— EEEE „--r——-N Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe vinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 3 f3 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für in Hentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nr.— Ff. 1 Nk. 50 Pf. 2 Nk. Pf. 1„„„„„ 7 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jum Erſatz ves Ganzen verp flichtet. 4 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——y— 8=— — 0(Dickens Bo⸗( 6 Saͤmmtliche Werke. Achtundneunzigſter Band. V Klein Worrit.— Sechster Theil. Neipeig— Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1856. Plein Borrit. Koman von(Charles Dickens) Boz. In zwei Büchern. Aus dem Euglischen unn Moritz Busch. Mit vierzig Illuſtrationen von Hablot K. Bromne. Sechster Theil. — s Peipeig Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1856. , △◻ A SN 8 — Sweites Buch. Reichthum. Klein Dorrit VI. 1 — Erstes Kapitel. Reiſegefährten. Es war im Herbſt des Jahres. Dunkelheit und Nacht ſchlichen empor nach den höchſten Kämmen der Alpen. Es war die Zeit der Weinleſe in den Thälern der ſchweizeriſchen Seite des Paſſes über den großen St. Bern⸗ hard und an den Geſtaden des Genfer Sees hin. Die Luft war dort mit dem würzigen Duft der geſammelten Trau⸗ ben geſchwängert. Körbe, Tröge und Bütten voll Trau⸗ ben ſtanden in den dämmerigen Thorwegen des Dorfs, ver⸗ ſperrten den Weg durch die ſteilen und engen Dorfgaſſen und waren den ganzen Tag durch die Straßen und Nebengäßchen herzugetragen worden. Verſchüttete und unter die Füße ge⸗ tretene Trauben lagen allenthalben herum. Das Kind, wel⸗ ches von der ſchwerbeladen nach Hauſe keuchenden Bauer⸗ frau in einer Hocke getragen wurde, ward mit aufgeleſenen Trauben beſchwichtigt; der Kretin, der unter der Dachtraufe der hölzernen Sennhütte am Wege nach dem Waſſerfall ſei⸗ 1* 4 Erſtes Kapitel. nen großen Kropf ſonnte, verſpeiſte ſchmatzend Trauben; der Odem der Kühe und Ziegen roch nach den Blättern und Stielen von Trauben; die Geſellſchaft in jeder kleinen Hütte aß Trauben, trank den Saft der Trauben und ſprach von der Ernte der Trauben. Schade, daß ſich von dieſer edlen Fülle dem dünnen, herben, ſcharfen Weine, welcher von den Trauben gemacht wurde, nichts mittheilen ließ, was ihm den Geſchmack der Reife gegeben hätte! Die Luft war warm und durchſichtig geweſen den ganzen hellen Tag hindurch. Glänzende metallene Thurmſpitzen und Kirchendächer, fern und ſelten zu ſehen, hatten in den Land⸗ ſchaftsbildern geblitzt, und die ſchneeigen Berggipfel waren ſo klar geweſen, daß daran nicht gewöhnte Augen, die da⸗ zwiſchen liegenden Striche vergeſſend und ihre zerklüftete Höhe für ein Ding der Fabel haltend, geglaubt haben wür⸗ den, man könne ſie leicht in ein paar Stunden erreichen. Bergſpitzen von großer Berühmtheit in den Thälern, wo bisweilen monatelang keine Spur ihres Daſeins ſichtbar war, waren ſeit dem Morgen klar und deutlich am blauen Himmel erblickt worden. Und jetzt, wo es unten dunkel war, grenzten ſie ſich, obwol ſie ſich ernſt und feierlich zurück zu ziehen ſchienen, wie Geſpenſter, die im Verſchwinden begriffen ſind, als die rothe Färbung des Sonnenuntergangs aus ihnen wich und ſie kalt und weiß ließ, in ihrer Einſamkeit deutlich von den Nebeln und Schatten ab. Von dieſen einſamen Höhen und vom Paſſe des großen St. Bernhard, der eine von ihnen war, geſehen, kam die 4 2 — 3 — Reiſegefährten. 5 heranſteigende Nacht herauf wie ein ſchwellendes Waſſer. Als ſie zuletzt bis zu den Mauern des Kloſters des großen St. Bernhard ſtieg, war es, als ob dieſes wetterzernagte Gebäude eine zweite Arche wäre, und auf den ſchattigen Wellen dahinſchwömme. Die Finſterniß war, indem ſie einige Beſucher auf Maul⸗ thieren überholte, auf dieſe Weiſe bis zu den rauhen Klo⸗ ſtermauern emporgeſtiegen, als dieſe Reiſenden noch den Berg heraufklimmten. Wie die Hitze des glühenden Tages, wenn ſie angehalten hatten, um aus den Bächen geſchmol⸗ zenen Eiſes und Schnees zu trinken, ſich in die durchdrin⸗ gende Kälte der froſtigen dünnen Nachtluft, wie ſie auf gro⸗ ßen Höhen iſt, verwandelt hatte, ſo hatte die friſche Schön⸗ heit der untern Landſchaft der Dürre und Oede Platz gemacht. Ihr Weg war jetzt ein Felſenpfad, welchen die Maulthiere, einzeln gehend, hinaufkrabbelten und ſich von Block zu Block wendeten, als ob ſie die trümmerhafte Treppe einer gigantiſchen Ruine erſtiegen. Nirgends waren Bäume zu ſehen, nirgends irgendwelcher Pflanzenwuchs, ausge⸗ nommen ein armſeliges braunes, flockiges Moos, das in den Felſenritzen erfrieren wollte. Wettergeſchwärzte Holzarme am Wegrande zeigten nach dem Kloſter hinauf, als ob die Geiſter früherer Reiſender, welche vom Schnee verſchüttet worden, auf dem Schauplatz ihrer Todesnoth ſpukten. Mit Eiszapfen behangene Höhlen und Keller, als Zufluchtsorte bei plötzlichen Stürmen erbaut, waren wie ebenſo viele flü⸗ ſternde Stimmen der Warnung vor den Gefahren des Ortes, nn—— Erſtes Kapitel. nimmer ruhende Kränze von Nebel und Wolken von Dunſt ſchwebten herum, gejagt von einem ſtöhnenden Winde, und Schnee, die Gefahr, die den Wanderer des Gebirgs ſtets um⸗ lagert und gegen welche alle jene Vertheidigungsmaßregeln gerichtet waren, wehte ſcharf von oben herab. Die Reihe der Maulthiere, müde geworden von ihrem Tagewerk, drehte und wand ſich langſam die ſteile Höhe empor, das erſte geführt von einem Führer zu Fuß in ſeinem breitrandigen Hut und ſeiner runden Jacke, auf den Schul⸗ tern ein paar Alpenſtöcke. Ein anderer Führer unterhielt ſich mit ihm. Unter der Reihe der Reiter wurde nicht ge⸗ ſprochen. Die beißende Kälte, die Anſtrengung der Reiſe und ein neues Gefühl gehemmten Athmens, theils als ob ſie eben aus ſehr klarem hartem Waſſer aufgetaucht, und theils als ob ſie geſchluchzt, ließen ſie ſchweigen. Endlich flimmerte auf dem Gipfel der Felſentreppe durch Schnee und Nebel ein Licht, die Führer riefen den Maul⸗ thieren zu, die Maulthiere richteten ihre hängenden Köpfe empor, die Zungen der Reiſenden löſten ſich und mit einem plötzlich losbrechenden Glitſchen, Klettern, Klingeln, Trap⸗ peln und Schwatzen erreichten ſie die Thür des Kloſters. Andere Maulthiere waren kurz vorher angelangt, einige, auf welchen Bauern ritten, und einige mit Waaren, und hatten den Schnee vor der Thür zu einem Kothpfuhl zu⸗ ſammengetreten. Reitſättel und Zügel, Packſättel und Schel⸗ lengeläute, Maulthiere und Menſchen, Laternen, Fackeln, Säcke, Lebensmittel, Fäſſer, Käſe, Tonnen mit Honig und Reiſegefährten. 7 Butter, Strohbündel und Packete von allen Geſtalten lagen wirr durcheinander in dieſem aufgethauten Moraſt und um die Stufen. Hier oben in den Wolken wurde Alles durch Wolken geſehen und ſchien ſich in Wolken aufzulöſen. Der Athem der Menſchen war Wolke, der Athem der Maulthiere war Wolke, die Lichter waren von Wolkenkreiſen umgeben, Leute, die hart neben Einem ſprachen, waren wegen des Wolkendunſtes nicht zu ſehen, obwol ihre Stimmen und alle andern Töne überraſchend klar waren. Von der wolkigen Reihe von Maulthieren, welche haſtig an Ringe in der Mauer gebunden wurden, biß oder ſchlug eines das andere gelegentlich und dann gerieth die ganze Nebelmaſſe in Ver⸗ wirrung, Leute tauchten hinein und Geſchrei von Menſchen und Thieren kam heraus und kein Nebenſtehender erfuhr, was fehlte. Mitten darin ſtrömte der große Stall des Klo⸗ ſters, welcher das Erdgeſchoß einnimmt und in den man durch die Erdgeſchoßthür gelangt, vor welcher alle dieſe Ver⸗ wirrung ſtattfand, ſeinen Beitrag von Wolkendunſt aus, als ob das ganze rauhe Gebäude mit nichts Anderm ange⸗ füllt wäre und zuſammenſtürzen würde, ſobald es ſich ent⸗ leert hätte, ſodaß der Schnee dann auf den kahlen Berg⸗ gipfel fiele. Während aller dieſer Lärm und dieſe Haſt unter den lebenden Reiſenden graſſirten, befanden ſich, ſchweigſam verſammelt in einem Gitterhauſe, ein halb Dutzend Schritte entfernt, eingehüllt von demſelben Wolkendunſt und ange⸗ weht von denſelben Schneeflocken, die todten Reiſenden, die 8 auf dem Berge gefunden worden. Dort im Winkel ſtand mit ihrem Säugling an der Bruſt die Mutter, die vor vielen Wintern ſich im Sturm verſpätet. Dort der Mann, welcher erfroren, während er vor Angſt oder Hunger den Finger in den Mund geſteckt, und welcher ihn nach ſo vielen Jahren noch immer mit ſeinen vertrockneten Lippen zuſammenpreßt. Eine grauſige Geſellſchaft, geheimnißvoll zuſammengekom⸗ men! Ein finſteres Geſchick, wenn jene Mutter es hätte vor⸗ ausſehen können: Umgeben von ſo vielen und ſolchen Ge⸗ fährten, die ich nie ſah und nie ſehen werde, werden ich Erſtes Kapitel. und mein Kind unzertrennlich auf dem großen St. Bernhard wohnen, Geſchlechter überdauernd, welche uns zu ſehen kommen und nie unſern Namen noch ein Wort unſerer Ge⸗ ſchichte mit Ausnahme des Endes erfahren werden. Die lebenden Reiſenden dachten in dieſem Augenblicke wenig oder nicht an die Todten. Sie dachten vielmehr dar⸗ an, vor der Kloſterthür abzuſteigen und ſich am Kloſterfeuer zu wärmen. Sich losmachend aus dem Gewirr, welches ſich bereits beruhigte, da man angefangen, den Trupp der Maulthiere in den Stall zu bringen, eilten ſie vor Kälte zitternd die Stufen hinauf und in das Gebäude. Drinnen herrſchte, von dem Geſchoß, wo die angebundenen Thiere ſtanden, heraufkommend, ein Geruch gleich dem Dufte einer Menagerie. Es gab im Innern ſtarke gewölbte Galerien, gewaltige Steinpfeiler, große Treppen und dicke Mauern, durchbrochen von kleinen, tiefeingeſenkten Fenſtern— Be⸗ feſtigungen gegen die Gebirgsſtürme, als ob dieſe menſchliche — Reiſegefährten. 9 Feinde wären. Es gab ferner drinnen düſtre gewölbte Schlafzimmer, furchtbar kalt, aber reinlich und gaſtlich für Beſucher eingerichtet. Endlich gab es eine Gaſtſtube, in welcher die Beſucher ſitzen und ſpeiſen konnten, und wo bereits eine Tafel gedeckt war und ein hellflackerndes Feuer mit rothem Scheine hochemporloderte. In dieſer Stube ſammelten ſich die Reiſenden, bald nach⸗ dem ihnen ihre Nachtquartiere von zwei jungen Patres an⸗ gewieſen worden, um den Heerd. Sie beſtanden aus drei Geſellſchaften, von denen die erſte als die zahlreichſte und wichtigſte, die langſamſte und während des Heraufkommens von einer der andern eingeholt worden war. Sie war zu⸗ ſammengeſetzt aus einer ältlichen Dame, zwei grauköpfigen Herren, zwei jungen Damen und ihrem Bruder. Dieſelben waren(abgeſehen von vier Führern) von einem Quartier⸗ macher, zwei Bedienten und zwei Kammermädchen begleitet, ein Haufen unbequemen Volks, welcher anderswo unter dem⸗ ſelben Dache untergebracht war. Die Geſellſchaft, welche ſie eingeholt und in ihrem Gefolge hergekommen war, be⸗ ſtand blos aus drei Mitgliedern, einer Dame und zwei⸗ Herren. Die dritte Geſellſchaft, welche von der italieniſchen Seite des Paſſes heraufgeſtiegen und zuerſt eingetroffen war, war vier Mann ſtark: ein vollblütiger, hungriger und ſchweig⸗ ſamer deutſcher Hauslehrer mit einer Brille auf einer Tour mit drei jungen Leuten, ſeinen Zöglingen, alle vollblütig, hungrig und ſchweigſam, und alle mit Brillen. Dieſe drei Gruppen ſaßen um das Feuer, ſahen ſich 10 Erſtes Kapitel. einander gleichgültig an und warteten auf das Abendeſſen. Nur einer unter ihnen, einer der Herren, die zu der aus Dreien beſtehenden Geſellſchaft gehörten, machte Anſtalten, eine Unterhaltung zu eröffnen. Indem er ſeine Angel nach der Hauptperſon der wichtigen Geſellſchaft auswarf, während er ſich an ſeine eignen Begleiter wendete, bemerkte er in einem Tone, welcher die ganze Geſellſchaft einſchloß, wenn ſie ſich einſchließen laſſen wollte, daß es ein langer Tag ge⸗ weſen und daß ihm um die Damen bange ſei. Daß er fürchte, eine der jungen Damen ſei nicht ſtark und nicht an's Reiſen gewöhnt und ſei ſchon vor zwei, drei Stunden zu ſehr an⸗ gegriffen geweſen. Daß er von ſeiner Stellung in der Nach⸗ hut bemerkt habe, daß ſie auf ihrem Maulthiere geſeſſen habe, als ob ſie erſchöpft ſei. Daß er ſich zwei oder drei Mal ſpäter die Ehre gegeben, ſich bei einem der Führer, als er zurückgeblieben, zu erkundigen, wie es mit der jungen Dame ſtünde. Daß er entzückt geweſen, zu erfahren, ſie ſei wieder gekräftigt und es ſei nur ein vorübergehendes Un⸗ wohlſein geweſen. Daß er ſich der zuverſichtlichen Erwartung hingäbe(etzt hatte er ſich der Augen der Hauptperſon ver⸗ ſichert und redete ſie an) es möge ihm geſtattet ſein, ſeine Hoffnung auszuſprechen, daß ſie ſich jetzt nicht übler befinde, und daß ſie es nicht bedauern würde, die Wallfahrt unter⸗ nommen zu haben. „Bin Ihnen ſehr verbunden, Sir,“ erwiderte die Haupt⸗ perſon,„meine Tochter hat ſich völlig erholt und hat großes Intereſſe genommen.“ 7 Reiſegefährten. 11 „Noch unbekannt mit dem Gebirge vielleicht?“ ſagte der einſchmeichelnde Reiſende. „Noch unbekannt mit— ha— mit dem Gebirge,“ ſagte die Hauptperſon. „Aber Sie ſind wohlbekannt mit ihm?“ äußerte der ein⸗ ſchmeichelnde Reiſende. „Ich bin— hm— leidlich gut bekannt damit. Nicht in den letzten Jahren. Nicht in den letzten Jahren,“ erwi⸗ derte die Hauptperſon, die Hand ſchwenkend. Der einſchmeichelnde Reiſende bedankte ſich für die Schwenkung mit einer Neigung ſeines Kopfes und begab ſich von der Hauptperſon zu der zweiten jungen Dame, die er noch nicht anders als damit erwähnt hatte, daß ſie eine der jungen Damen war, an deren Befinden er ein ſo lebhaftes Intereſſe zu nehmen erklärt. Er ſprach die Hoffnung aus, ſie werde durch die An⸗ ſtrengungen des Tages nicht incommodirt ſein. „Incommodirt ſicherlich,“ entgegnete die junge Dame, „aber nicht ermüdet.“ Der einſchmeichelnde Reiſende machte ihr ein Compli⸗ ment über die Gerechtigkeit dieſer Unterſcheidung. Das war's, was er zu ſagen gemeint hatte. Jede Dame müſſe ohne Zweifel incommodirt werden, wenn ſie mit jenem ſprich⸗ wörtlich ſtarrköpfigen Thiere, dem Maulthiere, zu thun habe. „Wir haben natürlich,“ ſagte die junge Dame, welche ſehr zurückhaltend und vornehm that,„die Kutſchen und den 12 Erſtes Kapitel. Fourgon in Martigny zurücklaſſen müſſen. Und die Unmög⸗ lichkeit, das, was man braucht, nach dieſem unerreichbaren Orte zu bringen und die Nothwendigkeit, alle Bequemlichkeit hinter ſich zu laſſen, iſt nicht angenehm.“. „In der That, ein gräulicher Ort,“ bemerkte der ein⸗ ſchmeichelnde Reiſende. Die ältliche Dame, welche ein Muſter accurater Klei⸗ dung und deren Manieren, wenn man ſie als eine Maſchine anſah, vollkommen waren, warf hier mit leiſer, ſanfter Stimme eine Bemerkung ein. „Aber wie andere unbequeme Orte,“ bemerkte ſie,„muß man ihn ſehen. Als einen Ort, von dem viel geſprochen wird, muß man ihn nothwendig ſehen.“ „O ich habe nicht das Nindeſte dawider, daß ich ihn ſehen muß, Mrs. General,“ erwiderte die andere leichthin. „Sie, Madame,“ ſagte der einſchmeichelnde Reiſende, „haben Sie dieſen Ort ſchon früher beſucht?“ „Ja,“ erwiderte Mrs. General.„Ich bin ſchon früher hier geweſen. Laſſen Sie mich Ihnen rathen, Liebe,“ ſagte ſie zu der vorhererwähnten jungen Dame,„ſich das Geſicht vor dem heißen Holze zu verdecken, nachdem Sie es der Gebirgsluft und dem Schnee ausgeſetzt haben. Auch Sie, meine Liebe,“ ſagte ſie zu der andern jungen Dame, welche unverweilt ihrem Rathe folgte, während die früher erwähnte nur ſagte:„Danke Ihnen, Mrs. General, ich IIXX uIsQu1A 210 — 8. 6 * Reiſegefährten. 13 befinde mich ganz behaglich und ziehe es vor, ſo zu bleiben, wie ich bin.“ Der Bruder, welcher ſeinen Stuhl verlaſſen, um ein Piano zu öffnen, das im Zimmer ſtand, und welcher in daſſelbe hineingepfiffen und es dann wieder geſchloſſen hatte, kam jetzt, ſein Glas in's Auge geklemmt, nach dem Feuer zurückgeſchlendert. Er trug die vollſte und vollſtändigſte Reiſeausrüſtung. Die Welt ſchien kaum groß genug, um ihn eine ſolche Maſſe Reiſen thun zu laſſen, welche ſeiner Ausſtattung entſprochen hätte. „Dieſe Kerle machen unermeßlich lange mit dem Abend⸗ eſſen,“ ſagte er mürriſch.„Möchte wiſſen, was ſie uns vor⸗ ſetzen werden! Hat Jemand irgend eine Idee?“ „Ich glaube, keinen Menſchenbraten,“ erwiderte die Stimme des zweiten Herrn von der aus drei Perſonen be⸗ ſtehenden Geſellſchaft. „Vermuthlich nicht. Was meinen Sie damit?“ erkun⸗ digte Jener ſich. „Daß Sie, da Sie nicht bei dem für Alle beſtimmten Abendeſſen aufgetragen werden ſollen, uns vielleicht den Ge⸗ fallen thun, ſich nicht an dem für Alle beſtimmten Feuer zu braten,“ entgegnete der Andere. Der junge Herr, welcher in nachläſſiger Stellung am Heerde ſtand, mit ſeinem Glaſe die Geſellſchaft muſterte und den Rücken der Gluth zukehrte, indem er ſeinen Rock unter ſeine Arme geklemmt hatte, machte bei dieſer Antwort ein verlegenes Geſicht. Er ſchien eine weitere Erklärung verlan⸗ 14 Erſtes Kapitel. gen zu wollen, als man, da Aller Augen ſich auf den Spre⸗ cher wendeten, die Entdeckung machte, daß die Dame neben ihm, welche jung und ſchön war, nicht gehört hatte, was paſſirt war, indem ſie mit ihrem Kopf auf ſeine Schulter in Ohnmacht geſunken war. „Ich denke,“ ſagte der Herr in gedämpftem Tone, nich thue am Beſten, ſie geradewegs nach ihrer Stube zu tragen. Wollen Sie mal Jemand zurufen, daß er ein Licht bringt?“ ſagte er zu ſeinem Gefährten gewendet,„und uns den Weg zeigt? In dieſem ſeltſamen Orte würde ich ihn, glaube ich. nicht finden.“ „Bitte, laſſen Sie mich meine Magd rufen,“ rief die größere von den jungen Damen. „Bitte, laſſen Sie mich ihr dieſes Waſſer an die Lippen bringen,“ ſagte die kleinere, welche bis jetzt noch nicht ge⸗ ſprochen. Indem jede that, was ſie vorgeſchlagen, war kein Man⸗ gel an Beiſtand. In der That, als die beiden Mägde her⸗ einkamen(escortirt von dem Quartiermacher, damit ſie nicht Jemand verblüffe, indem er ſie auf dem Wege in einer frem⸗ den Sprache anredete) war Ausſicht auf zu viel Beiſtand. Indem er dies ſah und Etwas der Art in wenigen Worten zu der einfachern und jüngern der beiden Damen ſagte, legte der Herr den Arm ſeiner Frau ſich über die Schulter, hob ſie in die Höhe und trug ſie weg. Sein Freund, allein gelaſſen mit den andern Gäſten, ſchritt langſam im Zimmer auf und ab, ohne wieder nach Reiſegefährten. 15 dem Feuer zu kommen. Er zog in der Weiſe eines Ueber⸗ legenden an ſeinem ſchwarzen Schnurrbarte, wie wenn er mit der ertheilten Abfertigung zu thun zu haben glaubte. Während der Gegenſtand derſelben in einer Ecke Rache ſchnaubte, wendete ſich das Haupt der Familie in hochfah⸗ rendem Tone an dieſen Herrn. „Ihr Freund, Sir, ſagte er,„iſt— hm— iſt ein wenig ungeduldig, und iſt in ſeiner Ungeduld ſich vielleicht nicht völlig bewußt, was er Leuten ſchuldig iſt, welche— hm— welche— aber wir wollen das übergehen, wir wollen das übergehen. Ihr Freund iſt ein wenig ungeduldig, Sir.“ „Das mag ſein, Sir,“ erwiderte der Andere.„Da ich aber die Ehre gehabt habe, die Bekanntſchaft dieſes Herrn in Genf zu machen, wo wir und viele andere gute Geſell⸗ ſchaft vor einiger Zeit zuſammentrafen, und da ich die Ehre gehabt habe, mit dem Herrn bei verſchiedenen ſpätern Aus⸗ flügen zuſammen zu ſein und mich mit ihm zu unterhalten, ſo kann ich nichts— nein, nicht einmal von Jemand, der Ihr Aeußeres und Ihre Stellung hat, Sir— ſo kann ich nichts hören, was dieſem Herrn nachtheilig iſt.“ „Sie laufen nicht Gefahr, Sir, Etwas der Art von mir zu hören. Indem ich bemerke, daß Ihr Freund Ungeduld gezeigt hat, ſage ich nichts der Art. Ich mache dieſe Bemer⸗ kung, weil es nicht zu bezweifeln iſt, daß mein Sohn, der von Geburt und durch— hm— Erziehung ein— hm— ein Gentleman iſt, ſich bereitwillig jedem in verbindlicher 16 Erſtes Kapitel. Weiſe ausgedrückten Wunſche in Bezug darauf, daß das Feuer allen Gliedern des gegenwärtigen Cirkels gleich zu⸗ gänglich iſt, gefügt haben würde. Was ich im Principe für — denn Alle ſind— hm, gleich bei ſolchen Gelegenheiten — für richtig halte.“ „Gut!“ war die Antwort.„Und damit iſt's abgemacht. Ich bin Ihres Sohnes gehorſamer Diener. Ich bitte Ihren Sohn, die Verſicherung meiner tiefſten Hochachtung entgegen⸗ zunehmen. Und jetzt, Sir, darf ich offen eingeſtehen, daß mein Freund manchmal ſarkaſtiſche Launen hat.“ „Die Dame iſt die Frau Ihres Freundes, Sir?“ „Die Dame iſt die Frau meines Feundes, Sir.“ „Sie iſt ſehr hübſch.“ „Sie iſt unvergleichlich, Sir. Sie ſind noch im erſten Jahre ihrer Ehe. Sie ſind noch theils auf einer Hochzeits⸗ reiſe, theils auf einer Künſtlertour.“ „Ihr Freund iſt ein Künſtler, Sir?“ Der Gentleman antwortete, indem er die Spitzen der Finger ſeiner rechten Hand küßte und den Kuß auf Arms⸗ länge gen Himmel warf, was ſagen ſollte, ich weihe ihn den himmliſchen Mächten als einen unſterblichen Künſtler. „Aber er iſt ein Mann von guter Familie,“ ſetzte er hinzu. Seine Connexionen gehören zu den beſten. Er iſt mehr als ein Künſtler, er gehört zu einem vornehmen Geſchlechte. Er mag in der That ſeine Connexionen von ſich geſtoßen haben, ſtolz, ungeduldig, ſarkaſtiſch(ich geſtehe beide Wörter zu), Reiſegefährten. 17 aber er hat ſie. Lichtblicke, die mir während unſeres Verkehrs aufgingen, haben mir dies gezeigt.“ „Wohlan, ich hoffe,“ ſagte der hochfahrende Herr mit der Miene, als wolle er den Gegenſtand ſchließlich abthun,„daß das Unwohlſein der Dame blos vorübergehend iſt.“ „Das hoffe ich, Sir.“ „Bloße Ermüdung vermuthlich.“ „Nicht ganz allein Ermüdung, Sir, denn ihr Maulthier ſtolperte heute und ſie fiel aus dem Sattel. Sie fiel leicht und war ohne Beihülfe wieder auf und ritt lachend von uns weg, aber ſie klagte gegen Abend über eine leichte Quetſchung in der Seite. Sie ſprach mehr als ein Mal davon, als wir Ihrer Geſellſchaft den Berg hinauf folgten.“ Das Haupt des großen Familienzugs, welches gnädig, aber nicht familiär war, ſchien jetzt der Meinung zu ſein, daß es ſich mehr als genug herabgelaſſen. Es ſagte nichts mehr und es herrſchte Stillſchweigen etwa eine Viertelſtunde lang, bis das Abendeſſen erſchien. Mit dem Abendeſſen kam einer der jungen Patres(es ſchienen keine alten Patres da zu ſein), um bei Tafel den Vorſitz zu führen. Es war wie das Abendeſſen in einem ge⸗ wöhnlichen Schweizer Hotel und guter Rothwein, erbaut von dem Kloſter in milderer Luft, mangelte nicht. Der künſt⸗ leriſche Reiſende kam ruhig herunter und nahm, als die Uebrigen ſich ſetzten, ſeinen Platz an der Tafel ein, ohne die mindeſte Empfindung ſeines letzten Scharmützels mit dem vollkommen ausgerüſteten Reiſenden merken zu laſſen. Klein Dorrit. VI. 2 — u——————— ““ Erſtes Kapitel. „Bitte,“ erkundigte er ſich bei dem Wirthe über ſeiner Suppe,„hat Ihr Kloſter jetzt viele von ſeinen berühmten Hunden?“ „Monſieur, es hat deren drei.“ 1 „Ich ſah drei in der Galerie unten. Ohne Zweifel die drei in Frage ſtehenden. 4 Der Wirth, ein ſchlanker, helläugiger, ſchwarzhaariger junger Mann von artigen Manieren, deſſen Kleid eine ſchwarze Kutte war, über der ſich weiße Streifen wie Hoſenträger kreuzten, und welcher mit dem klöſterlichen Schlag von St. Bernhard⸗Mönchen nicht mehr Aehnlichkeit hatte als mit dem klöſterlichen Schlag von St. Bernhard⸗Hunden, entgegnete, es ſeien unzweifelhaft die fraglichen drei. „Und ich denke,“ ſagte der künſtleriſche Reiſende,„ich habe einen davon ſchon geſehen.“ Es wäre möglich. Er ſei ein ziemlich bekannter Hund. Monſieur könnte ihn leicht im Thale oder irgendwo am See geſehen haben, wo er(der Hund) mit Einem von dem Orden hinabgegangen geweſen, um Beiträge für das Kloſter zu er⸗ bitten. „Was zu regelmäßigen Zeiten im Jahre ſtattfindet, wie ich meine?“ Monſieur habe Recht. „Und nie ohne den Hund. Der Hund iſt ſehr wichtig.“ Monſieur habe wieder Recht. Der Hund wäre ſehr wich⸗ tig. Die Leute intereſſirten ſich mit Recht für den Hund. Reiſegefährten. 19 Da er, wie Mademoiſelle bemerken würde, überall berühmt wäre. Mademoiſelle brauchte etwas lange, um es zu bemerken, wie wenn ſie an die franzöſiſche Zunge nicht recht gewöhnt wäre. Mrs. General bemerkte es indeß für ſie. „Fragen Sie ihn mal, ob er Vielen das Leben gerettet hat?“ ſagte in ſeinem heimatlichen Engliſch der junge Mann, der vorher in Verlegenheit geſetzt worden. Der Wirth bedurfte keiner Ueberſetzung der Frage. Er antwortete ſofort auf franzöſiſch⸗„Nein, dieſer nicht.“ „Weshalb nicht?“ fragte derſelbe Herr. „Verzeihung,“ erwiderte gelaſſen der Wirth,„geben Sie ihm Gelegenheit und er wird es ohne Zweifel thun. Zum Beiſpiel bin ich feſt überzeugt“ ſagte er, als er den Kalbs⸗ braten zerſchnitt, um ihn herumgehen zu laſſen, mit einem ruhig lächelnden Blick auf den jungen Mann, der in Ver⸗ legenheit geſetzt worden,„daß er, wenn Sie, Monſieur, ihm die Gelegenheit geben wollten, mit großem Eifer ſich beei⸗ len würde, ſeine Pflicht zu erfüllen.“ Der künſtleriſche Reiſende lachte. Der einſchmeichelnde Reiſende(welcher einen vorſichtigen Eifer, ſeinen vollen An⸗ theil am Abendeſſen zu erhalten, an den Tag legte) miſchte ſich, indem er mit einem Stücke Brot ein paar Tropfen Wein, die ihm am Schnurrbart hingen, abwiſchte, in die Unter⸗ haltung.. „Es wird ſpät im Jahre, mein Herr Pater,“ ſagte er, „ſpät für Touriſten, nicht wahr?“ 2* Erſtes Kapitel. „Ja es iſt ſpät. Noch zwei oder drei Wochen und wir werden mit dem Schnee des Winters allein ſein.“ „Und dann,“ ſagte der einſchmeichelnde Reiſende,„geht es los mit dem Aufſcharren der Hunde und den begrabenen Kindern, wie man es auf Gemälden ſieht!“ „Verzeihung,“ ſagte der Wirth, der die Anſpielung nicht recht begriff.„Wie meinen ſie das mit dem Aufſcharren der Hunde und den begrabenen Kindern, wie man es auf Ge⸗ mälden ſehen ſoll?“ Der künſtleriſche Reiſende miſchte ſich ein, ehe eine Ant⸗ wort ertheilt werden konnte. „Wiſſen Sie denn nicht,“ fragte er kalt über den Tiſch hinweg ſeinen Gefährten,„daß Niemand als Schmuggler im Winter dieſen Weg kommt oder auf dieſem Wege irgend ein Geſchäft haben kann?“ „Donnerwetter, nein! habe nie was davon gehört.“ „So iſt es, wie ich glaube. Und da ſie mit den Zeichen des Wetters leidlich gut bekannt ſind, ſo geben ſie den Hun⸗ den nicht viel Beſchäftigung— welche in Folge deſſen faſt ausgeſtorben ſind— obſchon dieſes Wirthshaus ſehr be⸗ quem für ſie ſelbſt liegt. Ihre junge Familie ſollen ſie ge⸗ wöhnlich daheim laſſen. Aber's iſt eine großartige Idee!“ ſchrie der künſtleriſche Reiſende, indem er ſich unerwartet zum Tone der Begeiſterung erhob.„Es iſt die ſchönſte Idee von der Welt und bringt Einem beim Jupiter Thränen in die Augen!“ Er fuhr dann fort, ſeinen Kalbsbraten mit großer Gelaſſenheit zu verſpeiſen. Reiſegefährten. 21 Es lag auf dem Grunde dieſer Aeußerung genug ſpötti⸗ ſche Unwahrſcheinlichkeit, um ſie ziemlich anſtößig zu machen, obſchon die Manier des Sprechers artig und ſeine Perſön⸗ lichkeit günſtig ausgeſtattet war, und obſchon der ſpöttiſche Theil derſelben ſo geſchickt hingeworfen war, daß er für einen mit der engliſchen Sprache nicht vollkommen Bekannten ſehr ſchwer zu verſtehen war oder daß man, wenn man ihn ja verſtand, die Beleidigung kaum herausfühlte, ſo einfach und leidenſchaftslos war ſein Ton. Nachdem er, von Schweigen umgeben, ſeinen Kalbsbraten verzehrt, wendete ſich der Spre⸗ cher wieder an ſeinen Freund. „Sehen Sie mal,“ ſagte er in ſeinem frühern Tone, „dieſen Herrn, unſern Wirth, der noch nicht einmal das, was man die beſten Jahre nennt, erreicht hat, und welcher in ſo prächtiger Weiſe und mit ſo feiner, hofmäßiger Manier und Beſcheidenheit den Vorſitz über uns führt. Manieren, die für eine Krone paſſen! Eſſen Sie beim Mayor von Lon⸗ don(wenn Sie eine Einladung bekommen können) und beobachten Sie den Contraſt. Dieſer brave Burſche mit einem Geſicht, ſo fein geſchnitten, wie ich je eines ſah, einem Geſicht von den vollkommenſten Linien, verläßt da irgend eine mühevolle Lebensbeſchäftigung und kommt hier herauf, ich weiß nicht wie viele Fuß über den Meeresſpiegel, und zwar zu keinem andern Zwecke auf Erden(ausgenommen hoffentlich den, ſich in einem vortrefflichen Refectorium güt⸗ lich zu thun) als ein Wirthshaus für Faullenzer und arme Teufel wie Sie und mich zu halten und die Zeche unſerm 22 Erſtes Kapitel. Gewiſſen zu überlaſſen. Ei, iſt das nicht ein wunderſchönes Opfer? Was brauchen wir mehr, um gerührt zu ſein? Weil gerettete Leute von intereſſantem Aeußern acht oder neun Monate von zwölfen ſich hier nicht an den Hals der klügſten aller Hunde mit Holzflaſchen halten, ſollten wir den Ort ge⸗ ringſchätzen? Bewahre! Segen auf den Ort! Es iſt ein großer Ort, ein glorreicher Ort!“ Die Bruſt des grauköpfigen Herrn, welcher die Haupt⸗ perſon der wichtigen Geſellſchaft war, war aufgeſchwollen, wie von einem Einſpruche dagegen, daß er zu den armen Teufeln gezählt ſein ſollte. Nicht ſobald hatte der künſtleriſche Reiſende aufgehört zu ſprechen, als er ſelbſt mit großer Würde ſprach, als ob es ihm obläge, an den meiſten Orten die Lei⸗ tung des Geſprächs zu beſorgen und er dieſe Pflicht ein Weil⸗ chen vernachläſſigt hätte. Mit gewichtiger Miene theilte er ihrem Wirth ſeine Mei⸗ nung mit, daß ſein Leben hier im Winter ein ſehr trübſeli⸗ ges Leben ſein müſſe. Der Wirth gab Monſieur zu, daß es ein wenig einför⸗ mig ſei. Die Luft ließe ſich lange Zeit hintereinander ſchwer einathmen. Die Kälte wäre ſehr ſtreng. Man brauchte Ju⸗ gend und Stärke, um es zu ertragen. Indeß wenn man ſie und den Segen des Himmels hätte.— „Ja, das wäre ſehr gut. Aber die Abgeſperrtheit,“ ſagte der grauköpfige Herr. 6 Es gäbe manche Tage ſelbſt bei ſchlechtem Wetter, wo Reiſegefährten. 23 es möglich ſei, auszugehen. Es wäre Gebrauch, ein wenig Schnee zu ſchaufeln und ſich dabei Bewegung zu machen. „Aber der Raum,“ warf der grauköpfige Herr ein.„So klein. So— ha— ſo ſehr beſchränkt.“ Monſieur würde ſich erinnern, daß die Zufluchtsorte zu beſuchen und auch nach ihnen Wege durch den Schnee zu ſchaufeln wären. Monſieur machte wieder andrerſeits geltend,„daß der Raum ſo— ha— hm— ſo ſehr eng zugemeſſen ſei. Mehr noch. Er ſei ſtets derſelbe, ſtets derſelbe.“ Mit einem ſpöttiſchen Lächeln zuckte der Wirth ein wenig mit den Achſeln. Es wäre wahr, bemerkte er, aber man möge ihm die Bemerkung erlauben, daß faſt alle Dinge ſich von verſchiedenen Geſichtspunkten betrachten ließen. Mon⸗ ſieur und er ſelbſt ſähen dieſes ſein armſeliges Leben eben nicht von demſelben Standpunkte an. Monſieur wäre an Abſperrung nicht gewöhnt. „Ich— ha— ja wohl, ſehr wahr,“ ſagte der grau— köpfige Herr. Es ſchien ihm dieſer Beweisgrund förmlich einen Stoß zu geben, ſo kräftig wirkte er. Monſieur als ein engliſcher Reiſender, umgeben von allen Mitteln, angenehm zu reiſen, unzweifelhaft im Beſitz von Vermögen, Wagen, Dienerſchaft.“— „Ganz recht, ganz recht. Ohne Zweifel,“ ſagte der Herr. Monſtieur könnte ſich nicht leicht an die Stelle Jemandes den⸗ ken, welcher nicht die Macht zu wählen hätte, ich will heute hierhin, morgen dorthin gehen; ich will über dieſe Schran⸗ 24 Erſtes Kapitel. ken hinausſchreiten, will dieſe Grenzen erweitern. Monſieur könnte es ſich vielleicht nicht vorſtellen, wie die Seele ſich in ſolchen Dingen der Macht der Nothwendigkeit anbequeme. „Das iſt wahr,“ verſetzte Monſieur.„Wir wollen den— ha— den Gegenſtand nicht weiter verfolgen. Sie haben — hm— vollſtändig Recht, ich zweifle nicht daran. Wir wollen nichts weiter ſagen.“ Da das Abendeſſen beendigt war, ſo zog er, während er noch ſprach, ſeinen Stuhl weg und begab ſich nach ſeinem frühern Platze am Feuer zurück. Da es am größern Theile des Tiſches ſehr kalt war, ſo nahmen auch die andern Gäſte ihre früheren Sitze am Feuer ein, indem ſie ſich vornahmen, ſich vor Schlafengehen recht tüchtig durchzuglühen. Der Wirth verbeugte ſich, als ſie vom Tiſche aufſtanden, vor Allen, wünſchte ihnen eine gute Nacht und zog ſich zurück. Aber erſt hatte der einſchmeichelnde Reiſende ihn gefragt, ob ſie etwas Glühwein bekommen könnten, und als er mit Ja geantwortet und ihn kurz nachher hereingeſchickt hatte, war dieſer Reiſende, im Centrum der Gruppe und in der vollen Glut des Feuers ſitzend, bald beſchäftigt, ihn den Uebrigen auszutheilen. In dieſem Augenblicke glitt die jüngere von den beiden jungen Damen, welche ſchweigſam in ihrem dunkeln Winkel geſeſſen(das Licht des Feuers war das Hauptlicht in dem düſtern Gemache, da die Lampe rauchig und trübe war) aber aufmerkſam zugehört hatte, was von der abweſenden Dame geſagt worden war, hinaus. Sie war, als ſie die Thür leiſe Reiſegefährten. 25 geſchloſſen, ungewiß, welchen Weg ſie einſchlagen ſollte, aber nachdem ſie ein wenig gezögert unter den hallenden Gängen und den vielen Wegen, kam ſie in eine Stube in einem Win⸗ kel der Hauptgalerie, wo die Dienſtleute bei ihrem Eſſen ſaßen. Von dieſen bekam ſie eine Lampe und eine Beſchreibung der Richtung, in welcher ſich das Zimmer der Dame befand. Es lag die große Treppe hinauf, im obern Stock. Hier und dort wurden die kahlen weißen Wände durch ein eiſernes Gitter unterbrochen, und als ſie ſo hinſchritt, kam ihr der Ort wie ein Gefängniß vor. Die bogenförmige Thür des Zimmers der Dame war nicht ganz geſchloſſen. Nachdem ſie zwei oder drei Mal angeklopft, ohne eine Antwort zu erhal⸗ ten, ſchob ſie dieſelbe leiſe zurück und blickte hinein. Die Dame lag mit geſchloſſenen Augen oben auf dem Bette, vor der Kälte durch die Decken und Ueberwürfe ge⸗ ſchützt, mit denen ſie zugedeckt worden war, als ſie ſich von ihrer Ohnmacht erholt. Ein trübes Licht, in die tiefe Ein⸗ biegung des Fenſters geſetzt, machte wenig Eindruck auf das gewölbte Gemach. Die Beſucherin ſchritt ſchüchtern nach dem Bette und ſagte in einem ſanften Geflüſter:„Iſt Ihnen beſſer?“ Die Dame war eingeſchlummert, und das Geflüſter war zu leiſe, um ſie zu erwecken. Ihr Beſuch, ganz ſtill ſtehen bleibend, ſah ſie mit aufmerkſamem Blicke an. „Sie iſt ſehr ſchön,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt.„Nie ſah ich ein ſo ſchönes Geſicht. O wie wenig gleicht ſie mir!“ 4 Erſtes Kapitel. 20 . Es klang dies ſeltſam, aber es hatte eine gewiſſe ver⸗ borgene Bedeutung; denn es füllte ihre Augen mit Thränen. „Ich glaube, ich muß Recht haben. Ich weiß, er ſprach von ihr jenen Abend. Ich könnte leicht irren mit jedem an⸗ dern Gegenſtande. Aber mit dieſem nicht, mit dieſem nicht.“ Mit ruhiger und ſanfter Hand ſchob ſie eine verirrte Flechte von dem Haare der Schlafenden bei Seite und be⸗ rührte dann die Hand, die über der Decke lag.„Ich liebe es, ſie anzuſehen,“ hauchte ſie.„Ich liebe es, zu ſehen, was ihn ſo ergriffen hat.“ Sie hatte ihre Hand noch nicht zurückgezogen, als die Schlafende ihre Augen öffnete und zuſammenfuhr. „Bitte, erſchrecken Sie nicht. Ich bin nur eine der Rei⸗ ſenden von unten. Ich kam, um zu fragen, ob Ihnen beſſer iſt und ob ich Etwas für Sie thun kann.“ „Ich denke, Sie ſind bereits ſo gütig geweſen, mir Ihr Dienſtmädchen zum Beiſtand zu ſchicken.“ „Nein, ich nicht. Das war meine Schweſter. Iſt Ihnen beſſer?“ Viel beſſer. Es iſt nur eine leichte Quetſchung, und es iſt gut darnach geſehen worden und jetzt iſt es faſt ganz ſchmerzlos. Es machte mich ſchwindelig und ohnmächtig in einem Augenblicke. Es hatte mir vorher ſchon Beſchwerde gemacht, aber zuletzt überwältigte es mich ganz plötzlich.“ „Darf ich bei Ihnen bleiben, bis Jemand kommt? Wür⸗ den Sie es gern ſehen?“ ₰ Reiſegefährten. 27 „Ich würde es gern ſehen; denn es iſt einſam hier; aber ich fürchte, Sie werden die Kälte zu ſehr fühlen.“ „Ich mache mir nichts aus der Kälte. Ich bin nicht ſchwächlich, wenn ich auch ſo ausſehe.“ Sie ſchob raſch einen der beiden plumpen Stühle neben das Bett und ſetzte ſich nieder. Die Andere ſchob eben ſo ſchnell einen Theil ihres Reiſemantels von ſich weg und warf ihn über ſie, ſo daß ihr Arm, indem er denſelben um ſie hielt, auf ihrer Schulter ruhte. „Sie haben ſo ſehr das Ausſehen einer freundlichen Wärterin,“ ſagte die Dame, ſie anlächelnd,„daß es ſcheint, als wären Sie mir von daheim gekommen.“ „Das freut mich ſehr.“ „Ich träumte eben von daheim, als ich erwachte. Ich meine von meiner alten Heimat, ehe ich heirathete.“ „Und ehe Sie ſo weit weg waren von ihr.“ „Ich bin ſchon viel weiter weg geweſen, als dies Mal; aber damals nahm ich den beſten Theil davon mit und ver⸗ mißte nichts. Ich fühlte mich einſam, als ich hier in Schlaf ſank und indem ich die Heimat ein wenig vermißte, wanderte ich nach ihr zurück.“ Es lag ein Gemiſch von Kummer, Liebe und Reue im Ton ihrer Stimme, welches ihren Beſuch abhielt, ſie in dem Augenblick anzuſehen. „Es iſt ein ſeltſamer Zufall, der uns endlich unter die⸗ ſer Decke, in die Sie mich gehüllt haben, zuſammenbringt,“ ſagte der Beſuch nach einer Weile;„denn wiſſen Sie wol, 28 Erſtes Kapitel. ich habe ſchon ſeit einiger Zeit mich nach Ihnen umge⸗ ſehen.“ „Nach mir umgeſehen?“ „Ich glaube, ich habe ein kleines Briefchen hier, welches ich Ihnen geben ſollte, wenn ich Sie fände. Da iſt es. Wenn ich mich nicht ſehr irre, iſt es an Sie gerichtet. Iſt's nicht ſo?“ Die Dame nahm es und ſagte, ja, und las es. Ihr Be⸗ ſuch beobachtete ſie, als ſie dies that. Es war ſehr kurz. Sie erröthete ein wenig, als ſie ihre Lippen an die Wange ihres Beſuchs legte und ihr die Hand drückte. „Die theure junge Freundin, welcher er mir vorſtellt, könnte mir irgend ein Mal ein Troſt ſein, ſagt er. Sie iſt wirklich ſchon ein Troſt für mich das erſte Mal, wo ich ſie ſehe.“ „Sie kennen vielleicht,“ ſagte der Beſuch zögernd,„Sie kennen wol meine Geſchichte nicht. Vielleicht hat er Ihnen nie meine Geſchichte erzählt?“ „Nein.“ „Oh nein, warum ſollte er auch! Ich habe kaum das Recht, ſie jetzt ſelbſt zu erzählen, weil ich gebeten worden bin, es nicht zu thun. Es iſt nicht viel Beſonderes daran, aber es könnte Ihnen erklären, weshalb ich Sie bitte, nichts von dem Briefe hier zu ſagen. Sie ſahen vielleicht meine Fami⸗ lie mit mir? Einige davon— ich ſage das blos zu Ihnen — ſind ein wenig ſtolz, ein wenig eingenommen von ſich.“ „Sie ſollen ihn zurücknehmen,“ ſagte die Andere,„und Reiſegefährten. 29 dann ſieht mein Mann ihn gewiß nicht. Er könnte ihn ſonſt ſehen und zufällig davon ſprechen. Wollen Sie ihn der Sicherheit halber wieder in Ihren Buſen ſtecken?“ Sie that dies mit großer Sorgfalt. Ihre kleine magere Hand war noch auf dem Briefe, als ſie Jemand in der Ga⸗ lerie draußen hörten. „Ich verſprach,“ ſagte der Beſuch aufſtehend,„daß ich ihm, nachdem ich Sie geſehen, ſchreiben wollte(ich konnte kaum verfehlen, Sie früher oder ſpäter zu ſehen) und ihn zu benachrichtigen, ob Sie geſund und glücklich wären. Ich werde wohlthun, ihm zu ſagen, daß Sie geſund und glücklich ſind?“ „Ja, ja, ja! Sagen Sie, ich ſei ſehr geſund und ſehr glücklich. Und daß ich ihm innig danke und ihn nie ver⸗ geſſen werde.“ „Ich werde Sie am Morgen ſehen. Nachher ſind wir ſicher, uns binnen Kurzem wieder zu treffen. Gute Nacht.“ Beide waren ſehr eilig und haſtig, als ſie dieſe Abſchieds⸗ worte wechſelten und als der Beſuch aus der Thür trat. Sie hatte, als ſie ſich ihr näherte, erwartet, dem Gemahl der Dame zu begegnen; aber die Perſon in der Galerie war nicht er; es war der Reiſende, welcher die Weintropfen von ſeinem Schnurrbarte mit dem Stücke Brot abgewiſcht hatte. Als er den Schritt hinter ſich hörte, drehte er ſich um— denn er ſchritt im Dunkeln fort. Seine Artigkeit, welche außerordentlich war, wollte nicht geſtatten, daß die junge Dame ſich ſelbſt hinunterleuchtete oder allein hinunterging. Er nahm ihr die Lampe ab, hielt 30 Erſtes Kapitel. ſie ſo, daß ſie das beſte Licht auf die Steinſtufen warf und folgte ihr den ganzen Weg bis an das Speiſezimmer. Sie ging hinab, indem es ihr nicht leicht fiel, zu verbergen, wie ſehr ſie geneigt war, zurückzuſchrecken und zu zittern; denn das Aeußere dieſes Reiſenden war ihr ganz beſonders unan⸗ genehm. Sie hatte vor dem Abendeſſen in ihrem ſtillen Winkel geſeſſen und darüber nachgedacht, was für eine Rolle er in den Scenen und Orten ihrer Erfahrung geſpielt haben würde, bis er ſie mit einer Abneigung erfüllte, die ihn bei⸗ nahe ſchrecklich erſcheinen ließ.. Er folgte ihr mit ſeiner lächelnden Höflichkeit hinunter, folgte ihr hinein und nahm ſeinen Sitz auf dem beſten Platz am Heerde wieder ein. Dort, während das Holzfeuer im Niederbrennen auf ihm in dem dunkeln Zimmer auf und niederflackerte, ſaß er, die Beine nach der Wärme ausgeſtreckt, und trank den Glühwein bis auf die Neige, während ein rieſiger Schatten an der Wand und der Decke ihm ſeine Be⸗ wegungen nachäffte. Die ermüdete Geſellſchaft war auseinandergegangen und alle Uebrigen hatten ſich zu Bett verfügt mit Ausnahme des Vaters der jungen Dame, welcher in ſeinem Stuhle am Feuer nickte. Der Reiſende hatte ſich die Mühe nicht ver⸗ drießen laſſen, einen weiten Weg bis zu ſeiner Schlafkammer hinauf zu machen, um ſeine Reiſeflaſche mit Cognac zu ho⸗ len. Er ſagte ihnen dies, als er ihren Inhalt in das goß, was von dem Weine übrig war, und trank mit neuem Be⸗ hagen. —— Reiſegefährten. 31 „Darf ich fragen, Sir, ob Sie auf dem Wege nach Ita⸗ lien ſind?“ Der grauköpfige Herr hatte ſich ermuntert und bereitete ſich vor, ſich zurückzuziehen. Er antwortete bejahend. „Ich auch!“ ſagte der Reiſende.„Ich hoffe, die Ehre zu haben, Ihnen in ſchöneren Gegenden und unter angenehmeren Verhältniſſen als auf dieſem trübſeligen Gebirge mein Com⸗ pliment zu machen.“ Der Herr verbeugte ſich ziemlich kalt und ſagte, er ſei ihm verbunden. „Wir armen Herrchen, Sir,“ ſagte der Reiſende, ſeinen Schnurrbart mit der Hand zupfend, denn er hatte ihn in den Weinpunſch getaucht,„wir armen Herrchen reiſen freilich nicht wie Fürſten, aber die feinen Manieren und die gnädigen Blicke, die uns im Leben begegnen, ſind uns werthvoll. Auf Ihre Geſundheit, Sir.“ „Auf die Geſundheit Ihrer hochverehrten Familie— der holden Damen, Ihrer Töchter!“ „Ich danke Ihnen nochmals, Sir. Wünſche Ihnen gute Nacht. Mein Kind, ſind— ha— unſre Leute bei der Hand?“ „Sie ſind gleich hier daneben, Vater.“ „Erlauben Sie mir!“ ſagte der Reiſende, indem er ſich erhob und die Thür offen hielt, als der Herr, ſeinen Arm durch den ſeiner Tochter geſteckt, quer durch das Zimmer auf ſie zuſchritt.„Wünſche wohl zu ſchlafen! Auf das Vergnü⸗ gen, Sie wieder zu ſehen! Auf morgen!“ Und er küßte ſeine 32 Erſtes Kapitel, Hand mit ſeiner manierlichſten Manierlichkeit und ſeinem hol⸗ deſten Lächeln, die junge Dame aber hielt ſich etwas näher an ihren Vater und ſchritt an ihm vorüber, indem ſie ängſtlich vermied, ihn zu berühren. „Hm!“ ſagte der einſchmeichelnde Reiſende, deſſen Ma⸗ nierlichkeit auf ein Minimum einſchrumpfte und deſſen Stimme leiſer wurde, als er allein gelaſſen war.„Wenn ſie Alle zu Bett gehen, je nun, ſo muß ich auch gehen. Sie haben's verteufelt eilig damit. Man ſollte denken, die Nacht würde in dieſer eiſigen, ſchweigenden Einöde lang genug ſein, wenn man zwei Stunden ſpäter zu Bette ginge.“ Indem er, ſein Glas leerend, ſeinen Kopf zurückwarf, fie⸗ len ſeine Augen auf das Fremdenbuch, welches auf dem Piano offen da lag, Federn und Tinte daneben, als ob die Namen von dieſem Abend während ſeiner Abweſenheit ein⸗ getragen worden. Er nahm es in die Hand und las die⸗ ſelben. William Dorrit Esquire, Frederick Dorrit Esquire, Edward Dorrit Esquire, Nebſt Gefolge. Von Frank⸗ Miß Dorrit, reich nach Italien. Miß Amy Dorrit, Mrs. General. Mr. und Mrs. Henry Gowan. Von Frankreich nach ilzen. Dieſen Namen fügte er in einer kleinen, geſchnörkelten mgſhrſ die mit einem langen hagern Zuge, nicht unähnlich 7 Mrs. General. 33 einem nach allen übrigen Namen geworfenen Laſſo, endigte, hinzu: Blandois. Paris. Von Frankreich nach Italien. Dann, indem ſeine Naſe ſich über ſeinen Schnurrbart ſenkte und ſein Ahmertan ſich nach ſeiner Naſe empor⸗ ſträubte, verfügte er ſich nach der ihm angewieſenen Zelle. Smeites Kapitel.* Mrs. General. Es iſt unumgänglich, die treffliche Dame vorzuſtellen, welche von hinreichender Bedeutſamkeit im Gefolge der Fa⸗ milie Dorrit war, um im Fremdenbuche eine Zeile für ſich einzunehmen. Mrs. General war die Tochter eines geiſtlichen Würden⸗ trägers in einer Stadt, die ein Biſchofsſitz war. Hier gab ſie den guten Ton an, bis ſie dem fünfundvierzigſten Jahre ſo nahe war, als eine unverheirathete Dame ſein kann. Ein ſteifer Commiſſariats⸗Officier von ſechszig Jahren, berühmt als Kriegsmann von ſtrenger Zucht, hatte ſich dann in die würdevolle Art verliebt, mit der ſie den Wagen des Anſtands vierſpännig durch die Geſellſchaft des Biſchofsſitzes fuhr und hatte gebeten, neben ſie auf den Bock des kühlen Ceremonien⸗ Klein Dorrit. VI. 3 34 Zweites Kapitel. wagens genommen zu werden, an den das Geſpann geſpannt war. Sein Heirathsantrag wurde von der Dame angenom⸗ men, und der Commiſſär nahm ſeinen Sitz hinten auf der Anſtandsfuhre mit großer Würde, und Mrs. General fuhr, bis der Commiſſär ſtarb. Im Verlauf ihrer gemeinſamen Reiſe überfuhren ſie verſchiedene Leute, welche der Anſtands⸗ kutſche in den Weg kamen, aber ſtets in vornehmer Weiſe und mit Gelaſſenheit. Nachdem der Commiſſär mit allem zum Leichengottes⸗ dienſte gehörigen Prunk beſtattet worden(alle Roſſe, welche der Anſtandsſtall enthielt, wurden vor ſeinen Leichenwagen Schabracken mit ſeinem Wappen in der Ecke) begann Mrs. General ſich zu erkundigen, welche Quantität von Staub und Aſche beim Bankier niedergelegt ſei. Da ergab ſich's denn, daß der Commiſſär gegenüber der Mrs. General in ſo fern einen Umgehungsmarſch ausgeführt, daß er ſich einige Jahre vor ſeiner Verheirathung eine Leibrente gekauft und dieſen Umſtand, als er in der Periode ſeines Antrags er⸗ wähnt, ſein Einkommen beſtehe in den Zinſen ſeines Gel⸗ des, mit Stillſchweigen übergangen hatte. Mrs. General fand in Folge deſſen ihre Mittel ſo verringert, daß ſie, wäre ihre Gemüthsverfaſſung nicht eine ſo vollkommen geregelte geweſen, ſich hätte geneigt fühlen können, die Genauigkeit jenes Theils des Sterbegottesdienſts in Frage zu ziehen, welcher erklärt hatte, daß der Commiſſär nichts mit ii hin⸗ wegnehmen könnte. 8 geſpannt und ſie hatten alle Federn und ſchwarzſammtne 5. Mrs. General. 35 Bei dieſem Stande der Angelegenheiten fiel es Mrs. General ein, daß ſie ja die„Gemüthsbildung“ und die Abrundung der Manieren irgend einer jungen Dame von Stande übernehmen, oder auch ihre Anſtandspferde vor die Kutſche einer jungen reichen Erbin oder Wittwe ſpannen und zu gleicher Zeit Kutſcher und Ehrenwächter eines ſol⸗ chen Fuhrwerks durch die ſociale Wirrniß ſein könne. Als Mrs. General dieſe Idee ihren Bekannten von der Geiſtlich⸗ keit und dem Commiſſariat mittheilte, fand ſie ſo warmen Beifall, daß es, wenn die unzweifelhaften Verdienſte der Dame nicht geweſen wären, hätte ſcheinen können, als ob man ſie los zu werden wünſchte. Zeugniſſe, welche Mrs. General als ein Wunder von Frömmigkeit, Gelehrſamkeit, Tugend und vornehmem Weſen darſtellten, wurden freigebig von einflußreicher Seite geſpendet, und ein ehrwürdiger Archidiaconus vergoß ſogar Thränen, als er in ſeinem Zeug⸗ niſſe ihre Vortrefflichkeiten(ihm beſchrieben von Perſonen, auf die er ſich verlaſſen konnte) aufführte, obſchon er in ſei⸗ nem ganzen Leben nie die Ehre und die moraliſche Befriedi⸗ gung gehabt, auf Mrs. General ſeine Augen zu werfen. So gleichſam von Kirche und Staat zu ihrer Miſſion entſendet, ſah Mrs. General, die ſtets eine hohe Stellung eingenommen, ſich in der Lage, ſie zu behaupten und begann damit, ſich zu ſehr hohem Preiſe auszubieten. Es verſtrich geraume Zeit, in welcher ſich kein Gebot auf Mrs. General fand. Endlich begann ein Wittwer auf dem Lande mit einer X vierzehnjährigen Tochter Verhandlungen mit der Dame, und 3* 3 * 1 36 Zweites Kapitel. da es ein Theil der angebornen Würde oder der künſtlichen Politik von Mrs. General(aber ſicherlich eines oder das an⸗ dere) war, ſich zu geberden, als ob ſie weit mehr geſucht ſei als ſuche, verfolgte der Wittwer ſie ſo lange, bis er ſie bewog, das Gemüth und die Manieren ſeiner Tochter zu bilden. Die Ausführung dieſer Aufgabe des Vertrauens nahm rs. General etwa ſieben Jahre in Anſpruch, in deren Ver⸗ lauf ſie die europäiſche Tour machte und das Meiſte von jenem ausgedehnten Gemiſch von Gegenſtänden ſah, in Be⸗ zug auf welches es weſentliches Erforderniß iſt, daß alle Per⸗ ſonen von Politur und Bildung es mit andrer Leute Augen und nie mit ihren eignen ſehen. Als ihr Zögling endlich gebildet war, wurde der Beſchluß gefaßt, daß ſich nicht blos die junge Dame, ſondern auch ihr Vater, der Wittwer, ver⸗ heirathen ſollte. Der Wittwer, der jetzt fand, daß Mrs. General ſowol unbequem, als auch koſtſpielig war, wurde plötzlich faſt ebenſo gerührt von ihrer Trefflichkeit, wie der Archidiaconus geweſen, und verbreitete allenthalben, wo er glaubte, es könne ſich eine Gelegenheit finden, den Him⸗ melsſegen auf Jemand anders zu übertragen, ſolche Lob⸗ ſprüche über ihren überſchwänglichen Werth, daß Mrs. Ge⸗ neral ein Name geehrter als je war.. Der Phönix war auf dieſem hohen Stengelchen zum Ver⸗ kauf ausgeſtellt, als Mr. Dorrit, welcher eben zu ſeinem Ver⸗ mögen gelangt war, gegen ſeine Bankiers erwähnte, daß er eine Dame, wohl erzogen, begabt, von guten Verbindungen, ge⸗ Mrs. General. 37 wöhnt an gute Geſellſchaft, geeignet, die Erziehung ſeiner Töchter zu vervollſtändigen und zugleich ihre Ehrenwächterin zu ſein, zu entdecken wünſche. Mr. Dorrit's Bankiers, als die Bankiers des Wittwers vom Lande, ſagten augenblick⸗ lich:„Mrs. General.“. Indem er das Licht, auf das er ſo glücklich geſtoßen, verfolgte und fand, daß das übereinſtimmende Zeugniß aller Bekannten von Mrs. General von der pathetiſchen Natur war, die bereits beſchrieben iſt, nahm Mr. Dorrit ſich, die Mühe, nach der Grafſchaft des Wittwers vom Lande zu gehen, um Mrs. General zu ſehen. Er fand in ihr eine Dame von einer Art, die ſeine höchſten Erwartungen übertraf. „Werde ich Entſchuldigung finden,“ ſagte Mr. Dorrit, „wenn ich frage, was für eine Entſchädigung“— „Je nun, in der That,“ erwiderte Mrs. General, ihm ins Wort fallend,„das iſt ein Gegenſtand, auf den ich nicht ein⸗ zugehen vorziehe. Ich bin mit meinen Freunden hier nie darauf eingegangen, und ich kann das Zartgefühl nicht über⸗ winden, Mr. Dorrit, mit dem ich ihn ſtets angeſehen habe. Ich bin, wie Sie hoffentlich wiſſen werden, keine Gouver⸗ nante.— „O bewahre, nein!“ ſagte Mr. Dorrit!„Bitte, Ma⸗ dame, geben Sie keinen Augenblick dem Gedanken Raum, daß ich das denke.“ Er erröthete förmlich über dieſen Verdacht. Mrs. General neigte mit ernſter Miene ihr Haupt.„Ich kann deshalb keinen Preis für Dienſte fordern, welche ich mit Vergnügen leiſte, wenn ich ſie freiwillig leiſten kann, 4 . Zweites Kapitel. 38 welche ich aber nicht leiſten könnte, als bloßes Entgelt, ſei es für welche Gegenleiſtung es wolle. Auch weiß ich nicht, wie oder wo ich einen Fall finden könnte, der meinem gleicht. Es iſt ſeltſam.“ Kein Zweifel. Aber wie könnte man dann(deutete Mr. Dorrit nicht unnatürlich an) dem Gegenſtande beikommen? „Ich kann nichts dagegen haben,“ ſagte Mrs. General, —„obſchon auch das mir unangenehm iſt,— wenn Mr. Dorrit ſich im Vertrauen bei meinen hieſigen Freunden er⸗ kundigt, was ſie gewohnt geweſen ſein mögen, in vierteljäh⸗ rigen Zwiſchenräumen mir bei meinem Bankier gutſchreiben zu laſſen.“ Mr. Dorrit verbeugte ſich zum Dank für die Auskunft. „Erlauben Sie mir hinzuzufügen,“ ſagte Mrs. General, „daß ich, wenn der Punkt wieder zur Sprache kommen ſollte, nicht darüber hinausgehen kann. Ebenſo, daß ich keine niedrigere Stellung annehmen kann. Wenn mir die Ehre angetragen werden ſollte, mit Mr. Dorrits Familie bekannt zu werden— ich glaube, es war von zwei Töchtern die Rede?“— „Zwei Töchter.“ „So könnte ich ſie nur auf die Bedingung vollkommener Gleichſtellung als Geſellſchafterin, Beſchützerin, Rathgeberin und Freundin annehmen.“ Mr. Dorrit war es trotz des Bewußtſeins von ſeiner Wichtigkeit zu Muthe, als ob es vollkommen ein Gefallen Mrs. General. 39 von ihr ſein würde, es unter allen Bedingungen, ſelbſt den beſten, anzunehmen. Er ſagte beinahe ſo viel. „Ich glaube, es war die Rede von zwei Töchtern?“ wie⸗ derholte Mrs. General. „Zwei Töchter,“ ſagte Mr. Dorrit abermals. „Es würde deshalb,“ ſagte Mrs. General,„nothwen⸗ dig ſein, ein Drittel mehr zu der Einzahlung zu fügen(wie hoch auch ihr Betrag ſich herausſtellen mag), welche meine Freunde hier gewohnt geweſen ſind, bei meinem Bankier zu machen.“ Mr. Dorrit verlor keine Zeit, die zarte Frage dem Witt⸗ wer vom Lande vorzulegen, und als er fand, daß er gewöhnt geweſen, Mrs. General dreihundert Pfund jährlich gut ſchrei⸗ ben zu laſſen, gelangte er, ohne ſeine Rechenkunſt zu ſehr in Anſpruch nehmen zu müſſen, zu dem Schluſſe, daß er vier⸗ hundert zahlen müſſe. Da Mrs. General eine Waare von jenem glänzenden Ausſehen war, welches andeutet, daß ſie jedes Preiſes werth iſt, ſo machte er ihr in aller Form den Antrag, es möge ihm erlaubt ſein, die Ehre und das Ver⸗ gnügen zu haben, ſie als Glied ſeiner Familie zu betrachten. Mrs. General hatte ihm dieſes hohe Privilegium ertheilt, und hier war ſie. Von Perſon war Mrs. General mit Einſchluß ihrer Un⸗ terröcke, die viel damit zu ſchaffen hatten, eine würdevolle und impoſante Erſcheinung, voll, ſtolz einherrauſchend, ernſt, voluminös, ſtets kerzengerade hinter den Anſtandspferden her. Man hätte ſie(und es war dies geſchehen) auf den 40 Zweites Kapitel. Gipfel der Alpen und in die Tiefe von Herkulanum mitneh⸗ men können, ohne daß eine Falte ihres Kleides aus der Ord⸗ nung gerathen wäre oder eine Stecknadel ihren Platz ver⸗ laſſen hätte. Wenn ihr Antlitz und Haar ein ziemlich meh⸗ liges Ausſehen hatten, wie wenn ſie in irgend einer über die Maßen vornehmen Mühle lebte, ſo war es mehr, weil ſie zu den Kalkſchöpfungen gehörte, als weil ſie ihre Geſichts⸗ farbe mit Veilchenpulver verſchönerte oder grau geworden war. Wenn ihre Augen keinen Ausdruck beſaßen, ſo war es wahrſcheinlich, weil ſie nichts auszudrücken hatten. Wenn ſie nur wenige Runzeln hatte, ſo war es, weil ihr Gemüth niemals ſeinen Namen oder irgendwelche andere Inſchrift auf ihr Geſicht geſchrieben hatte. Ein kaltes, wächſernes, ausgeblaſenes Weib, welches nie gut geleuchtet hatte. Mrs. General hatte keine Anſichten. Ihr Weg, ein Ge⸗ müth zu bilden, beſtand darin, daß ſie es davor bewahrte, ſich Anſichten zu bilden. Sie hatte einen kleinen runden Apparat von geiſtigen Geleiſen oder Schienen, auf welchem ſie kleine Züge von andrer Leute Anſichten laufen ließ, die einander nie einholten und nie irgendwohin gelangten. Selbſt ihr Anſtandsgefühl konnte nicht beſtreiten, daß es unanſtän⸗ dige Dinge in der Welt gibt; aber der Weg, wie Mrs. Ge⸗ neral dieſelben los wurde, beſtand darin, daß ſie ſie verſteckte und die Leute glauben machte, es gäbe nichts der Art. Dies war eine andere Art, wie ſie Gemüther bildete— ſie ſtopfte alle ſchwierigen Dinge in Wandſchränke, verſchloß ſie und Mrs. General. 41 ſagte dann, ſie ſeien nicht vorhanden. Es war der leichteſte Weg und ohne allen Vergleich der anſtändigſte. Mres. General durfte nie etwas Entſetzliches erzählt wer⸗ den. Unfälle, Leiden und Gewaltthaten durften nie gegen ſie erwähnt werden. Die Leidenſchaft mußte in ihrer Gegen⸗ wart ſchlafen gehen und Blut ſich in Milch und Waſſer ver⸗ wandeln. Mrs. General's Miſſion war es, das Wenige, was, wenn alle dieſe Abzüge gemacht worden, in der Welt übrig blieb, zu überfirniſſen. Bei dieſem ihrem Bildungs⸗ proceß tauchte ſie den kleinſten aller Pinſel in den größten der Töpfe und überfirnißte die Oberfläche jedes in Betracht kommenden Gegenſtandes. Je riſſiger er war, deſto mehr überfirnißte ihn Mrs. General. Es war Firniß in Mrs. Generals Stimme, Firniß in Mes. Generals Berührung, eine Atmoſphäre von Firniß um Mrs. Generals Geſtalt. Die Träume von Mrs. Ge⸗ neral hätten gefirnißt ſein müſſen— wenn ſie welche hatte — als ſie ſchlummernd in den Armen des guten Sanct Bernhard lag und der federige Schnee auf ſein Haus⸗ dach fiel. 42 Drittes Kapitel. Brittes Kagitel. Auf der Straße. Die helle Morgenſonne blendete die Augen, der Schnee hatte aufgehört zu fallen, die Nebel waren verſchwunden, die Bergluft war ſo rein und leicht, daß das neue Gefühl beim Einathmen derſelben von der Art war, als ob man in ein neues Leben getreten wäre. Um die Täuſchung zu ver⸗ ſtärken, ſchien der feſte Grund und Boden weg und der Berg, ein glänzendes Wirrſal unermeßlicher weißer Haufen und Maſſen, eine Region von Wolken zu ſein, die zwiſchen dem blauen Himmel und der Erde tief drunten ſchwebte. Einige dunkle Flecken im Schnee, wie Knoten an einem kleinen Faden, am Kloſterthor beginnend und ſich an dem Ab⸗ hange in unterbrochenen Strecken, welche noch nicht verbun⸗ den waren, hinabwindend, zeigten, wo die Brüder an ver⸗ ſchiedenen Stellen mit Bahnmachen beſchäftigt waren. Be⸗ reits hatte der Schnee um die Thüre herum begonnen, un⸗ ter den Füßen zu thauen. Maulthiere wurden geſchäftig herausgebracht, an die Ringe in der Mauer gebunden und beladen, Schellengeläute wurden angeſchnallt, Laſten zurecht⸗ gerückt, die Stimmen der Reiter und Treiber erſchallten wie Muſik. Einige von den am Früheſten Aufgeſtandenen be⸗ gannen bereits ihre Reiſe wieder und ſowol auf der ebenen Auf der Straße. 43 Höhe in der Nähe des dunklen Waſſers beim Kloſter, als auf dem Bergabwege nach der Seite, wo man geſtern her⸗ aufgekommen, zogen kleine Figuren von Menſchen und Maulthieren, zu Miniaturbildern verkleinert durch die Rie⸗ ſenhaftigkeit der Umgebung, mit lautem Schellengeklingel und angenehmer Harmonie von Stimmen hin. In dem Zimmer, wo man am vergangenen Abend ge⸗ ſpeiſt, glänzte ein neues Feuer, geſchichtet auf die federige Aſche des alten, auf ein einfaches Frühſtück von Brot, But⸗ ter und Milch. Es glänzte auch auf den Quartiermacher der Familie Dorrit, welcher für ſeine Geſellſchaft von einem Vorrath, den er nebſt einigen andern, vorzüglich zum Ge⸗ brauch der unbequemen Begleiterſchaar eingekauften kleinen Vorräthen mitgebracht, Thee machte. Mr. Gowan und Mr. Blandois von Paris hatten bereits gefrühſtückt und gingen, ihre Cigarren ſchmauchend, am See auf und ab. „Gowan alſo?“ murmelte Tip, alias Edward Dorrit, Esquire, indem er in dem Buche blätterte, als der Quartier⸗ macher ſie verlaſſen, um ihr Frühſtück einzunehmen.„Dann iſt Gowan der Name eines Großmauls, damit Punktum! Wenn es ſich für mich der Mühe verlohnte, würde ich ihn bei den Ohren nehmen. Aber es lohnt ſich zum Glück für ihn der Mühe für mich nicht. Wie geht's ſeiner Frau, Amy? Ich vermuthe, Du weißt es. Du weißt ja gewöhnlich der⸗ artige Dinge.“ „Sie iſt beſſer, Edward. Aber ſie reiſen heute nicht ab.“ „Oh! Sie reiſen heute nicht! Auch ein Glück für jenen 44 Drittes Kapitel. Kerl,“ ſagte Tip,„ſonſt hätten er und ich in Colliſion kom⸗ men können.“ „Man hält es hier für beſſer, daß ſie heute ruhig liegen bleibt und nicht eher als morgen durch den Ritt hinunter ermüdet und zuſammengeſchüttelt wird.“ „Ich gönne es ihr von ganzem Herzen. Aber Du ſprichſt ja, als ob Du ihre Wartefrau gemacht hätteſt. Du biſt mir doch nicht etwa(Mrs. General iſt nicht hier) in alte Ge⸗ wohnheiten verfallen, Amy?“ Er legte ihr die Frage mit einem ſchlauen Blicke der Beobachtung auf Miß Fanny und zugleich auf ſeinen Vater vor. „Ich bin blos drin geweſen, um zu fragen, ob ich Etwas für ſie thun könnte, Tip,“ ſagte Klein Dorrit. „Du brauchſt mich nicht Tip zu nennen, Amy, Kind,“ erwiderte dieſer junge Herr mit gerunzelter Stirn;„denn es iſt eine alte Gewohnheit und eine ſolche, die Du recht wohl ablegen kannſt.“ „Ich wollte nicht ſo ſagen, lieber Edward. Ich vergaß mich. Es war einſt ſo natürlich, daß es in dem Augenblicke das rechte Wort zu ſein ſchien.“ „O ja wohl,“ fiel Miß Fanny ein.„Natürlich, und das rechte Wort und einſt und alles Andere dazu! Unſinn, Du kleines Ding! Ich weiß ganz gut, weshalb Du ſolch ein Intereſſe an dieſer Mrs. Gowan genommen haſt. Mich führſt Du nicht hinter's Licht.“ 8 Auf der Straße. 45 „Ich werde es auch nicht verſuchen, Fanny. Sei nicht böſe.“ „Oh! Böſe!“ entgegnete die junge Dame ſchmollend. „Ich habe keine Geduld“(was in der That der Fall war). „Bitte, Fanny,“ ſagte Mr. Dorrit mit erhobenen Au⸗ genbrauen,„was meinſt Du damit? Erkläre Dich.“ „Oh, ſchon gut, Papa,“ erwiderte Miß Fanny.„Es hat nicht Viel zu bedeuten. Amy wird mich verſtehen. Sie kannte dieſe Mrs. Gowan vor dem geſtrigen Tage oder kannte ſie wenigſtens von Hörenſagen und ſie mag das nur eingeſtehen.“ „Mein Kind,“ ſagte Mr. Dorrit, ſich ſeiner jüngern Tochter zukehrend,„hat Deine Schweſter— irgend— hm — irgend einen Anhalt für dieſe ſeltſame Angabe?“ „Wie demüthig wir auch ſind,“ fiel Miß Fanny ein, ehe ſie antworten konnte,„ſo ſchleichen wir uns doch nicht in anderer Leute Stuben auf dem Gipfel kalter Berge und ſitzen mit den Leuten in der Kälte, wofern wir ſie nicht vorher ſchon kennen. Es iſt nicht ſehr ſchwierig zu errathen, weſſen Freundin Mrs. Gowan iſt. „Weſſen Freundin?“ erkundigte ſich ihr Vater. „Papa, ich bedauere, ſagen zu müſſen,“ erwiderte Miß Fanny, der es jetzt gelungen war, ſich in das Gefühl einer Beleidigten und Beklagenswerthen hineinzuarbeiten, was ſie oft ſehr eifrig anſtrebte,„daß ich ſie für eine Freundin jener ſehr anſtößigen und unangenehmen Perſ önlichkeit halte, welche mit einem völligen Mangel an allem Zartgefühl, 46 welches unſere Erfahrung uns hätte von ihm erwarten laſſen können, uns in ſo öffentlicher und muthwilliger Weiſe bei einer Gelegenheit, die wir nicht deutlicher bezeichnen zu wol⸗ len einverſtanden ſind, beleidigte und kränkte.“ „Amy, mein Kind,“ ſagte Mr. Dorrit, indem er einen milden Ernſt mit einer würdevollen väterlichen Liebe ver⸗ band,„iſt das der Fall?“ Klein Dorrit antwortete ſanft, ja, es verhielte ſich ſo. „Ja ſo iſt es!“ ſchrie Miß Fanny.„Natürlich! Ich ſagte es ja! Und jetzt, Papa, erkläre ich wirklich ein für alle Mal(dieſe junge Dame hatte die Gewohnheit, daſſelbe Ding ein für alle Mal jeden Tag ihres Lebens und ſelbſt mehrmals an Einem Tage zu erklären) daß dies ſchändlich iſt! Ich erkläre ein für alle Mal, daß damit ein Ende ge⸗ macht werden muß. Iſt es nicht genug, daß wir durchge⸗ macht haben, was nur uns bekannt iſt, oder müſſen wir es uns unabläſſig und ſyſtematiſch gerade von der in's Geſicht ſagen laſſen, welche unſere Gefühle am meiſten ſchonen ſollte? Sollen wir dieſem unnatürlichen Betragen jeden Augenblick unſeres Lebens ausgeſetzt ſein? Soll es uns nie erlaubt ſein, zu vergeſſen? Ich ſage nochmals, es iſt eine abſolute Schande!“ „Na, Amy,“ bemerkte ihr Bruder kopfſchüttelnd,„Du weißt, ich ſtehe auf Deiner Seite, wo ich nur kann und bei den meiſten Gelegenheiten. Aber ich muß ſagen, daß ich es meiner Seel' für eine unverantwortliche Mode, Deine ſchwe⸗ ſterliche Liebe zu zeigen, halte, einem Menſchen die Brücke zu Drittes Kapitel. Auf der Straße. 47 vertreten, welcher mich in der unanſtändigſten Weiſe behan⸗ delte, in welcher Eins Einen behandeln kann. Und welcher, weißt Du,“ fügte er überzeugend hinzu,„ein niederträchtiger Schuft ſein muß, ſonſt würde er ſich nicht ſo aufgeführt haben.“. „Und ſieh,“ ſagte Miß Fanny,„ſieh mal, was das in ſich ſchließt! Können wir je hoffen, von unſern Dienſtboten reſpectirt zu werden? Nimmermehr. Hier ſind unſere beiden Frauenzimmer und Papas Kammerdiener und ein Bedienter und ein Quartiermacher und allerhand anderes Zubehör von Leuten, und doch läuft Eines von uns mit Gläſern voll kal⸗ ten Waſſers herum wie eine Verrückte! Ei der Tauſend, ein Polizeimann,“ ſagte Miß Fanny,„könnte, wenn ein Bettler auf der Straße in Ohnmacht fiele, nicht ſchlimmer mit Glä⸗ ſern herumgießen, als dieſe Amy in dieſem Zimmer geſtern Abend vor unſern Augen.“ „Ich mache mir nicht ſo viel daraus, wenn das ein Mal paſſirt,“ bemerkte Mr. Edward,„aber mit Deinem Clen⸗ nam, wie er's für paſſend hält ſich zu nennen, iſt's eine andere Sache. „Er gehört in daſſelbe Kapitel,“ erwiderte Miß Fanny, „und zu allem Uebrigen. Erſtens drang er ſich uns auf. Wir brauchten ihn durchaus nicht. Ich wenigſtens zeigte ihm, daß ich ſeine Gegenwart mit dem größten Vergnügen hätte entbehren können. Dann fügt er uns jene großartige Krän⸗ kung zu, welche er nie begangen haben könnte oder würde, wenn es ihm nicht Vergnügen gemacht hätte, uns vor der 48 Drittes Kapitel. Welt zu blamiren, und dann ſollen wir erniedrigt werden, indem ſeinen Freunden Dienſte erwieſen werden. Ei, ich wundere mich nicht über das Benehmen dieſes Mr. Gowan gegen Dich. Was ſonſt war zu erwarten, wo er ſich über unſer vergangenes Mißgeſchick freute— ſich in dem Augen⸗ blicke gerade daran weidete?“ „Vater— Edward— wahrhaftig nicht!“ flehte Klein Dorrit.„Weder Mr. noch Mrs. Gowan hat jemals unſern Namen gehört. Sie waren und ſie ſind ganz unbekannt mit unſerer Geſchichte.“ „Um ſo ſchlimmer,“ fuhr Fanny ſie an, entſchloſſen, keine Milderungsgründe zuzulaſſen;„denn alsdann haſt Du gar keine Entſchuldigung. Wenn ſie Etwas von uns gewußt hät⸗ ten, ſo hätteſt Du Dich haben veranlaßt ſehen können, ſie zu verſöhnen. Das würde ein ſchwacher und lächerlicher Mißgriff geweſen ſein, aber ich kann vor einem Mißgriff Reſpect haben, während ich vor einer muthwilligen und überlegten Herabwürdigung Derer, die uns die Nächſten und Liebſten ſein ſollten, keinen Reſpect haben kann. Nein, ich kann davor keinen Reſpect haben. Ich kann nichts thun, als darüber Klage führen.“ „Ich beleidige Dich nie mit Vorſatz, Fanny,“ ſagte Klein Dorrit,„und doch biſt Du ſo hart gegen mich.“ „Dann ſollteſt Du vorſichtiger ſein, Amy,“ erwiderte ihre Schweſter.„Wenn ich an einem eigenthümlichen Orte und unter eigenthümlichen Umſtänden geboren worden wäre, die mein Bewußtſein von dem, was ſchicklich iſt, verdunkel⸗ Auf der Straße. 49 ten, ſo würde ich mich, glaube ich, verpflichtet glauben, bei jedem Schritt mir zu überlegen: Bin ich etwa, ohne es zu wiſſen, im Begriff, irgend einen nahen und theuren Ver⸗ wandten zu compromittiren? Das iſt's, was ich, wie ich glaube, thun würde, falls es mit mir ſo ſtünde.“ Mr. Dorrit ſchlug ſich jetzt in's Mittel, um einerſeits dieſen peinlichen Erörterungen durch ſeine Autorität ein Ende zu machen, andererſeits durch ſeine Weisheit auf die Moral derſelben hinzuweiſen. „Meine Liebe,“ ſagte er zu ſeiner jüngern Tochter,„ich bitte dich— hm— nichts mehr zu ſagen. Deine Schweſter Fanny drückt ſich ſtark aus, aber nicht ohne erheblichen Grund. Du haſt jetzt eine— hm— eine hohe Stellung feſtzuhalten. Dieſe hohe Stellung wird nicht blos von Dir eingenommen, ſondern auch von— ha— von mir und— hm, ha— von uns Allen. Von uns. Nun liegt es allen Leuten, welche eine hohe Stellung einnehmen, aber— aus Gründen, bei denen ich— ha— mich nicht aufhalten will, ganz beſonders unſerer Familie ob, ſich Reſpect zu verſchaf⸗ fen. Wachſam zu ſein, indem man ſich Reſpect verſchafft. Leute, die von uns abhängen, müſſen wir, um uns bei ihnen in Reſpect zu ſetzen, uns— ha— fern halten und — hm— niederhalten. Nieder. Daher iſt es— ha— höchſt wichtig, daß Du Dich nicht den Bemerkungen unſerer Dienſtleute ausſetzeſt, indem Du irgend ein Mal auf ihre Dienſtleiſtungen verzichtet und ſie ſelbſt beſorgt zu haben ſcheinſt.“ Klein Dorrit. VI. 4 50 Drittes Kapitel. „Ei freilich, wer kann daran zweifeln?“ ſchrie Miß Fanny.„Das iſt die Hauptſache.“ „Fanny,“ erwiderte ihr Vater feierlich,„erlaube mir, meine Liebe. Wir kommen nun zu— ha— zu Mr. Clen⸗ nam. Ich muß geſtehen, Amy, daß ich die Empfindungen Deiner Schweſter in Bezug auf Mr. Clennam nicht— das heißt nicht durchaus— hm— nicht durchaus theile. Ich begnüge mich, jenes Individuum im Lichte eines Menſchen zu betrachten, der ſich— hm— gut benommen hat. Hm. Der ſich gut benommen hat. Auch will ich die Frage nicht auf⸗ werfen, ob Mr. Clennam ſich je— ha— mir zum Geſell⸗ ſchafter aufgedrungen hat. Er wußte, daß mein Umgang— hm— geſucht war, und er könnte ſich damit vertheidigen, daß er mich im Licht eines öffentlichen Charakters betrachtet habe. Aber es waren Umſtände mit meiner— ha— ober⸗ flächlichen Bekanntſchaft mit Mr. Clennam(ſie war ſehr oberflächlich) verbunden, welche“— hier wurde Mr. Dorrit über die Maßen ernſt und feierlich—„es von Mr. Clennam höchſt undelicat erſcheinen laſſen würden, wenn er— ha— ſeine Verbindung mit mir oder mit irgend einem Gliede meiner Familie unter den gegenwärtigen Umſtänden erneuern wollte. Wenn Mr. Clennam hinreichend viel Zartgefühl hat, um die Ünſchicklichkeit jedes dahinzielenden Verſuchs einzuſehen, ſo bin ich als verantwortlicher Mann von feinen Sitten verpflichtet, mich— ha— dieſem Zartgefühl auf ſei⸗ ner Seite zu fügen. Wenn andererſeits Mr. Clennam jenes Zartgefühl nicht hat, ſo kann ich keinen Augenblick— ha— Auf der Straße. 51 in irgendwelchen Verkehr treten mit einem— ha— ſo rohen Gemüthe. In beiden Fällen ſcheint es, daß von Mr. Clen⸗ nam keine Rede mehr ſein kann, und daß wir nichts mit ihm zu thun haben, er nichts mit uns. Ha— Mrs. General.“ Der Umſtand, daß die von ihm angekündigte Dame eintrat, um ihren Platz am Frühſtückstiſche einzunehmen, machte der Discuſſion ein Ende. Bald nachher meldete der Quartiermacher, daß der Kammerdiener und der Bediente und die beiden Dienſtmädchen und die vier Führer und die vierzehn Maulthiere in Bereitſchaft ſeien. So ging die Frühſtücksgeſellſchaft aus dem Kloſterthor hinaus, um ſich der Kavalcade anzuſchließen. Mr. Gowan ſtand mit ſeiner Cigarre und ſeinem Blei⸗ ſtift bei Seite, aber Mr. Blandois war bei der Hand, um den Damen ſeine Hochachtung zu beweiſen. Als er galant ſeinen Schlapphut vor Klein Dorrit abzog, kam es ihr vor, als habe er, als er in ſeinen dunkeln Mantel gehüllt im Schnee ſtand, ein noch unheimlicheres Ausſehen, als ver⸗ gangene Nacht vor dem Lichte des Feuers. Da aber ſowol ihr Vater als ihre Schweſter ſeine Huldigung einigermaßen günſtig aufnahmen, ſo enthielt ſie ſich, irgend welches Miß⸗ trauen in Betreff ſeiner verlauten zu laſſen, indem ſie fürch⸗ tete, es könnte ſich als ein neuer Makel, hervorgegangen aus ihrer Geburt im Gefängniß, erweiſen. Nichtsdeſtoweniger ſah ſie ſich, als ſie ſich, während das Kloſter noch ſichtbar war, den rauhen Pfad hinabwanden, mehr als einmal um und erkannte vor dem Rauche des Klo⸗ 4* 52 Drittes Kapitel. ſters, welcher gerade und hoch aus den Schornſteinen in einem goldnen Dunſte emporſtieg, Mr. Blandois, wie er ſtets auf einem hervortretenden Punkte ſtand und ihnen nachblickte. Lange nachdem er ein bloßer Punkt im Schnee geworden, war ihr zu Muthe, als könnte ſie noch immer jenes feine Lächeln, jene Habichtsnaſe und jene Augen ſehen, die ihr ſo nahe ſtanden. Und ſelbſt nachher, als das Kloſter verſchwunden war und einige leichte Morgenwolken den Paß unter ihnen verſchleierten, ſchienen die geſpenſtiſchen Weg⸗ weiſerarme an dem Rande der Straße alleſammt nach ihm hinaufzuzeigen. Verrätheriſcher vielleicht als Schnee, kälter im Herzen und ſchwerer zu ſchmelzen verſchwand allmälig Blandois von Paris aus ihren Gedanken, als ſie in mildere Regionen hinabkamen. Wieder war die Sonne warm, wieder trank man Erfriſchung aus den Bächen, die von den Gletſchern und Schneeklüften herabkamen, wieder kamen ſie unter die Fichtenbäume, die Felſenbächlein, die grünen Höhen und Thäler, die hölzernen Sennhütten und die plumpen Zickzack⸗ zäune des Schweizerlandes. Bisweilen erweiterte ſich der Weg ſo, daß ſie neben ihrem Vater her reiten konnte. Und dann einen Blick zu werfen auf ihn, wie er hübſch gekleidet war in ſeine Pelze und ſein feines Tuch, wie er reich, frei, zahlreich bedient und begleitet war, wie ſeine Blicke in die Ferne ſchweiften und die Herrlichkeiten der Landſchaft genoſſen und keine trübſelige Scheidewand vor ihnen war, um ſein Ge⸗ Auf der Straße. 53 ſicht zu verdunkeln und ſeine Schatten auf ihn zu werfen, war Glück genug. Ihr Oheim war inſofern von jenem Schatten von Einſt befreit, daß er die Kleider, die man ihm gab, trug und als Opfer zu Ehren der Familie einige Abwaſchungen vollbrachte, und hinging, wohin man ihn mitnahm, und dabei ein ge⸗ wiſſes gelaſſenes Behagen an den Tag legte, welches auszu⸗ drücken ſchien, daß die Luft und der Aufenthaltswechſel ihm gutthaten. In allen andern Beziehungen, eine ausgenom⸗ men, leuchtete er mit keinem andern Lichte, als dem, welches ſein Bruder auf ihn warf. Seines Bruders Größe, Reich⸗ thum, Freiheit und Pracht erfreuten ihn ohne Rückſicht auf ſich ſelbſt. Schweigſam und zurückhaltend, hatte er keinen Gebrauch für die Sprache, wofern er ſeinen Bruder ſprechen hören konnte, keinen Wunſch nach Bedienung, ſodaß die Dienerſchaft ſich ganz ſeinem Bruder widmete. Die einzige bemerkbare Veränderung, die er an ſich entwickelte, war ein Wechſel ſeines Benehmens gegen ſeine jüngere Nichte. Jeden Tag verfeinerte dies ſich mehr zu einer deutlich ausgeprägten Hochachtung, wie ſie das Alter ſehr ſelten der Jugend er⸗ weiſt und wie ſie, hätte man ſagen können, noch ſeltener in einer ſo paſſenden Weiſe ſich anbringen läßt. Bei ſolchen Gelegenheiten, wo Miß Fanny ihr:„Ich erkläre ein für alle Mal“ vorbrachte, pflegte er die nächſte Gelegenheit zu ergrei⸗ fen, ſeinen grauen Kopf vor ſeiner jüngern Nichte zu ent⸗ blößen, oder ihr beim Aufſteigen zu helfen, oder ſie nach der Kutſche zu führen oder ihr mit der tiefſten Achtung irgend⸗ 54 Drittes Kapitel. welche andere Aufmerkſamkeiten zu erweiſen. Dennoch ſchien es nie übel angebracht oder gezwungen, da es ſtets herzlich einfach, freiwillig und echt war. Auch willigte er ſelbſt, wenn ſein Bruder ihn aufforderte, nie ein, daß man ihm vor ihr zu einem Platze verhalf oder daß er ihr in irgend Etwas vorging. Er war ſo eifrig beſorgt, daß ihr der gebührende Reſpect erwieſen wurde, daß er auf dieſer ſelben Reiſe vom Großen St. Bernhard hinab plötzlich in eine heftige Wuth gerieth, weil der Bediente aus Nachläſſigkeit ihr nicht den Steigbügel gehalten, obwol er in der Nähe geſtanden hatte, als ſie abgeſtiegen war, und ſetzte den ganzen Zug in unaus⸗ ſprechliche Verwunderung, indem er auf einem dickköpfigen Maulthiere einen Angriff auf ihn machte, ihn in einen Win⸗ kel drängte und ihn todtzutreten drohte. Sie waren eine gern geſehene Geſellſchaft und die Gaſt⸗ wirthe ehrten ſie faſt wie Götter. Wo ſie hinkommen moch⸗ ten, ging ihnen ihre Wichtigkeit in der Perſon des Quar⸗ tiermachers voraus, der vor ihnen herritt, um zu ſehen, ob die Prunkzimmer bereit waren. Er war der Herold der Fa⸗ milienproceſſion. Die große Reiſekutſche kam ſodann, welche im Innern Mr. Dorrit, Miß Dorrit, Miß Amy Dorrit und Mrs. General, außen eines von den Dienſtleuten und(bei ſchönem Wetter) Edward Dorrit Esquire enthielt, für den der Bockreſervirtwar. Dann kam die kleine Kutſche, welche Frederick Dorrit Esquire enthielt und einen leeren Platz, den Edward Dorrit Esquire einnahm, wenn das Wetter naß war. Dann kam der Fourgon mit dem Reſt der Dienſtleute, dem ſchweren Auf der Straße. 55 Gepäck und, ſoviel als er tragen konnte, von dem Schmutz und Staub, welchen die andern Fuhrwerke hinter ſich ließen. Dieſe Equipagen ſchmückten bei der Rückkehr der Familie voon ihrem Ausflug ins Gebirge den Hof des Hotels zu Mar⸗ ligny. Andere Fuhrwerke waren da, indem viel Geſellſchaft aauf der Straße war, Fuhrwerke von der geflickten italieni⸗ ſchen Vettura— die ausſah, als ob man den Kaſten einer Schaukel von einem engliſchen Jahrmarkte auf einen hölzer⸗ nen Präſentirteller mit Rädern gelegt und einen zweiten höl⸗ zernen Präſentirteller oben darauf gedeckt— bis hinauf zu der ſchmucken engliſchen Kutſche. Aber es gab da noch einen an⸗ dern Schmuck des Hotels, den Mr. Dorrit ſich nicht ausbe⸗ dungen hatte. Zwei fremde Reiſende verſchönerten eines ſeiner Zimmer. Der Gaſtwirth, der mit dem Hut in der Hand im Hofe ſtand, betheuerte dem Quartiermacher mit Eiden, daß er außer ſich, daß er troſtlos, daß er im tiefſten Herzen beküm⸗ mert, daß er der unglückſeligſte und elendeſte aller Viehkerle, daß er wie mit dem Knüppel vor den Kopf geſchlagen ſei. Er hätte es, ſagte er, nun und nimmermehr geſtatten ſollen, aber die ſehr vornehme Dame hätte ihn ſo inſtändig gebeten, ihr dieſe Stube nur auf eine kleine halbe Stunde zu über⸗ laſſen, um darin zu ſpeiſen, daß er ſich ergeben hätte. Die kleine halbe Stunde ſei verſtrichen, die Dame und der Herr nähmen ihr Bischen Nachtiſch ein und ihr halbes Täſſchen Kaffee, die Rechnung wäre bezahlt, die Pferde beſtellt, ſie würden unverzüglich abreiſen, aber in Folge eines unſeligen 56 Drittes Kapitel. Geſchicks und des Fluchs des Himmels wären ſie noch nicht fort. 3 Nichts konnte größer ſein, als Mr. Dorrits Entrüſtung, als er ſich am Fuße der Treppe umwendete und dieſe Ent⸗ ſchuldigungen hörte. Es war ihm zu Muthe, als ob die Würde der Familie von der Hand eines Meuchelmörders ge⸗ troffen worden ſei. Er hatte ein äußerſt feines Gefühl von ſeiner Würde. Er vermochte einen Plan dagegen zu ent⸗ decken, wo Niemand Etwas von der Sache gewahr wurde. Sein Leben wurde zu einem wahren Todeskampfe durch die Menge feiner Meſſerchen, die er unaufhörlich mit dem Zer⸗ ſchneiden ſeiner Würde beſchäftigt ſah. „Iſt es möglich, Sir,“ ſagte Mr. Dorrit über die Maßen erröthend,„daß Sie die— ha— die Frechheit gehabt ha⸗ ben, eines meiner Zimmer zur Verfügung andrer Leute zu ſtellen?“ „Bitte tauſend Mal um Verzeihung! Es wäre des Wirths größtes Unglück, daß er ſich von jener allzu vornehmen Dame habe überreden laſſen. Er bäte Monſeigneur flehentlich, ihm nicht zu zürnen. Er werfe ſich Monſeigneur zu Füßen und bäte um ein mildes Urtheil. Wenn Monſeigneur nur die Gnade haben wollte, den andern beſonders für ihn reſervir⸗ ten Salon auf fünf Minuten einzunehmen, ſo würde Alles gut gehen.“ „Nein, Sir,“ ſagte Mr. Dorrit.„Ich will gar keinen Salon einnehmen. Ich will Ihr Haus verlaſſen, ohne zu 1nſppagwaag dum anmnf aag in l 2 84——C—C—QꝗQ—— A— Auf der Straße. 57 eſſen oder zu trinken oder auch nur einen Fuß hineinzuſetzen. Wie können Sie ſich unterſtehen, in dieſer Weiſe zu han⸗ deln? Wer bin ich, daß Sie mich— ha— von andern hochgeſtellten Leuten trennen?“ Ach wehe! Der Wirth rief alle Welt zum Zeugen, daß Monſeigneur der liebenswürdigſte aller Herren von Adel ſei, der vornehmſte, der ſchätzenswertheſte, der verehrteſte. Wenn er Monſeigneur von andern getrennt habe, ſo ſei es blos des⸗ halb, weil er vornehmer, liebenswürdiger, großmüthiger und berühmter ſei. „Sagen Sie mir das nicht,“ erwiderte Mr. Dorrit in gewaltiger Hitze.„Sie haben mich verhöhnt. Sie haben Beleidigungen auf mich gehäuft. Wie können Sie ſich das unterſtehen? Erklären Sie ſich.“ 3 Ach gerechter Himmel, wie könnte er, der Wirth, ſich er⸗ klären, wo er nichts weiter zu erklären hätte, wo er ſich nur entſchuldigen, ſich nur der wohlbekannten Großmuth Mon⸗ ſeigneurs anvertrauen könnte. „Ich ſage Ihnen, Sir,“ ſagte Mr. Dorrit vor Aerger keuchend,„daß Sie mich— ha— von andern hochſtehenden Leuten trennen, daß ſie Unterſchiede machen zwiſchen mir und andern vermögenden und angeſehenen Leuten. Ich frage Sie, weshalb? Ich wünſche zu wiſſen, mit welchem Rechte, auf weſſen Veranlaſſung. Antwort, Sir. Erklären Sie. Sagen Sie, warum.“ Der Wirth bat, ihm zu erlauben, daß er dann in aller Demuth dem Herrn Quartiermacher auseinanderſetze, daß 58 Drittes Kapitel. Monſeigneur, gewöhnlich ſo gnädig, ſich ohne Grund erzürne. Es gäbe kein Warum. Der Herr Quartiermacher möge doch Monſeigneur vorſtellen, daß er ſich täuſche, wenn er den Ver⸗ dacht hege, es gäbe irgend ein anderes Warum, als das Warum, welches ſein ergebener Diener bereits die Ehre ge⸗ habt, ihm vorzuſtellen.„Die ſehr vornehme Dame“— „Still geſchwiegen!“ ſchrie Mr. Dorrit.„Halten Sie das Maul! Ich will nichts mehr hören von der ſehr vor⸗ nehmen Dame, ich will nichts mehr von Ihnen hören. Se⸗ hen Sie dieſe Familie— eine Familie— eine Familie an, die vornehmer als irgend eine Dame in der Welt iſt. Sie haben dieſe Familie mit Geringſchätzung behandelt; Sie ſind unverſchämt geweſen gegen dieſe Familie. Ich will Sie zu Grunde richten. Ha, ſchickt nach den Pferden, packt die Wagen, ich will keinen Fuß mehr in dieſes Mannes Haus ſetzen!“ Niemand hatte ſich in dieſen Streit gemiſcht, welcher über die Kenntniß, die Edward Dorrit Esquire von der franzöſiſchen Sprache hatte, hinausging und kaum im Be⸗ reich der Damen lag. Miß Fanny indeß unterſtützte jetzt ihren Vater mit großer Bitterkeit, indem ſie in ihrer Hei⸗ matszunge erklärte, daß es ganz klar ſei, es wäre etwas Be⸗ ſonderes in der Unverſchämtheit dieſes Menſchen, und daß ſie es für wichtig hielt, ihn durch irgend ein Mittel zu nöthi⸗ gen, daß er ſich des Rechts begebe, Unterſchiede zwiſchen die⸗ ſer Familie und andern reichen Familien zu machen. Was für Gründe er zu ſeiner Anmaßung habe, war ſie ſich vorzu⸗ Auf der Straße. 59 ſtellen nicht im Stande; Gründe aber müſſe er haben, und ſie ſollten ihm ausgeriſſen werden. Alle Führer, Maulthiertreiber und Herumtreiber im Hofe hatten Zuſchauer bei dieſer zornigen Auseinanderſetzung ab⸗ gegeben und es machte großen Eindruck auf ſie, als der Quartiermacher ſich jetzt beeilte, die Wagen hinauszubringen. Mit Hülfe von etwa einem Dutzend Leuten an jedem Rade wurde dies mit großem Lärm vollbracht, und dann ſchritt man zum Aufladen, während der Zeit, ehe die Pferde vom Poſthauſe ankamen. Da indeß die engliſche Kutſche der ſehr vornehmen Dame bereits angeſpannt und an der Thür des Gaſthofs war, ſo ſchlüpfte der Wirth hinauf, um ſeinen unglücklichen Fall vorzuſtellen. Dies wurde dem Hofe dadurch bekannt, daß er jetzt in Begleitung des Herrn und der Dame die Treppe her⸗ unterkam und ihnen mit einer bezeichnenden Handbewegung die beleidigte Majeſtät Mr. Dorrits zeigte. „Ich bitte Sie um Verzeihung,“ ſagte der Herr, indem er ſich von der Dame losmachte und vortrat; ich bin ein Mann von wenig Worten und nicht recht gemacht zu Erklärungen— aber die Dame hier wünſcht über die Maßen ſehr, daß es zu keinem Spektakel kommt. Die Dame— meine NMutter, wünſcht, daß ich ſage, ſie hoffe, es werde keinen Spektakel geben.“ Mr. Dorrit, der noch immer unter ſeinem Unrecht keuchte, begrüßte den Herrn und begrüßte die Dame in einer kalten, kurzen, unüberwindlichen Weiſe. 60 Drittes Kapitel. „Nein, aber wirklich— hier, alter Junge, Sie!“ Dies war die Art, in welcher der Herr an Edward Dorrit, Esquire appellirte, auf den er ſich als einen großen ihm von der Vor⸗ ſehung geſandten Troſt warf.„Laſſen Sie uns Beide es ver⸗ ſuchen, die Sache ins Gleiche zu bringen. Die Dame wünſcht gar ſo ſehr, daß kein Spektakel draus wird.“ Edward Dorrit, Esquire, beim Knopfe bei Seite geführt, nahm eine diplomatiſche Miene an, als er antwortete:„Je nun, Sie müſſen eingeſtehen, daß es, wenn man eine Reihe von Zimmern im Voraus beſpricht und ſie Einem gehören, nicht angenehm iſt, andre Leute drin zu finden.“ „Nein,“ ſagte der Andere,„ich weiß, es iſt nicht ange⸗ nehm. Ich gebe es zu. Aber dennoch wollen wir Beide ver⸗ ſuchen, es ins Gleiche zu bringen und Spektakel zu vermeiden. Es iſt nicht dieſes Menſchen, ſondern meiner Mutter Schuld. Da ſie ein merkwürdig hübſches Frauenzimmer iſt mit gar kei⸗ nem verdammten Unſinn an ſich— außerdem wohlerzogen — ſo war ſie für dieſen Menſchen zu viel. Steckte ihn voll⸗ kommen in die Taſche.“ „Wenn das der Fall iſt“— begann Edward Dorrit⸗ Esquire. „Verſichere Sie,'s iſt meiner Seel' der Fall. Folglich,“ ſagte der andere Herr, indem er ſich auf ſeine Hauptpoſition zurückzog,„weshalb Spektakel machen?“ „Edmund,“ ſagte die Dame vom Thorwege her,„hoffent⸗ lich haſt du erklärt oder erklärſt eben zur Befriedigung dieſes Auf der Straße. 61 Herrn und ſeiner Familie, daß der höfliche Wirth nicht die Schuld hat.“ „Verſichere Dir, Mutter“ erwiderte Edmund,„rede mich ganz lendenlahm damit.“ Er blickte dann einige Sekunden feſt auf Edward Dorrit, Esquire und fügte dann plötzlich mit einem Ausbruch von Vertrauen hinzu:„Na, alter Junge. Iſt's abgemacht?“ „Ich weiß trotzdem nicht,“ ſagte die Dame, indem ſie anmuthig ein paar Schritte gegen Mr. Dorrit vortrat, „ob ich es nicht lieber ſelbſt ohne Weiteres herausſage, daß ich dieſem guten Mann verſicherte, ich nähme alle Folgen auf mich, als ich die Zimmer eines Fremden während ſeiner Abweſenheit auf ſo viel(oder ſo wenig) Zeit einnahm, als ich zum Eſſen bedurfte. Ich hatte keine Idee, daß der recht⸗ mäßige Eigenthümer ſobald zurückkommen würde, und eben⸗ ſowenig hatte ich eine Idee, daß er ſchon zurückgekommen wäre, da ich mich ſonſt beeilt haben würde, meine unrecht⸗ mäßig erworbene Stube zurückzugeben und meine Erklärung und Entſchuldigung anzubieten. Ich hoffe, indem ich dies ſage“— Einen Augenblick ſtand die Dame, mit einem Glaſe an ihrem Auge, wie an den Boden gewurzelt und ſprachlos vor den beiden Miß Dorrit. In demſelben Augenblicke hielt Miß Fanny im Vordergrund der großartigen maleriſchen Compo⸗ ſition, die von der Familie, den Familienequipagen und der Familiendienerſchaft gebildet wurde, ihre Schweſter ſtramm am einem Arme, um ſie auf der Stelle feſtzuhalten, und fächelte ſich mit dem andern Arme mit vornehmer Miene Küh⸗ Drittes Kapitel. lung zu, während ſie nachläſſig die Dame vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete. Die Dame, die ihre Beſinnung raſch wiederfand— denn es war Mrs. Merdle und die war nicht leicht zu verblüffen — fuhr fort, indem ſie hinzufügte, daß ſie hoffe, das Ge⸗ ſagte werde zur Entſchuldigung ihrer Kühnheit ausreichen und dem wackern Gaſtwirthe die Gunſt wieder erwerben, die ihm ſo werthvoll ſei. Mr. Dorrit, dem dies Weihrauch auf dem Altar ſeiner Würde war, gab eine gnädige Antwort und ſagte, daß ſeine Leute— ha— die Pferde wieder abbeſtellen ſollten, und daß er— hm— überſehen wolle, was er zuerſt für eine Verhöhnung gehalten habe, jetzt aber als eine Ehre betrachte. Darauf verbeugte ſich der Buſen vor ihm, und ſeine Eigenthümerin ſagte mit einer bewundernswerthen Beherr⸗ ſchung ihrer Mienen durch ein gewinnendes Lächeln den bei⸗ den Schweſtern als jungen Damen von Vermögen, denen ſie von vornherein ſehr günſtig geſtimmt war und die ſie nie das Vergnügen gehabt, ſchon zu ſehen, Lebewohl. Nicht ſo Mr. Sparkler. Dieſer Herr, der in demſelben Augenblicke wie ſeine vornehme Frau Mutter feſtwurzelte, konnte ſich durchaus nicht wieder losbekommen, ſondern ſtand ſteif da und ſtarrte das Gemälde mit Miß Fanny im Vorder⸗ grund an. Als ſeine Mutter ſagte:„Edmund, wir ſind ganz bereit, willſt du mir Deinen Arm geben?“ ſchien er, nach der Bewegung ſeiner Lippen zu urtheilen, mit einer Bemerkung zu antworten, welche die Form von Worten in ſich begriff, in weſcher ſeine glänzenden Talente ſich am häufigſten äußerten, Auf der Straße. 63 aber er regte keine ſeiner erſtarrten Muskeln. Seine Geſtalt war ſo ſtarr geworden, daß es eine ziemlich ſchwierige Sache geweſen ſein würde, ihn hinreichend zu beugen, um ihn durch die Wagenthür zu kriegen, wenn ihm nicht durch einen müt⸗ terlichen Ruck bei Zeiten Hülfe geworden wäre. Er war nicht ſobald drinnen, als die Klappe des Fenſterchens am Rückende der Kutſche verſchwand und ſein Auge den Platz derſelben ein⸗ nahm. Dort verblieb es ſo lange, als ein ſo kleiner Gegen⸗ ſtand erkennbar war und vielleicht noch viel länger und ſtarrte (wie wenn etwas unausſprechlich Ueberraſchendes einem Stock⸗ fiſch begegnet) gleich einem ſchlecht gemalten Auge in einer großen Augenhöhle. Dieſes Zuſammentreffen war Miß Fanny ſo höchſt ange⸗ nehm und gab ihr ſpäter ſo viel Gelegenheit zu triumphiren⸗ dem Denken, daß es ihre Bitterkeit ausnehmend milderte. Als die Proceſſion am nächſten Tage wieder in Bewegung war, nahm ſie ihren Platz mit neuer Heiterkeit ein und zeigte in der That ſolch ein Leben und ſolch eine gute Laune, daß Mrs. General ein ziemlich verwundertes Geſicht machte. Klein Dorrit war froh, daß man an ihr nichts zu tadeln fand, und daß ſie Fanny vergnügt ſah; aber ihre Rolle bei der Proceſſion war eine nachdenkliche und eine ruhige. In⸗ dem ſie in der Reiſekutſche ihrem Vater gegenüberſaß und ſich die alte Stube im Marſhalſea zurückrief, war ihr gegenwär⸗ tiges Daſein ihr ein Traum. Alles, was ſie ſah, war neu und wunderbar, aber es war nicht wirklich. Es ſchien ihr, als ob dieſe Viſionen von Bergen und maleriſchen Ländern in jedem 64 Drittes Kapitel. Augenblicke wegſchmelzen und die Kutſche, ſich plötzlich um irgend eine Ecke drehend, mit einem Ruck vor der alten Mar⸗ ſhalſea⸗Pforte ſtill halten könnte. Nichts zu thun zu haben, war ſeltſam, aber nicht halb ſo ſeltſam, als in eine Ecke geglitten zu ſein, wo ſie für Niemand zu denken, nichts zu überlegen und zu ſchaffen und ſich mit keinen Sorgen Anderer zu beladen hatte. Seltſamer, noch weit ſelt⸗ ſamer war es, einen Raum zwiſchen ſich und ihrem Vater zu finden, wo Andere ſich beſchäftigten, für ihn Sorge zu tragen und wo man ſie durchaus nicht erwartete. Zuerſt war dies ihrer früheren Erfahrung ſo unähnlich geweſen, mehr noch als die Berge ſelbſt, daß ſie nicht im Stande geweſen war, ſich drein zu finden und verſucht hatte, ihre alte Stelle bei ihm zu behaupten. Aber er hatte mit ihr unter vier Augen geſprochen und hatte geſagt, daß Leute— ha— Leute in hoher Stellung, meine Liebe, gewiſſenhaft darauf bedacht ſein müſſen, ſich bei ihrer Dienerſchaft in Achtung zu ſetzen, und daß es für ſie, ſeine Tochter, Miß Amy Dorrit von dem einzigen noch übrigen Zweige der Dorrits von Dorſetſhire, ſich mit jener Achtung nicht vertragen werde, wenn man viſſe, ſie beſchäftige ſich damit, daß ſie die Obliegenheiten eines Kammerdieners er⸗ fülle. Deshalb, meine Liebe, lege er— ha— es ihr als Vater an's Herz, ſich zu erinnern, daß ſie eine Dame ſei, die ſich jezt— hm— mit gebührendem Stolze gebahren und den Rang einer Dame feſthalten müſſe; und ſomit bäte er ſie, abzuſtehen von Dingen, welche— ha— unangenehme und achtungswidrige Bemerkungen hervorrufen würden. Sie Auf der Straße. 65 hatte ohne Murren gehorcht. So war es gekommen, daß ſie jetzt in ihrer Ecke der prächtigen Kutſche mit ihren kleinen ge⸗ duldigen Händen vor ſich gefalten ſaß, ganz entrückt ſelbſt von dem letzten Punkte des alten Standorts im Leben, auf welchem ihre Füße verweilt hatten. Von dieſer Stellung aus war es, wo ihr Alles, was ſie ſah, unwirklich vorkam; je überraſchender die Landſchaften waren, um ſo mehr glichen ſie der Unwirklichkeit ihres eignen innern Lebens, als ſie den ganzen Tag die leeren Stellen des⸗ ſelben durchwanderte. Die Schluchten des Simplon, ſeine ungeheuren Tiefen und donnernden Waſſerfälle, die wunder⸗ bare Straße, die gefahrvollen Stellen, wo ein lockeres Rad oder ein ſtrauchelndes Pferd der Untergang geweſen ſein würde, die Hinabfahrt nach Italien, die Stelle, wo dieſes ſchöne Land ſich aufthat, als die ſchroffkantige Bergſchlucht ſich er⸗ weiterte und ſie aus einem düſtern Gefängniſſe herausließ— Alles ein Traum, nur das alte gemeine Marſhalſea eine Wirk⸗ lichkeit. Ja ſelbſt das alte gemeine Marſhalſea war in ſeinen Grundveſten erſchüttert, wenn ſie es ſich ohne ihren Vater vor⸗ ſtellte. Sie konnte kaum glauben, daß die Gefangenen noch immer in dem engen Hofe verweilten, daß die elenden Stu⸗ ben immer noch alleſammt beſetzt wären, und daß der Schließer noch immer in der Loge ſtünde und die Leute ein und ausließ, Alles ganz ſo, wie es ihres Wiſſens ja wirklich war. Indem die Erinnerung an das einſtige Leben ihres Va⸗ ters im Gefängniſſe in ihr nachhallte, wie der Anfran eines traurigen Liedes, pflegte Klein Dorrit aus Träumen von ihrer Klein Dorrit. VI. 5 Drittes Kapitel. Geburtsſtätte zu Träumen zu erwachen, welche ganze Tage einnahmen. Das gemalte Zimmer, in welchem ſie erwachte, oft ein herabgekommenes Prunkzimmer eines verfallenen Pa⸗ laſtes, pflegte mit ſeinen verworrenen rothen herbſtlichen Wein⸗ blättern, die das Fenſterglas überhingen, ſeinen Orangen⸗ bäumen auf der zerſprungenen weißen Terraſſe vor dem Fenſter, eine Gruppe von Mönchen und Bauern in der kleinen Straße unten, Elend und Pracht, auf jeder Elle Bodens in der Ausſicht mit einander kämpfend, gleichviel, wie mannichfaltig dieſe Ausſicht war, und Elend, mit der Stärke des Verhäng⸗ niſſes die Pracht beſiegend, den Anfang dieſer Träume zu machen. Hierauf pflegte ein Labyrinth öder Gänge und mit Pfeilern geſchmückter Galerien zu folgen, wobei die Fami⸗ lienproceſſion ſich bereits unten im viereckigen Hofe ſammelte, indem die Kutſchen und das Gepäck durch die Dienerſchaft für die Reiſe des Tages zuſammengebracht waren. Dann Frühſtück in einem zweiten gemalten Zimmer, moderfleckig und von troſtloſem Ausſehen, und dann die Abreiſe, welche bei ihrer Schüchternheit und ihrem Gefühl, daß ſie nicht vor⸗ nehm genug für ihren Platz bei den Ceremonien war, ihr ſtets Unbehaglichkeit verurſachte. Denn dann erſchien der Quartiermacher(welcher ſeinerſeits im Marſhalſea ein frem⸗ der Herr vornehmen Standes geweſen ſein würde), um zu melden, daß Alles bereit ſei, und dann pflegte der Kammer⸗ diener ihres Vaters ihn pomphaft in ſeinen Reiſemantel zu hüllen, 5 dann ſtanden Fanny's Magd und ihre eigne Magd (die eine wahre Laſt auf Klein Dorrits Seele war— und ſie zuerſt Auf der Straße. 67 geradezu Thränen vergießen ließ, ſo wenig wußte ſie, was ſie mit ihr machen ſollte) in Bereitſchaft, und dann vervoll⸗ ſtändigte der Bediente ihres Bruders die Ausrüſtung ſeines Herrn, und dann gab ihr Vater der Mrs. General ſeinen Arm, und ihr Oheim gab ihr den ſeinen und, begleitet von dem Wirthe und der Dienerſchaft des Gaſthofs, ſchwebten ſie die Treppe hinab. Dort pflegte ſich eine Menſchenmenge an⸗ zuſammeln, um ſie in ihre Kutſchen ſteigen zu ſehen, was ſie unter vielen Verbeugungen, Betteleien, Pferdebäumen und Peitſchenknallen und Hufgeklapper zu thun pflegten, und ſo fuhren ſie wie toll durch die engen, übelriechenden Straßen und mit einem Ruck aus dem Stadtthore. Unter den Unwirklichkeiten des Tages pflegten zu ſein: Straßen, wo die hellen rothen Reben meilenweit in Gewin⸗ den an Bäumen hingen, Olivenwälder, weiße Dörfer und Städte auf Hügeln, außen lieblich, aber im Innern fürchter⸗ lich mit ihrem Schmutz und ihrer Armuth, Kreuze am Wege, tiefblaue Seen mit bezaubernd ſchönen Inſeln und Gruppen von hellfarbig bemalten Booten mit Segeln von ſchönen For⸗ men, mächtige Bauwerke, zu Staub vermodernd, hängende Gärten, wo das Unkraut ſo üppig gewachſen war, daß ihre Stämme gleich durchgetriebenen Keilen die Wölbung zerſprengt und die Mauer zerriſſen hatten, Feldgaſſen von Steinterraſſen eingefaßt, wo Eidechſen bei jeder Ritze aus und einhuſchten, Bettler aller Art allüberall, mitleiderregend, maleriſch, hung⸗ rig, fröhlich, bettelnde Kinder und betagte Bettler. Oft woll⸗ ten an Poſthäuſern und andern Haltpunkten dieſe elenden * Drittes Kapitel. Geſchöpfe ihr als die einzigen Wirklichkeiten des Tages erſchei⸗ nen, und häufig ſaß ſie, wenn das Geld, das ſie mitge⸗ bracht, um es ihnen zu geben, ganz ausgegeben war, mit ihren gefaltenen Händen und blickte gedankenvoll auf ein win⸗ ziges Mädchen, das ſeinen greiſen Vater führte, als ob der Anblick ſie an Etwas in den Tagen erinnerte, die vergangen waren. Dann wieder gab es Orte, wo ſie die ganze Woche blie⸗ ben, in Prunkzimmern wohnten, jeden Tag Gaſtmähler hat⸗ ten, zwiſchen Maſſen von Wundern ausfuhren, durch Meilen von Paläſten wandelten und in dunkeln Winkeln großer Kirchen ausruhten, wo flackernde Lampen von Gold und Sil⸗ ber zwiſchen Pfeilern und Bogen, knieende Geſtalten wie Punkte an den Beichtſtühlen und auf dem Steingetäfel zu ſehen waren, wo der Nebel und Geruch von Weihrauch ſchwebte, wo es Gemälde, phantaſtiſche Bilder, prunkvolle Altäre, große Höhen und Fernen gab, Alles mild erleuchtet durch gemaltes Glas und die ſchweren Vorhänge, welche an den Thüren hingen. Von dieſen Stätten gingen ſie dann wieder durch die von Reben und Oelbäumen umgrünten Straßen, durch ſchmutzige Dörfer, wo es keine Hütte gab, G die nicht einen Riß in ihren kothigen Mauern, kein Fenſter, welches ein ganzes Zoll Glas oder Papier gehabt hätte, wo nichts was das Leben erhält, nichts zu eſſen, nichts zu ſchaf⸗ fen, nichts zu erbauen, nichts zu hoffen, nichts zu thun zu ſein ſchien als zu ſterben. Dann wieder kamen ſie in Städte, die aus lauter Pa⸗ —jü Auf der Straße. 69 läſten beſtanden, deren eigentliche Bewohner alle verbannt, und welche alle in Kaſernen verwandelt waren, wo Trupps träger Soldaten aus den Prunkfenſtern lehnten, deren Rie⸗ menzeug zum Trocknen an den Marmorſimſen hing und welche wie Schaaren von Ratten erſchienen, die gglücklicherweiſe) die Stützen der Gebäude durchnagten, die ihnen Wohnung gewährten, und bald mit ihnen auf die Köpfe der andern Schwärme von Soldaten, der Schwärme von Prieſtern und der Schwärme von Spionen ſtürzen müſſen, die Alles waren, was die übelausſehende Bevölkerung unten auf den Straßen der Vernichtung überlaſſen hatte. Durch ſolche Scenen bewegte ſich die Familienproceſſion nach Venedig. Und hier löſte ſie ſich auf einige Zeit auf, da ſie in Venedig einige Monate bleiben ſollten, und zwar in einem Palaſte am Großen Kanal, der allein ſechs Mal ſo groß als das ganze Marſhalſea war. In dieſer Unwirklichkeit, welche allen andern die Krone aufſetzte, wo alle Straßen mit Waſſer gepflaſtert waren, und wo die Todtenſtille der Tage und Nächte durch kein Geräuſch unterbrochen wurde, als durch das gedämpfte Geläut der Kir⸗ chenglocken, das Murmeln der Strömung und den Ruf der Gondelführer, wenn ſie um die Ecken der waſſerdurchſtrömten Straßen wendeten, ſetzte ſich Klein Dorrit, ganz verloren, indem ihr Tagewerk vollbracht war, hin, um zu ſinnen. Die Familie begann ein luſtiges Leben, ging hierhin und dorthin und machte die Nacht zum Tage; aber ſie ſcheute ſich, an Drittes Kapitel. ihrer Luſt theilzunehmen und bat blos um die Erlaubniß, allein bleiben zu können. Manchmaltrat ſie in eine der Gondeln, die ſtets, an bunt⸗ angeſtrichne Pfoſten vor der Thür befeſtigt, bereit gehalten wurden— wenn ſie der Begleitung jener läſtigen Magd, welche ihre Herrin und zwar eine ſehr harte war, entſchlüpfen konnte— und ließ ſich durch die ganze ſeltſame Stadt fah⸗ ren. Geſellſchaften in andern Gondeln begannen einander zu fragen, wer das kleine einſame Mädchen ſei, an dem ſie vorüberfuhren, und das in ſeinem Boote mit ſeinen gefaltenen Händen ſo nachdenklich und verwundert ſich umſchaute. Nie daran denkend, daß Jemand es der Mühe werth halten werde, ſie in ihrem Thun zu beachten, fuhr Klein Dorrit, ohne dar⸗ auf zu achten, in ihrer ruhigen, ſchüchternen, in ſich verſun⸗ kenen Weiſe durch die Stadt.. Aber ihr Lieblingsſtandpunkt war der Balkon ihres Zim⸗ mers, welcher über dem Kanal hing, unter ſich andere Bal⸗ kone, über ſich keine. Er war von maſſiven, vom Alter ver⸗ dunkelten Steinen, erbaut mit einer ſeltſamen Phantaſie, die aus dem Morgenlande zu jener Sammlung ſeltſamer Phantaſien gekommen war, und Klein Dorrit war, wenn ſie an dem breitrandigen Geländer lehnte und hinüberſchaute, wirklich klein. Da ſie für die Abendzeit keinen Ort ſo ſehr liebte, ſo begann ſie bald beobachtet zu werden und viele Augen richteten ſich in vorüberfahrenden Gondeln empor und viele Leute ſagten, da wäre die kleine Geſtalt des engliſchen Mädchens, die ſtets allein ſei. Auf der Straße. 71 Solche Leute waren keine Wirklichkeiten für die kleine Geſtalt des engliſchen Mädchens, ſolche Leute blieben von ihr alle unbemerkt. Sie pflegte den Sonnenuntergang zu beo⸗ bachten in ſeinen langen, tiefen, violet und roth gefärbten Linien und ſein glühendes Erröthen hoch in den Himmel hinauf, welcher ſo auf den Gebäuden glühte und ihren Bau ſo erleuchtete, daß es ihnen ein Ausſehen gab, als ob ihre dicken Mauern durchſichtig wären, und ſie von innen erglänz⸗ ten. Sie beobachtete, wie dieſe Herrlichkeiten erloſchen und pflegte dann, nachdem ſie auf die ſchwarzen Gondeln unten geblickt, die ihre Gäſte zu Muſik und Tanz führten, ihre Augen zu den leuchtenden Sternen zu erheben. Gab es keine Geſellſchaft für ſie zu andern Zeiten, auf welche die Sterne herabgeleuchtet? O wenn ſie jetzt an jenes alte Thor dachte! Sie pflegte an jenes alte Thor zu denken, und wie ſie in todtenſtiller Nacht an ihm ſaß und Maggy zum Kopfkiſſen diente, und an andere Orte und andere Scenen, die mit jenen andern Zeiten in Verbindung ſtanden. Und dann pflegte ſie ſich über den Balkon zu lehnen und in das Waſſer zu blicken, als ob ſie alle unter ihm begraben lägen. Wenn ſie dahin kam, ſo pflegte ſie ſinnend ſeinen Lauf zu beobachten, als ob es in der allgemeinen Viſion ſich verlaufen und ihr das Gefängniß wieder zeigen könnte, und ſie ſelbſt und das alte Gemach und die alten Inſaſſen und die alten Beſucher: Alles bleibende Wirklichkeiten, die ſich nie verändert hatten. Viertes Kapitel. Biertes Kapitel. Ein Brief von Klein Dorrit. Lieber Mr. Clennam. Ich ſchreibe an Sie aus meinem Zimmer in Venedig, indem ich denke, es wird Sie freuen, von mir zu hören. Aber ich weiß, es kann Sie nicht ſo freuen, von mir zu hö⸗ ren, als es mich freut, an Sie ſchreiben zu können; denn Alles um Sie iſt ſo, wie Sie gewohnt ſind, es zu ſehen, und Sie vermiſſen nichts— es wäre denn, mich, was nur auf ſehr kurze Zeit und ſehr ſelten ſein kann— während Alles in meinem Leben ſo ſeltſam iſt und ich ſo Vieles ver⸗ miſſe. Als wir in der Schweiz waren, was mir vor vielen Jah⸗ ren geweſen zu ſein ſcheint, obſchon es nur Wochen waren, traf ich die junge Mrs. Gowan, die wie wir einen Ausflug in die Berge gemacht hatte. Sie ſagte mir, ſie ſei ſehr ge⸗ ſund und ſehr glücklich. Sie ließ Ihnen von mir ausrich⸗ ten, daß ſie Ihnen innig danke und Sie nie vergeſſen werde. Sie war ſehr vertrauensvoll gegen mich und ich liebte ſie faſt in dem Augenblicke, wo ich das erſte Wort zu ihr ſprach. Aber daran iſt nichts zu verwundern; wer könnte umhin, ein ſo ſchönes und ſo gewinnendes Geſchöpf zu lieben. Ich könnte mich über Niemand wundern, der ſie liebte. Nein, wahrlich nicht. Ein Brief von Klein Dorrit. 73 Es wird Sie hoffentlich nicht ängſtlich in Betreff Mrs. Gowans machen— denn ich erinnere mich, daß Sie ſagten, Sie nähmen das Intereſſe eines wahren Freundes an ihr— wenn ich Ihnen mittheile, daß ich wollte, ſie hätte Jemand geheirathet, der beſſer für ſie paßt. Mr. Go⸗ wan ſcheint ihr gut zu ſein, und natürlich iſt auch ſie ihm gut; allein mir war es, als meine er's nicht ernſt genug— ich meine nicht in dieſer Beziehung, ich meine in allen Stücken. Ich konnte mich des Gedankens nicht enthalten, daß wenn ich Mrs. Gowan wäre(was für eine Verwand⸗ lung würde das ſein und wie ſehr müßte ich mich verändern, um ihr gleich zu werden?), mir ſehr einſam und verlaſſen zu Muthe ſein würde, weil mir Jemand mangelte, welcher aus⸗ dauernd und feſt in ſeinen Vorſätzen wäre. Mir war es ſo⸗ gar, als ob ſie dieſen Mangel ein wenig empfände, ſchier ohne es zu wiſſen. Aber nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie deshalb ſich keine Gedanken machen; denn ſie war„ſehr ge⸗ ſund und ſehr glücklich.“ Und ſie ſah außerordentlich ſchön aus. Ich erwarte, ſie binnen Kurzem wieder zu treffen, und habe ſogar ſeit einigen Tagen gehofft ſie hier zu ſehen. Ich will ihr immer eine ſo gute Freundin ſein als ich kann, um Ihretwillen. Lieber Mr. Clennam, ich glaube, Sie denken wenig daran, daß Sie mir ein Freund waren, als ich kei⸗ nen andern hatte(nicht daß ich jetzt einen andern hätte; denn ich habe keine neuen Freundſchaften geſchloſſen), aber ich denke viel daran und kann es nie vergeſſen. Viertes Kapitel. Ich wollte, ich wuͤßte(aber es iſt am Beſten, daß Nie⸗ mand an mich ſchreibt), wie Mr. und Mrs. Plorniſh fort⸗ kommen in dem Geſchäfte, welches mein theurer Vater für ſie kaufte, und daß der alte Nandy glücklich mit ihnen und ſeinen beiden Enkeln lebt und alle ſeine Lieder wieder und immerwieder ſingt. Ich kann mich der Thränen nicht enthal⸗ ten, wenn ich an meine arme Maggy denke und wie leer um's Herz es ihr zuerſt ohne ihr Mütterchen geweſen ſein muß, ſo freundlich ſie auch Alle mit ihr ſind. Wollen Sie gehen und ihr mit einem herzlichen Gruße als ein ſtrenges Geheimniß ſagen, daß ſie unſere Trennung nicht mehr habe beklagen können, als ich ſie beklagt habe. Und wollen Sie ihnen Allen ſagen, daß ich an ſie jeden Tag gedacht habe, und daß mein Herz ihnen überall getreu bleibt? O wenn Sie wiſſen könnten, wie getreu, ſo würden Sie mich faſt bemitleiden, daß ich ſo fern und ſo vornehm bin. Ich bin gewiß, es wird Sie freuen, zu erfahren, daß mein lieber Vater bei ſehr guter Geſundheit iſt, und daß alle dieſe Veränderungen ihm ſehr wohlthätig geweſen ſind, und daß er ſehr verſchieden von dem iſt, was er war, als Sie ihn zu beſuchen pflegten. Ich glaube, auch mit meinem Oheim geht es beſſer, obwol er früher niemals klagte und ſich jetzt nie lauter Freude hingibt. Fanny iſt ſehr anmuthig, raſch und gewandt; es iſt etwas Natürliches für ſie, eine Dame zu ſein; ſie hat ſich in unſere neuen Vermögensver⸗ hältniſſe mit wunderbarer Leichtigkeit gefunden. Dies erinnert mich, daß ich dazu noch nicht fähig gewe⸗ —,— Ein Brief von Klein Dorrit. 75 ſen bin, und daß ich bisweilen faſt verzweifle, je dazu fähig zu werden. Ich finde, daß ich nicht lernen kann. Mrs. Ge⸗ neral iſt ſtets bei uns und wir ſprechen Franzöſiſch und ſpre⸗ chen Italieniſch, und ſie gibt ſich Mühe, uns in mancherlei Weiſe zu bilden. Wenn ich ſage, wir ſprechen Franzöſiſch und Italieniſch, ſo meine ich, ſie thun es. Was mich be⸗ trifft, ſo bin ich ſo langſam, daß ich kaum überhaupt fort⸗ komme. Sobald ich beginne, Pläne zu machen, nachzudenken und Etwas zu verſuchen, ſo geht all mein Plänemachen, Denken und Verſuchen in früheren Geleiſen und ich fange wieder an um die Ausgaben des Tages zu ſorgen und um meinen lieben Vater und um meine Arbeit, und dann erinnere ich mich plötzlich, daß es keine Sorgen mehr gibt, und dies iſt an ſich ſo neu und unwahrſcheinlich, daß ich mich wieder dem Grübeln ergebe. Ich würde nicht den Muth haben, dies gegen irgend Jemand außer gegen Sie zu er⸗ wähnen. Es iſt Daſſelbe mit allen dieſen neuen Ländern und wunderbaren Scenen. Sie ſind ſehr ſchön und ſetzen mich in Verwunderung, aber ich bin nicht geſammelt genug— nicht bekannt genug mit mir ſelbſt, wenn Sie ganz verſtehen können, was ich meine— um all das Vergnügen an ihnen zu empfinden, das ich an ihnen empfinden könnte. Was ich vor ihnen kennen lernte, vermiſcht ſich mit ihnen außerdem ſo ſeltſam. Zum Beiſpiel, als wir zwiſchen den Bergen wa⸗ ren, ſo war mir's oft(ich zaudere, Ihnen, lieber Mr. Clen⸗ nam, ja ſelbſt Ihnen ſolch eine Thorheit zu erzählen), als 76 Viertes Kapitel. ob das Marſhalſea hinter jenem großen Felſen ſein müſſe, oder als ob die Stube der Mrs. Clennam, wo ich ſo viele Tage gearbeitet habe und wo ich Sie zuerſt erblickte, jenſeit jenes Schneefeldes ſein müſſe. Erinnern Sie ſich eines Abends, wo ich mit Maggy nach Ihrer Wohnung in Co⸗ ventgarden kam? Dieſes Zimmer hat mich meine Phantaſie 6 öfters und öfters vor mir ſehen laſſen, und es reiſte meilen⸗ weit an der Seite unſerer Kutſche mit, wenn ich nach Dun⸗ kelwerden aus dem Wagenfenſter ſchaute. Wir wurden in jener Nacht ausgeſchloſſen und ſaßen an der eiſernen Pforte und wandelten herum bis zum Morgen. Ich blicke oft hin⸗ auf zu den Sternen, ſelbſt von dem Balkon dieſes Zimmers und glaube wieder in der Straße zu ſein, ausgeſchloſſen mit 8 Maggy. Es iſt ebenſo mit Leuten, die ich in England zu⸗ rückließ. Wenn ich in einer Gondel herumfahre, ſo erſtaune ich, wenn ich in andere Gondeln blicke, als ob ich ſie zu ſe⸗ hen hoffte. Es würde mich unendlich freuen, ſie zu ſehen, aber ich glaube nicht, daß es mich auf den erſten Blick ſehr überraſchen würde. In meinen phantaſtiſchen Stunden bilde ich mir ein, daß ſie überall ſein könnten, und ich erwarte faſt, ihre theuren Angeſichter auf den Brücken oder den Kais zu ſehen. Eine andere Schwierigkeit, welche ich habe, wird Ihnen ſehr ſonderbar vorkommen. Sie muß Jedermann, mich aus⸗ genommen, ſehr ſonderbar vorkommen, ja ſie kommt ſelbſt mir ſo vor: ich empfinde oft das alte Mitleid mit— ich brauche das Wort nicht herzuſchreiben— für ihn. So ver⸗ — — e Ein Brief von Klein Dorrit. 77 ändert er iſt und ſo unausſprechlich ſelig und dankbar ich immer bin, daß ich das weiß, ſo überkommt mich doch das alte kummervolle Gefühl des Mitleids zuweilen mit ſolcher Gewalt, daß ich wünſche, ich könnte meine Arme um ihn ſchlagen, ihm ſagen, wie ich ihn liebe und ein wenig an ſeiner Bruſt weinen. Ich würde dann froh und ſtolz und glücklich ſein. Aber ich weiß, daß ich es nicht thun darf, daß es ihm nicht gefallen, daß Fanny böſe ſein, daß Mrs. General ein erſtauntes Geſicht machen würde, und ſo beruhige ich mich. Und doch, wenn ich das thue, kämpfe ich mit der Empfindung, daß ich von ihm entfernt bin, und daß er ſelbſt mitten unter allen den Dienern und Begleitern ver⸗ laſſen iſt und mich vermißt. Lieber Mr. Clennam, ich habe viel von mir ſelbſt ge⸗ ſchrieben, aber ich muß noch ein wenig mehr ſchreiben, weil ſonſt alles Das, was ich am Meiſten zu ſagen wünſche in dieſem ſchwachen Briefe, aus demſelben herausbleiben würde. Unter allen dieſen meinen thörichten Gedanken, welche ich die Kühnheit gehabt habe, Ihnen zu bekennen, weil ich weiß, Sie werden mich verſtehen, wenn irgend Jemand dies kann, und werden mehr Nachſicht mit mir haben, als irgend ein An⸗ derer es kann— unter allen dieſen Gedanken iſt ein Gedanke, der kaum irgend einmal— der niemals aus meinem Gedächtniß weicht, und der iſt, daß ich hoffe, Sie denken manchmal— in einem ſtillen Augenblick— an mich. Ich muß Ihnen ſagen, daß, was dies betrifft, ich ſtets, ſeit ich weg bin, eine Beängſtigung empfunden habe, die ich ſehr lebhaft loszu⸗ 78 werden wünſche. Ich habe gefürchtet, daß Sie an mich in einem neuen Lichte denken, ſich mich als ein anderes Weſen vorſtellen werden. Thun Sie das nicht— ich könnte das nicht ertragen— es würde mich unglücklicher machen, als Sie ſich vorſtellen können. Mein Herz würde brechen, wenn ich glauben ſollte, Sie gedächten meiner in irgend einer Weiſe, die mich Ihnen fremder machen würde, als ich war, wie Sie ſo gut gegen mich waren. Um was ich Sie bitten und flehen muß, iſt, daß Sie an mich nie als an die Tochter eines reichen Mannes denken, daß Sie an mich nie denken wollen, als ob ich mich beſſer kleidete oder beſſer lebte als da, wo Sie mich zuerſt ſahen. Daß Sie ſich meiner nur als des kleinen zer⸗ lumpten Mädchens erinnern wollen, die Sie mit ſo viel Zärt⸗ lichkeit beſchützten, von deren fadenſcheinigem Kleide Sie den Regen abwehrten, deren naſſe Füße Sie an Ihrem Feuer trockneten. Daß Sie an mich(wenn Sie überhaupt an mich denken) und an meine treue Liebe und ergebene Dankbarkeit ſtets ohne Veränderung denken wollen, als an Ihr armes Kind Klein Dorrit. Viertes Kapitel. P. S. Vor Allem erinnern Sie ſich, daß Sie ſich keine Sorge machen um Mrs. Gowan. Ihre Worte waren: „Sehr wohl und ſehr glücklich.“ Und ſie ſah außerordentlich ſchön aus. Es geht irgendwo nicht mit rechten Dingen zu. 79 Fünftes Kapitel. Es geht irgendwo nicht mit rechten Dingen zu. Die Familie war einen oder zwei Monate in Venedig ge⸗ weſen, als Mr. Dorrit, der viel mit fremden Grafen und Marquis verkehrte, und nur ſpärliche Muße erübrigte, ſich vornahm, eine Stunde eines beſtimmten Tages zu dem Zwecke bei Seite zu ſetzen, um mit Mrs. General eine Conferenz zu halten. Als die Zeit, die er ſich in Gedanken reſervirt, kam, ſandte er Mr. Tinkler, ſeinen Kammerdiener, nach dem Ge⸗ mache der Mrs. General(welches etwa ein Drittel der Grund⸗ fläche des Marſhalſea in Anſpruch genommen haben würde), um dieſer Dame ein Compliment auszurichten und zu ſagen, daß er wünſche, ſie möge ihm eine Unterredung gönnen. Da es die Zeit des Vormittags war, wo die verſchiedenen Glie⸗ der der Familie ihren Kaffee auf ihrer eignen Stube tran⸗ ken, ein paar Stunden bevor ſie ſich zum Frühſtück in einer verblichenen Halle verſammelten, welche einſt prachtvoll ge⸗ weſen, jetzt aber die Beute wäſſeriger Dünſte und eingewur⸗ zelter Schwermuth war, ſo war Mrs. General für den Kam⸗ merdiener zu ſprechen. Dieſer Botſchafter fand ſie auf einem kleinen viereckigen Teppich, der ſo außerordentlich winzig war im Vergleich mit der Größe des ſteinernen und marmor⸗ 80 Fünftes Kapitel. nen Fußbodens in ihrem Zimmer, daß ſie ausſah, als hätte ſie ihn hingebreitet, um darauf ein Paar im Laden gekaufte neue Schuhe anzuprobiren, oder als ob ſie in den Beſitz des bezauberten Teppichs, welcher für vierzig Beutel von einem der drei Prinzen in Tauſend und Eine Nacht gekauft wurde, gelangt und in dieſem Augenblick gerade auf ihm nach ihrem Wunſche in den Salon eines Palaſts verſetzt worden, mit dem er in keiner Beziehung ſtand. Mrs. General erwiderte dem Botſchafter, indem ſie ihre leere Kaffeetaſſe hinſetzte, daß ſie ſich ſogleich auf Mr. Dor⸗ rits Stube begeben und ihm die Mühe, zu ihr zu kommen, erſparen wolle(was er in ſeiner galanten Weiſe vorgeſchla⸗ gen hatte). Der Botſchafter ſtieß die Thür auf und führte Mrs. General zur Audienz. Es war eine förmliche kleine Reiſe über geheimnißvolle Treppen und Korridore von dem Gemache der Mrs. General— welches von einer engen Ne⸗ bengaſſe mit einer niedrigen düſtern Brücke und kerkerartigen gegenüberliegenden Wohnungen überragt war, deren Wände mit tauſend abwärts laufenden Flecken und Streifen be⸗ ſchmutzt waren, als ob jede baufällige Oeffnung in ihnen Jahrhunderte lang roſtige Thränen in das adriatiſche Meer geweint hätte— zu dem Gemache Mr. Dorrits, welches ſo viel Fenſter als die ganze Front eines engliſchen Hauſes hatte, die Ausſicht auf ſchöne Kirchenkuppeln, die ſchier aus dem Waſſer, das ſie wiederſpiegelte, ſich in den blauen Himmel erhoben, gewährte, und wo man das gedämpfte Gemurmel des großen Kanals vernahm, der unten die Thorwege be⸗ Es geht irgendwo nicht mit rechten Dingen zu. 81 ſpülte und wo ſeine Gondeln und Gondelführer, ſchläfrig ſich in einem kleinen Walde von hochragenden Bauwerken ſchaukelnd, warteten, bis es ihm Vergnügen machte, ſich ihrer zu bedienen. Mr. Dorrit, in einem prunkvollen Schlafrock und Käpp⸗ chen— die ſchlummernde Puppe, die ſo lange unter den Collegen ihre Zeit erwartet hatte, war aufgeplatzt, um ſich zu einem ſeltenen Schmetterling zu entfalten— erhob ſich zum Empfang von Mrs. General. Einen Stuhl für Mrs. General. Einen bequemen Stuhl, Sir; was machen Sie, was haben Sie vor, was ſoll das heißen? Na, jetzt ver⸗ laſſen Sie uns! „Mrs. General,“ ſagte Mr. Dorrit,„ich nahm mir die Freiheit—“ „O durchaus nicht,“ fiel ihm Mrs. General in's Wort. „Ich ſtand ganz zu Ihrer Verfügung. Ich hatte meinen Kaffee getrunken.“ „Ich nahm mir die Freiheit,“ ſagte Mr. Dorrit noch⸗ mals mit der großartigen Gelaſſenheit Jemandes, der über alle Verbeſſerung hinaus iſt,„Sie um die Gunſt eines kur⸗ zen Geſprächs unter vier Augen zu erſuchen, weil ich in Be⸗ treff meiner— ha— meiner jüngſten Tochter ein gewiſſes Mißbehagen empfinde. Sie werden bemerkt haben, Madame, daß meine beiden Töchter im Temperament ſehr verſchieden ſind.“ „Sie ſind ſehr verſchieden,“ antwortete Mrs. General, indem ſie ihre behandſchuhten Hände kreuzte(ſie war nie ohne Klein Dorrit VI. 6 Fünftes Kapitel. Handſchuhe, und dieſelben warfen niemals Falten, ſondern paßten ſtets). „Darf ich Sie um die Gefälligkeit bitten, mir Ihre An⸗ ſicht davon zu ſagen?“ ſagte Mr. Dorrit mit einer rückſichts⸗ vollen Artigkeit, die nicht unvereinbar mit majeſtätiſcher Hei⸗ terkeit war. „Fanny,“ erwiderte Mrs. General,„hat Charakterſtärke und Selbſtgefühl. Amy nichts davon.“ Nichts davon? O Mrs. General, fragen Sie die Steine und die Gitter des Marſhalſea. O Mrs. General, fragen Sie die Nätherin, die ſie arbeiten, und den Tanzmeiſter, der ihre Schweſter tanzen lehrte. O Mrs. General, Mrs. Gene⸗ ral, fragen Sie mich, Ihren Vater, was ich ihr verdanke, und hören Sie mein Zeugniß in Betreff des Lebens dieſes zurückgeſetzten kleinen Weſens von ihrer Kindheit auf! Mr. Dorrit fiel es nicht ein, eine ſolche Beſchwörung anzuſtellen. Er blickte auf Mrs. General, die in ihrer ge⸗ wohnten kerzengraden Haltung auf dem Kutſcherbocke hinter den Anſtandspferden ſaß, und er ſagte mit nachdenklichem Tone:„Wahr, Madame.“ „Bemerken Sie wohl, ich wollte nicht ſo verſtanden ſein,“ ſagte Mrs. General,„als ſagte ich, es gäbe nichts zu beſſern an Fanny. Aber es iſt Stoff vorhanden in der That, viel⸗ leicht etwas zu viel.“ „Wollen Sie die Güte haben, Madame,“ ſagte Mr. Dorrit,„ein wenig— ha— deutlicher zu ſein? Ich ver⸗ Es geht irgendwo nicht mit rechten Dingen zu. 83 ſtehe nicht ganz, daß meine ältere Tochter zu— hm— zu viel Stoff haben ſoll. Was für Stoff?“ „Fanny,“ erwiderte Mrs. General,„bildet ſich gegen⸗ wärtig zu viele Anſichten. Eine vollkommen gut erzogene Dame bildet ſich gar keine, und tritt nie damit hervor.“ Damit man von ihm nicht finde, daß es ihm an voll⸗ kommen guter Erziehung mangele, beeilte ſich Mr. Dorrit zu erwidern:„Unzweifelhaft, Madame, da haben Sie recht.“ Mrs. General entgegnete in ihrer leidenſchaftsloſen und ausdrucksloſen Weiſe:„Ich glaube.“ „Aber Sie wiſſen, meine liebe Madame,“ ſagte Mr. Dorrit,„daß meine Töchter das Unglück hatten, ihre viel⸗ betrauerte Mutter zu verlieren, als ſie noch ſehr jung waren, und daß ſie, in Folge davon, daß ich erſt vor Kurzem aner⸗ kannter Erbe meines Vermögens wurde, mit mir als einem vergleichsweiſe armen, wenn auch ſtets ſich ſeines Ranges be⸗ wußten Gentleman in der— ha, hm— in der Zurückge⸗ zogenheit gelebt haben.“ „Ich verliere dieſen Umſtand nicht aus dem Geſicht,“ ſagte Mrs. General. „Madame,“ fuhr Mr. Dorrit fort,„in Betreff meiner Tochter Fanny habe ich im Hinblick auf ihre jetzige Leitung und auf das Beiſpiel, was ſie fortwährend vor ſich hat—“ (Mrs. General ſchloß ihre Augen.) —„Keine Befürchtungen. Es liegt in Fanny die Fähig⸗ keit, ſich mit ihrem Charakter anzubequemen. Aber meine jüngere Tochter, Mrs. General, macht mir ziemliche Sorge 6* 84 Fünftes Kapitel. und Beängſtigung. Ich muß Sie benachrichtigen, daß Sie ſtets mein Liebling geweſen iſt.“ „Es iſt unberechenbar,“ ſagte Mrs. General,„wohin ſolche Fälle von Bevorzugung führen können.“ „Ha— nein,“ ſagte Mr. Dorrit beiſtimmend.„Nein. Nun aber, Madame, macht es mir Kummer, daß ich bemerke, wie Amy, ſo zu ſagen, nicht zu uns gehört. Sie macht ſich nichts daraus, mit uns auszugehen, ſie verſchwindet in der Geſellſchaft, die wir hier haben, unſer Geſchmack iſt augen⸗ ſcheinlich nicht ihr Geſchmack. Das heißt,“ ſagte Mr. Dorrit, mit der Würde eines Richters Alles zuſammenfaſſend,„mit andern Worten, es geht mit Amy in gewiſſer Hinſicht nicht mit rechten Dingen zu. „Dürfen wir uns,“ ſagte Mrs. General, ein wenig Fir⸗ niß anwendend,„wol der Vermuthung zuneigen,„daß Etwas davon auf Rechnung der Neuheit der Stellung zu ſchrei⸗ ben iſt.“ „Entſchuldigen Sie, Madame,“ bemerkte Mr. Dorrit ziemlich haſtig;„die Tochter eines Mannes von Stande, wenn derſelbe auch— ha— ſeinerſeits einmal vergleichs⸗ weiſe fern vom Ueberfluß lebte— vergleichsweiſe, ſage ich— und wenn ſie auch in der— hm— Zurückgezogenheit erzo⸗ gen wurde— braucht eben nicht nothwendig dieſe Stellung ſo ſehr neu zu finden.“ „Wahr,“ ſagte Mrs. General,„wahr.“ „Deshalb, Madame,“ ſagte Mr. Dorrit,„nahm ich mir die Freiheit(er betonte die Frage und wiederholte ſie, als ob Es geht irgendwo nicht mit rechten Dingen zu. 85 er ſich mit höflicher Feſtigkeit ausmachte, daß ihm ferner nicht widerſprochen würde),„nahm ich mir die Freiheit, Sie um dieſe Zuſammenkunft zu erſuchen, um die Angelegenheit gegen Sie zu erwähnen und mir Ihren Rath zu erbitten.“ „Mr. Dorrit,“ erwiderte Mrs. General,„ich habe mit Amy verſchiedene Male, ſeit wir hier wohnen, über die Art, wie man ſein Benehmen formen muß, Rückſprache genommen. Sie hat ſich gegen mich als über die Maßen erſtaunt über Venedig ausgeſprochen. Ich habe gegen ſie erwähnt, daß es beſſer iſt, nicht zu ſtaunen. Ich habe ſie darauf hingewieſen, daß der berühmte Mr. Euſtace, der klaſſiſche Touriſt, nicht viel davon hielt, und daß er den Rialto ſehr zu ſeinem Nach⸗ theil mit der Weſtminſter⸗ und der Blackfriars⸗Brücke verglich. Ich brauche nach dem, was Sie geſagt haben, nicht hinzuzu⸗ fügen, daß ich bis jetzt noch keinen Erfolg von meinen Vor⸗ ſtellungen geſehen habe. Sie geben mir die Ehre, zu fragen, was ich hier rathen würde. Es kommt mir immer vor(ſollte ſich dies als unbegründete Annahme erweiſen, ſo wird man mir verzeihen) als ob Mr. Dorrit gewohnt geweſen ſei, über die Gemüther von Andern Einfluß auszuüben.“ „Hm— Madame,“ ſagte Mr. Dorrit,„ich habe an der Spitze einer— ha— einer beträchtlich großen Gemeinſchaft geſtanden. Sie haben recht, wenn Sie vermuthen, daß ich einer— hm— einflußreichen Stellung nicht ungewohnt bin.“ „Ich freue mich, ſo beſtärkt worden zu ſein,“ erwiderte Mrs. General.„Ich möchte deshalb um ſo zuverſichtlicher 86 empfehlen, daß Mr. Dorrit ſelbſt mit Amy Rückſprache nähme und ſie mit ſeinen Beobachtungen und Wünſchen be⸗ kannt machte. Da ſie überdies ſein Liebling iſt und ohne Zweifel ſehr an ihm hängt, ſo iſt es um ſo wahrſcheinlicher, daß ſie ſeinem Einfluſſe nachgeben wird.“ „Ich hatte Ihren Vorſchlag vorausgeſehen,“ ſagte Mr. Dorrit,„war aber— ha— nicht gewiß, ob ich mich damit nicht eines Eingriffs in Ihr—“ „In mein Bereich erlauben, Mr. Dorrit?“ ſagte Mrs. General mit gnädiger Miene.„O erwähnen Sie das nicht.“ „Dann mit Ihrer Erlaubniß, Madame,“ fuhr Mr. Dorrit fort, indem er ſeine kleine Schelle erklingen ließ, um ſeinen Kammerdiener herbeizurufen,„will ich gleich auf der Stelle nach ihr ſenden.“ „Wünſcht Mr. Dorrit, daß ich dableibe?“ „Vielleicht hätten Sie, wofern Sie nicht anderweit be⸗ ſchäftigt ſind, nichts dagegen, ein paar Minuten—“ „Durchaus nicht.“ So erhielt denn Tinkler, der Kammerdiener, Auftrag, Miß Amy's Dienſtmädchen aufzuſuchen und dieſe Zofe zu bitten, Miß Amy zu benachrichtigen, daß Mr. Dorrit ſie auf ſeinem Zimmer zu ſprechen wünſche. Als er Mr. Tinkler dieſen Auftrag ertheilte, warf Mr. Dorrit einen ernſten Blick auf ihn und hatte auch ein eiferſüchtiges Auge auf ihn, bis er aus der Thür ging; argwöhnend, daß er ein Vorurtheil gegen die Würde der Familie im Her⸗ zen trage oder gar vor ſeinem Eintritt in den Dienſt von Fünftes Kapitel. Es geht irgendwo nicht mit rechten Dingen zu. 87 einem Witz aus dem Kreiſe der Collegiaten Wind bekommen habe und im gegenwärtigen Augenblick ihn ſpöttiſch ſich wieder in's Gedächtniß riefe. Wenn Tinkler zufällig gelächelt hätte, wenn auch noch ſo ſchwach und unſchuldig, ſo würde nichts Mr. Dorrit bis zur Stunde ſeines Todes überzeugt haben, daß jenes nicht der Fall geweſen. Da Tinkler jedoch zu ſeinem größten Glück ein ernſtes und feierliches Geſicht machte, ſo entging er der geheimen Gefahr, die ihm drohte. uUnd da er bei ſeiner Rückkehr, wo Mr. Dorrit ihn wieder belauerte, Miß Amy meldete, als ob ſie zu einem Leichen⸗ begängniß gekommen wäre, ſo ließ er in Mr. Dorrits Seele einen unbeſtimmten Eindruck zurück, daß er ein guterzogener junger Mann ſei, der von einer verwittweten Mutter im Studium ſeines Katechismus auferzogen worden. „Amy,“ ſagte Mr. Dorrit,„Du biſt eben der Gegen⸗ ſtand einer Beſprechung zwiſchen mir und Mrs. General geweſen. Wir ſind darüber einverſtanden, daß Du Dich hier kaum heimiſch fühlſt. Ha— wie kommt das?“ Eine Pauſe. „Ich denke, Vater, ich bedarf ein wenig Zeit.“ „Papa iſt eine Art der Anrede, die vorzuziehen iſt,“ be⸗ merkte Mrs. General.„Vater klingt ziemlich gemein. Das Wort Papa gibt überdies den Lippen eine hübſche Form. Papa, Pantoffeln, Puter, Pflaumen und Prismen ſind lau⸗ ter gute Worte für die Lippen, ganz beſonders Pflaumen und Prismen. Sie werden finden, daß es bei der Bildung eines feinen Benehmens ſehr gute Dienſte thut, wenn man Füuftes Kapitel. 88 bisweilen in Geſellſchaft— zum Beiſpiel beim Eintritt in ein Zimmer— zu ſich ſelbſt die Worte ſagt Papa, Pan⸗ toffeln, Puter, Pflaumen und Prismen— Pflaumen und Prismen.“ „Bitte, mein Kind,“ ſagte Mr. Dorrit,„hab' Acht auf die Vorſchriften von Mrs. General.“ Die arme Klein Dorrit verſprach mit einem ziemlich un⸗ glückſeligen Blicke auf dieſe treffliche Kennerin der Kunſt des Ueberfirniſſens, den Verſuch machen zu wollen. „Du ſagſt, Amy,“ fuhr Mr. Dorrit fort,„daß Du glaubſt, Du bedarfſt Zeit. Zeit wozu?“ Wieder eine Pauſe. „Um mich an die Neuheit meines Lebens zu gewöhnen, war Alles, was ich ſagen wollte,“ ſagte Klein Dorrit, in⸗ dem ihre liebevollen Augen auf ihrem Vater ruhten, den ſie in ihrem Wunſche, ſich Mrs. General zu unterwerfen und ihm zu gefallen, bei einem Haar mit Puter, wo nicht gar auch noch mit Pflaumen und Prismen angeredet hätte. Mr. Dorrit runzelte die Stirn und ſah keineswegs ver⸗ gnügt aus.„Amy,“ erwiderte er,„es ſcheint mir, wie ich ſagen muß, daß Du dazu Zeit im Ueberfluß gehabt haſt. Ha— Du ſetzeſt mich in Erſtaunen. Du täuſcheſt meine Erwartung. Fanny hat alle dieſe kleinen Hinderniſſe über⸗ wunden, und— hm— warum Du nicht?“ „Ich hoffe, es ſoll bald beſſer mit mir gehen,“ ſagte Klein Dorrit. „Ich hoffe das auch,“ erwiderte ihr Vater.„Ich— ha Es geht irgendwo nicht mit rechten Dingen zu. 89 — ich hoffe das auf's Inſtändigſte, Amy. Ich ſandte nach Dir, damit ich Dir ſage— hm— nachdrucksvoll ſage in Gegenwart von Mrs. General, der wir Alle ſo ſehr verbun⸗ den ſind, daß ſie die Freundlichkeit hat', unter uns gegen⸗ wärtig zu ſein bei— ha— dieſer und jeder andern Gele⸗ genheit“— Mrs. General ſchloß ihre Augen—„daß ich — ha— hm— mit Dir nicht zufrieden bin. Du machſt die Aufgabe von Mrs. General zu einer undankbaren. Du liegſt mir ſchwer auf dem Herzen. Du biſt ſtets(wie ich Mrs. General mittheilte) mein Lieblingskind geweſen, ich habe Dich ſtets zu meiner— hm— Freundin und Gefähr⸗ tin gemacht; zum Dank dafür bitte ich Dich— ha— bitte ich Dich in der That, Dich beſſer den— hm— den Um⸗ ſtänden anzubequemen und pflichtgetreu zu thun, was ſich für Deine— Deine Stellung ſchickt.“ Mr. Dorrit ſprach ſelbſt ein wenig mehr fragmentariſch als gewöhnlich; denn er war aufgeregt über die Angelegen⸗ heit und beſtrebt, ſich ganz beſonders feierlich zu zeigen. „Ich bitte Dich in der That,“ wiederholte er,„daß Du darauf Deine Aufmerkſamkeit richteſt und Dir ernſtlich Mühe gibſt und den Verſuch machſt, Dich in einer Weiſe zu beneh⸗ men, welche ſowol Deiner Stellung als— ha— Miß Amy Dorrit entſpricht, als mich und Mrs. General befriedigt.“ Dieſe Dame ſchloß ihre Augen, als ſie erwähnt wurde, abermals; dann fügte ſie, dieſelben langſam öffnend und ſich erhebend, folgende Worte hinzu: 90 Fünftes Kapitel. „Wenn Miß Amy Dorrit ihre Aufmerkſamkeit auf die Herausbildung eines paſſenden Benehmens richten und meine beſcheidene Beihülfe dabei annehmen will, ſo wird Mr. Dorrit fernerhin keine Urſache haben, ſich zu beunruhi⸗ gen. Darf ich dieſe Gelegenheit ergreifen, als ein Beiſpiel von Wichtigkeit zu bemerken, daß es kaum ſchicklich iſt, Her⸗ umſtreicher mit der Aufmerkſamkeit anzuſehen, welche ich eine mir ſehr liebe junge Freundin ihnen widmen ſah? Man ſollte ſie nicht anſehen. Man ſollte durchaus nichts Unangenehmes anſehen. Abgeſehen davon, daß eine ſolche Gewohnheit jenem anmuthigen Ausdruck von Seelenruhe im Wege ſteht, welcher ſo ſehr von guter Erziehung ſpricht, ſcheint ſie ſich kaum mit einem geläuterten Gemüthe zu ver⸗ tragen. Ein wahrhaft geläutertes Gemüth wird nie etwas davon zu wiſſen ſcheinen, daß es irgend Etwas gibt, was nicht vollkommen anſtändig, ruhig und anmuthig iſt.“ Nach⸗ dem ſie ſich dieſes Spruchs erhabener Weisheit entledigt, machte Mrs. General eine weithinfegende Verbeugung und zog ſich mit einem Ausdruck um den Mund zurück, welcher Pflaumen und Prismen andeutete. Klein Dorrit hatte, ob ſie nun ſprach oder ſchwieg, ihren ruhigen Ernſt und ihren liebevollen Blick bewahrt. Einen kurzen Augenblick abgerechnet, hatte ihn bis jetzt keine Wolke verdunkelt. Aber jetzt, wo ſie allein gelaſſen war mit ihm, regten ſich die Finger ihrer leicht zuſammen⸗ gefaltenen Hände, und es lag in ihrer Miene ein Ausdruck verhaltener Aufregung. — — Es geht irgendwo nicht mit rechten Dingen zu. 91 Nicht für ſich ſelbſt. Sie mochte ſich ein wenig verletzt fühlen, aber ihre Sorge ging nicht auf ſich ſelbſt. Ihre Ge⸗ danken richteten ſich, wie ſtets, auf ihn. Eine ſchwache Ah⸗ nung, welche ſeit der Zeit, wo ſie zu Reichthum gelangt waren, über ihr hing, daß ſie ſelbſt jetzt ihn nicht ſo ſehen würde, wie er vor den Tagen ſeiner Gefangenſchaft geweſen, hatte allmälig begonnen, in ihrer Seele Geſtalt anzuneh⸗ men. Es war ihr, als ob in dem, was er eben jetzt zu ihr geſagt, und in ſeinem ganzen Benehmen gegen ſie, der wohl⸗ bekannte Schatten des Marſhalſea ſich kundgebe. Er nahm eine neue Geſtalt an, aber es war der alte düſtre Schatten. Sie begann bei ſich mit kummervollem Widerſtreben anzuer⸗ kennen, daß ſie nicht ſtark genug war, ſich der Furcht zu er⸗ wehren, daß kein Zeitraum im Leben eines Menſchen dieſes Vierteljahrhundert hinter den Eiſenſtäben des Gefängniſſes verwinden könne. Sie hatte deshalb keinen Tadel auf ihn zu werfen, ihm keinen Vorwurf zu machen, keine andere Empfindungen in ihrem treuen Herzen, als tiefes Mitleid und unbegrenzte Zärtlichkeit. So kam es, daß ſie ſelbſt jetzt, wo er vor ihr auf dem Sofa ſaß in dem glänzenden Lichte eines heitern italieniſchen Tages, die wundervolle Stadt draußen und der Prunk eines alten Palaſtes drinnen, ihn von der wohlbekannten langjäh⸗ rigen Düſterkeit ſeiner Stube im Marſhalſea umgeben ſah und ihren Sitz neben ihm nehmen und ihn tröſten und wie⸗ der voll Zutraulichkeit gegen ihn ſein und ihm wieder zur Stütze dienen zu können wünſchte. Wenn er ahnte, was in 92 Fünftes Kapitel. ihren Gedanken lag, ſo ſtimmten die ſeinigen nicht damit überein. Nachdem er ſich mit dem Ausdruck des Unbehagens eine Weile auf ſeinem Sitze bewegt hatte, ſtand er auf und wandelte mit einer ſehr mißvergnügten Miene umher. „Iſt noch etwas Anderes, was Du mir zu ſagen wün⸗ ſcheſt, lieber Vater?“ „Nein, nein, nichts weiter.“ „Ich bedauere, daß Du mit mir nicht zufrieden geweſen biſt, lieber Vater. Ich hoffe, Du denkſt jetzt nicht mehr mit Mißfallen an mich. Ich will mehr als jemals verſuchen, mich ſo wie Du wünſcheſt, dem was mich umgibt, anzupaſſen — denn ich habe es in der That ſchon die ganze Zeit über verſucht, wenn es mir, wie ich weiß, auch mißglückt iſt.“ „Amy,“ erwiderte er, ſich raſch nach ihr umdrehend.„Du — he— Du verlletzeſt mich fortwährend.“ „Dich verletzen, Vater? Ich?“ „Es gibt— hm— einen Punkt,“ ſagte Mr. Dorrit, indem er fortwährend nach der Decke hinauf und nicht ein einziges Mal in das aufmerkſam zuhörende, klaglos entſetzte Antlitz blickte,„einen ſchmerzlichen Punkt, eine Reihe von Ereigniſſen, welche ich— ha— ganz und gar zu verwiſchen wünſche. Das hat Deine Schyweſter begriffen, die Dir be⸗ reits in meiner Gegenwart Vorſtellungen darüber gemacht hat; das hat Dein Bruder begriffen, das hat— hm— ha — Jeder begriffen, welcher feinen Sinn und Zartgefühl beſitzt, nur Du nicht— ha— ich bedauere ſagen zu müſſen, nur Du nicht. Du, Amy— ha— Du allein Es geht irgendwo nicht mit rechten Dingen zu. 93 und nur Du— rufſt den Punkt vortwährand, wieder ins Leben, wenn auch nicht mit Worten.“ Sie legte ihre Hand auf ſeinen Arm. Sie that nichts weiter. Sie berührte ihn ſanft. Die zitternde Hand mag mit einiger Deutlichkeit geſagt haben:„Denke an mich, denke daran, wie ich gearbeitet habe, gedenke meiner vielen Sor⸗ gen!“ Aber ſie ſelbſt ſagte nicht eine Sylbe. Es lag in der Berührung, die ihm auf dieſe Weiſe zu⸗ kam, ein Vorwurf, den ſie nicht vorausgeſehen hatte; ſie würde ſonſt ihre Hand zurückgehalten haben. Er begann ſich zu rechtfertigen, in einer erhitzten, polternden, verdrieß⸗ lichen Weiſe, welche den Vorwurf als unbegründet darſtellte. „Ich war dort alle dieſe Jahre. Ich war— ha— all⸗ gemein als die Hauptperſon des Ortes anerkannt. Ich— hm— ich bewirkte, daß Du dort mit Achtung behandelt wurdeſt, Amy. Ich— ha— ich gab meiner Familie eine Stellung dort. Ich verdiene eine Vergeltung. Ich bean⸗ ſpruche eine Vergeltung. Ich ſage, vergiß es ganz und gar und beginne von Neuem. Iſt das Viel? Ich frage, iſt das denn Viel?“ Er blickte ſie nicht ein einziges Mal an, als er in dieſer Weiſe herumfaſelte, ſondern geſticulirte und predigte der lee⸗ ren Luft. „Ich habe gelitten. Wahrſcheinlich weiß ich, wie viel ich gelitten habe, beſſer als irgend Jemand— ha— ich ſage, als irgend Jemand. Wenn ich das bei Seite ſetzen kann, wenn ich die Spuren deſſen, was ich geduldet habe, 94 Fünftes Kapitel. ausrotten kann, wenn ich vor der Welt mich erheben kann als ein— ha— Gentleman— unverdorben, unbefleckt — iſt es dann etwas Großes, zu erwarten— ich ſage noch⸗ mals, iſt es dann etwas Großes, zu erwarten, daß meine Kinder— hm— daſſelbe thun und jene verfluchten Erleb⸗ niſſe als nicht vorhanden betrachten ſollten?“ Trotz ſeines aufgeregten Zuſtandes ſtieß er alle dieſe Aus⸗ rufungen mit ſorgfältig verhaltener Stimme aus, damit der Kammerdiener nicht etwa was davon hörte. „In Folge deſſen thun ſie es auch. Deine Schweſter thut es. Dein Bruder thut es. Du allein, mein Lieblings⸗ kind, welches ich zur Freundin und Gefährtin meines Lebens machte, als Du noch ein bloßer— hm— Säugling— arſt, thuſt es nicht. Du allein ſagſt, Du könnteſt es nicht thun. Ich verſehe Dich, damit Du es thun kannſt, mit werthvollem Beiſtande. Ich gebe Dir, damit Du es thun ſollſt, eine geiſtvolle und hochgebildete dame— ha— Mrs. General— bei. Iſt es zu verwundern, daß es mir Miß⸗ fallen erweckt? Iſt es nothwendig, daß ich mich vertheidige, wenn ich mein Mißfallen ausſpreche? Nein!“ Trotzdem fuhr er fort, ſich ohne Milderung ſeiner erreg⸗ ten Stimmung zu vertheidigen. „Ich trage Sorge, mich um Beſtärkung meiner Anſicht an dieſe Dame zu wenden, ehe ich irgendwie mein Mißfallen ausſpreche. Ich— hm— wende mich an ſie, natürlich in gewiſſer Beſchränkung, an ſie, weil ich— ha— ſonſt lesbar gemacht haben würde, was ich auszutilgen ſtrebe. Bin ich 95 ſelbſtſüchtig? Beklage ich mich meinethalben? Nein. Haupt⸗ ſächlich Deinethalben, Amy.“ Dieſe letzte Betrachtung ſchien ihm, nach der Art, in welcher er ſie verfolgte, erſt dieſen ſelben Augenblick in den Sinn gekommen zu ſein. „Ich ſagte, ich ſei verletzt. Das bin ich. Das will ich — ha— ganz entſchieden ſein, was man auch dagegen vor⸗ bringen mag. Ich fühle mich verletzt, daß meine Tochter, die— hm— dem Glücke im Schoße ſitzt, ſchmollt und ſich zurückzieht und erklärt, ſie paſſe nicht für ihre Stellung. Ich fühle mich verletzt, daß ſie— ha— ſyſtematiſch das zur Schau trägt, was wir Uebrigen ausgetilgt haben, und— hm— ich hätte faſt geſagt, ſich geradezu beſtrebt, der reichen und vornehmen Geſellſchaft anzukündigen, daß ſie— ha— in einem Orte geboren und erzogen worden iſt, den ich ſelbſt nicht nennen mag. Aber es liegt kein Widerſpruch darin— ha— nicht der geringſte, daß ich mich verletzt fühle und doch hauptſächlich Deinethalben mich beklage, Amy. Ich thue das, ich ſage nochmals, ich thue das. Es iſt Deinet⸗ wegen, daß ich wünſche, daß Du unter den Auſpicien von Mrs. General an Dir— hm— ein paſſendes Auftreten herausbildeſt. Es iſt Deinetwegen, daß ich wünſche, Du mögeſt ein— ha— ein wahrhaft gebildetes Gemüth haben und(nach den treffenden Worten der Mrs. General) von nichts etwas wiſſen, was nicht vollkommen anſtändig, ruhig und anmuthig iſt.“ Er hatte während ſeiner letzten Worte ruckweiſe, wie ein Es geht irgendwo nicht mit rechten Dingen zu. Fünftes Kapitel. ſchlecht zuſammengepaßtes Lärminſtrument, geſprochen. Sein Arm fühlte die Berührung noch immer. Er verſank in Schweigen, und nachdem er noch ein Weilchen nach der Decke aufgeſchaut, blickte er auf ſie nieder. Sie ſenkte ihr Haupt und er konnte ihr Geſicht nicht ſehen, aber die Art, wie ſie ihn anrührte, war zärtlich und ruhig, und in dem Ausdruck ihrer niedergebeugten Geſtalt lag kein Tadel— nichts als Liebe. Er begann zu wimmern, ganz wie in der Nacht im Gefängniß, wo ſie ſpäter bis zum Morgen an ſei⸗ nem Bette ſaß, rief aus, daß er mitten in ſeinem Reichthum eine elende Ruine und ein armer Wicht ſei und ſchloß ſie in ſeine Arme.„Still, ſtill, mein Liebſter, Einziger! Küſſe mich!“ war Alles, was ſie zu ihm ſagte. Seine Thränen waren bald getrocknet, viel eher als bei der frühern Gelegen⸗ heit, und er that ſpäter, um es auszugleichen, daß er über⸗ haupt welche vergoſſen, ſehr vornehm gegen ſeinen Kam⸗ merdiener.. Mit einer einzigen merkwürdigen Ausnahme, die an ihrem Orte erwähnt werden ſoll, war dies das einzige Mal in der Periode, wo er als freier und vermögender Mann lebte, daß er zu ſeiner Tochter Amy von der alten Zeit ſprach. Aber jetzt kam die Frühſtücksſtunde, und mit ihr Miß Fanny aus ihrem Gemach, und Mr. Edward aus ſeinem Gemach. Dieſe jungen Herrſchaften waren beide wegen lan⸗ gen Aufbleibens übler Laune. Was Miß Fanny betrifft, ſo war ſie das Opfer einer unerſättlichen Sucht nach dem Es geht irgendwo nicht mit rechten Dingen zu. 97 geworden, was ſie„in Geſellſchaft gehen“ nannte, und würde fünfzig Mal zwiſchen Sonnenuntergang und Aufgang ſich kopf⸗ über in ſie geſtürzt haben, wofern ihr ſo viele Gelegenheiten zur Verfügung geſtanden hätten. Was Mr. Edward betrifft, ſo hatte auch er eine ausgebreitete Bekanntſchaft und war ge⸗ wöhnlich in Anſpruch genommen(meiſt von Würfelgeſell⸗ ſchaften und andern von verwandter Natur) während des größern Theils jeder Nacht. Denn dieſer junge Herr hatte, als ſein Schickſal ſich änderte, den großen Vortheil gehabt, bereits für die beſte Geſellſchaft vorbereitet zu ſein und we⸗ nig zu lernen zu haben, ſo ſehr war er dem glücklichen Lauf der Dinge zu Dank verpflichtet, welcher ihn mit dem Pferde⸗ handel und dem Billardſpiel bekannt gemacht. Beim Frühſtück erſchien auch Mr. Frederick Dorrit. Da der alte Herr das höchſte Stock in dem Palaſte bewohnte, wo er ſich ohne große Gefahr zu laufen, von den andern Haus⸗ bewohnern entdeckt zu werden, im Piſtolenſchießen hätte üben können, ſo hatte ſeine jüngere Nichte vorgeſchlagen, ihm ſeine Clarionette zurückzugeben, welche Mr. Dorrit hatte con⸗ fisciren laſſen, ſie aber aufzubewahren gewagt hatte. Unge⸗ achtet der Einwürfe von Miß Fanny, daß es ein gemeines Inſtrument ſei und daß ſie ſeinen Klang verabſcheue, war dies zugeſtanden worden. Allein es wurde jetzt entdeckt, daß er genug davon gehabt hatte, und es nun, wo es ihm nicht mehr Mittel zum Broterwerb war, nicht mehr ſpielte. Er hatte unbewußt eine neue Gewohnheit angenommen, die nämlich, daß er in die Gemäldegalerie ſchlurrte, wobei er Klein Dorrit. VI. 7 98 Fünftes Kapitel. ſtets ſein zuſammengedrehtes Schnupftabaksdütchen in der Hand trug(ſehr zum Verdruße von Miß Fanny, die den Vorſchlag gemacht hatte, ihm, damit der Familie nicht Schande gemacht würde, eine goldene Doſe zu kaufen, welche er, als ſie gekauft war, zu tragen ſich abſolut weigerte) und Stunden auf Stunden vor den Bildern berühmter Venetia⸗ ner verbrachte. Man wurde ſich nie klar darüber, was ſeine blöden Augen an ihnen ſahen, ob er an ihnen blos als Bil⸗ dern Intereſſe nahm, oder ob er ſie in ſeinem wirren Kopfe mit einer Herrlichkeit vermiſchte, welche, gleich der Kraft ſei⸗ ner eignen Seele, vergangen war. Aber er machte ihnen ſeine Aufwartung mit großer Pünktlichkeit und hatte augen⸗ ſcheinlich Vergnügen an der Beſchäftigung. Nach den erſten paar Tagen begleitete Klein Dorrit ihn zufällig bei dieſen Aufmerkſamkeitsbezeugungen. Dies erhöhte ſeinen Genuß ſo augenſcheinlich, daß ſie ſpäter oft ſeine Begleiterin machte, und das größte Entzücken, deſſen der alte Mann ſich ſeit ſei⸗ nem Ruin fähig gezeigt hatte, ging aus dieſen Ausflügen hervor, bei denen er einen Stuhl von Bild zu Bild zu tra⸗ gen und trotz aller ihrer Einſprüche hinter ſie zu treten pflegte, um ſie ſchweigend den edlen Venetianern vorzuſtellen. Es begab ſich bei dieſem Familienfrühſtück, daß er er⸗ wähnte, wie ſie am vorherigen Tage in einer Galerie die Dame und den Herrn geſehen hätten, mit denen ſie auf dem Großen St. Bernhard zuſammengetroffen.„Ich habe den Namen vergeſſen,“ ſagte er.„Ich glaube, Du erinnerſt Dich ihrer, William? Ich glaube, Du auch, Edward?“ Es geht irgendwo nicht mit rechten Dingen zu. 99 „Beſinne mich gut genug auf ſie,“ ſagte der Letztere. „Das ſollte ich meinen,“ bemerkte Miß Fanny mit einem Köopfſchütteln und einem Blick auf ihre Schweſter.„Aber ſie würden uns nicht ins Gedächtniß zurückgerufen worden ſein, glaube ich, wenn Onkel nicht in die Sache hineingetorkelt wäre.“ „Meine Liebe, was für eine ſeltſame Redensart!“ ſagte Mrs. General.„Würde nicht unverſehens darauf gekommen oder ſich zufällig darauf bezogen hätte, beſſer klingen?“ „Danke Ihnen recht ſehr, Mrs. General,“ erwiderte die junge Dame,„nein, ich denke nicht. Ueberhaupt ziehe ich meinen eignen Ausdruck vor.“ Dies war ſtets Miß Fanny's Art, eine Ermahnung von Mrs. General aufzunehmen. Aber ſie hob ſie ſich ſtets in ihrer Seele auf und wendete ſie ein ander Mal an. „Ich würde unſer Zuſammentreffen mit Mr. und Mrs. Gowan erwähnt haben, Fanny,“ ſagte Klein Dorrit,„auch wenn es Onkel nicht gethan hätte. Du weißt, ich habe Dich ſeitdem kaum geſehen. Ich dachte beim Frühſtück davon zu ſprechen, weil ich Mrs. Gowan gern einen Beſuch machen und mit ihr beſſer bekannt werden möchte, wenn Papa und Mrs. General nichts dagegen haben.“ „Nun, Amy,“ ſagte Fanny,„ich freue mich wahrhaftig, daß Du endlich einmal den Wunſch ausſprichſt, mit Jemand in Venedig beſſer bekannt zu werden, obſchon es erſt noch ausgemacht werden muß, ob Mr. und Mrs. Gowan wün⸗ ſchenswerthe Bekanntſchaften ſind.“ 7* 100 Fünftes Kapitel. „Ich ſprach von Mrs. Gowan, Liebe.“ „Kein Zweifel,“ ſagte Fanny.„Aber Du kannſt ſie ohne eine Parlamentsacte nicht von ihrem Manne trennen.“ „Denkſt Du, Papa,“ fragte Klein Dorrit ſchüchtern und ohne Vertrauen auf eine günſtige Antwort,„daß Etwas da⸗ gegen einzuwenden iſt, daß ich dieſen Beſuch mache?“ „In der That,“ erwiderte er.„Ich— ha— was iſt die Anſicht von Mrs. General?“ Die Anſicht von Mrs. General ging dahin, daß ſie, indem ſie nicht die Ehre habe, mit der Dame und dem Herrn, von denen die Rede ſei, irgendwie bekannt zu ſein, nicht in der Lage ſei, den gegenwärtigen Artikel zu überfirniſſen. Sie könnte nur, als einen Hauptgrundſatz beim Handwerk des Ueberfirniſſens, bemerken, daß viel von der Seite abhinge, von der aus die fragliche Dame an eine ſo hervorragend im* Tempel der guten Geſellſchaft geſtellte Familie, wie die Fa⸗ milie Dorrit, empfohlen ſei. Auf dieſe Bemerkung hin verfinſterte ſich das Antlitz Mr. Dorrits beträchtlich. Er war(indem er die Empfehlung mit einer zudringlichen Perſon Namens Clennam in Verbindung brachte, deren er ſich unvollkommen aus einem frühern Zu⸗ ſtande ſeines Daſeins erinnerte) im Begriff, dem Namen Go⸗ wan ſchließlich die ſchwarze Kugel zu geben, als Edward Dorrit ſich in die Unterhaltung miſchte. Er that dies mit ſeinem Glaſe im Auge und indem er die Bemerkung voraus⸗ ſchickte.„Hört mal, Ihr da. Seid ſo gut und geht'mal enaus,“ womit er ſich als mit einer höflichen Andeutung, Es geht irgendwo nicht mit rechten Dingen zu. 101 daß man ihre Dienſte auf eine Weile entbehren könne, an zwei Leute wendete, welche die Gerichte herum gaben. Nachdem dieſelben dem Gebote gehorcht hatten, fuhr Edward Dorrit Esquire fort. „Vielleicht iſt es politiſch, Euch Alle wiſſen zu laſſen, daß dieſe Gowans— von denen man nicht annehmen wird, daß ich ihnen oder wenigſtens ihm beſonders gut bin— mit Leuten von Wichtigkeit bekannt ſind, wenn das einen Unterſchied macht.“ „Das, möchte ich ſagen,“ bemerkte die holdſelige Ueber⸗ firniſſerin,„macht den größten Unterſchied. Wofern die frag⸗ liche Connexion wirklich aus Leuten von Wichtigkeit und An⸗ ſehen beſteht—“ „Was das betrifft,“ ſagte Edward Dorrit Esquire,„ſo will ich Ihnen ein Mittel an die Hand geben, ſelbſt zu ur⸗ theilen. Sie ſind vielleicht bekannt mit dem berühmten Na⸗ men Merdle?“ „Der große Merdle!“ rief Mrs. General aus. „Der Merdle,“ ſagte Edward Dorrit Esquire.„Sie ſind mit ihm bekannt. Mrs. Gowan— ich meine die Wittwe, die Mutter meines höflichen Freundes— iſt eine intime Be⸗ kannte von Mrs. Merdle und ich weiß, daß dieſe Beiden auf ihrer Viſitenliſte ſtehen.“ „Wenn dem ſo iſt, ſo könnte eine unbeſtreitbarere Bürg⸗ ſchaft nicht ertheilt werden,“ ſagte Mrs. General zu Mr. Dorrit, indem ſie ihre Handſchuhe erhob und ihr Haupt 102 Fünftes Kapitel. beugte, als ob ſie irgend einem ſichtbar eingegrabenen Bilde ihre Huldigung darbrächte. „Ich erlaube mir, meinen Sohn aus Gründen der— ha— Neugier zu fragen,“ bemerkte Mr. Dorrit mit einer entſchiedenen Veränderung in ſeiner Art und Weiſe,„wie er in den Beſitz dieſer— hm— zur rechten Zeit ekounnenen Nachricht gelangt iſt?“ „s iſt keine lange Geſchichte,“ entgegnete Edward Dorrit Caqufte.„und Ihr ſollt ſie ohne Weiteres hören. Erſtens nämlich iſt Mrs. Merdle die Dame, mit der Du in— da in Dings da den Zank hatteſt.“ „In Martigny,“ half Miß Fanny mit einer Miene uner⸗ meßlicher Langeweile ein. „In Martigny,“ ſagte ihr Bruder bejahend mit einem leiſen Kopfnicken und einem verſtohlenen Blinzeln, worauf Fanny überraſcht ausſah und lachte und erröthete. „Wie kann das ſein, Edward?“ ſagte Mr. Dorrit.„Du äußerteſt ja gegen mich, daß der Name des Herrn, mit dem Du Dich beſprachſt— ha— Sparkler ſei. In der That, Du zeigteſt mir ſeine Karte. Hm. Sparkler.“ „Kein Zweifel daran, Vater, aber es folgt nicht, daß der Name ſeiner Mutter derſelbe ſein muß. Mrs. Merdle war ſchon früher verheirathet, und er iſt ihr Sohn. Sie iſt jetzt in Rom, wo wir wahrſcheinlich Weiteres von ihr hören werden, da Du Dich dafür entſchieden haſt, den Winter dort zuzubringen. Sparkler iſt eben hierher gekommen. Ich ver⸗ brachte den geſtrigen Abend mit Sparkler. Sparkler iſt im Es geht irgendwo nicht mit rechten Dingen zu. 103 Ganzen ein ſehr guter Kerl, obſchon in einer gewiſſen Hin⸗ ſicht ziemlich langweilig, indem er ſich ſchauderhaft in eine junge Dame verliebt hat.“ Hier beäugelte Edward Dorrit Esquire Miß Fanny durch ſein Glas quer über den Tiſch. „Wir verglichen geſtern Abend unſre Reiſenotizen und ich er⸗ fuhr das, was ich Euch geſagt habe, von Sparkler ſelbſt.“ Hier ſchwieg er, indem er fortfuhr, Miß Fanny durch ſein Glas mit einem ziemlich verzwickten Geſichte anzuſehen, was demſelben eben nicht zur Zierde gereichte, da er einestheils ſein Glas im Auge eingeklemmt hatte, anderntheils äußerſt fein zu lächeln ſich bemühte. „Unter dieſen Umſtänden,“ ſagte Mr. Dorrit,„glaube ich die Anſichten von— ha— Mrs. General auszudrücken ebenſo wie meine eigenen, wenn ich ſage, daß wir nichts dagegen haben, ſondern— hm— gerade das Gegentheil, wenn Du Deinem Wunſche nachkommſt, Amy. Ich glaube, ich darf— ha— dieſen Wunſch als ein gutes Omen freu⸗ dig begrüßen,“ ſagte Mr. Dorrit in ermunterndem und ver⸗ gebendem Tone.„Es iſt ganz recht, dieſe Leute zu kennen. Es iſt ganz paſſend. Mr. Merdles Name hat einen— ha — über die ganze Welt verbreiteten Ruf. Die Unterneh⸗ mungen von Mr. Merdle ſind unermeßlich. Sie bringen ihm ſolche ungeheure Summen Geldes ein, daß ſie als— hm — Nationalwohlthaten betrachtet werden. Mr. Merdle iſt der Mann dieſer Zeit. Der Name Merdle's iſt der Name des Jahrhunderts. Bitte, thut meinerſeits Alles, was die Ar⸗ 104 Fünftes Kapitel. tigkeit gegen Mr. und Mrs. Gowan erfordert; denn— ha — wir werden ſicherlich Notiz von ihnen nehmen.“ Dieſe großartige Einwilligung Mr. Dorrits brachte die Angelegenheit zu Ende. Man bemerkte nicht, daß Onkel ſei⸗ nen Teller weggeſchoben und ſein Frühſtück vergeſſen hatte, aber er wurde ja niemals, ausgenommen von Klein Dorrit, viel bemerkt. Die Dienerſchaft wurde zurückgerufen und das Mahl näherte ſich ſeinem Ende. Mrs. General erhob ſich und verließ den Tiſch. Klein Dorrit erhob ſich und verließ den Tiſch. Als Edward und Fanny zurückblieben und über denſelben mit einander flüſterten, und als Mr. Dorrit zu⸗ rückblieb und Feigen dazu eſſend eine franzöſiſche Zeitung las, lenkte Onkel plötzlich die Aufmerkſamkeit von allen Dreien auf ſich, indem er ſich aus ſeinem Stuhl erhob, mit der Hand auf den Tiſch ſchlug und ſagte:„Bruder, ich pro⸗ teſtire dagegen.“ Wenn er in einer unbekannten Zunge eine Rede gehal⸗ ten und unmittelbar nachher den Geiſt aufgegeben hätte, ſo würde er ſeine Zuhörerſchaft nicht mehr haben in Staunen ſetzen können. Die Zeitung fiel Mr. Dorrit aus der Hand und er ſaß wie verſteinert mit einer Feige auf demſelben Wege zum Munde da. „Bruder,“ ſagte der alte Mann, indem er eine über⸗ raſchende Energie in ſeiner zitternden Stimme hatte,„ich proteſtire dagegen; ich liebe Dich, Du weißt, ich liebe Dich ſehr. Dieſe vielen Jahre daher bin ich Dir mit keinem Ge⸗ danken jemals untreu geweſen. So ſchwach ich bin, würde Es geht irgendwo nicht mit rechten Dingen zu. 105 ich zu jeder Zeit Jedermann geſchlagen haben, der von Dir übel geſprochen hätte. Aber, Bruder, Bruder, Bruder, ich proteſtire dagegen!“ Es war außerordentlich zu ſehen, welches Ausbruchs von Eifer ſolch ein gebrechlicher Mann fähig war. Seine Augen blitzten, ſein graues Haar ſträubte ſich auf ſeinem Kopfe, Züge feſten Willens auf ſeiner Stirn und ſeinem Ge⸗ ſicht, welche ſeit fünfundzwanzig Jahren von demſelben ver⸗ ſchwunden waren, traten wieder hervor, und es war eine Energie in ſeiner Hand, welche die Bewegung derſelben dop⸗ pelt ſo kraftvoll erſcheinen ließ. „Mein theurer Frederick!“ rief Mr. Dorrit mit ängſt⸗ licher Stimme.„Was iſt denn Unrechtes geſchehen? Was gibt es?“ „Wie kannſt Du,“ ſagte der alte Mann, ſich nach Fanny umwendend,„wie kannſt Du Dich das unterſtehen? Haſt Du kein Gedächtniß? Haſt Du kein Herz?“ „Onkel!“ ſchrie Fanny entſetzt und in Thränen aus⸗ brechend,„warum fährſt Du mich in ſo grauſamer Weiſe an? Was habe ich gethan?“ „Gethan?“ wiederholte der alte Mann, auf den Platz ihrer Schweſter zeigend,„wo iſt Deine liebevolle, unſchätz⸗ bare Freundin? Wo iſt Deine ergebene Beſchützerin? Wo iſt ſie, die Dir mehr als Mutter war? Wie kannſt Du die Beſſere ſpielen gegenüber allen dieſen in Deiner Schweſter vereinigten Rollen? Schäme Dich, Du falſches Mädchen, ſchäme Dich!“ 106 Fünftes Kapitel. „Ich liebe Amy,“ ſchrie Miß Fanny ſchluchzend und wei⸗ nend,„ſo ſehr wie mein eignes Leben— mehr als ich mein Leben liebe. Ich verdiene dieſe Behandlung nicht. Ich bin ſo dankbar gegen Amy und ſo liebevoll gegen Amy als es menſchenmöglich iſt. Ich wollte ich wäre todt. In meinem Leben iſt mir nicht ſo niederträchtig mitgeſpielt worden. Und das blos weil ich mich um die Ehre der Familie abſorge.“ „Einen Pfifferling für die Ehre der Familie!“ ſchrie der alte Mann mit großem Spott und Verdruß.„Bruder, ich proteſtire gegen allen Stolz. Ich proteſtire gegen dieſe Un⸗ dankbarkeit. Ich proteſtire gegen Jeden von uns hier, der erfahren hat, was wir erfahren haben, und geſehen, was wir geſehen haben, und ſich irgend Etwas anmaßt, wodurch Amy nur auf einen Augenblick in den Schatten geſtellt wird oder was ihr nur einen Augenblick Schmerz macht. Wir können wiſſen, daß es eine ſchlechte Anmaßung iſt, weil ſie dieſe Wirkung hat. Es muß eine Heimſuchung über uns bringen. Bruder, ich proteſtire dagegen im Angeſichte Gottes!“ Wie ſeine Hand ſich über ſeinen Kopf erhob und auf den Tiſch niederfiel, hätte ſie der Hammer eines Grobſchmieds ſein können. Nach einigen Augenblicken Stillſchweigens war ſie in ihren gewöhnlichen ſchwachen Zuſtand zurückge⸗ ſunken. Er ging zu ſeinem Bruder mit ſeinem gewohnten ſchlurrenden Schritte, legte ihm die Hand auf die Schulter und ſagte mit ſanfterer Stimme:„William, mein Lieber, ich fühlte die Verpflichtung, es zu ſagen; vergib mir; denn ich fühlte die Verpflichtung, es zu ſagen,“ und ging dann in * Es geht irgendwo nicht mit rechten Dingen zu. 107 ſeiner gebückten Weiſe aus der Palaſthalle juſt wie er aus der Stube im Marſhalſea gegangen ſein würde. Dieſe ganze Zeit über hatte Fanny geſchluchzt und ge⸗ weint und ſie fuhr noch immer fort, dies zu thun. Edward hatte ſeinen Mund vor Erſtaunen aufgeſperrt, aber ſeine Lippen nicht geöffnet und überhaupt nichts gethan, als ihn angeſtarrt. Auch Mr. Dorrit war ganz und gar aus ſeiner Faſſung gerathen und ganz unfähig, ſich irgendwie zu äußern. Fanny war jetzt die erſte, welche ſprach. „Niemals, niemals, niemals wurde ich ſo behandelt!“ ſchluchzte ſie.„Nie gab es etwas ſo Schroffes und Unge⸗ rechtfertigtes, etwas ſo ſchändlich Gewaltſames und Grau⸗ ſames! Liebe, gute, ſtille kleine Amy, was würdeſt Du empfinden, wenn Du wiſſen könnteſt, daß Du unſchuldiger⸗ weiſe die Urſache geweſen biſt, daß ich einer ſolchen Behand⸗ lung ausgeſetzt war! Aber ich will es ihr nie ſagen! Nein, Du gutes liebes Kind, ich will Dir es nie ſagen.“ Dies half Mr. Dorrit, das Stillſchweigen zu brechen. „Meine Liebe,“ ſagte er,„ich— ha— ich billige Dei⸗ nen Entſchluß. Es wird— ha, hm— viel beſſer ſein, hiervon nicht zu Amy zu ſprechen. Es möchte— hm— ſie betrüben. Ha. Es würde ſie unzweifelhaft ſehr betrüben. Es iſt verſtändig und recht, dies zu vermeiden. Wir wollen — ha— es für uns behalten.“ „Aber die Grauſamkeit des Onkels!“ ſchrie Miß Fanny. „Oh, ich kann die ungerechtfertigte Grauſamkeit Onkels nie⸗ mals vergeben.“ 108 Fünftes Kapitel. „Meine Liebe,“ ſagte Mr. Dorrit, ſeinen alten Ton wie⸗ der annehmend, obſchon er ungewöhnlich blaß blieb,„ich muß Dich erſuchen, nicht ſo zu reden. Du mußt Dich erin⸗ nern, daß Dein Oheim— hm— nicht mehr das iſt, was er früher war. Du mußt Dich erinnern, daß der Zuſtand Deines Oheims— ha— große Rückſichtnahme von uns verlangt, große Rückſichtnahme.“ „Wahrhaftig,“ winſelte Amy erbärmlich,„es iſt nur barm⸗ herzig, zu glauben, daß Etwas bei ihm nicht richtig iſt, ſonſt würde er gewiß von allen Leuten in der Welt mich am We⸗ nigſten ſo angefahren haben.“ „Fanny,“ erwiderte Mr. Dorrit im Tone des beſten Bru⸗ ders,„Du weißt, was bei allen ſeinen unzähligen guten Seiten Dein Oheim für ein— hm— Wrack iſt, und ich beſchwöre Dich bei der zärtlichen Liebe, die ich zu ihm hege, und bei der Treue, die ich ihm, wie Du weißt, ſtets bewie⸗ ſen habe, Dir— ha— Deine eigne Meinung zu bilden und meine brüderlichen Gefühle zu ſchonen.“ Dies endete die Scene, bei welcher Edward Dorrit Es⸗ quire durchaus nichts ſagte, aber bis zu Ende verblüfft und zweifelhaft ausſah. Miß Fanny erweckte an dieſem Tage viel liebevolle Unruhe in der Seele ihrer Schweſter, indem ſie den größern Theil deſſelben mit heftigen Anfällen von einer Sucht ſie zu umarmen und damit zubrachte, daß ſie ab⸗ wechſelnd ihr Brochen ſchenkte und ſich den Tod wünſchte. Es geht irgendwo mit rechten Dingen zu. 109 Hechstes Rapitel. Es geht irgendwo mit rechten Dingen zu. Auf dem Standpunkte Mr. Henry Gowans zu ſtehen, eine von zwei Mächten aus Ekel verlaſſen zu haben, der noth⸗ wendigen Eigenſchaften zu ermangeln, um bei der andern Beförderung zu finden und verdrießlich auf neutralem Boden herumzuſchlendern und beide zu verwünſchen, heißt in einer für das Gemüth ungeſunden Lage ſein, welche die Zeit nicht leicht beſſern wird. Die übelſte Klaſſe von Summen, welche in der Alltagswelt behandelt werden, wird von den krank⸗ haften Rechnenkünſtlern in Zahlen gebracht, welche, wenn es die Verdienſte und Erfolge Andrer gilt, ſtets ſubtrahiren, und wo es um die ihren ſich handelt, nie addiren. Die Gewohnheit ferner, eine Art von Entſchädigung in dem mißvergnügten Großthun damit, daß Einem Hoffnungen fehlgeſchlagen ſind, zu ſuchen, iſt eine Gewohnheit, die das Verderben in ſich trägt. Bald entſteht daraus eine gewiſſe träge Sorgloſigkeit und Unbekümmertheit in Betreff der Wahrhaftigkeit deſſen, was man ſagt. Lobenswerthe Dinge zu erniedrigen, indem man Dinge, die keines Lobes werth ſind, erhöht, iſt eines ihrer verkehrten Vergnügen, und man darf es bei keinem Spiel mit der Wahrheit ſich leicht machen, ohne daß man dadurch ſchlechter wird. 1¹⁰ Sechſtes Kapitel. Im Ausdruck ſeiner Meinung über alle die Leiſtungen in der Malerkunſt, die vollſtändig verdienſtlos waren, war Gowan der liberalſte Junge von der Welt. Er pflegte zu erklären, daß Der und Jener mehr Geſchick in ſeinem kleinen Finger habe(vorausgeſetzt, daß er gar keins hatte), als der und jener Andere(vorausgeſetzt, daß er viel hatte) in ſeinem ganzen Leibe und Geiſte. Warf man ein, daß der empfoh⸗ lene Gegenſtand Quark ſei, ſo antwortete er in Betreff ſei⸗ ner Kunſt:„Mein guter Junge, was machen wir denn Alle näher beſehen anders, als Quark? Ich bin nichts Anderes, und ich mache Ihnen ein Geſchenk mit dem Eingeſtändniß.“ Immer merken zu laſſen, daß er arm ſei, war eine an⸗ dere Aeußerung ſeines milzſüchtigen Zuſtandes, obſchon hierin die Abſicht ſich verſteckt haben mag, zu zeigen, daß er von Rechts wegen reich ſein ſollte, gerade ſo wie er öffentlich die Barnacles zu loben und zu verſchreien pflegte, damit es nicht vergeſſen würde, daß er zu der Familie gehörte. Wie dem auch ſei, dieſe beiden Gegenſtände waren ſehr oft auf ſeinen Lippen, und er wußte mit ihnen ſo gut umzuſprin⸗ gen, daß er ſich hätte einen ganzen Monat lang loben kön⸗ nen, ohne ſich auch nur halb ſo wichtig gemacht zu haben, als er ſich dadurch machte, daß er leichtfertig die Anſprüche in Abrede ſtelle, welche er auf die Achtung der Welt hatte. Aus dieſem ſelben großthueriſchen Gerede erfuhr man ſtets überall, wohin er und ſeine Frau gingen, bald, daß er gegen die Wünſche ſeiner vornehmen Verwandten geheirathet und viel Mühe gehabt, um ſie zu vermögen, ſie anzuerkennen. Es geht irgendwo mit rechten Dingen zu. 111 Er ſtellte das durchaus nicht ſo dar, ſondern ſchien im Ge⸗ gentheil über die Idee ſpöttiſch zu lachen, aber es begab ſich, daß er bei aller Mühe, die er ſich gab, ſich herabzuſetzen, doch ſtets als der Vornehmere auftrat. Von den Tagen ihres Honigmonats an war Minnie Gowan ſich bewußt, daß ſie als die Frau eines Mannes betrachtet wurde, welcher unter ſeinem Stande geheirathet hatte, deſſen ritterliche Liebe zu ihr aber dieſe Ungleichheit ausgeglichen hatte. Nach Venedig waren ſie von Monſieur Blandois von Paris begleitet worden, und zu Venedig war Monſieur Blan⸗ dois von Paris ſehr viel in der Geſellſchaft Gowans. Als ſie dieſem galanten Herrn in Genf zuerſt begegnet waren, war Gowan unſchlüſſig geweſen, ob er ihn mit Fußtritten wegjagen oder ihn als Gönner behandeln ſollte, und es war ihm vierundzwanzig Stunden lang ſo ſchwer gefallen, den Punkt zu ſeiner Befriedigung zu ordnen, daß er daran ge⸗ dacht hatte, ein Fünffrankenſtück mit den Bedingungen: Rückſeite, Fußtritt; Vorderſeite Gönnerſchaft emporzuwerfen und es bei der Stimme des Orakels bewenden zu laſſen. Es begab ſich indeß, daß ſeine Frau eine Abneigung vor dem artigen Blandois ausſprach, und daß die Mehrzahl der Gäſte im Hotel ihm ungünſtig geſinnt war. Darauf hin entſchloß er ſich, Blandois als Gönner zu behandeln. Weshalb dieſe Verkehrtheit, wenn ſie ihre Urſache nicht in einem Anfall von Großmuth hatte?— was nicht der Fall war. Warum ſollte Gowan, der Blandois von Paris ſehr überlegen und ſehr wohl im Stande war, dieſen einneh⸗ 112 Sechſtes Kapitel. menden Herrn in Stücke zu reißen und den Stoff zu ent⸗ decken, aus dem er gemacht war, ſich mit ſolch einem Men⸗ ſchen einlaſſen? Erſtens machte er damit Oppoſition gegen den erſten von ſeinen Anſichten abweichenden Wunſch ſeiner Frau, weil ihr Vater ſeine Schulden bezahlt hatte, und es wünſchenswerth war, frühzeitig die Gelegenheit zur Gel⸗ tendmachung ſeiner Unabhängigkeit zu ergreifen. Zweitens opponirte er damit der Anſicht der Mehrheit, weil er bei manchen Fähigkeiten, etwas Anders zu ſein, ein Mann in üblen Verhältniſſen war. Er fand eine Freude daran, zu er⸗ klären, daß ein Hofmann mit den feinen Manieren dieſes Blan⸗ dois in jedem gebildeten Lande ſich die höchſte Auszeichnung erwerben müſſe. Er fand eine Freude daran, Blandois als das Muſterbild der Eleganz hinzuſtellen, und ihn zu einer Satire auf Andere zu machen, welche ſich darauf erſtürzten, ein anmuthiges Aeußere zu beſitzen. Er behauptete ernſthaft, daß die Verbeugungen Blandois' vollkommen muſtergültig, daß ſeine Art, mit Leuten zu verkehren unwiderſtehlich ſei, und daß ſeine maleriſche Leichtigkeit im Benehmen(wofern ſie nicht eine Gabe, und unbezahlbar wäre) mit hunderttau⸗ ſend Franken wohlfeil gekauft ſein würde. Jene Uebertrei⸗ bung im Benehmen des Mannes, von der bemerkt worden iſt, daß ſie zu ihm wie zu jedem ſolchen Menſchen, was auch ſeine urſprüngliche Erziehung ſein mag, ſo gewiß gehört, als die Sonne zu dieſem Himmelsſyſtem, war Gowan als eine Karrikatur willkommen, in der er eine humoriſtiſche Hülfsquelle zur Hand hatte, zur Verſpottung zahlreicher Leute, Es geht irgendwo mit rechten Dingen zu. 113 die mehr oder weniger das thaten, was Blandois zu ſehr that. So hatte er ſich mit ihm eingelaſſen, und ſo, indem ſeine Nachläſſigkeit dieſe Nigungen zur Gewohnheit und dadurch ſtärker werden ließ und er in ſeiner Trägheit einiges Vergnügen an ſeinem Geſchwätz fand, war er dahin ge⸗ rathen, ihn zum Gefährten zu haben. Dies war der Fall, obſchon er vermuthete, daß er von ſeiner Schlauheit an Spieltiſchen und dergleichen lebte, obſchon er den Verdacht hegte, er ſei eine Memme, während er ſelbſt kühn und muth⸗ voll war, obſchon ex wußte, daß Minnie ihm durchaus ab⸗ geneigt war, und obſchon er ſich am Ende ſo wenig aus ihm machte, daß er ſich, wofern er ihr irgendwelche beſtimmte Urſache gegeben hätte, ihn mit Abneigung zu betrachten, nicht einen Augenblick beſonnen haben würde, ihn aus dem höchſten Fenſter in Venedig in das tiefſte Waſſer der Stadt zu werfen. Klein Dorrit hätte ihren Beſuch bei Mrs. Gowan gern allein gemacht; da aber Fanny, die ſich von dem Proteſt ihres Oheims noch nicht erholt hatte, obwol er vierund⸗ zwanzig Stunden alt war, dringend ihre Begleitung antrug, ſo ſtiegen die beiden Schweſtern zuſammen in eine der Gon⸗ deln unter Mr. Dorrits Fenſter und wurden, begleitet von dem Quartiermacher, in feierlichem Aufzug nach der Woh⸗ nung von Mrs. Gowan gebracht. In der That, ihr Aufzug war etwas zu feierlich für die Wohnung, welche, wie Fanny klagte,„furchtbar abgelegen“ war, und welche ſie durch einen Klein Dorrit. VI. 8 114 Sechſtes Kapitel. Complex enger Waſſerſtraßen führte, welche dieſelbe Dame geringſchätzig als„bloße Gräben“ bezeichnete. Das Haus, auf einer kleinen wüſten Inſel gelegen, ſah aus, als ob es irgendwo anders abgebrochen worden und durch den Zufall in Geſellſchaft mit einem Rebſtocke, welcher faſt eben ſo ſehr der Pflege ermangelte, als die armen Teu⸗ fel, die unter ſeinen Blättern lagen, bis zu ſeinem gegen⸗ wärtigen Ankerplatz geſchwemmt worden ſei. Die Züge des Bildes der Nachbarſchaft waren eine Kirche, umgeben von Verſchalung und Gerüſten, von der man ſo lange geglaubt, daß ſie ausgebeſſert werde, bis die Mittel der Ausbeſſerung ausſahen, als ob ſie hundert Jahre alt wären, und ſelbſt in Verfall gerathen waren; eine Menge zum Trocknen in der Sonne aufgehangene Wäſche, eine Anzahl von Häuſern, die verwirrt durcheinander ſtanden und in groteskem Maße das Gleichgewicht verloren hatten, wie präadamitiſche Käſe, in phantaſtiſche Geſtalten geſchnitten und voll von Milben, und ein ſieberhaftes Außerſichſein der Fenſter, deren Som⸗ merladen alleſammt ſchief hingen, während aus den meiſten etwas Schlottriges und Schmutziges herausbaumelte. In dem erſten Stock des Hauſes war eine Bank— ein überraſchendes Schauſpiel für jeden Herrn vom Handels⸗ ſtande, der Geſetze für alle Welt aus einer britiſchen Stadt mitbrachte— wo zwei magere Commis wie gedörrte Dra⸗ goner, in grünen Sammetmützen geſchmückt mit Goldtrod⸗ deln, mit Bärten verſehen hinter einem kleinen Ladentiſche in einem kleinen Zimmer ſtanden, welches keine andern 8 Es geht irgendwo mit rechten Dingen zu. 115 ſichtbaren Gegenſtände als einen leeren eiſernen feuerfeſten Geldſchrank, deſſen Thür offen ſtand, einen Waſſerkrug und eine Tapete mit Roſengewinden enthielt; welche aber auf geſetzmäßig vorgebrachtes Verlangen blos dadurch, daß ſie ihre Hände verſchwinden ließen, unerſchöpfliche Hügel von Fünffrankenſtücken zum Vorſchein bringen konnten. Unter der Bank war eine Reihe von drei oder vier Gemächern mit vergitterten Fenſtern, welche das Ausſehen eines Ge⸗ fängniſſes für Criminalratten hatten. Trotzdem, daß der Ort an ſeinen Mauern zerſprungen war, als ob Miſſionär⸗Landkarten daraus hervorträten, um geographiſches Wiſſen mitzutheilen, trotzdem, daß ſein ural⸗ tes Hausgeräth elendiglich verſchoſſen und verfallen war, und daß der in ganz Venedig vorherrſchende Duft von Sumpfwaſſer und Ebbe auf einem mit Unkraut bewachſenen ufer ſehr ſtark ſich verſpüren ließ, war derſelbe innen doch beſſer, als ſein Aeußeres verſprach. Die Thür wurde von ei⸗ nem lächelnden Manne geöffnet, der einem gebeſſerten Meu⸗ chelmörder glich— ein zeitweilig angenommener Bedienter, der ſie in das Gemach führte, wo Mrs. Gowan ſaß, indem er hineinrief, daß zwei ſchöne engliſche Damen gekommen wären, um die Frau vom Hauſe zu beſuchen. Mrs. Gowan, die ſich mit Nätherei beſchäftigte, legte ihre Arbeit bei Seite in einen bedeckten Korb und erhob ſich ein wenig haſtig. Miß Fanny war über die Maßen artig gegen ſie und ſagte ihr die üblichen nichtsſagenden 8* 116 Sechſtes Kapitel. Redensarten mit der Gewandtheit einer Dame, die derglei⸗ chen ſeit langen Jahren gewohnt iſt. „Papa that es ſehr leid,“ fuhr Fanny fort,„daß er heute in Anſpruch genommen war ler iſt hier ſo ſehr in An⸗ ſpruch genommen, da unſere Bekanntſchaft ſo entſetzlich ausgedehnt iſt) und erſuchte mich dringend, Mrs. Gowan ſeine Karte zu überbringen. Damit ich ſicher bin, mich mei⸗ nes Auftrags zu entledigen, den er mir wenigſtens ein Dutzend Mal auf die Seele band, geſtatten Sie mir, mein Gewiſſen dadurch zu erleichtern, daß ich ſie ſogleich auf den Tiſch lege.“ Dies that ſie mit der Gemüthlichkeit einer Veteranin. „Wir ſind entzückt geweſen, zu hören,“ ſagte Fanny, „daß Sie die Merdles kennen. Wir hoffen, daß dies ein zweites Mittel ſein wird, uns zuſammenzubringen.“ „Sie ſind Freunde von der Familie meines Mannes,“ ſagte Mrs. Gowan.„Ich habe bis jetzt noch nicht das Ver⸗ gnügen gehabt, die perſönliche Bekanntſchaft von Mrs. Merdle zu machen, hoffe aber, ihr in Rom vorgeſtellt zu werden.“ „In der That?“ erwiderte Fanny mit einer Miene, als ob ſie in liebenswürdiger Weiſe ihre Ueberlegenheit zurück⸗ dränge.„Ich denke, ſie wird Ihnen gefallen.“ „Sie kennen ſie wol ſehr genau?“ „Je nun, ſehen Sie,“ ſagte Fanny, indem ſie ihre hüb⸗ ſchen Schultern emporzog,„in London kennt man alle Welt. Wir trafen ſie auf unſerm Wege hierher und, die Wahrheit Es geht irgendwo mit rechten Dingen zu. 117 zu geſtehen, Papa war zuerſt ziemlich böſe auf ſie, weil ſie eins von den Zimmern in Anſpruch genommen hatte, welche unſere Leute für uns beſtellt hatten. Das ging indeß raſch vorbei und wir wurden wieder gute Freunde.“ Obſchon der Beſuch bis jetzt Klein Dorrit keine Gele⸗ genheit gegeben hatte, ſich mit Mrs. Gowan zu unterhalten, fand doch ein ſchweigendes Einverſtändniß zwiſchen ihnen ſtatt, welches eben ſo gut war. Sie blickte Mrs. Gowan mit lebhaftem, durch nichts geſtörtem Intereſſe an, der Klang ihrer Stimme drang ihr an's Herz, nichts, was neben ihr oder um ſie war oder in irgend welcher Hinſicht mit ihr in Beziehung ſtand, entſchlüpfte Klein Dorrit. Sie war hier raſcher bei der Hand, das Unbedeutendſte zu bemerken, als in irgend einer andern Angelegenheit— eine ausgenom⸗ men. „Sie ſind ſeit jener Nacht ganz wohl geweſen?“ ſagte ſie jetzt. „Ganz wohl, meine Liebe. Und Sie? „O, ich bin immer wohl!“ ſagte Klein Dorrit ſchüch⸗ tern.„Ich— ja wohl. Danke Ihnen.“ Es war keine andere Urſache, zu ſtocken und abzubrechen, als daß Mrs. Gowan ihre Hand berührt, als ſie zu ihr ſprach und daß ihre Blicke ſich begegnet hatten. Etwas nachdenklich Ahnungsvolles in den großen ſanften Augen hatte Klein Dorrit augenblicklich ſtille halten laſſen. „Sie wiſſen wol nicht, daß Sie ein Liebling meines Sechſtes Kapitel. Mannes ſind, und daß ich faſt verpflichtet bin, eiferſüchtig zu ſein?“ ſagte Mrs. Gowan. Klein Dorrit ſchüttelte erröthend den Kopf. „Er wird Ihnen, wenn er Ihnen ſagt, was er mir ſagt, ſagen, daß Sie ruhiger ſind und raſcher ſich zu helfen wiſſen als irgend Jemand, den er je geſehen.“ „Er ſpricht viel zu gut von mir,“ ſagte Klein Dorrit. „Das bezweifle ich, aber ich zweifle durchaus nicht daran, daß ich ihm ſagen muß, daß Sie hier ſind. Er würde mir es niemals vergeben, wenn ich Sie— und Miß Dorrit — gehen ließe, ohne das zu thun. Darf ich? Sie können gewiß die Unordnung und Unbequemlichkeit des Ateliers eines Malers entſchuldigen?“ Dieſe Fragen waren an Miß Fanny gerichtet, welche gnädig erwiderte, ſie werde über die Maßen entzückt und bezaubert ſein. Mrs. Gowan ging nach einer Thür, ſah hinein durch ſie und kam zurück.„Thun Sie Henry den Ge⸗ fallen, hineinzukommen. Ich wußte, es würde ihn freuen,“ ſagte ſie. Der erſte Gegenſtand, welcher Klein Dorrit, die zuerſt eintrat, in die Augen fiel, war Blandois von Paris in einem großen Mantel und einem die Geſichtszüge verdeckenden Schlapphut. Er ſtand auf einem Tritt in einer Ecke, gerade ſo, wie er auf dem großen St. Bernhard geſtanden, als die warnenden Arme alle nach ihm hinauf zu zeigen ſchienen. Sie ſchrack vor dieſer Geſtalt zurück, als ſie ihr zulächelte. „Erſchrecken Sie nicht,“ ſagte Gowan, indem er von Es geht irgendwo mit rechten Dingen zu. 119 ſeiner Staffelei hinter der Thür vorkam.„s'iſt blos Blan⸗ dois. Er thut heute ſeine Pflicht als Modell. Ich mache meine Studien an ihm. Ich erſpare Geld, wenn ich ihn zu was Nützlichem verwende. Wir armen Maler haben keines übrig.“ Blandois von Paris zog ſeinen Schlapphut ab und begrüßte die Damen, ohne aus ſeiner Ecke zu kommen. „Bitte tauſendmal um Entſchuldigung!“ ſagte er.„Aber der Profeſſor hier verfährt ſo unerbittlich mit mir, daß ich mich zu bewegen fürchte.“ „Nun ſo bewegen Sie ſich nicht,“ ſagte Gowan kalt, als die Schweſtern ſich der Staffelei näherten.„Mögen die Damen wenigſtens das Original des Entwurfs ſehen, da⸗ mit ſie wiſſen, was es heißen ſoll. Da ſteht er, wie Sie ſehen. Ein Beutelſchneider, der auf ſeine Beute wartet, ein ausgezeichneter Edelmann, der darauf wartet, ſein Vater⸗ land zu retten, der böſe Feind, der darauf wartet, Jemand einen ſchlimmen Streich zu ſpielen, ein Engelsbote, der darauf wartet, Jemand eine Wohlthat zu erweiſen— Alles, was ſie glauben, daß es ihm am Aehnlichſten ſieht!“ „Zum Beiſpiel, Professore mio, ein armer Herr, wel⸗ cher darauf wartet, der Eleganz und Schönheit ſeine Huldi⸗ gung darbringen zu dürfen,“ bemerkte Blandois. „Oder zum Beiſpiel, Cattivo Sogetto mio,“ exwiderte Gowan, indem er das gemalte Geſicht mit ſeinem Pinſel an der Stelle betupfte, wo das wirkliche Geſicht ſich bewegt hatte,„ein Mörder nach der That. Zeigen Sie mal Ihre 120 Sechſtes Kapitel. weiße Hand her, Blandois. Stecken Sie ſie aus dem Man⸗ tel heraus. Halten Sie ſie ſtill.“ Blandois' Hand war unſicher, aber er lachte, und das mußte ſie natürlich erbeben laſſen. „Sie bemerken, er war früher in einer Katzbalgerei mit einem andern Mörder oder einem Opfer,“ ſagte Gowan, indem er die Narben der Hand mit einem raſchen, ungedul⸗ digen, ungeſchickten Pinſelſtrich hineinſetzte,„und das ſind die Denkzettel davon. Außen vor dem Mantel, Menſch! Corpo di San Marco, an was denken Sie?“ Blandois von Paris bebte wieder von einem Gelächter, ſo daß ſeine Hand noch mehr bebte; jetzt erhob er ſie, um ſeinen Schnurrbart zu drehen, welcher feucht ausſah, und jetzt ſtand er, indem er ſich auf's Neue aufblähte, in der ver⸗ langten Stellung. Sein Geſicht war in Betreff der Stelle, wo Klein Dorrit neben der Staffelei ſtand, ſo gerichtet, daß er ſie fortwäh⸗ rend anſah. Einmal angezogen von ſeinen eigenthümlichen Augen, konnte ſie die ihren nicht mehr bewegen, und ſie hatten ſich die ganze Zeit hindurch einander angeſehen. Sie zitterte jetzt. Gowan, der dies bemerkte und glaubte, ſie ängſtige ſich wegen des großen Hundes neben ihm, deſſen Kopf ſie mit ihrer Hand ſtreichelte, und welcher eben ein leiſes Knurren hören ließ, warf ihr einen Blick zu und ſagte: „Er thut Ihnen nichts, Miß Dorrit.“ „Ich fürchte mich nicht vor ihm,“ antwortete ſie in XXIII Der Instinkt ist stürker als die Dressur. Es geht irgendwo mit rechten Dingen zu. 121 demſelben Augenblicke,„aber wollen Sie ihn einmal an— ſehen?“ Im Nu hatte Gowan ſeinen Pinſel hingeworfen und den Hund mit beiden Händen am Halsband gepackt. „Blandois, wie können Sie ſolch ein Thor ſein, ihn zu reizen! Beim Himmel und dem andern Orte noch dazu, er wird Sie in Stücke reißen! Kuſch dich! Lion! Hörſt du meine Stimme, du Rebell!“ Der große Hund, gleichgültig dagegen, daß er von dem Halsband faſt erwürgt wurde, zog hartnäckig mit ſeiner Wucht an ſeinem Herrn, entſchloſſen, über die Stube zu gelangen. Er hatte ſich in dem Moment, wo ſein Herr ihn gefaßt, zu einem Sprunge zuſammengekauert. „Lion! Lion!“ Er ſtand auf ſeinen Hinterbeinen und es war ein Ringen zwiſchen Herr und Hund.„Zurück! Nieder, Lion! Gehen Sie ihm aus den Augen, Blandois! Was für einen Teufel haben Sie in dem Hunde heraufbe⸗ ſchworen?“ („Ich habe ihm nichts gethan.“ „Machen Sie, daß Sie ihm aus den Augen kommen, ſonſt kann ich das wilde Thier nicht halten! Gehen Sie hinaus! Bei meiner Seele, er wird Sie umbringen!“ Der Hund machte mit wüthendem Gebell noch einen Verſuch, ſich loszureißen, als Blandois verſchwand. Dann in dem Augenblicke, wo der Hund ſich unterwarf, warf ihn ſein Herr, der kaum weniger ergrimmt war als der Hund, mit einem Schlag auf den Kopf zu Boden und ſchlug ihn, —O⏑—ᷣ 122 Sechſtes Kapitel. über ihm ſtehend, viele Male mit dem Stiefelabſatze, ſodaß ſein Maul bald mit Blut bedeckt war. „Jetzt marſch fort in den Winkel da und ſich niederge⸗ kegt,“ ſagte Gowan,„ſonſt führe ich dich hinaus und ſchieße dich todt.“ Lion that, wie ihm geheißen und legte ſich nieder, um ſein Maul und ſeine Bruſt zu lecken. Lions Herr hielt einen Augenblick inne, um Athem zu ſchöpfen, und wendete ſich dann, ſeine gewöhnliche Kaltblütigkeit wiedererlangend, zu ſeiner erſchrockenen Frau und ihrem Beſuch. Wahrſcheinlich hatte der ganze Vorfall nicht mehr als zwei Minuten in Anſpruch genommen. „Sei gut, ſei gut, Minnie. Du weißt, er iſt immer gut gelaunt und läßt mit ſich ſpaßen. Blandois muß ihn ge⸗ ärgert— ihm Geſichter geſchnitten haben. Der Hund hat ſeine Neigungen und Abneigungen, und Blandois iſt eben kein großer Günſtling von ihm; aber ich bin gewiß, Minnie, Du wirſt ihm das Zeugniß geben, daß er noch nie ſo gewe⸗ ſen iſt.“ Minnie war zu ſehr außer Faſſung gerathen, um irgend Etwas auf die Angelegenheit Bezügliches zu erwidern. Klein Dorrit war bereits damit beſchäftigt, ſie zu beſänftigen; Fanny, welche zwei oder drei Mal laut aufgeſchrien hatte, hielt Gowans Arm, um Schutz zu ſuchen; Lion, tief be⸗ ſchämt, ihnen dieſen Schrecken gemacht zu haben, kam, ſich am Boden hinſchleppend, zu den Füßen ſeiner Herrin ge⸗ krochen. — eo. — Es geht irgendwo mit rechten Dingen zu. 123 „Du wüthendes Vieh,“ fagte Gowan, indem er ihn nochmals mit dem Fuße ſtieß.„Du ſollſt deine Strafe dafür haben.“ Und er ſtieß ihn nochmals und abermals. „O bitte, beſtrafen Sie ihn nicht mehr!“ rief Klein Dorrit.„Verletzen Sie ihn nicht. Sehen Sie mal, wie ſanft er iſt!“ Auf ihre Bitte verſchonte ihn Gowan, und er ver⸗ diente ihre Verwendung; denn wahrlich, er war ſo unter⸗ würfig und ſo betrübt und ſo niedergeſchlagen, als ein Hund nur ſein konnte. Es war nicht leicht, ſich von dieſem Stoß zu erholen und den Beſuch ungezwungen zu machen, ſelbſt wenn die Umſtände ſo überaus günſtig geweſen wären, daß Fanny das geringſte Hinderniß im Wege geweſen wäre. In dem, was ferner unter ihnen geſprochen wurde, ehe die Schweſtern ſich verabſchiedeten, glaubte Klein Dorrit zu bemerken, daß Mr. Gowan ſeine Frau ſelbſt da, wo er zärtlich gegen ſie war, und gerade da, zu ſehr als ein ſchönes Kind behandelte. Er ſchien ſo wenig von den Tiefen des Gefühls zu ahnen, gelche wie ſie wußte, unter dieſer Oberfläche liegen mußten, daß ſie Zweifel hegte, ob in ihm ſelbſt dergleichen Tiefen wären. Sie fragte ſich, ob ſein Mangel an Ernſt etwa das natürliche Ergebniß ſeines Mangels an ſolchen Eigenſchaften ſei, und ob es mit den Menſchen wie mit den Schiffen ſei, daß in zu ſeichtem und felſigem Waſſer ihre Anker keinen Halt hätten und ſie überall hintrieben. Er begleitete ſie die Treppe hinab, indem er ſich ſcherzend wegen des ſchlechten Quartiers entſchuldigte, auf welche ſolche 124 Sechſtes Kapitel. arme Teufel wie er beſchränkt wären, und die Bemerkung machte, wenn die vornehmen und mächtigen Barnacles, ſeine Vettern, welche ſich derſelben entſetzlich ſchämen wür⸗ den, ihm ein Geſchenk mit einer beſſern machen ſollten, ſo würde er in einer beſſern wohnen, um ihnen gefällig zu ſein. Am Rande des Waſſers wurden ſie von Blandois begrüßt, welcher nach ſeinem ſo eben erlebten Abenteuer blaß genug ausſah, aber trotzdem that, als mache er ſich nichts daraus und bei der Erwähnung Lions lachte. Indem ſie die Beiden unter dem dürftigen Rebſtocke am Thorwege allein ließen, wo Gowan aus Langeweile die Blätter deſſelben in das Waſſer ſtreute und Blandois ſich eine Cigarette anſteckte, wurden die Schweſtern feierlich, wie ſie gekommen, hinweggerudert. Sie waren noch nicht viele Minuten weiter geglitten, als Klein Dorrit gewahr wurde, daß Fanny ſich großartiger benahm, als die Gelegenheit zu erfordern ſchien, und indem ſie durch das Fenſter und die offene Thür ſich nach der Urſache umſah, erblickte ſie eine zweite Gondel, welche augenſcheinlich auf ſie wartete. Da dieſe Gondel ihnen in verſchiedenen künſtlichen Wendungen folgte, bald vorausſchoß und innehielt, um ſie vorbeizulaſſen, manchmal, wenn der Weg breit genug war, Seite an Seite neben ihnen hinſchlüpfte, manchmal hart hinter ihnen folgte, und da Fanny allmälig kein Hehl mehr daraus machte, daß ſie mit Jemand in derſelben koket⸗ tirte, indem ſie zu gleicher Zeit that, als ob ſie gar nichts von ihm wiſſe, fragte endlich Klein Dorrit, was es ſei? ——ö; Es geht irgendwo mit rechten Dingen zu. 125 Darauf gab Fanny die kurze Antwort:„Jener Laffe!“ „Wer denn?“ ſagte Klein Dorrit. „Mein liebes Kind,“ erwiderte Fanny(in einem Tone, welcher andeutete, daß ſie vor dem Proteſt ihres Oheims ſtatt deſſen„Du kleine Närrin“ geſagt haben würde)„wie langſam von Gedanken Du doch biſt! Der junge Sparkler.“ Sie ließ das Fenſter auf ihrer Seite herab und fächelte ſich, indem ſie ſich zurücklehnte und ihren Ellbogen nachläſſig darauf ruhen ließ, mit einem reichen ſchwarzen und goldenen Fächer Kühlung zu. Als die begleitende Gondel wieder vorwärts geſchoſſen war, wobei während der raſchen Vor⸗ überfahrt ein Auge im Fenſter ſich hatte ſpüren laſſen, lachte Fanny kokett und ſagte:„Haſt Du je ſolch einen Narren geſehen, meine Liebe?“ „Denkſt Du, daß er Dir den ganzen Weg folgen wird?“ fragte Klein Dorrit. „Mein allerliebſtes Kind,“ erwiderte Fanny,„ich kann — nicht wohl dafür ſtehen, was ein Blödſinniger im Zuſtande der Verzweiflung thun mag, aber ich halte es für höchſt wahrſcheinlich. Es iſt keine ſo ungeheuere Entfernung. Ganz Venedig würde das kaum ſein, glaube ich, wenn er ſich zum Sterben darnach ſehnt, einen Blick von mir zu erha⸗ ſchen.“ „Und iſt das wirklich ſo?“ fragte Klein Dorrit in voll⸗ kommener Einfalt. „Je nun, mein Herzchen, das iſt wirklich eine ſeltſame Frage, die Du mir zur Beantwortung vorlegſt,“ ſagte ihre 126 Sechſtes Kapitel. Schweſter.„Ich glaube, es iſt ſo mit ihm. Du thäteſt beſſer, Edward zu fragen. Ich glaube, er hat zu Edward geſagt, es wäre ſo. Ich höre, er lenkt mit ſeinem Gerede von mir im Caſino und an dergleichen Orten geradezu Aller Augen auf ſich. Aber Du thäteſt beſſer, Edward zu fragen, wenn Du es wiſſen willſt.“ „Ich wundere mich, daß er uns keinen Beſuch macht,“ ſagte Klein Dorrit, nachdem ſie einen Augenblick nachge⸗ ſonnen. „Meine liebe Amy, Deine Verwunderung wird, wenn ich recht benachrichtigt bin, bald aͤufhören. Ich würde mich gar nicht wundern, wenn er heute vorſpräche. Ich vermuthe, das unglückliche Geſchöpf hat blos gewartet, daß ihm der Muth wüchſe.“ „Wirſt Du ihn vorlaſſen?“ „In der That,“ ſagte Fanny,„das kommt juſt auf die Umſtände an. Hier iſt er wieder. Sieh ihn'mal an. O Du Einfaltspinſel!“ Mr. Sparkler hatte, indem ſein Auge im Winkel ſaß wie ein Knoten im Glaſe und keine Urſache, ſeine Barke plötz⸗ lich anzuhalten, vorhanden war, als die wirkliche Urſache, unzweifelhaft ein klägliches Aeußere. „Wenn Du mich fragſt, ob ich ihn vorlaſſen werde, meine Liebe,“ ſagte Fanny, deren Haltung faſt ſo gut wie die der Mrs. Merdle anmuthige Gleichgültigkeit ausdrückte,„was meinſt Du da?“ Es geht irgendwo mit rechten Dingen zu. 127 „Ich meine,“ ſagte Klein Dorrit—„oder ich denke viel⸗ mehr, ich meine, was Du meinſt, liebe Fanny?“ Fanny lachte wieder in einer Weiſe, die zugleich herab⸗ laſſend, voll Hintergedanken und leutſelig war, und ſagte, indem ſie in liebreich ſcherzhafter Weiſe ihren Arm um ihre Schweſter ſchlang:. „Na, ſag mal, mein Schäfchen; als wir jenes Frauen⸗ zimmer zu Martigny ſahen, wie denkſt Du wol, daß ſie es aufnahm? Sahſt Du, wozu ſie ſich augenblicklich entſchloß?“ „Nein, Fanny.“ „Dann will ich Dir's ſagen, Amy. Sie beſchloß bei ſich, jetzt will ich mich nie auf jenes Zuſammentreffen unter ſo ganz andern Umſtänden zurückbeziehen und will nie thun, als hätte ich auch nur eine Ahnung, daß dies dieſelben Mäd⸗ chen ſeien. Das iſt ihre Art, ſich aus Schwierigkeiten her⸗ auszuhelfen. Was ſagte ich zu Dir, als wir damals von Harleyſtreet weggingen? Sie iſt ſo unverſchämt und falſch, als irgend ein Weib in der Welt. Aber in der erſten Eigen⸗ ſchaft, meine Liebe, könnte ſie Leute finden, die es mit ihr aufnehmen.“ Eine bezeichnende Wendung des ſpaniſchen Fächers nach Fannys Buſen zeigte mit viel Ausdruck an, wo eins von dieſen Leuten zu finden war. „Und nicht genug damit“ fuhr Fanny fort,„ſie ſtellt auch den jungen Sparkler ſo an und läßt ihn mir nicht eher nachlaufen, als bis ſie es ihm gründlich in ſeinen lächerlichen Schädel(denn man kann es wirklich nicht als einen Kopf 128 Sechſtes Kapitel. bezeichnen) getrichtert hat, daß er thun ſoll, als hätte er ſich zuerſt im Hofe jenes Wirthshauſes verliebt.“ „Warum nur?“ fragte Klein Dorrit. „Warum? Ei Du meine Güte, mein Herz!(Das war wieder ſehr in dem Tone von früher geſprochen, wo es„Du dummes kleines Geſchöpf“ hieß.)„Wie kannſt Du nur fra⸗ gen? Siehſt Du nicht, daß ich inzwiſchen eine ziemlich wün⸗ ſchenswerthe Partie für einen Dickſchädel geworden ſein mag? Und ſiehſt Du nicht, daß ſie uns die Täuſchung zuſchreibt und ſich, während ſie ſie von ihren eignen Schultern zieht (ſehr gute Schultern, muß ich übrigens ſagen)“ bemerkte Miß Fanny mit einem wohlgefälligen Blick auf ſich ſelbſt, „ſo ſtellt, als nähme ſie auf unſre Gefühle Rückſicht.“ „Aber wir können ſtets auf die einfache Wahrheit zu⸗ rückgehen.“ „Ja, aber mit Deiner Erlaubniß wollen wir das nicht,“ entgegnete Fanny.„Nein, ich will das nicht haben, Amy. Das Vorgeben kommt nicht von mir, ſondern von ihr, und ſie ſoll genug davon kriegen.“ In dem triumphirenden Aufſchwung ihrer Gefühle drückte Miß Fanny, indem ſie ihren ſpaniſchen Fächer mit der einen Hand gebrauchte, mit der andern ihre Schweſter in der Taille zuſammen, als ob ſie Mrs. Merdle erdrückte. „Nein,“ erwiderte Fanny.„Sie ſoll finden, daß ich ihren Weg gehe. Sie ſchlug ihn ein und ich werde ihr fol⸗ gen. Und wenn Schickſal und Glück ihren Segen dazu geben, ſo will ich fortfahren, die Bekanntſchaft mit dieſem Weibe Es geht irgendwo mit rechten Dingen zu. 129 zu einer genauern zu machen, bis ich ihrer Magd vor ihren Augen Dinge von meiner Putzmacherin zehnmal ſo hübſch und ſo theuer gegeben habe, als ſie mir einſt von der ihren gab!“ Klein Dorrit ſchwieg, indem ſie wohl wußte, daß ſie in durchaus keiner Frage, welche die Würde der Familie betraf, gehört werden würde, und indem ſie keine Luſt hatte, ohne Etwas damit zu erreichen, die erſt neuerdings und unerwartet ihr wiedergeſchenkte Gunſt ihrer Schweſter zu verlieren. Sie konnte dieſe Vorſätze nicht gutheißen, aber ſie ſchwieg. Fanny ſah recht wohl ein, was ſie dachte, ſo wohl, daß ſie bald darnach fragte. Ihre Antwort war:„Denkſt Du Mr. Sparkler Hoffnung zu geben, Fanny?“ „Ihm Hoffnung zu geben, meine Liebe?“ ſagte ihre Schweſter, verächtlich lächelnd.„Das kommt ganz darauf an, was Du unter Hoffnung geben verſtehſt. Nein, ich will ihm keine Hoffnung geben, aber ich will ihn zum Sklaven machen.“ Klein Dorrit blickte ihr ernſt und zweifelhaft ins Geſicht, aber Fanny war auf dieſe Weiſe nicht Einhalt zu gebieten. Sie klappte ihren ſchwarzen und goldnen Fächer zuſammen und gebrauchte ihn, um ihre Schweſter mit der Miene einer ſtol⸗ zen Schönheit und eines großen Geiſtes, welche mit einer unbeholfenen Gefährtin tändelte und ſie ſpielend belehrte, auf die Naſe zu klopfen. 1 „Ich werde ihn holen und tragen laſſen, was ich will, meine Liebe, und ich werde ihn mir unterthan machen. Und Klein Dorrit. VI. 130 Sechſtes Kapitel. wenn ich mir nicht auch ſeine Mutter unterthan mache, ſo ſoll's nicht meine Schuld ſein.“ „Denkſt Du— liebe Fanny, ſei nicht böſe darüber, wir befinden uns jetzt ſo behaglich zuſammen— daß Du ſchon ganz das Ende dieſes Wegs ſehen kannſt?“ „Ich kann nicht ſagen, daß ich mich darnach ſchon umge⸗ ſehen habe, meine Liebe,“ antwortete Fanny mit erhabener Seelenruhe,„Alles zu ſeiner Zeit. Das ſind meine Abſichten. Und wahrhaftig, die Entwickelung derſelben hat mich ſo viel Zeit gekoſtet, daß wir eben zu Hauſe ſind. Und der junge Spark⸗ ler fragt an der Thür, wer drinnen iſt. Natürlich, reinſter Zufall!“ In der That, der junge Mann ſtand, die Schachtel mit den Viſitenkarten in der Hand, in ſeiner Gondel auf und that, als wollte er die Frage an einen Bedienten thun. Dieſe Verbindung von Umſtänden führte dazu, daß er un⸗ mittelbar darauf ſich vor den jungen Damen in einer Poſi⸗ tur präſentirte, welche in alten Zeiten nicht als günſtiges Omen für ſeine Werbung angeſehen worden wäre, da die Gondelführer der jungen Damen, die durch die Hetzjagd einige Unbequemlichkeit erlitten hatten, ihr Boot ſo geſchickt in die ſanfteſte Berührung mit der Barke Mr. Sparklers brachten, daß dieſer Herr wie eine große Gattung von Kegeln umtaumelte und dem Gegenſtande ſeiner theuerſten Wünſche die Sohlen ſeiner Schuhe zeigte, während die edlern Theile ſeines Körpers auf dem Boden ſeines Bootes in den Armen eines ſeiner Leute zappelten. Es geht irgendwo mit rechten Dingen zu. 131 Da indeß Miß Fanny mit großer Theilnahme ausrief, ob der Herr verletzt ſei, erhob ſich Mr. Sparkler in beſſerm Zuſtande, als man hätte erwarten ſollen und gab ſtammelnd und erröthend ſelbſt zur Antwort:„Nein, nicht im Gering⸗ ſten.“ Miß Fanny erinnerte ſich nicht, ihn je früher geſehen zu haben und ſchritt mit einem kalten Kopfnicken weiter. Da nannte er ſeinen Namen. Selbſt dann war ſie in Verlegen⸗ heit, da ſie ſich nicht auf den Namen beſinnen konnte, bis er endlich erklärte, er habe die Ehre gehabt, ſie zu Martigny zu ſehen. Dann beſann ſie ſich auf ihn und ſprach die Hoff⸗ nung aus, daß ſeine Frau Mutter wohl ſei. „Danke Ihnen,“ ſtotterte Mr. Sparkler,„ſie iſt ganz außerordentlich wohl. Wenigſtens ſo leidlich.“ „In Venedig?“ fragte Miß Fanny. „In Rom,“ antwortete Mr. Sparkler.„Ich bin hier für mich allein, für mich allein. Ich kam, um Mr. Edward Dorrit einen Beſuch für mich allein zu machen. In der That, auch Mr. Dorrit. Eigentlich der ganzen Familie.“ Indem Miß Fanny ſich graciös zu der Dienerſchaft wen⸗ dete, erkundigte ſie ſich, ob Papa oder Bruder drin wären. Auf die Antwort, daß beide drin wären, bot ihr Mr. Spark⸗ ler demüthig den Arm. Miß Fanny nahm ihn an und wurde von Mr. Sparkler die große Treppe hinaufgeführt, wobei derſelbe, wenn er(woran wir durchaus keine Urſache zu zwei⸗ feln haben) noch immer glaubte, daß ſie keinen Unſinn an ſich hätte, ſich ziemlich ſtark täuſchte. 9* 13² Sechſtes Kapitel. Angelangt in einem verfallenen Empfangszimmer, wo verblichene Tapeten von einem traurigen Meergrün ſo lange vom Zahn der Zeit benagt worden waren und ſo lange ge⸗ modert hatten, bis ſie ausſahen, als ob ſie Verwandtſchaft mit den Büſcheln von Seetang beanſpruchen könnten, wel⸗ ches unter den Fenſtern hintrieb oder an den Mauern hing und um ſeine eingekerkerten Vettern weinte, entſendete Miß Fanny Boten nach ihrem Vater und Bruder. Während man auf deren Erſcheinen wartete, nahm ſie in ſehr vortheilhafter Stellung auf einem Sofa Platz und vervollſtändigte Mr. Sparklers Eroberung durch einige Bemerkungen über Dante, der dieſem Herrn als ein wunderlicher Kauz von der Art eines Old File bekannt war, der ſich Blätter um den Kopf zu ſtecken und wer weiß weshalb auf einem Schemel vor der Kathedrale von Florenz zu ſitzen pflegte. Mr. Dorrit bewillkommnete den Beſuch mit äußerſter Ar⸗ tigkeit und in der hofmäßigſten Art. Er erkundigte ſich ganz beſonders nach Mrs. Merdle. Sparkler ſagte oder zupfte es vielmehr in kleinen Bischen am Halskragen aus ſich heraus, daß Mrs. Merdle, nachdem ſie ihre Wohnung auf dem Lande vollſtändig ausgenoſſen habe und ebenſo ihr Haus in Brigh⸗ ton, und natürlich nicht im Stande ſei, in London zu blei⸗ ben, wo keine Seele dort wäre und dieſes Jahr keine rechte Luſt hätte, den Leuten auf dem Lande Beſuche zu machen, ſich entſchloſſen hätte, einen Sprung nach Rom zu machen, wo ein Frauenzimmer wie ſie, mit einem ſprichwörtlich ſchö⸗ nen Aeußern und ohne allen Unſinn an ſich nicht verfehlen ———— — ,— +- Es geht irgendwo mit rechten Dingen zu. 133 könnte, ein großer Gewinn für die Geſellſchaft zu ſein. Was Mr. Merdle beträfe, ſo wäre er den Leuten in der City und andern Orten der Art ſo nothwendig und wäre ſolch ein verteixelt außerordentliches Phänomen in kaufmänniſchen und Bankgeſchäften und ſo weiter, daß er, Mr. Sparkler, be⸗ zweifelte, ob das Geldſyſtem des Landes im Stande ſei, ihn zu entbehren, obſchon Mr. Sparkler nicht verſchwieg, daß ihm der Arbeit gelegentlich zu viel würde, und daß er durch einen zeitweiligen Ausflug nach einem ganz neuen Schau⸗ ſpiel und Klima wie umgewandelt ſein würde. Was ihn ſelbſt betraf, ſo deutete Mr. Sparkler der Familie Dorrit an, daß er in ganz beſondern Geſchäften ſtets dahin ginge, wohin ſie gingen. Dieſe ungeheure Leiſtung auf dem Felde der Unterhal⸗ tung erforderte Zeit, wurde aber vollbracht. Nachdem ſie vollbracht, drückte Mr. Dorrit ſeine Hoffnung aus, daß Mr. Sparkler bald einmal mit ihnen zu Mittag ſpeiſen werde. Mr. Sparkler nahm die Idee ſo freundlich auf, daß Mr. Dorrit fragte, was er zum Beiſpiel dieſen Tag vorhabe. Da er dieſen Tag nichts vorhatte(ſeine gewöhnliche Beſchäfti⸗ gung und eine ſolche, für die er beſonders befähigt war), ſo verſicherte man ſich ſeiner ohne Aufſchub und nahm ihn außerdem in Pflicht, die Damen am Abend in die Oper zu begleiten. Um die Mittagszeit erhob ſich Mr. Sparkler aus der See wie Venus' Sohn, der hinter ſeiner Mutter auftaucht, und ſtieg als prächtige Erſcheinung die große Treppe hinauf. 134 Sechſtes Kapitel. Wenn Fanny am Morgen reizend geweſen war, ſo war ſie jetzt, wo ſie ſehr paſſend in die ihr am Beſten ſtehenden Far⸗ ben gekleidet war und ſich eine nachläſſige Miene zugelegt hatte, welche Mr. Sparklers Feſſeln verdoppelte und an⸗ ſpannte, dreifach ſo reizend. „Ich höre, Mr. Sparkler,“ ſagte ſein Wirth über Tiſche, „Sie ſind mit— ha— Mr. Gowan bekannt. Mr. Henry Gowan?“ „Sehr wohl, Sir,“ erwiderte Mr. Sparkler.„Seine Mutter und meine Mutter ſind in der That Klatſchgevattern.“ „Wenn ich daran gedacht hätte, Amy,“ ſagte Mr. Dor⸗ rit mit einer Gönnermiene ſo großartig als die von Lord Decimus ſelbſt,„ſo hätteſt Du ein Billet hinſchicken müſſen, worin wir ſie zu Tiſch gebeten hätten. Einige von unſern Leuten hätten ſie— ha— abholen und ſie nach Hauſe brin⸗ gen können. Wir hätten eine Gondel— hm— für dieſen Zweck übrig gehabt. Ich bedauere, dies vergeſſen zu haben. Bitte, erinnere mich doch morgen an ſie.“ Klein Dorrit hegte ihre Zweifel, wie Mr. Henry Gowan ihre Gönnerſchaft aufnehmen würde, aber ſie verſprach, nicht zu verfehlen, die Erinnerung vorzubringen. „Bitte, malt Mr. Henry Gowan— ha— Porträts?“ erkundigte ſich Mr. Dorrit. Mr. Sparkler ſprach die Meinung aus, daß er alles Mögliche male, wenn er Auftrag dazu bekäme. „Er geht keinen beſondern Gang?“ ſagte Mr. Dorrit. Mr. Sparkler, durch ſeine Liebe angeſpornt, den glän⸗ Es geht irgendwo mit rechten Dingen zu. 135 zenden Geiſt zu ſpielen, bemerkte,„daß man zu einem beſon⸗ dern Gang ein beſonderes Paar Schuhe haben müſſe, als zum Beiſpiel zur Jagd, Jagdſchuhe, zum Criquetſpiel, Cri⸗ quetſchuhe. Er glaube aber, daß Henry Gowan keine be⸗ ſondern Schuhe habe.“ „Alſo keine Specialität?“ ſagte Mr. Dorrit. Da dies ein ſehr langes Wort für Mr. Sparkler war und ſein Geiſt ſich durch die letzte Anſtrengung erſchöpft hatte, ſo erwiderte er:„Nein, danke Ihnen. Ich nehme ſie ſelten zur Hand.“ „Hm!“ ſagte Mr. Dorrit.„Es würde mir ſehr ange⸗ nehm ſein, wenn ich einen Herrn von ſolchen Verbindungen mit einem— ha— Zeichen meines Wunſches, ſeine In⸗ tereſſen zu fördern und die— hm— Keime ſeines Genius zu entwickeln beſchenken könnte. Ich glaube, ich muß Mr. Gowan beauftragen, mein Bild zu malen. Wenn das Er⸗ gebniß ein— ha— beide Theile befriedigendes ſein ſollte, ſo könnte ich ihn ſpäter wol beauftragen, ſich mit meiner Familie zu verſuchen.“ Es präſentirte ſich hier Mr. Sparkler der ausnehmend kühne und originelle Gedanke, daß ſich hier eine Gelegenheit böte, zu ſagen, es gäbe Einige(dieſes Einige“ in auffallen⸗ der Weiſe betont) in der Familie, denen kein Maler volle Gerechtigkeit widerfahren laſſen könnte. Da er indeß nicht im Stande war, die rechte Form des Ausdrucks der Idee in Worten zu finden, ſo kehrte ſie in den Himmel zurück. Dies war um ſo mehr zu beklagen, als Miß Fanny den 136 Sechſtes Kapitel. Gedanken mit dem Porträt ſehr lobte und ihren Papa drängte, darnach zu handeln. Sie vermuthe, ſagte ſie, daß Mr. Go⸗ wan dadurch, daß er ſeine ſchöne Frau geheirathet, beſſere und höhere Gelegenheiten verloren hätte, und Liebe, in einer Hütte ſich das tägliche Brot mit Porträtmalen erwerbend, ſei ein ſo entzückender Gedanke, daß ſie ihren Papa ange⸗ legentlich bäte, ihm den Auftrag zu ertheilen, ob er nun ein Bild malen könnte oder nicht; obwol in der That ſowol ſie als Amy recht wohl wüßten, daß er es könnte, da ſie an jenem Tage auf ſeiner Staffel ein ſprechendes Bild geſehen und Gelegenheit gehabt hätten, es mit dem Original zu ver⸗ gleichen. Dieſe Bemerkungen brachten Mr. Sparkler faſt von Sinnen(wozu ſie vielleicht beſtimmt waren); denn wäh⸗ rend ſie auf der einen Seite Fanny's Empfänglichkeit für zärtliche Leidenſchaft ausdrückten, zeigte ſie ſelbſt ein ſolches unſchuldiges Nichtwiſſen von ſeiner Bewunderung, daß ihm vor Eiferſucht auf einen unbekannten Nebenbuhler die Augen im Kopfe kollerten. Indem ſie nach Tiſche wieder in die See hinabſtiegen und an der Treppe des Opernhauſes wieder herausſtiegen. wobei ihnen einer ihrer Gondelführer wie ein dienſtbarer Meergeiſt mit einer großen Laterne vorausging, traten ſie in ihre Loge und für Mr. Sparkler begann ein Abend voll Herzeleid. Da das Theater dunkel war und die Loge hell, ſo kamen während der Vorſtellung verſchiedene Beſucher her⸗ eingeſchlendert, für welche Fanny ſich ſo ſehr intereſſirte und vor denen ſie, während ihrer Unterhaltung mit ihnen, indem Es geht irgendwo mit rechten Dingen zu. 137 ſie ihnen Kleinigkeiten im Vertrauen mitzutheilen und kleine Streitigkeiten in Betreff der Identität von Perſonen in ent⸗ fernten Logen auszufechten hatte, ſo reizende Stellungen an⸗ nahm, daß der unglückſelige Sparkler die ganze Welt haßte. Aber er hatte beim Schluß der Vorſtellung zwei Gelegen⸗ heiten, ſich zu tröſten. Sie gab ihm ihren Fächer zu halten, während ſie ihren Mantel umthat, und er hatte das geſeg⸗ nete Vorrecht, ihr beim Hinabſteigen auf der Treppe wieder ſeinen Arm geben zu dürfen. Dieſe Brocken von Ermuthi⸗ gung würden ihn, dachte Mr. Sparkler, juſt auf den Beinen erhalten, und es iſt nicht unmöglich, daß Miß Dorrit das auch dachte. Der Meergeiſt mit ſeinem Lichte war bereit an der Logen⸗ thür, und andere Meergeiſter mit andern Lichtern waren an vielen von den Thüren bereit. Der Dorritſche Meergeiſt hielt ſeine Laterne tief, um die Stufen zu zeigen und Mr. Spark⸗ ler legte ein zweites Paar ſchwerer Feſſeln über ſein früheres Paar, als er ſah, wie ihre glänzenden Füße neben ihm die Treppe hinabhüpften. Unter denen, die hier herumſchlen⸗ derten, war Blandois von Paris. Er ſprach und bewegte ſich neben Fanny hin. Klein Dorrit ging mit ihrem Bruder und Mrs. General voraus(Mr. Dorrit war zu Haus geblieben); aber am Rande des Kais kamen ſie Alle zuſammen. Sie fuhr zurück, als ſie fand, daß Blandois hart neben ihr ſtand und Fanny in das Boot half. 138 Siebentes Kapitel. „Gowan hat einen Verluſt gehabt,“ ſagte er,„ſeit er heute durch den Beſuch holder Damen beglückt wurde.“ „Einen Verluſt,“ wiederholte Fanny, verlaſſen von dem 4 tiefbekümmerten Sparkler, indem ſie ihren Sitz einnahm. „Einen Verluſt,“ ſagte Blandois.„Sein Hund Lion.“ Klein Dorrits Hand war in der ſeinen, als er ſprach. „Er iſt todt,“ ſagte Blandois. „Todt?“ wiederholte Klein Dorrit.„Dieſer edle Hund?“ „Allerdings, holde Damen,“ ſagte Blandois lächelnd und mit den Achſeln zuckend.„Jemand hat dieſen edlen Hund 1 vergiftet. Er iſt ſo todt wie die Dogen.“ Hiebentes Rapitel. Meiſtentheils Pflaumen und Prismen. Mrs. General, ſtets auf ihrem Kutſcherbock beſchäftigt, die Anſtandspferde hübſch beiſammen zu halten, bemühte ſich, das Benehmen ihrer ſehr theuern jungen Freundin zu bilden, und ihre ſehr theure junge Freundin gab ſich viel Mühe, die Lehre in ſich aufzunehmen. So viel Mühe ſie ſich 4 in ihrem arbeitsvollen Leben gegeben hatte, mancherlei Ziele zu erreichen, ſo hatte ſie ſich doch nie mehr Mühe gegeben, als jetzt, wo ſie von Mrs. General den Firniß der guten Ge⸗ Meiſtentheils Pflaumen und Prismen. 139 ſellſchaft annehmen ſollte. Es iſt wahr, es erregte ihr Angſt und Unbehaglichkeit, dieſe glättende Hand an ſich herumar⸗ beiten zu laſſen; aber ſie unterwarf ſich dem Bedürfniß der Familie in ihrer Größe, wie ſie ſich dem Bedürfniß der Fa⸗ milie in ihrer Kleinheit unterworfen hatte, und ließ ihren eignen Meinungen in dieſem Punkte nicht mehr Spielraum, als ſie ſelbſt ihrem Hunger Raum gegeben, in den Tagen, wo ſie ſich ihr Mittagseſſen abgeſpart hatte. damit ihr Vater ſein Abendbrod habe. Ein Troſt, den ſie in dieſer Feuerprobe bei Mrs. General hatte, war ihr eine ſtarke Stütze und machte ſie dankbarer, als es einem weniger hingebenden und liebreichen Gemüthe, das nicht an ihre Kämpfe und Opfer gewöhnt iſt, ganz be⸗ gründet erſcheinen könnte; und in der That, man kann oft im Leben die Beobachtung machen, daß Gemüther wie Klein Dorrit nicht halb ſo ſorgfältig auf Gründe achten, als die Leute, die ſie benutzen. Die fortdauernde Freundlichkeit ihrer Schweſter war dieſer Troſt für Klein Dorrit. Es machte ihr keinen Unterſchied, daß dieſe Freundlichkeit die Form duldſa⸗ mer Gönnerſchaft annahm; ſie war daran gewöhnt. Es machte ihr keinen Unterſchied, daß ſie ſie in einer tributpflich⸗ tigen Stellung hielt und ſie in dem Gefolge des flammenden Triumphwagens zeigte, in welchem Fanny auf erhabnem Sitze ſaß und Huldigung erzwang; ſie ſuchte keinen beſſern Platz. Indem ſie ſtets Fanny's Schönheit, Anmuth und Redefertigkeit bewunderte und ſich jetzt nicht die Frage vor⸗ legte, wieviel von ihrer Neigung zu feſter Anhänglichkeit an 140 Siebentes Kapitel. Fanny ihrem Herzen, wie viel dem Herzen Fanny's ange⸗ hörte, widmete ſie ihr alle die ſchweſterliche Zärtlichkeit, die ihr großes Herz enthielt. Die ganze Maſſe von Pflaumen und Prismen, welche Mrs. General in das Leben der Familie hineinſchüttete, ver⸗ bunden mit den unabläſſigen Sprüngen Fanny's in die gute Geſellſchaft, ließ nur einen ſehr geringen Reſt natürlichen Niederſchlags auf dem Boden der Miſchung. Dies machte vertrauliche Geſpräche mit Fanny doppelt werthvoll für Klein Dorrit und erhöhte den Genuß, den ſie ihr verſchafften. „Amy,“ ſagte Fanny eines Abends zu ihr, nach einem Tage, der ſo ermüdend geweſen, daß Klein Dorrit ganz er⸗ ſchöpft war, während Fanny mit dem größten Vergnügen von der Welt ſich noch einmal in die Geſellſchaft geworfen haben würde,„ich bin im Begriff, Dir Etwas in Dein Köpf⸗ chen zu ſetzen. Ich vermuthe, Du wirſt nicht errathen, was es iſt.“ „Ich glaube, das iſt nicht wahrſcheinlich, liebe Schweſter,“ ſagte Klein Dorrit. „Na, ich will Dir einen Schlüſſel zu dem Räthſel geben, Kind,“ ſagte Fanny.„Mrs. General.“ Da Pflaumen und Prismen in tauſenderlei Combinatio⸗ nen den ganzen Tag über die langweilige Tagesordnung ge⸗ bildet hatten— Alles Oberfläche und Firniß und Schein ohne Weſen geweſen war, ſo machte Klein Dorrit eine Miene, als ob ſie gehofft, daß Mrs. General auf ein Paar Stunden ſicher zu Bett gebracht worden ſei. Meiſtentheils Pflaumen und Prismen. 141 „Na, kannſt Du es jetzt errathen, Amy?“ fragte Fanny. „Nein, liebe Schweſter. Ich müßte denn was verbrochen haben,“ ſagte Klein Dorrit, ziemlich ängſtlich und indem ſie meinte, es ſei Etwas von ihr gethan worden, wodurch der Fir⸗ niß riſſig werden und die glatte Oberfläche Unebenheiten be⸗ kommen könnte. Fanny war ſo vergnügt über dieſe Befürchtung, daß ſie ihren Lieblingsfächer ergriff(ſie ſaß eben vor ihrem Toiletten⸗ tiſch und hatte ihre Rüſtkammer von grauſamen Inſtrumenten um ſich, von denen die meiſten vom Herzblute Sparklers dampften) und ihre Schweſter mehrmals damit auf die Naſe klopfte, wozu ſie unaufhörlich lachte. „Oh unſre Amy, unſre Amy!“ ſagte Fanny.„Was für ein ſchüchternes Gänschen unſre Amy doch iſt! Aber dies iſt nichts zum Lachen. Im Gegentheil, ich bin ſehr böſe darüber, meine Liebe.“. „Da es mich nicht betrifft, ſo iſt mir's Einerlei, Fanny,“ ſagte ihre Schweſter lächelnd. „Ah! Aber mir iſt's nicht Einerlei,“ ſagte Fanny,„und Dir, Schäfchen, wirds auch nicht Einerlei ſein, wenn ich Dir ein Licht aufſtecke. Amy, iſt Dir's nie aufgefallen, daß Je⸗ mand ungeheuer höflich gegen Mrs. General iſt?“ „Jedermann iſt höflich gegen Mrs. General,“ ſagte Klein Dorrit.„Weil—“ „Weil die Leute bei ihr vor Kälte höflich werden 2“ unter⸗ brach ſie Fanny.„Das meine ich nicht; ganz was Anderes. 142 Siebentes Kapitel. Höre mal, iſt Dir's nie aufgefallen, daß Papa ungeheuer höflich gegen Mrs. General iſt?“ Amy murmelte„Nein,“ ſah aber ganz beſtürzt aus. „Nein, ich glaube das wol. Aber er iſt's,“ ſagte Fanny. „Er iſt's, Amy. Und erinnere Dich meiner Worte. Mrs. General hat Abſichten auf Papa.“ „Liebe Fanny, hältſt Du es für möglich, daß Mrs. Ge⸗ neral auf irgend Jemand Abſichten hat?“ „Ob ich's für möglich halte?“ erwiderte Fanny heftig. „Ich weiß es. Ich ſage Dir, ſie hat Abſichten auf Papa. Und mehr als das, Papa betrachtet ſie als ſolch ein Wunder, ſolch ein unvergleichliches Meiſterſtück von Bildung und ſolch einen Gewinn für unſre Familie, daß er jeden Augenblick bereit iſt, ſich in einen Zuſtand vollſtändigen Bezaubertſeins von ihr zu verſetzen. Und das eröffnet hoffentlich uns eine hübſche Ausſicht auf die Zukunft. Denke Dir mal mich mit Mrs. General als Mama!“ Klein Dorrit antwortete nicht,„denke Dir mal mich mit Mrs. General als Mama;“ aber ſie ſah ängſtlich aus und fragte ernſtlich darnach, was Fanny zu dieſen Schlüſſen ge⸗ leitet hätte. 1 „Lieber Herrgott, mein Engelchen,“ ſagte Fanny ſchnip⸗ piſch.„Du könnteſt mich ebenſo wohl fragen, woher ich's weiß, wenn ein Mann in mich verliebt iſt. Aber natürlich weiß ich es. Es geſchieht ziemlich oft, aber ich weiß es im⸗ mer. Ich weiß dies vermuthlich ziemlich auf dieſelbe MWeiſe Auf alle Fälle weiß ich es.“ Meiſtentheils Pflaumen und Prismen. 143 „Du hörteſt Papa nie Etwas ſagen?“ „Etwas ſagen?“ wiederholte Fanny.„Mein allerliebſtes, beſtes Kind, was zwang ihn denn bis jetzt, irgend Etwas zu ſagen?“ „Und Du haſt Mrs. General nie Etwas ſagen hören?“ „Ei du meine Güte, Amy,“ erwiderte Fanny, aiſt ſie denn die Art Frauenzimmer, daß ſie Etwas ſagen würde. Iſt es denn nicht vollkommen klar und deutlich, daß ſie gegen⸗ wärtig nichts zu thun, als ſich aufrecht zu halten, ihre wi⸗ derwärtigen Handſchuhe anzubehalten und feierlich mit den Röcken zu fegen hat? Etwas ſagen! Wenn ſie beim Whiſt den beſten Trumpf in der Hand hätte, ſo würde ſie kein Wort ſagen, Kind. Es würde herauskommen, wenn ſie ihn aus⸗ ſpielte.“ „Du kannſt Dich wenigſtens irren, Fanny. Oder meinſt Du, nein?“ „O ja, ich könnte mich irren,“ ſagte Fanny,„aber ich irre mich nicht. Indeß freue ich mich doch, daß Du Dir ſolch ein Schlupfloch denken kannſt, meine Liebe, und ich freue mich, daß Du die Sache für jetzt hinreichend kaltblütig aufnehmen kannſt, um Dir ſolch eine Möglichkeit vorzuſtellen. Es läßt mich hoffen, daß Du im Stande ſein wirſt, dieſe Verbindung zu ertragen. Ich würde nicht im Stande ſein, ſie zu ertragen, und ich würde es auch gar nicht verſuchen. Ich würde eher den jungen Sparkler heirathen.“ „O Du würdeſt ihn unter keinen Umſtänden heirathen, Fanny!“ 144 Siebentes Kapitel. „Auf mein Wort, meine Liebe,“ entgegnete dieſe junge Dame mit ungemein gleichgültigem Tone,„ich möchte nicht einmal dafür mit Beſtimmtheit ſtehen. Niemand weiß, was paſſiren könnte. Beſonders da ich ſpäter viele Gelegenheiten haben würde, jenes Weib, ſeine Mutter, in ihrem eignen Styl zu behandeln, deren mich zu bedienen ich ſicherlich nicht lange anſtehen würde, Amy.“ Es geſchah dies Mal nichts weiter zwiſchen den beiden Schweſtern; aber was geſchehen war, rückte die beiden Fra⸗ gen über Mrs. General und Mr. Sparkler ſehr in den Vor⸗ dergrund von Klein Dorrits Gemüth, und fortan dachte ſie ſehr viel an Beide. Da Mrs. General ſchon längſt ihr eignes Benehmen ſo vollkommen ausgebildet hatte, daß es Alles verbarg, was da⸗ hinter war(wofern überhaupt irgend Etwas dahinter war), ſo war in dieſer Richtung keine Beobachtung zu machen. Mr. Dorrit war unläugbar ſehr artig gegen ſie und hatte eine ſehr hohe Meinung von ihr, aber Fanny, ungeſtüm in den meiſten Fällen, konnte trotzdem leicht irren. Dagegen nahm die Frage wegen Sparkler eine andere Stelle ein, ſodaß Jeder ſehen konnte, was da vorging, und Klein Dorrit ſah es, und ſann darüber nach, indem ſie ſich mancherlei Zweifel und Fragen vorlegte. Die Hingebung Mr. Sparklers war nur mit der Lau⸗ nenhaftigkeit und Grauſamkeit Derjenigen zu vergleichen, die ihn zum Sklaven gemacht. Bisweilen bevorzugte ſie ihn und zeichnete ihn durch ſolche Aufmerkſamkeiten aus, daß er vor —y— Meiſtentheils Pflaumen und Prismen. 145 Freude laut kicherte; den nächſten Tag oder die nächſte Stunde überſah ſie ihn vollſtändig und ließ ihn in einen ſolchen Ab⸗ grund von Vergeſſenheit ſinken, daß er unter dem ſchwachen Vorgeben, er habe den Huſten, zu ächzen begann. Die Aus⸗ dauer ſeiner Werbung rührte Fanny durchaus nicht, obſchon er ſo unzertrennlich von Edward war, daß, wenn dieſer Herr einmal andere Geſellſchaft zu haben wünſchte, er die unbe⸗ hagliche Nöthigung empfand, ſich wie ein Verſchwörer in verdeckten Booten und durch geheime Thüren und Hinter⸗ pförtchen fortzuſchleichen; obſchon er ſo eifrig in der Nach⸗ frage nach Mr. Dorrits Geſundheit war, daß er einen Tag um den andern vorſprach, um ſich zu erkundigen, wie wenn Mr. Dorrit die Beute eines Wechſelfiebers geweſen wäre; ob⸗ ſchon er ſich ſo unabläſſig vor den Hauptfenſtern auf und ab⸗ rudern ließ, daß man hätte auf die Vermuthung kommen können, er habe eine Wette um einen bedeutenden Einſatz gemacht, ſich in tauſend Stunden tauſend Meilen fortrudern zu laſſen; obſchon, ſobald die Gondel ſeiner Herrin das Thor verließ, die Gondel Mr. Sparklers aus irgend einem wäſſri⸗ gen Verſteck hervorſchoß und ſie verfolgte, als ob ſie eine ſchöne Schmugglerin und er ein Zollbeamter wäre. Es war vielleicht dieſer Kräftigung ſeiner von Natur ſtarken Leibes⸗ beſchaffenheit, dieſen Streifzügen, die ihn ſo ſehr der Luft und dem Salzwaſſer ausſetzten, zuzuſchreiben, daß Mr. Spark⸗ ler äußerlich nicht hinwelkte, aber was auch die Urſache ſein mochte, er war ſo weit davon entfernt, irgend welche Aus⸗ ſicht zu haben, ſeine Herrin durch einen beſorgnißerregenden Klein Dorrit. VI. 10 146 Siebentes Kapitel. Zuſtand ſeiner Geſundheit zu rühren, daß er jeden Tag dral⸗ ler wurde und daß jene Eigenthümlichkeit ſeines Aeußern, nach welcher er mehr wie ein geſchwollener Junge, als wie ein junger Mann ausſah, ſich zu einem außergewöhnlichen Grade rothbäckiger Drallheit entwickelte. Als Blandois vorſprach, um eine Höflichkeitsviſite zu machen, empfing ihn Mr. Dorrit mit Luutſeligkeit als den Freund von Mr. Gowan und äußerte gegen ihn ſeine Idee, Mr. Gowan zu beauftragen, ihn auf die Nachwelt zu brin⸗ gen. Da Blandois ſie bis in die Wolken erhob, fiel es Mr. Dorrit ein, es könne Blandois angenehm ſein, wenn er ſei⸗ nem Freunde die große Gelegenheit für ſein Talent, die ſei⸗ ner wartete, mittheilen dürfte. Blandois nahm den Auftrag mit ſeiner eigenthümlichen flotten und eleganten Manier an und ſchwur, er werde ſich ſeiner entledigen, bevor er eine Stunde älter ſei. Als er Gowan die Nachricht brachte, wünſchte dieſer Meiſter Mr. Dorrit mit großer Zungenfertig⸗ keit etwa ein volles Dutzend mal zum Teufel(denn er ärgerte ſich über Gönnerſchaft faſt ebenſo ſehr, als er ſich über den Mangel an Gönnerſchaft ärgerte) und war geneigt, ſich mit ſeinem Freunde zu zanken, daß er ihm die Botſchaft über⸗ bracht habe. „Hol mich der Teufel!“ antwortete Blandois,„auch ich ſehe es nicht ein, ausgenommen, daß ich dachte, ich würde meinem Freunde einen Dienſt leiſten.“ „Indem Sie ihm das Miethgeld eines Glückspilzes in die Taſche ſteckten?“ ſagte Gowan, die Stirn runzelnd.„Meinen 7— Meiſtentheils Pflaumen und Prismen. 147 Sie das? Sagen Sie Ihrem Freunde, daß er ſich ſeinen Kopf für ein Wirthshausſchild malen läßt und zwar von einem Firmamaler. Wer bin ich, und wer iſt er?“ „Profeſſor,“ erwiderte der Geſandte,„und wer iſt Blan⸗ dois?“ Ohne ſich, wie es ſchien, für die letztere Frage im Min⸗ deſten zu intereſſiren, pfiff ſich Gowan ärgerlich Mr. Dorrit aus dem Sinne. Aber am folgenden Tage nahm er die Sache wieder auf, indem er in ſeiner ungezwungenen Weiſe und mit einem Lächeln, welches ſie als eine Geringfügigkeit darſtellte, ſagte:„Na, Blandois, wann wollen wir zu jenem Ihrem Mäcen gehen? Wir Handwerkgeſellen müſſen Aufträge an⸗ nehmen, wo wir deren bekommen können Wann wollen wir gehen, und uns dieſen Auftrag anſehen?“ „Wann Sie wollen,“ ſagte der beleidigte Blandois,„wie es Ihnen gefällig iſt. Was habe ich damit zu thun? Was geht es mich an?“ „Ich kann Ihnen ſagen, was es mich angeht,“ ſagte Go⸗ wan.„Es bringt mir Brod und Käſe. Man muß eſſen! So kommen Sie denn, mein Blandois.“ Mr. Dorrit empfing ſie in Gegenwart ſeiner Töchter und Mr. Sparklers, der durch irgend einen überraſchenden Zufall gerade dort vorgeſprochen.„Wie geht's Ihnen, Sparkler?“ ſagte Gowan nachläſſig.„Wenn Sie mal von Ihrem Mutterwitze leben müſſen, alter Junge, ſo werden Sie hoffentlich beſſer vorwärts kommen als ich.“ Mr. Dorrit erwähnte ſodann ſeines Anerbietens.„Sir,, 10* Siebentes Kapitel. ſagte Gowan lachend, nachdem er es ſehr anmuthig aufge⸗ nommen,„ich bin neu im Handwerk und nicht erfahren in ſeinen Geheimniſſen. Ich glaube, ich ſollte Sie in verſchie⸗ denem Lichte betrachten, Ihnen ſagen, daß Sie ein vortreff⸗ licher Gegenſtand ſind, und mir überlegen, wann ich hinrei⸗ chend Muße haben werde, mich mit der nothwendigen Be⸗ geiſterung dem ſchönen Bilde zu widmen, welches ich aus Ihnen zu machen beabſichtige. Ich gebe Ihnen die Verſiche⸗ rung,“ und er lachte wieder,„mir iſt ganz, als wäre ich ein Verräther im Lager jener lieben, begabten, guten, wackern Jungen, meiner Collegen in der Kunſt, weil ich den Hokus⸗ pokus nicht beſſer mache. Aber ich bin nicht dazu erzogen, und jetzt iſt es zu ſpät, es zu lernen. Nun ſteht die Sache ſo; ich bin ein ſehr ſchlechter Maler, aber nicht viel ſchlechter als ſie im Allgemeinen ſind. Wenn Sie Luſt haben, ſo ein hundert Guineen wegzuwerfen, ſo bin ich ſo arm, wie ein armer Verwandter von vornehmen Leuten gewöhnlich zu ſein pflegt, und ich werde Ihnen ſehr verbunden ſein, wenn Sie das Geld auf mich wegwerfen wollen. Ich werde mein Beſtes thun für das Geld, und wenn das Beſte ſchlecht ſein ſollte, je nun, ſelbſt dann haben Sie wahrſcheinlich ein ſchlechtes Bild mit einem kleinen Namen dazu ſtatt eines ſchlechten Bildes mit einem großen Namen dazu.“ Dieſer Ton war zwar nicht, was er erwartet, gefiel indeß im Ganzen Mr. Dorrit merkwürdig gut. Er zeigte, daß der Herr, von vornehmer Verwandtſchaft und kein bloßer Arbei⸗ ter, ſich ihm verpflichtet fühlen würde. Er drückte ſeine Be⸗ Meiſtentheils Pflaumen und Prismen. 149 friedigung darüber aus, indem er ſich in Mr. Gowans Hände gab, und äußerte die Hoffnung, er werde die Freude haben, ihn auch als Privatmann näher kennen zu lernen. „Sie ſind ſehr gütig,“ ſagte Gowan.„Ich habe die Geſellſchaft nicht verſchworen, als ich mich der Zunft vom Pinſel anſchloß(die entzückendſten Burſche von der Welt), und ich bin ganz froh, dann und wann das alte feine Schießpulver riechen zu können, obgleich es mich in die Luft empor und in meinen jetzigen Beruf hineinſchleuderte. Sie wollen nicht glauben, Mr. Dorrit,“ und hier lachte er wie⸗ der in der flotteſten Weiſe,„daß ich in das Freimaurerge⸗ heimniß der Zunft hineingerathe— denn es iſt nicht ſo; meiner Seele, ich kann nicht umhin, es zu verrathen, wohin ich nur komme, obſchon ich, beim Jupiter, die Zunft mit aller meiner Macht liebe und ehre— wenn ich eine Bedin⸗ gung in Betreff der Zeit und des Ortes mache.“ Ha! Mr. Dorrit konnte— hm— keinen ſolchen Ver⸗ dacht auf Grund von Gowans Offenheit ſchöpfen. „Noch einmal, Sie ſind ſehr gütig,“ ſagte Gowan. „Mr. Dorrit, ich höre, Sie gehen nach Rom. Auch ich gehe nach Rom, wo ich Freunde habe. Laſſen Sie mich die Un⸗ gerechtigkeit, die ich Ihnen anzuthun mir vorgenommen habe, dort beginnen, nicht hier. Wir werden während des Reſtes unſeres Aufenthalts hier alleſammt der nöthigen Ruhe er⸗ mangeln, und obſchon es in ganz Venedig keinen ärmeren Menſchen mit heilen Ellbogen gibt, als mich, habe ich doch den Kunſtfreund noch nicht ganz gelaſſen— compromittire Siebentes Kapitel. 150 die Zunft ſchon wieder, wie Sie ſehen!— und kann mich nicht ſo in der Haſt an's Werk machen, blos um des Tage⸗ lohns willen.“ Dieſe Bemerkungen wurden nicht weniger günſtig von Mr. Dorrit aufgenommen, als die ihnen vorausgegangenen. Sie waren das Vorſpiel des erſten Empfangs von Mr. und Mrs. Gowan bei einem Mittagseſſen und ſie ſtellten geſchickt Gowan in der neuen Familie auf den Boden, den er gewöhn⸗ lich einnahm. Auch ſeine Frau ſtellten ſie auf den Boden, den ſie ge⸗ wöhnlich einnahm. Miß Fanny bekam mit beſonderer Deutlichkeit zu hören, daß die Schönheit der Mrs. Gowan ihrem Manne ſehr theuer zu ſtehen gekommen, daß es ihret⸗ halben eine große Störung in der Familie Barnacle gegeben, und daß die verwittwete Mrs. Gowan faſt mit gebrochenem Herzen ſich entſchloſſen der Heirath widerſetzt, bis ſie endlich von ihren mütterlichen Gefühlen überwältigt worden ſei. In gleicher Weiſe bekam Mrs. General deutlich zu hören, daß dieſe Neigung viel Kummer und Streit in der Familie hervorgerufen. Von dem wackern Mr. Meagles war nicht die Rede, ausgenommen, daß es für einen derartigen Men⸗ ſchen natürlich genug wäre, wenn er ſeine Tochter aus ſeiner dunkeln Stellung zu erheben wünſchte, und daß Niemand ihn tadeln könnte, wenn er ſich dabei die äußerſte Mühe gäbe. Klein Dorrits Intereſſe an dem holden Gegenſtande dieſes ſo leicht angenommenen Glaubens war zu ernſt und zu wach⸗ Meiſtentheils Pflaumen und Prismen. 151 ſam, um nicht genau zu beobachten. Sie konnte ſehen, daß derſelbe ſeinen Theil daran hatte, wenn auf Mrs. Gowan ein Schatten fiel, und ſie hatte ſogar ein inſtinctmäßiges Wiſſen davon, daß durchaus nichts Wahres daran war. Aber er hatte den Einfluß, daß er ihr Hinderniſſe in den Weg legte, wenn ſie den Umgang mit Mrs. Gowan ſuchte, indem er die Schule der Pflaumen und Prismen veranlaßte, ſehr höf⸗ lich, aber nicht ſehr vertraulich gegen ſie zu ſein, und Klein Dorrit als gezwungenes Mitglied dieſes Collegiums genöthigt war, ſich demüthig ſeinen Anordnungen zu unterwerfen. Demungeachtet hatte ſich bereits ein Einverſtändniß der Empfindung zwiſchen den Beiden hergeſtellt, welches ihnen über größere Schwierigkeiten hinweggeholfen und eine Freundſchaft ſelbſt aus einem noch beſchränkteren Verkehre gemacht haben würde. Als ob der Zufall entſchloſſen wäre, derſelben günſtig zu ſein, fanden ſie eine neue Verſicherung ihrer Geiſtesverwandtſchaft in der Abneigung, welche jede von Beiden die Andere vor Blandois von Paris empfinden ſah, eine Abneigung, die den Grad des Widerwillens und Grauens einer natürlichen Antipathie gegen ein häßliches Thier von der Gattung der Reptilien erreichte. Und außer dieſer activen Geiſtesverwandtſchaft gab es auch eine paſſive zwiſchen ihnen. Gegen ſie Beide betrug ſich Blandois genau in derſelben Weiſe, und gegen Beide hatte ſein Benehmen ohne Ausnahme Etwas an ſich, wovon Beide wußten, daß es verſchieden von ſeinem Betragen gegen An⸗ dere war. Der Unterſchied war zu unmerklich in ſeinem Aus⸗ 15² Siebentes Kapitel. druck, um von Anderen bemerkt zu werden, aber ſie wußten, daß er vorhanden war. Ein bloßes Zucken ſeiner unheimli⸗ chen Augen, eine bloße Wendung ſeiner glatten, weißen Hand, ein bloßes Haarbreit mehr von der Senkung ſeiner Naſe und dem Sträuben ſeines Schnurrbarts bei der am häufigſten vorkommenden Bewegung ſeines Geſichts deutete Beiden auf gleiche Weiſe an, daß ſein Großthun auf ſie perſönlich gemünzt war. Es war, als ob er geſagt hätte: „Ich habe eine geheime Macht in dieſer Richtung. Ich weiß, was ich weiß.“ Dies war von den Beiden nie in dem hohen Grade em⸗ pfunden worden und nie von jeder Einzelnen ſo vollkommen im Einverſtändniß mit der Andern, als an einem Tage, wo er zu Mr. Dorrit's Haus kam, um ſich vor ſeiner Abreiſe von Venedig zu empfehlen. Mrs. Gowan war zu demſelben Zwecke da und er ſtieß auf die Beiden allein, indem der Reſt der Familie ausgegangen war. Die Beiden waren noch nicht fünf Minuten zuſammen geweſen, und ſein eigenthümliches Benehmen ſchien zu ſagen:„Ihr waret im Begriff, von mir zu ſprechen. Ha! Seht, da bin ich, es zu verhindern!“ „Gowan kommt hierher?“ ſagte Blandois mit einem Lächeln. Mrs. Gowan erwiderte, er werde nicht kommen. „Nicht kommen!“ ſagte Blandois.„Erlauben Sie Ihrem ergebenen Diener, Sie nach Hauſe zu begleiten, wenn Sie hier weggehen.“ „Danke Ihnen, ich gehe nicht nach Hauſe.“ Meiſtentheils Pflaumen und Prismen. 153 „Gehen nicht nach Hauſe!“ ſagte Blandois.„Dann bin ich verloren.“ Das mochte er ſein, aber er war nicht ſo verloren, daß er davongerannt wäre und ſie allein gelaſſen hätte. Er blieb ſitzen und unterhielt ſie mit ſeinen feinſten Complimenten und gewählteſten Redensarten, aber die ganze Zeit über ließ er ſie merken:„Nein, nein, nein, liebe Damen! Sehen Sie, ich bin ausdrücklich hier, um es zu verhindern.“ Er ließ es ſie mit ſo vielen Hintergedanken merken, und er hatte in ſich eine ſolche teufliſche Ausdauer, daß Mrs. Gowan ſich endlich erhob, um ſich zu entfernen. Als er Mrs. Gowan die Hand bot, um ſie die Treppe hinabzu⸗ führen, behielt ſie Klein Dorrits Hand mit einem zur Vor⸗ ſicht mahnenden Druck in der ihren und ſagte:„Nein, danke Ihnen. Aber wenn Sie ſo gefällig ſein wollen, nachzu⸗ ſehen, ob mein Gondelführer da iſt, werden Sie mich ſehr verpflichten.“ Dies ließ ihm keine andere Wahl, als vor ihnen hinab⸗ zugehen. Als er dies den Hut in der Hand that, flüſterte Mrs. Gowan: „Er hat den Hund umgebracht.“ „Weiß es Mr. Gowan?“ flüſterte Klein Dorrit. „Niemand weiß es. Sehen Sie mich nicht an, blicken Sie nach ihm hin. Er wird den Augenblick das Geſicht um⸗ drehen. Niemand weiß es, aber ich bin überzeugt, daß er's gethan hat. Auch Sie ſind es?“ „Ich— ich denke es.“ Siebentes Kapitel. „Henry iſt ihm gut, und will nicht übel von ihm den⸗ ken. Er iſt ſelbſt ſo edelmüthig und offenherzig. Aber wir Beide ſind überzeugt, daß wir von ihm denken, wie er es verdient. Er redet Henry ein, daß der Hund ſchon vergiftet geweſen ſei, als er ſich ſo veränderte und nach ihm ſprang. Henry glaubt es, aber wir glauben es nicht. Ich ſehe, daß er horcht, aber nicht hören kann. Leben Sie wohl, meine Liebe! Leben Sie wohl!“ Die letzten Worte wurden laut geſprochen, als der wach⸗ ſame Blandois innehielt, den Kopf umdrehte und nach ihnen vom Ende der Treppe heraufblickte. Sicherlich ſah er, ob⸗ wol er die höflichſte Miene annahm, aus, wie wenn jeder ächte Menſchenfreund nicht Beſſeres zu thun hätte wünſchen ſollen, als ihm einen großen Stein an den Hals zu binden und ihn in das Waſſer fallen zu laſſen, welches unter dem dunkeln gewölbten Thorweg floß, in welchem er ſtand. Da kein ſolcher Wohlthäter der Menſchheit zur Stelle war, ſo half er Mrs. Gowan in ihr Boot und blieb daſtehen, bis es in die Ferne geſchoſſen war, wo er ſich ſelbſt in ſein eig⸗ nes Boot half und nachfolgte. Klein Dorrit hatte bisweilen gedacht und dachte es jetzt, als ſie ihre Schritte die Treppe hinauf zurücklenkte, daß er ſeinen Weg zu raſch in das Haus ihres Vaters gefunden habe. Aber ſo viele und ſo verſchiedene Leute thaten dadurch, daß Mr. Dorrit an der Geſellſchaftsſucht ſeiner älteren Toch⸗ ter Theil nahm, daſſelbe, ſo daß es kaum ein Ausnahmefall war. Eine vollkommene Wuth, Bekanntſchaften zu machen, Meiſtentheils Pflaumen und Prismen. 155 denen ſie ihren Reichthum und ihre Wichtigkeit zum Be⸗ wußtſein bringen konnten, hatte das Haus Dorrit ergriffen. Es kam Klein Dorrit ihrerſeits im Allgemeinen vor, als ob dieſe ſelbe Geſellſchaft, in welcher ſie lebten, große Aehnlichkeit mit einer vornehmen Art von Marſhalſea hätte. Eine Menge von Leuten ſchienen ſo ziemlich ſo in's Ausland zu gehen, wie die Leute in's Gefängniß gekommen waren, wegen Schulden, aus Trägheit, Verwandtſchafts halber, aus Neugier und allgemeiner Unfähigkeit, daheim fortzukommen. Sie wurden in dieſe fremden Städte unter Begleitung von Quartiermachern und Lohnbedienten gebracht, ganz wie die Schuldner in's Gefängniß gebracht worden waren. Sie ſchlenderten in den Kirchen und Gemäldegallerien faſt ganz in der alten trübſeligen Manier umher, die im Gefängniß⸗ hofe Gebrauch geweſen. Sie wollten gewöhnlich ſchon mor⸗ gen oder nächſte Woche fort, und wußten ſelten, was ſie eigentlich wollten, und thaten ſelten, was ſie thun wollten, gingen ſelten dahin, wohin ſie gehen zu wollen äußerten; in allen dieſen Dingen faſt ganz ſo wie die Schuldner im Gefängniß. Sie zahlten hohe Preiſe für ſchlechtes Unter⸗ kommen und verſchrieen einen Ort, während ſie ihn gern zu haben vorgaben, was genau die Sitte des Marſhalſea war. Sie wurden, wenn ſie fortgingen, von Leuten beneidet, welche zurückblieben und ſich ſtellten, als hätten ſie keine Luſt fortzugehen, und das war abermals die unabänderliche Ge⸗ wohnheit im Marſhalſea. Eine gewiſſe Reihe von Worten und Redensarten, die ſo ſehr zu Touriſten gehören, wie das Siebentes Kapitel. Colleg und der warme Winkel zu dem Gefängniß, war ſtets in ihrem Munde. Sie hatten genau dieſelbe Unfähigkeit, ſich einer Sache beſtimmt zu widmen, wie ſie die Gefangenen zu haben pflegten, ſie verdarben einander, wie die Gefange⸗ nen zu thun pflegten, und ſie trugen ſchlechte Kleider und verfielen in eine ſchlaffe Lebensweiſe: auch hierin ganz wie die Leute im Marſhalſea. Die Periode des Verbleibens der Familie in Venedig ging in ihrem Verlaufe zu Ende und ſie zogen mit ihrem Gefolge nach Rom. Durch eine Wiederholung der früheren italieniſchen Scenen, die immer ſchmutziger und immer hohl⸗ äugiger wurden. je weiter ſie kamen, und ſie endlich in Ge⸗ genden brachten, wo ſelbſt die Luft krank war, gelangten ſie an ihr Ziel. Es war für ſie eine ſchöne Wohnung auf dem Corſo genommen worden und dort ſchlugen ſie ihren Auf⸗ enthalt in einer Stadt auf, wo alle Dinge zu verſuchen ſchienen, auf ewig auf den Trümmern von etwas Anderm ſtill zu ſtehen— ausgenommen das Waſſer, welches, ewigen Geſetzen folgend, aus ſeiner glorreichen Menge von Spring⸗ brunnen herabplätſcherte und weiterſtrudelte. Hier ſchien es Klein Dorrit, als ob eine Veränderung mit dem Marſhalſea⸗Geiſt ihrer Umgebung vorginge und daß die Pflaumen und Prismen die Oberhand gewönnen. Jeder⸗ mann ging durch die Peterskirche und den Vatican auf an⸗ derer Leute Korkbeinen und preßte jeden ſichtbaren Gegen⸗ ſtand durch anderer Leute Sieb. Niemand ſagte, was ein Gegenſtand war, ſondern Jedermann ſagte, was Leute wie Meiſtentheils Pflaumen und Prismen. 157 Mrs. General, Mr. Euſtace oder andere davon geſagt. Die Geſammtheit der Reiſenden ſchien eine Sammlung freiwilli⸗ ger Menſchenopfer zu ſein, die mit gebundenen Händen und Füßen Mr. Euſtace nnd ſeinen Handlangern überliefert würden, damit er ihnen die Eingeweide ihrer Vernunft nach dem Geſchmacke jener geheiligten Prieſterſchaft zurechtlege. Durch die verwitterten Reſte von Tempeln und Gräbern und Palläſten und Senatshallen und Theatern und Amphi⸗ theatern des Alterthums ſuchten Schaaren moderner Geiſter mit gefeſſelten Zungen und verbundenen Augen ſorg⸗ fältig ihren Weg, indem ſie unaufhörlich die Worte Pflau⸗ men und Prismen wiederholten, beſtrebt, ihre Lippen in die angenommene Form zu bringen. Mrs. General war ganz in ihrem Elemente. Niemand hatte eine Anſicht. Es ging in ihrer Umgebung ein Ausglätten und Ebnen aller Uneben⸗ heiten in erſtaunlichem Grade vor ſich, und es war nicht die leiſeſte Spur von muthiger, freier Rede darin. Eine andere Modification des Themas: Pflaumen und Prismen drang ſich Klein Dorrits Beobachtung ſehr kurze Zeit nach ihrer Ankunft auf. Sie bekamen ſehr bald einen Beſuch von Mrs. Merdle, welche in dieſem Winter jenes ausgedehnte Departement des Lebens in der ewigen Stadt leitete, und die geſchickte Weiſe, in welcher ſie und Fanny bei der Gelegenheit Schule fochten, ließ ihre ſtille Schweſter faſt wie beim Blitzen von Degen mit den Augen blinzeln. „So entzückt,“ ſagte Mrs. Merdle,„eine Bekanntſchaft Siebentes Kapitel. wieder aufzunehmen, die unter ſo ungünſtigen Auſpicien zu Martigny begonnen wurde.“ „Zu Martigny, natürlich,“ ſagte Fanny.„Wahrhaftig, ganz bezaubert!“ „Ich höre von meinem Sohne Edmund Sparkler,“ ſagte Mrs. Merdle,„daß er dieſe zufällige Gelegenheit bereits be⸗ nutzt hat. Er iſt ganz bezaubert von Venedig zurückgekehrt.“ „In der That?“ erwiderte die gleichgültige Fanny.„Iſt er lange dort geweſen.“ „Ich möchte Sie in dieſer Frage auf Mr. Dorrit ver⸗ weiſen,“ ſagte Mrs. Merdle, indem ſie den Buſen dieſem Herrn zukehrte;„da Edmund ihm ſo ſehr verpflichtet dafür iſt, daß er ihm ſeinen Aufenthalt zu einen angenehmen machte.“ „O bitte, ſprechen Sie davon nicht,“ erwiderte Fanny. „Ich glaube, Papa hatte das Vergnügen, Mr. Sparkler zwei oder drei Mal einladen zu können; aber das war nichts. Wir hatten ſo viele Leute um uns und hielten ſo offnes Haus, daß, wenn er das Vergnügen hatte, es weniger als nichts war.“ „Ausgenommen, meine Liebe,“ ſagte Mr. Dorrit,„aus⸗ genommen— ha— daß es mir ungewöhnliche Befriedi⸗ gung gewährte, durch— hm— auf jede Weiſe— wie un⸗ bedeutend und werthlos es auch Alles ſei, die— ha— hohe Achtung zu zeigen, welche ich— hm— gemeinſchaftlich mit der übrigen Welt vor einem ſo hervorragenden und fürſt⸗ lichen Charakter wie der Mr. Merdles empfinde.“ —— —b. 4 Meiſtentheils Pflaumen und Prismen. 159 Der Buſen nahm dieſen Tribut in ſeiner gewinnendſten Weiſe auf.„Mr. Merdle,“ bemerkte Fanny, als ein Mittel, Mr. Sparkler in den Hintergrund treten zu laſſen,„iſt, wie Sie wiſſen müſſen, ein Lieblingsthema Papa's.“ „Ich bin— ha— um eine Hoffnung gekommen, Ma⸗ dam,“ ſagte Mr. Dorrit,„als ich von Mr. Sparkler erfuhr, daß es— hm— nicht ſehr wahrſcheinlich iſt, daß Mr. Merdle hierher kommen wird.“ „Je nun, in der That,“ ſagte Mrs Merdle,„er iſt ſo be⸗ ſchäftigt und es iſt ſo viel Nachfrage nach ihm, daß ich fürchte, er wird nicht kommen. Er iſt ſeit Jahren nicht im Stande geweſen, ins Ausland zu reiſen. Sie, Miß Dorrit, ſind, glaube ich, ſeit langer Zeit fortwährend im Auslande geweſen?“ „O ja wohl,“ ſagte Fanny mit der größten Seelenruhe. „Eine unermeßliche Anzahl von Jahren.“ „Das hätte ich annehmen ſollen,“ ſagte Mrs. Merdle. „Ganz recht,“ ſagte Fanny. „Ich hoffe indeß,“ fuhr Mr. Dorrit fort,„daß, wenn ich— hm— nicht den großen Vortheil genieße, mit Mr. Merdle diesſeit der Alpen oder des Mittelmeers be⸗ kannt zu werden, ich dieſe Ehre bei meiner Rückkehr nach England haben werde. Es iſt dies eine Ehre, nach der ich ganz beſonders ſtrebe und die ich ganz beſonders hochhalten werde.“ „Mr. Merdle,“ ſagte Mrs. Merdle, welche Fanny be⸗ Siebentes Kapitel. wundernd durch ihr Augenglas betrachtet hatte,„wird ſie wahrlich nicht weniger hochhalten.“ Klein Dorrit, die noch immer nach ihrer Gewohnheit nachdenklich und einſam, wenn auch nicht länger allein war, glaubte zuerſt, das wären bloße Pflaumen und Prismen. Aber als ihr Vater, nachdem ſie einem glänzenden Empfang bei Mrs. Merdle beigewohnt, an ihrem eignen Frühſtücks⸗ tiſche wieder von ſeinem Wunſche zu leiern anfing, Mr. Merdle kennen zu lernen und daran die Hoffnung knüpfte, durch den Rath dieſes Wundermannes in Betreff der Ver⸗ wendung ſeines Vermögens zu profitiren, begann ſie zu glauben, daß es wirklich Etwas zu bedeuten habe, und ihrer⸗ ſeits neugierig zu werden, das ſtrahlende Licht des Zeitalters zu ſehen. —ꝛ —j— —————— 2 1 1 1— 4 8