2———— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen mü eines Buches, eine dem Werthe deſſelbe 8 ſſen, bei Entgegennahme n entſprchende Summe hinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 13 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und Ltrigt⸗. 4. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Ff. 1 Nr. 50 Pf. 2 NMk. pf. 3 „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer iun Erſatz des Ganzen verp flichtet.—. 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———¼ — — = ——ͤ—¼ 2 Poꝛ(Dickens) Sämmtliche Werke. Siebenundneunzigſter Band. ülein Norrit. Fünfter Theil. — 1=IS— Jeipzig Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1856. Alein BDorrit. Koman von(Charles Dickens) Boz. In zwei Büchern. Aus dem Englischen uun Maritz Buach. Mit vierzig Illuſtrationen von Hablot K. Browne. Fünfter Theil. 9☛☚6 Peipeig Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1856. Dreisaigstes Kapitel. Das Wort eines Sentleman. Als Mr. und Mrs. Flintwinch im Zwielicht auf die Thür des alten Hauſes zukeuchten, Jeremiah Affery hart auf den Ferſen, fuhr der Fremde zurück.„Schwerenoth!“ rief er aus.„Wie ſind Sie hierher gerathen.“ Mr. Flintwinch, an den dieſe Worte gerichtet waren, ver⸗ wunderte ſich ganz ebenſo ſehr als der Fremde. Er blickte ihn⸗ mit ſprachloſem Staunen an, er ſah ſich ſelbſt über die Schul⸗ ter, als erwarte er Jemand zu ſehen, von dem er nicht gewußt, daß er hinter ihm ſtehe, er ſchaute wieder den Fremden an, in ſprachloſer Verlegenheit in Betreff deſſen, was er meine, er ſah auf ſeine Frau, um eine Erklärung zu erhalten, und da er keine empfing, warf er ſich auf ſie und ſchüttelte ſie ſo kräftig ab, daß ihr die Haube vom Kopfe flog, indem er dazu mit ingrimmigem Spott zwiſchen den Zähnen ſagte:„Affery, mein Weibchen, Du mußt eine Doſis haben, mein Weibchen! Das iſt einer von Deinen Streichen! Haben wieder mal Klein Dorrit. V. 1 2 Dreißigſtes Kapitel. geträumt, Madamchen! Was ſoll das? Wer iſt er? Was hat das zu bedeuten? Heraus damit oder ich erwürge Dich! Das iſt die einzige Wahl, die ich Dir laſſe.“ Geſetzt, Miſtreß Affery hätte in dieſem Augenblicke irgend die Macht zu wählen beſeſſen, ſo war ihre Wahl entſchieden, ſich erwürgen zu laſſen; denn ſie antwortete auf dieſe Beſchwö⸗ rung nicht, ſondern ergab ſich, indem ſie mit ihrem ſeiner Hülle beraubten Haupte heftig nach vorn und hinten nickte, in ihre Strafe. Der Fremde indeß ſchlug ſich, indem er mit der Miene des galanten Mannes ihre Haube aufhob, ins Mittel. „Erlauben Sie mir“, ſagte er, indem er die Hand auf die Schulter Jeremiahs legte, welcher innehielt und ſein Opfer losließ.„Danke Ihnen. Entſchuldigen Sie mich. Gatte und Gattin, wie ich aus dieſem ſcherzhaften Spiele ſehe. Haha, ſtets angenehm, zu ſehen, wie dieſes Verhältniß ſich ſcherzhaft ausprägt. Hören Sie. Darf ich daran erinnern, daß oben im Dunkeln Jemand mit Energie ſeinen Wunſch an den Tag legt, zu wiſſen, was hier vorgeht?“ Dieſe Anſpielung auf Mrs. Clennams Stimme erinnerte Mr. Flintwinch an ſeine Pflicht. Er ſchritt in das Vorhaus und ſchrie die Treppe hinauf:„Alles in der Ordnung! Ich bin hier, und Affery kommt eben mit Ihrem Lichte.“ Dann ſagte er zu dem letztern Frauenzimmer, welches verblüfft ſeine Haube aufſetzte:„Hinaus mit Dir und die Treppe hinauf!“ Dann wendete er ſich zu dem Fremden und ſagte zu ihm:„Nun, Sir, was ſteht zu Ihren Dienſten?“ XVIII Das Wort eines Gentleman. 3 „Ich fürchte“, ſagte der Fremde,„Ihnen die Ungele⸗ genheit machen zu müſſen, um eine Kerze zu bitten.“ „Das iſt wahr“, ſagte Jeremiah beiſtimmend,„ich war im Begriffe, eine zu holen. Bleiben Sie gefälligſt ſtehen, wo Sie ſind, während ich eine hole.“ Der Beſucher ſtand unter der Thür, wendete ſich indeß ein wenig in das Dunkel des Hauſes, während Mr. Flintwinch ſich umkehrte, und verfolgte ihn mit den Augen in das kleine Gemach, wo er nach einer Schachtel mit Zündhölzchen ſuchte. Als er ſie fand, waren ſie feucht oder ſonſt wie nicht in Ord⸗ nung, und Hölzchen nach Hölzchen, mit dem er ins Feuerzeug fuhr, brannte nur grade hinreichend, um einen düſtern Glanz auf ſein herumſuchendes Geſicht zu werfen und ſeine Hand mit bleichen kleinen Feuerfünkchen zu beſprützen, aber nicht hinreichend, um die Kerze anzuzünden. Der Fremde benutzte dieſe ruckweiſe Beleuchtung ſeines Antlitzes und ſah ihn auf⸗ merkſam und verwundert an. Jeremiah merkte, als er die Kerze endlich zum Brennen brachte, dies daran, daß er ſah, wie der letzte Schatten lauernder Aufmerkſamkeit von ſeinem Geſichte wich und dem zweideutigen Lächeln Platz machte, welches ein Hauptzug in ſeinem Ausdruck war. „Sein Sie ſo gut, in mein Comptoir zu treten“, ſagte Jeremiah, indem er die Hausthür ſchloß und ſeinerſeits eine ziemlich ſcharfe Beobachtung des lächelnden Beobachters an⸗ ſtellte.—„Alles in der Ordnung, wie ich Ihnen ſage!“ rief er, in ſpöttiſchem Tone die Antwort verweigernd auf die Stimme, die oben noch immer nicht befriedigt war, obwol Affery 1* 4 Dreißigſtes Kapitel. da war und ihr zuredete.„Hab' ich Ihnen nicht geſagt, daß Alles in der Ordnung iſt? Halten Sie ſich an das Weibsbild, hat ſie denn gar kein Bischen Vernunft im Leibe?“ „Fürchtet ſich wol?“ bemerkte der Fremde. „Fürchten?“ ſagte Mr. Flintwinch, indem er den Kopf zu einer lebhaften Verneinung umdrehte, während er mit der Kerze vorausging.„Die hat mehr Courage als neunzig Männer von hunderten, Sir, das können Sie glauben.“ „Und doch iſt ſie eine Kranke?“ „Seit vielen Jahren krank. Mrs. Clennam. Die einzige, die von dieſem Namen im Hauſe noch übrig iſt. Meine Ge⸗ ſchäftstheilhaberin.“ Indem er, während er quer über das Vorhaus ging, einige Entſchuldigungen vorbrachte, daß ſie zu dieſer Stunde der Nacht Niemand zu empfangen pflegten und ſtets eingeſchloſſen wären, führte ihn Mr. Flintwinch in ſeine Schreibſtube, wo es ziemlich geſchäftsmäßig ausſah. Hier ſtellte er das Licht auf ſein Pult und ſagte mit ſeiner wunderlichſten Halsver⸗ renkung gegen ihn:„Ich ſtehe zu Befehl.“ „Mein Name iſt Blandois.“ „Blandois, den kenne ich nicht“, ſagte Jeremiah. „Ich hielt es für möglich“ fuhr Jener fort,„daß Sie von Paris benachrichtigt worden wären— „Wir haben keine Nachricht von Paris in Betreff Jeman⸗ des, der Blandois heißt“, ſagte Jeremiah. „Alſo keine Nachricht?“ „Nein.“ Das Wort eines Gentleman. 5 Jeremiah ſtand in ſeiner Lieblingsſtellung. Der lächelnde Mr. Blandois, der ſeinen Mantel öffnete, um ſeine Hand in ſeine Bruſttaſche zu ſtecken, hielt inne, um mit einem Lächeln in ſeinen blitzenden Augen, die, wie es Mr. Flintwinch vor⸗ kam, zu nahe bei einander ſtanden, zu ſagen: „Sie gleichen ſo ſehr einem Freunde von mir! Nicht ſo ganz und gar derſelbe, wie ich glaubte, als ich Sie im Dunkeln auf einen Augenblick wirklich für denſelben nahm,— wofür ich mich entſchuldigen ſollte; erlauben Sie mir dies zu thun; Bereitwilligkeit, meine Irrthümer einzugeſtehen, iſt, wie ich hoffe, ein Theil der Aufrichtigkeit meines Charakters— aber doch, ungewöhnlich ähnlich.“ „In der That?“ ſagte Jeremiah ſtöckiſch.„Aber ich habe durchaus keinen Brief von irgendwoher erhalten, der mir die Ankunft irgend Jemandes mit Namen Blandois mittheilte.“ „Wirklich nicht“, ſagte der Fremde. „Wirklich nicht“, ſagte Jeremiah. Mr. Blandois, nichts weniger als außer Faſſung über dieſe Vernachläſſigung auf Seiten der Correſpondenten des Hauſes Clennam und Co., nahm ſein Taſchenbuch aus ſeiner Bruſttaſche, wählte einen Brief aus dieſem Behältniß und händigte ihn Mr. Flintwinch ein.„Ohne Zweifel ſind Sie wohlbekannt mit der Handſchrift. Vielleicht ſpricht der Brief für ſich ſelbſt und erfordert keine vorläufige Benachrichtigung. Sie ſind ein viel competenterer Richter in ſolchen Angelegen⸗ heiten, als ich. Es iſt ein Unglück, nicht ſo ſehr ein Geſchäfts⸗ 6 Dreißigſtes Kapitel. mann, als was die Welt(willkürlich) einen Gentleman nennt, zu ſein.“ 3 Mr. Flintwinch nahm den Brief und las, datirt Paris: „Wir haben Ihnen, empfohlen von einem hochgeſchätzten Correſpondenten unſrer Firma, Mr. Blandois von hier vor⸗ zuſtellen u. ſ. w.„Solche Erleichterungen als er bedürfen mag und ſolche Gefälligkeiten, wie ſie in Ihrer Gewalt ſein mögen“ u. ſ. w.„Haben zugleich hinzuzufügen, daß, wenn Sie Mr. Blandois Tratten auf Sicht bis zum Betrage von, ſchreibe fünfzig Pfund Sterling(Pfd. 50) honoriren wollen“ u. ſ. w. u. ſ. w. „Sehr wohl, Sir“, ſagte Mr. Flintwinch.„Nehmen Sie Platz. Wir werden in jeder Beziehung, in der unſer Haus Ihnen nützlich ſein kann— wir betreiben unſer Geſchäft in zurückgezogener, althergebrachter, ruhiger Weiſe, Sir— uns glücklich ſchätzen, Ihnen nach beſten Kräften zu dienen. Ich bemerke nach dem Datum dieſes Briefs, daß wir noch nicht aviſirt ſein konnten. Wahrſcheinlich kamen Sie mit der ver⸗ ſpäteten Poſt herüber, welche das Avis bringt.“ „Daß ich mit der verſpäteten Poſt herübergekommen bin, Sir“, erwiderte Mr. Blandois, indem er ſich mit ſeiner weißen Hand über ſeine Habichtsnaſe ſtrich,„weiß ich auf Koſten meines Kopfs und Magens, das ſchändliche und unaus⸗ ſtehliche Wetter hat beide zuſammengeſchüttelt. Sie ſehen mich in dem Zuſtande, in welchem ich vor einer halben Stunde aus dem Packetboote ſtieg. Ich hätte ſchon ſeit Stunden hier ſein ſollen, und dann brauchte ich mich nicht zu entſchuldigen Das Wort eines Gentleman. 7 — erlauben Sie, daß ich mich entſchuldige— daß ich mich ſo zur Unzeit vorſtellte und die verehrte Dame in Furcht ſetzte— nein, beiläufig, Sie ſagten, nicht in Furcht ſetzte, erlauben Sie, daß ich mich abermals entſchuldige— daß ich alſo Mrs. Clennam in ihrem Krankenzimmer oben ſtörte.“ Großthun und die Miene berechtigter Herablaſſung thun ſo viel, daß Mr. Flintwinch bereits begonnen hatte, ihn für einen äußerſt vornehmen Herrn zu halten. Auf Grund deſſen nicht nachgiebiger gegen ihn, kratzte er ſich am Kinn und fragte, was er die Ehre haben könnte, für Mr. Blandois heute Abend zu thun, wo die Geſchäftsſtunden vorbei ſeien? „Meiner Treu!“ erwiderte dieſer Herr, indem er ſeine mit dem Mantel bedeckten Schultern in die Höhe zog,„ich muß die Wäſche wechſeln und eſſen und trinken und irgendwo unter Dach und Fach kommen. Haben Sie die Freundlich⸗ keit, mir, einem vollkommenen Fremden, zu rathen, wo, und Geld iſt bis morgen eine Sache, um die ſich's durchaus nicht handelt. Je näher der Ort, deſto beſſer. In der nächſten Thür, wenn es nicht anders geht.“ Mr. Flintwinch begann langſam:„Für einen Herrn von Ihren Gewohnheiten befindet ſich in dieſer Gegend kein Hotel“— als Mr. Blandois ihn unterbrach. „O laſſen Sie meine Gewohnheiten, mein lieber Herr“, er ſchnalzte dabei mit den Fingern.„Ein Weltbürger hat keine Gewohnheiten. Das bin ich in meiner einfachen Weiſe, ein Gentleman, beim Himmel! Ich will es nicht leugnen, aber ich habe keine Vorurtheile, keine Gewohnheiten, die ſich 8 Dreißigſtes Kapitel. den Verhältniſſen nicht anbequemen ließen. Eine reinliche Stube, eine Schüſſel warmes Eſſen auf den Tiſch, und eine Flaſche nicht abſolut giftigen Wein, das iſt Alles, was ich heute Abend brauche. Aber ich bedarf es ſehr nothwendig ohne die Unbequemlichkeit, einen Zoll weiter darnach zu ge⸗ hen, als es nöthig iſt.“ „Es iſt da“, ſagte Mr. Flintwinch mit mehr als ſeiner gewöhnlichen Ueberlegung, als er auf einen Augenblick den glänzenden Augen des Mr. Blandois begegnete, welche ruhelos herumfuhren,„es iſt da ein Kaffeehaus und Gaſthof gleich hier nebenan, welches ich ſoweit empfehlen kann, aber es iſt nichts nach der Mode daran.“ „Ich laſſe Mode Mode ſein“, ſagte Mr. Blandois mit einer entſprechenden Handbewegung.„Geben Sie mir die Ehre, mir das Haus zu zeigen und mich dort einzuführen (wenn das nicht zu viel Unbequemlichkeit macht) und ich werde Ihnen unendlich verbunden ſein.“ Mr. Flintwinch ſah hierauf nach ſeinem Hute und leuch⸗ tete Mr. Blandois wieder über das Vorhaus. Als er die Kerze auf einen Sims ſtellte, wo das dunkle alte Getäfel faſt als Löſchhorn für dieſelbe diente, überlegte er ſich, ob es nicht gerathen ſei, hinaufzugehen und der Kranken zu mel⸗ den, daß er keine fünf Minuten abweſend ſein werde. „Haben Sie die Güte“, ſagte der Beſucher, als er dies ſagte,„meine Viſitenkarte abzugeben. Haben Sie die Freund⸗ lichkeit hinzuzufügen, daß ich mich glücklich ſchätzen werde, Mrs. Clennam meine Aufwartung zu machen, ihr perſönlich —-o-— ——— Das Wort eines Gentleman. 9 meine Hochachtung auszudrücken und um Entſchuldigung zu bitten, in dieſem ſtillen Winkel einige Aufregung hervorge⸗ rufen zu haben, wofern es ihr genehm iſt, die Gegenwart eines Fremden auf einige Minuten zu ertragen, nachdem er ſeine naſſen Kleider gewechſelt und ſich mit Eſſen und Trin⸗ ken geſtärkt hat.“ Jeremiah beeilte ſich und ſagte, als er wieder kam:„Sie wird ſich freuen, Sie zu ſehen, Sir; da ſie indeß weiß, daß ihr Krankenzimmer keinen Reiz bietet, ſo wünſcht ſie, daß ich Ihnen ſage, ſie werde Sie nicht beim Worte halte, falls Sie ſichs beſſer überlegen ſollten.“ „Sich's beſſer überlegen“, erwiderte der galante Blan⸗ dois,„hieße gegen eine Dame unartig ſein; gegen eine Dame unartig ſein, hieße unritterlich handeln gegen das ſchöne Geſchlecht, und Ritterlichkeit gegen das ſchöne Geſchlecht iſt ein Theil meines Charakters.“ Indem er ſich ſo ausſprach, warf er den ſchleppenden Saum ſeines Mantels über ſeine Schulter und begleitete Mr. Flintwinch nach dem Gaſthofe, wobei er auf der Straße einen Träger mitnahm, welcher mit ſeinem Mantelſack draußen vor dem Thorwege wartete. Das Haus war in einfach bequemer Weiſe gehalten, und die Herablaſſung des Mr. Blandois war unermeßlich. Sie ſchien den kleinen Schenktiſch, wo die verwittwete Wir⸗ thin und ihre beiden Töchter ihn empfingen, bis zur Unbe⸗ quemlichkeit anzufüllen; ſie war viel zu groß für das enge getäfelte Stübchen, das zuerſt zu ſeiner Aufnahme vorge⸗ ſchlagen wurde, ſie überfluthete förmlich das kleine Privat⸗ 10 Dreißigſtes Kapitel. Putzſtübchen der Familie, welches man ihm ſchließlich ein⸗ räumte. Hier in trocknen Kleidern und parfümirter Wäſche, mit glattgekämmten Haaren, einen großen Ring an jedem Zeigefinger und eine maſſive Uhrkette zeigend, hatte Mr. Blandois, indem er auf ſein Eſſen wartend mit emporge⸗ zognen Knien in einem Sitz am Fenſter lehnte(trotz all der Verſchiedenheit in der Faſſung des Juwels) eine furchtbare und erſtaunliche Aehnlichkeit mit einem gewiſſen Monſieur Rigaund, welcher einſt ſo auf ſein Frühſtück gewartet, indem er auf dem ſteinernem Fenſterſimſe vor dem Eiſengitter einer Zelle in einem ſcheußlichen Kerker zu Marſeille lag. Seine Gier beim Eſſen hatte ebenfalls die größte Aehn⸗ lichkeit mit der Gier Monſieur Rigauds beim Frühſtück. Die geizige Manier, in der er alle Eßwaaren um ſich ſammelte und einige mit den Augen verſchlang, während er die übri⸗ gen mit den Kinnbacken verarbeitete, war dieſelbe Manier. Seiner äußerſten Nichtachtung andrer Leute, die ſich in der Weiſe kundgab, mit der er die kleinen Nippſachen der Frauen herumwarf, Kiſſen, an denen Jenen das Herz hing, unter ſeine Stiefeln ſchleuderte, um eine weichere Unterlage zu ha⸗ ben, und feine Decken mit ſeinem großen Körper und ſeinem dicken ſchwarzen Kopfe zerdrückte, lag dieſelbe brutale Selbſt⸗ ſucht zu Grunde. Die ſanft ſich bewegenden Hände, die un⸗ ter den Gerichten ſo geſchäftig herumfuhren, hatten die alt⸗ bekannte widerliche Gewandheit der Hände, die an die Eiſen⸗ ſtäbe ſich geklammert. Und als er nicht mehr eſſen konnte und ſich die zarten Finger einen nach dem andern ableckte Das Wort eines Gentleman. 11 und ſie am Tiſchtuch abwiſchte, fehlte zur Vollendung des Bildes nichts, als die Hinzufügung von Weinblättern. Dieſem Manne mit ſeinem boshaften Lächeln, wobei ſein Schnurrbart ſich in die Höhe zog und ſeine Naſe ſich ſenkte und mit ſeinen Augen, die ausſahen, als ob ſie zu ſeinen gefärbten Haaren gehörten und als ob ihre natürliche Kraft, das Licht zurückzuſtrahlen, durch einen ähnlichen Pro⸗ ceß unterbrochen worden ſei, hatte die Natur, ſtets wahr und nie vergeblich arbeitend, das Brandzeichen„Hütet euch!“ aufgedrückt. Es war nicht ihre Schuld, wenn die Warnung fruchtlos war. Sie iſt nie zu tadeln bei irgend einem der⸗ artigen Falle. Mr. Blandois nahm, als er ſein Mahl beendigt und ſeine Finger gereinigt, eine Cigarre aus der Taſche und rauchte ſie, ſich wieder auf den Fenſterſitz lagernd, gemächlich aus, wobei er gelegentlich den Rauch anredete, als er zwi⸗ ſchen ſeinen dünnen Lippen in einem dünnen Strome her⸗ ausquoll. „Blandois, Du winſt der bürgerlichen Geſellſchaft ein Schnippchen ſchlagen, mein Kind. Haha! Hol's der Teufel, Du haſt'nen guten Anfang gemacht, Blandois! Mit einem Ruck plötzlich ein vortrefflicher Sprachmeiſter im Engliſchen oder Franzöſiſchen, ein Mann wie gemacht für Familien! Du haſt einen raſchen Blick, Du haſt Laune, Du haſt leichte Manieren, Du haſt ein ſchmeichelndes Benehmen, Du haſt ein gutes Aeußere, kurz Du biſt ein Gentleman! Als ein Gentleman ſollſt Du leben, mein Jüngelchen, und als ein 12 Dreißigſtes Kapitel. Gentleman ſollſt Du ſterben. Du ſollſt gewinnen, wie das Spiel ſich auch wendet. Sie ſollen alle Deine Verdienſte anerkennen, Blandois. Du wirſt die Geſellſchaft, die Dich ſo ſchwer beleidigt hat, mit Hülfe Deines ſtolzen Geiſtes unter den Schlitten kriegen. Hol mich der Teufel, Du biſt von Rechtswegen und von Natur ſtolz, mein Blandois.“ Während dieſes troſtreichen Gemurmels rauchte dieſer Gentleman ſeine Cigarre aus und leerte ſeine Flaſche Wein. Als beide zu Ende waren, ſchlenkerte er ſich in eine ſitzende Lage und mit der ernſten Schlußapoſtrophe:„Daran halte Dich! Blandois, Du Schlaukopf, nimm all Deinen Witz zuſammen!“ ſtand er auf und ging nach dem Hauſe von Clennam und Co. zurück. Er wurde an der Thür von Miſtreß Affery empfangen, welche auf Anordnung ihres Eheherrn im Vorhauſe zwei Kerzen und auf der Treppe eine dritte angezündet hatte, und welche ihn in das Zimmer von Mrs. Clennam führte. Dort war Thee zurecht gemacht und man hatte die kleinen Einrich⸗ tungen zum Empfang von Geſellſchaft getroffen, die man gewöhnlich für das Eintreffen erwarteter Beſucher traf. Sie waren auch bei der größten Gelegenheit einfach, indem ſie ſich nie über die Aufſtellung eines Porzellan⸗Service und die Bedeckung des Bettes mit einer einfachen und düſtern Draperie hinauserſtreckten. Im Uebrigen war da das bahren⸗ artige Sofa mit dem Block darauf und die Geſtalk in Witt⸗ wenkleidern, wie zur Hinrichtung angezogen, das Feuer, über das ſich ein Häufchen erloſchner Aſche erhob, der Roſt mit Das Wort eines Gentleman. 13 einem Aſchenhügel, der Keſſel und der Geruch von ſchwarzer Farbe— Alles ſo wie es ſeit fünfzehn Jahren geweſen. Mr. Flintwinch ſtellte den Herrn vor, welcher der Für⸗ ſorge von Clennam und Co. empfohlen war. Mrs. Clen⸗ nam, welche den Brief vor ſich liegen hatte, nickte mit dem Kopfe und bat ihn ſich zu ſetzen. Sie ſahen ſich einander ſehr genau an. Das war blos natürliche Neugier. „Ich danke Ihnen, Sir, daß Sie an eine gebrechliche Frau wie ich bin gedacht haben. Wenige, welche in Geſchäf⸗ ten hierherkommen, gedenken Jemandes, der ſo entfernt von der Beobachtung lebt. Es würde thöricht ſein zu erwarten, daß dies geſchähe. Aus den Augen aus dem Sinn. Wenn ich dankbar für die Ausnahme bin, ſo klage ich doch nicht über die Regel“. Mr. Blandois ſagte in ſeiner vornehmſten Art, er fürchte ſie geſtört zu haben, indem er ſich unglücklicherweiſe zu einer ſo unerwarteten Stunde vorgeſtellt. Er habe ſich deshalb ſchon beſtens entſchuldigt gegen Mr.— er bäte um Ent⸗ ſchuldigung er habe nicht die ausgezeichnete Ehre, den Namen des Herrn— „Mr. Flintwinch ſteht ſchon ſeit vielen Jahren mit dem Hauſe in Verbindung.“ Mr. Blandois war Mr. Flintwinchs allerunterthänigſter Diener. Er erſuchte Mr. Flintwinch, die Verſicherung ſeiner tiefſten Hochachtung entgegenzunehmen. „Da mein Mann geſtorben iſt“, ſagte Mrs. Clennam, „und mein Sohn einen andern Beruf ergriffen hat, ſo hat 14 Dreißigſtes Kapitel. unſer altes Haus in dieſen Tagen keinen andern Repräſen⸗ tanten als Mr. Flintwinch.“ „Wie nennen Sie ſich ſelbſt?“ war die närriſche Frage dieſes Herrn.„Sie haben den Kopf von zwei Männern.“ „Mein Geſchlecht verbietet mir“, fuhr ſie mit nur einem oberflächlichen Blick auf Jeremiah fort,„in dem Geſchäfte eine verantwortliche Rolle zu ſpielen, ſelbſt wenn ich die Fähigkeit hätte, und deshalb verbindet Mr. Flintwinch mein Intereſſe mit ſeinem eignen und führt es. Es iſt nicht mehr ſo wie früher, aber einige von unſern alten Freunden (hauptſächlich der Schreiber dieſes Briefs) haben die Freund⸗ lichkeit, uns nicht zu vergeſſen, und wir ſind im Stande, das, womit ſie uns beauftragen, noch ſo wirkſam zu thun, wie jemals. Das iſt indeß nicht von Intereſſe für Sie. Sie ſind ein Engländer, Sir?“ „In der That, Madame, nein. Ich bin in England we⸗ der geboren noch erzogen. Ich bin eigentlich ohne Vater⸗ land“, ſagte Mr. Blandois, indem er ſein Bein ausſtreckte und darauf ſchlug,„ich ſtamme aus einem halben Dutzend Ländern.“ „Sie ſind viel in der Welt herumgekommen?“ „Es iſt wahr. Beim Himmel, Madame, ich bin hier und da und überall geweſen.“ „Sie haben wahrſcheinlich keine Bande, die Sie an einen Ort knüpfen. Sind nicht verheirathet?“ „Madame“, ſagte Mr. Blandois mit einem häßlichen Das Wort eines Gentleman. 15 Herabziehen ſeiner Augenbrauen,„ich bete Ihr Geſchlecht an, allein ich bin nicht verheirathet— war es niemals.“ Miſtreß Affery, welche am Tiſche neben ihm ſtand und den Thee einſchenkte, warf in ihrem Traumzuſtande zufällig einen Blick auf ihn, als er dieſe Worte ſagte, und es war ihr, als entdeckte ſie in ſeinen Augen einen Ausdruck, welcher ihre eignen Augen ſo anzog, daß ſie ſie nicht wegwenden konnte. Die Wirkung dieſer Einbildung war, daß ſie ihn mit der Theekanne in der Hand anſtarrte und immerfort anſtarrte, was nicht blos ſie, ſondern augenſcheinlich auch ihn und durch ſie beide auch Mrs. Clennam und Mr. Flintwinch ſehr unruhig machte. So vergingen einige äußerſt unbehagliche Augenblicke, wo ſie Alle einander verwirrt anſtarrten, ohne zu wiſſen, weshalb. „Affery“, ſagte ihre Herrin zuerſt,„was iſt mit Dir?“ „Ich weiß nicht“, ſagte Miſtreß Affery, indem ſie ihre freie linke Hand nach dem Beſucher ausſtreckte.„Ich bin's nicht. Er iſt's!“ „Was meint dieſes gute Weib?“ ſchrie Mr. Blandois, indem er blaß und roth wurde und ſich langſam mit einem ſolchen Blicke tödtlichen Zorns erhob, daß es erſtaunlich ab⸗ ſtach gegen die milde Form ſeiner Worte.„Wie iſt es mög⸗ lich, dieſes gute Geſchöpf zu verſtehen?“ „Es iſt nicht möglich“, ſagte Mr. Flintwinch, indem er ſich haſtig nach dieſer Gegend hinkehrte.„Sie weiß nicht, was ſie meint. Sie iſt blödſinnig, eine verrückte Perſon. Sie ſoll ein Doſis haben, ſie ſoll eine ſolche Doſis haben! 16 Dreißigſtes Kapitel. Mach daß Du fortkommſt, mein Weibchen“, flüſterte er ihr in's Ohr,„mach daß Du fortkommſt, ſo lange Du weißt, daß Du Affery biſt und ehe Du zu Brei zerſchüttelt wirſt.“ Miſtreß Affery, ſich der Gefahr bewußt, in welcher ihre Identität ſtand, verließ die Theekanne, als ihr Gemahl ſie ergriff, ſchlug ſich ihre Schürze über den Kopf und ver⸗ ſchwand in einem Augenblick. Der Beſucher brach allmälig in ein Lächeln aus und ſetzte ſich wieder hin. „Sie müſſen ſie entſchuldigen, Mr. Blandois“, ſagte Jeremiah, indem er ſich ſelbſt Thee einſchenkte,„es fehlt ihr am Verſtande und es geht zu Ende mit ihr. Das iſt die Sache mit ihr. Nehmen Sie Zucker, Sir?“ „Danke Ihnen— keinen Thee für mich.— Entſchul⸗ digen Sie die Bemerkung, aber das iſt eine ſehr merkwür⸗ dige Uhr.“ Der Theetiſch war in der Nähe des Sofas aufgeſchlagen und es war ein kleiner Zwiſchenraum zwiſchen ihm und dem eignen Tiſche von Mrs. Clennam. Mr. Blandois in ſeinem galanten Weſen hatte ſich erhoben, um dieſer Dame ihre Taſſe Thee zu präſentiren(ihr Gericht gebratene Semmel war bereits da) und es geſchah, indem er ihr die Taſſe be⸗ quem in ihten Bereich ſtellte, daß die Uhr, die wie immer vor ihr lag, ſeine Aufmerkſamkeit erregte. Mrs. Clennam blickte plötzlich nach ihm auf. „Wollen Sie mir erlauben? Danke Ihnen. Eine ſchöne, alterthümliche Uhr“, ſagte er, ſie in ſeine Hand nehmend. „Zu ſchwer für den Gebrauch, aber maſſiv und echt. Ich Das Wort eines Gentleman. 17 hege eine Vorliebe für alles Echte. So wie ich bin, ich bin ſelber echt. Ha! Eine Herrenuhr mit zwei Kapſeln nach der alten Mode. Darf ich ſie aus dem äußern Gehäuſe nehmen? Danke Ihnen. Ei ſiehe da! Eine alte ſeidene Uhreinlage, mit Perlen geſtickt! Ich habe dieſe oft unter alten Hollän⸗ dern und Belgiern geſehen. Wunderliche Dinger!“ „Sie ſind auch altmodiſch“, ſagte Mrs. Clennam. „Sehr. Aber ich glaube, dies iſt nicht ſo alt als die Uhr.“ „Ich glaube nicht.“ „Außerordentlich, wie ſie dieſe Chiffern zuſammenzuſtellen pflegten!“ bemerkte Mr. Blandois, indem er mit ſeinem eigenthümlichen Lächeln aufblickte.„Nun, ſoll das D. N. V. bedeuten? Es könnte beinahe alles Mögliche ſein.“ „Das ſind die Buchſtaben.“ Mr. Flintwinch, welcher die ganze Zeit über lauernd mit ſeiner Taſſe Thee in der Hand und ſeinem Munde offen und bereit, den Inhalt zu verſchlucken, innegehalten hatte, begann jetzt zu trinken, wobei er jedes Mal ſeinen ganzen Mund füllte, ehe er ihn mit einem Schlucke leerte, und ſtets wieder nachſann, ehe er ihn wieder füllte. „Kein Zweifel, daß D. N. V. ein zartes, holdes, bezau⸗ berndes Geſchöpf war“, bemerkte Mr. Blandois, als er das Gehäuſe wieder zuklappte.„Ich verehre ihr Andenken auf dieſe Annahme hin. Zum Unglück für meine Seelenruhe ge⸗ rathe ich nur zu leicht in's Verehren. Es mag ein Laſter, es mag eine Tugend ſein, aber Verehrung vor weiblicher Klein Dorrit. V. 2 18 Dreißigſtes Kapitel. Schönheit und Trefflichkeit machen drei Viertel meines Cha⸗ rakters aus, Madame.“ Mr. Flintwinch hatte jetzt ſich eine andere Taſſe Thee eingeſchenkt, welche er wie vorher in großen Schlucken ver⸗ ſchlang, während ſeine Augen auf die Kranke gerichtet waren. „Sie können hier ruhigen Herzens ſein, Sir“, erwiderte ſie auf die Bemerkung des Mr. Blandois.„Dieſe Buchſta⸗ ben haben, wie ich glaube, nicht den Zweck, die Anfangs⸗ buchſtaben irgend eines Namens zu bedeuten.“ „Vielleicht ein Motto“, ſagte Mr. Blandois leicht hin. „Eines Spruchs. Sie haben ſtets, wie ich glaube, ge⸗ golten für: Darum nicht vergeſſen.“ „Und natürlich“, ſagte Mr. Blandois, indem er die Uhr wieder hinlegte und nach ſeinem frühern Stuhle zuſchritt, „vergeſſen Sie nicht.“ Mr. Flintwinch that, indem er ſeinen Thee austrank, nicht nur einen längern Schluck, als er bis jetzt gethan, ſon⸗ dern machte auch ſeine folgende Pauſe unter neuen Umſtän⸗ den, das heißt, indem er den Kopf zurückwarf und ſeine Taſſe immer noch an ſeine Lippen hielt, während ſeine Augen noch immer auf die Kranke geheftet waren. Sie hatte, als ſie mit ihrer wohlüberlegten Kraft der Rede antwortete, jene Seelenſtärke in ihren Zügen und jene Miene zuſammenge⸗ faßter Feſtigkeit und Hartnäckigkeit, welche in ihrem Falle das ausdrückte, was bei Andern Geberdenſpiel und Hand⸗ lung geweſen ſein würde. Das Wort eines Gentleman. 19 „Nein, Sir'“, ſagte ſie.„Ich vergeſſe es nicht. Ein Le⸗ ben zu führen, ſo einförmig, wie das meine ſeit vielen Jahren geweſen iſt, iſt nicht der Weg, auf dem man vergißt. Ein Leben zu führen, wo man ſich ſelbſt in ſtrenger Zucht hält, iſt nicht der Weg, zu vergeſſen. Zu wiſſen, daß man(wie wir Alle, jeder von uns, alle Kinder Adams) Uebertretungen zu ſühnen und Frieden zu erringen hat, rechtfertigt den Wunſch, zu vergeſſen, nicht. Deshalb habe ich es lange aufgegeben, und ich vergeſſe weder, noch wünſche ich zu vergeſſen.“ Mr. Flintwinch, welcher in der letzten Zeit den Boden⸗ ſatz ſeiner Theetaſſe umgeſchüttelt hatte, goß ihn hier hin⸗ unter, und indem er die Taſſe als fertig damit auf das Thee⸗ bret ſtellte, richtete er ſeine Augen auf Mr. Blandois, als wollte er ihn fragen, was er davon dächte. „Wurde Alles durch das Wort natürlich“ ausgedrückt“, ſagte Mr. Blandois mit ſeinem glatteſten Bückling und indem er ſeine weiße Hand auf ſeine Bruſt legte.„Ich bin ſtolz darauf, genug Vorausſicht und richtige Werthfchätzung gehabt zu haben(aber wie könnte ich auch ohne Werthſchätzung Blan⸗ dois ſein), um dies Wort zu brauchen.“ „Verzeihen Sie mir, Sir“, entgegnete ſie,„wenn ich die Wahrſcheinlichkeit bezweifle, daß ein Herr, der das Vergnügen und den Wechſel liebt, ein Herr, der ſo artig iſt und ſo ge⸗ wöhnt zu ſchmeicheln und ſich ſchmeicheln zu laſſen—“ „Oh, Madame! Beim Himmel!“ —, Wenn ich es unwahrſcheinlich finde, daß ſolch ein Cha⸗ rakter vollſtändig begreift, was zu dem meinen in meinem Zu⸗ 2* Dreißigſtes Kapitel. ſtande gehört. Ich will Ihnen keine Predigt halten“, ſie blickte auf die ſtarre Schicht harter bleicher Bücher vor ihr,(„denn Sie gehen Ihren eignen Weg und die Folgen treffen Ihr Haupt) ich ſage blos ſo viel, daß ich meinen Weg nach dem Rathe von Loot⸗ ſen, genau nach dem Rathe geprüfter und verſuchter Lootſen nehme, unter deren Führung ich nicht Schiffbruch leiden kann — durchaus nicht Schiffbruch leiden kann— und daß ich, wenn ich der Mahnung, die in dieſen drei Buchſtaben liegt, uneingedenk wäre, nicht halb ſo viel Strafe leiden würde, als ich leide.“ Es war ſeltſam, wie ſie die Gelegenheit ergriff, mit einem unſichtbaren Gegner zu ſtreiten. Vielleicht mit ihrem eignen beſſern Gefühle, das ſich ſtets gegen ſie und ihre Täuſchung wendete. „Wenn ich meine Irrungen in meinen geſunden und freien Tagen vergeſſen hätte, ſo dürfte ich über das Leben klagen, zu welchem ich jetzt verdammt bin. Ich thue es nie, ich habe es nie gethan. Wenn ich vergäße, daß dieſer Schauplatz, die Erde, ausdrücklich dazu geſchaffen iſt, ein Schauplatz des Elends, der Noth und dunkler Prüfung zu ſein für die Ge⸗ ſchöpfe, die aus ihrem Staube gemacht ſind, ſo könnte ich zärtliche Neigung zu ihren Eitelkeiten haben. Aber ich habe keine ſolche Nigung. Wenn ich nicht wüßte, daß wir alle⸗ ſammt der Gegenſtand(ſehr gerecht der Gegenſtand) eines Zornes ſind, der befriedigt werden muß, und gegen den bloße Thaten nichts ſind, ſo könnte ich mich grämen über den Unter⸗ ſchied zwiſchen mir, die ich hier eingekerkert bin, und den Das Wort eines Gentleman. 21 Leuten, die dort an dem Thorwege vorübergehen. Aber ich nehme es als eine Gnade und Gunſt an, erwählt zu ſein, die Sühne zu leiſten, die ich hier leiſte, zu wiſſen, was ich hier mit Beſtimmtheit weiß, und zu ſchaffen, was ich hier ſchaffe. Meine Trübſal würde auf eine andre Art vielleicht keine Bedeutung für mich gehabt haben. So wie es ſteht, werde ich nichts vergeſſen und vergeſſe ich in der That nichts. So wie es ſteht, bin ich zufrieden und ſage, es iſt beſſer mit mir, als mit Millionen.“ Als ſie dieſe Worte ſprach, legte ſie ihre Hand auf die Uhr und that ſie genau auf dieſelbe Stelle auf ihrem Tiſchchen, welche ſie ſtets einnahm. Indem ſie mit der Hand darauf ver⸗ weilte, ſaß ſie einige Augenblicke nachher noch ſtill und heftete einen feſten und halb herausfordernden Blick auf ſie. Mr. Blandois war während dieſer Auseinanderſetzung ſehr aufmerkſam geweſen, hatte ſeine Augen feſt auf die Dame geheftet und gedankenvoll mit beiden Händen ſeinen Schnurr⸗ bart geſtrichen. Mr. Flintwinch war ein wenig unruhig ge⸗ weſen und fiel jetzt ein. „Da, da, da“, ſagte er.„Darüber ſind wir ganz einig, Mrs. Clennam, und Sie haben gottesfürchtig und wohl ge⸗ ſprochen. Mr. Blandois gehört, wie ich fürchte, nicht zu den gottesfürchtigen Leuten.“ „Im Gegentheile, Sir“, proteſtirte dieſer Herr, indem er mit den Fingern ſchnippte.„Bitte um Verzeihung! Es iſt ein Theil meines Charakters. Ich bin zartfühlend, feurig, gewiſſenhaft und von reicher Einbildungskraft. Ein Mann Dreißigſtes Kapitel. von zartem Gefühl, Feuer, Gewiſſenhaftigkeit und reicher Einbildungskraft, Mr. Flintwinch, muß das oder nichts ſein.“ Es ſtieg, als er ſich mit großthueriſcher Miene aus ſeinem Stuhle erhob und ſich, um Abſchied zu nehmen, Mrs. Clen⸗ nam näherte, ein leiſer Verdacht in Mr. Flintwinchs Geſicht auf, daß er dann wol nichts ſein möge. Es war ein charak⸗ teriſtiſches Merkmal in dieſem Menſchen, wie in allen Menſchen von ähnlichem Gepräge, daß er bei Allem, was er that, zu ſtark auftrug, obwol es manchmal nur um Haarbreite war. „In einer Weiſe, die Ihnen als der Egoismus einer kran⸗ ken alten Frau erſcheinen wird“, ſagte jetzt Mrs. Clennam, „obſchon durch Ihre zufällige Anſpielung dazu gebracht, habe ich mich verleiten laſſen, von mir und meinen Schwächen zu reden. Da Sie ſo rückſichtsvoll waren, mir einen Beſuch zu machen, ſo hoffe ich, Sie werden mit gleicher Rückſicht das überſehen. Machen Sie mir gefälligſt keine Complimente.“ Er war augenſcheinlich im Begriffe, dies zu thun.„Mr. Flint⸗ winch wird ſich glücklich ſchätzen, Ihnen jeden möglichen Dienſt zu leiſten, und ich hoffe, Ihr Aufenthalt in dieſer Stadt wird ſich als ein angenehmer erweiſen.“ Mr. Blandois dankte ihr und küßte ſeine Hand mehr⸗ mals.„Dies iſt ein altes Zimmer“, bemerkte er mit einer plötzlichen Lebendigkeit, indem er ſich, als er in die Nähe der Thür kam, umſah.„Ich war ſo aufmerkſam, daß ich's bis jetzt nicht bemerkte. Aber es iſt ein echtes altes Zimmer.“ „Es iſt ein echtes altes Haus“, ſagte Mrs. Clennam mit icher ichts nem len⸗ ſicht rak⸗ chen zu Das Wort eines Gentleman. 23 ihrem ruhigen Lächeln.„Ein Ort, der keine Anſprüche macht, der aber ein Stück Alterthum iſt.“ „Meiner Treu!“ rief der Beſucher.„Wenn Mr. Flint⸗ winch mir den Gefallen thun wollte, mich auf meinem Wege hinaus durch die Stuben zu führen, ſo könnte er mich kaum mehr zu Dank verpflichten. Ein altes Haus iſt eine meiner ſchwachen Seiten. Ich habe manche ſchwache Seite, aber keine iſt größer. Ich liebe und ſtudire das Pittoreske in allen ſeinen Schattirungen. Ich bin ſelbſt pittoresk genannt worden. Es liegt kein Verdienſt darin, pittoresk zu ſein— ich habe viel⸗ leicht größere Verdienſte— aber ich mag es zufällig ſein. Sympathie, Sympathie!“ „Ich ſage Ihnen im Voraus, Mr. Blandois, daß Sie es ſehr verräuchert und ſehr öde finden werden“, ſagte Jeremiah, indem er nach dem Lichte griff.„Es iſt nicht werth, daß Sie es ſich anſehen.“ Aber Mr. Blandois lachte blos, indem er ihm einen freundſchaftlichen Klaps auf den Rücken gab. So küßte denn der beſagte Mr. Blandois nochmals ſeine Hand gegen Mrs. Clennam und ſie verließen zuſammen das Zimmer. „Sie machen ſich doch nichts draus, oben hinauf zu gehen?“ ſagte Jeremiah auf dem Treppenabſatz. „Im Gegentheil, Mr. Flintwinch, wenn es Ihnen nicht unbequem iſt, werde ich entzückt ſein.“ Mr. Flintwinch ſchlich deshalb die Treppe hinauf und Mr. Blandois folgte ihm auf den Ferſen. Sie ſtiegen nach der großen Dachkammer hinauf, welche Arthur in der Nacht nach ſeiner Rückkehr eingenommen hatte.„Da, Mr. Blan⸗ 24 Dreißigſtes Kapitel. dois!“ ſagte Jeremiah, indem er ſie ihm zeigte,„ich hoffe, Sie halten dieſen Anblick für werth, daß man ſo hoch danach ſteigt. Ich geſtehe, daß ich andrer Anſicht bin.“ Mr. Blandois war entzückt, und ſie ſchritten durch andre Dachſtuben und Gänge und kamen die Treppe wieder hinunter. Mr. Flintwinch hatte bemerkt, daß er den Beſucher nie auf ein Gemach blicken ſah, nachdem er einen ein⸗ zigen raſchen Blick auf daſſelbe geworfen, ſondern daß er ſtets auf ihn, Mr. Flintwinch, blickte. Dieſe Entdeckung im Sinne, drehte er ſich auf der Treppe um, um nochmals eine Probe zu machen. Er begegnete ſofort ſeinen Augen, und in dem Au⸗ genblicke, wo ſie ſich auf einander hefteten, ließ der Beſucher (wie er bei jedem ähnlichen Moment, ſeit ſie Mrs. Clennams Stube verlaſſen, gethan) ein teufliſches heimliches Lachen mit jenem widerlichen Spiel von Schnurrbart und Naſe ſehen. Da Mr. Flintwinch viel kleiner als der Beſucher war, ſo hatte er den phyſiſchen Nachtheil, auf dieſe unangenehme Art von oben herab angegrinſt zu werden, und da er die Treppe hinab voran ging und gewöhnlich ein paar Stufen tiefer als Jener war, ſo ſteigerte ſich dieſer Nachtheil jetzt. Er verſchob es, Mr. Blandois wieder anzuſehen, bis dieſe zufällige Ungleich⸗ heit durch ihren Eintritt in die Stube des ſeligen Clennam entfernt war. Dann aber drehte er ſich plötzlich nach ihm um, und ſiehe da, ſeine Miene war noch immer dieſelbe. „Ein höchſt bewundernswürdiges altes Haus“, lächelte Mr. Blandois.„So geheimnißvoll. Hören Sie nie geſpen⸗ ſterhaftes Geräuſch hier?“ Das Wort eines Gentleman. 0 „Geräuſch“, erwiderte Mr. Flintwinch.„Nein.“ „Sehen auch keine Teufel?“ „Nein“, ſagte Mr. Flintwinch, ſich grimmig nach dem Frager umdrehend,„durchaus keine, die ſich unter dieſem Namen und in dieſer Eigenſchaft einführen.“ „Haha! Ein Porträt hier, wie ich ſehe.“ Dabei ſah er immer noch Mr. Flintwinch an, als ob dieſer das Porträt wäre. „Es iſt ein Porträt, Sir, wie Sie bemerken.“ „Darf ich fragen, wen es vorſtellt, Mr. Flintwinch?“ „Mr. Clennam ſelig. Ihr Mann.“ „Früherer Beſitzer der merkwürdigen Uhr vielleicht?“ ſagte der Beſucher. Mr. Flintwinch, welcher ſeine Augen auf das Porträt geworfen hatte, drehte ſich wieder um und fand wieder, daß er der Gegenſtand deſſelben Blicks und Lächelns war.„Ja, Mr. Blandois“, erwiderte er kurz angebunden.„Sie gehörte ihm und vor ihm ſeinem Oheim, und Gott weiß wem vorher, und das iſt Alles, was ich Ihnen von ihrem Stammbaum mittheilen kann.“ „Das iſt ein ſtark markirter Charakter, Mr. Flintwinch, unſre Freundin oben“. „Ja, Sir“, ſagte Jeremiah, indem er ſich wieder nach dem Beſucher hindrehte, wie er es während des ganzen Zwiegeſprächs gethan, das heißt wie eine von Schrauben bewegte Maſchine, die nicht recht eingreift; denn Jener än⸗ derte ſein Verhalten nie und er ſah ſich ſtets genöthigt, ſich 28 Dreißigſtes Kapitel. lange gehangen habe, bevor jene freundſchaftliche Operation des Abſchneidens ſtattgefunden, bewahrte er eine äußerlich gleichmüthige Faſſung. Sie beendigten ihre Umſchau in dem kleinen Gemache neben dem Vorhauſe und hier blieb er ſtehen und betrachtete Mr. Blandois. „Ich freue mich, daß Sie ſo wohl zufrieden ſind, Sir“, war ſeine ruhige Bemerkung.„Ich hätte das nicht erwartet. Sie ſcheinen ganz vortrefflicher Laune zu ſein“. „Bewundernswürdig guter Laune“, erwiderte Blan⸗ dois.„Auf Ehre niemals mehr erquickt von Etwas. Haben Sie jemals Vorgefühle, Mr. Flintwinch?“ „Ich weiß nicht recht, was Sie mit dem Ausdruck mei⸗ nen, Sir“, entgegnete dieſer Herr. „Nennen wir's in dieſem Falle,“ Mr. Flintwinch,„un⸗ beſtimmte Ahnungen von künftigen Freuden“. „Ich kann nicht ſagen, daß ich gegenwärtig Etwas der Art empfände“, erwiderte Mr. Flintwinch mit der äußerſten Ernſthaftigkeit.„Wenn ich merken ſollte, daß es aufſteigt, will ich's erwähnen“. „Nun, ich“, ſagte Blandois,„ich, mein Sohn, habe heut Abend das Vorgefühl, daß wir gute Bekannte werden ſollen. Merken Sie, daß es jetzt aufſteigt?“ „N— nein“, entgegnete Mr. Flintwinch, indem er über⸗ legſam mit ſich zu Rathe ging.„Ich kann nicht ſagen, daß dies der Fall wäre.“ „Ich habe ein ſtarkes Vorgefühl, daß wir ſehr intime Das Wort eines Gentleman. 29 Freunde werden ſollen. Sie haben bis jetzt noch keine der⸗ artige Empfindung?“ „Noch nicht“, ſagte Mr. Flintwinch. Mr. Blandois nahm ihn abermals bei beiden Schultern, ſchob ihn wieder ein wenig in ſeiner frühern luſtigen Weiſe hin und her, zog dann ſeinen Arm durch den ſeinen und lud ihn ein, mit ihm fortzugehen und mit ihm als ein lieber, ſchlauer, alter Teufelsbraten eine Flaſche Wein auszuſtechen. Ohne einen Augenblick unſchlüſſig zu ſein, nahm Mr. Flintwinch die Einladung an, und ſie gingen nach dem Quartiere, wo der Reiſende logirte, während ein heftiger Regen fiel, der ſchon ſeit Einbruch der Nacht gegen Fenſter, Dächer und Pflaſter praſſelte. Das Donnern und Blitzen war längſt vorüber, aber der Regen war fürchterlich. Nach ihrer Ankunft in Mr. Blandois' Stube wurde von dieſem großmüthigen Herrn eine Flaſche Portwein beſtellt. Er ſelbſt kauerte ſich(indem er in ſeinem Beſtreben, ſeinen weichlichen Körper weich zu betten, alle möglichen hübſchen Sächelchen, die er zuſammenfinden konnte, zerdrückte) auf den Fenſter⸗ ſims, während Mr. Flintwinch einen Stuhl ihm gegenüber einnahm, ſo daß der Tiſch zwiſchen ihnen war Mr. Blan⸗ dois machte den Vorſchlag, ſich die größten Gläſer im Hauſe geben zu laſſen, und Mr. Flintwinch willigte ein. Nachdem die Gläſer gefüllt waren, ſtieß Mr. Blandois mit bramar⸗ baſirender Heiterkeit mit dem obern Theil ſeines Glaſes gegen den Fuß vom Glaſe Mr. Flintwinchs und mit dem Fuß ſeines Glaſes gegen den obern Theil des Glaſes Mr. Flint⸗ 26 Dreißigſtes Kapitel. ein wenig zurückzuziehen.„Sie iſt eine merkwürdige Frau. Große Tapferkeit— große Seelenſtärke“. „Sie müſſen ſehr glücklich geweſen ſein“, ſagte Blan⸗ dois. „Wer?“ fragte Mr. Flintwinch, indem er ſich wieder nach ihm hinſchraubte. Mr. Blandois deutete mit ſeinem rechten Zeigefinger nach dem Krankenzimmer und mit ſeinem linken Zeigefinger nach dem Portrait, und indem er dann ſeine Arme in die Hüften ſtemmte und die Beine weit auseinanderſpreizte, ſah er Mr. Flintwinch lächelnd an, wobei die Naſe vorrückte und der Schnurrbart ſich zurückzog. „Vermuthlich ſo glücklich als die meiſten andern Ehe⸗ leute“, erwiderte Mr. Flintwinch.„Ich kann's nicht ſagen. Ich weiß es nicht. Es gibt Geheimniſſe in allen Familien“. „Geheimniſſe!“ ſchrie Mr. Blandois haſtig.„Sagen Sie's noch einmal, mein Sohn“. „Ich ſage“, erwiderte Mr. Flintwinch, gegen den er ſo plötzlich angeſchwollen war, daß Mr. Flintwinch's Geſicht faſt gegen ſeine weitausgedehnte Bruſt ſtieß.„Ich ſage, es gibt Geheimniſſe in allen Familien.“ „Ja wol“, rief Jener, indem er ihn auf beide Schultern klopfte und ihn hin und herſchob.„Haha, da haben Sie recht. Ja wol gibt's deren. Geheimniſſe? Donnerwetter! In manchen Familien hat der leibhaftige Teufel ſeine Ge⸗ heimniſſe, Mr. Flintwinch. Damit und nachdem er Mr. Flintwinch wiederholt auf beide Schultern geklopft, als ob er Das Wort eines Gentleman. 27 ihn in freundſchaftlicher und launiger Weiſe mit einem Witze, den er gemacht, necken wollte, hob er ſeine Arme empor, warf den Kopf zurück, hakte die Hände hinter demſelben zu⸗ ſammen und brach in ein brüllendes Gelächter aus. Es war vergeblich, daß Mr. Flintwinch ſich nochmals gegen ihn hin⸗ ſchraubte. Er lachte ſich aus. „Aber erlauben Sie mir die Kerze auf einen Augenblick“, ſagte er, als er fertig war.„Wollen uns einmal den Herrn Gemahl der merkwürdigen Dame beſchauen. Ha!“ Damit hielt er das Licht auf Armlänge empor.„Auch hier ein ent⸗ ſchieden ausdrucksvolles Geſicht, wenn auch nicht von dem— ſelben Charakter. Sieht aus, als wollte er— was denn gleich— als wollte er ſagen: Darum nicht vergeſſen— nicht wahr, Mr. Flintwinch. Beim Himmel, Sir, das ſagt er!“ Als er ihm die Kerze zurückgab, ſah er ihn noch einmal an, und dann gemächlich mit ihm in das Vorhaus wandelnd, erklärte er, es ſei ein bezauberndes altes Haus und es habe ihm ſo gut gefallen, daß er nicht für hundert Pfund auf die Betrachtung deſſelben verzichtet haben möchte. Während aller dieſer verſchiedenen Freiheiten auf Seiten Mr. Blandois', welche eine durchgängige Veränderung in ſeinem Benehmen einſchloſſen und es viel gröber und rauher, viel gewaltſamer und frecher als vorher erſcheinen ließen, be⸗ wahrte Mr. Flintwinch, deſſen ledernes Geſicht nicht ſehr dem Wechſel unterworfen war, ſeine Unbeweglichkeit durchweg. Ausgenommen, daß er jetzt ausſah, als ob er ein wenig zu 30 Dreißigſtes Kapitel. Das Wort eines Gentleman. winchs an und trank auf die intime Freundſchaft, die er vorausſah. Mr. Flintwinch that ihm mit ernſter Miene Be⸗ ſcheid, trank allen Wein, deſſen er habhaft werden konnte und ſagte nichts. So oft Mr. Blandois anſtieß, was er bei jeder neuen Füllung der Gläſer that, kam Mr. Flintwinch ſtumpfſinnig ſeinem Anſtoßen nach und er würde ſtumpfſinnig auch den Wein ſeines Gefährten ganz wie ſeinen eignen aus⸗ getrunken haben, indem er, den Punkt des Geſchmacks aus⸗ genommen, ein bloßes Faß war. Kurz, Mr. Blandois fand, daß in den ſchweigſamen Mr. Flintwinch Portwein hineingießen, nicht ihn offenherzig machen, ſondern ihn verſchloſſen machen hieß. Ueberdies ſah er ganz darnach aus, als ob er vollkommen fähig wäre, die ganze Nacht ſo fortzufahren, oder, wenn es Gelegenheit gäbe, den ganzen folgenden Tag und die ganze folgende Nacht, während Mr. Blandois ſich unbeſtimmt bewußt wurde, daß er zu wüthend renommikte und prahlte. Er machte darum mit der dritten Flaſche dem Tractement ein Ende. „Sie werden morgen auf uns ziehen, Sir?“ ſagte Mr. Flintwinch beim Abſchied mit einem geſchäftsmäßigen Geſicht. „Meiner Seel“, entgegnete Jener, indem er ihn mit bei⸗ den Händen beim Kragen nahm.„Freilich werde ich auf Sie ziehen, da haben Sie keine Furcht. Adieu, mein Flintwinch. Empfangen Sie beim Scheiden“, hier umarmte er ihn in der Weiſe der Südländer und küßte ihn ſchmatzend auf beide Backen,„das Wort eines Gentleman! Bei tauſend Donner⸗ wettern, Sie ſollen mich wiederſehen!“ Einunddreißigſtes Kapitel. Hochſinn. 31 Er erſchien den nächſten Tag nicht, obſchon der Avisbrief ihnen richtig zu Händen kam. Als er ſich Abends nach ihm erkundigte, erfuhr Mr. Flintwinch zu ſeiner Ueberraſchung, daß er ſeine Zeche bezahlt und über Calais nach dem Feſt⸗ land zurückgekehrt ſei. Demungeachtet kratzte ſich Jeremiah aus ſeinem gedankenvollen Geſichte die lebhafteſte Ueberzeu⸗ gung heraus, daß Mr. Blandois bei dieſer Gelegenheit ſein Wort halten und ſich wieder ſehen laſſen würde. Einunddreiszigates Kanitel. Hochſinn. Jedermann kann jeden Tag in dem Gedränge der Haupt⸗ ſtraßen der Hauptſtadt einem magern, faltigen, gelblichen alten Manne begegnen(von dem man glauben könnte, er wäre von den Sternen gefallen, wenn irgend ein Stern am Himmel trüb genug wäre, um den Verdacht zu erregen, eine ſo klägliche Schnuppe fallen gelaſſen zu haben), der mit ver⸗ ſchüchterter Miene dahinſchleicht, wie wenn er von dem Lärm und Getümmel verblüfft und ein wenig erſchreckt wäre. Dieſer alte Mann iſt ſtets ein alter kleiner Mann. War er einſt ein großer alter Mann, ſo iſt er zu einem kleinen alten Mann eingetrocknet, war er immer ein kleiner alter Mann, ſo iſt 32 Einnunddreißigſtes Kapitel. er zu einem kleinern alten Mann zuſammengeſchrumpft. Sein Rock hat eine Farbe und einen Schnitt, der niemals irgendwo Mode geweſen iſt. Es liegt auf der Hand, daß er nicht für ihn noch für irgend einen der Sterblichen gemacht worden iſt. Irgend ein Lieferant im Großen nahm am Zufall das Maß zu fünftauſend Röcken dieſer Sorte, und der Zufall hat dieſen Rock dieſem alten Manne als einem von einer langen, unendlichen Reihe alter Männer geliehen. Er hat ſtets große blinde Metallknöpfe, die keinen andern Knöpfen ähnlich ſind. Dieſer alte Mann trägt einen Hut, einen zerknüllten und abgeſchabten, dennoch aber halsſtarrigen Hut, welcher ſich nie der Form ſeines armen Kopfes anbequemt hat. Sein grobes Hemd und ſein grobes Halstuch haben nicht mehr Indivi⸗ dualität als ſein Rock und Hut, ihr Charakter beſteht darin, nicht ihm, überhaupt Niemandem zu gehören. Und doch trägt dieſer alte Mann dieſe Kleidungsſtücke mit einer ge⸗ wiſſen Miene des Ungewohntſeins, als ob er nur für die Oeffentlichkeit angezogen und ausſtaffirt wäre und als ob er den größten Theil ſeiner Zeit in Nachtmütze und Schlafrock verbrächte. Und ſo, gleich der Feldmaus, die im zweiten Hun⸗ gerjahre gekommen iſt, die Stadtmaus zu beſuchen und ſich ſchüchtern zu der Wohnung der Stadtmaus durch eine Stadt von Katzen ihren Weg ſucht, wandelt dieſer alte Mann durch die Straßen. Zuweilen, an Feiertagen gegen Abend ſieht man ihn mit etwas geſteigerter Schwäche gehen, und ſeine alten Augen flimmern in einem feuchten und ſumpfigen Lichte. Dann iſt Hochfinn. 33 der kleine alte Mann betrunken. Ein ſehr geringes Maß pflegt ihn aus dem Häuschen zu bringen, man kann ihn mit einem halben Maß dahin bringen, daß er ſich nicht mehr auf ſeinen ſchwachen Beinen halten kann. Irgend ein barmherziger Be⸗ kannter— ſehr oft ein zufälliger Bekannter— hat ihm den ſchwachen Magen mit einem Glaſe Bier gewärmt, und die Folge wird ſein, daß längere Zeit vergeht, ehe er wieder vor⸗ beiwandelt. Denn der kleine arme Mann geht heim ins Armen⸗ haus, und ſelbſt wenn er ſich gut aufführt, laſſen ſie ihn dort nicht oft ausgehen(obwol ſie es in Betracht der wenigen Jahre, die er noch unter der Sonne ausgehen kann, wol thun könnten) und wenn er ſich ſchlecht aufführt, ſo ſchließen ſie ihn enger als je ein mit dem Haufen von einem Schock andrer alter Männer, von denen jeder nach allen den übrigen duftet. Mrs. Plornish's Vater— ein armer kleiner gebrechlicher ſchwächlicher alter Herr, wie ein ſchachmatter Vogel, der ſich einſt mit, was er muſikaliſche Buchbinderei nannte, beſchäftigt und dabei viel Unglück gehabt hatte und ſelten im Stande geweſen war, ſeinen Lebensweg gehörig zu gehen oder ihn zu ſehen oder ihn zu bezahlen oder irgend Etwas auf ihm zu thun als zu finden, daß er auf ihm nicht fortkam— hatte ſich freiwillig bei Abwickelung jener Klagſache, welche Mr. Plornish in das Marſhalſea⸗Colleg gebracht, in das Armenhaus zurückgezogen, welches vom Geſetze zum guten Samariter ſeines Diſtricts erklärt worden war(ohne die zwei Pence, welche üble politiſche Sparſamkeit zurückhielt). Vor der Klein Dorrit. V. 3 34 Einunddreißigſtes Kapitel. Zeit, wo die Verlegenheiten ſeines Schwiegerſohns dieſe Höhe erreichten, hatte der Alte Nandy(ſo hieß er ſtets in ſeinem geſetzlichen Zufluchtsorte, während er unter den blutenden Herzen der alte Herr Nandy war) in einer Ecke neben dem Heerde der Familie Plornish geſeſſen und ſein Bischen Eſſen und Trinken aus dem Speiſeſchranke der Familie Plornish empfangen. Er hoffte noch immer, dieſe häusliche Stellung wieder einzunehmen, wenn Fortuna ſeinem Schwiegerſohne lächelte, inzwiſchen aber, ſo lange ſie ein unbewegliches Antlitz bewahrte, war und blieb er geduldig einer jener kleinen alten Männer in einem Haufen kleiner alter Männer, die alle einer nach dem andern dufteten. Aber weder ſeine Armuth in ihm, noch ſein Rock an ihm, der nie Mode war, noch das Alte⸗Männer⸗Spittel, das ſeine Wohnung war, konnte die Bewunderung erſticken, welche ſeine Tochter vor ihm hegte. Mrs. Plornish war auf die Talente ihres Vaters ſo ſtolz, wie ſie nur hätte ſein können, wenn ſie ihn zum Lordkanzler gemacht hätten. Sie hatte einen ſo feſten Glauben an die Milde und die Anſtändigkeit ſeiner Manieren, wie ſie nur hätte haben können, wenn er Lord⸗ kämmerer geweſen wäre. Der arme alte kleine Mann wußte einige verblichene und verrauchte kleine Liederchen, die längſt aus der Mode gekommen, von Phyllis und Chloe und Stre⸗ phon, wie er vom Sohne der Venus verwundet worden, und für Mrs. Plornish gab es keine ſolche Muſik in der Oper, als das leiſe innerliche Gezitter und Gezirp, womit er ſich dieſer Liedchen entledigte, gleich einer ſchwachen kleinen ver⸗ Hochſinn. 35 dorbenen Drehorgel, die ein Kind ableiert. An den Tagen, wo er aus durfte, dieſen Lichtpunkten in ſeinem flachen Ge⸗ ſichtskreiſe ordonnanzmäßig zugeſtutzter alter Männer, war es zugleich Mrs. Plornish's Entzücken und Kummer, wenn er ſich mit Fleiſch geſtärkt und ſein volles Deputat Porter für einen Halfpenny getrunken, zu ſagen:„Nun ſing uns ein Lied, Vater!“ Dann pflegte er ihnen Chloe, und wenn er beſonders guter Laune war, auch Phyllis vorzutragen— zu Strephon hatte er ſc, ſeit er ſich zurückgezogen, kaum emporſchwingen können— und dann pflegte Mrs. Plornish zu erklären, daß ſie in der That glaube, es gäbe keinen ſolchen Sänger wie Vater, und ſich die Augen zu wiſchen. Wenn er bei ſolchen Gelegenheiten vom Hofe gekommen wäre, ja wenn er das hochadelige Kühlfaß geweſen wäre, triumphirend von einem fremden Hofe nach Hauſe gekommen, um auf Grund ſeiner letzten fürchterlichen Dummheit vorge⸗ ſtellt und befördert zu werden, ſo hätte Mrs. Plornish ihn nicht mit größerem Stolze im Hofe zum blutenden Herzen herumzeigen können.„Hier iſt Vater“, pflegte ſie zu ſagen, indem ſie ihn einem Nachbar vorſtellte.„Vater wird nun gewiß bald wieder bei uns zu Hauſe ſein. Sieht Vater nicht recht munter aus? Vater ſingt allerliebſter als je, Sie würden's im Leben nicht vergeſſen haben, wenn Sie ihn eben jetzt ge⸗ hört hätten.“ Was Mr. Plornish betraf, ſo hatte er dieſen Glauben mit Mr. Nandy's Tochter erheirathet und er wun⸗ derte ſich blos, daß ein ſo begabter alter Herr es nicht zu einem Vermögen gebracht. Er ſchrieb dies nach langem Ueber⸗ 3* 36 Einunddreißigſtes Kapitel. legen dem Umſtande zu, daß ſein muſikaliſcher Genius in ſeiner Jugend nicht wiſſenſchaftlich ausgebildet worden ſei.„Denn warum“, argumentirte Mr. Plornish,„warum ſich mit Muſik⸗ einbinden beſchäftigen, wenn eins ſie in ſich ſelbſt hat? Das iſt die Geſchichte, denk' ich.“ Der alte Nandy hatte einen Gönner— einen einzigen Gönner. Er hatte einen Gönner, der in einer gewiſſen para⸗ direnden Weiſe— einer entſchuldigenden Weiſe, als ob er ſtets eine bewunderte Zuhörerſchaft zu Zeugen aufriefe, daß er wirklich nicht umhin könnte, mehr als ſie bei ſeiner Einfalt und Armuth erwartet haben möchten, ſich mit dem alten Burſchen einzulaſſen— über die Maßen gut mit ihm war. Der alte Nandy war mehrmals im Marſhalſea⸗Colleg ge⸗ weſen, um mit ſeinem Schwiegerſohne während ſeines kurzen Aufenthaltes daſelbſt zu verhandeln, und er hatte ſich glück⸗ licherweiſe die Gönnerſchaft des Vaters dieſer nationalen Anſtalt erworben und allmälig und im Laufe der Zeit dieſelbe beträchtlich geſteigert. Mr. Dorrit hatte die Gewohnheit, dieſen alten Mann zu empfangen, als ob der alte Mann ihm durch irgend ein feu⸗ dales Recht als Vaſall verpflichtet wäre. Er veranſtaltete kleine Gaſtmähler und Thees für ihn, als ob er ihm zu huldigen aus irgend einem entfernten Bezirke käme, wo die Vaſallen⸗ ſchaft ſich noch im Urzuſtande befände. Es ſchien, als ob es Augenblicke gäbe, wo er keineswegs hätte ſchwören können, daß der alte Mann nicht ein ehemaliger Hinterſaſſe von ihm ſei, welcher ihm eine verdienſtliche Treue bewahrt. Wenn er Hochſinn. 37 ihn erwähnte, ſprach er gelegentlich von ihm als von ſeinem alten Penſionär. Er empfand eine wunderſame Befriedigung, wenn er ihn ſah, wenn er ſich über ſeinen verfallenen Zuſtand ver⸗ breitete, nachdem er ſich entfernt hatte. Es ſchien ihm erſtaun⸗ lich, daß das arme Ding überhaupt noch den Kopf aufrecht halten konnte.„Im Armenhauſe, Sir, in der Union; keine Privatbequemlichkeit, kein Beſucher, keine Stellung, keine Achtung, keine Beſonderheit für ſich. Höchſt beklagenswerth!“ Es war der Geburtstag des alten Nandy, und man ließ ihn ausgehen. Er ſagte nicht, daß es ſein Geburtstag war, ſonſt würde man ihn drinnen behalten haben; denn ſolche alte Männer ſollten nicht geboren ſein. Er wandelte wie ge⸗ wöhnlich durch die Straßen nach dem Hofe zum Blutenden Herzen, nahm ſein Mittagseſſen mit ſeiner Tochter und ſeinem Schwiegerſohn ein und gab ihnen Phyllis zum Beſten. Er hatte kaum ausgeſungen, als Klein Dorrit hereinſchaute, um zu ſehen, wie es ihnen ginge. „Miß Dorrit“, ſagte Mrs. Plornish.„Hier iſt Vater! Sieht er nicht allerliebſt aus? Und wie er bei Stimme iſt!“ Klein Dorrit gab ihm die Hand und ſagte lächelnd, ſie habe ihn lange nicht geſehen. „Nein, ſie verfahren ziemlich hart mit dem armen Vater“, ſagte Mrs. Plornish mit ſich verlängerndem Geſicht,„und laſſen ihn nicht halb ſo viel Veränderung und friſche Luft haben, als ihm gut thun würde. Aber er wird gewiß nun bald heimkommen auf immer. Nicht wahr, Vater?“ 38 Einunddreißigſtes Kapitel. „Ja, mein Herz, hoffentlich. Zu rechter Zeit, ſo Gott will.“ Hier entledigte ſich Mr. Plornish einer Rede, die er bei allen ſolchen Gelegenheiten unabänderlich Wort für Wort hielt. Dieſelbe faßte ſich in folgenden Sätzen zuſammen: „John Edward Nandy. Sir, ſo lange ein Loth Eſſen und Trinken von irgendwelcher Art unter dieſem Dache hier iſt, ſind Sie durchaus willkommen, wenn Sie daran theil⸗ nehmen wollen. So lange eine Hand voll Feuer oder ein Mund voll Betten unter dieſem Dache hier iſt, ſind Sie durchaus willkommen, wenn Sie daran theilnehmen wollen. Sollte es kommen, daß nichts unter dieſem Dache hier wäre, ſo ſollten Sie ebenſo willkommen ſein, wenn Sie daran theilnehmen wollten, wie wenn es etwas mehr oder weni⸗ ger wäre. Und das iſt meine Meinung, und ſo täuſche ich Sie nicht, und folglich heißt das vorſtellen, Sie darum bitten, und darum, weshalb es nicht thun?“ Auf dieſe klargefaßte Anrede, welche Mr. Plornish ſtets vortrug, als ob er ſie(was ohne Zweifel auch geſchehen war) mit außerordentlicher Mühe componirt hätte, antwortete der Vater von Mrs. Plornish mit ſchwacher Stimme: „Ich danke Ihnen herzlich, Thomas, und ich weiß Ihre Abſichten wol, was eben die Sache iſt, für die ich Ihnen herzlich danke. Aber nein, Thomas. Bis dahin, wo es nicht das Brot aus dem Munde Ihrer Kinder nehmen heißt, und ſo iſt es jetzt und nennen Sie es mit welchem Namen Sie Hochſinn. 39 wollen, es bleibt ſo und beraubt ſie, obſchon ſie kommt und zu bald kann ſie nicht kommen, nein, Thomas, nein“. Mrs. Plornish, die mit einem Zipfel ihrer Schürze in der Hand ihr Geſicht abgewandt hatte, kehrte ſich jetzt um, um wieder an der Unterhaltung theilzunehmen, indem ſie Miß Dorrit erzählte, daß der Vater über das Waſſer gehen und ſeine Viſite machen wolle, es wäre denn, daß ſie einen Grund wiſſe, weshalb dieſelbe nicht erwünſcht ſein könnte. Ihre Antwort war:„Ich gehe geradewegs nach Hauſe, und wenn er mit mir kommen will, ſoll es mich freuen, Sorge für ihn zu tragen— ſehr freuen, in ſeiner Geſell⸗ ſchaft zu gehen“, ſagte Klein Dorrit, ſtets bedacht auf die Ge⸗ fühle der Schwachen. „Da haſt Du's, Vater“, ſchrie Mrs. Plornish.„Biſt Du nicht ein muntrer junger Burſche, daß Du mit Miß Dorrit ſpazieren gehſt! Laß mich Dir das Halstuch in eine hübſch ordentliche Schleife knüpfen; denn Du biſt ein rich⸗ tiger Stutzer, Vater, wenn's je einen gab“. Mit dieſem kindlichen Scherz putzte ihn ſeine Tochter heraus und ſchloß ihn liebreich in die Arme und trat mit ihrem ſchwachen Kinde auf dem Arme, während das ſtarke Kind die Stufen hinabtaumelte, in die Thür und blickte ihrem kleinen alten Vater nach, wie er am Arme Miß Dor⸗ rits fortwackelte. Sie gingen mit langſamen Schritten und Klein Dorrit führte ihn über die Eiſenbahnbrücke und ließ ihn dort ſich ſetzen und ausruhen, und ſie ſchauten über das Waſſer und 40. Einunddreißigſtes Kapitel. ſprachen von den Schiffen, und der alte Mann erwähnte, was er thun würde, wenn für ihn ein Schiff voll Gold ein⸗ liefe(ſein Plan war, er wollte ein ſchönes vornehmes Logis für die Plornishes und ſich ſelbſt in einem Theegarten neh⸗ men und dort wollten ſie ihr Lebelang wohnen und ſich vom Kellner bedienen laſſen) und es war ein ganz beſonders heiterer Geburtstag für den alten Mann. Sie waren noch etwa fünf Minuten von ihrem Ziele entfernt, als ſie an der Ecke ihrer Straße auf Fanny in ihrem neuen Hute ſtießen, die demſelben Hafen zuſteuerte.. „Ei du meine Güte, Amy!“ ſchrie dieſe junge Dame zurückfahrend.„Du wirſt doch nicht!“ „Was werde ich nicht, liebe Fanny?“ „Na, ich hätte Dir viel zugetraut“, erwiderte die junge Dame mit brennender Entrüſtung,„aber ich glaube nicht, daß ich das erwartet hätte, ſelbſt von Dir“. „Fanny!“ rief Klein Dorrit verletzt und erſtaunt. „Oh! Heiß mich nicht Fanny, Du gemeines kleines Ding. Der Gedanke, auf offner Straße bei hellem Tages⸗ licht daherzulaufen mit einem Armenhäusler!“(Sie ſchoß das letzte Wort ab wie eine Kugel aus einer Windbüchſe.) „Oh, Fanny!“ „Ich ſage Dir, heiß mich nicht Fanny; denn ich laſſe mir das nicht gefallen. Ich habe im Leben ſo was nicht ge⸗ glaubt. Die Art, in welcher Du Dir's vorgenommen und Dich entſchloſſen haſt, uns bei jeder Gelegenheit in Schande Hochſinn.. 41 zu bringen, iſt wirklich ſchändlich. Du ſchlechtes, kleines Ding!“ „Bringt es irgend Jemand Schande“, ſagte Klein Dor⸗ rit,„wenn ich mich dieſes armen alten Mannes annehme?“ „Ja, Miß“, entgegnete ihre Schweſter,„und Du ſollteſt das wiſſen. Und Du weißt es auch ſehr wohl. Das Haupt⸗ vergnügen Deines Lebens iſt, Deine Familie an ihr Unglück zu erinnern. Und das nächſte große Vergnügen Deines Da⸗ ſeins iſt, Dich mit gemeiner Geſellſchaft abzugeben. Aber wenn Du keinen Sinn für Anſtand haſt, ſo habe ich wel⸗ chen. Du wirſt ſo gut ſein, mir zu erlauben, daß ich auf der andern Seite des Wegs unbeläſtigt gehe“. Damit ſchritt ſie haſtig auf das Trottoir auf der andern Seite. Der alte Schandfleck, welcher ein paar Schritte da⸗ von(denn Klein Dorrit hatte in ihrer Verwunderung ſeinen Arm fahren laſſen, als ihre Schweſter begann) demüthig ſeine Verbeugung gemacht und welcher von ungeduldigen Vor⸗ übergehenden bei Seite geſtoßen und verwünſcht worden war, weil er den Weg verſperrte, ſchloß ſich ziemlich taumelig ſeiner Gefährtin wieder an und ſagte:„Hoffentlich iſt Ihrem ver⸗ ehrten Vater nichts zugeſtoßen, Miß? Hoffentlich iſt in Ihrer verehrten Familie nichts Schlimmes paſſirt?“ „Nein, nein“, erwiderte Klein Dorrit.„Nein, danke Ihnen. Geben Sie mir Ihren Arm wieder, Mr. Nandy. Wir werden jetzt bald dort ſein“. So ſprach ſie mit ihm wie vorher, und ſie kamen zu der Loge und fanden Mr. Chivery am Schloſſe und gingen 42 Einunddreißigſtes Kapitel. hinein. Nun begab ſich's, daß der Vater des Marſhalſea eben nach der Loge hinſchlenderte, als ſie aus derſelben kamen und Arm in Arm das Gefängniß betraten. Als das Schauſpiel ihrer Annäherung ſeinen Augen begegnete, ver⸗ rieth er die äußerſte Aufregung und Verzweiflung und ohne Acht zu geben auf den alten Nandy, welcher ſeine Verbeu⸗ gung machend den Hut in der Hand vor ihm ſtand, wie er ſtets that in dieſer gnädigen Geſellſchaft, drehte er ſich um und eilte ſeiner Hausthür zu und die Treppe hinauf. Sie ließ den alten Unglücklichen, deſſen ſie ſich in einer übeln Stunde angenommen, mit dem haſtigen Verſprechen, ſogleich wieder zu ihm zurückzukehren, ſtehen und eilte ihrem Vater nach. Auf der Treppe fand ſie Fanny, die ihr folgte und mit beleidigter Würde hinaufrauſchte. Die Drei kamen faſt zu gleicher Zeit in die Stube, und der Vater ſetzte ſich in ſeinen Stuhl, begrub ſein Geſicht in ſeinen Händen und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. „Natürlich“, ſagte Fanny.„Sehr in der Ordnung. Ar⸗ mer, ſchwer betroffener Papa! Jetzt wirſt Du mir hoffentlich glauben, Mamſell“. „Was iſt denn, Vater?“ ſchrie Klein Dorrit, indem ſie ſich über ihn beugte.„Habe ich Dich unalüctlich gemacht? Hoffentlich bin ich's nicht geweſen“. „Hoffſt Du das wirklich! Na in der That! Oh Du—“ Fanny hielt inne, um einen hinreichend ſtarken Ausdruck zu finden—„Du gemeindenkende kleine Amy! Du vollſtän⸗ diges Kind des Gefängniſſes!“ Hochſinn. 43 Er machte dieſen ärgerlichen Vorwürfen ein Ende, indem er mit der Hand winkte, und ſagte, ſein Geſicht erhebend und ſein melancholiſches Haupt gegen ſeine jüngere Tochter ſchüt⸗ telnd, ſchluchzend,„Amy, ich weiß, daß Deine Abſicht un⸗ ſchuldig iſt. Aber Du haſt mir bis in die Seele geſchnitten“. „Unſchuldig in der Abſicht!“ fiel die unerbittliche Fanny ihm ins Wort.„Unſinn in der Abſicht! Gemeinheit in der Abſicht. Erniedrigung der Familie iſt ihre Abſicht“. „Vater!“ rief Klein Dorrit, bleich und zitternd.„Es thut mir ſehr leid. Bitte, verzeih mir. Sag mir, wie es iſt, damit ich es nicht wieder thue“. „Wie es iſt, Du wortverdreheriſches kleines Ding!“ ſchrie Fanny.„Du weißt, wie es iſt. Ich habe Dir's ſchon geſagt, und ſo mache nicht im Angeſichte der Vorſehung Ausflüchte, indem Du verſuchſt, es in Abrede zu ſtellen“. „Still! Amy“, ſagte der Vater, indem er ſich mehrmals mit dem Taſchentuch über's Geſicht fuhr und es dann krampf⸗ haft in der Hand die über ſein Knie fiel, zuſammenpreßte, „ich habe gethan was ich konnte, um Dir hier eine Stellung zu bewahren. Ich mag Erfolg gehabt haben, oder nicht. Du magſt das wiſſen oder nicht. Ich ſpreche keine Meinung aus. Ich habe hier Alles erduldet, nur keine Erniedrigung. Damit bin ich glücklich verſchont geblieben— bis auf die⸗ ſen Tag“. Hier löſte ſich ſein krampfhafter Griff und er brachte ſein Taſchentuch wieder an die Augen. Klein Dorrit, die neben ihm auf dem Boden kniete und ihre Hand flehentlich auf Einunddreißigſtes Kapitel. ſeinen Arm gelegt hatte, beobachtete ihn mit Gewiſſensbiſſen. Als er ſich von ſeinem Anfall von Bekümmerniß erholte, drückte er wieder ſein Taſchentuch krampfhaft zuſammen. „Von Erniedrigung bin ich glücklich bis dieſen Tag ver⸗ ſchont geblieben. Durch all mein Elend hat mich ſtets jener — Hochſinn begleitet und jene— Unterwerfung unter den⸗ ſelben, wenn ich den Ausdruck brauchen darf, in den Gemü⸗ thern meiner Umgebung, welche mir Erniedrigung erſpart hat. Aber dieſen heutigen Tag, dieſe Minute habe ich dieſelbe ſcharf empfunden.“ „Natürlich! Wie könnte es anders ſein!“ rief die nicht abzuweiſende Fanny.„Herumhetzen und ſich groß thun mit einem Armenhäusler!“(Hier wieder die Windbüchſe.) „Aber, lieber Vater,“ rief Klein Dorrit,„ich rechtfertige mich nicht, daß ich Dein theures Herz verwundet habe— nein, der Himmel weiß, daß ich's nicht thue.“ Sie faltete ihre Hände in tiefſter Bekümmerniß.„Ich thue nichts, als daß ich Dich bitte und anflehe, Dich zu beruhigen und es zu überſehen. Aber wenn ich nicht gewußt hätte, daß Du freund⸗ lich mit dem alten Manne wäreſt und Dich viel mit ihm ab⸗ gäbeſt und Dich ſtets freuteſt, ihn zu ſehen, ſo würde ich nicht mit ihm hierher gekommen ſein, Vater, gewißlich nicht. Was ich ſo unglücklich geweſen bin, zu thun, habe ich aus Irrthum gethan. Ich würde gewiß nicht mit Willen eine Thräne in Deine Augen bringen, liebſter beſter Vater!“ ſagte Klein Dor⸗ rit mit beinahe brechendem Herzen,„um Alles nicht, was die Welt mir geben oder was ich dabei gewinnen könnte.“ Hochſinn. 45 Fanny begann mit einem halb ärgerlichen, halb be⸗ reuenden Seufzer ſelbſt zu weinen und zu ſagen— wie dieſe junge Dame ſtets ſagte, wenn ſie halb im Zorn und halb heraus, halb verdrießlich über ſich ſelbſt und halb verdrießlich über alle Welt außer ihr war— ſie wollte, ſie wäre todt. Der Vater des Marſhalſea zog inzwiſchen ſeine jüngere Tochter an ſeine Bruſt und ſtreichelte ihr das Haupt. „s iſt gut,'s iſt gut. Sage nichts mehr, ſage nichts mehr, mein Kind. Ich will's vergeſſen, ſobald ich kann. Ich,“ ſagte er mit hyſteriſcher Heiterkeit,„ich— werde bald im Stande ſein, darüber hinauszukommen. Es iſt vollkommen wahr, mein Herz, daß ich mich ſtets freue, meinen alten Pen⸗ ſionär zu ſehen— als ſolchen, als ſolchen— und daß ich in der That— ha— ſo viel ich in meinen Verhältniſſen kann, dem— hm— dem zerſtoßenen Rohr— ich hoffe, ich darf ihn ohne gegen die Gerechtigkeit zu verſtoßen ſo nennen— Schutz und freundliche Fürſorge angedeihen laſſe. Es iſt vollkommen wahr, daß dies der Fall iſt, meine Liebe. Zu glei⸗ cher Zeit aber bewahre ich dabei— wenn ich— ha— wenn ich den Ausdruck brauchen darf— meinen Hochſinn. Gebüh⸗ renden Hochſinn. Und es gibt gewiſſe Dinge, welche“— hier hielt er inne, um zu ſeufzen—„unvereinbar damit ſind und ihn verwunden— tief verwunden. Es iſt nicht des⸗ halb, weil ich geſehen habe, daß meine gute Amy aufmerk⸗ ſam und— ha— herablaſſend gegen meinen alten Penſio⸗ när war— es iſt nicht dies, was mich verletzt. Es iſt, wenn ich den peinlichen Gegenſtand beendigen ſoll, indem ich offen Einunddreißigſtes Kapitel. bin, daß ich geſehen habe, wie mein Kind, mein eigen Kind, meine Tochter in dieſes Colleg aus den öffentlichen Straßen — lächelnd! lächelnd!— Arm in Arm— o mein Gott, mit einer Livree kam.“ Dieſe Bezugnahme auf den Rock, der keinen Schnitt hatte und keiner Zeit angehörte, ächzte der unglückliche Herr mit kaum hörbarer Stimme und indem er ſein zuſammengeballtes Taſchentuch in die Luft emporhielt, hervor. Seine aufgereg⸗ ten Gefühle würden ſich vielleicht noch ferner in ſchmerzlicher Weiſe Luft gemacht haben, wenn ſich nicht an der Thür ein Klopfen hätte hören laſſen, welches bereits zweimal wiederholt worden, und auf welches Fanny(die ſich noch immer todt und jetzt ſogar begraben wünſchte)„Herein!“ rief. „Ah, der junge John!“ ſagte der Vater mit veränderter und ruhiger Stimme.„Was gibt's, junger John?“ „Ein Brief für Sie, Sir, wurde eben jetzt in der Loge abgegeben und ein Auftrag dazu, und da dachte ich, da ich zufällig ſelbſt da war, Sir, ich wollte ihn auf Ihr Zimmer bringen. Die Aufmerkſamkeit des Redenden wurde durch das Schauſpiel Klein Dorrit, die mit abgewandtem Haupte zu den Füßen ihres Vaters lag, ſehr zerſtreut. „In der That, John? Ich danke Ihnen.“ „Der Brief iſt von Mr. Clennam, Sir—“ iſt die Antwort, und der Auftrag war, Sir, daß Mr. Clennam ſich zugleich empfehle und ſagen ließ, er werde ſich das Vergnügen machen, heute Nachmittag vorzuſprechen, in der Hoffnung, Hochſinn. 47 Sie und zugleich“— hier wurde ſeine Aufmerkſamkeit noch mehr abgezogen—„Miß Amy zu ſehen.“ „Oh!“ Als der Vater in den Brief blickte(es lag eine Banknote darin) erröthete er ein wenig und ſtreichelte Amy von Neuem den Kopf.„Danke ſchön, junger John. Ganz recht. Sehr verbunden für Ihre Aufmerkſamkeit. Es wartet doch Niemand auf Antwort?“ „Nein, Sir, es wartet Niemand.“ „Danke Ihnen, John. Was macht Ihre Mutter, junger John?“ „Danke, Sir, ſie iſt nicht ganz ſo wohl als wir wünſchen könnten— in der That wir Alle nicht mit Ausnahme des Vaters— aber ſie iſt ziemlich wohl, Sir.“ „Richten Sie unſre Empfehlung aus. Sagen Sie unſre ergebenſte Empfehlung, wenn Sie die Gefälligkeit haben wollen, junger John.“ „Danke Ihnen, Sir, das will ich.“ Und Mr. Chivery junior ging ſeiner Wege, nachdem er unwillkürlich auf der Stelle ein nagelneues Epitaphium für ſich componirt hatte, welches dahin lautete, daß hier der Leib John Chiverys läge, welcher, nachdem er an dem und dem Datum das Jdol ſeines Lebens in Kummer und Thränen geſehen, und ſich nicht im Stande gefühlt, das herzzerreißende Schauſpiel zu ertragen, augenblicklich nach der Wohnung ſeiner untröſtlichen Eltern zurückgekehrt ſei und durch eigne unbedachte That ſeinem Da⸗ ſein ein Ziel geſetzt habe. „s iſt gut,'s iſt gut, Amy!“ ſagte der Vater, als der 48 Einunddreißigſtes Kapitel. junge John die Thür geſchloſſen,„laß uns nicht mehr davon reden.“ Die letzten wenigen Minuten hatten ſeine Laune merkwürdig gebeſſert und er war ganz heiter geſtimmt.„Wo ſteckt denn nur mein alter Penſionär die ganze Zeit? Wir dürfen ihn nicht länger allein laſſen, er könnte ſonſt denken, er wäre nicht willkommen, und das würde mich ſchmerzen. Willſt Du ihn holen, mein Kind, oder ſoll ich gehen?“ „Wenn es Dir nicht beſchwerlich fiele, Vater,“ ſagte Klein Dorrit, indem ſie verſuchte, ihrem Schluchzen ein Ende zu⸗machen. „Gewiß will ich gehen, meine Liebe. Ich vergaß, Deine Augen ſind ziemlich roth. Laß gut ſein, Amy! Sei gutes Muths! Mache Dir keine Sorge um mich. Ich bin ganz wieder der Alte, mein Herz, ganz der Alte wieder. Geh auf Deine Stube, Amy, und ſchaffe Dir ein ruhiges und heiteres Geſicht an zum Empfang Mr. Clennams.“ „Ich möchte lieber auf meiner Stube bleiben, Vater,“ er⸗ widerte Klein Dorrit, der es jetzt ſchwerer wurde, ihre Faſſung wiederzugewinnen.„Ich möchte Mr. Clennam viel lieber nicht ſehen.“ „O pfui, pfui, mein Herz, das iſt Thorheit. Mr. Clen⸗ nam iſt ein ſehr vortrefflicher Mann— ſehr vortrefflicher Mann. Ein wenig zurückhaltend bisweilen, aber ich ſage, ein ſehr vortrefflicher Mann. Ich könnte den Gedanken nicht ertragen, daß Du nicht hier wäreſt, Mr. Clennam zu em⸗ pfangen, beſonders dieſen Nachmittag. So geh nur und er⸗ hole Dich, Amy, gehe und erhole Dich, mein gutes Mädchen.“ Hochſinn. 49 Dieſer Anweiſung gehorſam erhob ſich Klein Dorrit und hielt, als ſie aus der Stube ging, nur einen Augenblick inne, um ihrer Schweſter einen Kuß der Verſöhnung zu geben, worauf dieſe junge Dame, indem ſie ſich ſehr bekümmert fühlte und für jetzt den Wunſch, mit dem ſie ſich zu tröſten pflegte, aufgab, die prächtige Idee faßte und ausführte, lie⸗ ber zu wünſchen, der alte Nandy wäre todt, als daß er hier⸗ her käme und als widerlicher, langweiliger, niederträchtiger Kerl die Leute ärgerte und Unfrieden zwiſchen zwei Schweſtern ſtiftete. Der Vater des Marſhalſea ging, ſogar ein Liedchen ſum⸗ mend und das ſchwarze Sammtkäppchen ein wenig auf die Seite gerückt, ſo ſehr hatte ſich ſeine Laune gebeſſert, in den Hof hinab und fand ſeinen alten Penſionär mit dem Hut in der Hand gerade unter dem Thore ſtehend, wie er die ganze Zeit über geſtanden.„Kommen Sie, Nandy,“ ſagte er mit großer Milde.„Kommen Sie doch hinauf, Nandy; Sie wiſſen ja den Weg, warum kommen Sie nicht hinauf?“ Er ging diesmal ſogar ſo weit, ihm die Hand zu geben und zu ſagen:„Wie geht's Ihnen, Nandy? Sind Sie hübſch wohl?“ Worauf dieſer Mann des Geſanges antwortete:„Ich danke Ihnen, verehrter Herr, ich befinde mich ſchon viel beſſer, wenn ich Ew. Hochwohlgeboren ſehe.“ Als ſie über den Hof gingen, ſtellte ihn der Vater des Marſhalſea einem Collegiaten neuern Datums vor.„Eine alte Bekanntſchaft von mir, Sir, ein alter Penſionär.“ Und Klein Dorrit. V. 4 50 Einunddreißigſtes Kapitel. dann ſagte er mit großer Leutſeligkeit:„Bedecken Sie ſich, mein guter Nandy, ſetzen Sie Ihren Hut auf.“ Sein Wohlwollen begnügte ſich damit nicht; denn er beauftragte Maggy, den Thee zu bereiten und gab ihr An⸗ weiſung, gewiſſe Theekuchen, friſche Butter, Eier, Schinken und Krabben zu kaufen, zu welchem Zwecke er ihr eine Bank⸗ note von zehn Pfund einhändigte und ihr ſtreng einſchärfte, beim Wechſeln vorſichtig zu ſein. Dieſe Vorbereitungen wa⸗ ren im vorgerückten Zuſtande und ſeine Tochter Amy war mit ihrer Arbeit zurückgekommen, als Clennam ſich einſtellte, den er ſehr freundlich empfing und an ihrem Mahle theilzuneh⸗ men einlud. „Amy, mein Herz, Du kennſt Mr. Clennam ſelbſt beſſer, als ich das Glück habe, ihn zu kennen. Fanny, meine Liebe, Du biſt mit Mr. Clennam bekannt.“ Fanny begrüßte ihn mit vornehmer Miene, da die Stellung, die ſie ſchweigend in allen ſolchen Fällen einnahm, darin beſtand, daß eine unge⸗ heure Verſchwörung im Werke war, zu dem Zwecke, die Fa⸗ milie zu verunglimpfen, indem man ſie nicht verſtand oder ſich hinreichend dazu hinneigte, und hier war einer von den Verſchwörern.„Dies, Mr. Clennam, müſſen Sie wiſſen, iſt ein alter Penſionär von mir, der alte Nandy, ein ſehr treuer alter Mann.“(Er ſprach ſtets von ihm als einem uralten Möbel, obwol er zwei oder drei Jahre jünger als er ſelbſt war.)„Laſſen Sie mich mal ſehen. Ich glaube, Sie kennen Mr. Plornish? Ich glaube, meine Tochter hat einmal gegen mich erwähnt, daß Sie den armen Plornish kennen.“ Hochſinn. 51 „O ja wol“, ſagte Arthur Clennam. „Nun denn, Sir, dies iſt der Vater von Mrs. Plor⸗ nish.“ „In That? Freue mich, ihn zu ſehen.“ „Sie würden ſich noch mehr freuen, wenn Sie ſeine vie⸗ len guten Eigenſchaften kennten, Mr. Clennam.“ „Ich hoffe, ſie dadurch kennen zu lernen, daß ich ihn kennen lerne“, ſagte Arthur, indem er insgeheim die gebückte demüthige Geſtalt bedauerte. „Er hat einen freien Tag und kommt, um ſeine Freunde zu beſuchen, die ſich ſtets freuen, ihn zu ſehen“, bemerkte der Vater des Marſhalſea. Dann fügte er hinter ſeiner Hand hinzu:„In der Union, der arme alte Burſch. Herausge⸗ laſſen für heute.“ 5 Inzwiſchen hatte Maggy, der ihr Mütterchen ruhig Beiſtand leiſtete, den Tiſch gedeckt, und das Mahl war be⸗ reit. Da es heißes Wetter und das Gefängniß ſehr eng war, ſo ſtand das Fenſter ſo weit offen, als es ſich ſchieben ließ. „Wenn Maggy das Zeitungsblatt auf den Fenſterſims brei⸗ ten will“, bemerkte der Vater gelaſſen und halb flüſternd gegen Klein Dorrit,„ſo kann mein alter Penſionär ſeinen Thee dort genießen, während wir unſern hier trinken.“ So, mit einer Kluft zwiſchen ihm und der guten Ge⸗ ſellſchaft von etwa einem Fuß richtigen Maßes Breite wurde der Vater von Mrs. Plornish trefflich bewirthet. Clennam hatte niemals eine ſo großmüthige Gönnerſchaft geſehen, wie die, welche der andre Vater, der des Marſhalſea, an den 4* 52 Einunddreißigſtes Kapitel. Tag legte, und war ganz verſunken in die Betrachtung ihrer vielen Wunder. Das erſtaunlichſte derſelben war die erquickende Weiſe, mit welcher er die Schwächen und Mängel des Penſionärs hervorhob, wie wenn er ein gutherziger Wärter wäre, wel⸗ cher einen fortlaufenden Commentar zu dem Dahinſchwinden des harmloſen Thiers gäbe, das er zeigte. „Noch nicht fertig für mehr Schinken, Nandy? Ei der Tauſend, wie langſam Sie ſind!(Seine letzten Zähne“, erklärte er der Geſellſchaft,„werden wackelig, der arme alte Junge!“) Zu einer andern Zeit ſagte er:„Keine Krabben, Nandy?“ Und als er nicht augenblicklich antwortete, be⸗ merkte er:(„Sein Gehör fängt an ſehr ſchwach zu werden. Er wird in Kurzem taub ſein.“) Wieder zu einer andern Zeit fragte er ihn:„Gehen Sie viel in dem Hofe des Ortes, wo Sie ſind, ſpazieren, Nandy?“ „Nein, Sir, nein. Ich liebe das nicht ſehr.“ „Nein, natürlich nicht“, ſagte er beiſtimmend.„Sehr natürlich.“ Dann belehrte er insgeheim den Kreis:(„Die Beine werden ſchwach.“) Einmal fragte er den Penſionär mit jenem allgemeinen Wohlwollen, welches ihn Allerlei fragte, um ihn lebendig zu erhalten, wie alt ſein jüngerer Enkel ſei. „John Edward?“ ſagte der Penſionär, indem er, um zu überlegen, langſam Meſſer und Gabel hinlegte. Wie alt, Sir? Laſſen Sie mich mal ſehen.“ 1. IIAX Hochſinn. 53 Der Vater des Marſhalſea tippte ſich auf die Stirn. („Schwaches Gedaͤchtniß!“) „John Edward, Sir? Na, ich weiß wirklich nicht. Ich könnte in dieſem Augenblick nicht ſagen, Sir, ob es zwki Jahr und zwei Monate oder ob es zwei Jahre und fünf Mo⸗ nate iſt. Eins oder das Andere.“ „Bemühen Sie ſich nicht damit, ſich darüber Unruhe zu machen“, erwiderte er mit unendlicher Langmuth.(„Seine Geiſteskräfte nehmen augenſcheinlich ab. Der alte Mann verroſtet in dem Leben, das er führt!“) Jemehr er ſolche Entdeckungen an dem Penſionär zu machen ſich überredete, deſto mehr ſchien er ihn zu lieben, und als er nach dem Thee ſich aus ſeinem Stuhle erhob, um dem Penſionär Lebewohl zu ſagen, da dieſer zu verſtehen gege⸗ ben, daß er dem geehrten Herrn gegenüber fürchte, ſeine Zeit ſei bald verſtrichen, gab er ſich eine Stellung, bei der er ſo gerade und ſo ſtark als möglich ausſah. „Wir nennen das nicht einen Schilling, Nandy, wie Sie wiſſen“, ſagte er, ihm einen in die Hand drückend.„Wir nennen das Tabak.“ „Verehrter Herr, ich danke Ihnen. Ich werde mir Tabak kaufen. Meinen Dank und meinen pflichtſchuldigen Gruß, Miß Amy und Miß Fanny. Ich wünſche Ihnen gute Nacht, Mr. Clennam.“ „Und wohlbemerkt, Sie dürfen uns nicht vergeſſen, Nandy“, ſagte der Vater.„Sie müſſen nicht vergeſſen, wie⸗ der zu kommen, ſo oft Sie einen Nachmittag haben. Sie 54 Einunddreißigſtes Kapitel. dürfen nicht ausgehen ohne uns zu beſuchen, ſonſt werden wir eiferſüchtig. Gute Nacht, Nandy. Nehmen Sie ſich in Acht, Nandy, wenn Sie die Treppe hinab gehen, Nandy, ſie iſt ſehr uneben und ausgetreten.“ Mit dieſen Worten trat er auf den Treppenabſatz und beobachtete, wie der alte Mann hinabſtieg, und als er wieder in die Stube trat, ſagte er mit würdevoller Befriedigung in ſeinen Zügen: „Ein trauriger Anblick das, Mr. Clennam, obſchon man den Troſt hat, zu wiſſen, daß er ſelbſt es nicht empfindet. Der arme alte Menſch iſt ein unglückliches Wrack. Sein Geiſt gebrochen und dahin— zu Staub geworden— aus ihm herausgepreßt, Sir, vollſtändig herausgepreßt.“ Da Clennam einen beſtimmten Zweck hatte, weshalb er zurückblieb, ſo ſagte er, was er auf dieſe Bemerkungen ungefähr antworten konnte und trat zu dem, der ſie verkün⸗ digt, ans Fenſter, während Maggy und ihr Mütterchen das Theezeug aufwuſchen und wegſtellten. Er bemerkte, daß ſein Gefährte am Fenſter mit der Miene eines leutſeligen und zugänglichen Souveräns ſtand, und daß, wenn irgend Jemand aus ſeinem Volke im Hofe unten heraufſah, ſein Gegengruß auf ihre Grüße nahezu in einen Segen überging. Als Klein Dorrit ihre Arbeit auf dem Tiſche und Maggy die ihre auf der Bettlade hatte, machte ſich Fanny daran, ihren Hut zu binden, um ſich auf das Weggehen zurechtzu⸗ machen. Arthur, der noch immer ſeinen Zweck im Sinne hatte, blieb. Da öffnete ſich die Thür, ohne daß geklopft worden, und Tip kam herein. Er gab Amy, als ſie auf⸗ Hochſinn. 55 ſprang, um ihm entgegenzugehen, einen Kuß, nickte Fanny und nickte ſeinem Vater zu, warf einen finſtern Blick auf den Beſucher, ohne weiter von ihm Notiz zu nehmen und ſetzte ſich nieder. „Lieber Tip“, ſagte Klein Dorrit hierüber erſchrocken in ſanftem Tone,„ſiehſt Du denn nicht—“ „Ja ich ſehe, Amy. Wenn Du damit irgend einen Be⸗ ſuch meinſt, den Du hier haſt— ich ſage, wenn Du Dieſen da meinſt“, antwortete Tip, indem er haſtig den Kopf nach der Schulter warf, welche Clennam am nächſten war,„ſo ſehe ich.“ „Iſt das Alles, was Du ſagſt?“ „Das iſt Alles, was ich ſage. Und vermuthlich wird“, ſagte der hochmüthige junge Mann nach einer kurzen Pauſe, „der Beſuch mich verſtehen, wenn ich ſage, daß das Alles iſt. was ich ſage. Kurz, ich glaube, der Beſuch wird verſtehen, daß er mich nicht als Mann von Anſtand behandelt hat.“ „Das verſtehe ich in der That nicht“, bemerkte die in Rede ſtehende, ſo übel angelaſſene Perſönlichkeit mit Seelen⸗ ruhe. „Nicht? Nun denn, um es Ihnen klarer zu machen, Sir, laſſen Sie mich Ihnen bemerken, daß, wenn ich an Jemand eine paſſend gefaßte Anſprache, eine dringende Anſprache und eine zartausgedrückte Anſprache in Betreff einer kleinen Gefälligkeit auf kurze Zeit richte, einer Gefälligkeit, die er ſehr leicht erweiſen kann— wohl bemerkt, ſehr leicht erweiſen kann— und dieſer Jemand ſchreibt zurück und bittet, ihn Einunddreißigſtes Kapitel. zu entſchuldigen, ſo betrachte ich das als ein Benehmen, wie es ſich gegen mich als Mann von Anſtand nicht gebührt.“ Der Vater des Marſhalſea, welcher ſeinen Sohn ſchwei⸗ gend beobachtet hatte, hörte nicht ſobald dieſen Ausſpruch, als er mit zorniger Stimme begann: „Wie kannſt Du Dich unterſtehen.“— Aber ſein Sohn unterbrach ihn. „Na, frag mich nicht, wie ich mich's unterſtehen kann, Vater, denn das iſt Gewäſch. Was das Benehmen betrifft, welches mir gegen das gegenwärtige Individuum anzuneh⸗ men beliebt, ſo ſollteſt Du ſtolz darauf ſein, daß ich den rechten hohen Sinn an den Tag lege.“ „Das ſollte ich meinen“, ſchrie Fanny. „Ein rechter, hoher Sinn?“ ſagte der Vater.„Ja ein ſchöner Hochſinn, ein gebührender Hochſinn. Iſt's dahin gekommen, daß mein Sohn mich— mich— Hochſinn ha⸗ ben lehrt?“ „Na laß uns darüber keine unnützen Worte machen, Vater, oder einen Zank über die Geſchichte anfangen. Ich bin feſt überzeugt, daß gegenwärtiges Individuum mich nicht als Mann von Anſtand behandelt hat. Und damit Punctum.“ „Damit nicht Punctum, Sir“, erwiderte der Vater. Damit ſoll's nicht Punctum ſein. Du biſt überzeugt? Du biſt davon überzeugt?“ „Ja, das bin ich. Was ſoll das Gerede in dieſer Leier fort?“ „— — Hochſinn. 57 „Weil“, ſagte der Vater in großer Hitze,„Du kein Recht hatteſt, überzeugt zu ſein von Etwas, was— ha— unmo⸗ raliſch, was— ungeheuerlich— was— hm— vatermör⸗ deriſch iſt. Nein, Mr. Clennam, bitte, Sir. Bitten Sie mich nicht, davon abzulaſſen— es iſt hier ein— hm— ein allgemeines Prinzip im Spiele, welches ſelbſt über die Rückſichten der— ha— der Gaſtfreundſchaft geht. Ich wi⸗ derſpreche den Behauptungen meines Sohns. Ich— ha— weiſe ſie mit Entrüſtung für meine Perſon zurück.“ „Ei was geht es denn Dich an?“ entgegnete der Sohn über die Schulter ſprechend. „Was es mich angeht, Sir? Ich habe einen— hm— einen hohen Geiſt, der das nicht ertragen will. Ich“, er nahm ſein Taſchentuch wieder heraus und betupfte ſich das Geſicht damit,„ich bin dadurch verletzt und beleidigt. Setzen wir den Fall, daß ich ſelbſt zu einer gewiſſen Zeit— ha— oder gewiſſen Zeiten— an Jemand eine— hm— eine An⸗ ſprache, eine paſſend gefaßte Anſprache, eine dringende An⸗ ſprache und eine zart ausgedrückte Anſprache in Betreff einer kleinen Gefälligkeit auf kurze Zeit gerichtet habe. Nehmen wir an, daß dieſe Gefälligkeit leicht hätte ausgedehnt wer⸗ den können, daß ſie nicht ausgedehnt worden, und daß dieſer Jemand mich bäte, ihn zu entſchuldigen. Soll mir dann mein eigner Sohn ſagen, daß ich deshalb eine Behandlung erfahren, die ſich für einen Mann von Anſtand nicht ſchickt, und daß ich— ha— daß ich mich drein ergeben?“ Seine Tochter Amy verſuchte ſanft ihn zu beruhigen, 58 Einunddreißigſtes Kapitel. aber er wollte ſich durchaus nicht beruhigen laſſen. Er ſagte, ſein Stolz empörte ſich dagegen und er wollte ſich das nicht bieten laſſen. Noch einmal ſollte man es ihm ſagen, ſollte ſein eigner Sohn, an ſeinem eignen Heerd ihm das ins Geſicht ſagen. Sollte dieſe Erniedrigung von ſeinem eignen Blut über ihn gebracht werden?— „Du nimmſt Dir das ſelbſt an, Vater, und machſt Dich mit Deinem eignen Willen zum Beleidigten“, ſagte der junge Herr traurig.„Wovon ich mich überzeugt habe, das hat nichts mit Dir zu ſchaffen. Was ich ſagte, geht Dich nicht an. Warum mußt Du nur durchaus andrer Leute Suppe auseſſen wollen?“ „Ich erwidere, es hat gar wol und durchaus mit mir zu ſchaffen“, erwiderte der Vater.„Ich muß Dir ſagen, mit Entrüſtung ſagen, daß, wenn es nichts Anderes wäre, die — hm— die— ha— die mit Zartgefühl zu behandelnde eigenthümliche Stellung Deines Vaters Dich verſtummen laſſen ſollte, wenn Du im Begriffe biſt, ſolche— ha— unnatürliche Grundſätze auszuſprechen. Ueberdies wenn Du kein kindliches Gefühl haſt, wenn Du dieſe Pflicht von Dir ſtößeſt, biſt Du nicht wenigſtens— ha— ein Chriſt? Biſt Du— hm— ein Gottesläugner? Und iſt es chriſtlich, frage ich Dich, Jemand zu beleidigen und zu verklagen, weil er gebeten hat, ihn dies Mal zu entſchuldigen, wo doch der⸗ ſelbe Jemmand— das— ha— das nächſte Mal die ge⸗ —— Hochſinn. 59 wünſchte Aushülfe gewähren kann? Iſt es die Art eines Chriſten, ihn— hm— es nicht nochmals mit ihm zu ver⸗ ſuchen?“ Er hatte ſich förmlich in einen religiöſen Zorn und Eifer hineingearbeitet. „Ich ſehe recht wol, ſagte Tip aufſtehend,„daß ich heute Abend kein vernünftiges und billiges Urtheil finden werde, und ſo iſt das Beſte, was ich thun kann, mich zu drücken. Gute Nacht, Amy. Laß Dich's nicht betrüben. Es thut mir ſehr leid, daß es hier in Deinem Beiſein paſſirt. Meiner Seel, es thut mir leid, aber ich kann nun einmal meinen Hochſinn nicht aufgeben, ſelbſt Deinethalben nicht, altes Mädel.“ Mit dieſen Worten ſetzte er ſeinen Hut auf und ging hinaus, begleitet von Miß Fanny, welche es an ihrem Theile nicht für hochſinnig anſah, von Clennam mit einer weniger oppoſitionellen Demonſtration als einem ſtarren Blick Ab⸗ ſchied zu nehmen, welcher beſagte, daß ſie ihn ſtets für einen von der großen Schaar der Verſchwörer gehalten hätte. Als ſie fort waren, zeigte der Vater des Marſhalſea zu⸗ erſt Neigung wieder in Verzweiflung zu ſinken, und würde dies gethan haben, wenn nicht glücklicherweiſe binnen einer oder zwei Minuten ein Herr heraufgekommen wäre, um ihn nach dem Warmen Winkel abzuholen. Es war der Herr, den Clennam in der Nacht, wo er ſelbſt zufällig hier eingeſperrt worden, geſehen, und dem jene ungreifbare Klage in Betreff des nicht an die rechten Eigenthümer gelangten Kapitals auf 60 der Seele laſtete, von welchem, wie er glaubte, der Marſhal ſich mäſte. Er ſtellte ſich als Deputation vor, welche den Vater nach dem Präſidentenſtuhl escortiren ſolle, da es eine Gelegenheit ſei, bei welcher er über die zu einem kleinen Singkränzchen verſammelten Collegiaten zu präſidiren ver⸗ ſprochen hatte. „Sehen Sie, Mr. Clennam,“ ſagte der Vater,„der Art ſind die Widerſprüche meiner Stellung hier. Aber ſie iſt eine öffentliche Pflicht. Niemand wahrlich würde bereitwilliger ſein, ſich einer öffentlichen Pflicht zu unterwerfen, als Sie ſelbſt.“ Clennam bat ihn, ja keinen Augenblick zu verlieren. „Amy, mein Herz, wenn Du Mr. Clennam überreden kannſt, noch länger zu bleiben, ſo kann ich die Ehrenpflicht, die Einrichtung nach unſern ſchwachen Kräften zu entſchuldi⸗ gen, mit Vertrauen in Deinen Händen laſſen, und Du kannſt vielleicht Etwas dazu beitragen, aus Mr. Clennams Erinne⸗ rung die— ha— den unerwarteten und unerfreulichen Vorfall zu verbannen, der ſich nach dem Thee ereignet hat.“ Clennam gab ihm die Verſicherung, daß er keinen Ein⸗ druck in ſeinem Gedächtniß hinterlaſſen habe und deshalb kei⸗ ner Verbannung bedürfe. „Mein theurer Herr,“ ſagte der Vater, indem er das ſchwarze Käppchen abnahm und Clennams Hand ergriff, wo⸗ mit er zugleich die Anzeige des richtigen Empfangs ſeines Billets nebſt Einſchluß von dieſem Nachmittag verband,„der Himmel vergelt es Ihnen reichlich.“ Einunddreißigſtes Kapitel. Hochſinn. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Mehr Wahrſagerei. 61 So wurde denn endlich der Zweck von Clennams Warten erreicht und er konnte mit Klein Dorrit ohne Beiſein Je⸗ mandes ſprechen. Maggy zählte als Niemand, und ſie war dabei. Smriunddrrisaigstes Kagitel. Mehr Wahrſagerei. Maggy ſaß auf der Fenſterſeite der Stube bei ihrer Ar⸗ beit in ihrer großen weißen Haube mit ihrer Maſſe undurch⸗ ſichtigen Streifenbeſatzes, welcher das, was ſie von Profil hatte, verbarg(ſie hatte keinen Ueberfluß davon) und ihr brauchbares Auge war auf ihre Beſchäftigung gerichtet. Da⸗ durch, durch ihre herunterſchlotternde Haube und ihr un⸗ brauchbares Auge, war ſie vollſtändig abgeſchieden von ihrem Mütterchen, deren Sitz dem Fenſter gegenüber war. Das Trampeln und Schlürfen von Füßen auf dem Pflaſter des Hofes hatte ſich, ſeit der Präſident ſeinen Stuhl eingenommen, ſehr vermindert, indem die Fluth der Collegen mit Macht nach dem Singkränzchen geſtrömt war. Einige wenige, die keine Muſik in der Seele oder kein Geld in der Taſche hatten, ſchlenderten noch herum und das alte Schauſpiel der beſuch⸗ machenden Gattin und des niedergeſchlagenen noch unabgela⸗ 62 Zweiunddreißigſtes Kapitel. gerten Gefangenen verhielt ſich noch in Winkeln, wie zer⸗ riſſene Spinnweben und andere unſchöne Dinge in Winkeln von andern Orten herumtreiben. Es war die ruhigſte Zeit, die das Colleg kannte, ausgenommen die Nachtſtunden, wo die Collegen ſich der Wohlthat des Schlafes erfreuten. Das gelegentliche Gepraſſel des Beifalls auf den Tiſchen im War⸗ men Winkel zeigte die erfolgreiche Beendigung irgend eines kleinen Geſangsvortrags oder die von der Gemeinſchaft der Kinder ausgedrückte Annahme eines Toaſtes oder Trinkſpruchs an, den ihnen ihr Vater bot. Gelegentlich benachrichtigte eine volltönender als die andern erſchallende Geſangsſtrophe dem Horcher, daß irgend ein großthueriſcher Baß auf dem blauen Meere oder auf dem Jagdgefilde oder bei ſeinen Renn⸗ thieren oder auf dem Gebirge oder auf der blühenden Haide war, aber der Marſhal des Marſhalſea wußte es beſſer und hatte ſie hart und feſt ſitzen. Als Arthur Clennam eine Bewegung machte, um ſich ne⸗ ben Klein Dorrit zu ſetzen, zitterte ſie ſo, daß ſie große Mühe hatte, ihre Nadel feſt zu halten. Clennam legte ſanft ſeine Hand auf ihre Arbeit und ſagte:„Liebe kleine Dorrit, laſſen Sie mich es hinlegen.“ Sie überließ es ihm, und er legte es weg. Ihre Hände fügten ſich dann krampfhaft in einander, aber er nahm eine derſelben. „Wie ſelten habe ich Sie die letzte Zeit geſehen, Klein Dorrit!“ „Ich bin fleißig geweſen, Sir.“ Mehr Wahrſagerei. 63 „Aber ich hörte erſt heute,“ ſagte Clennam,„durch bloßen Zufall, daß Sie bei jenen guten Leuten hart neben mir ge⸗ weſen ſind. Warum kamen Sie da nicht auch zu mir?“ „Ich— ich weiß es nicht. Oder vielmehr, ich dachte, auch Sie würden beſchäftigt ſein. Sie ſind es jetzt gemei⸗ niglich, nicht wahr?“ Er ſah ihre zitternde kleine Geſtalt und ihr niederge⸗ ſchlagenes Geſicht, und die Augen, die ſich in dem Augen⸗ blicke ſenkten, wo ſie nach den ſeinigen erhoben wurden— er ſah ſie faſt mit ebenſo viel Beſtürzung als Zärtlichkeit. „Mein Kind, Ihr Benehmen iſt ſo verändert!“ Das Zittern wurde jetzt ſo ſtark, daß ſie es nicht zu un⸗ terdrücken vermochte. Indem ſie ſanft ihre Hand zurückzog und ſie in die andere Hand legte, ſaß ſie vor ihm, mit ge⸗ beugtem Haupte und ihre ganze Geſtalt bebte. „Meine arme liebe Klein Dorrit!“ ſagte Clennam mit⸗ leidsvoll. Sie brach in Thränen aus. Maggy ſah ſich plötzlich um und ſtierte ſie wenigſtens eine Minute lang an, miſchte ſich aber ſonſt nicht hinein. Clennam wartete ein Weilchen, ehe er wieder ſprach. „Ich kann es nicht ertragen, Sie weinen zu ſehen,“ ſagte er endlich.„Aber ich hoffe, dies iſt eine Erleichterung für ein übervolles Herz.“ „Ja ſo iſt es, Sir. Nichts als das.“ „Schon gut, ſchon gut! Ich fürchtete, Sie würden zu viel an das denken, was ſoeben hier geſchah. Es iſt von 64 Zweiunddreißigſtes Kapitel. keiner Bedeutung, nicht von der geringſten. Ich bin blos unglücklich, daß ich ihm in den Weg gerieth. Laſſen Sie es mit dieſen Thränen ſein Bewenden haben. Die Sache iſt nicht eine davon werth. Von Herzen gern wollte ich ein⸗ willigen, daß ſolch ein bedeutungsloſer Vorfall ſich fünfzig mal am Tage wiederholte, wenn Ihnen damit auch nur ein einziger Moment von Herzeleid erſpart würde, Klein Dorrit.“ Sie hatte jetzt Muth gefaßt und antwortete, weit mehr in ihrer gewöhnlichen Art:„Sie ſind ſo gut! Aber wenn auch nichts weiter darin läge, worüber man ſich grämen und ſchämen müßte, ſo iſt's doch eine üble Vergeltung Ihrer“— „Bſt!“ ſagte Clennam lächelnd und indem er ihr die Hand auf die Lippen legte.„Vergeſſenheit in Ihnen, die ſie an ſo Viele und ſo Viel zu denken gewohnt ſind, würde et⸗ was Neues ſein. Soll ich Sie erinnern, daß ich nichts bin und niemals etwas Anderes geweſen bin, als der Freund, dem Sie Ihr Vertrauen zu ſchenken verſprachen? Nein. Sie erinnern ſich deſſen, nicht wahr?“ „Ich verſuche es zu thun, ſonſt würde ich mein Verſpre⸗ chen eben jetzt gebrochen haben, als mein in Mißverſtänd⸗ niſſen befangener Bruder hier war. Sie wollen ſich erinnern, daß er hier erzogen worden, und werden ihn nicht hart be⸗ urtheilen, den armen Burſchen, das weiß ich.“ Indem ſie mit dieſen Worten ihre Augen erhob, beobachtete ſie ſein Geſicht aus größerer Nähe, als ſie bis jetzt gethan, und ſagte mit einem plötzlichen Wechſel des Tons:„Sie ſind doch nicht krank geweſen, Mr. Clennam?“ Mehr Wahrſagerei. 65 „Nein.“ „Auch nicht anders ſchmerzhaft betroffen? Oder verletzt?“ fragte ſie ihn ängſtlich. Es war jetzt an Clennam die Reihe, nicht ganz ſicher zu ſein, was er zu antworten habe. Er ſagte als Erwiderung: „Die Wahrheit zu geſtehen, ich bin ein wenig beküm⸗ mert geweſen, aber es iſt vorüber. Sieht man mir es ſo deutlich an? Ich ſollte mehr Stärke und Selbſtbeherrſchung beſitzen, als ich zeige. Ich dachte, ich hätte ſie. Ich muß ſie von Ihnen lernen. Wer könnte eine beſſere Lehrerin ſein!“ Er dachte durchaus nicht daran, daß ſie in ihm ſah, was Niemand anders ſehen konnte. Er dachte durchaus nicht daran, daß es in der ganzen Welt keine andern Augen gab, die mit demſelben Licht und derſelben Schärfe auf ihn blickten. „Aber es bringt mich auf Etwas, wovon ich Ihnen Mit⸗ theilung zu machen wünſche,“ fuhr er fort,„und darum will ich mich nicht mit meinem Geſicht herumſtreiten, weil es Ge⸗ ſchichten erzählt und mir ungetreu iſt. Außerdem iſt es ein Recht und eine Freude meiner Klein Dorrit zu vertrauen. Laſſen Sie mich denn bekennen, daß ich, vergeſſend, wie ernſt ich war und wie alt ich war, und wie die Zeit für ſolche Dinge verfloſſen ſei mit den vielen Jahren des Einerlei und der wenigen Freuden, die mein langes Leben in weiter Ferne ausmachten, ohne es zu bezeichnen— daß ich, alles Dieſes vergeſſend, mir einbildete, ich liebte ein Mädchen.“ „Kenne ich ſie, Sir?“ fragte Klein Dorrit. Klein Dorrit. V. 5 66 „Nein, mein Kind.“ „Nicht die Dame, welche Ihretwegen mir Freundlichkeit erwieſen hat?“ „Flora. Nein, nein. Glaubten Sie wirklich—“ „Ich konnte mir das nie völlig denken,“ ſagte Klein Dorrit mehr zu ſich ſelbſt als zu ihm.„Ich wunderte mich ein wenig darüber.“ „Wohlan denn,“ ſagte Clennam, indem er mit ſeiner Erinnerung an dem Gefühle haftete, welches ihn in dem Baumgang in der Nacht der Roſen befallen, dem Gefühle, daß er ein älterer Mann ſei, der mit dieſem zarten Theile des Lebens abgeſchloſſen habe,„ich entdeckte meinen Irrthum und ich dachte ein wenig drüber nach— ziemlich viel drüber nach— und wurde klüger. Klüger geworden zählte ich meine Jahre und überlegte mir, was ich bin und ſah zurück und ſah vor mich hinaus und fand, daß ich bald alt und grau ſein werde. Ich fand, daß ich die Höhe erſtiegen und die Hochfläche oben überſchritten habe und raſch bergab ſteige.“ Wenn er die Schärfe des Schmerzes gekannt hätte, den er dem geduldigen Horcher mit ſolchen Reden zufügte! Zu⸗ fügte, während es gerade ſeine Abſicht war, ihr Erleichte⸗ rung zu ſchaffen und zu dienen. „Ich fand, daß der Tag, wo irgend Etwas der Art an⸗ muthig in mir, oder gut in mir, oder hoffnungs⸗ und freu⸗ denreich in mir oder irgend Jemand in Verbindung mit mir geweſen wäre, dahin ſei und nie wieder leuchten würde.“ Oh, wenn er gewußt hätte, wenn er gewußt hätte! Zweiunddreißigſtes Kapitel. Mehr Wahrſagerei. 67 Wenn er den Dolch in ſeiner Hand hätte ſehen können und die grauſamen Wunden, die er dem treuen, blutenden Herzen ſeiner Klein Dorrit ſchlug! „Alles Das iſt vorbei, und ich habe mein Antlitz davon abgewandt. Warum aber ſpreche ich davon zu Klein Dorrit? Warum zeige ich Ihnen, mein Kind, die Reihe von Jahren, die zwiſchen uns liegt, und warum rufe ich Ihnen zurück, daß ich die Zeit, die Ihnen gehört, um den Betrag Ihres ganzen Lebens überſchritten habe?“ „Hoffentlich, weil Sie auf mich bauen. Weil Sie wiſ⸗ ſen, daß nichts Sie berühren kann, ohne mich zu berühren, daß nichts Sie glücklich oder unglücklich machen kann, ohne mich, die Ihnen ſo dankbar iſt, ebenſo zu machen.“ Er hörte das Beben ihrer Stimme, er ſah ihr aufrich⸗ tiges Geſicht, er ſah ihre klaren, treuen Augen, er ſah den raſcher ſich hebenden Buſen, der ſich mit Freuden vor ihn hingeworfen hätte, um eine auf ſeine Bruſt gezielte tödtliche Wunde mit dem Todesſchrei„Ich liebe ihn“ aufzufangen, und auch die entfernteſte Ahnung der Wahrheit dämmerte in ihm nicht auf. Nein. Er ſah das treuergebene kleine Weſen mit ihren zerriſſenen Schuhen, in ihrem ärmlichen Kleide, in ihrer Kerkerheimath, ein ſchwaches Kind am Körper, eine ſtarke Heldin in der Seele, und das Licht, das ihre Fami⸗ liengeſchichte ausſtrahlte, verdunkelte ihm alles Andere. „Aus dieſen Gründen ſicherlich, Klein Dorrit, aber auch noch aus einem andern. So weit entfernt, ſo verſchieden und ſo viel älter paſſe ich beſſer zu Ihrem Freund und Rath⸗ 68 geber. Ich meine, man kann mir um ſo leichter trauen und jeder kleine Zwang, den Sie vor einem Andern empfinden könnten, kann vor mir ſchwinden. Warum haben Sie ſich ſo vor mir zurückgezogen? Sagen Sie mir es.“ „Ich thue beſſer, hier zu bleiben. Mein Platz, wo ich nützlich ſein kann, iſt hier. Es iſt viel beſſer, wenn ich hier bin,“ ſagte Klein Dorrit ſchüchtern. „So ſagten Sie an jenem Tage auf der Brücke. Ich dachte ſpäter oft daran. Haben Sie mir kein Geheimniß anzuvertrauen, in Betreff deſſen Sie Troſt von mir erwarten könnten, wenn Sie es mir anvertrauen wollten?“ „Geheimniß? Nein, ich habe kein Geheimniß,“ ſagte Klein Dorrit etwas verlegen. Sie hatten mit leiſer Stimme geſprochen, mehr, weil es bei dem, was ſie ſagten, natürlich war, dieſen Ton anzu⸗ nehmen, als weil ſie die Abſicht gehabt hätten, es vor Maggy bei ihrer Arbeit zu verbergen. Plötzlich ſtierte Naggy ſie wieder an, und diesmal ſprach ſie: „Höre mal, Mütterchen!“ „Ja, Maggy.“ „Wenn Du ihm kein Geheimniß von Dir ſelber zu er⸗ zählen haſt, ſo erzähle ihm doch das von der Prinzeſſin. Sie hatte ein Geheimniß, wie Du weißt.“ „Die Prinzeſſin hatte ein Geheimniß?“ ſagte Clennam etwas überraſcht.„Was war das für eine Prinzeſſin, Maggy?“ „Herrgott! Wie Sie nur ſo ſein und einem Nädchen Zweiunddreißigſtes Kapitel. Mehr Wahrſagerei. 69 von zehn Jahren ſo die Worte verdrehen und das arme Ding ſo fangen können. Wer hat denn geſagt, daß die Prinzeſſin ein Geheimniß hatte? Ich ſagte das niemals.“ „Bitte um Entſchuldigung. Ich dachte doch, Sie ſag⸗ ten es.“ „Nein, ich habe es nicht geſagt. Wie hätte ich auch, da ſie es ja war, die es herauszufinden wünſchte. Es war das kleine Weibchen, das ein Geheimniß hatte, und die ſpann in einem weg an ihrem Rade. Und ſo ſagte ſie zu ihr, war⸗ um hebſt Du's nur da auf. Und da ſagte die Andere, nein, das thue ich nicht, und da ſagte die wieder zu ihr, ja wol thuſt Du's, und da gingen ſie alle Beide an den Brotſchrank, und da ſtak es. Und ſie wollte nicht ins Spital gehen und da mußte ſie ſterben. Du weißt die Sache, Mütterchen. Er⸗ zähl' ihm das. Denn es war ein richtiges gehöriges Ge⸗ heimniß, ja wol“, ſchrie Maggy ſich ſelbſt umarmend. Arthur ſah Klein Dorrit an, als wollte er ſie bitten, ſeinem Verſtändniß zu Hülfe zu kommen, und war überraſcht, ſie ſo verſchüchtert und roth zu ſehen. Aber als ſie ihm ſagte, es ſei blos ein Märchen, welches ſie eines Tags für Maggy erdacht, und daß nichts darin waͤre, weſſen ſie ſich nicht ſchämen würde, wenn ſie es Jemand anders wiedererzählen ſollte, falls ſie ſich überhaupt daran erinnerte, ließ er die Sache wie ſie ſtand. Dagegen kam er auf ſeine eigene Angelegenheit zurück, indem er ſie zuerſt erſuchte, ihn öfter zu beſuchen und ſich zu erinnern, wie es unmöglich ſei, daß irgend Jemand ein ſtär⸗ 70 keres Intereſſe an ihrem Wohlergehen haben und mehr auf die Förderung deſſelben bedacht ſein könne. Als ſie mit dem Tone innerlichſter Ueberzeugung antwortete, daß ſie das ſehr wol wiſſe, daß ſie es nie vergäße, deutete er ſeinen zwei⸗ ten und zarteren Punkt an— den Verdacht, den er ſich ge⸗ bildet hatte. „Klein Dorrit“, ſagte er, ihre Hand wieder ergreifend in leiſerem Tone, als er bis jetzt geſprochen, ſo daß ſelbſt Maggy in dem kleinen Zimmer ihn nicht hören konnte,„noch Eins. Ich habe ſehr lebhaft gewünſcht, Ihnen dies zu ſagen, ich habe mehrmals nach einer Gelegenheit geſucht. Denken Sie nicht an mich, der ich im Punkte der Jahre Ihr Vater oder Ihr Oheim ſein könnte. Denken Sie von mir ſtets als von einem ſehr alten Manne. Ich weiß, daß alle Ihre Anhäͤnglichkeit ſich in dieſem Zimmer concentrirt, und daß bis zum letzten Hauche nichts Sie verlocken wird, die Pflichten aufzugeben, die Sie hier erfüllen. Wenn ich deſſen nicht gewiß wäre, ſo würde ich Sie und ſo würde ich Ihren Vater gebeten haben, mir zu erlauben, an einem paſſen dern Orte für Sie Fürſorge zu treffen. Aber Sie mögen ein In⸗ tereſſe haben— ich will nicht ſagen jetzt, obwol auch dies der Fall ſein könnte— Sie mögen zu einer andern Zeit ein Intereſſe an Jemand anders haben, ein Intereſſe, das nicht unvereinbar iſt mit Ihrer kindlichen Anhänglichkeit hier.“ Sie war ſehr, ſehr bleich und ſchüttelte ſchweigend ihren Kopf. „Es iſt das wol möglich, Klein Dorrit.“ Zweiunddreißigſtes Kapitel. Mehr Wahrſagerei. 71 „Nein, nein, nein!“ Sie ſchüttelte bei jeder dieſer lang⸗ ſamen Wiederholungen des Wortes ihren Kopf mit einem Ausdrucke ſtummer Niedergeſchlagenheit, deſſen er ſich lange nachher erinnerte. Die Zeit kam, wo er ſich deſſen wol erin⸗ nerte, lange nachher, in dieſen Gefängnißmauern, in dieſem ſelben Zimmer. „Aber wenn es jemals geſchehen ſollte, ſo ſagen Sie mir es, mein liebes Kind. Vertrauen Sie mir die Wahrheit an, zeigen Sie mir den Gegenſtand eines ſolchen Intereſſes, und ich will mit allem Eifer, aller Ehre, aller Freundſchaft und Hochachtung, die ich für Sie empfinde, gute, von Her⸗ zensgrunde verehrte Klein Dorrit, verſuchen, Ihnen einen dauernden Dienſt zu leiſten.“ „Oh dank Ihnen, dank Ihnen. Aber o nein, o nein, o nein!“ Sie ſagte dies in demſelben ergebungsvollen Tone wie vorher, indem ſie ihn, ihre von Arbeiten verunſtalteten Hände zuſammenfaltend, anſah. „Ich dtinge jetzt auf kein Vertrauen. Ich bitte Sie blos, mir ohne Zögern zu vertrauen.“ „Kann ich weniger als das thun, wo Sie ſo gut ſind?“ „Dann wollen Sie mir vollſtändig vertrauen? Wollen kein verborgenes Herzeleid haben, keine Unruhe vor mir verſchließen?“ „So gut wie keine.“ „Und Sie fühlen jetzt keine?“. Sie ſchüttelte den Kopf, aber ſie war ſehr bleich. 72 Zweiunddreißigſtes Kapitel. „Wenn ich mich heut Abend niederlege und meine Ge⸗ danken zurückkehren zu dieſem traurigen Orte— wie ſie zu⸗ rückkehren werden, denn ſie kehren hierher zurück jede Nacht, ſelbſt wenn ich Sie nicht geſehen habe— ſo darf ich glau⸗ ben, daß es über die Grenzen dieſes Zimmers und ſeine ge⸗ wöhnlichen Bewohner hinaus jetzt keinen Kummer gibt, welcher an Klein Dorrits Seele nagt?“ Sie ſchien ſich haſtig an dieſe Worte zu klammern— auch daran erinnerte er ſich lange nachher— und ſagte hei⸗ terer:„Ja, das dürfen Sie, Mr. Clennam, ja das dür⸗ fen Sie!“ Die gebrechliche Treppe, die gewöhnlich nicht faul war, es anzumelden, wenn Jemand herauf oder herunter kam, knackte hier unter einem raſchen Tritt und ein anderes Ge⸗ räuſch ließ ſich hören, wie wenn eine kleine Locomotive mit mehr Dampf als ſie brauchen konnte, ſich auf die Stube zu⸗ arbeitete. Als ſie ſich näherte, was ſie ſehr ſchnell that, ar⸗ beitete ſie mit geſteigerter Energie, und nachdem es an die Thür gepocht, klang es, als ob ſie ſich bückte und durch das Schlüſſelloch puſtete.„ Ehe Maggy die Thür öffnen konnte, ſtand Mr. Pancks, ſie von draußen öffnend, ohne Hut und mit ſeinem bloßen Kopfe in dem tollſten Zuſtande vor ihnen und ſah auf Clen⸗ nam und über die Schulter Klein Dorrits. Er hielt eine brennende Cigarre in der Hand und brachte Düfte von Ale und Tabaksrauch mit. Mehr Wahrſagerei. 73 „Pancks der Zigeuner, beim Wahrſagen!“ bemerkte er außer Athem. Er ſtand mit ſeinem ſchwärzlichen Geſicht lächelnd und keuchend vor ihnen und machte eine höchſt ſeltſame Miene, als ob er nicht das Jätholz ſeines Eigenthümers, ſondern der triumphirende Beſitzer des Marſhalſea, des Marſhal, aller Collegiaten und aller Schließer zuſammen wäre. In ſeiner großen Befriedigung über ſich ſelbſt ſteckte er(der augenſcheinlich kein Raucher war) die Cigarre zwiſchen die Lippen und that, während er zu dieſem Zwecke ſein rechtes Auge ſchloß, einen ſolchen Zug, daß es ihn convulſiſch ſchüt⸗ telte und er faſt erſtickte. Aber ſelbſt mitten in dieſem Pa⸗ roxysmus bemühte er ſich noch, ſeine vorherige Vorſtellung ſeiner ſelbſt zu wiederholen:„Pa⸗ancks der Zi⸗geuner, beim Wahrſa⸗agen.“ „Ich habe den Abend mit den Uebrigen verbracht“, ſagte Pancks.„Ich habe geſungen. Ich habe eine Stimme abge⸗ geben bei: Weißer Sand und grauer Sand. Ich weiß nicht das Mindeſte davon. Einerlei. Ich mache bei allem Mög⸗ lichen mit. Alles einerlei, wenn man nur laut genug iſt.“ Zuerſt hielt Clennam ihn für benebelt. Aber er merkte bald, daß er das Bier zwar ein wenig im Kopfe hatte, die Haupturſache ſeiner Aufregung aber nicht aus Malz gebraut oder aus irgend einem Getraide oder einer Beere ge⸗ brannt war. „Wie geht's Ihnen, Miß Dorrit?“ ſagte Pancks.„Ich dachte, Sie würden's nicht übel nehmen, wenn ich herüber 74 Zweiunddreißigſtes Kapitel. käme und auf'nen udenf lick hereingukte. Ich hörte von Mr. Dorrit, daß Mr. Clennam hier wäre. Wie geht's Ih⸗ nen, Sir?“ Clennam dankte ihm und ſagte, er freue ſich, ihn ſo heiter zu ſehen. „Heiter?“ ſagte Pancks.„Ich bin unbändig guter Laune. Ich kann mich keinen Augenblick aufhalten, ſonſt werde ich vermißt, und ſie ſollen mich nicht vermiſſen. He, Miß Dorrit, nicht wahr?? Er ſchien ein unerſättliches Vergnügen zu empfinden, ſich an ſie zu wenden und ſie anzuſehen, wobei er in ſeiner Aufregung zu gleicher Zeit ſein Haar ſträubte, wie eine dunkle Art von Kakadu. „Ich bin noch keine halbe Stunde hier. Ich erfuhr, daß Mr. Dorrit den Vorſitz führte und ich ſagte: Da will ich hingehen und ihm helfen. Ich ſollte von Rechtswegen unten im Hofe zum Blutenden Herzen ſein, aber ich kann ſie ja morgen peinigen. Nicht wahr, Miß Dorrit?“ Seine kleinen ſchwarzen Aeuglein funkelten elektriſch. Ja ſelbſt ſein Haar ſchien Funken zu ſprühen, wenn er's emporſtrich. Er war in jenem geladenen Zuſtande, daß man hätte erwarten können, Funken und Gekniſter aus ihm her⸗ vorzulocken, wenn man an irgend einen Theil ſeines Körpers mit dem Knöchel gerührt hätte. „Vortreffliche Geſellſchaft hier“, ſagte Pancks.„He, nicht wahr, Miß Dorrit?“ Sie war halb in Furcht vor ihm und unentſchloſſen, Mehr Wahrſagerei. 75 was ſie ſagen ſollte. Er lachte mit einem Kopfnicken gegen Clennam. „Kümmern Sie ſich nicht um ihn, Miß Dorrit. Er iſt einer von uns. Wir kamen überein, daß Sie mich vor den Leuten nicht kennen ſollten, aber wir meinten damit nicht Mr. Clennam. Er iſt einer von uns. Er iſt mit im Com⸗ plott. Nicht, Mr. Clennam? He nicht wahr, Miß Dorrit?“ Die Aufregung dieſes ſeltſamen Weſens theilte ſich raſch Clennam mit. Klein Dorrit ſah dies mit Erſtaunen und be⸗ merkte, daß ſie haſtige Blicke wechſelten. „Ich machte da eine Bemerkung“, ſagte Pancks.„Aber ich muß geſtehen, ich weiß nicht mehr, was es war. O jetzt weiß ich's. Vortreffliche Geſellſchaft hier. Ich habe ſie Alle in der Runde tractirt.— He, nicht wahr, Miß Dorrit?“ „Sehr großmüthig von Ihnen“, erwiderte ſie, einen von den haſtigen Blicken zwiſchen den Beiden bemerkend. „Nicht im Geringſten“, ſagte Pancks.„Nicht der Erwäh⸗ nung werth. Ich komme in mein Eigenthum, das iſt die Sache. Ich kann gut freigebig ſein. Ich denke, ich will ihnen ein Tractement hier ausrichten. Tafeln im Hofe auf⸗ geſtellt. Brot in Haufen. Pfeifen in Bündeln. Tabak in Heuſchobern. Roaſtbeef und Roſinpudding für Jeden. Ein Quart Doppelbier für den Mann.'ne Pinte Wein desglei⸗ chen, wenn ſie's mögen und die Behörden Erlaubniß geben. — Ho, nicht wahr, Miß Dorrit?“ Sie gerieth durch ſein Benehmen oder vielmehr dadurch, daß Clennams Verſtändniß ſeines Benehmens zunahm(denn 76 Zweiunddreißigſtes Kapitel. ſie ſah nach jeder neuen Anſprache und jeder neuen Kakadu⸗ Demonſtration auf Seiten Mr. Pancks' nach ihm hin) in ſolche Verwirrung, daß ſie nur ihre Lippen bewegte, ſtatt mit Worten zu antworten. „Und oh! Beiläufig!“ ſagte Pancks.„Ich ſagte Ihnen, Sie ſollten's noch erleben, daß Sie erführen, was hinter uns wäre auf Ihrer kleinen Hand. Und das ſollen Sie, das ſollen Sie auch, mein Herzblättchen. He, nicht wahr, Miß Dorrit?“ Er hatte ſich plötzlich Einhalt gethan. Wo er alle die weiteren ſchwarzen Haarzinken herkriegte, die jetzt über ſeinen ganzen Kopf aufſtiegen, wie die Myriaden von Punkten, die beim letzten Wechſelſtück eines großen Feuerwerks losplatzen, war ein wunderſames Geheimniß. „Aber ich werde vermißt werden“, ſagte er, ſich beſinnend, „ich, ich will nicht, daß ſie mich vermiſſen. Mr. Clennam, — Sie und ich ſchloſſen eine Uebereinkunft. Ich ſagte, Sie ſollten finden, daß ich dabei feſthielte. Sie ſollen jetzt fin⸗ den, daß ich daran feſthalte, wenn Sie auf einen Augenblick mit hinauskommen wollen. Miß Dorrit, ich wünſche Ihnen gute Nacht. Miß Dorrit, ich wünſche Ihnen viel Glück.“ Er ſchüttelte ihr haſtig beide Hände und puſtete die Treppe hinunter. Arthur folgte ihm mit ſo beſchleunigeen Schritten, daß er ihn auf dem letzten Treppenabſatze bei einem Haar niedergerannt und in den Hof hinabgekollert hätte. Mehr Wahrſagerei. 77 „Was iſt's um des Himmels willen?“ fragte Arthur, als ſie dort Beide hinausflogen. „Halt einen Augenblick, Sir. Mr. Rugg, erlauben Sie mir, Ihnen denſelben vorzuſtellen.“ Mit dieſen Worten ſtellte er ihm einen andern Mann ohne Hut, ebenfalls mit einer Cigarre und ebenfalls umge⸗ ben von einem Heiligenſchein aus Bier⸗ und Tabaksdunſt vor. Dieſer Mann war zwar nicht ſo aufgeregt wie er ſelbſt, aber doch in einem Zuſtande, welcher an Wahnſinn geſtreift haben würde, wenn er nicht, verglichen mit der Tobſucht des Mr. Pancks, ſich einer etwas nüchterneren Art genähert hätte. „Mr. Clennam, Mr. Rugg“u, ſagte Pancks.„Halt einen Augenblick. Kommen Sie nach der Pumpe.“ Sie begaben ſich nach der Pumpe. Mr. Pancks ſchob augenblicklich ſeinen Kopf unter die Röhre und erſuchte Mr. Rugg, tapfer den Brunnenſchwengel zu handhaben. Mr. Rugg kam dem Wunſche buchſtäblich nach, und Mr. Pancks kam puſtend und ſprudelnd hervor aus der nützlichen Taufe und trocknete ſich an ſeinem Taſchentuche ab. „Ich habe dadurch einen klarern Kopf bekommen“, ſagte er tiefaufathmend zu Clennam, der verwundert dabei ſtand. „Aber meiner Seel, ihren Vater Reden halten zu hören in dieſem Stuhle und wiſſen, was wir wiſſen, und ſie oben in dieſer Stube in dieſem Anzuge zu ſehen und wiſſen was wir wiſſen, iſt genug, umfaſſen Sie mich zu einem Luftpurzel⸗ 78 baum, Mr. Rugg— ein Bischen höher oben, Sir— ſo wird ſich's machen. Jetzt und hier, auf dem Pflaſter des Marſhalſea im Schatten des Abends flog Mr. Pancks wirklich und wahr⸗ haftig über Kopf und Schultern des Mr. Rugg von Penton⸗ ville, Generalagenten, Rechnungsführers und Schuldenein⸗ treibers. Als er wieder auf ſeinen Füßen ſtand, nahm er Clennam beim Knopfloch, führte ihn hinter die Pumpe und langte keuchend aus ſeiner Taſche ein Bündel Papier. Eben⸗ ſo legte Mr. Rugg aus ſeiner Taſche keuchend ein Bündel Papiere. „Halt!“ ſagte Clennam flüſternd.„Sie haben eine Ent⸗ deckung gemacht?“ Mr. Pancks antwortete mit einer Salbung, die keine Sprache auszudrücken fähig iſt:„Wir denken allerdings ſo.“ „Verwickelt ſie irgend Jemand?“ „Wie verwickeln, Sir?“ „In irgend eine Unterdrückung des Rechts oder ein un⸗ gerechtes Verfahren irgend welcher Art?“ „Nicht die Spur.“ „Gott ſei Dank!“ ſagte Clennam zu ſich ſelbſt.„Nun zeigen Sie her.“ „Sie müſſen verſtehen“— puſtete Pancks, indem er fie⸗ berhaft Papiere entfaltete und mit kurzathmigem Hochdruck verſchiedene Sätze herauspuffte,„Wo iſt der Stammbaum? Wo iſt Verzeichniß Nummer vier, Mr. Rugg? O ganz recht! Zweiunddreißigſtes Kapitel. Mrs. Merdle's Uebel. 79 Hier haben wir's.— Sie müſſen verſtehen, daß wir dieſen heutigen Tag thatſächlich fertig ſind. Geſetzlich werden wir's erſt in ein paar Tagen ſein. Wollen mal ſagen in einer Woche. Wir ſind, ich weiß nicht wie lange, Tag und Nacht drüber her geweſen. Mr. Rugg, Sie wiſſen, wie lange? Aber ſchon gut. Laſſen Sie's ſein. Machen Sie mich nicht irre. Sie ſollen es ihr ſagen, Mr. Clennam. Nicht eher, als bis wir's Ihnen erlauben. Wo iſt jenes Brouillon der Ueberſicht. O richtig, hier haben wir's. Da, Sir. Das iſt's, was Sie ihr zu eröffnen haben werden. Dieſer Mann iſt Ihr Vater des Marſhalſea!“ Breiunddreiäsigstes Kapitel. Mrs. Merdle's Uebel. Indem ſie ſich in das unvermeidliche Schickſal ergab, ſich, ſo gut es gehen wollte, in dieſes Volk, die Miggles, fand und mit ihrer Philoſophie dem auf ſie gezogenen Wechſel entſprach, deſſen Wahrſcheinlichkeit ſie bei ihrer Zuſammen⸗ kunft mit Arthur vorausgeſehen, entſchloß ſich Mrs. Gowan kurz und gut, ſich der Heirath ihres Sohnes nicht zu wider⸗ ſetzen. Auf ihrem Wege zu dieſem Entſchluß und bei ihrer glücklichen Ankunft bei demſelben war ſie möglicherweiſe 80 Dreiunddreißigſtes Kapitel. nicht allein von ihrer mütterlichen Liebe, ſondern zugleich von drei politiſchen Rückſichten beeinflußt. Von dieſen mag die erſte geweſen ſein, daß ihr Sohn nie auch nur die geringſte Abſicht, ſich ihre Einwilligung zu erbitten oder irgendwelches Mißtrauen in ſeine Fähigkeit, damit fertig zu werden, an den Tag gelegt hatte; die zweite, daß die ihr von einem dankbaren Vaterlande(und einem Barnacle) verliehene Penſion von allen kleinen kindlichen Beeinträchtigungen befreit werden würde, wenn ihr Henry die geliebte einzige Tochter eines Mannes in ſehr guten Ver⸗ hältniſſen heirathete; die dritte, daß Henrys Schulden na⸗ türlich von ſeinem Schwiegervater auf dem Altargeländer bezahlt werden mußten. Fügt man zu dieſem Kleeblatt klu⸗ ger Betrachtungen noch die Thatſache, daß Mrs. Gowan ihre Einwilligung in demſelben Momente ertheilte, wo ſie erfuhr, daß Mr. Meagles die ſeine ertheilt, und daß Mr. Meagles' Widerſpruch gegen die Heirath das einzige Hinder⸗ niß in ihrem ganzen Entwickelungsgange geweſen war, ſo wird es höchſt wahrſcheinlich, daß die hinterlaſſene Gemahlin des verſtorbenen Commiſſär für nichts Beſonderes dieſe Ideen in ihrem verſtändigen Geiſte ſich überlegte. Unter ihren Freunden und Bekannten indeß bewahrte ſie die ihr eigene Würde und die Würde des Bluts der Bar⸗ nacles, indem ſie eifrig den Schein nährte, daß es eine höchſt unglückſelige Sache ſei, daß ſie tiefbetrübt darüber, daß es eine vollſtändige Bezauberung ſei, unter welcher Henry litte, daß ſie ſich lange dagegen geſträubt, daß aber eine Mutter Mrs. Merdle's Uebel. 81 nichts ausrichten könnte, und dergleichen mehr. Sie hatte bereits Arthur Clennam zum Zeugen dieſer Fabelei aufge⸗ rufen, und ſie ging jetzt weiter, indem ſie dieſelbe nun auch der Familie zu dem gleichen Zwecke aufband. Bei der erſten Zuſammenkunft, die ſie Mr. Meagles bewilligte, nahm ſie eine Stellung an, als ob ſie untröſtlich, aber anmuthig einem unwiderſtehlichen Drange nachgäbe. Mit der äußer⸗ ſten Artigkeit und Wohlerzogenheit ſtellte ſie ſich, als ob ſie — nicht er— es geweſen, welche Schwierigkeiten gemacht und endlich nachgegeben, und als ob ſie— nicht er— das Opfer gebracht. Dieſelbe Finte brachte ſie mit derſelben Ge⸗ wandtheit bei Mrs. Meagles an, wie ein Taſchenſpieler dieſer argloſen Dame eine Karte in die Hand geſpielt haben würde, und als ihre zukünftige Schwiegertochter ihr von ihrem Sohne vorgeſtellt wurde, ſagte ſie, ſie in die Arme ſchließend:„O mein Herz, was haſt Du Henry angethan, daß es ihn ſo bezaubert hat?“ während ſie zu gleicher Zeit einigen Thränen erlaubte, in kleinen Pillen das Schönheits⸗ pülverchen auf ihrer Naſe abzuſpülen— ein zartes, aber rührendes Zeichen, daß ſie um des Scheins der Faſſung willen, mit welchem ſie ihr Unglück trüge, viel innerlich leide. Unter den Freundinnen der Mrs. Gowan(welche ſich darauf pikirte, zugleich gute Geſellſchaft zu ſein und auf vertrautem Fuße mit dieſer Macht zu ſtehen) nahm Mrs. Merdle eine Hauptſtelle ein. Es iſt wahr, die Zigeuner von Hampton Court rümpften ohne Ausnahme die Naſen über Klein Dorrit. V. 6 82 Dreiunddreißigſtes Kapitel. Merdle als einen Emporkömmling, aber ſie ließen die geho⸗ benen Naſenflügel wieder ſinken, indem ſie ſich auf ihr Ant⸗ litz warfen, um ſeinen Reichthum anzubeten— eine ſich ausgleichende Naſenbewegung, in welcher ſie große Aehn⸗ lichkeit mit den Herren von der Schatzkammer, dem Advoca⸗ tenſtande, dem Biſchofsſtuhle und allen Uebrigen hatten. Zu Mrs. Merdle begab ſich Mrs. Gowan, um ihr nach — Ertheilung vorbeſagter gnädiger Einwilligung einen Beſuch abzuſtatten, der eine Selbſt⸗Condolenzviſite war. Sie fuhr zu dem Zwecke nach der Stadt in einem Einſpänner von der Art, welche in dieſer Periode der engliſchen Geſchichte unehr⸗ erbietig Pillenſchachteln genannt wurden. Dieſelbe gehörte einem kleinen Pferdeverleiher, welcher ſelbſt den Kutſcher 1 machte und welcher ſie tage⸗ oder ſtundenweiſe auslieh. Die meiſten alten Damen in Hampton Court bedienten ſich ihrer, aber es war ein Punkt des Ceremonienweſens in dieſem Zigeunerlager, daß die ganze Equipage ſtillſchweigend als Privateigenthum des Abmiethers für die betreffende Zeit betrachtet werden, und das der Verleiher durchaus keine Be⸗ kanntſchaft mit irgend Jemand anders als dem Abmiether verrathen ſolle, welcher ſie gerade im Beſitz hatte. Gerade ſo thaten die Barnacles vom Umſchreibungsamte, welche die größten Pferdeverleiher des Univerſums waren, ſtets, als wüßten ſie von keinem andern Mietheontract, als dem, von welchem gerade die Rede war. Mrs. Merdle war zu Hauſe und ſaß in ihrem Neſte von Purpur und Gold, waͤhrend der Papagei auf einem nahe⸗ Mrs. Merdle's Uebel. 83 ſtehenden Stengel ſie mit auf die Seite gelegtem Kopfe be⸗ obachtete, als ob er ſie für einen andern prächtigen Papagei von einer größern Gattung hielte. Zu ihr trat Mrs. Gowan mit ihrem grünen Lieblingsfächer ein, welcher das Licht auf den rothen Flecken ihres allzublühenden Antlitzes milderte. „Meine theure Freundin“, ſagte Mrs. Gowan, indem ſie nach einem kurzen Geſpräch über gleichgültige Dinge ihre Freundin mit dieſem Fächer auf den Rücken ihrer Hand klopfte,„Sie ſind mein einziger Troſt. Jene Affaire mit Henry, von der ich Ihnen erzählte, ſoll wirklich ſtattfinden. Nun, wie berührt Sie dieſe Nachricht? Ich bin unendlich begierig, das zu wiſſen, weil Sie die gute Geſellſchaft ſo gut repräſentiren und ausprägen.“ Mrs. Merdle beſchaute den Buſen, den die gute Geſell⸗ ſchaft zu überſchauen gewohnt war und nachdem ſie ſich ver⸗ ſichert, daß dieſes Schaufenſter Mr. Merdle's und der lon⸗ doner Juweliere in guter Ordnung war, erwiderte ſie: „Was das Heirathen bei einem Manne betrifft, meine Liebe, ſo verlangt die gute Geſellſchaft, daß er durch eine Heirath ſeine Vermögensverhältniſſe verbeſſert. Die gute Geſellſchaft verlangt, daß er durch eine Heirath gewinnt. Die gute Geſellſchaft verlangt, daß er ſich durch eine Heirath eine angenehme Stellung verſchafft. Die gute Geſellſchaft ſieht ſonſt nicht ein, was er mit dem Heirathen zu thun hat. Vogel, ſei ſtill!“ Denn der Papagei, der in ſeinem Käfig über ihnen den Vorſitz bei der Conferenz führte, als ob er ein Richter wäre 6* 84 Dreiunddreißigſtes Kapitel. (und er ſah in der That ziemlich ſo aus) hatte die Ausein⸗ anderſetzung mit einem Gekreiſch geſchloſſen. „Es gibt Fälle“, ſagte Mrs. Merdle, indem ſie den klei⸗ nen Finger ihrer Lieblingshand ein wenig krümmte und ihre Bemerkung durch dieſe nette Bewegung netter machte,„es gibt Fälle, wo ein Mann nicht jung und nicht hübſch, aber reich iſt und bereits eine angenehme Stellung hat. Dieſe Fälle ſind etwas Anderes. In ſolchen Fällen—“ Mrs. Merdle zuckte mit ihren ſchneeigen Schultern und legte ihre Hand auf das Juwelenkiſſen, indem ſie ein Hüſteln unterdrückte, wie wenn ſie hinzufügen wollte„je nun, ein Mann ſieht ſich nach dergleichen Dingen um, meine Liebe.“ Dann kreiſchte der Vogel wieder und ſie ſchob ihr Augenglas vor, um nach ihm zu ſehen, und ſagte:„Vogel! So ſei doch ſtill!“ „Aber junge Leute“, fuhr Mrs. Merdle fort,„und Sie wiſſen, meine Theure, was ich unter jungen Leuten verſtehe — ich meine Söhne von irgend Jemand, welche die Welt vor ſich haben— die müſſen ſich vor der guten Geſellſchaft in eine beſſere Stellung bringen, wenn ſie heirathen, ſonſt wird die gute Geſellſchaft in der That keine Geduld damit ha⸗ ben, daß ſie ſich als Thoren aufführen. Klingt Alles furcht⸗ bar weltlich“, ſagte Mrs. Merdle, indem ſie ſich in ihr Neſt zurücklehnte und ihr Augenglas wieder vorſchob,„nicht wahr?“ Aber es iſt wahr“, ſagte Mrs. Gowan mit einer höchſt moraliſchen Miene. V G — —— 1) Y9 Die Gesellschaft drückt ihre Ansichten über das Veirathen aus. 1 — Mrs. Merdle's Uebel. 85 „Meine Theure, das iſt keinen Augenblick zu beſtreiten“, erwiderte Mrs. Merdle,„weil die gute Geſellſchaft ſich dar⸗ über klar geworden iſt, und da läßt ſich nichts weiter ſagen. Wenn wir in einem urſprünglicheren Zuſtande lebten, wenn wir unter Dächern mit Baumblättern gedeckt wohnten und Kühe und Schafe und anderes Vieh ſtatt Bankiersrechnun⸗ gen hielten,(welches köſtlich ſein würde; meine Liebe, ich bin nämlich von Natur ſehr zum Hirtenleben geneigt) gut und ganz recht dann. Aber wir wohnen nicht unter Baum⸗ blättern und halten keine Schafe, Kühe und anderes Vieh. Ich erſchöpfe mich bisweilen vollſtändig, indem ich dieſen Unterſchied Edmund Sparkler auseinanderſetze.“ Mrs. Gowan, die, als der Name dieſes jungen Herrn genannt wurde, einen Blick über ihren grünen Fächer that, erwiderte wie folgt: „Meine Theure, Sie kennen den unſeligen Zuſtand des Landes— jene unglücklichen Zugeſtändniſſe John Barna⸗ eles'!— und Sie kennen deshalb auch die Urſachen, aus denen ich ſo arm wie Dingsda bin“. „Wie eine Kirchenmaus?“ ſagte Mrs. Merdle mit einem Lächeln. „Ich dachte an die andere kirchliche Perſon des Sprich⸗ worts— an Hiob“, ſagte Mrs. Gowan.„Sie bezeichnen die Sache Beide ganz gut. Es würde deshalb vergeblich ſein, zu verhehlen, daß ein großer Unterſchied zwiſchen der Lage Ihres Sohnes und der des meinigen iſt. Ich darf wol auch hinzufügen, daß Henry Talent beſitzt—“ 86 Dreiunddreißigſtes Kapitel. „Was Edmund ſicherlich nicht hat“, ſagte Mrs. Merdle mit der größten Milde. „— und daß ſein Talent, verbunden mit Mißgeſchick“, fuhr Mrs. Merdle fort,„ihn zu einem Berufe geführt hat, welcher— ah, lieber Himmel! Sie wiſſen's ja, meine Theure. Da dieſes Henry's Lage iſt, ſo fragt ſich's, was die unterſte Klaſſe von Heirathen iſt, mit der ich mich einver⸗ ſtanden erklären kann.“ Mrs. Merdle war ſo ſehr in die Betrachtung ihrer Arme verſunken(wunderſchöne Arme und ganz geſchaffen für Arm⸗ bänder), daß ſie es eine Weile unterließ zu antworten. Er⸗ weckt endlich durch das Stillſchweigen, ſchlug ſie ihre Arme übereinander, ſah ihrer Freundin mit bewundernswerther Geiſtesgegenwart voll in's Geſicht und ſagte fragend: „Ja— a? Und dann?“ „Und dann, meine Theure“, ſagte Mrs. Gowan nicht ganz ſo ſanft wie zuvor,„ich würde mich freuen zu hören, was Sie dazu zu ſagen haben.“ Hier brach der Papagei, der, ſeit er das letzte Mal ge⸗ kreiſcht, auf Einem Beine geſtanden hatte, in ein lautes Ge⸗ lächter aus, wiegte ſich ſpöttiſch auf beiden Beinen auf und nieder und endigte damit, daß er wieder auf Einem Beine ſtand und mit möglichſt ſchiefgedrehtem Kopfe auf eine Ant⸗ wort wartete. „Es klingt geldgierig, wenn man fragt, was der Herr mit der Dame bekommen ſoll“, ſagte Mrs. Merdle,„aber Mrs. Merdle's Uebel. 87 Sie wiſſen, meine Liebe, die gute Geſellſchaft iſt vielleicht ein wenig geldgierig.“ „Nach dem, was ich habe erfahren können“, ſagte Mrs. Gowan,„glaube ich ſagen zu können, daß Henry ſeine Schulden loswerden wird—“ „Hat er viel Schulden?“ fragte Mrs. Merdle durch ihr Augenglas. „Je nun, ſo ziemlich, ſollte ich meinen“, ſagte Mrs. Gowan. „Das heißt, ſo wie gewöhnlich, glaube ich, ganz recht“, bemerkte Mrs. Merdle behaglich. „Und daß der Vater ihnen ein Jahrgehalt von dreihun⸗ dert Pfund oder vielleicht noch etwas mehr ausſetzen will, womit ſie in Italien—“ „Oh, nach Italien wollen ſie?“ ſagte Mrs. Merdle. „Daß Henry dort ſtudirt. Sie brauchen nicht lange zu rathen, weshalb. Dieſe entſetzliche Kunſt—“ „O wahr!“ Mrs. Merdle beeilte ſich, die Gefühle ihrer ſchwergeprüften Freundin zu ſchonen. Sie begriff.„Sagen Sie nichts weiter!“ „Und das“, ſagte Mrs. Gowan, indem ſie verzweifelt den Kopf ſchüttelte,„das iſt Alles. Das“, wiederholte Mrs. Gowan, indem ſie ihren Fächer zuſammenklappte und ſich damit auf das Kinn tippte(es war auf dem Wege, ein Doppelkinn zu werden und konnte gegenwärtig als andert⸗ halb Kinn gelten)„das iſt Alles! Beim Tode der alten Leute wird es vermuthlich noch Etwas geben, aber wie man 88 Dreiunddreißigſtes Kapitel. es feſthalten und einſchließen könnte, weiß ich nicht. Und was das betrifft, ſo können ſie ewig leben. Meine Liebe, ſie ſind gerade die Sorte Leute dazu.“ Nun dachte Mrs. Merdle, welche ihre Freundin, die gute Geſellſchaft, wirklich ziemlich gut kannte, und welche wußte, was die Mütter der guten Geſellſchaft ſind, und was die Töchter der guten Geſellſchaft ſind, und was der Markt der guten Geſellſchaft iſt, und wie die Preiſe ſich dort geſtal⸗ 4 teten und was für Pläne und Gegenpläne ſich in Betreff der 5 Käufer abſpannen und was für ein Feilſchen und Schachern da ſtattfand, in den Tiefen ihres geräumigen Buſens, daß dies ein hinreichend guter Fang ſei. Sich bewußt indeſſen, was von ihr erwartet wurde und klar über die eigentliche 1. Natur der Fiction, die gehätſchelt werden ſollte, nahm ſie dieſelbe mit zartem Gefühl in ihre Arme und legte den erfor⸗ derlichen Tribut von Verſtellung darauf. „Und das iſt Alles, meine Theure?“ ſagte ſie mit einem freundſchaftlichen Seufzer.„Hm, hm! Ihre Schuld iſt es nicht. Sie brauchen ſich keine Vorwürfe darüber zu machen. Sie müſſen die Seelenſtärke, die man Ihnen nachrühmt, anwenden und ſich ſo gut drein ſchicken, als es geht.“ „Die Familie des Mädchens hat natürlich“, ſagte Mrs. Gowan,„die beharrlichſten Anſtrengungen gemacht, Henry — wie die Advocaten ſagen— niet- und nagelfeſt zu machen.“ „Natürlich, meine Theure“, ſagte Mrs. Merdle. „Ich habe alle möglichen Einſprüche dagegen erhoben und .. ——. §. Mrs. Merdle's Uebel. 89 habe mir Tag und Nacht den Kopf zerbrochen, Henry von der Verbindung loszumachen.“ „Ohne Zweifel, meine Theure“, ſagte Mrs. Merdle. „Und Alles umſonſt. Alles iſt mir fehlgeſchlagen. Nun ſagen Sie mal, meine Liebe: that ich recht, wenn ich zuletzt nach einem bis auf's Aeußerſte fortgeſetzten Zögern meine Einwilligung dazu ertheilte, daß Henry unter Leute heira⸗ thet, die nicht zur guten Geſellſchaft gehören, oder habe ich mit einer unverzeihlichen Schwäche gehandelt?“ In ihrer Antwort auf die directe Anfrage verſicherte Mrs. Merdle(indem ſie als Prieſterin der guten Geſellſchaft ſprach) daß ſie im hohen Grade zu loben, daß man ihr die tiefſte Theilnahme ſchuldig, daß ſie die ſchwerſte Rolle ge⸗ ſpielt habe und aus dem Ofen geläutert hervorgegangen ſei. Und Mrs. Gowan, die natürlich vollkommen gut durch ihren eignen fadenſcheinigen Vorhang ſah, und welche wußte, daß Mrs. Merdle vollkommen gut hindurchſah, und welche ferner wußte, daß die ganze gute Geſellſchaft voll⸗ kommen gut hindurchſah, kam aus dieſer Form demunge⸗ achtet, wie ſie hineingegangen, mit unermeßlicher Anmuth und Würde. Die Conferenz wurde gegen vier oder fünf Uhr des Nach⸗ mittags gehalten, als die ganze Gegend von Harleyſtreet, Cavendishſquare von Wagengeraſſel und Klopfen an die Hausthüren wiederhallte. Sie hatte dieſen Punkt erreicht, als Mr. Merdle von ſeiner täglichen Beſchäftigung, zu be⸗ wirken, daß der britiſche Name in allen den Theilen der 90 Dreiunddreißigſtes Kapitel. civiliſirten Welt, welche weltumfaſſenden kaufmänniſchen Unternehmungsgeiſt und gigantiſche Verbindungen von Ge⸗ ſchick und Kapital zu würdigen fähig ſind, täglich mehr und mehr geachtet werde, nach Hauſe kam. Denn obſchon Nie⸗ mand im Mindeſten etwas Genaues wußte, was Mr. Merd⸗ le's Geſchäft war(ausgenommen, daß es im Geldmachen beſtand) ſo waren doch dies die Ausdrücke, in denen es Je⸗ dermann bei ceremoniellen Gelegenheiten umſchrieb und welche nach der neueſten höflichen Lesart der Parabel vom Kameel und dem Nadelöhr ohne Fragen hingenommen wer⸗ den mußten. Für einen Herrn, dem ein ſo glanzvolles Thun beſchie⸗ den war, ſah Mr. Merdle ein wenig gemein und ſo ziemlich ſo aus, als ob er im Laufe ſeiner gewaltigen Geſchäfte zu⸗ fällig ſeinen Kopf mit einem geringern Geiſte ausgetauſcht hätte. Er erſchien vor den beiden Damen im Verlaufe eines trübſeligen Streifzugs durch ſein Haus, welcher keinen an⸗ dern Zweck zu haben ſchien, als den, der Gegenwart des Haushofmeiſters zu entfliehen. „Bitte um Entſchuldigung“, ſagte er, in Verwirrung plötzlich ſtehen bleibend,„ich wußte nicht, daß hier außer dem Papagei Jemand wäre.“ Da indeß Mrs. Merdle ſagte,„Sie können hereinkom⸗ men“, und da Mrs. Gowan ſagte, ſie wäre eben im Begriff zu gehen und ſich bereits erhoben hatte, um ſich zu verabſchie⸗ den, ſo kam er herein und ſtellte ſich an ein entferntes Fen⸗ ſter, indem er unter ſeinen unbequemen Rockaufſchlägen die — ͤO Mrs. Merdle's Uebel. 91 Hände kreuzte und ſeine Handgelenke umklammerte, als ob er ſich ſelbſt in Feſſeln ſchlagen wollte. In dieſer Stellung fiel er ſofort in träumeriſches Brüten, aus dem er erſt durch den Ruf ſeiner Frau von ihrer Ottomane erweckt wurde, als ſie etwa eine Viertelſtunde allein geweſen waren. „He? Ja?“ ſagte Mr. Merdle, ſich nach ihr hinwendend. „Was iſt?“ „Was es iſt?“ wiederholte Mrs. Merdle.„Ich vermuthe, das iſt's, daß Sie nicht ein Wort von meinem Uebel gehört haben.“ „Ihr Uebel, Mrs. Merdle?“ fragte Mr. Merdle.„Ich wußte nicht, daß Sie an einem Uebel litten. Was für ein Uebel?“ „Sie ſind mein Uebel“, ſagte Mrs. Merdle. „Oh! Ueber mich klagen Sie“, ſagte Mr. Merdle. „Was iſt das— was habe ich— über was mögen Sie ſich in Betreff meiner zu beklagen haben, Mrs. Merdle?“ Bei ſeiner ängſtlichen, zerſtreuten, träumeriſchen Weiſe koſtete es ihm einige Zeit, dieſe Frage zu bilden. Als eine Art ſchwachen Verſuchs, ſich zu überzeugen, daß er Herr im Hauſe ſei, ſchloß er damit, daß er dem Papagei ſeinen Zei⸗ gefinger hinhielt, welcher ſeine Meinung über dieſen Gegen⸗ ſtand dadurch ausdrückte, daß er augenblicklich mit dem Schnabel hineinhackte. „Sie ſagten, Mrs. Merdle“, ſagte Mr. Merdle, ſeinen verwundeten Finger im Munde,„daß Sie ſich über mich zu beklagen hätten?“ 92 Dreiunddreißigſtes Kapitel. „Eine Klage, deren Gerechtigkeit ich kaum ſtärker her⸗ vorheben könnte, als dadurch, daß ich ſie zu wiederholen habe“, ſagte Mrs. Merdle.„Ich hätte ſie eben ſo gut an die Wand richten können. Ich würde viel beſſer gethan ha⸗ ben, ſie an den Vogel zu richten. Er würde wenigſtens ge⸗ kreiſcht haben.“ „Und Sie wollen nicht, daß ich kreiſche, Mrs. Merdle“, ſagte Mr. Merdle, indem er einen Stuhl nahm. „In der That, ich weiß nicht“, entgegnete Mrs. Merdle, „ob es nicht beſſer wäre, Sie thäten dies, als daß Sie ſauer⸗ töpfiſch und zerſtreut ſind. Man würde dann wenigſtens wiſſen, daß Sie merkten, was um Sie herum vorgeht.“ „Es könnte Eines aufkreiſchen und doch das nicht ſein, Mrs. Merdle“, ſagte Mr. Merdle ſchwer ſeufzend. „Ja, und ein Murrkopf ſein, wie Sie jetzt, ohne zu kreiſchen“, erwiderte Mrs. Merdle.„Das iſt ſehr wahr. Wenn Sie die Klage wiſſen wollen, die ich gegen Sie habe, ſo iſt ſie kurz und bündig die, daß Sie eigentlich nicht in Geſellſchaft gehen ſollten, wenn Sie ſich nicht der Geſellſchaft anbequemen können.“ Mr. Merdle fuhr ſich mit den Händen ſo gewaltſam in die Haare, die er noch auf dem Kopfe hatte, daß er ſich, als er aus ſeinem Stuhle emporfuhr, ſelbſt daran in die Höhe zu zerren ſchien, und ſchrie: „Ei bei allen Mächten der Hölle, Mrs. Merdle, wer thut denn mehr für die gute Geſellſchaft als ich? Sehen Sie dieſes Hausweſen, Mrs. Merdle? Sehen Sie dieſe Möbel, — — Mrs. Merdle's Uebel. 93 Mrs. Merdle? Sehen Sie mal in den Spiegel und ſehen Sie ſich ſelbſt an, Mrs. Merdle. Wiſſen Sie, was das Alles koſtet und für wen es angeſchafft worden iſt? Und doch ſagen Sie mir, daß ich nicht in gute Geſellſchaft gehen ſollte? Ich, der ich in dieſer Weiſe Gold auf ſie regnen laſſe? Ich, von dem man faſt ſagen könnte— ich— ich— ich ſpannte mich vor einen Waſſerkarren voll Geld und ginge jeden Tag meines Lebens herum, die gute Geſellſchaft damit zu begießen!“ „Bitte, ſein Sie nicht heftig, Mr. Merdle“, ſagte Mrs. Merdle. „Heftig?“ ſagte Mr. Merdle.„Sie könnten einen zur Verzweiflung bringen. Sie wiſſen nicht die Hälfte von dem, was ich thue, um der guten Geſellſchaft gefällig zu ſein. Sie wiſſen nicht das Mindeſte von den Opfern, die ich ihr bringe.“ „Ich weiß“, erwiderte Mrs. Merdle, daß Sie die Beſten im Lande bei ſich empfangen. Ich weiß, daß Sie ſich in der guten Geſellſchaft des Landes bewegen. Und ich glaube ich weiß(in der That, ich ſage das nicht, um irgendwelche lächerliche Anſprüche in Betreff deſſen zu machen, ich weiß, ich weiß) wer Ihnen dabei eine Stütze iſt, Mr. Merdle.“ „Mrs. Merdle“, entgegnete heftig dieſer Herr, indem er ſich ſein mürriſches rothes und gelbes Geſicht abwiſchte.„Ich weiß das ſo gut wie Sie. Wären Sie nicht eine Zierde der guten Geſellſchaft und wäre ich nicht ein Wohlthäter der guten Geſellſchaft, ſo würden wir Beide nie zuſammenge⸗ 94 Dreiunddreißigſtes Kapitel. kommen ſein. Wenn ich ſage, ein Wohlthäter derſelben, ſo meine ich einen Mann, der ihr allerhand koſtſpielige Dinge zu eſſen, zu trinken und anzuſchauen gibt. Aber mir zu ſagen, daß ich nicht für ſie tauge nach Allem was ich für ſie gethan habe— nach Allem, was ich für ſie gethan habe“, wieder⸗ holte Mr. Merdle mit einer ſo grimmigen Betonung, daß ſeine Frau ihre Augenlider emporſchlug,„nach Allem, Alle⸗ dem!— mir zu ſagen, ich habe nach Alledem kein Recht, mit ihr umzugehen, iſt ein allerliebſter Dank.“ „Ich ſage“, antwortete Mrs. Merdle gefaßt,„daß Sie ſich dadurch, daß Sie mehr degagirt und weniger mit Ihren Gedanken beſchäftigt ſind, paſſend für dieſelbe machen ſollen. Es liegt eine entſchiedene Gemeinheit darin, wenn man ſeine geſchäftlichen Angelegenheiten ſo mit ſich herumträgt wie Sie.“ „Wie trage ich ſie denn mit mir herum, Mrs. Merdle?“ fragte Mr. Merdle. „Wie Sie ſie mit ſich herumtragen?“ ſagte Mrs. Merdle. „Sehen Sie ſich doch mal im Spiegel an.“ Mr. Merdle wendete ſeine Augen unwillkürlich nach dem nächſten Spiegel und fragte, indem ihm ſein aufgeregtes Blut langſam nach den Schläfen ſtieg, ob man von Jemand Rechenſchaft über ſeine Verdauung fordern könnte. „Sie haben einen Arzt“, ſagte Mrs. Merdle. „Er nutzt mir nichts“, ſagte Mr. Merdle. Mrs. Merdle nahm einen andern Standpunkt ein. . „Ueberdies iſt Ihre Verdauung Unſinn“, ſagte ſie.„Ich —.— Mrs. Merdle's Uebel. 95 rede nicht von Ihrer Verdauung. Ich rede von Ihren Ma⸗ nieren.“ „Mrs. Merdle“, erwiderte ihr Gatte.„Darin blicke ich auf Sie. Sie beſorgen Manieren, ich beſorge Geld.“ „Ich erwarte nicht von Ihnen“, ſagte Mrs. Merdle, ſich behaglich in ihre Kiſſen lehnend,„daß Sie die Leute ent⸗ zücken ſollen. Ich muthe Ihnen nicht zu, daß Sie ſich irgend⸗ wie Mühe geben ſollen, bezaubernd zu ſein. Ich verlange ein⸗ fach, daß Sie ohne Sorgen ſind— oder ohne Sorgen zu ſein ſcheinen— wie alle Andern thun.“ „Habe ich jemals geſagt, daß ich über irgend Etwas Sorge habe?“ fragte Mr. Merdle. „Geſagt? Nein! Es würde kein Menſch zu Ihnen kom⸗ men, wenn Sie es thäten. Aber Sie zeigen es.“ „Was zeigen? Was zeige ich?“ fragte Mr. Merdle haſtig. „Ich habe es Ihnen ſchon geſagt. Sie zeigen, daß Sie die Sorgen und Pläne Ihres Geſchäfts mit ſich herumtra⸗ gen, ſtatt ſie in der City oder wo ſie ſonſt hingehören, zu laſſen“, ſagte Mrs. Merdle.„Oder doch ſo ſcheinen. So ſcheinen würde völlig genug ſein, ich verlange nicht mehr. Statt deſſen könnten Sie, wenn Sie ein Zimmermann wären, nicht mehr mit Ihren Calculationen und Combina⸗ tionen beſchäftigt ſein, als Sie gewöhnlich ſich zeigen.“ „Ein Zimmermann!“ wiederholte Mr. Merdle, indem er Etwas wie einen Seufzer unterdrückte.„Ich würde nicht ſo 96 Dreiunddreißigſtes Kapitel. Viel dagegen einzuwenden haben, ein Zimmermann zu ſein, Mrs. Merdle.“ „Und das Uebel, worüber ich mich beklage, iſt“, fuhr die Dame fort, indem ſie die gemeine Bemerkung keiner Beach⸗ tung würdigte,„daß dies nicht der Ton der guten Geſell⸗ ſchaft iſt, und daß Sie ſich darin beſſern ſollten, Mr. Merdle. Wenn Sie irgend zweifeln an meinem Urtheile, ſo fragen Sie nur einmal Edmund Sparkler.“ Die Thür des Zimmers hatte ſich geöffnet und Mrs. Merdle betrachtete jetzt den Kopf ihres Sohnes durch ihr Glas.„Edmund, wir brauchen Dich hier.“ Mr. Sparkler, der lediglich ſeinen Kopf hereingeſteckt und ſich im Zimmer umgeſehen hatte, ohne einzutreten(als ob er das Haus nach jener jungen Dame durchſuchte, die keinen Unſinn an ſich hatte) folgte auf dieſe Aufforderung ſeinem Kopfe mit ſeinem Körper und trat vor ſie hin. Ihm ſetzte in einigen wenigen Worten, die ſeiner Faſſungskraft ſich anbequemten, Mrs. Merdle die Frage auseinander, um die es ſich handelte. Der junge Herr bemerkte, nachdem er ängſtlich an ſei⸗ nen Halskragen gefühlt, als ob er ſein Puls wäre und er an Hypochondrie litte,„daß er gehört hätte, wie Leute davon geſprochen.“ „Edmund Sparkler hat gehört, wie man davon geſpro⸗ chen hat“, ſagte Mrs. Merdle mit ſchlaff ausgedrücktem Triumph.„Ei ohne Zweifel hat alle Welt davon ſprechen hören!“ Dies war wirklich kein unverſtändiger Schluß; Mrs. Merdle'’s Uebel. 97 denn Mr. Sparkler würde wahrſcheinlich in jeder Verſamm⸗ lung des menſchlichen Geſchlechts der Letzte geweſen ſein, der von Irgendetwas in ſeiner Gegenwart Vorgehendem einen Eindruck empfangen hätte. „Und Edmund Sparkler wird Ihnen, glaube ich, ſagen“, fuhr Mrs. Merdle fort, indem ſie ihre Lieblingshand nach ihrem Gatten ſchwang,„was er davon ſprechen gehört hat.“ „Ich könnte“, ſagte Mr. Sparkler, nachdem er ſich wie vorher an den Puls gefühlt,„könnte mir nicht getrauen, zu ſagen, was dazu führte— denn mein Gedächtniß iſt ver⸗ zweifelt locker. Aber wie ich in Geſellſchaft des Bruders eines verteixelt hübſchen Mädels war— gut erzogen über⸗ dies— gar kein ſolcher verdammter Unſinn an ihr— in der Zeit, von der die Rede iſt—“ „Schon gut! Laß nur die Schweſter ſein“, bemerkte Mrs. Merdle ein wenig ungeduldig.„Was ſagte der Bruder?“ „Sagte nicht ein Wort“, antwortete Mr. Sparkler. „Gerade ſo'n ſtiller Kerl wie ich. Auch nicht Viel aus ihm heraus zu kriegen.“ „Irgendjemand ſagte Irgendetwas“, erwiderte Mrs. Merdle.„Einerlei, wer es par.“ „Verſichere Dir, iſt mir auch ganz einerlei“, ſagte Mr. Sparkler. „Aber ſage uns, was es war.“ Mr. Sparkler griff wieder nach ſeinem Pulſe und quälte ſich lange ab mit Nachdenken, ehe er antwortete: Klein Dorrit. V. 7 98 Dreiunddreißigſtes Kapitel. Mrs. Merdle's Uebel. „Kamen da welche auf meinen Alten zu ſprechen— der Ausdruck nicht von mir— becomplimentirten gelegentlich mich wegen meines Alten, machten's ſehr hübſch, wäre un⸗ menſchlich reich und pfiffig— wahrhaftes Phänomen eines Kaufmanns und Bankiers und ſo weiter— ſagten aber, der Boden ſitze ihm ſchwer auf dem Halſe. Sagten, er ſchleppe den Laden mit ſich herum auf dem Rücken wie ein Trödeljude, der zuviel Geſchäfte macht.“ „Das iſt“, ſagte Mrs. Merdle, indem ſie ſich umfloſſen von ihrer Kleiderdraperie erhob,„ganz genau das Uebel, worüber ich mich beklage. Edmund, gib mir Deinen Arm und führe mich hinauf.“ Mr. Merdle, allein gelaſſen, um nachzudenken, wie er ſich der guten Geſellſchaft beſſer anbequemen könne, ſah hintereinander aus neun Fenſtern und ſchien neun leere Räume zu ſehen. Als er ſich auf dieſe Weiſe unterhalten hatte, ging er hinunter und ſah ſich aufmerkſam alle Teppiche des Erdgeſchoſſes an. Dann kam er wieder herauf und ſah ſich aufmerkſam alle Teppiche des erſten Stockwerks an, wie wenn ſie düſtre Abgründe im Einklang mit ſeiner gedrückten Seele wären. Durch alle Zimmer wanderte er, wie er ſtets that, als ob er die letzte Perſon auf dem Erdboden wäre, welche irgend ein Recht hätte, ſich ihnen zu nähern. Mochte Mrs. Merdle mit all ihrer Macht erklären, daß ſie ſo und ſo viele Nächte in einer Saiſon ſich zu Hauſe befände, ſie konnte es nicht ausführlicher und deutlicher erklären, als Mr. Merdle erklärte, daß er nie ſich zu Hauſe fühlte. Vierunddreißigſtes Kapitel. Eine ganze Sandbank voll Barnacles. 99 Zuletzt begegnete er dem Haushofmeiſter. Der Anblick dieſes prachtvollen Hausgenoſſen gab ihm ſtets den Reſt. Ganz vernichtet durch dieſes großartige Geſchöpf, ſchlich er ſich nach ſeinem Ankleidezimmer und blieb dort eingeſchloſſen, bis er mit Mrs. Merdle in ihrem eignen hübſchen Wagen zu Tiſch ausfuhr. Bei Tafel wurde er als ein mächtiges We⸗ ſen beneidet und mit Schmeicheleien überhäuft, wurde vom Schatzamte, vom Advocatenſtande, vom Biſchofsſtuhle nach Herzensluſt geehrt, und kam eine Stunde nach Mitternacht allein nach Hauſe, wo er, auf der Stelle wieder in ſeinem eignen Vorhauſe wie eine Binſenfackel von dem Haushof⸗ meiſter ausgelöſcht, ſeufzend zu Bette ging. Bierunddreissigstes Kapitel. Eine ganze Sandbank voll Barnacles. Mr. Henry Gowan und der Hund waren das tägliche Brot in dem Landhauſe und der Tag der Hochzeit wurde feſt⸗ geſetzt. Es ſollte bei der Gelegenheit eine Verſammlung der Barnacles ſtattfinden, damit dieſe ſehr vornehme und ſehr zahlreiche Familie ſo viel Glanz auf die Heirath werfe, als ein ſo ſchwachleuchtendes Ereigniß aufzunehmen fähig war. Die ganze Familie Barnacles zuſammen zu kriegen würde 7* 100 Vierunddreißigſtes Kapitel. aus zwei Gründen unmöglich geweſen ſein. Erſtens nänlich, weil kein Gebäude alle die Glieder und Seitenverwandten dieſes erlauchten Hauſes hätte faſſen können. Zweitens, weil, wo auch nur eine Quadratelle Grund und Boden un⸗ ter Sonne und Mond in britiſchen Händen war und ein öffentlicher Poſten ſich darauf befand, ſicherlich ein Barnacle auf dieſem Poſten ſaß. Kein unerſchrockner Seefahrer konnte auf irgend einen Fleck der Erde einen Flaggenſtock pflanzen und von ihm im Namen Britanniens Beſitz ergreifen, ſo ſchickte nach dieſem Fleck Erde, ſobald die Entdeckung be⸗ kannt wurde, das Umſchreibungsamt einen Barnacle und eine Depeſchenmappe. So waren die Barnacles über die ganze Welt nach allen Richtungen hin zerſtreut— ſtanden am Compaß und ſchrieben Depeſchen. Aber während die ſo mächtige Kunſt Prosperos ſelbſt nicht im Stande geweſen wäre, die Barnacles von jedem Tüpfelchen Meeres und trocknen Landes zuſammenzurufen, auf welchem nichts(als Böcke zu ſchießen) zu thun und viel einzuſäckeln war, war es vollkommen möglich, eine gute Menge Barnacles zuſammenzubringen. Dieſe Aufgabe über⸗ nahm Mrs. Gowan, und ſie erſchien häufig bei Mr. Meag⸗ les mit neuen Beiträgen zu der Namenliſte und hielt Be⸗ ſprechungen mit dieſem Herrn, wenn er nicht gerade(wie gewöhnlich in dieſer Periode) damit beſchäftigt war, in dem Gemache mit den Wagſchalen und der Geldſchaufel Schulden ſeines zukünftigen Schwiegerſohns zu prüfen und zu be⸗ zahlen. Eine ganze Sandbank voll Barnacles. 101 Es gab einen Hochzeitsgaſt, in Bezug auf deſſen Gegen⸗ wart Mr. Meagles ein nähers Intereſſe empfand, als in dem Erſcheinen des hochſtehendſten Barnacle, obſchon er weit davon entfernt war, ſich der Ehre, ſolche Geſellſchaft zu haben, nicht bewußt zu ſein. Dieſer Gaſt war Clennam. Aber Clennam hatte unter den Bäumen in jener Sommernacht ein Verſprechen gegeben, welches er heilig hielt, und in der Ritterlichkeit ſeines Herzens betrachtete er es als bindend in Bezug auf mancherlei Verpflichtungen, die darin lagen. In⸗ Vergeſſenheit ſeiner ſelbſt und an dem Wunſche, ihr bei jeder Gelegenheit zarte Dienſte zu leiſten, wollte er es nie mangeln laſſen, und um damit zu beginnen, antwortete er freudig Mr. Meagles:„Natürlich werde ich kommen.“ Sein Geſchäftstheilhaber, Daniel Doyce, war Etwas wie ein Stein des Anſtoßes in Mr. Meagles Weg, da dieſer würdige Herr ſich in ſeinem ängſtlichen Gemüthe durchaus nicht klar darüber war, ob nicht das Zuſammentreffen Da⸗ niels mit offiziellem Barnaclethum ſelbſt bei einem Hochzeits⸗ frühſtück eine explodirende Miſchung geben würde. Der Landesverräther nahm ihm indeß dieſe Laſt vom Herzen, indem er nach Twickenham herunterkam und ihm vorſtellte, wie er mit der Freimüthigkeit eines alten Freundes ſich die Gunſt ausbitten müßte, nicht eingeladen zu werden.„Denn“, ſagte er,„da meine Abſicht mit dieſen Herrſchaften die war, eine Pflicht gegen das Vaterland zu erfüllen und dem Vater⸗ lande einen Dienſt zu leiſten, und da es ihre Abſicht war, das zu verhindern, indem ſie mir die Seele aus dem Leibe 10² Vierunddreißigſtes Kapitel. ärgerten, ſo denke ich, wir thäten beſſer, nicht mit einander zu eſſen und zu trinken und den Schein hervorzurufen, als ob wir Eines Sinnes wären.“ Mr. Meagles war ſehr ver⸗ gnügt über die Wunderlichkeit ſeines Freundes und machte ihm eine leutſeligere Gönnermiene, als gewöhnlich, als er erwiderte:„Schon gut, ſchon gut, Dan, Du ſollſt Deinen eignen verzwickten Weg gehen.“ Mr. Henry Gowan verſuchte Clennam, als die Zeit her⸗ annahte, mit allen ſtillen und aufrichtig gemeinten Mitteln zu überzeugen, daß er aufrichtig und ohne eignes Intereſſe ihm jeden Freundſchaftsdienſt zu erweiſen wünſche, den er annehmen wolle. Mr. Gowan behandelte ihn zum Dank da⸗ für mit ſeiner gewöhnlichen Leichtfertigkeit und mit ſeinem gewöhnlichen Schein von Vertrauen, welcher keineswegs Vertrauen war. „Sie ſehen, Clennam“, bemerkte er im Verlaufe des Ge⸗ ſprächs eines Tages, als ſie etwa eine Woche vor der Trau⸗ ung in der Nähe des Landhauſes ſpazieren gingen.„Ich bin ein Mann mit getäuſchten Hoffnungen. Das wiſſen Sie bereits.“ „Auf mein Wort“, verſetzte Clennam, ein wenig betrof⸗ fen,„ich begreife kaum, wie.“ „Warum“, erwiderte Gowan.„Ich gehöre zu einer Bande, oder einer Clique, oder einer Familie oder einer Zunft und wie Sie's zu nennen belieben, die für mich auf einem von fünfzig verſchiedenen Wegen hätte ſorgen können, und die ſich's in den Kopf ſetzte, es gar nicht zu thun. So Eine ganze Sandbank voll Barnacles. 103 ſtehe ich denn hier, als ein armer Teufel von einem Künſtler.“ Clennam begann eben:„Aber andrerſeits“— als Go⸗ wan ihn unterbrach. „Ja, ja, ich weiß. Ich habe das Glück, von einem ſchö⸗ nen und liebenswürdigen Mädchen geliebt zu ſein, die ich von ganzem Herzen liebe.“ („Haſt Du denn viel von einem Herzen?“ dachte Clen⸗ nam. Und als er es dachte, ſchämte er ſich darüber.) „Und einen Schwiegervater zu haben, der ein prächtiger Kerl und ein freigebiger guter alter Knabe iſt. Dennoch wurden mir andere Ausſichten in meinen kindiſchen Kopf hineingewaſchen und gekämmt, als ich noch von andern Leu⸗ ten gewaſchen und gekämmt wurde, und ich brachte ſie in die öffentliche Schule mit, als ich es ſelbſt wuſch und kämmte, und ich bin nun hier ohne ſie, und ſo bin ich ein Mann mit getäuſchten Hoffnungen.“ Clennam dachte(und als er es dachte, ſchämte er ſich abermals)„war etwa dieſer Gedanke, im Leben getäuſcht worden zu ſein, eine Hervorhebung ſeiner Stellung in der Geſellſchaft, welche der Bräutigam der Familie als ſein Ei⸗ genthum zubrachte, nachdem er ſie bereits in verderblicher Weiſe in ſeinen Beruf hineingetragen? Und war es Etwas, was Hoffnungen erweckte und Gutes für die Zukunft ver⸗ ſprach’“ „Doch nicht bitter getäuſcht“, ſagte er laut. „Zum Henker auch, nein, nicht bitter“, lachte Gowan. &* 104 „Meine Leute ſind das nicht werth— obſchon ſie allerliebſte Kerlchen ſind und ich die größte Liebe zu ihnen habe. Außer⸗ dem iſt es angenehm, ihnen zu zeigen, daß ich ohne ſie ver⸗ komme und daß ſie ſich alleſammt zum Teufel ſcheeren kön⸗ nen. Und ſodann ſind die meiſten Menſchen getäuſcht im Leben, ſo oder ſo, und leiden unter dem Einfluß ihrer Ent⸗ täuſchung. Aber es iſt eine liebe alte Welt und ich liebe ſie!“ „Sie liegt jetzt heiter vor Ihnen“, ſagte Arthur. „So heiter wie dieſer ſommerliche Strom“, rief der An⸗ dere mit Begeiſterung,„und beim Jupiter, ich glühe von Bewunderung derſelben und von Eifer, in ihr einen Wett⸗ lauf zu machen. Es iſt die beſte aller Welten! Und mein Beruf! Der beſte aller Berufe, nicht wahr?“ „Ich denke voll Intereſſe und Ehre“, ſagte Clennam. „Und Betrug“, ſetzte Gowan lachend hinzu.„Wir wol⸗ len den Betrug nicht vergeſſen. Ich hoffe, daß ich nicht dar⸗ auf verfallen werde, aber ſehen Sie, daß ich ein Mann mit getäuſchten Hoffnungen bin, kann ich vielleicht kundgeben. Ich werde vielleicht nicht im Stande ſein, dem ernſt genug entgegen zu treten. Unter uns geſagt, ich denke, es iſt einige Gefahr vorhanden, daß ich noch nicht genug durchſäuert bin, um nicht im Stande zu ſein, das zu thun.“ „Was zu thun?“ fragte Clennam. „Es ebenſo zu machen. Mir meinerſeits zu helfen, wie der Mann vor mir ſeinerſeits ſich hilft, und den Leuten blauen Dunſt vorzumach Den Schein aufrecht zu erhal⸗ ten, als ob ich arbeite und ſtudire und Geduld habe und Vierunddreißigſtes Kapitel. Eine ganze Sandbank voll Barnaecles. 105 meiner Kunſt ergeben ſei und manchen einſamen Tag ihr widme und manche Freuden dafür hingäbe und in ihr lebte und webte und dergleichen mehr— kurz nach der Regel, den blauen Dunſt vorzumachen.“ „Aber es ſchickt ſich für einen Mann, Achtung vor ſei⸗ nem Beruf zu haben, was er auch ſei, und ſich für verpflich⸗ tet zu haltet, ihn zu vertheidigen und die Achtung vor ihm zu beanſpruchen, welche er verdient. Iſt es nicht ſo?“ ſagte Arthur.„Und Ihr Beruf, Gowan, kann wirklich dieſes Be⸗ ſtreben und dieſen Dienſt beanſpruchen. Ich geſtehe, ich hätte gemeint, daß dies mit jeder Kunſt der Fall ſei.“ „Was für ein guter Junge Sie ſind, Clennam!“ rief Jener aus, indem er ſtehen blieb, um ihn anzublicken, wie wenn unwiderſtehliche Bewunderung ihn dazu draͤngte. „Was für ein prächtiger Menſch! Sie ſind nie getäuſcht worden. Das iſt leicht zu ſehen.“ Es würde, wenn er es wirklich ſo gemeint hätte, ſo grauſam geweſen ſein, daß Clennam den feſten Entſchluß faßte, zu glauben, daß er es wirklich nicht ſo gemeint. Go⸗ wan legte ihm ohne innezuhalten die Hand auf die Söhulter und fuhr lachend und leichtfertig fort: „Clennam, ich habe keine Luſt, Ihre großherzigen An⸗ ſchauungen zu zerſtören und ich würde alles Geld dafür geben (wenn ich deſſen überhaupt hätte), könnte ich in ſolch einem roſenfarbigen Nebel leben. Aber was ich in meinem Geſchäft thue, iſt Verkaufen. Was wir alle miteinander thun, iſt Ver⸗ kaufen. Wenn wir es nicht zum höchſten Preiſe zu verkaufen 106 Vierunddreißigſtes Kapitel. wünſchten, ſo würden wir es nicht thun. Iſt es Arbeit, ſo muß ſie gethan werden; aber es iſt leicht genug zu thun. Alles Uebrige iſt Hokuspokus. Na da haben Sie eine vor⸗ theilhafte oder unvortheilhafte Gelegenheit, einen Mann mit getäuſchten Hoffnungen kennen zu lernen. Sie hören die Wahrheit.“ Was er auch gehört und gleichviel, ob es dieſen Namen oder einen andern verdiente, es ſank in Clennams Herz. Es faßte dort ſo ſehr Wurzel, daß er zu fürchten begann, Henry Gowan werde ihm ſtets Sorge verurſachen und daß er inſofern wenig oder nichts gewonnen mit der Verbannung jenes Niemand und aller ſeiner Widerſprüche und Beäng⸗ ſtigungen. Er fand, daß es noch immer in ſeiner Bruſt kämpfte zwiſchen ſeinem Verſprechen, vor dem Gemüthe Mr. Meagles ein gutes Bild von Gowan zu erhalten, und der ſich ihm aufdrängenden Beobachtung, daß in dem Bilde Gowans ſich keine guten Züge entdecken ließen. Auch konnte er ſeiner gewiſſenhaften Natur nicht völlig beipflichten gegen Ahnungen, daß er ihn verzerrt und in falſchen Farben auf⸗ faſſe, indem er ſich erinnerte, daß er nie dieſe Entdeckungen ſuchte, und daß er ſie bereitwillig und zu großer Erleichte⸗ rung vermieden haben würde. Denn er konnte nie vergeſſen, was geweſen war, u und er wußte, daß er einſt Gowan aus keinem beſſern Grunde gram geweſen, als weil er ihm in den Weg gekommen war. Gepeinigt von dicſeeunden begann er jetzt zu wün⸗ ſchen, die Hochzeit wäre vorüber, Gowan und ſeine junge mächtig waren in ihr, ſchickte ſie gewöhnlich geheime Bot⸗ Eine ganze Sandbank voll Barnacles. 107 Frau fort und er allein gelaſſen, ſein Verſprechen zu erfüllen und der Aufgabe nachzukommen, die er großmüthig über⸗ nommen hatte. Dieſe letzte Woche war in Wahrheit eine unbehagliche Zeit für das ganze Haus. Vor Pet oder vor Gowan ſtrahlte Mr. Meagles vor Heiterkeit, aber Clennam hatte ihn mehr als einmal allein getroffen, wie er vor den Schalen und der Geldſchaufel ſehr verdrießlich ſtand, und er hatte ihn oft, wenn die Liebenden im Garten oder ſonſt wo waren, wo ſie ihn nicht ſehen konnten, mit dem alten um⸗ wölkten Geſicht nach ihnen blicken ſehen, auf welches Go⸗ wan wie ein Schatten gefallen war. Bei der Einrichtung des Hauſes für das große Ereigniß mußten viele kleine Er⸗ innerungen an die alten Reiſen von Vater, Mutter und Tochter verſtört werden und gingen von Hand zu Hand, und bisweilen brach ſelbſt Pet in Mitten dieſer ſtummen Zeugen des Lebens, das ſie mit einander verlebt, in Klagen und Weinen aus. Mrs. Meggles, die heiterſte und geſchäftigſte der Mütter, ging ſingend umher und beſtrebte ſich alle Welt aufzuheitern, aber auch ſie, die Wackere, hatte ihre Augen⸗ blicke, wo ſie ſich in Speiſekammern flüchtete, in denen ſie weinte, bis ihre Augen roth waren, worauf ſie herauskam und dieſes Ausſehen den eingelegten Zwiebeln und Pfeffer⸗ ſchoten zuſchrieb und klarer als je ſang. Mrs. Tickit, die in Buchens Hausmedicin keinen Balſam für ein verwundetes Herz fand, litt viel von übler Stimmung und rührenden Er⸗ innerungen an Minnie's Kinderjahre. Wenn die letztern ſehr 108 Vierunddreißigſtes Kapitel. ſchaften hinauf, des Inhalts, daß ſie nicht darnach angezo⸗ gen wäre, um in der guten Stube zu erſcheinen und daß ſie bäte,„ihr Kind“ einmal in der Küche ſehen zu können. Dort pflegte ſie dann das Antlitz ihres Kindes zu ſegnen, das Herz ihres Kindes zu ſegnen, ihr Kind in die Arme zu ſchlie⸗ ßen, wobei ſich Thränen und Glückwünſche, Hackbretter, Teigrollen und Paſtenkruſte mit der Zärtlichkeit eines an⸗ hänglichen alten Dienſtboten miſchten, welche fürwahr eine ſehr hübſche Zärtlichkeit iſt. Aber alle Tage, die da ſein ſollen, kommen endlich, und der Trauungstag ſollte ſein und kam, und mit ihm kamen alle Barnacles, die zu dem Feſte gebeten waren. Da war Mr. Tite Barnacle vom Umſchreibungsamte und Newsſtreet, Grosvenor Square, mit der koſtſpieligen Mes. Tite Barnacle née Stiltſtalking, welche bewirkte, daß die Quartaltage ſo lange auf ſich warten ließen und die koſt⸗ ſpieligen Miß Tite Barnacle doppelt geladen mit empfehlens⸗ werthen Eigenſchaften um fertig loszugehen und doch nie mit dem ſcharfen Blitz und Krach losgehend, den man hätte erwarten ſollen, ſondern mehr nachbrennend. Da war Bar⸗ nacle junior ebenfalls vom Umſchreibungsamt, der es dem Tonnengelde des Landes, von dem es hieß, es ſtehe unter ſeiner Protection, einmal überlaſſen, ſich um ſich ſelbſt zu bekümmern und der, merkwürdig zu ſagen, die Wirkung ſei⸗ ner Protection durchaus nicht ſchwächte, indem er es ſich ſelbſt überließ. Da war der verbindliche junge Barnacle, der von der lebhaften Seite der Familie ſtammte, gleichfalls Eine ganze Sandbank voll Barnacles. 109 vom Umſchreibungsamte; er half in heiterer und angeneh⸗ mer Weiſe zur Entwickelung der feierlichen Gelegenheit und behandelte ſie in ſeiner geiſtſprühenden Art wie eine der officiellen Formalitäten und Sporteln des Cultusdeparte⸗ ments nach dem Grundſatze: Wie es nicht zu machen iſt. Da waren drei andere junge Barnacles von drei Amtsſtu⸗ ben, für alle Sinne ungenießbar, furchtbar des Ablagerns bedürftig, welche die Hochzeit abmachten, wie ſie den Nil, das alte Rom, den neuen Sänger oder Jeruſalem abgemacht haben würden. Aber es gab größere Geiſter da als dieſe. Lord Deci⸗ mus Tite Barnacle in eigner Perſon, duftend nach den Um⸗ ſchreibungsamte, ſelbſt wie eine Depeſchenmappe riechend, war zugegen. Ja, er war zugegen, der Lord Decimus Tite Barnacle, der zu den Höhen des ſtaatsmänniſchen Lebens auf den Schwingen einer einzigen mit Entrüſtung erfüllten Idee emporgeſtiegen war, auf der Idee nämlich, welche ſich in den Worten ausſprach:„Mylords, man muß mir erſt noch zeigen, daß es ſich für einen Miniſter dieſes freien Lan⸗ des ſchickt, der Menſchenliebe Schranken zu ſetzen, die Wohl⸗ thätigkeit zu feſſern, den Gemeinſinn in Banden zu legen, den Unternehmungsgeiſt zu hemmen, das unabhängige Selbſtvertrauen ſeines Volks zu dämpfen.“ Das hieß mit andern Worten, dieſem großen Staatsmann mußte ſtets erſt noch gezeigt werden, daß es ſich für den Lootſen des Schiffs ſchicke, etwas Anderes zu thun, als am Ufer mit einem Boot und Fiſchgeſchäftchen zu eignem Nutzen thätig zu ſein, wäh⸗ 110 Vierunddreißigſtes Kapitel. rend die Mannſchaft durch harte Arbeit an den Pumpen juſt im Stande war, das Schiff ohne ihn über Waſſer zu erhal⸗ ten. Auf Grund dieſer erhabenen Entdeckung in der großen Kunſt, Wie es nicht zu thun, hatte Lord Decimus lange Zeit die höchſten Ehren von der Familie Barnacle genoſſen, und verſuchte einmal ein übelberathenes Mitglied des einen oder des andern Hauſes, wie es zu thun ſei, indem es den Antrag ſtellte, es zu thun, ſo war dieſer Antrag ſo gut wie todt und begraben, wenn Lord Decimus Tite Barnacle ſich auf ſeinem Platze erhob und, in entrüſteter Majeſtät empor⸗ ſchwebend, während die Beifallsrufe des Umſchreibungsamtes ihn umrauſchten, feierlich ſagte: daß man ihm erſt noch zeigen müſſe, daß es ſich für ihn als den Miniſter dieſes freien Landes ſchicke, der Menſchenliebe Schranken zu ſetzen, die Wohlthätigkeit zu feſſeln, den Gemeinſinn in Banden zu legen, den Unternehmungsgeiſt zu hemmen und das unab⸗ hängige Selbſtvertrauen ſeines Volkes zu dämpfen. Die Entdeckung dieſer Schicklichkeits⸗Maſchine war die Entdek⸗ kung des politiſchen Perpetuum Mobile. Dieſelbe leierte ſich nie aus, obſchon ſie unaufhörlich in allen Departements der Staatsverwaltung ſich umdrehte. Und da war ferner, mit ſeinem edlen Freund und Vetter Lord Decimus, William Barnacle, welcher die ewigdenk⸗ würdige Coalition mit Tudor Stiltſtalking geſchloſſen, und welcher ſtets ſein eignes beſondres Recept, Wie es nicht zu thun, in Bereitſchaft hielt, indem er zuweilen dem Sprecher auf die Schulter klopfte und ihn mit einem:„Zuerſt will Eine ganze Sandbank voll Barnacles. 111 ich Sie, Sir, bitten, dem Hauſe zu ſagen, was für einen Präcedenzfall wir für das Verfahren haben, in welches der ehrenwerthe Gentleman uns kopfüber ſtürzen möchte“ friſch von der Leber weg zu ſprechen veranlaßte, oder indem er den ehrenwerthen Gentleman um gefällige Mittheilung des Prä⸗ cedenzfalls nach ſeiner eignen Verſion erſuchte, oder indem er dem ehrenwerthen Gentleman ſagte, er(William Bar⸗ nacle) wolle ſich nach einem Präcendenzfall umſehen oder in⸗ dem er, was oft geſchah, den ehrenwerthen Gentleman auf der Stelle durch die Bemerkung aus dem Sattel hob, es gäbe keinen Präcedenzfall. Präcedenzfall und Ueberſtürzung waren unter allen Umſtänden das wohlzuſammenpaſſende Paar von Schlachtroſſen, die dieſer treffliche Mann des Um⸗ ſchreibungsamtes ritt. Es half nichts, daß der unglückliche ehrenwerthe Gentleman es fünfundzwanzig Jahre lang ver⸗ geblich verſucht hatte, William Barnacle kopfüber in dieſe Sache zu ſtürzen— William Barnacle legte noch immer dem Hauſe und(durch die zweite, dritte Hand) dem Lande die Frage vor, ob er ſich kopfüber in dieſe Sache hineinſtürzen laſſen ſolle. Es half nichts, daß es mit der Natur der Dinge und dem Lauf der Ereigniſſe durchaus unvereinbar war, daß der bedauernswerthe ehrenwerthe Gentleman irgend einen Präcedenzfall für dieſe Sache vorbringen könnte,— William Barnacle dankte doch jedesmal dem ehrenwerthen Gentle⸗ man für jenen ironiſchen Beifallsruf, ſchloß doch jedesmal mit dieſem Ausgang mit ihm ab und ſagte ihm doch jedes⸗ mal in's Geſicht, es gäbe keinen Präcedenzfall für dieſe 112 Vierunddreißigſtes Kapitel. Angelegenheit. Man hätte vielleicht einwerfen können, daß die Weisheit William Barnacles keine erhabene Weisheit ſei oder daß die Erde, die ſie am Narrenſeil führte, nie ge⸗ ſchaffen ſei oder, wenn ſie in einem Anfall von Ueberei⸗ lung geſchaffen worden, wüſt und öde geblieben ſein würde. Aber die Schlachtroſſe Präcedenzfall und Ueberſtürzung ſchreckten die meiſten Leute von jedem Einwurfe ab. Und da gab es ſodann einen dritten Barnacle, einen lebhaften Geſellen, welcher in raſcher Aufeinanderfolge durch zwanzig Poſten hindurchgeſprungen war, die er mit großem Erfolg und vieler Bewunderung unter allen Regierungen à la Barnacle ausübte. Dieſelbe beſtand darin, daß er, im Parlament über irgend einen Gegenſtand befragt, eine Ant⸗ wort gab, die ſich auf einen andern bezog. Das hatte uner⸗ meßliche Dienſte gethan und ihm beim Umſchreibungsamte hohe Achtung verſchafft. Und da gab es auch ein Häuflein weniger hervorragen⸗ der parlamentariſcher Barnacles, welche bis jetzt noch kein warmes Plätzchen ergattert hatten und ihre Prüfungszeit durchmachten, um ihre Würdigkeit zu beweiſen. Dieſe Bar⸗ nacles lauerten auf Treppen und ſtaken auf Gängen, wo ſie auf den Befehl warteten, das Haus beſchlußfähig oder un⸗ fähig zum Beſchluß zu machen, und all ihr Hört! Hört, ihr Oh! und ihr Beifallsrufen und Murren ging auf Anweiſung der Häupter der Familie vor ſich; und ſie brachten Stroh⸗ mannsanträge ein, um andrer Leute Anträgen in den Weg zu treten, und ſie verzögerten die Erörterung mißliebiger Eine ganze Sandbank voll Barnacles. 113 Gegenſtände bis ſpät in der Nacht oder ſpät in der Seſſion und ſchrien dann mit tugendreichem Patriotismus, es ſei zu ſpät; und ſie gingen aufs Land hinaus, ſobald ſie geſchickt wurden, und ſchwuren, daß Lord Decimus den Verkehr von einer Ohnmacht und den Handel von einem Schlaganfall wieder zu ſich gebracht, daß er die Getreideernte verdoppelt und die Heuernte vervierfacht und daß er das Ausſtrömen unermeßlichen Goldes aus der Bank verhindert habe. Ferner wurden dieſe Barnacles von den Hauptern der Familie wie ebenſoviele Karten geringern Werthes unter öffentliche Ver⸗ ſammlungen und Feſteſſen gemiſcht, wo ſie von allerlei Dienſt⸗ leiſtungen auf Seiten ihrer edlen und ehrenwerthen Verwand⸗ ten Zeugniß ablegten und die Barnacles in allerlei Toaſten herausſtrichen. Und ſie traten in ähnlichen Aufträgen bei allerhand Wahlen auf und gaben auf die kürzeſte Kündi⸗ gungsfriſt und unter den unvernünftigſten Bedingungen ihre Sitze im Parlament auf, um andere Leute hineinzu⸗ laſſen; und ſie trugen herzu und hinweg, ſchmarotzten und ſchacherten und beſtachen und aßen Haufen von Schmutz auf und waren unermüdlich im Dienſte des Staates. Und es gab im ganzen Umſchreibungsamt keine Liſte von Stellen, welche vacant werden konnten im Laufe eines halben Jahr⸗ hunderts, vom Lord Schatzmeiſter bis herab zu einem Con⸗ ſul in China und wieder hinauf bis zum Generalgouverneur von Indien, auf der nicht als Bewerber für ſolche Stellen die Namen einiger oder aller dieſer hungrigen und feſtkleben⸗ den Barnacles ſtanden. Klein Dorrit. V. 8 114 Vierunddreißigſtes Kapitel. Es war ſelbſtverſtändlich nur ein winziges Häuflein von jeder Klaſſe der Barnacles, welches der Trauung beiwohnte, denn es waren im Ganzen keine drei Dutzend da, und was iſt das, abgezogen von einer Legion! Aber das Häuflein war ein Schwarm in dem Landhäuschen zu Twickenham und füllte es. Ein Barnacle(dem ein Barnacle Beiſtand leiſtete) traute das glückliche Paar, und es fiel Lord Decimus Tite Barnacle die Pflicht zu, Mrs. Meagles zum Frühſtück zu führen. Das Hochzeitseſſen war nicht ſo angenehm und natürlich, als es hätte ſein können. Mr. Meggles, gedrückt von ſeiner vornehmen Geſellſchaft, während er ſie aufs Höchſte ſchätzte, war nicht er ſelbſt. Mrs. Gowan war ſie ſelbſt, und das machte ihm die Sache nicht leichter. Die Vorſpiegelung, daß es nicht Mr. Meagles geweſen, der im Wege geſtanden, ſondern daß es die Vornehmheit der Familie war, und daß die Vornehmheit der Familie ſich zu einem Zugeſtändniß herbeigelaſſen, ſo daß jetzt eine beruhigende Einſtimmigkeit herrſchte, ſchwebte, wenn auch nicht offen ausgedrückt, in der ganzen Atmoſphäre. Dann empfanden die Barnacles, daß ſie ihres Theils fertig ſein würden mit den Meagles, wenn die jetzige Gelegenheit, ihr Wohlwollen zu zeigen, vorüber wäre, und die Meagles empfanden an ihrem Theil daſſelbe. Dann breitete Gowan, indem er ſein Recht als ge⸗ täuſchter Mann in Anſpruch nahm, welcher ſeinen Groll gegen die Familie hatte und ſeiner Mutter vielleicht ebenſo⸗ ſehr in der Hoffnung, ſie einigermaßen damit zu ärgern als Eine ganze Sandbank voll Barnacles, 115 aus andern Gründen des Wohlwollens erlaſbt hatte, ſie hier zu haben, ſeine Eigenſchaft als armſeliger Maler ge⸗ fliſſentlichſt vor ihnen aus und ſagte ihnen, er hoffe mit der Zeit ſchon noch für ſeine Frau ein Stück Brot und Käſe zu erwerben und bäte Diejenigen von ihnen, welche(glücklicher als er) ihr Schäfchen ins Trockne gebracht hätten und ein Bild kaufen könnten, ſich freundlich des armen Malers zu erinnern. Dann zeigte ſich Lord Decimus, welcher auf ſeinem gewohnten parlamentariſchen Fußgeſtell ein Wunder war, hier als das windigſte Geſchöpf, indem er das Glück von Braut und Bräutigam trank und dabei eine Reihe von All⸗ tagsredensarten vorbrachte, bei denen jedem aufrichtigen Jünger und Anhänger die Haare zu Berge geſtanden haben würden, und mit dem Behagen eines einfältigen Elephanten durch ſchallende Labyrinthe von Sentenzen trabte, die er für breite Heerſtraßen zu halten und aus denen er ſich durchaus nicht herausfinden zu wollen ſchien. Dann konnte Mr. Tite Barnaecle nicht umhin, zu empfinden, daß eine Perſon in der Geſellſchaft ſei, welche ihn geſtört haben würde, ſein Leben⸗ lang Sir Thomas Lawrence in voller Amtswürde zu ſitzen, wofern eine ſolche Störung möglich geweſen wäre, während Barnacle junior mit Entrüſtung zwei welken jungen Herren von ſeiner Verwandtſchaft die Mittheilung machte, daß ein Menſch hier wäre,„ſehen Sie mal, der kam in unſer Depar⸗ tement ohne Vorladung und ſagte, er wollte wiſſen, wiſſen Sie, und ſehen Sie mal, wenn der hier losplatzte, was wol möglich wäre, wiſſen Sie(denn man kann nicht ſagen, 8* 116 Vierunddreißigſtes Kapitel. was ſo einem ſolchen unanſtändigen Radicalen nächſtens ein⸗ fallen kann) und, ſehen Sie mal, wenn er ſagte, er wollte es dieſen Augenblick wiſſen, wiſſen Sie, würde das nicht allerliebſt ſein?“ Der Theil des Vorgangs, welcher für Clennam bei Wei⸗ tem der angenehmſte war, war der ſchmerzlichſte. Als Mr. und Mrs. Meagles zuletzt an Pet hingen, in dem Zimmer mit den beiden Bildern(wo die Geſellſchaft nicht war) bevor ſie mit ihr nach der Schwelle gingen, welche ſie niewieder über⸗ ſchreiten konnte, um die alte Pet und die alte Herzensfreunde zu ſein, konnte nichts natürlicher und einfacher ſein, als die Drei. Selbſt Gowan war gerührt und antwortete auf Mr. Meagles Zuruf:„O Gowan, wachen Sie über ihr, wachen Sie über ihr!“ mit einem aufrichtigen:„Sein Sie nicht ſo niedergeſchlagen, Sir. Beim Himmel, das will ich.“ Und ſo mit den letzten Seufzern und den letzten Liebes⸗ worten und einem letzten Blick auf Clennam, der Vertrauen auf ſein Verſprechen ausdrückte, ſank Pet in die Kutſche zu⸗ rück, und ihr Gatte winkte mit der Hand und dahin fuhren ſie nach Dover— aber nicht eher, als bis die getreue Mrs. Tickit in ihrem Seidenkleide und ihren pechſchwarzen Locken aus irgend einem Verſteck hervorgeſtürzt war und ihre beiden Schuhe der Kutſche nachgeworfen hatte, eine Erſcheinung, welche bei der vornehmen Geſellſchaft an den Fenſtern große Ueberraſchung hervorrief. Die beſagte Geſellſchaft ging, da ſie jetzt von der Ver⸗ pflichtung länger dazubleiben befreit war und die beiden Eine ganze Sandbank voll Barnacles. 117 oberſten Häupter der Barnacles es ſehr eilig hatten(es lag gerade in ihrer Hand, ein paar Poſten, welche Gefahr liefen geradewegs auf ihren Beſtimmungsort loszugehen, gleich dem Fliegenden Holländer durch die Meere herumſchießen zu laſſen und eine Verwickelung zuſammenzubringen, welche eine Menge wichtiger Geſchäfte aufhielt, die ſonſt in Gefahr geweſen wären beſorgt zu werden) ihrer Wege, indem ſie mit aller Herablaſſung Mr. und Mrs. Meagles merken ließen, daß ſie, was von ihnen hier geſchehen ſei, als Opfer zum Beſten von Mr. und Mrs. Meggles gethan hätten, eine Verſicherung, die ſie ſtets Mr. John Bull gaben in ihrer offiziellen Herab⸗ laſſung gegenüber dieſem höchſt unglücklichen Geſchöpfe. Im Hauſe und in den Herzen von Vater, Mutter und Clennam blieb eine trübſelige Leere zurück. Mr. Meagles rief blos eine Erinnerung zu Hülfe, die ihm wirklich wohlthat. „Es iſt doch eigentlich ſehr wohlthuend, Arthur,“ ſagte er,„wenn man darauf zurückblickt.“ „Auf die Vergangenheit?“ ſagte Clennam. „Ja. Aber ich meine die Geſellſchaft.“ Sie hatte ihn die Zeit über niedergeſchlagener und un⸗ glücklicher gemacht, aber jetzt that ſie ihm wirklich wohl.„Es i*ſt doch ein ſehr wohlthuendes Gefühl“, wiederholte er mehr⸗ mals im Lauf des Abends.„Solche vornehme Geſellſchaft!“ 118 Fünfunddreißigſtes Kapitel. Fünfunddreissigätes Kapitel. was hinter Mr. Pancks auf Klein Dorrits Hand war. Es war zu dieſer Zeit, daß Mr. Pancks, getreu ſeinem Vertrag mit Clennam, ihm das Ganze ſeiner Zigeunerge⸗ ſchichte enthüllte und ihm das Glück Klein Dorrits erzählte. Ihr Vater war der geſetzliche Erbe zu einem großen Gute, welches lange unbekannt und unbeanſprucht gelegen hatte und an Werth gewachſen war. Sein Recht war jetzt klar, nichts ſtand hindernd im Wege, die Thüren des Marſhalſea ſtanden offen, die Mauern des Marſhalſea waren gefallen, ein paar Federzüge von ihm und er war außerordentlich reich. In ſeiner Verfolgung des Anſpruchs bis zu ſeiner voll⸗ ſtändigen Feſtſtellung hatte Mr. Pancks eine Schlauheit, die nichts abſchrecken und eine Geduld und Verſchwiegenheit, die nichts ermüden konnte, gezeigt.„Ich ließ mir nicht einfallen, Sir“, ſagte Pancks,„als wir Beide an jenem Abend quer durch Smithfield gingen und ich Ihnen ſagte, was für eine Art Collecteur ich wäre, daß dies dabei herauskommen würde. Ich dachte wenig daran, Sir, als ich Ihnen ſagte, Sie ge⸗ hörten nicht zu den Clennams von Cornwall, daß ich Ihnen jemals ſagen würde, wer die Dorrits von Dorſetſhire wären.“ Dann ging er auf die Einzelheiten ein, wie er nach Ein⸗ tragung jenes Namens in ſein Notizbuch zuerſt von dem Namen allein angezogen worden ſei. Wie er, da es ihm oft Was hinter Mr. Pancks auf Klein Dorrits Hand war. 119 begegnet, daß zwei ganz ähnliche Namen, die ſelbſt zu dem⸗ ſelben Orte gehört, keine Spur von Blutsverwandtſchaft in ſich ſchlöſen, anfänglich nicht viel Acht darauf gehabt, aus⸗ genommen, daß er ſich Gedanken gemacht, was für eine über⸗ raſchende Veränderung es in der Lage einer kleinen Nätherin hervorbringen müſſe, wenn man zeigen könnte, ſie habe ein Intereſſe an einem ſo großen Vermögen. Wie er glaube, er habe die Idee deshalb weiter verfolgt, weil etwas Ungewöhn⸗ liches in der ſtillen kleinen Nätherin läge, was ihm gefallen und ſeine Neugier angeregt habe. Wie er ſeinen Weg Zoll für Zoll herausgefühlt und ſich Sandkorn für Sandkorn „weiter gemaulwürfelt“ habe(dies war Mr. Pancks Ausdruck). Wie er im Beginn der Arbeit, die durch dieſes neue Wort be⸗ ſchrieben wurde(welches Mr. Pancks dadurch zu größerem Aus⸗ druck erhob, daß er, indem er es ausſprach, die Augen ſchloß und ſeine Haare darüber ſchüttelte) von plötzlichen Lichtblitzen und Hoffnungen in plötzliche Dunkelheit ohne Hoffnung ge⸗ fallen und umgekehrt und wieder umgekehrt. Wie er im Ge⸗ fängniſſe Bekanntſchaften geſchloſſen, ausdrücklich um dort wie alle Uebrigen aus und eingehen zu können, und wie ſein erſter Lichtſtrahl ihm unbewußt von Mr. Dorrit und ſeinem Sohne gekommen ſei, mit denen er leicht bekannt geworden, mit denen er gelegentlich(„aber ſtets maulwürfelnd, wie Sie bemerken,“ ſagte Mr. Pancks) viel geplaudert, und von denen er, ohne im Mindeſten Verdacht zu erregen, zwei oder drei kleine Züge aus der Familiengeſchichte erlangt hätte, welche, als er ſeine eignen Schlüſſel gehabt, ihm andere erſchloſſen 120. Fünfunddreißigſtes Kapitel. hätten. Wie es Mr. Pancks endlich klar geworden, daß er wirklich den Erben zu einem großen Gute entdeckt habe und daß ſeine Entdeckung blos noch reif werden müſſe zu vollkom⸗ mener geſetzlicher Geltung. Wie er darauf ſeinen Wirth, Mr. Rugg, durch feierlichen Eid zur Verſchwiegenheit ver⸗ pflichtet und ihn zum Gehülfen beim Maulwürfeln angenom⸗ men hätte. Wie ſie John Chivery zu ihrem alleinigen Schreiber und Agenten gewonnen hätten, da ſie geſehen, wem ſein Herz gehört. Und wie ſie bis zu dieſer Stunde, wo Autoritäten mächtig in der Bank und gelehrt im Punkte der Geſetze ihre erfolgreichen Arbeiten für beendigt erklärt, keinem andern menſchlichen Weſen Etwas davon vertraut hätten. „So würde denn, wenn die ganze Geſchichte zuſammen⸗ gebrochen wäre“, ſchloß Pancks,„kurz vor dem Abſchluß, wollen ſagen den Tag vorher, wo ich Ihnen unſre Papiere im Gefängnißhofe wies oder wollen ſagen, an dieſem ſelben Tage, Niemand als wir ſelbſt grauſam enttäuſcht oder um einen Penny ärmer geweſen ſein.“ Clennam, welcher ihm faſt unaufhörlich während der ganzen Geſchichte die Hand geſchüttelt, fand ſich hierdurch veranlaßt, mit einem Staunen, welches ſelbſt die Vorberei⸗ tung, die er in Betreff der Haupteröffnung gehabt, kaum zu ſchwächen vermochte, zu ſagen:„Mein lieber Mr. Pancks, das muß Sie aber eine große Geldſumme gekoſtet haben.“ „O ziemlich Viel“, ſagte der triumphirende Pancks. „Keine Kleinigkeit, obwol wir es ſo wohlfeil thaten, als es Was hinter Mr. Pancks auf Klein Dorrits Hand war. 121 möglich war. Und die Auslage hatte ihre Schwierigkeit, das mögen Sie glauben.“ „Ihre Schwierigkeit!“ wiederholte Clennam.„Aber über die Schwierigkeiten ſind Sie in der ganzen Angelegenheit ſo bewundernswürdig Herr geworden.“ Dabei ſchüttelte er ihm abermals die Hand. „Will Ihnen ſagen, wie ich's machte“, ſagte der ent⸗ zückte Pancks, indem er ſich das Haar in eine Lage ſtrich, die ſo erhoben wie er ſelbſt war.„Erſt verthat ich Alles, was ich ſelber hatte. Das war nicht Viel.“ „Das thut mir leid,“ ſagte Clennam,„wenn es auch jetzt nichts zu bedeuten hat. Was aber thaten Sie dann?“ „Dann borgte ich mir eine Summe von meinem Eigen⸗ thümer“, antwortete Pancks. „Von Mr. Casby?“ ſagte Clennam.„Er iſt ein netter alter Herr.“ „Nobler alter Junge, nicht wahr?“ ſagte Mr. Pancks, indem er eine Reihenfolge der trockenſten Puffer hören ließ. „Edelmüthiger alter Kauz. Zutrauensvoller alter Junge. Men⸗ ſchenfreundlicher alter Kauz. Wohlwollender alter Junge! Zwanzig Procent. Verpflichtete mich, ihn zu bezahlen, Sir. Aber wir machen niemals Geſchäfte für weniger.“ Arthur empfand ein unbehagliches Gefühl, wie wenn er in ſeinem Jubel und Frohlocken ein wenig vorſchnell geweſen wäre. „Ich ſagte zu dieſem von chriſtlicher Liebe überfließenden alten Herrn“, fuhr Mr. Pancks fort, indem er ſich über das 122 Fünfunddreißigſtes Kapitel. bezeichnende Beiwort ſehr zu freuen ſchien,„daß ich ein Plänchen hätte, ein hoffnungsreiches, ich ſagte ihm ein hoff⸗ nungsreiches, wozu ich ein gewiſſes kleines Kapital bedürfe. Ich ſchlug ihm vor, er ſolle mir die Summe gegen meine Handſchrift borgen. Und das that er zu zwanzig Procent, die zwanzig brachte er in geſchäftsmäßiger Weiſe an und ſchob ſie in den Schuldſchein ein, ſo daß ſie wie ein Theil des Ka⸗ pitals ausſahen. Wenn ich nachher Pech gehabt hätte, ſo würde ich für die nächſten ſieben Jahre ſein Jätholz um den halben Lohn und mit doppelter Arbeit geweſen ſein. Aber er iſt ein vollkommner Patriarch, und es würde Einem wohl⸗ thun, ihm auf ſolche— ja auf alle möglichen Bedingungen hin zu dienen.“ Arthur hätte, und wenn es ihm ans Leben gegangen wäre, nicht mit Gewißheit haben ſagen können, ob Pancks wirklich ſo dachte oder nicht. 3 „Als das verthan war, Sir“, fuhr Pancks fort,„und es wurde verthan, obſchon ich es ſo ſparſam ausgab, als ob es ebenſoviel Blut geweſen' wäre, hatte ich Mr. Rugg ins Ge⸗ heimniß gezogen. Ich ſchlug vor, Mr. Rugg loder vielmehr Miß Rugg, was daſſelbe iſt; ſie machte einſt ein Bischen Geld bei einer Speculation vor den Niedergerichten) ſollte mir Etwas vorſtecken. Er lieh mir's gegen zehn Procent und hielt das für ziemlich hohen Zins. Aber Mr. Rugg iſt ein Rothkopf, Sir, und läßt ſich das Haar kurz verſchneiden. Und was den Kopf ſeines Hutes betrifft, ſo iſt er hoch. Und was den Rand ſeines Hutes betrifft, ſo iſt er ſchmal. Und Was hinter Mr. Pancks auf Klein Dorrits Hand war. 123 es quillt aus ihm nicht mehr Wohlwollen, als aus einem Kegelpapa.“ „Ihre Belohnung für dieſes Alles ſollte eine große ſein, Mr. Pancks“, ſagte Clennam. „Ich habe keine Sorge, daß ich ſie bekommen werde, Sir,“ ſagte Pancks.„Ich habe keinen Vertrag geſchloſſen. Ich war Ihnen die Erfüllung eines ſolchen ſchuldig; jetzt habe ich bezahlt. Wenn das aus meiner Taſche bezahlte Geld ausgeglichen, die aufgewendete Zeit gehörig vergütet und Mr. Ruggs Rechnung berichtigt würde, wären tauſend Pfund ein Vermögen für mich. Dieſe Sache lege ich in Ihre Hände. Ich autoriſire Sie nun, alles Dies der Familie auf dem Wege mitzutheilen, den Sie für den beſten halten. Miß Amy Dor⸗ rit wird dieſen Morgen bei Mrs. Finching ſein. Je raſcher es gethan wird, deſto beſſer. Es kann nicht zu raſch gethan werden.“ Dieſes Geſpräch fand in Clennams Schlafzimmer ſtatt, während er noch im Bette war. Denn Mr. Pancks hatte ſehr früh am Morgen das Haus wach geklopft und war her⸗ eingekommen und hatte ohne ſich niederzuſetzen oder ſtill zu ſtehen, ſich aller der Einzelheiten(die mit einer Menge von Documenten belegt wurden) neben dem Bette entledigt. Er ſagte jetzt, er wollte gehen und Mr. Rugg beſuchen, von dem er ſich für ſeinen aufgeregten Gemüthszuſtand einen aber⸗ maligen Purzelbaum kopfüber holen zu wollen ſchien, und nachdem er ſeine Papiere in ein Bündel gepackt und Clen⸗ 124 Fünfunddreißigſtes Kapitel. nam nochmals herzhaft die Hand geſchüttelt, ging er in aller Eile die Treppe hinunter und dampfte davon. Clennam beſchloß natürlich, ſofort zu Mr. Casby zu gehen. Er zog ſich an und ging ſo raſch aus, daß er ſich faſt eine Stunde vor ihrer Zeit an der Ecke der patriarchaliſchen Straße befand; aber er war nicht böſe darüber, auf dieſe Weiſe Gelegenheit zu haben, ſich durch einen gemächlichen Spaziergang zu beruhigen. Als er nach der Straße zurückkehrte und an dem blanken Meſſingklopfer geklopft hatte, wurde ihm geſagt, daß ſie ge⸗ kommen ſei, und man führte ihn hinauf in Floras Frühſtücks⸗ zimmer. Klein Dorrit war nicht ſelbſt da, wol aber Flora, welche die größte Verwunderung ihn zu ſehen an den Tag legte. „Gnädiger Himmel, Arthur— Doyce und Clennam!“ ſchrie dieſe Dame,„wer hätte je gedacht, ſolch einen Anblick zu haben und bitte entſchuldigen Sie das Saloppentuch denn auf mein Wort ich habe wirklich nie und ein verſchoſſner Kleider⸗ ſchnitt, welcher ſchlimmer iſt aber unſre kleine Freundin macht mir eben ein, nicht daß ich das gegen Sie zu erwähnen brauche, denn Sie müſſen wiſſen, daß es ſolche Dinge gibt einen Schweif, und da wir uns verabredet hatten, daß es nach dem Frühſtück anprobirt werden ſollte iſt die Urſache obwol ich es beſſer geſtärkt haben möchte.“ „Ich ſollte mich entſchuldigen“, ſagte Arthur,„daß ich ſo früh und ſo plötzlich hier erſcheine, aber Sie werden mir verzeihen, wenn ich Ihnen die Urſache ſage.“ Was hinter Mr. Pancks auf Klein Dorrits Hand war. 125 „In Zeiten, die auf ewig entflohen ſind, Arthur“, erwi⸗ derte Mrs. Finching,„bitte um Entſchuldigung, Doyce und Clennam, unendlich richtiger und obwol ſie ohne Frage fern ſind, verleiht doch gerade die Ferne dem Hinblick auf ſie ihren Zauber, wenigſtens meine ich das nicht und wenn ich es meinte, ſo würde das, wie ich vermuthe, beträchtlich von der Natur des Hinblicks abhängen, aber ich plappre wieder Allerlei durch einander und Sie machen mich ganz wirr im Kopfe.“ 1 Sie warf ihm einen zärtlichen Blick zu und fuhr fort: „Ich wollte ſagen, in Zeiten, die auf ewig entflohen ſind, würde es in der That ſeltſam von Arthur Clennam geklungen haben— Doyce und Clennam ſind natürlich ganz anders— ſich zu entſchuldigen, daß man zu irgendwelcher Zeit hierher gekommen ſei, aber das iſt vorbei und was vor⸗ bei iſt, läßt ſich nicht zurückrufen, ausgenommen in ſeinem beſondern Falle, wie der arme Mr. F. ſagte, wenn er bei Laune war, Gurken, weshalb er nie welche aß.“ Sie war beim Theemachen, als Arthur hereinkam, und vollendete jetzt haſtig dieſe Operation. „Papa“, ſagte ſie ganz Geheimniß und Geflüſter, als ſie den Deckel der Theekanne ſchloß, ſitzt nachdenklich im Hinter⸗ zimmer und klopft ſich über dem City⸗Artikel ſein eben ge⸗ legtes Ei auf wie es im Liede heißt: Der Specht klopft in dem Walde und braucht gar nicht zu wiſſen, daß Sie hier ſind und unſrer kleinen Freundin können wir, wie Sie wol 126 Fünfunddreißigſtes Kapitel. wiſſen, volles Vertrauen ſchenken, wenn ſie vom Zuſchneiden oben auf dem großen Tiſche herunterkommt.“ Arthur ſagte ihr dann mit möglichſt wenigen Worten, daß er gekommen ſei, um ihre kleine Freundin zu ſehen, und was er ihrer kleinen Freundin anzukündigen hatte. Auf dieſe ſtaunenerregende Nachricht ſchlug Flora die Hände zuſam⸗ men, fing an zu zittern und vergoß Thränen des Mitgefühls und der Freude als das gutherzige Geſchöpf, das ſie in Wahrheit war. „Um Gottes willen laſſen Sie mich erſt meiner Wege gehen“, ſagte Flora, indem ſie ſich die Hände vor die Ohren hielt und ſich nach der Thür hin bewegte,„oder ich habe den Tod davon und ſchreie laut und mache aller Welt übel zu Muthe und das liebe kleine Ding, das dieſen Morgen ſo nett und hübſch und gut ausſah und doch ſo arm und jetzt ein Vermögen, und wirklich und daß ſie's auch verdient! und darf ich's wol Mr. Fs Tante mittheilen Arthur dies einzige Mal nicht Doyce und Clennam oder wenn es Anſtoß erregt auf keinen Fall.“ Arthur nickte ihr ſeine bereitwillige Erlaubniß zu, da Flora alle Mittheilung in Worten ausſchloß. Flora nickte ihrerſeits ihren Dank und eilte aus der Stube. Klein Dorrits Schritt ließ ſich bereits auf der Treppe hören und im nächſten Augenblick war ſie an der Thüre. Er mochte thun was er wollte, um ſeinem Geſichte einen gefaß⸗ ten Ausdruck zu geben, er konnte doch keinen ſo gewöhnlichen Ausdruck hineinlegen, daß ſie nicht in dem Augenblicke, wo Was hinter Mr. Pancks auf Klein Dorrits Hand war. 127 ſie es ſah, ihre Arbeit fallen gelaſſen und gerufen hätte: „Mr. Clennam. Was iſt geſchehen!“ „Nichts, nichts. Das heißt, es iſt kein Unglück geſchehen. Ich bin gekommen, Ihnen Etwas zu ſagen, aber es iſt ein großes Glück.“ „Glück?“ „Erſtaunliches Glück.“ Sie ſtanden in einem Fenſter, und ihre Augen, die hell aufleuchteten, waren auf ſein Geſicht geheftet. Er ſchlang ſeinen Arm um ſie, indem er ſah, daß ſie Gefahr lief, um⸗ zuſinken. Sie legte die eine Hand auf dieſen Arm, theils um ſich darauf zu ſtützen, theils um ihre gegenſeitige Stellung ſo zu erhalten, daß ihr feſter Blick durch keine Bewegung des Einen oder des Andern von ihnen geſtört würde. Ihre Lip⸗ pen ſchienen zu wiederholen:„Erſtaunliches Glück?“ Er wie⸗ derholte es noch einmal laut. „Liebe kleine Dorrit! Ihr Vater!“ Das Eis des bleichen Geſichts brach bei dem Worte und kleine Lichtſtrahlen voll Ausdruck gingen über dasſelbe hin nach allen Seiten. Es waren lauter Ausdrücke des Schmer⸗ zes. Ihr Athem war ſchwach und haſtig. Ihr Herz ſchlug raſch. Er würde die kleine Geſtalt feſter an ſich gedrückt ha⸗ ben, aber er ſah, daß die Augen ihn anflehten, ſich nicht zu bewegen. „Ihr Vater kann noch im Laufe dieſer Woche frei ſein. Er weiß es nicht, wir müſſen von hier zu ihm gehen, um ihm davon zu ſagen. Ihr Vater wird in einigen Tagen frei 128 Fünfunddreißigſtes Kapitel. ſein. Ihr Vater wird in wenigen Stunden frei ſein. Erin⸗ nern Sie ſich, wir müſſen zu ihm gehen von hier aus und ihm davon ſagen.“ Das brachte ſie wieder zu ſich. Ihre Augen ſchloſſen ſich, aber ſie öffneten ſich wieder. „Dies iſt nicht alles das Glück. Dies iſt nicht alles das erſtaunliche Glück, meine liebe kleine Dorrit. Soll ich Ihnen mehr ſagen?“ Ihre Lippen bewegten ſich zu einem„Ja.“ „Ihr Vater wird kein Bettler ſein, wenn er frei iſt. Er wird an nichts Mangel leiden. Soll ich Ihnen mehr ſagen? Erinnern Sie ſich! Er weiß nichts davon, wir müſſen von hier zu ihm gehen, um es ihm zu ſagen.“ Sie ſchien ihn um ein wenig Verzug zu bitten. Er hielt ſie in ſeinem Arm und beugte nach einer Pauſe ſein Ohr nieder, um zu lauſchen. „Baten Sie mich fortzufahren?“ „Ja. „Er wird ein reicher Mann ſein. Er iſt ein reicher Mann. Eine große Summe wartet darauf, ihm als ſein Erbtheil ausgezahlt zu werden; Sie Alle ſind fortan ſehr reich. Edelſtes und beſtes der Kinder, ich danke dem Him⸗ mel, daß Sie belohnt ſind!“ Indem er ſie küßte, wendete ſie ihren Kopf nach ſeiner Schulter und erhob ihren Arm nach ſeinem Halſe, rief aus: „Vater! Vater! Vater!“ und fiel in Ohnmacht. Was hinter Mr. Pancks auf Klein Dorrits Hand war. 129 Darauf kehrte Flora zurück, um ſich ihrer anzunehmen und ſchwebte um ſie, die man auf ein Sofa gelegt, herum, wo⸗ bei ſie freundliche Dienſtleiſtungen und unzuſammenhängende, kurzabgebrochene Reden ſo wirr durcheinander miſchte, daß Niemand, der etwas Sinn für Verantwortlichkeit gehabt, es hätte unternehmen können, zu entſcheiden, ob ſie in das Marſhalſeagefängniß drang, einen Löffel voll unbeanſpruchte Dividenden einzunehmen, die ihm gut thun würden, oder ob ſie Klein Dorrits Vater Glück wünſchte, daß er in den Beſitz von hunderttauſend Riechfläſchchen käme, oder ob ſie ihr auseinanderſetzte, ſie habe fünfundſiebenzigtauſend Tro⸗ pfen Lavendelſpiritus auf fünfzigtauſend Pfund geſchlagnen Zucker gethan und Klein Dorrit inſtändig bat, dieſes milde Stärkungsmittel einzunehmen, oder ob ſie die Stirnen von Doyce und Clennam mit Eſſig wuſch und dem ſeligen Mr. F. mehr Luft gab. Ein Nebenfluß von Verwirrung ergoß ſich aus einem anſtoßenden Schlafzimmer, wo Mr. Fs Tante nach dem Tone ihrer Stimme in horizontaler Lage ihr Früh⸗ ſtück zu erwarten ſchien, und aus welchem Käfig jene uner⸗ bittliche Dame in kurzen Stößen Worte des Hohnes ausſtieß, ſobald ſie nur zu Gehör kommen konnte, z. B.:„Glaubt nicht, daß er's gethan hat“, und:„Er braucht ſichs nicht auf ſeine Rechnung zu ſchreiben!“ und:„Es wird vermuthlich gute Weile haben, ehe er was von ſeinem eignen Gelde her⸗ gibt!“— Alles darauf berechnet, Clennams Antheil an der Entdeckung in Abrede zu ſtellen und den eingewurzelten Ge⸗ Klein Dorrit. V. 9 130 Fünfunddreißigſtes Kapitel. fühlen Luft zu machen, mit denen Mr. Fs Tante ihn betrachtete. Aber Klein Dorrits Sehnſucht, zu ihrem Vater zu ge⸗ langen und ihm die Freudenbotſchaft zu bringen und ihn 3 nicht einen Augenblick in ſeinem Kerker zu laſſen, während dieſes Glück ſeiner wartete und ihm noch unbekannt war, that mehr für ihr raſches Wiederaufleben, als alles Geſchick und alle Aufmerkſamkeit auf Erden hätte thun können. „Kommen Sie mit mir zu meinem lieben Vater. Bitte, kom⸗ men Sie und erzählen Sie es meinem lieben Vater!“ waren die erſten Worte, die ſie ſagte. Ihr Vater, ihr Vater. Sie ſprach von nichts als ihm, dachte an nichts als ihn. Indem ſie niederkniete und ihre Dankbarkeit mit emporgehobnen Händen ausſtrömte, dankte ſie für ihren Vater. Flora's Zärtlichkeit wurde dadurch ganz überwältigt und ſie fuhr zwiſchen den Ober⸗ und Untertaſſen mit einem wun⸗ derſamen Erguß von Thränen und Worten umher. „Ich muß geſtehen,“ ſchluchzte ſie,„daß ich in meinem Leben nicht ſo außer mir war, ſeit Ihre Mama und mein Papa nicht Doyce und Clennam für dieſes einzige Mal aber geben Sie doch dem allerliebſten kleinen Ding eine Taſſe Thee und laſſen Sie ſie dieſelbe an die Lippen bringen, bitte thun Sie das wenigſtens Arthur auch nicht bei Mr. Fs letzter Krankheit, denn die war andrer Art und Gicht iſt keine Kinderkrankheit obſchon ſehr traurig für alle Betheilig⸗ ten und Mr. F. war ein Märtyrer mit ſeinem Beine das auf einem Schemmel lag und der Weinhandel wirkt ſchon Was hinter Mr. Pancks auf Klein Dorrits Hand war. 131 an ſich auf Entzündung, denn ſie trinken ſelber mehr oder weniger und wer will ſich drüber wundern, es ſcheint wahr⸗ haftig wie ein Traum gar nicht dran zu denken dieſen Mor⸗ gen und jetzt Berge voll Gold wahrlich, aber Sie müſſen mein allerliebſtes Herzenskind weil Sie ſonſt nicht ſtark genug ſein werden es ihm Alles zu erzählen auf Theelöffeln würde es nicht vielleicht am Beſten ſein, die Anweiſungen meines Arztes zu verſuchen denn obſchon der Duft durchaus nicht angenehm iſt ſo zwinge ich mich doch ſelbſt es zu thun weil es verſchrieben iſt und finde daß es nützlich iſt, Sie wollen lieber nicht mein Herz warum denn nicht, auch ich thäte es lieber nicht aber ich thue es doch aus Pflichtgefühl Jeder⸗ mann wird Ihnen Glück wünſchen Einige aufrichtig Andre nicht und Viele werden Ihnen von ganzem Herzen Glück wünſchen aber Niemand mehr vom Grund des Herzens als ich, wie ich Ihnen verſichern kann obwol ich weiß, daß ich Alles durcheinanderſchwatze und ein einfältiges Frauenzim⸗ mer bin und von Arthur, nicht Doyce und Clennam nur dies Mal, verurtheilt werden werde und ſo leben Sie wohl Her⸗ zenskind und Gott ſegne Sie und mögen Sie recht glücklich ſein und entſchuldigen Sie die Freiheit, ich gelobe daß das Kleid von Niemand fertig gemacht ſondern als Andenken aufgehoben werden und Klein Dorrit genannt ſein ſoll ob⸗ ſchon ich dieſe wunderliche Bezeichnung niemals ſelber ge⸗ braucht habe und jetzt auch nicht brauchen werde.“ So Flora, indem ſie von ihrem Liebling Abſchied nahm. Klein Dorrit dankte ihr und umarmte ſie wieder und immer 9* 132 Fünfunddreißigſtes Kapitel. wieder und gelangte endlich mit Clennam aus dem Hauſe und nahm eine Kutſche nach dem Marſhalſea. Es war eine ſeltſame träumeriſche Fahrt durch die alten verräucherten Straßen durchwebt mit der Empfindung aus ihnen emporgehoben zu ſein in eine luftige Welt des Reich⸗ thums und der Pracht. Als Arthur ihr ſagte, daß ſie bald in ihrem eignen Wagen durch ſehr verſchiedene Scenen fah⸗ ren würde, wo alle dieſe wohlbekannten Erfahrungen dahin⸗ geſchwunden ſein würden, ſah ſie erſchrocken aus. Aber als er ihren Vater an ihre Stelle ſetzte und ihr erzählte, wie er in ſeinem Wagen fahren und wie groß und vornehm er ſein würde, floſſen ihr Thränen auf Thränen der Freude und des unſchuldigen Stolzes über die Wangen. Da Arthur ſah, daß das Glück, das ihre Seele wirklich zu fühlen vermochte, blos auf ihn hinſtrahlte, ſo blieb er dabei, ihr dieſe einzige Geſtalt vor Augen zu halten, und ſo fuhren ſie in heiterer Stimmung durch die ärmlichen Straßen in der Umgebung des Gefängniſſes, um ihm die große Nachricht zu bringen. Als Mr. Chivery, der gerade die Wache hatte, ſie in die Loge ließ, ſah er ein Etwas in ihren Geſichtern, was ihn mit Staunen erfüllte. Er ſah ihnen nach, als ſie in das Ge⸗ fängniß eilten, wie wenn er bemerkt, daß ſie jedes von einem Geſpenſt begleitet zurückgekommen wären. Zwei oder drei Collegiaten, an denen ſie vorübergingen ſahen ihnen eben⸗ falls nach und bildeten, indem ſie bald darauf mit Mr. Chivery zuſammentrafen, eine kleine Gruppe auf den Stufen zur Loge, in deren Mitte ſich bald darauf ganz von ſelbſt ein Was hinter Mr. Pancks auf Klein Dorrits Hand war. 133 Geflüſter hören ließ, daß der Vater des Marſhalſea im Be⸗ griffe ſei, ſeine Freilaſſung zu erhalten. Wenige Minuten verfloſſen, ſo wurde es in dem entfernteſten Zimmer des Col⸗ legs gehört. Klein Dorrit öffnete die Thür von außen, und ſie traten Beide hinein. Er ſaß in ſeinem alten grauen Schlafrock und ſeiner alten ſchwarzen Mütze im Sonnenlicht am Fenſter und las ſeine Zeitung. Seine Brille hatte er in der Hand und er hatte ſich ſoeben umgeſehen, überraſcht zuerſt ohne Zwei⸗ fel durch ihren Tritt auf der Treppe, da er ſie vor dem Abend nicht erwartete, überraſcht außerdem dadurch, daß er Arthur Clennam in ihrer Geſellſchaft ſah. Als ſie hereinkam, traf ihn derſelbe ungewohnte Blick an Beiden, der ſchon unten im Hofe die Aufmerkſamkeit erregt hatte. Er ſtand nicht auf und ſprach nicht, ſondern legte ſeine Brille und ſeine Zeitung auf den Tiſch neben ſich und blickte ſie mit ein wenig geöff⸗ netem Munde und bebenden Lippen an. Als Arthur ihm die Hand bot, berührte er ſie, aber nicht mit ſeiner gewöhnlichen Feierlichkeit, und dann wendete er ſich zu ſeiner Tochter, welche ſich unmittelbar neben ihn geſetzt und ihm die Hände auf die Schulter gelegt hatte, und ſchaute ihr aufmerkſam ins Geſicht. „Vater, ich bin dieſen Morgen ſo glücklich gemacht worden.“ „Du biſt ſo glücklich gemacht worden, meine Tochter?“ „Durch Mr. Clennam, Vater. Er brachte mir ſolch eine wunderbar freudige Botſchaft über Dich. Wenn er mich nicht 134 Fünfunddreißigſtes Kapitel. mit ſeiner großen Güte und Milde darauf vorbereitet hätte, Vater— mich darauf vorbereitet hätte, Vater— ſo glaube ich, daß ich es nicht hätte ertragen können.“ Ihre Aufregung war außerordentlich groß, und die Thränen rollten ihr über das Geſicht herab. Er legte plötz⸗ lich ſeine Hand auf's Herz und blickte auf Clennam. „Beruhigen Sie ſich, Sir“, ſagte Clennam,„und neh⸗ men Sie ſich ein wenig Zeit nachzudenken. Nachzudenken über die freudigſten und glücklichſten Wechſelfälle des Lebens. Wir haben Alle von großen, freudigen Ueberraſchungen gehört. Sie ſind nicht zu Ende, Sir. Sie ſind ſelten, aber ſie ſind noch nicht zu Ende.“ „Mr. Clennam? Noch nicht zu Ende? Noch nicht zu Ende für“— er berührte mit dem Finger ſeine Bruſt, ſtatt zu ſagen„mich.“ „Nein“, erwiderte Clennam. „Welche Ueberraſchung“, ſagte er, ſeine linke Hand über ſeinem Herzen laſſend und da in ſeiner Rede innehaltend, während ſeine rechte Hand die Brille genau flach auf den Tiſch legte,„welche Ueberraſchung kann mir aufbehalten ſein?“ „Laſſen Sie mich Ihnen mit einer andern Frage ant⸗ worten. Sagen Sie mir, Mr. Dorrit, welche Ueberraſchung würde Ihnen die unerwartetſte und die angenehmſte ſein. Nehmen Sie keinen Anſtand, ſich ſie zu denken oder zu ſa⸗ gen, was es ſein würde.“ Was hinter Mr. Pancks auf Klein Dorrits Hand war. 135 Er blickte unverwandt auf Clennam und ſchien ſich, in⸗ dem er ihn ſo anſah, in einen ſehr alten hagern Mann zu verwandeln. Die Sonne ſchien hell auf die Mauer draußen vor dem Fenſter und auf die Zinken oben. Er ſtreckte lang⸗ ſam die Hand, die auf ſeinem Herzen gelegen, aus und zeigte auf die Mauer. „Sie iſt gefallen“, ſagte Clennam.„Sie iſt hinweg.“ Er verblieb in derſelben Stellung und ſah ihn unver⸗ wandten Blickes an. „Und an ihrer Stelle“, ſagte Clennam langſam und ge⸗ meſſen,„ſind die Mittel da, im höchſten Grade das zu be⸗ ſitzen und deſſen ſich zu erfreuen, was ſie ſo lange ausge⸗ ſchloſſen haben. Mr. Dorrit, es herrſcht nicht der geringſte Zweifel, daß Sie in wenigen Tagen frei und höchſt glücklich ſein werden. Ich wünſche Ihnen von ganzer Seele Glück zu dieſem Wechſel des Geſchicks und zu der glücklichen Zu⸗ kunft, in welche Sie bald den Schatz führen werden, mit dem Sie hier geſegnet geweſen ſind— den beſten von allen Reichthümern, den ſie anderswo haben können— den Schatz an Ihrer Seite.“ Mit dieſen Worten drückte er ihm die Hand und ließ ſie los, und ſeine Tochter legte ihr Geſicht an das ſeine und umarmte ihn in der Stunde ſeines Glücks wie ſie ihn die langen Jahre ſeines Elends mit ihrer Liebe, ihrer Arbeit und ihrer Treue umſchloſſen hatte und ſtrömte ihr volles Herz in Worten des Danks, der Hoffnung, der Freude, des ſeligen Schwärmens für ihn aus. 1 36 Fünfunddreißigſtes Kapitel. „Ich werde ihn ſehen wie ich ihn noch nie geſehen habe. Ich werde meinen innig geliebten Vater ſehen ohne die dunkle Wolke, die auf ihm laſtete. Ich werde ihn ſehen, wie meine arme Mutter ihn vor langen Jahren ſah. O mein lieber, mein lieber Vater! O Gott ſei Dank! Gott ſei Dank!“ Er überließ ſich ihren Küſſen und Liebkoſungen, erwi⸗ derte ſie aber nicht, nur den Arm legte er um ſie. Auch ſagte er kein Wort. Sein Blick ruhte unverwandt bald auf ihr, bald auf Clennam, und er begann zu zittern, als ob ihm ſehr kalt wäre. Arthur erklärte Klein Dorrit, daß er nach dem Kaffeehaus eilen und eine Flaſche Wein holen wollte, und holte ſie mit aller Eile, deren er fähig war. Während ſie aus dem Keller nach dem Schenktiſch gebracht wurde, fragten ihn eine Menge aufgeregte Leute, was geſchehen ſei, worauf er ſie haſtig benachrichtigte, daß Mr. Dorrit ein vermögender Mann geworden ſei. Als er zurückkam mit dem Wein in ſeiner Hand, fand er, daß ſie ihren Vater in ſeinen Lehnſtuhl gebracht und ihm das Hemd und Halstuch locker gemacht hatte. Sie füllten ein Glas mit Wein und hielten es an ſeine Lippen. Als er ein Wenig hintergeſchluckt, nahm er das Glas ſelbſt und leerte es. Bald nachher lehnte er ſich in ſeinen Stuhl zurück und weinte, indem er ſich das Taſchentuch vor das Geſicht hielt. Nachdem dies eine Weile gewährt, hielt Clennam es für an der Zeit, ſeine Aufmerkſamkeit von der hauptſächlichen Was hinter Mr. Pancks auf Klein Dorrits Hand war. 137 Ueberraſchung dadurch abzuwenden, daß er die Einzelnheiten mittheilte. Langſam und in ruhigem Tone ſetzte er darum ſie, ſo gut als er konnte, auseinander und verbreitete ſich vorzüglich über die Art der Dienſtleiſtungen Pancks'. „Er ſoll— ha— er ſoll reichlich belohnt werden, Sir“, ſagte der Vater, indem er aufſprang und haſtig im Zimmer hinſchritt.„Sein Sie verſichert, Mr. Clennam, daß jeder Betheiligte auf die— ha— auf noble Weiſe be⸗ lohnt werden ſoll. Niemand, mein lieber Herr, ſoll ſagen, daß er einen unbefriedigten Anſpruch auf mich hat. Ich werde die— hm— die Vorſchüſſe, die ich von Ihnen ge⸗ habt habe, Sir, mit beſonderm Vergnügen zurückzahlen. Ich bitte Sie, mich ſobald es Ihnen paßt, in Kenntniß zu ſetzen, was für Vorſchüſſe Sie meinem Sohne gemacht haben.“ Er hatte keinen Zweck bei ſeinem Herumgehen im Zim⸗ mer. Aber er ſtand keinen Augenblick ſtill. „An Jedermann ſoll gedacht werden“, ſagte er.„Ich will in Niemands Schuld von hier weggehen. Alle, welche gegen mich— ha— welche ſich gut benommen haben gegen mich und meine Familie, ſollen belohnt werden. Chivery ſoll belohnt werden. Der junge John ſoll belohnt werden. Ich wünſche ganz beſonders freigebig zu handeln, Mr. Clennam.“ „Wollen Sie mir geſtatten“, ſagte Arthur, ſeine Börſe auf den Tiſch legend,„den etwaigen jetzigen Verlegenheiten abzuhelfen, Mr. Dorrit? Ich hielt es für gut, für den Zweck eine Summe Geldes mitzunehmen.“ 138 Fünfunddreißigſtes Kapitel. „Danke Ihnen, Sir, danke Ihnen. Ich nehme bereit⸗ willig im jetzigen Augenblicke an, was ich vor einer Stunde mit gutem Gewiſſen nicht hätte nehmen können. Ich bin Ihnen verbunden für die zeitweilige Aushülfe. Außerordent⸗ lich zeitweilig, aber zu rechter Zeit— zu rechter Zeit ge⸗ kommen.“ Seine Hand ſchloß ſich um das Geld, und er trug es mit ſich herum.„Sein Sie ſo freundlich, Sir, den Be⸗ trag zu jenen frühern Vorſchüſſen, auf die ich mich bezogen habe, zu ſchlagen, und tragen Sie gefälligſt Sorge, daß auch die meinem Sohne gemachten Vorſchüſſe nicht über⸗ ſehen werden. Eine bloße wörtliche Angabe des Betrags im Allgemeinen iſt Alles, was ich— ha— was ich verlan⸗ gen werde.“ Sein Auge ſiel in dieſem Moment auf ſeine Tochter, und er blieb ſtehen, um ſie zu küſſen und auf den Kopf zu klopfen. „Es wird nothwendig ſein, eine Putzmacherin zu finden, mein Herz, und raſch und vollſtändig Deine ſehr einfache Kleidung mit einer andern zu vertauſchen. Auch mit Maggy muß Etwas geſchehen, die jetzt kaum— ha— kaum an⸗ ſtändig, kaum anſtändig ausſieht. Und Deine Schweſter, Amy, und Dein Bruder. Und mein Bruder, Dein Oheim — armer Menſch, dies wird ihn hoffentlich erwecken— Boten müſſen abgeſchickt werden, ſie herbei zu holen. Sie müſſen davon benachrichtigt werden. Man muß es ihnen vorſichtig eröffnen, aber ſie müſſen ſofort Nachricht erhalten. Wir ſind es ihnen und uns ſelbſt ſchuldig, daß wir ſie von Was hinter Mr. Pancks auf Klein Dorrits Hand war. 139 dieſem Augenblicke an nichts— hm— nichts mehr thun laſſen.“ Dies war die erſte Andeutung, die er je gegeben, daß er wußte, ſie arbeiteten für Broterwerb. Er ſchoß noch in dem Zimmer herum, die Börſe krampf⸗ haft mit der Hand umfaſſend, als ſich im Hofe ein großes Jubelgeſchrei erhob.„Die Nachricht hat ſich bereits verbrei⸗ tet“, ſagte Clennam aus dem Fenſter hinabblickend.„Wol⸗ len Sie ſich ihnen zeigen, Mr. Dorrit? Sie ſind ſehr eifrig, und ſie wünſchen es augenſcheinlich.“ „Ich— hm— ha— ich geſtehe, Amy, mein Herz', ſagte er, in noch fieberhafterer Haſt im Zimmer umherſchie⸗ ßend,„ich hätte gewünſcht, daß ich zuerſt andere Kleider ge⸗ habt und mir zuerſt eine— hm— eine Uhr mit Kette hätte kaufen können. Aber wenn es ſo geſchehen muß, ſo — ha— muß es wol ſein. Binde mir den Hemdkragen feſt, meine Liebe. Mr. Clennam, wollen Sie die Güte ha⸗ ben, mir— hm— das blaue Halstuch zu reichen, welches Sie in der Schublade hinter ſich finden werden. Knöpfe mir den Rock über der Bruſt zuſammen, mein Kind. Sie ſieht— ha— ſie ſieht breiter aus, wenn er zuge⸗ knöpft iſt.“ Mit ſeiner zitternden Hand ſchob er ſich ſein graues Haar empor, und dann erſchien er auf Clennam und ſeine Tochter geſtützt am Arme Beider am Fenſter. Die Collegen begrüßten ihn mit ſehr herzlichen Zurufen und er warf ihnen mit großer Artigkeit und Herablaſſung eine Kußhand zu. 140 Fünfunddreißigſtes Kapitel. Als er ſich wieder in die Stube zurückzog, ſagte er mit dem Tone vieler Theilnahme an ihrer traurigen Lage:„Arme Geſchöpfe!“ „Klein Dorrit war ſehr dafür, daß er ſich niederlege, um ſich zu faſſen. Als Arthur zu ihr davon ſprach, er wolle nun gehen und Pancks benachrichtigen, daß er, ſobald er wolle, erſcheinen und das frohe Geſchäft zu Ende bringen könne, bat ſie ihn flüſternd, bei ihr zu bleiben, bis ihr Vater ganz beruhigt und eingeſchlafen ſei. Es bedurfte bei ihm keiner zweiten Bitte, und ſie machte ihrem Vater das Bett zurecht und bat ihn, ſich hinzulegen. Es dauerte noch eine halbe Stunde oder länger, ehe er ſich überreden ließ, etwas Anderes zu thun, als im Zimmer hin und herzugehen und mit ſich ſelbſt die Wahrſcheinlichkeit für und wider zu discutiren, ob der Marſhal der Geſammtheit der Gefangenen erlauben werde, an die Fenſter ſeiner Amtswohnung zu gehen, welche die Straße beherrſchte, um dort ihn nebſt Fa⸗ milie in einer Kutſche für immer abfahren zu ſehen— was, wie er ſagte, ſeiner Anſicht nach ein großartiges Schauſpiel für ſie ſein würde. Aber allmälig begann er zuſammenzuſinken und zu ermüden, und zuletzt ſtreckte er ſich auf das Bett. Sie nahm getreulich ihren Platz neben ihm und fächelte ſeiner Stirn Kühlung zu, und er ſchien(immer mit dem Gelde in der Hand) einzuſchlummern, als er ſich unerwartet emporrichtete und ſagte: „Mr. Clennam, ich bitte Sie um Verzeihung. Habe ich es ſo zu nehmen, mein lieber Herr, daß ich— ha— in Was hinter Mr. Pancks auf Klein Dorrits Hand war. 141 dieſem Augenblicke ſchon durch die Loge gehen und— hm — einen Spaziergang machen könnte?“ „Ich denke nicht, Mr. Dorrit“, war die zögernde Ant⸗ wort.„Es ſind gewiſſe Förmlichkeiten zu erfüllen, und ob⸗ ſchon Ihre Zurückhaltung hier jetzt an ſich ſelbſt eine bloße Form iſt, ſo fürchte ich, ſie iſt der Art, daß ſie noch etwas länger beobachtet werden muß.“ Hierüber vergoß er wieder Thränen. „Es ſind blos noch wenige Stunden“, ſagte Clennam freundlich tröſtend. „Wenige Stunden, Sir“, erwiderte er mit plötzlicher Leidenſchaft.„Sie ſprechen ſehr behaglich von Stunden, Sir! Wie lang denken Sie wol, Sir, daß Jemandem eine Stunde iſt, wenn er wegen Luftmangel erſticken will?“ Es war für dies Mal ſeine letzte Demonſtration, da er, nachdem er noch einige Thränen vergoſſen und weinerlich ſich beklagt, daß er keinen Athem bekommen könne, langſam einſchlummerte. Clennam hatte reichlichen Stoff zum Nach⸗ ſinnen, als er in der ſtillen Stube ſaß und den Vater auf ſeinem Bette und die Tochter beobachtete, die ſeinem Ge⸗ ſichte Kühlung zufächelte. Klein Dorrit hatte ebenfalls nachgeſonnen. Nachdem ſie leiſe ſein graues Haar bei Seite geſchoben und ſeine Stirn mit ihren Lippen berührt hatte, blickte ſie auf Arthur, wel⸗ cher ihr näher trat, und verfolgte in gedämpftem Geflüſter den Gegenſtand ihres Nachſinnens weiter. 142 Fünfunddreißigſtes Kapitel. „Mr. Clennam, wird er alle ſeine Schulden bezahlen, bevor er von hier weggeht?“ „Unzweifelhaft. Alle.“ „Alle die Schulden, derenhalben er hier eingeſperrt ge⸗ weſen iſt, ſo lange ich lebe und länger?“ „Ohne Zweifel.“ Es war Etwas von Ungewißheit und Widerſpruch in ihrer Miene, Etwas, was durchaus nicht wie Befriedigung ausſah. Er war neugierig, es zu entdecken, und ſagte: „Sie ſind erfreut, daß er das thun wird?“ „Sind Sie es denn?“ fragte Klein Dorrit unſicher. „Ob ich's bin? Von Herzen erfreut.“ „Dann weiß ich, daß ich es auch ſein muß.“ „Sind Sie es denn nicht?“ „Es ſcheint mir hart“, ſagte Klein Dorrit,„daß er ſo viele Jahre verloren und ſo viel gelitten haben und zuletzt doch alle Schulden bezahlen ſoll. Es ſcheint mir hart, daß er ſowol mit ſeinem Leben als mit ſeinem Gelde bezahlen ſoll.“ „Mein liebes Kind“— begann Clennam. „Ja, ich weiß, ich habe Unrecht“, ſagte ſie ſchüchtern; „denken Sie aber deshalb nicht ſchlimmer von mir; es iſt hier mit mir aufgewachſen.“ Das Gefängniß, welches ſo viel Dinge verderben konnte, hatte Klein Dorrits Seele nicht mehr als in dieſer Beziehung getrübt. Erwachſen wie die Begriffsverwirrung war aus dem Mitleid mit dem armen Gefangenen, ihrem Vater, war es Das Marſhalſea wird eine Waiſe. 143 der erſte kleine Fleck, den Clennam je von der Gefängniß⸗ atmoſphäre auf ihr geſehen, der letzte Fleck, den er je ſah. Er dachte dies und unterließ es noch, ein Wort darüber zu verlieren. Mit dem Gedanken trat ihre Reinheit und Herzensgüte ihm in ihrem hellſten Lichte vor die Augen. Der kleine Fleck machte ſie nur ſchöner. Ermattet durch ihre Aufregung, gab ſie der Stille des Zimmers nach. Ihre Hand ließ langſam nach mit Fächeln, und ihr Kopf ſank auf das Pfühl neben ihrem Vater. Clen⸗ nam erhob ſich leiſe, öffnete und ſchloß geräuſchlos die Thür und ging hinaus aus dem Gefängniß, indem er deſſen Stille mit ſich hinausnahm in die geräuſchvollen Straßen. Sechaunddreissigstrs Kapitel. Das Marſhalſea wird eine Waiſe. Und jetzt erſchien der Tag, wo Mr. Dorrit und ſeine Familie das Gefängniß auf immer verlaſſen und die Steine des oft betretnen Pflaſters ſie nicht mehr kennen ſollten. Die Zwiſchenzeit war kurz geweſen, aber er hatte ſich ſehr über ihre Länge beklagt und hatte in hochfahrender Weiſe mit Mr. Rugg in Betreff des Aufenthalts geſprochen. 144 Sechsunddreißigſtes Kapitel. Er hatte gegen Mr. Rugg großartig gethan und gedroht, jemand Anders zu beſchäftigen. Er hatte Mr. Rugg erſucht, ſich nicht in Betracht des Ortes, wo er ihn gefunden, Etwas herauszunehmen, ſondern ſeine Pflicht zu thun, und ſie mit Pünktlichkeit zu thun. Er hatte Mr. Rugg geſagt, daß er wohl wiſſe, was für Leute Advocaten und Agenten wären, und daß er ſich keiner Täuſchung unterwerfen werde. Als dieſer Herr beſcheiden vorſtellte, er ſtrenge ſich aufs Aeußerſte an, war Miß Fanny ſehr kurz mit ihm, indem ſie den Wunſch ausſprach zu wiſſen, was er Geringeres thun könnte, wo ihm ein Dutzend Mal geſagt worden ſei, daß ſichs hier um Geld nicht handle und den Verdacht äußerte, er vergäße, mit wem er rede. Gegen den Marſhal, welcher ſein Amt ſeit vielen Jahren verwaltete und mit dem Mr. Dorrit vorher nie ein Zerwürf⸗ niß gehabt, betrug dieſer ſich mit Härte. Dieſer Beamte bot, indem er perſönlich ſeine Glückwünſche darbrachte, zwei Zimmer in ſeinem Hauſe zu freiem Gebrauch für Mr. Dorrit bis zu ſeinem Abgange an. Mr. Dorrit dankte ihm in dem Augenblicke und erwiderte, er wolle ſich's überlegen; aber der Marſhal war kaum fort, als er ſich niederſetzte und ihm ein ſpitziges Billet ſchrieb, worin er bemerkte, daß er bei keiner frühern Gelegenheit die Ehre gehabt, ſeine Glück⸗ wünſche zu empfangen(was wahr war, obwol es in der That nichts gegeben hatte, wozu ihm beſonders Glück zu wünſchen war) und daß er ſich erlaube in ſeinem und ſeiner Familie Namen das Anerbieten des Marſhals zurückzuweiſen 5 Das Marſhalſea wird eine Waiſe. 145 mit allem dem Danke, welchen ſein unintereſſirter Charakter und ſeine vollkommene Unabhängigkeit von allen weltlichen Rückſichten erfordern. 3 Wiewol ſein Bruder ein ſo mattaufdämmerndes In⸗ tereſſe an ihrem veränderten Schickſale zeigte, daß es ſehr zweifelhaft war, ob er es verſtand, ſo ließ ihm Mr. Dorrit doch zum Behufe einer neuen Bekleidung von den Schnitt⸗ händlern, Schneidern, Hutmachern und Schuhmachern, die er für ſich berufen, Maß nehmen und ordnete an, daß ſeine alten Kleider ihm weggenommen und verbrannt würden. Bei Miß Fanny und Mr. Tip bedurfte es keiner An⸗ weiſung, um in höchſt modiſcher und eleganter Weiſe aufzu⸗ treten und die Drei verbrachten dieſe Zwiſchenzeit mit ein⸗ ander in dem beſten Hotel der Nachbarſchaft— obwol in Wahrheit, wie Miß Fanny ſagte, das beſte ſehr mittelmäßig war. In Verbindung mit dieſer Wahl einer Wohnung miethete ſich Mr. Tip ein Cabriolet nebſt Pferd und Reit⸗ knecht, ein ſehr nettes Ding, welches man gewöhnlich zwei bis drei Stunden hintereinander beobachten konnte, wie es die Borough Hill Street draußen von dem Hofe des Marſhalſea mit ſeiner anmuthigen Gegenwart ſchmückte. Ein niedlicher kleiner Zweiſpänner war gleichfalls häufig dort zu ſehen, und Miß Fanny brachte, wenn ſie in dieſes Fuhrwerk ein⸗ und ausſtieg, die Töchter des Marſhals durch Renommiren mit unerſchwinglichen Hüten in Aerger und Verdruß. In dieſer kurzen Periode wurde eine Maſſe von Ge⸗ Klein Dorrit. V. 146 ſchäften abgethan. Unter Anderm wurden die Herren Peddle und Pool, Sachwalter, wohnhaft im Monument Yard, von ihrem Clienten, Edward Dorrit Esquire beauftragt, an Mr. Arthur Clennam einen Brief zu richten, in welchem die Summe von vierundzwanzig Pfund neun Schilling und acht⸗ zehn Pence eingeſchloſſen war, der Betrag von Kapital und Intereſſen zu fünf Procent jährlich, welchen ihr Client Mr. Clennam zu ſchulden glaube. Indem ſie dieſe Mittheilung und Rimeſſe abgehen ließen, wurden die Herren Peddle und Pool ferner von ihrem Clienten angewieſen, Mr. Clennam zu erinnern, daß man ihn um den gefälligen jetzt(mit Ein⸗ ſchluß des Schließergeldes) zurückgezahlten Vorſchuß nicht erſucht, und ihn zu benachrichtigen, daß derſelbe nicht würde angenommen worden ſein, wenn er offen in ſeinem Namen dargeboten worden wäre. Zugleich baten ſie um einen geſtempelten Empfangſchein und verblieben ſeine gehorſamen Diener. Eine Menge von Geſchäften mußten gleichermaßen in dem nun bald verwaiſten Marſhalſea von Mr. Dorrit abgethan werden, der ſo lange ſein Vater geweſen, und zwar meiſt ſolche, welche ihre Urſache darin hatten, daß Collegen bei ihm um kleine Geldſummen einkamen. Dieſen entſprach er mit der größten Freigebigkeit und ließ es dabei nicht an Förmlichkeit fehlen, indem er zuerſt ſchriftlich eine Zeit be⸗ Sechsunddreißigſtes Kapitel. ſtimmte, wo der Bittſteller ihm in ſeiner Stube ſeine Auf⸗ wartung machen mußte, und ihn dann umgeben von einem gewaltigen Haufen von Documenten empfing und ſeine Schenkung(denn er ſagte in jedem ſolchen Falle,„es iſt eine Das Marſhalſea wird eine Waiſe. 147 Schenkung, kein Darlehen“) mit einer Menge guter Rath⸗ ſchläge begleitete, die dahin gingen, daß er, der ſcheidende Vater des Marſhalſea, lange in der Erinnerung zu leben hoffe als ein Beiſpiel dafür, daß ein Mann ſeine Selbſt⸗ achtung und die aller Andern ſelbſt dort bewahren könne. Die Collegen zeigten keinen Neid. Abgeſehen davon, daß ſie eine perſönliche und traditionelle Hochachtung vor einem Collegen hatten, der ſo viele Jahre einer der Ihrigen ge⸗ weſen, war das Ereigniß eine Ehre für das Collegium und machte es berühmt in den Zeitungen. Vielleicht dachten auch mehr von ihnen, als ſich deſſen bewußt waren, daß das Ding in der Lotterie der Schickſalsfälle auch ihnen hätte paſſiren können oder daß es ihnen noch eines Tages paſſiren könne. Sie nahmen es ſehr wohl auf. Einige waren nieder⸗ geſchlagen bei dem Gedanken, zurückbleiben und arm zurück⸗ bleiben zu müſſen, aber ſelbſt dieſe mißgönnten der Familie die glänzende Umkehr ihrer Verhältniſſe nicht. Es hätte an vornehmerer Stelle weit mehr Neid vorkommen können. Es ſcheint glaublich, daß Mittelmäßigkeit des Glücks geneigter geweſen wäre, weniger großmüthig als die Collegen zu ſein, welche von der Hand in den Mund— von der Hand des Pfandverleihers zum täglichen Mittagsmahle lebten. Sie entwarfen eine Adreſſe an ihn, welche ſie ihm nett unter Glas und Rahmen gebracht präſentirten(doch wurde ſie ſpäter nicht in der Familienreſidenz ausgeſtellt oder unter den Familienpapieren aufbewahrt) und auf welche er eine 10* 148 Sechsunddreißigſtes Kapitel. gnädige Antwort ertheilte. In dieſem Documente verſicherte er ihr, daß er den Ausdruck ihrer Anhänglichkeit mit der vollen Ueberzeugung von ihrer Aufrichtigkeit annähme und ermahnte ſie abermals ſeinem Beiſpiel zu folgen— welches ſie ohne Zweifel, wenigſtens ſofern es das Gelangen zu einem großen Vermögen betraf, mit Freuden nachgeahmt haben würden. Er ergriff gleichermaßen die Gelegenheit, ſie zu einem Alle umfaſſenden Gelage einzuladen, welches dem gan⸗ zen College im Hofe gegeben werden ſollte, und bei welchem er ſich die Ehre zu geben verſprach, zum Abſchied ein Glas auf die Geſundheit und das Wohlergehen Aller zu trinken, welche er im Begriffe ſei zurückzulaſſen. Er nahm nicht perſönlich an dieſem Feſteſſen theil(es fand um zwei Uhr Nachmittags ſtatt und ſein Eſſen wurde ihm aus dem Hotel um ſechs Uhr gebracht) aber ſein Sohn hatte die Güte, an dem Haupttiſche zu präſidiren und ſehr leutſelig und liebenswürdig zu ſein. Er ſelbſt ging unter der Geſellſchaft herum, unterhielt ſich mit den Einzelnen und überzeugte ſich, daß die Speiſen von der Qualität waren, die er beſtellt hatte und daß Alle gehörig verſorgt waren. Im Ganzen glich er einem Baron alter Zeit in ungewöhn⸗ lich guter Laune. Am Schluſſe des Gaſtmahls trank er in einem Glaſe alten Madeiras das Wohl ſeiner Gäſte, und ſagte, er hoffe, ſie vergnügten ſich, und was mehr war, er hoffe, ſie würden ſich den Reſt des Abends beſtens ver⸗ gnügen, er wünſche ihnen alles Gute und ſage ihnen herz⸗ lich Lebewohl. Als ſeine Geſundheit unter Zeichen des Bei⸗ Das Marſhalſea wird eine Waiſe. 149 falls getrunken wurde, war er trotz Alledem nicht ſo ſehr Baron, daß er nicht bei dem Verſuche, ſeinen Dank aus⸗ zuſprechen, wie ein bloßer Knecht mit einem Menſchen⸗ herzen in der Bruſt zuſammengebrochen wäre und vor ihnen Allen geweint hätte. Nach dieſem großen Erfolg, der ihm als ein großes Mißgeſchick erſchien, brachte er einen Toaſt auf„Mr. Chivery und ſeine Kameraden im Amte“ aus, die er vorher jeden mit zehn Pfund beſchenkt hatte, und die ſämmtlich zugegen waren. Mr. Chivery antwortete auf den Toaſt und ſagte:„Was Sie abzuſchließen unternehmen, das ſchließen Sie ab, aber erinnern Sie ſich, daß Sie, um mit dem gefeſſelten Afrikaner zu ſprechen, ſtets ein Mitmenſch und Mitbruder ſind.“ Nachdem die Liſte der Trinkſprüche abgethan war, hatte Mr. Dorrit die Artigkeit, mit dem Collegen, welcher der nächſtälteſte nach ihm war, ein Spiel Kegel zu ſpielen, dann überließ er die Vaſallenſchaft ihrem Vergnügen. Aber alle dieſe Ereigniſſe gingen dem Tage des Endes voraus. Und nun kam der Tag, wo er und ſeine Familie das Gefängniß für immer verlaſſen und wo die Steine ſeines ſo oft betretenen Pflaſters ſie nicht mehr kennen ſollten. Die Mittagsſtunde war für die Abfahrt feſtgeſetzt. Als ſie ſich näherte, war kein College auf ſeinem Zimmer und kein Schließer abweſend. Die letztere Klaſſe der Herren er⸗ ſchien in ihren Sonntagskleidern und der größere Theil der Collegen machte ein ſo heiteres Geſicht, als die Umſtände er⸗ 150 Sechsunddreißigſtes Kapitel. laubten. Zwei oder drei Fahnen waren entfaltet, und die Kinder hatten ſich mit einer Fülle von Bändern geſchmückt. Mr. Dorrit ſelbſt bewahrte bei dieſer wichtigen Gelegenheit eine ernſte, aber anmuthige Würde. Ein großer Theil ſeiner Aufmerkſamkeit war ſeinem Bruder gewidmet, hinſichtlich deſſen Benehmen bei der großen Feierlichkeit er einige Un⸗ ruhe empfand. „Mein theurer Frederick“, ſagte er,„wenn Du mir Dei⸗ nen Arm geben willſt, wollen wir miteinander unter unſre Freunde hinausgehen. Ich denke, es ſchickt ſich, daß wir Arm in Arm hinausgehen, mein theurer Frederick.“ „Ha!“ ſagte Frederick.„Ja, ja, ja, ja!“ „Und wenn Du, mein theurer Frederick— wenn Du, ohne Dir zu viel Zwang anzuthun, ein wenig mehr(bitte, entſchuldige mich, Frederick) ein wenig mehr Feinheit in Dein gewöhnliches Benehmen legen könnteſt“— „William, William“, ſagte der Andre kopfſchüttelnd, „es iſt Deine Sache, alles Das zu thun. Ich weiß nicht, wie ichs machen ſoll. Alles vergeſſen, vergeſſen!“ „Aber mein lieber Junge“, erwiderte William,„gerade deshalb, wenn nicht aus andern Gründen, mußt Du durch⸗ aus verſuchen, Dich aufzuraffen. Was Du vergeſſen haſt, mußt Du jetzt beginnen, Dir zurückzurufen, mein lieber Frederick. Deine Stellung“— „Wie?“ ſagte Frederick. „Deine Stellung, mein theurer Frederick.“ 2 2 . 151 „Meine?“ Er ſah erſt auf ſeine eigne Geſtalt, dann auf die ſeines Bruders und rief dann tief Athem holend:„Ha⸗ wahrhaftig! Ja, ja, ja.“. „Deine Stellung, mein lieber Frederick, iſt jetzt eine ſehr gute. Deine Stellung als mein Bruder iſt eine ſehr gute. Und ich weiß, daß es zu Deiner gewiſſenhaften Natur gehört, den Verſuch zu machen, ihrer würdig zu werden, mein lieber Frederick, und zu ſtreben, ihr Ehre zu machen. Ihr nicht Unehre, ſondern Ehre zu machen.“ „William“, ſagte der Andere ſchwachmüthig und mit einem Seufzer,„ich will Alles thun, was Du wünſcheſt, mein Bruder, vorausgeſetzt, daß es in meiner Gewalt liegt. Bitte, ſei ſo gut Dich zu erinnern, wie beſchränkt meine Gewalt iſt. Was wünſcheſt Du, daß ich heute thun ſoll, mein Bruder? Sag, was es iſt, ſag einzig und allein, was es iſt.“ „Mein theuerſter Frederick, nichts. Es iſt nicht werth, einem ſo guten Herzen, wie das Deine iſt, Beſchwerde zu machen.“ „Bitte, mach ihm Beſchwerde“, erwiderte Jener.„Es findet keine Beſchwerde darin, William, Alles für Dich zu thun, was es kann.“ William ſtrich ſich mit der Hand über die Augen und murmelte mit erhabener Befriedigung:„Gott ſegne Dich für Deine Anhänglichkeit, mein armer lieber Junge!“ Dann ſagte er laut:„Wohlan, mein lieber Frederick, wenn Du nur verſuchen willſt, wenn wir herumgehen, zu zeigen, daß Das Marſhalſea wird eine Waiſe. 152 Sechsunddreißigſtes Kapitel. Du von der Sache ein Bewußtſein haſt, daß Du darüber Etwas denkſt.“— „Was würdeſt Du mir rathen, davon zu denken?“ er⸗ widerte ſein unterwürfiger Bruder. „O mein theurer Frederick, wie kann ich Dir darauf ant⸗ worten? Ich kann nur ſagen, was ich beim Abſchied von dieſen guten Leuten ſelbſt denke.“ „Und das iſt?“ rief ſein Bruder.„Das wird mir auf die Sprünge helfen.“ „Ich finde, mein theurer Frederick, daß ich mit gemiſch⸗ ten Empfindungen, unter welchen ein ſanftes Mitleid vorherrſcht, denke: Was werden ſie ohne mich thun?“ „Das iſt wahr“, erwiderte ſein Bruder.„Ja, ja, ja, ja. Das will ich denken, wenn wir gehen. Was werden ſie ohne meinen Bruder thun? Arme Leute! Was werden ſie ohne ihn thun?“ Da es eben zwölf geſchlagen hatte und die Nachricht eingetroffen war, daß die Kutſche im äußern Hofe bereit ſtehe, ſo ſchritten die Brüder Arm in Arm die Treppe hinab. Edward Dorrit Esquire(einſt Tip) und ſeine Schweſter Fanny folgten gleichfalls Arm in Arm; Mr. Plornish und Maggy, denen die Wegſchaffung derjenigen Effecten der Familie anvertraut war, die man für werth hielt mit hin⸗ weggenommen zu werden, folgten mit Bündeln und Packe⸗ ten, welche in einen Karren gepackt werden ſollten. Im Hofe waren die Collegen und Schließer. Im Hofe waren Mr. Pancks und Mr. Rugg, gekommen, um zu ſehen, Das Marſhalſea wird eine Waiſe. 153 wie die letzte Hand an ihr Werk gelegt wurde. Im Hofe war der junge John, der eine neue Grabſchrift auf ſich ſelbſt machte, in welcher es hieß, er ſei an gebrochenem Herzen ge⸗ ſtorben. Im Hofe war der patriarchaliſche Casby, der ſo entſetzlich wohlwollend ausſah, daß viele enthuſiaſtiſche Col⸗ legen ihm mit glühender Verehrung die Hand drückten und die Frauen und weiblichen Anverwandten vieler andern Collegen ihm die Hand küßten, indem ſie keinen Zweifel hegten, daß er dies Alles gethan. Im Hofe war der ge⸗ wöhnliche Chorus von Leuten, wie ſie einem ſolchen Orte eigenthümlich ſind. Im Hofe war der Mann mit der ſchat⸗ tenhaften Beſchwerde in Betreff des Fonds, welchen der Marſhal unterſchlagen hatte; derſelbe war um fünf Uhr am Morgen aufgeſtanden, um die Abſchrift einer vollkommen unverſtändlichen Geſchichte dieſes Handels zu vollenden, welche er Mr. Dorrit's Sorge anbefohlen hatte, als ein Do⸗ cument, berechnet, die Regierung in Staunen zu ſetzen und den Sturz des Marſhals zu bewirken. Im Hofe war der Zahlungsunfähige, deſſen ganze Thatkraft darauf gerichtet war, in Schulden zu gerathen, der in's Gefängniß mit ſo viel Eifer brach wie andre Menſchen aus demſelben ausge⸗ brochen ſind, und welcher ſtets für ſchuldlos erklärt und be⸗ complimentirt wurde, während der Zahlungsunfähige neben ihm— ein bloßer kleiner, lumpiger, büffelnder Handwerker, halbtodt vor angſterfüllter Anſtrengung, ſich von Schulden⸗ frei zu halten— es äußerſt ſchwierig fand, einen Vermitt⸗ ler zu bekommen, der ihn mit vielen Tadelsworten und 154 Sechsunddreißigſtes Kapitel. Vorwürfen befreite. Im Hofe war der Mann mit vielen Kindern und vielen Laſten, deſſen Mißgeſchick alle Welt verwun⸗ derte; im Hofe war der Mann ohne Kinder und mit großen Hülfsquellen, deſſen Mißgeſchick Niemand wunderte. Da waren ferner die Leute, welche ſtets ſchon morgen hinaus⸗ gingen und es ſtets aufſchoben; da waren die Leute, welche erſt geſtern hereingekommen waren und die über dieſe Laune des Schickſals ſo wenig wie die an den Kerker gewöhnten Vögel ärgerlich und verdrießlich waren. Da waren ſolche, die aus purer Gemeinheit der Geſinnung ſich vor dem reich⸗ gewordenen Collegen und ſeiner Familie bückten und beugten; und da waren Andere, welche dies nur thaten, weil ihre Au⸗ gen, gewöhnt an das Dunkel ihres Gefängnißlebens und ihrer Armuth das Licht ſolchen hellen Sonnenſcheins nicht zu er⸗ tragen vermochten. Es waren Viele, deren Schillinge in ſeine Taſche gefloſſen waren, um ihm Eſſen und Trinken zu kaufen, aber keine, die jetzt auf Grund dieſer Beiſtandslei⸗ ſtung in aufdringlicher Weiſe den guten Kameraden mit ihm ſpielten. Es war vielmehr den eingeſperrten Vögeln anzu⸗ merken, daß ſie ein wenig ſcheu vor dem Vogel waren, der jetzt ſo prächtig der Freiheit entgegen ging, und daß ſie die Neigung hatten, ſich nach den Eiſenſtäben zurückzuziehen und ein wenig ängſtlich zu ſcheinen, als er vorüberſchritt. Durch dieſe Zuſchauer bewegte ſich die Proceſſion, die beiden Brüder voran, langſam nach dem Thore. Mr. Dor⸗ rit, dem großartigen Gedanken hingegeben, wie die armen Geſchöpfe ohne ihn verkommen würden, war ernſt und trau⸗ — 2 „ — — Das Marſhalſea wird eine Waiſe. 155 rig, aber nicht träumeriſch der Feierlichkeit abgewendet. Er klopfte die Kinder auf den Kopf wie Sir Roger de Coverley bei ſeinem Kirchgange, er ſprach zu den Leuten im Hinter⸗ grunde, indem er ſie bei ihren Taufnamen rief, er war gegen alle Anweſenden herablaſſend und ſchien zu ihrem Troſte bei ſeinem Gange von dem Spruche in goldnen Buch⸗ ſtaben umgeben zu ſein:„Tröſtet euch, mein Volk! Tragt es mit Geduld.“ Endlich verkündeten drei kräftige Jubelrufe, daß er das Thor paſſirt und daß das Marſhalſea eine Waiſe war. Be⸗ vor ſie aufgehört hatten, in den Gefängnißmauern zu wider⸗ hallen, war die Familie in die Kutſche geſtiegen, und der Bediente hatte die Stufen des Wagenſchlags in der Hand. Da erſt und nicht früher rief Fanny plötzlich:„Ei du meine Güte! Wo iſt Amy?“ Ihr Vater hatte gedacht, ſie ſei bei ihrer Schweſter. Ihre Schweſter hatte gedacht, ſie ſei„irgendwo.“ Sie hat⸗ ten ſich, wie ſie dies ſtets gethan, Alle darauf verlaſſen, ſie im rechten Augenblick an der rechten Stelle zu finden. Die⸗ ſer Wegzug war vielleicht die erſte Handlung in ihrem Le⸗ ben, die ſie ohne ſie vollbracht hatten. Eine Minute mochte mit der Feſtſtellung dieſer Punkte verbracht worden ſein, als Miß Fanny, welche von ihrem Sitz in der Kutſche den langen engen Gang, der nach der Loge führte, überblicken konnte, vor Entrüſtung erröthete. „Na, das muß ich ſagen, Papa“, ſchrie ſie,„daß das ſchändlich iſt!“ 156 Sechsunddreißigſtes Kapitel. „Was iſt ſchändlich, Fanny?“ „Das muß ich ſagen“, wiederholte ſie,„das iſt vollkom⸗ men niederträchtig! Wahrlich faſt genug, um ſelbſt bei ſolch einer Gelegenheit wie dieſe zu wünſchen, man wäre todt! Hier iſt dieſes Kind Amy in ihrem häßlichen alten, ſchäbigen Kleide, an dem ſie ſo hartnäckig feſthielt, Papa, welches ich ſie wieder und immer wieder mit einem andern zu vertau⸗ ſchen gebeten habe, und wogegen ſie immer und immer wie⸗ der Einſpruch that und welches ſie heute wechſeln wollte, indem ſie ſagte, ſie wollte es anbehalten, ſo lange ſie hier bei Dir wäre— was abſoluter romanhafter Unſinn der ge⸗ meinſten Art war,— hier iſt dieſes Kind Amy und macht uns bis zum letzten Augenblick und im letzten Augenblick noch Schande, indem ſie ſich trotzdem in dieſem Kleide her⸗ austragen läßt. Und noch dazu von dieſem Mr. Clennam.“ Das Vergehen wurde bewieſen, als ſie die Anklage vor⸗ trug. Clennam erſchien am Kutſchenſchlage, er trug die kleine bewußtloſe Geſtalt in ſeinen Armen. „Sie iſt vergeſſen worden“, ſagte er in einem Tone des Mitleids, der nicht frei von Tadel war.„Ich lief in ihre Stube hinauf(welche Mr. Chivery mir zeigte) und fand, daß die Thür offen und ſie auf der Diele in Ohnmacht gefallen war, das liebe Kind. Sie ſchien im Begriff gewe⸗ ſen zu ſein, die Kleider zu wechſeln und von Schwäche über⸗ wältigt niedergeſunken zu ſein. Es mag das Jubelgeſchrei geweſen oder auch eher geſchehen ſein. Nehmen Sie dieſe — Das Marſhalſea wird eine Waiſe. 157 arme kalte Hand in Acht, Miß Dorrit. Laſſen Sie ſie nicht fallen.“ „Dank' Ihnen, Sir'“, erwiderte Miß Dorrit in Thränen ausbrechend.„Ich glaube, ich weiß, was ich mit Ihrer Er⸗ laubniß zur thun habe. Liebe Amy, öffne Deine Augen, Herzensliebchen! Oh Amy, Amy, ich bin wirklich ſo ver⸗ drießlich und beſchämt! Komm doch nur zu Dir, Herzens⸗ ſchweſter! Oh, warum fahren ſie nicht fort. Bitte, Papa, ſo fahre doch nur zu.“ Der Bediente trat zwiſchen Clennam und den Wagen⸗ ſchlag mit einem ſchroffen:„Mit Ihrer Erlaubniß, Sir“, ſchlug die Stufen zuſammen, und ſie fuhren fort. (Ende des erſten Buches.) Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. ——— 3— A 2 5 4 1 ———