unſer Buch, indem es nicht naſtiſchen Hülfsmittel lehrt, wie ſie ſinns werden können.“ Erſter Theil. Zur Belehrung im Allgemeinen. Die Geſundheit des weiblichen Ge⸗ ſchlechtes unter den Einflüſſen von Erziehung und Sitte. Die Gymnaſtik als Geſundheitsmittel im Allgemeinen. Bedeutung der Gymnaſtik für das weibliche Geſchlecht. Geſchichtliches der weiblichen Gym⸗ naſtik. Begränzung der weiblichen Gym⸗ naſtik. Allgemeine Regeln für die weibliche Gymnaſtik. Zweiter Theil. Zur Belehrung und Anwendung im Beſonderen. I. Freiübungen im Stehen. Körperhaltung. Halsübungen. Arm⸗ übungen. Rumpfübungen. Bein⸗ übungen. II. Freiübungen im Gehen— Laufen— Hüpfen— Springen. III. Widerſtandsbewegungen oder ſo⸗ 4 genannte ſchwediſche Uebungen. Leipzig, Verlag von J. J. Weber. blos Nothwendigkeit, Weſen und Entwickelung einer weiblichen Bewegungs⸗ lehre(Turnkunſt oder Gymnaſtik) darl egt, ſondern zugleich eine richtige ge⸗ ſetzmäßige und dem weiblichen Geſchle chte angemeſſene Anwendung der gym⸗ , ſelbſt unter den beſchränkten Localver⸗ hältniſſen im Haus oder Zimmer, eine Quelle der Geſundheit und des Froh⸗ (Aus dem Vorwort.) Inhaltäverzrichniss. IV. AUebungen mit Handgeräthen. Stabübungen. Bruſtweiter. Feder⸗ ku. Schwingkugeln. Schwung⸗ ſeil. 8 V. Aebungen an leicht zu beſchaffenden und im Zimmer bequem anzubringenden Vorrichtungen. Auf der Matratze. Am beweglichen Schwebereck. Am feſten Reckſtabe. VI. Zuſammenſtellung von Alebungen für den täglichen Gebrauch. Beiſpiele von gymnaſtiſchen Recep⸗ ten: 1. die ohne alle Geräthe und Hülfeleiſtungen auszuführen ſind. — 2. zu deren Ausführung man leichte Hausgeräthe braucht.— 3. bei deren Ausführung auch die unter III. und IV. beſchriebenen Hülfeleiſtungen und Vorrichtungen zur Anwendung kommen. VII. Anwendung von gymnaſtiſchen Alebungen gegen Krankheitszuſtände. Aeußerliche Leiden: Rückgratsver⸗ krümmungen.— Hohe Schultern. — Schiefer Hals.— Lähmungen der Glieder. Innerliche Leiden:— Unterleibsbe⸗ ſchwerden.— Bruſtkrankheiten.— Lungen⸗Tuberkuloſe.— Lungen⸗ Emphyſem.— Kalte Füße und Hände. — ——— * “ ————————— —